2 (Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2. Ednard Otllmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für pchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 f. 2 Mk.— Fff. „„„ u.,—„ 1—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 5 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——---== 1 8 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 1 N — — Daiſy Burns. Von Julia Kavanagh. Aus dem Engliſchen von Dr. Edmund Zoller. 7tes bis 11tes Bändchen. (Schluß.) —,— Stuttgart. Franckh'ſche V erlagshandlung. 1853. Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel 'ſchen Buchdruckerei. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Ich weiß nicht, ob die heimathliche Luft beſonders wohlthätig auf mich wirkte, oder, wären wir im„Hain“ geblieben, eine Kriſis in meiner Geſundheit eingetreten, aber ich weiß, daß ich zu Kates großer Freude ſo ſtark und geſund wurde, daß ſie die Veränderung für eine außerordentlich wunderbare erklärte. Ich war ein ganz anderes Weſen. Meine Liebe zur Ruhe und Stille ver⸗ ſchwand; Bewegung im Freien, war nun mein Höchſtes und ich dürſtete mit jedem Tage mehr nach Luft und Freiheit. Kaum verging ein Tag, ohne daß ich den Weg, der von unſerem Garten nach dem Ufer führte, hinabeilte und an der felſigen Küſte ſpazieren ging. Dieſer Theil der Gegend war ſowohl ſicher, als abgelegen: wenige Leute begegneten mir auf meinen einſamen Promenaden und ich fürchtete mich vor Niemanden. Es war oft ſchon dunkel, wenn ich nach dem weißen Häuschen zurückkehrte, deſſen Licht wie ein einſamer Stern auf der Höhe droben leuchtete. Ich liebte dieſe einſanen Wanderungen. Ich liebte dieſe ſteile und phantaſtiſche Felſenwand, die an der Küſte hinlief und ſie von der äußern Welt abſchied; dieſe lange Linie des ſich dahin windenden Ufers, das in lichte Nebel verſchwamm, bis es wie eine tiefe Wolke ſich am fernen Horizonte lagerte; dieſe See, deren Wo⸗ gen ſich zu meinen Füßen brachen und ſich dennoch weit Daiſy Burns. II. 1 — * „ 2 über das Bereich des menſchlichen Blickes hinauszuſtrecken ſchien, während der hohe Himmel ſich alles umſchließend herabſenkte und inmitten des Unendlichen ein Gefühl des Endlichen gab. Leigh gehört durchaus nicht zu dem romantiſchen und maleriſchen Theile der weſtlichen Küſte; aber wo ſich die Wellen des Oceans brechen, da ruht auch eine große und ernſte Schönheit in der Natur. Auf ei⸗ nem einſamen Felſen zu ſitzen, den Fiſcherbooten zuzu⸗ ſehen, wie ſie langſam an der Küſte hinſegeln, oder die Schiffe in der Ferne zu beobachten; die erhabene Un⸗ ermeßlichkeit rings um mich her zu fühlen, den raſchen und unendlichen Wechſel des Lichtes, das über Felſen, See und Wolken hinſtreift, zu betrachten, den Klängen zu lauſchen, vom lauteſten Geſpräch der ſich zu meinen Füßen brechenden ſchwellenden Woge bis zu dem lei⸗ ſeſten Gemurmel, das nie unter dieſen einſamen Klippen erſtarb, das war ein Vergnügen, das mir über Alles ing. 3 8'Es gab angenehme Spaziergänge um Leigh her, aber ich war ihrer bald müde und kehrte immer wieder zu meiner vielgeliebten Küſte zurück. Dort lernte ich das Meer in all' ſeinen verſchiedenen Geſtalten kennen. Ich ſah es im Sonnenſchein, wie es ſich friedlich unter wol⸗ kenloſem Himmel ausbreitete,— ein Bild der Reinheit und Ruhe— und die leichte Barke forttrieb, die mit unbewußter und ſorgloſer Anmuth ihren Weg verfolgte. Ich ſah es im Sturm, wie die Dunkelheit über ſeinen wogenden Waſſern brütete, ſeine hohen, weißgekrönten Wellen wie wildes Schlangengezücht gegen die herab⸗ hängenden Wolken ſich aufbäumten, während flatternde Schwärme weißer Seevögel ſich bei jeder Bewegung des Meeres ſenkten und hoben, wie böſe Geiſter des Sturmes ſich freuend, und ein kühnes Schiff, mit ge⸗ brochenem Maſt und Segeln, die wie Fahnen am Schlachttage flatterten, durch die ſtürmenden Winde und Wogen ſich einen Weg bahnt, und mit triumphiren⸗ der Kraft, die die Furcht bannt, auf dem Waſſer dahinſtolzirt, und uns das Gefühl gibt, es werde den Hafen ſicher erreichen und noch manchem Sturme trotzen. Noch andere, wenn auch weniger beſtimmte, doch für mich nicht minder ergreifende Bilder bot mir der Ocean, — das Bild der Einſamkeit und Oede, wenn die un⸗ ermeßlichen dunkelgrünen Fluthen langſam dahin rau⸗ ſchen oder ſchwer an das Ufer ſchlagen, während unge⸗ heure Wolkenmaſſen an dem neblichen Horizonte hinzo⸗ gen, wo ſich das dunkle Grau mit der Schattirung eines blaſſen Grau verſchmolz und das Gefühl einer melancholi⸗ ſchen Unendlichkeit in das Herz flößte, das nur die nor⸗ diſchen Ufern geben. Ich ergötzte mich an dieſem wilden einſamen Leben und fühlte ſelten die ganze Einſamkeit meiner tägli⸗ chen Streifereien. Bisweilen, wenn ich zufällig im Sande die Spuren meines eignen Trittes fand, die kein anderer Fuß gekreuzt, ſeitdem ich dort geweſen, und die nur der Wind verwiſchen oder die Welle wegſpülen konnte, ergriff mich plötzlich ein düſteres Gefühl. Es war mir, als ob ein Freund, den ich nie wieder ſehen oder begegnen ſollte, dieſe Spur für mich zurückgelaſſen. Ich hatte das unbeſtimmte Gefühl, daß die, die jetzt vorüberging, nicht mehr dieſelbe ſei, die einſt hier ge⸗ gangen. Vielleicht waren indeß nur wenige Tage ver⸗ floſſen; aber aus dieſen wenigen Tagen, die ungeſehen und unbemerkt verüberfliehen, beſteht nicht allein die Summe, ſondern auch der ununterbrochene Wechſel un⸗ ſeres irdiſchen Lebens. So innig ich die Einſamkeit geliebt, ſo halte ich ſie doch nicht für ein reines, ungemiſchtes Gut. Wehe dem Umgang mit der Natur, der nur ein Brüten über ſich ſelbſt und nicht eine Vermiſchung der Seele mit dem allmächtigen Schöpfer der ganzen ſichtbaren Welt iſt; wehe dem, der in ihrer Lieblichkeit nichts als die 4 Bilder üppiger Luſt ſucht, und ihre reineren Züge un⸗ geleſen läßt! Gerade bei unſchuldigen Dingen ſind wir aufgefordert, unſre Sinne und unſre Herzen zu hüten. Deßhalb halte ich euch für gefährlich, ihr verborgenen Thäler, mit ſanft rauſchenden Flüſſen, mit grünen Wäldern und einſamen Pfaden, von denen wir nicht wiſſen, wohin ſie führen, mit friedlichen, im Schatten verborgenen Wohnungen, die wie ebenſoviele Wohnungen der Liebe und des Glückes ausſehen. Ob⸗ gleich wir wiſſen, daß das goldene Zeitalter nur eine Fabel und ländliches Glück der Traum von Poeten iſt, daß Unſchuld und Friede nicht auf Erden wohnen, ob⸗ wohl Leidenſchaften und Ueberſättigung dahin ebenſo leicht, als in volkreiche Städte driftgen, wer von Euch hätte nicht einen Augenblick an Eurem ſtillen Buſen zu leben und zu ſterben gewünſcht? Wer hat nicht gefühlt, daß die Gedanken, die ihr weckt, das Herz erweichen und unterjochen und es verfolgen und ſchwächen mit ſehnſüchtigen Träumen und Wünſchen, die alle zu irdiſch nd. 1 Das ſind nicht die Gefühle, die Du rege machſt, Du ernſtere See— ernſt ſogar in Deiner Schönheit, in Deiner ruhigſten und ungeſtörteſten Stimmung. Treuer und ehrlicher ſind Deine Verſprechungen, die Du wenig⸗ ſtens ſtreng gehalten,— der lange unerſchrockene Kampf gegen Wind und Wetter, die ſpäte Heimkehr wetter⸗ harter Seeleute,— ach und oft auch der Schiff⸗ bruch, der den Feigen erblaſſen macht, doch niemals ein tapferes Herz ſchreckte; das ſind Hoffnungen, die Du bieteſt, dies die Verſprechungen, die das Leben, das Du vor unſern Blick malſt, erfüllen wird, bis ſeine Wellen ruhig oder ſtürmiſch, aufgeregt oder glatt, uns nach der geheimnißvollen See führen, die der Menſch die Ewig⸗ keit nennt. Unſer häusliches Leben war ſo ſtill und abgeſchloſſen, als mein Leben draußen. Als ſich Miß OReilly in 5 Leigh niederließ, kam ſie zu einem Entſchluſſe, den ſie mir eines Abends folgendermaßen mittheilte:„Daiſy, Du warſt zu jung, als Du Leigh verließeſt, um zu wiſſen, daß es als ein kleiner Ort auch die Mängel aller kleinen Orte hat, in welchen das Leben ſich in einem Kreiſe von Verläumdungen, Zänkereien, Neid, Skandal und Ge⸗ ſchwätz bewegt. Wir können nun zwar den Verleum⸗ dungen anderer nicht ausweichen, aber wir können uns hüten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten: dies geſchieht am leichteſten dadurch, daß wir uns von allen Leuten entfernt halten. Man wird uns natürlich haſſen, uns für ſtolz, oder was in England noch ſchlimmer, für arm halten. Aber kümmere Dich nicht darum, Kind, das läßt ſich leicht ertraßfn⸗ „Papa galt auch für ſtolz,“ ſagte ich. „Das war er, Kind; er beſaß einen Geiſt, der über die Jämmerlichkeiten eines ſolchen Ortes erhaben war: er würde überhaupt nirgends ein populärer Mann geworden ſein. Nun, wie geſagt, Kind, wir müſſen es ertragen, für ſtolz und arm angeſehen zu werden, denn wir wollen keine Bekanntſchaften machen. Einen anſtän⸗ digen, höflichen Verkehr müſſen wir allerdings mit Miß Murray unterhalten— ſie wird uns nicht viel beläſtigen, die arme Perſon!— aber weiter werden wir auch nicht gehen. Du darfſt mich jedoch nicht mißverſtehen. Ich will Dich nicht einſchließen und wenn Du mit anſtändigen jungen Leuten Bekanntſchaft machen kannſt, ſo habe ich nichts dagegen. Es iſt hier am Orte ein Tanzmeiſter und da Dein Vater wünſchte, daß Du tanzen lernſt, ſo ſollſt Du das natürlich auch lernen. Wenn Du dort verſtändige Mädchen findeſt, und wünſcheſt, ſie bei Dir zu ſehen, ſo kannſt Du ſie nach Belieben zu Dir kommen laſſen. Nur auf Beſuche von ihrer Mütter muß ich ver⸗ zichten, wie ich ſelbſt auch keine von ihnen beſuchen werde.“ 8 So war die Sache entſchieden. Wir lebten auf unſre 6 eingezogene Weiſe; wir galten für ſtolz und arm; wir ſahen Miß Murray dann und wann in ihrem Hauſe, denn daß ſie uns beſuche, konnte man ihr nicht zumuthen; ich ging in die Tanzſtunde, aber ich fand all' die kleinen Mädchen ſo wenig nach meinem Geſchmacke, daß ich mit keiner von ihnen eine nähere Bekanntſchaft machte: ſo vergingen zwei Jahre dieſes ruhigen und monotonen Lebens, das nur durch die Briefe von Cornelins einige Abwechslung erhielt. 5 Nur wenige waren an„ſeine liebe Adoptivtochter“ gerichtet, aber ſie waren ſo freundlich, ſie athmeten eine ſo innige Liebe, ein ſo tiefes Intereſſe, daß ich ſie noch heute, trotz alle dem, was ſeit jener Zeit geſchehen, nicht ohne innere Bewegung durchleſen kann. In all' ſei⸗ nen Briefen ſprach Cornelius natürlich, von ſeiner Kunſt und ſeinen Ausſichten. Er war entzückt von Rom und voll glühender Hoffnung; aber er hielt es nicht für der Mühe werth, etwas vor ſeiner Heimkehr nach Hauſe zu ſchicken. Er hielt es für weit beſſer, damit zu war⸗ ten und das Publikum dann im Sturm zu nehmen. Miß O Meilly dachte auch ſo und wir erwarteten dem⸗ gemäß ihren Bruder im Frühling des zweiten Jahres nach ſeinem Weggang. Ein etwas räthſelhafter Brief, in welchem er ſeinen lebhaften Wunſch ausdräückte, uns beide wieder zu ſehen, bekräftigte dieſe Erwartung. „Verlaß Dich darauf, Daiſy,“ ſagte Miß O Reilly zu mir,„er will uns, wie das Publikum überraſchen.“ Der bloße Gedanke benahm mir den Athem. „O Kate!“ rief ich und legte meine Arbeit nieder, „wenn er jetzt in das Zimmer träte, was würde ich thun?“ 3 „Wie kann ich das wiſſen,“ verſetzte Kate und ſah von ihrem Briefe auf,„Du ſiehſt ſo aus, daß man Dir Alles zutrauen könnte. Geh, Kind, mache einen Spazier⸗ gang und kühle Dich in der friſchen Seeluft ab. Wir ſind im März und ich erwarte ihn in vierzehn Tag8en 7 oder drei Wochen. Geh' aus, ſage ich Dir; er ſoll Dich friſch und geſund finden.“ „Du glaubſt doch nicht, er werde kommen, während ich fort bin, Kate?“ „Was Du doch fabelſt! nein; ich ſage Dir, ich er⸗ warte ihn nicht unter drei Wochen.“ Ich ſeufzte: drei Wochen ſchienen mir ein Jahrhundert, und trotz ihrer Verſicherungen hatte ich eine bange Be⸗ fürchtung, Cornelius werde kommen, während ich fort ſei; ich folgte ihr jedoch und ging aus. Ich wollte William Murray ſehen und ihm die erfreuliche Nachricht mittheilen; ich ſetzte deßhalb den Hut auf, warf den Mantel um und eilte nach der Küſte hinab. Es war ein milder Nachmittag; der Himmel war klar, die Erde ſtill, die Felſen ſtiegen grau und einſam empor; die flache Bucht war noch naß von der zurückgehenden Fluth, die manchen ſeichten Pfuhl zurückgelaſſen; die weite See lag ſtill und ruhig da, und über Himmel, Erde, Klip⸗ pen, Bucht und See goß die untergehende Sonne eine blaſſe goldene Gluth. Ich ging ſchnell und ſah mich nach William um, den ich endlich auf mich zukommen ſah. Und dies erinnert mich, daß ich eigentlich zu er⸗ wähnen vergeſſen, wie ich meine Bekanntſchaft mit ihm nach ſo langer Unterbrechung erneuert hatte. Wir waren nicht in der allerbeſten Freundſchaft ge⸗ ſchieden. Er hatte mich einen kleinen mürriſchen Affen genannt, und wenn ich ihm auch nichts darauf erwiedert, ſo habe ich ihn doch damals und ſpäter für einen jungen Bären gehalten. Als ich ihn kurz nach unſerem Einzug in Leigh im Hauſe ſeiner Tante begegnete, ſtand William, der beinahe zwei Jahre älter als ich war, in der höchſten Blüthe der ſogenannten Flegeljahre. Er hatte es noch nicht ganz verwunden, daß man ihn der Weiberherrſchaft übergeben, wie er das Regiment ſeiner ſanften Tante nannte, und rächte ſein beleidigtes männliches Ehrgefühl an ihren weiblichen Bekannten. Als er uns in das 8 8 Zimmer treten ſah, wo Miß Murray in ihrem gewöhn⸗ lichen Schattenzuſtande ſaß, ſteckte ihr liebenswürdiger Neffe die Hände in die Hoſentaſchen und begann aus allen Kräften zu pfeifen. Miß O Reilly nahm keine Notiz davon, im Verlaufe des Geſpräches ſagte ſie je⸗ doch zu Miß Murray: „Was für ein hübſcher Junge Ihr Neffe iſt, Madame!“ 3 „Ach, wenn er nunr auch ein guter Junge wäre!“ ſeufzte Miß Murray. „William war damals ſiebenzehn: aber er ſah wie vierzehn aus; Kate's Bemerkung war deßhalb in doppelter Beziehung beleidigend. Ich weiß nicht, geſchah es, um ſeinen Groll an den Tag zu legen, daß er beim Thee mit ſeinen Füßen ſo ſtark unter dem Tiſch herumſcharrte und ſtieß, daß ſeine Tante ihre Taſſe niederſetzte und feierlich fragte:„Ob er ihr das Herz brechen wolle, wie er ihre Möbel ruinire und die Schienbeine ihrer Gäſte gefährde?“ auf welche delikate Frage er keine andere Ant⸗ wort gab, als daß er über die Theetaſſe herüberſchielte, und am Schluſſe ſarkaſtiſch verſicherte:„Thee ſei das ſchlechteſte Weibergetränk, das er je gekoſtet.“ „Milch und Waſſer iſt allerdings geſünder für Kin⸗ der,“ ſagte Kate boshaft. William wurde dunkelroth, durchbohrte ſie mit einem Blick und verließ das Zimmer, indem er die Thüre hinter ſich zuſchlug. Miß Murray nahm ihr Taſchentuch, und machte ein jämmerliches Geſicht. „Ich frage Sie, Madame,„iſt meine Lage nicht ſchrecklich, bejſammernswerth! Dieſer Junge, Madame, iſt das Unglück meines Lebens; zweimal iſt er mir da⸗ von gelaufen und mußte wieder eingefangen werden, wo⸗ bei er jedesmal den heftigſten Widerſtand leiſtete.“. „Es iſt noch ein Knabe,“ ſagte Kate beſchwichtigend, ver wird aus alle dem hinauswachſen.“ * 9 Miß Murray wollte ſich aber aus einem ganz an⸗ dern Grunde nicht tröſten laſſen und klagte, ſo lange die Ferien dauerten. Kate änderte jedoch ihre Anſicht, als ſie am folgenden Morgen entdeckte, wie ihr hellgraues Seidenkleid von Williams Schuhen tractirt worden. Sie nannte ihn einen kleinen Schuft und konnte in ihrer Entrüſtung gar nicht begreifen, was ſeine Tante ver⸗ mocht, ihn zu verfolgen und zurückzuholen, während er ihr doch das bequemſte Mittel an die Hand gegeben, ſich ſeiner ganz zu entledigen. Ich ſtimmte mit dieſer Anſicht vollkommen überein und ſah William als eine Art jungen Wilden an. So viel ich ſehen konnte, beläſtigte der angenehme Jüngling ſeine Tante nicht ſehr mit ſeiner Geſellſchaft. Ich ging ſelten oder nie an die Sandbank hinunter, ohne ihm mit ſeinem Hunde„Daſh“ zu begegnen, einem zottigen Geſchöpf, das ſo rauh ausſah, wie ſein Herr, der mit ſtolzer Gleichgültigkeit pfeifend an mir vorüber⸗ ging. Ich hatte ſſe ſo eines Tages begegnet, den Jun⸗ gen die Felſen hinaufkletternd, und den Hund vor üom 3 hereilend, und dann und wann ſich umwendend, um ſei⸗ nen Herrn luſtig anzubellen; als ſie jedoch heimkehrten, ſah ich ſie unter ſehr veränderten Umſtänden wieder. William ſaß auf einem Felſen am Fuße der Klippe, die Ellbogen auf den Knieen, den Kopf in der Hand und Daſh todt zu ſeinen Füßen. Er war von oben herab⸗ geſtürzt und ſogleich todt geweſen; ſein junger Herr blickte ihn ſchweigend an und wiſchte, als ich näher kam, eine verſtohlene Thräne aus dem Auge. Ich blieb ſtehen und vermochte es nicht, vorüberzugehen, ohne ein Wort des Mitleids oder des Troſtes ausgeſprochen zu haben; da ich jedoch nicht wußte, wie ich es anbringen ſollte, knieete ich in den Sand und ſagte, indem ich den ar⸗ mem todten Hund liebkoſte: „Es war wirklich ein recht gutes Thier.“ 10 „Es gab kein beſſeres,“ verſetzte William mit halb⸗ erſticktem Tone. „Er ſchien ſehr geſchickt.“ „Ich konnte alles mit ihm machen. Er wäre auf einen Blick von mir in die empörte See geſprungen, und wenn ich nur„Daſh!“ ſagte, ſah er mir ins Ge⸗ ſicht, ſpitzte die Ohren und war meines Winkes gewär⸗ tig. Armer alter Daſh! er wird nicht mehr auf den Wink ſeines Herrn lauſchen.“ Und er beugte ſich zu ihm herab, um ſeine Thränen zu verbergen. 3 „War er alt?“ fragte ich. 4 „Gerade fünf: das ſchöne Alter; mit vier ſind ſie zu jung, und mit ſechs werden ſie mündig: fünf iſt das rechte Alter für einen Hund. Deßhalb war er auch ſo ſchön; ſieh, was er für ein Fell hat, was für eine breite Bruſt und ein prächtiges Gebell! Ich wollte mit Jedermann wetten, man hörte das Gebell dieſes Hundes meilenweit an der Küſte; das heißt, man hätte es hören können, denn Daſhs Gebell iſt nun verklungen.“ So beweinte der arme William ſeinen verlorenen Liebling und gedachte ſeiner Tugenden und Künſte, als ich ſagte: „Vermuthlich wirſt Du ihn in Miß Murrays Gar⸗ ten begraben?“ „Nein, das werde ich nicht,“ erwiederte er unge⸗ halten;„er ſoll begraben werden, wo er fiel, wie man Soldaten nach der Schlacht begräbt.“ Mit dieſen Worten zog er ſein Meſſer heraus und begann ein tiefes und enges Grab an der ſeebeſpülten Klippe zu graben; dann breitete er behutſam ſein Ta⸗ ſchentuch darin aus und ſagte: „Abby wird das ganze Haus darnach durchſuchen.“ Dann nahm er Daſh, liebkoſte ihn zum letzten Male, legte ihn ſanft in ſein Grab, bedeckte ihn mit Sand — 11 und Erde und bezeichnete den Ort mit einem Felſenſtück, auf das er Tag und Jahr einſchrieb.. „Willſt Du nicht auch ſeinen Namen beiſetzen?“ fragte ich.— „Nein. Daſh gehorchte nur mir; ſein Name hat für nifnnden eine Bedeutung und ich brauche ihn nicht zu wiſſen.“ 1 Wir gingen. Als ein vorſpringender Fels uns die Ausſicht auf den Ort des Begräbniſſes entzog, wandte ſich William um, warf ihm einen letzten Blick zu, ſah mich dann ſinnend an und ſagte: „Ich hatte ihn von Jugend auf und lehrte ihn all' ſeine Kunſtſtücke.“ Von dieſem Tage an waren William und ich Freunde. Wir trafen uns Anfangs, um von Daſh, ſpäter von andern Dingen zu ſprechen, denn ſelbſt der beſte Hund muß erwarten, daß er vergeſſen wird. William vergab mir edelmüthig mein Geſchiecht und vertraute mir ſeinen Kummer an. Seine Tante, ſchien es, wollte ihn freund⸗ licher Weiſe der Kirche zum Geſchenke machen, aber William gelobte feierlich, keine Macht der Erde ſollte ihn vermögen, Pfaffe zu werden und erklärte ſich durch⸗ aus für die See und die Stelle eines Midſhipman, wo⸗ gegen ſeine Tante, deren Ideen vom Seeleben in Grog und Zwieback aufgingen, einen ebenſo feierlichen Proteſt einlegte. Da wir Miß Murray ſelten beſuchten und ſie nie zu uns kam, ſo ſah ich William nur, wenn ich ihn aus⸗ wärts traf, und das geſchah oft, denn wir liebten dieſel⸗ e 6 ben einſamen Gegenden und wilden Scenen. Schieden wir, ſo theilten wir uns mit, welchen Ort wir morgen beſuchen wollten und William wußte ebenſowenig, daß er mich um ein Stelldichein gebeten, als ich, daß ich ihm eines zugeſagt. Wir folgten der zurücktretenden Fluth, um Muſcheln und Seegräſer zu ſammeln oder eilten Hand in Hand über die Sandbank hin und lachten, weil ₰ 12 der ſcharfe Wind unſern Athem wegblies und die Wellen unſre Füße beſpülten und uns mit Schaum bedeckten. Wir klommen zuſammen die ſteilſten Felſenriffe hinauf aus reiner Luſt an der Gefahr, und riskirten zehnmal für einmal beim Herabſpringen den Hals zu brechen. Wenn wir müde waren, ſetzten wir uns auf einen der Felſen und William zog aus ſeiner Taſche„die Gefahren des Oceans“, um mich durch unheimliche Geſchichten von untergegangenen oder ſchiffbrüchigen Seeleuten wieder muthlos zu machen. Die Freundſchaft macht in der Ju⸗ gend raſche Fortſchritte und am Ende von Williams Ferien waren wir ſo frei und ungezwungen, als ob wir ſeit Jahren mit einander umgegangen. Ich hatte Miß O' Reilly von Daſh's Tod und Be⸗ gräbniß erzählt und ſie zu der Ueberzengung zu bringen geſucht, daß William Murray nicht ſo verdorben ſei, als er uns bei der erſten Begegnung erſchienen; aber ſie unterbrach mich und ſagte: „Poſſen, Kind, der Junge mag den Hund geliebt haben: aber was iſt damit bewieſen?“ Später, als ich ihr den Kummer meines Freundes mit⸗ theilte, behandelte ſie ihn in derſelben wegwerfenden Weiſe: „Pah! pah!“ ſagte ſie,„glaubt denn der kleine Junge, er wiſſe, was ihm gut ſei? Ein Midſhipman? wo ihn der erſte Windſtoß vom Deck ſchleuderte. Er paßt beſſer hinter die Kanzel, wenigſtens was ſeine phyſiſche Beſchaffenheit betrifft: was er für einen Geiſt⸗ lichen abgibt, iſt freilich mehr, als ich ſagen kann. Ich fühlte mich durch ihren Ton und ihr Weſen zu ſehr gekränkt, als daß ich den Gegenſtand hätte wieder aufnehmen mögen. Doch gewann ich in Folge des Wi⸗ derſpruchsgeiſts meiner Jahre William nur um ſo lieber, je mehr er verfolgt wurde. Die Abneigung, die Kate für meinen Freund gefaßt, hatte unglückliche Folgen, denn ohne gerade eine Verheimlichung zu beabſichtigen, — 13 vermied ich es doch, ſeinen Namen vor ihr auszuſprechen; deßbalb erfuhr ſie auch nichts oder wenig von einer Freundſchaft, der ſie ſich, wie ich zu glauben Grund habe, aus vielerlei Rückſicht widerſetzt und für welche ihre Einſprache zunächſt ein ſtörendes Hinderniß geweſen. Trotz des Spottes mit welchem Miß O'Reilly Ab⸗ ſichten auf die Marine behandelte, beſiegte William Murray die Einwände ſeiner Tante und begab ſich im Verlauf des nächſten Frühjahrs auf die Reiſe. Er blieb ein Jahr fort und kam ungefähr eine Woche früher zurück, als wir den Brief erhielten, der uns Cornelius Rückkehr erwarteu ließ. Unſere Freude beim Wiederſehen war groß; die Trennung hatte unſere Freundſchaft nicht er⸗ kalten laſſen; kein Tag verging, ohne daß wir uns auf den Sandbänken ſahen und große Spaziergänge an der Küſte miteinander machten. Ich dachte nichts dabei, bis Miß O Reilly zu mir ſagte: „William Murray iſt zurück.“ „Ja, ich weiß,“ verſetzte ich und fühlte, daß ich roth wurde. „Und wie weißt Du das?“ fragte ſie, indem ſie mir einen aufmerkſamen Blick zuwarf. „Ich begegnete ihm auf der Sandbank.“ Sie fragte nicht, warum ich ihr nicht früher ſchon davon erzählt, ſondern ſagte ruhig: „Der Junge iſt ſehr groß geworden.“ Das Wort„Junge“ nahm mir eine Laſt vom Her⸗ zen. Da William nur ein Junge war, ſo konnte das häufige Zuſammenſein mit ihm nichts Unſchickliches ha⸗ ben, und es war kein dringender Grund vorhanden, Miß OReilly die Sache mitzutheilen. Als ich daher, um meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, mich zu einem Spaziergang anſchickte, ſagte ich ihr nicht, daß einer meiner Beweggründe, ihr Folge zu leiſten, der Wunſch ſei, William Murray die Zeitung mitzutheilen. 14 Als ich ihn mir näher kommen ſah, eilte ich ihm ent⸗ egen. Ba„O William!“ rief ich voll Freude,„ich bin ſo vergnügt, ſo glücklich!“ „So iſt Mr. OReilly zurück?“ ſagte er und blieb ſtehen, um mich anzuſehen. „Nein, aber er kommt bald, ſehr bald. Iſt das nicht herrlich?“ 3 3„Allerdings,“ erwiederte er herzlich,„erzähle mir Alles, was Du weißt, Daiſy?“ Wir ſetzten uns auf einen Felſenvorſprung, der die Ausſicht auf das Meer hatte, und ich ſagte ihm Alles, was zu ſagen war. Er hörte mich mit ſeinem freundlich lächelnden Geſichte an, das er mir, während er aufmerkſam daſaß, beſtändig zugewandt hatte. William war damals zwiſchen achtzehn und neunzehn Jahren. Er war ſchlank von Wuchs, aber über Mittelgröße und in ſeiner Hal⸗ tung lag etwas Feuriges und Lebendiges. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe, die früher etwas zu zart geweſen, war jetzt durch die Sonne, der er beſtändig ausgeſetzt, gebräunt und trotz ſeines hellen Haares und der blauen Augen ſah er doch ziemlich männlich aus; die Kleidung des Midſhipman ſtand ihm ſehr gut und das Bewußtſein, ein thätiges Leben begonnen zu haben, hatte ſein Be⸗ nehmen von der unliebenswürdigen Steifheit befreit. Dieſe Veränderung hatte ich bemerkt, eine andere kannte ich nicht; William war für mich, was er ſeit unſerm erſten Zuſammenſein geweſen— offen, treuherzig und knabenhaft freundlich. Ich hatte oft mit ihm von Cor⸗ nelius geſprochen und ſchloß jetzt meine kurze Erzählung mit der Bemerkung: „O William, ich bin ſo glücklich, daß ich kaum weiß, was ich beginnen ſoll.“ Er ſah mich ſchweigend an, begann mit dem dünnen Stab, den er in der Hand hielt, Figuren in den Sand zu zeichnen, ſah dann plötzlich auf und ſagte ſehr ernſt: 4 b —— 1⁵ „Er iſt ganz wie ein Vater gegen Dich, Daiſy.“ „Mehr, als ein Vater,“ verſetzte ich feurig,„denn ein Vater muß für ſein Kind thun, was Cornelius aus freiem Willen für mich that. Und dann war er ſo freundlich gegen mich, gab mir immer neues Spielzeug, Bücher, oder was mir gefiel.“ „Und Du warſt ganz wie eine Tochter gegen ihn.“ „Ich war es und bin es. Sieh, hier iſt ſein letzter Brief, der mit„liebes Kind“ beginnt und„dein alter Freund Cornelius“ unterzeichnet iſt. Aber ich habe einen andern von ihm, in welchem er mich ſeine„theure Adop⸗ tivtochter“ nennt. Ich bin ſtolz darauf, denn er wird ein berühmter Mann werden, und das iſt eine Chre.“ William zeichnete wieder Figuren in den Sand, antwortete jedoch nicht. „Nun,“ ſagte ich und beugte mich herab, um ihn anzuſehen,„und was denkſt Du davon?“ „Daß ich gerne haben würde, wenn Du ſtolz da⸗ rauf wäreſt, meine Freundin zu ſein,“ antwortete er mit ernſtem Blicke. „Ich bin ſtolz darauf und Dein Wunſch iſt erfüllt.“ „Ja, aber ich möchte, Du hätteſt Grund dazu und ich könnte etwas thun, Daiſy, was Dir gefällt. Ich wünſchte das!“ „Ich wünſchte es auch,“ antwortete ich lachend, „denn Du würdeſt ihn dann ſogleich zurückbringen.“ „Das würde ich: erſtens weil Dein Herz an dem Gedanken hängt, und dann, weil ich Mr. O Reilly kennen möchte. Ich liebe ihn um Deinetwillen, auch iſt er nach allem, was Du mir ſagſt, ein ſehr guter Menſch.“ Ich mußte meine Hand auf Williams Arm legen und ſagte ernſt: „Ja, William, er iſt ein guter Menſch und wenn Du ihn ſiehſt und kennen lernſt, ſo wirſt Du finden, daß Du Dich nicht getäuſcht, obgleich gut nicht das Wort 16 iſt, das die meiſten Leute von Cornelius OReilly ge⸗ brauchen würden. William nahm dies als ein Compliment für ſeinen Scharfblick und fühlte ſich geſchmeichelt. Die Sonne war untergegangen, der graue Abend hereingebrochen, wir erhoben uns, gingen miteinander den ſtillen Strand entlang, ſprachen von Cornelius und verabredeten Pläne zu amüſanten Excurſionen, die wir an der Küſte und in den Thälern nach ſeiner Rückkehr machen wollten. Aber zu unſerem gegenſeitigen Bedauern ging Williams Urlaub zu Ende und die Akademie wurde eröffnet, ohne daß Cornelius uns und das Publikum überraſcht hätte. In ihrem Aerger darüber erklärte Miß O'Reilly, es ließe ſich über dies ſeltſame Benehmen nur eine Vermuthung aufſtellen:„Cornelius habe ſich feſſeln laſſen.“ „Wie ſo, Kate?“ fragte ich. „Nun, er iſt entweder ſchon verheirathet, oder wird eine Italienerin heirathen; das iſt's.“ „Glaubſt Du das wirklich?“ fragte ich ruhig. „Ei der Tauſend! wie ſie das ruhig aufnimmt!“ rief Kate halb ärgerlich. „Ich habe kein Recht, es anders aufzunehmen, Kate; vorausgeſetzt auch, Cornelius kehrt zurück, was hat das zu bedeuten?“ „Was es zu bedeuten hat! Geſetzt er war die ganze Zeit ſchon verheirathet und hat Familie?“ „Ich glaube nicht, daß Cornelius heirathen würde, als ob er ſich vor ſich ſelbſt ſchämte,“ verſetzte ich unge⸗ halten;„und wie kann er auch ſchon Familie haben? und ſelbſt wenn er hätte—“ „Unſinn, Kind!“ unterbrach mich Kate ungeduldig, „ich ſpreche davon nicht, wie von einer Thatſache und Du zerlegſt jedes flüchtig geäußerte Wort, als ſollte ich vor Richter und Geſchworenen Rechenſchaft geben!“ „Nun Kate, aber was ich ſagen wollte, iſt— wenn 17 Cornelius Frau und Kinder hat— was iſt daran, ſobald er nun nicht in Italien bleiben will?“ Miß O Reilly war ganz anderer Anſicht, und da ſie geneigt ſchien, mich zu ärgern, weil ich ihr nicht Recht gab, ließ ich den Gegenſtand fallen und ſchlug einen Spaziergang vor. Sie ſagte, daß ſie mit dieſer Aus⸗ ſicht auf eine italieniſche Schwägerin gar nicht in der Stimmung ſei, einen Spaziergang zu machen; da mich die Sache jedoch ganz und gar nicht berühre. ſo habe ich Recht, wenn ich ſie mir nicht zu Herzen nähme. Ich antwortete nicht. Ich wollte ihren Verdruß nicht da⸗ durch noch mehren, daß ich ſie merken ließ, wie ſehr mich die verlängerte Abweſenheit von Cornelius ſchmerzte. Dieſer Gedanke hielt mich über die gewöhnliche Stunde in meinem Bette wach; endlich ſchlief ich ein. Plötzlich fuhr ich aus dem Schlafe auf, ich wußte ſelbſt nicht weßhalb; ich glaubte, ich hörte etwas im Traume, was es jedoch war, konnte ich nicht ſagen. Ich ſetzte mich auf und horchte; ja, drunten im Wohnzimmer hörte ich Stimmen. Ich ſtand auf und öffnete leiſe meine Thüre. Eine der Stimmen war die von Kate; die andere, die ich ſeit zwei Jahren nicht gehört, aber nicht vergeſſen— war die ſo wohl bekannie und theure ihres Bruders. Ich ließ mir nicht mal zur Freude Zeit, kleidete mich raſch an und ſchlich hinunter. Die Wohn⸗ zimmerthüre ſtand offen; ich ſah hinein; er ſaß bei Kate, beugte ſich über ſie herab und hielt ſie mit einer Zärtlichkeit umfangen, die zu theilen ſie mich aus einer kleinen Eiferſucht nicht herabgerufen. Er ſaß mit dem Rücken mir zugewandt und ſah mich nicht; auf dem Boden lag ein Teppich, mein Schritt war ſehr leicht; ich ſtand an ſeiner Seite, ehe er wußte, daß ich da war. Ich wollte ſprechen: aber die Worte er⸗ ſtarben mir auf den Lippen. Ich blieb ſtehen, ſtumm, Daiſy Burns. II. 2 bewegungslos, und vom Kopf bis zu den Füßen zit⸗ ternd. „Daiſy!“ rief er und ſprang auf. Seine Arme hielten mich umſchlungen; ich lag an ſeinem Herzen. „Nun!“ ſagte er,„wie iſt Dir? Du gibſt mir nicht mal einen Kuß? Bin ich Dir ſo fremd gewor⸗ den 2“ Ich antwortete nicht; ein ſeltſames Gefühl überkam mich;„ein Nebel ſiel auf meine Augen; das Zim⸗ mer ſchien, mit Allem, was vor meinem Blicke ſtand, zu ſchwimmen und verſchwand dann in tiefe Dunkelheit. Ioh hatte zum erſten Male in meinem Leben eine Ohn⸗ macht. 4 Als ich mich erholte, lag ich auf dem Sopha. Cornelius beugte ſich über mich herab und half ſeiner Schweſter, die mit einer großen Flaſche bewaffnet war, mein Geſicht und meine Hände mit Eſſig zu reiben. „Ich bin ſo froh,“ rief ich und ſprang auf. „Nun ſo lebt ſie doch wieder,“ rief O Reilly. „Ich freue mich,“ fuhr ich heiter fort,„ich dachte, ich hätte nur geträumt.“ Ich ſetzte mich, ſchlang meine Arme um Cornelius, und küßte ihn, während meine Thränen in Strömen floßen. Er ſetzte ſich neben mich und fragte mich ängſt⸗ lich, wie ich mich fühle. „Ganz gut,“ antwortete ich und lachte in der Freude meines Herzens. „Ja, ja!“ ſagte Kate und lächelte,„wir können die Flaſche wieder zumachen; nicht wahr, Daiſy 24 „Biſt Du auch wirklich ganz wohl?“ drängte Cor⸗ nelius;„Du hatteſt eine Ohnmacht.“ „Wirklich?“ Ich hatte die Bemerkung kaum be⸗ achtet. Neben ihm ſitzend, meinen Arm in dem ſeinen 4 ſeine Hand in der meinen, ſah ich ihn lebhaft an un 19 freute mich mit ganzer Seele des Gedankens ſeiner theu⸗ ren Gegenwart. Er fragte mich, ob mir das Zimmer naicht zu eng ſei, ob ich nicht Luft ſchöpfen wolle; aber ich konnte ihm keine Antwort geben, ſo glücklich war ich, ſeine Stimme wieder zu hören. „Laß ſie gehen,“ ſagte Kate heiter,„ſie hat ſich wieder erholt und war nur in Ohnmacht gefallen, weil ſie ſich freute, Dich wieder zu ſehen, und nun iſt ſie haus demſelben Grunde wieder friſch und munter. „Allles, was ſie verlangt, iſt, Dir in's Geſicht ſehen zu diuürfen.„ — Er wandte es mir zu: es war ſo freundlich und ſchön, als je, nicht im Geringſten verändert. Ich konnte meine Augen nicht von ihm losreißen und in der Freude meines Herzens rief ich: „O Kate, Kate, ich bin zu glücklich, nicht wahr?“ 1„Du ſiehſt, das arme Kind iſt ſo toll, als je,“ ſagte Kate. „Ich hoffe, ſie iſt ein gutes Mädchen in meiner Abweſenheit geworden,“ bemerkte er, ziemlich ernſt. 1„Natürlich.“ „Hat fleißig gelernt!“ „Was ſchwatzeſt Du?“ rief Kate,„glaubſt Du, ſie 8. ein kleines Kind? Findeſt Du ſie nicht verän⸗ 3 er 2 „O ja, ſie iſt gewachſen.“ „Gewachſen, gewachſen!“ ſagte ſeine Schweſter un⸗ geduldig.„Natürlich! Meinſt Du nicht, daß ſie ſich ſonſt zu ihrem Vortheil verändert?“ „Sie ſcheint ſtärker.“ Miß O Reilly war in ihrer Erwartung getänſcht. Cornelius fragte mich nach meinen Studien; ich ant⸗ wortete zu ſeiner Zufriedenheit; er ſtrich mir über das Haar und nannte mich ein gutes Kind. Es iſt lächerlich, daß Du dabei beharrſt, Daiſy ein Kind zu heißen,“ ſagte Miß O Reilly trocken. „Nun, bin ich nicht ſein Kind?“ fragte ich. „Unſinn!“ verſetzte ſie und ſah gereizt aus. „Ich bin wirklich ſeine Adoptivtochter!“ ſagte ich lebhaft. „Ich habe noch nie gehört, daß ein Mann von ſechsundzwanzig Jahren eine Adoptivtochter von beinahe ſiebenzehn habe,“ lautete ihre ironiſche Antwort. Cornelius lächelte; ich vertheidigte jedoch unſre Ver⸗ wandtſchaft auf's Eifrigſte. „Ich freue mich, daß er ſo jung iſt,“ ſagte ich; „die meiſten Kinder haben alte Väter; der meine iſt nicht alt; er wird um ſo länger leben.“ 4 Cornelius lachte; ſeine Schweſter ſagte„Pſt!“ und Jane, welche das Geſchirr hereinbrachte, machte dem Ge⸗ ſpräche ein Ende. Unſere Unterredung war allerdings ſehr nichtiger Art. Obwohl Cornelius behauptete, er ſei nicht im Mindeſten müde, da er in London ausgeruht, ehe er zu uns gekommen, wollte Kate doch nichts davon hören, daß wir aufblieben. Sie hieß mich gehen, als ich gerade von ſeiner Malerei begonnen. Um mich zu tröſten, vertraute ſie mir, als wir die Treppen hinauf⸗ ſtiegen, an, daß eine große hölzerne Kiſte ſein Bild ent⸗ hielte und fügte mit einem bezeichneten Blicke hinzu:; „Er hat ſich doch nicht verſtrickt.“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Wir waren auf Cornelius' plötzliche Rückkehr nicht vorbereitet; ſein Zimmer war weder gelüftet noch in Bereitſchaft geſetzt; Miß O Reilly räumte ihm deßhalb 21 ihr Gemach ein und ſchlief bei mir. Sie beklagte ſich über meine Unruhe; ſie mochte wohl Grund haben! Auf dem Meere der Freude hin⸗ und hergeworfen, ſchlief ich kaum auf Augenblicke ein. Ich erwachte früh⸗ zeitig und ſtand auf. Der Morgen war hell und heiter und mein kleines Zimmer von Sonnenſchein übergoſſen. „Daiſy,“ ſagte Kate in dem Tone des Vorwurfs, „Du brauchſt keine ſolche Eile zu haben: er iſt noch nicht wach.“ Ich öffnete das Fenſter, während ſie ſprach. Ich zog mich raſch zurück, denn es ging auf den Garten hin⸗ aus: ich war nur halb angekleidet und obgleich ich Nie⸗ mand ſah, brachte mir die friſche Luft den Duft einer Cigarre. Mein Herz klopfte vor Freude und eine Stimme in mir ſchien zu ſagen:„Ja, ja, er iſt zurück.“ „Nicht wach!“ rief ich lant,„nein, er iſt bereits im Garten. O Kate, hilf mir mein Kleid zuheften.“ „Nicht das dunkle, alltäglich graue Kleid!“ ſagte Miß O Reilly in entſchiedenem Tone,„er haßt dunkle Farben.“ Sie ging an meinen Schrank und nahm ein hell⸗ blaues Muſſelinkleid. „Aber das hat kurze Aermel,“ ſagte ich, etwas unruhig,„es ſieht ſo geputzt aus.“ „Sprich nicht von kurzen Aermeln oder geputztem Ausſehen,— Die Hauptſache iſt, ihn nicht mit einer häß⸗ lichen Farbe zu quälen, die er nicht mag.“ „Ich gab gegen meinen Wunſch und meine Anſicht nach; theils um ſie zu beruhigen und noch mehr, um keine Zeit zu verlieren. Ich gewann nichts durch meine Bereitwilligkeit. Miß O Reilly kleidete mich, wie ſie mich nie zuvor gekleidet hatte und brachte mit ungewöhnlicher Gereiztheit bald Verbeſſerungen in Vorſchlag, bald ver⸗ warf ſie wieder Alles, was ſie angeordnet. Bald meinte ſie, eine ſchneeweiße Chemiſette wuͤrde ſehr hübſch ſtehen, 22 bald glaubte ſie, mein Haar ſollte geflochten, ſtatt bloß aufgebunden zu ſein, es würde weit beſſer ausſehen—“ Ich ſagte endlich ungeduldig: 3 „O Kate, wenn Du mich nur gehen ließeſt! Was wird ſich Cornelius um all' das kümmern?“ „Aber ich kümmere mich darum,“ verſetzte Miß OReilly.„Ich glaubte, Cornelius würde Dich weit beſſer ausſehend finden, aber alles, was er bemerkte, war, daß Du größer geworden!“ „Weil es auch Alles iſt!“ ſagte ich lachend. „Das iſt nicht wahr. Aber geſtern Abend ſahſt Du blaß und unordentlich aus und hatteſt überdies das graue häßliche Kleid an; aber jetzt, Midge, laß mich Dir ſa⸗ gen, jetzt ſiehſt Du ganz anders aus.“ 3 Sie hielt mich etwas von ſich ab und ſah mich mit zufriedenem Lächeln an. 3 „So,“ ſagte ſie und ließ meine Hand ſinken,„jetzt kaunſt Du gehen.“ Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen und eilte die Trep⸗ pen und den Sandweg hinab, der zu den Fichten führte. Der Duft der Cigarre hatte mich nicht getäuſcht: Cornelius lehnte an dem Stamm der letzten Fichte, ſah über die friſch glänzende See hin, die ſich unter ihm ausbreitete und ſich bis zum weißen Saum des Horizontes hinzog, über welchem ſich der herrlich blaue Himmel wölbte. Er wandte ſich um, als ich ganz athemlos auf ihn zukam und begrüßte mich mit einem Lächeln. Ich ſtand neben ihm und betrachtete ihn mit den entzückten Augen, mit welchen wir die anſeben, die wir lieben. Er legte ſeine Hand auf meine Schulter, und ſah mich gleichfalls Aufangs ſchweigend an— dann ſagte er plötzlich: 4 „Wie hübſch Du ansſiehſt!“ Er beugte ſich herab⸗ und küßte mich auf die Stirne. Mein Herz klopfte ein wenig: ich war glücklich unn heiter. Es ging nichts in mir vor, was nicht in jedem Mädchen von fünfzehn bis zwanzig Jahren vorgeht; aber 4 23 das iſt eben das goldne Zeitalter des Weibes, wenn die jugendliche Anmuth der Umriſſe den Beſchauer ihre Un⸗ regelmäßigkeit vergeſſen macht und er bei der Betrachtung der friſchen klaren Wangen nicht fragt, ob ſie dunkel oder hell ſind— wenn er von einem Weſen bezaubert wird, das noch nicht zu lauge auf Erden weilt und er dem jüngſt angekommenen Gaſte ein Willkommen zuzu⸗ rufen ſich gedrungen fühlt. Nach unſrer erſten Begrüßung, ſetzten wir uns auf eine hölzerne Bank. Der Wind kam von Weſten. Er blies uns friſch ins Geſichte und bewegte die Fichten mit ihren rauſchenden Zweigen über uns, durch welche die ſchiefen Strahlen der Sonne warm und angenehm herein⸗ fielen. Unſer Blick ruhte auf einem Einſchnitt des Stran⸗ des, der von glänzenden Nebeln halb verſchleiert war; auf der See, die ſo heiter ausſah und gerade in ihrer Ruhe ſo lebendig und frei erſchien. Unſer Ohr begrüßte das leiſe Rauſchen der Wellen am Ufer unten, das Mur⸗ meln eines Lüftchens, das zwiſchen den niedern Hügeln erſtarb und indem wir einander lächelnd anblickten, ſagten wir beide, was für ein herrlicher Morgen das ſei. Ich ſchlang meinen Arm in den von Cornelius, legte meine beiden Hände darüber, ſah ihm ins Geſicht und begann mit einer Menge von Fragen. „Erzähle mir nun ausführlich von Deinen Bildern und Deinem Malen.“ Eine leichte Wolke überflog ſeine Stirne als er ant⸗ wortete: „Sprich mir jetzt nicht von meinen Bildern, Daiſy.“ „Gut,“ ſagte ich, obwohl etwas in meinen Erwar⸗ tungen getäuſcht,„erzähle mir Alles von Italien.“ „Alles— das iſt eine beſcheidene Bitte!“ „Nun denn, ſo erzähle mir Einiges. Sind die Ita⸗ lienerinnen ſo hübſch?“ „Einige, andere wieder nicht.“ Sein Ton und ſein Benehmen zeugte von Zerſtreuung. Schultern hinab; er ſah mich bewundernd mit einem 24 Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er mich von Kopf bis zu Fuß betrachtete. „Was weiter?“ fragte ich etwas ungeduldig. „Was weiter?“ wiederholte er und ſah mich an. „Ja, was weiter?“ er Nichts ſonſt, als daß ich jetzt an etwas Anderes denke.“ 3 „Ich wußte, Du würdeſt es bemerken,“ rief ich und fühlte, daß ich erröthete:„ich ſagte es Kate.“ „Wirklich?“ „Ja; es war ihr Wille, nicht der meine. Sie ſagte, Du haſſeſt grau und hieß mich das blane Muſſelinkleid anziehen, obgleich es ſo heiter für den Morgen ausſieht.“ „Nun,“ ſagte Cornelius lächelnd,„blau iſt eine ſo hübſche Farbe, als grau kalt und abſtoßend für das Auge iſt. Aber offen geſagt, ich dachte nicht an Dein Kleid.“ „Nicht?“ ſagte ich etwas verlegen. „Nein,— ich dachte an die Veränderung, welche die zwei Jahre hervorgebracht und ſtaunte, daß ich das nicht geſtern Abend ſchon bemerkt. Das Mädchen von früher war ein kleines, blaſſes, kränkliches Ding, ein ar⸗ mes, winziges Gänſeblümchen, das ſchwach und verküm⸗ mert in einer Vorſtadt aufwuchs; das Mädchen, das ich jetzt vor mir ſehe, iſt ſo friſch und blühend, wie eine wilde Blume auf dem Felde. Woher hat das abgezehrte und blaſſe Geſicht die roſige helle Friſche? Wie ſchön hat ſich das blaßgelbe Haar, deſſen ich mich noch erinnere, in dieſe ſchwarzen, braunen, mit goldener Tinte über⸗ flogenen Flechten verwandelt— mein nächſtes Bild ſoll dieſe ausgezeichnete und ſeltene Farbe ſich einverleiben. Und die Augen, ſie konnte die Natur nicht verändern, ſie ließ ſie, was ſie noch ſind,— die ſchönſten, die ich je geſehen.“ Ich öffnete ſie, als ich ihn ſo reden hörte. Er 8 mir ruhig den Kamm aus; mein Haar wogte über die 2⁵ Blicke an, in welchem ſich die Liebe eines Vaters für ſein Kind und das beobachtende Auge des Künſtlers miſchte. „Ein hübſcher, kleiner Effect, der,“ fügte er hinzu, „namentlich mit Deinem erſtaunten Blicke, der an Cervan⸗ tes Dorothea erinnert.“ „Allerdings!“ ſagte Miß OReilly, die hinter uns herkam.. Sie küßte ihren Bruder und ſah mich an, als ich aufſtand, um mein Haar zurecht zu machen.„Es iſt das ihres Vaters,“ fügte ſie mit einem gedämpften Seufzer hinzu,„aber nicht ſo glänzend.“ „Warum ſchriebſt Du mir nie, daß Daiſy ſo hübſch geworden?“ fragte Cornelius, vielleicht um ſie zu zer⸗ ſtreuen. „Weil ich wußte, daß Deine Augen das ſelbſt finden würden,“ antwortete ſeine Schweſter lächelnd.„Und nun fieh das Mädchen nicht an, als ob ſie eine Schönheit ge⸗ worden; ſie iſt gewachſen und geſund, das iſt alles.“ „Iſt das nicht ſchon ſehr viel?“ „Natürlich! allein ich kam, um Dir zu ſagen, das Frühſtück wartet, nicht« um mit Dir von Daiſy's Aus⸗ ſehen zu plaudern.“ Wir gingen zum Frühſtück hinein; ich ſaß Cornelius gegenüber und konnte meine Augen kaum von ſeinem Geſichte abwenden; er mußte bisweilen lächeln, aber Miß OMeilly that, als ob ſie damit unzufrieden wäre. „Sei nicht ſo thöricht, Cornelius! Ich wünſchte, Du würdeſt Dich an das erinnern, was ich Dir ſagte, ſtatt dem albernen Kinde ſo viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Wann willſt Du denn dieſe Kiſte öffnen?“ „In einem bis zwei Tagen.“ „Poſſen! Du wirſt doch nicht glauben, ich warte ein bis zwei Tage, ehe ich das Bild zu ſehen bekomme? Nach dem Frühſtück hoffe ich.“ Sie ſetzte wie gewöhnlich ihren Kopf durch, und 26 nach dem Frühſtücke wurde die Kiſte geöffnet. Als Cor⸗ nelius die letzte Hülle wegzog, welche zwiſchen uns und ſeinem Bilde war, fühlte ich mein Herz vor Erwartung klopfen; Kate war von dem Augenblicke, da ſie es zu Geſichte bekam, lauter Staunen und Bewunderung. Das Gemälde, obgleich nicht ſehr groß, war eine wohlausge⸗ führte hiſtoriſche Scene: es ſtellte den Tod der Maria Stuart dar, mit trauernden Frauen, Rittern, Pagen, Henkern und Allem. „Wie ſchön, wie außerordentlich ſchön!“ rief Kate mit Thränen in den Augen;„welch' ein Vorwurf und wie behandelt! Aber wie ſchade, daß es nicht zeitig ge⸗ nug für die Academie kam!“. Es entſtand eine Pauſe, er bückte ſich und wiſchte etwas Staub von Maria Stuarts Geſicht, autwortete jedoch nicht. Seine Schweſter fuhr fort:— „Wer iſt der finſtere Mann im Vordergrund?“ „Der Earl von Salisbury.“ 4 „Ahl ich ſehe es ihm an, er kann kein guter Menſch ſein, es ſteht ihm im Geſicht geſchrieben. Und wer iſt das Mädchen in der Ecke?“ „Eine Zuſchauerin.“ „Dacht' ich's doch!“ rief Miß O Reilly triumphirend, „ich ſah es gleich an ihrer unbefangenen Miene. Cornelius, es iſt Alles ſo wunderbar charakteriſtiſch!“ Er antwortete nicht: er öffnete die Schnüre eines großen Portefeuilles und überblickte die Skizzen und Zeichnungen, die es enthielt. Seine Schweſter rief ihn etwas unruhig herbei:„Hatte Marie Stuart wirklich ein Sammetkleid an? Ich hoffe, daß Du keinen Miß⸗ griff gethan. Kritiker ſind wahre Harpyen, das weißt Du ja,“ fügte ſie mit einem Seufzer hinzu:„ſie würden gleich über dieſen Fehler herfallen.“ Er legte ſeine Hand auf ihre Schulter und ſah m. einem freundlichen Lächeln in ihr fragendes Geſicht. „Beruhige Dich, Kate: Marie Stuart ſtarb in 27 nem Sammetkleid, das die arme Frau für feierliche Gelegenheiten bewahrte.“ 4 Miß OReilly's Geſicht heiterte ſich wieder auf. „Das freut mich zu hören; die Nachahmung iſt voll⸗ kommen; wirklicher Sammt würde nicht mehr Tiefe und Weichheit haben. Wie viel Mühe mußte Dir das machen!“ „Ja, es machte viele Mühe.“ 4 „Aber wie leid thut es mir, daß die andern Bilder verkauft ſind!“ „Ich konnte nicht anders, ich brauchte Geld!“ „Ja, aber dabei bliebſt Du unbekannt. Wie ſchade, daß Maria Stuart nicht für die diesjährige Academie fertig wurde!“ 4 Sie ſah ihn ſo aufmerkſam an, daß er erröthete. „Cornelins,“ fuhr ſie ziemlich ernſt fort,„warum wurde es nicht für die diesjährige Academie fertig?“ Jane erſparte ihm die Mühe zu antworten, indem ſie hereinſah und ſagte, daß noch mehr Gepäck angekom⸗ men und eine Rechnung von einem Pfund zehn Schilling und eilf und einem halben Pence zu bezahlen ſei. „Ich wollte, ſie hätten es ſchon,“ ſagte Miß O Reilly ärgerlich;„es iſt wahrhaftig ſchändlich; laß mich ſie ab⸗ fertigen, Cornelius; ſieh nur nach, ob ſie Dein Gepäck nicht mit dem eines andern verwechſelt haben. Ich bin überzeugt,“ fügte ſie hinzu und erhob ihre Stimme: „Leute, welche ein Pfund zehn Schilling und eilf einen halben Pence für Fracht rechnen, ſind zu allem fähig.“ Er lächelte; ſie gingen mit einander hinaus, ſchloßen die Thüre und ließen mich allein mit Maria Stuart und meiner bittern Enttäuſchung. Ich konnt' es nicht verſtehen; es war ſeltſam, unglaublich und doch war es ſo, ich ſah hin und konnte es nicht bewundern Ich hätte vor Aer⸗ ger weinen können, aber ich fühlte, daß dieſe ſtolze Maria mich nicht rührte; ihre kummervolle Schönheit, der Schmerz ihrer weinenden Frauen, der empörende Hohn der engliſchen Großen, die Gleichgültigkeit des Henkers⸗ 28 das alltägliche Mitleid der Zuſchauer ließ mich wirklich kalt und ungerührt Und doch war es ſo und je läuger ich hinſah, deſto ſchlimmer wurde es; ich gab es deßhalb endlich ganz auf und ging an das Portefeuille. Ich wandte eine Skizze nach der andern um und meine Freude ſteigerte ſich zum Entzücken. Ganz Italien in ſeinem Sonnenſchein und ſeiner Schönheit ſchien an mir vorüberzuziehen. Hier tanzte ein ſchwarzäugiges Mäd⸗ chen die Tarantella: dort ſpielten braune Knaben mit lebhaften Geſichtern Alla⸗Mora; Bettler mit Blick und Haltung von Fürſten, hielten ihre Hand zum Almoſen hin und Bäurinnen von einer Schönheit ſo rein und ruhig, wie die des Bildes über ihnen, knieeten und be⸗ teten vor dem Altar einer Madonna. Die Skizzen von Landſchaften und Genrebildern entzückten mich nicht min⸗ der. Ich fühlte die Wärme des blauen Himmels, der ſich zu öffnen ſchien; der Sonnenſchein der Stufen der weißen Kirche blendete mich durch ſeinen Glanz; tiefe Kühle ruhte in dem Schatten der alten Bäume, unter welchen Frauen ſaßen; Leben und thauige Friſche herrſchte bei der ſteinernen Fontäne, an welcher Kinder ſpielten. Entzückt und ganz in den Anblick vertieft, hatte ich gar nicht gehört, daß Cornelius eingetreten war und deneitn ihn nicht, bis er in gleichgültigem Tone hinter mir ſagte: „Ah, Du ſiehſt Dir dieſe Kleinigkeiten an.“ „Ich liebe ſie ſo ſehr,“ verſetzte ich, ſorgfältig den Blick auf Maria Stuart vermeidend. „Wirklich 2 „Ja; und dann gemahnen ſie mich auch ſo lebhaft an unſere Gallerxie— Du erinnerſt Dich unſrer Gallerie, Cornelius?“ „Ja, ich glaube mich zu entſinnen— Du warft damals noch ein kleines, wunderliches Kind, Daiſy.. „Es würde mich freuen, wenn Du mir dieſe Stizen erklärteſt. 3 Er ſetzte ſich zu mir, lehnte einen Arm auf die 29 Lehne meines Stuhles und gab mir mit der andern Hand, die frei blieb, auf die Skizzen deutend, eine kurze, aber charakteriſtiſche Erläuterung jeder Einzelnen. Er ließ ſie mich bewundern, machte jedoch ſeinerſeits keine weitere Bemerkung. Endlich war das unterhaltende Beſchauen der Bilder vorüber; Cornelius ſtand auf und ſetzte das Portefeuille weg; ich hoffte, er wünſchte mir im Stillen Glück, daß er das Bild ganz vergeſſen, als er zu mei⸗ nem nicht geringen Kummer ſehr ruhig ſagte: „Daiſy, Du haſt mir noch gar nicht mitgetheilt, was Du von meiner Marie Stuart hältſt.“ „Nicht?“ „Nein. So lange Kate hier war, betrachteteſt Du das Bild öffneteſt jedoch die Lippen nicht; als ich zurück⸗ kam, fand ich Dich mit dem Rücken ihm zugekehrt da⸗ ſitzen und ganz mit dieſen Skizzen unbedeutender Klei⸗ nigkeiten beſchäftigt, die ich mir zur Erholung von ſchwie⸗ rigeren Arbeiten machte; bitte, denke jetzt nicht mehr an ſie, betrachte meine Maria und ſage mir, natürlich ohne Schmeichelei, deine offne Meinung darüber.“ Das war eine peinliche Lage! Ich ſtotterte: „Ein Bild von Dir kann nur gut ſein, Cornelius.“ „Ich danke, Daiſy, aber das iſt nur die Beſtäti⸗ gung eines Faktums; Deine Meinung über mein Bild, weiß ich doch noch nicht.“ 9 „Ich wage keine Meinung auszuſprechen.“ „Sehr beſcheiden; aber Du weißt doch, ob Dir et⸗ was gefällt, oder nicht; ergo, gefällt Dir Maria Stuart oder nicht?“ O wenn mir jetzt ein guter Geiſt eine Antwort ein⸗ flößte, die ihm gefiele und die Wahrheit nicht beein⸗ trächtigte, dacht' ich. Alles, was ich herausfinden konnte, war ein thörichtes,„natürlich nicht,“ was die Schwierig⸗ keit nicht löſte, ſondern die Löſung nur verſchob. „Gefällt Dir das Bild, oder nicht?“ wiederholte er. Ich antwortete nicht. 30 „Ein einfaches Ja oder Nein, Daiſy.“ „Nun denn,— nein,“ rief ich verzweiflungsvoll. Cornelius pfiff. 3 „Sie iſt älter geworden,“ ſagte er,„mein Bild ge⸗ fällt ihr nicht! Ja, ſie iſt größer geworden! In frühern Zeiten hätte ſie jede Schmiererei von mir bewundert!“ Thränen des Verdruſſes kamen mir in die Augen; er bückte ſich und lächelte mir in's Geſicht. 5 „Warum biſt Du verdrießlich, wenn ich es nicht bin?“ fragte er ſehr freundlich. „Es thut mir leid, daß ich einen ſo ſchlechten Ge⸗ ſchmack habe.“ 5 „Wenn Du Dir eines ſchlechten Geſchmackes bewußt biſt, warum gefällt Dir dann Maria Stuart nicht?“ „Ich kann nicht helfen; ich glaube, mir geht jedes Gefühl ab, denn, wenn ich Maria Stuart anſehe, ſo iſt es mir, als kümmerte mich's nicht im Geringſten, ob ſie ſie zum Tode ſchleppen oder nicht.“ „Wie hartherzig mußt Du ſein! Aber fahre fort: was weiter?“ 5 „Nichts, Cornelius, als daß ich fürchte⸗ mir ſei Maria Stuart überhaupt ganz gleichgültig.“ Ich ſah ihn etwas ſcheu an: er lachte. „Du biſt jetzt ein ebenſo wunderliches Mädchen, als Du ehedem ein wunderliches Kind warſt,“ ſagte er und beugte ſich zu mir herab;„nun, Daiſy, das iſt ganz mein Fall; ich hielt keine große Stücke auf Maria, wäh⸗ rend ich daran malte und kümmere mich jetzt noch nicht viel um ſie."². „Wirklich, Cornelius?“ fragte ich erſtaunt. „Nein, es mag um die Geſchichte etwas Erhabenes, Großes ſein; mich ſprechen kleine Gegenſtände, ſanfte Gefühle mehr an. O Daiſy, ich wundre mich jetzt, daß getäuſchter Ehrgeiz mich je das Knie vor der falſchen Gottheit des Erfolgs beugen ließ, die uns doch immer täuſcht; aber unſer Leben beſteht ja aus lauter Täu⸗ — 31 ſchungen; wir ſtraucheln auf jedem Schritt und das Letzte, was wir lernen, iſt, wahr gegen uns ſelbſt zu ſein.“ „Glichen Deine andere Gemälde dieſem, Cornelius?“ „O Daiſy, es waren reizende Sachen,“ verſetzte er ſeufzend,„aber Graf Morſikor brauchte ſie, ich brauchte ſeine Rubel; aber ſprich mir nicht mehr davon, ich werde ſie wieder machen und Kate zeigen, daß meine Reiſe nach Italien nicht ganz umſonſt war.“ „Warum ließeſt Du ſie Maria Stuart bewundern?“ „Wie konnte ich ſie enttäuſchen? Ich hatte das un⸗ glückſelige Ding als einen Beweis meines Fleißes mit⸗ gebracht, nicht um die Wände der Academie zu bedecken, oder gar daß ſie es bewundern ſollte. Als ſie aber mit Thränen der Bewunderung es betrachtete, was war da zu machen?“ „Ihr die Skizzen zeigen.“ „Sie hatte ſie nicht beachtet, Daiſy.“* „Verſuch' es.“ Ich öffnete die Thüre und rief ſie herein. Aber der Erfolg bewies, daß ihr Bruder richtig vermuthet hatte. Miß O'Reilly fand die Skizzen recht hübſch, ſprach je⸗ doch die Hoffnung aus, Cornelius werde nicht zu viel Zeit damit vergeudet haben. Es wäre ſchade, da er ſo ungemein viel Talent für hiſtoriſche Compoſitionen habe. Er zuckte, widerſprach jedoch nicht. Sie fuhr fort: „„Ich dachte ſchon an eine ganze Reihe von Vor⸗ würfen: was ſagſt Du von der Schlacht von Cloentarf, oder Bannockburn? Etwas, wobei man die großen Lieder von Burns aus der Ferne klingen zu hören vermeinte.“ Cornelius ſtrich ſich das Kinn und ſchien verduzt. Sie fuhr fort:„Vielleicht geſiele Dir ein leiden⸗ ſchaftlicherer Vorwurf,— die Kinder in dem Tower, hm, Cornelius?“ 3„Ich dachte mehr an eine häusliche Scene.“ Kates Geſicht drückte die tiefſte Enttäuſchung aus. „Die Geſchichte iſt etwas Großartiges, Cornelius.“ 82 „Und das häusliche Stillleben etwas Liebliches.“ Sie ſagte, er müſſe es am beſten wiſſen, aber ſeine Maria Stuart würde es nie übertreffen. Cornelius antwortete nicht und ſtellte das Porte⸗ feuille mit einem Lächeln weg, das mir galt. Wir gingen alle drei in den Garten, wo wir blieben, bis die Hitze des Nachmittags uns ins Haus trieb, das heißt: Kate und mich, denn Cornelius, an die italieniſche Sonne ge⸗ wöhnt, blieb draußen, ging in dem Sandfeld auf und nieder und machte dann und wann lange Pauſen an dem hinteren Fenſter, an welchem wir ſaßen und nähten. Kate wurde von einem häuslichen Geſchäfte abgerufen und verließ uns; er ſtand an der Seite mir gegenüber!: ſein Ellbogen ruhte auf dem niederen Fenſter, er ſah mich lang an und lächelte dann. „Nun!“ ſagte ich. „Nuni“ verſetzte er,„es würde ein hübſches Bild geben; Du am Fenſter nähend, mit dem kühlen ſchat⸗ tigen Hintergrund des Zimmers und einen Blick in den glänzenden, ſonnigen Garten.“ „Und Du hier zuſehend, auf das Fenſtergeſims ge lehnt, von der warmen Sonne beſchienen.“ „Ja,“ ſagte die heitere Stimme Kates, welche nun eintrat,„das würde dem Bild ſeine Vollendung ge⸗ ben.“ Und fügte dann plötzlich hinzu:„Cornelius, biſt Du nicht müde.⸗ „Durchaus nicht: ich ruhte in London aus.“ „So gehe und mache einen Spaziergang.“ „Wozu, Kate?“ „Mache Skizzen.“ „Ich finde es aber hier ſehr angenehm. 4 „Geh', ich ſage es Dir; Daiſy wird Dir den Weß zeigen; ſie kennt Leigh ganz genau und für England iſ es auch hübſch genug.“ 3 Cornelius ſah mich, ich Kate an. Sie ſtrich mein Haar glatt und beantwortete den Blick:„nein, Kind 4 33. ich kann nicht gehen; ich habe vollauf mit häuslichen Geſchäften zu thun: mache Dich eiligſt bereit. Komm', ich will mit Dir gehen.“ Sie begleitete mich in mein Zimmer, öffnete meinen Schrank und nahm ein weißes Mouſſelinkleid heraus. „Zieh dies an,“ ſagte ſie;„mache Deine Augen nicht ſo weit auf, ſondern thu', wie ich Dir ſage.“ „Wenn wir im Graſe gehen—“ begann ich. „So wirſt Du's beſchmutzen— was thut’s?“ „Aber warum ſoll ich's denn anziehen: es iſt mein Beſtes.“ „Mein Gott! ſiehſt Du denn nicht, daß ich meine, Du ſolltſt es anziehen, weil es Dein Beſtes iſt oder viel⸗ mehr, weil Du am beſten darin ausſiehſt. Sei nicht ſo thöricht, Midge; ich möchte, daß Cornelius an Dir und Deinem Ausſehen Gefallen findet.“ Gegen dieſes deutlich ausgeſprochene Argument half kein Widerſtreben. Indeſſen, als Kate zu irgend einem geheimnißvollen Zwecke nach der Küche ging und ich mit dem Shawl auf dem Arme und dem Hute in der Hand nach dem Wohnzimmer eilte, um Cornelius nicht warten zu laſſen, überfiel mich ein banges Gefühl, er möchte mich eitel und putzſüchtig finden. Er ſah mich auch wirk⸗ lich ſehr ſcharf an. Ich rief in bittendem Tone: „Ich dachte mir, Du werdeſt es ſeltſam finden, daß ich ein weißes Kleid für einen Spaziergang auf dem Felde anziehe, aber Kate wollte es ſo haben.“ Er lachte und warf mir einen heitern Blick zu. „Du biſt doch ein ſeltſames Mädchen, Daiſy! Ich habe Dein Kleid gar nicht bemerkt. Ich ſtudirte den Effect des hellen Sonnenlichts auf Deinem Haar und dachte mir, um wieviel reicher und tiefer es ausſehe, als die Farben, welche Tizian ſo gerne malte.“ Nun war es an mir, zu lachen. „Wie kann man nur immer gleich an den Effect denken?“ Daiſy Burns. II. 33 — 34 „Wer wird da hinſtehen und kichern und plaudern,“ ſagte Miß O'Reilly, welche mit einem großen Vorrath ſauber aufgebeugter Brodſchnitten erſchien,„geht, ſo lange der Tag noch ſchön iſt. Cornelius, nimm dies mit, Ihr ſollt den ganzen Tag ausbleiben; Daiſy, warum nimmſt Du ſeinen Arm nicht? Du biſt jetzt groß genug dazu.“ Er bot mir lächelnd ſeinen Arm und als ich ihn annahm und ihm ins Geſicht ſah, fühlte ich mich ſtolz und glücklich. Es gab eine Zeit, wo ich höchſtens auf ſeine Hand einen Anſpruch machen konnte, und mich ver⸗ gebens nach dem Vorrechte und der Ehre, die mir jetzt zu Theil wurde, ſehnte. Wir verließen Rock Cottage durch die Gartenthüre. Als wir Arm in Arm den Pfad hinuntergingen, der nach dem Ufer führte, ſah ich Miß O'Reilly auf der Thür⸗ ſchwelle ſtehen und ihre Augen mit der Hand beſchatten, um uns nachzuſehen, bis der ſchlängelnde Pfad uns ihrem Blicke verbarg. 1 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wir gingen zu dem Strande hinüber. Ein tiefer Schatten breitete ſich am Fuße der Felſen aus; der Himmel hatte nicht eine Wolke; die See lag ruhig drun⸗ ten; es ſchien einer der glücklichen Tage der Natur zu ſein. Ich ſagte dies zu Cornelins und fügte in der Fülle meiner Freude hinzu:„Wie frenndlich war es doch von Kate, Dir zu ſagen, Du ſolleſt mich mitnehmen.“ „Ja,“ verſetzte er mich abſichtlich mißverſtehend,„ſie war ſtets eine gute Schweſter.“ 3⁵ „Nun, Cornelius, Du weißt wohl, ſie that es mir zu Gefallen.“ Er lächelte, ohne mich anzuſehen. „Dir zu Gefallen, Daiſy, aber noch weit mehr, mir zu Gefallen. Du wirſt Dich davon überzeugen: nimm an, D verhält ſich zu C in K's Meinung, wie 1 zu x: multiplicire dann mit C(der bin ich) und dividire mit D(das biſt Du) und Du wirſt das richtige Reſultat haben.“ „Ich brauche nicht mit Dir zu multipliciren und mit mir zu dividiren, um zu wiſſen, weshalb Kate ſagte, Du ſolleſt mich mitnehmen.“ „Sie iſt ſo hartnäckig, wie die andre,“ ſagte Cor⸗ nelius, und blieb ſtehen, um mich anzuſehen. „Wirklich?“ verſetzte ich und wir gingen weiter, bis ein Vorgebirg von ſteilen Felſen uns den Weg ver⸗ ſperrte. „Wir müſſen hinüber,“ ſagte ich. „Hm! Kannſt Du das, Daiſy?“ „Kannſt Du's, Cornelius?“ r ſagte mir, ich ſei muthwillig. Ich lachte und ſprang die Felſen ſo raſch hinauf, daß er mir kommen konnte. Als wir den Punkt erreicht, ſtehen und ſahen auf eine enge von Klippe und Woge eingeſchloſſene Schlucht hinab. Lan fen Felſen, die weit in die See hinaus gänglich waren, wenn die Fluth kam, dung entfernt, aber die Erdſchichten, welche ſich in Wellen⸗ linien quer hindurch zogen, ließen ſie entfernt und zurück⸗ tretend erſcheinen, was wie eine magiſche Täuſchung in der Nähe verſchwand; dann ſtiegen ſie plötzlich nahe, eernſt und drohend empor. Durch die hohe Springfluth unterminirt, waren Felſen von oben herabgeſtürzt und lagen zerſtreut am Strande, wie von der wilden See 36 ausgeſpült. Aus dieſem tiefen Felſenſchlund entſprang ein kleiner Strom, der auf einem flachen Vorſprung ſich ausbreitete, und als eine breite und klare Fläche glän⸗ zenden Waſſers in ein ſelbſt gebildetes Baſſin fiel, und mit leiſem Geplätſcher und Gemurmel über alte ausge⸗ ſpülte, vom Schlamme grün gewordene Steine hinglitt,„ bis er ſich in der großen rauſchenden Maſſe der Wogen verlor. Wir ſtiegen leiſe hinab; als wir in dem eingeſchloſ⸗ ſenen Raum ſtanden, ſagte Cornelius: 4 „Von allen wilden und abgeſchloſſenen Punkten iſt dies der ſchönſte.“ „Er iſt unfruchtbar, Cornelins, und das iſt ſeine Schönheit.