——— J/ 7 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 Eduard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 — 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 83 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— Pf. „ 3„„„„=„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet. J7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinven darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ee—— Daify Burns. Von Julia Kavanagh. Aus dem Engliſchen von Dr. Edmund BZoller. 1ſtes bis 6tes Bändchen. Stuttgart. Franckhſche Verlagshandlung. 1853. 8 6 Schnellpreſſendruck der J. G. Sprandel'ſchen Buchdruckerei. Erſtes Kapitel. Als ich dieſen Abend unter der Veranda ſaß, erhob ſich ein Herbſtwind, der durch die Bäume des Gartens ſtrich und in einem leiſen Gemurmel erſtarb. Ein ſelt⸗ ſamer Schauer durchbebte mich: die Gegenwart und die Umgebung ſchwanden vor meinem Blicke: ich ſah nicht mehr die engen, aber vielgeliebten Grenzen meiner ſtillen Heimath; der kleine Garten, der ſo ruhig und grau in dem thauigen Zwielichte dalag, war nun ein weites, wo⸗ gendes Meer; das leiſe Raſcheln der Blätter glich dem „Rauſchen der zurücktretenden Fluth; der düſtre Horizont erſchien wie ein Lichtſtreifen, der die Waſſerwüſte von den ernſten Tiefen der endloſen Wolken trennt, und ich, nicht mehr die Frau, die in ihrer Heimath, im Bereich der großen Stadt lebt, ſondern ein müßiges, träumeri⸗ ſches Kind, lag in dem grasbewachſenen Winkel am Ende unſeres Gartens, von wo ich die Schiffe in der Ferne beobachtete, oder meinen Blick über die Sandbänke und Felſen hinſchweifen ließ. 4 Ein Augenblick löſchte Jahre aus und meine Kind⸗ heit mit ihrer Heimath, ihren Freuden, ihren Leiden, zog an meinem Blick wie ein Ding von geſtern vorüber, MNock Cottage, wie mein Vater es genaunt, erhob ſich auf einem einſamen Felſen, der in die See hinaus⸗ ſah. Es war ein einfaches Landhaus mit weißge⸗ ünchten Mauern, grünen Läden und niederem Dache Saſy Burns. 1. 1 5 — 2 inmitten eines wilden und vernachläßigten Gartens, ſcheinbar fern von jeder andern Wohnung. Ein Weg, der von den Hügeln von Ryde herabführte, zog ſich bis Leigh hin; am Fuß der Felſen wogte die See. Die Leute in Leigh wunderten ſich,„wie Doctor Burns an einem ſo dem Zuge ausgeſetzten und einſamen Orte wohnen möge;“ ſie wußten nicht, daß für ihn, gerade in dieſer Einſamkeit mit dem endloſen Horizonte, in dem Gemurmel des Win⸗ des, der immer um ſeine Wohnung ſtrich, in dem An⸗ blick der herrlichen See, die bald heiter, bald furchtbar, aber immer ſchön vor ſeinem Blicke lag, ein unendli⸗ cher Reiz lag. Es war dies jedoch nicht der einzige Vorzug von Rock Cottage; es lag bequem zwiſchen den beiden Dör⸗ fern, Ryde und Leigh, deren einziger Arzt mein Vater war. Es wohnte allerdings noch ein Chirurg in Ryde, aber er kam nie über die Schwelle der Ariſtokratie, zu welcher Doctor Burns häufig geholt wurde und von der er den größeren Theil ſeines Einkommens bezog. Ob⸗ gleich dies Einkommen nicht ſehr beträchtlich war, reichte es doch für die kleinen Bedürfniſſe unſres einſamen Hauſes, in welchem mein Vater, ein Wittwer, nur mit ſeinem einzigen Kinde lebte. Von meiner Mutter hatte ich keine Erinnerung; mein Vater nannte ſelten ihren Namen; aber über dem Kaminmantel unſres Wohnzimmers hing ein kleines Miniaturbild von ihr und oft, wenn wir Abends en dem ſtillen Heerde ſaßen, ſah er lang und ernſt nach dem milden und etwas kummervollen Antlitz und liebkoſte mich, während ich auf meinem niederen Stuhle ihn mit dem aufmerkſamen Blicke des Kindes betrachtete. 4 Ich war kränklich und zart, und er verwöhnte mich auf jede Weiſe.„Lernen,“ meinte er,„ſei mir ſchädlich, da ich für mein Alter ohnedies ſchon zu geſchickt und weit voran ſei;“ ſo lehrte er mich das Wenige, was ich wußte, und verſchob von Monat zu Monat den la 4 3 gehegten Plan, mich in eine der erſten Schulen zu ſchicken. Ich glaube, daß es ihm zu ſchwer wurde, ſich von mir zu trennen, und daß er im Stillen froh war, eine Entſchuldigung zu finden, die mich bei ihm zu bleiben zwang. Er verließ mich nie Morgens ohne eine Liebkoſung und oft, wenn er ſpät von einem Beſuche bei einem ſeiner Patienten zurück kam, war das Erſte, woran er dachte und was er that, daß er in mein Zimmer ſchlich und mich ſanft im Schlafe küßte. Ich liebte ihn leidenſchaftlich und ausſchließlich, und die Jahre haben weder die Er⸗ innerung an ihn, noch ſein Bild aus meinem Gedächtniſſe verwiſcht. Ich ſehe ihn noch; es war ein Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren, ſchlank, blaß und fein, mit wallendem Haar von tief goldenem Braun und dun⸗ kelgrauen Augen von eigenthümlichem Glanz und Feuer. Wie ihn Andere fanden, weiß ich nicht; für mich war es alles, was groß und edel. Ich fühlte mich glücklich, ſo allein mit ihm leben zu dürfen: ich ſehnte mich nie nach der Geſellſchaft anderer Kinder; meine Wünſche beſchränkten ſich auf die Gren⸗ zen meiner lieben Heimath. Stille, Ruhe und Einſam⸗ keit, ſonſt ſo ganz widerſtrebend gegen die kindliche Na⸗ tur, waren meine Hauptvergnügungen, theils wegen meiner ſchwachen Geſundheit, theils auch, weil ich von meinem Vater ein eigenthümlich zurückhaltendes Weſen geerbt, das keineswegs als eine charakteriſtiſche Eigen⸗ ſchaft meiner Landsleute gelten kann. Meine glücklichſten Augenblicke waren die, welche ich in dem mit Gras bewachſenen Winkel am Ende un⸗ ſeres Gartens zubrachte, deſſen ich bereits gedachte. Eine Grnppe dunkler Pinien, die auf dem äußerſten Nande des Felſens ſtanden, ſchützten vor der ſcharfen See⸗Luft; in der Nähe wand ſich ein ſteiler Pfad zum Uſer hinab; ein hölzernes, niemals geſchloſſenes Thor führte auf den Weg; aber glücklicher, als Eva je in Edens Garten,— denn in dem meinen wuchs keine verbotene 4 „ Frucht,— konnte ich ganze Tage dort zubringen und vergeſſen, daß nur dieſe Scheidewand mich von der Freibeit trennte. Da mein Vater ſah, wie ſehr ich die⸗ ſen Ort liebte, ließ er eine niedere hölzerne Bank unter den Pinien für mich errichten. Bei ſchönem Wetter war es mein Vergnügen, hier zu liegen und ganze Stunden zu leſen und zu träumen, oder meine Blicke über die reizende Küſte, die weite See und den endloſen Himmel ſchweifen zu laſſen, deren Erhabenheit die Erde ſo weit an Schönheit übertrifft. Ich erinnere mich, daß ich an einem milden und neblichen Herbſtnachmittag an meinem Lieblingsorte ſaß, zum zwanzigſten Male die rührende Geſchichte der Prarovia Lupulow— nicht die Eliſabeth von Madame Cottin, ſondern die wirkliche und weit größere Heldin — las, und zum zwanzigſten Male mit einem gewiſſen eiferſüchtigen Gefühle dachte, ich würde ſicher ebenſo⸗ viel für meinen Vater thun, wenn er ein Verbannter wäre, als er ſelbſt kam und ſich zu mir ſetzte. Er war im Begriffe auszugehen, und wollte wie gewöhnlich das Haus nicht verlaſſen, ohne mir einen Kuß zu geben. Als er mich auf die Kniee nahm, ſah er das Buch of⸗ fen auf der Bank liegen; er blickte mich ernſt an und ſagte mit einem Seufzer: „Ich wünſchte, Du würdeſt nicht ſo viel leſen, mein Liebling. Du biſt immer an den Büchern. Ich fand ſoeben meine Geſchichte der Medizin offen. Was woll⸗ teſt Du damit?“ „Ich las über die Circulation des Blutes.“ „Nun, wer entdeckte ſie?“ „William Harvey. Ich wünſchte, er hätte es nicht gethan.“ „Weßhalb?“ fragte mein Vater erſtauntt. „Weil Du es dann hätteſt thun können,“ antwor⸗ tete ich, meine Arme um ſeinen Hals ſchlingend, und meine Wange an die ſeine lehnend. * 5 Er lächelte, küßte mich auf die Stirne, erhob ſich, um zu gehen, machte einige Schritte, kam zurück, drückte, ſich über mich herabbeugend, mit heißer Zärt⸗ lichkeit ſeine Lippen auf die meinen und verließ mich. Ich ſah ihn in das Haus treten, ich hörte ihn gehen und erhaſchte noch einen flüchtigen Blick, als er auf ſeiner grauen Stute den ſteilen Weg nach Ryde hinan⸗ ritt. Ich ſah und lauſchte noch lange nach dem Orte hin, wo er verſchwunden war. Dann wandte ich den Blick wieder nach der See, auf der ein Fiſcherboot am Ende des Horizontes verſchwand, und dachte lange da⸗ rüber nach, was für ein großer Mann mein Vater ge⸗ worden, wenn William Harvey nicht vor zwei hundert Jahren unglücklicherweiſe die Circulation des Blutes ent⸗ deckt. Ich lag den ganzen Mittag in Träumen verſunken da, bis Sarah den Gartenpfad herabkam, um mich zu ſuchen, und in ihrem finſtern Tone ſagte;. „Miß Margaret, wollen Sie zum Thee kom⸗ men?“ „Nein,“ ſagte ich,„noch nicht.“ Sarah ſah mich verwundert an. Ich war ein ver⸗ wöhntes Kind und nicht übermäßig höflich; aber ich quälte ſie doch auch nicht, wie ſie ſich wohl einbildete, und gar häufig behauptete. „Gott vergebe Ihnen und beſſere Ihr Herz!“ ſagte ſie liebevoll. Ich antwortete nicht. Die meiſten Kinder ſind ari⸗ ſtokratiſch und ich beſaß eine gewiſſe Geringſchätzung der Dienſtboten; überdies war Sarah erſt ſeit einigen Ta⸗ gen bei uns. „Wollen Sie nicht zum Thee hereinkommen,“ fragte ſie wieder. Ich nahm mein Buch, als wenn ſie gar nichts geſagt.„Miß,“ ſagte ſie feierlich,„es wird ein Tag kommen, an dem Sie Ihr Benehmen bereuen.“ Mit dieſer Warnung verließ ſie mich.„Ich ging erſt, als es mir gefiel, in das Haus. Als ich in das Wohnzimmer trat, bemerkte ich zwei Taſſen auf dem Theebret.„Iſt Papa zurück?“ fragte ich, ohne Sarah anzuſehen. „Miß,“ ſagte ſie ungehalten.„Diener ſind weder Hunde noch Katzen. Ich ſchäme mich für Sie, Miß.“ „Iſt Papa zurück?“ fragte ich wieder mit all' der Inſolenz bewußter Sicherheit. Wenn Sarah kecker geweſen, hätte ich wohl eine geſunde Ohrfeige bekommen, aber ich wußte, daß ſie es nicht wagen würde: ihre Vorgängerin war entlaſ⸗ ſen worden, weil ſie es gewagt, mir mit körperlicher Züchtigung zu drohen: ſie kämpfte deßhalb ihren Zorn nieder und antwortete mit bitterem Tone:„Nein, Miß, der Doctor iſt noch nicht zurück.“ Ich ſah die beiden Taſſen an und ſagte:„Ich will meinen Thee allein trinken.“ Sarah wurde ſcharlachroth, wie die Bänder an ihrer Haube, ſah mich höhniſch an, lächelte und ſagte mit ſchadenfrohem Tone:„Nein, Miß, Sie werden den Thee nicht allein trinken; Mr. O'Reilly iſt angekom⸗ men, und da er nicht zu dem Dienertroß gehört, ſo wer⸗ den Sie ſich wohl bequemen, mit ihm den Thee zu trinken.“ 1 Ich ſeufzte bei dieſer Nachricht. Cornelius O'Reilly war der Freund und Lands⸗ mann meines Vaters, der ihn von ſeiner Kindheit an gekannt und ihn unterſtützt und erzogen hatte. Er kam jeden Herbſt auf zehn oder vierzehn Tage nach Rock Cottage. Dabei verſäumte er nie, mir ein Geſchenk zu bringen: doch machte mir dieß nicht gerade ſeinen Be⸗ ſuch willkommener. So lange er bei uns war, wurde ich weniger geliebkost, weniger verhätſchelt, und vor allem bekümmerte ſich mein Vater weniger um mich, das konnte ich dem jungen Manne nicht verzeihen. Als Sarah den unliebenswürdigen Blick bemerkte, mit dem ich die Nachricht ſeiner Ankunft aufnahm, rief ſie 7 7 ungehalten:„Sie ſollten ſich ſchämen, Miß, ſo eifer⸗ ſichtig auf Ihren Papa zu ſein! Glauben Sie, er ſolle ſich um Niemanden kümmern als Sie? denken Sie, wenn er wieder heirathete.“ N „Das thut er nicht, das kann er nicht thun,“ unter⸗ brach ich ſie ziemlich heftig,„und Du weißt, daß Du das nicht ſagen ſollſt.“ Das war wahr; denn Sarah hatte, als ſie ſich einſt mehr denn gewöhnlich von mir„gedrückt“ fühlte, ſich erlaubt zu ſagen:„daß, wenn mein Papa jeden Tag Miß Murray beſuche, dieß nicht wegen ihrer Armuth ge⸗ ſchehe, ſondern weil er ſie heirathen wolle, und daß ich, ſobald die Hochzeit vorüber ſei, in die Schule geſchickt werde.“ 3. Sie ſprach dieß in ſehr entſchiedenem Tone. Ich glaubte ihr und nahm mir die Sache ſo zu Herzen, daß es mein Vater merkte, ſich um den Grund erkundigte und, nachdem er mich mit der Verſicherung beruhigt, er werde nie mehr heirathen, ich ſei ſein einziger Lieb⸗ ling, Sarah hereinrief und ihr in meiner Gegenwart einen kurzen und ſtrengen Verweis gab, den ſie als eine meiner vielen Feindſeligkeiten mir tief in’s Wachs drückte. Verletzt durch dieſe Geſchichte, bemerkte ſie deßhalb hitzig: „Nun, Miß, wenn Papa nicht mehr heirathet, haben wir man,einen Grund, gegen Papa'’s Freund unhöflich zu ein? Ich antwortete nicht. „Es iſt ein guter Menſch,“ fuhr ſie fort;„das liegt ſchon in ſeinem Geſichte.“ Keine Antwort. „Ich ſah nie einen freundlicheren jungen Mann.“ Ich ſchwieg beharrlich. „Auch keinen ſchönern,“ fuhr Sarah fort, auf die die Erſcheinung des jungen Irländers einen tiefen Ein⸗ druck gemacht zu haben ſchien;„es hat ſeinesgleichen nicht von Ryde bis Leigh.“ 8 Sie ſprach in bitterem Tone. Ich fühlte, daß ich erröthete. „Er iſt nicht halb ſo ſchön, als Papa,“ antwortete ich ungehalten. „Recht, Margaret,“ bemerkte eine freundliche Stimme hinter uns; und Cornelius O Reilly, der den letzten Theil unſeres Geſpräches gehört, trat in das Zimmer. Sarah ſtieß einen leiſen Schrei aus, und ſenkte ver⸗ wirrt den Kopf. Um ſich von ihrer Verlegenheit zu er⸗ holen, vielleicht auch um im Zimmer bleiben zu können, begann ſie ſich mit dem Theezeug zu ſchaffen zu machen, während Cornelius ſich an den Tiſch ſetzte und mir winkte. Ich näherte mich, freilich mit etwas unfreundlichem Ge⸗ ſichte. Er nahm meine beiden Hände in die eine von den ſeinen und ſah, die andere auf meinen Kopf legend, mir lächelnd ins Geſicht. Ich hatte ihn oft vorher ge⸗ ſehen, wenn ich jedoch in die Vergangenheit zurückblicke, ſo finde ich, daß von jenem Herbſtabend, als ich vor ihm ſtand, meine Hände in den ſeinen ruhend, ſich meine erſte klare und deutliche Erinnerung an Cornelius O'Reilly datirt. Er war damals ungefähr zwanzig Jahre alt, ſchlank gewachſen, beſtimmt in Benehmen und Haltung, und auffallend ſchön; ſein reiches ſchwarzes Haar warf er oft mit einer haſtigen und ungeduldigen Bewegung zurück. Sein Geſicht war charaktervoll, offen und ſtolz; er hatte eine breite Stirne, feurige, hellbraune Augen, leuchtend und ſcharf, wie die eines Habichts, prägnante Geſichtszüge, die, obgleich weder griechiſch, noch römiſch, ſich doch dem Gedächtniß ſo lebhaft wie ein antikes Bild einprägte. Sein Blick war zugleich freundlich und durch⸗ dringend, ſein Lächeln heiter und verwirrend. Jedermann liebte es, wenige verſtanden es ganz; es war ſo geneigt zu Spott, ſo nachſichtig und ſo herausfordernd gleichgültig — alles zu gleicher Zeit. Wie das Geſicht war es der Ausdruck eines beweglichen Temperaments, das trotz ſei⸗ nes raſchen Wechſels ſtets ehrlich und⸗ offen blieb; ein 9 Gemüth, das für jeden Eindruck empfänglich, aber von keinem beherrſcht wurde. Das war Cornelius O'Reilly, er erſchien mir nicht blos ſo; der Blick des Kindes iſt ebenſo ſcharf, als frei von allen Hintergedanken, und ich beobachtete unbewußt Zeichen, deren Deutung ich nicht verſtand. „Nun, Margaret, wie geht es Dir?“ fragte Corne⸗ lius nach ziemlich langem Schweigen. „Gut, ich danke,“ antwortete ich in leiſem Tone, indem ich einen vergeblichen Verſuch machte, meine Hände aus den ſeinigen loszulöſen. Er ſchien nicht darauf⸗ zu achten, deutete auf ein Stück Löſchpapier, das auf dem Tiſche lag und fuhr fort: „Da iſt ein Kuchen, den Dir meine Schweſter Kate mit ihren freundlichſten Grüßen ſendet.“ Ich ſah Sarah voll Bewunderung aufblicken; das reizte mich zu einer Antwort, die ſo unfrenndlich war, daß ich ſie ungerne wiederhole: „Ich eſſe nie Kuchen,“ ſagte ich. „Miß!“ mahnte Sarah. „Und ich habe Dir dies gebracht,“ fuhr der junge Mann fort, indem er ein Buch aus ſeiner Taſche zog. Er hielt es mir vor die Augen, es hatte einen glänzen⸗ den Einband mit vergoldetem Titel; die Verſuchung war groß, aber nicht größer, als mein unbeugſamer Stolz. „Papa gibt mir Bücher,“ antwortete ich. „Nun gut!“ antwortete Cornelins lächelnd,„ſo werde ich es ihm geben, daß er Dir's gibt.“ Sein liebevolles Benehmen war nahe daran, mich Reue fühlen zu laſſen, als Sarah mit einem unglücklichen „Schämen Sie ſich, Miß!“ dazwiſchen kam. „Sie iſt nur verlegen,“ ſagte Cornelius freundlich. „O wir ſind ſchlau, Sir,“ antwortete Sarah mit einem erzwungenen Lächeln;„wenn wir dürften, würden wir durch die offene Thüre davonlaufen!“ fügte ſie mit 10 Sen Blick auf mich hinzu,„wir ſind ſehr unfreundlich, ir.“ „Keineswegs,“ bemerkte Cornelius, meine Partei ergreifend;„Margarete mag mich wohl leiden, ſie ſagt es nur nicht gerne. Nicht wahr, meine Liebe?“ fügte er mit herausfordernder Zuverſicht hinzu. „Nein,“ lautete meine mehr offene, als höfliche Antwort. „Doch, doch!“ rief er,„und zum Beweis gibſt Du mir freiwillig einen Kuß.“ Ich war erſtaunt über dieſe kühne Idee. Ich küßte noch nie Jemanden, als meinen Vater. Ach! ich hielt mich und meine kindiſchen Liebkoſungen für ſehr koſtbare Dinge. Cornelius lachte und bückte ſich; da er jedoch zu gleicher Zeit meine Hände loslies, entſchlüpfte ich der Liebkoſung und wollte durch die offene Thüre die dunkle Treppe hinan. Sarah wollte mir nacheilen. Cornelius verbot es und wiederholte:„ich ſei verlegen.“ „Verlegen, Sir! verlegen!“ wiederholte Sarah mit einem kurzen, unwilligen Lächeln,„nein, Sir, es iſt Stolz, ſie iſt ſo ſtolz, als Luzifer und ſo widerſpenſtig dazu. Ich könnte das Kind zu Tode ſchlagen, Sir, ſie würde mich nicht küſſen. Niemand weiß, wie ſie mich quält. Ich bin von Natur eine Freundin der Kinder und war in Familien, wo die jungen Mädchen ganz vernarrt in mich waren, und ſich kaum um ihre Mama's, noch viel weni⸗ ger um ihre Papa's kümmerten, aber mit Miß Margaret iſt's gerade das Gegentheil. Sie mögen ſie tadeln oder loben, ſchelten oder liebkoſen, es iſt einerlei; ſie kümmert ſich um Niemand, als um ihren Papa, auf den ſie ſo eiferſüchtig iſt, als nur immer möglich: und wenn ſie Sie nicht liebt, Sir, ja ſie ſcheint Sie nicht zu lieben, — das hat Alles ſeinen Grund.“ Er lachte, als ſie athemlos und erſchöpft innehielt. Ich wollte nicht mehr hören und ſchlich mich leiſe in mein Zimmer hinauf. Ich fürchtete weder Dunkelheit, 11 noch Alleinſein; auch war der Mond bereits aufgegangen, und ſein blaſſes mildes Licht fiel durch die Fenſter. Ich ſetzte mich neben meinem Bette nieder, legte meinen Kopf auf das Kiſſen, und ſah durch das Fenſter nach dem klaren Himmel, an dem eine ganze Herde weißer Wolken langſam nach Weſten zog. Ich wollte ſo bleiben, bis ich den wohlbekannten Hufſchlag von meines Vaters Pferd auf dem gepflaſterten Wege hörte, aber unwillkürlich ſchloßen ſich meine Augen und ich verſank in tiefen Schlaf. Wie lange ich ſchlief, kann ich nicht ſagen. Ich weiß, daß ich einen furchtbaren Traum hatte, auf den ich mich aber nie klar beſinnen konnte, und daß ich mit dem kalten Schweiß auf meiner Stirne und einer ſchreck⸗ lichen Angſt im Herzen erwachte. Ich ſah zitternd vor Bangigkeit auf; eine große dunkle Wolke zog über den Mond hin; in meinem Zimmer war es ſo dunkel wie um Mitternacht, aber nicht ſo ſtill. Ein ungewöhnlicher Lärm erfüllte unſere ſonſt ſo ruhige Wohnung; ich lauſchte und hörte die Stimme fremder Männer, und ſie über⸗ tönend die Stimme Sarahs, welche laut jammerte und „O mein armer Herr!“ rief. Meine nächſte Erinnerung iſt, daß ich auf den obern Stufen der Treppe auf das, was unten vorging, hinab⸗ ſah; daß ein ſcharfer Luftzug von der geöffneten Haus⸗ thüre heraufdrang, die den Blick auf einen ſternglänzen⸗ den Himmel bot; daß auf der Schwelle des Wohnzimmers drei Männer mit groben Kitteln ſtanden und mir den Rücken zukehrten; und daß ich neben ihnen im Zimmer Sarah ſtehen ſah, welche bitterlich weinte und ein flackern⸗ des Licht in der Hand hielt, während Cornelius OReilly ſich über meinen Vater herabbeugte, der bewegungslos und todtenblaß in ſeinem Stuhle ſaß. Er ſagte etwas, Cornelius ſah Sarah an; ſie ſtellte ihr Licht nieder, kam heraus, ſchloß die Thüre und alles verſchwand wie eine dunkle Viſion in plötzlicher Dunkelheit. Und für eine Viſion würde ich es wohl auch gehalten haben, wenn nicht ein leiſes Geſpräch an mein Ohr gedrungen wäre. Sarah ſchluchzte in dem dunkeln Gang. „Nun, Mädchen, laß das,“ ſagte eine männliche Stimme, welche ſo leiſe als möglich ſprach,„wozu ſoll es nützen? Jedermann kann ſehen, daß es mit dem ⸗ armen Doktor vorbei iſt.“ „Ach! ſagt das nicht,“ rief Sarah unzuſammen⸗ hängend,„nein, nein!“ —„ Er hat das ſelbſt geſagt, und er muß es wiſſen. „Es iſt vorbei mit mir, Dick,“ ſagte er, als wir ihn aus der Tiefe heraufholten, wohin ihn das verwünſchte Pferd geworfen;„tragt mich nach Hauſe,“ ſagte er, „daß ich dort ſterbe.““ Sarah jammerte; die beiden andern Männer ſag⸗ ten nichts; hätten ſie nur ein Wort geſprochen, ich würde 4 mich's erinnern, denn ich höre noch immer ganz deutlich, als wäre es dieſen Augenblick erſt geſchehen, nicht nur was, ſondern auch wie jene Stimme die Trauerworte ſprach, denen ich auf der Treppe ſtehend mit tiefem „Schmerze lauſchte. Kaum hatte er geendigt, als die Thüre des Wohnzimmers ſich bffnete: Cornelius erſchien blaß und voll Schmerz auf der Schwelle und rief mit lauter Stimme:„Margaret.“ Ich ſprang hinunter: in einem zweiten Augenblicke war ich bei meinem Vater, hatte meine Arme um ihn geſchlungen und hing Wange an Wange an ihm. Er trug kein Zeichen äußerlicher Verletzung; aber ſeine Stirne war aſchfahl; ſein Blick war matt; ſeine Lippen waren weiß. Er erkannte mich, denn er blickte von mir nach Cornelius mit einem Ausdruck, der augenblicklich 1 zündete. Der junge Mann legte ſeine Hand auf meine Schulter; Thränen rollten über ſeine Wangen und ſeine Lippen zitterten, als er ſagte:„Möge Gott mich ver⸗ laſſen, wenn ich Ihr Kind verlaſſe.“. 3 13 Mein Vater machte eine Anſtrengung; er erhob ſich auf ſeinen Ellbogen. „Sage Kate,“ begann er; aber die Worte, die er ſprechen wollte, erſtarben in einem unverſtändlichen Ge⸗ murmel: er ſank zurück; man hörte ihn ſchwer auf⸗ athmen; dann folgte eine tiefe Stille. Ich fühlte Cor⸗ nelius Hand ſchwer auf meiner Schulter ruhen.„Sarah,“ ſagte er, indem er nach der Thüre ſah und etwas flüſterte. Sarah kam herbei, nahm mich bei der Hand und führte mich weg. Sie weinte bitterlich. Ich weiß nicht, was ich in jenem Augenblicke fühlte: es war Schrecken, Unruhe, Betäubung, Schmerz. Ach! ich erfuhr in jener Stunde, welch' bittern Kelch auch ein armes kleines Kind zu leeren beſtimmt ſein kann; wie früh alle die ſchwere Hand Deſſen fühlen müſſen, der nicht in ſeinem Zorn, ſondern in ſeiner Liebe züchtigt. Zweites Kapitel. Mein Vater war todt. Er, der mich noch vor wenigen Stunden geküßt,— deſſen Rückkehr— Gott helfe mir, armen Kinde!— ich ſo ſehnlich erwartet hatte, deſſen Liebkoſungen nun für immer verſtummt waren, auf deſſen Kommen ich nun vergeblich harrte— mein Va⸗ ter, der mich ſo innig geliebt, war todt. Ach! ich begriff nur zu gut, was ich alles in mei⸗ nem Vater verloren hatte. Als Cornelius in das hintere Wohnzimmer kam, wohin mich Sarah gebracht, und zu mir ſagte:„Margaret, Du mußt mit Sarah gehen i da weigerte ich mich keinen Augenblick. Ich fragte nicht mal, warum und wohin ich gehen ſollte. Ich war ein ſtolzes und ſtarrköpfiges Kind geweſen, nun war ich demüthig und nachgebend. Ich fühlte in einer Weiſe, die ich nicht beſchreiben kann, meine Macht war dahin. Er, der meinen Bitten und Thränen nicht hatte wider⸗ ſtehen können, lag im nächſten Zimmer kalt und leblos; weder die Stimme, noch die Urmarmung ſeines Kindes würden ihn jetzt bewegen. Sarah brachte mich zu der vermeintlichen Stief⸗ mutter, mit der ſie mir einſt gedroht hatte. Miß Murray war eine blaſſe, blonde, etwas ſchwächliche Dame von dreißig Jahren, welche an einem hübſchen, wie ein Bienenkorb ausſehende Orte wohnte, der den Namen Honeyſuckle Cottage trug; dort lebte ſie wie eine ein⸗ ſame Biene, in ihrem Stuhle ſitzend und den ganzen Tag mit langſamer Geſchäftigkeit arbeitend oder mit leiſer murmelnder Stimme, die an das Geſumme eines entfern⸗ ten Bienenkorbes erinnerte, über ihr Leiden klagend. Sie haßte Geräuſch, Licht, Bewegung: ihre Böden waren deßhalb mit Teppichen bedeckt, ihre Fenſter verſchloſſen und verhängt. Thiere waren ihr unangenehm, ſie machten Geräuſch und trieben ſich umher; Blumen dul⸗ dete ſie,— ſie waren ruhig und ſtill. Sie ging nie aus und empfing nie Beſuche, ſondern lebte ein träumeriſches Stillleben in ihrem Zwielichte, das für ihre Geſundheit, Stimmung und ihr Temperament am zuträglichſten war. Wir fanden Miß Murray bereits von dem Tode meines Vaters unterrichtet. Sie ſaß in ihrem Wohnzimmer mit einem Battiſttuche vor den Augen; neben ihr ſtand ihre Dienerin Abby, welche ihr Troſt einſprach. Eine Lampe ithenn dunkelgrünen Schirm brannte düſter auf dem Tiſche. „Ich kann es nicht überleben, Abby,“ ſeufzte Miß Murray mit ſchwacher Stimme;„ein Freund—“ 3 „Die beſten Freunde müſſen ſterben, Madame.“ — 15 „Ein Freund, Abby, der meine Conſtitution ſo gut verſtand. Abby, wer iſt das?“ „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte Sarah, indem ſie mich in das Zimmer führte.„Mr. O'Reilly würde Ihnen ſehr dankbar ſein, wenn Sie—“ „Du brauchſt nicht weiter zu ſagen, Sarah, ich verſtehe; die Sache iſt zu ſchmerzlich, Du magſt das Kind hier laſſen. Ich hoffe, ſie wird mich in meinem ſchwachen Zuſtande mit nutzloſem Jammer verſchonen. Niemand kann mehr Urſache haben, den unſchätzbaren Freund zu beweinen, dem ich viele Jahre meines Lebens verdanke.“ „Sie weint nicht!“ ſagte Abby mit einem Blicke auf mich. „Sie weint nie,“ bemerkte Sarah mit Emphaſe; „das Kind iſt ſchrecklich ſtolz, Madame.“ „Das iſt gut,“ antwortete Miß Murray ernſt: „Thränen ſchaden dem Nervenſyſtem. Komm,, mein lie⸗ bes Kind, ſetze Dich zu mir.“ 3 Sie deutete auf einen niederen Stuhl neben ihrem Lehnſeſſel. Ich bewegte mich nicht. Sarah mußte mich zu ihr führen: während ich mich gefühllos niederſetzte, machte ſie der Dame ein geheimnißvolles Zeichen. „Doch nicht wahnſinnig!“ rief Miß Murray, den Armſtuhl plötzlich heftig wegrollend. „O nein, Madame, eher blödſinnig; ihre Wider⸗ ſpenſtigkeit kommt daher.“. „ Traurig,“ ſeufzte Miß Murray,„aber ſie iſt we⸗ nigſtens ruhig. Guten Abend, Sarah. Abby, bitte, ſieh nach dem ſchrecklichen Knaben draußen, meine Ner⸗ ven ſind ungewöhnlich ſchwach.“ Die beiden Dienerinnen verließen das Zimmer auf den Zehenſpitzen und ſchloßen leiſe die Thüre. Ich blieb allein mit Miß Murray. „Mein liebes Kind,“ begann ſie, nich hoffe, Du wirſt meine Ruhe nicht ſtören; es wäre unchriſtlich. Ich 16 verlor einen freundlichen Vater, eine vortreffliche Mut⸗ ter, eine liebevolle Tante, den theuerſten Bruder— Die Liſte wurde ploͤtzlich unterbrochen; durch die leiſe geöffnete Thüre trat ein Knabe von elf bis zwölf Jahren, ſchlank, kräftig, blond, ziemlich hübſch, aber roh und ungeſchlacht, wie ein junger Bär. Es war ihr Neffe William. Sein Vater war vor ſechs Mona⸗ ten geſtorben und hatte ihn der Erziehung ſeiner Tante anvertraut, die ihn augenblicklich wegen ſeiner ſchlechten Aufführung in eine Schule that. Seine zeitweiſen Beſuche, 3 während der Feiertage, waren für ſie eine Quelle manchfacher Leiden. Als ſie ihn eintreten ſah, blickte Miß Murray wie Jemand, der auf Alles gefaßt iſt, auf und fragte leiſe:„William, haſt Du Abby ge⸗ ſehen 2“ „Ja,“ lautete ſeine trotzige Antwort. 5 „Dann möcht' ich Dich bitten,“ fügte ſie empha⸗ tiſch hinzu,„meine und dieſes theuren Kindes Gefühle zu reſpectiren.“ fort Er ſah mich an: antwortete jedoch nicht. Sie fuhr ort: „Benimm Dich nicht, wie ein junger Wilder,— wenn Du kannſt,“ fügte ſie freundlich hinzu. 5 William ſah ſeine Tante ſcheel an, und ſteckte ſtatt jeder Antwort die Hände in die Taſchen. „Du haſt denſelben Schmerz erlebt,“ fuhr Miß Murray fort,„und wenn ich auch nicht ſagen kann, daß Deine Sprache immer ehrerbietig gegen das An⸗ denken meines vielbeweinten Bruders war—“ „Warum überließ er mich der Weiberherrſchaft!“ unterbrach ſie William ärgerlich,„Du glaubſt doch aicht, ich werde mich von ein paar Frauen unterjochen laſſen. Ich komme ſingend herein, denn ich wußte von nichts, und da nennt mich Abby eine lachende Hyäne, und kaum trete ich ins Zimmer, ſo heißt Du mich einen Wilden. Da ſoll doch!“ — 17 Dies mußte etwas zu bedeuten haben, denn Miß Murray beweinte ihr unglückliches Schickſal, während William ſich mürriſch an den Tiſch ſetzte, über den er finſtere Blicke nach mir herüber warf. „Ich will das Andenken meines geliebten Bruders nicht kränken,“ begann Miß Murray in gefühlvollem Tone,„aber wenn er nur einige Rückſicht auf mich und meinen ſchwachen Zuſtand genommen, ſo würde er ängſt⸗ licher mit ſeiner Geſundheit geweſen ſein, um ſein Leben länger zu erhalten. William, was ſollen dieſe abſcheu⸗ lichen Grimaſſen?“ „Ich mag das nicht,“ ſagte William, deſſen Ge⸗ ſichtszüge ſich wirklich unheimlich verzogen,„ich kann das nicht leiden.“ Miß Murray folgte der Richtung ſeines Blickes und ſah ſich nach mir um. „ Das unglückliche Kind weint!“ rief ſie in einem jammervollen Tone:„ſie ſchluchzt ſogar! William klingle— rufe Abby. Mein liebes Kind, wie magſt Du weinen? O Abby, o Abby,“ fügte ſie hinzu, als die Thüre ſich öffnete zund Abby eintrat,„ſieh— kann man dem Weinen nicht Einhalt thun?“ „Sie wird doch nicht weinen?“ bemerkte Abby erſtaunt. Ich hatte meinen Kopf auf meine Kniee herabge⸗ beugt und weinte und ſchluchzte laut. Miß Murray er⸗ klärte, nachdem ſie Alles verſucht, um mich zu beruhi⸗ gen, ich ſolle zu Bette gehen. Ich widerſetzte mich nicht. Abby nahm meine Hand, um mich wegzuführen; da rief William:„Es iſt eine Schande,“ ſtürzte auf ſie zu und wollte mich ihr entreißen. Es folgte ein kur⸗ zes, aber entſcheidendes Handgemenge. William wurde ſchmachvoll beſiegt; er zog ſich mit zerſtörtem Haare und glühend rothem Geſichte hinter den Tiſch zurück. „Oh! der junge Tiger!“ rief Abby, noch ganz athemlos,„mit dem Jungen wird's ein ſchlimmes Ende nehmen. 8 Daiſy Burns. 1. 2 18 William warf ihr einen verächtlichen Blick zu. Miß Murray, welche bei dem Beginn des Kampfes ihren Lehnſtuhl zurückgeſchoben, bemerkte mit unwilli⸗ gem Tone:„William, Du mußt morgen in die Schule zurück. Abby, bring das Kind zu Bette: ich will Euch zeigen, wo ihr die nächſte Schlacht ausfechten mögt.“ Abby warf die Thüre zornig ins Schloß und führte mich, einige unverſtändliche Worte murmelnd, nach ih⸗ rem Zimmer, entkleidete mich und brachte mich zu Bette. Mein Weinen hatte noch nicht aufgehört. „Kommen Sie, Miß,“ ſagte ſie etwas unfreund⸗ lich,„Weinen hilft nichts.“ Sie bückte ſich, um mir einen Kuß zu geben; ich wandte mich mit tiefem Schmerze weg. Was ſollte mir die Liebkoſung einer Fremden an einem Abend, der mich für immer der Liebkoſung meines Vaters beraubt hatte. „Stolze kleine Dirne,“ rief ſie halb ärgerlich. Damit verließ ſie mich. Bald kam ſie wieder und legte ſich neben mich; in wenigen Augenblicken war ſie in den tiefſten Schlaf verſunken. Ich weinte mich ſtill in ſanften Schlummer.. Ich erwachte am nächſten Morgen mit der Apathie des tiefen Kummers: das gefiel Miß Murray, die mich beim Frühſtück ihrem Neffen als Beiſpiel auf⸗ ſtellte.. 4 Er antwortete mit verächtlichem Tone:„Er wo nicht ein Mädchen aus ſich machen, um ihr und Ab zu gefallen.“ „Aber Du könnteſt des Kindes Gefühle durch Ru ſchonen,“ verſetzte ſeine Tante, während ſie ihren The⸗ langſam ſchlürfte. 4 „Weßhalb iſſeſt Du nicht?“ fragte William, inde er ſich an mich wandte.“ „Ich bin nicht hungrig.“ 8. 19 „Es ſind nicht alle Kinder ſo gefräßig, als Du, William,“ ſagte Miß Murray. „Haſt Du auch eine Tante,“ fragte er, ohne auf ihre Bemerkung zu achten. „Nein!“ antwortete ich lakoniſch, denn ſeine Fra⸗ gen ermüdeten mich. „Glückliche!“ antwortete er mit einem neidiſchen Blick und Seufzer. „Schrecklich!“ murmelte Miß Murray, und ſetzte ihre Taſſe nieder;—„noch nicht zwölf, ſchrecklich!“ „Wer wird für Dich ſorgen!“ fuhr William fort. Miß Murray war eine von jenen gutherzigen Per⸗ ſönlichkeiten, die weder durch Wort, noch durch That Jemanden einen unangenehmen Augenblick bereiten mö⸗ gen. Sie rief deßhalb in gereiztem Tone:„Höre nicht auf ihn, meine Liebe!“ „Liebſt Du ſie nicht?“ fuhr William fort. Ich gab ihm keine Antwort. „Das iſt ganz Recht,“ bemerkte Miß Murray bil⸗ bligend,„nimm ein Exempel an dem Kinde, William.“ „Sie iſt ein kleiner Trotzkopf!“ rief er entrüſtet, und ſprach bis zu ſeiner Abreiſe, die im Verlaufe des Tages ſtattfand, kein Wort mehr mit mir. Eine Woche verfloß: das einzige Ereigniß dieſer Tage war, daß man mich von Kopf bis zu Fuß in Trauer kleidete. Ich gewann mir die Zuneigung Miß Murrays durch eine gefühlloſe Apathie, die mit jedem Tage zunahm. Ich ſaß entweder im Wohnzimmer und ſah ihr beim Nähen zu oder in einem kleinen Garten hinter dem Hauſe auf einer niederen Bank an der Thüre. War ich mal dort, ſo ging ich nicht von der Stelle, bis mich Abby ins Haus rief. So fanden mich dieſe und Sarah eines Nachmittags. Ich kümmerte mich nicht um ihr Kommen. Sie ſahen mich eine Zeit lang an und winkten ſich dann zu. Ein geheimnißvolles Ge⸗ ſpräch folgte. 20 „Nun?“ ſagte Sarah fragend. „Ja!“ antwortete Abby emphatiſch. „Nein!“ rief Sarah. „Gewiß nicht?“ war die entſcheidende Antwort. Sarah ſeufzte, ſetzte ſich zu mir und fragte mich, wie es mir gehe, ob ich ſie kenne, und andere Dinge dieſer Art. Ich ſah ſie weder an, noch antwortete ich. Sie erhob ſich und warnte Abby,„ihre Liebe nicht Maſter William zuzuwenden“; worauf Abby unwillig antwortete: da ſei keine Gefahr; dann vergab ſie mir meine Undankbarkeit. Als ſie wieder in das Haus traten, glaubte ich die Stimme Cornelius O'Reilly's aus der Stube zu hörea. Meine Apathie verſchwand wie durch einen Zauber. Die ſtumpfe Gleichgültigkeit hatte ſich in ungeſtüme Hef⸗ tigkeit verwandelt. Cornelius OReilly war ſeit dem Tode meines Vaters nicht in meine Nähe gekommen: ich ahnte, daß es ſeine Sendung war: mich mit ſich zu nehmen. Ich ſah um mich her: eine Thüre bot mir Gelegenheit, zu entkommen, ich öffnete ſie, ſchlüpfte unbe⸗ merkt hinaus und eilte auf dem einſamen Pfade fort. In wenigen Minuten hatte ich Rock Cottage ungeſehen und unvermißt erreicht. Nach der Heimath treibt uns ein unbewußtes Ge⸗ fühl des Herzens und wie der verwundete Vogel nach ſeinem Neſte flieht, ſo ſuchte ich eine Zuflucht an dem Orte, der mich ſo lange geborgen. 8 Die Gartenthüre ſtand offen, aber die Hausthüre und die Fenſter waren geſchloſſen. Ich ging nach der Hinterſeite des Hauſes; mein Herz brach, als ich auch hier alles geſchloſſen und ſtille fand. Ich ſetzte mich auf die letzte der ſteinernen Treppen in der unbeſtimmten Hoffnung, es möchte Jemand öffnen und mich einlaſſen. Ich lauſchte, ob ich nicht Jemand kommen oder ſprech höre; aber das Leben war verſtummt, über mir hing ei düſtere, ſchwarze Wolke; der Wind hatte ſich erhob 21 die Tannen am Ende des Gartens beugten ſich unter ſeiner Gewalt und erhoben ſich wieder mit ächzender Klage; die Fluth begann und dem donnernden Brauſen der Wo⸗ gen, die ſich an dem Fuß der Felſen brachen, folgte das tiefe und ernſte Murmeln der zurücktretenden Waſſer. Es überkam mich ein unausſprechlicher Schmerz bei dem Gedanken an meinen verlaſſenen Zuſtand, an all' das, was mein geweſen und nie mehr mein ſein ſollte; mein Herz, das den ganzen Kummer bisher ſchweigend getragen, brach unter dieſer Laſt zuſammen. Ich warf einen ſchmerzvollen Blick um mich, verſchlang die Arme über dem Kopfe und weinte aus tiefſter Seele auf der Schwelle meiner verlorenen Heimath. Endlich machte mich eine freundliche Stimme aufblicken. „Margaret, was thuſt Du hier?“ fragte Cornelius. Ich rührte mich nicht und antwortete nicht. Er ſetzte ſich zu mir und erhob mich ſanft. Ich blickte ihn gedankenlos an. Sein ſchönes Geſicht verfinſterte ſich. „Armes, kleines Ding!“ ſagte er,„armes, kleines Ding!“ Er nahm meine kalten Hände in die ſeinen und zog mich näher an ſich. Vom Schmerze niedergedrückt, lies ich es geſchehen. Ich hatte ſeine Geſchenke ausge⸗ ſchlagen, ſeine Liebkoſungen vermieden, war eiferſüchtig, ſtolz und trotzig geweſen, hatte ſchon den Gedanken, ſeiner Anweſenheit in meines Vaters Hauſe gehaßt— und nun kam er, um mich auf der Schwelle dieſes Hauſes aufzuſuchen, mich, ein elendes hinausgeſtoßenes Kind— in ſeinen ſchützenden Arm zu nehmen. Der Schauer eines fremdartigen Gefühles durchrie⸗ ſelte mich. Ich löste meine Hand aus der von Cornelius los und ſchlang, einer ploͤtzlichen Eingebung folgend, meine Arme um ſeinen Nacken. Meine Wange ruhte an der ſeinigen; ich erwiederte ſeine Liebkoſung. Ich war beſiegt. Ich war ein Kind, wie konnte ich anders fühlen, als wie ein Kind— ganz und ohne Rückhalt. Ich 22 wußte nicht, wie und warum; ihm gehörte von dieſer Stunde mein ganzes Herz. Drittes Kapitel. Cornelius O Reilly hatte zu viel Tact, um nicht augenblicklich zu fühlen, welche Gewalt er über das ſtolze und ſcheue Kind gewonnen, das ſeit Jahren unempfind⸗ lich und zurückſtoßend gegenüber ſeiner Freundlichkeit geweſen und nun ſich in einem Augenblicke ganz und unge⸗ theilt hingab. Er ſah mich gedankenvoll und freundlich lächelnd an; ich verſtand die Bedeutung dieſes Lächelns, es änderte aber meine Lage nicht. Ich fühlte mich ſo glücklich in dieſer Hingabe, in der von meiner Seite zugleich eine Unterwerfung, der ſchöne Glaube des Kin⸗ des, von ſeiner Seite Schutz— der wahrſte Genuß der Stärke,— auf beiden Seiten Liebe lag, ohne die die Abhängigkeit zur Sclaverei, der Schutz zur Laſt wird. „Cornelius' Charakter war offen und gerade; er ergriff plötzlich die Zügel ſeiner Autorität und fand mich geleh⸗ riger, als ich je rebelliſch geweſen: es lag ebenſowenig in meiner Natur, halben Gehorſam zu leiſten, als getheilte Liebe zu ſchenken. 3 „Wir müſſen gehen, Margaret,“ ſagte er in einem Tone, der trotz ſeiner Freundlichkeit keinen Widerſpruh zuließ. Ich erhob mich und nahm ſeine Hand ohne zu murren. Wir kehrten nach Honeyſurckle Cottage zurück, wo wir Miß Murray ſich mit Abby wundernd fanden:„was wohl aus dem armen Kinde geworden.“ 5 23 Cornelius fragte, um welche Stunde die Poſtkuiſche durch Ryde komme. „Halbzehn,“ antwortete Abby. „Margaret, mache Dich bereit,“ ſagte Cornelius, in⸗ dem er auf ſeine Uhr ſah, die er von meinem Vater zum Geſchenk erhalten. Ich ging mit Abby die Treypen hinauf; ſie kleidete mich an und brachte mich mit feierlichem Schweigen zurück. „Es ſoll nicht fehlen, Mr. OReilly,“ bemerkte Miß Murray ernſt, als wir inhas Wohnzimmer traten. Er hörte mich, und ohne ſich umzuwenden, ſagte er ruhig:„Margaret, komm' und ſage Miß Murray Lebe⸗ wohl und danke ihr für alle ihre Güte.“ „Willſt Du mir nicht auch einen Kuß geben?“ fragte Miß Murray, als ich wie mir befohlen und nicht mehr that. Ich ſah Contielius an, die Bedentung ſeines Blickes war klar. Ich küßte Miß Murray. Sie zog ihr Taſchen⸗. tuch heraus, wünſchte ſich eine Nichte, ſtatt eines Neffen, ſchüttelte Cornelius die Hand und klingelte, nachdem ſie einen vergeblichen Verſuch ſich zu erheben gemacht. Abby ließ uns hinaus. Cornelius drückte ihr ſchwei⸗ gend etwas in die Hand und ſah mich ausdrucksvoll an. „Guten Abend, Abby,“ ſagte ich und küßte ſie, wie ich ihre Herrin geküßt. „Nun, das iſt hübſch!“ rief ſie; aber Cornelius lächelte flüchtig, nahm meine Hand und führte mich weg. Wir gingen eine Zeitlang auf dem Wege, der nach Ryde und an Rock Cottage vorüber führt; plötzlich aber ließen wir meine alte Heimath und die See zur Rechten liegen und ſchlugen einen einſamen Pfad zur Linken ein. Die Dämmerung brach herein, und unſer Weg führte über öde Felder, die von Hecken und dunkeln geiſterhaften Bäumen eingehägt waren, hinter welchen der Vollmond durch den dichten Abendnebel mit rothem Scheine her⸗ vorleuchtete. Wir begegneten Niemand; auch gewahrten wir nichts von einem Landhauſe, Pachthofe oder einer Wohn⸗ 24 ung in der ganzen Gegend. Eine dunkle, verſchwommene Linie, wie die Kuppe eines Waldes zog ſich an dem düſtern Himmel hin und begrenzte den Horizont. Ich ſah vergeblich nach den Hügeln von Ryde. Ich wollte Cornelius darnach fragen; er ſchien jedoch ſo zerſtreut, weiter. 7 Eine Viertelſtunde brachte uns an das Ende des Weges, den eine hohe Backſteinmauer ſchloß, welche bis auf eine große Entfernung von Bäumen überſchattet wurde. Durch ein maſſives eiſernes Gitterthor, das von einem verfallenen Häuschen bewacht wurde, ſahen wir in eine lange Allee, an deren Ende ein einſames Licht brannte. Cornelius klingelte; ein grämlich ausſehender Pförtner kam aus dem Häuschen, öffnete das Thor, ſchloß es, als wir eingetreten, deutete nach Rechts und trat wieder in das Häuschen,— alles ohne ein Wort zu ſprechen. Die Allee, die wir nun durchſchritten, führte durch einen traurig ausſehenden Park und endigte bei zwei alten Laternenpfoſten, von denen der eine zerbrochen am daß ich nicht zu ſprechen wagte. Wir gingen ſchweigend Boden lag und halb von Geſtripp überwachſen war, während der andere noch ſtand und eine Laterne von trübem Glaſe trug, in welcher die Flamme düſter brannte. Sie hatten einſt den Eingang zu einem ſchönen Hofe gebildet, in deſſen Mitte nun ein verfallener ſteinerner Springbrunnen ſtand, hinter welchem ein altes Schloß aus Backſtein im Style Eliſabeths lag, auf welches das blaſſe Mondlicht fiel. Schwarz, vom Alter gebräunt, dicht mit Epheu überwachſen, ruhte es auf einer niederen und maſſiven Arcade. Es lag gerade der Allee gegenüber und war in einem Walde von Eiben und Cypreſſen begraben, die feierlich und ernſt vor ihm aufſ drang aus den verſchloſſenen Fenſtern; der ganze Or ſah ſo finſter und ſchweigend aus, wie eine Ruine. . ttiegen und ihm einen düſtern und traurigen Anſtrich gaben. Kein Lichtſtrahl 25 Wir gingen über den Hof und Cornelius pochte an die Thüre, welche etwas von Haus und Arcade vorſprang. „Wohnſt Du hier?“ fragte ich. „Nein, Kind; Du weißt doch, daß ich in London mit meiner Schweſter Kate wohne!“ Während er ſprach, riegelte ein kleines Dienſtmädchen in Schlarfen die Thüre auf und öffnete halb. Sie hielt ein Talglicht in der einen Hand, mit der andern drückte ſie an der Thüre. Durch die Oeffnung zeigte ſie uns die Hälfte eines runden und erſtaunten Geſichtes. —„Mr. Thornton,“— begann Cornelius. „Nimmt keinen Beſuch an,“ unterbrach ſie ſogleich und wollte die Thüre ſchließen, aber Cornelius hinderte ſte daran. „Ich komme in Geſchäftsſachen,“ ſagte er. „Wo iſt der Brief?“ fragte das kleine Mädchen, ihre Hand zum Empfang ausſtreckend. „Brief? Ich habe keinen Brief. Aber hier iſt meine arte.“ Sie ſchüttelte den Kopf, wollte die Karte nicht neh⸗ men und ſagte in dem Tone feſter Ueberzeugung,„es würde nichts nützen.“ „Ich ſage Euch, ich habe ein Geſchäft mit Mr. Thornton,“ verſetzte Cornelius ungeduldig. „Nun gut, wo iſt der Brief?“ Es hatten ſich der Begriff Geſchäft und Brief ſo feſt in ihrem Kopfe in einander verſtrickt, daß Cornelius trotz ſeines Unwillens lachen mußte. „Ich wünſchte, ich hätte einen Brief, da Ihr nun einmal darauf verſeſſen ſeid,“ antwortete er freundlich; wich kam jedoch nicht, um einen Brief abzugeben, ſondern mit Mr. Thornton über eine wichtige Geſchäftsſache zu ſprechen.“ Saben Sie mir denn keinen Brief zu geben?“ drängte ſie in einem Tone unwilligen Trotzes. - Cornelius ſuchte in ſeinen Taſchen, fand aber keinen 26 Brief.„Auf mein Wort,“ bemerkte er ernſt,„ich habe keinen, nicht mal eine alte Enveloppe.“ „Dann werden Sie auch nicht hereinkommen!“ ent⸗ gegnete ſie, ſo biſſig hinter der Thüre hervorſehend, wie ein junger Hund, der auf der Wache iſt. „Ich bitte um Entſchuldigung, ich werde doch ein⸗ treten,“ entgegnete Cornelius mit kalter Höflichkeit. „Wenn Sie die Hand nicht zurückziehen,“ rief das Mädchen mit heller Stimme,„ſo werde ich das Licht darauf träufeln laſſen.“ „So. Ich will aber meine armen Finger nicht verſengen laſſen!“ ſagte Cornelius in feſtem Tone, und blies mit dieſen Worten das Licht aus. Sie ſchrie laut auf, ließ das Licht fallen und die Thüre entſchlüpfte ihrer Hand. Wir traten ein; das Mädchen eilte durch den Gang, der von einem ſchwachen Lichte erleuchtet war, das von der Treppe kam. „Halten Sie mich für einen Dieb?“ fragte Corne⸗ lius:„ich ſage laut, daß ich mit Mr. Thornton in Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten ſprechen muß.“ Sie blieb ſtehen, ſah ihn mit Mißtrauen an und antwortete mürriſch:„Der Herr will Sie nicht ſprechent er will Niemand ſehen, als den Herrn von Lyndon.“ „Ich bin von London,“ ſagte Cornelius ruhig. Sie ſah ihn einen Augenblick verwirrt an, öffnete dann eine Seitenthüre, aus welcher ein röthlicher Licht⸗ ſtrom drang, und ſchob uns mit einem Gemurmel, in welchem nur das Wort„London“ verſtändlich war, in das Zimmer und ſchloß die Thüre hinter uns. Wir befanden uns in einem großen Zimmer mit wenigen Tiſchen und Stühlen, aber ſo überfüllt mit Bü⸗ chern, Globen, Landkarten, ausgeſtopften Thieren, In ſekten⸗ und Mineralienkäſten, Maſchinen und Inſtrumen⸗ ten, daß wir keinen Platz zum Stehen finden konntel⸗ Eiin helles Feuer flackerte in dem großen Kamine: im ganzen Zimmer aber herrſchte ein Modergeruch, der das 27 Gefühl, als ſei man bei einem Magier, noch verſtärkte. Eine düſter brennende Lampe, welche von der Decke herabhing, machte einen geiſterhaften Eindruck. Ihr Licht fiel auf einen viereckigen Tiſch, der mit Papieren bedeckt war, und bei welchem ein eigenthümlich ausſehender Mann ſaß— einer der zahlloſen Magier unſerer Zeiten, der zwar in ein Alltagsgewand gehüllt war, deſſen charakteriſtiſche Züge, bräunliche Geſichtsfarbe, weißes Haar und Bart nicht des fliegenden Gewandes oder des myſtiſchen Gürtels bedurfte, um einen düſtern Eindruck zu machen. Er war zu ſehr mit der Unterſuchung eines höchſt inter⸗ eſſanten Roßkäfers beſchäftigt, um unſere unerwartete Ankunft in anderer Weiſe zu beachten, als daß er mit der Hand winkte, was uns das tiefſte Schweigen aufer⸗ legen ſollte, da er uns in dieſem wichtigen Augenblicke keine Aufmerkſamkeit ſchenken konnte. Endlich ſah er auf und ein Paar durchbohrende ſchwarze Augen auf Cornelius heftend, wandte er ſich mit der abgebrochenen Bemerkung an ihn:„Sir, ich bin außerordentlich beſchäf⸗ tigt, aber Sie ſind willkommen; bitte, ſetzen Sie ſich.“ Cornelius ſah umher; es war nur ein Stuhl frei, er gab ihn mir und blieb ſtehen.„Ich komme, Sir,“ begann er,„in der Angelegenheit, von der ich Sie in meinem Briefe von Mittwoch in Kenntniß ſetzte, den Sie ſcheint es zu beantworten keine Luſt hatten.“ Mr. Thornton antwortete nicht; er ſetzte ſich in ſei⸗ nem Stuhle zurück und ſah Cornelius von Kopf bis zu Fuße an. 8 „Sir!“ ſagte er in dem Tone ungläubiger Ueber⸗ raſchung⸗„Sie ſind jung— ſehr jung. Ich kenne Sie nicht.“. Cornelius erröthete und übergab ihm eine Karte, welche Mr. Thornton nachläſſig fallen ließ. Ich kann nicht ſagen, daß ich je von Cornelius O Reilly hörte,“ bemerkte er;„aber ich war viele Jahre 28 abweſend. Sie mögen ein ausgezeichneter Mann ſein: aber ich wiederhole, Sie ſind ſehr jung.“ Er ſprach mit dem Tone feſter Ueberzeugung. „Ich beanſpruche keine Berühmtheit,“ antwortete Cornelius trocken,„und mein Alter hat nichts mit mei⸗ nem Geſchäfte zu thun. Ich kam, um—“ hier ſtockte er plötzlich, da er bemerkte, daß Mr. Thornton, nachdem er einige ſehnſüchtige Blicke auf ſeinen Käfer geworfen, nach und nach, wie eine Nadel, die vom Magnete au⸗ gezogen wird, das Vergrößerungsglas in die Höhe ſeines rechten Auges gebracht, die es kaum erreicht, als er ſich auch ſchon auf den Käfer hinabbeugte. Als Cornelius ſeine Rede plötzlich unterbrach, ſah er auf und ſagte mit einem ſchmerzvollen Seufzer:„Sie wollten eine ſchwierige Sache in Ordnung bringen? Gut, mein Herr, obgleich ich erſt ſeit drei Tagen in England bin, entſpreche ich dieſem Anſinnen. Aber Sie ſehen dieſe intereſſante Forſchung, ich bitte Sie kurz zu ſein.“ Er legte das Vergröße⸗ rungsglas nieder und rollte ſeinen Stuhl aus dem Be⸗ reich der Verſuchung. „Ich bin hier, um Ihnen eine Mittheilung zu ma⸗ chen, nicht um eine zu erwarten,“ antwortete Cornelius ruhig. 3„Sie bringen mir ein Exemplar,“ unterbrach ihn Mr. Thornton und ſeine kleinen ſchwarzen Augen fun⸗ kelten.„Ein Melolo— „Ein Exemplar der Menſchheit,“ unterbrach Corne⸗ lius,—„ein Kind.“ „Ein Kind,“ wiederholte Mr. Thornton, deſſen Blick zum erſten Male auf mich fiel;„und dazu noch ein kleines Kind!“ fügte er hinzu, indem er ſich ſtaunend und mißmuthig in ſeinen Stuhl zurückwarf. „Sie iſt zehn Jahre alt,— eine Waiſe; ich brachte ſie zu Ihnen, als ihrem natürlichen Beſchützer,“ bemerkte Cornelius ruhig. Mr. Thornton ſchien nicht zu verſtehen. 1 29 „Sie mag zehn Jahre alt und eine Waiſe ſein; aber ich begreife nicht, warum Sie ſie zu mir bringen.“ „Sie begreifen nicht?“ „Mein Herr, ich gelte für einen gelehrten Mann, aber in dieſem Punkte geſtehe ich meine Unwiſſenheit.“ Ohne ſeine Ungeduld zu beachten, antwortete Cor⸗ nelius ruhig:„Ich brachte ſie zu Ihnen, Sir, weil ſie Ihre Enkelin iſt.“ Mr. Thornton machte einen Sprung, der beinahe den Tiſch umwarf: er faßte ſich jedoch raſch wieder und ſagte in heftig aufgeregtem Tone:„Ich bin erſtaunt, mein Herr. Nicht genug, daß Sie ſich als ein Gelehrter von London bei mir einführen— eine Thatſache, die durch Ihre jugendliche Erſcheinung widerlegt wurde, wollen Sie mir auch noch Ihre kleinen Kinder auflügen! Meine Enkelin!— Sir, ich habe keine Enkelin.“ Cornelius' Blicke funkelten; er mäßigte ſich jedoch und ſagte ruhig:„Hätten Sie, mein Herr, ſich die Mühe genommen, einen Brief zu leſen, den ich zu meinem Be⸗ dauern noch unerbrochen auf Ihrem Tiſche liegen ſehe, ſo würden Sie wiſſen, daß dies das Kind von Mr. Thorntons Tochter iſt, die vor einigen Jahren ſtarb und an einen Doctor Edward Burns verheirathet war, der vor einigen Tagen an einem Fall vom Pferde ſtarb.“ Mr. Thornton antwortete nicht; er nahm einen Brief, der auf einem Stoß Bücher lag, erbrach das Sie⸗ gel und las ihn; dann legte er. ihn nieder und ſah ge⸗ dankenvoll vor ſich hin. „Nun, mein Herr!“ ſagte er, nach einer Pauſe, indem er jetzt wie ein Mann von Welt ſprach:„ich anerkenne mein Unrecht und bitte um Entſchuldigung. Aber ich leſe nie Geſchäftsbriefe und für einen ſolchen hielt ich Ihren Brief.“ Er ſprach ſehr höflich; ſagte jedoch nicht ein Wort bezüglich des Inhaltes des Briefes, an den ihn Cornelius nicht minder höflich erinnerte. „Die Aufſtellungen in dieſem Briefe bedürfen einiger Beweiſe,“ bemerkte er,„und—“ „Ihr Wort genügt,“ unterbrach Mr. Thornton äußerſt höflich.„Ich bin zufrieden.“ Cornelius verbeugte ſich, fuhr jedoch fort: „Ich habe nicht die Ehre, Ihnen perſönlich bekannt zu ſein, mein Herr. Ich möchte deßhalb— „Sir, ein Gentleman erkennt raſch den andern,“ unterbrach Mr. Thornton wieder,„ich bin zufrieden.“ Er verbeugte ſich etwas ironiſch, und Cornelius nickte zuſtimmend, indem er mit einem Lächeln, hinter dem ein leichter Spott lag, bemerkte: „Es freut mich außerordentlich, wenn Sie zufrieden ſind, und ſo bleibt mir nur noch eine offene Frage. Zwiſchen Gentlemen iſt die Offenheit erſte Pflicht. Ich bin auf dem Wege zur Stadt und habe etwas Eile. Ich möchte die Frage ſtellen, ob George Thornton oder Thornton Houſe ſeine Enkelin aufnehmen will.“ Einer ſo beſtimmten Frage war nicht auszuweichen. Mr. Thornton ſah mich mit finſterer Stirne an.„Sir,“ antwortete er mürriſch,„George Thornton hatte einſt eine Tochter, die er auf ſeine Weiſe liebte. Sie aber liebte einen jungen iriſchen Arzt, der in der Nähe wohnte, und der, wie ich geſtehen muß, ein ſehr tüchtiger Mann war und für ſeine Jahre eine außerordentliche Kenntniß der Chemie beſaß.„Ich will Margaret dieſem Manne geben,“ dachte George Thornton, und während er ſo dachte, hatte der iriſche Arzt eines Abends ſeine Tochter entführt. George Thorntonmachte keinen Lärm: er ſagte einfach, er werde weder dem Einen, noch dem Andern je vergeben, und das that er.“ „Das Kind Ihrer Tochter iſt unſchuldig,“ verthei⸗ digte Cornelius. 3 „Sie iſt ihres Vaters Kind und noch dazu ſein Ebenbild; aber das hat nichts zu ſagen. Ich glaube⸗ Sie wollten nach der Stadt.“ 18 31 „Ja, Sir.“ „Und Sie beabſichtigten—“ „Das Kind hier zu laſſen: das war meine Miſſion.“ „Ihre Miſſion iſt erfüllt, Sir; Sie mögen das Kind hier laſſen; ich werde für ſie ſorgen.“ „Der verſtorbene Doctor Burns hinterließ einiges Eigenthum.“ „Ich will nichts mit dem Eigenthum des Doctor Burns zu thun haben.“ Mr. Thornton hatte ſeine Freundlichkeit verloren; ohne darauf zu achten, wandte ſich Cornelius an mich; er legte ſeine Hand auf meinen Kopf. „Lebe wohl! Kind,“ ſagte er mit bewegter Stimme: „Gott ſegne Dich.“ Er wollte gehen; ich hing mich an ihn.„Nimm mich mit Dir!“ rief ich,„nimm mich mit Dir!“ „Ich kann nicht, Margaret,“ antwortete Cornelius ſendlas, indem er ſeine Hand aus der meinen zu ziehen uchte. „Ich will nicht hier bleiben,“ rief ich unwillig. „Du mußt,“ antwortete er ruhig. Ich ließ ſeine Hand ſinken und brach in Thränen aus. Es ſchien ihm wehe zu thun, aber ſein Entſchluß änderte ſich nicht. 4 „Ich kann nicht helfen,“ ſagte er.„Lebe wohl! ich werde wieder kommen und Dich beſuchen.“ Er bot mir ſeine Hand; aber ich fühlte mich ver⸗ rathen und verlaſſen, und wandte ihm gekränkt den Rücken. Er beugte ſich zu mir herab. „Willſt Du mir nicht Lebewohl ſagen?“ fragte er. Ich ſchlang meinen Arm um ſeinen Hals und rief ſchluchzend:„O! warum willſt Du mich nicht mit Dir nehmen?“ Er antwortete nicht, gab mir einen ſanften Kuß, löste ſich von meiner Umarmung los, tauſchte eein förmliches Adieu mit meinem Großvater aus, und verließ mich ſo gleichgültig, als ob er mich nicht noch 32 vor einer Stunde in ſeine Arme genommen und mich in dem einſamen Garten geliebkoſt, wo ich, ſo thöricht, Mitleid für Liebe zu halten, ihm eine Zuneigung ge⸗ zeigt, die er ſichtlich nicht zu würdigen wußte und die, wie ich nun erſt fühlte, keine Heimath hatte, als das Grab der Todten. Viertes Kapitel. Als ich die Thüre hinter Cornelius ins Schloß fallen hörte, verſtegten meine Thränen; ſie hatten ihn nicht bewegt; ſie waren nutzlos; es war aber vorbeiz mein Würfel war gefallen. Ich ſaß auf einem Stuhl, traurig über den Tiſch nach meinem gebräunten, weiß⸗ bärtigen Großvater blickend, der ſeine Stimme erhob und ungeduldig ausrief:„Polly, Molly, Mary, Ding, wo biſt Du?“ Das kleine Dienſtmädchen antwortete auf dieſen unentſchiedenen Ruf, indem ſie ihr rundes Geſicht in die Thüre ſteckte. Mr. Thornton legte beide Arme auf den Tiſch, beugte ſich etwas vor und ſagte mit gewichtigem Tone:„Dieſer junge Mann darf nicht mehr eingelaſſen werden,— verſteht Ihr 2 8½ Sie nickte mehrere Mal und ſchloß die Thüre. „Aber ich möchte Mr. OReilly ſehen,“ rief ich unwillig; denn obgleich er mich verlaſſen, hielt ich ihn immer noch für meinen Beſchützer und Freund. a—— 33 wie die Prinzeſſin einer Feengeſchichte, trat in das Zimmer.— „Onkel,“ begann ſie, hielt aber bei meinem Anblick plötzlich inne und ſagte mit ſichtlichem Erſtaunen:„Wer iſt das?“ „Ihr Name iſt Burns,“ lautete die kurze Antwort. Die junge Dame ſah mich an und nickte bedeutſam. Mr. Thornton fuhr fort:„Ich werde für ſie ſorgen; indeſſen ſage Mrs. Marks, daß ſie ſich ihrer annehme und ſie entfernt von mir halte, bis ich entſchieden habe, was mit ihr zu thun.“ Ich kam mir wie eine Balle unnütze Waare vor. „Dann werden Sie die Güte haben, ſie nicht hier zu behalten,“ bemerkte die junge Dame mit ungeduldi⸗ ger Bitterkeit. „Ich werde die Güte haben, nicht eine ſo feine Dame aus ihr zu machen, wie Du biſt Edith,“ antwor⸗ tete er ſarkaſtiſch. 4 „Wollen Sie eine Gouvernante aus Ihrer Enkelin machen, wie Sie es mit Ihrer Nichte thun würden, wenn Sie könnten?“ 4 „Meine Liebe, Du vergiſſeſt, daß meine Nichte keine Gouvernante werden könnte; und weder eine Gou⸗ vernante, noch eine feine Dame ſoll dieſes Kind werden, das Du meine Enkelin zu nennen beliebſt. Eine ge⸗ wöhnliche Erziehung, eine anſtändige Beſchäftigung,— das ſoll ihre Beſtimmung ſein. Und nun ſei ſo gut, und laſſe mich allein.“ „Bei Ihren Käfern?“ verſetzte ſie ungehalten;„Sie kümmern ſich um nichts, als um Ihre Käfer. Das Le⸗ ben iſt mir verleidet. Ich wollte, ich wäre todt,— ich wünſchte, ich hätte dieſe traurige Höhle nie geſehen.“ „Schade, daß Du mit dem Bräutigam Deiner Cou⸗ 1 ſine kokettirteſt und fortgeſchickt wurdeſt. Ich beabſich⸗ tige, England wieder zu verlaſſen und dann wird es Daiſy Burns. I. 3 noch trauriger für Dich ſein, hier allein mit Mrs. Marks zu wohnen.“ „Ich werde ſchon früher fortgehen.“ „Das iſt's, was ich meine. Entlaufe mir, meine Liebe.“— „Ich werde nichts mehr eſſen,“ rief ſie roth vor Zorn und Scham;„ich weiß, Sie glauben es nicht, aber ich werde es thun.“ „„Dann wirſt Du ſterben; ich balſamire Dich ein und Du gibſt eine allerliebſte junge Mumie ab.“ Seine kleinen ſchwarzen Augen funkelten, als ob er an dem Ge⸗ danken Geſchmack fände; aber das war zu viel für die ſchöne Edith, denn ſie brach in Thränen aus, hieß ihren Onkel einen barbariſchen Tyrannen und eilte entrüſte davon. Er rief ſie jedoch zurück und ſagte: „Edith, nimm es mit Dir.“— Mit„es“ meinte er mich. Sie nahm meine Hamd und gehorchte; ihre ſchönen blauen Augen glühten vor Zorn, ihr Buſen wogte. Mr. Thornton hatte, unbe⸗ kümmert um ihren Schmerz, ſein Vergrößerungsglat aufgenommen und war mit dem Käfer beſchäftigt. Alz wir auf der Thürſchwelle ſtanden, wandte ſich Editz nach ihm um und ſagte entrüſtet:„Ich wünſche, daß es keinen Roßkäfer mehr gäbe.“ Damit warf ſie die Thüre in's Schloß, ließ meine Haund fallen, wandt ſich nach links und ſtieg eine alte eichene Treppe hin⸗ auf, die von einer an der Wand befeſtigten eiſernen Lampe ſchwach erleuchtet war. Sie blickte noch einmat nach mir um, um zu ſehen, ob ich ihr folge, nahm je⸗ doch keine weitere Notiz von mir. Als wir auf einer breiten Ruheplatz gekommen, begegneten wir einer grot ßen und magern alten Frau in ſchwarzen Kleidern. „Mrs. Marks,“ ſagte ſie kurz,„Sie ſollen al dies Kind Acht haben.“ Ohne ein weiteres Wort oder einen Blick ſtieg ſie? zweite Treppe hinauf; Mrs. Marks ſah von dem Ruße 8 3⁵ platz auf mich herab, denn ich ſtand einige Stufen tie⸗ fer, dann blickte ſie nach der leichten Geſtalt Edith's, welche die nächſte Treppe hinanſtieg und murmelte unge⸗ halten:„Daß ſie nie“— das Uebrige konnte ich nicht hören; damit winkte ſie mir majeſtätiſch. Ich gehorchte. Sie betrachtete mich von Kopf bis zu Fuß, ſchien je⸗ doch nicht ſehr zufrieden mit Dem, was ſie ſah.„Das iſt der Weg hinauf,“ ſagte ſie endlich, indem ſie mit einem langen Finger nach der Treppe deutete. Die Er⸗ klärung ſchien mir pöllig nutzlos, aber ich folgte ihr ſchweigend über die Treppe. Wir ſtiegen hinauf, bis ich glaubte, es ſollte ſo in's Unendliche fortdauern, ob⸗ wohl die Decke mit jeder Treppe niederer wurde und uns ſagte, daß wir die höchſten Regionen des Hauſes erreicht. Ich war müde, aber Mrs. Marks ſchritt immer rüſtig voran, als ob ſie ſelbſt der Thurm von Babel nicht ermüden könnte. Endlich hielt ſie inne. Wir hat⸗ ten einen niedern engen Corridor erreicht, der im gan⸗ zen Hauſe umherzuſühren ſchien und mit zahlreichen Thü⸗ ren garnirt war. Vor einer dieſer Thüren blieb Mrs. Marks ſtehen. Sie ſchloß ſie auf, drückte ſie ſoweit zu⸗ rück, als die roſtigen Angeln es geſtatteten, ſah mich an und ſagte mit feierlichem Tone: „Das iſt der Weg hinein.“ Ich zögerte, dann ſchlüpfte ich in das Zimmer; Mrs. Marks folgte mir und ließ die Thüre los, welche von ſelbſt in das Schloß ſprang und uns in ein kleines, behagliches Zimmer mit dicken, feſtzugezogenen Vorhän⸗ gen und einem warmen Teppich einſchloß. Ein helles Feuer brannte im Kamine, ein Keſſel ſummte auf dem Dreifuß, eine Katze ſpann auf dem Teppiche vor dem Kamine, ein Lehnſtuhl von einladender Tiefe erwartete ſeine Beſitzerin, während daneben ein kleiner Tiſch mit Speiſenbret und Theezeug ſtand. „Setze Dich!“ ſagte Mrs. Marks, auf einen Stuhl deutend. 4 4 8 36 Ich gehorchte. Sie trat an das Kamin und ſtellte ſich, mit den Händen die Kleider zuſammenhaltend, da⸗ vor, ſo daß ſie dem Feuer den Rücken kehrte und mich im Auge hatte. Ich war ermüdet, nachdem ich durch ſo viele Hände gegangen.— von Miß Murray zu Cornelius— von ihm zu Mr. Thornton— von Mr. Thornton zu ſeiner Nichte— von ſeiner Nichte zu Mrs. Marks;— dieſe ſtand mir gerade gegenüber, ich konnte ihrem Blicke nicht ausweichen. Sie war eine rieſenhafte, hagere Frau mit blaſſen Geſichtszügen und ſtarren Au⸗ gen, die ſie wie ihr Bild ausſehen machten. Sie wur⸗ den nur verdunkelt durch ein paar glänzend ſchwarzer Nadeln, die zu beiden Seiten aus ihrer Haube hervor⸗ ſtanden und in einer geheimnißvollen Verbindung mit ihrer Stirne ſtanden. Sie trug ein Kleid von ſchmutzi⸗ gem Schwarz, das feſt an ihren Leib anſchloß und ſelbſt am Saume nicht außerordentlich weit war. Nachdem ſie mich lange genug betrachtet, ſprach ſie ein feierliches „Wir wollen ſehen“ und verließ das Zimmer. Die Thüre fiel hinter ihr in's Schloß; ich blieb allein mit der Katze, die ſich, wie alle andern Weſen im Hauſe, nichts um mich zu kümmern ſchien und mit halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen ſchnurrte. Ihre Herrin kehrte bald zurück, ſetzte ſich in ihren Armſtuhl und ſchien mich von dort aus wieder betrach⸗ ten zu wollen, aber dieſe Betrachtung wurde durch ein Klopfen an der Thüre unterbrochen. 3 „Treten Sie ein, Mrs. Digby; laſſen Sie ſich nicht von der Thüre zurückſchrecken,“ ſagte Mrs. Marks er⸗ muthigend. Mrs. Digby war wahrſcheinlich ſchwach, denn ſie machte mehrere vergebliche Verſuche, ihrer Perſon Zu⸗ gang zu verſchaffen, wurde jedoch jedesmal wieder zurück geſchleudert, ehe ſie hinreichend Muth geſammelt, um die ſchwierige Operation durchzuführen. „Potz Tauſend! Eine ſolche Thüre habe ich noch 4 ==——— 4 d8¼ 37 nie geſehen!“ rief ſie;„ich begreife nicht, wie Sie ſo etwas haben mögen, Mrs. Marks.“ „Es hat ſein Gutes,“ antwortete Mrs. Marks; ves iſt ſichrer, als ein Schloß und wie ein Hund beißt es nicht, wenn man's nicht fürchtet; wenn Sie aber ängſt⸗ lich zaudern, Mrs. Digby, ſo gibt ſie Ihnen einen Stoß.“ „Mein Gott!“ rief Mrs. Digby entſetzt:„wie mö⸗ gen Sie hier wohnen, Mrs. Marks?“ „Die Zimmer unten ſind düſter und haben keine Ausſicht; dagegen ſitze ich hier am Fenſter und ſehe über den ganzen Park. Bemerke ich nun irgend etwas Ver⸗ dächtiges, ſo ziehe ich hier— dann ertönt eine Glocke — und Richard in dem Häuschen drunten iſt gewarnt.“ „Gut,“ verſetzte Mrs. Digby ernſt,„das mag recht hübſch ſein; aber ich bin ſchon keine Freundin von alten Schlöſſern mehr, Mrs. Marks.“ „Das iſt kein Schloß.“ „Man liest ſo viel von alten Häuſern, daß ich mich außerordentlich freute, als Miß Grainger zu mir ſagte: „Digby, wir gehen zu Onkel Thornton. Ich wußte nicht daß es in ſolchen Schlöſſern ſchimmelicher riecht, denn Käſe und daß man vor lauter Ratten nicht ſchlafen kann.“ „ Ja, die kleinen Dinger ſpazieren, trotz der Katze, im Hauſe umher; aber man muß leben und leben laſſen, Mrs. Digby.“ „Sagen Sie nicht, man muß Ratten leben laſſen, Mrs. Marks, ſagen Sie das nicht. Sie ſind ſo ab⸗ ſcheulich, als Mr. Thornton's ſchreckliche Thiere, nur daß dieſe ausgeſtopft ſind.“ „Mr. Thornton iſt ein gelehrter Mann.“ verſetzte Mrs. Marks;„aber die Naturgeſchichte und Entomo⸗ logie liegen ihm denn doch zu viel am Herzen. Mr. Marks hielt nichts auf Entomologie, er beſchäftigte ſich nur mit Chemie; das iſt die wahre Wiſſenſchaft, Mrs. Digby!“ 4 „Sprengte ihn das nicht in die Luft?“ 38 „In die Luft ſprengen? War denn Mr. Marks eine Pulvermühle, Mrs. Digby? Er ſtarb an einem wiſſenſchaftlichen Experimente; Sie werden bald den Unterſchied erfahren. Ein Mann von Mr. Thornton's Geiſt muß an der Entomologie einen Ekel bekommen und zur Chemie zurückkehren. Sie werden nicht viel ſehen, aber hören—“ „Um's Himmels willen!“ unterbrach Mrs. Digby mit unruhiger Miene,„ich wollt', ich wäre wieder fort.“ „Dann helfen Sie Ihrer hübſchen, jungen Dame zu einem Gatten,“ ſpöttelte Mrs. Marks aus den Tie⸗ fen ihres Lehnſtuhls. „Hätte Miß Grainger meinen Geiſt,“ antwortete Mrs. Digby ſtolz,„ſie wäre jetzt eine Gräfin, Mrs. Marks; und hätte ſie ſich von mir leiten laſſen, ſo wäre ſie die Frau des ſchönſten Mannes, den ich je geſehen.“ „Edward Thornton! der geſetzmäßige Erbe! Pah! Mrs. Digby! er hat nicht einen Pfennig! und Mr. Thornton will noch nicht ſterben!“ „Er iſt ſehr ſchön,“ entgegnete Digby lebhaft;„aber wie ich ſagte, wenn Miß Grainger ſich in die Hände von Mrs. Brand gibt, nun ſo ſoll ſie auch die Folgen tragen.“ Bei dieſen Worten wandte ſich Mrs. Digby zum erſten Male nach mir um. Sie war eine hagere, blonde, verwelkte Frau und trug ein leichtes blaues Kleid, das wie ihre Herrin etwas passé war. Sie ſaß an dem Tiſche, mit der Spitze des Ellbogens auf der Ecke ru⸗ hend; ihre Stellung war anmuthig gebeugt, während ſie mich mit einem Schildkrotglas betrachtete, das ſie endlich mit einem Seufzer ſinken ließ, indem ſie ſagte: „Wie geht es Dir, Kleine?“ 13 Ich war ſtolz, mehr ſtolz als ſchön; es kränkte mich, den Untergebenen in meines Großvaters Haushalt über⸗ laſſen zu ſein und antwortete deßhalb nicht. Mrs. Marks ſparte mir die Mühe.. 29 „Sie könnten ebenſo gut mit der Katze ſprechen, Mrs. Digby. Kinder,“ fügte ſie mit einem bedeutens⸗ vollen Blick aus ihren finſtern Augen hinzu:„Kinder ſind bis zu einem gewiſſen Alter kleine thieriſche Ge⸗ ſchöpfe; ſie haben Sprache, Empfindung, aber weder Gedanke, noch Gefühl. Mr. Marks und ich konnten ſie nie leiden.“ „O Mrs. Marks? ein kleines Kind?“ „Hatten Sie je eines?“ Mrs. Digby erröthete und bat um eine Erklärung. Mrs. Marks fragte, ob es nicht einen Mr. Digby ge⸗ geben? Nein. Aber einen Mr. Wilkinſon, zwei Mr. Jones— Mr. Thompton war ſchon auf dem Wege und Mr. John Smith lauerte in der Ferne, als Mrs. Marks die Reihe unterbrach, indem ſie den Thee einſchenkte. Ich ſaß zwiſchen den beiden Frauen, aber ich aß nichts. „Das Kind will von der Luft leben,“ bemerkte Mrs. Marks, als ſie ihr Mahl glücklich beendigte;„es ißt ſehr ſchwach für ihr Alter; im Uebrigen iſt es doch nicht natürlich für ein derartig rein phyſiſches Geſchöpf, nicht zu eſſen; warum iſſeſt Du nicht, Anna?“ „Ich ſah ſie an und ſprach zum erſten Male:„Ich heiße nicht Anna.“ „Wie iſt Dein Name? Dein chriſtlicher Name, bei dem ich Dich rufen ſoll?“ Ich hatte keine Luſt, mich bei meinem chriſtlichen Namen nennen zu laſſen; denn wie ich bereits geſagt, ich war ein ſtolzes Kind und antwortete deßhalb nicht. „Auf die einfachſte Frage kann ſie nicht antworten!“ verſetzte Mrs. Marks, indem ſie die Aufmerkſamkeit von Mrs. Digby durch den aufgehobenen Finger rege machte; ſie weiß nicht einmal ihren eigenen Namen.“ „Mein Name iſt Miß Burns,“ ſagte ich ungehalten. „Weiß nicht mal den Unterſchied zwiſchen dem Zu⸗ namen und Taufnamen!“ fuhr Mrs. Marks fort, meine 3 Stumpfheit commentirend.„Nun,“ fügte ſie freundlich 8 84 40 hinzu, um meinem kindlichen Verſtande zu Hülfe zu kom⸗ men,„ſollen wir Dich Jane, Louiſe, Mary, Lucy, Alice nennen?“ Ich ſchwieg. „Das ſcheint Widerſpenſtigkeit zu ſein,“ bemerkte Mrs. Marks in einem Tone, als ob ihr ein Licht auf⸗ ginge.„Laß uns wie vernünftige Weſen ſprechen,“ fügte ſie hinzu, vergeſſend, daß ich nur ein kleines Thier war, „wenn ich Deinen Taufnamen nicht weiß, wie ſoll ich Dich nennen?“ „Sarah nannte mich nie bei meinem Taufnamen,“ antwortete ich unhöflich. „Miß Burns,“ fragte Mrs. Marks feierlich,„wol⸗ len Sie mich auf gleiche Stufe ſtellen! Wofür halten Sie mich, wenn ich fragen darf?“ „Für die Haushälterin,“ antwortete ich. Ach! warum hat die reine Wahrheit ſo häufig die Wirkung einer Beleidigung! Die meiſten Menſchen ver⸗ ſchmähen es, ihren Zorn auf die wahre Urſache zurück⸗ zuführen. „Sie wurden nach Ihrem chriſtlichen Namen ge⸗ fragt,“ ſagte ſie gereizt;„mit unvergleichlicher Hart⸗ näckigkeit haben Sie ſich geweigert, ihn zu ſagen; Sie Püen Burns genannt werden und gehen wir ſogleich zu ette.“ Der Ausſpruch wurde ſogleich in Erfüllung ge⸗ bracht; ich ward in das nächſte Zimmer geführt, aus⸗ gekleidet und in das ſchmale, vierpfoſtige Bett gelegt, das Miß Marks gewöhnlich in ſeinem Schooße aufnahm: hier konnte ich mich in der Dunkelheit ganz meinen Ge⸗ danken überlaſſen. Aber nie hat mich eine Strafe von Renihe geſchmerzt, die ich nicht liebte. Ich ſchlief ald ein.. Das Gedächtniß iſt eine Reihe lebendiger B. mit manchem leeren Raum dazwiſchen. Ich erin mich des erſten Abends in Thorntons Hauſe deutlicher, 41 der Ereigniſſe der letzten Woche, aber die folgenden Tage ſind wieder in Dunkel gehüllt. Manches, was mir bei meiner Unkenntniß der Dinge geheimnißvoll erſchien, habe ich ſeitdem verſtehen lernen. Mein Großvater war ein Landedelmann von guter Familie, aber von excentriſchem Charakter. Er hatte ſich von Jugend auf der Wiſſenſchaft gewidmet und auf die Welt verzichtet. Ich glaube, er ſtudirte und wußte alles, aber ſein Wiſſen führte zu keinem Reſultate, als zur Verminderung ſeines Vermögens, das niemals groß geweſen, und zur Vermehrung der Schulden, die auf ſeinen Gütern laſteten; ich dachte oft daran, was für ein trauriges Leben meine Mutter in dieſem finſtern al⸗ ten Hauſe geführt haben mußte, und konnte mich nicht wundern, daß ſie als ein junger, liebenswürdiger und hübſcher Mann unvorſichtiger Weiſe in ihre Nähe gebracht wurde, der Verſuchung der Liebe und Freiheit icht widerſtehen konnte. Mr. Thornton vergab ihnen nie. Kurz, nachdem ſeine Tochter weggelaufen, begab er ſich auf eine wiſ⸗ ſenſchaftliche Reiſe, und überließ ſein Beſitzthumm den Händen von Advokaten und Mrs. Marks, der Wittwe eines Gelehrten, die er als Haushälterin angenommen. Er kehrte ungefähr um die Zeit nach Leigh zurück, als mein Vater ſtarb; ſeine Denk⸗ und Gefühlsweiſe hatte ſich nicht geändert. In ſeine Bücher und Studien ver⸗ tieft, ging er nirgend hin und ſah Niemanden: da ihn das Schickſal mit zwei weiblichen Gäſten— meiner Nichte und mir— beläſtigt, ſo that er ſein Beſtes, dieſer Sctrafe zu umgehen, indem er uns Beide möglichſt ferne von ſich hielt. Die Urſachen zu Miß Graingers Aufenthalt in mei⸗ nes Großvaters Hauſe war eine Unbedachtſamkeit, die ſich hübſche junge Damen häufig zu Schulden kommen laſſen. Sie hatte von der Tochter einer Tante, bei ſie lebte, die Neigung ihres Bräntigams abzulenken 42 gewußt, der gleichfalls ein Erbe meines Großvaters war. Edward Thornton verlor dadurch ſeine Braut und ihre zehn tauſend Pfund, und die ſchöne Edith mußte eine glänzende Wohnung und ein faſhionables Leben mit Thorntons Hauſe und der Geſellſchaft ihres Onkels vertauſchen. Eine Roſe und eine Eule laſſen ſich eben ſo gut zuſammenbringen. Mr. Thornton vermied ſeine Nichte auf jede Weiſe, und die Enkelin, der er die Stunde ihrer Geburt nicht vergeben konnte, durfte noch viel weniger eines freundlichen Blickes gewärtig ſein. Ein Zimmer neben dem der Mrs. Marks wurdefür mich hergerichtet; dort brachte ich meine Tage zu, nur dann und wann von dem Tone ihrer Lärmglocke aufgeſchreckt; meine alten Bücher und Spielſachen waren meine ein⸗ zige Geſellſchaft. Selbſt kindliche Irrthümer finden ih⸗ ren Lohn. Ich war ein verſchloſſenes, ungeſelliges Kind geweſen, das ſich nur um ein Weſen kümmerte, und jede andere Liebe und Geſellſchaft von ſich aus⸗ ſchloß; Niemand kümmerte ſich nun um mich. Miß Murray ſandte mir meine Sachen und ließ nicht weiter von ſich hören; meinen Großvater ſah ich niemals; meine Nichte beſuchte mich nicht ein Mal. Digby that wie ihre Herrin. Ich wurde Mrs. Marks überlaſſen, ſie hätte mich, ohne irgend eine Rüge befürchten zu müſſen, vernachläſſigen oder tyranniſiren können; aber wenn ſie mich auch noch immer im Lichte eines kleinen Thieres behandelte und dabei blieb, mich Burns zu nennen, ſo that ſie doch ihre Pflicht an mir. Ich erhielt, was ich bedurfte; aber das war auch Alles; ich wurde mir ſelbſt, der Einſamkeit und Freiheit überlaſſen. Ich war wieder kränklich und ſchwach. Die Treppen auf⸗ und ab zu gehen, in dem Hofe zu ſpie⸗ len, im Park ſpazieren zu gehen, oder in dem wilden und vernachläſſigten Garten hinter dem Hauſe mich umzu⸗ treiben, überſtieg meine Kräfte. Ich blieb deßhalb in meinem Zimmer, eine freiwillige Gefangene, zufrieden, 4 43 wenn ich zum Fenſter hinausſehen konnte. Das Fenſter überſchaute den Park, eine grüne und wilde Wüſte, mit einem ſchönen Fluſſe, und gewährte den Blick auf eine ſchöne fruchtbare Ebene, welche von ſanften Hügeln umſäumt war, die ſich an einer Stelle öffneten und eine Ausſicht auf See und Himmel boten, welche, ob⸗ gleich begrenzt, das Gefühl des Unendlichen verliehen, nach dem ſich das Herz immer ſehnt und das Auge im⸗ mer ſucht. Ich ſaß täglich mehre Stunden an dem Fenſter und konnte mich nicht müde ſehen. Die See, wie Glas im Sonnenſcheine glänzend, von dem tiefſten Blau im Schatten, dunkel und düſter, oder weiß vom Schaum im Sturme; das ſtille, von zartem Graſe durchwogte Feld; die wechſelvolle Schönheit des Parkes, mit den alten Bäumen, Waldpartieen und der belebenden Thier⸗ ſtaffage; das hohe Geſträuch, vom Winde niedergebeugt und ebenſo oft ſich wiederaufrichtend; die ſtolz am blauen 3 Himmel einherſegelnden Wolken— dies alles war es nicht, was mich ſo unwiderſtehlich anzog. Die Allee, welche ſich unter meinem Blicke hinzog mit ihren dunklen und ſtattlichen Bäumen, unter denen kühler Schatten weilte, und die grasbewachſenen Pfade, über die einzelne Lichtſtreifen fielen, ihnen gehörte mein erſter und mein letzter Blick. Durch keine Enttäuſchung abge⸗ ſchreckt, harrte ich Cornelius O Reilly's. Ich hatte ei⸗ nen Plan entworfen und eines Tages mich von ſeiner Ausführbarkeit überzeugt. Durch eine große Aehnlichkeit der Geſtalt und Größe getäuſcht, eilte ich hinab, ſchloß eine Seitenthüre auf, an die Niemand dachte, und ließ einen hübſchen, nobel ausſehenden Mann ein, der über⸗ raſcht ſchien und nach Miß Grainger fragte. Ich ſtahl mich fort, ohne zu antworten. Abends rief mich Mrs. Marks zu ſich. Sie ſetzte ſich und ließ mich ihr gegen⸗ über ſtehen.„Burns,“ ſagte ſie,„waren Sie es, die 8 den jungen Mr. Thornton einließ?“ 4 44 „Ja,“ antwortete ich ohne Zögern. „Wer hieß Sie das thun?“ „Niemand; ich that es aus eigenem Anlaß.“ „Sie thaten es vorſätzlich.“ 4 „Ja, ich ſah ihn kommen und ging hinab.“ Mrs. Marks ſah mich erſtaunt an. „Burns! was konnte Sie dazu bewegen?“ Ich blieb ſtumm, obwohl die Frage mancherlei Antwort zuließ. „Unglückliches kleines Geſchöpf!“ verſetzte Mrs. Marks, aus deren dunklen Augen Mitleid zu ſtrahlen ſchien⸗„ſie kennt die Natur ihrer eignen blinden Liebe nicht.“ Dank ihrem mitleidigen Schluſſe, entging ich der Strafe; am folgenden Tage fand ich jedoch die Seiten⸗ thüre mit einem Riegel verſehen, den ich nicht erreichen konnte. Ich gab deſſenungeachtet meinen Plan nicht auf. Ein kleines Pförtchen führte von dem Garten in den Park, und bot eine Seitenanſicht der Allee. Dort ſtellte ich mich an jedem ſchönen Tage auf, da ich noch im⸗ mer vergeblich auf Cornelius' Kommen harrte. Dort ſah ich bisweilen auch meine Couſine Edith. Ihre große Schönheit und reiche Kleidung machten ei⸗ nen tiefen Eindruck auf mich. Ihr Zimmer befand ſich gerade unter dem meinen. Ich hörte ſie täglich, wie einen hübſchen Vogel in ſeinem Bauer auf der Laute ſpielen oder ſüße Lieder ſingen; ſie war die Schönheit und verzauberte Prinzeſſin all' meiner Feenmährchen; und doch war, wenn wir uns begegneten, die einzige Notiz, die ſie von mir nahm, ein kaltes und höfliches: „Wie geht es Dir, liebe Kleine?“ eine Frage, de⸗ ren Beantwortung ſie nicht einmal abwartete. Sie ging gewöhnlich mit Mrs. Digby, die, um ihre Aufmerkſam⸗ keit auf meine ſichtliche Bewunderung zu lenken, nie zu bemerken verſäumte, wenn ſie an mir vorüber⸗ gingen 9 45 „Das Kind wendet ſeine Augen nicht von Ihnen ab, mein Fräulein.“—„Stille, Digby!“ antwortete jedesmal die ſchöne Edith, in einem Tone, der die Frei⸗ heit mißbilligte, die ſie ſich herausnahm, aber auch be⸗ reits wieder die Vergebung in ſich ſchloß. Mrs. Digby wiederholte jedoch die Beleidigung ſelbſt dann, wenn ich das Fräulein nicht anſah und wurde ſtets auf dieſelbe freundliche Weiſe getadelt. Als ich eines Tages hinab kam, fand ich Miß Grainger nicht mit Mrs. Digby, ſondern mit einer ſchönen und eleganten Dame von ungefähr dreißig Jah⸗ ren, die ſie Bertha nannte, in einer Laube; die Fremde bemerkte, nachdem ſie mich durch ihr goldenes Augen⸗ glas betrachtet, und ich meine gewöhnliche Stellung ein⸗ genommen, ohne ihnen ſcheinbar weitre Aufmerkſamkeit zu ſchenken:„Edith, das ſind die Folgen von Liebesh⸗irathen! Mr. Langton—“ „Aber er iſt ſo alt, Bertha!“ unterbrach ſie Edith ſchmollend. „So dachte ich auch von Mr. Brand, als ich ihn heirathete; aber es iſt nicht edel, immer an das Alter Pwdeiten. Ach! die Liebe iſt doch recht ſelbſtſüchtig, j 12 . Miß Grainger brachte das Taſchentuch an die Augen. „Mein liebes Mädchen,“ ſagte die Dame,„ſei edel, ſei nicht egoiſtiſch. Mr. Langton wird ſo gut ſein— er hat die Mittel, Du weißt— und der arme Edward — arm in jeder Beziehung— kann mir— Edward, wie kommen Sie hieher?“ 4 Sie richtete dieſe Worte an denſelben jungen Mann, den ich eingelaſſen und der nun plötzlich hinter der Laube hervorgetreten war, in welcher die beiden Damen ſaßen Er warf der Sprecherin einen zornigen Blick zu, ergr die Hand meiner Couſine und führte ſie raſch einen Gartenpfade herab, indem er eifrig mit ihr ſprach 46 Die Dame biß ſich auf die Lippen, folgte ihnen mit wuthentflammten Blicken und harrte ihrer Rückkehr. Sie mußte einige Zeit warten. Endlich erſchien der junge Mr. Thornton; er ſah blaß und verwandelt aus, ging an der Dame vorüber, öffnete das Thor, an welchem ich ſtand, trat in den Park, ſtieg über einen Zaun und ver⸗ ſchwand. Edith kam etwas langſam nach. Sie ſchluchzte und ſchien erſchrocken. Die Dame ging auf ſie zu. „Nun,“ ſagte ſie heftig. „Edward ſagt, er werde ſich umbringen!“ ſeufzte Edith. „Meine Liebe,“ ſeufzte ihre Freundin,„Arthur ſagte daſſelbe, als wir uns trennten. Er lebt noch. Ich bin Edwards Schweſter und habe doch, wie Du ſiehſt, nicht bange. Gräme Dich nicht, meine Liebe, Du mußt dieſen Abend mit mir zu Mitfords.“ „Ich kann nicht, Bertha.“ „Mein liebes Kind, Du mußt. Es iſt außerordent⸗ lich egoiſtiſch, über ſeinem zu Kummer brüten.“ Mitg dieſen Worten küßte ſie ſie und beide traten in das Haus. 3 „Burns, kommen Sie herauf zum Eſſen,“ rief die Stimme von Mrs. Marks den gewölbten Thorweg herab. Ich gehorchte, und wurde aus einem unerklärlichen Grunde für den Reſt des Tages auf mein Zimmer con⸗ ſignirt, wo ich den Abend am Fenſter zubrachte und mit unermüdlicher Geduld meines Freundes harrte. Ich war ſo ſehr in meinen Lieblingsgedanken verſunken, daß ich Mrs. Marks nicht eintreten hörte, bis ſie dicht hinter, mir ſagte:„Burns, wonach ſehen Sie immer zum Fen⸗ ſter hinaus?“* Ehe ich antworten konnte, hörte ich eine ſcharfe Stimme auf dem Corridore fragen: „Mrs. Marks, wen mußte ich Sie heute ſchon zweimal mit dem fremden Namen Burns anreden hören 20 Wir ſahen uns beide um. Mrs. Marks hatte meine 2 47 Thüre offen gelaſſen; gerade gegeüber ſtaud eine Leiter, die zu der Fallthüre des Daches führte, von welchem Mr. Thornton, der die Errichtung eines Obſervatoriums angeordnet, gerade herabkam. „Das Kind wollte ſeinen andern Namen nicht ſa⸗ gen, Sir,“ antwortete Mrs. Marks erröthend. „Wiſſen Sie ihn?“ „Sie wollte ihn nicht nennen, Sir.“ Mein Großvater richtete ſeine ſtechenden ſchwarzen Augen auf mich und machte ein Zeichen, ich ſolle mich nähern. Er ſtand auf der letzten Stufe der Leiter. Ich ging zu ihm; er betrachtete mich einen Augenblick, legte dann die Spitze ſeines Fingers an meine Stirne und rief:„Große Feſtigkeit; auch Verſchwiegenheit; aber Pue moraliſche und intellectuelle Entwicklung. Wie heißeſt Du 2⸗ „Margaret,“ antwortete ich ohne Zögern. Margaret hatte mich meine Mutter Phaßen. Mr. whonuüyn wandte ſich weg. „Margaret, gehen Sie auf Ihr Zimmex,“ ſagte Mrs. Marks 5 i Iur Wme. ſag Mr. Thornton ſtieg die Treppe hinab. Er wandte ſich plötzlich nach uns um und ſagte mit großer Emphaſe: „Miß Margaret, wollen Sie die Güte haben, in ihr Zimmer zu gehen?“ Er ging hinab, ohne ein weiteres Wort zu ſprechen. Mrs. Marks wurde ſcharlachroth und zog ſich hoch⸗ erzürnt in ihr Zimmer zurück. Ich gedachte dieſen Som⸗ merabend, wie gewöhnlich, in Geſellſchaft meiner Lampe, Bücher und Spielſachen zuzubringen; aber kaum hatte Mrs. Marks mir mein Licht gebracht, und ſich wieder entfernt, als Miß Grainger eintrat. War es verſpätetes Mittleid? hatte mein Großva⸗ ter mit ihr geſprochen? oder war ſie erſchienen, wie die Feengroßmutter der armen verlorenen Aſchenbröel, um mich in all' ihrem Glanze zu beſuchen und mein Zimmer mit 8 48 einer flüchtigen Viſion des Reichthums und der Schön⸗ heit zu erfüllen? Ihre Thränen waren verſiegt, ihr Kummer war verſchwunden; ſie ſchien dieſen Abend aus⸗ gehen zu wollen und ſah heiter und glücklich aus, wie eine lang gefangene Prinzeſſin, die aus dem Räuberthurm befreit wird. Ihre dunkeln Locken fielen auf die Elfen⸗ beinſchuldern; ihre klaren blauen Augen glänzten vor Freude; das ſüßeſte Lächeln ſpielte um das ſchöne An⸗ tlitz. Ein Kleid von roſa Seide fiel in rauſchenden Falten auf ihre Füße; Perlenketten waren in ihr Haar gefloch⸗ ten, umſchlangen ihren Hals und glänzten an ihren weißen Armen. Ich ſah ſie ſtumm vor Verwunderung und Be⸗ wunderung an. Sie ſah außerordentlich anmuthig aus; aber ich wagte es ſie anzurühren. Sie zog ſich ängſtlich zurück, blickte auf ihr Kleid, und die Hände ausſtreckend, um mich in einiger Entfernung von ſich zu halten, lä⸗ chelte ſie freundlich und ſagte:„Ja, ich weiß; gute Nacht, liebes Kind. 3 Damit verſchwand ſie. Warum ging ſie ſo kalt, lies mich einſamer zurück, als ſie mich gefunden? Warum gedachte ich der zärtli⸗ chen Liebkoſungen meines theuren Vaters, und der Um⸗ armung Cornelius' im Garten und fühle mich unglückli⸗ cher und verlaſſener, denn je? Die Vorſehung beant⸗ wortet unſre Fragen häufig in einer Weiſe, die ebenſo rührend als ſeltſam iſt. Bald öffnete ſich die Thüre wieder; ich blickte auf und ſah— Cornelius O'Reilly. Fünftes Kapitel. Ich konnte vor Erſtaunen und Freude weder mich rühren, noch ſprechen. Als der junge Mann die Thüre ſchloß, auf mich zukam, ſich neben mich ſetzte und liebe⸗ voll mit einem Kuſſe fragte:„Nun, Margaret, wie geht es Dir?