Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ een angenommen. 6 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: 3 ür wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 r.— Pf. 8 2„=„„=„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung f der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriffene, verlorene und ldekfecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ß Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ — lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt z der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſegeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Verſloſſene Stunden. 1 Uovelle von 5. Junghans. Leipzig, New-Vork, Ernſt Julius Günther. L. W. Schmidt. 18741. Erſtes Kapitel. „Ja, mein Kind“, ſagte die Mutter eines Tages zu mir,„es wird doch am beſten ſein, daß Du dem Rathe des Herrn Pfarrers folgſt und die Stelle annimmſt, von der er mit uns ſprach; ich ſehe wohl, für eine junge Dame Deines Standes, wenn ſie mittellos iſt, ſind hier nur Demüthigungen zu erwarten.“ Und nachdem ſie dieſe Worte raſch und in einem Tone geſprochen, welcher trotz ſeiner Kälte ihre Gereiztheit merken ließ, ſchloß meine Mutter ihre Lippen feſt und fuhr eifrig zu ſtricken fort. Ich hatte daher Zeit, über eine geeig⸗ nete Antwort nachzudenken, denn erſtens mußte ich der Mutter klar machen, daß etwas mehr als das bloße Annehmen jener Stelle meinerſeits nöthig ſei, und dann wünſchte ich auch zu erfahren, velche Unoſlichtei oder Junghans, Verfloſſene Stunden. Unzartheit der Leute des Städtchens ſie um den ihr natürlichen vornehmen Gleichmuth gebracht hatte. In beiden Angelegenheiten mußte ich ſchonend zu Werke gehen.„Ich denke, liebe Mutter“, ſagte ich vorſichtig, „daß ich dann wohl am beſten ſogleich an jene Mrs. Gray ſchreibe, um ihr zu ſagen—“„Daß Du geſonnen biſt, die Stelle einer Erzieherin ihrer Kinder, einer Un⸗ tergebenen in ihrem Hauſe anzunehmen, Du, ein Fräu⸗ lein von Günthershofen!“ unterbrach mich meine Mutter mit ſcharfer Stimme und fuhr bitter fort:„Ach, wenn das Dein Vater wüßte!“—„Um ihr vorerſt ausein⸗ anderzuſetzen, in welchen Fächern ich unterrichten kann“, ſagte ich und lenkte ein, da ich meiner Mutter Stirnrunzeln bemerkte:„damit fie weiß, was ich zu unternehmen gedenke und was nicht.“—„Thue das, Kind“, entgegnete Frau von Günthershofen ſtreng, „doch vorerſt laß uns Thee trinken.“ Ich legte das Tiſchtuch auf den Tiſch, wobei ich Sorge trug, daß die geſtopften Stellen deſſelben unter das Theebret kamen, brachte Taſſen, Brod und Butter herbei, und zwar mit einem gewiſſen wehmnüthigen Genießen dieſer kleinen Dienſte; ſah ich doch voraus, daß ich ſie nun, da meine Mutter endlich ihre Zuſtimmung zu meinem Fort⸗ gehen gegeben hatte, nicht mehr lange würde zu ver richten haben. Und wem fielen dieſelben dann zu? Dem „ 3. kleinen Dienſtmädchen aus einem benachbarten Dorfe, welches wir nach ſeiner Confirmation ins Haus genom⸗ men und welches meine Mutter ſeiner haſtigen, unge⸗ ſchickten Bewegungen halber kaum um ſich dulden konnte. Wenn ich daran dachte, daß die ſtattliche alte Dame, welche in frühern Jahren über die correcte Bedienung von Lakaien verfügt hatte, nun bald den unbeholfenen Verſuchen unſeres Lieschen allein anheim gegeben ſein ſollte, ſo erfaßte mich ein wahres Entſetzen und der Ge⸗ danke an ein Fortgehen von hier erſchien mir ſchrecklich. Aber aufgegeben konnte er nicht werden, das verhin⸗ derte die bittere Noth; es ging eben ſo nicht länger. „Margarethe, Du ißt nicht“, ſagte meine Mutter ſcharf nach einiger Zeit des Schweigens. Es war gar ſo wenig Butter in der Glasſchale auf dem Tiſche— ich verſicherte der Mutter, daß ich durchaus keinen Hunger habe und es höchſtens über mich gewinnen könne, ein Stückchen Brodrinde zu eſſen, und darauf verfielen wir beide von neuem in Schweigen, bis ich infolge meines Gedankengangs mich hinüberbeugte und meiner Mutter die Hand küßte, indem ich ihr dankte für ihre Erlaubniß zur Ausführung eines lange gehegten Plans. „Es kommt mir ſchwer an, Dich gehen zu laſſen, mein Kind“, ſagte ſie weich, indem ſie mit ihrer ſchmalen Hand leiſe über mein Haar ſtrich,„ſehr ſchwer, aber—“ Hier unterbrach ſie ſich und fuhr erſt nach einer Weile in ganz verändertem Tone fort, in dem hochfahrenden, bittern Tone, den ihr das Unglück erſt angewöhnt hatte: „Die Frau eines Krämers hier, eines Victualienhänd⸗ lers, der ſich vom Geſchäft zurückgezogen, wie ich höre, hat anfragen laſſen, ob Du, meine Tochter, eine gewiſſe Stickerei anfertigen wollteſt, ich glaube, zur Ausſteuer ihrer Tochter beſtimmt. Es iſt mir ganz unerklärlich, wie die Perſon dazu kommt, uns dieſen Affront zuzu⸗ fügen. Kannſt Du es begreifen, Margarethe?“ Ich be⸗ griff den Zuſammenhang wohl und hätte ihn meiner gekränkten Mutter leicht erklären können, ich wäre aber lieber geſtorben, als daß ich es gethan hätte. So gut ich konnte, lenkte ich daher das Geſpräch auf an⸗ dere Gegenſtände und bat zuletzt in unbefangenem Tone, daß meine Mutter ihren Spaziergang heute allein machen möchte, da ich jenen Brief ſogleich zu ſchreiben wünſchte. Sie ſah mich einen Augenblick ſcharf an und ſagte dann lächelnd:„Du willſt mich aus dem Wege haben; nun gut, ich will Dich allein laſſen. Ich hoffe, Du wirſt ſo ſchreiben, wie es einer Günthershofen zukommt.“ Ich richtete mich hoch in die Höhe und warf den Kopf zurück, eine Bewegung, durch die ich meine Mutter eher beruhigen konnte als durch viele Worte.„Du wirſt Deinem Großvater immer ähnlicher, 3 * — — ** 5 Margarethe“, ſagte ſie noch nachdenklich, als ich meine effectvolle Stellung längſt verlaſſen hatte, um ihr den alten, noch immer eleganten Spitzenſhawl um die Schultern zu hängen, in welchem ſie, wenn ſie lang⸗ ſam und aufrecht durch die Straße ins Freie hinaus⸗ ſchritt, ſo prächtig ausſah, daß es die Frauen des Städtchens der„alten Adligen“ gar nicht verzeihen konnten. Ich war allein und richtete nun in beſcheidenen Ausdrücken einen Brief an jene Mrs. Gray, deren Wunſch, eine Erzieherin für ihre Kinder direct aus Deutſchland zu engagiren, ich durch unſern freundlichen Pfarrherrn erfahren hatte. Der Pfarrer war vor Jahren Hauslehrer in England geweſen und hatte ſeine Verbindungen mit einigen Familien dort mit Vor⸗ liebe aufrecht erhalten. Mit klopfendem Herzen bot ich meiner Mutter bei ihrer Zurückkunft den Brief zum Leſen und fühlte eine große Erleichterung, als ſie abwehrend mit dem Kopfe ſchüttelte, da ich wußte, daß ſie, wenn ſie das unglück⸗ liche Document geleſen hätte, daſſelbe unfehlbar zerriſ⸗ ſen haben würde. Die gute Mutter— ſie begab ſich bald zur Ruhe und ich trug nun mit leiſen Schritten aus einem dunkeln Kämmerchen neben der Küche, wo er ängſtlich * 6 verborgen gehalten wurde, einen Korb mit verſchiedenen Wollſorten und Perlenſchnüren herbei und begann zu ſticken. Hatte ich doch auf dieſe Weiſe ſchon Monate lang, im Complot mit der freundlichen Gattin des Kaufmanns, welcher dieſe Arbeiten verwerthete, der Mutter manche Erleichterung verſchaffen können, mit einer Genugthuung, die freilich getrübt wurde durch das leidige, ſo nothwendige Geheimhalten des kleinen Er⸗ werbszweigs. 2 Jetzt regte ſich's in der Schlafkammer der Mutter; ich horchte ängſtlich und wagte nicht einmal den Faden vollends auszuziehen.„Margarethe!“ rief die Mutter plötzlich; ich ſprang auf, ſo haſtig, daß ich dabei die Schachtel mit den Glasperlen umwarf, die zu Thau⸗ tropfen auf meinen wollenen Roſen beſtimmt waren Mit einem Geräuſch, welches mir alles Blut nach dem Herzen trieb, rollten die garſtigen kleinen Dinger auf den Fußboden, ein nicht endenwollender Regen.„Mar⸗ garethe, mein Kind“, ſagte die Mutter,„Du haſt Dir in der letzten Zeit angewöhnt, gar zu lange zu leſen; ich hoffe, Deine Lectüre iſt wenigſtens eine gediegene; es wird Dir von Nutzen ſein, wenn Du Racine und Corneille wieder einmal vornimmſt; Du kannſt—“ „Liebe Mutter“, wagte ich zu unterbrechen, obwohl mit unſicherer Stimme,„ich las eben nicht, ich war NT mit Nähen beſchäftigt.“ Dieſe Lüge ſchien mir in dem Augenblick ein geringeres Unrecht als die Unred⸗ lichkeit, meine Mutter in ihrem Irrthum zu belaſſen. „Ich— ich beſſere Einiges aus— unſere Tafellein⸗ wand“, fuhr ich in Verzweiflung heraus, da die Mut⸗ ter in unwilligem Schweigen verharrte.„So“, ſagte ſie, etwas verſöhnt durch meine letzte Wendung.„Strenge Deine Augen nicht zu ſehr an, liebes Kind; geh bald ſchlafen. Gott ſegne Dich!“ Dieſe liebreichen Worte brachten mich vollends außer Faſſung. Die Scham über meine Lüge und Zorn über die bittere Nothwendigkeit, welche mich zu derſelben gebracht, Alles zuſammen war zu viel; ich eilte indas, Zimmer zurück und brach in heftiges Weinen aus welches durch die Anſtrengung, mein Schluchzen zu unterdrücken und von meiner Mutter ungehört zu bleiben, beinahe krampfhaft wurde. Aber dieſer erleich⸗ ternde Ausbruch durfte nicht lange währen; ich trocknete mir ſchließlich die Augen und machte mich entſchloſſen daran, die unſeligen Glasperlen aufzuleſen, eine jede einzelne, auf daß keine verrätheriſchen Spuren meine nächtlichen Treibens zurückblieben. Zweites Kapitel. Nach einigem Hin⸗ und Herſchreiben und auf eine warme Empfehlung unſeres Pfarrherrn hin hatte ſich Mrs. Gray dahin entſchieden, mir das Amt einer Erzieherin ihrer Kinder anzuvertrauen. Meine nicht ſehr umfangreiche Garderobe war gepackt und ich hatte mich entſchloſſen, nun Abſchied zu nehmen von den wenigen Familien, mit welchen wir verkehrten. Dazu hatte ich mir den letzten Tag auserſehen, an deſſen Nachmittag ich abreiſen ſollte. Bis dahin hatte ich mich ſelten und auf Augenblicke nur von meiner Mutter getrennt, von unbeſchreiblicher Traurigkeit erfüllt bei dem Gedanken, 1 ſie bald verlaſſen zu müſſen. Auch ihr gehaltenes und ernſtes Weſen war zu rührender Zärtlichkeit gegen mich erwarmt. Am Abend vor dem letzten Tage rief ſie mich, die ich nur wenige Schritte von ihr entfernt die Blumen beſorgte. „Margarethe“, ſagte ſie,„ehe Du mich verläßt, will ich Dir einige Aufſchlüſſe über unſere Familienver⸗ hältniſſe geben, welche Dir, als einem erwachſenen Mäd⸗ chen, zu wiſſen gebührt.“ Mein Herz klopfte; auf ähnliche Worte meiner Mut⸗ ter hatte ich ſchon lange gewartet. Ich zog einen nie⸗ drigen Schemel neben ſie; ſie ſaß in ihrem Lehnſtuhl, aufrecht, die noch immer ſchönen, ſchlanken Hände über⸗ einandergelegt, und ſchaute gerade vor ſich hin. „Du wirſt Dich Deines Vaters kaum erinnern“, begann ſie nach einer Weile,„ach, und ich habe Dir wenig von ihm erzählt. Es reut mich jetzt; ſein edles Bild hätte in Dir belebt werden ſollen, er wäre mit Dir gegangen ins Leben als eine Stütze, ein ſteter Hort, in allen Zweifeln hätteſt du Dich an ihn wenden können, er würde Dich immer das Gute, das einzig Rechte haben wählen laſſen. So iſt er mit mir gegan⸗ gen, im Geiſte, dieſe ſiebzehn Jahre; täglich hat er mir gerathen, aber ich behielt dieſen troſtreichen Verkehr für mich wie ein Heiligthum, von dem man kaum reden mag, aus Furcht, es zu entweihen.“ Hier ſchwieg die Mutter wieder einige Minuten lang und fuhr dann in verändertem Tone fort:„Der 10 Vater war Oberjägermeiſter beim Fürſten von...„ der damals ſeinen kleinen, aber prächtigen Hof in B. hielt. Ich lebte dort als Hofdame der Fürſtin, einer ſchönen, vortrefflichen Frau, die mich ſehr liebte. Mein Vater, der Freiherr von Ardenberg, hatte bis zu ſeinem Tode auf unſerm Gute, Schloß Ardenberg, mit großem Aufwand gehauſt. Als er geſtorben, fanden wir Frauen uns beinahe arm; das Majorat fiel na⸗ türlich meinem Bruder zu. Meine Mutter blieb bei ihm, ich kam an den Hof und ſah von da an meine Ange⸗ hörigen nur noch ſelten. Einmal wurde ich plötzlich nach Schloß Ardenberg gerufen— die Mutter lag im 2 Sterben, ich drückte ihr wenige Stunden nach meiner Ankunft die Augen zu. Bei dem Bruder fühlte ich mich nicht wohl, ſeine Gemahlin war nicht ebenbürtig, ich konnte mich nie an ihre Art und Weiſe gewöhnen,. bald kehrte ich nach B. zurück. Du wunderſt Dich wohl, mein Kind“, unterbrach ſich hier die Mutter, „daß ich ſo kalt von meiner Familie ſpreche; es iſt wahr, viel Liebe iſt nie zwiſchen uns verſchwendet worden. Wir waren, mein Bruder und ich, im franzöſiſchen Stil, von einer Hofmeiſterin, erzogen, die Aeltern ſahen wir als Kinder nur zu beſtimmten Stunden des Tages. Meine Mutter war eine kalte Frau von höchſt ariſto⸗ kratiſchem Weſen; der Vater liebte rauſchende, koſtbare 11 Zerſtreuungen und widmete ſich ſeiner Familie ſelten; nie habe ich, dem äußern Anſtande nach, einen voll⸗ endetern, liebenswürdigern Cavalier geſehen. Du ſiehſt ihm ähnlich, liebe Margarethe, Du haſt ſeine Augen und ſeine Stirn und biſt ſchlank wie er, auch erinnert mich Dein Weſen an ihn, bei Deinen kleinen Dienſtleiſtungen, die Du mir mit wahrhaft ritterlicher Galanterie zu Theil werden läßt.“ Ich fühlte mich roth werden vor Vergnügen; die Mutter in ihrer ernſten, beinahe ſtrengen Art lobte mich ſo ſelten. „Aber ich werde geſchwätzig, recht wie eine alte Frau“, fuhr ſie jetzt fort,„ich muß mich zuſammen⸗ nehmen. Deinen Vater, den Herrn von Günthershofen, kannte ich am Hofe von B.; mehrere Jahre lang; er war um Vieles älter als ich, ein herrlicher, ernſter, edler Mann, der daſtand wie ein Fels der CEhre in den Strudeln des leichtfertigen Hoflebens. Ich hatte ihn ſtets verehrt; die ausgezeichnete Achtung, mit der er mich vor andern Frauen behandelte, that mir unendlich wohl. Aber als er eines Tages zu mir kam und mich um meine Hand bat, mich ſelber, in ſchlichten Worten— als ich den hohen, ſchönen Mann vor in⸗ nerer Bewegung zittern und erblaſſen ſah, da verlor ich faſt das Bewußtſein, vor Schrecken anfangs, der 12 langſam einem überwältigenden Entzücken wich. Er legte mein Schweigen und meine Gemüthsbewegung falſch aus, aber obwohl er meinte, ſeine Hoffnung auf⸗ geben zu müſſen, ſchien er an ſich ſelber kaum zu denken in der Sorge um mich.“ Die Mutter ſchwieg hier; ich merkte es kaum, ſo ſehr war mein Geiſt erfüllt von den Geſtalten, welche ſie mit ihrer einfachen Erzählung heraufbeſchworen hatte. Ich ſpann den Faden weiter, ich malte mir die Scene zwiſchen dem ſchönen Hoffräulein und dem werbenden Cavalier bis ins Kleinſte aus. Wie glücklich hatten ſich die zwei gefunden, die ſo innerlich wahr, ſo gerade⸗ aus und edel waren in einer Welt der ſteifen Form, der hohlen, anſpruchsvollen Etikette. Aber ich fand bald, daß ich mich geirrt hatte mit dem leidenſchaft⸗ lichen Schlußact, den ich mir ausgedacht. Der Frei⸗ herr von Günthershofen hatte, nachdem ihm doch end⸗ lich klar geworden, was das Erbleichen und die Verwirrung des Fräuleins von Ardenberg zu bedeuten gehabt, der⸗ ſelben beim Gehen ehrfurchtsvoll die Hand geküßt, als ſeiner„liebwerthen Braut“, weiter nichts— ſo feſt hatten ſich die Formen der Geſellſchaft jener Tage auch um die Beiden gelegt. „Die Fürſtin entließ mich ungern, aber mit vielen Beweiſen ihrer Huld“, fuhr meine Mutter fort.„Wir — 13 blieben am Hofe, wo Deinen Vater ſeine Stellung feſt⸗ hielt, und waren ſehr glücklich in unſerm Kinde, einem herrlichen Knaben. Du haſt mich von Deinem Bruder ſprechen hören— er war ein unvergleichliches Kind. Auffallend ſchön war er, wie ſein Großvater, mein Vater geweſen. Von ſeinem Vater hatte er die im Knabenalter ſchon ſtattliche Höhe, die Kraft, den Muth und die Wahrheitsliebe, welche oft Eigenthum der Starken ſind. Nie iſt über ſeine Lippen die geringſte Unwahrheit gekommen, er hätte es verachtet, auch nur den Schein einer Lüge auf ſich zu laden durch Wort oder Handlungsweiſe. Wir lebten ganz in ihm— Dein Vater und ich.— Es war während einer kurzen Abweſenheit meines Gemahls, daß das Schickſal uns traf. Unſer Sohn, unſer Hugo, war am Morgen fröh⸗ lich fortgeritten mit einigen jungen Edelleuten, die zum Haushalte des Fürſten gehörten; obgleich er weit jünger war als ſie, machten ſeine Größe, ſeine Stärke und Gewandtheit und ſein durchdringender Verſtand ihn zum paſſendern Gefährten für dieſe jungen Leute als für ſeine Altersgenoſſen. Wie oft habe ich ſeitdem bereut, daß ich ihn fortgelaſſen!“ Meine Mutter preßte die Hände gegen die Stirn in einer Art hülf⸗ loſen Sichgehen laſſens, wie ich es nie an ihr geſehen. „Ich war ſtolz darauf, daß ſie ihn zum Genoſſen 14 begehrten, ich ſah ihm nach und freute mich an ſeinem gewandten und ſichern Reiten. Am Abend wurde er mir ſterbend ins Haus gebracht; er konnte nicht mehr ſprechen, aber ich verſtand ſeine Augen wohl, ſeine ſchönen, beredten Augen, aus denen er mich an⸗ ſah mit unendlicher Liebe und Sorge, er bat mich mit ihnen um Verzeihung für das Herzeleid, welches er mir bereitete durch ſein Sterben. Todesmatt ſuchte er noch nach meiner Hand, ohne die Augen von mir abzuwenden, ſeine großen, flehenden Augen, er verſuchte zu lächeln, mich anzulächeln— ſo ſtarb er.“ Die Mutter ſchwieg, aber ſie hatte keine Thränen; nach einer Pauſe fuhr ſie in hartem Tone fort: „Sein Pferd war geſtürzt und er über den Hals des Thieres fortgeſchleudert worden. Man hatte ihn für todt aufgehoben, aber während des Nachhauſetragens belebte ihn die ſcharfe Nachtluft noch einmal, ſeine kräftige Natur wehrte ſich gegen den Tod.— Dein Vater war niedergeſchmettert durch den ſchweren Ver⸗ luſt, aber er richtete ſich auf an der Aufgabe, mich zu tröſten, da mich der Schmerz um meinen Sohn faſt wahnſinnig machte. Nach Monaten erſt legte ſich meine heftige Verzweiflung, ich wurde ruhig, aber Le⸗ bensmuth und Energie wollten nicht wiederkehren. Ich ſaß ſtill vor mich hin, wenn ich allein war— — 4 15 und Deinen Vater riefen Dienſtpflichten leider häufig von mir fort— ich lehnte alle Beſuche ab und be⸗ wegte mich ſtets in ein und demſelben Gedankenkreiſe; ich dachte das ganze Leben meines Kindes durch, von dem Augenblicke an, wo es geboren worden, bis zu dem ſeines Todes; jedes Wortes und ſeiner Miene dabei ſuchte ich mich zu erinnern; manchmal überfiel mich eine Todesangſt bei dem Gedanken, ich könnte irgend etwas von ihm vergeſſen und es ſo ganz verlieren. Als ich mich in dieſem Zuſtande befand, welcher gefähr⸗ lich zu werden drohte, ſchien in unſerm Fürſt große Theilnahme für mich zu erwachen. Ich habe von hm noch nicht zu Dir geſprochen und es koſtet mich einige Ueberwindung, es jetzt zu thun.“ Die Mutter ſchwieg hier, als müſſe ſie ihre Ge⸗ danken ſammeln, meinem verwunderten Blick aber be⸗ gegnete ſie mit ſo abweiſender und ſtrenger Miene, daß ich die Frage, welche ich ſchon auf den Lippen hatte, zurückdrängte. Nach einigen Augenblicken fuhr ſie dann fort und man merkte ihrer Stimme den Zwang an: „Er war uns immer ein gnädiger Herr ge⸗ weſen. Aus der alten franzöſiſchen Schule, liebte er die raffinirteſten Genüſſe und bereitete ſeiner edeln Ge⸗ mahlin viele Kränkungen, ohne jedoch je das, was er 16* ihr äußerlich ſchuldig war, aus den Augen zu verlieren. Du wirſt mich kaum verſtehen, mein Kind— genug, er war im Lande gefürchtet und wenig geliebt; er ordnete das Wohl des Volkes ſeinen Vergnügungen unter. Uns aber, wie geſagt, Deinem Vater und mir, war er ſtets beinahe ein Freund geweſen; wir hegten nur Em⸗ pfindungen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit gegen ihn, indem wir das, was in ſeiner Lebensweiſe zurück⸗ ſtoßend erſchien, der Zeit und der Anſchauungsweiſe, in welcher er groß geworden, zuſchoben. Als er ſich daher bei mir melden ließ, einige Monate nach Hugo's Tod, empfing ich ihn voll dankbarer Ueberraſchung in tiefſter Ehrerbietung. Er hatte ſonſt etwas ſehr Herbes und Hartes in ſeinem Weſen; das ſtreifte er ſo ganz ab, ſprach in ſo liebenswürdiger Weiſe, erſt vorſichtig, dann herzlich und voll Antheil, über meinen Verluſt, daß ich es ertrug, ihn reden zu hören, und Deinem Vater, während deſſen Abweſenheit der Beſuch gemacht worden war, denſelben mit mehr Lebhaftigkeit erzählte, als ich ſeit langem gezeigt hatte. Er war erfreut, be⸗ ſonders über den guten Eindruck, welchen die Gnaden⸗ bezeigung des Fürſten auf mich gemacht zu haben ſchien. Nach einigen Tagen wurde dieſelbe wiederholt, und von da ab kam der Fürſt häufiger; er kam, bis ich ihm die Thür weiſen mußte“, ſagte die Mutter 4*6 mit unbeſchreiblicher Bitterkeit in Miene und Ton. Sie wollte fortfahren, als ſie durch unſere kleine Magd unterbrochen wurde, welche, in der Thür ſtehen bleibend, der Mutter ſagte, es ſei ein Herr draußen, der ſie zu ſprechen wünſche. Ungeduldig winkte die Mutter mit der Hand, ſie war noch ſo ſehr in den Gedanken be⸗ fangen, welche ihre Erzählung in ihr wachgerufen hatte, daß ſie in dem Beſuche nur eine Störung auf wenige Augenblicke zu erwarten ſchien, nach welchen ſie fort⸗ fahren könne. Sonſt hätte ſie auch nach dem Namen des Beſuchers gefragt, ehe er angenommen worden wäre. So trat der Herr nun gleich hinter Lieschen her⸗ ein, die ihm mit dem Kopfe eine einladende Bewegung zu machen ſich begnügt hatte. Ich war aufgeſtanden und zur Seite gegangen. Der Fremde trat einige Schritte ins Zimmer und blieb dann ſtehen, von meiner Mutter zu mir und von mir wieder zu meiner Mutter blickend. Die ſaß am Fenſter, durch welches der Abendhimmel ſo hell glänzte, daß der Eintretende geblendet ihr Geſicht gar nicht ſehen konnte. So entſtand ine Pauſe von einigen Augenblicken, welche peinlich zu werden begann. Ich konnte nicht begreifen, warum meine Mutter, ſonſt die höflichſte Wirthin, nicht aufſtand und dem Herrn ent⸗ gegentrat. Jetzt erſt ſah ich nach ihr hin und erſcnas Junghans, Verfloſſene Stunden. 2 18 ſie war todtenbleich geworden und ſtarrte mit einer Art Entſetzen auf das Geſicht des Fremden hin. „Mutter“, ſagte ich endlich, indem ich näher trat und meine Hand leiſe auf ihren Arm legte,„Mutter, der Herr wünſcht Dich zu ſprechen.“—„Ja, mein Kind?“ erwiderte die Mutter fragend und zerſtreut, dann aber, ſich ermannend, ſtand ſie auf, und mit der ihr eigenen ſtattlichen Höflichkeit nöthigte ſie den Gaſt, auf dem Sopha Platz zu nehmen, auf dem kleinen, ärmlichen braunen Sopha— es war mit Heu geſtopft, und mir ſtieg immer thörichterweiſe das Blut ins Geſicht, wenn ſich unter einem Niederſitzenden das verrätheriſche Kniſtern der zuſammengedrückten Halme hören ließ. Die Mutter aber lud zum Sitzen darauf mit derſelben un⸗ nachahmlichen Handbewegung ein, mit der ſie ehemals die Höchſten des Landes auf ſeidene Canſeuſen einge⸗ laden hatte. Der Fremde hatte noch nichts geſprochen, aber in leinem Weſen nicht etwa Befangenheit oder gar Ver⸗ ſegenheit, ſondern die überlegene Ruhe eines weltge⸗ wohnten Mannes und dazu ein gewiſſes freundliches Sichgehenlaſſen gezeigt, welches ihn als einen Grand⸗ ſeigneur erſcheinen ließ. „Sie kennen mich nicht, Frau von Günthers⸗ hofen“, ſagte er endlich lächelnd,„und das wundert mich 4 1 1 19 nicht; es iſt ſehr lange her, daß wir uns nicht geſehen haben.“ Er ſchwieg wieder und ſchien zu erwarten, daß die Mutter etwas ſagen würde. Auf deren Zügen aber malte ſich jetzt von neuem das ängſtlich For⸗ ſchende von vorhin, ſie ahnte offenbar, wen ſie vor ſich habe. „Ich bin Bardolph von Günthershofen“, ſagte er endlich— die Mutter bewegte ſich auf ihrem Sitze— „und komme nach langer Abweſenheit von Deutſchland, um unter meinen Verwandten auch Sie zu begrüßen. Ich fühle, verehrteſte Frau, daß der Schritt, welchen ich wage, der Bitte um Entſchuldigung bedarf; viel⸗ leicht werden Sie mir verzeihen, daß ich Sie mit meiner Gegenwart beläſtige, wenn Sie gehört haben werden, was mich zu Ihnen trieb. Es war der Wunſch, hier auszuſprechen, daß ich jetzt, als Mann, mich von dem Vorgehen meiner Familie während meiner Knabenzeit in Betreff jenes beklagenswerthen Proceſſes losſage, daß ich Ihnen, als einzige Sühne, die zur Zeit in meiner Macht ſteht, meine Mißbilligung einer Hand⸗ lungsweiſe ausdrücke, welche vom Standpunkte des Rechts vielleicht nicht anzutaſten iſt, ſich aber ſchwerlich von dem der Humanität aus vertheidigen läßt.“ Die Mutter, welche bisher mit unbewegter Miene 20 geradeaus geblickt hatte, wendete jetzt den Kopf und ſah den Freiherrn groß an. Recht, Humanität? Das ſind ſonderbare Worte von Ihrer Seite“, ſagte ſie dabei in einem Tone, bei dem mir das Blut heiß in die Wangen ſtieg.„Sie müſſen mir erlauben, den einen wie den andern Ausdruck als unſtatthaft zu bezeichnen in Verbindung mit Allem, was jene Angelegenheit betrifft. Ich will mich deutlicher erklären, mein Herr, es wird das jedem Verſuche Ihrer⸗ ſeits vorbeugen, mir ein weiteres Urtheil über die Sache abzunöthigen: ich habe noch keinen Augenblick geglaubt, daß bei der Entſcheidung des Proceſſes zwi⸗ ſchen Ihnen und meinem Gemahl das Recht irgendwie mitgeſprochen habe.“ Die Mutter hatte den Beſucher, während ſie dieſe Worte ſprach, unverwandt angeſehen; auf ſeiner Stirn war die Röthe des Unwillens erſchienen, als er aber nach einigen Augenblicken antwortete, war ſeine Stimme weich, man hörte ihm Mitleid und Schonung für die Mutter an. „Sie ſind durch Ihr freilich herbes Geſchick wohl etwas unbillig geworden, hochverehrte Frau; ich fürchtete das, iſt es doch kaum anders zu erwarten. Meiner ernſten Ueberzeugung nach befinden Sie ſich im Irr⸗ thum über den Verlauf der Angelegenheit, einem Irr⸗ 21 thum, den ich um ſo mehr beklage, da er von vorn⸗ herein Alles, was ich noch ſagen könnte, entkräften muß, während ich die Unmöglichkeit einſehe, ihn zu heben.“ Er ſchwieg nachdenklich. Die Mutter hatte ſich inzwiſchen gefaßt und beherrſchte von da ab die nicht mehr lange Unterhaltung mit vollkommener Ruhe, aber in einer Art, die dem Freiherrn peinlich ſein mußte, denn gefliſſentlich lenkte ſie ſtets von dem Gegenſtande ab, über welchen er noch Manches auf dem Herzen zu haben ſchien; er mußte fühlen, daß der Zweck ſeines Beſuchs, inſofern derſelbe eine Art Verſtändigung mit der alten Dame hatte bewirken ſollen, verfehlt war. Höflich fragte ſie ihn nach ſeinen Reiſen, ſeinen Stu⸗ dien, den Ergebniſſen derſelben; ſeine Verſuche, einige Worte von Herzen zu ihr zu ſprechen, ignorirte ſie völlig. So ſtand er nach kurzer Zeit auf, da in dem für mich beängſtigenden Geſpräche eine Pauſe einge⸗ treten war.„Ich muß nochmals um Verzeihung bitten“, ſagte er, ſich leicht vor der Mutter neigend,„wegen meines Ueberfalls. Daß Ihnen ein Zuſammentreffen mit mir nicht angenehm ſein würde, fürchtete ich, ver⸗ ehrte Frau, aber ich konnte von meinem Standpunkt aus nicht anders handeln, als indem ich vor Ihnen ausſprach, was Sie vorhin von mir gehört haben. 22. Noch eins bleibt mir hinzuzufügen: wüßte ich, daß ein Unrecht vorläge, ſo würde ich ſtets bereit ſein, daſ⸗ ſelbe wieder gut zu machen.“ Die Mutter erwiderte dieſe Worte durch eine ſteife Verbeugung. Jetzt erſt ſchien Herr Bardolph mich zu bemerken.„Fräulein von Günthershofen?“ fragte er höf⸗ lich. Meine antwortende Verneigung mochte linkiſch ausfallen; noch nie war ich mir meines ärmlichen Anzugs ſo quälend bewußt geweſen als jetzt, vor dem vornehmen Träger unſeres Namens. „Ja, das iſt meine Tochter“, bemerkte die Mutter ihrerſeits und fügte mit einer gewiſſen bittern Genug⸗ thuung im Ausdruck hinzu:„Sie verläßt mich morgen, um die Stelle einer Gouvernante in England anzunehmen.“ Was dem Freiherrn das niedrige Zimmer, in welchem er ſich befand, die Einrichtung, von der er uns umgeben ſah, längſt hatten ſagen müſſen, das ſprach die Mutter mit dieſen Worten zum Ueberfluſſe aus; er mochte Alles herausfühlen, was ſie an herber Anklage hineinlegte, und daß ſolchen Verhältniſſen 1 gegenüber ein blos höfliches Zueinanderſtehen zu den Unmöglichkeiten gehöre. So ſagte er mir denn einige Worte der Anerkennung über meinen Entſchluß, wo⸗ bei er meine Hand ergriff, und ging dann. In der Thür aber wendete er ſich noch einmal um.„Ich möchte 23 Sie noch bitten, zu glauben“, ſagte er,„daß nichts mir größere Freude machen würde, als Ihnen in irgend einer Weiſe dienlich zu ſein. Es könnte ja für Sie, hochverehrte Frau, oder für Sie, mein Fräu⸗ lein, immerhin ein Fall eintreten, in dem Sie eines männlichen Beiſtandes bedürften. Ihre Angelegen⸗ heiten würden mir dann am Herzen liegen wie meine eigenen.“ „Wo er nur dieſe bürgerliche Bonhommie her hat?“ ſagte die Mutter, als die Thür ſich hinter dem Be⸗ ſucher geſchloſſen hatte, mit feindſeligem Blick.„Die liegt doch wahrlich nicht in der Familie.“ Und dann die böſen Worte:„Weißt Du, was das bedeuten kann, wenn einer von den Räubern ſo zu dem Beraubten ſpricht? Hätt' ich noch etwas zu verlieren, ſo würde ich denken, ſie trachteten auch danach; ſo möchte ich den Schritt anders auslegen. Nun, wir werden ſehen.“ Dies waren die einzigen Worte, welche die Mutter über einen Vorfall verlor, der mir viel zu denken ge⸗ geben hat. Sie ließ ſich, wie ich bemerken konnte, durch den Beſuch des Freiherrn von Günthershofen nicht im geringſten in ihrer Ueberzeugung in Betreff der ver⸗ gangenen Ereigniſſe, von denen ich noch hören ſollte, beirren, ja ſie deutete denſelben in einer Weiſe, welche dieſe Ueberzeugung unterſtützte. Ihre Erzählung nahm 24 ſie, ſobald wir uns zurecht geſetzt hatten wie zuvor⸗ wieder auf, als ſei kein Zwiſchenfall vorgekommen. „Du wirſt Dich erinnern, wo wir ſtehen geblieben ſind. Nun, wir konnten nach dem, was ich vorhin andeutete, uns nicht mehr am Hofe aufhalten. Und bald darauf trug ſich bei einer nothwendigen geſchäft⸗ lichen Zuſammenkunft zwiſchen Deinem Vater und dem Fürſten Einiges zu, was uns ſogar den Aufenthalt im Lande unmöglich machte. Kind“, unterbrach ſich hier die Mutter und ſah mich ernſt an,„es heißt, man ſolle Niemand haſſen, die chriſtliche Religion verbietet es. Ich habe ihrer Vorſchrift in dieſem Punkte nicht nachzuleben vermocht, faſt möchte ich ſagen, ich verwerfe dieſelbe. Denn es gibt Menſchen, die man haſſen muß, mit all der Kraft, die unſer Wille beſitzt; wir würden an moraliſchem Werthe ſinken, wenn wir in uns nicht den Haß gegen ſolche vorfänden. Gott Lob, ich kann haſſen, einen Menſchen freilich nur, und der eine iſt der Fürſt. Er iſt lange todt, aber wie der höchſten Liebe ihre Gegenſtände nicht ſterben, wie ſie mit gleicher Stärke Lebendige und Todte umfängt, ſo kennt auch der Haß den Tod nicht. Ich würde nicht ſagen können, ich habe jenen Mann gehaßt, ſondern nur: ich haſſe ihn, haſſe ihn in dieſem Augenblicke und für alle Zeiten. Auch Du, Margarethe, ſo hoffe ich, wirſt ihn haſſen — lernen, wenn Du erfahren haben wirſt, was wir ihm Alles verdanken. Mir hat er die entſetzlichſte Kränkung zugefügt, welche man einer Frau anthun kann, und dann, nach Art der ganz Schlechten, die ſich vor den Folgen ihrer Schändlichkeiten nicht anders zu ſichern wiſſen, als daß ſie den alten ſtets neue beifügen, dann hat er Deinen edeln Vater ebenfalls bis auf den Tod beleidigt, ihn aus der Heimat vertrieben, beraubt, um Ehre und guten Namen gebracht, zum Bettler ge⸗ macht— gebrochenen Geiſtes und Herzens iſt einer der reinſten, beſten Menſchen im Elend geſtorben.