“ Es war wirklich ein einſamer Platz. Schaalthiere in geſchloſſenen Reihen, und Unkraut in dunklen und ſchlüpferigen Maſſen hingen an den vom Meere beſpülten Felſen. Einige Hummern und Seegarneelen hatten ſich in den ſeichten Waſſerpfühlen gefangen und warteten der ¹ wiederkehrenden Fluth. Lange Algen, naß und in ein⸗ anderverſchlungen und leichte federartige Schößlinge, zart genug, um in die grünen Haare blaſſer Meerjungfern lewunden zu werden, lagen am Strande, ſonſt zeigte ſich keine Spur von Leben und Vegetation. Der See⸗ wind, welcher längs dieſer Felſenwand hinſtöhnte, fächelte auf ſeinem Wege keinen gelblichen Grashalm. Hier hörte die Friſche und das Grüne der Erde auf; hier begann eine Natur ganz anderer Art, als die der Poeten, aber nicht ohne ihre eigenthümliche Schönheit, Contraſte und Harmonien. 3 „Es iſt ein großartiger, aber wunderbar trauriger Anblick,“ ſagte Cornelius,„laß uns zurückgehen, Daiſy.“ „Noch nicht. Siehſt Du droben die Höhle zwiſchen Erd und Himmel, dicht neben der Quelle.“ „Nun und was iſt damit?“ „Von dort iſt eine hübſche Ausſicht., 3 37 „Woher weißt Du das?“ „Ich bin oft dahin gegangen.“ „Du!“ rief er mit einem erſtaunten Blicke, der mich amüſirte,„wie kamſt Du dahin?“ „Sieh!“ Ich ſprang einen ſteilen Pfad in dem Felſen hinauf: jeder Schritt war mir bekannt; ich hatte die Höhle bald erreicht und ſah lächelnd zu Cornelius hinab, bis er ſich von ſeinem Erſtaunen erholte. Er folgte mir raſch, ſchalt mich aber den ganzen Weg. „Was konnte Dich in Verſuchung führen, etwas ſo Thörichtes zu thun und einen ſolchen Horſt zu erſteigen?“ fragte er, als er in der großen Höhle, unter dem breiten Dache eines herabhängenden Felſen ſtand. „Sieh dieſe herrliche Ausſicht, Cornelius,“ erwiederte ich und ſetzte mich, indem ich ihn bat, ſich neben mir nie⸗ derzulaſſen. Ich erinnere mich deutlich des Tages und des Ortes. Der blaue Himmel, die noch tiefer blaue See, der gelbe Strand, die braune Felswand ſpiegelten dieſelbe dunkle Fluth: über dem ganzen Orte ruhte die zauberhafte Stille des Nachmittags, die nur dann und wann unter⸗ brochen wurde, wenn ein einſamer Rabe plötzlich aus einer elſenſpalte flog und wie ein ſchwarzer Punkt auf Beute lauernd, über dem Strande ſchwebte. Wir ſaßen ganz angenehm im Bereich der kühlen Springfluth; ein Lüft⸗ chen brachte uns den ſüßen Duft unſichtbarer Haidefelder, welche in Blüthe ſtanden; unter uns wogte die See in weißer zorniger Brandung und breitete ſich von da in ſcheinbar ununterbrochener Fläche aus, bis ſie mit dem fernen Horizonte verſchwamm. „Was hältſt Du von meinem Horſte, Cornelius?“ ſagte ich nach einer langen Pauſe. „Kommſt Du oft hieher?“ lautete ſeine Antwort. „Ja, ſehr oft!“ 38 „Was kann Dich zu ſolch' wilden Orten hin⸗ ziehen?“ „Ihre Wildheit.“ kur Er ſah mir ins Geſicht und lächelte. Ich fuhr ort: „Ich bin an der See geboren, Cornelius, und liebe ſie von ganzem Herzen; dieſer engumſchloſſene Ort er⸗ ſcheint mir angenehmer, als die ſonnige Landſchaft. Ich könnte ſtundenlang dem an der Küſte hinziehenden Winde und dem Ranſchen der brandenden Wogen lauſchen. Du nicht auch?“ 4 „Nein,“ antwortete er offen.„Die See iſt für mich der große hiſtoriſche Styl der Natur. Ich liebe den ruhigen, heimlichen Wald und ſtille Thäler.“ „Ja, aber Du willſſt dieſen kleinen Waſſerfall ſkiz⸗ ziren.“ So?“ Weßhalb hätte ich Dich ſonſt hierher gebracht. Laß mich erſt hinabgehen und nimm dann meine Hand.. Ich ſtreckte ſie nach ihm aus; er ſtieß ſie lachend zurück. 4 3 „ „ „Glaubſt Du, ich bedürfe ihrer?“ fragte er etwas pikirt;„ich habe in Engpäſſen Skizzen gemacht, wo die Pfade ſteiler waren, als in irgend einem engliſchen Leigh.“ Er beſtand darauf, mir voranzugehen. Er amü mich, wie er beſtändig nach mir umſah, um meine Schrit zu überwachen. Er erreichte die Ebene zuerſt. Trotz ſeines vorwurfsvollen„Daiſy!“ ſprang ich den letzten Theil des Weges vollends hinab. Als ich den letzten Vor⸗ ſprung erreicht und etwas über ihm ſtand, rief ich ein triumphirendes„Da!“ und eilte leichten Fußes dahin, wo er ſtand. „Ja,“ verſetzte er bewundernd,„ich ſehe, Dein Kopf iſt ſo feſt, Dein Fuß ſo leicht und ſicher, als der irgend 39 einer Bergbewohnerin. Ach! wäreſt Du nur bei mir geweſen, als ich allein in den Alpen ſkizzirte.“ „Nun Du haſt mich jetzt und wenn dies auch nicht die Alpen ſind, ſkizzire!“ Er ſetzte ſich auf einen der gefallenen Felſen nieder, öffnete ſein Skizzenbuch und begann die kleine Quelle und die ſinſtern Klippen zu zeichnen. Ich ſaß neben ihm, um zuzuſehen, wie das Bild ſich componirte. Er zeichnete wenig; er ſah immer nach mir um und fing allerlei Gaſsäihe an, die mit ſeiner Zeichnung nichts zu ſchaffen atten. „Wie alt biſt Du?“ fragte er. „Siebenzehn; zehn Jahre jünger als Du!“ Er nahm die Zeichnung wieder auf; bald aber ruhte ſein Stift wieder; ſeine Augen ſuchten mein Geſicht. „Bin ich zu nah?“ ſagte ich,„ſoll ich hinter Dich ſitzen?“ „Nein.“ „Woran denkſt Du?“ „Ich denke, daß es ſehr heiß iſt.“ Sein Blick ſuchte die Dünen oben. Ich ſagte, ich wiſſe grüne Punkte, wie er ſie liebe. Wir nahmen un⸗ ſern Weg nach den Höhen und waren bald auf offnem Felde. Die Scenerie in der Nähe von Leigh war an⸗ genehm, waldig, ländlich, weiter nichts. Cornelius ſchien jedoch ſolche grüne Abhänge, fruchtbare Felder und große Weideplätze zu lieben. Ihm geſielen dieſe ſeichten Thä⸗ ler, weißen Häuſer und blühenden Obſtgärten, die von oben herabſchauten und hie und da in dem freien Raum zwiſchen den dunkeln Umriſſen des niedern Waldlandes und dem goldenen Grün ſonnenheller Abhänge Blicke auf blaue Hügel boten, die ſanft und undeutlich an dem fernen Horizont verſchwammen. Aber obgleich er geſtand, daß es ſehr ſchön ſei, fand er doch nichts zu ſkizziren. „Ich will Dich jetzt zu einer alten Ruine führen,“ ſagte ich eifrig,„ſie iſt außerordentlich maleriſch.“ 40 „Wie viel weiter, Daiſy?“ „Nur drei oder vier Meilen.“ „Das wäre nicht weit. Aber wenn wir hier blieben?“ Wir ſtanden in einer von einigen verbutteten Bäu⸗ men beſchatteten Höhle. „Hier iſt nichts zu ſkizziren,“ ſagte ich. „Um ſo beſſer; ich bedarf der Ruhe.“ „Da weiß ich einen beſſern Ruheplatz in der Nähe.“ Er überließ ſich meiner Leitung und ich führte ihn in die offne Ebene, die der brennenden Sonnenhitze aus⸗ geſetzt war. „Nun Daiſy,“ ſagte Cornelius, indem er ſich um⸗ ſah,„was führſt Du mich hieher? Hier iſt keine Hecke, nicht mal ein kleiner armſeliger Buſch. Laß uns zurück⸗ gehen.“ Ich deutete auf eine Baumgruppe, die zum Theil durch eine Anhöhe verdeckt war. „Dort,“ ſagte ich. Er warf einen Blick des Bedauerns auf die ſche Höhle, die wir hinter uns ließen und folgte mir üt brennende Ebene. Endlich hatten wir die Baumgre erreicht: ich trat zuerſt darunter; als er folgte, drehte ich mich herum, um mich an ſeiner Ueberraſchung zu weiden, denn wir ſtanden jetzt an den graſigen Ufern des klaren kleinen Stroms, der durch Leigh floß; die Bäume goſſen ihren Schatten auf uns herab; das Waſſer floß 8 unſern Füßen; Ruhe und Friſche erfüllte den ganzen at „Nun!“ ſagte ich triumphirend. „Nun!“ verſetzte er,„es iſt ein hübſcher Platz, das iſt wahr.“ Und er ſetzte ſich mit ſichtlichem Behagen auf das Gras nieder. Es war ein angenehmes Plätzchen. Mancher Tag iiſt ſeit jener Zeit verfloſſen; aber ich darf nur die Augen mit den Händen bedecken, ſo glaube ich es wieder 41 zu ſehen, wie an jenem Sommernachmittag, als ich mit Cornelius ausging. Er beſaß den Hauptreiz, den ein ſolcher Ort haben muß— den der vollkommenſten Einſamkeit. Man konnte ſtundenlang unbemerkt und ungeſtört in dieſem grünen Winkel weilen, der zwiſchen die dunkle Baummaſſe, die ihn vom offnen Felde trennte und dem Strom, auf wel⸗ chen der ſchwere Schatten fiel, eingeſchloſſen war. Drun⸗ ten dehnte ſich ein weiter und großer Park aus, eine wild ausſehende Wüſte von dunktem Haide⸗ und hellgrü⸗ nem Farrenkraut mit düſtern Baumgruppen, die die Vorpoſten alter Wälder zu ſein ſchienen, und Pfade, die ſich wie Alpenthäler und Schluchten in der Ferne verloren. Ich nahm Hut und Shawl ab, befeſtigte ſie an dem herabhängenden Zweig einer alten Weide und ſetzte mich zu Cornelius. Er holte die mit Fleiſch be⸗ legten Brodſchnitten heraus, denen wir tüchtig zuſprachen; als das Mahl vorüber war, rief Cornelius: „Kate hätte uns wohl eine Stein⸗ oder Korbflaſche Wein mitgeben können. Wir haben nichts zu trinken.“ Nichts! Da iſt ja ein ganzer Strom. „Waſſer!“ verſetzte er mit einer leichten Grimaſſe; „aber wie ſollten wir dazu gelangen?“ Ich antwortete nicht, ſondern ſchlang den einen Arm um den Stamm und tauchte, mich über den Strom herabbeugend, meine Hand hinein. Mit einem Angſt⸗ geſchrei hielt mich Cornelius zurück. „Der Fluß, wie Du das nennſt, iſt reißend und tief, Daiſy. Wie kannſt Du ſo unklug ſein!“ „ Wo keine Furcht iſt, iſt auch keine Gefahr. Wenn die Weide nicht bricht, falle ich auch nicht hinein.“ Er hielt mich jedoch beharrlich feſt, indem er den Arm um mich ſchlang, als ich mich wieder hinabbeugte und eine Hand voll klaren, kryſtallhellen aaſſers herauf⸗ brachte. * 8 42 „Sieh!“ rief ich,„und ſage mir, ob Du in Italien je ſolch' Waſſer gefunden?“ „Der Beweis liegt im Geſchmack.“ Er hob meine Hand an ſeine Lippen, trank, was ſie enthielt und ſagte lächelnd:„ „Ein etwas ſeichter Becher, Daiſy.“ „Aber haſt Du je ſolch' Waſſer getrunken?“ „Nein, es iſt ausgezeichnet.“ „Ich ſagt' es Dir.“ „So ausgezeichnet als Waſſer ſein kann, was nicht viel heißen will.“ 3 Die Nothwendigkeit zwang ihn jedoch, noch mehr davon zu wünſchen; er holte es ſelbſt, denn er wollte 8 durchaus nicht dulden, daß ich noch einmal den Verſuch mache. Als unſer Mahl nun ganz vorüber war, wünſchte ich, daß er Sieſta halte, eine Gewohnheit, die er in Italien angenommen zu haben zugeſtand; er wollte jedoch nicht. „Ich fühle durchaus keine Neigung dazu, Daiſy; ſo angenehm es ſein mag, hier eine oder zwei Stunden zu verträumen, ſo glaube ich, daß es noch angenehn ſein muß, hier zu wachen.“ 7 3 Es war wirklich ein Plätzchen für wache Träumer. Es lag in einer hübſchen Krümmung des Stromes und ſo weit das Auge ſah, konnte es nichts erſchauen als die überhängenden Zweige alter maje⸗ ſtätiſcher Bäume, mit dem hellen blauen Himmel drüber und unten dieſelben Bäume und denſelben Himmel von der klaren Tiefe wiedergeſpiegelt. Der Reflexr war ſo deutlich und lebhaft, daß das Waſſer beinahe zwiſchen zwei Waldeinöden zu fließen ſchien, die eine oben, die andere unten, aber beide ſchön, wild und einſam, dieſelbe entzückende Kühle verbreitend, welche Schatten und Waſſer immer geben. Im Parke drunten ſchien die Sonne mit brennender Hitze und ſelbſt der blaue Himmel war von goldener 43 Glut übergoſſen; aber die Luft war ſo angenehm kühl; die Bäume ſchützten uns vor ihrem ſcharfen Hauch und boten uns nur die erfriſchende Friſche. Dann und wann berührte er mich und goß durch meine Adern einen Freudenſchauer, denn die Erde hat manchen Klang und manche murmelnde Stimme, die mir wie ein Theil ihrer Schönheit erſcheint, und alle waren jetzt wach. Das Rauſchen der Blätter in den Bäumen über uns ver⸗ miſchte ſich mit dem leiſen Geplätſcher des Waſſers unten; die Vögel ſangen ihre munteren Weiſen und flatterten hin und her; ſeltſame unbeſtimmte Klänge, abgebrochenes Zwitſchern, leiſes monotones Geſumme, und raſches Plätſchern, nichts Zuſammenhängendes, immer unterbrochen, immer erneuert, ſchwach und unbeſtimmt, aber ſanft und ſchmeichelnd wie ein Traum. Und wie ich ſo daſaß am Fuß der alten Weide, halb vorgebeugt und in den Strom hinabſebend, der beinahe unter mir floß,— ſo ſteil war das Ufer und ſo nah am Rande ſaß ich,— da war es mir, als ob ſein kaum hörbares Gemurmel, als ob ſeine kaum ſichtbare Strömung mich ſanft in einen glückſeligen Traum wiegte. Ich ſchwamm in einem Meere von Wonne; es war entzückend angenehm, zu wiſſen, daß Cornelius zurückgekommen, daß er neben mir ſaß. Ich ſah ihn nicht an; das braucht' es nicht. Auch ſchien es, ſeltſam genug, weit angenehmer ſeine Gegenwart in meinem Herzen zu fühlen, als ihn ſtundenlang mit den Augen anzuſehen. Er war zwei lange Jahre fort geweſen,— getrennt durch das Meer, die Alpen, fremden Himmel, fremde Länder, fremde Sprachen und jetzt braucht' ich, wenn ich wünſchte, nur die Hand auszuſtrecken, um ihn zu berühren, wenn er unter demſelben Schatten neben mir ſaß und in denſelben klaren Bach ſchaute. Was er fühlte, ich weiß es nicht; aber ich weiß, daß meine Träumerei immer tiefer wurde, bis endlich die Außen⸗ dinge vor meinem Blick verſchwanden und ich in das 44 dunkle Waſſer ſchauend daſaß, nur zweier Dinge völlig bewußt— der Anweſenheit von Cornelius und des ſanften Rauſchens der Waſſer. Glücklicher Tag!— glückliche Augenblicke! Mir war's, als könnt' ich ſo lange daſitzen, als das Waſſer floß— ewig!“ Das Geräuſch eines leichten und raſchen Schrittes auf dem Graſe des Parkes machte mich aufſchanen; ein Rudel Hirſche mit emporgerichteten Köpfen und ſcheuen Blicken flog wie eine Erſcheinung vorüber. Sie ver⸗ ſchwanden einen Waldweg hinab, der zu einem Lieblings⸗ plätzchen führte. Ich ſah Cornelius an und lächelte; aber er hatte nichts gehört und nichts geſehen. Er ſaß neben mir auf der Moosbank, halb auf ſeinen Ellbogen geſtützt; ſeine Stirne ruhte auf ſeiner flachen Hand: ſein dunkles und ſchweres Haar beſchattete leicht ſein Geſicht. Ich folgte der Richtung ſeines Blickes; er haftete auf dem Strom, nicht mit zerſtreutem oder träumeriſchem Ausdruck, ſondern als ob er etwas ſähe, was ſeine Aufmerkſamkeit unwiderſtehlich feſſelte. Ich blickte neu⸗ gierig hinab, ſah jedoch nichts, als mein eignes Geſie das ſich in der ſanften Woge ſpiegelte und wie ei Oreade aus dem Hintergrund des dunkeln Blätterwerkes hervorguckte. Er bemerkte meine veränderte Haltung, denn er ſah plötzlich auf. Ich lachte und ſagte: „Ich weiß, was Du machſt, Cornelius.“* Er antwortete nicht. „Du ſtudirſt wieder Effecte.“ „Allerdings,“ verſetzte er,„Licht⸗ und Schatten⸗ effecte.“ „Studirſt Du immer Effecte, Cornelius?“ „So oft ich ſie haben kann. Betrachten iſt die Wonne, ja das Leben eines Künſtlers.“ Dieſe Worte erweckten in mir eine Reihe von Ge⸗ danken, die mein Herz pochen und mein Blut raſcher fließen machten. Ich konnte nicht ſchweigen. Ich ſah auf und ſagte: 4 4 „O Cornelius, Du wirſt ein großer Maler werden! Welcher Ruhm, welche Ehre harren Dein? warum lächelſt Du?“ Ich fügte etwas ärgerlich hinzu:„Iſt es nicht ſo?“ „Weil, während Du ſprichſt, Deine Wangen glühen und Deine Augen leuchten. Du ſiehſt jetzt wie eine junge Sybille aus, Daiſy.“ „Eine Sybille in weiſſem Mouſſelin!“ verſetzte ich, ihm ins Geſicht lachend; als ich mich jedoch beſann, wie unehrerbietig dies war, wurde ich plötzlich wieder ernſt. Er ſchien durchaus nicht beleidigt und lauſchte, als ob er einen angenehmen Ton gehört. „Weißt Du,“ ſagte er,„es kommt mir vor, als ob ich Dich zum erſten Male recht herzlich hätte lachen hören. Ich erinnere mich, daß ich Dich lächeln, aber nicht, daß ich Dich lachen hörte. O Daiſy, weißt Du gewiß, daß Du noch die nämliche biſt: wenn ich Dich höre, denke ich an mein blaſſes, kränkliches Kind. Wenn ich Dich ſehe, ſo ſtaune ich, ein großes, ſchlankgewachſe⸗ nes Mädchen zu ſehen— ſchön, wie eine Lilie, friſch, wie eine Roſe, beſcheiden, wie eine junge Quäckerin, aber immer noch freundlich mich anblickend, wie eine alte Bekanntſchaft. Sprich!— ſage etwas, was eine Art Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart ſchlägt.“ „Die einzige Brücke, die ich Dir geben kann, iſt die, daß Du zwei Jahre weg warſt; daß ich jetzt immer wohl bin, ſtatt immer krank zu ſein; und daß ich, weil ich am falſchen Ende begann, indem ich als Kind traurig war, nnn die verlorene Zeit einholen und ſo toll und luſtig ſein will, als ich kann.“ „Wie alt biſt Du?“ „Du haſt mich bereits gefragt. Zieh' zehn Jahre von den Deinen ab und Du weißt es.“ „Was ſind zehn Jahre?“ „Nichts, wie der Spaziergang von vorhin.“ „Dann wirſt Du alſo über's Jahr achtzehn.“ 46 „Und Du achtundzwanzig.“ „Du kommſt ſehr hartnäckig immer auf dieſen Unter⸗ ſchied von zehn Jahren zurück,“ ſagte er etwas unge⸗ duldig.„Was iſt das Alter— das Alter irgend eines Menſchen? Ich kümmere mich nicht um das Deine; alles, was mich intereſſirt,“ fügte er hinzu,„iſt, daß ich Dich ſo ſehr verändert finde.“ „Ju ein oder zweierlei Beziehungen bin ich aller⸗ dings verändert, und das wirſt Du merken, wenn Du die Augen ſchließeſt, und ſie nicht zu öffnen verſprichſt.“ „Wie ſo?“. Da ich es ihm nicht ſagen wollte, entſprach er mit ziemlich neugieriger Miene meinem Wunſch. Ich ſtand ſo leiſe auf, daß er mich nicht hören konnte; der Strom war weder breit, noch tief; namentlich wurde er gerade an dieſem Platze etwas ſchmaler; ich ſprang leiſe hin⸗ über und rief, als ich wohlbehalten drüben ankam: „Jetzt kannſt Du die Augen aufmachen.“ Er wurde blaß, als er mich am andern Ufer ſah. „Datſy,“ rief er,„wie konnteſt Du das thun!!? „Könnteſt Du das nicht auch, Cornelius? Es iſt wirklich nicht ſchwer. Verſuche es.“ Er weigerte ſich und ſagte, er ſei böſe. Ich lachte. „Nein, Cornelius,“ ſagte ich,„ich ſehe es Dir im Geſichte an, Du biſt nur erſtaunt. Ich werde Dich in noch größeres Erſtaunen ſetzen: Du ſagteſt, Du hätteſt mich nie lachen hoͤren, ſoviel weiß ich gewiß, Du haſt mich nie ſingen hören. Oeffne mal die Ohren, ich will Dir ein Lied ſingen.“ Ich ſetzte mich in das Haidekraut, das ſo hoch war, daß es mich beinahe verbarg, und ſang das Lied von dem Burſchen, der in der blauen Glocke wohnt. Er hö mir zu, das Kinn in der Hand und den Blick auf meis nem Geſichte ruhend: als er mich ſo furchtlos ſah, ver⸗ ſchwand ſeine eigne Unruhe. „Nun!“ ſagte ich. 47 „Nun,“ verſetzte er lächelnd, das iſt ein ſo hübſches, wildes Lied und eine ſo angenehme Stimme, als man ſie nur an einem Sommernachmittag zu hören ſich wünſchen mag. Singe mir ſonſt etwas⸗“ „Nein, jetzt iſt die Reihe an Dir.“ Er lag am Fuße der Weide und ſang mit ſeiner klaren, hellen Stimme das herrliche Lied von Burns— es war immer eines ſeiner Lieblingslieder geweſen— deſſen Refrain heißt:„Hübſches Mädchen, gehſt Du nach den Birken von Aberfeldy?⸗ Ich lauſchte und dachte, wie hübſch es ſein mußte, dieſe Stimme oft zu hören. Als die letzten Töne ver⸗ klungen, dankte ich ihm und ſagte: „Das iſt nicht Aberfeldy, aber wir haben hier die Birken!“ „lUind das hübſche Mädchen dazu.“ „Allerdings; aber willſt Du nicht etwas wegrücken?“ „Warum?“ „Ich möchte gerne zurückſpringen und der Ort, wo Du liegſt, iſt der einzige bequeme.“ „Danke für die Mittheilung. Ich wußte nicht, welche Strafe ich Dir auferlegen ſollte: nun iſts ent⸗ ſchieden: Du ſollſt hier bleiben.“ „Und wegen Betretung fremden Eigenthums einge⸗ ſteckt werden?“ „Warum nicht?“ „Oder als Wilddieb eingefangen werden?“ „Warum nicht?“ Endlich gab er nach, ſagte aber, ich müſſe ein Lied ſingen, dann wieder ein anderes und ſo fort, bis ich ihm alle Lieder und Balladen geſungen, die ich kannte. Die Nuhepauſen wurden mit Plaudern, Lachen und Scherzen ausgefüllt. Ich war nie ſo heiter, ſelten ſo glücklich geweſen; einmal mußte ich doch voll Reue be⸗ merken: „Und Kate, die allein zu Hauſe iſt und glaubt, Du ſeiſt mit Skizziren beſchäftigt?“ 48 „Warum hieß ſie mich Dich mitnehmen?“ „Hindere ich Dich am Skizziren?“ „Natürlich, aber ohne Dich wäre ich meilenweit gewandert und Abends endlich müde vom Anblick der Felſen, einſamen Quellen, Landhäuſer, Pachthöfe, klei⸗ nen Waldungen, Ruinen u ſ. w. heimgekehrt. Statt deſſen liege ich hier auf meinem Rücken, ſehe hinauf zu Bäumen und Himmel und verliere all' meine koſtbare Zeit mit dem Anhören alter Volkslieder. O Daiſy, Daiſy! ſchämſt Du Dich nicht?— Singe mir ein anderes Lied.“ „Ich weiß wahrhaftig keines mehr, Cornelius.“ „Dann muß ich gnädig ſein.“ Er rückte etwas weg, heftete jedoch einen aufmerk⸗ ſamen Blick auf mich. Es war nichts zu fürchten. In einer Secunde ſtand ich an ſeiner Seite. Er ſchalt mich zum Scheine, lächelte dann, ſtrich über mein Haar, ſchlang ſeinen Arm um mich und ſagte: „Das andere Mädchen hätte das nicht thun können, nicht wahr, Daiſy?“ „Welches andere— Cornelius?“ „Das Mädchen, das ich in meinen Armen 4 4 Leigh nach Ryde trug.“ „Nein, Cornelius, allerdings nicht. Deßhalb ſandte ihr die Vorſehung einen ſo lieben Freund.“ Ich vergaß ſeine Antwort, aber ich erinnere mich, daß wir auf der Grasbank ſaßen und dort ruhten, bis der kleine Bach im rothen Scheine der Sonne erglänzte, welche hinter uns hinabſank und mit ihrer Fenerglut den Raum zwiſchen Erde und Himmel erfüllte. Wahrhaftig, es iſt ein ſchöner Gedanke der An⸗ dächtigen ſüdlicher Länder, mit dem Schluß des Tages und dem Hinabſinken der Sonne ein Gebet zu verbin⸗ den. Wenn es je eine Stunde für Dank, Preis 1 Anbetung gibt, ſo iſt es dieſe. Wann ſollten wir, wir dem dunkeln Ziel der Zeit entgegenpilgern, einen 49 eigneteren Moment finden, um auszuruhen, Athem zu holen für den nächſten Tag, und beſſer in der Stimmung ſein, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen, Hoff⸗ nung für die Zukunft zu ſchopfen, vertrauensvoll zum Himmel aufzuſehen. In dieſem Augenblick begegnen ſich, um faſt ebenſo raſch wieder zu ſcheiden, der Glanz und die Schönheit des Tages und die ſüße feierliche Rube der Nacht. Wir können zugleich danken für die Freude, von der wir nun ſcheiden. und für die ſchweigende Stille der Nacht. Es iſt die beſte Zeit für ein inniges und kurzes Gebet; für das Sursum corda. Ich erhob mein Herz in jener Stunde zum Himmel. War die Stimmung zu irdiſch? Ich weiß es nicht; Gott, der uns Herzen gab, die ſo innig lieben, Gott allein kann es ſagen; als ich aber ſo neben Cornelius ſaß, meinen Kopf vertraulich wie ehemals an ihn gelehnt, dankte ich dem, der ihn mir gegeben, für dieſe Gabe und pries den, der ihn mir wieder geſandt. Endlich ſtanden wir auf und verließen den Ort, wo wir einen halben Tag in ſo reiner Freude verlebt. Wir ſchlugen einen grünen Pfad ein, wo wir ein glückliches Paar bald überholten, das in dem kühlen Schatten des Weges dahinſchlenderte. Sie ſahen wie Liebende oder wie ein neu vermähltes Paar aus— jung, glücklich, der Zeit und der ſchwindenden Stun⸗ den nicht achtend. Cornelius warf ihnen einen verſtoh⸗ lenen Blick zu und unterdrückte ein leichtes Lächeln. Ich lachte unverholen, denn in meiner Freude dacht' ich,— „das Mädchen mag hübſch ſein, und der Geliebte ihr tren ergeben, aber ſie kann nicht glücklicher ſein als ich ſelbſt bin— jetzt, da ich Cornelius Arm in dem meinen ruhen fühle; und ich bin überzeugt, der, den ſie liebt, iſt nicht halb ſo gut, auch nicht halb ſo ſchön, als der, der mich aufzog.“ So gingen wir Arm in Arm durch Landſchaften, Daiſy Burns. I. 4 — 50 die das empfängliche Herz eines Rubens entzückt haben würden. Die Wonne der untergehenden Sonne, der reiche Grün der wogenden Ebene, die ſchönen Vieh⸗ herden, welche an den grünen Küſten waideten, das Rauſchen der Waſſer eines ruhigen Stromes machte den Eindruck ungetrübten Friedens und unbegrenzten Ueber⸗ uſſes. ſhnſ Aber wie herrlich war die See in dieſer Stunde, die auch ihre Reize über das Land ausgegoſſen. Wir erreichten das Ende der Dünen, als die Sonne in den großen Ocean tauchte. Blau, Grün, Purpurroth und glühendes Gold ſchimmerte aus jeder Welle: die Küſte verſchwand langſam in den leuchtenden Nebeln: die Maſten der fernen Schiffe ſtiegen am goldenen Hori⸗ zonte, wie Thürme bezauberter Schlöſſer empor. Als wir einen geſchlängelten Pfad hinabgingen, der ſanſt zum Ufer führte, ſank die Sonne unter und das herr⸗ liche Schauſpiel verſchwand mit einemmal. Die erſten blaſſen Sterne glänzten am tiefen Himmel: die See hatte ein dunkleres und kälteres Blau und kehrte mit ein kalter Luftzug erhob ſich, ſtrich an der Küſte hin und legte ſich wieder; auf alles ſenkte ſich ſtille Ruhe und der hohe Himmelsbogen wlölkte ſich feierlich über der weiten Ebene der See. O kurzes Leben, wie ſchön iſt dein Wohnort! Wie tief fühlte ich in dieſem Augen⸗ blick die Gegenwart des großen Geiſtes, der über Allem leiſem Murmeln in ihr unergründliches Bett asg ſchwebt und Alles heiligt, was das Auge der Menſchen erblicken kann. Wir gingen langſam am Ufer hinan, das jetzt grau, ruhig und einſam ausſah. Ein großer Mond goß ſein Licht über die ſchweigenden Dünen, in denen ſelbſt der melancholiſche Schrei des Strandpfeifers erſtorbe war. Alles ſchien ſich der Ruhe hinzugeben und ſelbſt das leiſe Geräuſche der ſich brechenden Wogen, die am Ufer ſich hoben und ſenkten, hatten etwas unausſprechlich Beru⸗ 51 higendes. Wir ſprachen nicht, bis wir den Fuß der Felſen erreicht hatten, auf welchen Rock Cottage lag. Ein Licht brannte in einem der Fenſter und verſprach uns ein freundliches Willkommen. Cornelius ſah auf und ſagte: „Der Ort hat etwas Wildes in ſeinem Ausſehen, wie ein Adlersneſt, und hat doch auch wieder etwas Heimliches.“ Wir gingen den Fußpfad hinauf und fanden das hölzerne Thor wie gewöhnlich offen. Miß OReilly kam uns entgegen, einen Shawl über den Kopf gebunden. Sie nahm den Arm ihres Bruders; ich ſchlich mich nach meinem Zimmer. Als ich in meinem grauen Kleide wieder hinabkam, fand ich Miß O Reilly an einem Thee⸗ tiſch, der mit Speiſen für eine ganze Legion hungriger Reiſender beſetzt war, und Cornelius über die großen Vorbereitungen lachend. Als das Mahl vorüber war, nahm ſie ſein Skizzenbuch. „O Kate!“ rief ich,„ſieh' nicht hinein— s iſt ne Schande— er wollte nicht ſkizziren; er fing die kleine Quelle an und vollendete nicht einmal dieſe. Iſt das nicht zu ſchlecht?“ Sie ſaß mit dem aufgeſchlagenen Skizzenbuche auf ihrem Schooſe da und ſah uns mit heiterem, glück⸗ lichen Lächeln an. 1 „Ja,“ ſagte ſie endlich,„'s iſt ne Schande— aber morgen wird er's beſſer machen.“. „Müſſen wir morgen wieder gehen?“ fragte ich etwas zögernd. „Gewiß— das beißt, wenn es Euch ſo gut ge⸗ fallen, daß Ihr gerne wieder beginnt.“ ch ſo dutg Ich ſaß neben ihm— er ſah zu Boden— ich ſah auf und wir wechſelten ein leicht verſtändliches Lächeln. „Ja,“ ſagte er und legte die Hand auf meinen Kopf;„ich glaube, wir fanden Beide den Tag recht hübſch.⸗. 3 cht 52 „Herrlich, Cornelius, herrlich!“ rief ich mit einer Wärme, die Kate lächeln machte, während eine leichte Röthe über ihre Stirne flog und ſie mir ſtumm und ruhig die Hand drückte, welche frei war. Ich ſprach nur, wie ich fühlte. Schöne Tage hatte ich geſehen und ſollte ſchöne ſehen, aber keinen, an dem ich mich ſo ganz, der Vergangenheit und Zukunft vergeſſend, dem Reize der Gegenwart hingab. Ich fand den Grund allein in Cornelius Heimkehr. Ich ſollte erſt erfahren, daß dieſer eigenthümliche Reiz des Genuſſes, dieſe ein⸗ fache Auffaſſung des Glückes beinahe ausſchließlich der Jugend angehört und— leider— auch den erſten friſchen ungetrübten Stunden, ehe der Kummer ſich eindrängt und die Leidenſchaft erwacht. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Wie angenehm iſt das ſo ſelten in ſeinem ganzen Werthe geſchätzte Privilegium, mit denen, die wir lieben, in einem Hauſe zu wohnen. Das Leben hat wenig, was ſo viel Wohlthuendes in ſich ſchlöße, und hält ſelten etwas Schöneres in ſeinem Schooſe verborgen. Unter demſelben Dache mit einander zu ſchlafen, ſich Morgens, Mittags und Abends am ſelben Tiſche zu finden, am ſelben Kamine vertraulich mit einander zu plandern, Schmerz und Freude mit einander zu theilen, muß das Ideal für jeden Liebenden ſein, welcher Art auch dieſe Neigung ſein mag. Selbſt die kühnſte Phantaſie der Liebenden — und was phantaſiren dieſe nicht Alles?— hat höher hinausgeſtrebt. Nach allen Prüfungen, Leid —— ———— 53 und Freuden, die ihrer auf dem Lebenswege harrten, bleibt die zauberhafte Hoffnung immer: eine Heimath. Eines Theiles dieſes Glückes mögen wir uns ganz bewußt ſein, den andern aber wiſſen wir ſelten zu wür⸗ digen, vielleicht nur nach langer Trennung: wie wir wiſſen, daß das Leben ſüß iſt, und doch ſelten ſtille ſtehen, um uns ſeiner Süßlichkeit zu freuen, ſo vergeſſen wir auch häufig, glücklich zu ſein, obgleich wir des Glückes, das aus dem Zuſammenleben entſpringt, wohl bewußt ſind. Nur zu oft nehmen wir die Gegenwart unſerer Lieb⸗ ſten wie Sonnenſchein und unſer täglich Brod hin: als ein Bedürfniß unſerer Natur, das erfüllt iſt. Ich freute mich der Wiederkehr von Cornelius aus vollſter Seele und ſuchte mein Gefühl, das er zu theilen ſchien, durchaus nicht zu verbergen. Seinen Tritt, ſeine Stimme, ſein Lachen zu hören, ihm täglich zu begegnen, und ſei es draußen, oder zu Hauſe, beſtändig um ihn zu ſein, war jetzt mein glückliches Loos. Zwei Mal be⸗ gleitete uns Miß O Reilly auf unſern langen täglichen Spaziergängen; ſonſt fand ſie immer eine Entſchuldi⸗ gung, zu Hauſe zu bleiben und wir gingen alléin aus. Daß wir dies thaten, gewährte ihr ein großes Ver⸗ gnügen, das ich nicht begreifen, aber zu bemerken nicht umhin konnte. Als ich eines Morgens allein im hintern Zimmer nähte, kam Cornelius und ſagte, indem er ſich über die Lehne meines Stuhles herabbengte: „Wohin werden wir heute gehen?“ „Wahrhaftig, Cornelius,“ antwortete ich ernſt,„ich kann nicht immer mit Dir fortgehen und Kate allein laſſen.“ „Kate liebt die Einſamkeit,“ lautete ſeine ruhige Antwort.. „Wohl, aber ſie möchte es doch am Ende für egoi⸗ ſtiſch halten.“ Kate trat ein und brach unſer Geſpräch ab. „Der Morgen ſcheint ſehr heiß zu werden,“ ſagte ſie und ſah dabei ihren Bruder an. —— ich ausgehen, ehe die Hitze eintritt.“ „Ja,“ antwortete er gleichgültig;„deßhalb werde „Da haſt Du ganz recht.“ „Ich werde mich ſogleich auf den Weg machen.“ „Nun, aber was weiter.“ „Was weiter?“ „Ja, nimmſt Du Daiſy nicht mit?“ „Wenn Du ſie entbehren kannſt.“ „Freilich kann ich,“ verſetzte Kate, deren umwölkte Stirn ſich plötzlich aufheiterte.„Kind, warum biſt Du denn nech nicht fertig?“ 1 Was konnte ich thun, als ihren Willen erfüllen und wieder mit Cornelius ausgehen? Ich nahm mir je⸗ doch feſt vor, es ſollte den andern Tag nicht wieder ge⸗ ſchehen. Ich lehnte auch wirklich ſein Anerbieten ab, indem ich ihm meine Gründe mittheilte, denen er ſich mit ſeinem ſtummen Lächeln fügte. Es gelang mir ſo⸗ gar, ihn fortzuſchaffen, ehe ſeine Schweſter Etwas davon merkte. Er war noch nicht lange weg, als ſie von der Küche heraufkam, wo ſie beſchäftigt geweſen. Sie warf einen flüchtigen Blick im Zimmer umher und ſagte haſtig: „Wo iſt Cornelius?“ „Er iſt ausgegangen, um Skizzen zu machen, Kate,“ verſetzte ich, ohne von meiner Arbeit aufzuſehen. „Warum gingſt Du nicht mit ihm?“ Ich antwortete nicht. „Forderte er Dich nicht auf, mitzugehen?“ „Ich wollte Dich nicht allein laſſen.“ „Forderte er Dich auf?“ „Allerdings.“ „Weißt Du, wo er iſt?⸗ 8 „Er ſagte, er wolle am Fluß entlang gehen.“ „Gut, ſo ſetze Deinen Hut auf und geh' ihm nach.“ Ich machte Einwendungen, ſie befahl jedoch: ich fühlte, daß ſich unter dieſem ſtrengen Befehl eine freund⸗ liche Abſicht barg, und als ich aufſtand und an ihr vor⸗ 55⁵ überkam, konnte ich nicht anders, ich mußte ihr einen Kuß geben und ausrufen: „Wie gut Du biſt, Kate.“ „Und wie thöricht Du und er,“ verſetzte ſie lächelnd, „die herrliche Zeit nicht ſo gut als möglich zu nützen.“ „Nun, Kate, wir haben ja noch den ganzen Som⸗ mer vor uns und hoffentlich genug ſchön Wetter.“ Sie ſagte, ich ſolle meine Zeit nicht mit Plaudern vertändeln; in wenigen Minuten war ich fertig und eilte den Weg hinab, der nach dem Ufer führte. Zu meiner Verwunderung fand ich Cornelius ruhig auf einem Fel⸗ ſen am Fuß einer hohen Klippe ſitzend und eine Cigarre rauchend. Er ſtand auf, als er mich ſah, kam mir ent⸗ gegengelaufen und ſagte, indem er meinen Arm nahm: „Wie lange das gedauert.“ „Haſt Du mich erwartet?“ „Natürlich.“ „Aber Du konnteſt ja nicht wiſſen, daß Kate mich ſchicken würde?“ „Aber ich konnte es ahnen.“ „Und wenn ſie mich nicht geſchickt?“ „So wäre ich gekommen und hätte Dich geholt.““ „„Dann ſcheint es eine ganz entſchiedene Sache zu ſein, daß ich jeden Tag mit Dir gehen muß.“ Cornelius hielt an und ſagte, indem er mich anſah: „Biſt Du nicht damit einverſtanden, Daiſy?“ „O,“ verſetzte ich mit einem reuigen Seufzer,„Du weißt wohl, daß ich es nur zu gerne thue.“ Er lächelte und wir gingen weiter. Es waren Wal⸗ dungen in der Nähe von Leigh; ich führte ihn in eine derſelben, wo wir verweilten, bis Lichtungen und Baum⸗ gänge ſtatt durch den goldnen Glanz des Himmels, der von oben durch das grüne Laub floß, von unten durch die langen rothen Lichtſtreifen einer untergehenden Sonne erhellt wurden. Während ich ſchreibe, ſteigt vor meinem Blick das Bild eines mooſigen, tiefliegenden 56 Thälchens auf, das von drei breitäſtigen Eichen über⸗ ſchattet wurde, unter welchen Cornelius und ich während der ſtillen und heißen Stunden des Nachmittags ſaßen. Es wurde wenig gezeichnet und was wir ſagten und wo⸗ von wir ſprachen, weiß ich nicht mehr. Aber das Ge⸗ dächtniß bewahrt bisweilen das Bild der äußern Umgebung, wenn das, was dieſen Eindruck machte, auch längſt ver⸗ ſchwunden und für immer dahin iſt. Ich hatte dieſen Wald ſchon oft vorher beſucht, aber niemals fühlte ich ſo tief das Beruhigende ſeiner Stille, das Erfriſchende ſeiner tiefen Schatten, das Beſchwichtigende ſeines Ge⸗ murmels, das aus unbekannten Fernen an unſer Ohr klang und wieder ſo geheimnißvoll erſtarb, als es auf⸗ getaucht. Niemals athmete ich mit ſo viel Entzücken die kräftigende Waldluft ein, die die Düfte jedes Gartens an Wohlgerüchen übertrifft. So verfloß nicht nur dieſer Tag, ſondern gar man⸗ cher andre, von welchem ich mich noch weniger erinnere. Es iſt immer etwas Unklares, Dämmeriges in der Erin⸗ nerung des Glücks. Aus der Ferne gleicht jene Zeit einer ſonnigen Landſchaft, die man im warmen Licht⸗ glanze ſieht. Geblendet und entzückt weiß man kaum mehr, was man in der verfloſſenen Stunde geſehen, und erinnert ſich nur dunkel, was uns entzückt: alles, was uns bleibt, iſt ein warmer goldner Duſt, der über Allem liegt, und in dieſem Glanze erſchien mir und erſcheint mir noch heute Cornelius' Gegenwart. Nach Verlauf von entzückenden vierzehn Tagen er⸗ wachte ich zu dem Bewußtſein, daß, wenn Cornelius auch täglich ausging, um zu zeichnen, er eben doch ſehr wenig that; und daß die beiden Regentage, die wir hatten zu Hanſe bleiben müſſen, einzig und allein dem Unterricht im Italieniſchen gewidmet worden. Das kleine hintere ¹ Wohnzimmer hatte Kate zum Atelier ihres Bruders be⸗ ſtimmt; aber obgleich Maria Stuart dort ſtand, das 57 Geſicht nach der Wand gekehrt, fühlte er ſich doch nicht angeregt, ſeiner unglücklichen Königin eine Nachfolgerin zu geben.„Wahrhaftig,“ dachte ich,„die Dinge können nicht ſo fort gehen.“ Als deßhalb Cornelins eines Morgens nach dem Frühſtück zu mir herauf kam und ſagte:„Wo werden wir heute hingehen?“ machte ich ein ernſthaſftes Geſicht und verſetzte: „Ich muß heute zu Hauſe bleiben, Cornelius. Ich kann nicht immer alles Kate allein überlaſſen.“ „Gewiß,“ antwortete er nachgiebig. „Während Du deßhalb zeichneſt, werde ich hier im Fenſter an meinem Arbeitstiſchchen ſitzen, und die verlorne Zeit wieder einzubringen ſuchen.“ Ehe ich wußte, was er wollte, ſtand der Stuhl im Fenſter und daneben das Arbeitstiſchchen. Ich war etwas verlegen über ſeine Höflichkeit, für welche ich ihm jedoch gerade danken wollte, als ich ihn einen Stuhl neben den meinen ſtellen ſah. „Gehſt Du nicht aus?“ fragte ich. „Nein,“ antwortete er ruhig und ſetzte ſich neben mich. Er legte den Ellbogen auf die Lehne meines Stuhles, ſeine Augen folgten den Bewegungen meiner Nadel; er reichte mir die Scheere, wenn ich ihrer be⸗ durfte und hob meinen Fingerhut auf, der ein oder zwei Mal auf den Boden fiel. Ich dachte, er werde dieſer Beſchäftigung überdrüſſig werden: aber dies war keines⸗ wegs der Fall. Endlich konnte ich mich nicht mehr hal⸗ ten und ſah auf, indem ich ſagte: „Haſt Du keine Langeweile, Cornelius?“ „Durchaus nicht,“ verſetzte er lächelnd.„Ich hatte keine Idee davon, daß Stickereien ſo unterhaltend ſein könnten.“ 3 Da es keineswegs meine Abſicht war, Cornelius zu unterhalten, legte ich ruhig meine Arbeit nieder und ging anf mein Zimmer. Ich war keine halbe Stunde oben geweſen, als ich ein leiſes Pochen an meiner Thüre hörte. 58 Ich ahnte, von wem es kam und beantwortete es eben ſo wenig, als das Huſten und das leiſe„Daiſy!“, welches folgte. Er wartete einen Augenblick, dann ging er wie⸗ der. Wenige Minuten ſpäter trat Kate in mein Zimmer. „Kind,“ ſagte ſie,„was thuſt Du hier? Cornelius kam gerade zu mir in die Küche, um mir zu ſagen, Du ſeiſt verſchwunden und er habe die moraliſche Ueberzeu⸗ gung, daß Du krank ſeiſt.“ „Ich bin ganz wohl,“ antwortete ich ernſt;„aber wie Du ſiehſt, lege ich meine Sachen an die Luft, um nicht die Motten dran kommen zu laſſen.“⸗ „Mache raſch, denn er iſt ſehr unruhig drunten.“ „Meinetwegen,“ dacht' ich,„er mag unruhig ſein. Ich will ihn nicht all ſeine Zeit vertändeln laſſen.“ Statt deßhalb zu ihm zu gehen, als ich fertig war, ſchlüpfte ich leiſe in den Garten, aber kaum ſaß ich auf der Bank unter den Tannen, als Cornelius kam und ſich zu mir ſetzte. Ich that, als wenn ich ganz nur mit meiner Häaͤckelei beſchäftigt wäre; da dies jedoch keine Wirkung machte, ſo ſtand ich auf und ſagte ruhig, die Sonne ſei heute ſehr heiß. 1 „Glühend!“ verſetzte Cornelius und ſtand gleich⸗ falls auf. Wir gingen zurück. Das vordere Zimmer ging nach Oſten und war ſo warm als der Garten; das hintere Zimmer dagegen war kühl und ſchattig. Cornelius brachte mein Arbeitskäſtchen herein und ſtellte einen Stuhl für mich an das offne Fenſter, einen andern Stuhl neben den meinen für ſich ſelbſt, ſchloß dann die Thüre und lächelte mich an. „Ja,“ ſagte ich, als ich mich ſetzte,„ich bin gefan⸗ gen; aber da Du ein ſo beſondres Vergnügen an meiner Geſellſchaft findeſt, ſollſt du auch ein bischen meine Mei⸗ nung hören.“ Ich nähte emſig und überlegte, wie ich das Geſpräch 59 einleiten wollte, als Cornelius mit einer gewiſſen Unge⸗ duld ſagte:. „Soll ich Dich heute nur im Profil ſehen?“ „Haſt Du etwas gegen mein Profil einzuwenden?“ antwortete ich raſch. „Es iſt ſehr ſchön und ich dachte gerade, wie ſchön es ſich auf einer Medaille oder alten Gemme machen müßte.“ „Und warum nicht auf einer neuen Gemme ebenſo gut, als auf einer alten?“ „Mit der Umſchrift„Daiſy Regina u. ſ. w.,“ ſagte er lächelnd.* †. „Glaubſt Du, ich vermöchte nicht einen Thron zu ſchmücken und ein Scepter zu tragen?“ „Gott bewahre! Aber ich wäre neugierig, zu wiſſen, was die Geſchichte von der Königin Daiſy ſagte!“ Ich ſah auf und antwortete ruhig: „Die Geſchichte würde ſie mit einigen Etceteras ab⸗ fertigen, Cornelius; z. B.:„Die unbedeutendſte in der langen Reihe der Herrſcher u. ſ. w. Statt den Cathari⸗ nen und Eliſabethen nachzueifern, u. ſ. w. Obgleich mit der geiſtigen Mittelmäßigkeit ihres Geſchlechtes u. ſ. w. Ihre Regierung ward deſſen ungeachtet durch einen ge⸗ wiſſen iriſchen Künſtler verherrlicht u. ſ. w. u. ſ. w.⸗ „Dieſer iriſche Künſtler küßt ehrfurchtsvoll die Hand Ihrer Majeſtät,“ ſagte Cornelius, indem er meine Hand mit einer ſpöttiſchen Huldigung an ſeine Lippen drückte; „er wagt ſich mit der Hoffnung zu ſchmeicheln, daß trotz des Rangunterſchiedes doch etwas wie Freundſchaft zwiſchen ihm und Königin Daiſy obwaltet.“ Er hielt noch immer meine Hand in der ſeinen; ermuthigt durch ſeine Freundlichkeit ſagte ich: „So viel Freundſchaft, daß Königin Daiſy bei einer günſtigen Gelegenheit ihren Freund zu mahnen wagte, daß die Zeit raſch verfliegt und ſein Ruhm erſt noch zu erobern.“ 3 Cornelius ließ meine Hand ſinken und fragte ernſt: 60 „Sagt die Geſchichte auch, wie dieſe Mahnung auf⸗ genommen worden?“„ „Die Geſchichte ſchweigt darüber,“ antwortete ich mit klopfendem Herzen.„Wie glaubſt Du, daß die Sache ausging, Cornelius?“ „Ich glaube,“ verſetzte er, und lächelte, als ſich unſre Blicke begegneten,„daß die meiſten Künſtler Ihre Majeſtät höflichſt erſucht haben würden, ſich um die An⸗ gelegenheiten des Staates zu kümmern. Maler ſind eine empfindliche Sorte von Menſchen, mehr an die königliche Gnade, als an die königliche Mahnung gewöhnt. Tizians Pinſel wurde von Carl V. aufgehoben; Holbein fand den engliſchen Blaubart höflich; Leonardo da Vinci ſtarb in den Armen Franz I. und ich vermuthe, daß der Künſtler, deſſen wir jetzt gedenken, an noch größere Gunſtbezen⸗ gungen gewöhnt ſein muß, denn ich hörte, daß er bei jener Gelegenheit, Ihre Majeſtät zu bitten ſich er⸗ laubte,—“ „An die Angelegenheiten des Staates zu denken,“ unterbrach ich ihn, indem ich meine Stickerei wieder auf⸗ nahm. „Nein,“ ſagte er, und nahm mir die Arbeit aus der Hand,„ſolch' wichtige Dinge zu verſchieben und einen Tag mit ihm zu vertändeln,— ſo lautete die Bitte nach den Büchern der Geſchichte.“ „Oh!“ rief ich und ſeufzte auf:„wie glücklich bin ich, daß Du Dich nicht gekränkt fühlſt, Cornelius!“ „Du glaubteſt alſo, ich ſei gekränkt; nun erkläre ich mir, weßhalb Dnu mich mit ſo kummervoller Kühnheit anſahſt, als wollteſt Du ſagen:„Sei zornig, wenn Du willſt. Ich ſagte die Wahrheit, nichts als die Wahrheit, und dabei bleibe ich.“ 4 „Ja, Cornelius, das iſt's, was ich fühlte; aber ich bin ſehr froh, daß Du Dich nicht gekränkt fühlſt.“ 4 „Wenn Du aber ſo froh biſt,“ antwortete er lächelnd, „wie konnteſt Du es dann wagen? 61 4 „Weil ich kein Kind mehr bin,“ verſetzte ich ernſt. „O, Cornelius, begreifſt Du nicht, daß ich Dich mehr, als Dein Vergnügen und Deine Ehre mehr als Dich lieben kann?“ „Und begreifſt Du nicht,“ entgegnete er, indem er ſeinen warmen und ſeelenvollen Blick zu mir herabſenkte, „daß ich nicht gekränkt ſein kann, wenn ich die blinde Hingebung des Kindes den Gefühlen des Weibes weichen ſehe, und dieſer Blick in das Auge, dieſe Röthe auf die Wangen tritt.“ „Ich glaubte, ich ſei ganz ruhig,“ antwortete ich abbittend;„und wenn ich erröthete, als ich ſprach, ſo war's, weil mein Herz mitſprach, Cornelius, wie es bei allem mitſpricht, was Dich betrifft: es war unwillkühr⸗ lich.“ „Wer will denn das Gegentheil?“ fragte er mit Zärtlichkeit und Ungeduld in ſeinem Tone;„wer will denn, daß Du ruhig ſein ſollſt. Ruhige Leidenſchaft iſt Unſinn: es gibt nur eine Weiſe, etwas zu lieben oder zu thun— und das iſt, ſo viel als man kann, Daiſy.“ Er ſagte nicht ein Wort, das nicht in mir ſein Echo fand. Bis heutigen Tages weiß ich nicht, was ruhige Leidenſchaft iſt, und trüge ſie auch einen Namen, wel⸗ chen ſie wollte. Wie er, glaube ich auch, daß man nur auf eine Weiſe lieben kann, und das iſt von ganzem Herzen. „So viel als man kann,“ wiederholte ich, und ſchlang meinen Arm in den ſeinen;„wie Du einſt die Malerei liebteſt, nicht wahr?“ iht Meine Augen blickten zu ihm auf, er antwortete ni 3 „Du weißt,“ fuhr ich fort,„Du ſagteſt, Du könneſt die Bilder von Graf Morſikoff wieder übermalen.“ „Das will ich auch, aber nicht gerade jetzt.“ „Cornelius, haſt Du keine Freude mehr am Malen?“ „Keine Freude mehr? Ich liebe die Malerei nur 62 zu ſehr; und da ich ihre Macht über mich kenne, ſo mag ich mich nicht in ihre Zauberkreiſe begeben, die ſelbſt Du nicht zu durchbrechen vermöchteſt.“ „Als ob ich ſie zu durchbrechen wünſchte. Wann beginnſt Du, Cornelius?“ „Wie große Eile Du haſt!“ „ „Ich habe allerdings Eile, Dich berühmt zu ſehen.“ Er ſtrich mit geſchmeicheltem Lächeln über mein Haar. „Wirſt Du morgen beginnen?“ drängte ich. „Nein.“ „Uebermorgen?“ „Nein.“ „Nächſte Woche?“ „Nein.“ „Aber Cornelius, wann willſt Du beginnen?" fragte ich etwas enttäuſcht. „Jetzt.” „Jetzt!“ rief ich entzückt.* „Warum ſagteſt Du mir nicht früher, daß es Dein Wunſch ſei?“ fragte er vorwurfsvoll.„Ich glaubte, Du liebeſt die Spaziergänge und verſchob von Tag zu Tag das Geſpräch von der Arbeit.“ Ich hatte damals die unklare Empftndung, als liege in ſeinen Worten ein verborgener Sinn, aber in meiner Freude über das Gelingen meines Planes dachte ich nicht weiter daran. „Es iſt noch früh,“ ſagte ich,„Du kannſt gleich jetzt beginnen. Was willſt Du zuerſt machen, Cornelius, die betenden Frauen oder die Kinder an der Quelle?“ „Im Augenblicke weder das eine noch das andere,“ verſetzte er,„ich hoffe wenigſtens nicht. Ich dachte an ein anderes Sujet.“ „Was iſt das?“ fragte ich voll Intereſſe. „Ich ſah einſt ein junges Mädchen,“ ſagte er in finnendem Tone, als ſchlüge er viele Blätter in ſeinem 63 Gedächtniſſe um,„und ſie zauberte ein reizendes Bild vor meine Augen. Sie ſaß im Schatten eines ſchwach beleuchteten Zimmers und las am offenen Fenſter— nun, was ſiehſt Du mich ſo an?“ „Mich dünkt nur, ich nähte damals,— ich las nicht; deßhalb kannſt Du mich nicht meinen.“ „Logiſch geſchloſſen. Kurz: das Zimmer war dun⸗ kel, aber das offene Fenſter gab eine Empfindung eines Raumes und goß das hohe und reine Licht eines blaſſen Abendhimmels über die Scene. Das Buch lag offen auf dem Schoos des leſenden Mädchens, eine Hand ruhte auf den Blättern, die andere unterſtützte ihre Wange: die Augen waren träumeriſch ſinnend; die ſtum⸗ men Lippen anmuthig geſchloſſen; die Haltung war leicht und graziös. Die ſchlanke Figur zeugte von großer Jugend, auf der Stirne lag die Ruhe eines unſterblichen Geiſtes und in Miene und Haltung etwas Ueberzeitliches, Ich erinnerte mich der ſinnenden Muſe der Griechen und Corregios göttlicher Magdalene, welche in der Wildniß lieſt: ich dachte, obgleich die heidniſchen Zeiten vorbei ſind und die Kunſt ihren urſprünglichen Glauben verloren hat, ſo kann ſie noch immer die Geſchichte jener Geiſter erzählen, welche im Schatten unſerer friedlichen Heimath wohnen, und doch in ihren eignen Höhen zu weilen ſcheinen. Das iſt das Sujet, Daiſy, und von Dir iſt die Rede.“ 5 „Iſt das Alles, Cornelius?“ „Alles das wird im Catalog als„Ein junges Mädchen leſend“ ſtehen und mancher, der ihm keine tiefere Bedeutung zu verleihen vermag, wird einen flüch⸗ tigen Blick darauf werfen und vorübergehen. Wenn einige dabei verweilen und Nachdenken, Sinnen oder dergleichen darin ſinden, ſo bin ich zufrieden, Daiſy. Nun, was denkſt Du davon?“ „Im Augenblicke nichts; ich dachte, ob Jane es wohl thun wurde.“ hid; ich dachten 35,3 8 . 64 „Was?“ fragte er raſch. „Dir ſitzen. Sie iſt ſehr hübſch.“ 6„Und ſieht ſehr ſinnend aus, mit ihren hellen ſchwar⸗ zen Augen und ſtets geöffneten Lippen.“ „Ich wünſchte, Du hätteſt Miß Lindley geſehen. Sie iſt ſchlank, anmuthig und kleidet ſich ſehr bübſch.„ Dabei hat ſie ein blaſſes, olivenfarbiges Geſicht und ſieht ſehr nobel aus.“ 5 „Und ein nobles Sinnen— das ſich noch gut kleidet— das wäre das Wahre.“ „Aber Cornelius,“ ſagte ich etwas verlegen,„wie willſt Du's machen? Ich kann ganz gut zur Figur ſitzen, aber das Geſicht?“ Er warf mir einen ſeltſamen Blick zu und ſagte: „Ja, das iſt eine Verlegenheit.“ „Wie unüberlegt von Dir.“ „Allerdings.“ „Aber was fängſt Du an?“ „Wirklich,“ ſagte er und wandte ſich um, um mir ins Geſicht zu ſehen,„iſt's möglich, daß Du nicht ahnſt, was ich für ein Geſicht haben will, Daiſy?“ „Das meine,“ rief ich, ganz erſtaunt. „Ja, das Deine, antwortete er und ergriff meine Hand.„Ich ſah Dich einſt leſen—“ „Nähen, Cornelius.“ „Nein, leſen— glaubſt Ou, ich hätte Dich nur das eine Mal geſehen?— und das gefiel mir, denn ich dachte gleich, es müßte ein reizendes Bild geben. Die Attitude iſt die, in die Du oft unbewußt verfällſt— einfach, wahr und anmuthig. Mir gefällt das. Mir gefällt auch die eigenthümliche Farbe Deiner Haare und das träumeriſche Licht Deiner grauen Augen. Dunkle Augen paſſen für die Leidenſchaft; blaue für Liebe und Sanftmuth; graue, die vielleicht weniger ſchön, aber auch 1 weniger irdiſch ſind, paſſen für träumeriſches Sinnen und geiſtiges Leben,“ 3 & 5 6⁵ „Und was bezeichnen haſelnußbraune Augen,“ ſagte ich und ſah ihm ins Geſicht. „Treuherzigkeit und Ehrlichkeit,“ antwortete er und biß ſich auf die Lippen, um ein Lächeln zu unterdrücken. „Wenn Dir zum Beiſpiel je ein Menſch mit braunen Augen ſagt:„Du biſt ſehr hübſch, Daiſy, obgleich Du es nicht zu wiſſen ſcheinſt, ſo glaube ihm, Daiſy.“ „Ich werde mir das merken, wenn es Gelegenheit gibt. Inzwiſchen wünſchte ich, Du begänneſt.“ Er nannte mich einen kleinen Tyrannen, aber es war eine Tyrannei, die er liebte, denn er gehorchte ihr mit einem Eifer, der ihn verrieth. Er ſtellte mich, wie es ihm am beſten dünkte— im Fenſter ſitzend, mit einem Buche auf dem Schooß— und begann. Ich ſah, er war wieder ganz in ſeinem Element; und als wir nach einer langen Sitzung beide ausruhten, ſagte ich etwas vorwurfsvoll zu ihm: „Es ſcheint Dir mehr Freude zu machen, als je, Cornelius. Ich ſehe es Dir im Geſichte an.“ „Langweilt es Dich nicht?“ fragte er, etwas unan⸗ genehm berührt. „Langweilen, Cornelius? Haſt Du Daiſy vergeſſen?“ „Wohll aber ſie war ein kränklich Kind: und für ar junges luſtiges Mädchen immer eingeſchloſſen zu ſein... 2„Es kümmert ſie nichts, den ganzen Tag einge⸗ ſchloſſen zu ſein, wenn es nur bei⸗ Cornelius iſt.“ „Der, wenn er mal an ſeiner Staffelei ſitzt, kaum ein Wort oder einen Blick für ſie hat.“ 4 „Sie verlangt auch nicht, daß er ihr Blick oder Wort gönne. Sie verlangt nur, daß er ein hübſches Bild male, denn etwas hübſcheres gibt's nicht; und nichts iſt herrlicher, als ein großer Maler zu werden.“ „Allerdings,“ verſetzte er lachend und erröthend und ſeine braunen Augen blitzten hell auf.„O, Daiſy,“ fügte Daiſy Burns. II. 5. er nach einer Pauſe hinzu und legte ſeine Hände auf meine Schultern, indem er mich aufmerkſam anſah: „was für ein hübſches, feines und vortreffliches Geſchöpf Du biſt?“— 3 1 „Weil ich mir nichts aus dem Sitzen mache,“ ant⸗ wortete ich lächelnd.„Du vergißt, Cornelius, daß ich das immer gerne that. Wir wollen wieder beginnen und Kate überraſchen.“ Miß OReilly war allerdings überraſcht, als ſie heraufkam,— mehr überraſcht, denn erfreut,— den hiſtoriſchen Styl auf die Seite geſetzt zu ſehn: als ihr Bruder ſie jedoch belehrte, daß Maria Stuart kein Meiſterſtück ſei, wurde ſie zornig und ſagte entrüſtet, er würde nie etwas Aehnliches mehr ſchaffen, und hoffe nur, daß er nicht tiefer ſinke. Cornelius blickte ſie ruhig an uun lächelte mir mit der Sicherheit der Selbſtgewiß⸗ eit zu. do war über die raſchen Fortſchritte, die das Bild machte, im höchſten Maße erſtaunt— es übertraf die Erwar⸗ tungen, welche die italieniſchen Bilder in mir erregt hatten. Ich drückte ihm ohne Zurückhaltung meine Be⸗ wunderung aus und konnte ſehen, wie es ihm ſchmeichelte. Die nächſte Zeit war wirklich eine ſehr glückliche, ſo glücklich, als die Vergangenbeit und bot gar manche Freude, die ich zuvor nicht gekannt. Cornelius ſchien gleichfalls ganz glücklich. Er arbeitete entweder mit dem leidenſchaftlichen Eifer des Liebhabers oder mit einer Innigkeit und einem Fleiße, die nicht weniger bezeich⸗ nend ſind. Er verweilte con amore bei gewiſſen Kleinig⸗ keiten oder ſtellte ſich zurück und betrachtete das Bild mit halbgeſchloſſenen Augen, mit ſichtlichem Entzücken jenen ſüßen Trank ſchlürfend, der in der Betrachtung unſrer eignen Werke liegt, wenn wir in ihnen die Er⸗ füllung einer Lieblingsidee erblicken. Nach Verfluß von vierzehn Tagen trat eine Aenderung ein. Er wurde finſter, melancholiſch und malte mit der Miene eines 2 ärgerlichen Liebhabers, der mit ſeiner Geliebten zerfallen iſt. Eifer war in Wuth, Innigkeit in Trägheit ver⸗ wandelt. Ich ahnte, daß ſein alter Kleinmuth über ihn gekommen und ſprach endlich. Es war an einem Tage, an welchem ich ſehen konnte, daß er trotz alles Mühens nicht vorwärts kam. Ich ſtand auf und trat zu ihm. Cinen Augenblick ſah ich das Bild an, dann ſagte ich: „Was es für Fortſchritte macht.“ „Wundervoll.“ „Ich wünſchte, Du wäreſt nicht ironiſch, Cornelius.“ „Ich wünſchte, Du wärſt es nicht, Daiſy.“ „Ich ſage nur, was ich denke: daß es Fortſchritte macht.“ Cornelius lachte, aber keineswegs freundlich.. „Ich weiß, Du willſt, ich ſoll es loben,“ ſagte ich ruhig.. hſs.Je das iſt nicht wahr,“ unterbrach er mich. „Doch: es würde Dir eine gute Gelegenheit geben, darauf zu ſchimpfen.“ „Willſt Du mir die Verlegenheit erſparen?“ „Nein; denn dann würdeſt Du es gegen all' meine Kritik vertheidigen. Ich weiß wohl, wie hoch Du Dein Bild ſchätzeſt.“ „Wirklich?“ „Allerdings. Du weißt, es wird Dir einen Namen machen; es wird gelobt und bewundert werden, aber in einem Punkte, auf den Du Deine ganze Hoffnung geſetzt, nicht genügen, und wenn es auch der Welt gefällt, wird es den Anſprüchen Cornelius O'Reilly's, des ſtrengſten Richters, Publicums und Kritikers, nicht entſprechen.“ „O Du kleine Hechſe!“ verſetzte er und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Geht es nun beſſer?“ fragte ich, da ich glaubte, die Wolke beginne ſich zu vertheilen. 3 „»Nein, Daiſy. Es iſt die alte Geſchichte; es ruht 5 etwas in mir, dem ich, 37. thun, was ich will, kein Leben geben kann; das iſt's, was mich quält, Daiſy, das iſt's.“ „Nun, laß es ſein, wie's iſt,“ antwortete ich ernſt; „Du wirſt beſſer ſein, als Deine Bilder; wenn Du das nicht wärſt, wenn Du der Kunſt alles geben könnteſt, wäre dann die Kunſt noch werth, daß man für ſie lebte. Worin beſtände das Geheimniß, der Wunſch, die Hoff⸗ nung, der Reiz? Ich möchte ſagen, das Malen gleicht dem Leben; und das Gefühl, ich bin beſſer als meine Bilder, gleicht dem ſüßen Gedanken,„ich bin beſſer, als mein Schickſal.“ „Und was weißt Du von dieſem ſüßen Gefühl?“ fragte Cornelius. 7 „Ich kenne es,“ war meine unwillkürliche Antwort. „Und, warum nicht?“ fragte ich, unter ſeinem Blick er⸗ röthend,„glaubſt Du, weil ich ein Mädchen ſei, habe ich keinen Ebrgeiz, keine Wünſche, kein Streben nach etwas Heroiſchem? Das haben wir alle, wir geſtehen es nur nicht, aus Furcht, ausgelacht zu werden.“ Er ſah mich aufmerkſam an und lächelte. „Wobin ſtrebt Dein CEhrgeiz, Daiſy?“ „Es lohnt ſich nicht, die Zeit mit ſolchen Dingen zu verlieren— die Zeit, die zum Ruhme führt.“ 3 Das Lächeln verſchwand von ſeinem Geſichte. „Bei mir nicht,“ antwortete er mit umwölkter Stirne. 9 „Warum nicht?“ „Weil ich kein Genie bin.“ „Kein Genie?“ 3 „Nein,“ ſagte er ungeduldig,„nicht ein Bischen.“ „Willſt Du damit ſagen, Cornelius, daß Du ni in die Reihe der berühmten Künſtler treten werdeſt, vo denen ich ſo viel geleſen? „Nie!“ verſetzte er mit traurigem Ernſte, welche —— 69. . bewies, daß es für den Augenblick wenigſtens ſeine volle Ueberzeugung ſei.“ „Cornelins,“ ſagte ich in entſchiedenem Tone,„Du weißt, daß ich mich damit nicht beruhigen kann; der Ruhm iſt nichts, was man auf dieſe Weiſe bei Seite etzt.“ is„Ruhm, was iſt Ruhm?“ „Ein armes Ziel, aber ein herrlicher Lohn.“ „Eitel, nichts, als eitel, Daiſy. Ich mache mir nicht das Geringſte aus dem Ruhm.“ „Saure Trauben,“ lautete die raſche Antwort, die mir entſchlüpfte. „Danke, Daiſy,“ antwortete er erröthend. Ich war etwas verlegen. Er fuhr fort:„Saure Trauben. Das Bild iſt freundlich und höflich. Saure Trauben!“ „Sie müſſen ſehr ſauer ſein,“ wagte ich leiſe zu bemerken,„denn Du ſcheinſt ſie nicht verdauen zu können, Cornelius.“ 3 4„Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte er ſehr ernſt, „ich mache mir nichts aus Berühmtheit, ich ſehne mich nicht nach einem großen Namen.“ „Aber ich,“ antwortete ich mit Wärme,„Du fragteſt mich vorhin, worin mein Ehrgeiz beſtände: ich will Dir einen Lieblingsgedanken, den ich ſeit lange hege, ſagen: — Ich befinde mich irgendwo anders, denn wir werden hoffentlich nicht ewig hier bleiben— und höre, wie Mrs. H— Mrs. G— fragt:„wer iſt jenes einfache Mädchen in Weiß?“„Dies oder das von dem berühm⸗ ten Künſtler Cornelius O Reilly.“ Mrs. H— ſieht mich plötzlich verehrungsvoll an, während ich ihr einen mit⸗ leidigen Blick zuwerfe, der ſagt:„Was hat ſie von Mrs. H— gehört?“„ „Du übermüthiges Mädchen,“ ſagte Cornelius, 3 indem er ſeinen Arm um mich ſchlang, aber durchaus nicht ungehalten zu mir herabſah. „Ich bin nicht übermüthig; ich bin ſehr demüthig 40 Ich bin ſtolz von Temperament, und doch kann ich mir nicht denken, daß wenn ich im Stande wäre, mein Brot ſelbſt zu erwerben, es mir ſüßer ſchmecken würde, als das, das Du ſelbſt ſo lang für mich erworben. Ich bin ebrgeizig und ſtatt ſelbſt Ruhm zu erwerben, bitte ich Dich, es für mich zu thun!“. „Und geſchieht das nicht?“ fragte er, mich freund⸗ lich über die Haare ſtreichend„geſchi eeht dies, wie ſo vieles andere nicht für Dich, meine Daiſy.“ „Und Du weißt nicht, daß Du Genie beſitzeſt?“ verſetzte ich triumphirend. „O Daiſy,“ ſagte er traurig,„was brachte dies unglückliche Wort auf Deine Lippen. Sieh dieſes kalte lebloſe Weſen an, es ſpricht für ſich.“ Ich verlor all' meine Geduld. Ich fühlte, wie meine Wangen errötheten und, indem ich mich nach Cornellus umwandte, vergaß ich allen Unterſchied des Alters. „Cornelius,“ rief ich entrüſtet,„Du biſt ſo eigen⸗ ſinnig, als ein verwöhntes Kind. Wie kann ein Mann in Deinem Alter ſich ſolchen Grillen hingeben.“ „Ich bin nicht ſo alt, daß es mir ſchon auf dem Geſicht geſchrieben ſtände,“ antwortete er etwas pikirt, „ich bin nur wenige Jahre über die Kindheit hinaus.“ „Du ſollteſt aber über ſolche Gedanken und ſolche Ausſprüche längſt hinaus ſein. Wenn Du keinen Glau⸗ ben an Dich haſt, warum malſt Du überhaupt? Wenn ich ein Mann wäre, wollt' ich lieber ein Schuhmacher oder Schneider ſein, als ein Künſtler ohne Glauben.“ „Bei meinem Wort,“ ſagte Cornelius, indem er ſehr ärgerlich aufblickte,„Du ſprichſt ſehr entſchieden!“ 3 „Weil ich Glauben an Deinen Künſtlerberuf habe,“ 2 verſetzte ich, ſchlang meinen Arm um ſeinen Nacken und ſah ihm in das abgewandte Geſicht.„Nenne das Bild ſchlecht, aber ſage nicht, Du habeſt kein Genie. ſchneidet mir in's Herz. Ich kann es wirklich nicht g. 71 ben. Ich blicke Dir nie in's Antlitz, ohne daß ich das Wort„Genie“ auf Deine Stirne geſchrieben ſehe.“ Und bei dieſen Worten legten ſich meine Lippen auf ſeine Stirne, auf der ſelbſt weniger vorurtheilsvolle Men⸗ ſchen daſſelbe geleſen haben würden. Eine plötzliche und brennende Gluth ergoß ſich über Cornelius Antlitz; er ſab weg und biß ſich auf die Lippen, als wollte er Faſſung ſuchen und das ungeduldige Fieber des Blutes niederſchlagen, das ſich im Guten, wie im Böſen ſo leicht verräth. Ich zog mich etwas zurück, da ich glaubte, er ſei ungehalten über mich, aber er hielt mich zurück und zeigte mir ein verlegen erröthetes Geſicht, indem er mit erzwungenem Lächeln ſagte: „Du haſt Dir den Kopf mit der Lektüre der Lebens⸗ beſchreibungen der Maler verdreht, und nun möchteſt Du mir auch den meinen verdrehen. Wenn ich Dich befrie⸗ digen wollte, müßte ich der erſte Maler Englands ſein.“ 8„Englands!“ wiederholte ich;„der Chriſtenheit, ir.“ „Noch höher geflogen, Daiſy. Das klingt wie eine Reminiscenz aus den ſieben Rittern.“ „Höher geflogen! Der Ehrgeiz iſt ein Vogel mit mächtigen Schwingen, Cornelius. Ich würde mich ſchä⸗ men, nach dem zweiten Platz zu ſtreben, wenn der erſte au erringen iſt.“ 4„O Du kleine Hechſe!“ ſagte er wieder,„wie gut Du mich kennſt!“ „Was iſt aus dem böſen Geiſt geworden, der Dich beherrſchte?“ fragte ich lächelnd. „Er iſt verflogen, für den Augenblick wenigſtens,“ antwortete er heiter. „Gut denn, ſo arbeite.“ „Nicht jetzt. Laß uns einen Augenblick ausruhen.“ 8 Er ſaß auf einem niedern Stuhle am offnen Fenſter und hieß mich neben ſich ſitzen. Seit ſeiner Heimkehr hatte ich ſein Geſicht nicht ſo heiter und glücklich geſehen, als jetzt. Seine glänzenden und tiefliegenden braunen Augen leuchteten ungewöhnlich hell unter den dunkeln Brauen hervor und ruhten mit einer Zärtlichkeit auf mir, die mich in Verlegenheit ſetzte; eine wärmere Gluth färbte ſeine Wangen, die von der Sonne des Südens gebräunt waren. Freude und Entzücken lauerten in dem halben Lächeln, das um ſeine Lippen ſpielte; wie ſeine Schweſter beſaß er ein bezanberndes Lächeln und als ich ihn anblickte, mußte ich lächeln, denn ich glaubte, ihn noch nie ſo ſchön geſehen zu haben. In der heitern Laune des Augenblickes ſagte ich: „Wiſſen Sie, Mr. O'Reilly,“ dabei faßte ich ſein rundes Kinn und ſah ihm lachend ins Geſicht.„Wiſſen Sie, daß Sie ſehr hübſch ſind.“ Er zog ſeinen Kopf zurück, als wäre er über das Compliment ungehalten; als ich jedoch hinzufügte:„Ich hoffe, alle Künſtler ſind das!“ lächelte er mich an; und wenn ſein Lächeln auch etwas ſelbſtbewußt war, ſo war es doch weit mehr zart und lieb. „Du liebſt mich, Daiſy; nicht wahr?“ ſagte er und bengte ſein erröthetes und glückliches Geſicht zu mir herab. Ich lachte und er lachte, mit der Sicherheit, die die feſte Ueberzeugung gibt. „O! wie Du auch lachen magſt,“ ſagte er mit leuchtenden Augen,„ich weiß, daß dem ſo iſt; ich weiß es, aber ich habe es nicht verdient,“ fügte er reumüthig hinzu.„O! wenn ich bedenke, wie kalt und wie gleich⸗ gültig ich geweſen; und wie ſchlimm Du mich jetzt be⸗ handeln könnteſt.“ „Wie ſo, Cornelius?“ 3 Er lächelte und ſtrich mir das Haar glatt, ohne zu antworten. 