— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. her j 3 3 — d —— 2. Lesepreis. Bei 9 ückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 5 den angenommen. G 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 I—— 2 ME f unf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 72. Auswärtige Abonnenten ¹haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpſiichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4. en von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— — 2 Der Landpfarrer. Eine Schrift für das deutſche Uolk. Von Julius Kell. Preis ½ Thlr.= 36 Kr. Rheiniſch. Feipzig, Verlag von Julius Klinkhardt. 1845. — Meinem guten Vater, dem Pfarrer zu Pappendorf, M. Karl Ludwig Kell, ſeinem acht und ſechzigſten Geburtstage. g V p Alss ein Kranker bin ich vor drei Jahren in Dein Pfarr⸗ haus eingezogen, als ich die mir zu beſchwerliche Schulſtelle, das liebgewordne Amt, meine neue Heimath und den eigenen Heerd verlaſſen mußte. Dein Studirſtuͤbchen, daſſelbe, in welchem ich einſt geboren ward, nahm mich mit Weib und Kin⸗ dern auf, und ward Wohn⸗ und Spielzimmer fuͤr alle, Ar⸗ beitsſtuͤbchen fuͤr mich.— War es nun Dein Geiſt, der noch in dieſen Rauͤmen wohnte, in denen Du ſonſt ſo oft Deine Predigt gearbeitet, Deinen geiſtlichen Amtsgeſchaͤften gelebt hatteſt,— oder wars der Geiſt des prieſterlichen Großvaters, der mit ſeinem freundlich ernſten Geſichte aus der Amtskleidung auf das Schreibepult des Enkels herniederſchaute,— oder wars der eigene Geiſt, der in dem erwaͤhlten geiſtlichen Berufe im Vor⸗ aus immer wirken wollte,— es trieb und draͤngte mich, eines Landpfarrers Leben und Wirken, ſeine Leiden und Freuden zu ſchildern. Ich trug aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Erlebtes, Gedachtes und Erſehntes zuſammen, ich verſuchte, an einfachen Dorfgeſchichten, wie ſie heut und alle Tage im Leben vorkommen, das Wirken eines Landpfarrers zu beſchreiben, der, wie Du, lieber Vater, geliebt und geachtet in ſeiner Gemeinde, gluͤcklich in ſeinem Hauſe,— wie Du, mit der ſeligen unvergeßlichen Mutter,— froͤhlich und eifrig zu ſeines Herrn Ehre ſein Amt verwaltet. Ich ſuchte an anſchaulichen Beiſpielen den, manchmal geleugneten, großen und ſegensreichen Einfluß, welchen wuͤrdige evangeliſche Geiſtliche auf ihre Ge⸗ meinden ausuͤben koͤnnen, darzuthun, und bemuͤhte mich, den hohen Werth der Kirche und kirchlicher Einrichtungen und des chriſtlich⸗religioͤſen Lebens uͤberhaupt, vor allen aber den Se⸗ gen des goͤttlichen Worts eindringlich darzuſtellen, und aus dem Leben des Volkes ſelbſt des Gottesworts erleuchtende, heiligende, beſeligende Kraft fuͤrs Leben und fuͤr ein chriſtliches Volk nachzuweiſen,—— wie Du, lieber Vater, ſie ja in einer vierzigjaͤhrigen Amtsthaͤtigkeit an Dir und Andern ſelbſt ſo oft erfahren haſt!— Und ſo habe ich denn das, was wuͤrdige —— Geiſtliche ihren Gemeinden ſind, ſein koͤnnen und ſein ſollen, und das, was ich ſelbſt einmal im geiſtlichen Amt ſein und wirken moͤchte, wenn Gott, wie ich hoffe und bitte, mir ſelbſt bald ein ſolches verleihen wird,— zu Einem Bilde verwebt, — und ſo iſt mein Landpfarrer entſtanden. So moͤge denn mancher Chriſt manches Standes,— wie die Wirkſamkeit des Predigers ſelbſt alle Staͤnde umfaßt,— an dieſen Schilderungen aus dem Leben ſich erfriſchen, erheitern, erbauen; und wenn Viele Vieles darin faͤnden, was ſie an⸗ ſpraͤche, anregte, zu weiterem Nachdenken Veranlaſſung gaͤbe; wenn Einer hie und da dadurch unſere heilige Religion, unſere evangeliſche Kirche und das Evangelium, und daneben auch ſeinen wuͤrdigen Seelſorger inniger lieben und hoͤher achten lernte, wenn mein aus volksfreundlichem, warmem Herzen her⸗ vorgegangenes Wort auch in der Fremde offene Herzen ſinden und mir Freunde gewinnen ſollte, ſo wollte ich mich meiner ſchriftſtelleriſchen Wirkſamkeit freuen. Und das, Vater, wuͤrde auch Deine groͤßte Freude ſein. In dieſer Hoffnung bringe ich Dir, heute zu Deinem Geburts⸗ tage, meinen Landpfarrer! Lies Du, der Du alle mir und den Meinen Liebe um Liebe giebſt, Dir heraus Deines Sohnes dankbare Liebe zu Dir, ſeine Liebe zu dem heiligen Predigtamte, in welchem Du Dich gluͤcklich fuͤhlſt, ſeine Liebe zu dem Volke, dem Du Dein Leben geweiht, und wenn dabei verwandte Saiten in Deine Seele erklingen, dann denke, daß es Dein Sohn iſt, der zum Vater ſpricht. Pappendorf bei Haynchen im Koͤnigreiche Sachſen, am 27. Novbr. des Jahres 1844. Julius Kell. I. Eine kleine Dorfkirche erglaͤnzte im Scheine der Morgen⸗ ſonne und blickte friedlich und freundlich durch das Laub der alten Linden, welche den ſtillen Friedhof umgaben, und die da⸗ neben ſtehenden Hauſer des Pfarrers und Schullehrers uͤber⸗ ſchatteten. Milde Luͤfte wehten um den ſpitzen Thurm mit dem goldnen Kreuze und die dicken Mauern des geweihten Heilig⸗ thums einer chriſtlichen Gemeinde; friſches Gras aber und bunte Bluͤmlein, luſtig emporgeſproßt von dem Alles belebenden Hauche des Herrn, ſchmuͤckten die Grabeshuͤgel, die rings um das Got⸗ teshaus ſich ſchaarten, wie die Heerde um den Hirten. Schon begannen an den Roſenſtoͤcken, womit liebende Haͤnde die Schlummerſtaͤtten der Todten geſchmuͤckt hatten, die Knospen aufzubrechen, und es war, als wenn dieſe rothen Kinder des Fruͤhlings der unter dem gruͤnen Raſen der Graͤber, unter den ſchwarzen Kreuzen und den weißen Leichenſteinen ſchlummern⸗ den todten Gemeinde drunten erzaͤhlen, wollten von des Fruͤh⸗ lings Wonneleben, von der Erde Herrlichkeit und des ewigen Gottes Guͤte. Still wars auf dem Saatfelde Gottes, ſtill und todt in der Kirche, durch deren duͤſtre Rauͤme die hellen Streif⸗ lichter der Morgenſonne blitzten; nur die Schwalben ſchwirrten in lauter Froͤhlichkeit um die Kirchthurmſpitze, nur die Bienen ſummten in den bluͤhenden Lindenbauͤmen, eine Grasmuͤcke ſang ihr Morgenlied im nahen Buſche, und aus dem Dorfe herauf, deſſen Hauſer in langen Reihen im Thale ſich hinzogen, toͤnten in abgerißnen Klaͤngen hie und da die Morgengeſaͤnge frommer Chriſten.—. Jetzt wurde es im Dorfe drunten lebendig; knarrend oͤffne⸗ ten ſich die Thore der Bauernguͤter, und froͤhliche Heerden ſpran⸗ gen bloͤkend heraus und zogen in langen bunten Reihen hierhin 1 92 und dorthin unter dem Peitſchengeknalle der Hirtenbuben; dort fuͤtterte die Hausfrau die aus ihren Staͤllen in geſchaͤftiger Haſt hervorſtuͤrzenden Huͤhner und Gaͤnſez hier wurden die Pferde aus dem Stalle gezogen, und die Wagen geruͤſtet; dort bewegte ſich langſam das mit Kuͤhen beſpannte Fuhrwerk aufs Feld hinaus, um Kleefutter zu holen; hier aber ſaßen wieder die Maͤher und ſchaͤrften mit dem Hammer die Senſen, und dort gingen die Tageloͤhner mit dem Werkzeug auf dem Ruͤcken an ihre Arbeit. Dicker Rauch ſtieg aus der Eſſe der Schmiede unten am Berge, und bald toͤnte der Klang ſchwerer Haͤmmer herauf; der Stellmacher aber daneben ſuchte ſich aus den zahl⸗ reich aufgeſtellten Baumſtaͤmmen trocknes Holz fuͤr ſeine Ar⸗ beit. Ueberall Leben und Thaͤtigkeit,— uͤberall arbeitſame Menſchen, die mit ihren Haͤnden ſchafften und arbeiteten in dem Berufe, wozu ſie berufen waren!— Nur in den Hauͤſern, die an der Kirche lagen, bliebs ſtill, als haͤtten die Bewohner derſelben keinen Beruf fuͤrs Leben. Es war Pfarre und Schule, in denen die Maͤnner wohn⸗ ten, die der Herr zu geiſtlicher Arbeit an den Geiſtern ihrer Ge⸗ meinde, zu geiſtlichen Waͤchtern uͤber ſein Volk berufen hatte. Und ihre Wohnungen lagen, Wachthauͤſern gleich, dort auf dem Huͤgel, dicht neben dem Gotteshauſe, wie zum Schutz und Schirm der Kirche erbaut,— als ſollten ſie alle den drunten in Haus und Feld Arbeitenden warnend und mahnend zurufen, vor der Sorge fuͤr den ſterblichen Leib, die unſterbliche Seele nicht zu vergeſſen!— Da ertoͤnte eines Chorals einfache Weiſe aus den geoͤffne⸗ ten Fenſtern des Pfarrhauſes durch die vom Morgenwinde leiſe bewegten Blaͤtter, und man konnte deutlich die von einer Maͤn⸗ nerſtimme und mehreren Frauen geſungenen Worte unterſcheiden: O treuer Hüter! Brunnquell aller Güter Ach, laß doch ferner über unſer Leben Bei Tag und Nacht dein' Hut und Güte ſchweben! Lobet den Herren! Hierauf ward es auch dort wieder ſtill. Der Pfarrer des Dorfes, der mit ſeiner Familie eben ſeine Morgenandacht ge⸗ feiert hatte, ging abermals an ſein Tagewerk, die Predigt und die Beichtrede fuͤr den morgenden Sonntag, an ſeine haupt⸗ ſaͤchlichſte, fuͤr die Gemeinde beſtimmte geiſtliche Wochenarbeit. 5 Es war Sonnabend, und doppelt auffallend war die Stille im Pfarrhauſe, denn der Pfarrer ſtudirte ja heut an ſeiner Predigt; das war fuͤr des Pfarrers Kinder, ſchon als ſie noch kleiner waren, ein ſicher Ruhe gebietender Beweggrund, und jetzt hatten ſich alle Glieder des Pfarrhauſes ſo an dieſe Sonnabendsſtille gewoͤhnt, daß keines ſie ohne Noth verletzte, ja ſelbſt die Ge⸗ meindeglieder belaͤſtigten Sonnabends den Pfarrer nie ohne Noth mit andern Arbeiten.— Jetzt ward's auch in dem Schulhauſe lebendig. Die Schulkinder wanderten in kleineren oder groͤßeren Truppen uͤber den Kirchhof, und aus der Schulſtube erſchallte das bald leiſere bald lautere Geſumme der kindlichen Stimmen, bis es auch da ploͤtzlich ſtill ward, denn der Schullehrer war eingetreten, um ſeine Arbeit fuͤr die Gemeinde, die Erziehung ihrer Kinder zu Chriſten und Staatsbuͤrgern, zu beginnen, und bald erklang, ſtatt des Geſummes, von den zahlreichen Kinderſtimmen: „Dir ſei Preis, ich lebe wieder Vater, und empfinde mich. Mit mir wachen meine Lieder, Und erheben dankbar dich; Denn dein Aug' hat in der Nacht Ueber mich, dein Kind, gewacht.“ „Mache doch das Fenſter auf, Thomas“— ſagte die leiſe Stimme der kranken Frau des Todtengraͤbers Thomas, welche in dem Unterſtuͤbchen des Hauſes neben der Schule lag;—„es klingt der Geſang doch gar ſo ſchoͤn.“ Der Alte that's, und ſetzte ſich dann neben das Bett der Kranken, und ſang leiſe das ihm wohlbekannte Morgenlied nach:— „Wenn ich einſt vollendet habe Dieſe meine Pilgerzeit, Ruh' ich auch alſo im Grabe, Same für die Ewigkeit. Auch in dieſer langen Nacht Wird mein Staub von dir bewacht.“— „Mit mir wird's wohl bald zu Ende gehen“— ſagte die Frau, als jetzt der Geſang in der Schule ſchwieg;—„Vater,“ fuhr ſie fort,„Du machſt mir doch ſelber das Grab, dorthin, neben meine ſelige Mutter?“— TE Der Alte nickte wehmuͤthig, die Kranke aber blickte heiter hinaus durchs Fenſter auf den Kirchhof und die Graͤber. „Es iſt doch recht huͤbſch,“ ſagte die Kranke,„daß wir, wenn wir geſtorben ſind, alle wieder beiſammen liegen, ſo ganz an der lieben Kirche, wo wir ſo oft beiſammen waren, als wir noch lebten, und daß Niemand uns dann mehr vertreiben kann.“ Die Alte ſeufzte; ihr eigner Bruder wollte ſie ja eben aus dem Hauſe vertreiben, in welchem ſie ſo lange gewohnt hatten. Lieber heute noch ſollten ſie ausziehen. Das Haus,— welches der Bruder von einem Oheim geerbt hatte, war ja an Fremde verkauft. „Ich wuͤrde noch einmal ſo gerne ſterben,“ ſagte die Alte, „wenn mein Thomas bei mir in der Naͤhe bleiben koͤnnte.— Ich kanns gar nicht ſagen, wie mich das bekuͤmmert, daß wir beide ausziehen ſollen, jedes alleine,— ich hier, und Du weit weg! Es hat mir immer ſo wohlgethan, wenn ich daran dachte, daß wir bei einander bleiben koͤnnten, wenn ich einmal fruͤher ſtuͤrbe.“ „Laß gut ſein, Mutter,“ verſetzte Thomas,„ich komme ja alle Tage her, wenn ich die Graͤber mache. Und Blumen ſetze ich auch auf Dein Grab, Mutter.“— „Das glaube ich ſchon;“ entgegnete die Beſorgte,„aber nun iſt mir's auch wieder, daß Du in einem fremden Hauſe wohnen ſollſt, wo Du die Thuͤren und die Treppe nicht kennſt. Du ſiehſt ſo ſchlecht,— Du wirſt Dich ſtoßen,— nichts wird Dir commode ſein;— ach, Vater, ich denke, Du ſollſt mich recht vermiſſen.“ „Das iſt's eben, Mutter”“— verſetzte Thomas,„und da⸗ rum iſt's von Deinem Bruder doppelt ſchlecht, daß er uns zwingt, jetzt auszuziehen!“ Unwirſch ſtieg der Alte jetzt auf einen Stuhl, und langte von dem Simſe oben ein Andachtsbuch herunter, um ſeiner Frau, welche heute noch das heilige Abendmahl genießen wollte, eine Betrachtung daraus vorzuleſen. 3 Der Alte ſetzte ſich neben das Bette ſeiner Frau in den —— großen Lehnſtuhl, holte die Brille aus dem ledernen Saͤckchen 5 in der Taſche, wiſchte ſie ſorgfaͤltig ab, und das Buch in gehoͤ⸗ riger Entfernung vor ſich hinhaltend, las er mit lauter Stimme: „Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferſt, und wirſt allda eingedenk, daß dein Bruder ——— 3 etwas wider dich habe, ſo laß allda vor dem Altar deine Gabe, und gehe zuvor hin, und verſoͤhne dich mit deinem Bruder.— Alſo ſpricht der Herr Chriſtus auch zu euch, ihr Abendmahlsgenoſſen,— die ihr am Altare ihm das Opfer euerer Liebe und Andacht bringet. Gehe zuvor hin und verſoͤhne dich mit deinem Bruder.— Gehe, fliege!— Und wenn du das nicht kannſt, ſo laß aus deinem Herzen fah⸗ ren Haß, und Groll, und Rache;— und alsdann komm und opfere deine Gabe.“—— Je weiter Thomas las, deſto unruhiger wurde die Kranke; endlich unterbrach ſie ihn aͤngſtlich. „Hoͤre“— ſagte ſie—„ich habe doch einen rechten Groll auf meinen leiblichen Bruder, daß er uns aus unſerm Hauſe hinaustreibt. Nicht wahr, Vater, das iſt nicht recht?— Gehe zuvor hin und verſoͤhne dich mit deinem Bruder,— hieß es nicht ſo?“— „Es iſt ſchaͤndlich, niedertraͤchtig,“ murmelte der Alte in den Bart—„uns um das Haus zu betruͤgen! Ja betruͤgen,“ fuhr er, heftiger werdend fort.„Der alte Ohein haͤtte gewiß rich Deinem Bruder, dem Brenz, unſer Haus vermacht, wenn der Schuft ihn nicht beredet, uͤberredet, uͤberliſtet haͤtte. Hat Dir doch Dein Oheim Seliger noch auf dem Todtenbette ver⸗ ſichert, das Haus ſolle Dein Eigenthum bleiben; jetzt nach dem Tode bringt der Schuft von Bruder ein Teſtament zum Vor⸗ ſchein, drin ſtehts geſchrieben, daß Er Alles, wir Nichts be⸗ kommen ſollen. Das war ein Spitzbubenſtuͤck⸗— Die Kranke hatte unruhig dem Eifer des Mannes zuge⸗ hoͤrt und vergebens ſich mehrere Male angeſtrengt, ihn zu unter⸗ brechen.„Vater,“ bat ſie jetzt aͤngſtlich,„paſſen wohl ſolche Re⸗ den zum heiligen Abendmahl?—„Verſoͤhne dich zuvor mit deinem Bruder,“ ſo ſtehts geſchrieben.„Themas“ bat ſie dringend, mimm doch einmal die Bibel herunter. Du koͤnnteſt mir das Evangelium vom Schalksknecht vorleſen, das paßt fuͤr uns.“— Die Kranke horchte andaͤchtig dem herrlichen Gleichniſſe zu.— Es hatte Beide ſtill gemacht!—„Vater,“ ſagte endlich die Alte,„verſtehſt Du das mit den hundert Groſchen? Das hat der Bruder etwa an uns verſchuldet. Die Tauſend Pfund aber, das ſind wir, die ſind wir dem lieben Gott ſchuldig. Ach, Vater, wir haben uns doch oftmals in unſerm Leben gegen den lieben Gott verſuͤndigt.“ Beide ſchwiegen wieder.„Mutter,“ begann hierauf der Alte,„ich will Deinem Bruder nichts Schlechtes nachgeredet haben, man weiß ja nicht wie!— Und wenn auch, wir wollen ihm vergeben, daß uns der liebe Gott auch vergiebt um Chriſti willen.“ Die Kranke laͤchelte ihm freundlich zu und reichte ihm dankend die matte magre Hand.„Vergeben und vergeſſen“ ſprach ſie leiſe,„der Herr Chriſtus hat ja auch vergeben!“— Andaͤchtig ruhte ihr Blick lange auf dem Kruzifix, das in der Ecke des Todtengraͤberſtuͤbchens von einem Begraͤbniſſe bis zu dem andern lehnte. Wie oft hatte ſie dieß Kruzifix den Leichen auf dem letzten Wege vorantragen ſehen! Das Lied,„Mir nach ſpricht Chriſtus, unſer Held“, fiel ihr ein, ſie dachte daran, wie ſie ja ſich ſelbſt bald ſollte im Sarge dem Heiland nachtragen laſſen, und des Heilands Bild rief in ihr den Entſchluß, dem Herrn geiſtig nachzufolgen, recht lebendig hervor, und ihre Seele ward ſtille in dem Herrn. Die Augen fielen ihr zu, und ſie verſank in einen wohlthaͤtigen Schlaf, aus welchem ſie erſt das Lauten der Glocke weckte, welche, wie es im Dorfe Sitte war, Sonnabends die alten gebrechlichen Leute zu Beichte und Abend⸗ mahl in die Kirche rief. „Nuͤcke mir doch das Kiſſen zurecht,“ bat die Kranke ihren Mann,„ſo— ſo, daß ich auch die Kirche ſehen kann, und das Grab der ſeligen Eltern. Ach, Vater, wer doch auch mit in die Kirche gehen koͤnnte! Das letzte Mal, Vater, weißt Du, da habe ich's doch noch moͤglich gemacht. Es wurde mir freilich ſchwer,— aber was man gerne thut“—— Sehnſuͤchtig blickte die Kranke durchs Fenſter hinaus ins Gruͤne auf den Kirchhof, uͤber welchen hier und da ein gebeug⸗ tes Muͤtterchen oder ein wankender Greis zur Kirche wandelte. „Die habens doch recht gut,“ ſeufzte die Kranke,„ich muß hier allein liegen und das heilige Abendmahl alleine feiern!“ Es iſt etwas ganz Eigenes um die Gemeinſchaft. Wie jeder gute Menſch nur im Vereine mit Andern ſich freuen kann, wie ihm einzeln jede Freude halb, jeder Schmerz doppelt groß i*ſt, wie bei des Lebens hoͤchſter Freude, wie bei dem tiefſten Schmerze ſich eine Seele, die, mitfreut und mitweint, ihm ein Beduͤrfniß iſt;— alſo empfindet der Chriſt auch des religioſen Le⸗ 7 bens genußreichen Segen am deutlichſten und beſeligendſten in der Gemeinſchaft mit andern Chriſten, in den kirchlichen Ver⸗ ſammlungen. Der Gedanke, daß an demſelben Orte neben uns und um uns auch noch andere Herzen dieſelben erheben⸗ den Gedanken haben, dieſelben frommen Regungen des Ge⸗ muͤths empfinden, denſelben Gott verehren, denſelben Erloͤſer preiſen, denſelben Geiſt erflehen, fuͤr dieſelbe chriſtliche Tugend ſich begeiſtern, dieſelbe Suͤnde haſſenswuͤrdig finden;— dieſes Bewußtſein der Gemeinſchaft hat eine wunderbare Kraft fuͤr den Einzelnen. Es iſt als wenn aller verſammelten Chriſten Glaubensinnigkeit, Aller Andacht, Aller Willenskraft in des Einzelnen Bruſt ſich vereinigen und lebendig werden wollte; der Einzelne lernt ſich fuͤhlen und betrachten als Glied des großen Leibes,— der Kirche,— deren Haupt iſt Chriſtus, und Sein heiliger Geiſt der Liebe, der Freude und des Friedens zieht leichter da ein, wo zwei oder drei verſammelt ſind in Sei⸗ nem Namen; denn da will Er ſelbſt mitten unter ihnen ſein!— Nach Beendigung der kirchlichen Feier hatte der Paſtor auch der Frau des Todtengraͤbers die letzte Wegzehrung gebracht, und auch hier war die heilige Abendmahlsfeier geendet. Dankend hatte ſie eben dem Pfarrer die Hand gereicht, welche jetzt ſchlaff auf das Bett wieder zuruͤck ſank. „Es iſt doch recht ſchoͤn auf der Erde, lieber Herr Pfar⸗ rer,“ ſagte Thomas, der den Paſtor heraus begleitet hatte. „Das Sterben muͤßte recht ſchwer ſein, wenn man nicht wuͤßte, daß es droben noch viel ſchoͤner waͤre beim lieben Heiland. Ich werde meiner Alten wohl bald muͤſſen das Grab beſchicken,“ fuhr er wehmuͤthig fort.„Sie hat das Plaͤtzchen dort ausge⸗ ſucht, dort neben ihrer ſeligen Mutter, darf ichs fuͤr ſie aufhe⸗ ben, Herr Paſtor?—— Wenn nur der liebe Gott meine Alte hier, in dem Hauſe noch, abrufen wollte;— es klingt faſt ſuͤnd⸗ lich, aber ſoll ich ihr die letzten Lebensſtunden noch verbittern? Sie wiſſens wohl, Herr Paſtor, daß der alte Brenz das Haus vom ſeligen Ohm geerbt hat, und daß wir heute noch aus⸗ ziehen ſollen!— Sehen Sie, ich gaͤbe was drum, wenn ich in dem Hauſe bleiben koͤnnte! Wir haben ſo lange Jahre hier neben der Kirche gewohnt, und mir gehts mit meinem Hauͤschen, wie der Schwalbe mit ihrem Neſte; ich habe auch an die Kirche gebaut, und ſollte ich weg von hier, ſo iſt mirs, als haͤtten die boͤſen Buben das Neſt zerſtoͤrt.— Wenn ich fruͤh aufſtehe, da iſt's mein erſtes, da ſehe ich gleich hinaus zum Fenſter, ob die liebe Kirche noch ſteht.— Und wenn die Sonne heraus kommt und das Kreuz oben auf dem Thurme ſo golden blitzt, und ich dann wieder unten auf die kleinen Kreuze auf den Graͤbern ſehe, da wird mirs ganz anders zu Muthe. Mir iſt's dann immer, als wenn der liebe Heiland ſelber daſtuͤnde mit dem Kreuze, und zu mir ſagte: Siehſt du, Thomas, damit habe ich dich erloͤſet, und ich denke dann alle Mal an den ſchoͤnen Spruch, der dort uͤberm Kirchhofthore ſteht: Chriſtus iſt der Erſtling gewor⸗ den unter denen die da ſchlafen. Und dann iſt mirs, als waͤren wir ſchon alle wieder beiſammen, die dort in der Erde liegen, und ich denke wieder daran, wie wir beim lieben Hei⸗ lande ein Mal alle wieder beiſammen ſein werden, der Herr Jeſus in der Mitte, und wir Chriſten alle mit einander um ihn herum, gerade wie die Kirche hier in der Mitte der Graͤber liegt.“— 4 Der redſelige Alte hatte den Geiſtlichen verlaſſen und der Pfarrer blickte ſinnend hin uͤber den Kirchhof, und uͤber die gruͤ⸗ nen Graͤber, und auf die Kirche, und der Friedhof ſelbſt erſchien ihm als ein ſchoͤnes, bezeichnendes Sinnbild jener himmliſchen Heimath, wo, wie hier die Lebenden und Todten ſich in und neben dem irdiſchen Gotteshauſe verſammeln, wo die Aufer⸗ ſtandenen in der neuen, himmliſchen Behauſung in naͤherer, innigerer Vereinigung mit dem himmliſchen Herrn, den Gott der Lebendigen und der Todten preiſen werden.— Der Geiſtliche blickte gedankenvoll nieder auf die Staͤtte, wo ihm von Gott ſein Wirkungskreis angewieſen war, daß er die Lebenden fuͤr den Himmel heilige und die Todten ſegne! Es ward ihm ſo heimathlich zu Muthe, wie einem Hausvater in dem Kreiſe der Seinen. Und war Er nicht der Seelſorger und Beichtvater aller dieſer, die hieher kamen,— der Todten, wie der Lebenden, die als Weinende Troſt, als Irrende Rath, als Zweifelnde Zuverſicht, als Schwankende Kraft hier finden wollten? Dort lag ja das Schulhaus, dieſer Vorhof der Kirche, in welches die noch unmuͤndigen Glieder ſeiner Gemeinde, Va⸗ ter und Sohn, ſeit Jahrhunderten, Tag aus Tag, ein gekom⸗ men waren, um zu hoͤren und zu lernen von dem, der der Weg, die Wahrheit und das Leben iſt, bis ſie der Pfarrer an ſeiner Hand, durch die kirchliche Weihe, in's Leben hinaus, und — in die Kirche hinein fuͤhrte, als nunmehrige Miteigenthuͤmer 9 dieſes Hauſes, dieſer kirchlichen Heimath, als Theilnehmer an des goͤttlichen Reiches Hausſchatze, deſſen Haushalter und Haus⸗ vaͤter ja eben die Prediger des goͤttlichen Wortes ſind?— Und hatten nicht ſeit Jahrhunderten ſich die Glieder dieſer chriſtlichen Gemeinde hier an dieſer Stelle von den Dienern des goͤttlichen Wortes Gottes Geheimniſſe offenbaren, Seine Wunderthaten im Reiche der Natur, wie im Reiche der Gnade, von ihnen er⸗ klaͤren laſſen, und aus dieſem Schatze Heil und Segen fuͤr Le⸗ ben und Sterben hier ſchoͤpfen gelernt? Waren nicht hieher ſeit Jahrhunderten die Vaͤter, wie die Kinder, ſo oft die Glocken zur gemeinſamen Erbauung im Gotteshauſe riefen, gewandelt? Hatten ſie nicht hier, hier geſeſſen an den beſtimmten Plaͤtzen, Großvater und Vater, Sohn und Enkel,— zu den Fuͤßen ihrer Lehrer? Waren ſie nicht hierher gepilgert, um hier die wichtig⸗ ſten Abſchnitte ihres Lebens zu feiern, bis die Kinder die Vaͤ⸗ ter wieder hieher begleiteten auf dem letzten Gange, um einſt, nach kurzen Jahren, eben ſo wieder von ihren Kindern dem Grabe uͤbergeben zu werden? „Wie lieblich ſind doch Deine Wohnungen Herr Zebaoth,“ rief der Prediger begeiſtert aus;„Meine Seele verlanget und ſehnet ſich nach den Vorhoͤfen des Herrn; denn Ein Tag in Deinen Vorhoͤfen iſt beſſer, als ſonſt tauſend. Wahrlich, als eine zweite Heimath ſollte eine chriſt⸗ liche Gemeinde dieſe heiligen, kirchlichen Orte betrachten, an welche ſich die ſuͤßeſten und heiligſten Erinnerungen des Lebens, vom erſten bis zum letzten Tage, knuͤpfen!“— Wehmuͤthig gedachte der Pfarrer aller der Gleichgiltigen, der Kirchenſcheuen, der Kirchenveraͤchter! Er trat hinaus an den Rand des Huͤgels, auf welchem ſeine Kirche lag, und blickte hinunter auf ſein Dorf, und ſein Blick ſchweifte hinuͤber uͤber die weiten Fluren des Landes, und verweilte freudig auf den zahlreichen Kirchthuͤrmen, die aus den Ziegeldaͤchern und Obſt⸗ bauͤmen zahlreicher Doͤrfer hoch emporragten und das Land als ein chriſtliches bezeichneten, aller Welt gleichſam zurufend: Hei⸗ lig, heilig heilig iſt der Herr Zebaoth, alle Lande ſind Seiner Ehre voll,— auch unſer Land!— 4 Welch ein wohlthuender Anblick, zumal fuͤr einen Prediger, uͤberall Staͤtten der Gottesverehrung zu ſchauen, und welch ſeli⸗ ges Gefuͤhl, ſelbſt zu denen zu gehoͤren, welche Lehrer, geiſtliche Berather und Troͤſter eines chriſtlichen Volks ſind! Solche Ge⸗ 10 danken bewegten unſers Paſtors Seele, und er gedachte, wie es nicht minder erhebend fuͤr ein Volk ſei, in einem chriſtlichen Staatsverbande zu leben, die Segnungen der chriſtlichen Kirche, Seelſorger und Kinderlehrer, Kirchen und Schulen zu beſitzen. — Er erinnerte ſich wie chriſtliche Reiſende in heidniſchen oder muhamedaniſchen Laͤndern das Entzuͤcken nicht genug ſchildern koͤnnen, mit welchem ſie, nach vielleicht jahrelanger Entbehrung, zum erſten Male wieder ein Kruzifix am Wege erblickten, oder die Glocken einer chriſtlichen Kirche hoͤrten, einem chriſtlichen Gottesdienſte beiwohnen, chriſtliche Reden aus chriſtlicher Prie⸗ ſter Munde hoͤren durften; und er meinte ſtill vor ſich hin, daß wohl ſolche Reiſen manchem unſrer heimlichen oder oͤffentlichen Kirchenveraͤchter nicht eben ſchaden duͤrften, damit ſie, ſobald ſie einmal das wuͤrden gar nicht haben koͤnnen, was ſie jetzt verachten, den Werth deſſelben mehr einſehen und fuͤhlen lernten, wie wohlthuend des kirchlichen Lebens geheimer Zau⸗ ber die Seele oft unbewußt beruͤhrt, und wie viel Alle ent⸗ behren wuͤrden, die ſich von den chriſtlichen, ſelbſt unbewußt dem Menſchen ſo lieb und theuer gewordenen kirchlichen Ein⸗ richtungen und Gebrauͤchen losſagen, wollten!— „Erhebt nur Eure Hauͤpter, ihr Kirchen und Kirchlein,“ rief der Geiſtliche im Geiſte hinaus in's Land.„Reichet ſtolz hinan in die Wolken, ihr goldenen Kreuze auf den Kirchthurm⸗ ſpitzen, ihr Wegweiſer zum Himmel, und mahnet mit uns, den Prieſter in Euren Mauern, den Botſchafter an Chriſti Statt, ſo lange es Menſchen giebt:„Laſſet Euch verſoͤhnen mit Gott in Chriſto! Suchet was droben iſt, daß Keiner in den Irrſalen des Lebens den rechten Weg verliere!“ Am Abende deſſelben Sonnabends war der Paſtor ins Freie hinaus gegangen; er war durch den nahen Buſch gewan⸗ dert, um die waͤhrend der Woche ſorgfaͤltig ſchriftlich ausgear⸗ beitete Predigt nochmals durchzudenken. Er ſtand im Geiſte ſchon auf der Kanzel und hatte wohl im Eifer manchen Satz, der ihm beſonders wichtig ſchien, laut ausgeſprochen.„Hoͤrt ihrs, der Herr Paſtor ſtudirt,“ ſagten mehrere Kinder leiſe zu einander, die im Buſche Erdbeeren ſuchten, und blickten mit ſcheuer Ehrfurcht dem Paſtor nach. Auf⸗ und abgehend an dem Fluſſe, der durchs Thal ſich ſchlaͤngelte, und in deſſen hel⸗ lem Waſſer ſich der Huͤgel nebſt der Kirche und den geiſtlichen Haͤuſern freundlich ſpiegelte, hatte er auch die morgende Beicht⸗ 11 rede durchdacht, und ging jetzt auf einem weiten Umwege lang⸗ ſam wieder heimwaͤrts durch das trauliche Dorf. Die Abend⸗ ſonne ſchien freundlich auf die niedrigen Strohdaͤcher und ſtrahlte zuruͤck von den weißen Waͤnden der Hauͤſer auf des Seelſorgers ernſtheitres Antlitz, der mit ganz beſonderen Gefuͤhlen durch die Felder und Gaͤrten und Haͤuſer ſeiner Gemeinde dahin ſchritt. Der Pfarrer fuͤhlte ſich heute wieder einmal ſo von ganzem Herzen froh in ſeinem heiligen Seelſorgeramte.„Es iſt doch etwas Hohes und Herrliches, Himmelsſegen und Seelentroſt ſpenden zu koͤnnen“— ſprach er ſtill vergnuͤgt und dem Herrn dankend, der ihn berufen hatte zum Hirten ſeiner Heerde;— und freudig ſchaute er um ſich, und betrachtete die Bauernguͤter und Hauͤſer ſeines Dorfes. Es war ihm eine ſuͤße Beruhigung, daß er keins fand, in welchem er nicht Theilnehmer einer oder mehrerer Freudens⸗ und Leidensſtunden geweſen waͤre, deren Bewohnern, reichen und armen, er nicht in den entſcheidenſten Augenblicken des Lebens mit dem Worte Gottes ermahnend, rathend, troͤſtend, oder auch ſtrafend, zur Seite geſtanden haͤtte. Er gedachte wie er hier beim Kindtaufſchmauſe der Aeltern Freude getheilt und beim Hochzeitsfeſte der Gaͤſte Froͤhlichkeit ge⸗ heiligt; dort Frieden unter Eheleuten geſtiftet, Streitigkeiten der Nachbarn, der Aeltern und Kinder guͤtlich beigelegt, Kranke be⸗ ſucht und Sterbenden den Heiland gebracht hatte im heiligen Nachtmahl; und wie uͤberall er durch Wort und Beiſpiel thaͤtig geweſen war, um Kindern, Juͤnglingen und Jungfrauen, Maͤn⸗ nern, und Frauen, und Greiſen das irdiſche Leben zu heiligen, und die himmliſche Berufung vor ihre Seele zu fuͤhren, ja ſelbſt an den Pforten des Todes die frohe Ausſicht auf einen neuen Morgen zu wecken.— „Welch ſchoͤner Abend,“ dachte der Paſtor, als er zuruͤck⸗ blickte auf die von der Abendſonne vergoldeten Hauͤſer und Flu⸗ ren.„O, wunderſchoͤn iſt Gottes Erde, und werth darauf ein Menſch zu ſein,“ ſagte er ſtill froͤhlich und die Erinnerung an ſeine ſegensreiche Thaͤtigkeit im geiſtlichen Amte, der Frieden eines guten Gewiſſens, dieſer innere Himmel, ſpiegelte ſich ſonnig heiter in des Paſtors Zuͤgen. Er hatte jetzt den Huͤgel erſtie⸗ gen, auf welchem Kirche und Pfarrhaus lagen, und uͤberſah noch einmal die langen Hauͤſerreihen des Dorfes, welche um⸗ geben von Gaͤrten und Obſtbaumpflanzungen und Feldern, ſich ins Thal hinabzogen. Da unterbrach ein lauter Wortwechſel beim Hauſe des Todtengraͤbers des Pfarrers Selbſtbetrachtungen. „Ihr muͤßt aber aus dem Hauſe hinaus, heute noch!“ ſchrie eine kreiſchende Stimme. Der Prediger horchte; er hatte die Stimme des alten Brenz erkannt, der jedenfalls mit dem Todtengraͤber uͤber das Ausziehen in Streit gerathen war; aber das Rauſchen der Lin⸗ denbauͤme verbarg ihm des Todtengraͤbers vermuthlich ent⸗ ſchuldigende Antwort; denn die erſte Stimme erhob ſich ſogleich wieder. „Ach, was Bruder,“ lautete die harte Entgegnung des alten Brenz,„ich kann deßhalb nicht warten, bis Deine Alte ſtirbt. Ich bekomme das Kaufgeld nicht, wenn Ihr nicht raus ſeid. Soll ich etwa Euretwillen die Zinſen daran verlieren?“— Abermals ſchien Thomas freundliche Vorſtellungen zu ma⸗ chen; er hatte vermuthlich auf den ſonſtigen Reichthum Bren⸗ zen's hingewieſen, denn heftiger noch entgegnete derſelbe: „Gut, ja!—— ich bin ein reicher Mann; aber meine Soͤhne brauchen Geld, viel Geld. Meine Soͤhne ſollen reiche Leute werden,— ich will ſie gluͤcklich machen, ich muß ſie gluͤck⸗ lich machen. Gott ſoll mich——„ Der Pfarrer war naͤher getreten, er hoͤrte jetzt deutlich des alten Thomas bittende Stimme:„Lieber Brenz! Schwager! laß meine Frau nur noch Einen Tag hier, ſie wirds ja nicht laͤnger machen,— daß ſie hier ſterben kann. Laß ihr um Gotteswillen nur das kleine Eckchen dort in der Stube, daß ich ihr dort die Augen zudruͤcken kann, wo ſie Deinem und ihrem Vater auch die Augen zugedruͤckt hat. Habe Barmherzigkeit, ſie ſtirbt mir unter den Haͤnden—“ „Bittet Den nicht, Vater,“ unterbrach Johann, der Sohn des alten Thomas, ſeinen Vater,„Er hat kein Herz im Leibe. Kommt, wir tragen die Mutter im Bette fort.“ Ehe noch der herbeigekommene Pfarrer mit mildem Ernſte ein vermittelndes Geſpraͤch mit dem harten, erzuͤrnten Manne beginnen konnte, waren die beiden Maͤnner ſchon ins Stuͤbchen hineingetreten. Die Abendſonne ſchien ſo freundlich durchs Fenſter herein und beleuchtete den Chriſtus an der Wand, und die Bibel auf dem Simſe, und das aͤrmliche Bett war mit pur⸗ purnem Lichte uͤbergoſſen. 13 „Die Mutter ſchlaͤft ſo ſanft,“ ſagte Thomas;„gut, daß ſie Nichts von dem Streite gehoͤrt hat.“ Behutſam ergriff er die gefalteten Haͤnde; ſie waren kalt. Vater und Sohn fanden nur noch eine Leiche!— Beide ſchwiegen lange. Der alte Thomas weinte ſtill; aber ein duͤſtrer, bittrer Schmerz ſprach ſich in den zuſammen⸗ gebißnen Lippen des Sohnes aus.„Wir haben einmal lauter Ungluͤck!“ murmelte er leiſe—„Die arme Mutter! Gut, daß ſie todt iſt!— Die Schande der Eliſabeth haͤtte ſie doch in die Grube gebracht! Aber es muß keinen Gott im Himmel mehr geben, daß uns Alles contraͤr geht!“— „Geht, Ihr habt Eurer Schweſter Tod auf Eurem Ge⸗ wiſſen,“ ſagte der heraustretende Johann finſter zu dem alten Brenz, und draͤngte ihn faſt mit Gewalt fort von dem Kirch⸗ hofe, wie ein boͤſer Schatten hinter dem haſtig Davoneilenden herſchreitend. Der Pfarrer war tief ergriffen. Wie hatte ihm doch eben erſt die Ruhe und Stille in der Natur, da oben und unten, ſo wohl gethan, und ach, wie viele ſchmerzliche Mißklaͤnge, aͤhn⸗ lich dem gehoͤrten, wie viele Unruhe, wie vieles Laͤrmen und Schreien, wie vieler Haß, und Groll, und Rache, und Verzweif⸗ lung in den Herzen ſeiner Gemeindeglieder waren ihm wohl noch verborgen?„O, daß doch das Menſchenherz,“ dachte der Geiſtliche,„auch ſo ſtill und ruhig, wie die Natur, unentweiht von ſuͤndlichen Leidenſchaften und thoͤrichten Wuͤnſchen, jeden Abend feiern koͤnnte! O, daß ich im Stande waͤre, Vielen mei⸗ ner lieben Kirchkinder, ach,— Allen die verlorene Seelenruhe wiederzugeben, um den Sturm im Innern zu beſchwoͤren! O, daß doch Gottes Friede, auch durch mein Wort, immer mehr und mehr in Aller Hauͤſer, Aller Herzen moͤchte einziehen!“ Der Pfarrer war wieder hinausgetreten an den Abhang des Huͤgels und ſchaute wehmuͤthig hinunter auf das Dorf und deſſen Hauͤſer und die lange Reihe der Bauernguͤter. Ruhig und friedlich ſtieg der Rauch aus den Eſſen in der klaren Abend⸗ luft in die Hoͤhe; ach und wie viele Unruhe und wie vieler Un⸗ friede war doch vielleicht in den Familien, in den Hauͤſern? Dort ſtand die Hausmutter mit unzufriednem Herzen vielleicht an dem Heerde, umgeben von den ſie plagenden Kindern, um das Abendbrod zu bereiten fuͤr das Geſinde; hier ſaß vielleicht ein altes Muͤtterchen vor dem maͤchtigen Kachelofen voll Reißig⸗ 14 feuer, um dem grilligen Gatten einen Kaffee zu kochen; dort ward vielleicht mit ſchwerem, ſorgenvollem Herzen ein Kranken⸗ ſuͤppchen zubereitet, und dort hatte wohl Hunger und Noth das Feuer auf dem Heerde laͤngſt ausgeloͤſcht!— „Und aller dieſer Menſchen irdiſchen Beruf ſoll ich hei⸗ ligen?“ dachte der Paſtor tief bewegt.„Erwartet man nicht von mir, von dem heiligen Amte, deſſen Diener ich bin, He⸗ bung und Foͤrderung der Sittlichkeit, des religioͤſen Sinnes? Soll nicht meines Mundes ſchwaches Wort dieſem irdiſchen Leben die hoͤhere Weihe geben, und himmliſche Heiterkeit, goͤtt⸗ lichen Frieden in Herzen und Hauͤſer bringen?— Von mir will die Mutter Rath und Hilfe zur frommen Erziehung ihrer Kinder! Ich ſoll dem Gatten weiſe Lebensregeln fuͤrs Leben mit⸗ geben, den Ehefrieden erhalten, und den Eheunfrieden belegent Ich oll den Gluͤcklichen maͤßig und genuͤgſam;— den Noth leidenden, den Kranken und Sterbenden ruhig,— ich die Hert⸗ ſchaften mild und verſtaͤndig, die Dienenden gehorſam machen! — Von mir verlangt man, daß ich des Herrn heiliges Wort auf alle Verhaͤltniſſe des Lebens anwende,— ich ſoll dieſer zahlreichen Chriſtengemeinde, ich, ich allein, die reichen Menuun⸗ gen des Chriſtenthums vermitteln!“—„O wie aͤngſtlich“— dachte unſer Paſtor weiter—„wie aͤngfllich wird der Geiſtliche ſeinen Berufsgeſchaͤften leben muͤſſen, wenn ſo viel von ihm verlangt wird, wie ſorgfaͤltig wird er alle Obliegenheiten dieſes heiligen Amtes erfuͤllen, wie Alles vermeiden muͤſſen, was Miß⸗ trauen gegen ſeinen Pflichteifer, was ſeiner Gemeinde irgend einen Anſtoß gewaͤhren koͤnnte, auf daß er nicht Andern predige, und ſelbſt verwerflich ſei!“—„Wie moͤchte ich Andre ermahnen, ihre Berufspflichten zu erfuͤllen, wenn ich je die meinigen ver⸗ nachlaͤſſigen und jemals vergeſſen wollte, daß der Geiſtüihe vor Allem ganz ſeinem heiligen Berufe leben muͤſſe, ehe er Andre ermahnen darf, das zu thun, wozu ſie berufen ſind?“—„O Herr,“ rief der Prediger mit Inbrunſt,„gieb Du mir Kraft, daß ich in dem ſteten Bewußtſein, Dein Wort zu predigen, Deines Wortes Diener zu ſein, ſtark ſei und tuͤchtig, denen vorzuſtehn, deren Hirt und Seelſorger ich ſein ſoll nach Deinem Willen.“— Die Abendglocke erklang jetzt und unterbrach die taͤglichen Berufsgeſchaͤfte. Nicht blos der Pfarrer hatte ſein Wochenwerk vollendet; auch der Tageloͤhner zog mit der Axt auf dem Ruͤcken 15 aus dem Walde heim, die Heerden wanderten heimwaͤrts, Knechte und Maͤgde eilten von allen Seiten dem Dorfe zu, der Haus⸗ vater ſchob die Acker⸗ und Feldgeraͤthe in den Schuppen, und zog die muͤden Arbeitsthiere in den Stall, und die Hausfrauen ſtanden vor der Thuͤre und muſterten den gereinigten Hof, und die geſcheuerten Treppen, Stuben und Gefaͤße,— der Hand⸗ werker aber hing ſein Handwerkzeug an die Wand,— und Alle thaten, was ſie ſeit ihrer Jugend gethan hatten, und was Vater, und Großvater, und alle Vorfahren ſeit Jahrhunderten gethan hatten, ſie beſchloſſen die Arbeit der ſechs Tage, um am ſiebenten, dem erſten Tage der neuen Woche, zu ruhen. Von der Tagesarbeit hinweg rief der Glockenton die Ge⸗ meinde zum Gebete; der Landmann auf dem Felde, der Hand⸗ werker in der Stube, der Kranke in ſeiner ſtillen Kammer, ſie alle entbloͤßten, wie auf einen Ruf von oben, nach einer frommen ſchoͤnen Sitte der Vorfahren, ihr Haupt und falteteten die Haͤnde. Es war Sonnabend Abends; ſollten nicht zum Wochenſchluſſe doppelt andaͤchtig Alle aufwaͤrts ſchauen zu Gott, um Ihm, wie taͤglich, ſo auch heute, fuͤr Kraft und Geſundheit, und was mehr iſt, fuͤr Seine Gnade, und Seinen ſich taͤglich innerlich erneuernden Segen des Geiſtes, zu danken? Der Wochenſchluß iſt ja auch ein Abſchluß des hoͤhern Geiſteslebens, ein Halte⸗ punkt auf der Pilgerreiſe nach dem Himmel; ſollte nicht der Chriſt auch in ſich hineinſchauen auf des Chriſtenlebens Wachs⸗ thum, Stilleſtand oder Ruͤckgang, zu ernſter aufrichtiger Selbſt⸗ pruͤfung?— In dem Obſtbaumgarten, durch welchen der Pfarrer jetzt nach Hauſe wanderte, begegnete ihm die Gattin, und er fuͤhrte ſeine Frau zu dem Aepfelbauͤmen hin, die ſie einſt im Jahre ihrer Verheirathung, nach alter Sitte, gepflanzt hatten. Die Fruͤchte, die ſie angeſetzt, waren ihnen heuer, wie ſonſt, eine ſtille Mahnung geweſen, bleibend reiche Frucht zu bringen, nicht blos fuͤrs irdiſche, ſondern auch fuͤrs himmliſche Leben, fuͤr welches ja auch die Ehe eine Vorſchule iſt! Aber auch die klei⸗ nen Bauͤme, die der Pfarrer in dem Geburtsjahre eines jeden Kindes geſetzt hatte, waren Gegenſtaͤnde herzlicher Freude fuͤr die beiden Aeltern.„Wohl dem, der Freude an ſeinen Kindern erlebt“ rief der Prediger, und umarmte innig ſeine Gattin, die treue Gefaͤhrtin ſeiner Leiden und Freuden, die fromme Mutter und verſtaͤndige Erzieherin ſeine Kinder. 16 „Sieh, Mutter,“ ſagte er,„wie froͤhlich wachſen doch die Bauͤmchen, die ich nach unſerm ſeligen Johannes und der kleinen Marie nannte? Zwar ſind beide Kinderchen todt; der liebe Gott hat ſie in ſeinen himmliſchen Garten verpflanzt; aber ihre Bauͤmchen gruͤnen und bluͤhen fort auf Erden, und weiſen mit ihren gruͤnen Kronen gen Himmel. Sollten ſie uns nicht ſinnbildlich erinnern koͤnnnen, wie kein Keim unter⸗ geht im großen Reiche des wunderbaren Gottes? Ja, auch die Keime zur Menſchheit, die in den ſterbenden Kindern noch un⸗ entwickelt lagen, wird eine andre Welt vielleicht zu noch herrli⸗ chern Bluͤthen und Fruͤchten reifen!“ Am Hauſe empfingen den Vater die jubelnden, Kinder — es waren zwei Maͤdchen, Gretchen und Roͤschen, und zogen ihn hinein in das alte Pfarrhaus, in die niedrige Stube. „Vater“ rief Roͤschen,„denk Dir nur, der Phylax iſt wie⸗ der geſund, er frißt wieder, der Phylar!— das gute Thier!“— „Ja Vater,“ betheuerte Roͤschen,„Gretchen hat ihm aber auch alle Viertelſtunden Umſchlaͤge gemacht— alle Viertelſtun⸗ den; und ich habe zugeſehen, und ihn geſtreichelt, daß er gut that— Vater, wie er unſre Hand geleckt hat, und wie er uns freundlich angeſehen hat!“ „Roͤschen hat auch mit geholfen“— bemerkte Gretchen, —„ſie iſt ganz allein zum Thierdoctor gelaufen und hat dem Phylax auch eine Semmel gekauft.“— „O, Vater, das iſt gar ſo huͤbſch,“ rief Roͤschen,„wenn Alles im Hauſe luſtig und froͤhlich iſt. Du und die Mutter, und die Muhme, und Gretchen;— und— nun ja—, wenn der arme Hund ſo jammert, das thut Einem auch weh.“— Der Vater laͤchelte ſtillvergnuͤgt und ſtreichelte die guten Kinder, durch die er ſo viele reine Freuden ſchon genoſſen hatte und taͤglich genoß, und ſetzte ſich zu den Kindern, und ſpielte mit ihnen, und erzaͤhlte ihnen; und die Kinder waren ganz gluͤcklich, als es der Vater endlich bemerkte, daß zwei ſchoͤne Blumenſtrauͤße auf ſeinem Pulte ſtanden, und jedes von ihnen wollte dem Andern die Ehre laſſen, daß ſein Strauß ſchoͤ⸗ ner waͤre, als der andere,— bis endlich die Mutter das Abendeſſen brachte, und die ganze Familie ſich wieder um den runden Tiſch ſetzte, zu gemeinſchaftlichem Gebete, und gemein⸗ ſchaftlicher Freude an Gottes Gaben,— worauf der Paſtor heiter und gluͤcklich in ſeine Studierſtube, an ſeine Arbeit, hinaufging.— 17 Wahrlich, wir, Geiſtliche und Gemeinden, koͤnnen Gott nicht genug dafuͤr danken, daß der evangeliſche Geiſtliche ein Menſch ſein darf— ein Menſch unter Menſchen, Gatte und Vater, ein Vorbild fuͤr ſeine Gemeinde auch im ehelichen und hauͤslichen Leben!„Ein Biſchof ſoll unſtraͤflich ſein, eines Weibes Mann, der ſeinem Hauſe wohl vorſtehe, der gehorſame Kinder habe mit aller Ehrbarkeit, auf daß er maͤchtig ſei, zu ermahnen durch die heilſame Lehre!“— O der goldenen Worte des heiligen Paulus!— Und doch durften Menſchenſatzungen chriſtliche Geiſtliche in eine ſo widernatuͤrliche, troſtloſe Stellung bringen, in welcher ihnen die ſuͤßeſten und heiligſten Gefuͤhle der Menſchenbruſt ein ver⸗ ſchloſſenes Paradies bleiben ſollten! Nun wahrlich, wenn es nur fuͤr den Prieſter Gottes Suͤnde ſein ſollte, in das liebe Auge eines treuen Weibes zu blicken, ſich des erſten Laͤchelns ſeiner Kinder, des ſuͤßen Vater und Mutternamens, ſich der Gatten⸗ und Kinderliebe zu freuen, wie koͤnnte Gott die Liebe ſein! Wie koͤnnte der Geiſtliche warm von goͤttlicher und menſch⸗ licher Liebe predigen, dem die naͤchſte Gelegenheit fehlte, Liebe zu geben und zu empfangen? Nein, die Liebe zu Weib und Kindern macht erſt das Herz recht weit fuͤr die Liebe zu dem groͤßern Familienkreiſe, den Kirchkindern, deren geiſtiger Vater der Geiſtliche iſt! Luther, Du Gottesmann, Dir dankt's die ganze evangeliſche Geiſtlichkeit, wenn Familienfreuden und Fa⸗ milienſegen wieder in die Pfarrhauͤſer einzogen, Dir dankt es die ganze evangeliſche Chriſtenheit, daß ſie ihre Seelſorger auch als Gatten und Vaͤter achten und lieben darf! Nach dem einfachen Abendeſſen kam die Pfarrfrau auf des Paſtors Studirſtube, wie ſie ſonſt gewohnt war, und ſetzte ſich in dem bequemen Großvaterſtuhl ſtill nieder, wartend, bis der Paſtor, der noch immer an ſeiner Predigt beſſerte, Zeit gewinnen wuͤrde, um ihr, wie er von Anfange ſeines Eheſtandes her ge⸗ wohnt war, die Sonntagspredigt vorzuleſen.— Wie oft ſchon hatte er in der treuen Gattin den andaͤchtigſten Zuhoͤrer, und in ihrem klaren, chriſtlich reichen Gemuͤthe, in ihrem natuͤrlichen Takte einen treffenden Beurtheiler ſeiner Arbeit gefunden! Wie oft ſchon hatte ſie ihm ſo gegenuͤber geſeſſen, und ſeiner Rede gelauſcht, wie ſo freundlich ſtets ihn auf kleine Unvollkommen⸗ heiten aufmerkſam gemacht, ſo daß er ſie verbeſſern konnte; wie warm hatte ſie ihm, wenn er geendet, gedankt fuͤr den geiſtlichen 2 18 Troſt und die chriſtliche Erbauung, welche ihr befreundetes und offenes Herz aus ſeinen Worten geſchoͤpft; wie oft hatte ihre tiefe Andacht, ihre aus den lieben Augen leuchtende Begeiſterung fuͤr das Wort vom Kreuze den Paſtor gekraͤftigt, und den heili⸗ gen Eifer belebt, ſein alſo bewaͤhrtes Wort am andern Tage noch vertrauungsvoller ſeiner Gemeinde zu uͤbergeben.