“ Traurige Erinnerungen mochten die Sprechende hier faſt übermannen, ſie fuhr erſt nach einer Pauſe in leiſerem Tone fort: „Ich muß Dir das Alles genauer erzählen, meine Tochter, es iſt Dir lange genug unbekannt geblieben. Wir gingen nach der Schweiz; in Frankreich hätten wir gern gelebt, aber das Land blutete noch an den Wunden der Revolution; in der Schweiz, am Genfer⸗ ſee, waren wir ferne Zeugen ſo mancher Bewegungen dort. Wir hatten bisher von den Einkünften unſerer verpachteten Grundbeſitzungen gelebt— Dein Vater be⸗ zog keinerlei Gehalt mehr vom Fürſten— nach eini⸗ ger Zeit aber, kurz vor Deiner Geburt, traten plötzlich Stockungen in den Zahlungen ein. Durch Briefe wurde nichts geändert und Dein Vater entſchloß ſich, obwohl ſehr ungern, ſelber nach B. zu gehen. Ich fügte mich der Nothwendigkeit der Reiſe, aber mir war entſetzlich bange dabei, ich hatte eine unerklärliche Furcht vor den Folgen derſelben. Während der Abweſenheit Deines Vaters wurdeſt Du geboren, Margarethe. Kein Wun⸗ der, daß Du ſtets ein ernſtblickendes Kind warſt, daß Du den Zug der Traurigkeit im Geſicht noch jetzt kaum los werden kannſt“— ich verſuchte zu lächeln, um meiner Mutter das Gegentheil zu beweiſen, aber es mochte ſchlecht gelingen, denn ſie ſchüttelte weh⸗ müthig mit dem Kopfe—„mit der Muttermilch“, ſprach ſie weiter,„haſt Du vielen Jammer eingeſogen, Dn ſpätgeborenes armes Kind. Von Deinem Vater erhielt ich zwar häufig Nachricht, er ſchrieb mir die liebevollſten Briefe, aber ſie ſagten mir nicht genug, ich fühlte heraus, daß er aus Vorſorge für mich mir Manches verbarg, und dies verſetzte mich in die quä⸗ lendſte Unruhe. So verging Woche auf Woche; die Zeit, wo ſonſt das Kind, das neugeſchenkte Leben, der Mutter größte Freude, ihr ernſteſtes Studium iſt, in welchem ſich alle ihre Intereſſen concentriren, dieſe Zeit verfloß mir in Angſt und Sorgen um Deinem Vater. Endlich kündigte er mir in einem kurzen, von Erregung zeugenden Schreiben ſeine baldige Rückkehr an. 27 Der Tag kam; wir ſtanden auf der Terraſſe unſeres Hauſes, ich und die Wärterin mit Dir— ach, ich weiß es noch, als wenn es geſtern geweſen wäre. Obgleich ich nur zerſtreut auf die Landſchaft umher ſchaute, hat ſie ſich mir doch unverwiſchbar eingeprägt, gerade wie ſie an jenem Tage erſchien: der ſtille, kühle See, nach deſſen Tiefe ich oft ein eigenes, wildes Verlangen hatte, die grünen Ufer mit glänzenden Häuſern überſät, der Himmel darüber, an dem die duftigſten Wolken zogen, die köſtliche Friſche des ganzen Bildes. Und nun kam Dein Vater: die Landſtraße zog ſich am Fuße unſeres Gartens hin, die Kutſche hielt, ich ſah ihn herausſtei⸗ gen und ſtürzte mich ihm entgegen. Auf der unterſten Terraſſe erreichte ich ihn erſt, ſo langſam war er geſtiegen. Er nahm mich in ſeine Arme und hielt mich lange feſt, bis ich fühlte, wie er wankte; wir gingen nach einem Sitze und er fiel ſſchwer darauf nieder, mit ſchlaffen Gliedern. Jetzt ſah ich erſt, wie ſehr er ſich in den wenigen Wochen verändert hatte. Sein Haar war völlig ergraut, ſeine ſönſt ſchönen, klaren und durchdringenden Augen blickten matt und trübe, aus dem Geſichte war die Spannkraft gewichen, das Be⸗ wußte, Gefaßte; offen ſtand für Jeden darauf zu leſen, der Mann war tief unglücklich, gebrochen. Er ſprach nicht, ſah mich auch nicht an, ſondern blickte vor ſich hin ins Weite. Mit Fannenleſer Augſt hing ich mit den Augen an ſeinem Antlitz; ich wagte auch nicht zu reden. Endlich legte ich leiſe meine Hand auf die ſeine, nannte ihn beim Namen und erwähnte unſer Kind. Da fuhr Dein Vater auf.„Ja ſo“, ſagte er mit einem Lächeln, das mir in die Seele ſchnitt, „unſer Kind; komm, Louiſe, wir wollen zu ihm, es iſt ja wohl in der Nähe.“ Und wir ſtiegen zuſammen hinauf, indem er ſich auf mich ſtützte; er ſei ſehr müde von der Reiſe, ſagte er, ſehr müde.“ Hier hielt die Mutter inne, erſchöpft durch die auf ſie eindringenden ſchmerzlichen Erinnerungen.„Ich werde zu weitläufig“, ſagte ſie dann,„aber es iſt ſchwer, ſich kurz zu faſſen bei einer ſolchen Erzählung. Ein jedes Wort weiß ich noch, was an jenem Tage zwiſchen uns geredet worden. Dein Vater hatte mir das Un⸗ glaublichſte zu berichten. Man hatte ſein Recht auf ſeine Erbgüter angetaſtet, der andere Zweig der Fa⸗ milie war mit Anſprüchen auf dieſelben hervorgetreten, heimlich vom Fürſten begünſtigt, welcher, wie ich glaube, die Schändlichkeit allein ins Werk geſetzt hatte, um uns für immer aus dem Wege zu räumen, ſeinem Haß und ſeiner Rachſucht folgend. So war das größte Unrecht begangen worden, eine ſchamloſe Fälſchung vorgenom⸗ men. Es war damals freilich noch Alles in der Schwebe, —— — 29 aber Dein Vater ſah ſich in einem Netze von Bosheiten, gegen deſſen Gewirre er ſich in ſeinem edlen Geradſinn vergebens zu wehren ſuchte. Der Kampf gegen offenes, von oben begünſtiges Unrecht ging über ſeine Kräfte, er zog ſich zurück mit der Ausſicht, ein Bettler zu werden. Du denkſt vielleicht, Margarethe, er hätte nicht auf⸗ geben dürfen, denkſt, das Recht hätte am Ende ſiegen müſſen, Dein Vater hätte ſtandhafter und energiſcher ſein ſollen. Sein Alter aber und ſo manche Verhält⸗ niſſe wirkten niederdrückend mit. Die Welt war damals in einer Gärungsperiode; die Zeit, in welche unſere Jugend gefallen war, ſchien durch eine große Kluft von der Gegenwart getrennt. Neue Ideen brachen ſich Bahn; ſie waren ihm, der ſich ſtets in einem gewiſſen, ſcharf gezogenen Kreiſe bewegt hatte und in dieſem mit voll⸗ kommener Reinheit und Einheit des Charakters, fremd, unheimlich beinahe; ſchon die Jahre, welche er in der Schweiz verbracht, ſo fern vom Langgewohnten, unter Menſchen, deren Geſichtskreiſe ſo verſchieden von dem ſeinen waren, daß ſich faſt kein Anknüpfungspunkt fand, ſchon dieſe waren Schmerzensjahre geweſen. Nun ſollte zum Exil die bittere Noth treten, er ſollte ſein geliebtes Weib und ein kleines, einziges Kind darben ſehen, ſollte in ſeinem Alter noch, Riaa ſne heitern Abends zu genießen, das würdige, greiſe Haupt ſanft 30 gebettet, die kleinliche, elende Noth des Lebens, täglichen Mangel kennen lernen— das war zu viel. Seine Geſundheit litt unter dieſen nagenden Gedanken, die Sorge um uns, der Kummer über die Entbehrungen, welchen wir nach ſeinem Tode preisgegeben ſein würden, machten ihn beinahe wahnſinnig. Wir mußten uns einſchränken, mußten unſern bisherigen Aufenthaltsort verlaſſen; es zog uns nach Deutſchland zurück und wir ließen uns in C,, einer kleinen Stadt unſeres Nachbarländchens, nieder; dort verlebteſt Du Deine erſten Jahre, Margarethe, zwiſchen traurigen Geſichtern Deinem Vater war Dein Anblick ſtets ein Stich ins Herz, er war überhaupt menſchenſcheu geworden. Die Beſtätigung ſeiner Befürchtungen erreichte uns bald: wir verloren Alles bis auf eine kleine jährliche Rente, das Legat einer alten Tante Deines Vaters, welches unantaſtbar war. Bisher hatte er es immer ganz den Armen überwieſen, jetzt bildete es unſer einziges Sub⸗ ſiſtenzmittel, denn ich beſitze kein Vermögen, wie es unſere Verwandten, unſere Rechtsfeinde, geglaubt hatten und noch zu glauben ſcheinen. Niemand wohl als eine Magd, ein Mädchen von unſern Gütern, welche treu zu uns hielt, hat gewußt, wie arm wir geworden waren. Du warſt etwas über drei Jahre alt, da Dein Vater ſtarb, der ſich ſeit ſeiner Reiſe nach B. nie mehr erholt hatte.“ 31 Die Mutter ſchwieg nun, ſie hatte ihre Erzählung beendet. Ich hatte während derſelben einen wahren Sturm von Gefühlen durchgemacht. Bald drangen mir die Thränen in die Augen und zwar nicht nur bei den traurigſten Momenten der Geſchichte, ich mußte weinen, wenn die Mutter die frühern Zeiten ſchilderte, die jetzt ſo ganz, ganz vorbei waren, ſo abgeſchnitten von uns für immer. Nicht daß der Gedanke an un⸗ ſere jetzigen Entbehrungen mich traurig gemacht hätte, nein, dieſelbe Wehmuth würde mich überkommen haben, wenn ich von aller Eleganz des modernen Lebens umgeben geweſen wäre. Es war nur das Gefühl des Wechſels in allen menſchlichen Dingen, dieſes Gefühl, welches einem den Boden unter den Füßen fortnimmt, ſodaß man ſich losgeriſſen von Allem und heimatlos vorkommt. Und dann ſtieg mir auch wieder alles Blut ins Antlitz oder drängte ſich nach dem Herzen und nahm mir den Athem, wenn ich von dem bren⸗ nenden Unrecht hörte, welches uns angethan worden war, wenn ich hörte, wie mein Vater und mein Bruder ja eigentlich auch— ſo dachte ich wenigſtens damals in meiner Bitterkeit— gemordet worden waren durch jenen fluchwürdigen Hof, wenn ich an die zwanzig Jahre der Entbehrung dachte, die hinter meiner armen mir Mutter lagen. Aber einige Fragen brannten 32 noch auf den Lippen.„Der Hof von B.?“ ſagte ich. „Iſt eingegangen“, erwiderte die Mutter, bitter lächelnd. „Das Fürſtenthum wurde, wie Du wiſſen wirſt, me⸗ diatiſirt und der Fürſt, deſſen Privatvermögen ziemlich bedeutend war— er hatte in den letzten Jahren zu ſparen angefangen— zog ſich nach Italien zurück, wo er ſtarb. Die Fürſtin war ſchon vor längern Jahren heimge⸗ gangen; eine Tochter war unglücklich verheirathet und hatte, wie man ſich zuflüſterte, den Verſtand verloren über einige Sonderbarkeiten ihres Gemahls; ſie hat Jahre lang auf einem einſamen Jagdſchloſſe in tiefſter Abgeſchiedenheit gelebt, jetzt iſt ſie auch todt; die Söhne ſind verſchollen, wie ich glaube.“ „Und jene Günthershofen, welche ſich unſere Güter erſchlichen haben?“ fragte ich weiter. „Ei, die eſſen und trinken, freien und laſſen ſich freien“, ſagte die Mutter bitter.„Es waren mehrere Brüder, Vettern Deines Vaters; einer hat viele Kinder, er wirthſchaftet auf Erbrück; die Familie ſoll etwas verbauert ſein. Der andere, ein geiziger, mißtrauiſcher Mann, welcher ſich ein lebenslängliches Unglück in einer ſchönen, leichtfertigen und verſchwenderiſchen Frau geladen, iſt kürzlich geſtorben. Bardolph „der iſt nun Herr auf Günthershofen, einem Erbtheil.“ — —— ——— Benehmen meiner Mutter gegen den Freiherrn, ich uns achſelzuckend zu bemitleiden,„die eigenſinnigen 33 Alſo der war es! Ich begriff jetzt das abſtoßende theilte ihren Unwillen. Wie hatte er es wagen können, in unſere Nähe zu kommen, die Augen nur zu meiner edlen Mutter aufzuſchlagen, er, der, ein Eindringling und ein Dieb, auf fremdem Erbe ſaß! War er etwa gekommen, um unſere Armuth ſich anzuſehen und ſie vielleicht nachher in den Salons ſeiner Freunde zu Bonmots auszubeuten, oder, was noch ſchlimmer, armen Verwandten, die noch nicht einmal mit ſich reden laſſen wollen“? Ich ſagte meiner Mutter, was ich dachte. „Du weißt noch nicht Alles“, entgegnete ſie mir. „Ich kannte ihn ja nicht, als er eintrat, und doch über⸗ lief es mich bei ſeinem Anblick— er iſt das Ebenbild des Fürſten. Seine Aeltern haben auch einmal bei Hofe gelebt; Seine Hoheit hat damals nur verſuchen wollen, wie ich die Gunſtbezeigungen aufnehmen würde, welche bei einer andern Frau von Günthershofen An⸗ klang gefunden hatten.“ Ich war ein unerfahrenes, einfältiges Mädchen und verſtand anfänglich die Mutter kaum, aber das Verſtändniß für Alles, was ſie geſagt hatte, kam mir bald, da ich unaufhörlich im iiſe mir ihre Junghans, Verfloſſene Stunden. 3 34 wiederholte und über dieſelben brütete, und ich wurde faſt plötzlich eine Andere; geiſtige Reife trat ein und mit ihr das Denken und der Schmerz. Wir ſaßen nun noch eine lange Zeit ſchweigend bei einander; meine Mutter hatte meine Hände in die ihrigen genommen und es war, als zöge ein geheimer Strom ſo von ihr zu mir, mir ſchien es, als ſähe ich jetzt mit ihren Augen und fühlte mit ihrem Herzen, ſie war mir näher gerückt als je zuvor. Soweit ich zu denken vermochte, war die Mutter zwar ſtets liebevoll und auch ſorgſam, aber gar ſo unnahbar geweſen. So hatte ich ſchon vor Jahren bemerkt, daß von ſo manchen kleinen Künſten, welche Frauen beim Beſchaffen des Nothwendigen oft anwenden müſſen, die Mutter weniger verſtand als ich. Jene Magd, von der ſie geſprochen, ein tüchtiges Mäd⸗ chen, hatte in meinen erſten Jahren das Hausweſen und meine Garderobe aufs ſparſamſte beſorgt; als ſie ſich verheirathete und mit Thränen und mancher guten Lehre von mir Abſchied nahm, fiel alles das zum größten Theil in meine kleinen Hände und verurſachte mir vielerlei Sorge. Nicht daß die Mutter das Nähen und Beſchicken unter ihrer Würde gehalten hätte, af ihr die ſtete Aufmerkſamkeit auf das Geringfit ige; ſie hatte etwas unbeſchreiblich Vornehmes m Weſen, moffaſ jede Frau, die mit ihr gelebt. 35 hätte ſich wohl ſtillſchweigend in die Rolle einer Kam⸗ merjungfer neben ihr finden müſſen. So hatten wir uns trotz aller Liebe nicht ganz nahe geſtanden; ich fühlte, daß die Mutter in einer andern Welt hauſte als ich, in einer Welt, von der meine Vorſtel⸗ lungen nur höchſt unklar ſein konnten, da die Mutter nie zuvor von der Vergangenheit, in welcher ſie lebte, ein Wort zu mir geſprochen hatte. Jetzt ſchien dieſe Schranke plötzlich gefallen; ich wußte nun, was die ſtarke Frau Alles ertragen hatte, und liebte ſie wenn möglich noch tauſendmal mehr als früher. Ich ſelber aber kam mir auf einmal ganz anders vor: her⸗ ausgerüttelt war ich aus meiner harmloſen, faſt demü⸗ thigen Weltanſchauung; es war aber nicht etwa der Gedanke an den Rang meiner Familie, ſondern die Gewißheit unverſchuldeten Unglücks, welcher mir eine erhöhte Stimmung gab und für alle Folge auf meine Charakterbildung eingewirkt hat. Die Menſchheit war in der Schuld gegen uns, wir hatten an ſie zu for⸗ dern, und dies Bewußtſein erfüllte mich mit einer Art Stolz; ich ſagte mir, daß ich in dieſem Falle weit lieber leidend als handelnd mich verhalten wolle. Die Mutter hatte lange mit einem finſtern Aus⸗ druck auf dem noch immer ſchönen Geſichte ſtarr und auf⸗ recht dageſeſſen; jetzt löſten ſich ihre Züge, und ſie ſagte 3 5 weich:„Es war nöthig, daß Du die Schickſale Deiner Aeltern kannteſt, liebe Margarethe, ſonſt hätte ich Dir gern dieſen Blick in das Treiben der böſen, böſen Welt erſpart. Ich hoffe, mein Kind iſt edel genug, um nicht dadurch den Glauben an die Güte der Men⸗ ſchen zu verlieren; es wäre ſchlimm“, fügte ſie freund⸗ lich lächelnd hinzu,„wenn Du Deinen künftigen Zöglingen als Miſanthropin gegenübertreten wollteſt. Und nun laß uns von Deinem demnächſtigen Wirken ſprechen.“ Die Mutter hatte ſich ſo weit mit meinem Fortgehen ausgeſöhnt, daß ſie mir manchen guten Rath, manche liebevolle Warnung mit auf den Weg gab. So verging der letzte Abend, den ich mit ihr zubrachte, uns in bei⸗ nahe feierlicher Stimmung. Der nächſte Morgen kam heran, der Morgen meines Reiſetags. Ich ging, um Lebewohl zu ſagen, zu den wenigen Familien im Städt⸗ chen, mit denen wir einigen Umgang hatten, und ließ mir die üblichen guten Wünſche mit auf den Weg geben. Zu dem Pfarrherrn kam ich zuletzt; auf ſeinen Segenswunſch freute ich mich, denn mir war weichmü⸗ thig zu Sinne. Er ergriff denn auch meine beiden Hände und ſagte herzlich, wie er wünſche, daß ich dort in dem neuen Kreiſe Freunde finden möge.„Und einen Freund haben Sie ja hier“, fuhr er fort,„von dem Sie mir noch nie erzählt hatten; ein Freiherr von und 4 —— —— “ „ 37 zu Günthershofen“— er betonte die Titel mit komi⸗ ſcher Gravität—„war heute Morgen bei mir. Er iſt lange außer Landes geweſen, wie er mir erzählte, und wollte nun Einiges über Sie und Ihre Mutter wiſſen; er ſei manchen Familienmitgliedern durch die lange Abweſenheit ziemlich fremd geworden, ſagte er, wie denn das ſo gehe. Ein ſchöner, ſtattlicher Herr und ſehr angenehm. Er ſprach davon, daß es ihm hier in der Gegend gefalle und daß er vielleicht für einige Zeit ſeinen Aufenthalt in der Nähe nehmen werde; aber vorerſt wollte er noch einige Monate reiſen. Er er⸗ wähnte England, und es wäre nicht übel, wenn er Sie dort aufſuchte, liebes Fräulein; eine Gouvernante nimmt oft gleich eine ganz andere Stellung ein im Hauſe durch den Beſuch eines Angehörigen und nun gar eines Barons. Ich ſagte ihm das und er bat um Ihre Adreſſe.“ „Und haben Sie ihm dieſelbe gegeben?“ brach ich endlich hervor. Ich hatte den alten Herrn bis hier⸗ her reden laſſen, weil ich nicht wußte, wie ich meinem maßloſen Erſtaunen und Zorn über das, was ich zu hören bekam, Worte geben ſollte.„Haben Sie ihm die Adreſſe gegeben, hat er ſie?“ rief ich noch einmal. „Ja, mein Kind, ja, und wäre Ihnen dies etwa unangenehm? Warum—“ Der Pfarrer brach ab und ſah mich befremdet an, ich mochte ſehr erregt ausſehen. Sogleich bedachte ich aber auch, daß, wenn ich jetzt all meinem Unwillen und Aerger vor dem unvorbereiteten Freunde Ausdruck geben wollte, ich dadurch unſerer guten Sache nur ſchaden würde. Sehr ruhig ſetzte ich ihm daher, ſo⸗ weit es ſich thun ließ, auseinander, wie zwiſchen uns und der Familie jenes Herrn alle andern eher als freund⸗ ſchaftliche Beziehungen exiſtirten, und hütete mich, die Entfremdung als eine romantiſche Familienfehde aus alter Zeit erſcheinen zu laſſen; ich ſagte ihm, wie jene ſich eingedrängt hätten in unſern Beſitz und uns hin⸗ ausgeſchoben, und ich mußte erleben, daß der alte Herr den Kopf ſchüttelte und mir die Heftigkeit meiner Re⸗ deweiſe verwies. „Gemach, gemach; man kennt Sie ja gar nichtwieder, Fräulein Margarethe“, ſagte er.„Sehen Sie das Alles auch aus dem richtigen Geſichtspunkte an? Hatten jene Familien auf die fraglichen Beſitzthümer gar kein Recht?“ „Nein, gar keins“, ſagte ich raſch. „Aber ſie mußten doch vor Gericht irgendwelche Anſprüche geltend machen; welches waren dieſe?“ Das wußte ich nicht.„Und hat nicht Ihr Herr Vater viel⸗ leicht einen gütlichen Vergleich ausgeſchlagen?“ Auch da⸗ 5 4 39 rüber konnte ich keine Auskunft geben, kurz, mit der Gewißheit in mir, daß falſches Spiel geſpielt worden ſei, ſtand ich endlich vertheidigungslos da, wie eine unerfahrene Schwärmerin, welche den Dingen, wie ſie einmal ſind, keine Rechnung trägt. Das war die erſte bittere Erfahrung, die ich in dieſer Angelegenheit auf eigene Hand machte und zwar an einem wohlwollenden Menſchen. Ich zog darauf die Fühlhörner ein und entſchloß mich vor allem, mir bei meiner Mutter, wenn es thunlich, genaue Auskunft zu holen über jene an⸗ geblichen Anſprüche und manches Andere, um ein an⸗ deres Mal beſſer gerüſtet zu ſein. Ziemlich kalt ver⸗ abſchiedete ich mich von dem Pfarrherrn; ſeine guten Rathſchläge nahm ich nicht ſo willig und unbefangen hin, wie es vor wenig Tagen geſchehen ſein würde, ſondern hörte ſie, innerlich in Angriffsſtellung, ſchwei⸗ gend an. Die meiner Mutter ſagten mir beſſer zu; ſie ermahnte mich, nicht zu vergeſſen, wer ich ſei. „Etwas aber“, fügte ſie hinzu,„möchte ich Dir noch anempfehlen, was Dir Deine Arbeit erleichtern wird. Wie Du Dich gegen diejenigen, welche über Dir, und die, welche unter Dir ſtehen werden, zu verhalten haſt, das wird Dir Dein Standesgefühl und Deine Vernunft ſagen; die Kinder aber, bei denen mache Dir's leicht: ſuche ſie zu lieben, dann geht Alles und kommt 40 Alles ins rechte Gleis. Und nun ſegne Dich Gott! O Margarethe, er wird die Gebete einer einſamen alten Frau hören und Dich behüten!“ Damit ſchieden wir. Ich fuhr von der Heimat fort mit einem Gefühl der Verlaſſenheit und des Jammers, welches dadurch nicht leichter für den Einzelnen wird, daß es ſo Viele ſchon empfunden haben und noch em⸗ 3 pfinden werden. Drittes Kapitel. Die Familie der Mrs. Gray, in welche mich das Schickſal und zwar ein freundliches geführt hatte, be⸗ ſtand aus dem Vatex, der Mutter, zwei faſt erwach⸗ ſenen Söhnen, zwei jüngern Mädchen, meinen Zöglingen, und einer ganzen Menge kleinerer Kinder, von damals ſechs Jahren an abwärts, deren Zahl ſich, da ſie ſich regelmäßig jedes Jahr um eins vermehrten, auf die Dauer nicht feſtſtellen ließ. Zwiſchen der fünfzehnjäh⸗ rigen Blanche und dem ſechsjährigen Gordon waren mehrere Kinder geſtorben und durch dieſen Zwiſchen⸗ raum die vier ältern von der Heerde der„Kleinen“ ganz abgeſondert. Herr und Frau Gray kamen mir bald mit Herzlichkeit entgegen und betonten es in ihren freundlichen Geſinnungen ganz beſonders, daß von ſei⸗ 42 ten der Dame ſich deutſches Blut in der Familie be⸗ finde, während Herr Gray ſchottiſcher Abkunft war. Durch dieſe Umſtände herrſchte in der Familie nicht der ſpecifiſch engliſche Ton, welcher unangenehm ſein mag; man war etwas kosmopolitiſch im Hauſe und meinem Vaterlande beſonders zugethan. Von Demü⸗ thigungen, welche die Stellung einer Gouvernante oft mit ſich bringen ſoll, habe ich nie etwas erfahren. Die Geſelligkeit der Familie war eine liebenswürdige, an⸗ geregte und ich bewegte mich in derſelben bald mit Genuß, nachdem mir Idiom und Gebräuche geläufig geworden waren. Eines Abends, wohl ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, ſaß ich in meinem Zimmer, welches auf eine Veranda hinausging, die auf drei Seiten das Haus umgab, und die Ausſicht auf den ſchönen parkartigen Garten hatte. Noch eine Stunde fehlte bis zur Zeit des Abendeſſens, und da mehrere Gäſte ſich im Hauſe befanden, war ich mit meinem Anzuge beſchäftigt und eben recht in das Ausputzen meines leichten Kleides vertieft, als mir plötzlich durch eine Ideenverbindung, vielleicht von dem geringſten Umſtand angeregt, ein anderes Kleid einfiel, welches ich oft mit Ehrfurcht und Entzücken betrachtet hatte und das für meine ganze Jugend der Inbegriff von Pracht geweſen war— das — 43 Brautkleid meiner Mutter. Nun war freilich meine Mutter, meine einſame, geliebte Mutter, nie ganz aus meinen Gedanken, aber jetzt überfiel mich plötzlich eine Sehnſucht nach ihr, wie ich ſie lange nicht mehr ge⸗ fühlt hatte, und zugleich ein Gefühl des Unrechts, daß ich ſo ganz in dem Leben hier aufgegangen war, daß ich kein Heimweh mehr gehabt hatte, daß ich vergnügt, ja glücklich geweſen, während meine Mutter ſtets die Bürde ihrer Einſamkeit und ihrer traurigen Erin⸗ nerungen trug. Was that ich denn für ſie? Ihre äußere Lage freilich konnte ich erleichtern, aber hatte ich keine andere Miſſion? Was hatte ich damals bei ihrer Erzählung, was bei den Worten des Pfarrers gefühlt! War es mir nicht klar geworden, daß meine Stellung zu der Welt eigentlich keine andere als eine feindliche ſein konnte? War es nicht eine Schwäche, jemals, auch nur auf Augenblicke, das Unrecht zu ver⸗ geſſen, unter welchem wir lebten, welches uns in unſere gegenwärtige Lage hinabgedrückt hatte? Und mein fröh⸗ liches Mitleben in dieſer Geſellſchaft, von deren Exiſtenz ich vor einigen Monaten noch nichts gewußt, war das nicht ein hohler Compromiß mit der uns feindlichen Welt? So dachte ich, ſchämte mich meiner Charakter⸗ ſchwäche und fühlte mich dabei ſehr unglücklich. Auf 55 den mir bevorſtehenden heitern Abend blickte ich nur mit Beklommenheit hin; wäre es nicht recht, daß ich mich von dergleichen Vergnügungen zurückzöge? Ich überlegte, wie ſich dies thun laſſe, ohne Aufſehen zu er⸗ regen, da hörte ich John's, des jüngſten der beiden ältern Söhne, fröhliche Stimme auf der Veranda. Er kam an die Glasthür, welche aus meinem Zimmer auf dieſelbe führte, klopfte und trat auf meinen Wink mit einer komiſchen Geberde ſchalkhafter Schüchternheit herein. Das war auch ein Zeichen meiner Schwäche, warf ich mir jetzt im Stillen vor, daß ich den ſieb⸗ zehnjährigen wunderhübſchen Jungen ſo raſch vorzugs⸗ weiſe lieb gewonnen hatte. Es wäre freilich ſchwer ge⸗ weſen, das zu verhindern, er war der Liebling aller, die ihn kannten. Auch jetzt warf er mit ſeiner Auf⸗ forderung, mich doch zu eilen, man wolle im Garten zu Abend eſſen und dann noch auf dem Fluſſe eine Kahnfahrt unternehmen, alle meine miſanthropiſchen Entſchlüſſe über den Haufen. Aber die Gedanken, welche vor kurzem wieder in mir aufgewacht waren, blieben thätig. Als ich ſpät, nach einem herrlichen Abend, in mein Zimmer trat, ergriffen ſie mich wieder, als hauſten ſie in der Luft deſſelben, nur nahmen ſie jetzt eine andere Form an. Durch die Stunden froher Geſelligkeit, welche hinter mir lagen, fühlte ich 45 mich beſchämt, meine vorherigen Anwandlungen kamen mir thöricht vor. Der Zuſammenſtoß mit einigen heitern, klaren und ſicher lebenden Menſchen hatte be⸗ wirkt, daß mir meine vagen, weltſchmerzlichen Ideen unnütz und kleinlich erſchienen. Wenn ich nun einem der Herren hier, einem dieſer gebildeten, weltgewandten Männer meine Geſchichte erzählte, dürfte ich etwas ver⸗ lauten laſſen von meinem Entſchluſſe, mich von nun an der Welt gegenüber in das Gefühl des Unrecht⸗ leidens pathetiſch und thatlos einzuhüllen? Ein Eng⸗ länder würde dieſe deutſche Gefühlsſeligkeit gar nicht verſtehen. Aber— der Gedanke durchzuckte mich plötz⸗ lich— würde er nicht wahrſcheinlich fragen: Und können Sie ſich nicht wieder zu Ihrem Rechte verhelfen? Konnten wir nicht unſer Recht geltend machen, konnte das damalige elende Spiel nicht jetzt aufgedeckt werden,. wo wir unter den Geſetzen ſtanden, wie ſie eine un⸗ parteiiſche Regierung verwaltete? Konnte man nicht handeln, anſtatt nur zu leiden? Es erſchien mir jetzt un⸗ begreiflich, daß ich nie früher daran gedacht, daß meine Mutter nicht dieſen Weg eingeſchlagen hatte. Sollte ihre Mittelloſigkeit ſie vor einem Proceſſe haben zu⸗ rückſchrecken laſſen? Nein, dazu kannte ich ihren Stolz und die Starrheit ihres Charakters zu gut. Hätte ſie müſſen ihr Letztes daran ſetzen, hätte ſie es wagen müſſen, 46 ſich bei dem Verſuche vollſtändig und wörtlich zur Bettlerin zu machen, ſo würde ſie das Alles nicht ab⸗ gehalten haben, ihr Recht zu fordern. Es mußten an⸗ dere Gründe, in der Angelegenheit ſelbſt liegend, bei ihrem Verhalten den Ausſchlag gegeben haben. Ich wollte mir von ihr Auskunft verſchaffen; ſchon am folgenden Tage ſchrieb ich und bat ſie, mir die nähern Umſtände jenes Rechtshandels ſo genau wie mög⸗ lich auseinander zu ſetzen und mir zu ſagen, ob ihr nie der Gedanke gekommen, nach meines Vaters Tod die unrechtmäßigen Beſitzer unſerer Güter mit dem Ge⸗ ſetze anzugreifen. Während ich geſpannt auf Antwort wartete, traten Umſtände ein, welche mich merkwürdig unterſtützen zu wollen ſchienen. Ich ſaß eines Nachmittags mit meinen Zöglingen im Garten; die regelmäßigen Lehrſtunden waren durch die Vacanz der Brüder, während welcher die Familie gewöhnlich eine Erholungsreiſe unternahm und auch diesmal zu machen gedachte, aufgehoben. Wir laſen „Iphigenie“, zur allgemeinen Erbauung; auch John, welcher von ſeiner öffentlichen Schule einen guten Grund im Deutſchen mitgebracht hatte, betheiligte ſich und unvergleichlich klangen aus ſeinem Munde die Worte des Oreſtes, da er von künftigen Thaten ſpricht, die wie Sterne aus dem Nebel auf ſeine Jugend hinein⸗ —ſſſ““ 47 glänzten. Ich ſage, ſie klangen unvergleichlich, und doch hörte ich ihn kaum, die Mängel der ausländiſchen Ausſprache konnten mich daher auch nicht ſtören. Der Sinn des Ganzen ſprach zu mir und wurde wunder⸗ bar unterſtützt durch ſein Ausſehen, ſein Geſicht; ich ſah ihn an und erfreute mich daran, daß man kein ſchöneres Bild eines griechiſchen Jünglings ſich hätte denken können als ihn. Während wir ſo ſaßen, trat Roger, der älteſte Sohn, mit einem fremden Herrn zu uns, deſſen Namen ich bei der Vorſtellung nicht ver⸗ ſtand; ich hielt ihn für einen Univerſitätsfreund Roger's, welcher damals in O. ſtudirte.. Die Angekommenen baten, daß man ſich nicht ſtören laſſe; wir laſen weiter, unvermerkt aber nahmen die beiden Neuangekommenen die Rollen des Thoas und des Pylades auf, welche ihnen meine Zöglinge, die ſich dem fremden Zuhörer gegenüber nicht behag⸗ lich gefühlt haben mochten, willig genug überließen, während Iphigenie mir blieb. Mir fiel bald das vor⸗ treffliche Leſen des Fremden auf; ich ſah ihn zuweilen verwundert von der Seite an— ſollte es ein Deutſcher ſein? Aber warum hätte er dann nicht die Landsmann⸗ ſchaft geltend gemacht? Es entſpann ſich in den Pauſen der Lectüre bald ein Geſpräch, und an der Ausſprache des Ankömmlings wurde es mir vollends klar, daß 48 ich es nicht mit einem Engländer zu thun hatte, ich befeſtigte mich in meiner Ueberzeugung, daß er ein Deutſcher ſein müſſe. Warum aber hatte er als ſolcher mich nicht als Landsmännin begrüßt? Das Unterlaſſen hatte etwas faſt Beleidigendes, denn er hatte gehört, wer ich ſei. So ließ ich es denn auch bei dem fremden Idiom, und Herr Forſter— aus ſeinem Namen freilich konnte man auf die Nationalität nicht ſchließen— Herr Forſter und ich begegneten uns von da ab auf dem neutralen Gebiete des Engliſchen. Er wollte, wie ich bald erfuhr, einige Zeit bei uns. bleiben und die Familie ſogar auf ihrem Ausflug in die ſchottiſchen Hochlande begleiten. Die Vorbereitungen zur Reiſe wurden gemacht und es gab viel zu thun im Hauſe; das deutſche Leſen unterblieb und wir alle waren faſt nur während der Mahlzeiten vereinigt, wo Herr Gray ſich ein Vergnü⸗ gen daraus zu machen pflegte, mir politiſche und andere Nachrichten aus Deutſchland mitzutheilen, von denen er wußte, daß ſie mir Intereſſe einflößten, wie mir denn jetzt in der Fremde erſt für die ſtaatlichen Ver⸗ haltniſſe meines Vaterlandes einiges Verſtändniß auf⸗ ging. Wir ſprachen dann häufig viel von deutſchen Zu⸗ ſtänden, und nun wurde auch Herr Forſter in dieſe Unter⸗ haltung hineingezogen, von deſſen Umſtänden übrigens —— öe — 3 — 49 Niemand außer Roger viel zu wiſſen ſchien. Eines Tages gab er uns bei einer ſolchen Gelegenheit ſo eingehenden Aufſchluß über deutſche Rechtszuſtände, daß ich zu der Ueberzeugung kam, wir hätten einen deutſchen Juriſten vor uns. Ein deutſcher Rechts⸗ kundiger, hier, in meinem Bereiche, der mir über das, was mich Tag und Nacht beſchäftigte, Aufklärungen geben konnte! Vor einer ſolchen Chance mußte meine, wie mich dünkte, berechtigte Zurückhaltung ihm gegen⸗ über weichen. Noch an demſelben Tage traf ich ihn in den Gängen des Gartens mit einem Buche; er grüßte und wollte wieder fremd an mir vorübergehen, da trat ich auf ihn zu und bat ihn, ein wenig mit ihm reden zu dürfen. „Warum“, fragte ich ihn nun auf Deutſch,„wa⸗ rum, mein Herr, reden Sie nicht unſere Mutterſprache zu mir? Es ſcheint ſonderbar, daß zwei Deutſche, die ſich in der Fremde treffen, nicht in ihrer Sprache mit einander verkehren; es iſt faſt, als riefe man ſich durchs Sprachrohr an, wenn man nahe bei einander ſteht.“ Er lächelte über den Vergleich und ſagte ganz ge⸗ laſſen:„Es iſt vielleicht eine Grille von mir, gnädiges Fräulein, daß ich mir vorgenommen habe, Deutſchen gegenüber im Auslande mich nicht als Landsmann zu geriren; doch läßt ſich mein Verhalten theilweiſe be⸗ Junghans, Verfloſſene Stunden. 4 50 gründen: man könnte durch die Bekanntſchaft mit mir compromittirt werden— ich bin ein politiſcher Verbrecher.“ Ich hatte in meinem einſamen Leben zu Hauſe wenig über die zeitbewegenden Fragen gehört, kannte die Stichwörter nicht und mag daher bei dieſen Worten nicht wenig entſetzt ausgeſehen haben. Herr Forſter lächelte wieder und ſchien nun ſchon mehr Gefallen an einer Unterhaltung zu finden, bei der die naivſten Vor⸗ urtheile zu überwinden waren. „Und was, denken Sie wohl, kann ich verbrochen haben, Fräulein?