“ barg ich mein Geſicht an ſeiner Schulter und begann zu ſchluchzen. Er hielt mir jedoch den Kopf in die Höhe, und ſagte mit Betrübniß:„Wie blaß und ein⸗ gefallen Du biſt, mein Kind! biſt Du krank?“ „Nein,“ antwortete ich erſtaunt. Cornelius blickte umher, nach dem Lichte mit dem Schilde, nach dem Tiſche mit meinen Büchern und zuletzt nach mir; dann ſagte er:„weßhalb biſt Du allein?“ „Ich bin immer allein.“ „Kommt Niemand zu Dir?“ 8„Nein.“ „Schickt Dein Großvater nie nach Dir?“ „O nein!“ „Wer ſorgt für Dich?“ „Mrs. Marks, die Haushälterin.“ „Verläſſeſt Du niemals dieſes Zimmer?“ mich„Ich kann hinabgehen, wenn ich will; aber es ermüdet „Armes, kleines Ding! wie bringſt Du Deine Zeit zu?“ „Bei Tage ſehe ich aus dem Fenſter; Abends ſpiele ich mit mir ſelbſt.“ 5 3 „Spielſt Du nie mit andern Kindern?“ „Nein.“ „Und was lernſt Du?2 „Nichts!“ Daiſy Burns, J. „Nichts?“ wiederholte er. „Ja, nichts.“ „Haſt Du keinen Unterricht?“ „Nein; Mrs. Marks ſagt, da ich gut leſen und etwas ſchreiben kann, ſo ſei es genug.“ „Genug!“ rief Cornelius entrüſtet; er fuhr jedoch⸗ ruhiger fort:„Mrs. Marks verſteht nichts davon; eine gute Erziehung iſt das Wenigſte, was Mr. Thornton ſeiner Tochter geben kann.“ Er fragte mich nicht weiter, aber ich ſah ihn an und ſagte in bitterem Tone:„Ich ſoll eine gewöhnliche Erziehung bekommen; ich ſoll nicht eine Lady werden.“ „Wer ſagt das?“ fragte Cornelius unwillig. „Mr. Thornton.“ „Woher weißt Du das?“ 3 „Er ſagte es in meiner Gegenwart zu Miß Grainger. Er ſagte, ich ſolle weder Gouvernante, noch Lady werden; eine gewöhnliche Erziehung und eine anſtändige Beſchäf⸗ tigung— das ſei meine Beſtimmung.“ Dieſe Worte hatten mich damals ſo tief verletzt, daß ich ſie nicht vergeſſen konnte. Als ich ſie wiederholte, ſtieg O'Reilly das Blut ins Geſicht; ſein Auge blitzte, ſeine Lippe zitterte vor Wuth. „Aber Dn ſollſt eine Lady werden,“ rief er mit plötzlicher Wärme.„Dein Vater, der durch Geburt und Erziehung ein iriſcher Gentleman war, gab mir gleich⸗ falls die Erziehung eines Gentleman; und ich will Dir die Erziehung einer Lady geben— ſo mir Gott helfe!” Er drückte mich an ſein Herz. Ich ſah zu ihm auf und ſagte:„Ich würde nicht viel Raum brauchen.“ Er ſchien erſtaunt über dieſes Wort. Ich fuhr fort:„Und Mrs. Marks ſagt, ich eſſe ſo wenig.“ Cornelius war verlegen. „Willſt Du mich mit Dir nehmen?“ fragte ih ernſtlich 1 Cornelius holte tief Athem. K 51 „Du biſt ein ſonderbares Kind,“ ſagte er. Ich ſchlang meine Arme um ſeinen Hals und fragte wieder:„Willſt Du mich mit Dir nehmen?“ „Weßhalb möchteſt Du, daß ich Dich mit mir nehme?“ Ich ließ deu Kopf ſinken und antwortete nicht. Die ſeltſame unbeſiegbare Scheu des Kindes kam über mich und machte mich verſtummen. Cornelius hob meinen Kopf ſanft in die Höhe, ſo daß ich ſeinem Blicke begeg⸗ nen mußte und lächelte, als er ſah, daß mein Geſicht glühend heiß und roth wurde. „Möchteſt Du wirklich, daß ich Dich mit mir nehme?“ fragte er nach einer Pauſe. Ich ſah raſch auf, doch ſagte ich nichts; aber wenn das Kind auch keine Worte hat, um ſeine Gefühle aus⸗ zudrücken, ſo hat es doch beredte Blicke, die gar leicht zu verſtehen ſind. Cornelius verſtand, was ich meinte. „Gut, wenn es möglich, werde ich Dich mit mir nehmen,“ antwortete er ernſt. „O! wir können zur Hinterthüre hinausgehen,“ ſagte ich lebhaft. „Mein liebes Kind,“ antwortete Cornelius ſtreng, „verlaſſe nie ein Haus durch die Hinterthüre, es ſei denn bei Feuersnoth; es würde wie ein Entlaufen erſcheinen. Wir müſſen mit Mr. Thornton ſprechen.“ Ich konnte die Nothwendigkeit davon nicht einſehen; ich fügte mich jedoch ſeiner Entſcheidung und begleitete ihn an ſeiner Hand die Treppe hinab. Niemand vom Hauſe war ſichtbar, nicht mal die kleine Dienerin. Cornelius ſah ſich überall um und klopfte dann entſchloſ⸗ ſen an die Thüre von meines Großvaters Studirzimmer. Eiin ſcharfes„Herein!“ geſtattete uns einzutreten. Diesmal hatte Mr. Thornton ſein Vergrößerungsglas und den Roßkäfer mit ein paar Kompaſſen und einer ungeheuren Landkarte vertauſcht, welche den ganzeu Tiſch bedeckten. Er ſah auf und als er Cornelius gewahrte, 48 rief er mit ſpöttiſchem und drolligem Tone:„Sir, ha⸗ ben Sie mir wieder ein kleines Kind gebracht?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Cornelius,„es iſt daſſelbe.“. „O! daſſelbe? wirklich?“ „Nein; nicht ganz daſſelbe,“ fuhr Cornelius fort: „das Kind, das ich vor ungefähr einem Monate hierher brachte, iſt wunderbar verändert; fragen Sie ſelbſt, mein Herr, und überzeugen Sie ſich davon, wie Ihre Enke⸗ lin, ſicher gegen Ihren Wunſch und Ihr Wiſſen, in Ihrem Hauſe behandelt wurde.“ Mein Großvater warf dem jungen Mann einen ſcharfen Blick zu und ſein braunes Geſicht verdunkelte ſich im Ausdruck, wenn auch nicht in der Farbe. „Komm' zu mir,“ ſagte er, ſich an mich wendend, „und bedenke, daß, wenn Du auch ſonſt ſehr ſchweigſam biſt, ich in dieſer Sache Gewißheit haben muß.“ Ich ſah Cornelius an; er nickte; ich ging zu Mr. Thornton, der mir ſcharf in's Auge ſah und, wie wenn jemand ihm die Worte einblieſe, mich plötzlich fragte: „Bekommſt Du genug zu eſſen?“ „Ja, Sir.“ „Warum iſſeſt Du nicht?“ „Ich eſſe.“ „Warum ſchlägt Dich Mrs. Marks?“ „Sie ſchlägt mich nie,“ antwortete ich ungehalten. „Aber warum behandelt ſie Dich ſchlecht?“ 3 tht behandelt mich nicht ſchlecht; ſie wagt es nicht.“ Mr. Thornton ſah Cornelius mit einem ironiſchen Triumph an. Der junge Mann ſchien ärgerlich und ſagte mit Wärme:„Ich meinte nicht, daß Margaret Burus nothleide oder ſchlecht behandelt werde. Das verhüte der Himmel. Ich meinte vielmehr, man habe ſie der Einſamkeit, dem Müſſiggang und der Unwiſſen⸗ heit in die Arme geworfen.“ 53 „Auf mein Wort, Mr. O Reilly,“ ſagte Mr. Thorn⸗ ton, ſeine Karte zurückſchiebend, als wollte er Cornelius beſſer in's Auge blicken,„Sie miſchen ſich mit preis⸗ würdiger Kälte in meine Familienangelegenheiten.“ „Mr. Thornton“ entgegnete Cornelius, nicht im mindeſten aus der Faſſung gebracht und ihm ruhig in's Geſicht blickend,„ich brachte das Kind zu Ihnen; das gibt mir ein Recht, einzuſchreiten, was Sie ſelbſt an⸗ erkannt, indem Sie mir nicht ſogleich das Wort ab⸗ ſchnitten.“ Mr. Thornton warf ihm einen unfreundlichen Blick zu, murmelte ein Wort der Zuſtimmung, blickte auf ſeine Karte und ſagte ungeduldig: „Zugegeben; aber nicht, daß das Kind behandelt wird, wie ihm gebührt. Indeß ſoll ſie bis auf einen gewiſſen Punkt Richter in eigener Sache ſein. Hörſt u?“ fügte er, zu mir gewandt, hinzu:„wenn Du irgend etwas wünſcheſt, ſo ſage es und Du ſollſt es haben.“ „„„Ich wünſche von hier fortzukommen,“ ſagte ich plötzlich. „Gut, ich werde Dich in ein Penſionat ſenden.“ „Aber ich möchte mit Mr. O'Reilly gehen.“ „So geh’ mit Mr. O'Reilly,“ antwortete mein Großvater ſarkaſtiſch,„er mag Dich mitnehmen, auf dem Wege liegen laſſen, thun mit Dir, was ihm beliebt, wenn er Dich haben will.“ Ich eilte zu Cornelius hin. „Soll ich mich bereit machen?“ fragte ich lebhaft. „Mein liebes Kind,“ antwortete er freundlich, „Mr. Thornton beabſichtigt, Dich in eine Schule zu ſchicken, wo Du Mancherlei lernen wirſt.“ „Sie wird mit dem Lerneu nicht ſehr geplagt wer⸗ den,“ bemerkte Mr. Thornton trocken. „Doch, mein Herr!“ verſetzte Cornelius,„das Kind verdient eine gute Erziehung.“ 6 „Mie, ſie ſoll nicht eine feine Lady werden.“ 4 kwon Houſe verlaſſen, ſondern der griesgrämige Pförtner hatte auch ſeine eiſernen Thore hinter uns geſchloſſen und wir war 54 „Geſtatten Sie mir, zu bemerken—“ „Sir, ich will Ihnen geſtatten, ſie mit ſich zu neh⸗ men und mit ihr zu thun, was Sie wollen, aber nicht zu bemerken.“ „Ich nehme Sie bei Ihrem Worte,“ antwortete Cornelius wärm, während ihm Mr. Thornton einen er⸗ ſtaunten Blick zuwarf;„ich will ſie mit mir nehmen und auch erziehen. Es wäre ſeltſam, wenn ich nicht für ihres Vaters Kind thun könnte, was dieſer Vater für mich that. Ich danke Ihnen, Herr, für Das, was mich hier⸗ herbrachte und um was ich Sie zu bitten kaum den Muth hatte.“ Mein Großvater ſah mich an und machte eine wun⸗ derliche Grimaſſe, als könnte er nicht einſehen, was ich für ein beſonders köſtliches Geſchenk ſei. Trotzdem ſchien nicht ſehr erfreut, daß ihn Cornelius beim Worte nahm.: „Gut,“ ſagte er endlich,„es ſei. Ich kümmere mich wenig um dieſes Kind, da ich nie vergeſſen kann, woher ihr Geſicht ſtammt,— aber Sie haben, ſcheint es, großes Intereſſe dafür; Sie wollen eine arme Lady aus ihr machen; ſie will mit Ihnen gehen— beider Wunſch mag in Erfüllung gehen. Wenn Sie Ihnen zur Laſt fallen ſollte, ſo ſchicken Sie ſie zurück, zu mir oder in meiner Abweſenheit zu Mrs. Marks. Sie erſehen daraus, daß ich für ſie zu ſorgen willens bin; doch glaube ich,“ fügte er mit einem Blicke auf Cornelius hinzu:„daß ich nicht vorausſetzen darf—“ 3 „Nein, Sir!“ unterbrach ihn der junge Mann ernſt. „Gut, ſorgen Sie für ſie, folgen Sie Ihrer Grille. Nehmen Sie ſie mit ſich; ſie liebt Sie.“ Damit waren die Sachen entſchieden; und in weni⸗ ger als einer Viertelſtunde hatten wir nicht nur Thorn⸗ auf dem Wege nach Ryde, von wo Cor⸗ 5⁵ nelius noch am ſelben Abende nach London zu gehen beabſichtigte. Nachdem wir eine Zeit lang in tiefem Schweigen neben einander einhergeſchritten, ſagte Cornelius zu mir“ „Biſt Du müde, Margaret?“ „O nein!“ antwortete ich lebhaft. Die Frage ſchien auch wirklich jedes Gefühl der Ermüdung aufzuheben. Einige Zeit lieh mir die Furcht, zurückgelaſſen zu werden, eine eingebildete Stärke; end⸗ lich konnten mich aber meine wunden und müden Füße nicht mehr länger tragen; an der wildeſten und einſam⸗ ſten Stelle des Weges mußte ich anhalten. „Was iſt Dir?“ fragte Cornelius. „Ich kann nicht mehr gehen,“ antwortete ich ver⸗ zagend. „Wirklich nicht?“ „Nein,“ ſagte ich, indem ich mich auf einen Meilen⸗ em ſetzte und zu ſchluchzen begann,„ich kann wirklich nicht.“ „Nun denn, wenn Du nicht kannſt,“ ſagte Corne⸗ lius kalt,„ſo muß ich Dich tragen.“ „Ich bin ſehr ſchwer,“ warf ich, über den Vorſchlag erſtaunt, ein.— Er lachte und verſuchte mich auf uheben, aber i widerſetzte mich. 45 ch außß 3 „O, es würde Dich zu ſehr ermüden!“ ſagte ich. „Nein, die Natur hat mir ſo außerordentliche Kraft verliehen, daß ich, ohne müde zu werden, die größten Laſten tragen kaun— wie Dich zum Beiſpiel— unter welcher Andere zuſammenbrechen würden.“ Er hob mich mit einer Leichtigkeit, die ſeine Be⸗ hauptung rechtfertigte. Ich ſchlang meinen Arm um ſei⸗ nen Hals, lehnte meinen Kopf au ſeine Schulter und fand, im Gefühle der Sicherheit meiner Stütze, nicht geringes Vergnügen an dieſer eben ſo neuen, als üppi⸗ gen Sänfte. Ich konnte jedoch nicht umhin, ihn einmal, 56 wenn auch mit einigem Zögern, zu fragen:„ob er ſich nicht ermüdet fühle?“ „Nein, ſo ſchwer Du auch biſt, nein: aber weßhalb ſchauerſt Du? Friert es Dich?“ „Nein,“ antwortete ich, aber meine Zähne klapper⸗ ten, während ich ſprach. „Ich hoffe, es iſt bloßes Frieren,“ ſagte Cornelius und blieb einen Augenblick ſtehen;„öffne die Schnalle meines Mantels und hülle Dich darein.“ Ich gehorchte; er half mir, mich in die warmen und weiten Falten zu hüllen und wir ſetzten unſern Weg nach kurzer Unterbrechung wieder fort. Er ging ſehr raſch; wir hatten Ryde bald erreicht; er wollte mich je⸗ doch nicht früher aus meiner Hülle losſchälen, bis wir unter Dach und Fach wären. Ich hörte eine geſetzte Stimme ſagen: „Ihr Teppichſack, Sir. Er iſt hier ganz ſicher.“ „Es iſt kein Teppichſack,“ antwortete Cornelius, in⸗ dem er mich losſchälte und in ein kleines, ſchlecht er⸗ leuchtetes Zimmer brachte, während die häßliche Wirthin neugierig folgte. „Ihr Teppichſack wird hier ganz ſicher ſein,“ ſagte ſie wieder. „Ich habe keinen.“ Sie ſchien erſtaunt. Ein klei⸗ nes Mädchen und keinen Teppichſack. „Ihr Kind, vermuthlich,“ fragte ſie zudringlih „Nein,“ wiederholte Cornelius erröthend,„nein.“ „Ihre Schweſter, vermuthlich, mein Herr,“ be⸗ harrte die Wirthin. „Sie iſt keine Verwandte,“ antwortete er kurz; und ohne ihr weitere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, befühlte er meine Stirne, nahm meine Hand und ſagte:„beide glühen;“ dann ſah er auf ſeine Uhr, überlegte einen Augenblick und erſchreckte endlich die Wirthin, die ſchwei⸗ gend und mißtrauiſch im Zimmer geblieben, mit der loglichen Frage: 57 „Iſt ein Arzt hier, Ma'am?“ „Mr. Wood.“ „Seid ſo freundlich und ſchickt nach ihm, ich fürchte, das Kind iſt krank.“ Sie ſchien mißtrauiſch zu ſein, erfüllte jedoch ſeine Bitte und kehrte nach ungefähr zehn Minuten mit einem ſchlichten kleinen Manne in ſchwarzer Kleidung zurück, der gebückt in das Zimmer trat, meine Zunge beguckte, mein Handgelenk feſt zwiſchen Danmen und Zeigefinger hielt, dann eine Minute lang an die Decke ſah und das eine Auge feſt zuſchloß, während er die Zunge ſchlau in die linke Ecke des Mundes drückte. Endlich ließ er meine Hand ſinken, öffnete ſein Auge, brachte die Zunge wieder in ihre gewöhnliche Lage und ſagte in ern⸗ ſtem Tone: „Das junge Fräulein hat nur ein wenig Fieber.“ „Sie ſind feſt überzeugt, daß es nichts Schlimme⸗ res iſt?“ fragte Cornelius und ſchien ſehr erfreut. „Ganz gewiß,“ antwortete Mr. Wood in entſchie⸗ denem Tone,„aber das junge Fräulein— iſt ſie nicht Ihre Tochter, Sir?“ „Nein,“ lautete die ungehaltene Antwort. „Das junge Fräulein,“ fuhr Mr. Wood gelaſſen fort,—„ich finde, ſie hat ein ſehr reizbares Nerven⸗ ſyſtem, das— nicht Ihre Schweſter?“ ſagte er, wieder zu einer Frage abbrechend. „Nein, Sir,“ antwortete Cornelius ungeduldig. „Ja, ein ſehr reizbares Temperament, das viel Be⸗ wegung, freundliche Behandlung, wenig geiſtige Anſtren⸗ gung und Vermeidung jeder heftigen Aufregungen er⸗ heiſcht(er hielt dabei den Finger warnend in die Höhe), d Vermeidung aller heftigen Aufregungen, die den Früh⸗ ling des Lebens in jungen Weſen untergräbt.— Nicht Fhi⸗ Mündel?“ ſetzte er, zum dritten Male fragend, zu. 4 „Nein!— Ja!“ antwortete Cornelius mit einigem Zögern. „In jungen Weſen“— begann Mr. Wood wieder. „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ unterbrach ihn Cornelius ungeduldig,„aber der Wagen wird bald vor⸗ überkommen; kann nichts für das Kind gethan werden?“ „Doch, Sir,“ antwortete Mr. Wood trocken,„es iſt mancherlei für das junge Mädchen zu thun; für s erſte muß es augenblicklich zu Bette gebracht werden.“ „u Bette?“ fragte Cornelius erſtaunt. „Augenblicklich. Zweitens muß ihr ein beruhigender Trank gegeben werden, damit ſie ſich dieſe Nacht durch einen kräftigen Schlaf ſtärke.“ „So müſſen wir alſo wirklich hier übernachten?“ „Durch einen kräftigen Schlaf ſtärke. Drittens darf ſte innerhalb der nächſten zwölf Stunden nicht die ge⸗ ringſte Bewegung haben.“ „Erinnern Sie ſich doch, mein Herr, Sie ſagten, es ſei nur ein leichtes Fieber.“ „Das iſt es auch noch jetzt,“ antwortete der un⸗ erbittliche Mr. Wood in einem Tone, der alle Krank⸗ heiten vom Scharlachfieber bis zum Typhus, fürchten ließ, wenn ſeine Vorfchriften unbeachtet blieben. Cor⸗ nelius ſeufzte, ergab ſich, bat um den beruhigenden Trank, und überlieferte mich den Händen der mürriſchen Wirthin. Ich erlaubte ihr, mich zu entkleiden, und mich in einem düſtern kleinen Zimmer im zweiten Stocke zu Bett zu bringen; als ſie mir aber den beruhigenden Trank reichen wollte, den Mr. Wood geſchickt, begrub ich mein Geſicht in die Kiſſen. Obwohl ſie in einem ſtren⸗ gen und drohenden Tone„Miß!“ ſagte, konnte ſie doch meine ſtumme Widerſpenſtigkeit nicht überwinden. Sie verließ mich in größter Entrüſtung. Bald nachdem ſie mich verlaſſen, öffnete ſich die Thüre und Cornelius trat ein. Cornelius ſah ernſt aus. — oder einen armen, noch nicht flüggen Vogel aus 59 Ich war auf eine Strafpredigt gefaßt; er ſetzte ſich aber an meine Seite und ſagte äußerſt freundlich:„Mar⸗ garet, warum willſt Du den beruhigenden Trank nicht nehmen?“ Ich antwortete nicht. Er koſtete den Trank und ſagte ernſt:„Er iſt nicht unangenehm; verſuche.“ Er wollte die Taſſe an meine Lippen bringen, ich wandte mich jedoch weg und ſagte mit einiger Aufregung: „Ich will nicht ſchlafen.“ „Warum, Kind 2 „Weil ich nicht zur Zeit aufwachte; Du würdeſt weggehen und mich zurücklaſſen.“ „Margaret, warum ſollte ich Dich zurücklaſſen?“ „Weil Du mich nicht liebſt, wie Papa; Du küm⸗ merſt Dich nicht um mich,“ antwortete ich aufgeregt, denn ich war in dieſem Augenblicke überzeugt, daß die Liebe ganz nur auf meiner Seite ſei. Err ſchien erſtaunt über den Vorwurf, und was er in ſich ſchloß; was mich aber am tiefſten ſchmerzte, war, daß ihm meine Worte Spaß zu machen ſchienen. Ich wandte mein Geſicht der Wand zu: er beugte ſich über mich und ſah, daß meine Augen voll Thränen waren. „Du weinſt!“ ſagte er ſchmälend. „Du lachſt über mich!“ antwortete ich entrüſtet. „Was eine Schande iſt,“ antwortete er und ſuchte vergeblich ein Lächeln zu unterdrücken;„doch ſei dem, wie ihm wolle, Margaret, Du mußt mir den Gefallen thun, und dies trinken.“ Er ſprach in gebieteriſchem Tone. Ich gab nach und nahm die Taſſe aus ſeiner Hand, indem ich ihm einen Blick zuwarf, der etwas Vorwurfsvolles haben mußte, denn er ſagte mit einiger Wärme:„Auf mein Wort, Kind, ich werde Dich nicht zurücklaſſen. Ich würde leichter ein armes Lamm dem Schlächter überge⸗ ben, als Dich nach Thornton Hauſe zurückkehren laſſen dem Neſte nehmen, als ein hülfloſes kleines Geſchöpf, wie Dich, verlaſſen.“ Ich leerte die Taſſe. Zur Belohnung meines Ge⸗ horſames ſagte Cornelius, er werde bei mir bleiben, bis ich eingeſchlafen. Ich ſuchte den Augenblick ſo lange als möglich hinauszuziehen, aber endlich unterlag ich doch einer Gewalt, die mächtiger, als ich. Ich erin⸗ nere mich noch ſeines heitern Lächelns über meine ver⸗ geblichen Verſuche, das Auge offen zu behalten und auf ſeinem Geſichte ruhen zu laſſen; dann folgte plötzlich eine Leere und Dunkelheit, in der auch er verſchwand. Ich erwachte den nächſten Morgen friſch, wohl und frei von Fieber. Die Wirthin kleidete mich ſchweigend an, und führte mich dann in das kleine Wohnzimmer hinab, wo ich Cornelius bei dem Frühſtück die Zeitungen leſend fand. Er ſchien ſehr erfreut, daß mich das Fie⸗ ber verlaſſen, und ſagte lächelnd:„Nun, Margarete, ging ich weg?“ Ich ließ beſchämt den Kovf ſinken. „Nun, mein armes Kind,“ fügte er hinzu und zog mich an ſich:„ich müßte wirklich ein Wilder ſein, wenn ich ſolche Dinge nur träumen könnte; wie unga⸗ lant wäre es überdies, eine kranke Dame zu verlaſſen. Nie mehr könnte Cornelius OReilly— Schmach ſei⸗ nem Namen und ſeinem Vaterlande— nach ſo ſchwarzer That ſein Antlitz zeigen.“ Er lachte wieder; ich achtete diesmal nicht darauf; da die mürriſche Wirthin, welche dabei ſtand, nicht be⸗ greifen zu können ſchien, was zwiſchen uns vorging, ſo machte ſich Cornelius den Spaß, mich während des ganzen Frühſtücks mit der aufmerkſamſten und ceremo⸗ niellſten Höflichkeit zu behandeln. Zu ihrer vollſtändi⸗ gen Befriedigung und zum Erſatz für den mangelnden Reiſerock langte endlich von Thornton Houſe das Gepät für Miß Burns an. Wir fuhren frühzeitig weg. Unſer Platz war im 61 Coupé des Wagens. Es war ein ſchöner Herbſttag, und die Fahrt höchſt angenehm, bis der Abend ein⸗ brach; Cornelius ſchloß mich feſter an ſich und theilte mit mir die weiten Falten ſeines Mantels. Die unge⸗ wöhnliche Wärme und Bewegung ſchläferte mich ein. Ein bis zweimal erwachte ich zu dem momentanen Be⸗ wußtſein einer Sternennacht, und Bäume und Häuſer zogen raſch an mir vorüber; dann war wieder tiefe Dunkelheit; der Mantel deckte mich vollkommen zu. Ich öffnete meine Augen nur, um ſie wieder zu ſchließen und einzuſchlafen: mein Haupt ruhte an Cornelius Schulter und ſein Arm hielt mich umſchloſſen, um mich vor dem Fallen zu ſchützen. Ich habe eine dunkle Erinnerung, daß wir durch eine große und geräuſchvolle Stadt kamen, daß wir die Poſtkutſche mit einem Kab vertauſchten und daß ich endlich ſtaunend erwachte, als Cornelius ſagte:„Mar⸗ garet, wir find zu Hauſe.“ 1 Das Kab hielt an; Cornelius ſtieg aus und hob mich heraus, während er einige Worte ſprach: der Wa⸗ gen rollte auf dem einſamen Wege fort, auf welchem wir ſtanden. Sechstes Kapitel. Ich war etwas verwirrt. Die Nacht und der Ort waren beide dunkel; alles, was ich ſehen konnte, war eine niedere Gartenmauer, die im Schatten einiger hohen Bäume ſich verlor, und ein ſchmales hölzernes Thor. Der ſchwache Lichtſtrahl, der durch die Spalte 6² drang und ein raſcher Schritt auf dem Sande drinnen, erſparten Cornelius die Mühe, zu klingeln. Die Thüre öffnete ſich von ſelbſt und auf der Schwelle erſchien eine 3 3 Dame in ſchwarzem Gewande, welche eine kleine Lampe in der rechten Hand hielt. Wir traten ein; ſie ſchloß die Thüre hinter uns und ſchlang beinahe im ſelben Augenblicke den Arm, der frei war, um Cornelins Hals. „Gott ſei Dank!“ rief ſie lebhaft und in einem warmen, gerührten Tone, der wie ein Echo ſeiner Stimme klang:„Gott ſei gedankt; ich war in großer Sorge.“ „Erhieltſt Du meinen Brief nicht?“ „Doch! Aber ich hatte einen Traum.“ „Einen Traum! o Kate!“ Er ſprach mit ſcher⸗ zendem Vorwurfe; plötzlich blieb er ſtehen, küßte ſeine Schweſter mehrmals, jedesmal zärtlicher. „Wie geht's dem Kinde? wo iſt es?“ fragte Miß OReilly.. „Gut, hier3iſt es. Ich ließ ihr Hab und Gut draußen.“ „Deborah ſoll es hereinbringen. Nimm' ſie mit.“ Wir traten in das Haus, das am Ende des Gar⸗ tens ſtand. 1 „Dieſen Weg, Margaret,“ ſagte Cornelius, indem er mich in ein kleines, aber behagliches und elegant ein⸗ gerichtetes Wohnzimmer führte, das den wohlthuendſten Eindruck auf mich machte. Die Meubeln, obwohl ein⸗ fach, waren gut und ſchön; die Wände mit einigen Gemälden und Stahlſtichen in goldenen Rahmen ge⸗ ſchmückt; ein wohlgefüllter Bücherkaſten ſtand gegen⸗ über von dem Piano aus Roſenholz; ein großer, m. Buüchern bedeckter Tiſch war in der Mitte des Zimmen ein ſchöner Blumentiſch ſtand in dem tiefen Bog fenſter. 3 „Nun,“ ſagte Miß O'Reilly, welche uns beina 4 63 auf den Ferſen gefolgt war,„wo iſt das kleine Mäd⸗ chen 24„ „Hier iſt ſie, Kate,“ antwortete Cornelius, indem er mich zu ſeiner Schweſter führte; er ſtand hinter mir, ſeine Hand ruhte auf meiner Schulter, und bei ihrem Anblick fühlte ich mich beruhigt, denn aus der ſtoiſchen Trauer ihres Auges leuchtete der Widerſchein eines an⸗ dern Blickes. Sie ſenkte das Licht, warf mir einen flüchtigen Blick zu, ſtellte die Lampe nieder und ſetzte ſich in einen tiefen Lehnſtuhl neben dem Kaminfeuer, auf das ſie ihre Augen unverwandt gerichtet hielt. Miß O Reilly glich ihrem Bruder und war beinahe ebenſo hübſch, obwohl wenigſtens zehn bis zwölf Jahre älter. Sie war friſch wie eine Roſe, und hatte das dunkle Haar, die fein gewölbten Augbrauen, die hell⸗ braunen Augen und, die ſchönen Züge von Cornelius; aber der Geſichtsausdruck war durchaus verſchieden. Er war ebenſo entſchieden, aber ruhiger; ebenſo freundlich, aber nicht ſo aufgeräumt. Sie war ſehr einfach in Schwarz gekleidet: ihr glattes und reiches Haar war geflochten und am Hinterkopfe mit Gagatnadeln befeſtigt; an den Armen trug ſie Gagatbraceletts. Obgleich ſie einfachen Kleidung und der nachläſſigen Haltung die ele⸗ gante Symmetrie ihrer Geſtalt bemerken; ihre Haͤnde waren klein und ſchöngeformt. „Nun!“ ſagte Coruelius leiſe. „Nun?“ erwiederte ſeine Schweſter in das Feuer lachend und mit ſchmerzvollem Triumphe in den klaren Augen;„ſie iſt wie ihr Vater; ſie hat ſeine Augen; chade, daß ſie nicht ſein Haar ſtatt der hellen und kränklich flächſernen Locken hat. Komm' zu mir, kleines Ding,“ fügte ſie hinzu und blickte, die Hand nach mir ausſtreckend, zu mir auf. 3 1 Ich zögerte, 64 „Sie iſt ſehr ſcheu, Kate,“ ſagte Cornelius. „Ich werde ſte davon curiren. Komm her, Kleinig⸗ keit.“ Ich gehorchte und nahm ihre ausgeſtreckte Hand. Sie hatte die offene, gerade Manier, die auf Kinder einen großen Einfluß übt; ihre Aehnlichkeit mit ihrem„ Bruder machte mich zutraulicher, als ich ſonſt wohl un⸗ ter Fremden war. „Mein Name iſt nicht Kleinigkeit,“ ſagte ich zu ihr. „Das ſollte er es aber ſein, Du kleine Perſon.“ „Mein Name iſt Margaret; es war Mamas Name. Miß O Reilly ließ meine Hand ſinken und ſtand plötzlich auf. Dann nahm ſie meine Hand wieder und ſagte ruhig: 5 „Komm, mein Kind, Du biſt ſtanbig und müde von Deiner Reiſe.“ ¹ 4 Sie führte mich in ein freundliches Schlafzimmer, wo ſie meine Garderobe auspackte und mit einer ihr angeboren ſcheinenden Gewandtheit, meinen ganzen Anzug wechſelte. Als wir in das Wohnzimmer traten, fanden wir Cornelius der ganzen Länge nach auf ein vor das Kamin gezogenes Ruhebett ausgeſtreckt; ein dunkles Kiſſen begrub ſeinen ſchönen Kopf; die flackernde Kamin⸗ flamme ſpielte auf ſeinem Geſichte. Seine Schweſter eilte zu ihm, ſtrich mit ihrer weißen Hand durch ſein dunkles Haar, beugte ſich über ihn und ſagte zärtlich, als ob ſie mit einem Kinde ſpräche: „Armer Junge, biſt Du müde?“— Er ſchüttelte den Kopf und lachte ihr ins Geſicht. „Durchaus nicht, Kate. Wo iſt ſie?“ 3 Sie erhob den Kopf ein wenig, um nach mir zu ſehen, winkte mir und machte Platz für mich auf dene Sopha. Ich ſetzte mich und ſah ihn und ſeine Schweſter an, welche noch immer da ſtand und lächelnd ihre ſchönen Finger durch ſein weiches Haar gleiten ließ. Das Licht fiel auf ihre beiden Geſichter, die beinahe gleich hübſch 65 waren und denen die Aehnlichkeit einen noch größeren Reiz verlieh, als der reine Contraſt. ing man den ſymmetriſchen Umriſſen in Geſtalt und Geſichtszügen nach, ſo erkannte man einen großen Reichthum an Gaben der Natur, die ſich von Geſchlecht zu Geſchlechte in der Fa⸗ milie fortgeſetzt; ſah man ihre vertraulichen Zärtlichkei⸗ ten, ſo fühlte man die Schönheit und Heiligkeit der Blutsverwandtſchaft. Obgleich noch ein Kind, machte doch die Anmuth von Miß O Reilly's Lächeln einen gro⸗ ßen Eindruck auf mich; die erſte Frage war jedoch eine mehr freundliche, als romantiſche. „Was willſt Du zum Thee haben? Schinken?“ „Nichts, Kate; wir aßen unterwegs zu Mittag.“ „Wird ſie vielleicht?“ „Du meinſt— 2⸗ „Ja,“ unterbrach ſie ihn ungeduldig. Er ſah ſeine Schweſter an, welche an den Tiſe trat und ihre Frage an mich richtete. Ich wünſchte nichts; Miß O Reilly klingelte; ein beſcheidenes Mäd⸗ chen brachte das Theebret herein. Als der Thee gemacht und eingegoſſen war, ſagte Miß O Reilly in ihrer kur⸗ 3 zen Art zu mir: „Kind, Ding, gib die Taſſe Cornelius.“ „Aber mein Name iſt Margaret,“ warf etwas ärgerlich, daß man mich„Ding“ nannte. „Ich weiß es,“ antwortete ſie leiſe. „Margaret,“ wiederholte Cornelius ſcherzend und nahm die Taſſe, die ich ihm gab.„Diminutivum Meg, eg und mit einiger Variation Peggy(Gretchen); was ziehſt Du vor, Kind?“ „Keines von allen gefällt mir,“ antwortete ich offen. „Mar⸗gar⸗et!“ Drei Silben! Ich habe dazu keine Pes aus Katharine wurde Kate— Du mußt Meg eißen.“ Ich ſaß am Tiſche und trank meinen Thee. Ich ſetzte die Taſſe ärgerlich nieder. Daiſy Burns. I. ich ein, 5 „Mir gefällt Meg nicht,“ ſagte ich. „Nun daunn Peg.“ „Mir gefällt auch Peg nicht.“ „Nun dann Peggy.“ „Ich haſſe Peggy!“ rief ich ungehalten. „Laß das Kind!“ ſagte Miß O Reilly. 2 „Meg, ein bischen mehr Milch, bitte,“ ſagte Cor⸗ nelius ruhig. Obgleich ich vor Aerger über die Quäle⸗ rei hätte weinen koͤnnen, anerkannte ich doch den Namen, indem ich ſeine Bitte erfüllte. „Danke, Meg,“ ſagte er und gab mir das Milch⸗ gefäß zurück. „Laß das Kind,“ warf ſeine Schweſter wieder ein. „Sie iſt mein Eigenthum und ich werde ſie nennen, wie mir's beliebt,“ antwortete ruhig Coruelius.„Ich mag den Namen Mar⸗gar⸗et nicht.“ „Papa ſagte, es gebe keinen hübſcheren Namen,“ warf ich ein. Das iſt Geſchmacksſache,“ autwortete Cornelius beinahe ſpitzig;„ich denke, Katharine iſt ein weit hüb⸗ ſcherer Name.“ Er erröthete, waͤhrend er ſprach und ſeine Schwe⸗ ſter ſchob ihren unberührten Thee zurück. 1„Er ſagte,„Margaret ſei der Name einer Blume,“ fuhr ich fort:„der chineſiſchen Aſter.“ „Der Du nicht im Geringſten gleichſt,“ verſetzte Cornelius unerbittlich;„der Garten hat ſchönere und fürzere Namen: Roſe, Lilie, Viole u. ſ. w.“ „Mir gefällt mein Name am beſten.“ 4 „Meg? Nein; nun gut, alſo Peg? Wie!— nicht Peg! wie denn?“ 4 „Es gilt mir gleich,“ antwortete ich verzagend. Er ſah, daß meine Augen voll Thränen waren un doch gab er nicht nach. 1 „Armes kleines Ding!“ ſagte er mit einem Au 1 von Rührung;„ich muß auf etwas Anderes denken — jährlich erhalten,“ fuhr Miß O Neilly fort. 67 Laß mich mal ſehen. Heureka! Kate, was ſagſt Du zu aiſy, dem botaniſchen Diminutivum von Margaret? „Alles, wie Du willſt, Cornelius,“ antwortete ſie ernſt,„aber quäle das arme Kind nicht.“ „Sie ſoll entſcheiden.“ Er rief mich zu ſich und überließ mir die Sache. Ich war froh, dem Meg und Peg zu entrinnen und Daiſy hieß ich von dieſer Stunde. „Du verfährſt ſchon recht nach Deinem Kopfe mit dem Kinde,“ ſagte Miß OReilly, mit einem Blick auf ihren Bruder,„und doch ſcheint ſie etwas eigenſinnig.“ „Das iſt es eben, was es ſo anziehend macht, ſei⸗ nen Willen durchzuſetzen,“ antwortete er, auf mich herab⸗ lächelnd und ſich ſeines Triumphes über meine Hart⸗ näckigkeit freuend, während er mir ſchmeichelnd über die Haare ſtrich;„Neues aus der Stadt?“ fügte er nach einer Weile hinzu. „Geſtern war ein Herr da, heute zwei.“ Cornelius ſchüttelte den Kopf, wie es ſeine Gewohn⸗ heit war und wodurch ſtets die ſchweren Maſſen ſeiner ſchwarzen Haare in Unordnung kamen. Ein Blick in die Augen ſeiner Schweſter glättete jedoch ſeine Stirne wie⸗ der, während er lächelnd ſagte: „Es freut mich, daß ich ſo wichtig bin.⸗ „Mr. Trim kam dieſen Abend.“ „Sehr freundlich von ihm, meine ſchöne Schweſter zu beſuchen, wenn ich nicht zu Hauſe bin.“ „Er ſagt, es ſei ſchade, daß Du nicht mehr Werth anf Dein Geſchäft legeſt.“ „Gerade für neunzig Pfund jährlich,“ antwortete Kernelins verächtlich,„ſoviel als mein Einkommen be⸗ rägt.“ „Er hat die langverſprochene Anſtellung bei der Regierung mit einem Gehalt von fünfhundert Pfund 68 Cornelius ſtützte ſich auf ſeinen Ellbogen und rief heiter: „Kate, hat er Dir einen Antrag gemacht?“ „Unſinn,“ antwortete Kate ungeduldig,„wer wird an die vakante Stelle Trim's kommen?“ „Und ſein Geſchäft verſehen,“ antwortete Cornelius, gleichgültig in ſeine frühere Lage zurückſinkend;„ich weiß es nicht, Kate.“ „Trim geht im nächſten Monat ab,“ ſagte Miß O Reilly, mit einem Blick auf ihren Bruder. „Laß ihn gehen, Kate.“ „Willſt Du zugeben, daß dieſer Briggs an ſeine Stelle kommt?“ „Warum nicht, der arme Burſche!“ Miß O Reilly's Augen funkelten. Sie ſtieß heftig und ärgerlich in das Feuer. „Willſt Du ruhig zuſehen, wenn Dich dieſer Briggs überholt?“ fragte ſie ungehalten. „Ja,“ antwortete Cornelius, leiſe gähnend,„aller⸗ dings, Kate.“ „Du haſt keinen Ehrgeiz!“ „Nein.“ Er ſprach mit empörender Gleichgültigkeit. Von Vorwürfen ging ſie nun zu Beweiſen über. „Es würde einen großen Unterſchied im Gehalte machen, Cornelius.. „Und in der Arbeit, Kate. Ich ſchaudre, wenn ich an die traurigen Briefe denke, die dieſer unglück⸗ liche Briggs zu ſchreiben haben wird. Die langweiligen Additionen, Subtractionen und Diviſionen, die er durch⸗ gehen muß, machen mir für ihn Kopfweh.“ „Scheuſt Du die Arbeit, Cornelius?“ „Ich haſſe ſie, Kate.“ Sie ſchürte wieder im Feuer; dann ſagte ſie mit 5 einem Blicke auf ihren Bruder in entſchiedenem Tone; „Ich glaube es nicht.“ 69 „Er lachte. „Du träge? Ah bah! Ich glaube es nicht.“ „Du ſollſt aber; nichts als die ſtrenge Nothwendig⸗ keit jagt mich täglich nach der Stadt.“ „Ich haſſe die Stadt.“ „Weßhalb, armes Ding? Es iſt höchſtens ein we⸗ nig räucherig, ſchmutzig, geräuſchvoll und neblig, das iſt alles.“ „Ich wünſchte,“ ſagte Miß OReilly ärgerlich,„daß Du, ſtatt dieſes armen Kindes Haar zu ſtreicheln, als wäre es das Ohr eines Windſpiels, vernünftig ſprächeſt; komm’ zu mir, Kleine,“ fügte ſie ungeduldig, an mich gewandt, hinzu. Statt ihr zu folgen, ſah ich Cornelius an. Ich ſaß bei ihm auf der Ecke des Sophas und erwickelte ge⸗ rade eine Locke meines Haares mechaniſch von den Fingern. „Nun!“ ſagte Miß O'Reilly. Er lachte; aber ſein Blick befahl mir, ſeiner Schwe⸗ ſter zu gehorchen; ich gieng etwas widerſtrebend zu ihr. Sie ließ mich auf ein niereres Kiſſen zu ihren Füßen ſitzen und fuhr fort: „Cornelius, willſt Du endlich vernünftig ſprechen?“ „Ja, Kate, ich will.“ „Liebſt Du den Beruf, den Du erwählt?“ Er antwortete nicht. „Eine Stelle auf einem Comptoir ſchien mir ſtets Deines Talentes und Deiner Erziehung unwürdig. Wenn Du dieſen Beruf nicht liebſt, ſo gib ihn auf; wenn Du ihn liebſt, ſo ſuche wenigſtens vorwärts zu kommen.“ „Das heißt, ſuche eine höhere Stelle, arbeite mehr, erwirb ein größeres Einkommen, und endige nicht das Jahr, wie Du begonnen— als ein armer Teufel von Comp⸗ oiriſt.“ „Warum biſt Du denn aber ein Comptoiriſt?“ „Weil ich trotz meiner Trägheit arbeiten muß, um zu leben. Frage mich nicht mehr, Kate; ich habe Dir nichts mehr zu ſagen.“ 70 Er zog ſich noch tiefer in die Kiſſen des Sophas zurück, um zu zeigen, wie wenig Luſt er habe, den Gegen⸗ ſtand weiter erörtert zu ſehen. „Willſt Du zu Nacht eſſen?“ fragte ſeine Schweſter ſo gelaſſen, als ob nichts zwiſchen ihnen vorgefallen wäre. „Ja, liebe Kate,“ antwortete er erfreuk. Sie ſtand auf und verließ das Zimmer. Als die Thüre ſich hinter ihr ſchloß, erhob ſich Cornelius halb und beug wärts: ſeine Gleichgültigkeit verwandelte ſich in Ernſt; ſeine Abſpannung in Aufmerkſamkeit: plötzlich ſah er auf und ſchüttelte den Kopf mit triumphirendem Lächeln; als jedoch ſein Blick zufällig auf mich fiel, da ich ihm gerade gegenüber auf dem niederen Stuhle ſaß, den Miß O Reilly verlaſſen, ſtutzte er und rief mit einer gewiſſen Ungeduld: „Gib Dir nicht das Anſehen einer Fee, Kind! nimm ein Buch.“ Und indem er ſich vorwärts b er ein Buch mit Bildern von und ſagte, es werde mich Geſicht zu betrachten. Buche auf, bis Deborah das Nacht bot ihm ihre Wange. b?“ fragte er. „Poſſen!“ ſagte ſie ungeduldig;„laß das.“ 5 Er ſchlang ſeinen Arm um ſtie. „Wie ſchön Du biſt, Kate!“ ſagte er mit ſcherzen⸗ der Schmeichelei;„mein Friede iſt dahin, wenn ich je— ⸗ „Sei ruhig,“ unterbrach ſie ihn erröthend und mit einem Seufzer;„keine Frau mit dunkeln Haaren wird 71 jemals Deinen Frieden ſtören. Gib mir einen Kuß und laß mich gehen.“ Er umarmte ſie mit inniger Zärtlichkeit, die ihre beſondere Bedeutung zu haben ſchien, denn ſie ſah auf die andere Seite und ſchien bewegt. Endlich ließ er ſie los; ſie nahm meine Hand, führte mich in ihr Zimmer und entkleidete mich ſtillſchweigend. Endlich ſah ſie mich an und ſagte bedeutſam: „Nun?“ Ich glaubte, ſie meine, ich ſolle ſie küſſen. Ich wollte es thun, aber ſie hielt mich zurück und ſagte noch empha⸗ tiſcher als zuvor: „Nun!“ 8 Ich ſah ſie ganz verlegen an. „Gott ſchütze mich!“ ſagte ſie in ihrer lebhaften Weiſe: iſt das Kind eine Heidin! Meggy, Daiſy oder wie Du ſonſt heißen magſt, weißt Du nicht, daß Du Dein Gebet vor dem Zubettegehen ſprechen mußt?“ „Ich ſagte immer Papa mein Gebet,“ antwortete ich etwas beleidigt. „Nun ſo kniee nieder und ſag es mir.“ Sie ſaß auf der Ecke ihres Bettes; ich knieete zu ihren Füßen; ſie nahm meine Hände in die ihren und die Augen auf mich geheftet, hörte ſie mich bis zu Ende. Dann brachte ſie mich zu Bette, zog die Vorhänge zuſam⸗ men und hieß mich ſchlafen. Ich gehorchte. Ich weiß nicht wie lange ich geſchlafen, als mich leiſe Töne weckten. Das Licht brannte noch, ich ſetzte mich leiſe in die Höhe und ſah durch die Oeffnung der Vorhänge. Cornelius' ſchöne Schweſter kniete vor einem kleinen Tiſche, auf welchem eine niedere Lampe ſtand; ihr blaſſes Licht fiel auf ein offenes Buch, aber ſie las nicht; etwas zurück⸗ gebeugt, in der Stellung einer büßenden Magdalena, mit gefalteten Händen und den Kopf auf den Buſen her⸗ abgeſenkt, weinte ſie bitterlich. Sie, die ich noch vor wenigen Stunden friſch und heiter, wie eine Blume, immer wieder, als ränge ſie vergebens nach nation, die ſie damit ausdrückte. ich legte mich ſtill in meine Kiſſen nieder. Siebentes Kapitel. dem Sonnenſchein, der das Zimmer erfüllte. allein, aber auf d geſehen, war jetzt blaß wie der Tod und ſchien vom Schmerze niedergebengt. Thränen floßen wie Regen⸗ tropfen über ihre Wangen, und die einzigen Worte, die über ihre Lippen kamen, waren die, welche Chriſtus am Oelberg ſprach:„Herr, Dein Wille, nicht der meinige geſchehe!“ Und dieſe Worte wiederholte ſie immer und Ich betrachtete ſie ſtaunend. Endlich erhob ſie ſich; ich dieß gethan, als Miß O Reilly an das Bett trat und die Vorhänge öffnete. Ich ſchloß meine Augen, beinahe ohne zu wiſſen, weßhalb. Sie beugte ſich über mich, ich fühlte ihren Athem ſanft und warm an meinem Geſichte; dann drückte ſie einen zarten, aber langen Kuß auf meine Wange. Ich wagte nicht, die Augen aufzuſchlagen, bis ich fühlte, daß ſie neben mir lag; als ich aufblickte, war das Zimmer dunkel. Miß OReilly bewegte ſich nicht; einen Augenblick blieb ich noch wach und überlegte, was ich geſehen, endlich aber ſchlief ich wieder ein. Ich erwachte ſpät am andern Morgen, geblendet von 73 ſie an; ihre Wange war friſch, ihre Augen hell und klar. Lächelnd fragte ſie mich nach meinem Befinden, ſagte, ich ſehe gut aus und half mir beim Aufſtehen und Ankleiden, indem ſie die ganze Zeit freundlich plauderte. Ein ein⸗ ſames Frühſtück erwartete mich in dem hintern Wohn⸗ zimmer: ich ſah vergeblich nach Cornelius. „Er iſt fort nach der Stadt und wird erſt um fünf Uhr wieder zurückkehren,“ ſagte Miß O Reilly.„Wie, ſchon fertig! Aber Kind, wie wenig Du iſſeſt!“ fügte ſie beſorgt hinzu;„geh' in den Garten und treibe Dich dort eine Zeitlang um.“ Sie öffnete eine Glasthüre, durch welche man auf einen grünen und ſonnigen Ausſchnitt eines heitern Gar⸗ tens ſah. Ohne gerade klein zu ſein, hatte er das Aus⸗ ſehen einer Laube, und es war eine ſehr ſchöne, ſüßduf⸗ tende und wilde Laube. In der Mitte eines Grasbeetes erhob ſich eine Sonnenuhr von grauem Steine mit vielen Moosflecken. Ringsumher zog ſich ein Pfad, und zwiſchen dieſem und der Mauer dehnte ſich ein breiter Raum aus mit ſpaniſchem Flieder, Bohnenbäumen und Himbeerge⸗ büſchen; dazwiſchen wuchſen, obwohl halb wild und ohne flege, je nach der Jahreszeit blaue Hyacinthen, gelber Safran mit ſeinem feurigen Kelche, heitere Narziſſen, blaſſe Frühroſen, hohe Fingerhüte von den ſchönſten dun⸗ keln Farben, Sommerroſen mit ihrem reichen Dufte, ſtolze Stechpalmen, glänzende Chinaaſter und ſchmach⸗ tendes Chryſanthemum—„eine Wildniß von Süßigkeiten.“ Die Mauer ſelbſt, wenn man ſie ſah, war nicht ohne Reiz. Sie war alt und zerbröckelt, aber von Löwenmaul, Steinſamen und dunklem Epheu überwachſen, der an der Erde fortkroch. Von einigen roſtigen Nägeln hing in ſchön verſchlungenen Wendungen Gaisblatt und Jasmin herab, die von den Bienen des nahen Stockes geplündert wurden. Zwei hohe und edle Pappeln, die zu beiden Seiten der hölzernen Thüre ſtanden, durch welche Cor⸗ nelius und ich eingetreten waren, warfen ihre ſchmalen — 74 2 Schatten über den ganzen Platz, den ſie mit ihrem rau⸗ ſchenden Gemurmel erfüllten. Der ſchmale Weg daneben war ſtill; jenſeits deſſelben und rings umher waren grö⸗ ßere oder kleinere Gärten, wo ruhige Wohnungen im Schatten kühler Bäume lagen; am fernen Horizonte zog ſich eine ſanfte Linie von Hügeln hin, auf welchen die grauen Wolken ſchlummernd ruhten. An dieſem Sommermorgen war der Garten Miß O'Reilly's etwas mehr, als warm, grün und ſonnig. Die Pappeln hatten ihn mit trockenem und gelbem Laube beſtreut und keine Blume war mehr zu ſehen, als einige Spätroſen, Chinaaſter, und Chryſanthemums. Ich ging umher, ſetzte mich dann an den Fuß der Sonnenuhr und ergötzte mich an dem Anblick des Hauſes. Es war eines jener Häuſer mit niederem Dache, rothen Ziegeln und veraltetem Ausſehen, wie man ſie an den Enden von London ſieht, von denen aber täglich mehr— verſchwinden, um der modernen Villa Platz zu machen. Es ſtand zwiſchen einer ruhigen Straße und einem ein⸗ ſamen Wege, ein einfacher Backſteinbau mit vielen klei⸗ nen Fenſtern, die von dem Epheu halb verdeckt waren, der von der vorſpringenden Veranda herabhing, und dem Hauſe einen weichen, aber ernſten Ausdruck verlieh. Ein ſchiefes Epheudach, das an die Gartenmauer hinablief, trennte es von einem größeren Hauſe, zu welchem es früher gehört haben mußte; beide hatten urſprünglich eine Wohnung gebildet, waren jedoch von Miß O'Reilly, welche es jüngſt an ſich gebracht, zum Behufe des Ver⸗ 8 miethens getrennt worden. Auf beiden Seiten war der Doppelbau durch junge Bäume getrennt. Er ſah abge⸗ ſchieden, einſam und alt aus: eine Wohnung, wo ganze Generationen gelebt und geliebt. Von dem Gebäude richtete ſich mein Blick auf in Spinnengewebe, die zu beobachten in Rock Cottage zu meinen Lieblingsbeſchäftigungen gehört hatte. „Nun?“ ſagte die klare Stimme Miß O Reilly⸗ Ich ſah auf; die Sonne ſiel in hellem Glanze auf das Haus und die drei ausgetretenen Steinſtufen, die in den Garten herabführten; aber ſie ſtand oben unter dem Epheudache und ſah friſch und ſtill aus, wie eine ſchöne Blume im Schatten. Sie hatte den Kopf etwas nachdenklich auf die rechte Schulter geneigt und ſagte mit freundlichem Blicke: „Weßhalb ſitzeſt Du, ſtatt umherzulaufen?“ „Es ermüdet mich.“ „Armes kleines Ding! aber Du mußt Dir Bewegung verſchaffen; ſpring die Treppen auf und ab; öffne den Speiſeſchrank, ſieh nach, thue etwas.“ „Ja, Madame,“ antwortete ich, nicht ohne Staunen über ihren ſeltſamen Befehl. 5 „Du mußt mich Kate nennen; ſage Kate.“ Ich that ſo; denn es war ihr ſo ſchwer, als ihrem ruder, etwas abzuſchlagen. Mit freundlichem Lächeln machte ich mich auf die Entdeckungsreiſe. Das einzige Zimmer, das mich intereſſirte, lag auf dem Boden des Hauſes und ſchien die Geröllkammer zu ſein. Sie war mit Gypsabgüſſen und ſtaubigen Gemälden ohne Rahmen angefüllt; der größere Theil ſtand an die Wand gelehnt; einige, die offen dalagen, ſahen düſter in dem warmen Sonnenlicht aus, das durch das Fenſter auf ſie herein⸗ ſtrömte; davor ſtand ein Tiſch, auf welchen ich die Ge⸗ mälde, wenn ich ſie betrachtet, legte. „Daiſy, was thuſt Du hier?“ rief Miß O Neilly und trat in die Kammer:„komm' herab.“ Ich gehorchte, ſagte jedoch in ſchmerzlichem Tone: „Ich kann das Meer nicht ſehen.“ „Ich glaube auch nicht. Warum kehrteſt Du die Bilder um?“ 't fand ſie ſo, Kate.“ Sie faltete die Stirne; kehrte die Bilder wieder nach der Wand und ſagte ernſt; 76 6 „Du darfſt nicht wieder hierherkommen; es iſt Cor⸗ nelius' Studirzimmer. Hier liest und ſchreibt er.“ „Hat er ſie gemalt?“ fragte ich mit plötzlich erwachen⸗ dem Intereſſe. „Nein,“ lautete die kurze Antwort;„ſie ſind von„ meinem Vater, der vor einigen Jahren ſtarb.“ 5 „Warum malt er nicht auch Bilder?“ „Wie magſt Du ſo fragen!“ rief Miß O Reilly mit ärgerlicher Miene; fuhr jedoch in ruhigem Toue fort: „Er iſt auf einer Bank und hat weder Zeit noch Neigung zum Malen.“ Damit verließen wir das Gemach und begaben uns nach dem vordern Wohnzimmer, wo ſie arbeitete, wäh⸗ rend ich mich mit einem Buche unterhielt, bis es fünf ſchlug. Ich ſah Miß O Reilly an. „Ja,“ ſagte ſie lächelnd,„er wird bald hier ſein.““ Aber es dauerte zehn bis fünfzehn Minuten: ſie ſah meine Ungeduld und hieß mich freundlich an der Hinterthüre auf ihn warten. Ich ſprang mit einem Ungeſtüm auf, das ſie wieder lächeln machte, und nachdem ich verſpro⸗ chen, nicht über die Schwelle des Gartens zu ſchreiten, eilte ich hinaus, um auf Cornelius zu warten, wie ich früher ſo oft auf meinen Vater gewartet. Der Weg war grün, einſam und ſtill, durch hohe Hagdornen, einige beſchattende Bäume und Schlingpflanzen, die am Boden fortkrochen, beengt. 1. Nach kurzer Zeit ſah ich Cornelius in einiger Ent⸗ ½. fernung; er hatte die Augen zu Boden gerichtet und ſah mich nicht, bis er die Thüre erreichte. 4 Er trat ein und ſtrich mir im Vorübergehen ſtatt des Grußes über die Haare. Seine Schweſter, die ihn auf der letzten Stufe des Hauſes erwartete, umarmte er, was er ſtets beim Kommen und Gehen that. Der Thee harrte unſrer. Miß O Reilly ſchenkte ihn ein, dann rief ſie mich von dem Sitze, wohin ich mich ſcheu und unbemerkt zurückgezogen, und befahl mir, ihre 7 77 Bruder, der wieder anf dem Sopha lag, ſeine Taſſe zu bringen. Er fragte, wie ich mich betragen. „Zu gutv; ſie iſt zu ruhig.“ „Sollen wir ſie zur Schule ſchicken?“ ſagte Cor⸗ nelius. Ich wandte mich nach ihm um, und warf ihm keeinen bittenden Blick zu, den er jedoch nicht bemerkte. „Sie iſt zu ſchwach; wir müſſen ſie ſelbſt unterrich⸗ ten,“ antwortete ſeine Schweſter. Ich hörte die Entſcheidung mit großer Erleichterung. Eine Schule war mein Schrecken. Als das Eſſen vor⸗ über war, ging ich zu Cornelius und ſagte flüſternd: „Willſt Du mich unterrichten?“ „Vielleicht: nun, beruhige Dich— ich will.“ „Was kannſt Du?“. „Grammatik, Geſchichte, Geographie—“ „Ich kann für die Geographie bürgen,“ unterbrach ſie Miß O Reilly. „Wir werden ſehen.“ Er examinirte mich; ich that mein Möglichſtes, um gut zu antworten und harrte mit klopfendem Herzen auf ſeinen Ausſpruch. „Was denkſt Du von ihr 2“ fragte ſeine Schweſter, die wieder in das Zimmer trat, das ſie nur einige Au⸗ genblicke verlaſſen.. „Sie wird nicht hineinpaſſen?“ antwortete Corne⸗ lius mit verlegenem Blick⸗ „Was 2“ „Ach! Ich vergaß Dir zu ſagen. Ich kaufte eine Kinderbettſtatt oder Krippe— wie heißt's? Ich fürchte, ſie wird nicht hineinpaſſen. Können wir ſie nicht kürzer machen?“ „Du haſt ihr eine Bettlade gekauft?“ rief Miß O Reilly erſtaunt und legte ihre Arbeit nieder. „Ja; komm' her, Daiſy.“ 3 Er maß mich mit ſeinen Augen und fügte trinm⸗ 78 phirend hinzu:„Sie wird hineinpaſſen; es iſt gerade ihre Größe, Kate! ſieh ſie Dir an, wenn ſie kommt, es iſt ihre Größe.“ „Gerade ihre Größe; ſchwatzt der Junge, glaubt er denn nicht, daß das arme Kind wächſt?“ „Meiner Treue!“ rief Cornelius erſtaunt,„daran dachte ich nicht, nein, wahrhaftig nicht!— und doch,“ ſetzte er gedankenvoll hinzu,„ich kann ſie mir erinnern, wie ſie noch kleiner war.“ „Du biſt der thörichſte Menſch in ganz Irland!“ ſagte Miß O'Reilly, der noch immer, nachdem ſie es ſchon ſeit vielen Jahren verlaſſen, das Vaterland vor Augen ſchwebte. Sie ſchalt ihn, was er mit der größten Geduld ertrug. Er war weicher dadurch geworden; ſie änderte den Geſprächsgegenſtand und ſagte: „Nun, wie antwortete das Kind?“ „O— hm—o ſehr gut!“ Er hatte es, wie ich zu meinem Schmerze fühlte, bereits ganz vergeſſen. Und ohne weiter daran zu den⸗ ken, öffnete er das Piano und ſagte, zu ſeiner Schwe⸗ ſter gewandt: „Was ſoll ich Dir ſingen, Kate 2 „Was Du willſt,— eines von den Liedern.“ Sdie ſetzte ſich, die Hände vor die Augen gekreuzt, in den Stuhl zurück und lauſchte, während ihr Bruder mit ſeiner weichen harmoniſchen Stimme eines jener wilden und ſchönen iriſchen Lieder ſang,— das klagend klang, wie die heimathlichen Geſänge, welche die Ge⸗ fangenen von Zion an den Bächen von Babylon ſan⸗ gen. Ich lauſchte entzückt, bis er das Piano ſchloß und ſeiner Schweſter aus einem Reiſebuch vorlas, das mich in den Schlaf lullte. Glücklich ſind die ihrer Eltern beraubten Kinder, denen die Vorſehung eine ſolche Heimath bietet, wie ich ſie gefunden! Cornelius und ſeine Schweſter lebten.. 4 4 zurückgezogen: ihr Sinn war einfach; ihre Mittel be⸗ ſcheiden; aber ihre Heimath, obwohl ſtill und einſam, war angenehm, wie eine ſchattige Laube, ein freundli⸗ cher Blick auf blaues Gewölk, heiteren Sonnenſtrahl und fächelnde Lüftchen. Es war geiſtiges Licht und Leben in dieſer kleinen Welt; unendlicher Wechſel von Stimmungen, der jedoch nie zu tiefer Mißſtimmung ent⸗ artete; ein ſchöner Verein von Klugheit, Einfachheit und Orginalität, die ihrer täglichen Unterhaltung großen Reiz verlieh. In ihrem Umgang athmete man heiteren, lebendigen Frieden, der weit entfernt iſt von jener un⸗ glücklichen, entnervenden Ruhe, die ihre Wohlthat zur Qual macht. Ich kannte ſie in der glücklichſten Periode ihres Lebens. Sie waren Stiefgeſchwiſter, Kinder eines ehr⸗ geizigen, aber in ſeinen Hoffnungen getäuſchten Künſt⸗ lers, der Irland mit den größten Erwartungen verlaſſen und nachdem er einige Jahre vergebens nach einem großen Namen gerungen, arm, elend und gebrochenen Herzens in London geſtorben war. Seine Tochter erhielt ſich und ihren Bruder einige Jahre durch Unterricht; dann kam ihr mein Vater, der ſie ſchon lange kannte, zu Hülfe, und ließ es ſich nicht nehmen, den Aufwand für Cornelius' Erziehung zu be⸗ zahlen. Sie ſchlug ſich nun allein durch, bis, ein Jahr, ehe ich ſie ſah, ein alter Verwandter, der ſie niemals unterſtützt hatte, ſtarb und ihnen ein mäßiges Einkommen, ſowie das Haus, in welchem ſie wohnten, hinterließ. Um dieſe Zeit nahm Cornelius, der ſeine Studien vollendet hatte, ſtatt eine wiſſenſchaftliche oder ſtaatliche Carriere zu machen, wie ſeine Schweſter wünſchte, eine Stelle in der City an. Dies war einer der wenigen Punkte, in denen ſie verſchiedener Meinung waren; aber die Sache kam nur ſelten zur Sprache und wurde nie in einer Weiſe verhandelt, die die Harmonie ihres Zuſammenlebens hätte ſtören können. In den mei⸗ ſten Punkten ſtimmten ſie überein: in keinem mehr, als ihrem angenommenen Kinde alle Sorgfalt zu Theil wer⸗ den zu laſſen. Cornelius vergaß weder eine Wohlthat, noch eine Beleidigung. Er hielt ſich für verpflichtet, für die Waiſe ſeines Wohlthäters und Freundes zu ſorgen. Er„ brachte mich allerdings zu meinem Großvater— mei⸗ nem natürlichen Beſchützer; als er jedoch von Miß Murray erfuhr, wie man mich in Mr. Thorntons⸗ Hauſe behandle, war auch ſogleich ſein Beſchluß gefaßt, Beſitz von mir zu ergreifen,„wenn es irgend möglich,“ denn er hatte ſich die Sache nicht ſo leicht gedacht. Ich freute mich des Tauſches, wie eine Pflanze, die von dem tödtlichen Schatten in den belebenden Sonnenſchein gebracht wird. Meine Geſundheit em⸗ pfand den Wechſel, ich wurde heiterer. Jeden Tag ging ich mit Kate in der Nachbarſchaft ſpazieren. Es war eine der ſchönſten Vorſtädte von London. Wir wohnten in einer Straße, welche„der Hain“ hieß und ihren Namen verdiente, denn ſie war mit alten Bäu⸗ men bepflanzt, und ging wie ein breiter Weg durch die Gärten zu beiden Seiten, wo, wie braune Neſter in grünen Hecken, einige alte unregelmäßig gebaute Häu⸗ ſer noch unregelmäßiger da und dort zerſtreut lagen. Aber die Wege boten die größte Anziehung für die ganze Nachbarſchaft. 1 Wenn wir die Gartenthüre öffneten, traten wir in eine grüne Wildniß von ſich durchkreuzenden Pfaden; und jeder war(und darin lag ſein Reiz) eine Einöde für ſich. Landwege mögen die großen Linien einer Landſchaft durchbrechen; aber in der Nähe einer großen und volkreichen Stadt iſt jeder Blick in die Natur von großem Reize. Ich erinnere mich des Gefühles reinen Glückes, als ich mit Kate am frühen Morgen auf einem ſtillen Pfade ſpazieren ging, der jetzt mit Villen beſäet iſt, damals 81 aber„Nachtigallenweg“ hieß und auf der einen Seite von einem Obſtgarten mit ſeinen weißen Blüthen im Frühling, und herabhängenden Früchten im Herbſte be⸗ grenzt wurde, während auf der andern Seite eine Reihe Ulmenbäume ihn beſchatteten, deren Wurzeln mit der Zähigkeit des Alters ſich an die Erde feſtklammer⸗ ten und deren breiten Fuß junge Schößlinge in ihr zartes Grün hüllten. Den Horizont zu unſrer Linken begrenzte ein alter Park, ein prachtvoller Schattengang von alten Buchen, über die ſich, von jedem Winde ge⸗ beugt, einige hohe und ſchlanke Pappeln erhoben; zur Rechten, im Garten, lag unſere ſtille Heimath. Kate ging in ihrem Lieblingsbuche, dem Thomas a Kem⸗ pis, leſend, auf und ab; ich folgte, langſam in dem Buche der Natur leſend, das der Menſch weder zu ver⸗ beſſern, noch verkleinern vermag.. Zwiſchen dem Weg und der Hecke, welche den Obſtgarten einſchloß, lag ein breiter Graben. Dort wuchs grünes Gras, das ſich im Winde wie der Forſt beugte und unter welchem ein Waſſerfaden ſich dahin⸗ ſchlängelte, der Fluß dieſer kleinen Welt, der mit In⸗ ſectenſchwärmen bedeckt war und deſſen Schönheit eine außerordentliche Anziehungskraft für mich beſaß. Denn der Erdepheu kroch am Boden hin und barg ſeine zarte blaue Blume unter friſchen Blättern; dort wuchs die purpurne Günzel, die ſtolze Taubneſſel mit ihrem brei⸗ ten Laube und weißen Querl; die heitere Schwalben⸗ wurz, der glänzende Hahnenfuß, der ſonnige Löwenzahn, das kleine Täſchelkrant, die Sternblüthen des Hühner⸗ darms, das dunkle Bitterſüß mit ſeinen giftigen rothen Beeren„ die zarten und durchſichtigen Blüthen der Winde, die ſich in der dornigen Hecke wie verſchämte und gefangene Schönheiten vor den gemeinen Pflanzen bargen, die der Menſch zu betrachten, Gott aber nicht zu ſchaffen verſchmähte. Daiſy Burns. 1. 6 82 Meine Verbindung mit der Natur, obwohl be⸗ ſchränkt, war doch eine äußerſt angenehme. Ich war von ihrer Wildheit und Größe abgeſchieden, aber ich wurde um ſo vertrauter mit der ſtillen Welt, die ſie um der Menſchen Wohnung aufbaut. Und liegt nicht gerade in der Art und Weiſe, wie Natur und Menſch ſich finden, ein großer Reiz? Der kleine Garten, ſeine Blumen und Gewächſe, das Epheu, das ſich um die Veranda ſchlingt, das Gras, das ſich um den ſchmalen Pfad ſtreitet, entfalten eine halb wilde, halb cultivirte Schönheit, die ich oft ſo tief fühlte, als die romantiſche Schönheit alter Schluchten, wo Felſenbäche ſich einen Weg durch wilde Einöden bahnen. Meine Welt mochte eine beſchränkte ſein: mir erſchien ſie niemals ſo, denn das hohe Gewölk, das mit ſeinem Wechſel von der Unendlichkeit zeugt, und der ſüße und geheimnißvolle Geſang des freien Vogels unter dem fernen Laubdach lockte die Gedanken hinweg zu mancher grünen und ſchat⸗ tigen Laube. Nicht weniger angenehm waren mir die Herbſtabende. Sie ſtehen noch immer lebhaft im Hintergrunde meines Gedächtniſſes, ſo deutlich und klar, wie die Bilder bei Lampen⸗ oder Kaminfeuer, welche die alten Meiſter ſo gerne malten. Cornelius liebte Muſik und Poeſie, dieſe beiden herrlichen Gaben Gottes. Er ſpielte und ſang mit Geſchmack und las ſehr ſchön. Wenn das Piano geſchloſſen war, nahm er ein Lieblingsbuch und gab uns einige Scenen aus Shakſpere, ein ſchönes Bruchſtück aus Milton, einige tiefſinnige Gedanken aus Wordworth zum Beſten. Bisweilen ſchlug er Aeſchylus, Sophocles oder Euripidus auf und verſetzte uns, frei übertragend, in eine längſt vergangene, aber in ihren Leidenſchaften und Schmerzen ſchöne und ächt menſchliche Welt. Miß O'Reilly lauſchte aufmerkſam; dann konnte ſie, wenn er ein ſchönes Fragment aus dem Gefeſſelten Prometheus oder eine rührende Beſchreibung aus den Sieben gegen 83 Theben geleſen, von der Arbeit aufſtehen und mit einer Miſchung von Laune und Bewunderung ſagen: „Das iſt groß, Cornelius!“ „Nicht wahr?“ antwortete er mit feurigem Blicke, denn ſie beſaßen beide dieſelbe hohe Verehrung für al⸗ les Große und Heroiſche. Nur Eines hinderte mich, ganz glücklich zu ſein. Es war vielleicht natürlich, daß ich, die nie eine Mutter gekannt, und von meinem Vater ganz allein erzogen worden, mich mehr an Cornelius anſchloß, als an ſeine Schweſter. Aber vergebens ſuchte ich ſein Intereſſe und ſeine Gunſt zu gewinnen, vergebens eilte ich nicht nur auf ſeine Bitte, ſondern auf ein bloßes Wort oder einen Blick, gab ihm Morgens Hut und Handſchuhe, erwartete ihn an jedem ſchönen Abend am Gartenthore, folgte ihm im Hauſe, wie ſein Schatten, ſaß wenn er ſaß, glücklich, wenn ich ihm nur in's Auge blicken konnte; vergebens zeigte ich ihm, wie demüthig meine Liebe zu ihm war; er behandelte mich mit einer quäle⸗ riſchen Miſchung von Freundlichkeit, Sorgloſigkeit und Gleichgültigkeit. Die Hälfte der Zeit, die er zu Hauſe zubrachte, gab er ſich das Anſehen, als ob er mich gar nicht ſähe; kam er zum Bewußtſein, daß ich auch exi⸗ ſtire, ſo nickte oder lächelte er mir flüchtig zu. That ich etwas für ihn, ſo dankte er mir und ſtrich über mein Haar; ſah ich aber nicht wohl aus, ſo bemerkte er es gleich. Zuweilen machte er mir kleine Geſchenke mit Büchern und Spielzeug, und jeden Abend widmete er mehrere Stunden meinem Unterricht. Ich arbeitete eißig, um nur ſeine Zufriedenheit zu erringen, aber er nahm dies als etwas Selbſtverſtändliches an, nannte mich ein gutes Kind und geſtattete mir, da ich ruhig und ſtill war, gewöhnlich den übrigen Theil des Abends neben ihn zu ſitzen: Das war alles: er liebkoſte mich Mit ſeiner Schweſter benahm ſich Cornelius ganz 84 anders und ich fühlte den Contraſt nur zu ſehr. Er liebte ſie zärtlich; er war ſtolz auf ihre Schönheit; er nannte ſie gerne ſeine ſchöne Kate, plauderte und ſcherzte mit ihr, ſaß bei ihr und liebkoſte ſie mit einer mehr kindlichen, als brüderlichen Innigkeit, während ich unbemerkt, ja ganz verlaſſen zuſah. Natürlich dachte man meiner noch viel weniger, wenn Abends dann und wann Beſuch kam. Ich erinnere mich einer ſchwarzäugigen Miß Hart, die beſtändig hei⸗ tere Kämpfe mit Cornelius hatte und auf die ich außer⸗ ordentlich eiferſüchtig war, bis ſie ſich zu meiner großen Beruhigung verheirathete und nun ihre Worte veränderte; auch ein kecker und gelehrter Mr. Montford, den ich nicht leiden mochte, weil er Cornelius immer in Be⸗ ſchlag nahm, der aber in einer glücklichen Stunde Kate einen Antrag gemacht und abgewieſen worden, kam nicht mehr; ebenſo Mr. Leopold Trim, den ich um ſei⸗ ner Eigenſchaften willen haßte. Als ich an einem milden Herbſtnachmittag, den ich im Garten zugebracht, in das vordere Wohnzimmer trat, fand ich Miß OReilly mit ihm und einigen anderen Herren im Geſpräch. Mr. Trim ſaß in ſeiner gewöhn⸗ lichen Stellung am Feuer: das heißt, die Hände auf den Knieen, während ſeine kleinen Augen im Zimmer umherſchweiften und ſein großer Mund offen ſtand. „Ahl die kleine Daiſy!“ ſagte er mit ſeiner heiſeren Stimme;„und wie geht es Dir, kleine Daiſy?“ Er ſtreckte einen für den kleinen Mann ſehr langen Arm aus, um mich zu faſſen, in der freundlichen Abſicht, mir einen Kuß zu geben; aber ich wich ihm aus und nahm meine Zuflucht hinter Miß O'Reilly's Stuhl, von wo ich ihn etwas unfreundlich anſah. Mr. Trim nahm dies als einen ausgezeichneten Scherz, lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, ſchloß ſeine kleinen Augen, öffnete ſeinen Mund noch weiter und brach in ein ungeſtüm Gelächter aus, das in einer Art von Quicken endig 4 5 Miß O'Reilly runzelte die Stirne: ſie hörte das Ge⸗ lächter ſtets mit großem Aerger. „Daiſy,“ ſagte ſie,„geh' und drücke Mr. Smalley, einem alten Freunde von Cornelius, die Hand. Ich war ſcheu; aber dieſer Name hatte einen Zau⸗ ber: ich gehorchte augenblicklich. Morton Smalley war ein blaſſer hagerer, aber hübſcher junger Geiſtlicher mit langem und vorgebeugtem Halſe; er ſchien liebenswürdig und ſah freundlich durch ſeine zwei goldenen Gläſer aus dem glänzend weißen Halstuche hervor. Er ſaß auf der Ecke ſeines Stuhles und hielt den Hut in der Hand; als ich aber zu ihm trat, bot er mir die Hand mit ſo freundlichem Lächeln und ſah mich ſo wohlwollend durch ſein Glas an, daß meine Schüchternheit plötzlich ver⸗ ſchwand. „Dieſer Smalley hatte immer Glück bei den Damen,“ rief Mr. Trim, und ſah ſich mit den Händen auf den Knieen noch einmal im Zimmer um. Mr. Smalley erröthete über dieſe Behauptung. „Er war ein ſehr wilder Junge, ich verſichere Sie, Madame,— ha! ha!⸗ „Mein lieber Trim,“ begann Mr. Smalley gereizt. „Nun, Mr. Smalley,“ unterbrach ihn Leopold Trim abbittend,—„ſeien Sie nicht böſe; Sie werden immer gleich ſo ärgerlich.“ „Ich hoffe, nicht in unchriſtlicher Weiſe,“ ſagte Mr. Smalley unangenehm berührt. „Als ob ich etwas böſe meinen könnte!“ fuhr Mr. Trim niedergeſchlagen fort;„als ob irgend Jemand die Scherze eines gutmüthigen Menſchen, wie ich, übel aufnehmen könnte.“ Mr. Smalley ſchien zu bereuen. „Fürchte dich nicht, mein Kind,“ ſagte er zu mir, wich liebe kleine Mädchen.“ „O, ich fürchte mich nicht,“ antwortete ich zutrau⸗ 86 lich; denn er ſah aus, als ob er keiner Fliege etwas zu Leide thun könnte. Mr. Smalley's Geſicht klärte ſich auf; er begann mich auszufragen; ich antwortete offen. Er ſah mich erſtaunt an und ſagte: „Du biſt ſehr gut unterrichtet, meine Liebe.“ „Cornelius gibt mir Unterricht,“ antwortete ich ſtolz. „Dann wundere ich mich nicht mehr. Wir ſind alle ſtolz auf Ihren Bruder, Madame,“ ſagte Mr. Smalley, an Kate gewandt,„und dankbar.“ „Daß er all Ihre Kämpfe ausfocht,— nicht wahr, Smalley?“ unterbrach ihn Mr. Trim freundlich. Mr. Smalley erröthete, unterdrückte jedoch ſeinen Zorn und ſagte ſanft: „Bei meinen Kämpfen gegen die Unchrittlichkeit, die unter der Jugend Platz greift, verdanke ich gar man⸗ chen Sieg der größeren phyſiſchen Kraft unſeres ehren⸗ werthen Freundes.“ „Lord Smalley! wie empfindlich Sie heute ſind!“ rief Mr. Trim unangenehm überraſcht. „In dieſem Falle gewiß nicht,“ antwortete Mr. Smalley ängſtlich,„wie ſollte ich Ihre Bemerkungen un⸗ freundlich aufnehmen! Denn Sie erinnern ſich, daß ge⸗ rade mit Ihnen die erſte kleine Affaire ſtattfand—“ „Es iſt recht hübſch von Ihnen, der nur Zuſchauer war, es eine kleine Affaire zu heißen,“ unterbrach ihn Mr. Trim etwas bitter;„aber ich erhielt nie einen ſol⸗ chen Stoß wieder.“. Kate lachte heiter. Mr. Smalley, welcher nun ſah, daß er, ohne es zu wollen, etwas ſarkaſtiſch gewor⸗ den, ſchien verlegen und ſuchte dem Geſpräch eine an⸗ dere Wendung zu geben, indem er plötzlich fand, daß wenn Miß O Reilly lachte, ſie ihrem Bruder außerordent⸗ lich gleiche. Aber Mr. Trim hatte ihn nun einmal aufs Korn genommen. Er war, wie Jedermann wußte, ſo blind, wie eine Fledermaus; aber wie kam's, daß Mr. 87 Smalley, welcher Gläſer trug, und ſchwache Augen zu haben behauptete, genug ſah, um ſolche Aehnlichkei⸗ ten zu entdecken? Er ſtellte dieſe Frage gleichſam im Namen der verletzten Redlichkeit.“ Mr. Smalley be⸗ theuerte, daß ſeine Augen ſchwach ſeien; aber Mr. Trim bewies ihm ſo klar, daß er phyſiſch und geiſtig ſo ſcharf⸗ ſehend wie ein Luchs ſei, daß ſein Freund als über⸗ wieſener Betrüger nachgab, und ſeine Zuflucht zu der Pfarrei von Dorſetſhire nahm, von welcher er eine ſo glänzende Schilderung machte, daß ſie eben ſo gut auf einen Biſchofsſitz gepaßt. Aber auch dahin verfolgte ihn Mr. Trim und ſpielte auf den Egoismus gewiſſer Leute an, die an nichts denken, als was ſie betreffe, worauf Mr. Smalley mit einem Blick auf Kate antwortete, daß er nicht aus Gleichgültigkeit, ſondern aus Discretion bis jetzt nicht gefragt habe, in welchem Zweige der Literatur, Wiſſenſchaft und Kunſt ihr Bruder ſich in die⸗ ſem Augenblicke auszeichne. Miß O Reilly erröthete und ſah Mr. Trim, der die Augen geſchloſſen und die Hände über den Knieen plötzlich am Kamine leicht eingeſchlum⸗ mert war, mit unwilligem Blicke an. Dann richtete ſie ihre ſchlanke Figur auf und ſagte ſteif: „Mein Bruder iſt ein Geſchäftsmann.“ Mr. Smalley ſah ſie mit ſtummem und unglaubigem Erſtaunen an. „Erinnern Sie ſich nicht, daß ich es Ihnen geſagt?“ fragte Mr. Trim, plötzlich erwachend;„wir gingen ge⸗ rade um die Ecke der Oxfordſtreet.“ Mr. Smalley erinnerte ſich, daß ſie um die Ecke der Orfordſtreet gegangen, aber nicht mehr. „Ja, ja,“ fuhr Mr. Trim ſeiner Sache gewiß fort; „wir gingen um die Ecke der Orfordſtreet, als ich zu Ihnen ſagke:„Iſt es nicht eins Schande für einen Ge⸗ ſehrten, Sin 3 4 im Comptoir zu ſitzen—⸗ en Geiſt wie OReilly, auf einem Drehſtuhl „Es war ſeine eigene Wahl,“ unterbrach ihn Kate, und begann vom Wetter zu ſprechen. Es ſchlug fünf; ich ſchlich mich aus dem Zimmer, eilte in den Garten hinab, öffnete die Thüre und ſtellte mich auf die Schwelle, um Cornelius zu erwarten. Ich ſah ihn bald und eilte ihm entgegen. „Mr. Trim iſt da,“ ſagte ich. „So?“ lautete die gleichgültige Antwort. „Und auch Mr. Smalley.“ Cornelius äußerte eine außerordentliche Freude und eilte hinein, während ich die Thüre ſchloß. Die Be⸗ grüßungen der beiden Freunde waren noch nicht vorüber, als ich in das Wohnzimmer trat. Sie ſtanden ſo nahe bei einander, daß die weibliche Zartheit Mr. Smalley's noch auffallender war, als die gerade und feſte Haltung Cornelius', der, obgleich viel jünger, in dem dunkeln Gefühle ihres alten Verhältniſſes als Beſchützers und Beſchützten, ſeine Hand auf die Schulter des Schulkamera⸗ den legte, während er mit freundlichem Löcheln auf ihn herabſah.— „Glaubſt Du nicht, daß er gewachſen?“ ſngie Mr. Trim. „Mehr als Du,“ war die kurze Antwort. 4 „Wie ſehr Du Dich veräudert!“ ſagte Mr. Smal⸗ —,— ley, und ſah ſeinen Freund mit ſichtlicher Bewunderung an. „Und auch Du,“ antwortete Cornelius mit einem Blick auf ſeinen geiſtlichen Anzug.„Ich gratulire Die Der Reverend Morton Smalley erröthete lei verſebte mit ſtolzem und glücklichem Lächeln, indeni a er Cornelius Hand drückte: — ,— 89 Liebhaber, der ſeine Geliebte verleumden hört. Cornelius, deſſen Hand noch immer auf der Schulter ſeines Freun⸗ des ruhte, wandte ſich langſam nach Mr. Trim um und fragte in eiskaltem Tone:. „Sagteſt Du etwas, Trim?2“ Mr. Trim riß ſeine Augen ſtannend und unruhig auf, als erwartete er eine Fortſetzung der„kleinen Affaire“ aus früheren Zeiten. „Nun, es war nur ein Scherz,“ antwortete er raſch; „ich liebe den Scherz, wie Du weißt; aber wer denkt an mich?“ Che Cornelius antworten konnte, machte Miß O Reilly dem Geſpräch ein Ende, indem ſie klingelte und den Thee zu bringen befahl. Mr. Trim, der ſich nun ganz in ſich zurückzuziehen ſchien, wie eine Schnecke in ihr Haus, trank in aller Stille ſechs Taſſen und ſetzte ſich dann an den Kamin, wo er bald in einen leichten Schlaf ver⸗ ſank. Miß O Reilly war ſo ſchweigſam, als es ſich für eine Wirthin ſchickte. Ich ſaß unbemerkt, aber aufmerk⸗ ſam neben ihr. Während und nach dem Mahle führten Cornelius und ſein Freund allein das Geſpräch. Sie ſprachen von Mr. Smalley's Ausſichten; von der Pfarre von Dorſet⸗ ſhire, bei der er wieder con amore verweilte; ſie ſpra⸗ chen von alten Zeiten, lachten über alte Scherze und tauſchten Mittheilungen über alte Freunde und Schul⸗ kameraden aus, die jetzt weit und breit zerſtreut waren. „Was iſt aus Smith geworden?“ fragte Cornelius. „Er dient in der Armee.⸗ „Und Grittiths in der Marine. Du weißt, daß Blake Arzt in Mancheſter iſt?“ „Ja, und Reed, der jetzt Rittergutspächter geworden — will heirathen—“ „Und ein ſtilles Landleben führen. Es freut mich, ſie haben alle Recht.“ „Smalley!“ ſagte Mr. Trim, welcher in dieſem 2 90 Augenblick erwachte,„ſage doch O'Reilly, daß Du es auch für eine Schande hältſt, wenn ein ſo gebildeter Menſch wie er in einem Comptoire ſitzt.“ „Et tu Brute!“ rief Cornelius, indem er ſich an Mr. Smalley wandte, der etwas verlegen antwortete: „Ich geſtehe, ich war überraſcht.“* „Was erwarteteſt Du denn von mir?“ „Nun, wenn ich an Dein Talent zu überzeugen und Deinen Fluß der Rede denke—“ „So meinteſt Du, ich müſſe Advokat werden! Smalley, kannſt Du, ein Geiſtlicher, mir den Rath geben, durch die Ohren die Leute unglücklich zu machen?“ 4 Mr. Smalley ſchien betroffen und nahm ſeine Zu⸗ flucht zu der Kunſt des Arztes. „Die Heilkunſt bietet Gelegenheit zum Wohlthun.“ „Und Nachts um zwei Uhr zu apoplectiſchen Herren und Damen geholt zu werden.“ 1 „Soll ich denn die Armee nennen?“ „Kannſt Du mir rathen, das Fechten zu meiner Le⸗ bensaufgabe zu machen.“ „Ich fürchte, Du wendeſt daſſelbe gegen die Marine ein,“ ſagte Mr. Smalley ſanft; plötzlich aber erhellte ſich ſein Geſicht; er legte die eine Hand auf Cornelius Arm und ſagte, indem er den Zeigefinger der andern Hand erhob, um ihm die Wichtigkeit ſeiner Entdeckung zu bedeuten:„Mein lieber Freund, wie konnteſt Du die große Welt der Wiſſenſchaft, Literatur und Kunſt ver⸗ geſſen, für welche Du ſo außerordentlich begabt biſt?“ „Wirklich?“ ſagte Cornelius, gleichgültig. Er ſaß am Kamine, dem Feuer gegenüber; plötzlich nahm er den Schürhaken und begann in den Kohlen zu wühlen, ganz wie ſeine Schweſter. „Nun, Du biſt ja ein Gelehrter erſten Ranges.“ „Kenntniſſe ſind jetzt ohne Werth. Ueberdieß kann ich nicht meiner alten Schriftſteller mich freuen, ohne Gewinn aus ihnen zu ziehen?“ 3 91 „Aber die Wiſſenſchaft?“ „Ich habe keine Geduld dafür; und dann iſt es eine ſchwere Arbeit und ich arbeite nicht gerne.“ „Und Literatur?“ „Soll ich einer von den Arbeitern am Thurmbau von Babel werden,“ unterbrach ihn Cornelius lebhaft.„Nein, Smalley, das Comptoir mit ſeiner kleinen Beſoldung, ſeiner mäßigen Arbeit und, dem Himmel ſei gedankt, ſei⸗ nem Mangel an Sorgen, das iſt's, was für mich taugt.“ nelius erſtaunt durch ſein Glas. Dann wandte er ſich an Miß O'Reilly und ſagte: „Die Philoſophie Ihres Bruders, Madame, ſchlägt die meine aus dem Felde; ich hielt ihn für ehrgeizig, und ich erinnere mich, daß unſer Freund einſt, als einer von den ältern Knaben an ſeiner Fähigkeit— dies oder jenes zu thun, zweifelte, ihn in der Hitze ſo heftig ſtieß, daß er zu Boden fiel.“ „Sage lieber, ich warf ihn zu Boden,“ antwortete Cornelius erröthend und verſuchte zu lachen.„Nun, die Tage ſind vorbei und mit ihnen die Luſt zum Zuboden⸗ werfen ſo gut, als der Ehrgeiz; ich bin ſo ſanft wie ein Lamm geworden.“. Er warf den Kopf zurück, mit dem klaren kühnen lick des Habichts und einem Zucken der Lippen, das gerade keine große Sanftmuth verrieth. ꝗ¹„Ja,“ ſagte Kate, ruhig ans ihrer Ecke,„das Kind ändert ſich oft gewaltig.“ „Cornelius biß ſich in die Lippen. Mr. Trim, der wieder geſchlummert, wachte mit einem hal ha! auf. r. Smalley erhob ſich, um nach der Uhr zu ſehen, die auf dem Kaminmantel ſtand, und fragte, als er geſehen, aß es ſchon ſpät,„ob das auch ein chriſtliches Be⸗ nehmen.“ ⸗ „Sie wiſſen,“ fügte er mit einem Vorwurfe hinzu, „daß wir uns auf ſieben mit Jameſon verabredet, daß ich halb blind, der unglücklichſte Menſch im Vergeſſen bin, während Sie immer Ihre fünf Sinne beieinander ha⸗ ben, und ſo gut, wie ein Telescop ſehen. O Smalley!“ Er ſchüttelte den Kopf und ſah im Zimmer umher mit Augen, die kleiner als je zu ſein ſchienen. Mr. Sma⸗ ley verſuchte eine Rechtfertigung für ſeine Vergeßlich⸗ keit, aber Mr. Trim meinte, er könne wohl nicht er⸗ warten, daß er ihm das glaube; man gewöhne ſich frei⸗ lich am Ende an dieſe Art kleiner Mißhandlungen. Mr. Smalley drückte ſein Bedauern darüber aus, indem er ſich plötzlich erhob und dies machte ihrem Beſuch ein raſches Ende. Die Thüre hatte ſich kaum hinter ihnen geſchloſſen, als Miß O Reilly mit großem Eifer in dem Feuer wühlte und mit einem Blick auf Cornelius ſagte: „Ich mißtraue Trim; ich mißtraue ſeinem Tone; ſeinem heiſern und gellen Gelächter; ſeinem Wachen, wie ſeinem Schlummern; ich mißtraue ihm in allem.“ „Aber Smalley?“— „Er iſt ein braver, junger Mann,“ ſagte ſie mit dem Ausdrucke der Ueberzeugung. „Cornelius iſt weit beſſer,“ warf ich lebhaft ein;„er focht für Smalley, der nie für ihn focht.“ „Hörteſt Du jemals einen ſolchen Schluß!“ rief Miß O'Reilly und legte den Schürhaken nieder; „Fechten als ein Beweis von Vortrefflichkeit! Du ſchlim⸗ mes Kind! Siehſt Du denn nicht, daß Mr. Smalley ein chriſtlicher Knabe, Cornelius aber ein junger Heide war.“ „Ich liebe die Heiden,“ war meine mehr raſche als orthodoxe Antwort:„ſie waren ſtets tapfer, Achilles war es und ſo auch Hector,“ fügte ich mit einem ſchüch⸗ ternen Blicke auf Cornelius hinzu, den ich im Stillen mit dem trojaniſchen Helden identifizirt hatte. 3 — ,— —— —,— 93 Hector lachte und ließ mich die Bücher für den Unterricht bringen. Ich erinnere mich, daß ich ihm theilweiſe ſehr gute Antworten gab, ſo gute, daß ſeine Schweſter fragte, ob ich nicht große Fortſchritte mache.“ „Sehr große,“ ſagte er gleichgültig.„Kate, was iſt aus dem„Go, where Glory waits thee!“ ge⸗ worden?“ „Ich weiß es wirklich nicht. Kind, was machſt Du? Ich lag bereits auf den Knieen, um das Mu⸗ ſikſtück zu ſuchen, das er wünſchte. Er billigte mein Thun und ſetzte ſich neben ſeine Schweſter. „Cornelius, hier iſt es,“ ſagte ich und bot ihm das Muſikſtück. „Danke, lege es dorthin. Kate, Smalley iſt ent⸗ zückt von Dir!“ „Laß den Scherz! geh' und ſing das Lied.“ Er lachte und küßte ſie auf die erröthende Wange. Er intereſſirte ſich nie ſo viel für mich. Während er ſang, ſaß ich wie gewöhnlich an dem Ende des Pianos; als er das Inſtrument ſchloß, und nach dem Sopha ging, folgte ich ihm und ſtellte meinen Stuhl an den Fuß des Ruhebettes. Dort lag er einige Zeit unbeweg⸗ lich; dann fuhr er plötzlich auf und ſchlenderte durch das Zimmer, bald die Bücher auf dem Tiſche, bald die Blu⸗ men am Fenſter betrachtend und mit ſeiner Schweſter plandernd. Ich erhob mich und folgte ihm, wie ich glaubte, unbemerkt, ging, wenn er ging, blieb ſtehen, wenn er ſtehen blieb und wartete auf den günſtigen Au⸗ genblick, einen Blick oder vielleicht gar eine flüchtige Liebkoſung von ihm zu erhaſchen. „Es iſt höchſt ſeltſam,“. rief Miß O'Reilly, die mich beobachtet hatte. 6 „Was iſt ſeltſam, Kate?“ 3 „Wie das Kind Dir beſtändig nachſchleicht, als wäre ſie ein Wachtelhündchen und Du ihr Herr!“⸗ „Iſt ſie noch nicht zu Bette gegangen?“ fragte Cornelius und ſah ſich erſtaunt um. 3 „Sie geht nun ſogleich,“ verſetzte Miß O'Reilly, ſtand auf und nahm meine Hand:„bei ihr heißt es früh zu Bett und früh auf den Beinen. Cornelius, verſuche doch früher aufzuſtehen. Es iſt nicht gut, das Frühſtück jeden Morgen bis neun Uhr hinauszuziehen, bis der Thee nicht mehr zu trinken und der Schinken kalt iſt. Sie ſprach mit einiger Feierlichkeit. Er lachte und verſprach ſich zu beſſern, indem er den ganzen Fehler auf„ſeine ſchreckliche Faulheit“ ſchob. Aber er beſſerte ſich nicht. Denn, obwohl der nächſte Morgen heiter und ſonnig war, wie es nur ein Herbſtmorgen ſein kann, ſo ſchlug es doch acht und Cor⸗ nelius kam zum großen Nachtheil des Thees und des Schinkens nicht. Es war nur die Wiederholung einer bisher geduldig ertragenen Kränkung: aber nun brach Miß O'Reilly die Geduld; ſie ſah auf die Uhr, wühlte mit dem Schürhaken im Feuer und rief, indem ſie die Brauen zuſammenzog: „Ich möchte wiſſen, weßhalb Cornelius ſo ſpät aufſteht!“ Sie ſprach nicht mit mir; es war eine ihrer Eigen⸗ thümlichkeiten,— und ſie hatte deren manche— Selbſt⸗ geſpräche zu führen: ich war daran gewöhnt; ich erhob jedoch diesmal meine Augen von der Grammatik, in wel⸗ cher ich las und lauſchte auf ihre Worte. Sie be⸗ merkte es. „Haſt Du je etwas Dergleichen geſehen?“ ſagte ſie emphatiſch, indem ſie ihre Frage an jenes unbekannte Weſen richtete, mit welchem ſie häufig Geſpräche in Fragen führte;„wenn dies Kind feſt ſchliefe, und Du flüſterteſt blos meines Bruders Namen, ſo würde es augenblicklich erwachen. O Midge! Midge!“ Sie ſchüt⸗ telte den Kopf, als ob ſie ein ſo ausſchließliches Gefühl 95⁵ nicht billigte und wühlte gedankenvoll in dem Feuer. Die Uhr, welche halb neun ſchlug, weckte ſie aus ihren Träumen. „Daiſy,“ ſagte ſie ſehr ernſt,„geh und klopfe an Cornelius Thüre und ſage ihm, wie viel Uhr es iſt.“ Ich gehorchte; das heißt, ich ging hinauf; aber ich fand die Thüre weit offen ſtehen, und da das Zimmer leer war, ſo ging ich nach dem kleinen Arbeitszimmer, in der Meinung„er werde vielleicht dort ſein. Ich klopfte an die Thüre und erhielt keine Antwort; ich klopfte wie⸗ der mit demſelben Erfolg. Ich ſah jetzt, daß die Thüre nicht ganz geſchloſſen, ſondern nur angelegt war; ich machte ſie leiſe auf und ſah hinein. Der kleine Tiſch ſtand nicht an ſeinem gewöhnlichen Platz; ſondern ſo, daß das beſte Licht darauf fiel; vor ihm ſaß Cornelius in gebeugter Haltung und wie ich ſah, zeichnete er eine der Gypsſtatuen ab. Achtes Kapitel. Cornelius war ſo ſehr mit ſeinem Gegenſtande be⸗ ſchäftigt, daß er mich weder hörte, noch ſah, bis ich etwas ängſtlich ſagte:„Cornelius, Kate ſchickt mich her⸗ auf, um Dir zu ſagen, daß es halb neun iſt.“ „Er fuhr ſo heftig auf, daß der Tiſch beinahe um⸗ fiel und rief ärgerlich:„Warum kamſt Du herein, ohne anzuklopfen?“ 4 „Ich klopfte dreimal, Cornelius! aber Du gabſt keine Antwort,“ 96 „Wenn Du auch zehnmal geklopft, ſo hatteſt Du kein Recht, die Thüre zu öffnen und einzutreten.“ „Cornelius, die Thüre war offen,“ ſagte ich ſehr ernſt, denn ſein Geſicht überflog eine dunkle Röthe und ſeine Stirne faltete ſich. „Wirklich?“ verſetzte er in etwas milderem Tone. Er blickte raſch auf die Zeichnung, ſah mich dann an und da er in meinem Geſichte las, daß ich ſie bemerkte, faßte er einen raſchen Entſchluß und ſagte:„Komm herein und ſchließe die Thüre.“ 8 Ich gehorchte. Als ich neben ihm ſtand, legte Cor⸗ nelius ſeine Hand auf meinen Kopf und ſagte, indem er mir ernſt in die Augen blickte:„Du ſiehſt aus, als ob Du ein Geheimniß bewahren könnteſt. Weißt Du, was ein Geheimniß iſt?“ „Ja, ich weiß es.“ „Dann behalte das Meinige für Dich. Du ſiehſt, ich zeichne. Ich ſtehe jeden Morgen bei Tagesanbruch auf, um zu zeichnen; aber ich möchte nicht, daß Kate es ſchon erführe— nicht, bis ich etwas gemacht, das gezeigt zu werden verdient. Das iſt das Geheimniß, das Du bewahren ſollſt; verſtehſt Du mich?“ „O ja!“ antwortete ich vertraulich. „Wie willſt Du es machen?“ „Ich werde es ihr nicht ſagen,“ lautete meine raſche Antwort. 4 „Natürlich,“ ſagte er lächelnd;„aber es nicht ſa⸗ gen, iſt nur der erſte Schritt bei der Bewahrung eines Geheimniſſes. Der nächſte und weit wichtigere iſt der, es nicht merken zu laſſen, daß ein Geheimniß um den Weg iſt. Das wird mir den Beweis Deiner Verſchwie⸗ genheit liefern.“ 4 Er entfernte alle Spuren ſeiner letzten Beſchäftigung und begleitete mich hinab. Miß O'Reilly war nicht im Wohnzimmer; als ſie jedoch eintrat, ſchalt ſie ihren Br der tüchtig aus, was er geduldig ertrug. Als er a⸗ — 97 ſtand, um zu gehen, gab ich ihm, wie gewöhnlich, ſei⸗ nen Hut; während er ihn nahm, blieb er einen Augen⸗ blick ſtehen und flüſterte mir zu:„Vergiß nicht.“ Er war kaum gegangen, als Kate mit neugierigem Lächeln zu mir ſagte:„Daiſy!“ was hat Cornelius ſo geheimnißvoll mit Dir geflüſtert?⸗ Ich ließ den Kopf hängen. „Haſt Du mich gehört?“ „Ja, Kate.“ „So antworte, Kind.“ Ich war wieder ſtumm. Kate legte ihre Arbeit nieder und winkte mir zu ſich. „Iſt es ein Geheimniß?“ fragte ſie ernſt. „Ich kann es nicht ſagen, was es iſt, Kate,“ ver⸗ ſetzte ich lebhaft. „Dann antworte.“ Ich ſchwieg hartnäckig. „Willſt Du es mir ſagen?“ fragte ſie ungeſtüm. „Nein,“ antwortete ich entſchloſſen. Sie erhob ſich in großem Unmuth und verwies mich für den Reſt des Tages in das hintere Wohnzimmer. Niemals trug ich eine Beſtrafung ſo leicht. Gegen Abend öffnete Miß O Reilly die Thüre, damit ich mich nicht ſo allein fühle. Cornelius kam weit ſpäter, als ſonſt, nach Hauſe; ich ſaß im Dunkeln, aber ich konnte ihn ſehen; er hatte ſich auf das Sopha gelegt; das Licht der Lampe beleuchtete ſein Geſicht; ſein Blick ſuchte mich im Zimmer. 4 „Sie war ungezogen,“ ſagte ſeine Schweſter ernſt und ſchickte ſich an, mein Vergehen zu erzählen. „Sie wollte Dir's nicht ſagen?“ fragte er. „Allerdings nicht! Ich fragte ſie Nachmittags wie⸗ der; aber ſie ſtand vor mir, blaß vor Trotz, die Lippen E geſchloſſen, den Kopf geſenkt und ſo ſtumm, wie ein ein.“ „Es iſt ein ſeltſames Kind,“ ſagte Cornelius ruhig und ich konnte ſehen, wie ſein Blick durch die Dunkel⸗ heit zu dringen ſuchte, in der ich ſaß. Daiſy Burns. I. 7* 5 5 98 „Seltſam! Du könnteſt es lieber gar originell nennen.“ Cornelius lachte; und indem er ſich halb auf einen Ellbogen erhob, rief er mich mit einem„Komm' her, Daiſy!“ das mich raſch an ſeine Seite brachte. Er ſtrich das Haar aus meiner Stirne, ſah mir in's Ge⸗ ſicht und ſagte ernſt:„Sie ſieht ſehr trotzig aus; ich ſehe es in ihren Augen und doch, was das Kind für wundervolle Augen hat, Kate!“ „Augen, ja!“ lautete ihre unwillige Antwort, „Daiſy, geh' in Dein Zimmer.“ Ich wollte gehorchen, aber Cornelius rief mich zurück. „Ich will meine Macht verſuchen,“ ſagte er zu ſei⸗ ner Schweſter; dann zu mir:„Daiſy, ſage Kate, was ich Dir zugeflüſtert.“ „Vergiß nicht!“ antwortete ich raſch. „Wie kannſt Du ſie trotzig nennen?“ fragte Cor⸗ nelius. „Vergiß nicht— was?“ fragte Kate;„da ſiehſt Du, wie ſie nicht antworten will.“ „Du trotziges Kind!“ ſagte Cornelius lächelnd; „ſieheſt Du nicht, daß ich will, Du ſollſt ſprechen? Baße alles; erzähle Kate, was ich Dich zu verſchwei⸗ gen bat.“ „Ich ſollte Dir nicht ſagen, daß ich ihn zeichnend fand,“ antwortete ich, zu Miß O'Reilly hingewandt. Die Arbeit ſank ihr aus den Händen; ſie wurde blaß; ihr unruhiger Blick ſuchte plötzlich das ruhige Ge⸗ ſicht ihres Bruders, der wieder in ſeine inſolente Stel⸗ lung zurückgeſunken war und mit der Hand über mein Haar ſtrich. Miß OReilly ſuchte gefaßt zu erſcheinen und ſagte mit einem Tone, der trotz aller Mühe, die ſie ſich gab, ſchwach und zitternd war:„Oh, Du zeichne⸗ 8 teſt, Cornelius, wirklich?“ ¹ „Ja,“ verſetzte er gleichgültig,„es unterhält mich Morgens.“. 