— „Gut daß Du kommſt, Mutter,“ ſagte der Paſtor jetzt, und druͤckte mit warmer Anhaͤnglichkeit der Gattin Hand,„es iſt mir immer eine große Beruhigung, wenn ich in Deinen Au⸗ gen leſen kann, ob das Wort meines Mundes das Herz meiner Zuhoͤrer zu finden weiß, wenn ich aus Deinem Munde vernehme, ob ich deutlich geſagt, was ich gewollt, ob ich die rechten, klaren Worte gefunden, um die glauͤbige Ueberzeugung meines Herzens auszuſprechen? Nie, Mutter, ſo oft ich auch gepredigt, gehe ich ohne Bangigkeit auf die Kanzel;— iſt's doch kein Kleines, zu reden an Chriſti Statt vor einer verſammelten Gemeinde;— „„Wird mir,““ ſo frage ich mich jedesmal ſelbſtpruͤfend,„„wird mir der Herr die Seelenthuͤr meiner Kirchkinder oͤffnen? Werden mir ihre Herzen vertrauend und glaubend entgegenkommen, um das Wort des Herrn aus meinem Munde als Sein eignes goͤtt⸗ liches Wort anzunehmen?— Werde ich mit meinen ſchwachen Kraͤften ein kraͤftiges Ruͤſtzeug meines Heilands, ein ernſter Verkuͤnder Seines Geſetzes, ein freundlicher Bote Seiner Gnade ſein?!““——„Hoͤre aufmerkſam zu, Mutter,“ bat der Paſtor dringend,„und verſchweige mir Nichts, was Dir auffaͤllt, oder mißfaͤllt, was Dir unklar oder ſchwankend erſcheint“— und auf⸗ und abgehend in der Stube, las er nun mit lauter Stimme ſeine Predigt vor.— „Deine Predigt hat mich ſehr angeſprochen,“ ſagte die Gattin, indem ſie aufſtand und dankend des Gatten Hand er⸗ griff.„Sie wird jedenfalls gefallen, ja, Du wirſt damit Auf⸗ ſehen erregen.“— „Mutter, Mutter,“ fiel ihr der Paſtor ſanft verweiſend in's Wort,—„was biſt Du mir heute fuͤr eine Beurtheilerin? Frage ich denn jemals, ob ich gefallen werde, beabſichtige ich denn Aufſehn zu erregen?— Wie oft habe ich doch ſchon als junger Candidat meine Hausleute getadelt, wenn ſie voll Lobes aus der Kirche kamen, und nicht muͤde werden konnten, von * 4 „„der ſchoͤnen Predigt““ zu ſprechen, die der Herr Paſtor heute gehalten, und doch nicht wußten, was er gepredigt! Ge⸗ 19 faͤllt doch manche Predigt, die gar Nichts taugt, wenn auch umgekehrt eine gute Predigt nie mißfallen wird.“— „Du mußt mich nicht mißverſtehen, Vaͤterchen,“ bat die Pfarrfrau,—„das Gefallen iſt nicht blos eine Redensart, Deine Predigt iſt mir wirklich ein Genuß geweſen. Je mehr mir eine Predigt gefaͤllt, deſto groͤßern Eindruck macht ſie; mir hat die Deine aber nicht nur gefallen, ſondern ich habe ſie ver⸗ ſtanden und behalten und mich herzlich daran erbaut. Sieh, Vaͤ⸗ terchen—“ und nun gab ſie in kurzen verſtaͤndlichen Worten den Hauptinhalt der Predigt wieder und hatte eine Menge er⸗ baulicher Gedanken daraus fuͤr ſich im Gedaͤchtniß und Herzen behalten!— „Ich hoffte das,“ ſagte der Prediger ruhig und mit leuch⸗ tenden Blicken—„und das iſt mein Stolz! Das iſt mir ſtets das hoͤchſte Lob fuͤr eine Predigt, wenn den Zuhoͤrern die Haupt⸗ gedanken derſelben klar vor der Seele ſtehen,— wenn ſie ihr inneres Leben mit Gott daran erbauet, ihre Liebe zu Gott, ihre Freude an Gott gekraͤftigt und gehoben fuͤhlen, oder wenn ſie mit dem feſten Entſchluſſe aus der Kirche gehen: —„ja, das will ich, weil ich gelernt habe, daß ichs ſoll; — ſo iſts, ſo muß es ſein;— ich glaube aus eigner Ueberzeugung, weil ich nicht anders kann.“— Schooͤnrednerei erbaut und beſſert allein ebenſo wenig als das Bemuͤhen, Thraͤ⸗ nen den Zuhoͤrern zu entlocken. Die bloßen ſchoͤnen Worte ohne Gedanken und die empfindelnden Thraͤnenpredigten machen keinen Menſchen glauͤbiger und frooͤmmer. Das Wort Got⸗ tes, das da lebendig iſt und kraͤftig und ſchaͤrfer denn kein zweiſchneidiges Schwert muß auch mit eindringlicher Kraft gepredigt werden!“— „Ja wohl,“ ſagte die Gattin,„und ich weiß nicht, wie ich mich ausdruͤcken ſoll, es liegt doch auch etwas in der auͤßern Redeform der Predigt.— Du verſtehſt ſo eindringlich zu reden, verſtehſt die Zuhoͤrer ſo zu faſſen und zu ergreifen, ſie muͤſſen aufmerken, ſie muͤſſen zu Dir hin— Deine Rede zieht ſie.— Es iſt auch Gottes Wort, wenn mir Jemand in trockner Rede und mit einſoͤrmiger Stimme eine glauͤbige, wahre, aber lang⸗ weilige Abhandlung vorlieſt; aber, ich kanns nicht aͤndern, mich ergreifts nicht, mich ruͤhrts nicht, und der Geiſt Gottes weht mich daraus nicht an.“— „Lobe mich nicht, Mutter,“ unterbrach ſie der gewiſſen⸗ 2* 20 hafte Mann,„ich weiß am Beſten, wie viel meinen Arbeiten noch fehlt, und wie wenig ich noch mit ihnen zufrieden ſein kann. Und je mehr man von mir erwartet, deſto ſchwaͤcher kommt mir meine Kraft vor, und ich erſcheine mir immer um ſo kleiner, je tiefer ich in den Sinn der unerreichbaren Predigten deſſen eindringe, der der Weg, die Wahrheit und das Leben iſt.“— „Du urtheilſt zu beſcheiden von Dir, guter Mann,“ ver⸗ ſetzte die Pfarrfrau.„Du giebſt ja keine trockene Auseinander⸗ ſetzung, keine langweiligen, ermuͤdenden, breiten Redensarten, — nein, das Herz ſpricht bei Dir— und was aus dem Her⸗ zen heraus ſo warm und innig geſprochen wird, das dringt wie⸗ der zum Herzen. Ich werde viel, viel leichter uͤberzeuget, wenn ich in Miene, Ton und Geberdenſpiel ſehe, daß der Prediger ſelbſt uͤberzeugt iſt von dem, was er ſagt! Darum gefaͤllt mir auch unter eines Geiſtlichen Bild die Unterſchrift ſo ſehr: Ich glaube, darum rede ich!“— „Aber gehe nun, Mutter,“ ſagte der Prediger ſanft,„auf daß ich ungeſtoͤrt noch einmal die Predigt durchdenken kann.“ Die ganze Predigt, Gedanke fuͤr Gedanke, ſchwebte an ſeiner Seele nochmals voruͤber. Er freute ſich, darin eine Be⸗ ſtaͤtigung zu finden, daß er klar und folgerichtig gedacht, und das Gedachte beſtimmt und verſtaͤndlich ausgedruͤckt habe, und er fuͤgte der Predigt das Amen aus vollem Herzen hinzu. Da uͤberraſchten ihn des Abendlieds ſanfte Toͤne, welche aus der Unterſtube herauf in das ſtille Studirſtuͤbchen drangen, worauf Alles ſtill ward im ganzen Hauſe. Jedes hatte ſein Lager aufgeſucht; nur in des Paſtors Zimmer brannte noch die kleine Studirlampe und beleuchtete das ernſte Antlitz des edlen Prieſters. Immer heitrer wurden deſſen Zuͤge, denn ſeine Ge⸗ danken wurden zum Gebet. Seine Lippen bewegten ſich leiſe, und ſein Herz ſprach heilige innige Worte der Fuͤrbitte und des lehens fuͤr ſeine Gemeinde und fuͤr des heiligen Amtes Segen, das die Verſoͤhnung predigt. Und der Herr allein hoͤrte die hei⸗ ligen Geluͤbde des fuͤr ſeinen Beruf begeiſterten Mannes, der bei ſtrenger Selbſtpruͤfung demuͤthig zwar ſeine Schwachheit an⸗ erkannte, aber in der innigen, glauͤbigen Gemeinſchaft mit dem Herrn die Kraft ſuchte, die keiner mehr bedarf, als der, der Viele rufen ſoll zur Gerechtigkeit.— Auch der Pfarrer hatte ſich zur Ruhe begeben, und das letzte Licht im Pfarrhauſe loͤſchte aus. Alles ſchlief; das Dorf ruhte in ſuͤßem Schlummer; aber der Huͤter uͤber Iſrael breitete Seine Fittige ſegnend und beruhigend aus uͤber die im Gebete entſchlafenen Chriſten! Alle die frommen Schlaͤfer hatten, was ſie erbeten,— Ruhe und Frieden am Vorabende des Sabbaths.— Es iſt doch ſchoͤn, wer mit Gebet zum Allvater ſanft und ruhig entſchlaͤft!— Alles ſchlaͤft, wenn der Sabbath Gottes anbricht und viel⸗ leicht Niemand, außer den Kranken der Gemeinde, bemerkt wachend das Beginnen des heiligen Sonntags. Sie ſchlafen Alle. Ja ſo gehen auch wir durch den Schlaf des Todes hin⸗ uͤber in die ewige Sabbathsruhe! Wenn das Auge fuͤr die Welt ſich ſchließt, und der Koͤrper zum ewigen Schlafe ſich niederlegt, — dann bricht der ewige Tag an fuͤr die unſterbliche Seele. Gleich Morgenroth und Morgenſonne wird die Herrlichkeit des ewigen Lebens aufgehen uͤber den Schlafenden, und die Mor⸗ genglocken der himmliſchen Kirche zu hoͤherem Lob und Preiſe die mit himmliſchen Leibern geſchmuͤckten Seelen rufen, wenn einſt der Herr die Gefangenen aus Zion erloͤſen wird aus den Banden des irdiſchen Seins.— Trauͤmend werden wir unſre Augen aufſchlagen und fragen: Huͤter, Huͤter iſt die Nacht ſchier hin? Und die Antwort wird der himmliſche Morgengruß ſein:„Ja, die Nacht iſt vergangen und der Tag iſt wieder herbeigekommen!“—— Wie heilig iſt doch die Sonntagsnacht! Wie ſelig iſt die Ruhe, und wie ſelig das Erwachen am Sonntag fruͤh fuͤr den frommen Schlaͤfer. Ob man wohl noch lange dieſe heilige Nacht entweihen wird durch Tanz und Spiel, und wuͤſtes, to⸗ bendes Laͤrmen der Geigen und Trompeten und das Jubeln der Menge! Ob man wohl noch lange in chriſtlichen Staͤdten und Staͤdtchen hinuͤber tanzen wird und hinuͤber toben und ſchwaͤrmen in des Sonntags Feierſtunden, um dann, als noth⸗ wendige Folge, das Sonntags⸗Morgengebet und Gottesdienſt zu vertrauͤmen und zu verſchlafen?——— 1 II. Noch glaͤnzte des lieblichen Morgenſternes bleicher und blei⸗ cher werdendes Licht an dem ſich roͤthenden Himmelz Alles war ſtill; Sabbathruhe auf der weiten Flur; die ganze Natur ſchien den Ruf gehoͤrt zu haben: Bereitet dem Herrn den Weg! Und bald ſchaute auch die Morgenſonne in das Schlafſtuͤbchen des Pfarrers herein. Da ertoͤnten die Glocken vom Thurme, als Klaͤnge aus dem Reich der Gnade, um den erſten Tag der Woche,— den Tag, an welchem der Herr einſt von den Todten erſtand, als einen heiligen Tag der ganzen weiten Chriſtenheit, — ja Aller Chriſten Sonntag, zu weihen, einzufuͤhren mit dem Segenswunſche: Mache Dich auf, werde Licht! Der Pfarrer war laͤngſt in ſeine Studirſtube gegangen, als es jetzt auch in dem uͤbrigen Hauſe lebendig ward.— Es war ihm ein wohlthuendes Gefuͤhl, zu wiſſen, auch die Seinen hatten das Lager nicht verlaſſen, ohne zu beten und zu danken, und eben ertoͤnte aus der Unterſtube herauf der Morgengeſang ſeiner Kinder in der Weiſe des Liedes:„Wie ſchoͤn leuchtet der Morgenſtern,“ und die Morgenglocken klangen laut dazwiſchen: „Lobe den Herrn meine Seele, und was an mir iſt Seinen heiligen Namen.“ Es iſt etwas Herrliches um die Ruhe eines Sonntags⸗ morgens, zumal auf dem Lande. Kein Wagengeraſſel, kein Laͤrmen vielbeſchaͤftigter, gewinnſuͤchtiger Menſchen ſchlaͤgt an das Ohr, und ſelbſt die Thiere haben Ruhe. Das vielgeplagte Roß, der muͤde Zugſtier, des Muͤllers abgetriebene Sacktraͤger, wie der treue Hund des armen Kaͤrners, ſie alle ſtehen daheim und feiern ihren Sabbath.— Keine Art ertoͤnt im Walde, das ſcheue Wild verjagend, keine Senſe ſtoͤrt die Lerche im Korn, und die Fiſchlein ſpielen ruhig im klaren Waſſer, nicht beun⸗ ruhigt durch das Klappern der Muͤhlen im Thale. Ueberall Ruhe,— Schweigen,— damit das Auͤßere ein Bild des In⸗ nern ſei, und Alles ſcheint uns zuzurufen: Menſchenkind, ruhe und bete!— Noͤgen buͤrgerliche Geſetze auch in gewiſſen Faͤllen die Entheiligung des Sabbaths erleichtern, und den Sabbaths⸗ ſchaͤnder ungeſtraft laſſen; ſollte es wohl noͤthig ſein, den Chri⸗ ſten erſt durch Strafen abzuhalten, außer den Werken der Noth und der Liebe, den Feiertag nicht durch die Feldarbeit und durch 22——— —— 82— ⏑—9„— 25 andere Handthierung im Hauſe und Geſchaͤfte zu entweihen? Sollen nur buͤrgerliche Geſetze dem vielgeplagten Dienſtboten, wie dem Geſellen und Lehrling,— ja ſelbſt dem Thiere, das das Brod verdienen hilft, Einen— nur Einen Ruhetag in der Woche ungeſchmaͤlert erhalken koͤnnen?— Nein, nein, die Heilighaltung des Sabbaths ſollte, ganz abgeſehen von buͤrger⸗ lichen Geſetzen und Sonntagsmandaten, eine Ehrenſache eines chriſtlichen Volkes ſein;— freiwillig ſollte es den Feiertag hei⸗ ligen, denn es iſt ein Tag des Herrn,— ein Tag der Anbe⸗ tung, der Betrachtung fuͤr Alle, der Ruhe und der Erquickung fuͤr Alle, die ohne des Sonntags wohlthaͤtigen Zwang arbeiten muͤßten. Dieſelben Glocken hatten den Sonntagsmorgengruß der ganzen Gemeinde zugerufen, und uͤberall bereitete man ſich in⸗ nerlich und auͤßerlich zum Kirchgange. Auch in dem Bauernhofe des alten Brenz war ſchon lange Alles lebendig. Der Alte und ſein Sohn Chriſtian wollten heute communiciren. Schien es doch, als wenn der Alte meinte, die geſtrigen Suͤnden auf dieſe Weiſe am bequemſten und ſchnell⸗ ſten wieder los werden zu koͤnnen! Mit aͤngſtlichem Eifer hatte er dem lieben Gott ein langes Morgengebet vorgebetet, obſchon ſein Seele nicht dabei war, und ſich fuͤr heute ſtreng allen leib⸗ lichen Genuß verſagt. Aber die leibliche Uebung und der auͤßere Gottesdienſt iſt wenig nuͤtze, wenn ſie nicht das wirken, was ſie wirken ſollen, naͤmlich die Gottſeligkeit, die zu allen Dingen nuͤtze iſt und die Verheißung dieſes und des zukuͤnftigen Le⸗ bens hat!— Der alte Brenz und ſein Sohn Chriſtian waren nach der Morgenandacht allein in der Stube zuruͤckgeblieben. „Ich habe fuͤr Dich eine Frau ausgeſucht, Chriſtian,“ ſagte jetzt der Alte, und verſuchte heiter zu ſein,„eine reiche Frau, Chriſtian!“ Chriſtian wurde bleich und ſchwieg betroffen. „Chriſtian,“ ſagte der Alte,„Tag und Nacht denke ich daran, wie ich euch gluͤcklich machen kann. Dein Bruder Au⸗ guſt hat ſein Gluͤck gemacht, ſeine Frau bekommt einmal ein ſchoͤnes Gut! Nun kommſt Du daran! Du nimmſt des reichen Gaſtwirths Daniel Tochter. Sie hat Geld; Geld regiert die Welt; und zur Einrichtung kriegſt Du von mir das Kaufgeld von Thomaſens Hauſe.“— 1 24 Kopfſchuͤttelnd hatte der Sohn zugehoͤrt,„Ich mag noch nicht heirathen,“ ſagte er. „Nichts da, keine Einwendungen!“ rief barſch der Alte. Vergebens verſuchte Chriſtian den Plan dem Vater aus⸗ zureden; der Alte hatte fuͤr Alles eine Entgegnung, bis endlich der Sohn aufs Auͤßerſte getrieben ausrief:„Nun, ſo will ich's Euch ſagen, warum ich nicht kann. Ich habe der Eliſabeth, die beim Georg dient, die Ehe verſprochen.“ 8 „Wie“ rief der Alte,„der Tochter des alten Thomas, des Todtengraͤbers? Du haſt Dich unterſtanden?— Doch, Ehever⸗ ſprechen gelten Nichts mehr!“ „Ja vor der Obrigkeit,“ entgegnete Chriſtian ernſt,„aber vor dem lieben Gott?“— Der Alte mochte auf dieſen Einwand nicht hoͤren; er bat, fluchte und drohte.„Wie,“ rief er,„habe ich deßhalb Alles, Alles daran geſetzt, um Euch reich zu machen, daß ihr arme Dirnen heirathen ſollt? Habe ich nicht Tag und Nacht gearbei⸗ tet, geknauſert und geſammelt, damit Ihr einmal Euer Gluͤck machen ſollt? Aber mein Geſammeltes allein langt nicht aus! Hat nicht Dein Bruder eine reiche Frau? Hat man ihn nicht zum Gemeindevorſtand gewaͤhlt? Hat er nicht Alles, was er wuͤnſcht?— Nein, Du darfſt nicht ſchlechter leben, als Dein Bruder! Willſt Du betteln gehn mit Deiner Frau?“ „Aber Vater,“ unterbrach ihn der Sohn,„das Maͤdchen ſoll Mutter werden;— ich hab' mir's nicht getraut, es Euch zu ſagen.“ „Auch das noch?“ wuͤthete der Alte, und ergoß ſich in eine Fluth von Schmaͤhungen uͤber das ungluͤckliche Maͤdchen.„Aber das laͤßt ſich Alles machen,“ ſetzte er ruhiger hinzu—„ein Stuͤck Geld“— Mit Abſcheu wendete Chriſtian ſich ab, und wollte die Stube verlaſſen.— „Geh nur, geh nur, ſo enterbe ich Dich!“ rief der Vater wuͤthend.„Du kannſt Dein Maͤdel nehmen, aber von mir bekommſt Du keinen Heller! Hungere, wenn Du nicht willſt ein reicher Mann ſein!— Ihr muͤßt reich werden, ich ſetze Alles daran,— Alles,— meine ewige Seligkeit! Ich habe ſchon viel geſuͤndigt, Gott weiß es, nur um Euretwillen; aber ich will, ich muß Euch gluͤcklich ſehen.“— „Gluͤcklich?“ ſagte Chriſtian bitter— vielleicht fuͤhlte er, 23 wie wenig der Vater verſtand, was zum Gluͤcke gehoͤrte, aber er zauderte,— er ſchwieg, und der gute Engel wich von ihm. Die Ueberredungskuͤnſte des Vaters, der Vater ſelbſt, war der boͤſe Geiſt, der ihn vom Pfade des Rechts und der Pflicht ab⸗ lockte. Das Geſpraͤch war ſchon ſo weit gediehen, daß der Sohn den Vater verſprochen hatte, die Verbindung mit der Eliſabeth von Stund' an abzubrechen, und noch heute Nachmittag die Verlobung mit der reichen Gaſtwirthstochter beim Pfarrer anzuzeigen, als das zweite Lauten ſie unterbrach, und Beide nun forteilten, um nicht zu ſpaͤt zur Beichte zu kommen. Es war ein herrlicher Juniusmorgen, als die beiden Maͤn⸗ ner hinausſchritten; aber keiner von Beiden beachtete das in der Morgenſonne wie Diamanten blitzende, bethauete Gras, nicht die friſchen Wieſen voll Blumen und die gruͤnen Bauͤme, nicht den Geſang der Voͤgel, nicht die Kirche, deren Thurm im Hin⸗ tergrunde uͤber dem weißen Dufte, der das Thal bedeckte, aus den gruͤnen Bauͤmen hexvorragte! Noch lauteten die Glocken! Ernſt, erſchuͤtternd klang ihr Ton durch die Seele, als ſollte der innere Menſch mit den in der blauen Luft verklingenden Toͤnen in die unendlichen Rauͤme, in den blauen Himmel, naͤher zu dem allgegenwaͤrtigen Gotte, hingezogen werden. Aber wo die Andacht fehlt, da koͤnnen auch ſolche Toͤne kein goͤttliches Leben wecken. Der alte Brenz, ganz verſunken in ſeine eigennuͤtzigen Gedanken, dachte beim Lauten nur an den, der die Glocken zog, den alten Thomas, und bemerkte nur verdrießlich:„Es iſt mir doch recht unlieb, daß ich den Thomas aus dem Hauſe vertrieben habe; nun wird er gewaltige Geldforderungen machen wegen des Maͤdchens.— Du brauchſt Dir uͤbrigens kein Gewiſſen daraus zu machen,“ ſagte er, zu ſeinem Sohne gewendet,—„die Eliſabeth iſt ja meine Schweſtertochter, alſo zu nahe verwandt mit unsz dieſe Heirathen ſind ja verboten.“— Es war des Gewiſſens Stimme, dieſe Alte durch vorgebliche Gewiſſenhaftigkeit zu uͤbertauͤben uchte!—. Wie war doch um ſie herum Alles ſo gruͤn und friſch; wie bluͤhten und dufteten um ſie her in Fruͤhlingsſchoͤne Bauͤme, Fluren, Gaͤrten und Felder! das Alte, der Winter, war vergan⸗ gen und die Erde wieder geboren zu einem neuen Leben; aber in den Herzen der beiden Maͤnner, die durch die neu belebte 26 Natur hinſchritten, kalt und theilnahmlos, wollte noch kein neues ſittliches Leben beginnen.— Sie traten andachtslos in die ſtille Kirche, ſie beteten ge⸗ dankenlos das erſte Vaterunſer; wie konnte ihr Gebet erhoͤret werden, da die ſelbſt es nicht hoͤren wollten, die da beteten? Da trat der Prediger vor den Altar; ernſt wendete er ſich zu den Abendmahlsgenoſſen. „Iſt Jemand in Chriſto, ſo iſt er eine neue Crea⸗ turz ſehet, das Alte iſt vergangen, es iſt Alles neu ge⸗ wordenz mit dieſen Worten der Schrift,“ ſagte der Paſtor mit Ausdruck,„begruͤße ich Euch meine lieben Beichtkinder, heute, an dieſem herrlichen Fruͤhlingsmorgen, an dem Altare Eures Heilandes. Siehe das Alte iſt vergangen, es iſt Alles neu ge⸗ worden, ſo ruft die Erde uns zu in der herrlichen Zeit, von der die Schrift ſagt: Siehe der Winter iſt vergangen, der Regen iſt weg und dahin, die Blumen ſind hervorge⸗ kommen im Lande, der Lenz iſt herbeigekommen und die Turteltaube laͤßt ſich hoͤren in unſerm Lande. Der Feigenbaum hat Knoten gewonnen, die Weinſtoͤcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch. Stehe auf!— Ja, Alles ringsum im Reiche der Natur ge⸗ ſtaltet jeden Lenz ſich neu und anders; nur der Menſch bleibt derſelbe mit ſeinen Sorgen, ſeinen Fehlern. O, daß es doch auch fuͤr jedes Menſchenherz in ſittlicher Erneuerung und frucht⸗ barer Lebensaͤnderung einen Fruͤhling gaͤbe, als Anfang eines dauernden, heiligen Geiſteslebens, das nicht wieder in kalten Winterſchlaf zuruͤckfallen koͤnnte! Erſcheinen nicht gerade in den — Fruͤhlingstagen jene kirchlichen, ſchoͤnen Feſte, welche des Auf⸗ erſtandenen Wiedererſcheinen auf Erden feiern, dieſe vierzig Tage zwiſchen Oſtern und Pfingſten, in welchen der Herr Chriſtus bei uns gleichſam von Neuem einkehrt, um uns zu ermahnen, daß auch in uns das Alte vergangen ſein, und Alles neu werden muͤſſe? Gras und Blumen wachſen hervor, der Schmet⸗ terling kriecht aus ſeiner Huͤlle, der Zugvogel verlaͤßt die Win⸗ terquartiere,— Alles jubelt und freut ſich des neuen Lebens; nur der Menſch, weil er hoͤher ſteht, als die Natur und ihre Gebilde, er allein fuͤhlt keine noͤthigende Veraͤnderung in ſich, er allein kann das ſein und bleiben, was er war, der ſorgen⸗ volle, verdrießliche, der ſuͤndige Menſch!— Leider benutzen ſo Viele dieſes Vorrecht eines vernuͤnftigen freien Geſchoͤpfs! Mag 27 auch der warme Fruͤhlingshauch koſend um die Schlaͤfe ſpielen, mag auch die Bruſt freier athmen, und Arm und Fuß ſich le⸗ bendiger in der klaren Fruͤhlingsluft bewegen, dieſes Wehen des die Natur belebenden Hauches Gottes trifft nur des Men⸗ ſchen Auͤßere, und er bleibt derſelbe kalte, elende, ſuͤndige Menſch, wenn nicht ein anderer Hauch Gottes, aus dem Morgenlande heruͤberwehend, die Seele belebend durchdringt, wenn nicht der heilige Geiſt aus Chriſti Wort und Chriſti Leben, wenn nicht Sein Zuruf: Es ſei denn daß Jemand von Neuem gebo⸗ ren werde, ſo kann er in das Reich Gottes nicht ein⸗ gehen, in dem Menſchenherzen den rechten Geiſtesfruͤhling, das rechte frohe, ſelige Chriſtenleben erzeugt, welches nicht wieder vergeht, worauf kein Winter, ſondern nur ein Sommer mit reichen Fruͤchten des Glaubens und der Liebe folgt, bis ſie alle dahin kommen, wo der ewige Fruͤhling iſt, zu Gott, bei dem kein Wechſel des Lichts und der Finſterniß! Nur wer dieſes innere goͤttliche, froͤhliche Geiſtesleben kennt, nur der verſteht und genießt recht die Freuden ohne Zahl, mit welchen Gott ſeine ſchoͤne Erde jaͤhrlich uͤberſchuͤttet, Freuden an denen der Welt⸗ menſch veraͤchtlich, gedankenlos voruͤbergeht, Freuden von denen nur der Suͤnder ausgeſtoßen iſt, weil ſein, Herz fuͤr Gottes Herrlichkeiten unempfaͤnglich iſt.— Und Ihr, meine Lieben, wollet Ihr nicht heute eben an dem Tiſche des Herrn Euch ſtaͤrken zu dieſem neuen Leben? Er will ſich Euch von Neuem geben unter Brod und Wein, Euer Herr und Heiland, Sein himmliſches Leben will Er in Euern Herzen neu entzuͤnden, Er will Euer werden, das Ihr Sein ſeid, daß das Leben des Eingebornen immer mehr hinein⸗ gebildet werde in Euer Herz und Leben, und Ihr in Chriſto werdet eine neue Creatur! Aber wo Chriſtus iſt, da kann die Suͤnde nicht ſein; wenn Chriſtus Euer werden ſoll, dann muß erſt das Alte vergan⸗ gen ſein und auch in Euch Alles neu werden. Denn iſt Jemand in Chriſto, ſo iſt er eine neue Kreatur! Siehe das Alte iſt vergangen, es iſt Alles neu geworden. „O, meine Lieben,“ rief der Prediger bewegt,—„iſt denn wirklich auch in Euch das Alte vergangen? Iſt in Euch auch Alles neu geworden? Pruͤfet Euer Inneres, Geliebte, wer⸗ det Euch klar uͤber das, was Ihr ſeid und was Ihr ſein ſollt, hier, vor dem Allwiſſenden, in der heiligen Beichte.— Frage Dich ſelbſt, und ſieh, wie Luther im Katechismus ſagt, Deinen Stand an nach den heiligen zehn Geboten, ob Du Vater, Mut⸗ ter, Sohn, Tochter— ſeiſt, ob Du ungehorſam, untreu, un⸗ lleißig, zornig, unzuͤchtig, gehaͤſſig geweſen ſeiſt. Biſt Du un⸗ gehorfam, untreu, zornig, unzuͤchtig geweſen?— Herr, wir liegen vor Dir mit unſerm Gebet nicht auf unſre Gerech⸗ tigkeit, ſondern auf Deine große Barmherzigkeit! Wie vieles Alte, wie viele ſuͤndige Angewohnheiten, Leidenſchaften, Wuͤnſche ſind noch in uns zu beſſern, zu lauͤtern, umzuſchaffen, neu zu machen? Ja, wir ſprechen es laut aus, das Bekenntniß unſerer Suͤnden, denn da ich's wollte verſchweigen, verſchmachteten meine Gebeine. Darum bekenne ich meine Suͤnden und ver⸗ hehle meine Miſſethat nicht; da vergibſt Du mir die Miſſethat meiner Suͤnde. Willſt Du's verſchweigen? Tretet herzu zum Altar des Herrn, demuͤthiget Euch vor Gott auf den Knieen, und legt Euer Suͤndenbekenntniß ab vor Gott dem Allwiſſen⸗ den und dieſer Gemeinde, und ſprechet: Allmaͤchtiger Gott, barmherziger Vater, ich armer, elender, ſuͤndhafter Menſch be⸗ kenne Dir alle meine Suͤnden“ u. ſ. w.— Der Geiſtliche hatte geendet und die Abſolution geſprochen, aber noch ein Mal erhob er ſeine Stimme.„Ich habe Euch die Vergebung Gottes verkuͤndet im Namen Chriſti. Ihr, die Ihr den guten, ernſtlichen Vorſatz habt unter den Beiſtande Gottes, des heiligen Geiſtes, Euer ſuͤndiges Leben hinfort zu beſſern, Ihr, in denen das Alte vergangen, und Alles neu ge⸗ worden iſt, Ihr werdet mit ſeligen Gefuͤhlen ausrufen: Meine Suͤnden ſind mir vergeben!— Ihr aber, die Ihr Euch nicht heiligen laſſen wollt vom Geiſte Gottes, Ihr die Ihr die alten, ſuͤndigen Menſchen bleiben wollt, habt keine Vergebung!—— Herr, Herr, o ſo gieb doch Du, daß Viele, recht Viele aus Herzensgrunde mir nachrufen moͤchten: Siehe, das Alte iſt vergangen, es iſt Alles neu geworden. Amen.“ Der Prediger hatte den Altar verlaſſen und des Schulleh⸗ rers wohlklingende Stimme begann jetzt das Morgenlied: „Aus meines Herzens Grunde Sing ich Dir Lob und Dank In dieſer Morgenſtunde Und jetzt mein Lebenlang!“— Wie verſchieden war doch dieſer Herzensgrund, aus dem Gottes Lob jetzt erſchallte; aber wo es wirklich aus dem Her⸗ 29 zen kam, ſo war es doch das Gefuͤhl des Lobes und Dankes gegen den Vater der Liebe, der am Morgen nicht blos das leib⸗ liche Leben neu gegeben, ſondern auch in gar Mancher Herzen, durch Seinen Diener, die Anfaͤnge jenes neuen Lebens ge⸗ weckt hatte, fuͤr welches man Gott in Ewigkeit dankt, und nie genug danken kann. Und dieſes Eine Dankesgefuͤhl ward belebt und gehoben in allen dieſen durch die kirchliche Gemeinſchaft, durch die Verbindung der Toͤne zu melodiereichem Geſange, und durch den ſie begleitenden und alle anderen Gedanken aus der Seele gleichſam hinaustreibenden Orgelton. Gedankenlos ſang der alte Brenz das herzliche Loblied; ſein Gefuͤhl war durch langes Leben ohne Gott abgeſtumpft, und weder die Worte, noch die eindringliche Choralmelodie, mach⸗ ten einen Eindruck auf ſein Herz, um welches die Geldliebe eine dicke Rinde gelegt, in welchem das Alte die Oberhand gewon⸗ nen hatte. Das Singen, Kirchengehen, Beten, Abendmahls⸗ genuß war ja ſein einziger Gottesdienſt, durch welchen er ſich Gottes Segen zu erwerben dachte! Heute ſtoͤrte ihn nur ein wenig in ſeiner Selbſtgenuͤgſamkeit ſein Sohn Chriſtian, der bleich und verſtoͤrt in dem Kirchenſtuhle neben ihm ſaß. Den jungen Mann hatte des Predigers Wort tief erſchuͤttert; er fuͤhlte ſich getroffen von der ſtrengen Wahrheit des goͤttlichen Wortes. Siehe das Alte iſt vergangen, es iſt Alles neu gewor⸗ den! ſo klang es immer wieder in ſeinem Herzen, und ſtill wie⸗ derholte er ſich immer wieder des Beichtigers Wort:„Euch, die Ihr den guten, ernſtlichen Vorſatz habt, Euer ſuͤndliches Leben forthin zu beſſern!“ „War er nicht mit dem Vorſatze, forthin zu ſuͤndigen, an den Altar getreten? O, er fuͤhlte es deutlich in ſeinem Innern, ihm war nicht vergeben, die Abſolution fuͤr ihn nicht geſpro⸗ chen! Es draͤngte ihn faſt, hin zu gehen, und dem Geiſtlichen, der ja ein ſo guter, theilnehmender, in Gottes Wort erfahrner Mann war, ſeinen Seelenzuſtand zu eroͤffnen, ſeine Schuld ihm zu beichten. Er fuͤhlte, daß er ganz beſonderen Rathes, Tro⸗ ſtes, beſonderer Ermunterung beduͤrfe;— aber die Privatbeichte war ſeit laͤngerer Zeit in der Gemeinde abgeſchafft, und er ſchaͤmte ſich, ſo Ungewoͤhnliches zu thun. Der Geiſtliche hatte zwar oft ausgeſprochen, wie gern er bereit ſei, Alle, die ein be⸗ ſonderes Anliegen auf dem Herzen haͤtten, beſonders anzuhoͤ⸗ ren, und ſogar fuͤr dieſe Privatbeichte beſondere Stunden be⸗ 50 ziemlich eingegangene alte Sitte wieder aufbraͤchte. Dumpfen Sinnes blieb er in ſeinem Kirchenſtuhle ſitzen, Geſang, Gebet 4 und Predigt rauſchten an ſeinen Ohren voruͤber, und in ſtumpfer Gleichgiltigkeit ging er mit ſeinem Vater nach Hauſe, entſchloſſen, in deſſen Willen ſich zu fuͤgen.— Unter den Communikanten war auch die Frau von Chri⸗ ſtians Bruder, Auguſt, die Tochter des Bauers Georg. Die arme Frau hatte rothgeweinte Augen und ihr niedergedruͤcktes Auͤßere verrieth einen innern Kummer.„Iſt Ihr Mann nicht ſtimmt; Chriſtian wollte nicht der Erſte ſein, der dieſe leider mit?“ ſo hatte der Pfarrer ſie fruͤh gefragt, als ſie ſich zur Beichte meldete; truͤbe hatte ſie den Kopf geſchuͤttelt, und die Thraͤnen waren ihr in die Augen getreten. Wie gern haͤtte ſie der Pfarrer gefragt, wie gern ihr ein Wort des Troſtes allein geſagt; aber ſie war nicht allein, und er mußte ſchweigen. Theilnehmend fragte der Pfarrer nach der Kirche den alten Georg, der das Amt eines Kirchvaters ſeit vielen Jahren ge⸗ wiſſenhaft verwaltete, nach dem Kummer ſeiner Tochter. Georg runzelte die Stirn.„Herr Paſtor,“ antwortete er,„es iſt nicht Alles Gold was gleißt.“ „Wie ſo?“ fragte der Paſtor. „Sehen Sie, Herr Paſtor,“ verſetzte Georg,„die Heirath 2 meiner Tochter mit dem Auguſt Brenz, dem jetzigen Gemeinde⸗ vorſtand, wurde fuͤr ein großes Gluͤck ausgeſchrieen; aber— der hinkende Bote kommt nach.— Meine Frau hat die Heirath durchgeſetzt; ich wollte nicht, unds Maͤdel wollte auch nicht. Sehen Sie:„Gezwungene Liebe und gefaͤrbte Schoͤnheit hal⸗ ten die Farbe nicht?“— 2 „Und das iſt der Kummer Eurer Tochter—“ „Nun das ſo eigentlich nicht,“ bemerkte Georg;„ſie hat ſich in ihren Stand hineingefunden, und haͤlt ihren Mann in allen Ehren; aber der Mann taugt Nichts— Voll macht toll! — Naſchen macht leere Taſchen!— Was aber das Schlimmſte iſt, der Mann hat keine Religion.— Art laͤßt nicht von Art! — Sie kennen doch den alten Brenz. Der mag auch heute bei der Communion ſchoͤn andaͤchtig geweſen ſein, nachdem er ge⸗ ſtern erſt ſeine Schweſter aus dem Hauſe geworfen hat! Bei denfhe mit Recht: Lang Mundwerk, ſchlechter Gottes⸗ ienſt.“—— 31 „Es iſt doppelt traurig,“ meinte der Paſtor,„daß der Auguſt Brenz gerade als Gemeindevorſtand ein ſo irreligioͤſer Mann iſt. Wenn gerade die Angeſeheneren in der Gemeinde die Religion wie die Kirche und ihre Diener verachten, ſo wirkt das hoͤchſt nachtheilig auf die niedriger Stehenden ein, von de⸗ nen Viele ſo gern aus Liebedienerei, oder auch aus bloſer Nach⸗ ahmungsſucht, den Vornehmern es nachmachen, und ihnen auch in Nichtachtung des kirchlichen Lebens folgen! Seit Jahren iſt der Brenz nun nicht zum heiligen Abendmahl gekommen; das betruͤbt mich eben ſo ſehr, wie ſeine Frau. Thaͤte Er es auch nur des Beiſpiels wegen, ſo gaͤbe er doch Anderen keinen Anſtoß, ja ſo waͤre doch auch fuͤr ihn ſelbſt nicht alle Gele⸗ genheit abgeſchnitten, daß der feierliche Ernſt einer heiligen Hand⸗ lung einmal unwillkuͤrlich ſein Herz ergriffe, und fuͤr chriſtliches Leben neu begeiſterte! Wie unrecht iſts doch, kirchliche, gottes⸗ dienſtliche Handlungen zu verachten, deren Werth und Segen man nicht kennt, nicht kennen lernen will, und kirchlichen An⸗ dachtsuͤbungen alle Wirkung abzuſprechen, an denen man gar nicht Theil nimmt, deren Werth oder Unwerth man alſo min⸗ deſtens aus eigner Erfahrung nicht zu beurtheilen verſteht! Wie unrecht iſt es, weil man ein Mal oder mehrere Male in der Kirche keine Erbauung gefunden zu haben glaubt, die Kirche gar nicht mehr zu beſuchen, oder weil man einige Geiſtliche nicht achten konnte, deßhalb alle Prediger, das Predigtamt und Wort Gottes dazu zu verachten!— Da iſt mir der alte Brenz immer noch lieber—“ „Aber Der kommt aus bloſer Gewohnheit, Herr Paſtor,“ unterbrach ihn Georg,„fuͤr den ſeine Religioſitaͤt gebe ich keine taube Nuß— „Iſts doch immer beſſer, als wenn er gar nicht kommt?“ eiferte der Paſtor.„Er geht dem Worte Gottes nicht aus dem Wegez es iſt doch dann moͤglich, daß der Herr auf irgend eine Weiſe einen Weg in ſein Herz finde!— Aber Eure Tochter bedaure ich!“ „Die Reue iſt ein hinkender Bote und kommt hintennach,“ verſetzte Georg.„Ich habs gleich geſagt, obgleich mans da⸗ mals noch nicht wiſſen konnte, aber der junge Kerl ſchmiß das Geld weg, wie Heu. Was ein Haͤkchen werden will, kruͤmmt ſich bei Zeiten. Wenns nur bei dem nicht auch wahr wird: Junge Schlemmer, alte Bettler.— Und was nun noch dazu kommt, Herr Paſtor,“ ſagte er leiſe,„ſo ſind wir nicht recht Eins, ich und mein Schwiegerſohn; Er will immer Geld ha⸗ ben von mir, Er war geſtern deßhalb bei mir; aber ich bin gar kein reicher Mann! Er hat ſich gewaltig geſchnitten, wenn er das gedacht hat. Ich habe viele Kinder und muß mich nach der Decke ſtrecken.— Ein guter Name iſt auch ein ſchoͤnes Heirathsgut,— und das hat meine Tochter mitge⸗ bracht, das hab ich ihm geſtern geſagt. Nun mags zu Hauſe bittre Worte geſetzt haben, und mein armes Toͤchterchen wird wohl haben den Kuͤrzern ziehn muͤſſen.“— „Unterſtuͤtzt denn der alte Brenz nicht ſeine Soͤhne!“ warf der Paſtor ein. 1 „Ja, Herr Paſtor, der hat erſt den Karren'nein gefahren. Der hat ſeine Soͤhne an die vielen Ausgaben gewoͤhnt; aber wer ſeine Kinder zaͤrtelt, ſetzt ſie ins leichte Schiff!— Ach, Herr Paſtor, wenn Sie nur meinen Schwiegerſohn ſelber ein⸗ mal koͤnnten ins Gewiſſen reden, daß er wenigſtens nicht ſo gotteslaͤſterliche Reden fuͤhrte. Es iſt zwar in ſeinem Hauſe auch keine Froͤmmigkeit, und er laͤuft zum Tiſch, wie die Sau zum Troge, wie man zu ſagen pflegt, und meine Tochter hat ſchon bitterliche Thraͤnen daruͤber vergoſſen; aber wenn er nur wenigſtens vor andern Leuten, ſelber vor ſeinen Kindern, nicht uͤber Gottesfurcht und Kirchlichkeit loszoge! Wenn Sie ihn ein⸗ mal ein Licht aufſteckten. Freilich: Wenn das Aug' nicht ſehen will, da helfen weder Licht noch Brill!“ Der Paſtor verſprach bei paſſender Gelegenheit das zu un⸗ und mit herzlichem Haͤndedrucke verabſchiedete ſich jetzt Zeorg.— 8 Iſts doch eine ſchoͤne, alte, herzliche Sitte unſrer lieben Vorfahren, die Hand zum Gruße, wie zum Abſchiede, herzlich zu druͤcken, eine Sitte, deren Viele, die ſich vornehmer duͤnken, in unſrer uͤberbildeten, oft herzloſen Zeit, ſich zu ſchaͤmen anfangen. Wenn aber das Herzliche anfaͤngt, als gemein zu gelten, dann werden mit den patriarchaliſch⸗herzlichen Formen des Umgangs auch bald das, was ſie anſchaulich machen ſollen,— die Of⸗ fenheit und Aufrichtigkeit, ſchwinden,— und das Kalte, Abge⸗ meſſene, Selbſtſuͤchtige, was man fuͤr vornehm zu halten an⸗ faͤngt, immer ungehinderter Eingang finden. Ein deutſcher Haͤndedruck, Aug' in Auge, Hand in Hand; wie warm, wie wahr;— wie leicht aber laͤßt ſich hinter dem vornehmen Nei⸗ 55 gen des Hauptes, dem abgemeßnen, gedankenloſen Laͤcheln und dem tanzmeiſterlichen Buͤckling eine kalte, oder gar tuͤckiſche Herzensmeinung verbergen?— Georg war aber in jeder Hinſicht ein aͤchter Bauer nach altem Schrot und Korn. Die ſchneeweißen Haare des wuͤrdi⸗ gen Bauermannes wurden durch einen großen runden Kamm hinter gekaͤmmt und feſtgehalten, in der Art, wie man ſonſt viele unſrer Landleute einhergehen ſah. Ein Sammtkaͤppchen bedeckte das obere Haupt, und ein ſchwarzer Leinwandkittel mit blanken Knoͤpfen umſchloß die ſtarken ſehnigen Glieder des Greiſes. Der Alte hielt an manchem Alterthuͤmlichen feſt, was ſeine Nachbarn laͤngſt abgelegt hatten, nicht, weil es alt war, ſondern weil es ihm zweckmaßig vorkam, und er konnte ſich nicht recht mit den neuen Moden befreunden, welche, ohne etwas Beſſeres zu bringen, althergebrachte Sitten und Gebrauͤche in Kleidung und Lebensweiſe verdraͤngten und den Landmann zu einem Zwitterding zwiſchen Staͤdter und Bauer machten, der keins von Beiden doch recht ſei. Trieb er ſeine Liebhaberei viel⸗ leicht in Außendingen zu weit, ſo blieb er doch nicht beim Auͤ⸗ ßeren ſtehen, und vor Allem ſuchte er eine Ehre darin, die ehren⸗ feſte Geſinnung der Vorfahren, die Aufrichtigkeit, die ſprich⸗ woͤrtlich gewordene Biederkeit der Landleute, die einfachen, herz⸗ lichen Hoͤflichkeitsformen der Vaͤter, und hauptſaͤchlich die hauͤs⸗ liche Froͤmmigkeit der gottesfuͤrchtigen Alten in ſeiner Familie zu bewahren, und die hauͤslichen Morgen⸗ und Abendandachten, ſowie das Tiſchgebet, durften in ſeinem Hauſe nicht fehlen. So waren beſonders in der Winterzeit dieſe Abendandachten eine taͤgliche Regel, im Sommer aber, wo des Landmanns Be⸗ ſchaͤftigungen hauͤfig hindernd eintraten, fanden ſie wenigſtens regelmaͤßig Sonntags ſtatt. Der Sonntag war ihm uͤberhaupt ein heiliger Tag der Seelenruhe und Erquickung. Schon zum fruͤhen Morgen ward von der ganzen Familie ein Morgenlied geſungen, welches der Alte, als kundiger Saͤnger, ſelbſt an⸗ ſtimmte. Dann las er mit Andacht den ſonntaͤglichen Predigt⸗ tert vor und hielt darauf, daß Keins ohne Noth die Kirche verſauͤmte. Vor dem Mittagseſſen fragte er dann Kinder und Dienſtboten nach dem Inhalte der Predigt und wußte bei der Vertheilung der Fragen nicht ſelten auf die Vorgaͤnge der Woche, auf die Eigenthuͤmlichkeiten der Gefragten, auf etwa offenbar gewordene Fehler und Nachlaͤſſigkeiten der einzelnen Familien⸗ 3 54 glieder Nuͤckſicht zu nehmen. Hierauf ward das Hauptlied des Gottesdienſtes geſungen und Luthers Tiſchgebet geſprochen. Abends aber nach dem Eſſen wurde ein Abendlied geſungen, wobei wo moͤglich alle Glieder des Hauſes verſammelt ſein mußten, — ein Abſchnitt aus der heiligen Schrift geleſen, und ein kur⸗ zes Gebet geſprochen, oder eins der Hauptſtuͤcke des kleinen Lu⸗ therſchen Katechismus von einem der Kinder oder Dienſtboten gebetet.— Georgs Bauerngut lag am Ende des Dorfes. Eine große Linde lehnte ſich mit ihren breiten Aeſten uͤber das Dach des Wohnhauſes, welches an der Straße ſtand, die durchs Dorf fuͤhrte, und der alte Baum beſchattete ein trauliches Plaͤtzchen an der Hausthuͤr, auf deren einer Seite ein heller Waſſerſtrahl in den Trog plaͤtſchernd hinabfiel, auf der andern aber um die Linde herum ein ſteinerner runder Tiſch nebſt Baͤnken dem Voruͤberwandelnden Ruhe und Kuͤhlung boten. In dieſem Hauſe des Bauers Georg ſaß am Abende deſ⸗ ſelben Tages, in einer der Kammern des obern Stocks, Eins der Dienſtmadchen Georgs und weinte bitterlich. Es war Eliſa⸗ beth, die Tochter des Todtengraͤbers. Seit einigen Stunden — wußte ſie ihr Schickſal. Sie hatte ja mit eigenen Augen ihren fruͤhern Geliebten, Chriſtian Brenz, an der Hand der Gaſtwirths⸗ tochter von der Pfarre zuruͤckkehren ſehen! Sie waren dort verlobt worden,— des Pfarrers Dienſtmagd hatte es beſtaͤtigt!— Es war Alles ſonnenklar,— Chriſtian hatte ſie verlaſſen. Ein Augen⸗ blick hatte die heiligſten Schwuͤre geloͤſt, und ſie war rechtlos! Wir wollen nicht den Schmerz, die Gewiſſensbiſſe, die Selbſt⸗ vorwuͤrfe, die Verzweiflung der Ungluͤcklichen zu ſchildern ver⸗ ſuchen, da ihr der ſchon oft bitter bereute Fehltritt jetzt erſt in ſeinen ungeheuren Folgen vor der Seele ſtand. Gut, daß die Mutter todt war, ſo erlebte ſie doch die Schande nicht. Aber der Vater? Der alte Thomas,— der alte wuͤrdige Vater, dem der gute Ruf ſeiner Familie uͤber Alles ging? Und der ſtrenge Bruder Johann!— Sie konnte nicht uͤber dieſe furchtbaren Gedanken hinwegkommen;— ſie meinte, die Schande nicht uͤberleben zu koͤnnen! Verzweiflung bemaͤchtigt ſich der Armen und verwirrte ihre Sinne!—„Was ſoll mir das Leben,“ dachte die Ungluͤckliche,„wenn Schande und Elend meiner war⸗ ten. Lieber todt als verachtet und verlaſſen.“ Dieſer erſt nur ſchuͤchtern in ihrer Seele aufſteigende Gedanke wuchs mit rei— N 8☛ ßender Schnelle, und nahm bald das ganze Bewußtſein ein, da die Verzweifelnde keine Anſtrengungen machte, die ſuͤndlichen Gedanken zu bekaͤmpfen—. Eben gab das Hausgloͤckchen das Zeichen zu der begin⸗ nenden Abendandacht.„Wachet und betet,“ ſchien es vernehm⸗ lich zu rufen; ſie hoͤrte das bekannte Zeichen nicht; der Eine Ge⸗ danke, das Leben von ſich zu werfen, das ihr— ach, durch eigne Schuld, eine unertraͤgliche Laſt geworden war, verdraͤngte alle andern, und raubte ihr faſt die Beſinnung. Auf den Zehen, mit ſcheuem Blicke, als fuͤrchtete ſie ſich vor ſich ſelbſt, als muͤßte ihr Jedermann die verbrecheriſchen Abſichten anſehen, ſchlich ſie hinaus zu ihrer Kammer; aber an der Thuͤr blieb ſie doch noch einmal ſtehen. Sie ſchaute ſich um in dem Stuͤbchen,— ihr wirrer Blick ſchweifte unſtaͤtt hin uͤber die beſchraͤnkte Staͤtte ihrer Jugendfreuden und Leiden. Wie oft war ſie ſonſt dort auf dem harten Lager ruhig und froͤhlich entſchlummert und wieder aufgewacht, als noch keine Schuld ihr junges Herz befleckt hatte; wie manches frohe Lied, der Ausbruch jugendlicher unbefangener Froͤhlichkeit, hatte von den Waͤnden ſonſt wiedergehallt, wie manches innige Dank⸗ und Lobgebet war dort zu Gott aufgeſtiegen?— Und jetzt?— Wie manche ſchlafloſe Nacht hatte ſie ſich auf ihrem Lager her⸗ umgeworfen, ſeit jene unerlaubte Liebe ihr Herz ſo ganz erfuͤllt, und ſie, hingeriſſen von leidenſchaftlichem Rauſche, in einer ſchwachen Stunde ſich vergeſſen hatte? War nicht mit der Suͤnde alle Ruhe gewichen? Hatte nicht durch das Bewußt⸗ ſein, unrecht gehandelt zu haben, das Leben ſeine freundliche Seite verloren?— Dort hing der Confirmationsſchein an der Wand, auf welchen der gute Pfarrer, nebſt frommem Segens⸗ wunſche, den Bibelſpruch geſchrieben hatte, den er am feierlichen Tage der Einſegnung ſeinen Kindern in begeiſterter Rede ans Herz gelegt hatte:„Die Gottſeligkeit iſt zu allen Dingen nuͤtze und hat die Verheißung dieſes und des zukuͤnf⸗ tigen Lebens!“— Wie oft war ſie durch jenes Bibelwort an jene feierlichſte Stunde ihres Jugendlebens erinnert worden, in welcher des Prieſters Hand ſegnend auf ihrem Haupte ruhte, und ſein Mund ihr zugerufen hatte:„Nimm hin den heiligen Geiſt, Schutz und Schirm von allem Boͤſen, Staͤrke und Kraft zu allem Guten aus der gnaͤdigen Hand Gottes des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geiſtes!“— O, wie hatte damals das Herz ihr 3*⁴ 4* gebrannt, wirklich voll vom Geiſte Gottes;— wie hatte ſie ſich gelobt, ſtark zu bleiben in den Verſuchungen des Lebens, dem Herrn ganz anzugehoͤren, und nur die Freuden zu genießen, die man mit Ihm genießen koͤnne! Wie hatte ſie dieſen Schwur gehalten? Ach, mit welchen Wonnegefuͤhlen hatten ihre Aeltern ſie damals in die Arme geſchloſſen! Bleibe fromm und halte Dich recht, denn Solchen wird es zuletzt wohl gehen, hatte der Va⸗ ter ihr in die Bibel geſchrieben, die er ihr damals ſchenkte;— dort lag das heilige Buch, ſeit Monaten nicht beruͤhrt, beſtauͤbt in der Ecke, und ſtatt Freude und Ehre ſollte der Vater nur Schande an ihr erleben? Die Thraͤnen ſtuͤrzten ihr aus den Augen.„Er wird mich verſtoßen,“ jammerte ſie,„ich darf ihm nicht unter die Augen kommen. Siiſt beſſer weg mit mir, daß er mich nicht mehr ſieht, und er ſeine Eliſabeth vergißt—“ Weinend, an allen Gliedern zitternd, eilte ſie ſo die Treppe hinab; mit bebender, unſichrer Hand,— immer fuͤrchtend, ver⸗ rathen zu werden, oͤffnete ſie die Hausthuͤr. Schon war ſie vors Haus getreten;— da erklang drinnen in der Unterſtube das Abendlied, das die wohlklingende feſte Stimme des alten Georg eben nach der ſchoͤnen Melodie begann:„Freu dich ſehr, o meine Seele,“— und die Seinigen nebſt den verſammelten Dienſtboten fielen vollſtimmig ein: „Sink ich einſt in jenen Schlummer, Aus dem Keiner hier erwacht, Geh ich aus der Welt voll Kummer, Todesruh, in Deine Nacht, O, dann ſchlaf ich anders ein! Weg aus dieſes Lebenspein Wall ich hin zu deren Hütten, Die, nun ſelig, hier auch litten.“ Das arme Maͤdchen blieb wie feſtgebannt vor der Thuͤre ſtehen. Die ruͤhrenden Toͤne des Lieds drangen in ihre aufge⸗ regte Seele beruhigend, wie Stimmen aus einer hoͤheren Welt, und ſtillten den Sturm, der im Innern tobke. Wie oft hatte ſie ehemals im Vaterhauſe gerade auch dieſes Lied mit ihren frommen Aeltern, ſelbſt noch ein unſchuldiges Kind, ge⸗ ſungen! Damals und jetzt,— welch ein Abſtand! Das kind⸗ liche Gottvertrauen des Saͤngers, das jeden Abend Gott ſein Leben befiehlt, wie grell ſtach es ab gegen den verbrecheriſchen Entſchluß, ſelbſt dem Leben ein Ende zu machen! Das Bild der ſeligen Mutter, die geſtern ſo ruhig in dem Herrn entſchla⸗ fen war zu ewiger Ruhe, trat vor ihre Seele, und ſie ſchau⸗ derte! Eine ungeheure Bangigkeit ſchnuͤrte ihr Herz zuſammen, — ſie dachte an Gott, und an die Rechenſchaft droben. Sie ſah im Geiſte der Mutter ſtrafenden Blick, und es war ihr, als rief ihr die Verklaͤrte zu:„Wars nicht an Einer Suͤnde ge⸗ nug? Denkſt Du die Suͤnde dadurch gut zu machen, daß Du in Suͤnden aus dem Leben gehſt?