“ fuhr er fort und ſah mich zum erſten Male mit den hellbraunen Augen ganz freundlich an. „Gemordet, geſtohlen, Brand geſtiftet?“ Und dabei lachte er hell auf.„In den feudalen Kreiſen hat man von unſereinem oft wunderliche Vorſtellungen; wer weiß, vielleicht hat Ihre Wärterin Sie in den Schlaf geſungen mit ſchrecklichen Geſchichten von wilden Demagogen und mordluſtigen Rebellen.“ „Sie machen ſich über mich luſtig, Herr Forſter“, ſagte ich nun meinerſeits,„und meine Unwiſſenheit mag das wohl verdienen. Ich weiß nicht, was dazu gehört, zum politiſchen Verbrecher geſtempelt zu werden.“ „Dazu kann, um Ihnen ein Beiſpiel zu geben, ge⸗ hören, daß man eine Rede gehalten hat, in der man ſich mit zu großer Aufrichtigkeit über einige Maßregeln ———— 5 ———; 51 der Regierung ausgeſprochen und den Ausſpruch des perſiſchen Dichters nicht beherzigt hat: Wer die Wahr⸗ heit ſpricht, muß ſtatt der Arme Flügel haben. Dieſe Flügel haben mir nun freilich gute Freunde geliehen, denn ich bin aus der Unterſuchungshaft entkommen und, wie Sie ſehen, hier und frei.“ „Und können Sie nicht in die Heimat zurück?“ fragte ich, der jede Art von Exil ein ſchweres Schick⸗ ſal ſchien. „Nein, vorerſt und vielleicht auf Jahre hin nicht.“ „Ach“, ſagte ich, dann ſind Sie auch nicht freiz frei iſt nur der, welcher gehen kann, wohin er will.“ Herr Forſter ſah mich an und nickte ſchweigend mit dem Kopfe, dann ſprach er weiter: „Ich bin Juriſt und habe die Staatsexamina hinter mir; die Anſtellung wird nun freilich eine Weile auf ſich warten laſſen. Auf einer Ferienreiſe in der Schweiz traf ich vor mehreren Jahren Roger Gray und wir fanden Gefallen an einander. Er hat mich ſeitdem in meiner Vaterſtadt beſucht, und als ich vor einigen Wochen in England ankam, ſchrieb ich an ihn und er⸗ hielt ſogleich eine Einladung nach ſeines Vaters Hauſe auf ſo lange, als es mir gefallen würde.“ Heerr Forſter hatte mit großer Offenheit erzählt; dafür war bei mir auch lebhafte Theilnahme an ſei⸗ 4* 52 nen Mittheilungen erwacht. Ich ſchwieg und dachte über dieſelben nach, dann fragte ich, aus dieſen Gedanken heraus: „Aber warum haben Sie die Unterſuchung nicht an ſich herankommen laſſen? Sie hatten doch keines⸗ falls ſo ſchwer gefehlt, daß man Sie hätte hart be⸗ ſtrafen können, und jetzt ſteht es gewiß weit ſchlimmer um Sie als damals.“ Er ſchien überraſcht über dieſen Beweis von Ver⸗ ſtändniß; überhaupt ließ er auf ſeinem Geſicht meiſt ganz unbeſorgt den Eindruck erſcheinen, den die Worte eines Andern auf ihn machten, und ſah den Sprecher manchmal, beinahe die Höflichkeit aus den Augen ſetzend, lange und forſchend an, als betrachte er ihn als Gegenſtand pſychologiſcher Studien. „Es iſt wahr, ich bin ſchlimm daran“, ſagte er, „inſofern als meine Carrière in Deutſchland fürs erſte ganz beſtimmt hin iſt, to the dogs, wie man hier ſagt; aber ſie wäre es ſo wie ſo geweſen. Ich war mir als Rechtskundiger wohl bewußt, nach unſerer Aus⸗ legung der Geſetze einige Jahre Feſtung verdient z haben, und dieſe Ausſicht mißfiel mir.“ „Wie ſchade, daß Sie ſich in Ihrer Rede haben hinreißen laſſen“, ſprach ich mehr zu mir ſelber als zu ihm.„Was nützt es denn, an der Welt ändern und 53 beſſern zu wollen? Es geht nicht und man dehi d dabei zu Grunde.“ 8 „Mein liebes Fräulein, wie kommen Sie zu einer ſo gereiften Weltanſchauung in Ihrem Alter?“ rief er ſpöttiſch, indem er ſich ſetzte; wir waren an einer Laube des Gartens angekommen und ließen uns beide nieder. „Ich weiß es ſelber nicht“, entgegnete ich;„ſie kommt mir eben erſt und paßt gar nicht in meine Ab⸗ ſichten, denn ich möchte auch an etwas lange Beſtehendem rütteln und es womöglich über den Haufen werfen. Haben Sie jetzt Zeit, Herr Forſter, mich eine Viertel⸗ ſtunde anzuhören?“ „Solange Sie wollen, mein Fräulein“, antwortete er verbindlich; das„gnädige“, was er vorhin als eine Art abwehrender Förmlichkeit gegen mich gebraucht hatte, war ganz weggefallen.„Ich habe erzählt und nun iſt die Reihe an Ihnen.“ „Ich wünſche nur Ihre Meinung über etwas zu hören“, ſagte ich und gab ihm in kurzen Worten an, wie unſere Güter uns verloren gegangen waren, in⸗ dem ich jedoch den Fall ganz allgemein darſtellte und meine Beziehungen zu demſelben aus dem Spiele ließ. Er ſchüttelte den Kopf. „Solchen veralteten Geſchichten iſt ſchwer beizu⸗ 54 kommen“, ſagte er.„Die Beſitzenden haben ſich meiſt in Betreff der Förmlichkeiten gut vorgeſehen, und wenn auch alle Welt einmal wußte, daß ſie im Unrecht waren, ſo ließ ſich das nicht beweiſen, und jetzt hat ſich alle Welt daran gewöhnt, ſie im Beſitze zu ſehen, und fühlt ſich, wenn man ſie angreift, in der eigenen Unfehlbarkeit angegriffen.“ „Aber das iſt nicht die Antwort eines Juriſten“, warf ich ein;„das Geſetz wird doch durch die Meinung der Leute nicht beeinflußt; ich will wiſſen, ob man nicht die Anſprüche der Beſitzer auf die Güter noch einmal prüfen laſſen kann.“— Mein Landsmann lächelte über den Ernſt, welchen V ich zeigte, und bat mich, ihm den Fall noch einmal zu erzählen und zwar ſo genau wie möglich.„Und auch die Data, bitte; wann trug ſich die Sache zu?“ „Es ſind zwanzig Jahre her“, antwortete ich und nun erzählte ich Alles noch einmal, genauer als zuvor. „Wie ſtehen Sie zu den Parteien?“ fragte er plötzlich mit einer Amtsmiene. Ich ſtutzte, aber da ich keinen Grund hatte, meine Verhältniſſe zu verhehlen, entgegnete ich ihm, daß der unglückliche Freiherr, von dem ich geſprochen, mein Vater geweſen ſei. „Das dachte ich mir. Nur weiter!“ Ich hatte wenig mehr zu berichten; die bedrängte 55 Lage meiner Mutter gehörte nicht zur Sache, ebenſo wenig wie die Beziehungen des Fürſten zu meinen Ael⸗ tern; ſein Uebelwollen, ſeine Verfolgung hatte ich frei⸗ lich hervorheben müſſen. Dieſe Umſtände fielen dem Doctor auf. „Erlauben Sie mir, jetzt eine Art von Verhör an⸗ zuſtellen“, ſagte er ernſthaft,„damit ich mir einige Momente Ihrer Geſchichte klar machen kann.“ Ich nickte lächelnd. „Hatten zwiſchen den andern Vertretern Ihrer Familie und Ihnen vor dem Rechtsſtreite ſchon un⸗ angenehme Beziehungen beſtanden?“ Das wußte ich eigentlich nicht; ich dachte an den Charakter der andern Frau von Günthershofen und antwortete, wie ich kaum glaube, daß meine Aeltern mit jenen auf gutem Fuße geſtanden. „Darf ich fragen, warum nicht?“ fuhr Herr Forſter fort. Ich überwand mich, was ich um ſo leichter konnte, als mir unſer Geſpräch ſchon geſchäftlich vorkam, und entgegnete, Frau von Günthershofen könne keines guten Rufes genoſſen haben.— „So, war ſie mit dem Fürſten liirt?“ fuhr mein rückſichtsloſer Inquirent fort. Ich nickte ſchweigend, indem ich ſeinen juriſtiſchen Scharfſinn bewunderte. 56 „Und woher ſchrieb ſich die Gehäſſigkeit des Für⸗ ſten gegen Ihre Aeltern?“ „Von einer Familienangelegenheit, Herr Forſter.“ Er ſchwieg und ſchien zu warten.„Der Fürſt hatte meine Aeltern beleidigt und mein Vater ſich gegen ihn vergeſſen“, ſagte ich endlich. „Und Sie wiſſen nicht, wodurch die Anſprüche jener Familien auf Ihre Güter begründet wurden?“ „Ich habe an meine Mutter geſchrieben, um mir Auskunft über dieſen Punkt und noch andere zu ver⸗ ſchaffen.“ „Gut, wir müſſen alſo warten.“ Dies„wir“ entzückte mich; er ſchien meine An⸗ gelegenheit unter ſeine Intereſſen aufgenommen zu haben. Als ich aufſtehen wollte, bat er mich, ihm einſtweilen Alles zu ſagen, was ich über die jetzigen Beſitzer von Erbrück und Günthershofen wiſſe. Das that ich, und ſo kam es, daß ich auch des Beſuchs erwähnte, den uns der Freiherr vor meiner Abreiſe gemacht hatte. Dieſen Umſtand griff Herr Forſter lebhaft auf, ließ ſich jedes Wort der Unterhaltung wiederholt erzählen und ſchien die Zuſammenkunft ebenſo ſonderbar zu finden wie meine Mutter damals. Endlich ſagte er: „Mein Fräulein, Sie haben mir Vertrauen geſchenkt, und ich kann daſſelbe vorerſt nur dadurch lohnen, daß 57 ich Sie ſich nicht falſchen Hoffnungen hingeben laſſe. Ich habe Ihre Mittheilungen nur hinnehmen können als ein unparteiiſcher Rechtskundiger, deſſen Gutachten Sie wünſchen. Daſſelbe kann ich Ihnen erſt dann ausſprechen, wenn wir über den Hauptpunkt, die An⸗ ſprüche Ihrer Verwandten, unterrichtet ſein werden. Und dann kann ich Ihnen inſoweit nützen, als Sie von mir werden erfahren können, ob es thunlich wäre, jene Anſprüche vor Gericht in Frage zu ziehen.“ Er ſtand jetzt auf und verbeugte ſich, da ich mich zum Gehen anſchickte, ohne mir zu folgen; ſo ſchritt ich denn, nachdem ich ihm herzlich für ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit gedankt hatte, allein und gedankenvoll dem Hauſe zu.. Im Ganzen war ich mit der Unterredung recht zufrieden; hatte doch der Juriſt unſern Fall ernſter Beachtung werth gehalten, war doch derſelbe wie aus der Luft auf den feſten Boden gerückt. Die Hoffnung wachte mit einem Male mächtig in mir auf, aber ich wies die ſich herbeidrängenden Gedanken zurück. Meine Mutter, meine verehrte, angebetete Mutter wieder in Beſitz und Rang— es war zu viel, es konnte nicht ſo kommen, das Glück wäre zu groß geweſen. Ich konnte mich jedoch nicht enthalten, faſt beſtändig an die mir ſo wichtige Angelegenheit zu denken. Die Un⸗ ruhe im Hauſe, welche die Reiſevorbereitungen mit ſich brachten, kam mir dabei zu ſtatten, meine Zerſtreutheit und Ruheloſigkeit würden ſich ſonſt ſchwer haben ver⸗ bergen laſſen. Herr Forſter hatte ſeit unſerer Unterredung ſein Benehmen gegen mich geändert; wir nahmen jetzt oft gemeinſam unſere deutſchen Intereſſen wahr und ver⸗ kehrten in der ungezwungenen Weiſe des Hauſes mit einander. Die Uebrigen bemerkten das und ſprachen nun erſt mit mir über den Gaſt, was ſie bisher, einem richtigen Gefühl folgend, vermieden hatten. Roger er⸗ zählte von ſeinem erſten Zuſammentreffen mit meinem Landsmann auf dem Rigi, wo er, zufällig mit ihm ins Geſpräch gerathen, bald durch ſeinn klaren Verſtand und ſein einfaches, männliches Weſen gefeſſelt wor⸗ den war. einſtmals vertraulich, da wir zuſammen auf der Ve⸗ randa vor meiner Glasthür ſtanden;„beſonders liebens⸗ würdig iſt an ihm das Geltenlaſſen Anderer und eine Naivetät den Formen der Geſellſchaft gegenüber. Nur in einem Punkte iſt er ſchwach, in dem nämlich, was die politiſchen Verhältniſſe Ihres Vaterlandes betrifft. den Vernünftigſten zu ärgern.“ „Er iſt ein ſeltener Menſch“, ſagte mir Roger Die ſcheinen nun freilich auch danach angethan zu ſein, Fußbank etwa geltend, ſo entdeckte er dieſen Umſtand ſprang auch er auf, in verzweiflungsvoller Haſt, lief Bequemlichkeit, ihm boshaft dankten. 59 John ſpielte mit dem Gaſte Ballſchlag und ritt mit ihm zur Fuchshetze, welche die jungen Männer, es muß geſagt ſein, trotz ihrer Barbarei, mit all der Freude der Jugend und Kraft am ſich Austoben, am Wagen und Stürmen genoſſen, ruderte und turnte mit ihm und ließ ſich zuweilen mit luſtigem Augen⸗ zwinkern herab, ſich beifällig über die Anſtelligkeit des Doctors zu dergleichen auszuſprechen. Die Mädchen endlich betrachteten ihn als eine ziemlich indifferente Acquiſition, da es ihm an Aufmerkſamkeit gegen die kleinen Bedürfniſſe der Damen fehlte. Wenn wir zu⸗ ſammenſaßen und es machte ſich der Mangel einer erſt, nachdem einer der andern Herrn aufgeſtanden war, den betreffenden Gegenſtand zu holen. Dann eifrig ſuchend umher, gelangte dabei aber immer an den Ort zuletzt, wo, der Wahrſcheinlichkeit nach, der fehlende Artikel ſich finden mochte, und brachte endlich, nach langem Suchen, triumphirend drei oder Svier herbei, während wir, längſt im Beſitz der kleinen Roger theilte mir übrigens auch mit, daß Herr Forſter aus ſehr guter Familie und wohlhabend genug ſei, um eine Anſtellung im Staate ganz entbehren zu können, daß er aber nichtsdeſtoweniger juriſtiſche Be⸗ ſchäftigung und eine gemeinnützige Wirkſamkeit ſchmerz⸗ lich vermiſſe und ſehnlich auf einen Umſchwung der Dinge harre, der ihm die Rückkehr in das Vaterland ermögliche. 4 Viertes Kapitel. Der Tag für unſere Abreiſe nach Schottland war herangekommen und noch hatte ich keine Antwort von meiner Mutter auf meine dringenden Anfragen erhalten. Meine Ungeduld und Pein waren fortwährend ge⸗ ſtiegen; jeden Tag erlebte ich mehrmals, bei der Ankunft des Poſtboten, eine bittere Enttäuſchung und mit jedem Tage wurde die Verzögerung der Ant⸗ wort unerklärlicher und beunruhigender. Ich hatte nun einmal faſt für nichts Anderes Raum mehr in meinem Kopfe, als für jene Angelegenheit; mir ſchien, als ſei ſchon ſo viel verſäumt worden, als dürfe man jetzt nicht länger zögern mit dem Verſuche, ſich Recht zu verſchaffen. Daß meine Mutter mir ernſtliche Hinder⸗ niſſe in den Weg legen würde, daran dachte ich kaum, und wenn mir der Gedanke einmal kam, wies ich ihn ———————-— . —— 62 4 43 5 3 ſofort zurück. Aber was bedeutete ihr Schweigen? War ſie krank? Eine neue verzehrende Sorge zu den innern Aufregungen der letzten Wochen. Eine Poſt war noch übrig; kam damit kein Brief, ſo mußte ich für einige Zeit alle Hoffnung aufgeben, da Herr Gray ſo zu reiſen beabſichtigte, daß für den Anfang keine Adreſſe angegeben werden konnte, unter welcher uns Briefe erreicht hätten. Es war gegen neun Uhr Morgens; um zehn reiſten wir. Ich war in meinem Zimmer, wo ich einige Klei⸗ 1 nigkeiten an meinem Gepäck beſorgte; ſo oft die Klingel. dder Hausthür ſich hören ließ, mußte ich einige Se⸗ kunden aufhören, weil ich heftig zitterte. Ich horchte dann angeſtrengt; war ein Brief für mich gekommen, ſo mußten ſich alsbald Schritte meinem Zimmer nähern. Drei⸗, viermal hörte ich nichts; endlich, nachdem wieder geklingelt worden war, kam man die Treppe herauf. Ich riß meine Zimmerthür auf und lauſchte den ſich uähernden Schritten; es war das Kammermäd⸗ chen; ſie kam in den Gang und machte Miene, an mir vorüberzugehen, erſchreckt aber durch mein verſtörtes Geſicht, blieb ſie ſtehen und fragte mich theilnehmend, was mir fehle.„Kein Brief für mich, Burdett?“ fragte ich leiſe; die Aufregung der Erwartung ſchnürte mir faſt die Kehle zu.„Die Poſt iſt noch nicht da, Fräu⸗ ———— 2 — 3 lein“, ſagte ſie etwas befremdet. Ich athmete auf und ging in mein Zimmer zurück, noch war Hoffnung da. Und nun, da ich fürs erſte beruhigt war, fing ich an einzuſehen, daß meine Aufregung, in welche ich mich ſelber nach und nach hineingearbeitet hatte, eigentlich eine ſehr thörichte und grundloſe ſei. Am Ende kam es ja ſo ſehr auf Eile in dieſer Angelegenheit nicht an, und wie Vieles und welche geringfügigen Ur⸗ ſachen konnten die Mutter vom Schreiben abgehalten haben! Wußte ſie doch nichts von meiner Abſicht bei der Frage an ſie, dieſelbe mochte ihr wie eine natür⸗ liche Neugierde vorkommen, angeregt durch ihre Er⸗ zählung. Sie liebte es nicht, wenn ich ihr zweimal hintereinander ſchrieb, ohne ihre Antwort abzuwarten. Dies ſei unnöthig, hatte ſie geſagt; werde ſie wirklich einmal ernſtlich krank, ſo ſei auf dieſen Fall die Magd ſchon angewieſen, es mich ſogleich wiſſen zu laſſen, ein adreſſirtes Couvert liege zu dieſem Zweck immer bereit. So beſchloß ich denn, mich zu gedulden, mir mittlerweile alle Eventualitäten auszudenken und mir klar zu machen, was ich in jedem Falle thun müſſe. Wir ſtiegen in die Wagen, welche uns zur Station bringen ſollten, Herr und Frau Gray mit den größern der„Kleinen“ in einen, die beiden Wärterinnen mit den jüngſten Kindern in einen zweiten und in den dritten 64 meine beiden Zöglinge, Herr Forſter und ich, während Roger auf dem Bocke Platz nahm und John neben uns ritt. In ähnlicher Weiſe war unſere Karavane immer ver⸗ theilt, wenn wir uns zu Wagen fortbewegten, nur daß die Herren faſt immer alle ritten, ſobald Pferde zu haben waren. Unterwegs beugte ſich Herr Forſter vor und ſagte lakoniſch:„Noch keine Nachricht?“ Ich ſchüttelte mit dem Kopfe. John, welcher eben dicht neben uns ritt, hatte die Worte gehört und rief plötzlich: „Ach, Fräulein, verurtheilen Sie mich, den ganzen Weg auf einem Eſel hinter Ihnen herzureiten, oder zu etwas Schlimmerem, wenn's möglich iſt. Geſtern Abend, ja, es muß geſagt ſein, geſtern Abend kam ein Brief an Sie; die Mutter gab ihn mir, weil ich ſonſt, wie Jedermann weiß, die Zuverläſſigkeit ſelber bin. Sie waren nicht zu Hauſe, nachher ritt ich noch einmal fort— „Aber wo iſt er jetzt? Haben Sie ihn hier?“ rief ich heftig. „Er iſt— wahrhaftig, es thut mir entſetzlich leid — er iſt in der Taſche meines alten Jagdrocks. Aber vielleicht iſt es noch Zeit, ihn zu holen!“ rief der gut⸗ müthige Junge, da er gewahrte, wie ich plötzlich ganz vernichtet ausſah. Er ſprengte ſogleich davon, zum Wagen ſeines Vaters. 4 65 „Papa, kann ich noch einmal nach Hauſe reiten? Ich habe etwas vergeſſen.“ „Die zwei Meilen! Unſinn, John! Da läutet es ſchon zum erſten Male; komm, hole Deine Schweſtern heraus. Du hätteſt nichts vergeſſen ſollen.“ Wir ſtiegen aus. John kam ſogleich ganz zer⸗ knirſcht wieder zu mir; ich gab ihm die Hand, zu ſagen fand ich nichts. Dieſer Umſtand erſchien mir in meinem damaligen erregten Zuſtande wie ein Wink, das Sträuben gegen das Schickſal, welches uns nun einmal zur Armuth und Unterdrücktheit verurtheilte, aufzugeben; er entmuthigte mich mehr, als es ſeine eigentliche Wichtigkeit mit ſich brachte, und ich verlebte die erſten Tage der Reiſe in großer Niedergeſchlagen⸗ heit. Erſt als der Anblick von Edinburg plötzlich mit zauberiſcher Schönheit auf uns hereinbrach, wurde ich von meinen trüben Gedanken einigermaßen abgezogen. 63 Junghaas, Verfloſſene Stunden. ◻☛ Fünftes Kapitel. Wir befanden uns im ſchottiſchen Hochlande. Eines Nachmittags machten wir, das heißt die rüſtigen Fußgänger der Geſellſchaft, uns noch ſpät aus unſerm Bergwirthshauſe auf, um eine naheliegende ſteile Höhe zu erklettern, von welcher aus wir den Untergang der Sonne beobachten wollten. Der Weg war äußerſt beſchwerlich, ſogar gefährlich. Die jungen Herren befan⸗ den ſich in ihrem Elemente. Wir kamen endlich auf dem erſtrebten Punkte an, welcher übrigens nicht der Gipfel der Felspartie war, ſondern eine weite Fels⸗ platte, mit Moos, ſogar mit ſpärlichem Graſe bedeckt, unter der das todte, zerklüftete Geſtein gewaltig aus⸗ gedehnt dalag, während im Rücken derſelben die Felſen ſich noch hoch, aber unerſteiglich ſteil aufthürmten. Auf der Fläche fanden wir mehrere Gruppen und ein⸗ — 67 zelne Reiſende vor, welche ſich ringsum aus den Thä⸗ lern zu dieſem bekannten Punkte hinaufgearbeitet hatten. Wir ſtanden und ſaßen bald ungezwungen umher, uns dem herrlichen Schauſpiel des Abendhimmels hin⸗ gebend. Herr Forſter fand ſich, wie jetzt häufig, zu mir, auch John war bei uns, bis er unter den Tou⸗ riſten einige Mitſchüler erkannte, denen er ſich anſchloß. Mein Landsmann und ich betrachteten nun in aller Muße die Naturſchönheiten der Scene nicht nur, ſondern auch was ſich von Menſchen in dieſer Oede zuſammen⸗ gefunden hatte. Die Menſchen waren meiſt Engländer, behäbige Spießbürger und übermüthige Studirende, ein ganzes Penſionat junger Damen, ein Geiſtlicher mit ſeiner zahlreichen Familie, außerdem auch einige Franzoſen und andere Touriſten, deren Nationalität feſtzuſtellen wir uns nicht getrauten.. „Haben Sie ſich jetzt getröſtet über John's Nach⸗ läſſigkeit?“ fragte mich Herr Forſter, nachdem wir eine Weile zuſammengeſtanden hatten. Ich drehte mich raſch nach ihm um, um zu ſehen, ob er etwa ſeine ſpöt⸗ tiſche Niene angenommen und mich mit dem Mangel an Selbſtbeherrſchung, den ich bei jener Gelegenheit gezeigt, necken wolle. Es ſchien nicht ſo, er ſah ganz ernſthaft aus. „Ich war außerordentlich ärgerlich darüber“, ant⸗ wortete ich ihm, eine directe Antwort vermeidend. 5* 68 „Ja, das konnte man ſehen, das hätten Sie mir nicht zu ſagen gebraucht; aber es kommt doch auf Ver⸗ zögerung jener Antwort ſo gar viel nicht an. Setzen wir jedoch den Fall, Sie hätten dieſelbe, wir fänden die Mittheilungen Ihrer Frau Mutter wichtig, ich ſagte Ihnen nach meiner Ueberzeugung, daß der Stand der Angelegenheiten Sie nicht hindere, Ihre Verwandten vor Gericht zu ziehen, wollten Sie es denn wirklich zu einem Proceſſe kommen laſſen?“ Ich ſah ihn verwundert an, ich verſtand ihn gar nicht.— „Ich meine“, fuhr er fort, und ſeine Stimme hatte etwas Strenges bei den folgenden Worten,„wol⸗ len Sie verſuchen, Ihre Verwandten von den Gütern zu vertreiben und ſich an ihre Stelle zu verſetzen?“ „An ihre Stelle!“ ſagte ich jetzt in einiger Auf⸗ regung, in der es mir nicht darauf ankam, mit ſeinen Worten zu ſpielen.„Ich verſtehe Sie nicht, Herr For⸗ ſter! Die Leute ſind gar nicht an ihrer Stelle! Was in aller Welt, welche Rückſicht, welche lächerliche Schwäche ſollte mich abhalten, mir Recht zu verſchaffen, Recht, Recht! Ich dürſte danach, dieſe Eindring⸗ linge zu vertreiben; wohin, iſt mir gleich und wäre es ins Elend, in welchem wir ſo lange leben mußten!“ 69 „Fräulein von Günthershofen!“ ſagte er beſchwich⸗ tigend in einem Schulmeiſterton. „Was wollen Siel“ rief ich jetzt, immer erregter werdend und indem ich in der erhöhten Stimmung des Augenblicks unbewußt eine Hypotheſe aufſtellte, die ſich nachher als Wahrheit erwies.„Soll auf der Ehre meines Vaters, vielleicht der Mutter meines Vaters ein Makel bleiben? Soll meine Mutter, meine verehrungs⸗ würdige Mutter ferner in Dürftigkeit ihre Tage ver⸗ bringen, weil mir der Muth fehlt, eine Schmach auf⸗ zudecken, über die eine Reihe von Jahren dahingegangen iſt? Nein, Alles will ich daran ſetzen, daß wir Recht erhalten, nur Recht, weiter nichts!“ Er ſah mich verwundert an.„Das altadlige Blut hat bei Ihnen noch nichts von ſeiner Hitze eingebüßt“, ſagte er dann und lächelte.„Aber laſſen wir das! Sehen Sie nur, wer iſt denn das, der ſich dort ſo lebhaft mit Ihren Zöglingen unterhält?“ Mich berührte der raſche Uebergang in ſeiner Rede ſehr unangenehm; es kam mir vor, als habe er nur mit meiner Erregbarkeit experimentiren wollen; ich konnte nicht ſprechen und wandte mich ab, anſtatt der von ihm bezeichneten Richtung mit den Augen zu folgen. Herr Forſter ſchwieg nun eine Weile und ſchien ſelbſt die Gruppe, auf welche er meine Aufmerk⸗ 70 ſamkeit hatte lenken wollen, zu beobachten; endlich be⸗ rührte er mich leicht am Arm und ſagte freundlich: „Kommen Sie, liebes Fräulein, verderben Sie ſich den ſchönen Abend nicht. Der Haß iſt ein ſchlim⸗ mer Gaſt im Herzen; daſſelbe kann, während es ihn beherbergt, nicht glücklich ſein.“ Dieſe wohlfeile Weisheit dünkte mir ganz uner⸗ träglich, die Thränen ſtiegen mir auf, ich wollte mich nicht ſo meiſtern laſſen. Nach einigen Augenblicken jedoch gewann die Ueberzeugung die Oberhand in mir, daß ich es eigentlich nicht beſſer verdiene; meine Reiz⸗ barkeit und Erregtheit kamen mir geradezu kindiſch vor, ich bezwang mich mit einiger Anſtrengung, drehte mich herum und wollte verſuchen, unbefangen zu den Uebrigen hinzugehen. Aber was war das? Wer, um Gotteswillen, wer ſtand einige Schritte von mir bei den jungen Grays? Sollte mir denn die Selbſtbeherrſchung gar ſo ſchwer gemacht werden? Welche ſonderbare Aehn⸗ lichkeit hatte jener große ſtattliche Herr mit einem Andern, den ich freilich nur einmal in meinem Leben geſehen, deſſen Bild ſich aber meinem Gedächtniß un⸗ auslöſchlich eingeprägt hatte? In mir kämpften Neu⸗ gierde und Angſt ſogar vor dem Scheinbild jener Ge⸗ ſtalt, bis Herr Forſter ſcherzend ſagte:„Kommen Sie, Ihre Gouvernantenpflichten ſchon rufen Sie dorthin- —ε G☛ 71 Sind Sie nicht hier als Beſchützerin jener jungen Damen?“ So ſchritten wir denn zuſammen auf die in einiger Entfernung ſtehende Gruppe zu. Sie beſtand aus meinen beiden Zöglingen, die ſich in ihren hellen hübſchen Kleidern, mit den leichten, blaubebänderten Strohhüten, welche ſo gut zu den roſigen Geſichtern und den ſchö⸗ nen blonden Haaren paßten, gar anmuthig ausnahmen, ihrem Bruder Roger und einem vornehm ausſehenden Fremden, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Er ſtand halb abgewendet von mir, im Geſpräche auf die Tiefe vor uns deutend; jetzt drehte er ſich herum, ich konnte ihm in das Geſicht ſehen und nun war mir', als müßte ich mich fortwenden und davoneilen, ehe er mich erkennen konnte, die Felſen hinab, in die Einöde hinein, nur fort aus ſeiner verhaßten Nähe. Aber zum Fortlaufen, wenn es auch die Umſtände erlaubt hätten, war es zu ſpät, der Freiherr hatte mich geſehen. Er fuhr ſich mit der Hand über dien Stirn, eine Be⸗ wegung, die ich ihm ſo übel wie möglich auslegte— er wollte ſich gewiß nur faſſen zu einer Förmlichkeit, wie ſie ſich der armen Verwandten gegenüber ſchickte, die ſo unbequem vor ihm aufgetaucht war; vielleicht verleugnet er mich gar, dachte ich, aber ich hatte mich getäuſcht. Sehr freundlich— ſogar mir konnte ſein Benehmen nicht anders als freundlich vorkommen— that er mir ein paar Schritte entgegen und ſtreckte ſeine Hand nach der meinigen aus; ich reichte ihm dieſelbe nicht, ſondern verbeugte mich nur. Seine leichte Höflichkeit glitt über dieſen kleinen Zwiſchenfall hinweg; mit den herzlichſten Ausdrücken begrüßte er mich als ſeine Couſine— welches Vorgehen ich ihm nur als Heuchelei auslegte— und erwies ſich, während mein Benehmen den Uebrigen bis zur Ungeſchliffenheit zurückhaltend erſcheinen mußte, ſo liebenswürdig, daß ſich alle, Herr Gray, welcher inzwiſchen auch auf dem Plateau angelangt war, nicht ausgenommen, von ihm bezaubert fanden. Ein Geſpräch, anfänglich nur von ihm und Roger geführt, hatte ſich, wie ich nachher er⸗ fuhr, durch die Umgebung angeregt feſſelnd weiter⸗ geſponnen, bis alle hineingezogen waren; auf Reiſen wird man leicht bekannt und die Grays gehörten überdies zu den liebenswürdigſten, zugänglichſten Men⸗ ſchen. So ſtieg denn der Freiherr von und zu Gün⸗ thershofen mit in den Gaſthof hinab, wo er der Mut⸗ ter vorgeſtellt wurde und auch ſie durch ſeine ritter⸗ liche Galanterie ſehr zu ſeinen Gunſten ſtimmte. Er ſpeiſte mit uns zu Abend und befeſtigte bei allen den durchaus angenehmen Eindruck, welchen er gemacht hatte; an mich richtete er nur von Zeit zu Zeit ein ſͤͤͤ— Wort und dann in einer gewiſſen ſchonenden Weiſe, als wiſſe er nach meinem vorherigen Benehmen nicht, weſſen er ſich von mir zu verſehen habe, und fürchte eine Probe Günthershofen'ſcher Rückſichsloſigkeit. Alle waren in der heiterſten Laune außer mir. Ich eilte nach Tiſche ſchnell fort, aber wohin ſollte ich mich wenden, um die Einſamkeit zu finden, nach der es mich ſo ſehr verlangte? Wir waren in den obern Zimmern für wenige Tage eng zuſammengepackt; dort hielten ſich jetzt die Kinder und das Dienſtperſonal auf. Hinter dem Hauſe befand ſich ein Gärtchen, auf daſſelbe gingen aber die Fenſter des Speiſeſaals, in welchem unſere Geſellſchaft noch beiſammen ſaß, und man hätte mich ſehen können. So ſetzte ich denn mei⸗ nen großen Strohhut auf und eilte aus der vordern Thür den Weg hinauf, den wir vor kurzem herab⸗ geſtiegen waren. Noch währte die lange Dämmerung des Sommertags; es war ziemlich hell und ich ſchritt raſch fort, fliehend eigentlich vor den peinlichen Em⸗ pfindungen, die mich in der Nähe des Gaſtes unten beſtürmten. An einer lieblichen Stelle des Pfades, wo moos⸗ überzogene Steinblöcke gelagert waren, über welche blühender Flieder herabhing, ſetzte ich mich, und hier überkam mich das Gefühl der Einſamkeit ſo ſehr, während ich an die Uebrigen dachte, welche unter fröhlichen Scherzen zuſammenweilten, und ich fühlte plötzlich ein ſo heißes Verlangen nach meiner Mutter, die in ihrem ärmlichen Stübchen auch einſam ſaß, daß ich die Arme vor mir auf einen Felsblock legte, das Geſicht hineindrückte und den Thränen freien Lauf ließ, die ich ſeit Wochen ſchon ſo oft zurückgedrängt hatte. Aber auch dieſe Erleichterung ſollte mir ver⸗ kümmert werden; ich hörte Schritte ſich nahen und richtete mich ſchnell in die Höhe, der einzelne Fußgän⸗ ger wurde ſichtbar und ich erkannte aufathmend den Doctor. Erſt ſchritt er an meinem Zufluchtsorte vor⸗ über, dann wandte er ſich plötzlich, wie von einem Einfall getrieben, um und ſtand im nächſten Augen⸗ blicke vor mir. Sowie er mich gewahr wurde, erhob er drohend den Finger:„Sie werden ſich erkälten, Fräulein.“ Statt aller Antwort begnügte ich mich meinerſeits zu bemerken, als ſpiele ich auf ein uns beiden bekanntes Thema an und es brauche keiner Ein⸗ leitung: „Das iſt der Freiherr!“ „Ihr Feind“, ergänzte er,„den Sie von Haus und Hof vertreiben wollen.“ Ich nickte.„Haſſen Sie ihn noch?“ fragte darauf der Doctor mit einer ſo eigenthümlichen Betonung, — 75 daß mir plötzlich der Gedanke aufſtieg, Herr Forſter halte mich für und behandle mich wie ein Kind, deſſen— 4 Launen man nachgeben müſſe, um heftige Scenen zu* vermeiden; eine Angſt überfiel mich bei dieſer Idee, die mir die Kehle zuſchnürte. Ich mußte ihm beweiſen, 3 daß er ſich irre, daß ich wiſſe, was ich wolle, und vor den Folgen meiner Handlungsweiſe nicht zurückſchrecke. Deshalb ſagte ich ſehr ruhig, indem ich mich erhob: „Ich habe den Freiherrn vermieden, weil es mir peinlich war, mich von ihm in einer Weiſe behandeln zu laſſen, die auf freundſchaftliches Einvernehmen deutet.“ „Er weiß alſo nicht, wie Sie gegen ihn fühlen?“ fragte Forſter. „Ich glaube nicht; er ſoll es aber wiſſen, ich werde mit ihm reden, von ihm erfahre ich auch viel⸗ leicht, was ich von meiner Mutter zu hören wünſchte.“ „Hoffen Sie gar nicht auf einen gütlichen Ver⸗ gleich?“ warf Forſter dazwiſchen. Die Idee war mir ganz neu und ich antwortete demgemäß. „Nun, es iſt dergleichen ſchon öfter dageweſen“, meinte er.„Der Freiherr ſcheint nicht ſo übel; es muß Ihnen wirklich ſchwer fallen, ſeiner einnehmenden Per⸗ ſönlichkeit gegenüber Ihre feindſeligen Abſichten 4 zu halten.“ 76 „Das wüßte ich nicht“, erwiderte ich.„Das Ge⸗ fühl des ſchmählichſten Unrechts, das einem zugefügt worden iſt, frißt tiefer, als Sie zu glauben ſcheinen. Der Freiherr iſt ein Cavalier und ein angenehmer Geſellſchafter, das beweiſt noch nichts für ſeine Grund⸗ ſätze. Jedenfalls will ich, da er hier iſt, eine Unter⸗ redung mit ihm ſuchen.“ Mein Landsmann ſagte hierauf nichts weiter, bis er mich nach einer Weile darauf aufmerkſam machte, daß es immer dunkler werde und das Herabſteigen am Tage ſogar nicht ungefährlich ſei. So wendeten wir uns denn dem Thale zu. Der Weg war allerdings ſehr beſchwerlich und ohne des Doctors ſtützende Hand würde ich ihn kaum ohne Unfall paſſirt haben. Ich wmar aber ſo erfüllt von meinen Gedanken und Plänen, die ſich jetzt beſonders darum drehten, auf nicht allzu auffallende Weiſe eine Unterredung mit dem Freiherrn herbeizuführen, daß ich ihm kaum für ſeine Hülfe dankte und es mir auch gar nicht einfallen ließ, dar⸗ über nachzudenken, wie er eigentlich auf dieſelbe aben⸗ teuerliche Idee hatte verfallen können wie ich, den Bergpfad am Abend noch aufzuſuchen. Ueber unſer Zuſammentreffen erhielt ich jedoch bald Aufklärung. Vor dem Hauſe auf einer Art Balkon, der in der Höhe von einigen Stufen an der Fronte deſſelben hinlief, ——— promenirten die Herren, indem ſie ihre Cigarren rauch⸗ ten. Als wir uns näherten, ſchritt uns der Freiherr entgegen. „Meine Landsleute haben wohl als echte Deutſche den Aufgang des Mondes von jener Felsplatte aus beobachtet?