1 3 99 „So, es unterhält Dich wohl ſehr, Cornelius?“ „Nun ja!“ Sie naum ihre Arbeit wieder, legte ſie auf den Tiſch, erhob ſich, ging zu ihrem Bruder und ſagte in gebieteriſchem Tone:„Cornelius, ſage mir die Wahrheit.“ Er ſetzte ſich auf, zog ſie zu ſich herab und fragte ruhig:„Warum biſt Du ſo aufgeregt, Kate 2. „Die Wahrheit!“ rief ſie, beinahe leidenſchaftlich, „die Wahrheit!“ „Du weißt ſie.“ „Was ſoll dies Zeichnen am frühen Morgen?“ „Du weißt es.“ „Du glaubſt, ein großer Künſtler zu werden?“ „Ich bin ein Künſtler,“ antwortete er und erhob ſich ſtolz. 4 Sie wiegte ſich hin und her und ſah ihren Bruder traurig an. Er legte ſeine Hand auf ihre Schulter und ſagte mit ernſtem Tone und Blicke: „Kate, ich kenne Deine Sorge; es gibt Hinderniſſe und ich werde ſie beſiegen. Hinderniſſe! wenn es keine in der Welt gäbe, wäre irgend etwas in der Welt des Strebens werth?“ Er hatte ruhig begonnen; er ſchloß mit ſeltener Wärme und Leidenſchaft, indem er ſeinen Kopf mit dem kühnen, aber edeln Selbſtvertranen der Jugend zurück⸗ warf. Sein Blick war herausfordernd, ſein Lächeln voll Zuverſicht; auf beides antwortete ſeine Schweſter mit einem Auge voll Thränen. „Du hatteſt verſprochen,“— begann ſie. „Es nicht für immer aufzugeben, Kate,“ unterbrach er ſie;„ich habe mein Verſprechen gehalten, ich habe verſucht, nicht zu zeichnen, ich könnte ebenſo gut verſu⸗ chen, nicht zu athmen.“ „Ich weiß nun, weßhalb Du niedere Stellen an⸗ nahmſt; Du wollteſt nicht dabei bleiben,“ 1 „Nein, wahrlich nicht, Kate,“ —— 10⁰ „Ich wußte immer, daß Du ehrgeizig biſt.“ „Das bin ich.“ „Der Ruhm wird Dein Herr werden, mein armer Bruder.“ „Ich werde ihn nicht zu meinem Herrn machen; er iſt zu ſehr daran gewöhnt; er ſoll mein Diener werden.“ „Zuerſt mußt Du ihn haben!“ verſetzte ſie kurz. Er lachte heiter; ſie ſeufzte aus tiefer Bruſt. „Ich weiß, ich ſcheine ſtreng und unfreundlich; aber der Tod unſeres Vaters— der an gebrochenem Herzen ſtarb, ſteht immer vor mir. Du gleichſt ihm ſo ſehr in Geſtalt und Charakter; gleiche ihm, um Gottes willen, nicht auch in ſeinem Schickſal. Ich kenne das Malen; hat es einmal im Herzen oder Geiſte eines Mannes Fuß gefaßt, ſo muß er entweder den Gipfel der Kunſt er⸗ ringen oder untergehen. Die Liebe genügt nicht. Ich wollte Dich lieber in zehn Mädchen verliebt ſehen.“ „Zu gleicher Zeit?“ unterbrach ſie Cornelius er⸗ ſtaunt.„Bin ich ein Türke?“ „Thörichter Junge, liebt denn ein Türke je? Ich ſage, ich möchte Dich lieber die beſten Jahre Deiner Jugend in Tollheiten vergeuden ſehen, als mit der Ma⸗ lerei. Es gibt eine Zeit, wo der Menſch aus eignem Antrieb ſeine Leidenſchaften aufgibt; aber wann wird der unglückliche Menſch, der einmal zu dichten oder zu malen begonnen, es wieder aufgeben?“ „Niemals, oder er hat Poeſte und Malerei nie ge⸗ liebt,“ antwortete Cornelius mit triumphirendem Lächeln; „Poeſte oder Malerti, welche ich noch höher ſchätze, wer⸗ den ein Theil des Menſchen und folgen ihm in's Grab. Aber es iſt eine Entweihung, von ihnen als von menſch⸗ lichen Leidenſchaften zu ſprechen. Ich bin nicht harther⸗ zig: aber wenn die Venus in all' ihren Reizen oder um ein beſſeres Beiſpiel zu wählen, eine von Raphael's göttlichen Frauen um meinetwillen Fleiſch und Blut be⸗ käme und mich bäte, ihre Leidenſchaften zu erwiedern— 101 „Nun, ſo würdeſt Du es thun; gib Dich nicht für härter aus, als Du biſt; es würde auch keiner von Ra⸗ phael's Frauen einfallen, das zu thun.“ „Höre mich zu Ende; ich würde, ſie zu gewinnen, das Malen aufgeben, nicht für immer, nicht für zehn Jahre, nicht für fünf, aber für eines,— Kate, dann möchte ſie wieder auf ihre Leinwand zurückkehren.“ „Wunderlicher Junge!“ ſagte Kate, ärgerlich über dieſe Vorliebe ihres Bruders für die Kunſt und ſeine Geringſchätzung ihres Geſchlechtes. „Es iſt nicht wunderlich, Kate; es iſt nur der Aus⸗ druck der größeren Anziehungskraft der Kunſt, als der Leidenſchaft; wie kommt es, daß Du nicht einſehen ſoll⸗ teſt, daß nichts der Malerei gleicht?“ Kate ſeufzte ſchwer.„Sie ſchlägt alles aus dem Felde— Poeſie, Muſik, Ehrgeiz, Kampf und Liebe, die für aller Herrin gilt. Alexander, der unglückliche Mann! weinte, weil er keine Welten mehr zu erobern hatte; weinte Apelles je, weil er keine Bilder mehr zu malen hatte? Paris entführte Helena nach Troja, das nach zehnjähriger Bela⸗ gerung eingenommen wurde. Denke Dir Paris als einen Künſtler: er malt Helena in verſchiedenen Attitüden: Menelaus ſieht freundlich zu; die kleine Hermione ſpielt neben ihrer Mutter; Troja ſteht in der Ferne und Priamus auf den Mauern; überall Friede und Harmo⸗ nie.— Moral: wenn edle Männer nur die Porträts, nicht die Perſon ſchöner Frauen nehmen würden, ſo würden wir nicht ſo viel von Herzenskämpfen und Ehren⸗ affairen hören.“ „Wirſt Du nun mal ernſtlich ſprechen?“ ſagte Kate ungeduldig. „So ernſt, als Du willſt,“ antwortete er.„Was fürchteſt Du für mich? Es iſt ſpät, erſt zu beginnen, aber ich habe in den letzten zwei Jahren fleißig gearbei⸗ tet. Und was unſern Vater betrifft, ſo war man⸗ ſeinen Erwar⸗ cher großer Maler der Sohn eines in 10²2 tungen getäuſchten Künſtlers. Nimm nur die Schwierig⸗ keit, fich einen berühmten Namen zu machen? Ich bin ehrgeizig, aber ich geize nicht ſo ſehr nach einem großen Namen, als nach großen Thaten: das muß das Ziel des Lebens ſein, das iſt der große Sieg, um den wir ringen müſſen.“ Sein ſchönes Geſicht war mir noch nie halb ſo ſchön erſchienen; Muth und Hoffnung, Selbſtgefühl und Ehr⸗ geiz, alles, was die Zukunft dem Willen des Mannes unterwirft, ſtrahlten aus ihm hervor. „Ich ſage Dir,“ fuhr er mit einem kurzen trium⸗ phirenden Lächeln fort,„daß es mir gelingen wird. Ich fühle die Kraft in mir; ich werde den Namen OReilly berühmt machen, unſre Taſchen mit Geld füllen, die Augen mit ſchönen Formen ergözen: bald werde ich Herr der Kunſt ſein.“ Er ſchlang ſeinen Arm um ſeiner Schweſter Hals und gab ihr einen warmen Kuß. Sie lächelte. „Das war immer der Weg,“ ſagte ſie mit einem Seuſzer,„wie ich mich überführen ließ; Du ſchlugſt mein beſſeres Wiſſen mit Deiner Dialektik aus dem Felde und ſchlangſt dann Deinen Arm um meinen Hals und—“ „Kate konnte nicht mehr widerſtehen; nur daß ich früher zu Dir aufblickte, während ich jetzt zu Dir herab⸗ ſchaue.“ „Ja, Du biſt jetzt ein Mann,“ antwortete ſie und ſah ihn mit einem Lächeln voll Bewunderung an,„und die OReilly's waren immer edle Männer.“ „Und die Frauen anmuthig, geliebt, bewundert—“ „Und vergeſſen, wie das Flüſtern des Windes. Laß es Dich nicht grämen, mein armer Junge. Ich weiß, ich bin nicht ſo gegen Dich, wie ich ſollte; mancher Sohn iſt nicht ſo gut und liebevoll gegen ſeine Mutter, als Du gegen mich; aber ſieh, es iſt mir, als hätteſt Du ein Mädchen geheirathet, das ich haſſe; ich kann es nicht verſchmerzen, obwohl ich weiß, Du haſt ein Recht, nach 103 Deinem Willen zu handeln. Das Beſte wird ſein, wir ſprechen nicht weiter davon: wir würden doch nicht einer Meinung, und was nützt es ſich über etwas zu ſtreiten?“ „Wenn die Frauen ſo gefühlvoll wären, wie Du— 4 „Poſſen!“ unterbrach ſie ihn lächelnd;„keine Frau von Geiſt würde ihrem Manne nachgeben, aber einem ſo lieben Jungen!*) O! das iſt ein großer Unterſchied. Thu, was Du willſt, male Deine Bilder, mein Lieb⸗ ling, aber wenn das Publikum ſie nicht ſchön findet, ſtirb nur nicht an gebrochenem Herzen.“ Sie ſtand neben ihm, ihre Hand ruhte leicht auf ſeinem ſchönen ſchwarzen Haar und ihre Augen ſuchten die ſeinen mit inniger Liebe. Er lachte über ihre letzten Worte, lachte und runzelte die Stirne, indem er ſagte: „Das Publikum mag ſich das Herz über mich zu Tode grämen, Kate— obgleich ich dem armen Dinge kein ſolches Loos wünſche— aber gegen den umgekehrten Fall proteſtire ich. Aber nun habe Mitleid mit Deinem Bruder, der einiges von Daiſy, und viel vom Malen gehört, aber nichts vom Thee.“ „Biſt Du hungrig?“ „Zum Sterben.“ „Armer Junge! Ich hatte keine Idee davon— ich werde ſelbſt nachſehen.“ Sie verließ das Zimmer. Ihr Brnuder blieb in derſelben Stellung ſitzen und ſah ſcheinbar gedankenlos in das Feuer. Plötzlich blickte er auf und ſah mich in naseie ſtill und ruhig ſitzen. Er winkte; ich näherte nich. „Was ſoll ich Dir geben?“ fragte er. „Nichts,“ war meine lakoniſche Antwort. *) Die Irländer,— und Miß O'Reilly iſt eine Irlän⸗ derin,— nennen ſelbſt Manner in reiferen Jahren immer noch„the little boy,“ das wir mit dem ent⸗ ſprechenden Junge überſetzen. . 104 „Aber ich möchte Dir etwas geben.“ Ich haßte den Gedanken, für meine Verſchwiegen⸗ heit und Strafe belohnt zu werden. Ich fühlte, daß ich erröthete, als ich ſagte: „Aber ich brauche nichts, Cornelius.“ „Wirklich?“ antwortete er lächelnd, und ehe ich wußte, was er zu thun im Begriffe war, lag ich auf den Knieen und in Cornelius Armen, der mich küßte. Er hatte mir nie ſo viel Liebe gezeigt, ſeitdem ich bei ihm und ſeiner Schweſter war. Mein Geſicht glühte vor Ueberraſchung und Entzücken; er lachte, küßte mich wieder und ſagte mit dem ſichern Lächeln bewußter Macht:„Nun, was ſoll ich Dir geben?“ 3 Ich war ganz beſtürzt und antwortete unterwürſig: „Alles, was Du willſt, Cornelius.“ „Nein, es muß etwas ſein, was Dir Freude macht und in meinen Kräften liegt. Ein Buch, ein Spielzeug, eine Puppe oder dergleichen?“ „Ja etwas! Darf ich um etwas bitten?“ rief ich, mit plötzlicher Begeiſterung. „Ja. Dnu darfſt.“ „Es iſt Dein Ernſt?“ „Es iſt immer mein Ernſt, was ich ſage, mein Kind, was kann es ſein? Deine Augen leuchten und Deine Wangen glühen. Was iſt es? Sprich.“ „Laß mich dabei ſein, wenn Du morgens zeichneſt.“ „Iſt es das?“ ſagte er und ſchien unangenehm überraſcht. „Ja, Cornelius.“ „Du wirſt ſehr ruhig ſein müſſen.“ „Das thut nichts.“ „Du darſſt nicht ſprechen.“ „Das thut auch nichts.“ „Du ſollſt etwas Anderes haben: ein Buch mit Bildern.“ Ich antwortete nicht. 10⁵ „Und ich will Dich bisweilen zuſehen laſſen.“ Ich blieb ſtumm. Cornelius ſah, daß ich das, was ich verlangt, und nichts anderes haben wollte. Er ſuchte mir noch einmal abzurathen. „Daiſy, Du wirſt es ſehr traurig finden, dazu⸗ ſitzen und nichts zu ſprechen. Du würdeſt mich dauern, armes Kind.“ Ich war klug genug, um dieſes Mitleiden zu durch⸗ ſchauen. Ich ſah ihm ins Geſicht und ſagte ernſt:„Das hat Alles nichts zu ſagen.“ „Bei Dir hat Alles nichts zu ſagen, wenn Du nur Deinen Willen haſt— trotziges kleines Ding!— aber ich warne Dich: Du mußt ohne Klopfen, ohne guten Morgen zu ſagen, hereinkommen; Du darfſt Dich nicht bewegen, nicht ſprechen oder aus und eingehen: wenn Du dieſe Vorſchriften einmal übertrittſt, ſo haſt Du das Privilegium für immer verwirkt.“ 1„Ich werde die Vorſchriften nicht übertreten, Cor⸗ nelius.“ „Natürlich nicht,“ ſagte er und ſchien ſich eine ernſte Miene zu geben,„Miß Burns hat ja ihr gege⸗ benes Wort ſchon einmal ſo gut gehalten.“— „Ich fürchtete, er ſei böſe, aber er war es nicht, denn als Deborah das Theebrett mit geröſtetem Schin⸗ ken und Eiern hereinbrachte, nahm mich Cornelius auf ſeine Kniee. „Die O Reilly's hatten ſtets einen geſegneten Appe⸗ tit,“ ſagte Miß O'Reilly, welche mit Freuden zuſah, wie ihr Bruder ſich mit Luſt über die Speiſen hermachte. „Dauſy⸗ was thuſt Du auf Cornelius Schooße? Komm“ herab.“ „Bleibe, Daiſy,“ ſagte Cornelius.„Du biſt mir nicht im Wege.“ Und wirklich, nach der Art, wie Alles vor ihm verſchwand, glaube ich, daß ich es auch nicht war. Aber Miß O Reilly war anderer Meinung, denn ſie fuhr ungeduldig fort: 106 „Nun, Cornelius, Du ſollteſt das Kind nicht von Deinem Teller füttern: ſie hat ihren Thee halb ſtehen laſſen und trinkt den Deinen, weil es der Deine iſt.“ Cornelius hielt die Taſſe an meine Lippen. Er lä⸗ chelte und küßte mich. „Ja, ſchmeichle ihr nur,“ ſagte Kate,„nachdem ſie um Deinetwillen ungerecht geſtraft worden.“ „Es war unbedacht von mir— ich bitte ſie um Verzeihung.“ „Du darfſt mich nicht um Verzeihung bitten,“ antwortete ich und ſah ſeine Schweſter etwas ärger⸗ lich an. „Ich glaube, wenn er Dich ſchlüge, Du würdeſt Dich freuen,“ lautete ihre kurze Antwort. Die Mahlzeit war vorüber; er hatte ſich vom Tiſch nach dem Sopha begeben; aber er hatte mich nicht von ſich gelaſſen. Miß OmReilly beobachtete uns von ihrem Platze aus und konnte ſich unſer Benehmen ſichtlich nicht erklären. 3 „Gibt es heute Abend keine Lectionen?“ fragte ſie endlich.. „Nein: es iſt ein Feiertag.“ „Soll nicht geſungen werden?“ „Ich bin müde.“ Er war aber nicht zu müde, um mit mir zu ſpre⸗ chen und mich ſprechen zu machen, ſo daß Miß O Reilly endlich ausrief: „Ich glaubte, das Kind ſei eine Maus und nun wird ſie eine Elſter.“ Sie ſprach etwas gereizt, er hielt mich aber noch immer in ſeinem Arm. 2 „Wahrhaftig,“ ſagte Kate, nachdem ſie vergeblich erwartet, er werde mich nun gehen laſſen,„wahrhaftig, wenn Dir Jemand in China oder Japan begegnete, 3 würde das kleine blaſſe Geſicht ſicher auch bei Dir nden.“ 107 Er ſagte, es ſei ein kleines blaſſes Geſicht, aber es habe hübſche Augen und liebkoſte dabei die Beſitzerin außerordentlich herzlich. „Poſſen!“ ſagte ſeine Schweſter und runzelte die Stirne. „Sie iſt ſo ſchüchtern,“ vertheidigte er. „Hübſche Schüchternheit, das!“ verſetzte Kate, als ſie mich mit der plötzlich erwachenden Vertraulichkeit des Kindes meinen Arm um den Hals ihres Bruders ſchlin⸗ gen und meinen Kopf an ſeinen Schultern ruhen ſah. „Daiſy, es iſt Zeit zum Schlafengehen.“ Sie erhob ſich, aber ich wollte Cornelius am erſten Abend ſeiner Freundlichkeit nicht verlaſſen. Ich ſchlang meine beiden Hände um ſeinen Hals, und ſah im bittend in’s Geſicht. „Noch eine Viertelſtunde, Kate,“ ſagte er. „Nicht eine Minute mehr,“ verſetzte ſie, indem ſie meine Hand nahm, denn ich hing an ſeiner Umarmung, wie unſre Mutter Eva an Eden.„Wenn Du brav biſt,“ fügte ſie hinzu, um mich zu tröſten,„ſo ſollſt Du eine halbe Stunde länger aufbleiben, ſobald die Tage zunehmen.“ „Aber ſie nehmen gegenwärtig ab,“ ſagte ich traurig. „Laß ſie dieſen Abend aufbleiben,“ bat Cornelius, „um ſie für den traurigen Tag im hintern Zimmer zu entſchädigen.“. Miß O Reilly gab nach; als ſie jedoch wieder an ihren Platz zurückging, ſagte ſie emphatiſch, während ſie in das Feuer ſah: „Er wird das Kind verderben, ganz ſicherlich ver⸗ derben.“ 4 1 Cornelius lächelte; er ſuchte der Propbezeiung nicht zu widerſprechen; er erlaubte mir, ſo lange ich Luſt hatte, bei ihm zu bleiben— ich war in dieſem Augen⸗ blicke das glücklichſte Kind. 108 Von dieſem Abende an liebte mich Cornelius. Ich hatte ihn zu meinem Alles gemacht und war ihm da⸗ durch Etwas geworden; das iſt das geheimnißvolle Schöne in der Liebe, daß ſie Liebe erringt; ungleich anderen Verſchwendern, gewinnt ſie im Vergeuden. Neuntes Kapitel. In aller Frühe ſchlich ich mich am nächſten Mor⸗ gen nach dem Arbeitszimmer hinauf. Ich klopfte nicht; ich trat auf den Zehenſpitzen ein; ich ſchloß leiſe die Thüre; ich bot Cornelius keinen guten Morgen; aber ich trug einen hohen Stuhl herbei, und ſtellte ihn ſo, daß ich die Zeichnung gut überſehen konnte, und klet⸗ terte mit einiger Mühe hinauf; dann aber bewegte ich mich nicht mehr, ſondern ſah mit dem größten Intereſſe ſeiner Arbeit zu. Er bewegte ſich nicht und ſah nicht auf: ſein Vor⸗ wurf abſorbirte ihn ganz und gar: er ſchien nicht zu athmen; jeder Zug drückte die ausſchließliche Richtung ſeines Geiſtes und ſeiner Sinne auf einen Punkt aus. Dies dauerte wohl eine Stunde, endlich ſchob er die Zeichnung weg, legte ſich in ſeinen Stuhl zurück und begann, da er ſchon ſeit Tagesanbruch an der Arbeit war, höchſt unromantiſch zu gähnen. Ich ſaß zwar hinter ihm; es dauerte jedoch einige Zeit, bis er an mich dachte; dann wandte er ſich plötzlich um und ſah mich mit tiefem Schweigen an. Ich war zu ſehr auf meiner Hut, um mein Gelübde durch eine Bewegung oder einen Ton zu brechen. — — — 109 „Du haſt einen guten Standpunkt ausgewählt,“ ſagte er.. Ich antwortete nicht. „Sitzeſt Du auch bequem?“ fuhr er fort. „Das iſt gleichgültig, Cornelius.“ „Du kannſt jetzt herabkommen.“ Ich gehorchte mit großem Eifer. „Darf ich ſprechen?“ fragte ich mit bittendem Blick. „Du kannſt Dich jetzt ein wenig frei umherbewe⸗ gen,“ lautete ſeine freundliche Antwort. „Cornelius, iſt das nicht Juno 2“ „Die Frau Jupiters und die Mama Vulcans— allerdings.“ Ich ſtand neben ihm. Es lagen noch andere Bil⸗ der auf dem Tiſche; ich erhob die Ecke eines derſelben und ſah Cornelius an; er lächelte zuſtimmend. Ich zog es heraus; es ſtellte einen italieniſchen Knaben dar, der auf ſonnenbeleuchteten ſteinernen Stufen ſaß. „Das iſt der Knabe, dem Kate geſtern Morgen das Stück Brod gab,“ rief ich lebhaft,„nicht wahr, Cornelius?“ Ich ſah in ſein Geſicht; er ſchien erfreut; das erſte Lob iſt wie der Thau des Morgens, erfriſchend und ſüß. Er zog eine andere Zeichnung hervor und fragte, wer es ſei; athemlos vor Erſtaunen, erkannte ich mich ſelbſt; dann Kate, Deborah, Miß Hart und ſogar Mr. Trim zogen in Zeichnungsſkizzen an meinem Blicke vorüber. Ich war entzückt; ich kannte nun Cornelius Talent; er hatte durch die bloße Kraft ſeines Willens dieſe Geſtalten und Geſichter wenn auch nicht geſchaffen, ſo doch aus der Dunkelheit hervorgezogen. „Nun, wie Du leuchteſt und glühſt.“ „»Cornelius,“ ſagte ich begeiſtert. „Daiſy.“ ö“ 110 „Glaubſt Du nicht, daß wenn Du willſt—“ ich ſtockte: er gab nicht auf mich acht. „Ich höre,“ ſagte er;„glaubſt Du nicht, daß wenn Du willſt—“. „Glaubſt Du nicht, daß wenn Du willſt, Du ein ſo großer Maler werden wirſt, als Raphael oder Mi⸗ chel Angelo?“ Ich ſprach ernſthaft und erwartete ſeine Antwort, als ob dieſe Frage nur ſo obenhin zu entſcheiden wäre. Cornelius ſah mich, mit einer Zeichnung, die er her⸗ vorgezogen, in der Hand an; er ſuchte zu lachen, aber erröthete blos. „Du ehrgeiziges kleines Ding!“ ſagte er, wer hat Dir etwas von Raphael oder Michel Angelo in den Kopf geſetzt?“ „Papa ſagte mir, ſie ſeien die beiden größten Ma⸗ ler, aber ich ſehe nicht, warum Du nicht ebenſo groß, als einer von ihnen ſein ſollſt.“ „Man kann groß ſein, und doch ihnen nicht glei⸗ chen— ja ſogar berühmt kann man ſein, ohne mit ih⸗ nen zu rivaliſiren!“ „Willſt Du berühmt ſein?“ „Wer ſagte mir nicht mal guten Morgen?“ fragte Cornelius und küßte mich. 8 Aber mitten in der Liebkoſung, während ſeine Lip⸗ pen meine Wangen berührten, wiederholte ich meine Frage mit der unabweislichen Beharrlichkeit der Kinder: 4 „Willſt Du berühmt ſein 2“ „Möchteſt Du es?“ fragte er lächelnd. k „Ach! ſo ſehr!“ rief ich aus vollem Herzen. „Dann will ich mein Beſtes thun, um Dir zu gefallen: und nun laß uns zum Frühſtück hinabgehen.“ Er kam ungewöhnlich ſpät, aber ſeine Schweſter beklagte ſich nicht. Sie empfing ihn mit der freundlich⸗ ſten Miene: aber ich hörte ſie an jenem Tage mehr nals ſeufzen. 8 111 Ich wunderte mich oft über ſeine Verſchwiegenheit; aber ſo religiös er auch war, er ſprach nie von Reli⸗ gion; er gedachte nur ſelten ſeines Vaterlandes, für das er nichts thun konnte; wenn er auch zu ſtolz war, dar⸗ über zu jammern, trug er es doch in ſeinem Herzen; und vielleicht weil er es ſo glühend liebte, mochte er dieſen Gegenſtand des täglichen Geſpräches nicht noch lauter und öfter verhandeln. Als es aber eine Lebens⸗ aufgabe wurde, für das Vaterland zu handeln,— als das Gefühl in die That umgeſetzt werden ſollte,— ver⸗ minderte ſich dieſe Zurückhaltung; etwas blieb davon noch gegenüber der Schweſter; wenig, ich möchte bei⸗ nahe ſagen, nichts gegenüber von mir. Ich war ein Kind, aber ich widmete ihm meine Theilnahme, eine Nahrung, der auch die ſtärkſten Her⸗ zen bedürfen. Ich liebte ihn, ich bewunderte ihn, ich ſetzte mein ganzes Vertrauen auf ihn; er ſah mich bald gerne in ſeinem Arbeitszimmer oder Atelier, wie es nun nach der Sitte der Maler genannt wurde. Er konnte mit mir ſprechen, ſich an meinen kritiſchen Bemerkungen ergötzen und mich wieder mit einem Blicke zum Schwei⸗ gen bringen. Vielleicht liebte er mich deßhalb ſo ſehr, — zu ſehr, wie ſeine Schweſter ſagte; alles, was ich weiß, iſt, daß er ſehr freundlich und der Winter eine ſehr glückliche Zeit war. Der Frühling, welcher ihm folgte, war ſehr ſchön. Eines Tages, der ganz beſonders heiter und herrlich war, entſinne ich mich noch. Der Garten war grün und in voller Blüthe; Kate ſaß nähend auf der Bank vor dem Hauſe; ich ſtand an der Thüre und ſah die Straße hinab. Die Hagdornhecke war gerade am Auf⸗ brechen, die Sonne warm, die Luft klar; der Südweſt⸗ wind wehte ſanft, die neubelaubten Bäume ſchienen ſich ihrer Wiedergeburt zu freuen; und rings umher herrſchte ſo tiefe Stille, daß man den Guckuk in der Ferne hörte. Ich weiß nicht, weßhalb ich mich dieſer Dinge entſinne, es ſei denn, daß ein Theil unſeres Herzens immer an dieſen ſchönen Bildern feſtbängt, die einmal an unſerem Blicke vorübergezogen, oder daß Cornelius, als ich dort ſtand, des Weges kam. Er hatte die wil⸗ den Hagdornzweige geſammelt; er gab ſie mir lächelnd, trat in den Garten und ſetzte ſich auf die Bank zu ſei⸗ ner Schweſter; ich ſaß auf dem Stuhle zu ihren Füßen. Eine Zeitlang ſprachen ſie von gleichgültigen Dingen, dann ſagte er: „Kate, willſt Du mir ſitzen?“ 3 „Wozu?“ fragte ſie etwas verwundert. „Zu einem kleinen Oelgemälde; Gegenſtand: Mut⸗ ter und Kind. Du biſt die Mutter, Daiſy das Kind.“ „Wohin willſt Du es ſenden?“ „Natürlich auf die Ausſtellung. Kannſt Du mir in der Frühe ſitzen?“ 3 „Ja; aber kann Daiſy?“ Ich ſah auf ſeinem Geſichte den Ausdruck bitteret Enttäuſchung und ſagte lebhaft: „Ich werde in aller Frühe aufſtehen, mit Tagesan⸗ bruch; es hat nichts zu ſagen.“ „Poſſen, Du wirſt zur gewöhnlichen Stunde auf⸗ ſtehen— und damit baſta.“ „Cornelius, darf ich ſprechen?“ „Nein!“ ſagte er, ſtand auf, ging durch den Garten, kam zurück und ſetzte ſich wieder, indem er ausrief: „Es wird nie, nie fertig werden!“ „Cornelius,“ ſagte ich wieder,„laß mich jetzt ſprechen.“ „Sprich, und dann nichts weiter,“ ſagte er unge⸗ duldig. 3 „Wenn ich früh zu Bette gehe, kann ich nicht auch wieder früh aufſtehen? Du kennſt das Sprichwort: Früh in das Bett, früh aus dem Bette.“ Sein Geſicht klärte ſich plötzlich auf. „Und wollteſt Du das wirklich für mich thun? 118 fragte er lebhaft.„Wollteſt Du, die das frühzeitige Zubettegehen haßt, das um meinetwillen thun?“ „O ja, Cornelius, ich würde mich frenen, Dir ein wenig helfen zu können!“ „Habe Dank, mein gutes kleines Mädchen!“ rief Cornelius, indem er mich in ſeine Arme ſchloß und meine Worte mit einem warmen Kuſſe begleitete,„ich werde es nie vergeſſen, nie!“ Er ſchien gerührt und entzückt. Er, der mir ſo manche Freundlichkeit erzeigt, erkannte dieſen kleinen Beweis meiner dankbaren Liebe ſo lebhaft an, als ob er nie etwas gethan, ſie hervorzurufen. „Nun, iſt das nicht hübſch von ihr?“ ſagte er zu Kate.„Mir jetzt, da ſie eine halbe Stunde ſpäter zu Bette gehen darf, anzubieten, früher aufſtehen zu wollen? Iſt das nicht lieb von ihr?“ „Sie ſoll noch dieſen Abend auf die Probe geſtellt werden,“ verſetzte Kate lächelnd. Ich beſtand die Probe mit eben ſo großem Heroismus, als ich am andern Morgen mit Geduld die Sitzung mabiel. Ich war eben ſo unterwürfig, als Kate rebel⸗ iſch. „Kate,“ ſagte der Bruder einmal,„willſt Du nichts für die Kunſt thun— nicht mal ruhig ſitzen?“ „Poſſen!“ antwortete ſie ungeduldig. „Poſſen!“ wiederholte er ernſt;„ſie nennt die Kunſt Poſſen! Die Kunſt, die ihrem Bruder ſo viel Ehre er⸗ werben ſoll, ach, und gerade mit dieſem Bilde!“ Kate ſeufzte tief auf. „Wie unfreundlich,“ ſagte Cornelius und unterbrach ſeine Arbeit, um ſte anzuſehen.„Wie unfreundlich, daß Du nicht ſiehſt, was für mich ſo klar iſt, daß es mir gelingen muß. Ich ſtaune, daß du das nicht ſiehſt, Kat⸗.“ Es war nicht der Schatten eines Zweifels auf ſeiner klaren Stirne, nicht eine Spur von Furcht in ſeinem ſſichern und feurigen Blick. Daiſy Burns. J. 8 114 „Unſer armer Vater pflegte ganz daſſelbe zu ſagen, ornelius, und wenn einer daran zweifelte, brach er in den heftigſten Zorn aus.“ „Das werde ich nicht thun; das iſt der Unterſchied.“ „Er war kein heftiger Charakter; aber die Enttäu⸗ ſchung.. „Kate, die Art und Weiſe wie Du Daiſy hältſt, wird immer weniger mütterlich; vergiß nicht, daß Du ſehr unglücklich wegen Deines Lieblings biſt. Daiſy, meine liebe kleine, die Puppe iſt da! um zu zeigen, daß Du zu krank biſt, um damit zu ſpielen, nicht um ſie an⸗ zuſehen.“ Die Sitzung dauerte lang; unſere Stellung war zu ermüdend; Kate verlor die Geduld. „Es wird Dir zu ſpät,“ ſagte ſie,„und Daiſy iſt müde.“ „Ich bin nicht müde,“ bemerkte ich. „Weißt Du nicht, Kate,“ ſagte ihr Bruder lächelnd, „daß, wenn ich von ihr forderte, ſie ſolle zum Fenſter hinaus ſpringen, ſie es thun würde?“ „Poſſen!“ verſetzte Miß O'Reilly kurz. „Da,“ fügte ſie hinzu, als ich vor Unwillen erröthete, da ich ſeine Bemerkung für eine Beleidigung meiner Ergebenheit hielt,„da, ſahſt Du den Blick, den mir die Kleine zuwarf?“ „Ich ſehe, daß meine Stellungen verrückt ſind und ich Euch entlaſſen muß. Daiſy ſitzt am beſten,“ fügte er hinzu, als ſeine Schweſter raſch aufſprang und er dankte mir mit ſo freundlicher Liebkoſung, daß Kate in mißmuthigem Tone ſagte: 3 us„Du machſt das Kind ganz vernarrt in Dich, Corne⸗ ius.“ „Uind wenn auch, Kate;— habe ich nicht das Ge⸗ Pendiin Händen. Bin ich nicht ſelbſt ganz vernarrt in ſie?“ 38 3 115 Er war es, und ich wußte es; und täglich freute ich mich dieſes Bewußtſeins. Der Frühling wich dem Sommer; der Sommer verging; das Gemälde machte Fortſchritte; Cornelius widmete ihm ſeine kurzen Feiertage im Herbſte. „Du ſiehſt blaß und krank aus,“ ſagte Kate,„Du bedarfſt der Ruhe.“ 4 „Ich fühle mich vollkommen wohl; arbeiteng iſt mir ein Feſt,“ lautete ſtets ſeine Antwort. Und er arbeitete fleißiger denn je. 5 „Ja, ja!“ ſagte ſie,„Du haſt das Fieber. Er hatte wirklich das Fieber, jenes ſtets wechſelnde Fieber, welches für den ſtarken Leben, für den Schwachen Tod iſt. Er ſchwärmte in einem neuen, freien und heitern Leben. Er war blaß und hager, aber ſeine Stirne war nie heiterer, ſein Blick nie hoffnungsvoller, ſein ganzes Weſen nie lebendiger und energiſcher geweſen. Aber je mehr der Herbſt zur Neige ging, je kürzer die Tage wurden, je mehr die Zeit zum Arbeiten ſich verringerte, deſto mehr verſchwand die Heiterkeit Cornelius“ Er ſtand früh vor Tagesanbruch auf und ging in ſeinem kleinen Atelier auf und nieder, ungeduldig das Grauen im Oſten erwartend; mit dem erſten Strahl des Tages war er an der Arbeit und täglich wurde es ſchwieriger, ihn von dieſer loszureißen. Wenn er in der Dämmerung nach Hauſe kam, war es ſein Erſtes, zu ſeinem Gemälde hinauf zu eilen. Ich folgte ihm oft unbemerkt und fand ihn davorſtehend, die Augen unverwandt darauf geheftet, als wollte er gegen das Schickſal ankämpfen und die Ge⸗ ſetze der Zeit vernichten. Wenn er ſich wegwandte, ent⸗ Wir ſaßen eines Abends kurz vor Weihnachten in dem dunkeln Wohnzimmer, als Kate in ihrer plötzlich füde neuen Geſprächsgegenſtand aufgreifenden Weiſe agte: 116 „Die Tage werden im Januar länger werden.“ „Und ich werde dann wieder ein freier Mann ſein,“ verſetzte er lächelnd. „Du biſt aus Deiner Stellung entlaſſen worden 2“ rief ſie erſchrocken. „Ja, ich habe mich ſelbſt entlaſſen. Sieh nicht ſo erſchrocken aus! Das Gemälde muß zur Zeit fertig ſein.“ „Däs wird es wohl,“ ſagte ſie traurig. „Nun, was fürchteſt Du denn? „Jetze den Fall,“ fuhr ſie zögernd fort:„daß es nicht ausgeſtellt wird?“ „Ich ſehe nicht, wie das ſein kann?“ antwortete Corneliſis ruhig.. „Nun! werden denn nie Bilder zurückgewieſen? Ich ſaß neben Cornelius, deſſen Hand mit meinem Haare ſpielte; er hielt plötzlich inne, um ſeiner Schweſter einen erſtaunten Blick zuzuwerfen, dann ſchüttelte er ſei⸗ nen ſchönen Kopf und lachte heiter. „Zurückweiſen, das Bild, Kate!“ „Er iſt ganz ſein Vater,“ ſeufzte ſie. Er lachte über ihre Blindheit und ſagte, indem er ſich an mich wandte: „Was meinſt Du, Daiſy?“ „Sie werden es nicht zurückweiſen, ſie dürfen es nicht wagen,“ lautete meine raſche Antwort. „Es iſt zu abſurd, etwas Derart vorauszuſetzen, nicht wahr?“ fügte er hinzu, um ſeine Schweſter zu ärgern, die ſich plötzlich umſah. „Cornelius,“ ſagte ſie in beſtimmtem Tone,„Deine Energie und Entſchiedenheit machen mir mehr Hoffnung in dieſer Sache, als Dein Enthuſiasmus. Ich habe es gerne, wenn der Mann für ſich ſelbſt handelt, aber Du mußt fortfahren, wie Du begonnen und Dich ganz Deiner Sache weihen. Willſt Du auf der königlichen Academie ſtudiren? Willſt Du unter einem großen Meiſter arbei⸗ ten? Willſt Du reiſen? Sprich, ich habe Geld."„“ 117— „Ich danke Dir, Kate; es freut mich, daß Du ein⸗ ſiehſt, ich habe recht gehandelt; aber ich begann allein, ich will auch allein fortſchreiten auf der betretenen Bahn; die Erfahrung ſei mein einziger Lehrer. Ich muß mir meine Originalität zu bewahren ſuchen.“ Kate machte Einwürfe, aber Cornelius, der einmal auf ſeine Originalität pochte, war nicht davon abzubrin⸗ gen. „Ganz, wie ſein armer Vater!“ ſeufzte Kate;„er hielt immer große Stücke auf ſeine Originalität.“ Cornelius glich ſeinem Vater auch in der Eigenwil⸗ ligkeit. Kate wußte es und gab den Punkt auf. Wenige Tage ſpäter war Cornelius frei. Sein Tritt im Hauſe war ein anderer; ſeine Augen leuchteten vor Freude und glühten vor Hoffnung auf die künftigen Tri⸗ umphe. Er frohlockte über die langen Sitzungen, die wir ihm gewährten, und ergötzte ſich wie ein Kind an den Luftſchlöſſern, die er in ſeinen Ruheſtunden baute. Sein Lieblingsgedanke, vor dem ſelbſt Ruhm und Glück ver⸗ ſchwand— war ein Zimmer mit Hochlicht. „ Ja, Kate,“ ſagte er einſt und ſah nach der Decke hinauf:„wenn du Deinen Bruder unter Deinem Dache behalten willſt, ſo mußt Du es abbrechen und ein Hoch⸗ licht anbringen. Einige Künſtler ziehen Ateliers in der Stadt vor; ich halte an meinen Hauslaren feſt: mit einem Hochlicht kannſt Du mich für immer feſſeln.“ „Wunderlicher Junge! „ Wunderlich! nun, iſt das nicht ein hübſches Stück für eine Malerei?“ Er zog ſie an ſeine Seite und ſtellte ſie vor die Staffelei. „Allerdings,“ verſetzte ſie bewundernd,„wo willſt Du es hinſenden! „ Auf die Akademie, Kate, an den erſten Platz oder nirgends.“ 1 „Oh! ſagte ſie raſch,„ich fürchte nur, ſie werden 118 es nicht ſo gut aufhängen, als es verdient. Eiferſucht oder Mangel an Raum, Du kennſt die Gründe.“ „Es iſt immer Raum für gute Bilder vorhanden,“ verſetzte Cornelius. Es war im Februar, aber ſeiner Schweſter war nicht ganz wohl bei der Sache, denn ſie kam öfters darauf zurück und wenn nichts zu einer Bemerkung Ver⸗ anlaſſung gab, ſagte ſie mit ſinnendem Blicke: 1„Ich hoffe es wird gut aufgehängt werden, Corne⸗ ius.“ „Ich hoffe, auch,“ antwortete er ruhig. Endlich kam der Tag, an welchem ſich dieſe wichtige Sache entſcheiden ſollte. Es war ein heller Maitag; Cornelius wünſchte allein zu gehen, es ſei immer ein ſo großes Gedränge am erſten Tage;“ ſein Wunſch wurde erfüllt. Wir blieben zu Hauſe und ſuchten gegenſeitig uns ein ſorgloſes Anſehen zu geben, aber Miß O Reilly konnte nicht arbeiten, und ich konnte nicht lernen. Wir begannen bisweilen ein Geſpräch über gewöhnliche Dinge, das plötzlich und ohne Urſache, wie es begonnen, wieder abbrach. Von dem Gegenſtand, der wirklich unſre Gedanken beſchäftigte, ſprachen wir nicht mit einer Sylbe. Ich ging unruhig im Zimmer auf und nieder und trat immer wieder an das Fenſter, das auf den Baumgang hinaus ſah. „Ich möchte wiſſen, was Du damit willſt?“ fragte Miß O Reilly plötzlich.„Warum ſiehſt Du immer zu dieſem Fenſter hinaus? 3 3 „Cornelins ſagte mir, er würde den Baumgang her⸗ aufkommen.“ „Und warum biſt Du heute gerade ſo unruhig, bis er kommt? Geh' mir etwas aus dem Lichte, ſei ſo gut.“ Ich gehorchte; aber das nächſte, was Kate that, war, daß ſie zum Fenſter hinaus ſah. Der Tag begann zu ſinken: Cornelius kehrte nicht zurück; ſie konnte ſich nicht halten und ſagte ängſtlich: 3 3 8 - 4 119 „Ich fürchte, es hängt nicht gut.“ „Ich fürchte es auch,“ verſetzte ich, denn auch mir war nach und nach nicht wohl dabei zu Muthe. „Nein, es iſt ganz gewiß nicht gut aufgehängt,“ fuhr ſie fort,„aber ich weiß nicht, warum ihn das hin⸗ dern ſollte, zurückzukommen?“ Und da ſie nun keinen Grund mehr hatte, ihre Ungeduld zu verbergen, nahm ſie ihren Sitz am Fenſter ein, das ſie nicht verließ. „Cornelins iſt da!“ ſagte ich und ſprang von mei⸗ nem Sitze auf, denn ich hörte an der Gartenthüre läuten. „Sei ſtille!“ rief Kate ärgerlich.„Warum ſollte er den hintern Weg hereingehen? Daiſy, Du darſſt nicht Pfens er hat nur leiſe geklingelt, das iſt nicht Corne⸗ lius!“ Ich gehorchte ungerne; ich war ſicher, es müßte Cor⸗ nelius ſein, und da es mir nicht verboten war, wenigſtens nachzuſehen, ſo ging ich nach dem hintern Zimmer. Ich kam gerade an das Fenſter, als Deborah öffnete. Es war Cornelius, den Hut tief in die Stirne gedrückt und ſo viel man von ſeinem Geſichte ſehen konnte, todtenblaß. Er ging an dem Mädchen vorüber, ohne ein Wort zu ſagen, trat in das Haus und eilte die Treppe hinauf. Ich hörte ihn ſich in ſein Zimmer einſchließen, dann war alles ſtill. Ich kehrte in das vordere Zimmer zurück. Miß OReilly ging in großer Anfregung auf und ab, rang die Hände und brach bisweilen in ein unartikulirtes Jammern aus. „Mein armer Junge! mein armer Junge!“ rief ſie mit einer ſeltſamen Miſchung von Leidenſchaftlichkeit und Weichheit in ihrer Stimme, wie eine Mutter, die um ihr Kind jammert; dann blieb ſie plötzlich ſtehen, und ſagte, während ihre brannen Augen vor Zorn glühten: „Was für ein ſchlechtes Volk! was für neidiſche Men⸗ ſchen! Sie dachten, ſie wollen ihn nicht emvorkommen laſ⸗ ſen, damit er ſie nicht alle überſtrahle. O nein!— ſie verſtanden das beſſer— ihn auf ein Mal zu vernichten— ihm keine Zeit zu laſſen— ihn mit einem Schlage zu vernichten— das war's!“ Sie lachte ſarkaſtiſch, dann fuhr ſie in dem Tone der höchſten Entrüſtung fort:„Ich ſtaune über Corne⸗ lius. Was konnte er anderes erwarten? Hat er nicht Talent, und iſt er nicht ein Irländer? Warum ſetzte er nicht Samuel Smith oder John Jenkins oder gar Leo⸗ pold Trim an den Fuß ſeines Bildes?— Es würde gezogen haben; aber mit einem Namen, wie Cornelius O'Reilly, war es lächerlich, ein anderes Schickſal zu erwarten.“ „Nehmen ſie Bilder von iriſchen Malern nicht auf?“ fragte ich. „Schweige!“ war die kurze Antwort, die ich erhielt. „Madame,“ ſagte Deborah, indem ſie die Thüre öffnete,„befehlen Sie heute keinen Thee?“ „Und warum denn nicht? fragte Miß OReilly mit mißtrauiſchem Blicke,„kannſt Du mir ſagen, warum, Deborah? Kannſt Du mir irgend einen Grund angeben? Ich möchte doch wiſſen, warum?“ Deborah öffnete ihren Mund mit ſtummem Erſtaunen. „Bring den Thee herein,“ fuhr ihre Herrin fort, „und ſei künftig nicht mehr ſo anmaßend und mache keine Bemerkungen, denn Du ſiehſt, es geht nicht mit mir.“ Deborah nahm den Vorwurf mit verlegenem Geſichte hin, zog ſich zurück und brachte ſogleich das Theegeſchirr. Miß O'Reilly machte den Thee mit einem tiefen Seufzer. Wir hatten bei Tiſche wenig gegeſſen; aber hatte Cor⸗ nelius überhaupt gegeſſen? Er gab uns kein Zeichen ſeines Daſeins. Als der Thee eingeſchenkt war, wandte ſie ſich nach mir um und ſagte in leiſem Tone: „Geh' und ſage Cornelius, daß der Thee bereit iſt⸗“ Ich gehorchte ſchweigend. — Behntes Kapitel. Ich klopfte an Cornelius' Thüre; er öffnete ſie; auf der Flur war es dunkel, ich konnte ihn nicht deut⸗ lich ſehen; ich richtete meinen Auftrag aus; er antwortete nicht, ſondern folgte mir ruhig hinab. Als er in das Zimmer trat, heftete Kate ihren Blick auf ſein Geſicht; er war blaß, zeugte aber davon, daß er gefaßt war. Er ſetzte ſich nieder und trank ſchweigend ſeinen Thee. Kaum war das Theezeug weggebracht, als Miß O'⸗Reilly den Gegenſtand, der uns ſo ſehr beſchäftigte, aufgriff und ſagte: „Was es doch für niedrige Eiferſucht gibt, Cor⸗ nelius.“ „Ja, Kate, die Menſchen ſind ſehr eiferſüchtig.“ „In dieſem Falle namentlich.“ „Es war nicht Eiferſucht,“ verſetzte er und ſchien verdrü lich.— „Der Name alſo! Ich dachte es doch: ein Smith, ein Jones, ein Jenkins würde zugelaſſen worden ſein, aber ein O'Reilly— „Kate,“ unterbrach ſie ihr Bruder erröthend,„es war nicht der NRame.“) „Was denn?“ fragte ſie mit nachdenklichem Blicke. Seine Lippe zitterte, aber er machte eine Anſtrengung und antwortete mit feſter Stimme: „Das Bild.“ „Das Bild?“ wiederholte Kate und ſchien entmuthigt. „Ja, das Bild,“ fuhr Cornelius fort, unerbittlich gegen ſich ſelbſt, gegen ſeinen jugendlichen Ehrgeiz, gegen ſeine langgehegten Träume;„nicht daß es zurückgewieſen, ärgert mich, ſondern daß es die Zurückweiſung verdiente. 122² Kate, ich habe mich bitter getäuſcht und ich bin zu der Entdeckung nicht heute erſt, ſondern vor Wochen ſchon gekommen. So lange die Kunſt unverſucht war, war der Glaube in mir, wie ein lebendiger Strom; nun iſt Ebbe eingetreten, und das Bett, in dem er einſt floß, liegt trocken.“ Er ſaß an dem Tiſche, ſeine Stirne ruhte auf ſei⸗ ner Hand, das Licht der Lampe fiel auf ſein Geſicht, in dem man vergeblich den Ausdruck einer tiefen Enttäuſchung über eine lange mit Liebe gehegte Hoffnung ſuchte. Es entſtand eine Pauſe, dann ſagte ſeine Schweſter: „Was willſt Du thun?“ „Mich nach einer andern Stellung umſehen. Ich will irgend etwas thun.“ „Wieder in die City? Warum nicht Arbeit als Künſtler ſuchen?“ „Und als Handlanger die Arbeit thun, die ich als Meiſter thun zu können hoffte,“ verſetzte Cornelius und wurde roth bis zu den Schläfen.„Nein, Kate, das wäre wahrhaftig eine Herabwürdigung,“ „So willſt Du alſo das Malen aufgeben?“ „Ganz und gar.“ Sie ſprang von ihrem Sitze auf, ging zu ihm hin, legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte mit Wärme: „Laß die City, den Handlanger und das Malen den Enthuſiaſten. Du haſt Jugend, Talent, Energie: wähle die Carriere eines Gentleman, arbeite und mache Deinen Weg wie Du kannſt, wie Du willſt— ich werde die Mittel dazu finden.“ „Ich kann nicht,“ verſetzte Cornelius nach einer Pauſe, „So willſt Du alſo zur Malerei zurückkehren!“ rief ſeine Schweſter heftig. „Wenn ich nicht gute Bilder malen kann, Kate, ſo will ich wenigſtens nicht ſchlechte malen.“ „Was willſt Du aber thun?“ „In die City—“ 123 „Die City! die ſchmutzige, räucherige City für einen iriſchen Gentleman, von reinem mileſiſchem Blute, ohne ſchottiſche oder ſächſiſche Vermiſchung— und Einer, der ſich noch dazu O'Reilly nennt. Cornelius, kehre zur Malerei zurück.“ „Kate,“ antwortete er, wie es ſchien, von dieſer Verhandlung unangenehm berührt.„Das liegt nicht bloß im Willen des Menſchen; ich kann nicht mehr malen; mein Glaube iſt dahin. Du kannſt das Atelier zuſchließen; die Staffelei mag an die Wand gelehnt werden; Pinſel und Palette Deines Bruders ſollen nicht mehr thätig ſein.“ „Aber mein Bruder ſoll auch nicht Comptoiriſt ſein,“ ſagte ſie in entſchiedenem Tone. Cornelius furchte die Stirne und ſchien auf ſeinem Willen beharren zu wollen. „Aber, warum?“ rief ſie ungeduldig;„willſt Du mir wohl ſagen, warum?“ „Du fragſt?“ verſetzte er und erhob ſich von dem Sopha, auf das er ſich wieder mit ſeiner bekannten Indo⸗ lenz gelegt. „ Ja! und ich möchte es wiſſen, Cornelius,“ ſagte ſie und kehrte ruhig zu ihrem Lehnſtuhle zurück. „Kate, als James ſeine Muhme nicht heirathen konnte, ein einfaches ſchlichtes Mädchen, warum ging er da nach der London Bridge und ſtürzte ſich hinab.“ Miß O Reilly ſprang von ihrem Sitze auf. „Poſſen!“ rief ſie, erröthend,„Du wirſt doch die⸗ ſen Sprung nicht machen, weil Du nicht Bilder malen kannſt!“ „Rein, aber ich will es machen, wie James. Ich kann das Mädchen nicht haben, das ich liebe— ſo will ich auch keine andere haben; ich kann die Malerei nicht heirathen, ein Mädchen, ſo ſchön wie der Mai, ſo roſig, wie der Juni, friſch, wie ein ewiger Frühling; und Du glaubſt, Kate,“ fügte er unwillig hinzu,„Du glaubſt wirk⸗ lich, ich würde die finſtere Juſtiz, die häßliche Medizin, 124 oder eine jener alten Frauen heirathen, um die die Men⸗ ſchen wegen ihres Geldes freien,— nein, wahrlich nicht!“ Er ſprach im entſchiedenſten Tone und ſank in ſeine frühere Lage zurück. „James war ein Narr!“ ſagte Kate heftig. „Das war er; und wenn auch kein Mädchen mit der Malerei verglichen werden kann, und die Liebe, von der ſo viel geſungen worden, kalt und zahm iſt im Ver⸗ gleiche mit der Leidenſchaft, die eines wahren Malers Herz erfüllt, ſo werde ich mich doch nicht in's Waſſer ſtürzen, weil mir die herrliche Gabe verſagt iſt und ich dieſer Mann nicht ſein kann.“ Er lachte ziemlich ſchmerzlich, als er dieß ſagte. „Ja, aber Du willſt auch nichts anderes thun,“ verſetzte Kate. „Ich kann es über mich gewinnen, nichts zu thun. Daiſy, warum bringſt Du Deine Bücher nicht, wie gewöhnlich?“ Ich gehorchte, aber ich konnte meine Gedanken nicht auf den Ünterricht hefteu. 9„Kind,“ ſagte Cornelius ungeduldig,„woran deukſt u?⸗ Ich dachte daran, daß er kein Künſtler ſein ſollte. Daß er die Malerei, den Ruhm, das Glück aufgeben wollte, und als er die Frage an mich richtete, brach ich in Thränen aus. „Ich verſtehe,“ ſagte Cornelius ruhig,„Du kannſt Deine Lection nicht“ Er ſchloß das Buch, ging zum Piano und ſang, wie gewöhnlich. Es war klar, Cornelius verſchmähte die Theilnahme. Er hatte kein Mitleid mit ſich und wollte keines von andern. Wenn er auch litt, ſo hätte doch ſein eiferſüch⸗ tiger Stolz ihm nicht erlaubt, es zu geſtehen, aber wir ſahen, daß er nicht glücklich war. Er ſah ſich mit der finſtern Art, mit der der Mann den Strick auswählt, an —— — 125 den er gehängt werden ſoll, nach einer andern Stellung um. Sein ſchönes Geſicht entſtellte ein bitterer Aus⸗ druck, ſein freundliches Lächeln wurde ironiſch und ſar⸗ kaſtiſch; er hatte Anfälle der traurigſten Luſtigkeit; er war ſogar ſo mißtrauiſch, daß wir ihn kaum anzuſehen wagten. Drei Wochen waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, als ich mit Cornelius und Kate im Garten ſaß, und da ich ihn in beſſerer Stimmung, denn gewöhnlich glaubte, mit einſchmeichelndem Tone ſagte: „Cornelius, was wird der Gegenſtand Deines näch⸗ ſten Bildes ſein?“ Er wandte ſich um und warf mir einen ſo ernſten Blick zu, daß ich erſchrocken mich zurückzog. „Wie kannſt Du ſo vorlant ſein?“ ſagte Kate un⸗ gehalten. Ich antwortete nicht, ſondern verließ ſie nach eini⸗ ger⸗Zeit. Ich ging in's Haus und ſtahl mich in's Atelier hinauf, um im Stillen darüber nachzudenken, ob es denn eine gar ſo große Beleidigung ſei, ihn daran zu erinnern. Die Staffelei ſtand an der Wand; die Papiere und Portefeuilles waren mit Staub bedeckt; die Zeichnung einer Baumgruppe, das Letzte, womit er beſchaͤftigt ge⸗ weſen, lag unvollendet und beſchmutzt durch das Umher⸗ fahren da. Ich öffnete eines der Portefeuilles: es ent⸗ hielt die werthvollſten Zeichnungen. Ich nahm ſie her⸗ aus, knieete auf den Boden und legte ſie um mich her. Ganz in der Anſchauung vertieft, hörte ich Cornelius gar nicht eintreten, bis er dicht neben mir ſagte: „Was thuſt Du hier?“ „Ich ſah dieſe Bilder an,“ verſetzte ich verlegen. „Da haſt Du Dir eine große Freiheit genommen.“ Ich begann ſchweigend die Zeichnungen in das Porte⸗ feuille zurückzulegen; er ſagte kurz: „Sie ſind ganz gut auf dem Boden,“ damit ſchritt . er über ſie hin nach dem Fenſter. „Cornelius,“ ſagte ich ängſtlich,„Du ſtehſt auf dem — — 126 Kopf des armen italieniſchen Knaben und wirſt auf das Blumenmädchen treteu.“ „Sie verdienen höchſtens verbrannt zu werden,“ lau⸗ tete ſeine miſanthropiſche Antwort. „Laß' ſie mich wegnehmen,“ bat ich. Er ſchien ärgerlich antworten zu wollen, faßte ſich jedoch und trat bei Seite. Ich nahm die Zeichnungen, legte ſie ſorgfältig in das Portefeuille, fügte noch ein paar andere hinzu und ſuchte einen Blick von Cornelins zu erhaſchen: er ſah mich unfreundlich an. „Lege das Portefeuille dorthin,“ ſagte er. „Bitte, verbreune ſie nicht!“ rief ich voll Thränen. „Verlaſſe das Zimmer,“ ſagte er ungeduldig. Ich gehorchte, an der Thüre ſah ich aber, wie Cor⸗ nelius nach dem Kamine ging und die Schwefelhölzer⸗ ſchachtel herabnahm. Er konnte eine Cigarre anzünden oder die Zeichnungen verbrennen wollen. „Thus nicht, bitte, thu's nicht!“ flehte ich. „Thu’s nicht, was?“ fragte er, das Schwefelhölz⸗ chen anzündend. „Verbrenne Deine ſchönen Zeichnungen nicht, Cor⸗ nelius, thu' es nicht.“ „Daiſy, ſagte ich Dir nicht, Du ſollſt das Zimmer verlaſſen?“ Ich ſtand an der Thüre, ich öffnete und ſchloß ſie wieder; unfähig jedoch, der Verſuchung zu widerſtehen, mich von dem Schickſale der Zeichnungen zu verſichern, ſah ich durch das Schlüſſelloch: als die Thüre ſich plötz⸗ lich öffnete und Cornelius auf die Schwelle trat. „Geh' augenblicklich hinab,“ ſagte er ärgerlich. Ich gehorchte, und weinend vor Schmerz und Kum⸗ mer trat ich in das Wohnzimmer, wo Kate nähend ſaß. „O Kate!“ rief ich unter bittern Thränen,„Corne⸗ lius verbrennt ſeine Zeichnungen!“ „Wirklich!“ lautete ihre ruhige Antwort. — —— „Er befahl mir, fortzugehen; bitte, geh' und hindere hn daran.“ „Sind es ihrer Viele?“ fragte ſie. „Drei große Portefeuilles und ein kleines.“ „Das muß eine ganze Maſſe ſein.“ „Du könnteſt noch einige retten, wenn Du ſogleich hinaufgingeſt.“ „Es wird einige Zeit dauern,“ ſagte ſie ſinnend; „beſſer, wenn ich mit dem Thee noch etwas warte.“ „Kate, ſie werden alle verbrannt, wenn Du nicht 74 eh 3 8. 3 hoffe, er wird vorſichtig ſein,“ ſagte Miß O Reilly etwas unruhig;„er wird doch wohl das Kamin nicht in Brand ſtecken. Es war klar, ſie wollte keinen Schritt thun, um die Zeichnungen zu retten. Ich ſetzte mich in die dunkelſte Ecke des Zimmers und grämte mich ſtill über das elende Ende ſo mancher ſchönen Phantaſie. Es dauerte lange, bis Cornelius herabkam; er bedauerte, den Thee ſo lange verzögert zu haben. „Es iſt gleichgültig,“ ſagte Kate ſeufzend.„Daiſy, wo biſt Du? Das Kind träumt den ganzen Tag.“ „Hier bin ich, Kate,“ ſagte ich und ſtand auf. „Bringe Cornelius ſeine Taſſe.“ „Was iſt denn mit ihr?“ fragte er. „Sie iſt ein thöricht Kind,“ verſetzte Miß O'Reilly. Als ich Cornelius die Taſſe reichte, ſah ich ſeine Schweſter ihm einen Blick voll tiefen Mitleids zuwerfen. Er lächelte freundlich; ſie ſeufzte; er fragte, was das zu bedeuten habe. „Man muß gar manches Schmerzliche ertragen,“ lautet ihre zweideutige Antwort. „Allerdings, Kate.“ Es erheiſcht einen ſtarken Geiſt,“ fuhr ſie fort. Er ſchien verlegen. — ———y — —— „Aber es iſt gut, der Sache raſch ein Ende zu machen.“ „Kate, was heißt das?“ „Es iſt gerade kein Ereigniß; aber ich bewundere Deinen Muth.“ 4 „Meinen Muth? Worin?“ „Nun, natürlich, daß Du Deine Zeichnungen ver⸗ brannt.“ Er biß ſich auf die Lippen, erröthete und ſagte ernſt: „Ich habe ſie nicht verbrannt, Kate.“ „Sie nicht verbrannt!“ rief ſie mit einem ſtrengen Blick auf mich. 6„Daiſy verdient keinen Tadel,“ ſagte Cornelius raſch. „Sie nicht verbrannt!“ fuhr Miß OReilly fortz „und ich wartete mit dem Thee, bis Du ſie vernichtet,„ und wollte Dich nicht ſtören.“ 1 „Ich danke Dir für Deine Aufmerkſamkeit, Kate.“ „Sie nicht verbrannt!“ ſagte ſie mit einem miß⸗ trauiſchen Blick,„und was thateſt Du denn oben, Cor⸗ nelius?“ „Ich vollendete eine kleine Sache, die ich Dir mor⸗ gen zeigen will.“ 3 „Er liebäugelt gewiß wieder mit der Malerei,“ ſagte Miß O Reilly und blickte dabei unruhig hin und her. A„Ich hoffe über das Liebäugeln hinaus zu ſein, ate.“ „Mein armer Junge, glaub' ihr nicht— ſie iſt eine herzloſe Coquette.“ 4 „Nein, Kate, ſie iſt nur ſpröde— ein reizender weisüiher Fehler, der ſie nur um ſo unwiderſtehlicher macht.“ 4 „Du haſt ſchon einmal um ſie geworben.“ „Und ſie nicht erhalten; ich muß noch einmal freien ein zaghaft Herz hat nie ein ſchönes Weib bekommen.“ — Er ſprach ſo heiter, ſah ſo glücklich aus, daß die Wolke auf dem Antlitz ſeiner Schweſter verſchwand. Sie unterdrückte einen Seufzer und ſagte lächelnd: „Ich war thöricht, auf das Gelübde eines Mannes in Liebesangelegenheiten zu vertrauen; das iſt Alles.“ „Ja,“ ſagte er in entſchiedenem Tone:„ich weiß, ich gelobte vor einigen Wochen, ihr zu entſagen; aber nun ſchwöre ich, ich kann nicht; kein Menſch kann ſich von ſeiner Natur trennen.“ „Was willſt Du thun?“ fragte ſie. „Alles, Kate,“ verſetzte er, und ſeine Augen leuch⸗ teten voll Hoffnung und Feuer:„nichts wird mir zu gering, keine Arbeit zu hart ſein.“ Ich konnte nicht länger an mich halten. Der Ge⸗ fahr, ſeine Taſſe umzuwerfen, trotzend, ſchlang ich meinen em um Cornelius' Hals, und vor Freude weinend, rief ich: „O, wie freut es mich, daß Du ein großer Maler werden willſt— und weder den italieniſchen Knaben, noch das arme Blumenmädchen verbrannteſt.“ „Bin ich ein Inquiſitor?“ fragte Cornelius lächelnd. „Sie iſt ſo toll, als er,“ ſagte Kate und ſchüttelte den Kopf;„ja, ſie iſt vielleicht noch ſchlimmer.“ Er lachte, zog mich auf ſeine Kniee und liebkoste mich ſo herzlich, daß ſelbſt meinem verlangenden Herzen Genüge geſchah. Der großen Aufregung, mit der ich ſeine Rückkehr zur Kunſt vernommen, folgte eine tiefe Abſpannung und Gleichgültigkeit gegen alles Andere. Cornelius mußte mich an den Unterricht erinnern. Ich weiß nicht, wie ich ihm antwortete; aber mitten in der Stunde warf er die Bücher weg, ſagte, es ſei genug, und ließ mich zu ſich auf das Sopha ſitzen. Kate ſchien nicht damit zufrieden. Cornelius war ſtets ſehr freundlich gegen ſie, aber ſo freundlich hatte ich ihn noch nie ge⸗ ſehen, als an dieſem Abend. Er las, ſang, ſpielte, Daiſy Burns. I. 9 enn trat er an das Sopha, auf welchem ich lag, und it der liebevollſten Zärtlichkeit, der ich mich ſtets erin⸗ nern werde, zwang er mich, ihm zu ſagen, ob ich irgend etwas wünſche. „Nein, ich danke,“ antwortete ich matt. „Ein Buch?“ fragte er,„nicht? nun denn, ein Arbeitskiſtchen aus Roſenholz— ein Tiſchchen? Ich habe etwas Geld, Kind; hier!“ Er zog ſeine Börſe heraus und zeigte ſie mir; ich dankte ihm jedoch und wies das Geſchenk zurück. „Gibt es wirklich nichts, was Du möchteſt?“ fragte er. „Ich möchte den Gegenſtand Deines nächſten Bildes wiſſen.“ ſ„Als ob ich nur eines malen würde,“ antwortete er heiter; und er beſchrieb mir nun in kurzen Umriſſen eine herrliche Sammlung heiliger Familien, große hiſto⸗ riſche Schlachten, tragiſche Geſchichten, neblige Land⸗ ſchaften, anmuthige häusliche Scenen, bie ich entzückt von dem Reichthum, aber erſtaunt über die Maſſe, aus⸗ rief: „Cornelius, dazu bedarf es ja einer ganzen Galerie, um ſie aufzunehmen.“ „Nun, ſo wollen wir eine bauen,“ verſetzte er und ſuchte ein Lächeln zu unterdrücken,„und wenn Du wie⸗ der traurig biſt, wie dieſen Abend, ſo wollen wir darin umherwandeln. Sieh' ſie an, Kate,“ fügte er hinzu und wandte ſich an ſeine Schweſter,„ſcheint ſie Dir nicht auch beſſer auszuſehen?“ „Mir ſcheint,“ antwortete Kate erſtaunt,„ich ſah Dich noch nie um ein Mädchen oder eine Frau ſo mü⸗ hen, als dieſen Abend um das kleine blaſſe Geſicht. Ich glaube, die thörichte Art, wie ſie Deinen Bildern huldigt, hat Dein Herz erobert.“ „Da Du es gefunden, ſo iſt es unnothig, zu läug⸗ 131 nen. Ich warte auf Daiſy. Nicht wahr?“ füg hinzu und wandte ſich lächelnd nach mir um. „Nein,“ verſetzte ich etwas ungehalten. „Sie will mich nicht haben,“ ſagte er und that, als ob er ſehr niedergeſchlagen wäre;„undankbares Kind! habe ich Dir dafür ſo oft Aepfel, Pfefferkuchen und Nüſſe nach Hauſe gebracht, die nicht härter waren, als Dein Herz.“ rootz dieſer pathetiſchen Appellation beharrte ich auf meiner Weigerung: ich konnte Cornelius ſelbſt im Scherze nur als meinen theuren Adoptivvater betrachten. Miß O Reilly ſchnitt die Verhandlung kurz ab, indem ſie ſagte, es ſei lächerlich für kleine Mädchen, die noch nicht mal zwölf Jahre ſeien, bis ſo ſpät aufzubleiben. Als ſie ſich erhob und mich bei der Hand nahm, ſagte ich Cornelius gute Nacht. Er küßte mich, nicht ein⸗, ſondern zwei⸗, dreimal, und ſo viel zärtlicher, denn gewöhnlich, daß Kate lächelnd ſagte: „Du biſt ganz vernarrt in das Kind.“ „Ja, Kate, das bin ich. Nächſt Dir gibt es nichts in der Welt, was ich ſo liebte, und nie habe ich dies mehr gefühlt, als dieſen Abend.“ Meine Wange lag an der ſeinen, ſein reiches Haar fiel mir ins Geſicht, ſeine Augen ſahen mit einigem Kummer in die meinen. Ich fühlte, wie ſehr, wie treu, wie rein der gute junge Mann das Kind liebte, das er adoptirt hatte, und ſeine innige Umarmung erwiedernd, war ich ſelbſt im Gefühle eines leiſen Schmerzes glücklich. Ich glaube an die Ahnungen des Herzens, ich glaube, daß Cornelius und ich an dieſem Abend, in dieſem Augenblicke ſolche unbewußt hatten, und daß beide, wenn auch verſchieden von einander, erfüllt werden ſollten. Am folgenden Tage wußte Cornelius, warum er mich ſo un⸗ gewöhnlich lieb gehabt: ich war gefährlich krank, und Tohe und Wochenlang verzweifelte man an meinem eben. Elftes Kapitel. Jene Zeit erſcheint mir noch immer wie ein leerer Raum, auf deſſen unklarem Hintergrund zwei Bilder lebendig und deutlich hervortreten. Das eine davon iſt Cornelius, der bei mir ſaß und meine Hand in der ſei⸗ nigen hielt: das andere das einer großen, blaſſen und blonden Frau, die am Fuß meines Bettes, in Weiß ge⸗ kleidet, ruhig und ſchön, wie eine Viſion ſtand. Ich hatte ſie nie zuvor geſehen und erinnere mich noch, wie ich mein armes fieberndes Hirn vergeblich quälte, her⸗ auszubringen, wer ſie war. Auch kann ich mich dunkel entſinnen, daß ich eines Tages die Frage wagte:„Wer ſind Sie?“ „Miriam,“ antwortete ſie mit einer Stimme, ſo zart und ſo kalt wie eine Silberglocke, und legte dabei ihre Finger auf die Lippen, um mir Schweigen einzu⸗ ſchärfen. Der Name ſagte mir nichts, aber mein un⸗ ruhiger Geiſt war zu verwirrt, um mich irgend einen Gedanken verfolgen zu laſſen. Ich gewöhnte mich an ihre Gegenwart, ohne weiter über ſie nachzudenken. Ein andermal erinnere ich ſie mir noch beſſer. Sie ſtand am Fuß des Bettes, halb von dem Vorhange verdeckt Etwas entfernter ſprach Cornelius mit einem ernſten Manne; obgleich ſie nur flüſterten, weckten dieſe Töne mich doch aus meiner träumeriſchen Bewußtloſigkeit. „Ich kann Ihnen keine Hoffnung machen,“ ſagte der Arzt, denn als ſolchen erkannte ich ihn augenblicklich, nes wird mit einer Entkräftung enden.“ „O Doctor!“ flehte Cornelius,„ſte iſt ſo jung, kaum zwölf.“ 133 „Mein lieber Herr! wir können keine Wunder thun, und ſolch' reizbare Kinder—“ 3 „Aber meine arme kleine Daiſy iſt ſo ruhig,“ un⸗ terbrach ihn Cornelius,„Sie haben noch nie ein ſo ru⸗ higes Kind geſehen; ſie kann ganze Stunden ſtille ſitzen, während ich zeichne oder male.„Wahrhaftig, Sir,“ fügte er mit einem ernſten Blick hinzu,„ſie iſt das ru⸗ higſte kleine Geſchöpf, das lebt.“ „Nun, mein Herr,“ antwortete der Doktor,„ich will nicht ſagen, daß ſie dieſe Krankheit nicht überleben kann, aber ſie iſt zu ſchwach, zu zart, um mir große Hoffnung für die Zukunft zu laſſen.“ Er ging. Als er fort war, beugte ſich Cornelius über mich.„Meine arme kleine Daiſy,“ ſagte er leiſe und traurig,„meine arme, kleine Daiſy, ich dachte nicht, daß Du ſo frühe dahinwelken müßteſt.“ Zwei heiße Thränen fielen auf mein Geſicht. „Mr. O Reilly,“ ſagte eine weiche Stimme hinter ihm,„das Kind wird leben, Sie lieben es zu ſehr, als daß es ſterben könnte.“ Ich ſah durch meine halbgeſchloſſenen Augenlider. Miriam ſtand neben Cornelius; ſie hatte ihre Hand auf ſeine Schulter gelegt; er ſaß halb nach ihr umgewandt und blickte ſie ſtaunend an. Sie lächelte und fuhr fort: „Mein Kind war von den Aerzten dreimal auf⸗ gegeben; aber ich liebte es; ich wollte es nicht von mir laſſen: es blieb bei mir: Ihr Kind bleibt auch bei Ihnen.“ „Möge Gott Sie für dieſe Prophezeiung ſegnen!“ antwortete er in leiſem Tone und drückte ſeine Lippen auf ihre Hand; ſie erröthete und ich ſah Kate, welche in dieſem Angenblick eintrat, verwundernd auf der Schwelle ſtehen bleiben. Am ſelben Tage trat eine günſtige Kriſis ein und als der Arzt wieder kam, erklärte er mich außer Gefahr. Nur Kate und Cornelius waren zugegen, ich werde ihre 1 1³3⁴4 Freude nie vergeſſen: ſie hätten, wäre ich ihr eigen Kind geweſen, keine aufrichtigere und größere Freude äußern können. Das glückliche Geſicht von Cornelins, als er ſich über mich beugte und mir einen Kuß gab, wäre allein ſchon unvergeßlich. Ich genas ſehr raſch: eine meiner erſten Bitten war, nach dem Atelier gebracht zu werden, und nachdem man alle Vorſichtsmaßregeln ge⸗ troffen, damit ich mich nicht erkälte, wurde mein Wunſch an einem ſchönen Julimorgen erfüllt. Ich betrachtete das Bild, das Cornelius während meiner Krankheit be⸗ gonnen, dann bat ich ihn, mich an das offene Fenſter zu bringen. Es hatte die Ausſicht auf unſern Garten und den unſerer Mietherin, Miß Ruſſel, einer ältern, unver⸗ heiratheten Dame, die ich bisher nur mit wenigen Blicken aus der Ferne geſehen. Ich war gewöhnt, ihren Garten ſo ruhig und einſam zu ſehen, als den unſern, dem er glich; zu meinem großen Staunen gewahrte ich auch dort eine fremde Gruppe. In der Geisblattlaube ſaßen zwei Damen; die eine las einer alten blinden Frau vor, welche nach einer Weile ſagte:— „So, genug für heute, mein gutes Kind.“ auf„Wollten Sie hineingehen?“ fragte die junge Dame anft. „Ich glaube, ja. Sie brauchen ſich nicht zu bemü⸗ hen, Miß Duky,“ ſagte ſie und wandte ſich an die an⸗ dere Dame,„meine liebe junge Freundin wird es thun.“ Die Dame, welche bisher geleſen, half der alten Frau aufſtehen und führte ſie mit großer Vorſicht hinein. Bald kehrte ſie allein zurück, nahm ihren Platz wieder ein und las nun in einem kleinen Buche für ſich. Sie trug ein weißes Kleid, und den Kopf leicht geſenkt und das Buch auf der Schooß, ſah ſie ſo ruhig und ſtill wie eine Gar⸗ tenſtatue aus. Die andere Dame war ſehr jung, ein reines Kind, klein, hübſch, friſch wie eine Roſe und mit dunkeln glänzenden Locken. Sie war ſehr unruhig geweſen während des Leſens 13⁵ und hatte zwei⸗ bis dreimal gegähnt. Nun ſchien ſie heiter und glücklich in ihrer Freiheit und hüpſte leicht und fröhlich wie eine Biene um die Laube. Eine zarte Grazie lag in ihrer kleinen Perſon, deren Beweglichkeit ſo eigenthümlich ſchien, als die Ruhe der andern Dame. Sie ſprang mit unermüdlicher Lebendigkeit im Garten umher; bald pflückte ſie eine Blume, bald beraubte ſie einen Strauch ſeiner Blätter; dann wandte ſie ſich wieder an die ältere Dame und rief im Tone eines verwöhnten Kindes: „Miriam, höre mit dem Leſen auf; willſt Du nicht?— ſo nimm das!“ Damit riß ſie eine Roſe ab und warf ſie nach ihr. Miriam erhob ihr ſchönes Geſicht, das ruhig blieb, wie die Oberfläche eines unbewegten See's und ſagte mit der ſanfteſten Stimme: „Kind, was iſt das?“ „Lies nicht.“ Miriam ſchloß ihr Buch. Komm' hierher.“ Miriam ſtand auf und ging zu ihr. „Wie magſt Du der alten blöden Pflegemutter vor⸗ leſen?“ fuhr das Kind fort,„ich mag den Baxter nicht.“ „Sie hat es gerne, mein Liebling, und dann iſt ſie blind und kann nicht ſelbſt leſen.“ „Aber wenn ich ſo eiferſüchtig auf Dich wäre, als Du auf mich,“ fuhr ſie fort, welche von der alten Frau Sanh genannt worden,„ſo würde ich es nicht gerne aben.“ Sie legte ihren Lockenkopf an die Schulter der ſchö⸗ nen Miriam, die ſie lange in ihrer Umarmung hielt. Dann gingen ſie Arm in Arm im Garten auf⸗ und nie⸗ der und ſprachen leiſe. Ich wandte mich an Cornelius, um ihn zu fragen, wer die Damen ſeien; er ſtand hin⸗ ter mir und blickte aufmerkſam hinab. —— ————— ————— 136 „Cornelius,“ ſagte ich,„kam die Dame nicht, ſo lange ich krank war und ſah nach mir ²“ „Ja, mein Kind,“ antwortete er, ohne mich anzu⸗ ſehen, indem er zu ſeiner Staffelei zurückkehrte. „Wer iſt es?“ „Miß Ruſſel, die Nichte unſerer Mietherin.“ „Wer iſt die Andere?“— „Ihre Schweſter.“ „Sind ſie ſchon lange hier, Cornelius?“ „Sie kamen in der Woche, als Du krank wurdeſt.“ „Kam Miß Ruſſel oft, um nach mir zu ſehen?“ „Jeden Tag; eine Nacht wachte ſie ſogar bei Dir.“ „Sie iſt in jüngſter Zeit nicht mehr gekommen, Cornelius?“ „Nein,“ antwortete er, immer noch, ohne mich an⸗ zuſehen.„Sie kam eines Tages, ohne daß man ſie ge⸗ beten und kam nicht mehr, als Du außer Gefahr warſt.“ „Wie gut ſie gegen ihre Pflegemutter ſcheint!“ „Sie iſt die reine Güte.“ „Und wie lieb ſie ihre Schweſter hat.“ „Sie iſt in ſie vernarrt.“ „Und doch iſt ſie weit ſchöner— nicht wahr?“ fügte ich hinzu und ſah wieder in den Garten hinunter, wo die Schweſtern in der Laube ſaßen, Cornelius ver⸗ ließ die Staffelei, um gleichfalls hinabzuſehen. „Poſſen, Kind! ſagte er lächelnd.„Die Kleine iſt bei weitem die Schönere von den Beiden,“ fügte er hinzu, als die Thüre ſich öffnete und ſeine Schweſter eintrat. „Hm,“ ſagte Miß OReilly, die man herbei geru⸗ fen hatte,„Deine Augen ſind beſſer, als die meinen, Cornelius, um in ſolcher Entfernung zu ſehen; aber ich halte Miß Ducky für ein hübſches, kleines Bombelchen und ihre Schweſter für eine feine Dame, wenn au etwas kalt.“ 1 „Bombelchen!“ wiederholte Cornelius ungehalten, „warum, Kate, ſie i*ſt außerordentlich ſchön?“ 13³⁷ „Befürchteſt Du nicht, das Kind möchte ſich erkäl⸗ ten?“ ſagte Miß O'Reilly und trat an das Fenſter, das ſie mit einem mißtrauiſchen Blicke ſchloß, der zu ſagen ſchien:„Ich wünſchte, Du wäreſt nicht da.“ Ich brachte noch ungefähr eine Stunde bei Corne⸗ lius zu, der ſein Möglichſtes that, mich zu unterhalten, indem er von der Gallerie ſprach; dann führte er mich in das Zimmer hinab, wo mir Kate Geſelſſchaft leiſtete. Ich fragte ſie wegen Miß Ruſſel, erfuhr aber wenig. Sie ſagte, es ſei ſehr freundlich von ihr, daß ſie ge⸗ kommen, obwohl ich ihrer nicht bedurfte; kalte Lente ſeien oft höchſt eigenthümlich und anderes dergleichen, was ich nicht verſtand. Ich fragte, ob ſonſt noch Je⸗ mand gekommen. „Mr. Smalley, der die Pfarrei von Dorſethire nicht erhalten und Mr. Trim kamen mehrere Male.“ „Ich hoffe, Mr. Trim küßte mich nicht,“ ſagte ich unwillig, denn dieſe liebenswürdige Perſönlichkeit war immer noch ſehr huldvoll gegen mich geſinnt. „Poſſen, Kind! ich verſichere Dich, ſie waren beide mehr in den Anblick von Miß Ruſſel vertieft, als daß ſie hätten an Dich denken können. Schlafe, denn ſie wer⸗ den heute Abend kommen und ich weiß, Cornelius möchte Dich eine halbe Stunde hinunter bringen.“ Ich that mein Möglichſtes, ihrem Wunſche zu ent⸗ ſprechen und es gelang; Abends wurde ich angekleidet oder vielmehr eingewickelt wie eine Mumie, ſagte Cor⸗ nelius, als er mich in ſeinen Armen hinabtrug. Er hatte mich kaum auf das Sopha gelegt, als Deborah „Miß Ruſſel“ meldete. 4 Ein hübſcher Kopf mit herabhängenden Locken ſah herein und verſchwand alsbald wieder. „Kommen Sie doch, Miß Ruſſel,“ ſagte Kate und ſtand auf. „Sie ſind beſchäftigt,“ lispelte eine feine Stimme hinter der Thüre. 138 „Keineswegs, bitte, treten Sie ein.“ „Sie— ſie ſind beim Thee.“. „Wir werden nicht vor einer Stunde trinken, bitte, kommen Sie herein.“ „Ich werde lieber ein andermal kommen,“ ſagte die kleine Stimme, welche noch immer von der Thüre aus ſprach. „Mein Bruder ſchreckt Sie doch nicht zurück?“ „O nein!“ ſtotterte die ängſtliche Sprecherin in einem Tone, welcher ſagte:„Ja— allerdings.“ Kate erhob ſich und ging nach der Thüre. Wir hörten ein Kichern, eine kleine Verneinung und endlich ſahen wir Miß O'Reilly in das Zimmer treten und das ſchüchterne Geſchöpf hereinführen. Miß Ducky war in be⸗ zaubernder Verlegenheit, voll namenloſer Beſcheidenheit. Sie wollte ſich erkundigen, wie es mit dem kleinen Mädchen gehe— ſehr erfreut, daß ſie ſich wieder wohl befinde. Sich ſetzen. Nein, man werde ſie entſchuldigen. Sie ſprach mit jener mädchenhaften Flüſſigkeit der Rede und ſchüttelte dabei oft die ſchönen Locken; die glänzenden, dunkeln Augen ſahen überall hin nur nicht in der Richtung von Cornelins. Kate ſuchte ſie verge⸗ bens zum Sitzen zu nöthigen, als das ſchöne Geſchöpf durch den Eintritt von Mr. Smalley und Mr. Trim auf's Neue beunruhigt wurde. In ihrer Verlegenheit eilte ſie nach dem Bogenfenſter, ſtatt nach der Thüre, 3 „— war ſehr erſtaunt über ihren Mißgriff— ſo thöricht — ſo blöde—“ und ſtand anmuthig erröthend da, als Kate ſie endlich ſich zu ſetzen beredete. Inzwiſchen hatte ich die Glückwünſche von Mr. Smalley und Mr. Trim in Empfang genommen, welche beide neugierig nach Miß Ducky ſahen. Es konnte keine ſolche Kokette mehr geben. Die Vorſtellung war kaum vorbei, als ſie Mr. Trim mit einem Blick, Mr. Smalley mit einem Lächeln und Cor⸗ nelius mit einem Blick, Lächeln und Wort angriff und — 139 bald hatte ſie alle Drei geangelt, was ihr keine geringe Freude zu bereiten ſchien. Mr. Trim, den die Damen nicht an ſolche Gunſtbezeugungen gewöhnt hatten, ſchien entzückt und huldigte ihr mit der unbegrenzteſten Bewun⸗ derung. Nachdem er Miß Ducky gebeten, ſich nicht im geringſten zu geniren und ſeinen Stuhl näher zu dem ihrigen gerückt, fragte er, ihr in die Augen blickend, wie viele Herzen ſie ſchon gebrochen. „Ich zerbrach geſtern ein Herz von Karneol,“ ant⸗ wortete ſie ernſt;„ich war ſehr betrübt.“ „Könnte es nicht wieder hergeſtellt werden?“ fragte Mr. Smalley unſchuldig. „Ich weiß nicht,“ antwortete ſie naiv,„ich ver⸗ ſuchte es nicht; ich trug es gewöhnlich um meinen Hals — es liegt jetzt in meiner Schublade.“ „Armes Herz!“ ſagte Cornelius theilnahmevoll. Sie lachte und ſchüttelte heiter ihre Locken, plötzlich aber wurde ſie ſo ſtill, wie eine Maus und mit dem ängſtlichen Blick eines Kindes, das über einem Vergehen ertappt wird, ſah ſie nach der Thüre, auf deren Schwelle ihre Schweſter unangemeldet ſtand. Miriam trat ruhig ein, ging an Cornelius und mir vorbei, ohne uns einen Blick zu gönnen und entſchul⸗ digte ſich bei Kate wegen ihres Eindrängens; aber Miß WDuciy ſei zum großen Schrecken ihrer Verwandten plötz⸗ lich vermißt worden; nur der Klang ihrer Stimme habe ſie von ihren peinlichen Vermuthungen befreit. Miß Ducky hörte dies alles mit niedergeſchlagenen Augen und bußfertigem Geſichte an und ſchien bereit zu ſein, ihrer Schweſter zu folgen, welche hartnäckig einen Sitz aus⸗ geſchlagen. Mr. Trim ſchien ſie um jeden Preis zurück⸗ halten zu wollen und ſagte, mit den Händen auf den Knieen und etwas vorgebeugt, um Miriam in das ſchöne Geſicht zu ſehen: „Ihre Schweſter, Madame, ſprach uns von den Herzen.“ 3 140. „Ich ſprach nur von dem aus Karneol,“ unter⸗ brach ihn Ducky verlegen. Miriam betrachtete Mr. Trim mit ihren ſanften, blanen Augen, wünſchte Miß O'Reilly guten Abeud, 3 lächelte Mr. Smalley zu, welcher erröthete, und ging mit ihrer Schweſter wieder an Cornelius und mir vor⸗ ¹ bei, ohne uns mehr, als einen kalten Gruß zu gönnen. „Hübſches Mädchen!“ ſagte Mr. Trim und machte die Augen zu, als die Thüre ſich hinter ihnen ſchloß. „Hat ſie nicht wahrhaft elaſſiſche Züge,“ ſagte Mr. Smalley und ſchien überraſcht. „O, Du meinſt die Blonde,“ ſpöttelte Mr. Trim. „Paßt es für Dich, Smalley, einen Geiſtlichen, ein Mädchen zu bewundern, das ſo ſtolz iſt, wie Lucifer, gerade, weil ſie eine griechiſche Naſe hat.“ „Ich bewundere Miß Nuſſel,“ unterbrach ihn Mr. Smalley erröthend,„weil ſie, als ich ſie das erſtemal ſah, die Vorſchrift unſers göttlichen Herrn erfüllte, wel⸗ cher die Kranken zu beſuchen und die Bekümmerten zu tröſten befiehlt!’"““ „Nun jeder hat ſeinen Geſchmack,“ verſetzte Mr. Trim;„mir gefällt das kleine hübſche Ding am Beſten . und das würde auch mit Cornelius der Fall ſein, wen er nicht ein ſo abgeſagter Weiberfeind wäre. Ha! ha!“ „Ich hoffe nicht,“ ſagte Mr. Smalley mit verwun⸗ dertem Blicke auf Cornelius, der die Zumuthung nicht zurückwies, ſondern mit meiner Bitte, wieder hinaufge⸗ bracht zu werden, beſchäftigt ſchien. Ich war noch ſchwach 5 und das Sprechen machte mir Kopfweh. Ich wünſchte den beiden Beſuchen gute Nacht und mußte wiederum den Verſuch Mr. Trim's, mich zu umarmen, zurückwei⸗ ſen. Ich glaube, er wußte, wie ſehr mir ſein häß⸗ 5 liches Geſicht zuwider war und hätte einen großen ⸗ Werth darein geſetzt, wenn er mich gezwungen, ſeine Nähe zu dulden. Als ich ihn ſich grinſend zu mir herab⸗ ¾ * 141 beugen ſah, flüchtete ich in Cornelius' Arme, der etwas ungeduldig ſagte: „Laſſe das Kind, Trim.“ Mr. Trim ging zu ſeinem Stuhle zurück und ſagte traurig:„er habe niemals Glück bei Damen, während Cornelius als ein hübſcher, ungeſtümer, junger Mann, und Smalley, der auch etwas wild ſei, was die Frauen lieben—“ Ich hörte das Uebrige nicht mehr, denn Cornelius, der mich aus dem Zimmer trug, ſchloß die Thüre und murmelte etwas, wovon ich nur„Trim“ und„Unver⸗ ſchämtheit“ deutlich verſtand. Zwei Tage ſpäter war ich ſo wohl, daß mich Cor⸗ nelius auf den Armen in den Garten tragen konnte, wo eer mir eine Stunde gönnte und ſich auf die Bank neben mich ſetzte. Es war ein warmer, angenehmer Mittag und ich genoß das herrliche Gefühl der wiedererlangten Geſund⸗ heit in vollen Zügen, als Miriam Nuſſel plötzlich zu mir trat. Sie hatte immer einen ſehr leiſen Schritt und war ſo ſtille die Treppen zu uns herabgekommen, daß wir ſie gar nicht gehört. Ich ſah Cornelius das Blut in die Wangen ſteigen und fühlte, daß ſeine Hand, die die meine hielt, leicht zitterte. Miß Ruſſel ſchien ſehr ruhig; ſie fragte mich, wie es mir gehe; ich antwortete:„Sehr gut“ und dankte ihr mit leiſer Stimme. Ihre plaſtiſche Schönheit verdrängte jeden Gedanken von Vertraulichkeit; ihre weißen, gemeiſelten Züge hatten die Reinheit und Kälte eines Marmorbildes; ihr Geſicht war fehlerlos in ſeinen Umriſſen, aber es war zu farblos und ihre Au⸗ gen, obwohl fein und klar, waren gleichfalls von hellem Blau. Sie warf mir einen gleichgültigen Blick zu; dann ſagte ſte zu Cornelius, nachdem ſie einen Sitz aus⸗ geſchlagen: „Ihr Kind blieb am Leben.“ „Sie iſt noch ſehr ſchwach.“ 3 „Thut nichts, ſie wird gedeihen, wie mein Kind.“ Cornelius liebte mich zu ſehr, um nicht partheiiſch zu ſein. „Ja, ſie würde hübſch ſein, wenn ſie nicht ſo blaß wäre,“ verſetzte er. 3 „Sie verzärteln ſie, nicht wahr?“ fragte Miriam. „Kate ſagt es. Verzärtele ich Dich, Daiſy?“ Ich ſagte„Ja“ und verbarg mein Geſicht an ſeiner Schulter; ich ſah jedoch, daß Miriam lächelte, als ob es ihr Vergnügen machte, zu ſehen, wie Cornelius mich und ich ihn liebte. „Sie verwöhnt mich, aber ſie würde mich doch nicht thun laſſen, was ich will,“ ſagte eine ſanfte, lispelnde Stimme von der Veranda herab. Wir ſahen auf und erblickten Miß Ducky's hübſchen Lockenkopf, der ſich zu uns herabbeugte. Das ganze Geſicht ihrer Schweſter veränderte ſich bei ihrem Anblick. „Auch iſt ſie ſo eiferſüchtig,“ fuhr Ducky ſchmollend fort,„ich hoffe, Sie ſind nicht eiferſüchtig auf Daiſy?“ „Thöricht Kind!“ ſagte Miriam und verſuchte zu lächeln. 3 „Aber ſie liebt mich ungemein,“ fuhr Miß Ducky lächelte fort;„als Doktor Johnſon, der Dummkopf, ſagte, ich müſſe ſterben, war ſie an der Verzweiflung. Schwach von ihr. Nicht wahr, Mr. O'Reilly?“ Ihr Blick ſuchte ſo beharrlich den ſeinen, daß er ihm kaum auszuweichen vermochte. Sie war ſehr hübſch in dem Halbdunkel der Veranda und er lächelte bei dem Anblick dieſer friſchen, jungen Schönheit. Ich ſah Mi⸗ riam unruhig bald das Eine, bald das Andere anblicken, * 1 » während ſich eine Wolke auf ihrer Stirne zuſammenzog. Sie ſagte uns plötzlich Adien, ging zu ihrer Schweſter und führte ſie trotz ihres ſichtlichen Widerſtrebens hinweg. Cornelius blickte unverwandt wie ein Bezauberter nach der Stelle, wo Miriam zuletzt geſtanden; ich war nur ein Kind, aber ich wußte, er lauſchte in dieſem Angenblicke auf die ſüße und verführeriſche Stimme der Leidenſchaft, 143 die er in den früheren Jahren ſeiner Jugend nicht ge⸗ kannt und die ihn nun bezauberte. Ich beobachtete ihn auf⸗ merkſam; er begegnete meinem Blicke und ſagte ruhig: „Geſteh’, Miß Ducky iſt weit hübſcher, als ihre Schweſter.“— Wenn er erwartete, ich werde ihm widerſprechen, ſo täuſchte er ſich. 4 „Allerdings, Cornelius,“ antwortete ich,„ſie iſt hübſcher.“ 1 „Ich glaubte, Du bewunderſt Miriam mehr,“ ſagte er etwas kurz. „Ich wußte nicht, daß ſie grüne Augen hat.“ Dies war wahr. Die Farbe von Miriam's Augen — eine blaugrüne Miſchung— war der Fehler ihres Ge⸗ ſichtes; ich hatte ihn raſch entdeckt: Cornelius erröthete und brachte die Sache nie mehr zur Sprache. Miriam kam nicht wieder zu uns und hielt ſo ſtrenge Wache über ihre Schweſter, daß wir nicht mehr die Ge⸗ legenheit hatten, ſie zu vergleichen. Mit Schmerzen müſſen wir erzählen, daß das junge Mädchen beim Ein⸗ tritt des Herbſtes krank wurde und nach wenigen Wochen in den Armen ihrer Schweſter ſtarb, noch immer ein Kind und rein bis zum letzten Augenblick. Miß O'Reilly und ich ſahen die Leiche das Haus verlaſſen; als ſie vorüberkam, war es mir, als ob der Tod, um eine Bente betrogen und nicht gewillt, unſer Haus unberührt zu laſſen, ſie herausgegriffen. „Kate, glaubſt Du nicht auch, daß die arme Miß Ducky ſtatt meiner ſtarb?⸗ „Gott ſchütze uns!“ rief Kate erblaſſend,„ſage das nicht wieder!“ Aber der Gedanke hatte ſich meiner, und wenn ich mich nicht ſehr tänſche, noch eines Andern bemächtigt. Es vergingen Wochen, ehe wir etwas von der verlaſ⸗ ſenen Schweſter ſahen. Wir hörten, daß ſie von Kum⸗ mer ebenct ganze Tage lange ſich in ihr Zimmer ein⸗ ſchließe und dort über ihren Verluſt brütend, jeden Troſt unwillig zurückweiſe und ganz ihrem tiefen Schmerze nachhänge. Kate tadelte dieſes Uebermaß des Kummers; ihr Bruder äußerte kein Wort des Lobes oder Tadels. Obwohl meine Geſundheit große Fortſchritte ge⸗ macht, war ich doch noch ſehr hart und reizbar. Als Kate eines Abends ſah, daß ich kaum im Stande war, aufrecht zu ſitzen, wollte ſie mich zu Bette bringen; Cornelius war jedoch den ganzen Tag fort geweſen und da ich ſeine Rückkehr abzuwarten wünſchte, ſo begab ich mich nach dem hintern Wohnzimmer, legte mich auf ein Sopha und ſchlief ein. Ich erwachte bei dem Klang einiger Stimmen, welche im nächſten Zimmer, zu dem die Thüre offen ſtand, in lebhaftem Geſpräche begriffen waren. Ich lauſchte, noch halb im Schlafe: eine der Stimmen war die von Cornelius, der leidenſchaftlich bat, die andere die von Miriam, welche kalt abſchlug und ihn der Trenloſigkeit gegen die Todte anklagte, während er mit Wärme ver⸗ ſicherte, daß ſie allein ſeine Gedanken beherrſche. Ich ſetzte mich erſtaunt in die Höhe. Mein Zimmer war dunkel, ſie konnten mich nicht ſehen, aber ich konnte ſie ſehen. Miriam ſaß in tiefer Trauer am Tiſche; Corne⸗ lius neben ihr, das Geſicht von mir abgewandtv; er hielt ihre Hand in der ſeinen, noch immer dstend; ſie ſagte nichts, aber ſie verneinte auch nicht mehr. Er hob ihre Hand ohne Einſprache an ſeine Lippen, während eine glänzende Röthe, die mir zu glühend für ein Erröthen war, über ihr Geſicht flog, das noch ſoeben blaß vor Kummer war. 5 Ich ſank auf mein Lager zurück und fürchtete, ge⸗ ſehen und gehört zu haben, was nicht für mein Ohr und Auge beſtimmt war, aber ich konnte nicht helfen; ich konnte das Zimmer nicht verlaſſen, in welchem ich mich befand, ohne an ihnen vorüberzukommen; zweimal erhob ich mich, um fortzugehen, aber der Muth fehlte mir. . 145 Ich blieb deßhalb ruhig, verſtopfte meine Ohren mit den Fingern und that mein Mögiichſtes, nichts zu hören. Unwillkürlich faßte ich dies oder jenes Wort auf und hörte Miriam ſagen: „Wiſſen Sie, weßhalb ich, die nie zuvor an Sie gedacht, nun wünſche, Sie zu lieben?— weil Sie mir ſo wenig gleichen.“ Was Cornelins antwortete, weiß ich nicht. Bald darauf ging Miß Ruſſel. Cornelius war ihr bis zur Thüre gefolgt. Er kehrte in das Wohnzimmer zuruͤck, warf ſich auf das Sopha und verſank in eine lächelnde Träumerei. Ich verließ leiſe mein Lager, trat in das Wohn⸗ zimmer und ſetzte mich ruhig auf ein Kiſſen zu ſeinen Füßen. Cornelius ſchien ſeinen Augen kaum zu trauen, ſetzte ſich in die Höhe und beugte ein Geſicht zu mir herab, das ſich verſinierſe. als er mir in's Antlitz ſah. — Bwölftes Kapitel. „Woher kommſt Du?“ fragte er. „Aus dem nächſten Zimmer.“ „Biſt Du ſchon lange da?“ „Den ganzen Abend.“ „Ich glaubte, Du ſchliefeſt oben 2“ „Nein, Cornelius, ich lag auf dem Sopha.“ „Und Du biſt gerade erſt erwacht, nicht wahr?“ ſagte er hinwerfend, den Blick jedoch ängſtlich auf mein Geſicht richtend. Ich antwortete ſtotternd: Daiſy Burns. 1. 10 „Ich wache ſchon einige Zeit.“ „Ehe Miß Ruſſell ging?“. „Ja, Cornelius.“ Das Blut ſtieg ihm bis an die Schläfe. „Du horchteſt?“ rief er mit zornigem Blicke. „Ich hörte, Cornelius,“ verſetzte ich und legte auf den Unterſchied einen beſonderen Nachdruck:„ich hörte ſo wenig, als möglich.“ „Hörte,“ wiederholte er ungehalten.„Wirklich! und was hörteſt Du? Warum gingſt Du nicht aus dem Zimmer?“ „Zweimal erhob ich mich, um zu gehen; ich machte abſichtlich ein Geräuſch; aber Du hoͤrteſt mich nicht und ich wollte Dich nicht ſtören.“ Cornelius ſagte nicht, welches von beiden Uebeln er vorgezogen,— von mir belauſcht, oder gehört zu werden. Ich ſaß zu ſeinen Füßen und ſah ſinnend in ſein Geſicht, aus deſſen ausdrucksvollen Mienen Aerger und Unwillen leuchteten. Es würde aber auch kaum ir⸗ gend ein Sterblicher die Anweſenheit eines Zeugen in einer ſaguhtigen und zarten Sache gleichgiltig hingenommen aben. „Das iſt neu,“ rief er ungehalten.„Ich liebe Dich, Daiſy, aber Du wirſt Dir nicht einbilden, daß ich Dich— ein kleines Mädchen, wieder in mein Ver⸗ trauen ziehen ſollte, wie ich ſchon zwei nal zu thun ge⸗ nöthigt war. Was wollteſt Du?“ fügte er mit verle⸗ gener und doch gereizter Miene hinzu, die für einen dritten Zuſchauer vielleicht amüſant geweſen. „Ich wollte nichts, Cornelius.“ 3 „Thöricht Kind,“ fuhr er ungeduldig fort,„warum bliebſt Du denn nicht liegen und ließeſt mich meinen, Du habeſt geſchlafen?“ 3 „Das wäre eine große Schande geweſen,“ verſetzte wſeſer ernſthaft;„ich kam heraus, damit Du iſſeſt.“ 147 „Ich danke Dir!“ ſagte er trocken. „Ich werde es nicht nicht erzählen,“ ſagte ich leiſe. „Es iſt kein Geheimniß, antwortete er kurz. Ich hatte nichts mehr zu ſagen. Cornelius ſtand ungeduldig auf, ging im Zimmer auf und nieder, blieb wieder ſtehen und ſchien es nicht vergeſſen zu können, daß er belauſcht worden. Ich wollte gehen; er hielt mich plötzlich zurück. „Bleibe,“ ſagte er mit einem tiefen Seufzer,„es iſt eine ſehr ärgerliche Sache— namentlich da man Dich nicht in Lethe tauchen kann,— aber hony soit, qui mal y pense! Ich ſagte kein Wort, deſſen ich mich zu ſchämen hätte, und wenn es auch ein Bischen lächerlich,— und es wäre ſeltſam, wenn der Menſch nicht auch hie und da etwas Lächerliches thäte— nicht Daiſy?“ Er warf mir einen ſeltſamen Blick zu, halb ſchüch⸗ tern, halb heiter. Er mußte über jeden Scherz lachen, und wenn er ſelbſt auf ſeine Koſten ging. „So biſt Du mir alſo nicht böſe, Cornelins 2" fragte ich und ſah auf. 3 „Nicht im Geringſten,“ verſetzte er und lachte,„ich ſpreche Dich von abſichtlicher Indiscretion frei; ich hätte ſollen die Thüre zuſchließen,— aber man kann nicht an Alles denken.“ Er hatte ſeine Hand auf meine Schulter gelegt. Ich wandte mich um und drülkte meine Lippen darauf, zum erſten Male, Zeichen der Liebe „Sie würde es morgen erfahren haben; doch,“ fügte er etwas beunruhigt hinzu,„iſt es nicht nöthig, daß Miriam von allem dem etwas ahnt: Du verſtehſt, Daiſy.“ „Ja, Cornelius,“ antwortete ich demüthig. Er lächelte. „Welch gelehriger Ton! Schade, mein Liebling, daß nicht ein romantiſches Geheimniß darin verborgen iſt: wie verſchwiegen Du ſein würdeſt! wie Du die Briefe hin⸗ und hertragen, wie Du Botſchaften beſorgen wür⸗ deſt! Aber ich bedarf Deiner Dienſte nicht.“ Er ſprach heiter; ich ſuchte zu lächeln, aber er wußte nicht, wie mir's im Herzen wehe that. „Du wirſt alſo Miß Ruſſel heirathen, Cornelius?““ ſagte ich nach einer Weile. Er lächelte wieder. „Bald, Cornelius?“ Er ſeufzte und ſchüttelte den Kopf. of Birſ Du in dieſem Hauſe wohnen bleiben?“ „Vorausgeſetzt, daß Miriam es nicht zu klein findet,“ antwortete er mit verlegener Miene,„wenn wir es jedoch mit dem anſtoßenden Hauſe verbinden, wird es groß genug ſein; dann könnte ich die beiden oberen Theile des Hauſes mit dem Hochlichte nehmen;— weit beſſer, als ein Haus in der Stadt; ich werde ſie dann auch bitten, mir zu ſitzen— hm, Daiſy?“ Er ſah mich an; mein Geſicht war theilweiſe von ihm abgewandt, ſonſt hätte er ſehen müſſen, wie jedes 8 Wort, das er ſagte, die Qual der Eiferſucht in mir vergrößerte. Wer war dieſe Fremde, die zwiſchen Cor⸗ nelius und mich getreten, die all' ſeine Gedanken abſor⸗ birte, deren Bild jedes andere verdrängte, der ihre vermuthlichen Wünſche für ſich zum Geſetze machte und mir die ſchönſten und ausſchließlichſten Privilegien raubte? Er ſchien auf eine Antwort zu warten; ich zwang mi zu den Worten: war in ſeinem Herzen und „Ja, Cornelius?“ „Du weißt, für unſre Gallerie,“ fuhr er fort. Ich antwortete nicht; ich fühlte mich krank und ſchwach. Er ſah mir mit der größten Ruhe in's Geſicht. 4 „Wie blaß Du ausſiehſt, mein kleines Mädchen?“ ſagte er betroffen,„Du haſt Fieber. Geh’ in Dein Zimmer.