“— Von der Wahrheit ſol⸗ chen Gedanken getroffen, durch welche Gottes Geiſt ſie rief, wankte die Ungluͤckliche hin an den Steintiſch am Fenſter; in dem dunkeln Schatten der Linde wollte ſie ihre Schande, ihren Jammer verbergen. Sie bemerkte nicht, daß auf der andern Seite des Baumes der Pfarrer mit ſeiner Frau ſich niederge⸗ laſſen hatten, welche, von einem Sonntagsſpatziergange heim⸗ kehrend, durch die in der Stube drinnen getroffenen Anſtalten zur Abendandacht veranlaßt worden waren, ſtille und unbe⸗ obachtet Zuhoͤrer derſelben zu ſein. Als nun jetzt das alte bekannte Lied erſchallte, das auch der Pfarrer gar oft als Kind im geiſtlichen Vaterhauſe mit den Seinen geſungen hatte, die nun nach ſo mancher Erdenpein laͤngſt ſchon hinuͤbergewallt waren in die ewigen Huͤtten, ſo ward auch der Paſtor von dem Geſange gar eigen bewegt. „Wird mirs doch ganz eigen ums Herz,“ ſagte der Paſtor leiſe zu ſeiner Gattin, als das Lied geendet war, und eine kleine Pauſe drinnen eintrat,„ſo oft ich die bekannten Klaͤnge aus der ſchoͤnen Jugendzeit wieder hoͤre. Iſt mir's doch, als waͤre ich wieder Kind im Vaterhauſe, und als ſaͤhe ich wieder meinen Vater, den ehrwuͤrdigen Prieſtergreis, vor mir, wenn er Abends das Lied mit kraͤftiger Stimme begleitete,— als ſchaute ich wieder mit ſcheuer Ehrfurcht und kindlicher Liebe zu dem edlen Greiſe auf, der mir in ſeiner prieſterlichen Wuͤrde immer ſo ehr⸗ wuͤrdig erſchien. Nun, ſelbſt Vater und Prieſter, ſtehen mir doch jene Eindruͤcke, die die kindliche Seele damals empfing, ſo leb⸗ haft vor den Augen, und ich fuͤhle wieder ſo lebhaft, was ich damals empfand, als waͤre ich wieder jenes unbefangene Kind!“— „Mir fehlen dergleichen Erinnerungen— wenigſtens reli⸗ gioͤſer Art“— ſagte die Mutter traurig.— Sie war die Toch⸗ ter eines zwar ſtreng rechtlichen, aber die auͤßere Religioſitaͤt ver⸗ nachlaͤſſigenden Rechtsgelehrten.—„Du haſt meinen Vater gekannt!“— „Ein hoͤchſt achtbarer Mann,“ bemerkte der Prediger. „Schade nur, daß er gerade ſo viele ſcheinheilige Froͤmmler hatte kennen lernen, und darum alle auͤßerliche Froͤmmigkeit mißtrauiſch betrachtete.“ „Und leider auch verſpottete,“ ſagte die Mutter weh⸗ muͤthig.— „Mutter,“ ſagte der Pfarrer,„ich habe Deinen Va⸗ ter als einen ſtreng rechtlichen Mann ſehr hochgeſchaͤtzt; aber wenn er ſelbſt ſich auch ohne ſolche auͤßere Froͤmmigkeit in ſich ſtark genug fuͤhlte und durch einen tiefen religioͤſen Sinn und inniges ſtrenges Rechtsgefuͤhl geleitet, rechtſchaffen lebte, ſo ver⸗ gaß er doch, wie viel auf ihn ſelbſt, wie viel auf Andre der be⸗ ſtaͤndig durch auͤßere Mittel, Gebet und Geſang, lebendig erhaltene Gedanke an Gott, zum Rechtthun einzuwirken im Stande iſt. Man weiß gar oft das Rechte, aber es fehlt im rechten Augenblicke die Kraft, es zu thun, es fehlt die An⸗ regung, die Ermuthigung, ſtark zu ſein im Kampfe gegen die Sunde, welche ein Gebet, ein frommer Geſang, oft vielleich ganz unerwartet, darbieten.“— „In Deinem Hauſe erſt,“— fuͤgte die Gattin hinzu,— „habe ich erfahren, wie viel wir Kinder im Vaterhauſe hatten entbehren muͤſſen. Obs wohl unſre Kinder dankbar anerkennen werden, daß fromme Pfarrersleute ihre Aeltern waren, und ſie auch auͤßerlich religioͤs erzogen?“ „Gewiß,“ ſagte der Paſtor—„und wenn dann lebhafter als je bei ſolchen Erinnerungen das Bild treuer, frommer Ael⸗ tern, die wir vielleicht laͤngſt im Grabe ruhen, vor unſerer Kin⸗ der Seele tritt,— dann werden ſie es uns zu tauſend Malen danken, daß wir ſie den Weg Gottes gehen lehrten. Solche Erinnerungen werden das Kind durch das vielbewegte verfuͤh⸗ reriſche Leben leiten, gleich ſchuͤtzenden Engeln des Vaterhauſes, zu dem ewigen Vaterhauſe, wo ſie Vater und Mutter einſt wiederfinden. Wohl den Aeltern, deren Haus ein Tempel Got⸗ tes war, ſie werden im dankbaren Herzen ihrer Kinder immer fortleben.“—„O, Mutter,“ bat der Pfarrer geruͤhrt,„laß doch auch uns ſtreben, ſelber taͤglich beſſer, taͤglich freier von der Suͤnde zu werden, damit wir froͤhlich droben unſern frommen Aeltern entgegen gehen koͤnnen, die aus den Huͤtten der Seligen treuen Kinder ihre Haͤnde entgegenſtrecken.“„Wir kommen ſchon, ihr Lieben,“ ſagte er wehmuͤthig;„wir kommen, wenn der Herr uns ruft zu Seiner Freude.“—. Der Pfarrer ſchwieg, denn der Hausvater drinnen hatte ſchon die große Hausbibel aufgeſchlagen und las mit lauter an⸗ daͤchtiger Stimme das Gleichniß„vom verlorenen Sohne“ vor. Andaͤchtig hatte auch der Pfarrer zugehoͤrt, und eben wollte er aufſtehen, als ein leiſes Schluchzen hinter ihm noch einen unbemerkten Theilnehmer an der Abendandacht ahnen ließ.— 3 Es war Eliſabeth, die unbeobachtet, verdeckt vom Baume, Alles gehoͤrt hatte, was außen und drinnen geſprochen worden war. Schon der Paſtorsleute Zwiegeſpraͤch hatte ſie im Geiſte in ihr Vaterhaus verſetzt, wie es ja in Chriſtenfamilien ſo Vie⸗ les Gemeinſame giebt, das in Aller Seelen wiederklingt, und bei den verſchiedenſten Menſchen doch ſo aͤhnliche Empfindungen hervorruft. Aber vor allem liebliche Worte hatte ja Chriſtus zu dem verzweifelnden Maͤdchen geſprochen aus dem heiligen Bibelbuche:„Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und ſprechen: Vater ich habe geſuͤndigt im Himmel und vor Dir, und bin hinfort nicht mehr werth, daß ich Dein Kind heiße.“— Dieſe bekannten Wort ſtanden wie mit Flammenſchrift in des armen Maͤdchens Seele. Es waren ja die alten Bibelſpruͤche, uͤber welche der ehrwuͤrdige Schullehrer ehedem ſo ernſt und ſo warm zu ſeinen Kindern geſprochen hatte; und die evangeliſche Wahrheit, die in der alten, bekannten Form jetzt in entſcheidender Stunde vor des Maͤdchens zerrißne Seele trat, fand Eingang. Gedanken, wie ſie einſt der Lehrer an dieſem Gleichniſſe ſo oft dem Kind zum Bewußtſein gebracht hatte, die wie ſchlafend bis jetzt in der Seele gelegen hatten, ſtiegen im Gedaͤchtniſſe wieder auf, her⸗ vorgerufen durch ein altes bekanntes bibliſches Zauberwort, und machten ſich in ihrer alten Kraft geltend.„Ich will mich auf⸗ machen und zu meinem Vater gehen!“— Der theilnehmende Paſtor hatte bald das Maͤdchen erkannt; (die Gattin war, ſeinen Wink ſchnell verſtehend und ihm fol⸗ gend, nach Hauſe geeilt), und er fragte und forſchte und erfuhr endlich Alles. Es that der Armen wohl, ſich Jemandem zu vertrauen; es war, als wenn die Unruhe abnaͤhme, und die Laſt ſich verringerte, je mehr ſie ihre Sorgenlaſt in eines theilneh⸗ menden Freundes und bewaͤhrten Chriſten Herz niederlegen konnte; ja ſie geſtand dem Paſtor endlich unter heißen Thraͤnen und mit ſtockender Stimme ſelbſt ihren ſchrecklichen Entſchluß, ſich das Leben zu nehmen;— es war ja der Beichtvater, dem ſie ſich anvertraute! Es war ihr wirklich wohler nach dieſem reu⸗ muͤthigen Bekenntniß und des Paſtors evangeliſches Troſtwort fand Anklang in ihrer Seele, und als der Geiſtliche ſie verließ, hatte die Weinende ihm das heilige Verſprechen gegeben, durch Dulden und Arbeiten ſich der Liebe des himmliſchen, wie des irdiſchen Vaters, wieder werther zu machen.— 1 Wie lieblich ſind doch in ſolchen peinlichen Stunden ver⸗ dienter Selbſtvorwuͤrfe die Fuͤße der Boten, die den Frie⸗ den verkuͤnden! Welcher Segen liegt fuͤr ein niedergedruͤcktes Gemuͤth in den Worten eines treuen Seelſorgers, der, einge⸗ weiht in die Geheimniſſe Gottes, mit klarem Blicke die Be⸗ duͤrfniſſe der Seelen erſchaut und aus ſeinem Schatze Altes und Neues hervorbringt, Erquickung und Troſt ſpendend!— 4 III. Jahre waren vergangen, ſchwere Jahre fuͤr des Todten⸗ graͤbers Familie. Der alte Thomas hatte das Haus am Kirch⸗ hofe laͤngſt verlaſſen und war zu ſeinem Sohne Johann gezogen. Zwar ſtand jenes Haus noch immer leer; ein merkwuͤrdiges Geruͤcht, daß der Geiſt der alten Todtengraͤberin drin umgehe, hatte die erſten und alle folgenden Kauͤfer abgeſchreckt. Vor⸗ uͤbergehende wollten einige Naͤchte nach dem Tode der Frau Licht im Hauſe geſehen und Tritte gehoͤrt haben, und aberglauͤ⸗ biſchen Leuten ſchien Nichts natuͤrlicher, als daß der Geiſt der Todten ſich von dem Hauſe nicht trennen koͤnne, das er im Leben nicht hatte verlaſſen wollen. Niemand unterſuchte die Sache naͤher; Einer aber, der daruͤber die beſte Auskunft haͤtte geben koͤnnnen, der alte Thomas ſelbſt,— der als der vorgebliche Geiſt ſelbſt mehrere Male des Nachts in dem Hauſe geweſen war, — ſchwieg hartnaͤckig uͤber die ganze Sache;— vielleicht nicht ganz frei von ſtiller Schadenfreude, daß dem Brenz das Haus, aus dem er ihn vertrieben hatte, nun doch wenig helfe.— * 41 Die Tochter des Thomas, Eliſabeth, hatte mit ihrem Kinde, einem lieblichen Maͤdchen, ebenfalls beim Vater und Bruder Wohnung gefunden, und ſich mit ihrer Haͤnde Arbeit durch Naͤhen und Waſchen erhalten. Aber wenn auch Vater und Tochter keine Urſache hatten, mit ihrem Schickſale unzu⸗ frieden zu ſein, ſo hatten ſie doch auch an dem ſchwerem Kreuze mitzutragen, was der Herr dem armen Bruder Johann auf⸗ erlegt hatte. Er war gluͤcklich verheirathet geweſen und hatte fuͤnf Kinder; aber Eins derſelben nach den Andern legte ſich hin und ſtarb, bis er kinderlos daſtand. Aerztliche Hilfe war ſchwer zu erlangen und koſtſpielig;— und als jetzt auch die Frau krank wurde, ſo wars doch vielleicht zu ſpaͤt, als man ſich entſchloß, die Ausgaben fuͤr den Doctor zu machen. Die Krankheit nahm uͤberhand, und trotz der ſorgſamſten Pflege mußte er dieſe treue Gefaͤhrtin auch begraben laſſen. Der ohnedem ſtille ja manchmal finſtre Mann, war dadurch nur noch ſtiller und finſtrer geworden. Er konnte ſich lange gar nicht zufrieden geben, wenn er Abends von der Arbeit nach Hauſe kam, und ihm kein munteres Kindlein mehr aus der Hausthuͤr entgegenſprang, kein rothbaͤckiges Kindergeſicht mehr aus dem kleinen Fenſter ihm entgegen laͤchelte, kein Kindesgruß, kein Vatername mehr ent⸗ gegen toͤnte. Das war ihm zu ſchrecklich geweſen, und er hatte nicht eher geruht, bis der Vater und Eliſabeth mit ihrem Kinde, welche im oberen Stocke gewohnt hatten, in ſeine Stube mit⸗ gezogen waren. Er wollte nur liebe Menſchen um ſich haben, und es war, als wenn Eliſabeth mit ihrem Kinde ihm den Ver⸗ luſt Etwas erſetzten. Er ſpielte mit dem Kinde nach vollbrach⸗ ter Tagesarbeit, er ließ ſich von dem Kinde Vater nennen, und laͤchelte doch wieder, wenn es die Haͤndchen verlangend nach ihm ausſtreckte. Nur zuweilen verfiel er wieder in ſeinen alten Truͤbſinn, namentlich wenn von der Familie Brenz die Rede war, die er fuͤr die mittelbaren Urheber Alles ſeines Ungluͤcks halten mochte, und es war vorgekommen, daß er ſelbſt das Kind von ſich geſtoßen hatte, das nur zufaͤllig einmal dem Na⸗ men ſeines Vaters, des Chriſtian Brenz, genannt hatte.„Du biſt auch ein Brenz,“ hatte er bitter ausgerufen,„und die Brenze ſind an allem unſerm Ungluͤcke Schuld. Waͤren die nicht ge⸗ weſen, waͤren wir wohlhabende Leute, und meine Kinder und meine Frau waͤren nicht ohne Arzt verkuͤmmert und geſtorben.“ Mehrere Tage hatte er dann das Kind nicht anſehen koͤnnen, 42 aber dann, weil er ſein Unrecht vermuthlich eingeſehen, hatte er es durch doppelte Zaͤrtlichkeit wieder gut zu machen geſucht.— Seit einigen Tagen nur war er wieder ſtill und in ſich gekehrt; denn im ganzen Dorfe war von Nichts die Rede, als von der großen Kindtaufe, die Chriſtian Brenz, der Schwanwirth,— er hatte durch ſeine Frau einen Gaſthof bekommen,— geben wollte. Man zaͤhlte die geſchlachteten Schweine, Kaͤlber und Huͤhner, und die gebacknen Kuchen, und die Eimer Bier und Wein, die getrunken werden ſollten, und ſprach von den ſechs Gevattern, und da man uͤberall von den Reichthuͤmern und dem Gluͤcke des Schwanwirths Brenz hoͤrte, ſo war Johann ver⸗ ſtimmt zu Hauſe geblieben. Aber dem Kinde, das nicht von ſeiner Seite wich, ließ er Nichts wieder entgelten; man ſah's, er gab ſich Muͤhe, noch freundlicher und herzlicher zu ſein. „Armes Kindel, kannſt ja nichts davor, daß Dein Vater nichts taugt,“ ſagte er mehrere Male ſtill vor ſich hin, waͤhrend er ſich niederbeugte und die Kleine kuͤßte. Das große Kindtauffeſt war herbeigekommen, und auch der Pfarrer war dabei. Der alte Georg, der Vater Brenz, und der Bruder, der Gemeindevorſtand Auguſt Brenz, befanden ſich als Gevattern unter den zahlreichen Gaͤſten, welche an den wohlbeſetzten Tiſchen herumſaßen. Allein trotz der großen An⸗ ſtalten herrſchte keine rechte harmloſe Froͤhlichkeit unter den ver⸗ ſammelten Gaͤſten. Die junge Mutter hatte die Gluͤckwuͤnſche ſehr kalt und mißlaunig hingenommen; es mußte ein bedeuten⸗ der Streit zwiſchen den Eheleuten vorgefallen ſein; und die augenſcheinliche Verſtimmung der Wirthe hatte auf die feiner fuͤhlenden Gaͤſte, die nicht blos gekommen waren, um zu eſſen und zu trinken, einen ſehr unangenehmen Eindruck gemacht. Der Kindtaufvater ſelbſt hatte, vermuthlich um den Aerger zu ver⸗ geſſen, zu viel getrunken, und das trug nicht dazu bei, die Hei⸗ terkeit zu vermehren. Der Pfarrer ſaß mit dem alten Georg in einem Winkel⸗ chen. Der ſonſt nicht wortkarge Mann war heute ziemlich ein⸗ ſilbig; aber die großen Rauchwolken, die er von ſich blies, waren nur Außerungen heftiger innerlicher Erregung. Auch ihm ſchien die immermehr zunehmende Trunkenheit des Kind⸗ taufvaters peinlich zu werden. „Es iſt doch recht ſchade um den huͤbſchen ordentlichen ²8 22—ͤ—* 22* 45 Mann, unſern Wirth,“ ſagte der Paſtor leiſe zu Georg,„daß er ſich ſo weit vergißt.“ „Ordentlich?“ verſetzte Georg,„Herr Paſtor, Sie nehmen mir's nicht uͤbel, der Schein truͤgt!“ Verwundert blickt der Pfarrer nach dem alten Eiferer, aber die Art und Weiſe des Widerſpruchs verdroß den Pfarrer nicht. Georg nahm ſich mehr heraus, und durfte ſich mehr heraus nehmen, als andre Gemeindeglieder, nicht blos, weil er als Kirchvater mit dem Pfarrer in einem vertraulicheren Verhaͤlt⸗ niſſe ſtand, ſondern auch weil der Pfarrer den ehrenfeſten alten Mann, in ſeiner alten derben Weiſe gern hoͤrte, und durch ihn ſo manche Andeutungen und Winke uͤber die Eigenthuͤmlichkei⸗ ten des Volkslebens, uͤber die Weiſe und Denkungsart des Bauernſtandes, uͤber die Beduͤrfniſſe der Gemeinde und einzel⸗ ner Glieder derſelben erhielt und erhalten hatte, welche ihm fuͤr ſein Wirken in der Gemeinde um ſo wuͤnſchenswerther waren, als ja der evangeliſche Geiſtliche ſeiner Gemeinde immer noch zu fern ſteht, und unbekannt mit ihren Beduͤrfniſſen bleibt, ſo lange nicht die wahrhaft evangeliſche Einrichtung von Presby⸗ terien, von Kirchenaͤlteſten aus der Gemeinde, wie es in evangeliſch⸗reformirten Laͤndern geſchieht, die tuͤchtigſten und froͤmmſten Gemeindeglieder zu Mithelfern des Pfarrers macht. „Herr Paſtor,“ fuhr jetzt Georg vertraulich fort,„mit der Ordentlichkeit des Chriſtian Brenz iſt's nicht weit her. Er trinkt ſchon ſeit laͤnger ſehr ſtark. Bald nach ſeiner Verheira⸗ thung hat ers angefangen. Es giebt immer Zank unter den Eheleuten; man ſagt, ſie leben wie Hund und Katze.— Dazu kommt, daß ihm die Geſchichte mit der Eliſabeth doch auch recht im Kragen liegen mochte; ſo hat er das Alles wohl wollen ver⸗ geſſen, und ſich den Trunk angewoͤhnt. Jetzt kommt er ſehr wenig mehr nach Hauſe, hat ſich an liederliche Geſellſchaft in der Stadt gewoͤhnt und—„wer mit Hunden ſchlaͤft ſteht mit Floͤhen auf!“— Wenn der's ſo fort macht, wird er mit ſeinem Vermoͤgen bald zu Ende ſein; der alte Brenz hat ſein Gut ſchon verkauft, und das Geld an die beiden Bruͤder vertheilt; aber es ſcheint bei keinem anzuſchlagen. Mein Schwiegerſohn, das Gott erbarm, verſpielts zu Hunderten, und was er etwa gewinnt, gedeiht auch nicht.„Jeder Kreuzer, gewonnen im Spiel, traͤgt dem Teufel Procente viel.“— Unſer Wirth aber machts dem Bruder nicht nur nach, ſondern der hat noch außer⸗ Geſchichten mit anzuhoͤren, die zwar zu ſeiner Perſon in gar 44 dem die ungluͤckliche Liebhaberei mit Pferden. Da kauft er be⸗ ſtaͤndig und verkauft mit Verluſt, und man ſagt ja:„Eine Narrheit zu unterhalten koſtet mehr als zwei Kinder“— Und was Er nicht verthut das verliedert Sie im Staat und gutem Eſſen, und in der Wirthſchaft geht Alles drunter und druͤber.“— „So gehts,“ ſagte der Pfarrer,„der Chriſtian dachte luͤck⸗ lich zu werden mit der reichen Frau, und waͤre mit der ar⸗ men Eliſabeth gewiß weit gluͤcklicher geworden und ein guter Menſch geblieben. Ich entſinne mich recht gut auf ihn in der Kinderlehre, ich hatte den Burſchen ordentlich lieb. So haͤngt an Einer ſchlechten That manchmal das ganze Lebensgluͤck!“— „Gottes Zeiger geht langſam, aber richtig,“ bemerkte Georg, un was ich immer ſage, der hinkende Bote kommt richtig nach.“— Eine laute Rede am andern Ende der Stube unterbrach jetzt das Geſpraͤch. Der Gemeindevorſtand hatte eben das Kartenſpiel geendet, und das gewonnene Geld eingeſtrichen, und war zu ſeinem Lieblingsthema uͤbergegangen, indem er eine Menge ſpaßhafter, mitunter zweideutiger Anekdoten erzaͤhlte, in welchen namentlich Geiſtliche und Schullehrer und uͤberhaupt heilige kirchliche Gebrauͤche, bald auf harmloſe, bald auf mali⸗ tioͤſe Weiſe, laͤcherlich gemacht wurden. Eine kleine Geſellſchaft hatte ſich um ihn geſammelt, und das laute Gelaͤchter, das am Ende jedesmal erſchallte, war fuͤr den Erzaͤhler eine Aufforde⸗ rung, immer derbere Spaͤße zum Beſten zu geben. Unſer Pfarrer, deſſen Anweſenheit man ganz vergeſſen zu haben ſchien, ſaß wie auf Kohlen. Es war ihm peinlich, ſolche keiner Beziehung ſtanden, durch welche aber von der ganzen Chriſtenheit mit Recht fuͤr heilig geachtete Gebrauͤche und ſein heiliger Stand verſpottet und laͤcherlich gemacht wurden. Wie oft dachte der Prediger traurig, werden doch ſolche Spaͤße er⸗ zaͤhlt und gehoͤrt, ohne daß der, der ſie erzaͤhlt bedenkt, wie viel er ſich ſelbſt, und wie viel er Andern ſchadet!— An dem, was einmal laͤcherlich geworden iſt, wird man ſich ſchwerlich wieder erbauen koͤnnen; alle Andacht wird aufhoͤren, und des Spoͤtters Herz wird nicht blos fuͤr alle, aus dem Munde eines Mitgliedes jenes verſpotteten Prieſterſtandes kommenden Be⸗ lehrungen, Mahnungen, Troſtungen ziemlich unempfaͤnglich werden, ſondern ihm werden jene Segnungen welche Gott fuͤr * 43 den glauͤbigen Chriſten mit den heiligen, kirchlichen Gebrauͤchen, mit Gebet und Gotteswort und Gottesdienſt, verbunden hat, leicht ganz verloren gehen, weil eben das Heilige ihm laͤcherlich gemacht wurde. In die heiligſten Gemuͤthsſtimmungen drän⸗ ſich dann unheilige, laͤppiſche Erinnerungen ein, und einmal ge⸗ hoͤrter frevelhafter Witz, eine niedertraͤchtige das Heilige laͤcher⸗ lich machende Vergleichung, ein boshaftes Wortſpiel ſtoͤrt oft die innigſte Andacht, ſelbſt ganz wider Willen, und verderbt und entweiht uns die ſchoͤnſten Stunden heiliger Gemuͤthserhe⸗ bung!—— 3Schon lange hatte der Pfarrer Gelegenheit geſucht um ſich unbemerkt zu entfernen; Georgs Bitten hatten ihn noch zuruͤck⸗ gehalten; als aber jetzt der Erzaͤhler immer groͤbere Spaͤße er⸗ zaͤhlte, und die gemeinſten Unziemlichkeiten zum Beſten gab, ließ der Pfarrer ſich nicht laͤnger halten, und wollte ganz im Stillen die Stube verlaſſen. Leider wurde er bemerkt; man eilte von allen Seiten auf ihn zu, fragte, bat, entſchuldigte, ſo daß der Pfarrer gar nicht hindurchkommen konnte, und faſt un⸗ geduldig wurde. Als aber auch der Gemeindevorſtand herzu⸗ trat, und ſpoͤttiſch bemerkte:„Warum er denn fortgehen wolle, und ob ihm etwa ſeine Geſchichtchen nicht gefallen haͤtten, und daß das ja weiter Nichts waͤre,“ da konnte ſich der Pfarrer nicht laͤnger halten; die Hitze uͤbermannte ihn; er ſagte dem ge⸗ meinen Erzaͤhler ziemlich derb die Wahrheit, und verließ unter allgemeiner Aufregung der ganzen Kindtaufgeſellſchaft haſtig das Zimmer. Der Gemeindevorſtand war wuͤthend uͤber dieſe Demuͤthi⸗ gung und die derben Wahrheiten, die ihm der Pfarrer vor ſo großer Geſellſchaft geſagt hatte. Dazu kam es, daß von allen Seiten jetzt laute und halblaute Vorwuͤrfe ſich hoͤren ließen, und er den Tadel ſeines Benehmens auf den meiſten Geſich⸗ tern leſen konnte. Die ganze Heiterkeit war geſtoͤrt. Verſtimmt und kleinlaut ſetzte ſich die Geſellſchaft zu Tiſche; man aß und trank, und doch ſchmeckt es Keinem recht, des Pfarrers leere Stelle an der Tafel erinnerte immer wieder an das Vorgefallene und je lieber man den guten Pfarrer hatte, je mehr man das ihm zugefuͤgte Unrecht fuͤhlte, deſto peinlicher wars fuͤr Alle, daß er die Geſellſchaft verlaſſen hatte, und ſie gleichſam nicht fuͤr werth hielt, in ihrer Mitte zu verweilen. So kam es, daß man bald auseinander ging; der Gemeindevorſtand mit bit⸗ 46 term Grolle gegen den Paſtor im Herzen, der ihn, den hoͤchſt ehrzeizigen Mann, vor der ganzen Gemeinde ſo blos geſtellt hatte. 1 Dem Pfarrer war der ganze Vorfall hoͤchſt unangenehm; er kraͤnkte ſich uͤber die Nichtachtung, die ſich gegen ihn geoffen⸗ bart hatte, nicht weniger aber wurmte es ihn, daß er ſich von leidenſchaftlicher Hitze hatte fortreißen laſſen, da derbe Wahr⸗ heiten zu ſagen, wo Schweigen und Handeln eine beſſere Ant⸗ wort geweſen waͤren. Er ſah es jetzt bei ruhigem Blute wohl ein, wie ſolche oͤffentliche Zurechtweiſungen mehr erbittern als uͤberzeugen, und nahm ſich feſt vor, bei betreffender Gelegenheit zu ſuchen, es auf irgend eine Weiſe wieder gut zu machen; denn es war ihm ſchrecklich, mit Einem ſeiner Gemeindeglieder in offener Feindſchaft zu leben. Verſtimmt und mit ſich ſelbſt unzufrieden, war er am an⸗ dern Morgen auf's Feld hinaus gegangen, wo ihm der alte Georg begegnete. Natuͤrlich lenkte ſich das Geſpraͤch ſogleich auf den geſtrigen Vorfall. „Sie haͤtten nicht fortgehen ſollen, mein Herr Paſtor,“ ſagte Georg.„Mit den Woͤlfen muß man heulen.“ „Der Geiſtliche auf keinen Fall,“ verſetzte der Paſtor kopf⸗ ſchuͤttelnd.„Schon durch meine ſtille Gegenwart wuͤrde ich gleichſam meine Zuſtimmung zu derlei Gemeinheiten geben; wie koͤnnte ich denn auf der Kanzel mit allen Ernſte wieder dage⸗ gen eifern? Der Geiſtliche kann nicht ein doppelter Menſch ſein, ein Anderer in, ein Anderer außer der Kirche.“— „Es iſt wahr, der Brenz nahm ſich kein Blatt vor's Maul“ fuhr Georg fort,—„es kamen derbe Ungezogenhei⸗ ten mit vor;— aber ich denke, man muß doch zuweilen ein Auge zudruͤcken.“— „Nein, nein,“ rief der Pfarrer,„der Geiſtliche darf Ge⸗ meines gar nicht hoͤren und ſehen wollen, und aus Menſchen⸗ gefaͤlligkeit ſich und ſeinem Amte Nichts vergeben! Beſſer wars freilich, wenn ich ſchweigend fortging.“ „Herr Paſtor“ unterbrach ihn Georg,„Nichts fuͤr ungut, aber Sie ziehen ſich zu ſehr zuͤruͤck. Warum ſchlugen Sie ge⸗ ſtern dem Gemeindevorſtand ab, ein Kartenſpielchen mitzuma⸗ chen? Das war der Anfang; denn das hatte er gewaltig krumm L genommen!“ 47 „Sie wiſſens doch, daß ich nicht ſpiele, niemals ſpiele!“ eiferte der Paſtor. „Ja, Sie verzeihen,“ entgegnete Georg,“„warum aber nicht? Iſt denn das Kartenſpiel etwas Gottloſes?“ „Nein, nein,“ betheuerte der Paſtor,„nur ich, ich als Geiſtlicher mag nicht ſpielen. Seht, Georg, es iſt das ein Spiel, wie alle, es regt mehr oder weniger die Leidenſchaften auf; was ſoll ich dazu ſagen, wenn das bei meinen Mitſpielern geſchieht? Ja, koͤnnte ich mich ſelbſt nicht doch einmal vergeſſen?— Seht Georg, es giebt Geiſtliche genug, die das und manches Andre mitmachen, und dabei doch ſehr ehrenwerthe Maͤnner ſind, die unbedenklich an Kartenſpielen, Jagden, Schuͤtzenfeſten ja ſelbſt an Tanzvergnuͤgungen Theil nehmen. Sie koͤnnen dabei recht gute Geiſtliche ſein; aber ſagt ſelbſt, Georg, wenn Ihr auf dem Krankenbette oder in Eurer Todesſtunde eines geiſtlichen Zu⸗ ſpruchs beduͤrftet, oder das heilige Nachtmahl genießen wolltet, wuͤrde es Euch nicht doch vielleicht in Eurer Andacht ſtoͤren, wenn Ihr wuͤßtet, der Geiſtliche kaͤme eben vom Kartenſpiele in der Schenke, oder vom Balle, oder von der Jagd?— Es iſt alſo kein Standesſtolz, kein Ueberbleibſel des Pfaffenthums, Nen Ich gerade mir ſolche Vergnuͤgungen verſagen zu muͤſſen glaube!“— „Der Geiſtliche hat in unſrer Zeit eine ſchwierige Stel⸗ lung,“ fuhr der Paſtor fort,—„man will, er ſoll Menſch ſein, ganz ein Menſch, wie alle Andre;— man tadelt jede Abſonderung, man argwoͤhnt in jedem von der Welt Zuruͤck⸗ gezogenem geiſtlichen Hochmuth und den alten Prieſterſtolz, — und doch wird ſelten Jemand einen Geiſtlichen, der ſich ganz der Welt gleichſtellt, eben als Geiſtlichen leiden, als Beichtvater und Seelſorger waͤhlen moͤgen. Die Perſon wird ſich niemals vom Amte ganz trennen laſſen. Die Gemeinde wird bei des Geiſtlichen amtlichen Verrichtungen unwillkuͤr⸗ lich ſich den Mann vergegenwaͤrtigen, wie er im gewoͤhnlichen Umgangsleben ſich darſtellt. Man verlangt Unmoͤgliches, wenn der Geiſtliche von Nichts ſich zuruͤckziehen, Alles mitmachen und doch ein wuͤrdiger Seelſorger ſein ſoll, der bei Allen Ver⸗ trauen und Hochachtung erwecke und finde!— Wuͤrde z. B. Jemand einen Geiſtlichen, den er als guten Jaͤger, Reiter, Taͤnzer und Spieler kennt und vielleicht liebt, wenn er die Wahl haͤtte vor Andern, gerade als ſeinen Beichtvater 48 waͤhlen? Wuͤrdet Ihr ihn von der Jagd, vom Tanzboden gern an Euch Sterbebett rufen laſſen, um den letzten Kampf Euch zu erleichtern? Ein frommes Gemuͤth, welches des geiſtlichen Zuſpruchs bedarf, wird ihn weniger gern bei einem Geiſtlichen ſuchen, der verſunken in weltlichen, zeitraubenden und ſinnverwirrenden Vergnuͤgungen, dem auͤßern Anſcheine A nach Nichts weiter von dem Geiſtlichen an ſich hat, als den Namen, hoͤchſtens das ſchwarze Kleid; und Ihr werdet ſelber zugeben muͤſſen, daß der Geiſtliche Achtung und Zutrauen und Liebe als Geiſtlicher leichter und allgemeiner dann finden wird, wenn er ſelbſt geiſtlich geſinnt iſt, geiſtlich lebt, geiſtlich 1 ſich beſchaͤftigt und ſeinem geiſtlichen Berufe Herz, Kraft und Leben weiht.“— „Ich kanns aber doch nicht ganz verſtehen,“ wendete Georg beſcheiden ein.„Der Geiſtliche iſt doch auch nur wie ein anderer Chriſt. Was jeder Chriſt thun darf, und wobei ſich Niemand etwas Uebles denkt, das, daͤchte ich, koͤnnte der Geiſtliche auch thun.“— „Wer,“ verſetzte der Geiſtliche ernſt,„als Verwalter des heiligen Seelſorgeramts, als Diener des goͤttlichen Worts, ſich mit dem Hoͤchſten, Theuerſten des Menſchen beſchaͤftigt, und Allen Alles ſein ſoll, wird es lieber vermeiden, an zu lauten und zu rauſchenden Vergnuͤgungen Theil zu nehmen, welche den innern Menſchen in Aufregung bringen, und leicht unedle Leidenſchaften erregen koͤnnen, oder auch nur dem ſitt⸗ lichen Gefuͤhle Andre anſtoͤßig erſcheinen koͤnnten!— „Ich habe es Alles Macht, ſagt der heilige Paulus, aber es frommt nicht Alles— und ich ſuche nicht, was mir frommt,— ich koͤnnte vielleicht ohne Gefahr fuͤr meine ſittlich religioͤſe Bildung Alles genießen— ſondern ich ſuche, was Vielen frommt, daß ſie ſelig werden. Das iſt des Geiſtlichen Beruf! Aber dabei iſt ſein Leben nicht arm an Freu⸗ den, wenn auch das groͤßte Gluͤck eines Seelſorgers verborgen iſt vor der Welt, und in der innern Freude und dem Frieden eines in ſeinem heiligen Berufe ſeligen Herzens zu finden iſt, das das Unſichtbare, die Beſchaͤftigung mit den heiligſten und hoͤchſten Fragen der Menſchheit, mehr liebt, als das Sichtbare⸗ Doch auch hier giebts genug zu genießen. Die Freuden an der Natur, an den ſchoͤnen Kuͤnſten, an Buͤchern und vor ——õ4 —————— — ☛ ☛ — ◻ωη⏑—ß—— K 8— — —— 49 allen die Freuden im Hauſe, in der Familie. Nein, Gott ſei Dank, mein Leben als Geiſtlicher war nie freudenarm.“ „Ja, ja,“ entgegnete Georg.„Sie haben ſchon Recht. Das iſt aber auch wahr, wenn man Sie in Ihrem Hauſe ſieht, und wie da Alles ſo eintraͤchtig und froͤhlich hergeht, und wenn man Sie ſelber anſieht, wie Sie immer ſo heiter und zufrieden ausſehen, da lernt mans wohl einſehen, daß es auch noch andre Vergnuͤgungen giebt, die Einen innerlich ſo recht froͤhlich machen koͤnnen. Es iſt wahr, wenn man ſo ſeine Kinder anſieht, und die Enkelchen,— oder wenn man auf die Felder geht, oder ein gutes Buch lieſt von guter Men⸗ ſchen Leben und Sterben, da lacht Einem auch das Herz im Leibe.— Ja ja, Herr Paſtor, Sie predigen nicht blos Sonn⸗ tags, Ihr ganzes Leben, auch in Ihrem Hauſe, iſt fuͤr uns Alle, die wirs nur annehmen wollen, auch eine Predigt. Gut Exempel, halbe Predigt!“— „Wir haben Alle, Alle noch viel zu lernen, und wer auch in keinem Worte fehlet, iſt ein vollkommner Mann,“ ſagte der Paſtor ernſt, als er ſich von Georg verabſchiedete. Als er auf dem Heimwege durchs Dorf bei Johanns Wohnung voruͤbergegangen war, kam ihm haſtig der alte Tod⸗ tengraͤber nachgeſprungen. „Herr Paſtor, Herr Paſtor,“ rief er mit halber Stimme, „koͤnnen Sie nicht ein wenig zu uns hereinkommen? Wir haben rechtes Hauskreuz; da iſt nun wieder mein Enkelchen, das Kind meiner Eliſabeth, krank geworden, und das nimmt ſich der Johann ſo zu Herzen.— Sie wiſſen, er hat das Kind ſo lieb, wie ſein Leben, ſeit ſeine Kinderchen alle geſtorben ſind. — Da ſitzt er nun finſter in ſich gekehrt am Bette, redet wenig— und wir wiſſen nicht, was wir mit ihm anfangen ſollen.“— Der Pfarrer ging ſogleich mit hinein in die Stube. Freu⸗ dig ſtand Eliſabeth von ihrer Arbeit auf, um den Paſtor zu begruͤßen, und machte viele Entſchuldigungen, daß es gar nicht ſo ordentlich in der Stube ausſaͤhe, als es eigentlich ſein ſollte, aber ſie haͤtte nicht gedacht, daß ſie ſo einen Beſuch bekommen wuͤrden. Sie nahm dem Pfarrer Hut und Stock ab und ihr ganzes Geſicht leuchtete vor Freude, als der Pfarrr lobend die ſchoͤnen vollen Lackſtoͤcke am Fenſter ruͤhmte, die ſie ſelbſt gezogen hatte, und die fetten Muskatſtoͤckchen lobte und 4 —-—— ——xi 30⁰ dabei bemerkte, daß er ſie ſelber nicht ſo ſchoͤn ziehen koͤnnte. Johann nahm an alle dem keinen Theil; er hatte den Pfarrer begruͤßt, ſich aber ſtill ſogleich wieder an des Kindes Bett hingeſetzt und die heiße Hand des kleinen Maͤdchens ergriffen, das ſehr leidend im Bette lag.— „Nun, mein lieber Johann,“ ſagte der Pfarrer jetzt ſich zu ihm wendend,„wie geht es Euch? Iſt das arme Kindchen wieder krank?“— 4 Johann ſeufzte.—„Es wird ſterben,“ ſagte er, ohne aufzuſehen!— „Johann, Johann!“ bat der Pfarrer,„wie koͤnnt ihr ſogleich das Schlimmſte fuͤrchten.“ „Was ich lieb habe, das muß ſterben!“ verſetzte Johann tonlos.„Ach, Herr Paſtor, ich muß doch ein recht großer Suͤnder ſein! Meine leiblichen Kinder ſind alle geſtorben, meine Frau iſt todt,— das hat Alles ſeinen Grund,— der liebe Gott wirds ſchon wiſſen warum; ich muß doch wohl Schuld daran ſein,— die Kinder haben ja noch Nichts ver⸗ brochen.“— 3. „Still Johann,“ ermahnte der Pfarrer,„woher habt ihr ſo gottloſe Rede?“— Und der theilnehmende Seelſorger troͤ⸗ ſtete ſo beredt den ſchwermuͤthigen Mann, ſprach ſo wahre und uͤberzeugende Worte, daß die truͤben Gruͤbeleien und ſelbſt⸗ peinigenden Gedanken vor dem Lichte der goͤttlichen Wahrheit gleich den Wolken vor dem Sonnenlichte ſchwanden. „Ja, wenn ich Sie immer haben koͤnnte,“ ſeufzte Johann. „Das iſt wahr, Herr Paſtor,“ ſagte Eliſabeth geruͤhrt, „Sie wiſſen allemal das rechte Fleckchen zu treffen im Herzen, und man muß Ihnen glauben, man mag wollen oder nicht. Der liebe Gott wirds Ihnen auch recht gut dafuͤr gehen laſſen, daß Sie ſich eines ſo ungluͤcklichen Mannes annehmen. Nicht wahr, das Kind wird leben?“ „Wie Gott will,“ ſagte der Paſtor mit glaubensvoller Stimme,„leben wir, ſo leben wir dem Herrn, ſterben wir, ſo ſterben wir dem Herrnz darum, wir leben oder ſterben, ſo ſind wir des Herrn.“—. Mehrere Tage waren vergangen, ſeit der Pfarrer die armen Leute wieder verlaſſen hatte. Der Pfarrer hatte, von Amtsgeſchaͤften uͤberhauͤft, weder nach der Familie fragen koͤn⸗ nen, noch ſonſt etwas von ihr gehoͤrt, als eines Tages Johann 3¹ ſelbſt zu ihm in die Stube trat. Der Mann hatte ſich in der kurzen Zeit ſehr veraͤndert, und der freudloſe Ausdruck des Geſichts ließ einen tiefen Kummer, der an ſeinem Innern nagte, durchblicken. Die leichenblaſſe Geſichtsfarbe, die tief⸗ liegenden, umherſchweifenden, truͤben, faſt geiſtloſen Augen, die gebuͤckte Haltung des Koͤrpers, welcher in einen grauen Regenmantel verhuͤllt war, machten die Erſcheinung deſſelben faſt unheimlich, ſo daß der Paſtor erſchrocken ausrief:„Um Gotteswillen, Mann, was iſt Euch?“— „Herr Paſtor,“ ſprach Johann mit zitternder tonloſer Stimme,„verſtoßen Sie mich nicht. Ich bin ein elender Menſch; erbarmen Sie ſich meiner, wie Sie ſchon einmal thaten. Ich muß Sie etwas fragen, ich kanns nicht laͤnger bei mir behalten!“ „Beruhigt Euch, Johann,“ bat der Paſtor dringend, welcher mit Recht fuͤrchtete, Johann moͤchte durch irgend ein neues Ungluͤck erſchuͤttert worden ſein.„Setzt Euch, Johann; — erzaͤhlt ruhig, wie's Euch geht. Was macht Euer Kind? Es war krank, wie ich bei Euch war. Lebt es?“ Johann nickte ſchwermuͤthig, that ſeinen Mantel ausein⸗ ander und ſetzte zur groͤßten Verwunderung des Paſtors und ſeiner Toͤchter das darin verborgene Kind der Eliſabeth vor des Paſtors Fuͤße. Es war ein liebliches, wirklich ſchoͤnes Maͤdchen geworden, ungefaͤhr zwei Jahr alt, einem Engelein zu vergleichen, mit rothen Backen, und blonden Locken, und mit vieler Sorgfalt gekleidet. „Da,“ ſeufzte Johann, und Thraͤnen, die er nur muͤhſam verbarg, rollten uͤber die hohle Wange herab,„— da iſt das Kind!“— Der Paſtor war wunderbar uͤberraſcht von des Kindes Schoͤnheit; Johann aber ſeufzte abermals und ſagte:„Wollte Gott, das arme Wuͤrmchen waͤre geſtorben.“ Geſtorben?“ rief der Paſtor verwundert.„Danket doch lieber Gott, der euch das Kind erhalten hat!“— „O, Herr Paſtor,“ ſtoͤhnte der Arme,„ich bin doch ein Suͤnder, ein von Gott verfluchter und verdammter Suͤnder! Herr Paſtor,“ ſetzte er mit unheimlicher Stimme hinzu— ſagen Sie mir nur das, warum hat der Teufel das unſchul⸗ dige Kind ſo gezeichnet?“ 4* 3² „Seht doch das Kind,“ bat der Paſtor einlenkend,— „ſeht das liebe holde Kind! der gute, gnaͤdige Gott hat Euch nicht freudlos und allein auf der Erde gelaſſen. Es wird Euch lieben, als waͤre es Euer Fleiſch und Blut!— Seht, wie es Euch anlaͤchelt, wie es die Haͤndchen verlangend nach Euch ausſtreckt!“— „Ja,“ ſagte Johann mit bebender Stimme,„ich war dem Kinde gut,— ſo gut wie meinen ſeligen Kleinen. Es war meine Freude, meine einzige Freude. Aber, Herr Paſtor, ich habe in Buͤchern geleſen, und gar fromme Leute haben mirs geſagt, daß der ſuͤndige Menſch ſich nicht freuen ſoll. Jede Freude iſt Suͤnde, iſt von Gott verdammt und verflucht! Darum hat der Teufel auch dieß unſchuldige Wuͤrmchen ge⸗ zeichnet! Sehen Sie?— das liebe, ſuͤße, ſchoͤne Kind,— es iſt blind,— blind ſage ich, auf beiden Augen blind! O, ich haͤtte Alles fuͤr ein Kind hingegeben!“— Erſchuͤttert ſah der Paſtor hin; des Paſtors Tochter Gretchen, welche mit dem Kind geſpielt, und der ſchon ſeine Unbeholfenheit aufgefallen war, ſtieß einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus, denn die ſchoͤnen, blauen Augen waren leblos und todt, ihr Licht ſchien erloſchen. „Blind?“ rief Gretchen ſchmerzlich und nahm das lieb⸗ liche Kind auf ihre Arme;„blind, du unſchuldiges kleines Weſen. Sollſt du niemals wieder Gottes ſchoͤne Erde ſehen, nie uͤber der Wieſen Gruͤn, und der Blumen Pracht, und der Sonne Glanz dich freuen? Sollſt du nie in die freundlichen Zuͤge guter Menſchen ſchauen duͤrfen? Armes, armes Kind,“ ſprach ſie und Thraͤnen fuͤllten die Augen der Jungfrau,— „ſo klein noch, und ſchon ſo ungluͤcklich!“ Ach, die Kleine fuͤhlte noch Nichts davon, und ſchmiegte ſich traulich an das Maͤdchen an.„Gute Mutter,“ lallte es,— es meinte die Mutter zu umarmen,—„lieb haben.“ Und das Kind ſtrei⸗ chelte der Jungfrau Wangen und gab auf kindliche Weiſe ſein Wehklagen zu erkennen.— „Es wird ſich heilen laſſen,“ troͤſtete der Pfarrer,„mir ſind dergleichen Faͤlle bekannt. Wir wollen einen geſchickten Arzt fragen; vielleicht will es Gott, daß dieſe truͤben Augen ſich wieder aufhellen.“ Johann aber ſchuͤttelte unglauͤbig den Kopf und wollte keinen Troſt annehmen, obſchon Alle ſich um den verzweifelnden Mann und das Kind herum mit jenem 55 edlen Mitleiden bemuͤhten, das gute Menſchen beim Anblicke menſchlichen, unverſchuldeten Elends fuͤhlen. „Ja, das iſt's,“ fuhr der bedauernswerthe Johann fort, —„weil ich Frau und Kinder gar zu lieb hatte, darum muß⸗ ten die fuͤnfe und meine Frau ſterben! Die Schweſter Eliſa⸗ beth,— ich war wirklich ſtolz auf ſie, mußte unſrer Familie die Schande machen,— und nun wird der alte Vater bald blind werden, und das arme Kindchen iſt auch blind. Ich will ja gerne zur Erkenntniß meiner Nichtswuͤrdigkeit, meiner Verworfenheit kommen,— ich leſe in frommen Buͤchern, ich weine, und ſeufzte, und bete;— aber immer wieder verſucht mich der Teufel, und will mir einreden, daß Freude keine Suͤnde waͤre! Aber die menſchliche Natur iſt ganz verdorben, und der Zorn Gottes liegt auf uns! Ach, wenn wird des Lammes Blut mich loskaufen? Ja, Herr Paſtor, ich bin gewiß ein ganz großer Suͤnder, ein nichtswuͤrdiger, verdamm⸗ ter Menſch;— warum waͤre ich denn ſonſt ſo ungluͤcklich? Warum muͤßten denn ſonſt Alle ſterben, Alle ungluͤcklich wer⸗ den, die ich lieb habe?— Oh, oh,— ich Elender, ich Suͤn⸗ der!“ ſchrie der Ungluͤckliche,„ich bin dem Teufel verfallen!“ Er ſchlug ſich an die Bruſt und barg das kalte Geſicht, auf Deenn große Schweißtropfen ſtanden, verzweifelnd in die aͤnde.— Der Paſtor war tief erſchuͤttert; aber er faßte ſich, ergriff des Mannes Hand und erzaͤhlte ihm von dem Herrn Chriſto, wie ſie den Blinden zu ihm brachten, und wie der Herr Chri⸗ ſtus ſo deutlich ausgeſprochen, daß der Ungluͤckliche weder um ſeiner, noch ſeiner Aeltern Suͤnden willen erblindet ſei. Die⸗ ſes ſchlagende Beiſpiel ſchien einen guͤnſtigen Eindruck auf Johannes Gemuͤth zu machen, und als der Paſtor ihn an Hiob, den frommen Dulder, und an Jeſus Chriſtus, den Heiligen, der ſo Vieles leiden mußte, erinnerte, ward er ruhiger. „und meine fuͤnf Kinder waͤren alſo nicht um meiner Suͤnden willen geſtorben?“ fragte Johann halb zweifelnd halb freudig,„dieſes Kind haͤtte nicht an meiner Stelle, oder an der Stelle ſeines ſuͤndhaften Vaters, die Strafe zu er⸗ dulden?“— „Gewiß nicht,“ antwortete der Prediger mit feſter Zu⸗ verſicht;„der Sohn ſoll nicht tragen die Schuld des 54 Vaters; und wenn auch Gott die natuͤrlichen Folgen ſuͤndhaf⸗ ten Lebens, Krankheit, Armuth und andere natuͤrliche Uebel die Kinder bis ins dritte und vierte Glied treffen laͤßt— Er, der denen, die ihn lieben, bis ins tauſendſte wohlthut,— ſo kann die ſittliche Schuld und Suͤndenſtrafe nicht forterben, nicht die unſchuldigen Nachkommen treffen. Gott iſt gerecht und giebt einem Jeden nach ſeinen Werken.“ „O Herr Paſtor,“ ſeufzte der Gebeugte,„wenn Sie ſo ſprechen, da iſt mirs, als koͤnnte ich wieder Troſt und Hoff⸗ nung faſſen. Vergebens habe ich bei einem glauͤbigen Manne, dem Joſt, der jetzt in's Dorf gezogen iſt, Troſt und Belehrung geſucht; die frommen Schriften, die er mir zum Leſen gegeben hat, haben meinen Sinn nur verwirrt! Darum komme ich immer wieder zu Ihnen. Es kann doch Niemand ſo zu mir ſprechen, als Sie, der Sie meinen Zuſtand kennen.“ „Vater, Vater!“ rief jetzt das blinde Kind und ſtreckte die kleinen Aermchen in ungewiſſer Richtung nach dem armen Fohann aus. „Ja, ſehen Sie,“ ſagte der ungluͤckliche Mann, indem er die Kleine auf den Arm nahm und mit Vaterzaͤrtlichkeit . Ae halt und kuͤßte,„ſo treibt's das arme Kind; ſie will nur ei mir ſein, und ich darf ſie nicht allein laſſen. Aber Sie wiſſen noch gar nicht Alles. Es muß mit dem Kinde nicht ganz richtig im Kopfe ſein. Sehen Sie,“ kreiſchte der Un⸗ gluͤckliche in ſchneidenden Schmerzenstoͤnen;—„da kommt's wieder, es iſt das boͤſe Weſen!“— Der Arme ſetzte das Kind auf die Erde, welches ſich willenlos die Entfernung vom Vater gefallen ließ. Leichen⸗ blaͤſſe bedeckte des Maͤdchens ſchoͤnes Geſicht, und eine unheim⸗ liche Gewalt verzerrte die lieblichen Zuͤge; ihre Glieder zitter⸗ ae convulſiviſch, und ihr ganzer Zuſtand ſchien ungemein leidend. „Nicht wahr?“ fluͤſterte der ungluͤckliche Mann dem Paſtor leiſe und mit unheimlichem Tone in's Ohr,—„nicht wahr, der Teufel ſteckt in dem Kinde?„Oh, oh,“ ſetzte er mit wil⸗ dem Ausdrucke hinzu,„Sie haben das Kind getauft, aber den Teufel haben Sie nicht ausgetrieben!“— 3 „Lieber Mann,“ ſagte der Paſtor wehmuͤthig und mit inniger Theilnahme den ſich ſelbſt peinigenden und in ſeinem Wahnglauben ſo ungluͤcklichen Mann betrachtend,„das Kind 2 ½ 55 iſt krank; das Fieber hat vielleicht auch ſeine Geiſteskraͤfte geſchwaͤcht und geſtoͤrt, ſo wie es ſeine Augen vernichtete,— das iſt der Grund! Wie kommt Ihr auf den troſtloſen, ja gottloſen Gedanken, daß in dieſem ſchoͤnen, unſchuldigen Kinde ein boͤſer Geiſt ſein Weſen treiben duͤrfe? Ein ſchuldloſes Kind gehoͤrt weder vor noch nach der Taufe dem Teufel, wenn er auch nicht mit beſondern Worten ausgetrieben iſt. Unſere Seelen ſind in Gottes Hand und keine Qual ruͤhrt ſie an,— und es kommt Alles von Gott, Gluͤck und Ungluͤck, Leben und Tod. Mann, Mann,“ rief der Paſtor begeiſtert,„ſo nehmt doch Euere Vernunftkraͤfte zu⸗ ſammen, leſet mit Verſtand die heilige Schrift, ſtatt in Schrif⸗ ten, die Ihr gar nicht, oder doch falſch verſteht, und Ihr wer⸗ det einſehen, daß der Teufel uͤber keinen vom Geiſte Gottes beſeelten Menſchen, auch nicht uͤber ein erloͤſtes Chriſtenkind Macht haben kann. Seht, ſchon legt ſich die Gewalt des Krankheitszufalles, das Geſicht wird ruhig, es iſt voruͤber! Sie ruft, ſie langt nach Euch.“ „Vater,“ bat Gretchen leiſe, indem ſie bittend ihre Arme um des Vaters Nacken ſchlang;—„Vater, wir wollen das ungluͤckliche Kind bei uns behalten. Wer ein Kind auf⸗ nimmt in des Heilands Namen, der nimmt Ihn ſel⸗ ber auf, und was wir gethan haben dieſen Gering⸗ ſten Einem, das haben wir Ihm gethan;“ nicht wahr, Vater?— O, Vaͤterchen, ich will das arme vaterloſe Kind warten, pflegen und fuͤttern, und Gott wird ſeinen Segen dazu geben; es wird geſund werden und der ungluͤckliche Mann noch Freude an dem Kinde erleben! Wir wollen es fromm und chriſtlich erziehen, da fuͤhlt es ſein Ungluͤck weni⸗ ger. Vater, bitte, laß es mir, mir! Ich will des Nachts wachen, ich will es am Tage huͤten und wenn es krank iſt nicht von ihm weichen. Darf ich Vater?“ „Gretchen, gutes Gretchen,“ ſprach der Vater und die Thraͤnen der Nuͤhrung ſtanden ihm in den Augen, indem er ſeine Tochter ſtreichelte;—„das geht ja nicht! Sollten wir dem armen Johann ſeine einzige Freude nehmen?— Aber mein Gretchen, nimm dich des Kindes an, und wir wollen unſern Arzt aus der Stadt zu den Leuten ſchicken, vielleicht iſt doch Heilung moͤglich. Johann,“ bat der Pfarrer dringend, „ermannet Euch, reißt Euch heraus aus Euern Truͤbſinn,— 36 betet und arbeitet! Ich brauche gerade einen tuͤchtigen Tageloͤhner in meiner Wirthſchaft, habt Ihr Luſt? Wenn Ihr dann zu mir auf die Arbeit kommt, und Euere Eliſabeth auch außer dem Hauſe arbeitet, dann bringt Ihr Euer Kind mit zu mir, Gret⸗ chen— nicht wahr mein gutes Gretchen?— Du wirſt fuͤr das Kind ſorgen?“— „Ich ſoll bei Ihnen bleiben?“ fragte Johann, und ein Strahl von Freude flog uͤber ſein duͤſteres Geſicht.„In Ihrer beſtaͤndigen Naͤhe, Herr Paſtor? Und Sie, Jungfer Gretchen, wollen ſich des armen blinden Kindes annehmen? Und ich ſoll mich freuen duͤrfen uͤber das Maͤdchen, als waͤre es mein eig⸗ nes? O, das iſt zu viel, zu viel Guͤte, das verdiene ich nicht! Vergelts Ihnen Gott, was Sie an mir thun. Nur das kann mich vor den liſtigen Anlauͤfen des Teufels retten.