“ ſagte er lächelnd. Forſter nahm es auf ſich, zu antworten. „Fräulein von Günthershofen mag dergleichen Gelüſte gehabt haben, ich fürchtete es wenigſtens und ſtolperte die Felſen hinauf, hinter ihr drein, um ſie womöglich unverſehrt zurückzugeleiten, und hier ſind wir nun, merkwürdigerweiſe, ohne den Hals gebrochen zu haben.“ „Ich habe bis jetzt verſäumt, Ihnen für Ihre Dienſte zu danken“, beeilte ich mich zu ſagen und fügte hinzu:„Ich wußte gar nicht, daß Sie mit ſo guten Abſichten oder daß Sie überhaupt mir nach⸗ gekommen waren.“ „O bitte, es iſt gern geſchehn“ erwiderte er haſtig und ging dann mit einer etwas linkiſchen Verbeugung plötzlich von uns; ich blieb mit meinem Verwandten allein. Das Herz klopfte mir während des nun für einige Momente eintretenden Schweigens ſo ſtark, daß ich fürchtete, er möchte den Schlag deſſelben hören; jetzt war mir Gelegenheit gegeben zu der Unterredung, 78 die ich ſo ſehr herbeigewünſcht hatte. Der Freiherr begann endlich— er hatte galant ſeine Cigarre weg⸗ geworfen, als ob er auf eine verwandtſchaftliche Plau⸗ derei rechne: „Sie leben mit einer liebenswürdigen Familie, mein Fräulein, wenigſtens ſcheint es mir ſo nach kur⸗ zer Bekanntſchaft. Sind Sie zufrieden?“ Gerreizt wie ich gegen ihn war, empörte mich dieſe einfache Frage; wie konnte er denken, daß ich zufrieden zu ſein vermöchte, fern von meiner faſt in Dürftigkeit lebenden Mutter, unter Fremden das Brod der Ab⸗ hängigkeit eſſend! „Ich kann, von meiner Mutter durch die Noth getrennt, wohl kaum zufrieden ſein, Herr Freiherr“, antwortete ich ihm denn auch etwas gezwungen.„Ich ſehne mich nach ihr, ſie iſt alt und bedarf meiner, man hat ihr weiter nichts gelaſſen als mich.“ Der Freiherr ſah mich an, das fühlte ich, obwohl ich vor mich hin und nicht zu ihm in die Höhe ſchaute; ich mochte ihm ganz anders vorkommen als vor einigen Monaten im Stübchen der Mutter— das arme Fräu⸗ lein mit den edlen Entſchlüſſen und dem zu kurz ge⸗ wordenen Kleide. Aber was lag auch Alles zwiſchen jenem Abend und dieſem! An dem Abend noch hatte ich eine wahre Geſchichte erzählen hören, die mich inner⸗ 4 lich ganz umwandelte— nicht zum Beſſern, wie ich mir ſpäter wohl geſagt habe, die den Stolz weckte und den Haß einbürgerte in einem bis dahin gar einfäl⸗ tigen, guten Herzen. Auch äußerlich hatte ich mich ver⸗ ändert; die Mutter würde ihre Freude an mir gehabt haben, wenn ſie mich geſehen hätte in den langen, wei⸗ ten, ſchweren Kleidern, die ich jetzt trug, der damaligen Mode gemäß, und durch welche ich mir eine ganz andere Haltung angewöhnt hatte, als meine frühere geweſen. Diesmal war die Pauſe länger als vorhin; offenbar wußte der Freiherr nicht, was er mir erwi⸗ dern ſollte, endlich ſagte er leiſe:„Ja, es ſind trau⸗ rige Verhältniſſe, ſehr traurige, aber wie können ſie geändert werden?“ Er ſprach dies, wie es ſchien, mehr zu ſich als zu mir, und als rede er von etwas, das ſeinen Gedanken nicht fremd ſei. Ich aber richtete mich hoch auf, ſah ihn feſt an und entgegnete ihm:„Ich will Ihnen ſagen, gnädiger Herr, wie ſie geändert werden kön⸗ nen, dieſe traurigen Verhältniſſe; ſie können es, in⸗ dem meine Mutter auf dem Rechtswege wieder zu den Gütern meines Vaters gelangt, die ihm vor zwanzig Jahren— abhanden gekommen ſind“, bezwang ich mich zu ſchließen; mir hatte etwas Anderes auf der Zunge geſchwebt. Da war ſie nun, 80 die Kriegserklärung— mir war, nachdem ich ſie aus⸗ geſprochen, als ſchwebe jetzt etwas über mir, was alle Augenblicke auf mich niederſtürzen könnte. Auf den Freiherrn jedoch ſchienen meine Worte nicht den Ein⸗ druck zu machen, den ich gefürchtet hatte; er ſagte ſo⸗ gleich in ruhigem Tone:„Fahren Sie fort, Fräulein Baſe! Die Güter gehören zum Theil jetzt mir, das heißt, ich habe ſie gegenwärtig in Beſitz. Sie wollen einen Proceß gegen die Erbrücker und mich anhängig machen?“ „Ja, das will ich, ſobald ich von rechtskundiger Seite erfahren haben werde, ob irgend eine Chance für uns da iſt!“ „Ich verdenke es Ihnen nicht“, ſagte er leicht, „aber wiſſen möchte ich doch, ob dieſer landesflüchtige Herr Doctor Ihnen die Idee zuerſt in den Kopf geſetzt hat. Verzeihen Sie meine Hypotheſe, aber Sie ſcheinen vertraut mit ihm. Ihre Frau Mutter hatte, ſoviel ich weiß, nie die Abſicht—“ „Halten Sie ein, Herr Freiherr!“ rief ich ent⸗ rüſtet.„Sie mögen ſich ſicher dünken auf dem er⸗ ſchlichenen Beſitzthum— wahrſcheinlich ſind Sie das auch, denn wer die Macht hat, hat gewöhnlich das Recht— aber meiner ſpotten ſollten Sie doch nicht. Die Idee, wie Sie meine Abſicht zu nennen belieben, ——— —— 81 iſt in mir aufgeſtiegen, als ich eines Abends vor meiner Mutter ſaß und ſie mir ihre Geſchichte erzählte, eine Geſchichte des Leidens, der entſetzlichſten Kränk⸗ ungen, der Verfolgung, des Unterliegens. Kennen Sie jene Geſchichte, mein Herr? Ihre Aeltern haben darin mitgeſpielt, Sie ſelber nicht; kennen Sie den wahren Sachverhalt?“ Ich war ſo erregt, ſo ganz aufgegangen in dem Gegenſtande unſeres Geſprächs, daß ich Zeit und Ort vergeſſen hatte; wir waren unwillkürlich nach dem fer⸗ nern Ende der Terraſſe hingegangen, weit von uns ſtanden die Uebrigen in einer Gruppe, wir achteten ihrer nicht. Und noch heute, wenn ich jene Scenen überdenke, die mir feſt im Gedächtniß geblieben ſind, noch heute erſchrecke ich faſt vor der Art und Weiſe, in welcher ich zu dem Freiherrn ſprach; ich kann nicht be⸗ greifen, woher mir der Muth kam, dem hohen, ſtatt⸗ lichen, ſichern Cavalier gegenüber. Er antwortete auf meine letzte Frage nicht, und während er ſchwieg und vor ſich hin ſah, hingen meine Augen begierig an ſei⸗ nem Munde. Endlich richtete er das Antlitz in die Höhe und ſeine Blicke begegneten den meinen— er ſchlug vor denſelben die Augen wieder nieder. „Sie haben ſehr harte Worte gegen mich gebraucht, Fräulein“, ſagte er dann dumpf,„aber wenn ich mich Junghans, Verfloſſene Stunden. 6 82 an Ihre Stelle verſetze, kann ich Ihnen nicht Unrecht geben. Sie glauben alſo, daß das Urtheil, welches uns damals die Güter Ihres Vaters zuſprach, ein ungerechtes geweſen?“ „Ja, ich glaube es, faſt möchte ich ſagen, ich weiß es, obgleich mir nicht bekannt iſt, auf welchen Grund hin man die Rechte meines Vaters anzutaſten gewagt hat. Meine Mutter hat leider über dieſen wichtigen Punkt geſchwiegen. Ich habe an ſie geſchrieben und mir Auskunft erbeten; ein Brief von ihr iſt angekom⸗ men und durch eine Nachläſſigkeit mir vor der Abreiſe von C. nicht zugeſtellt worden. Seitdem ich Sie nun hier geſehen, iſt mir eingefallen, daß Sie mir auf meine Bitte dieſe Auskunft gewiß nicht verweigern würden. Die Motive zu dem Verfahren gegen meinen Vater kenne ich wohl, aber nicht den Vorwand, welchen man benutzt hat, um es ins Werk zu ſetzen.“ „Den Vorwand?“ ſagte der Freiherr ruhig.„Hat⸗ nicht ein Gericht, ein wenn auch nicht unfehlbares, ſo doch vollſtändig competentes Gericht die Anſprüche beider Linien geprüft und die unſerigen als gültig erkannt?“. Ich war ſeinem Raiſonnement eben nicht zugäng⸗ lich und entgegnete raſch und unbedacht:„Das be⸗ weiſt gar nichts. Der Fürſt hat dem Gerichte den —⁷ 1 — Ausſpruch, den es thun ſollte, dictirt; er wußte wohl, warum.“ Bei der Nennung des Fürſten hatte der Frei⸗ herr eine Bewegung wie unter dem Einfluß phy⸗ ſiſchen Schmerzes gemacht; ich merkte auch, daß ich im Begriffe war, zu weit zu gehen, und wendete mich, um zu den Uebrigen zurückzukehren. Da hob der Freiherr noch einmal an:„Wenn Sie nichts dagegen haben, Fräulein, will ich mit Herrn Forſter, der ſich zu einer Mittelsperſon ganz gut zu eignen ſcheint Einiges in der Angelegenheit beſprechen und ihm auch die Auskunft, welche Sie verlangten, geben. Sie kön⸗ nen dann thun, was Ihnen gut dünkt.“ Die erſten Worte ſeiner Bemerkung hatten mich überraſcht, ehe ich ihm aber für ſein Anerbieten danken konnte, härtete mich wieder der Schluß:„Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.“ „Das will ich“, ſagte ich kurz.„Gute Nacht, mein Herr!“ Und damit verließ ich ihn und eilte, nachdem ich mich von den Uebrigen verabſchiedet hatte, nach meinem Zimmer, nicht um mich zur Ruhe zu begeben, mir war, als würde ich nie wieder ein Bedürfniß nach Schlaf fühlen können, ſo kreiſten die Gedanken in meinem Kopfe, welche mich beunruhigten und mich * jetzt häufig viele Stunden in der Nacht wach hielten. 1 ß‚es Manchmal kam es mir vor wie ein Traum, wie ein Betrug meiner aufgeregten Phantaſie, daß ich den Freiherrn geſprochen haben ſollte, ihn ſelbſt, den deut⸗ ſchen Adligen, hier in den ſchottiſchen Bergen. Wie ſonderbar war doch das Zuſammentreffen! Wie ſehr aber auch erhob es die Ideen, die mich ſeit einigen Wochen beherrſchten, nun erſt recht zu den wichtigſten, die es für mich geben konnte; nun mußte etwas ge⸗ ſchehen, das Schickſal hatte ſelbſt die Hand geboten. Und dann wendeten ſich die raſtlos arbeitenden Ge⸗ danken der Perſon des Freiherrn zu, ſeinem Betragen, einen Worten, und da überfiel mich auf einmal eine entſetzliche Unruhe, als habe ich irgend etwas gethan, was ſich nie wieder gut machen laſſe, an irgend etwas Unnahbares gerührt, irgend etwas ganz, ganz verfehlt. Ich wußte mir dies Gefühl nicht zu erklären: ich rief mir Alles, was ich geſprochen, ins Gedächtniß zurück, ich mußte mir ſagen, daß ich harte Worte gebraucht, aber keine, die nicht meine innigen noch beſtehenden Ueberzeugungen ausgeſprochen hätten. So ſuchte ich mich denn durch Gründe zu beruhigen, aber es wollte nicht gehen; wie hart, wie rückſichtslos, wie rachſüchtig, ja wie frei in meinen Ausdrücken mußte ich ihm vor, gekommen ſein! Und wenn auch, dachte ich dagegen⸗ iſt es nicht natürlich, daß ich keine freundſchaftliche Ge⸗ 8 4 4 4 85 ſinnung für ihn hege, noch zeigen kann? Er ſtammt aus jener verhaßten Familie und er muß ein gewiſſenloſer Mann ſein, ſonſt könnte er den Beſitz der durch Trug und Tücke an ſein Haus gekommenen Güter nicht ruhig genießen. Aber glaubte er an jenen Trug, jene Tücke? Er war ja noch ein Knabe geweſen zur Zeit jenes Proceſſes; vielleicht, ja wahrſcheinlich hatte ſein Vater ihn nie eingeweiht in das Complot zwiſchen ſich und dem Fürſten. Und dann— und am quälendſten machte ſich der Selbſtvorwurf geltend— wie ſchonungslos, wie unmädchenhaft haſt Du auf den Makel ſeiner Geburt hingedeutet, an dem er unſchuldig iſt! So ſtritten ſich die Gedanken in mir, klagten ſich an und entſchuldig⸗ ten ſich, bis ich mir meine Mutter vergegenwärtigte und ihre Erzählung mir wiederholte, um mich von neuem zu meinem Vorhaben zu ſtärken. Nun aber, während die ſtillen Stunden der Nacht an mir vorbei⸗ zogen, eine nach der andern, und mit dem nahenden Morgen kam das angſtvolle Erwarten der Aufſchlüſſe, die mir durch Forſter zu Theil werden ſollten, und machte meine Pulſe ſchneller ſchlagen, ſodaß ich erſt nach Sonnenaufgang in einen kurzen Schlaf verfiel, wäh⸗ rend deſſen das arbeitende Gehirn die Gedanken, die es zuvor bewegt, aus ihrer Folge geriſſen, in wirren Träumen durcheinander warf und zu ſinnloſen Bildern verkettete. Sechstes Kapitel. Es erſchien mir wie eine Vergünſtigung des Schickſals, daß Herr Gray ſich vornahm, die Zimmer in dem ſchöngelegenen Gaſthauſe, welche wir inne hatten, noch für eine Weile zu benutzen und daſſelbe zur Baſis unſerer Operationen in den nachbarlichen Ber⸗ gen zu machen. Der Freiherr, für den ſich gerade noch Raum gefunden hatte, blieb auch auf die herzliche Einladung der Familie, er möge ſich ihren Ausflügen in der nächſten Zeit anſchließen. Hier war nun auch Gelegenheit, ſich die Briefe, welche inzwiſchen zu Hauſe angekommen ſein mochten, zuſchicken zu laſſen. Frau Gray ſchrieb an die alte Köchin, die das Haus hütete, und drei Tage darauf erhielten wir ein ganzes Paquet Briefe. — 87 Wir ſaßen gerade auf dem Balkon beim Früh⸗ ſtück, als der Poſtbote mit dem Ränzchen auf dem Rücken und dem Bergſtock in der Hand angewandert kam. Herr Gray nahm die Briefe in Empfang; meine Augen hingen an ihm in fiebernder Erwartung, während er dieſelben langſam durch die Hände gleiten ließ. „Setzen Sie lieber Ihre Taſſe hin, Fräulein“, ſagte Forſter neben mir mit leichtem Spott.„Sie zittern zu ſehr, als daß Sie Ihre Manipulationen fortſetzen könnten.“ Ich gehorchte mechaniſch und in demſelben Augen⸗ blick ſtreifte mein Blick den Freiherrn. Herausgefordert durch ſeinen Ausdruck, ſchaute ich wieder hin, er ſah unverwandt auf mich, mit düſterem Geſichte, er wußte, was ich erwartete— eine Anklage war es, eine An⸗ klage ehrloſen Handelns, gegen ſeine Familie gerichtet. Aber mich kümmerte ſein Ausſehen wenig, denn John reichte mir eben mit einer komiſch zerknirſchten Miene, die nur ich zu deuten vermochte, den Brief meiner Mutter, um welchen er eine beſondere Botſchaft an die alte Wirthſchafterin geſchickt hatte. Nun endlich, endlich hielt ich ihn in Händen, nun brauchte ich die Aufſchlüſſe des Freiherrn glücklicherweiſe nicht mehr. Ich riß ſogleich den äußern Umſchlag ab und ſchaute 9* 88 auf das Couvert mit den theuern Schriftzügen meiner Mutter; liebkoſend deckte ich dann wieder die rechte Hand darüber und ſchaute auf, froh in der Sicher⸗ heit des Beſitzes. Da begegnete ich zuerſt John's lachenden braunen Augen, der liebe Junge nickte mir freundlich zu; und nun mußte ich auch wieder nach dem Freiherrn hinſehen: er hielt die Augen auf meine Hände gerichtet, mit denen ich den Brief wie ein Kleinod umfaßt hielt. Mich beſchlich in dem Augen⸗ blicke ein Gefühl der Furcht vor ihm, welches ich noch gar nicht gekannt hatte. Wäre er doch weit fort von hier, dachte ich. Es wurde nun, wie gewöhnlich am Morgen, über die weitere Verwendung des Tages verhandelt und der Punkt gewählt, welchen man in Augenſchein neh⸗ men wollte. Da die Entfernung keine geringe war, mußte ſofort aufgebrochen werden, meine Unluſt zu der Expedition war aber ſo groß, daß ich Kopfweh vor⸗ ſchützte und um die Freiheit bat, zu Hauſe bleiben zu dürfen. In einer halben Stunde zog Alles ab und nun war ich endlich allein; ich ſetzte mich auf dem kleinen Kanapee in meinem Zimmer zurecht, ganz ſicher, nicht geſtört zu werden, und fing an zu leſen. Wie ich gewollt, hatte die Mutter meine Anfrage als aus einer Art Neugier hervorgegangen betrachtet und be⸗ ———— 89 antwortete ſie daher erſt am Ende des Briefes, nachdem alles Uebrige, was mich irgendwie intereſſiren konnte, berührt worden war, in folgenden Worten: „Ich dachte mir, liebe Margarethe, als ich Dir die Geſchichte unſerer Unglücksfälle erzählte, daß die⸗ ſelben einigen Eindruck auf Dich machen würden. Lange überlegte ich, ob es nicht beſſer wäre, Dich noch unwiſſend zu laſſen in Bezug auf dieſelben, aber es ſchien mir ſchließlich nicht das Richtige. Du gingſt fort, ich konnte ſterben inzwiſchen, ſpäter wäre Dir vielleicht das oder jenes zu Ohren gekommen über die Vergangenheit Deiner Familie und hätte Dich mit Unruhe oder gar mit Zweifeln an unſerer Ehre erfüllen müſſen; auch war ich Dir eine Erklärung unſerer ſo wenig ſtandesgemäßen Armuih ſchuldig. Du berührſt nun in Deinem Briefe einen Punkt, den ich damals von meinem Berichte ausgeſchloſſen hatte, aber ich ſehe nach reiflicher Ueberlegung auch dafür keinen Grund mehr. Die Wahrheit, ſei ſie auch noch ſo herb, iſt faſt immer wohlthätig, und es iſt uns für das Leben ein Muth nöthig, welcher der härteſten Wahrheit ins Geſicht zu ſehen vermag. So wiſſe denn, daß man in jenem verbrecheriſchen Proceſſe die Ehre der verſtorbe⸗ nen Mutter Deines Vaters angriff; man ſagte aus, daß Dein Vater nicht der Sohn des Gemahls der 90 Frau von Günthershofen ſei, ſondern eines Edel⸗ manns, zu dem ſie allerdings, ſowie ihr Gemahl, in freundſchaftlicher Beziehung geſtanden hatte. Dieſe niedrige Anklage gegen eine längſt verſtorbene, edle, von ihren Freunden hochgeehrte Frau belegte man mit Beweiſen in Form eines Briefwechſels zwiſchen ihr und jenem Edelmann, angeblich unter den Papieren des letztern nach ſeinem Tode gefunden, gefälſcht aber, ja für die Gelegenheit fabricirt, wie Dein Vater und ich überzeugt waren und ich es noch bin. Es thut ſich hier vor Dir eine Tiefe der Bosheit auf, mein armes Kind, die Du wahrſcheinlich nicht geahnt haſt; Du erhältſt auch zugleich Antwort auf Deine Frage, warum ich nie gegen die Beſitzer unſerer Güter gerichtlich eingeſchritten ſei. Zur Zeit wurde es, wie Du weißt, von Deinem Vater verſäumt. Der Schlag hatte ihn zu hart getroffen und ſeine Thatkraft gelähmt; es wäre auch da ſchon faſt hoffnungslos geweſen und wurde es im Laufe der Jahre immer mehr, da uns alle Beweiſe fehlten, daß jene Correſpondenz wirklich eine gefälſchte ſei. Ich habe mit Sachwaltern darüber geſprochen und ſie haben die Achſeln gezuckt; wer mochte ſich unter ſo ungünſtigen Umſtänden, wo ein Erfolg nur durch die weitläufigſten, koſtſpieligſten Unterſuchungen zu erzielen geweſen wäre, der Sache — 91 einer gänzlich verarmten Edelfrau gegen mehrere reiche und angeſehene Familien annehmen, wer eine Skandal⸗ geſchichte wieder durchgehen, von welcher ſich das Ge⸗ fühl mit Abſcheu abwendet. Die, welche durch ihre hohe Meinung Deine Großmutter und ihren Freund in Schutz genommen haben würden, waren längſt todt, jener ſelbſt war geſtorben, ohne Verwandte zu hinter⸗ laſſen, denen an der Klärung ſeiner Ehre gelegen ge⸗ weſen wäre: unſere Sache war und iſt hoffnungslos. Laß Dir daher an dem Bewußtſein genügen, meine Tochter, daß wir Unrecht leiden, aber keins begangen haben, und bedenke, daß es uns nicht zuſteht, diejenigen zu beneiden, welche ſich durch Meineid an uns be⸗ reichert haben.“ So ſchloß meine Mutter. Ich ſaß eine lange Zeit ganz ſtill, nachdem ich den Brief zu Ende geleſen, und ſuchte vergebens meine Gedanken zu ſammeln; ich konnte mich nicht faſſen, ich war wie betäubt, als habe ich einen Schlag erhalten. War denn das Alles möglich? Konnte die Bosheit mit einer ſo beiſpielloſen Frechheit Unſchuldige angreifen, Lebendige und Todte? Und konnte und durfte ſie ſo triumphiren? Lange wirbelte es mir im Kopfe und ich hatte nur ein dumpfes Gefühl unleidlichen Schmerzes, dann aber wurde ich ruhiger und merkwürdigerweiſe ſo ruhig, 92 daß ich mich an die Stelle meines jetzigen Gegners, des Freiherrn Bardolph von Günthershofen, ſetzen, gleichſam von ſeinem Standpunkt aus die Angelegenheit anſehen konnte. Ich hatte ihm doch an jenem Abend und auch zuvor Unrecht gethan; er glaubte gewiß an die Ge⸗ rechtigkeit ſeiner Sache, ja das Gericht ſogar war vielleicht überzeugt geweſen und hatte redlich ver⸗ fahren. Dieſe Anſicht beſſerte jedoch meine Stimmung keineswegs; noch nie war mir ſo wirr, ſo trüb zu Muthe geweſen, nie hatte ich mich ſo haltlos und elend gefühlt. Während ich, den Kopf in beiden Händen, daſaß, klopfte es an die Thür und Forſter trat herein. Ohne im Anfang recht zu wiſſen warum, ſo dumpf war mir zu Sinne, fühlte ich Erſtaunen bei ſeinem Anblick; erſt als er ſeine Anweſenheit erklärend entſchuldigte, fiel mir ein, daß ich geglaubt hatte, er ſei mit den Uebrigen fort. Er habe auch Briefe von Wichtigkeit erhalten, ſagte er, und ſich deshalb der Partie nicht angeſchloſſen. Dann fragte er, da ihm mein verſtörtes Weſen auffiel:„Schlechte Nachrichten?“ Ich hielt ihm ſchweigend meinen Brief hin, in dem ich mit dem Finger auf die Stelle deutete, an welcher er anfangen ſollte zu leſen. Er ſetzte ſich und las, ein⸗, zwei⸗, dreimal, dann ſagte er ruhig:„Ich war nach den Aufſchlüſſen, welche mir der Freiherr 93 gegeben hatte, hierauf vorbereitet; ihm ſcheint es, bei⸗ läufig, nie in den Sinn gekommen zu ſein, daß hier ein Unrecht vorliege, und ſo peinlich es iſt, kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu ſagen—“ „Daß Sie es auch nicht glauben“, unterbrach ich ihn.„O ja, ich weiß ſchon, weiß Alles, was Sie mir ſagen können.“ „Das doch wohl nicht, Fräulein von Günthers⸗ hofen“, entgegnete er mit unerſchütterlicher Ruhe.„Des⸗ halb erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Der An⸗ ſchein iſt allerdings nicht zu Ihren Gunſten. Was man in der Sache thun könnte, wäre etwa Folgendes. Wir müßten das Gerichtsverfahren von damals genau prüfen, auf die Vorausſetzung hin, daß der Ausſpruch ohne genügende Beweiſe gefällt worden ſei; man müßte einem Formfehler nachſpüren, deſſen Daſein mir nicht ganz unwahrſcheinlich vorkommt. Auf dieſem Wege aber, wohl dem einzigen, der ſich einſchlagen ließe, finden ſich Schwierigkeiten vor, welche mir unüber⸗ windlich ſcheinen. Das Fürſtenthum iſt inzwiſchen mediatiſirt, das oberſte Gericht mit dem in W. ver⸗ ſchmolzen worden; ob ſich die Acten überhaupt wiederfinden würden, iſt ſehr fraglich, jedenfalls würden die nöthigen Nachforſchungen mit großen Koſten verknüpft ſein. Sie werden kaum einen Anwalt bewegen können, die Sache 94 zu übernehmen, es müßte es denn ein Freund, der über viel Zeit verfügen kann, aus Liebhaberei thun. Mein wohlüberlegter Rath alſo iſt, mein Fräulein, daß Sie den Gedanken an einen Proceß aufgeben.“ Er ſchwieg und ich auch; ich war in Nachdenken verſunken. Ich dachte an meine Mutter, wie ſie nun bis zu ihrem Ende arm bleiben würde, und auch an meine eigene, ziemlich trübe Zukunft. Ich ging die Er⸗ zählung der Mutter noch einmal durch, das Bild meines armen Vaters ſchwebte mir vor, wie er, ge⸗ brochen an Geiſt und Körper, dem Grabe zuwankte und ich ſagte mir, daß er nun doch nicht gerächt werden würde. Dabei aber herrſchte eine große Ruhe in mir, ich fühlte keine Bitterkeit, ſondern nur Trauer; es mochte der Umſchlag ſein nach der fieberhaft auf⸗ geregten Stimmung der letzten Wochen, daß ich eine Mattigkeit in mir ſpürte, welche es mir faſt wie eine Wohlthat erſcheinen ließ, nun ruhen zu müſſen, nicht um unſer Recht kämpfen zu können. Denn daß unſer Recht unterdrückt worden, daran zweifelte ich auch jetzt nicht. Durch alle meine Gedanken aber tönten ab⸗ geriſſen die Worte in mir wieder, welche Forſter vor einiger Zeit fallen gelaſſen: Der Haß iſt eine ſchwere Bürde; ſie klangen mir im Ohr, ohne daß ich darauf gehört oder darüber nachgedacht hätte. So — 95 hatten wir beide lange Zeit geſchwiegen, bis Forſter wieder anfing:„Wollen Sie mir folgen, Fräulein?“ „Für jetzt, ja“, antwortete ich ihm,„denn was kann ich thun? Ich bin arm, ich habe keine Freunde, ich ſehe die Unmöglichkeit ein, zu handeln, und bin kein Kind, welches mit dem Kopf durch die Wand will.“ „Könnten ſich dann nur, während dieſes Waffen⸗ ſtilltandes, freundliche Beziehungen zwiſchen Ihnen und dem Freiherrn bilden“, fuhr er fort.„Ich weiß, bei gewöhnlichen Menſchen wäre dies nicht möglich, aber Sie beide müßten ſich, meine ich, über Manches hinwegzuſetzen vermögen, was Andere beſchränkt. Von Ihrer Meinung über den Charakter Ihres Verwandten ſind Sie wohl in etwas zurückgekommen, und der Frei⸗ herr hat in Bezug auf Sie keine Vorurtheile zu über⸗ winden.“. War es ein gewöhnlicher Widerſpruchsgeiſt, der mich überkam, zugleich mit der Ueberzeugung, daß der Doctor vernünftig rede, oder hatte er, trotz ſeiner Ver⸗ nünftigkeit, mein von den Vorwürfen, die ich mir hatte machen müſſen, ſchmerzlich erregtes Selbſtbewußt⸗ ſein zu unſanft berührt, das wüßte ich jetzt nicht zu ſagen, ſo viel weiß ich nur, daß ich ihn höchſt un⸗ liebenswürdiger Weiſe fragte:„Sagen Sie dies im Auftrage des Herrn von Günthershofen?“ 96 Forſter ſah mich erſtaunt an.„Nein“, erwiderte er dann;„der Freiherr will Ihnen wohl, aber er hat mir keinerlei Aufträge an Sie gegeben.“ „Nun, ſo laſſen Sie ihn von mir wiſſen, daß ich ſein Wohlwollen nicht brauche“, rief ich trotzig, und Forſter, den meine Unart empören mochte, empfahl ſich nach wenigen gezwungenen Worten. Ich ſah ihn auch den ganzen Tag nicht mehr, und jener Tag, den ich allein und einſam verbrachte, ganz meinen quälenden Gedanken hingegeben, iſt einer der traurig⸗ ſten meines Lebens geweſen. Siebentes Kapitel. Unſer Aufenthalt in den ſchönen ſchottiſchen Ber⸗ gen näherte ſich ſeinem Ende. Ich war froh darüber, denn mir war er ſeit der Dazwiſchenkunft des Frei⸗ herrn ein peinlicher geweſen; ich fühlte das Vergnügen der Freiheit und Ungebundenheit nicht wie die Uebri⸗ gen, auf mir ruhte ein ſchwerer Zwang. Der Frau Gray war mein ſtilles Weſen aufgefallen; in ihrer mütterlichen Art drang ſie in mich, ihr zu ſagen, was mir fehle, und trotzdem oder eben weil ich mein voll⸗ ſtändiges Wohlſein behauptete, kam ſie zu dem Schluß, 1 daß mein Geſundheitszuſtand kein guter ſei, daß mir die Strapazen und Aufregungen einer Reiſe nicht be⸗ kämen, daß ich zu Hauſe einen Zuſchuß zu den Ferien erhalten und mich recht ausruhen müßte. Ich ließ das Alles zuletzt über mich ergehen, weil widerſprechen Junghans, Verfloſſene Stunden. 7 nichts half. Beſonders peinlich war es jedoch, wenn ſie mir ihre Sorgfalt zu Zeiten angedeihen ließ, wo wir alle zuſammen waren; meine beiden Landsleute wuß⸗ ten ja, was mir eigentlich fehlte; ich wagte dann auch ſtets noch einige ſchwache Proteſte gegen die mir zugetheilte Rolle einer Leidenden. Nach einer ſolchen Scene war es, wo der Freiherr ſich, als wir vom Abendeſſen aufgeſtanden waren, zu mir geſellte; ich wußte, daß er am nächſten Morgen abreiſen würde, und fühlte Erleichterung bei dem Gedanken daran. Durch Geſpräche bei Tiſche hatte ich erfahren, daß er zunächſt nach Norwegen ſich wenden wollte, um dort zu fiſchen, wie er ſagte, und dann endlich nach ſeinen Gütern zu⸗ rückzukehren gedenke. Herr Bardolph fing die Unter⸗ haltung an, indem er ſich nach meinem Befinden er⸗ kundigte. „Sie ſehen nicht wohl aus“, ſagte er etwas un⸗ ſicher;„ich fürchte, ich habe Ihnen durch meine An⸗ weſenheit die Ferienreiſe verdorben.“ Da dieſe Vorausſetzung genau mit der Wahrheit übereinſtimmte, konnte ich es nicht über mich gewinnen, ſiie abzuwehren, wie es die Höflichkeit erfordert hätte; ich ſuchte nach etwas Unverfänglichem, das ich ant⸗ worten könnte, und weil mir damals die gewöhnlichen Phraſen nicht recht zur Hand waren, ſo entſtand eine 10¹ ſerm Familienarchiv wenden und ſuchen, ob ich dort irgendwelche Indicien finde, die zur Beleuchtung der Sache dienen können. Ich brauche wohl kaum hinzuzu⸗ fügen, daß ich Ihnen auch dann ſofort Nachricht von dem Erfolge zukommen laſſen werde, wenn die ent⸗ deckten Aufſchlüſſe nicht zu unſern Gunſten ſind.“ Der Freiherr hatte im Geſchäftston, kalt und glatt, geſprochen, daher mochte es kommen, daß mir in jenem Augenblicke die Uneigennützigkeit, der Edelmuth ſeines Anerbietens nicht in dem Maße klar wurden wie ſpäter, als ich darüber nachdachte. Ich dankte ihm mit we⸗ nigen höflichen Worten— wir waren in ein ganz be⸗ quemes Fahrwaſſer der Geſchäftlichkeit gerathen. „Bitten möchte ich Sie aber zu glauben“, fuhr mein Begleiter fort,„daß ich bisher nie eine Ahnung davon gehabt habe, die Rechtmäßigkeit unſeres Beſitzes könne angezweifelt werden.“ „Sie wird es auch, glaube ich, nur von mir und meiner Mutter“, fühlte ich mich gedrungen zu bemerken; „vor der Welt ſind Sie ganz im Rechte und uns hat man überhaupt auch vergeſſen.“ „Ich fürchte, Sie ſagen die Wahrheit“, entgegnete er trübe.„Ich habe erſt vor kurzer Zeit von den Um⸗ ſtänden Ihrer Frau Mutter Kunde erhalten, bis dahin hatte ich nichts gewußt, als daß damals zwiſchen den 102² verſchiedenen Zweigen unſerer Familie ein Bruch ſtatt⸗ gefunden habe. Ich war zur Zeit des Proceſſes bei einem Bruder meiner Mutter in Lievland, wo ich meh⸗ rere Jahre meiner Knabenzeit zugebracht habe. Als ich zurückkam, waren meine Aeltern nach Günthershofen gezogen; das Gut gefiel mir und ich fragte nicht viel, wer früher dort gewohnt habe.“ Der Freiherr war alſo, wie es ſchien, zu uns ge⸗ kommen, ſobald er von der Dürftigkeit ſeiner Ver⸗ wandten gehört hatte, und wie konnten ſeine Abſichten andere als wohlwollende geweſen ſein? Warum hätte er ſich ſonſt überhaupt um uns bekümmert? Gleichgültigkeit und Uebelwollen ſeinerſeits hätten gewiß die Kluft be⸗ ſtehen laſſen, welche ſich zwiſchen den Verwandten und uns befand. Es wurde mir immer mehr klar, daß zu Feindſeligkeit oder Mißtrauen gegen den Freiherrn ab⸗ ſolut kein Grund vorhanden ſei, ich war mir meines abſtoßenden Weſens beim Zuſammentreffen mit ihm jetzt ſchmerzlich bewußt und es drängte mich, dies aus⸗ zuſprechen. Ehe ich aber dazu den rechten Anfang fand, gab eine Aeußerung des Freiherrn unſerm Geſpräche eine ganz andere Wendung. Er ſchien den etwas pein⸗ lichen eigentlichen Gegenſtand deſſelben als erledigt zu betrachten und fing in einem ganz andern Tone an, während wir uns auf den Heimweg machten: ——· 103 „Sie haben einen guten Freund an Herrn Forſter, mein Fräulein— kannten Sie denſelben ſchon in Deutſch⸗ land?“ Ich antwortete der Wahrheit gemäß und erzählte überhaupt von dem deutſchen Juriſten, was ich wußte; es war eine Wohlthat, ſich einmal auf neutralem Ge⸗ biete bewegen zu können, ohne die Bitterkeit, welche aus dem Bewußtſein des nun einmal zwiſchen uns ſtehenden Unrechts entſprang. Der Freiherr hörte mir ruhig zu, während ich den Charakter, die Kenntniſſe, das Benehmen Forſter's rühmte; als ich endlich ſchwieg, ſagte er leiſe:„Ihr Landsmann müßte in Ihren Augen noch ein ganz beſonderes Verdienſt haben— er liebt Sie.“ Ich blieb voller Erſtaunen ſtehen und wartete auf einige erklärende Worte. Da mein Begleiter ſchwieg, ſchritt ich beklommen neben ihm her; ich konnte nichts Paſſendes zu antworten finden, bis er von neuem anhob: „Nun, Fräulein von Günthershofen, haben Sie mir darauf nichts zu ſagen? Ach, gewiß war Ihnen die Thatſache längſt bekannt, da Sie eine junge Dame ſind.“ 1. „Nein“, rief ich nun lebhaft, froh, einen An⸗ kuüpfungspunkt gefunden zu haben,„nein, ich hatte keine Ahnung davon. Herr Forſter iſt mir immer als ein 104 bloßer Bekannter mit der gewöhnlichen Höflichkeit und ziemlich zurückhaltend begegnet; nach unſerer letzten Unterredung iſt er ſogar, wie ich glauben muß, un⸗ willig von mir gegangen. Aber“, rief ich, plötzlich in eine meiner unglücklichen impulſiven Fragen ausbre⸗ chend„wiſſen Sie, was Sie mir da mittheilen, gewiß? Und warum ſagen Sie es mir überhaupt?“ „Ihre erſte Frage iſt leicht zu beantworten“, er⸗ widerte Herr von Günthershofen.„Durch die Rechts⸗ angelegenheit ſind wir, wie Sie ſich denken können, dahin geführt worden, über Ihre Umſtände und über Sie ſelber zu reden; da iſt mir Manches klar gewor⸗ den. Ein Wort hat das andere gegeben und zuletzt hat mir Forſter mit der ihm zu Zeiten eigenen, faſt kindlichen Offenheit aus ſeinen Gefühlen kein Hehl gemacht. Sie können ſich nur durch dieſelben geehrt fühlen, Fräulein.