“ Er wünſchte mir gute Nacht und küßte mich meh⸗ remal mit ungewöhnlicher Wärme und Zärtlichkeit. Ciferſucht regt Geiſt und Gemüth gleich gewaltig und lebhaft auf. Ich duldete mit widerſtrebendem Gefühle Liebkoſungen, von denen ich wußte, daß ſie nicht mir galten; wenn ich's gewagt, ſo hätte ich dieſe Ergüſſe eines Herzens zurückgewieſen, an deren Freude und Entzücken ich nicht den geringſten Theil hatte. Süßer, theurer war der ruhige, gleichgültige Kuß, an den ich gewöhnt war, als all' dieſe Zärtlichkeit, die aus der Liebe zu einer andern entſprang. Ich war froh, als mich Coruelius aus ſeiner Umarmung entließ, froh, ihn verlaſſen zu dürfen, froh hinaufgehen und unglücklich in der Freiheit ſein zu koͤnnen. „Nie hatte ich ſeit jenem Augenblicke, da Sarah mir ſagte, mein Vater werde Miß Murray heirathen, ein Gefühl, wie jetzt. Der Kummer, den ich nach ſeinem Tode erlebt, war mächtiger, aber er griff nicht das Daſein der Liebe an, traf ſie nicht mitten in's Herz. Cornelius, mit Miriam, Ruſſel verheirathet, in der ſüßen Gemeinſchaft des täglichen Lebens von uns ge⸗ ſchieden, für ſie und i ihrer Gegenwart Bilder m lend, — ach! wo war ich dann! war ein ſo bitterer, ſo quälender Gedanke für mich daß ein Fieber in mir zu kochen begann, dem die ſucht reiche Nahrung zu⸗ führte. VDovrbei war die Zeit, da ich nächſt Kate die erſte mein Verluſt war Gewinn 15⁵⁰ für die, welche ich als das Ziel ſeiner Wünſche, als die Hoffnung und Freude ſeines Lebens hatte bezeichnen hören. Seine Liebe zu ihr mochte vielleicht ruhigere Neigungen nicht ausſchließen, aber ſie ſtanden unermeß⸗ lich tief unter ihr. Ich konnte das nicht ertragen. Ich war eiferſüchtigen Charakters und eiferſüchtig durch Gewohnheit. Mein Vater hatte mich an die gefährliche Süßigkeit gewöhnt, glühend und allein geliebt zu wer⸗ den; und obwohl ich nicht ſo viel von Cornelius erwar⸗ tete, hatte ich doch langſam und geduldig, durch mein Uebermaß von Liebe, mir ſeine Zuneigung errungen: und nun war alles verlorene Mühe: ſie hatte mit ei⸗ nem Schlage das Herz beſiegt, um das ich ſo lange gefreit und gerungen, ein Herz, das ganz zu beſie⸗ gen kaum möglich, aber einer andern geſchenkt zu ſehen, das herbſte Leid war. Das Benehmen Kates am folgenden Morgen zeigte mir, daß ſie nichts wußte; das Frühſtück war kaum vor⸗ über, als ſie feierlich zu ihrem Bruder ſagte: 3„Cornelius, was haſt Du geſtern dem Kinde gethan, als ich ausgegangen war?“ Er ſtand am Kamine, ſah auf die glühenden Koh⸗ len hinab, und lachte ſtille vor ſich hin; er erwachte aus ſeiner Träumerei, ſchüttelte den Kopf, öffnete ſeine Augen und ſagte überraſcht: „Ich habe ihr nichts gethan, Kate,“ antwortete er einfach. „Aber ſie weinte doch, bis ſie eingeſchlafen war!“ Ich hörte ſie mit Unruhe ſprechen; er warf mir ei⸗ nen fragenden Blick zu. „Ihre Nerven ſin ſchwach, ¹ meinte er. „Poſſen! haſt Du je gehört, daß eine Blondine mit dunkeln Brauen ſchwache Nerven hat?“ „Ich weiß, dunkle Augenbrauen ſind ein ſeltenen Reiz für eine Blondine.“ 4 3 „Poſſen! Neid!— Ich ſage Dir, es iſt ein Zei⸗ chen von Charakter— von Energie und Willensſtärke. Für das blonde ſanfte Haar paßt es ganz gut, zu ſa⸗ gen:„Ach! ich bin ſo ſtill,“ aber die dunkle, leiden⸗ ſchaftliche Braue ſpricht ganz anders und da Daiſy über⸗ 3 haupt nie ohne Grund weint, ſo möchte ich wiſſen, weß⸗ halb ſie geweint.“ „Ihre Geſundheit hat auf ihre Gemüthsſtimmung großen Einfluß,“ verſetzte Cornelius raſch;„komm her⸗ auf mit mir, Daiſy, es wird Dich erheitern.“ Ich gehorchte mit Widerſtreben. Es dauerte indeß einige Zeit, ehe Cornelius Notiz von mir nahm. Er ſtand vor der Studie zu einem größern Gemälde, das er während meiner Krankheit begonnen. Es ſtellte arme Kinder dar, welche auf einer Gemeindewieſe ſpielen und ſollte den Titel führen:„die glückliche Zeit.“ „Sehen ſie nicht wirklich glücklich aus?“ ſagte 2 Cornelius, indem er ſich nach mir umwandte, Er war vielleicht erſtaunt, daß das Kind, an das er ſich wandte, nicht ſehr glücklich ſchien, dann als ob er ſich plötzlich wieder beſänne, ſagte er: „Nun, weßhalb weinteſt Du, Daiſy?“ Ich ließ den Kopf hängen und ſagte nichts. „Haſt Du mich gehört?“ „Ja, Cornelius.“ „So antworte, Kind!“ Ich antwortete nicht, er ſchien erſtannt. „Antworte,“ ſagte er wieder. . Ich wurde roth und blaß, aber ihm ſagen, daß ich auf Miriam Ruſſel eiferſüchtig ſei! nein, das konnt ich nicht; das Geſtändniß war zu bitter, zu demü⸗ thigend. „Daiſy,“ ſagte er,„ich werde ärgerlich werden.“ Ich ſtand ſtumm neben ihm. Ich ſah ihn mit ban⸗ gem traurigem Blicke an: er runzelte die Stirne und iß ſich in die Lippe. Ich nahm all' meinen Muth zu⸗ ammen, um den Ausbruch ſeines Zornes auszuhalten: zu meinem Staunen nahm er mich freundlich beim Kinn und ſagte in wohlwollendem Tone: „Als ob ich Dich nicht noch ebenſo liebte, Du eifer⸗ ſüchtiges kleines Kind!“ Und mit dem Lächeln, das er nun nicht länger un⸗ terdrückte, ging er weg und pfiff:„Der Liebe junger 5 Traum.“ Gekränkt durch dieſe Heiterkeit und ſcherzhafte Laune brach ich in Thränen aus; Cornelius wandte ſich um und zeigte mir ein erſtauntes Geſicht. 3 „Poſſen!“ rief er, ungläubig lachend,„Du wirſt doch nicht weinen, Daiſy!“ Das Lachen, der heitere, gleichgültige Ton brachte mich zur Verzweiflung. Ich eilte nach der Thüre, um ſeine Gegenwart zu fliehen; er hielt mich zurück und hob mich in die Höhe. Vergeblich widerſetzte ich mich: er überwand mich leicht und lachte wieder über meine nutzloſen Fluchtverſuche. Athemlos durch meinen neuen Widerſtand, gereizt durch meine Unterwerfung, lag ich ſtumm und mißmuthig in ſeinen Armen. Er beugte ſein heiteres Geſicht über mich herab. „Du biſt ein ſeltſames kleines Mädchen,“ ſagte er mit der empörendſten Heiterkeit, während er mit ſeinen luſtigen braunen Augen in die meinen ſah, die noch von Thränen ſchwer waren, und in einem Tone ſprach, als ob meine Eiferſucht, mein Aerger und mein Weinen Scherz ſeien.„Vermuthlich möchteſt Du Dich mei⸗ 3 ner Heirath widerſetzen— nun, das thut mir leid—* aber es iſt Deine Schuld. Du weißt, ich wollte auf Dich warten, aber Du wollteſt nichts davon hören, das machte mich verzweifeln; ich ſah mich deßhalb nach etwas Anderem um.“ 7 Und um mich nun bis auf' letzte zu quälen und zu demüthigen, bückte er ſich, um mich zu umarmen. Vergebens wandte ich, vor Zorn glühend, mein Geſich ab; er lachte und küßte mich noch zwei bis drei N So perlacht und geküßt zu werden, war mehr, als 6 8 , ertragen konnte. Ich ergab mich in mein Schickſal, aber mit brechendem Herzen, das ſich durch ſchwach unterdrückte Seufzer und Thränen verrieth. Cornelius ſah, daß dies mehr als kindiſcher Eigenſinn war: „Daiſy!“ ſagte er betroffen und ſetzte mich plötzlich nieder. Es war ein kleines Sopha in der Nähe: darauf warf ich mich und barg meine Scham und meinen Schmerz in ſeinem Pfühle. Er ſagte und that alles, um mich zu beruhigen; als ich jedoch etwas beſänftigt aufſah, ſchmerzte es mich, in ſeinen Blicken ein Lächeln zu gewahren, das ſeine Lippen unterdrückten. Das Thörichte eines Kindes von meinem Alter, auf ſeine ſchöne Miriam eiferſüchtig zu ſein, hat etwas unwider⸗ ſtehlich zum Lachen Reizendes. Meine Thränen verſieg⸗ ten und meine Seufzer verſtummten. Ich unterdrückte die bittern Gefühle, die nicht einmal bei dem Theilnahme fanden, der ſie merkte. Aber Cornelius, beruhigt, daß nun Alles wieder gut ſei, ſchmälte mich freundlich, daß ich ihm„zehn koſtbare Minuten“ geraubt, gab mir ei⸗ nen letzten Kuß und kehrte zu ſeiner Staffelei zurück. Plötzlich erhob ich mich und ſagte: „Darf ich hinuntergehen?“ „Natürlich,“ antwortete er; ſchien jedoch erſtaunt über die ungewöhnliche Frage. Ich blieb den ganzen Tag unten. Als ich nach dem Thee wie gewöhnlich meine Bücher brachte, ſagte Cornelius ſehr kalt: „Mein liebes Kind, Kate wird Dich dieſen Abend unterrichten.“ Er nahm ſeinen Hut und verließ uns. Als die Thüre ſich hinter ihm ſchloß, ſchüttelte Miß O⸗Reilly den Kopf und wühlte nachdenklich mit dem Schürhaken im Feuer. Ich ſah, Sie wußte Alles. Ein oder zweimal ſeufzte ſie tief auf, ſuchte jedoch ihrer Gefühle Meiſter zu werden und ſagte mit erzwungener Heiterkeit; „Nun, Daiſy, laß uns die Lectionen durchgehen.“ Virr gingen ſie durch, aber unter ſeltſamer Unaufmerk⸗ ſamkeit auf beiden Seiten. „Poſſen, Kind!“ rief Kate ungeduldig,„warum hältſt Du inne und horchſt, es iſt nur Cornelius, der zu⸗ nächſt der Thüre ſteht: was iſt dabei?“ Was dabei? nichts, natürlich; und doch, auch Du Kate, hieltſt oft in Deinen Fragen inne, um der heitern und wohlklingenden Stimme Deines Bruders zu lauſchen; auch Du ahnteſt, daß die Zeit, in welcher er ſich glücklich fühlte, wenn er zu Hauſe bleiben und Dir vorſingen konnte, für immer vorbei war; auch Du ſahſt, als der Unterricht zu Ende, traurig nach ſeinem leeren Platze und fühlteſt, wie ferne der nun war, deſſen Geſang und Lachen von dem nächſten Hauſe herüberſcholl. O Liebe! Zerſtörerin des häuslichen Herdes, unbarmherzige Ver⸗ nichterin der ſüßeſten Bande, wie viel Herzen verwundeſt und trennſt du, um zwei in ſolcher Vereinigung glücklich zu machen! Wir wollten den Abend allein zubringen; ein ſelt⸗ ſamer Zufall, der nicht ohne traurige Bedeutung war, brachte uns jedoch einen unerwarteten Beſuch; Rev. Mor⸗ ton Smalley, ſprach zum erſten Male nicht in Begleitung von Mr. Trim vor. Er war artiger und liebenswürdiger als je. Er drückte ſein lebhaftes Bedauern aus, Corne⸗ lius nicht zu treffen, den er wahrſcheinlich in wichtigen Geſchäftsangelegenheiten abweſend glaubte, denn mit einem wohlwollenden Blicke, den er durch ſein goldenes Augenglas auf Kate warf, bat er ſie dringend,„ſie möchte ihren Bruder nicht ſo angeſtrengt arbeiten laſſen.“ Sie ſchüttelte den Kopf und lächelte etwas traurig. „Ich fürchte, die Kunſt abſorbirt ihn ganz und gar,“ ſagte Mr. Smalley in ernſtem Tone. „Doch nicht!“ ſeufzte Kate. „Wir ſind nicht beſtimmt, ein rein geiſtiges Lebe⸗ zu führen„“ fuhr unſer Gaſt fort, indem er ſich leich 3 vorbeugte und ſeinen Zeigefinger zum Zeichen ſeiner Ueberzeugung erhob;„und ich fürchte, Madame, Ihr Bruder neigt zu ſehr aäuf die abſtracte Seite des Le⸗ bens, wenn ich es ſo nennen darf: das Leben hat eine ſehr hübſche und anmuthige reale Seite.“ Kate ſchürte ungeduldig im Feuer. „Und dann arbeitet er auch zu viel,“ fuhr Mr. Smalley nachdenklich fort, indem er auf ſeine alte Idee zurückkam, Cornelius habe ein wichtiges Geſchäft zu be⸗ ſorgen:„warum ſich nicht mal die Erholung eines Abends gönnen?“ Ich ſaß auf einem kleinen Stuhl, unbemerkt und ſchweigend: ich weiß nicht, was mich veranlaßte, unſrem Gaſt ins Geſicht zu ſehen und in ernſtem Tone zu ſagen: „Cornelius iſt fortgegangen, um Miß Miriam zu beſuchen.“ Mr. Smalley fuhr zuſammen, wie Jemand, der ei⸗ nen electriſchen Schlag bekommen. Er ſah mich und dann Kate an; ihr düſterer Vlick beſtätigte alles, was er ver⸗ muthen und befürchten konnte. Er ſagte nicht ein Wort und wurde blaß. „Mr. Smalley,“ ſagte Kate,„wollen Sie nicht ein Glas Wein?“ Er antwortete nicht, er hatte ſie nicht gehört, wie in einem bangen Traume fuhr er mit dem Taſchentuche über die feuchte Stirne und die zitternden Lippen. Er ſuchte gefaßt zu erſcheinen, als Kate ihm das Glas Wein anbot, das ſie eingeſchenkt hatte. Er nahm es, lächelte geiſterhaft und ſagte: 4 „Ich wünſche unſerem Freunde alles Glück.“ Aber er konnte ſich nicht ſelbſt Beſcheid trinken. Er erhob das Glas an ſeine Lippen, ſetzte es nieder, als ob es Gift wäre, ergriff die Hand von Miß O Reilly, drückte ſie und verließ uns raſch. „Daiſy,“ ſagte Kate ſtreng,„geh' in Dein Zimmer hinauf.“ Ich gehorchte, um eine zweite qualvolle Nacht, nicht ſchlaflos, aber von fieberhaften Träumen und plötz⸗ lichem Erwachen unterbrochen zu verbringen. Ich vermied Cornelius am folgenden Tage. Er nahm keine Notiz davon und ging am Abend wieder aus. Ich ſah ihn mit eiferſüchtigem Bangen gehen. Kurz darauf hörten wir ihn im anſtoßenden Zimmer lachen. „Horch mal!“ ſagte Kate lächelnd,„amüſirt er ſich nicht vortrefflich? Der Junge hatte immer ein gar hei⸗ teres Temperament. Ach, wie manchmal, wenn ich kaum wußte, wie für den Morgen ſorgen, hat dies Lachen mein Herz erheitert und mir Hoffnung eingeflößt— Gott ſchütze ihn!“ Am nächſten Abend kam Miriam. Sie trat leiſe in das Zimmer, ſetzte ſich auf das Sopha, nahm ein Buch vom Tiſche, ſprach von gleichgültigen Dingen, als ob nichts vorgefallen. Se und Kate waren mehr höflich, als herzlich. Cornelius ſaß bei Miß Ruſſel. Es war noch ein Platz bei ihm leer; es war immer der meine geweſen; ich nahm ihn ein und legte meinen Kopf an ſeine Schulter. In dieſem Augenblicke begegnete ich Miriams Auge. Sie hatte mich bisher noch nicht geſehen: ſie erſchrak, wurde blaß, und als ob ſie es ahnden wollte, daß ich, das zarte kränkliche Kind, noch lebte, während ihre ſchöne junge Schweſter kalt im Grabe lag, ſagte ſie: „Wie krank das Kind ausſieht,— vielleicht meine ich es nur, weil ſie ſo blaß iſt.“ Die Jugend iſt nur gar zu leicht gereizt. Ich er⸗ röthete, ſah ſie an und drückte plötzlich meine Lippen auf Cornelius Wangen, denn ich wußie, daß fie zu weit gegangen. „Sei ruhig, Kind!“ ſagte er etwas ungeduldig. Ich warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu; er achtete nicht darauf: ſeine Augen ruhten auf Mirlam, er war ganz in ihren Anblick verſunken. Das Kind, das er 157 zwei Jahre lang jeden Abend geherzt und geliebkost hatte, war jetzt vergeſſen, als ob es nie exiſtirt. „Daiſy,“ ſagte Kate,„komm und hilf mir dieſen Strang aufwickeln.“ Sie ſah meinen Schmerz und nahm dies als Vor⸗ wand, um mich von ihnen zu entfernen; aber ich wollte nicht entfernt ſein. Sobald der Strang aufgewunden war, kehrte ich an meinen Platz neben Cornelius zurück; zwei Stunden lang ſaß ich dort und ſuchte vergeblich ihm eine Liebkoſung, einen Blick, ein Wort abzulocken. Ach! er wußte nicht mal, daß ich neben ihm ſaß. Er ſprach mit Miriam von einem neuen Muſikſtück und ſagte: „Ich werde Daiſy ſagen, daß ſie es bis morgen herausſucht.“ „Daiſy iſt hier,“ verſetzte Miß Ruſſel,„neben Ihnen.“ Er ſah ſich erſtaunt um und rief: „Wie! Du biſt da!“ So nahe bei ihm zu ſein und ihm doch ſo ferne, das war zu viel der Qual. Mein Herz ſchwoll, als ob es berſten wollte; von ſeiner grauſamen Gleichgültigkeit aufs Tiefſte verletzt, ſtand ich auf und ging, ohne mich umzuſehen, zu Kate, ſetzte mich auf ein niederes Kiſſen zu ihren Füßen und verließ ſchweigend den Platz, der ſo lange mein geweſen. Miriam Ruſſel galt nun allgemein als die Braut von Cornelins. Sie war ſechsundzwanzig Jahre und in allem unabhängig. Ihre Tante erklärte,„daß ſie eine ſehr ſchlechte Wahl getroffen, indem ſie ſich an einen hübſchen, aber armen Irländer wegwerfe, deſſen ſchlaue Schweſter das alles ſo veranſtaltet habe.“ Dieſe Worte wurden Miß O Reilly hinterbracht und bewirkten eine große Kälte zwiſchen ihr und ihrer Mieths⸗ frau. Kate ärgerte ſich beſonders über das„ was von ihrem Bruder geſagt war. Ohne ihn wiſſen zu laſſen,was dieſe Bemerkung bedeuten ſollte, ſagte ſie in meiner Gegenwart zu ihm,— es war das einzige, was ich ſie je über ſeine Stellung äußern hörte: „Cornelius, Miß Ruſſel hat einiges Lermögen, aber ich hoffe, Du wirſt nicht an das Heirathen denken, ehe Du Dir eine Stellung erworben.“ „Nein,“ ſagte er erröthend und warf ſeinen Kopf etwas ungehalten zurück. Ich ging nun nie mehr zu Cornelinus, wenn mich Kate nicht ſchickte. Anfangs hoffte ich, er werde mich vermiſſen; aber das Bild der Geliebten umſchwebte ihn in ſeiner Einſamkeit, und dieſe Geſellſchaft genügte ihm; er fragte nicht, warum ich wegbleibe, und der Stolz verbot mir, zu ihm zu gehen. Die Leidenſchaft hatte ihn erfaßt und ſie abſorbirte alle ſeine Neigungen: nur der Kunſt blieb er getreu. Er war ein ſehr verliebter Bräutigam; aber nicht einmal für die Geliebte verließ er die Staffelei oder verlor eine Stunde des Tageslichts. Sie ſetzte ihn nicht auf die Probe und es aus freiem Antrieb zu thun, ließ er ſich nicht träumen. Jeden Augenblick, den er ſparen konnte, widmete er ihr; jeden Abend trat er meinen Unterricht an Kate ab und verließ uns, um in das Haus nebenan zu gehen; er war noch immer freundlich, aber wie dem auch ſein mag, ſeine Freundlichkeit hatte ihren Reiz verloren.— Mehrere Wochen waren auf dieſe Weiſe verfloſſen, als Miriam plötzlich an das Krankenbett einer betagten Verwandten gerufen wurde, welche in einem zwanzig Meilen entfernten Städtchen wohnte. Cornelius ſchien dieſe erſte Trennung ſehr ſchwer aufzunehmen. Er ſeufzte tief, wenn die Stunde ſchlug, in der er gewoͤhn⸗ lich zu ſeiner Geliebten ging, öffnete ſeine Cigarren⸗ büchſe, und blies ſeinen Kummer in die Luft. Aber er war keiner von den eingefleiſchten Rauchern, die aus den Wolken, die ſie um ſich her verbreiten, auf die Trübſal dieſer Welt mit olympiſcher Ruhe hinabſehen können Kn 1⁵⁹ War ſeine Cigarre ausgegangen, ſo nahm er keine andere und ſetzte ſich mit dem Ausdruck der peinlichſten Lang⸗ weile auf das Sopha. Kate war in ihr Zimmer ge⸗ gangen, da ſie ſich über ſtarkes Kopfweh beklagte. Ich ſaß leſend neben ihrem leeren Stuhl, auf dem Platze, der das Bild meines veränderten Schickſals geworden. „Daiſy!“ ſagte Cornelius plötzlich. Ich ſah auf. 1 „Komm' zu mir!“ fuhr er fort. Ich ſtand auf und gehorchte, begierig, als ich vor ihm ſtand, zu vernehmen, was er mir zu ſagen hatte. Er ſagte nichts, ſondern ſtreckte ſeine Arme aus, zog mich auf ſein Knie und fühlte mein Herz an dem Arme ſchlagen, der mich umſchlang. „Fürchteſt Du Dich?⸗ fragte er. „O nein, Cornelius,“ antwortete ich, aber ich war erſtaunt und glücklich über dieſe unerwartete Wiederkehr ſeiner Freundlichkeit; ſo glücklich, daß ich beſchämt mein Geſicht an ſeiner Schulter verbarg. Er lachte, weil ich nicht aufſehen wollte, küßte meine abgewandte Wange, und zwang mein glühendes Geſicht und meine über⸗ ſtrömenden Augen ſeinem Blicke zu begegnen. „Wie verkehrt Du geweſeni“ ſagte er ſchmälend; gich weiß nicht, was mich drängte, Dich wieder zu liebkoſen; ich habe Dich zu lieb, Du eiferſüchtiges, ei⸗ genſinniges, kleines Geſchöpf.“ „Seine alte Neigung ſchien wieder in all' ihrer Wärme erwacht; ſein Blick hatte den alten Ausdruck, ſeine Stimme den alten vertrauten Klang, ſein Beneh⸗ men mehr als die alte Zärtlichkeit. Als ich mich wieder ſo nahe bei ihm ſah, wieder gehätſchelt, geliebkoſt, ja geliebt, mußte ich da nicht Miriam's Vergangenheit und Zukunft vergeſſen, um dem unwiderſtehlichen Reiz des Augenblickes mich hinzugeben? O warum war er ſo unbeſonnen freundlich? Warum zerſtörte er jetzt, da ich mich nach und nach an ſeine Gleichgültigkeit gewöhnt, 160 und auf ſeine Liebe verzichten gelernt, unbewußt die langſame Arbeit von Wochen, und ſäete für uns beide den Samen künftiger Qual? Aber ich dachte damals nicht daran und ebenſowenig er. Während ich mich freute, wieder mal an ſeiner Seite zu ſitzen, ſah ich in ſeinem Geſichte— daß auch er ſich freute, ſein Kind wieder zu haben, das er mehr als zwei Jahre lang ſo innig geliebt. Er liebkoſte mich wie nach einer langen Trennung und fragte mich, indem er über mein Haar ſtrich, was er mich ſo oft während meiner Krankheit gefragt: „Wovon wollen wir ſprechen?“ „Von der Gallerie,“ lautete meine raſche Ant⸗ wort.— „Wirſt Du nicht müde davon, mein Liebling?“ „Nein, Cornelius.“ „Nun, ich habe ſie in jüngſter Zeit vernehrt: ein Zigeunerpaar auf einem grünen Platze— der Mann liegt müßig auf dem Graſe,— ſeine ſchwarze Frau 0 t.* „Und das Kind?“ „Es iſt keines dabei, denn ich ſpreche von einem wirklichen Zigeunerpaare, die morgen zum Sitzen zu mir kommen, aber kein Kind haben.“ „Könnte ich nicht dazu ſitzen, Cornelius?“ „Siehſt Du mit Deinem blonden Haare wie eine kleine Zigennerin aus?“ „Ich könnte ein geſtohlenes Kind ſein, Cornelius.“ „Allerdings!“ rief Cornelius, und ſeine Augen leuchteten bei der neuen Idee auf; ja, das wäre ein ausgezeichnetes, ein herrliches Sujet. Welcher zarte und effektvolle Contraſt!— Sie der Typus roher thie⸗ riſcher Frende und Kraft, Du wie die göttliche Una un⸗ ter den Satyrn... eine zarte und edle Gefangene— eine Skizze! Ich werde ein Bild daraus machen— . 8 161 ein feines Bild— ein großes Bild, wenn— Gott will!“ 4 Er ſtand auf und ging lebhaft erregt im Zimmer. auf und ab; ſeine Augen ſtrahlten; ſein Geſicht glübte. Plötzlich blieb er ſtehen und zeichnete mit dem Zeigefin⸗ ger die Skizze in die Luft, die ſeine Phantaſie bereits von der Zuſammenſtellung der Gruppe entworfen hatte; dann kam er wieder zu mir und ſagte ernſt: „Ich ſehe es, Daiſy, es iſt gemalt, vollendet, und in dem großen Zimmer aufgehängt; inzwiſchen laß uns über die Einzelheiten ſprechen.“ Wir ſprachen darüber oder vielmehr Cornelius ſprach, und ich billigte unbedingt jedes Wort, das er äußerte, bis die Uhr zu unſerm beiderſeitigen Erſtaunen elf ſchlug. Als er mir gute Nacht wünſchte, legte Cornelius ſeine Hand auf meinen Kopf und ſagte im Tone der Bewun⸗ derung: „Du geſcheidtes kleines Ding, daß Du daran gedacht! Kein Wunder, daß ich Dich ſo lieb habe; aber weißt Du auch, daß Du Dich in Lumpen kleiden mußt, wie ein armes Bettelkind?“ „Als ob mich das kümmerte, Cornelius!“ verſetzte ich lebhaft. 1 Er lächelte und küßte mich freundlich. Ich ging in mein Zimmer hinauf und konnte heute vor Freude ebenſo wenig ruhen und ſchlafen, als bisher vor bitterem Grame. In aller Frühe eilte ich am folgenden Morgen nach dem Atelier. Cornelius war bereits an der Arbeit; er ſah ſich nicht um, als ich eintrat, ſagte jedoch lächelnd: „So, haſt Du endlich den Weg herauf gefunden?“ Ich antwortete nicht. „Was hielt Dich ſo lange entfernt?“ fuhr er fort. „Ich glaubte, Du brauchteſt mich nicht.“ „Brauchte ich Dich je?“ „Nein, das iſt wahr.“ 8 Daiſy Burns. 1. 11 162 „Warum kamſt Du denn nicht zu mir?“ „Soll ich gehen, Cornelins?“ Er wandte ſich lächelnd nach mir um. „Sieh ſie an,“ ſagte er, und deutete auf ein offenes Portefeuille,„Du haſt ſie noch nicht geſehen.“ Er meinte mehre Skizzen eines Kindes in verſchie⸗ denen Stellungen, die er zu„der glücklichen Zeit“ ge⸗ macht. 8 „Ich habe ſie geſehen, Cornelius,“ antwortete ich. „Und wann denn?“ „Ich ging kürzlich herauf, als Du ausgegangen warſt. Bitte, ſei nicht böſe, ich konnte es nicht länger über mich gewinnen, ich mußte ſehen, was Du macheſt.“ Böſe, o, er war nichts weniger als böſe über dieſen neuen Beweis meiner unveränderten Verehrung. Schmei⸗ chelei iſt ſo ſüß, ſo angenehm, ſo berauſchend. Alles, was er ſagte, war: „Nun, welchem gibſt Du den Vorzug?“ Ich deutete glücklicherweiſe auf dieſelbe Skizze, die ihm am beſten gefiel. „Das Kind hat ungemein viel Urtheil,“ ſagte er mit tiefer Befriedigung:„ich kann auf ihre Anſicht ſo ſicher bauen, als auf die meine: es iſt das Beſte. Da, lege die andern bei Seite: Du haſt ſonſt meine Sa⸗ chen alle ſo gut in Ordnung gehalten; fieh, wie nun die Bilder unter einander liegen.“. Es herrſchte allerdings die größte künſtleriſche Unord⸗ nung, der ich raſch ein Ende zu machen wußte. Als wir zum Frühſtück hinabkamen, ſagte Kate, welche mit Vergnügen geſehen, daß ich in letzter Zeit nicht mehr ſo viel mit ihrem Bruder war, nicht ohne Bitterkeit:„ob ich mich wieder oben häuslich niederlaſſen wolle.“ „Allerdings,“ verſetzte Cornelius, und erzählte ihr mit großem Enthuſiasmus von einem neuen Entwurfe. „Ein ausgezeichnetes Sujet— nicht ſo gewöhnlich wie die ‚glückliche Zeit.““ 4 . 163 Miß O'Reilly erſchrak vor dem Gedanken, daß Zi⸗ geuner ihrem Bruder ſitzen ſollten, und prophezeite den Ruin ihres Haushaltes. Cornelius lachte über ihre Furcht und verſprach ſo ſtrenge Wache zu halten, daß kein Un⸗ glück paſſiren könnte. Das Zigeunerpaar kam noch am ſelben Tage— wilde, ruheloſe Menſchen, die die Geduld von Cornelius auf die ſtärkſte Probe ſtellten und mir man⸗ chen ſcheuen unheimlichen Blick zuwarfen, als ſie mich in dem mehr maleriſchen, als anziehenden Coſtüme von al⸗ tem, braunem und abſichtlich zerlumptem Tuche, mit dem loſe und wild berabhängenden Haar, und dem bloßen Halſe, Armen und Füßen meine Stellung einnehmen ſahen. Die Zigeuner waren ſehr halsſtarrig und in Beziehung auf ihre Stellung ganz verſchiedener Meinung von Cor⸗ nelius. Endlich war die Gruppe geſtellt und bei der erſten Sitzung konnte er eine flüchtige Skizze davon ma⸗ chen,„nur um die Idee davon feſtzuhalten,“ ſagte er beim Thee zu Kate:„ſie waren noch etwas unruhig für den Anfang, ich zweifle jedoch nicht, daß es gut gehen wird, obgleich Du Dich vor dem ſchwarzbraunen Bur⸗ ſchen zu fürchten ſcheinſt, Daiſy.“ „Mir gefielen ſeine Augen und auch die von ſeiner Frau nicht, Cornelius.“ „Es fehlt ein Theelöffel,“ ſagte plötzlich Kate, welche einige Zeit mit Deborah an der Thüre verhandelt hatte, „chatteſt Du nicht einen im Atelier, Cornelius?“ Er ſtand ſogleich auf, verließ das Zimmer und kam 8 wenigen Minuten mit einem melancholiſchen Geſichte wieder. „Es war einer da und nun iſt er nicht mehr da,“ ſagte er traurig,„das perfide Volk.“ „Ich werde die Polizei nach ihnen ſchicken,“ rief Kate in großer Hitze. „Wird die Polizei ſte mir wieder ſitzen laſſen?“ fragte Cornelius ungeduldig. 164 „Ich hoffe nicht,“ antwortete ſeine Schweſter unge⸗ halten. 4 „Mich in ſolche Verlegenheit zu ſetzen wegen eines elenden Theelöffels,“ ſagte er gefühlvoll. „Ein elender Theelöffel! einer von dem Dutzend, das ſeit fünfzig Jahren in der Familie iſt, mit unſrem Wappen, einem Habichtskopf, darauf! Ich ſtaune über Dich, Cornelius; ein elender Theelöffel! Du ſprichſt, als ob Du mit einem ſilbernen Löffel im Munde geboren wäreſt.“ Cornelius ſeufzte tief, ſtatt zu antworten; aber ſelbſt ein ſo ſchändlicher Betrug konnte ihm nicht lange ſeinen guten Humor rauben. „Bei alle dem,“ ſagte er philoſophiſch,„ſie ließen mir ja meine Idee.“ „Ich wünſchte, der Theelöffel wäre eine Idee ge⸗ weſen,“ ſagte Kate hinwerfend. „Nun, das wünſchte ich auch,“ verſetzte ihr Bruder ſcherzend,„aber ich habe wenigſtens den einen Troſt, die ächten Charaktere gefunden zu haben— Erzdiebe.“ „Allerdings, Cornelius.“ „Ich erinnere mich ihrer Geſichtszüge noch ganz gut und werde ſie ohne Gewiſſensbiß als die Entführer Daiſy's anſehen und malen; denn es ſteht zu vermuthen, daß ſie nicht mehr hier wäre, wenn ſie eine geſchickte Gelegen⸗ heit gefunden, ſie zu entführen.“ „Oder wenn ſie nur ein Theelöffel geweſen,“ ſeufzte Kate. „Dieſe Geſchichte wird von dem größten Nutzen für mich ſein,“ fuhr Cornelius ernſt fort,„denn ſie läßt mich ganz in den Geiſt des Gemäldes eindringen.“ Das war Kate zu viel. Aber Cornelins nahm ihre Vorwürfe mit der größten Geduld hin und fand einen weitern Troſt in dem Moment, daß die Sache nicht ſo ſchlimm ſtehe, da ich, die Hauptfigur, immer zu ſeiner Verfügung ſei. — 165 Die nächſten drei Wochen waren äußerſt glücklich. Cornelius hatte eine große Tüchtigkeit im Arbeiten ge⸗ wonnen und war ſehr fleißig; er ſaß beinahe den ganzen Tag bei mir; wir blieben bei einander, und er achtete ſeiner Müdigkeit nicht, um mich zu erheitern und zu unterhalten. Es war mir, als hätte Miriam nie exiſtirt. Cornelius vergaß ſie keineswegs, aber ſelbſt ein Lieben⸗ der kann an andere Dinge denken, als an ſeine Geliebte, und ein neues Gemälde auf der Staffelei war der ge⸗ fährlichſte Rival, den Miriam im Herzen ihres Bräuti⸗ gams fürchten konnte. Sie ſchrieben einander täglich; jeden Morgen widmete Cornelius eine Viertelſtunde der Liebe und weihte dann Herz und Seele ſeinem künſtleri⸗ ſchen Vorwurf, und ich— als Theilnehmerin an dieſer Arbeit, hatte einen größern Antheil, glaube ich, an ſeinen Gedanken und Gefühlen, als ſelbſt ſeine ſchöne Herrin. Eines Morgens, als ihm der Poſtbote nicht den gewöhnlichen Brief brachte, ſah er ſehr traurig aus und begann ſeine Arbeit mit der Erklärung:„daß Alles vergeblich— er könne nicht arbeiten,“ nach einer Vier⸗ telſtunde hatte ſich jedoch ſeine Stirne wieder aufgeklärt und war ganz in ſeine Aufgabe vertieft. Er arbeitete, bis wir Beide müde waren, er durch Malen, ich durch Sitzen; dann warf er ſich auf das niedere Sopha und bieß mich neben ſich ſitzen und wie gewöhnlich plaudern, aber ich ſagte, er ſehe ſchläfrig aus. „Das bin ich, Du kleine Hechſe.“ „Dann ſchlafe ein wenig.“ „Nein— ich möchte zu lange ſchlafen.“ „Soll ich Dich aufwecken—“ „Du kannſt nicht.“ „Gewiß, ich kann, Cornelius.“ „Verſprich, nicht auf meine Bitten zu achten.“ „Gewiß nicht, Cornelius.“ e,Dann nimm meine Uhr, Deines armen Vaters Geſchenk, und wecke mich in einer Viertelſtunde.“ 166 Er ſchloß ſeine Augen und war, da er die glückliche Eigenſchaft beſaß, ſchlafen zu können, wann er wollte, bald in den beſten Schlaf verſunken. Ich ſaß neben ihm, die Uhr in der einen Hand, die andere Hand auf dem Kiſſen, auf dem ſein Haupt ruhte; ich bewegte mich nicht, und ſprach nicht, bis die Viertel⸗ ſtunde vorüber war, und weckte ihn dann ohne Gnade und Barmherzigkeit. „Nur noch fünf Minuten,“ bat er ſchläfrig. „Nicht fünf Sekunden. Wenn Du nicht aufwachſt, Cornelius, werde ich Dich am Haare zwicken.“ „Zupfe und zwicke, ſo lange Du willſt, aber laß mich ſchlafen.“ „Natürlich zwickte ich nicht, zupfte aber an einer ſeiner ſchwarzen Locken mit aller Gewalt. „Kleine Barbarin!“ rief er,„was ſoll das?“ „Ich will Dich aufwecken, Cornelius.“ „Und warum?“ fragte er, um die Sekunden Friſt zu erhalten, die ſo angenehm für den Schläfer iſt. „O Cornelius! wie kannſt Du fragen? Mußt Du nicht arbeiten, um ein großer Künſtler zu werden, ſchöne Bilder zu malen und einen großen Namen zu bekommen?“ „Das iſt wahr,“ rief er und ſprang auf.„Dank Dir, Daiſy, Du biſt eine redliche Freundin.“ Mit die⸗ ſen Worten ſchlang er ſeinen Arm um mich und küßte mich. Aber während er dies that, ſah ich ſeinen Blick plötzlich aufleuchten; ich wandte mich um, Miriam ſtand auf der Schwelle und blickte auf die Gruppe. Ich ſeufzte; das Glück meiner drei Wochen war vorüber. Dreizehntes Kapitel. Cornelius empfing Miriam mit leuchtender Stirne und feurigen Blicken, die die Freude ſeines Herzens ver⸗ riethen. Und mit welch inſolenter Ruhe ließ ſie ihn die Hand drücken, mit welch zerſtreutem Lächeln ſtand ſie da und ſah ihn an? Auf ſeine ungeſtümen Fragen ant⸗ wortete ſie gelaſſen: „Ja, meine Tante befindet ſich beſſer und ich bin ganz wohl. So eben angekommen? nein,— ich kam dieſen Morgen zurück.“ „Und ich wußt' es nicht?“ „Und ahnten es nicht, da Sie keinen Brief bekamen. Ich bin gekommen, um Sie auszuſchelten. Ihre Schwe⸗ ſter ſagt, Sie ſchlafen nicht.“ „Ich hatte geſchlafen, als Sie kamen.“ „Ich ſah, Sie waren recht hübſch erwacht.“ „Hübſch! ſie behandelte mich, wie Minerva den illes, aber ich beklage mich nicht; ich muß arbeiten! ſehen Sie.“ Er legte ihren Arm in den ſeinen und führte ſie zu der Staffelei.. „e„„daben Sie das Alles gemacht, ſeit ich Sie per⸗ ließ?“ fragte ſie. „Alle dins⸗ Miriam.“ „Das erklärt, weßhalb Ihre Briefe ſo kurz ſind.“ Sie erröthete, fuhr ue rußig fort: ſe 1 „Weßhalb ſind dieſe beiden Figuren bloße Umriſſe?“ „ Damit hängt eine ganze Geſchichte oder vielmehr ein Theelöffel zuſammen. Es ſollen Zigeuner ſein: das Kind iſt geſtohlen.“ „Es ſcheint ein elendes kleines Geſchöpf zu ſein.“ 168 „Ich ſehe, ich habe die Aehnlichkeit nicht getroffen,“ ſagte Cornelius etwas niedergeſchlagen:„es iſt Daiſy.“ „Ja, ſo iſt es!“ rief Miß Nuſſell erſtaunt,„aber wie konnte ich auch das Kind in ſo unkleidſamer Tracht erkennen?“ „Unkleidſam! Wiſſen Sie, Miriam, mir gefällt Daiſy in ihren Lumpen: ihre Stellungen ſind ſo anmuthig und maleriſch: und iſt ſie nicht wundervoll weiß?“ fügte er hinzu, indem er einen meiner Arme Miß Ruſſell zur Beſtätigung zeigte. „Sie haben ein rechtes Bettelkind aus ihr gemacht,“ ſagte ſie mit einem Blick auf das Bild. „Aber ich hoffe nicht herabgewürdigt,“ verſetzte Cornelins lebhaft:„Marie Antoinette ſah wie eine Kö⸗ nigin aus, auch als ſie über die Schwelle ihres Kerkers trat; wenn ich Daiſy in ihren Lumpen nicht höher, gei⸗ ſtiger gemacht, ſo liegt der Fehler an mir, Miriam.“ Er ſah ſie an, ſie antwortete nicht; er fuhr fort: —„Ich gebe mir große Mühe mit dem geſtohlenen Kinde; als Contraſt zu der rohen Freude der beiden Zigeuner und als Bild unwürdiger, aber mit Geduld und unbewußter Würde getragener Schmach, halte ich ſie für die Hauptfigur der Gruppe; Sie verſtehen?“ „Ich hätte es nicht geahnt,“ lautete ihre entmuthi⸗ gende Antwort. Er ſah niedergeſchlagen aus, ſie lächelte und fügte hinzu;„Ich verſtehe nichts von Kunſt. Ich habe nie einen Künſtler arbeiten ſehen. Laſſen Sie mich⸗ mal zuſehen und lernen.“ Cornelius ſchien entzückt und ſetzte ſich mit etwas ſtolzem Lächeln an die Arbeit. Sie ſtand mit einfacher und aufmerkſamer Grazie neben der Staffelei; ſie hatte ihren ſchwarzen Caſtor Hut abgenommen und das win⸗ terliche Licht, bei welchem der Künſtler arbeitete, fiel mit blaſſem gedämpftem Scheine auf ihren ſchönen Kopf und zeichnete ihr vollkommenes Profil auf dem dunkeln Hintergrund des Zimmers. Aber Cornelius war ſo ſehr 7 — — 169 mit ſeinem Bilde und der, die ihm dazuſaß, verſunken, daß ſein Blick nicht einmal nach dem Orte ſchweifte, wo ſeine Geliebte in ſo gefährlicher Nähe ſaß. Sie ſah ihn verwundert, ja beinahe etwas mitleidig an: bald nahm ihr Geſicht einen mißvergnügten Ausdruck an. Cornelius war noch mehr als ſonſt in ſeine Arbeit vertieft. Ich las in ſeinem Geſichte, daß er gegen eine Schwierigkeit ankämpfte. Er faltete die Stirne und biß ſich auf die Lippe; die Art, wie er Palette und Pin⸗ ſel hielt, zeugte von ſeiner Unruhe und Gereiztheit. Endlich warf er beide voll Zorn und Unmuth weg und rief: „Ich kann nicht— machen, was ich will— ich kann nicht!“ Ich war an ſolche kleine Ausbrüche gewöhnt, aber Miriam trat zurück und ſagte mit eiſigem Tone: „Mr. O'Reilly, Sie werden ihre Palette zerbrechen.“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ verſetzte Cornelius mit einer Bewegung, die davon zeugte, daß er ihre An⸗ weſenheit ganz vergeſſen,„aber Daiſy und die Palette ſind daran gewöhnt und es gibt Dinge die ſelbſt den heiligen Lucas, der doch Heiliger und Maler zugleich war, in Verzweiflung bringen könnten. Sollten Sie es glauben? Ich kann den ſinnigen Blick, die Augen dieſes Kindes nicht auf die Leinwand bringen!“ Er ſprach ſehr ernſt: Miriam lachte; ihr ſah ſie erſtaunt an „Nun, was e zu bedeuten?“ „Daß ich ein ſchlechtes Bild malen werde.“ „Was thuts?“ „Die getäuſchte Hoffnung! die Schande!“ „Seien Sie mehr philoſophiſch!“ antwortete ſie kalt:„das Glück iſt nur Zufall.“ 3 „Entſchuldigen Sie, Miriam, es iſt ein Zufall, der guten Bildern zu Theil wird: folglich verdient er, daß man ihm ſeine Mühe, ſeinen Fleiß opfert.“ „Ja,“ antwortete ſie, und ein Vorwurf lag in der 170 Kälte ihres Tones,„Sie ſind, wie alle Männer, immer Ehrgeiz.“ „Möchten Sie, daß ich mich in Trägheit verzehre?“ „Ich möte, daß Sie Ihr Herz nicht an ein Bild, an den leeren Ruhm hängen.“ „Ich muß arbeiten, Miriam, und der Arbeiter kann ſich nicht von ſeinem Werke trennen, noch gegen ſeinen Lohn gleichgültig ſein.“ Er ſprach ſehr warm; ſie lächelte kalt. „Meinetwegen,“ verſetzte ſie:„ich kann Ihnen nur ſo viel ſagen, malen Sie gute oder ſchlechte Bilder— was thut's?— Sie bleiben doch derſelbe Mann.“ „Aber es iſt ein Unterſchied zwiſchen einem guten und einem ſchlechten Maler,“ antwortete Cornelius etwas verdrießlich,„und Cornelius O Reilly hofft gute Bilder zu malen, ehe er ſtirbt. Wenn zwei oder drei mißlängen, hätte es nichts zu ſagen. Daiſy, komm' und ſieh' Dir's an.“ „Sie appelliren an ſie?“ 4„Sie trifft bisweilen den Nagel auf den Kopf. Sißd die Augen beſſer, Daiſy?“ „Nein, Cornelius,“ antwortete ich offen. „Nein!“ wiederholte er, und kneipte mich ſanft im Nacken,„und warum, bitte?“ „Sie gefallen mir nicht; Sie ſehen einwärts.“ Bu „ öricht Kind, das iſt es gerade, was ich wollte,“ antwortete er und kneipte, lächelnd ins Kinn:„ich vüßte nicht, was ich ohne das kleine Mäd⸗ chen anfangen ſollte,“ fügte er hinzu und wandte ſich an Miriam,„ſie iſt ein vortreffliches Mädchen, und nicht ohne kritiſches Talent.“ „Fürchten Sie nicht, ſie möchte ſich erkälten?“ un⸗ terbrach ihn Miriam;„das Kleid ſcheint ſehr dünn.“ „Ich glaube nicht,“ antwortete Cornelius;„das Zimmer iſt geheizt: ſie ſagt, ſie habe ganzuwarm; ſie iſt freilich ſo beſorgt, mir zu dienen, daß ich ihr nicht 171 trauen darf. O Daiſy! ich hoffe, Du haſt mich nicht getäuſcht.“ Er legte mich auf das Ruhebett, zog es an das Kamin, legte einen Shawl über mich, der zu dieſem Zwecke im Atelier war, und hüllte mich in ſeine Fal⸗ ten. Ich lächelte über ſeine Aengſtlichkeit: Miriam ſah mich ſtaunend an, als ob ſie vergeſſen, daß er mich iebte. „Ich bin Ihnen ſehr dankbar, daß ſie mich darauf aufmerkſam machten,“ ſagte er zu ihr:„ich bin in ſol⸗ chen Dingen ſehr vergeßlich; aber wenn Daiſy etwas geſchehen wäre und gält es ſelbſt das beſte Bild, das je gemalt worden, ich würde mir's nimmer vergeben. Wie finden Sie, daß ſie ausſieht?“ „Blaß wie immer,“ antwortete ſie, indem ſie an mir vorüber ging, um uns zu verlaſſen. „Sie gehen doch nicht ſchon,“ ſagte er und trat zu ihr,„Sie wiſſen, ich wollte Sie für die Kunſt ge⸗ winnen.“ „Heute nicht,“ antwortete ſie kalt, machte ihre Hand frei und verließ das Atelier. Cornelius kam zum Kamine zurück und ſchien nach⸗ deuklich. Ich verſuchte aufzuſtehen. „Nein,“ ſagte er lebhaft,„Du darfſt heute nicht mehr ſitzen.“ „O! Cornelius! bat ich,„laß mich zu Dir ſitzen; ich möchte das Bild ſo gerne vollendet ſehen. ber Cornelius ſeufzte; er ſah mich ſtaunend an und ſagte, vielleicht unwillkürlich: 1 iu⸗ Du liebſt den Arbeiter und ſeine Arbeit zu⸗ g ei 9.5 Ich hatte nach dem Tode von Miriams Schweſter wohl gefühlt, daß ſie mich nie mehr würde lieben kön⸗ nen: von dem Tage, da ſie nach dem Haine zurückkam, fühlte ich„daß ſie mich haßte. Ihre Wiederkehr brachte in Cornelius' freundlichem Benehmen keine Veränderung— 172 hervor, aber manche peinliche Stunde entſtand dadurch für uns Beide. Sie kam nun täglich in das Atelier und ſobald ihr ruhiges und ſchönes Geſicht in der halb⸗ geöffneten Thüre erſchien, war es mir, als ob ein un⸗ heilvoller Schatten das Zimmer erfüllte. Sie verbannte mich nicht von dem einzigen Orte, den ſie mir gelaſſen, aber ſie folgte mir dahin und verbitterte unbarmherzig all' mein Glück. Nicht einmal verließ ſie uns, ohne mich mit kleinen Spötteleien verletzt zu haben, die der offene und reine Sinn Cornelius gar nicht bemerkte; und ich wagte mich nicht öffentlich zu rächen, ſondern brü⸗ tete darüber im Stillen, bis die Eiferſucht zur tief ge⸗ wurzelten Abneigung wurde. Sie war ungefähr ſeit zehn Tagen zurück, als ich wieder krank wurde. Cornelius dachte anfangs, ich hätte mich bei den Sitzungen erkältet und ſei nun um ſeinet⸗ willen krank; aber der Arzt, welcher gerufen wurde, er⸗ klärte, ich habe die Blattern, und obwohl Cornelius ver⸗ ſicherte, er habe dieſe gefährliche Krankheit ſchon ge⸗ habt, war Miß O Reilly doch moraliſch von dem Ge⸗ gentheile überzeugt, und verbannte ihn aus meinem Zimmer. Nichts gleicht ihrer ſchweſterlichen Hingebung, mit der ſie mich während dieſer kurzen, aber gefährlichen Krankheit pflegte. Sie verließ mich ſelten und immer nur auf einige Secunden. Eines Abends jedoch, als ich erwachte, vermißte ich Kate an ihrem gewöhnlichen Platze und ſah zu meinem Schrecken bei dem Licht der Lampe, die auf dem Tiſche brannte, ihren Bruder, der am Fuße meines Bettes ſtand und mich traurig anſah. „O Cornelius, geh', bitte, geh'!“ rief ich in großer Unruhe. „Es hat keine Gefahr für mich, Kind!“ antwortete zer freundlich,„wie geht es Dir?“ „Ziemlich gut, Cornelius, aber bitte, gehe!“ Ohne zu antworten, zog er ſich raſch zurück und 173 verſchwand im Schatten des Bettvorhangs, als ſich die Thüre öffnete und nicht Kate, ſondern Miriam eintrat. Sie ſah Cornelius nicht, denn das Zimmer war ziem⸗ lich dunkel; ſie dachte wahrſcheinlich, ich ſchlafe; ſie näherte ſich wenigſtens meinem Bette ganz leiſe und be⸗ wegte ſich wie ein dunkler geräuſchloſer Schatten über den weichen Teppich. Als ſie das Kopfende meines Bettes erreicht hatte, ſtand ſie einen Augenblick ſtill, nahm dann die Lampe und hielt ſie ſo, daß das ſchwache Licht auf mein Geſicht fiel. Unſere Augen begegneten ſich; ich ſah ſie mit Staunen an, aber ſie ſchien es nicht zu bemerken; ich hatte ſie nie ſo forſchend etwas betrachten ſehen. Mit einem Lächeln ſetzte ſie die Lampe nieder. „O Miriam, Miriam!“ rief Cornelius mit einem Vorwurf in ſeinem Tone und trat dabei hinter dem Vorhang hervor;„Sie haben Ihren Schwur gebrochen.“ Sie erſchrak., „Was brachte Sie hierher?“ „Ich wollte mein armes Kind ſehen.“ Er nahm ihre Hand, um ſie nach der Thüre zu führen; aber ſie bewegte ſich nicht und ſagte in eigen⸗ thümlichem Tone: „Haben Sie ſie geſehen?“ „Nicht recht.“ „So ſehen Sie ſie jetzt.“ Sie bot ihm die Lampe; er nahm ſie mit Wider⸗ ſtreben, ließ nur einen ſchwachen Strahl auf mich fallen, und ſetzte ſie mit einem Seufzer nieder. „Armes kleines Ding!“ ſagte er traurig. „Aber es hätte weit ſchlimmer ſein können,“ ſagte Miriam leiſe.. „Weit ſchlimmer!“ wiederholte er. Ich konnte mir nicht denken, wovon ſie ſprachen. „Ich bin beinahe wieder geſund, Cornelius,“ ſagte ich. „Das freut mich,“ verſetzte er heiter; ich hörte, wie er ſie wegen ihrer Unvorſichtigkeit ſchmälte. Sie ant⸗ wortete nicht, lächelte jedoch im Hinausgehen. Als Kate erfuhr, daß Cornelius mich beſucht, war ſie ſehr ärgerlich. Zu unſerem beiderſeitigen Troſt hatte es keine Folgen und er wiederholte ſogar ſeinen Beſuch nach wenigen Tagen, um mich in das Wohnzimmer hin⸗ abzunehmen, wo ich den Thee mit ihm und Kate trin⸗ ken zu dürfen gebeten hatte. Als er mich in dem ſchwe⸗ de Shawl, der mich umhüllte, aufnahm, ſeufzte Cor⸗ nelius. 4 „Meine arme, kleine Daiſy,“ ſagte er,„wie leicht, wie außerordentlich leicht biſt Du geworden!“ „Ich werde mich raſch beſſern,“ verſetzte ich etwas gekränkt. Er warf mir einen mitleidigen Blick zu und trug mich, ohne zu antworten, die Treppe hinab. Miß Ruſſell ſaß am Tiſche und blätterte in einem Buch mit Kupferſtichen; ſie erhob gerade den Blick und ſagte: „Es freut mich, daß Sie wieder wohl ſind, Daiſy,“ nahm jedoch keine weitere Notiz von mir. Cornelius legte mich auf das Nuhebett, ſetzte ſich auf die Ecke und fragte mich, wie ich mich fühle. „Ganz wohl, Cornelius,“ antwortete ich, richtete mich halb in die Höhe, umſchlang ſeinen Hals und küßte ihn. Er erwiederte dieſe Liebkoſung und ſuchte mich dann ſanft zum Niederlegen zu bewegen. Ich be⸗ merkte, daß er einen unruhigen Blick in den Spiegel über dem Kamine warfV; ich wollte auch hineinblicken; er hielt mich ſanft, aber feſt nieder. „Noch nicht, mein Kind,“ ſagte er bewegt,„Du mußt mir verſprechen, Dich nicht zu ſehen, bis ich 4 Dir's ſage.“* Die Wahrheit durchzuckte mich wie ein Blitz; ich war entſtellt; ich weiß nicht, weßhalb mir das bisher nie in den Sinn gekommen. Ich brach in Thränen aus und barg mein Geſicht in dem Sophakiſſen. Cornelius ſuchte mich vergeblich zu tröſten: ich wollte ihn nicht anſehen: über nd ſprechen zu hören, „Werden wir „Und was iſt Miriam ſagte nichts. Ich grämte mich nicht um nie zu verlieren gehabt, aber ich Veränderung, die mich nun o „Ich weiß, ich bin nun wie M zweifelnd,„ohne Angbrauen un „Ich verſichere Dich,“ Augenwimper ſind ſo lang und Deine Angenbraunen ſo ſchön ſchwarz, als je. Laß' Dich das tröſten!“ Ich hielt es für einen armſeligen Troſt. Es gibt noch manche Dinge in einem Geſichte, außer Augen⸗ brauen und Wimpern: ich zog den Shawl über mich her, drängte die Thränen zurück und bat Cornelius, mich auf mein Zimmer zu bringen. Er erfüllte ſchwei⸗ gend meinen Wunſch und ſagte ſtets, indem er mich zu Bette brachte: „Ich habe Dein Wort, daß Du Dich nicht im Spiegel ſehen willſt 2 „Ja, Cornelius,“ antwortete ich, kaum fähig zu ſprechen.„O Kate!“ fügte ich hinzu, als ſich die Thüre hinter ihm ſchloß,„bin ich wirklich ſo häßlich?“ „Denke nicht daran, Kind,“ antwortete ſie freund⸗ lich,„ertrage es muthig.“ 3 3 Ich trug es ſcheinbar muthig, aber in meinem Her⸗ zen quälte es mich furchtbar. Kate und Cornelius ließen ſich täuſchen und lobten meine ſcheinbare Stärke. J verließ mein Zimmer einige Zeit lang nicht und konnte mein Verſprechen leicht halten; ich fühlte mich nie ver⸗ ſucht, cs zu brechen; ich fürchtete mich, in dem Spie⸗ gel mein zerriſſenes und entſtelltes Geſicht zu ſehen. Mein einziger Troſt war, daß Miriam nicht zu mir kam und ich von dem Blicke verſchont blieb, den zu er⸗ tragen mir am ſchwerſten geworden wäre. Aber ich konnte dieſen Augenblick nicht für immer verſchieben. Eines Abends, als ich wußte, daß Miß Ruſſell unten war, beſtand Kate trotz meiner Bitten und Thränen darauf, mich hinabzubringen. Ich trat wie eine Verbrecherin in das Zimmer, und ohne aufzuſehen, ging ich nach dem Stuhl neben Kates Armſeſſel, als Cornelius, der auf dem Sopha neben Miriam ſaß, aufſtand und mir Platz machte, in⸗ dem er ſagte: „Daiſy, komm' hierher!“ Ich fühlte, wie mein unglückliches Geſicht vor Ver⸗ legenheit und Scham erröthete, als ich gehorchte und mich neben ihn ſetzte. Er küßte und liebkoſte mich unge⸗ mein freundlich; aber wenn auch Miriam mich nicht mit einem Blicke anſah oder ihr blaſſes und kaltes Geſicht„ nach mir umwandte, ſo quälte und ſchmerzte mich doch ihr gebeimer Triumph. 4 „Du ſcheinſt nicht gut aufgeräumt,“ ſagte Cor⸗ nelius und beugte ſich herab, um mir ins Geſicht zu ſehen. „Das thörichte Kind fürchtet ſich vor dem Spiegel,“ ſagte Kate unbarmherzig. „Haſt Du Dich wirklich noch nicht geſehen?“ fragte Cornelius erſtaunt. „Nein, Cornelius“ antwortete ich in leiſem Tone, „ich hatte verſprochen, Du weißt ja.“ 4 „Wirklich, und Du hielteſt Dein Wort wie ein braves Kind, Du: ich enthebe Dich Deines Verſpre⸗ chens— Du magſt jetzt hineinſehen.“ Ich beeilte mich gerade nicht, von ſeiner Erlaubniß Gebrauch zu machen.“ „Warum ſiehſt Du nicht hinein?“ fragte er ſehr kalt. 177 „Ich mag nicht,“ ſtotterte ich.. „Aber Du mußt Dich doch mal ſehen; es iſt beſſer, wenn's vorüber,“ lautete ſein philoſophiſcher Rath. „Aber ich mag nun einmal nicht.“ „Ei!“ ſagte er ungeduldig,„ich hätte gedacht, Du wäreſt vernünftiger.“ „Das glaubt' ich auch,“ ſagte Kate. Und ich meinte, ſie, die beide ſo hübſch waren, hätten einem armen häßlichen Mädchen leicht von Ver⸗ nunft ſprechen. „Iſt es möglich,“ fuhr Cornelius ruhig fort,„daß Dich das ſo ſehr ängſtigt? Und wenn Du findeſt, daß Deine Naſe etwas gelitten, wird Dich das ſo ſehr grämen.“ „Das ſchmerzte mich freilich,“ entgegnete ich etwas erſchrocken. „Wirklich 224 „Allerdings; iſt denn meine Naſe ſo gar gleich⸗ gültig?“ „Nun, ſo wirf einen muthigen Blick in den Spiegel.“ Er nahm meine Hand, hieß mich aufſtehen und führte mich vor das Glas. Vergeblich wandte ich mich 1 eg er zwang mich, hineinzuſehen und ich erblickte mein Geſicht— wie es immer war; freilich nicht ſchö⸗ ner, aber auch nicht entſtellt, Ich wandte mich nach Cornelius um, athemlos und purpurroth vor Freude: er ſchien ſich an meinem Erſtaunen zu ergötzen. „Ach! wie unnöthig wir Dir Angſt gemacht!“ ſagte er lächelnd,„aber Dein Geſicht ſah anfangs ſehr ſchlimm aus und der kluge Doctor ſagte, es würde ſo bleiben. Kate und ich waren äußerſt geſpannt, wie es gehen würde, als wir aber ſahen, wie gut der Verlauf der Krankheit war, beſchloßen wir, nichts zu ſagen, bis Du Dein urſprüngliches Ausſehen wieder ge⸗ Daiſy Burns. I. 12 4 75. 178 wonnen. Geſtehe, die Freude wiegt die Furcht reichlich auf.“ f Ich ſah in den Spiegel, dann nach Cornelius, der neben mir am Kamine ſtand, und ſagte mit einem unheim⸗ lichen bangen Gefühle: „Ich glaube nicht, daß ich entſtellt bin, Cor⸗ nelius.“ „Nicht im Geringſten,“ antwortete er heiter:„Du wirſt nun ſogar an Schönheit zunehmen. Er hielt meinen Kopf in ſeinen beiden Händen und ſah mich ungemein freundlich an. Ich blickte ihm ernſt in's Geſicht und ſagte: „Sah ich ſo ſchlecht aus, als Du mich kürzlich Abends herabtrugſt, Cornelius? war ich ſo ſchrecklich zum anſehen?“ „Allerdings,“ antwortete er offen.„Nun, was thut's?“ fügte er hinzu, als er meine Augen ſich mit Thränen füllen ſah:„nicht wahr, Du denkſt nicht mehr daran, mein Kind?“ „Nein, Cornelius, aber ich erinnere mich, daß Du mich küßteſt.“ Er lächelte, ohne zu antworten und ſetzte ſich zu Miriam. Ich nahm in aller Stille wieder den Pla ein, den er mir angeboten und den ich mit Widerſtreben angenommen. Er ſchenkte mir keine Aufmerkſamkeit und ſah unverwandt ſeine Braut an; als meine Hand jedoch ſchweigend die ſeine ſuchte, ſagte mir ſein Druck, daß er meine Gegenwart nicht vergeſſen. Ich fühlte mich zu glücklich, um eiferſüchtig zu ſein; auch konnte ich, das einfache ſchlichte Mädchen, in Gegenwart des ſchönen und geliebten Weibes mit der Huldigung, die mir die Hand drückte, zufrieden ſein. Kate freute ſich, mich wohl und glücklich zu ſehen und lächelte mir von ihrem niedern Stuhle zu; plötzlich aber verfinſterte ſich ihre Stirne, zun ſie ein leiſes, ſchüchternes Pochen an der Thüre örte. 179 „Das iſt Trim!“ rief ſie erſtaunt, denn wie Mr. Smalley, hatte er uns ſeit der Verlobung Cornelius' mit Miriam nicht mehr beſucht;„ich kenne ihn an ſei⸗ nem leiſen Pochen, das immer ſagen will:„Laßt euch nicht ſtören— niemand kümmert ſich um mich.“ Miriam lächelte verächtlich; das Wohnzimmer öffnete ſich und Mr. Trim's Kopf erſchien freundlich nickend. Er trat mit ſeiner gewöhnlichen Schwerfälligkeit ein, ſchwankte zu Kate hin und hoffte, indem er ihre Hand mit ſeinen beiden faßte,„daß ſie ſich recht wohl befinde.“ „Ganz wohl,“ antwortete ſie raſch. Mr. Trim war ſo glücklich über dieſe Nachricht, daß er ihre Hand los⸗ zulaſſen vergaß, bis Cornelius ihm die ſeine auf die Schulter legte und Trim ſich umwandte. Seine Augen ſchienen vor Rührung zu überfließen.„Gott grüße Dich, lieber Junge, Gott grüße Dich!“ ſagte er und ſchüttelte mehreremal beftig die Hand ſeines Freundes,„es freut mich, daß ich Dich ſehe; ich wollte Smalley mit⸗ nehmen, da ich glaubte, es würde ihm gut thun, aber er lehnte es ab. Er ſchickt Dir den Byron mit Dank zurück und hofft, daß Byron ein Chriſt war; aber er wollte nicht kommen. Ach! mein lieber Junge, dieſe Geiſtliche ſind Menſchen.“ „Was glaubten Sie denn ſonſt, daß ſie ſeien?“ fragte Kate kurz,„Vögel?“ Mr. Trim'’s Phantaſie kizelte dieſer ſeltſame Ge⸗ danke. Er ſchloß ſeine kleinen Augen und lachte un⸗ mäßig. Als er ſich wieder gefaßt, ging er zu Miriam, die gleichgültig und ruhig, wie Jemand, der nicht an dem Theil nimmt, was vorgeht, daſaß. Mr. Trim hoffte, daß ſie recht wohl ſeiz ſie antwortete:„recht wohl“ mit ſtolzer Höflichkeit. Er boffe, daß ſie recht wohl geweſen, ſeit er ſie zum letztenmale geſehen. Sie ſei ganz wohl geweſen. Er hoffte, daß ſie recht wohl bleiben werde. Sie hoffte das auch und nahm ein Buch zur Hand. Mr. Trim ließ ſich dadurch nicht abſchrecken, 180 ſtellte einen Stuhl an die Seite des Sopha's, wo ſie ſaß und blieb trotz ihres erſtaunten Blickes neben ihr ſitzen. Cornelius hatte ſeinen Platz zwiſchen mir und Miriam wieder eingenommen und ich hatte nun die Ehre, zunächſt Mr. Trim's Aufmerkſamkeit auf mich zu ziehen. „Ich bin wieder ganz wohl,“ antwortete ich auf ſeine Frage,„aber ich hatte die Blattern.“ „Hatten Sie Pocken, ei! Laſſen Sie mich ſehen; ich bin halb blind, wie Sie wiſſen.“ Er nahm die Lampe, betrachtete mich mit ſeinen halbgeſchloſſenen Augen und ſagte voll Bewunderung: „Hübſch davongekommen. Glauben Sie nicht, daß die Geſichtsfarbe des Kindes ſchöner geworden iſt, Ma⸗ dame?“ Er fragte Miriam, die ſich mit einer ſtillen Verbeu⸗ gung ihres königlichen Hauptes begnügte. „Ganz gewiß,“ fuhr Mr. Trim fort:„ſie ſieht beſſer aus. Wiſſen Sie, Madame, daß Daiſy in ihrem ſechzehnten Jahre ein ſehr hübſches Mädchen ſein wird?“ Miriam lächelte ironiſch. Cornelius ſah mich an und ſagte freundlich: „Drei Jahre machen einen großen Unterſchied.“ „Iſt Daiſy dreizehn?“ fragte Miriam plötzlich. „Noch nicht; ihr Geburtstag iſt im Mai.“ „Sie ſagten Dr. Mixton, ſie ſei zehn.“ „Zwölf, Miriam; ſie war zehn, als ſie in unſer Haus kam.“ Sie antwortete nicht. „Wie ſteht es mit der„glücklichen Zeit?„ fragte Mr. Trim, indem er die Hände über dem Knie ver⸗ ſchlang. „Es iſt vollendet und ich bin mit einem andern Bilde beſchäftigt.“ Mr. Trim ſchloß die Augen und nickte Miriam zu, als wollte er ſagen:„Ich kann mir's denken;“ dann fragte er,„ob ſie gerne ſitze?“. 181 „Ich ſitze Mr. O Reilly nicht,“ antwortete ſie kalt. „Nun, Madame, das heiße ich grauſam, Ihren Freund des Vergnügens zu berauben—„ „Mr. OReilly hat mich nie darum gebeten, daß ich ihm ſitze.“ „Aber Sie wiſſen, daß ich es wünſche, wenn ich mit meinem„Geſtohlenen Kind““ fertig bin,“ ſagte Cor⸗ nelius und ſuchte vergeblich ihre Augen. „Erlauben Sie mir, Ihnen ein Sujet vorzuſchla⸗ gen,“ ſagte Mr. Trim lebhaft;„geht es nicht, ſo hat es nichts zu ſagen. Haben Sie den„Corſaren“ gele⸗ ſen, Madame?“ „Ja,“ antwortete Miß Ruſſell ungeduldig. „Was ſagen Sie zu Medora?“ „Medora, meine Lieblingsheldin!“ rief Cornelius; „das iſt keine ſchlechte Idee, Trim.“ Er ſah ſeine Braut an; dieſe hatte ihren Blick auf Mr. Trim gerichtet, der ſich wie gewöhnlich in einem Zu⸗ ſtand der Blindheit befand. „Medora in ihrer Laube,“ fuhr er fort,„oder bei ihrer Trennung von Conrad oder ſeiner Heimkehr har⸗ rend,— was ſagen Sie dazu, Madame?“ „„Wenn Sie als Conrad ſitzen wollen,“ während ihre Augen verächtlich auf ſeiner abſtoßenden Perſönlich⸗ keit ruhten. „Aber Mr. Trim ſieht dem Bilde von Conrad nicht ähnlich“ warf ich verwegen ein,„Cornelius gleicht ihm weit mehr, nicht wahr, Kate?“ Mr. Trim lachte; Kate warf mir einen ſtrengen Blick zu und gab den Befehl zum Thee. Unſer Gaſt erhob ſich; Miß O'Reilly bat ihn höflich, zu bleiben; er lehnte jedoch ab, er hatte ein Geſchäft, wie er ſagte. Kaum hatte ſich die Straßenthüre hinter ihm geſchloſ⸗ ſen, als er wieder klopfte. Deborah öffnete und ſein Kopf erſchien bald an der Thüre des Wohnzimmers. „Schreckliches Gedächtniß!“ ſagte er laut lachend, „Bhron ganz v 182 ergeſſen; Smalley fand einige Stellen ſehr anſtößig und ſagt, Du möchteſt ſeine Noten zu Man⸗ fred leſen.“ „Daiſy, g ſagte Kate. eh' und nimm Mr. Trim das Buch ab,“ Ich ſtand auf, ging zu ihm und ſtreckte meine Hand nach dem Buche aus. Er hob mich in die Höhe und verſuchte, mich mir herabbeuge und rief:„Cor zu küſſen. Als ich ihn ſeinen Kopf zu u ſah, ſchlug ich ihm heftig in's Geſicht nelius!“ „Setze das Kind nieder,“ ſagte ſeine etwas ſtrenge Stimme hinter Mr. Trim Schuß getroffen finſter und ärge „Liebkoſen und ſuchte zu keine Medora. uns. ſetzte mich nieder, als ob er von einem n worden. Ich eilte zu Cornelius, der rlich ausſah und flehte ihn um Schutz an. Sie ihn nur, Daiſy!“ ſagte Mr. Trim lachen,„es iſt Conrad, aber ich habe Thöricht Ding! es iſt ja nur Scherz— wer kümmert ſich um mich?“ „Fürchte Dich nicht, Daiſy,“ ſagte Cornelius zu mir und warf Mr. Trim einen ausdrucksvollen Blick zu. „Er wird es nicht wieder thun.“ „Mich ſo zu ſchlagen!“ verſetzte Trim ſchmollend und rieb dabei nun,“ fügte er h ſeine Wange;„ich habe genug. Nun, inzu, in ſeinen gewöhnlichen Ton zurück⸗ fallend,„keine Feindſchaft; gute Nacht, es freut mich, Sie ſo heiter und guter Dinge zu ſehen. Gott behüte Sie!“ Er warf einen mürriſchen Blick im Zimmer um⸗ her und verſchwand. Cornelius ſagte nichts, aber ſeine Stirne zog ſich in Falten und er biß ſich in die Lippen, wie Einer, in deſſen Innern der Zorn kocht. Er führte mich zu mei⸗ mem Platz auf dem Sopha zurück und that ſein Mög⸗ lichſtes, mich zu „Nun, Daiſy,“ ſagte Kate heiter, nich wußte nicht, 4 daß Du ſo jähzornig biſt.“ beſänftigen. 183 Ich barg mein glühend Antlitz an der Schulter ihres Bruders. „Denk' nicht mehr daran, Kind!“ fuhr ſie fort,„er wird es nicht wieder thun.“ „Ich möcht' es ſehen,“ ſagte Cornelius. Ich ſah auf und ſagte laut: „Cornelius würde es nicht dulden, nicht wahr, Cornelius?“ Er glättete mein zerſtörtes Haar und gelobte, kein Trim ſolle mich je wider meinen Willen küſſen. 4„Nun, nun,“ warf Kate ein,„ſie iſt ja noch ein ind.“ „Kind oder nicht, er ſoll ſie nicht küſſen,“ murmelte Cornelius. „Poſſen!“ „Poſſen? Ich ſage Dir, daß das Kind es nicht mag und ich ebenſowenig.“ Er ſprach in ſtrengem Tone. „Sie ſcheinen es allerdings nicht gerne zu ſehen,“ ſagte die froſtige Stimme Miriams. Sie hatte alles, was vorgegangen, mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Gleichgültigkeit angeſehen und ſaß nun zuruͤck⸗ gelehnt in der Ecke des Sopha's, indem ſie uns mit ruhiger Aufmerkſamkeit betrachtete. Cornelius wandte ſich um und ſagte: „Sie haben ganz Recht, Miriam, ich mag es nicht.“ Deborah's Eintritt unterbrach das Geſpräch. Nach dem Thee ſpielte und ſang Cornelius. Miriam verließ uns früh. Vierzehntes Kapitel. Am folgenden Morgen ſandte mir Kate mein Früh⸗ ſtück wie gewöhnlich herauf und ließ mir ſagen, daß ich mir nicht einfallen laſſen ſolle, vor zwölf Uhr aufzuſte⸗ hen. Aber ich fühlte mich wieder ſtark; auch wollte ich gar zu gerne Cornelius überraſchen; ich warf mich deß⸗ halb raſch in das Coſtüm des geſtohlenen Kindes und eilte in das Atelier hinauf. Ich trat ein und blieb betrof⸗ fen ſtehen. 4 In der Mitte des Zimmers ſtand Miriam in einem ſeltſamen Gewande. Ein weißer Rock fiel bis zu ihren Füßen; eine blaue Kaſchmirſchärpe ſchlang ſich um ihre edle Geſtalt; ihr Haar war aus dem Geſichte zurückge⸗ ſtrichen; ihre Arme, ſo ſchön, wie die einer antiken Statue, waren bloß. Cornelius betrachtete ſie mit leb: haftem Entzücken und bemerkte mein Eintreten nicht. „Ich glaube nicht,“ ſagte er,„daß das Coſtüm ganz getreu iſt, aber ich habe Sie noch nicht ſo ſchön geſehen.“ Sie lächelte und ſank mit nachläſſiger Grazie auf das niedere Ruhebett. Ein Arm fiel leicht an ihrer Seite herab, der andere ſtützte ihre Wange. „Bewegen Sie ſich nicht,“ ſagte Cornelius lebhaft; 3 „das iſt die richtige Stellung. O! Miriam, welch! liches Bild wird das geben!“ Er ging um ſie he betrachtete ſie voll Bewunderung. 4 „Sie denken an nichts, als au Ihre Bilder!“ ſagte ſie ungeduldig. „Warum bringen Sie mich in Verſuchung? Erlau⸗ ben Sie mir, Ihren Arm zu bewegen?“ 18⁵ Mit froſtiger Gleichgültigkeit ließ ſie ihn ihre ſchö⸗ nen Arme bewegen, wie er wollte. „So!“ ſagte er und trat zurück,„nun iſt es gut.“ „Ausgeſtreckt! Theatraliſch!“ verſetzte ſie ironiſch. „Können Sie es beſſer machen?“ fragte Cornelius etwas pikirt. Sie antwortete nicht, ſondern zog den Körper et⸗ was zurück, beugte ſich leicht vor und brachte dadurch in ihr Geſicht, ihren Blick, ihre Haltung einen ungemein ergreifenden Ausdruck geſpannter Erwartung, während ihr Auge die Tiefen eines unſichtbaren Horizontes zu durchdringen ſchien. Cornelius ſah ſie voll Staunen und Bewunderung an. „Das iſt wirklich„Medora,“ rief er endlich: O! Miriam, ſagen Sie mir nie mehr, Sie verſtünden nichts von Kunſt! und nun ſeien ſie ſo gnädig und laſſen Sie mich Sie ſo ſkizziren.“ „Und das geſtohlene Kind, das wartet?“ ſagte ſie mit einem Blick auf mich. „Was, Daiſy?“ rief er und gewahrte mich zum erſtenmale. 3 Miriam wollte aufſtehen; er eilte auf ſie zu und bat ſie ſo inſtändig, in dieſer Stellung zu bleiben, daß ſie nachgab. „„Daiſy,“ ſagte er freundlich,„Du biſt ein gutes, liebes Kind, aber Du kannſt Dein maleriſches Gewand ausziehen.“ Ach! ſo mußte ich alſo weichen: die Zauberin hatte mich in meiner letzten Feſte überwunden! Anfangs wollte Miß Ruſſell höchſtens zu einer Crayon⸗ ſtizze ſitzen: aber von der Skizze zu einem Waſſerfarben⸗ bild und von dieſem wieder zu einem Oelbilde war der Schritt raſch gethan; endlich wurde das geſtohlene Kind ganz bei Seite geſetzt und die Medora nahm ſeinen Platz auf der Staffelei ein. Ich hatte Cornelius zuvor ſchon in den Abendſtunden, in ſeinen freien Momenten verloren, 186 ich verlor ihn nun bei ſeiner Arbeit; der Eindringling trat zwiſchen ihn und mich gerade an die Stelle, wo ich mich am ſicherſten geglaubt und ich mußte zuſehen, denn Miriam wollte, wie es ſchien, nicht allein ſitzen; Kate hatte etwas anderes zu thun, als ihnen Geſellſchaft zu leiſten: ſo blieb mir dieſe peinliche Aufgabe. Daß Miriam ſtatt meiner Cornelius ſaß, war mein geringſter Kummer; ich hatte nie erwartet, daß er immer kleine Mädchen malen werde: das Sitzen ſelbſt war nichts, aber es führte zu ſo Manchem, deſſen Zeuge zu ſein einem eiferſüchtigen Kinde, wie ich, manchen Schmerz verurſachen mußte. Ich war nicht daran gewöhnt, daß mir Cornelius im Atelier große Aufmerkſamkeit ſchenkte; aber wenn er einen Blick von ſeinem Bilde wegrichtete, ein Wort in einer Pauſe ſprach, gehörte Blick und Wort dem Kinde, das ihm ſaß oder ſchweigend ihm beim Malen zuſah, und nun war mir dies alles verſagt. Ich war beraubt und arm gemacht, damit eine Andere ſich mit meinem Verluſte bereichere. Zwei Jahre lang hatte ich in dieſem Atelier geherrſcht, nicht einmal Kate hatte das Reich mit mir getheilt; zwei Jahre lang hatte Cor⸗ nelius hier mit mir von ſeiner Kunſt, von ſeiner Zukunft, von Allem, was ſich mit dem ſtolzen Ehrgeiz, mit der hohen Aufgabe ſeines Lebensberufes verband, geſprochen; und nun lauſchte eine Andere ſeinen kühnen Erwartun⸗ gen; eine Andere vernahm jeden flüchtigen Gedanken, die ich, obwohl noch ein Kind, einſt alle und allein hören durfte und ich mußte es geduldig ertragen. Aber das war noch nicht alles. Ich ſah nicht blos, wie Miriam ſich in dem Genuſſe all' deſſen befand, deſſen ich mich einſt erfreut; ich ſah ſie ge⸗ liebt, wie ich nie geliebt worden, im Beſitze von tauſend Dingen, die ich nie zu verlieren gehabt. Miriam war eine Frau, eine geiſtreiche, gebildete Frau; ſie konnte mehr thun, als Cornelius zuhören, ſie konnte mit ihm ſpre⸗ 4 chen; ſie that es und zeigte mir jeden Augenblick die ungeheure Ueberlegenheit, die ihr die Kenntniſſe und Jahre über ein reines Kind, wie ich, gaben. Sie hatte ſich der Kunſt zugewandt und wenn ſie auch keine ſo eifrige Schülerin, wie ich, war, ſo beſaß ſie doch ein weit ſchätzbareres, kritiſches Talent. Ihr Sinn für das Schöne war lebendig und originell. Sie bewunderte ſelten etwas nach der täglichen äußern Erſcheinung, ſie entdeckte es, wo es andern unſichtbar ſchien und von ihnen nicht ge⸗ ſucht wurde. Sie war nie mit Cornelius in dem ein⸗ verſtanden, was er für die Verdienſte ſeiner Bilder hielt; aber wenn ſie ihm dann andere wirkliche Verdienſte zeigte, die ihm unbekannt geblieben, ſo entzückte ihn das weit mehr, als ihre Verneinung ihn gereizt hatte. Während ſeine ſchöne Geliebte ihm ſaß, zuſah und ihr Urtheil gab— wie konnte Cornelius meiner bedürfen? Es war natürlich, daß in ſeine freundlichſten Worte und Liebkoſungen ſich unwillkürlich eine gewiſſe Gleichgültig⸗ keit ſchlich; daß er, ausſchließlich mit Miriam beſchäf⸗ tigt, oftmals vergaß, daß ich zugegen war; daß ſein Blick, der immer an ihr hing, ſelten auf mich fiel; daß jedes Wort, das er ſprach, an ſie gerichtet war: das war natürlich, aber es zu ſehen, zu fühlen, nicht ein⸗ mal, ſondern täglich, nicht eine Stunde des Tages, ſondern den ganzen Tag, das war eine Qual, die wie ein ſchleichendes Fieber auf mich wirkte. Aber das war noch nicht alles.⸗— Obwohl Cornelius ſehr für mich eingenommen ge⸗ weſen und noch war, hatte er mich natürlich doch nie ge⸗ liebt. Er liebte Miriam und wenn er auch Selbſtbeherr⸗ ſchung und Tact genug hatte, um nicht mehr Liebe zu zeigen, als ſich für ein Kind, wie ich, zu ſehen ſchickte, ſo liebte er doch zu glähend, um ſich nicht ſo wachſa⸗ men und eiferſüchtigen Angen, wie den meinen, zu ver⸗ rathen. Sein Blick ruhte auf ihr mit der größten Zärtlichkeit und Leidenſchaft, ſeine Stimme wandte ſich an ſie mit 188 den liebevollſten Accenten, deren er ſich gewiß ſelbſt nicht bewußt war. Sein Ton änderte ſich, wenn er ihren Na⸗ men ausſprach, wie ſich der Ausdruck ſeines Geſichtes veränderte, wenn er ſie anſah. Hätte ich die ſchwache und flüchtige Natur der menſchlichen Gefühle gekannt, ich hätte dieſen erſten Zeichen einer erſten Leidenſchaft nicht getraut, aber alles, was ich von Liebe wußte, war, was mir die Feengeſchichten erzählt, und in ih⸗ nen hatte ich nur von einer Liebe geleſen, die kein Ende hat und nicht weniger glühend, als dauernd war. Daß Cornelius eines Tages weniger in Miriams Geiſt und Reize verſunken, weniger gleichgültig gegen mich ſein würde, war ein Gedanke, den ich weder kannte noch p hegte. Die Zukunft— wenn ich die Gegenwart ſo weit vergeſſen konnte, um an die Zukunft zu denken, ſie zeigte mir nur ein Bild— Cornelius Miriam liebend, meiner vergeſſend. Aber auch dies war noch nicht alles. Miriam ſtand in der höchſten Blüthe weiblicher Schönheit: Cornelius in der erſten Gluth männlicher Liebe. Sie war den ganzen Tag bei ihm, nicht allein, ſondern im Zaume gehalten durch die Gegenwart eines andern Weſens, wodurch das Fieber geſteigert wurde, das durch Freiheit und ungeſtörte Einſamkeit zur Sätti⸗ gung gedämpft worden wäre: und dies, wenn mich nicht Alles täuſchte, wußte ſie wohl. Er mußte ſich beſtändig zurückhalten— in einer Weiſe, die ebenſo ermüdend als peinlich und läſtig wurde. Sein Charakter war zu edel, um ſich an mir zu rächen, aber mich quälte dafür eine furchtbare Wahrheit, die mir bei dieſem Zuſammen⸗ leben klar wurde; in dem Atelier, in welchem ich mir durch meine Beharrlichkeit eine Stelle errungen, wo ich Cornelius einen Glauben, ſo ganz und ungebrochen ge⸗ zeigt, wo ich ein Kind, und unruhig, wie alle Kinder mehr oder weniger ſind, die geduldige Sclavin ſeiner Kunſt geworden, wo Cornelius mich immer mit vffenem — 139⁹ und herzlichem Gruße in ſeiner traulichen Heimath will⸗ kommen geheißen: ja dort, dort war ich nicht mehr will⸗ kommen, täglich, ſtündlich las ich in ſeinem Geſichte, ſei⸗ nen Augen, ſeiner Stirne, daß meine Gegenwart ihm eine Laſt, meine Abweſenheit eine Erleichterung war. Ich wußte es und ich mußte es ertragen. Ich mußte immer dieſen letzten vergifteten Tropfen aus einem Becher trinken, der ſich nie leeren wollte. Ich war eiferſüchtig, und dies eine Wort faßt all' mein Elend zuſammen. Ich war, was man ein frühreifes Kind nannte, und vielleicht früher, als viele; ich ſage vielleicht, denn Eiferſucht iſt ein Inſtinkt,— iſt nicht der Hund eiferſüchtig auf 4 ſeinen Herrn?— ſicher iſt es nicht ein Gefühl, das der — — Jahre oder Kenntniſſe bedarf. Es iſt der Schatten der Liebe; und wer hat je das Erwachen der Liebe in einem menſchlichen Herzen beobachtet? Ich liebte Cornelius, wie eine feurige und eifer⸗ ſüchtige Tochter ihren Vater liebt und ich war unglück⸗ lich, daß er einer Andern gewährte, was ich weder wünſchen, noch fordern durfte. Wie meine Liebe, war meine Eiferſucht kindlich und kindiſch: eine Eiferſucht des Herzens, in das ſich nicht die leiſeſte Spur eines ande⸗ ren Gefühles miſchte. Sie war ſündhaft, aber rein. Ich litt nicht, weil Cornelius mit Miriam verlobt war, ſondern weil er ſie liebte. Wenn ich im zwölften Jahre hätte Gefühle verſtehen und unterſcheiden können, die ſich ſo ſeltſam im Herzen der Menſchen vermiſchen, ſo hätte ich Miriam nicht um einen Funken der Leidenſchaft beneidet, ich hätte ihr jedes Atom von Zärtlichkeit miß⸗ gönnt. Wenn ich die Eiferſucht auch nicht mit jener ge⸗ heimnißvollen Macht erfaßte, die ſo manches Herz in Wahnſinn ſtürzte, ſo marterte ſie mich wie ein ſchleichen⸗ des Gift, das mich nach und nach verzehren ſollte. Der eigenthümliche Kampf dieſer qualvollen Leidenſchaft ſcheint mir in der Miſchung zweier entgegengeſetzten Gefühle zu liegen; der Liebe, aus der ſie entſpringt, und dem Haß, 190 den ſie erzeugt: ſie hat die Wärme des Einen und die Heftigkeit des Andern in ſich, und darin liegt das Schlimme und die Gefahr. Ich liebte Cornelius, ich haßte Mi⸗ riam. Meine einzige Rettung aus dem Untergang mei⸗ ner Seele, meines Herzens, meines Geiſtes und meiner ganzen Natur war das, daß ich ihn mehr liebte, als ich ſie haßte: wehe mir, wäre es anders geweſen! Aber wie dem auch war, ich litt— um meiner Sünde, wie um meines Kummers willen; und unglück⸗ licher Weiſe brütete ich über beiden, ohne Verdacht zu erregen. Cornelius hatte meine Eiferſucht entdeckt, ſie als einen Scherz behandelt und vergeſſen; Kate hatte ſie wohl auch geahnt, aber ich war wenig bei ihr und au meiner Hut; die einzige Perſon, welche wirklich wußte, was ich litt, war die, welche mir die Wunde beigebracht und täglich Gift in ſie goß. Ja, Miriam wußte es: ich ſah es in ihrem Blick, in ihrer Sprache, in ihrem Benehmen, und wenn mich irgend etwas unglücklicher machen konnte, ſo war es das Bewußtſein, daß meine elende Schwäche offen vor ihrem Triumphe dalag. So und mehr als ſo fühlt' ich. Unſer wahres Le⸗ ben liegt in unſrem Herzen; von ihm aus, je nachdem wir ſtark oder ſchwach fühlen, beherrſchen wir die Außen⸗ welt, in die wir geſetzt ſind. Wunderbare und drama⸗ tiſche Zufälle bilden nicht das ereignißvolle Leben; es borgt ſeinen Reiz und ſeine tragiſche Kraft von der Ebbe und Flut beider Gefühle. Es gab kein Kind, das ein abgeſchloſſeneres Leben in einer abgeſchloſſeneren Heimath führte, ein Leben, das außer den täglichen Freuden und Sorgen weniger von Abentenerlichem unterbrochen war, und doch fühlte ich damals, daß ich die Grundlinien zu meinem künftigen Schickſal entwarf. Wenn ich in die 6 Vergangenheit zurückblicke, fühle ich, daß mir nach dem, was voranging, alles, was folgte, unbedentend und nich⸗ tig erſcheinen mußte; aber der Satz macht das Spiel und wenn das Glück auf dem Spiele ſteht, ſo wird das 191 Herz, bei jedem Wurfe zwiſchen Hoffnung und Verzweif⸗ lung ſchwankend, laut und heftig an die Bruſt ſchlagen. Ich erinnere mich noch eines Tages am Ende des Winters. Sie waren beide müde und ſaßen auf dem niedern Nuhebett, wo ich ſo oft ſeinen Schlaf bewacht* 3 er ſuchte ſie zu unterhalten, wie er es einſt bei mir gethan; ich ſaß an der Tafel bei dem Tiſche; ein Buch lag offen vor mir, aber ich konnte nicht leſen; ich war ganz Auge, ganz Ohr, ganz Seele für ihn. „Sie müſſen mir für eine Maria Magdalena ſitzen,“ ſagte Cornelius. 5 *„Sie ſprachen kürzlich von einer Julie,“ verſetzte te mit einem gleichgültigen Lächeln. „Sagen Sie, was würde ich nicht alles ſein, wenn ornelius die Macht hätte?“ „Und warum ſollte Cornelius nicht die Macht haben?“ Ihr Ton war kaum etwas mehr, als gleichgültig und doch ſchwer zu ergründen; Cornelius war nie ſo entzückt geweſen, wenn ich ihm eine Stelle unter den Fürſten und Meiſtern der Kunſt anwies, als jetzt bei dieſen zweideutigen Worten ſeiner Geliebten. Er ſprang auf und eilte zur Arbeit, wie einer, der einen neuen Sporn erhalten. 3 „Ich bin noch müde,“ ſagte Miriam kalt. „Ich bedarf Ihrer in dieſem Augenblicke nicht.“ „Weßhalb arbeiten?“ „O Miriam ſoll nicht meine ſchöne Medora Fort⸗ ſchritte machen?“ „Ihre ſchöne Medora?“ wiederholte ſie, während ein leichter Unwille über ihr Geſicht flog, als ob ſie glaubte, Medora mache Miriam ihr Recht ſtreitig. Corrnelius ſtand vor der Staffelei; ich ſah ihn das Bild anlächeln, das darauf ſtand. „Sie iſt ſchön,“ ſagte er leiſe,„obwohl ich weiß, daß Sie nie zugeben werden, daß ſie es iſt.“ 5 V.— 3 1 192 Sie lächelte etwas ironiſch, als er ſich nach ihr umwandte. „Ich werde nichts zugeben,“ antwortete ſie;„Me⸗ dora iſt nicht mein Porträt, ſondern ein ideales Weib, für das Sie meine Geſtalt und mein Geſicht geborgt.“ „Wie, wollen Sie einem Künſtler nicht geſtatten, zu idealifiren?“ fragte er etwas verlegen. „O,“ ſagte ſie ſehr ſanft,„ich will durchaus nicht behaupten, daß es nicht nöthig ſei. Nur wenn es ein Porträt ſein ſollte, würde ich Einwendungen dagegen machen, daß Sie mir Daiſy's Augen und Brauen geben. Cornelius wurde roth und fühlte, daß der Künſtlen den Liebhaber einen Raub hatte begehen laſſen. ſuchte gleichgültig darüber wegzugehen. „Ah! Sie glauben, weil ich den Augenbrauen eine zu dunkle Tinte gab und um die Augen tiefer zu legen, ſie etwas grau machte—⸗ Sie lächelte und ſtand auf. „Sie gehen doch nicht?“ fragte er erſtaunt. „Warum nicht, da Sie meiner nicht bedürfen?“ „O nein; bitte, bleiben Sie,“ ſagte er niederge⸗ ſchlagen und ergriff ihre beiden Hände. Sie entzog ſie ihm mit erſtaunter und ungehaltener Miene und einem Blicke, der auf mich fiel. „Daiſy,“ ſagte Cornelius ungeduldig,„haſt Du unten nichts zu thun, nichts zu lernen?“ Er hätte nicht deutlicher ſagen können,„Du biſt uns im Wege;“ ich antwortete nicht, ſondern ſtand auf⸗ und verließ ſie. „Was führt Dich herunter?“ fragte Kate, als ich in das Zimmer trat, wo ſie allein nähte. „Cornelius ſagte, ich ſolle meine Lectionen lernen.“ „Dann nimm Deine Bücher hinauf.“ Ich machte Einwände; aber Miß O Reilly befahl. „Ich weiß gewiß, Cornelins wollte mich fort haben,“ — 193 ſagte ich endlich, um meine Weigerung zu erklären, die ſie natürlich überraſchte. „Wirklich!“ rief Kate ungehalten. „Ja, Kate.“ „Ich werde mich nicht darum kümmern,“ lautete ihre entſchiedene Antwort;„er ſoll nicht ſeine Tage ver⸗ geuden, wie er ſeine Abende vergeudet: gehe augenblick⸗ lich wieder hinauf.“ Ich gehorchte mit Widerſtreben; als ich an die Thüre des Ateliers kam, blieb ich ſtehen, ehe ich öffnete, und ſah hinein. 3 Sie hatten mich nicht gehört: wie konnten ſie auch? Miiriam, welche ihre Abſicht, zu gehen, aufgegeben, atte ihren Platz wieder eingenommen: Cornelius ſaß zu ihren Füßen, den einen Arm auf der Ecke des Ruhebetts geſtützt und die Augen feſt auf ſie geheftet. Sie beugte ſich zu ihm herab; ihre Wangen waren geröthet, ihre Lippen leicht geöffnet; die eine ihrer Hände war in ihrem ſchönen Haar begraben, das aufgelöst auf ihren Nacken ſiel. Die andere durchwühlte die dunklen Locken von Cornelius. „Sie ſehen nicht mich, ſondern Medora an,“ ſagte Miriam ungeduldig. „Sind Sie eiferſüchtig auf ſie?“ „iferſüchtig; wenn ich eiferſüchtig zu werden be⸗ ginne, ſo bin ich es auf Daiſy.“ „Eiferſüchtig auf Daiſy? als ob Sie das ſein könnten?“ Und er lächelte. Ich trat ein; Miriam blickte auf, ſah mich und lächelte; Cornelius wandte ſich um und erröthend wie ein Mädchen— ſie hatte ihre Farbe nicht geändert— erhob er ſich raſch. Ich trat ein, ſchloß die Thüre, und als ob ich nichts geſehen, nichts gehört, ſetzte ich mich und öffnete meine Bücher; aber Cornelius' Worte„Eiferfüchtig auf Daiſy!“ ſchienen auf jeder Seite Daiſy Burns. J. 1³ 194 zu ſtehen; das Lächeln, mit dem er dieſe Worte geäu⸗ ßert, und ſie ſie gehört, ſtand immer vor meinen Au⸗ gen und Ohren. Er kümmerte ſich ſo wenig um mich, daß ich, wie es ſchien, kein Gegenſtand der Eiferſucht ſein konnte. Miriam blieb noch etwa zwei Stunden; dann ging ſie; kaum hatte ſich die Thüre hinter ihr ge⸗ ſchloſſen, als ich aufſtand, um mich zu entfernen; als ich jedoch an Cornelius vorbeikam, legte er ſeine Hand auf meine Schulter und hielt mich mit einem vorwurfs⸗ vollen:„Willſt auch Du mich verlaſſen?“ an. Ich ſtand vor ihm mit meinen Büchern in der Hand; ich ſah ihm in's Geſicht; es waren weder in mein Augen, noch auf meinen Wangen Thränen, aber mußte tiefer geblickt haben, denn er fragte überra „Was iſt Dir, Kind?“ Er wußte es nicht einmal! „Haſt Du Kopfweh?“ fuhr er in der erbittertſten Gleichgültigkeit fort. „Nein,“ antwortete ich leiſe. 3— „So haſt Du Fieber?“ verſetzte er und fühlte mei⸗ nen Puls. Diesmal antwortete ich nicht. „Lege Dich etwas nieder,“ ſagte er freundlich. Er brachte mich zu dem Ruhebett; legte ein Kiſſen unter meinen Kopf, hieß mich ſchlafen und kehrte zu ſeiner Staffelei zurück. Ach! es war nicht die Ruhe des Körpers, der ich bedurfte, ſondern der ſtille Frieden, der dem Geiſt iſt, was der Schlummer den Sinnen. Seine Freundlichkeit reizte mich, ſtatt mich zu beruhigen. Ich beobachtete ihn beim Malen; ich ſah, daß die Augen der Medora eine 3 andere Farbe bekamen und gedachte der Zeit, da Cor⸗ nelius nicht einen Pinſelſtrich mehr oder weniger gethan, um der ſterblichen Menſchheit zu gefallen. Ich warf mich unruhig hin und her; er hörte mich und kam, da er mich für unwohl hielt, zu mir. 195⁵ „Armes, kleines Ding!“ ſagte er theilnehmend und drückte einen Kuß auf meine Stirne; aber dieſes Zei⸗ chen früherer Zuneigung hatte ſeinen Reiz verloren; ich fühlte mich verrathen und wandte mich unwillkürlich weg; Cornelius lächelte erſtaunt. „Nun, was habe ich gethan?“ fragte er heiter. Seine ungeheuchelte Unwiſſenheit ermuthigte mein Herz. Ohne zu antworten, ſprang ich auf und eilte nach meinem Zimmer, wo ich wenigſtens mich ausweinen eonnte. Wenn Cornelius jetzt auch ahnte, was mir war, ſo zeigte rr es wenigſtens nicht. Er behandelte mich ganz wie gewöhnlich; er ſchien es nicht zu bemerken, daß ich we⸗ ddeer ſeinen Morgen⸗ und Abendgruß erwiderte, noch, daß ich, ſobald er Medora wegen der mehr nützlichen, als intereſſanten Beſchäftigung mit Copirung ſchlechter Bil⸗ der bei Seite ſetzen mußte, nicht nach dem Atelier kam. Es war vielleicht ein wohlwollendes Ertragen meiner Stimmung, ich aber nahm es als einen Beweis von Gleichgültigkeit auf, der meine Eiferſucht ſteigerte, wenn ich ſie auch mehr fühlte, als ihr Ausdruck verlieh. Dies hatte ungefähr eine Woche gedauert, als Cornelius eines Abends zum Thee kam und ſo blaß und krank ausſah, daß 3 ihn ſeine Schweſter fragte, was ihm fehle. Er ſaß am KETiſche und legte die Stirne in die Hand; er behauptete, Kopfweh zu haben. 4„Gehſt Du dieſen Abend aus?“ fragte Kate nach einer Weile. „Nein,“ antwortete er, ohne ſich zu bewegen. Kate ſah ihn überraſcht an, ſagte jedoch nichts darüber. Ich ſaß, wie gewöhnlich, neben ihr; da mein Sitz aber niedriger war, konnte ich ſein Geſicht beſſer ſehen; es war ſtarr und bleich; er bewegte ſich nicht und ſprach nicht. Ich ſtand auf, trat an den Tiſch und ſuchte ſein Auge zu feſſeln; aber ſein Blick fiel auf mich, ohne daß er mich ſah. Ich fragte, ob die Lampe ihn . 1 196 genire; er machte ein Zeichen der Verneinung. Ich ſtand vor ihm und ſah ihn ſchweigend an. „Setze Dich, Kind,“ ſagte Kate ungeduldig. Ich gehorchte, ſchob meinen Stuhl näher zu Cor⸗ nelius und ſetzte mich zu ſeinen Füßen; als ich ſah, daß es ihm nicht zuwider war, legte ich meinen Kopf auf ſein Knie. „Du kleiner Eigenſinn,“ ſagte Kate,„warum quälſt Du Cornelius?“ „Sie quält mich nicht,“ ſagte er, während ſeine Hand mechaniſch meinen Kopf ſuchte, wo ſie in der Er⸗ innerung an eine alte Gewohnheit, die, wie man andere vergeſſen ſchien, liegen blieb. Nach einem Augenblick ſchickte mich Kate in ihr Zimmer, um ein Buch zu holen; während ich darnach ſuchte, höorte ich Cornelius' Thüre ſich öffnen und wie⸗ der ſchließen; ſein Kopfweh hatte ihn genöthigt, ſich mehre Stunden früher, als gewöhnlich, zurückzuziehen. Es war ſchlimmer am andern Morgen, denn er kam* nicht herab; ein Mal glaubte ich, ihn ſich bewegen zu hören und machte Kate darauf aufmerkſam. „Er iſt es nicht, Kind; er will den ganzen Tag im Bette bleiben. Du brauchſt deßhalb nicht jede Se⸗ kunde aufzuſpringen und zu lauſchen.. Aber ſie hatte mir kaum den Rücken gewandt, als ich die Treppe hinaufſchlich. Ich hatte mich nicht ge⸗ täuſcht; Cornelius war aufgeſtanden und in ſeinem Ate⸗ lier, aber nicht an der Arbeit; er ſtand vor der Staf⸗ felei, ſtarrte Medora an und ſah ſo blaß und krank aus, daß ich erſchrak. 8 „Was willſt Du?“ fragte er kalt, aber nicht un⸗ freundlich. „Nichts, Cornelins; genire ich Dich?“ „Du kannſt bleiben.“ Ich ſetzte mich an den — Tiſch; er begann in dem en⸗ 2 197 gen Zimmer auf⸗ und ab zu gehen; plöͤtzlich blieb er ſtehen und ſagte: 3 „Es iſt kein Feuer im Kamine; das Zimmer muß kalt ſein; Du würdeſt beſſer thun, hinab zu gehen.“ „Ich habe nicht kalt, bitte, laß mich bleiben.“ Er ſtand von ſeinem Wunſche ab, nahm ſeine Pro⸗ menade wieder auf und warf ſich endlich mit einem un⸗ geduldigen Seufzer und ſchwermüthigem Geſichte auf das Ruhebett. Ich ſtand auf, ſchritt durch die Zimmer und ſetzte mich zu ihm. Ermuthigt durch ſein Schweigen ſchlang ich meinen Arm um ſeinen Hals. Ich wollte ihm etwas ſagen, ihm meine Theilnahme au ſeinem Schmerz und Kummer ausſprechen, als es aber auf den Punkt kam, war alles, was ich thun konnte, daß ich ihm die Wange küßte. Cornelius machte eine Bewegung, um mich ungeduldig zurückzuhalten; als er aber in meine Augen blickte und ſie mit Thränen gefüllt ſah, hielt er plötzlich inne. „Armes kleines Ding!“ ſagte er mit traurigem Lächeln;„Du vergiſſeſt Deines kindlichen Schmerzes, wenn Du mich bekümmert ſiehſt.“ „O Cornelius,“ rief ich mit großer Aufregung, „wenn Du auch eine andere noch ſo ſehr und mich noch ſo wenig liebſt, ich werde nie wieder ſo thöricht ſein. Ach! wenn Du wüßteſt, wie unglücklich ich war, als ich Dich vergangenen Abend ſo krank ſah!“ „Und kamſt und Deinen Kopf auf meine Kniee legteſt, wie ein getreues Schooßhündchen,— ja, Kind, ich weiß, Du liebſt mich.“ Er ſagte das mit einiger Bitterkeit. Ich antwortete mit Wärme: „Ja, Cornelius, und werde es immer, wenn Du Dich auch nicht um mich kümmerſt.“ „Wirklich?“ antwortete er, während ſeine Gedanken ſichtlich anderswo waren. „Nun, wie könnte ich anders?“ fragte ich erſtaunt über dies„wirklich“ Er erſchrak, wie Jemand, der auf ſeinem geheimſten Gedanken betroffen wird. „Ach,“ ſagte er,„Niemand kann es; von etwas leſſen wollen, und nicht können, das iſt Qual, das iſt Elend.“ „Aber ich will nicht davon laſſen,“ rief ich, bei⸗ nahe ungehalten, und indem ich mich vielleicht etwas zu leidenſchaftlich an ihn hängte, fügte ich hinzu:„Ich könnte nicht, wenn ich auch wollte, und wenn ich könnte, wollte ich nicht, Cornelius.“ Es entſtand eine Pauſe; als ich ihn anſah, ſchien gerade eine innerlich vorgelegte Frage zur Entſcheidung zu kommen. Er drückte mich gerührt an ſein Herz und ſagte in etwas fieberhaftem Tone: „Daiſy, Du biſt klüger als die, die Bücher ſchrei⸗ ben und Reden balten über Selbſtbeherrſchung, als ob dies nicht das Größeſte und Schwierigſte in der Welt wäre, Laß ſie!“ fügte er höhniſch hinzu:„ſelbſt die Kinder wiſſen es beſſer.“ Wenn Kinder wenig und unvollkommen denken, ſo iſt ihre Beobachtungsgabe um ſo wunderbarer. Es fiel mir plötzlich ein, daß ich unbewußt für Jemand geſpro⸗ chen, den ich zu lieben wenig Urſache hatte; der Ge⸗ danke war eben ſo ſüß als bitter. Ich ſah Medora, dann Cornelius an und ſagte leiſe: „Warum quälte ſie Dich, Cornelius?