“ „Laßt den Teufel,“ bat der Paſtor;„er hat Nichts mit uns zu ſchaffen; denn dazu iſt erſchienen der Sohn Got⸗ tes, daß er die Werke des Teufels zerſtoͤre, und wider⸗ ſtehet dem Teufel, in innerer Kraft der Heiligung, ſo flie⸗ het er von Euch.“——— „Wer anders,“ dachte der Prediger, als die Pfarrfrau Johann mit ſich hinausgenommen hatte, um ihm, zur Zer⸗ ſtreuung, ſeine kuͤnftige Arbeit zu zeigen,—„wer anders ſollte in ſolche verwirrte, unklare Seelenzuſtaͤnde, Klarheit, Ruhe und Heiterkeit zu bringen im Stande ſein, als der Geiſtliche? — Wer anders beſaͤße wohl Luſt, Faͤhigkeit und Beruf, um religioͤs irregeleitete, von falſchen religioͤſen Bedenklichkeiten befangene und gequaͤlte Herzen zu retten? Wie leicht doch wurzeln durch Erziehung, Umgang, durch Leſen von Schrif⸗ ten gewiſſe Ideen im Herzen feſt, ohne daß die eigene Ver⸗ nunftkraft ausreichte, um ſie in ihrer Schaͤdlichkeit und Un⸗ wahrheit erſcheinen zu laſſen. Ein Gedanke folgt aus dem andern, und die Vernunft ſelbſt baut auf Eine falſche Vor⸗ ausſetzung eine Menge anderer Gedanken,—— der Jude, der Heide,— ſie haben auch Vernunft, und irren doch,— bis die Seele am Ende eine ganz ſchiefe Richtung nimmt, und ſich in den Irrthum ganz hinein denkt und hinein lebt. Das, was der durch Gottes wohlverſtandenes Wort belehrten und erleuchteten Vernunft als Wahrheit erſcheint, wird von der im Irrthum befangenen, unerleuchteten, mit falſchen Ideen vollgepfropften Vernunft, verworfen! Das Gotteswort in der 57 Schrift kann allein eine ſegensreiche Umſtimmung verſchrobe⸗ ner Seelenrichtungen nicht bewirken, denn verſchrobene Ge⸗ muͤther deuten ja eben die Schrift nur nach ihrem Sinne, glauben darin zu finden, was ſie darin finden wollen, ver⸗ nachlaͤſſigen die klaren Schriftworte und ſaugen aus undeut⸗ lichen Bibelſpruͤchen und einzelnen aus dem Zuſammenhange des Ganzen herausgeriſſenen bibliſchen Gedanken Gift, ſtatt Heil! Wohin wuͤrde doch die Menſchheit, trotz der geſchriebnen Offenbarung, gekommen ſein, wenn nicht der Stand der Geiſt⸗ lichen, durch wiſſenſchaftliche Bildung befaͤhigt, angehal⸗ ten haͤtte mit Leſen, mit Ermahnen, mit Lehren, und das geoffenbarte, in der Schrift enthaltene Gotteswort aus der Schrift klar und wahr entwickelt und gegen alle fromme und unfromme, getauͤſchte oder tauͤſchen wollende Schwaͤrmer und Luͤgengeiſter vertheidigt und die chriſtlichen Ideen in ihrer Reinheit wieder in's Licht geſtellt,— wenn nicht der Lehrſtand die Kirche reformirt und das religioͤſe kirch⸗ liche Leben vergeiſtigt, fortgebildet, den Zeitbeduͤrfniſſen und Bildungszuſtaͤnden angepaßt und beſtaͤndig erneuert haͤtte! Der Lehrſtand iſt ein Beduͤrfniß, und wer weiß, wie es mit dem Chriſtenthume ohne denſelben jetzt ſtaͤnde, und was einer⸗ ſeits die zahlloſen Schwaͤrmer und Sectirer, andrerſeits nur nach Gewinn und Genuß ſtrebende Zeitrichtungen aus dem⸗ ſelben gemacht haben wuͤrden! Und ſind nicht Millionen von Menſchen wegen ihrer anderweiten Berufsthaͤtigkeit, ja wegen der geiſtigen Bildungsſtufe, auf welcher ſie ſtehen, nicht im Stande, ſich religioͤs ſo weit durchzubilden, daß ſie ohne Fuͤhrer den ſchmalen Pfad, der zum Leben fuͤhrt, finden, und— was mehr iſt, wirklich gehen wuͤrden? Millionen wer⸗ den ſtets der Religionslehrer beduͤrfen, die fuͤr ſie denken und forſchen, in Gottes Wort nach Wahrheit forſchen, und dann die Endergebniſſe ihrer Forſchungen ihnen mittheilen;— denn Tauſenden und aber Tauſenden fehlt zu ſelbſtſtaͤndigem For— ſchen nach religioͤſer Wahrheit gerade das hauptſaͤchlich Er⸗ forderliche: wiſſenſchaftliche Bildung, Sprachkenntniß, Kennt⸗ niß der geſchichtlichen Entwickelung des Chriſtenthums— und vor allem Zeit— Luſt und Beruf!“——. IV. gekommen. Der Pfarrer hatte eben ſeine Predigt auf den vierten Adventsſonntag uͤber das Evangelium, von Johannes dem Tauͤfer, dem Vorlaufer Chriſti, beendigt, und daran„Selbſtpruͤ⸗ fungen, wie wir im verfloßnen Jahre dem Herrn den Weg bereitet haben,“ geknuͤpft. Nie blos fuͤr Andere predigend, hatte er auch ſein eignes Leben ſelbſtpruͤfend durchgegangen, ob er auch, wie er gekonnt und geſollt, durch Wort und Bei⸗ ſpiel ein Johannes der Tauͤfer fuͤr ſeine Gemeinde geweſen ſei, und nach ſeinen Kraͤften gewirkt habe, daß das Reich Gottes, welches nicht Eſſen oder Trinken, ſondern Gerechtigkeit Frieden und Freude im heiligen Geiſt iſt, zu Allen kaͤme, und ſchwer war es ihm auf die Seele ge⸗ fallen, daß er den buͤrgerlichen Vorſtand ſeiner Gemeinde noch immer nicht wieder hatte fuͤr das kirchliche Leben gewinnen koͤnnen, ja daß er ihn vielleicht durch ſeine Heftigkeit der So war wieder einmal der Schluß eines Jahres herbei⸗ Kirche noch mehr entfremdet hatte. War doch nicht blos in religioͤſer Hinſicht, ſondern auch in Beziehung auf die auͤßer⸗ liche Wohlfahrt, namentlich auf die Armenpflege, das ein⸗ traͤchtige nach Einem Ziele trachtende, und von Einem Geiſte, dem Geiſte chriſtlicher Barmherzigkeit durchwehte Wirken, von hoͤchſter Wichtigkeit! Dieß bedenkend, und in der Hoffnung, durch Zuvorkommen doch vielleicht den Gemeindevorſtand dem kirchlichen Leben wieder naͤher bringen zu koͤnnen, nahm er jetzt ſeine Papiere unter den Arm und ging ſelbſt zu ihm hin. Natuͤrlich war dieſer uͤber das ungewohnte Erſcheinen des Paſtors ziemlich erſtaunt und etwas verlegen, aber des Letztern Unbefangenheit und die freundliche Geſchaͤftigkeit, mit welcher er ſogleich von Geſchaͤftsſachen begann, brachten bald ein Geſpraͤch zu Stande, in welchem der Paſtor mit Fleiß jede Anſpielung auf das fruͤher zwiſchen ihnen Vorge⸗ fallene vermied, ſo daß die vorgenommenen Gemeindeange⸗ legenheiten zu beiderſeitiger Zufriedenheit bald beigelegt waren. „Nun iſt die Reihe an Ihnen,“ ſagte der Pfarrer als er aufſtand;„Sie haben mich auch in der Kirche recht lange nicht beſucht.“— 39 „Geſchaͤfte, Herr Paſtor,“ verſetzte ausweichend und ver⸗ legen erroͤthend der Gemeindevorſtand,„ich bin ſehr beſchaͤftigt, meine Wirthſchaft, mein Amt—“ „Gerade Sonntags?“ meinte der Paſtor treuherzig.„Sollte Ihnen denn niemals ein Stuͤndchen fuͤr die Kirche uͤbrig bleiben—“ Das Geſicht des vorher ſo freundlichen Mannes wurde immer laͤnger und kaͤlter.„Herr Paſtor,“ ſagte er kalt,„ich thue meine Pflicht, ich entrichte meinen Decem und meine Ga⸗ ben;— ob ich in die Kirche komme, das kann Ihnen einerlei—“ „O nein, lieber Brenz,“ verſetzte der Pfarrer warm.„Ich wuͤrde mich unendlich freuen, wenn Sie, als Haupt der Ge⸗ meine, ihr auch hierin mit einem guten Beiſpiel vorangingen!“ „Herr Paſtor,“ verſetzte Brenz ruͤckſichtslos,„offen geſagt, was ſoll ich in der Kirche? Sehen Sie, was mir dort geſagt werden kann, das weiß ich laͤngſt. Es mag das Predigen fuͤr Ungebildete gut ſein, wir Gebildeteren wiſſen das, was wir glau⸗ ben und thun ſollen, eben ſo gut, als Sie es uns ſagen koͤnnen!“ „Gebildete? Wiſſen?“ fragte der Prediger erſtaunt.„Sind denn alle die Gebildetſten, die die ganze Glaubens⸗ und Pflich⸗ tenlehre ganz genau kennen, auch die Froͤmmſten? Und predi⸗ gen wir denn blos des Wiſſens wegen? Iſt denn der Glaube an Gott blos ein Wiſſen von Seinem Weſen und nicht zugleich und hauptſaͤchlich ein den richtigen Anſichten von Gott ange⸗ meßnes Leben, ein Streben vollkommen zu werden, wie Er iſt? Iſt denn der Glaube an Chriſtum wiederum etwa ein blo⸗ ſes Wiſſen von Seiner Lehre und Seinen Schickſalen, und nicht vielmehr abermals ein Leben nach des Erloͤſers Beiſpiel und Willen, ein Streben, mit Ihm Eins zu werden und Chriſtum anzuziehen,— Chriſti heiligen Sinn ſich anzueignen? Soll nicht das ganze Erdenleben ein beſtaͤndiges Streben ſein, ob wir hinankommen und verklaͤrt werden moͤchten in das vollkommne Bild des Eingebornen Gottesſohns, ein Streben— hoͤren Sie wohl, ein Streben, das immer der Ermuthigung, der Foͤr⸗ derung durch das lebendige Wort des Predigers, oder irgend eines vom Geiſte Gottes ergriffenen Gemuͤthes bedarf?“— „Wenn das iſt,“ bemerkte der Gemeindevorſtand wegwer⸗ fend,„wozu brauchten wir denn dann beſondere Prediger? Dann koͤnnte ja jeder Fromme predigen! Das kann doch nichts ſo Schweres ſein!“ 60 „Halten Sie das Ueberzeugen Unglauͤbiger, das Bewegen kalter und muthwilliger Herzen fuͤr ſo etwas Leichtes?“ eiferte der Paſtor.„Oder iſt es denn etwas Leichtes, die heiligen Schriften recht zu verſtehen und recht auszulegen? Viele be⸗ ruͤchtigte Sectirer und Schwaͤrmer ſind recht fromme Leute ge⸗ weſen und welche gefaͤhrliche Irrlehren wurden doch oft durch ſie verbreitet! Froͤmmigkeit tappt bei dem beſten Willen, ohne die Wiſſenſchaft, gar oft im Finſtern! Nein, es muß einen Stand geben, welcher ſein ganzes Leben der Erforſchung und Verbreitung der heiligſten Wahrheiten widmet, den Stand der Geiſtlichen—“ „Mag ſein,“ verſetzte Brenz;„aber Sie koͤnnen und ſol⸗ len doch nichts anders predigen; als Gottes Wort, und das ha⸗ ben ja alle Chriſten gedruckt zu Hauſe.“ „O, das Leſen in Gottes Wort iſt eine herrliche Sache,“ behauptete der Prediger;„aber allein, lieber Brenz, iſt es nicht ausreichend. Unſer großer Luther ſagt einmal:„Nach dem geſchriebenen Wort fragt der Teufel Nichts, wo man es aber redet und predigt, da fleucht er.“ Das geſchriebene Wort iſt doch eben nur der Buchſtabe, nicht der Geiſt ſelbſt, und das Wort erhaͤlt erſt Geiſt und Leben und Kraft, dadurch, daß es von einem Menſchengeiſte aufgenommen wird. In lebendiger Menſchenſtimme muß es ertoͤnen, dann dringt es durch Mark und Bein, lebendig und kraͤftig, denn kein zweiſchnei⸗ dig Schwert, bis daß es ſcheide Seel und Geiſt. Das Wort Gottes muß gepredigt werden, wenn es nicht vergeſſen werden ſoll auf Erden!“ „Gut, gut,“ verſetzte Brenz,„allein je mehr Worte, deſto weniger Chriſtenthum. Das Reden thuts nicht, die That iſts, und was wir dazu brauchen, das ſagt ſchon das Gewiſſen.“— „Das aber ohne die Offenbarung erweislich ſehr oft irrt,“ fiel der Prediger ein,„und ſehr oft geirrt hat—“ „Gut,“— gab Brenz zu,„das laͤßt ſich aber mit we⸗ nigen Worten kurz ausdruͤcken: Fuͤrchte Gott, thue Recht, ſcheue Niemand;— oder wenn Sies bibliſch wollen: Du ſollſt Gott lieben von ganzem Herzen und Deinen Naͤchſten, wie Dich ſelbſt. Da haben Sie Moſen und die Propheten! Was koͤnnen Sie weiter ſagen? Alle Predig⸗ ten muͤſſen fich darum drehen, und ich weiß, daß ich das thun oll!“— 5 61 „Ja mein Beſter,“ verſetzte der Prediger lebhaft,„wer iſt aber der Gott, den ich lieben oder fuͤrchten ſoll? Ehe Ich ihn nicht ganz kenne, kann ich Ihn nicht lieben— und was heißt lieben! Was iſt Recht? was Unrecht? Wer iſt mein Naͤchſter, und wer bin ich ſelbſt?— O, es giebt unzaͤhlige Fragen, die Vernunft und Gewiſſen nur durch Unterricht aus Gottes Wort beant⸗ worten koͤnnen, das viele, viele Andre gar nicht zu erwaͤhnen, woruͤber der denkende religioͤſe Menſch allerdings Aufſchluß ver⸗ langt! Wer haͤtte je die tiefen heiligen Glaubenslehren ausgelernt? Und Sie wollen von den Glaubenslehren gerade Nichts wiſſen? Liegen nicht in ihnen allein die Beweggruͤnde fuͤr ein frommes Handeln? Wir koͤnnen ſie nun und nimmermehr entbehren. Aber betrachten wir einmal das Thun allein,— das Thun iſt ja eben das Schwere! Sie wiſſen, daß Sie Gott lieben ſollen,— aber werden Sie die Luſt, die Kraft dazu, werden Sie die Liebe zu Gott in allen Verhaͤltniſſen des Lebens bewahren? Werden Sie ſtets die noͤthige Ergebung in Gottes Willen, Geduld und Hoffnung haben? Sie wiſſen, daß Barmherzigkeit eine Pflicht gegen den Naͤchſten iſt;— aber werden Sie auch ohne wieder⸗ holte, beredte Ermunterung Seiten des Predigers,— auch in ſolchen Faͤllen, wo Sie keine Gegenſeitigkeit, keinen Lohn er⸗ warten koͤnnen, Werke der Barmherzigkeit uͤben, dem Sama⸗ riter gleich?“ „Sehen Sie,“ fuhr der Paſtor fort,„darum iſt es noͤthig, daß der Prediger ſowohl die glauͤbigen Ueberzeugungen befeſtige, ausdeute, erweitere und verklaͤre, als auch zu den heiligen Tu⸗ genden des Chriſten ermuntere, daß er unaufhoͤrlich, als Bot⸗ ſchafter an Chriſti Statt bitte und flehe: Laſſet euch ver⸗ ſoͤhnen mit Gott, daß er ermahne, warne, ſtrafe, drohe, erſchuͤttere!“— „Das mag fuͤr Viele noͤthig ſein,“ gab Brenz zu, indem er, unfaͤhig den Streit mit Gluͤck fortzufuͤhren, die Wahrheit des Geſagten im Allgemeinen anerkennen mußte, ſeine Perſon aber wo moͤglich von allen Folgerungen befreien wollte;—„aber ich fuͤr meine Perſon finde nun einmal keine Erbauung in der Kirche, und jedesmal, wenn ich in die Kirche gekommen bin, da war von einer Suͤnde die Rede, die ich nicht an mir hatte. So bin ich allmaͤlig zu Hauſe geblieben; es iſt ſo eine Gewohn⸗ heit, vielleicht nicht ganz recht, aber ſehen Sie, jeder Menſch hat nun einmal ſeine Eigenheiten!“— „Nun, ſo thun Sie es wenigſtens Ihrer Frau zu Liebe,“ bat der Paſtor, ſeine Empfindlichkeit unterdruͤckend,„die arme Frau graͤmt ſich gar ſo ſehr, wenn ſie allein zu Gottes Tiſche gehen muß—“ „Ich muß mir alles Einmiſchen in meine Familienange⸗ legenheiten hoͤflichſt verbitten,“ bemerkte der Gemeindevorſtand bitter.„Hat Ihnen das meine Frau ſelbſt geſagt?“— „Ihr Schwiegervater, Georg, ſprach beilauͤfig einmal daruͤber,“ verſetzte der Pfarrer, und brach das Geſpraͤch ab, das wie er jetzt einſah, doch nie zum Ziele fuͤhren wuͤrde, weil es ſich deutlich zeigte, daß Brenz gar nicht belehrt und uͤber⸗ zeugt ſein wollte, obſchon er vielleicht, wie ſo viele andere Kirchenveraͤchter die Wahrheit ſolcher Behauptungen und die Nothwendigkeit des Predigtamts im Geheimen gegen ſich ſelbſt wegzuleugnen nicht im Stande war. So blieb denn auch in den folgenden Jahren das Ver⸗ haͤltniß des Gemeindevorſtands zu dem Paſtor das alte; nur daß es eines Theils nicht in offene Feindſchaft aus⸗ artete, anders Theils aber fuͤr die anderen Gemeindeglieder deßhalb weniger nachtheilig wurde, weil Brenz ſelbſt und die ganze Brenzſche Familie bei allen Beſſeren immer mehr an Achtung verloren. Ihre Vermoͤgensumſtaͤnde waren ganz zer⸗ ruͤttet, und nur der Gemeindevorſtand hatte durch die groͤßten Anſtrengungen den auͤßeren Schein der Wohlhabenheit und des Wohlſtandes zu erhalten gewußt; ſein Bruder Chriſtian dagegen war ganz heruntergekommen, ſein Gaſthaus war ver⸗ ſchuldet, und er ſelbſt hatte ſich durch ſeine immer mehr zuneh⸗ mende Trunkſucht immer veraͤchtlicher gemacht. Der alte Brenz hatte anfangs bei dem Gemeindevorſtande bleiben wol⸗ len; die Schwiegertochter, Georgs Tochter, hatte alles Moͤg⸗ liche gethan, um dem alten, ſchwachen Vater das Leben zu erleichtern und zu erheitern, waͤhrend ſein eigener Sohn den Alten hart, ja ſelbſt niedertraͤchtig behandelte; aber gerade der Schwiegertochter Liebe ſchien dem alten Mann, im Gegenſatze zu der Liebloſigkeit ſeines Sohnes, peinlich zu ſein. Er hatte ja alles gethan, um ſeine Kinder, wie er meinte, durch Geld gluͤcklich zu machen, und es war, als wenn hier des Sohnes Undank, dort die ſtille Aufmerkſamkeit der Schwiegertochter ihn innerlich unruhig machten; kurz der Alte hatte einmal ploͤtziich das Haus verlaſſen, und war zu ſeinem Sohne 65 Chriſtian gezogen, und litt dort lieber Mangel, ließ ſich lieber von beiden Kindern, von dem beſtaͤndig betrunkenen Sohne, wie von der ſtets mißmuthigen, bitteren Schwiegertochter ſchlecht behandeln, als daß er zu dem Gemeindevorſtande zu⸗ ruͤckgekehrt waͤre. In Einem der folgenden Jahre geſchah es, daß in der Woche vor dem zwanzigſten Trinitatisſonntage eine erwach⸗ ſene Tochter des Gemeindevorſtands ſtarb. Schon hoffte der Pfarrer bei dieſer Gelegenheit wenigſtens den Gemeindevor⸗ ſtand einmal in der Kirche zu ſehen, aber vergebens. Durch einen dritten Mann ward das Begraͤbniß beſtellt, die Leiche ſollte ohne alle und jede kirchliche Feierlichkeit, in der Stille, mit hoher Conceſſion, begraben werden, das war des Vaters beſtimmter Wille, und die Gegenwart des Geiſtlichen ward ausdruͤcklich verbeten.— Es war am Sonnabend Abends, als der Leichenzug ſich durchs Dorf bewegte. Keine Sterbeglocke ertoͤnte, beruhigend und troͤſtend die Gedanken zum Himmel hinaufziehend, kein Kruzifix ward vorangetragen, die Herzen hinweiſend auf den, der dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergaͤngliches Weſen ans Licht gebracht durchs Evangelium, und das Kruzifixr auf dem Sarge war auf ausdruͤckliche Anordnung mit Blumen und Kraͤnzen ganz ver⸗ deckt. Ach, die bald verwelkenden Blumen allein ſind ein trauriges Sinnbild auf dem Sarge einer vom Tode geknickten Blume, ein trauriger Schmuck fuͤr einen verweſenden Leich⸗ nam, wenn nicht der chriſtliche Glaube an Auferſtehung und ewiges Leben den Schmerz verklaͤrt, wenn nicht der Leidtra⸗ gende erhebende Unſterblichkeitsgedanken anſchaulich und ein⸗ dringlich ſich an des Erloͤſers Bild knuͤpfen kann, das auf dem Sarge, uͤber dem nicht mehr ſchlagenden Herzen, ruht!— Es war eine zahlreiche Leichenbegleitung! Natuͤrlich folg⸗ ten auch die leiblichen Aeltern dem Sarge; aber die, welche in dem Kinde das hoͤhere geiſtige Leben geweckt und zum Be⸗ wußtſein gebracht hatten, der Pfarrer und der Schulmeiſter, ſie, die den Funken des Goͤttlichen im Menſchen mit der hei⸗ ligen Flamme des Gottesworts angezuͤndet und genaͤhrt, und dem Kinde menſchlicher Aeltern die Kindſchaft bei Gott gewiß gemacht hatten, ſie ſollten und durften heute nicht dem Sarge ihres Pfleglings voranſchreiten, durften das Kind, das ſie auf 64 dem erſten Wege zur Taufe, auf dem Wege ins Leben, und bei der heiligen Confirmation, bei der Weihe fuͤrs Leben, an ihrer Hand gefuͤhrt hatten, auf dem letzten Wege zum Grabe nicht geleiten!— Still ward der Sarg in die Erde hinabgeſenkt;— kein Glockenklang, kein frommer Geſang uͤbertoͤnte den grauen⸗ vollen Klang der auf den Sarg hinabrollenden Erdſchollen; — kein Segen ward geſprochen!— Mag es auch ſein, daß die ſterblichen Huͤllen wie die unſterblichen Seelen auch ohne den Segen der Kirche in Gottes Hut geſegnet ſind, ſo bedarf doch der Leidtragenden Herz eines ausgeſprochnen Segens⸗ wunſches, einer von Außen kommenden Ermunterung, im lauͤbigen Herzen den Segen zu ergreifen, der fuͤr Trauernde im Gedanken an den Gott liegt, der auch der Todten Gott und Vater iſt.— Auch unſere Leidtragenden haͤtten deſſen gar wohl bedurft, denn die arme Mutter weinte heftig, und mußte faſt mit Gewalt von dem Kinde getrennt werden, das ſie, als der Sargdeckel ſich ſchloß, fuͤr dieſes Leben nicht wiederſehen ſollte. Auch waͤre noch fuͤr einen Andern eine Erinnerung an Gott am Platze geweſen, naͤmlich fuͤr den Bruder des Ge— meindevorſtands, den Schwanwirth Chriſtian Brenz, der von den reichlich geſpendeten Getraͤnken in dem Trauerhauſe ſchon jetzt ganz betrunken war, und hin und her wankend faſt in das Grab gefallen waͤre, wenn man ihn nicht noch gluͤck⸗ licherweiſe gehalten haͤtte. „Iſt mirs doch gar nicht, als wenn ein Chriſt geſtorben waͤre,“ ſagte die Pfarrerin, welche mit ihrem Gatten in weh— muͤthigem Ernſte aus den Fenſtern des Pfarrhauſes dieſe Lei⸗ chenbeſtattung mit angeſehen hatte,„es war wohl ein Be⸗ graͤbniß,— man hat eine Leiche in die Erde gelegt, aber ob die Todte eine Chriſtin war, ließ ſich nicht erkennen.“— „Mich auch hat das Begraͤbniß ſehr wehmuͤthig geſtimmt,“ entgegnete der Geiſtliche.„Beduͤrfen denn Alle, die da mit⸗ gingen, nicht den Segen Gottes? Oder iſts blos Nachaͤfferei einer vornehmen, ſich der Kirchlichkeit ſchaͤmenden Sitte? Ich konnte es faſt nicht uͤbers Herz bringen, einen Chriſten, dem der Segen Gottes von der Kirche ſo oft aufs Haupt gelegt ward, ſo ohne Segenswunſch hineinſcharren zu laſſen,— nun ja, wie einen Todten, nicht aber als waͤre es die abgelegte Huͤlle einer unſterblichen Seele!— Aber es war ausdruͤcklicher 63 Wunſch der Hinterlaſſenen! Sieh, Mutter, das ſchmerzt den Geiſtlichen, wenn man auch den Segen nicht will, den er im Namen Gottes bringt! Wie wird man es haben moͤgen, wenn er ſtrafen muß,— ſtatt zu ſegnen?“— Das war ein oͤffentlicher Skandal!“ ſagte der Pfar⸗ rer.„War nicht der Chriſtian Brenz total betrunken bei der ernſten, religioͤfen Feier?“„Es iſt merkwuͤrdig,“ bemerkte jetzt der Prediger,„daß die morgende ſonntaͤgliche vorgeſchriebene Epiſtel(Eph. 5, 15— 21.*)) gerade wider das Laſter der Trunkenheit eifert.„Und ſaufet euch nicht voll Weins, daraus ein unordentliches Weſen folgt, ſon⸗ dern werdet voll Geiſtes.“ Es iſt gewiß ſehr gut, daß es ſolche Texte giebt; wenn man dann einmal, was ſo Noth thut, uͤber einzelne Laſter predigt, dann kann es doch nicht heißen: „Das geht auf den und den; heute hat er den abgekanzelt.“ Wir Geiſtliche haben dann den vorgeſchriebenen Text, wir ha⸗ ben nur den Text aufs Leben angewendet. Aber was ſoll ich heute thun? Predige ich morgen von der Trunkenheit, ſo weiſt das ganze Dorf mit Fingern auf den Brenz!— Ich bin wirk⸗ lich in Verlegenheit. Aber, ſage mir Mutter, wuͤrde man nicht eben ſo ſehr daruͤber reden,— und ganz mit Recht, — wenn ich das Laſter der Trunkenheit nicht erwaͤhnen wollte, oder auch nur nebenbei beruͤhrte. Die ganze Gemeinde kennt nun einmal den morgenden Sonntagstext;— ſoll ich mich ſelbſt in den Verdacht der Menſchengefaͤlligkeit bringen? Soll ich etwa dem heiligem Prieſteramte den Vorwurf ma⸗ chen laſſen, als billige es ſolche Unſittlichkeiten? Ich weiß es, ich werde ſehr mit dieſer Predigt bei der ganzen Familie an⸗ ſtoßen. Aber ich mag's machen wie ich will, ich werde es doch nicht Allen recht machen. Ich thue alſo, was ich nicht laſſen kann, ich predige von der Trunkenheit! Wer weiß, wem unter den Lebenden meine Worte nuͤtzen! So will ich denn, wie der heilige Paulus dem Timotheus gebietet: das Wort predigen, anhalten, es ſei zur rechten Zeit oder zur Unzeit, will ſtrafen, drohen, ermahnen, lehren, und die da ſuͤndigen ſtrafen vor Allen, auf daß ſich auch die Anderen fuͤrchten!“—. *) In Sachſen iſt dieſe Epiſtel in das neue Perikopenbuch nicht mit aufgenommen worden. 5 66 Es traf ein, was der Pfarrer vorausgeſehen. Die Familie 1 Brenz hielt ſich fuͤr getroffen, und obſchon die Trunkſucht des Schwanwirths von der Familie ſelbſt ſchon lange fuͤr hoͤchſt verwerflich und ſchaͤdlich erklaͤrt und oft laut und oͤſſent⸗ lich getadelt worden war, ſo waren doch ziemlich alle Ver⸗ wandten und Bekannten außer ſich, weil ſie glaubten, der Pfarrer habe mit ſeiner Predigt Einen der Ihrigen gemeint. „Man wollte es dem Pfarrer ſchon gedenken,“ hieß es von mehreren Seiten, und namentlich der Gemeindevorſtand war ungeheuer entruͤſtet uͤber die geiſtlichen Anmaßungen, wie er es nannte, und ſuchte den Geiſtlichen als finſtern Eiferer, der Niemand ein Vergnuͤgen goͤnne, als Kopfhaͤnger, Pietiſt und Myſtiker zu verſchreien, Benennungen, deren wahre Be⸗ deutung er, wie viele Andre, die ſie auf pflichtgetreue Geiſt⸗ liche anwenden,— nicht verſtand. Der gute Pfarrer hatte bei dieſem ihm hoͤchſt betruͤblichen Vorfalle nur die Eine Ge⸗ nugthuung, daß ein anderer Mann aus ſeiner Gemeinde, der fruͤher ebenfalls dem Trunke ſehr ergeben geweſen war, zu ihm kam und ihn bat, die ſchoͤne Predigt ihm doch abſchreiben zu laſſen und zu leſen zu geben, damit er ſich daran erbauen, nr in dem Entſchluſſe, dieſem Laſter zu entſagen, ſtaͤrken oͤnne.— 1 V. Leider bot ſich dem Gemeindevorſtande recht bald Gelegen⸗ heit, ſeinen Ingrimm gegen den Pfarrer zu zeigen. Das Pfarrhaus naͤmlich war ein altes, ganz baufaͤlliges Haus, und es war ſchon lange, ſchon unter dem Vater des jetzigen Paſtors, die Rede von dem Bau eines neuen geweſen. Die Angelegenheit hatte lange geruht, weil der Pfarrer nicht gern ſelbſt die Sache wieder anregen und lebhafter betreiben mochte, und deßhalb in dem alten Hauſe ſich ſo wohnlich als moͤglich eingerichtet hatte. Jetzt ſchien der Bau nicht laͤnger zu umgehen zu ſein; das Gebälk des Daches und die eine 67⁷ Seitenwand hatten ſich geſenkt, und drohte dem Einſturz, und die ganze Pfarrfamilie lebte der feſten Hoffnung, bald in ein ſchoͤneres Wohnhaus einziehen zu koͤnnen. Der Pfarrer ſelbſt fuͤhlte das Beduͤrfniß darnach um ſo lebhafter, je lebendiger ſein Sinn fuͤr Schoͤnheit war, je mehr ſein Auge und ſein Ge⸗ fuͤhl durch Unordnung, Liederlichkeit, Unſauberkeit und Unrein⸗ lichkeit,— ſie waren in dem baufaͤlligen Hauſe, auch bei der groͤßten Sorgfalt, nicht ganz zu vermeiden,— unangenehm beruͤhrt ward. Allerdings fiel dieſe Baufaͤlligkeit des Pfarr⸗ hauſes von Außen weniger auf, weil der Pfarrer alles Moͤg⸗ liche gethan hatte, durch geſchmackvolle Ausſchmuͤckung deſſel⸗ ben ſeine innern und auͤßern Maͤngel zu verdecken, meinend, daß ein freundliches, gruͤn umranktes Haus mit hellen, hei⸗ tern Stuben, ein huͤbſches Gaͤrtchen daran, auch ein Mittel ſei, hauͤslichen Sinn zu naͤhren, das Daheimbleiben zu er⸗ leichtern, und Langeweile und Verſtimmung, dieſe unwillkom⸗ menen Gaͤſte, aus dem Hauſe zu jagen. Auf den gemauerten Thorpfeilern des Hofthors ſtanden gruͤnende Hortenſien in großen Kuͤbeln, auf dem Kirchhofe, in dem Garten am Hauſe und im Hofraume waren bunte mit Georginen bepflanzte Blumenbeete, und auf dem glatten Sandplatze vor dem Hauſe, der von Raſen umſchloſſen war, ſtand das geſchmackvolle Waſſerhaus, von deſſen Dache zahl⸗ reiche Topfblumen herunterſchauten, und Roſenbauͤme ſtreckten ihre rothen Blumen aus gruͤnen Blaͤttern der Weinſtoͤcke und Pflaumenbauͤme hervor, welche das ganze Haus bedeckten. Zwei Blumengeſtelle aber, auf welchen zierliche Blumentoͤpfe mit fremden Gewaͤchſen ſtanden, bildeten von beiden Seiten der Hausthuͤr gruͤnende und bluͤhende Pyramiden, und der daruͤber auf der weißgetuͤnchten Wand mit großen Buchſtaben hervortretende Bibelſpruch: Der Herr ſegne deinen Aus⸗ gang und Eingang, ſchien, aus Weinreben dem Eintre⸗ tenden entgegenſchimmernd, allem Unheiligen den Eintritt in das Pfarrhaus zu wehren, und den Beſucher zu mahnen, daß er in ein Haus trete, in welchem Friede, Freude und Froͤmmigkeit wohne. Es war merkwuͤrdig, welchen Einfluß des Paſtors Schoͤn⸗ heitsſinn auf die ganze Gemeinde gehabt hatte, ohne daß der Pfarrer geradezu darauf hinzuwirken fuͤr paſſend gefunden hatte. In keinem Dorfe gabs ſo viele geſchmackvolle Gaͤrtchen 5* an den Hauͤſern,—(bereitwillig theilte ja auch der Pfarrer von ſeinem Blumenuͤberfluſſe mit,)— nirgends ſah man ſo viele Blumenſtoͤcke an den Fenſtern, und die Bibelſpruͤche an vielen Wohnungen,— gleichſam die Wahlſpruͤche der Familien, — kurz das ſinnige, geſchmackvolle Aeußere und Innere der Wohnungen war gewiß großentheils auf Rechnung des Pfar⸗ rers zu bringen, der mit ſolchem Beiſpiele vorangegangen war. Aber auch das Innere des Pfarrhauſes entſprach dem Auͤßern. Das Vorhaus war zwar finſter und winklich, die Stube niedrig und wegen der kleinen Fenſter ziemlich dunkel, allein es war uͤber dieſer Wohnſtube ein gewiſſer Zauber,— wir moͤchten es faſt eine ſittliche Anmuth nennen, eine Ruhe, ein heitrer Friede ausgegoſſen, wie ſie den richtigen Anforde⸗ rungen entſprechen, welche man an ein Pfarrhaus zu machen berechtigt iſt, das ſo oft betreten von den Gemeindegliedern in frohen und traurigen Geſchaͤften, ſchon dem Eintretenden ein Bild gemuͤthlichen Stilllebens und frommer Hauͤslichkeit darſtellen ſollte. Auch unſer Pfarrer war von der Anſicht ausgegangen, daß das Pfarrhaus, welches jedes Schulkind der Gemeinde als Confirmand, welches der Juͤngling als gluͤcklicher Brauͤtigam betritt, wo der Vater die Taufen ſeiner Kinder und die Begraͤbniſſe geliebter Todten beſtellt,— das Pfarrhaus, das jedem Gemeindegliede ein in ſo vieler Hin⸗ ſicht wichtiges und liebes Haus iſt,— ſich doch vor andern Hauͤſern ſchon durch ſeine auͤßere und innere Einrichtung aus⸗ zeichnen ſollte, und ſo zeugte denn Alles, das Hausgeraͤthe, der Waͤnde Schmuck, die Gypsbuͤſten von Luther und Schiller, ſo wie die andern bildlichen Darſtellungen und Familienbilder ſo offenkundig von der gemuͤthlichen, heitern Froͤmmigkeit und dem Schoͤnheitsſinn der Bewohner, daß jeder einem frommen Familienleben Entfremdete ſich unwillkuͤrlich von einer ihm fremden Welt betroffen, von einem eigenthuͤmlichen Geiſte des hauͤslichen Lebens und Familiengluͤcks angeweht fuͤhlen mußte. Er gehoͤrte nun einmal nicht zu den Menſchen, denen es einerlei iſt, wie ſie leben, wenn ſie nur leben. Es giebt frei⸗ lich Leute genug, welche ihr Haus blos als ein Obdach gegen Regen und Kaͤlte betrachten, um darin zu arbeiten, zu eſſen und zu ſchlafen, ungefaͤhr ſo wie der Haushund nichts weiter verlangt, als daß es ihm in ſeine Huͤtte nicht hinein regne oder ſchneie. Ein Ofen gegen die Kaͤlte, ein Stuhl oder eine 69 Bank zum Sitzen, ein Tiſch, ein Schrank, hoͤchſtens ein lahm⸗ beiniges Kanapee zur Bequemlichkeit, das iſt Alles, was ſie wuͤnſchen und beduͤrfen. Wie aber das Alles ausſieht und beſchaffen iſt, ob es huͤbſch, geſchmackvoll, zuſammenpaſſend ſei, oder nicht, das kuͤmmert ſie nicht, geſchweige denn, daß ſie ſich nach einem anderweiten Schmucke der Stube umſaͤhen, welcher nicht zu den Lebensbeduͤrfniſſen gehoͤrte, nach einem Schmucke, an welchen ſich erhebende, erquickliche Gedanken anknuͤpfen ließen, welcher das Schoͤnheitsgefuͤhl befriedigen, das alltaͤgliche Leben verſchoͤnern und erheitern koͤnnte! Auch der aͤrmſte Mann hat die Mittel dazu. Eine Blume am Fen⸗ ſter— ein Bild— oder ſei es auch nur der Confirmations⸗ ſpruch an der Wand,— ein Weinſtock, ein Roſenbaum,— ein Gaͤrtchen mit Blumen am Hauſe, wer koͤnnte ſich das nicht ſchaffen? Wer koͤnnte nicht durch Reinlichkeit und Net⸗ tigkeit an und in dem Hauſe und Hofe, vom Kleinſten bis zum Groͤßten— ja ſelbſt in der kuͤnſtlich aufgethuͤrmten glat⸗ ten Duͤngerſtaͤtte— ſeinen Ordnungsſinn, ſeinen Wohlge⸗ fallen an fuͤr das Auge wohlthuenden Formen zeigen? Nicht blos der Gebildete, nicht blos etwa der Pfarrer, ſondern jeder Menſch ſoll als Menſch, als das ſchoͤnſte Geſchoͤpf Gottes, wie fuͤr das himmliſche Schoͤne, ſo auch fuͤr das irdiſche Schoͤne einen offnen Sinn haben, und Geſchmackloſigkeit als eine Verſuͤndigung gegen Gott, den Schoͤpfer des unermeß⸗ lichen Schatzes von bezaubernden Schoͤnheiten in der weiten ſchoͤnen Welt außer ihm, uͤberall, wo es ſonſt angeht, fliehen.— Gott hatte unſerm Pfarrer geſunde Augen und unver⸗ dorbenen Sinn gegeben. Er hatte gefunden, daß Geſchmack und Sinn fuͤrs Schoͤne zumal den Nordlaͤndern noch gar ſehr fehle, und darum aͤrgerte er ſich ordentlich uͤber die Leute, die ſtets nur nach der Nuͤtzlichkeit, nie nach der Schoͤnheit einer Sache fragen, Leute, denen geleckte Reinlichkeit, eintoͤ⸗ nige Ordnung und Regelmaͤßigkeit das hoͤchſte Ziel ihrer Wuͤnſche iſt, Leute, in deren Hauſe kein Schmuck, in deren Hofe nur die Duͤngerſtaͤtte, in deren Gaͤrten nur Gemuͤſe⸗ beete, aber keine Blumen zu erblicken ſind. Giebt es doch leider genug reiche, gebildete Leute, die ohne Augenweh die abgeſchmackteſten Bilder, noch dazu in ſchiefer, unſymmetri⸗ ſcher Stellung an den Waͤnden haͤngen ſehen, ohne Kopfweh und Augenſchmerz die grellſten Farben, wie die eintoͤnigſten Flaͤchen in Kleidern und Stuben, ohne Herzweh die Schmuck⸗ loſigkeit und Geſchmackloſigkeit ihrer Hauͤſer taͤglich, ſtuͤnd⸗ lich betrachten koͤnnen. Sie alle ſollten nur hinſehen auf die Muſchel im Meer, die ſich ihr geſchmackvolles Gehauͤſe mit wunderſchoͤnen Farben ſchmuͤckt, auf den Schmetterling, der in dem herrlichſten Kleide prangt, ja ſelbſt auf die Schmet⸗ terlingsraupe, die ſich ein geſchmackvolles Todtenhaus baut, auf den bunten Vogel, der ſich aus Graͤſern und Moos, ja ſelbſt aus Erde ein zierliches Neſt zuſammenſetzt. Wenn uͤberall in Gottes ſchoͤner Natur, in Thieren, Pflanzen und Geſteinen ſich Formenſchoͤnheit und Geſchmack offenbart, darf da der Menſch allein, als das hoͤchſte Geſchoͤpf, keinen Schoͤn⸗ heitsſinn haben, oder ihn nicht ausbilden wollen? Die gewoͤhnliche Entſchuldigung, es fehle an Geld dazu, haͤlt durchaus nicht Stich. So Mancher koͤnnte mit dem Gelde, das er im Kartenſpiele oder in der Lotterie ver⸗ ſpielt,— wenns denn einmal ausgegeben ſein muß,— ſich einen dauernderen, ſchoͤneren Genuß verſchaffen. Es wird damit dem thoͤrigen Luxus, womit Andre ihre Ver⸗ moͤgensumſtaͤnde zerruͤtten, und ſich koſtbare Kutſchen, Pferde und Tabakspfeifen, Mahagonimoͤbels und theure Gemaͤlde, Kleidertand und goldne Ketten fuͤr Frau und Kinder an⸗ ſchaffen,— keineswegs das Wort geredet.— Immerhin mag der Landmann das Schoͤne mit dem Nuͤtzlichen in ſtete Verbindung ſetzen, denn das Nothwendige darf aller⸗ dings nie hinter dem Schoͤnen und Glaͤnzenden zuruͤckſtehen. Aber thoͤriger Mißbrauch kann den vernuͤnftigen Gebrauch nicht aufheben. Es gilt hier, wie uͤberall, daß man ſich nach ſeiner Decke ſtrecken und erſt das Noͤthige beſorgen muß, ehe man an das Unnoͤthige denken darf, und jedenfalls waͤre es hoͤchſt tadelnswerth, wenn der Unbemittelte es dem Wohlhabenden gleich oder zuvorthun wollte. Allein, wenn einmal Geld ausgegeben wird, ausgegeben werden kann und ſoll, dann ſollte neben dem Nuͤtzlichen auch das Schoͤne beruͤck⸗ ſichtigt werden, dann ſollte man nicht das Haͤßliche, Plumpe und Geſchmackloſe waͤhlen, ſobald ſich etwas Geſchmackvolles, Schoͤnes mit denſelben Koſten herſtellen laͤßt.— Dabei war unſer Paſtor kein Modenarr, der uͤberall das Neueſte und Eleganteſte um jeden Preis haben muß; das haͤtte ſich fuͤr einen Geiſtlichen gar ſchlecht gepaßt, und ſeine 71 Frau und Kinder wußten gar wohl, daß eitle Kleiderpracht und alle Modethorheiten nicht in ein Pfarrhaus gehoͤren. Ein⸗ fach, aber geſchmackvoll, das war ſein und der Seinigen Wahl⸗ ſpruch. Allein er meinte als Geiſtlicher nicht unempfindlich gegen das menſchlich Schoͤne ſein zu muͤſſen. Es iſt eine alte Erfahrung, daß ein fuͤr das irdiſche Schoͤne empfaͤngliches Gemuͤth, auch fuͤr das himmliſche Schoͤne offen ſteht. Auch das Schoͤne ſteht im Dienſte der Religion und Sittlichkeit, und der Schoͤnheitsſinn iſt ſo gewiß chriſtlich und rein ſittlich, iſt ſo gewiß keine heidniſche Thorheit,— als Gott der Ur⸗ heber des Schoͤnen auf der Erde iſt! Wenn aber auf der einen Seite Nichts wahrhaft ſchoͤn iſt, was nicht zugleich ſitt⸗ lich gut und anſtaͤndig iſt, ſo fuͤhlt auf der andern Seite nur ein frommes, vom goͤttlichen Geiſte erfuͤlltes Herz recht klar und vollſtaͤndig die Herrlichkeit alles deſſen, was Gott zur Erheiterung und Verherrlichung des Menſchenlebens geboten hat. Ja, es hieße Gott verachten, wenn man ſich gegen die ſchoͤnen Kuͤnſte, gegen Muſik und Wiſſenſchaft, durch welche Gott ja auch zum Menſchenherzen ſpricht, kalt abſchließen wollte. Eben weil ſo Wenige die edleren Freuden, die wah⸗ ren Schoͤnheiten der Erde und des Lebens kennen, darum gerade kleben ſo Viele an dem groben Sinnengenuſſe! Die Geſittung wird und muß mit wahrer Bildung ſtets Hand in Hand gehen!— Es konnte nicht fehlen, daß ein nach ſolchen Grundſaͤtzen geſchmuͤcktes, wenn auch altes und baufaͤlliges Wohnhaus immer noch beſſer ausſah, und wohnlicher ſein mußte als manches Neues. Keine Kunſt aber konnte es demungeachtet verhindern, daß der Regen durch den morſchen Dachſtuhl her⸗ abtrauͤfte und dem Pfarrer Stuben, Moͤbels, Waͤſche und Bilder verdarb, und trotz alles Schmuckes mußte der Pfarrer doch fuͤrchten, daß jeder heftige Sturm ihm das Haus uͤber dem Kopfe zuſammenſtuͤrze. Es laͤßt ſich alſo denken, mit welcher ſtillen Freude der Paſtor mit ſeiner ganzen Familie an ein neues Pfarrhaus dachten. Es war gewiß, ſo hieß es, es wird gebaut; man zaͤhlte die Tage, wo man das einzu⸗ reißende alte Pfarrhaus zu verlaſſen gedachte, und der Pfarrer ſelbſt traumte nur von ſeinem neuen Pfarrhauſe, wie er ſich das ſchoͤn einrichten wollte, und wie Alles am billigſten und beſten moͤchte hergeſtellt werden. 72 Vor einigen Wochen noch war die letzte Beſichtigung von einem Bauverſtaͤndigen vorgenommen worden, und der Ter⸗ min war ſchon feſtgeſetzt, an welchem unter Beiſein der Behoͤrde die letzte Entſcheidung getroffen werden ſollte. Die Gemeinde hatte ſchon eine Vorberathung gehabt, und am an⸗ dern Tage ſollte die Sache vollends entſchieden werden, da bekam unerwartet der Pfarrer die gewiſſe Nachricht, daß die Gemeinde, auf Grund des letzten Gutachtens, den Pfarrhaus⸗ bau abgeworfen, und nur eine Reparatur beſchloſſen habe. Der alte Georg brachte dem Paſtor die unangenehme Nachricht.„Ich habe mir viel Muͤhe gegeben,“ betheuerte er, „aber„Eine Schwalbe macht keinen Sommer“ und wenn wir Bauern Nichts zu geben brauchen, da kommen wir bald un⸗ ter Einen Hut.“ Der Paſtor erfuhr nun erſt, welche Muͤhe ſich der Gemeindevorſtand gegeben hatte, des Pfarrers Lieb⸗ lingswunſch zu hintertreiben; wie er von Haus zu Haus ge— gangen war, um die Leute zu bereden, und wie er uͤberall den Pfarrbau als etwas ganz Unnoͤthiges geſchildert habe. Was es mit dem Gutachten des Bauverſtaͤndigen fuͤr eine be⸗ ſondere Bewandtniß haben ſollte, daruͤber wollte Georg mit der Sprache nicht ſo recht herausruͤcken, aber er wollte arg⸗ woͤhnen, daß der Gemeindevorſtand auch dahinter ſtecke.— Dem Pfarrer war es nicht gleichgiltig, ſeinen Lieblings⸗ plan ſo gaͤnzlich ſcheitern zu ſehen, und als am andern Tage auch die Behoͤrde, vorzuͤglich in Beruͤckſichtigung des bauver⸗ ſtaͤndigen Gutachtens, dem Vorbeſchluſſe der Gemeinde bei⸗ ſtimmte, ſo brachte das im ganzen Pfarrhauſe eine ungemeine Mißſtimmung hervor. Man ſprach von Nichts, als von dem vereitelten Pfarrhausbau, und Eines uͤberbot immer das Andre, das alte Pfarrhaus nun doppelt abſcheulich zu finden. Der Pfarrer ſelbſt ließ ſich verleiten, in dieſe Klage mit ein⸗ zuſtimmen; die Unzufriedenheit, der Mißmuth hatte auch ihn angeſteckt; aber die ganze Familie befand ſich dabei ungemein unwohl, und man ging hoͤchſt unzufrieden zu Bett. Der Pfarrer war am andern Morgen ſtill und nachdenk⸗ lich aufgeſtanden. Ueberall ſah er verdrießliche Geſichter; das Fruͤhſtuͤck wollte Keinem ſchmecken und das ſchoͤne Morgen⸗ lied:„Dich ſeh ich wieder Morgenlicht,“ in welchem des chriſt⸗ lichen Saͤngers Herz ſich herzinniglich der„edlen Pflicht freut, dem hoͤchſten Lob zu ſingen,“ wo das„Gemuͤth, geruͤhrt auf's 73 neue von Seiner Treue, froh Seine Guͤte empfindet“ und Gott bittet, daß Er uns„die kurze Lebenszeit in chriſtlicher Zufriedenheit nuͤtzen lehre,“ es wollte gar nicht ſtimmen zu dem unzufriedenen, mißmuthigen Geſichtern. Der Pfarrer ſelbſt war dabei ganz ſtill geworden und ſagte heute zu allen Klagen kein Wort, und die alte Muhme wollte uͤber ſein Schweigen bald ungeduldig werden; er aber nahm Hut und Stock und ging hinaus in's Freie.— Es war noch zeitig am Morgen, aber im Dorfe war ſchon Alles wach. Der Schulmeiſter, welcher ſchon am Fen⸗ ſter ſtand und Federn ſchnitt, hatte ihn heute doppelt freund⸗ lich gegruͤßt, als nehme er Theil an den vereitelten Hoffnun⸗ gen des Pfarrhauſes; mehrere begegnende Bauern ließen es nicht undeutlich merken, daß ihnen der Gemeindebeſchluß wirk⸗ lich leid thue, und Einer ſagte es geradezu heraus,„es ſei doch nicht recht von der Gemeinde, und wenn nicht der Gemeinde⸗ vorſtand geweſen waͤre, ſo moͤchte Alles anders geworden ſein.“ „Laßt das,“ bat der Paſtor,„es kann nun zu Nichts mehr helfen, als mich mißmuthig zu machen. Ich muß mich drein ſchicken,'s iſt einmal nicht zu aͤndern.“— Je weiter er ging, deſto mehr ſchwand ſein Mißmuth. Die Sperlinge ſprangen in den Weißdornzauͤnen luſtig herum, die Staare ſchwatzten auf den hohen Linden auf ihren lufti⸗ gen hoͤlzernen Schloͤſſern, der Pfarrer mußte laͤcheln uͤber die Froͤhlichkeit der Thierchen. Vor den Hauͤſern und Guͤtern ſtanden Dorfleute und gruͤßten freundlich; lachende Geſichter der großen und kleinen Kinder, ſchauten hinter dem Schiebe⸗ fenſterchen aus ihren weißen Hemden hervor, und riefen ihren „Guten Morgen, Herr Paſtor“— und der Pfarrer gruͤßte freundlich wieder, wie ſonſt. Und als er hinaus kam vors Dorf, und die Sonne uͤber den blauen Bergen im Hinter— grunde aufging, und Wieſen und Felder und Haine und Hauͤ⸗ ſer erleuchtete, da war's, als wenn mit den Nebeln der Thaͤler auch die Sorgen und Betruͤbniſſe des geſtrigen Tages ſchwaͤn⸗ den.— Das helle Licht ergoß ja ſeine himmliſche Klarheit auch uͤber das kleine, freilich baufaͤllige Pfarrhaus dort, das aus den gruͤnen Bauͤmen neben der Kirche hervor⸗ ſchaute;— wie ſollte Gottes Sonnenlicht, Gottes Herrlich⸗ keit in der Natur, nicht zu gewiſſen Zeiten auch in das Herz des Menſchen Klarheit und Freude gießen und ihm lehren koͤnnen, uͤber die kleinen Leiden des menſchlichen Lebens ſich hinwegzuſetzen?— Lebhafter als je dachte der Pfarrer bei ſich, wie unrecht es ſei, wenn Menſchen in ſteter innerer Verſtimmung auf Gottes ſchoͤner Erde herumwandeln und ihren Aerger, ihre Unzufriedenheit, ihre unnoͤthigen Sorgen ſo recht gefliſſentlich, als waͤren's wunderliebe Gaͤſte, feſthalten. Schauen doch ſo Viele mit finſtern Geſichtern um ſich und neben ſich, als waͤre ihnen das groͤßte Ungluͤck begegnet, als haͤtten ſie das unbe⸗ ſtreitbarſte Recht mit Gott zu hadern, und doch war die Quelle der Verſtimmung oft weiter Nichts als etwa ein verſagter Wunſch, eine, wenn auch ſchmerzliche Entbehrung. Hat nicht zeder, in jeder Lage dennoch Urſache ſich uͤber ſo Manches zu freuen? Die Natur iſt eine liebenswuͤrdige Verſchwenderin, und der Herr der Natur zeigt alle Morgen ſeine Guͤte neu, ſpendet Unzaͤhliges, woruͤber jeder ſich freuen koͤnnte, aus dem reichen Fuͤllhorn ſeiner Gnade, und doch freuen Viele ſich nicht!— Sie ſind geſund, durchgluͤht von friſcher Lebenskraft, ſie haben Weib und Kinder, Vater und Mutter und in ihnen Freude die Fuͤlle; ſie haben vor tauſend Andern ihr Auskom⸗ men und eine Menge behaglicher Lebensgenuͤſſe;— warum freuen ſie ſich nicht alles deſſen?— Ja, ja, im Kleinſten wie im Groͤßten verſtehet der undankbare, unzufriedene Menſch ſich ſo ſelten zu freuen uͤber das Gute was er durch Gottes Guͤte erhalten hat und beſitzt; iſt aber ſtets bereit ſich unzu⸗ frieden zu beklagen uͤber die Lebensguͤter, die er gerade nicht beſitzen, oder uͤber den Verluſt von Freuden mit Gott zu zuͤrnen, fuͤr welche er ihm nie mit freudigem Herzen dankte, ſo lange er ſie ungeſtoͤrt genießen durfte.. Luſtig wiegt ſich der Vogel auf den Zweigen, er jubelt und ſingt; ſoll etwa der Menſch durch ſein ſinſtres, mißmu⸗ thiges Geſicht den froͤhlichen Saͤnger verjagen? Die Blume am Wege ſchlaͤgt ſo freundlich die lieblichen Auͤglein zu dem Voruͤbergehenden auf, als wollte ſie ihn erinnern, wie wenig dem Menſchen, der mehr iſt, als die Voͤgel des Waldes, und die Blumen des Feldes— ein verdrießlich Geſicht anſtehe;— aber er zertritt die Blume am Wege und ſchreitet mit einem gewiſſen Wohlbehagen am Zerſtoͤren weiter. Kann denn auch die freundliche Sonne die faltenreiche Stirn nicht glaͤt⸗ ten und die kalte Eisrinde ums Herz nicht aufthauen? Kann 73 der klare blaue Himmel, der ſich in den finſtern Augen ſpie⸗ gelt, die Augen, Ohren und Herzen nicht oͤffnen fuͤr den Ruf der Natur zu Gott, fuͤr den Ruf Gottes durch die Natur zur Anbetung, zur Freude, zum Erdengluͤcke? Ja, die Erde iſt fuͤr Viele deshalb nur ein Jammerthal, weil ſie ſich daſſelbe ſelbſt dazu machen. Auch die Freude iſt eine Art Froͤmmigkeit und eine Pflicht; wer ſich nicht freuen will, ſo lange er ſich freuen kann, nicht freuen gelernt hat uͤber Alles, was er hat, Alles was er durch Gott hat und genießt, der beraubt ſich nicht blos eines großen, von Gott dem Menſchen beſtimmten Gluͤckes, — ſondern verſuͤndigt ſich an Gott, eben weil er ſich nicht freut an Gott, ſeinen Werken, ſeinen Gaben—„Herr wie ſind deine Werke ſo groß und viel, du haſt ſie alle weislich geordnet, und die Erde iſt voll deiner Guͤter!