8 „Und warum iſt nun das Gegentheil der Fall,“ ſagte ich. „Wirklich?“ 73 „Natürlich, weil ich alles zu gewinnen und zu ver⸗ lieren habe.“ „Fürchteſt Du Dich?“* „Nein.“ Er unterdrückte ein Lächeln, warf mir einen neu⸗ ⸗ gierigen Blick zu und ſagte, ich ſei ein ſeltſames Mädchen. „Und werden die andern Mädchen nicht eiferſüchtig auf mich ſein, Cornelius?“ fragte ich ſtolz. „Eiferſüchtig! Weßhalb?“ „Weil Du mich in einem Bilde unſterblich gemacht.“ „Weiter?“ „Weil Du mich lieb haſt.“ „Weiter?“ „Weil ich immer bei Dir ſein kann.“ „Und woher weißt Du, daß Du immer bei mir ſein kannſt?“ fragte er mit einem boshaften Blick;„ſage mir das.“ 3 Ich that es anfangs nicht; er lachte. „Nun,“ ſagte ich pikirt,„ſoll ich nicht immer bei Dir bleiben dürfen? War es nicht ausgemacht, ehe Du nach Italien gingſt? Soll ich nicht die Gouvernante werden?“ „Die Gouvernante!“ wiederholte er erſtaunt. Es dauerte einige Zeit, bis ich ihn daran erinnern konnte, was zwiſchen uns vorgegangen. Wenn ich nicht in ſehr beſtimmtem Tone geſprochen, er hätte es nicht geglaubt. „Wie kannſt Du ſolchen Unſinn denken?“ fragte er ungeduldig.„Die Gouvernante von was?“ „Von den Kindern: nenne ſie doch nicht was.“ „Von ihnen! Erinnere Dich doch, daß ich ein armer Künſtler bin.“ „Sceptiker! Die Vorſehung wird für jedes Kind ein neues Bild ſchicken.“ 1 3 Die Vorſehung iſt ſehr freundlich. Ich hoffe, ihre teit wird ihre Grenzen haben.“ 74 „Das Erſte muß Cornelius oder Kate heißen, das Zweite ditto, das Dritte—“ „Daiſy.. „Ein drittes muß nach der Mutter genannt werden und das Vierte nach einem ihrer Freunde; das Fünfte—“ „Daiſy!“— rief Cornelius ungehalten:„willſt ⸗ Du einen Patriarchen aus mir machen?“ „Patriarch oder nicht, es muß ein fünftes geben, das Du Daiſy nennen wirſt, zur Erinnerung an die Daiſy, die Du einſt in Deinem Mantel gehüllt heim brachteſt.“ Cornelius wandte ſich nach mir um und ſah mich lächelnd an: 1 „Du warſt ärgerlich,“ ſagte er,„und ſprachſt deß⸗ halb von der Gouvernante, um mich zu ſtrafen.“ „Aergerlich!“ wiederholte ich und lachte ihm ins Geſicht,„und weßhalb?“ Er ſah etwas verlegen aus. Ich glaubte, er ſei ungehalten und entſchuldigte meinen Mangel an Reſyekt. „Reſpekt!“ verſetzte er halb ungehalten, halb ärger⸗ lich,„was verlange ich Reſpekt,— von Dir Reſpekt?“ Und er warf mir einen Blick zu, als ob er ſich durch dieſe Wendung des Geſpräches unangenehm berührt fühlte. „Cornelius, Du ſagteſt, ehe Du nach Italien gingſt— „Was ſoll das thörichte Zeug, das ich vor Jahren geſchwatzt,“ unterbrach er mich ungeduldig;„wir ſind doch wabrhaftig,“ fügte er vorwurfsvoll hinzu,„wir ſind doch beide über dieſe Zeit hinaus.“ „Ich hoffe, ich bin noch nicht über meinen Reſpekt vor Dir hinaus, Cornelius,“ ſagte ich ziemlich ernſt. 4 „Wieder!“ rief er gereizt.„Warum nennſt Du mich nicht lieber vollends Papa.“ „Ich würde es wohl, wenn Du gut dazu Cornelius.“ „Nein, das würdeſt Du nicht,“ antworte 7⁵ röthend und verlegen.„Du weißt wohl, daß Du das nicht würdeſt. Das iſt lauter kindiſches Geſchwätz.“ „Setze mich auf die Probe!“ ſagte ich lachend. „Ich glaube es ſchon,“ verſetzte er haſtig.„Wenn Du von kindlichen Gefühlen geplagt wirſt, ſo ſiehe Dich . nach andern Eltern um. C. 0. R. Esq. iſt nicht der Mann dazu.“ „Als Louiſe Scheppler den guten Paſtor Oberlin darum bat,— willigte er ein.“ Cornelius ſah mich etwas unangenehm berührt an und ſuchte zu lächeln. „Ich weiß, Du machſt nur Scherz, ich weiß das,“ ſagte er.„Aber, ich wünſchte, Daiſy, Du thäteſt das nicht.“ „Iſt denn der Gedanke einer Tochter etwas ſo Furchtbares.“ „Eine Tochter! O, Daiſy!“ rief Cornelius etwas ärgerlich,„das iſt zu kindiſch! Das Nächſte wäre, daß Du wieder zahnteſt und ein kleines Mädchen von zehn Jahren würdeſt, wie damals, als ich Dich vor ſieben Jahren hier fand.“ „Und Du willſſt nicht, daß das geſchehe?“ ſagte ich, durch die Idee höchlich amüſirt. Er ſah mich ausdrucksvoll an. „O nein,“ murmelte er,„o nein. Du weißt wohl, wie reizend Du geworden.“ . Ich lächelte ungläubig. Ich wußte, ich war hübſcher geworden; aber auch, daß ſeine Zuneigung etwas Friſche und Farbe in ein ſo viel umfaſſendes Wort wie„reizend“ verwandelte.* „ Ich möchte wiſſen, warum Du mir keinen Glau⸗ ben ſchenkſt,“ ſagte er etwas ärgerlich.„Ich möchte viſſen, was Du ſelbſt von Dir denkſt. Ich meine nicht eene conventionelle Anſicht des eignen geringen Werthes, eder gebildete Menſch bekennen muß, wenn er nicht anſtändigen Geſellſchaft vertrieben werden will, 8 76 ſondern jene ehrliche Ueberzeugung, die wir im Herzen von unſern Verdienſten und Mängeln tragen. Willſt Du mir offen Deine Anſicht ſagen?“ „Nein, es iſt nicht der Mühe werth.“ „Dann antworte wenigſtens.“ „Du mußt ſehr categoriſch fragen. Ich habe kein ⸗ vorräthiges Certificat meiner guten oder ſchlechten Eigen⸗ ſchaften, um ſo kurze Notizen geben zu können.“. „Was hältſt Du in moraliſcher Beziehung von Daiſy?““ „Es iſt ein gutes Mädchen; hat ehrbare Grundſätze; und iſt feſt überzeugt, daß ſie nie etwas ganz Schlechtes thun wird.“ 3 „Was hältſt Du von ihren intellectuellen Eigen⸗ ſchaften?“ „Empfänglich, aber nicht geiſtreich.“ „Was von ihrer Perſon?“ „Wie ihr Geiſt— gewöhnlich; aber Dank ſei dem Himmel, ſie beſitzt den freien Gebrauch ihrer Glieder und Sinne.“ „Und dieſe alltägliche Charakteriſtik iſt Deine wirk⸗ liche Meinung von Dir!“ rief Cornelius beinahe ent⸗ rüſtet. „Meine wirkliche Meinung; aber es iſt nicht ſehr 4 höflich, mir geradezu in's Geſicht zu ſagen, ich ſei ein alltägliches Weſen.“ f „Ich habe das auch nicht geſagt. Das iſt nicht meine Meinung von Dir.“ „Ah!“ ſagte ich etwas verlegen, denn er wollte mir offenbar mit dieſer Meinung ſchmeicheln. „Nein,“ fuhr er ſehr ernſt fort.„Ich halte Dich nicht für das blaſſe, alltägliche Weſen, das Du beſchr ben. Ich halte Dich für mehr als gut, denn De 5b hochherzig; ich halte Dich für mehr als empfä denn Du biſt originell. Du magſt mich ausle fügte er in pikirtem Tone hinzu: denn um Krone aufzuſetzen, Daiſy, ich halte Dich für ſchön, ja, ſehr chön.“ „O Cornelius,“ ſagte ich und verſuchte mir ein melancholiſches Ausſehen zu geben, wenn Du dieſen letz⸗ ten Zuſatz nicht gemacht, ſo hätte ich an das übrige ge⸗ . glaubt— aber nun!“ „„Daiſy, die Schönheit iſt gar mannigfaltig: der größte Narr kann die Schönheit einer vollkommen ſchönen Frau erkennen.“ „Während es ein großes Talent erfordert, die un⸗ ſichtbare Schönheir zu entdecken. Geiſtreiche Bemerkung.“ „Erlaube mir auf den Hauptpunkt zurückzukommen. Meine Anſicht iſt die, daß es keines beſonders feinen Sinnes bedarf, um die Schönheit, die platt auf der Hand liegt, zu erkennen.“ 3 „Das andre iſt natürlich origineller, iſt das der Hauptpunkt, Cornelius?“ „Der Hauptpunkt iſt der,“ verſetzte er etwas gereizt,„daß, Du magſt hübſch oder gewöhnlich ſein, ich Dich reizend finde“ „Gut,“ ſagte ich, über ſeine Beharrlichkeit mich freuend,„dann iſt ein Zauberſchleier auf Deine Augen gefallen und Du ſiehſt mich durch ihn... „Und wenn?“ antwortete er in einem Tone, der wie ſein Blick plötzlich wilder wurde,„würde Dich dieſer Zauber ärgern? Was gibt es denn wohlgefälligeres auf 4 dieſer Welt, als das Antlitz eines Weſens, das wir lie⸗ ben; und wenn Dein Antlitz dies Wohlgefällige für mich hat, wenn der Zauberſchleier der Liebe, wie Du ihn nennſt, auf meine Augen und mein Herz gefallen, was kümmert Dich das?“ „Ach auch bei der reinſten Neigung ſind dieſe Dinge nicht gleichgültig. Ich ſah ihm in's Geſicht; und da es davon zeugte, wie ehrlich er meinte, was er ſagte, er⸗ 3 öthete ich; dann ließ ich, mich meines Erröthens ſchä⸗ 8 mend, den Kopf hängen. Er beugte ſich zu mir herab. 5 Verkehrtes Mädchen,“ ſagte er mich ſchmälend, 78 „ſiehſt Du nicht, daß es unnöthig war, mir bange zu machen. Aber Du haſt mich gereizt. Soll ich Dir ſagen, warum ich Dich ſo außerordentlich reizend finde?“ Ich ſah zu ihm auf und den Arm um ſeinen Hals ſchlingend, lächelte ich, indem ich ſagte:. „Cornelius deßhalb, weil Du mich wie ein Vater aufgezogen, weil Du mich wie ein Vater liebſt, was Wunder denn, daß ein Vater etwas Schönes in dem Geſichte ſeiner Tochter findet?“ Cornelius war wie vom Blitze gerührt; als er ſich gefaßt, warf er mir einen ungläubigen Blick zu und ver⸗ ſuchte ei Lächeln, das verſchwand, als er meinem er⸗ ſtaunten Blicke begegnete. Eine brennende Gluth über⸗ goß ſeine Züge: es war nicht das leichte Erröthen eines Knaben oder Mädchens, das durch ein bloßes Wort her⸗ vorgerufen wird, ſondern das glühende Feuer der tiefen und leidenſchaftlichen Aufregung eines männlichen Berzene. Er löſte meinen Arm von ſeinem Halſe und ſtand auf; ſeine braunen Augen glänzten,— ſeine Lippen zitterten. Anfangs ſchien er unfähig zu ſprechen; endlich ſagte er: „Das kann nicht Deine Meinung ſein, Daiſy,— wirklich nicht.“ „Warum nicht, Cornelius?“ fragte ich erſtaunt über ſein Benehmen. 3„Willſt Du damit ſagen, ich liebe Dich wie meine Tochter oder wie mein Kind?“ 1„Ja, Cornelius.“ „Willſt Du damit ſagen, Du liebeſt mich wie Deinen Vater?“ „Ja, Cornelius.“ 1 Seine Stimme fluthete und ebbte bei jeder Fragez die meine ſank bei jeder Antwort. Er warf mir eine vorwurfsvollen Blick zu. „Nein,“ rief er mit einer Heftigkeit und einern Feuer, die mich erſchreckten,„ich habe Dich nie ſo gelie und werde Dich nie ſo lieben; weder eine Secunde in der Vergangenheit, noch eine Secunde in der Zukunft, nie, Daiſy, nie!“ Damit wandte er mir den Rücken und ging mit heftigen Schritten, glühender Stirne und zor⸗ nigem Blicke im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor mir ſtehen, er war etwas ruhiger geworden, aber das Feuer ſeines Blickes erſchien nur noch tiefer und concentrirter, der Ton ſeiner Stimme gemeſſener und feſter. Er ſagte: „Geſtehe, Du haſt nur geſcherzt.“ „Nein, Cornelius, ich ſprach, wie ich dachte.“ „Und Du glanbteſt, ich liebe Dich, wie ein Vater ſein Kind liebt. Ich fordere Dich auf, es zu beweiſen! Habe ich nicht, ſeitdem ich von Italien zurückgekehrt bin, alles gethan, um Dir zu zeigen, daß Deine Achtung, Deine Billigung, Dein Lob und Deine Liebe mir theuerer ſind, als es die Sprache zu ſchildern vermag. Habe ich nicht trotz all' unſrer alten Vertraulichkeit in meine Zärt⸗ lichkeit eine gewiſſe Zurückhaltung und Ehrfurcht gemiſcht? Habe ich nicht das Weib in Dir anerkannt, und das auf hunderterlei Art? Die Liebe eines Vaters? Beweiſ es mir, Daiſy.“ Er ging wieder mit zornigen Schritten im Zimmer auf und nieder. Ich folgte ihm, legte meine Hand ſanft auf ſeinen Arm und ſagte ernſt: „Cornelius, Du ſollteſt nicht ärgerlich auf mich ſein. Haſt Du vergeſſen, daß Du mich vor Deiner Ab⸗ reiſe nach Italien Dein Adoptivkind nannteſt? Daß Du mich in Deinen Briefen ſo anredeteſt? Daß Du noch am Abend Deiner Rückkehr, als Kate ärgerlich darüber war, Du Dich durchaus nichts darum kümmerteſt, wäh⸗ rend Du jetzt zornig darüber wirſt?“ Cornelius wechſelte die Farbe. Ich hatte es vergeſſen,“ ſagte er bitter,„aber Du vergiſſeſt nichts— nichts; Jahre vergehen und Worte in der Argloſigkeit des Unverſtandes und der Vermeſſen⸗ 80 heit der Jugend geſprochen, leben in Deinem unbarm⸗ herzigen Gedächtniß fort.“ „Cornelius,“ ſagte ich freundlich,„iſt es eine Sünde, ſich der Wahrheit zu erinnern“ „Der Wahrheit!“ wiederholte er entrüſtet,„nenne das nicht die Wahrheit. Ich mag es geſagt haben, thöricht genug geweſen ſein, es zu glauben, aber wahr iſt es nie geweſen. Rie, ich ſage Dir, nie habe ich für Dich einen Funken von der Neigung eines Vaters für ſein Kind gefühlt. Glaube, laſſe Dir ſo etwas nicht träu⸗ men. Ich läugne es auf jede Weiſe. Ich möchte, läge es in meiner Kraft, jede ſolche Erinnerung an das Ver⸗ gangene aus Deinem Gedächtniß verbannen.“ Ich war erſtaunt. Was meinte Cornelius? Warum wehrte er ſich ſo hartnäckig gegen jeden derartigen Ge⸗ danken? Ich ſah zu ihm auf und ſagte ernſt: „Cornelius, ich begreife durchaus nicht, warum Du ſo ärgerlich biſt. Bitte, ſag' es mir.“ Er ſah mich feſt an. Jede Spur von unfreund⸗ licher Leidenſchaft war aus ſeinem Geſichte verſchwunden und in ſeinem Blicke lag eine unbeſchreibliche Zärtlich⸗ keit, als er in leiſem Tone ſagte: „Wenn ich ärgerlich war, Daiſy, ſo war ich's nur, weil ich mich auf einem Irrthum— einem großen Irr⸗ thum ertappte.“ „Welchem Irrthum, Cornelius?“ „Möchteſt Du es wirklich wiſſen, Daiſy?“ „Ja,“ ſagte ich mit verzweifeltem Muthe,„ich möchte es wiſſen.“ Es trat eine Pauſe ein. Er ſtand noch neben mir und ſah mir in's Geſicht. „Sieh nicht ſo blaß aus, Du ſcheinſt Dich zu fürch⸗ ten,“ ſagte er freundlich.„Es hat keine Noth. Wie Du zitterſt!“ fügte er hinzu, nahm meine beiden Hände in die ſeine und ſprach ſehr ernſt:„O Daiſy, Daiſy Er wandte ſeinen Blick mit ſeltſamem Ausdruck Schmerz und Enttäuſchung, Verlegenheit und Reue weg⸗ 81 Ich ließ den Kopf ſinken; ich wagte es nicht, ihn anzuſehen, ihm meine Hand zu entziehen, mich zu be⸗ wegen. Ich ſtand in ſtummer Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten; aber ich glaubte etwas Schreck⸗ liches, weil Heftiges fürchten zu müſſen, das mich zwingen würde, dem Strome meines Schickſals eine andere Rich⸗ tung und durch Gegenden zu geben, wohin mich mein Wille nie getrieben hätte. Eitle Furcht; unbegründete Angſt. Cornelius wandte ſich nach mir um und ſagte ſehr ruhig: „Der Mißgriff, den ich mir zu Schulden kommen ließ, war die Meinung, wir verſtänden einander, Daiſy. Ich liebe Dich nicht, weil ich Dich erzogen, ſondern um Deiner eigenen Verdienſte Willen, um deß Willen, was Du jetzt geworden. Und ſo glaubte ich auch, Du liebeſt mich mit einem andern Gefühle, als dem der Dankbar⸗ keit. Kurz, wie ich Dich ſelbſt liebe,— als eine ſehr theure Freundin.“ Er ſprach ungeſchminkt und natürlich. Ich athmete rei. „O wie gut, wie edel Du biſt!“ rief ich, durch ſo viel zarte Liebe auf's tiefſte gerührt.„Du möchteſt mich zur Aehnlichkeit mit Dir erheben. Gott ſegne Dich da⸗ für, Cornelius.“ 33 drückte ſeine beiden Hände auf's tiefſte be⸗ wegt. „Biſt Du glücklich?“ fragte er und ſah zu mir herab. „Sehr glücklich!“ antwortete ich mit heiterem Lächeln. 4 „Das freut mich,“ ſagte er und ſuchte gleichfalls zu lächeln. Sollen wir unſre Sitzungen wieder aufnehmen?“ fragte ich. „’eute nicht. Ich bin nicht in der Stimmung zu arbeiten; ich werde einen Spaziergang machen.“ Daiſy Burns. II. 6. 8 „Ich war erſtaunt, daß Cornelius mich nicht bat, ihn zu begleiten; auch Kate verwunderte ſich, als ſie von mir erfuhr— ſie war die ganze Zeit in ihrem Zimmer geweſen,— daß er allein ausgegangen. „Warum gingſt Dnu nicht mit ihm?“ fragte ſie und faltete die Stirne.. „Er forderte mich nicht auf, Kate.“ „Ihr habt Euch doch nicht gezankt?“ „O nein, wir ſind ſehr gute Freunde.“ Die Wolke auf ihrer Stirne verſchwand. Sie küßte mich und ſagte:„Natürlich!“ Cornelius kam erſt ſpät Abends zurück; er war meilenweit gegangen und ſo ermüdet, daß er kaum ſprechen konnte. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Ich erwachte am folgenden Morgen mit heftigem Kopfweh; ich ſtand auf und ging wie gewöhnlich hinab, in der Hoffnung, es verbergen zu können; kaum jedoch war ich in das vordere Wohnzimmer getreten, als Cor⸗ nelins fragte, waͤs mir fehle.„Nur Kopfweh!“ ant⸗ wortete ich flüchtig hinwerfend; aber er ſchien durch dieſe Mittheilung ſehr beunruhigt. Er brachte mich wieder auf mein Zimmer, wo ich einige Stunden ſchlief, ohne mich jedoch beſſer zu fühlen; ich ging wieder nach dem Wohnzimmer hinab und legte mich auf das Sopha. nelius der, wie ſeine Schweſter jede zehn Minuten herau gekommen war, um zu lauſchen, ſaß bei mir und hielt meine Hand. 83 „Wie ſie Fieber hat!“ ſagte er zu Kate. „Dein Blut iſt doppelt ſo fieberhaft aufgeregt, als das von Daiſy,“ antwortete Miß O Reilly in feſtem Tone. „Beunruhige Dich nicht, Cornelius,“ ſagte ich ruhig, „mir iſt noch nicht ſo, als ob ich die Prophezeiung des Dr. Mixton ſchon jetzt erfüllen ſollte.“ „Sprich nicht von dem Verrückten,“ rief Cornelius mit verlegenem Geſichte,„er war toll; für Bedlam reif.“ „Es kam mir nur ſo in den Sinn und wie ein Ge⸗ danke auf den andern führt, ſo dacht' ich, wenn ich ſter⸗ ben ſollte, ſo würde ich Cornelins um zwei Dinge bitten, daß, wenn er heirathete und Töchter bekäme, er eine von ihnen Daiſy nenne. Auf dieſe Weiſe würde ihn zu Hauſe immer etwas an mich erinnern; und dann ſoll er mich hier in Leigh begraben—“ „Daiſy, Daiſy!“ unterbrach ſie Cornelius beinahe ärgerlich, was ſchwatzeſt Du da? Ich will nicht heirathen und Toͤchter bekommen; und Dich mir vorzuſtellen, blaß und entſeelt mit der kalten Erde über Dir, iſt ein ſchreck⸗ licher Gedanke.“ Er ſah ganz blaß aus. Ich merkte wohl, daß ibn eine geheime Furcht quälte, er zeigte ſie gar zu deut⸗ lich, denn als der Tag vorrückte und mein Kopfweh nicht abnahm, beſtand er trotz all' meiner Bitten darauf, ſelbſt zu einem Arzte zu gehen, der mehre Meilen ent⸗ fernt wohnte. Ich war durch dieſen Beweis aufmerkſamer Liebe aufs tieſſte gerührt. „Wie freundlich er iſt,“ ſagte ich zu Kate. „Freundlich! Da kannſt Du ſehen, Kind, wie ver⸗ narrt er in Dich iſt. Hat er nicht ganz den Kopf ver⸗ loren, weil Du Kopfweh haſt? Würde er nicht verrückt werden, wenn Dir etwas begegnete? O Midge, Midge!“ 84 fügte ſie mit einem halberſtickten Seufzer hinzu:„ſiehſt Du nicht, daß Du ſein Augapfel biſt?“ Als die Hitze des Tages etwas nachließ, fühlte ich mich plötzlich beſſer. Die friſche Seeluft konnte nur wohlthätig auf mich wirken; ich ging deßhalb in'’s Freie und ſetzte mich auf die Bank am Ende des Gartens, um die Rückkehr von Cornelius zu erwarten, deſſen Heim⸗ weg dem Ufer entlang führte. Ich wartete lauge ver⸗ geblich; endlich ſah ich die Geſtalt eines Mannes lang⸗ ſam die Felſen herabkommen; ich eilte in das Haus, um meinen Hut zu holen und Kate im Vorübergehen zurufend:„Ich ſehe ihn kommen!“ war ich anch ſchon wieder verſchwunden, ehe ſie noch die Lippen öffnen konnte. Als ich das Ufer erreichte, ſah ich mich vergeb⸗ lich nach Cornelius um. Ich ging in der Vermuthung weiter, er habe mich kommen ſehen und ſich in eine Felſenſchlucht verſteckt, aber mein Blick durchforſchte alle Schlupfwinkel und nirgends konnte ich ein Zeichen ſeiner Gegenwart entdecken. Es war ſpät, obwohl die eigen⸗ thümliche Helle der Luft, die am Ufer des Meeres vor⸗ herrſcht, mehr Licht verbreitete, als man von dieſer Stunde erwarten konnte. Ich beſchloß, nicht weiter zu gehen, ſondern mich noch einmal umzuſehen und dann zurückzukehren. Gerade war ich im Begriff, von meinem Beobachtungspoſten herab zu ſteigen, als ich plötzlich einen Schatten neben mir ſah. Ich blickte auf und ſah Wil⸗ liam Murray. „William!“ rief ich entzückt. William Murray, wie freue ich mich, Dich wieder zu ſehen.“ Er ſprach nicht, ſondern hielt meine beiden Hände in den ſeinen und drückte ſie warm, indem er mir mit freudig lächelndem Blicke in's Antlitz ſah. „Gott ſei Dank!“ ſagte er.„Ich dachte, ich werde Dich nie wieder ſehen.“ 8 „Weßhalb, William?“ fragte ich und ſetzte mich 8⁵ auf einen Felſen, indem ich ihn neben mich zu ſitzen nöthigte.. Er zögerte, als er antwortete: „Weißt Du nicht?“ „Nein, William, was deun? Du machſt mir das Herz pochen.“ „Wir hatten einen Schiffbruch auf dem mittelländiſchen Meere. Ich bedaure, dir das ſo unvorbereitet ſagen zu müſſen: ich dachte, Du wüßteſt.“ 3 Er ſtand gerettet vor mir: aber wir fühlen auch die vergangenen Gefahren derer, die wir lieben, mit. Ich fühlte, daß ich blaß wurde. William ſchien ſehr bewegt; er verſicherte mich, daß die Gefahr nicht ſo groß geweſen, obwohl er in jener Stunde an mich gedacht, die er wohl nie mehr ſehen werde. 35 „O William,“ ſagte ich und ſah auf, indem ich ihm wieder geſtattete, meine Hände zu faſſen;„willſt Du nicht das gefahrvolle Leben und die ſchlimme See auf⸗ geben?“ „Ich kann nicht, Daiſy: ich bin nur auf zwei Tage hier; ich werde Dich nicht mehr oft ſehen, ehe ich fort muß.“ „Für lange?“ „Ein Jahr,“ antwortete er ſeufzend. „Wie lang biſt Du hier?“ „Seit zwei Stunden.“ „Warum kamſt Du nicht ſogleich zu mir?“ „Warum wanderte ich hier am Ufer auf und nie⸗ der, als um Dich zu ſehen?“ „Dann warſt Du’s alſo, den ich für Cornelius hielt. Du weißt, daß er zurückgekehrt iſt. O William, Du mußt uns beſuchen und ihn ſehen. Du wirſt ihn ſehr lieb gewinnen.“ 27„Du ſcheinſt ihn bereits ſehr ſtark zu lieben,“ ſagte William in leiſem Tone. „Natürlich, er verdient es auch.“ 86 „Allerdings,“ verſetzte er warm.„Du weißt, Da iſy ich ſagte immer, er ſei ein braver Mann.“ „Er iſt ein braver Mann, denn er thut gar manches Gute, und ſcheint es nicht mal zu wiſſen. Er iſt ein großer Mann— denn er hat Geiſt, was eine herrliche Gabe iſt, und,“ fügte ich mit einem Lächeln hinzu,„er iſt ein ſchöner Mann, William.“ „Es gibt hübſche Leute unter den Irländern,“ ver⸗ ſetzte William ernſt;„Männer von vortrefflicher Haltung. So iſt unſer Capitän— Capitän Mac Mahon— ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, dabei der kräftigſte Burſche, den ich je ſah,— ſechs Fuß ſechs Zoll groß, coloſſale Schultern und Lungen. Er brüllt nicht wie Johnſtone und ſchreit nicht wie Philipps, aber er öffnet ſeinen Mund und läßt ſeine mächtige Stimme ertönen. Und dann ſeine Fauſt,— Du ſollteſt ſeine Fäuſte ſehen, Daiſy.“ Seine Schilderung machte mir großen Spaß. „Ich fürchte,“ autwortete ich, Cornelius wird Mac Mahon nicht ganz gleichen, aber ich hoffe, Du ſollſt ihn dennoch lieben, William.“ „Du ſagſt das Wort zum zweiten Male.“ „Weil ich davon überzeugt bin— weil ich weiß, daß er ſich freuen wird, Dich zu ſehen.“ William warf mir einen halb ſcheuen, halb ſpöttiſchen Blick zu, und murmelte etwas, das wie:„Was kümmere ich mich um ihn?“ klang. „Nein,“ antwortete ich, über die Frage erſtaunt, „durchaus nicht. Kann ich mich um einen Freund kümmern, der mich verläßt, um Schiffbruch zu leiden?“ z„Durchaus nicht, Daiſy,“ wiederholte er,„durchaus nicht.“ Er beugte ſich herab und ſah mir lebhaft ins Ge⸗ ſicht. Ich zog mich lachend zurück, als plötzlich eine Stimme hinter mir ſagte „Daiſy, was thuſt Du hier zu dieſer Stunde?“ . 87 Ich wandte mich um— es war Cornelius. Das Mondlicht fiel voll auf ſein blaſſes und zorniges Geſicht. Ich ſtand auf, ohne zu autworten; mir war wie einer Verbrecherin und ohne Zweifel ſah ich auch ſo aus. Er warf mir einen Blick zu, in welchem ſich Trauer und Strenge miſchten. Da ſchien er mit meiner Verlegenheit Mitleid zu fühlen, und bot mir ſchweigend ſeinen Arm. Als ich ihn nahm, verſuchte ich eine Rechtferti⸗ gung und ſaate: „Ich hielt William für Dich, Cornelius, und eilte Dir entgegen. Er iſt Miß Murray'’s Neffe, wie Du weißt, und ich hatte ihn ſeit Monden nicht geſehen. Suchteſt Du mich? Das thut mir ſehr leid, Cornelius, wirklich ſehr leid.“ Ich ſuchte ſeinen Blick, jedoch vergeblich; er war auf William geheftet, der aufgeſtanden war und nun zu uns trat. Cornelius betrachtete ihn von Kopf bis zu Füßen mit keckem, prüfendem Blicke, den der junge Mann er⸗ wiederte. Keiner von Beiden ſprach: in den ſtummen Blicken, die ſie wechſelten, lag ein ſichtlicher Mangel an Vertraulichkeit. Mir war unbehaglich dabei zu Muthe: und dies Gefühl nahm noch zu, als Cornelius ſich an mich wandte und kalt ſagte: „Es thut mir leid, Dich von hier fortnehmen zu müſſen, Daiſy, aber Kate iſt ſehr ängſtlich.“ Und obne die geringſte Notiz von William zu neh⸗ men oder ſich darum zu kümmern, ob ich ihm noch ein Wort zu ſagen habe, ging er mit mir nach Hauſe. Ich fühlte mich ſo außer Faſſung über ſein Benehmen, daß ich weder meine Lippen öffnete, noch zu widerſtreben ſuchte; als wir jedoch einige Minuten gegangen waren, nahm ich meinen Muth zuſammen und ſagte: „Ich muß zurück, um ihm Adieu zu ſagen, Cor⸗ nelius.“ Ich löſte meinen Arm aus dem ſeinen und eilte nach 88 dem Orte zurück, wo wir William gelaſſen, und wo er noch mit gefalteten Händen ſtand und uns nachſah. „Gute Nacht, William,“ ſagte ich und ſtreckte meine Hand aus. Er nahm ſie nicht, ſondern antwortete in dem vor⸗ wurfsvollſten Tone: „Warum täuſchteſt Du mich, Daiſy?“ „Dich täuſchen, William?“ „Warum gabſt Du Dir den Schein, als läge Dir etwas an mir, während Du zu einem andern in ſo in⸗ nigen Bezügniſſen ſtehſt, daß Du, wenn er erſcheint, we⸗ der Wort, noch Blick mehr für mich haſt?“ „Ich verließ ihn, um Dir gute Nacht zu wünſchen, und ſtatt des Dankes, klagſt Du mich an, ich wolle Dich täuſchen. Was haſt Du?“ „Was hieß Dich von ihm ſprechen, als wäre er Dein Großvater, während er höchſtens ein bischen älter als Du iſt?“ „Er iſt ſiebenundzwanzig Jahre. Aber was thut ſein Alter zur Sache?“ „Ich kümmere mich nicht um ſein Alter, noch un ſeine Blicke,“ verſetzte William mit zornigem Lachen. ſen magſt ihn für ſchön halten, wenn Du willſt— ich nicht.“ Ich fühlte mich beleidigt und antwortete kurz: „Ich habe Dir nie geſagt, Cornelius ſei alt. Du warſt's, der einen eleganten jungen Mann von ſieben⸗ undzwanzig Jahren mit einem rohen Seemann von fünfzig verglich, nicht ich. Ich möchte Deine Bemerkungen kindiſch nennen, aber ich will nicht unfreundlich ſein. Gute Nacht, William. Ich hoffe, wenn ich morgen wie⸗ der komme, Dich in einer beſſeren Stimmung zu finden.“ Ich wandte mich zum Gehen; er folgte mir. 3 „Wirſt Du wirklich kommen?“ fragte er demüthig. Ich antwortete: 4 „Ja,“ und eilte zu Cornelius, der bereits mit ſo 89 ſinſterem Geſichte mir entgegentrat, daß ich ſah, ich habe mich in ſeinen Augen vergangen. „Es thut mir leid, daß Du Dich wieder zurück be⸗ mühteſt,“ ſagte ich, um einem Vorwurfe zu begegnen. „Ich hoffte, Du werdeſt vorangehen.“ Cornelius blieb plötzlich ſtehen— wir waren be⸗ reits wieder auf dem Heimweg— und warf mir einen erſtaunten Blick zu, indem er in etwas ungehaltenem Tone ſagte: „Gehen und Dich um dieſe Stunde mit einem frem⸗ den jungen Manne allein laſſen!“ „Er iſt mir nicht fremd,“ antwortete ich, die Röthe fühlend, die ich nicht ſehen konnte;„ich kannte ihn ſchon, als wir beide noch Kinder waren, und Kate kann Dir ſagen, daß er noch immer ein Knabe iſt.“ „Ein Knabe, kaum jünger als ich,“ verſetzte Cor⸗ nelius bedeutungsvoll. Es erſchien mir ſeltſam, daß beide zu ſo ähnlichen Schlüſſen in Beziehung auf ihr Alter kamen, aber ich wagte nicht zu antworten. Wir ſprachen nicht weiter, bis wir den Fuß des Felſen erreicht hatten, auf welchem ſich unſre Wohnung erhob; da hörten wir plötzlich die geängſtigte Stimme Kates, welche ausrief: „Haſt Du ſie gefunden, Cornelius?“ „Ja,“ antwortete er;„ſie iſt geſund und wohlbe⸗ halten.“ 1 Ich war unglücklich, daß ich ihnen ſoviel Sorge verurſacht. Kate eempfing mich etwas ſpitzig.„Ich bin erſtaunt,“ ſagte ſie,„daß Du den Augenblick wählſt, da Du von Kopfweh geplagt wirſt und Cornelius einen Arzt holt, nach dem Ufer hinabzugehen.“ 3 „On weißt, Kate, ich befand mich beſſer; auch glaubte ich, ich ſehe ihn kommen und eilte ihm entgegen; aber es war William Murray“ „Der junge Bär— was führte ihn zurück?⸗ „Er hat Schiffbruch gelitten.“ 90 „Unfinn! Schiffbruch! Er hat Dir ein Garn ge⸗ ſponnen, Daiſy.“ „Ich habe nie von William eine Unwahrheit gehört,“ verſetzte ich etwas entrüſtet. „Wahrheit oder nicht, Du jagteſt uns Angſt ein, um den Plaudereien dieſes Knaben zu lauſchen. Cornelius kam mit dem Bewußtſein von Banditen aus Italien zurück und meinte nun, einige dieſer ſchlimmen Burſche, die er auf dem Wege begegnet, werden ſich am Ufer umhertreiben, um Dich nach Sonnenuntergang zu rau⸗ ben. Deßhalb rannte er wie ein Wahnſinniger fort. Sieh ihn nur an, wie blaß er noch iſt.“ Cornelius, welcher zurückgeblieben war, trat bei dieſen Worten ſeiner Schweſter in das Zimmer; mein Herz brach, als ich ſah, daß er todtenblaß war. Er ſetzte ſich an den Tiſch, ſtützte ſeinen Ellbogen auf und legte die Stirne in die Hand, ſo daß ſein Geſicht be⸗ ſchattet war. „Cornelius, was fehlt Dir?“ fragte Kate. „Ich bin müde,“ antwortete er, ohne aufzuſehen, „Dr. Reeves war ausgegangen; deßhalb ſuchte ich Dr. Simpſon auf.“ „Wie, das iſt ja drei Meilen weiter.“ „Allerdings; das iſt's, was mich müde gemacht. Auch er war nicht zu Hauſe.“ Kate ſah mich vorwurfsvoll an; mein Gewiſſen warf mir meine Unbedachtſamkeit vor, die noch unnöthige An⸗ ſtrengung und Beunruhigung zu der Aufregung ge⸗ fügt, in die er um meinetwillen verſetzt worden. Ich hätte mein Vergehen gerne geſühnt und mich über die Sache erklärt, aber er gab mir keine Gelegenheit dazu; er verließ uns frühzeitig und nur dadurch, daß er nicht bei uns zubringen wollte. Als ich William verſprochen, den andern Morgen wieder herab kam, erfuhren wir, daß er den Abend nicht am Ufer zu erſcheinen, hatte ich nicht bedacht, welche 91 Schwierigkeit die Sache haben würde. Ich überlegte mir die Sache von allen Seiten und kam endlich zu dem Entſchluſſe, mit Cornelius zu ſprechen. Er benahm ſich beim Frühſtück gegen mich, wie wenn gar nichts vorge⸗ fallen wäre; und als wir beide wie gewöhnlich in das kleine Atelier traten, zeigte ſein Geſicht, obwohl ernſter, als in Gegenwart Kates doch durchaus keine Mißſtim⸗ mung. Auf weſſen Freundlichkeit und Nachſicht konnte ich mehr bauen, als auf ſeine? Ich hoffte, er werde das Geſpräch eröffnen, als er es jedoch nicht that, be⸗ ſchloß ich zu ſprechen. Ich ging zu ſeinem Stuhle und ſagte, indem ich mich auf ihn ſtützte, in leiſem Tone: „Cornelius.“ „Nun, Daiſy,“ antwortete er und drehte ſich herum. „Darf ich Dir etwas ſagen? Aber bitte,“ fügte ich lebhaft hinzu,„bitte, ſei nicht böſe; verſprich es mir.“ „Daiſy?“ rief er mit einem verlegenen Blicke. „Nun denn, verſprich nichts. Ich will auf Deine Nachſicht bauen. Ich kann es weit leichter ertragen, daß Du mir Vorwürfe machſt, als daß ich Dich täuſchen könnte.“ Er nahm meine Hand in die ſeine und indem er ſich mit einem ſo ſtrengen Blick zu mir herabbeugte, daß ich meine Faſſung verlor, ſagte er langſam: „Was willſt Du?⸗ Ich antwortete nicht. „Was willſt Du? ſagte er mit gehobener Stimme. „Nun denn!“ rief ich etwas verzweifelt,„ich habe William ein Stelldichein verſprochen und wollte Dich um Erlaubniß bitten, mein Verſprechen zu halten.“ Cornelius ließ meine Hand ſinken und ſchien ver⸗ ſteinert. „Du haſt ein Stelldichein mit einem jungen Mann verabredet!“ ſagte er endlich. „Ja, Cornelius.“ „Und Du kommſt und ſagſt das mir?“ 92 „O Cornelius, wollteſt Du denn, daß ich Dir ein Geheimniß daraus mache?“ „Aber es mir zu ſagen!“ „Wem ſollte ich es denn ſagen?“ „Aber mich um Erlaubniß dazu bitten.“ „Wen ſollte ich ſonſt darum bitten?“ Er ſchien nicht im Stande zu antworten. Er ſah mich an; aber kein Wort trat über ſeine zitternden Lippen. Ich war erſtaunt über die Art, wie er mein Geſtändniß aufnahm. Endlich ſagte er mit erzwungener Ruhe: „Das iſt ein Mißverſtändniß; ich habe nicht recht gehört, Daiſy. Du wollteſt mir doch wohl nicht ſagen, Du habeſt eine Zuſammenkunft verabredet mit dem jungen Mann, den ich geſtern Abend bei Dir traf.“ „Doch, Cornelius, das war meine Meinung,“ ant⸗ wortete ich beſtimmt. „Du betheuerſt es,“ verſetzte er und erblaßte;„und ich, der nach einer Nacht der qualvollſten Gedanken die⸗ ſen Morgen hinab kam und nicht wußte, wie ich Dich fragen ſollte. O Daiſy!“ In ſeinem Blick und in ſeiner Stimme ſprach ſich eine große Aufregung aus. „Cornelius,“ ſagte ich bewegt,„wenn ich William ein Stelldichein verſprochen, was iſt denn dabei ſo Schlimmes? Es iſt ja nicht zum erſten Male.“ 1 „Nicht zum erſten Male?“ 3 „Nein, nicht zum erſten, nicht zum zweiten und nicht zum dritten Male. Wir find mit einander bekannt, ſeit Kate mich nach Leigh brachte; und ehe William zur See ging, verfloß nicht ein Tag, an dem wir uns nicht irgend⸗ wo trafen.“ Und ich war zwei Jahre fort!“ ſagte Cornelius in leiſem Tone.„Nicht ein Tag, an dem Ihr Euc nicht irgendwo trafet.“ 4 „Ja, auf den Dünen oder am Ufer, wo Du mich 93 geſtern Abend fandſt und wo ich ihn dieſen Morgen auf⸗ zuſuchen verſprach.“ Cornelius wandte ſich mit blitzenden Augen nach mir um. „Unglückliches Kind!“ rief er,„was willſt Du da⸗ mit, daß Du mir das Alles ſagſt? Was haſt Du in meiner Abweſenheit gethan? Welche Aufſicht führte Kate über das junge Mädchen, das ich ihrer Fürſorge über⸗ gab? Welchen Begriff von Ehre hat der Mann, der ſo ſchamlos aus Deiner Unwiſſenheit Vortheil zog, der mir aber dafür Rechenſchaft geben ſoll!“ Er ſtand auf; ſeine Stirne furchte ſich; ſein Geſicht war blaß. Halb außer mir vor Schrecken, ſchlang ich meinen Arm um ſeinen Hals und hielt ihn zurück. „Es war meine Schuld!“ rief ich lebhaft;„ganz meine Schuld— räche ſie an mir.“ „Und was kann ich Dir thun?“ antwortete Corne⸗ lins, indem er mich mit einer ſeltſamen Miſchung von Zorn und Zärtlichkeit anſah,„was kann ich Dir thun?“ „Höre mich an!“ bat ich weinend. Er ſetzte ſich wieder, durch den Anblick meiner Thrä⸗ nen plötzlich weich gemacht, und ſagte, er wolle geduldig mich anhören. „William,“ begann ich. „Warum von ihm?“ unterbrach er mich und ſeine Stirne umwölkte ſich. „Du haſt ihn angeklagt; ich muß ihn rechtfertigen oder mein Theil an der Rüge tragen.“ „Rüge!“ wiederholte Cornelius ernſt;„warum ſollte ich Dein Benehmen rügen? Ich war fort und Kate war nachläſſig und ein anderer war da; es war natür⸗ lich, ſehr natürlich.“ urch den ſanften Ton, in dem er ſprach, ermuthigt, beugte ich mich herab, preßte meine Lippen auf ſeine Wangen und ſagte mit dem Tone der Ueberredung: „Soll ich mein Verſprechen halten, Cornelius?“ Er wandte ſich mit glühenden Wangen und verwirr⸗ tem Blicke nach mir um. „Ich hörte ſchon von manchen ſeltſamen Dingen,“ ſagte er zwiſchen den Zähnen,„aber etwas Derartiges hätte ich mir nicht träumen laſſen. Mein Gott!“ fügte er hinzu und drückte mich mit ſeltſamer und plötzlicher⸗ Leidenſchaftlichkeit an ſich:„Was kannſt Du von dieſem jungen Manne wollen?“. Sein Blick glühte wie Feuer; ich beugte mein Ge⸗ ſicht vor ſeinem Zorne. Als ich ſprach, vermochte ich nur ſtotternd die Worte hervorzubringen: „Cornelius, Du biſt wieder ärgerlich; aber alles, was ich wünſche, iſt, William nicht warten zu laſſen.“ „Aber was willſt Du mit ihm?— Was kannſt Du von ihm wollen?“ fragte Cornelius verzweifelnd. „Er war ſo unvernünftig; er ſagte, ich kümmere mich nichts um ihn, und wahrhaftig, Cornelius, das war ein großer Irrthum. Alles, was ich mir wünſche, iſt, ihn fünf Minuten lang zu ſprechen und ihn zur Vernunft zu bringen.“ „O Daiſy!“ rief Cornelius mit ſchlecht unterdrück⸗ tem Zorne,„iſt es möglich, daß Du nicht begreifſt, wie unſchicklich es für ein junges Mädchen wäre, mit einem jungen Manne an einem einſamen Orte Zuſammenkünfte zu haben?“ 4 „So verbieteſt Du mir alſo, zu gehen!“ rief ich lebhaft;„dann verbiete mir auch, William, wenn ich ihm das Wort breche, ſagen zu dürfen: daß es auf Deinen Befehl geſchah.“ Cornelius wurde blaß; er ſtand auf und ſagte in bewegtem und gebrochenem Tone: „Ich bin kein Tyrann. Ich verbiete Dir nicht zu gehen. Ich beanſpruche keine Controle Deiner Gefühle und Handlungen. Geh oder bleibe, wie Du Luſt haſt.“ Ohne mir einen weitern Blick zu gönnen, trat an ſeine Staffelei. Ich ſetzte mich in der Stellung des 95⁵ jungen leſenden Mädchens nieder, aber ſo oft ich auch mein Auge von dem auf der Schooß liegenden Buche er⸗ hob, ich konnte nie einen Blick von ihm erhaſchen. Es ſchmerzte mich das tief; denn wenn Cornelius etwas mehr als irgend ein anderer gethan, ſo war es Das, daß er mir ins Geſicht ſah; und ach! wie freundlich hatte er mich immer angeblickt. Endlich konnte ich es nicht länger ertragen. Ich ſtand auf und trat zu ihm an die Staffelei. Er ſah ſich nicht um. Die heftige Herzensergießung, mit der ich mich an ihn hatte wenden wollen, entſiel meinem Gedächtniß. Mit unwillkürlicher Aufregung ſank ich ihm zu Füßen und rief, indem ich ſeine Hand leidenſchaftlich ergriff: „Schmäle mich! aber ſieh mich an, Cornelius: ſage, was Du willſt, aber ſieh mich an.“ „Biſt Du toll?“ rief er, merklich erröthend und hob mich mit Gewalt vom Boden auf.„Was thuſt Du? Was ſoll Dein Knieen? O, Daiſy!“ fügte er mit einem Vorwurfe hinzu,„ich wollte lieber, Du hätteſt mich ge⸗ ſchlagen, als das gethan.“ Ich ſtand ſchweigend neben ihm. „Vor mir zu knieen!“ fuhr er fort, als ob er es nicht verwinden könnte.„Es mag thöricht ſein, wenn der Mann vor dem Weibe kniet, aber es iſt wenigſtens die freiwillige Unterwerfung der Stärke; doch für die Frau vor dem Manne zu knieen— was iſt das— als die ſchmerzliche Unterwerfung der Schwäche. Wenn Du ir⸗ gend eine Rückſicht für mich haſt, wenn Dir etwas an mir liegt, ſo thue das nie wieder.“ Ich verſprach es und fügte dann hinzu: „Haſt Du mir vergeben, Cornelius?“ „Was habe ich zu vergeben?“ „Du weißt— ich thu es nicht.“ Er ſah ſich nach mir um; ich ſtand wie ein Kind, das des väterlichen Ausſpruches harrt, neben ihm; er ſeufzte: 96 „Du wünſcheſt eine Erklärung,“ ſagte er in ver⸗ legenem Tone,„Du ſollſt ſie haben, und doch fürchte ich mich davor.“ „Cornelius, ich will alles thun, um Dir zu Gefal⸗ len zu leben. Frage mich und ich werde Dir mit der ganzen Offenheit meines Herzeus antworten. Wenn ich Unrecht gehandelt habe, ſo geſchah es aus Unkenntniß der Verhältniſſe und das Gleiche war bei William der Fall. Wir ſind beide ſehr jung und unwiſſend, Cor⸗ nelius!“ „Beide! In welchem Verhältniß ſtehſt Du denn zu dem jungen Manne, daß ſein Name nicht von dem Deinen getrennt werden kann?“ „Er iſt mein Freund.“ „Warum erwähnteſt Du ſeinen Namen nie, ſeitdem ich zurück bin.“ „Wohl nur, weil ich weit mehr mit dem beſchäftigt war, was Dich anging, als mit meinen Angelegenheiten. Sonſt hätte ich ſicher Williams gedacht, des einzigen Freundes, den ich während Deiner Abweſenheit hatte.“ „Des einzigen, Daiſy?⸗ „Ja, Cornelius.“ „Ich vermuthe, Ihr waret viel zuſammen.“ „Ja.“ „Hier oder bei Miß Murray?“ „Weder das Eine noch das Andere,“ antwortete ich lächelnd.„Wir gingen ſelten zu Miß Murray und da Kate William nicht leiden mochte, noch er ſie, ſo kam er nie hierher. Wir trafen uns unten am Ufer.“ „Wie brachtet Ihr Eure Zeit zu?⸗ „Wir ſpielten miteinander.“ „Spieltet!“ „Ja, Du weißt, wir waren damals beide noch ſehr jung; als wir jedoch älter wurden, gaben wir das ſpielen auf.“ 4 „Und was thatet Ihr dann?“ fragte er unruhi „Wir gingen am Ufer ſpazieren, beſtiegen die Felſen, ͤ—— n 97 ſprangen wieder herunter, ſetzten uns, wenn wir müde waren und unterhielten uns.“ „Wovon?“ „Von der See, von allem.“ Es entſtand eine Pauſe; dann ſagte Cornelius. „Er iſt Dein Freund, ſagſt Du?“ „Ja, Cornelius; und wenn er auch rauh und un⸗ höflich gegen Andere, iſt er gegen mich ſanft und freund⸗ lich, er hat mich lieb.“ „Haſt Du ihn auch lieb?“ „Ja, ſehr.“ Er legte mir die Hand auf den Kopf und ſah zu mir herab, als wollte er mir im Herzen leſen. „Du haſt ihn lieb?“ „Ja, Cornelius, ich habe ihn lieb.“ Mehr fragte er nicht: mehr wagte ich nicht zu ſagen, ſo viel ich auch noch auf dem Herzen hatte; ich wagte nur zu fragen: 1 „Willſt Du ſonſt noch etwas wiſſen, Cornelius.“ „Nein,“ antwortete er mit einem ſtrengen Blick, der mich die Augen ſenken machte;„aber ich habe Dir einen Rath zu geben: verabrede keine Zuſammenkunft mit Deinem Freunde mehr. Ich ſage nicht, daß irgend etwas Böſes bei ſolchen zufälligen Begegnungen im Spiele war, bei welchen natürlich nichts geſchah, als was Du mir erzählt.“ „D, nie.“ „Aber ein junges Mädchen muß zurückhaltend ſein.“ „War ich dns icht uch 53 1 „Nein. Aber glaube nicht, daß ich beſondern Werth darauf lege; es war eine reine Kinderei.“ „Du haſt alſo ſonſt nichts zu ſagen.“ „Nichts,“ ſagte er mit einem Blicke, der mich wie⸗ der aus der Faſſung brachte,„ich habe Dich gewarnt.“ „O, ſprich nicht von Warnung,“ unterbrach ich ihn Daiſy Burns. II. 7 lebhaft.„Du weißt, daß es mein höchſter Wunſch iſt, Dir zu gefallen, daß ich meinen eigenen Willen thue, wenn ich den Deinen thue, Cornelius.“ „Du glaubſt das,“ antwortete er,„aber kann ich es, Daiſy?“ „Stelle mich auf die Probe!“ Wir ſtanden neben einander. Er ſchlang ſeinen Arm um mich und zog mich zu ſich hin. „Du bitteſt mich, ich ſolle Dich auf die Probe ſtel⸗ len,“ ſagte er. „Ja,“ antwortete ich, aber mein Herz ſchlug laut. „Es gab eine Zeit,“ fuhr er mit einem Blicke eifer⸗ ſüchtigen Vorwurfs fort:„in der ich, ich will nicht ſagen, Dein einziger, aber der einzige Freund war, an den Du dachteſt und für den Du Dich intereſſirteſt.“ Er durchbohrte mit dieſen Worten mein Herz, aber ich ſagte nichts. „Nun,“ rief er ungeduldig. „Darf ich ihm nicht ſchreiben?“ fragte ich, und fühlte, daß ich bald roth, bald blaß wurde. Er antwortete nicht. Es war klar, er wollte ent⸗ weder ein vollkommenes Opfer oder keines. Er umſchlang mich ſo feſt, daß ich gezwungen war, meinen Kopf an ſeine Schulter ziehen zu laſſen. Da er ſich über mich herabbeugte, begegnete ihm mein Blick und ich ſog aus dem ſeinen die ganze gefährliche Süße des Opfers. „Nun!“ ſagte er wieder. „Ja,“ antwortete ich,„alles, alles, was Du willſt.“ Ich zitterte, denn das Blut ſtrömte mir zum Herzen und Schmerz und Luſt miſchte ſich in ſeinen raſchen Lauf; aber er ſah nur die Thränen, die mein Geſicht bedeckten und rief mit vorwurfsvoller Zärtlichkeit: „Du weinſt, weil ich von Dir verlange, daß Du mit einer kindiſchen Vergangenheit brecheſt, die ich, ſo kindiſch ſie war, austilgen zu können, alles geben würde. O Daiſy, Daiſy!“ ggehen und Kate meinte mit einem Lächeln, ſie wollte 99 Plötzlich gebot ich meinen Thränen Einhalt. Er ſah die Wirkung ſeiner Worte, beugte ſich zu mir herab und drückte einen langen innigen Kuß auf meine Lippen. „O, mein Liebling!“ ſagte er lebhaft,„laß Dich das nicht grämen. Wenn ich Deine Freundſchaft mit keinem theilen will, ſo geſchieht es nicht, weil ich die Sorge für Dein Glück ganz allein auf mich nehmen möchte. Vertraue auf mich— darin ſei wieder ganz Kind. Ach! Ich fürchte oft, die Ruhe und Reinheit der Kindheit liegt nicht allein in Deinen Jahren, ſondern auch in Deiner Natur. O! wenn ich— ohne einen Tag zu Deinem Leben und eine dunkle Seite zu Deiner Er⸗ fahrung fügen zu müſſen— dies ändern könnte!“ Ich verſuchte zu lächeln, aber ich konnte nicht— ich fühlte mich matt und elend. Mein Herz ſchmerzte mich bei dem Gedanken an Das, was ich gethan,— daß ich William ſo willig aufgegeben, ohne daß mir ein Grund dafür angegeben worden. Ich wäre neugierig geweſen, ob Cornelius, wenn er alles gewußt, das gleiche Opfer von mir verlangt hätte. Ein oder zweimal ſuchte ich das Geſpräch wieder auf dieſen Punkt hinzulenken, aber er vermied den Gegenſtand ſo ſorgfältig, daß mir endlich die Augen aufgingen: Cornelins wollte nichts wiſſen. Von dem Augenblicke an ſchwieg ich reſignirt. Wenn mich ein liebevoller Ton und jeder Beweis von glühender Neigung hätten tröſten können, ſo wäre aller Schmerz erloſchen: aber ſelbſt während ich neben Cornelius ſaß und ſeinen Worten lauſchte— umſchwebte mich Williams Bild, der vergeblich am alten Platze unſerer Zuſammenkünfte meiner harrte. Ich hörte ſeine Stimme— und jetzt mit welchem Rechte vorwurfs⸗ voll rufen:„Du haſt mich getäuſcht!“ 3 Im Verlauf des Tages erhielten wir eine Einladung zum Thee bei Miß Murray, welche ihres Neffen Heim⸗ kehr dadurch feiern wollte. Ich ſagte, ich könne nicht 100 ſich aufopfern und Cornelius zu bleiben und mir Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten erlauben. Wir brachten einen ſtillen Abend mit einander zu. Mein Kopf ſchmerzte mich wie⸗ der; ich war an dieſem Vorwande froh, mich mit ge⸗ ſchloſſenen Augen auf das Sopha zu legen. Cornelius ſaß bei mir, hielt meine Hand in der ſeinen: ſo fand uns ſeine Schweſter bei ihrer Rückkehr. Sie ſah uns mit vergnügtem Geſichte an und ſagte: es ſei etwas ange⸗ nehmes, ſo verwöhnt zu werden, wie ich. „William Murray,“ fügte ſie gleichgültig hinzu,„iſt ein ſo großer Bär, wie je. Er war den ganzen Tag fortgeweſen und ſah aus, als er ins Zimmer trat, als woollte er mich zu Boden ſchmettern!“ Ich glaube, ich ſagte:„Wirklich!“ Ich weiß, daß ich ſpäter in mein Zimmer ging, um dort zu erfahren, welch' eine Qual, welch' eine Bitterkeit das Gefühl ver⸗ rathener Liebe verurſachen kann. 3 Naeunundzwanzigſtes Kapitel. Ich ſaß Cornelius am folgenden Morgen wie ge⸗ wöhnlich, aber wir gedachten des Vergangenen nicht mit einem Wort. Im Verlauf des Nachmittags ſagte er, er bedürfe meiner nicht mehr: ich verließ ihn, froh einen Augenblick der Freiheit und Einſamkeit genießen zu kön⸗ wurde. Er fand mich auf der Bank ſitzend und in die Lekture von Ta ſſo vertieft. Er fragte mich, ob wir nicht miteinan der leſen wollten. Ich gab meine Zuſtim⸗ nen. Er kam zu mir in den Garten, als es dunkel 7 10⁰¹ mung, zweimal jedoch fielen meine Thränen auf das Pa⸗ pier; er ſchloß das Buch und ſagte traurig: „Daiſy, Du darfſt nicht weinen; ich gebe Dir Dein Verſprechen zurück.“ Ich erſchrak: er fuhr fort. 4 „Ich glaubte nicht, daß Deine Gefühle ſo ſehr da⸗ von affizirt würden, ſonſt hätte ich Dich nicht auf dieſe Probe geſetzt. Weine nicht, Deine Thränenzeit iſt vor⸗ über; ſieh Deinen Freund, ſo oft Du willſt und laß mir Dein blaſſes Geſicht nicht immer den Vorwurf machen, daß, wenn ich nicht im Stande bin, Dich glücklich zu machen, ich wenigſtens einem Andern das zu thun, nicht die Möglichkeit raube.“ Ich konnte nicht mehr ertragen; jedes Wort, das er ſprach, bereitete mir größere Qual. Ich barg mein Geſicht in meinen Händen und rief: „Cornelius, Du biſt zu gut; ich verdien’ es nicht; 13 habe William geſehen, er hat mich ſo eben ver⸗ aſſen.“ Ich ſah auf, er erblaßte, ſprach jedoch kein Wort. „Du biſt ärgerlich über mich,“ ſagte ich. „Aergerlich über Dich!“ wiederholte er traurig, aber ſo freundlich lächelnd, daß ich von dem Gefuͤhle ge⸗ trieben, das mich ſo oft bei ihm eine Zuflucht finden ließ, mich an ſeinen Hals warf und mit einer von Thrä⸗ nen gebrochenen Stimme rief: „O, Cornelius, ich bin ſo elend.“ „Ich bin nicht ärgerlich, gewiß nicht,“ verſetzte er tief aufſeufzend. „O, es iſt nicht das, Cornelius; William iſt wieder fortgegangen und wenn Du Alles wüßteſt.— O, was ſoll ich thun?“ Ich weinte laut an ſeinem Halſe. Er ſtand halb auf, um ſich von mir loszumachen, ſetzte ſich jedoch wie⸗ der mit unverwandtem Blicke und zuſammengepreßten Lippen. 10² „Was wirſt Du thun?“ wiederholte er,„was an⸗ dere gethan— Du wirſt es ertragen.“ Ich ſtaunte über die ernſte Bitterkeit ſeines Tones, über den kalten und unergründlichen Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichtes, das eine tödtliche Bläſſe überzogen hatte. „Aber Cornelius,“ rief ich tief verletzt,„ich liebe ihn—“ „Ich glaube es nicht,“ unterbrach er mich und biß ſich auf die Lippen.„Es iſt ein Traum— eine Ein⸗ bildung— der Traum eines Mädchens, eines kleinen Kindes; alle Mädchen glauben, ſie lieben; Du meineſt es wie alle andern.“ Ich fühlte, daß eine tiefe Röthe mein Geſicht überzog; mein Auge ſeukte ſich. Die Hand, die er er⸗ griffen und noch hielt, zitterte in der ſeinen; er ließ ſie ſinken und ſagte: „Und iſt das das Ende von Allem, Daiſy? und liebſt du wirklich dieſen rohen Matroſen, einen unver⸗ gohrenen Knaben? O, Daiſy!“ Ich bekämpfte meine Scrupel und meine Scham. „Cornelius,“ ſagte ich und ſah zu ihm auf,„ich muß ein Mal für alle Mal offen mit Dir ſprechen. Ich wollte das geſtern ſchon thuu; Du gabſt mir jedoch kein Gehör; bitte, höre mich jetzt an.“ „Wie ſo?“ verſetzte er mit ſichtlichem Unbehagen, ich weiß genug, mehr als genug.“ „Du weißt nicht Alles.“ „Dann kann ich es ahnen.“ „Nein, das kannſt Du nicht.“ „Wohlan denn, ſprich, Daiſy, und zögere nicht länger.“ 1 „William hat mich, wie ich Dir ſagte, ſoeben ver⸗ laſſen; er kam, um mir Lebewohl zu ſagen und auch— aber ich muß von Anfang beginnen.“ „Weßhalb kam er denn ſonſt noch?⸗ fragte Cor⸗ nelius. j 103³ „Laß mich Dir erſt das Uebrige ſagen.“ „Sprich mir nicht davon, ſondern ſage mir, weß⸗ halb er ſonſt noch kam.“ „Ich muß auf meine Weiſe erzählen und will, daß Du über mein Benehmen urtheilſt, ſo gut als Du den Ausgang erfahren ſollſt. Erinnerſt Du Dich was ich Dir geſtern bezüglich meiner Bekanntſchaft mit William ſagte?“ 8„Jedes Wort.“ „Weißt Du gewiß, daß Du nichts vergeſſen?“ „Daiſy,“ rief er heftig,„wirſt Du mir endlich ſagen, weßhalb er kam?“ Sein Blick, ſein Ton heiſchten eine Antwort. „Um mich zu fragen, ob ich ihm die Heirath ver⸗ ſprechen wolle?“ erwiederte ich in leiſem Tone. Es entſtand eine Pauſe, während welcher ich mein eigenes Herz klopfen hörte. „Nun,“ ſagte Cornelius endlich,„gabſt Du ihm das Verſprechen.“ „Errathe!“ antwortete ich und damit er die Wahr⸗ heit nicht aus meinem Geſichte leſe, wandte ich es von ihm ab. „Errathen!“ wiederholte er,„unkluges Kind, ich errathe nur zu leicht. O, Daiſy, wie konnteſt Du Dich ſelbſt verſchenken, wie konnteſt Du verſprechen, was Dich Dein ganzes Leben unglücklich machen wird.“ „Cornelius, ich verſprach nicht.“ „Aber Du liebſt ihn!“ rief er mit einer Art von Verzweiflung,„und Liebe iſt ſicherer als Gelübde.“ Es hätte in der Antwort, die ich ihm nun geben mußte, nichts Beſchämendes gelegen, aber meine Augen ſuchten den Boden, mein Geſicht glühte, und ich zögerte und ſchwieg. Als ich endlich wieder aufſah, bang vor dem Blick von Cornelius, ſah ich, daß ſeine Augen auf Wil⸗ liam Murray gerichtet waren, der den ſteilen Pfad her⸗ aufgekommen und nun an der niedern Holzthüre ſtand, 104 während er traurig und ernſt nach uns herüberblickte. Ich war die Erſte, die dies peinliche Schweigen brach. „Ich dachte, Du ſeieſt fort, William,“ ſagte ich, in⸗ dem ich aufſtand und einen Schritt näher zu ihm trat. „Ich vermochte es nicht über mich,“ verſetzte er mit einem leiſen Vorwurf in ſeinem Blick,„ich konnte nicht gehen, ohne Dir noch einmal Lebewohl zu ſagen.“ Er ſtreckte ſeine Hand nach mir aus, ich gab ihm die meine durch das Gitter. Er nahm ſie und ſie mit beiden Händen haltend, wandte er ſich an Cornelius und ſagte tief bewegt: „Ich weiß nicht, warum ich mich deſſen ſchämen ſollte— und ich ſchäme mich auch nicht— Mr. O'Reilly, ich liebe ſie von ganzem Herzen. Ich bin überzeugt, es gibt kein Mädchen, das ihr gleicht; wenigſtens keines, das mir das Alles wäre, was ſie mir iſt. „Ich glaubte, ſie liebe mich; aber ſo ſehr ich auch bat, ſie wollte mir nichts verſprechen— ſie ſagte, ſie könne nicht, ohne Ihre Zuſtimmung, ich ſagte, ich brauche keine andere Zuſtimmung, ſie zu lieben. Wir ſchieden et⸗ was ungehalten von einander; aber mir kam ein ver⸗ ſöhnlicher Gedanke und ich eilte zurück, um mit Ihnen zu ſprechen, wenn ſie es wünſchte. Und ſehen Sie!l ſo⸗ gar in Ihrer Gegenwart entzieht ſie mir ihre Hand, weil Sie es vielleicht nicht gerne haben.“ Ich entzog ihm allerdings meine Hand, theils weil William von Freundſchaft zu Liebe übergegangen, theils we hneh Cornelius Blick begegnet war, das mich verlegen machte. 4 „Mr. O MReilly,“ ſagte William und ſah ihn feſt an,„haben Sie etwas dagegen?“ „Nein,“ antwortete Cornelius kalt. William öffnete das Thor und trat mit triumphiren⸗ dem Blicke ein. 8 „Hörſt Du's, Daiſy?“ rief er. „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ ſagte Cornelius ruhig 10⁵ —„Ich habe nichts dagegen; wenn mich jedoch Daiſy um meinen Rath fragt, ſo werde ich ihr auf's beſtimmteſte abrathen, im ſiebenzehnten Jahre eine Verbindung einzu⸗ gehen, die ihr ganzes Leben dauern ſoll. Das menſch⸗ liche Herz ändert ſeine Anſichten; oft eckelt es ſpäter der Gegenſtand ſeiner früheren Wünſche an und man lernt zu ſpät das Elend erkennen, in das man ſich geſtürzt.“ „Ich werde mich nicht ändern!“ rief William und warf ihm einen ungeduldigen Blick zu;„aber natürlich, wenn Sie Daiſy vor Verſprechungen warnen, ſo wird ſie auch keine machen. Ich brauche mich um Niemanden zu kümmern; und wenn ſie nur mir verſprechen will, mich zu lieben—“ „Und warum ſollte ſie?“ unterbrach ihn Cornelins; „was haben Sie für ſie gethan, um ein ſolches Ver⸗ ſprechen zu verdienen? Welchen Beweis hat ſie, daß Sie es hets verdienen werden, wie Sie es jetzt ver⸗ dienen?“ „Ich will Ihnen etwas ſagen, Mr. O'Reilly,“ rief William mit leuchtenden Angen;„meine Anſicht iſt die, daß wenn Sie ſich auch ein noch ſo ſolides Anſehen geben, doch alles nur Trug iſt. Sie wollen Daiſy für ſich ſelbſt behalten!“ Cornelius lachte verächtlich, als ob er es unter ſei⸗ ner Würde achtete, die anmaßende Eiferſucht eines Kna⸗ ben zu ahnden; aber ich ſah ihn erröthen und ſeine Stirne ſich falten. Ich beeilte mich zu vermitteln; ich trat zu William, ſah ihm in's Geſicht, nahm ſeine Hände und drückte ſie an mein Herz. „William,“ ſagte ich traurig,„warum kamſt Du zu⸗ rück? Ich wünſchte, ich hätte offener geſprochen: Ich liebe Dich, aber wahrlich nicht, wie Du meinſt; ich liebe ich als meinen Freund, meinen Bruder, aber nicht nders.“ 1 „Nicht anders?“ ſagte er und ſt Ich wandte meinen Kopf weg. — uchte meinen Blick. 106 „Und doch waren wir ſo gute Freunde!“ „Und ſind es noch, William.“ „Dann ſei meine beſte Freundin.“ „Von Herzen gerne.“ „Gut! wen heirathet man, als ſeinen beſten Freund! Liebe ich Dich nicht mehr, als jedes andre menſchliche Weſen? Würde ich Dich nicht unter Tauſenden erken⸗ nen? Habe ich einen Gedanken, den ich Dir nicht ſagte? Keinen. Und ich bin überzeugt, Du liebſt mich mehr als Du ſelbſt glaubſt.“ „Nein, William.“ „Beeile Dich nicht mit Deinen Antworten,“ er⸗ wiederte er mit ernſtem Blick;„Du brauchſt vielleicht län⸗ ger, dies zu finden, als ich.“ In ſeinem Eifer hatte er die Anweſenheit von Cor⸗ nelius ganz vergeſſen. „William,“ ſagte ich,„es iſt nicht möglich; ich könnte verſprechen, Dich zu lieben zu ſuchen, wie Du es wünſch⸗ teſt; aber ich könnte mein Verſprechen nicht halten. Es gibt ein Recht und einen Zauber, der mich an die Hei⸗ math bindet, ein Band, das mich an Cornelius und Kate feſſelt und das ich nicht um Deinetwillen zu brechen ver⸗ möchte Glaube mir, ſo lange ich bei ihnen bin, kann ich Dich von Herzen lieben; aber wenn ich bei Dir wäre, würde ich Heimweh bekommen und zu herzkrank werden, um an Dich denken zu können. Wenn wir mit einander gingen und mein Arm läge in dem Deinen oder Deine Hand in der meinen, würden meine Augen doch immer nach ihnen ſuchen, mein Fuß mich nach ihrer Schwelle führen. Ich liebe Dich, William, ich liebe Dich recht innig, aber ich kann Dir nicht mein ganzes Herz ſchenken.“ 4 William warf mir einen Blick zu; Thränen blitzten in ſeinen Augen; er ließ meine Hände ſinken. 1 „Gott ſei mit Dir! Daiſy,“ ſagte er und ging fort. Die Thüre ſchloß ſich hinter ihm; er ſtieg langſam den — 4 107 Pfad hinab. Ich rief ihn nicht zurück, ſondern ſetzte mich auf die Bank, barg mein Geſicht in meine Hände und weinte bitterlich. Ich fühlte klar, daß wir geſchieden waren, um uns nie wieder zu begegnen; daß mein ge⸗ treuer Begleiter und Freund für mich verloren war und das heitere Band meiner Kindheit und Jugend auf im⸗ mer zerriſſen. Einen Augenblick ließ Cornelins mich weinen; dann ſuchte er mich auf alle mögliche Weiſe zu tröſten. Der Klang ſeiner Stimme beruhigte und beſänftigte mein Herz; meine Thränen verloren ihre Bitterkeit, endlich hörten ſie auf zu fließen und ich konnte ruhig hören und ſprechen. „Und ſo,“ ſagte Cornelius, indem er ſich zu mir herabbeugte, während ſeine rechte Hand die meine hielt und die linke auf der Banklehne ruhte,„ſo war es alſo nur Freundſchaft, was Du für William Murray fühlteſt.“ „Du ſcheinſt überraſcht, Cornelius.“ „Der Schein und jede Chance waren durchaus da⸗ gegen.“ „Ich räume keine Chance ein.“ „Dnu haſt ein iſolirtes Leben geführt, und weißt nicht, daß ein junger Menſch und ein Mädchen, in der Lage wie Du und William, einzig und allein daran denken, ſich auf's Innigſte mit einander zu verbinden.“ „War'’s das, was Du geſtern meinteſt, Cornelius?“ „Warum enttäuſchteſt Du mich nicht?“ „Warum fragteſt Du mich nicht?“ „Ich hatte keine Luſt, zu fragen.“ „Und ich nicht, ungefragt zu antworten. Ich hatte mir nie träumen laſſen, daß William, mit dem ich ſo frei, ſo freundlich geweſen, mit dem ich geſpielt, Muſcheln geſammelt und umher geſprungen, an etwas der Art denken könnte. Wie konnte Dir das nur in den Sinn kommen, Cornelius?“ 4.. 3 108 „Warum nicht, er war Dein Freund und ein hüb⸗ ſcher junger Mann dazu.“ „Ja,“ verſetzte ich,„und ſo hübſch, als ein wirklich hübſcher Mann ſein kann. Aber ſeine Blicke haben nichts mit dem zu thun, was ich meine, Cornelius.“ „Was meinſt Du denn?“. „Daß er noch ein purer Knabe iſt; Kate nannte ihn immer einen Jungen und ich ſah ihn ſtets als ſolchen an. Du konnteſt doch nicht glauben, daß ich ſo frei und ungenirt mit einem jungen Manne umgegangen wäre? Gewiß nicht, Cornelius. Ueberdies iſt er ein Seemann.“ „Haſt Du etwas dagegen?“ „Gewiß.“ „Nun, was wäre Dir denn lieber, Daiſy 2“ „Ich weiß nicht; aber ich weiß, was ich nicht mag und ein Lord Admiral ſogar hätte für mich keinen Reiz.“ „Ich hatte keine Idee davon, daß Du ihn aus ſo vielen Gründen abzuweiſen Dich gezwungen ſehen würdeſt,“ ſagte Cornelius lächelnd;„er iſt hübſch, Knabe und See⸗ mann— haſt Du ſonſt noch etwas?“ „Ja, Cornelius,“ antwortete ich, und ſah ihm ins Deſichr„ich kenne ihn zu lang,— beinahe ſo lang als ich 4⁴ — h. 2 „Wirklich!“ ſagte er zerſtreut,„iſt langjähriges Be⸗ kanntſein denn eine ſo große Sünde in Deinen Augen, Daiſy?“, „Es iſt keine Sünde, Cornelius; aber ich habe Wil⸗ lüamn wie einen Bruder geliebt und kann ihn nicht anders ieben.“ „Daiſy, es ſcheint mir, daß ein alter und bekannter Freund im Allgemeinen einem Fremden weit vorzu ziehen iſt.⸗ „Das iſt ein guter Grund, Cornelius, und i ſpreche von einem Gefühle. Das meine iſt ſo ſtark, 109 daß, ſo ſehr ich auch William liebe, ich mich doch über den Gedanken freue, ihn nicht ſo bald wieder zu ſehen.“ „O Daiſy,“ ſagte Cornelius traurig,„rechneſt Du dem armen Jungen ſeine Liebe zu Dir als ein Verbrechen „Gott bewahre; aber ich fühle, daß der Reiz unſerer Freundſchaft dahin iſt! Er liebte mich auf die eine Weiſe, ich auf die andere; was für ein Bezügniß kann ferner zwiſchen uns ſtattfinden? Könnte ich wieder unbefangen mit ihm umgehen? Nein; und kalt und zurückhaltend zu ſein, wo ich ſonſt ſo vertraulich und offen war, müßte ſchlimmer als die unbedingteſte Trennung ſein. Ich möchte ihn lieber nie wieder ſehen, als meine Freund⸗ ſchaft für ihn zuſammenbrechen zu fühlen.“ Ich ſprach wie mir's um's Herz war, mit einer Wärme und einem Ernſte, der meine Augen überſtrömen machte. Cornelius hörte mir mit aufmerkſamem Blicke ße legte dann ſeine Hand auf meinen Arm und ſagte ruhig: „O Daiſy, welche Lehre!“ „Eine Lehre, Cornelius?“ „Ja, eine Lehre, die ich nie vergeſſen werde. Wenn ich mich je in einer ſolchen Lage befinde, wie Dein Freund, Daiſy, werde ich ſo klug ſein, die Freundſchaft nicht eher wegzuwerfen, bis ich der Liebe ſicher bin.“ „Cornelius,“ ſagte ich ernſt,„tadelſt Du mich?“ „Nein, nein,“ antwortete er lebhaft. „Sonſt würde ich—“ „Nein,“ unterbrach er ſie;„durchaus nicht. O Daiſy! ſiehſt Du nicht, daß ich zu ſelbſtſüchtig bin, um Dich an den nächſten beſten Knaben oder Mann zu verſchen⸗ ken, der ſich in Dich verliebt?“ „Und ich hoffe, ich bin zu klug, um Dich und Kate zu verlaſſen,“ verſetzte er vertraulich. 8 „SO Cornelius!“ fügte ich mit plötzlicher Bewegung 110 hinzu,„wie können Töchter das Haus ihrer Aeltern ver⸗ laſſen, um einem Fremden zu folgen?“ Er beugte ſich über mich mit dem Blicke und der Haltung, die mehr als That und Wort die Empfindung inniger Liebe ausdrücken; als er dies jedoch hörte, er⸗ röthete er, zog ſich zurück und ſagte in kurzem, gereiz⸗ tem Tone: „Laß das kindliche Weſen, Daiſy.“ „Sei nicht böſe,“ antwortete ich lächelnd,„ich habe nicht vergeſſen, daß Du mich geſtern Deine Freundiu nannteſt und ich will nun von dieſem Privilegium Ge⸗ brauch machen.“ „Wirklich?“ antwortete er plötzlich beruhigt. „Ja, ich werde ſehr kühn werden.“ Er lächelte. „Mir eine Gunſt ausbitten.“ Er ſchien eiltzückt und neugierig. „Du weißt,“ rief ich mit meinem überzeugendſten Tone, und ſchlang dabei meinen Arm in den ſeinen; „Du weißt, es iſt ausgemacht, daß ich immer bei Dir und Kate bleiben ſoll, aber—“ „Aber,“ wiederholte er.. „Aber es iſt auch ausgemacht, daß Du bei uns bleiben ſollſt?“ „Warum nicht?“ antwortete er und ſchien erſtaunt. „Du ſprachſt geſtern von Spanien. Was ſollte Dich nach Spanien ziehen? mir ſcheint es ein reiner Zeitverluſt; daneben—“. „Daneben, Daiſy?“ wiederholte er und ſtrich mir über das Haar. „Daneben wünſchte ich, daß Du hier bliebeſt.“ „Wie lange, Daiſy?“ „Immer.“ Ich ſagte es lächelnd, denn ich ließ mir nicht trän⸗ men, daß er ſeine Zuſtimmung geben würde. 111 „Immer,“ wiederholte er mit ruhiger Zuſtim⸗ mung. Ich ſah ihn mit athemloſer Freude au. Er lächelte. „Bitte mich ſonſt um Etwas,“ ſagte er. „Ich wage es nicht,“ antwortete ich und athmete tief auf.„Du möchteſt ſonſt die erſte Gabe wieder zurücknehmen, um meine Aumaßung zu ſtrafen“ „Deine Anmaßung? O Daiſy!