⸗ Er warf mir einen mißtrauiſchen Blick zu und agte: ſus„Das Zimmer iſt zu kalt, geh hinunter, Kind.“ Ich wäre lieber geblieben, um mehr zu erfahren; aber ſein Ton verlangte Gehorſam. Als Cornelius zum Thee hinabkam, fragte ſeine Schweſter, wie er ſich befinde; er ſagte zuerſt:„weit ſchlimmer,“ fügte dann aber raſch hinzu:„weit beſſer.“ 199 Seine Bewegungen, wie ſein Ton hatten etwas Unent⸗ ſchloſſenes; bald ſtand er auf, bald ſetzte er ſich; bald blieb er am Tiſche ſtehen, bald trat er zum Kamine; plötzlich ging er nach der Thüre. „Und Dein Kopfweh!“ ſagte Kate, als ſie ſah, daß er gehen wollte. „Sprich nicht von meinem Kopfweh, Kate!“ ant⸗ wortete er etwas heftig; er ging und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. 4 Kate legte die Arbeit mit erſtauntem Blicke nieder. Er kam, als ich zu Bette gehen wollte. Ich ſtand auf den erſten Stufen der Treppe und wandte mich nach ihm um: ſein Geſicht glühte, ſeine Augen funkelten; er ſchien aufgeregt— mehr aufgeregt, als heiter und glück⸗ lich. Als er an mir vorüberkam, nahm er mich ſo plötz⸗ lich in die Arme, daß ich beinahe fiel, bat mich dann um Verzeihung und küßte mich endlich zwei bis dreimal ſo zärtlich, daß Kate, die uns von dem Wohnzimmer aus ſah, ſehr eiferſüchtig ſchien und nicht ohne Emphaſe: „Poſſen“ rief. „Darf man denn nicht mal ſein eigen Kind küſſen?“ fragte Cornelius, indem er mich mit einem heitern kurzen Lachen niederſetzte. „Cornelius,“ ſagte Kate,„Dein Kopfweh war nichts anderes, als ein Streit mit Miriam, geſteh’ es.“ Er erröthete und ſchien verlegen. „Ich weiß es,“ ſagte ſie triumphirend. „Nein, Kate,“ antwortete er ruhig,„Du weißt es nicht, Du täuſcheſt Dich; ich kann Dir mein Wort geben, daß ich nicht den geringſten Streit mit Miriam hatte; übrigens läßt ſie Dich grüßen.“ Damit trat er ins Zimmer und ſchloß die Thüre. Mir kam es wunderlich vor und doch wußte ich nicht, weßhalb ich Cornelius nicht glanben ſollte. Am Ende der Woche kam Miriam wieder, um für die Medora zu ſitzen. Wenn eine Veränderung in ſeinem Benehmen 200 gegen ſie eingetreten, ſo war es nur die, daß er noch mehr in ſie verliebt ſchien. Cornelius hatte unſerem ſtillſchweigenden Zwiſte zu wenig Wichtigkeit beigelegt, um ſich nach unſerer ſtill⸗ ſchweigenden Verſöhnung im Geringſten zu ändern. Ein junger Mann von zweiundzwanzig Jahren, der ein ſchö⸗ nes Weib von ſechsundzwanzig Jahren liebt, kümmert ſich natürlich wenig darum, ob ein kleines Mädchen von zwölf Jahren ſchmollt und ihn nicht küſſen will. Ich dachte natürlich ganz anders— ich glaubte, er ſei böſe über mich geweſen und ich müſſe ihm nun meine Reue zeigen. Ein unglückſeliger Mißgriff! Seit ſie mich ſo ganz aus dem Felde geſchlagen, ließ mich Miriam im Frieden; wenn ich mich aber Cornelius nützlich und an⸗ genehm machen wollte, ahndete ſie es als einen kecken Eingriff in ihr Recht auf ſeine ausſchließliche Aufmerk⸗ ſamkeit. Sie ſaß ihm, wie gewöhnlich, eines Nachmittags, als er plötzlich rief: „Wie ärgerlich! Ich kann es nicht finden; ich kann nicht fortarbeiten, wenn ich es nicht finde.“ f4„So gönnen Sie ſich einige Ruhe,“ ſagte Miriam ruhig. Er ſetzte ſich etwas widerſtrebend neben ſie, ſagte jedoch, er müſſe um drei Uhr wieder beginnen. Es war eine Skizze für den Vordergrund des Bil⸗ des, die Cornelius nicht finden konnte. Wir hatten ver⸗ geblich den ganzen Morgen geſucht. Ich wollte noch ein⸗ mal ſuchen. Ein großes Geſims, gefüllt mit Bildern und andern Kunſtgegenſtänden zog ſich an der Wand des Zimmers umher. Ohne daß es Cornelius merkte, ſtieg ich auf den Tiſch, holte ein altes Portefeuille herunter, öffnete es und fand plötzlich die geſuchte Skizze. Außer mir vor Freude, ſprang ich zu raſch herab, mein Fuß glitt aus, ich fiel; raſch hatte mich Cornelins auf⸗ gehoben. ——— 201 „Haſt Du Dich verletzt?“ fragte er mit großer Beſorgniß. Ich war anfangs zu betäubt, um antworten zu können; meine erſten Worte waren: „Hier iſt es, Cornelius.“ Ich nahm die Skizze vom Boden auf, zeigte ſie ihm und freute mich über ſeine Ueberraſchung. „O! Du ſchlimmes Kind!“ ſagte er mit freund⸗ lichem Vorwurf. Er ſetzte ſich wieder auf das Ruhebett, hieß mich neben ihn ſitzen und drückte zärtlich ſeine Lippen auf meine Stirne.. „Ich würde Löſchpapier und Eſſig für den Fall einer Quetſchung rathen,“ ſagte die eiskalte Stimme Miriams. „Haſt Du Dich gequetſcht, meine Kleine?“ fragte Cornelius ängſtlich. Ich lachte und küßte ihn. Er wandte ſich an Miriam, lächelte und ſagte mit der edeln und unklugen Offenheit ſeines Charakters:. „Ich habe das kleine Mädchen ſehr lieb, Miriam.“ Und damit ſie nicht daran zweifle, küßte er ſie wie⸗ der. Sie ſaß mit niedergeſchlagenen Angenlidern an der Ecke des Ruhebettes. Ich weiß nicht, ob ſie uns anſah, als es jedoch drei ſchlug, ſagte ſie ſanft: „Ja, ich halte Ihre Zuneigung zu dem Kinde für einen rührenden Zug in Ihrem Charakter, Cornelius.“ Sie hatte ihn nie in meiner Gegenwart bei dieſem Namen genannt; während ſie dies ſagte, ſah ich ſeine Hand die ihre küſſen, die ſie ihm auch nicht entzog. „Cornelius,“ ſagte ich ruhig,„es iſt drei Uhr.“ „Ich hatte es ganz vergeſſen,“ rief er und ſprang auf, indem er Miriams Hand loslies, während ſie mir einen gereizten Blick aus ihren grünen Augen zuwarf. 10 kehrte zu ſeiner Staffelei, ich zu meinen Büchern zurück. ————— * . 202 „Daiſy,“ ſagte er,„Du mußt nicht lernen nach einem ſolchen Fall.“ „Ich will meine Lectionen vollends durchnehmen,“ entgegnete ich eifrig;„Du weißt, Du verſprachſt mich dieſen Abend zu prüfen.“ „Armes kleines Ding!“ ſagte Miriam freundlich, „ich glaube, das übermäßige Arbeiten hat ſie in letzter Zeit ungewöhnlich blaß gemacht.“ Mein Geſicht glühte. Ich war blaß; aber mußte ich daran erinnert werden?. „ Oder iſt es Gallenkrankheit,“ fuhr ſie fort;„ihr Geſicht und ihr Haar haben beinahe dieſelbe Farbe, ganze Strohfarbe. Sorgen Sie doch dafür, Mr. O'Reilly, daß ſie nicht ſo viel arbeitet.“ „Daiſy, lege Deine Bücher weg,“ ſagte Cornelius ängſtlich. „Heute nicht,“ antwortete ich bittend. „Sie iſt ſo fleißig,“ ſagte er bewundernd. „Wie alle Kinder, die ſich nicht auf eine raſche Auffaſſungsgabe verlaſſen können.“ „8! Daiſy faßt ſehr ſchnell,“ antwortete er raſch einfallend.„Sie hat oft Antworten, die mich über⸗ raſchen.“ „Ich möchte überraſcht ſein. Würdeſt Du mir wohl einige Fragen beantworten, Daiſy?“ Ich traute ihr nicht, auch wollte ich ſie nicht als Autorität anerkennen, noch weniger, mich von ihr vor Cor⸗ nelius bloßſtellen laſſen. „Danke,“ antwortete ich,„Cornelius wird mich dieſen Abend examiniren.“ „Ich urtheile gerne ſelbſt,“ entgegnete ſie lächelnd. Ich antwortete nicht. „Daiſy, haſt Du gehört?“ ſagte Cornelius. „Ja, Cornelius.“ „Warum antworteſt Du denn nicht? Haſt Du etwas dagegen, jetzt geprüft zu werden?“ 203 „Von Dir nicht.“ „Aber, mein liebes Kind, Miß Ruſſell will Dich fragen.“ Ich blieb ſtumm; er warf mir einen ſtrengen Blick zu. Es wurde nicht weiter über die Sache geſprochen. Gegen Abend verließ uns Miriam, Ich erwartete, Cor⸗ nelius werde mich ſchelten, er öffnete jedoch die Lippen nicht. Ich hatte ein Gefühl, daß dieß Schweigen von keiner guten Vorbedeutung ſein werde, und ſo war es auch. Nach dem Thee brachte ich meine Bücher, Cornelius ſah mich kalt an. „Ich bin erſtaunt über Dein Vertrauen,“ ſagte er, ſtand auf, nahm ſeinen Hut und ging. Eine ganze Woche lang hatte ich auf dieſen Abend gearbeitet und dachte mit Stolz an die Fortſchritte, die Cornelius bemerken mußte. Als die Thüre ſich hinter ihm ſchloß, brach ich in Thränen aus. „Was ſoll das Alles bedeuten?“ fragte Kate erſtaunt. Ich ſchlang meinen Arm um ihren Hals und er⸗ zählte ihr unter Thränen. Sie mißbilligte zwar mein Benehmen, ſuchte mich aber zu tröſten. „Es war nicht gut,“ ſagte ſie,„und kindiſch, Dich ſo widerſpenſtig gegen Miß Ruſſell zu benehmen; aber ängſtige Dich nicht, wenn Cornelius auch ärgerlich iſt, er hat Dich doch von Herzen lieb.“ „Nicht ſo ſehr, wie ſonſt, Kate.“ Sie widerſprach der bittern Wahrheit nicht „Es wird nie mehr ſo werden,“ fuhr ich fort. „Als ob ich es nicht wüßte!“ rief ſie vielleicht un⸗ willkürlich. Ich blickte ihr ins Antlitz. Auch ſie hatte geſehen und gefühlt, daß Cornelius uns nicht mehr war, was er einſt geweſen. Sie lächelte traurig, als ſich unſere Blicke begegneten, preßte mich an ihr Herz und küßte mich. Obgleich ſie ſchon eine Frau und ich noch ein 204 Kind war, vereinigte uns doch das Band deſſelben ge⸗ heimen Kummers und Schmerzes. Fünßehntes Kapitel. So begann der kurze und bittere Kampf zwiſchen Miriam und mir. Ich entſchuldigte mich am folgenden Tage ziemlich demüthig bei ihr; aber im häuslichen Leben ſcheinen Verſöhnungen nur zu neuen Kämpfen zu führen; ſie beizulegen iſt nichts; wenn die Geſinnung dieſelbe bleibt, kann der Hader nicht aufhören. Ich blieb eiferſüchtig auf Miriam; ſie ahndete jeden ſchwachen Ver⸗ ſuch, den ich machte, um mir die Liebe und Aufmerkſam⸗ keit deſſen zu ſichern, deſſen Gedanken und Gefühle ſie nur auf ſich gerichtet wiſſen wollte. Ich liebte ihn zu glühend und war zu leidenſchaftlich und zu ſtolz, um dies geduldig zu ertragen. Meine Beharrlichkeit kam mich theuer zu ſtehen; ich wurde täglich an dem zarteſten und empfindlichſten Punkte verletzt— in meiner Liebe zu Cornelius. Ich hatte allerdings Fehler, aber Cor⸗ nelius ſchien ſie nie bemerkt zu haben, wie er ſie jetzt bemerkte: wie konnte er auch? Früher ſchlummerten ſie im Frieden, eingelullt von der Liebe, die ich für ihn fühlte und die er für mich fühlte, während ſie jetzt— wenn auch nicht gerade mit Worten genannt, dazu hatte ſie zu viel Takt,— ſo doch täglich und ſtündlich ihm unter den Blick geſtellt wurden. Ich fühlte dies: ich be⸗ ſchloß, ſtille zu halten, um dem Feind dadurch zu nützen, aber ich konnte meinem Vorſatz nicht tren bleiben. Sie wußte ſo gut, daß ſie mich durch Hohn quälen und 20⁵ niederbeugen konnte: ich wurde verſtockt und trotzig, wie mich Cornelius nie gekannt, und meine Hartuäckigkeit ſtieg auf einen Grad, daß ſelbſt er keine Macht mehr über ſie hatte. Er gewahrte die Veränderung mit Stannen und Schmerz, denn er fühlte etwas ſpät, daß die Eiferſucht eines Kindes nicht ſo gering angeſchlagen werden darf, als er es gethan; er ſuchte meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben; er war abwechſelnd freundlich, ſtreng und nachſichtig, aber umſonſt Das Unglück war, daß ich ihn nur um ſo inniger liebte und mit dieſer Liebe nicht eiferſüchtig zu ſein, war eine Unmöglichkeit. Früher hatte ihm dies Uebermaß von Zuneigung gefallen, er hatte dieſes Feuer unvorſichtig angeſchürt; nun war er ſeiner überdrüſſig— und kein Wunder; es war die Quelle eines täglichen, wenn auch kleinlichen, ſo doch peinigenden Aergers. Ich erinnere mich noch eines Morgens. O! wie dieſe kindiſchen Ereigniſſe ſich in mein Gedächtniß geprägt. Sie hatte mich wie gewöhnlich durch Anſpielungen auf mein blaſſes und kränkliches Ausſehen und ungemein hinterliſtig geſtellte Fragen, in einem Grade gereizt, daß ſie einen Ausbruch meines Zornes erwarten konnte: ich ſchwieg. Es half mir jedoch wenig. „Bitte, laſſen Sie ſie gehen, Miriam,“ ſagte Cor⸗ nelius ſehr verdrüßlich,„es iſt ein eigenſinniges Mädchen, das Ihre Aufmerkſamkeit nicht verdient.“ „Das arme Kind würde gewiß nicht ſo ſein, wenn es nicht ſo ungeſund wäre,“ ſagte Miriam freundlich. Das war eine von den Bemerkungen, mit denen ſie mich aufſtachelte; ſie wußte und ich wußte, welchen Werth Geſundheit in Cornelius' Augen hatte, wie ſehr ihn friſches Ausſehen und heitere Stimmung anzogen, die mir beide ſo ſehr abgingen. „Sie ſind zu gütig, daß Sie immer Entſchuldigun⸗ 206 gen für ſie erfinden,“ verſetzte Cornelius mit einem ſtrengen Blick auf mich. „Entſchuldigungen!“ dachte ich,„ja, es war leicht, ſolche Entſchuldigungen zu erfinden.“ Aber ich antwortete nicht: ich ſah nicht mehr von meinen Büchern auf. Ich ſaß an dem Tiſche in der Nähe des Fenſters, als ob ich nichts hörte, denn die Scene ereignete ſich in dem Atelier, wo Miriam noch immer für die Medora ſaß. Gegen Mittag ſtand ſie auf, um zu gehen. „Beſehen Sie ſich ein wenig unſern Garten,“ ſagte Cornelius und fügte, an mich gewandt, hinzu:„Setze Deinen Hut auf und nimm den Mantel— die Sonne iſt warm und wird Dir gut thun.“ Es war einer der mildeſten Tage des Frühjahrs. Unſer Garten hatte noch wenige Blumen. Cornelius ſammelte die ſchönſten und friſcheſten für ſeine Geliebte; einige Schneeblümchen jedoch, die ſie beſonders bewun⸗ derte, pflückte er nicht. „Dieſe kann ich Ihnen nicht geben, ſie gehören Daiſy,“ ſagte er;„die andern gehören Kate und folg⸗ lich mir.“ Sie nahm die Blumen, die er ihr gab, mit lächeln⸗ dem Danke und ſetzte ſich auf die hölzerne Bank vor dem Hauſe. Er war bald an ihrer Seite,— war bald ganz in ſie vertieft. Die Sonne ſchien hell und warm aus der blauen Wolke; die Luft war angenehm er⸗ friſchend; das alte Haus hatte manche braune, reiche Tinte; der Epheu an der Veranda war grün und glän⸗ zend; im Garten dufteten die erſten friſchen Blüthen in dem hellen Grün des Frühlings; ein Vogel hatte ſich auf den höchſten Zweig der größten Pappel geſetzt und jubelte dort ſein luſtiges Lied in die Lüfte. Es war ein Morgen für glückliche Liebende, ſo neben einander zu ſitzen, auf Himmel und Erde unter dem Dache eines warmen Hauſes hinauszublicken. Ich ſah ſie an und fühlte die Bedeutung von Cor⸗ 207 nelius Worten. Dieſe Schneeblümchen waren mein. Ich hatte ſie ſelbſt gepflanzt und ſie wachſen und ihre ſchüchterne Schönheit entfalten ſehen; aber ich habe niemals an ſie den Gedanken ſelbſüchtigen Genuſſes ge⸗ knüpft. Sie eines Morgens in das Atelier Cornelius zu ſtellen, mich an ſeiner Ueberraſchung, ſeiner Freude und ſeinem Danke zu weiden, war alles, was ich mir habe träumen laſſen; wenn es ihm aber beſſer dünkte, ſie der zu ſchenken, die für ihn jetzt die größte Freude war, was ſollten ſie dann mir? Ich fühlte ſchmerzlich, daß ſie ſeine Zuneigung, ſeine Gedanken, ſeine Blicke, ſeine Freundlichkeit, ſelbſt ſeine Liebkoſungen genommen— ſo mochte ſie denn auch die Blumen mit allem Uebrigen haben. Ich pflückte ſie und legte ſie ſchweigend auf ihren Schooß. Miriam ſah mich an und erröthete. Cornelius ſchien hocherfreut und ſchlang ſeinen Arm mit plötzlich erwachender Freundlichkeit um meinen Hals. „Ach!“ ſagte Miriam zu ihm,„dieſe Blumen ſind für Sie, nicht für mich beſtimmt und Sie müſſen ihr danken.“. 2 Mit dem Worte„danken“ meinte ſie ohne Zweifel einen Kuß, aber Cornelius ſchien mich mehr nach Luſt und Liebe küſſen zu wollen, denn er beachtete den Wink nicht. Miriam legte die Schneeblümchen zu den übrigen Blumen und athmete den ſüßen Wohlgeruch mit träu⸗ meriſchem Blick und Lächeln ein. Cornelius ſah ſie an und rief: „Ah! jetzt ſind Sie Moores Namouna, die orien⸗ taliſche Zauberin, die von dem Dufte der Blumen lebt.“ „Wie koönnen Sie ſo grauſam ſein?“ antwortete ſie und blickte auf, während ihre grünen Augen mit fal⸗ ſchem Lichte in der Sonne ſtrahlten. „Grauſam?“ Kaß„Ja, das arme Kind wartet noch immer auf ihren u„* Es waren ihre eigenen Worte. Sie machten mein * Blut kochen und während ich dies ſchreibe, durchzuckt mich das alte Gefühl, über das Jahre hingegangen, ohne es erſticken zu können. Wer, was war ſie, daß ſie ſo ſprechen durfte: Cornelius hatte mich geküßt und ge⸗ liebkoſt, ich hatte in ſeinen Armen gelegen und an ſeiner Bruſt geruht, noch ehe er ihr ſchönes und unglückſeliges Geſicht geſehen,— als er noch nicht mal von ihrem Daſein wußte; er mochte ſie mehr lieben, als mich, aber er hatte mich zuerſt geliebt: auch jetzt, ſo ſehr ſich alles verändert hatte, wußte ich, daß ich ihm noch theuer und werth war. Sie hatte mir viel genommen; wollte ſie mir alles nehmen? Sollte er mich nur dann liebkoſen, wenn es ihr gefällig war, wenn ſie darum bat? Sollten ſeine Lippen meine Wange nur dann berühren, wenn ſie es erlaubte? Wollte ſie mir auch noch den armſeligen Tropfen zumeſſen, den ſie mir in dem Becher zurückge⸗ laſſen, der einſt ſo voll geweſen? Ich fühlte dies nicht in dieſem beſtimmten Ausdruck, aber nur um ſo tiefer, denn es durchzuckte mich während der kurzen Secunden, welche Cornelius über dieſe Worte lächelte, worauf er ſich nach mir umwandte, um ihren Wunſch zu erfüllen. Ich kehrte ihm dem Rücken: wenn er mich nur unter ſolchen Bedingungen umarmen wollte, ſo mochte er es ganz ſein laſſen. Cornelius war überraſcht und ungehalten. Im Weggehen hörte ich die ſanfte Stimme Miriams ſagen: „Wie unglücklich ich bin, zu kränken, wo ich Freund⸗ liches erweiſen wollte.“. „Denken Sie nicht daran,“ verſetzte Cornelius miß⸗ ſtimmt:„es iſt mir ſehr ſchmerzlich, ſolche Gefühle in Daiſy zu entdecken.“ Ich ſtand bei der Sonnenuhr und kehrte ihnen den Rücken: ich zitterte noch am ganzen Leibe, ſo aufgeregt waren die Gefühle, die Cornelius ſchmerzten, und die doch, wie er fühlen mußte, aus der Innigkeit meiner Liebe zu ihm entſprangen. Aber es war einmal be⸗ 209 ſtimmt, daß ſie immer Recht und ich immer Unrecht haben ſollte. Ich verſuchte keine unnütze Rechtfertigung und hörte ſie in das Haus gehen, ſah mich aber nicht nach ihnen um. Häusliche Zwiſte haben eine endloſe Nachkommen⸗ ſchaft: jeder beſteht für ſich: ſobald der eine aufhört, entſteht ein anderer und ſo fort. Auch für heute war es nicht genug. Als Miriam Nachmittags wieder kam, hatte ſie Cornelius kaum eine Stunde geſeſſen, als ſie zu mir ſagte: „Daiſy, ich habe Ihnen noch nicht für die Schnee⸗ blümchen gedankt: Sie müſſen mir mein Verſäumniß vergeben.“ „Vergeben!“ wiederholte Cornelius, der ſich einige Minnten neben ſie ſetzte, und der dies wahrſcheinlich für zu herablaſſend hielt. „Warum nicht? Es iſt das Wenigſte, was ich thun kann, um dem armen Kinde für ſeine Blumen zu dan⸗ ken: ich wünſchte ihr auch etwas zu geben; was wäre Ihnen lieb, meine Kleine.“ Sie hatte ſich wieder an mich gewandt und ſprach ſehr ſanft: ſie ſprach immer ſo mit mir. Das war aber das Elend und die Schlinge: ſie wußte wohl, daß ich nicht ſo mit ihr ſprechen konnte, daß meine Stimme ſogar einen andern Ton annahm, wie ich ſie etwas zu fragen, oder ihr zu antworten hatte. Ich fühlte, welcher Spott darin lag, daß ſie, die mir alles geraubt, was mir am Herzen lag, nun von einem Geſchenke ſprach, das ſie mir geben wollte; aber ich zwang mich zu der Antwort: „Irgend etwas, was Ihnen beliebt“. „Irgend etwas iſt nichts, meine Liebe,“ ſagte ſie ſehr freundlich. Ich antwortete nicht; ſie fuhr fort: „Möchten Sie ein Buch? Sie leſen gern?“ Daiſy Burns. 1. 14 ** „Ja, ich habe Bücher gerne.“ „Oder ein neues Kleid; Sie mögen das doch?“ „O ja.“ „Aber ich möchte wiſſen, was Sie vorzögen?“ fuhr ſie fort: „Ich ziehe keines vor.“ Cornelius' Stirne zog ſich in Falten. „Daiſy,“ ſagte er ſtreng,„ſprich Dich offen aus, was Du wünſcheſt.“ Ihr ſagen, was ich wünſche; ihr für eine Freude verpflichtet ſein; nein, nicht mal ſeine Autorität konnte mich dazu vermögen. Cornelius beharrte auf ſeiner Forderung, ich auf meiner Weigerung; er wurde böſe, ich gab nicht nach; alles, was ich ſagen konnte, war, daß ich nichts vorziehe; und ſofern es ihre Geſchenke betraf, war es wahr, denn ſie erſchienen mir alle gleich haſſeuswerth. „Ungehorſames eigenſinniges Mädchen!“ begann Cornelius in heftigem Zorn. „Daiſy ſoll nicht um meinetwillen geſcholten wer⸗ den,“ unterbrach ihn Miriam und legte ihre ſchönen Finger auf ſeine Lippen,„und ſie ſoll auch ihr Geſchenk haben; wir müſſen ſie durch Freundlichkeit gewinnen,“ fügte ſie flüſternd, doch ſo, daß ich es hörte, hinzu. Cornelius ſah ſie mit einer Miſchung von Liebe und Bewunderung an und warf mir dann einen Blick des bitterſten Vorwurfes zu. Ich erhielt mein Geſchenk auch ſchon am nächſten Morgen, Miß Ruſeel ſchickte es mit ihren freundlichſten Grüßen: ein ſchönes grünſeidenes Kleid, das mich ſo gelb wie Safran machte. Der Gedanke, es anzuziehen, brachte mich zur Verzweiflung, aber Cornelius, dem es außerordentlich gefiel, beſtand darauf. Ich mußte nach⸗ geben. Ich ſah in den Spiegel und fand, daß die Ab: ſicht der Geberin erreicht war. „Wie freundlich von Miriam!“ ſagte Cornelius, 211 di ich vor ihm ſtand.„Es iſt ſehr hübſch, Kate, nicht wahr?“ „Eine häßliche Farbe für Daiſy,“ antwortete ſie trocken. „St. Patriks Tag war letzte Woche,“ ſagte er lächelnd. „Und Daiſy’s Kleid iſt natürlich grün zu Ehren des heiligen Patrik,“ verſetzte Kate etwas ironiſch;„es iſt für den täglichen Gebrauch viel zu fein, komm' deß⸗ halb herauf, Kind, und zieh es aus.“ „O Kate!“ begann ich, ſobald wir allein waren. „Nein,“ unterbrach ſie mich,„das iſt eine Idee von Dir, Daiſy.“ Sie ſchien ſo feſt davon überzeugt zu ſein, daß das, was ich geſagt, nur eine Idee von mir ſei, daß ich davon abſtand, das Wort auszuſprechen. Sie half mir beim Ausziehen, betrachtete das Kleid etwas verächtlich, ſagte, es ſei hübſch, daß ich ihr jedoch weit beſſer in meinem alltäglichen Merino gefalle, während ich in dem neuen Kleid wie ein Bund Schlüſſelblumen zwiſchen grünen Blättern ausſehe. Ich machte keine ſolche maleriſche Bemerkung, war aber entſchloſſen, daß mich nur Gewalt dazu vermögen ſollte, das Kleid zu tragen, das ich nicht hatte ausſchlagen können. Aber das unglückliche Geſchenk ſollte mich noch länger quälen. Als Miriam kam, dankte ihr Cornelius auf's wärmſte und pries ihren feinen Geſchmack. Ich ſaß an dem Tiſch, ſcheinbar in meine Bücher vertieft, und ſchmeichelte mir mit der Hoffnung, es werde nun nicht weiter davon die Rede ſein; aber ich täuſchte mich. „Daiſy,“ ſagte Cornelius. Ich ſah auf; ſein mahnender Blick war leicht zu verſtehen, da ich mir aber den Anſchein gab, als ahnte ich nicht, was er wolle, fügte er hinzu: „Du haſt Miß Ruſſell nicht gedankt.“ 1 Wenn das Kleid mir geſtanden hätte, wenn ich hätte 212 vermuthen können, daß die Gabe einer freundlichen Ge⸗ ſinnung entſtamme, ſo würde ich meinen Stolz ſo weit überwunden haben, daß ich ſeiner Aufforderung ent⸗ ſprochen. Aber Miriam für das zu danken, was ich ausgeſchlagen, und was ſie mir aufgedrungen; ihr für das zu danken, was ich dazu beſtimmt hielt, mich in den Augen von Cornelius häßlicher zu machen, und was, wie ich nur zu gut wußte, dieſen Zweck vollkommen er⸗ reichte, das war mebr, als ich thun konnte. „Du haſt Miß Ruſſell nicht gedankt,“ ſagte Cor⸗ nelius wieder. Ich antwortete nicht, ich ließ den Kopf hängen und verharrte in trotzigem Weigern. Mehrmals ſagte Cor⸗ nelins in einem Tone, der mich ſeinen zunehmenden Zorn ahnen ließ: „Daiſy, willſt Du Miß Ruſſell danken?“ Ich ſagte nicht, ich wolle nicht, aber ich that es auch nicht; und doch ſchmerzte mich wieder der Gedanke, ihn dadurch zu reizen. Aber ich konnte nicht anders! Cornelius hatte das hitzige Blut ſeines Stammes: aber ſein Temperament war ſo leicht und heiter, daß man Wochen lange mit ihm umgehen konnte und, wenn man nicht bisweilen ſeine Augen plötzlich aufleuchten ſah, nicht ent⸗ fernt ahnte,— daß er zu heſtiger Leidenſchaft erregt werden konnte. Durch meine Hartnäckigkeit aufs Aeußerſte gereizt, wurde er jetzt blaß vor Zorn; er verließ ſeine Arbeit und trat auf mich zu; ich zitterte vor ſeinem Blick und fuhr zurück. Miriam trat raſch zwiſchen uns und ſtellte ſich ſchützend vor mich. „Mr. O Reilly!“ rief ſie,„beherrſchen Sie ſich.“ Sie ſprach mit einem Blicke des Vorwurfs und der Antorität. Cornelius ſah ſie erſtaunt an und erröthete bis zu den Schläfen.. „O! Miriam,“ ſagte er, indem er ſich mit einemn vorwurfsvollen Blicke zurückzog,„wie konnten Sie das denken?“ 1 213 Es hatte den Anſchein, als könnte er es nicht mal nennen; als er mich jedoch noch immer hinter Miriam ſtehen ſah, nahm er mich bei der Hand, ſetzte ſich auf das Sopha und ſah mir aufmerkſam ins Geſicht, indem er ſagte: „Und glaubteſt denn auch Du, ich werde Dich züch⸗ tigen, oder nur berühren?“ Ich ſah ihn an. Ich dachte an all' ſeine frühere Freundlichkeit,— mein Herz ſchwoll; die Thränen, die mir nicht mal ſein Zorn entlockt, brachen bei dieſer Frage in Strömen hervor: ich ſchlang meinen Arm um ſeinen Hals. „Ach nein nein!“ rief ich,„ich dachte nicht daran, Cornelius, ich konnte nicht daran denken.“ „Nicht? wiederbolte er,„gewiß, Daiſy?“ 3 „Nein,“ antwortete ich beinahe leidenſchaftlich:„nein, Cornelius; wenn ich Dich auch noch ſo ſehr erzürnt, wenn ſelbſt Deine Hand ſich gegen mich erhöbe, ich würde keinen Moment davor zittern— denn ich weiß, ſie würde mich nicht berühren.“ Seine Lippen zitterten, das einzige Zeichen, das ſeine Aufregung verrieth. Er ſah mich an, unſre Augen begegneten ſich und ich fühlte, daß in den ſeinen etwas war, was all' meine Liebe und mein Vertrauen er⸗ wiederte. „Du warſt ſehr eigenſinnig,“ ſagte er endlich:„Du haſt mich in einem Grade gereizt, daß ich all' meine Selbſtbeherrſchung verlor; aber um dieſer Worte willen ſei dir nicht allein alles vergeben, ſondern wenn je wie⸗ der Streit ſich zwiſchen uns erhöbe, ſo merke Dir, daß, was auch geſchehen ſein mag, Du mich nur an dieſen Tag zu erinnern brauchſt, um Frieden zwiſchen uns zu ſtiften.“ 8 Er drückte mich an ſein Herz und küßte mich wie⸗ derholt ſtand auf und ging zu Miriam. Sie ſtand noch 214 auf derſelben Stelle, blaß und höhniſch, als erwartete ſie kampfgerüſtet Cornelius' Vorwürfe. „Ich bitte um Vergebung,“ ſagte er ernſt. „Meine Vergebung?“ fragte ſie mit einem kalten Zweifel in den Augen. „Ihre Vergebung,“ wiederholte er genau in dem⸗ ſelben Tone. Als ich auf Daiſy zuging, wollte ich ſie an der Hand nehmen und aus dem Zimmer führen, eine kleine Strafe, die ihre Hartnäckigkeit wohl verdiente; aber wie ſehr muß ich mich ſelbſt vergeſſen haben, daß Sie mich in ſolchem Maaße mißverſtehen konnten?“ Sie ſchien den Vorwurf nicht zu merken, der in dieſer Vertheidigung lag. „Sie waren allerdings um einer unbedeutenden Kleinigkeit willen ſehr aufgeregt,“ antwortete ſte ruhig, „aber das unglückliche Kind war's, das Sie alle Geduld verlieren machte.“— „Ich habe Macht genug über mich, um Ihnen ver⸗ ſprechen zu können, daß, was Daiſy auch thun mag, ich mich nicht wieder in dieſem Grade fortreißen laſſen werde,“ ſagte Cornelius ſehr ruhig:„ich werde mich mäßigen und vergebe ihr im Hinblick auf das, was dieſen Morgen geſchehen; darf ich hoffen, daß auch Sie ihr vergeben?“ „Allerdings; das arme Ding!“ ſeufzte Miriam, als ob ſie zu großes Mitleid mit meiner ſchwachen Na⸗ tur hätte, um irgend eine ihrer Aeußerungen ahnden zu können. Es wurde nicht weiter von der Sache geſprochen; aber Cornelius ſchien durch mein Vertrauen ebenſo ſehr erfreut, als durch Miriams Verdacht im Geheimen ver⸗ letzt Wenn ich auch im Benehmen gegen ſie keine Ver⸗ änderung gewahrte, ſo konnte ich mich doch über die Zärtlichkeit und Hinneigung nicht täuſchen, mit der ſie mich plötzlich wieder behandelte. Wäre ich klug geweſen, ſo hätte ich dieſe Gelegenheit wahrgenommen, um alles 215 wieder zu erobern, was ich verloren; aber wer iſt klug in dieſer Welt? Ich war thöricht genug, um in die erſte Schlinge zu ſtürzen, die mir Miriam legte: ich zeigte mich wieder als das eigenſinnige, halsſtarrige, eiferſüch⸗ tige Kind. Cornelius jedoch hielt ſein Wort; er biß ſich in die Lippen, kämpfte ſeinen Zorn nieder, und ließ ſeine Stimme ſich nicht über die Töne ruhiger Ermahnung erheben. Aber beſſer, weit beſſer wäre es für mich geweſen, wenn Cornelius losgebrochen wäre, mich geſtraft und mir in der nächſten Stunde vergeben hätte, als daß er jedesmal, wenn ich einen Fehler beging, an ſich hielt. Dieſes täglich ſich wiederholende Zurückdrängen ſeiner leidenſchaftlichen Gefühle ſteigerte den fieberhaften Zu⸗ ſtand ſeines Geiſtes mehr und mehr; ich reizte ihn be⸗ ſtändig und zwang ihn doch immer wieder zur Selbſtbe⸗ herrſchung. Ich wurde ein geheimer Dorn in ſeiner Seite, die Quelle nicht anerkannter Pein, eine Warnung, die ihm überall entgegentrat: wenn Miriam beabſichtigt hätte, ihm meine Gegenwart unerträglich zu machen, es hätte ihr kaum beſſer gelingen können. Wie verändert war unſere ſonſt ſo glückliche und friedliche Heimath! ein Geiſt der Zwietracht, der Eifer⸗ ſucht war eingebrochen und hatte all' ihre Frenden ver⸗ giftet; ein Gefühl der Unzufriedenheit und Zerrüttung ſchwebte wie das Damoklesſchwert darüber und raubte Allem ſeinen Reiz. Kate war ernſt, Cornelius reizbar; ich war elend; ſie allein, die von Allem die Schuld trug, war unverändert heiter. Ein ſolcher Stand der Dinge konnte nicht lange dauern: das fühlten wir alle. Der Schluß des April brachte eine Veränderung hervor. Das Frühſtück, das wie gewöhnlich gemeinſchaftlich eingenommen wurde, war vorüber, als Cornelius mich ihm nach dem kleinen Ate⸗ lier folgen hieß. Ich gehorchte mit Freuden; Medora 216 war wieder auf die Seite geſtellt und Miriam brauchte deßhalb nicht zu kommen: er hatte in letzter Zeit eine große Vorliebe für meine Geſellſchaft gezeigt; ich mußte ſeine Aufforderung deßhalb als ein Zeichen ſeiner erneuerten Gunſt betrachten. Als ich endlich wieder mit ihm in dem kleinen Zimmer war, das ich wohl kannte, rief ich heiter: „Wie freundlich das von Dir iſt, Cornelius, daß Du mich mit Dir nahmeſt.“ „Wirklich?“ ſagte er, ohne mich anzuſehen. „Ja, ich wollte ſchon geſtern heraufkommen, Kate erlaubte es nicht. Darf ich morgen kommen?“ „Morgen? Nein.“ „Uebermorgen aber?“ ſagte ich zudringlich. „Sei ruhig, Kind, und laß mich arbeiten.“ Ich gehorchte und ſah ihm bei der Arbeit zu, mit der er in der letzten Woche beſchäftigt war,— der Co⸗ pie eines kleinen holländiſchen Gemäldes für einen Bil⸗ derhändler. Nach einer Pauſe ſagte ich: „Wenn Du ein großer Maler biſt, wirſt Du keine Bilder mehr copiren, nicht wahr, Cornelius?“ „Sagte ich Dir nicht, Du ſolleſt mich arbeiten laſſen?“ „Ich werde nicht mehr ſprechen.“ Um dieß aber möglich zu machen, ſtieg ich auf den Tiſch und wollte ein paar Portefeuilles herabholen. Er hörte mich, wandte ſich um nach dem Geſimſe und rief in befehlendem Tone: „Steig, herunter!“, Ich gehorchte ungerne und ſagte: „Ach! wenn Du nur wollteſt, Cornelius?“ „Wollteſt, was?“ „Laß mich die Portefeuilles herabnehmen, die Zeich⸗ nungen ſehen und ſie ordnen, ſie ſind gewiß in großer Unordnung. Wenn ich heute beginne, wären ſie am 217 Ende der Woche aufs Schönſte ſortirt. Gib mir eines, damit ich es ordne.“ „Nein; muß ich Dir zum dritten Male ſagen, daß Du mich arbeiten laſſen ſollſt?“ Ich verſprach ihn nicht zu unterbrechen, nahm einen Stuhl und ſaß eine Zeit lang ſtill und ruhig da: aber ich mußte vom Geiſt des Sprechens beſeſſen ſein, denn ich vergaß mein Gelöbniß und ſprach wieder. „Cornelius,“ ſagte ich plötzlich,„glaubſt Du Deine „Glückliche Zeit“ werde angenommen werden?“ denn Cornelius hatte ſein Gemälde an die Academie geſandt: Kate und mir war etwas ängſtlich bei der Sache zu Muthe, er ſchien vollkommen gleichgültig dagegen. „Ich weiß nicht und kümmere mich auch nicht dar⸗ um,“ antwortete er hinwerfend,„ich ſetze keinen Werth darein und werde es darum nicht für beſſer halten, wenn es angenommen worden.“ „Mir klopft das Herz, wenn ich daran denke. Ich halte es für ein ſchönes Bild.“ „Wie kannſt Du das ſagen?“ „Gewiß, Cornelius,“ erwiederte ich,„ich weiß es.“ „Ich weiß,“ unterbrach er mich,„daß ich Dich nie in ſo gutem Humor ſah. Was bringt Dich gerade heute in dieſe Stimmung?“ 3 Er hatte ſich niedergeſetzt, um auszuruhen und, in den Stuhl gelehnt, ſah er ſich nach mir um; ich ſtand hinter ihm, ſchlang meinen Arm um ihn und ſagte: nich freue mich, daß ich wieder hier bin.“ „Warſt Du noch nie hier?“ „In letzter Zeit ſelten,— ich meine, wenn Du allein warſt; die ganze Woche nicht; ich dachte, du ſeieſt böſe auf mich, und als Du dieſen Morgen ganz wie ehedem ſagteſt:„Komm' herauf!“ da war ich ſo glück⸗ lich, daß, wenn Kate nicht zugegen geweſen, ich auf⸗ geſprungen wäre und Dich geküßt hätte.“ Aber Kate war nicht mehr da, um mich zurückzu⸗ 218 halten— denn auch die unſchuldigſte Liebe iſt ſchüch⸗ tern und ſcheut das Auge des Gaffers— und ſo küßte ich ihren Bruder, wie ich ihn liebte, von ganzem Herzen.; „Das geht nicht mehr,“ ſagte Cornelius in ern⸗ ſtem Tone,„höre mich an, Kind, ich habe Dir etwas zu ſagen.“ „Ich höre, Cornelius,“ antwortete ich, ohne meine Stellung zu ändern. „Ich kann nicht ſprechen, wenn Du ſo auf der Seite ſtehſt.“ Ich ſetzte mich auf ſein Knie. 3 „Nun kann ich Dir gerade ins Geſicht ſehen,“ ver⸗ ſetzte ich. Cornelius ſchien etwas aus der Faſſung gebracht und ſagte ernſt:„Meine Liebe, Du wirſt für all' das zu alt; Du mußt beinahe dreizehn ſein.“ „Mein Geburtstag iſt in zwei Monaten, der Deine in fünf.“ „Du haſt Recht. Wie geſagt, es gibt Dinge, die dem Kinde ganz natürlich ſind, aber bei einem jungen Mädchen thöricht erſcheinen möchten.“ Ich ſtand auf. „Ich werde es nicht wieder thun, Cornelius,“ ſagte ich, als ich vor ihm ſtand; gibt es noch anderes, was ich thue und was Du für thöricht hältſt?“ „Ich ſagte das nicht.“ „Wenn es vorkommen ſollte,“ fuhr ich ernſt fort, „daß ich etwas Derart in Geſellſchaft thun würde, ſo dürfteſt Du nur„Daiſy!“ auf dieſe Weiſe ſagen, und ich würde Dich verſtehen.“ „Poſſen!“ unterbrach er ſie erröthend. „Nein, Cornelius, es ſind keine Poſſen: ich würde ſogar einen Blick verſtehen: ſo ſehr bin ich an Dein Geſicht gewöhnt. Gehe ich nicht drei Jahre mit Dir um?⸗ ——— 219 „Das iſt nicht nöthig!“ rief Cornelius und ſtrich immer verwirrter werdend an ſeinem Kinn:„aber es muß ſein,“ fügte er mit feſterer Stimme hinzu:„Komm' hieher, Kind.“ Er zog mich auf ſein Knie, während er ſprach. „Aber Du ſagteſt, es ſei kindiſch!“ rief ich über⸗ raſcht. 4 „Als Gewohnheit, nicht für einmal.“ Ich fügte mich; er ſchlang ſeine beiden Arme um mich, ſah mir in's Geſicht und ſagte plötzlich: „Weißt Du, Daiſy, daß ich Dich lieb habe. Ich glaube, es Dir bewieſen zu haben; ich hoffe, Du glaubſt es.“ Ich ſagte ja; aber ich konnte kaum ſprechen, ſo laut pochte mein Herz. Warum ſprach er mir von ſei⸗ ner Liebe?. „Du warſt in letzter Zeit nicht glücklich,“ fuhr er fort;„bisweilen bemerkte ich auf Deinem Geſichte den Ausdruck tiefen Kummers: ich glaube nicht, daß er ge⸗ rechtfertigt war. Aber er war da und ſelbſt während ich Dich tadelte, ſchmerzte es mich, denken zu müſſen, Du ſeieſt nicht glücklich in unſerem Hauſe.“ „Laß Dich das nicht kümmern,“ ſagte ich lebhaft, „was hat es zu bedeuten, wenn ich dann und wann unglücklich bin und ich möchte lieber elend bei Dir und Kate ſein, als glücklich anderswo.“ „Vielleicht wohl!“ antwortete er;„denn wenn Du auch große Fehler haſt, ſo ſind ſie doch immer wie⸗ der von großer Liebe aufgewogen. Du kannſt lieben, vielleicht zu viel; aber das iſt nicht die Frage; nach Deinem eigenen Geſtändniß biſt Du nicht glücklich und dafür gibt es nur ein Mittel. Ich ſehe in Deinem Ge⸗ ſichte, daß Du es ahnſt— die Trennung.“ Jea, ich hatte es geahnt, aber ich fühlte den Schlag h um ſo ſchwächer; ich antwortete nicht; er fuhr ort: 220 „Wir müſſen uns trennen. Du weißt nicht und würdeſt es vielleicht nicht begreifen, wie ſeht es mich quält, dies zu ſagen; und doch muß es ſein. Du ſelbſt biſt nicht glücklich; und im Hauſe herrſcht ein Geiſt der Zwietracht, der Unruhe, der nicht länger dauern darf. Aber der Hauptgrund, der mich zu dieſem Entſchluſſe beſtimmt, betrifft ganz allein Dich. Du weißt nicht, mein armes Kind, daß das Gefühl, dem Du Dich hin⸗ gegeben, Deine gute und edle Natur untergräbt. Du biſt moraliſch krank. Ich habe gethan, was ich konnte, um dieſe Krankheit mit der Wurzel auszurotten, aber es überſtieg meine Kräfte, es gibt nur ein Mittel— Entfernung. Und nun noch eine Bemerkung: Du kannſt meinen Entſchluß nicht ändern; erſpare mir die Pein einer Weigerung, die meinen Beſchluß doch nicht ändern könnte.“. Ich erſparte ihm dieſe Pein. Ich lag ſtumm und leblos vor Schmerz in ſeinen Armen. Der Schlag war von der Hand gefallen, der ich vertraut, und hatte mich da getroffen, wo ich immer Zuflucht und Troſt ge⸗ ſucht. Ich war eiferſüchtig, eigenſinnig geweſen; ich hatte ihn gereizt, gequält; aber ich hoffte noch nicht, daß er das Herz haben konnte, mich zu verbannen. Ich glaube, Cornelius hatte nicht blos Bitten, ſondern Thränen und Jammer erwartet; als er mich ſo ruhig ſah, war er erſtaunt. „Haſt Du mich verſtanden?“ fragte er. „Ja, Cornelius.“ „Aber was denn?“ „Daß Du mich anderswohin ſchicken willſt.“ „Wohin?“ „Ich werde Dich in eine Anſtalt ſchicken,“ ſagte er. „Zu Miß Wood?“ fragte ich, eine Schule in der Nähe nennend. „Nein, nein, in eine Penſion,“ antwortete er ernſt. Ich fühlte die Bedeutung ſeiner Worte, aber, was ich ſagte, war: 221 „Dann werde ich nur alle Sonntage nach Hauſe kommen.“ „Mein liebes Kind,“ antwortete er mit ſichtlicher Verlegenheit,„es würde Kate und mir ſehr angenehm ſein; allein damit würde unſer Zweck nicht erreicht.“ So ſollte es alſo ein vollkommenes Aſyl werden. Ich ſah ihn an; ich wollte ihn nicht rühren, nicht an ſeine Theilnahme appelliren, aber mein Blick wollte ihn fragen, ob ich die Wahrheit gehört. Dieſer fragende Blick ſchien ihn unwillkürlich zu verwirren. „Wird mich Kate zuweilen beſuchen?“ fragte ich nach einer Pauſe. „Gewiß.“ „Und darf ich Dir ſchreiben, Cornelius?“ „Allerdings. Weßhalb fragſt Du?“ „Weil Du natürlich mich nicht beſuchen wirſt.“ „Warum nicht?“ fragte Cornelius überraſcht und verletzt„ſchicke ich Dich im Zorne weg?“ Nein, Daiſy. Ich halte es für eine Kur— eine gaualvolle vielleicht, aber eine kurze. Ich werde Miß Ruſſell dieſen Som⸗ mer heirathen. Wir werden nebenan wohnen; Du wirſt mit Kate hier bleiben. Ich hoffe, daß die Vernunft bis dahin die Oberhand über Deine aufgeregten Gefühle gewon⸗ nen haben wird; daß Du Miriam als meine Fran und meine Lebensgefährtin achten, lieben lernen wirſt. Dieß iſt der Grund meiner vielleicht in Deinen Augen hart erſcheinenden Maßregel, die Deinen erbittertſten Gefühlen Zeit und Gelegenheit bieten ſoll, ſich zu beruhigen.“ Ich verſtand ihn. Es war nur der Anfang einer lebenslänglichen Trennung. Cornelius heirathete, er war für mich verloren. Ich fühlte es, aber Widerſtand war nutzlos; ich hörte ihn ruhig an. Vielleicht um mein In⸗ tereſſe rege zu machen, ſagte er. „Du fragſt nicht, in welche Schule Du kommen ſollſt?“ „Das kümmert mich nicht.“ „Es iſt eigentlich keine Schule. Miſſes Clapperton ſind ſehr liebenswürdige und vorzügliche Damen, die ein kleines Einkommen durch Aufnahme einer beſchränkten Anzahl von Zöglingen vergrößern. Im Augenblicke haben ſie nur zwei; ſie können deßhalb ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit auf dieſe beiden und Dich richten. Es war immer mein höchſter Wunſch, Dir eine vorzügliche Er⸗ ziehung zu geben.“ Ich mußte ihn anſehen. Wohl erzogen und ſein höchſter Wunſch! ach! ich hatte einſt einen Lehrer,— geliebt, vorgezogen, geehrt vor allen andern Lehrern,— der mir jeden Abend, oft auf ſeinen Knieen Unterricht gab und mich mit freundlichen Blicken und Liebkoſungen überhäufte. Ihn hatte ich ſchon lange verloren; aber warum denn mir von andern Miethlingen ſprechen, die an dem Unterrichte ſich betheiligen ſollten, deſſen er müde geworden? „Wann werde ich gehen?“ fragte ich nach einer Pauſe. „Morgen früh; Du kannſt länger bleiben, wenn Du willſt.“ „Nein, ich danke.“ „Wünſcheſt Du vielleicht irgend etwas? Sag' es mir rei.“ 8 f„Ich wünſchte Deine Zeichnungen alle noch einmal zu ſehen und ſie zu ordnen; ſie können's brauchen, ich weiß es.“ Er ſetzte mich nieder, brachte die Portefeuilles und leerte ihren Inhalt vor mir aus. Ich begann meine Arbeit; ich hatte den Geiſt der Ordnnng im Einzelnen, den die meiſten Frauen beſitzen; ich war Cornelius ſchon öfter in ſolchen Dingen nützlich geweſen, und ich fand ein trauriges Vergnügen daran, ihm wieder von Nutzen zu ſein, indem ich ihm dieſes letzte Zeichen meines Da⸗ ſeins hinterließ. Ich konnte nicht aufhören, ihn zu lie⸗ ben, weil er mich verbannte; je weniger ich empfing, deſto mehr gab ich; es war, als ob ich das, was er * 223 nahm, zulegte, damit die Summe der Liebe zwiſchen uns nicht geringer werde. Während ich mit den Bildern beſchäftigt war, ar⸗ beitete er. Dann und wann wagte ich jedoch ihn zu ſtören, bald wars eine Zeichnung, auf die ich ihn auf⸗ merkſam machte, bald zeigte ich ihm, wie ich ſie geordnet. „Aber Du weißt ja,“ ſagte er endlich,„daß ich nicht da bin, um mit Dir zu plaudern.“ „Freilich,“ ſagte ich reuevoll. Ich glaube, er war nicht auf ſolche Ergebung ge⸗ gefaßt. Er vergaß, daß er mich nur in Gegenwart von Miriam nicht bemeiſtern konnte. Meine Lenkſam⸗ keit ſchien ihn mehr zu rühren, als wenn ich Thränen vergoſſen. Sein Geſicht nahm einen ſehr ernſten Aus⸗ druck an; er verließ einen Augenblick ſeine Arbeit, um zu ſehen, was ich gemacht. Da fiel ihm eine Zeichnung in die Augen, die ihn vor der Staffelei vorſtellte, wäh⸗ rend ich zuſah und die wir„das Atelier des Künſtlers“ getauft; er befahl mir, es außen zu laſſen, da er es aufhängen wolle. „Wollteſt Du wirklich?“ fragte ich. Ich kniete auf dem Boden, die Zeichnungen rings um mich her; er ſaß halb hinter mir; ich wandte mich um und lächelte halb frendig, halb traurig. Er nahm meinen Kopf in beide Hände und ſah mich aufmerkſam an; ein Zauber hielt meine Augen an die ſeinen gefeſſelt. „Ach!“ ſagte er endlich,„wenn ich es wagte, aber ich würde es in den nächſten fünf Minuten beweinen— ſo ſoll es denn auch nicht ſein.“ Damit ſtand er auf und kam nicht wieder zu mir. Meine Arbeit beſchäftigte mich den ganzen Tag; es zer⸗ ſtreute mich. Ich grämte mich auch nicht ſo ſehr, es war eine gewiſſe Ungläubigkeit in meinem Herzen, die ich nicht beſiegen konnte. Kate und Cornelius waren weit trauriger als ich; ſie wußten, daß es ſein mußte, und mir wars, als ob es gar nicht ſein könnte. Als ich 224 jedoch am folgenden Morgen zum Frühſtück hinabkam, als ich Kate's kummervolles Geſicht ſah und Cornelius unruhigen Blicken begegnete, erwachte ich zur traurigen Wahrheit. Ich ſetzte mich wie gewöhnlich zu Tiſche, aber ich konnte nicht eſſen. Cornelius nöthigte mich ver⸗ geblich; ich konnte, ſelbſt ihm zu gefallen, nichts berühren. Es war ein wundervoller Frühlingsmorgen und ich ſollte erſt in einer Stunde gehen. „ Soll ich mit Dir etwas in der Straße ſpazieren gehen?“ „Ich danke, ich ziehe den Garten vor,“ antwortete ich leiſe. Er nahm mich bei der Hand und führte mich hin⸗ aus; ich liebte dieſen kleinen Garten, wo ich ſo manche glückliche Stunde verlebt und von dem ich nun ſcheiden ſollte. Ich betrachtete Sträuche, Bäume, Blumen, ſelbſt das Gras und die Erde, auf denen ich ging, mit der treuen Anhänglichkeit inniger Freundſchaſt, aber ich ſagte nichts. Cornelius blickte zu mir herab, legte ſeine Hand auf meine Schulter und ſagte plötzlich: „Daiſy, willſt Du mir verſprechen, nicht eiferſüch⸗ tig zu ſein?“ 4 Ein lebhaftes und heiſeres„Ja“ trat auf meine Lippen— ein bitterer Gedanke drängte es wieder zurück. „Ich kann nicht,“ rief ich verzweiflungsvoll,„ich kann nicht, Cornelius!“ „Du willſſt nicht verſprechen?“ „Ich kann nicht.“ Er ſah mich feſt an, ſagte aber kein Wort des Lo⸗ bes oder Tadels. „Daiſy,“ rief die traurige Stimme Kate's,„komm“ und mache Dich bereit.“ Ich gehorchte, Cornelius hielt mich zurück und ſagte: „Fordere etwas von mir, ehe wir ſcheiden.“ „Ich habe nichts von Dir zu fordern, Cornelius.“ Aber er beharrte auf ſeiner Bitte— ich gab nach: 225 „Es würde mich freuen, wenn Du mir ſeiner Zeit ſchriebeſt, ob das Bild ausgeſtellt worden oder nicht.“ „Haſt Du ſonſt nichts von mir zu fordern?“ „Nein,“ antwortete ich, indem ich zu ihm aufſah. Die Liebe iſt ſtolz: er verbannte mich— was ſollten mir ſeine Geſchenke? Er ſagte nichts und ließ mich hin⸗ eingehen. Endlich kam der Augenblick der Trennung. Ich war bereit und ſtand im Wohnzimmer; das Cab wartete auf der Straße. Miß O Reilly, welche mich begleiten ſollte, ſagte plötzlich: „Geh und ſage Cornelius Lebewohl.“ Ich ging, am ganzen Leibe zitternd, zu ihm hinauf. Er ſaß am Tiſche und las in der Zeitung: er legte ſie nieder, ſah mich an und nahm mich in ſeine Arme. Alle meine Seelenſtärke ſchwand, als ich mich wie⸗ der in der Umarmung ſah, aus der ich ſo bald geriſſen werden ſollte. Ich weinte und ſchluchzte an ſeiner Bruſt. Es war mir, als ob ich nicht gehen könnte— als ob es unmöglich wäre, wie etwas, wovon man geſprochen, das aber nie ausgeführt werden ſollte. Cornelius drückte mich an ſein Herz und ſuchte meinen Schmerz zu be⸗ ſchwichtigen, ſüer vergeblich. Endlich ſagte er traurig: „O Daiſy!“ Als ich aufblickte, ſah ich, daß ſich ſeine Augen trübten. Ich wurde plötzlich ſtille und ſchämte mich, ihm ſoviel Rührung abgerungen zu haben. „Nun!“ ſagte Kate. „Ja,“ antwortete ihr Bruder. Er gab mir einen Kuß und ſetzte mich nieder; Kate führte mich weg und es war vorbei. 1 Wir gingen durch den Garten und ſtiegen in das Cab, das durch die Straßen rollte. Ich erinnerte mich, wie zärtlich einſt Cornelius für mich während einer lan⸗ gen Reiſe geſorgt hatte; wie er mich getragen, wenn ich Daiſy Burns. I. 15 226 nicht gehen konnte und mich ſchlafend und in den Man⸗ tel gehüllt nach der ſtillen Wohnung gebracht, aus der er mich nun verbannte. Und in der Erinnerung an dieſe Dinge ſchluchzte ich, als ob mir das Herz brechen wollte. Sechzehntes Kapitel. „Undine!“ ſagte Kate,„Du weißt, ich kann das nicht ertragen!“ Sie ſprach im ärgerlichſten Tone, den ich bis jetzt von ihr gehört. Ich ſah auf— ihre ſchönen Augen funkelten— ſie ſchlang ihren Arm um mich, legte mei⸗ nen Kopf an ihre Schulter und küßte mich mit unge⸗ wöhnlicher Zärtlichkeit. „Armes, kleines Ding!“ ſagte ſie freundlich,„Deine Leiden beginnen früh und doch, nimm mein Wort dar⸗ auf, ſie werden nicht lange dauern und bald ihre Bitterkeit verlieren. Wenn die beiden verheirathet ſind, werden Du und ich mit einander ein glückliches Leben führen.“ „Wann werden ſie heirathen?“ fragte ich. „In einem bis zwei Monaten. Eine thörichte Ge⸗ ſchichte, Midge: ich dachte, Cornelius würder klüger ſein; er ſoll jedoch wichtige Arbeit von einem Mr. Redmond bekommen und bei dieſen glänzenden Ausſichten will er heirathen. Er iſt noch ein unerfahrener Junge und ver⸗ ſteht es nicht beſſer. Aber bei ihr iſt das nicht der Fall und es iſt eine Schande von ihr, daß ſie ihn auf dieſe „Allerdings, aber ich kenne Cornelius; er möchte Art einzieht. „Ich dachte, Miß Ruſſell habe Geld.“ 227. nicht von dem Gelde ſeiner Frau leben; er wird ange⸗ ſtrengt arbeiten, um ſich zu erhalten, ſeine Zeit mit Copi⸗ rung ſchlechter Bilder verlieren und ſeine Ausſicht, ein tüchtiger Künſtler zu werden, vernichten— und all das — weil er nicht noch ein bis zwei Jahre warten will. Ich hoffe, daß er es nicht bereuen wird; ich hoffe, er wird ſie immer ſo innig lieben, als jetzt. Beruhige Dich, Kind: er hat nie ein ſo gutes kleines Mädchen verdient, als Du ihm warſt.“ „O Kate, darum weine ich nicht, aber wäre es möglich, daß Cornelius die Malerei aufgeben könnte; der Gedanke quält mich.“ „Er denkt nicht daran, der arme Junge. Er fühlt nicht, daß er ſein Talent herabdrückt; gerade wie er nicht ſieht, daß er Dich, um ihr einen Gefallen zu erweiſen, wegſchickt. Er hält das alles für ſeine Idee, während ich wohl weiß, daß Cornelius O Reilly aus eigenem An⸗ trieb nie daran gedacht hätte, ſich von dem Kind Edward Burns' zu trennen. Du kannſt überzeugt ſein, ich hätte darauf beſtanden, Dich bei mir zu behalten, denn das Haus iſt mein, aber ich wollte um Deiner ſelbſt willen keinen Streit aufrühren. Man muß die Männer im⸗ mer ihren Willen und ihre Mißgriffe ſelbſt erkennen laſſen: er wird dieſen Schritt bereits bereuen, Daiſy.“ So ſprach ſie und ſuchte mich zu tröſten, bis wir nach einer langen Fahrt an der Wohnung der Miſſes Clapperton hielten. Sie wohnten in einer einſamen Villa, die ganz den Typus einer mauriſchen Wohnung hatte; die Fen⸗ ſter waren ſchmal genug, um ſelbſt die Eiferſucht eines Türken zu beruhigen, ein flaches Dach bot reichliche Ge⸗ legenheit ſich zu erkälten und ein Thurm, der eine gegen⸗ über liegende klaſſiſche Villa drohend überſchaute, gab dem ganzen Bau ein befeſtigtes, ritterliches, arabeskes Anſehen, das durch den euphoniſchen Namen Alhambra⸗ Lodge noch bekräftigt wurde. Ich kannte die Alhambra durch das Werk von Geoffroy Crayon und hoffte deßhalb, 228 daß ſie dieſer Namensſchweſter nicht gleichen möge. Zur 8 Linken der Alhambra ſtand die Nachahmung eines alten engliſchen Landhauſes mit ſpitzigen Giebeln und künſtlich an die Wand gemaltem Gebälke; zur Rechten erzählte eine Schweizer Sennhütte eine ganze Geſchichte ländlicher Unſchuld und machte den Ruf der Straßen:„Kuhmilch! Kuhmilch!“ zu einem engliſchen Kuhreigen; etwas ent⸗ fernter ſtand ein gothiſches Haus— doch laſſen wir die Aufzählung all' der engliſchen Häuſerbauten. Wir wur⸗ den in dem behaglich, aber nichts weniger als mauriſch ausſehenden Wohnzimmer von Miß Mary Clapperton empfangen. Sie war klein, mißgeſtaltet und grotesk, hatte aber ein glückliches, freundliches Geſicht und kluge ſchwarze Augen von vogelartiger Lebhaftigkeit. Sie ſprach ſehr viel, nannte mich„ihre liebe Kleine“ und lachte und ſchwazte in einem fort. Wir hatten uns kaum ge⸗ ſetzt, als ihre Schweſter Ann Klapperton in das Zimmer trat. Sie war das Abbild von Mary. Es gab nicht leicht eine ſolche Aehnlichkeit, ſelbſt in der Stimme und den Ausdrücken. Da ſie ſich gleich kleideten, konnte man ſie leicht verwechſeln. So lange ich bei ihnen war, konnte ich ſie nie unterſcheiden; bis heute ſchweben ſie mir noch als eine Perſönlichkeit vor, die den gemein⸗ ſchaftlichen Namen Mary⸗Ann Clapperton führte. Alles war zuvor ſchon verabredet, ſo daß Kate mir blos Lebewohl zu ſagen brauchte. Es war ein ruhig Scheiden; ſie verſprach mir, bald zu kommen und nach mir zu ſehen und nahm mir dagegen das Gelöbniß ab, mich nicht in unnützem Jammer zu verzehren. Soweit es die Thränen betraf, hielt ich mein Wort. Ich war nicht ſehr zum Weinen geneigt und der Stolz allein ſchon hätte die lante Aeußerung meines Schmerzes zurückgehalten. Ich betrachtete die Miſſes Clapperton, die mich ſehr freundlich anſahen und ſich über mich unterhielten, ſoweit zwei Perſonen, die nie einen be⸗ ſondern Gedanken haben, ſich mit einander unterhalten 229 2 können. Der einzige Unterſchied, den ich zwiſchen beiden 1 durch ihr keckes Benehmen etwas beleidigt. finden konnte, beſtand darin, daß die Eine, ich glaube, es war Mary, die Idee ausſprach, welche die Andere dann ſogleich in Thatſachen umſetzte, wie in folgendem geflüſterten Geſpräche: „Ann, ſie ſcheint ſchwächlich.“ „Sie iſt ſchwächlich, Mary.“ „Ich glaube, ſie iſt klug.“ „Ich bin überzeugt davon.“ Ich hörte den übrigen Theil der Verhandlung nicht: ſie war kurz und endigte damit, daß mich eine der beiden Miſſes Clapperton,— ich glaube es war Mary, aber ich bin nicht ſicher, denn im Umwenden hatte man ſie verwechſelt,— mich fragte, ob ich nicht die Bekannt⸗ ſchaft meiner künftigen Freundinnen machen wollte; auf meine bejahende Antwort nahm ſie mich bei der Hand und führte mich in den grünen Garten, der lauter Grasplatz und Sandweg war, ſtellte mich den beiden Miſſes Brook vor und ließ mich mit ihnen allein. Jane und Fanny Brook waren Waiſen von vierzehn und fünfzehn Jahren; hübſche, friſche, derbe Mädchen, mit krauſem ſchwarzem Haar, Wangen wie Roſen und Elfenbeinzähnen. Sie ſahen ſo geſetzt wie Nonnen aus, ſo lange Miß Clapperton zugegen war, aber kaum hatte dieſe den Rücken gewandt, ſo begannen ſie zu flüſtern und kichern. Ich ſtand einſam und ſchweigend daz Jane eilte auf mich zu und ſagte: „Willſt Du laufen?“ „Ich laufe nie; ich kann nicht.“ „Verſuch es,“ ſagte Fanny. Sie nahmen mich zwiſchen ſich; tummelten ſich m mir herum, mußten aber bald innehalten. Ich blie ganz außer Athem ſtehen. 8 „Ich ſagte Euch, ich kann nicht laufen,“ ſeufzte ich, „Armes kleines Ding!“ ſagte Jane voll Theilnahme. „Willſt Du rennen?“ fragte ihre Schweſter. „Mir gleichgültig.“ Ein Blaſenbaum am Ende des Grasplatzes wurde als Ziel beſtimmt. Sie machten mich zum Richter. Ich ſetzte mich auf eine hölzerne Bank, um ſie zu beobachten; ſie ſprangen zu gleicher Zeit fort, erreichten den Baum im ſelben Augenblick, warfen einander in ihrem Eifer zu Boden, ſtanden zerzauſt und beſchmutzt wieder auf und eilten zurück zu mir. „Ich war die erſte, nicht wahr?“ rief Jane. „Nein, das warſt Du nicht. Ich war's, nicht wahr?“ „In der That,“ antwortete ich,„ich weiß es nicht. Ich glaube, Ihr erreichtet das Ziel zu gleicher Zeit.“ Dieſe unparteiiſche Entſcheidung mißfiel beiden. Sie ſagten, ich ſei boshaft und hinterliſtig, verſöhnten ſich auf meine Koſten und begannen ein hübſches Spiel von ihrer eigenen Erfindung, das„die Jagd“ hieß. Es beſtand darin, daß eine der beiden Miſſes Brook die andere niederrannte und, wenn dies gelungen war, der beſiegten geſtattet wurde, dies gleichfalls zu thun. Meine Ankunft war ein Feſttag für ſie; und als die Jagd vor⸗ über, unterhielt ſich Fanny mit Bogen und Köcher, während Jane ſich an dem Blaſenbaum ſchaukelte. Ich ſah ihnen mit Verwunderung zu, denn ich hatte noch nie ſo wunderliche Mädchen geſehen. Die Seltſamkeit alles deſſen, was um mich her vorging, ließ mir den Tag doppelt lang erſcheinen. Dieſe plötzliche und gewaltſame Trennung von allem, was ich kannte und liebte, erhielt einen noch bittereren Stachel durch die neuen Gegenſtände und Geſichter, denen ich meine Aufmerkſamkeit zu ſchenken gezwungen war, die jedoch meine Gedauken nicht ganz zu abſorbiren ver⸗ mochten. Ich begrüßte den Abend mit einem Gefühl der Erleichterung, da er mir Ruhe und Einſamkeit zu bringen verſprach. Ich theilte ein großes, angenehmes, laſget 1 231 Schlafzimmer mit den beiden Schweſtern, die beiſammen ſchliefen. Anfangs waren ſie ruhig, aber nach einer Weile hörte ich ein leiſes Rauſchen von Papier, das ſich hinter ihrer Bettdecke zu bewegen ſchien; dann flüſterte die eine der andern zu: „Glaubſt Du, ſie ſchläft?“ „Verſuch's!“ lautete die lakoniſche Antwort. 1„Welch' ſchönes Mondlicht!“ ſagte Janes Stimme aut. „Wie ſchön!“ antwortete Fanny begeiſtert. „Liebſt Du das Mondlicht?“ fragte Jane, in⸗ dem ſie ſich ſcheinbar an mich wandte. „Ja, ich liebe es,“ antwortete ich; ich konnte kaum dieſe Worte ſprechen, ſo voll war mein Herz von Er⸗ innerungen an die verlorene Heimath, mit dem hübſchen Garten, der Sonnenuhr und den alten Bäumen, auf welche derſelbe Mond in dieſer Stunde ſein blaſſes Licht watf. Als ſie meine Antwort vernommen, beriethen ſich die beiden Schweſtern flüſternd, und Fanny ſagte endlich in gedämpftem Tone: „Willſt Du einige Bonbons?“ „Danke,“ antwortete ich etwas erſtaunt,„ich eſſe nie Süßigkeiten; ich mag ſie nicht.“ Dieſe Antwort machte einen ſehr ungünſtigen Ein⸗ druck. Die Schweſtern ſchienen mich für einen Verräther und Spionen zu halten und ihre unkluge Vertraulichkeit zu bereuen. Davon war ich feſt überzeugt, obgleich ich ſie nicht ſehen konnte.— „Ihr dürft nicht fürchten, daß ich's erzählen werde,“ ſagte ich etwas ungehalten. Sie verſicherten beide in einem Athem, ‚ſie ſeien davon überzeugt,“ und drangen höchſt freundlich in mich, ihre Leckereien zu theilen. „Nimm ruhig davon,“ ſ „wir haben großen Vorrath.“ agte Jane ermuthigend, 232 „Einen ganzen Sack voll,“ fügte Fanny hinzu, deren Mund ſo voll zu ſein ſchien, als ihr Sack. „O Fanny, Du gieriges Ding!“ rief Jane;„Du verſprachſt, nicht anzufangen, bis ich bereit ſei und nun haſt Du ſicherlich allen Zuckerkand gegeſſen.“ Ich fürchte, es hat ſich dies bei der nähern Unter⸗ ſuchung beſtätigt, denn ich hörte plötzlich einen Schlag, der mit den empfehlenden Worten:„Da haſt Du etwas dafür!“ begleitet wurde, was, wenn es ſich auf den Schlag bezog, durchaus überflüſſig war, da er nicht nur in Empfang genommen, ſondern mit einem„und Du das!“ erwiedert wurde, der den Anfang eines geregelten Kampfes bezeichnete.. Das widerte mich an; der Gedanke, daß ſie ſich im Bette mit einander balgten, ſtritt gegen mein Anſtands⸗ gefühl; aber dem Zwiſte ward bald ein Ende gemacht, denn man hörte Schritte nahen: die beiden Kämpfenden waren wie durch einen Zauber gebannt. „Steh uns bei,“ flüſterte Jane raſch. Ich fühlte etwas auf mein Bett fallen: die Thüre öffnete ſich und Miß Clapperton— ich glaube, es war Mary— erſchien mit einem Licht in der Hand und ihr häßliches, aber ſonſt freundliches Geſicht hatte einen vorwurfsvollen Ausdruck angenommen.„Meine Fräulein.“ ſagte ſie und wandte ſich an Miſſes Brook,“ ſchämen Sie ſich nicht?“ „Wir haben nur gelacht,“ ſagte Jane mit geläufiger Lüge,„nicht wahr, Fanny?“ „Ja,“ antwortete dieſe. „Wir konnten nicht anders,“ fuhr Jane fort:„ſie hat einige Bonbons bei ſich im Bette und ſagte, ſie wollte uns davon geben und ich hätte gern allen Zucker⸗ kand gehabt und Fanny auch; nicht wahr?“ „Ja.¹* — Ich war erſtaunt über ihr Erfindungstalent, konnte jedoch nicht begreifen, weßhalb Miß Clapperton mich ſo 233 ernſt anſah. Endlich kam es heraus: die treuloſe Jane hatte befürchtet, den Sack mit Bonbons nicht mehr zu rechter Zeit verbergen zu können und ihn deßhalb auf mein Bett geworfen, wo er noch lag— ein überzeu⸗ gender Beweis meiner Schuld. Miß Clapperton wies mich auf die zarteſte Weiſe zurecht. „Sie erlaube nicht, daß man Bonbons habe,“ ſagte ſie, aber ich hätte das natürlich noch nicht gewußt, obwohl ſie daraus, daß ich ſie im Dunkeln eſſe, auf das Bewußtſein meines Vergehens ſchließen könne. Sie wollte jedoch am erſten Tage nicht ſtrenge ſein. Die Wegnahme der, wie ſie mich verſichern könne, höchſt ſchädlichen Süßigkeiten ſollte meine einzige Strafe ſein. Mit dieſen Worten verließ ſie das Zimmer. Ich hatte der Geſchichte Janes nicht widerſprochen, aber ich war deßhalb nicht weniger entrüſtet und wollte ihr gerade meine Meinung zu erkennen geben, als ſie zu meinem nicht geringen Erſtaunen die Rolle des An⸗ klägers ergriff. „Wie konnteſt Du ſo thöricht ſein,“ fragte ſie kalt, „„und Dir den Sack wegnehmen laſſen? Das bekommt nun alles der häßliche Polly. Du hätteſt es ihr wieder abſchwatzen können; ein neuer Zögling kann alles von ihr bekommen— ſie iſt ſo gutmüthig.“ 2 Fanny beſtätigte, was ihre Schweſter ſagte und beide nannten mich einen„Buff,“ ein geheimnißvoller Name, der mich nicht wenig ärgerte, den ſie mir aber durchaus nicht erklären wollten, da ich wohl wüßte, was ſie damit meinten. Endlich ſanken ſie in tiefen Schlaf und ließen mich in Ruhe. Schulerinnerungen haben für mich nicht den großen Reiz, den man ihnen gewöhnlich beimißt. Ich war ein Kind an Jahren, aber längſt über die Gefühle des Kindes hinaus: das war die Qual und das Glück meiner Jugend. Wenige Tage verſöhnten mich jedoch mit dem ungeſchliffenen Benehmen von Jane und Fanny 234 Brook. Es waren im Ganzen gutmüthige und heitere, nur etwas wilde Mädchen; aber ich ſtand, mit Ausnahme der phyſiſchen Stärke, viele Jahre über ihnen: ich trug Gefühle und Ideen in mir, von denen ſie nicht die leiſeſte Ahnung hatten; wie konnt' ich auch, nachdem ich beinahe drei Jahre in dem anregenden und geiſtvollen Umgange von Cornelius und Kate gelebt, mich noch um ihre kindiſchen Vergnügungen, oder gar um ihr kindiſches Gerede kümmern. Sie bemitleideten mich, weil ich ſo ſchwach ſei und liebten mich, obwohl ich nicht an ihren lärmenden Spielen Theil nahm, weil ich ihnen bei ihren Arbeiten behülflich war und wo ich konnte, durch ihre Verlegenheiten hindurch half, in welche ſie ihre Träg⸗ heit täglich verſetzte. So viel von meinen Mitpen⸗ ſionären. Die Miſſes Clapperton zeigten ſich, wie ſich nach ihrem Ausſehen erwarten ließ, als wohlwollende, eifrige Lehrerinnen. Ich war an einem Dienſttage in Alhambra⸗Lodge eingetreten; Kate hatte noch nichts davon geſagt, daß ſie am Sonntag kommen wolle, ich erwartete ſie jedoch ganz ſicher, und als ich in früher Morgenſtunde zu einem Beſuche hinabgerufen wurde, ſchlug mein Herz mehr vor Freude, als Ueberraſchung. Ich trat in's Zimmer und ſah nicht Kate, ſondern Cornelius. Ich war ſo froh, ſo glücklich, daß ich nicht ſprechen konnte. Als er mich küßte, ſah er, daß meine Augen voll Thräuen ſtanden: er ſchmälte mich lächelnd. Meine erſten Worte waren: „Iſt es ausgeſtellt, Cornelius?“ „Wovon ſprichſt Du?“ „Von der„glücklichen Zeit;“ ich weiß, die Academie wurde geſtern eröffnet, ich dachte den ganzen Tag daran.“ „Natürlich,“ ſagte er und ſtrich mir uͤber mein Haar,„davon war ich überzeugt“ „9 Cornelius, ſag' es mir.“ 235 „Kannſt Du nicht ahnen?“ 1 Sein lächeludes Geſicht ließ mir eine Deutung zu. Außer mir vor Freude, ſchlang ich meinen Arm um ſeinen Hals; er lachte und ſagte, ich ſehe ſehr wild aus, Ich weiß nicht, wie ich ausſah, aber ich weiß, daß ich ganz ſelig war. „Iſt es gut aufgehängt?“ war meine nächſte Frage. „Beſſer, als es verdiente. O Daiſy, ich habe noch nichts gethan, aber ich wußte, daß Dich die Mittheilung freuen würde, deßhalb kam ich dieſen Morgen, um Dich zu beſuchen und Dir zu ſagen, wie es gegangen.“ „Wie glücklich Kate und Miß Ruſſell geweſen ſein müſſen!“ ſeufzte ich. „Ja, aber ſie ſind nicht ſo erpicht auf meine Bilder, als Du, mein thöricht Kind. Und nun ſprich von etwas Anderm. Wie geht es Dir? Ich finde Dich blaß“ „Ich bin ganz wohl, Cornelius.“ „Wie findeſt Du die beiden Damen?“ „Sie ſind freundlich; ich mag ſie wohl leiden.“ „Sie geben Dir ein ſehr gutes Zeugniß; eine von ihnen ſagte jedoch etwas von Süßigkeiten, was ich mir nicht erklären konnte.“ „Ich werde Dir die Geſchichte erzählen, wenn Du mir verſprichſt, nichts wieder davon zu ſagen.“— Er gab mir das Wort und ich erzählte ihm die ganze Geſchichte, die ihn ſehr zu unterhalten ſchien. „Ich ſah ſie, als ich hereinkam,“ ſagte er,„ein paar große, kräftige Mädchen, aus deren jeder man zwei wie Du machen könnte; aber wie ſtehſt Du mit ihnen?“ „O ganz gut.“ „Du ſprichſt ſehr kalt.“ „Sie ſind ſo kindiſch.“. „Aber ſie ſehen doch älter aus, als Du.“ 4„Das ſind ſie auch; aber kannſt Du's glauben, ſie haben nie von Michel Angelo oder Raffael gehört.“ 236 „Die Armen!“ lachte Cornelius,„wie können ſie nur exiſtiren?“ „Ich weiß nicht. Wenn ich mit ihnen von Malerei ſpreche, ſo ſagt Jane, ſie möchte gerne Ofenſchirme ma⸗ len und Fanny ſagt, es ſei ihr gleichgültig.“ „Es ſind zwei junge Vandalinnen,“ ſagte Corne⸗ lius;„vergeude deßhalb Deine hohe Ideen von Malerei nicht an ſie; ſie können dergleichen nicht verſtehen. Es gibt nicht ſo viele kluge Mädchen, wie das meine. O Daiſy! Ich ſollte Dir keinen Vorwurf machen, aber wie kommt es, daß Du, ſonſt ſo gut in Allem, in einem Punkte ſo widerſpenſtig warſt?“ Ich antwortete nicht: wenn er nicht wußte, daß meine einzige Sünde meine allzuleidenſchaftliche Liebe zu ihm war, was nützte es dann, es ihm zu ſagen? Ich fragte nach Kate; er ſagte, ſie ſeie wohl und werde Nachmittags kommen. Dann ſprachen wir einige Minn⸗ ten von andern Dingen; er ſtand auf, um mich zu ver⸗ laſſen, doch verſprach er, bei ſeinem nächſten Beſuch ei⸗ nen großen Spaziergang mit mir zu machen. Ich glaubte, mein Herz würde brechen, als wir von einander Abſchied nahmen, aber ſein Blick hemmte meine Thränen und ich ertrug es, wie ich ſo Manches zu ertragen gelernt— mit dem ſtillen Dulden, das nicht immer Reſignation iſt. Der Nachmittag brachte mir Kate's verſprochenen Beſuch. Beinahe ihre erſten Worte waren: „So, Cornelins iſt hier geweſen; er ſagte mir nicht, wohin er ſchon ſo früh ging. Und Du ſagſt noch, er kümmere ſich nicht um Dich, Midge?“ „Ich ſage das nicht, Kate.“ „Ich glaub' es. Er ſiel beinahe in Ungnade um Deinetwillen.“ „In Ungnade, Kate? Wie ſo?⸗ „Nun, er ſollte einen Spaziergang mit Jemand machen und kam zu ſpät; er mußte ſich entſchuldi⸗ 237 gen und thöricht, wie er iſt, ſchob er alles auf ſeinen Beſuch bei Dir und bemerkte nicht, daß das gerade die größte Beleidigung war. Kurz,“ fügte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu:„ich habe noch nie Jemanden ge⸗ kannt, der ſo wenig eine Ahnung von unedeln Gefüh⸗ len hat, als mein armer Bruder. Er iſt ein Kind, ganz Kind, Midge.“ Ich lauſchte ihr mit einem dunkeln Vorgefühle, daß dies edle Vertrauen mein Verderben ſein werde, und ſo war es auch. Trotz ſeines erſten freundlichen Beſuches kam er nie mehr zu mir. Miß O'Reilly beſuchte mich jeden Sonntag, was auch für ein Wetter ſein mochte. Sie ſah, daß mich das Ausbleiben ihres Bruders tief ſchmerzte und that ihr Möglichſtes, um mich zu tröſten. „Er kann nichts dafür,“ ſagte ſie eines Tages zu mir,„er würde gerne öfter kommen, aber jeder Sonn⸗ tag bringt irgend ein Hinderniß. Er hat Dich ſehr lieb, ſpricht oft von Dir, lobt Dich und hat in ſeinem Atelier eine kleine Handzeichnung von ihm und Dir aufgehängt, die ihn Jemand vergeblich wieder von der Wand wegzunehmen veranlaſſen wollte.“ „Ja,“ antwortete ich ſeufzend,„er hat mich lieb, aber er kommt nicht zu mir, und obgleich er mir ver⸗ ſprochen, einen großen Spaziergang mit mir zu machen, hat er es doch bisher noch nicht gethan.“ „Dann wird's noch geſchehen,“ lautete ihre philoſo⸗ phiſche Antwort. Da ſie jedoch ſah, daß dies mich nicht tröſtete, fügte ſie hinzu: „Ich möchte Dir gerne etwas ſagen, aber nein, ich darf nicht, es würde Dich eitel machen.“ „Dann weiß ich, was es iſt, Kate; er ſagte, ich ſeie ein kluges Kind; oder ich werde hübſcher, oder etwas derart, was mir gleichgültig iſt, während ich mich unendlich freuen würde, wenn er mich beſuchte.“ „‚Nein,“ ſagte Kate lächelnd,„es war nichts der⸗ art: aber kürzlich Abends, als ich mir nicht entfernt ein⸗ 238 bildete, er denke an Dich, ſagte er plötzlich:„Ich wünſchte, ich hätte das langweilige Kind wieder bei mir.“ Ich antwortete ſcheinbar Leichgütig:„So?“ um ihn dadurch auszuforſchen.„Ja,“ fuhr er fort: ich wußte nicht, wie lieb ich ſie habe, bis ſie aus dem Hauſe war.“ So, das iſt etwas für Dich.“ Liebe iſt voll Trug. Ich folgte der Vorſchrift, Jemanden auszuforſchen, die ich ſo eben erhalten, und ſagte ruhig: „Iſt das Alles, Kate?“ „Alles?“ ſagte ſie ungehalten;„unne was möch⸗ teſt Dn mehr? Du unwiſſendes kleines Ding, weißt Du nicht, daß das menſchliche Herz aus verſchiede⸗ nen getreunten Niſchen beſteht und daß Du in Cornelius Her⸗ zen eine beſondere Niſche für Dich haſt. Er liebt mich mehr als Dich; und ach! er liebt Miriam mehr als uns beide zuſammen; aber ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn er für Dich nicht mehr Freundſchaft fühlte, als für eine von uns; und wiſſe, daß die Freundſchaft, die nicht geboten, wie die Liebe der Verwandten, nicht ei⸗ gennützig wie die Leidenſchaft, ein köſtlich Ding iſt. Es iſt ſeltſam, daß ein kleines Mädchen wie Du, ihm eine„Freundin“ ſein ſoll, und doch iſt dem ſo; ob dieſe Frenndſchaft einer geheimnißvollen Sympathie oder Deige Liebe zu ſeinen Bildern und der Malerei ihren Urſpr g verdankt, iſt mehr, als ich zu ſagen weiß.“ 1ns ſprach ſehr beſtimmt: die Erinnerung beſtätigte Alles, was er ſagte: Cornelius' Worte, die ſie mir wiederholte, bekräftigten es noch mehr, denn vermißt zu werden, iſt eines der Zeichen, die die Liebe am höch⸗ ſten ſchätzt und auf die ſie am ſicherſten baut. Das Blut ſchoß mir in's Herz; ich ſah mit ſtummer Freude zu Kate auf. „Nun, mein Kind?“ rief ſie,„Daiſy was iſt Dir?“ Sie ſchien verlegen. „Nichts!“ antwortete ich. —— 239 „Du biſt ja aber ganz außer Dir! O Midge, Midge, wie wird das enden?“ Sie ſtrich mein Haar zurück, um mir in's Antlitz zu ſehen; aber mein Herz ſchwamm in Freude und ſie vermochte ſie nicht zu dämpfen. Cornelius vermißte mich, und liebte mich wie ſeine Freundin! „O! Kate,“ ſagte ich,„wie freundlich iſt es von Dir, daß Du mir das Alles erzählſt.“ „Du mußt Dich damit begnügen, es iſt Alles, was Du von mir hören wirſt. Nein; das hilft nichts, daß Du mich küſſeſt und dazu ein ſolches Geſicht machſt. Du haſt ihn ſchon lieb genug.“ Mehr konnte ich nicht aus ihr herausbringen, we⸗ der damals, noch ſpäter. Einige Zeit lang genügte mir das Bewußtſein, daß Cornelius mich vermißt; aber das Herz iſt unbeſcheiden, das meine forderte mehr, und da ihm nicht ward, was es ſorderte, wurde es muthlos und niedergeſchlagen. Es ſehnte ſich nach dem Anblick ſeines Geſichtes, nach dem Klang ſeiner Stimme, nach ſeinem Morgengruß, nach ſeinem Abendgruß, denn alles hatte es verloren und täglich vermißt. Es vermißte die Heimath, die Heimath, die ich ſo ſehr geliebt, mit ih⸗ ren heitern Gemächern, ihrem Epheuportal, ihrem grü⸗ nen Garten und ihren alten Bäumen, ihrem ſüßen und wohlthuenden Gefühle glücklicher Freiheit, ihrem Atelier, in dem ich ſo gerne weilte. Eine andere genoß jetzt das Glück dieſer Heimath; die Blumen des Gartens duſte⸗ ten ihr in den ſüßeſten Wohlgerüchen entgegen. Die Bäume überſchatteten ſie mit ihren Zweigen; ſie durfte allein mit ihm in ſeinem Atelier weilen, allein und un⸗ geſtört, den ganzen Tag. Dieſer Gedanke verfolgte mich unabläſſig; das Heilmittel der Entfernung übte eine wohlthätige Wirkung auf mich aus. Due Monate verfloſſen; die Hochzeit wurde zum großen Verdruſſe Kates von Woche zu Woche und Tag zu Tag verſchoben. 240 „Ich habe gerade keine große Eile damit,“ ſagte ſie, „als ich ſie über die Sache befragte,„aber ich ſehe nicht gerne, daß man meinen armen Bruder zum Be⸗ ſten hat. Miriam ſpielt ſicherlich mit ihm, wie eine Katze mit der Maus. Er kann an nichts anderes den⸗ keu. Es war anfangs nicht halb ſo ſchlimm; aber ſie hat ihn in einen wahrhaft fieberhaften Zuſtand verſetzt. Ach! ich wünſche nur, daß er nach der Hochzeit nicht gar zu ſehr abgekühlt werde, das iſt Alles.“ „Ich wünſchte, ſie wären verheirathet,“ ſagte ich traurig,„denn dann dürfte ich wenigſtens bei Dir ſein und könnt' ihn bisweilen ſehen.“ Kate ergriff meine beiden Hände und ſah mich ernſt an. biſt alt genng, um der Stimme der Vernunft Gehör zu geben; bedenke, daß, wenn Cornelius verheirathet iſt, er für Dich ſowohl, als mich verloren ſein muß; bedenke, daß er nicht mehr derſelbe ſein kann und wird; „Midge,“ ſagte ſie,„Du biſt nun dreizehn; Du glaube nicht, daß die früheren Zeiten wiederkehren wer⸗ den; wer es erfahren, kann es Dir ſagen, daß alte Neigungen nicht wieder in alte Geleiſe kommen.“ Ich ſah ſie ernſthaft an, unfähig an einen harten Ausſpruch zu glauben. „So iſt es,“ fuhr ſie ſeufzend fort;„denk' an Cornelius als an einen theuren Freund; liebe, achte ihn, ſo viel Du willſt, aber erwarte nichts von ihm; entwöhne Dein Herz; Du mußt es um Seinetwillen ſo ſehr, als um Deinetwillen.“ „Kate,“ ſagte ich,„ich will's verſuchen und nicht eiferſüchtig auf ſeine Frau ſein.“ „Mein armes Kind, Du verſtehſt mich nchies iſt ſehr ſchwer; aber Frauen haben es nicht gerne, wenn ihre Gatten ſich um Solche kümmern, die nicht in den Kreis ihres Hauſes eingeſchloſſen werden können; ſie wollen ſie für ſich und ihre Kinder haben.“ 241 „Ich werde ſeine Kinder herzlich lieben, wenn er welche hat,“ antwortete ich;„wirklich, Kate, ich werde ſie lieben, wie ich ihn liebe— von ganzer Seele.“ „Du thöricht Kind, das iſt gerade die Täuſchung.“ Und ſie erklärte mir das Gefühl, das ich für Cornelius hegen durfte: es war ſo kalt, ſo fremd, das es mich fröſtelte, es zu hören. „Kate,“ ſagte ich,„ich glaube, ich könnte Cor⸗ nelius eher haſſen— und das wird nie geſchehen,— als ihn auf ſolche Weiſe lieben;„und ich weiß gewiß,“ fügte ich nach einer Pauſe hinzu,„das iſt auch nicht die Art, wie Du ihn liebſt.“ Sie lächelte und küßte mich und ſagte, ich möge ihn nur auf meine Weiſe lieben; Gott würde für die Zukunft ſorgen und meine treue Liebe nicht mit Kummer lohnen. Ich verſtand ſie nicht, und ſie ſchien es auch nicht zu wollen, daß ich ſie verſtehe. Seit dieſer Zeit fühlte ich, daß ſie mit einer gewiſſen Bangigkeit in die Zu⸗ kunft ſah und ſo lange es noch Zeit war, ein Gefühl zu unterdrücken ſuchte, das für meinen eigenen Frieden weit gefährlicher, als für den ihres Bruders zu werden drohte. Sie meinte es gut, aber ſie war ſo klug, mich nicht damit zu peinigen, es lag ja doch nicht in ihrer Macht, mich ihn weniger lieben zu machen; es lag in Niemandes Macht, nicht mal in ſeiner eignen. Wenn er mich deßhalb verbannt hätte, wenn er, um meine Liebe abzukühlen, ſo ſelten kam und den lange verſpro⸗ chenen Spaziergang nicht mit mir machte— ſo täuſchte er ſich. Ich fühlte die Verbannung, die Entbehrung ſeines Beſuches, die Säumniß ſeines Verſprechens— aber ich liebte ihn noch immer von ganzem Herzen. Endlich, eines Werktag Morgens, in der Mitte des Juni, ſagte mir Miß Mary Clapperton, daß Mr. O'Reilly und ein anderer Herr mich zu ſprechen wün⸗ Daiſy Burns. I. 16 242 ſchen. Ich eilte hinab, erſtaunt, daß Mr. Smalley oder Mr. Trim mir einen Beſuch zu machen gekommen ſeien. Als ich in das Zimmer trat, ſah ich Cornelius, der der Thüre gerade gegenüber ſtand; der andere Herr ſaß ſo, daß er mir den Rücken bot, während ſeine ge⸗ falteten Hände auf dem Knopfe ſeines Stockes ruhten. Er ſah auf, als ich eintrat und zeigte mir das braune Geſicht, den weißen Bart und die lebhaften ſchwarzen Augen meines Großvaters. Ich ging auf Cornelius zu, der mir einen ruhigen Kuß gab, und an ihn mich an⸗ ſchmiegend, ſah ich Mr. Thornton an. „Komm zu mir!“ ſagte er. Ich gehorchte und ging zu ihm. „Kennſt Du mich,“ brummte er und runzelte die Stirne. „Ja, mein Herr.“ „Wer bin ich?“ „Mr. Thornton.“ „Hm! Weißt Du, weßhalb ich gekommen bin?“ „Nein, Sir.“ „Mr. OReilly Dich abzunehmen.“ Ich antwortete nicht. Ich wußte, daß ich eine Laſt geworden, und ein Ding, von dem man befreien mußte. „Ich verlaſſe das Land,“ fuhr Mr. Thornton fort,„und wünſche nur dies zuvor noch abzumachen; Du verſtehſt?“ „Ja 1 Sir.“ „Nun und was ſagſt Du dazu?“ „Nichts, Sir.“ Mr. Thornton wandte ſich an Cornelius und ſagte ungeduldig: „Iſt das Kind blöde geworden? Sie war doch früher weit lebhafter.“ Ich ſah Cornelius erröthen; aber er antwor⸗ 243 tete nicht. Mein Großvater wandte ſich wieder an mich und ſagte: „Weßhalb biſt Du hier?“ „Um zu lernen, Sir.“ „Wurdeſt Du deßhalb hierher geſchickt?“ Ich ließ den Kopf ſinken, ohne zu antworten. „Ich dacht, es; murmelte er,„es ſcheint, Mr. O-Reilly,“ fügte er hinzu und wandte ſich an Corne⸗ linus, ſo große Eile Sie hatten, das Kind in ihre Hände zu bekommen, ſo wenig verſtanden Sie es, ſie zu behalten.“ Ich hielt es für gut, ſie hierherzuthun;“ antwor⸗ tete Cornelius etwas ſtolz. „Es war nicht ſein Fehler,“ warf ich lebhaft ein, „nein, es war nicht ſein Fehler.“ „Weſſen denn?“ fragte Mr. Thornton etwas ſtreng. „Der meine,“ antwortete ich leiſe;„ich war böſe.“ „Und wurdeſt zur Strafe in die Schule geſchickt. Biſt Du gerne hier?“ „Nicht ſehr. Ich bin ganz allein; es ſind jetzt Ferien.“ „Und während die andern Kinder zu Hauſe ſind, mußt Du hier bleiben?“ Ich antwortete nicht; Mr. Thornton ſah Cornelius an und noch immer mit beiden Händen ſich auf ſeinen Stock ſtützend, ſagte er etwas ſtreng: „Sir, als Sie vor beinahe drei Jahren zu mir kamen, um dies Kind zu holen, beliebte es Ihnen, ſehr offen Ihre Meinug über die Art und Weiſe auszu⸗ ſprechen, wie ſie in meinem Hauſe behandelt wurde. Ich werde nun ebenſo offen gegen Sie ſein. Ich ſage Ihnen frei heraus, mein Herr, daß ich Ihr Benehmen höchlich mißbillige. Sie hatten aus freiem Antrieb eine Pflicht ſich angemaßt, die Ihnen niemand auferlegen wollte; Sie hätten ſie entweder erfüllen oder aufgeben 244 müſſen. Ich ſagte Ihnen, daß Sie das Kind, wenn es Ihnen zur Laſt falle oder dergleichen, zu mir zurück⸗ ſenden ſollen. Ich bin in den Umſtänden, mein Herr, ſie ſelbſt in eine Schule zu ſchicken, und für ſie zu be⸗ zahlen, ohne Ihnen damit zur Laſt fallen zu müſſen. Ich ſage nicht, daß Sie ſich etwas, was Ihnen be⸗ ſchwerlich fällt, nicht vom Halſe ſchaffen ſollen; ich ſage nur, daß es nicht auf dieſe Weiſe hätte zu geſchehen brauchen.“ Cornelius biß ſich auf die Lippen, um der Verſu⸗ chung einer Antwort zu widerſtehen. Mr. Thornton legte ſeine Hand auf meine Schulter und fuhr fort: „Du biſt alt genug, um das Alles zu verſtehen. Mr. OReilly, dem Du im Wege wareſt—“ „Sir,“ begann Cornelins. „Sir,“ unterbrach ihn Mr. Thornton,„wenn ſie Ihnen nicht im Wege war, warum iſſt ſie hier? Mr. O'Reilly,“ fügte er hinzu und wandte ſich an mich, „Mr. O'Reilly fand, daß Du ihm im Wege warſt und brachte Dich hierher, wo Du nicht gerne biſt und wo Du ihm eine erkleckliche Summe koſteſt. Nun iſt die Frage, ſoll ich Dich anders wohin an einen ähnlichen Ort, wie dieſen, bringen? Und da ich in beſſern Um⸗ ſtänden bin, als Mr. O'Reilly—“ „Sir,“ unterbrach ihn Cornelius. „Sir,“ fuhr Mr. Thornton fort,„ich ſage nicht, daß ich ein beſſerer Mann bin, als Sie; aber ich habe mehr Geld. Soll ich Dich an einen ähnlichen Ort, wie dieſen, aber in die Stadt bringen und für Dich bezah⸗ len? Ja oder nein?“ Ich wußte, daß Corunelius arm war, daß es ihm Mühe koſtete, das Geld aufzubringen, das ich ihn ko⸗ ſteſte; ich ſagte deßhalb mit gebrochenem Herzen: „Ja, Sir.“ Ich ſah Cornelius an, während ich ſprach; das ſchien ihn ſchmerzlich zu verwunden. 245 „Daiſy,“ ſagte er mit einem vorwurfsvollen Blicke, „bedenke, daß ich Dich nicht aufgegeben.“ Er ſprach mit feſtem Tone, wie Jemand, der ſeine Gefühle im Zaum zu halten ſucht und indem er ſeinen Hut ergriff, eilte er aus dem Zimmer, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Ich wollte ihm nacheilen; eine eiſerne Hand hielt mich zurück. „Du kleine Thörin,“ ſagte mein Großvater ſarka⸗ ſtiſch;„ſiehſt Du nicht, daß er ſich nichts um Dich be⸗ kümmert. „Komm', nicht geweint; an welchem Tage willſt Du fort?“ „An keinem.“ „Montag, Dienſtag, Mittwoch, Donnerſtag, Frei⸗ tag, Samſtag,“ zählte er raſch an den Fingern auf. „Mittwoch, Sir,“ antwortete ich, durch ſeine ſelt⸗ ſame Art zu verfahren, überraſcht.— „Das iſt heute. Bleibe hier, bis ich mit den Da⸗ men des Hauſes mich abgefunden.“ 1 Er ſtand auf und verließ mich. 4 Siebzehntes Kapitel. Nach wenigen Minuten erſchien Mr. Thornton, deſ⸗ ſen Stimme ich im anſtoßenden Zimmer gehört, mit den beiden Miſſes Clapperton wieder. Sie brachten mir meinen Hut und Mantel, zogen mich an, ſagten mir Lebewohl und küßten mich herzlich; dann, nahm Mr. Thornton, der ungeduldig zugeſehen, meine Hand und führte mich weg. Ein Wagen ſtand vor der Thüre von 246 Alhambra Lodge; mein Großvater hob mich hinein und ſchloß die Thüre. Der Wagen fuhr außerordentlich raſch. Ich ſaß ſtumm und allein darin und konnte mich immer vor Erſtaunen noch nicht faſſen. Nachdem wir lange auf Straßen und Gaſſen gefahren, die ich alle nicht kannte, bog der Wagen auf einen abgeſchloſſenen Platz ein und hielt vor einem einfachen Hauſe. Eine geſetzt ausſehende Dienerin erſchien auf das Pochen des Kut⸗ ſchers; ihr folgte eine Wittwe von mittlerem Alter, die mir lächelnd aus dem Wagen half und freundlich ſagte: „Hierher, meine Liebe.“ Ich trat ein und ſah mich nach Mr. Thornton um. Er war nirgend zu ſehen. „Entſchuldigen Sie, Madame,“ ſagte ich,„iſt Mr. Thornton ſchon da?“ „Es freut mich ſehr,“ antwortete ſie und ein Stein ſchien ihr vom Herzen zu fallen,„ich fürchtete ſchon, er werde nicht mehr kommen. Nein, meine Liebe, er iſt noch nicht da und offen geſtanden, als ich Sie ſo plötz⸗ lich kommen ſah, konnt' ich den Zuſammenhang nicht recht verſtehen: doch er wird ja alles erklären. Hier, meine Liebe, die Treppe hinauf, überſehen Sie die Windung nicht.“ Sie nahm meine Hand und führte mich ſo ängſtlich, als wäre ich eine Puppe. Sie hatte eine ſehr weiche Hand und ihre Berührung war ſanſt und zart. Als wir auf dem Flur des zweiten Stockes angekommen, blieb ſie ſtehen, öffnete eine Thüre, die zu einem gro⸗ ßen und luftigen Schlafzimmer führte, das die Ansſicht auf den düſtern Platz unten hatte. „Darf ich Ihnen nicht ihre Sachen abnehmen?“ ſagte ſie in freundlichem Tone. „Ich kann es ſelbſt thun, Madame, danke!“ „So? Nun gut; aber kann ich Ihnen vielleicht nicht ſonſt etwas thun?“ 3 „Nein, Madame, ich danke.“ — 247 „Gut. Sie werden aber nicht zum Fenſter hinans⸗ ſehen, nicht wahr? Sie möchten hinausfallen und leicht des Todes ſein.“ Ich verſprach, nicht hinauszuſehen; ſie nannte mich ein liebes Kind und verließ mich. In wenigen Minuten war ich wieder bei ihr. Ich fand ſie allein in einem dunkeln und düſtern ächt engliſchen Wohnzimmer. Sie ſchien zu erſchrecken, als ſie mich ſah, und that, als ob ſie mich hätte holen wollen, aus Furcht, es möchte mir unterwegs etwas geſchehen; aber ſie beruhigte ſich bald wieder, als ſie ſah, daß alles gut gegangen. Sie hatte ein freundliches Geſicht, das einmal hübſch gewe⸗ ſen und noch nicht ungefällig war, obgleich es einen etwas unruhigen Ausdruck hatte, als ob ſeine Eigenthümerin beſtändig von Scrupeln und Zweifeln gequält würde. „Wiſſen Sie nicht, Madame, wird Mr. Thornton bald kommen?“ fragte ich, nachdem ich vergeblich gehofft, der Großvater werde erſcheinen. „Er iſt fort, meine Liebe,“ antwortete ſie ruhig. „Ich ſagte ihm, Sie nehmen Ihre Sachen ab und er meinte, er habe Ihnen nichts zu ſagen; aber Sie kön⸗ nen ganz beruhigt ſein, es iſt alles beſorgt.“ „Soll ich bei Ihnen bleiben, Madame?“ „Ja, meine Liebe, ich ſoll Sie erziehen. Mein Name iſt Mrs. Gray. Ich wohne in dieſem Hauſe. Es iſt ſehr luftig, ſehr geſund. Mr. Thornton war da⸗ ran ſehr viel gelegen und ich bin überzeugt, ihn in nichts getäuſcht zu haben. Hier auf dieſem Platze kön⸗ nen wir natürlich ſpazieren gehen, wann uns beliebt. Auch habe ich eine ſehr gute Erziehung genoſſen und kann Sie deßhalb in Allem unterrichten. Ich hoffe, wir werden ſehr glücklich mit einander ſein,“ fügte ſie mit einem Lächeln hinzu, auf das weder in Blicken, noch in Werten mein ſchwer bedrücktes Herz etwas erwiedern onnte. 