“ Das war mir denn doch in dem Augenblicke zu viel. Vom Anfang an hatte die Eröffnung des Frei⸗ herrn einen vorzugsweiſe peinlichen Eindruck auf mich gemacht. War auch für Momente das Gefühl befrie⸗ digter Eitelkeit in mir aufgeſtiegen, deſſen ſich wohl ſelten ein Mädchen erwehren wird, wenn ſie von dem Intereſſe oder gar der Liebe hört, die ſie einem Manne einflößt, ſo war dies Gefühl doch gar ſchnell in den 105 Hintergrund gedrängt worden durch die Ausſicht auf den Zwang, welcher jetzt in den bisher ſo angenehmen Beziehun⸗ gen zwiſchen dem Juriſten und mir eintreten mußte. Hierzu nun geſellte ſich der Gedanke, daß ich mit meinen Vorzügen und Fehlern das Geſprächsthema jener beiden geweſen ſei, und das brachte mich vollends um allen Gleichmuth. „Wer gibt Ihnen das Recht, ſo zu mir zu ſprechen, Herr Freiherr?“ fuhr ich heraus.„Ob ich mich geehrt fühle durch die mir ſehr unerwartete Neigung des Herrn Forſter oder nicht, das iſt jeden⸗ falls meine Sache. Sehr peinlich muß es mich aber berühren, daß dergleichen überhaupt zwiſchen Ihnen verhandelt worden iſt; Herrn Forſter kann es, wie mich dünkt, ebenfalls nur unangenehm ſein, durch Sie mir mitgetheilt zu wiſſen, was ihm allein zu ſagen zu⸗ kommt, wenn es überhaupt geſagt werden ſoll.”“ Das Geſicht des Freiherrn konnte ich in der tie⸗ fen Dämmerung kaum ſehen, den Ausdruck deſſelben durchaus nicht erkennen; um ſo mehr überraſchte mich ſeine Stimme, als er wieder ſprach; ſie klang dumpf, wie von unterdrückter Erregung. „Ich habe keinen Vertrauensbruch begangen, als ich Ihnen von der ſehr ernſten, innigen Neigung Forſter's ſprach und ſie beim rechten Namen nannte. Eines Verſtoßes mag ich mich freilich damit ſchuldig ge⸗ 106 macht haben; ich weiß nicht, was in ſolchen intereſſan⸗ ten Fällen die Etikette den Wiſſenden gebietet, ich bin unerfahren darin. Und ſo will ich, auf die Gefahr hin, weiter zu ſündigen, noch eine Frage thun“, fuhr er, plötzlich in ſeinen leichten Ton übergehend, fort: „Fräulein von Günthershofen, erwidern Sie die Ge⸗ fühle des Herrn Doctors?“ „Nein, durchaus nicht“, rief ich, ehe ich wußte, was ich ſagte, ehe ich erwogen hatte, daß, wie er aller⸗ dings andeutete, dieſe Frage dem Freiherrn durchaus nicht zuſtand. „Er iſt nicht adlig“, ſagte Herr von Günthers⸗ hofen darauf, wie zur Antwort. 5 Allerdings, aber ich hatte noch nie darüber nach⸗ gedacht, ob ich mir als Gatten nur einen Ebenbür⸗ tigen wünſchte, hatte überhaupt dem Gedanken an meine Verheirathung noch gar nicht nachgehangen und fand daher, wie mir das häufig ging, auf die Aeußerung des Freiherrn nicht gleich eine Antwort. „Ich weiß nicht, ob mich dieſer Mangel bei Jemand abhalten würde, ihn zu lieben“, ſagte ich endlich, nach⸗ dem ich mich beſonnen hatte. „Kind!“ erwiderte der Freiherr hierauf, und das war Alles; ich hätte übrigens trotz der Dunkelheit darauf ſchwören mögen, daß er lächelte.„Kind!“ 107 Was konnte er mit der Aeußerung meinen? Sollte ſie Tadel, Entſchuldigung, Geringſchätzung ausdrücken? Ich zerbrach mir vergebens den Kopf darüber. Uebrigens lag es in der Eigenthümlichkeit meines Strebens und meiner Wünſche zu jener Zeit, daß ich eine beſondere Gefahr darin ſah, für ein Kind, ein unerfahrenes, unreifes Mädchen gehalten zu werden; ich war daher äußerſt empfindlich in dieſer Beziehung und habe dem Freiherrn das Wort lange nicht verziehen. Wir waren, zuletzt ſchweigend, in die Nähe des Hauſes gelangt, meine Zöglinge eilten auf mich zu und nahmen mich in Beſchlag und ich war froh, daß unſer ſeltſames Geſpräch ſein Ende erreicht hatte. Forſter ſah ich an jenem Abend gar nicht mehr; auch das war mir lieb, ich gewann Zeit, mir mein Benehmen gegen ihn ein wenig vorzuzeichnen. Nicht umhin konnte ich, ein gewiſſes Wohlwollen gegen ihn zu hegen dafür, daß er mir ſeine Neigung geſchenkt hatte, ich war ihm dank⸗ bar, ich achtete das Geſchenk, wenn ich es auch nicht zu erwidern vermochte. Mir war das Alles ſo neu, mein Umgang mit Männern war bisher ſo beſchränkt gewe⸗ ſen. Zum erſten Mal in meinem Leben blickte ich an jenem Abend mit Aufmerkſamkeit in den Spiegel; mir kam es vor, als müſſe ich neben den hellen, freundli⸗ chen, reizenden Geſtalten meiner Zöglinge unendlich 108 verlieren, um ſo mehr empfand ich mit einer Art Rührung die deutſche Anſpruchsloſigkeit meines gelehr⸗ ten Landsmannes, welcher, unbeirrt durch den Glanz der fremden Blumen, ſich ſo treu der ſchlichten Hei⸗ matpflanze zugewendet hatte. Ich beſchloß mit ihm zu verkehren wie bisher; er würde, das wußte ich, mir die freundliche Gleichgültigkeit unſerer Beziehun⸗ gen nicht unmöglich machen. Am nächſten Morgen verabſchiedete ſich der Frei⸗ herr. Ihm war ich dankbar dafür, daß er ging, zu⸗ dem hatte ich über ſeine geſtrigen Worte nachgedacht und fühlte ganz die Uneigennützigkeit, aus der ſie her⸗ vorgegangen waren. So geſtaltete ſich unſer letztes Zu-⸗ ſammentreffen freundlicher als alle bisherigen. Ich wünſchte Herrn Bardolph Glück auf die Reiſe und für den Fiſchfang, dankte ihm auch nochmals und fand ſogar den Muth, mich zum erſten Male nach ſeiner in Deutſchland lebenden Familie zu erkundigen.„Wie befindet ſich Frau von Günthershofen“, fragte ich,„und wie erträgt ſie Ihre lange Abweſenheit?“ „Meine Mutter? Ich hoffe, daß es ihr gut geht; ſie iſt leider dem Briefſchreiben abgeneigt, und ich er⸗ halte nicht oft directe Nachrichten von ihr.“ . Seine Mutter, jene böſe Frau, welche recht eigentlich an all unſerm Unglück ſchuld war— nach 109 der hatte ich nicht fragen wollen.„Ich meinte Ihre Frau Gemahlin“, ſagte ich auch geradezu. Er ſah mich erſtaunt an und lächelte dann, indem er ſeiner⸗ ſeits fragte:„Haben Sie mich für verheirathet ge⸗ halten?“ 8 „Ja, Herr Freiherr.“ „Ich bin es nicht; ich lebe, wenn ich in Deutſch⸗ land verweile, bei meiner Mutter, welche nach des Vaters Tode auf Günthershofen geblieben iſt. Ich bin bisher viel herumgereiſt und der Gedanke an einen eignen Hausſtand iſt mir noch ſelten gekommen. In der letzten Zeit freilich mehr als zuvor“, fügte er hinzu, indem er gedankenvoll auf die nicht ferne höchſt an⸗ ziehende Gruppe der Grayſſchen Familie blickte, welche auch wirklich das Familienleben von ſeiner ſchönſten Seite darſtellte. Die Zeit ſeiner Abreiſe war nun herbeigekommen; das Pferd, welches er bis zur nächſten Eiſenbahnſtation benutzen wollte, wurde eben vorgeführt, wir gingen zu den Uebrigen zurück, die ihn alle umringten und von denen er ſich aufs herzlichſte verabſchiedete. Ich war neugierig auf das Lebewohl zwiſchen meinen beiden Landsleuten und ſah deshalb ſcharf hin, als der Freiherr ſich dem Juriſten näherte. Sie ſchüttelten ſich die Hände, dabei ſahen ſie ſich einen Moment lang ernſthaft in die Augen und der Freiherr nickte Forſter leicht zu, wie in Bejahung einer Frage, die jener mit den Blicken geſtellt hatte. Auch mir reichte der Freiherr mit wohlwollendem Ausdruck die Hand.„Leben Sie wohl, Fräulein Mar⸗ garethe“, ſagte er freundlich und dann ritt er davon. Es entſtand eine Lücke durch ſein Fortgehen, das verhehlte ſich keiner der Zurückbleibenden; alle bedauer⸗ ten offen, daß man nicht länger hatte zuſammenbleiben können, und freuten ſich zugleich der angenehmen Be⸗ kanntſchaft, auf deren Fortſetzung ſie hofften, denn der Freiherr hatte für das nächſte Jahr einen Beſuch in Goldwell-Houſe, dem Wohnſitze der Familie, in Aus⸗ ſicht geſtellt. Auch ich, zu meiner eignen Verwunderung, vermißte den Freiherrn, deſſen Abreiſe ich doch herbei⸗ gewünſcht hatte; Niemand konnte ſich ganz dem Ein⸗ fluß ſeiner edlen, bedeutenden Perſönlichkeit entziehen, ich hatte es, wie ich jetzt merkte, auch nicht gekonnt; die Ruhe und Sicherheit ſeines Benehmens verfehlten nie ein wohlthätiges Gefühl in ſeiner Nähe hervorzu⸗ bringen, gegen welches ich mich freilich anfangs ab⸗ ſichtlich verhärtet hatte. Ich dachte über ſeine letzten Worte nach und konnte nicht umhin, im Innerſten die Frau für ſehr glücklich zu halten, welcher es vergönnt wäre, an ſeiner Seite durch das Leben zu gehen. Be⸗ gierig war ich darauf, wen er einmal wählen würde; . 111 ich hoffte mit ſeiner Gemahlin befreundet zu werden, ich wollte dann von dein Anerbieten der Freundſchaft Gebrauch machen, welches er uns, meiner Mutter und mir, hatte zu Theil werden laſſen. Während ich mich diefen Gedanken hingab, zwiſchen den Andern ſitzend und ziemlich einſilbig an der Unterhaltung Theil neh⸗ mend, fielen mir plötzlich die jungen Grays ein in Verbindung mit der Aeußerung des Freiherrn, und bei dieſem Gedanken zog ſich mein Herz ſchmerzlich zuſam⸗ men. Die reizende, jugendliche, flatterhafte Lucy, die ältere der beiden— denn von der fünfzehnjährigen Blanche konnte wohl kaum die Rede ſein— als Gat⸗ tin des ernſten deutſchen Edelmanns— ich ſagte mir, daß das ja gar nicht paſſe, daß es ganz unnatürlich ſein würde, aber doch mußte ich mir wieder eingeſtehen, es ſei nicht unmöglich, ja, je mehr ich darüber nach⸗ dachte und mir alle die kleinen Scenen, welche ſich wäh⸗ rend des Hierſeins des Freiherrn zugetragen hatten, im Geiſte wiederholte, deſto wahrſcheinlicher kam es mir vor, daß er ſich zu dem von ihm ſo himmelweit ver⸗ ſchiedenen jungen Mädchen hingezogen gefühlt habe. Mit Vorliebe war er auf ihr heiteres Geplauder eingegan⸗ gen, oft hatte er, wie mir jetzt einfiel, mit unverhoh⸗ lener Bewunderung der ſchlanken, elaſtiſchen, jugend⸗ kräftigen Geſtalt nachgeblickt, wenn ſie auf unſern Aus⸗ 142 flügen mit den Brüdern um die Wette uns übermü⸗ thig vorangeeilt war, noch öfter hatte er ſich ihr vor⸗ ſorglich angeſchloſſen, ihrer Wagehalſigkeit Einhalt ge⸗ than, ſie beim Klettern geſtützt und bewacht wie ein Kind. Ja, wie ein Kind, und ſo war ſie mir auch dann immer vorgekommen; ich dachte damals nie an⸗ ders, als daß er ſie wie ein wildes Kind betrachte— war ſie doch erſt ſechzehnjährig— aber jetzt, beim Zu⸗ rückblicken, kam mir das Alles ganz anders vor. Und Lucy konnte auch zeigen, daß ſie wußte, was ſie wollte, daß ſie einmal eine tüchtige, energiſche Frau abgeben würde; in ihr wohnte der fröhliche Muth des Glücks und der Geſundheit und ein heller Verſtand. Und dazu— wie ſchön war ſie! Wie eine Göttin der Ju⸗ gend erſchien ſie mir oft, mit den lebenſprühenden blauen Augen, dem kräftigen, prächtigen Blondhaar, den feinen, reizenden Zügen. Es wurde in der Fa⸗ milie ſtillſchweigend, mit ſorglichem Stolz anerkannt, daß Lucy eine Schönheit„zu werden verſprach“; wer konnte ſo blind ſein, nicht einzuſehen, daß ſie es längſt ſei! Und warum ſollte ich mich nicht freuen, wenn ſie die Gattin meines ſtattlichen Vetters wurde? Sie war freilich eine Ausländerin, und es gab in Deutſch⸗ land hochgeborene Mädchen genug, die ihr nicht nach⸗ ſtanden an Schönheit und ſie übertrafen an ariſtokra⸗ —— 113 tiſchem Ausſehen und Weſen und denen ich, wie mich dünkte, die Herrſchaft auf meinem Schloſſe— ſo ſagte ich mir in ſolchen Augenblicken mit doppelter Bitter⸗ keit— lieber gegönnt hätte als der Fremden, dem Kinde. Aber wenn ſie dem Freiherrn gefiel, wenn ſie ihn glücklich machen konnte, und daß dies ihrer heitern, glücklichen Natur gelingen würde, bezweifelte ich nicht, ſo kam es mir zu, ohne Neid— Neid, das häßliche, gemeine Wort, ich zuckte davor zuſammen und doch ſagte ich mir daſſelbe ſchonungslos vor— ja, ohne Neid die Verbindung der Beiden mit anzuſehen. Ueber⸗ haupt, wie hatte ich mich hinreißen laſſen von meiner Frauenſchwäche, über Heirathen zu ſpeculiren; was ging es mich an, wenn der Freiherr eine Kaffernprin⸗ zeſſin heimführte nach Günthershofen! Was war er mir eigentlich, was war er mir noch vor wenigen Mona⸗ ten geweſen? Nicht exiſtirt hatte er für mich, dann hatte ich ihn kennen gelernt als den Sohn meiner Feinde, ihn mit Abneigung, mit Mißtrauen betrachtet, und nun, nun war ich ganz aus meinem gewöhnlichen Gleiſe herausgezogen worden durch den Zauber ſeiner Nähe— als vorſorgliche Baſe war ich eben gar daran, ihn mit einer Frau zu verſorgen. Aber das ſollte anders werden. Meine Sorge gehörte meiner Mutter, war doch ſie zu ſtützen, zu hegen mein Lebenszweck. Junghans, Verfloſſene Stunden. 8 Auf einen Augenblick kam mir der Gedanke, ob ich nicht jetzt ſchon am beſten zu ihr zurückkehre; gewiß trug ſie die Einſamkeit ſchwer, wenn ſie es mir auch nicht geſtehen wollte, da ſie mich glücklich glaubte. Die mancherlei Eindrücke und die Unruhe der nun folgen⸗ den Reiſe verhinderten mich für den Augenblick, meine künftigen Maßregeln durchzudenken; in Goldwell⸗Houſe angekommen, fand ich einen mehrere Tage alten Brief an mich vor, welcher mir die Krankheit meiner Mutter meldete und mich aufforderte, ſchleunigſt nach Hauſe zu kommen. Ich war wie vom Blitze getroffen; wie eine Strafe kam mir dies Ereigniß vor für die Ge⸗ danken und Pläne der letzten Wochen. Aber es hieß ſich zuſammenraffen. Ganz verſtört theilte ich ſogleich der Frau Gray den Inhalt des Briefes und meine Abſicht, ſofort abzureiſen, mit. Sie ſowie die ganze Famile bewieſen mir die lebhafteſte Theilnahme. In wenigen Stunden war Alles mir Zugehörige gepackt; ein Jeder legte hülfreiche Hand an. Herr Gray hatte ſich ſogleich daran gemacht, aus den ihm zu Gebote ſtehenden Tabellen meine Reiſeroute aufzuſtellen; er be⸗ ſaß eine große Virtuoſität im Reiſen und machte gern Andere auf die Kunſtgriffe und Vortheile aufmerkſam, die ihnen, wenn ſie es nur richtig anfingen, zu gute kommen mußten. In meinem Falle, wo es ſich nur 115 darum handelte, raſch an Ort und Stelle zu kommen, bewährte er ſich mit ſeinen Ermittelungen vortrefflich, auch konnte er nicht unterlaſſen, mir, trotz meiner ge⸗ drückten Stimmung, allerlei Warnungen gegen Ueber⸗ vortheilung und unnütze Ausgaben ans Herz zu legen. In ſeiner heitern, wohlwollenden Weiſe wußte er ſich eigentlich mit denen, welche ein beſonderer Kummer drückte, nicht wohl zurecht zu finden. „Nur ruhig, liebes Kind“, ſagte er zu mir,„nicht den Kopf verloren! Sie müſſen ſich nicht das Schlimmſte denken; ich hoffe, wir ſehen Sie in wenigen Wochen fröh⸗ lich wieder. Die Mädchen werden ja wohl ihre Ferien über die Zeit Ihrer Abweſenheit hinausdehnen, bleiben Sie alſo nicht zu lange, damit Sie in den Köpfen noch etwas von dem vorfinden, was Sie ſo gewiſſen⸗ haft hineingebracht.“ Seine Gattin war mütterlich um mich beſchäftigt, die Mädchen trieben ſich mit verweinten Augen zwiſchen Koffern und Schachteln herum und thaten alle möglichen unnöthigen Handleiſtungen. John machte ſich mit ſei⸗ nen kräftigen Muskeln beim Heben, Tragen und Zu⸗ ſchnüren der Koffer nützlich, ſeine treuherzigen Augen und der ungewohnte Ausdruck des Ernſtes auf dem offenen, heitern Geſicht, welchen, wie ich fürchte, feſtzu⸗ halten ihm ſchwer wurde, machten beſondern Eindruck 8⸗ 116 auf mich. Es ging endlich an das Abſchiednehmen. Mir war ſchwer ums Herz. Ich habe mich in meinem Leben nie leicht der Hoffnung hingegeben; auch hier ſchien mir das Traurigſte das Wahrſcheinliche, ich fürch⸗ tete die lieben, guten Menſchen nicht wiederzuſehen. Forſter erblickte ich unter all den herbeigeeilten Haus⸗ genoſſen nicht, ich fragte nach ihm.„Wie, wiſſen Sie denn nicht?“ hieß es da.„Er iſt nach der Stadt voraus und erwartet Sie am Bahnhofe. Er will Sie ja nach dem Hafen begleiten.“ Das war eine große Freundlichkeit von ihm, da ich faſt eine Tagereiſe und keine von den bequemſten bis nach L. vor mir hatte, wo ich ſpät am Nach⸗ mittage ankommen ſollte und mich abends auf das Dampfſchiff begeben mußte; ein Begleiter, der ſich man⸗ cher Beſorgung unterziehen würde, war eine Wohlthat für Jemand, dem der Kopf ſchmerzte und das Herz weh that. Ich ſagte nun traurig Lebewohl. Lucy ſchien be⸗ ſonders erregt; ſchluchzend hing ſie an meinem Halſe und küßte mich mit mehr Innigkeit, als ich ſonſt bei dem leichtlebigen Mädchen gewohnt war. Iſt da wohl mein Vetter im Spiel? dachte ich und mußte trotz meiner trüben Stimmung in mich hineinlächeln; nicht unmöglich, daß ſie einen Theil der Zuneigung, welche ———— 117 ſie für den Freiherrn empfinden mochte, auf mich über⸗ trug, dank der wenn auch entfernten verwandtſchaftli⸗ chen Beziehung, in welcher ich zu ihm ſtand.„Gott erhalte Ihnen Ihre Mutter“, ſagte Frau Gray leiſe, indem ſie mich umarmte,„und laſſe Sie froh zu uns zurückkehren.“ So ſchied ich. Während der anderthalb Stunden, welche ich im Wagen auf dem Wege nach der Station zubrachte, ließ ich, müde zurückgelehnt in die Kiſſen, die Ereigniſſe der letzten Monate an meinem Geiſte vorübergehen. Sie waren bedeutſam geweſen, aber ich konnte in meinem Innern noch keinen rechten Abſchluß zu denſelben finden, obgleich mir der zurückgelegte Ab⸗ ſchnitt in meinem Leben fertig vorkam wie ein Aufzug eines Dramas, nach welchem man mit einiger Span⸗ nung auf das in die Höhe Gehen des Vorhangs zu den folgenden harrt. Was mochte mich erwarten? Nur Trauriges, ſo ſchien es mir damals, konnte mir begeg⸗ nen; mit einer Art bitterer Genugthuung über mein unbeſtreitbares Unglück quälte ich mich mit dem Ge⸗ danken, daß meine Mutter mir nun genommen werden würde, daß ſie ſterben würde in Armuth und Kummer um mich. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe über dies „Schmerzbehagen“ und ſuchte zu hoffen. So ſchwankte es in mir und ich fand keine Ruhe. Ich näherte mich nun der Station; aus der Ferne hörte ich den Pfiff der Locomotive und dann, weiterhin, all den unerquicklichen Lärm eines Bahnhofs. Und jetzt fiel mir erſt Forſter ein, den ich ganz vergeſſen hatte, und ich fing an, mich vor der bevorſtehenden Reiſe mit ihm ein wenig zu fürchten. Aber er war ſo gut und ehren⸗ haft, er konnte doch gewiß dieſe Gelegenheit nicht be⸗ nutzen wollen zu einer Erklärung, vor welcher ich eine wahre Todesangſt hatte. Der Wagen hielt und nun kam er auch ſchon herzu und half mir heraus und gleich hatte ich Gele⸗ genheit, die Vortheile ſeiner Begleitung zu empfinden. Er führte mich, ohne eine Wort über ſein Mitgehen zu verlieren und als ob ſich das Alles ſo von ſelbſt verſtände, ſogleich zum Warteſaal, wo er mich zu verrweilen bat, während er zurückging, das Gepäck beſorgte und Billets nahm. 4 Wir fuhren dann zuſammen fort; ich ergriff die erſte Gelegenheit, um ihm zu danken; er erwiderte trübe: „Dies iſt ja das Wenigſte, was ich für Sie thun kann, und es geſchieht gern, ſehr gern.“ Weiterhin wurde nur noch von gleichgültigen Dingen zwiſchen uns ge⸗ ſprochen und der Reiſenachmittag verging ruhig, wäh⸗ rend ſich Forſter allein der Sorge um unſer Weiter⸗ kommen unterzog. Wir langten mit der Dämmerung 119 in L. an und durchfuhren, um nach der Rhede zu ge⸗ langen, die häßliche, lärmvolle Stadt von einem Ende zum andern. Mein Begleiter blickte düſter aus dem Fenſter des Wagens hinaus auf das wüſte, unerquick⸗ liche Treiben; er dauerte mich von Herzen.„Sie haben Heimweh, Herr Forſter“, redete ich ihn nach einem lan⸗ gen Schweigen an, um im nächſten Augenblick die ſchonungsloſe Aeußerung zu bereuen. Er drehte ſich raſch um und ſah mich mit großen, traurigen Au⸗ gen an.. „Ja, bei Gott, ich habe Heimweh“, ſagte er, als werde ihm das jetzt erſt klar,„Heimweh wie ein Kind. Ich verſichere Ihnen, ich ſehne mich unbändig danach, die braune ſchmuzige Tapete in der Kinderſtube zu Hauſe einmal wiederzuſehen und das hölzerne Schaukelpferd mit den ſtieren Augen und der chwarzlackirten Mähne— es ißt bei der Mutter, welche es ſehr liebt, das Gna⸗ denbrod. Sie werden mich auslachen, aber auf Ehre— mag es Andern komiſ ch vorkommen— weh thut es des⸗ halb doch und unterdrücken und wegvernünfteln kann man es ſo wenig wie das Zahnweh.“ Ich fühlte keine Neigung zum Lachen, mir waren ſogar die Thränen in die Augen gekommen bei ſeinen Worten. Warum mußte auch dieſer gute, ſo warm und im beſten Sinne kindlich fühlende Menſch ſich ein⸗ 120 fallen laſſen, ein politiſcher Verbrecher zu werden? Er hätte das Andern überlaſſen ſollen. „Haben Sie denn keine Ausſicht auf Begnadigung?“ fragte ich leiſe, nachdem ich meine Thränen hinunter⸗ geſchluckt hatte. Er verneinte. „Und Sie wollen nicht in England ſich eine dei⸗ mat gründen, wie ſo manche Ihrer Landsleute in ähnlichem Falle?“ Er ſchüttelte mit dem Kopfe.„Sie hören es ja“, ſagte er,„an welcher thörichten Schwäche ich laborire; ach, und das iſt die thörichtſte nicht!“ Er brach ab. Ich fühlte ein ſo tiefes Mitleid mit ihm, daß ich— mein eigener Kummer mochte mich weicher geſtimmt haben als gewöhnlich— meine Thränen kaum zurückhalten konnte bei dieſen halb unwilligen und ſpot⸗ tenden und daher um ſo rührendern Klagen und nichts ſehnlicher wünſchte, als endlich allein zu ſein, um un⸗ geſtört weinen zu können. Nachdem wir, auf der Werfte angelangt, meinen Platz auf dem Dampfboot geſichert und das Gepäck an Bord geſehen hatten, blieb noch faſt eine Stunde bis zur Abfahrt des Schiffes. Forſter bat um die Er⸗ laubniß, während derſelben bei mir bleiben zu dürfen, und wir gingen auf der überbauten Werfte in dem lauen Sommerabend auf und ab. Da ſprachen wir nun von dieſem und jenem, von den allergleichgül⸗ — 121 tigſten Dingen und fühlten doch beide, daß etwas zwiſchen uns lag, um das wir abſichtlich in großen Kreiſen herumgingen, daß wir uns fürchteten, an die eigentliche Stimmung der Stunde zu rühren. Da ſchlug eine Uhr in der Nähe, es blieb uns nur noch eine Viertelſtunde; Forſter hatte abgebrochen, um die Glockenſchläge zu zählen, er nahm auch das fallenge⸗ laſſene Thema nicht wieder auf. Ich merkte es nicht, ich dachte darüber nach, daß ich dieſen Menſchen, der mir doch nahe geſtanden hatte, noch eine Viertelſtunde und dann vielleicht nie mehr ſehen würde.„Sonderbar“, ſagte ich zu mir ſelber,„ſonderbar und traurig!“ „Fräulein von Günthershofen“, ſagte Forſter plötz⸗ lich,„darf ich fragen, ob Sie, wenn Ihre Mutter ſich wieder wohl befindet, zu der Familie Gray zurückkehren werden?“ Ich antwortete, daß ich davon nichts wiſſe, daß ich aber ſchon zuweilen gedacht, es wäre beſſer, wenn ich bei der Mutter bliebe.„Ich kann Stunden geben“, einige Erſparniſſe mit.“ „Sie alſo werden in Deutſchland ſein und ich muß in England bleiben!“ rief er ſchmerzlich und fuhr, als ich über den plötzlichen Ausbruch betroffen zu ihm aufſah, haſtig fort:„Das überraſcht Sie, Fräulein, ſagte ich gleichſam entſchuldigend„und bringe auch ich kann es mir denken; Ort und Stunde ſind gut ge⸗ wählt, um Geſtändniſſe zu machen, nicht wahr? Aber es mag nun drum ſein— Sie mögen von mir, dem deutſchen Bären, denken, was Sie wollen, ich will mir die Buße auferlegen, Ihnen hier zu geſtehen, daß ich— daß ich— daß ich Sie unvernünftig liebe, Margarethe! Es iſt ſchlecht von mir, Sie hier zu überrumpeln, hier, wo Sie mir nicht entrinnen, mir nicht die Thür wei⸗ ſen können, wie Sie es ſonſt wohl thäten, aber ich habe abſichtlich ſo lange gewartet, um Sie nur eine Viertelſtunde zu quälen; Sie werden mir zugeſtehen, daß ich mich bis jetzt zuſammengenommen habe. Und ich will auch jetzt keine Antwort“, fuhr er fort, die Worte haſtig herausſtoßend, da ich in die Höhe blickte und ſprechen wollte; er war unter dem Einfluß einer Erregung, die peinlich anzuſehen war.„Still, ich kann Ihr Nein jetzt nicht ertragen, ſagen Sie nichts als nur das Eine, Margarethe: ſind Sie 1 jagr⸗ gehört Ihre Liebe einem Andern?“ Ich ſchüttelte mit dem Kopfe. „Dann will ich ruhig warten. Gehen Sie, pflegen Sie Ihre kranke Mutter und nehmen Sie die Ueber⸗ zeugung mit, daß ein armes, trauriges Herz im Exil Ihr Bild in ſich geſchloſſen hat wie ein Kleinod. Ich weiß, ich habe auf Ihre Zuneigung keinen Anſpruch, 123 bin ich Ihnen doch nicht einmal mit den äußern Zei⸗ chen von Aufmerkſamkeit begegnet, die man in der Ge⸗ ſellſchaft gewöhnlich für eine Dame hat. Ich wagte das nicht. Sie ſchienen mir ſo fern, ſo fremd, ſo kalt, vom erſten Tage an, wo Sie mit der griechiſchen Jungfrau um die Heimat klagten:„das Land der Griechen mit der Seele ſuchend“— ich werde den Ton Ihrer Stimme bei jenen Worten nie vergeſſen. Und dann ſpäter, als Sie mich um Rath fragten, als Sie in Ihrem kind⸗ lichen Sinn das Recht wollten um des Rechts willen und ſo wenig an den Beſitz dachten, ſogar bei den Ausbrüchen deſſen, was Sie für Haß hielten, ach, wie verſchieden war Ihr edles Aufglühen von dem niedri⸗ gen Haß der Böſen! Als ich Sie immer beſſer kennen lernte, da verlor ich mich ſelber immer mehr, und jetzt—“ Er ſchwieg endlich. In unausſprechlicher Beklommen⸗ heit blickte ich nach dem Schiffe, die Bewegung auf dem⸗ ſelben deutete auf ſeine ſchleunige Abfahrt. Während wir nach der hölzernen Brücke zugingen, welche auf das Verdeck führte, ſagte ich haſtig, erregt durch die Kürze der Zeit und ohne meine Worte viel zu meſſen: „Herr Doctor, ich danke Ihnen für Ihre Neigung, ſie iſt mir nicht gleichgültig; mehr verlangen Sie jetzt nicht. Leben Sie wohl, Gott ſegne Sie und laſſe Sie bald die Heimat wiederſehen.“ 124 Erſchüttert beugte er ſich tief über meine Hand, welche ich ihm hingereicht hatte. Unſere Zeit war um, die Schiffsleute näherten ſich der Brücke, auf welcher wir uns befanden, um ſie in die Höhe zu ziehen— wir ſchieden. Er eilte fort; ich ſtand, während ſich das Schiff ſchwerfällig in Bewegung ſetzte, auf dem Ver⸗ deck und ſchaute ihm nach und wünſchte ihm von gan⸗ zem Herzen Friede, Freude und alles Gute, was er verdiente. Stundenlang noch, während das Schiff in ruhiger Bewegung den dunkeln Fluß hinabfuhr, blieb ich, auf die Brüſtung gelehnt, ſtehen oder ging auf und ab und blickte zu den Sternen in die Höhe, die ich nun bald über den Wipfeln der heimiſchen Bäume ſehen ſollte, und in die Gedanken an meine Mutter und die heiße Sehnſucht nach ihr tönten doch immer die ſelt⸗ ſamen Worte, welcher Forſter zu mir geſprochen hatte. Die weitere Reiſe verlief ruhig und raſch; am Abend des folgenden Tages ſaß ich am Bette der Mutter. —p— — Achtes Kapitel. Sie war ſehr krank. Ein heftiges Fieber hatte ſich zu einem anfangs leichten Unwohlſein geſellt, der Arzt empfahl dringend die allergrößte Ruhe um ſie her. Ich war von ihm ſorgfältig angemeldet worden, ſodaß meine Gegenwart die Mutter nicht überraſchte, doch ſah ſie mich, als ſie mich zuerſt erblickte, ver⸗ wirrt an; ich gewahrte, daß ſie ſich zu ſammeln und ſich mein Kommen klar zu machen ſuchte. Ich ſollte keine Gemüthsbewegung verrathen, hatte der Arzt dictirt, aber als ich ihre lieben Augen mit ſo fremdem Blick auf mich gerichtet ſah, konnte ich meine Thränen nicht zurückhalten. Um ſie zu verbergen, kniete ich am Bett nieder und ſenkte den Kopf in die Kiſſen; mir war in dem Augenblicke zu Muth, als ſei ich ſchon jetzt allein in der Welt, als gehöre ich zu Niemand mehr 126 und Niemand zu mir, als habe ſich die Mutter während meines Fortſeins von mir abgewendet, ganz ihren Todten zu. Ihre Stimme aber löſte den Bann. „Du biſt es, liebe Margarethe“, ſagte ſie ſchwach; „ich dachte— ich wußte nicht— ich dachte, ich ſei es ſelber, mein Jugendbild ſei es, welches mir ankündi⸗ gen wollte, daß ich nun gehen müſſe. Aber Du biſt es, das iſt gut.“.. Sie ſchwieg und ſchloß die Augen; der Arzt, welcher zugegen geweſen war, nickte zufrieden.„Gut“, ſagte er,„und nun, mein Fräulein, ſeien Sie am Platze!“ Damit gab er mir einige Anordnungen für die Nacht. Die Nacht kam und verging, ebenſo die folgende, ohne daß ſich im Zuſtand meiner Mutter eine merk⸗ liche Veränderung gezeigt hätte; ſie lag ſtill und ver⸗ rieth keine Theilnahme an dem, was um ſie vorging. Ich ſaß meiſt an ihrem Bette; trotz aller Ermüdung der Reiſe ſchlief ich wenig, und in den Stunden der kurzen Raſt ließen mich die ſeltſamſten Träume nicht eigentlich ruhen; alle die Verſtorbenen der Familie ſchienen ſich das Wort gegeben zu haben, mich heim⸗ zuſuchen, um ſich ſelbſt untereinander und mit den Lebenden zu vermiſchen. Und das Wachen war kaum weniger ein Traum: die Pflege der Mutter erheiſchte nur einfache Dienſtleiſtungen; die Pünttlichkeit und die 120 Ruhe, womit dieſelben zu verrichten waren, mußten be⸗ ſonders mein Augenmerk ſein. Und wenn ich ſo mit einer einfachen Arbeit oder häufig mit müßigen Hän⸗ den in dem großen Lehnſtuhl der Mutter an ihrem Lager ſaß, wenn das Licht nur gedämpft durch die Vorhänge drang und mit ihm die milde Herbſtluft durch das oben leichtgeöffnete Fenſter, dann mußte ich mich oft zuſammennehmen, um mir bewußt zu bleiben, daß ich wache und daß Alles Wirklichkeit ſei. Die Sorge war verſchwunden, die Aufmerkſamkeit auf das Befinden meiner Kranken, auf das kleinſte Symptom des Leidens oder der Beſſerung ſchloß den Gedanken an ihren möglichen Tod ganz aus: ſie war krank— weiter dachte ich nicht. Mein Leben in den letzten Monaten ſchien weit hinter mir zu liegen, wie eine bunte Ferne; die Erklärung Forſter's hatte, wie eine glänzende Lufterſcheinung zuweilen thut, welche zu ſchnell wieder verſchwindet, alle Kraft der Wirklichkeit verloren, ich glaubte kaum, daß ich ſie erlebt. Und nun gar mein Streben nach Wiedererlangung unſeres Erbgutes, meine beſtimmten Pläne, mein Dich⸗ ten und Trachten nach Genugthuung erſchienen mir wie ein Märchen, Schloß Günthershofen wie ein Feen⸗ palaſt der Tauſend und eine Nacht. Noch einige Tage des Wachens und der ſorg⸗ 128 ſamſten Pflege, und die Mutter war außer Gefahr, einer Gefahr, deren Größe ich jetzt erſt erfuhr; die Fiebernebel wichen von ihren Augen und ſie ſchaute mich mit Bewußtſein an. Nun erſt begrüßte ſie mich auf das liebevollſte; ſie fragte mit ſanfter, leiſer Stimme und wurde nicht müde, mir zuzuhören; wenn ich durch das Zimmer ging, folgte ſie mir mit den Blicken, ſie ſchien ſich über mein Ausſehen zu freuen. Ich er⸗ zählte ihr meine Erlebniſſe in England aufs genaueſte; auch von Forſter ſprach ich und in einer ſtillen Abend⸗ ſtunde deutete ich der Mutter an, was zwiſchen uns vorgefallen war. Sie begnügte ſich mit den wenigen Worten, die ich darüber ſagte, da ſie merken konnte, daß ich ſein Werben nicht ermuthigt hatte; mir ſchien es, als ſei ſie froh über dieſen Ausgang der Sache. Die Mutter erholte ſich nur langſam; an ein Wiederfortgehen meinerſeits war nicht zu denken, da ihr eine große Schwäche zurückgeblieben war und ich ſie kaum auf Augenblicke verlaſſen mochte. So kam ein ſtiller Winter heran, deſſen ich mich jetzt als faſt der eigenthümlichſten Zeit meines Lebens erinnere, der es an einem eigenen, traumhaften Reize nicht gebrach. Der Schnee fiel früh und ungewöhnlich tief; wochen⸗ lang leuchtete die ſeltſame Helle deſſelben in unſere kleinen Fenſter hinein. Und ſtill, wie es draußen war, da die Schuljugend des Städtchens ihre Schneeball⸗ kämpfe meiſt weit von unſerm abgelegenen Hauſe aus⸗ focht, ſo ſtill war es drinnen bei uns. Die Mutter bevölkerte dieſe Einſamkeit für mich mit mannichfachen Geſtalten; das Eis war gebrochen, welches früher ihre Vergangenheit gleichſam umſtarrt hatte; ſie ſprach jetzt von ihrer Kindheit, ihrem Hofleben und ihrer Ehe und ich verſenkte mich mit ganzer Seele in die Zeiten, welche ſie heraufbeſchwor. Das Haus ver⸗ ließ ich ſelten und nur wenn mich die Mutter ge⸗ wiſſermaßen dazu zwang.