“ Ich warf ihm einen lebhaften Blick zu; als unſre Augen ſich begegneten, las ich in den ſeinen die gefähr⸗ liche und berauſchende Wiſſenſchaft, daß der, der ſieben Jahre lang mein Herr geweſen, freiwillig dieſem Throne der Autorität entſagte, wo zwei ſo ſelten im Frieden ſitzen, und mich mit etwas mehr als gleichen Rechten belehnte. Mein Herz ſchlug laut, mein Geſicht glühte; ich ſah ihn ſtolz an. „Und ſo,“ ſagte ich, etwas unruhig,„ſo ſoll ich wirklich Deine Freundin ſein. Wie gut! wie freundlich! Aber muß ich Dir nicht gehorchen?“ fragte ich ab⸗ brechend. „Nenne dies Wort nicht!“ verſetzte er ungeduldig. „Wie ſeltſam!“ ſagte ich verwundert und heiter. „Wie ſeltſam, daß ich, die ſich ſo ſehr vor Dir fürch⸗ tete, die Du ſtrafteſt, ſchalteſt und aus dem Zimmer ſchickteſt—“ „Ich fürchte,“ unterbrach mich Cornelius und ſchien etwas unangenehm berührt,„ich war damals wohl zu ſtreng.“ „Du warſt gerade nicht immer ſehr höflich. Du nannteſt mich ſogar ein Mal einen kleinen Affen. Ein ander al—“ „Bitte, laß das!“ warf er raſch ein und ſchien ärgerlich und mißſtimmt.„Sage mir lieber, was ich Dir geben ſoll. Gibt es keine Läden in Ryde?“ Als ob ich irgend Etwas aus einem Laden möchte.“ „Was kommt denn nicht aus einem Laden?“ 11² „Welche Frage für einen Künſtler!“ „Habe ich irgend Etwas, was Du Dir wünſchteſt?“ fragte Cornelius lebhaft. „Würdeſt Du mir Dein Bild geben, wenn ich Dich darum bäte?“ „Würdeſt Du mich darum bitten?“ „Nein, ich wünſchte, daß Du es verkaufteſt.“ „Und wirſt Du nicht immer wünſchen, daß ich ſie verkaufe?“ „Und gibt es nichts, was Du nicht verkaufen wirſt?“ Ich ſpielte auf ſeine italieniſchen Zeichnungen an, von denen Cornelius oft erklärt hätte, daß ihn nichts von ihnen trennen werde. Er verſtand mich, denn er lächelte; um der Sache jedoch auszuweichen, fragte er, ob wir nicht in das Haus zurück wollten. Ich willigte ein. Wir begaben uns in das Wohnzimmer und brach⸗ ten wie gewöhnlich einen ſehr angenehmen Abend mit einander zu. Als ich am nächſten Morgen erwachte, war das Erſte, was mir in die Augen fiel, das Portefeuille mit italieniſchen Zeichnungen, das auf dem Tiſche neben mir lag. Ich hatte mich nie ſo ſchnell angezogen, als jenes Mal. Ich eilte die Treppen binab in’s Wohn⸗ zimmer. Cornelius las die Zeitungen. Ich giug zu ihm, ſtellte mich hinter ihn und nahm ſie ihm ſanft aus der Hand. 5 „Was ſoll das?“ ſagte er und ſpielte den Naiven. „O Du weißt wohl. Aber ich kann Dir nicht danken. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ich nie ver⸗ geſſen werde, daß Du mir, was Du für kein Geld her⸗ gegeben, wenn Du auch Geld gebraucht, aus reiner Liebe und Freundſchaft gabſt. Ich werde nicht vergeſ⸗ ſen, Cornelius, wenn Du ein reicher und großer Mann biſt, daß Du mir, als Du noch ein armer, unbekannter 113 Künſtler warſt, Alles gabſt, was ein armer, unbekannter Künſtler zu geben hat.“ Er antwortete nicht. Ich ſtand hinter ihm, mit meinen beiden Händen auf die Lehne ſeines Stuhles ge⸗ ſtützt. Er nahm ſie und ſchlang ſie ſanft um ſeinen Hals. Ich bückte mich und ſagte, indem meine Lippen ſeine ſchöne Stirne berührten: „O, mein Freund! werde ich je einen Freund ha⸗ ben, der Dir gleicht?“ „Ich hoffe nicht,“ antwortete er lachend, und in dem gegenüberſtehenden Spiegel ſah ich Kate, welche in dem Halbdunkel der offnen Thüre ſtand, lächeln. Das Herz der Jugend iſt leicht. Ich liebte Wil⸗ liam. Ich war bekümmert um ihn, aber ich ließ mich nicht von der Erinnerung an ihn niederdrücken. Und hätte ich es auch gewünſcht, es wäre kaum in meiner Macht geweſen, unglücklich zu ſein, denn ich ſah und fühlte, daß der, der mir von allen Geſchöpfen Gottes das Theuerſte war, mich jetzt ſo blind und hingebend liebte, als ich ihn je geliebt. Dreißigſtes Kapitel. Nach Verfluß von vierzehn Tagen ſprach Kate von dem Projecte, wieder nach unſerer alten Wohnung im „Haine“ zu ziehen, welche auf einige Zeit vacant ſei. Sie wollte zuerſt mit Jane dahin gehen, um Alles in dden Stand zu ſetzen und Cornelius und mich der Für⸗ ſorge einer alten halbblinden und tauben Frau überlaſ⸗ 3 Daiſy Burns. I. 8 114 ſen. Wenn Alles hergerichtet ſei, wolle ſie uns ſchrei⸗ ben, und da unſre Ameublement nicht beſonders werth⸗ voll war, konnten wir Rock Cottage einfach abſchlie⸗ ßen, wodurch Cornelius Arbeit keine Unterbrechung litt. Er war damals viel mit ſeinem„jungen leſenden Mäd⸗ chen„beſchäftigt und vertiefte ſich ausſchließlich in dieſen Gegenſtand. Als Kate ungefähr zehn Tage fort war, ſchrieb ſie uns, wir möchten kommen, wann wir wollten. Ich war entzückt, bemerkte jedoch mit Unruhe, daß dieſe Rückkehr in die alte Heimath einen durchaus andern Eindruck auf Cornelius machte. Er ſah ſeit mehreren Tagen blaß. und unwohl aus, und doch war kein Zeichen von phyſt⸗ ſcher Unpäßlichkeit vorhanden. Er ſchien in einem eigen⸗ thümlichen Zuſtande von Unruhe und Fieber und ging wie ein Geiſt im Hauſe umher. Zwei bis drei Mal machte er lange und einſame Spaziergänge, von denen er ſo ermattet und erſchöpft zurückkam, daß ich ihn ein Mal in meiner Unruhe fragte: „Was fehlt Dir, Cornelius?“ „Nichts. Du ſiehſt ſehr erhitzt aus. Fehlt Dir Etwas?“ „Ich habe mich beim Packen gebückt.— Das iſt Alles.“ 3 Ich ging wieder an meine Arbeit. Er verließ mich, kam jedoch mehreremal zurück, als wollte er mich anre⸗ den, ſprach aber nichts. Beim Thee bemerkte ich zu meinem Schrecken, daß er nichts anrührte. Ich ſagte, er ſei ſicher krank. Er leugnete es: als jedoch unſere alte Dienerin das Zeug wegnahm, ſetzte er ſich zu mir, hieß mich meine Arbeit weglegen, ergriff meine beiden Hände und ſah mir mit ſeltſam beunruhigter Miene in's Geſicht— wie Jemand, der die Dinge dunkel und un⸗ erkennbar im Traume gewahrt. 4 „Was iſts?“ fragte ich. „Wie blaß Du ausſiehſt!“ lautete ſeine Antwort. 115 „Ich bin müde. Als ich nach dem Thee zu nähen begann, ſchloſſen ſich meine Augen unwillkürlich.“ „Sie ſchließen ſich ſchon wieder. Du mußt ſchla⸗ fen, armes Kind. Geh auf Dein Zimmer.“ „Haſt Du mir nichts zu ſagen?“ „Morgen. Geh'. Die Ruhe der Nacht wird Dir wohlthun. Schlafe wohl und lang.“ Ich ſagte, es ſei noch zu früh, aber während ich ſprach, drückte eine Schwere, die ſich nicht bekämpfen ließ, meine Augenlider zu. Er drang in mich und ich gab nach. Wie bald ſchlief ich jene Nacht; wie lang, tief und friedlich war mein Schlummer; wie leicht und glücklich fühlte ich mich, als die Morgenſonne mich er⸗ weckte und mein Fenſter öffnete. Ich athmete mit Entzücken die vom Thau der Nacht gekühlte Luft ein. Ich kam in heiterer Stimmung hinab und eilte hinaus zu Cor⸗ nelius in den Garten. Er ſtand rauchend bei den Tan⸗ nen und ſah ſo ganz in ſeine Gedanken verſunken auf die See hinaus, daß er mich nicht eher hörte, als bis ich meinen Arm in den ſeinen ſchlang und ſagte: „Wie geht es Dir heute?“ „Ganz gut, Kind.“ „Dann laß uns einen langen hübſchen Spaziergang machen,“ ſagte ich lebhaft. Laß uns unſre alten Lieb⸗ lingsplätze beſuchen und einige grüne Bilder nach dem rauchigen London nehmen. Willſt Du?“ „Wenn Du Luſt haſt, Daiſy?“ „Ja. Ich habe eine wahre Sehnſucht nach friſcher Luft, Bergen, Thälern und im Schatten fließenden Bä⸗ chen. Wir wollen hineingehen und frühſtücken.“ Er gab nach, ſchien jedoch wenig Sympathie mit meiner Ungeduld zu haben, denn er blieb länger als eine Stunde bei dem Imbiß ſitzen. Wenn ich ihn zu treiben ſuchte, ſagte er immer: 3 „Es iſt noch Zeit genug.“— Ich ging hinauf, um mich anzuziehen; als ich wie⸗ 116 der herabkam, fand ich ihn im Garten auf⸗ und ab⸗ gehend. Ich trat zu ihm und ſagte, ich ſeie bereit. „Wirklich?“ antwortete er ruhig und ſetzte ſeinen Spaziergang fort. Ich folgte ihm ungeduldig über ſein Zaudern; er ſchien jedoch keine Eile zu haben, denn er ſagte, wie er an jedem andern Morgen auch hätte ſagen können: „Ich liebe dieſen Garten, Daiſy. Trotz der See⸗ luft gedeihen die Blumen herrlich. Ich ſah nie eine ſchönere Roſe als dieſe. Nimm ſie.“ Er pflückte ſie und gab ſie mir, während er ſprach. Ich murmelte Etwas. Die Roſe ſollte das Bouquett ſchmücken, das ich Kate bringen wollte. „Es ſind noch geung übrig,“ antwortete er, indem. er einige abpflückte; dann ſah er auf die Uhr und ſagte gleichgultig: Es ſei Zeit zum Gehen.“ Ich fragte ihn, ob wir den Pfad einſchlagen woll⸗ ten, der nach der Küſte führe. „Warum nicht nach Leigh; Du wünſchteſt ja gruͤne Wieſen zu ſehen.“ „Wohl wahr; aber wir können am Ufer zurückgehen.“ Er antwortete nicht. Ich nahm ſeinen Arm: wir gingen durch das Haus und ſchlugen den Pfad ein, der einer unſrer erſten Spaziergänge zu den Feldern von „Denke Dir,“ ſagte ich nach einer Weile,„ich nahm die Blumen mit, die Du mir gabſt. Sie werden gewiß „Gib auf den Stein Acht,“ ſagte er.„Du könn⸗ teſt Dir leicht wehe thun. Warum ſahſt Du nicht vor Dich?“ „Weil es mir iſt, als ob ich auf Luft ginge,“ ant⸗ wortete ich heiter,„und wenn Jemand ſo iſt, ſo wäre es höchſt lächerlich, ſich um Steine zu kümmern u. ſ. 1 Ich weiß mich lange keiner ſo leichten und glücklichen Stimmung zu erinnern. Mir iſt, als ob dieſer gründ “ A 117 Weg keine Ende, und dieſer ſchöne Tag keinen Sonnen⸗ untergang haben ſollte.“ Er antwortete nicht. Meine Gedankenflüge fanden kein Echo in ſeiner ernſten Stimmung; der herrliche Glanz der tief blauen Wolke, die grüne Friſche der Ge⸗ filde, ſchienen keinen Eindruck auf ihn zu machen, der Reiz und die Schönheit des Tages für ihn verloren zu ſein. Aber ſelbſt ſein ungewöhnlicher Ernſt vermochte nicht meine heitere Laune zu verſcheuchen. Mein Blut floß, wie es nur in der Jugend oder im Frühling durch die Adern fließt, leicht, warm und raſch, jedes Gefühl zu einer Freude, jeden ſtillen Blick in die Natur zu einem köſtlichen Gennſſe erhöhend, der nur durch jenes leichte ucken des Schmerzes gemäßigt war, das jede heftige Aufregung begleitet und die ſüßeſten und reinſten Freu⸗ den auf ihrer höchſten Spitze mit dem Gefühl der Sterb⸗ lichkeit vergiftet. Ich ging, wie im Traume, fort, kaum beachtend, wo wir waren. Endlich blieb Cornelius ſtehen und ſagte: „Wollen wir nicht einen Augenblick ausruhen?“ Wir ſtanden in der grünen und einſamen Bucht am Ufer des ruhigen Stroms, wo wir einſt mehrere Stunden eines Sommerabends zugebracht. Obwohl wir häufig ſeitdem vorübergekommen, hatten wir doch nie mehr dort geruht. Der Gedanke, hier wieder ein oder zwei Stunden zu verbringen, war ungemein ange⸗ nehm. Ich nahm meinen Hut ab und hing ihn an die Zweige eines Weidenbaumes; ich ſelbſt lehnte mich an den Stamm; Cornelius nahm unbewußt wieder die ſtellung an, in der ich mich ſeiner noch wohl erinnerte, — halb an die Bank zurückgelehnt, während die Stirne auf ſeiner Hand ruhte. Die Bäume beugten ſich wie damals herab, die blauen Wolken blickten durch die Zweige, der Strom mit ſeiner ſtillen Welt floß vorüber; es war das gleiche Murmeln ſanfter und abgebrochener Töne um uns her; daſſelbe ſüße Gefühl der Friſche und 118 Einſamkeit, die vergangene Wochen zu einem unterbro⸗ chenen Sommertage machten. Ich fühlte, daß ich, hier ſo ſitzend, vergeſſen konnte, wie raſch die Stunden ver⸗ gehen, wie flüchtig der Lauf der Zeit. „Daiſy!“ ſagte Cornelius plötzlich und ſah auf, „wie kommt es, daß Du mich nicht fragſt, was ich Dir geſtern Abend zu ſagen hatte?“ Es war mir entfallen,“ antwortete ich lächelnd, „was iſt es, Cornelius?“ Er antwortete nicht, ſondern ergriff meine Hände wiederum ſo traurig, daß mir das Herz brechen wollte. „Cornelius,“ rief ich,„Du haſt doch keine Nachricht — von— Kate?“ „Nein,“ antwortete er raſch,„ich habe traurige venncheiten für Dich, mein armes Kind; aber Kate iſt wohl.“ „Was iſt es dann? Was iſt mit ihr, Cornelius? Hat ſie ihr Geld verloren? Iſt das Haus abgebrannt? Was iſt es?“ „Nichts von alle dem, Daiſy; Du würdeſt es nicht errathen— ich muß es Dir ſagen; Gott allein weiß, wie ſchwer es mich ankömmt. Daiſy, wir müſſen ſcheiden.“ Meine Arme ſanken kraftlos nieder; ich ſprach nicht, ich weinte nicht; der Schlag hatte mich betäubt. Ein Ausdruck der Verlegenheit und Reue überflog ſein Ge⸗ ſicht. i„Was habe ich gethan?“ rief er in bewegtem Tone, „ich wollte Dich bis auf den letzten Augenblick damit verſchonen. O Daiſy, um Gotteswillen, ſieh mich nicht o an.“. 3 Ich war beinahe leblos. Er nahm mich in ſeine Arme, beugte ſich zu mir herab und bat mich, ihm zu vergeben. „Ich wollte Dich ſchonen, mein Liebling,“ ſ er;„ſchon geſtern Abend hatte ich im Sinne, e V 3„ 119 zu ſagen, aber ich mochte Deinen Schlaf nicht ſtören und behielt das Geheimniß wieder bei mir, wie ich es ſchon ſeit drei Tagen gethan.“ Ich hörte ihn traurig an. Es war alſo wahr, wirkliche, ſchreckliche Wahrheit. Ich raffte all' meine Kraft zuſammen, um zu ſagen: „Warum müſſen wir ſcheiden, Cornelius?“ „Warum?“ wiederholte er traurig. „Du darſſt nicht gehen, ich laſſe Dich nicht,“ rief ich leidenſchaftlich,„oder wenn Du gehſt, mußt Du mich mitnehmen. Ich habe Geld; ich werde Dir keine Koſten machen, aber ich will Dich nicht laſſen.“ 4 Er wollte ſprechen; ich legte meine Hand auf ſeine ippen. „Ich ſage Dir, Du mußt mich entweder mit Dir nehmen oder hier bleiben,“ ſagte ich entſchloſſen. „Auch ich will Spanien ſehen.“ „Daiſy, ich gehe nicht nach Spanien.“ „Wohin denn? Nach Italien? Weßhalb? Wen haſt Du dort gelaſſen, der Dir ſo theuer wäre? O ich ſehe! ich verſtehe! Geh', Cornelius, geh'!“ Und ich löste mich mit verwundetem Stolze aus ſeiner Umar⸗ mung, in der er mich hielt, während,— wie ich in meiner Eiferſucht glaubte,— ſein Herz voll von einer andern war. „Das iſt recht, Daiſy,“ verſetzte er bitter,„das iſt recht! Laß mich bis auf den letzten Tropfen den Becher der Qualen koſten, aus dem ich in den letzten zwei Monaten getrunken.“ „Wirſt Du, oder wirſt Du nicht heirathen?“ ſagte ich und ſah ihm in’s Geſicht. „Heirathen!“ wiederholte er mit ungeduldigem und gereiztem Tone:„heirathen! ich denke nicht daran.“ Ein Stein fiel mir vom Herzen. Ich athmete auf. Ich lebte wieder. Seine Heirath war das einzige Uebel, gegen das ich kein Mittel wußte. Durch die Furcht, die mir der Gedanke eingeflößt, ſah ich, wie ſchrecklich ein ſolcher Schlag für mich wäre; ein dunkler Inſtinct verbot mir jedoch, dies Gefühl laut werden zu laſſen. Ich ſprang deßhalb raſch auf etwas Anderes über. 4 „Nimm mich mit Dir,“ ſagte ich bittend,„ich will Dir gewiß nicht zur Laſt werden.“ „Laſt! O daß ich wirklich gehen könnte und Du mit mir,“ murmelte er halb zwiſchen den Zähnen.„Wie gerne trüge ich dieſe Laſt; wie ſüß, wie entzückend der Gedanke, Dich allein mit mir nach einem fernen Lande führen zu können.“ „Cornelius,“ ſagte ich,„ſage mir das Schreckliche ganz und auf einmal. Da Du nicht fortgehſt,— was iſt es dann?“ „Vermuthlich,“ antwortete er nach einer kurzen Pauſe,„vermuthlich weißt Du, obwohl Du nie davon ſprachſt, daß dieſer Park rings um uns Deinem Groß⸗ vater gehört, daß das Haus, deſſen Dach wir durch den Ulmen⸗ und Buchenhain ſehen, Thornton Houſe iſt. Ich werde Dich jetzt dorthin bringen.“ „Aber ich werde wieder mit Dir nach Rock Cottage zurückkehren!“ rief ich lebhaft.„Ich will nach London mit Dir gehen und dort bei Kate wohnen! Nicht wahr?“ 5 Er antwortete nicht, ſondern wandte ſein verlege⸗ nes Geſicht ab; ſein Blick vermied den meinen. „Cornelius,“ ſagte ich und hing mich an ihn, vich will nicht bei Mr. Thornton wohnen, ich will nicht. Ich liebe ihn nicht, während ich Dich und Kate wie mein Leben liebe. Er behandelte mich unfreundlich und Du nahmſt mich bei Dir auf und erzogſt mich. Wenn Du mich nicht aus Deinem Hanſe verbannſt, werde ich nicht bei ihm wohnen.“ Ich ſprach mit leidenſchaftlichem Tone; und h 1 121 mich feſt an ihn, als wollte ich der Macht trotzen, die uns zu trennen ſuchte. 4 „Sprich nicht ſo aufgeregt,“ verſetzte er in beſänf⸗ tigendem Tone,„Gott weiß, ich möchte Dich nicht zwin⸗ gen— Du biſt frei, Daiſy. „Dann bleibe ich bei Dir und Kate,“ rief ich und ſchlang meinen Arm um ſeinen Hals. „Wirklich,“ ſagte er mit ſinnendem Blicke und drückte mich einen Augenblick an ſein Herz; aber im nächſten drängte er mich zurück und fügte mit einem tiefen Seuf⸗ zer hinzu: „Nein, Daiſy, Du kannſt nicht und würdeſt nicht, wenn Du könnteſt. Unterbrich mich nicht. Ich habe Dir viel zu ſagen und muß weit zurückgehen. Du weißt, wie Deine Aeltern heiratheten?“ „Ich glaube, ja.“ „Nun denn: eines Abends verließ Deine Mutter, damals ein Mädchen in Deinem Alter, das Haus ihres Vaters; ſie kam nicht mehr zurück und ſtarb kurz nach Deiner Geburt als ein ungehorſames Kind, ohne⸗Pe gebung.“ 4— Ich ſaß neben Cornelius, meine Hand ruht der ſeinen, mein Kopf an ſeiner Schulter. „Er iſt nicht mein Vater!“ dachte ich.„Aber ich würde ihn nie ſo kränken können.“ Er fuhr fort: „Soweit iſt Dir die Geſchichte bekannt, aber ich glaube kaum, daß Du weißt, wie bitter Dein Vater dieſe Handlung ſeiner Jugend bereute. Er ſprach oft mit mir davon.„Cornelius, raube nie einem Vater ſein Kind,“ ſagte er,„es iſt eine große Sünde.“ Er hatte Recht; es iſt iſt eine große Sünde, Daiſy, ich fühlt' es wohl; ich fühle es jetzt noch weit mehr; denn obgleich Du nicht mein Kind biſt, habe ich Dich aufer⸗ ogen und ich weiß, daß Liebe eiferſüchtig iſt; daß eine einem andern überlaſſen, zwar bitter ſein muß, 122 aber des liebenswürdigen Weſen beraubt zu werden, das ſeit Jahren Deine Luſt und Dein Stolz war, zu füh⸗ len, daß es unwiderruflich dahin und das Eigenthum eines Andern, ich weiß, daß das ein zu ſcharfer Sta⸗ chel für die Sprache, ja ſchon für den Gedanken iſt. Ich habe mir das vorgeſtellt, und gedacht, daß ein an⸗ derer Mann ſich zwiſchen uns drängen und Dich mir rauben könnte, während ich machtlos und verlaſſen zu⸗ ſehen müßte. Mein Gott!“ fügte er plötzlich hinzu und drückte mit leuchtenden Blicken und zitternden Lippen mich feſter an ſich,„ich dachte auch daran, daß ich, wenn Du es nicht wäreſt, nicht das Herz hätte, dem Manne etwas zu thun.“ „Du dachteſt daran?“ ſagte ich vorwurfsvoll,„als ob das wirklich geſchehen könnte, Cornelius.“ „Wenn ich ſo ſpreche, ſo wollte ich nur zeigen, was die Gefühle eines gekränkten Vaters ſind und, wenn er ein hochherziger Mann wie Dein Vater, was der fühlt, der jenen gekränkt. Dieſer Gedanke veranlaßte mich damals, Dich zu Mr. Thornton zu führen. O, wie konnte ich ſo blind ſein, einen Fremden an dem ausſchließlichen und köſtlichen Privilegium Theil nehmen laſſen zu wollen, das der Himmel mir verliehen, das ich jedoch damals noch nicht in ſeinem ganzen Werthe zu ſchätzen wußte. Du weißt, Daiſy, daß ich damals, als Du bei Mrs. Gray warſt, an Mr. Thornton ſchrieb, um das Gut wieder zurückzuerhalten, das meine Thor⸗ heit vergeudet hatte; er kümmerte ſich wenig um Dich, und wußte, daß Du gerne zurückkamſt; er gab deßhalb ſeine Einwilligung, jedoch unter der Bedingung, deren Erfüllung ich mit meinem Worte verſprach, ein Wort, das zu brechen dem Mann der Tod iſt— daß er Dich jeden Augenblick wieder von mir fordern könne. Er war ſeit jener Zeit auf Reiſen: vor einer Woche nun kehrte er zurück und ſein Erſtes war, an mich zu ſchreibtn 4 und mich an mein Verſprechen zu mahnen.“ 123 „Du verpflichteteſt Dich für mich, Cornelius ² ſagte ich ungehalten. „O Daiſy, vergib mir. Ich handelte, wie ich gglaubte, daß es im Sinne Deines Vaters ſei; auch hätte ich Dich auf andere Weiſe gar nicht bekommen.“ „Und Mr. Thornton will mich haben?“ rief ich verzweiflungsvoll. „Ja,“ verſetzte Cornelius traurig. „Aber ich will ihn nicht, weder ihn, noch ſein Ver⸗ mögen, Cornelins.“ „Er bietet Dir kein Vermögen, mein armes Kind. Jedermann weiß, daß ihn ſeine Extravaganzen arm ge⸗ macht; ſeine Güter ſind theilweiſe verpfändet, theilweiſe Fideicommiſſe; ſein perſönliches Eigenthum iſt klein; er hat weuig zu geben, nichts zu vermacheu. Er iſt noch immer, wie damals, als Du ihn kennen lernteſt, ganz in ſeine Bücher vergraben.“ „Was will er denn von mir, Cornelins 21 „Du ſollteſt der Reiz ſeiner Häuslichkeit und die Weide ſeines Herzens und ſeiner Augen ſein,“ ver⸗ ſetzte Cornelius mit einer Stimme voll Liebe, Innigkeit und Kummer.„Du ſolltſt ihm alles ſein, was Du mir geweſen und mir nicht mehr ſein kannſt. Ich wußte Dich früher nie in Deinem ganzen Werthe zu ſchätzen, und nun, da Du alles geworden, was ich mir nur ein⸗ bilden und wünſchen konnte, darf ich Dich nicht mal im Frieden beſitzen. Kaum habe ich mich von dem Schrecken erholt, Dich mir durch einen puren Knaben entriſſen zu ſehen, kaum glaube ich wieder ſicher zu ſein, ſo kömmt die Gefahr von einer Seite, von der ich ſie am wenig⸗ ſhen gefüichtet und ich bin meines beſten Schatzes be⸗ raubt.“ „Wenn Du mich liebteſt,“ ſagte ich in leiſem Tone,„ſo würdeſt Du nichts fürchten, weil Du mich nicht aufgeben könnteſt.“ 124 „Wenn ich Dich liebte!“ begann Cornelius, ſagte jedoch nicht weiter. „Ja, wenn Du mich liebteſt!“ rief ich mit der ganzen Leidenſchaft meines Schmerzes,„wenn Du mich liebteſt, Cornelius, würdeſt Du fühlen, was ich fühle — daß ſolch' eine Trennung wie der Tod iſt. Sage mir, daß Deine Kunſt Deine Entfernung erfordert, ich kann es tragen; ſage mir, daß Du zu arm biſt, mich bei Dir zu behalten, daß ich gehen und mein Brod un⸗ ter Fremden erwerben muß, und ich werde es tragen, denn mir bleibt die Ausſicht auf eine glückliche Zukunft und eine heitere Wiedervereinigung. Aber das— das, Cornelius, bricht mir das Herz. Ich fühle, daß Du Deinen eigenen Weg gehen mußt: und daß, obwohl mein ganzes Weſen an Dir und Kate hängt, ich einen andern betreten und Euch beide für immer vor meinen Augen verſchwinden ſehen muß. Ich bin noch nicht acht⸗ zehn, Cornelius, und ich bin ſo glücklich. Ich kann meine Jugend nicht vergeuden und mein Glück nicht weg⸗ werſen; und wenn Du Dich um mich kümmerteſt, würdeſt Du nicht anders fühlen?“— Ich ſprach mit unwillkürlichem Vorwurf. „O Daiſy!“ rief er mit ſo düſterem Ausdruck, daß ich meine Worte ſogleich wieder bereute.„Du hältſt mich für gleichgültig, weil ich, um Deinen Schmerz nicht zu vergrößern, von dem meinen ſchweige. Du ſprichſt vo Kummer, und Du fragſt mich nicht, was mich dieſe Trennung koſten wird. Wie ſoll ich nach dem Hauſe zurückkehren, das wir dieſen Morgen mit einander verließen? Was ſoll ich zu Kate ſagen— zu Kate, die Dich erzog, wenn ſie mich nach ihrem Kinde frägt? Warum muß ich einem Fremden gerade das geben, was ich am liebſten behielte? Ich ſoll Dich aus meiner ſtillen Heimath nach einer andern bringen; ich ſoll Dich ſelbſt in Verhältniſſe einführen, die Dich mir für immer rauben. Du biſt jung, Daiſy, ſehr jung. 12⁵ Man wird Dir ſchmeicheln, Dich liebkoſen, und Du wirſt Dich beinahe unbewußt von alten Neigungen beſtricken laſſen und ich kann nicht bei Dir ſein, um meine alten Rechte zu wahren. Ich weiß, daß Entfernung, Zeit, die Welt ſich verſchwöͤren werden, um mich aus Deinem Herzen zu verdrängen; ich weiß es und doch muß ich es thun.“ „Aber warum? fragte ich,„warum?“ „Weil,“ antwortete er mit feſtem Blicke und ge⸗ preßten Lippen,„weil ſelbſt Dich zu behalten, Daiſy, mit dem Gefühle eigennütziger Selbſtſucht, verletzter Ehre und durch mich verletzten Vertrauens, Galle und Wermuth für meine Seele wäre.“ „Aber, wenn Du es nicht biſt, der mich zurück⸗ hält, ſondern ich es bin, die darauf beharrt, zu blei⸗ ben; wenn ich Dir nicht gehorche, Deiner Autorität trotze, ſage, Du habeſt kein Recht, Dich für mich zu verpflichten, und daß Du magſt wollen, oder nicht, ich bei Kate bleiben will, was kannſt Du dann thun?“ Er wurde bald roth, bald blaß und richtete einen ſeltſam verlegenen Blick auf mich; ſeine Lippen zitterten; er nahm meine Hand in die ſeine und zerdrückte ſie bei⸗ nahe, plötzlich aber ließ er ſie fallen, als wäre ſie Feuer. „Verſuche mich nicht,“ ſagte er mit leiſem Tone und wandte ſeinen Blick weg, während er ſprach.„Ver⸗ ſuche mich nicht, um Gottes Willen. Ich bin nur Fleiſch und Blut, ich kann nicht immer für mich ſtehen. Es gibt Grenzen der Selbſtverleugnung und Grenzen der Selbſtunterwerfung.“ Ich antwortete nicht, ſondern ſchlang meinen Arm um ſeinen Hals und legte meinen Kopf an ſeine Schulter. Daiſy! Daiſy, mein Kind!“ rief er,„weißt Du, was Du thuſt? weißt Du, zu was Du mich zwingen willſt?“ Ich antwortete nur mit Thränen und Seufzern. Er ſah mich einen Augenblick an, wandte ſich dann weg, blickte wieder nach mir, wandte ſich aber nicht mehr weg. Er drückte mich an ſein Herz— beugte ſich zu mir herab— verſcheuchte meinen Schmerz und küßte meine Thränen weg. „So ſei es denn,“ ſagte er verzweifelt.„Ich habe Deiner gefährlichen Zärtlichkeit widerſtanden, Deinem Willen kaun ich nicht widerſtehen. Ja, ich will dem Lebenden mein Wort, dem Todten meine Pflicht brechen. Ich will es dulden, daß man von Cornelius O Reilly ſagt, er habe, um ſeine eigenen Wünſche zu befriedigen, ſeine Treue verrathen— und die unwiſſende Liebe des Kindes, das er aufgezogen, ſchmählich betrogen; nur die können meine Richter ſein, die wie ich verſucht waren.“ „So willſt Du mich alſo behalten?“ rief ich vor Freude lachend und weinend. „Ja, ich behalte Dich,“ verſetzte er und ſah mich mit einem Blicke an, als wollte er mein ganzes Weſen in dem ſeinen aufſaugen,— ein Blick, der mich trotz meiner Blindheit überraſchte: aber wie lang er dauerte? nur einen Moment.„Ja, ich behalte Dich, Daiſy Burns. Du haſt gebeten, bei mir bleiben zu dürfen, das ſollſt Du. Ich will Dich mit Banden an mich und meine Heimath ketten, die Niemand zerreißen ſoll. Nur die, die eine ſolche Feuerprobe beſtanden, ſollen über mich richten.“ 4 Ich ſtaunte über die unterdrückte Heftigkeit ſeines Tones— über das Heransfordegde ſeines Blickes— über die Miſchung von Verlegenh prägte. Ich lag noch mit meinem Kopf an ſeiner Schulter, meine Hand in der ſeinen, und meinem Herzen mit der Hoffnung ſchmeichelnd, daß wir nie wieder ge⸗ treunt würden; ich ruhte in des Friedens und des Glückes Schooß. Meine Augenlider, müde von den kaum vergoſſenen Thränen, hätten ſich beinahe zum t und Zorn, die ſich in ſeinem ſonſt ſo angenehmen und heitern Geſichte aus⸗ 127 Schlummer geſchloſſen, ſo tief war die Ruhe, die dieſem Sturm des Schmerzes gefolgt war. Deßhalb wunderte ich mich,— ich konnte nichts, als mich wundern,— daß, wenn anch er ſich glücklich fühlte, in ſeinem Blicke und ſeiner Miene ſich kein Zei⸗ chen der Freude zeigte, denn die Freude trug nie das verlegene Ausſehen, dieſen unruhigen Character. Es quälte mich zu ſehen, daß der Ausdruck ſeines Geſichtes von Schuldgefühl und Entſchloſſenheit zeugte, daß er wie Jemand ausſah, der etwas Unrechtes thun will, weiß, daß es unrecht iſt, und es dennoch thut, mag kommen, was da kommen will. Er entdeckte meinen ſtaunenden Blick und ſagte lebhaft: „Laß Dich's nicht kümmern, Daiſy, ich nehme die That auf mich. Ich kümmere mich nichts um die Mei⸗ nung der Welt— ich mache mir nichts aus ihrer Achtung.“ „Die Welt, Cornelius! was ſoll das ſagen?“ „Klage mich der Selbſtſucht an. Aber ich ſage es noch einmal: es liegt mir nichts an ihr.“ Ich lachte, Er warf mir einen ſchmerzlichen Blick zu. „ ache nicht ſo,“ ſagte er.„Ich hörte das leichte, kindiſche Lachen nie von Dir, es prophezeit einen neuen Sturm. Was willſt Du ſagen?“ 8 ſah, er war gereizt. Ich antwortete beſänf⸗ igend: „Was werde ich ſagen, Cornelius, als daß nur Deine übertriebene Gewiſſenhaftigkeit Dich der Selbſt⸗ ſucht anklagen kann! Die Dich für ſelbſtſüchtig halten, müſſen wahnſinnig ſein. Warum wirſt Du mich, das Mädchen von ſiebzehn Jahren, mit wenig oder gar keinem Vermögen hier behalten, Du, der ſelbſt doch nicht reich iſt! Jeder andere Menſch würde mich für 1 eine Laſt halten und froh ſein, meiner los zu werden. 128 Aber Du biſt zu unintereſſirt, zu edel, als daß Du das ſehen könnteſt.“ Ich fühlte die Wirkung, die dieſe Worte auf Cor⸗ nelius machten, mehr, als ich ſie geſehen. Sein Blick wandte ſich nicht weg, ſein Arm, der mich umfing, löſte ſich nicht los; aber es war, als ob ein kalter Schatten plötzlich zwiſchen uns träte; Leben und Wärme wich aus ſeiner Umarmung; das Licht und der Ausdruck ſeines Blickes traten zurück in die Tiefen, wohin ihm der meine nicht folgen konnte. „Du hältſt mich für uneigennützig und edel,“ ſagte er endlich.„Glaubſt Du, mir liege nichts an Dir?“ „Nein, Cornelius, ich weiß es beſſer; aber Deine Liebe iſt uneigennützig. O mein Freund, der Du mir mehr als Vater biſt, obgleich Du nicht mein Vater ſein könnteſt, wie oft fühlte ich, andere Mädchen müßten eiferſüchtig auf mich ſein, wenn ſie wüßten, wie ich es weiß, was es iſt, einen Freund zu haben, der nicht durch die Bande des Blutes an Dich gebunden iſt, auf den Du aber feſt vertrauen kannſt, dem Du Dich ohne Furcht hingeben darfſt— wie ich es bei Dir thue, Cornelius.“ 4 3 „Thu' es nicht,“ verſetzte Cornelius, und drängte mich von ſich weg,„thu' es nicht, Daiſy. Ich würde mir ſelbſt nicht mehr trauen, als jedem andern Mann; und wäre ich an Deiner Stelle, ſo würde ich dem Manne nicht trauen, der ſein Wort brechen konnte— ſelbſt wenn's um meinetwillen geſchah.“ Dieſe Worte erſchreckten mich; ſie weckten eine Saite, die, ich mochte thun, was ich wollte, nicht zum Schwei⸗ gen zu bringen war. Sein Zlick und Ton, als er ſagte:„wäre ich an Deiner Stelle, ſo würde ich dem Manne nicht trauen, der ſein Wort brechen konnte,— ſelbſt wenn’s um meinetwillen geſchah,“ ſagten mir, daß der Stachel ſeines gebrochenen Wortes und ſeiner be fleckten Chre bereits in ſein Gewiſſen gedrungen und 129 ſeine Seele nie wieder verlaſſen würde. Ich ſah und fühlte, wie ſelbſtſüchtig es von mir war, ihn nicht von ſeiner Pflicht zu entbinden, ihm den gerechten Stolz zu rauben, den ihm ſein tadelloſes Leben verliehen. Ich ſah, ich fühlte dies Alles, und es entſtand in mir einer jener heftigen Kämpfe, ohne die wir die Macht des Lebens nicht kennen und die die bittere Wiedergeburt un⸗ ſeres Weſens ſind. Kate und Cornelius O'Reilly hatten das tiefe religiöſe Gefühl ihrer Nation. Sie machten die Religioſität nicht zum Gegenſtand häufiger Geſpräche, aber ſie trugen ihre Liebe im Herzen; über Alles theuer und heilig wurde der Name ihres Erlöſers und Gottes gehalten. Sein Geiſt, der Geiſt der Selbſtverleugnung und Aufopferung, erſchien in ihrem Leben, freilich von menſchlicher Schwäche verdunkelt, aber immer noch ein lebendiger Geiſt. Wie viel hatte dieſer Bruder für mich gethan? Was hatte ich für ſie gethan? Nichts, nichts. Und nun, da die Stunde gekommen, die Stunde der Selbſtver⸗ leugnung, weigerte ich mich, meine Laſt zu tragen: ich warf ſie auf Cornelius. Ich wußte, wie heilig er ſein Verſprechen hielt; wie bitter es für ihn wäre, das Be⸗ wußtſein verletzten Glaubens in ſich zu tragen. Ich wußte es, und mit dieſem Bewußtſein trug ich die ſchmerzliche Ueberzeugung in mir, daß ich nicht frei ſei. Pflicht, Ehre, Liebe, Alles verlangte daſſelbe unſelige pfer. Ich ſagte nichts; aber Cornelius konnte es fühlen, was ich empfand. Denn ich zitterte von Kopf bis zu Fuß; Schweißtropfen ſtanden mir auf der Stirne, ein Todtenſchauer hatte mein Herz ergriffen; einen Augen⸗ blick erſchien mir der innere Kampf zwiſchen:„Ich kann ihn nicht verlaſſen,“— und—„Du mußt“,— wie wenn der Geiſt aus dem Körper ſcheidet,— ſo bitter und ſo kurz. Ich gab ſchweigend nach; aber Cornelius Daiſy Burns. II. 9 130 bedurfte des Wortes nicht, um es zu wiſſen. Er wurde einen Augenblick blaß; einen Augenblick öffneten ſich ſeine 4 Lippen, als wollte er mich zurückhalten; aber er hielt plötzlich inne und ſagte nicht ein Wort. Ich konnte nicht weinen: mein Schmerz war zu groß; ich wußte, ich ſchied von der Wärme meines Lebens, um eine ſonnenloſe, trockene Gegend zu betreten; und ich fühlte bereits die Verlaſſenheit und das Dunkel. Das Opfer war gebracht; aber nicht in demüthigem, re⸗ ſignirtem Geiſte. Mein ganzes Weſen empörte ſich mit ſtummer, machtloſer Rene dagegen. Eine Gefangene in dem feinen Netz des Schickſals, war es mir, als könnte ich bis zum Tode gegen die leichten Bande ankämpfen, die ich nicht zu zerbrechen wagte. Cornelius beobachtete mich ſchweigend und las auf meinem Geſichte, was in mir vorging. „Daiſy,“ ſagte er in leiſem, ernſtem Tone,„be⸗ denke, daß wir weder Männer, noch Frauen ſind, bis unſere Herzen unterjocht, bis unſere Leidenſchaften,— ach, die beſten und reinſten— gebändigt ſind.“ Dieſe Worte verwandelten meine weiche Stimmung in einen tiefen Schmerz. Meine Laſt war ſchwer, aber war es mehr, als ich ertragen konnte? ſollte ich, eine Tochter des Kreuzes, murren? Ich gab nach; ich koſtete die bittere Freude, welche die, die den Becher des Opfers muthig leeren, in ſeinen Tropfen finden,— eine ſelt⸗ ſame Art von Süßigkeit, die man nur fühlen, nicht beſchreiben, aber nie beneiden kann. „Cornelius!“ verſetzte ich, und meine zitternde Stimme wurde feſter, als ich ſeinen Namen nannte, „Cornelius, ich willige ein. Dein Wort ſoll gelöſt werden!“ Ich ſtand auf, um zu gehen, aber ſeine Hand, die leicht auf meiner Schulter ruhte, hielt mich zurück. Er Hückte ſich und legte ſeine Lippen auf meine Stirne. ſagte nichts, aber ich wußte, daß dies ſein Abſchiedskuß 8 6 131 ſei,— das Siegel, das auf die jahrelange Liebe, Pflege und Zärtlichkeit geprägt wurde. Die Umarmung dauerte nur einen Augenblick; im nächſten war er aufgeſtanden. Auch ich erhob mich; ich knüpfte meine Hutbänderz er half mir den Shawl umnehmen; mechaniſch hob ich die Blumen auf, die er mir gegeben; dann nahm ich ſchwei⸗ gend ſeinen Arm und verließ den Ort, wo ich mein Schickſal entſchieden. Einunddreißigſtes Kapitel. uUm Thornton Houſe zu erreichen, mußten wir einige Zeit lang den Windungen eines Stromes folgen, über eine weitgeſprengte Brücke gehen und dann den einſamen Pfad betreten, der zu dem alten Häuschen des Pförtners und dem eiſernen Thore führte. Wir hatten nicht weit zu gehen, aber mein Herz ſchien mir bei jedem Schritte tiefer zu ſinken; als ich die dunkeln Bäume des Parkes vor mir gewahrte, wurde ich plötzlich kleinmüthig. Ich blieb ſtehen, legte meinen Kopf auf die Schulter von Cornelius und ſagte: „Laß mich weinen, ehe Du mich verläßt, Cornelius; — laß mich weinen, oder mein Herz bricht.“ „Ich Dich verlaſſen?“ wiederholte er, und ſeine Augen leuchteten,„kein Sterblicher ſoll mich dazu ver⸗ mögen, Daiſy. Ich werde mein Wort halten und Dich zu Deinem Großvater bringen; aber von dem Augen⸗ blicke an, mit dem ich Thornton Houſe verlaſſe, ſoll mmein Herz nur einen Gedanken, mein Wille nur ein Ziel haben: Dich wiederzugewinnen.“ 3 13³3² Betroffen von dieſem herausfordernden Tone, erhob ich den Kopf und trat, meinen Thränen gebietend, zurück, um ihn beſſer zu ſehen. Er begeguete meinem Blicke mit unverwandtem Auge. „So lange Du mein biſt,“ ſagte er,„will ich mein Verſprechen nicht mit einem Worte brechen,— biſt Du auch der Einſatz, möchte ich ihn nicht betrügen,— aber wenn er Dich in ſeinen Händen glaubt’, dann ſage ich, Du biſt mein, ich weiß Dich zu erringen. Er mag Dich ſo eiferſüchtig bewachen, als je ein Türke ſeine Sultanin— ich werde ihn überliſten und betrügen— koſte es, was es wolle— komme, was da kommen mag, — ich werde Dich wieder in meinen Armen ſehen.“ Seine Stirne runzelte ſich; ſeine braunen Augen ruhten mit einem ebenſo glühenden, als entſchloſſenen Blick auf mir; es lag feſter Wille und Selbſtvertrauen in dem Lächeln, das um ſeine Lippen ſpielte, und Macht und Kühnheit in ſeiner Miene. „Cornelius,“ ſagte ich etwas erſtaunt,„wie willſt Du das machen?“ „Ueberlaß das mir, Daiſy.“ „Aber wenn dies keine Trennung iſt, warum biſt Du ſo ſchmerzlich bewegt und läſſeſt mich in ſo herbem Kummer, Cornelius?“ Er wurde verlegen und ſeußzte tief. „Warum?“ ſagte er,„warum? weil mein Wille nicht Alles vermag. O Daiſy! Ich fürchte Dich! Was hilft es mir, wenn ich Andere aus dem Felde ſchlage, ſo lange Du mich mit einem Worte machtlos machen kannſt?“ 4 Er warf mir einen Blick voll Angſt und Zweifel zu. Ich hoffte, er werde ſich erklären; aber er wollte nichts andres ſagen, als daß von mir Alles abhänge; eine Ver⸗ ſicherung, die er mit einem Seufzer wiederholte. Ich glaubte ihm, und mein Zweifel verwandelte ſich plötzlich in Freudigkeit. 4 13³ „Dann betrachte es als abgemacht,“ ſagte ich heiter lachend.„Ich verlaſſe Dich nicht, Cornelius. Ich gehe auf eine Woche oder etwas mehr zu meinem Großvater. Sage Johnſton, ſie ſolle mir nur den kleinen ſchwarzen Koffer ſchicken, aber die Arbeit hineinlegen. Ich möchte ſie gerne für Kate fertig machen.“ Wir ſtanden auf dem Weg. Cornelius ſah mir mit liebevollem, aber unruhigem Lächeln in's Geſicht. „Geh',“ ſagte er,„es klingt zu ſchön, um wahr zu ſein. Es iſt nur ein Traum, den die erſte Berührung der Wirklichkeit zerſtören muß; und doch laſſe ich mich ſo gerne täuſchen und lauſche Deinen Worten; geh'.“ Ich ging und lachte über ſeine Ungläubigkeit. „Du mußt Kate ſchreiben,“ bemerkte ich,„und ihr ſagen, daß Du mich erwarteſt. Ich werde Dich nicht lange harren laſſen! nur eine Woche um der Form willen.“ „Gott gebe es,“ verſetzte er und wir gingen wieder weiter. Wir fanden Thornton Houſe ſo finſter und vernach⸗ läſſigt, als je. Der Hof war mit Gras und Geſträuch überwachſen; die Fontaine war noch immer eine Ruine; der Epheu wuchs dicht und dunkel an den Mauern hin und die Eiben und Cypreſſen ſahen in dem heitern Son⸗ nenlicht melancholiſch und ernſt aus. Als Cornelius an der Thüre klopfte, erwartete ich, die kleine Dienerin werde wieder öffnen und ſich unſrem Eintreten widerſetzen; an ihrer Stelle erſchien jedoch ein ſchlank gewachſenes großes Dienſtmädchen in der Thüröffnung und führte uns, als ſie den Namen Corne⸗ lius hörte, in daſſelbe Zimmer, wo wir vor ſieben Jah⸗ ren von ihrer Vorgängerin gemeldet worden. Dort fan⸗ den wir auch meinen Großvater wieder, umgeben von ſeinen Büchern, ſeinen Papieren, Mappen, Globen, aus⸗ geſtopften Thieren, Inſecten, Verſteinerungen, Muſcheln und wiſſenſchaftlichen Inſtrumenten; Mr. Thornton ſaß 134 in demſelben Stuhle und war, mit Ausnahme einiger Runzeln mehr, ganz unverändert. Er empfing uns äußerſt höflich. Als die vorläufi⸗ gen Begrüßungen ausgetauſcht waren, warf er mir einen ſcharfen Blick zu und erſchreckte mich durch die an Cor⸗ nelius gerichtete Bemerkung: 1 „Sie ſind nicht ganz gleich,“ was, wie ich vermu⸗ thete, heißen ſollte, mein früheres und mein jetziges Ich ſeien zwei verſchiedene Individuen. „Nicht ganz,“ verſetzte Cornelius, welcher das Ta⸗ lent hatte, ſogleich in die Eigenthümlichkeiten des Mit⸗ unterredners eingehen zu können. „Sie wiſſen aber ganz gewiß, daß es die rechte iſt,“ verſetzte Mr. Thornton. „Ganz gewiß.“ „Sie iſt gewachſen,“ lautete die nächſte Bemerkung meines Großvaters, als ob die Thatſache ihn in Erſtau⸗ nen ſetzte. Cornelius antwortete nicht. Mir brach das Herz, als ich ihn aufſtehen ſah; er legte ſeine Hand auf mei⸗ nen Arm und ſagte feierlich: „Sir, vor vier Jahren verpfändete ich mein Wort, daß Sie das junge Mädchen wann Sie es wollten, haben könnten. Hier iſt ſie. Ich habe mein Wort gehalten.“ „Und wollen es auch ferner halten?“ fügte Mr. Thornton hinzu, indem er einen lebhaften und durch⸗ bohrenden Blick von mir auf ihn richtete. Cornelius erröthete und antwortete kurz: 3 „Es iſt gehalten, Sir.“ „Und die Zukunft mag weiter ſorgen. Nun, ich ver⸗ muthe, Sie freuen ſich, ihrer los zu werden. Ich er⸗ innere mich, Sie fanden ſie vor vier Jahren auf dem Wege. Und da ich dachte, ſie würde Ihnen mit der Zeit noch läſtiger werden, ſo wollte ich Sie ganz von ihr befreien.“ 5 Er ſprach mit ironiſcher Höflichkeit. Cornelius ———— 13⁵ warf ihm einen herausfordernden Blick zu— den Mr. Thornton ruhig hinnahm. Dann wandte er ſich an mich, ſah mich bedeutungsvoll an, drückte mir die Hand, und ſagte mir ruhig Lebewohl, verbeugte ſich ſtolz vor mei⸗ nem Großvater und war verſchwunden. Ich hatte die feſte Ueberzeugung, daß dies Scheiden zu einer fröhliche⸗ ren Vereinigung führen müſſe und doch iſt das Leben ſo ungewiß, ſeine unglücklichen Zufälle überwiegen ſo oft ſeine glücklichen, daß ich trotz all' meiner vertrauens⸗ vollen Hoffnungen traurig wurde. „Hm!“ ſagte Mr. Thornton und ſah unter ſeinen buſchigen Augbrauen hervor.„Willſt Du nicht in Dein Zimmer gehen?“ fügte er plötzlich hinzu. „O doch,“ antwortete ich, nicht ſehr erfreut über die Art, wie er mit mir ſprach. Er läutete. Das ſchlanke Dienſtmädchen erſchien. „Marks!“ ſagte Mr. Thornton kurz. „Sie befehlen, Sir!“ 5 „Mrs. Marks, Du Thörin! Nun, warum ſtarrſt Du mich ſo an?“ „Ich möchte wiſſen, was mit Mrs. Marks iſt?“ „Du ſollſt ſie natürlich rufen.“ Das Mädchen bewegte ſich nicht von der Stelle. Er fragte ungeduldig: „Worauf warteſt Du, Creatur? „Entſchuldigen Sie, Mrs. Marks wird nicht kommen“ „Sie wird nicht kommen?“ „Nein, Sir; ſie hat ſoeben ihr Mahl eingenommen. Mrs. Marks läßt ſich dann nicht ſtören.“ Sie ſprach aus Ueberzeugung. Mr. Thornton lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, äußerte ein erſtaun⸗ tes„Ah!“ faßte ſich jedoch wieder und ſagte mit großer Weichheit: 8 „Charlotte, ſei ſo gut und ſage Mrs. Marks mein Compliment; ſie würde mich ſehr verbinden, wenn ſie 136 die Freundlichkeit haben wollte, mich auf einige Minu⸗ ten mit ihrer Anweſenheit zu beglücken, und zwar jetzt im Augenblick,“ fügte er mit Nachdruck hinzu. Charlotte ſchüttelte zweifelnd den Kopf, gehorchte jedoch und war glücklicher, als ſie gehofft, denn nach kurzer Zeit öffnete ſich die Thüre wieder und Mrs. Marks erſchien. Sie hatte ſich in Kleidung und Aeuße⸗ rem während der ſieben Jahre durchaus nicht ver⸗ ändert. „Mrs. Marks,“ ſagte Mr. Thornton mit großer Höflichkeit,„wollen Sie die Güte haben, Miß Burns, meiner Enkelin, ihr Zimmer zu zeigen.“ Mrs. Marks warf mir aus ihren kalten Fuchs⸗ augen einen Blick zu und ſagte in eiskaltem Tone: „Ja, Sir.“. Ich ſah, ſie erinnerte ſich meiner mit keinen freu⸗ digen Gefühlen. Ich folgte ihr aus dem Studirzimmer, entſchloſſen, ihr und meinem Großvater zu zeigen, daß ich kein Kind mehr ſei. Sie führte mich nach einem großen, aber einfach möblirten Zimmer im erſten Stock und ſagte mir,„dies ſei mein Gemach.“ „Danke,“ antwortete ich ruhig,„aber es iſt ſo fin⸗ ſter, ich ziehe das vor, welches ich früher gehabt.“ Mrs. Marks verſtand mich nicht. Mrs. Marks hatte alles vergeſſen, was vor dieſem Tage geſchehen war. Mrs. Marks wußte, daß Miß Burns die Enkelin war; von dem widerſpenſtigen kleinen Mädchen, das ſie Burus genannt, hatte Mrs. Marks keine Erinnerung, ebenſo⸗ wenig als von irgend etwas, was ſie betraf. Ohne dies zu beachten, beſchrieb ich ihr die Localität meines alten Zimmers ſo genau, daß ſie keine Unwiſſenheit heu⸗ cheln konnte; als ich jedoch auf ihren Einwurf,„es ſei ganz leer,“ höflich bat, ſie möge das Ameublement des Zimmers, in dem wir uns befanden, ſobald als möglich hinaufſchaffen laſſen, ſah Mrs. Marks wirklich * — 137 niedergeſchlagen aus. Ich verließ ſie in dieſer Lage und ging hinab, um mit meinem Großvater zu ſprechen. Ich konnte nicht begreifen, weßhalb er mich ſo ploͤtz⸗ lich berufen und was er von mir wollte. Er ſchien mich nicht mehr zu lieben, als früher, auch nicht die Abſicht zu haben,„mich zum Reize ſeines Hauſes, zur Waide ſeines Herzens und ſeiner Augen“ zu machen.„Da⸗ hinter ſteckt etwas,“ dachte ich.„Cornelius mag glau⸗ ben, es habe mich Jedermann ſo lieb als er, und an kein anderes Motiv denken, aber ich bin feſt überzeugt, er hat einen beſonderen Grund und ich muß herausbrin⸗ gen, was es iſt, wenn es auch nur wäre, um ihm bei ſeiner geheimnißvollen Abſicht zu helfen.“ Ich klopfte an die Thüre des Studirzimmers und öffnete, da ich keine Antwort erhielt. Mein Großvater erhob den Blick nicht von ſeinem Buche. Da ich ihn nicht ſtören wollte, trat ich leiſe ein und ſetzte mich, ohne zu ſprechen, an das Fenſter. Es war eine breite, gewölbte Niſche, die theilweiſe mit Epheu, der von oben herabhing, verſchleiert war und die Ausſicht auf eine prachtvolle Allee von Buchenbäumen hatte, die ſich bis tief in den Park hinein erſtreckte. Sie theilten dem Zimmer etwas von ihrem feierlichen Dunkel mit und der Contraſt des grünen waldartigen Anblicks mit den ſtaubigen Büchern und der Gelehrtenluft, der ſtillen, feierlichen Ausſicht und der weiß behaarten Geſtalt, die ſo aufmerkſam auf das offene Buch hinabgebeugt war, machte einen großen Eindruck auf mich.„Ein hübſches Bild für Cornelius,“ dachte ich.„Ich muß mir alle Details genau in den Kopf einprägen, um es ihm ge⸗ nau wieder ſchildern zu können, wenn wir beiſammen ſind.“ Der Schluß erinnerte mich an den Grund mei⸗ ner Anweſenheit im Zimmer meines Großvaters. Ich huſtete leiſe; Mr. Thornton ſah auf und ſagte mitt ſicht⸗ lichem Erſtaunen:„Ah!“ Ich ſah ihn ruhig an. „Nun!“ fragte er. K „Ja,“ antwortete ich. „Ja, was?“ fragte er ungeduldig. Ich dachte, ich könnte mit ebenſoviel Grund:„Nun, was? fragenz aber ich ſagte nux: „Ja, Sir, ich bin hier.“ „Weßhalb?“ „Um mit Ihnen zu ſprechen, wenn es Ihnen ge⸗ fällig iſt.“ „Wovon?. „Iſt irgend eine Dame außer mir in dieſem Hauſe?“ 3 „Nein.“ „Wird eine ſolche noch kommen?“ „Nein.“ „Soll ich haushalten?“ „Nein, Mrs. Marks iſt meine Haushälterin.“ „Was ſoll ich dann thun?“ „Nichts.“ Das war nicht ermuthigend: ich fuhr jedoch fort: „2 iſt alſo nichts für mich zu thun?“ „Nein.“ „Wiſſen Sie das ganz gewiß?“ fragte ich ernſt. Er warf mir einen erſtaunten Blick zu. ch fuhr fort: „Wiſſen Sie ganz gewiß, daß ich Ihnen nichts thun kann?“ „Nichts,“ lautete ſeine etwas verächtliche Antwort. „Nun denn,“ verſetzte ich mit großer Heiterkeit, „da ich Ihnen nicht haushalten ſoll, noch irgend etwas Anderes Ihnen thun kann, Sir, ſo wär' es wohl beſſer, Sie ſendeten mich zu Mr. und Miß O Reily zurück. Sie begreifen,“ fügte ich lebhaft hinzu,„ich werde hier einigen Aufwand verurſachen, während ich Sie bei jenen nichts koſte, und wenn es auch ſehr freundlich von Ihnen war, an mich zu denken, ſo verſichere ich Sie, daß ſie mich nicht am Wege gefunden.“ 8 139 Mein Großvater athmete tief auf und ſah mich mit verſchlungenen Armen von Kopf bis zu Fuß an. „So, Du biſt noch nicht eine Stunde hier und willſt ſchon wieder fort?“ ſagt er. „Aber wenn Sie mich doch nicht brauchen,“ warf ich ein. „Bitte um Entſchuldigung— ich brauche Dich,“ verſetzte er mit ironiſcher Höflichkeit,„und der Beweis dafür, daß ich Dich brauche, iſt der, daß ich mir die Mühe gemacht, Dich kommen zu laſſen und daß ich die Abſicht habe, Dich hier zu behalten.“ Er ſprach, als ob ich ein Stück Möbel wäre. Ich war ſehr entrüſtet und fragte erröthend: „Darf ich wiſſen, Sir, worin ich Ihnen dienen ſoll?“ „Nein,“ lautete ſeine lakoniſche und entſchiedene Antwort. „Und ich ſoll hier bleiben, ob es mir nun gefällt oder nicht?“ „Allerdings.“ „Ich werde an Mr. O Reilly appelliren,“ rief ich entrüſtet. „Die Geſetze erkennen Mr. OReilly nicht an,“ ant⸗ wortete Mr. Thornton ruhig;„er iſt nichts gegenüber von Dir, nicht mal Dein Vormund. Ich bin Dein Großvater, und das Geſetz,“ fügte er in emphatiſchem Tone hinzu, „erkennt mich und meine Macht an, bis Du in ein ge⸗ wiſſes Alter getreten.“ Er ſchien dies für genügend zu halten und beugte ſich wieder über ſein Buch herab. Die letzten Worte waren mir wie Blei auf's Herz gefallen. Was iſt wahr? Konnte es wahr ſein? Gab das Geſetz Mr. Thornton ſo große Macht? und vorausgeſetzt, er mißbraucht mich nicht, ſollte er mich vier Jahre zur Gefangenen ſeines Vergnügens machen? Konnte Cornelius mich von dieſem Bande befreien, oder hatte er, wie ich zu fürchten be⸗ gann, ſich getäuſcht und mich getäuſcht?“ Ich bedauerte 140 ſo offen mit Mr. Thornton geſprochen zu haben, und in der Hoffnung, dieſen Irrthum wieder gut machen und ihn durch ein unterwürfigeres Benehmen verſöhnen zu können, blieb ich in dem Studirzimmer und nahm eines der ſtaubigen Bücher auf, die um mich her zerſtreut lagen. Es war ein lateiniſches Werk, aber eine engliſche Abhandlung über Mineralogie fand ſich angebunden, und dieſe begann ich zu leſen oder verſuchte wenigſtens darin zu leſen. Meine Augen ſchweiften immer wieder von dem Buche nach der Allee vor mir. In dieſer Richtung, war ich überzeugt, lag der ruhige Fluß, bei welchem Corne⸗ lins und ich an jenem Tage geſeſſen. In Gedanken verlaſſe ich das Zimmer, eile die Allee hinab und über⸗ ſchreite den Strom. Ich wandre auf einſamen Straßen und über Felder hin; ein ſtiller Pfad bringt mich nach Rock Cottage; der Garten iſt offen; die Thüre iſt an⸗ gelehnt; ich ſehe hinein; Cornelius ſitzt darin und kehrt mir den Rücken zu; ich nenne ſeinen Namen; er ſieht ſich um. Das Geräuſch des Schlüſſels, der im Schloſſe um⸗ gedreht wird, weckte mich aus meinen Träumen. Ich ſah auf: Mr. Thorntons Stuhl war leer; ich eilte nach der Thüre; ſie widerſtand meinen Anſtrengungen; mein Großvater, der vermuthlich meine Anweſenheit vergeſſen, hatte mich eingeſchloſſen. Ich ſah mich nach einem Ausweg um, fand aber keinen, als das Fenſter. Ich blieb deßhalb etwa eine Viertelſtunde ruhig ſitzen: als ich jedoch ſah, daß Mr. Thornton nicht zurückkehrte und in der Thatſache des Eingeſchloſſenſeins den größten Reiz fand, hinaus zu kommen, öffnete ich das Fenſter, ſtieg auf das Geſims und wollte hinabſpringen; es war höher, als ich erwartet hatte; ich zögerte einen Au⸗ genblick. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen helfe,“ ſagte eine ſehr angenehme Stimme. — 141 Ich blickte mich um und ſah neben dem Fenſter einen hübſchen, eleganten Mann von ungefähr fünfund⸗ dreißig Jahren. Er hatte hellbraune Haare, einen kleinen Bart von derſelben Farbe, ſehr ſchöne blaue Augen und ein claſſiſches Profil. Als er ſo vor mir ſtand, höflich mir die Hand zur Stütze bietend und kaum im Stande, ein Lächeln über meine Lage zu unterdrücken, glaubte ich in ihm den„jungen Mr. Thornton““ zu erblicken, den ich früher für Cornelius gehalten. Ich konnte nicht mehr zurück gehen, es hätte thöricht geſchienen, wenn ich mich ge⸗ weigert; ich nahm deßhalb ſeinen Beiſtand an und ſagte, indem ich hinabſprang, zur Erklärung meiner Lage: „Mein Großvater, ich meine Mr. Thornton, hat vergeſſen, daß ich zugegen war, und ſchloß mich ein.“ „Miß Burns!“ ſagte er lächelnd,„ich ahnt' es.“ Ich warf ihm einen Blick zu, welcher ſagte:„Wer ſind Sie?“ „Ihr Vetter Edward Thornton,“ antwortete er, ſich verbeugend. „Ich dacht' es,“ verſetzte ich ernſt;„ich erinnere mich, Sie durch die Seitenthüre eingelaſſen zu haben.“ „Und ich war ſo glücklich, Ihnen zum Fenſter her⸗ auszuhelfen.“ Ich lachte über die Wendung, die unſer Geſpräch nahm. Es lag in ſeinem Weſen eine ſo fein gebildete Leichtigkeit, daß alle Scheue gegenüber von ihm ver⸗ ſchwand. „Mein Dilemma,“ ſagte er ruhig,„iſt ſehr ver⸗ ſchieden von dem Ihrigen, Miß Burns; ich bin in der⸗ ſelben unglücklichen Lage, in welcher Sie mich vor ſieben Jahren fanden: ich kann wieder nicht hinein. Ich habe drei Thüren verſucht: vergeblich.“ „Hier iſt eine vierte,“ ſagte ich und deutete auf eine niedere Seitenthüre. Er klopfte mit ſeinem Rohr, erhielt jedoch keine Antwort. „Wahrhaftig,“ ſagte Edward Thornton ernſt,„der Ort iſt verzaubert. Wie der alte Spenſer ſagen würde: „Ringsum herrſcht feierliche Stille; „Kein Laut—“* 1 Hier brach er das Citat ab; ich wagte den Reſt hinzu zu fügen: — tönt an mein Ohr, 4 Kein menſchlich Weſen ſeh' ich in Haus und Garten.“ „Danke,“ ſagte er mit einer anmuthigen Verbeugung ſeines ſchönen Kopfes.„Sie lieben Spenſer?“ fügte er hinzu und tappte wieder mit dem Ende ſeines eleganten Stockes an der Thüre umher. „Ja,“ antwortete ich,„und Sie?“ Er wandte ſich um und warf mir einen erſtaunten Blick aus ſeinen ſchönen blauen Augen zu, antwortete je⸗ doch ruhig: „Ja, ich bewundre Spenſer ſehr.“ Er war wieder an der Thüre und dießmal ſtieß er mit dem Abſatz eines ſehr ſchönen, ariſtocratiſchen Fußes daran, als eine dünne, hohe Stimme hinter uns ſagte: „Hier, Edward, ich habe einen Zugang gefunden: niemals aber ſah ich ſolch' einen barbariſchen Ort.“ Wir wandten uns beide um; eine Dame von mitt⸗ lerem Alter in einem hellblauen Baregekleid, einem weißen Spitzenmantel, einer Tüllhaube, über welcher ſie einen zarten weißen Sonnenſchirm balancirte, ſchritt langſam auf uns zu. Ich glaubte Mrs. Brand in ihr zu erken⸗ nen und täuſchte mich nicht. „Haben Sie Niemand gefunden?“ fragte ihr Bruder. „Ich fand ein einfältiges Dienſtmädchen und eine alte geſpenſterhafte Haushälterin; aus keiner von ihnen konnte ich jedoch mehr heraus bekommen, als daß Mr. Thornton, ſobald unſer Wagen in die Allee fuhr, ſein Studirzimmer verlaſſen und im Parke verſchwunden. Wirklich ſehr hübſch.“ 148 „Charakteriſtiſch!“ ſagte Edward Thornton und lächelte. 8„Mein lieber Edward,“ ſagte ſeine Schweſter feier⸗ lich,„weißt Du, daß nicht mal Betten bereit ſtehen und daß Mrs. Marks— ich glaube, das iſt ihr Name— erklärt hat, es ſei nicht ein Pfund Eſſen im Hauſe.“ Edward Thorntons hübſches Geſicht verlängerte ſich. „Wirklich,“ ſagte er,„wirklich?“ „Das kümmerte mich nun weniger,“ fuhr Mrs. Brand fort,„aber ich ſchäme mich über den Flecken, der auf unſre nationale Gaſtfreundlichkeit fällt. Es iſt eine von jenen Geſchichten, die ich, wenn ſie mir erzählt wor⸗ den, mit der einfachen Antwort:„Abgeſchmackt,— nicht engliſch— abgeſchmackt!“ abgefertigt hätte. Ich muß es nun als eine traurige Thatſache anerkennen, aus der ich gewiſſe Schlüſſe zu ziehen gezwungen bin.“ „Vielleicht kann uns Miß Burns über die häuslichen Einrichtungen unſres excentriſchen Verwandten aufklären,“ ſagte Mr. Thornton, indem er ſich an mich wandte. „Ich bin noch nicht zwei Stunden in dieſem Hauſe,“ antwortete ich lächelnd. „Miß Burns!“ rief Mrs. Brand erſtaunt.„Wirk⸗ lich, Edward, ich wundere mich, daß Du ihrer nicht früher erwähnt. Du weißt, wie ich mich geſehnt, unſere liebe junge Couſine zu ſehen.“ Sie trat auf mich zu und drückte mir lebhaft die Hand. Dann ſah ſie mich durch ihr goldenes Augenglas an und ſagte: „Mein liebes Kind, wie gut Sie ausſehen,— durch⸗ aus nicht verändert. Wäre ich nicht ſo kurzſichtig, ich würde Sie ſogleich erkannt haben— Du nicht auch, Edward?“ „Nein,“ antwortete er ruhig,„ich finde Miß Burns ſehr verändert; aber ich erkannte ſie trotz der Veränderung, welche ſieben Jahre hervorgebracht haben.“. „Sehr wahr,“ ſeufzte Mrs. Brand.„Die Jahre vergehen und die Welt geht mit ihren Eitelkeiten dahin. Mein liebes Kind, haben Sie wirklich keine Idee, was mit unſern Betten und dem Eſſen iſt?“ Den ſentimentalen Theil ihrer Worte äußerte ſie in in⸗ dolentem Tone, die Frage aber bezüglich der fleiſchlichen Dinge kam äußerſt lebhaft zu Tage. Ich bedauerte, Mrs. Brand keine Auskunft geben zu können und wiederholte meine frühere Bemerkung. „Es iſt ein guet-a-pens,“ ſagte ſie gefühlvoll;„eine ganz unengliſche, unciviliſirte Mode— ein rohes Ver⸗ fahren. Edward, was wünſcheſt Du?“ „Eier.“ „Eier!“ „Ja, ich habe immer gefunden, daß Eier das einzige Auskunftsmittel für Reiſende ſind.“ „Wenn ſie ſie bekommen können,“ antwortete ſeine Schweſter bitter. „Ja,“ ſagte er und ſchlug ſich ſanft mit der Spitze ſeines Stockes auf den Füß.„Ich möchte ſagen, das iſt die unumgängliche Bedingung.“ „Ich ſandte Brooks nach einem Orte, der Leigh heißt,“ fuhr Mrs. Brand fort,„aber ich habe wenig Hoffnung, denn Mrs. Marks ſagte, es ſei kein Markt⸗ tag und dann wenig Ausſicht, etwas zu bekommen.“ „Mit Ausnahme von Beſuchen,“ ſagte Mr. Thorn⸗ ton, als er das Geräuſch von Wagenrädern in der nahen Allee hörte. 2 Wir ſtanden neben dem Thöͤrchen, das ſo oft mein Beobachtungspoſten geweſen. Ein Reiſewagen kam die breite Allee herauf. Er hielt vor dem Hauſe und eine Dame ſtieg aus. Die Liebe machte Mrs. Brand ſcharf⸗ ſehend, denn ohne ihr Augenglas zu nehmen, rief ſie: „Edith!“ und ſah mit verbiſſenen Lippen ihren Bru⸗ der an. 4 „Mrs. Langton!“ ſagte er, indem er die Augbrauen erhob und ſeinen feinen Bart ſtrich;„ich glaube, es iſt 145 fünf Jahre her, ſeit ich ſie mit ihrem gichtiſchen Gemahl die Jungfrau beſteigen ſah. Iſt er nicht todt, Bertha?“ Bertha antwortete nicht; ſie war ihrer Freundin entgegen geeilt. Sie begrüßten ſich äußerſt liebevoll und traten unter Küſſen in das Haus. „Das iſt ja eine ganze Sammlung von Vettern und Baſen,“ ſagte Edward Thornton und lächelte ironiſch, „ich hoffe, Sie kennen Mrs. Langton?“ „Ich erinnere mich ihrer als Miß Grainger.“ Er bot mir ſchweigend ſeinen Arm, ich nahm ihn und wir traten in das Haus. In einem alten getäfelten Zimmer fanden wir die beiden Damen bereits in ver⸗ traulichem Geſpräche. Die ſchöne Edith erſchien mir ſchöͤner, als je; die Trauer ſtand ihr reizend und als ſie aufſtand und mich mit freundlichem Lächeln grüßte, hielt ich ſie für das lieblichſte Geſchöpf, das ich je ge⸗ ſehen. Eine leichte Röthe überflog ihre Wangen, als ſie Mr. Thornton ſah; er war höflich und kalt. Man hatte die Kleider abgelegt; Mrs. Brand ſagte traurig, da das Eſſen ſich ebenſo wenig durch Quantität, als Qualität auszeichne— es ſei das Eſſen der Diener⸗ ſchaft, ſagte ſie, ſagte aber nicht, wie dieſe ſich ein an⸗ deres verſchaffen ſollte— ſo wäre es wohl das Klügſte mit dem Mahle nicht zu zögern. Es beſtand aus kaltem Ochſenfleiſch, warmem Gemüſe, ſelbſtgebrautem Ale und ſchimmliger Käſe. Mr. Edward Thornton hatte die gute Lebensart, ſo wenig auf die traurige Speiſe vor ſich zu achten, als hätte er Wildpret auf der Platte und Claret im Glas. Mrs. Brand ſeufzte und lamentirte die ganze Zeit. Mrs. Langton wäre ganz eine Frau nach Byrons Herzen geweſen, denn ſie forderte kaum ein Stückchen, und ſah wirklich viel zu lieblich aus, um zu eſſen oder irgend etwas anders zu thun, als ſchön zu ſein, was ſie freilich in hoher Vollendung that. Sobald es die Höf⸗ lichkeit erlaubte, zog ſie ſich in ein tiefes Bogenfenſter Daiſy Burns. II. 10 8 146 zurück, das auf den Park hinausging; Mr. Thornton trat zu ihr und von dem Platze aus, wo ich neben Mres. Brand ſaß, konnte ich Theile ihres Geſpräches hören. Er glaubte, das Vergnügen gehabt zu haben, ſie in der Schweiz zu ſehen.„Wirklich?“ fragte ſie gleichgültig; ſie ſagte, man könne nichts als die Berge und Felſen in dieſem maleriſchen Lande ſehen. Ob es ihr nicht gefal⸗ len? fragte Mr. Thornton. O ja, das heiße, nein; und doch glaube ſie, habe es ihr gefallen, wie einem et⸗ was gefallen könne. Gewiß! ſagte Mr. Thornton mit einiger Emphaſe. Sie erröthete, ſtand auf und ſetzte ſich neben Mrs. Brand, welche ſie augenblicklich zu küſſen begann, während ihr Bruder, indem er ſich mit ſeiner gewandten höflichen Weiſe an mich wandte, auf die Schönheit des Abends anſpielte und einen Spaziergang im Parke vorſchlug. Meine Lippen wollten ablehnen, als mir noch etwas einfiel und ich einwilligte. „Wie ich Ihnen ſagte,“ rief Mrs. Langton, als ſie jedoch ſah, daß ich den Arm meines Vetters nahm, zögerte ſie etwas. „Wie Sie mir ſagten,“ wiederholte Mrs. Brand, indem ſie die Hand ihrer Freundin leicht drückte und ihren Bruder und mich mit dem Winkel ihres Auges beobachtete. Was ſie ihrer theuren Bertha ſagte, weiß ich nicht, denn im ſelben Momente verließen Mr. Thornton und ich das Zimmer. Er war mein Vetter und alt genug, mein Vater ſein zu können: ich fand durchaus nichi Unſchickliches darin, mit ihm zu gehen, und beruhigt über dieſen Punkt, gab ich mich ganz ſeiner angenehmen Unterhaltung hin und wartete auf eine Gelegenheit, die Fragen anzubringen, die ich von ihm beantwortet wiſſen wollte. Da dieſe Gelegenheit nicht kam, ſo ſah ich mich veranlaßt, die Sache etwas unvorbereitet in Angriff zu nehmen. ——— ☛———— — ———— 147 „Was für ein ſchöner, roſiger Himmel!“ bemerkte mein Begleiter gedankenvoll. „Mr. Thornton,“ ſagte ich ernſt,„ich fürchte, Sie ſehr werden mich für ſehr aufdringlich halten.“ Mr. Thornton, der ſich ſo plötzlich aus ſeinem Him⸗ mel herabgeſtürzt ſah, ſchien im höchſten Maaße erſtaunt, ſammelte ſich aber ſogleich wieder und proteſtirte gegen jede ſolche Vermuthung. „Aber ich habe mal die Meinung,“ fuhr ich fort, „und doch kann ich nicht anders; das iſt's, was mich ärgert.“ Mr. Thornton lächelte und war überzeugt, daß ich mich innerlich beunruhigte. „Nein, ich verſichere Sie, wirklich nicht, und zum Beweiſe— hören Sie. Was iſt Mr. Thornton für ein Mann?“ „Ein ſehr gelehrter Mann.“ „Aber ich meine das Temperament.“ „Excentriſch.“ „Und eigenſinnig?“ fügte ich hinzu. „Er iſt ſehr feſt.“ „Ich erinnere mich, früher gehört zu haben, daß er ſehr ſtreitſüchtig ſei, iſt das wahr?“ „O ja,“ antwortete mein Vetter gleichgültig;„er hat im Allgemeinen ein oder zwei Sachen, auf die er ſtreng hält. Er weicht keinen Finger breit von ſeinen Rechten und würde lieber Hunderte geben, als ſich um Anin Schilling betrügen laſſen. Wie gefällt Ihnen dieſer it?