3 Mrs. Gray ſah dies und ſchien plötzlich entmuthigt 248 Sie hoffte, wir würden glücklich mit einander ſein, ſie war davon überzeugt und hätte gerne geſagt, daß ſie nicht ſchuld daran ſei, wenn es nicht der Fall wäre. Es wurde ihr ganz unbehaglich zu Muthe, als ich endlich eine Frage an ſie richtete: „Erlauben Sie, Madame, hat mich Mr. Thornton wegen deſſen, was ich ſagte, von den beiden Miſſes Clap⸗ perton weggenommen?“ „Ah, die Miſſes Clapperton. Ich weiß in der That nicht. Wer ſind die Miſſes Clapperton?“ „Sie haben ein kleines Penſionat und wohnen in Alhambra⸗Lodge.“ „Alhambra⸗Lodge und haben ein kleines Penſionat, ei der Tauſend!“ „Wiſſen Sie, Madame, weßhalb man mich nicht dort gelaſſen?“ „Ich glaube, mein Kind, weil Mr. Thornton ihre Lehrmethode nicht gut fand; die Methode iſt außeror⸗ dentlich wichtig.“ „Wiſſen Sie, Madame, ob Miß O'Reilly mich nächſten Sonntag beſuchen wird?“ „Miß O Reilly? das iſt ein iriſcher Name, nicht wahr?⸗ „Ja, Madame, ſie iſt eine Irländerin, wie ihr Bruder. Sie ſind in Bally Bunion geboren.“ „Bally Birmingham— wie ſeltſam! Man ſollte denken, Birmingham brauchte kein Bally. Sind Sie auch in Bally⸗Birmingham geboren?“ „Nein, Madame, ich bin in England geboren.“ „Iſt Ihnen das nicht weit angenehmer?“ .„Ich weiß nicht, Madame; aber können Sie mir nicht ſagen, ob Miß O Reilly nächſten Sonntag kommen wird?“ Mrs. Gray ſchien verlegen. „Ich weiß in der That nicht,“ antwortete ſie,„aber es ſoll mich ſehr freuen, ſie zu ſehen, und ihr eine 249 Taſſe Thee anbieten zu können. Ich trinke immer Punkt fünf Uhr Thee.“ Sie ſprach ſehr ernſt, als ob ſie fürchtete, man könnte Zweifel in ihre Gaſtfreundlichkeit ſetzen. Ich ſah, ſie wußte nichts und fragte ſie nicht mehr. Mrs. Gray gehörte zu jenen Engländerinnen, die das Düſtere um ſeiner ſelbſt willen lieben. Sie wohnte in einer düſtern Umgebung, auf einem düſtern Platze, in einem düſteren Hauſe und führte, wie ich bald ſah, ein ſo düſteres Leben, als es nur immer möglich war. Wir ſtanden zeitig auf, frühſtückten zuſammen in dem düſtern Wohnzimmer und gingen dann an die Lectionen, die bis zwei Uhr dauerten, worauf das Mittageſſen ein⸗ genommen wurde. Sie war eine geiſtvolle, feingebildete Dame, aber eine nervöſe, ängſtliche Lehrerin; und aus lauter Beſorgniß, ſie möchte ihre Pflicht bei mir nicht ſtreng genug erfüllen, machte ſie ſich ſelbſt und ihrem Zögling das Leben ziemlich ſauer. Nach dem Mittageſſen machten wir einen kurzen Spaziergang auf dem Platze oder auf einem nahen, mit ſtaubigen Ulmen bewachſenen Wege, der die Maille genannt wurde. Punkt fünf Uhr nahmen wir den Thee; ich blieb bis ſpät in die Nacht auf und bereitete mich für die Lectionen am andern Tage vor, während Mrs. Gray arbeitete, oder verſtohlen Ro⸗ mane las. Anfangs that ſie ſo geheimnißvoll damit, als ob ſie noch ein Schulkind und ich eine ſtrenge Leh⸗ rerin wäre; als ſie jedoch ſah, daß ich mit dem Weſen dieſer braunen Leihbibliotheksbände, die dann und wann aus ihrem Arbeitskorb hervorguckten, nicht ſo ganz un⸗ pekannt war, verſteckte ſie ſie nicht mehr und ſagte, ſie billige zwar im Allgemeinen das Romanenleſen nicht, glaube ſich jedoch berechtigt, eine Ausnahme zu machen. Ihren Geſchmack an dichteriſchen Werken theilten Miß Taylor und Miß Jones, die einzigen Freundinnen, die ſie bei ſich ſah. Einmal in der Woche kamen ſie, um den Thee bei uns zu trinken und zweimal trank 2⁵⁰ Mrs. Gray den Thee bei ihnen. Es waren ſehr ruhige, gutmüthige Damen, die ſich über alles verwunderten. Ich konnte ſehen, daß ich ihnen vom erſten Augenblick an wie eine Art lebendigen Romans, eine„Margareth die Waiſe,“ ein„Kind des Gebeimniſſes“ u. ſ. w. er⸗ ſchien. Ich trat an einem Mittwoch bei Mrs. Gray ein; am ſelben Abend nahm ſie den Thee bei ihr und ich bemerkte, wie ſie Blicke und Zeichen wechſelten und ſich leiſe ein„Wie ſeltſam!“„Höchſt wunderbar!“ „Wirklich?“ und dergleichen zuflüſterten. Wenn Jane und Fanny Brook mich mit ihrer lär⸗ menden Art quälten, ſo drückte das ſtille und bewegungs⸗ loſe Leben in Mrs Gray's Hauſe nicht weniger peinlich auf mich. Ich fühlte dies namentlich während der erſten Tage und harrte ungeduldig des Sonntags. Er kam, brachte jedoch keine Kate. Ich ſaß den ganzen Tag am Fenſter und blickte ängſtlich wartend durch das einſame Gitter, das unſere Wohnung einhegte, aber ſie kam nicht. Die Dämmerung brach endlich berein und ſenkte ſich über den düſtern Platz und die melancholiſchen Bäume; meine letzte Hoffnung ſchwand. Anfangs dachte ich, ſie fühle ſich beleidigt und wolle nicht kommen, dann dachte ich wieder, ſie werde nicht wiſſen, wo ich ſei. „Meine Liebe,“ ſagte Mrs. Gray ernſt,„bitte, ge⸗ hen Sie vom Fenſter, Sie werden ſich erkälten. Miß O Reilly wird uns morgen beſuchen.“— „Wäre es nicht beſſer, Mrs. Gray, wenn ich ihr ſchriebe und ſagte, ich ſei bei Ihnen?“ „Nein, meine Liebe,“ antwortete Mrs. Gray und ſah ſehr unruhig aus:„Sie müſſen das nicht thun. Fuuſuue Sie morgen beſuchen; bitte, gehen Sie vom Fenſter.“ 8 Ich gehorchte der freundlichen Mahnung, aber ich hatte kein Vertrauen auf die mir gemachte Hoffnung; ich glaubte nicht, daß Kate kommen werde und ſie kam auch nicht, ſelbſt am darauffolgenden Sonntag nicht. 2⁵1 Ich fragte Mrs. Gray wieder, ob ich Miß O Reilly nicht ſchreiben dürfte, da ſie, wie ich ſehe, nicht wüßte, wo ich ſei. „Meine Liebe,“ ſagte Mrs. Gray etwas aufgeregt, „ich fürchte, wenn Miß O'Reilly es nicht weiß, ſo will Mr. Thoruton es auch nicht, daß ſie es wiſſe. Es würde mich ſehr freuen, ſie zu ſehen und ich bin über⸗ zeugt, daß ſie eine ſehr angenehme Dame iſt; aber ich muß mich nach Mr. Thornton's Wünſchen richten.“ All' meine Bitten konnten ſie nicht vermögen, ihren Entſchluß zu ändern. Wenn ich ihren Befehlen hätte entgegenhandeln können, ich würd' es gethan haben, aber ich ſah nicht ein, wie das hätte offen geſchehen ſollen, und geheime Wege zu erſinnen, beſaß ich nicht Erfin⸗ dungsgabe genug; ſo begnügte ich mich mit der einzigen Erlaubniß, die ſie mir gab, an Mr. Thornton zu ſchrei⸗ ben und ihn um Erlaubniß zu bitten, meine Freunde zu ſehen. Mrs. Gray ſandte den Brief ab; entweder kam er jedoch nicht in ſeine Hände oder er hielt ihn der Beachtung nicht werth, denn er gab mir keine Antwort darauf. Ich ſah, wie thöricht ich geweſen, mich unter ſeine Obhut zu ſtellen, und der Gedanke, daß ich es ſelbſt ge⸗ thau und dadurch vielleicht auf immer von Cornelius und Kate getrennt ſei, griff endlich meine Geſundheit an. In meinem Schmerz hatte ich geäußert, daß, wenn ich nur wüßte, wie es ihnen ginge, ich mich nicht ſo grämen würde, ſie zu ſehen. Mrs. Gray erfaßte dieſen Gedanken und erbot ſich, Erkundigungen darüber einzu⸗ ziehen. Ich nannte ihr die Namen der Gewerbsleute, bei denen Miß O'Reilly einzukaufen pflegte und ſie machte ſich eines Nachmittags auf den Weg. Sie blieb zwei Stunden aus und kehrte mit heiterem Geſichte zurück. „Nun,“ ſagte ſie und ſetzte ſich lächelud nieder. „Ich habe alles erfahren. Ich beſuchte den Bäcker Par⸗ kins und fragte Mrs. Parkins, ob ſie eine iriſche Fa⸗ milie mit Namen Mac Mahon kenne(das war keine Erfindung, denn es gibt, wie Du weißt, iriſche Mac Mahons; ich kannte ſelbſt drei, obgleich ich nicht weiß, daß ſie im Haine wohnen), und Mrs. Parkins ſagte mir, ſie kenne keine Mac Mahon, die einzige Familie, die bei ihr kaufe, ſeien Mr. und Miß OReilly; die künftige Mrs. O Reilly würde ihr, wie ſie hoffe, auch ihre Kundſchaft zu Theil werden laſſen. Ich fragte ſie, was das für eine Dame ſei. Blond und ſchön, und Mr. OReilly und ſeine Schweſter ſeien ſchwarz, aber auch ſehr ſchön. Ich ſagte, das können nicht wohl die Mac Mahons ſein, da dieſe alle rothe Haare haben; nachdem ich Mrs. Parkins für ihre Auskunft gedankt, kehrte ich zurück. Ich hoffe, meine Liebe, Sie werden ſich mit dieſer guten Zeitung beruhigen, denn wenn Mr. OReilly heirathen will, ſo kann es weder ihm, noch ſeiner Schweſter ſchlecht gehen; und ich bin überzeugt, ſie ſind zu klug, um ſich nach dem Hochzeitskuchen zu ſehnen: es geht alles ganz gut, wie Sie ſehen.“ Ach! ja, es ging alles ganz gut und ich fühlte, wie wenig man mich nun an dem Orte vermißte, wo ich einſt der Liebling geweſen, um den ſich alles drehte. Sie wollten heirathen; es war nichts zu fürchten, noch zu hoffen. Mrs. Gray, welche die Eiferſucht nicht kannte, die die Quelle all' meines Elends war, ſprach immer wieder von dem vortrefflichen Stand der Dinge und hatte ihr unſchuldiges Vergnügen an der Rolle, die ſie geſpielt und dem kleinen Abenteuer in ihrem eintöni⸗ gen Leben. Es war mir anfangs eine Beruhigung, Kate und Cornelius wohl zu wiſſen, aber auch dies Bewußtſein verlor nach und nach ſeinen Werth; und meinen drin⸗ genden Bitten und feierlichen Verſprechungen, meine Anweſenheit weder durch Wort, Zeichen, noch Blick zu verrathen, gelang es endlich, mir von Mrs. Gray die Gunſt zu erringen, eines Abends nach dem„Hain“ mit ihr ſpazieren gehen zu dürfen, wo ich im Vorüber⸗ 8 1 2⁵3 gehen— vielleicht mit einem flüchtigen Blicke,— die Ge⸗ ſichter ſehen könnte, die ich liebte. Der Zufall, oder vielleicht auch die freundliche Macht, die es nicht ver⸗ ſchmäht, der menſchlichen Schwäche zu Hülfe zu kommen, begüngſtigte mich. Der Abend war grau und mild, wie häufig in engliſchen Sommern. Der Hain war öde und leer. Mrs. Gray und ich hielten uns im Schatten der Bäume, auf der Seite der Straße, Kates Haus gegenüber, und gingen zwei bis dreimal auf und nieder. Das Wohnzimmer nach Vorne heraus war nicht erleuchtet; ich konnte nichts von dem ſehen, was darin vorging, aber in der Stille dieſes ruhigen Abends vernahm ich ein oder zweimal die Töne von Cornelius' Stimme. Ich blieb ſtehen, um ihnen zu lauſchen. „Meine Liebe, würden wir nicht beſſer gehen?“ „Noch nicht, Madame,“ bat ich;„Deborah wird bald die Lampe bringen, die Fenſter werden noch eine Zeitlang offen ſtehen und ich dann im Stande ſein, ſie zu ſehen, während ſie mich nicht ſehen können.“ Alles geſchah, wie ich geſagt, Deborah brachte die Lampe, ſetzte ſie auf den Tiſch und lies das Fenſter of⸗ fen. Nun konnte ich ſie ſehen. Die Lampe brannte mit klarer und ruhiger Flamme, die das ganze Zimmer be⸗ leuchtete; die Gemälde hoben ſich von der rothen Ta⸗ pete der Wand ab und auf dem dunkeln, aber klaren Hintergrund erſchienen die Geſtalten von Cornelius, Kate und Miriam deutlich und ſcharf hervortretend. Sie ſaß in ihrem Lehnſtuhl und ſah zu Cornelius auf, der lachend und heiter plaudernd hinter ihr ſtand. Ich ſah weniger von Kate, die etwas im Hintergrunde über ihre Arbeit herabgebeugt daſaß. Sie ſchienen beide hei⸗ ter und glücklich, denn als ich ſo daſtand, halb geblen⸗ det von Thränen, verließ Cornelius plötzlich Miriams Stuhl, trat an das Piano, öffnete es und ſetzte ſich, um„Erins Verbannung“ zu ſingen. War es, daß ich ſeine Stimme wieder hörte, oder daß ich, ſelbſt eine Verbannte aus ſeinem Hauſe und ach! aus ſeinem Her⸗ zen, in der Ferne ſtand und lauſchte,— ich mußte un⸗ willkürlich weinen. Als das Lied mit ſeiner ernſten Ca⸗ denz geendigt, ſtand Kate auf, ſchloß das Fenſter, ließ die Jalouſie herab und verſagte mir ſo Blick und Klang. „Wär es nicht beſſer, wenn wir jetzt gingen?“ flüſterte Miß Gray, indem ſie mich freundlich von dem Orte wegführte, an dem noch immer Aug und Ohr hafteten, obwohl nichts mehr zu ſehen und zu hören war. Ich folgte ihr mechaniſch und meine Begleite⸗ rin eilte ſo raſch ſie konnte, hinweg, indem ſie ſich dann und wann umſah, und erklärte:„Sie habe nie etwas derart durchgemacht!“ Ihre Freundinnen hielten unſren Spaziergang ſogar für ein Abenteuer, das das Ge⸗ heimniß, womit ihre Phantaſie mich ſo gerne umgab, noch vergrößerte. Ich hatte mich leidenſchaftlich nach der Erfüllung jenes Verſprechens geſehnt, und nun da es erfüllt war, hatte ſich mein ſtiller Schmerz nur verſtärkt. Ich war nun ſechs Wochen bei der freundlichen Dame, aber ſei es das düſtere, einförmige Leben, das wir in dieſem Hauſe führten, oder der Schmerz, von denen getrennt zu ſein, die ich ſo innig liebte, ich wurde wieder kränk⸗ lich, wenn auch nicht wirklich krank. Mrs. Gray hatte den Auftrag, mir es an nichts gebrechen zu laſſen; ſie rief deßhalb plötzlich einen Arzt, der mir eine Menge bitterer Arzneien gab und mir mehr Bewegung verord⸗ nete. Wir hatten eine halbe Stunde bis zu Kenſington Garden und an jedem ſchönen Tag führte mich Mrs. Gray dahin, um die Zeit zwiſchen Mittageſſen und Thee dort zuzubringen. Sie ſetzte ſich auf eine Bauk und las, während ich nach Belieben umher gehen onnte. hinter mir goß die Sonne ihre hellen Strahlen, die 2⁵⁸ Kenſington Garden iſt ſehr ſchön. Grüne Wieſen, Waſ⸗ ſer, ſeltene Sing⸗Vögel, wilde und cultivirte Pflanzen, warmer Sonnenſchein, kühler Schatten und über alles breitete ſich der große Zauber, den alte Bäume undſchöne Waldpar⸗ tieen haben. Ich ſtudirte damals Botanik und mein Hauptvergnügen war, wilde Blumen zu ſuchen oder an einſamen Plätzchen zu weilen. Ich erinnere mich noch eines ſtillen Tannen⸗ und Buchenhaines, ruhig und ernſt wie ein Kloſter. Ich ſuchte oft ſein feierliches Dun⸗ kel, von dem Inſtincte geleitet, der das verwundete Wild nach dem Schatten fliehen macht. Wenn ich dann auf dem moosbedeckten Fuße dieſer ehrwürdigen Bäume ſaß, ſchien ſich die beſänftigende Ruhe der rei⸗ nen Natur mit ihren tiefen Schatten auf meinen Geiſt zu ſenken. Ueber mir ſang die Droſſel und der Schwarz⸗ kopf, die ich ſo oft in den Bäumen meiner erſten Hei⸗ math gehört. Sie waren glücklich; mir klang ihr Ge⸗ ſang weder heiter, noch freudig. ſondern mild, und traurig, wie der des bezaubernden Vogels, den der mun⸗ tere Kilmeny im Thale gehört.. Eines Tages verlor ich mich bei meinen botaniſchen Forſchungen weiter, denn gewöhnlich. Endlich trat ich in eine runde Lichtung, die von ſchönen alten Bäumen umgeben war, deren einer, vom letzten Sturme entwurzelt, an der Erde lag. Seine breiten Aeſte be⸗ gannen zu verdorren, und ſeine hohen Wurzeln ſtanden braun und nackt in die Höhe, zum erſtenmale des er⸗ wärmenden Lichtes ſich freuend; aber an dieſe Zeichen, obwohl ich ſie bemerkte, wie man Dinge bemerkt, ſelbſt wenn das Herz wild aufgeregt iſt— dachte ich damals nicht; denn ich hatte plötzlich Cornelius geſehen und er⸗ kannt, der auf dem Baumſtamm ſaß und zeichnete. Ganz in ſeine Arbeit vertieft, ſah er mich nicht; ich ſaß ſtumm einige Schritte von ihm entfernt und ſah ihm mit Blumen in der Hand zu. Durch die Bäume 256 meinen verläugerten Schatten auf das Gras warfen. Cornelius bemerkte ihn und ſah auf; der Griffel fiel aus ſeiner Hand, er wurde ganz blaß. Hatte er ſich bewegt oder ich? Ich weiß es nicht, aber im nächſten Moment lag ich in ſeiner Umarmung. Was ich ſprach oder that, kann ich nicht ſagen; er küßte mich wieder und wieder mit manchen lieben Namen. Eine Zeit lang ſprach kei⸗ nes von uns beiden. „Mein armes verlorenes Lamm!“ ſagte er, als ich, zu glücklich um zu ſprechen, in ſeinen Armen lag, „wo biſt Du alle die Zeit geweſen?“ „Ich war bei Mrs. Gray; wie geht es Kate?“ „Sie iſt wohl, aber grämt ſich um Dich. Wer iſt Mrs. Gray? Wo wohnt ſie? Iſt ſie freundlich und gut gegen Dich? Warum biſt Du ſo blaß?“ „Ich bin nicht wohl; ich nehme jeden Morgen Arz⸗ nei ein. Mrs. Gräͤy iſt ſehr freundlich und gut; ſie wohnt Auckland Square, Numero drei.“ „Ich kenne den Platz; aber warum, Du böſes Kind, haſt Du uns nicht geſchrieben, damit wir wiſſen, wo Du biſt.“ „Mrs. Gray wollte es nicht leiden. Ich ſchrieb an Mr. Thornton und er antwortete mir nicht; aber Mrs. Gray war ſehr freundlich; ſie ging mal zu Parkins und erfuhr, daß Du und Kate ganz wohl ſeien und ein an⸗ dermal nahm ſie mich mit nach dem„Hain“ und ich ſah euch beide durch das offene Fenſter; es war Abend; Du ſangſt„die Verbannung Erins“; ich lauſchte mit Mrs. Gray auf der andern Seite der Straße.“ „Und Du kanſt nicht herein?“ 1 „Mrs. Gray würde es nicht erlaubt haben;— auch—“ „Nun, was 2“ „Du weißt,“ antwortete ich und ſuchte ſeinem Blicke auszuweichen,„was Du mir ſagteſt, ehe ich zu Miß Clapperton kam.“ ,— — —,— 2⁵7 Er antwortete nicht, als ich jedoch meinen Blick wieder zu ihm erhob, hatte die Gluth, die meine Worte ihm auf die Wangen gerufen, ſein Geſicht noch nicht verlaſſen. „Du biſt nicht allein hier?“ ſagte er nach einer ver⸗ legenen Pauſe. „Nein! Mrs. Gray ſitzt auf einer der Bänke drun⸗ ten. Willſt Du mit ihr ſprechen?“ „Natürlich,“ antwortete er und kniff mich wie ehe⸗ dem ſanft ins Kinn. Er nahm meine Hand und packte ſein Skizzenbuch und ſeinen Malerapparat zuſammen und ging mit mir nach dem Orte, wo Mrs. Gray ſaß. Sie war in die Cataſtrophe eines dritten Bandes vertieft, den ſie bei⸗ nahe zu Ende geleſen, als ich an Cornelius Hand vor ihr erſchien. Anfangs war ſie ſehr beſtürzt und auf⸗ geregt, aber das freie und gewandte Benehmen des jungen Mannes gab ihr bald ihre Faſſung wieder. Er that ſein Möglichſtes, ſich angenehm zu machen, und vermied aufs ſorgfältigſte jede Anſpielung, die ſie beun⸗ ruhigen konnte. Ich hatte geſehen, wie er ſie zwei⸗ oder dreimal ſcharf anblickte, um ihren Character zu erforſchen, ehe er ſich in ein Geſpräch einließ, worauf er dann, ſeines Stoffes Herr, die Converſation begann. Er ſprach eine halbe Stunde lang aufs Angenehmſte und verlies uns dann; als ich ihn küßte, öffneten ſich meine Lippen, um ihn zu fragen, wenn wir uns wieder ſähen, aber ſein Blick machte mich verſtummen. Ich ſah ihn die Richtung nach dem Hain einſchlagen und meine An⸗ gen folgten ihm, bis er mir aus dem Geſichte war. „Ein ſehr angenehmer junger Mann,“ ſagte Mrs. Gray, indem ſie mir mißtrauiſche Blicke zuwarf, die ich nicht verſtand;„nicht wahr, meine Liebe.“ „Ich weiß nicht, Madame, ich kannte—“ „Ja, ja,“ unterbrach ſie mich,„Du kannteſt andre Daiſy Burns. I. 17 258 die ebenſo angenehm waren; auch ich. Ich erin⸗ nere mich noch, daß meine Schweſter und ich, als wir junge Mädchen waren, oft auf unſern Spaziergängen einem hübſchen alten Mann begegneten, den wir,— da wir ſeinen Namen nicht kannten,— Dr.. Johnſon nannten. Wir könnten dieſen jungen Landſchaftsmaler Claude⸗Laurain nennen.“ „O, Madame, er heißt—“ „Meine Liebe,“ unterbrach mich Mrs. Gray unge⸗ duldig;„woher weißt Du ſeinen Namen? fragteſt Du ihn? oder ſagte er ihn Dir 2“ „Nein, Madame.“ „Nun denn, wie kannſt Du ihn wiſſen?“ Ich ſah, daß Mrs. Gray auf der ſichern Seite der Wahrheit bleiben wollte, und ich war natürlſch froh, daß ſie nicht ſtrenger gegen mich verfuhr. Sie merkte, daß ich endlich den Wink verſtanden und ſprach offen von Claude⸗Laurain, der einen ſehr günſtigen Eindruck auf ſie gemacht zu haben ſchien. Den übrigen Theil des Tages und die ganze fol⸗ gende Nacht ließ mich Freude und Hoffnung nicht ruhen. Auch mit Mrs. Gray ſchien etwas vorgegangen zu ſein, denn wir aßen eine halbe Stuude früher zu Mittag, und gingen aus, ſobald wir gegeſſen hatten. „Wohin gehen wir heute, Madame?“ fragte ich. „Ich denke, wir gehen nach Kenſington Garden,“ antwortete ſie gleichgültig. Wir begaben uns auf dem kürzeſten Wege dahin. Mrs. Gray ſetzte ſich auf ihre gewöhnliche Bank, nahm ihr Buch und ſagte, ſie glaube, es würde mir gut thun, wenn ich umhergehe. Ich machte begierig von der Erlaubniß Gebrauch, und eilte nach dem gefallenen Baum. Ja, da ſaß er und mit ihm wie ich erwartet hatte, Kate. Sie ſagte nicht viel, als ſie mich jedoch in die Arme nahm und küßte, barg ich mein Geſicht an ihrem 259 freundlichen Buſen und konnte vor lauter Glück nur weinen. „O Du böſes Kind!“ ſagte ſie, indem ſie mir mehre vorwurfsvolle Küſſe gab,„wie konnteſt Du das thun?“ „Kate, es war Mrs. Gray...“ „Ja, ich weiß; Cornelius hat mir alles geſagt, aber ich kümmere mich nichts um Mrs. Gray. Du mußt ſogleich mit mir kommen.“ 5 „Aber Mrs. Gray— „Poſſen! Mrs. Gray wird das Herz um Deinet⸗ willen nicht brechen; auch ſiehſt Du gar nicht wohl aus.“ „Da iſt ſie, ſie kömmt gerade auf uns zu, Kate.“ Und ſo war es auch. Mrs. Gray war ungeduldig und vielleicht unruhig geworden; ſie fürchtete Claude 4 8 habe mich entführt. Sie wurde och unruhig s ſie Miß O'Reilly ſah; Cornelins aber unternaum e, ſie zu beſchwatzen und es gelang ihm ſo gut, daß ſte ſich, ehe viel Zeit verging, zu Kate ſetzte, mit der ſie lebhaft plauderte, während Cornelius und ich auf und nieder gingen. Es ſchienen mir nur wenige Minuten verfloſſen zu ſein, als der Moment des Scheidens kam und Mrs. Gray mich mit den Worten:„Meine Liebe, iſt es nicht Zeit, zu gehen?“ daran mahnte. Der folgende Tag war ein Sonntag und an ſolchen gingen wir nie in den Park. Mit vielen Küſſen, Lieb⸗ koſungen, in die ſich manch' bitteres Gefühl der Reue miſchte, ſchied ich, noch oſt aus der Ferne winkend, von meinen beiden Freunden. Wir waren kaum aus ihrem Geſichte, als Mrs. Gray rief: „ Es gibt doch ſeltſame Dinge in der Welt— wirk⸗ lich höchſt ſeltſam. Wie hätte ich mir einfallen laſſen, in Kenſington Garden eine alte Freundin zu finden— nein, nichts hätte ich mir weniger träumen laſſen!“ „Eine alte Freundin, Mrs. Gray?“ „Nun, natürlich; die Dame, mit der ich ſprach.“ 7 „Miß O'Reilly!“ rief ich, im ſelben Augenblicke über meine Unklugheit erſchreckend. Aber Mrs. Gray war kecker geworden und antwor⸗ tete ſehr ruhig: „Ja, ich glaube, ſie heißt O'Reilly; aber ich ſehe nichts Wunderbares darin; O Reilly iſt, ſoviel ich weiß, ein ſehr gewöhnlicher iriſcher Name.“ „Und Sie kennen ſie, Mrs. Gray?“ „Ich möchte richtiger ſagen, ich habe ſie gekannt. Denn es iſt jetzt zwanzig Jahre her, ſeit ich ſie in einer Abendgeſellſchaft traf; ich hatte ihren Namen, aber nicht ihr Geſicht vergeſſen und ſehr erfreut, ſie wieder zu ſehen, bat ich ſie, morgen Abend den Thee bei mir zu nehmen.“ „Fanden Sie auch ihren Bruder in jener Geſell⸗ ſchaft, Madame?“ fragte ich begierig. „Hat ſie einen Bruder?“ entgegnete Mrs. Gray ruhig. „Ja, Madame, der junge Mann, der bei ihr war.“ „Wirklich! Der Künſtler, den wir geſtern ſahen — ſeltſam! Nein, mein Kind, ich glaube nicht, daß ich ihn dort traf.“ Ich ſah zu meinem Bedauern, daß Cornelius nicht in die Einladung mit eingeſchloſſen war; aber ich ver⸗ ſuchte, ohne undankbares Gefühl, an den andern Tag zu denken; er kam und brachte Kate, die allein er⸗ ſchien, aber nichts deſto weniger herzlich bewillkommnet wurde. nehmen nachgedacht; ihr Charakter war jedoch eine ſeltſame Miſchung von Offenheit und Liſt, von Kühnheit und Aengſtlicheit. Sie war wohlwollend genug, um mir gerne etwas Angenehmes zu erweiſen und Frau genug, um einen Streich gegen Mr. Thornton auszuführen, weil er nicht offener und ehrlicher gegen ſie war; auch war ihr Leben ſo traurig, daß eine kleine Unterhaltung, mit der Ich habe oft über Mrs. Grays Gründe zu ſolchem Be⸗ 261 ſich etwas Geheimnißvolles verband, nicht ſo raſch von der Hand gewieſen wurde; da ſie in unabhängiger Lage war und mich mehr um der Geſellſchaft, als um des Nutzens willen aufgenommen, ſo dachte ſie natürlich wenig an die Folgen ihrer Handlung. Kate konnte mich nun offen beſuchen und doch war ich nicht glücklich. Ihr Bruder, der ſo große Freude zu haben ſchien, als er mich im Parke wieder ſah, kam nicht. „O Kate!“ ſagte ich ſehr traurig,„ich ſcheine ihm doch gleichgültig zu ſein.“ „Poſſen, Kind! Ich ſage Dir, er war unglücklich, als er fand, daß Mr. Thornton Dich an einen Ort gebracht, den Niemand wußte. Warum hätte er ſich ſo abgejagt, Dich überall zu ſuchen; er hatte ſelbſt keine Ruhe und ließ Andern keine. Am Tage dagegen, als er Dich ge⸗ funden, kam er ſo heiter, wie eine Lerche, in das Zim⸗ mer und rief laut:„„Ich habe ſie, Kate!““ „Wohl, aber er kommt nicht.“ „So ſind die Männer. Ernhat Dich ſehr lieb und vernachläſſigt Dich, das iſt ihre Art, Kind.“ Das tröſtete mich etwas; endlich eines Morgens, als ich ihn am wenigſten erwartete, beſuchte mich Cor⸗ nelius plötzlich, um mit Erlaubniß von Mrs. Gray den lange verſprochenen Spaziergang mit mir zu machen. Er küßte mich mit gleichgültiger Miene; ſein Geſicht ſchien zerſtört; er ſprach kurz und mißſtimmt. Als wir Mrs. Gray's Haus verließen und um die Ecke bogen, fragte er mich in einer Weiſe, wohin ich gehen wolle, daß ich daraus mehr ſchließen konnte, er wünſche ſich dieſe Verpflichtung vom Hals zu ſchaffen, als er wolle ſich und mir eine Freude damit machen. Ich antwor⸗ tete ſchüchtern, es gelte mir gleich, wohin wir gingen. „Fürchteſt Du Dich vor mir?“ fragte er mit einem überraſchten Blicke. „Nein,“ antwortete ich mit dem Bewußtſein, ich 262 hätte„Ja“ ſagen ſollen. Cornelius ſah mich wieder an, ſprach jedoch nicht, bis wir eine Zeit lang ſchwei⸗ gend neben einauder her gegangen. Dann ſagte er plötzlich: „Biſt Du gerne bei Mrs. Gray 2 „Ziemlich gerne.“ „Das heißt, nicht ſonderlich.“ „Ich kann nicht klagen, Cornelius, ſie iſt ſehr freundlich.“— „Sie gibt Dir ein ſehr gutes Zeugniß und ich ver⸗ ſicherte ſie, daß ſie mir nichts Neues ſage.“ Er hatte ſeine Hand auf meine Schulter gelegt und ſah mir mit der ganzen Freundlichkeit von ehedem in die Augen. Ich antwortete leiſe: „Es war ſehr lieb von Dir, Cornelius.“ „Ich ſagte nur, was ich dachte; Du brauchſt mir nicht dafür zu danken.“ 1 Er ſprach ungeduldig; ich antwortete nicht und es entſtand wieder eine lange Pauſe. „Biſt Du müde? fragte Cornelius endlich, der mich durch Straßen und über Plätze führte, die ich nie geſehen. „Ein wenig.“ „Und hier iſt nicht einmal ein Wirthshaus, wo ich Dich ausruhen laſſen könnte; weßhalb ſagteſt Du's nicht früher?“ „Ich wollte Dich nicht aufhalten.“ „Du wirſt mich nächſtens gar noch Mr. O'Reilly nen⸗ nen. Nun, es iſt Deine eigene Schuld und Du wirſt noch weit gehen müſſen, ehe wir uns ausruhen können, denn ich nehme Dich mit auf das Land.“ 1 Wir gingen weiter und weiter, bis der Häuſer immer weniger wurden und ſie endlich nur noch das grüne Feld einſäumten. Die Sonne war heiß und ich freute mich, als wir endlich auf einen kühlen und ſchattigen Pfad kamen. Dort war eine Bank, auf der ich hätte ausru⸗ 263 hen können, aber Cornelius ſchien meine Ermüdung ver⸗ geſſen zu haben. Endlich bogen wir um die Ecke des Weges und traten in einen Pfad, der dem zu unſrer alten Wohnung ſo ähnlich ſah, daß ich plötzlich ſtehen blieb. „Komm',“ ſagte Cornelius kalt. Ich ging vorwärts; jeder Schritt ſagte mir, daß ich mich nicht getäuſcht; ich erkannte mit klopfendem Herzen die Hecken, die Bäume. Endlich hatten wir das wohlbekannte Thor erreicht. Cornelius öffnete es mit einem kleinen Schlüſſel und trat, ohne ſich nach mir umzuſehen, ein. Wir durchſchritten den Garten, kamen an der Sonnenuhr vorüber und traten durch den epheu⸗ umrankten Eingang in das Wohnzimmer, wo Kate im Schatten einer grünen venezianiſchen Jalouſie ſaß und nähte. Achtzehntes Kapitel. Es war mir, als träumt' ich. Cornelius hatte meine Hand losgelaſſen; ich ſtand ſchweigend, bewegungslos an der Thüre und wußte nicht, ob ich eintreten ſollte, als Kate ihre Arbeit niederlegte und aufſah. „Gerechter Gott!“ rief ſie und ſprang auf: ſie ſchien ebenſo überraſcht, als ich es war.— „Ja,“ ſagte Cornelius gleichgültig, indem er ſich auf das Sopha warf,„ich hatte Daiſy ſchon lange einen Spaziergang verſprochen, und da ich nicht wußte, wohin ich ſie führen ſollte, ſo brachte ich ſie hierher.“ Ich hatte mich Kate in die Arme geworfen, die mich mit freudeſtrahlenden Augen küßte; ihre Freude war 264 ſo groß, wie die meine; und doch mit welch' ſeltſamer Miſchung von Gefühlen ſah ich meine verlorene Heimath wieder! Wie fremd und wie bekannt erſchien mir Alles! Als Kate meinen Hut abnahm, ſagte ſie in beſtimmtem one: „Du mußt den ganzen Tag hier bleiben, Daiſy.“ „Dann mußt Du die Verantwortung bei Mrs. Gray dafür übernehmen,“ ſagte Cornelins. „Gewiß. Biſt Du hungrig, Daiſy?— Nicht?— was willſt Du dann?— Nichts?— „Ich bin müde; ich möchte mich gerne ſetzen.“ „Setze Dich nur, mein Kind,“ ſagte ſie heiter. Ich zog meinen alten Stuhl neben den ihren und legte meinen Kopf auf ihre Schooß. Sie lächelte und ſtrich mein Haar aus meinem hei⸗ ßen Geſicht: ihre andere Hand lag daneben; ich küßte ſie mit zitternden Lippen. Es war freundlich von Cor⸗ nelius, da er mir nicht mehr ſeine Liebe ſchenken konnte, mich wenigſtens zu der zu bringen, deren Freundlichkeit, wenn auch weniger innig und entzückend, doch treuer und beharrlicher, mir ungeſchwächt erhalten blieb. Kate, welche ihre Arbeit niedergelegt, ſah mich mit liebevollem Ausdruck an. „Poſſen!“ rief ſie, als ſie die Thränen in meinen Augen gewahrte,„Du wirſt doch nicht weinen, Daiſy?“ „Und wenn ich weine,“ antwortete ich raſch,„ſo iſs nur, weil ich ſo glücklich bin, Euch wieder zu ſehen.“ Sie lachte und ſagte: „Nun, Kind, heut' iſt's Dienſtag und ich ſah Dich erſt am Sonntag.“ „Aber ich ſah Dich am Montag nicht.“ „Kleine Schmeichlerin!“ ſagte ſie, ſchien jedoch er⸗ freut darüber, denn Liebe iſt das Süßeſte für uns auf Erden. Wir blieben eine Weile ſo bei einander; dann er⸗ . 26⁵ hob ſich Kate, um einige häusliche Geſchäfte zu beſor⸗ gen. Ich wollte ihr folgen, aber ſie hieß mich bei Cor⸗ nelius bleiben. Ich gehorchte ungerne; mit ihm allein zu ſein und nicht die alte freundliche Vertraulichkeit zwi⸗ ſchen uns walten zu laſſen, war keine Freude, ſondern ein peinliches Vergnügen. Ich ging nicht zu ihm, ich ſprach nicht; ich ſaß auf dem Stuhl, welchen Kate ver⸗ laſſen und ſah zum Fenſter hinaus. Er richtete kein Wort an mich; plötzlich hörte ich ihn aufſtehen und das Zimmer verlaſſen. Ich ging zu Kate, die ich in der Küche mit Bäckereien beſchäftigt fand.“ „Nun, Kind, was führt Dich hierher?“ fragte ſie, indem ſie ſich ganz mit Mehl bedeckt nach mir umwandte. „Ich möchte gerne bei Dir ſein, Kate.“ „Ich mache eine Paſtete.“ „Daun laß mich Dir zuſehen.“ „Warum haſt Du Cornelius verlaſſen?“ „Er hat mich verlaſſen.“„ Sie wollte, daß ich in den Garten gehe, aber ich bat ſo inſtändig, mich bleiben zu laſſen, daß ſie endlich nachgab. Ich verließ ſie nur einmal im Verlauf des Tages, um an dem Atelier anzuklopfen und Cornelius zu ſagen, daß das Eſſen bereit ſei. Wir ſetzten uns zu Tiſche, ich ſtellte meinen Stuhl dicht neben den ihren; mein alter Platz war neben Cornelius, aber ich wagte es nicht, ihn wieder einzunehmen, ohne daß er mich da⸗ zu aufforderte, was er nicht that. Er nahm kaum eine Notiz von mir und ging unmittelbar nach dem Eſſen wieder in ſein Atelier. „Geh' ihm nach,“ ſagte Kate. „Ich möchte lieber hier bleiben,“ verſetzte ich, höchſt erſtaunt über dieſen Gedanken. „So bleibe.“ Wir ſaßen bis zur Theezeit im Wohnzimmer bei einander. Ach! wie raſch ſchien dieſe Stunde heranzu⸗ rücken, die den glücklichen Tag beſchloß; denn hier unten 266 bei Kate zu ſitzen, während ich Cornelius oben bei der Arbeit wußte, das mahnte mich, wie alles ringsumher, lebhaft an die alten Zeiten und machte mich unendlich glücklich. Als wir am Thee ſaßen, rief Kate plötzllich:„Wie, es regnet ja?“ „Ja, es regnet ziemlich ſtark,“ antwortete Cornelius gleichgültig. „Dann muß das Kind auch noch die Nacht hier zubringen.“ „Allerdings.“ Ich ſchlang meine Arme um Kate's Hals und küßte ſie, während ich freudig ausrief:„Ich werde wieder in meinem Zimmer ſchlafen!“ „Was kein Grund iſt, meinen Thee zu verſchütten, Du thörichtes, kleines Ding!“. Nach dem Thee erwartete ich, Cornelius werde aus⸗ gehen oder Miriam kommen; aber er las und Miriam erſchien nicht; ihr Name wurde mit keiner Silbe er⸗ wähnt. Ich hatte meinen Platz bei Kate eingenommen und überhäufte ſie in der Freude meines Herzens mit Liebkoſungen. Sie duldelte es eine Zeit lang, aber wenn ſie auch freundlich war, ſo beſaß ſie doch nicht gerade, was man Zärtlichkeit neunt, und ſagte endlich in wohlwollendem, aber entſchiedenem Tone: „Daiſy, liebes Kind, hänge Dich nicht ſo ſehr au mich; ich habe Dich lieb, aber ich möchte leicht böſe werden; ſo, nimm dieſen Kuß und damit genng.“ Sie ſagte dies ſo heiter und küßte mich dabei ſo freundlich, daß ich mich weder gekränkt fühlte, noch un⸗ gehorſam ſein konnte; ich ſeufzte, zog mich zurück und bewältigte meine Gefühle. Mit Cornelius wagte ich nicht zu ſprechen, nur gute Nacht wünſchte ich ihm, als er ging. 8 Ich erwachte am nächſten Morgen mit dem Bewußt⸗ ſein, daß mein kurzes Glück zu Ende ſei. Es war ein 267 ſchöner, ſonnenheller Tag; an dem blauen Himmel zeigte ſich nicht das kleinſte Wölkchen; nicht die leiſeſte Hoff⸗ nung eines Tropfens wollte mein Weggehen verzögern. Ich kam mit ſchwerem Herzen hinab. Kate war die Erſte, welche die Sache berührte; das Frühſtück war vorüber, ihr Bruder ſtand vom Tiſche aufV; er ſetzte ſich jedoch wieder, als ſie ſagte:„Cornelius, wer wird das Kind zurückbringen?“ Er ſah zuerſt ſie, dann mich an, zögerte einen Au⸗ geublick und ſagte dann:„Ich weiß zum Voraus alles, was Du einwenden kannſt, Kate, alles, was Du ſagen wirſt, aber erſtaune nicht, wenn ich Dir mittheile, daß ich zu dem Entſchluſſe gekommen bin, Daiſy bei mir zu behalten.“ „Hier!“ rief Kate. „Ja, hier.“ „Ich holte ſie deßhalb geſtern. Ich ſchrieb an Mr. Thornton; es iſt alles beſorgt. Daiſy darf hier bleiben, wenn ſie will.“ „Cornelius,“ ſagte Kate ernſt,„haſt Du überlegt, was Du thun willſt?“⸗ „Gewiß, aber es bedurfte keiner großen Ueber⸗ legung.“ „Doch!“ unterbrach ihn ſeine Schweſter. „Entſchuldige, nein, als ich es für gerathen hielt, Daiſy in eine Penſion zu thun, hatte ich die Abſicht, im Sommer zu heirathen; nun iſt dieſe Sache auf ein Jahr oder zwei hinausgeſchoben. Es fiel mir durchaus nicht ein, Daiſy auf ſo lange von hier zu verbannen. Als ich ſie geſtern beſuchte, wurde ich in meinem Entſchluß durch die Mittbeilung von Mrs. Gray, daß ſie noch nicht ganz geſund ſei, beſtärkt. Ich fand ſie ſelbſt ſehr blaß und mager. Von Fremden darf man nicht ſo freund⸗ . liche Pflege erwarten, wie von Dir und mir, Kate. Sie iſt noch ſehr ſchwach und zart; ihr Platz iſt hier; denn,“ 268 fügte er mit einem vorwurfsvollen Blick hinzu,„ich habe dies immer als ihre Heimath betrachtet.“ Kate gab ihm keine directe Antwort, ſondern ſagte, indem ſie ihn ſcharf in's Auge faßte:„Weiß es Miß Ruſſell?“ „Nein,“ antwortete er und ſchien verlegen,„ſie weiß es nicht, Kate. Ich ſehe an der Frage, daß Du immer noch den alten Verdacht hegſt. Auf mein Wort, Miriam hatte die Hand nicht im Spiele, als ich Daiſy fort⸗ ſchickte; ſie machte ſogar verſchiedene Einwendungen da⸗ gegen, und wird ſehr erfreut ſein, wenn ſie hört, daß das Kind wieder da iſt.“ Miß O Reilly ſchien etwas ungläubig, ſagte jedoch, indem ſie zum Fenſter hinausblickte:„hier iſt Dein Brief, Cornelius.“ Er ſprang auf, man vernahm jenes Klopfen, das ſchon ſo manches Herz freudig oder ängſtlich bewegt hatte; der Briefträger trat ein: Cornelius riß ihm den Brief aus der Hand und erbrach ungeduldig das Siegel: er ſchien lang; Cornelius hatte ſich bald ganz in ihn vertieft. Kate unterdrückte einen Seufzer und ſagte in ihrem liebevollſten Tone zu mir: „Was ſagſt Du zu alle dem?“ Ich ſtand neben ihrem Lehnſtuhl und legte meine Wange an die ihre, während ich ſagte: „Die ganze Woche wird aus lauter Sonntagen be⸗ ſtehen.“ „Waren die Sonntage ſo angenehm?“ „So angenehm als die Samstage lang zu ſein ſchienen“ 3 „Nun, ſie werden weder kurz, noch lang ſein; er⸗ innerſt Du Dich nicht, Kind?“ „Was Kate?“ „Daß ich böſe werde, wenn Du Dich an mich hängſt.“ „So laß mich Deinen Zorn verdienen,“ antwortete 269 ich und bedeckte ihre Stirn und ihr Haar mit Küſſen, halb lachend, halb weinend vor Freude.“ Sie ſah mich lange an und ließ mich gewähren, „denn es ſei ihr, als könnte ſie mich heute nicht ſchmälen.“ „Weil Du zu gut biſt,“ antwortete ich in bewegtem Ton.„O Kateo, ſollte ich je vergeſſen, wie Du mich nie vergeſſen; wie Du jeden Sonntag mich beſuchteſt.“ Hier hielt ich inne, denn ich begegnete Cornelius' Blick, der ſeinen Brief niedergelegt und auf unſer Ge⸗ ſpräch zu horchen ſchien. „Was hatte ich ſonſt zu thun?“ fragte Kate freundlich. Sie erhob ſich, um hinabzugehen. Ich wollte ſie begleiten, aber ſie meinte lächelnd, ſie fürchte, ich möchte mich an ſie hängen und ſolle deßhalb nur hier bleiben; das Bewußtſein werde mich tröſten, daß wir uns nicht wieder trennten. Die Freude ließ mir keine Ruhe. Ich wußte nicht, was mit mir ſelbſt anfangen. Ich ging an's Fenſter, ich ſah die Blumen, die Bücher, endlich auch Cornelius an, der, um ſeinen Brief bequemer leſen zu können, ſich auf das Sopha geſetzt hatte. Ich ſah, daß er wieder von vorne begann, bis er ihn zu Ende ge⸗ leſen. Es war die Hand einer Dame: wem ſie angehörte, war nicht ſchwer zu errathen. Als er zum zweiten Mal den Brief geleſen, ſah er auf: unſere Augen begegneten ſich und ich trat zögernd vor, indem ich ſagte: „Darf ich ſprechen, Cornelius?“ „Gewiß, aber ſei nicht zu weitläufig.“ „Ich werde kurz ſein. Ich wollte Dir nur danken, daß Du mich wieder zu Kate gebracht.“ „Du dankſt mir dafür?“ „Ja Cornelius, es hat mich ſo glücklich gemacht.“ „Es freut mich, das zu hören, obwohl ich das nicht erwartete.“ „Warum nicht?“ verſetzte ich etwas verlegen. „Nein,“ fuhr er in gleichgültigem Tone fort,„durch⸗ aus nicht. Es gab allerdings früher ein Mädchen, das 270 gewöhnlich nicht ſcheu und ſchüchtern mir gegenüber war—“ ich rückte etwas näher,—„das nicht ſtehend, ſondern an meiner Seite ſitzend, mit mir ſprach,“ — ich ſetzte mich—„und das ich mein Kind zu nennen pflegte,“ fuhr Cornelins ſort, ohne mich anzuſehen; und es iſt gleichfalls wahr,“ fügte er hinzu,„daß ich eines Morgens das dunkle Gefühl hatte, ich wolle ſie holen und hierher bringen; aber ich kann nicht ſagen, daß dieſe Freundlichkeit ihr oder Kate galt.“ Er wandte ſich lächelnd zu mir, während er ſprach. Ich ſchlang meine Arme um ſeinen Hals und küßte ihn herzlich. Ich war ſo glücklich; er lachte. „Die arme Kate!“ ſagte er heiter,„ſie wehrte ſich dagegen, daß man ihr auf dieſe Art an den Hals hängt, aber ich bin daran gewöhnt.“ „Wenn Du nicht ſo geſprochen, ſo würd' ich's auch nicht thun,“ antwortete ich halb beleidigt. „Nein, Du eigenſinnig kleines Ding,“ ſagte er bei⸗ nahe ungehalten;„ich weiß es wohl, Du biſt aus Wider⸗ ſpruch und Stolz zuſammengeſetzt. Aber Du tänſcheſt Dich, wenn Du mir weis machen zu können meinteſt, Du zieheſt mich Kate vor.“ „Als ob ich nicht wohl wüßte, daß Du das beſſer weißt!“ antwortete ich mit der offnen Undankbarkeit meiner Jahre. „Danke Dir, Daiſy,“ ſagte die etwas gekränkte Stimme Kate’s. Ich ſah auf. Sie ſtand hinter uns und hatte offen⸗ bar unſre letzten Worte belauſcht. Ich fühlte, wie ich vor Scham erröthete und barg mein Geſicht an Cor⸗ nelius Schulter. „Verbirg Dein Geſicht nicht, Kind,“ ſagte Kate ruhig,„ich ziehe Dich nicht vor, weßhalb ſollteſt Du mich vorziehen? Und liebſt Du ihn mehr, ſo liebſt Du mich deßhalb nicht gerade weniger, und ich war nicht ſo thöricht, nicht zu wiſſen, daß dem ſo war: blick ruhig auf!“ 271 „Ja, blick auf,“ ſagte Cornelius und erhob mein Geſicht,„Kate iſt nicht ärgerlich über Dich!“ „Aber Kate iſt ärgerlich über Dich, Cornelius,“ verſetzte ſie ſehr ernſt:„Du wirſt doch das Kind nicht rauben wollen.—“ „Ja,“ unterbrach ſie Cornelius. „Oh! Du machſt Dir wohl nichts daraus,“ fuhr ſie ſehr ernſt fort:„ich bin nicht ſo blind, um nicht zu ſehen, daß Du ſie etwas um ihretwillen, ſehr viel aber um Deinetwillen zurückgebracht haſt.“ „Wahrhaftig, Du ahnſt die Wahrheit nur, Kate,“ ſagte Cornelius ungeduldig;„Du wirſt niemals begrei⸗ fen, was ich, der Himmel weiß es, nie zu verbergen ſuchte oder zu läugnen mir in den Traum kommen ließ. Ich habe das Kind lieb, ſehr lieb! Ich kümmerte mich nicht viel um ſie, als ſie zu uns kam, aber ſie wußte mich für ſich einzunehmen, und wenn es mir auch ſchwer wurde, zu ſagen, wie es kam, ich fand bald, daß ich eine wirkliche Neigung zu ihr gefaßt, denn ſeit ſie fort iſt, iſt unſer Haus nicht mehr traulich und angenehm wie ehedem. Nachdem ich eine ganze Woche den Plan mit mir herumgetragen, ging ich endlich und holte ſie geſtern und ich bereu' es nicht, Kate. Sie hat mich ge⸗ reizt und gequält.— Sie wird es unſtreitig wieder thun, dieß kleine boshafte Geſchöpf! und doch kann ich nicht froh ſein, wenn ich ſie nicht wieder habe.“ Er legte ſeine Hand auf meinen Kopf und ſah mir freundlich in's Geſicht, während er ſo ſprach. „Nach alle dem, was Du ſagſt,“ verſetzte Kate mit Ergebung,„wäre meine Einmiſchung mehr als unnütz; aber was ſagte Mr. Thornton?“ „Mr. Thornton hatte die Impertinenz, zu ſagen, wenn Margaret Burns ſo thöricht ſei, bei mir bleiben zu wollen, ſo möge ſie's thun.“ Kate lächelte und ſagte:„wenn ich mit ihr hinab⸗ gehen wolle, ſo möge ich kommen.“ 272 „Daiſy geht nicht hinunter, ſondern hinauf,“ ant⸗ wortete Cornelius, indem er mich an der Hand nahm und in ſein Atelier führte; als wir eintraten, ſagte er: „Daiſy, Du klopfteſt geſtern an die Thüre und ſtan⸗ deſt auf der Schwelle: ich will das nicht wieder haben.“ „Gut, Cornelius: ſoll ich die Portefeuilles ordnen?“ „Wenn Du willſt.“ Ich ſah ſie eine Zeit lang durch und ſagte endlich: „Cornelius, ſie ſind noch ganz ſo, wie ich ſie verließ.“ „Wohl möglich, man kann nicht immer nach dieſen alten Sachen ſehen.“ Ich ſtellte die Portefeuilles auf die Seite und ſah mich um. In einer Ecke bemerkte ich die Medora; ich verſtand genug von der Malerei, um auf einen Blick zu ſehen, daß das Bild kaum berührt worden, ſeit ich das Haus verlaſſen. Cornelius begann ſehr leicht Bilder, um ſie ebenſo leicht einer neuen Idee aufzuopfern: Me⸗ dora hatte das Geſtohlene Kind verdrängt, aber ich ſah. mich vergeblich nach einem Nachfolger der Medora um. „Wo iſt es, Cornelius?“ fragte ich endlich. „Wo iſt was?“ antwortete er und wandte ſich um. „Das neue Bild.“ „Welches neue Bild?“ „Das, weßhalb Medora zur Seite geſtellt wurde.“ Ich ſah ihm feſt in's Auge: er erröthete. „Ich habe kein anderes Bild begonnen,“ antwortete er;„ich mußte um Geld arbeiten; ſolche Sachen, wie das da, mußt' ich liefern,“ fügte er hinzu und deutete mit einem Seufzer auf das Gemälde, das er copirte. „Haſt Du viel Geld eingenommen?“ fragte ich ernſt. „Etwas,“ antwortete er lächelnd. .„Glaubſt Du, daß Du die„glückliche Zeit“ verkau⸗ fen wirſt?“ „Ich habe Hoffnung: warum fragſt Du, Kind?“ „Weil Du beginnen kannſt, wenn Du all' Dein Geld zuſammenſchlägſt.“ 273 „Was beginnen?“ „Das Gemälde.“ „Aber Kind, ich weiß von keinem Gemälde,“ ant⸗ wortete er ungeduldig. Ich ſah ihn mit einem Staunen an, das ihn in Verlegenheit zu ſetzen ſchien. Ich wußte von Kate, daß die„glückliche Zeit“ vom Publikum und der Kritik mit der vollkommenſten Gleichgültigkeit aufgenommen worden war, und daß Cornelius unter ſolchen Umſtänden weder ein Bild malen, noch den Plan zu einem ſolchen entwer⸗ fen ſollte, ſchien unglaublich. Was fehlte ihm, der ſonſt ſo voll von Entwürfen war? Was war aus unſerer Gallerie geworden? Ich konnte es nicht verſtehen. Ich ſah ihm einige Stunden lang beim Copiren zu, bis er das Bild auf die Seite ſetzte, und ſagte: „Gott ſei Dank, es iſt fertig.“ „Wirſt Du noch ein anderes beginnen?“ fragte ich. „Heute nicht; ich hoffe jedoch morgen wieder Arbeit zu bekommen.“ „Du hoffſt; copirſt Du denn gerne?“ „Du weißt, daß ich es haſſe,“ antwortete er ſicht⸗ lich gereizt;„ach, Daiſy, wann werde ich ein freier Mann ſein?“. Er ſchien niedergeſchlagen, doch nur für einen Au⸗ genblick; dann wandte er ſich nach mir um und ſagte: „Vielleicht würdeſt Du gerne zu Kate hinuntergehen?“ „Nein, Cornelius, ich möchte lieber bleiben und Dir beim Malen zuſehen.“ „Du biſt ſehr hartnäckig. Ich habe Dir ja ſchon mehrmal geſagt, daß ich nicht malen werde. Malen! was könnte ich auch malen?“ „Medora.“ „Es fehlt Miß Ruſſell, die bei ihrer Tante in Ha⸗ ſtings iſt; und wenn ſie auch hier wäre, ſo iſt zehn gegen eins anzunehmen, daß ſie mir keine Sitzung geſtatten Daiſy Burns. J. 18 würde, ſolches Kopfweh hat ihr der Geruch der Farben gemacht, und's iſt noch ein Glück, daß es nicht in Ner⸗ venfieber ausartete. Und nun, mein Kind, magſt Du hinuntergehen oder hier bleiben, wie Du willſt, aber ſtöre mich nicht; ich habe Briefe zu ſchreiben.“ Er öffnete ſeine Mappe und begann zu ſchreiben. Ein oder zweimal wagte ich zu ſprechen, er ſagte jedoch ſehr kurz, daß er mir keine Antwort geben könne, und es war ſo klar, daß Malen nichts gegen Briefſchreiben ſei, daß ich am Ende ſchwieg. Dieß dauerte bis zum Mittageſſen. Nach dem Eſſen trug Cornelius ſeinen Brief auf die Poſt,— etwas, was er niemals profanen Händen anvertraute; ich blieb allein bei Kate, ich mußte mit ihr ſprechen. „Malt Cornelius keine Bilder mehr?“ fragte ich und ſah zu ihr auf. „Haſt Du das auch ſchon entdeckt?“ antwortete ſie etwas bitter;„nun, Kind, er vergeudete ſeine Zeit auf die elendeſte Weiſe. Nicht, daß er nicht arbeitete, der arme Junge; er arbeitete ſich zu Tode, um ſie heirathen zu können; aber ihr kam der Sinn anders; plötzlich fand ſie, daß er zu jung ſei,— und die Heirath ver⸗ ſchoben werden müſſe und ging mit dieſer Entſcheidung vor vierzehn Tagen nach Haſtings. Er war die erſte Woche ſehr niedergeſchlagen, nun aber hat er ſich wieder gefaßt: ich fürchte nur, er wird vom Arbeiten krank, das zu gar nichts führt, nicht mal zum Heirathen. Wenn ſie ſich aber mit dem Gedanken ſchmeichelt, Cornelius ſei der Mann, eine Frau zum einzigen Gedanken und Ziel ſeines Lebens zu machen, ſo wird ſie ſich gewaltig täu⸗ ſchen, das kann ich ihr verſichern.“ Miß O'Reilly ſagte nichts weiter, aber alles be⸗ ſtätigte ihre Worte. Als Cornelius kam, ſagte er, es ſei ein ſchöner Nachmittag und wenn ich Luſt habe, ſo wolle er mich auf einen kleinen Spaziergang durch die Straßen mitnehmen. Ich erröthete vor Freude; es war eine 275⁵ große Gunſt und bewies, daß Cornelius ſehr freundlich für mich geſtimmt war. Er hatte mich ſehr lieb, ging jedoch nicht gerne mit mir aus; er machte gewöhnlich ſeine Spaziergänge allein und dehnte ſie auf mehrere Meilen in der Umgegend aus. Ich antwortete daher mit einem freudigen„Ja“ und machte mich ſo raſch be⸗ reit, daß Cornelius und ich in weniger als zehn Minu⸗ ten bereits auf den Straßen dahin ſchlenderten. Als ich müde war, ſetzten wir uns auf einen gefallenen Baum, und ergötzten uns an dem blauen Himmel mit den leich⸗ ten Wölkchen; der warme, wohlthuende Sonnenſchein, der ſcharf begrenzte, aber unruhige Schatten des hohen Baumes, unter deſſen Schatten wir ruhten; das ſaftige Grün der Hecken, durch das die kalte weiße Blüthe der Wieſen hervorlauſchte; das reiche üppige Gras, das in der glühenden Hitze des Tages aus dem Graben empor⸗ wuchs; das Lüftchen, das dann und wann über dieſe Wildniß hinſäuſelte; der Geſang der Vögel in den fernen Parks und Gärten; alles entzückte mich, aber nichts ſo ſehr, als wieder an Cornelius' Seite zu fitzen. „Daiſy,“ rief er, als er plötzlich bemerkte, was bis⸗ her ſeiner Aufmerkſamkeit entgangen war,„was trägſt Du denn da, mein Kind?“ „Dein Skizzenbuch, Cornelius; Du hatteſt es ver⸗ geſſen.“ Er ſah mich mit einem Ausdruck an, als muthmaße er ein geheimes Motiv, an dem ich gewiß keine Schuld trug. Ich hatte Cornelius nie ohne dieſes Skizzenbuch ausgeben ſehen, und ließ mir nichts weiter träumen, als was ich geſagt und damit gemeint. „Brauchteſt Du es nicht?“ fragte ich, über ſeinen ſtarren Blick erſtaunt. „Nein,“ lautete ſeine kurze Antwort. „Aber es war nicht böſe gemeint, daß ich es mit⸗ brachte, Cornelius.“ 276 „Nein, nur haſt Du Dich unnöthig damit beſchwert, gib es mir.“ „Darf ich es nicht ſehen?“ „Du darfſt, aber Du wirſt nichts Neues darin finden.“ Das war nicht ganz richtig: ich fand und zeigte Cornelius mehrere Skizzen, die mir neu waren, und ob⸗ wohl er es anfangs geläugnet, die Thaten bewieſen mir, daß ich Recht hatte. „Du haſt ein gutes Gedächtuiß,“ ſagte er lächelnd. „Als ob ich eine von Deinen Zeichnungen und Skiz⸗ zen vergeſſen könnte! aber warum iſt der Eine von den beiden Knaben nicht vollendet? er ſieht ſo hübſch aus.“ „Es wäre ein nettes kleines Bild geworden,“ ver⸗ ſetzte er mit einem ſchmerzlichen Blicke,„und ich hatte ſie ſchon ſo gut zum Ruhigſitzen gebracht, aber Miriam meinte, ſie ſeien müde, und drang in mich, ſie gehen zu laſſen. Ich hatte ſie in den Garten gelockt. Sie öffnete die Thüre und die Jungen ſchlüpften hinaus.“ „Wie ſchade!“ rief ich mit einer Art von Entrüſtung, die Cornelius zu gefallen ſchien; aber trotz alle dem ſchloß er das Skizzenbuch, das an jenem Tage nicht wie⸗ der geöffnet wurde. Nachdem unſer Spaziergang zu Ende war, kamen wir heim; der warme ſommerliche Abend wurde im Garten zugebracht. Am folgenden Morgen ging Cornelius aus, um nach der verſprochenen Arbeit zu ſehen. Das Erſte, was er nach der Zuhauſekunft that, war, daß er den Brief las, der für ihn auf dem Frühſtücktiſche lag: als er damit zu Ende, ſetzte er ſich und aß. Kate fragte ihn, ob er ſeinen Zweck erreicht habe. „Nein, noch nicht,“ antwortete er etwas gereizt, „Mr. Redmond war nicht zu Hauſe. Ich werde ein andermal das Vergnügen haben. O Kate! ich bin die⸗ ſes Treibens müde.“ Er ſeufzte tief, nahm ſeinen Brief und ging hinauf. „Ja, ja, geh' und ſchreibe,“ murmelte Kate, als die 277 Thüre ſich hinter ihm ſchloß,„verliere Deine Zeit, das iſt's, was ſie will. Midge, wirſt Du Deine Gewohnheit, zu horchen, nicht einmal aufgeben? Geh' hinauf, aber ſprich nicht mit Cornelius, ſo lange er arbeitet, ſonſt wird er böſe, ich warne Dich.“ Ich gehorchte und ging nach dem Atelier; trat leiſe ein und ſchloß die Thüre ganz ſanft; aber Cornelius börte mich dennoch, denn er ſah plötzlich von ſeinem Papiere auf. „Mein liebes Kind,“ ſagte er,„es wird heute weder gemalt, noch gezeichnet.“ „Bin ich Dir im Wege, Cornelius?“ „Nein; aber Du mußt ſtille ſein, ſo lange ich ſchreibe, und wenn das gethan, gehe ich wieder nach der Stadt.“ Ich nahm die Bedingungen an und gehorchte ihnen ſo pünktlich, daß ich meine Lippen nicht öffnete, bis Cornelius, als er ſich umwandte und mich auf dem Ruhe⸗ bett liegen ſah, die Frage an mich richtete, ob ich mich nicht langweile. Ich antwortete, daraus mache ich mir nichts, und fragte, ob ſein Brief fertig ſei. „Ich habe nur noch wenige Linien hinzuzufügen,“ antwortete er. Die wenigen Linien mußten Seiten ſein, ſie nah⸗ men kein Ende. Das kleine Atelier war glühend heiß: Cornelius war zu ſehr in ſeinen Gegenſtand vertieſt, um dies zu fühlen; ich war müde und ſchläfrig. Den Kopf tief in das Kiſſen drückend, ſah ich ihm zu, wie er mit unermüdlichem Eifer Seite um Seite füllte, ſchloß dann meine Augen und ſchlief bei dem Gekritzel ſeiner Feder ein, die noch immer über das Papier hineilte. Ich weiß nicht, wie lange ich ſchlief; bei dem Ge⸗ flüſter leiſer Stimmen erwachte ich endlich. „Das Eſſen verdirbt,“ ſagte Kate, „Was iſt ein Eſſen im Vergleich mit einer Zeich⸗ nung?“ „Ich weiß nicht— und kümmere mich nicht darum; ein Koch hat keine Gefühle.“ „Später.“ „Willſt Du Dich und das Kind krank machen?“ „Ich weiß nicht, was Hunger iſt, ſo lange ich an der Arbeit bin, und wie kann Daiſy das Faſten fühlen, wenn ſie ſchläft? Sobald ſie erwacht, kommen wir.“ „Laß die Zeichnung jetzt und vollende ſie morgen.“ „O Kate! ſiehſt Du wirklich nicht, wie reizend dieſe Stellung iſt? Ich habe nie etwas ſo Maleriſches und Anmuthiges geſehen. Die leiſeſte Bewegung von ihr würde das Bild verderben.“ „Ich glaube, ſie bewegte ſich bereits.“ „Ich hoffe nicht, antwortete er raſch. Ich horte, wie er ſich näherte; er beugte ſich über mich, denn ich fühlte ſeinen Athem auf meinem Geſichte, ich hielt jedoch meine Augen feſt verſchloſſen und bewegte mich nicht. Cornelins wandte ſich weg und flüſterte ſeiner Schweſter zu: ich liege im tiefſten Schlummer und er bitte ſie, ihn zu verlaſſen. Sie gab nach, und ich hörte, wie er, um ſich vor weiteren Einfällen zu ſchützen, die Thüre ſchloß, ehe er an ſeine unterbrochene Arbeit zurückkehrte. Ich war glücklicher Weiſe an das Liegen gewöhnt, ſonſt hätte ich die nächſte Stunde nicht ertragen. Aber auch ſo glaubte ich, Cornelius werde nimmer fertig. Endlich trat er zu mir, nahm meine Hand und rief mich. Ich öffnete meine Augen und ſah ihn lächelnd vor dem Ruhebette ſtehen. „Nun,“ ſagte er heiter,„Du biſt ſo böſe, wie die ſchlafende Schönheit.“ Ich antwortete nicht, ſondern ſtand auf— er ahnte nicht, wie gerne. Er zeigte mir die Zeichnung, die er von mir genommen, und fragte, was ich davon denke. 3 279 Ich konnte nicht antworten, ſo müde und ſchwindlich war ich. „Du biſt noch halb im Schlafe,“ ſagte er unge⸗ duldig,„ſonſt würdeſt Du ſehen, daß ich in langer Zeit nichts halb ſo Gutes gemacht.“ Er hielt es eine Armeslänge von ſich weg, ſah es mit Bewunderung an, legte es nieder und ging hinab. Ich folgte, hielt mich aber etwas im Hintergrunde. Ich fürchtete die ſtrengen Blicke und die Fragen Kate's. Ihre erſten ungehaltenen Worte, als wir uns zum Eſſen nie⸗ derſetzten, waren: „Ich bin über Deine Grauſamkeit erſtaunt, Cor⸗ nelius; das arme Kind iſt blaß vom Faſten.“ „Wirklich, Kate, ich hätte ſie wecken ſollen.“ „Unſinn!“ „Ja, es iſt ſeltſam,“ antwortete er ruhig;„ich hoffe, es iſt kein ſchlimmes Symptom.“ „Ein Symptom, als ob ich daran glaubte! Sie hat Dich getäuſcht, ſieh ſie nur an— das kleine, ſchuld⸗ bewußte Ding!“ Cornelius legte Meſſer und Gabel nieder, um mir einen erſtaunten Blick zuzuwerfen. „Hinterliſtig Mädchen!“ rief Kate etwas ſtreng, „wie wagſt Du das zu thun?— Cornelius zu täuſchen! — Schäme Dich!“ 3 Sie las mir den Terxt. Cornelins ſagte kein Wort des Tadels oder Lobes. „Ich hoffe,“ ſagte ſeine Schweſter ernſt, als das Mahl vorüber war,„Du wirſt ihr das nicht ſo hin⸗ gehen laſſen, Cornelius. Sie darf darin nicht beſtärkt werden.“ „Gewiß nicht und ich habe bereits auf eine Strafe geſonnen.— Komm' her, Daiſy“ Ich ſtand auf und gehorchte. „Weißt Du,“ ſagte er, als ich vor ihm ſtand,„daß Du Dich einer höchſt ungebührlichen Handlung mir gegenüber ſchuldig gemacht, wie Kate ſagt?“ „Sei nicht zu ſtreng,“ warf Kate ein,„ſie meinte es gut.“ „Ich habe nichts damit zu thun: es war eine Im⸗ pertinenz; ſtatt, daß ſie eine ganze Woche Ferien hat, wie ich ihr zu geben beabſichtigte, ſoll ſie nun ihre Stu⸗ dien noch dieſen Abend beginnen und da ich befürchte, daß Du zu nachſichtig biſt, Kate, werde ich ſie ſelbſt prüfen.“ Ich ſah ihn aufmerkſam an; er lächelte. Ich ver⸗ ſtand, was die Strafe zu bedeuten habe und umarmte ihn. „Ein ſolches Kind gibt's nicht wieder!“ ſagte er und that, als ob er ſein Geſicht abwenden wollte;„ſie weiß, wie böſe ich auf ſie bin, und dennoch küßt ſie mich beſtändig.“ „Ein toller Junge!“ murmelte Kate. Ich liebte das Lernen und liebte meinen Lehrer. Ich eilte fort und holte einen Haufen Bücher, den ich ihm brachte; noch ganz athemlos fragte ich, was ich lernen ſolle, er dürfe nur ſagen, ich ſei bereit; mich hätte in dieſem Augenblick ſelbſt das ſtrenge Geſicht der Algebra nicht geſchreckt. Er antwortete, wir wollten erſt ſehen, wo wir zuſammen ſtehen geblieben und was ich indeſſen für Fortſchritte gemacht. Die Prüfung war langweilig, aber Cornelius gab mir die freundliche Verſicherung, daß ich ſehr gut beſtehe und überhaupt wenige Mädchen meines Alters ſo gut über ihre Kenntniſſe Beſcheid wüßten. Er berechnete mir, was ich für den nächſten Tag zu lernen habe, ſtand dann auf und wollte gehen, um eine Cigarre im Garten zu rauchen, der vom Fenſter der hinteren Wohnzimmer aus geſehen, mir kalt und grau in der Abenddämmerung erſchien. „Haſt Du Deinen Brief auf die Poſt gegeben?“ fragte Kate plötzlich. 281 Cornelius ſchien verlegen und erſchrocken; es war offenbar, er hatte ganz darauf vergeſſen. „Was wird ſie denken?“ rief er erröthend;„die Zeichnung iſt daran Schuld. Wie ärgerlich!“ Er ging zwei-⸗ bis dreimal im Zimmer umher und ſagte dann heiter: „Sie wird es begreifen und entſchuldigen, wenn ich ihr die Sache erkläre, nicht wahr, Kate 2“ „Hm!“ lautete ihre zweifelnde Antwort. „O doch!“ ſagte er voll Zuverſicht und ging hinaus, um ſeine Cigarre zu rauchen. Ich bin verſichert, der Brief wurde am folgenden Tage pünktlich zur Poſt gebracht. Cornelius ging früh aus und kehrte nicht vor Abend zurück. Er hatte die Arbeit nicht erhalten, auf die er ſicher gehofft, und hatte ſeinen Tag vergeblich damit verbracht, ſich danach umzu⸗ ſebenz er kehrte natürlich mit der höchſten Indignation zurück. „Ich gebe es auf!“ rief er etwas leidenſchaftlich, nachdem er Kate ſeinen Fehlgang erzählt,„und auf Mr. Redmond, der Laban einer häßlichen Leah, ohne die Ausſicht einer Rachel nach ſiebenjährigem Dienſte. Lieber von Brod und Waſſer leben, als von ſo theuer erworbenem Gelde. Es iſt kein Genuß in dieſer Arbeit — ich haſſe ſie— und Miriam mag ſagen, was ſie will, es gibt kein Leben, wie das eines Künſtlers!“ „Was ſagte ſie?“ fragte Kate, indem ſie ihre Arbeit niederlegte und ihn anſah. „Nicht viel, aber ich merke, ſie denkt wie Du. Ich tadle weder ſie noch Dich. Was habe ich gemacht, das Vertrauen erwecken könnte. Nur ein thöricht kleines Ding, wie Daiſy, kann mich beim Worte nehmen und Vertrauen auf mich haben.“ „Was wünſcht ſie denn, daß Du treiben ſollſt? fragte Kate. „Nichts: aber ſie hält mich für zu enthuſiaſtiſch.“ „Ein Mann kann nie zu enthuſiaſtiſch für ſeinen Beruf ſein!“ antwortete Kate mit Wärme. „Du haſt nie etwas Wahreres ausgeſprochen!“ „Wenn Du glaubſt, die Malerei ſei Dein Beruf, ſo male mit allem Eifer Bilder.“ „Möcht' ich denn nicht?“ antwortete er, indem er den Kopf zurückwarf und ausſah, als hätte ſie ihm aus der Seele geſprochen. „Ach, aber die Mittel?“ ſagte Kate emphatiſch. „Habe ich nicht Geld erworben?“ „Um Dich zu verheirathen; ja, aber es iſt nicht genug und kann nicht ewig dauern. Was willſt Du thun, wenn es zu Ende iſt?“ „Von Dir borgen, Kitty,“ verſetzte er, indem er ſeine Hand lächelnd auf ihre Schulter legte:„würdeſt Du mir leihen?“ „Nicht einen Schilling,“ antwortete ſie und ſah ihm dabei offen in's Geſicht,„nicht einen Schilling, wenn Du mir nicht Dein Ehreuwort darauf gibſt, nie mehr zu Lea und Laban zurückzukehren.“ „Gewiß; ſie iſt keine ſo große Schönheit, um ihr nicht das Gelübde der Unbeſtändigkeit halten zu können,“ ſagte er etwas trotzig,„Du haſt mein Wort, Kate. Nun, was macht Dich ſo ernſt?“ „Es fällt mir in dieſem Augenblicke ein, daß ich mich auf dieſe Weiſe in Dein Thun und Treiben miſche, wäbrend ich mir vorgenommen, dies nie zu thun; ja, daß ich vielleicht Deine Verheirathung dadurch verzögere.“ Ihr Blick haftete fragend an demſelben. „Durchaus nicht,“ antwortete er raſch;„ich betrachte jedes Bild als einen Schritt zum Altar. Auch bin ich erſt kürzlich dreiundzwanzig Jahre alt geworden,“ fügte er philoſophiſch hinzu;„es iſt alſo noch keine Zeit ver⸗ loren.“ „So ſind die Männer alle!“ ſagte Kate etwas ungehalten;„vor zwei Wochen warſt Du halb wahn⸗ 283 ſinnig, weil die Heirath verſchoben wurde, jetzt ſagſt Du, es ſei keine Zeit verloren.“ „Da ich nun mal warten muß,“ antwortete Corne⸗ lius kalt,„ſo geſtehe ich, macht ein größerer oder kürzerer Verzug keinen Unterſchied. Ich war anfangs allerdings ſehr ärgerlich, ſpäter aber wußte ich Miriam Dank dafür.“ „Wirklich?“ ſagte Kate. „Allerdings. Es würde meine Ausſichten beeinträch⸗ tigt haben, und wenn ſie das auch nicht ausdrücklich als Grund angab, ſo war es ſicherlich doch ganz allein, was ſie zu dieſem Schritte veranlaßte. Sie ſoll ſich nicht noch einmal über meine unvernünftige Ungeduld zu be⸗ klagen haben. Ich bin feſt entſchloſſen, nicht an die Ehe zu denken, bis ein Weib, abgeſehen von der Liebe, ſtolz darauf ſein wird, mich zu beſitzen.“ „So ſind die Männer alle; ich ſag' es noch einmal, ein Bischen Liebe und lauter Ehrgeiz.“ Cornelius lachte. „Miriam würde mich verachten,“ ſagte er,„wenn ich müßig meine Zeit vertändeln wollte. Die Liebe iſt ein Gefühl, nicht eine Aufgabe; ſie kann das ganze Leben durchdringen, aber nicht ein Jahr ausfüllen, ohne daß ſich Ermüdung einſchleicht. Es gibt nichts in dieſer Welt, was der Arbeit gleicht,— nichts, Kate.Ä“ „Wann willſt Du beginnen?“ „Morgen, natürlich.“ „Was wird aus Deinem Briefe?“. „Ich werde ihn noch dieſen Abend ſchreiben. Und nun, Daiſy,“ fügte er hinzu, indem er ſich an mich wandte,„laß mich ſehen, was Du gelernt.“ Ich brachte meine Bücher und der Unterricht füllte — wie angenehm für mich!— den größern Theil des Abends aus, den Cornelius, wie er ſagte, mit Brief⸗ ſchreiben beſchloß. Ich war am andern Morgen kaum augekleidet, als mich ſeine Stimme von oben rief. Ich 284 eilte hinauf; er ſtand auf der Schwelle, an der Thüre ſeines Ateliers und ſchien etwas ungeduldig auf mich zu warten. „Faules Kind!“ begrüßte er mich,„konnteſt Du nach einem Schlafe wie geſtern nicht früher aufſtehen? Zwei Stunden des lichthellen Tages ſind bereits vor⸗ über!“ „Wußte ich, daß Du mich erwarteſt, Cornelius?“ „Wußt ich's denn ſelber? Komm' herein— ſieh hier— theile mir Deine Meinung, Deine offene Mei⸗ nung darüber mit.“ Wenn Cornelius mich um meine Meinung fragte, ſo war das gut; wenn er mich aber um meine offene Meinung fragte, ſo wollte er keine andere als ſeine eigene hören. Er war in einer jener entſchiedenen Stimmungen, die nur Unterwerfung dulden— was mir leichter wurde, da ich ihn immer im Rechte hielt, und was auch meine urſprüngliche Anſicht geweſen ſein mochte, ſtets wieder am Ende auf die ſeine, als die einzig wahre, zurückkam. Er führte mich an ſeine Staffelei, auf wel⸗ cher ich das lange vernachläſſigte Geſtohlene Kind fand. „Ich hatte ganz darauf vergeſſen,“ ſagte Cornelius, „dieſen Morgen jedoch, als ich fand, daß ich ohne Mi⸗ riam nicht an der Medora fortarbeiten könne, ſah ich meine älteren Sachen durch und fiſchte dies heraus. Ich finde zwar, daß es nicht für ein Gemälde gelten kann, doch deuk' ich, wird es eine hübſche Studie geben, nicht wahr?“ „Ja, Cornelius, eine ſehr gute Studie.“ „Warum nicht ein Gemälde?“ fragte er, die Stirne faltend. „Weil es nicht gut genug iſt,“ antwortete ich in zuverſichtlichem Tone. „Du thörichtes kleines Diug! Du mußt Alles, was Du von Bildern und von Malerei verſtanden, vergeſſen haben, um ſo zu ſprechen,“ verſetzte Cornelius ärgerlich. 28⁵ „Ein Wickelkind könnte Dir ſagen, daß ich nie etwas gemacht, das mehr verſprach. O Daiſy, was ſoll ich von Deinem Urtheil ſagen? Doch,“ fügte er in ſanfterem Tone hinzu,„wenn Du auch kein großes Talent für die Kritik haſt, ſo haſt Du wenigſtens ein großes Talent für das Sitzen. Mache Dich bereit. Der Zigeuneranzug i*ſt nicht nöthig; Alles, was ich brauche, iſt das Geſicht und die Stellung.“ Ich betrachtete das Gemälde, trat einige Schritte zurück und nahm meine frühere Stellung wieder ein. „So iſt's gut!“ rief Cornelius entzückt. „O Daiſy. Du biſt unſchätzbar für mich.“ Er begann ſogleich und arbeitete unausgeſetzt bis zum Frühſtück, während welches er von nichts, als von ſeinem Geſtohlenen Kinde ſprach.. „Ein weit beſſerer Vorwurf, als die Medora,“ ſagte er in entſchiedenem Tone;„die Heldinnen Byrons ſind zu oft gemalt.“ „Willſt Du das Bild ganz liegen laſſen?⸗ „O nein, ich hoffe beide Bilder bis zur nächſten Academie fertig zu haben; eilt es, ſo werde ich noch fleißiger und unausgeſetzter arbeiten, Kate.“ „Welches willſt Du zuerſt vollenden?“ „Das Geſtohlene Kind.“ 4 „Nun,“ ſagte Kate ſehr ruhig,„ich glaube doch, daß es Medora ſein wird.“ „Wie wäre das möglich? Du weißt, Miriam iſt auf zwei Monate verreiſt.“ „Ja, aber ich bilde mir ein, die Seeluft wird ihr nicht gut bekommen,“ fuhr Kate in demſelben ruhigen Tone fort. Cornelius ſah ſeine Schweſter etwas erſtaunt an. „Ich weiß nichts davon,“ ſagte er endlich;„aber ich kann an dem Geſtohlenen Kinde ruhig fortarbeiten und werde bald damit fertig ſein; Daiſy ſitzt ja ſo gut, wie Du weißt.“ 286 „Ich weiß, ſie iſt ſo böſe wie Du; ſieh', wie ſie ihren Thee ſo raſch als möglich verſchlingt, um wieder bereit zu ſein, wenn es Dir beliebt.“ „Sie iſt ein gutes kleines Geſchöpf,“ verſetzte er und tätſchelte mir die Wangen,„wenn ſie auch nicht ganz genau anzugeben weiß, was zu einem guten Bilde ge⸗ hört. Eile Dich nicht, Daiſy, wir haben Zeit genug.“ „Aber ich bin bereit,“ antwortete ich raſch. „Ich auch; wir wollen ſehen, wer zuerſt oben iſt.“ „Cornelius, wie kannſt Du ſolch' ein Kind ſein?“ begann Kate; ich hörte nicht weiter, denn ich war auf⸗ geſprungen und ganz außer Athem die Treppen hinauf⸗ geeilt. Cornelius, der mich mit leichter Mühe hätte ein⸗ holen können, folgte mir mit ſcheinbarer Haſt und lachte über meinen Sieg. „Ich war zuerſt oben,“ rief ich vom Ruheplatz aus und ſah mich dunkelroth und athemlos nach ihm um: er ſtand auf der Treppe einige Stufen unter mir und ſah mich überraſcht und erfreut an. „Ei, das Kind wäre ſehr hübſch, wenn es Farbe hätte,“ bemerkte er für ſich;„das arme kleine Ding!“ fügte er hinzu, als er neben mir ſtand,„ich wünſchte, ich könnte die Röthe auf Deiner Wange feſthalten; aber ſie iſt ſchon wieder verſchwunden— wie ſchade!“ „Es iſt durchaus nicht ſchade, denn das blaſſe Ge⸗ ſicht iſt weit das beſte für ein Bild.“ Dieſes uneigennützige Gefühl überraſchte Cornelius nicht im Geringſten; er war zu ſehr für die Malerei eingenommen, als daß ihm irgend etwas dafür zu gut oder ein Opfer zu groß gedünkt. Er geſtand zu, daß ein blaſſes Geſicht dem Bilde mehr Ausdruck verleihe und war über den Vorzug nicht erſtaunt, den ich ihm aus dieſem Grunde gab. Er blieb beinahe den ganzen Tag in dem Atelier. Kate, die über dieſe Rückkehr zu unſern alten Gewohn⸗ 287 heiten nicht ſehr erfreut ſchien, fragte Abends mit be⸗ deutungsvollem Tone, ob ich viel gelernt.. „Nichts,“ antwortete Cornelius,„um es jedoch wieder einzubringen, will ich ihr helfen; wir werden zu⸗ ſammen arbeiten: auf dieſe Art kann ſie zu gleicher Zeit lernen und repetiren.“ „Das wird langweilig ſein, Cornelius.“ „Sie ſchenkt mir ihre Tage, ſo darf ich ihr wohl meine Abende widmen.“ „Und Dein Brief?“ „Ich werde aufbleiben.“. „Armer Junge!“ ſagte Kate mitleidig;„malen, unterrichten und lieben, das iſt beinahe zu viel.“ Neunzehntes Kapitel. Drei Monate und drüber hatte Cornelius die Ma⸗ lerei vernachläßigt; er kehrte nun mit zehnfachem Eifer zu ihr zurück. Ich habe mich oft ſeit jener Zeit über den ſeltſamen Mißgriff gewundert, den Miriam began⸗ gen, indem ſie ihn verließ und von der Kunſt entwöhnt zu haben glaubte; ſeine Leidenſchaft für ſie war ein Theil ſeines Weſens und man konnte nicht nach Will⸗ kühr damit ſchalten und walten. Nicht weniger hatte ſie ſich in Beziehung auf mich getäuſcht. Cornelius hatte mich zu lieb, um mich ſo leichthin aufzugeben, als ſie ſich eingebildet. Er liebte mich und wollte wohl auch meine tiefe und glühende Neigung für ihn nicht verlieren. Er kannte beſſer als irgend Jemand ihre Stärke und Reinheit, und es iſt ge⸗ fährlich ſüß für Stolz und Eigenliebe, das Herz eines andern Weſens zu beherrſchen, wie er das meine be⸗ herrſchte. Zu einer Zeit, da ich am wenigſten Hoffnung hatte, ſein Herz wieder zu gewinnen, da ich aus ſeinem Geſichtskreis verbannt war und er mich zu vernachläßigen, ja ganz vergeſſen zu haben ſchien, zu dieſer Zeit demü⸗ thigte ſich ſein Stolz vor meinem Großvater, um das Kind wieder zu erhalten, das er geringſchätzig behandelt hatte. Ich zweifle, daß ihm irgend etwas mehr Ueber⸗ windung gekoſtet; ich weiß, daß dieſer Beweis treuer Zuneigung jede vergangene Unfreundlichkeit aus meinem Gedächtniſſe verwiſchte. Während Miriam glaubte, meine Zeit ſei vorüber, brachte er mich unerwartet, doch als ob ſich das von ſelbſt verſtünde, in die alte Heimath zurück. Sein ſcheinbar nachgiebiger und ſtarker Charakter war in Wirklichkeit hartnäckig und halsſtarrig. Er ſchien nach⸗ zugeben, aber er kam immer wieder auf ſein altes Ge⸗ fühl, auf ſeine alte Meinung zurück und zwar mit einer Naivetät, die den Gegner noch weit mehr reizte. Trotz der Andeutungen Kate's, bin ich überzeugt, hatte er nicht den leiſeſten Argwohn, das Wiederaufgreifen des Pinſels und meine Rückkehr könnten Miriams Unwillen erregen. Ihre Briefe natürlich billigten Alles, was ſich in ihrer Abweſenheit verändert hatte. Vermuthlich, um in mir ein freundliches Gefühl gegen ſeine Geliebte zu erwecken, las mir Cornelius ſorgfältig jede Stelle vor, in welcher ich als„das liebe Kind“ erwähnt wurde, oder wo ſier in ſentimentalen Phraſen von mir ſprach, wie„es freut mich, denken zu können, daß die kleine liebe Daiſy wie⸗ der bei Ihnen iſt u. ſ. w.“ Auf der einen Seite war es nutzlos, auf der an⸗ dern unnöthig. Es war nutzlos, weil meine Gefühle gegen Miß Ruſſel wegen einiger Worte, denen ich keinen Glanuben ſchenkte, ſich nicht ändern würden. Es war un⸗ nöthig, weil ich nicht Haß, ſondern Eiferſucht gegen ſie 1 289 fühlte; nichts konnte mich ſo mild ſtimmen, als ihre Ab⸗ weſenheit, nichts that es auch ſo ſehr. So lange ſie fort war, beneidete ich ſie nicht um den anerkannten Vorzug, den ihr Cornelius gab. Jeden Abend, wenn er ſich zum Schreiben ſetzte, brachte ich ihm aus eige⸗ nem Antrieb Feder, Tinte und Papier, und Morgens holte ich unaufgefordert ſeinen Brief. Ich konnte ſogar, wenn er ihn mit ſichtbarer Freude las, an dieſer Theil nehmen, ſo wenig ich die liebte, von der er kam. Meine Liebe war ſehr glühend, aber ebenſo rein. Von meiner früheſten Jugend miſchte ſich vielleicht etwas Leidenſchaft darein, aber ſie bewahrte die ganze Unſchuld der Kind⸗ heit, der ich kaum entwachſen war. Cornelius, glaube ich, fühlte dies, und da es nichts Entzückenderes gibt, als eine reine Neigung zu empfin⸗ den oder einzuflößen, ſo verſtehe ich jetzt, weßhalb Kate den Reiz nicht fühlte, der auf ihn ſo maͤchtig wirkte. Oft in den Momenten der Erholung, wenn ich neben ihm auf dem Ruhbett ſaß, beugte er ſich zu mir herab und hauchte einen ebenſo unſchuldigen, als leichten Kuß auf meine Stirne, vielleicht mit der Empfindung— die ich nie hatte, weil ich nie daran dachte,— daß er jetzt die reinſte Liebe empfange, die er je einzuflößen hoffen, und die uneigennützigſte Zärtlichkeit fühle, die er je für ein Kind oder Mädchen, das nicht von ſeinem Blute, he⸗ gen konnte. Ich wurde älter, fähiger, ihn zu verſtehen, und taugte mit jedem Tage mehr zu ſeiner Geſellſchaft; dieß mochte wohl der Grund ſein, weßhalb er freund⸗ licher und liebevoller gegen mich wurde, als er es je ge⸗ weſen. Er konnte nicht beſorgter für mich ſein: ſchien er noch ſo ſehr in ſeine Bilder vertieft, ſo entdeckte er doch ſogleich das leiſeſte Zeichen von Ermüdung, und bat mich auf's Dringendſte, mir die nöthige Ruhe zu gönnen. Um nich die friſche Luft genießen zu laſſen, Daiſy Burns. I. 19 ſchickte er mich in den Garten und begleitete mich ſelbſt oft dahin. Ich erinnere mich noch lebhaft eines warmen und angenehmen Auguſtnachmittags; wir ſaßen mit einander auf der Bank, die vor der Thüre ſtand, und ſahen im kühlen Schatten des Hauſes, durch die von der Hitze zitternde Luft, wie der glühende Sonnenſchein alles, was er berührte, zu beleben ſchien. Die Gartenblumen rings um uns her hatten jenen lebhaften Farbenglanz, deſſen ſie der Schatten beraubt, freilich, um ihnen eine innigere Anmuth zu verleihen; ſelbſt die alte Sonnen⸗ uhr trug ein heiteres Ausſehen und ſchien die Stunde an⸗ zuzeigen, als kümmerte ſie ſich nicht um das Fortſchreiten der Zeit. Jedes Silberblättchen der beiden Pappeln zitterte und ſchien zu leben; die Gartenthüre ſtand offen und bot einen hellen, aber ſchmalen Blick auf die Straße mit ihrem gelben Boden, niedern grünen Hecken und auf den blauen Himmel. Das Ganze gab kein Bild, es compo⸗ nirte ſich nicht zur Landſchaft, es hatte keinen jener ma⸗ leriſchen Reize, den bisweilen alltägliche Gegenſtände ha⸗ ben, aber in dieſem warmen Sonnenſchein, dieſem hellen Lichte, und der durchſichtig klaren Luft lag etwas eigen⸗ thümlich Schönes. Denn wenn der Sommer auch nicht die grüne Hoffnung des Frühlings, die braune, ſinnige Lieblichkeit des Herbſtes beſitzt, ſo hat er dafür eine Glut, eine Fülle, einen Ueberfluß, die nur ihm eigen⸗ thümlich ſind. Die Erde iſt in vollem Trieb und Leben: ſie und die Sonne haben ihre Feſttage und ſcheinen ſich zu freuen— die Sonne ihrer Macht und Stärke,— die Erde ihres Lebens und ihrer Schönheit. „Das iſt ſchön!“ ſagte Cornelius, indem er ſich auf der Bank zurücklehnte,„ein Sommertag kann weder zu heiß, noch zu lang ſein,— nicht wahr, Daiſy?“ „Ja wohl, Cornelius, doch ich hoffe, Du bleibſt nicht meinetwegen hier, ich habe genug ausgeruht.“ „Du willſt alſo, daß ich hinaufgehe und arbeite?“ 291 „Du weißt, Cornelius, Du haſt ſchon oft geſagt, es komme nichts dem Malen gleich.“ „Allerdings; Du ſollſt auch Bilder malen lernen. Nun, Du ſcheinſt nicht beſonders entzückt.“ Ich war es auch nicht. Meine Zeichenverſuche hat⸗ ten mich überzengt, daß ich von der Natur nicht beſtimmt war, mein Licht in der Kunſt leuchten zu laſſen. „Warum ſollte ich Bilder malen?“ fragte ich.„Du malſt; das iſt genug.“ „Aber, meine Schülerin zu ſein!“ „Ja, das wäre hübſch.“ „In demſelben Atelier zu arbeiten; eine Staffelei zu haben.“ „Neben der Deinen. Ja, Cornelins, das möcht' ich.“ „Ja,“ ſagte eine ſehr ſanfte, aber auch ſehr kalte Stimme,„der Künſtler wird mehr geliebt, als die Kunſt.“ Wir ſahen beide nach dem Fenſter des hintern Wohn⸗ zimmers hinauf, von wo die Stimme kam. Miriam ſtand dort in dem Halbſchatten des Zimmers; ihr ſchöner Kopf war bloß; ihr Cashemirſhawl fiel von den reizen⸗ den Schultern; die eine Hand hielt den Spitzenhut, den ſie abgenommen, die andere, an der ſie keinen Handſchuh hatte und die ſo durchſichtig ſchön wie Alabaſter war, ruhte auf der dunkeln Eiſenſtange des Balkons. Sie ſah lächelnd auf uns herab, ruhig, wie ein ſchönes Bild im Rahmen. Cornelius blickte hinauf, brach in ein kur⸗ zes, heiteres Lachen aus und mit einem Satze die drei ſteinernen Stufen hinaufſpringend, verſchwand er unter dem Epheudache und war in einer Minute an ihrer Seite. „O!“ rief er und der Klang ſeiner Stimme verrieth ſein Entzücken,„ich erwartete Sie erſt in einigen Wochen.“ „Meine Tante iſt noch in Haſtings; aber ich mußte fort, die Seeluft bekam mir ſo ſchlecht.“ „Und Sie ſchrieben mir nie etwas davon.“ „Warum Sie beunruhigen?“ Ich brauchte nicht mehr zu hören. Ich hatte Cor⸗ nelius ſie vom Fenſter nach der Tiefe des Zimmers weg⸗ führen und Miriam ihm lächelnd nachgeben ſehen. Ich wollte ihnen nicht im Wege ſein, deßhalb ſtand ich auf und ſchlich mich nach dem Atelier. Ich ſetzte mich zitternd vor Aufregung auf das Ruhe⸗ bett. Sie war zurückgekehrt und ach! wie das Gefolge einer böſen Zauberin, kehrten auch meine alten Gefühle wieder. Schon der Klang ihrer Stimme hatte ſie ge⸗ weckt. Ich hörte ſie und lauſchte mit Schrecken, denn ich wußte aus ſchmerzlicher Erfahrung, daß ſie mir nur ſchlimme Tage bringen konnten. Ich erinnerte mich mit, bangem Herzen all' der Bitterkeit, die ſie zwiſchen Cor⸗ nelius und mir hervorgerufen— ich gedachte ſeiner zor⸗ nigen Blicke, ſeiner Scheltworte, und unſrer Trennung. Ich vergaß jedoch auch der Güte nicht, die mich zurück⸗ gebracht, ſeiner Großmuth, die nicht verlangt, daß ich mich zu beſſern verſpreche, die vielmehr auf meinen ge⸗ ſunden Sinn und meinen guten Willen vertraut: ich be⸗ fahl mich in die Hände Gottes, des Einzigen, der mir in dieſem äußerſten Stadium menſchlicher Schwäche bei⸗ ſtehen konnte, und ſandte ein leidenſchaftliches Gebet zum Himmel— einen Ruf um Stärke, der Verſuchung Stand zu halten.. Ich war noch nicht lange im Atelier geweſen, als die Thüre ſich öffnete und die beiden Liebenden eintraten. Cornelius ſchien etwas neugierig, wie ich mich gegen Miriam benehmen werde, denn er führte ſie nach der Staffelei und ſagte: „Sehen Sie, wie fleißig ich gearbeitet habe; in der Abweſenheit Medora's nahm ich die Zigennerfamilie wie⸗ der auf.“ iſt ſie?“ „Hier bin ich, Miß Ruſſell,“ antwortete ich leiſe. Ich ſtand jetzt neben ihr, und während ich ſprach, „Sie meinen das Geſtohlene Kind: nicht wahr? Wo 293 ſchlüpfte meine Hand in die ihre. Sie erſchrak, als ob ein giftiges Inſect ſie berührt hätte; aber Cornelius lächelte, als er ſah, was ich that. „Geben Sie mir wirklich Ihre Hand? Das Nächſte wird vermuthlich ein Kuß ſein.“ Ich glaubte, ſie wollte, daß ich ſie küſſe. Ich un⸗ terdrückte meinen Widerwillen und erhob mein Geſicht; ſie zögerte und bückte ſich dann, aber ihre Lippen be⸗ rührten meine Wangen nicht. „Daiſy und ich ſind jetzt förmliche Freunde, wie Sie ſehen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich an Cornelius wandte. „Ja, ich ſehe es,“ antwortete er und ſchien er⸗ freut. „Ich ſagte Ihnen immer, dieſe kindiſchen Gefühle würden vorübergehen,“ fuhr ſie fort und legte ihre Hand auf meinen Kopf. Er lächelte ſie mit heiterer Bewunderung an. „Nehmen Sie Ihre Arbeit wieder auf,“ ſagte ſie, indem ſie ſich niederſetzte;„Miß O'Reilly bat mich, den ganzen Tag dazubleiben“ „Aber nicht hier, Miriam; denken Sie an den Ge⸗ ruch der Farben.“ „Ich fühle noch nichts davon. Bitte, arbeiten Sie an dem Geſtohlenen Kind weiter. Welch wunderbare An⸗ muth und welchen Ausdruck Sie dieſem Geſichte verlie⸗ hen haben!“ „Finden Sie 2 Iſt das wirklich Ihre Mei⸗ nung?“ rief Cornelius ganz entzückt;„ja, Daiſy hat ein ſehr anmuthiges Geſicht, ich meine, im Ausdruck und, Ihnen die Wahrheit zu geſtehen,“ fügte er in der Ei falt ſeines Herzens hinzu,„ich habe mein Möglichſtes zethan, es zu verſchönern; es freut mich, daß Sie das bemerken.“ „ So fangen Sie wieder an; Sie wiſſen, ich ſehe rne zu.“ Er ſagte:„Noch nicht,“ und da er ſich mit der offenbaren Abſicht, einige Stunden mit ihr zu verplau⸗ dern, zu ihr ſetzte, ging ich fort. Ich wurde weder aufgehalten, noch zurückgerufen. Ich benahm mich ziemlich ſtark. Ungeheißen trat ich Miriam meinen Platz am Tiſche ab und Abends ging ich aus eigenem Antrieb zu Kate, um mich über das Gelernte ausfragen zu laſſen, während Cornelins und ſeine Braut im Garten auf und nieder gingen. Ich ſah ihn wieder ganz in ihren Banden, und doch verrieth kein Zeichen kindiſcher Eiferſucht, was ich im tiefſten Herzen fühlte. Als ſie wegging, war ich die Erſte, die ihr gute Nacht wünſchte. Cornelius, der nicht wußte, welche Ueberwindung mich dieſe Kleinigkeiten koſteten, ſchien ungemein erfreut und zufrieden. Er ſah auch,— do damit hatte ich nichts zu thun,— ſehr glücklich aus. Miriam hatte uns verlaſſen und wir ſaßen, ehe wir zu Bette gingen, alle drei im Wohnzimmer am offenen Fenſter, durch welches ein ſanfter Lichtſtrahl des Mondes fiel; ich hatte ſchweigend meinen Platz wieder bei Cor⸗ nelius eingenommen, der ſeine Hand ſchmeichelnd auf meinen Kopf gelegt hatte, als Kate plötzlich ſagte: 3„Du ſiehſt, daß Miß Ruſſell die Seeluft nicht gut ekam.“ „Allerdings und dennoch ſieht ſie ſo gut aus: weit ſchöner, als je.“ „Vermuthlich wirſt Du n der Medora fort⸗ eru malen können.“ 3„Doch nicht, wenn der G der Farben Mi⸗ riams Nerven angreift.“ „Vielleicht kann ſie ihn jetzt ertragen,“ antwortete Kate,„ſie hatte nie ſo ſchreckliches Kopfweh davon be⸗ kommen, ehe Daiſy zu Miß Clapperton kam; ſie ſcheint auch heute nicht unter dieſem Einfluſſe gelitten zu haben; ja, ja, Medora wird bald wieder auf der Staffelei ſtehen.“ 5 39 wünſche es nicht,“ verſetzte Cornelius etwas 4 7 4 4 295⁵ haſtig;„ich möchte lieber an meinem Geſtohlenen Kinde fortarbeiten. Ich ſah neulich wieder mal Medora an und fand, trotz aller Arbeit, die ſie mir machte, etwas Unnatürliches darin.“ „Darin kann ich nicht mit Dir übereinſtimmen,“ ver⸗ ſetzte Kate;„ich glaube gerade, die Art und Weiſe, wie Medora's Blick den Horizont zu durchbohren ſcheint, um den leiſeſten Schimmer von dem Schiffe ihres Geliebten zu entdecken, hat etwas ergreifend Natürliches.“ Cornelius antwortete nicht. Es ging eine Verände⸗ rung in ſeinem Geſichte vor,— von welcher Art konnte Niemand ſagen; plötzlich wandte er ſich nach mir um und ſagte: „Warum brachteſt Du mir heute Abend Deine Bü⸗ cher nicht? Merke wohl, ich kann ſolche Unpünktlichkeiten nicht leiden.“ Er lachte, aber der Scherz war erzwungen; das Lachen war nicht natürlich. Er ſah wie Jemand aus, der vergeblich dem Stachel eines geheimen Schmerzes zu trotzen ſucht, und während ich neben ihm ſaß, richtete er ſeinen düſtern und zerſtreuten Blick auf mich, ohne mich anzuſehen;e in wenigen Minuten, ja in wenigen Secun⸗ den, war er wieder er ſelbſt. „Nein,“ ſagte er in ſeinem gewöhnlichen Tone, „das andere Bild iſt weit das Beſte und an ihm muß ich fortarbeiten.“ 6 Mit dieſer Anſicht und Entſcheidung war Miriam vollkommen einverſtanden. Jeden Tag kam ſie auf einige Zeit nach dem Atelier und verließ es nie, ohne das Ge⸗ ſtohlene Kind bewundert und Medora, wenn auch in ſehr gemäßigten Ausdrücken, getadelt zu haben. An einem Tage in der Woche nach ibrer Ankunſt, als ſie hinter Cornelius ſtand und ihm beim Malen zuſah, war ſie mehr als gewöhnlich beredt. „Es liegt ſo viel ſinnige Trauer und Poeſie in die⸗ ſer Geſtalt,“ ſagte ſie,—„es drückt ſo gut die civiliſirte 4 296 geiſtige Gefangene unter dieſen rohen und halbwilden Zigeunern aus, daß ich ſie nie ohne ein Gefühl der Be⸗ wunderung anſehen kann.“ Ich bemerkte das ſchlecht unterdrückte Lächeln ſtolzer Freude, das auf dem ganzen Geſichte von Cornelius leuchtete, während er in gleichgültigem Tone antwortete: „Es freut mich, daß Sie das denken.“ Miriam fuhr fort: „Der Unterſchied zwiſchen dieſem Bilde und Medora iſt ganz erſtaunlich.“ Cornelius erröthete, ſie fuhr fort: „Das eine Geſicht iſt ſo ausdrucksvoll, als das andere gleichgültig.“ „Gleichgültig!“ unterbrach er ſie;„nun, Sie wiſſen, ich ſchätze Medora auch nicht ſo hoch, als dies Bild; aber Kate, die eine unparteiiſche Richterin iſt, ſagt, daß in Blick und Haltung dieſer Geſtalt viel Ausdruck liegt.