“ Unter ſolchen Gedanken war der Pfarrer wieder nach Hauſe gekommen. Es war innerlich wieder in ihm klar ge⸗ worden; er hatte ſich ſelbſt uͤberwunden, und Alles erſchien ihm nun in einem andern Lichte. Er betrat mit heiterm Ge⸗ ſichte das baufaͤllige Haus, in dem geſtern noch Alle keine frohe Stunde mehr verleben zu koͤnnen glaubtenz— der Pre⸗ diger chriſtlicher Genuͤgſamkeit hatte gelernt ſich genuͤgen zu laſſen! Aber drinnen im Hauſe ſah's noch nicht froͤhlicher aus. Das erſte verdrießliche Geſicht, das ihm begegnete, war das der alten Muhme. „Ein Geiſtlicher iſt doch der ungluͤcklichſte Menſch auf Gottes Erdboden,“ jammerte ſie und rieb ſich die finſtre Stirn. „Warum denn, Muhme?“ fragte der Paſtor laͤchelnd. „Nun, habe ich mir nicht eben in Deinem finſtern Hauſe eine Brauſche geſtoßen?“ verſetzte die Muhme aͤrgerlich.„Ja, aber die Pfarrhauͤſer ſind meiſtens ſolche finſtere, elende Huͤt⸗ ten! Alle Augenblicke ſtolpert man uͤber die hohen Schwellen, ſtoͤßt ſich den Kopf an den niedern Thuͤrgewaͤnden ein— und die Zugluft— Vetter, da muß man krank werden.“— „Liebe Muhme,“ bat der Prediger dringend,„Du weißt wie ſehr ich mir ein neues Pfarrhaus gewuͤnſcht habe,— wie nothwendig es iſt,— es ſollen nun einmal unſre Wuͤnſche nicht in Erfuͤllung gehen! Niemand weiß es beſſer als ich, wie Vieles das alte Haus zu wuͤnſchen uͤbrig laͤßt;— aber wird dadurch irgend Etwas beſſer, wenn wir uns taͤglich 76 daruͤber aͤrgern? Haben wir uns etwa geſtern trotz alles Aer⸗ gerns und Raiſonnirens beſſer befunden. Wir muͤſſen uns ſchicken lernen. Wir muͤſſen hier noch lange Jahre wohnen ſo viel ſteht feſt, wir duͤrfen, außer einer Reparatur, Nichts weiter hoffen. Warum uns durch zu Nichts fuͤhrende Klagen den Aufenthalt hier ſelbſt verleiden? Ich nehme die Dinge wie ſie ſind, verlange nie etwas Unmoͤgliches, und ſuche mir das, was nicht zu aͤndern iſt, ſo angenehm als moͤglich zu machen. Das ſind die vernuͤnftigſten Lebensgrundſaͤtze.— Zufriedenheit, Muhme, Zufriedenheit!“— „Meinetwegen,“ ſeufzte die Muhme,„des Geiſtlichen Le⸗ ben iſt einmal aus lauter Entbehrungen zuſammengeſetzt.— Da ſitzeſt Du nun in Deinem elenden Hauſe, das Du allein nicht abſcheulich findeſt, eingeſchloſſen, wie ein Dachs, und Sonntags, wenn alle Welt ſich ein Vergnuͤgen macht, mußt Du zu Hauſe bleiben, predigen, Beichte halten, hundert Com⸗ municanten dazu, dann eine Trauung, dann Betſtunde und endlich noch eine oder zwei Leichenpredigten nebſt einigen Zeug⸗ niſſen und andern Geſchaͤften.— Und die Woche uͤber? Nun, ich ſehe auch nicht, daß Du Dich einmal vergnuͤgt machen kannſt! Bald lauͤfſt Du herum und denkſt uͤber den Sonn⸗ tagstext nach, und wirſt unwillig wenn man etwa von Wirth⸗ ſchaftsſachen mit Dir reden will,—— bald haſt Du an der langen Predigt zu ſchreiben, mit der Du's auch viel zu ge— nau nimmſt; bald die Schulen zu beſuchen, bald Hauscom⸗ munion in einem ſtundenweit entfernten Hauſe, bald ſtoͤrt Dich der und jener, und beſtellt irgend Etwas;— Kurz, Du biſt eines Jeden gehorſamer Diener! Nein, hier iſt's nicht aus⸗ zuhalten und wenn ich ein Mann waͤre, moͤchte ich Alles, nur kein Geiſtlicher ſein!— Und Vetter,“ ſetzte ſie gereizt hinzu, „wie Du das laͤchelnd mit anhoͤren kannſt, begreife ich nicht!“—— Und der Prediger laͤchelte wirklich. „Liebe Muhme“— ſagte er freundlich—„iſt nicht dies Alles mein Beruf? Gehoͤren dieſe Arbeiten nicht zu meinem Berufe? Soll etwa das Arbeiten in dem Amte, zu dem Gott mich geweiht, mich verdrießlich machen? Haͤtte ich Nichts zu thun, dann koͤnnte ich verſtimmt werden!„Arbeit iſt des Lebens Wuͤrze!“— Was aber das Entbehren gerade man⸗ cher geſelligen Freude betrifft, ſo behaupte ich, daß, wer außer dem Hauſe ſeine Sonntagsfreuden und ſein Gluͤck uͤberhaupt 77 ſuchen muß, wer Geſellſchaft haben muß, um froh ſein zu koͤnnen, daß der jedenfalls zu bedauern iſt! Bin ich nicht froͤh unter den Meinen, begluͤckt durch Frau und Kinder, die mir mein kleines Haus zu einem Tempel des Frohſinns machen? Und wer hindert mich denn, ſobald mich Amtsgeſchaͤfte nicht abhalten, an einen anſtaͤndigen oͤffentlichen Ort, in ein gutes Concert zu gehen? Einen Verein geſelliger froher Menſchen, einen Amtsbruder, ein Glied meiner Gemeinde zu beſuchen?— Sage Muhme, was entbehre ich denn als Geiſtlicher, was zum wah⸗ ren Gluͤcke dient? Und bin ich nicht gluͤcklicher als Viele an⸗ dere, ſchon deßhalb, weil ich mich unausgeſetzt mein ganzes Leben mit dem beſchaͤftigen darf, was jedem Menſchen das Hoͤchſte und Theuerſte iſt und ſein ſollte, mit der Religion, mit der Kunſt, Andere ſelig zu machen und ſelbſt ſelig zu werden? Wahrlich, ich beneide weder den Rechtskundigen, noch den Arzt um ihr gewiß auch nicht geringzuſchaͤtzendes Berufs⸗ gluͤck! Allein keines Andern Wirkungskreis iſt ſo vielſeitig, alle Seelenkraft in Anſpruch nehmend und befriedigend, ſo umfaſſend, ſich auf alle Lebensverhaͤltniſſe erſtreckend, ſo wich⸗ tig in ſeinen Erfolgen, ſo unentbehrlich fuͤr des Menſchen Seele, Frieden und Seligkeit,— die hoͤchſten Guͤter des Le⸗ bens,— als der geiſtliche Stand!— Nicht ungluͤcklich, nein ſelig fuͤhle ich mich in meinem Berufe, in welchem ich,— was der hauptſaͤchlichſte Segen iſt, ſelbſt in dem Maße glauͤ⸗ biger und heiliger werden kann, in welchem ich mich bemuͤhe, Andere glauͤbiger und heiliger zu machen! Der Geiſtliche wird ja ſelbſt um ſo mehr lernen, je eifriger er Andre lehrt!“ „ Du kannſt in mancher Hinſicht Recht haben,“— gab die Muhme kleinlaut zu—„warum aber wird denn dieſe Wichtigkeit des geiſtlichen Standes nicht mehr anerkannt? Sage mir das einmal?—„Gottes Wort vom Lande“ ſagen die Staͤdter ſpottend und zeigen mit Fingern auf den eben nicht ganz zierlichen Familienwagen, auf den ſchwarzen, etwas altmodiſchen Rock und Regenſchirm des wuͤrdigen, aber viel⸗ uinn mit der Zeit und Mode nicht fortgeſchrittenen Geiſt⸗ ichen.“— „Laß Unverſtaͤndige ſpotten“— bat der Paſtor,„deßhalb faͤllt keinem wuͤrdigen Geiſtlichen eine Perle aus der Krone, deßhalb mangelt Keinem die Achtung aller Beſſeren, obſchon ich das abſichtlich altmodiſche Weſen auch an einem Pfarrer 78 nicht vertheidigen mag und der Ueberzeugung bin, daß der Geiſtliche auch nicht durch ſolche auͤßerliche Dinge ſich dem Spotte Preis geben muͤſſe, obſchon es mir eben ſo unpaſſend erſcheint, wenn er den Modenarren macht.“ „Bei alledem kann's ein Geiſtlicher zu nicht viel brin⸗ gen,“ fuhr die Muhme klagend fort,„Was haͤtteſt Du, Vet⸗ ter, bei Deinen Kraͤften und Anlagen werden koͤnnen, wenn Du einen andern Beruf erwaͤhlt haͤtteſt! So bleibſt Du Dein Lebelang Pfarrer auf einem elenden Dorfe, und wenn Du funfzig Jahr gedient, und Dich gut aufgefuͤhrt haſt,——“ „Still Tantchen,“— bat der Prediger ernſt,—„Nicht nach der Groͤße des Wirkungskreiſes, ſondern nach der ge⸗ wiſſenhaften Treue, mit welcher man wirkte, nach dem geſtif⸗ teten Segen mißt der vernuͤnftige Beurtheiler fremdes Ver⸗ dienſt! Ein treuer Seelſorger, der in dem beſchraͤnkten Kreiſe ſeiner Thaͤtigkeit Herzen fuͤr den Himmel erzog, iſt jedem Ehrenmanne ſicher eben ſo achtungswerth, wie der General, wie der Miniſter und Regierungsbeamte! Wenn auch die Ach⸗ tung gegen den geiſtlichen Stand gegen fruͤher geſunken ſein ſollte, ſo findet ein wuͤrdiger Geiſtlicher auch jetzt noch bei der Gemeinde, wie bei allen wahrhaft Gebildeten, ſo wie bei ſei⸗ nen Vorgeſetzten, Achtung und Anerkennung. Mir hat man ſie nie verſagt, wo ich ſie verdiente. Man hat mich nirgends veraͤchtlich behandelt, auch nicht im weltlichen geſelligen Kreiſe, blos weil ich des Geiſtlichen ſchwarzes Kleid trug. Laß das, Muhme,“ bat der Prediger nochmals,—„ich bin mit Leib und Seele Geiſtlicher, und ſo lange ich nur hoffen darf, nicht ganz umſonſt zu wirken, ſoll Nichts meine Berufsfreudigkeit ſtoͤren. Verſcheuche die unzufriedene, mißmuthige Laune. Auf das Pfarrhaus und die Pfarrfamilie ſchaut die ganze Ge⸗ meinde beobachtend, geneigt in allen Stuͤcken das nachzuah⸗ men, was in des Geiſtlichen unmittelbarer Naͤhe, in ſeinem hauͤslichen Leben vorgeht. Wir gerade muͤſſen lernen uns genuͤgen zulaſſen, ſo werden wir ſelbſt. das Unvermeidliche leichter tragen, von vielen ſelbſtgeſchaffnen Uebeln und einge⸗ bildeten Leiden treu bleiben, und der Gemeinde ein Vorbild der Zufriedenheit, eines, auf geſunde, froͤhliche Lebensanſich⸗ ten gebauten Lebensgluͤckes geben!“— Von der Zeit an war wenig mehr von dem Pfarrhaus⸗ bau die Rede. Zwar wurde es noch manchmal ausgeſprochen, 79 daß es doch anders ſein moͤchte, und wie ſchoͤn es waͤre, wenn es anders waͤre, da aber der Pfarrer nicht viel von den ver⸗ geblichen Wenn und Abers hielt, und zu ſolchen ausgeſpro⸗ chenen Wunſchen jedesmal ſchwieg, ſo kams nur ſelten vor, daß namentlich die Frauen einmal ſich ſo recht aus Herzens⸗ luſt in die Unzufriedenheit hineinredeten, und man vergaß ſo nach und nach, was nicht zu aͤndern war, trug die Unannehm⸗ lichkeiten, und vergroͤßerte und verdoppelte ſie wenigſtens nicht durch Unzufriedenheit. VI. Der Pfarrer hatte ſich viele Muͤhe gegeben, es ſeiner Gemeinde nicht fuͤhlen zu laſſen, wie wehe ſie ihm gethan, ja er hatte ſelbſt eine ganz natuͤrliche Bitterkeit gegen den Ge⸗ meindevorſtand zu bekaͤmpfen geſucht; er wollte lieber feurige Kohlen auf des Feindes Haupt ſammeln, als Boͤſes mit Boͤ⸗ ſem, Scheltwort mit Scheltwort zu vergelten; aber demun⸗ geachtet blieb das Verhaͤltniß zu der Brenzſchen Familie und ihrem Anhange das Alte, nur daß der Riß deſto groͤßer und unheilbarer geworden war, ſeit Alle, die ſich den Widerſachern des Pfarrers angeſchloſſen hatten, ſich ſelber ſagen konnten, daß der Pfarrer, nach gewoͤhnlichen Anſichten, ein Recht habe, ihnen zu zuͤrnen. Hierzu kam noch ein anderer Umſtand, welcher den Zwie⸗ ſpalt in der Gemeinde nur vermehrte. Ein Mann Namens Joſt, hatte ſich naͤmlich in der Gemeinde angekauft. Der Ruf, daß er zu den ſogenannten Frommen gehoͤre war ihm zwar vorangegangen, ward aber erſt jetzt dadurch beſtaͤtigt, daß Joſt anfing, mehre Male in der Woche in ſeinem Hauſe oͤffentliche Betſtunden, und zwar Abends, zu halten. Leider war der Pfarrer damals gerade zur Wiederherſtel⸗ lung ſeiner Geſundheit auf mehrere Monate in ein ent⸗ ferntes Bad gereiſt, und ſo konnte es deſto leichter ge⸗ 30 ſchehen, daß Joſt Anhaͤnger fand, welche gleich ihm, ſich von der Gemeinde trennten und anfingen, von den gemein⸗ ſamen kirchlichen Andachtsuͤbungen ſich loszuſagen. Die Glie⸗ der dieſer kleinen Separatiſtengemeine begannen bald ſich fuͤr etwas Beſſeres als alle Andre zu halten und bildeten nament⸗ lich einen oͤffentlichen Widerpart gegen des Gemeindevorſtands Anhang, und ſeinen, wie ſeines Bruders aͤrgerlichen Lebens⸗ wandel, und waͤhrend von dieſen alle auͤßerliche Froͤmmigkeit als Heuchelei verſpottet wurde, ſo verdammten jene dagegen wieder Alle, die nicht zu ihnen hielten. Der Pfarrer erfuhr erſt bei ſeiner Ruͤckkunft dieſe unangenehme Neuigkeit. Ganz natuͤrlich war einer ſeiner erſten Gaͤnge, jenen Joſt ſelbſt auf⸗ zuſuchen, um dieſe aͤrgerliche Trennung wo moͤglich zu be— ſeitigen. 9Das Haus, welches Joſt gekauft hatte, lag ganz am Ende des Dorfes, auf der Anhoͤhe uͤber der Muͤhle, und in das Geklapper der Muͤhle toͤnte dem Pfarrer ſchon von Wei⸗ tem der Ton einer maͤnnlichen Stimme entgegen, welche nach bekannter Melodie ein geiſtliches Lied ſang. Der Pfarrer naͤherte ſich jetzt dem kleinen Hauſe mit Lehmwaͤnden und ziemlich vernachlaͤſſigtem Auͤßeren. Die Fenſterſcheiben waren mit Spaͤhnen und Papier duͤrftig ausgebeſſert und aus dem halbgeoͤffneten Schiebefenſterchen der Unterſtube ſchaute ein großer ſchwarzer Kater heraus, welcher vornehm dem ſich naͤhernden Paſtor zublinzte und die Augen bald ſchloß, bald wieder oͤffnete. Immer deutlicher vernahm der Paſtor die nicht unangenehme Stimme des Saͤngers, als ſie ploͤtzlich ver⸗ ſtummte, und ein lautes Laͤrmen ſtatt deſſen aus der Stube herausſchallte.“— „Du alter Heuchler,“ ſchrie eine kreiſchende Frauenſtimme, „wirſt Du nun endlich aufhoͤren mit Deinem Geplaͤrr? Der liebe Gott hat's gewiß lange ſatt, und ich hab's auch ſatt,— Du ſcheinheiliger Faullenzer! Ein Tagedieb biſt Du, und kein Frommer! Beſſere doch lieber das Schuhwerk aus, das ſeit Wochen da liegt, ſtatt fortwaͤhrend zu beten und zu ſingen! — Alles zu ſeiner Zeit.“— Soll Deine ganze Nahrung zu Grunde gehen?“ Der Mann ſchien einen vergeblichen Ver⸗ ſuch zu machen fortzuſingen,— eine halbe Strophe, und noch eine halbe,— da flog mit lautem Krachen ein ſchwerer Gegen⸗ ſtand an die Wand,— vermuthlich das Geſangbuch, und nun 81 folgte ein noch lauteres Schelten der zornigen Frau, ſo daß ſelbſt der Kater erſchrocken zum Fenſter hinausſprang und ſich in eiliger Flucht auf das Strohdach begab, wo er einige Sperlinge in ihrem Abendvergnuͤgen ſtoͤrte, die vor dem un⸗ gewoͤhnlichen Gaſte ebenfalls die Flucht ergriffen. Waͤhrend deſſen waren die Zunge und die Haͤnde der erzuͤrnten Frau auch nicht unthaͤtig; das Haus ſchien faſt in ſeinen Grundfeſten zu erzittern, ſo heftig wurde die Thuͤr zugeworfen, Stuͤhle und Tiſche hin und her mehr geſchleudert als geruͤckt, und der Paſtor, welcher den Sturm außen erſt etwas abgewartet hatte, es aber fuͤr ſeine Pflicht hielt, hier ein Wort zur Suͤhne zu reden, wollte eben in das Haus eintreten, obſchon er nicht wußte, wie er als Friedensſtifter empfangen werden wuͤrde, als ihm der Hausbewohner ſelbſt mit ruhigem Geſichte ent— gegen kam und verwundert gruͤßte, als er den Paſtor erkannte. — Der Mann trug ſein Geſangbuch unterm Arme, das er im Gehen ſorgfaͤltig von den Schmuzflecken des Falles reinigte, und ging nun mit einer wahrhaft erſtaunenswuͤrdigen Selbſt⸗ beherrſchung bis zu einem nahen Baume, wo er ſich ruhig hinſetzte, das Geſangbuch aufſchlug und andaͤchtig darin zu leſen ſchien. Staunend hatte der Paſtor dem merkwuͤrdigen Manne nachgeblickt, und trat jetzt in die Stube hinein, wo ihn die nicht wenig verwunderte Frau in Thraͤnen des Zorns und des Unmuths empfing.— Der uͤbereifrige Saͤnger war eben jener Joſt ſelbſt. Der Pfarrer erfuhr von der Frau, daß Joſt ſeit laͤngerer Zeit, ſchon in ſeinem fruͤhern Wohnorte, von einigen Sectirern verleitet, angefangen hatte, von der Kirchengemeinſchaft ſich mehr und mehr zu trennen, und dabei, obſchon ſtreng rechtlich und von wirklich frommem Herzen, dennoch auf Abwege gerathen war. Namentlich war eine bedauerliche Vernachlaͤſſigung aller ſeiner Geſchaͤfte, eine Verachtung der Welt und eine Unluſt an allen andern Beſchaͤftigungen, die geiſtigen ausgenommen, immer deutlicher hervorgetreten.— „Ich kann meinem Joſt nichts Schlechtes nachſagen,“ erzaͤhlte die Frau weinend dem ſie zur Einigkeit ermahnenden Prediger,„er iſt ein wirklich frommer Mann, er vertraͤgt Alles, ich kann zanken, eifern, ſchimpfen,— er bleibt ſich immer gleich. Er betet und ſingt, lieſt in ſeinen Andachtsbuͤchern, macht ſelbſt geiſtliche Lieder; aber er iſt nicht mehr dazu zu 6 82 bringen, irgend Etwas zu arbeiten. Joſt iſt gut, er iſt fromm und hat mich lieb und es thut mir das recht wohl, denn mein erſter Mann— Sie wiſſen wohl, ich bin die geſchiedene Frau des alten Brenz, der hat mich ſehr ſchlecht behandelt und durch den bin ich um mein ganzes Geld gekommen;— aber Herr Paſtor, von der bloßen Froͤmmigkeit kann man doch nicht leben! Vergebens bitte ich, ermahne ich ihn;— wir muͤſſen beide hungern und darben,— ich kann Nichts mit ihm anfangen. Er antwortet immer freundlich, und auf Alles, was ich ſage, hat er einen Bibelſpruch, einen Liedervers, und das muß alle⸗ mal ſo paſſen, daß Er recht behaͤlt. Es wird taͤglich ſchlim⸗ mer mit ihm, und ich kann's nicht aͤndern! Das Schlimmſte iſt, daß er mich fuͤr unglauͤbig haͤlt, weil ich nicht mitthue. Sehen Sie Herr Paſtor, da koͤnnen Sie es unſer Einem wohl verzeihen, wenn Einem die Galle einmal uͤberlaͤuft.— O Herr Paſtor, Sie ſind gelehrt in der Schrift und im Glauben,— reden Sie ihm zu.“— Dem Prediger war dieſer merkwuͤrdige Fall waͤhrend ſei⸗ ner Amtsfuͤhrung noch nicht vorgekommen; er ging ſinnend in der Stube auf und nieder, ließ ſich des Mannes Andachts⸗ buͤcher zeigen und fand freilich, daß die getroffene Auswahl keine gluͤckliche zu nennen ſei. Er ſah, daß nur er als Geiſt⸗ licher wohl allein im Stande ſein koͤnne, einen guͤnſtigen Ein⸗ fluß auf den Mann zu auͤßern und den zu widerlegen, der hinter falſch verſtandenen Bibelſpruͤchen, irre geleitet durch gefaͤhrliche Schriften, ganz allein auf dem rechten Wege zu ſein glaubte und in der Meinung ſtand, die ganze uͤbrige Welt liege im Argen.— Auf Einmal, davon uber⸗ zeugte ſich der Paſtor, war eine Umſtimmung durchaus nicht zu erreichen, da die verkehrten Ideen zu feſte Wurzel in des Mannes Herzen geſchlagen hateen, und Nichts feſter ſitzt, als religioͤſe Meinungen, ſeien es auch nur fromme Irrthuͤmer.— Der Pfarrer ging jetzt hinaus zu dem immer noch an⸗ daͤchtig fortleſenden Joſt. Nach einigen keinleitenden Fragen und Bemerkungen bemuͤhte er ſich ſeinem frommen, aber be⸗ fangenen Schuͤler vor allem nur die rechte Verbindung zwi⸗ ſchen dem Gebet und der Arbeit darzuſtellen, und das Eine klar zu machen: daß der Chriſt nicht blos bete, um zu beten, ſondern hauptſaͤchlich bete, um zu arbeiten, daß er bete, um durch den Gedanken an Gott beſſer, froͤmmer, pflichtgetreuer, — alſo auch arbeitſamer zu werden! Daß aber, wer nur bete, und uͤber dem Gebet ſeine Arbeit verſauͤme, ſeine naͤchſte Pflicht, fuͤr die Seinen zu ſorgen, vergeſſe, und den ſittlichen Vortheil des Gebets muthwillig verſcherze. Ziemlich mißtrauiſch hoͤrte Joſt dieſen Auseinanderſetzun⸗ gen zu, die von ſeinen gewoͤhnlichen Anſichten ſo ſehr abwichen, und er war gar nicht abgeneigt, den Pfarrer auch fuͤr einen Unglauͤbigen zu halten, als ihn derſelbe aufmerkſam machte, wie ja die heiligen Apoſtel auch nicht blos gebetet, ſondern gar eifrig gearbeitet haͤtten, wie zumal der heilige Paulus auch ſelbſt noch als Lehrer mit ſeiner Haͤnde Arbeit ſich ſein Brod verdient habe. Das ſchien durchzuſchlagen, das Miß⸗ trauen ſchien zu verſchwinden, und wirklich verſprach Joſt dem Paſtor, ſich neben ſeinen geiſtlichen Beſchaͤftigungen auch ſeiner Wirthſchaft anzunehmen.— „Aber das Singen laſſe ich nicht, Herr Paſtor,“— ſetzte er heftig hinzu—„das moͤgen Sie meiner Frau immer ſagen. Sie hat leider nicht den rechten Glauben;— ich aber halte an meinem Glauben feſt!“— „Recht ſo lieber Mann,“— ſagte der Prediger—„aber wißt Ihr, daß in Chriſto nur der Glaube gilt, der in der Liebe thaͤtig iſt? In der Liebe gegen Eure hungernde und darbende Frau, fuͤr die Ihr arbeiten ſollt, da laßt Euren Glauben thaͤtig ſein. Und ſingt, wenn ich Euch rathen ſoll, nicht blos Glaubenslieder;— ſchlagt auch zuweilen die Pflichtenlehre auf.“— „Herr Paſtor,“ verſetzte Joſt mißtrauiſch,„ich ſehe ſchon, unſer allerheiligſter Glaube ſoll gar nichts mehr gelten—“ „Recht viel gelten, recht viel wirken ſoll er, lieber Joſt,“ unterbrach ihn der Paſtor eifrig,„zu wahrhaft frommen Men⸗ ſchen ſoll er uns machen, die nicht blos haben den Schein goͤttlichen Lebens, ſondern ſeine Kraft.— Beten und Singen iſt ein Mittel zum Zwecke, zum Frommwerden, nicht der Zweck ſelbſt— Und nun, lieber Joſt, noch Ein Wort, warum trennt Ihr Euch von der Kirche, warum wollt Ihr in der großen Gemeinde eine kleine bilden?“— „Es liegt Alles im Argen,“ murrte Joſt.„Sodom und Gomorrha.“— „Und ſeid Ihr denn frei von allen Fehlern?“ fragte der Pfarrer. 6* „Wir ſind alle Suͤnder,“ verſetzte Joſt,„aber wir haben den rechten Glauben.“ „Und wenn Ihr den habt, was ſoll Euch dann die Ab⸗ ſonderung helfen? Sie kann Nichts helfen, denn gerade mit⸗ ten in der Welt ſoll ſich Euer Glaube erproben. Ihr werdet nicht wieder wollen Kloͤſter bauen, um Euch gegen Verfuͤh— rungen zu ſchuͤtzen. Und wie wollt Ihr dann, wenn Ihr Euch abſondert, einen ſegensreichen Einfluß auf Andere ha⸗ ben? Wenn die Glauͤbigen ſich abſondern, wie ſollen da die Unglauͤbigen heiliger und glauͤbiger werden? Iſt doch das Himmelreich, wie der Herr ſpricht, gleich einem Sauer⸗ teige, den ein Weib nahm und vermengte ihn unter drei Scheffel Mehls, bis daß es gar durchgeſauͤert ward.“— „Es iſt nicht ſo gemeint, Herr Paſtor,“ entſchuldigte ſich Joſt,„wir wollten Sie auch recht ſchoͤne gebeten haben, ob Sie nicht in unſern Betſtunden auch ſein wollten,— Sie koͤnnten uns da unterweiſen—“ „Joſt,“ ſagte der Paſtor abwehrend,—„ein Geiſtlicher darf ſich zu keiner beſonderen Partei halten, er gehoͤrt der ganzen Gemeinde. In der Kirche, da will ich Gottes Wort verkuͤnden, außer der Kirche aber religioͤſe Privatverſamm⸗ lungen und Conventikel zu halten, das paßt ſich nicht, und kann leichtlich zu Abarten fuͤhren.“— „Joſt,“ fuhr der Pfarrer fort,„Ihr ſeid ein frommer Mann, ich hab auf Euch gerechnet, denn Ihr ſteht bei Vielen ſchon in Anſehn. Ihr ſollt mit mir fuͤr unſern allerheiligſten Glauben arbeiten. Helft mir, daß die hauͤslichen Bet⸗ ſtunden und Andachtsuͤbungen immer allgemeiner werden. Ihr wißts Joſt, wie unſer lieber Doctor Martin Luther in ſeinem kleinen Katechismus gar ſchoͤne Vorſchriften giebt: wie ein Hausvater ſein Geſinde ſoll lehren, Morgen und Abends ſich ſegnen, das Benedicite und Gratias vor und nach dem Eſſen ſprechen,— dieſe Hausandachten ſollten nirgends fehlen! Der Familienvater iſt der geiſtliche Vater von Kin⸗ dern und Dienſtboten! Das Haus iſt der rechte Ort, um ſich außer der Kirche durch Beten, Singen, Bibelleſen zu er⸗ bauen, wie unſre frommen Vorfahren. Wollt Ihr mich darin unterſtuͤtzen, daß jedes Haus eine Staͤtte der Gottesverehrung werde, wo fromme Gebete und liebliche geiſtliche Lieder zum 83⁵ Herrn erſchallen? Wollt Ihr Euch den Gottesſegen verdienen helfen?“— „Joſt,“ bat ſeine Gattin,„ſchlag ein. Du verſauͤmſt ja mit den Betſtunden Dein ganzes Geſchaͤft. S'iſt ja ein Elend, man hat Nichts zu brocken und zu beißen.“ „Siehſt Du Frau,“ eiferte Joſt,„daß Du das ſuͤndliche Weltleben nicht vergeſſen kannſt. Man muß das Geld und die irdiſche Luſt verachten!“— „J, Du mein Gott,“ entſchuldigte ſich die Frau„iſt denn das eine Suͤnde, wenn man ſein gutes Auskommen haben moͤchte! Sehen Sie, Herr Paſtor, ſo iſt mein Mann, erſt hat er mich geheirathet, weil er dachte, ich haͤtte viel Geld,— und nun,— nun,— ja nun zankt er—“ „Genug,“ bat der Paſtor,„gedenkt des Spruches:„Bete und arbeite“ und, warum ich noch einmal bitte, vertraut mir. Ich bin kein Unglauͤbiger, wenn das, was ich predige in Wor⸗ ten auch hie und da etwas anders klingen ſollte, als ihr's ge⸗ lernt.“ „Das ſage ich auch immer,“ bemerkte die Frau,“ das iſt unſer Eins gar nicht im Stande aufs Haar zu beurtheilen, ob ein ſolcher Gottesgelehrter den rechten Glauben hat oder nicht. Das werden wohl die beſſer wiſſen, die uns die Her⸗ ren Geiſtlichen ſchicken? Nicht wahr, Herr Paſtor, es wird ein Jeder aufs Evangelium gepruͤft, und auf die evangeliſche Lehre unſrer evangeliſchen Kirchen vereidet?“— Der Paſtor bejahte es.„Und nun,“ ſetzte er hinzu, „lebt wohl, und vertraget Euch mit einander—“ „Ja meine Frau,“— wollte Joſt einwenden— „Nichts da,“ bat der Pfarrer,„zu einem Zwecke gehoͤren Zwei, und gewoͤhnlich haben alle Beide Schuld. Wie's in den Wald hineinſchallt, ſo ſchallts wieder heraus. Vertragt euch, ſchicket euch in einander, ſehet und tadelt nicht immer die Fehler an Andern, ſondern denket an die eigenen.„Einer trage des andern Laſt, ſo werdet ihr das Geſetz Chriſti erfuͤllen!“— Aber, meine Lieben, laſſet das Vertragen nicht darin beſtehen, daß Ihr in ſtumpfer Gleichgiltigkeit kalt und dumpf jedes den Andern ſeinen Weg gehen laſſet, ſondern Liebe, herzliche Liebe trage den Andern, beſſere den Andern!„Die Liebe iſt langmuͤthig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibet nicht Muthwillen, ſie blaͤhet 836 ſich nicht; ſie ſtellet ſich nicht ungeberdig, ſie ſuchet nicht das Ihre, ſie trachtet nicht nach Schaden. Sie vertraͤget Alles, ſie glaubt Alles, ſie hoffet Alles, ſie duldet Alles.“ Erſten Corinther am dreizehnten,— das iſt das rechte Evangelium fuͤr Eheleute, leſet das, beherziget das!“ Der Pfarrer verließ jetzt das Haus und ging langſam den Berg hinab. Er hoͤrte nichts wieder von Zank und Eifer, aber er war noch nicht den halben Berg hinunter, als ein er⸗ freulicher Klang ſein Ohr traf: der Schuhmacher Joſt droben klopfte mit Macht auf das Leder los, und der Pfarrer laͤchelte ſtillvergnuͤgt.— „Ich kann nicht verlangen,“ dachte der Pfarrer bei ſich, „daß mir der Mann ſogleich mit Vertrauen entgegenkommt, aber ich will keine Muͤhe ſcheuen, ich werde ſein Mißtrauen uͤber⸗ winden, ſeinen Glaubenseifer regeln, ſeine Weltverachtung, die vielleicht großentheils nur Selbſttauͤſchung iſt, bekaͤmpfen. Iſts doch nicht zu leugnen, daß der Separatismus, die Ab⸗ ſonderung, in gar vielen Faͤllen ſeinen Grund in einem tief⸗ fuͤhlenden, warm kirchlich geſinntem Herzen hat, das ſich von der Menge zuruͤckzieht, in deren verweltlichter Mitte es ſeine glauͤbig religioͤſen Beduͤrfniſſe nicht befriedigen zu koͤnnen glaubt, und Gefahren fuͤr ſeine Tugend fuͤrchtet. Wie thoͤricht waͤre es doch, wenn man, dem Zeitgeiſte huldigend, den kirchlich religioͤſen Sinn, die auͤßere Froͤmmigkeit, welche allerdings von Befangenheit und Engherzigkeit nicht frei ſind, verſpotten wollte, wenn man jeden auͤßerlich Frommen als Froͤmmler verdammen, als Scheinheiligen brandmarken wollte!“ Es war dem Pfarrer peinlich, daß die Worte:„Frommer, Pietiſt, Myſtiker, Stille im Lande, Herrnhuter“ bei einem großen Theile ſeiner Zeitgenoſſen zu Spottnamen geworden waren, daß ſich ſo Viele wirklich ſchaͤmten, zu den Frommen zu ge⸗ hoͤren, und wegen Betens, Singens oder Bibelleſens als ſolche verſchrieen zu werden. Der Pfarrer hatte oft ſchon den Kopf geſchuͤttelt, wenn er bedacht, wie viel man heut zu Tage vom „Alles pruͤfen,“ und vom„Behalten des Beſten“ rede, und wie wenig man doch pruͤfe,— auf beiden Seiten, wie hier die Aufklaͤrungspartei alles Alte, auͤßerlich Fromme und Chriſt⸗ liche fuͤr unvernuͤnftige Thorheit, dort die ſogenannte chriſtliche Partei eben ſo oft alles Vernuͤnftige fuͤr unchriſtlich ausgebe. 87 Wenn man unxarteiſſch pruͤfen wollte, dann wuͤrde man ein⸗ ſehen, daß unter den ſo verſchrieenen Frommen und Stillen im Lande, eben ſo gut, wie unter den ſogenannten Aufge⸗ klaͤrten, chriſtlich fromme Herzen zu finden ſeien, und daß der Geiſt Chriſti auf die mannigfaltigſte Weiſe ſich in den ſo unendlich mannigfaltigen Menſchengeiſtern entwickelt und doch, was den eigentlichen Grund anbelangt, bei allen Par⸗ teien ziemlich derſelbe iſt.— Dem Pfarrer erſchien Nichts un⸗ chriſtlicher, als das von ſelbſtirrenden Menſchen ausgeſprochene Ausſchließen irgend einer chriſtlichen Geiſtesrichtung, als waͤre ſie unchriſtlich,— da ja die Scheidung des Waizens von der Spreu dem Herrn allein uͤberlaſſen bleiben muß! So ward unſer Pfarrer, obſchon ſelbſt feſthaltend an der Perſon des Heilands, wie ihn die Evangelien darſtellen, und feſtſtehend im Glauben an das von Ihm verkuͤndigte und von den Apo⸗ ſteln wiedergegebene Evangelium, doch nicht ungerecht gegen andere chriſtliche Parteien und Confeſſionen, die nach ihrer Geburt und Erziehung ſich in eine etwas andere Auffaſſung des Chriſtenthums hineingewoͤhnt und hineingelebt hatten.— Auf dem Ruͤckwege begegnete der alte Georg unſerm Paſtor.„Eben wollte ich zu Ihnen,“ ſagte er,„es geht nicht laͤnger,“ und nun fing er ein Langes und Breites an zu er⸗ zaͤhlen von des Gemeindevorſtandes, ſeines Schwiegerſohnes Untugenden, unter denen die Spielſucht alle andern uͤbertraf. „Dazu kommt,“ fuhr Georg fort,„daß ich ihn letzthin auch noch auf andern unrechten Wegen ertappt habe, das ganze Dorf redet von der Bergers Dore,— ich kann es nun nicht laͤnger mit anſehen, und meine Tochter muß ſich von ihm ſcheiden laſſen. Aber denken Sie, Herr Paſtor, die Frau will nicht! Ja, und Sie ſind großentheils mit Schuld, daß ſie nicht will—“ „Ich?“ rief der Paſtor verwundert;„wie ſoll das zu⸗ gehen?“ „Ja, Sie,“ betheuerte Georg.„Sehen Sie, meine Toch⸗ ter hat ein gutes Gedaͤchtniß und ein frommes Gemuͤth, und da bringt ſie mir allemal, wenn ich von der Scheidung zu reden anfange, den Bibelſpruch, uͤber den Sie ihr eine ſo ſchoͤne Traurede gehalten haͤtten:„Daran will ich erkennen, daß ihr Meine Juͤnger ſeid, ſo ihr Liebe untereinander habt.“„Seht Vater—“ ſagt ſie dann jedesmal zu mir, „ſeht, wenn man als Chriſt ſchon zu allen Menſchen Liebe haben ſoll, darf ich denn meinen Ehemann aufhoͤren zu lie⸗ ben, dem ichs noch ausdruͤcklich verſprochen?“ Wie Sie da⸗ mals den Gedanken ausgedruͤckt haben, weiß ſie zwar nicht mehr; aber den Spruch weiß ſie noch, den Sie damals mit ange⸗ wendet haben: Lieben Bruͤder, ſo ein Menſch etwa von einem Fehler uͤbereilet wuͤrde, ſo helfet ihm wieder zurecht mit ſanftmuͤthigen Geiſte, die ihr geiſtlich ſeid, und ſiehe auf dich ſelbſt, daß du nicht auch ver⸗ ſuchet werdeſt. Auch das hat ſie ſich noch gemerkt, daß Sie damals geſagt haben: wenn Eins etwa einmal nicht recht wuͤßte, worin dieſe chriſtliche Liebe unter Eheleuten beſtaͤnde, dann ſollten ſie nur das 13. Kapitel im 1. Corintherbriefe leſen! Das kann nun die Frau Wort fuͤr Wort auswendig, und das muß ich ſagen, mir iſt noch keine ſo muſterhafte Ehefrau vorgekommen.„Was wahr iſt, muß wahr bleiben,“ wenns gleich meine Tochter iſt. Sie will nun ihren Mann beſſern,— durch Sanftmuth und Liebe meint ſie,— aber, du mein Gott,— er kommt ja bald gar nicht mehr zu Hauſe? Es iſt wahr, er iſt gerade kein ſchlechter Menſch von Herzen, er hat ſo was Nobles an ſich,— aber— aber— Ja, was ſoll ich nun machen, Herr Paſtor? Sie will nicht geſchieden ſein—“ „So laßt ſie,“ bat der Paſtor,„die Liebe hat manchmal Unmoͤgliches moͤglich gemacht. Aber das freut mich herzlich, daß mein Wort, das Wort des Herrn, das ich an heiliger Staͤtte zu ihr geredet, ſolchen bleibenden Eindruck auf ihr Herz gemacht hat.“ Georg hatte ſich durch des Pfarrers Wort beruhigen laſſen, und der Pfarrer kam ſehr gluͤcklich nach Hauſe, und er⸗ zaͤhlte der Gattin die gemachten Erfahrungen. „Wir erfahren ſo ſelten Etwas uͤber die Erfolge unſers amtlichen Wirkens, daß man Gott fuͤr ſolche frohe Erfahrun⸗ gen nicht genug danken kann. Je aͤlter man wird als Geiſt⸗ licher, und je oͤfter und laͤnger man einſieht, welcher goͤttliche Segen auf den heiligen Amtshandlungen liegt, deſto andaͤch⸗ tiger wird man ſie verrichten, deſto mehr ſich Muͤhe geben, wirkliche Worte des Lebens bei jeder Gelegenheit, wo man reden ſoll, zu ſprechen!— Aber, ſiehe Mutter, iſt's nicht auch in dieſem Falle wieder das heilige bekannte Bibelwort, an 839 welches ein einfaches Gemuͤth Gedanken und Entſchließungen anknuͤpft?“ „Ich bewundere Dich manchmal, lieber Mann,“ verſetzte die Pfarrfrau,„wie Du bei Deinem beſchwerlichen Amte, bei Deiner Kraͤnklichkeit, doch nie verdrießlich, oder unmuthig, ſondern ſtets freundlich und freudig biſt, nicht blos auͤßerlich, ſondern auch innerlich heiter.“— „Mutter,“ verſetzte der beſcheidne Mann,„Du uͤber⸗ ſchaͤtzeſt mich aus Liebe, ich wollte, ich waͤre ſtets heiter, koͤnnte auch jeden Anflug von Mißmuth bannen; aber der ſterb⸗ liche Leichnam beſchweret die Seele, und die irdiſche Huͤlle druͤckt den zerſtreuten Sinn!“— „Das bemerkt wenigſtens Niemand anders, außer Dir,“ behauptete die Gattin;„Du lebſt ja ſo ganz fuͤr Dein Amt und in Deinem Amte, und biſt ſo andaͤchtig bei den heiligen Amtsverrichtungen, als wenn Du erſt ſeit Kurzem Geiſtlicher geworden waͤrſt.“ „Mutter, Mutter,“ verwies ihr der Prediger ernſt,„ſoll ich denn etwa jetzt erſt anfangen handwerksmaͤßig zu taufen, zu trauen, zu begraben, oder das heilige Abendmahl zu rei⸗ chen, da ich jetzt durch lange Amtserfahrung weiß, wie vielen geiſtigen Segen Gott durch meinen Mund, durch meine Hand ausgeſtreut hat? Mag auch der junge Prediger mit einem ganz beſonderen Gefuͤhle den erſten Tauͤfling weihn, das erſte Paar einſegnen, den erſten Todten begraben,— ſo hat das doch noch weit mehr Erhebendes und Begeiſterndes fuͤr den alten Geiſtlichen, der die Wunder Gottes im Reiche der Gnade in langer Amtsthaͤtigkeit ſelbſt erfahren hat. Daran habe ich gedacht, wenn ich irgend einmal einmal in Verſuchung kam, die heiligen Handlungen der Kirche, die ſo oft wiederkehren, gedankenlos und fluͤchtig zu verrichten. Vielmehr ſtrebte ich es ſtets mit jener wuͤrdevollen Hingebung zu thun, welche der Heiligkeit des Gegenſtandes angemeſſen war. Giebt es doch keine Amtshandlung des evangeliſchen Predigers, die nicht Verſtand und Herz beſchaͤftigen koͤnnte, keine todten Formeln, kein Herſagen unverſtandener Worte, kein andachtloſes Cere⸗ monienweſen; ſondern Alles iſt Leben und Freiheit, nur gebunden durch das Wort Gottes, geknuͤpft an die heiligen Gebrauͤche der erſten, uralten apoſtoliſchen Kirche!— Wer Andre begeiſtern ſoll, muß ſelbſt begeiſtert ſein, wer Andre 90 weihen ſoll— und Alle, die da kommen, um den Segen der Kirche zu empfangen, verlangen auch von dem Diener der Kirche, daß er ihnen den Schatz der Kirche, Friede und Freude im heiligen Geiſt, in's Herz hinein gebe,— der muß ſelbſt innerlich geweiht ſein, und auch durch ſein auͤßerliches Betra⸗ gen zeigen, daß er die heilige Geiſtesſtimmung ſelbſt beſitze, die er Andern geben ſoll!“ „Du haſt recht, Vater,“ bemerkte die Gattin,„wenn man dagegen von andern Geiſtlichen erzaͤhlt“—— „Laß das Mutter“— bat der Geiſtliche,„ich fuͤhle mich gluͤcklich in meinem Amte, und meine hoͤchſte Freude iſt, wenn ich hie und da Fruͤchte meiner Thaͤtigkeit ſehe. Wenn dem Geiſtlichen das Amt eine Laſt waͤre, wenn er als ein Mieth⸗ ling mit Seufzen lehren, predigen und amtiren wollte, dann muͤßte die Heerde verkuͤmmern. Darum danke ich Gott dop⸗ yelt, wenn ich einmal ſehe, daß ich nicht umſonſt geredet; das hebt und ſtaͤrkt, und begeiſtert zu neuer Thaͤtigkeit.“ „Weiß ich's doch ſelbſt,“ verſetzte die Mutter,„wie nur ein freudiges Wirken in dem von Gott angewieſenem Be⸗ rufe ſegensreiche Fruͤchte bringt. So oft ich mich in meinem Berufe als Gattin und Mutter recht ſelig fuͤhlte, ſo oft war ich auch die beſte Gattin und Erzieherin meiner Kinder.“ „Du Gute,“ entgegnete der Gatte geruͤhrt,„weißt Du's doch auch, wie oft mich Deine Berufsſeligkeit erbaut und er⸗ freut hat, gegenuͤber den Klagen mancher Weiber uͤber das armſelige und beklagenswerthe Loos des Weibes.“— „Nun,“ antwortete die Hausfrau,„fuͤr eine Frau, die Kinder hat, die ſich an der Zufriedenheit des Gatten und dem froͤhlichen Gedeihen ihrer Kinder freuen kann,— fuͤr eine fromme Pfarrfrau paſſen ſich ſolche Klagen nicht. Und doch mußte erſt an Deiner warmen Berufsthaͤtigkeit ſich mein ſchwacher Wille oft ſtaͤrken!“ „Das iſt gegenſeitig geſchehn,“ verſetzte der Paſtor freund⸗ lich,„wie's unter chriſtlichen Eheleuten ſein ſoll.— Sind keine Arbeiten weiter in meiner Abweſenheit eingelaufen?“— „Der junge Burſche war da,“ erzaͤhlte die Pfarrerin,„der fruͤher betteln ging, dem Du aber Arbeit zugewieſen haſt. Er ſchien ſehr zufrieden zu ſein, und wollte ſich bei Dir bedanken. Auch der alte, kranke Tobias hat ſich ſein woͤchentliches Al⸗ moſen, das Du ihm ausgeſetzt haſt, abholen laſſen. Das 91 Maͤdchen, ſeine Enkelin, weinte vor Freude, als ich noch ein Stuͤck Brod und einige Erdaͤpfel hinzufuͤgte, und wuͤnſchte uns tauſendmal Gottes Segen. Wenn die Segenswuͤnſche alle in Erfuͤllung gehn, die wir hier ſchon eingeerntet haben, weil unſere Verhaͤltniſſe uns eine ausgedehntere Mildthaͤtig⸗ keit erlauben, als Andern, da muͤſſen wir reich geſegnete Leute werden!“ „Sind wir denn das nicht ſchon?“ rief der Prediger be⸗ geiſtert,„und iſt die Liebe der armen Leute, denen wir, ſobald ſie nur arbeiten koͤnnen, mancherlei Wege, um ſich ihr Brod zu verdienen, eroͤffneten, iſt der Dank der Kranken und Alten, die wir, weil ſie ſich ſelbſt Nichts verdienen koͤnnen, mit Geld, Nahrung und Kleidung unterſtuͤtzten, nicht der ſchoͤnſte Lohn?“ Da wurde das Geſpraͤch durch einen heftigen Zank im Vorhauſe unterbrochen.„Ihr ſollt aber nicht herankommen,“ zankte die alte Muhme mit gellender Stimme,„Ihr macht die ganze Treppe ſchmuzig.„Gleich geht,— ich ſage, Ihr ſollt gehn, Ihr Bettelpack!“ Es waren einige Bettelkinder, welche der Eifer der Muhme vertreiben wollte, und der Paſtor, welcher unmuthig uͤber die Haͤrte der Alten ſchnell herauseilte, hatte alle Muͤhe, ſie zu beruhigen. Er redete nun liebreich mit den zerriſſenen, un⸗ reinlichen Bettelbuben, welche in Erzaͤhlung von vorgeblicher hauͤslicher Noth, Krankheit, oder Tod der Aeltern ungemein fertig waren;— allein als der Paſtor, um ihnen Gelegenheit zu geben, ſich ſelbſt Etwas zu verdienen, ihnen Arbeit anbot, entfernten ſie ſich ſehr eilig, ſchimpften laut uͤber Hartherzig⸗ keit, und außerten, daß doch jedesmal die Pfarrer die geizig⸗ ſten waͤren. „So geht's uns,“ ſagte der Paſtor zu ſeiner Frau, als die Truppe abgezogen war;„des Geiſtlichen weiſe Barmher⸗ zigkeit, die Muͤſſiggang und Tagedieberei nicht unterſtuͤtzen will, wird als Geiz verſchrieen! Wir ſollen nur geben, mit vollen Haͤnden geben, ohne weiter zu fragen! Alles ſpeculirt auf des Pfarrers Geldbeutel, ſeinen guten Rath aber moͤgen Wenige nur. Soll ich Geld geben, um die Kinder vollends zu verderben, um ſie in ihrem liederlichen, muͤſſigen Lebens⸗ wandel zu beſtaͤrken? Denn die hauͤslichen Jammergeſchich⸗ ten waren jedenfalls erlogen! Aber die boͤſen Buben werden mir's nachtragen,— ſelbſt das unzeitige Eifern der Muhme 92 wird auf meine, des Pfarrers, Rechnung kommen! Ich weiß, man verargt es Niemandem, wenn er ſolche Betteleien ab⸗ weiſt;— aber der Geiſtliche, der es ebenfalls thut, wird da⸗ fuͤr als geizig in der ganzen Gegend ausgeſchrieen! Ueberhaupt wird die Mildthaͤtigkeit des Geiſtlichen gar zu ſehr in An⸗ ſpruch genommen,— er ſoll uͤberall geben,— mehr geben als alle Andre,— und es iſt doch wahrlich Nichts falſcher, als die vielverbreitete Meinung, daß Niemand ſein Geld ſo leicht, als der Geiſtliche, verdiene. Kein Uneingeweihter kennt die Kaͤmpfe, die Anfechtungen, die oft alle Koͤrper-⸗ und Geiſtes⸗ kraͤfte in Anſpruch nehmenden Berufsarbeiten des Geiſtlichen.“ „Man kann einmal nicht Allen Alles recht machen,“ be⸗ merkte die Gattin,„wenn man nur mit ſeinem Gewiſſen ſtets im Reinen iſt.“— „Ach nein,“ behauptete der Prediger,„das iſt's ja eben, was des Predigers Beruf ſo ſchwierig macht, daß es nicht genug iſt, wenn er vor ſeinem eignen Herzen gerechtfertigt da⸗ ſteht. Das ſittliche Leben des Geiſtlichen iſt durch ſeine ganze amtliche Stellung mehr dem oͤffentlichen Urtheile anheim ge⸗ geben, als das jedes Andern, weil man von dem Geiſtlichen vor Allen erwartet, daß er ſelbſt ſo leben werde, wie er nach Gottes Wort es von Andern fordert. Macht man doch nicht ſelten an ihn, der doch auch ein Menſch iſt, Anforderungen, die ein Menſch nicht erfuͤllen kann,— daß er ein fleckenloſes Sittenmuſter, und in allen Stuͤcken ein Vorbild fuͤr die Ge⸗ meinde ſei. Daher kommt die genaue Beobachtung des Le⸗ benswandels eines Geiſtlichen, und eben weil man ihn ge⸗ nauer beobachtet, als jeden Andern, glaubt die Welt an uns armen Geiſtlichen oft mehr Flecken zu finden, als an andern Chriſtenmenſchen. Aber es waͤre doch wahrlich ſchlimm, wenn der Geiſtliche, der ſich tagtaͤglich mit Gottes Wort, mit dem Hoͤchſten und Heiligſten, was der Menſch hat und denkt, beſchaͤftigen muß, wenn Er, der ſich ſtets bemuͤht, Andere zu lehren, zu ermahnen, Andern den Weg Gottes zu zeigen, nicht wenigſtens eben ſo fromm und rechtſchaffen leben ſollte, als die Menſchen, die erſt von ihm lernen,— wenn nicht die Mehrzahl der Geiſtlichen wenigſtens eben ſo pflichtgemaͤß, wenn nicht pflichtgemaͤßer leben ſollte, als andere Chriſten⸗ menſchen, die weder Gelegenheit noch Beruf haben, ſo viel und gruͤndlich mit Gottes Wort umzugehen! Es giebt ge⸗ 95 wiſſenloſe, unwuͤrdige Geiſtliche,— leider fehlt es nicht daran; allein Unwuͤrdige finden ſich in jedem Stande!— Faſt ſollte ich meinen, daß eine kleinliche Eiferſucht, und ein gewiſſer Neid bei Beurtheilung des Geiſtlichen oft mit im Spiele iſt,— und daß man an dem Geiſtlichen, eben weil er uͤber Andrer ſittliche Schwaͤchen reden darf, auch die kleinſten Maͤngel und Flecken hervorhebt und gefliſſentlich vergroͤßert. Wenn es mehr ſchlechte, als gute Geiſtliche, und unter dem geiſtlichen Stande mehr unwuͤrdige Glieder, als unter jedem andern Stande geben ſollte, dann haͤtten wir wohl uͤberhaupt das gegruͤndetſte Recht, an den Erfolgen des goͤttlichen Worts zu zweifeln. Denn das Lehren Andrer, das Aufmerken auf Andrer Seelenheil, und die Arbeit an der ſittlichen Beſſerung Anderer, kann doch nicht gefuͤhllos oder blind gegen die eige⸗ nen Seelenſchaͤden machen?— Aber eben deshalb muß es des Geiſtlichen eifrigſtes Streben ſein, durch ſein eigenes chriſt⸗ liches Leben die Kraft und Wahrheit des gepredigten Evange⸗ liums zu beſtaͤtigen und als Vorbild im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Keuſchheit, ſelbſt Gottes Ge⸗ bote zu halten, die er Andern vorhaͤlt.“— „Wenn der Geiſtliche,“ warf die Pfarrfrau ein,„nur ſagen koͤnnte: Richtet euch nach meinen Worten, nicht aber nach meinen Glauben, meinen Werken, ſo wuͤrde er bei mir nicht viel wirken. Die Predigt eines ſittenloſen Mannes wuͤrde bei mir groͤßtentheils ihren Eindruck verlieren.“— „Du haſt Recht, Mutter,“ gab der Pfarrer zu.„Ein Lehrer der Religion und des chriſtlichen Glaubens, der ſelbſt weder Religion noch Glauben hat,— ein Prediger chriſtli⸗ chen Gottvertrauens, der ſelbſt verzweifelt und uͤber Gottes Wege murrt, ein Lobredner chriſtlicher Naͤchſtenliebe, der ſelbſt lieblos, eigennuͤtzig, habſuͤchtig, neidiſch iſt oder eine Pflicht gegen den Naͤchſten groͤblich verletzt;— ein Apoſtel chriſtlicher Maͤßigkeit und Enthaltſamkeit, der ſelbſt unmaͤßig iſt in allen Genuͤſſen;— ein Geiſtlicher, der chriſtliche Kinderzucht for⸗ dert, und ſeine eigenen Kinder ſchlecht erzieht;— ſie alle wer⸗ den gewiß mit der Predigt des goͤttlichen Worts weit weni⸗ ger wirken, als ſie wirken koͤnnten, wenn ſie nach Gottes Wort ſelbſt lebten. Aber immer bleibt's doch Gottes Wort, und das wird nimmer ohne Wirkſamkeit bleiben! Frei⸗ lich wuͤrde unſer Herr und Meiſter, Jeſus Chriſtus durch ſeine 94 herrlichen, goͤttlichen Lehren, nimmer ſo viele Suͤnder uͤber⸗ zeugt und belehrt haben, wenn Er nicht ſelbſt, ein Vor⸗ bild in allen Stuͤcken, frei von Suͤnden geweſen waͤre; ja war es doch hauptſaͤchlich dieſe makelloſe und tadelloſe ſittliche Reinheit, die Perſoͤnlichkeit Jeſu ſelbſt, welche die Juͤnger an den Meiſter feſſelte, als ſie ſeine Worte noch nicht immer ganz verſtanden. Nur darf eine Gemeinde bei der Vergleichung ihres Lehrers mit dem Geſalbten Gottes nie vergeſſen, daß der Geiſtl iche ein Menſch iſt und bleibt, und daß er, wenn auch ein frommer Menſch, doch nie von ſich wird ſagen koͤn⸗ nen:„Wer kann mich einer Suͤnde zeihen,“ was der goͤttliche Heiland konnte.— Auch ich habe als Menſch meine Fehler und Schwaͤchen, und wenn ich auch ſo zu leben mich beſtrebe, daß Niemand an mir eine Ungerechtigkeit, eine ſchlechte Handlung, ein unwuͤrdiges Benehmen wahrnehmen kann, ſo kenne ich doch meine ſchwachen Seiten am beſten, und indem ich meiner Gemeinde predige, predige ich mir ſelbſt, und arbeite unablaͤſſig, unter dem Beiſtande Gottes, an mei⸗ ner eignen ſittlichen Veredlung!“— „O, Du biſt beſſer, als ich lieber Mann,“ bekannte die Pfarrfrau beſcheiden;„Du erkennſt ſo offen Deine menſch— liche Unvollkommenheit! Ach, Vater, ich wollte, ich waͤre ſo gut, ſo demuͤthig, ſo eifrig, wie Du.