“ Ich hatte nicht bemerkt, wohin er mich geführt: als ich aufblickte, ſah ich, daß wir einen wild ausſehenden Theil des Parkes erreicht hatten und an einer ſtillen und einſamen Quelle ſaßen. Zwiſchen den dunkeln und dichten Bäumen, die ihren feierlichen Schatten über ſie er⸗ goſſen, ſah ich einen Streif des ſchmalen Fluſſes, bei welchem Cornelius und ich am ſelben Tage geſeſſen hat⸗ 148 ten und deſſen Waſſer jetzt durch die untergehende Sonne geröthet war. Der Brunnen war an eine Erderhöhung angebaut; er war roh, alt, von der Zeit beſchädigt und theilweiſe in Moos und dunkle kriechende Pflanzen ge⸗ hüllt, das Waſſer ſtrömte klar und hell unter dem Dun⸗ kel des niederen Bogens, fiel in ein ſteinernes Becken und floß dann unter den hohen Farrenkräutern hin, die — ringsumher wuchſen und verrieth ſeinen Lauf nur durch ſein leiſes Gemurmel. „Es iſt eine Zauberquelle; wollen Sie ihre Kraft verſuchen?“ ſagte mein Couſin und deutete mit einem Lächeln auf die eiſerne Trinkſchaale, die an einer roſti⸗ gen Kette von dem niedern Bogen herabhing. „Haben Sie ſie jemals auf die Probe geſtellt?“ fragte ich vorſichtig. „Ja, als Knabe; und fand, daß die Sache— eine Sage iſt.“ „Daun wäre es für mich unnöthig, den Verſuch zu machen,“ verſetzte ich ſeufzend. Wir verließen den Ort, gingen etwas weiter und traten dann in's Zimmer. Wie die drei Verwandten den Abend verbrachten, weiß ich nicht. Ich zog mich früh zurück und ging traurig auf mein Zimmer, denn Cornelius ſchien mir nicht mehr im Stande zu ſein, mich zu befreien. Ich ſetzte mich nieder und ſah mich um; lebendige Bilder der Vergangenheit ſtiegen vor meinem Blicke auf. Ich ging an das Fenſter, wo i ſo oft auf ſein Kommen geharrt; und während ich in den dunkeln Park unten blickte, dachte ich mit ſchwerem — Herzen an den einſamen Abend, den er in Rock Cottage zubringen würde; das Herz war mir zu voll. Ich konnte es kaum ertragen, nicht bei ihm zu ſein; aber jedes Mal, ſo oft ich an unſere Wiedervereinigung dachte, ſchien das drohende Geſpenſt des Geſetzes vor mir auf⸗ zuſteigen. Cornelius, um meinetwillen der Unruhe, 1 149 Verfolgung und dem Verluſte ausgeſetzt— ich konnt es nicht denken. „Ich muß eine Verſöhnung verſuchen,“ dachte ich; „ſo rauh Mr. Thornton iſt, ſo kann er doch beſänftigt werden. Geht es nicht auf dieſe Weiſe, ſo mache ich mich ſo unangenehm, daß er froh ſein wird, mich fort⸗ zuſchaffen.“ Und mit dem Gedanken und dem Gebet für den Abweſenden ſchlief ich zu ſpäter Stunde ein. Unſer Frühſtück war eine bedeutende Verbeſſerung des Eſſens vom vorhergehenden Tag; aber Mrs. Brand, die ich allein im Wohnzimmer fand, war ſelbſt durch dieſe Thatſache nicht zu befriedigen. Sie ließ ſich kaum Zeit, meinen„guten Morgen“ zu erwiedern und ſagte heftig: d eeine Liebe, ſollten Sie es glauben! Sie hatten Tauben! ja Tauben!“ wiederholte ſie mit entrüſteter Empbaſe;„während wir kaltes Ochſenfleiſch aßen, hatten ſie Tauben! Es iſt eine pure Kleinigkeit, eine Sache von gar keiner Bedeutung; aber es kömmt doch bis⸗ paater vor, daß ich eine beſondere Vorliebe für Tauben abe.“ „Tauben!“ wiederholte ich, da ich ihre Meinung nicht ganz verſtanden hatte. „Ja, meine Liebe, ſie, Marks, kurz, die Diener⸗ ſchaft hatten Tauben zum Nachteſſen; ich brachte es dieſen Morgen durch einen reinen Zufall heraus.“ Mrs. Langton trat jetzt in das Zimmer und ſah ſo friſch und lieblich aus, wie der Morgen. Sie gab ihrer theuren Bertha einen Kuß, welchen jene erwiederte, während ſie athemlos ſagte: „Edith, ſie hatten Tauben, das kalte Ochſenfleiſch war gut genug für uns; ſie hatten Tauben.“ Edith ſah mich erſtaunt an und ſagte, als ſie die Geſchichte hörte, mit der reizendſten Grazie lächelnd: „Ah, ſie werden wohl Tauben vorgezogen haben, gewiß wiſſen kann man das freilich nicht.“ Sie ſetzte ſich in 150 die Fenſtervertiefung und ſah ſo zerſtreut in den Park hinaus, daß ſie nicht einmal durch das Oeffnen der Thüre und das Eintreten Edward Thorntons geſtört wurde. Er theilte uns mit, daß Mr. Thornton von einem Rheumatismus befallen ſei. „Das iſt fatal!“ ſagte Mrs. Brand zerſtreut, „Sie wiſſen vermuthlich ſchon, daß ſie Tauben hatten.“ Und als wir uns zum Eſſen niederſetzten, wieder⸗ holte ſie ihre Klagen. Mr. Thornton hörte ihr mit vollkommen er Gleichgültigkeit zu und ſagte„wirklich“, dann ſprach er mit mir von der Schönheit des Morgens und von Mr. Thorntons Rheumatismus. „Sie werden bedauern, zu erfahren,“ ſagte er und zerbrach die Schaale eines Eies,„daß unſer ausgezeich⸗ neter Verwandter das Zimmer hüten muß; ich fand ihn in ſeinem Studirzimmer auf dem Sopha, unfähig, ſich zu bewegen und mit großen Schmerzen behaftet.“ Ich bedauerte in der einen Richtung, in der andern freute ich mich. Ich gab mich der Hoffnung hin, der Schmerz werde meinen eigenſinnigen Großvater milder ſtimmen, und ſobald das Frühſtück vorüber war, eilte ich nach ſeinem Studirzimmer. Da ich ihn überraſchen wollte, ſo wagte ich es, ohne zu klopfen, einzutreten. Die Ueberraſchung war auf meiner Seite. Mr. Thorn⸗ ton, den ich ächzend auf ſeinem Sopha zu finden hoffte, ſtand oben auf einer hohen Leiter, um ſchwere Quart⸗ bände herabzuholen. Als er die Thüre öffnen hörte, wandte er ſich um und ſah mich mürriſch an. Ich freute mich über ſeinen Zuſtand und ſagte ruhig: „Sie befinden ſich gottlob wieder beſſer, Sir?“ Er murmelte eine unverſtändliche Antwort und kam herab, indem er bei jedem Schritte mir von Neuem einen mißtrauiſchen Blick zuwarf. Ich bot ihm meine Schulter als Stütze an, und er lehnte ſich auch wirklich ſo ſchwer er konnte darauf. Dann führte ich ihn bis zu * ſeinem Sopha und ſetzte mich ruhig ihm gegenüber. Er 15¹ wußte, daß er in meiner Gewalt war, und ſagte deßhalb auch nicht, ich ſolle gehen; aber er wies das Anerbieten meiner Dieuſtleiſtungen ab; ich beharrte darauf. „Ich kann Ihnen wohl das Buch ſuchen, Sir,“ ſagte ich. „Suche,“ lautete ſeine unfreundliche Antwort. „Was iſt es für ein Buch, Sir?“ „Beginne mit dem erſten Bande der zweiten Reihe.“ Ich gehorchte und brachte ihm einen ſchweren Band, den er anſah, dann weglegte und kurz ſagte: „Einen andern.“ Ich brachte ihm einen andern mit demſelben Re⸗ ſultat; einen dritten, einen vierten, und ſo die ganze Reihe hindurch. „Biſt Du nicht müde?“ fragte er mit leichter Ironie. „O nein,“ antwortete ich lächelnd und begann ein neues Büchergeſtell. „Nein, nein,“ antwortete er und wollte es auf⸗ geben,„es iſt eine alte Abhandlung über Mineralogie, die ſchon lange verloren iſt.“ Ich ging nach dem Fenſter; das Buch, das ich am vorhergehenden Tage durchblattert, lag noch offen; ich gab es ſchweigend meinem Großpapa, der es anſah und mir dann einen Blick voll tiefer Verwunderung zuwarf, während ſeine Miene einen freundlicheren Ausdruck an⸗ nahm. „Wie fandeſt Du es?“ fragte er und ſah mich mit ſichtlicher Zufriedenheit an. „Durch Zufall, Sir.“ „Durch Zufall! Oh! Mir fehlt noch ein anderes Buch. Ray's⸗Chaos und Schöpfung,“ vielleicht könnteſt Du das aach finden, hm?“ Er ſah mich gedankenvoll an. Begierig, ihn für mich zu gewinnen, antwortete ich lebhaft: 1⁵² „Vielleicht, Sir.“ „Hm! Kannſt Du ſchreiben? Ich meine eine hübſche runde Handſchrift, nicht jene abſcheulichen ſchiefen Buch⸗ ſtaben der meiſten Schulkinder.“ „Ja, Sir; meine Handſchrift iſt ziemlich rund.“ „So ſchreibe dies ab.“ Er gab mir einen Bogen mit Hieroglyphen, den ich mit einem Schrecken durchblätterte, der ihn lächeln machte. Da ich ihm jedoch keinen Vortheil über mich geben wollte, ſo ſetzte ich mich nieder und begann ſogleich meine Arbeit. Die Entzifferung war das Schlimmſte dabei; nachdem ich jedoch mehrere Stunden angeſtrengt ge⸗ arbeitet, ging die Sache zu ſeiner und meiner Zufrieden⸗ heit. Ich wollte auch noch das Uebrige abſchreiben: aber Mr. Thornton hatte eine andere Abſicht. „Kannſt Du leſen?“ fragte er,„ich meine leſen, wie Du ſprichſt, ohne Ziehen oder Singen?“ Ich antwortete, ich hoffe es zu können. Er ſagte, wir wollen ſehen, und gab mir die Abhandlung über Mineralogie. Ich las zwei Stunden ohne aufzuhören. Endlich ſagte er, es ſei genug. Ich fühlte mich ſehr müde und erſchöpft und fragte, ob ich gehen könne. Er geſtattete es und fügte hinzu: Wergit nicht, das„Chaos und die Schöpfung!“ u ſuchen.“ 1 ſuce verſprach es und verließ ihn. Der Tag war heiß; die Luft des verſchloſſenen, ſtaubigen, alten Stu⸗ dirzimmers war drückend geweſen. Ich ging in den Garten hinter dem Hauſe und ſetzte mich in die Laube. Ich war noch nicht fünf Minuten dageweſen, als mein Vetter Edward Thornton zu mir trat. Er war gerade im Zuge, ſich angenehm zu machen, als Mrs. Langton von der Vorhalle herabkam, leicht und anmuthig, wie eine Dame in einem Bilde. Sie hatte ihre Wittwen⸗ haube abgelegt; das warme Sonnenlicht gab ihrem gagatſchwarzen Haare eine braune Tinte, und ſie ſah — 1⁵³ friſch und ſchön wie die Roſe aus, die ſie in der einen Hand hielt, während die andere leicht das fliegende Kleid lüftete. Mr. Thornton ſtand auf und räumte ihr den Platz neben mir ein, den ſie mit anmuthigem Lächeln annahm. Er ſtand vor mir und ſprach in ſeiner ge⸗ wandten, angenehmen Weiſe; ich ſah und lauſchte, des Augenblicks eingedenk, da ſie vor ſieben Jahren ſich an dieſem Orte getroffen hatten und von einander ſchieden. Auch ſie dachten daran; denn bald hatte ich das Ver⸗ gnügen, zu bemerken, daß ich das Medium ihrer artigen Spötteleien war. Edward Thornton richtete den größten Theil des Geſprächs an mich und machte mehrere unbedeutende Fragen, meiſt mehr oder weniger Pfeile, die auf Mrs. Langton gezielt waren. „Sah ich Sie nicht vor ſieben Jahren hier?“ ſagte er hinwerfend. „Ja, Sir, gerade ſieben Jahren.“ „Es erſcheint mir eine ungemein lange Zeit, nicht wahr?“ fügte er hinzu und wandte ſich an Mrs. Langton, als wollte er ſie erinnern, daß ſieben Jahre über ihre Schönheit hingegangen. „Allerdings,“ verſetzte ſie, an einer Roſe riechend: ſie ſah aus, als ob die Zeit für ſie gar nicht exiſtirte. „Ich erinnere mich Ihrer ganz wohl,“ fuhr Edward an mich gewandt fort,„ein kleines hübſches Kind, mit hellem, goldenem Haar, das ſich jetzt verdunkelt hat.“ „Wirklich?“ verſetzte ich, durch dieſe kleine Lüge amüſirt; Mrs. Langton lächelte über die Verachtung, die ſich darin gegen ihre glänzenden rabenſchwarzen Haare ausſprach. „Ol ja,“ fuhr er fort,„Bertha und ich kannten ſie immer, die kleine, weiße Roſe. Ihr Name iſt Roſa, nicht wahr?“ „ Nein, mein Name iſt Daiſy, das heißt Margarethe, aber zu Hauſe nennt man mich Daiſy.”“ 154 „Der Name der hübſcheſten wilden Blume,“ ant⸗ wortete er lächelnd;„ſie iſt vielleicht weniger ſchön,“ fuhr er fort,„als die Roſe, aber ſie hat eine eigen⸗ thümliche Anmuth und Friſche.“ Die Roſe ſchien nicht ſehr angenehm berührt und ſah verächtlich auf das Gänſeblümchen herab. Da ich nicht im Sinne hatte, das Werkzeug für Mr. Edward Thorntons Pikanterien zu ſein, ſo erhob ich mich und verließ trotz ſeiner Bitte die Laube. Die gewöhnliche Höflichkeit geſtattete ihm nicht, Mrs. Langton zu ver⸗ laſſen; wie ſie mit einander zurecht kamen, iſt mehr, als ich weiß. Sie waren beim Mittageſſen ausnehmend höflich mit einander. Als ich am ſelben Abend in mein Zimmer ging, ſah ich, daß mein kleiner ſchwarzer Koffer angekommen. Ich öffnete ihn raſch, ſuchte jedoch vergeblich nach einem Briefe. Etwas machte mich aber ſtutzen. Er enthielt das Portefeuille mit den italieniſchen Zeichnungen, das eine andere Hand, als die meine hineingethan. Ich durchblätterte es mit einer unbeſtimmten Hoffnung. Ich fand nichts, als einen verlorenen Papierſchnitzel, den ich an's Licht hielt. Es war eine jener rohen und haſtigen Skizzen, mit denen Künſtler ihre flüchtigen Ideen nieder⸗ ſchreiben; aber ſo unvollkommen ſie auch war, erkannte ich doch darin den Brunnen, den ich kürzlich beſucht hatte. Eine weibliche Figur, in der ich mich erkannte, ſaß da⸗ bei und beſchattete ihre Augen mit der Hand, als ob ſie auf etwas oder Jemanden wartete; die Sonnenſcheibe, welche am fernen Horizonte halb hinabgeſunken war und nur noch matte Strahlen warf, zeigte das Sinken des Tages an. Offenbar kannte Cornelius dieſen Platz und wünſchte, daß ich ihn bei Sonnenuntergang dort treffe. Wann? Wahrſcheinlich am nächſten Tage. Mein Herz ſchlug vor Freude bei dem Gedanken, ihn ſo bald zu ſeben und zu erfahren, wie er ſein Verſprechen halten wolle. 3 1⁵⁵ Bweiunddreißigſtes Kapitel. Das Erſte, was ich am andern Tage that, war, daß ich zu meinem Großvater ging. Er empfing mich mit ziemlich herzlichem Murmeln, und da er vermuthlich auf das gute Verſtändniß zwiſchen uns vertraute, ſo ſchützte er in meiner Gegenwart nicht länger rheumatiſche Schmerzen vor. Mehrere Stunden lang las ich und ſchrieb ab; endlich beliebte es ihm jedoch, zu ſagen: „ich könne aufhören, wenn ich Luſt habe;“ und erinnerte mich an das„Chaos und die Schöpfung.“— Da ich ihn noch weiter ausholen wollte, verſetzte ich: „O nein. Ich hoffe es zu finden, ehe ich gehe.“ „Wirklich,“ ſagte er erſtaunt. „Ehe ich mit Mr. O'Reilly gehe,“ fuhr ich fort, „er beabſichtigt in acht bis zehn Tagen hier zu ſein.“ „Wer ſagte Dir, daß Du mit ihm gehen werdeſt?“ fragte Mr. Thornton. „Niemand. Aber es liegt Ihnen ſicher nichts da⸗ ran, ein unbedeutendes Weſen, wie mich, bei ſich zu behalten. Er antwortete nicht. Ich fuhr fort. „Es wäre weit beſſer, ich ginge mit ihm, als daß er kömmt und holt mich.“ „Ich will Dir etwas ſagen, unterbrach mich Mr. Thornton und zog ſeine ſchwarzen Augbrauen zuſam⸗ men: wenn dieſer Irländer, der das kleine Mädchen in eine Penſion ſchickte und dem jungen Mädchen ſo ſelt⸗ ſame Blicke zuwarf, es wagt, Dich mit ſich zu nehmen, ſo ſoll er es ſein Lebenlang bereuen. Ich will ihn leh⸗ ren,“ fügte er hinzu.„was das Wort„Entführung“ bedeutet. Siehe das neunte Geſetz von Georg IV.“ „Entführung, Sir,“ ſagte ich erröthend,„bedeu⸗ tet Wegnahme mit Gewalt.“ „Und das Geſetz deutet Betrug mit Gewalt,“ ant⸗ wortete Mr. Thornton kalt.„Vergleiche das neunte Geſetz von Georg IV.“ Ich war durch dieſe Drohung ſehr beunruhigt. Mr. Thornton ſchien es nicht zu ſehen oder zu bemerken und entließ mich mit der Mahnung wegen„Chaos und Schö⸗ pfung.“ Nach dem Mittageſſen— unſere Haushaltung hatte ſich bedeutend verbeſſert und geordnet— verſchwanden Mr. Edward Thornton und Mrs. Langton und ich blieb bei Mrs. Brand, die mich einige Zeit mit den Ver⸗ dienſten ihres Bruders unterhielt.„Er ſei immer ein ausgezeichneter Bruder gegen ſie geweſen; und ſeitdem er in den Beſitz von Windham gekommen, könne ſie ſagen, Poplar⸗Lodge ſei ebenſogut ihre Heimath, als die ſeine— eine Thatſache, welche beweiſe, daß nichts den Banden des Blutes gleiche, denn Mr. Brand, ſie müſſe es zu ihrem Bedauern geſteben, habe ſich nicht ſehr delicat benommen; und während er ihr nur einige hundert Pfund jährlicher Renten hinterlaſſen, habe er ſeiner Tochter das reizende Holywell Lodge— einen wunder⸗ ſchönen Landſitz— vermacht, für den ſie, wie er wohl gewußt, eine beſondere Vorliebe gehabt, nicht weil er ſchön ſei,— ſie habe einen einfachen Geſchmack— ſondern weil ihr Herz an Holywell hange. Sie hätten den Honigmonat dort zugebracht, und ſei erſtaunt, daß Mr. Brand keine Rückſicht darauf genommen.“ Wir ſaßen am Fenſter. Die Wipfel der Bäume des Parkes erglühten im Lichte der untergehenden Sonne. Ich wäre gerne hinausgegangen und ſagte: 3 „Welch' ſeinen ſchönen Spaziergang machen Mrs⸗ Langton und Mr. Thorntou mit einander.“ 3 Mrs. Brand ſtaunte, 157 „Meine Liebe,“ ſagte ſie lebhaft,„Sie ſind im Irrthum— Sdith iſt auf ihrem Zimmer.“ „Ich ſah ſie mit Mr. Thornton hinter jener Baum⸗ gruppe verſchwinden.“ „Wie unklug!“ rief Mrs. Brand, und ſchien un⸗ ruhig zu werden.„Sie erkältet ſich ſo leicht. Ich muß ihr wirklich nachgehen.“ Sie ſtand auf, verließ das Zimmer, und eilte in der Richtung fort, die ich ihr angedeutet hatte. Ich wartete einen Augenblick und ſchlüpfte dann hinaus. Mein Weg ging gerade nach der entgegengeſetzten Seite. Ich hielt mich im Dunkel der Bäume. In wenigen Minuten hatte ich den Brunnen erreicht; zu meinem Schrecken ſah ich jedoch die beiden von Mrs. Brand Geſuchten dabei ſtehen und ruhig mit einander ſprechen. Sie hatten mir den Rücken zugewandt. Ich ſank in dem hohen Farrenkraut nieder, das ſich über mir zu⸗ ſammenbog. Ich knieete und hob bisweilen vorſichtig den Kopf, um nach ihnen zu ſehen. Sie blieben noch einen Augenblick, dann gingen ſie. Als ſie mir ans dem Geſichte waren, ſetzte ich mich in die Höhe, ſchüt⸗ telte das Farrenkraut und das dürre Laub aus meinem Haare, in das es ſich verwickelt hatte. Durch ein leiſes Geräuſch neben mir aufgeſchreckt, ſah ich mich lebhaft um. Einige Schritte von mir be⸗ gannen die Farrenkräuter ſich zu bewegen, dann theilte ſie der Arm eines Mannes und in der Oeffnung erſchien das ſchöne und lachende Geſicht von Cornelius. Er ſetzte ſich halb in die Höhe, ſtützte ſich auf einen Ellbo⸗ gen und ſah mich lächelnd an. „Sind ſie fort?“ flüſterte er. Ich warf einen haſtigen Blick umher. Die Sonne war beinahe untergegangen. In ihrer warmen und mil⸗ den Glut ſah der Park öde und einſam aus. Ueber Allem ruhte bereits die feierliche Stille des Abends. „s iſt alles fort,“ ſagte ich und ſprang auf auf.„Cornelius, Du biſt groß, und köunteſt leicht aus der Ferne geſehen werden, ſei deßhalb ruhig.“ „Du wirſt doch nicht meinen, ich ſollte auf dem Rücken liegen bleiben?“ fragte er ungehalten. „Ich meine nur, wenn Du auſſtehſt, ſo ergreife ich „die Flucht!“ Er wurde zornig und wild, aber ich war unerbitt⸗ lich. Ich ließ ihn auf ſeinen Rücken liegen, und hielt ihn dort feſt. Als er unruhig wurde, drohte ich ihn zu verlaſſen. Er gab murrend nach.„Abgeſchmackt, lä⸗ cherlich!“ ſagte er und wandte ſein geröthetes Geſicht weg. Ich knieete neben ihm nieder und fragte, indem ich über ſein Haar ſtrich, ob er ſich nicht behaglich fühle und was er mehr verlange. Anfangs erhielt ich keine Antwort; bald aber kam er wieder in ſeinen alten Hu⸗ mor, denn plötzlich ergriff er meine Hand und ſagte, in⸗ dem er ſie zärtlich an ſeine Lippen drückte, er ſei ein Wilder und ich ein Engel. Ich lachte und ſagte: „Das erklärt mir, was Mr. Thornton mit Deinen ſeltſamen Blicken meinte. Ich habe immer gehört, daß die hugen eines Wilden etwas ganz Eigenthümliches haben.“ „Seltſame Blicke!“ wiederholte Cornelius erröthend, „die Seltſamkeit liegt in ſeinen Augen, Daiſy. Aber laß' ihn ſagen, was er will. Ich habe kein Gelübde gethan; doch bin ich nun feſt entſchloſſen—“ „Cornelius, wenn Du ſo unruhig biſt, muß ich gehen.“— Er murrte, wurde aber wieder ruhig. „Wenn Du ſo aufgeregt biſt, daß Du mich wieder ſiehſt, warum beſuchteſt Du mich nicht in Thornton Houſe?“ „Warum, Daiſy, verſetzte er, indem er eine Locke meines Haares um ſeine Finger rollte,„weil i ein Nachtdieb und nicht ein Glücksritter bin. Ich m. 1 . 1⁵9 Jemand ſeinen Juwel rauben, aber ich will ihn nicht darum betrügen.“ Entführung und das neunte Geſetz von Georg IV. ſiel mir ein; aber ich ſagte gleichgültig: „So ſoll ich alſo ein geſtohlen Gut werden?2“ Er lachte und widerſprach nicht. „Aber wie willſt Du das machen?“ „Es iſt noch nicht beſtimmt,“ antwortete er aus⸗ weichend,„aber Du ſollſt es in nächſter Zeit erfahren.“ „Warum denn heute dieſes Stelldichein, Cornelius? — Warum dieſe unnütze Gefahr?“ „Gefahr!— es iſt keine für mich; und wenn es eine gäbe, ich würde ihr gerne um den Anblick Deines Geſichtes trotzen. Sieh mich nicht wie ein ſcheues Reh an, obwohl es Dir reizend ſtebt. Es war ganz hübſch, Dich in dem Farrenkraut verborgen zu ſehen. Dann und wann hobſt Du Deinen ſchönen Kopf wie eine junge Nereide, dann tauchte er wieder in die grüne See, wo ich nun platt wie ein todter Fiſch liege; und doch, Daiſy, wie hübſch iſt es, hier bei Dir zu ſein!“ „Woher kennſt Du dieſen Platz?“ „Ich zeichnete ihn vor einigen Jahren bei einem meiner Beſuche bei Deinem Vater: damals dachte ich nicht, daß das trotzige kleine Mädchen, das mich nicht küſſen wollte, eines Tages jedes Band um meinetwillen brechen würde.“ Jeder Zweifel, ich möchte nicht auf ſeine Plane eingehen, oder ihn begleiten, wenn der Moment da wäre, ſchien wie durch einen Zauber bei Cornelius ver⸗ ſchwunden. Er konnte ſich eine Weigerung von meiner Seite gar nicht mehr denken. Jetzt aber, da ich klar ſah, zu welchen Conſequenzen ſein Plan führte, fühlte ich auch, daß ich ihn zu ſehr liebte, um meine Einwil⸗ ligung zu geben. Er ſprach jedoch mit ſo viel Zuver⸗ ſicht, daß ich es nicht wagte, ihn zu enttäuſchen. Ich konnte ihn in Kleinigkeiten beherrſchen; waren jedoch 3 160 ſeine Leidenſchaften aufgeregt— ich hatte das bei dem Fall mit William Murray geſehen— ſo war er Herr über mich, ſeine heftigen Gefühle bengten mich nieder, wie ein ſtarker Wind das ſchwache Rohr unter ſeinem Hauche beugt. Wenn ich auch in der Angſt ihm meinen Entſchluß mitgetheilt, nicht auf ſeine Plaue einzugehen, und Cornelius beſtand darauf, ich ſolle ihm augenblick⸗ lich folgen, ſo kannte ich meine Schwäche zu gut, um nicht zu ahnen, daß ich nicht zurückbleiben könnte. Als ich ſo neben ihm knieete und etwas traurig ihm in das triumphirende Geſicht ſah, ſagte ich nichts, ſondern über⸗ ließ ihn dem Fluge ſeiner Phantaſie. Die warme Glut des Tages hatte die Erde noch nicht verlaſſen: der Mond war aufgegangen, aber ſein Licht war blaß und verſchwommen, wie in den erſten Stunden des Abends; es leuchtete mit mildem und grauem Glanze über dem ſtillen Orte, fiel ſanft über die Bäume, die ihre Aeſte über ihm breiteten und be⸗ rührte den ſteinernen Bogen des Brunnens, deſſen Waſ⸗ ſer mit leiſem Geplätſcher herabfloß und ſich dann über den weiten Park verbreitete, deſſen Baumgruppen ſich in dieſer Beleuchtung höchſt maleriſch ausnahmen. Der Abend war ungewöhnlich mild und balſamiſch. Ich fand es ungemein angenehm, um dieſe Stunde an dieſem Orte mit Cornelins allein zu ſein; aber auch höchſt ſchmerzlich, nicht mehr unter ſeinem Dache mit ihm zu wohnen und nicht mehr in demſelben heiligen Kreiſe ſtil⸗ ler Heimath mit ihm zu leben. Endlich ſprach ich vom Gehen. Er hielt mich zu⸗ rück, ſo lang er konnte und entließ mich dann mit dem Verſprechen, ihn am zweitfolgenden Tage wieder hier zu treffen. Wenn ich nicht kommen könnte, ſollte ein Brie unter einem halb im Gras verborgenen Stein ihn davon unterrichten. Als wir ſchieden, ſagte er freundlich: In einigen Tagen, Daiſy, wird kein Zuſammen⸗ kommen und kein Scheiden mehr ſein.“ 4 — 161 Ich wagte nicht zu antworten, ſondern wandte mich plötzlich von ihm weg und eilte durch das hohe Gras, ohne mich umzuſchauen. Ich durfte am folgenden Tag, den ich größtentheils mit Mrs. Brand zubrachte, weder vorleſen, noch ab⸗ ſchreiben. Sie ſprach ſehr viel von Mr. Thoruton und ließ allerlei geheimnißvolle Winke fallen, die unbeachtet an meiner Unwiſſenheit vorübergingen; ſie verſicherte je⸗ doch, meine Zurückhaltung beleidige ſie durchaus nicht, ſie zenge von bon goüt und ſei ganz engliſch. Mich amüſirte der Gedanke, daß ich der Zurückhal⸗ tung beſchuldigt wurde, weil ich ihre ſphynxartige Sprechweiſe nicht verſtand; auch dacht' ich, daß einer Dame, die Alles ſo gerne engliſch fand, ein weniger häufiger Gebrauch franzöſiſcher Worte, für welche ihre Muiterſprache genügenden Erſatz bot, beſſer angeſtanden ätte. Dieß war jedoch einer von den Widerſprüchen, die ſich bei Mrs. Brand, wie ich ſpäter bemerkte, ſehr zahl⸗ reich vorfanden. Sie war ſehr national geſinnt, aber eine engliſche Kleidermacherin hätte ſie zum Verzweifeln gebracht; engliſche Manufacturen reizten ihre Nerven, und engliſche Kochkunſt waren der Tod für ſie. Sie ſagte mir auch, daß wenn es nicht um ihren lieben Ed⸗ ward wäre, ihre Geſundheit ſie zwingen würde, auf dem Continente zu wohnen, in welchem Falle ich, fürchte, England ganz der Mrs. Brand beraubt worden wäre und der Verkehr zwiſchen beiden ſich auf die Ab⸗ ſendung und den Empfang der„elenden engliſchen Hun⸗ derte“ beſchränkt hätte, welche Mrs. Brand von ihrem geliebten Gatten geerbt. Daß Mrs. Brand ganz Märtyrin der ſchweſterlt⸗ chen Liebe war, ſchien ein unzweifelhaftes Factum zu ſein, denn im Verlauf des Morgens ſagte ſie zu mir: „Meine Liebe, die Leute mögen von Plantagen und Daiſy Burns. II. 11 Negerſklaverei ſprechen: aber ich verſichere Sie, die faſhio⸗ nable Welt iſt eine große Plantage und wir, die Skla⸗ ven, die ſie bearbeiten, arbeiten uns zu Tod. Ich kam hierher, um der Ruhe zu pflegen, und erhielt nun ſtatt deſ⸗ ſen geſtern, ich weiß nicht wie viele Einladungen und muß heute, ich weiß nicht wie viele Beſuche machen. O! meine Liebe! wenn es nicht um Edward wäre, ich würde meine Ketten brechen und fliehen.“ Durch den Gedanken an Edward jedoch geſtärkt, trug die Sklavin der Welt ihre Kette leicht und der Abend glich ganz einem ſolchen Gang auf die Pflan⸗ zung. Mrs. Langton begleitete ſie: Edward Thornton blieb im Hauſe. Er hatte ſeine elegante Perſon in einen altväteriſchen Lehnſtuhl geſteckt, wo er eine Zeitung las und ſo höflich ennuyé ausſah, als möglich. Ich ſaß am Fenſter und blätterte in den italieniſchen Zeichnungen von Cornelius. Ich hatte ſie auf den ausdrücklichen Wunſch von Mrs. Brand herabgebracht: dieſe aber warf einen flüchtigen Blick hinein, nannte ſie hübſch und dachte nicht weiter daran. Als ſie jedoch ging, beneidete ſie mich um das Privilegium, zu Hauſe bleiben zu dürfen und gratulirte mir zu meiner Gleichgültigkeit gegen welt⸗ liche Vergnügungen. Als ſich die Thüre hinter ihr ſchloß, legte Mr. Edward Thornton ſeine Zeitung nieder, um zu ſagen: 1„So, Miß Burns, Sie kümmern ſich wirklich dücht um weltliche Vergnügungen. Eine kleine Ere⸗ mitin.“ „Kümmern Sie ſich darum?“ „Nein; aber ich bin ihrer ſchon ſatt.“ Ich lächelte und ſchüttelte ungläubig den Kopf. Ich mochte meinen Vetter wohl leiden, aber ich konnte nicht anders als glauben, er ſpiele mehr den alten Mann, als daß er es wirklich ſei. „Sie glauben es nicht?“ ſagte er. „Nein,“ lautete meine offne Antwort. 163 „Nun, Miß Burns, um was ſollte ich mich auch kümmern?“ „Um Politik.“ „Ich bin krank davon. Vor einer Wählerverſamm⸗ lung zu ſtehen und mit Eiern und Aepfeln beworfen zu werden, eckelt mich an.“ „Vergnügen?“ „Das iſt eine zu ſchwere Arbeit für mich.“ „Geld?“ „Ich habe Geld und kümmere mich nicht mehr darum.“ 8 „Pferde?“ „Vor Jahren.“ „Vor Jahren!“ ſagte ich,„und Sie ſind erſt ſeit einem Jahre im Beſitze von Wyndham.— Reiſen!“ ſetzte ich laut hinzu. „Auch vorbei. Geſtehen Sie nun, daß Sie ſich getäuſcht und erkennen Sie an, daß ich der Welt müde bin.“ „Nein, Sir.“ „Nein!“ „Nein, Sie leſen Zeitungen?“ 3 Mein Vetter öffnete ſeine ſchönen blauen Augen⸗ ſchien amüſirt und erwartete wohl noch mehr; ich ſah jedoch auf meine Zeichnungen und blieb ſtumm; er hob den Kopf aus der Vertiefung des hohen Armſtuhls, in welchem er lag. Ich nahm keine Notiz davon; lachte; ich ſah nicht auf. Er nahm ſeine Zeitung, legte ſie nieder, nahm ſie wieder; endlich aber fühlte er ſich gereizt oder ließ ihm die Neugierde keine Ruhe: er ſtand auf und trat hinter meinen Stuhl. Ich erlaubte ihm, dort ſtehen zu bleiben und über meine Schulter zu ſehen, ſo lange es ihm beliebte. 3„Ich möchte wiſſen, woher Bertha das bekommen?“ ſagte er endlich im Tone der Verwunderung. „Es gehört mir,“ antwortete ich ruhig.„Mr. O Reilly gab ſie mir.“ „Sind ſie von ihm?“ Ich bejahte mit einigem Stolze. Mein Vetter ſchien erſtaunt und nannte die Skizzen meiſterhaft. Er ſetzte ſich neben mich und betrachtete den. Inhalt des Portefeuilles; ſeine Bemerkungen zeigten mir, daß er ein ausgezeichnetes Urtheil hatte. Wir ſahen die Sachen langſam durch und waren noch nicht zu Ende, als Mrs. Brand und Mrs. Langton von ihren ſchweren Pflichten zurückkehrten. „Haſt Du das geſehen, Bertha?“ ſagte Edward Thornton zu ſeiner Schweſter. „Ja, ſehr hübſche Sachen,“ antwortete ſie gleich⸗ ültig. Jpaben Sie?“ fragte er Edith, welche auf der Seite ſaß, ganz in ihre Anmuth verſunken, wie eine ſich ſelbſt bewundernde Roſe. Sie antwortete verneinend: er nahm das Porte⸗ feuille und ſchien es ihr zeigen zu wollen, aber ſeine Schweſter legte ſich ſcherzend dazwiſchen und ſagte, da er es bereits geſehen, ſo ſei es nicht hübſch von ihm; ſie habe eine große Leidenſchaft für Zeichnungen und wolle ſie mit ihrer lieben Edith anſehen, bei der ſie hartnäckig bis zum Mittageſſen ſitzen blieb. Ihr Bruder blieb bei mir und ſprach von Cornelius, den er mit großer Emphaſe einen Mann von Geiſt naunte. Mein Herz ging auf, als ich ihn ſo ſprechen hörte. „Er iſt mehr, als ein Mann von Geiſt,“ antwor⸗ tete ich bewegt,„er iſt ſo gut. Wenigſtens war er es immer gegen mich; er nahm mich an Kindesſtatt an und erzog mich ganz, als wenn ich ſein Kind geweſen, und das wahr ſehr lieb von ihm.“* Nr. Thornton lächelte und ſprach von guten Tha⸗ ten, die ihren Lohn in ſich tragen. Ich gab ihm zu verſtehen, daß wenn ich der Lohn ſei, es hart ſcheine, 165 daß er meiner beraubt werden ſolle. Er hielt es aller⸗ dings auch für hart, und obwohl er nichts ſagte, ſah ich, daß er beabſichtigte, Mr. Thornton zu meinen Gun⸗ ſten zu ſtimmen. Eine Thatſache, auf die ich freilich keine große Hoffnung ſtützte, denn ich kannte meinen Großvater zu gut, um zu ahnen, daß er ſich nicht ſo leicht beherrſchen laſſe.. Ich mußte am folgenden Tage mehrere Stunden bei ihm abſchreiben: aber er ſprach nicht ein Wort mit mir, bis ich das Zimmer verließ, dann ſagte er ſehr kalt: „Du kannſt das Uebrige nach Tiſch machen, wäh⸗ rend ich das kleine Geſchäft am Zauberbrunnen beſorge.“ Meine Hand ruhte auf der Klinke, ich wandte mich um und warf ihm einen erſchrockenen Blick zu. Er lachte, als ob er ſich an meiner Furcht weidete. Ich mußte ſehr erſchrocken ausſehen, denn als ich das Studirzimmer verließ und meinem Couſin begegnete, ſah mich dieſer höchſt erſtaunt au. Ich ſchlüpfte an ihm vorüber und eilte in mein Zimmer, um dort einige Zei⸗ len zu ſchreiben, mit welchen ich hinabeilte. Da ich nicht wähnte, mein Großvater werde mich ſehen oder wenn er mich ſähe, meine Abſicht ahnen, ging ich die Buchenallee hinab; aber ich hatte noch nicht zehn Schritte gemacht, als der gewölbte Fenſterflügel des Studirzim⸗ mers ſich öffnete und Mr. Thornton mit zorniger Miene herausſah. „Miß Burns,“ ſagte er ſtreng,„wollen Sie ge⸗ fälligſt zurückkommen. Ich brauche Sie, Sir, ich muß für die Vermittlung danken!“ Die letzte Bemerkung war an meinen Couſin ge⸗ richtet, der neben ihm ſtand, und etwas zu vertheidigen ſchien. Er verbeugte ſich und zog ſich ſcheinbar beleidigt zurück. Ich gehorchte dem Befehl, den ich erhalten, und kehrte in das Studirzimmer zurück, während meine Augen von Thränen der Entrüſtung überfloßen, die kaum der 166 Stolz zu hemmen vermochte, Edward Thornton warf mir einen theilnehmenden Blick zu und verließ das Zimmer, als ich eintrat. Mr. Thornton ſah mich ſtreng an. „Du wirſt die Sache aufgeben,“ ſagte er,„denn ich werde es nicht geſtatten.“ Ich ſank auf einen Stuhl, ohne zu antworten. „Wenn Du je eine Mücke ihre Flügel an einem Lichte verſengen ſahſt, ſo kennſt Du das Schickſal Dei⸗ nes Freundes. Jedermann weiß, daß wenn ich mich auch nichts um ein Spiel kümmere, ich es mir doch nicht gefallen laſſen werde, wenn man mich plündern will. Wir waren geſtern Abend zu Dreien an dem Zauberbrunnen. Wenn er mir trotzen will, ſo werde ich ihm zeigen, daß ich ihn ſo habe,“ er fügte ausdrucksvoll ſeinen Zeigefinger und Daumen zuſammen,„und das nicht ſpäter, als dieſen Abend.“ Ich warf ihm einen bittenden Blick zu; er lachte; ich begann für ihn zu flehen; er unterbrach mich mit einem ſtrengen:„Ich nehme nichts zurück.“ Ich ſtählte mein Herz und faßte einen verzweifelten Entſchluß: „Mr. Thornton,“ ſagte ich, indem ich aufſtand und zu ihm trat, ich will mich allem unterwerfen, nur laſſen Sie Mr. OReilly in Ruhe. Nur weil er weiß, daß ich ihn ſo innig liebe, thut er all' das.“ „Das iſt nicht wahr, und Du weißt es,“ unter⸗ brach mich Mr. Thornton kurz,„weil er Dich ſo innig liebt, kann er ſeine Augen nicht von Dir abwenden.“ „Wohlan denn, ja,“ ſagte ich im Gefühle, daß ehrliche Offenheit die beſte Politik iſt.„Ja, weil er mich liebt. Hat er nicht ein Recht, mich zu lieben, wie ich ihn und ſeine Schweſter liebe? Ich liebe ſie beide von ganzem Herzen; ich ſehne mich wieder bei ihnen zu ſein und ich haſſe mein Daſein an dieſem Orte— und doch gebe ich nach,— ich unterwerfe mich allem, was —— —ꝛ— 167 Sie verlangen mögen; aber ich bitte Sie im Schmerze meines Verluſtes, fügen Sie nicht noch die Qual einer durch mich veranlaßten Verfolgung hinzu. Wenn Sie dieſes und jedes andern Verſuches, mich zu ſehen, nicht achten wollen, ſo will ich dagegen mein Wort geben, ihn nie dhne Ihre Erlaubniß zu ſehen. Er hat mich gelehrt, daß ein gegebenes Wort eine heilige Sache ſei; wenn ich das meine gebe, will ich es halten, obwohl Gott allein weiß, wie viel es mich koſtet.“ Meine Stimme verſagte mir, denn als ich an den Schwur dachte: den ich verſprach, konnte ich kaum ſpre⸗ chen, und dennoch glaubte ich nicht anders, als Mr. Thornton werde nein ſagen, und darauf beharren, Cor⸗ nelius aufzuſuchen. Er dachte einen Augenblick nach und ſagte dann: „Nur um Zeit zu ſparen und aus keinem anderen Grunde— gebe ich meine Einwilligung; aber bedenke: wie Du Dein Wort hältſt, halte ich das Meine.“ Ich antwortete nichts auf dieſe letztere Warnung, ſondern fragte, ob ich nicht Cornelius ſchreiben ſolle, um ihm mitzutheilen, was vorgegangen und ihm das Lebewohl, das ich ihm nicht mehr mündlich ausſprechen dürfte, ſchriftlich zu ſagen. Er bejahte. Ich ſchrieb augenblicklich und gab ihm den Brief, den er ohne Ver⸗ zug abzuſenden verſprach. Bis zu dieſem Augenblick hatte ich die Trennung von Cornelius nicht gefühlt. Sein Verſprechen, meine eigenen Hoffnungen, der leichte Geiſt der Jugend hatten mich aufrecht erhalten. Aber nun, da ich unwiderruflich geſchworen, verließ mich die Hoffnung wie ein treuloſer Freund in der Stunde der Noth und ließ mich das Elend der Trennung in ſeiner ganzen Bitterkeit koſten. — 168 Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Jahre verleihen uns die Kraft zu ertragen. Ich war kein ſchwaches und kränkliches Kind mehr. Es ſchmerzte mich der Verluſt, aber mein Kummer ging nicht über meine Kraft. Ich war jung und bald erwachte in mir die Hoffnung wieder und flüſterte mir zu, daß dieſe bittre Prüfung nicht ewig dauern könne, daß es mir doch noch gelingen werde, meinen Großvater zu verſöhnen und daß, wenn es mir nicht gelinge, wenige Jahre mich zu meiner eignen Herrin machen würden. Mein Vetter ſympathiſirte mit mir, konnte nicht begreifen, was Mr. Thorntons Gründe zu einer ſo ſelt⸗ ſamen Strenge ſein könnten und was für ein Herz er haben müſſe, das zarte und kindliche Band zu zerreißen, das mich an meinen Adoptivvater binde. Ich hielt ihn für ſehr freundlich und mein einziger Troſt war, mit ihm in den italieniſchen Skizzen zu blättern. Wenn ich ihn nicht ſehen konnte, ſo war es ſchon angenehm, von ihm zu hören. Ich nannte ſelbſt ſeinen Namen nie, aber ich konnte Stundenlang ſiten und ruhig zuhören, wenn ich nur bisweilen ſeinen Namen hörte. Das war der Reiz, der für mich in der Gegenwart von Eduard Thornton lag, die mich ſeine Abweſenheit bedauern und ſeine Wiederkehr begrüßen ließ. Er ſchien durch die köſt⸗ liche Bevorzugung geſchmeichelt, ſeine Schweſter ſah es mit Wohlgefallen und Mrs. Langton ging mit ſtolzem und verächtlichem Blicke an mir vorüber.— Nach Verfluß von einer Woche theilte mir Mr. Eduard Thornton, als wir zufällig allein waren, ſeine Abſicht mit, Thornton Houſe am andern Morgen zu verlaſſen. Er ging nach London; er verſprach, Corne⸗ 169 lius und Kate zu beſuchen, ihnen zu ſagen, daß er mich geſehen und mir zu ſchreiben, wie er ſie gefunden. Dann ſtand er auf und ſagte mir Lebewohl. „Wann kommen Sie zurück?“ fragte ich mit einem Seufzer. „Ich komme nicht zurück,“ antwortete er höflich. „Was ſoll ich anfangen? rief ich, über die Aus⸗ ſicht erſchreckend, Niemanden zu haben, mit dem ich von Cornelius ſprechen konnte, und meine Augen füllten ſich unwillkürlich mit Thränen. Mr. Eduard Thornton ſchien verlegen und deutete darauf hin, daß ſeine Schweſter bleibe. Ich antwortete nicht— es trat eine Pauſe ein. Mein Couſin ſprach endlich die Hoffnung aus, ich werde, wenn es mein Groß⸗ vater erlaube, Mrs. Brand begleiten, wenn ſie Thorn⸗ ton Houſe verlaſſe, um ſich nach Poplar Lodge zu be⸗ geben. Ich kannte das Haus wohl: es war nicht ſehr entfernt von dem„Hain.“ Mein Herz pochte und mein Geſicht röthete ſich bei dem Gedanken, Cornelius und Kate vielleicht ſehen zu können. „O wie froh— wie glücklich wäre ich!“ rief ich lebhaft. Mein Vetter proteſtirte und ſagte, die Freude und das Glück würden ganz auf ſeiner Seite ſein; er küßte voll Chrfurcht meine Hand und ſagte mir ein zärtlich Lebewohl. Am Tage ſeiner Ankunft in der Stadt, ging er nach dem Haine und ſchrieb mir mit einer Pünktlich⸗ keit, die mich rührte, mit umgehender Poſt, er habe nur Miß O Reilly geſehen, welche ganz wohl ſcheine und mich herzlich grüße; ihren Bruder habe er jedoch nicht zu Geſichte bekommen. Mehr ſagte er nicht und damit mußte ich mich denn befriedigen. DSeeine Abweſenheit machte, daß ich mich ſehr ver⸗ einſamt fühlte. Mein Großvater ſchien es nicht für nöthig zu erachten, ſich um ſeine uneingeladenen Gäſte in kümmern. Er ſuchte niemals unſre Geſellſchaft und 7 * 170 erſchien auch nicht an der Tafel. Mrs. Marks rächte ſich an den Eindringlingen, indem ſie ſich in die Feſte ihres hochgelegenen Zimmers zurückzog und ſich biswei⸗ len mit dem Läuten ihrer Lärmglocke amüſirte oder dann und wann zu Charlotte herabkam. Sie ſah, daß Mr. Thornton nichts brauchte und erlaubte uns, zu thun was wir wollten. Wir befanden uns dabei ſehr wohl. Mrs. Brands Dienſtmädchen beſorgte die Nah⸗ rungsmittel und Mrs. Langtons franzöſiſches Mädchen, ließ ſich herab, mit Beihilfe von Charlotten, uns die ausgezeichneten Suppen und Ragouts ihrer Heimath zu kochen. So führten wir ein höchſt luxuriöſes Leben in dieſem alten getäfelten Zimmer, wo ſich kaum drei Stühle befanden, auf denen man ſitzen konnte. Mrs. Brand und Mrs. Langton empfanden nichts davon, wie einförmig und traurig am Ende denn doch dies Leben war; vor und nach der Abreiſe von Edward Thornton lebten ſie in Viſiten und ländlichen Zerſtreu⸗ ungen. Die Leute mußten gar nicht wiſſen, daß ich exi⸗ ſtirte, denn meiner wurde in keiner der Einladungen ge⸗ dacht, die ſie erhielten; und das eigenthümliche Leben, das mein Großvater führte, hatte ihn ſeinen Nachbarn ſo ganz und gar entfremdet, daß keiner von ihnen je über die Schwelle ſeines Hauſes kam. Was zwei ſo heitere Frauen an dieſem düſtern Orte hielt, konnte ich nicht begreifen, obgleich Mrs. Brand bisweilen geheim⸗ nißvolle Winke fallen ließ. Mein Vetter war etwa eine Woche fort, als Mr. Thornton plötzlich in einer Geſchäftsſache abberufen wurde. Er übergab ſein Studirzimmer meiner Aufſicht, mit dem, wie mir ſchien, unnöthigen Befehl, niemanden den Ein⸗ tritt in dieſen geheiligten Ort zu geſtatten. Er benützte mich immer noch als Vorleſerin und Amanuenſis und ließ mir eine Menge Manuſcripte zum Abſchreiben zurück. Ich ſaß ſchreibend an dem offenen Fenſter, als das Ge⸗ räuſch der Thüre mich aufſtehen machte. Es war Mrs. 171 Brand. Sie trat mit geheimnißvoller Miene ein und ſchloß die Thüre hinter ſich. Ich ſtand auf und theilte ihr mit einiger Verlegenheit die Befehle meines Groß⸗ vaters mit. „Ich bin darüber durchaus nicht erſtaunt,“ verſetzte ſie ruhig. „Ich bedaure, dieſem Befehl Folge geben zu müſ⸗ ſen,“ ſagte ich mit einigem Nachdrucke. „Schon gut,“ ſeufzte ſie, während ſie ſich ſetzte und ihr Ange durch das Zimmer ſchweifte. Ich erinnerte ſie daran, daß Mr. Thorntons Befehle keine Ausnahme ge⸗ ſtatten. Sie ſchüttelte den Kopf, hob das Taſchentuch an die Augen, nahm es nach einiger Zeit wieder weg, und ſagte tranrig: „An die Perſon von Mr. Thornton durch die Bande der Verwandtſchaft, ja ich möchte ſagen, der Liebe ge⸗ bunden— iſt es höchſt ſchmerzlich für mich— mein Kind, iſt er ſchon lange fort?“ „Ich weiß nicht, Madame; aber er ſagte—“ „Ja, ich weiß. Durch die Bande der Liebe an ihn gebunden, iſt es höchſt ſchmerzlich, des Unglücks zu ge⸗ denken, das ihn befallen. Ich habe mit Freuden Ihre Aurückhaltung, Ihre Verſchwiegenheit bemerkt.“ „Wirklich, Madame, ich weiß nicht—“ „Ganz gut, ganz hübſch von Ihnen. Sie haben natürlich die Seltſamkeiten in Gedanken, Geſpräch und Benehmen bemerkt. Niemand hatte ſo gute Gelegenheit, als Sie; aber Sie haben ſich zarter Weiſe jeder Be⸗ merkung enthalten. Sie hörten von Kerkern, Ketten, Peitſchen, Zwangsjacken und Gefangenwärtern; ſie wuß⸗ ten nicht, daß es Orte gibt, wo die Leidenden weit glück⸗ licher ſind, als wenn ſie ihren eignen Launen überlaſſen werden, denn dort werden ihre Gedanken auf ein oder zwei gleichgültige Punkte gerichtet, was natürlich ſehr heilſam für ſie iſt.“ 1— Sie ſeufzte, als ſie ſchloß. 3 172 „Entſchuldigen Sie, Ma'am,“ ſagte ich ſehr erſtaunt, „Sie täuſchen ſich; ich dachte nie an ſolche Dinge und wußte nie etwas von den Orten, deren Sie ſo eben er⸗ wähnen.“ „Ich ſehe, Sie wollten das Geheimniß in der Fa⸗ milie behalten; ſehr liebenswürdig, aber unmöglich.“ „Nein, Ma am, ich dachte auch daran nicht.“ „Aber meine Liebe, Sie müſſen doch ſo manches bemerkt haben; Sie hatten ja die beſte Gelegenheit, zum Beiſpiel, wenn er von der liebenswürdigen Laune plötz⸗ lich in die moroſe umſprang.“ „Ich habe Mr. Thornton nie liebenswürdig gefun⸗ den, Ma'am.“ „Wie! den liebenswürdigſten Mann?“ „Dann war er's wenigſtens zu meiner Zeit nicht.“ Mrs. Brandt warf mir einen erſtaunten Blick zu und bemerkte dann:. „Glauben Sie wirklich, Mr. Thornton ſei bei ge⸗ ſundem Verſtande?“ „Gewiß.“ „Meine Liebe, Sie nehmen mir eine Laſt vom Halſe, Edith behauptete, er habe ſo ſeltſame Dinge gemacht und geſchrieben— als ſie hier war. Ich möchte wiſſen, was in dieſen Papieren ſteht.“ Sie ſtreckte die Hand aus; ich zog die Papiere weg und ſagte ruhig:— „Es iſt nichts Seltſames in dieſen Papieren, Ma⸗ dame. Sie handeln nur von Mineralogie.“ „Mineralogie!“ rief ſie lebhaft,„meine Liebe, wenn ein Advokat ſie unter die Hand bekäme, er würde darin finden, was Sie natürlich nicht finden können— den wiſſenſchaftlichen Wahnſinn.“ 7 „Den, was? Madame?“ „Den wiſſenſchaftlichen Wahnſinn, Du taube 5 Thörin,“ ſagte die ſarkaſtiſche Stimme meines Groß vaters. 4 . it, nd m 173 Mrs. Brand und ich erſchracken in tiefſter Seele. Wir ſahen uns um, er war nicht im Zimmer. Er lachte ironiſch; wir wandten uns um und ſahen ſeinen Kopf über das Fenſtergeſims ſich erheben, auf welchem ſein Kinn ruhte. „So,“ ſagte er und wandte ſich an ſeine Baſe, Du biſt zu freundlich, daß Du Dich auch in meiner Abweſenheit um mich bekümmerſt.“ Mrs. Brand war zu ſehr Frau von Welt, um ſich, als der erſte Moment vorüber war, aus der Faſſung gebracht zu zeigen. „Ja, Mr. Thornton,“ ſagte ſie und ſtand mit ernſter Vürde auf,„Ihre ſchlecht behandelten Verwandten denken an Pläne zu Ihren Gunſten; ſie kennen ihre Pflicht gegen Sie und wenn ſie auch mißverſtanden würden, ſo werden ſſe doch bei ihrer Pflicht beharren. Adien, mein liebes Kind, ich überlaſſe Sie den fatalen Folgen Ihrer Blindheit.“ Sie verließ das Zimmer, während ſie ſprach. Der Kopf meines Großvaters verſchwand und nach wenigen Minuten erſchien ſeine ganze Perſon an der Thüre des Studirzimmers; dort blieb er ſtehen und betrachtete mich von Kopf bis zu Fuß. „Warum ließeſt Du ſie herein?“ fragte er ernſt. „Ich konnte ſie nicht hindern, Sir.“ 2 hätteſt ſie hinauswerfen ſollen.“ „Sir.“ „Hinauswerfen. Biſt Du taub?“ Er ſchien in ſehr ſchlechter Stimmung, ſetzte ſich nie⸗ der mit dem Hute auf dem Kopfe und ſuchte murrend noch etwas unter den Büchern und Papieren. Ein Pochen an der Thüre unterbrach ihn; er öffnete ſelbſt. „Miß Burns iſt beſchäftigt,“ ſagte er in ſcharfem Tone; dann kehrte er, die Thüre ins Schloß werfend, in ſeinen Stuhl zurück. * „ 174 Wenige Minuten ſpäter hörte man das Rollen eines Wagens, der die Allee herabkam. „So ſind wir glücklich davon befreit!“ murmelte Mr. Thornton.„Wirſt Du bald mit dem Abſchreiben fertig ſein?“ 3 „Bis zum Mittageſſen.“ Er betrachtete über meine Schulter, was ich gethau⸗ gab ſein Wohlgefallen zu erkennen und ſagte, da die Andern weggegangen, ſo möge ich bleiben und mit ihm eſſen. In einer Stunde hatten wir ein ſtilles und fru⸗ gales Mahl am Ende eines Tiſches verzehrt. Als dies vorüber, ging Mr. Thornton an einen Schenktiſch, öff⸗ nete ihn und holte eine Flaſche alt ausſehenden Weins daraus hervor, ſetzte ihn nieder und ſah mich bedeutungs⸗ voll an. Ich ſchüttelte den Kopf und ſagte, ich nehmt nie Wein. „Dann biſt Du eine kleine Thörin,“ ſagte er freund⸗ lich,„denn es gibt nichts Beſſeres; und das iſt herrlichen alter Portwein.“ Er ſetzte ſich, ſchenkte einen Sturzbecher voll und begann, ſich in den tiefen Armſtuhl zurücklehnend, gang in dem einzigen Genuſſe zu ſchwelgen, den er ſeinem einſamen Leben gönnte. Der geiſtige Einfluß des edeln Weines begann ſich bald zu zeigen. Der ſtrenge Zug um ſeinen Mund verſchwand, ſeine Stirne glättete ſicht ſeine durchbohrenden Augen bekamen einen heitern und jovialen Ausdruck; und als er ſein Glas niederſetzte, ſteckte er die Hände in die Taſchen und lachte aus vollem Halſe über die Niederlage von Mrs. Brand. „Wiſſenſchaftlicher Wahnſinn!— und Dich auch darein zu verſtricken, und das bischen Mineralogie— was würden die Advokaten nicht daraus gemacht haben! Ich bin ein glücklicher Mann; jedes Geſchöpf, mit dem ich zu thun habe, ſucht mich zu betrügen; Dein iriſcher Freund, Du—“ „Entſchuldigen Sie, Sir,“ unterbrach ich ihn er⸗ 175 röthend,„betrügen ſetzt Glauben voraus und Sie glaub⸗ ten uns nicht. Mr. O'Reilly iſt der Sclave ſeines Wor⸗ tes. Er hielt Ihnen das ſeine; ich hatte keines zu halten. Sie fragten ihn nicht, ob er mich aufgeben wolle; Sie fragten mich nicht, ob ich hier bleiben wolle. Wundern Sie ſich deßhalb nicht, wenn er ſein Möglichſtes that, mich wieder zu bekommen und ich, fortzukommen.“ Ich ſprach ſehr warm; Mr. Thornton warf ſeine Unterlippe auf und zuckte ungeduldig mit den Achſeln. „Du lächerliches kleines Geſchöpf,“ ſagte er,„weß⸗ halb ſollte ich Dich fragen, ob Du die Medizin liebſt, die ich, Dein Arzt, für Dich verordnete? Glaubſt Du nicht, daß der junge Engländer des jungen Mädchens ebenſo überdrüſſig geworden, als er es des jungen Kin⸗ Nagene. das er wegſchickte? Ich ſparte ihm die ü e.“ „Wahrhaftig?“ antwortete ich ungehalten,„er würde meiner nicht müde geworden ſein! Wenn ich ſein eignes Kind wäre, Cornelius könnte mich nicht lieber haben.“ duta Thornton ſah mich ernſt an und ſagte anfangs nichts. „Wenn Du ſein eigen Kind wäreſt— hm!“ wie⸗ derholte er endlich.„Lächerlich!“ „Lächerlich, Sir! Und weßhalb ſollte er mich nicht lieben? Er erzog mich, er unterrichtete mich, er wachte bei mir, wenn ich krank war; er that Alles für mich? Warum ſollte er mich nicht lieben?⸗ Ich ſaß wenige Schritte von meinem Großvater ent⸗ fernt: er ſtreckte ſeine Arme aus, legte ſeine Hand an mein Kinn, erhob mein Geſicht, um mir in's Auge zu büiden und ſchien meine innerſten Gedanken erforſchen zu wollen. „Einfältiges Ding,“ ſagte er etwas verächtlich und ließ ſeine Hand ſinken, die ich ſogleich ergriff und mit den meinen umfaßte. „O Sir,“ rief ich,„ich habe mein Wort gehalten, 176 ich will es auch ferner halten; aber bitte— laſſen Sie mich ſie ſehen— bitte. Was kann dabei ſo Schlimmes ſein? O bitte, laſſen Sie mich zu ihnen.“ In meiner Aufregung konnte ich kaum ſprechen und die Worte zitterten auf meinen Lippen. „So,“ ſagte er,„das war's, weßhalb Du ſo blaß und aufgeregt wurdeſt?“ Ich konnte es nicht leugnen. Er entzog mir ſeine Hand, runzelte die Stirne und ſchien ſehr unangenehm berührt. „Margaret Burns,“ ſagte er ſcharf.„Du biſt eine Thörin und ich bin ein noch viel größerer Thor, Dich nicht Deinem Schickſal in die Arme zu werfen. Aber ich werde es nicht thun; deßhalb wirſt Du hier bleiben.“ Damit ſtand er auf, nahm das Papier, wegen deſ⸗ ſen er zurückgekommen und verließ mich, indem er mich bat, das„Chaos und die Schöpfung“ nicht zu vergeſſen. Er blieb drei Tage lang aus, die ich allein in Thornton Houſe zubrachte. Es regnete von Morgens bis Nachts und mir war ſehr elend zu Muthe. Ich brachte den größten Theil der Zeit im Studirzimmer zu; dort fand mich mein Großvater bei ſeiner Rückkehr. Der Nachmittag war noch nicht weit vorangeſchrit⸗ ten und das Wetter ſchien beſſer zu werden. Der Regen hatte aufgehört; gelbe Sonnenlichtſtreifen drangen durch die grauen Wolken und hellten den naſſen Park auf. Ich ſaß am Fenſter, durch das ein zweifelhaftes Licht fiel; ein Buch lag ungeleſen auf meiner Schooß und die Hände darüber gefaltet, den Kopf tief gebeugt, war ich ganz in einen wachen Traum verſunken, als das Ge⸗ räuſch der Thüre mich aufſchreckte. Ich blickte auf und ſah Mr. Thornton in ſeinem Reiſekleid auf der Schwelle ſtehen; ſeine Hände ruhten auf dem Knopfe ſeines Stockes, ſeine Augen waren ſeſt auf mich geheftet. Ich ſagte et⸗ was über ſeine Rückkehr und ſtand auf. Er antwortete nicht, ſondern trat ein und nahm ſeinen großen Mantelz 1727 plötzlich hielt er in dieſer Operation inne, wandte ſich an mich und ſagte: „Was iſt?“„ „Was, Sir?“ fragte ich erſtäunt. „Daß Du weinſt?“ Ich ließ den Kopf hängen und ſagte nichts. „Hat Dir irgend etwas oder irgend Jemand Ver⸗ druß gemacht, während ich fort war?“ fragte er in ſeiner kurzen Weiſe. „Nein, Sir!“ „Weßhalb weinſt Du dann?“ „O Sir, Sie wiſſen!“ ſagte ich mit unwillkürlicher Aufregung. „ Die alte Geſchichte, hm?“ 1 Err ging im Zimmer auf und nieder, während ihm der Rock noch halb am Arme hing; dann blieb er plötz⸗ lich vor mir ſtehen und ſagte:„Wenn Du eine Thörin ſein willſt, ſo ſei eine und habe Deinen Willen. Dein Freund hat Leigh nicht verlaſſen; wenn er hieher kom⸗ men und eine Bedingung erfüllen will, die ich machen werde, ſo mag er Dich mit ſich nehmen, wann und ſo⸗ bald er will.“ Ich konnte kaum meinen Sinnen trauen. Ich ſah Mr. Thornton ungläubig an, als er mir ſagte, ich brauche darüber nicht erſtaunt zu ſein, ſondern ſolle mir die Sache überlegen. Ich ließ mir das nicht zweimal ſagen und eilte ans dem Zimmer. Ich begegnete Charlotte an der Treppe. „Charlotte,“ ſagte ich athemlos,„kannſt Du augen⸗ blicklich einen Brief für mich nach Leigh beſorgen?“ Ehe das Mädchen ſprechen konnte, ſuchte Mrs. Marks, welche auf dem Ruheplatz ſtand, wo ich ſie zum erſten Male geſehen, ſich in's Mittel zu legen. 3„Charlotte muß Mr. Thorntons Mittageſſen zu⸗ bereiten,“ ſagte ſie majeſtätiſch. Daiſy Burns. U. 12² * 178 „Gut,“ antwortete ich ruhig;„das kann Richard beſorgen.“ „Richard iſt ausgegangen,“ ſagte ſie mit ſichtlicher Befriedigung. „Dann kann ich es ſelbſt thun,“ ſagte ich ungeduldig. Ich eilte die Treppen hinauf, machte mich fertig und ging. Erſt als ich am Ende des Parkes war, ſiel mir ein, daß Mr. Thornton vielleicht nicht beabſichtigt habe, daß ich mein eigener Bote werde; aber es war zu ſpät, um zurückzugehen; auch konnte ich der Ver⸗ ſuchung nicht widerſtehen, Cornelius zu ſehen, und ſo warf ich alle Bedenklichkeiten bei Seite und ging. Mein Herz pochte, als ich Rock Cottage erreichte. Die Gartenthüre ſtand offen; auch die Hausthüre war geöffnet; ich trat ein und blickte in die beiden Wohn⸗ zimmer, dann ging ich in den Garten hinab, eilte auf dem Sandpfad hin und ſah ihn von ferne nach dem Ufer hinabgehen. Ich wollte ihn zurückrufen, änderte jedoch meinen Entſchluß und folgte ihm ſchweigend. Der Pfad führte zwiſchen ſchroffen und hohen Felſen zu der Küſte hinab. Ich ließ Thor und Garten hinter mir und eilte ihm über die Felſen nach. Ich hatte ihn bald überholt und erwartete ihn auf einem Vorſprung. Er ging mit gefalteten Armen und zur Erde geſenkten Augen. Als er noch einige Schritte von mir entfernt war, ſprang ich leichten Fußes herab. Wenn ich aus den Wolken gefallen wäre, hätte er kaum erſtaunter ausſehen können. Er ſprach nichts, ſondern nahm meine Hände in die ſeinen, als wollte er ſich davon überzeugen, daß ich es auch wirklich ſei. 1 „Ich bin kein Geiſt,“ ſagte ich,„ſondern wirkliches Fleiſch und Blut.“ Das Blut ſtrömte ihm in die Stirne. „Du biſt wieder da— biſt wieder bei mir!“ rief er voll Feuer.„Ich wußt' es wohl.“ 3 Er beugte ſich herab, drückte mich mit einer Leiden⸗ 179 ſchaftlichkeit an ſein Herz, die mich Alles vergeſſen machte, außer der Freude, ihn wieder zu ſehen. Ich weiß nicht, was wir in dieſem erſten Augenblicke ſagten. Ich fühlte mich eins mit ihm, und jene ſeligen Worte ſind in der Erinnerung unzertrennlich mit den meinen verwiſcht. 1 Alles, weſſen ich mich genau erinnere, iſt, daß ich in dem Wohnzimmer von Rock Cottage mit ihm ſaß, die beiden Hände um ſeine Schulter geſchlungen, meine Augen zu ihm erhoben und mit den Ohren jedes Wort entzückt einſaugend, das von ſeinen Lippen ſiel. Er nannte mich mit jedem zärtlichen Namen, den er er⸗ ſinnen konnte, pries mich mit den ſchönſten Worten und ſchloß mit den Worten:„Würden wir nicht beſſer ſo⸗ gleich gehen, mein Liebling?“ Ich ſtaunte und erwachte aus meinem Traum. „„Cornelius,“ antwortete ich zögernd,„ich bin nicht heimlich davon gegangen, ich komme, um Dich zu beſuchen.“ Er ſchien erſchrocken. „Mich zu beſuchen!“ ſagte er endlich;„und glaubſt Du, ich werde Dich von mir laſſen? Nein, Daiſy, Du haſt mir eine ſchwere Verſuchung in den Weg gelegt, der ich nicht widerſtehen kann. Ich ſage Dir, daß ich Dich habe und daß ich Dich halten werde.“ Er nahm meine beiden Hände in die ſeinen. Ich ſuchte ſie ihm zu entziehen; aber obgleich ſein Druck ſo ſanft war, daß ich ihn kaum fühlte, ſo hielt er mich doch unentkommbar feſt. Er lächelte über meine nutz⸗ loſen Verſuche; dann ſagte er mit einigem Vorwurf: „O Daiſy! Das kleine Mädchen, das ich vor ſieben Jahren in meinen Armen trug, war ſehr willig. Ich brauchte nicht einmal im Scherz ihre Hände zu halten. Sie ſchlang ſie um meinen Nacken, liebe⸗ und ver⸗ trauungsvoll, legte ihren Kopf an meine Schulter und hatte nur eine Furcht— ich möchte ſie vorlaſſen.“ Er ließ mich los und fügte in ſeinem bittendſten Tone hinzu:. „Komm mit mir, Daiſy, komm mit mir. Wenn Dir je etwas an mir lag, zeig es jetzt— komm mit mir. Treibe mich nicht zu einem verzweifelten Schritte — ich ſage Dir, daß ich Leigh nicht ohne Dich verlaſſen werde. Komm mit mir!“ 3 Er hatte ſeine Arme wieder um mich geſchlungen und hielt mich in einem Kreiſe ſeſt, der mächtiger, als jeder magiſche Zauber. Ich legte meine beiden Hände auf ſeine Schulter und lächelte ihn an, als er ſagte: „Ich hätte es Dir ſogleich geſagt, aber ich war zu froh, daß ich's vergaß; und Du warſt ſo ungeduldig, daß Du mich nicht zu Ende gehört hätteſt. „Mr. Thornton hat ſeinen Sinn geändert— er ſagt, ich könne wieder bei Dir bleiben— jedoch unter einer Bedingung.“ „Welche Bedingung?“ fragte er raſch.* „Ich weiß nicht,— er wird es Dir ſelbſt ſagen, und Du wirſt einwilligen,— nicht wahr, Cornelius?“ „Nein,“ antwortete er ungeduldig;„das iſt eine Schlinge. Warum ſoll ich mich auch einer Bedingung unterwerfen, da ich Dich hier habe ohne eine ſolche? O Daiſy! jetzt iſt der Moment. Das Schickſal, oder vielmehr die Vorſehung führte uns zuſammen— wit werden nicht ſo thöricht ſein, uns wieder zu trennen, Ich habe eine Gelegenheit unbenützt vorübergehen laſſen — ich will die zweite benützen. Vertraue auf mich, wirf alle Furcht von Dir— ſieh nicht rückwärts, noch vorwärts. Komm, Daiſy, nicht morgen, nicht heute Abend, ſondern jetzt komm mit mir, komm!“ Er ſtand auf, als wollte er mich alsbald 3 führen; aber er hielt mich noch immer feſt, und die Umarmung, welche die Leidenſchaft des Augenblicks zun noch ſicherer machte, ſein geröthetes Antlitz, die lebhaften Blicke und die fieberhaften Accente, Alles athmete die heftigſte und glühendſte Bitte. Durch ſeine entſchloſſene Zärtlichkeit beſiegt, gab ich — 181 nach, wenn auch nur für einen Augenblick; im nächſten ſammelte ich mich und bot Widerſtand. Ich machte eine verzweifelte Anſtrengung und gewann meine geiſtige und körperliche Freiheit wieder. „Nein, nein, Cornelius,“ rief ich lebhaft,„ich kann nicht mit Dir gehen. Auch ich habe mein Wort ge⸗ geben und muß es halten. Du ſollteſt nicht von mir fordern, daß ich es breche, wahrhaftig nicht, Cornelius.“ Ich ſprach, wie ich fühlte, mit großer Angſt. Cor⸗ nelius wurde plötzlich ruhiger und bat mich, ihm zu vergeben. „Ich hatte Dein Verſprechen vergeſſen,“ ſagte er; „da ich Dich hier ſah, hatte ich nur den einen Gedanken, zu beſitzen und zu ſichern, was ich verloren. Ich will mich Mr. Thorntons Bedingung unterwerfen und Dich augenblicklich zu ihm zurückbringen. Was wollteſt Du noch mehr?“ In ſeinem Eifer faßte er mich wieder an der Hand. Meine Lippen öffneten ſich, um ihm zu danken, aber das Eintreten unſerer alten Magd ſchnitt mein Wort ab. Sie murmelte etwas, wie gewöhnlich, öffnete die Thüre und ließ Mr. Thornton ein. Einen Augenblick ſtand er auf der Schwelle ſtill und ſchien verlegen. Weder Cornelius, noch ich ſprachen. „So,“ ſagte er endlich,„ich bilde mir ein, ich laſſe Dich zu Hauſe an einem Briefe ſchreibend zurück, und mache mir ſelbſt die Mühe, hierher zu kommen, um ein Privatgeſpräch mit Mr. O'⸗Reilly zu haben; und Du biſt mir indeß zuvorgekommen.“ „Ich konnte Niemanden finden, der den Brief be⸗ ſorgt hätte, Sir,“ verſetzte ich ganz erſchrocken. Es thut mir leid, wenn ich etwas Unrechtes gethan. „Unrechtes!“ wiederholte Cornelius ungehalten und zog mich an ſich, während er ſprach. Ich ſah, daß ſein ſtolzes und haſtiges Temperament Alles verderben mußte, und eilte, dazwiſchen zu treten. „ Ich ſprach mit Mr. O'Reilly,“ ſagte ich lebhaft, „und er hat mir verſprochen, ſich der Bedingung zu fugen. Du weißt, Cornelius, daß Du verſprachſt,“ fügte ich, an ihn gewandt, hinzu. 4 Er konnt' es nicht leugnen, erröthete aber und biß ſich auf die Lippen. Mr. Thornton ſagte nichts, ſondern ſetzte ſich nieder und ſah uns mit ſtrengen, aufmerkſamen uiben an, was Cornelius nicht gerade ſehr zu gefallen ien. „Sie wollten mit mir ſprechen, Sir,“ ſagte er endlich. „Ja, Sir,“ antwortete mein Großvater gefaßt,„ich kam zu dieſem Zwecke hierher, gerade, wie Sie vor ſieben Jahren in derſelben Abſicht zu mir kamen. Sir, ich bin ein einfacher Mann und werde ſehr einfach ſprechen. Ich halte es für höchſt ſeltſam, daß während Sie mir das junge Mädchen gewiſſermaßen aufnöthigten, Sie dennoch Alles thun, um es wieder zu bekommen,— wirklich höchſt ſeltſam.“ Er ſah ihn feſt an. Cornelius erwiederte den Blick und die Frage: „Es iſt noch weit ſeltſamer, Sir, daß Sie, der das Kind mit ſo großem Widerſtreben aufnahm, ſeit jener Zeit ſo ängſtlich es zu behalten ſuchen.“ „Vielleicht doch nicht,“ verſetzte Mr. Thornton trocken,„aber ich wollte kurz ſein. Was ich zu ſagen habe, iſt dies. Als ich ſie zu Mrs. Gray brachte, war es durchaus nicht meine Abſicht, daß Sie ſie je wieder⸗ ſehen ſollten. Ich hatte meine Gründe. Da der Arzt ſie für auszehrend erklärte, glaubte ich, ſie werde ſterben müſſen. Als ich jedoch vor einigen Wochen zurückkehrte, erfuhr ich, daß das kleine Ding wohl und am Leben ſei; daß auch Sie von Ihren Reiſen zurückgekehrt und ein getreuer und aufmerkſamer Wächter geworden; und es kam mir der Gedanke, Sie an Ihr Verſprechen zu er⸗ innern. Dafür hatte ich meine Gründe. Sie hielten Ihr Verſprechen, ohne von Ihrer Lage und Ihrem Ein⸗ fluß Gebrauch zu machen; aber es war die alte G 183 ſchichte. Kaum war ſie aus Ihren Händen, als Sie ſie um jeden Preis wieder haben wollten. Auch ſie trieb's fort; und um mir zu zeigen, welch ein Tyrann ich war und welch ein Opfer ich aus ihr gemacht, wurde ſie mit aller Gewalt mager und ſchmächtig, Sir, und ich gebe nach; unter der Bedingung, die ich jetzt ausſprechen will,— ſie mag ſelbſt über ſich entſcheiden, wenn ſie es im Stande iſt. Aber diesmal brauchen Sie mir ſo wenig als früher zu danken. Ich thue es, um ihr ge⸗ fällig zu ſein.“ „Und diesmal, wie früher, willige ich in die Bedin⸗ gung, um ihr gefällig zu ſein,“ verſetzte Cornelius ſtolz. Ich ſtand noch neben ihm und drückte ſeinen Arm warnend und bittend. Mein Großvater fuhr ruhig fort: „Sie iſt jung und ſteht unter Ihrem Einfluß. Ich wünſche, daß ſie frei bleibe und daß Sie nicht etwa einem Ihrer Buſenfreunde, der ſich in ſie verliebt, ein Geſchenk mit ihr machen. Sie verſtehen mich.“ „Ja, Sir, ich verſtehe,“ verſetzte Cornelius, ohne ſich ſeine Gereiztheit anmerken zu laſſen,„aber ich kann nicht für ſie bürgen.“ „Ich verlange das auch nicht,“ ſagte Mr. Thornton etwas ironiſch.„Ich kümmere mich nicht darum, wem das blöde Ding ſich ſchenkt, aber ich liebe freies Spiel und will, daß ſie ſich ſelbſt verſchenke und nicht verſchenkt oder gar entführt werde. Wenn ſie Ihnen davonlauft, ſo werde ich Sie nicht anklagen. Ich verlange nur, daß Sie für ſich ſelbſt bürgen— haben Sie etwas dagegen zu ſagen?