“ „Ja, aber ſie ſieht etwas kalt, das heißt ruhig aus,“ verſetzte Miriam ruhig,„finden Sie das nicht auch?“ Er ſagte„Ja“ und lächelte etwas gezwungen; er malte eine Zeitlang fort, ohne zu ſprechen, ſtellte dann das Bild weg und holte plötzlich Medora. „Nun, wo iſt der große Unterſchied,“ fragte er ent⸗ ſchloſſen. „Ich fühle ihn,“ lautete ihre ruhige Antwort. Er ſah ſie an und ſtellte, ohne weiter in ſie zu dringen, das Bild weg. Er ſchien nicht weiter daran zu denken, am nächſten Morgen jedoch, als ich kurz nach dem Frühſtück in das Atelier kam, fand ich Medora auf der Staffelei und Cor⸗ nelius in ihren Anblick vertieft. Ohne ſich nach mir umzuwenden, rief er mich zu ſich. „Nun, Daiſy,“ ſagte er, und legte ſeine Hand auf meine Schulter,„ſage mir offen und ehrlich, findeſt Du denn dieſe Medora ſo tief unter dem andern Bilde 3 ſtehen?“ 3 297 „Nein, wirklich nicht, Cornelius,“ verſetzte ich lebhaft. „Sie tadelt in einem fort,“ ſagte er in ärgerlichem Tone,„geſtern Abend im Garten meinte ſie, ich werde es doch nicht vollenden und ausſtellen wollen.“ „Wie ſchändlich!“ rief ich entrüſtet. „Nein, mein liebes Kind, Miriam hat Recht, wenn ſie mir ihre offene Meinung ſagt; ich hoffe, das wirſt Du ſtets auch thun.“ „Aber, Cornelius,“ wagte ich einzuwenden,„glaubſt Du denn, Miß Ruſſell verſtehe viel von Malerei?“ „Offen geſagt,“ antwortete Cornelius vertraulich, „ich glaube es nicht. Sie beſitzt natürlichen Geſchmack, aber keine Erfahrung wie Du,“ fügte er, ſich lächelnd nach mir umwendend, hinzu,„Du, mein Liebling, verſtehſt, obgleich noch ein Kind, zehn Mal mehr als ſie vom Malen, und wenn ich ihr das auch nicht ſagen möchte, kann ich Deiner Anſicht zehn Mal mehr vertrauen, als der ihrigen.“ Ich war thöricht genug, mich darüber zu freuen. „Ich hoffe,“ fuhr Cornelius fort,„im Stande zu ſein, ihren Geſchmack zu prüfen; indeſſen glaube ich wie Du, Daiſy, daß Medora dem Geſtohlenen Kinde ziemlich gleich kommt.“ Ich hatte nie etwas der Art geſagt, aber Cornelius ſchien davon überzeugt zu ſein, daß ich es gethan, und ich wußte nicht, wie ſeine Meinung berichtigen. „Ja,“ fuhr er fort, indem er einen Blick auf das Bild warf,„es wird immer beſſer, je länger man es anſieht. Die kleine Felſenpartie im Vordergrund iſt nicht übel, nicht wahr, Daiſy?“ „Sie kommt mir ganz wie die Felſen von Leigh vor,“ antwortete ich. „Wirklich?“ rief Cornelius, indem er mich ins Kinn kniff, ein Zeichen großer Freude.„Das iſt hübſch; nicht als ob mir viel an dieſer Felſenpartie läge, durchaus nicht, aber es iſt immer angenehm, wenn man weiß, daß 298 man der Natur treu war, ſelbſt in untergeordneten Punk⸗ ten. Bei Leigh ſind alſo ähnliche Felſenpartieen. Ja, es iſt im Ganzen nicht wichtig; mein Hauptaugenmerk war natürlich auf die Figur gerichtet, und dieſe iſt, glaube ich, ziemlich gelungen.“ Er ſah mir mit der Einfalt eines Kindes ins Ge⸗ ſicht, hörte mein enthuſiaſtiſches Lob mit ſichtlicher Befrie⸗ digung und geſtand mit großer Naivetät,„das ſei auch ganz ſeine Meinung.“ Wir wurden durch den uner⸗ warteten Eintritt Miriams, die früher als gewöhnlich kam, unterbrochen. „Da!“ rief Cornelius triumphirend,„die Sache iſt gegen Sie entſchieden: ich habe an Daiſy appellirt und wie ich, ſieht auch ſie keinen ſo großen Uuterſchied zwi⸗ ſchen Medora und dem Geſtohlenen Kinde.“ „Wirklich nicht?“ verſetzte Miriam in gleichgültigem Tone, indem ſie ſich ſetzte, ohne nach dem Bilde zu ſeben. „Ich merke, was der Grund iſt,“ ſagte er in ver⸗ letztem Tone,„Sie glauben, ich ſei ungerecht gegen Sie geweſen.“ „Durchaus nicht,“ antwortete ſie lächelnd. „Wenn ich nicht befürchtete, Ihrer Geſundheit Scha⸗ den zuzufügen, ſo würde ich Ihnen bald zeigen, daß Medora Miriams nicht ganz unwürdig gemacht werden kann.“ „Aber, ich ſagte ja nur, daß das Geſicht etwas ruhig ſei,“ verſetzte ſie in ihrer gefühlloſen Weiſe. „Kalt, Miriam. Ach, wenn Sie mir nur die Stunde ſitzen wollten, die Sie täglich hier zubringen, ſo wollte ich dieſe kalte Medora bald in eine glühende umge⸗ ſchaffen haben.“ Sie ſchlug es rund ab; ſie könne durchaus nicht zugeben, daß er ſein Geſtohlenes Kind bei Seite lege, das ſo ſchön zu werden verſpreche, während Medora doch nur eine untergeordunete Arbeit ſei. Erſt nachdem Cornelius eine halbe Stunde aufs Inſtändigſte gebeten und gebettelt, erhielt er ihre Einwilligung. Er machte 299 ſich augenblicklich an die Arbeit— ſie ſaß nicht eine Stunde, ſondern drei; ich ſah mit der unklaren Empfin⸗ dung zu, daß Cornelius und ich denn doch ſehr einfältig eien. Das Geſtohlene Kind war, wenn auch nicht mit einem Schlage, von Medora verdrängt. Cornelius ſagte, er mache keinen Unterſchied, da er die beiden Bilder mit Leichtigkeit für die nächſte Ausſtellung vollenden könne. Kate ſagte nichts darüber, ſondern fragte nur, ob der Geruch der Oelfarben Miß Ruſſell nicht mehr ſchade. „O doch, liebe Schweſter,“ antwortete er mit größter Unbefangenheit. Cornelius war gut und großberzig genug, um ſich einige unheroiſche Schwächen zu Schulden kommen zu laſſen, wie ſeine väterliche Liebe zu den Bildern, und ein zu edles Vertrauen auf das Weib, das er liebte, als daß er ihr zugetraut, ſie ſuche ſich durch unwürdige Ränke Einfluß auf ihn zu verſchaffen. Ich glaube, es war gerade dieſes einfache und unbefangene Gemüth, was ihm ſo viel Liebe erwarb, und die, die ihn liebten, ſo nachſichtig gegen ſeine Fehler machte. Er hatte ſein Theil an menſchlichen Schwächen, aber er gab ſich ihnen auf ſo natürliche Weiſe hin, daß er nie geſunken zu ſein erſchien, wie es die ſogenannten Engel bei ihrem Falle ſind. Obſchon die Jugend ſonſt diejenigen ſehr ſtreng und raſch verurtheilt, welche ſich hintergehen laſſen, konnte ich Cornelius doch deßhalb nicht weniger achten, weil er ſich täuſchen ließ. Mein früheres Leben mit ſeinen vielen Prüfungen, wenn auch nicht mit all' ſeiner Bitterkeit, begann nun wieder. Miriam ſuchte mich dem Unterricht von Cor⸗ nellus zu entziehen, und er, ohne ihre Abſicht zu ahnen, widerſetzte ſich mit der herausforderndſten Einfalt und Unbewußtheit. Vergebens kam ſie jeden Abend, wenn wir uns zum Unterricht geſetzt hatten, und ſprach mit ihm oder ſtörte mich mit ihren ſtarren Blicken; die Lectionen wurden nicht unterbrochen. Eines Abends, als wir an dem offenen Fenſter des vordern Wohnzimmers ſaßen und wie gewöhnlich beſchäftigt waren, ſagte Miriam, welche bisher mit großer Geduld zugehört, kurz, nachdem Kate das Zimmer verlaſſen: „Wie gut und freundlich von Ihnen, Cornelius, das Kind ſo fleißig zu unterrichten. Viele Männer würden dieſe Aufgabe verſchmähen.“ „Sie für thöricht halten?“ fügte er hinzu. „Allerdings.“ „Was für Narren müßten das ſein, Miriam!“ ver⸗ ſetzte er und lächelte ihr in's Geſicht. „„Sie ſind klug genug, um ſich über ſolcher Leute Meinung wegzuſetzen.“ „Als ob ich mir aus ihrer Meinung etwas machte!“ antwortete er heiter.„Nun, Daiſy, analyſire mir dies: „„Ein gewiſſer großer, unbekannter Künſtler hatte ein⸗ mal ein kleines Mädchen. Er ſchämte ſich nicht, ſeinem mächtigen Geiſte Erholung zu gönnen, indem er ſie jeden Abend unterrichtete. Ja, bei einer Gelegenheit ließ er ſich ſo weit herab, ſie zu küſſen.“ Ich lauſchte mit emporgerichtetem Geſichte. Ich be⸗ kam den Kuß, ehe ich wußte, was er meinte. Aber ich ließ mich durch eine ſolche Kleinigkeit nicht aus der Faſ⸗ ſung bringen und ſetzte den Satz grammatiſch auseinan⸗ der, als ob gar nichts geſchehen wäre. „Iſt ſie nicht kalt?“ ſagte er, indem er ſich an Mi⸗ riam wandte. „Sie macht große Fortſchritte,“ verſetzte ſeine Braut. „Nicht wahr?“ rief Cornelius, der auf meine Fort⸗ ſchritte ſtolz war;„ich darf mich meiner Schülerin rüh⸗ men, denn ich beſitze ein eigenthümliches Syſtem— ha⸗ ben Sie das bemerkt?“ „O ja, bei der Analyſe.“ „Ich meine nicht das,“ antwortete er, leicht errö⸗ 301 thend;„ich meine ein allgemeines Syſtem, eine Methode — die Grundlage aller Erziehung.“ „Ja, wohl.“ „Nun,“ fuhr Cornelins fort, indem er ſich ſinnend anſah und ſeine Hand auf meinen Kopf legte:„Ich hoffe mit dieſer Methode in vier bis fünf Jahren mich rüh⸗ men zu dürfen, den Geiſt und Charakter eines geſcheid⸗ ten, empfänglichen und braven Mädchens gebildet zu aben.“ 3„In vier bis fünf Jahren!“ ſeufzte Miriam. Cornelius gedachte vielleicht des drohenden Todes, der über meiner Jugend ſchwebte, denn er ſagte unruhig: „Ja,— ich glaube,— ich hoffe— Daiſy, Du ſollteſt nicht ſo viel lernen.“ Er zog mich mit einem Blick und einer Bewegung an ſich, die freundlicher, als eine Liebkoſung war, und ſagte zu Miriam: „Sie ſieht blaß aus.“ „Es iſt nur Aufregung; ſie wünſcht ſo ſehr, Ihnen zu gefallen. Wenn ſie im Begriffe ſteht, einen Fehler zu begehen, ſo wird ſie ſehr unruhig, das arme Kind.“ Miriam hatte die rechte Saite angeſchlagen. Es war etwas Wahres in dem, was ſie ſagte. Mein Wunſch, Cornelius zu gefallen, verſetzte mich in eine leichte Auf⸗ regung und dies wußte er. „Sie muß wieder zu Kate gehen,“ ſagte er raſch; „ich will nicht, daß ſie blaß ausſieht; ſie darf nicht mehr ſo viel ſtudiren,“ fügte er mit wachſender Angſt hinzu; „ſie wird die verſäumte Zeit bald wieder einholen.“ Vergebens ſuchte ich, meinen Lehrer zu behalten, er war unerſchütterlich in ſeinem Entſchluſſe; es war mir ein Troſt, daß dieſe Veränderung ihren Grund nicht in Unfreundlichkeit hatte und nur durch die Ein⸗ wirkung auf ſeine Liebe zu mir herbeigeführt worden. Aber ſelbſt dieſe Veränderung dauerte nicht mehr, als eine Woche. Eines Abends, nachdem Cornelius ſeiner 3⁰² Schweſter und mir mit ſichtlicher Ungeduld zugehört, nahm er dieſer plötzlich die Bücher aus der Hand, ſetzte ſich zwiſchen uns und erklärte, indem er ihre Me⸗ thode verwarf, daß er mich wieder unter ſeine aus⸗ ſchließliche Obhut nehmen werde. „Meine Methode iſt ſo gut, als irgend eine andere,“ verſetzte Kate etwas ſpitzig;„aber das Kind, das ſich nach ſeinem erſten Lehrer ſehnt, kann keine großen Fort⸗ ſchritte bei ſeinem zweiten machen.“ „Haſt Du Dich geſehnt, Daiſy?“ fragte Cornelius. 2 Ich konnt es nicht läugnen; er lächelte und liebkoste mich. „Wenn Vorſtellungen etwas nützten,“ ſagte Kate, die halb erfreut, halb unzufrieden ſchien,„ſo würde ich Dir ſagen, Cornelius, daß Du ſehr thöricht biſt; um aber keine Zeit zu verlieren, ſage ich Dir— Du haſt mir Daiſy zum zweiten Mal genommen, nun magſt Du ſie auch behalten.“ „Das will ich auch,“ antwortete er heiter. Er trat ſogleich ſein Amt wieder an. Wir hatten kaum begonnen, als Miriam eintrat. Sie kam beinahe jeden Abend, denn da ihre Tante noch in Haſtings war, ſo beſuchte ſie Cornelius nie. Sie betrachtete uns von der Thüre aus, wie wir am Tiſche ſaßen, während er den Arm auf meine Stuhllehne ſtützte, ſein Geſicht tief auf mich herabgebeugt, mit ſtummem, ausdrucksvollem Blicke. „Ja,“ ſagte Cornelius lächelnd, indem er über mein Haar ſtrich,„ich habe meine Schülerin wieder angenommen. Das Mittel war ſchlimmer, als die Krank⸗ eit.“ t Miriam lächelte gleichfalls. Sie gab die Sache auf und verſuchte nicht wieder, mich des Lehrers zu be⸗ rauben, aber ich mußte bei Tage theuer bezahlen, was ich Abends erhielt. Während ſie zur Medora ſaß, lernte oder nähte ich. 4 303 Sie ſprach wenig mit mir, aber jedes Wort trug ſeinen Stachel. Cornelius fühlte nie die Ironie, die unter dem ſcheinbaren Lob und der geheuchelten Freundſchaft lauerte. Sie quälte mich ungeſtraft. Es gab ſo manchen Punkt, durch welchen ſie meine geheime Wunde aufreißen konnte; denn ich war noch immer eiferſüchtig auf ſie und obſchon Cornelius und Kate mich geheilt glaubten, ſie wußte beſſer, daß dies nichts weniger als der Fall war. Aber Leiden geben frühzeitig Erfahrung und Weisheit. Ich hatte mein vierzehntes Jahr angetreten— und war kein Kind mehr. Wenn ſie mich fühlen ließ, und ſie that das beinahe täglich, daß ich nicht hübſch, blaß und kränklich war, ſo war meine Eitelkeit dadurch ver⸗ letzt, aber ich bedachte auf der andern Seite, daß Cor⸗ nelius mich trotz dieſer Mängel lieb hatte und nahm die Beleidigung ſchweigend hin; wenn ſie mich jedoch merken ließ, daß Cornelius für ſie ſchwärme, daß mein Platz in ſeinem Herzen ſo weit unter dem ihren ſtehe, als ſie mir an Jahren, Schönheit und mancherlei Talenten über⸗ legen war, ſo konnte ich es kaum ertragen. Daß es ſo ſtand, war ſchon ſchlimm genug; es mir jedoch von dem Eindringling, der ſich zwiſchen ihn und mich geſtellt, vor⸗ werfen laſſen, das erweckte in mir alle Regungen des Zorns und eiferſüchtigen Gramesz; ich beſaß jedoch Selbſt⸗ beherrſchung genug, um die Kundgebungen dieſes Ge⸗ fühls zu unterdrücken. Die Vergangenheit hatte mich mißtrauiſch gegen ſie gemacht. Wochen vergingen und ſie konnte mich nicht verleiten, in meine alten Fehler zurückzufallen oder mich durch einen Ausbruch der Leiden⸗ ſchaft zu verrathen. Aber während ich mich äußerlich beherrſchte, ſuchte ich nicht auch mein Herz in Demuth zu üben, es wurde vielmehr täglich erbitterker gegen ſie. Dieſem und nur dieſem allein, ich geſteh' es, hatte ich zu danken, was geſchah. Ehe ich jedoch weiter gehe, kann ich nicht umhin, einen kleinen Zwiſchenfall zu erzäh⸗ len, der mich überraſchte und mir noch immer, wenn 304 ich an vergangene Zeiten zurückdenke, Stoff zum Nach⸗ denken gibt. Die blinde Amme Miriam's war mit ihr von Ha⸗ ſtings zurückgekommen. Ich glaubte, Miß Ruſſell verreiſte niemals, ohne dieſe alte Frau, gegen die ſie außerordent⸗ lich liebevoll war, mitzunehmen; ſie that ihr wie einem Kinde, Alles, was ſie wollte; unter Anderem geſtattete ſie ihr, wie es auf dem Lande Sitte iſt, vor der Haus⸗ thüre in dem ſchmalen Streifen Garten, der das Haus von der Straße trennte, zu ſitzen. Es war in der Hei⸗ math ſchon eine Lieblingsgewohnheit von ihr geweſen, ſo an der Thüre ihrer Wohnung zu ſitzen; und obgleich ſie nun nichts mehr ſah, that ſie es noch immer gern. In der Abweſenheit der alten Miß Ruſſell konnte ſie ſich das noch mehr erlauben. Auch wir hatten ein kleines Gärtchen vor dem Hauſe, das von dem unſrer Nachbarn durch ein niederes Staket getrennt war. Ich hielt mich ſelten darin auf, höchſtens um die Blumen zu begießen, die ſich darin befanden. Damit war ich eines ſtillen Abends beſchäftigt, als die alte Frau allein vor der Thüre ſaß. Sie war runzlig und alt; aber ſie beſaß ein glückliches, kindlich freundliches Geſicht; wie in Jah⸗ ren, ſo ſtand ſie in Gefühlen in einer zweiten Kindheit. Ich bemerkte, daß ſie ihren Kopf beugte und horchte, als ich näher kam. „Wollen Sie etwas?“ fragte ichund trat an das Staket, in deſſen Nähe ſie ſaß. Ihr Geſicht ſtrahlte; ſie ſtreckte die Hand aus, be⸗ fühlte mich und lächelte. „Sie ſind das kleine Mädchen,“ ſagte ſie lebhaft. „Ja,“ antwortete ich,„ich bin's.“. „Iſt meine geliebte, junge Dame bei Ihnen?“ „Miß Ruſſell iſt in unſerem Garten mit Cornelius.“ „Ich kann ihn nicht ſehen, aber ich höre ſeine Stimme gerne; er iſt ſehr ſchön, nicht wahr 2 30⁵ „Kate ſagt es, aber ich weiß nichts von Der⸗ gleichen.“ „Iſt er freundlich gegen Dich?“ „Er iſt ſehr gut gegen mich, wie gegen Jedermaun.“ „Das iſt hübſch,“ ſagte ſie lebhaft;„beſſer Güte, als Geld.“ „Cornelius wird auch Geld haben,“ ſagte ich, ärgerlich darüber, daß man ihn für arm hielt,„er wird viel Geld einnehmen und ſehr reich werden.“ Die alte Frau ſchien entzückt und erſtaunt. „Ich ſagte es immer, meine junge Lady werde ein großes Glück machen,“ verſetzte ſie,„und ſo wird ſie alſo auch reich: Gott ſegne den guten, jungen Herrn.“ „Er wird ein ſehr großer Mann werden,“ fuhr ich fort,„ein Ritter vielleicht oder ein Baronet.“ Sie erhob ihre Hände. „Ach ja!“ ſeufzte ſie, nachdem ſie einige Augenblicke über meine Worte nachgeſonnen,„er bekommt eine herr⸗ liche junge Dame zur Frau, die ebenſo gut, als ſchön, und,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ihre todten Augen nach mir richtete und ihre Hand auf meinen Kopf legte,„und glücklich wird das junge Mädchen ſein, das bei meiner jungen Dame iſt.“ Zwarzigſtes Kapitel. So war es einen Monat ſeinen gewöhnlichen Gang gegangen, als Cornelius ſeine Glückliche Zeit verkaufte. Kate nahm ihm das Verſprechen ab, mit dem Gelde Daiſy Burns. I. 20 4 306 nicht verſchwenderiſch umzugehen; die einzige Thorheit, deren er ſich ſchuldig machte, war nicht ſehr koſtbar. Eines Morgens, als Miriam nach dem Atelier kam, um, wie gewöhnlich, zu ſitzen, zog Cornelius ein paar Kapſeln von Maroquin hervor; jede enthielt ein Silber⸗ bracelet von Filigranarbeit: er bat ſie, zu wählen und eines als Geſchenk anzunehmen. Sie ſaß in der Stel⸗ lung und dem Coſtüme der Medora da, er ſtand neben ihr, ſein Geſchenk in der Hand. „Soll ich wirklich wählen?“ ſagte ſie;„was wird Miß O Reilly ſagen?“ „O, das Andere iſt nicht für Kate, ſondern für Daiſy,“ antwortete er ruhig. Ich ſah eine kaum merkbare Veränderung auf ihrem Geſichte vorgehen; ſie enthielt ſich jedoch jeder Bemer⸗ kung, warf einen gleichgültigen Blick auf die beiden Bra⸗ celets 5 wählte das Eine, indem ſie kurz ſagte: „Dies.“ Cornelius legte das verſchmähte Bracelet auf den Tiſch vor mich und ſagte hinwerfend: „Hier, mein Kind, das iſt für Dich.“ Und ohne auf meinen Dank zu achten, wandte er all' ſeine Aufmerkſamkeit der angenehmen Beſchäftigung zu, das Bracelet, das ſie angenommen, an dem ſchönen Arm ſeiner Geliebten zu befeſtigen. Es dauerte ſehr lange. Das Schloß, ſagte er, ſei nicht gut; ſie erlaubte ihm, es ſo oft er wollte, zu ſchließen und zu öffnen. Als er endlich damit fertig war, ſah ſie auf ihren Arm herab und ſagte in nachläſſigem Tone:„wie ſchön!“ „Die Hand oder das Armband?“ fragte er lächelnd. „Das Armband natürlich.“ 1 „Iſt das wirklich Ihre Meinung?“ rief er höchſt erfreut;„ich fürchtete, Sie werden es nicht hübſch fin⸗ den; es iſt von geringem Werthe.“ „Es iſt ſehr hübſch,“ ſagte ſie wieder. „Lieben Sie Schmuck?“ fragte er lebhaft. — 307 „Im Allgemeinen nicht.“ Er ſchien unangenehm enttäuſcht. „Warum lieben Sie nicht Diamanten, Perlen und Rubinen?“ ſagte er mit lächelndem Vorwurf,„dann hätte ich das Vergnügen, denken zu können— ich ver⸗ mag ſie ihr zwar jetzt noch nicht zu geben, aber ich werde ſie ihr ſpäter erwerben.“ Ja, es iſt ſchade,“ verſetzte ſie mit leichter Ironie, „aber ich habe noch ein Hühnchen mit Ihnen zu pflücken: warum vergeſſen Sie Ihre Schweſter?“ „Kate vergeſſen? ſie trägt nie Schmuck, Miriam.“ Sie antwortete nicht. Er blieb einen Augenblick bei ihr und begann dann zu arbeiten. Es war ſehr freundlich von Cornelius, daß er mir das Geſchenk machte und doch reizte er nur die geheime Eiferſucht, die er zu dämpfen beabſichtigt. Er hatte die beiden Bracelets auf ſo verſchiedene Weiſe gegeben. Sie waren von gleichem Werthe, vielleicht von gleicher Schön⸗ heit; aber ſie hatte die Wahl zwiſchen beiden gehabt; das Verſchmähte gehörte mir. Er hatte gleichgültig das Meine vor mich gelegt und das ihrige mit liebevoller Zärtlicheit ſelbſt an ihren Arm befeſtigt. Er hatte meinen geflüſterten Dank kaum gehört oder beachtet: ſie hatte ihm nicht gedankt und er ſchien entzückt, daß ſie ſeine Gabe nur angenommen. Kurz, gerade damit, womit er mir eine Freude zu machen gehofft, hatte Cornelius den großen und natürlichen Vorzug verrathen, der meine einzige Qual war. Seine Gabe hatte ihren Werth ver⸗ loren. Ich legte das Bracelet an, betrachtete es an meinem Arm, ſchloß es dann wieder in die Kapſel und las, während ſie ſaß und er malte. Gegen Abend verließ ſie uns auf eine Stunde. Cor⸗ nelius folgte ihr bis an die Treppe; er hatte die Thüre offen ſtehen laſſen, und unwillkürlich vernahm ich den Inhalt ihres Geſpräches. Es betraf mich. Cornelius fragte, ob ich nicht ſehr blaß ausſehe. Ich ſei in der letzten Zeit etwas kränklich geweſen, und er habe große Sorge um mich. „Sie kömmt mir vor wie immer,“ ſagte Miriam ruhig;„ſie iſt immer blaß, und da ſie nicht hübſch iſt, ſo ſieht ſie gleich kränklich aus.“ „Ja, das iſt wahr,“ verſetzte Cornelius, den dieſe Bemerkung zu tröſten ſchien. Was ſie noch weiter ſprachen, hörte ich nicht; mein Blut glühte wie Feuer. Ich war nicht hübſch, das wußt ich wohl, aber mußte man ihm das täglich wiederholen, bis ich es als eine anerkannte Thatſache von ſeinen Lippen hörte? War es denn etwas ſo Ungewöhnliches, hübſch zu ſein? War ich denn das erſte unſchöne Mäd⸗ chen? Sollte ich nicht meines Gleichen haben? Ich war um ſo aufgebrachter, als mir der Ton Miriam verrieth, daß ſie nicht belauſcht zu ſein glaubte. Sie hatte mich nicht ärgern wollen: ſie hatte nur eine Thatſache ausſprechen wollen, die nicht abgeleugnet werden zu kön⸗ nen ſchien. Solche Reflexionen ſind nie ſehr angenehm, für die Jugend aber mir ihrem Mangel an Unabhängig⸗ keit und Selbſtvertrauen, mit ihrer empfindlichen Eigen⸗ liebe, ſind ſie unerträglich. 1 Cornelius, der den Sturm nicht kannte, welcher in mir grollte, war wieder in das Atelier getreten und hatte ſeine Arbeit fortgeſetzt. Er ſchien in einer ebenſo heitern und glücklichen Stimmung zu ſein, als die meine bitter und unzufrieden war. Er arbeitete eine Zeitlang in voll⸗ kommenem Schweigen, und rief mich dann plötzlich an ſeine Seite. Ich verließ den Tiſch, ging zu ihm hin und ſtand mit meinem Buche in der Hand neben ihm, wartend, was er wohl ſagen werde. Er legte ſeine Hand auf meine Schulter und fragte, die Augen feſt auf Me⸗ dora geheftet:„Welche Fortſchritte macht es?.. „Es wird bald fertig ſein, Cornelius,“ antwortete ich und wollte an meinen Platz zurückkehren. Er hielt mich jedoch zurück.. 3⁰9 „Du brauchſt nicht ſo zu eilen. Sieh dies Geſicht an,— iſt es nicht hübſch?“— Er hätte keine unglücklichere Frage an mich richten können. Er ſah das Bild an, aber ich wußte, er dachte an die Geliebte. Ich antwortete nicht. Er wandte ſich überraſcht nach mir um. „Findeſt Du es nicht hübſch?“ fragte er ungläubig. „Nein, Cornelius,“ antwortete ich und ging an meinen Platz zurück, während ich ſprach. „Ich ſprach nur, wie ich dachte; ich hatte längſt aufgehort, Miß Ruſſell ſchön zu finden. Cornelius wurde ſcharlachroth und ſagte, ziemlich ungehalten:„Es wäre weit ehrlicher, wenn Du geſtändeſt, daß Du ſie nicht ma ſt.“ 3 4„Ich ſagte nie, daß ich ſie leiden möge,“ antwortete ich, durch dieſen Vorwurf der Unehrlichkeit verletzt, da gerade die allzugroße Offenheit mein Fehler war. Ich ſagte dies, obwohl ich genau berechnen konnte, daß es ihn im höchſten Grade aufbringen werde; aber er ſah mit einem Blicke des Mitleids auf mich herab. „So biſt Du alſo noch immer eiferſüchtig,“ ſagte er ruhig;„armes Kind, wenn Du wüßteſt, wie thöricht, wie lächerlich ſolche Eiferſucht denen erſcheint, die ſie eehen.“ t Ich wollte lieber, Cornelius hätte mich geſchlagen, als daß er dies geſagt; ich konnte es nicht ertragen, und indem ich mein Geſicht in meinen Händen barg, brach ich in Thränen aus. Er nahm ruhig ſeine Arbeit wieder auf und ſagte im ruhigſten Tone: „Wenn ich an Deiner Stelle wäre, Daiſy, würde ich nicht kindiſch weinen, ſondern die thörichten Gefühle aufgeben und mich zu beſſern ſuchen. Das thu, mein liebes Kind; es iſt ein ſchrecklich Ding um den Haß.“ Meine Thränen verſiegten; ich ſah auf und richtete die Anklage gegen den Kläger. „Cornelius,“ ſagte ich,„ich haſſe Miß Ruſſell nur halb ſo ſehr als ſie Suh h baſß B Auſf „Sie Dich haſſen!“ rief er mit unwilligem Mitleid; „armes Kind!“ „Und wenn ſie mich nicht haßt,“ rief ich, dem ſeit Wochen und Monaten angeſammelten Grolle Luft ma⸗ chend:„wenn ſie mich nicht haßt, Cornelius, warum war ſie ſo erfr ut, als ſie mich von den Maſern entſtellt glaubte und zu mir kam, um mich zu ſehen? Warum gab ſie mir ein Kleid, in dem ich ſo ſchlecht ausſah, daß Kate, wie Du weißt, es mich nie anziehen ließ? War⸗ um hieß ſie Dich, mich in eine Penſion ſchicken? War⸗ um kam ſie von Haſtings zurück und veranlaßte Dich, das Geſtohlene Kind bei Seite zu ſetzen? Warum wollte ſie nicht zugeben, daß Du mich ferner unterrichtet? War⸗ um vergeht kein Tag, an dem ſie Dich nicht erinnert, daß ich kränklich, unſchön und blaß bin?“ Ich erhob mich, indem ich die mir widerfahrenen Unbilden aufzählte; Cornelius ſah mich ſehr verlegen an. „ͤ;8Du ſagſt, ich ſeie eiferſüchtig auf ſie?“ fuhr ich fort, durch meine Thränen ihn anblickend;„ich bin es, Cornelius, aber ich bin nicht halb ſo eiferſüchtig, als ſie, und doch liebe ich Dich zweimal ſo ſehr, als ſie. Um Deinetwillen wollte ich ſie nicht böſe machen, und ſie hut alles Mögliche, mich zu quälen. Ich könnt' es ertragen, daß Du ſie ſehr und mich nur wenig liebſt; aber wenn ſie könnte, würde ſie Dich ganz abwendig machen. Wenn Du ein freundliches Wort zu mir ſagſt oder mich küſſeſt, ſo ſieht ſie aus, als ob ſie krank davon würde; ſie haßt mich, Cornelius, ſie haßt mich von gan⸗ zem Herzen.“ Thränen erſtickten meine Worte. Cornelius ſeufzte tief. „Armes Kind,“ ſagte er mit einem mitleidigen Blicke,„wie kannſt Du Dich ſolch' ſeltſamen Tänſchungen hingeben?“ 4 Ich ſah ihn an; er ſchien nicht ärgerlich, weit entfernt. 311 Ach, es war mir nur zu klar: jedes Wort, das ich geäußert, hatte er für den Ausfluß toller Eiferſucht ge⸗ halten. Cornelius ſetzte ſich nieder und rief mich an ſeine Seite. „Komm' zu mir,“ ſagte er freundlich,„und laß uns vernünftig mit nnande reden.“ „Wenn Du wüßteſt,“ fuhr er fort, indem er meine Hände in die ſeinen nahm,„wie blind Dn biſt, Du würdeſt Dein Wort zurücknehmen. Wie kannſt Du den⸗ ken, daß Miriam, die ſo gut, ſo freundlich iſt, Dich haſſen werde? Verſprich mir, daß Du dieſe Idee auf⸗ geben willſt.“ „Ich kann nicht— ich weiß beſſer— es vergeht kein Tag, an dem ſie mich nicht quält.“ 1 „Armes Kiud! Du biſt Dein eigener Peiniger. Sie Dich quälen! Sieh dieß ſchöne Geſicht an und frage Dich ſelbſt, iſt es möglich?“ „Schön!“ wiederholte ich,„ich halte ſie nicht für ſchön, Cornelins.“ „Ja, ich weiß,“ antwortete er gelaſſen,„aber das iſt nur, weil Du ſie nicht leiden magſt.“. 3 „Nein, ich mag ſie nicht,“ rief ich leidenſchaftlich, „weder ſie, noch irgend etwas, was ihr gehört: nein— nicht mal Dein Bild, Cornelius.“ Er ließ meine Hand ſinken, ſtand auf, und blickte zornig und mit tief geröthetem Geſicht auf mich herab. „Du brauchſt mir das nicht zu ſagen,“ rief er un⸗ gehalten,„der Blick des Widerwillens und des Haſſes, den Du ſo eben auf dies Bild geworfen, ſagt mir, daß, wenn Dir auch die Macht, dem Original etwas Böſes zuzufügen, fehlt, Du doch den Willen dazu hätteſt.“ Er wandte ſich von mir weg und kam dann zurück. „Aber merke Dir,“ ſagte er ſtreng, und legte ſeine Hand auf meine Schulter, während er ſprach:„daß wenn Du es auch gewagt, mir ein Gefühl zu enthüllen, deſſen Daſein Du anzuerkennen erröthen ſollteſt, ſo werde ich 312² doch nicht geſtatten, daß Du dieß Gefühl in irgend einer Weiſe an den Tag legeſt, hörſt Du mich?“ „Ja, Cornelius,“ verſetzte ich, durch die unverdiente Anklage und das ungerechtfertigte Verbot verletzt;„aber ich bin ſo gottlos, kannſt Du mich hindern, es zu zeigen?“ Ich hatte nicht die Abſicht, es zu zeigen, aber er nahm meine Worte im ſchlimmſten Sinne, denn ſeine Augen leuchteten, als er antwortete. „Ich werde ſehen, ob ich es nicht kann.“ Ich war zu ſtolz und zu ſehr beleidigt, um mich auf eine Rechtfertigung einzulaſſen. Ich verließ das Atelier und blieb bis zum Mittageſſen in meinem Zim⸗ mer. Cornelius nahm keine Notiz von mir; Miriam, welche oft mit uns aß, war dagegen ſehr freundlich und aufmerkſam gegen mich. Ich ſah, ſie hatte alles aus ihm herausgelockt. Kate benahm ſich, als ob ſie nichts wüßte und nichts ahnte, bewunderte die Bracelets, und als ſie ſah, daß ich bei ihr bleiben wollte, nachdem die beiden andern das Wohnzimmer verlaſſen, ſagte ſie heiter, ich ſolle ruhig gehen, ſie brauche meine Geſelſſchaft nicht, da ſie ausgehen wolle. Ich gehorchte, indem ich das Zimmer verließ, aber ich ging nicht nach dem Atelier. Ich nahm meine Zuflucht nach dem eigenen Zimmer, um mein Vergehen und meine Unklugheit zu bereuen. Ich wußte wohl, wie unrecht die Gefühle waren, die ich Cornelius geoffenbart und noch mehr, wie einige leidenſchaftliche Worte das wieder vernichtet, was ich durch die Geduld und das ſchweigende Ertragen eines ganzen Monats aufgebaut. Ich blieb bis zur Abend⸗ dämmerung in meinem Zimmer; als das Tageslicht ver⸗ ſchwand, hörte ich Miriam das Atelier verlaſſen und hinuntergehen. Ich wartete einen Augenblick und ſchlich dann leiſe in das Atelier hinauf. Ich trat mit pochen⸗ dem Herzen ein, denn ich wollte Frieden mit Cornelins machen. Das Zimmer war leer. Ich ſetzte mich an den Tiſch, in der Hoffnung, er werde wieder kommen. Es 4 313 geſchah jedoch nicht. Ich wartete noch, um, wenn er mich zum Thee riefe, die Gelegenheit zu ergreifen, mit ihm zu ſprechen. Er rief mich, aber von der Flur des erſten Stockes. 8 „Was haſt Du in dem Atelier gethan?“ fragte er etwas ſtreng, als ich hinabkam.. „Ich wollte mit Dir ſprechen, Cornelius.“ „Und ſuchteſt mich deßhalb an einem Platze, wo ich niemals zu dieſer Zeit bin. Sage doch lieber, Du gingſt hinauf, um Deinem Trotze nachzuhängen und mache keine Ausflüchte.“ Ich konnte nicht antworten, dieſe Unfreundlichkeit des Tones und Weſens verletzte mich zu ſehr. Natür⸗ lich verſuchte ich jetzt nicht, einen Schritt zur Verſöhnung zu thun. Miriam machte den Thee. Das Eſſen ging ſtumm und raſch vorüber. Die Liebenden gingen in den Garten. Ich blieb allein. Es dauerte nicht lange, ſo ſah Deborah in das Zimmer herein. „Ich gehe aus, Miß,“ ſagte ſie,„ſoll ich etwas be⸗ orgen?“ 3 Ich antwortete, ſie ſolle lieber ihren Herrn fragen. Die Thüre und Fenſter zum hintern Zimmer ſtan⸗ den offen. Ich hörte ſie fragen und ihn„Nein!“ ant⸗ worten; ſie ging und ich ſah ſie den Hain hinuntergehen. Es wurde ziemlich dunkel, aber Miriam und Cor⸗ nelius waren noch immer draußen. Ich vermuthete, ſie werden einen Spaziergang in den Straßen machen; als ich aber an das Fenſter des hintern Wohnzimmers trat, ſah ich ſie beide bei der Sonnenuhr ſtehen. Der Mond ſiel mit ſeinen vollen Strahlen auf ſie herab und beleuch⸗ tete beſonders ſie, und ich mußte der Schönheit die Ehre geben, die ich am Morgen vergeblich geläugnet. Sie trug noch das weiße Kleid der Medora und wie ſie ſo da ſtand, mit dem prachtvollen nackten Arm auf die Sonnenuhr geſtützt, ſah ſie wie eine Statue der Ruhe und Schönheit aus. Cornelius ſtand neben ihr, hielt ihre andere Hand in der ſeinen und ſchwieg. Endlich ſagte er:„Sie ha⸗ ben es verloren.“ ſie hielt ihm ihren Arm mit nachläßiger Grazie hin. Ich glaube, es war das Bracelet, das er daran befeſtigte. Er hob wirklich ungehindert den ſchönen Arm an ſeine ippen. ten; mein Herz war zum Zerſpringen voll. Ich wandte mich weg und ging wieder nach dem vordern Wohnzim⸗ ich Jemand in der Hausflur; die Thüre wurde ge⸗ öffnet; ich ſah Miriam langſam durch den vordern Garten gehen, eine Roſe abbrechen, die Thüre öffnen und ſich nach ihrem eigenen Hauſe wenden. Endlich konnte ich mit Cornelius ſprechen; ich eilte in den Garten hin⸗ aus, er war nicht da; ich rief ihn; er antwortete nicht. Ich ging die Treppe hinauf und klopfte an ſeine Thüre; „Suchen Sie es,“ lautete ihre gleichgiltige Antwort. Er bückte ſich und hob etwas aus dem Graſe auf; Ich war nicht hiehergekommen, um ſie zu beobach⸗ Ich ſetzte mich an's Fenſter. Kurz darauf hörte auch dort war er nicht; ich ſuchte in dem Atelier und ſah hinein, aber mit demſelben Erfolge. Auch er mußte fortgegangen ſein und ich war alſo allein im Hauſe. Ich fürchtete mich nicht, aber ich war unangenehm in meiner Erwartung getäuſcht und ſetzte mich in trauriger Stimmung oben an die Treppe. Ich war nur wenige Minuten dort geweſen, als ich einen Tritt hörte, welchen ich als den von Cornelius erkannte. und mit ſcharfem Tone. „Biſt Du es, Daiſy?“ fragte er kurz anhaltend „Ja, Cornelius.. „Was thuſt Du hier?“ „Ich glaubte, Du ſeieſt hier!“ „Du weißt, ich war draußen.“ —— 315 „Nein, Cornelius, ich wußte es nicht.“ „Das iſt ſeltſam; Miriam hörte Dich antworten, bues c Dich vom Garten aus fragte, ob Deborah zu⸗ rück ſei.“ „Miß Ruſſell muß ſich getäuſcht haben, Cornelius. Ich hörte Dich nicht, und antwortete nicht. Ich kam hier⸗ her, um nach Dir zu ſehen; gewiß ich that's.“ „Gut,“ antwortete er,„laß mich vorbei, ich will hinaufgehen.“ Ich ſtand auf, ſagte aber, während ich dieß that, noch einmal:„Ich wollte nach Dir ſehen, Cornelius.“ Ich hoffte, er werde fragen, was ich von ihm wollte, er verſetzte jedoch ſehr kalt: „Ich ſagte ja das Gegentheil nicht,“ und er ging an mir vorüber, um in das Atelier zu treten, wo er nach etwas zu ſuchen begann. „Was haſt Du mit dem Feuerzeug gemacht?“ fragte er endlich ungeduldig. „Ich habe es nicht berührt, Cornelius: aber wenn Du etwas brauchſt, ſo kann ich Dir's ohne Licht ſuchen.“ Er antwortete nicht, ſondern ſuchte im ganzen Zim⸗ mer umher. Ich drängte ihm meine Dienſte auf. „Laß mich ſuchen, Cornelius, Du weißt, ich brauche kein Licht.“ „Danke,“ verſetzte er trocken,„ich habe jetzt, was ich brauche; aber ich muß mir ausbitten, daß Du meine Bücher liegen läſſeſt. Ich fand ſoeben ein Buch anf dem Boden, das ich auf dem Tiſche liegen ließ. Ich bin doch neugierig zu erfahren, was Du um dieſe Stunde im Atelier wollteſt.“ 1 Mit dieſen Worten ſchloß er die Thüre, verriegelte ſie und ging, den Schlüſſel in die Taſche ſteckend, die Treppe hinab, ohne ein Wort weiter an mich zu ver⸗ lieren. Ich fühlte mich ſo mißſtimmt, daß jeder Wunſch nach einer Erklärung in mir erſtarb; aber ſelbſt wenn ich dieſen noch gehabt, wäre mir die Gelegenheit benom⸗ men geweſen. Als ich ihm hinunter folgte, fand ich ihn im Wohnzimmer mit Kate, welche fragte, wo Deborah ſei.— „Sagteſt Du nicht, Deborah ſei da?“ fragte Cor⸗ nelius und wandte ſich an mich. „Nein, Cornelius.“ „Miß Ruſſell hörte doch.“ „Sie kann es nicht gehört haben,“ antwortete ich ungehalten,„ich weiß nicht, warum Du mir nicht ebenſo gut als ihr glauben willſt.“ Cornelius warf mir einen ſtrengen Blick zu. „Du wurdeſt ja nicht angeklagt,“ ſagte er,„und brauchteſt Dich nicht in dieſem Tone zu rechtfertigen.“ Kate warf uns einen flüchtigen Hlic zu und ſagte kurz: „Ich bin erſtaunt über Deborahs Ausbleiben; Du haſt vielleicht ausgehen wollen.“ „Ich ging aus,“ verſetzte Cornelius,„in der Mei⸗ nung, ſie ſei da; aber ich blieb nur wenige Minuten fort./ „Blieb Daiſy allein?“ „Ich vermuthe, denn als ich zur Hinterthüre hinaus ging, ging Miriam durch die Vorderthüre weg, aber die Nachbarſchaft iſt ſicher und Daiſy fürchtet ſich gewiß nicht.“ „Sie ſteht ſehr blaß aus,“ ſagte Kate:„was haſt Du ihr gethan?“ „Was hat ſie mir gethan?“ antwortete er kalt. Kate ſeufzte und legte die Hand auf meine Schulter, indem ſie theilnehmend zu mir herabſah. „Geh zu Bette, Kind,“ ſagte ſie freundlich. Nichts war mir angenehmer. Sie küßte mich und ſagte wiederum, ich ſei ſehr blaß; ihr Bruder erhob die Augen nicht von ſeinem Buche. Ich hielt ihn für unfreundlich und fühlte mich von ihm gekränkt. Ich war ſtolz, ſelbſt ihm gegenüber; ich verließ das Zimmer ohne 3 317 ihm gute Nacht zu wünſchen und ging, ohne eine Ver⸗ ſöhnung verſucht zu haben, zu Bette. Am folgenden Morgen erwachte ich in einer elenden unglücklichen Stimmung. Kate bemerkte meine niederge⸗ ſchlagenen Blicke und meine mürriſchen Antworten beim Frühſtück und ſagte etwas ſcharf: „Ich möchte wiſſen, was mit Dir iſt, Kind.“ Ich antwortete nicht, ſondern ſah mürriſch in meine Taſſe; als ich zufällig meine Augen erhob, begegneten ſie Cornelius' feſt auf mich gerichtetem Blicke. Ich fühlte, daß ich erröthete, erblaßte. Mit einem Gefühl von Schmerz, ſah ich von ihm weg. Sogleich nach dem Frühſtück, und ohne daß er mich aufforderte, ihn zu begleiten, ging ich nach dem Atelier hinauf; er war nicht lange dort geweſen, und ich lauſchte noch der Strafpredigt, die mir mein Benehmen vorwarf, ſo hör⸗ ten wir die Stimme ihres Bruders, der in einem be⸗ fremdenden Tone von oben herabrief: „Daiſy.“ Ich gehorchte dem Rufe. Cornelius ſtand auf der Flur und wartete auf mich. Er ließ mich in das Zimmer eintreten, folgte mir dann und ſchloß die Thüre. Ich ſah ihn an und blieb ſtille ſtehen; ſeine Stirne war blaß und gefaltet; ſeine braunen Augen, ſonſt ſo freundlich und heiter, glühten von einem unheimlichen Feuer; ſeine Lip⸗ pen waren weiß und dünn und zitterten krampfhaft. Noch nie hatte ich ihn ſo geſehen. Er nahm mich an der Hand— und führte mich an ſeine Staffelei. „Sieh!“ ſagte er in leiſem Tone. Aber ich konnte meine Augen nicht von ihm ab⸗ wenden. „Sieh!“ ſagte er wieder. Ich gehorchte wehmüthig und fuhr erſchrocken zurück. VWo ſonſt das ſchöne, tiefſinnende Antlitz Medoras einſt nach dem Himmel geblickt, war jetzt nichts, als ein hineinkam, denn ich hatte den Schlüſſel in meiner Taſche. ſſetzte ich und blickte zu ihm auf. Schulter, indem er ſich zu mir herabbeugte, ich ſehe das nicht, Daiſy. Ich ſehe, daß nur zwei Perſonen es büßlicet Klep. Ich ſah anfangs ungläubig hin; endlich agte ich: „Wie kam das, Cornelius?,, „Du meinſt, wer that das?“ verſetzte er. 3 „Hat'’s denn irgend Jemand gethan?“ fragte ich und ſah zu ihm auf. Er faltete ſeine Arme über die Bruſt und blickte mich an. „Du fragſt, ob es irgend Jemand gethan?“ rief er. „Ja, Cornelius, denn wer konnte es thun, da Du weißt, daß Niemand im Hauſe war, als wir beide?“ „Es iſt wahr, Niemand, als wir beide,“ antwortete er mit einem Lächeln, deſſen volle Bedeutung ich nicht verſtand.„Kate konnte es nicht ſein, denn ſie war fort.“ „Auch Deborah nicht!“ fügte ich raſch hinzu. „Und Miß Ruſſell ging zu gleicher Zeit mit mir.“ „Ich weiß gewiß, Niemand kam in Dein Atelier, während Du fort warſt, Cornelius, denn ich ſaß oben an der Treppe.“. „Und ich bin überzengt, daß Niemand in der Nacht „Dann ſiehſt Du, daß es Niemand gethan,“ ver⸗ „Ich ſehe,“ ſagte er und legte ſeine Hand auf meine gethan haben können,— Du oder ich,— ich will Dich rathen laſſen, wer es war.“. „Und haſt Du es wirklich gethan, Cornelius?“ fragte ich höchſt erſtaunt. Cornelius' Augen funkelten, ſeine Lippe zitterte, und indem er ſich in wildem Zorne von mir abwandte, ſagte er ziemlich ruhig: „Geh fort.“ Ich ſah ihn an— die Wahrheit durchzuckte mich — Cornelius hatte mich im Verdachte, daß ich es geß 319 than. Ich war weit mehr von Erſtaunen, als von Ent⸗ rüſtung betäubt. 6 „Haſt Du mich gehört?“ fragte er, mit der gleichen tödtlichen Ruhe in ſeinem Tone. „Geh fort!“ und ſeine ausgeſtreckte Hand deutete nach der Thüre. Aber ich bewegte mich nicht. „Geh fort,“ war ſeine einzige Antwort, indem er ſich von mir wegwandte. 1„Cornelius,“ wiederholte ich, indem ich ihm folgte, „glaubſt Du, daß ich es gethan?“ „Geh fort,“ ſagte er, ohne mich anzuſehen. „Cornelius, meinſt Du, ich⸗habe es gethan?“ fragte ich zum dritten Male und ſtellte mich vor ihn, um ihn zum Stehen zu bringen. Ich war nicht ärgerlich— ich war kaum bewegt— ich ſprach ruhig, aber ich fühlte, daß, wenn er mich auch in der nächſten Minute ermor⸗ dete, ich eine Antwort hätte von ihm erzwingen müſſen und erzwingen würde. „Ja,“ antwortete er, mit einer Art zornigen Er⸗ ſtaunens über meine Kühnheit;„ja, ich ſage, Du haſt es gethan.“ Ich trat einige Schritte zurück und mein erhobener Blick begegnete dem ſeinen. hesee, ſagte ich ſehr ernſt,„ich habe es nicht gethan.“ „So, Du haſt es nicht gethan?“ rief er. „Nein,“ verſetzte ich und ſchüttelte über dieſen ſelt⸗ ſamen Irrthum den Kopf. „Du haſt es nicht gethan— wer dann?“ „Ich weiß es nicht, Cornelius, wie ſollt' ich auch?“ „Wie ſollteſt Du? War es nicht ſoeben noch bewieſen, daß es nur zwei Perſonen gethan haben konnten, Du oder ich und da ich zufällig es nicht geweſen bin, ſo folgt ganz natürlich, daß Du es biſt.“ „ So!“ wiederholte Cornelius, im ſelben Tone, 8 Ich ſah ihn ungläubig an: ich glaubte nur vernei⸗ nen zu dürfen, um meine Unſchuld zu beſtätigen, und vermuthete deßhalb, er habe mich nicht verſtanden. „Cornelius,“ ſagte ich,„hörteſt Du nicht, daß ich ſagte, ich ſei es nicht geweſen?“ „Ich hörte es— was iſt damit geſagt?“ „Nun, daß ich es nicht ſein kann.“ „Wer ſonſt?“ „Ich weiß nicht!“ „War das Bild nicht unverletzt, als ich wegging?“ „Ja, Cornelius, denn ich war noch hier, als Du weg gingſt und ich ſah es.“ „Du geſtehſt?“ 3 „Warum nicht, Cornelius.“ „Du geſtehſt, daß Du hier warſt, nachdem ich mit Miriam fortgegangen, und daß Du bis zum Thee ge⸗ blieben, zu welcher Zeit ich Dich ſelbſt gerufen.“ „Ja, Cornelius, ich war hier oben.“ 4 „Bliebſt Du nicht allein im Hauſe, als Alles fort war?“ 5 „Allerdings, Cornelius.“. „Fand ich Dich nicht an der Thüre dieſes Zim⸗ mers?“ „Ja, Cornelius, ich ſaß oben an der Treppe.“ „Hinderteſt Du mich nicht, ein Licht anzuzünden?“ „Ich ſagte, Cornelius, ich könne ohne Licht finden, was Du ſucheſt.“ „Und Du ſagteſt das zweimal— zweimal.“ „Allerdings, ich glaube zweimal.“ „Ich that, kaum weiß ich weßhalb— etwas ganz Ungewöhnliches— ich ſchloß die Thüre, ich nahm den Schlüſſel. Mußt Du nicht zugeben, daß, was geſchah, vorher geſchehen ſein mußte?“ „Ja, Cornelius.“ Ich ſprach wie im Traume. Jede Antwort ſiel me⸗ chaniſch von meinen Lippen, und doch wußte ich, daß 321 mit jedem Wort des Zugeſtändniſſes, das Netz der Wahr⸗ ſcheinlichkeit, welche ich nicht mal zu widerlegen ſuchen konnte, ſich immer enger zuſammenzog. „Nun,“ ſagte Cornelius, mit dem Tone eines Rich⸗ ters, der zu Gerichte ſaß,„was haſt Du gegen That⸗ ſachen zu ſagen, die durch Deine eignen Geſtändniſſe be⸗ ſtätigt werden?“ „Nichts, als daß ich es nicht gethan.“ SIch ſprach kaum hörbar; denn meine Sinne ſchwanden und ich fühlte mich ſo ſchwach, daß ich mich an der Lehne eines Stuhles halten mußte, um nicht umzufallen. Cornelius ſah dies; er wandte ſich raſch nach mir um— denn er ging im Zimmer auf⸗ und ab— und ſchien mit ſich zu kämpfen; endlich blieb er ſtehen, ergriff meine Hand, hieß mich auf das Ruhebett ſitzen und nahm neben mir Platz. „Komm,“ ſagte er in etwas milderem Tone,„ich ſehe, was es iſt, ich habe Dich erſchreckt,— Du fürchteſt Dich, es zu geſtehen,— das iſt', nicht wahr?“ „Nein, Cornelius.“ „Was iſt es dann? Furcht vor Beſtrafung?“ Ich ſchüttelte den Kopf. „Scham,“ ſagte er in leiſem Tone.„Nein? was dann?“— „Ich habe es nicht gethan, Cornelius.“ Er ließ meine Hand ſinken. „Nimm Dich in Acht,“ ſagte er in einem leiſen Tone, der trotz ſeiner ſcheinbaren Milde etwas Drohendes hatte, „nimm Dich in Acht! Ich war geduldig, aber ich kann leicht gereizt werden. Ich kann nur Handlungen der Leiden⸗ ſchaft, der Eiferſucht und ſelbſt des Neides verzeihen, aber niemals eine Lüge vergeben.“ Ich liebte ihn, aber mein Blut ſtieg mir bei dieſen Worten zu Kopf. 4 . Bin ich eine Lügnerin?“ fragte ich und ſah ihm offen ins Geſicht;„war ich je eine?“ Daiſy Burns, I. 21 322 „Nie,“ antwortete er bewegt,„und ich will es nicht als eine That der Hinterliſt, ſondern als die Folge von Furcht, Hartnäckigkeit oder mißverſtandenem Stolz be⸗ trachten. Ich will ſogar hinzufügen, daß ich Dich der Täuſchung unfähig halte, denn geſtern verrietheſt Du Deine Gefühle bezüglich dieſes Bildes und des Origina⸗ les mit ſeltſamer Unklugheit, und dieſen Morgen trugſt Du in Deinem Geſichte das Bewußtſein Deiner Schuld. Und nun höre mich. Du haſt das Werk, das ich ſchätzte, vernichtet, das Bild der, die ich liebte, verunſtaltet; Du haſt mich gereizt, gequält, beleidigt, und doch ver⸗ gebe ich Dir. Ja, mehr noch: weder Kate, noch Miriam ſollen es erfahren, was geſchehen. Ich will der, die ich trotz ſo mancher Fehler lieben muß, dieſe Demüthigung erſparen und Alles unter einer Bedingung— einer leich⸗ ten— geſtehe.“ „Ich kann nicht,“ rief ich leidenſchaftlich,„wie kann ich?“ Er unterbrach mich.„Nimm Dich in Acht,“ ſagte er wieder,„beſtehe nicht darauf. Ich ſprach ruhig, aber ich bin noch ſehr ärgerlich, Daiſy. Läugne nicht länger, böſes Kind.“ Er war freilich ſehr ärgerlich. Seine zuſammenge⸗ zogene Stirne— ſein unruhiger Blick, in welchem ein ſchlecht unterdrücktes Feuer glühte,— ſeine Lippe, die er ungeduldig zuſammenpreßte, ſagten mir, daß ſein Zorn nur unter einer ſcheinbaren Ruhe ſchlafe. Er wollte nicht, daß ich läugne, und ich konnte nicht geſtehen; ein ſelt⸗ ſames Gemiſch von Verzweiflung und Rückſichtsloſigkeit ergriff mich. Ich drängte mich näher an ihn, ich ſchlang meinen Arm um ſeinen Hals und legte meine Hand an ſein Herz, damit ſein Zorn, wenn er mich träfe, we⸗ nigſtens hier mich ereile. Er ſtieß mich nicht weg— weit entfernt, er zog mich näher an ſich. „O ja!“ ſagte er, indem er zu mir herabſah,„ich habe Dich ſehr lieb.— Du brauchſt nicht hierher zu kom⸗ 323 men, um es mir zu ſagen— ich weiß es und weiß es nie beſſer, als wenn Du mich böſe machſt: wenn Du morgen ſtürbeſt, ich würde mich Tage, Wochen und Mo⸗ nate lang grämen und doch bin ich zornig und Du ſoll⸗ teſt mich nicht reizen.“ Warum fand ich ein ſo ſeltſames Vergnügen an ſei⸗ nem Zorne, daß ich dem Drange meines Herzens nicht widerſtehen konnte, und meine Lippen auf ſeine Wangen drücken mußte. „Ja,“ ſagte er ruhig,„Du darfſt mich wohl küſſen; aber vertraue nicht darauf— ſelbſt wenn ich Dich küſſe nicht,— ich bin ſehr böſe.“ „Aber Du liebſt mich, Cornelius, Du weißt, Du liebſt mich; ſei ſo böſe, als Du willſt, Du kannſt mir keine Furcht einjagen.“ 3 „Ja, ich liebe Dich,— Du böſes Kind!“ verſetzte er mit einem befremdenden Blicke;„aber erfahre trotz alledem, was Du zu erwarten haſt. Geſtehe, und ich ver⸗ gebe Dir gern. Läugne und Du wirſt mich ebenſo un⸗ barmherzig in meiner Beſtrafung finden, als ich jetzt offen im Vergeben bin. Ich würde Dich allerdings hier behal⸗ ten, aber aus meinen Armen und aus meinem Herzen verbannen. Ich kann es, Daiſy! Ja, ſo ſicher als Deine Arme ſich jetzt um meinen Hals ſchlingen, und Deine Wange jetzt an der meinen ruht, ſo ſicher, als ich Dir jetzt dieſen Kuß gebe, werde ich bei dem beharren, was ich ſage.“ Er küßte mich während er ſprach und zwar ſehr freundlich: aber ſein blaſſes, ſtrenges Geſicht, gab mir nicht die leiſeſte Hoffnung, daß ich ihn werde bewe⸗ gen können. Ich ſah ihn an und er lächelte, wie im Be⸗ wußtſein eines unabänderlichen Beſchluſſes. Das war alſo mein Schickſal— nicht mehr von Cornelius geliebt, geherzt, geliebkoſt zu werden. Der Gedanke ſtieg in all' ſeiner verzweiflungsvollen Traurigkeit vor meinem Blicke auf. Einen Augenblick fühlte ich mich verſucht, nachzu⸗ 324 geben, aber das gute Gewiſſen erhob ſich mit Entrüſtun und der Stolz empörte ſich bei dem Gedanken. Ich ſah Cornelius mit trauervollem Blicke an. Ich nannte ihn grauſam, ſtreng und unverſöhnlich in meinem Herzen V und doch glaube ich nicht, daß ich ihn je ſo ſehr geliebt, als in dieſem Augenblicke, vielleicht weil die Ueberzeu⸗ gung, die ihn mich zu verdammen zwang, ſo rein war V und er mich trotz ſeines Glaubens an meine Schuld noch ſo innig liebte. „Nun,“ ſagte er ungeduldig, denn ich wollte mich nicht aus ſeiner Umarmung losmachen, da ſie die Letzte zu ſein ſchien. Ich ſchlang meine Arme feſter um ſeinen Hals— ich küßte ſeine Stirne, ſeine Wange, ſeine Hand. „Gott ſegne Dich für all' Deine Güte, Cornelius!“ ſagte ich und weinte bitter;„Gott ſegne Dich!“ „Was weinſt Du, Kind?“ fragte er. „Und Gott ſegne Kate,“ fuhr ich fort,„obgleich ich ſie nie ſo ſehr geliebt, als Dich.“ „Daiſy!“ „Ich kaun Dich nur noch um eines bitten, küſſe mich noch einmal, Cornelius.“ „Nicht ein, ſondern zehnmal, wenn Du geſtehſt Daiſy.“. „Ja, aber küſſe mich jetzt.“ „Wozu?“ fragte er mißtrauiſch. „Weil ich Dich darum bitte.“ Er entſprach meiner Bitte, er küßte mich mehremal; und miſchte in die Liebkoſungen einzelne abgebrochene Worte. 4 „Ich weiß gewiß, Du wirſt geſtehen,“ ſagte er, „ich bin's überzeugt: Du weißt, wie ſchwer es für mich würde, Dich nicht mehr lieb haben zu dürfen— gewiß⸗ Du wirſt.“ 1 Ich ſah ihn von Thränen ganz geblendet an, dann erhob ich mich, machte meine Arme von ſeinem Hals 325 los und verließ ihn und ich hatte mein Schickſal ent⸗ ſchieden. Auch Cornelius ſtand auf, blaß vor Zorn. „Willſt Du mir trotzen?“ fragte er ungehalten. Ich antwortete nicht. „Daiſy,“ ſagte er wieder,„ich höre einen Schritt — ich laſſe Dir noch die Wahl— geſtehe, ehe Kate oder Miriam eintritt— ein Wort wird hinreichen.“ Aber meine Lippen blieben geſchloſſen und ſtumm. „Ganz wie Du willſt,“ rief er und wandte ſich zornig weg. Die Thüre öffnete ſich und Miriam trat ein, blaß und ruhig, in ihrem weißen Gewande. „Ich komme früh, wie Sie ſehen,“ ſagte ſie leiſe mit ihrer ſanften und klaren Stimme.„Was iſt das?“ fügte ſie hinzu und ſah uns erſtaunt an. „Sehen Sie hierher, hierher, Miriam!“ verſetzte Cornelius mit der Bitterkeit der Entrüſtung in ſeiner Stimme. Miriam kam langſam näher. Sie ſah zuerſt das Bild und dann mich an. „Nun,“ ſagte ſie,„es iſt ſchade, ſehr ſchade, aber es iſt ja doch nur ein Bild.“ „ Nur ein Bild!“ wiederholte Cornelius. „Ja,“ antwortete ſie,„nur ein Bild. Ich will Ih⸗ aen wieder ſitzen und Sie machen es dann noch beſſer.“ „O Miriam, Miriam!“ rief er etwas leidenſchaft⸗ lich,„es iſt nicht bloß der Verluſt des Gemäldes, was mich ſchmerzt.“ „Was denn?“ fragte ſie und ſah ihn an. „Sie fragen?“ ſagte er, ihren Blick erwiedernd; „ach, Miriam, Sie wiſſen nicht, Niemand weiß, was dies Kind mir geweſen! Ich habe Nächte lang an ibrem Krankenlager gewartet und gefühlt, daß wenn ſie ſtürbe, etwas von mir genommen würde, das mir nichts er⸗ ſetzen könnte. Obgleich ſie ein Kind war und noch iſt, machte ich ſie zu meiner Geſellſchafterin und Freundin; 326 ſie kannte mehr als irgend ein anderes lebendes Weſen meine Gedanken, Wünſche, Hoffnungen. Ich gab ihr Un⸗ terricht und fand Gefallen daran. Ich ſorgte für ſie, habe ſie ſeit Jahren gehegt und gepflegt, und ſie um ſo mehr geliebt, weil es mir freiſtand, ſie nicht zu lieben. Sie war mir theuer, wie mein eigen Fleiſch und Blut oder um ſo theurer, weil ſie nicht mein war; denn während ſie mir ſo heilig, als ob die engſten Bande der Ver⸗ wandtſchaft uns vereinten, fand ich ein Vergnügen und einen Reiz in dem Gedanken, daß ſie eine Fremde ſei. Selbſt jetzt, ſo ſehr ſie mich beleidigte at und ſchuldig iſt, fühle ich, welch' bitterer Kampf es für mich ſein wird, ſie aus meinem Herzen zu reißen.“ „Vergeben Sie ihr,“ ſagte Miriam ſanft. „Ihr vergeben! Sie will nichts von Vergebung wiſſen. Stolz und hartnäckig, trotz ihrer Schuld, ſchlägt ſie die Verzeihung aus; und ich, der ich trotz meines Zornes, als ich ſie dieſen Morgen heraufrief, meine Ehre für ihre Wabrheitsllebe zum Pfand eingeſetzt hätte— ich wußte, daß ſie eiferſüchtig und leidenſchaftlich war— aber ich hätte ſie nicht in Gedanken einer Lüge beſchul⸗ digen mögen.“ „So ertappten Sie ſie alſo nicht auf der That 2 fragte Miriam ſinnend. „Nein, denn es geſchah offenbar dieſe Nacht.“ „Woher wiſſen Sie, daß ſie es war?“ 2 „Es kann es Niemand anders gethan haben.“ „Womit beweiſen Sie das? Sie iſt nicht gezwungen, ihre Unſchuld zu beweiſen. Sie müſſen ihre Schuld be⸗ weiſen. Es herrſcht noch ein Zweifel— laſſen Sie ihn der Angeklagten zu Gute kommen.“ „Ein Zweifel!“ rief er beinahe entrüſtet—„ein Zweifel! wenn mir nur der leiſeſte Zweifel bliebe, würde ich weder in Wort, That, Blick noch Gedanke nur die leiſeſte Anklage gegen ſie ausſprechen. Ein Zweifel! Wollte Gott, ich könnte zweifeln! Aber es iſt unmög⸗ „ 327 lich, Alles ſpricht gegen ſie.“ Er wiederholte kurz die Beweiſe, die er bereits gegen mich vorgebracht. „Was ſoll ich nach all' dem denken?“ fügte er hinzu. „Daß Sie einen geheimen Feind haben,“ verſetzte Miriam ruhig. „Iſt er ein Zauberer?“ fragte Cornelius;„konnte er aus den Wolken fallen, um meine Arbeit zu vernich⸗ ten. Aber ſo abſurd auch die Vorausſetz ung iſt, daß ein ſo unbekannter Menſch, wie ich, ſolch' einen Feind haben ſollte, ſo widerſpricht ihr ſchon die einfache Thatſache— der Stuhl, den ich ſelbſt ans Fenſter ſetzte, ſteht noch da. O nein, Miriam, mein Feind kam nicht von außen; mein Feind iſt ein Weſen, das ich eines Abends, in meinen Mantel gehüllt, nach Hauſe brachte, das mein Brod ge⸗ geſſen und oft aus meiner Schaale getrunken; das oft an meinem Herzen eingeſchlafen; das ich drei Jahre lang geliebt, gehegt und gepflegt.“ Das war mehr, als mein volles Herz ertragen konnte. Ich ſtand auf der Seite, lauſchte mit geſenktem Kopfe und gefalteten Händen, ſtumpf und reſignirt. Ich trat näher, ſtellte mich vor ihn und ſah zu ihm auf: meine Thränen fielen wie ein Regen herab und blendeten mic, aber durch Seufzer und Thränen bahnte ſich der leidenſchaftliche Ausruf:„Cornelius, Cornelius, ich habe es nicht gethan!“ den Weg. Ich ſank vor ihm auf die Kniee, um meine Unſchuld zu betheuren, nicht um Ver⸗ zeihung zu erflehen. iee hören ſie,“ ſagte er zu Miriam und ſah mich nicht ohne Rührung an, aber ſein Geſicht ſagte mir's nur zu deutlich ohne Ueberzeugung. Einen Augenblick blieben wir ſo. Ich konnte meine Blicke nicht von ihm abwenden; die Worte fehlten mir, aber es war, als ob Geiſt zum Geiſte, Herz zum Herzen ſpräche und, die Bande des Fleiſches brechend, die ſtille Wahrheit von meiner Seele zu der ſeinen getragen würde und ſich dort mit Flammenſchrift einprägte. 328 Er bückte ſich und hob mich ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen auf. Neben ihm ſtand ein Stuhl: er ſetzte ſich nieder und nahm mich in ſeine Arme; er drückte mich an ſein Herz und nie war ſeine Umarmung inniger, zärt⸗ licher geweſen; er ſah zu mir herab und nie war ſein Blick feuriger geweſen; er ſprach— nicht mit Worten der Verdammung oder Drohung, ſondern mit all' dem Feuer ſeiner Gefühle und der Glut ſeines Herzens. Ich weinte vor Freude; ich hielt mich für freigeſprochen: ach, 8 bald wurde ich enttäuſcht, er hatte mir nur ver⸗ eben. 3„Ja,“ ſagte er,„ich nehme meinen Entſchluß zurück, meine Liebe bleibt Dir; denn obſchon Du mich nicht daran erinnert haſt, Daiſy, ſo bin ich doch eingedenk, daß ich Dir einſt verſprach, ich würde Dir Alles ver⸗ geben, um des Vertrauens willen, das Du mir einſt gezeigt. Und ich vergebe Dir als Chriſt, als Mann von Chre, verzeihe ich Dir, magſt Du geſtehen oder nicht. Ich appellire nicht an Deine Furcht vor Strafe, an Deine Dankbarkeit für die Vergangenheit, an Dein Bangen vor der Zukunft, an Gewiſſen oder Liebe; ich vergebe Dir und ſtelle es Dir frei, ob Du ſprechen oder ſchweigen willſt.“ Ich verſtand ihn nur zu gut. Cornelius wollte kein Geheimniß aus mir herausbringen, ſein Herz war groß⸗ müthig und edel; er trug die erhabenſten Geſinnungen in ſich und mit dieſer unbedingten Verzeihung appellirte er nur durch das höͤchſte und edelſte Gefühl des eas lichen Herzens— durch Großmuth an mich. Bis hatte er mich blos für launiſch und ſtarrköpfig gehalten; mit dem ſtummen Schmerze der Verzweiflung fühlte ich, daß ich nun verurtheilt war, gemein und niedrig vor ihm zu erſcheinen. Denn er ſah mich mit ſo edlem Vertrauen, mit ſo tiefem Glanben und mit einem Ausdruck in ſei⸗ nen Augen an, der mit dem Triumphe eines edeln Herzens zu mir zu ſagen ſchien:„Du haſt mich beleidigt, 329 Du haſt mich hintergangen, aber ich will ſehen, ob Du auch dem Widerſtand leiſten kannſt!“ Er wartete offen⸗ bar auf ein Geſtändniß, das nicht kam. Er ließ mich ohne die geringſte Spur von Zorn los und ſagte in einem Tone, deſſen vorwurfsvolle Sanſtheit mir das Herz durchbohrte: „Du kannſt mich nicht hindern, daß ich Dir ver⸗ gebe, Daiſy.“ Damit wandte er ſich von mir ab, nahm Medora von der Staffelei und ſuchte nach einer andern Leinwand von derſelben Größe. Miriam hatte ſich mit bewegungs⸗ loſer Faſſung auf das Ruhebett geſetzt und ſah, den Kopf wie eine Statue auf die Hand geſtützt, zu ihm auf. Sie drehte ſich um: „Was ſoll das, Cornelius?“. „Ich will wieder beginnen, wenn Sie nichts da⸗ gegen haben. Ich ſann bereits auf Veränderungen in der Stellung.“ Sie ſah ihn kühn und nicht ohne Staunen an. „Sie haben es bald verwunden,“ ſagte ſie. „Warum nicht?“ fragte er ruhig;„wundern Sie ſich nicht darüber, Miriamz Gram und Zorn beherrſchen mich nicht lange. Wenn ich fühle, daß etwas ganz ver⸗ loren iſt, ſo klage ich auch nicht mehr darüber; die Arbeit von Tagen und Monaten iſt vernichtet; gut, ſo beginne ich auffs Neue.“ Miriam ſtand auf und trat zu ihm vor die Staffelei: ſie ſah etwas blaß, aber gefaßt aus, als ob nichts ge⸗ ſchehen wäre. „Vergeben Sie ihr,“ flüſterte ſie,„um meinetwillen!“ und ſie nahm ſeine Hand in die ihre. „Ich habe ihr vergeben, Miriam,“ antwortete er, indem er ihr einen überraſchten Blick zuwarf,„hörten Sie nicht, daß ich es ſagte?“ 1 „Von ganzem Herzen?“ „Von ganzem Herzen,“ antwortete er offen. 330 „Aber unter der Bedingung, daß ſie geſteht, zugibt oder dergleichen?“ „Nein, ich ließ ihr die freie Wahl, zu ſchweigen oder zu ſprechen. Sie will nicht geſtehen— ich werde deßhalb mein unbedingtes Verſprechen nicht zurückziehen; aber bitte, wir wollen nicht mehr davon reden.“ 3 Miriam beharrte jedoch darauf. „Es iſt wahr,“ ſagte ſie,„daß Daiſy nicht geſtand, aber ſie leugnete auch nicht.“ Cornelius Augen leuchteten auf; er erfaßte dieſen Gedanken äußerſt lebhaft. „Wahr,“ verſetzte er,„ſehr wahr, Miriam, ſie leugnete nicht.“ Er ſah mich an, während er dies ſagte. Ich ſtand, wo er mich gelaſſen, neben ſeinem leeren Stuhl. Ich ſah ihn und Miriam an: ſie ſtand neben ihm, die eine Hand in die ſeine geſchlungen, die andere auf ſeiner Schulter ruhend, und äußerte kein Wort. Von dem Wunſche beſeelt, mich in ſeine Achtung wieder einzu⸗ ſetzen und den Flecken auszulöſchen, der auf meiner Ehre ruhte, konnte Cornelius, als er mich noch immer ſchwei⸗ gen ſah, nicht umhin zu ſagen: „So iſt es, Daiſy, nicht wahr? Du leugneſt nicht?“ Ich war ſtill geweſen; ſtill und ruhig. Ich hatte meine Unſchuld nicht mit lauten und heftigen Worten, ſondern mit einer einfachen Verneinung betheuert. An⸗ geklagt zu ſein und ohne gehört zu ſein, verurtheilt zu werden, das hatte mich nicht empört: ich ſegnete meinen Kläger, küßte die Hand meines Richters. Ich hatte ihn nicht mit Thränen, Bitten und Proteſtationen ermüdet. Ich konnte keinen Beweis als mein Wort vorbringen, und wenn man daran zweifelte, ſo konnte ich nichts als ſchweigen. Viermal war ich vor ihm geſtanden und hatte ihm geſagt,— was konnte ich ihm mehr ſagen? — daß ich es nicht gethan. Er hatte mir nicht ge⸗ glaubt und ich hatte es mit der Ergebung ertragen, die „* 331 für mich nur eine bittere Beleidigung ſein konnte; aber ſelbſt von ihm konnte ich nicht mehr ertragen, ſelbſt gegen ihn wollte ich nicht länger meine Unſchuld be⸗ theuern. Ich hatte meinen Stolz mit der ganzen De⸗ muth der Liebe zu ſeinen Füßen gelegt; er erhob ſich jetzt um ſo gewaltiger in mir und verbot mir jede wei⸗ tere Rechtfertigung. „Nein, Cornelius,“ verſetzte ich, ohne ihn dabei anzuſehen,„ich leugne es nicht.“ Ich ſtand an der Thüre; ich öffnete und verließ das Zimmer. ₰ Einundzwanzigſtes Kapitel. Meine Schläfe pulſirten; mein Blut ſtrömte mit fieberhafter Hitze durch meine Adern; es war mir, als würde ich von einem glühenden Strome nach einem tiefen, feurigen Abgrunde fortgeriſſen, wo zornige Stimmen ein wildes Geſchrei erhöben, das meinen unmächtigen Ruf: „Ich habe es nicht gethan!“ beſtändig übertäubte. Ich weiß nicht, wie ich in mein Zimmer kam; wahrſcheinlich ruhig und ſtill; denn als ich mich von dem betäubenden Ausbruch leidenſchaftlicher Entrüſtung wieder erholte, lag ich auf meinem Bette und war allein. Ich weinte nicht, ich ſtöhnte nicht; ich hatte kaum einen klaren Gedanken, aber ich trank mit langen Zügen aus dem Becher der Wehmuth, der ſo plötzlich an meine Lippen geſetzt worden. In der Ingend lieben wir den Kummer nicht, aber wenn er zu uns kommt, erfaſſen wir ihn mit ſeltſamer Begier; es liegt ein wollüſtiger, 332 trauriger Reiz in dem erſten Uebermaaß der Wehmuth. „Wir ſind freilich bald des bittern Trankes ſatt; ich hatte mich mit dem Gefühle niedergelegt:„Nun bin ich ſo elend, als ich nur ſein kann, aber ich mache mir nichts daraus!“ aber ach! wie bald war ich des Grames müde! wie bald rief ich aus den Tiefen meines Jammers zu dem um Hülfe, der meine Unſchuld kannte, der mir niemals Unrecht gethan und der, mochte ich auch noch ſo ſchuldig ſein, mich nie ungehört verdammt hätte! Welchen Werth hatte Cornelius' Liebe und Freund⸗ lichkeit für mich, da ich mit einer Bitterkeit, die kein Wort auszudrücken vermag, fühlte, daß ich ſeine Achtung für immer verloren hatte? Was konnte mir an einer Neigung liegen, die kein Leben mehr beſaß? Nichts; ob⸗ gleich ich noch ein Kind an Jahren war, empörte ſich doch etwas in mir bei dem bloßen Gedanken an ſeine Zärtlichkeit und Liebkoſungen. Wenn er mich für ſchuldig hielt, ſo mochte er mich haſſen und verabſcheuen; ſeine Abneigung wäre mir ſüßer geweſen, als dieſe Liebe, die er einem Weſen widmen konnte, das er, je mehr er ihm vergab, deſto mehr verachten mußte. Dieſes Gefühl— daß es beſſer ſei, gehaßt, als aus Schwäche geliebt zu werden— barg keinen Troſt in ſich. Ich ſtöhnte noch unter der unerträglichen Laſt ſo vielen Elends, Geiſt und Fleiſch empörten ſich da⸗ gegen und ſagten, es ſei unerträglich, ich wolle lieber alles Andere geduldig ertragen, als das; Krankheit wäre angenehm und der Tod ſelbſt im Vergleiche ſüß. Und als ich ſo dachte, erinnerte ich mich der Zeit, da ich dem Sterben nahe war, Cornelius an meinem Bette weinte und ich die Achtung und ſeine Thränen mit mir in'’s Grab genommen: um dies Gefühl rechtete ich mit der Vorſehung, die unſer Schickſal lenkt. Ich fragte, warum mir das vorbehalten worden? warum man mich für ſchuldig hielt, da ich unſchuldig war? warum mir Cor⸗ nelius nicht glaubte? warum mir keine Hoffnung bliebe, 333 daß ich je freigeſprochen würde? warum das einzige Weſen, für deſſen gute Meinung ich Alles gegeben, was ich geben konnte, das einzige gerade war, das mich ver⸗ dammte? Hätte ich in mein Herz geblickt, ſo hätte ich die ſtrenge Antwort gefunden:„Durch einen Götzen ſoll der Götzendiener umkommen.“ Aber ich that keinen ſolchen Blick und blieb bei dem peinlichen Gedanken ſtehen, daß, wenn ich auch unſchuldig, mir keine Hoff⸗ nung bleibe, und ich verſank in wilde Verzweiflung, als wäre es eine neue Entdeckung. Ich weinte anfangs lei⸗ denſchaftlich, dann ſtiller und ohne es ſelbſt zu wiſſen. Mein Kopf that mir weh; meine müden Augen ſchloſſen ſich; ich ſchlief nicht, verſank aber in die Apathie ſtumpfen Schmerzes. Ich weiß nicht, wie lange ich in dieſem Zuſtande dagelegen, als ſich die Thüre öffnete und Kate— ich kannte ihren Schritt— eintrat. Sie kam an mein Bett, beugte ſich über mich und flüſterte, da ſie ſah, daß meine Augen geſchloſſen waren: „Schläfſt Du, Daiſy?“ Eine leichte Bewegung meines Kopfes drückte zu⸗ gleich aus, daß ich wache, aber nicht ſprechen könne. Sie nahm meine Hand, ſagte, ſie ſei kalt, ging in das nächſte Zimmer und brachte ein ſchweres Kleidungsſtück, mit welchem ſie mich bedeckte. Ich fühlte mehr, daß ſie bei mir blieb, als ich ſie ſah; dann hörte ich ſie leiſe das Zimmer ver⸗ laſſen. Mein Herz ſchwoll, als ſich die Thüre hinter ihr ſchloß. Nicht ein Wort des Glaubens oder Zweifels hatte ſie geflüſtert und doch war ihre Stimme voll Theilnahme und freundlich. Offenbar hielt auch ſie mich für ſchuldig, hatte Mitleid und vergab mir. „Sei dem ſo!“ dachte ich mit bitterem Schmerze: „mag mich Jedermann anſchuldigen, ich ſpreche mich frei; Niemand ſoll mir glauben, ich halte feſt an meiner Wahrheit. Ich werde mich ohne ihren Beifall und ihr Vertrauen behelfen lernen.“ 334 Ich verharrte in dieſer Stimmung, bis Kate nach Verfluß von einigen Stunden wieder heraufkam. Sie beugte ſich zu mir herab und fragte, ob ich ſchlafe. Ich öffnete meine ſchweren Augen, ſchloß ſie aber, vom Lichte geblendet, ſogleich wieder. „Komm herab zum Eſſen!“ ſagte ſie freundlich. „Ich bin nicht hungrig.“ Es entſtand eine Pauſe; ich glaubte, ſie ſei ge⸗ gangen und ſah auf; ſie ſtand an dem Fußende meines Bettes und ſah mich mit wirklich kummervollem Blicke an. „Daiſy,“ ſagte ſie in ihrem überzärtlichen Tone: „haſt Du mir wirklich nichts zu ſagen?“ Ich ſah ſie an; ihr Blick ſagte mir, daß ſie kein Geſtändniß, ſondern eine Rechtfertigung erwarte; deßhalb antwortete ich: „Nein, Kate!“ und ſchloß meine Augen wieder. Sie verließ mich, kehrte jedoch bald zurück und brachte ein kleines Brett mit einer Platte, auf welcher ſich ein Stück Geflügel und ein Glas Wein befand. Sie bat mich, zu eſſen. Ich verſicherte ſie, daß ich nicht hungrig ſei. „Verſuche es,“ drängte ſie;„ich verſprach Cornelius, nicht früher zu gehen, bis ich Dich etwas nehmen ge⸗ ehen.“ Ihr zu Gefallen, verſuchte ich davon. Aber ſie ſah, daß mich der Verſuch Ueberwindung koſtete; ſie drängte deßhalb, daß ich etwas Wein nehme. „Cornelius goß ihn aus ſeinem eigenen Glas,“ ſagte ſie, und verſuchte ihn, ehe er ihn heraufſchickte;„Du mußt etwas nehmen.“ Wein erſchien ſelten auf unſrem frugalen Tiſche; er wurde mir als gefährlich verboten; Cornelius ließ je⸗ doch immer etwas in ſeinem Glas und gab ihn verſtoh⸗ len, während ſeine Schweſter that, als ſehe ſie anders⸗ wohin. Ich wußte, weßhalb er mir ihn geſandt; es war ein Zeichen alter Zuneigung trotz dem, was geſchehen war. Ich wollte den Beſcheid nicht ausſchlagen: ich ſetzte 335 mich deßhalb auf, nahm das Glas und hob es an meine Lippen; aber während ich dies that, ſchnürte mir der Ge⸗ danke an die ſo heraufbeſchworene Vergangenheit das Herz zuſammen, ein Gefühl der Empörung bemächtigte ſich mei⸗ ner, ich konnte keinen Tropfen trinken und ſtellte das Glas nieder. Kate ſeufzte, ſah jedoch, daß es vergeblich ſein würde, weiter in mich zu dringen, und verließ mich deßhalb in der Hoffnung, ich werde in ihrer Abweſenheit vielleicht trinken. Ich machte keinen Verſuch; weßhalb auch? die Thrä⸗ nen und der aufs Neue in all' ſeiner Bitterkeit geweckte Kummer waren Nahrung geuug für mich. Warum hatte Cornelius mir dieſes Zeichen einer Gemeinſchaft gezeigt, aus der Treu und Glauben für immer verſchwunden waren? Warum ſollte ich aus dieſem Glaſe trinken, während er mich für eine Lügnerin hielt? Ich that es nicht und wartete, entſchloſſen, es nicht zu thun, bis er meine Wahrheit anerkannt. Ich ſchob das Brett von mir weg; als ich dies that, entdeckte ich, daß Kate mich mit einem alten Mantel ihres Bruders bedeckt hatte. Ich erkannte ihn ſogleich: es war derſelbe, in welchem er mich bei Mr. Thornton beſuchte; derſelbe, in deſſen Falten er mich, das ſchwache und kränkliche Kind, ge⸗ hüllt. Ich warf ihn im Uebermaß des Zornes und der Verzweiflung weg; er mochte für mich ſorgen und mich liebkoſen, aber er konnte nie mehr für mich werden, was er einſt geweſen. Nach einiger Zeit wurde ich ruhiger, oder ſank vielmehr in die Apathie, die nicht Ruhe iſt. Auf mei⸗ nem Bette liegend, ſah ich durch das gegenüber befind⸗ liche Fenſter nach dem grau bewölkten Himmel. Der vorhergehende Tag war klar und ſchön geweſen; der heutige war düſter und umzogen; einer jener September⸗ tage, die etwas finſteres, kaltes und winterliches in ihrem Ausſehen haben. Mein Zimmer wurde dunkler und un⸗ behaglicher, als der Abend hereinbrach; aber er war immer 33⁶ noch nicht ſo traurig und kalt, als mein verlaſſenes Herz. Ein wohlbekannter Tritt auf der Treppe weckte mich aus meinen Träumen. Ich lauſchte; man pochte leiſe an meiner Thüre; ich antwortete nicht; es er⸗ neuerte ſich, ich blieb ſtille. Cornelius, denn er war es, wartete einen Augenblick und trat dann ein. Wie ſeine Schweſter kam er an mein Bett und beugte ſich über mich herab, aber das Zimmer war dunkel gewor⸗ den; er zog den Vorhang zurück; ich beſchattete die Augen mit der Hand; er zog ſie weg. „Du ſchläfſt nicht,“ ſagte er,„ſieh' mich an, Daiſy.“ 1 Ich gehorchte; er blickte mich an, während er meine Hand in der ſeinen hielt; es lag eine gewiſſe Trauer in ſeinem Antlitz und vielleicht noch mehr Mitleid als Trauer. Ich ſah allerdings, glaube ich, bemitleidens⸗ werth genug aus. Er bemerkte die unberührte Speiſe, den ungekoſteten Wein. 1 „Du haſt nichts genommen,“ ſagte er,„nicht mal einen Tropfen von dem Wein, den ich Dir ſandte, war⸗ um nicht?“ „Ich konnte nicht.“ „Verſuche es.“ Er wollte das Glas an meine Lippen ſetzen; ich ſtieß es ſo heftig weg, daß die Hälfte verſchüttet wurde. Er ſagte nichts darüber, ſuchte jedoch, da er die Todtenkälte meiner Hand fühlte, mich mit ſeinem Mantel zu bedecken; ich erhob mich, um ihn wegzu⸗ ſtoßen; Cornelius nahm auch davon keine Notiz. „Geh mit mir hinunter und trinke etwas Thee,“ ſagte er ruhig;„dies Zimmer iſt ſo kalt, drunten iſt eingeheizt.“ 3 Ich gehorchte mechaniſch. Ich ſetzte mich auf, ſtrich mein losgelöstes Haar aus dem Geſichte und ſtieg her⸗ gb. Ich folgte ihm hinaus, war aber noch ſehr ſchwach 337 und ſchwindlich; ich mußte mich an ihn halten, um mich zu ſtützen, bis wir in das Wohnzimmer traten. Er ſah aus, wie ich es ſo oft, an manchem glücklichen Abend geſehen. Das Feuer brannte hell; die Lampe goß ihr mildes, ſanftes Licht umher; der Keſſel ſummte auf dem Feuer; die weißen Porzellantaſſen ſtanden auf dem kleinen Tiſche zum Gebrauche bereit und Kate ſaß, wie gewöhnlich an der Arbeit: aber ſo vertraut auch alles erſchien, ſo war mir doch, als ob ich in Jahren nicht dageweſen. Als wir eintraten, ſah Kate auf und ſeufzte, und machte dann in tiefem Schweigen den Thee. Cornelius ließ mich am Feuer Platz nehmen und ſetzte ſich neben mich; er gab mir ſelbſt meine Taſſe; aber ich konnte weder trinken, noch eſſen. Er drängte mich vergeblich. Wenn ich gekonnt, würde ich. ihm ſeinen Willen gethan haben, denn meine Enthalt⸗ ſamkeit hatte ihren Grund weder in Widerſpenſtigkeit, noch in Stolz: ich wußte, daß ich doch mal eſſen mußte, und es früher oder ſpäter zu thun, konnte mich weder de⸗ müthigen, noch erheben. Cornelius drang nicht länger in mich. Der Thee, der ohnedies nie viele Zeit bei uns in Anſpruch nahm, war bald vorüber, das Zimmer ſtill; ich ſaß in einer Ecke des Sophas, die Hand vor mei⸗ nen müden Augen; vielleicht machte mich mein langes Faſten gegen alles gefühllos, was um mich her vorging, denn Cornelius mußte zweimal ſprechen, ehe es ihm gelang, meine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Als ich endlich aufblickte, ſah ich, daß Kate das Zimmer verlaſſen hatte; wir waren allein. dich„Daiſy,“ ſagte Cornelius ſehr ernſt,„fürchteſt Du i 2 „Ja, Cornelius.“ 3 Lihn ſ Du denn, ich ſei immer noch böſe auf i 8 „Nein,“ autwortete ich überraſcht,„ich weiß, Du biſt es nicht.“ D aiſy Burns. 1. 22 338 8 weißt Du das,“ fragte er mit einem ſcharfen e. „Du haſt es geſagt und da muß ich's doch wohl glauben.“ Ich ſah ihm bei dieſen Worten in's Geſicht und wenn ihm meine Augen nur halb die Gefühle meines Herzens verriethen, ſo muß er darin geleſen haben: „Zweifle an mir, wenn Du willſt, mein Glaube an Dich bleibt treu und unverletzt.“ Er ſah aus, als ob ihn meine Worte ſtumm gemacht. Er wagte anfangs gar nicht zu ſprechen; dann ſagte er plötzlich: „Nun, was fürchteſt Du dann?“ Ich wollte anfangs nicht antworten; er wiederholte jedoch ſeine Frage:„Weil Du mir nicht glaubſt,“ ant⸗ wortete ich leiſe. Er warf mir einen flüchtigen, verlegenen Blick, voll Furcht und Zweifel zu. Er ergriff meine Hände, beugte ſich herab, als wollte er tief in meiner Seele leſen; meine Augen waren ſchwer und trüb vom Weinen, aber ſie ſenkten ſich nicht vor ſeinem Blicke. „Daiſy,“ rief er tief bewegt,„ich gebe es Dir, Deiner Ehre anheim— ich werde Dich jetzt beim Worte nehmen, haſt Du es gethan, oder nicht?“ Ich löſte meine Hände aus den ſeinen, ſchlang ſie um ſeinen Hals und ſah mit einem Geſichte, das offen wie ein Buch vor ſeinem Blicke lag, traurig und ruhig ihm ins Antlitz. „Cornelius,“ ſagte ich:„ich frage Dich: hat Daiſy Burns es gethan?“ 4 Er ſah mich mit unruhigem und peinlichem Zweifel an, der einer plötzlichen und unwiderſtehlichen Ueberzeu⸗ gung wich. Ja, ich las es in ſeinem Geſichte; er, der mich ſo beharrlich angeklagt, verurtheilt, und verdammt, war jetzt, wie von einem zweiſchneidigen Schwert, von der doppelten Ueberzeugung, meiner Unſchuld und ſei⸗ ner Ungerechtigkeit durchdrungen. Einen Augenblick lang 339 ſah er wie betäubt aus, dann entwand er ſich meiner Umarmung, erhob ſich und ging ohne ein Wort an den Tiſch, neben welchem er ſich niederſetzte und mir den Rücken zuwandte. Das Herz hat unmittelbare Gefühle, die weit über alles geſchriebene Wiſſen der Weiſen gehen. Ich ſtand auf und eilte zu ihm; er wandte ſein Geſicht von mir ab und hielt mich zurück. „Cornelius,“ flehte ich,„Cornelius, ſieh mich an.“ Ohne zu antworten, wandte er mir ſein Geſicht zu. Ich werde nie vergeſſen, wie ſich Reue und Kum⸗ mer in dem Ausdruck ſeines Geſichtes miſchten. Er er⸗ hob ſich und ſchritt unruhig im Zimmer auf und nieder. Ich wagte es nicht, ihm zu folgen oder mich an ihn zu wenden; plötzlich blieb er ſtehen und ergriff meine beiden Hände, indem er mir mit ernſtem Blicke in's Ge⸗ ſicht ſah. „Hätte ich einen Mann beleidigt,“ ſagte er,„einen, der Beleidigung mit Beleidigung und Unrecht mit Un⸗ recht vergelten könnte, ſo würde ich es bereuen, oder ich könnte mir vergeben; aber Dich!“ fügte er hinzu, indem er mich von Kopf bis zu Fuß betrachtete,„ein Mädchen, ein reines Kind, das von mir abhängig iſt und Niemand hat, der es gegen Unrecht ſchützt und eriheidigt— o Daiſy! das iſt mehr, als ich ertragen ann.“ . Es ſchien auch wirklich ein zu bitterer Gedanke, denn die Thränen, die der verwundete Stolz ihm aus⸗ preßte, rollten über ſeine glühenden Wangen. „Kannſt Du mir vergeben,“ fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu. Das war mehr, als ich ertragen tontee hm vergeben! ihm, dem ich alles verdankte, den Irrthum eines Tages! Ich konnte nicht und ich ſagte leiden⸗ ſchaftlich, ich wollte nicht. Cornelius beharrte darauf, und obſchon ich über 340 eine ſo ſeltſame Verkehrung unſrer gegenſeitigen Stel⸗ lung vor Scham erglühte, gab ich doch nach. Es war mir jedoch, als könnte ich ihm nicht mehr in’s Geſicht ſehen. Aber Cornelius beſaß eine Eigenſchaft, die nur wenige haben; er konnte tief, glühend empfinden, ohne ſentimentale Uebertreibung. Sein Geiſt batte trotz all' jener Zartheit doch etwas Männliches. Er hatte ſeinen Kummer, ſeine Reue, ſeine Scham ausgeſprochen;— er brütete jedoch nicht darüber und quälte mich nicht mit ebenſo unnützen als kindiſchen Klagen über eine Vergangenheit, die er nicht ungeſchehen machen konnte. Als er mich zu meinem Sitze zurückführte und ſich neben mich ſetzte, lag in ſeinem Blicke, in der Art, wie er mich an ſich zog, in dem Tone, in welchem er mehr⸗ mals:„Mein armes Kind! meine arme kleine Daiſy!“ zu mir ſagte, wie tief er ſeine Ungerechtigkeit fühlte, wie tief er dieſen Tag des Kummers berente; da ihn jedoch ſein Gewiſſen von der Abſicht des Unrechts frei⸗ ſprach, ſo nahm er meine Vergebung ſo freimüthig an, als er ſie verlangt hatte. Mein gequältes Herz hatte endlich Frieden. Müde von ſo vielen Gemüthsbewegungen, konnte ich dem ſel⸗ tenen Vergnügen mich hingeben, nicht blos wieder bei ihm zu ſein, ſondern in ſeinem freundlichen Geſichte zu leſen und daraus die Gewißheit zu ſchöpfen, daß er mir glaubte. Als ich ſo bei ihm ſaß, während ſeine Hand in der meinen ruhte, und ich in ſeine Achtung, die mir höher ſtand, als ſeine Liebe, wieder eingeſetzt war, da erſchien es mir wie ein Traum, zu wonnevoll, um wahr zu ſein: ich ſuchte in ſeinen Augen beſtändig nach der Beſtätigung der Wirklichkeit. „9 Cornelius,“ ſagte ich,„biſt Du auch wirklich überzeugt, daß ich es nicht gethan?“ Es ſchien ihn zu ſchmerzen, daran erinnert zu wer⸗ den, daß er mich für ſchuldig gehalten. 2 8 341 „Trinke etwas Wein,“ ſagte er raſch,„ich bin überzeugt, Du kannſt es.“ Er ging nach dem hintern Zimmer und brachte ein Glas. Nachdem er daran genippt, ließ er mich das Ueb⸗ rige trinken, es belebte mich. Ich fühlte, daß ich eſſen konnte und nahm ein Biskuit von dem Teller, das er mir bot. Er beobachtete mich mit heiterem und auf⸗ merkſamem Lächeln und indem er Glas und Platte wechſelte, ſeufzte er, als ob eine große Laſt von ihm genommen würde. „Als ich ein Knabe war,“ ſagte er, indem er ſich wieder neben mich ſetzte,„da fing ich einen wilden Vo⸗ gel und ſperrte ihn in einen Käfig, in der Hoffnung, er werde ſingen. Aber er fraß nicht, ließ den Kopf hän⸗ gen und ſtarb. Ich fürchtete, Du werdeſt es dieſen Abend machen, wie der Vogel.“ „Ich hoffe klüger zu ſein, als ein Vogel,“ verſetzte ich etwas ärgerlich über dieſe Vergleichung,„und das war ein ſehr thörichter Vogel, daß er ſich nicht an den Käfig gewöhnte, in welchen Du ihn gethan— was doch ſo freundlich von Dir geweſen.“ 4„Wohl wahr; aber ſeltſamer Weiſe liebte er ſeinen Käfig und ſeinen Herrn ſo wenig, als Du im Gegen⸗ theil an dem Deinen Gefallen findeſt.“ „Ja, aber es möchte ſich kaum der Mühe lohnen, mich in einem Käfig zu halten, Cornelius; ich bin zu nichts nütze,— ich kaun nicht ſingen— nicht ein Liedchen.“ „Thut nichts,“ antwortete er lächelnd,„ich könnte eher alle Vögel der Luft entbehren, als Dich, mein Liebling.“ Ich fand es äußerſt freundlich von Cornelius daß er dies ſagte und mich Nachtigallen, Lerchen, Amſeln, Droſſeln und dem ganzen Sängerchor der Vögel vorzog. Ich war heiter, glücklich, beinahe luſtig und wir ſchwaz⸗ 342 ten munter mit einander, als ſich die Thüre öffnete und Kate eintrat. Sie hatte mich in dumpfe Verzweiflung verſunken verlaſſen und war höchſt erſtaunt, als ſie mich ſo frei und offen mit ihrem Bruder ſcherzend fand, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Sie kam ſchweigend näher und hinter ihr trat Miriam ein, die die Thüre ſchloß und trotz all' ihrer Verwunderung doch ihre ruhige Miene nicht veränderte. „Es iſt ein ſehr regneriſcher Abend,“ ſagte Kate, inden ſie ſich mir gegenüber ſetzte und mich feſt an⸗ blickte. „Wirklich?“ verſetzte Cornelius, indem er auſſtand, um Miriam einen Stuhl zu geben, und dann wieder zu mir zurückkehrte. „Sehr regneriſch,“ verſetzte ſeine Schweſter, die ihre Augen nicht von mir wegwandte, als ich mit der ſichern Vertraulichkeit eines verzärtelten Kindes eine von ſeinen dunkeln Locken in ihrer vollen Länge auszog. „Sie iſt zu lang,“ ſagte ich.„Laſſe mich ſie mit Kate’s Scheere abſchneiden.“ „Nein, um Gottes Willen nicht,“ rief er ängſtlich, indem er mit unruhiger Miene zurücktrat, als ob er be⸗ reits den kalten Stahl fühlte;„laß Dir ſo etwas nicht einfallen. Sie abſchneiden?“ Damit ſtrich er langſam mit den Fingern durch ſein Rabenhaar, an deſſen rei⸗ cher Schönheit er ein gewiſſes Gefallen fand. „Nun!“ ſagte Kate, indem ſie ſich in ihrem Stuhl zurücklehnte, die Hände faltete und tief Athem holte. „Nun, was?“ fragte Cornelius kalt. „Ich ſah noch nie eine ſo regneriſche Nacht— nie!“ freundlich von Ihnen, daß Sie tommen,“ ſagte Cornelius, indem er ſich vorbeugte, um Miriam anzuſehen. 1 Sie ſaß am Tiſche, die Arme über einander ge⸗ 343 kreuzt und die Augen auf uns gerichtet; ſie lächelte, ohne zu antworten. „Sie ſehen blaß und angegriffen aus,“ ſagte er mit inniger Theilnahme. In ihrem Geſichte lag ein ſeltſamer Ausdruck von Mattigkeit, Ermüdung und Ennui. „Ja,“ antworte ſie zerſtreut;„ich bin müde.“ „Ich kann das nicht ertragen!“ rief Kate, deren Aufmerkſamkeit noch immer unverwandt auf mich gerich⸗ tet war.„Willſt Du mir ſagen, Daiſy, oder lieber Du, Cornelius, was zwiſchen Dir und Daiſy vorge⸗ gangen, ſeit ich das Zimmer verließ.“ 3 Cornelius warf ſeiner Schweſter einen traurigen Blick zu, der von ihr auf mich fiel. „Ich habe meinen großen Irrthum eingeſehen,“ ſagte er erröthend,„und Daiſy war ſo freundlich, mir zu vergeben.“ 4 „Du ſollſt nicht ſo ſagen,“ verſetzte ich und war nahe daran, zu weinen. „Mein liebes Kind, Kate würde mich ſonſt aus⸗ ſchelten.“ „Niemand hat ein Recht, Dich zu tadeln,“ unter⸗ brach ich ihn.„Wenn ich Dein Kind bin, wie Du bis⸗ weilen ſagſt, kannſt Du dann nicht mit mir thun, was Dir beliebt?“ Ich ſah Kate etwas ungehalten an, ſie beachtete mich aber nicht. Ihre Augen funkelten; ihre Wangen glühten. „Einen Irrthum?“ rief ſie lebhaft,„das iſt Recht; ich kann nicht ſagen, daß ich gewiß wußte, es ſei ein Irrthum, aber ich hatte immer ein Gefühl, daß es einer wäre. Ich konnte mir nicht denken, daß die arme Daiſy eine ſolche Verrätherin ſei. Wie hat er es denn gemacht, Corffelius?“ „Er? Wirkklich, Kate, ich weiß nicht, wie er es gemacht, denn ich weiß nicht, wer dieſer er iſt.“ — 344 „Der eiferſüchtige, neidiſche, gemeine, elende Bube von Künſtler,“ verſetzte Kate.„Ich kann Dir genau ſagen, wie er ausſieht: er ſchielt, er hinkt, er trägt einen Hut über die Augen hereingedrückt und ſieht ſich immer um, um zu beobachten, ob ihn Niemand belauſcht — ich ſehe ihn vor mir, Cornelius, ich kann Dir ſagen, wie er es machte: er kam zu Deborah's Fenſter herein und entſchlüpfte über das Dach. Es iſt jedenfalls ein Künſtler und war bei der Zurückweiſung Deines kranken Kindes betheiligt; ahnſt Du den Zuſammenhang?“ Cornelius ſah nicht ſo aus, als ob ihm die Sache klar wäre. „Thut nichts,“ fuhr Kate fort,„ich werde ihn ſchon ausfindig machen, aber Du mußt mir eine Handhabe eben.“ 4„Was für eine Handhabe, Kate?“ „Nun, natürlich, wie Du es herausgebracht?“ „Was herausgebracht?“ „Sei nicht thöricht, Junge: daß es Daiſy nicht Cornelius ſtrich ſich am Kinn und ſah ſeine Schwe⸗ ſter verlegen anz dann ſagte er: „Ich glaube, das wird Dich nicht viel nützen, Kate.“ „Unſinn! ein Wink iſt genug für mich.“ „Nun ja, aber wenn ich gar keinen Wink geben kann?“ warf Cornelius ein, indem er ein ſeltſames Ge⸗ ſicht dazu machte. „Nicht einen Wink?