„Du ſiehſt bleich aus, Ma⸗ garethe, und Deine Augen werden immer größer“, ſagte ſie einmal;„Du wirſt zu ernſthaft; eine alte, weltmüde Frau taugt nicht als einziger Umgang für ein junges Mädchen. Geh zu Pfarrers, zu Amt⸗ manns; die Kinder dort muſiciren und tanzen zu⸗ ſammen und ſehen friſch und vergnügt aus.“ Ich bat die Mutter flehentlich, mich nicht unter die Leute zu ſchicken; ich ſei tauſendmal glücklicher und zufriedener zu Hauſe bei ihr; ſie wiſſe ja, daß ich als Kind ſchon nicht mit den andern geſpielt habe. Sie ſchüttelte den Kopf und meinte:„Es iſt unnatürlich; ich bereue jetzt, Dich früher von den Mädchen Deines Alters hier fern gehalten zu haben, ſodaß Du jetzt ihrem Umgang keinen Geſtlinad ab⸗ Junghans, Verfloſſene Stunden. 130 gewinnen kannſt. Sie ſagten mir freilich damals wenig zu, aber eine oder die andere war doch wohl darunter, die Dir eine liebe Freundin hätte werden können.“ Ich wunderte mich, als ich die Mutter ſo ſprechen hörte, noch mehr aber, da ſie fortfuhr:„Es geht mir ans Herz, Kind, daß Du bei einer alten Frau, in einem Landſtädtchen verkümmern mußt. Du gehörſt in die große Welt; Deine unter Mangel und Kummer verlebte Jugend hat Dir doch das nicht nehmen können, was Dich vor hundert andern auszeichnen würde; ja, mein Kind, Du ſiehſt aus wie eine geborene Freifrau von Günthershofen.“ Ein Todesſchreck durchfuhr mich bei den letzten Worten.„Liebe Mutter, was willſt Du?“ fragte ich verwirrt. Sie beachtete meinen Einwurf nicht.„Du wirſt Dich wahrſcheinlich nicht verheirathen“, fuhr ſie fort,„und das thut mir ebenfalls weh; ich wünſche zwar nicht, daß Du die Gattin eines Bürglichen würdeſt, und auch dazu wirſt Du wohl kaum Gelegen⸗ heit finden, aber—“ „Aber, liebe Mutter, das thut nichts“, fiel ich ein.„Ich verſichere Dir, ich möchte nie anders leben, als wir es jetzt thun, ich kann mir keinen behaglichern, wünſchenswerthern Zuſtand denken und bin ganz zu⸗ frieden.“ 131 Die Mutter ſchüttelte den Kopf. aber ſie ſchwieg; zuweilen bemerkte ich, wie ihre Augen mit Sorge auf mir ruhten, ſie mochte an die Zeit denken, wo ſie nicht mehr da ſein würde. Ich aber lebte nur in der Gegen⸗ wart oder vielmehr in der Vergangenheit, welche in dieſer ſtillen Zeit ſo mächtig über mich geworden war, ich war froh, wenn nichts mich von meinen Träumereien abzog. Einige Monate mochten nach meiner Rückkehr ver⸗ floſſen ſein, als eines Tages die Mutter einen Brief von einem alten Rechtsfreunde erhielt, der mit meinem Vater in Verbindung geſtanden hatte. Derſelbe theilte ihr mit, es habe ſich Jemand bei ihm nach dem jetzigen Aufenthaltsort der Frau von Günthershofen⸗Erbrück erkundigt, da er eine ſchon ſehr alte Schuld zu tilgen wünſche, wozu ihn ſeine Verhältniſſe erſt jetzt ermäch⸗ tigten. Namen und Wohnort des Mannes waren ge⸗ nannt, ich habe beide vergeſſen; ſie waren damals der Mutter und mir gleich unbekannt. Der letztern fiel die Sache nicht auf, da ſie wußte, daß mein Vater durch ſeine weitläufige Oekonomie in Verbindung mit Land⸗ wirthen und Kaufleuten geſtanden und manchem weſent⸗ liche Dienſte geleiſtet hatte. Der alte Advocat theilte uns ferner mit, daß wir nach Erfüllung einiger Förmlichkeiten das Geld, eine ziemlich bedeutende Summe, in Em⸗ 9* 132 pfang nehmen könnten, und ſo traf es denn binnen kurzer Zeit auch ein, mir beſonders hoch willkommen, da nun ſo manches zur Pflege der Mutter Dienliche bequem beſtritten werden konnte. Sogar ein Bade⸗ aufenthalt für den Sommer wurde geplant und wir ſahen dem kommenden Frühling ruhig und friedlich entgegen. Obgleich in unſern traulichen Plaudereien eine ferne Vergangenheit des Hauptthema bildete, hatte meine Mutter des verhängnißvollen Proceſſes mit keinem Worte wieder gedacht und auch ich hatte über meine Verſuche, meine Unterredungen mit Forſter, erſt wegen der Schwäche der Mutter, ſpäter, weil ich ſie dadurch zu verſtimmen fürchtete, geſchwiegen; der Name des Herrn Bardolph war nicht einmal zwiſchen uns genannt worden. Die Ruhe aber, die wir ſo gern um uns erhielten und in der wir alles Störende fern zu halten ſuchten, ſollte gar bald unterbrochen werden. Es war an einem der lauen Tage, wo die Früh⸗ lingsſonne mit ſtetiger Milde die ſchneegetränkte Erde erwärmt. Ich kam von einem kleinen Gange durch die noch braunen Felder zurück, einige grüne Blättchen und friſche Halme in der Hand, als Boten an die Mutter von dem Frühling, der nun wirklich da war; den eigenen Geruch der erneuten Erde hatte 133 ich mit Entzücken eingeſogen, hatte mir eben ge⸗ ſagt, daß man von der Erde eigentlich kein anderes Glück brauche als das Genießen ihrer Erſcheinungen in den verſchiedenen Zeiten des Jahres, das köſtlich friſche Wiedererwachen im Frühling, die Fülle des Lebens, die Macht der Sonne im Sommer, die Klar⸗ heit, die Milde, den Früchteſegen eines ſchönen Herbſtes und die heimliche Ruhe im Winter— da ſollte ich mich bald überzeugen, wie das Menſchenleben uns doch ſo leicht nicht losläßt, an wie vielfachen Fäden es uns hält. Da ſtand das Schickſal an der Thür, in Geſtalt des Poſtboten freilich nur, und ich hielt einen Brief in der Hand, an Fräulein von Günthers⸗ hofen gerichtet. Ich kannte die Schrift der Adreſſe nicht; wer mochte an mich ſchreiben außer den eng⸗ liſchen Freunden, von denen der Brief augenſcheinlich nicht kam? Eine Vermuthung, die ich ſogleich als toll verwarf, zurückdrängend, trat ich in das Gärtchen am Hauſe, in die kahle Laube, und riß das Couvert aus⸗ einander. Ja, doch— es wahr wirklich wahr! Das Schreiben begann mit„Liebe Couſine!“ und war unterſchrieben:„Bardolph von Günthershofen.“ Er wollte mir alſo ſagen, daß er keine Indicien gefunden, daß Alles beim Alten ſei und bleiben werde. Ich hielt inne, nachdem ich die erſten Worte geleſen, mein Herz 134 klopfte ſtürmiſch— wo war die Ruhe hin, in welche ich mich ſeit Monaten hineingelebt? Nein, ich wollte nicht zittern vor irgend etwas, das mir noch be⸗ gegnen konnte, und hier, was fürchtete ich eigentlich? Hatte ich nicht alle Hoffnung längſt aufgegeben? Lag nicht auch der Mutter jeder Gedanke an eine Aenderung in unſerm Schickſal fern? Wie konnte mich alſo eine neue Beſtätigung des längſt Gewußten erregen? Nach⸗ dem ich mich beruhigt zu haben glaubte, las ich den Brief und las ihn wieder und wieder und rieb mir die Augen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Dann ging ich hinauf zur Mutter, zeigte ihr meine grünen Blättchen, plauderte mit ihr, las ihr vor und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit der Hand über die Stirn, weil mir war, als umziehe ſie ein Nebelgebilde. Nachdem die Mutter zur Ruhe gegangen, ſetzte ich mich aufs Sopha, zog die Lampe dicht vor mich und nahm den Brief aus der Taſche; aber nein, ſo fiel das Licht zu grell auf denſelben, ich ſtand wieder auf und holte einen Schirm, ſchob die Lampe fort und legte das Blatt ſo beſchattet vor mich hin. Da fiel mir ein, die Magd könnte mich ſtören; ich erhob mich von neuem und verriegelte die Thür, dann ſetzte ich mich, bezwang meine fiebernde Unruhe und las. Der ſeltſame Brief lautete folgendermaßen: 135 „Liebe Couſine! Als wir uns in Schottland trafen, verſprach ich Ihnen, nach meiner Rückkehr auf Schloß Günthers⸗ hofen eine genaue Nachforſchung mit Bezug auf irgend⸗ welche Papiere anzuſtellen, die mit dem Rechtsſtreit zwiſchen unſern Familien in Verbindung ſtänden, und Ihnen ſo bald als möglich von meinem Erfolge zu berichten. Dieſem Verſprechen komme ich hiermit nach. Ich begab mich, ſobald ich mich zu Hauſe oder viel⸗ mehr in Günthershofen eingerichtet hatte, an jedem Morgen nach dem Bibliothekzimmer, welches wir, da es alle unſere Familie angehenden Papiere enthält, das Archiv nennen. Hier unterzog ich Alles der ge⸗ naueſten Durchſicht. Ich. fand die verſchiedenen Ur⸗ kunden, Beſcheinigungen, Erlaſſe, Correſpondenzen alle in guter Ordnung; jedes einzelne Document ging durch meine Hände. Nachdem ich ſie alle vergebens durchſucht, wendete ich mich zu den alten Schränken ſelber, in welchen ſie enthalten geweſen, da ich Grund hatte, ein geheimes Fach zu vermuthen; ich ging dann die Bibliothek durch, durchblätterte ein jedes Buch, aber ebenfalls ohne zu finden, was ich ſuchte. Ihnen muß ich es geſtehen, mit der Erfolgloſigkeit meiner Be⸗ mühungen wurde das Mißtrauen gegen unſere Sache in mir rege. Es war auffallend, daß ſich von einem eeeirhatet rehe 136 langen Rechtsſtreit kein einziges Document, daß ſich unter den Quittungen nicht die Koſtenberechnung eines Advocaten, noch mehr, daß ſich unter den Briefen, die ich alle durchging, kein einziger fand, in dem ein Wort über jene Vorfälle zu leſen geweſen wäre; ich fing an, eine Vernichtung gewiſſer Papiere zu argwöhnen. Wie die Sache ſich aber auch verhielt und wie ſehr ich meinet⸗ und Ihrethalben eine Aufklärung gewünſcht hätte, ich hatte kein Recht, die Ehre meiner Aeltern Ihnen gegen⸗ über bloßzuſtellen, indem ich meinem Argwohn Worte gab, und ſo verſchob ich es von Tag zu Tag, Ihnen das unbefriedigende Reſultat mitzutheilen. Sie werden ſich vielleicht wundern, daß ich ſo ganz ohne meine Mutter handelte, doch liegt die Er⸗ klärung nahe. War ſie nun ſo feſt überzeugt von der Rechtlichkeit unſerer Anſprüche wie ich es geweſen war, oder war ſie Mitwiſſerin eines ſchlimmen Geheimniſſes, im einen wie im andern Falle würde ſie meine Zweifel als abenteuerliche Ideen verworfen haben. Ich nahm mir jedoch vor, mir von ihr die ganze Sache noch einmal erzählen zu laſſen. Den günſtigen Augen⸗ blick dazu glaubte ich gekommen, als ich mich eines Abends in ihren Zimmern befand; ich ſtellte einige Fragen, unſer Geſpräch wurde aber plötzlich durch ein heftiges Unwohlſein meiner Mutter unterbrochen. Die 137 Kammerjungfer eilte in das Nebenzimmer, um aus einer Schatulle der Mutter die Tropfen zu holen, deren ſie ſich in ſolchen Fällen bedient; das Mädchen konnte das Fach nicht öffnen, ich eilte ihr zu Hülfe und da hatten wir das Unglück, die Schatulle umzu⸗ werfen. Dadurch war eine in das Holz feſt einge⸗ fügte Klappe anfgeſprungen und verſchiedene Paquete mit Papieren zum Vorſchein gekommen— ein eigen⸗ thümlicher Zufall, nicht wahr, mein Fräulein? Ein Blick auf eins derſelben erfüllte mich mit ſolchem In⸗ tereſſe, daß ich meiner Mutter, ſobald dieſelbe einiger⸗ maßen wieder zu ſich gekommen war, meine Abſicht zu erkennen gab, die Sachen auf meinem Zimmer einer genauen Durchſicht zu unterwerfen. Ich will Sie mit weitern Einzelnheiten verſchonen, mein Fräulein, und erlaube mir nur noch, Ihnen mitzutheilen, daß Ihre Frau Mutter die rechtmäßige Beſitzerin von Günthershofen und Erbrück, meine Familie und ich aber Betrüger ſind. Da ich jedoch dieſen Charakter bisher ohne mein Wiſſen, ohne meine Schuld ge⸗ tragen und nicht jetzt als Erbtitel von meinem Vater mit Wiſſen und Willen überkommen möchte, ſo ver⸗ zichte ich meinerſeits vollſtändig auf den Nießbrauch der Ihnen zugehörigen Güter und habe auch meinen Entſchluß meiner Mutter und den Herren von Er⸗ 138 brück zu wiſſen gethan. Bei ihnen nun finde ich die⸗ ſelbe Bereitwilligkeit, ſich des ungerechten Gutes zu entledigen, nicht vor, wie ja auch zu erwarten ſtand; ſie wollen den Preis eines unter der Ehrloſigkeit zu⸗ gebrachten Lebens nicht leichten Kaufs hergeben. Ihrer Frau Mutter, mein Fräulein, rathe ich aber nun dringend den Rechtsweg an; ausgerüſtet mit den Papieren, welche ich gefunden und die ich Ihnen ſelbſt überbringen werde, iſt der Erfolg nicht zu be⸗ zweifeln. Es wäre jedoch auch möglich, daß Ihre Frau Mutter einen Vergleich wünſchte, zu dem ſich meine Mutter und die von Erbrück im Bewußtſein der Un⸗ haltbarkeit ihrer Sache gewiß herbeilaſſen werden, ſo⸗ bald ſie ſehen, daß es mir mit der Ueberlieferung der Papiere an Sie Ernſt iſt; ſie ſcheinen es bis jetzt noch nicht zu glauben.— Was ich bei all dieſen Vorgängen fühle, mein Fräulein, brauche ich wohl nicht auszu⸗ drücken, meine Handlungsweiſe mag für mich Zeugniß ablegen. Verſichern Sie Ihre edle Mutter meiner tiefſten Ehrerbietung, welche ſie aber, wie ich leider fürchten muß, als von dem Mitglied einer ruch⸗ loſen und ihr verhaßten Familie kommend, mit Verach⸗ tung von ſich weiſen wird. Verzeihen Sie, mein Fräu⸗ lein, daß ich Sie am Anfang des Briefes meine Cou⸗ ſine genannt habe; ich hätte eine ohnedies ſehr ent⸗ 139 fernte Verwandtſchaft im Augenblicke ſolcher Ent⸗ hüllungen nicht betonen ſollen.“— So ſchrieb der Freiherr. Es wäre vergeblich, ſchildern zu wollen, was ich bei dieſen Aufſchlüſſen empfand; ſoviel nur iſt mir noch jetzt klar, daß ich die Tragweite derſelben in Bezug auf uns, die Ver⸗ änderung, die zuns bevorſtand, nicht faſſen konnte und wenig bedachte; ich beſchäftigte mich vorzugsweiſe mit der Handlungsweiſe des Freiherrn, ſeinem Opfer, ſeinem Zuſtande dabei. Süße Thränen weinte ich da⸗ rüber, daß ein Menſch ſo großartig uneigennützig denken und handeln konnte; daß dieſer Menſch jetzt lebte, daß ich ihn kannte, daß das Alles nicht eine kalte That der Vergangenheit, ein Vorfall aus Büchern, ſondern Wirklichkeit war, entzückte mich. Die Lampe war trübe geworden; ich ſchloß die Augen, ein jedes Wort des Briefes war meinem Ge⸗ dächtniß gegenwärtig, ich ſah ſogar die Schriftzüge im Geiſte vor mir. Wie ſchnitt mir der herbe Ton der letzten Worte ins Herz, wie jammerte mich der ſtolze Edelmann, an dem jetzt das Gefühl der Schande nagte, welcher er ſein Haupt beugte. Ich kannte ihn, ſo ſehr ich mich bemüht hatte, eihn zu verkennen, ich wußte, wie ihn die Entdeckung niedergeſchmettert haben mußte. Und was ließ ſich Alles zwiſchen den 140 Zeilen leſen, welche widerliche Scenen mit der Mutter, mit dem böſen, herzloſen Weibe mochten ſtattgefunden, welcher Feſtigkeit mochte er bedurft haben, um ſeine Abſicht aufrecht zu erhalten. Aber was ſollte nun geſchehen? Jetzt erſt dachte ich an die nächſten Maß⸗ regeln, dachte ich mir aus, wie ich der Mutter morgen vorbereitend mein Zuſammentreffen mit dem Freiherrn erzählen oder vielmehr geſtehen wollte und ich mußte fürchten, die bisherige Verheimlichung deſſelben würde ſie ſchmerzen. Die Nacht, während welcher kein Schlaf in meine Augen kam, wollte nicht enden; ich ſehnte den Morgen herbei, vor dem ich doch zitterte, und ſagte mir hundertmal die Worte vor, mit denen ich mein Geſtändniß bei der Mutter beginnen wollte. Neuntes Kapitel. Die Mutter wußte nun Alles. Ich hatte ihr alle meine innern und äußern Erlebniſſe in England dar⸗ gelegt, ſie hatte geſehen, wie durch ihre Erzählung der Funken geworfen worden war, welcher jetzt zur Flamme neuen bittern Streites ſich entfachen ſollte, ſie konnte mir, da ſie die ganze Wahrheit erfuhr, nicht zürnen. Dann hatte ich ihr, als eine Folge des vom Freiherrn gegebenen Verſprechens, ſeinen Brief vorgelegt. Der⸗ ſelbe machte weniger Eindruck auf ſie, als ich erwartet hatte; ſie ſchien kaum zu glauben, daß eine günſtige Wendung der Dinge jetzt noch eintreten könnte, ſchien die ganze Sachlage kaum zu begreifen. „Das wäre er zu thun fähig, der Sohn des elen⸗ deſten der Menſchen und eines feilen Weibes? Er wäre ſo ganz aus der Art geſchlagen, daß er ſeine betrüge⸗ 142 riſche Sippſchaft ſelber an den Pranger ſtellen wollte, ohne Ausſicht auf Gewinn, ja mit bedeutendem Ver⸗ luſte auch für ſich? Und wäre er's— ſoll ich mein Eigenthum gleichſam als ein Geſchenk annehmen, wel⸗ ches ich ſeiner Großmuth verdanke?— Nein, Marga⸗ rethe, ich vermag dies Alles nicht zu faſſen“, ſagte ſie dann wieder. Wie hätte er gegen ſeine Mutter auf⸗ kommen können, wie will er es noch? Wie eine Tigerin den Raub, wird ſie Alles feſthalten wollen, was ihr den Beſitz ſichern kann. Und was ſind es für Docu⸗ mente, die er gefunden? Werden ſie vor Gericht ge⸗ nügen, um das ganze, niederträchtige Gewebe von Fälſchungen aufdecken zu können? Es muß eine Cor⸗ reſpondenz zwiſchen dem alten Freiherrn und ſeinen vertrauteſten Helfershelfern ſein, und warum wäre die nicht ſogleich vernichtet worden? Iſt es denkbar, daß Jemand die ſchlagendſten Beweiſe einer entehrenden Schuld ſorgfältig aufbewahrt für ſeine Ankläger? Nein, Kind, der Brief kommt mir wie ein Blendwerk oder wie eine grauſame Spielerei vor.“ So erging ſich die Mutter in Zweifeln und Fragen, die immer mehr zu bittern Anklagen gegen die Familie ddees Freiherrn wurden. Ich ſtellte ihr vergebens meine Anſichten, meine Auslegungen und Erklärungen ent⸗ gegen, und was konnte ich auch ſagen? Ich konnte den 143 Stand der Dinge nur aus einer Quelle, aus der fremdartigen Hochherzigkeit unſeres Verwandten her⸗ leiten, und zu meinem Glauben ſchüttelte die Mutter bitter den Kopf; ſie war alt und kummergehärtet, ſie hoffte und glaubte nicht leicht mehr. „Aber was ſoll geſchehen, liebe Mutter?“ fragte ich endlich.„Das iſt doch immerhin eine Art Geſchäfts⸗ brief, welcher wenigſtens eine Antwort erfordert.“ „Schreibe Du“, entgegnete ſie;„danke ihm für ſeine Handlungsweiſe, wenn Du willſt, ſage aber auch, wie ſehr ich über dieſelbe betroffen geweſen, und bitte um nähere Auseinanderſetzung. Was es für Papiere ſind, die er gefunden hat, möchte ich wiſſen, ehe ich mich zu weitern Schritten entſchließe.“ Ich ſchrieb und las der Mutter meine Antwort vor.„Nein, Margarethe“, rief ſie,„zerreiße das! Welcher Ton der unbegrenzten Dankbarkeit! Was fällt Dir ein, Kind? Will er wirklich wieder gut machen, was ſeine Aeltern verbrochen, nun, was thut er da mehr, als was jeder Ehrenmann an ſeiner Stelle thun würde? Erzeigt er uns etwa eine Wohlthat? Sind wir Bettler, die er unperdient beſchenkt? Nein, meine Tochter, Du biſt noch zu jung, um die Welt zu verſtehen; ich hoffe wenigſtens, daß er Deiner Jugend zuzuſchreiben iſt, dieſer Mangel, den Du noch oft zeigſt, an dem, was 144 den Adel auszeichnen ſollte und auszuzeichnen pflegte, die innere und äußere Ruhe gegenüber ſelbſt dem Un⸗ erwarteten, das kühle Herankommenlaſſen der Dinge⸗ der durch Leidenſchaft unbeirrte Blick!“ War er der guten Mutter wohl geblieben, digſer durch Haß wie durch Liebe, durch Furcht wie durch Dankbarkeit unbeirrte Blick? So dachte ich, zum erſten Mal in meinem Leben mich innerlich gegen meine treuſte Freundin auflehnend. Sie ſah mir an, daß ich bei mir ſelbſt widerſprach, und mit einem flüchtigen Lächeln ſagte ſie in einem leichten Tone, der aber keinen Wider⸗ ſpruch mehr aufkommen ließ, wie ſie ihn zuweilen an⸗ nehmen konnte: „Komm, ma fille, ſchreibe, ich will dictiren.“ „In Deinem Namen, liebe Mutter?“ fragte ich ſcheu.. „Ja, wenn Du nicht für meine Worte einſtehen magſt, ſchreibe nur meinen Namen darunter.“ So ſchrieb ich denn eine kühle, geſchäftlich klin⸗ gende Antwort auf den Brief des Freiherrn, in welcher die Mutter mit wenigen Worten ihre Verpflichtung gegen ihn anerkannte, falls er wirklich geſonnen ſei, das Unrecht, welches ſeine Verwandten begangen, wie⸗ der gut zu machen, aber auch nicht verfehlte, ihre, wie mich dünkte, beleidigende Verwunderung über ſeinen Ent⸗ 145 ſchluß zu betonen, und dann um genauere Auskunft über den Fund bat. Ich konnte das Schreiben nicht ſo gehen laſſen. Heimlich verſchaffte ich mir Gelegenheit, ein paar Worte hinzuzufügen.„Verzeihen Sie meiner Mutter ihre Kälte“, ſchrieb ich;„bedenken Sie, wie lange ſie unglück⸗ lich geweſen iſt! Sie glaubt Ihnen noch nicht, ich aber glaube Ihnen Alles und habe Ihnen ſchon tauſendmal im Stillen abgebeten, daß ich Sie früher verkannt habe. Wenn ſich auch unüberwindliche Schwierigkeiten dem Siege unſerer Sache entgegenſtellen— und die ahne ich faſt, ich kann an keinen guten Ausgang glau⸗ ben— ſo will ich Ihnen doch bis an mein Lebensende danken für das, was Sie thun wollten und ſchon ge⸗ than haben. Verzeihen Sie mir!“ Der Brief ging ab, meine Nachſ chrift blieb unentdeckt, aber ſie beſchwerte mir das Gewiſſen; ich brauchte meiner Mutter ſo ſelten etwas zu verheimlichen und fühlte mich, wenn ich es that, ſtets dadurch erniedrigt. Es hatte ſich bei mir eine Art Cavalierehrgefühl aus⸗ gebildet, deſſen moraliſ cher Werth zweifelhaft ſein mochte. Wir erwarteten nun von Tag zu Tage Antwort vom Freiherrn. Je länger ſie ausblieb, deſto mehr fühlte ſich die Mutter in ihren Zweifeln gerechtfertigt. „Vielleicht hat unſer edler Vetter gedacht, wir würden Junghans, Verfloſſene Stunden. 10 146 ihn an Großmuth übertreffen und ſein Anerbieten zurückweiſen“, ſagte ſie.„Wir beiden mitleidigen Frauen mochten denken, er würde durch ſeine beiſpielloſe Auf⸗ opferung an den Bettelſtab gebracht, und das nicht übers Herz bringen können, wir konnten uns erbieten, in unſerer Dürftigkeit, die uns durch lange Gewohn⸗ heit doch hätte lieb und theuer werden müſſen, zu ver⸗ bleiben. So hat er vielleicht calculirt. Aber ich weiß, daß er in Lievland bedeutend begütert iſt, er hat dort den Oheim beerbt, von dem er uns ſprach; die Ein⸗ künfte von Günthershofen bezieht, glaub' ich, ſeine Mutter allein.“ Je länger das Schweigen unſeres Verwandten währte, deſto weniger konnte ich den Beſchuldigungen meiner Mutter entgegenſetzen; ſie erbitterten mich aber, ich war weit entfernt, ihr Glauben zu ſchenken, ich hielt die alte Frau für ungerecht und unmäßig hart. Sie hatte auch wirklich die Weichheit, die nach ihrer Krank⸗ heit über ſie gekommen ſchien, jetzt ganz wieder abge⸗ ſtreift unter den Erinnerungen, welche der Brief des Freiherrn in ihr wach rief. Und ich, zum erſten Male in meinem Leben machte ich jetzt an mir die Erfahrung, ddaß ich mit vollem Bewußtſein von den Anſichten der Mutter abwich. Im Stillen widerſprach ich ihr heftig, im Geſpräch wurde dieſer Widerſpruch freilich nur 147 zur ſchüchternen Einwendung, aber ich hielt ihn doch aufrecht. Mit mir war überhaupt, wie ich mit Schrecken bemerkte, Vieles ganz anders geworden; ich dachte und dachte und kam dabei oft zu nahezu wunderlichen Reſul⸗ taten. So fiel es mir einmal ein, darüber zu ſpecu⸗ liren, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn— es konnte ja dergleichen einmal ſpäter ſich ereignen— wenn meine Neigung auf Jemand fiele, der vor den Augen meiner ſtrengen Mutter keine Gnade fände. Würde ich mich ihr unterwerfen, entſagen und leiden? Ich konnte zu keinem Ergebniß kommen, vielleicht hatte ich nicht den Muth, meine Schlüſſe mit der gehörigen Conſequenz zu ziehen, und hinterher tadelte ich mich bitter über dieſe rebelliſchen Gedanken. Der Frühling, welcher ſich ſo lieblich angekündigt hatte, kam mit Stürmen; der laue Wind brauſte über die noch kahlen Felder, der Himmel war trübe und tief verhangen, es war alles Andere eher als ſchönes Wetter bei uns. Ich aber liebte dieſe Zeit, ich hatte meine Freude an dem feuchten Lebensathem, an dem Ungeſtüm im Werden, ich fühlte auf einmal die größte Sehnſucht nach draußen und wäre gern weit und breit herumgeſtreift, wenn mich die Sorge um die Mutter nicht an das Haus gebannt hätte. Aber von Zeit zu Zeit, gewöhnlich in der Dämmerung, ſchlüpfte 10* 148 ich hinaus. Unſer Häuschen lehnte ſich an die Stadt⸗ mauer; auf der andern Seite deſſelben floß ein Bach, von Weiden eingefaßt, deren eine Reihe zwiſchen dem Wäſſerchen und der alten grünbewachſenen Mauer eine Art bedeckten Gang bildete. Jetzt waren ſie freilich noch faſt kahl, der Boden war feucht und ſchlüpfrig, das Waſſer regentrübe, aber ich gewann dem heim⸗ lichen Plätzchen auf einmal großen Geſchmack ab, ich ſog mit Entzücken die feuchte Luft deſſelben ein, ich ließ mir den warmen, ungeſtümen Wind, der unter den Weidenzweigen herfuhr, um die Stirn wehen und ſchaute, an die Mauer gelehnt, durch die Stämmchen nach dem Horizont, wo ſich die ſchweren Wolkenſchichten die den übrigen Himmel bedeckten, wie Couliſſen weg⸗ geſchoben und einen blendenden weißgrauen Strei, freigelaſſen hatten, auf den die dunkle Decke von oben hineinhing, wie Haar auf eine niedrige Stirn. So wenigſtens ſah es aus an einem Abend im März. Ich hatte lange ruhig geſtanden und mit einer Art von ſchwermüthigem Behagen auf das von der fernen Helle ſeltſam beleuchtete flache Land geblickt; nun bog ich um die Mauer herum, zum Stadtthore hinein und ging nach dem Hauſe. Ehe ich wieder in das enge Zimmer zurückkehrte, wollte ich noch einmal einen tie⸗ fen Athemzug aus der Frühlingsluft thun; ich öffnete die niedrige hölzerne Gitterthür und trat in das Gärtchen am Hauſe, auf einen Hügel zu, der ſich faſt bis zur Höhe der Stadtmauer erhob und um den dieſe eine niedere Bruſtwehr bildete. Während ich da ſtand, tönten Schritte auf dem Kies, mit Befremden ſah ich im Umwenden eine hohe, dunkle Geſtalt auf mich zu kommen. Der Mann trat dicht zu mir und grüßte— es war der Freiherr.„Sie hier?“ rief ich erſtaunt, indem ich ihm die Hand reichte. Er hielt die meine feſt und küßte ſie. „Sie wünſchen meine Mutter zu ſehen?“ fragte ich nach einigen Augenblicken, da er ſchwieg und noch immer meine Hand hielt; dabei wollte ich mich los⸗ machen und ihm vorangehen. Er hielt mich zurüc. „Nein, Margarethe“, ſagte er haſtig— ich fuhr zuſammen, da er mich beim Namen nannte—„nein, ich kann nicht vor Ihrer Mutter ſtehen, wenigſtens in dieſem Augenblicke nicht. Sie hat Recht gehabt— ich habe Sie mit falſcher Hoffnung erfüllt, habe Sie ſchnöde betrogen!“ Ich ſah ihn entſetzt an, ich wollte auf ſeinem Ge⸗ ſicht die Beſtätigung ſeiner Worte leſen. Er war bleich, ſeine Augen, die ich ſonſt für hell gehalten hatte, ſchienen faſt ſchwarz und mir war, als fühle ich ſie auf meiner Stirn brennen. 150 „Laſſen Sie uns einige Augenblicke hier bleiben“, bat er;„ich will Ihnen Alles erzählen, Sie hahen ge⸗ ſagt, daß Sie mir glauben.“ „Und ich werde Ihnen immer glauben, in Allem, was Sie mir ſagen“, entgegnete ich ihm. „Gott ſegne Sie dafür, Margarethe; aber woher kommt Ihnen dies Vertrauen zu mir? Wer ſagt Ihnen, daß ich Sie nicht betrüge?“ „Sie betrügen!“ rief ich unwillkürlich.„Nein, ich bin überzeugt, daß Sie es gut meinen, o, mehr als gut meinen, daß Sie Recht und Wahrheit mehr lieben als Beſitz; ich habe nun einmal dieſe Gewißheit ſund ſie ſcheint um ſo feſter, je mehr ich mich früher bemüht habe, Ihnen zu mißtrauen.“ „Sie ſind ein Kind, Margarethe— aber ein Kind, das ich anbeten könnte“, fügte er leiſer hinzu,„und dann haben Sie wieder die Klugheit und Energie eines Mannes. Aber hören Sie! O, ich hätte nicht gedacht“, unterbrach er ſich ſchmerzlich,„daß ich ſo wie ein geſtändiger Verbrecher je würde dazuſtehen haben!“ „Aber Sie haben kein Unrecht begangen“, nahm ich ungeduldig das Wort.„Reden Sie! Hatten Sie ſich getäuſcht über jene Papiere, waren dieſelben doch nicht 151 ſo wichtig, wie Sie geglaubt hatten? Nein? Nun, dann hat man Sie Ihnen entwendet. Ihre Mutter—“ „Ha, Sie kennen die vortreffliche Frau, wie ich merke“, ſagte er bitter.„Ja, ich, in verbrecheriſchem Leichtſinn, in elender Leichtgläubigkeit, hatte mich wieder, zum hundertſten Male, von ihr täuſchen laſſen. Als ſie ſah, daß ich nicht von meiner thörichten Reſtitutionsidee, wie ſie's nannte, abzubringen war, ergab ſie ſich mit wehmüthiger Reſignation darein, Schloß Günthershofen zu verlaſſen. Aber damit beſtach ſie mich noch nicht. Sie hatte gehofft, ich werde mich erweichen laſſen; als ich feſt blieb, wurde ſie krank. Mit ſchwacher Stimme bat ſie mich, ſie wenigſtens auf dem Schloſſe ſterben zu laſſen; lange werde ſie den neuen Beſitzern ja nicht im Wege ſein. Ich zuckte die Achſeln— ja, Kind, das that ich— und fuhr un— beirrt mit meinen Vorbereitungen zu unſerer Ueberſied⸗ lung nach Lievland fort. Ich hatte dabei natürlich viel in der nahen Stadt zu thun und ritt oft hinein; einmal blieb ich ſogar über Nacht dort. Alles war nachgerade ſo weit geordnet, daß ich den Tag meiner Reiſe zu Ihnen feſtſetzen konnte; es drängte mich, die entſcheidenden Papiere in Ihre Hände zu legen. Ich bewahrte dieſelben in meinem Schreibtiſch unter dop⸗ peltem Verſchluß, in meinem Zimmer, welches nur 152 mein mir ergebener Diener zu betreten pflegte und zu dem ich den Schlüſſel in jener Zeit ſtets bei mir trug. Lächerlich nutzloſe Vorſicht! Ich hätte bedenken ſollen, daß im Schloſſe Günthershofen von jeher auf Schloß und Riegel nicht zu bauen geweſen! Als ich am Abend vor dem Tage, der zur Abreiſe beſtimmt war, vor meinem Schreibtiſch ſitzend und mit einem Gefühl der Erleichterung Fach für Fach öffnend, an das innerſte gekommen war, in dem ich die Documente verborgen hatte, fand ich dieſelben nicht vor. Soll ich Ihnen mein fieberhaftes Suchen, die Wuth und Angſt, die mich befiel, ſchildern? Erlaſſen Sie es mir. Ich ging zur Mutter, die an jenem Tage zuerſt wieder das Bett verlaſſen hatte; ſie mochte mich erwarten. Ich wollte die Thür hinter mir verſchließen, der Schlüſſel fehlte, der Riegel bewegte ſich nicht, Alles war vorgeſehen. Als ich vor ſie hintrat, blitzte der Triumph aus ihren Augen, zum erſten Mal zeigte ſie ſich mir wahrhaft dämoniſch. Sie mögen ermeſſen, was ich bei der ſchrecklichen Scene litt, wenn ich Ihnen ſage, daß ſie mir zu verſtehen gab, ſie wiſſe wohl, daß ſie auch nach meinem innerſten Wunſch gehandelt, indem ſie jene Papiere verbrannt habe— ja armes Kind, ſie waren vernichtet— ich könne nun wieder aufhören, den Tugend⸗ haften zu ſpielen, meinte ſie. Ich hätte ſie tödten 153 können, ich faßte ihr Handgelenk, als ſie nach dem Kamin zeigte, in dem ich noch das verkohlte Papier zu ſehen glaubte, und preßte es, daß ſie aufſchrie, aber als ich losließ, lachte ſie höhniſch, nannte mich einen Thoren und ſagte mir noch einige Wahrheiten, für die ich ihr Dank weiß. Und nun laſſen Sie mich wiſſen, was Sie von mir halten.“ Mir war unheimlich geworden bei ſeinem haſtigen Sprechen, ſeinem ſchlimmen Lachen, zugleich aber fühlte ich das innigſte Mitleid mit ihm. Der Verluſt, von welchem er ſprach, machte in jenem Augenblicke wenig Eindruck auf mich, hatte ich doch den Beſitz mir noch nie recht vergegenwärtigen können. Ich ſagte ihm das mit einfachen Worten, weil ich ihn beruhigen wollte.„Der Vorfall iſt nicht ſo ſchlimm, als Sie ihn auffaſſen, Herr Freiherr“, ſprach ich zu ihm.„Sie müſſen beden⸗ ken, daß wir uns eigentlich wenig Rechnung auf eine günſtige Wendung der Dinge gemacht hatten; weder die Mutter, das glaube ich behaupten zu dürfen, noch auch ich werden daher das, was Sie mir erzählt haben, als ein Unglück fühlen. Ihre edle Abſicht bleibt uns zu einer Art Beruhigung; ich für meinen Theil laſſe mir für jetzt gern damit genügen, daß unſer Recht von dem Hauptrepräſentanten der Gegner anerkannt wird und daß dieſer, ich bin es überzeugt, ſeine Anerkennung 154 deſſelben bethätigen wird, ſobald er dazu die Frei⸗ heit hat.