“ „Nein, nein,“ verſetzte ich lebhaft, ſtatt ſeiner, „Cornelius hat nichts einzuwenden. Mr. Thornton, er wird mich nicht verſchenken. Gewiß nicht,— nicht wahr, Cornelius, nicht wahr?“ fügte ich hinzu und ſteckte meinen Arm in den ſeinen. Mein Großvater lachte ſarkaſtiſch. Cornelins ſah 184 verzweifelt aus. Er ſchien einen ſchweren, innern Kampf zu kämpfen; endlich gab er nach. „Um ihretwillen Sir,“ ſagte er zu Mr. Thornton, „um ihretwillen allein gebe ich nach; ich leiſte das Ver⸗ ſprechen, das Sie fordern. Geſtatten Sie mir, hinzuzu⸗ fügen, daß Sie mir entweder zu viel oder zu wenig zu⸗ getraut.“— Er ſprach mit ſo höhniſchem Tone, daß ich meinen Großvater halb erſchrocken anſah; aber er lächelte nur und ſtand auf. Ich ſah, er wollte gehen, und verließ Cornelius, um ihm Lebewohl zu ſagen. „Lebwohl,“ ſagte er rauh: als ich jedoch meinen Arm um ſeinen Nacken ſchlang und zum erſtenmale ſeine Wange meine Lippen berührte, ſah er mehr erſtaunt, als ärgerlich aus; aber er hatte ſo lange ſchon mit den freundlichen Stimmungen des Lebens gebrochen, daß dieſe Umarmung ihm wohl keine Veranlaſſung gab, zu ihnen zurückzukehren. Alles, was er that, war, daß er von mir nach Cornelius ſah und mit einem gleichgülti⸗ gen Winke ſagte: „Es iſt ein hübſches kleines Ding.“ Damit verließ er uns. Kaum hatte ſich die Thüre hinter ihm geſchloſſen, als Cornelius in die Worte ausbrach: „O Daiſy!“ rief er,„was ließeſt Du mich thun! Und warum mußte ich, der den bloßen Gedanken der Unterwerfung haßt, Dich ſo von dem guten Willen und dem Gefallen eines Andern abhängig machen?“ Er ging mit lebhaften Schritten durch das Zimmer. Ich ſah, ſein Stolz war tief gekränkt, und that deßhalb mein Möglichſtes, ihn zu beruhigen; endlich gelang es mir; er blieb plötzlich vor mir ſtehen, ſah mich lächelnd an und ſagte: „Ich vergebe Deinem verkehrten alten Großvater Alles um ſeiner letzten Worte willen: Du biſt ein hi⸗ 18⁵ ſches kleines Ding,— und noch mehr als hübſch,“ fügte er freundlich hinzu. „Dann wiſſe mich auch zu würdigen,“ verſetzte ich. Er ſagte, es ſei nichts zu fürchten— Wir verließen am folgenden Tage Leigh, und Cor⸗ nelius ſchloß nach Kate's ausdrücklichem Befehl das Haus und brachte den Schlüſſel in der Taſche mit. Vierunddreißigſtes Kapitel. Unſre Fahrt war kurz und angenehm. Cornelius ſchien wieder ganz heiter. Um Kate zu überraſcheu ſtiegen wir am Ende des Weges aus dem Cab und plau⸗ derten von dem Abend vor ſieben Jahren, an dem er mich auf demſelben Wege nach derſelben Wohnung brachte. „O Cornelius,“ rief ich und ſah zu ihm auf,„war es nicht freundlich von Mr. Thornton, daß er mich wie⸗ der zu Euch gehen ließ?“ Er ſah mich an und lächelte, während er ant⸗ wortete: „Ich glaube nicht, daß er mir eine große Freund⸗ lichkeit erweiſen wollte, aber daß er mir keine größere erweiſen konnte, hoffe ich ihm noch zu zeigen.“ Er ſah mich an. Die Straße war lang; wir gingen langſam; es war ein lieblicher, angenehmer Herbſtabend: unſer Pfad war mit gefallenem Laube bedeckt; aber die Schönheit des Sommers glänzte noch am Himmel und ſeine Wärme ſtrömte aus der untergehenden Sonne. Als wir dem 186 wohlbekannten Thore nahten, ſahen wir Kate auf der Schwelle ſtehen und mit zwei iriſchen Bettlern ſprechen, die ſie zu gleicher Zeit ausſchalt und vollſtopfte. Als ſie ſich umwandte, ſah ſie uns und betrachtete uns mit unglaubigem Erſtaunen. Ich eilte zu ihr hin und ſchlang meinen Arm um ihren Nacken. „Ich bin wieder da,“ rief ich.„Es iſt keine Täu⸗ ſchung.“ „Ich ſehe und fühle es; aber iſt es auch recht?“ „Gewiß.“. Sie küßte mich herzlich, dann hielt ſie mich von ſich ab und ſagte:„man könne das Mädchen nicht los werden, ſie habe wohl gewußt, Cornelius würde nicht ohne ſie zurückkommen.“ Dann wandte ſie ſich wieder zu den beiden Bettlern, hieß ſie gehen und nie wieder ihre Ge⸗ ſichter ſehen zu laſſen, ſchloß jedoch mit der Aufforderung, ſich am Montag zu kalten Speiſen einzufinden. Nach⸗ dem dies abgemacht war, ſchloß ſie die Thüre und folgte uns hinein. Als wir durch den Garten gingen, ſah ich zu meinem Erſtaunen, daß er nicht mehr von dem unſ⸗ res Nachbars getrennt war. „Nein,“ ſagte Kate mit einigem Stolz,„es iſt jetzt ein Garten und eine Wohnung, Daiſy. Keine Miethsleute mehr. Ich liebe viel Raum. Seid Ihr zu ermüdet, um Euch die Veränderungen anzuſehen?“ Wir ſagten Beide„Nein“ und Miß O Reilly führte uns ſogleich durch das ganze Haus. Es war weit grö⸗ ßer und beſſer eingerichtet: wir hatten jetzt Wohnzim⸗ mer im Ueberfluß; elegant möblirte Geſellſchaftszimmer, Schlafzimmer, mehr als wir brauchten; ſo daß, wie Kate ſagte, wenn ein alter Freund aus Irland käme— obgleich ſie fürchtete, es werden alle todt ſein, da nie einer kam,— oder wenn die beiden guten Freunde von Cornelins, Schwab und Armari das ſchöne Italien mit dem rauchigen London vertauſchen wollten, ſie be⸗ quem aufgenommen werden könnten. Unter ſolchen Plau⸗ 187 dereien führte uns Miß O'Reilly in den oberſten Stock des Hauſes, wo wir den alten Traum von Cornelius verwirklicht ſahen: mehrere Zimmer in eins vereinigt mit Hochlicht. Sie lachte über ſein Erſtaunen; hielt ihn von ſich ab und ſagte, er ſolle in einiger Entfer⸗ nung bleiben, wenn er ſie küſſen wolle; plötzlich aber ſchlang ſie ihren Arm um ſeinen Hals und umarmte ihn freudig. Wir kehrten ſchon am andern Tage zu unſerm frühern Leben zurück, als ob keine Unterbrechung ſtattgefunden. Ich ſaß Cornelius, der mit erneutem Eifer malte; gegen Abend nahm er mich auf einen Spaziergang mit; und als die Nacht einbrach, gab er mir italieniſchen Unterricht; als dies vorüber war, ſang und ſpielte er oder las er vor. Er ſchien nie an's Aus⸗ gehen zu denken; eines Abends, als ſeine Schweſter darauf beſtand, er ſolle ausgehen, kehrte er ſchon nach zehn Minuten wieder zurück.„Er ſei nicht im Stande geweſen,“ ſagte er,„über den Hain hinaus ſpazieren zu gehen. Es gleiche doch nichts dem zu Hauſe.“ „Ein häuslicher Mann!“ ſagte Kate und lächelte, als er ſich neben mich ſetzte. Er ſchien nicht auf ſie zu hören, nahm den Shak⸗ ſpere vom Tiſche, um die glühendſten und ſchönſten Stellen aus Romeo und Julie vorzuleſen. Dann ſchloß er plötzlich das Buch und wandte ſich an mich, indem er fragte, wie mir die Geſchichte der beiden italieniſchen Liebenden gefalle. „Waren ſie nicht etwas verrückt, Cornelius?“ ver⸗ ſetzte ich;„ich glaube freilich, die Liebe macht die Leute immer etwas mehr oder weniger lächerlich.“ Als Cornelius dies ketzeriſche Gefühl ausſprechen hörte, ſah er ſehr orthodox und ärgerlich aus. „ cLächerlich!“ ſagte er.„Wer hat Dir ſolche Ideen in den Kopf geſetzt?“ Er ſah Kate verdächtig an, dieſer aber ſagte raſch: „Ich habe nichts damit zu ſchaffen.“ „Glaubſt Du, ich hätte das nicht allein herausfin⸗ den können?“ fragte ich lachend. Aber Cornelius blieb ganz ernſt. Ob ich denn nicht wiſſe, daß die Liebe ein ſehr hohes Gefühl? daß die Engel im Himmel lieben und daß die armen Sterblichen nichts beſſeres thun konnten, als ſie auf Erden nachzu⸗ ahmen? daß die Liebe das Attribut des weiblichen Her⸗ zens, ſein Reiz und ſeine Macht ſei? Von dieſem hohen moraliſchen Standpunkt aus gab er mir eine beredte Schilderung der großen Leidenſchaft. Sie ſei rein, edel, zart und dauernd; ſie ſei leicht und heiter; ſie habe ihr Süßes, Weiches, aber auch ihre Stärke; ſie veredelte den Geiſt, reinige das Herz und obgleich ſcheinbar ſo exeluſiv, erfülle ſie das Herz doch mit dem Gefühl der allgemeinen Menſchenliebe. Sie ſei eine Kette feiner und geheimnißvoller Sympathien.“ Wäbrend der letzten Worte ließ ich meinen Zeige⸗ finger über ſein Proſil laufen und ſagte, auf der Spitze ſeiner Naſe ausruhend: 4 „Kate, iſt das eine Adlernaſe oder eine römiſche? Adlernaſe, denke ich.“ Als er dies Stück Impertinenz fühlte und hörte, wandte er ſich mit ſolcher Empörung nach mir um, daß ich erſchrocken aufſprang und zu Kate hineilte. Sie lachte über ihres Bruders Niederlage. Er ſagte nichts, ſondern ſaß rauchend auf dem Sopha. „Das geſchieht Dir Recht,“ ſagte ſie,„warum willſt Du auch einem Mädchen von ſiebenzehn. Jahren die Liebe philoſophiſch erklären? Siehſt Du nicht, daß ihre Stunde noch nicht gekommen und daß wenn dies der Fall, ſie mehr wiſſen würde, als Du ihr ſagen könnteſt?“ 4 Cornelius verſetzte, darum handle es ſich durchaus nicht, aber wenn er ſpreche, wünſche er, daß man ihn anhöre. 189 „Ich hörte Dich,“ ſagte ich;„Deine letzten Worte waren:„eine Kette feiner und geheimnißvoller Sym⸗ pathieen.“ Er antwortete nicht, ſondern nahm den Shakſpere zur Hand und blätterte mit tiefem Ernſt darin. „Er iſt ärgerlich,“ flüſterte ich hörbar Kate in die Ohren.„Er ſieht wie Othello der Mohr von Venedig aus. Was ſoll ich thun? Ich fürchte mich vor dem Sophakiſſen, wenn ich ihm nahe komme! Er ſah vor einem Augenblick aus, als wolltt er es über mich werfen; nur weil ich ſagte, er habe eine Adlernaſe und ſeine Kette feiner und geheimnißvoller Sympathieen durchbrach.“ „Kate!“ ſagte Cornelius und ſah von ſeinem Buche auf,„kannſt Du das Mädchen nicht zum Schweigen bringen?“ Kate lehnte die Sache ab und ſchickte mich zu ihm. Er that, als ob er ſehr ärgerlich wäre; als ich ihm jedoch kurzweg den Shakſpere aus der Hand nahm und zuklappte, lachte er, ſtrich über mein Haar und nannte mich bei zwei bis drei der ſüßeſten italieniſchen, engliſchen und iriſchen Schmeichelnamen, mit denen er mich jetzt gewöhnlich beehrte, und damit hatten dann unſre kleinen Kämpfe immer ein Ende. Ich war ſehr glücklich; aber hier ſowohl als in Leigh arbeitete der ruheloſe Geiſt der Jugend in mir. Kate hatte viel gelitten, ſie liebte die Ruhe; Cornelius war viel gereist, das Stillleben ſeines Hauſes befrie⸗ digte ihn. Ich hatte wenig Kummer erlebt, und Leigh war das Ziel meiner Reiſen geweſen. Von den tägli⸗ chen Komödien und Dramen, die in einer menſchlichen Wohnung ſpielen können, hatte ich wohl eine Ahnung; aber von Leben, geſchäftigem, öffentlichen Leben wußte ich weniger, als die meiſten Mädchen meines Alters und ſie— die Armen— wiſſen wenig genug. Kate ging ſelten über den Garten hinaus; wenn Cornelius mich Abends mit ſich nahm, ſo machten wir gewöhnlich einen 190 Spaziergang in den ſchmalen Wegen zwiſchen den Hecken. Ich ſagte nichts, aber ich kam nie an dem Fenſter auf der Flur vorüber, wenn ich nach dem Atelier ging, ohne mit einer geheimen Sehnſucht nach der Rauchwolke zu blicken, die über London hing. Cornelius fand mich dort am Nachmittag nach ſeiner Shakſperelectüre und ſagte mit einiger Neugierde: „Daiſy, welche Anziehungskraft hat Rauch und Backſtein für Dich?“ „Welcher Theil von London liegt uns zunächſt?“ fragte ich, ſtatt zu antworten. „Orford Street; Du kennſt doch Oxford Street?“ „Ich erinnere mich nur zwei oder drei Mal dort geweſen zu ſein.“ „Zwei oder drei Mal! Du willſt doch nicht damit ſagen, daß Du in Oxford Street nicht mehr, als zwei oder drei Mal geweſen.“ „Allerdings, Cornelins. Ich war zehn Jahre alt, als ich hierher kam, noch ganz ſchwach und kränklich; dann gingen wir nach Leigh und kamen ungefähr nach vierzehn Tagen wieder zurück. Du ſiehſt, es iſt nichts ſo Seltſames dabei.“ Cornelins lächelte, ſtrich mein Haar glatt und ſagte etwas von„Veilchen im Schatten und Vögeln in ihrem Neſte.“. „Ja, aber Vögel verlaſſen bisweilen ihr Neſt, nicht wahr, Cornelius?“ fragte ich etwas ungeduldig. „Du möchteſt gerne nach der Stadt gehen,“ rief er erſtaunt. Ich lächelte. „Oh!“ ſagte er vorwurfsvoll,„Du haſt wirklich einen Wunſch und machſt mir nicht das Vergnügen, ihn zu erfüllen? Sag' mir, was haſt Du für einen Wunſch?“ 3 Er ſprach ſehr feurig und ſah mir lebhaft in die Augen. 191 „Wohlan denn,“ verſetzte ich,„nimm mich ein Mal mit Dir nach Orford Street. Ich weiß, das Pantheon iſt dort und ich erinnere mich, es iſt ein wahrer Zau⸗ berpallaſt.“ „Ein Mal!— heute, Daiſy— noch heute. Ob⸗ gleich es nicht Saiſon iſt, wird es doch mancherlei zu ſehen geben;: Muſeums, Ausſtellungen—“ 2* „Die Straßen mit den Läden, das Volk und der große Strom des Lebens. das ſich dort bewegt, werden mich weit mehr als die Ausſtellungen und Muſenms un⸗ terhalten.“ „Warum ſagteſt Du das nicht früher?“ „Kate liebt die langen Spaziergänge nicht.“ „Aber ich? mache ich nicht gerne Spaziergänge mit Dir, Daiſy, in der Stadt oder auf dem Lande, zwiſchen Hecken oder auf den Straßen? Gibt es etwas, was mir lieber wäre, als Dir eine Freude zu machen?“ Ohne mir zu geſtatten, ihm zu danken, bat er mich, augenblicklich mich bereit zu machen. Ich gehorchte und binnen einer Stunde gingen Cornelius und ich in Or⸗ ford Street umher. London war ſehr öde: das heißt, einige hundert bedeutende Perſönlichkeiten hatten die Stadt verlaſſen und die Tauſende von unbedeutenden Menſchen waren zurückgeblieben, um den Platz wenigſtens auszufüllen. Für mich, die ſo lange in der Stille von Leigh gelebt, erſchien es heiter und lebendig, wie ein Markt. Plötzlich eilte ich zu den Läden hin, wie eine Mücke an das Licht und Cornelius blieb mit einer Gutmüthigkeit, die ſeinem Geſchlechte ſonſt nicht eigen iſt, nicht allein ge⸗ duldig ſtehen, während ich bewunderte, ſondern ſah ſich auch nach allen Mode⸗ und Putzwaarenhändlern um und ſagte dann lebhaft: „Da iſt wieder eine ſolche, Daiſy.“ Aber bald war ich durch all' das, was ich ſah, ſo ermüdet, durch die rollenden Wagen ſo betäubt und 19² durch den Anblick ſo vieler Leute ſo verwirrt, daß ich mit Vergnügen meine Zuflucht zum Pantheon mit ſeinen Blumen, ſeinen Vögeln, ſeinen Statuen, ſeinen Gemäl⸗ den, ſeinen prachtvollen Buden und der Maſſe reizenden Spielzeugs nahm, das für jedes ſterbliche Herz ſtets Reiz hatte und haben wird. Wir betraten dieſen hübſchen Ort in der Great⸗ Marlboroughs Street. Cornelius kaufte mir ein hüb⸗: ſches, aber ſehr großes Bouquet, das ich ſo unklug ge⸗ weſen, zu bewundern und doch nicht zurückweiſen mochte. Während wir herumſchlenderten, betrachtete ich einen der Vögel in den Käfigen um die kleinen Springbrun⸗ nen her und pries ſein prachtvolles Geſieder. „Du ſollſt ihn haben!“ ſagte Cornelius lebhaft und augenblicklich zog er die Börſe heraus. „Nein, nicht,“ ſagte ich raſch,„ich mag keine Vögel in Käfigen.“ „Dann ſollſt Du ein Eichhörnchen haben.“ „Ich will nichts Lebendiges haben. Und auch keine Pflanze,“ fügte ich hinzu, als ich den Blick entdeckte, den er auf den Blumenreichthum um uns her warf. Ich nöthigte ihn, ſeine Börſe wieder einzuſtecken; als wir aber weiter gingen und die Buden Revue paſ⸗ ſiren ließen, mußte ich ihm das Kaufen beſtändig aus dem Sinne reden: denn bald wollte er eine Vaſe mit prachtvollen Wachsblumen, dann einen Papier⸗Maché⸗ Tiſch und endlich ein koſtbares Porzellanſtück haben. Kaum blickte mein Auge mit Vergnügen auf einen Gegenſtand, ſo wollte er ihn auch ſchon für mich kaufen. Endlich ſagte ich ihm, er nehme mir all' meine Freude. Er fragte mit unzufriedener Miene, ob ich zu ſtolz ſei, et⸗ was von ihm anzunehmen. Ich verſicherte ihn, daß ich nicht daran denke, und daß er mir etwas kaufen möge, eehe wir gingen, wenn ihm daran etwas liege. „Was?“ fragte er mit einem mißtrauiſchen Blick. 193 „Irgend etwas, was Du willſt; aber im Augen⸗ blick möchte ich mir die Sachen ruhig betrachten.“ 1 Er gab nach, aber ich wünſchte ſpäter, ich hätte ihn gewähren laſſen; denn als wir das Pantheon mit all' ſeinen Reizen verließen und ich glaubte, nun ſei alles vorbei, nahm mich Cornelius plötzlich in eine Bude und ehe ich einen Einwand machen konnte, hatte er mir ein hellblaues ſeidenes Kleid gekauft, das eben ſo theuer, als ſchön war. Ich verließ den Ort ganz betäubt; er ſah es und lachte mich aus, indem er ſagte, ich möchte es als eine Warnung betrachten. Wir nahmen ein Cab und fuhren nach Hauſe; aber es war ſchon Dämmerung, als wir nach dem Haine ka⸗ men. Im Empfangzimmer brannte ein Licht. Wir waren begierig, was Kate für Geſellſchaft habe, und als wir hinein kamen fanden wir ſie mit unſerm alten Freund Mr. Smalley. Wir hatten ihn ſeit ſeiner Verheirathung mit Miriam Ruſſell nicht mehr geſehen. Er war jetzt Wittwer. Er ſah noch blaſſer und hagerer aus, denn zuvor. Er und Cornelius begrüßten ſich freundlich, aber doch ziemlich ruhig und zurückhaltend. Mit mir war er vertraulicher und als er meine Hand in der ſeinen hielt, ſah er mich an und wandte ſich lächelnd an Cornelius. „Ich würde das kränkliche Kind, deſſen ich mich noch lebhaft erinnere, in ihr nicht wieder erkannt haben,“ ſagte er;„wahrhaftig, Freund, Deine Adoptivtochter iſt unter Deiner väterlichen Fürſorge hübſch herangewach⸗ ſen. Still, Kleine!“ Er wandte ſich an ein Kind von zwei bis drei Jahren, das an ihm hing, ſcheue Blicke im Zimmer um⸗ herwarf und im Begriff ſchien zu weinen. Um ſie zu beruhigen, nahm er es auf die Kniee. Es hing ſich noch feſter an ihn und war plötzlich ruhig. Mr Smalley brachte eine kleine väterliche Vertheidigung vor. Das kleine Kind habe durchaus mit gewollt und da es nicht Daiſy Burns. II. 1³3 194 bei ſeiner Schweſter Mary bleibe, müſſe er es überall mitnehmen, wohin er gehe. „Dieſe kleinen Geſchöpfe,“ fügte er hinzu und ſah Cornelius an,„hängen ſich an die Saiten unſres Her⸗ zens. Ich weiß, was Du für väterliche Geſinnungen gegen Deine angenommene Tochter hegſt.“ t„Ja, ja!“ unterbrach ihn Cornelius und ſchien är⸗ gerlich,„was macht Trim?“ „Er ſtarb vor einem Jahr,“ antwortete Mr. Smal⸗ ley ernſt.„Ach! mein Freund, mir brach das Herz, als ich die Zeitung vernahm. Ich war immer ſo barſch gegen Trim geweſen.“ „Du barſch gegen irgend Jemand?“ ſagte Corne⸗ lius lächelnd. Aber Mr. Smalley verſicherte ihn, ſeine Natur ſei barſch; mit Hilfe Gottes habe er ſie freilich etwas be⸗ meiſtert. Das kleine Kind dürfe er ſagen, habe auch dazu beigetragen, manche Härte zu mildern. Er küßte es liebevoll, während er ſprach. Es war ein blaſſes, blondes, kleines Geſchöpf, ſah ihm ſehr ähnlich und war ungemein verwöhnt. Er war in das Kind vernarrt, und als es aus eigenem Antrieb auf mich zuging, war er ſo erſtaunt, daß er von nichts Anderem mehr ſpre⸗ chen konnte. In ihrem ganzen Leben von zwei Jahren hatte die Kleine nie ſo etwas gethan. Ihr ſcheues We⸗ ſen, deutete er offen an, ſei allein ein unüberſteigliches Hinderniß für eine Wiederverheirathung. „Mr. Smalley,“ ſagte ich,„die Kleine hat mir ſo eben geſtanden, daß ſie gerne hier bliebe, wenn Sie es geſtatteten.“ „Sie haben ſie bezaubert,“ verſetzte er und warf mir einen dankbaren Blick zu; aber er geſtand, es würde ihm eine große Laſt vom Herzen nehmen und mit man⸗ chem Dank und einigem Schmerz überließ er mir den Schatz ſeines Herzens. Die Kleine ſchlief bald in meinen Armen ein. Eine 19⁵ ihrer kleinen Hände war um meinen Hals geſchlungen. Die andre hielt meine Hand; ihr Kopf ruhte an meiner Bruſt und ihr ruhiges, ſchlafendes Geſicht lag mit ge⸗ ſchloſſenen Augen und offenen Lippen da. Ich beugte mich und küßte leiſe das Kind meiner Feindin. Corne⸗ lius, welcher neben mir ſaß, flüſterte mir die beiden Schlußlinien von Wordsworth's Sonnet mit einer klei⸗ nen Abänderung zu: „Wie ſchön vermiſcht nun Alles ſich in Dir: Der Mutter Liebe und des Mädchens Reinheit.“ Dann beugte er ſich über mich herab und wollte die Kleine küſſen, aber ſein Bart weckte ſie auf; ſie ſchrie, ſtieß und weinte, ſo oft er einen neuen Verſuch machte, ſich neben mich zu ſetzen, und ſagte,„ihr Papa ſolle mich nach Rugby mitnehmen.“ „Um Deine Mama zu ſein. Nein, Miß Smalley,“ verſetzte Cornelins ſtreng.„Sie iſt mein und bleibt hier.“ 3 Um ſie nun zum Schweigen zu bringen, ſchlang er ſeinen Arm um mich und liebkoſte mich, wodurch die Kleine ſo gereizt wurde, daß er ungeduldig fragte,„ob ich nicht das kleine trotzige Ding zu Bette bringen wolle.“ Es gelang ihr jedoch diesmal und bei ſpäteren Ge⸗ legenheiten, ihn in der gehörigen Entfernung zu halten. Anfangs amüſirte ihn ihre kindiſche Eiferſucht, als ſie mich aber ganz für ſich in Anſpruch nahm, wie ein neues Spielzeug, fand er kein Gefallen mehr an dieſem Treiben. Mr. Smalley's tägliche Beſuche waren ihm namentlich ſehr zuwider und zu meinem großen Spaſſe, denn ich wußte es wohl, was er fürchtete, ſchien er nicht eher ſich zu beruhigen, bis die Kleine und ihr Papa fort waren. Ich arbeitete immer meine Kleider ſelbſt und machte das blaue Seidenkleid namentlich mit großer Sorgfalt. Es wurde eines Abends noch vor Dämme⸗ 8 v 4 196 rung fertig. Ich zog es in meinem Zimmer an und kam herab, um es Kate zu zeigen: ſie war nicht im Wohn⸗ zimmer. Ich war ängſtlich, wie es mir ſtehen würde und ſtieg auf einen Stuhl, um mich in dem Spiegel über dem Kamine zu ſehen. In dieſem Augenblick trat Cornelius ein. Ich ſprang herab und war in keiner geringen Verlegenheit, ſo von ihm überraſcht zu werden. Er trat auf mich zu und ohne ein Wort zu ſagen, nahm er eine weiße Roſe aus einer Blumenvaſe und ſteckte ſie in mein Haar. Ich nahm eine andere und be⸗ feſtigte ſie vorne an mein Kleid. Dann nahm er meine Hand in die ſeine, trat einen Schritt zurück und lächelte. Ich ſeufzte und fragte: „Was ſoll ich damit thun?“ „Hübſch ausſehen, wie jetzt.“ „Aber wo ſoll ich es tragen?“ „Hier natürlich.“ „Es taugt nur für Geſellſchaften. Warum können wir in keine Geſellſchaften gehen?“ „Weil die Leute nichts von uns wollen,“ lautete ſeine offene Antwort. „Ich wünſchte, das wäre anders.“ „Um von andern als Cornelius O Reilly geſehen nn feruaderh zu werden. Du eitles, kleines Ge⸗ öpf.“ 5„Nicht deßhalb; aber ich möchte in Geſellſchaften gehen.“ „Gut. Wenn wir eingeladen werden, werde ich Dich mit mir nehmen,“ verſetzte er mit einem Lächeln, das mich reizte. „Ja,“ ſagte ich erröthend,„aber Du weißt, Niemand wird nach uns verlangen. Wir gehen nirgend hin; wir ſehen Niemand, nicht einmal Künſtler. Ich wünſchte, Du würdeſt Künſtler bei Dir ſeben.“ „Ich kümmere mich nichts um engliſche Künſtler,“ verſetzte er trocken. —— 197 „Nun gut, alſo iriſche.“ „Noch weniger. Die drei Königreiche und die Hauptſtadt beſitzen keinen, mit dem ich eine Stunde ver⸗ leben möchte.“ „Aber ich wünſchte Künſtler zu ſehen.“ „Bin ich kein Künſtler?“ „O! ich kenne Dich ſo gut. Was iſt Dein Freund Armari für ein Mann?“ „Ein hübſcher Italiener,“ verſetzte Cornelius, mit den Händen in den Taſchen und gleichgültig pfeifend,„ein Menſch, der ſich in jedes Weib verliebt, das er ſieht.“ „Und Mr. Schwab?“ „Ein hübſcher Deutſcher und ein ausgemachter Wei⸗ berfeind.“ „Ich wünſchte, ſie würden uns beſuchen.“ „Aber ſie werden es nicht thun,“ ſagte er mit ſicht⸗ licher Befriedigung. „Und Du freuſt Dich darüber,“ rief ich etwas ent⸗ rüſtet.„Du freuſt Dich, daß ich in keine Geſellſchaften gehen kann, daß ich Niemanden ſehe.“ 4 Ich wandte mich halb ärgerlich weg; er bat mich, nicht ungehalten über ihn zu ſein,„Er könne es nicht er⸗ tragen,“ ſagte er. Erſtaunt und ſtumm ſah ich ihm ins Geſicht. Es hatte ein Zeit gegeben, da ich vor einem Blick und einem Stirnrunzeln zitterte, und nun brachte ihn ein keckes Wort von mir außer Faſſung. „Vergib mir,“ fuhr er ernſt fort,„daß ich Deinen Wünſchen nicht zuvorgekommen; aber ich kümmerte mich ſo wenig um andre Geſellſchaft, als die Deine, daß ich ganz vergoß, ob ſie Dir auch angenehm ſein werde. Eine Geſellſchaft kann ich nicht ſo raſch zuſammenbekom⸗ nn aber ich werde Dich heute Abend in’s Theater ühren.“ Ich wollte es ablehnen, allein er wollte von keinem Widerſpruch hören, obwohl ich ihm offen ſagte, er habe kein Geld zu vergeuden. 198 „Und wenn es mir nun Vergnügen macht, das, was ich habe, auf Dich zu verwenden— was dann, Daiſy?“ Endlich gab ich nach, und ging auf ſeine Bitte zu Kate, um ſie zu fragen, ob ſie uns nicht begleite. Sie ſchlug es entſchieden aus und ſagte, ſie bleibe am lieb⸗ ſten zu Hauſe. Als ſie mir bei meiner Toilette half, gab ſie mir allerlei Lehren über mein Benehmen. Ich ſollte Cornelius höflich gegen mich ſein laſſen, es ſei ſeine Aufgabe, und wenn er meinen Handſchuh aufhebe, meinen Shawl trage oder mir ihn umlege, ſo ſoll ich es als etwas ganz Natürliches annehmen. „Gut, Kate,“ ſagte ich,„aber es iſt ſeltſam.“ „Warum?“ „Ich weiß nicht, aber es iſt ſeltſam.“ Wir traten in das Zimmer wo Cornelius auf mich wartete. Ich gab ihm den Shayl, den ich auf meinem Arm herabgebracht hatte. „Du ſollſt mir das anlegen,“ ſagte ich,„denn Kate ſagt, Du müſſeſt höflich gegen mich ſein; ich hoffe, Du wirſt das auch ſein und mich nicht durch einen Mangel an der dem Geſchlechte gebührenden Aufmerkſamkeit vor dem Hauſe herabwürdigen. Ich kann nicht hingehen und den Leuten ſagen: Ihr müßt Eunch nicht wundern, daß er ſo ungalant gegen mich iſt: es kommt einzig davon, daß er mich kannte, als ich noch ein kleines Kind war.“ „Impertinentes kleines Ding!“ verſetzte Kate,„ich. ſagte ihr nur, ſie ſolle nicht höflich gegen Dich ſein.“ „Nun, bin ich's denn? Ich ſprach ſo impertinent, als ich konnte. Nicht wahr, Cornelius?“ „Allerdings,“ verſetzte er und legte mir den Shawl um.„Haſt Du noch etwas zu befehlen?“ 1 3 Nur, daß Du mir meinen Fächer, meine Hand⸗ ſchuhe, mein Riechfläſchchen, mein Taſchentuch hältſt und mir Deinen Arm gibſt.“ 199 Er gehorchte: Kate lächelte billigend und wir ſtiegen in das Cab, das vor der Thüre hielt. Cornelius führte mich in ein Theater, das vor Kurzem eröffnet worden, wo jedoch Darſtellung und Darſteller ſehr gut ſein ſoll⸗ ten. Wir nahmen die Vorderplätze einer Mittelloge ein und überſahen Publikum und Szene. Ich war jung, nicht an das Verguügen gewöhnt und leicht befriedigt. Ich fand Geſchmack an dem Stück und als der zweite 55 vorüber war, wandte ich mich an Cornelius und agte: „Glaubſt Du, daß Lady Ada ihren Vetter heira⸗ then wird?“ „Vermuthlich,“ verſetzte er, ohne mich anzuſehen. „O Cornelius, ich hoffe nicht; er iſt nicht der Rechte.“ „Nicht?“ „Gewiß nicht; woran haſt Du denn gedacht?“ „Daß es keinen inſolenteren Burſchen geben kann, als den Menſchen dort im Parterre,“ verſetzte Corne⸗ lius, der ſehr gereizt ſchien,„denn den ganzen letzten Actt hatte er ſein Opernglas auf Dich gerichtet.“ „Dann muß ihm ſein Hals wehe thun.“ „Wie kalt Du das aufnimmſt.“ „Was ſoll ich ſonſt thun?“ „Natürlich nichts, aber Du wirſt doch zugeben, daß dieſe Art von Bewunderung inſolent iſt.“ „Woher ſoll ich wiſſen, daß es Bewunderung iſt? Er denkt vielleicht: armes Kind, wie ſchade, daß ſie ſo geſchmacklos gekleidet iſt, oder eine ſo ſchlechte Figur hat, oder nicht hübſcher iſt.“ „Glaubſt Du, ein Mann verliere einen ganzen Act, um herauszuſinden, daß ein Mädchen nicht hübſch iſt?“ fragte Cornelius zweifelnd. Ich antwortete nicht. Er deutete dies ganz unlo⸗ giſch ſo, als ob es mich freute, wenn man mich anſehe. Da ich die Sache nicht weiter verfolgen wollte, ſo bat 200 ich ihn, den Platz mit mir zu tauſchen; er nahm mein Anerbieten ſogleich an und ſetzte ſich auf meinen Platz, während ich ſo theilweiſe hinter ihn zu ſitzen kam. An⸗ fangs hatte dies keine Folge: der junge Mann mit dem Overnglas ſchien dieſelbe Freude au ſeinem Geſichte zu haben, wie an dem meinen. „Er hat es noch nicht herausgefunden,“ ſagte ich. Aber im ſelben Augenblicke ſtand der Herr, von dem ich ſprach, auf und verließ das Parterre. „O er hat es doch ſchon ausgefunden, nicht wahr?“ fragte Cornelius ironiſch. Der dritte Act begann, als die Loge ſich öffnete und ein fremd ausſehender brauner und ſchöner Mann eintrat. Es mußte Armari ſein; aber es war auch der junge Mann mit dem Opernglas, was der Begrüßung von Seiten Cornelius einen eigenthümlichen Charakter verlieb. Die meiſten Fremden ſind ſehr für ſich eingenom⸗ men. Signor Armari war dies in hohem Grade. Er ſah mich an, als erinnerte er ſich nicht mehr, was mit dem Opernglas geſchehen, das er noch in der Hand hielt, und ſogar die Kühnheit hatte, mir anzubieten. Ich kannte das Italieniſche nicht hinlänglich, um ſeinem Geſpräche ganz folgen zu können, es ſchien ſich jedoch um eine enthuſiaſtiſche tiefe Bewunderung der goldenen Hagre, blauen Angen und lebhaften Farbe der engliſchen Damen zu drehen— ein Thema, das Cornelius durchaus nicht anzuſprechen ſchien. Signor Armari blieb bei uns, bis das Stück zu Ende war. Wir ſchieden dann von ihm, und ſeines Namens wurde nicht weiter gedacht, bis wir den Hain erreicht hatten. Kate war aufgeblieben, um uns zu erwarten. Sie empfing uns mit heiterem Lächeln, fragte, wie wir uns unterhalten und was der Inhalt des Stuüͤckes ſei⸗ Ich erzählte ibr, ſo gut ich konnte, aber nach dem zweiten Act verließ mich mein Gedächtniß. 201 Cornelius ſagte ſpitzig: „Du darfſt Dich nicht wundern, wenn ſie ſich nicht beſſer erinnert. Ich ſprach mit Armari.“ „Was, Dein alter Freund Armari?“ unterbrach ihn Kate. „Ja, er iſt in England.“ Er ſprach mit einer Ruhe, die ſie in Erſtaunen ſetzte. 3„Freuteſt Du Dich nicht, ihn zu ſehen?“ fragte ſie „Ich war ſehr erfreut, Armari zu finden,“ verſetzte er in eiskaltem Tone.„Ich habe ihn gebeten, nächſten Donnerſtag mit uns zu eſſen. Er verſprach, auch Schwab mitzubringen.“ „Schwab auch!— War er da?“ „Nein, eine Erkältung bannte ihn an das Zimmer.“ „Sie ſollen ein gutes Mittageſſen haben,“ ſagte Kate warm.„Midge, iſt Armari ſo ſchön, als ihn Cornelius in ſeinen Briefen geſchildert?“ „Er iſt bübſch,“ antwortete ich gleichgültig. „Angenehm?“ „Ja,— ich weiß nicht— ich glaube.“ „Armari,“ ſagte Cernelius ernſt,„gleicht den be⸗ rühmten Porträts von Raphael. Er iſt etwas mehr als hübſch,— er iſt ein ausgezeichneter Geſellſchafter und etwas mehr als angenehm.“ „Ich bin überzeugt, es iſt kein ſo gewöbnlicher Menſch, als wofür Du ihn auszugeben ſuchſt, Daiſy,“ ſagte Kate. „Ich gab ihn für gar nichts aus; ich denke über⸗ haupt nicht an ihn,“ verſetzte ich halb ärgerliche „Nun, Du darſſt nicht erröthen,“ ſagte ſie und ſchien überraſcht;„und Du branchſt kein ſo finſteres Geſicht dazu zu machen. Der Geſchmack iſt verſchieden.“ Niemand antwortete. Miß O'Reilly, deren Ge⸗ danken ganz in Gaſtfreundſchaft aufgegangen waren, be⸗ merkte dies nicht, ſondern fügte hinzu: 202 „Wie lange werden ſie bleiben?“ „Zwei bis drei Wochen.“ „Dann bitte ſie, dieſe zwei bis drei Wochen hier zuzubringen,“ ſagte fie triumphirend.„Ich habe Schlaf⸗ zimmer übrig, wie Du weißt.“ „Hier— im Hauſe?“ rief Cornelius. „Wo ſollte ich denn ſonſt Schlafzimmer haben?“ „Danke,“ lautete die kurze Antwort. „Heißt Dein„Danke“ ja?“ „Nein, gewiß nicht. Was ſollten ſie hier thun?“ Er ſchien ungeduldig und gereizt. Seine Schweſter fragte ihn, ob er ſich nicht freuen würde, ſeine Freunde bei ſich zu haben? Er antwortete„gewiß, aber ſie wollten London ſehen und ſich nicht in eine Vorſtadt vergraben. Miß O Reilly ſagte, ſie wolle ihnen wenig⸗ ſtens das Anerbieten machen. Ihr Bruder ſchien ſehr gereizt. „Schwab wird Dich zu Tode rauchen,“ ſagte er. „Als ob ich nicht an das Rauchen gewöhnt wäre.“ „Meine Cigarren ſind nichts gegen ſeine türkiſche Pſeife. Auch flucht er fürchterlich.“ „Auf Deutſch,“ verſetzte Kate mit philoſophiſcher Ruhe.„Laß ihn machen, was er will, Cornelius; ich werde ihn nicht verſtehen; und es wird nur um ſo ſchlimmer für die Seele des armen Heiden ſein.“ „Er iſt ein ausgemachter Weiberfeind.“ „Der Unglückliche, daß er ſie nicht beſſer kennt! aber das iſt ja nur um ſo angenehmer. Ich brauche nicht zu fürchten, daß er ſich in Daiſy verliebt.“ „Er wird Dich zum Hauſe hinaus eſſen.“ „Ich bin erſtaunt über einen ſo niedrigen Einwurf,“ verſetzte Miß O Reilly mit wachſender Indignation. „Wohlan denn, ſo wiſſe,“ ſagte er ungeduldig,„ich will Schwab nicht haben.“ „Ich kann aber Armari nicht allein einladen.. „Nein,“ lautete die raſche Antwort.„Ich will 203 Dir die Wahrheit geſtehen, Kate, ich möchte gerne fleißig arbeiten, und ihre Anweſenheit würde mich na⸗ türlich ſtören.“ „ Konnteſt Du das nicht gleich ſagen, ſtatt mit dem unglücklichen Schwab da ſo arg umzugehen. Nun, Deine Freunde wollen jedenfalls ein gutes Eſſen haben. Miß O Reilly war in Zubereitung mancherlei köſt⸗ licher Speiſen erfahren und hatte mir das eine und andere von ihrer Kunſt mitgetheilt. Unſeren vereinigten Talenten und Anſtrengungen gelang es, ein ſo luxuriöſes Mittags⸗ mahl zu Stande zu bringen, als fünf Perſonen nur immer wünſchen können. Die Gäſte waren auf die Minute da; es gab keinen Verzug, kein Verderben der Speiſen, keine Mißſtimmung, und Alles wäre vortrefflich gegangen: nur Eines trat hindernd in den Weg. Kate und ich ſprachen nicht italieniſch und die Freunde von Cornelius ſprachen nicht engliſch; ſchlechtes Franzöſiſch war deßhalb das Medium unſerer Converſation. Kate ſprach gerne; ſie ſaß deßhalb höchſt unglücklich zwiſchen den beiden Gäſten, die ich mit ſtummem Amüſement beobachtete. Mit ſeinen dunklen Haaren, ſeinen claſſi⸗ ſchen Zügen, ſeinem elfenbeinartigen Hals und dem à la Byron geſchlungenen Tuche ſah Armari ſehr in⸗ tereſſant aus; aber all' ſeine Lebendigkeit ſchien ver⸗ ſchwunden. Er ließ ſeinen ſchönen Kopf wie ein ver⸗ wundeter Vogel ſinken, lächelte über die unberührten Speiſen an ſeinem Platze und warf uns Blicke zu, welche zu ſagen ſchienen:„Eſſen Sie zu, eſſen Sie zu!“ Dieſer Aufforderung entſprach ſein Freund Schwab getreulich. Er gehörte zu der ſchönen germaniſchen Race und ſah wie eine berühmte Perſönlichkeit aus. Er hatte einen edeln nordiſchen Appetit, hielt mit den Speiſen tüchtig Schritt und ſprach dem Klaret mit einem Muthe zu, der Kate erbaute. Es war amüſant, ihn die feinſten Biſſen des Deſſerts ohne das leiſeſte Lächeln verſchlingen zu ſehen. Als er zu einigen Tört⸗ 2⁰⁴ chen kam, bei deren Zubereitung ich mich ausgezeichnet zu haben glaubte, heiterte ſich ſein Geſicht etwas aufz und als Cornelius ihm mittheilte, daß ſie ihre Exiſtenz mir verdankten, ſah mich Mr. Schwab mit einem Blicke an, in dem ſich Staunen und Bewunderung mſſchten. Ich hatte einen langweiligen Abend erwartet, und amüſirte mich ſtatt deſſen köſtlich. Die beiden Freunde von Cornelius ſangen und ſpielten ausgezeichnet hübſch: ſie producirten die ſchönſte Muſik, die ich je gebört. Kate und ich waren entzückt, und als ſie uns verlaſſen, drückten wir unſere Frende über den Abend aus. „Ich mag dieſen Schwab wohl leiden,“ ſagte Kate, „er iſt hübſch und kein ſolcher Bär, wie Du aus ihm gemacht, Cornelius. Er hat einen guten Appetit, aber die großen Eſſer ſind auch Männer. Die kleinen Eſſer ſind eigentlich nur ſo halb und halb Menſchen; und dann ſingt er ſchön; auch Armari verſteht das vortreff⸗ lich. Wie hübſch er iſt; aber wie melancholiſch ſieht er auch aus! Iſt er verliebt?“ Cornelius ſchien auf Nadeln zu ſitzen, und ant⸗ wortete:„er wiſſe es nicht.“ Zu unſerem Befremden und Bedauern kamen ſeine Freunde nicht mehr zu uns. Er ſagte, ſie fänden die Entfernung zu groß und brachte die Abende bei ihnen zu. Ich hatte das nicht gerne und ſparte eines Abends kein Mittel, ihn zu Hauſe zu halten. Ich ſchlang meinen Arm um ſeinen Pals und ſchmeichelte ihm und bat ihn, bei Kate und mir zu bleiben. Er erwiederte meine Liebkoſungen, gab mir alle erdenklichen Schmeichelnamen, behauptete, er würde weit lieber bleiben, als gehen, und verließ mich dennoch. Ich war daran gewöhnt— und wie leicht gewöhnt man ſich nicht daran— daß man meinen Willen erfüllte. Ich weinte jetzt vor Aerger und Gram. Kate ſagte nichts, ſondern lud ihres Bruders Freunde auf eigene Hand ein, uns zu beſuchen. Sie nahmen die Einladung an. Ich werde das Geſicht von — 20⁸ Cornellius nicht vergeſſen, als ſie ihm ruhig ſagte, ſie werden andern Tages kommen. „Kommen, um hier zu bleiben?“ fragte er ſie un⸗ gläubig. „Kommen, um hier zu bleiben,“ antwortete ſie ge⸗ faßt.„Du wirſt doch nicht geglaubt haben, ich er⸗ trage das noch länger, ſolche ſchlechte Manier, ſeine Freunde zu behandeln. Was würde man in Irland von uns denken, wenn es bekannt würde! Wie! Cornelius, Du ſcheinſt ganz erſchrocken.“ So war es auch; er wiederholte das Wort„kom⸗ men“ mit ſchlecht unterdrücktem Zorne. „Ja, kommen,“ fuhr Kate fort,„Du brauchſt Dich deßhalb nicht zu beunruhigen. Ich werde Mr. Schwabs Mund ſo ſtopfen, daß nicht für einen deutſchen Fluch mehr Raum iſt, und Signor Armari nehme ich mit ins Wohnzimmer, wo er Daiſy italieniſche Lieder vorſingen mag. Das iſt die beſte Vertheilung der Aemter.“ „Wahrhaftig, eine hübſche Vertheilung,“ ſagte Cor⸗ naelius und ſchien ſehr gereizt.„Du vergiſſeſt, daß ich Daiſy branche.“ Unſere Wohnung wurde am andern Tage mit dem Beſuche der beiden Gäſte beehrt. Sie hatten einige Fortſchritte im Engliſchen gemacht, und obwohl Signor Armari noch ziemlich melancholiſch war, ging es doch ſchon beſſer; aber zu meinem Bedauern konnte ich kaum etwas von ihm oder ſeinem Freunde ſehen. Während des Tages behielt mich Cornelius in ſeinem Atelier, in das ſie nur zweimal kamen, während ich abweſend war, und Abends ging er entweder mit ihnen in den Garten oder ſetzte er mich in eine Ecke, und blieb hartnäckig neben mir ſitzen. Einmal aber kam er zu ſpät und ſah mich zwiſchen ſeinen beiden Freunden ſitzen, die das gäng und gäbe Wort to love(lieben) mißhandelten, in⸗ dem der Eine ſagte I loaf, und der Andere Iloove. Sie lachten beide über ihren Mißgriff, und ich lachte auch; 206 aber Cornelius ſchien es für keinen Scherz zu halten und ſah mich finſter an. Er ſorgte dafür, daß etwas Aehnliches nicht wieder vorkam. Nach Verfluß von vierzehn Tagen verließen uns unſere Gäſte. Cornelius war bei ihrer Abreiſe und kehrte mit heiterer Miene zurück, was ſeiner Schweſter nicht entging. Ich ſaß bei ihr im Empfangzimmer am Kamine, denn das kalte Wetter war im Anrücken. Er ſetzte ſich neben mich, rauchte mit ſichtlichem Behagen eine Cigarre und erklärte, es ſeien die beiden beſten Jungen, die er je geſehen— Schwab namentlich. Mich verrieth etwas in meinem Geſichte; er nahm ſeine Ci⸗ garre heraus und ſagte; „Was iſt das, Daiſy?“ „Was, Cornelius?“ „Was hat Armari gethan, das Dich beläſtigt „Nichts.“ „Warum ſiehſt Du ſo ſeltſam aus?“ Ich antwortete nicht. „Warum, Du thöͤrichter Junge,“ ſagte Kate lachend und meines bittenden Blickes nicht achtend:„Schwab war's, der beſte Junge.“ „War er roh oder bärenhaft?“ fragte Cornelius erröthend. „Roh!“ antwortete ſie ungeduldig,„er war zu höflich!“- „Schwab!“ wiederholte Cornelius in dem Tone von Cäſars Et tu Brute,—„auch Schwab!“ „Cornelius,“ ſagte ich etwas ungehalten,„es war Schwab allein.“ Er achtete nicht auf mich; er war nur Entrüſtung und Staunen. „Schwab,“ ſagte er wieder,—„Schwab, der Weiberfeind?“ „Es gibt keine Weiberfeinde,“ ſagte ſeine Schwe⸗ 207 ſter;„die Törtchen erweichten ſein verhärtetes Herz ſchon am erſten Tag und Cupido that das Uebrige. Du darfſt indeß nicht ſo finſter drein ſchauen, Cornelius; er war nicht höflicher, als ihm der Anſtand erlaubte; und als ſie ihn merken ließ, daß ſie das nicht gerne habe, dachte der gefühlvolle Mann, es gebe noch manches ebenſo hübſche und gute Mädchen in Deutſchland und ſtarb nicht an gebrochenem Herzen. Er that nach ſeinem Sinne, wir nach dem unſrigen; und ohne mich wärſt Du nicht viel klüger.“ 3 „Danke,“ ſagte Cornelius kurz,„aber da ich weiß, daß das viel iſt und überzeugt bin, daß noch mehr unterwegs iſt, biſt Du vielleicht ſo gut, mir Alles von Armari zu ſagen.“ „Ach, der arme Junge,“ ſeufzte Kate,„er iſt auf ſchlechten Wegen; ich bemerkte, er konnte kaum eſſen, und Schwab ſagte, er habe kein Auge zugethan ſeit jenem Abend im Theater.“ „Das vergeht,“ unterbrach ſie Cornelius,„ich habe ihn ſieben Mal ſo geſehen.“ „Dann ſollte er ein ſehr bewegtes Leben führen; aber wie ich ſagte, oder wie vielmehr Mr. Schwab ſagte, er hat Ruhe und Appetit ſeit jenem Abend verloren, als er die ſchöne Mrs. Gleaver in der Loge neben der Euren ſah.“. Sie kannte die Geſchichte mit dem Opernglas und ſah ihren Bruder mißtrauiſch an. Er erröthete, ſchien verlegen und ſagte raſch: „Ich glaube von alle dem nichts.“ .„Doch,“ antwortete ſie lebhaft,„und jetzt, Cor⸗ nelius, gedenke meiner Worte:„Derart Dinge liegen ganz außer dem Kreiſe des Mädchens und werden es wohl noch lange Zeit bleiben; vielleicht immer, denn ſie hat ein ſehr hartes Herz.“ „Weiß ich das nicht?“ verſetzte Cornelins ruhig, „und war es nicht chriſtliche Liebe, die mich um den ar⸗ 208 men Armari bekümmert machte? Ich fürchtete, ihr gol⸗ denes braunes Haar,“ ſagte er und glättete es dabei, „möchte ihn in ihrem Netze fangen. Ihre Augenbrauen, ſo dunkel und ſchön geſchwungen, möchten der Bogen des Cupido werden. Ihre—“ „Erſpare uns das Uebrige,“ unterbrach ihn Kate, „es müßte ja doch ein Pfeil ſein, der von dem Letzten abgeſchoſſen wird. Siehſt Du nicht, daß das Mädchen klug genug iſt, das Alles zu verlachen; obgleich ich nicht ſagen will, daß wenn Signor Armari ſein Herz verliert und es ſo leicht wieder erhält, er ihr nicht dies kleine Compliment gemacht haben ſollte. Indeſſen er that es nicht und es iſt gut ſo: denn ſie gehört zufällig nicht zu den guten Mädchen, die nicht ohne Liebe leben können; und ihr eiferſüchtiger Großvater, der ſich nicht um ſie bekümmert, und doch nicht will, daß ſie ein Andrer ha⸗ ben ſoll, iſt, wenn er es nur wüßte, ganz ſicher.“ „So?“ ſagte Cornelius und warf den Kopf in ſei⸗ ner alten Weiſe zurück. „Allerdings,“ verſetzte ſeine Schweſter, indem ſie im Feuer ſchürte; ein zweiter Wink.„Cornelins, mache das Mädchen nicht eitel, indem Du immer ſprichſt und handelſt, als ob ſie das einzige anſtändig ausſehende Mädchen wäre.“ „Es blüht nur eine Blume in meinem Garten,“ ſagte er und ſah mich mit freundlichem Lächeln an,„und deßhalb bilde ich mir ein, Jedermann werfe einen ſehn⸗ ſüchtigen Blick darauf, als ob es ſonſt keine Blumen mehr gäbe.“ Seine Blume legte ihren Kopf an ſeine Schulter, ſah ihm in's Geſicht und lachte über ſeine Schmerzen. „Lache nur zu!“ ſagte er philoſophiſch,„Du er⸗ blühteſt im Schatten, und reifſt nicht von der Sonne; aber die Sonne, meine liebe Daiſy, wird jetzt auf Dich ſcheinen.“ Daiſy Burns. II. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Ich habe mich oft zu erinnern verſucht, wie der Herbſt und Winter verging— aber vergeblich. Kein auffallendes Ereigniß bezeichnet jene Zeit; und die klei⸗ neren Wechſelfälle mir zu merken oder zu bemerken, war ich damals noch zu achtlos und zu unwiſſend. Zwei Dinge aber habe ich nicht vergeſſen. Das Eine iſt das, daß Cornelius' Hauptgedanke, natürlich nach ſeiner Malerei, der war, mir zu gefallen und mich zu unterhalten. Er verwandte all' ſein Geld darauf, mich mit ſich zu nehmen und überhäufte mich wört⸗ lich mit Geſchenken. Er hatte das Auge eines Künſtlers für Farbe und Effect und wurde nicht müde, mich im⸗ mer wieder auf eine neue Art zu ſchmücken, die mir mehr ſtand als die letzte. Wenn ich Einwendungen machte, und ihn der Uebertreibung anklagte, ſo fragte er in zärtlichem Tone, ob er ſein Geld beſſer anwenden könne, als indem er ſeinen Liebling ſchmücke. Kurz, er ſchien es zu ſeinem Hauptſtudium zu machen, wie er mit Proben innigſter Liebe verſchwenderiſch genug ſein könnte. Ich hatte ihn immer ſo lieb gehabt, daß ich mich über nichts wunderte, nicht einmal über ſeine eiferſüch⸗ tigen Grillen; das Herz, das Viel gibt, iſt nicht darüber erſtaunt, wenn es Viel empfängt; ich ließ mich lieben, ohne mich um das Wie oder Warum zu kümmern. Ich wußte, er war mir ganz ergeben; ich fürchtete keine Rivalin; ich fühlte den Stachel der Gleichgültigkeit und den bittern Schmerz der Eiferſucht nicht mehr. Ich hatte nichts, was meine Neugierde gerazt, nichts⸗ was 1 4 210 ich gewünſcht oder gefürchtet; ich war glücklich, ſo lange der Tag dauerte. Das andre, deſſen ich mich erinnere, war, daß ich die Macht, die Cornelius aufgegeben, in gewiſſer Weiſe an mich geriſſen. Mein Wille war mächtiger über ihn, als der ſeine über mich. Ich ſuchte dies nicht: aber es war ſo. Es iſt beinahe immer ſo bei menſchlichen Nei⸗ gungen: vollkommene Gleichheit herrſcht ſelten zwiſchen Zweien; die Gewalt, die das Eine aufgibt, wird augen⸗ blicklich und unwillkürlich vom Andern an ſich gezogen. Mit der leiſeſten Aeußerung ſeines Willens hätte Corne⸗ lius mich wieder in ein unterwürfiges und gehorſames Kind umgewandelt; aber immer zu ſiegen, ſetzt eine gewiſſe Gleichgültigkeit voraus; und er ſchien ſowohl die Macht, als den Willen zu regieren verloren zu ha⸗ ben. Ich wäre nicht Menſch geweſen, wenn ich nicht einigen Vortheil daraus gezogen. Ich liebte ihn ſo innig als je, aber ſeiner Zuneigung und Liebe gewiß, machte ich mir nicht mehr ſeinen Wunſch zum einzigen Geſetz. Ich erinnerte mich auch noch, daß wir einige kleine Streitigkeiten hatten; ſie erſchienen mir damals von keiner Bedeutung und ſelbſt Kate beachtete ſie nicht. „Sei ruhig,“ ſagte ſie gewöhnlich zu ihrem Bruder, „ſie iſt ja nur ein Kind.“ „Ein Kind!“ verſetzte er ernſt mit einem Seufzer. „Du ſollteſt ſie mit mir philoſophiren hören!“ „Nun gut, ſo iſt ſie ein philoſophiſches Kind.“ „Ich weiß nicht, was ſie iſt,“ antwortete er.„Bis⸗ weilen denke ich, die Vorſehung ſandte ſie mir, als eine Buße für meine Sünden.“ 3 zendier Sünder!“ ſagte Kate lächelnd,„welch' eine uße!“ Wir ſaßen alle Drei im Empfangzimmer am Ka⸗ mine. Ich that, als ob ich gekränkt wäre und barg mein Geſicht im Sophakiſſen. Cornelius bat mich freund⸗ lich, mir die Sache nicht ſo zu Herzen zu nehmen, ver⸗ es mir nicht gelang, ſagte ich etwas ungeduldig: 211 ſicherte mich, ich ſeie keine Strafe, ſondern die Freude ſeines Lebens und das Licht ſeiner Augen, machte, daß ich aufblickte und ſah mich ihn anlachen. „Da, ſieh' mal, Kate,“ ſagte er und biß ſich auf die Lippen. „Sie iſt jung und heiter. Laß ſie lachen.“ „Aber warum will ſie nicht ernſt ſein? Warum iſt ſie ſo flüchtig und veränderlich?“ „Unſinn!“ unterbrach ihn Kate.„Laß ſie ſein, was ſie mag; ſie wird in einigen Jahren ernſt genug werden.“ Er ſeufzte und nannte mich ſeinen verkehrten kleinen Liebling. Ich lachte wieder und bat ihn, ein iriſches Lied zu ſingen. Er gehorchte und damit endete die Geſchichte. Da ich mir bewußt war, Cornelius keine wirkliche Ur⸗ ſache zum Beleidigtſein gegeben zu haben, ſo machte ich mir auch nicht viel aus ſeinem Aerger, von dem er mir frei⸗ lich, wie ich wohl merkte, ſeit jener Zeit nur ſo viel zu fühlen gab, als er nicht unterdrücken konnte. Wäre er tyranniſcher oder anſpruchsvoller geweſen, ſo müßten mir die Augen aufgegangen ſein; aber er konnte es nicht über das Herz bringen, mich zu kränken. Ich durfte ihn nach Herzensluſt quälen und er beklagte ſich nicht ein Mal. Ein Mal jedoch verlor er all ſeine Geduld. Es war gegen den Schluß des Winters, Kate war ausgegangen; wir ſaßen allein am Kamine. Cornelius hatte mich ge⸗ beten, meine Arbeit wegzulegen und ſaß neben mir, in⸗ dem er meine beiden Hände in der einen hielt und mit der andern mir das Haar glatt ſtrich, während er mir von ſeiner Liebe und Zuneigung ſprach.— Er hatte eine beredte Zunge, die es verſtand, von ſolchen Dingen we⸗ der zu ſehr im Ernſt, noch zu ſehr im Scherze zu ſpre⸗ chen. Aber ich war damals in keiner ſehr angenehmen Stimmung. Ich ſuchte meine Hände loszumachen und da * 212 „Bitte, laß das!“ Er verſtand oder vielmehr mißverſtand mich; denn er ließ meine Hände los, erröthete leicht und ſah mehr verlegen, als ärgerlich aus, indem er ſagte: „Was iſt Schlimmes dabei?“ „Schlimmes?“ wiederholte ich, erſtaunt über die Idee, denn ich hatte bei ihm nie den Schatten eines Hintergedankens bemerkt;„es iſt natürlich nichts Schlim⸗ mes dabei, da Du es biſt,“ und erwiederte einen ſeiner finſtern Blicke;„aber es macht mich unruhig.“ Cornelius ſchien verzweifelt. „Danke, Daiſy,“ ſagte er mit ungehaltenem Lachen: „danke; ich mache Dich alſo unruhig?“ „Nun, was habe ich denn gethan?“ fragte ich er⸗ ſtaunt.„Wie kommt es, daß ich Dich ſo oft beleidige, ohne zu wiſſen warum.“ „Und iſt das nicht zum Verzweifeln?“ rief er außer ſich.„Wenn Du Dich nur ein wenig um mich kümmer⸗ teſt, ſo würdeſt Du wiſſen— würdeſt ahnen.“ „Wenn ich mich um Dich kümmerte!“ begann ich; meine Thränen verſchlangen das Uebrige. Er wollte aufſtehen, beugte ſich aber zu mir herab und ſah mir mit einer ſeltſamen Miſchung von Zorn und Liebe ins Geſicht. „Ich will Dir etwas ſagen, Daiſy,“ ſprach er und ſeine Stimme bebte und ſeine Lippen zitterten,„ich will Dir etwas ſagen. Es iſt ein ſeltſames Ding, ſo viel Verdruß und ſo viele Liebe aus einem Weſen zu ſchöpfen. Es iſt mir, als könnte ich Dir Alles thun, aber ich kann Dich dieſe Thränen nicht vergießen ſehen. Daiſy, habe die Liebe und weine nicht mehr.“ Er ſaß wieder bei mir. Ich hielt meine Thränen zurück. Er wiſchte die letzten auf meiner Wange weg. Ich ſah zu ihm auf und fragte etwas triumphirend: „Cornelius, was nützte nun der plötzliche Ausbruch Deines Zornes“ 6 „Du magſt das ſo nennen,“ verſetzte er ziemlich bitter.„Glaubſt Du, ich wüßte nicht, daß wenn ich kalt und gleichgültig wäre, Du mich nicht weniger lieben würdeſt; aber was hilft das Wiſſen, da ich es nicht ge⸗ gen Dich anwenden kann.“ Ich lachte über das Geſtändniß. „Das iſt das Ende der Sache,“ ſagte er und ſah mich etwas niedergeſchlagen an;„es ſcheint ein Zauber auf mir zu ruhen, der mich nicht enden laſſen wird, wie ich begonnen. O! Daiſy, warum liebe ich Dich ſo ſehr? Das iſt die Achillesferſe— die einzige verwundbare Stelle, die, ich mag thun, was ich will, mich ſo macht⸗ los und ſchwach macht.“ „So liebſt Du mich alſo,“ ſagte ich und ſtrich ſein Haar glatt,„trotz all meiner Fehler!“ „Ja, ich liebe Dich,“ verſetzte er und erwiederte die Liebkoſung mit einem eigenthümlichen Blick,„und doch, Daiſy, bin ich dieſer Syſiphusarbeit müde, die ich im⸗ mer thue und die doch nie gethan iſt.“ „Vorhin war es die Achillesferſe und jetzt iſt es der Stein des Syſiphus! Was verſetzt Dich denn in eine ſo mythologiſche Stimmung?“ Cornelius erröthete, dann wurde er blaß, antwor⸗ wtete jedoch nicht..* „Gewiß,“ rief ich,„Du biſt durch die paar un⸗ ſchuldigen Worte nicht beleidigt! O Cornelius,“ fügte ich ſehr beunruhigt hinzu,„ich ſehe, die Sache wird nicht beſſer, bis Du Deine Autorität in Anſpruch nimmſt und ich wieder Dein gehorſam Kind bin. Hätteſt Du mir immer geſtattet, Dich als meinen theuren Adoptiv⸗ vater zu betrachten.“ Ich hielt inne. Er hatte nicht geſprochen, ſich nicht beweagt: er ſaß noch immer bei mir ruhig, ſchweigend und bewegungslos, den Blick ſtarr auf das Feuer ge⸗ richtet, ſeine Hand in der meinen; als ich jedoch ſprach, ging etwas in ſeinem Geſichte und ſelbſt in ſeinen Au⸗ 214 gen vor, was mir ſagte, ich werde bald erkennen können, welche Wunde ihm meine ſorgloſe Hand geſchlagen. „Habe ich wieder etwas Unrechtes gethan?“ fragte ich beunruhigt. „O nein!“ verſetzte er nachläſſig;„es iſt ganz gut; ich war zu gleichgültig, zu ſorglos— das Mädchen hat das Kind gerächt,— das iſt Alles!“ „Ich bin überzeugt, ich habe etwas geſagt, was Dir nicht angenehm iſt,“ ſagte ich ängſtlich. Cornelius nahm mich in ſeine Arme und küßte mich. „Mein gutes, kleines Mädchen,“ ſagte er,„Du biſt das beſte Mädchen in der Welt; und wenn Du nur ein kleines Mädchen biſt, ſo kannſt Du nichts dafür.— Bewahre Deines Herzens Frieden— und Gott ſegne Dich!“ Er ſprach freundlich und ſtand auf, indem er mich mit einer Miſchung von Liebe und Mitleid anſah, die mir nicht entging, und die mich halb beleidigt hatte. „Aber ich bin kein kleines Mädchen, Cornelius,“ verſetzte ich in pikirtem Tone. „Wirklich nicht?“ fragte er, indem er mein Kinn anfaßte, mit einem Lächeln und einem Blick, die nicht frei von Ironie waren.„Ich bitte um Eutſchuldigung; ich glaubte, Du ſeieſt das kleine Mädchen, das Corne⸗ lius O'Reilly ſo lange bethörte?“ Ich warf ihm einen überraſchten Blick zu; er lachte und nahm ſeinen Hut; ich folgte ihm nach der Thüre und hielt ihn zurück. „Biſt Du nicht ärgerlich über mich?“ fragte ich. „Aergerlich über Dich!“ ſagte er,„nein, mein Kind, weßhalb ſollte ich auch über Dich ärgerlich ſein?“ „Ich weiß nicht, Cornelius, aber ich freue mich, daß Du nicht ärgerlich biſt.“ Er lachte wieder und ſah mich an, während ich ne⸗ ben ihm ſtand, meine Hand auf ſeinem Arm und mit erhobenem Antlitz ſeinen Blick ſuchend; er verſicherte 215 mich freundlich, er ſei durchaus nicht ärgerlich und ver⸗ ließ mich. Von dieſem Abend an konnte ich zwar nicht ſagen, daß Cornelius, weniger freundlich oder weniger liebe⸗ voll gegen mich geweſen, aber ich fühlte, daß in ſeinem Benehmen eine Veränderung vorgegangen war; ich konnte mir keinen Grund denken. Anfangs beunruhigte es mich ein wenig, dann ſchrieb ich's der Malerei zu, die ihn jetzt ausſchließlich beſchäftigte.„Das junge leſende Mäd⸗ chen“ hatte er ſeit einiger Zeit beendigt und nun arbeitete der an ſeinen beiden italieniſchen Bildern. Er ſchien die Malerei nie mehr geliebt, ihr nie mehr von ſeiner Seele und ſeinem Herzen geweiht zu haben. Ich ging an einem ſchönen Frühlingsnachmittag zu ihm hinauf; ich fand ihn dabei wie er ſeine drei Bilder betrachtete, und ſo darein vertieft war, daß er mich nicht hörte, bis ich dicht bei ihm ſtand. „Geſtehe, Du haſt ſie bewundert,“ ſagte ich und ſah ihn lächelnd an. „Err lächelte auch, aber ohne mir einen Blick zu gönnen. „Ja,“ verſetzte er ruhig,„ich ſehe beſſer, als irgend Jemand ihre Verdienſte und ihre Fehler; aber ſo wie ſie ſind, haben ſie mir die reinſte und tiefſte Freude gewährt, die der Menſch empfinden kann.“ Er ſprach leiſe, aber mit feſtem und unverwandtem Blicke. Ich ſah ihn wieder an und fand ihn mager und blaß. „Du haſt zu angeſtrengt gearbeitet,“ ſagte ich,„denn Du ſiehſt nicht wohl aus.“ „Wirklich?“ verſetzte er gleichgültig. „MNein, Kate machte geſtern dieſelbe Bemerkung, und ſagte:„Ich glaube, der Junge iſt verliebt.“ Ich ſagte:„Ja, und die Malerei iſt ſeine Geliebte. Ge⸗ ſtehe, Cornelius, Du liebſt ſie mehr, als irgend ein Ding in der Welt.“ 3 218 „Allerdings, Daiſy.“ „Mehr als mich?“ „Biſt Du ein Ding ²¹ „Du nennſt mich bisweilen ein hübſches kleines . „Und das biſt Du auch,“ antwortete er lächelnd. „Was denkſt Du von der knieenden Stellung der Frau?“ „Hübſch, wie Alles, was Du machſt, Cornelius.“ „Es iſt hübſch, Daiſy; und ach! leider muß ich ſagen, das einzige wahrhaft Gute in dem ganzen Bilde. Nun, was thut's; bei allen meinen Unvollkommenheiten bin ich Gott ſei Dank ein Maler!“ „Und welch' ein Triumph erwartet Dich. O Cor⸗ nelius, wie ſehne ich mich das zu erleben!“ Er antwortete nicht. Eine Unvollkommenheit in einer der Figuren war ihm ins Auge gefallen; er wollte ſie verbeſſern und ſchien ganz in dieſe Aufgabe verſunken. Ich ſchlich mich weg und blieb auf der Schwelle der Thüre ſtehen, um mich noch einmal nach ihm umzuſehen. Er ſtand vor der Staffelei, in ſeine Arbeit venezn das Licht ſiel auf ſein ſchönes Profil und begrenzte es ſcharf; ſeine Augen auf die Leinwand herabgebeugt, ſchienen nichts anderes ſehen zu können, kein Athem ſchien ſich von einen Lippen zu löſen; er genoß die ganze Fülle des Entzückens und der Freude, die Gott in die Arbeit des Künſtlers gelegt.. Wenige Tage ſpäter waren die Bilder vollendet und wurden an die Akademie geſandt. Cornelius fühlte keine urcht. Sein Vertrauen war gerechtfertigt, denn er er⸗ dur bald aus guter Quelle, daß„das junge leſende Mädchen,“ und die beiden italieniſchen Bilder nicht zu⸗ rückgewieſen waren. Er drückte weder Staunen, noch Freude aus. Ja es lag in ſeinem ganzen Weſen eine Gleichgültigkeit und ein ennui, die ſeine Schweſter be⸗ fremdeten. Sie ging zu ihm, als er einſt an dem 217 Kaminmantel lehnte, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und fragte etwas ängſtlich: „Was iſt Dir? das Mädchen hat Dich wieder ge⸗ reizt; ſie iſt nur ein Kind, und wird klüger werden.“ „Natürlich,“ verſetzte er und glättete mein Haar, denn auch ich ſtand bei ihm;„ein Jahr oder zwei werden einen großen Unterſchied machen.“ Seine Schweſter lächelte etwas ſchlau. Cornelius fragte, ob ich nicht einen Spaziergang machen wolle. Ich nahm es an, und wir ſchlenderten lange mit einander zwiſchen den Hecken umher, an denen ſich bereits das helle und zarte Grün des Frühlings eigte. 1 Ich ſah an Kates Geſicht, als wir zurückkehrten, daß etwas vorgegangen. Endlich kam es heraus. Mrs. Brand hatte mich beſuchen wollen. Mrs. Brand hatte durch den reinſten Zufall erfahren, daß ich nicht mehr in Thornton Houſe ſei und war ſehr unglücklich, daß ich es ihr nicht früher habe wiſſen laſſen. Jeder Groll gegen mich, daß ich nicht in ihren Plan hatte eingehen wollen, ſchien verſchwunden zu ſein. Sie war ganz Verwandten⸗ liebe, erinnerte mich an mein Verſprechen, einige Zeit in Poplar Lodge zuzubringen und war von Miß O Reilly mit der ausgeſprochenen Abſicht geſchieden, mich ſchon am nächſten Tage abholen zu wollen. Ich ſah Cornelius an, welcher lächelte, und auf die Lehne meines Stuhles geſtützt, freundlich ſagte: „Warum ſollteſt Du ein wenig Abwechslung und Ver⸗ gnügen haben? Du wirſt nicht länger, als ein bis zwei Wochen dort bleiben.“ „Ja, Cornelius, aber es iſt die Zeit der Eröffnung der Akademie.“ 3 „Was thut's!“ unterbrach er mich,„wir kennen ja die Bilder, und dann haben wir noch Monate ſie mit einander zu betrachten.“ Ich war ſehr froh über die Art, wie er dieſe Sache 218 aufnahm; denn ich wünſchte, das meiner Baſe gegebene Verſprechen zu halten; und doch hätte ich um keinen Preis Cornelius kränken mögen. Die Sache wurde mit Kate’s Billigung als entſchieden angeſehen; ſie fügte je⸗ doch mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu: 1 „Du läſſeſt ſie gehen, Cornelius; aber Du wirſt ſehr unruhig ſein, bis ſie zurück iſt.“ „Natürlich?“ verſetzte er und lächelte ſeltſam. Ich wußte, er liebte mich von Herzen. Ich ſah mit einigem Stolz zu ihm auf; er blickte mit einer Liebesglut zu mir herab, die mir tief ins Herz drang. Ungefragt verſprach ich, nicht länger als eine Woche weg⸗ bleiben zu wollen. Im Verlauf des nächſten Tages kam Mrs. Brand zu mir. Cornelius war früh ausgegangen und nicht wieder zurückgekommen. Ich ſagte Kate, ſie möge ihm meine Grüße bringen, und ihm ſagen, ich werde nicht länger als eine Woche ausbleiben. Sie lächelte. „Eine Woche, Kind!“ ſagte ſie:„ſei froh, wenn er Dich drei Wochen fort läßt.“ Ich lachte, küßte ſie und ſtieg in den leichten und eleganten offenen Wagen, in welchem Mrs. Brand ſich herabgelaſſen, ihre kleine unbedeutende Baſe zu beſuchen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Es gibt eine Weiſe, ſich in einen offenen Wagen zurückzulegen, die nur die haben, welche daran gewöhnt ſind, eine Art wohlerzogener Indolenz— durch die Welt zu fahren,— eine Gleichgültigkeit gegen Alles, die lange 219 und anhaltende Uebung erfordert. Mrs. Brand beſaß dieſe Kunſt im höchſten Grade. Durch die Straße gehend, würde ſie als eine hagere, ſchwache, unbedeutende Frau erſchienen ſein; aber zurückgelehnt in ihren Wagen, mit der ennuyirten Miene, ihrer Gleichgültigkeit und Im⸗ pertinenz, trug ſie ganz den Stempel der Ariſtokratie. Wir hatten Poplar Lodge bald erreicht. Es war un⸗ gefähr eine Meile vom Haine, wenn man auf Fußwegen ging und doppelt ſo weit auf der Landſtraße. Ich kannte den Ort wohl— es war ein kleiner, aber bei weitem der ſchönſte Landſitz der Umgegend. Er ſtand inmitten der lieblichſten Wieſen— ein weißes und elegantes Haus, mit allem angefüllt, was die Phantaſie reizen und das Auge anziehen kann. Bilder, Statuen, Büſten, Möbel, einfach aber koſtbar, ſchmückten das Haus: denn ſie waren nicht in dem Ueberfluß vorhanden, der den Effekt der ſchönſten Dinge ſchwächt. Mrs. Brand bemerkte meine Bewunderung und führte mich mit ſcheinbar gleich⸗ gültiger Oſtentation von Zimmer zu Zimmer. Endlich kamen wir in eine kleine Gallerie, die mit ausgezeichneten Bildern gefüllt war. „Es ſind ihrer nicht viele,“ ſagte ſie nachläſſig „aber ſie ſind gut. Alle modern und beinahe alle eng⸗ liſch. Die leeren Räume, die Sie ſehen, ſollen mit Arbeiten aus der diesjährigen Ausſtellung ausgefüllt werden.“ Mein Herz pochte laut. Ich dachte plötzlich an Cornelius und ſah die drei Bilder bereits in der Gallerie meiner Couſine hängen. „So gefällt Ihnen alſo Poplar Lodge?“ ſagte Mrs. Brand, indem ſie mich nach dem Wohnzimmer zurück⸗ führte.„Ja, es iſt recht hübſch. Und glauben Sie nicht,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſeufzend umherblickte, „daß Edwards Frau recht glücklich werden wird?“ „Ich weiß nicht, Madame; aber ſo viel weiß ich, ſie wird ein hübſches Haus beſitzen und angenehme Lehn⸗ 220 ſtühle?“ fügte ich hinzu, indem ich bei dieſen Worten in einen üppigen Armſtuhl ſank. „Meine Liebe, ſie wird einen treuen Gatten haben, was weit über ſolch weltlichen Comfort geht, das kann ich Sie aus Erfahrung verſichern.“ Mrs. Brand zog ihr Batiſtſacktuch heraus, entfaltete es und hielt es in der Erinnerung an den Verſtorbenen an die Augen. „Und Mrs. Langton und dieſer Ort werden ſo gut für einander paſſen,“ ſagte ich und ſah in dem üppigen Wohnzimmer umher.„Ich kann ſie mir vorſtellen, durch dieſen Park ſchreitend, wie eine Dame aus einer Feeen⸗ geſchichte oder von einem ſchönen Zimmer nach dem andern wandernd, wie eine Prinzeſſin in ihrem Pallaſt. Sie wird der Krondiamant von Mr. Thorntons Haus ſein.