“ wiederholte ſeine Schweſter irre gemacht. „Kate,“ ſagte Cornelius entſchloſſen,„halte mich für thöricht, verrückt, wenn Du willſt: die ganze Wahr⸗ heit iſt einfach die, daß ich Daiſy unſchuldig fand, wie ich ſie hätte ſogleich finden können, wenn ich ihr ge⸗ glaubt.“ „Aber wo ſind die Beweiſe?“ fragte Kate. „Ich ſage Dir, es gibt keine Beweiſe,“ verſetzte 845 er mit ungeduldiger Wärme;„Beweiſe ließen mich Daiſy verdammen; ich bin nun klüger geworden und ſpreche ſie auf Treu und Glauben frei.“ „Keine Beweiſe?“ ſagte Kate verlegen. „Keine, Kate, keine, und ich brauche auch keine.“ „Aber Du hatteſt dieſen Morgen Beweiſe, Du ſag⸗ teſt doch.“ „Du hätteſt mir keinen beſſern Grund angeben kön⸗ nen, daß ich keine habe. Beweiſe ſind trügeriſch, ich traue ihnen nicht mehr.“ Kate ſeufzte tief auf und ſagte in reuevollem Tone: „Der Himmel weiß, wie ſehr ich wünſche, daß Daiſy unſchuldig iſt, aber meine Meinung ändert ſich nicht ſo raſch, wie die Deine.“ „Du brauchſt Dich nicht ſo zu ereifern; ich habe ſie nie angeklagt.“ „Aber ich that's: wundre Dich daher nicht, wenn ich ſie jetzt um ſo wärmer vertheidige.“ „Aber ich wundre mich doch,“ fuhr Kate fort;„es ſteckt etwas dahinter; das ſchlaue, kleine Ding hat Dich herumgekriegt, während Du allein mit ihr warſt. O Cornelius, Cornelius! das Kind hat den rechten Weg zu Deinem Herzen gefunden. Du würdeſt Dich lieber täuſchen laſſen, als denken, ſie habe Unrecht gethan.“ „Ich habe mich nicht täuſchen laſſen,“ verſetzte er ungehalten. Kate antwortete nicht, ſah mich aber auf eine Weiſe an, daß mir höchſt unbehaglich zu Muthe wurde. „Daiſy iſt unſchuldig,“ fuhr ihr Bruder fort;„wie ich ſie je für etwas anderes halten konnte, iſt mir ein Geheimniß. Wer hatte je mehr Theilnahme für meine Bilder, als das arme Kind?“ Kate öffnete ihre Lippen und ſchloß ſie wieder, ohne zu ſprechen. Cornelius bemerkte dies. „Nun,“ ſagte er lebhaft,„was wollteſt Du ſagen, Kate?, 346 „Nichts,“ antwortete ſie trocken, indem ſie mir einen ſo forſchenden und ſtrengen Blick zuwarf, daß ich mich unwillkürlich enger an Cornelius anſchloß. „Kate,“ ſagte er wieder und blickte von mir nach ihr,„was wollteſt Du ſagen?“ Es entſtand eine Pauſe; Kate zögerte und antwor⸗ tete dann entſchloſſen: „Die Wahrheit,— welche ſich immer an den Tag drängt, ohne Zweifel, weil es gut iſt, daß ſie an den Tag kommt. Ich glaube, Cornelius, daß Du Daiſy zu raſch freigeſprochen, wie Du ſie zu raſch verdammt; aber das iſt charakteriſtiſch für Dich: Du verſchmäht es, Verdacht zu hegen,— eine edle, aber unkluge Denkungs⸗ art. Du hältſt zu wenig oder zu viel von Beweiſen. Nun trifft es ſich zufällig, daß ich einen ſolchen in die Hand bekommen, der Dir dieſen Morgen entging, und den Du ſicher für entſcheidend gehalten. Ich behielt ihn bis jetzt für mich, doch will ich ihn nicht ganz ver⸗ ſchweigen. Ich werde ihn nicht commentiren, ſondern ihn Dir einfach vorlegen.“ Ihre Blicke, ihre Worte, der Ernſt, mit welchem ſie ausgeſprochen wurden, beunruhigten mich. Am Mor⸗ gen hatte ich unbedingt darauf vertraut, meine Unſchuld müſſe mich rechtfertigen; ich konnte damals nicht begrei⸗ fen, wie Thatſachen mich verdammen ſollten, wenn mich mein Gewiſſen doch freiſpreche; aber jetzt wußte ich das beſſer. Ich ſah Cornelius an; vielleicht war er blos verwundert: er ſchien zu zweifeln. Alle Faſſung, alle Geiſtesgegenwart verließ mich. Ich warf mich in ſeine Aume⸗ wo ich allein Hoffnung und Zuflucht erwarten onnte. „Cornelius,“ rief ich in meiner Angſt,„glaub' es nicht; ich weiß nicht, was es iſt, aber glaub' es nicht — bitte, glaub' es nicht.“ 1 Er ſchien bewegt und ſagte zu ſeiner Schweſter: „Jetzt nicht, Kate— jetzt nicht.“ 3 347 „Poſſen!“ verſetzte ſie;„es iſt zu ſpät, um zurück zu gehen.“ „Allerdings,“ ſagte Cornelius zuſtimmend, indem er auf mich herabſah. Aber ich ſchlang meine Arme um ſeinen Hals und ſah mit der ganzen Leidenſchaft meiner Seele zu ihm auf. „Du wirſt es nicht glauben, Cornelius, nicht wahr? es geht ſicher gegen mich; aber Du wirſt es nicht glauben?“ „Gewiß nicht,“ antwortete er bewegt;„ich werde nichts glauben, was gegen Dich gerichtet iſt, mein armes Kind.“ Dieſe Verſicherung beruhigte mich etwas. Kate, welche meine Unruhe ſehr ungünſtig zu ſtimmen ſchien, ſagte trocken: „Es iſt nicht ſo viel Aufhebens werth und ich ſagte auch nicht, daß Du keine Aufklärung darüber geben kön⸗ neſt, Daiſy; doch ſei dem, wie ihm wolle, hier iſt der Beweis.“— Damit griff ſie in die Taſche und legte das Fili⸗ granbracelet auf den Tiſch. „Iſt das Alles?“ fragte Cornelius und ſchien ſehr beruhigt. „Ich denke, es iſt genug, wenn man den Ort be⸗ denkt, wo es lag,“ ſagte Kate kurz. „Im Atelier! Nun, was iſt dabei; habe ich es ihr nicht im Atelier gegeben? „Wohl wahr; aber ich möchte wiſſen, wie es kommt, daß es mit demſelben Oker beſchmutzt iſt, der benützt wurde, um das Geſicht der armen Medora zu zerſtören.“ „Auch das iſt nichts, Kate; Du weißt wohl, daß Alles, was Daiſy hat, Spuren des Ortes trägt, wo ſie ihre Tage zubringt.“ Miriam war gleichgültig und ruhig geblieben, wäh⸗ rend all' dies in ihrer Gegenwart vorging; ſie hatte ihre Stellung nicht verändert, kaum die Augen erhoben 348 oder einen Blick umhergeworfen. Jetzt ſtreckte ſie die Hand aus, nahm das Bracelet von dem Tiſche, wo es lag, ſah es an, legte es wieder nieder und ſagte ruhig: „Es gehört mir.“ „Ihnen?“ rief Cornelius. 3 „Ja, ich kenne es am Schloſſe. Ich legte es die⸗ ſen Morgen an und verlor es vermuthlich im Atelier.“ „Nun, Kate,“ rief Cornelius triumphirend,„das iſt der Werth ſolcher Beweiſe.“ Kate ſchien auf's Aeußerſte verlegen. „Wirklich?“ ſagte ſie zu Miriam;„ſind Sie auch ganz ſicher, daß es wirklich das Ihre iſt.“ „Ganz ſicher,“ lautete die gefaßte Antwort. Miß OReilly wandte ſich an mich und fragte kurz: ſ⸗„Warum ſagteſt Du nicht, daß es nicht das Deine 1 2 „Ich wußt' es nicht, Kate. Auch hatte ich das meine im Atelier gelaſſen.“ „Dann iſt es alſo das Ihre!“ ſagte Kate wieder, indem ſie ſich an Miriam wandte, die mit einem unge⸗ duldigen„Ja!“ und einem ſchlecht verhehlten Gähnen der Gleichgültigkeit antwortete. „Die Wahrheit iſt ſtark,“ ſagte Kate ziemlich trau⸗ rig;„das Bracelet, das Sie dieſen Morgen anlegten, 8 ich vergangenen Abend an der Thüre des Ateliers auf.“ Miriam fuhr auf ihrem Stuhl zuſammen; wenn ein Blick Kate hätte in's Herz treffen können, der würde zes gethan haben, den Miß Ruſſell ihr in dieſem Mo⸗ mente zuwarf. Aber Kate ſchüttelte ihren hübſchen Kopf und lächelte furchtlos und verächtlich.. „Ja,“ ſagte ſie wieder,„ich hob es dort vergan⸗ genen Abend auf und da ich dachte, es gehöre Daiſy ſo ſagte ich nichts, um ihr ſpäter wegen der Fahrläßig⸗ keit eine Strafpredigt zu halten. Dieſen Morgen unter⸗ 349 drückte ich ſie aus einem andern Grunde. Beanſpruchen Sie es immer noch, Miß Ruſſell?“ Aus Miriam's Geſicht war jede Spur von Bewe⸗ gung verſchwunden. Sie war auf ihren Sitz zurückge⸗ ſunken, ihr Blick war gleichgültig und zerſtreut: ihr Antlitz trug das Gepräge der Mattigkeit und der Lange⸗ weile, den es den ganzen Tag über gehabt. Als Kate ſie anredete, blickte ſie auf und ſagte äußerſt ruhig: „Warum nicht?“ Ich ſah Cornelius an: auf ſeiner Stirne, ſeiner Wange, ſeiner Lippe lag die Bläſſe des Marmors und des Todes: er ſprach nicht und bewegte ſich nicht; er ſah aus, wie Jemand, deſſen letzte Feſte der Feind erreicht und der ſeinen eigenen Untergang mehr mit ſtum⸗ mer Betäubung als mit Schmerz betrachtet. Endlich ſchob er mich weg und trat an den Tiſch, der ihn von Miriam trennte; er legte beide Hände darauf, ſah ſie an, beugte ſich etwas vor und ſagte dann mit einer Stimme, die aus den Tiefen ſeines Herzens zu kommen ſchien: 65„Miriam, ſagen Sie mir, daß Sie es nicht ge⸗ au.“ Sie antwortete nicht. „Sagen Sie, daß Sie es nicht gethan, ich werde es Ihnen glauben.“ Miriam ſah ihn an; als ſie gewahrte, wie ſich Zweifel und Schmerz in ſeinen Zügen malte, überflog die Ihren ein leichtes Mitleid. „Wirklich?“ ſagte ſie mit einigem Erſtaunen.„Nein, Cornelius, Sie könnten nicht und ſelbſt wenn Sie könn⸗ ten, möchte ich dieſen Auftritt nicht verlängern. Ich könnte läugnen oder irgend eine Erklärung von mir ge⸗ ben, die Sie begierig ergreifen würden, aber was ſollte es nützen?— ich bin müde“ Sie ſtrich mit der Hand über die Stirne, wie um ein drückendes Gefühl von Er⸗ müdung zu beſeitigen und ſah uns mit einem Ausdruck 350 ernſter Niedergeſchlagenheit an, den ich nie vergeſſen habe.„Ich bin müde,“ ſagte ſie wieder;„ſeit Tagen und Wochen hat ſich dieſes Gefühl der Mattigkeit mei⸗ ner gänzlich bemächtigt. Der Kampf um das, was, wenn ich's gewonnen, doch keinen Werth für mich hätte, iſt beendigt. Ich bedaure es nicht und Sie ſollten noch weniger Grund dazu haben.“ „Miriam,“ ſagte Cornelius leidenſchaftlich,„es iſt nicht wahr, und Sie müſſen, Sie werden es läugnen.“ „Ich werde nicht,“ antwortete Miriam feſt, und nicht ohne eine gewiſſe Würde, die ſie bis zum letzten Momente bewahrte.„Ich ſage Ihnen, ich bin müde und daß wenn uns dies nicht trennen würde, etwas Anderes uns ſcheiden müßte.“ Ein Stuhl ſtand neben Cornelius; er ſetzte ſich und warf Miriam einen langen forſchenden Blick zu, welcher mit tiefem und empörendem Schmerze zu fragen ſchien:„Biſt Du das Weib, daß ich liebte.“ „Sie verſtanden mich nicht,“ ſagte ſie ungeduldig. „Sie hätten ahnen ſollen, daß ich von meiner Jugend an im Fieber der Leidenſchaft, die ich einflößte oder ſelbſt fühlte, gelebt; Sie hätten wiſſen können, daß ich herr⸗ ſchen oder beherrſcht werden wollte. Ich machte Sie darauf aufmerkſam, daß, obwohl ich nichts verſprechen könnte, ich um ſo mehr verlangen würde, und Sie ſag⸗ ten, daß ich nie zu viel verlangen könnte. Als es jedoch zur Probe kam, was gaben Sie mir? ein Ge⸗ fühl, ſchwach wie Waſſer, kalt wie Eis! Sie wollten nicht mal ihre ſogenannte Kunſt dafür opfern!“ „Für kein irdiſch Weib,“ verſetzte Cornelius un⸗ gehalten.„Das Malen aufgeben! Vergeſſen Sie nie, daß ich Ihnen verſprach, Sie zu lieben, wie ein Maun iebe?“ „Das heißt vermuthlich, etwas mehr als Daiſy und etwas weniger, als Ihre Bilder. Ich bin an eine andere Liebe gewöhnt.“ 3⁵1 Cornelins erröthete. „Eine unwürdige Leidenſchaft,“ ſagte er,„bebt vor nichts zurück, um ſich zu befriedigen; eine edle Lei⸗ denſchaft iſt an die Ehre gebunden.“ „Ich überlaſſe Sie ſolchen Leidenſchaften,“ antwor⸗ tete Miriam ruhig,„der Malerei, die Sie ſo ſehr lie⸗ ben, den häßlichen Neigungen, in die Sie mich immer einzuſchließen wünſchten. Ich ſuchte Sie in das, was ich Leidenſchaft nenne, einzuweihen, es iſt mir nicht ge⸗ tungen. Wir ſcheinen uns trennen zu ſollen. Laſſen Sie uns das ruhig thun und ohne Vorwürſe.“ Cornelius ſah ſie ganz verduzt an. Sie ſprach gefaßt, als ob ſie weder fühlte, noch ſich etwas daraus machte, daß ſie, wie ſie ſelbſt zugeſtand, ſchuldig war. Sie dachte offenbar weder an Entſchuldigung, noch an Rechtfertigung. 1 „Sie denken an Daiſy,“ fuhr ſie fort,„denken Sie von meinem Benehmen gegen ſie, was Ihnen be⸗ liebt. Ich ſage nur ſoviel, obwohl das arme Kind mich gehaßt hat, wie ſie Sie liebte— das heißt von ganzem Herzen, waren Sie, ſind Sie und werden Sie ihr größter Feind ſein.“ „Ich!“ rief Cornelius entrüſtet. „Ja: und Sie müſſen blind ſein, wenn Sie nicht ſehen, daß ich Ihre beſte Freundin war, als ich ein Kind von Ihnen trennte, das wenige Jahre zur Frau machen werden: ſie wird das ſelbſt einſehen, wenn Sie ihr eines Tages das Herz brechen und ihr ſagen, Sie meinten das nicht.“ „Möge mich Gott verlaſſen, wenn ich ihr Glück nicht über das meinige ſtelle!“ verſetzte Cornelius leiſe, indem er mir einen verlegenen Blick zuwarf. 2 „Sie ſind edel,“ antwortete Miriam mit einem ironiſchen, aber nicht unharmoniſchen Lachen, indem ſie mit der ganzen Verachtung ſelbſtbewußter Schönheit ihn über die Achſel anſah;„Sie denken jetzt ſo, aber ich † 3⁵² weeiiß es beſſer, und hab' es immer beſſer gewußt. Und trotz dieſer Wiſſenſchaft, obgleich ſie ſich mir immer mit kindiſcher Dreiſtigkeit in den Weg ſtellte, war ich doch bisweilen ihretwegen bekümmert. Sie werden das na⸗ türlich nicht glauben; bei der Uebertreibung, die Ihrem Character eigen, werden Sie mich für eine Perſon hal⸗ ten, die ibre Freude am Unheilſtiften hat, während das, was Sie Unheil nennen, für mich nur eine andere Form des Guten iſt und beim Blick auf die Zukunft ihre Rechtfertigung in ſich trägt. Wäre es mir gelungen, Ihnen eine ausſchließliche, alles verdrängende Leiden⸗ ſchaft einzuflößen,— wenn auch auf Koſten einiger Bil⸗ der und des Verluſtes von Daiſy's Herz,— ſo würde ich Ihnen die größte Wohlthat erzeigt haben, die ein menſchlich Weſen dem andern erweiſen kann.“ Ihre Augen leuchteten von einem inneren Feuer; ihre Wangen glühten, ihre geöffneten Lippen zitterten. Sie war mir noch nie ſo ſchön erſchienen. Cornelius ſah ſie an und lächelte bitter. „Ich bemitleide Sie,“ ſagte ſie etwas verächtlich, „ich bemitleide Sie, daß Sie ein Gefühl verſpotten, das Sie nicht fühlen können; ſo wiſſen Sie, daß ich wenigſtens nicht ohne Kenntniß von der Sache ſpreche.“ „O, ich weiß es,“ rief er unwillkürlich. „Sie wiſſen es 2˙ „Ja,“ verſetzte er etwas gedehnt,„und ich habe es ſchon längſt gewußt. Ein Mann, deſſen Stolz Sie verletzten, fand Mittel, ſich Briefe zu verſchaffen, die Sie geſchrieben, und welche mir bewieſen, in wie inni⸗ gem Verhältniß Sie zu einem Andern ſtanden, der frei⸗ lich jetzt todt iſt. Einen ganzen Tag lang hatte ich im Sinne, Sie aufzugeben: aber ich war ſchwach und ſagte nichts. Ich liebte Sie zu ſehr, um Ihnen nicht den ſtillen Betrug zu vergeben, zu ſehr, um Sie durch das Geſtändniß zu demüthigen, daß ich davon wußte und war vielleicht zu eiferſüchtig, um nicht froh zu ſein, 3⁵³ jedes Zeugniß einer früheren Neigung vernichten zu können.“ „Mich demüthigen!“ ſagte Miriam und ſtand auf; „ſo wiſſen Sie, daß das mein Stolz iſt. Ich fühlte nicht, wie Sie, Cornelius; ich würde mich zur Sklavin des Mannes gemacht haben, den ich liebte, wenn er es gewünſcht.“ Sie faltete ihre Hände auf dem Buſen, als ob ſie auf ihre Unterwerfung ſtolz wäre und fuhr fort: „So ſtolz und herrſchſüchtig ich auch bin, er hätte mich ſeinem Willen beugen können. Ich hielt Ihre Energie für Willenskraft und glaubte, auch Sie wären dazu im Stande. Aber ich täuſchte mich in meinem ei⸗ genen Herzen und glaubte, ich könne noch einmal ſo fühlen, wie ich früber gefühlt. Später entdeckte ich den doppelten Irrthum; und trug nichts als Entmuthigung und Aergerniß davon. Ich wußte, daß es ſo kommen würde,— wundern Sie ſich deßhalb nicht, wenn ich mich freue, daß das Ende da iſt.“ Sie ſprach in dem Tone, in welchem ſie geſagt, ich bin müde; der Glanz war aus ihren Augen gewichen, die Farbe von ihren Wangen verſchwunden; ihre Miene war wieder abgeſpannt und gleichgültig. Sie warf ei⸗ nen zerſtreuten Blick umher, zog den ſeidenen Shawl. den ſie trug, feſter an, wandte ſich weg und verließ das Zimmer, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen. Ein tiefes Schweigen, das nicht enden zu wollen ſchien, folgte ihrem Weggang. Kate ſaß an ihrem ge⸗ wöhnlichen Platz, und hatte den Blick feſt auf ihren Bruder geheftet. Sein Geſicht wurde von ſeiner Hand geſtützt und theilweiſe beſchattet. Er bewegte ſich nicht und ſprach nicht. Endlich erhob ſich ſeine Schweſter und trat zu ihm. Sie legte ihre Hand auf ſeine Schulter und ſagte, indem ſie ſich herabbeugte: Daiſy Burns. 1. 23 ſchrecklich habe ich mich täuſchen laſſen!“ weiß, Du wirſt es ertragen.“ zitterte— während er dieſe Worte ſprach:„es iſt , aber es iſt nicht mehr, als ein Menſch ertragen kann.“ hart ihn zurück. das in's leiſe rig; weinen. lung zur Seite gelegt. Dieſen Abend dachte ich, ſie wieder aufzunehmen, doch ehe ich dies that, durchflog ich „Cornelius!“ Er blickte gedankenvoll zu ihr auf und ſagte leiſe: „Kate, ich hielt ſie beinahe für einen Engel; wie „Aber Du wirſt es ertragen,“ ſagte ſie ernſt,„ich „Ja,“ antwortete er, obwohl ſeine Lippe etwas ¹ Er ſtand bei dieſen Worten auf. „Wohin willſt Du gehen,“ fragte Kate und hielt „Fort; ſei unbeſorgt um mich, Kate.“ „Aber es regnet ſehr ſtark.“ „Thut nichts.“ Seine Lippen berührten ihre Stirne— er verließ Zimmer— wir hörten die Straßenthüre hinter ihm Schloß fallen, und bei der Stille, die eintrat, das Praſſeln des Regens. „Armer Junge! armer Junge!“ ſagte Kate trau⸗ wir ſahen uns gegenſeitig an, und begannen zu 4 ——-— Bweiundzwanzigſtes Kapitel. Seit länger als einer Woche hatte ich dieſe Erzäh⸗ das, was ich bisher geſchrieben. 3⁵⁵ Ach! wie lange brauchen wir, um die gehäſſigen und feindſeligen Gefühle unſerer Kindheit zu vergeſſen. Wie zieht ſich durch dieſe Blätter aus der Vergangenheit ein fortwährender Groll gegen die Feindin meiner Ju⸗ gend, den Jahre nicht aus meinen Herzen zu verwi⸗ ſchen vermochten! Welch' traurige und demüthigende Lehre war dies für mich. Wie klar tritt mir die Er⸗ fahrung daraus entgegen, daß die Leidenſchaft das nechel trübt und die heilige Nächſtenliebe vergeſſen läßt. Ich habe Miriam obhne einen einzigen verſöhnenden Zug geſchildert und mein Gewiſſen ſagt mir, daß ſie das nicht war. Ich erinnere mich jetzt vieler Züge von ächt weiblichem Gefühle und von Menſchenfreundlich⸗ keit, welche, wie ich reuevoll geſtehe, nicht unerwähnt, hätten bleiben ſollen, wenn Alles, was ſchlimm an ihr war, ſo getren aufgezeichnet wurde.- Sie beſaß viele hohe Eigenſchaften. In weltlichen Angelegenheiten war ſie edelmüthig und uneigennützig. Ihr Wort war unverletzlich; ſie gab es ſelten und brach es nie. Sie war ihrer blinden alten Amme treu ergeben und geduldig gegen ihre kränkliche Tante. Ihr Tempe⸗ rament war ruhig und ausdauernd; ſie hatte etwas von jenem Geiſte in ſich, der Märtyrer macht und hätte Verfolgung mit unerſchrockenem Muthe ertragen. Sie ſprach nie von Religion und ich zweifle, ob ſie über⸗ haupt religöſe Gefühle hatte; aber ſie war mildthätig gegen die Armen; ſie hatte Mitleid mit dem Elend und Theilnahme für körperliches Leiden; ich erinnere mich, daß ſie einſt, als ich mich heftig in die Hand ſchnitt, ein Bedauern an den Tag legte, das ehrlich gemeint ſein mußte. Wäre ich ganz in ihrer Macht geweſen und hätte ſie auf das Aeußerſte gereizt, ich bin überzeugt, ſie würde mich weder mißhandelt, noch zugegeben haben, daß mich Andere mihhandelten. Ihr Haß war erbarm⸗ ungslos, aber nicht niedrig; denn ſie verſchmähte es, 3⁵6 mich unnütz zu quälen. Sie hatie einen Grund, warum ſie mich quälte, aber das Quälen ſelbſt machte ihr keine Freude. Ich weiß, daß wenn ich nicht ſo hartnäckig an Cornelius Liebe gehalten, nicht ſo ſtolz und zuverſicht⸗ lich geweſen, ſie nie meinen Ruin geſucht hätte; aber ſie war nicht im Stande, die Nebenbuhlerſchaft oder Op⸗ poſition auch nur eines Kindes zu ertragen; ich ſtellte mich ihr in den Weg und ſie behandelte mich wie ein Hinderniß, das aus dem Weg geräumt, und wenn das nicht gelang, überwunden, ja ſogar, wenn nöthig, zer⸗ malmt werden mußte.. Sie war eines von jenen äußerlich ruhigen Weſen, deren wahrer Natur nie auf den Grund zu kommen iſt, wenn ſie nicht durch irgend etwas oder irgend wen ihr Innerſtes zu erſchließen gezwungen werden. Ich glaube nicht, daß ſie in ihrem früheren Leben eine ein⸗ zige Handlung begangen, die ſie zu verheimlichen hatte. Wir waren principielle Gegenſätze und in unſerem Kampf kehrten wir unſre ſchlimmſten Spitzen hervor, aber ohne ſie würde Cornelius nie meine eiferſüchtige Natur ent⸗ deckt haben und ohne dieſe Eiferſucht wäre ihm der wahre Character ſeiner Braut ein Geheimniß geblieben. Selbſt Kate, obgleich ſie ſie nie geliebt, war, wie ich ſpäter erfuhr, überraſcht und erklärte:„Cornelius könne ſich glücklich preiſen, der Heirath mit einem ſo grauſa⸗ men und verrätheriſchen Weib entgangen zu ſein. War das Miriam wirklich? Ich glaube nicht. Sie hatte aller⸗ dings wenig feſte Grundſätze und verſchmähte auch die Falſchheit nicht, wenn ſie ihr diente: aber ſie war nie ohne beſondern Zweck grauſam und verrätheriſch. Sie wäre vielleicht gut geweſen, hätte ſie nicht einer falſchen Idee ſich hingegeben— daß Gutes und Böſes an ſich ein und daſſelbe ſeien; und groß, hätte ſie nicht einer Sünde— der Selbſtvergötterung gefröhnt. „ Sie entbehrte jenes Mittelpunktes aller Herzen— Gottes. Er, der uns geſchaffen, hat uns ſo geſchaffen, 3⁵⁷ daß wir in ihm allein dieſe Ruhe finden. Wir mögen uns Idole von Ehre, Pflicht, Liebe, Kunſt ſchaffen; von menſchlichen Ideen und menſchlichen Weſen: ſelbſt das wird uns nicht ganz fallen machen. Das Gefühl der Ehre und der Pflicht ſind ſeine Gaben; er gab uns ein Herz zur Liebe, eine Seele, das Schöne zu empfinden, Ver⸗ ſtand zum begreifen, Gefühle, um ſie andern zu widmen. So lange daher unſre Thätigkeit nach außen gerichtet iſt, wird ſelbſt unſre größte Selbſtvergötterung von der Heiligkeit der Anbetung und Majeſtät Gottes durchdrungen ſein. Aber Selbſtvergötterung iſt die Sünde des Weibes; wir ſol⸗ len niemals unſer eigner Mittelpunkt, unſre eigne Hoff⸗ nung, unſer eignes Ziel und unſere Würde ſein; es gibt kein traurigeres Gefängniß, als das, welches das menſchliche Herz für uns werden kann; die anderen Kreiſe der Hölle ſind groß und frei im Vergleich mit die⸗ ſem engſten Kerker— der in ſich ſelbſt verſchloſſen iſt. Dies war es auch, was Miriam, während ſie äuſ⸗ ſerlich ſo ruhig und kalt erſchien, ſo unruhig und troſt⸗ los machte. In Cornelius' Liebe lag eine geſunde Heiterkeit; die ihrige aber war aufgeregt, wie ein tief bewegtes Meer. Sie ſuchte nicht in der Liebe das göttliche Selbſtvergeſſen, ſondern im Gegentheil ein Bewußtſein ihres Daſeins, das durch die ſtürmiſche Leidenſchaft nur noch vertiefter wurde. Lieben war für ſie nicht Untergehen in einem andern Weſen, ſondern das andere Weſen in ſich aufgehen laſſen. Alles, was ich von ihrem erſten Geliebten wußte, war, daß er ein Seecapitän geweſen, der vier oder fünf Jahre, ehe ſie Cornelius kennen lernte, mit ſeinem Schiffe untergegangen. Ihre Liebe konnte äußerlich eine hingebende geweſen ſein, im Herzen war ſie eine egoiſtiſche. Wieder zu lieben, wäre kein Verbrechen geweſen, aber daß ſie es wünſchte, bewies, daß der Mann im Vergleiche mit ihrem Gefühle nichts geweſen. 3⁵⁸ Daſſelbe war mit ihrer Schweſter der Fall. So lange ſie lebte, war Miriam ganz vernarrt in ſie; ſobald ſie im Grabe lag, wurde ihr Name mit keiner Silbe mehr erwähnt. Alles, was an ſie erinnern konnte, wurde als zu peinlich ſorgfältig vermieden; ein neuer Gegenſtand, eine neue Leidenſchaft beſchäftigte ihre ganze Seele; ſie war geweſen, aber ſie war nicht mehr. Für die, welche wahrhaft lieben, gibt es eine Treunung, aber keinen Tod: ihr Herz hält wie ein gaſtfreundlicher Wirth den Platz für die Gäſte, die er einmal empfangen und be⸗ wirthet, ſtets offen. Bei Miriam war dies nicht der Fall. Da das Weſen, das ſie einſt entzückt, ſie nicht mehr ergötzen konnte, ſo hörte es auch auf, ſie zu beſchäftigen. Ich ſah ſie nie mehr nach ihrer Trennung von Cornelius, aber ich kann mir kaum denken, daß der Verluſt deſſen, den zu gewinnen ſie ſich ſo viele Mühe gegeben, ihr auch nur einen ſchmerzlichen Augenblick koſtete; ſie hatte nicht geliebt, aber er hatte es, und er trug den Kummer ganz allein. Wie wird er ihn tragen? Das war eine Frage, die weder ſeine Schweſter, noch ich hätten beantworten können. Er war an jenem Abend, an dem er das Schmerzliche erfahren, ausgegangen, von einem dunkeln Gefühle getrieben, das uns Orte aufzuſuchen drängt, wohin kein Auge reicht, und wo die ruhige Stille der Mutter Natur auf unſere aufgeregten Sinne und unſer verwundetes Herz ſo wohlthätig wirkt. Er kam am näch⸗ ſten Morgen wieder, müde und erſchöpft, wie Jemand, der weit gewandert iſt und vergeblich Frieden geſucht. Seine Schweſter ſah ihn düſter an und ſagte in ihrem ſanfteſten Tone: „Es iſt hart, Cornelius!“ 4 Er ſah ihr ihr ins Geſicht und ſagte ruhig:„Ja, Kate; aber es gibt keinen Kummer, der nicht verſchmerzt und bezwungen werden könnte.“ Der durch die Täuſchung tief verletzte Stolz verſchloß 5 3⁵⁹* ihn der Sympathie und verbot ihm jede Klage. Er kämpfte muthig gegen ſeinen bittern Schmerz. Eines Morgens rief er mich in das Atelier, um die Sitzun⸗ gen für das geſtohlene Kind wieder aufzunehmen; im Verlauf der Woche verſchaffte er ſich auch zwei Zigeuner und widmete der Arbeit all' ſeine Aufmerkſamkeit, ſein Talent und ſeine Energie. Es gab jedoch Augenblicke, in welchen ſeine Hand zitterte, ſein Blick unruhig wurde, und es klar war, daß alle Macht des Willens ſeine Aufmerkſamkeit nicht länger feſſeln konnte. Auch andere Zeichen fielen mir auſf. Eine Meile von uns entfernt, lag in der Allee ein kleines, hübſches Gotteshaus, das der Pflege des Glaubens gewidmet war, den ſie, wie ihr Vaterland, wegen der Kränkungen, die er täglich ertragen mußte, nur um ſo mehr liebten. Seit drei Jahren war ich mit kurzer Unterbrechung jeden Sonntag dort geweſen und hatte neben Cornelius gekniet, mit kindiſcher Freude aus demſelben Buche geleſen. Aber jetzt— und ich be⸗ merkte das gleich— obwohl ſeine Hand das Buch noch immer hielt, durchliefen ſeine Augen die Seiten nicht mehr mit den meinen: in ſeinem zerſtreuten Geſichte gewahrte ich eine innigere und wehmüthigere Andacht, als die ruhige Aufmerkſamkeit der früheren Zeiten. Ein⸗ mal, als wir zuſammen nach Hauſe gingen, fragte er mich ſogar, wovon gepredigt worden. Aber nichts hat Dauer in dieſer Welt. Cornelius⸗ Schmerz war nicht der Art, daß man immer darüber brüten konnte: wir wußten nicht genau, wenn er ſeine innere Heiterkeit wiedergewann, nur daß er ſie wieder gewann, bewies ein Ereigniß, das ſich im Verlauf des Winters zutrug. Eines Nachmittags, als Kate und ihr Bruder aus⸗ gegangen waren, kam Mr. Smalley zum Beſuch. Er hatte eine Stelle irgendwo im Norden erhalten und wollte uns Lebewohl ſagen. Er drückte ſein lebhaftes 360 Bedauern aus, daß ſein Freund und Miß O'Reilly nicht zu Hauſe ſeien und erkundigte ſich mit ſeiner gewöhnli⸗ chen wohlwollenden Freundlichkeit nach ihnen. „Sie ſind beide ganz wohl; und Sie befinden ſich auch wohl, Mr. Smalley?“ fragte ich, denn, wie er ſo mit ſeiner hagern Geſtalt etwas vorwärts gebeugt, mir gegenüber ſaß, erſchrak ich über die Bläſſe und Mager⸗ keit ſeines Geſichtes. 1 „Ich bin ganz wohl,“ antwortete er mit einem Lä⸗ cheln,„und vefinde mich in der angenehmſten— obwohl, wie ich hoffe nicht übermüthigen Stimmung, die ſich aus meinem neuen Glücke von ſelbſt erklärt. Rugby— haben Sie je von Rugby gehört, meine Liebe?“ „Nein, Sir, ich kann mich nicht erinnern.“ „Nun, das iſt Schade, aber es ſcheint wirklich nie⸗ mand Rugby zu kennen und Trim behauptet ſogar, es ſei ein erdichteter Ort; doch ich ſagte ihm, ich müſſe hierin verſchiedener Anſicht mit ihm ſein, da ich Rugby wirklich geſehen. Rugby iſt, wie geſagt, ein außerordent⸗ lich maleriſcher, beinabe zu maleriſcher Ort, denn er liegt auf einer ſteilen Anhöhe mit einer alten Kirche und ei⸗ ner altväteriſchen Pfarrwohnung; ein prachtvoller Waſſer⸗ fall überſchwemmt die Gegend zweimal des Jahres, aber die Leute ſind daran gewöhnt und kümmern ſich nicht darum— es hat deßhalb auch nichts zu ſagen.“ „Aber iſt das denn nicht ſehr unangenehm, Sir?“ „Nun, wohl nicht ganz und gar angenehm,“ ver⸗ ſetzte Morton Smalley ruhig, und fügte dann mit einem Seufzer hinzu,„aber das Leben hat größere Unannehm⸗ lichkeiten und jeder Menſch hat ſeine eigne Plage, mein liebes Kind.“ 4 „Ja,“ antwortete ich,„Miß O Reilly kann ihr Haus nicht vermiethen; es iſt Jammerſchade, nicht wahr?“ „Haben die Miethsleute gekündigt?“ fragte Mr. Smalley etwas verlegen. 361 „Ja, Miß Ruſſell hat gekündigt; haben Sie den An⸗ ſchlagzettel nicht geleſen?“ „Ich ſah nicht hin,“ antwortete er leiſe; und ſagte dann wieder: „Iſt Miß Ruſſell ausgezogen?“ „Ihr Ameublement iſt noch hier; ſie iſt jedoch be⸗ reits in Haſtings.“ Es enſtand eine Pauſe; Mr. Smalley faßte ſich wieder und fragte: „Ihre Nichte bei ihr?“ „Ich weiß nicht.“ „Wirklich?“ „Nein, wir wiſſen nichts mehr von Miß Miriam, da ſie Cornelius nicht heirathet.“ Mr. Smalley wurde blaß und roth und wieder blaß; aber er richtete keine weitere Frage an mich. Er beſchränkte ſich auf ein Geſpräch über das Wetter, was für ein ſchöner Tag es ſei(dabei rieſelte es vom Him⸗ mel), wie glücklich es ihn mache, von Cornelius zu ver⸗ nehmen, daß es ihm ſo gut gehe(wir hatten kein Wort davon geſprochen); dann brach er plötzlich ab, ſtand auf und verabſchiedete ſich, wodurch ich mich nicht wenig er⸗ leichtert fühlte, denn ich merke, daß ich eine Indiscretion begangen und dazu nicht die kleinſte. Im Laufe des Monats, während wir beim Frühſtück ſaßen, brach Kate, welche die Zeitung las, plötzlich in einen ſtaunenden Ausruf aus, den ſie raſch wieder zu unterdrücken ſuchte. Cornelius nahm ihr die Zeitung aus der Hand, überflog ſie und las ſehr ruhig und laut: „Am zwölften dies, in St. Georgeskirche Hanovers⸗ quare, Rev. Morton Smalley von Rugby mit Miriam Nuſſell, älterer Tochter des verſtorbenen Thomas Ruſſell Esq. von Southwell, Norfolk.“ „Smalley verdiente eine beſſere Frau,“ ſagte Cor⸗ nelius und gab Kate die Zeitung, ohne das leiſeſte Zei⸗ 362 chen von Aufregung. Wir erfuhren auf dieſe Weiſe, wie gänzlich todt Miriam für ſein Herz war. Was für eine Gattin konnte ſie für Morton Smalley in ſeiner nordiſchen Heimath ſein? Ich weiß nicht, eben⸗ ſowenig, als ich weiß, was außer dem Verlangen nach Veränderung und Bewegung einen ſo raſtloſen und fieber⸗ haften Geiſt veranlaſſen konnte, mit dieſer reinen und ruhigen Natur ſich zu verbinden. Fand ſie ihren Frieden in der hingebenden Liebe und in der Erfüllung der Pflichten, die der Gattin eines Geiſtlichen beſchieden ſind? Vielleicht, und vielleicht wußte er auch die guten und wahren Eigenſchaften ihres Charakters an's Licht zu ziehen. Ein Jahr nach ihrer Verheirathung ſtarb ſie an der Geburt eines Kindes, das noch lebt und das der Vater fortwährend das Abbild ſeiner verſtorbenen theuren Heiligen neunt, obgleich nur ſeine Augen die Spur einer Aehnlichkeit in ihm zu finden im Stande ſind. Ich war nicht bei Cornelius, als dies Ereigniß eintrat und wie die Nachricht von dem Tode der Frau, mit der er ſein Leben zubringen wollte, auf ihn wirkte, habe ich nie erfahren. Cornelius hatte, wie geſagt, ſeine alte Heiterkeit wieder gefunden; aber er war nicht mehr das, was er ehedem geweſen. Der knabenhafte, leichte Sinn ſeines Temperamen⸗ tes war von ihm gewichen— ſein früherer Glaubs war gebrochen und er blickte ernſt und klüger in das Leben. Gegen ſeine Schweſter war er wie zuvor; gegen mich weit liebevoller. Er liebte mich um ſo mehr, als ich⸗ für ihn die Urſache ſo vieler Unruhe geweſen; ein weni⸗ ger edles Gemüth und Herz würde mir die Fehlgriffe nie verziehen haben, zu denen ich ihn verleitet, ſowie die unvortheilhafte Stellung, in die ich ihn verſetzt: beides machte mich Cornelius nur um ſo theurer. Die einzige Anſpielung, die er auf die Vergangenheit machte, war, daß er mir eines Winterabends, als die Lektionen 863 vorüber waren und wir bei einander am Kamin ſaßen, agte: ſag„Ich hoffe, Du biſt jetzt glücklich, Daiſy?“ „Ja, Cornelius,“ antwortete ich, etwas bewegt, „ſehr glücklich.“ „Das iſt recht,“ ſagte er und ſtand auf. „Du gehſt aus?“ fragte Kate ängſtlich. „Ja, ich werde um Neun wieder da ſein.“ „Geh' durch den„Hain“ zurück.“ „Warum?“ „Die Allee iſt nicht ſicher.“ Er lachte, ſagte, er fürchte ſich nicht und verließ uns. Ich ſah ihn mit bangem Herzen gehen. Der Weg, auf welchem er zurückkehren wollte, war ſehr ein⸗ ſam und in letzter Zeit Zeuge mehrer räuberiſcher An⸗ fälle geweſen. Der Abend ging ruhig vorüber; aber es ſchlug Neun, und Cornelins kam nicht zurück. Ich warf Kate einen ängſtlichen Blick zu. „Unſinn!“ ſagte ſie ungehalten;„wie kannſt Du ſo etwas denken? Geh' augenblicklich zu Bette.“ Vergeblich bat ich ſie, aufbleiben zu dürfen, bis er da ſei; ſie ſagte, ſie wolle keinen ſolchen Blick mehr ſe⸗ hen und bat mich wieder, zu Bett zu gehen. Ich fühlte mich zu unglücklich, um mir ein Gewiſſen daraus zu machen, ungehorſam gegen ſie zu ſein. Ich verließ das Wohnzimmer, ſtatt jedoch die Treppe hinauf zu gehen, ſtahl ich mich leiſe aus dem Hauſe, ging durch den Gar⸗ ten, ſchloß die hintere Thüre, die ich halb offen ließ, und ſah in der Richtung hinaus, von welcher Cornelius herkommen ſollte. Die Nacht war dunkel; ein ſcharfer Wind ſtrich durch die Allee; ich zog den Schooß meines Kleides über meinen Kopf und kroch unter eine nahe⸗ ſtehende Hecke. Dort blieb ich, wie mir ſchien, eine Ewig⸗ keit und lauſchte auf jedes leiſe Geräuſche. Einmal hüpfte mir ſchon das Herz, als ich einen fernen Tritt hörte, aber meine Freude hatte bald ein Ende, als er näher 364 kam und ich ſah, daß es ein Fremder war, der mich nicht bemerkte und ſorglos pfeifend an mir vorüberkam. Unheimliche Viſionen, in welchen ich Cornelius blu⸗ tend und leblos an einem ſchauerlichen Orte liegen ſah, gaukelten vor meinem Auge, bis ich vor Schmerz und Angſt faſt den Verſtand verlor; aber plötzlich durchflog mich eine helle Freude; ich hörte ſeinen raſchen, leichten Schritt die Allee heraufkommen— ich wußte gewiß, daß er es war; er war unverletzt— die dunkle Viſion ver⸗ ſchwand, wie ein böſer Geiſt, vertrieben von einem gu⸗ ten Engel. Ich hätte vor Freuden lachen können, ich war ſo glücklich. Die Freude ließ mich jedoch nicht ver⸗ geſſen, daß ich ungehorſam geweſen und welche Folgen dies haben könnte; ich wollte mich unbemerkt hinein und auf mein Zimmer ſchleichen, aber zu meinem Schrecken fand ich, daß die Thüre hinter mir in's Schloß gefallen und ich hinausgeſperrt war. Es blieb kein Ausweg; ich wartete, bis Cornelius kam und läutete, dann machte ich ein leiſes Geräuſch in der Hecke. „Was iſt das?“ fragte er ſcharf. „Sei unbeſorgt, Cornelius,“ antwortete ich leiſe, „ich bin’'s.“ 8 9„Daiſy? Wie kommſt Du hierher, Kind?“ „Ich war ſo unglücklich, weil Du nicht nach Hauſe kamſt, daß ich hier außen auf Dich wartete. Die Thüre iſt geſchloſſen, ich konnte daher nicht hinein, als ich Dich hörte,— laß Kate mich nicht ausſchelten, Cornelius.“ Ehe er antworten konnte, wurde die Thüre von Kate ſelbſt geöffnet, ein Beweis, daß ſie nicht ohne beimliche Unruhe war. In der Eile hatte ſie nicht mal Licht gebracht. „Biſt Du es?“ ſagte ſie raſch. „Natürlich, Kate.“ „Gott ſei Dank! Ich war ſehr in Sorgen; und die thörichte Midge, die ich vor einer Stunde ſchon zu Bette ſchickte, iſt gewiß noch wach, das arme Kind. Ich — 36⁵ ärgerte mich über ſie, daß ſie ſo nervös iſt und ich mache es ſelbſt nicht beſſer.“ Sie ſchloß die Thüre, während ſie ſprach. Ich war unbemerkt hineingeſchlüpft und wäre vielleicht glücklich der Entdeckung entgangen, denn Cornelius ſchien keine Luſt zu haben, mich zu verrathen; als wir aber die Treppe hinaufgingen, erſchien Deborah plötzlich und brachte Licht; ſie ſah mich verdutzt an, da ich hinter Cornelius mich verſteckte; Kate wandte ſich um, ſah mich und brach in ein lautes Erſtaunen aus. „Es iſt ſehr unrecht von ihr,“ ſagte Cornelius raſch, „aber Du mußt ihr verzeihen, Kate. Ich fand ſie drau⸗ ßen auf mich wartend. Vermuthlich hatte ſie ſich in den ſchrecklichen Gedanken hineingearbeitet, ich ſei überfallen nn ermordet„und wußte deßhalb nicht, was ſie thun ollte.“ „Ah!“ verſetzte Kate, ſagte jedoch nichts weiter. Wir traten in das Zimmer. Cornelius ſetzte ſich, ließ mich neben ſich Platz nehmen und wärmte meine kalten Hände in den ſeinen. Er ſchalt mich ziemlich ſtreng aus, verbot mir, je wie⸗ der etwas Derart zu thun, ſagte, er ſei ſehr ungehalten und ſchloß damit, daß er mich in ſeine Arme nahm und küßte. Kate hatte kein Wort geſagt, ſah jedoch unge⸗ wöhnlich ſtreng aus. Als ich bei ihrem Bruder ſaß, der mich trotz meines thörichten Ungehorſams liebkoste⸗ hatte ich das unheimliche Bewußtſein, daß ihr Blick auf mich geheftet war und vermied ihn dadurch, daß ich den mei⸗ nen hartnäckig auf das freundliche Geſicht richtete, das, um alle Erinnerung an das Vergangene zu verwiſchen, unfähig ſchien, mich mit Aerger und Mißvergnügen an⸗ zuſehen. „Cornelius?“ ſagte Kate endlich. „Nun?“ verſetzte er und ſah ſie an. „Erinnerſt Du Dich der Geſchichte von Goethe's Mignon?“ 366 Cornelius erröthete, wurde blaß, erröthete wieder und ſah gereizt und verlegen zugleich aus. „Was iſt damit?“ fragte er endlich. „Nichts,“ antwortete ſie ruhig;„ich denke nur bis⸗ weilen daran.“ Cornelius antwortete nicht; er wandte ſich aber langſam nach mir herum, und als ich ſo neben ihm ſaß, meine beiden Hände um ſeine Schulter geſchlungen und meinen Kopf an ſie gelehnt, ſah ich, wie er mir einen ſo unruhigen und ſeltſamen Blick zuwarf, daß ich un⸗ willkürlich fragte: „Was iſt Dir, Cornelius?“ „Nichts,“ antwortete er raſch,„aber glaubſt Du nicht, daß es beſſer wäre, Du gingeſt zu Bette?“ „Nun ja, gute Nacht, Cornelius;“ ich verſuchte ſein Geſicht zu dem meinen herabzubeugen; er ſchien verdrießlich und wandte ſich ungeduldig weg. „Ich ahnte, daß Du böſe auf mich biſt, weil ich draußen auf Dich wartete,“ ſagte ich und war nahe daran, in lautes Weinen auszubrechen;„nun weiß ich's gewiß, weil Du mich nicht küſſen willſt.“ Cornelius biß ſich auf die Lippen und gab mir einen ungeduldigen Kuß auf die Stirne, indem er kurz ſagte: „Da, Kind, biſt Du nun zufrieden?“ „Ja, aber darf ich Dich nicht auch küſſen?“ fragte ich in demſelben thränenvollen Tone. „Thu was Du willſt,“ verſetzte er, indem er ſich in ſein Schickſal ergab und mir geſtattete, ihn zu um⸗ armen. „Ich bin überzeugt, Du biſt noch böſe auf mich,“ ſagte ich und hing mich an ihn feſt, wie Kinder zu thun pflegen;„Du ſprichſt ſo ſtreng und ſiehſt mich ſo feind⸗ ſelig an.“ Er lächelte, ſeine Stirne glättete ſich; ſein Blick richtete ſich von mir auf ſeine Schweſter. „O Kate,“ ſagte er,„ſie iſt ein gutes Kind,“ und 367 mit plötzlich wieder erwachender Freundlichkeit hieß er mich neben ſich Platz nehmen. „Ich bin wahrhaftig kein ſolches Kind mehr!“ ſagte ich etwas pikirt,„und Du brauchſt auch kein ſo kleines Mädchen mehr aus mir zu machen, Cornelius, denn Du biſt nur zehn Jahre älter, als ich.“ „Nur zehn Jahre! Nun, mein liebes Kind, das römiſche Luſtrum beſtand aus fünf Jahren und die grie⸗ chiſche Olympiade aus vier, ſo daß, wenn ich ein ern⸗ ſter Römer wäre, ich zweimal den Göttern feierliche Opfer gebracht, oder wenn ich ein heiterer junger Grieche wäre, ich mich zweimal und ein Bischen drüber bei den olympiſchen Spielen, bei Wettrennen, Wagenlenken, Laufen, Werfen, Ringen, Fauſtkämpfen und anderm edlem Zeitvertreib ausgezeichnet hätte— und das Alles, während Du noch in der Wiege lagſt, Midge. Nun, Du biſt ja noch ein wahrer Säugling gegen mich.“ „Papa war zehn Jahre älter, als Mama,“ warf ich eine„war ſie deßhalb ein reiner Säugling gegen ihn?“ G „Meine Liebe, ſie war erwachſen.“ „Nun gut, wenn ich alſo erwachſen bin, werde ich kein reiner Säugling mehr gegen Dich ſein!“ verſetzte 11 ich triumphirend. „Du hartnäckiges, kleines Ding!“ ſagte Kate, die mit ſichtlicher Ungeduld zugehört;„ſiehſt Du nicht, daß dies etwas ganz Anderes iſt? Du biſt ſo gut, wie das adoptirte Kind von Cornelius.“ „Natürlich,“ warf er haſtig ein,„und da ich ganz Vater ſein will, ſo verlange ich ausdrücklich, daß Du auch ganz Kind ſeiſt.“—— 4 „Du möchteſt gern ein kleins⸗Kind als mir ma⸗ chen!“ ſagte ich traurig. „Hat das Dein Vater nicht auch ſo gemacht?“ „Allerdings, aber er war mein wirklicher Vater, und Du biſt es nicht, könnteſt es nicht ſein.“ — 368 Kate erklärte, es habe in ganz Irland nie ein ſo hartnäckiges Kind gegeben. Cornelius ſah ſehr ernſt aus und ſagte, da ich das Privilegium, ſeine Tochter zu ſein, nicht zu würdigen wiſſe, ſo werde er auch nicht darauf beharren. Ich proteſtirte ſo lebhaft gegen dieſen Vorwurf, daß er endlich überzeugt ſchien, ſagte, es ſei ganz recht und mir gute Nacht wünſchte. Ich zögerte: er beſtand darauf, daß ich gehe. „Ach!“ ſagte ich vorwurfsvoll,„Du biſt nicht ſo freundlich gegen mich, als Papa.“ „Warum nicht, Kind?“ „Wenn ich ihn gebeten, noch einen Augenblick bleiben zu dürfen: er würde nicht nein geſagt haben; er hätte viel⸗ mehr geſagt:„Ja, Margarethe, es iſt erſt Zehn; Du darfſt noch eine Viertelſtunde aufbleiben.“ „Nun denn, ſo bleibe,“ verſetzte Cornelius und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken;„aber Du wirſt eine Tochter, die fordert, ſtatt zu gehorchen.“ „Ein verzogenes Kind,“ ſagte Kate. „Laß ſie,“ verſetzte er, legte ſeine Hand auf mei⸗ nen Kopf und fügte freundlich hinzu:„Kate, das Kind iſt der einzige Ruhm und die einzige gute That meines Lebens. Sie macht mich ganz ehrwürdig und väterlich in meinen Augen und wie ein guter Vater will ich flei⸗ ßig arbeiten, um ihr einſt eine hübſche Ausſteuer geben zu können.“ „Ich will nicht heirathen,“ ſagte ich verdrießlich, „ich will Dich nicht verlaſſen, Cornelius.“ 4 „Unſinn!“ ſagte Kate trocken,„Du wirſt es ma⸗ chen, wie Deine Mutter und davonlaufen, wenn Jemand Dich zu halten verſuchte?“ Ich läugnete: ſie beharrte auf ihrer Behauptung. Ich wollte einen heftigen Widerſpruch gegen den bloßen Gedanken, daß ich Cornelius verlaſſen könnte, einlegen, als er in's Mittel trat und ſagte, ſein väterlicher Stolz würde ſich ſehr verletzt fühlen, wenn ich auch nur den 8 — 369 Gedanken hätte, eine alte Jungfer zu bleiben. Er appel⸗ lirte an mein kindliches Pflichtgefühl; ich opferte mich edel auf, aber nicht ohne einige Bedingungen zu ſtellen. „Er muß ein Irländer ſein,“ ſagte ich. 3 „Ah!“ rief Cornelius, ſich das Kinn ſtreichend, „er muß ein Irländer ſein.“ „Ja, und ein Künſtler.“ Cornelius ſchien unbehaglich zu Muthe zu werden, er wiederholte nur: „Ein Künſtler!“ „Ja, und ſein Name muß Cornelius ſein.“ Cornelius ſah verlegen aus. „Unſinn!“ ſagte Kate ſtreng,„wovon ſchwatzt Ihr da? ein Irländer— ein Künſtler— ſeine Name Cor⸗ nelius? Unſinn!“ „Sonſt will ich keinen,“ antwortete ich etwas ge⸗ reizt.„Ich brauche ihn nicht, Kate, das weißt Du wohl. Ich will bei Cornelius bleiben.“ „Mrs. O Reilly wird ein oder zwei Worte dabei zu ſprechen haben,“ ſagte Kate ſehr ruhig. Ich ſah Cornelius zuſammenzucken, als ob er einen plötzlichen Stich empfände, aber er widerſprach ſeiner Schweſter nicht. Mrs. O'Reilly! Der Name ſchon war mir zuwider. Ich antwortete nicht: Kate fuhr fort: „Du ſcheinſt ſehr erfreut über den Gedanken, daß Dein Papa heirathet.“ „Kein Kind hat je eine Stiefmutter geliebt,“ ant⸗ wortete ich erröthend. „Dann wirſt Du eine Ausnahme ſein, das weiß ich gewiß,“ ſagte Cornelius ſehr ernſt. Ich war davon durchaus nicht überzeugt; aber ich wagte es nicht auszuſprechen. Er ſah wohl, daß ich von meiner alten Eiferſucht durchaus nicht kurirt war; und obwohl ich glaube, daß ihm zu jener Zeit nichts frem⸗ der war, als eine Heirath, ſo verweilte er noch länger bei Daiſy Burns. I. 24 370 dieſem Punkte, vermuthlich, um mich von der Nothwen⸗ digkeit der Selbſtbeherrſchung zu überzeugen. n mußt die Gouvernante der Kinder werden,“ agte er. „Ja, natürlich muß ſie das,“ ſagte Kate beſtimmt. Ich wandte mich triumphirend nach ihr um. „Du vergiſſeſt wohl,“ ſagte ich, daß, wenn ich die Gouvernante bin, ich immer um ihn ſein werde.“ Cornelius ſchien verlegen und doch auch wieder an⸗ genehm von dem Geſpräch berührt. „Es iſt ein ſeltſamer Grad von Hartnäckigkeit in dem Mädchen,“ ſagte er,„ſie kommt immer wieder auf die Idee zurück, bei uns bleiben zu dürfen.“ „Weil ſie nichts halb ſo lieb hat,“ ſagte ich und ſah ihm in's Geſicht. „Ah, Mignon! Mignon!“ ſeufzte Kate. „Wer iſt Mignon?“ ſagte ich, betroffen von dem Namen, den ich zum zweiten Male hörte. „Es iſt über Viertel nach zehn,“ lautete die Ant⸗ wort, die mir Miß OmReilly gab. Ich ſah Cornelius an, aber er zeigte keinen Wunſch, mich zurückzuhalten; ich gab nach und ver⸗ ließ ſie. Von dieſem Tag trat eine merkwürdige Veränderung in ſeinem Benehmen gegen mich ein. Er war ſo freund⸗ lich, wie zuvor, aber keineswegs mehr ſo vertraulich. Er nannte mich immer ſeine kleine Tochter, aber kaum benützte ich dieſe eingebildete Verwandtſchaft, um größere Freiheit und Zärtlichkeit zu beanſpruchen, als er mich durch die hartnäckigſte Kälte zurückzuſchrecken ſuchte. Er nahm meine Liebkoſungen mit eiſiger Gleichgültigkeit, häufig ſogar mit einem Widerwillen auf, den er nicht ver⸗ barg; er erwiederte ſie ſelten, und wenn er es that, ge⸗ ſchah es nie mit der Freundlichkeit und Wärme, an die ich ſeit Jahren gewöhnt war. Wenn ich dies fühlte und traurig und unglücklich wurde, ſah Cornelius auch 371 bekümmert aus und kehrte in ſeinem Eifer, mich wie⸗ der heiter zu machen, zu ſeiner freien und freundlichen Manier zurück, in welcher er beharrte, bis eine Bemer⸗ kung von ſeiner Schweſter oder eine zu liebevolle Hand⸗ lung von meiner Seite, ihn wieder kalt und vorſichtig machte. Ich konnte mir den Grund von alle dem nicht den⸗ ken. Ich konnte nicht begreifen, warum Cornelius, wenn ich ihm zeigte, wie ſehr ich ihn liebte, ſo unge⸗ halten ausſah: ich verſtand nicht, warum er, als Kate einſt in ihrem ominöſeſten Tone zu ihm ſagte:„Corne⸗ lius, das Kind wird nicht immer ein Kind bleiben,“ warum er da erſchrak und zerſtreut im Zimmer auf und niederging. Noch weniger konnte ich mir erklären, war⸗ um, während er mehr als je an mir zu hängen ſchien, ängſtlicher für mich beſorgt war und mir auf jede Weiſe zu nützen ſich bemühte, warum er doch ſo heraus⸗ fordernd, kalt und zurückhaltend war. Endlich konnte ich es nicht länger ertragen. „Du liebſt mich nicht, ſagte ich wohl etwas aufge⸗ bracht zu ihm,„Du liebſt mich wirklich nicht; Du küß⸗ teſt mich nie— Du weißt wohl, nie.“ Und ich begann zu weinen. Cornelius ſchien beinahe lächerlich verlegen. Er biß ſich auf die Lippe; ſeine aufgeriſſenen Augen ſnchten die Decke; er ſtampfte mit dem Fuße, ſeufzte tief, ließ den Kopf ſinken und ſah ſehr melancholiſch aus. „Ich wünſchte, Du bliebeſt immer ein kleines Mäd⸗ von dreizehn Jahren,“ ſagte er traurig,„es wäre weit angenehmer.“ Mich pickirte dieſer Wunſch und that meinen Thrä⸗ nen Einhalt, um Cornelius damit anzudenten, daß ich nicht ewig ein kleines Mädchen bleiben werde; ich war davon überzeugt, wenn er ſich auch nicht um mich küm⸗ merte, ſo könnte er mich doch nicht hindern, mich um 372 ihn zu kümmern. Er lächelte, aber nicht freundlich; er machte eine Anſtrengung und ſagte dann: —„Sei ruhig, Daiſy, Du ſollſt glücklich werden, was es auch koſten möge; nur ſprich nicht mit Kate.“ „Was ſoll ich ihr nicht ſagen, Cornelius?“ „Laß gut ſein, aber ſage es ihr nicht.“ „Nun, Cornelius, ich muß es doch erſt wiſſen, um es ihr nicht zu ſagen?“ „Du biſt ſehr neugierig,“ lautete ſeine kurze Ant⸗ wort. Ich wußte nicht, was ich aus ihm machen ſollte. Er ſah ſo ſonderbar aus, als er ſprach und ich hatte nicht die leiſeſte Idee von dem edelmüthigen Opfer, zu welchem er ſich entſchloſſen, in einem Alter namentlich, in welchem die meiſten Männer für alles todt ſind, was nicht ihren heftigen Leidenſchaften fröhnt. Seit jenem Augenblick begriff ich, was Cornelius befürchtete, und was er zu thun beabſichtigte. Ich be⸗ wunderte ſeinen Edelmuth und ſtaunte über den Leicht⸗ ſinn, mit dem er vergaß, was nicht nur eintreten konnte, ſondern was auch wirklich eintrat; nämlich daß er wie⸗ der liebte. Dieſer unglückliche Entſchluß hatte jedoch das Reſul⸗ tat, ihm ſeinen augenblicklichen Frieden wieder zu ge⸗ eben und vielleicht, weil die Verwirklichung ſeines Ent⸗ ſchluſſes ſo ferne ſtand, alle Gedanken an die Zukunft in ihm zu verbannen. 373 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Wirklich hatte Cornelius während der ganzen Zeit an ſeinen Bildern fortgearbeitet. Er beendete ſein ge⸗ ſtohlenes Kind, malte zwei andere kleinere und ein⸗ fachere Bilder und ſandte alle drei an die Academie ein. „Ich begreife nicht, warum Du immer alle Bilder an die Academie ſendeſt,“ ſagte Kate,„ich hielte es für gut, wenn Du auch die anderen Ausſtellungen be⸗ ſchickteſt.“ Cornelius geſtand, daß die Bemerkung ihre Wichtig⸗ keit habe. „Aber ſiehſt Du, Kate,“ fügte er hinzu,„ich kann nicht weniger thun; ſie benahmen ſich letztes Jahr bei der ſchwachen„glücklichen Zeit“ ſo nobel gegen mich: es war doch ein armſelig Ding und wie gut hingen ſie es auf— ſie hielten nicht viel auf das Bild, aber ſie ſa⸗ hen, daß es etwas für die Zukunft verſprach. Ja, ſie benahmen ſich ſehr nobel— ſo nobel, daß, wenn ich auch überzeugt bin, ſie werden die beiden kleinen Bil⸗ der zurückweiſen und nur das geſtohlene Kind neh⸗ men⸗ ich ihnen doch die Wahl zwiſchen den dreien laſſen will.“ 3 „Du biſt zu edel,“ ſeufzte Kate;„mit dieſen unei⸗ gennützigen Geſinnungen wirſt Du es nie zu etwas in der Welt bringen, nie, mein armer Bruder; und, möchte ich Dein Gerechtigkeitsgefühl fragen, heißt das gegen die andern Ausſtellungen richtig gehandelt?“ Cornelius ſagte, es ſei dies vielleicht allerdings nicht der Fall, fügte jedoch hinzu, er könne nicht weni⸗ ger thun und beharrte auf ſeiner erſten Abſicht. Ich er⸗ 374 innere mich, daß er beim Fortſenden der Bilder zu mir ſagte: 1„Mein liebes Kind, laß Dir das eine Regel ſein! Thu' immer, was Du für Recht hältſt, ſelbſt wenn Du dabei verlieren ſollteſt; verlaſſe Dich drauf, es iſt weit beſſer, edel als gemein zu fühlen.“ Aber wann wurde Edelmuth je in dieſer Welt ge⸗ würdigt. Das Comité für die Aufſtellung der Bilder nahm die beiden kleinen Gemälde und verwarf das ge⸗ ſtohlene Kind. Cornelius war dadurch aufs Tifſte ge⸗ kränkt. „Wenn ſie die drei Bilder zurückgewieſen,“ ſagte er,„ſo hätte ich's ruhig hingenommen; ich hätte dem Mangel an Raum oder ſonſt einem andern Umſtand die Schuld zugeſchrieben. Aber hinzugehen und die beiden geringeren Bilder zu nehmen, das Gute zurückzu⸗ weiſen, das Publikum, die Kritik glauben zu laſſen— und das wird es glauben— daß dies der ganze Fort⸗ ſchritt ſei, den ich ſeit letztem Jahre gemacht, das iſt nicht hübſch.“ 1 „Nicht hübſch!“ verſetzte Miß O Reilly ſarkaſtiſch, „nicht hübſch, Cornelius! Es iſt nur wieder ein Stück ihres Benehmens, das ſie von Anfang an gegen Dich beobachtet. Ich dachte mir's immer, Du habeſt einen Feind dort, Cornelius.“ 4„Aber die„glückliche Zeit“ wurde doch angenommen, ate.“ „Natürlich, gerade wie die beiden kleinen Sachen angenommen wurden, um Dich und das Publicum mit einem Schein von Unparteilichkeit zu täuſchen, von dem Du, Cornelius, Dich wenigſtens, hoffe ich, nicht dupi⸗ ren laſſen wirſt. Es iſt lauter Eiferſucht, gemeine Ei⸗ ferſucht.“ „Es ſieht wenigſtens ſo aus,“ verſetzte Cornelius 8 und ſeufzte tief.. „Das Aufhängecomité, ja, ja!“ fuhr Kate fort, 375 die ich noch nie ſo bitter und ironiſch geſehen;„ſie ver⸗ dienen ihren Namen! O ja, aufbängen! Sind ihre eignen Bilder gut aufgehängt? Nein, durchaus nicht — ſo unparteiiſch ſind ſie— wirklich ſehr unparteiiſch⸗ Ich wollte, ſie wären ſelbſt ſtatt ihrer Bilder aufge⸗ hängt— in einer Reihe— nicht um ſie zu verletzen, denn ſie ſind es nicht werth— ſondern um uns einen Blick auf ſie werfen zu laſſen.“ Kurz, Miß O'Reilly war in größter Wuth; und wenn je jenes unglückliche und viel getadelte Comité hart mitgenommen wurde, ſo geſchah es an dieſem Tage, weil es das geſtohlene Kind von Cornelius O'Reilly Esg. zurückgewieſen. Die beiden angenommenen Bilder wurden zu zehn Pfund das Stück verkauft: für das geſtohlene Kind gab ein Bilderhändler vierzig Pfund. „Geh,“ ſagte Cornelius ungehalten zu ſeinem Lieb⸗ lingsbilde, als es fortgebracht wurde,—„geh, du biſt jetzt nichts, aber der, der dich malte, wird dir einen Namen geben.“ Vier Jahre waren verfloſſen, ſeit Cornelius mit dem glühenden Muth der Jugend ſich der Kunſt gewidmet; und ach! die Kunſt war leider noch nicht erobert, und der Triumph des Sieges war noch immer ein Ding der Zukunft. Er hatte Schwierigkeiten erwartet, harte und heftige Kämpfe, aber nicht dieſe entmuthigende Lang⸗ ſamkeit, dieſe Unmacht, aus der langen Nacht der Dun⸗ kelheit ſich emporzuringen. Es reizte ſein ungeduldiges Temperament mehr als ſelbſt die Zurückweiſung ſeines Bildes. Er klagte nicht, denn es lag nichts weniger in ſeiner Natur, als Neigung zum Klagen; aber er brütete über ſeine Enttäuſchungen und zwar mit tiefem Groll, wie aus dem hervorgeht, was er einſt zu mir ſagte: „Wenn ſie glauben, ſie werden mich vom Malen abbringen, ſo werden ſie ſich täuſchen!“ Ich bin nicht gewiß, ob er mit dem„ſie“ das Auf⸗ 376 hängecomité meinte, ich glaube vielmehr, daß er damit auf einen unbeſtimmten Feind deuten wollte, an den ſich der gekränkte Ehrgeiz ſo krampfhaft anklammerte. Was er aber auch damit meinen mochte, Cornelius hielt Wort: er malte nun angeſtrengter, denn je; aber das Glück war undankbar. Zwei reizende ländliche Scenen, die er im folgenden Jahre einſandte, wurden zwar angenommen, trugen aber wenig oder nichts zu ſeinem Rufe bei. Ein Kritiker ſagte, ſie ſeien wirklich ſehr hübſch gemalt; ein anderer rieth Mr. O'Reilly, nicht ſo un⸗ ſauber zu arbeiten; ein Dritter fand, daß der Geiger in einem der beiden Bilder ein ſtarkes Plagiat an Wilkies blindem Geiger wäre, was freilich künſtlich dadurch verdeckt ſei, daß nicht auf der Geige geſpielt werde, und natür⸗ lich keine der Perſonen der Muſik lauſche, was dem Luchsauge der Kritik jedoch nicht entgehe; ein Vierter er⸗ klärte, Mr. O'Reilly ſei ein vielverſprechender junger Künſtler, der in einem Dutzend Jahre einen reſpectablen Platz in der Kunſt einnehmen werde; und ein Fünfter — einer von jenen käuflichen Characteren, die jeden Stand ſchänden— ſchickte ſeine Karte und ſeine Bedin⸗ gungen. Kate wollte, ihr Bruder ſolle ihm eine beißende Antwort geben; er ſagte, es ſei nichts beißen⸗ der, als Schweigen; und zündete ſeine Cigarre an Mr. — s erbaulichem Briefe an. „Er beklagt ſich nicht,“ ſagte Kate zu mir,„aber ich ſehe in ſeinem Geſichte, daß er über etwas brütet.“ Ich ſah das auch und nahm mir vor, herauszubrin⸗ gen, was es ſei. 1 Es dauerte einige Zeit, bis es mir gelang; aber es gelang mir und eines Tages, als Kate mit einem Seufzer ſagte: „Ich möchte wiſſen, was mit dem Jungen iſt?“ Sagte ich ruhig: „Cornelius wünſchte nach Rom zu gehen.“ 377 „Unſinn!“ ſagte ſie und fuhr in ihrem Stuhle auf,„wer hat Dir das in den Kopf geſetzt? San er Dir das?“ „Nein, aber ich weiß es gewiß.“ Ich ſprach mit großer Zuverſicht; ſie that, als ob ſie daran zweifelte; aber am ſelben Tage kam die Wahr⸗ heit meiner Vermuthung an den Tag. Es lag nicht in der Natur von Miß OReilly, um die Sachen herumzu⸗ gehen und als wir alle Drei in der Kühle des Gartens umherwandelten, blieb ſie plötzlich vor ihrem Bruder ſtehen und ſagte etwas nuzarte „Cornelius, iſt es wahr, daß Du nach Nom gehen willſt?“ Er erröthete, ſchien erſtaunt und antwortete nicht. „So iſt es alſo wahr?“ rief ſie mit einem Seufzer. 2„Ja, Kate, das iſt es, aber woher weißt Du es 24 „Midge ſagte es mir.“. „Daiſy!“ rief er und wandte ſich mit einem durchbohrenden Blick um.„Ich hatte ihr noch nie von etwas Derart auch nur eine Andeutung gegeben.“ „Nein., aber ſie hat es doch herausgefunden; und warum willſt Du nach Rom, Cornelius?“ „Um zu ſtudiren. Mein Geſichtskreis war zu be⸗ ſchränkt. Meine Anſchauung zu einfach. Deßhalb ſchätzt man mich gering, ich möchte tüchtig ſtudiren und mich in dem hiſtoriſchen Style verſuchen: aber wozu da⸗ von ſprechen?“ Er ſeufzte tief. „Im hiſtoriſchen Style!“ rief Miß O'Reilly vor Freude leuchtend;„Cornelius, endlich haſt Du das Wahre getroffen; verlaß Dich darauf. Du warſt zu be⸗ ſcheiden! Liefre ihnen etwas Ruhm und Aufſehen MNachendes, dann wollen wir ſehen, was ſie ſagen. Geh ach Rom, Cornelius, geh nach Rom!“ 378 „Se itl Kate, die Mittel!“ bich „Seh' mir einer den Jungen, als ob ich kein Geld hätte!“ ang „O Kate, Du haſt bereits mehr als genug für mich gethan,“ antwortete er erröthend,„mein Blut kocht, en ich bedenke, daß ich bald fünfundzwanzig Jahre alt bin.“ „Unſinn!“ unterbrach ſie ihn raſch;„willſt Du nach Rom gehen, die großen Meiſter ſtudiren, all' das Herr⸗ liche ſehen, was die Malerei geleiſtet, ſelbſt ein großer Maler werden— oder zu Hauſe bleiben und Dich müh⸗ ſam durchbringen?⸗ Die Veränderung, die in ſeinem Geſichte vorging, zeigte, wie groß die Verſuchung war; ſein Blick leuchtete, er erröthete und erblaßte, wie ein Mädchen. „Ja oder nein?“ ſagte Kate in beſtimmtem Tone. „Nun denn— ja,“ antwortete er endlich;„ich weiß es iſt nicht edel, aber ich kann nicht helfen; der Gedanke ließ mich ſeit Wochen nicht ſchlafen und verfolgt mich unaufhörlich.“ „Und Du ſagteſt mir nichts davon,“ unterbrach ihn ſeine Schweſter vorwurfsvoll,„und würdeſt vielleicht noch ſchweigen, wenn Midge es nicht verrathen!“ Er wich dem Vorwurf aus, indem er mich fragte, wie ich auf die Sache gekommen. Ich konnte ihn nicht befriedigen; es war mehr Inſtinct, was mich auf die Spur geführt; das Wort Rom, was er in einem tiefen Seufzer nannte; eine ungeduldige Aeußerung, daß hier Nichts zu machen ſei; ein längeres Verweilen bei alten Kupferſtichen, von welchen ſich die Originale in Italien befanden, waren die Zeichen, welche für die, die mit jeder Veränderung in ſeinem Geſichte innigſt vertraut war, das Geheimniß ſeines Herzens verrathen hatte. „Du mußt ſogleich gehen,“ ſagte Kate entſchloſſen, „kannſt Du bis nächſte Woche die Vorbereitungen zur Reiſe treffen?“ 379 „Ich könnte morgen gehen,“ verſetzte Cornelius mit leuchtendem Blicke. 1 Im Geſichte ſeiner Schweſter malte ſich ein Schmerz, den er nicht gewahrte und mir brach das Herz, als ich ſah, wie begierig er war, uns zu verlaſſen; ohne darauf zu achten, fuhr er fort: „Je früher ich gehe deſto beſſer, nicht wahr, Kate? denn um ſo früher kehre ich wieder zurück.“ „Wohl wahr,“ ſeufzte ſie; und ſeine Abreiſe wurde auf die nächſte Woche feſtgeſezt. Er befand ſich die ganze Woche in fieberhafter Auf⸗ regung. Zum erſten Male ſollte er die Freiheit koſten: er war jung, feurig, unruhig von Natur, ruhig durch den Zwang der Umſtände; kein Wunder, daß die Aus⸗ ſicht ihn entzückte. Ich war in einer Beziehung glück⸗ lich, ihn glücklich zu ſehen. Aber ich fühlte es auch ſchwer, daß er uns verließ. Er war heiter und ver⸗ gnügt, ich wollte ihn nicht durch den Anblick meines Schmerzes betrüben, der mich unwillkürlich quälte, und mied deßhalb ſeine Geſellſchaft, ſtatt ſie zu ſuchen. So ging ich zwei Tage vor ſeiner Abreiſe, ſtatt bei ihm und Kate im hintern Wohnzimmer zu bleiben, wo ſie am offenen Fenſter plaudernd ſaßen, in den Garten hinaus, um mich auszuweinen. In der Stille des Abends konnte ich jedes Wort des Geſpräches hören. Entweder wußten ſie dies nicht, oder vergaßen ſie es, denn nach⸗ dem ſie einige Zeit enthuſiaſtiſch von ſeinen Ausſichten geſprochen, fügte Cornelius plötzlich hinzu: „Wie unwohl ſieht doch Daiſy aus!“ „Sie grämt ſich um Dich. Das arme Kind liebt Dich mehr als je, Cornelius.“ „Glaubſt Du,“ wiederholte er ernſt. „Allerdings. Sie gibt ſich alle Mühe es zu ver⸗ bergen und vermag es doch nicht; und Du weißt, nur die Schönheit ſieht lieblich in Thränen aus.“ 380 „Sie iſt keine Schönheit, aber ſie hat hübſche Augen.“ „Du kannſt ſie aber deſſenungeachtet nicht hübſch heißen, Cornelius.“ Er ſeufzte und widerſprach nicht. 1„Ich weiß, Du biſt nicht der Anſicht!“ fuhr Kate ort. „O Kate,“ unterbrach er ſie mit einem neuen Seufzer,„nein, Jedermann kann doch ſehen, daß ſie je älter, um ſo hübſcher wird.“ „Gleichviel,“ ſagte Kate heiter. „Aber ihr wird es nicht gleichviel ſein. Wenn ſie von den Frauen überſehen und von den Männern ver⸗ nachläſſigt wird, wie kann ihr das gleichgültig ſein?“ „Die Unſchönen haben ein eigenthümliches Glück,“ antwortete Kate ruhig:„Gott ſieht freundlich auf ſie herab und ſie lernen die rohe Herbe der Welt verach⸗ ten.“ Und ſie begann mit Cornelius wieder von ſeiner Reiſe zu ſprechen. Ich war damals beinahe fünfzehn Jahre. Ich er⸗ innere mich meiner wohl noch. Ich war ein ſchlankes, mageres, unzierliches, ſcheues und nervöſes Mädchen mit eingeſunkenen Augen, einem blaſſen Geſichte und Haaren, die kaum etwas dunkler geworden, als zu der Zeit, da Miriam Ruſſell ſie mit Recht ſtrohfarben genannt. Ich kannte meine Mängel ganz wohl, ich war an ſie gewöhnt, und obwohl es mich etwas kränkte, als ich Cornelius und Kate ſo über die delicate Frage von meinem Aus⸗ ſehen ſprechen hörte, dauerte es doch nicht lange. Mi⸗ riams Sticheleien hatten mich früher zur Verzweiflung gebracht, weil ſie mich durch ihre Schönheit in Cor⸗ nelius' Herzen verdrängt hatte, aber mit ihrer Macht verſchwand auch der Stachel meiner Unſchönheit. Die kleine Aufregung, die dies in mir hervorgerufen, war verſchwunden, als Cornelius in den Garten herauskam, um eine Cigarre zu rauchen. 381 Als er mich ſah, ſchien er ſehr verlegen. Ich glaube, er hielt mich durch das, was er geſagt, auf's Empfindlichſte verletzt; denn obwohl er nicht darauf an⸗ ſpielte, ſetzte er ſich auf die hölzerne Bank, hieß mich neben ihm Platz nehmen und war ſo ungewöhnlich freund⸗ lich, daß es mir unwillkürlich Spaß machte. Ich ließ mich eine Weile von ihm liebkoſen, ſah dann zu ihm auf und ſagte lächelnd: „Als ob ich mir daraus etwas machte, Cornelius! Als ob ich nicht wüßte, daß wenn ich auch noch ſo häß⸗ lich würde, Du mich doch lieben würdeſt! Als ob ich glaubte, das mache irgend einen Unterſchied bei Dir!“ Er murmelte:„Natürlich nicht.“ Ich fuhr fort: „Kate ſagt, Du ſeieſt ſchön und ich finde, Du biſt es auch; aber wenn Du ein Aug' verloren oder eine große häßliche Schmarre über das Geſicht hätteſt oder ſonſt auf eine Weiſe entſtellt wäreſt, es würde mir voll⸗ kommen gleichgültig ſein, Cornelius. Er lächelte ohne zu antworten; ich fuhr fort: „Deßhalb Cornelius, beunruhigt mich das nicht, aber etwas Anderes, was Kate ſagte, beunruhigt mich.“ Ich hielt inne und ſah ihn an: er ſchien etwas verlegen. „Was meinſt Du, Kind?“ ſagte er;„worauf deu⸗ teſt Du hin?“ „Kate ſagte, ich liebe Dich mehr als je, Cornelius; und es iſt wahr, ſehr wahr; ich liebe Dich immer mehr, je älter ich werde, weil ich deine Güte beſſer zu würdi⸗ gen lerne; aber Etwas, was Du daraus ſchließen könn⸗. teſt, iſt nicht wahr.“ Ich blickte ſehr ernſt zu ihm auf. „Kind!“ ſagte er erſtaunt,„woran denkſt Du, wovon 3 ſprichſt Du?“ „Ich denke an Etwas, Cornelius, woran ich ſeit einem Jahre und länger denke. Ich wollte es Dir ſchon 382 oft ſagen, aber ich wagte es nie; ich möchte es Dir jetzt ſagen, aber ich weiß nicht wie.“ Cornelius ſah ſehr verwundert aus. „Ich möchte Dir gerne helfen,“ ſagte er,„wenn ich nur wüßte, wovon es ſich handelt.“ Ich mußte erröthen. „Nun,“ ſagte er ſchnell,„Du ſchreibſt es mir, wenn ich in Italien bin, Daiſy?“ „Ich möchte es Dir lieber ſagen, als ſchreiben, Cornelius.“ „So ſag' es, Kind!“ „Gut denn, Cornelius,“ antwortete ich etwas ver⸗ zweifelt,„ich will nie wieder eiferſüchtig auf Dich ſein— das iſt’s!“ „Das,“ wiederholte er,„iſt das das gewaltige Geheimniß?“ „Ja, Cornelius, das iſt es,“ verſetzte ich mit poch⸗ endem Herzen, „Mein gutes liebes kleines Mädchen,“ ſagte er freundlich,„ich freue mich, daß Du ſo gute Entſchlüſſe gefaßt; aber ich muß Deine Anſichten berichtigen. Du ſprichſt davon, nicht mehr eiferſüchtig ſein zu wollen, als ob ſich das ſo leicht machte, wie man ein Kleid ab⸗ lege und nie wieder anzieht.“ 3„Und würde ich's thun, wenn es alt und abgetragen „ 4 „Aber es iſt nicht abgetragen.“ „Ich hoffe doch!“ „Ich hoffe es auch.“ 4 Aber ich konnte ſehen, das war nicht ſeine Abſicht. Ich wollte ihn überzengen und begann wieder: „Cornelius, erinnerſt Du Dich, wie keck ich war, als Papa noch lebte?— wie ungezogen ich mich be⸗ nahm, wenn Du ihn beſuchteſt?— wie übermüthig gegen die Dienerſchaft?“ 383 „Du warſt allerdings ein verwöhntes Kind; aber Du biſt darüber weg.“ „Ich glaube auch, Cornelius. Als ich hierherkam, war ich garſtig gegen Deborah, die freundlich genug war, es lange Zeit zu ertragen; eines Tages jedoch war Kate Ohrenzeuge davon, und ſagte mir, wie häßlich es fei, ſich unfreundlich gegen Dienſtboten zu benehmen. Sie ſagte: ſie wolle mir nicht befehlen, Deborah um Verzeihung zu bitten, aber ſie hoffe, daß ich es um meiner ſelbſt willen thun werde. Am nächſten Tage ging ich in die Küche und bat Deborah, mir zu vergeben.“ „Wie gefiel Dir denn das?“ fragte Cornelius und warf mir einen neugierigen Blick zu. „Durchaus nicht. Es peinigte mich ſo ſehr, daß ich es kaum thun konnte; aber ich war nie mehr grob gegen Deborah.“ „Wie kommt es, daß ich nie von dieſer Geſchichte hörte?“ „Ich bat Kate, Dir nichts davon zu ſagen. Es wäre mir unerträglich geweſen, wenn Du mich für un⸗ edel und gemein gehalten; und das hoffe ich, wird nie der Fall werden. Oder glaubſt Du?“ fügte ich hinzu und ſah ihn an. „Ich denke,“ erwiederte er und blickte mir in's Auge, „daß in Dir ein ſeltſamer Funke kühnen Ehrgeizes glüht, wie er bei ſolcher Jugend befremdend iſt; wozu dieſer Ehrgeiz aber führen wird, iſt mehr als ich zu ſagen ver⸗ mag.“ „Cornelius, ich bin nicht ehrgeizig; aber ich wünſche gut zu werden und dazu wird mir, hoff' ich, Gott helfen.“ „Wenn das kein Ehrgeiz iſt, ſo weiß ich nicht, was es iſt,“ verſetzte Cornelius;„aber es iſt ein edler Ehr⸗ geiz, Daiſy, und ich freue mich, daß Du ihn beſttzeſt; ich achte Dich darum!“ Ich ſah zu ihm auf, um mich zu verſichern, daß er nicht im Scherze ſprach; aber er ſchien ſehr ernſt. Ich 384 fühlte mich ungemein erhoben; dieſes Geſpräch hatte mein Herz um ein Jahr und noch mehr älter gemacht, aber ich hätte nicht ſo mit ihm ſprechen können, wäre er nicht fortgegangen. Der leidenſchaftliche Wunſch, ihm eine größere Achtung vor mir einzuflößen, dieſer allein hatte meine Zunge gelöſet und dieſer Wunſch war durch ſeine Worte mehr als befriedigt. „O. Cornelius,“ rief ich,„wie gut von Dir, daß Du nicht über mich lachſt!“ „Armes Kind, dachteſt Du das wirklich?“ 6 „Ich fürchtete.“ Er ſchmälte mich freundlich wegen dieſer Furcht, als Kate ihm winkte, und mit ihm im Gange flüſternd I ſprach. Es ſchien ein Geheimniß unterwegs. Ich fühlte mich unglücklich. Als Cornelius mir an jenem Abend gute Nacht wünſchte, küßte er mich mit beſonderer Zärt⸗ lichkeit, was mich in Verlegenheit ſetzte. War dies nicht wielleicht die Abſchiedsumarmung? Ich glaubte eine un⸗ gewöhnliche Trauer in ſeinem Geſichte zu bemerken und hörte ihn einen Seufzer unterdrücken. Ich ſagte nichts; beſchloß aber nicht zu ſchlafen in jener Nacht, lieber, als den Abſchied von Cornelius zu verſäumen. Bald nachdem ich mich in mein Zimmer ‚zurückgezogen, hörte ich ihn und ſeine Schweſter herauf⸗ kommen. Es war kaum zehn; dieſe ungewöhnlich frühe Stunde beſtärkte mich in meinem Verdachte. Ich blieb im Dunkeln auf. Ich hörte zwölf, dann eins, dann zwei ſchlagen und die Kraft, wach zu bleiben, ſchwand immer mehr. Der Schlaf iſt ein unbarmherziger Tyrann in der Jugend. Ich fühlte, wie ſich meine Augen unwill⸗ kürlich ſchloſſen. Ich faßte einen Entſchluß, der ſeinen guten Zweck hatte: ich ſtahl mich leiſe aus meinem Zim⸗ mer, ſetzte mich auf die Matte vor der Thüre von Cor⸗ nelius und ſicher, daß er das Zimmer nun nicht ohne mein Wiſſen verlaſſen könne, ſchlief ich bald feſt ein. Was ich hätte vorausſehen können, geſchah: Cornelius 38⁵ ſtrauchelte, als er aus der Thüre trat, über mich. Ich er⸗ wachte; er bückte ſich und hob mich halb ſtaunend, halb unwillig auf. 3 „Daiſy!“ rief er,„biſt Du verletzt? Was führte Dich hierher?“ 3„Ich wollte Dir Lebewohl ſagen. Ich vermuthete, daß Du gehen würdeſt?“ Die Zimmerthüre ſtand halb offen und e ſo das Fenſter drinnen; die Morgenluft trieb die Mouſſelinvor⸗ hänge auseinander und die Dämmerung röthete die graue Wolke. Cornelius führte mich in dieſe Beleuchtung und ſah mich ſchweigend an. „Wie lange warſt Du hier?“ fragte er. „Seit zwei Uhr; ich war zu ſchläfrig, um in mei⸗ nem eiguen Zimmer aufzubleiben und ich fürchtete, Du möchteſt gehen, während ich ſchlafe.“ „Seit zwei— nnd jetzt iſt es vier! Du thöricht Kind! Wenn ich in der Stille fortgehen ſollte, ſo ge⸗ ſchah es nur, um Deinem kleinen Herzen einen Kummer und Deinen Augen einige Thränen zu erſparen.“ „Cornelius, ich werde nicht weinen; ich werde war⸗ ten, bis Du fort biſt.“ Von dem Geräuſch der Stimmen angezogen, öffnete Kate nun ihre Thüre. „ Daiſy?“ rief ſie. „Ja,“ antwortete ihr Brnder,„Daiſy, die an meiner Thüre wie ein getreuer Wächter ſchlief. O Kate, Du ſorgſt für ſie, während ich fort bin 24 „Ja, ja, natürlich; aber verliere Deine Zeit nicht unnöthig, komme berab.“ Wir gingen hinunter; Cornelius nahm raſch ſein Frühſtück ein; dann hielt ein Cab vor der Thüre; ſein Gepäck wurde hineingeſchafft und er ſtand zur Abreiſe bereit. Seine Schweſter wollte ihn bis an die Station begleiten. Sie hielten es für beſſer, wenn ich zurück⸗ Daiſy Burns. 1. 25 386⁶ bliebe und ich gab nach. Ich hielt mein Wort— ich weinte nicht— ich überſtand den Abſchied muthig. Cornelius ſchien ſehr bewegt. Er nahm mich in ſeine Arme und drückte mich wiederholt und innig an ſein Herz. Er ermahnte mich, bei meinen Studien zu beharren, gut und gehorſam gegen Kate zu ſein. Dann verſprach er, mir zu ſchreiben, nannte mich ſein Kind, ſeine liebe Adoptivtochter, gab mir wieder einen Kuß, ließ mich los und ging. Ich ſah das Cab die Straße hinabrollen, nicht ohne Kummer, aber ohne Bitterkeit. Von ihm getrennt zu ſein, war hart, aber von ihm zu ſcheiden, mit dem Bewußtſein ſo großer Liebe ſeiner Seits, mit der Ausſicht auf eine glückliche Wiederver⸗ einigung, mit der Ueberzeugung, daß ſeine Abweſenheit ihm eine ruhmvolle Laufbahn eröffnen würde, war doch immerhin noch zu ertragen. Ich weinte herzlich, aber ich war nicht unglücklich. Nach zwei Stunden kehrte Kate zurückz; ſie trat in das Wohnzimmer, nahm ihren Hut ab und begann zu weinen. „Nun,“ ſagte ſie,„er hat ſeinen Willen, er iſt weg, wie freute er ſich fortzukommen. Armer Junge, er hatte bisher ein düſteres Gefängnißleben geführt und Freiheit iſt ſüß. Ueberdies liegt es in der Natur der Künſtler; ſie ſchwärmen gerne umher und ſind ſie mal auf den Beinen, ſo kümmern ſie ſich nicht um Mutter, Schweſter oder Frau, die zu Hauſe warten.“ Sie weinte wieder; aber nie gab es eine feſterere, heiterere Natur. Sie that ihren Thränen Einhalt und ſagte mit einem Seufzer: „Nun, Midge, mußt Du mir helfen, denn es gibt ſehr viel zu thun. Reiße nur die Augen nicht ſo weit auf. Ich vergaß Dir zu ſagen,— daß wir ausziehen.“ „Ausziehen?“ „Ja, mein Kind, wir müſſen. Ich hatte zwar Geld vorräthig, aber nicht genug, und da ich Corne⸗ lius nicht anders gehen laſſen wollte, denn wie einen ächten —— ——— 6 ——— — 6 “ —— 387 iriſchen Gentleman, ſo borgte ich auf Zinſen. Es wird ihm an nichts fehlen, das iſt mein Troſt: aber wir müſſen uns einſchränken, Daiſy, und deßhalb habe ich zuvör⸗ derſt das Haus möblirt an einen einzelnen Gentleman vermiethet, der nächſten Sonnabend einzieht. Er will Deborah in Dienſte nehmen, da dieſe für mich eine zu große Ausgabe wäre. Das iſt's, weßhalb wir ausziehen müſſen.“ 8 „Gut,“ ſagte ich entſchloſſen,„ſo wollen wir ir⸗ gendwo ein kleines Zimmer nehmen, und ich will Dein Stubenmädchen werden, Kate.“ Sie lächelte und küßte mich. „Poſſen, Kind, wir ſind noch nicht ſo weit. Du weißt, Dein Vater hinterließ ein Gut,— freilich ein ſehr kleines, aber Du wirſt es ganz und wohlerhalten finden. Das Haus, in welchem er ſtarb, gehörte ſein und iſt nun Dein Eigenthum; es war von keinem großen Werthe, denn Niemand wollte darin wohnen, weil es ſo einſam und öde liegt. Leigh iſt ein wohlfeiler Ort und Du und ich, Daiſy, gehen übermorgen nach Rock⸗Cottage.“ „Um dort zu wohnen, Kate?²“ „Ja, um dort zu wohnen Es hält mich nichts mehr bier, nachdem er fort iiſt. Ich ſagte ihm das, wie Du Dir denken kannſt, und es iſt nun keine Zeit wegen des Einpackens zu verlieren. Das war's, was ich mit dem Helfen meinte.“ 3 Mit dem Muthe eines treuen Herzens ſtand ſie auf, um ſich an die Arbeit zu machen. Ich half ihr willig und es ging ſo raſch, daß wir drei Tage nach Corne⸗ lius Abreiſe den„Hain“ verlaſſen und nach Leigh über⸗ geſiedelt waren. Miß Murray, mit der Cornelius und Kate immer in Briefwechſel geſtanden, hatte durch Ver⸗ mittlung Abby's unſere zukünftige Heimath mit den erſten Bedürfniſſen— Betten, Stühlen und Tiſchen ver⸗ ſehen, das Uebrige, ſagte Kate, würde ſich mit der Zeit finden. Das Dorf, durch welches wir kamen, war noch ganz derſelbe ruhige Ort, wie ich ihn vor fünf Jahren — 388 verlaſſen. Wenige Veränderungen waren im Verlauf der Zeit vor ſich gegangen, das einzige Befremdende war, daß Männer und Frauen, deren Geſichter ich nicht vergeſ⸗ ſen, uns anſtarrten und mich nicht kannten. „Wie ſeltſam!“ ſagte ich zu Kate,„ich bin über⸗ zeugt, das iſt Mr. Jenning, der die Tanzſchule hat. Er mußte mich kennen, nicht wahr, Kate, ich war eine von ſeinen Schülerinnen. Papa ſagte, ich müſſe tan⸗ zen lernen, denn das gebe eine anmuthige Haltung. Ich glaubte, er pflegte ſelbſt zu tanzen, als er noch ein junger Mann war, aber ich ſah es nie. Fühlſt Du Dich unwohl, Kate?“ Sie machte ein verneinendes Zeichen. Ich fuhr fort: „Siehſt Du den Pfad, Kate? Nun, der führt zu meines Großvaters Hauſe. Ich möchte wiſſen, ob er noch mit Mrs. Marks und Edith, meiner Couſine, dort wohnt! Ich werde Dir morgen den Platz zeigen, wo ich mich ſo ermüdet fühlte, daß Cornelius mich bis nach Ryde trug. So, Kate, wir dürfen nicht weiter gehen; das iſt Rock⸗Cottage; ich vergaß, daß Du es nicht wußteſt.“ Ja, dort ſtand es, dasſelbe einſame, weiß ange⸗ ſtrichene Haus mit ſeinem niedrigen Dache, in dem öden Garten. Ich brach in Thränen aus, als ich die Heimath wieder ſah, wo ich erzogen worden und mein Vater geſtorben war. Kate öffnete die Thüre, als ſie jedoch über die Schwelle trat, wurde ſie todtenblaß und ſank in einen Stuhl. „Kate!“ rief ich ganz erſchrocken,„was iſt Dir?“ Ich ſchlang meinen Arm um ihren Hals; ſie warf mir einen düſteren Blick zu, legte ihre Hand auf meine Schulter, und weinte, als wollte ihr das Herz brechen: „O Kate!“ ſagte ich in meiner Angſt,„er hat verſprochen, in zwei Jahren zurück zu ſein und wird es auch halten.“ Sie ſchien nicht darauf zu achten. 3 „Hier war es,“ murmelte ſie,„hier ſtarb er.“ 389 Diesmal ſah ich ſie ſchweigend und erſtaunt an. „O Daiſy!“ rief ſie, indem ſie ihre Hände faltete, und zu mir aufblickte,„iſt es möglich, daß Du weder weißt noch ahnſt, daß ich Deines Vaters Frau werden ſollte und Du mein Kind geworden wäreſt.“ Ihr leidenſchaftlicher Ton ging mir durch's Herz. „Du, Kate,“ ſagte ich,„Du!“ „Ja,“ antwortete ſie und weinte;„es ſollte geſchehen, — es geſchah nicht— er ſtarb hier allein, ich war ferne.“ Miß O'Reilly flößte mir ein ſeltſames Gefühl ein. Ich hatte meine Mutter nicht gekannt. Ich hing mich feſter an ſie und ſagte nach einem Augenblicke: „Warum heiratheteſt Du ihn nicht?“ „Er war arm und ich hatte das Kind zu erziehen. Ich konnte ihm nicht zwei Laſten aufladen; es war Stolz, er glaubte, es ſei Mißtrauen und heirathete eine Andere; ich hatte kein Recht, mich zu beklagen und that es auch nicht; aber von der Zeit an faßte ich eine tiefe Neigung zu dem Knaben, gerade vielleicht, weil er mich ſo theuer zu ſtehen kam.“ „Aber warum heiratheteſt Du Papa nicht, als Mama geſtorben war.“ „Er bewarb ſich nie wieder um mich, Kind,“ er⸗ wiederte ſie mir und bengte ihr Haupt mit düſterer und demüthiger Reſignation;„ich dachte, er würde es thun und ich würde ihn gerne genommen haben, aber viel⸗ leicht vergab er mir nie, daß ich meinen kleinen Bru⸗ der dem erwachſenen Geliebten vorgezogen. Vielleicht glaubte er, ich hätte mich verändert und hielt mich nicht mehr für das hübſche Mädchen, dem er den Hof ge⸗ macht: wie dem auch ſei, er hielt nicht wieder um mich an; und doch wie gut und freundlich war es von ihm, mir den Knaben aufziehen zu helfen, wegen deſſen ich ihn aufgegeben! Ich denke oft, er hat mich geliebt, denn Cornelius erzählte mir, daß mein Name ſein letz⸗ tes Wort war, und ich kann nicht umhin, zu glauben, daß er wünſchte, ich ſolle für Dich ſorgen. O Midge⸗ 8—— 390 Midge,“ fügte ſie hinzu und ſah mir ſinnend in's Antlitz, „ich habe Dich heißgeliebt, weil Du ſein Kind warſt, aber ich habe auch oft daran gedacht, Du hätteſt mein Kind ſein ſollen.“ „Wenn Du Papas Frau geweſen, ich meine ſeine erſte Frau,“ ſagte ich ſehr ernſt,„würde ich die Nichte von Cornelius ſein, nicht wahr, Kate?“ „Du wäreſt mein Kind geworden.“ „Und ſeine Nichte?“ „Denke nicht immer an Cornelius, Daiſy.“ „9 Kate! Onkel Cornelius klingt ſo hübſch!“ Sie liebkoſte mich mit trauriger Miene; dann ſtanden wir auf; gingen durch das Haus und nahmen zuletzt den Garten in Augenſchein. Jede Spur menſchlicher Kunſt war von dem Orte verſchwunden, welchem die Natur eine Schönheit und einen wilden Reiz verliehen, den die Cultur nie gekannt. Die Stechginſterhecke umſchloß eine grüne Wildniß von wogendem Gras, Unkraut und wilden Blumen. Andere Blumen waren nicht da und die zar⸗ ten Geſträuche waren durch die ſcharfen Seewinde vernichtet; die Fichten allein ſtanden unverändert da und überblickten, wie ich ſie verlaſſen, ihr veränder⸗ tes Beſitzthum. Einen Angenblick ſahen wir von der ſteinernen Treppe herab, wo Cornelius mich in meiner Verzweiflung liegend gefunden; dann ſtieg Kate hinab und ſagte zu mir: „Daiſy, wir wollen nicht viel verändern. Wir wollen der Friſche des Ortes ſo wenig als möglich neh⸗ men. Ich liebe das grüne Gras, das Geſträuch, das die Erde verbirgt, dieſe am Boden hinkriechenden Pflan⸗ zen und wilden Blumen. Wir wollen die Wege reini⸗ gen, einige Blumen pflanzen, die wir lieben, dem Ganzen ein behagliches Ausſehen geben, und was ſchön iſt laſſen, wie wir es fanden.“ „Kate,“ rief ich, und eilte zu den Fichten hinab, „hier iſt die See. Du hatteſt noch keinen ſchönen Blick über ſie hin, komm' und ſieh. Erinnerſt Du Dich, wie —— —— — 391 ich auf den Tiſch im Atelier ſtieg, um mir eine gute Ausſicht zu verſchaffen? O! iſt es nicht etwas Großes darum?“ Sie lächelte über meinen Enthuſiasmus und ſetzte ſich auf die hölzerne Bank, die noch immer am alten Platze ſtand. Mein Herz ſchwoll, als ich mich erinnerte, daß mich hier mein Vater umarmt, aber ich wollte ſie nicht durch die Erwähnung betrüben; ich beſchattete meine Augen mit der Hand, um meine Thränen zu ver⸗ bergen, und während ſie floßen, ſah ich lang und ſchwei⸗ gend in den ewigen Ozean, auf den mir ſeit beinahe fünf Jahren kein Blick vergönnt geweſen. Noch immer wälzte er ſeine ſchweren Wogen mit majeſtätiſcher Ruhe; ſie ſahen dunkel aus, wie ge⸗ ſchmolzenes Blei; und eine weiße Schaumlinie bezeichnete den Ort, wo ſie ſich am Ufer brachen. Der Tag war grau und umwölkt geweſen, und die Sonne war ver⸗ ſchleiert und ohne Glanz. Eine Zeitlang trugen die ſchweren Wolken, die auf dem niedern ſeeumſäumten Horizonte ruhten, eine röthliche Tinte, wie die glim⸗ mende Aſche eines erſtorbenen Feuers. Plötzlich wurden ſie blaß. Leichte Nebeteendie von der See auſſtiegen, umhüllten die Küſte ringsumher, alles verſchwand in un⸗ beſtimmten Uufeiffen und die durchdringende Kühle des Abends begann ſich über die Luft auszubreiten. Kate ſtand auf; wir gingen 1 als wir die Treppe hin⸗ aufſtiegen, wandte ſie ſich noch einmal um, blickte über den wilden Garten hin, nach den Fichten, deren dunkle und breite Zweige ſich mit ſanſtem Rauſchen im Abend⸗ winde bewegten, nach dem weiten Himmel über der unendlichen See— an dem kleine Wölkchen hiuzogen⸗ und ſagte mit einem Seufzer: „Es war ganz nach ſeinem Geſchmacke, hier zu woh⸗ nen— er liebte ſolche Orte.“ Wir traten in das Haus, um einen ſtillen Abend dort zuzubringen und von dem zu ſprechen, der uns kaum verlaſſen und auf deſſen Rückkehr ich bereits wieder harrte. In einer Woche waren wir in Rock⸗Cottage einge⸗ 392 richtet. Ein kleines, ſchwarzäugiges Mädchen, mit Namen Jane, war unſre einzige Bedienung. Wir führten ein be⸗ ſcheidenes, aber glückliches und behagliches Leben, dem der Gedanke an den Abweſenden etwas von dem Reize verlieh, den wir einſt in ſeiner Anweſenheit gefunden. Haushaltungsgegenſtände beſchäftigten Kate und der Garten war ihre Erholung. Es iſt ein⸗Ort, der ſeit den Tagen der Eva in gewiſſer Beziehung das Paradies des Weibes geblieben. Der Fluch der Verbannung, der auf beide— Adam und Eva fiel, berührte ſie weit näher. Nach ſeinem Fall konnte Eden nicht mehr die Grenze ſeiner Hoffnungen und Wünſche ſein, aber Eva würde, wenn es ihr erlaubt geweſen, immer an dem glücklichen Orte geblieben ſein. Ihre Töchter lieben noch immer, was ſie liebte, und wo ſie weilen, in der Wildniß oder in der Stadt, finden ſie auch die Blumen, die Eva zuerſt im glücklichen Eden pflegte.. Ich theilte die Arbeit und die Vergnügungen Kates, aber während Cornelius' Abweſenheit wenig oder nichts in ihrem äußerlichen Leben und ihren Gewohnheiten ge⸗ ändert, öffnete ſich für mich ein neules Daſein. Bisher hatten mein Leben und meine Gefühle im Schatten des Lebens und der Gefühle von Cornelius geſchlummert. Er be⸗ herrſchte mich ganz und gar, obgleich er es nicht im Mindeſten wollte. Ich liebte ſeine Schweſter, aber ſie hatte keine Macht ͤber mich und als ich von meinem Freunde geſchieden war, ſchien es mir, als ob ich allein und auf mich zurückgeworfen wäre. Aber wenn eine Hülfe, eine Lehre ſchwindet, ſendet Gott einen Erſatz. Er gab ihn mir in der Natur, in dieſer erhabenen und ſchönen Ausſicht, in den Reizen, die ſie um mich her ergoſſen. Aus Wind und Wehen, aus dem Anblick von See und Ufer, aus grüner Ein⸗ ſamkeit und wildſchönen Orten ſchöpfte ich halb unbe⸗ wußt täglich neue und neue Lehren. Mnimnſnmennſnnſſiſſſſnſſſſſiſiſſſſſſiſſſ ennn. 8 9 1 12 1 10 1 3 14 15 16