“ Der Pfarrer ſchuͤttelte ernſt den Kopf.„Wir ſind allzumal Suͤnder und mangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben ſollten,“ ſagte er faſt wehmüͤthig:„ich bin ein Geiſtlicher, der's wohl redlich meint, und ein treuer Arbei⸗ ter ſein moͤchte; aber ich bin ein Menſch!— Erinnere mich, Mutter, ſo oft Du willſt, an das hohe Ziel, was dem Geiſt⸗ lichen vorgeſteckt iſt: ein Vorbild zu ſein den Glauͤbigen, wie der heilige Paulus den Verkuͤndigern des goͤttlichen Worts gebietet, im Wort, im Wandel, im Geiſt, im Glauben, in der Keuſchheit; anzuhalten mit Leſen, mit Ermah⸗ nen, mit Lehren. Genug fuͤr ein ganzes Leben, um das zu lernen, das zu werden, das zu ſein!“ Jetzt wurde die Pfarrfrau abgerufen und der Paſtor nahm abermals den Text des kuͤnftigen Sonntags zur Hand, und las ihn wiederholt mit der groͤßten Aufmerkſamkeit durch. Obſchon er den Text ſchon mehrere Tage im Kopfe auf allen ſeinen Wegen mit ſich herumgetragen hatte, ſo wollte es ihm 9⁵ doch dießmal durchaus nicht gelingen, einen neuen, auf das Leben anwendbaren Hauptgedanken, der als Grundlage fuͤr die naͤchſte Sonntagspredigt dienen koͤnnte, herauszufinden, einen Hauptſatz, welcher alle Gedanken des Bibeltextes um⸗ faßte, und doch nicht ſchon fruͤher von ihm behandelt worden war.— Immer wieder ſah er die vor ihm liegende Samm⸗ lung von den in fruͤheren Jahren uͤber denſelben Text gehal⸗ tene Predigtthemas durch, und ſo oft auch ſich ihm ein an⸗ ſcheinend neuer und guter Gedanke bot, bei naͤherer Betrach⸗ tung war es doch einer der alten, fruͤher ſchon behandelten Lehrſaͤtze, und der Paſtor mußte immer wieder von vorn an⸗ fangen den Text zu betrachten, um ihm doch noch eine neue Seite abzugewinnen.—. Man denkt ſich ſo gern den Prediger als unbeſchaͤftigt, und das Predigen als etwas gar leichtes, aber Niemand zaͤhlt die vielen Stunden und Tage vergebnen Nachſinnens und Gruͤbelns uͤber eine Predigt, der man, wenn ſie gehalten wird, die Arbeit, welche ſie gekoſtet, nicht anſieht, ſo daß mancher Zuhoͤrer dann wohl meint, es ſei Nichts leichter, als ſo eine Predigt zu halten, ja wohl die Faͤhigkeit dazu ſelbſt zu beſitzen glaubt. Und doch iſt fuͤr den gewiſſenhaften Prediger ſicher Nichts ſchwerer, als uͤber einen und denſelben Text zehnmal, ja zwanzigmal textgemaͤß zu predigen, als eine Reihe von Jahren lang ſonntaͤglich, ohne dieſelben Gedanken unveraͤn⸗ dert wiederzubringen, immer wieder etwas Neues, Erbauliches, den Beduͤrfniſſen Entſprechendes, die Aufmerkſamkeit Feſſeln⸗ des derſelben chriſtlichen Gemeinde vorzulegen. Ein eifriger Geiſtlicher wird nie unbeſchaͤftigt ſein, auch wenn er nicht gerade zu trauen, zu taufen, zu begraben hat, wenn ſich's nch nicht mit der Elle meſſen laͤßt, was und wie viel er ar⸗ eitet.— „Ja, ſo wird's doch gehn“— ſagte jetzt der Paſtor er⸗ freut,„ſo kann ich doch auch ein zeitgemaͤßes Wort ſprechen uͤber die Abſonderung der Separatiſten und die naͤchtlichen Betſtunden, ohne dabei anzuſtoßen oder zu verletzen. Der Text bringt's mit ſich.“ Und er ergriff das daliegende Pa⸗ pier, um die Gedanken feſtzuhalten.—— VII. Mitternacht mochte voruͤber ſein und der Pfarrer hatte eben die Bibel zugeſchlagen, um das Lager aufzuſuchen, als er bemerkte, daß ſich draußen ein furchtbarer Sturm, von Regenwetter begleitet, erhoben hatte. Das Unwetter hatte eben ſeine hoͤchſte Gewalt erreicht; der Wind raſſelte mit den lockern Fenſterfluͤgeln, die Ziegel auf dem Dache klapperten, die Bauͤme am Hauſe ſchlugen donnernd an die duͤnnen Waͤnde des Pfarrhauſes; der Sturm fuhr heulend durch den Schornſtein, und ein gewaltiger Regen ſchlug praſſelnd an die Fenſterſcheiben. „Gott, wer heute draußen iſt, auf dem Meere, auf der Landſtraße;— die armen, armen Leute,“ ſagte die Pfarrfrau, als der Prediger in die ſtille Schlafkammer trat.— „Hat Dich das furchtbare Wetter auch wieder aufge⸗ weckt?“ fragte er freundlich,— und wollte ſich eben zur Ruhe niederlegen, als ſich deutlich lautes Klopfen an der Hofthuͤr vernehmen ließ. Der Paſtor horchte hoch auf;— das Klopfen wurde immer lauter und aͤngſtlicher; aber Niemand von den Leuten im ganzen Hauſe ſchien zu hoͤren. „Mutter, das gilt mir,“ ſprach der Paſtor;„gut, daß ich das Licht noch nicht ausgeloͤſcht habe;“ Und der Paſtor nahm den Mantel und wollte hinunter eilen. „Um Gottes willen,“ rief die Muhme aus ihrem Kaͤm⸗ merchen heraus, als ſie den Paſtor vorbeigehen hoͤrte;„wo willſt Du hin, Vetter?“ „Weiß ſelbſt nicht,“ verſetzte der Paſtor kurz,„aber es klopft ganz aͤngſtlich, vermuthlich eine Hauscommunion!“— „Aber ſo wecke doch die Magd?“ eiferte die Muhme, „Vetter, Du wirſt doch nicht ſelbſt gehen?“ aber der Paſtor war laͤngſt die Treppe hinuntergeeilt und hatte die Hofthuͤr geoͤffnet. Ein Mann, triefend von Regen, trat herein und benach⸗ richtigte haſtig den Paſtor, daß ſeine Nachbarin, die Frau des Chriſtian Brenz, dieſe Nacht entbunden worden ſei, im Sterben liege und ſehnlichſt nach dem heiligen Nachtmahl verlange.. 97 „Ihr ſeid aber nicht der Ehemann?“ fragte der Paſtor, und war faſt betroffen, als er in dem Durchnaͤßten, Joſt, den Separatiſten, den Urheber der Betſtunden, erkannte.„Warum kommt aber der Brenz nicht ſelbſt?“ „Er war in der Schenke, beim Schnapsglaſe, betrunken,“ — erwiederte Joſt mit edlem Unwillen.„Du lieber Heiland, — das wird ein trauriges Aufwachen geben! Aber, Herr Paſtor, werden Sie in dem Wetter mitgehen? Es iſt freilich eine heruntergekommene Familie, und Geld“— „Werdet Ihr denn fuͤr den heutigen Gang bezahlt?“ fragte der Prediger ernſt.— 5„Herr Paſtor,“ betheuerte Joſt,„das thue ich um Gottes willen.“ „Und ich,— ein verordneter Diener des Evangeliums, ſollte nach Geld fragen?“ entgegnete der Paſtor mild.„Aber da iſt keine Zeit zu verlieren; kommt herein, armer Mann, tretet ins Haus, ich bin ſogleich wieder bei Euch; ich hole nur die heiligen Gefaͤße.“— „Wie, Sie wollten?“ rief Joſt erfreut, aber der Paſtor war ſchon wieder die Treppe hinaufgeeilt, wo die Tante noch immer vor Nachtfroſt klappernd und jammernd ſtand. „Ich muß ſogleich fort,“ ſprach der Paſtor beim Vor⸗ uͤbergehen;„die arme Brenzin liegt in Todesnoͤthen, und ver⸗ langt das heilige Abendmahl. Die arme Frau, ſo im Wohl⸗ leben geboren, und jetzt ſo heruntergekommen, ſie wird wohl nach dem Troſte des Evangeliums ſich ſehnen.“ „Ach du lieber Gott,“ ſeufzte die Alte und rang die Haͤnde,„Du wirſt Dir den Tod holen.— Konnten die Leute denn keine paſſendere Zeit finden? Vetter, es muß doch nicht ſein?“— Doch der Pfarrer war laͤngſt wieder in ſeiner Stu⸗ dirſtube. „Gottes Segen uͤber Dich, Lieber,“ ſagte die Pfarrfrau bebend, welche unterdeſſen den Prieſterrock eingepackt hatte; „das iſt ein ſchwerer Gang! Ich will fuͤr Dich beten, Vater, daß der Herr Dich geſund in meine Arme zuruͤckfuͤhre. Hoͤrſt Du, wie der Wind heult und der Regen in Stroͤmen nieder⸗ ſturzt? Gott behuͤte Dich, lieber Mann!“ Und ſie legte den Nantel ſchnell um des Gatten Schulter und kuͤßte ihn herzlich. „Aber muß es denn ſein?“ rief die Muhme, als der Paſtor ſchon wieder reiſefertig bei ihr war,„mußt Du? Ich 7. 98 daͤchte das Wetter, Deine Kraͤnklichkeit koͤnnten Dich ent⸗ ſchuldigen.“ „Bei Menſchen, ja,“ verſetzte der Paſtor,„aber nicht bei Gott. Betet fuͤr mich und macht mir meine Pflicht nicht ſchwer!“— Hiermit war der gute Paſtor verſchwunden, ehe die Tante ihre Vorſtellungen erneuern konnte.— „Er hoͤrt nicht,“ zuͤrnte die alte Muhme,„es iſt zum todtaͤrgern. Er kann warten bis ich wieder ein Wort mit ihm rede. Ich will mich um Nichts wieder ſorgen.“ Im Stillen raͤſonnirend und den Kopf ſchuͤttelnd ging ſie mit dem Nacht⸗ lichte den langen Gang auf und ab; der Zorn kuͤhlte ſich ab, ſie dachte ſich jetzt die Sehnſucht der ſterbenden Frau nach dem Troſte der Kirche und ihre Freude recht lebhaft,— und ehe ſie ſelbſt wußte wie, war ſie hinunter in die Kuͤche gekommen. „Ich muß doch dem Vetter ein Taͤßchen Warmbier kochen, er wird ſich erkaͤltet haben, wenn er wieder kommt,“ ſagte ſie zu ſich ſelber, und das praſſelnde Feuer beleuchtete bald das ſorgenvolle Geſicht der wieder ausgeſoͤhnten Alten.— Es war draußen eine ſtockfinſtre Nacht. Der Regen ergoß ſich noch immer ſtromweis herab und der Sturm brauſte durch die Bauͤme, als die beiden Maͤnner ſchweigſam ihren Weg antraten. Sie waren noch nicht weit gegangen, als der Wind die kleine Laterne des Paſtors ausblies. Wenn auch kein Licht den Pfad erleuchtete, wenn auch dichte Regenwolken die Sterne verhuͤllten, ſo fehlte doch das rechte Licht, das Licht Chriſti im Herzen nicht, und es war dem Pfarrer wirklich ruͤhrend, als ſein Begleiter, der fromme Joſt, jetzt in dem dunkeln Tannenwalde, durch den ſie ſchritten, hinter ihm mit leiſer Stimme das Lied ſummte: „Wie ſchön leucht t uns der Morgenſtern Voll Gnad' und Wahrheit von dem Herrn, Aus Juda aufgegangen! O, edler Hirt, Du Davidsſohn, Mein König auf dem Himmelsthron, Du haſt mein Herz umfangen! Lieblich, freundlich, Schön und prächtig, Reich von Gaben, Hoch und wundervoll erhaben!“— Der Weg war weit; es war eins der entlegenſten Hauͤſer der Parochie;— der Gang beſchwerlich, die lehmigen Straßen 99 zum Verſinken, und die Fußſteige unwegſam und ſchluͤpfrig; aber was man gern, und im Bewußtſein ſeine Pflicht zu thun, vollbringt, das wird ja leicht, und keine Klage, kein Murren, keine Ungeduld, als der Weg und das Unwetter nicht enden wollten, ward im Herzen des guten Paſtors laut, viel weniger auf der Zunge, auf welcher der Bibelſpruch ſchwebte: Und ob ich ſchon wanderte im finſtern Thale, ſo fuͤrchte ich kein Ungluͤck; denn Du biſt bei mir, Dein Stecken und Stab troͤſtet mich. Endlich gelangten Beide an das Ziel ihrer Wanderung. Ein aͤrmliches Haus— der ſchoͤne Gaſthof zum Schwanen war laͤngſt im Branntweine aufgegangen— nahm ſie unter ſein ſchuͤtzendes Obdach auf und ſie traten in die niedrige, nur dunkel erleuchtete Stube, wo die Sterbende lag, welche dem Pfarrer ſichtlich erfreut, trotz ihrer Schwaͤche, ſtill dank⸗ bar die kalte feuchte Hand entgegenſtreckte.— Die Hebamme nahm jetzt den Pfarrer bei Seite.„Ich thats gar nicht gerne, mein guter Herr Paſtor,“ ſagte ſie, „daß ich den Joſt zu Ihnen ſchickte. Ich wollte erſt ſelber laufen,— aber man hat doch auch ſeine Pflichten, und das Wetter war doch gar zu bodenlos;'s iſt ja aber ſtockfinſtre Nacht,— dacht' ich,— da ſieht ſie Niemand mit einander gehen, denn bei Tage haͤtt' ich's Ihnen nicht zugemuthet, mit dem Joſt zu gehen,— man kann gar leichtlich ins Geſchrei kommen, als ob man zu den Frommen gehoͤrte.“ Still, Frau!“ ſagte der Prediger ernſt verweiſend,„iſt denn das eine Schande? Sagt mir lieber, wo der Mann, der Chriſtian iſt!“— „Er iſt die Minute aus dem Wirthshauſe nach Hauſe gekommen,“ entgegnete die Hebamme.„Mit dem iſts weit gekommen, mein guter Herr Paſtor. Heute fruͤh ſagt' ichs ihm, er ſollte dableiben, es koͤnnte ſchlimm ablaufen mit ſei— ner Frau,„„Chriſtian,““ ſagte ich,„„wenn Du heute nicht bleibſt, ſo biſt Du ein Unmenſch.— Du wirſt doch Einen Tag Dein unchriſtliches Saufen laſſen koͤnnen.““ Die Kin⸗ der ſchrien nach Brod, die Frau aͤchzte und jammerte, und der alte Vater lief wie vorn Kopf geſtoßen in der Stube her⸗ um,— der Chriſtian aber ſtand da, und hatte Schuͤtteln, wie's Fieber; ich dachte es waͤre vom boͤſen Gewiſſen; aber die Frau meinte, es waͤre vom Schnaps, und er triebe es alle 7* 100 Morgen ſo; ich laſſe mirs nicht nehmen, das boͤſe Gewiſſen war auch mit dabei. Ich ließ ihm endlich aus Barmherzig⸗ keit ein Viertelchen Schnaps holen, daß er nur wieder ein Bischen ſteif wurde, und da hat er nun ſo fort geviertelt, und zuletzt ging er doch noch ins Wirthshaus. Jetzt ſitzt er dort auf der Ofenbank!“— Von Joſt aufgemuntert richtete ſich jetzt Chriſtians dunkle Geſtalt auf und wankte an das Krankenbette und ſchaute aus den glaͤſernen, roth unterlaufenen Augen ſtumpffinnig, faſt gefuͤhllos auf den unſaͤglichen Jammer. Hier lag die todtkranke Frau auf ihrem aͤrmlichen Lager, bleich und abgehaͤrmt, und bittrer Lebenshaß ſprach aus ihrem feſt zuſammengedruͤckten Munde. Das neugeborne Kind lag auf dem Bett der Mutter und ſchlief, unbekannt noch mit den Leiden der Erde. Mehrere kleine Kinder ſchliefen daneben auf ihrem Strohlager, aber die Thraͤnen auf ihren blaſſen abge⸗ zehrten Backen, zeigten, daß der Kummer des Lebens auch ſie ſchon getroffen; ein groͤßeres Maͤdchen und ein Knabe lehn⸗ ten ſchlaͤfrig und abgetrieben von Weinen an dem Bett der Mutter, der alte Großvater Brenz aber ſaß ſtumm am Tiſche; er hatte in der heiligen Schrift geleſen, und jetzt die Brille abgenommen, aber aus ſeinen ſtieren Augen ſprach nicht der Friede Gottes, der fromme Bibelleſer begluͤckt. Das Elend der Familie, in welche er getreten, ging dem Pfarrer nahe. Welch ein Abſtand gegen den Glanz und Auf⸗ wand, mit welchem jene Kindtaufe gefeiert worden war, an der er auch Theil genommen?„Die Suͤnde iſt der Leute Ver⸗ derben,“ dachte der Prediger bewegt, aber der Blick wehmuͤ⸗ thiger, ſtrafender Liebe, den er auf den gewiſſenloſen Gatten und Vater heftete, drang nicht in das von Branntweinduͤnſten umduͤſterte Herz; ſtumpf taumelte er wieder auf die Ofen⸗ bank hin, um ſeinen Rauſch und ſein Ungluͤck zu verſchlafen. Die Todtkranke ſchluchzte laute, als der Prediger zu reden anfing.„'s iſt nichts als Elend auf der Welt, Herr Paſtor!“ ſeufzte ſie.„Warum habe ich ihn aber auch ge⸗ nommen, das war mein Ungluͤck, aber meine Aeltern woll⸗ tens.“— „Aber Ihr Mann war ein braver Juͤngling,“ ſagte der Pfarrer,„ich haͤtte ihm viel Gutes zugetraut.“ „Ich konnte ihn nicht leiden,“ antwortete die Kranke, 101 „und er hatte auch eine Andre zuvor gehabt; das gab den erſten Unfrieden.“ „Ihr habt das nicht gewußt?“ bemerkte der Pfarrerſchonend. „Ach doch!— und da dachte ich, ich muͤßt es ihm fuͤhlen laſſen— und die Mutter ſagte immer, ich ſollte nur erſt recht dumm thun; wie man die Maͤnner in der erſten Zeit gewoͤhnte, ſo blieben ſie——; ach, Herr Paſtor,— das hat mir Nichts eingebracht?“ „Liebe Frau,“ ſagte der Geiſtliche mild,„habt ihr Euch nicht dadurch euren Gatten entfremdet? Haͤttet Ihr nicht, da Ihr ihn einmal genommen hattet, alles Vergangene vergeben und vergeſſen ſein laſſen ſollen?“ Die Kranke ſeufzte.„Wir waren nun einmal in den Un⸗ frieden hinein, und ſind nicht wieder herausgekommen.— Erſt war Er gut, und ich waͤre ihm bald ſelber gut geworden; — aber ich wollt's ihm doch nicht gleich zu Liebe thun, und mirs merken laſſen;— da fing er an ſchlechte Geſellſchaft auf⸗ zuſuchen.— Nun gings wieder los!— Ich habe geheult, geſchrieen,— gezankt,— ich bin aus dem Verdruſſe nicht her⸗ ausgekommen! Und ſo iſts alle Jahre ſchlimmer geworden— und jetzt— ach, ich bin eine ungluͤckliche Frau!“— „Da habt ihr euch gegenſeitig recht muthwillig das Le⸗ ben verſauͤert und verbittert,“ rief der Pfarrer wehmuͤthig. „Iſts denn gar ſo ſchwer zu vergeben und zu vergeſſen, und die Liebe walten zu laſſen? Groll und Mißmuth im Herzen fuͤhrt nie zum Gluͤcke! Ihr habt Euch und Euren Mann alle Le⸗ bensfreude ſelbſt vergaͤllt! Ihr ſeid doch vielleicht durch Euer muͤrriſches, unfreundliches, mißmuthiges Weſen ſelbſt auch mit eine Haupturſache an Eures Mannes Verwilderung ge⸗ worden! Sagt, hat Euch der Unfriede, der Verdruß, der Haß irgend Eine Freude eingetragen? Ach, daß ihr nicht dieſe garſtigen Fehler, die Euer Familienleben verbitterten, aus dem Herzen, aus dem Hauſe gewieſen habt!— Habt ihrs nicht gehoͤrt und geleſen, daß die Gottſeligkeit zu allen Dingen nuͤtze iſt und die Verheißung dieſes und des zukuͤnf⸗ tigen Lebens hat?“— „Ach, nun iſts zu ſpaͤt,“ ſagte die Kranke mit troſtloſem Ausdrucke im Geſichte, als wollte ſie ſagen:„Ach koͤnnte ich noch einmal anfangen!“ O es iſt etwas Peinliches an einem Todtenbette die Reue eines Herzens wahrzunehmen, das noch 102 gerne leben moͤchte, um begangenes Unrecht wieder gut zu machen, und es nun fuͤhlt, daß es das nicht mehr kann, daß ſeine Zeit abgelaufen iſt. Oft, oft ſchon iſt im Tode die Eisdecke um kalte Herzen geſchmolzen, und das verblendete Auge ſah auf einmal klar das, was es lange Jahre nicht hatte ſehen wollen, wie ganz anders und freundlicher ſich das Leben haͤtte geſtalten koͤnnen, wenn man nur gewollt, wenn man nur haͤtte recht handeln und ſeine Pflicht thun wollen. „Haͤtte ich ihn doch lieber gehabt, meinen Gatten, meinen Bruder, meinen Vater, meine Mutter,“— denkt dann ſo Mancher,„wie froͤhlich und gluͤcklich haͤtten wir zuſammen leben koͤnnen.“ O, ſolche Gedanken machen das Sterben ſchwer! „Ihr werdet bald vielleicht,“ ſagte der Pfarrer mit weh⸗ muͤthigem Ernſte,„hinuͤbergehen in das Reich der Liebe, wo Chriſtus und die heiligen Engel und Seligen alle, vereinigt wie Kinder durch himmliche Liebe zu einander und zu dem himm⸗ liſchen Vater, ewig leben. In dieſes Reich der Liebe gehet aber Niemand ein, er ſei denn von Neuem geboren.— Wie lange habt Ihr diejenigen, die Ihr lieben ſolltet, gehaßt? War nicht Euer Leben, Euer Denken und Thun, Euer ganzes We⸗ ſen voll Haß, voll Groll, voll Mißmuth und Unzufriedenheit? Das iſt das alte Leben, das in euch aufhoͤren muß; und zu einem neuen Leben, einem Leben in Liebe, ſollt ihr geboren werden! Wollet ihr ohne Liebe im Herzen vor Euren himm⸗ liſchen Vater treten? Mit Gedanken, mit denen man ein— ſchlaͤft, wacht man wieder auf;— wollt Ihr droben aufwa⸗ chen ohne Liebe? Soll dann, wenn der Rath der Herzen offenbar werden wird vor Chriſti Richterſtuhle, in Eurem Herzen keine Liebe gefunden werden? Aber, ſagt Ihr— wie ſoll ich lieben lernen, den ich bisher gehaßt? Wie ſoll ich ver⸗ geben lernen, dem ich geflucht?— Chriſtus hat uns ge⸗ liebet bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuze; Er hat uns ein Vorbild gelaſſen, daß wir ſollen nachfolgen Seinen Fußtapfen! Sehet, darum bringe ich Euch an Euer Krankenbett her des Heilands Leib und Blut im heiligen Abendmahle, daß ihr an Ihm Eure Seele naͤhret und ſtaͤrket, daß Ihr das, was Euch am innern Menſchen fehlet, aus Seiner Fuͤlle nehmet,— Gnade um Gnade,— auch Liebe um Liebe.— Dann werdet Ihr, ſelbſt erfuͤllt von der Liebe 103 Chriſti, auch Vertrauen faſſen lernen zu der Liebe chriſtlicher Bruͤder, daß ſie fuͤr eure Kindlein ſorgen und ſie zu guten Menſchen erziehen werden; dann werdet ihr mit der Hoffnung im Herzen die Augen ſchließen, droben in dem Reiche der Liebe ſie wiederzufinden. Siehe, Er, der Heiland ſteht vor der Thuͤr mit Seinem Herzen voll Liebe, und klopfet an! Be⸗ duͤrft Ihr des Heilandes? Erkennet Ihr, wie ſchwach und unvollkommen zeither Euer Glaube, Eure Hoffnung, Eure Liebe waren? O, ſo demuͤthigt euch mit mir vor Gott. Sprechet in der ernſten Stunde, wo Leben und Tod und ewiges Leben ſich begegnen, mir nach die Worte der heiligen Beichte.“— Mit heiliger Andacht hatte die Kranke die Abſolution empfangen und das heilige Abendmahl genoſſen. Haß und Verdruß waren vom Geſichte, waren aus dem Herzen ent⸗ ſchwunden, Chriſti Liebe war unter Brod und Wein in ihrem Herzen eingekehrt, und hatte ſie auch ihre Kinder dem ans Vaterherz legen lehren, der der rechte Vater iſt uͤber Alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Sie hatte in Jeſu Chriſto den Frieden gefunden, in welchem der Chriſt getroſt und freudig mit dem Erloͤſer Hand in Hand und Herz an Herz in das herrliche himmliſche Reich der Liebe, in das unbekannte Land des Schauens und der Vollendung, hin⸗ uͤbergeht. Als die heilige Feier beendigt war, fuͤhlte ſich der Paſtor ploͤtzlich von einer zitternden Hand gefaßt. Er ſah ſich um, und erblickte den alten Großvater Brenz, der ihn bei der Hand ergriffen hatte, und ihn mit ſchuͤchterner Haſt in eine Ecke der Stube zog.— „Ach, Herr Paſtor,“ raunte er dem Pfarrer ins Ohr, „wenn Sie mich doch auch abſolviren koͤnnten.“ „Wie ſo?“ fragte der Paſtor, halb erſchrocken. „Ich habe Jemand Unrecht gethan,“ ſagte der Alte mit ſcheuem Blicke,„ich habe unrechtes Gut auf dem Gewiſſen.“ „So gebt das unrechte Gut dem rechtmaͤßigen Eigen⸗ thuͤmer wieder,“ ermahnte der Pfarrer. Der Alte ließ die Haͤnde troſtlos niederſinken, er neigte den Kopf auf die Bruſt, und die ganze Geſtalt ſchien kraftlos zuſammenzubrechen.„Oh,'s iſt Nichts, Herr Paſtor,“— ſprach er mit matter, aͤngſtlicher Stimme:„Hoͤren Sie nicht, 104 was ein alter ſchwacher Mann ſagt— Meinem Chriſtian auch das noch nehmen?“ murmelte er vor ſich hin.„Er wirds noch brauchen— zu Brode!l Ich hab' ihm Alles andre gegeben, ich bin ein Bettler; aber meine Soͤhne ſollen gluͤck⸗ lich werden—“— „Gluͤcklich?“ rief der Paſtor.„O, es iſt beſſer, ein We⸗ nig in der Furcht des Herrn, denn großer Schatz, darinnen Unruhe iſt.“— „Meine Kinder, meine Kinder,“ jammerte der Alte,„ich habe ſie gluͤcklich machen wollen, und ſie haben mich ſo ſchlecht behandelt!“— Der Pfarrer verſuchte vergebens, aus dem Alten etwas Weiteres herauszubekommen, es war unmoͤglich; er fragte nur noch Eins,„ob denn wirklich die Geiſter todter Menſchen umgingen—“ und ſchien etwas beruhigt, als der Paſtor das verneinte, ſchwieg aber kopfſchuͤttelnd auf alle weiteren Fra⸗ gen, ſo daß der Pfarrer nicht herausbringen konnte, was der Greis eigentlich gewollt. Dennoch konnte der Pfarrer ſich nicht entſchließen, die armen Leute in ihrer Noth allein zu laſſen. Er blieb alſo, und wollte den Morgen abwarten, und ſetzte ſich wieder zu der Kranken hin, welche ſeine Hand be⸗ gierig ergriff, als ſei er der einzige Freund in bittrer Noth, der ihr mehr gebracht als Gold und Silber.— Aber ploͤtzlich ſchrie die Kranke laut auf,— wollte nach dem Kinde langen,— aber ſie ſank kraftlos und ſtumm auf das Lager zuruͤck,— ſie war todt. Der Prediger ſaß tief erſchuͤttert an dem Sterbebette, und machte ſeine Hand, welche die Todte noch krampfhaft umfaßt hielt, aus ihrer kalten Hand los. Da ward das Unheimliche des ganzen ergreifenden Auftritts noch vermehrt, als jetzt das neugeborne Kind laut aufaͤchzte und heftige Kraͤmpfe ſeine bleichen Zuͤge verzerrten.— „Es wird den Tag nicht erleben,“ ſagte die Hebamme, „wenn Sie es nur taufen wollten, Herr Paſtor!“— Der Paſtor riß ſich aus den Gedanken und Vermuthun⸗ gen, welche ſeine Seele beſtuͤrmten, auf und war ſogleich be— reit, die heilige Handlung an dem Kinde zu vollziehen, und die Wehmutter, nebſt Joſt und ſeine Frau, traten als Tauf⸗ pathen herzu.— Es war eine ernſte, traurige Taufhandlung. Neben dem 103 Bette, in welchem die todte Mutter lag, ſtand das aͤrmliche Tiſchchen mit dem heiligen Taufwaſſer, und der wieder nuͤch⸗ tern gewordene Vater ſaß troſtlos neben der Leiche ſeiner Gattin, deren bleiches Antlitz ein daruͤbergelegtes Tuch nur halb verhuͤllte. „Wir wollen das Tuch wegnehmen,“ ſagte der fromme Joſt wehmuͤthig, und zog die Huͤlle von der Todten bleichem Antlitz, als wenn die todte Mutter wohl noch mit Luſt und Andacht die Taufe ihres Schmerzenskindes ſehen ſollte. Chriſtian fuhr erſchuͤttert zuruͤck; er verhuͤllte ſein Geſicht mit beiden Haͤnden, und weinte bitterlich.— Gott weiß, ob es Thraͤnen weltlicher Traurigkeit waren, oder jener goͤttlichen Traurigkeit, welche zur Seligkeit eine Reue wirket, die Nie⸗ mand gereuet! Der Geiſtliche begann jetzt mit bewegter Stimme die hei⸗ lige Taufhandlung, um das Kindlein dem Heilande zum Le⸗ ben und Sterben zu weihen, und die Pathen ſprachen ihr „Ja“ mit bebendem Munde; aber doch wars ihnen eine Beruhigung, das arme Weſen nun in den großen Chriſten⸗ bund aufgenommen zu wiſſen. Stand es ja nun in Gemein⸗ ſchaft mit dem, der da ſagt: was ihr dem Geringſten die⸗ ſer meiner Bruͤder gethan habt, das habt ihr mir ge⸗ than, war es doch dadurch auch chriſtlicher Bruderliebe uͤber⸗ geben!— Und der Geiſtliche ſegnete das Kind ein, und ſprach auch uͤber die todte Mutter den Segen der Kirche, welche durch ihre Diener, die Geiſtlichen, den erſten Schrei, wie den letzten Seufzer mit den Troͤſtungen und Segnungen der Religion begleitet, welche den ins Leben Eintretenden mit Segenswor⸗ ten und heiligen Gruͤßen entgegenkommt, und dem Sterben⸗ den denſelben Segen mit ins dunkle Grab hinabgiebt!— Die heilige Handlung war beendigt, und der Paſtor ſah ſich nach dem Vater des Kindes um. Siehe, der bejammerns⸗ werthe Mann war zuſammengeſunken auf die Leiche ſeiner Gattin, und weinte laut, jetzt erſt zum vollen Bewußtſein ſei⸗ nes großen Verluſtes gekommen.— Nuͤchtern geworden ſtarrte er mit troſtloſen, leeren Blicken auf die Leiche ſeiner Gattin, bald auf den Paſtor, der wohl einſah, daß jetzt oder nie ein bleibender Eindruck auf den Mann zu machen ſei. Und der Paſtor ſtrafte den leichtſinnigen Trunkenbold ſo ernſt, ſo kraͤf⸗ 106 tig, daß der ſchwache Mann laut ſchluchzend Beſſerung ge⸗ lobte.— Der Paſtor verließ jetzt das Sterbehaus, und empfahl noch dem frommen Joſt, von deſſen religioͤſer Gewiſſenhaftig— keit, warmer Menſchenliebe und wahrer Froͤmmigkeit er dieſe Nacht ſo augenſcheinliche Beweiſe erhalten hatte, die naͤchſte Sorge fuͤr die verlaſſenen Kinder zu uͤbernehmen. Als unſer Paſtor jetzt ins Freie heraustrat, lag ihm die ſo eben verlebte Nacht ſchwer auf dem Herzen. Ein Sterbe⸗ bett hat ſo viel Ernſtes und Erhebendes gerade fuͤr den Geiſt⸗ lichen, ſo oft ihn auch ſein Beruf dahin fuͤhren mag, daß der Paſtor in tiefem Sinnen dahinſchritt.— Der Morgengeſang mehrerer Stimmen unterbrach ſeine Selbſtbetrachtungen; er ſtand an dem Hauſe ſtill, in welchem Johann wohnte, der, ſeit er bei dem Pfarrer Tageloͤhner geworden war, ſich immer mehr beruhigt, und die letzte Zeit auch des voͤllig blind ge⸗ wordenen Vaters Todtengraͤberamt uͤbernommen hatte. Eben hielt Johann mit ſeinem Vater, ſeiner Schweſter Eliſabeth und ihrem Kinde die Morgenandacht. „Du mußt die Haͤndchen huͤbſch aufheben, Mariechen,“ ſagte Eliſabeth zu ihrem Kinde, als der Geſang geendet war. „Mutter, warum denn?“ ſagte die Kleine, und blickte mit den noch immer bloͤden Augen nach der Mutter hin,— Die Mutter kam in Verlegenheit; ſie wußte es nicht, und wollte doch die Fragen des Kindes nicht gern abweiſen. „Sieh mal, Mariechen,“ ſagte der blinde Großvater,— „wenn Du die Haͤnde beiſammen haſt, dann kannſt Du da⸗ mit gar Nichts anders machen, da haſt Du auch Deine Ge⸗ danken huͤbſch beiſammen.— Der liebe Gott iſt ein ſo großer und guter Herr, daß man an gar nichts weiter denken darf, wenn man mit dem redet.“— Eliſabeth hatte ſchon ihre Naͤtherei wieder herbeigeſucht, und Johann wollte eben auf bie Arbeit gehen, aber er blieb am Tiſche ſtehen, weil Eliſabeth das Kind vornahm und es fragte:„Kannſt Du denn noch das Vaterunſer? Bete es ein⸗ mal, daß es der Johann hört, der freut ſich daruͤber.“— „Vater unſer, der du biſt im Himmel—“ „Gut, mein Mariechen,“ unterbrach ſie Eliſabeth, waͤh⸗ rend ſie eifrig naͤhte;„dabei denkſt Du an Deinen guten Pfle⸗ gevater Johann, und an den gar guten Großvater, und wie 107 ſie ſo gut ſind und Dir alle Tage zu eſſen und zu trinken ge⸗ ben, und Dich zu allen Guten anhalten. Siehſt Du, mein Kind, gerade ſo ein guter Vater iſt nun im Himmel droben, ach nein, ein viel, viel beſſerer Vater, der giebt allen Men⸗ ſchen Leben, Geſundheit, Eſſen und Trinken. Den himmli⸗ ſchen Vater, den Du nicht ſehen kannſt, den bitteſt Du recht ſchoͤn, daß er wie ein Vater gegen Dich ſein moͤchte!— Du armes vaterloſes Kindchen.“ Thraͤnen traten der Mutter in die Augen, ſie legte die Nadel weg, und ſtreichelte das Kind, und winkte dem Johann zu, und ſagte leiſe, ſo daß es das Kind nicht hoͤren konnte, zu dem Bruder:„Du traͤgſts ihm doch nicht mehr nach?“ „Da ſei Gott vor,“ ſagte Johann treuherzig.„Ich kann ſelber dem Brenz nicht mehr feind ſein.„Hoͤre nur,“ fuhr er fort,„wie mirs ging. Ich kam neulich von der Arbeit nach Hauſe. Es war gegen Abend,— ich war dem Ge⸗ meindevorſtand begegnet, der mit einer ſchoͤnen Kutſche durchs Dorf fuhr,— und war wieder einmal recht bitterboͤſe auf alle die Brenze. Da ſtieß ich an was. Denk Dir, es war der Chriſtian.— Ich war einmal in der Bosheit, und ich dachte,'s iſt Dir ſchon recht, daß Du hier liegſt, und ſo weit herunter biſt,— und weil ich dabei an Dich dachte, Eliſa⸗ beth, und Dein Kind, da gab ich dem betrunkenen Men⸗ ſchen einen Fußtritt, daß er in den Graben hinunter⸗ ſuͤrzte. So ging ich fort,— in der Wuth. Glaubſt Du, daß mirs nun Ruhe ließ? Das pochte und haͤmmerte in mei⸗ nem Herzen und meinem Kopfe, wie ein Eiſenhammer. Kurz, ich reſolvirte mich ſchnell, kehrte um, nahm den Brenz auf den Ruͤcken,— ich haͤtte niemals in meinem Leben ge⸗ dacht, daß ich das thun koͤnnte,— und trug ihn nach Hauſe. Eliſabeth, das will ich Niemand erzaͤhlen, was ich da geſehen habe. Die zerlumpten Kinder heulten, die Frau jammerte, ſie war noch dazu guter Hoffnung,— es war ein grauſames Elend.— Und der alte Brenz, dem ſtands boͤſe Gewiſſen auf der Stirne, als er mich erblickte. Ich hatte mir vorgenom⸗ men, den Leuten einmal die Wahrheit recht zu ſagen; aber ich bin ſtill davon gegangen, und habe meinem Gott gedankt, daß wir gluͤcklicher ſind als die!“—— „Das war brav!“ rief der Paſtor, der die letzte Erzaͤh⸗ lung unbemerkt mit angehoͤrt hatte, in ſeiner Herzensfreude. 108 Erſchreckt fuhren die Leute zuſammen, erholten ſich aber bald wieder, als ſie ihren guten Paſtor erkannten. Er mußte vollends hereinkommen und ſich niederſetzen. Johann wurde jetzt ganz ſtill, als der Paſtor mit bered⸗ tem Munde die Noth von der Familie Chriſtians ſchilderte, und ſeine ſonſt ſo finſtern Zuͤge wurden ganz weich. „Ich will ſogleich nachher,“ ſagte der Paſtor,„meine Magd hinſchicken; die armen Leute leiden an dem Nothduͤrf⸗ tigſten Mangel.“— Johann ſprach einige Worte leiſe mit der Eliſabeth. „Herr Paſtor,“ hob er dann an, und wurde uͤber's ganze Geſicht roth,„Herr Paſtor— ich wollte doch auch was mit thun; fuͤr die armen Kinder, Herr Paſtor,— wir haben ge⸗ rade noch ein ganzes Brod zu Hauſe,— wir haben ja Gott ſei Dank Kartoffeln.— Aber Sie muͤſſen ſo gut ſein, und Ihre Dienſtmagd zu mir mit hereinſchicken;— ich moͤchte nicht gerne daß der Brenz es erfuͤhre, daß das Brod von mir waͤre;— es moͤchte ihm nicht ſchmecken.“— „Ihr ſeid eine ehrliche, treue Seele, Johann,“ rief der Paſtor mit naſſen Augen, und reichte dem Biedermanne die Hand; er dachte an der Wittwe Scherflein, von der der Herr Chriſtus ſagt, daß ſie mehr eingelegt, als alle Andere!—— VIII. Eines Abends, es war ſchon dunkel,— war die ganze Pfarrfamilie zum traulichen Daͤmmerſtuͤndchen in der Unter⸗ ſtube des Pfarrhauſes verſammelt. Der Vater ſaß am Pia⸗ noforte und ſpielte bekannte heitere Liederweiſen, welche die Maͤdchen mit ihren friſchen Stimmen begleiteten, und ſelbſt die Mutter ſtimmte mit ein, und ſie waren alle ſo heiter und gluͤcklich in einander und durch einander, wie nur gute Men⸗ ſchen es ſein koͤnnen, die da einſehen gelernt haben, wie das hoͤchſte Gluͤck der Erde eben in dem Beiſammenſein mit Men⸗ ſchen liegt, die uns lieb haben und die wir lieben. Da trat das Dienſtmaͤdchen haſtig ein, und meldete aͤngſt⸗ lich dem Paſtor:„der Gemeindevorſtand ſei draußen;— er 109 ſehe ganz verſtoͤrt aus und wolle mit dem Paſtor allein ſprechen.“— „Er kann Dir was zu Leide thun,“— ſprach die Pfarr⸗ frau, und ergriff des Gatten Hand,„bleib hier!“ Der Pfarrer war ungehalten uͤber die Stoͤrung. „Was er nur wollen mag“— ſagte er, ſich ſelbſt ver⸗ geſſend,— und ging ziemlich verſtimmt hinaus, um den Ge⸗ meindevorſtand auf ſeine Stube zu geleiten. Aengſtlich, unruhig blieb die ganze Pfarrfamilie in der Unterſtube zuruͤck; vergeblich horchten die Maͤdchen an der Treppe, ſie hoͤrten Nichts, aber ſie prallten erſchrocken zuruͤck, als nach kurzer Zeit der⸗Gemeindevorſtand die Treppe herab⸗ kam, und haſtig ohne Gruß zur Thuͤre hinauseilte. Als die Pfarrfrau jetzt in ihres Gatten Studirſtube trat, fand ſie denſelben in großer Aufregung.— „Es iſt nichts— meine Worte waren vergebens“— klagte der Pfarrer—„ich habe Alles verſucht.“— „Aber, Vater, was giebts?— ich bitte Dich!“ fragte die Pfarrfrau. „Denke Dir, Mutter,“ erzaͤhlte der Pfarrer,—„als ich vorhin,— ich war wirklich etwas verſtimmt,— mit dem Gemeindevorſtand in meine Stube trat, da ergriff er ploͤtzlich meine Hand—„Herr Paſtor,“ ſagte er mit zitternder Stimme, „Sie ſind der einzige Mann zu dem ich Vertrauen habe.“— Das that mir unendlich wohl aus ſeinem Munde,— alle Verſtimmung war gewichen,— ich wuͤßte nicht, fuͤr wen ich mich im Augenblicke ſo herzlich intereſſirt haͤtte! Nun erzaͤhlte er mir denn, daß er durch Spielverluſt in augenblickliche Noth gekommen ſei— es ſchien mir, als haͤtte er anvertraute Gel⸗ der verſpielt— und nun— es wurde ihm ſehr ſchwer, ich ſah's ihm an,— bat er mich, ich ſolle ihm mit Geld aushel⸗ fen— Er brauche nur tauſend Thaler!“— „Und das hat er Dir zugemuthet?“ rief die Pfarrfrau ſich vergeſſend aus,—„Dir, den er ſo bitter beleidigt, ſo offen gekraͤnkt hat? Hat er nicht die Hand, die Du ihm zur Verſoͤhnung boteſt, mehrere Male zuruͤckgewieſen? Hat Er nicht den Pfarrbau hintertrieben, hat Er nicht noch neulich die Gemeinde zu aͤrgerlichem Streite und Prozeſſe mit Dir verleitet?— Ich kann den Mann nicht begreifen.“— „Ich wollte mich auch erſt wundern,“ verſetzte der Pre⸗ 1¹0 diger,„aber konnte es nicht der Anfang der Beſſerung ſein oder doch werden? Es iſt wahr,— wohl ſeit funfzehn Jah⸗ ren iſt er nicht zur Beichte, nicht zu Gottes Tiſch gekommen, — aber kam er nicht heut zu mir, ſeinem Beichtvater? Daß er gerade Vertrauen zu mir hatte, zu mir, dem er ſo wehe gethan,— das war mir ja ein Zeichen, daß das beſſere Ich in ihm erregt ſei und ſich vertrauensvoll an eines Bruders gutes Herz wende!— Mutter, wenn ich das Geld gehabt haͤtte, er haͤtte es bekommen.“ „Wie aber auch der Mann uns fuͤr ſo reiche Leute hal⸗ ten kann,“ bemerkte die Pfarrfrau.—„Nun, und was that er, als Du ihm ſagteſt, daß Du ihm nicht aushelfen koͤnnteſt?“— „Sie wollen mir nicht helfen;— ich habe es ver⸗ dient!— ſprach er,“— erzaͤhlte der Pfarrer.—„Vergebens waren meine Verſicherungen, er wollte mir nicht glauben. Er wollte beſtimmt wiſſen, daß ich die Summe Geldes liegen haͤtte, woher dieſer Irrthum entſtanden ſein mag, weiß ich nicht.— Ich will verſuchen, Ihnen das Geld zu verſchaffen, ſagte ich endlich— Ihr Schwiegervater Georg.“—— Er ſchuͤttelte den Kopf,— warf mir noch einen verzweifelten Blick zu, und ehe ich noch etwas weiter ſagen konnte, war er zur Stube hinaus.“—. „Merkwuͤrdig,— hoͤchſt merkwuͤrdig,“ verſetzte die Pfar⸗ rerin,—„ich wollte doch, wir haͤtten dem Manne helfen koͤn⸗ nen.“— „Ich werde ſogleich ſelbſt an den Georg ein Briefchen ſchreiben, vielleicht hilft es etwas.“— Der Brief war in kurzer Zeit geſchrieben und abgeſchickt. Unruhig ging der Prediger in der Stube herum, und erwaͤgte immer wieder, wie gern er haͤtte helfen moͤgen, und welches Unheil daraus wohl noch entſtehen koͤnnte, und ob er nicht doch vielleicht helfen und Ungluͤck verhuͤten koͤnnte. Zehnmal ſchon hatte er nach dem Hute gegriffen, um ſelbſt zu gehen, und unentſchluͤſſig immer wieder geſchwankt, bis er ſich klar ward, daß ein kalter, todter Brief nur eine halbe Maßregel ſei.— Er entſchloß ſich raſch, lieber ſelbſt zu gehen!— Aber Georg war durchaus nicht zu bewegen, ſeinem Schwiegerſohne mit Geld unter die Arme zu greifen.„Ich habe genug gegeben— ich gebe nun Nichts mehr.“ Dabei blieb er hartnaͤckig ſtehen, und alle Beredtſamkeit des Paſtors war vergebens.„Ich 111 habe mir's einmal vorgenommen, ich gebe keinen Pfennig mehr— und was ich einmal will, da ziehen zehn Pferde kei⸗ nen Strang.“— Der Pfarrer mußte unverrichteter Sache wieder fortgehen. Aber er konnte nicht nach Hauſe gehen;— es trieb ihn, den Gemeindevorſtand noch einmal aufzuſuchen, und ihm mit Rath und Troſt wenigſtens beizuſtehen. Raſch ging er jetzt durch das Dorf, und betrat mit eini⸗ gem Herzklopfen das Haus des Gemeindevorſtandes. Die Frau deſſelben wußte Nichts, als daß ihr Mann in der Stadt hewveſen war, und ſie erſchrak faſt uͤber des Pfarrers Haſtig⸗ eit. 4 Schonend ſuchte der Pfarrer die ſehr niedergeſchlagene Frau uͤber ihre Verhaͤltniſſe auszufragen; ſie wich ſichtlich aus, war aber hoͤchlichſt erſtaunt, als der Pfarrer ihr ſagte, daß ihr Mann wegen Geldes bei ihm geweſen waͤre.— Der Pfarrer wartete lange; der Gemeindevorſtand kam nicht; endlich ging er, betruͤbt und verſtimmt, unverrichteter Sache wieder nach Hauſe zu kommen.— Am Hofthore ſtand der Kutſcher; der vertraute ihm, daß der Herr heute in der Stadt geweſen und wieder viel geſpielt habe. Das war Alles, was er erfuhr.——— Spaͤt Abends kam der Gemeindevorſtand nach Hauſe, duͤſter— aber nuͤchtern,— eine Seltenheit, und die Frau ging ihm froͤhlich,— ſchoͤne Hoffnungen hegend,— entgegen. Sein Blick ſchlug ſie augenblicklich wieder nieder.— „Der Herr Paſtor war da,“— ſtotterte ſie, und ſchlug die Augen vor des Mannes ſtechenden Blicke nieder.— „Hat er Geld gebracht?“ rief er haſtig.— „Nein,“ verſetzte die Frau traurig;„aber er laͤßt Dich bitten, morgen zu ihm zu kommen;— was er habe: Rath, Troſt, Liebe ſollſt Du bei ihm finden— Du ſollſt nur Gott vertrauen.“— „Gott!“— ſagte der Mann mit ſchneidender Kaͤlte,— aber er ſetzte nichts weiter hinzu, und zwang ſich, feſt zu er⸗ ſcheinen, ſo daß die Frau erſchrocken ſchwieg und aͤngſtlich an ſeinen kalten Zuͤgen hing, welche die innere Verzweiflung nur ſchlecht verbargen. 5„Was fehlt Dir?“ fragte ſie endlich zitternd und aͤngſt⸗ ich.— Er antwortete nicht und warf ſich auf's Ruhebett hin. 112 Die Frau kannte ihren Mann und wagte nicht, ihn zu ſtoͤren. Bebend an allen Gliedern holte ſie die Kinder, und ließ ſie, wie ſie's gewohnt waren, vor ihre Bettchen nieder⸗ knieen, und ihre Gebetlein zu dem himmliſchen Vater ſprechen, waͤhrend der Mutter die Thraͤnen uͤber die Backen liefen. Als aber jetzt das Kleinſte ſein unſicheres Stimmchen erhob, und mit ruͤhrender Einfalt betete: Du lieber Gott, ich bitte dich, Ein gutes Kind laß werden mich; Wenn ich's aber nicht ſollt' werden, So nimm mich lieber von der Erden.“— Da ſchluchzte der ſtarke Mann laut auf, ſtand ploͤtzlich auf, fiel ſeiner erſtaunten Frau um den Hals und ſagte mit gepreßter Stimme: „Lene, ich habe Dich ungluͤcklich gemacht, vergieb mir,“— worauf er zur Thuͤre hinauseilte. Die Kinder, die den Vater ſo noch nie geſehen hatten, fuhren furchtſam in ihre Bettchen und weinten, weil ſie die Mutter weinen ſahen, bis der Schlaf ihre rothen Auͤglein ſchloß. Aber die arme Mutter konnte nicht ſchlafen; all ihr hauslicher Jammer brach mit Allgewalt auf ſie ein, peinigende Gedanken, die immer groͤßer und ſchrecklicher wurden, fullten ihre ganze Seele, bis das unruhige Herz endlich in Gott ſeine Ruhe fand, dem ſie im herzlichen Gebete alle ihre Sorgen an⸗ befahl. Und wie das Kind an der Mutterbruſt, an welcher es ſeinen Kummer ausgeweint hat, ruhig entſchlummert, ſo ſank auch das Haupt der bekuͤmmerten Frau an des Hei⸗ lands Bruſt, mit dem andaͤchtigen Gebete:„Herr, ſtaͤrke mich, Dein Leiden zu bedenken,“— und ein erquickender Schlummer ſchloß die muͤden Augenlieder.— Die Arme bedurfte der Staͤrke; denn als man am andern Morgen den Hausherrn wecken wollte, fand man nur eine blutige, entſtellte Leiche; der Ungluͤckliche hatte ſich mit dem Barbiermeſſer die Kehle durchſchnitten! Die muthmaßlichen Urſachen, die ihn zu der ſchrecklichen That getrieben, kamen bald zum Vorſchein; nicht blos, daß ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde ganz zerruͤttet waren, ſo fehlte auch ein bedeutendes Gemeinde⸗ capital, das vor einiger Zeit beim Gemeindevorſtande nieder⸗ gelegt worden war; er hatte es, hingeriſſen von ſeiner Leiden⸗ ſchaft, im Spiele verloren! Dieß, die oͤffentliche Schande— 115 das Geld mußte am andern Tage geſchafft werden,— und Niemand, auch nicht der Schwiegervater Georg, hatte ihm borgen wollen, und Ueberdruß am Leben uͤberhaupt, das ſo fort⸗ zufuͤhren, fuͤr die Zukunft unmoͤglich war,— hatten ihn zu dem ſchrecklichen Entſchluſſe gebracht. Nicht gehalten durch den Gedanken an Gott, war ihm das Leben eine Laſt, die er glaubte, wegwerfen zu duͤrfen, wenn ſie ihm zu ſchwer wuͤrde! Auch den Pfarrer hatte dieſer, in der ganzen Gegend Auf⸗ ſehen erregende Trauerfall, ungemein ergriffen. Machte er ſich doch immer noch vorwurfsvolle Gedanken daruͤber, ob der Ungluͤckliche nicht doch noch von ſeinem Vorhaben haͤtte ab⸗ gebracht werden koͤnnen, wenn er anders, eindringlicher zu ihm geſprochen haͤtte, und das ließ ihn zu keiner rechten Ruhe kommen. Wenn er freilich wieder bedachte, wie viel der Todte in der Gemeinde geſchadet, wie namentlich Unkirchlichkeit und Religionsſpoͤtterei durch ihn gar merklich gefoͤrdert, wie das fruͤhere ſo gute Verhaͤltniß zwiſchen dem Geiſtlichen und der Gemeinde gerade durch ihn geſtoͤrt, und ſeiner Wirkſamkeit die groͤßten Hinderniſſe entgegengeſtellt worden waren, ſo erſchien es ihm wie eine Schickung Gottes, die ihn von dieſem gefaͤhrlichen Widerſacher befreit hatte. Aber dennoch blieb bei alledem ein peinigendes Gefuͤhl zuruͤck, ſo oft er an die beiden Bruͤder Brenz, den Gemeindevorſtand und den Sauͤfer und ihren alten Vater dachte, daß Einige von den ſeiner Seelſorge Anbefohlnen ſo tief gefallen waren, uͤnd auf ſo viele Andere, trotz ſeiner eifrigen geiſtlichen Amtsfuͤhrung, einen ſo ſchlim⸗ men Einfluß gehabt hatten. Dieſe geiſtlichen Bekuͤmmerniſſe hatten auch auf die leibliche Geſundheit des Paſtors einen hoͤchſt nachtheiligen Einfluß gehabt. Alte Koͤrperleiden kehrten mit erneuter Kraft zuruͤck und druͤckten Koͤrper und Geiſt nieder, und verſetzten unſern Paſtor in eine ſo muthloſe Stimmung, wie er ſie fruͤher nie gekannt hatte. So kam es, daß er, im⸗ mer nur an die truͤben Erfahrungen denkend, auch nur die Schattenſeiten der geiſtlichen Wirkſamkeit lebhafter als je be⸗ trachtete, und, waͤhrend er nur das Betruͤbende im Sinne hatte, das Erfreuliche uͤberſah, und matter und unſelbſtſtaͤn⸗ diger, als gewoͤhnlich, die eigne Kraft geringſchaͤtzend, in Kla⸗ gen ſich ergoß.— Betruͤbten Herzens hatte der Pfarrer ſich eines Abends auf die ſteinerne Bank am Schulhauſe niedergeſetzt, als der 8 114 Schullehrer zu ihm trat, und, wie im ganzen Dorfe von Nichts anderm, als von der Familie Brenz die Rede war,— das Geſpraͤch auf das Vorgefallene lenkte. Der Pfarrer war ſehr muthlos geworden.„Da ſitzen wir nun,“ ſagte er mißmuthig,„wir Lehrer unſrer Gemeinde, und predigen und lehren,— und doch kommen immer wieder die alten Fehler zum Vorſchein, doch koͤnnen noch ſolche Skandale vor⸗ kommen,— der Eine ein Sauͤfer, der Andre ein Selbſtmoͤrder!— Soll man bei ſolchen Erfahrungen nicht an Muth und an Luſt aͤrmer werden? Aber das iſts, daß wir Geiſtliche ſo wenig Mit⸗ tel in den Haͤnden haben, auf Kirchenveraͤchter und laſterhafte Gemeindeglieder einzuwirken. Unſer Einfluß iſt aber nur deß⸗ halb hauͤfig ſo gering, weil wir ſtets allein ſtehen, von Niemand aus der Gemeinde ſelbſt thaͤtig und kraͤftig unterſtuͤtzt.