“ Mrs. Brand nahm raſch ihr Taſchentuch weg und verſicherte mich: „Das iſt vorbei— ganz vorbei: eine ſehr unglück⸗ liche Geſchichte.“ Es ſei einſt ihr Lieblingswunſch ge⸗ weſen, ihre Freundin und ihren Bruder vereint zu ſehen; aber ſelbſt ſie habe gefühlt, daß es unmöglich ſei. Sie hätten es beide gefühlt, und das Vergangene zu vergeſſen ſich verſprochen.“ Ich lächelte über die Idee dieſes Wafefenſtillſtandes. „Ueberdies fuhr ſie nachdenklich fort:„habe ich allen Grund auzunehmen, daß ſein Herz anderwärts beſchäf⸗ tigt iſt. Ich höre ihn kommen; Sie werden ſehen, wie blaß und niedergeſchlagen Edward ausſieht.“ Das Eintreten Edward's ſchnitt meine Antwort ab. Er ſtaunte, als er mich ſah und begrüßte mich mit einer Miſchung von Verlegenheit und zarter Höflichkeit, die mich etwas überraſchte. Er fragte nach Mr. Thorntons Geſundheit. „Ich hoffe, er iſt wohl,“ verſetzte ich lächelnd; „aber ich bin jetzt Ihr Nachbar. Iſt das nicht ange⸗ nehm?“ 221 Ich meinte angenehm, wieder bei meinen Freunden zu ſein; zu meinem Amüſement lächelte er und ver⸗ beugte ſich. „Miß. Burns hat Deine Bilder bewundert;“ ſagte Mrs. Brand. Mr. Thornton war glücklich, daß mir irgend etwas in Poplar Lodge Freude gemacht. „Irgend etwas!“ wiederholte ich,„ja nach ſeinem Aeußern hätte ich nicht geglaubt, daß Mr. Wyndham einen ſo ausgezeichneten Geſchmack beſeſſen.“ Mrs. Brand lachte, und ſagte mir, daß dieſer Sitz zu Wyndhams Zeiten unbekannt geweſen. Mr. Thorn⸗ tons Beſcheidenheit, durch dieſes indirekte Compliment beunruhigt, ſuchte dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, indem er mir eine hübſche Sammlung von Zeichnungen zeigte. Wir durchblätterten ſie, als Mrs. Langton, die gleichfalls einen Beſuch bei ihrer theuern Baſe machte, eintrat. „Sie ſind beide ungemein für Zeichnungen einge⸗ nommen!“ ſagte Mrs. Brand, indem ſie aufſtand, um ſie zu empfangen. Ich ſah auf und gewahrte die ſchöne Edith, welche über den Tiſch herüber uns anblickte. Sie hatte ihre Wittwentrauer abgelegt und ſah ungemein lieblich in dem ſchillernden Seidenkleide aus. Sie hatte die eine Hand in die ihrer Freundin geſchlungen, während ihr ſchöner Arm durch den zurückfallenden Aermel halb ent⸗ blöͤßt war. Ihr Geſicht war uns zugewandt; ihr dunkles, von der ſchönen Stirne zurückgeſtrichenes Haar war in ein Diadem gewunden; ihre Wangen glühten wie Roſen; ihre blauen Augen waren voll Licht und Weichheit.„Mrs. Brand,“ dachte ich,„Sie mögen machen was Sie wollen, Ihre Edith wird doch hier herrſchen.“ Sie drückte ihre Freude, mich wieder zu ſehen, auf die anmuthigſte Weiſe aus, ſank dann auf ein Sopha, wo ſie ruhte, bis wir zum Eſſen hinuntergingen. 222 Den nächſten Tag, einen Samſtag, brachten wir mit Beſuchen von Kaufläden in der Stadt zu, was mir recht beſchwerlich vorkam. Sonntag bat ich um die Erlaub⸗ niß, den Hain beſuchen zu dürfen. Ich ſtand plötzlich hinter Cornelius, der am offenen Fenſter des hintern Wohnzimmers ſaß, den Ellbogen auf dem Geſims und die Stirne in der flachen Hand ruhend. Ehe er von meiner Gegenwart wußte, hatten meine Arme ſeinen Hals umſchlungen, und meine Lippen ſeine Wangen berührt. Er ſtaunte, und erwiederte dann meine Um⸗ armung mit inniger Zärtlichkeit; und Kate, die gerade eintrat, lachte über uns beide, und meinte, man ſollte glauben, wir wären Jahre von einander geſchieden ge⸗ weſen. Es war thöricht, ſo vergnügt über dieſes Wieder⸗ ſehen nach ſo kurzer Trennung zu ſein; ich wußte es, aber ich konnte nicht helfen. Auch er ſchien glücklich; ich hatte ihn nie in beſſerer Stimmung geſehen und ſelten hatte ich ſelbſt mit ihm einen vergnügteren Tag verlebt; mit Schmerz dachte ich an die Stunde, die mich nach Poplar Lodge zurückführen ſollte. Cornelius ſagte, er wolle mich über die Felder begleiten. Sie ſahen an dieſem milden Frühlingsabend ſehr lieblich aus, und wir ſprachen heiter und glücklich mit einander; während wir dahinſchlenderten. Endlich erreichten wir den Schluß⸗ punkt eines langen Weges, der nach dem eiſernen Git⸗ tetthor führte, das den hintern Eingang zu Poplar Lodge ildete. Wir hielten an: der Ort und der Mament ſtehen noch wie ein Bild vor meinem Blicke. Die Straße war einſam und ſtill. Die ſchweren Wolken der Nacht ſammelten ſich an dem tieferen Him⸗ mel. In ſeinen reineren Höhen war der Vollmond auf⸗ gegangen und ſah zwiſchen zwei der großen Pappeln, die dem Orte ihren Namen gegeben, auf uns herab. Ich ſtand neben Cornelius, den einen Arm in den ſeinen 2283 geſchlungen, während ſeine andre Hand eine der meinen faßte. 1„Wann wirſt Du wiederkommen?“ fragte er und beugte ſich zu mir herab. „Am nächſten Samſtag, hoffe ich.“ „Nicht früher?“ „Nein, Cornelius, ich kann nicht, Du weißt ja.“ „Kannſt Du's nicht verſuchen?“ „Wahrhaftig, Cornelius, es thut mir leid, aber ich kann nicht. Du weißt, ich ſehne mich zu Dir und Kate zurück.“ „Gut denn; ſei es am Samſtag; und doch— Daiſy, warum nicht am Freitag?“ „Cornelius, ich verſichere Dich, man würde mir's übel nehmen, wollte ich am Freitag ſchon gehen.“ Er gab ſich zufrieden, küßte mich und läutete. Eine weiße Figur kam aus der nahen Allee und Mrs. Lang⸗ ton, die mich durch das Roſengitter erkannte, nahm den Schlüſſel, der am Thor hing, und ließ mich lächelnd ein. Ich ſtellte Cornelius etwas linkiſch vor. Der Mond ſiel voll auf ſein Geſicht und ſeine Geſtalt. Ich ſah Mrs. Langton ihm zwei oder drei raſche und neu⸗ gierige Blicke zuwerfen; ſie machte jedoch nur einige höfliche und gewöhnliche Bemerkungen. Er antwortete auf dieſelbe Weiſe, verbeugte ſich und verließ uns. „Das alſo, Miß Burns,“ ſagte Mrs. Langton freundlich, indem ſie die Thüre ſchloß,„das iſt Ihr Adoptiv⸗Vater— wie ihn Mr. Edward Thornton nannte.“ „Ja,“ ſagte ich ruhig,„Cornelius iſt mein Adop⸗ tiv⸗Vater; aber er hat es ungerne, wenn ich ihn als ſolchen betrachte.“ „Wirklich?“ „Nein, er erweist mir die Chre, mich als ſeine Freundin zu behandeln.“ Mrs. Langton unterdrückte ein roſiges Lächeln und 224 ſprach von der Schönheit des Abends, während wir durch den Park nach der Lodge gingen. Mr. Thornton war ausgegangen und Mrs. Brand flüſterte mir vertraulich zu, meine Abweſenheit werde der Grund ſein. Er kam jedoch bald genug wieder zu⸗ rück, und da ich ziemlich ſtille auf der Seite ſaß, war ſeine Schweſter überzeugt, ich ſei ſehr niedergeſchlagen und forderte ihn auf, mich aufzuheitern. Er lachte, ver⸗ beugte ſich und machte ſich an die Aufgabe, indem er ſich in einen bequemen Armſtuhl neben mich ſetzte. Aber ich blieb unverändert ernſt, bis er von Geſprächsgegen⸗ ſtand zu Geſprächsgegenſtand auch auf die Academie zu reden kam. Mein Vetter unterrichtete mich, daß ſie in zwei Tagen geöffnet werde. Er hoffte, ich werde Mrs. Brand begleiten. Er meinte, mein Urtheil ſei ausgezeichnet und er ſei deßhalb ſehr geſpannt, was ich zu einigen Bildern ſagen würde, die er bereits angekauft und noch andere, die er zu kaufen beabſichtige. „O, ich werde mich ſehr freuen!“ rief ich mit einem Eifer, der ihn lachen machte. Ich erröthete über den Gedanken, daß mein Grund errathen worden, und ſuchte meinen Mißgriff wieder gut zu machen: aber ich mochte machen, was ich wollte, meine Freude verrieth ſich nur zu deutlich. Ich lachte, ich ſprach, ich war wie umgewandelt. „Iſt es mir ſo gut gelungen?“ flüſterte mein Vetter. Der Geiſt der Keckheit iſt mit ſiebenzehn Jahren nicht ſo leicht unterdrückt. Ich ſah zu ihm auf und antwortete trotzig. „Beſſer, als Sie denken.“ Mr. Thornton lachte und erklärte, ich ſei das ori⸗ ginellſte und naivſte Mädchen, das er je geſehen. Es regnete den ganzen folgenden Tag, den wir zum großen Mißvergnügen„der Sclavin der Welt“ in Poplar Lodge zubrachten. Aber der nächſte Morgen 22⁵ war hell und heiter. Zu früher Stunde waren wir an der Thüre der Academie. Ich wußte, daß die Bilder von Cornelius angenommen waren; in dieſer Be⸗ ziehung hatte ich alſo nicht bange, aber dennoch pochte mein Herz, als wir die Stufen der Nationalgalerie hin⸗ aufſtiegen. Ein Blick auf den Catalog nahm mir all meine Ruhe. Als mein Vetter ihn mir in die Hand gab, legte er ein Bleiſtift⸗Futteral hinzu, und flüſterte die Bitte, die Namen der Bilder anzuſtreichen, die mir ge⸗ fielen. Ich ſah zu ihm auf und mußte lächeln bei dem Gedanken, daß er einen ſo partheiſchen Richter gewählt. Wir waren kaum in das erſte Zimmer getreten, als Mrs. Brand von der Hitze halb ohnmächtig wurde. Als ſie ſich erholt hatte, wollte ſie mit ihrer theuren Edith die Miniaturbilder betrachten. Sie wiſſe, daß wir kein Intereſſe für Miniaturbilder hätten, und bitte deßhalb, daß wir unſern eigenen Weg gehen. Sie und ihre theure Edith wollten gleichfalls ihren eigenen Weg gehen. Wir machten Einwände, aber Mrs. Brand be⸗ harrte auf ihrem Willen, ſo daß wir endlich nachgaben, und uns von ihnen trennten. Ganz in den Gedanken verſunken„ſind ſie gut aufgehängt?“ übte ich meine kritiſche Pflicht ſehr nachläßig; da ich jedoch ſo glücklich war, einige der Bilder, welche Mr. Thornton gekauft hatte, auszuzeichnen, entgieng ich der Entdeckung und erhielt mehrere warme Complimente über meinen guten Geſchmack. Er ſagte mir, wie viel er davon halte, als wir plötzlich zu den beiden italieniſchen Stücken von Cornelius kamen.„Was halten Sie von dieſen?“ fragte ich hinwerfend. „Aermlich, ſehr ärmlich,“ verſetzte er und gieng vorüber. Ich hörte ihn niedergeſchmettert und ſtumm an; all meine Hoffnungen waren durch dieſe wegwerfende Kritik zerſtört. Die Gemälde von Cornelius ärmlich! Dieſe Daiſy Burns. II. 1⁵ 226 beiden ſchönen italieniſchen Stücke, welche den leeren Raum in der Galerie ſo hübſch ausgefüllt hätten! Ich war über Mr. Thorntons ſchlechten Geſchmack erſtaunt und entrüſtet. Er mochte nun ſeine eigenen Bilder ſelbſt anſtreichen, ich wollte Nichts mehr damit zu thun haben; er war offenbar grillenhaft impertinent, inſolent, und hatte weder Herz noch Seele, denn er war unfähig, das Schöne zu würdigen. Meiner Gefühle unbewußt, ſchritt mein Vetter kritiſirend weiter. „Wonach ſehen die Leute?“ ſagte er, indem er mich nach einem Platze zog, wo ſich eine große Maſſe Men⸗ ſchen um eines der nieder hängenden Bilder verſammelt hatte. „Es wird irgend ein dummes Bild ſein,“ verſetzte ich ungeduldig.„Es ſind immer die dummen Bilder, um die ſich das Volk drängt!“ Er lächelte über die kecke Sprache und trotz meiner ſichtlichen Gleichgültigkeit bahnte er mir einen Weg durch die Maſſe der Gaffer; aber ich wandte mich weg, ich wollte nicht ſehen. Mit einem ſchlecht unterdrückten Lächeln der Verachtung lauſchte ich auf die Worte„aus⸗ gezeichnet,“„ſchön,“„ein herrliches Bild,“ welche ich rings um mich hörte. 1„Ja,“ dachte ich zornig,„ihr werdet viel davon ver⸗ eehen.“ „Ich denke wirklich, wir werden dieſes Bild uns anſtreichen,“ flüſterte mein Vetter,„was ſagen Sie?“ Ich blickte unfreundlich auf, aber Buch und Blei⸗ ſtift entfielen beinahe meinen Händen, als ich„das junge leſende Mädchen“ erkannte. „Gefällt es Ihnen?“ fragte Mr. Thornton lächelnd. O! Ja mir gefiel es, und der, deſſen Genius es geſchaffen, und deſſen Meiſterhand es gebildet; ja! und um ſeinetwillen gefielen mir ſelbſt die, welche es in dicht gedrängter Maſſe anblickten; und als hätte ich es nie zuvor geſehen, betrachtete ich mit entzückten Augen das 227 Werk von Cornelius. Es lag ettkas in der Bewunde⸗ rung, die es erregte, was mir keinen Zweifel ließ. Es war ächt und wahr. Er war endlich, nach ſieben Jahren, treuen Stre⸗ bens bekannt und berühmt; plötzlicher Ruf muß et⸗ was Aehnliches mit athemloſer Freude haben, aber er kaun nicht die Süßigkeit eines langſam erworbenen und langſam kommenden Ruhmes beſitzen. Es war mir, als könnte ich es ewig anſehen; aber die Menge drängte heftig auf uns ein und mein Vetter führte mich hinweg. „Ich ſehe, Sie wollen es nicht anſtreichen,“ ſagte er heiter, indem er mir den Catalog nahm. „Gefällt es Ihnen wirklich?“ fragte ich ſtaunend. „Ob es mir gefällt? es iſt ja ein wundervolles Bild! Die vollkommenſte Vereinigung von Realität und Idealität, die ich je geſehen habe. Iſt es nicht verkauft?“ dt. 9 erwiederte, ich glaube nicht. Er ſagte, er hoffe nicht. Es würde ihm wehe thun, darauf verzichten zu müſſen und machte Cornelius Genie die höchſten und ſchönſten Complimente. Ich hörte ihn mit klopfendem Herzen und ſchwimmenden Augen an; es war nicht mehr, als ich ſeit der Rückkehr von Cornelius aus Italien er⸗ wartet hatte, aber von ſeinem Ruhme überraſcht zu werden, erſchien mir nur um ſo glänzender und herr⸗ licher. Ich konnte an nichts Anderes denken; meine Augen ſahen, aber mein Geiſt empfing keine Eindrücke. Auf welches Bild ich auch blickte, es war immer das junge leſende Mädchen, mit der Menſchenmenge um⸗ her. Mr. Thornton glaubte, die Hitze habe mich an⸗ gegriffen, und ſchlug vor, ſeine Schweſter aufzuſuchen. Wir fanden ſie bald, mit Mrs. Langton, ſie ſahen müde und ſtumpf aus. Als wir in den Wagen ſtiegen, fragte Mrs. Brand mit der Miene des Ennui, wie mir die Bilder geſielen und wie ich mich amüſirt habe. „Mehr als amüſirt,“ verſetzte ich warm. 228 Mr. Thornton lächelte leicht und ſah in die Stra⸗ ßen; Mrs. Brand ſchloß ihre Augen und lehnte mit dem Ausdruck der Befriedigung zurück und Mrs. Langton erröthete wie eine Roſe. Ich ſah ſie alle drei an und hielt ſie für ſeltſame Leute. Am folgenden Abend mußte der Selave der Welt“ ſeinen Herrn und Meiſter empfangen und unterhalten, mit andern Worten eine Geſellſchaft geben. Ich war feſt entſchloſſen, mich nicht zu amüſiren, und mich nicht an einer Freude zu ergötzen, die ich nicht mit Cornelins theilen konnte, aber als die Zeit kam, hatte ich Alles vergeſſen. Es war meine erſte Geſellſchaft und welch eine Geſellſchaft! Die Zimmer waren außerordentlich ſchön und ſahen bei der Beleuchtung glänzend aus. Dann dieſes beſtändige Rollen der ankommenden und wegfahrenden Wagen, dieſes Durcheinanderſtrömen nobler ſchön gekleideter Leute, ihr fließend leichtes Geſpräch, ihr Grüßen und Lächeln gab dem Ganzen etwas ſo Ueppiges und Verführeriſches, daß ich mich bezaubert fühlte. Mrs. Langton, welche ausnehmend lieblich in ihrem weißen ſeidenen Kleide ausſah— ich trug mein blaues — nahm mich freundlich unter ihren Schutz. Sie war eine weltbekannte Schönheit und wenn ſie ausging, folgte ihr immer eine Maſſe Menſchen. Wir waren von Anbetern umgeben. Alle konnten nicht die Gottheit er⸗ reichen, und einige ließen ſich herab, an meinem nied⸗ rigen Altar ihren Weihrauch zu opfern. Zwei junge Engländer, roſig und ſchüchtern; ein Däne, blaß wie Hamlet, und ein Spanier wurden mir zu Theil. Wir hatten auch eine Anzahl ernſterer Männer mit Brillen, und keck militäriſch ausſehende Cavaliere mit Backen⸗ und Schnurrbart um uns her, dann und wann auch hübſche Damen, weiche Mrs. Langton zulächelten und zunickten, wenn ſie vorübergieng, während ſie an ihren ———— 2*A 229 Blumenbouquets rochen und ſich fächelten, dabei aber ſich nicht lange in ſolcher gefährlichen Nachbarſchaft verweilten. Ich unterhielt mich köſtlich; aber mein wirkliches Vergnügen begann erſt mit dem Tanzen; ich war eine leidenſchaftliche Liebhaberin davon, und fand ungemein viele angenehme Tänzer. Als ich mal zu meinem Sitze zurückkam, durch die Freude, wie durch die Anſtrengung geröthet, beugte ſich Mrs. Langton, welche ihrer Schön⸗ heit durch das Tanzen nicht ſchaden wollte, zu mir her⸗ ab und flüſterte mir zu: „Sie kleiner Schmetterling, man ſollte glauben, ſie hätten ihr ganzes Leben den Weihrauch der Welt em⸗ pfangen. Sehen ſie gegenüber,“ fügte ſie in noch leiſe⸗ rem Ton hinzu. Ich folgte der Richtung ihres Blicks und ſah in der Thüröffnung Cornelius, der mich mit ernſter Aufmerkſamkeit betrachtete. „Er iſt ſeit zwei Stunden hier,“ ſagte Mrs. Lang⸗ ton lächelnd,„und Sie haben ihn noch nicht geſehen, was ich für ſehr unfreundlich gegen mich halte; denn, da ich glaubte, Sie würden ihren Freund hier gerne ſehen, bat ich mir eine Karte von Bertha aus, nannte jedoch ihr den Namen nicht, damit Sie die Freude der Ueberraſchung hätten. Und nun muß ich Ihnen das Alles erſt auseinander ſetzen.“ Ich weiß nicht, was ich zu ihr ſagte, ich fühlte mich ſo verlegen. Ich wußte, daß ich mich ziemlich frei den Vergnügungen des Abends hingegeben und er Alles geſehen, während ich ihn nicht beachtet hatte. Ich ſah nach ihm durch die Menge, die uns trennte. Er begegnete mei⸗ nem Blick und wandte ſich plötzlich weg. Ich ſtand auf und leicht zwiſchen den Gäſten durchſchlüpfend, ſuchte ich nach ihm, aber er wußte mir zu entkommen. Ich ging von Zimmer zu Zimmer, ohne ihn erreichen zu können, end⸗ lich verlor ich ihn ganz aus dem Geſichte und gab mein nutzloſes Suchen auf. Ich hatte das letzte Zimmer er⸗ reicht, ein kleines hübſches franzöſiſches Boudoir mit aus⸗ 230 gezeichnet ſchönen Dresdner Figuren und deßhalb von Mrs. Brand„Dresden“ genannt. Es war in dieſem Augenblick ganz leer, ich ſetzte mich, traurig und nieder⸗ geſchlagen, auf ein kleines Sopha; im nächſten Augen⸗ blick trat Mr. Thornton ein, der mir die ganze Zeit über gefolgt war und mich mit der Jagd aufzog, zu der ich ihn gehetzt. Er ſetzte ſich neben mich und theilte mir mit, daß er den ganzen Abend eine Gelegenheit ge⸗ ſucht, mit mir zu ſprechen, daß ich aber ſo umringt ge⸗ weſen ſeie, daß er unmöglich habe bis zu mir durch⸗ dringen können. Ich erröthete heftig: wenn er es be⸗ merkt hätte, was würde Cornelius davon denken. „Ich wollte Ihnen ſagen,“ begann Edward Thorn⸗ ton, indem er ſich näher zu mir ſetzte,„daß ich das junge leſende Mädchen mir zu verſchaffen gewußt, es iſt mein,“ fügte er mit einem tiefen Blick aus ſeinen ſchö⸗ nen blauen Augen hinzu. „Sie haben es gekauft?“ rief ich freudig. „Und bezahlt,“ antwortete er lächelnd. „Wie ſchön!“ rief ich,„ich meine, daß Sie's gekauft,“ fügte ich hinzu, in der Befürchtung, er möchte durch dieſe raſche Bemerkung auf Cornelius Armuth anſpielen. Er lächelte wieder und ſtrich mit den magern Fingern durch ſein braunes Haar. „Wo wollen Sie es aufhängen?“ fragte ich lebhaft. „Auf dem großen leeren Ehrenplatz zwiſchen meinem Wilkie und meinem Mulready.“ Für dieſe zwei großen Künſtler fühlte Cornelius eine warme und enthuſiaſtiſche Verehrung. Ich dachte an ſeinen Stolz, wenn ich ihm dieß ſagen werde und glühte vor Entzücken, was ich nicht zu verbergen ſuchte. „Mr. Thornton!“ rief ich, während ich geröthet und freudig mich an ihn wandte,„Sie haben mich ſo glücklich gemacht, als eine gekrönte Königin.“ „Warum habe ich nicht eine Krone, um ſie Ihnen — Sg ⏑— 231 zu Füßen zu legen,“ verſetzte er ſehr galant, indem er meine Hand ſo ſanft drückte, als er ſprach. In dieſem Augenblick glaubte ich durch die Thüre, welche Edward Thornton halb offen gelaſſen, Cornelius einen Augenblick zu ſehen; im nächſten war er unter der Maſſe verſchwunden, ich entriß meinem Vetter die Hand, ſprang auf, eilte nach der Thüre, öffnete ſie weit, und ſah mich lebhaft um; aber Cornelius war fort; ich kehrte enttänſcht zu Mr. Thornton zurück, wel⸗ cher über meine plötzliche Flucht erſtaunt ſchien. „Ich hatte Mr. OReilly geſehen,“ ſagte ich ent⸗ ſchuldigend. „Mr. O'Reilly! ah wirklich.“ „Ja; und ich wollte mit ihm ſprechen. Sie wiſſen, deßhalb kam ich hieher.“ „Mein Vetter warf mir einen verdutzten Blick zu, faßte ſich plötzlich wieder und ſagte raſch: „Natürlich ja, Mr. O'Reilly, wie Sie ſagen.“ „Sie halten es gewiß für ſeltſam,“ verſetzte ich verlegen; er leugnete es mit ſcheinbar gleichgültigem Blick. Ich hielt es für mehr als ſeltſam, und meine Augen füllten ſich unwillkürlich mit Thränen. Mr. Thornton ſtand auf und zeigte ſich mitfühlend. „Meine liebe Miß Burns,“ flüſterte er, indem er mich näher an ſich zog,„ich fühle mich ſchmerzlich be⸗ troffen; aber Ihre Freundlichkeit, Ihre offene Herab⸗ laſlung macht mich dreiſt— wahrhaftig, ich bedaure ehr.“ Ich hörte ihn mit Staunen an;„wirklich,“ dachte ich,„wir täuſchen uns alle Beide,“ und bemerkte ernſt: „Mr. Thornton, waltet hier nicht ein Irrthum ob, ich ſpreche von Mr. O'Reilly.“ „So auch ich,“ antwortete er raſch. „Und ich möchte gerne ſehen, ob ich ihn nicht finden Fkann.“ „Er bot mir ſeinen Arm mit höflichem Erſtaunen 23²2 und einem Ausdruck von Zärtlichkeit und Verehrung, die mich in Verlegenheit ſetzten; aber obgleich wir alle Räume durcheilten, Cornelius war nicht zu finden. Als die Gäſte ſich nach und nach zu zerſtreuen an⸗ fingen, verlor ich alle Hoffnung, und nachdem ich meinen Vetter ſeiner Pflicht entbunden, ſetzte ich mich in ein beinahe verlaſſenes Zimmer. Mrs. Langton kam plötzlich zu mir und fragte, ob ich meinen Freund geſehen. Ich verſetzte, daß ich ihn von dem kleinen Dresdner Zimmer aus erblickt, als ich mit Mr. Thornton dort geweſen. „In dem Dresdner Zimmer,“ ſagte ſie und ſchien erſtaunk;„und Sie wagen es wirklich, ein Mädchen von achtzehn Jahren, in einem Dresdner Zimmer allein mit einem ſo luſtigen und galanten Gentleman, wie Edward Thornton, zu bleiben? Wiſſen Sie, was das heißt, meine Liebe?“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihren Stuhl dem meinigen näher rückte und noch leiſer flüſterte,„er iſt ein Taugenichts. Hörten Sie nie von ihm und Ma⸗ dame Polidori, der Sängerin— nein?— oder von Mademoiſelle Roſalie, oder von Madame—“ Ich unterbrach die Liſte, indem ich in ernſtem Tone die Hoffnung ausſprach, ſie werde ſich täuſchen. Sie verſicherte mich, das ſei nicht der Fall und wollte den Gegenſtand wieder aufgreifen; aber es war etwas, woran ich weder Vergnügen noch Intereſſe fand, und ich lauſchte ihren Worten ſo gleichgültig, daß ſie er⸗ röthete, ſich auf die Lippen biß und mich verließ. Die Gäſte waren alle weggegangen. Als ſie das letzte Adien ſagte, ſank Mrs. Brand in einen Stuhl am offenen Feuſter und ſeufzte zu ihrem Bruder empor:„Ach, Edward, wie unſer engliſcher Wordswoth ſo ſchön ſagt: „Die Welt wird uns zu viel—“ Der Reſt des Sonnettes ging vermuthlich in dem Geflüſter, welches darauf folgte, verloren. Mr. Thorn⸗ ton ſchien ihr nur wenig Aufmerkſamkeit zu ſchenken: ſein Blick haftete mit tiefer Bewunderung auf Mrs. 233 Langton, die an einem Tiſche ſtand und mit nachläſſiger Anmuth in einem Album blätterte. „Was für eine ſchöne Nacht! mit dieſem Mond und dieſem Sternenhimmel, man möchte die Welt ver⸗ geſſen, Edward.“ Edward ſah noch immer die ſchöne Edith an und ſchien eine Bewegung außerhalb des Mond⸗ und Sternen⸗ kreiſes nach ihr machen zu wollen. Aber ſeine Schweſter ſah mich an und flüſterte Etwas, er verbeugte ſich be⸗ jahend und trat zu mir; er ſchien aus irgend einem geheimnißvollen Grunde es für ſeine Pflicht zu halten, freundlich und theilnehmend gegen mich zu ſein. Ganz in Gedanken an Cornelius verſunken, ſchenkte ich ſeinen Worten wenig Aufmerkſamkeit, aber während mein Vetter, die Hand auf die Lehne meines Stuhls geſtützt, neben mir ſtand, ſah ich Mrs. Langton uns in ſtillem Zorn über ihre Schultern anblicken. Ich ſah nach ihr hin und wie ſie ſo da ſtand, in all ihrer wundervollen Schönheit, ſtaunte ich, daß die Eiferſucht ſie ſo blind machen konnte, auch nur ein Moment ein einfaches, beſcheidenes Mäd⸗ chen wie mich zu fürchten. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Obgleich ich es nicht für nöthig erachtet hatte, Mrs. Brand zu ſagen, wie bald ich nach dem Haine zurückzu⸗ kehren im Sinne hatte, nahm ſie doch am ganzen folgen⸗ den Tage ausſchließlich Beſitz von mir; aber am nächſten Morgen kam ich der Möglichkeit, dies wieder zu thun, dadurch zuvor, daß ich mich von Poplar Lodge fortſtahl, 234 ehe ſie ihre ariſtokratiſchen Augen öffnete. Ich wollte Cornelins ſehen, um ihn wegen ſeines ſeltſamen Be⸗ nehmens zur Rechenſchaft zu ziehen. Ich ging durch den Heckenweg, wo wir uns getrennt hatten. Es war ein ſehr hübſcher Weg,— grün, abgeſchloſſen und von dunklen Bäumen überſchattet, er ſah hübſch und freund⸗ lich an dieſem Maimorgen aus, der Thau glänzte auf Gras, Baum und wilder Blume, die Droſſel ſang auf den jungen Zweigen, und das Rothkehlchen ſah mich furcht⸗ los mit ſeinen hellen ſchwarzen Augen an, als ich an der grünenden Hagdornhecke gebückt ſtand. Eine ſchmerz⸗ liche Enttänſchung wartete meiner am Ende der Wan⸗ derung. Die Blenden waren heruntergelaſſen, das Haus war geſchloſſen und ſtill. Ich läutete und erhielt keine Antwort, ich ging nach der vordern Seite mit demſelben Erfolg. Eine Stunde und mehr wanderte ich zwiſchen den Hecken umher, aber ſo oft ich zurückkam, fand ich das Haus in demſelben Zuſtand. Endlich kehrte ich nach Poplar Lodge zurück. Mrs. Brand's Geſellſchaft hatte ihr ein Kopfweh zugezogen. Sie lag den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Sopha und würde es wahr⸗ ſcheinlich ſehr barbariſch gefunden haben, wenn man ſie verlaſſen hätte. Ich blieb bei ihr ſitzen, bis es dunkel wurde und Mrs. Langton zurückkam, welche mich von meiner Pflicht erlöste. Ich ging nach der Veranda hin⸗ aus, um ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen. Noch war ich nicht lange dort geweſen, als ich ein Kleid am Fen⸗ ſter rauſchen hörte. Es war die ſchöne Edith. „Fürchten Sie nicht, ſich zu erkälten?“ fragte ſie laut; dann flüſterte ſie:„Sagen Sie nein.“ Da„nein“ die Wahrheit zu ſein ſchien, erfüllte ich Mrs. Langton's Wunſch. „O dieſer alte Stachel,“ ſeufzte ſie; und fügte in leiſem raſchem Tone hinzu:„Ich bin ſehr ärgerlich. Ich hörte ſeltſame Dinge von Ihnen und Mr. Thornton. Das ganze Dresdner Zimmer.“ a 235⁵ Ich lachte. „Was plaudert ihr zwei mit einander?“ fragte die Stimme der Mrs. Brand von drinnen. „Ich erinnere nur Miß Burns an Capitän Craik,“ verſetzte Mrs. Langton kalt,„er war geſtern Abend ſehr aufmerkſam gegen ſie.“ „Wirklich, Mrs. Langton,“ ſagte ich ungeduldig, „ſie vergeſſen, daß der Edelmann, von dem Sie ſprechen, mein Vater ſein könnte, und nach Allem ein Mann von mittlerem Alter iſt.“ „Ein Mann von mittlerem Alter!“ wiederholte Mrs. Langton und ſchien verlegen. „Sie ſind ſehr ſchwer zu befriedigen, Miß Burns; ein höchſt eleganter und vollkommener Gentleman. Ein Mann von mittlerem Alter!“ „Und wenn er ein Engel wäre, ſo iſt er nichts⸗ deſtoweniger nahe an Vierzig.“. „Spricht ſie immer noch von Capitain Craik?“ ſagte Mrs. Brand, indem ſie etwas ungehalten zu uns er„Edith, fürchten Sie ſich nicht vor dem Zahn⸗ weh?“ „Nein, liebe Bertha.“ „Aber ich für Sie. Sie müſſen hereinkommen.“ Mrs. Brand ſchlang ihren Arm in den ihrer Freun⸗ din und führte ſie in die Tiefe des Wohnzimmers zurück. Aber irgend Etwas, oder irgend Jemand rief ſie weg, denn in wenigen Minuten war Mrs. Langton wieder bei mir. Sie ſtand plötzlich in meiner Nähe, ehe ich die Spur friſch geweinter Thränen verwiſchen konnte. Der Abend war hell und klar. Sie ſah mich an und agte: „Ich hätte Ihnen das erſparen können, Miß Burns. r. Thornton—“— „Wirklich, Madame,“ unterbrach ich ſie,„ich denke han Mr. Thornton; aber ich fürchte, Mr. O Reilly öſe auf mich: das iſt's.⸗ 236 Ich dachte, dies würde mich von ihrer ermüdenden Eiferſucht befreien, aber ich täuſchte mich. „Armes Kind!“ ſagte ſie theilnehmend,,„ich ſehe, Sie wiſſen nichts. Vielleicht iſt es kaum recht, Bertha zu verrathen; aber kann ich anders bei meiner Theilnahme für Sie? Kennen Sie das Stück von Shakſpere: Viel Lärm um Nichts?“ „Ja, Ma'am, ich kenne es.“ „Frinnern Sie ſich der geiſtreichen Weiſe, in welcher zwei von den Charakteren in einander verliebt gemacht worden? Benedict glaubt, Beatrice ſei ſterblich in ihn verliebt, und Beatrice glaubt daſſelbe von ihm.“ „Das war Eitelkeit, Ma'am, nicht Liebe.“ „Ja, aber Eitelkeit iſt eine mächtige Leidenſchaft, und viel Lärm um Nichts ein Stück, das noch täglich auf der Weltbühne geſpielt wird.“ Ich hörte ſie mit einiger Ungeduld an; mir war, als ob ihr Geſpräch dem Stücke gliche, von dem es handelte, ſie ſah, daß das einfache Wort allein mir ihre Meinung klar machen könnte. „Unſere theure Bertha,“ ſeufzte ſte,„hat eine eigenthümliche Leidenſchaft, Partieen zu arrangiren. Z. B. möchte ſie mich mit Capitain Craik verbinden und ſagt, er ſei wahnſinnig in mich verliebt. Mir gilt das gleich, vorausgeſetzt, daß ſie nicht das Nämliche zu ihm ſagt.“ „Ja,“ verſetzte ich erſtaunt,„das wäre zu ſchlecht.“ „Das wäre es auch; aber ich muß es befürchten, denn Capitain Craik benahm ſich geſtern Abend höchſt eigenthümlich gegen mich.“ Mir wurde unbehaglich zu Muthe. „Wiſſen Sie nun,“ fuhr Mrs. Langton fort,„ich kann mir nichts anders einbilden, als daß Bertha ſich 4 denſelben Zeitvertreib mit Ihnen und ihrem Danne aubte.“ 237 „Mit mir nicht,“ ſagte ich lebhaft;„ſie machte nicht einmal die leiſeſte Andeutung davon.“ „Sie ſind zu gleichgültig, um ſolche Winke zu merken,“ verſetzte Mrs. Langton mit einem zweifelnden Lächeln. 3 „Aber warun ſollte ſie auch an mich denken?“ fragte ich ungläubig.„Ich bin keine Schönheit,“ fügte ich hinzu,„ich habe kein Vermögen— keine Stellung. Warum ſollte ſie wünſchen, mich mit ihrem Bruder zu vermählen?“ „Um eine gute Schwägerin zu bekommen,“ ant⸗ wortete Mrs. Langton ruhig. Ich fühlte, es lag etwas darin und blieb vor Staunen ſtumm. „Und glauben Sie,“ fuhr ſie fort, indem ſie leiſe lächelte,„daß er ebenſo gleichgültig geweſen, um den Wink nicht zu verſtehen? Ja, Kind, Sie haben kaum ein Wort geäußert, das ſeiner Beſcheidenheit nicht für einen Beweis Ihrer Liebe zu ihm gedient hätte. Er⸗ innern Sie ſich, wie theilnehmend er an dem Abend der Geſellſchaft war; er dachte:„Das arme kleine Ding! ich muß freundlich gegen ſie ſein. Es iſt klar, ſie ver⸗ zehrt ſich aus Liebe zu mir.“ 3 Sie ſprach mit ſichtlicher Ueberzeugung. Ich er⸗ innerte mich der Worte und Blicke, und mir wurde heiß und bang. „O Mrs. Langton!“ rief ich verzweiflungsvoll, „was ſoll ich thun? Wie kann ich ihn enttäuſchen?“ „Verlaſſen Sie augenblicklich das Haus,“ verſetzte ſie raſch. 3 1„Wäre es nicht beſſer, noch einen Tag hier zu bleiben, um ihm meine Kälte zu zeigen?“ „Er wird es für Scheue halten.“ „Und verzweifeln, wenn ich weggehe. Nein, ich muß hier bleiben, um ihn zu enttäuſchen.“ 238 „Und ihm Zeit geben, Ihnen in ſeiner höflichen feinen Weiſe zu ſagen, wie tief er für Sie fühlt.“ „Dann kann ich ihm zeigen, daß ich ſeiner Theil⸗ nahme nicht bedarf.“ „Er wird's für Stolz oder Empfindlichkeit halten. Nehmen Sie meinen Rath an, Miß Burns, Sie ſind in einer falſchen Poſition, ziehen Sie ſich zurück.“ Sie legte ihre Hand auf meinen Arm und ſprach mit großem Nachdruck, aber die Jugend iſt ſtolz, ich ver⸗ achtete den Gedanken der Flucht. Auch hatte ich kein Vertrauen auf ihren Rath. Mit der offenen Entrüſtung meiner Jahre fühlte ich, wie ſchmählich man meine Un⸗ ſchuld und Unerfahrenheit mißbrauchte.„So, Mrs. Brand,“ dachte ich,„Sie hielten mich hier, weil ſie glaubten, ich möchte eine paſſende Schwägerin für Sie abgeben! Sehr verbunden, Mrs. Brand; Sie werden deunoch Ihre liebe Edith bekommen. Aber hinzugehen und ihrem Bruder zu ſagen oder gar weiß zu machen, ich ſei in ihn verliebt, in einen Mann, der mein Vater ſein könnte!— Und überdies, wenn es wahr wäre, wie barbariſch mich zu verrathen! Und auch Sie, Mrs. Langton,“ dachte ich, indem ich ſie anſah,„auch Sie hielten es nicht unter Ihrer Würde, mich zu hintergehen: mir von dem Manne Schlechtes zu ſagen, den Sie lieben, ſo ſehr Sie nur lieben können.— Ihn der Ver⸗ worfenheit anzuklagen! Dann ſo pikirt zu ſein, weil ich ſagte, er ſei von mittlerem Alter!— und ſo freundlich beſorgt, mich thöricht ausſehen zu machen, indem Sie wegeilen! Gehen Sie!“ Es wäre höchſt ſeltſam, wenn ich nicht auch eine Liſt erſinnen könnte, und ohne mich blos zu ſtellen, aus dieſem Spinnengewebe käme, in dem ich mich wie eine dumme Fliege verwickelte; es wäre höchſt ſeltſam, wenn ich dieſes Gewebe nicht ein wenig zerzauſen könnte, ehe ich meine Flügel ausbreite und nach der Heimath zurückkehre, welche thörichte Fliegen nie verlaſſen ſollten.“ Ich war auf's Höchſte gereizt und 239 ging in meiner Aufregung von einem Ende der Veranda nach dem andern. Ich rief meinen ganzen Witz zu Hülfe; ein Gedanke ſchlug den andern aus dem Feld; jede Sekunde wurden Pläne gemacht und verworfen, end⸗ lich hielt ich geiſtig und körperlich inne. „Ich habe es,“ dachte ich triumphirend;„ich bin nicht ſo blöde, um nicht gewiſſe Dinge zwiſchen einer ſchönen Dame und einem gewiſſen Gentleman bemerkt zu haben; ich glaubte immer, es werde mit einer Heirath endigen; nun weiß ich's gewiß. Ich werde in dieſem Glauben handeln, Etwas ſagen; gleichgültig was; er liebt meine Naivetät; ich werde ihm beweiſen, meinem theuren Vetter, daß ich Edith ſo gut als für Mrs. Edward Thornton anſehe. Mag es ihm nun gefallen oder nicht, ich werde ſeinen Aerger als einen excellenten Spaß betrachten, mich mit einem Lächeln davon machen, dann um Verzeihung bitten und ihm zeigen, daß wenn er ſelbſt die Königin von Saba heirathete, es für Daiſy Burns völlig gleichgültig wäre. Ich war des ſichern Erfolgs gewiß, und durch meinen Plan gehoben, wandte ich mich an Miß Langton und ſagte heiter: „Ich habe eine gute Idee!— nur kann ich ſie Ihnen nicht ſagen. Aber Sie werden ſehen, wie ſie wirkt.“ Sie biß ſich auf die Lippen und warf mir einen mißtrauiſchen Blick zu. „Ich habe Sie gewarnt,“ ſagte ſie;„ich warne Sie noch einmal; glauben Sie nicht, daß Sie es mit Bertha aufnehmen können. Wenn ſie ſich vornimmt, ihren Bru⸗ der zu überzeugen, daß Sie in ihn verliebt ſind, ſo halte ich es für unmöglich, daß Sie ſie daran hindern können.“ „Das wollen wir ſehen,“ verſetzte ich entrüſtet. „Ja,“ ſagte Mrs. Langton,„Sie werden dieſe Ge⸗ nugthuung haben.“ „Was ſollte ich dann mit dem Weggehen gewinnen?“ fragte ich etwas ſpitzig.„Das Beſte, was ich thun kann, 240 iſt: zu bleiben, zuzuſehen und zu erfahren, wie dieſe Sache ihren Fortgang nimmt.“ Mrs. Langton warf mir noch einen mißtrauiſchen Blick zu und ging. Ich ſah, ſie glaubte nicht an meine Offenheit; vielleicht hielt ſie es für unmöglich, Edward Thornton zu widerſtehen, und bereute ſelbſt, ſo offen ge⸗ weſen zu ſein. Ihre Gedanken beunruhigten mich nicht. Je mehr ich über meinen Plan nachdachte, deſto beſſer gefiel er mir. Ich freute mich ſchon zum Voraus auf die Art, wie mein Vetter ſeine ſchönen blanen Augen aufreißen würde. Ich war nicht böſe auf ihn; aber ich innerte mich des Dresdner Zimmers und war feſt ent⸗ ſchloſſen, er ſollte ebenſo ſehr enttäuſcht werden, als er getäuſcht worden. Ganz in dieſe Gedanken verſunken, blieb ich auf der Veranda und ſah in den ſchönen Garten und in den Park hinab. Es kam ein Beſuch, der von Mrs. Langton empfangen wurde, einen Augenblick blieb, dann ſich wieder entfernte, und noch immer ging ich nicht in das Wohnzimmer zurück, wo Mrs. Brand und ihre Freundin jetzt arbeitend, ſprechend und plaudernd beim Lampenlicht ſaßen. Endlich wandte ich kaum wiſſend, warum, ihrem Geſpräche meine Aufmerkſamkeit zu. „Ich denke, wir werden einen Sturm bekommen,“ ſagte die ſanfte Stimme von Mrs. Langton;„er wird die Luft vielleicht reinigen. Doctor Morton ſagt, das Wetter ſei ſo ungeſund, das Schleimfieber graſſire unter den Armen. Er erzählte den Fall von einem Arbeiter, der eben geſtorben ſei und eine Wittwe mit neun Kin⸗ dern hinterlaſſen habe.“ „Sehr traurig, wirklich,“ verſetzte Mrs. Brand ruhig;„aber Sie wiſſen, meine Liebe, das Schleimfieber beſchränkt ſich gewöhnlich auf die Armen— was wirklich etwas Comfortables hat.“ „Das iſt doch nicht immer der Fall,“ ſagte Edith; „es kamen erſt in jüngſter Zeit mehrere Todesfälle unter dem Handelsſtande vor.“ — 241 „Ach, die guten Leute, ſie müſſen mit den Armen theilen; aber was ich meine, iſt, daß es ſelten höher hinauf kömmt; und das iſt außerordentlich angenehm; denn was nützte es den Armen, wenn die noblen Leute ſterben würden?“ „Nichts, natürlich. Der Doctor erwähnt jedoch auch eines andern Falls,— die Sache iſt ſehr traurig,— ein hübſcher junger Mann, es war, glaubeich, ein Künſtler, aber er wußte ſeinen Namen nicht. Dieſer liegt darnie⸗ der und ſoll von den Aerzten ſchon aufgegeben ſein.“ „Wirklich,“ ſagte Mrs. Brand, das iſt ſehr ſchmerzlich.„Wiſſen Sie, wo der unglückliche junge Mann wohnt?“ Bis zu dieſem Augenblick hatte ich ihnen zugehört, wie wir einem Geſpräch lauſchen, an dem wir kein In⸗ tereſſe nehmen. Ich war jung, in der Fülle der Ge⸗ ſundheit; die Abendluft war friſch und angenehm; ich ſtand auf der kühlen Veranda über dem duftenden Gar⸗ ten und kümmerte mich nicht um die verpeſteten Woh⸗ nungen, wo die Armen ſterben und die Kranken wohnen, wo ſelbſt der reiche Mann vom Tode erfaßt wird; als jedoch Mrs. Langton von dem jungen Künſt⸗ ler ſprach, den die Aerzte aufgegeben, fühlte ich mich von einer bangen Ahnung ergriffen und als Mrs. Brand fragte, wo er wohne, machte ich mit dem Kopfe eine leichte Wendung, um die Antwort der ſchönen Edith zu vernehmen. Sie gab ſie hinwerfend. „Die Gegend wird, glaube ich, der„Hain“ ge⸗ nannt; iſt das weit entfernt?“ „Wenigſtens zwei Meilen,“ verſetzte Mrs. Brand beruhigt. Ich weiß nicht, wie ich in das Zimmer kam; aber ich weiß, daß die beiden Damen aufſchrieen, als ſie mich zum offnen Fenſter hereinſteigen ſahen. „Miß Burns, ſteht das Haus in Flammen?“ rief Mrs. Brand. Daiſy Burns. II. 16 24² „Er iſts!“ ſagte ich mit der tödtlichen Ruhe, die Mancher in ſeinem Schmerze findet:„ich weiß, er iſt's. Wir wohnen im Haine und kein anderer Künſtler iſt dort.“ „Ich weiß nicht gewiß, ob es ein Künſtler iſt,“ ſagte Edith, indem ſie aufſtand.„Ich glaube, es war ein Architekt.“ „Es gibt keinen Architekten im Haine,“ verſetzte ich, „keinen!“ „Meine Liebe,“ ſagte Mrs. Brand und ergriff be⸗ ſänftigend meine Hand,„es iſt alles Täuſchung, ver⸗ laſſen Sie ſich darauf.“ Ich ſah ſie an und ſchüttelte den Kopf. „Das Haus war verſchloſſen und ſtill, die Blenden herabgelaſſen. Ich weiß jetzt warum— damit ich nicht augeſteckt werden ſollte.“ 3 Mrs. Brand ließ plötzlich meine Hand ſinken. „Ich werde hinſchicken und fragen laſſen,“ ſagte ſie. „Beruhigen Sie ſich, meine Liebe.“ Sie ſtreckte ihre Hand aus, um zu klingeln.“ „Es iſt unnöthig,“ ſagte ich,„ich gehe ſelbſt.“ „Nein, Sie dürfen das nicht!“ rief Mrs. Brand, „bedeuken Sie die Gefahr.“ Ich lachte ihr ſchmerzlich in's Geſicht. „Die Anſteckung, meine Liebe.“ „Fürchten Sie nichts, ich werde wiederkommen, Ma'am,“ verſetzte ich und wandte mich nach der Thüre. Sie folgte mir. „Meine Liebe, Sie müſſen einen Wagen haben.“ „Ich werde auf dem Fußpfad gehen,“ ſagte ich ungeduldig. Der Wagen war ein Aufenthalt von einer Stunde, das wußt' ich. 1 „Auf dem Fußpfad, zu dieſer Stunde? das kann ich nicht geſtatten, Miß Burns.“ Ich wandte mich nach ihr um. „Aber ich will gehen,“ ſagte ich und ſtannte, wie 243 die Frau ſo blind ſein konnte, zu glauben, ihr Wille werde die Macht haben, mich zurückzuhalten. Ohne ihres verwunderten Blickes zu achten, eilte ich in mein Zimmer hinauf, nahm meinen Mantel, legte ihn um, zog die Kaputze über den Kopf und eilte die Treppe hinab nach dem Garten. Als ich unter der Veranda vorüberkam, glaubte ich die Stimme der Mrs. Brand mich zurückrufen zu hören, aber der Wind verwehte ihre Worte und ich eilte die Allee hinab. Ich hatte bald das eiſerne Gitter erreicht, nahm die Schlüſ⸗ ſel herunter, öffnete die Thüre und trat auf das offene Feld hinaus. Als ich Poplar Lodge den Rücken kehrte, warf ich noch einen letzten Blick auf das dunkle Gebäude, das ſich ſchwach von dem dunkeln Himmel abhob; nur aus dem dunkeln Wohnzimmer ſchimmerte ein Licht herüber. Kein anderes Licht beleuchtete meinen Pfad. Die Sonne war glänzend und prachtvoll untergegangen, der Abend war klar und heiter geweſen, plötzlich aber Finſterniß eingetreten; tiefe Dunkelheit bedeckte Himmel und Erde; ich hatte nie eine Sommernacht von dieſer trau⸗ rigen Finſterniß geſehen. Ich kannte den Weg gut; ich ging gerade aus, raſch und ohne Aufenthalt,— da mir keine Hinderniſſe begegneten, ich keine fürchtete,— wie Jemand, der durch einen leeren Raum geht. Einmal glaubte ich eine ſchwache Stimme hinter mir mich rufen zu hören; aber ich achtete nicht darauf, ich gab keine Antwort und ſah mich nicht um; ich ſchritt wie im Traume weiter. Durch die Größe meines Schmerzes gehoben, fühlte ich den Boden unter mir nicht; alles, was ich fühlte, war der Wind, der mit leiſem Rauſchen an mir vorüberzog und mich durch die düſtre und melancholiſche Nacht wie ein Geiſt nach ſei⸗ ner fernen Heimath zu tragen ſchien. Endlich wurde die Luft todtenſtill. Es war, als ob ich plötzlich in eine öde und ſchwüle Region getreten, in der weder Athem 244 noch Leben war. Ich hielt einen Augenblick inne; ich blickte um mich, um zu ſehen, ob ich nicht den falſchen Weg eingeſchlagen; ein Blitzſtrahl durchzuckte die Dun⸗ kelheit der Wolke; einen Augenblick ſah ich durch den offenen Raum, in welchem ich ſtand, und gewahrte vor mir zwei lange Pfade, die von einem halb verfallenen Thorweg ausgingen und in der tiefen Finſterniß ſich ver⸗ loren, von wo der Donner zu kommen ſchien, der in einem ſchwachen Echo erſtarb. Ich kannte den Ort wohl; ich hatte den rechten Pfad nicht verfehlt; ich war halbwegs. Aber als wenn der erſte Blitz nur ein Signal ge⸗ weſen, brach nun der wildeſte Sturm los. Vor ihm verſchwand die Stille und Dunkelheit der Stunde. Ein leiſes, wildes Gemurmel zog ſich am Boden hin, erhob ſich dann und verlor ſich in der weiten und wüſten Leere der Nacht; die Bäume wiegten ſich mit ihren fin⸗ ſtern Aeſten und ächzten wie grollende Geiſter. Wie das Rauſchen einer durchbrechenden Fluth ſtrömte der Regen herab; der Wind brauste immer gewaltiger; und über Allem rollte der Donner, lauter als die Stimme der Schlacht, während der dunkle Himmel, von manchem Blitze durchzuckt, ſich wie ein See von lebendigem Feuer öffnete, an dem ſich ein langes Ufer von ſchwarzgelben Wolken hinzog. Ich ſtand ſtill und blickte um mich her; nicht furcht⸗ ſam— lieben und fürchten für das, was wir lieben, er⸗ hebt uns über jede kleinliche Furcht— aber ich war geblendet von dem unaufhörlichen Blitzen und betäubt von dem wilden Wüthen des Sturmes; der ſchwere Re⸗ gen ſchlug mir in's Geſicht und blendete, der Wind er⸗ hob ſich mit aller Macht gegen mich. Ich konnte mich nicht bewegen: ich konnte weder zurückkehren, ein Ob⸗ dach zu ſuchen, noch vorwärts ſchreiten; einen Augen⸗ blick ergab ich mich willenlos dem Sturme und ließ die Elemente über meinem gebeugten Haupte wüthen. Aber 245 ein Gedanke, der ſtärker, als ihre Macht war, furcht⸗ barer, als ihr wildeſter Zorn, beherrſchte mich. Ich zog meine Kapuze tiefer herein, hüllte mich feſter in den Mantel und ging, von dem Streifregen ganz durch⸗ näßt, weiter; oft zwar mußt' ich ſteben bleiben, niemals aber ließ ich mich von dem heftigen Sturme zurücktreiben. Der Sturm war heftig und kurz. Bald ließ der Wind nach, das Blitzen wurde ſchwächer; der Donner verhallte immer mehr; der Himmel klärte ſich auf und öffnete ſeine dunklen Wolken, hinter welchen jetzt zum erſten Male der wäßrige Mond hervortrat. Er ſah mich mit blaſſem, ernſtem Geſicht an und verkündete mir Schmerz und Kummer; ſein ſchwaches Licht beleuch⸗ tete den Pfad, den ich nun betrat; zu beiden Seiten erhoben ſich dunkle Bäume, wie finſtere Rieſen; der Regen hatte aufgehört. Als ich jedoch unter den tro⸗ pfenden Bäumen hinwanderte, ſchienen ſie von einer un⸗ ſichtbaren Hand geſchüttelt, um mir mit ihren kalten Thautropfen das Geſicht zu netzen. Der Dampf der feuchten Erde ſtieg ſchwer empor; in dem Graben neben mir hörte ich das Waſſer mit leiſem gurgelndem Laute fließen und dann und wann kam ich an einem ſeichten Pfuhl vorüber, der von einem blaſſen und zitternden Mondſtrahl erleuchtet wurde. Der Sturm hatte mich nicht geſchreckt, aber jetzt ſank mir der Muth. Dieſe kalte Ruhe, nach dem Wü⸗ then des Sturms: dieſer Ton des matt fließenden Waſ⸗ ſers nach einem ſo furchtbaren Getöſe ſchien mir von Kummer, Tod und äußerſter Verzweiflung zu ſprechen. Je näher ich dem Ziel meiner Reiſe kam, deſto klein⸗ müthiger wurde mein Herz Als ich in den Weg bog, der nach dem Haine führte, ſchlug die Kirchenuhr zwölf; jeder Schlag traf mein Ohr wie ein Todtesſtreich; da begann ein Hund jämmerlich zu heulen. Mir lief es eiskalt über den Körper— ich hatte als Kind gehört, es ſei ein Zeichen des Todes. O! mit welch langſamen und ſchweren Schritten näherte ich mich dem Thore, durch das ich trotz aller Schrecken des Sturmes geeilt wäre und das mein Fuß nun zu betreten zögerte. Als ich davor ſtand, zitterten meine Glieder, ſelbſt mein Fleiſch erbebte. Mein Blut ſchien zu ſtocken, mein Herz hörte auf zu ſchlagen, kalte Schweißtropfen ſammelten ſich und ſtanden auf meiner Stirne und ein innerer Kampf, ein Kampf ohne Namen trat auf meine Lippen und ließ mich nach Athem ſchnappen, konnte ſie jedoch nicht überſchreiten. Zweimal ſtreckte ich meine Hand aus, um zu klingeln und zweimal ſank ſie wieder kraft⸗ los herab. Ich fiel auf meine Kniee, ich ſprach ein leidenſchaftliches Gebet; ich bat— um was würde das Herz nicht bitten!— um etwas Unmögliches!„Und wenn er auch ſterben muß. O Gott! Laß ihn nicht ſärben; und wenn er auch ſtürbe, laß ihn nicht todt ſein!“ Ich ſtand auf und klingelte.„Nun,“ dachte ich, „werde ich alles mit einem Male aus Kates oder Janes . Geſicht erfahren; was es auch ſein mag, Tod oder Leben!“ Ich ſtärkte mich, um ihrem Blicke zu begeg⸗ nen, als ich die Thüre ſich öffnen, dann einen Schritt über den naſſen Sand gehen hörte und einen Lichtſtreif durch die Thürritzen dringen ſah. Ich hörte aufſchließen und den Riegel zurückſchieben, dann wurde halb geöffnet und auf der Schwelle mit dem Lichte der aufgehobenen Lampe im Geſicht,— ſtand Cornelius. 247 Achtunddreißigſtes Kapitel. Ich glaube, ich könnte Jahre des Schmerzens und der Qual um die Freude dieſes Augenblicks ertragen. Mein Herz floß über, ich ſah Cornelius an, ſchlang mei⸗ nen Arm um ſeinen Hals und brach in Thränen aus. Mein Kapuze fiel zurück und mit ihr mein aufgelöstes Haar. „Daiſy!“ rief er, denn er hatte mich bis jetzt nicht erkannt. „Guter Gott!“ fügte er mit plötzlichem Schrecken hinzu,„iſt Dir irgend Etwas geſchehen?²“ „Nichts, Cornelius; aber ich bin zu glücklich— zu glücklich— das iſt Alles.“. Er trat etwas zurück, ſah meine durchnäßten Klei⸗ der und den bloßen Kopf, als er die Thüre ſchloß, und mich hereinführte. „Daiſy,“ ſagte er ängſtlich,„was bringt Dich zu ſolcher Stunde und bei ſolchem Wetter hieher?“ „Ich glaubte, Du ſeieſt krank, am Sterben, Cor⸗ nelins! Ich eilte zu Dir, wie ein wildes Ding.“ Wir ſtanden unter der Veranda. Cornelius hielt noch immer die Lampe. Ihr Licht fiel auf ſein blaſſes, bekümmertes Antlitz. Mit dem Arm, welcher frei war, zog er mich an ſich und ſah mich mit einer Miſchung von Schmerz und Zärtlichkeit an. „O Daiſy,“ rief er,„während ich drinnen ſaß, unter dem Obdach meines Hauſes, unbewußt, was draußen vorging, warſt Du der Wuth des unbarmher⸗ zigen Sturmes ausgeſetzt— und das um meinet⸗ willen?“ 248 Ich ſchüttelte das Haar aus meinem Geſichte und lächelte, während ich in das ſeine blickte. „Cornelius,“ ſagte ich,„wenn viele Meilen uns getrennt, wenn Flüſſe meinen Weg gehemmt, wenn ich baarfuß über ſcharfe Steine hätte wandern müſ⸗ ſen, ich wäre dieſe Nacht zu Dir gekommen. Ich hätte nicht fortbleiben können; ich fühle, daß mein Herz zu Dir geflogen wäre, wie ein Vogel zu ſeinem Neſte.“ „Um des Himmels willen, geh' augenblicklich in Dein Zimmer,“ ſagte er unruhig,„hier iſt Licht.“ Ich nahm es, und eilte heiter die Treppe hinauf, ich fühlte mich glücklich— neues Leben floß in meinen Adern, mit neuer Kraft pochte mein Herz. Ich dankte Gott mit allen Gefühlen meines Herzens; ſo innig, als ob das Wunder, um das ich gefleht, geſchehen wäre. Ich hatte bald meine Kleidungsſtücke gewechſelt, und ging ganz leiſe hinab, um Kate nicht aufzu⸗ wecken. Die Thüre des hintern Wohnzimmers ſtand offen, dort fand ich Cornelius bei einem neu angezündeten Feuer. Während ich leiſe die Thüre ſchloß, ſagte ich lächelnd: „Ich habe kein Geräuſch gemacht. Kate iſt nicht erwacht— wie befindet ſie ſich?“ „Sie beklagt ſich über Kopfweh. Vermuthlich die Hitze des Tags.“ „Ja,“ verſetzte ich, indem ich mich niederließ, ſeine Hand ergriff und ihn neben mich auf einen kleinen Stuhl, den ich an das Feuer gezogen hatte, ſitzen hieß. „Ja, Alles war dieſen Morgen ausgegangen, als ich vorſprechen wollte und das Haus geſchloſſen fand. O Cornelius! Wie dacht' ich mit Furcht und Schrecken daran, als ich auf dem Feldwege hierherkam.“ 249 „Auf dem Feldweg!— Du kamſt auf dem Feld⸗ weg!“ rief Cornelius und wurde blaß:„allein auf dem einſamen Weg, wo man einen Hilfeſchrei gar nicht ge⸗ hört hätte! Daiſy, wie konnteſt Du ſo Etwas wagen? wie konnten ſie es erlauben?“ „Cornelius, wer ſollte in ſolcher Nacht unter Wegs ſein und mir etwas zu Leide thun? und was das Wagen betrifft, ſo hätte ich Alles gewagt. Mrs. Brand machte Einwendungen und ſandte mir, glaub' ich, einen Diener nach; aber ich entkam ihm. Der Schrecken lieh mir Flügel.“ „Ich glaube, Du fühleſt keine Furcht?“ „Keine Furcht vor Menſchen, aber eine tief verzagte vor dem Fieber. O Cornelius! wenn ich Dich krank ge⸗ funden hätte, oder in Todesgefahr, was würde ich gethan haben; was würde aus mir geworden ſein?“ Der bloße Gedanke trieb mein durchfröſteltes Blut nach dem Herzen, ich ſchauderte und drängte mich feſter an ihn. „Sieh! Du biſt wieder ganz blaß,“ ſagte Cornelius ängſtlich. „O Daiſy! liebſt Du mich denn ſo ſehr— ſo innig?“ Ich ſah auf und lächelte über die Frage. Aber ſein Geſicht glühte und drückte eine Miſchung von Freude, Zweifel und Schmerz aus. 4 „O!“ fuhr er fort, indem er meine Hände in die ſeinen nahm, und zögernd ſprach,„was ſoll ich von dem Mädchen denken, das ihren Freund vergißt?“ „Ich wußte, Du warſt böſe und ärgerlich in der Geſellſchaft,“ unterbrach ich ihn.„Ich ſah Dich.“ „Und bei dem erſten falſchen Lärmen kehrt ſie in einer ſtürmiſchen Nacht auf einem gefährlichen Weg, furchtlos, obwohl allein zu ihm zurück.“ „Nun, Cornelius, was habe ich gethan, was nicht 250 jede gute Schweſter, Tochter und jeder Freund thun würde?“ Cornelius ließ meine Hände ſinken und ſagte plötz⸗ lich:„Friert Dich nicht?“ „An dem Feuer doch nicht. Weißt Du, Cornelius, nun bin ich hier wieder bei Dir und Kate, ich ſehe nicht ein, warum ich nach Poplar Lodge zurückgehen ſollte. Vermuthlich wirſt Du mich zu bleiben auffordern. Nun, was thuſt Du da?“ Er war aufgeſtanden und hatte ein Glas Wein ein⸗ geſchenkt, das er mir gab. „Trinke das,“ ſagte er. „Dir zu liebe, Cornelius: aber ich bedarf deſſen nicht, der Anblick Deines Geſichtes an der Thüre hat mich mehr belebt, als der Wein.“ Ich koſtete etwas, und gab ihm das Glas zurück. Er leerte es. Seine Hand zitterte fieberhaft, als ſie die meine berührte, auch ſah er ziemlich blaß aus. „Du biſt nicht wohl,“ ſagte ich unruhig. „Unwohl!“ wiederholte er heiter.„Ich fühlte mich nie ſo wohl.“ Er goß ſich ein neues Glas Wein voll, aber ich nahm es ihm weg. „Du ſollſt nicht!“ rief ich in befehlendem Ton.„O, Cornelius! ſei vorſichtig,“ fügte ich bittend hinzu. Er lachte über meine Unruhe; aber es lag etwas autiges in dem Tone dieſes Lachens, was mir nicht gefiel. „Ich ſage Dir, ich bin wohl— ganz wohl,“ fuhr er fort;„aber ich bin unruhig wegen Deiner, Daiſy. Wie wird Dich dieſe Nacht ermüden! ich wage nicht, Dich aufzufordern, nach Deinem Zimmer zu gehen, es möchte zu kalt ſein, aber willſt Du nicht hier ſchlafen?“ „Unter der Bedingung, daß wenn ich ſchlafe, Du ſelbſt hinaufgehſt, und ausruheſt.“ 251 Er verſprach es zu thun; und um ſeinen Wunſch zu erfüllen, legte ich meinen Kopf auf das Sophakiſſen. Er brachte die Lampe weg, aber vergeblich ſchloß ich meine Augen und verſuchte zu ſchlafen. Immer wieder öffneten ſie ſich, und ich ſprach in der aufgeregten Weiſe, die die Folge übermäßiger Anſtrengung iſt. „Cornelius,“ ſagte ich,„ich bin jetzt feſt entſchloſſen, hier zu bleiben. Ich würde mich zu unglücklich fühlen, auch nur einen Tag entfernt zu ſein.“ „Ich müßte immer an das Fieber denken.“ „Schlafe,“ war ſeine einzige Antwort. Ich verſuchte es; aber einen Augenblick ſpäter ſprach ich wieder. „Und die Akademie!“ ſagte ich,„und das junge leſende Mädchen. Sind die andern Bilder verkauft?“ Ich erhob mich halb auf den Ellenbogen um Cor⸗ nelius anzuſehen, der hinter mir ſaß. Ohne zu antworten, hieß er mich wieder niederliegen und legte ſeine Hand auf meine Augen und Stirn. Er beſaß vielleicht etwas mesmeriſche Kraft, denn unbewußt ſchlief ich ein; aber mein Schlummer war nicht tief. Ich bemerkte eine Ver⸗ änderung, ohne jedoch ſagen zu können, was es war, ich fühlte nur, daß ſich Jemand über mich herabbeugte und einen langen innigen Kuß auf meine Stirne drückte. „Es iſt Cornelius, der die Treppe hinaufgeht,“ dachte ich in meinem Schlaf, ohne jedoch zu erwachen. Meine nächſte Erinnerung iſt, daß ich mit plötzlichem Schrecken aufſah und Kate mir gegenüber erblickte, welche am Tiſche ſaß und bitterlich weinte: ich ſah nach Cornelius, aber er war nicht da. „Kate!“ rief ich und erſchrak in tiefſter Seele,„w iſt er? Was iſt geſchehen?“— Sie ſchüttelte den Kopf und antwortete nicht. Ich ſchritt durch das Zimmer und öffnete die Thüre des vorderen Wohnzimmers; es war leer und in Unord⸗ 2⁵52 nung; ich eilte nach der Hauptthüre, öffnete ſie, und ſah durch die monderhellten Straßen. „Cornelius!“ rief ich,„Cornelius!“ Ich hielt inne und lauſchte; alles, was ich hörte, war das Rollen eines Wagens, der in der Ferne fuhr. Meine Stimme erſtarb in gebrochenen Accenten auf meinen Lippen, meine Arme fielen kraftlos und todt an mir herab. Er war fort! fort, ohne ein Wort der Erklärung oder des Abſchieds; aus dieſem einen Umſtand erkannte ich, daß es eine ferne Reiſe und eine lange Abweſenheit galt und doch wollte ich keines von beidem glauben. Ich trat wieder in das Zimmer, wo Kate noch immer in derſelben Stellung ſaß und ging auf ſie zu. „So iſt er alſo nach Yorkſhire, um Mr. Smalley zu beſuchen,“ ſagte ich bewegt.„Er iſt nach Spanien gegangen,“ antwortete ſie kurz. Mir brach das Herz. „Nach Spanien! vermuthlich für einige Monate?“ „Für Jahre!“ „Ich glaube es nicht!“ rief ich in banger Furcht; „er könnte und würde ſo etwas nicht thun. Du willſt mir bange machen, Kate, aber ich glaube Dir nicht; nein, ich glaube es nicht.“ „Du glaubſt es; in Deinem Innern glaubſt Du es; Du biſt davon überzeugt.“ Ich war es auch; denn ich ließ meiner Liebe und meinem Kummer freien Lauf, und ſprach mit Kate, wie ich nie zuvor mit ihr geſprochen. 3 „Fort! fort nach Spanien, und für Jahre! Kate! wie magſt Du ihn gehen laſſen und es mir nicht ſagen?“ Sie ſah zu mir auf, ihre Augen blitzten durch ihre Thränen. „Und wie wagſt Du es, ſo zu mir zu ſprechen, thörichtes Kind? Steht Cornelius Dir ſo nahe als mir, haſt Du ihn erzogen, ihm Deine Jugend geopfert, und . 258 biſt jetzt auf die Seite geworfen und verlaſſen, wie ich es heute bin?“ „Er hat mich erzogen,“ rief ich und weinte leiden⸗ ſchaftlich.„Mache mit Allem, was Du ihm geopfert, Anſpruch auf ihn, mein Anſpruch iſt das Alles, was er mir geweſen! O! Kate, warum ging er?“ „Welches Recht haſt Du daranf, es zu wiſſen?“ fragte ſie mit einer eiferſüchtigen Bitterkeit, die mich zur Verzweiflung brachte. „Jedes Recht,“ verſetzte ich entrüſtet.„Was habe ich gethan, um ſo behandelt zu werden?“ „Was Du gethan? Du haſt das gethan, daß ich glaube, es iſt ihm nichts ſo theuer, als Du, denn ſeine letzte Bitte war, ſtatt daß ich ihn begleite, ich ſolle bei Dir bleiben, und Dein Erwachen erwarten; ſein letzter Kuß war der, den er Dir gab, während Du ſchliefſt. Wenn Du mehr wiſſen willſt, hier iſt ein Brief für Dich. Frage mich nichts weiter; ich würde nicht antworten. Ich habe Dir nichts mehr zu ſagen, und habe genug an meinem eigenen Schmerz.“ Sie gab mir ein gefaltetes Papier. Ich öffnete es und las:—„Vergib mir, Daiſy, wenn ich Dich auf dieſe Weiſe verlaſſe; aber Trennung iſt bitter. Ich wünſche Dir einen Schmerz und mir eine ſchwere, aber nutzloſe Prüfung zu erſparen. Ich hatte verſprochen, Dich und Kate nicht mehr zu verlaſſen, aber Du mußt bemerkt haben, wie unruhig ich in letzterer Zeit war; ja, in meinem Blute glüht ein wildes Fieber, das nur die Freiheit und ein Wanderleben ſtillen kann. Lebe wohl, Daiſy. Gott ſegne Dich! Mögeſt Du glücklich ſein, ja, glücklich, wie es nur Dein Herz wünſchen kann.“ Kate hätte mein Schweigen nicht zu fordern brauchen. Ich legte ihres Bruders Brief ohne ein Wort nieder; ich hätte nicht eine Silbe ſprechen können; ich war ver⸗ wundet, in tiefſter Seele verwundet. Cornelius hatte 254 mich grauſam verlaſſen; er hatte dem Mädchen gethan, was das Mitleid ihm verboten hätte, dem Kinde zu thun; er hatte mich in meinem Schlafe verlaſſen, ohne ein Wort des Abſchieds. Ich fühlte den Schlag und die Bitterkeit der ſo plötzlichen Trennung, und bitterer noch dieſes heimliche Verlaſſen. Wie konnte ich nach dieſem Vorgang denken, daß Cornelius etwas an mir liege; er hatte mich geliebt, ſich mit mir amüſirt, aber ich war ihm nie der leben⸗ dige Theil des Herzeus geweſen, den wir Freund nennen. Ich konnte ſeine Abweſenheit ertragen, aber daß ihm Nichts an mir lag, daß er die ganze Zeit mit mir ge⸗ tändelt, das konnte ich nicht ertragen. Ich ſchritt in dem Zimmer auf und ab und gebot vergeblich meinen Thränen und Seufzern Einhalt. Als ich an dem Tiſch vorüberging, zog ein gefaltetes Papier meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich; ich ergriff es mit der unbeſtimmten Hoffnung, die ſich an Alles hängt. In dieſem Falle hatte ich mich nicht getäuſcht. „O, Kate!“ rief ich, indem ich meine Arme mit einem Entzücken und mit einer Freude um ihren Hals ſchlang, die zu groß waren, um mich nicht die bitteren Worte vergeſſen zu laſſen, die zwiſchen uns gefallen waren. „Nun, was iſts?“ fragte ſie erſtaunt. „Er wird zurückkommen; er wird zurückkommen; er hat ſeinen Paß vergeſſen. O! ich bin ſo froh! ſo glück⸗ lich; er kann nicht ohne ihn reiſen. Nun ſoll er nach Spanien gehen.“ Ich lachte und ſchrie vor Freude, ſie ſeufzte. „Und wenn er zurückkommt,“ ſagte ſie,„ſo wird es nur geſchehen, um wieder fortzugehen.“ „Wir wollen das ſehen,“ verſetzte ich ungehalten. „Ich werde ihn nicht fortlaſſen, Kate, er hat mich in letzterer Zeit daran gewöhnt, daß mein Wille geſchieht, und diesmal will ich ihn haben.“ 255 Sie ſchüttelte ungläubig ihren Kopf; aber ich war zu voll Vertrauen, und achtete ihrer nicht; ein leiſes Geräuſch auf der Straße unten hatte meine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich gezogen. „Da iſt er!“ rief ich heiter; und mit klopfendem Herzen eilte ich nach der Straßenthüre. Ich öffuete ſie ſehr leiſe und lauſchte. Das Geräuſch war verſchwunden und einen Augenblick lang hörte ich nur Kates Stimme, welche in mein Ohr flüſterte:„Daiſy, wenn Du ihn dies⸗ mal gehen läßt, werde ich Dir nicht vergeben; denke nicht an das, was ich ſagte, halte ihn zurück, Du kannſt, wenn Du willſt.“ Ich hatte nicht Zeit, an ihre Worte zu denken, oder ſie um ihre Meinung zu fragen; ein raſcher und wohl⸗ bekannter Schritt kam den Hain herauf— die Garten⸗ thüre öffnete ſich, keine Glocke klang, aber eine Hand tappte an den Fenſterläden des Wohnzimmers. Ich öff⸗ nete die Thüre, und Cornelius, denn er war es, kam zu mir herein. „Ich habe meinen Paß vergeſſen,“ ſagte er leiſe, ger iſt auf dem Tiſch im hintern Wohnzimmer. Schläft ſie noch?“. Ehe ich antworten konnte, trat der Mond, der bis⸗ her hinter einer dunkeln Wolke verborgen geweſen, hell⸗ und ungetrübt hervor; ſein Licht fiel auf mein Geſicht, ich Vſah ihn erſchrecken. „Willſt Du nicht hereinkommen, Cornelius?“ ſagte ich ruhig; aber er ſtand an der Thüre ſeines eigenen Hauſes ſtumm und bewegungslos, wie eine Statue. „Wohlan denn, fuhr ich fort,„ſo muß ich zu Dir hinauskommen, vielleicht wirſt Du mir, ehe Du den Ocean durchſchiffſt, auf der Schwelle Deines Hauſes das nicht verſagen, was Du mir drinnen uicht geben wollteſt — den Kuß eines letzten Lebewohls— eine letzte Um⸗ armung.“ Ich trat zu ihm hinaus, während ich ſprach; aber 25⁵6 er hieß mich wieder in das Haus gehen und folgte mir hinein. „Daiſy,“ ſagte er mit einem Seufzer,„ich wollte Dich verlaſſen, während Du fort warſt, da brachte Dich das Schickſal heim; ich ſtahl mich fort, während Du ſchliefſt, und ich war gezwungen, zurückzukehren und Dich wach zu finden. Ich gedachte uns beiden einen Schmerz zu erſparen. Ich kann nicht, ſei es ſo; Du ſollſt Dei⸗ nen Wunſch haben!“ Seine Stimme ſagte klar:„Deinen Wunſch und nicht mehr.