“ Der Freiherr ſtand mit untergeſchlagenen Armen vor mir und ſah mich an, ich glaube aber kaum, daß er mir zuhörte; erſt als ich ſchwieg, ſchien er zu mer⸗ ken, daß ich geſprochen hatte. Ich wiederholte daher meine Gründe für das Unnöthige ſeiner Selbſtanklage. Er ſchüttelte den Kopf. „Sie ſind unerfahren, Margarethe, beſcheiden, ge⸗ nügſam, vergebend, ach, Sie ſind zu gut! Ihre Mutter wird anders über mich denken. Aber das muß ich einſtweilen ertragen, ich weiß, daß ich einen guten An⸗ walt an Ihnen habe. Ich gehe jetzt außer Landes, ſobald ich die Abtretungsurkunde von Schloß Günthers⸗ hofen mit ſeinen liegenden Gründen an Sie in aller Form ausgefertigt und bei einem Notar, den ich Ihnen bezeichnen werde, niedergelegt habe, für den Fall, daß mir etwas zuſtieße. Sie werden dann nach dem Tode meiner Mutter das Schloß ſogleich in Beſitz nehmen können. Sie könnten dies ſchon jetzt, in wenigen Wochen, aber ich bezweifle, daß Ihre Frau Mutter ſich dazu verſtehen würde, auch möchte ich Sie, ich muß es geſtehen, nicht in der Nähe der jetzigen Bewohnerin wiſſen. Erbrück bleibt Ihnen natürlich durch meine Schuld verloren.“ —— —— 155 „Aber weſſen klagen Sie ſich eigentlich an?“ fragte ich.„Wie konnten Sie die Papiere beſſer verwahren als in einem verſchloſſenen Schreibpult in Ihrem Zimmer?“ „Ich hätte ſie gleich einem Rechtskundigen über⸗ liefern oder Ihnen zukommen laſſen ſollen“, entgegnete er;„ich unterließ es während einiger vorbereitenden Geſchäfte meinerſeits, weil ich mich ſelber in gewiſſer Hinſicht als Ihren Anwalt, Ihren Stellvertreter anſah.“ „Noch eine Frage, der Mutter wegen, welche die⸗ ſelbe zu ſtellen wünſchte: was waren es eigentlich für Papiere, die Sie gefunden hatten?“ Der Freiherr athmete ſchwer, es koſtete ihm An⸗ ſtrengung, mir zu antworten.„Es befanden ſich dar⸗ unter“, ſagte er endlich leiſe,„Briefe des Fürſten an meine Mutter, welche die Umriſſe des ganzen Plans, Sie von Ihren Gütern und aus dem Lande zu trei⸗ ben, enthielten. Bei der Vertraulichkeit, welche zwiſchen beiden herrſchte, kam da Allerlei zur Sprache, was vollſtändig genügt haben würde, Ihre Sache zu retten. Aber das war nicht Alles. Die Duplicate der gefälſchten Correſpondenz zwiſchen Ihrer Großmutter und dem Baron dCElange, jenes Hauptbeweiſes gegen Sie, waren da, vielleicht als Curioſum aufbewahrt; meine Mutter muß aus einer Art teufliſcher Freude 156 an dem ganzen Handel die compromittirenden Papiere vor der Vernichtung bewahrt haben, anders kann ich mir ihre Exiſtenz nicht erklären. Wir haben hier ange⸗ nehme Familienangelegenheiten durchzuſprechen, nicht wahr, Couſine?“ Er brach ab und wir ſchwiegen einige Augenblicke. Es war ganz dunkel geworden; jetzt erſt dachte ich mit Schrecken daran, wie unruhig die Mutter mich erwar⸗ ten mochte.„Kommen Sie mit zu meiner Mutter“, ſagte ich,„ſie wird ſich um mich ängſtigen.“ „Ja, und ich habe Sie hier in Dunkelheit und Kälte und Näſſe zurückgehalten! Sie werden krank werden. Ich habe Ihnen noch nie Anderes als Uebles zugefügt. Gehen Sie, erzählen Sie Ihrer Mutter Alles, Sie wird Ihnen oder vielmehr mir nicht glau⸗ ben; ſagen Sie ihr dann, daß ſie ſich bei“— er nannte einen Notar in einer benachbarten größern Stadt—„er⸗ kundigen möge. Vielleicht auch wird ſie niemals das ihr Angehörige unter einer Form in Beſitz nehmen wollen, welche für eine Schenkung angeſehen werden könnte. Nun, nous verrons! Vertrauen wir dem Glück ein ganz klein wenig, Margarethe! Leben Sie wohl!“ „Sie wollen fort?“ rief ich ängſtlich. 8 „Ja, und ich werde Sie nun in Jahr und Tag nicht wiederſehen, ma petite cousine!“ Er faßte meine — —₰ 157 beiden Hände; ich konnte ſeinen plötzlich leichten Ton, indem er ſich über ſich ſelber luſtig zu machen ſchien, nicht begreifen.„Sie ſind eine kleine Zaubrerin. Sie haben die Laſt von mir genommen, mit der ich vor Sie hintrat, mir iſt jetzt, als werde ſich noch Alles zum Guten löſen; Ihnen muß man beichten, wenn einem die Abſolution nützen ſoll.“ Er blieb noch immer ſtehen; mit meinen Händen in den ſeinen drehte er ſich jetzt um und ſah nach dem Hauſe, nach den kleinen erleuchteten Fenſtern des Wohnzimmers. „Dort hinten hauſen Sie— ſchon Jahre lang? Nun, Schloß Günthershofen hat etwas höhere Fenſter und Sie werden im Park ein wenig mehr Raum haben, ſich zu ergehen, als in dieſem Jrrgarten. Aber ich muß nun fort, kommen Sie.“ Er geleitete mich bis zur Hausthür; ich fand nichts mehr zu erwidern.„Adieu, ma cousine“, ſagte er endlich, neigte den Kopf und küßte mich auf die Stirn, dann ging er. Ich aber— da ſtand ich in der dunkeln Haus⸗ flur und Alles, was ich in dieſer Unterredung, die für mein eintöniges Leben ein Ereigniß war, gehört und erfahren, ſtürmte verwirrend auf mich ein; ich empfand eine tiefe Traurigkeit, die unerklärliche Laune des 158 Freiherrn bei ſeinen letzten Worten hatte verfehlt, mich anzuſtecken. Rathlos und niedergeſchlagen ſetzte ich mich auf die Treppenſtufen— wie ſollte ich vor die Mutter treten und ihr das Alles erzählen? Ich fühlte, daß ich es nicht konnte. Da hörte ich oben ihre Schritte, ſie hatte die Hausthür ſchließen hören und wollte in ihrer Angſt um mich herabkommen. Ich ſprang in die Höhe und eilte hinauf; in der Thür ſtand die Mutter und empfing mich in ihren Armen, ſo erfreut war ſie, mich wieder zu haben, ich aber, überwältigt durch dieſen ſeltenen Ausbruch mütterlicher Sorge und bedrückt durch ein unbeſtimmtes Gefühl, daß ich die⸗ ſelbe in dieſem Augenblicke gar nicht verdiene, lehnte den Kopf an ihre Schulter und brach in heiße Thränen aus. Die Mutter gerieth darüber in die größte Be⸗ ſtürzung. „Um Gotteswillen, Margarethe, mein Kind, was fehlt Dir, was iſt Dir widerfahren? Sprich doch, was kann Dir begegnet ſein?“ Ich ſah die Nothwendigkeit ein, meine noch immer leidende Mutter ſogleich zu beruhigen, und ſo entledigte ich mich denn ſo raſch wie möglich meiner ſeltſamen Erzählung. Ich ſagte der Mutter, wie ich den Frei⸗ herrn vor dem Hauſe getroffen, wie er lieber mir als ihr die unglückliche Wendung der Dinge habe mittheilen àA Ah 159 8 .** wollen, ich legte dieſelbe dar, ſo gut ich vermochte, und wiederholte die Selbſtanklagen des Herrn von Gün⸗ thershofen, ich ſprach von der uns zugedachten Wieder⸗ erſtattung. Auch diesmal hatte ich mich getäuſcht mit meiner Vorausſetzung darüber, wie die Mutter dies Alles aufnehmen würde; ſie ſchien kaum überraſcht, ja faſt wie befriedigt und ſchenkte der Erzählung des Freiherrn unbedingten Glauben. „Ja, das iſt ſie, daran erkenne ich ſie“, warf ſie ein, während ich ſprach; ſie lächelte, als ich geendet. „Das klingt wie ein Kapitel aus einem Roman, nicht wahr?“ ſagte ſie.„Aber ich fühle die Wahrheit heraus. Der arme Vetter! Beſſer hätte er von unſerm Rechte nicht überzeugt werden können, auch wenn er jene Briefe nie geleſen hätte, als durch dies charakteriſtiſche Vorgehen ſeiner vortrefflichen Mutter.“ * Auch in Bezug auf die Abtretung des Beſitzes ſprach die Mutter anders, als ich erwartet hatte.„Ich werde nicht mehr lange bei Dir ſein, mein Kind“, ſagte ſie,„und es iſt gut, daß Du nicht allein und zugleich bettelarm in der Welt daſtehen wirſt. Das Schloß iſt allerdings nur ein Theil des uns zukom⸗ menden Beſitzes, aber wenn es dem Freiherrn Ernſt iſt mit der Reſtitution, ſo nimm ſie an. Er iſt ja ohne daſſelbe reich genug; wir wollen es als ein Ge⸗ 3 160 ſchenk von Gott anſehen, dem es einſt gefiel, uns Alles zu nehmen, und dem es jetzt gefällt, uns einen Theil wiederzuerſtatten.“ Weiter wurde zwiſchen uns von der gewaltigen Veränderung, die nun in unſerm Leben eintreten konnte, nicht geredet, und auch unſern Gedanken vermochte ſie keine neue Richtung zu geben. Ich wenigſtens empfand keinerlei Genugthuung darüber; noch nie war ich ſo niedergeſchlagen, ſo hoffnungslos traurig geweſen, als ich es nach jenem Abend wurde. Von den wenigen Bekannten, die ich im Städtchen beſaß, zog ich mich infolge dieſer Stimmung ganz zurück; Tage und Wochen lang ſah ich kaum einen Menſchen außer mei⸗ ner Mutter und der Magd. Ich pflegte gegen Abend erſt hinauszugehen, am liebſten unter die Weiden bei der Stadtmauer, und dann allemal, ehe ich ins Zim⸗ mer zurückkehrte, erſt auf jenen erhöhten Platz im Gar⸗ ten. Dort ſtand ich eine Weile, nahm den Hut ab und ließ mir die laue Abendluft durch das Haar wehen. Tönten einmal draußen auf der Straße Schritte, ſo ſchrak ich zuſammen und konnte mein Zittern eine Zeit lang kaum bemeiſtern. Blicke ich jetzt, nach Jahren, auf jenen Zuſtand zurück, ſo muß ich allemal meinem Geſchick danken, daß es die Keime, welche ſich damals in mir zeigten⸗ 16¹1 nicht zur Reife kommen ließ. Meinen geiſtigen Thä⸗ tigkeiten fehlte das Gleichgewicht, und hätten die Um⸗ ſtände fortgefahren, einige ſo ſehr auf Koſten der an⸗ dern zu begünſtigen, ſo wäre ich eine excentriſche, trüb⸗ ſinnige Einſiedlerin geworden. Fürs erſte zerriß das Schickſal das Gewebe meiner müßigen Träumereien, indem es den Gedanken einen wirklichen Gegenſtand unterſchob, und zwar durch einen Brief von Lucy. Ich hatte deren ſchon viele gehabt; ſie ſchrieb mir mit der größten Regelmäßigkeit und ich antwortete ebenſo. Bedeutenden Inhalts pflegten dieſe Documente im Gan⸗ zen nicht zu ſein; es waren Berichte über beiderſei⸗ tiges Befinden und ſtets fand ſich darin der Wunſch nach einem baldigen Wiederſehen ausgeſprochen. Dies⸗ mal war Lucy's Schreiben länger als gewöhnlich und die erſte Nachricht, die ſie mir mit lebhaften Worten mittheilte, war, daß der Freiherr ſich im Hauſe ihrer Aeltern befinde. Sie erzählte dann, wie gut man ſich amüſire, wie viele Land⸗ und Waſſerfahrten man mache, daß bei ſchlechtem Wetter im Hauſe deutſch ge⸗ leſen werde, und wie ſehr ſie mich zu dem Allem herbei⸗ wünſche, obgleich ich, wie ſie ſich erinnere, meinem Vetter damals nicht beſonders hold geweſen ſei.„Wären Sie aber jetzt hier“, meinte ſie weiter,„ſo würde die Fehde zwiſchen Ihnen wohl aufhören, ſo liebenswürdig iſt Junghans, Verfloſſene Stunden. 41 162 der Freiherr; Sie würden ihm nicht widerſtehen kön⸗ nen. Uns alle erhält er in guter Laune, ſogar der Bär Forſter— dies Epitheton führte der Juriſt bei dem luſtigen Mädchen ſchon lange— ſogar er, der ſeit Ihrer Abreiſe, um mit John zu reden, ſtets ein Geſicht wie ein Leichenſtein gemacht hat, fängt langſam an auf⸗ zuthauen. Was uns ärgert, iſt, daß er lange, geheim⸗ nißvolle Privatunterredungen mit dem Freiherrn hält, während welcher wir uns langweilen müſſ mn; es, wird dabei, wie man allgemein behauptet, nf Jaen ge⸗ ſprochen. Sie müſſen kommen, unſere Minerva, Miß Mentor, wie Papa Sie nennt, und Ihrem Landsmann den verlorenen Seelenfrieden wiederbringan, Pe 1 alle ſind darin einig, daß er denſelben in Ihret Ver⸗ wahrung gelaſſen hat.“ Jetzt wußte ich plötzlich, warum ich uglRa war; durch dieſen Brief mit ſeinem ſchonungsloſen Uebermuth errang ich mir eine Klarheit, von der ich damals glaubte, ſie ſei das einzige Gut, auf welches ich im Leben noch Anſpruch zu machen habe. Ich ge⸗ wann den Muth, mir einzugeſtehen, daß der Freiherr längſt alle meine Gedanken erfüllte, und philoſophirte ſehr weiſe darüber, ob dies wohl die Liebe ſei, von der die Dichter ſeit alten Zeiten ſingen, von deren Kunde die Weltgeſchichte voll iſt. Faſt zweifelte ich 163 daran, denn jene Liebe, das hatte ich in Büchern ge⸗ leſen, verlangte ungeſtüm nach Beſitz, und ich bildete mir ein, daß ich mich darauf freue, Herrn Bardolph als Gemahl Lucy's zu ſehen, weil er dann glücklich ſein würde. Das erſtickende Gefühl, was mich allemal überkam, wenn ich mir dachte, wie er ſie in ſeine Arme nehmen und ihr ſchöner blonder Kopf an ſeiner Bruſt ruhen würde, nannte ich Schwäche und hoffte es mit der Zeit zu überwinden. Nachdem ich einigermaßen mit mir ſelber fertig geworden war, blieb mir noch eine Pflicht zu erfüllen: ich ſchrieb an Forſter und bat ihn um Verzeihung, daß ich ihm damals nicht gleich mit Beſtimmtheit geantwortet habe.„Sie ließen mir freilich wenig Zeit dazu“, ſagte ich ihm;„Sie wollten keine Antwort, aber ich würde Ihnen dennoch eine ge⸗ geben haben, wenn ich ſchon damals mit mir ſelbſt im Klaren geweſen wäre, wie ich es jetzt bin. Und warum ſollte ich Ihnen nicht den Grund meiner Ablehnung Ihres ehrenden Antrags ſagen? Mich dünkt, Sie ha⸗ ben ein Recht darauf, ihn zu wiſſen. Beſonders aber drängt es mich zu dem Geſtändniß, was ich Ihnen machen will, weil es mir ſcheint, als müßten Sie aus demſelben eine Art Troſt ſchöpfen können, wenn anders ich wirklich das Unglück habe, Ihnen Schmerz zu be⸗ reiten. Ich liebe einen edlen, vortrefflichen Mann, 11* 164 der von meiner Neigung nichts weiß und nie davon erfahren wird. Es koſtet mich keine Scheu, keine Ver⸗ legenheit, Ihnen dies zu ſagen; jenes Gefühl iſt ohne mein Zuthun in mir entſtanden, es wird mich nicht hindern, der Verbindung des ſo ſehr Geliebten mit einer Andern mit dem einzigen Wunſche zuzuſehen, daß beide glücklich werden mögen. Und das Letztere wünſche ich Ihnen auch und bin überzeugt, Sie werden noch finden, was Sie ſuchen.“ Auch Lucy antwortete ich; wider meinen Willen wurde der Brief gegen den ihrigen etwas kalt und karg. Wochen vergingen, ohne daß ich Antwort erhielt; die Grays waren jetzt auf ihrer Herbſtreiſe und wahr⸗ ſcheinlich hatten meine Briefe ihre Adreſſen noch gar nicht erreicht. Ich liebte es, mit einer Art trauriger Genugthuung mir die fröhlichen Scenen auf jener Reiſe, die Gruppen glücklicher Menſchen auszumalen; an dem Abglanz jenes Glückes wollte ich mich auch erwärmen, an den ſchrägen, matten Strahlen, die von weither zu mir herüberſchoſſen; aber ſie gaben ein gar kaltes Licht. Mit dem ſcheidenden Sommer verſchlimmerte ſich der Zuſtand meiner Mutter auch wieder, das Leiden, von dem ſie lange ſchon nie ganz frei geweſen, trat heftiger auf und machte ſie immer mehr mit dem Ge⸗ . 165 danken an einen baldigen Tod vertraut. Sie fürchtete ihn nicht, ſie hatte ſich jahrelang das Sterben, in dem ſie eine Wiedervereinigung mit ihren geliebten Todten ſah, leiſe herbeigeſehnt; ſie trauerte aber um mich, die ſo ganz allein zurückbleiben ſollte. Wir hatten jetzt oft, wenn es der Zuſtand der Mutter zuließ, lange Geſpräche mit einander; zuerſt eigentlich in meinem Leben gab ſie mir Gelegenheit, meine Ideen und Mei⸗ nungen über ſo Manches auszuſprechen, wovon ich früher vor ihr nicht zu reden gewagt. Sie hörte mich dabei mit einer faſt ängſtlichen, forſchenden Aufmerk⸗ ſamkeit an, die ich mir nicht recht erklären konnte. Ich ſprach aber gern, meine Hand auf ihren Knieen und ihr von Zeit zu Zeit in das liebe Antlitz mit den noch immer ſchönen Augen blickend, während ſie die Worte von meinen Lippen zu trinken ſchien.„Gott ſei Dank, Margarethe“, ſagte ſie einſt, während eines ſolchen Zwiegeſprächs, tief aufathmend,„daß Du gewor⸗ den biſt, wie ich Dich jetzt kennen lerne. Mir verdankſt Du es nicht— ich habe Dich vernachläſſigt, habe in mei⸗ nem egoiſtiſchen Kummer das arme Kind ſich ſelbſt über⸗ laſſen; nein, verſuche nicht, mir zu widerſprechen, ich weiß, wie ſchwer ich gefehlt habe. Jahre ſind ver⸗ gangen, während welcher ich Dich kaum kannte, mich nicht um Dich kümmerte, da Du ſtündlich um mich 166 wareſt, jetzt werd' ich gewahr, was ich für eine Toch⸗ ter habe, aber Gott ſtraft mich gerecht, indem er mich nicht ernten läßt, wo ich nicht ſäete; Du biſt anfäe⸗ wachſen zur Freude und ich muß fort.“ „Mutter, ſprich nicht ſo!“ bat ich.„Du haſt noch gar Vieles zu erleben; Du ſollſt in Schloß Günthers⸗ hofen einziehen und die Margarethe als Schloßfräu⸗ lein ſehen.“ Die Mutter ſchüttelte ernſt mit dem Kopfe. „Ich kann nicht glauben, daß mir das zu Theil werden ſollte; ich könnte es auch nur um Deinetwillen wünſchen. Ich mag nicht noch einmal Reichthum und Rang auf meinen Schultern fühlen, ſie ſind zu ſchwach dazu. Als ich vor ſo vielen Jahren das Schloß ver⸗ ließ— es gehörte uns damals noch— da wurde es mir einen Moment lang ganz klar, daß ich es nie wieder betreten würde. Es gibt Menſchen, denen ein ſolches— Hellſehen möchte ich es nicht nennen, es iſt eine kurze Ueberzeugung, die man ſich ſpäter gehabt zu ha⸗ ben erinnert, ohne ſie noch zu beſitzen— ein⸗ oder zwei⸗ mal im Leben zu Theil wird; die ſeltſame Gabe iſt mehreren Gliedern meiner Familie eigen geweſen.“ Die Mutter ſchwieg ſinnend und in mir ging in jenem Augenblick etwas Seltſames vor; auch ich wußte plötzlich ganz genau, daß ich— aber nein, die Gewiß⸗ 167 heit, die mir wie etwas Fremdes, nicht in mir Entſtan⸗ denes ans Herz trat, war ſicher nur eine blendende Lüge. Die Mutter hob nun an, mir die Senſation jener momentanen Prophetengabe, die gleich nach ihrem Verſchwinden auch zu nichte werde, da man ſelber nicht an ſie glaube, zu beſchreiben; mir wurde bange, ich bat ſie, ſich nicht aufzuregen; die leuchtenden Augen, mit denen ſie wie in eine weite Ferne zu ſchauen ſchien, ſchnitten mir ins Herz; ſie ſah ſchon jetzt zuwei⸗ len aus, als gehöre ſie nicht mehr der Erde an.— Zu an⸗ dern Zeiten aber plauderten wir traulich; ich erzählte ihr von ſo manchem Eindruck, den ich, beſonders wäh⸗ rend meines Draußenſeins, empfangen, und die Mut⸗ ter neckte mich ſogar ſcherzend und meinte, ſo alt⸗ jüngferlich ich mich ſtelle, ſo wiſſe ſie beſſer, wie es eigentlich mit mir ſtehe. Ich erſchrak dann und fragte mich, ob ſie mein Geheimniß mit mütterlichem Scharfblick errathen habe, ich wollte ihr Alles geſtehen, aber ſtets hielt mich eine gewiſſe Bangigkeit ab. Wenn ich mich irrte, wenn das Geſtändniß meiner Abtrünnig⸗ keit ſie traf wie ein Donnerſchlag, wenn ſie mir viel⸗ leicht von neuem gebot zu haſſen! Was wußte ich, in⸗ wieweit das furchtbar ſtarke Gefühl in ihr ſich durch die letzten Ereigniſſe zu Gunſten des Freiherrn abge⸗ ſtumpft hatte! Und wäre es anders, billigte ſie, be⸗ 168 griff ſie auch nur meine Neigung, wozu ſie ihr ge⸗ ſtehen, da ſie unerwidert war; ſie mußte im beſten Falle ihren regen Stolz verwunden. So ſchwieg ich, bis es zu ſpät war, und es iſt lange Jahre ein bitte⸗ rer Schmerz für mich geweſen, zu der Neigung meines Herzens nicht den Segen melner Mutter empfangen zu haben. 3 7 3 Zehntes Kapitel. Eines Tages hatte uns der gute Pfarrer beſucht, wie er es von Zeit zu Zeit und ſeit der zunehmenden Schwäche der Mutter haufiger zu thun pflegte. Ich begleitete ihn nach meiner Gewohnheit hinaus vor die Thür.„Kommen Sie doch einmal mit in den Garten“, ſagte er, noch ehe dieſelbe geſchloſſen war, laut zu mir; „Sie haben da eine Roſe, von der ich mir einen Ab⸗ leger ausbitten möchte.“ Als wir vor den Roſenbäum⸗ chen ſtanden, meinte er lächelnd:„Eine Kriegsliſt wie dieſe hätten Sie mir wohl nicht zugetraut, aber ich mußte Sie auf einige Minuten allein ſprechen; Sie müſſen mir dieſelbe verzeihen.“ Auf meine verwunderte Frage berichtete er raſch: „Herr von Günthershofen hat an mich geſchrieben; er hat mir auseinandergeſetzt, wie Schloß Günthers⸗ 170 hofen und mit der Zeit factiſch in Ihren Beſitz über⸗ gehen werde. Es drückt ihn, Sie in Verhältniſſen zu wiſſen, die Ihrem Range und Vermögen ſo wenig an⸗ gemeſſen ſind; er ſchreibt mir, der Gedanke ſei ihm von Tag zu Tage unerträglicher geworden, daß Sie hier Beſchränkung leiden, während ſeine Mutter auf und von Ihrem Eigenthum lebe. Und er beſchwört mich, Sie zu bewegen, etwas von dem Ihren anzu⸗ nehmen.„Ich ſchüttelte heftig mit dem Kopfe. „Um Ihrer Mutter willen ſoll ich Sie bitten, welcher jede Stärkung, jede Bequemlichkeit zu verſchaffen ja Ihre Pflicht ſei.“ Der Pfarrer ſprach noch Manches, ſprach wärmer, je mehr er ſah, wie ich in meinem Widerſtande unſicher wurde, da ich daran dachte, wie oft mir das Herz weh gethan hatte, wenn ich für die Mutter dies oder jenes nicht erlangen konnte, weil ich zu arm war. Welches falſche Zartgefühl konnte mich abhalten, anzunehmen, was von dem beſten Manne ge⸗ boten wurde und was doch auch wirklich uns zukam? Ich ſchwieg in dieſen Gedanken und der gute Pfarrer wollte fortfahren, mich mit neuen Gründen zu über⸗ reden, da unterbrach ichihn.„Ja, ichwill, Herr Pfarrer“, ſagte ich abgewendet;„der Freiherr hat Recht, um der Mutter willen darf ich mich nicht weigern.“ „Recht ſo, mein Kind“, ſagte er und nahm meine — 171 beiden Hände;„aber laſſen Sie die Mutter nichts merken; ſie möchte die Sache anders auffaſſen und ſich gekränkt fühlen. Ich komme bald und ſtelle Ihnen die Sendung zu.“ Auch in ſeinem Glücke dachte er alſo an uns! Ach ja, er war gut und edel durch und durch; er verdiente alle Liebe, ein Jeder mußte ihm gut ſein, der ihn kannte. Dies war auch mit mir der Fall; daß er nichts davon wußte, was lag daran? Ich liebte ihn und ſchämte mich deſſen nicht. All mein Denken war nun bald nur meiner Mut⸗ ter zugewendet, deren Zuſtand ſich täglich verſchlim⸗ merte. Daß ſie bald ſterben würde, wußte ſie; ich wehrte mich innerlich gegen die Hoffnungsloſigkeit, die auch mich nach und nach überkam; wenn mich die liebe Kranke ſchonend und zärtlich vorbereiten wollte, ſuchte ich dem gefürchteten Thema mit krankhafter Angſt auszuweichen. Eines Abends ſaß ich am Bett, wäh⸗ rend draußen ein kalter Mondſchein über der herbſt⸗ lichen Welt lag; die Mutter hatte den Tag über große Schmerzen und von fiebernder Unruhe gelitten und war in der Dämmerung eingeſchlummert. Jetzt ſchlug ſie die Augen auf und ſah mich klar und voll an, ja ſie lächelte ſogar. „Es geht Dir beſſer, liebſte Mutter?“ fragte ich, indem ich mich über ſie beugte. 140 .„Ja, mein Kind, die Schmerzen ſind vorüber; ich glaube nicht, daß ſie wiederkommen werden bis— nein, komm Margarethe, nicht mehr dies thörichte Zu⸗ ſammenzucken; was nützt es, ſich der Wahrheit ver⸗ ſchließen zu wollen? Ich muß meine Zeit benutzen, ſie iſt gar koſtbar für mich geworden.“ Sie hielt, ſchon erſchöpft, inne; ich reichte ihr, in⸗ dem ich die Thränen mühſam unterdrückte, auf ihren Wink zu trinken; dann fuhr ſie, häufig ermattet ſtockend, mit ſtetigem Entſchluſſe fort, während ich ſie nicht zu unterbrechen wagte, und ſprach von der Zeit, wo ich allein ſein würde. „Es iſt beſſer, wir beſprechen zuſammen, was Dir nach meinem Tode geziemen wird zu thun, liebe Tochter“, ſagte ſie;„Du wirſt ohne Verwandte, ohne Schutz da⸗ ſtehen unter eigenthümlichen Verhältniſſen. Der Frei⸗ herr wird Dir nach dem, was vorgefallen iſt, gewiß Schloß Günthershofen zur Wohnung anbieten; ich möchte von Dir hören, wie Du über Deine Zukunft zu entſcheiden gedenkſt. Sei ſtark, meine Tochter! Ich weiß, ich verlange viel, aber Du biſt Deiner ſterbenden Mutter den Kampf mit dieſen Thränen ſchuldig; laß mich wiſſen, ſoweit dies Menſchen vorherbeſtimmen können, was aus Dir werden wird, damit ich beruhigt hinübergehen kann.“ —-——— 173 Ja, die Mutter verlangte viel; noch in ihren letzten Stunden ſchien in ihrem Weſen jene Vornehmheit, jenes ruhig, ſelbſtverſtändlich Gebietende durch, was ſie ſtets ausgezeichnet hatte. Ich ſollte meinen unſaglich bittern Jammer hinunterſchlucken, ſollte mich des Gefühls, daß ich ſie beſaß, daß ſie doch noch bei mir war, be⸗ rauben, in den letzten Augenblicken vielleicht, in denen es mich noch auf Erden beglücken konnte. Ich that es ich dachte an die Zeit, die ſo troſtlos öde vor mir lag, die Zeit, in der ich, gleichſam mit allen Wurzeln aus dem Boden geriſſen, heimatlos und ganz, ganz allein ſein würde. Die Mutter fragte wieder: „Willſt Du mit ſeiner Mutter auf Schloß Günthers⸗ hofen wohnen?“ „Nein“, rief ich heftig,„nein, nein! Ach Mutter, kann ich denn nicht hier bleiben, in dieſen Zimmern, wo Du und ich zuſammen waren—“ „Hier bleiben, ganz allein? Nein, mein Kind; ver⸗ ſprich mir, das nicht zu thun— ich bitte Dich, ich befehle es Dir, auch wenn Dir die Mittel dazu geboten würden. Ich habe Dich in der letzten Zeit beob⸗ achtet, das Alleinſein hat Gefahr für Dich. Höre meinen Rath, meinen Wunſch! Gehe nach England zurück; ich bin gewiß, man wird Dich liebevoll auf⸗ nehmen. Es iſt ja auch nur für einige Jahre; glättet * 174 ſich ſpäter die Angelegenheit mit dem Freiherrn, wird Günthershofen einmal durch den Tod ſeiner Mutter frei, ſo biſt Du in den Stand geſetzt, zu leben, wo und wie es Dir gefällt, Du wirſt unabhängig ſein. Ich danke Gott, mein Kind, daß es ſo gekommen iſt.“ Wir ſprachen danach wenig mehr; die Mutter nahm meine Hand, ich blieb lange unbeweglich, wäh⸗ rend es endlich todtenſtill im Zimmer geworden war. Noch einmal gelang es mir, alles Andere zu vergeſſen und nur zu wiſſen, daß ich bei meiner Mutter ſei und ihre warme Hand die meine halte. Am nächſten Morgen war ich allein, die theure Geſtalt lag noch da, aber ſie gehörte mir nicht mehr— geheimnißvoll hatte ſich in der Stille der Nacht etwas derſelben entwunden, war mir entflohen— ich kam mir wie betrogen, wie hintergangen vor. Thränen fand ich da nicht, ich ſaß ganz ſtill; einmal berührte ich das Kopfkiſſen, um es noch mechaniſch zu glätten, ich fuhr zurück, es war eiskalt. Ich konnte, was vorgegangen war, nicht faſſen: geſtern Abend hatten von dieſem Munde noch Worte an mein Ohr geklungen, jetzt war er unbewegt. Erſt leiſe, dann immer heftiger ſagte ich wiederholt: „Mutter, ſprich, ſprich, Mutter, noch einmal, noch ein Wort!“ Ich küßte ihre Hand, hauchte darauf, hielt ſie zwiſchen meinen Händen und rieb ſie ſanft; einmal 175 ſchien mir's, als ſei ſie wieder warm, in erſtickender Bewegung ſchaute ich nach dem Antlitz und erkannte meinen Irrthum. Da fiel mir ein, daß man Todten die Augen ſchließe; mit zitternden Fingern berührte ich ihre kalten, ſchweren Lider, und damit, mit dem Bewußtſein, daß ich der Mutter nun den letzten Dienſt erwieſen, kam erſt Leben in meinen Schmerz— mit einem Jammerruf warf ich mich neben dem ſtillen Lager nieder. Elftes Kapitel. „Herbſt iſt es nun, Stürme des Meeres, die wollen nicht ruhn!“ So hatten wir in der rührenden Klage der ſchönen Ingeborg geleſen. Jetzt wurden wir ſtill, die beiden jungen Mädchen, denen ich die Frithjofs⸗ ſage zum erſten Male vorführte, waren ergriffen von den eben gehörten Worten und ſchauten beide ſinnend ins Feuer, welches vor uns im Kamine brannte. Alles ſtimmte zu behaglicher Ruhe in meinem Zimmer, wo ich jetzt, nicht mehr wie früher in der„Schulſtube“, meinen nun erwachſenen Schülerinnen ihre deutſchen Stunden gab. Die Seſſel und das niedrige Kanapee, Teppiche, Vorhänge und die Tapeten der Wände waren dunkelfarbig, durch die Glasthür und über die Veranda hinaus ſah man auf den winterlichen Park und blickte von dem grauen, windgefegten Himmel nur um ſo lieber 177 zurück auf die warmen Farben des kleinen Raums und in die prächtig glühenden Kohlen. Lucy ſtand jetzt von ihrem niedrigen Sitze auf und ſchaute, die hohe Geſtalt leicht nach hinten gebogen, aus dem Fenſter, während ſie vor dem Feuer ſtehen blieb. Wie öft ſah ich ſie jetzt ſtill bewundernd an, ſie war gar ſo ſchön; in dieſem Augenblicke verkörperte ſie mir Ingeborg, ein Maler hätte ſich kein edleres und lieblicheres Vorbild für die königliche nordiſche Jungfrau denken können. Und nun richtete ſich neben Lucy eine Andere auf, umfaßte ſie leicht und blickte in den Spiegel, der dicht vor den beiden über dem Kaminſims ſich erhob. Da ſah ſie, wenig kleiner als die Lucy's, eine dunkle Ge⸗ ſtalt und ein bleiches Geſicht, welches, wie es ihr ſchien, die Jugendfriſche der Gefährtin nur mehr hervorhob, und wendete ſich leiſe ſeufzend ab. Solche Anwandlungen gekränkter Eitelkeit hatte ich je zuweilen neben der immer prächtiger erblühenden Lucy, nicht ohne daß ich mich ihrer ſtets geſchämt hätte, und das um ſo mehr, je enger ich in herzlicher Liebe und Anhänglichkeit mit der Familie Gray verbunden wurde. Sie hatten mich empfangen wie eine Tochter, die man längſt erwartet; mit dem Takte der Her⸗ zensgüte richtete Frau Gray Alles wie für einen be⸗ ſtändigen Aufenthalt um mich ein, ich ſollte das Haus Junghans, Verfloſſen e Stunden. 12 178 wie meine Heimat betrachten lernen. Von meinen Verhältniſſen hatte ich Einiges fallen laſſen, mehr ſchien die Dame, wie ich mir dachte, von dem Freiherrn er⸗ fahren zu haben; es war mir klar, daß man mich zwar für heimatlos, aber nicht für arm und von meiner Arbeit abhängig halte. Es kam mir vor, als überlaſſe man mir die wenigen Gouvernantenpflichten, welche der Unterricht der Töchter etwa noch forderte, nur um zu verhindern, daß ich mich für unnütz und überflüſſig im Hauſe halte; als ich aber nach einiger Zeit der Mutter meine Scrupel, länger als Erzieherin bei ihr zu fungi⸗ ren, eröffnete, da die jüngern Kinder eine Gouver⸗ nante hatten, bat ſie mich ſo inſtändig zu bleiben, wußte ſo viel von dem guten Einfluß zu ſagen, den ich auf die Mädchen haben ſollte, von ihrer aller Ge⸗ wöhnung an mich und dergleichen, daß ich mich auf eine Zeit lang wieder beruhigte. Ich hatte das Haus ziemlich ſtill gefunden bei meiner Rückkehr. John war in ſeinem erſten Semeſter zu O., wo er mit Forſter, der an der Univerſitäts⸗ bibliothek eine ehrende Anſtellung erhalten hatte, zu⸗ ſammen hauſte; Roger war auf Reiſen. Uns wurde indeſſen die Zeit nicht lang, wir gingen, ritten und fuhren umher, nähten und laſen und thaten, was jeder Tag verlangte; dabei wurde jedoch viel von den Ab⸗ 179 weſenden geſprochen und die Zeit leiſe herbeigeſehnt, da man wieder einmal zuſammenſein würde wie„da⸗ mals“, das hieß, den erſten Herbſt nach meiner Ankunft. Auch an jenem Nachmittage, da wir der zuneh⸗ menden Dunkelheit wegen unſer Buch zugeklappt hatten, kam die Rede auf jene Zeit; wir ſprachen von Forſter, rühmten ihn und tauſchten unſere Muthmaßungen über ſeine künftige Carrière aus, ob er ſich ganz in Eng⸗ land einleben, einen engliſchen Hausſtand gründen und dazu ein engliſches Weib nehmen, oder ob er, wenn eine Amneſtie, welche halb und halb erwartet wurde, eintreten ſollte, ſich der Heimat zuwenden würde. Mit dem den Engländern häufig eigenen Ernſt in klei⸗ nen Dingen wurden dieſe Möglichkeiten von den beiden jungen Geſchöpfen neben mir gründlich erörtert. Darüber, daß man wiſſe, er habe von mir eine Zurückweiſung erfahren und wie bleich und grämlich er danach um⸗ hergegangen ſei, hatte ich ſchon früher vertrauliche Mit⸗ theilungen entgegennehmen müſſen, jetzt meinte die kleine Blanche wieder:„Ach, wie haben Sie es auch nur thun können, Miß Margareth! Ein ſo guter Menſch! Ich würde es nicht übers Herz bringen, nein zu einem zu ſagen, wenn ich ſehen könnte, daß es ihn ſo ſehr kränken würde.“ 8 Ich war nicht aufgelegt, die Sache ernſt zu neh⸗ 12* 1 180 4 men und dem Kinde auseinander zu ſetzen, wie dieſes Nein unter Umſtänden die heilige Pflicht eines ehrlichen Mädchens ſei, wußte ich doch auch, daß ſie nicht ſo einfältig ſei, wie ſie ſich oft zu ſtellen liebte. Von der Schweſter wurde ſie wegen ihrer etwas weitgehenden Gutherzigkeit geneckt, und vielleicht um eine kleine Rache auszuüben, ſagte ſie leichthin:„Und wann kommt der Freiherr, Lucy? Hat er es Dir im letzten Briefe nicht mitgetheilt?“ Ich fühlte plötzlich die Nothwendigkeit, mich nie⸗ derzuſetzen; die Schwäche, welche ich weder vor noch nachher empfunden zu haben mich erinnere, mochte in den jüngſten traurigen Vorgängen zum Theil ihren Grund haben. Doch bemerkten die Mädchen nicht, daß Blanche, gegen ihren Willen, die Schweſter mit ihrer klei⸗ nen Malice weit weniger getroffen hatte als mich; Lucy hob den ſchönen blonden Kopf langſam in die Höhe und ſagte gleichmüthig:„Herr von Günthers⸗ hofen ſchrieb mir, wie Du weißt, vor einem Monat zuletzt aus Südfrankreich und meinte, es wäre mög⸗ lich, daß er Weihnachten bei uns zubrächte.