“— Der Paſtor dachte ſchmerzlich der ſchoͤnen Presbyterialverfaſ⸗ ſung,— wie ſie in den apoſtoliſchen und evangeliſch⸗reformir⸗ ten Kirchen beſtand und beſteht, wo den Kirchenaͤlteſten, als Mithelfern und Mitberathern des Geiſtlichen, als kirchlichen, von der Gemeinde frei gewaͤhlten Abgeordneten aus ihrer Mitte, von der Gemeinde ſelbſt das Recht uͤbertragen wird, unter Leitung des Geiſtlichen Unſittlichkeiten in der Gemeinde zu ruͤgen, auffallend Laſterhafte bruͤderlich zu warnen, die Beduͤrfniſſe der Gemeinden und der Einzelnen, die Kranken und Troſtbeduͤrftigen dem Pfarrer namhaft zu machen, Vor⸗ ſchlaͤge, das Auͤßerliche des Gottesdienſtes betreffend, zu ma⸗ chen, ja ſelbſt ihre Geiſtlichen zu waͤhlen. Ihm war es wenig zweifelhaft, daß durch Zuruͤckfuͤhrung ſolcher evangeliſchen Einrichtungen in unſrer Kirche neues Leben wieder in dieſelbe kommen wuͤrde; denn wenn nicht blos die Geiſtlichen, ſondern auch die Laien kirchliche Rechte erhalten wuͤrden, dann war es ihm mehr als wahrſcheinlich, daß dieſe auch kirchliche Pflichten eifriger uͤben wuͤrden. Denn wie die Betheiligung der Buͤr⸗ ger an der Staatsregierung durch die conſtitutionellen Ver⸗ faſſungen beſſere Buͤrger macht, ſo koͤnnte wohl auch eine gute Presbyterialverfaſſung das kirchliche Leben wecken und naͤhren. —„Wer hilft uns,“ fuhr der Paſtor fort,„wer unterſtuͤtzt uns in Aufrechthaltung der Kirchenzucht?— Sie hat ſo gut wie aufgehoͤrt!“ „Ich will daruͤber nicht urtheilen,“ antwortete der Schul⸗ lehrer beſcheiden;—„aber in den vorliegenden Faͤllen haben Sie 115 gewiß das Ihrige redlich gethan. Nicht Jeder wuͤrde dem Gemeindevorſtande ſo oft nachgegangen ſein, und ihn geſucht haben, wie der Hirt das verlorene Schaf.“ „S iſt mir ja doch nicht gelungen,“ warf der Paſtor muthlos ein;—„ich habe vergebens geredet! Und, ſagen Sie, haben wir nicht auch dieſe Beiden im Chriſtenthume unter⸗ richtet? Hats an unſerm Unterrichte gelegen? Werden Andre die Erfolgloſigkeit des Chriſtenthumunterrichts nicht uns Schuld geben? Mir und Ihnen?“ „Das gerade koͤnnen ſie nicht,“ verſetzte der Schulmeiſter, „denn haben nicht die Beiden, die jetzt in Aller Munde ſind, ſich gerade feindſelig gegen Kirche und Religion gezeigt!“— „Ja, ja,“— entgegnete der Paſtor,„aber wir haben ſie doch erzogen,— Sie und ich!“ „Lieber Herr Paſtor,“ auͤßerte der Schullehrer,„wie oft haben Sie nicht ſelbſt geauͤßert, daß wir Lehrer es nicht allein machen koͤnnen, wenn die hausliche Erziehung nicht witwirkt. Wie oft haben Sie ſelbſt beim Schulexamen und in den Schul⸗ predigten erinnert, daß wenn die Kinder zu Hauſe das Gegen⸗ theil ſehen und hoͤren, als was ihnen der Prediger und Schul⸗ lehrer fuͤr wahr und recht erklaͤrt haben, oder wenn die Aeltern gleichgiltig gar Nichts thun, daß wir Lehrer dann nichts be⸗ virken koͤnnen? Der Geiſt, der in der Familie herrſcht, pflanzt ſich gar hauͤfig auf Kinder und Kindeskinder fort.— Sie kennen ja den alten Brenz?“— „Leider haben Sie recht, Herr College,“ ſagte der Paſtor. „Ich habe mirs oft ſchon geſagt, wir konnten auch in die⸗ ſem Falle ſchwerlich viel wirken, weil von Hauſe aus die Kin⸗ der verderbt wurden; aber es iſt doch gar ſo traurig, Seelen ſo ganz untergehen zu ſehen, und man fragt ſich doch immer wieder, ob man nicht doch einen Theil der Schuld traͤgt—“ Prediger und Schullehrer haben einen ſchlimmen Stand. (Es iſt nicht blos an ſich ſchwer, in ihrem Berufe viel zu wir⸗ ken und bleibenden Einfluß auf die Seele zu auͤßern, ſon⸗ dern ſie muͤſſen gar oft auch das tragen, was Andre ver⸗ ſchuldeten. Der Heiland ruft die Kinder alle zu ſich hin,— aber fragt man, wer ſie hinfuͤhren ſoll,— ſo heißts uͤberall die Schule, die Kirche!— Wir ſagen Nein,— ſie nicht allein;— das Haus, das Haus gehoͤrt auch mit dazu!— Die hauͤsliche Erziehung, das Familienleben muß den Boden 8* 116 des kindlichen Herzens auflockern, und es fuͤr alles Goͤttliche warm fuͤhlen, es Gott lieben lehren; Vater und Mutter muͤſ⸗ ſen den Keim der Religioſitaͤt in des Kindes Herz legen, und ihn pflegen,— damit ihn dann Schule und Kirche zur Bluͤthe und zur Frucht entwickele. Das geſchieht, wenn die Aeltern das Kind durch Wort und Beiſpiel, das mehr noch wirkt, fromm und gottesfuͤrchtig machen, und dazu gehoͤrt auch die auͤßere Andacht, welche, wenn auch nicht der Zweck ſelbſt, ſo doch das beſte Mittel zum Zwecke eines von Gott und ſeinem Willen durchdrungenen Lebens iſt, und ohne welches Belehrung und Anſprache in der Schule nur unvollkommen wirken koͤn⸗ nen. Ach, wenn der Herr Chriſtus jetzt wiederkaͤme, ob er wohl viele Kinder finden wuͤrde, ſolche Kinder, denen er das Reich Gottes zutheilte? Wuͤrde er bei der Betrachtung der Mehrzahl unſerer Kinder ſagen koͤnnen: werdet wie die Kindlein?! O, die liebliche Kindlichkeit, wir meinen Na⸗ tuͤrlichkeit, Einfachheit, Anſpruchsloſigkeit, Demuth, Seligkeit des Kindes, ſie muß ſeine Bedeutung verlieren, wenn unſre Kinder aufhoͤren, natuͤrliche fromme Kinder zu ſein!— „Wenns ſo fort geht,“ bemerkte der Pfarrer,„daß die Kinder im Vaterhauſe eher von allen andern, als von Reli⸗ gion reden hoͤren, wenn Aeltern von Nichts als von Wirth⸗ ſchaft und Gelderwerb, oder von den Fehlern und Schwaͤchen des Naͤchſten, oder von den Streitigkeiten, die die Aeltern mit Geiſtlichen und Schullehrern haben, ſprechen; wenn die Mut⸗ ter, ſtatt die Kinder beten zu lehren, ſie gewoͤhnt, ſich uͤber Andrer Fehler aufzuhalten; wenn die Aeltern ihre Kinder eher zu Tanze als zu Gottes Tiſche fuͤhren; dann darf man ſich nicht wundern, wenn in den Kindern ein noch irreligioͤſeres, unkirchlicheres, mit ſich ſelbſt unzufriedenes Geſchlecht heran⸗ waͤchſt, als das gegenwaͤrtige! Habe ich nicht vergebens da⸗ gegen geeifert, als im vorigen Jahre der Tanzlehrer ins Dorf kam, und mehrere Confirmandenkinder Luſt bezeigten, an den Tanzſtunden Theil zu nehmen? Der Gemeindevorſtand war der Erſte, der recht abſichtlich meine Bitte an die Kinder zu nichte machte; ſein Kind hat mirs geſtanden, daß es gerne zuruͤckgeblieben waͤre; aber der Vater habe geſagt:„Gerade weil der Pfarrer nicht will, ſolls geſchehen.“— Sind ihm nicht viele der angeſehneren Bauern gefolgt?“— „Leider,“ verſetzte der Schulmeiſter,„und ich hatte in 117 dieſer ernſten Zeit, wo ich meinen Kindern noch einmal ihren heiligen Glauben recht vaͤterlich ans Herz legen wollte, mit ſchlimmen Unarten zu kaͤmpfen. Die Jungens hatten ſchon Liebſchaften im Kopfe, und wollten auch in der Schule die kleinen Herren ſpielen, und die Maͤdchen dachten mehr an den Putz und Staat, als an den lieben Gott. Dabei wird Neid, Haß, Eiferſucht und Eitelkeit in die jungen Herzen zu einer Zeit gepflanzt, wo der heilige Geiſt des Chriſtenthumes erſt Wurzel ſchlagen ſoll,— da wird der Grund gelegt zu jener unſeligen Vergnuͤgungsſucht, dieſer Peſt unſerer Zeit, welche den Hausſtand zerruͤttet, und in Suͤnde und Laſter ſtuͤrzt! Sind die Brenze nicht ſprechende Beiſpiele?“— „Und wie,“ rief der Paſtor,„wie ſtark habe ich angeſto⸗ ßen, als ich mich einmal auf der Kanzel, der Text brachte es mit ſich,— dagegen ausſprach, als ich dieß, und auch die un⸗ ſelige Sitte ruͤgte, am Confirmationstage die Kinder mit ſeid⸗ nen Kleidern, Hauben und goldnen Ketten uͤbermaͤßig heraus⸗ zuputzen, wodurch man den armen Kindern den Eindruck dieſes ſchoͤnſten Tages ihres Jugendlebens ganz verdirbt?!— Da hat man die und jene namhaft gemacht, die ich damit habe oͤffent⸗ lich blos ſtellen wollen,— gerade wie damals, als man meine wohlgemeinte ernſte Warnungspredigt gegen das Laſter der Trunkenheit auf den Chriſtian Brenz bezog. Ich rede die Wahrheit ſtets freimuͤthig, ohne alle perſoͤnliche Beziehung, als Diener des goͤttlichen Worts. Aber man verſteht ſo wenig das Amt des Geiſtlichen von der Perſon zu trennen, und was ich kraft meines heiligen Amtes ſprechen, urtheilen, tadeln, ſtrafen muß, das ſcheint dem Unverſtaͤndigen und Befangenen aus perſoͤnlichem Haſſe des Geiſtlichen, aus perſoͤnlichen Ruͤckſichten hervorgegangen zu ſein. Man haßt und feindet mich an!“— „Aber, lieber Herr Paſtor,“ beruhigte der Schulmeiſter, „am Ende ſind es doch nur einige Wenige, welche in leiden⸗ ſchaftlicher Gereiztheit Sie anfeinden. Jetzt, da der Hauptan⸗ fuͤhrer todt iſt, und ſo ſchrecklich geendet hat, jetzt wird mit der ruhigen Ueberlegung gewiß auch die alte Liebe wiederkehren.“— „Ja,“ verſetzte der Paſtor wehmuͤthig,„aber waͤhrend deſ⸗ ſen hat man mich in der ganzen Gegend als einen finſtern, ge⸗ haſſigen Eiferer verſchrieen, mich als Pietiſten und Kopfhaͤnger geſchmaͤht, und ſo das Vertrauen Vieler zu ihrem Seelſorger untergraben!— Hierzu kommen die Mißhelligkeiten wegen Feſt⸗ 118 ſtellung der Pfarraccidenzien fuͤr meine Amtsarbeiten, und der unſelige Streit wegen des Stuͤckchens Grund und Boden, deſ⸗ ſen Eigenthumsrecht die Gemeinde dem Pfarrer beſtreitet.“— „Nicht die Gemeinde iſt's, Herr Paſtor,“ warf der Schul⸗ meiſter ein,—„Einer, Zwei ſinds, die leider gerade an der Spitze ſtehen. Ich bin auch uͤberzeugt, der Gemeindevorſtand haͤtte nichts ausgerichtet, wenn ſie nicht ungluͤcklicherweiſe einem gewiſſen— loſen Advokaten in die Haͤnde gerathen waͤren, der die Bauern gegen Sie aufhetzte, den Eigennutz und die Rechthaberei rege machte, und die Vorſteher der Gemeinde auf ihrem vermeintlichen Rechte beharren ließe. Die Gemeinde weiß nichts davon!“— „Welch ein ſchoͤnes Verhaͤltniß beſtand zwiſchen mir und der Gemeinde,“ ſagte der Paſtor,„ehe jene Zwiſtigkeiten entſtan⸗ den! Darf ich denn willkuͤrlich durch Nachlaß an den geſetz⸗ maͤßigen Anſaͤtzen fuͤr die amtlichen Arbeiten meines geiſtlichen Amtes, oder durch Verſchenkung eines Theils des Pfarrgrund⸗ beſitzes, die Einkuͤnfte des Amtes verkuͤrzen? Ich darf nicht, wenn ich auch wollte und koͤnnte! Iſt doch das Alles Sache der Behoͤrde;— ſie entſcheidet, nicht ich;— mich aber laͤßt man ungerechter Weiſe die Entſcheidung entgelten, die mir Recht giebt, und meine Anſpruͤche beſtaͤtigt, waͤhrend die Gemeinde abgewieſen wird, als wenn ich irgend Etwas davon oder dazu haͤtte thun koͤnnen! Mich verſchreit man als einen eigennuͤtzigen Mann! Sollte denn ein einziger, vielleicht nur eingebildeter Verluſt an Geld und Gut,— der fuͤr den Einzelnen ſo klein iſt, daß er nicht der Rede werth iſt,— mir die Herzen meiner Beichtkinder erkaͤlten?“— „Nein, nein,“ betheuerte der Schulmeiſter,„ich habe viele, viele Stimmen gehoͤrt, welche das Benehmen des Gemeinde⸗ vorſtands bei den vermeintlichen Forderungen hoͤchlichſt mißbil⸗ ligen, und Sie bedauern. Und jetzt, glauben Sie mir, iſt man ziemlich allgemein auf Ihrer Seite.“— „Nichts hat mich tiefer geſchmerzt,“ fuhr der Paſtor fort, „als die laut ausgeſprochenen Drohungen jener Gemeindevor⸗ ſtaͤnde, nicht mehr zur Beichte zu gehen, um mich ſo durch Ent⸗ ziehung des Beichtgeldes zu ſtrafen. Sagen Sie mir, Herr Schulmeiſter, habe ich denn zu jenem Argwohn irgend wie Ur⸗ ſache gegeben? Es waͤre mir ſelbſt lieber, wenn gerade das Beichtgeld nicht mit zu des Pfarrers geſetzlichen Einkommen gehoͤrte; allein ſo lange das ſich nicht aͤndern laͤßt, wird ſich kein 119 Gemeindeglied weigern, den kleinen Beitrag zur Erhaltung ihres Seelenhirten auch bei dieſer Gelegenheit zu geben. Kein evan⸗ geliſcher Prediger aber, dem die Wuͤrde ſeines Amtes am Her⸗ zen liegt, wird ſich und ſein heiliges Amt ſoweit herabwuͤrdigen, daß er um des Beichtgeldes willen ſeine Beichtkinder zum Tiſche des Herrn ruft!— War es doch das eifrigſte Beſtreben waͤh⸗ rend meiner ganzen amtlichen Wirkſamkeit, das liebevolle, freundliche Verhaͤltniß eines Hirten zur Heerde, eines Vaters zu ſeinen Kindern zwiſchen mir und meinen Kirchkindern herzu⸗ ſtellen, daß ſie das, was ſie geben ſollen, gern und ungezwun⸗ gen, gleichſam als freiwillige Gaben, dem Manne geben, der fur ſie wie ein geiſtlicher Vater ſorgt, der ſeine Zeit, ſeine Kraͤfte, ja ſein Leben fuͤr ſie aufopfert, uͤber ihrer Seelen Seligkeit wacht, fuͤr ſie ſorgt und betet, der die Lebenden wie die Todten in Jeſu Namen ſegnet!— Weil wir Kirchen⸗ und Schuldiener von den Gaben unſrer Kirchkinder leben muͤſſen, wie jeder Beamte von ſeinem Einkommen, ſo koͤnnen wir ſie nicht ent⸗ behren, nicht erlaſſen; aber ſagen Sie, Herr College, wenn hat je des Armen letzter Pfennig meinen Beutel gefuͤllt? Wenn habe ich jemals in des armen Familienvaters Haus einen an⸗ dern Executor geſchickt, als die Liebe?— Die Liebe, die des Geſetzes Erfuͤllung iſt?— Wie bin ich dennoch in den Ruf des Eigennutzes gekommen? Ißt denn der eifrige Geiſtliche allein deßhalb, weil er nicht mit ſeinen Haͤnden, ſondern mit ſeinem Geiſte arbeitet, ſein Brod mit Suͤnden?“— „Hoͤren Sie nicht,“ bat der Schulmeiſter,„auf die Reden des Unverſtandes, der des Geiſtlichen Arbeiten nach dem Maß⸗ ſtabe des gewoͤhnlichen Verkehrs mißt, und wie eines Tageloͤh⸗ ners Arbeit abwerthet, und da meint, es laſſe ſich eine Predigt, eine Leichenrede, Trau⸗ und Taufreden aus dem Aermel ſchuͤtteln, die andern vielfachen amtlichen Geſchaͤfte des Geiſtlichen aber gar nicht kennt. Ich kann Ihnen im Gegentheil verſichern, daß Viele geauͤßert haben, daß ſie im Stande ſein moͤchten, ihrem Geiſtlichen und Lehrer ein beſſeres Auskommen gewaͤhren zu koͤnnen.“— „Lebe ich etwa im Ueberfluſſe?“ eiferte der Prediger.— „Nun wahrlich, ich habe mich hier auf der kleinen Stelle, mit Frau und Kindern manchmal recht aͤrmlich behelfen muͤſſen; — ich habe nicht geklagt, ich hatte gelernt, bei welchem ich bin, mir genuͤgen zu laſſen;— aber ſoll ich das, was mir fuͤr meine Arbeit gehoͤrt, Leuten ſchenken und erlaſſen, die es 120 geben koͤnnen? Soll ich, ich allein unter allen Beamten des Staates, Jahre lang, ohne freundlich mahnen zu duͤrfen, auf den Lohn meiner Arbeit warten? Der Geiſtliche iſt und bleibt doch auch als Geiſtlicher ein Menſch. Sollte ihm allein das Streben nach dem Lohne ſeiner Arbeit, und nach einem damit herzuſtellendem auͤßerlich ſorgloſen, behaglichen Zuſtande, nach erlaubtem edlem Lebensgenuſſe nicht erlaubt ſein? Oder iſt etwa darum, weil ein Geiſtlicher die reinſten, hoͤchſten geiſtigen Freu⸗ den in ſeinem Amte findet, ihm uͤberhaupt und nur ihm irdi⸗ ſcher Genuß, und Streben nach irdiſchem Wohlbefinden Suͤnde? Gewiß nicht; und wenn ich als Geiſtlicher es fuͤr Thorheit halte, in meinen Predigten wider die menſchliche Natur zu ſtrei⸗ ten, ſo lange ihre Forderungen Gottes Geboten nicht zuwider laufen,— ſo wenig ich vor einer chriſtlichen Gemeinde zu Nichts fuͤhrende Strafpredigten gegen unſchuldige irdiſche Ge⸗ nuͤſſe halten mag, eben ſo wenig halte ich das Streben nach irdiſchen Gluͤcksguͤtern, dem alle Menſchen,— Kranke und Ueberſpannte ausgenommen— offen oder heimlich huldigen, an dem Geiſtlichen fuͤr unerlaubt und verwerflich. Zwar wird der Geiſtliche, mehr noch als jeder andre Chriſt, die irdiſchen Ver⸗ haͤltniſſe beherrſchen muͤſſen, ohne doch als Menſch uͤber die⸗ ſelben erhaben ſein zu koͤnnen.— Gott weiß es, daß irdiſcher Genuß mir weder einziges noch unerlaͤßliches Beduͤrfniß war; — ich bedarf mehr zu meinem Gluͤcke als Befriedigung der irdi⸗ ſchen Haͤlfte meines Seins;— ich bedarf des Herzensfriedens, der mir das Bewußtſein, in meinem Amte treu und warm fuͤr Gottes Reich gewirkt zu haben, giebt.— Aber das wird hauͤfig uͤberſehen! Ich habe ſo lange hier gewirkt, und doch kennt man mich noch nicht beſſer? Doch haben geſunde, chriſtliche Lebens⸗ anſichten noch ſo wenigen Eingang in meine Gemeinde gefun⸗ den? Fuͤnf und zwanzig Jahre habe ich nun hier gelehrt,— kuͤnftigen Sonntag iſt die Zeit um,— ach, daß ich mehr Erfolge meiner geiſtlichen Wirkſamkeit ſaͤhe!“— Der Paſtor war ſehr verſtimmt und entmuthigt ſowohl durch die traurigen Erfahrungen, welche vornehmlich in den letzten Jahren ſeiner amtlichen Thaͤtigkeit ſich zuſammengedraͤngt hatten, als durch das koͤrperliche Unwohlſein, das in Folge deſſen eingetreten war. Giebt es doch Tage und Stunden im menſchlichen Leben, in welchem uns Alles traurig und duͤſter erſcheint, in welchen die Unvollkommenheiten alles menſchlichen Wirkens, von welchen 121 auch die geiſtliche Thaͤtigkeit nicht ausgenommen iſt, demuͤthi⸗ gend auf dem Menſchenherzen laſten, und auch des heiligen Lehramts Erfolge ungenuͤgend erſcheinen laſſen; Stunden, die gerade dem pflichtgetreuen Diener Gottes doppelt ſchwer werden.— Der Schulmeiſter ward jetzt abgerufen, und der Paſtor blieb allein zuruͤck auf dem Friedhofe. Seine Seele war weh⸗ muͤthig geſtimmt und er verſuchte nicht, koͤrperlich abgemattet, wie er war, ſich aus dieſer Stimmung herauszureißen. Er ging ſinnend auf dem Friedhofe hin und wieder, und las die wohl⸗ bekannten Namen auf den zahlreichen Kreuzen und Leichenſtei⸗ nen,— und es fiel ihm ſchwer aufs Herz, was er wohl an jedem Einzelnen moͤchte gewirkt haben oder nicht,— ob viel oder wenig,— und ob er nicht am Ende doch fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter aus dieſem Leben abgerufen werden duͤrfte, ohne noch die Ernte der Saat geſehen zu haben, und genießen zu koͤnnen, die er mit treuem Sinne ſo viele Jahre geſtreut hatte.— Jetzt ſtand er ſtill vor des Vaters Grabhuͤgel, welcher dort an der Kirchenmauer ſich erhob. Die Gemeinde hatte dem alten Seelenhirten ein einfaches ſteinernes Denkmal geſetzt, und ein Vers ſprach von der Liebe und den Thraͤnen derer, die da⸗ durch ihre Verehrung dem Todten noch zollen wollten. Epheu⸗ ranken umſchlangen den Stein, und das Kreuz, das daruͤber hinausragte, leuchtete in der Abendſonne wie ein Siegeszeichen erloͤſter Chriſten. Vergangene Jahre zogen an dem Pfarrer vor⸗ uͤber,— ernſte und heitre Bilder, aus denen des alten Vaters wuͤrdiges Geſicht im geiſtlichen Rocke mild und freundlich nieder⸗ ſtrahlte! Auch die letzten Stunden des edlen Prieſters traten wieder vor des Sohnes Seele, die letzte Predigt, die er am heiligen Oſterfeſte von des Chriſten Hoffnung gehalten hatte, und ſein ſanftes Einſchlafen wenige Ta Da ertoͤnte die Abendglocke vom Thurm der Kirche;— und wie der Wandrer in der Fremde, wenn er am Abend ein⸗ zieht in einen fremden Ort und der Abendglocke Klang ihm ſo heimathlich traut entgegenklingt, ſtill ſteht, und unwillkuͤrlich der irdiſchen Heimath ſeiner Lieben, des Vaters und der Mutter gedenkt, und wie dann doch daneben das Herz erfuͤllt wird von unnennbarer Sehnſucht nach einem unbekannten Etwas, nach Ruhe und Frieden, wie ſie die Welt nicht hat, von Sehnſucht nach der himmliſchen Heimath, wo der ruheloſe Erdenbuͤrger 12² erſt wirkliche Ruhe und Frieden findet;— ſo gedachte auch der Pfarrer lebhafter als je an die Zeit, wo der Herr auch ihn aus ſeinem Wirkungskreiſe zur ewigen Heimath abrufen werde.— „Vielleicht iſt mein Tagewerk bald hier vollendet,“ ſagte der Prediger leiſe.—„Wie wird mir dann ſein,— wenn mir einſt die Glocken den Todtengruß ſingen, wenn meine irdiſche Laufbahn geſchloſſen,— und ich, der Prediger der Gerechtigkeit, treten ſoll vor den, der mir Amt und Auftrag gab zu predigen?“ Er gedachte der letztern Zeiten, der mancherlei Freuden, aber auch der zahlreichen Schattenſeiten des geiſtlichen Berufs, wie ſie ja auch in der Menſchen Leidenſchaften, ihren Fehlern, ihrem Mißtrauen,— die neueſte Erfahrung hatte es ihm gelehrt,— ihren Grund haben.— „Wie viel Sorgen und Wachen,“ dachte der Paſtor mit innerer Bewegung,—„wie viele Entſagungen und Beſchwer⸗ den, wie vieler Segen und wie vieles Mißlingen, Lob und Ta⸗ del, Ehre und Schmach—, wie viele Kaͤmpfe und Siege werden wohl noch zwiſchen heute und jenem Tage liegen, wo ich den Hirtenſtab zuruͤckgeben ſoll in des Heilands Haͤnde? Werden auch an meinem Grabe einſt die Thraͤnen meiner Beichtkinder fließen, und ihre Segenswuͤnſche mich begleiten? Wie oft,“ dachte er weiter,„hat nicht der Klang der Glocken, der heute an mein Ohr ſchlaͤgt, den treuen Seelſorger, deſſen Huͤlle hier modert, gerufen zum Gebet, gerufen zu den heiligen Handlungen der Kirche, gerufen zu den Saͤrgen der Todten? Und zuletzt trugen ſie den greiſen Seelenhirten unter dem Klange derſelben Glocken hinaus, und ſenkten ihn hinab in die Gruft, und ſteckten das Kreuz auf den friſchen Grabeshuͤgel, als das Zeichen unter dem der Hirt und Fuͤhrer der Gemeinde gekaͤmpft und geſiegt hatte! Und wiederum erklangen dieſelben Glocken, und man legte die Traͤger zu dem todten Pfarrer, und ringsum verſam⸗ melte ſich nach und nach die ganze Gemeinde, die einſt mit ihm lebte, von ihm lernte, durch ihn geheiligt ward. Die im Leben nahe Stehenden ſollte weder hier noch dort der Tod trennen; der Seelenhirt liegt inmitten der Seinen und ein Andrer iſts, der an ſeiner Stelle die Lebenden und Todten ſegnet! Ein Andrer iſts, der da fortſetzt, was der Erſte begonnen, und ein andrer Seelſorger erntet, wo der Vorgaͤnger geſaͤt!— Ein Andrer wird auch nach mir ernten!— Moͤge Er,“ ſeufzte der Paſtor,„da nach mir die Fruͤchte finden, wo ich keine ſah.“ 125 Der Paſtor war aufgeſtanden und ging langſam ſinnend zur Kirche hin. Noch toͤnten die Glocken, noch war die Kirch⸗ thuͤr geoͤffnet;— es zog ihn hinein in die ſtillen Rauͤme, wo ſo oft das bewegte Herz Troſt und Hoffnung gegeben und ſelbſt gefunden hatte. Die Abenddaͤmmerung hatte ſchon das Schiff der Kirche in ein heiliges Halbdunkel gehuͤllt, aus welchem aber noch deut⸗ lich die hohen Geſtalten der alten ehrwuͤrdigen Paſtoren in Peruͤcken, oder mit großen Baͤrten hervortraten, deren Bilder in Lebensgroͤße an den Waͤnden hingen. Nur durch die Bogen⸗ fenſter am Altarplatze gluͤhte noch das Abendroth, und die ſchei⸗ dende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf das goldene Kru⸗ zifir, und auf die geſchnitzten Heiligenbilder, welche noch aus der katholiſchen Zeit her den Hintergrund des Altars ſchmuͤckten. Die guten Heiligen mit den hohen goldenen Biſchofsmuͤtzen und den krummen Hirtenſtaͤben, und die jungfrauͤliche, liebliche Mutter Maria, das Jeſuskindlein auf dem Arme, mit dem von Frauen⸗ anmuth und Frauenwuͤrde ſtrahlendem Haupte, ſchienen recht menſchlich fromm in dem Kirchlein ſich umzublicken; Luthers und Melanchthons ernſte Geſichter aber, die von den Empor⸗ kirchen in Oel gemalt herunter ſchauten, ſahen freundlich hin⸗ uͤber auf die Heiligen am Altar, zu deren Bildern nicht mehr Weihrauchduͤfte und Gebete emporſtiegen,— die wieder Men⸗ ſchen geworden waren, und es war, als ob ſich Alle zuſammen zum Preiſe des einen Herrn und Heilands Jeſu Chriſti vereini⸗ gen wollten, vor dem ja katholiſche wie evangeliſche Chriſten ihre Kniee beugen. Es war ſo heimlich, ſo freundlich im Gotteshauſe, wie im lieben Vaterhauſe,— einſam, ſtill und doch ſo reich belebt!— Und an den dicken Mauern, die ſich in einem ſchwerfaͤlligen duͤ⸗ ſtern Kreuzgewoͤlbe vereinten, ſchlief ja draußen die todte Ge⸗ meinde, uͤber die des Wandrers Fuß ſo eben geſchritten. Hun⸗ derte, die einſt des Lebens ſich gefreut, Hunderte, die einſt hier im Tempel mit hellen Zungen dem Herrn und ihrem Erloͤſer laute Loblieder geſungen, ſie ruhten draußen rings um die Grundmauern des kleinen Tempels, tief gebettet und ſtumm. Kinder, die unſer Paſtor hier getauft, Brauͤte, die er hier ge⸗ traut, Maͤnner und Frauen, die hier dem Worte des Lebens aus ſeinem Munde gelauſcht, hier das heilige Sakrament aus ſeiner Hand empfangen, mit ſeinem Segenswunſche in die Gruft geſenkt worden waren, deren ſterbliche Huͤllen rings um in den Gruͤften ſchliefen,— ſie Alle dachte er ſich im Geiſte nahe in der Abendſtunde!— Wie der Hausvater mit leiſem Tritte in die Schlafkammer der Seinen ſchreitet, daß die Kindlein nicht erwachen; wie er mit Wonne auf die friedlichen Schlaͤfer blickt, die bis zum ſchoͤnen Erwachen ringsum ruhig ſchlummern, wie er ſich gluͤcklich fuͤhlt im Kreiſe der Seinen;— alſo wars unſerm guten Paſtor in dem Kirchlein ſeines Dorfs;— in der Mitte der todten Gemeinde! Und an den Stufen des Altars ſank er auf die Kniee und betete zu dem Gott der Todten und Lebendigen, betete fuͤr ſich und die Entſchlafenen!— Da ergluͤhte noch einmal im Abend⸗ ſchimmer das Chriſtusbild auf dem Altar und der Wiederſchein verklaͤrte des Prieſters Antlitz, der vor dem unſichtbaren Herrn auf den Knien betend lag. Und es ſenkte ſich Frieden in ſeine Seele; die bewußte Naͤhe des Herrn verdraͤngt auch die Muth⸗ loſigkeit. „Herr,“ rief er,„ſiehe hier an dieſem Taufſteine ward ich Dir geweiht, hier ſchwur ich einſt als Knabe Dir treu zu ſein im Leben und im Sterben. Hier wardſt Du im Brod und Weine mein geiſtiges Eigenthum! Hier ward ich durch des Vaters ſegnende Hand zum heiligen Prieſteramte eingeweiht! Hier habe ich Dein Wort verkuͤndet fuͤnf und zwanzig lange Jahre,— und auch mein Herz hat hier Deine Naͤhe und Dei⸗ nes Geiſtes Kraft empfunden. Dank Dir, Herr, fuͤr Deiner Gaben reiche Fuͤlle. Dank Dir fuͤr alle die ſeligen Stunden, die ich in Deinem Hauſe verleben durfte!“ Er ſtand auf; der Abend hatte ſich vollends hernieder ge⸗ ſenkt, aber der gute Paſtor konnte ſich von ſeiner Kirche noch nicht trennen. Er ſetzte ſich, muͤde von geiſtigen und koͤrper⸗ lichen Anſtrengungen und Aufregungen des Tages in einen Kirchenſtuhl, ſtuͤtzte den Kopf mit der Hand, und gab ſich ſei⸗ nen Betrachtungen hin. Er ſchaute hinauf zu der Kanzel, auf welcher er ſo lange Gottes Wort verkuͤndet hatte, er blickte empor zu den leeren Sitzen der ſonſt mit andaͤchtigen Chriſten gefuͤllten Emporkir⸗ kirchen,— wie oft hatte er dort geſtanden und gepredigt— und was war die Folge geweſen? Die alte Muthloſigkeit draͤngte ſich mit einem Male wieder in ſeine Seele! Hatten etwa in ſeiner Gemeinde die Laſter aufgehoͤrt? Waren ſeine Kirchkinder 125 frei, auch nur von groben Fehltritten? Und hatte er nicht ſelbſt in der letzten Zeit die betruͤbendſten Erfahrungen wenigſtens an Einzelnen gemacht? Er fuͤhlte ſich verſtimmt, betruͤbt; die hereinbrechende Nacht, die ſo hauͤfig dem koͤrperlich Ermatte⸗ ten das Leben von einer truͤben Seite ſehen laͤßt, die Finſter⸗ niß, die, weil ſie das auͤßre Leben verhuͤllt, nicht ſelten auch uͤber das innere Leben einen Trauerflor wirft, vergroͤßerte noch die Muthloſigkeit, mit welcher ihn die augenſcheinlich nur ſelten ſichtbaren Erfolge geiſtlichen Wirkens, und ſomit die ſchein⸗ bare Fruchtloſigkeit deſſelben, erfuͤllte. Er ſah hinauf zu den Bildern der alten Geiſtlichen, ſeiner Vorfahrem im Amte, und erblickte unter ihnen auch des ſeligen Vaters treues, frommes Antlitz.„Was habt Ihr denn gewirkt,“ rief er laut,„zeigt mir die Frucht Eurer Thaͤtigkeit!“ Sie ſchwiegen;— aber ihm war's, als wenn ſie die Hauͤpter traurig ſenkten und ſagen wollten:„Freund, auch unſer Predigen, unſer Eifern war ver⸗ gebens, die Menſchen ſind was ſie waren, und werden ſo bleiben.“ Der Paſtor ſeufzte tief auf; ſo peinigend war ihm noch nie der Zweifel an des Predigtamts Segen vor die Seele ge⸗ treten.„Ich habe des Herrn Wort gepredigt, ich habe ſeine Geheimniſſe verwaltet, ich habe des Evangeliums troſtreiches Licht in die Huͤtten der Armen, wie in die Wohnungen der Reichen getragen, ich habe Chriſti Hoffnung an den Kranken⸗ betten und den Graͤbern der Entſchlafenen verkuͤndet; aber wo iſt nun die Ernte der Saat, die ich geſtreut?— Ach, mit welch glaͤnzenden Hoffnungen, mit welcher Zuverſicht trat ich hier in mein heiliges Amt! Wie wollte ich allen Unglauben daͤmpfen, alle Suͤnde ausrotten;— o, ich ſah im Geiſte meine Gemeinde ſchon verklaͤrt in Chriſti, des unſichtbaren Hauptes Bild, un⸗ ſtraflich, heilig, ohne Flecken! Es waren ſchoͤne Trauͤme! Es iſt manches anders, beſſer geworden, aber ich weiß ja nicht einmal, obs durch meine Kraft geſchah. Wie viel dagegen iſt noch zu thun! Wie“— und ein kalter Schauder ergriff ihn—„wie wenn ich nun vergebens gehofft, geſtrebt, gekaͤmpft und geredet haͤtte!“— Der Pfarrer ſchwieg; es ſchien ihm unmoͤglich, uͤber dieſen Gedanken hinweg zu kommen, und er rang vergeblich nach entſchiedener Klarheit. Immer dunkler wards in ihm und um ihn; truͤbſinnig, faſt gedankenlos, verhuͤllte er das Geſicht mit beiden Haͤnden, und ſchlummerte ein.— 126 Da wars ihm, als wenn die Kirchthuͤrenploͤtzlich mit lautem Gerauͤſché aufſpraͤngen. Wunderbarer, blendender Glanz ergoß ſich durch die dunkeln Hallen der Kirche und durch die geoͤffnete Pforte ſtroͤmte eine Menge leuchtender, geiſterhafter Weſen herein, welche nicht dieſer Erde anzugehoͤren ſchienen. Es mußten wohl himmliſche Geſtalten ſein, dieſe Kinder, Maͤnner, Frauen und Greiſe, welche in ungeduldiger Haſt vom Kirchhoſe herein ſchweb⸗ ten, und ſich um den Paſtor draͤngten. Bekannt ſchienen ihm die Geſichter, und doch wieder fremd;— er mußte ſie wohl lange nicht geſehn haben;— aber ploͤtzlich ſiel ihm ein, daß ja die wohlbe⸗ kannten Perſonen, welche er vor ſich zu ſehen meinte, laͤngſt ſchon geſtorben waren; denn auch ſeines prieſterlichen Vaters verklaͤrte Geſtalt, und die ſelige unvergeßliche Mutter war unter ihnen und die geſtorbenen Kindlein, in Engel verwandelt, fehlten nicht. Die Graͤber ſchienen ſich aufzuthun, im Traume glaubte er aus den Saͤrgen immer mehr und mehrere der entſchlafenen Gemeindeglieder, von verklaͤrten Leibern umgeben, herauf ſteigen und in die Kirche hereinwandern zu ſehen.— Bald war die Kirche voll; und jetzt trat der alte Pfarrer im geiſtlichen Amtskleide an den Altar, und ſprach den Segen uͤber die Gemeinde. Und, als er geendet und mit leuchtender Hand mit dem Kreuzeszeichen, wie ehedem, die Gemeinde entlaſſen hatte, — ſiehe— da draͤngte ſich Alt und Jung an den ehrwuͤrdigen Greis heran, umfaßte ſeine Kniee, und druͤckte ſeine Haͤnde und hundert Stimmen riefen durcheinander:„Vater, Vater, Lehrer, Berather, Troͤſter, Retter— Habe Dank!“— „Du haſt uns den Weg zum Leben gehen lehren,“ er⸗ klangs abermals im Chor—„Dein Wort war meiner Unſchuld rettender Engel,“ rief ein Maͤdchen, das ſich laut weinend zu ſei⸗ nen Fuͤßen warf,„ohne dich waͤre ich gefallen,“—„Du haſt mein Gewiſſen erſchuͤttert,“ rief eine ernſte, maͤnnliche Geſtalt, die des Paſtors Hand ergriffen hatte;„ich kehrte um auf dem Wege des Betrugs und ward ein rechtlicher Mannz ohne Dich vielleicht ein Rauͤber und Moͤrder.“—„Mich haſt Du getroͤ⸗ ſet im Sterbeſtuͤndlein,“ rief eine zitternde Stimme;—„Mich haſt Du Chriſto zugefuͤhrt beim Abendmahl,“ bekannte eine andre;—„Dein Wort am Traualtar hat mich geſchuͤtzt vor Entweihung des ehelichen Bundes;“— und aus der Menge drangen immer wieder von neuem dankende Stimmen zu des grei⸗ ſen Paſtors Ohren, die ſich endlich alle zu dem Rufe vereinigten: 127 „Du treuer Seelenhirt, habe Dank!“— Die ſelige Mutter aber neigte ihr von himmliſcher Liebe verklaͤrtes Geſicht an des Va⸗ ters Bruſt, und fluͤſterte leiſ:—„Dank Dir, Vater; droben erſt habe ich's recht empfunden, wie reich in Gott ich durch Dich wurde!“— Da war's den Paſtor, als wenn's ihn hinzoͤge zu den Fuͤßen des verklaͤrten Vaters, der ſeligen Mutter, als kniete Er auch an des Altars Stufen.„Segne mich, mein Vater,“ bat er innig—„daß ich lerne, Segen verbreiten, gleich Dirz— daß keins verloren werde von denen, die mir Gott gegeben!“ Und der ernſte Vater legte ſeine Hand ſegnend auf des Sohnes Stirn und rief mit prieſterlicher Salbung: „Sei getroſt mein Sohn! Streue Du nur guten Saamen aus, unermuͤdet;— manch Koͤrnlein faͤllt, dir unbewußt, auf guten Boden und keimt und waͤchſt und bluͤht im Menſchenherzen im Geheimen!— Tief in der Seele verborgen reifen die oft un⸗ ſichtbaren Fruͤchte des Glaubens, die des Prieſters Wort zum Daſein rief. Du haſt geſaet, gepflanzt und begoſſen die Blu⸗ men des chriſtlichen Lebens; Gott giebt Gedeihen;— doch nicht Heilige zu ſein, ſondern heiliger zu werden iſt des Erdenle⸗ bens Ziel, und droben iſt erſt die rechte Ernte.“— Als jetzt des verklaͤrten Vaters Mund ſchwieg, da murrte der Prieſter nicht mehr. Es war ihm ſo unnennbar wohl im Herzen, er fuͤhlte ſich ſo wunderſelig und zufrieden, daß es ihm 3 ward, das muͤſſe ein Vorſchmack der himmliſchen Selig⸗ eit ſein. „Großer Gott,“ rief er in demuͤthiger Ruͤhrung,„ſolch reicher Segen liegt auf Deinen Worten, die des Menſchen ſchwacher Mund geredet?!— O ich Kleinglauͤbiger! So habe doch auch ich wohl nicht vergebens gelebt und gewirkt!“ und 3 Worte des ſchoͤnen Gellertſchen Liedes kamen ihm in den inn: „Dann ruft, o möchte Gott es geben, Vielleicht auch mir ein Sel'ger zu, Heil ſei dir, denn du haſt das Leben, Die Seele mir gerettet du! O Gott, wie muß das Glück erfreuen, Der Retter einer Seele ſein.“ Ein Engelchor aber ſang:„Die Lehrer werden leuch⸗ ten wie des Himmels Glanz und die, ſo Viele zur 123 Gerechtigkeit leiten, wie die Sterne immer und ewiglich!“— Selige Ruͤhrung uͤbermannte ihn; Thraͤnen, Freuden⸗ thraͤnen draͤngten ſich ihm in die Augen.„Vater!“ rief noch einmal die Schaar himmliſcher Geiſter, und urploͤtzlich waren die wunderbaren Geſtalten und der blendende Glanz verſchwun⸗ den;— der Paſtor ſaß wieder in ſeinem Kirchenſtuhl allein, rieb ſich die Augen, und wußte nicht ob er wache oder trauͤme. Da rief's noch einmal,„Vater!“ dicht neben ihm, und er erwachte voͤllig. Der Traum verſchwand mit ſeinen wunder⸗ baren Gebilden, und vor ihm ſtand ſeine Tochter Roͤschen, welche den Vater vergebens draußen geſucht hatte. Sie war mit einer Laterne in die dunkle Kirche getreten, ſie hatte den Vater mehrere Male gerufen, und dieſe zufaͤlligen Ereigniſſe hatten ſich mit den Gedanken, welche den Paſtor beſchaͤftigten, als er einſchlummerte, zu einem lieblichen Phantaſiegemaͤlde im Traume verwebt, dem, wenn auch die Wirklichkeit, ſo doch die Wahrheit nicht abging. Der Vater kuͤßte die um ihn beſorgte Tochter auf die bluͤhende Wange und folgte ihr in ſeliger Stimmung. Aber der troſtreiche Traum blieb ihm feſt im Gedaͤchtniß und er klagte nicht mehr uͤber der geiſtlichen Amtsthaͤtigkeit ſcheinbare Erfolg⸗ loſigkeit;„denn,“ ſprach er vor ſich hin,„im Geheimen reifen die Fruͤchte und droben iſt erſt die rechte Ernte.“— IX. Des Paſtors fuͤnfundzwanzigjaͤhriges Amtsjubilaͤum, war herangekommen, und da in daſſelbe Jahr zugleich ſeine ſilberne Hochzeitsfeier fiel, ſo ward die Feier beider Tage verbunden. Die Kinder hatten ganz im Geheimen ihre Vorbereitun⸗ gen getroffen, um im Vereine mit der Kirchfahrt das Doppel⸗ 4 feſt feiern zu helfen. Am fruͤhen Morgen ſchon,— es war ein Sonntag,— weckte ein Geſang der Schulkinder, welchen der Schulmeiſter einſtudirt hatte, das Jubelpaar; dann kamen die Toͤchter gluͤckwuͤnſchend, und die uͤberraſchten Aeltern wur⸗ 129 den uͤberſchuͤttet mit Blumen und Kraͤnzen, mit Liebe und Freude. „Wie habt Ihr doch daran gedacht,“ ſagte der Prediger, Lich wollte Euch heute Mittag mit der Nachricht uͤberraſchen.— Fuͤnfundzwanzig Jahre im Amte und in der Ehe;— ja, ja, die Haare werden weiß, und der Leib altert.“ „Aber das Herz iſt jung geblieben,“ ſagte die Pfarrfrau indem ſie ihn herzlich umarmte,—„jung in der Liebe, jung in der Thaͤtigkeit!“— „Fuͤnfundzwanzig Jahr,“ ſeufzte der Prediger,“— o wie viel mehr haͤtte ich wirken koͤnnen!“— Da traten die Kirchenvaͤter ein, und ſprachen ſo viel und lobend von des Pfarrers unermuͤdlicher Thaͤtigkeit im heiligen Predigtamte, von der Liebe, mit welcher ſie Alle, wie die ganze Gemeinde ihrem treuen Seelſorger zugethan ſeien, daß dem Pa⸗ ſtor das Herz ganz weich wurde. Und er druͤckte mit wehmuͤ⸗ thiger Freude jedem die Hand:„Will's Gott,“— ſprach er beſcheiden,„ſo ſolls mit mir immer beſſer werden, ſo wird der inwendige Menſch immer ſtaͤrker werden, wenn er Chriſtum immer mehr aufnimmt und durch den Glauben und durch die Liebe gewurzelt und gegruͤndet wird! O, ich fuͤhle es, was es heißt, ein Seelſorger, ein treuer Diener Jeſu Chriſti zu ſein.— Seid Ihr nicht meine Mithelfer in Chriſto?— Kinder, liebt Euch unter einander, liebet mich, daß wir vereint durch einan⸗ der immer mehr wachſen in der Liebe zu Gott und dem Er⸗ löſer!⸗— Der Pfarrer mußte die Predigt weglegen, die er fuͤr heute ausgearbeitet hatte;— er konnte die Feſtfeier nicht uͤbergehen, da die Gemeinde davon wußte. Sein Herz war zu voll!— „Mutter,“— ſprach er bewegt zu der Gattin, welche ihm den Prieſterrock gab, und die Ueberſchlaͤgel umband,—„iſt mirs doch heute aͤhnlich wie damals, als ich zum erſten Male als junger Candidat im geiſtlichen Vaterhauſe das heilige Kleid an⸗ zog! Wie mich da die ſelige Mutter mit ſtiller Freude beſchaute und ſtolz ſagte:„„So wollte ich Dich ſehen, Dich meinen Erſt⸗ gebornen,““— wie mich der Vater ſchweigend in die Arme ſchloß, und mit Vaterthraͤnen mich einſegnete zu dem heiligen Amte, dem ich mich gewidmet hatte. Noch iſt mirs, wie heut', als ich zum erſten Male auf die Kanzel heraustrat, wie das Herz mir froh ſchlug, daß ich reden ſollte zu ſo vielen Glauͤbi⸗ 9 150 gen!— Da ergriff mich eine heilige Begeiſterung, und ich be⸗ kannte ſtolz und freudig, daß ich mich nicht ſchaͤme, des Evangeliums von Chriſto, das eine Kraft Gottes iſt, ſelig zu machen Alle die daran glauben.— Ja Mutter, da lauſchten die Alten, die mich als kleinen Knaben gekannt hatten, der jungen Glaubensfreudigkeit des angehenden Prieſters; da hing Jung und Alt andaͤchtig an des jungen Mannes Lip⸗ pen! Ach, das war ein ſchoͤner, ſeliger Tag!— Gott aber hat mein Geluͤbde gehoͤrt, das ich damals gethan, ein treuer Ver⸗ kuͤnder ſeines heiligen Evangeliums zu werden!— Wie oft, Mutter, bin ich ſeitdem wieder auf die Kanzel getreten,— wie oft habe ich am Altare des Herrn Geheimniſſe verwaltet,— wie oft habe ich gepredigt von Chriſto, dem Sohne Gottes, der in die Welt kommen iſt, die Suͤnder ſelig zu machen,— Chri⸗ ſtum gepredigt an Graͤbern und an Krankenbetten, am Tauf⸗ ſteine und am Traualtar, im Beichtſtuhle und in der Schule, und niemals, nie hat michs gereut, ein Diener des goͤttlichen Wortes geworden zu ſein! Denn ſo oft ich die heiligen Sacra⸗ mente verwaltete, ſo oft ich von Ihm geſprochen habe, der uns von Gott gemacht iſt zur Weisheit und Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erloͤſung, da habe ich es deutlich in mir gefuͤhlt, wie Er, den ich predige, deſſen Leib und Blut ich den Glauͤbigen reiche, mir vor allen ein Erloͤſer und Selig⸗ macher geworden iſt! Mutter,“ rief der fromme Paſtor in Be⸗ geiſterung,„das iſt gewißlich wahr, ſo Jemand ein Bi⸗ ſchofsamt begehret, der begehret ein koͤſtliches Werk. Ich danke Gott, dem Vater, und meinem Herrn und Heilande von ganzem Herzen, daß er mich wuͤrdig geachtet hat zum Arbeiter in ſeinem Weinberge, zum Biſchof und Aufſeher uͤber ſeine Ge⸗ meinde, daß ich Seelen bekehren ſoll zu dem goͤttlichen Hirten und Biſchof unſerer Seelen! Herr mache mich wuͤrdig der troͤſt⸗ lichen himmliſchen Verheißung Deines Wortes,“ ſetzte er be⸗ geiſtert hinzu—„daß die Lehrer leuchten ſollen, wie des Himmels Glanz, und die ſo Viele zur Gerechtigkeit weiſen, wie die Sterne immer und ewiglich!“— 4 „Vergißt Du denn aber ganz, daß heute unſre ſilberne Hochzeit auch iſt?“ bemerkte die Pfarrfrau ſchuͤchtern. „O nein, Du Liebe,“ verſetzte der Paſtor mild,—„Haben doch eben der Frieden im Hauſe, ſo wie mein ſtilles wahres Familiengluͤck meinen oft rauhen beſchwerlichen Berufsweg 131 geebnet! Hat doch Deine und der Kinder Liebe mich oft in truͤ⸗ ben Stunden aufgerichtet, und mir Kraft gegeben, Alles zu er⸗ tragen, Kraft, um bei eigenem Kummer doch nicht zu erkalten in der Liebe zu der mir anvertrauten Heerde! Mutter, ein Gatte und Vater, der ſelbſt die Seligkeit hauͤslichen Gluͤckes kennt, iſt gewiß auch ein warmer Prediger der Einigkeit bei entzweiten Gatten, Geſchwiſtern und Verwandten, ein eifriger Apoſtel der Naͤchſtenliebe, die da iſt des Geſetzes Erfuͤllung.“ „Fuͤnfundzwanzig Jahre!— Gott wie viele frohe Stun⸗ den, wurden mir in meinem heiligen Amte, ſo wie im Hauſe durch Dich und in Dir, gute Herzensfrau— zu Theil,“ und er ſchloß die Gattin in ſeine Arme, und ging dann hinuͤber in die Kirche. Der ganze Kirchhof ſtand voll Menſchen als jetzt die Glocken erklangen, und der Pfarrer aus dem Pfarrhauſe her⸗ austrat. Alle hatten auf den Pfarrer gewartet, und als ſich jetzt Aller Blicke theilnehmend auf den Seelenhirten richteten, der im langen ſchwarzen Amtsrocke, einfach und anſpruchslos, wuͤr⸗ dig und feierlich durch die Reihen wanderte, als die ernſten Maͤnner in den langen Kirchenroͤcken mit großen Knoͤpfen ihre Hauͤpter entbloͤßten; und die Frauen, geſchmuͤckt mit bunten Baͤndern und den Blumenſtraußern auf dem mit Goldſchnitt gezierten Geſangbuche, freundlich nickten und dem herzlich Gruͤ⸗ ßenden ſo herzlich gedankt wurde;— da ſah man, daß ein Freund, ein Vater in die Mitte ſeiner geiſtlichen Kinder getre⸗ ten war. Die Hausfrau aber war an der kleinen Hinterthuͤr des Pfarrhauſes ſtehen geblieben, und ſchaute dem Gatten mit glaͤn⸗ zenden Augen nach. Sie gedachte heute wieder mit Ruͤhrung des ſchoͤnen Tages, wo ſie als Braut ihren jetzigen Gatten als jugendlichen Geiſtlichen zuerſt im heiligen Prieſteramte geſehen hatte, und wie er damals zur Kirche gewandert, und wie ſie damals ihm nachgeſehen hatte, wie ſie ſich damals von heiliger Freude gehoben fuͤhlte, als ſie den Geliebten ihres Herzens von jener himmliſchen Liebe predigen hoͤrte, die die irdiſche Liebe verklaͤrt und die Herzen recht feſt an einander bindet!— Wie waren damals ihre Augen feucht geworden in heiliger Andacht, als ſeine Hand zitternd, zum erſten Male nach der Weihe zum Prieſteramte, in Brod und Wein den Heiland andaͤchtigen, liebenden Chriſten am Altare reichte?— Heute, nach fuͤnfund⸗ 9* zwanzig Jahren, wie fuͤhlte ſie ſich doch in dem Gedanken ſo gluͤcklich, eines wuͤrdigen Pfarrers Frau zu ſein!—„Und wie lieb ſie ihn Alle haben,“— ſagte ſie leiſe und mit freudigem Stolze,—„aber ich habe ihn doch noch lieber, als ſie Alle;“ ſetzte ſie innig hinzu,—„denn Keiner von Allen kennt ſo mei⸗ nen geiſtlichen Eheherrn, als ich.“— Es war fuͤr den Pfarrer ein ganz eigenthuͤmliches Gefuͤhl, als er heute zum erſten Male hinaus trat an den Altar und ſeiner Gemeinde den apoſtoliſchen Gruß zurief:„der Herr ſei mit Euch,“— und das Chor ihm antwortete:„Und mit Deinem Geiſte.“ Ach, er fuͤhlte es tiefer als je, wie der Herr mit Seinem Geiſte troͤſtend und ſtaͤrkend dem Geiſtlichen nahe ſein muͤſſe, wenn ſein ſchwieriges Wirken ein geſegnetes ſein ſolle.— Die Kirche war gedraͤngt voll, und man ſang das herr⸗ liche Lied: „Wie getroſt und heiter, Du Gebenedeiter, Machſt du meinen Geiſt, Der du, die dir trauen, Führſt zu grünen Auen, Und ſo gern erfreuſt. Niemals wird Bei dir, mein Hirt, Und Beruhiger der Seelen, Mir Erquickung fehlen. worauf unſer Paſtor nach dem Texte aus dem Evangelium Johannis, Cap. 10, von dem guten Hirten und im Namen des guten Hirten, der den Dienern der Kirche befiehlt, Seine Laͤm⸗ mer zu weiden— zu den verſammelten Chriſten ſprach, und den Gedanken weiter ausfuͤhrte, wie„Chriſtus, der gute Hirt, noch immer mit Seinem Worte Seine Heerde weide durch Seine Stellvertreter in Haus, Schule und Kirche,— Aeltern, Lehrer und Geiſtliche.“— „So iſt alſo,“ rief der Prediger am Schluſſe ſeines erhe⸗ benden Vortrages,„wie das Haus, wie die Schule, ſo auch die Kirche gleichſam ein Weideplatz des guten Hirten! So iſt alſo jede ſonntaͤgliche Erbauungsſtunde im Gotteshauſe gleichſam ein Haltepunkt fuͤr die Heerde Chriſti, ein Abſchnitt in der Le⸗ bensreiſe auf der Wanderung zum Himmel, wo die Wanderer, 135 die zerſtreute Heerde Chriſti, zuſammen kommen, um Weide, Nahrung zu finden fuͤr ihre Seelen, daß ſie ſelig werden. Und wir, die Diener des goͤttlichen Worts, bringen dann den Hun⸗ gernden und Durſtenden aus dem Schatze des guten Hirten, von dem Brode des Lebens, und bieten ihnen zu trinken aus dem Waſſerquell, der da quillet in's ewige Leben!— Chriſtus iſt die Thuͤr zu den Schafen, durch Ihn gehen wir Hirten, — wir Paſtoren,— das heißt ja eben Hirten— wir Paſtoren Seiner evangeliſchen Kirche, zu Euch, zu der Heerde Chriſti, ein! Ihn bringen wir Euch, Sein Leben ſchildern, geben wir Euch, Seinen Segen geben wir Euch;— in Seinem Namen bieten wir Euch die Segnungen der Kirche— Vergebung der Suͤnden, Leben und Seligkeit in der heiligen Beichte, an Sei⸗ nem Altare!