“ „Gut,“ verſetzte ich ruhig;„denn obwohl ich ent⸗ ſchloſſen war, ihn nicht gehen zu laſſen, wollte ich ihn nicht ſogleich damit überraſchen. Wir traten zuſammen in das hintere Wohnzimmer; Kate hatte es verlaſſen, aber die Lampe brannte noch auf dem Tiſche. Cornelius ſetzte ſich neben ſie, ſein Geſicht war blaß, aber voll Entſchloſſenheit. Ich ſah, er war auf ſeiner Huth und gerüſtet, bis aufs Aeußerſte Widerſtand zu leiſten. Ich war entſchloſſen zu beharren und zu ſiegen. O! tägliches Leben, das Du zahm ge⸗ nannt wirſt und als einförmig verſchrieen biſt, wie kommt es, daß Du für mich immer ſo voll ſeltſamer aufregender Dramen geweſen? Ich ſetzte mich neben Cornelius, ich ſchlang meinen Arm in den ſeinen, ſah zu ihm auf und ſagte:„Als ich vor wenigen Stunden ſo glücklich war, Dich geſund zu ſehen, Cornelius, wußte ich nicht, daß ich den letzten Blick für lange Zeit auf Dich geworfen.“ Er antwortete nicht; ich fuhr fort:„O, wenn ich ge⸗ wußt hätte, daß wir ſcheiden ſollten, wie ganz anders hätte ich den Abend verlebt! ich würde nicht ſo thöricht ihn verplaudert, ſondern ſo manche Frage an Dich ge⸗ richtet— ſo Manches abgemacht haben, während mir jetzt nur wenige Minuten vergönnt ſind, und an Nichts denken kann, als daß Du fort gehſt, Cornelius.“ 2⁵57 Er ſchien zu zaudern, aber nur einen Augenblick; wenn ſeine Lippe auch zitterte, zeugte ſein unbeweglicher Blick von einem unabänderlichen Beſchluß. „Du hatteſt, ſcheint es,“ fuhr ich fort,„mir nichts zu ſagen, Cornelius, ſonſt hätteſt Du nicht wünſchen können, ſo wegzugehen?“ Er zog ſeine Uhr heraus und ſagte kurz:„Ich muß bald gehen, Daiſy.“ „Kate ſagt, Du wolleſt Jahre lang wegbleiben— iſt das wahr?“ Sein Schweigen war ſo viel wie eine Bejahung. „Wohlan denn, ſo gib mir das Lebewohl auf Jahre,“ ſagte ich, ſchlang meinen Arm um ſeinen Nacken und zwang ſein Geſicht zu mir herabzuſehen. Er ſchien etwas verlegen und wollte ſeinen Kopf erheben. Ich hielt ihn zurück. „Etwas länger noch,“ bat ich;„ich dachte an Ei⸗ niges, um was ich fragen wollte.“ „Bitte, mache raſch, Daiſy.“ „Warum gehſt Du nach Spanien?“ „Zur Abwechslung.“ „Biſt Du unſerer müde?“ „Ich bin des ruhigen Lebens müde.“ „So gehe nach Frankreich, Cornelius.“ „Warum?“ „Es iſt näher.“ „Daiſy, ich muß wirklich jetzt gehen.“ „Nur noch einen Augenblick; ich habe Dich etwas zu fragen.“ „Was iſt es?“ „Ich habe es vergeſſen; aber gib mir Zeit, mich zu beſinnen.“ Ich legte meinen Kopf an ſeine Schulter, während ich ſprach. „Daiſy,“ fragte er,„was haſt Du zu ſagen?“ Daiſy Burns. II. 3 17 2⁵8 Ich weinte, ohne zu antworten, ſah jedoch ſeinen Blick vergebens nach etwas auf dem Tiſche ſuchen.“ „Ich habe es,“ ſagte ich laut,„ich habe es, und ich werde es Dir nicht geben, Cornelius, denn Du kannſt nicht und darfſt nicht von uns gehen.“ „Ich weiß es,“ rief er reſignirt, ich wußte es, daß es ſo kommen würde, und doch,“ fügte er hinzu, indem er mich ſinnend anſah,„nützt es nichts, Daiſy; ich muß gehen und werde auch gehen.“ „Nein, Cornelius, Du wirſt nicht; Du kannſt das Herz nicht haben, es zu thun. Und dann, warum auch gehen?“ „Zur Abwechslung.“ „Abwechslung! was iſt Abwechslung? Wenn ich ein Künſtler wäre, würde ich mir Abwechslung genug in meiner Phantaſie machen, um dem täglichen Leben einen Reiz zu verleihen; und während ich Bilder malte, würde ich mich nicht eine Stecknadel um Spanien oder Italien kümmern. Wäre ich ein ehrgeiziger Geiſt, würde ich nicht in einem Augenblicke gehen, wo mein Ruhm beginnt und ſich mir große Ausſichten eröffnen. Wäre ich ein Bruder und hätte eine gute Schweſter, die mich innig liebte, ſo würde ich ſie nicht verlaſſen. Wäre ich ein edler Mann und hätte eine arme kleine Waiſe adoptirt, erzogen, ver⸗ wöhnt, ſie zu meiner Freundin gemacht und ihr ver⸗ ſprochen, ſie nicht zu verlaſſen, ſo würde ich ihr Herz nicht brechen, indem ich wegginge; und wenn ſie zu mir ſagte: bleibe, Cornelius! würde ich ihr einen Kuß geben und ſagen: ja, mein Kind, ich bleibe!“ Aber vergebens, ich ſah in ſein Geſicht; er küßte mich nicht, er nannte mich nicht ſeinen Liebling; ſeine Lippen öffneten ſich nicht, um zu ſagen, ja, ich bleibe! Sein Kopf war auf ſeine Bruſt herabgeſunken; ſeine Arme waren gefaltet, ſein niedergeſchlagener Blick ſuchte den meinen. Ich verließ meinen Platz neben ihm, um mich zu ſeinen Füßen niederzulaſſen und ihn beſſer zu 259 ſehen. Ich las Kummer in ſeinem Geſichte, großen Kummer, aber keine Veränderung ſeines Entſchluſſes. Ich nahm eine ſeiner Hände in die meinen und ſah ihn durch meine Thränen an: „Cornelius,“ ſagte ich,„biſt Du noch immer ent⸗ ſchloſſen, zu gehen?“ Er antwortete nicht. „Biſt Du noch immer entſchloſſen?“ fragte ich und legte mein Hand auf ſein Knie. Er blieb ſtill. „Biſt Du noch immer entſchloſſen?“ beharrte ich, indem ich aufſtand, während ich ſprach und meine Lippen auf ſeine Wangen drückte. Er bewegte ſich nicht, er ant⸗ wortete nicht. Das Blut ſtrömte mir mit leidenſchaft⸗ licher Gewalt zum Herzen, ich trat etwas zurück und ließ ſeine Hand ſinken; ich ſchritt mit verwundetem und entrüſtetem Stolz von ihm weg.“ „So geh denn!“ rief ich in Thränen des Zorns gebadet,„geh, hier iſt Dein Paß; nimm ihn und nimm mit ihm zurück Dein gebrochenes Gelöbniß und Deine verrathene Freundſchaft.“ „Verrathen!“ wiederholte er und ſah auf. „Ja, verrathen; ich nehme das Wort nicht zurück. Mangel an Vertrauen iſt Verrath in der Freundſchaft, und Du hatteſt kein Vertrauen zu mir. Warum mußteſt Du mich hier, wo ich Dir als Kind gehorchte, und wo ich Dir mein ganzes Leben gehorcht haben würde, warum mußteſt Du mich aus eigenem Antrieb auf eine Höhe mit Dir ſtellen, die mein Ruhm und mein Stolz waren, wenn Du die Abſicht hatteſt, mich wie ein Kind zu be⸗ handeln, das man damit beſtraft, daß man es von ſich entfernt? Du gabſt mir einen leeren Namenz ich will die Wirklichkeit haben oder nichts, Cornelius.“ Ich wandte mich von ihm weg, als ich ſprach; er ſtand auf und folgte mir. „Daiſy,“ ſagte er,„was weinſt Du?“ 260 Ich ſah ihn über meine Schultern an und verſetzte vorwurfsvoll: „Ich meine, Du kümmerſt Dich nicht um mich.“ „Ich kümmere mich nicht um Dich!“ „Nein, Du haſt Geheimniſſe vor mir, William hatte nie Geheimniſſe: er liebte mich mehr als Du, Cornelius.“ Ein Ausdruck ſo tiefen Schmerzes flog über ſein Geſicht, daß ich augenblicklich mein Wort bereute. „Du kannſt das nicht glauben?“ verſetzte er end⸗ lich;„Du würdeſt es nicht ſagen, wenn Du nicht ſehr aufgebracht über mich wäreſt, Daiſy, und doch, Du weißt, oh! Du weißt nur zu gut, daß ich Deinen Zorn nicht ertragen kann.“ Du kannſt ihn nicht ertragen, Cornelius?“ ant⸗ wortete ich und wandte mein Geſicht nach ihm um.„Dann gehe nicht; denn wenn Du das thuſt, werde ich nicht ſo zornig werden,— wahrhaftig, Du haſt keine Idee davon!“ „Nein, ſo lange Du ſo ohne Zorn ſprichſt und mich anſiehſt. O Daiſy! Was iſt leichter, im Zorn oder im Frieden von Dir zu ſcheiden?“ „Warum überhaupt ſcheiden? warum gehen?“ ver⸗ ſetzte ich, ſchlang meinen Arm in den ſeinigen, und ſah in ſein herabgebeugtes Geſicht, in welchem ich Zei⸗ chen des Nachgebens zu erblicken glaubte. „Warum bleiben?“ „Weil ich es wünſche,“ ſagte ich und hieß ihn nie⸗ derſitzen. „Iſt das ein Grund?“ „Der beſte von allen,— denn er wird Dich ver⸗ anlaſſen, zu bleiben.“ Er ſagte nicht Ja; aber er ſagte auch nicht Nein. „Bleiben! bleiben ⸗ wiederholte er mit einem un⸗ geduldigen Seufzer.„Weßhalb? Du bedarfſt meiner nicht. 4 261 „Doch,“ verſetzte ich triumphirend,„ich bedarf Dei⸗ ner ſehr, ſehr, gerade in dieſem Augenblick.“ „Wozu?“ „Um mir wegen Mr. Thornton zu ratben.“ „Ha! was iſt mit ihm?“ rief Cornelius mit einem plötzlichen Erſtaunen. „Nichts,“ verſetzte ich, beſorgt, ſchon ſo weit ge⸗ gangen zu ſein. Er warf mir einen Blick zu, unter dem ich mich erröthen fühlte. „Auch Er!“ rief er, biß ſich in die Lippen und faltete ſeine Arme mit dem Ausdrucke des Erſtaunens, „auch Er! Und ich wollte gehen, wirklich gehen, Dich wirklich in ſeinen Händen zurücklaſſen.“ Er lachte entrüſtet und ſtand auf; ich hielt ihn feſt am Arme zurück. „O, ich gehe nicht,“ rief er ungeſtüm, indem er ſeinen Hut wegwarf, während er ſprach:„halte mich jetzt zurück. Nein, Daiſy!“ fügte er hinzu, indem er ſeinen Platz neben mir wieder einnahm, ſeine Hand auf meinen Arm legte und einen feſten, entſchloſſenen Blick auf mich warf,„wenn ich auch ſo thöricht war, ihm das Bild zu überlaſſen, ſo ſoll es ihm doch nicht ſo leicht werden, das Original zu bekommen.“ „O Cornelius!“ rief ich und wollte vor Verdruß und Scham weinen,„das iſt nicht Alles, was ich meine.“ „Noch ein Anderer,“ fuhr er mit ſchlecht unter⸗ drückter Gereiztheit fort,„es iſt ſeltſam, daß Jung und Alt, Kinder an Erfahrung, oder der Welt und des Lebens Müde Dein begehren.“ „Cornelius, wie kannſt Du ſo ſprechen, Mr. Thorn⸗ ton liebt Mrs. Langton.“ „Mrs. Langton!“ „Ja, Mrs. Langton, die große Schönheit.“ „Um ſo beſſer,“ verſetzte er mit zornigem und un⸗ 262 Känbüſchemn Lachen,„denn er ſoll Dich nicht haben, aiſy.“ „Er will mich nicht,“ ſagte ich ärgerlich;„aber wenn er mich auch wollte, die Zeit wäre verloren, denn ich weiß, daß ich ihn nicht lieben würde.“ Du liebſt ihn nicht!“ ſagte Cornelius etwas be⸗ ruhigt. „Als Vetter wohl, doch nie auf andere Weiſe.“ „Und Du willſt ihn nicht nehmen, Daiſy?“ Er ſprach mit bangem Zweifel und ängſtlichem Ausdruck. „Ich ſage Dir, daß ich gar nicht zu wählen habe,“ verſetzte ich ungeduldig„O Cornelius! willſt Du denn den Gedanken nicht aufgeben, daß Jedermann in mich verliebt iſt?“ Ich mußte lachen, als ich dies ſagte. „Ja, lache nur,“ ſagte er vorwurfsvoll,„lache nur, weil ich wie der arme Mann in der Parabel, die der Prophet von dem ſündigen König erzählt, nur ein klei⸗ nes Lämmchen beſitze, ich zog es auf, es aß von meiner Speiſe, trank aus meinem Becher, lag an meiner Bruſt und war mir wie eine Tochter.“ Lache nur, weil ich fürchte, die Frechheit des reichen Mannes möchte mich ſeiner berauben!“ „Nein, Cornelius, ich werde nicht mehr lachen; aber Du brauchſt das Alles auch nicht zu fürchten. Mir liegt nichts an Mr. Thornton, nichts an irgend Einem ſeines Geſchlechts, und wenn ich das ſage,“ fügte ich hinzu und erröthete,„ſo weißt Du, was ich damit meine.“ „Nur zu gut!“ verſetzte er in leiſem, traurigem Tone,„lebe wohl, Daiſy, Gott ſegne Dich!“ Ich blieb bewegungslos vor Staunen und Sch Er ſtand auf; Kate trat in das Zimmer. 3 O Kate!“ rief ich verzweiflungsvoll,„nachdem er 263 mir verſprochen, zu bleiben, geht er doch. Sprich mit ihm, bitte, ſprich mit ihm!“ „Sie ſchüttelte ihren Kopf und ſtand etwas auf der Seite, indem ſie mit ruhiger Aufmerkſamkeit zuhörte. Ich ſtellte mich ſchweigend vor ihren Bruder, aber er ſah traurig und entſchloſſen aus. „Du kannſt nicht das Herz haben, es zu thun!“ rief ich, während mir die Thränen über das Geſicht floßen;„Du kannſt nicht!“ „Daiſy,“ verſetzte er in einem Ton, in welchen ſich Schmerz und Vorwurf miſchten,„wozu ſoll das Alles nützen? wenn ich könnte, würde ich bleiben; aber ob⸗ gleich ich Dich ſo ſehr liebe, daß jede vergoſſene Thräne mir wie ein Tropfen von dem Lebensblut meines Herzens erſcheint, ſo glaube mir, wenn ich erkläre, daß wenn Du mich auf den Knieen bitten würdeſt, zu bleiben, ich den⸗ noch Nein ſagen müßte.“ „Dann werde ich's verſuchen!“ rief ich verzweif⸗ lungsvoll aus; aber ehe ich auf meine Kniee niederſank, hatte er meine beiden Hände ergriffen und zwang mich, auf den Füßen zu bleiben. Alle Hoffnung ſchwand mir.“ „Horaelude ſagte ich weinend,„willſt Du bleiben?“ „Nein!“ „Cornelius!“ rief ich noch eindringlicher,„willſt Du bleiben?“ Diesmal antwortete er nicht, aber ſein halb abge⸗ wandtes Geſicht zeigte mir ein ſtrenges, entſchloſſenes und unerbittliches Profil. „Du kannſt mich nicht müde machen,“ ſagte ich wie⸗ der.„Willſt Du bleiben?“ Er wandte ſich zornig nach mir um. „O, blindes Kind— armes blindes Kind!“ rief er, und ſeine weißen Lippen zitterten.„Du willſt, daß ich bleibe— daß ich bleibe.“ „Ja, Cornelius, ich bitte noch einmal darum!“ Alle Geduld ſchien ihm zu verſagen. Seine Augen 264 leuchteten, ſeine Züge itterten; er nahm meine Hände mit zorniger Gewalk und halb unbewußt in die ſeinen. „Komm,“ ſagte er, indem er ſich zu faſſen ſuchte, „mache nicht, daß ich ſage, was ich bereuen müßte. Laß uns ſcheiden, wie die Sachen ſtehen— beharre nicht darauf,— fordere mich nicht heraus, Ehre und Wahrheit zu vergeſſen.“ Ich konnte ſehen daß Cornelius bös über mich war, daß meine Hartnäckigkeit ihn heftig reizte; aber ſein Zorn war der Zorn der Liebe; er konnte mich nicht ſchrecken. Ich fühlte und fand ſogar ein gefährliches Vergnügen daran, das mich lächeln machte, als ich antwortete: „Aber ich beharre darauf, Cornelius.“ Seine Lippen theilten ſich wie zu einer heftigen Antwort; dann biß er mit zorniger Gewalt darauf, und faltete ſeine Stirne wie Jemand, der einen innern Kampf in ſich niederdämpft. Kate ging ruhig auf uns zu. „Der Knoten, der nicht gelöſt werden kann, muß zerhauen werden,“ ſagte ſie.„Er wird bleiben, Daiſy, wenn Du ſein Weib werden willſt.“ Dieſe Worte drangen mir wie ein zitternder Pfeil durch's Herz. Cornelius ſah ſeine Schweſter beſtürzt an, ſie aber lächelte; dann wandte er ſich an mich, erröthet und glühend. Wie ich ſo vor ihm da ſtand, meine Hände noch in den ſeinen, während ſein Geſicht über mich herabgebeugt war, drang ein von Leidenſchaft, Vorwurf, Liebe, Zorn und Zärtlichkeit überfließender Blick mit ei⸗ nem Ausdruck, der mich überwältigte, in mein Herz und doch von der ſeltſamen und wunderbaren Geſchichte, die mir plötzlich enthüllt wurde, zauberhaft gefeſſelt, konnte ich nicht aufhören, ihr zu lauſchen. Kate hatte nicht ge⸗ ſprochen,— ſie ſprach noch immer in Worten, deren Echo nicht verklang. Selbſt zu ſprechen, weg zu ſehen, in das tägliche Leben zurückzukehren, über welchem dieſer Moment iſolirt ſtand, das lag Alles nicht in meiner Macht. 265 Ich fühlte mich durch dieſe unſterbliche Gegenwart von der Zeit geſchieden. „O Daiſy!“ rief Cornelius lebhaft,„wie Du zö⸗ gerſt!„Nein“ hätte plötzlich geſagt werden können;„ja,“ braucht nicht ſo lange auf ſich warten zu laſſen. Sprich — antworte. Soll ich gehen oder bleiben?“ Er ſprach mit der fieberhaften Ungeduld, die keinen Aufſchub ertragen kann. „Bleibe!“ rief ich laut, ich wußte nicht wie und wa⸗ rum, aber bei dieſen Worten ſchwindelte mir der Kopf, meine Glieder verſagten mir ihren Dienſt; es ſtand ein Stuhl neben mir, ich ſank darauf. Cornelius wurde todtenblaß, ließ meine Hände ſinken, und ging fort, ohne ein Wort. Kate trat zu mir. „Daiſy,“ ſagte ſie, indem ſie meine Hand ergriff, „biſt Du ohnmächtig? nimm dieß,“ fügte ſie hinzu, in⸗ dem ſie mir das Glas mit Wein darbot, das ihr Bruder plötzlich eingegoſſen. „Nein,“ verſetzte ich,„Waſſer.“ Sie gab mir welches. Ich trank davon, aber es beruhigte das Fieber nicht, das ſie für eine Ohnmacht nahm. Ich hielt meine Stirne zwiſchen meinen Händen, um meine Gedanken zuſammen zu faſſen; aber mein gan⸗ zes Weſen— mein Geiſt— meine Sinne— mein Körper— meine Seele und Herz waren in Tumult und Aufruhr. Ich konnte hören, ſehen, fühlen,— aber ich wußte Nichts von der inneren Welt, deren Herrin ich mich nannte. Ich ſtand auf, erſchrocken über den plötz⸗ lichen Sturm, der über meinen langen Frieden herein⸗ gebrochen war. „Daiſy, blicke nicht ſo wild,“ ſagte Kate; und indem ſie mich in ihre Arme nahm, wollte ſie mich wieder nie⸗ derſitzen machen, aber ich riß mich von ihr los. Ich ſtreifte an ihrem Bruder vorüber, ohne ihm einen Blick zuzuwerfen, eilte auf mein Zimmer und ſchloß mich wie eine Verfolgte ein. 266 Neununddreißigſtes Kapitel. Ein leichter grauer Streif drang im Oſten durch die tiefen und ſchweren Wolken der Nacht. Ich trat an das Fenſter, öffnete es, kniete daran nieder, blickte nach dem immer noch dunkeln Himmel, und überließ mich der ſanf⸗ ten Strömung, die mich hinweg trug. Es liegt eine Gewalt in heftigen Aufregungen, die ſelbſt den Stärkſten unterjocht hat; ein gefährlicher Reiz, dem ſelbſt der Weiſeſte nicht widerſtehen konnte. Was der Sturm für unſere Sinne iſt, etwas das unſer ganzes Weſen durch ſeine Hoheit und Gewalt erhebt, nieder⸗ ſchmettert und wieder erhebt— das iſt der Kampf der Leidenſchaften für die Seele. Sie ſind die Elemente, aus deren Conflikt und elektriſchem Zuſammenſtoß ſie ihre Stärke, ihre Größe und ihr Selbſtbewußtſein ſchöpft. Und deßhalb liebt ſie ſie, ſo oft ſie auch ihre ſchönſte Hoffnungen vernichtet. Es iſt wirklich ſehr hart, immer im Kampfe gegen dieſe rebelliſchen Diener zu ſtehen, und dabei von ihnen zerriſſen zu werden; aber ſüßer iſt dieſer bittre Kampf, als ein langer lebloſer Frieden. Die Gefahr liegt nicht ſo ſehr in dem Zufall einer endlichen Unterwerfung, als darin, den Kampf zu ſehr lieben zu lernen. Weit gefährlicher als die ſüßeſte Muſik i*ſt ſein Lärm, endloſer als alle Genüſſe der Sinne und weit berauſchender iſt ſein unendlicher Wechſel. Die Seele in ihrer ſegensvollſten Ruhe hat Nichts, was dem glühenden Reiz ſeines Deliriums gleicht. Meine Jugend war ruhig geweſen, wie ein eisbe⸗ deckter See, über den ein ſtiller, aber kalter Hauch ſtreift, die jedoch weder den Sturm noch den glühenden Son⸗ nenſchein des Südens kennt. Und nun war der Sturm 267 plötzlich erwacht, und vom nordiſchen Winter war ich in die glühenden Tropen verſetzt. Ich dachte nie an Liebe oder Leidenſchaft, an Seligkeit oder Qual, mir war wie einem, der vom ſcheinenden Wetter erfaßt und weit über den menſchlichen Horizont hinausgeworfen wird, während draußen das Toben der Wogen noch immer meinen Ohren nachtönte. Ich unterwarf mich einer Macht, der man nicht widerſtehen konnte. „Sei es,“ dachte ich, während mein Herz in furcht⸗ loſer Frende pochte,„ich kümmere mich nicht, wohin mich der Sturm führt, mag mich die Springfluth in den wilden Wirbel hineintreiben, oder mich auf ſanften Wogen dahintragen— was kümmerts mich— es iſt doch leben!“ Ich kämpfte nicht gegen den Strom an; ich ſuchte nicht zu wiſſen, wo ich war, bis der Strom von ſelbſt ruhi⸗ ger floß, bis ſeine gewaltige Stimme in leiſem Mur⸗ meln erſtarb, und ich auf ſtillen Gewäſſern dahin ſchwamm. Da blickte ich auf und gleich wie Jemand, der nach ei⸗ nem irdiſchen Schlaf in dem Feenland erwacht, gewahrte ich mit zitternder Freude das ſeltſame und wunderbare Land, für das ich während eines jahrelangen Schlum⸗ mers geboren worden. Cornelius liebte mich, es war wunderbar, un⸗ glaublich, aber gerade deßhalb ein großes herrliches Ding. Er liebte mich! Mein Herz ſchwoll bei dem Gedanken, meine Seele war ſtolz darauf; ich fühblte mich zugleich gedemüthigt, gehoben und beglückt, mehr als alle Sprache es aus⸗ ſprechen konnte. Ich hatte keinen beſtimmten Gedanken, keinen beſtimmten Wunſch, aber vor mir breitete ſich die Zukunft wie ein endloſer Sommertag aus, darunter lag das Leben gleich einer bezauberten Gegend, welche Cor⸗ nelius und ich Hand in Hand durchwanderten, und ſo ſchritten wir nach dem goldenen Weſten wo eine Sonne glühte, die nimmer untergehen ſollte. 368 „Ja er liebt mich!“ wiederholte ich mir, als ich mich jedes Zeichens erinnerte, das bis jetzt unbeachtet von mir geblieben war.„Und ich liebe ihn?O! wie raſch kam die unwiderſtehliche Antwort„mit der ganzen Gewalt meiner Seele, mit allen Regungen meines In⸗ nerſten, mit dem Blut, das in meinen Adern fließt, mit dem Herzen, das in meinem Buſen ſchlägt.“ Die Ant⸗ wort überraſchte und entzückte mich. Ich verſtand ſie noch nicht ganz und wie Jemand, der plötzlich gefangen ge⸗ nommen wird, blickte ich auf meine Feſſeln und ſah un⸗ gläubig, daß die Freiheit des Gedankens, des Herzens und des Gefühls für immer mir entriſſen war; daß ein Einfluß, ſo unmerklich als mächtig, Beſitz von meinem Weſen ergriffen hatte. Einen Augenblick lehnte ich mich dagegen auf; aber nach einem kurzen Kampf um die Freiheit erklärte ich mich für beſiegt; mit klopfendem Herzen und glühender tiefgebeugter Stirne erkannte ich ihn als meinen Mei⸗ ſter an. Kindliche Ehrfurcht, ſchweſterliche Liebe, Freund⸗ ſchaft, was war aus Euch geworden? Wie ſchwache Brombeeren und Hagenbutten von einem ſchwachen Strom hinweggeſchwemmt, ſeid ihr am Pfad der Leiden⸗ ſchaft verwelkt. Ich wunderte mich nicht, daß ihr nicht mehr wart, ich wunderte mich nur, daß ihr je exi⸗ ſtirt, eitle Worte durch die ich mich lange hatte täu⸗ ſchen laſſen. Ich blickte in meine Vergangenheit zurück. Seit ich ihn kannte, konnte ich mich keiner Zeit erinnern, wo der Gedanke an Cornelius nicht die Nahrung meines Her⸗ zens geweſen wäre. Es lag eine Vertraulichkeit in mei⸗ ner tiefſten Zärtlichkeit und innige Liebe ſelbſt in mei⸗ ner Freiheit. Ich hatte in tiefſter Seele gefühlt, daß meine Liebe für einen jungen und mir nicht verwandten Mann nicht heilig und rein genug ſein konnte; und daß die Liebe, die immer nach größerer Vollkommenheit und 269 immer innigerer Vereinigung ſich ſehnt, ſich an die Schatten ihrer Wünſche hing. Ich hatte mir ſelbſt, ihnen Allen geſagt, daß meine Liebe die eines Kindes zu ſei⸗ nem Vater, einer Schweſter zu ihrem Bruder, und eines Freundes zu ſeinem Freunde ſei, weil es mir nicht in den Sinn gekommen, daß mich nicht ein feſteres Band an ihn binden möchte und was ich geſagt, hatte ich auch wirklich geglaubt. Ich war ſehr jung und ſehr unſchuldig. Von Liebe hatte ich wenig geleſen und noch weniger geſehen. So lange ſie nicht in ſichtbarer Geſtalt mir gegenüber trat, ſo lange ich nicht ſelbſt einen großen Wechſel in mir eintreten fühlte, ließ ich mir nicht davon träumen. Es gibt eine Liebe, die ihrer ſelbſt unbewußt, im Her⸗ zen liegt, wie ein Kind in ſeiner Wiege ſchläft— und auch mir war keine Ahnung von ihr aufgeſtiegen. Es gibt eine Liebe, welche mit unſern Jahren wächſt, bis ſie ein Theil unſeres Weſens iſt; welche nie erregt wird, weil ſie zuvor nicht im Zuſtand der Gleichgültig⸗ keit geweſen und keine Erinnerung an die Zeit hat, in welcher ſie nicht war; eine Liebe endlich, die reinere und tiefere Zeichen hat, als das klopfende Herz, die er⸗ röthende Wange, den abgewandten Blick— und all' das kannte ich nicht. Wo kein Widerſtand iſt, da kann auch kein Kampf ſein; aber weil kein Kampf iſt, ſollte darum Jemand ſagen wollen, es gibt keinen Sieg? ſollte Jemand die unlogiſchſte aller Leidenſchaften auf die Logik zurückführen wollen, und mit einem Gefühle argumen⸗ tiren, das jedes Beweiſes ſpottet, und zu antworten verſchmäht? Hatte ich denn Cornelius ſchon als ein Kind ge⸗ liebt? ihn mit dem reineren Theil der Leidenſchaft ge⸗ liebt, der nicht auf das Zunehmen der Jahre zu warten braucht? Gott allein weiß es. Die Liebe iſt ein großes Geheimniß; es iſt leicht, ſich der Zeit ihrer Entdeckung 270 zu erinnern; aber weiſe ſind die, welche die Stunde und den Augenblick ihrer Geburt nennen können. Ich hatte die Weisbeit nicht, mich mit ſo nutzloſen Fragen zu quälen. Die Vergangenheit ſchwand aus meinen Gedanken; alles war jetzt Zukunft. Ich ſah nach dem öſtlichen Himmel; er hatte ſich tief geröthet, und wurde immer glänzender und glühender, je mehr ich ihn ſah. Mit dem Aberglauben des Herzens erwartete ich den Anbruch des Tages, der mein neues Daſein eröffnen ſollte; und für die ganze Vergangenheit, die er offen⸗ bart, die ich nicht geſehen, für die ganze Zukunft, die er verſprach, und die ich nicht gehofft, ſagte ich Gott meinen Dank. Ich weiß nicht, wie lange ich ſo dagelegen, als ein Pochen an meiner Thüre mich ſtörte. Ich ſtand auf, öffnete und ſah Kate. Sie machte, daß ich mein Geſicht dem Lichte zuwandte, lächelte leiſe und ſagte: „Cornelius wünſcht Dich zu ſprechen, er iſt gut aufgelegt, bitte, komm herab.“ Ich folgte ihr ſchweigend die Treppen hinunter, ſie öffnete die Thüre des hintern Wohnzimmers, ſchloß ſie und verließ mich. Ich ſtand ſtill, alles Blut ſchien aus meiner Stirne in mein klopfendes Herz hinabgeſtrömt zu ſein. Es war etwas Anderes, mit Cornelius, meinem Freunde, allein zu ſein, und etwas Anderes, mich plötzlich Cornelius meinem Geliebten gegenüber zu ſehen. Er ſaß an einem offenen Fenſter; in der Ferne erhoben ſich die grünen Bäume des Gartens mit roſigem Lichte vergoldet und über ihnen breitete ſich der geröthete Him⸗ mel aus. Ein friſcher Luftzug drang herein, auf ſei⸗ nen Schwingen das Flüſtern des rauſchenden Lanbes und die zwitſchernden Geſänge der erwachenden Vögel wiegend; auch er hatte den anbrechenden Tag herange⸗ wacht; aber es ſchien wenigſtens eben ſo viel Kummer⸗ als Liebe in dieſem Wachen zu liegen. 271 Er ſah blaß und müde aus, und wandte ſich lang⸗ ſam um, als ich eintrat. Er ſah mich an der Thüre ſtehen, ſtand auf und trat zu mir, ohne zu ſprechen, ich ſah ihn wie im Traume an. Er nahm meine paſſive Hand in die ſeine und warf mir einen wirren Blick zu, dann ſchlang er plötzlich ſeinen andern Arm um mich und ſah mich mit dem traurigſten Geſichte an. „Muß ich Dich ſo ſehen, Daiſy?“ ſagte er in lei⸗ ſem Tone.„Dubiſt blaß wie der Tod, aber auch ſo ſchweig⸗ ſam; Deine Hand liegt in der meinen, kalt, wie Eis und dennoch entziehſt Du mir ſie nicht. Du überläſſeſt Dich ſtumm und geduldig wie ein ſchwaches, kleines Opfer den Armen, die Dich umfangen! Keine Thränen! keine Worte, die zum Vorwurf reizen, oder Deinen Stolz verletzen. Nichts als Opfer und ſchweigende Hin⸗ gebung.“ Er ſprach von Bläſſe; ſein eigenes Geſicht war wie Marmor, ſeine Thränen floßen über, ſeine Lippen zit⸗ terten, er bückte ſich, um ſie auf meine Stirn zu drücken, unwillkürlich wich ich ſeiner Umarmung aus. „Bebe nicht zurück,“ ſagte er mit ſichtlichem Schmerz, ges iſt das Letzte. Ja! das Letzte. Ich dachte mir, Dir eine ſolche Prüfung aufzuerlegen, Daiſy,“ fuhr er fort, indem er mir einen ſinnenden Blick zuwarf.„Aer⸗ ger über Deine Blindheit, und die unwiderſtehliche Ver⸗ ſuchung einer plötzlich dargebotenen Gelegenheit ließen mich wirklich einen Augenblick die theuer erkaufte Geduld eines Jahres vergeſſen; die Leidenſchaft nach langer Un⸗ terwerfung zur Tyrannei ſich aufſchwingend und krank durch den Zwang gelobte ſich, was es auch koſten möge, befriedigt werden zu müſſen. Du biſt jung, edel und hingebend. Wenn ich vor Monaten geſprochen, ich weiß, und ich wußte es damals— daß ich Dich auf die bloße Frage hin hätte haben können. Aber ich wollte Dich auf dieſe Weiſe nicht, Ich hoffte— ol Daiſy— was habe ich 272 nicht gehofft? Als Dein Großvater ſo großes Vertrauen in meine Chre ſetzte und ſo wenig Glauben an meine edle Geſinnung hatte, lachte ich über ſeine Blindheit, denn ich dachte, das Alter hat ſein Blut gekühlt und ließ ihn die Sprache vergeſſen, die nicht in Worten be⸗ ſteht. Aber ach! ich fand, daß ich, der Dich ſo manche Dinge gelehrt, Dich darin nicht unterrichten konnte. Und wie ſollte ich auch? denn was für das Leichteſte gehal⸗ ten wird, Dich ſehen zu laſſen, was Du mir biſt, wollte mir nicht gelingen. Ich mochte thun, ſagen, handeln, wie ich wollte, die Heiligkeit Deiner Liebe ſtand immer zwiſchen uns. „Ich verſuchte jede Kunſt, und die Liebe hat ihrer gar manche; aber wenn ich ſo offen ſprach, und es war, als hätte ein Kind mich verſtehen müſſen— da ſahſt und lächelteſt Du mich mit hoffnungsloſer Unſchuld an. Ich gelobte einſt, es möge mich koſten, was es wolle, ich würde nicht ſprechen, bis ich Dich ſo treu, ſo innig mich lieben gemacht, als ich Dich glühend ſelbſt liebte. Ich wartete Monate, ich hätte Jahre warten können; ge⸗ ung, es iſt Alles vorüber. Sei frei, vergiß den Sturm eines Augenblicks in dem Frieden eines ganzen Lebens. Sei glücklich, glücklich, und doch, o! wie glücklich hätte Dich Dein Freund machen können, wenn Du es nur ge⸗ wollt.“ Er ließ mich los und trat zurück. Gerührt von ſeinem Schmerze, konnte ich meinen Thränen nicht Ein⸗ halt thun. 8 „Weine nicht um mich,“ ſagte er mit einem trauri⸗ gen Lächeln: es iſt wahr, daß, als ich aus Italien zu⸗ rückkam, ich mich im Stillen rühmte, den Thorheiten der Jugend und den Gefahren der Leidenſchaften entgan⸗ gen zu ſein. Ach, wenn das Schickſal auch, dem ich draußen getrotzt, ſich in meiner eigenen Heimath in den Hinterhalt gelegt, ſo wiſſe, Daify, daß ich wie ein Mann ihm in das finſtere und bittere Geſicht ſehen kann, das N 1 273 es an dieſem ſo lange verſchobenen Tage unſerer Treu⸗ nung trägt.“ „So willſt Du alſo gehen?“ rief ich, in tiefer Seele geängſtigt. „Kannſt Du glauben, ich werde bleiben?“ verſetzte er heftig:„O! Daiſy, bringe mich nicht dazu, Dich kalt und herzlos zu nennen, Dinge zu ſagen, die eine ganze Lebenszeit vergebens bereut und niemals auslöſcht. Weil ich ein ganzes Jahr der härteſten Selbſtverläugnung, die je einem Sterblichen auferlegt war, weil ich ein ganzes Jahr im Zaume gehaltener Blicke, erſtickter Worte, ge⸗ dämpfter Regungen, ein Jahr der fieberhafteſten Qual ertragen, damit nicht ein Wölkchen die Reinheit Deines Friedens trübe— deßhalb, Daiſy, hältſt Du mein Herz und mein Blut für ſo kalt, daß Du wünſchen kannſt, ich ſoll bleiben, und ſiehſt nicht ein, daß zwiſchen voll⸗ kommener Vereinigung und gänzlicher Trennung kein Mittelding exiſtiren kann?“ Sein Blick ſuchte den meinen mit wirrem Ausdruck, es lag etwas Fieberhaftes in ſeinem Ton und tiefer Schmerz in dem halben Lächeln, mit dem er ſprach. 1„Aber warum ſo bald gehen?“ fragte ich in leiſem one. „Warum, Daiſy? Du fragſt warum? weil meine Ausdauer ihren äußerſten Grad erreicht hat, den ich nicht überſchreiten kann; weil das Uebrige ein Ab⸗ grund iſt, über den nicht einmal ein armes Brett führt; weil das Ding, das ich Monate lang verſchoben, jetzt oder nie gethan ſein muß: weil, ſo hart Deine Abwe⸗ ſenheit ſchon zu ertragen, Deine Gegenwart noch ſchmerz⸗ licher für mich wäre.“ Er ſprach mit ſchlecht unterdrückter Gereiztheit, die ich nicht zu dämpfen wußte. „Cornelius!“ ſagte ich mit meinem liebevollſten Tone,„wenn Du nur hier bleiben und ruhig ſein wollteſt’? Daiſy Burns. II. 18 „Bleiben und ruhig ſein!“ verſetzte er ungeſtüm, und gieng mit haſtigen Schritten im Zimmer auf und nieder ſo daß er immer wieder zu mir kam; warum war ich der ruhigſte der ruhigen Männer! Als einer nach dem andern und unter meinen eigenen Augen das einzige Mädchen zu gewinnen ſuchte, für das ich ſorgte, ſie, die ich als mein künftiges Weib, als das Geheim⸗ niß, das meinem Herzen anvertraut war, betrachtete; als ſie Hohn auf Hohn häuften, als ob ich nicht Fleiſch und Blut, wie ſie wären, als ob ich Dich nicht mehr Jahre gekannt, als ſie Wochen, und Dich geliebt, da ſie noch Nichts von Deiner Exiſtenz wußten— und ſie mir mit inſolenter Unbewußtheit geſtatteten, dieß Alles mit⸗ anzuſehen, unterdrückte ich da nicht den geheimen Zorn, der in jeder Fiber meines Weſens zitterte? Was wollteſt Du von mir verlangen? Sollte ich warten, um im Beſitz eines Glücklicheren als die übrigen zu ſehen, was mein Eigenthum und mein Glück hätte ſein können; ich, ein beraubter Vater, ein verlaſſener Freund, ein verrathener Liebhaber, ſoll mein Kind, meine Freundin und meine Geliebte die Beute eines Fremden werden ſehen! So glaubſt Du alſo,“ fügte er hinzu, nachdem er einen Augenblick inne gehalten und nun mit ruhigerer aber tieferer Entrüſtung ſprach,„Du glaubſt alſo, daß ich Dich von dem Geliebten Deiner Jugend getrennt, Dich vor meinen Freunden gehütet, über Dir gewacht, wie ein Geizhals über ſeinem Gelde, jeden Mann miß⸗ trauiſch betrachtet, der Dich anſah, bei dem Gedanken gezittert, jetzt ſoll ich beraubt werden,— wieder auf⸗ geathmet und aufgelebt bei der Antwort„noch nicht“— nur um zu bleiben und zu warten, bis ein Anderer kommt, und die Frucht all meiner vergeblichen Wach⸗ ſamkeit erntet.“ Seine Augen blitzten und ſeine Lippen zitterten vor eiferſüchtiger Aufregung. Von der Gewalt ſeiner Ge⸗ 4 — 275 fühle fortgeriſſen, hatte er mit ſo beftigem Ungeſtüm ge⸗ ſorochen, daß ihm keine Zeit zu einer Pauſe, mir keine Zeit zu einer Unterbrechung blieb. Endlich hielt er inne. Ich ſah ihn an; er hatte ſich mit fieberhafter Auf⸗ regung ſeiner Geduld, ſeiner Ruhe mit bitterer Entrüſt⸗ ung gerühmt; die leidenſchaftliche Erregtheit hatte ihre Spuren auf ſeiner leicht gefalteten Stirne, auf ſei⸗ nem blaſſen und bewegten Geſicht und in ſeinem Blicke zurückgelaſſen, der noch immer von ſchwach unterdrück⸗ tem Feuer glühte; aber es lag in ſeinen Vorwürfen den⸗ noch eine gewiſſe Milde, und ein geheimes Wohlwollen in ſeinem Zorn. „Du ſprichſt von einem Andern,“ ſagte ich ruhig, „und vermuthlich exiſtirt gar kein Anderer. Vermuthlich bekümmert ſich gar Niemand um mich. „Niemand!“ wiederholte er, indem er näher trat, meine Hand in die ſeine nahm, und mit einer plötzlichen Veränderung ſeiner Stimmung und ſeines Tones fort⸗ fuhr:„Niemand, Daiſy! O! Es wird immer Ei⸗ ner für Dich leben. Einer, der den ganzen Sommer⸗ nachmittag am rauſchenden Strome mit Dir ſaß, und dem Dein Geſicht aus dem klaren Waſſer entgegenlä⸗ chelte, bis es tief und für ewig in ſein Herz drang. Einer, der wachend und ſchlafend Dich ſeit jenem Tage geliebt hat und um den Du Dich, Daiſy, ſo gar Nichts kümmerſt.“ Ich ſagte, ich kümmere mich um ihn. „Aber wie, wie?“ fragte er mit ungeduldigem Seufzer.„Du verſtehſt darunter alte Zuneigung, Ge⸗ wohnheit, Freundſchaft; und ich, das weißt Du wohl, meine Nichts von alle dem. Ich liebe Dich, weil, Du magſt thun, was Du willſt, Du mich unwiderſtehlich anziehſt. Wenn ich Dich durch Zufall auf der Straße getroffen hätte, ich würde geſagt haben, dieſes Mädchen und kein anderes will ich; ich würde Dir gefolgt ſein, mich nach Deiner Wohnung, Deinem Namen, Deiner 276 Verwandtſchaft erkundigt und Dir Liebe eingeflößt haben, Daiſy, ſo kalt Du auch jetzt biſt.“ „Ich bin nicht kalt, Cornelius.“ „Ach nein!“ verſetzte er etwas leidenſchaftlich,„und auch darin liegt ein Mißgriff. O Daiſy! ſei gnädig! gib Nichts, wenn Du nicht Alles geben kannſt. Sei ganz Eis und quäle mich nicht mit der ruhigen Gelaſ⸗ ſenheit, die nicht Kälte iſt. Weißt Du, wie oft Du mich glühend gemacht haſt, um Dich zu erinnern, daß wenn ich auch Dir Nichts war, Du mir doch Etwas ſein würdeſt; daß Du mir nach dem Stachel der Gleich⸗ gültigkeit und des Stolzes, nach einer weniger zärtli⸗ chen Vertraulichkeit, nach einer weniger gefährlichen Zärtlichkeit Sehnſucht in das Herz flößteſt? Weißt Du, daß wenn Deine Neigung zu ruhig für Liebe war⸗ ſie doch auch zu glühend für bloße Freundſchaft gewe⸗ ſen; daß ſie den gefährlichen Reiz der Leidenſchaft und Reinheit beſaß, einer Leidenſchaft, welche göttlich ge⸗ weſen, wenn ſie hätte rein ſein können, einer Reinheit, welche unwiderſtehlich anziehend geweſen, wenn ſie Gluth gehabt. Du haſt mich uͤber meine Kräfte gequält, und wenn ich die Hoffnung aufgab, ſo ſagteſt und thateſt Du plötzlich die freundlichſten Dinge, die ein Mädchen je gethan und geſagt. Du haſt mich verlaſſen, und biſt zu mir zurückgekehrt, haſt mich mit der unbefange⸗ nen Zutraulichkeit einer Schweſter umarmt, mit der Zärtlichkeit einer Geliebten zu mir geſprochen, mich über alle menſchlichen Begriffe getäuſcht. Aber warum ſpreche ich, als ob dies Alles vorüber wäre? Daiſy, Du tänſcheſt mich noch immer. Haſt Du mich nicht noch heute Abend ſagen hören, wie warm ich Dich liebe, und haſt Du mich nicht dennoch gebeten, hier bei Dir zu bleiben? Ja, obgleich ich jetzt aus der ganzen Fülle meines Herzens ſpreche, gehſt Du nicht Hand in Hand mit mir und lau⸗ ſcheſt meinen Worten mit geduldiger ruhiger Anmuth 2 Ich wage nicht zu hoffen, ich will nicht ganz verzwei⸗ ——,— — —.,˖——— 277 feln; ich kann keines von beiden thun, denn ich ver⸗ ſichere Dich, Daiſy, daß Du immer noch ein Räthſel und ein Geheimniß biſt, und daß Cornelius OReilly weder ſagen kann, ob Du ihn liebſt, noch, ob Du ihn nicht liebſt.“ Cornelius hatte dieſes Alles ohne Unterbrechung und mit dem Ungeſtüm der Leidenſchaft geſprochen, ſich nicht bei einem einzelnen Wort verweilt, aber durch den beredten Wechſel von Blick, Ton und Accent den Ge⸗ danken nuancirt. Ich hatte ihn mit tobendem Buſen und glühender Stirne angehört. Zum erſten Mal war die Sprache der Liebe au mich gerichtet worden und die Stimme, welche ſprach, war mir theuer. Ich konnte nicht antworten, ich ſtand vor ihm, den Tönen lau⸗ ſchend, die verſtummt, die aber noch in meinem Innern nachklangen. Als er jedoch bekannte, daß er nicht wiſſe, ob ich ihn liebe oder nicht, ſtahl ſich ein unwillkürliches Lächeln über mein Geſicht, das er ſogleich bemerkte; ſein kühner und ſicherer Blick ſuchte den meinen, ben leidenſchaftlich geröthetes Geſicht beugte ſich zu mir erab. „Sieh mich an, Daiſy,“ ſagte er lebhaft. Ich blickte noch immer lächelnd auf, denn ich dachte bei mir ſelbſt,„ich liebe ihn, aber er ſoll es jetzt nicht wiſſen.“ Als ich ihn jedoch ſo anſah, fühlte ich eine Veränderung in meinem Innern vorgehen. Ich erinnerte mich der Vergangenheit, ſeiner langen Güte, ſeiner ge⸗ duldigen hingebenden Liebe und ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden. „Nun,“ ſagte er verlegen,„warum ſiehſt Du mich ſo ſeltſam an? mein Geſicht iſt Dir doch nichts Neues, Daiſy, Du hatteſt Zeit, es all die Jahre her kennen zu lernen.“ Ach! Jahre waren ſeit unſerer erſten Begegnung ver⸗ floſſen und was war er mir nicht ſeit jener Zeit gewe⸗ ſen? Mein Adoptiv⸗Vater, mein freundlicher Beſchützer, 278 mein ſicherer Wächter, mein getreuer Freund, mein er⸗ gebener Liebhaber! Als ich an all dies dachte und ihn noch immer anſah, wurde ſein ſchönes Geſicht trüb vor Thränen. „Ich will ihm Alles ſagen,“ dachte ich;„ich will offenherzig und gut ſein, ihm treulich ſagen, wie glühend ich ihn liebe.“ Dieſe Worte drangen bis zu meinen Lippen, erſtarben jedoch auf dieſer Schwelle. Iſt die Sprache in welcher das Weib ſolche Bekenntniſſe äußert, ſchon erfunden? O! Liebe und Stolz ihr Ty⸗ rannen ihres Herzens, wie heftig war euer Kampf mit dem meinen! Er beugte ſich mit ſeltſam gequälter Angſt in ſei⸗ nem Geſichte zu mir herab. Ich entzog mich ſeinem Blicke. Halb drückte er mich näher an ſich, halb drängte er mich zurück; ſeine Hand ſuchte die meine und ſtieß ſie wieder von ſich. Er ſah meine Augen überſtrömen. „89 Daiſy, Daiſy! rief er,„was ſoll dies be⸗ deuten?“ „Abne,“ lautete meine unwillkürliche Antwort. 3„Scherze nicht mit mir,“ ſagte er in dem Ton der innigſten Bitte— thue das nicht!“ 1„Mit Dir ſcherzen! könnte ich das, Cornelius?“ „So beweiſ' es.“ Er bückte ſich und ich ſah zu ihm auf, einen Au⸗ genblick berührten meine Lippen ſeine Wangen, während die ſeinen auf meiner Stirne ruhten. Manchmal früher hatte mich Cornelins geküßt; aber dieß war die erſte Umarmung einer gegenſeitigen glühenden Liebe, und doch, Gott weiß es, wie, ach! viel zu heilig und rein, um mein Gemüth in Aufruhr zu verſetzen. Und ſo war Alles geſagt,— Alles verſtanden— ohne ein Wort. Als ich fühlte, daß der ganze unbewußte Traum meines Lebens erfüllt, daß ich ihm Alles war, was er mir ſo lange geweſen, als ich in ſein Geſicht ſah, ſeinem Blicke begegnete, in dem ſich die Zuneigung des geprüften 279 Freundes und die triumphirende Liebe des Geliebten un⸗ zweideutig miſchten, und ich wußte, daß kein anderes Weſen— ſelbſt nicht ſeine Schweſter— den Platz an⸗ ſprechen und ausfüllen konnten, wo mein Herz ſeine Heimath gefunden, und daß, wie ich liebte, ſo wieder geliebt wurde— da fühlte ich auch, was ich dem Schickſal und dem Sieg abgerungen, daß ich über ver⸗ gangenen Kummer triumphirte und die Macht der Zeit verſchmähen konnte. Ich weinte vor Freude, wie ich oft vor Schmerz geweint, über das freundliche Herz, das meine verlaſſene Kindheit und meine unbeſchützte Jugend beſchirmt hatte. „Thränen! ſagte er mit einem Lächeln des Vor⸗ wurfs; und doch wußte er wohl, es waren nicht Thrä⸗ nen des Kummers. Sie werden für mich ſein, was der Regen für die Nacht war, Cornelius, ein erfriſchender Thau.“ Ich trat an das offene Fenſter; ich lehnte meine Stirne an das kalte eiſerne Gitter; die Morgenluft drang berein, rein, kühl, und duftend: ich ſchauerte leicht. Cornelius, der mir gefolgt war, ſah dieß und wollte das Fenſter ſchließen. Thue es nicht,“ ſagte ich;„dieſe kühle friſche Luft iſt angenehm. Und dann ſehe ich gerne die Sonne auf⸗ gehen die Dich fern auf Deiner Reiſe zu finden glaubte, und Dich nun hier ſteht. Wie ſchön nimmt ſich dabei unſer kleiner Garten aus!“ „So komm einen Augenblick heraus.“ ¹. Er nahm meinen Arm, ich ließ es geſcheben. Wir gingen in den Garten hinab und ſchritten durch den en⸗ gen Sandpfad ohne ein Wort zu äußern. Ein leichter Regen rieſelte hernieder; wir traten unter die alten Papvelbäume, ſie boten uns hinlänglichen Schutz. Die Sonne ſchien durch die leuchtenden Tropfen und wäh rend der friſche Regen herabſtrömte, ſangen die Vögel über und unter dem Dache der belaubten Aeſte, als ob 280 ihr Lied kein Ende nehmen könnte. Aber obgleich ich wußte, daß er ſo nahe war, klang mir doch der Ge⸗ ſang, als käme er aus den Tiefen eines traumhaften fernen Waldes. Unſer Garten erſchien mir nie ſo friſch, ſo ſchön, oder ſo ſüß duftend, als jetzt, da der Schauer aufgehört. Die ſanften und grauen Regenwolken hatten ſich mit den blauen Dämpfen der höheren Luftſchichten vereinigt; der warme Sonnenſchein mäßigte die Kühle der Luft, das grüne Gras war weiß und ſchwer von dem Thau der Nacht und friſch von dem Regen des Morgens; der naſſe Sand glänzte, die dunkeln Stämme trieften, das braune Moos hing ſich feſter an die alte Sonnenuhr, die friſche Erde ſtrömte eine warme Luft aus; Wegerich, Levkoje, Ginſter und Jasmin dufteten die feinſten Wohlgerüche aus. Rhododendrons, durch den Sturm der letzten Nacht niedergebengt, zogen an der Erde ihre prachtvollen Blumen hin; während ge⸗ fleckter Fingerhut, mit Thautropfen an jeder Blüthe, noch ſtolz und ungebeugt daſtand. Wir gingen weiter. Plötzlich blieb Cornelius ſtehen und ſprach zum erſten Male. „Daiſy,“ ſagte er ernſt.„Du biſt doch ganz ge⸗ wiß, nicht wahr? „Sieh dieſe Blume an,“ lautete meine Antwort. Es war eine ſcharlachrothe Pfingſtroſe, ſchwer vom Regen. Ich bückte ſie leicht; aus ihren zarten Blättern, die noch kein Hauch berührt zu haben ſchien, ergoß ſich ein glänzender Schauer flüſſigen Thaues. „Was iſt mit der Blume, Daiſy?“ „Es iſt ein Pfingſtroſe.“ „Nun ja. „Du kannſt ſie nicht hindern, es zu ſein, Pfingſt⸗ roſen bleiben Pfingſtroſen.“ „Wer wird ihnen ihr Recht ſtreitig machen? und was haben Pfingſtroſen mit unſerem Geſpräche zu thun, als daß Du jetzt große Aehnlichkeit mit ihnen haſt? O 281 Daiſy! biſt Du auch gewiß, daß Du mich innig genug liebſt, um mich zu heirathen?“ „Glaube nicht, daß wenn ich ſo etwas thue, es aus Liebe geſchieht, Cornelius.“ „Weßhalb denn?“ „Nun, um Dich zu hindern, Jemand anders zu heirathen.“ Es ſchien ihm immer noch unbehaglich zu Muthe zu ſein, und doch hätte er mit ſich ins Klare kommen können, denn wenn es auch bisweilen ſehr ſchwer wird, zu wiſſen, wo Liebe iſt, iſt es doch ungemein leicht, zu wiſſen, wo keine Liebe iſt. „Was willſt Du?“ fragte ich etwas ungeduldig. „So iſt es die Liebe, die Ehre, der Gehorſam, die Dich beunruhigen? Nun, ich habe Dich mein ganzes Leben geliebt; ich ehre Dich mehr als irgend ein le⸗ bendes Weſen; und was den Gehorſam betrifft, ich könnte Dir all' mein Leben lang gehorchen, Cornelius.“ „Willſt Du eine Griſeldis werden?“ ſagte er.„Was bringt Dir ſolche Gedanken in den Kopf?“ „Die Erinnerung an eine Zeit——— „Ich glaube, Du möchteſt wieder zum Kinde wer⸗ den,“ unterbrach er mich etwas gereizt,„ſtatt meine Frage zu beantworten, welche—“ „Deine Frau betraf,“ unterbrach ich ihn nun;„was iſt mit ihr? Sie ſollte ein ſtolzes Weib ſein und es iſt ihre eigene Schuld, wenn ſie nicht glücklich— ja, ſehr glücklich wird.“ Er glättete mein Haar und lächelte wohlgefällig. „Ich hoffe es,“ ſagte er.„Und doch weißt Du nicht, was ich für ſie thun will, Daiſy. Ich werde Bilder für ſie malen, die alle Sonette, welche Petrarca je ſeiner Laura ſang— aus dem Felde ſchlagen ſollen. Ich will Ruhm und Gold für ſie erwerben: ich will ſie ſo ſchön ſchmücken, wie eine Königin, bis meine Feld⸗ blume alle Gartenblumen überſtrahlt. Und vor allem 282² will ich ſie lieben, mehr als je ein Ritter oder Roma⸗ nenbeld ſeine Dame liebte.“ Er ſprach mit ſcherzender, aber zärtlicher Schmei⸗ chelei. Die Liebe kann jeden Ton und jede Sprache in ihrem Sinne verwenden. Ich weiß nicht, wie lange wir mit einander in dem Garten blieben. Ich gedachte zuerſt der Zeit. „Wo iſt Kate?“ fragte ich. „Vergeſſen,“ antwortete ihre leiſe Stimme. Sie ſtand hinter der epheuumrankten Veranda; den Kopf etwas gebeugt und mit der Hand die Wange ſtützend. Sie ſah mit einem glücklichen Lächeln, in das ſich ein leiſer Kummer ſtahl, zu uns herab⸗ „Glaubt nicht, ich mißgönne Euch die heitere Zeit,“ fuhr ſie fort;„ich ſebe gerne, wenn man ſich freut. Wenn ich auf dem Felde einem Paare begegne, ſo gehe ich ihnen aus dem Wege, oder wenn das nicht möglich, ſo gebe ich ihnen im Herzen meinen Segen.„Geht,“ denke ich bei mir ſelbſt,„geht; Ihr werdet nie mehr glücklicher, vielleicht auch nie mehr beſſer, als Ihr jetzt ſeid, geht.“ „Wir wollten hineinkonmen,“ ſagte Cornelins, in⸗ dem wir die Treppe hinaufſtiegen. Als ich an Kate vorüberkam, hielt ſie mich zurück, legte ihre Hand auf meine Schulter und ſagte: „Sieh das Kind an! Sie hat die ganze Nacht nicht geſchlafen, und doch iſt keine Roſe des Gartens halb ſo friſch. Es iſt etwas Hüdſches um die Jugend, Cor⸗ nelius.“ Sie ſeufzte leiſe und führte uns in das vordere Wohnzimmer, wo das Frühſtück unſer harrte. „Schon!“ ſagte Cornelius. „Ja, ſchon,“ ſagte ſie, indem ſie ſich niederſetzte, um den Thee einzuſchenken,„während Ihr in den Wolken waret, iſt die Erde ihren ruhigen Gang fortgegangen. 9 ₰ 283 Midge, warun ſitzeſt Du nicht wie gewöhnlich bei ihm? Schämſt Du Dich nicht?“ Schämen! O nein! Das Glück braucht ſich nicht zu ſchämen; und Gott allein weiß, wie glücklich ich mich fühlte, als ich bei dem ſaß, den ich liebte, und der gegenüber, die ich beinahe nicht minder liebte. Ich weiß nicht, wie ich, noch wie Cornelius ausſah; denn ich blickte ihn nicht an; aber ich weiß, daß Kate ſtrahlte; jedesmal, ſo oft ihre ſchönen Augen auf uns ruhten, leuchteten ſie wie Diamanten, und es rührte mich im Innerſten meines Herzens, die edle, uneigennützige Freude zu ſehen, die ſich auf ihrem ſchönen Geſichte malte. Wir waren kaum allein, als Miß O'Reilly nach ihrer Gewohnheit, einen Gedanken, mit dem ſie ſich beſchäftigt hatte, im lauten Geſpräche fortzuſetzen, in beſtimmtem Tone ſagte: 8 „Ich bin ſehr vergnügt darüber.“ „Biſt Du's, Kate? verſetzte ich und ſchlang meinen Arm um ihren Hals, indem ich ſie küple. „Ja, Du kleines falſches Ding; denn er iſt ſehr verliebt in Dich, und ich glaube, Du liebſt ihn von ganzem Herzen, obgleich es ſo lange dauerte, bis Du das endlich entdeckt. Was würdeſt Du ohne mich ge⸗ than haben?“ „Ich weiß nicht, Kate, aber wie konnteſt Du daran denken, ihn gehen zu laſſen?“ „Ach, er hat mich in dieſem Punkte ſehr getäuſcht; ich ließ mir nichts davon träumen, bis die Sache ganz entſchieden war. Es nützte nichts, als ich ihm ſagte, daß wenn Du nur wüßteſt, er liebe Dich, Du ihn gerne nähmeſt, wie es im Ganzen bei jedem Mädchen der Fall iſt. Er ſagte, Du liebeſt ihn nur wie eine Schweſter, und wollte ſich deßhalb auf und davon machen. Ich dachte, ich würde, wenn er fort ſei, leicht herausbringen, wie Du ihn liebſt, aber auch dieſe Mühe wurde mir erſpart. 3— Ich lächelte. zu und ſagte: „Du ſcheinſt nicht mehr ſeine Nichte werden zu wollen.“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ antwortete ich raſch. „Und ich ebenſo wenig,“ verſetzte ſie mit einem unterdrückten Seufzer,„es gab eine Zeit, da ich mich darüber grämte, als ich noch wünſchte, ich wäre die Frau von Edward Burns geworden, und ſein Kind wäre mein Kind; aber das iſt vorbei. Ich freue mich jetzt, daß meinem Herzen nicht verſagt war, was es ſo ſehnlichſt wünſchte; daß meine Jugend kalt und einſam blieb; daß mein Kummer, der vorüber gegangen, ihm und Dir ein Glück erkaufte, das, wie ich hoffe, von Dauer ſein wird. O Daiſy! es iſt doch eine gute Welt, mit einem guten Gott über den Sternen; ſiehſt Du nicht, wie der Schmerz des Einen zum Segen für den Andern wird; wie, weil Dein Vater und ich getrennt wurden, die beiden Kinder, die wir ſo innig liebten, ver⸗ eint werden konnten?“ —„Ich weiß, Kate,“ verſetzte ich und ſah ihr in's Geſicht,„daß Cornelius gut iſt; daß auch ich bin, was man ein gutes Mädchen nennt, und doch ſind wir Beide ſelbſtſüchtig; Du allein biſt wahrhaft gut und edel.“ Sie ſchüttelte ihren Kopf mit demüthiger Ver⸗ läugnung. „Ich bin deßhalb doch eine Götzendienerin,“ ver⸗ ſetzte ſie, indem ihre Lippen leicht zitterten,„und Du biſt blind, wenn Du das nicht ſiehſt. Als ich meinen Geliebten verlor, hing ſich mein Herz an ein Kind— denn was wollen wir mit unſern Herzen thun, wenn wir nicht mit ihnen lieben?— Und ihm blieb es treu, und wenn Gott, um mich zu züchtigen, es dieſen Morgen von mir genommen hätte, ſo fühle ich, ich würde es ebenſo ſehr im Grabe lieben, als ich es auf Erden liebte. Wenn es eine Sünde wäre, ſo hoffe ich, daß mir ſeine Gnade vergibt. Bisweilen, wenn mein Herz vor Bangigkeit Sie warf mir einen ſinnenden Blick 6 28⁵ vergehen will, hänge ich mich an die Erinnerung ſeines Wandels auf Erden. Er, der ſo viel Zärtlichkeit für ſeine Mutter im Herzen trug; er, der ſeine Brüder ſo treulich liebte; er, der ſeine Schüler ſo werth hielt; er, der an dem Grabe des Lazarus weinte, wird ſicherlich nicht ſtreng ſein gegen ein armes Weib, deſſen ganzes Leben er einer Freude und einer glücklichen Liebe zu weihen in ſeinem hohen Rathe für gut fand.“ Ich war zu tief bewegt, um zu antworten. „Jetzt, mein Kind,“ ſagte ſie heiter,„weine nicht. Cornelius, den ich ſo eben kommen höre, müßte ſonſt glauben, ich habe meine künftige Schwägerin geſchmält.“ „Und würdeſt Du nicht das Recht dazu haben?“ fragte ich, indem ich ſie mit einer Miſchung von Zärt⸗ lichkeit und Ehrfurcht küßte. Als ſie die Umarmung erwiederte, trat Cornelius in das Zimmer und ſah auf der Schwelle der Thüre mit entzücktem Lächeln auf uns nieder. Vierzigſtes Kapitel. Wie Mrs. Langton ihr Benehmen gegen mich er⸗ klärte, weiß ich nicht; aber es muß Edward Thornton nicht unbefriedigt gelaſſen haben; denn nach zwei oder drei Wochen waren ſie verheirathet; ſie gingen nach Italien auf die Hochzeitsreiſe und blieben dort bis zu dieſem Augenblick, während Mrs. Brand im glücklichen und ungeſtörten Beſitz von Poplar Lodge iſt. Sie dachten nicht an uns, und wir dachten nicht an ſie, noch an irgend ein anderes lebendes Weſen, als 286 an Kate. Die Gegenwart löſchte die Vergangenheit aus und abſorbirte die Zukunft. Familienliebe mag nicht das Romantiſche und Geheimnißvolle der Leiden⸗ ſchaft haben, welche eine Seele und ein Herz aus zwei ſich bisher fremden Weſen macht; aber es ruht eine tiefere Zärtlichkeit, eine heiligere Reinheit in ihr. Die Liebe ſaß jetzt mit uns am Tiſche und am Kamine; etwas Unbekanntes weilte in der Zwielichtſtunde im Schatten des Zimmers, und Morgens und Abends um⸗ ſchwebte uns ein reizendes Weſen, auf jedem Gartenpfad, in jeder Laube. Kate ließ uns einige Tage verträumen, dann weckte ſie uns plötzlich eines Abends und ſagte ruhig:„Cor⸗ nelius, wann willſt Du an Mr. Thornton ſchreiben?“ Cornelius ſtutzte und wurde ein wenig blaß; mir fiel die Arbeit aus der Hand, und ich ſank in meinen Stuhl zurück. Er ſchien zerſtreut und mit Kate hadern zu wollen, daß ſie einen ſo unwillkommenen Gegenſtand erwähnt hatte. „Unſinn!“ ſagte ſie heiter,„ſiehſt Du nicht, daß Alles abgemacht iſt?“ Wir ſahen ſie an, ſie lächelte freundlich. „Du haſt an ihn geſchrieben?“ ſagte Cornelius ängſtlich. „Ich habe ihn heute geſehen. Du brauchſt Deine Augen nicht ſo aufzureißen. Wozu ſind Eiſenbahnen und Schnellzüge? Warum ſollte ich nicht via Thornton nach Leigh, um Rock⸗Cottage einzuſehen? Denn ich hoffe, Du wirſt nicht der thörichten Gewohnheit der Londoner Stadtkinder folgen, Dir Deinen Honigmonat mit Hotels und langen Rechnungen zu verderben. Ich werde den Eindruck nicht vergeſſen, den es auf mich machte, als Mr. Foſter zu ſeiner Frau ſagte, mit der er gereist war:„Erinnerſt Du Dich, meine Liebe, wie man uns im Hotel des Etrangers betrog?“„Ja, meine Liebe,“ verſetzte ſie,„aber es war noch zw eimal ſo ſchlimm im 287 Hotel d'Angleterre.“ Die armen Leute! es waren zehn Jahre ſeitdem verfloſſen, und ſie hatten es noch nicht vergeſſen.“ „Kate,“ unterbrach ſie Cornelius,„was iſt mit Mr. Thornton?“ „Nun, nichts, als daß er luſtig zu werden ſchien und ſagte: Wenn er bedacht hätte, daß ein Weib im Spiele ſei, er ſich hätte im Voraus ſagen können, was aus dem Geheimniß werden würde. Siehſt Du nicht, Du thörichter Junge, daß er es nur als eine Demüthi⸗ gung und Strafe für Dich betrachtet, und wenn er ge⸗ wollt, Du ſollteſt Daiſy nicht heirathen, er ſie ſicher nicht hier gelaſſen haben würde. Ich meines Theils lieb ihn und fand ihn nicht ſo mürriſch. Er zeigte mir ſeine Bücher Inſtrumente, und als ich ihn verließ, ſprach er die Hoffnung aus, mich bald wieder zu ſehen.“ „Das iſt mehr, als er je für Jemanden that,“ ſagte ich erſtaunt.„Kate, Du haſt eine Eroberung gemacht.“ Sie ſah ſchön genug dafür aus, und Cornelius ſagte ihr das auch. Sie lachte und bat, uns um unſere ei⸗ genen Sachen zu bekümmern. Mehr ſagte ſie damals nicht, aber es kam nach wenigen Tagen heraus, daß Mr. Thornton ihr geſagt, je früher Cornelius und ich uns heiratheten, deſto beſſer wäre es. Da dieß auch die Anſicht von Cornelius und Kate war, ſo gab ich meine Einwilligung. Wir wurden in aller Stille an einem ſchönen Sommermorgen getraut; dann ſagten wir Kate Lebe⸗ wohl auf vierzehn Tage, die wir in Rock⸗Cottage zu⸗ bringen wollten. Es war ihr Lieblingswunſch, und wir willfahrten ihr. Ich erinnere mich noch, wie ſeltſam mir zu Muthe war, als wir meine alte Heimath, nun die unſrige, erreichten. Es war noch kein Jahr her, ſeitdem wir ſie verlaſſen, aber es ſchien mir ein ganzes Menſchenalter. Ueberall fanden wir rührende Zeichen von Kate's jüngſter Anweſenheit und ihrer ſinnigen 288 Zärtlichkeit. Die Sonne ging unter; wir beobachteten dieſes Schauſpiel von der Bank unter den Pinien aus, und nie, ſo wenigſtens erſchien es mir, und es kann keine Einbildung geweſen ſein, denn auch Cornelius ſagte es— nie war die Sonne prachtvoller untergegangen, oder hatte die See einen herrlicheren Anblick gewährt, als an jenem Abend unſeres Hochzeittages. Wie in den Viſionen der alten Propheten ſchien der wolkenloſe Him⸗ mel ſich vor uns zu öffnen, eine Tiefe flammenden Lichtes mit langen goldenen Strahlen enthüllend, die— als ſie von der Sonne ſchieden, bläſſer wurden, bis ſie in dem dunklen Abendblau verſchwanden. Vor dem Felſenriff, in welches wir hinabſchauten, ſahen wir die ſchweren Wogen der See nach dem fer⸗ nen Horizonte rauſchen, von dem wechſelvollen Lichte übergoſſen, das lebendig und glühend erſchien. Der glühende Himmel war ruhig; die Stimme des Oceans murmelte ſanft, kein Lüftchen regte ſich am Ufer, und auf dieſe beiden weiten Einöden der See und des Himmels blickend, vergaßen wir die Erde unter und hinter uns, wie wir bisweilen das Leben in der Betrachtung der Ewigkeit vergeſſen. Ich glaube, ich fühlte das Leben nie weniger, als in jenem Augenblicke, obgleich ich dem ſo nahe war, den ich mit aller Kraft meines Weſens liebte. Aber es liegt in dem wahren Glücke etwas Er⸗ habenes, das die Seele weit über die Sterblichkeit hin⸗ aus hebt. Wenn ich irgend etwas in jener Stunde fühlte, ſo war es, daß die herrliche ideale Welt, welche vor uns lag, nicht lieblicher und idealer ſein konnte, als die neue Welt, in welche ich jetzt trat; und wo ich in dieſem und im andern Leben ewig bei Cornelius zu wohnen hoffte. Denn für die, welche rein lieben, iſt die Liebe ihre eigene Welt, ihre eigene Einſamkeit, ihr eigenes neuge⸗ ſchaffenes Eden, in deſſen grünen und heitern Gärten ſie ein neugeborner Adam und eine neugeborne Eva ohne 289 Verſuchung und Sündenfall, das Herz voll inniger Zärt⸗ lichkeit, ihre Seele voll Anbetung des Allmächtigen, leben und weben. 4 Nie hatte ich ein tieferes religiöſes Gefühl gehabt, nie war Gott in meinem Herzen lebendiger geweſen, als in jenem Augenblicke, da ich neben Cornelius ſaß, wäh⸗ rend meine Hand in der ſeinen ruhte und meine Augen wie die ſeinen den prachtvollen und ſtillen Sonnennnter⸗ gang betrachteten. Als die glänzende Scheibe in die lange Linie der kühlen See tauchte, und dann raſch hinab ſank, und endlich in der tiefen Woge verſchwand; als die dunklen Wolken am Himmel hinzogen und das ſchöne Schauſpiel ſich in dem purpurnen Schatten der Nacht verlor, da fühlte ich, daß wenn auch die irdiſche Sonte unterging, in mir der Friede und die Heiterkeit einer ewigen Morgendämmerung lebte. Als die kalte See⸗ luft an der Küſte hinzuſtreichen begann, ſtanden wir auf und gingen durch den grünen Garten nach dem Hauſe zurück. Er blieb vor den ſteinernen Treppen ſtehen und ſagte: „Hier war es, wo ich Dich vor acht Jahrend liegend fand: erinnerſt Du Dich noch, Daiſy?“ „Ja, Cornelius, ich war ſehr unglücklich und ver⸗ laſſen, als Du zu mir kamſt und Dich neben mich ſetzteſt, mich in Deine Arme nahmſt, mich küßteſt und tröſteteſt.“. 3 „Gott ſegne Dich, daß Du deſſen nach ſo langer Zeit nicht vergeſſen.“ „Als ob ich das vergeſſen könnte? Cornelius, ich glaube nicht, daß wir ſeit jener Zeit auf dieſen ſteiner⸗ nen Treppen ſaßen; laß es uns jetzt thun und uns von Allem ſprechen, was ſeit damals geſchehen.“ Wir thaten es. Es war die reine Zwielichtſtunde, wo die Erde und Alles, was ſie trägt, dunkel und ſchla⸗ fend unter einem weiten klaren Himmel liegt, von dem Daiſy Burns. II. 290 das Licht hinweggeflohen zu ſein ſcheint. Wir fprachen einen Augenblick, aber unwillkürlich verſanken wir bald in Schweigen. Was wir ſagten, erinnere ich mich nicht; aber ich erinnere mich noch, wie feierlich ſchön der Abend war; wie der ruhige Mond hinter dem Hauſe aufſtieg und aus ſeiner einſamen Höhe auf uns herabſah; wie der Himmel ſich mit Sternen überzog, wie die Pinien ſich unter dem Hauche der Seeluft an dem Ende des Gartens beugten; wie die Wogen ſich mit ſanftem— für das Ohr ſo wohlthuendem Geräuſche am Fuße des Felſens brachen, und wie ich ſo neben Cornelius ſitzend fühlte, ich ſei nicht mehr die arme Waiſe, ſondern ein glückliches und geliebtes Weib; nicht mehr ein Gegenſtand des Mitleids und des Kummers, ſondern eine ſtolze Begleiterin durch's Leben und das erkorene Weib ſeines Herzens. 3 Stille Häuslichkeit! Reich der Frau, heiteres Schutz⸗ dach ihrer Jugend, ſüßes Beſitzthum ihres Lebens! Ich darf ſagen, daß du mir deine reichſten und tiefſten Freuden vergönnt. 4 Ehe wir Leigh verließen, beſuchten wir meinen Groß⸗ vater, der uns freundlich aufnahm und Cornelius bat, liebevoll gegen mich zu ſein. Wir ſind nun ſeit drei Jahren verheirathet. Er erklärt, mich noch mehr zu lieben, als am erſten Tage, und ich glaube es. Kate ſagt„Unſinn!“ aber ich weiß es, ſie ſieht es gerne, daß wir einander ſo lieb haben. Auch ſie iſt glücklich; denn obgleich ſie zugeſteht, daß Cornelius noch nicht die Stel⸗ lung einnimmt, die er verdient, ſo verſichert fie mich doch, da er als ächter Künſtler allgemein anerkannt ſei, 8 4 1 * 291 ſeine Bilder geſchätzt und zu hohen Preiſen verkauft würden, er trotz alles Handwerksneids doch einſt Kei⸗ nen über ſich haben werde. Ich ſagte ihr, daß ich da⸗ von überzeugt ſei. Cornelius lacht uns aus und denkt trotzdem das Gleiche in ſeinem Innern, denn er arbeitet angeſtrengter, und obwohl er es nicht geſteht, iſt er fleißiger und ehrgeiziger, denn je. Wir ſind, wie wir es immer waren, viel mit ein⸗ ander, denn wir haben keine Kinder die uns zerſtreuen könnten. Das iſt der einzige Kummer Kate's. Es ſcheint das nie zuvor in der Familie OReilly vorge⸗ kommen zu ſein, und ſie kann es nicht verwinden. Aber Cornelius und ich kümmern uns nicht darum; wir ſind jung, glücklich und überlaſſen die Zukunft der Vor⸗ ehung. ſeh Ftes Jahr, als Cornelius nach Spanien ging— denn er ging doch, aber nur auf wenige Monate, und ich wollte Kate nicht verlaſſen, da ſie unwohl zu ſein ſchien,— begann ich dieſe Erzählung. Ich hatte gerade einen Brief von William Murray empfangen, der mir ſchrieb, daß er verheirathet und glücklich ſei. Meine Vergangenheit ſtieg lebendig vor mir auf; um ſie an meinem Blicke vorübergehen zu laſſen und mich während der Abweſenheit von Cornelius zu zerſtreuen, ſchrieb ich eines Abends einige Blätter, zu welchen Tag für Tag neue gefügt wurden. O mein Gattel mein ſchöner reichbegabter Cornelius! ich liebe Dich, liebe Dich mehr, als ich Dir je ſagen kann, und mehr, als ich dieſen Blättern anzuvertrauen wagte; aber ſollten ſie Dir eines Tages durch Zufall in die Hand kommen, was nicht meine Abſicht iſt, ſo wiſſe wenigſtens, daß es für Dein Weib keine heiterere Arbeit gab, als ſich ſo der Geſchichte ihres langen Lebens für Dich als Kind, Mädchen und Frau zu erinnern. Ende. ſſſſiſſiſſiſſſſſſſſſiſiiſſſiſnnſnTnennnſeinem 8 9 10 11 12 13 14 15 16