— Um Seinetwillen bitten wir Euch um Eure Liebe, Eure Achtung, Euren Gehorſam!— Und damit der Segen des goͤttlichen Worts auch unter Euch reichlich ſich ver⸗ breite, darum bitte auch ich Euch, heute nach fuͤnfundzwanzig Jahren abermals, daß Ihr auch mich halten wollet fuͤr einen Haushalter Chriſti, fuͤr einen Mithirten des großen Erzhirten, den Gott geſetzet hat zum Biſchof unſerer Seelen.— So kommt denn, Geliebte in Chriſto,— kommt, ſo oft ſonntaͤglich die Glocken rufen, kommt zum Hauſe des guten Hirten,— Hoͤret Seine Stimme,— Erkennet Seinen Ruf!— und laſſet Euch von dem Diener Seines Worts hinfuͤhren zu dem guten Hirten, daß ihr ergriffen von Seinem Worte, von Neuem wieder im Geiſte dem Seelenfreunde und Fuͤhrer die durchgrabene Hand druͤcket, daß ihr von Neuem wieder den Seligmacher ans Herz ſchließet und unters Kreuz des Erloͤſers tretet, und die Liebe des guten Hirten fuͤhlet, der Sein Leben ließ fuͤr die Schafe,— daß Ihr lernt von Tag zu Tage Euch immer mehr hingeben dem Herrn und Seiner Leitung.— Dann wird auch der Gebenedeite— Er ſelbſt der gute Hirte, zu Euch kommen und mit dem Vater Wohnung bei Euch machen,— daß Ihr Leben und volle Genuͤge haben ſollt! Und dann, ja dann kann ein Jeder wieder die neue Woche geſtaͤrkt und berathen beginnen; dann kann ein Jeder getroſt ſeine Straße weiter wandeln, durch die Kirche gehalten in Gemeinſchaft mit dem guten Hirten, bis er, ſicher an des Heilands Hand vor den Irrwegen des Lebens, die Erdenwanderung endet, und der gute Hirt die Seinen hinaufnimmt zu ſich, wo himmliſche 154 Weide und liebliches Weſen die Fuͤlle iſt zu Seiner Rechten immer und ewiglich. Amen!“. Als der Prediger mit glaͤnzendem Geſichte jetzt von der Kanzel ſtieg, da fuͤhlte gar Mancher ſeiner Zuhoͤrer nicht blos das Band zwiſchen ſich und dem himmliſchen guten Hirten inniger geknuͤpft, ſondern ſich auch vertrauensvoller zu dem hingezogen, der an des Goͤttlichen Stelle ihr Paſtor und See⸗ lenhirt ſein ſollte.— Der Segen war geſprochen und der Gottesdienſt geendet, und der Paſtor verließ die Kirche mit tiefbewegtem Gemuͤthe. Kaum konnte er zur Thuͤr gelangen, denn Alt und Jung draͤngte ſich um ihn herum, um ihn zu begluͤckwuͤnſchen und wenigſtens die Hand zu druͤcken, denn ziemlich Alle nahmen an des Paſtors Doppelfeſte innigen Antheil. Ja ſelbſt mehrere Gemeindemitglieder, die ihm zeither weniger wohlwollten, hatten alten und neuen Groll vergeſſen und reichten ihm ſtill die Hand. Unſer guter Paſtor ward tief bewegt, als er bei dieſen Lie⸗ besbeweiſen und Achtungsbezeugungen an die vielen unguͤnſti⸗ gen Urtheile und feindſeligen Beſtrebungen dachte, welche er waͤhrend ſeiner amtlichen Thaͤtigkeit, und beſonders in der letzten Zeit hier erfahren hatte.„Haͤtte ich doch nicht gedacht,“ ſprach er vor ſich hin,„daß ich ſo viele Liebe in meiner Gemeinde be⸗ ſaͤße! O, daß doch ſo Mancher nur die Haͤlfte der Liebe und Theilnahme, womit er mich heute uͤberſchuͤttet, mir waͤhrend langer Jahre der Gleichgiltigkeit gezeigt haͤtte, ſo waͤre ich dop⸗ pelt froh in meiner Amtsthaͤtigkeit geweſen!— Wie wohl thut es doch zumal dem Geiſtlichen, ſich geliebt und geachtet zu wiſſen, und wie traurig iſt es gerade fuͤr den Seelſorger, der da weiß, wie wenig ein ungeliebter und geringgeſchäͤtzter Mann zu wirken im Stande iſt, wenn die ihm anvertrauten Seelen ihm Achtung verſagen, oder die edelſten Empfindungen, die Liebe und Dankbarkeit, ſo feſt in ſich verſchließen, daß ſie der nicht entdecken kann, deſſen hoͤchſte Freude es waͤre, ſich dankbar ge⸗ liebt zu wiſſen. Warum erblicke ich jetzt erſt das im vollen Maaße, was ich bisher theilweiſe ſo ſchmerzlich vermißte,— Liebe und Theilnahme, Achtung und Anerkennung?“— Erfreut erblickte der Pfarrer auch den Schuhmacher Joſt 4 und mehrere ſeines fruͤheren Anhanges vor der Kirchthuͤr ſtehen, und trat zu ihnen hin und rief ihnen ein herzliches„Willkommen im Gotteshauſe!“ entgegen. Joſt aber neigte ſich zu ihm hin 155 und ſagte leiſe:„Sie ſind gewiß kein Unglauͤbiger, Herr Paſtor; wer mir das geſagt hat, kann Sie hoͤchſtens einmal gehoͤrt ha⸗ ben. In Lehre und Leben ſind Sie ein guter Chriſt; ſchon an dem Sterbebette meiner Frau Nachbarin habe ich Sie kennen lernen.“— Auch Chriſtian Brenz war heute ſeit langen Jahren zum erſten Male wieder in der Kirche geweſen. Er ſtand an dem Grabe ſeiner Frau, als der Pfarrer hinter ihm voruͤberging; doch ſchnell drehte er ſich um, und ſuchte die Thraͤnen zu ver⸗ bergen, die ihm im Geſichte ſtanden. Der Pfarrer erſchrack; die hohlen, tief im Kopfe liegenden Augen mit blauen Raͤndern, die bleichen Lippen und eingefallenen Backen mit glaͤnzenden rothen Flecken zeigten deutlich, daß der arme Mann an unheil⸗ barer Auszehrung, jedenfalls eine Folge ſeines Branntwein⸗ trinkens, leide.„Sie haben mirs Trinken abgewoͤhnt,“ ſagte Chriſtian mit heiſerer Stimme und verſuchte des Paſtors Hand zu ergreifen und zu druͤcken,—„aber— aber, hier, hier liegt mirs,“— er huſtete laut und zeigte auf die aͤngſtlich athmende Bruſt.—„Ich werds wohl nicht lange mehr treiben,— der uſten— meine armen Kinder!— Thaͤten Sie mir wohl noch die Liebe, Herr Paſtor,— mit fuͤr ſie zu ſorgen,— wenn— wenn“— Ein ſtaͤrkerer Huſten unterbrach ſeine Rede, und der Pfarrer ſuchte den Armen liebevoll zu beruhigen; aber das Un⸗ gluͤck der ſonſt ſo gluͤcklichen, von Allen beneideten Familie,— (ſtand doch eben auch druͤben an der Kirchhofmauer die Frau des andern Bruders, des Gemeindevorſtands, der auf des Pa⸗ ſtors Verwendung in einer Ecke des Kirchhofs begraben worden war)— dieſer Wechſel des Schickſals ging dem theilnehmenden Pfarrer tief ins Herz.—. Da kam ihm aber wieder ein freudiges Geſicht entgegen, — es war Johann, der haſtig, ſeinen blinden Vater am Arme fuͤhrend, auf den Pfarrer zuſchritt. „Herr Paſtor,“ rief er freudig,„wiſſen Sie's denn, daß mein Kindchen,— nun ja, der Eliſabeth ihres— wieder ſieht? Geſtern hats der Doctor operirt! Da habe ich gezittert und gebebt; aber's iſt Alles gut gegangen, und ich habe heute mei⸗ nem lieben Gott recht ſchoͤn gedankt. Wollen Sie uns nicht einmal die Ehre geben?“—— Im Hauſe erwartete den Paſtor eine neue Ueberraſchung, denn die Kirchvaͤter waren da verſammelt, und der alte Georg 136 uͤberreichte dem Pfarrer mit wenigen herzlichen Worten eine Bibel, zum Andenken an dieſen Tag und als Zeichen ihrer Liebe und Verehrung, und die Geber hatten zur Erinnerung eigen⸗ haͤndig ihre Namen hineingeſchrieben. Es war ein ſchoͤner Tag fuͤr unſern Paſtor, dem die Liebe ſeiner Kirchkinder unendlich wohlthat.— „Wie ſchoͤn iſts doch,“ ſagte die Pfarrfrau, als am Abende deſſelben Tages alle Glieder des Pfarrhauſes um den traulichen runden Tiſch beiſammen ſaßen, auf welchem die Theekanne wohlthuend dampfte;—„wie ſchoͤn iſts doch, wenn der Geiſt⸗ liche Liebe und Achtung, Anerkennung und Zutrauen findet.“ „So viele Beweiſe dafuͤr haͤtte ich nimmer erwartet,“ be⸗ merkte der Paſtor.„Der heutige Tag wird mir aber eine abermalige Ermunterung und Ermuthigung ſein, meiner Ge⸗ meinde jetzt und immer das zu ſein, was ich ſein ſoll und was ſie von mir erwartet. Es iſt wahr, es waͤre meine Pflicht, auch wenn dieſe Anerkennung fehlte, gleich eifrig und liebend in meiner Gemeinde zu wirken;— aber der Geiſtliche iſt und bleibt doch ein Menſch, und ich danke Gott, daß Er mir die Ausuͤbung meines Berufes nicht durch die Kaͤlte und Gleich⸗ giltigkeit meiner Kirchkinder erſchweren, ſondern vielmehr durch ſolche ſichtbare Erfolge erleichtern wollte.“— „Es kommt immer wieder der Gemeinde zu Gute,“ warf die Pfarrfrau ein,„wenn ſie Dir Liebe erweiſen; denn wen man lieb hat, deſſen Worten folgt man gern; mir gehts wenig⸗ ſtens ſo— „Ja, und das iſts eben,“ verſetzte der Pfarrer,„daß bei ſolcher Gelegenheit die Liebe zu dem Seelſorger nicht nur ge⸗ ſteigert wird, ſondern daß gar Mancher bei ſolcher feſtlichen Veranlaſſung es in ſich ſelbſt erſt erfaͤhrt, daß er ſeinen Lehrer wirklich liebt, oder doch lieben ſollte.'S iſt mir wahrlich nicht um die Bibel zu thun, die mir die guten Leute heute geſchenkt haben,— die koͤnnte ich mir ſchon ſelbſt anſchaffen, wenn ich ſie brauchte;— aber als Beweis der Liebe iſt ſie mir von hohem Werthe. Meinſt Du nicht, daß dieſe Leute mir kuͤnftig naͤher ſtehen werden in zutrauensvoller Liebe, die da wiſſen, daß ich ihnen zum Danke fuͤr ihre Liebe verpflichtet bin? Der Vor⸗ theil iſt immer gegenſeitig;— wenn ich mich in meinem Amte ſo recht froh und gluͤcklich fuͤhle,— nun dann wirkt ſichs auch leichter und eindringlicher,— und kommt das nicht meinen 157 Kirchkindern zu Gute?— Und liegts nicht wieder in der menſch⸗ lichen Natur tief begruͤndet, nur das Beiſpiel und die Beleh⸗ rung geliebter und geachteter Perſonen ſich anzunehmen?— Ich fuͤhle mich heute gerade wieder ſo froh, ſo glaubensmuthig, ſo thatluſtig und thatkraͤftig wie vor fuͤnf und zwanzig Jahren.“— „Ach Vaͤterchen, das waren doch ſchoͤne, ſelige Tage,“— ſagte die Pfarrfrau, in dem ſie des Gatten Hand ergriff,— „als Du, der junge Prieſter, Deine geliebte Herzensfrau in Deine feſtlich geſchmuͤckte Pfarrwohnung hineinfuͤhrteſt,— wie die Schul maͤdchen mich in der Hausthuͤr empfingen, und die Knaben im Hofe eine Arie ſangen,— und wie Du nun, unter Laubgewinden und Ehrenpforten durchſchreitend, Deiner jetzt alternden Hausfrau alle die Herrlichkeit zeigteſt, die Du um ihretwillen bereitet hatteſt.“— „Und wie der Herr Paſtor die junge Frau Paſtorin kuͤßte,“ unterbrach Gretchen die Mutter mit ſchelmiſchen Laͤcheln,— „und wie der Herr Paſtor ſagte: Sieh, Seelenſchatz, das iſt Alles dein!“— „Ach was weißt Du, Jungfer Naſeweis,“ ſagte die Mut⸗ ter und laͤchelte ſeelenvergnuͤgt;—„warſt Du doch noch nicht geboren.“—. „Nein, aber die Schulkinder hattens ja durch die Thuͤr⸗ ſpalte geſehen,“ rief Gretchen vergnuͤgt,—„und der alte Herr Schulmeiſter hat ja mein gutes Muͤtterchen oft damit geneckt und erzaͤhlt, wie die Kinder in ihrer ſchriftlichen Beſchreibung des feierlichen Pfarreinzugs ganz vorzuͤglich dieſen Kuß als eine Hauptmerkwuͤrdigkeit hervorgehoben hatten.“ Die Aeltern laͤchelten beide. Sie gedachten der ſchoͤnen Jugend und doch war's jetzt auch ſchoͤn, doch liebten ſie einan⸗ der noch inniger, als damals,— und der Pfarrer neigte ſich zaͤrtlich nieder zu der treuen Gefaͤhrtin ſeiner Freuden und Leiden und kuͤßte die Gute mit Innigkeit.„Es bleibt beim Alten, Mutter,“ ſagte er innig und leiſe, und die Gattin verſtand ihn.— „Aber die ſchoͤnen Geſchenke,“ bemerkte die Muhme,„die Euch damals die Kirchkinder brachten, Butter, Brod, Fleiſch, Eier und Flachs.“— „Ja, und die Kuh und die Huͤhner und die Tauben, die der Pfarrfrau entgegen bruͤllten und gackerten, und flatterten,“ rief Roͤschen lachend.——. „Lieben Kinder,“ unterbrach der Pfarrer haſtig dieſe ziem⸗ 8 138 lich eigennuͤtzigen Herzensergießungen,—„wollet nicht die Liebe nach dem Scheffel meſſen. Mir iſts genug, wenn man mich liebt; wie ſich dieſe Liebe aber auͤßert, das iſt meinem Herzen gleich, wenn ſie ſich nur außert! Und davon haben wir Zeugniß.“ Und hiervon ſollte der Pfarrer noch einen Beweis erhalten, — denn eben erklangen draußen vor dem Fenſter Maͤnnerſtim⸗ men. Es war abermals der Schulmeiſter, welcher mit einigen ſeiner Collegen aus der Nachbarſchaft ein Quartett fuͤr Maͤn⸗ nerſtimmen ausfuͤhrte, um dem Mitarbeiter an dem Einen Werke ſittlicher und chriſtlicher Volkserziehung auch ſeine entgegen⸗ kommende Liebe und Achtung zu beweiſen. Als aber jetzt das Saͤngerchor draußen zum Schluſſe den Choral anſtimmte: „Das Amt der Lehrer, Herr, iſt Dein; Dein ſoll auch Dank und Ehre ſein Daß Du der Kirche, die Du liebſt, Noch immer treue Lehrer giebſt.“— da ſtrahlte des Paſtors Geſicht von ſtiller Freude. „Weißt Du's noch, Mutter,“ rief er,„wie ſie uns vor fuͤnf und zwanzig Jahren gerade mit dieſem Liede an der Graͤnze des Dorfes empfingen? Wie die ganze Schuljugend im Feſtſchmucke, den guten Schulmeiſter an der Spitze, uns ent⸗ gegen kam, und wir aus dem Wagen ausſtiegen und die Glo⸗ cken der Kirche,— meiner Kirche,— jetzt in das Lied mit hineinklangen, und wie dann einige Maͤdchen hervortraten und Kraͤnze und fromme Wuͤnſche brachten und der alte Georg, da⸗ mals noch ein ſtattlicher Mann, uns in wohlgeſetzter Rede be⸗ gruͤßte? Und wie dann unter dem Gelauͤte der Glocken der Zug ſich durchs Dorf bewegte und uͤberall freundliche Geſichter an der Straße, in den Gaͤrten, an den Fenſtern und Thuͤren der Hauͤſer ſich zeigten und Alt und Jung ſich herandraͤngte, um auch Dich zu ſehen, die ihnen noch groͤßtentheils unbekannte Pfarrfrau?— Wie druͤckte man uns die Haͤnde, wie war auf den freudeſtrahlenden Geſichtern deutlich zu leſen, daß wir wirk⸗ lich willkommen waren, wenn auch nicht das„Willkommen“ mit großen Buchſtaben uͤber der Ehrenpforte am Hauſe geſtan⸗ den haͤtte.— Wahrlich,“ ſchloß der Pfarrer begeiſtert,„ich will Eure alte und neue Liebe zu vergelten ſuchen; moͤge der Herr mir Kraft und Leben dazu geben!“—— — X. Der alte Brenz wohnte mit ſeinem Sohne noch immer in dem gemietheten Hauͤschen im Dorfe, und konnte ſich trotz aller Vorſtellungen nicht entſchließen, in ſein ihm eigenthuͤm⸗ lich gehoͤrendes Haus am Kirchhofe einzuziehen. Das Haus war noch immer unverkauft,— das abgeſchmackte Geruͤcht, daß in dem Hauſe der Geiſt der alten Todtengraͤberin umgehe, wollte ſich nicht verlieren, und hatte alle Kauͤfer abgeſchreckt; ja es hatte ſich im ganzen Dorfe nicht eine Familie durch die ſpott⸗ billigen Miethforderungen bewegen laſſen, einen Verſuch zu machen, ſelbſt das Geruͤcht zu widerlegen. Jetzt freilich war fuͤr die Brenzſche Familie die Woh⸗ nungsveraͤnderung nicht laͤnger zu umgehen; Chriſtian konnte wegen ſeiner immer mehr zunehmenden Kraͤnklichkeit Nichts ver⸗ dienen, und der Hausbeſitzer hatte ſchon gedroht, daß er Gewalt anwenden werde, wenn ſie nicht gutwillig gingen. Eines Tages ging Chriſtian Brenz traurig und matt durchs Dorf. Sein verlornes Leben ſtand ihm vor der Seele, und er uͤberdachte, wie wenige frohe Stunden er gehabt, ſeit er die arme Eliſabeth verlaſſen und, durch den eigenen Vater uͤber⸗ redet, eine reiche Frau geheirathet hatte, wie die Gewiſſensbiſſe die erſte Urſache des Unfriedens in der Ehe, wie der Unfrieden den Mißmuth und die Unzufriedenheit hervorgerufen hatte, bis die Herzen ſich immer mehr gegen einander erkaͤltet und ſich einander entfremdet hatten, und wie ihm endlich ſo das eigne Haus verleidet worden war, wie das Gefuͤhl des Unbefriedigtſeins ihn erſt verſucht, dann verleitet hatte im Glaſe erſt Zerſtreuung, und dann Betauͤbung zu ſuchen, als Gluͤck und Wohlſtand nicht nur nicht kam, ſondern von Tage zu Tage mehr abnahm, je un⸗ uͤberwindlicher die Leidenſchaft des Trunkes ward!— Chriſtian uͤberdachte zerknirſcht, wie ſo Eins aus dem Andern gefolgt war, und wie doch zuletzt er ſelbſt die erſte und hauptſaͤchlichſte Ur⸗ ſache ſeines jetzigen Elendes geworden war, und die Wahrheit des Spruchs, den ihm einſt der Schullehrer erklaͤrt hatte, trat ihm deutlich vor die Seele:„Die Suͤnde iſt der Leute Ver⸗ derben.“— Es war wieder Fruͤhling, gerade wie damals, als er vor vielen Jahren nach jener verſuchungsvollen Unterredung zur 140 Kirche gewandert war; es war wieder Sonntag fruͤh, und die Kirchenglocken riefen wieder wie damals,—— ach, und wie war doch Alles ſo anders! Bleich und kraftlos, den Tod in den Zuͤgen, ſchritt heute der damals ſo kraͤftige Juͤngling durchs Dorf; aber ſein Herz zitterte, wie damals von neuen, ſo jetzt von alten Vorwuͤrfen des Gewiſſens, und es war, als ob der ernſte Ton der Glocken ſeine ſchwache Bruſt zerſprengen wollte. —„Damals!“ ſeufzte er,„ja, wenn ich nur das einzige Mal ſtark geweſen waͤre,“— und als er ſich Alles wieder ſo recht vergegenwaͤrtigte, wie's damals gekommen, da fiel ihm auch jene Beichtandacht wieder ein, welche ihn an jenem Morgen ſo ergriffen und faſt zur Umkehr bewogen hatte. Mit einem Male ſtand auch vor ſeiner Seele wieder jener Bibelſpruch, an wel⸗ chen damals der Paſtor ſeine ergreifende Beichtermahnung ge⸗ knuͤpft hatte: Iſt Jemand in Chriſto, ſo iſt er eine neue Kreatur; Siehe das Alte iſt vergangen, es iſt Alles neu geworden. Waren auch alle die Einzelheiten aus dem Gedaͤchtniſſe entſchwunden, dieß Wort der Schrift trat wieder aus dem Innerſten ſeiner Seele heraus, wo es lange gleichſam im Schlafe gelegen hatte, und wie damals, wars als wenn der Herr zu ihm ſagte: Siehe, ich ſtehe vor der Thuͤr und klopfe an! Thraͤnen traten in ſeine Augen,— er war alt und grau geworden in Laſter und Suͤnde, Gram und Sorgen; das auͤßere Leben ging auf die Neige;— war es nicht nun Zeit, hoͤchſte Zeit, daß der innere Menſch neu werde? Aber wars nicht zu ſpaͤt? War nicht Gottes Liebe verſcherzt?— War er nicht ein verlorner und verdammter Suͤnder?— Da ſtand er an der Kirche; es war, als draͤngte es ihn hinein; er trat in die kleine Sakriſtei des Geiſtlichen,— er wollte beichten,— allein beichten. Der Prediger war allein und empfing ihn mit Liebe, und nachdem ihm der Ungluͤckliche ſein ganzes Herz ausgeſchuͤttet hatte, ſprach der Geiſtliche als Diener Chriſti ſo warm und begeiſtert, und legte dem armen zerriſſenen Herzen das evangeliſche Wort von der Gnade Gottes in Chriſto ſo deutlich und ſo eindringlich aus, daß es klar und ruhig ward in des reuigen Suͤnders Innern.— Der troſtreiche Spruch, mit welchem der Geiſtliche begonnen hatte: Gott war in Chriſto und verſoͤhnete die Welt mit ſich ſelber und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Ver⸗ ſoͤhnung; ſo ſind wir nun Botſchafter an Chriſti Statt, — 141 denn Gott vermahnetdurch uns; ſo bitten wir an Chriſti Statt: Laſſet euch verſoͤhnen mit Gott,— er hatte dem Suͤndenherzen, das kein Verdienſt vor Gott hatte,— Muth gegeben, ſich Gott zu nahen, und an die Liebe Gottes in Chriſto, die auch den Suͤnder umfaßt, zu glauben,— der Glaube hatte ihn innerlich entſuͤhnt, ihn gerechfertiget vor Gott;— und als der Prediger mit dem Bibelſpruche ſchloß: Chriſtus iſt darum fuͤr Alle geſtorben, auf daß die, ſo da leben, nicht ſich ſelbſt leben, ſondern dem, der fuͤr ſie geſtorben und auferſtanden iſt;— darum iſt Jemand in Chriſto, ſo iſt er eine neue Kreatur. Das Alte iſt vergangen, ſiehe, es iſt Alles neu geworden!— Da ſtand auch in ihm der Entſchluß, heiliger zu werden, Glaubenswerke zu wirken, feſt. Er kam ſich ſelbſt gleichſam wie ein neuer Menſch vor, als er nach beendigtem Goktesdienſte wieder heimwaͤrts eilte; geho⸗ ben und geſtaͤrkt durch das frohe Bewußtſein, ausgeſoͤhnt mit Gott zu ſein, beſeelt von dem feſten Entſchluſſe, beſſer zu werden, kam keine Klage mehr uͤber ſeine Lippen, er fuͤhlte kaum die Schwaͤche ſeines Koͤrpers vor der beſeligenden Veraͤnderung, die in ſeinem Innern vorgegangen war, die Gnade des Herrn hatte in ſeinem ſo finſtern und kalten Herzen einen neuen Fruͤh⸗ ling, ein neues Leben hervorgerufen! Eben ſtand er vor dem Hauſe Johanns ſtill;— er war im Eifer allen Kirchgaͤngern vorangeeilt;— er mußte Athem ſchoͤpfen, — die Bruſt ſchmerzte ihn heftig. Druͤben an der Hausthuͤr ſpielte ein Kind,— das Kind der Eliſabeth,— es wartete auf Mutter und Pflegevater, die aus der Kirche zuruͤckkommen ſoll⸗ ten, und brachte dem blinden Großvater, der an der Thuͤr ſaß, Bluͤmchen und bunte Steine aus dem Bache im Dorfe.— Chriſtian ſeufzte tief,— war das nicht ſein Kind?— Er ge⸗ traute ſich nicht, hinzugehen, und dem Kinde einen guten Mor⸗ gen zu bieten. Wer weiß, ob es ihn kannte,— und wenn es ihn gekannt haͤtte,— haͤtte es ihn nicht muͤſſen verachten, wenn es im Stande geweſen waͤre, die Verhaͤltniſſe zu verſtehen. Ach, vielleicht hatte die Mutter es den gewiſſenloſen Vater haſſen ge⸗ lehrt! Er wollte warten, bis ſie aus der Kirche kam,— ſie, der er ſcheu bisher immer ausgewichen war;— ihre Verzeihung wollte er erlangen;— es war ihm ein Beduͤrfniß nach der Ausſöhnung mit Gott, ſich mit denen zu verſoͤhnen, die er ſo ſchwer beleidigt hatte. Von einem Buſche halb verſteckt, wurde 142 er von dem Mauͤdchen nicht bemerkt. Die Kleine war unermuͤd⸗ lich, hatte eben fuͤr die Mutter ein Straͤußchen Vergißmeinnicht gepfluͤckt, und ſang wie eine Haidelerche das von der Mutter ihr gelehrte Liedchen: Komm lieber Mai und mache Die Baüme wieder grün, Und laß mir an dem Bache Die kleinen Blümchen blühn! Da wurde es ploͤtzlich laut im Dorfe, man hoͤrte rufen, ſchreien, Hunde bellen, und immer deutlicher vernahm man den aͤngſtlichen Ruf:„Ein toller Hund, ein toller Hund,“— aber in demſelben Augenblicke war das wuͤthende Thier auch ſchon da, und ſtuͤrzte in gerader Richtung auf das kleine Maͤdchen los, das aͤngſtlich dem Hauſe zugeeilt war. Chriſtian beſann ſich nicht lange,— einen Stab zu ergreifen, der neben ihm lag, und das Kind auf die Arme zu nehmen, war das Werk eines Au⸗ genblicks; aber als er das Kind aufhob, und ſich nach dem Hunde umſah, hatte ihn das Thier ſchon gebiſſen. Er fuͤhlte es, er zitterte; aber erſt ſchlug er mit feſter Hand den Hund todt, und dann erſt gab er das Kind dem jammernden Groß⸗ vater in die Arme, und entfernte ſich ſchnell, als Johann und Eliſabeth herbeikamen. Aber Eliſabeth lief ihm nach;„Er hat Dich gebiſſen, Chriſtian,“ rief ſie angſtvoll,„Du bluteſt.“— Er aber wehrte ſie ſanft ab, und ergriff ihre Hand, und ſagte leiſe:„Eliſabeth, ich denke nur an Eins,— haſt Du mir ver⸗ geben?“— „Chriſtian,“ rief Eliſabeth geruͤhrt, und die hellen Thraͤnen ſtuͤrzten ihr aus den Augen.„Du haſt mir mein Kind geret⸗ tet; das mag Dir Gott vergelten, ich kann es nicht!“ Es ließ ihr keine Ruhe; nur einen Kuß hatte ſie dem Kinde gegeben, dann war ſie ſchon fortgelaufen nach dem Arzte fuͤr den armen Chriſtian.— Er kam; die Wunde ward unterſucht, ausgewaſchen, aus⸗ gebrannt; die kraͤftigſten Mittel wurden dem Manne eingegeben; er ließ Alles mit ſich machen; er war ſo ſtill und froͤhlich; aber er ſchuͤttelte immer unglauͤbig den Kopf, und nur wenn er auf ſeine unverſorgten Kinder blickte, ward er unruhig.— Die naͤchſten Stunden verſtrichen unter banger Erwartung; nech war die neunte Stunde, die erſte gefaͤhrliche Entſcheidungs⸗ ſtunde nicht voruͤber;— aber als Alle um ihn beſchaͤftigt wa⸗ 145 ren,— nur der alte Vater ſaß in ſtumpfer Verzweiflung in einer Ecke,— da war es, als wenn ihn eine plotzliche Ahnung ſeines furchtbaren Schickſals ergriffe. Er nahm Abſchied von Allen, und bat ſie um Verzeihung, er ſprach noch Einiges heimlich zu dem Pfarrer, der theilnehmend herbeigeeilt war,— und es war ergreifend, als er jetzt ſelbſt die Umſtehenden bat, ihm die Haͤnde zu binden, und hinauszugehen,— ihn allein zu laſſen!— Bald darauf brach die Wuth in fuͤrchterlicher Staͤrke aus; — der Ungluͤckliche ſchaͤumte, wuͤthete, ſchrie, tobte,— und in wenigen Stunden war er todt!— Erſchuͤttert von dem furchtbaren Trauerſpiel, ſtanden die Nachbarn vor dem Hauſe; es war, als wenn dem zeither Ver⸗ achteten durch ſeine edle That mit einem Male wieder die Liebe und Achtung Aller zu Theil geworden waͤre, man entſchuldigte, uͤberging ſeine Fehler, und ſo Mancher erzaͤhlte wieder von dem Chriſtian, wie er als junger Burſche der Liebling aller Nach⸗ barn geweſen war. Der Pfarrer hatte die weinende Eliſabeth nach Hauſe ge⸗ leitet.„Eliſabeth,“ unterbrach jetzt der Pfarrer das wehmuͤthige Schweigen,„wißt Ihr, was des Chriſtian letzter Wunſch war?“ „„Ob nicht Eliſabeth ſein kleines Kindchen zu ſich nehmen moͤchte, das nun keinen Vater und keine Mutter mehr habe.““ Das hat er mir noch heimlich vertraut, und ich habs ihm ver⸗ ſprochen, Euchs zu ſagen!“— „Herr Paſtor,“ ſagte Eliſabeth, und wurde roth,„daran hab ich gleich damals gedacht, wie die Frau geſtorben war, und Sies uns erzaͤhlten. Aber was haͤtte der Chriſtian dazu denken muͤſſen?— Jetzt?— ja, Herr Paſtor, jetzt nehm' ich das Kind⸗ chen an. Wie mein eigenes will ichs halten! Und wenn es groß wird, will ichs ihm erzaͤhlen, daß ſein Vater mir mein einziges Gluͤck auf Erden, mein Naͤdchen, vor ſchmaͤhligem Tode gerettet hat.“— „Und wenns fehlt,“ ſetzte der Paſtor hinzu,„ſo kommt nur zu mir!“ „O,'s hat nicht Noth,“ verſetzte Eliſabeth muthig,„ſo lange ich geſund bin und arbeiten kann, werde ich die Kinder⸗ chen ſchon beide verſorgen. Es macht mir auch mehr Freude, wenn ichs allein durchſetzen koͤnnte!“— Die Kinder Chriſtians wurden jetzt in der Gemeinde ver⸗ theilt, man riß ſich ordentlich darum; Eliſabeth aber war nicht 144 zu bewegen, das angenommene Kindchen wieder abzugeben, trotz dem, daß es ſie in ihrem ſpaͤrlichen Gewerbe gar nicht unbe⸗ deutend hinderte. Der alte Brenz zog zu ſeiner andern Schwiegertochter, der Wittwe des Gemeindevorſtandes, welche in das Haus ihres alten Vaters Georg zuruͤckgekehrt war. Ihm ſchien der Tod ſeiner beiden Soͤhne ungemein nahe zu gehen, er ſprach aber wenig und ließ ſich wenig im Dorfe ſehen; nur in das Haus der Eliſabeth kam er hauͤfig, um, wie er ſagte, ſein kleines Enkelchen zu beſuchen; aber er ſchien ſich uͤberhaupt dort wohler, als irgendwo zu befinden, obſchon ihm der alte Thomas ziem⸗ lich abſtoßend begegnete. Aber gerade deſſen Naͤhe ſchien er zu ſuchen; die Kaͤlte und Trockenheit des Blinden ſchreckte ihn nicht ab; er konnte Stundenlang neben ihm ſitzen, ohne ein Wort zu ſprechen, denn der ſonſt ſo redſelige alte Thomas blieb ſtumm, ſobald der alte Brenz eingetreten war. Trug er doch immer noch den alten Haß und Groll gegen ſeinen Schwager im Herzen, und konnte ihm das erlittene Unrecht nicht vergeſſen, das ſeiner Gattin Todesſtunde verbittert hatte,— die Leſer wer⸗ den ſich erinnern, daß der alte Brenz den Thomas genoͤthigt hatte, aus dem von Erſteren ererbten Hauſe auszuziehen!— Das Kind der Eliſabeth war der einzige, duͤrftige Ver⸗ mittlungspunkt zwiſchen den beiden Großvaͤtern, weil ſich beide, und wie es ſchien, hier ohne Eiferſucht, in der Liebe fuͤr daſſelbe begegneten, und merkwuͤrdiger Weiſe hatte das Kind auch den andern Großvater Brenz bald herzlich lieb gewonnen. Es wa⸗ ren das nicht blos die mitgebrachten Blumen, Haſelnuͤſſe, und andere Naturprodukte und Merkwuͤrdigkeiten, mit welchen der alte Brenz das Maͤdchen beſchenkte, ſondern das ſtille Weſen des Alten, ſein leidendes Geſicht, ſein verſteckter Kummer, und namentlich die kalte Behandlung, die er ſich von dem alten Thomas mußte gefallen laſſen, hatten ihm des Enkelchen Herz gewonnen. Und der Alte, der mit Niemand redete, redete freund⸗ lich mit dem Kinde, und ein Laͤcheln flog uͤber ſein finſteres Geſicht, wenn das Kind ihn Großvater nannte, und mit herz⸗ licher kindlicher Freundlichkeit ihn aufzuheitern verſuchte. Nicht weniger aber ſchien dem Alten das freundliche Wal⸗ ten der Eliſabeth im Hauſe wohlzuthun; da gabs keinen Zank und keinen Streit, kein Klagen und Murren, wie er ehedem in ———— 145 Chriſtians Hauſe an Chriſtians Gattin zu beobachten oft ge⸗ nug Gelegenheit gehabt hatte. Sie verrichtete ſo ruhig und freudig ihre Arbeit, beſorgte ſo ſtillfreundlich, ſo liebevoll das fremde Kind, deſſen Schreien ſie ſo oft von ihrer Arbeit abrief, und es war uͤber ihr ganzes Weſen eine ſolche Froͤhlichkeit aus⸗ gegoſſen, daß ſie alle um ſich heiter machte durch ihr herzlich froͤhliches Geſicht, durch ihre heiteren Worte, durch ihre mun⸗ teren Lieder, die ſie zu ihrer Arbeit ſang.— 3 Da ſaß denn der alte Brenz gar manchmal ſtumm in der Ecke, und ſtellte Vergleichungen an, uͤber das hauͤsliche Gluͤck in dem Hauſe dieſer armen Familie, und uͤber die hausliche Noth und den unheimlichen Geiſt, der ehedem in den Hauͤſern ſeiner wohlhabenden Soͤhne und namentlich in Chriſtians Hauſe, durch den Mißmuth der reichen Frau geherrſcht hatte. Seine ganzen fruͤheren Vorſtellungen von Gluͤck und Wohlſein,— er hatte es im Gelde und auͤßern Wohlſtande geſucht,— fingen an, ſich nach und nach umzugeſtalten, und es wollte ihm faſt ſcheinen, als wenn der Grund des Wohlſeins doch im Men⸗ ſchen laͤge.—„Wie gluͤcklich haͤtte doch der Chriſtian mit der Eliſabeth ſein koͤnnen,“ dachte er manchmal, wenn ihm der auͤßere Prunk, das auͤßere Wohlleben, das ehedem in ſeines Soh⸗ nes Hauſe herrſchte, wobei aber das Herz keine wahre Freude empfand, weil Zank, und Laͤrm, und Unfriede alle Freude ver⸗ gaͤllte,— recht lebhaft vor die Seele traten!— Wie herrſchte doch hier ein ſo ganz anderes Gluͤck,— das war ein inneres, froͤhliches und frommes Weſen, dem auch das Kleine und Aermliche groß und der Freude und des Dankes werth erſcheint, ein Gluͤck, das hier wie uͤberall auf einem guten Gewiſſen, auf einem mit ſeinem Gott und Heilande ausgeſoͤhntem Herzen be⸗ ruht, welches auch das kleinſte Haus zu einer Staͤtte reiner Freude macht. Solche Gedanken ſtiegen manchmal in des Grei⸗ ſes Seele auf, ſein Herz ſchien weicher und empfaͤnglicher fuͤr das Gute in der Geſellſchaft guter Menſchen zu werden;— aber es ſchien ihn etwas zu druͤcken, was ihn nicht ſo recht froh werden ließ, und es war namentlich eine gewiſſe Scheu vor dem alten Thomas an ihm zu bemerken, die ihn in beſtaͤndig ſpannender Unruhe erhielt. Ploͤtzlich hoͤrten die Beſuche des alten Brenz auf. Ein Kauͤfer, ſo hieß es, habe ſich zu dem beruͤchtigten Hauſe am Kirchhofe gefunden, und die alte Geldgier war mit einem Male 10 146 wieder in dem Greiſe erwacht.„' iſt fuͤr meine Enkel,“ hatte man ihn leiſe vor ſich hin ſprechen hoͤren,„ſie ſollen gluͤcklich werden!“ und der alte Mann ſcheute ſelbſt mehrmalige beſchwer⸗ liche Wege in die Stadt, in der Hoffnung, das Haus zu ver⸗ kaufen,— nicht.— Endlich war es ihm gelungen, endlich trug er das Kauf⸗ geld in der Taſche; er zitterte vor unheimlicher Freude, als er ¹ es zuſammenſtrich;— er hatte Alles vergeſſen, nur das Geld erfuͤllte ſeine Seele; er wollte die unendliche Leere, die in ſei⸗ nem Herzen wieder eingetreten war, nicht fuͤhlen!— 1 Es war finſter geworden, ein furchtbares Regenwetter hatte ihn ereilt, er war in der Haſt, mit ſeinen ſchweren Geldpacke⸗ ten nach Hauſe zu kommen, ausgeglitten und einen hohen Ab⸗ hang hinabgeſtuͤrzt. Beſinnungslos hatten heimkehrende Nach⸗ barn ihn aufgehoben, und ins Dorf hereingefahren. Endlich kam er, Dank dem unermuͤdlichen Eifer ſeiner Schwiegertochter, wieder zu ſich. Seine erſte Frage war nach dem Gelde; als man ihm es zeigte, wurde er ruhiger. Dann verlangte er nach dem Pfarrer. 4 Der Pfarrer kam; er ſprach herzliche Worte zu dem ſchwer⸗ gepruͤften Manne, und da derſelbe zu ſchwach ſchien, das Beicht⸗ bekenntniß ſelbſt zu ſprechen, ſo ſagte der Geiſtliche es ihm vor, abſolvirte ihn dann, und reichte ihm das heilige Abendmahl. „'S hilft Nichts,“ ſagte der Sterbende jetzt troſtlos.„S iſt mir nicht beſſer;— das heilige Abendmahl und die Abſo⸗ lution ſind auch zu nichts nuͤtze,—'s hat meine Suͤnden nicht weggenommen,—'s liegt mir immer noch wie ein Stein auf'm Herzen!“—. Unſer Paſtor erſchrak, er fragte weiter, er bat, er ermahnte, er redete ſo eindringlich,— daß der Alte endlich ausrief:„Nun ja,'s iſt nun einerlei,— ich habe unrecht gethan,“— und nun erzaͤhlte er in abgerißnen Saͤtzen, wie er einſtmals auf un⸗ rechtmaͤßige Weiſe in den Beſitz des jetzt eben verkauften Hauſes gekommen ſei, wie er damals den alten Oheim durch Schmei⸗ chelwort, durch Verleumdung der Todtengraͤberfamilie, kurz auf niedertraͤchtige Weiſe, dahin gebracht hatte, ihm das Haus zu vererben; ja er geſtand zuletzt ein, daß der Oheim auf ſeinem Sterbebette das Teſtament noch haͤtte zuruͤcknehmen wollen, daß er ihn aber betrogen habe.— Der Paſtor hatte das Alles einzeln herausgefragt, er hatte 147 dann die eindringlichſten Ermahnungen und Vorwuͤrfe ausgeſpro⸗ chen, auf die der Alte nur immer wehmuͤthig entgegnet hatte: „Ich wollte meine Kinder gern gluͤcklich machen,“— und der Geiſtliche mußte immer und immer wieder widerlegen und mit beredter Zunge auseinanderſetzen, worin wahres Gluͤck beſtehe, und wie man durch Unrecht niemals gluͤcklich werden koͤnne, und wie man auch nicht froh, nicht von der Suͤndenlaſt befreit, der goͤttlichen Vergebung ſicher werden koͤnne, wenn man nicht das Unrecht bereue, und ſo viel in den Kraͤften ſtehe, wieder gut mache. Immer ſah der Greis auf die Geldſaͤcke neben ſeinem Bette;— es war ihm als koͤnnte er ſich nicht losreißen, und doch ſiegte am Ende des Pfarrers Wort, mit welchen ſein beſſeres Ich innerlich uͤbereinſtimmen mußte.— Er ließ den alten Tho⸗ mas holen, er geſtand ihm,— wenn auch zaudernd und mit Umſchweifen, Alles, und ließ ſich's gefallen, daß der Pfarrer die Geldpackete nahm und zuſammen packte, um ſie morgen dem Kauͤfer zuruͤck zugeben, da Thomas nach den vorhergegangenen Erklaͤrungen,(die der Pfarrer auch noch gerichtlich beſtaͤtigen ließ) der rechtmaͤßige Erbe jenes Hauſes war.— Nachdem das Geld einmal wieder aus dem Hauſe war, ward der alte Mann ruhiger.—„Mache die Enkelchen nur recht gluͤcklich!“ ſagte er immer wieder zu der Schwiegertochter,'s iſt doch mein Fleiſch und Blut,— aber gluͤcklich, hoͤrſt Du,— wie hieß doch der Spruch den der Pfarrer immer gegen mich ſagte?“ „Die Gottſeligkeit iſt zu allen Dingen nuͤtze, und hat die Verheißung dieſes und des zukuͤnftigen Le⸗ ens!“— Wenige Tage darauf ſtarb der alte Brenz an den Folgen des ungluͤcklichen Falles.— Der alte Thomas aber zog bald darauf in das liebe Haus am Kirchhofe mit ſeiner Familie ein. Eliſabeth mußte den blinden Vater erſt an der Mutter Grab hinfuͤhren, und erſt nachdem er ſich durch ſorgfaͤltiges Betaſten uͤberzeugt hatte, daß der Raſen und das Kreuz in beſtem Stande ſei,— ging er hinein in's Haus, und die Kinder mußten ihn ſeinen Großva⸗ terſtuhl genau in die Ecke ruͤcken, wo das Kruzifix ſonſt geſtan⸗ den hatte, und wo die geliebte Ehefrau vor vielen Jahren ge⸗ ſtorben war. Dort ſaß er lange ſtill, und dachte wohl daran, wie er nun bald wieder bei der Guten ſein werde und bei dem 10* lieben Heiland.“— Das war und blieb des Alten Lieblings⸗ plaͤtzchen;— er ſaß dort oft Stundenlang und erzaͤhlte den Enkelchen von der guten Mutter, die die Kirche und den Kirch⸗ hof ſo lieb gehabt haͤtte, und noch in ihrer Krankheit mit dem Geſangbuche in der Hand huͤben die Lieder mitgeſungen hatte, die die Gemeinde druͤben in der Kirche geſungen;„Und hier auf dieſem Plaͤtzchen iſt ſie geſtorben; hier habe ich ihr die Au⸗ gen zugedruͤckt,“— ſetzte er dann jedesmal hinzu;„hier ſollt Ihr auch mir einmal die Augen zudruͤcken.“— Schluß. Sei getroſt und ſei ein Mann!— Das Todtenfeſt, der letzte Sonntag im Kirchenjahre war wieder einmal herbei gekommen. Ein Herbſtfroſt hatte die letz⸗ ten Blumen im Garten getoͤdtet, und der kuͤhle Morgenwind entfuͤhrte rauſchend die vom Froſte geloͤſten gelben Blaͤtter der Baume vor den Fenſtern des Pfarrhauſes. Die Zugvoͤgel hat⸗ ten meiſt ſchon die ferne Heimath geſucht, nur hie und da weil⸗ ten noch einige Nachzuͤgler auf den hohen Linden im Dorfe und am Kirchhofe, und riefen ſich ab zur Reiſe in die Heimath; ein Zug wilder Gaͤnſe aber flog laͤrmend uͤber das Thal hin einem waͤrmern Himmelsſtriche zu. Die ganze Natur hatte ihr ſchwer⸗ muͤthiges Herbſtkleid angezogen, und die helle, klare Herbſtſonne, die eben uͤber das Thal gluͤhendroth heraufzog, hauchte nur einen matten Schimmer auf die mit ſchnellen Schritten einem allmaͤligen Todesſchlafe zuwelkenden Erde, im Einklang mit dem kirchlichen Feſte der Todten, zu welchem die Glocken zum erſten Mal die Glauͤbigen riefen!— Unſer Paſtor ſtand am Fenſter, und ſchaute truͤben Blickes den fallenden Blaͤttern zu, und ſelbſt die ſchrillende Stimme eines luſtigen Zaunkoͤnigs im nahen Fliederbuſche weckte ihn nicht aus ſeinen truͤben Gedanken!— „So welkt und faͤllt auch der Menſch,“ ſagte er,„wenn ſeine Zeit abgelaufen,— wie ein welkes Blatt, und die Mutter Erde nimmt auch ſeine Huͤlle auf; aber die Seele eilt, gleich dem 149 Zugvogel, von der kalten Erde der hellen himmliſchen Hei⸗ math zu.“ Da trat Roͤschen leiſe zu ihm hin.„Vater,“ ſagte ſie ſchluchzend,„die Mutter verlangt nach Dir.“— „Was macht die Gute?“ fragte der Prediger beſorgt, denn die Gattin war ſeit einigen Tagen ſehr bedenklich krank,„ich glaubte, ſie ſchliefe noch!“— „Sie hat nicht geſchlafen,“ verſetzte Roͤschen,„aber ſie hat ſich ſchon um Dich geſorgt, daß Du auch zeitig genug ge⸗ weckt wuͤrdeſt, weil Du die Predigt haſt.“— „Immer noch das ſorgende, nur fuͤr ihre Lieben lebende Gemuth,“ ſeufzte der Paſtor bewegt und folgte der Tochter zum Krankenbett. „Wie geht Dir's, Mutter?“— fragte der Paſtor theil⸗ nehmend.—. „Nicht gut,“ ſagte die Kranke leiſe und zeigte auf das Herz, das hoͤrbar ſchlug!— Der Pfarrer erfaßte ihre fieberhaft gluͤhende Hand, er ſah ihr wehmuͤthig in das matte, und doch immer noch in unend⸗ licher Liebe ſtrahlende Auge,——— ein leiſer Gegendruck und ein ſeliges Laͤcheln um den Mund bezeugte, daß ſie ihn verſtehe, und wie unendlich wohl ihr ſei;— da ward das Roͤ⸗ cheln heftiger.——„Sie ſtirbt,“ ſagte der Prediger leiſe mit unterdruͤcktem Schluchzen— und Roͤschen warf ſich mit lau⸗ tem Schrei auf das Bett,— die Seele war der irdiſchen Huͤlle entflohn, aber die Hand der Todten hielt noch feſt des Gatten Hand umfaßt.„Sie iſt hinuͤber— die Fromme,— Reine, Liebende!“— fluͤſterte der Prediger und ſuchte vergebens ſei⸗ nem Schmerz zu gebieten; unwillkuͤhrlich ſank er nieder auf die Kniee, er verhuͤllte ſein Angeſicht und benetzte die Hand der Todten mit heißen Thraͤnen; er betete und weinte wieder.— Da kam Gretchen herzu, und Vater und Kinder weinten, daß die Mutter ſo fruͤh heimgegangen war. „Es iſt Todtenfeſt heut!“— ſagte der Pfarrer tief bewegt, er ermannte ſich und ging in ſeine Studirſtube.— Es war der ſchoͤne Text:„Ich gehe hin den Weg aller Welt; ſo ſei getroſt, und ſei ein Mann!— der Pfarrer las ihn, und las ihn wieder, und nahm ſeine Predigt zur Hand, die er hatte halten wollen,— und legte ſie wieder weg— und ſagte leiſe—„heute predige ich mir ſelber.“— Und er kaͤmpfte 130 um ſeiner Ruͤhrung Herr zu werden.—„Sei getroſt und ſei ein Mann!“ Die Nachricht von dem Trauerfall, der den Paſtor ge⸗ troffen, hatte ſich bald wie ein Lauffeuer durchs Dorf verbreitet. — Alle liebten die gute Pfarrfrau, und ſo mancher Kranke, dem ſie Eſſen geſchickt, ſo mancher verſchaͤmte Arme, den ſie unterſtuͤtzt, ſo manche befreundete Seele unter Jung und Alt weinte der Guten eine Thraͤne nach, und wuͤnſchte Gottes Se⸗ gen auf die Entſchlafene herab. Die Gemeinde war in großer Bewegung, als ſie den Pfarrer bleich und ernſt, aber feſten Schrittes heruͤber ſchreiten ſah zur Kirche, denn Alle hatten wohl gedacht, daß er heute nicht predigen werde.— „Er darf aber nicht predigen, der gute Paſtor,“ ſagten die Kirchenvaͤter zu einander, als ſie des Pfarrers bleiches Ge⸗ ſicht und ſeine Augen voll Thraͤnen gewahrten, und gingen ſaͤmmtlich hinein in die Sakriſtei, um ihm Vorſtellungen zu machen. Der Pfarrer ſaß in ſeinem Stuhle, und hatte das Geſicht niedergelegt auf den Tiſch, und weinte bitterlich, als die Maͤn⸗ ner eintraten;— aber er ſtand ſogleich gefaßt auf, und wiſchte ſich die Thraͤnen aus den Augen;— aber er konnte nicht reden. „Herr Paſtor,“ begann der alte Georg,„Sie duͤrfen heute nicht predigen, wir bitten Sie darum. Der Herr Schulmeiſter wird uns eine Predigt vorleſen.“ „Soll ich meiner theuren Pfarrfrau nicht die Gedaͤchtniß⸗ predigt halten?“— ſagte er, und ſeine Stimme ward feſt und freudig, als er des Amtes gedachte dem er diente.„Soll ich, der ich ſo oft an den Graͤbern den Troſt der Auferſtehung freu⸗ dig verkuͤndet, heute ſchweigen, wo mein eignes Herz des Tro⸗ ſtes von Oben bedarf?— Ich glaube, darum rede ich!“— Und der Pfarrer blieb feſt bei ſeinem Entſchluſſe, und er trat hinaus vor den Altar und erhob ſeine Augen zu dem Herrn und ſang mit heller klarer Stimme:— „Lobe den Herrn meine Seele,“—— und das Chor antwortete: „Und was in mir iſt ſeinen heiligen Namen!“— Und des Prieſters Antlitz leuchtete in heiliger Andacht, und ſeine glaubensfreudigen Mienen waren ſchon fuͤr die Ge⸗ meinde eine Predigt von Hoffnung und Wiederſehen, von Glau⸗ — —— — 131 ben, an den, der dem Tode die Macht genommen und Leben und unvergaͤngliches Weſen an das Licht ge⸗ bracht hat durch das Evangelium!—. Es war eine kurze Predigt, oft unterbrochen von der Ruͤh⸗ rung, die ihn uͤbermannte und dem lauten Weinen der Ge⸗ meinde, welche in ihrem Prediger, der ſich ſo in der Kraft des Glaubens uͤber den herbſten Erdenſchmerz erheben konnte, faſt ein hoͤheres Weſen ſahen, und bewundernd zu ihm aufblickten, und laut Gott prieſen, daß er in ſeines Wortes Diener, den herrlichen Werth ſeines Gottesworts alſo bethaͤtigen laſſe;— denn der Prediger war ſelbſt getroſt und war ein Mann! Die Stunden des Todtenſonntags ſchlichen langſam dahin. Es war der ſchwerſte Tag ſeines Lebens!— „Ich darf mich meinem Schmerze nicht hingeben“ ſagte er unzaͤhlige Male zu ſich, wenn ihm das Herz in Wehmuth zerfließen wollte,„was wuͤrde meine Gemeinde ſagen, wenn ihr Troͤſter troſtlos waͤre!“— Am Abend ſaß unſer Paſtor in ſeiner Studirſtube allein; die Einſamkeit lag ihm bleiſchwer auf Herz und Sinnen; er oͤffnete das Fenſter, um die Abendluft herein zu laſſen.— Alles war draußen ſtill,— der Abendwind rauſchte in den gefallenen Blaͤttern auf dem nahen Kirchhofe, auf dem bald auch ſein Liebſtes ruhen ſollte, und ihn froͤſtelte. Er lehnte ſich truͤbe zum Fenſter hinaus, Alles war ſtill im ganzen Dorfe, es war das Todtenfeſt,— und nur die wehmuͤthigen Klaͤnge eines frommen Sterbeliedes toͤnten aus der Huͤtte des alten Thomas, zur Ehre ſeiner entſchlafenen Ehefrau, in das Pfarrhaus heruͤber.— Der Pfarrer wiſchte ſich die Augen und ging dann hin⸗ uͤber in die Kammer, wo die todte Gattin lag, und hob das weiße Tuch von dem bleichen Geſicht und ſchaute lange und wehmuͤthig auf die lieben, ach ſo lieben Zuͤge, die er bald nicht mehr ſehen ſollte;— er deckte leiſe das Tuch wieder zu, und ſeine Hand zitterte.„So iſt wieder ein Band geloͤſt, das mich an die Erde kettete,“ ſagte der Prediger wehmuͤthig,„ſo wer⸗ den ſie alle nach und nach fallen bis auch meine Seele frei wird von des Koͤrpers Banden und ſich hinauf ſchwingt zu ewiger Freiheit und Seligkeit!— Darf man weinen, wenn ein Pilgrim Kleid und Buͤrde ablegt und freudig dem himmliſchen Jeruſalem zueilt?“— Da traten die Kinder herein und ſie weinten mit dem gu⸗ ten Vater. „Sie hat einen guten Kampf gekaͤmpft,“— ſagte der Pa⸗ ſtor bewegt,—„ſie hat den Lauf'vollendet und Glauben ge⸗ halten, hinfort iſt ihr beigelegt die Krone der Gerechtigkeit;— Laßt uns fromm und froͤhlich wandeln, wie ſie. Wer weiß wie bald auch mein Stuͤndlein ſchlaͤgt, und wenn einſt der Herr ſeinen Arbeiter abruft aus ſeinem Weinberge,—— moͤge Er dann dem Haushalter uͤber ſeine Geheimniſſe, gleich dem Knechte, der im Kleinen und Großen getreu geweſen, zurufen: Gehe ein zu Deines Herrn Freude!“ Die ganze Gemeinde folgte dem Sarge der geliebten Pfarr⸗ frau, hinter welchem der gute Paſtor geſenkten Hauptes einher ſchritt, begleitet von den weinenden Kindern und einigen be⸗ freundeten Amtsbruͤdern. Alle theilten ſeinen Schmerz;— Alle aber vereinigten ſich auch zu dem gemeinſamen Gebete, daß Gott ihnen ihren guten Paſtor noch lange erhalten moͤge, den treuen Diener ſeines Heilandes, den Mann nach dem Herzen Gottes, der ein Prieſter des Herrn, ein Diener des Worts, ein Freund der Gemeinde, Ein Vorbild war den Glauͤbigen in Wort und Wandel, in der Liebe, im Geiſte, im Glauben, in der Keuſchheit, anhaltend mit Leſen, mit Ermahnen, mit Lehren!— Druck von Bernh. Tauchnitz jun. — nſnffſſſſſſſſſ 6 7 8 9 10 11 ſnmnaneannninnnnn 12 13 14 15 16 17