“ „Und Du haſt ihn in Deiner Antwort gebeten, ſich durch nichts abhalten zu laſſen“, fuhr die ungezo⸗ gene Jüngere beharrlich fort. „Nein“, ſagte Lucy, die nicht aus der Faſſung ——— 40 181 zu bringen war, mit einem ſchalkhaften Ernſt, der ſie zum Entzücken kleidete,„nein, das würde ſich ſchlecht ſchicken; aber er weiß, daß wir uns alle freuen, wenn er kommt. Auch Sie haben Frieden gemacht, nicht wahr?“ fragte ſie mich, indem ſie ſich zu mir neigte und meine Hände zwiſchen ihre ſchlanken Finger nahm. „Gewiß“, erwiderte ich.„Und ſo iſt es Ihnen nicht unangenehm, hier mit ihm zuſammenzutreffen?“ Ich antwortete, indem ſich mir das Herz ſchmerzlich zuſammenzog, mir wurde bang bei der Ausſicht auf eine Zeit, da ich jeden Tag bittere Schmerzen zu leiden haben würde, ich fürchtete mich davor, wie man ſich vor dem Zahnweh fürchtet. Noch ſpät, als ich mich nach dem Abendeſſen auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, ſaß ich vor dem Feuer und ſuchte mir klar zu werden, ob es nicht zu feig für eine Günthershofen ſein würde, denn mein Geſchlecht legte mir, wie ich damals glaubte, noch ganz beſondere Verpflichtungen der Selbſtzucht auf, wenn ich all der Pein, die mir bevorſtand, auf gute Art zu ent⸗ kommen ſuchte. Die Aeltern von Frau Gray, zwei liebenswürdige, ſehr alte Leute, hatten mich wiederholt zu ſich eingeladen, ich konnte den durch meinen Verluſt ſehr gerechtfertigten Wunſch nach einer Ruhe ausſpre⸗ chen, die für die kommenden Wochen im Hauſe nicht zu erwarten ſtand, und dort, fern im Norden Englands, eine ſtille Feſtzeit verleben. Aber eins ließ ich bei die⸗ ſem Plane außer Acht, meine große Sehnſucht, den Freiherrn zu ſehen, und wäre es auch nur auf wenige Augenblicke jeden Tag, und ſeine liebe Stimme zu hören. Das Verlangen nach ihm wurde denn auch immer mächtiger, je näher die Zeit heranrückte, in welcher wir ſeine Ankunft erwarten durften, die er inzwiſchen mit Be⸗ ſtimmtheit angeſagt hatte; nach meiner damaligen ver⸗ ſchrobenen Art zu denken aber wurde gerade dies Ver⸗ langen der Beweggrund für mich, meinen Fluchtplan immer ernſtlicher ins Auge zu faſſen.„Es iſt eine Schwäche“— das war der Name, den ich gern jeder na⸗ türlichen Regung beilegte—„und ihr nicht nachzugeben biſt du dir ſchuldig“; ſo ſagte ich zu mir ſelber, und bedachte ich nun erſt, wie ich auch das fröhliche Geſicht John's und Roger's freundlichen Ernſt entbehren ſollte und all die vielen behaglichen Scenen des köſtlichen weihnachtlichen Familienlebens, ſo erſchien mir die Reiſe erſt recht als ein verdienſtlicher Act der Selbſtüber⸗ windung. Ich klopfte denn auch eines Tages an das Zim⸗ mer der Frau Gray, in der Abſicht, ihr meinen Wunſch mitzutheilen. Die liebe Frau ſaß am Schreibtiſch, be⸗ ſchäftigt mit der Expedition einer Anzahl jener Billets 183 haushaltlichen Inhalts, deren die engliſche Hausfrau ſo viele ſchreibt, da der nothwendige Verkehr mit dem Fleiſcher, Krämer und Gemüſehändler größtentheils ein ſchriftlicher iſt. Ihre anmuthige Erſcheinung iſt mir gerade von jenem Tage beſonders im Gedächtniß ge⸗ blieben. Die ſtattliche Höhe, das noch immer ſchöne und reiche, von vielen Silberfäden durchzogene Haar um ein liebenswürdiges, etwas ſcharfes Geſicht, dem man die frühere Schönheit anſah, die ſichern, ruhigen Bewegun⸗ gen, die gewinnende Art zu ſprechen, alles das machte ſie würdig und geſchickt, an der Spitze einer ſo harmo⸗ niſch entwickelten Familie zu ſtehen, als Gattin eines echten Gentlemans, als Mutter ſchöner, kräftiger und braver Söhne und Töchter. Sie ſah mir an, daß ich eine Unterredung wünſchte, und ſtand daher ſogleich auf, um ſich behaglich, auf Alles gefaßt, wie ſie lächelnd ſagte, am Feuer niederzulaſſen. „Nun, mein Kind, was haben Sie vor? Nichts Geringes, das kann man Ihnen abmerken.“ Als ich mein Anliegen vorgebracht und begründet hatte, ſchüttelte ſie den Kopf. 3 „Jetzt, in dieſer Jahreszeit dahinauf— Sie werden krank werden, und dann, geſetzt Sie kämen leidlich hin, dann die Weihnachtszeit in dem einſamen Hauſe verbringen, bei den Aeltern, die keine Einladungen 184 mehr annehmen und zu denen gewiß in dieſem Winter⸗ wetter auch kein Menſch kommt, da muß ja eine junge Seele wie Sie melancholiſch werden. Und nun erſt die Kinder hier! Was ſollen die Mädchen ohne Sie an⸗ fangen? Und die Jungen, die werden es mir nie ver⸗ zeihen, wenn ich Sie fortlaſſe. Sagt doch John in jedem Briefe, wie ſehr er ſich auf Sie freue, und Roger, der ſo große Stücke auf Sie hält!“ Sie war lebhaft geworden, jetzt hielt ſie nach ihrer Art eine Weile inne und beſchränkte dann ſelber ihre Gründe gegen meine Abſicht. „Ich darf freilich nicht nur an uns denken; wir würden Sie alle ſehr vermiſſen, aber das iſt Neben⸗ ſache. Auch ſind ja Blanche und Lucy alt genug, um im Hauſe ſelbſtſtändig figuriren zu können, und in Geſellſchaft zu Andern kann ich ſie begleiten. John würde ſeine Enttäuſchung mit Würde tragen müſſen und Roger iſt vernünftig genug, um Ihre Gründe zu ehren. Aber Sie ſelbſt, liebe Maggie, ſind Sie auch ſicher, daß Sie das Rechte wählen? Denken Sie darüber nach, ob es im Sinne Ihrer Mutter gehandelt iſt, wenn Sie ſich von Freunden, von unſchuldigen Familienfeſten zurückziehen, um nur Ihren traurigen Erinnerungen zu leben.“ In dem liebevollſten Tone fuhr ſie fort mir ab⸗ 185 zurathen, während ich ſchwieg und meine Lüge immer peinlicher, immer entwürdigender empfand. Ich konnte es zuletzt nicht mehr ertragen, ſtumm dazuſitzen und mit ſanftem Vorwurf, dem ſich eine gewiſſe Anerkennung beimiſchte, mich von meinem Vorhaben abmahnen zu laſſen, ich war auf dem Punkte, der mütterlichen Freun⸗ din Alles zu geſtehen, ihr zu ſagen, daß, ſo viel und ſo ſehnlich ich auch immer an meine Mutter denke, der Schmerz um ihren Verluſt nicht ver Grund ſei, wes⸗ halb ich das Leben hier für die kommenden Wochen ſo ſehr fürchte, da ſtörte uns irgend ein gering⸗ fügiger Vorfall, ein Dienſtbote mit einer Frage, ſoviel ich mich erinnere, und als wir wieder allein waren, konnte ich die Worte nicht finden, die mir zuvor auf der Zunge geſchwebt hatten. Wir verharrten eine Weile ſchweigend, bis Frau Gray ſagte:„Wenn Sie bei Ihrem Wunſche bleiben, Maggie, ſo ſteht es mir nicht an, Sie zurückhalten zu wollen, nur werde ich Ihnen keinen ſehr langen Urlaub bewilligen, denn ich halte mich für Ihre leibliche und geiſtige Geſundheit doch einigermaßen verantwortlich, obgleich unſer Geſetz Sie für mündig erklärt. Einer von den Jungen ſoll Sie gleich nach Neujahr wieder ira er holen; Sie ver⸗ ſprechen mir dann zu kommen.“ Ich ſchlug zögernd ein, ſie zog mich an ſich und nihß nnis„Kind“, * 186 ſagte ſie, wieder Kind, wie der Freiherr ſchon damals mich genannt hatte. Mich peinigte das, ſo ſehr mich die Güte der liebenswürdigen Frau rührte; faſt wie der thörichte Tannenbaum im Anderſen'ſchen Märchen, der nur wachſen will, ſehnte ich mich danach, alt zu wer⸗ den, um endlich einmal in der Welt für voll zu gelten. Der Widerſtand der Dame meinem Vorhaben ge⸗ genüber war Kinderſpiel geweſen gegen den Sturm, den Lucy und Blanche dagegen erhoben; für nicht viel abenteuerlicher und abſonderlicher als die projectirte Reiſe hätten ſie es gehalten, wenn ich einen Zug nach Island gegen die Nebelrieſen hätte unternehmen wollen. Uebrigens waren ſie wirklich betrübt darüber, daß ich ſie verlaſſen wollte, und das dauerte mich; ich kam mir zuletzt recht ſelbſtſüchtig vor bei dem eigenſinnigen Durch⸗ führen einer Maßregel, mit der ich doch nur mir ſelber Schmerzen erſparen wollte, welche ſchon ſo Viele haben ertragen müſſen. Aber ich mußte fort, die leiſe Reue half nichts; traurig ſagte ich dem Hauſe, deſſen Fenſter wohnlich ſchimmerten, um das die immergrünen Stech⸗ palmenhecken freundlich ſtanden, ſagte dem leeren Park, der trauten Gegend auf einige Wochen Lebewohl. Lucy fuhr mich ſelber nach dem Bahnhofe, obwohl ſie noch ein wenig mit mir ſchmollte.„Wiſſen Sie“, ſagte ſie, nachdem wir einen Theil des Weges ſchwei⸗ 187 gend zurückgelegt hatten, plötzlich,„wiſſen Sie, daß ich die ganze Zeit bei mir gedacht habe, Sie gehen doch nur Ihrem Vetter aus dem Wege?“ Sie ſah mich dabei mit den großen Augen forſchend an; zum Glück hatte die ſcharfe Luft, wie ich hoffen durfte, mein Ge⸗ ſicht ſchon geröthet, ſo mochte das Blut, was ich mir in die Wangen ſteigen fühlte, ſich nicht weiter bemerk⸗ lich machen. Im beruhigenden Bewußtſein dieſes günſti⸗ gen Umſtandes vermochte ich denn auch bald gleich⸗ gültig zu fragen, wie ſie darauf komme. „Das will ich Ihnen ſagen“, entgegnete ſie und entwickelte nun ihre Gründe mit der Klarheit, die ſie von ihrer Mutter geerbt hatte.„Einen Mann wie Ihren Vetter kann man nicht ſo einfach nicht leiden können; entweder man hat ihn, an Ihrer Stelle na⸗ türlich, gern, ſchon weil er ein Verwandter, und hat ihn ſehr gern, weil er ein überlegener, beſonderer Mann iſt, oder man ſieht ihn ganz und gar mit feindlichen Augen an, denn nur ſo kann er einem mißfallen, und dazu gehört ein ſehr triftiger Grund. Es ſteht etwas zwiſchen Ihnen beiden, das hab' ich damals gemerkt, darum iſt Ihnen ſeine Nähe unangenehm.“ Ja, Lucy mit ihrer Annahme, die für eine junge Dame recht ſcharfſinnig war, hatte einmal Recht ge⸗ habt, aber jetzt, wie anders war es jetzt! „Sie wollen es nicht eingeſtehen“, meinte ſie, als ich nachdenklich ſchwieg. „ Nein“, ſagte ich mit einiger Haſt,„ich habe nichts zu verhehlen. Früher waren Familienverhältniſſe die Urſache, daß ich dem Vetter, der übrigens eigentlich gar nicht mit mir verwandt iſt und den ich nur der Bequem⸗ lichkeit halber ſo nenne, allerdings nicht freundlich ge⸗ ſinnt war, jetzt hat ſich Alles aufgeklärt und wir ſtehen ſo gut mit einander, wie man es verlangen kann. Es freut mich, daß Dir der Freiherr ſo gut gefällt, Lucy“ — hier machte ich eine Kunſtpauſe—„daran kannſt Du ſehen, daß ich ihm wohlwill.“ „Was kann es für ihn ausmachen, ob er mir ge⸗ fällt oder nicht“, ſagte ſie gleichmüthig; ſie hatte ſich entweder ſehr in der Gewalt oder ſie empfand bei der Nennung ſeines Namens nicht das, was ich meiner überklugen Hypotheſe nach erwartete. „Leben Sie wohl, Sie deutſche Waſſernixe“, ſagte ſie, als ich ſchon im Coupé ſaß und ſie mich leicht und mit Grazie küßte. „Was ſoll das nun wieder heißen, Lucy?“ „Nun, Sie ſind wie die Frauen im Märchen, die hatten unter ihren Kleidern einen Fiſchſchwanz und außerdem kein Herz.“ „Ich danke für den Vergleich, ſchöne Ingeborg.“ —— 189 Sie lachte und gab mir die Hand.„Aber ſo eine Undine kann unter Umſtänden ein Herz bekommen“, flüſterte ſie noch.„Sie haben die Geſchichte geleſen und gehen der Gefahr aus dem Wege.“ Damit ging das ſeltſame Mädchen und ließ mich in der nicht eben beneidenswerthen Stimmung der⸗ jenigen, welchen eben eine Ahnung aufgeht, daß ſie in einem recht dummen Streich begriffen ſind, während ſie meinten, einen erhabenen Sieg über ſich ſelbſt da⸗ vonzutragen. Zwölftes Kapitel. Der erfahrene Leſer wird, wenn er meiner Ge⸗ ſchichte bis hierher freundlich und geduldig gefolgt iſt, ſich nun nachgerade bei derſelben des beruhigenden Gefühls erfreuen: es muß jetzt bald zu Ende gehen, wir werden nun bald erfahren, ob— immer vor⸗ ausgeſetzt natürlich, daß er nicht ſchon längſt, nach wohl zu entſchuldigender Gewohnheit, das letzte Blatt des letzten Kapitels vorweg geleſen hat und das, was ſich nun noch ereignen mag, mit behaglicher Ruhe an ſich herankommen läßt. Wie weit aber ſind die handelnden Perſonen der kleinen Welt, in die ihm der Autor den Blick eröffnet, gerade zu der Zeit, wo ſich ihnen unbewußt die Kriſis herannaht, von jener köſt⸗ lichen Ruhe entfernt, die der Leſer beſonders dann ge⸗ — 191 nießt, wenn er ſich durch den eben angedeuteten kleinen Kunſtgriff zur Höhe der Vorſehung jenes Weltfragments er⸗ hoben hat! Ich dachte damals, als ich in den trüben, kurzen Wintertag hineinfuhr, an alles Andere eher, als daß nun bald eine Wendung und gar eine glückliche in meinem Schickſale eintreten müſſe. Mir war es im Ge⸗ gentheil, als ſtehe ich am Anfange eines langen, geraden, trübſeligen Weges, auf welchem mir rauhe Winde ins Antlitz wehen würden, gegen die ich mich keines Schutzes zu gewärtigen hätte. Du wirſt es tragen müſſen, ſagte ich zu mir ſelber, daß von vielen nun kommenden Tagen dir ein jeder des Morgens ſeine Laſt von Weh aufbürdet, die bis zum Abend getragen ſein will, und es iſt nur gut, daß die Zeit— denn ſo klug oder ſo altklug war ich damals ſchon, der Zeit auch etwas zuzutrauen— daß die Zeit dieſe Bürde allmälig leichter machen wird. Uebrigens verhinderte dieſer Anſatz zu einer philoſophiſchen Anſchauung meines Schick⸗ ſals mich durchaus nicht, viele Thränen in mein Ta⸗ ſchentuch hinein zu weinen, ſodaß ich mich gegen Ende des Weges nur ſchwer zu einer ruhigen Miene faſſen konnte. Der Zwang dauerte aber nicht länger, als bis ich, hinter dem alten Diener ſitzend, der mich von der letzten Station abgeholt hatte, durch die Wieſen⸗ gelände der Beſitzung und zuletzt auf Kieswegen in den 192 eigentlichen Garten eingefahren war. Hier war Alles ſo abgeſchloſſen, ſo friedlich, faſt traurig anzuſehen, daß mir die Laſt vom Herzen gleichſam wegthaute; ich empfand den Genuß— er wird einem nicht eben häufig zu Theil— mich in einer mit meiner Stim⸗ mung harmonirenden Umgebung zu befinden, freilich ohne mir, wie ich es jetzt bin, über den Grund dieſes melancholiſchen Behagens klar zu ſein. Es war An⸗ fang December und die Luft auffallend mild und führ⸗ lingsartig; die immergrünen Sträucher im Garten, die hohen Tannengruppen, welche der bleiche Mond dann und wann, wenn ihn die raſch dahinziehenden Wolken auf Augenblicke frei ließen, matt beleuchtete, verhinderten den Anſtrich winterlicher Oede, welchen die freien Felder draußen hatten; wie gefeit erſchien die nächſte Umgebung des Hauſes und das Haus ſelbſt wie der Sitz der gütigen Wundermächte. Im Stil des Zeitalters der Eliſabeth gebaut, ſpitz und vielgieb⸗ lig, mit ſchmalen Fenſtern in der langen Mauerfläche, war es auf einer Seite ganz mit Epheu überzogen; aus dem Bogen des mittlern Eingangs fiel gaſtliches Licht auf den Raſen draußen. So ſteht es mir noch immer, wie Kindern ein Märchenſchloß, von eigenem Zauber umweht, im Gedächtniß. Spät am Abend noch, ganz ausnahmsweiſe ſpät — A-—— für ſie, wie mir die alte Dame freundlich ſagte, ſaß ich zwiſchen den lieben Leuten am Feuer und erzählte, erzählte alles Mögliche von Goldwell⸗Houſe, von dem Befinden eines Jeden, von Menſchen und Thieren bis zu den Katzen hinab und bewunderte das rege, gern eingreifende Intereſſe, mit welchem beſonders die Groß⸗ mutter dem Leben dort folgte, das vortreffliche Ge⸗ dächtniß und die ſcharfe Beobachtungsgabe, welche ſie dabei unterſtützten. Bis auf vierzehn Tage vor meiner Abreiſe wußte ſie ſo ziemlich Alles, was ſich dort von wichtigen und unwichtigen Dingen zuge⸗ tragen, da ſie von Tochter und Enkeln regelmäßig und in kurzen Zwiſchenräumen Briefe erhielt. Aber es ſei doch einmal etwas ganz Anderes, erzählt zu bekommen, und ich erzähle ſo hübſch, meinte ſie. Uebrigens wech⸗ ſelten wir nachgehends die Rollen und dabei ſtand ich mich beſonders gut; der alte Herr war der Repräſen⸗ tant einer in ihrer Reinheit immer mehr verſchwinden⸗ den ehrenwerthen Gattung des altengliſchen, auf dem Lande lebenden Grundbeſitzers, innig verwachſen mit den Angelegenheiten der Landſchaft, die er ſeit Jahren im Parlament vertrat, wohl bewandert in den oft romantiſchen Geſchichten der in der Nähe begüterten Adelsgeſ chlechter und ſonſtigen Honoratioren, dazu uner⸗ ſchöpflich an Jagdanekdoten und nebenbei treu anhäng⸗ Junghans, Verfloſſene Stunden. 13 194 lich den literariſchen Koryphäen der Periode, in welche ſeine Jugend gefallen, im Ganzen tüchtig gebildet und weit freiſinniger, als es die Klaſſe, zu der er gehörte, zu ſein pflegt— man konnte ſich keinen beſſern Ge⸗ ſellſchafter in langen Winterabenden wünſchen. Es iſt mir erſt in ſpätern Jahren, als der gute Herr lange todt war, ja, als ich ſelber anfing, mich für eine alternde Frau zu halten, klar geworden, was ſeine Lebensanſchauung auszeichnete, was ihr eine erquickende, beruhigende Klarheit verlieh, was das warme Licht über all die Scenen ausgoß, welche er ſchilderte, ſodaß ſie zu köſtlich vollendeten Bildern wurden— es war ein Strahl von Humor, von dem echten Humor, der einige ſeiner Landsleute groß gemacht, von der Weis⸗ heit, welche die Welt liebevoll nimmt, wie ſie iſt, ohne ſie etwa für vortrefflich zu halten, etwas von dem Be⸗ wußtſein des nicht zu löſenden Widerſpruchs, der in den Erſcheinungen zu Tage kommt. Seiner ſonſt ſo praktiſchen Gattin fehlten dieſe Gaben gänzlich; ſie hatte große Reformationsgelüſte und hielt dafür, daß es einigen klugen Leuten vorbehalten ſei, die Welt von Grund aus zu verbeſſern. Beide aber hatten ſich, trotz bedenklicher Verſchiedenheiten in den Charakteren, ſo in einander gelebt, daß es eine Luſt war, ſie zu beob⸗ achten. — ——— — —yy — —— 195 Faſt dünkt mich, als hätte ich hier in meiner Erzäh⸗ lung einen Fehler begangen, indem ich durch dieſe ob⸗ jective Beurtheilung meiner beiden liebenswürdigen Wirthe von vornherein beim Leſer jeden Hauch der Stimmung verſcheucht habe, die mich doch während meines Aufenthalts in Eldhall faſt durchgängig beherrſchte und welche ich durch den Vergleich des Hauſes mit einem verzauberten Schloſſe anzudeuten geſucht. Mein ungeſtörtes Zuſammenſein mit dem Herrn und der Frau vom Hauſe beſchränkte ſich nämlich, die Hauptmahl⸗ zeit etwa noch ausgenommen, auf die Abende, welche freilich einen anſehnlichen Theil der trüben Wintertage einnahmen; am Morgen und frühen Nachmittag war ich meiſt allein, wie ich es mir wünſchte, und dieſen Stunden ſchrankenloſer Träumerei hielt die Zeit des heitern Zuſammenſeins um ſo weniger das Gleichge⸗ wicht, als die Geſchichten des alten Herrn gar oft dazu angethan waren, meine Stimmung zu nähren. Ich verſenkte mich gern in das Gefühl der Abgeſchiedenheit des Ortes, an dem ich mich befand, und hätte gewünſcht mir einbilden zu dürfen, es würde ſtets ſo bleiben und wir von allem Verkehr auf immer abgeſchnitten ſein. In dem altmodiſchen Garten zwiſchen hohen Hecken ging ich umher, auch wohl ein Stück in die Wieſen hinein, welche uns rings umgaben, hier und 13* 196 da von Gehölz, den Reſten eines alten, großen Waldes, unterbrochen, wo ſich Brombeerranken um die Stämme zogen, an denen braungrüne, ſcheinbar lebende Blätter noch hingen, und wo es üppiges Moos und feucht⸗ glänzende Epheublätter in Menge gab. Das Alles hatte freilich ein Ende, als nach plötzlichem Umſchlag des lauen Wetters zu ſcharfem Froſte ein heftiger Schnee⸗ fall eintrat, der das Hinausgehen unmöglich machte. Da ſaß ich denn viel für mich und es fehlte mir zu dem trauernden, einſamen Fräulein der Märchen nicht einmal das Thurmgemach. Das Gebäude erfreute ſich nämlich eines hervorſpringenden Erkers gerade an der Seite, wo der Garten ſich terraſſenartig hinab⸗ ſenkte, ſodaß man unterhalb in eine Art Tiefe blickte, und mir hatte man das Erkerzimmer eingeräumt, zu dem nur leider keine Wendeltreppe führte. Jetzt nach Jahren kann ich über das Schmerzbehagen lächeln, mit welchem ich damals hinaus in den Schnee nach den Krähen blickte, welche um die meinem Fenſter nahen Spitzen der aus der Tiefe ragenden Föhren flogen, kann da⸗ rüber lächeln, daß mir dies Zimmer für eine wehmüthig reſignirte Stimmung, in die ich mich gern verſetzte, faſt unentbehrlich war; jetzt vermag ich aber auch dieſe wunderlichen Arabesken von dem wirklichen Grame, der leiſe nagenden Sehnſucht, die ſie hervorbrachte, zu 8 497 fondern, darf mir das Zeugniß geben, daß ich wirklich und ehrlich litt, nicht nur phantaſtiſch mit dem Gefühle ſpielte. Mit der tiefen Einſamkeit übrigens, die mir ſo ſehr zuſagte, hatte es ein Ende, ſobald der Schnee rings zu Wegen und Stegen ſich geebnet hatte und ſchönes klares Wetter eingetreten war. Da ſprachen die benach⸗ barten Grundbeſitzer häufig nach der Jagd bei uns ein und fanden gaſtlichen Empfang; ſogar die jüngern Sprößlinge hochadliger Häuſer verkehrten auf dieſe Weiſe ganz freundſchaftlich in Eldhall. Sie kamen, wie die alte Haushälterin augenzwinkernd behauptete, jetzt öfter als ſonſt; die Kunde, es ſei eine junge Dame aus Goldwell⸗Houſe da, mochte ſie anlocken, denn jeder dachte dabei gleich an die ſchöne Lucy, welche die Großältern nicht ſelten beſuchte; ich muß es den meiſt ſtattlichen, liebenswürdigen jungen Leuten nach⸗ ſagen, daß ſie ihre Enttäuſchung, nur mich zu finden, mit gutem Anſtand verhehlten. Außer dieſen Beſuchen und noch mehr als ſie bildeten die Briefe aus Gold⸗ well⸗Houſe Ereigniſſe in unſerm Leben, wahre Chroni⸗ ken im Ganzen, die einzelnen aber doch immer ziem⸗ lich kurz; unſere Correſpondenten, zu denen ſogar die älteſten der„Kleinen“ ſchon gehörten, vertheilten den zu bewältigenden Stoff gewiſſenhaft unter einander 198 und eine Epiſtel ergänzte die andere. Da hörten wir, wie die jungen Leute angekommen waren, einer nach dem andern, auch Forſter unter ihnen.„Er fragte gleich, nachdem er ſich geſetzt hatte, wo denn Fräulein Margarethe ſei“, ſchrieb klein Annie mit zolllangen Kinderbuchſtaben; meinen Brief mit der Erklärung hatte er unbeantwortet gelaſſen, ich wußte nicht, was ich davon denken ſollte. Von John lief bald darauf ein acht Seiten langes Billet an mich ein, in welchem er im Tone erhabenen Unwillens die Freuden ſchilderte, welche ich durch meine Einſamkeitsmanie entbehre, und ein anderes an die Großmutter, worin er ſie bei allem Möglichen beſchwor, mich auf der Stelle fortzu⸗ ſchicken; die Geſellſchaft wurde uns beſchrieben, welche ſich am Weihnachtsabend im Gray'ſchen Hauſe zuſam⸗ mengefunden. Von Zlanche erhielten wir Bericht da⸗ rüber, was eine jede junge Dame„angehabt“, ſie und Lucy eingeſchloſſen; daß Lucy ſehr gefallen, hörten wir aus derſelben Quelle. Lucy ſelbſt ließ ſich herab, der Großmutter eine ausführliche Beſchreibung der Pfänder⸗ ſpiele jenes Abends zu liefern und der Ereigniſſe, die ſich dabei zugetragen. Frau Gray erzählte von ihren Arrangements zum Empfang der Gäſte, wobei ſich mancher Wink der alten Dame trefflich bewährt hatte. Dann folgten in kurzen Zwiſchenräumen Bulletins — über eine ganze Serie von Vergnügungen, kurz, wir erhielten wie durch durch eine magiſche Laterne Ein⸗ blicke in ein buntes, fröhliches Treiben, welches ſich aber zu unerhörten Feſtlichkeiten zu ſteigern verſprach, da nach Blanche's immer häufigern geheimnißvollen Andeutungen eine Verlobung in der Familie, Verrath im Lager, wie ſie's ausdrückte, nahe bevorſtand. Da⸗ bei wurde immer dringender auf meinem Kommen be⸗ ſtanden; von meiner Verabredung mit ihrer Mutter, wonach ich bleiben ſollte, bis man mich abhole, ſchienen die jungen Leute nichts zu wiſſen. Und bei alledem kein Wort vom Freiherrn! Daß auf Lucy's Ver⸗ lobung angeſpielt werde, bezweifelte auch die Großmutter nicht; ich war im innerſten Herzen überzeugt, er wünſche ſie ſich zu erwerben. Wo aber blieb er? War er ſchon längſt in Goldwell⸗Houſe, wo man ihn doch erwartet hatte, und man verſchwieg abſichtlich ſeine Ankunft? Mir wurde bei dieſer Ungewißheit bald unerträglich zu Muthe; ich hatte geglaubt, die Nachricht von ſeiner Verſtändigung mit Lucy hier, wo ich ſicher war, nicht auf unbequeme Art beobachtet zu werden, ziemlich ruhig hinnehmen und mit mir ſelber im Stil⸗ len fertig werden zu können. Auf dieſe Spannung hatte ich nicht gerechnet; es erwuchs daraus ein Zu⸗ ſtand der Qual, wie ich ihn zuvor kaum für möglich 1 99 200 gehalten hätte, und doch wagte ich nicht, ein Ende zu machen, indem ich mir von Blanche, wie ich wohl gekonnt hätte, im Vertrauen eine Erklärung erbat. Da⸗ zu fiel mir endlich die Gleichgültigkeit der Großmutter gegen die Sache auf. Hatte ſie von ihrer Tochter Nach⸗ richt erhalten, ohne daß ich's wußte? War man über⸗ eingekommen, aus irgendwelchen Gründen die bevorſte⸗ hende Verlobung vorläufig vor mir geheim zu halten? Ich klammerte mich an dieſer ungereimten Vorausſetzung feſt und ſie ſtörte mein bisher ſo gutes Verhältniß zu der alten Dame; dieſelbe kam mir plötzlich herriſch und kalt vor. Wahrſcheinlich ging von ihr der Plan aus, mir nichts zu ſagen, bis alles im Reinen war; die Andern hätten daran nicht gedacht, ſie aber ſpielte ja ſo gern die Vorſehung; gewiß redete ſie ſich noch dazu ein, es geſchehe Alles zu meinem Beſten. Ich konnte in ihrer Gegenwart nicht mehr frei wie ſonſt ſprechen, denn immer kam es mir vor, als würde die Unterhal⸗ tung von ihr geſchickt um unſichtbare Klippen herum⸗ geſteuert; die Unbefangenheit des alten Herrn dagegen wurde unter dieſen Umſtänden eine Wohlthat für mich. Ich ſchloß mich ihm auch immer enger an, ich las ihm vor und ging und ritt mit ihm herum, und wir waren ſo gute Freunde, daß ſeine Gattin gutmüthig genug über meine Neigung zu ältern Herrn ſpottete, worin 201 ich dann ſogleich einen gewiſſen Bezug entdeckte. Seine Erzählungen aus längſtvergangener Zeit, von Leiden und Freuden, über die„ſchon lange Gras gewachſen war“, vermochten auch am eheſten den Geiſt der Ruhe⸗ loſigkeit zu bannen, der mich quälte. War ich aber allein, dann machten ſich bei mir die Perſonen aus ſeinen Geſchichten den Rang ſtreitig mit denen der Wirklichkeit, von welchen ich fern lebte, ja ſie wurden wirklicher, körperlicher als jene, welche ſeltſam erblaßten und zurückwichen; ich war wieder einmal die Beute meiner Phantaſie, einer Phantaſie, die, ohne Geſtaltungs⸗ kraft nach außen, ſtets, bald zum Heil und bald zum Unheil, große Macht über mich beſeſſen. Jetzt erwies ſie mir die zweifelhafte Wohlthat, die Pein, welche ich fühlte, nach und nach in einen dumpfen, traumartigen Schmerz zu verwandeln; ich empfand ſie nur als ein dunkles Etwas, welches über mir lag und woran die Trauer um den ſchönen jungen Lord, den vor fünfzig Jahren ſein eigener Vater im Gehölz in der Nähe nach wüthendem Wortwechſel erſchoſſen, weil er von einer armen Braut micht laſſen wollte, ſo viel Antheil haben mochte als etwas Anderes. Ich trug meine trübſelige, beängſtigende Gedankenwelt gern hinaus, um ſie los zu werden, ich machte weite Gänge, ich wollte das Draußen auf mich wirken laſſen, aber das half 202 wenig, die Gegend erſchien mir öde, die Menſchen hatten traurige Geſichter. Als ich einſt von einer ſolchen unerquicklichen Streiferei zurückkehrte, da es ſchon dämmerte, ſtand die Haushälterin mit wichtiger Miene in der Thür.„Es iſt Jemand da, Fräulein“, begann ſie diplomatiſch die feierlichen Eröffnungen, welche ſie vorhaben mochte. „So“, ſagte ich gleichmüthig und wollte an ihr vorüber. „Ja, aber ein fremder Herr, er kommt von Goldwell⸗ Houſe.“ Ich begann zu zittern und lehnte mich leicht an den Thürflügel.„Ich glaube, er bringt gute Nachrichten“, fuhr ſie fort; war ſie von der Herrin, die ihr viel Vertrauen ſchenkte, angewieſen worden, mir die Sache beizubringen, und hier, in der Hausthür? Dagegen rebellirte ich innerlich, ich wendete mich und ging mit einem kühlen Wort nach meinem Zimmer. Die Alte folgte mir und trat mit ein, um nach dem Feuer zu ſehen. „Fräulein werden ſich anziehen wollen und es iſt ganz kalt hier!— Ich glaube, der Herr iſt ein Lands⸗ mann von Ihnen; er ſpricht wie Sie, auch ſehr gut, aber man hört doch, daß er ein Fremder iſt.— So, nun brennt's wieder, nun will ich geſchwind noch etwas zum Thee backen.“ Allſo Forſter einmal wieder; er kam, um mich zu 203 holen; er brachte die Nachricht von Lucy's Verlobung; ich würde mit ihm unterwegs über das Ereigniß zu ſprechen haben. Wie zartfühlend, gerade ihn zu ſchicken — ich hörte mich plötzlich laut lachen und erſchrak vor der eigenen Stimme. Was ich bisher gelitten, war Kinderſpiel, jetzt erſt kam die ganze Wucht auf mich nieder; mir war, als ſchlüge mir ein heißer Brodem entgegen aus einem Orte der Qual und ich müſſe hin⸗ ein, hindurch. Scheu, als ſtände das Unglück körperlich hinter mir, ſank ich in die Kniee und faltete angſtvoll die Hände, aber ich konnte nicht beten, weil ich wußte, daß kein Gott den Menſchen das Leid erſparen kann, was ſie ſich ſelber einer dem andern bereiten.„Das thut er mir“, dachte ich bitter,„und ich habe ihn doch ſo lieb, ſo lieb!“ Daß es gerade die ungerufene Liebe ſei, die mir Schmerz mache, hätte ich mir vernünftiger⸗ weiſe ſagen müſſen, aber ich war nicht vernünftig, ſondern unglücklich. So elend“, wie ich niedergekniet war, ſtand oder fuhr ich wieder auf; es war ja Alles eins, ich mußte die kommende Zeit durchleben, wenn es nur geſchwind, geſchwind gehen wollte. Haſtig ſchritt ich auf meine Kommode zu und zog ein Fach heraus, dann ſtand ich da und beſann mich, was ich hatte herausnehmen wollen; lange konnte ich nicht da⸗ rauf kommen, was ich eigentlich zu thun im Begriff 204 geweſen ſei. Da ging unten eine Thür und nun fiel mir ein, daß ich hinunter müſſe; mit unſaglichem Ekel nahm ich eine Schleife und befeſtigte ſie im Haar. „Auch das noch, auch die Mühe noch zu den Schmerzen! Wäre ich doch todt!“ dachte ich dabei. Als ich ins Speiſezimmer trat, fand ich es nur vom ungewiſſen Feuerſchein erleuchtet, man hatte Dämmer⸗ ſtunde gehalten, das aber konnte ich erkennen, daß die Geſtalt, welche ſich von dem niedrigen Sitze neben dem Kamin zu ſtattlicher Höhe aufrichtete, nicht die Forſter's ſei; wie im Traume hörte ich mich von einer tiefen Stimme in gedämpftem Tone, der zu dem Dämmerlichte paßte, als liebe Margarethe begrüßt und fühlte einen Händedruck, bei dem mich eine Wonne durch⸗ fuhr, wie ich ſie nie zuvor empfunden; die Laſt war vom Herzen verſchwunden, er war da, in ſeiner Nähe war Ruhe und Glück. Nach wenigen Augenblicken frei⸗ lich, als die Lichter angeſteckt worden waren und der Freiherr und ich uns officiell begrüßt hatten, kehrte mir das Bewußtſein von dem Zwecke ſeiner Reiſe zu⸗ rück, die ich mir leicht deuten konnte; er wollte ſich den Großältern als künftigen Gatten der älteſten Enkelin vorſtellen und nebenbei mich nach Hauſe zurückgeleiten, damit ich den Verlobungsfeierlichkeiten beiwohne. Selt⸗ ſamerweiſe aber wollte mich trotzdem das Gefühl der — 205 innerlich erwärmenden Freude nicht verlaſſen.„Ichwerde doch einen ganzen Tag mit ihm zuſammen ſein dürfen“, dachte ich;„er wird neben mir ſitzen und zu mir ſprechen; bin ich doch ſeiner Sorge für dieſen Tag anvertraut, bin für dieſen einen Tag noch ein Etwas in ſeinen Gedan⸗ ken. Nachher komme, was da will; und müßte ich ihn mit meinem Leben erkaufen, ich gäbe den morgenden Tag nicht hin. Ja, könnte ich nur den nächſten Morgen ſterben, das würde bei weitem das Beſte ſein.“ Unter ſolchen Gedanken wagte ich doch nur dann und wann nach dem Freiherrn hinüberzublicken und dann fand ich mehrmals ſeine Augen auf mir ruhen und freundlich aufleuchten, ſobald ſie den meinen begegneten. Er war glücklich, wie gut ihm das ſtand; gleichviel⸗ weshalb er es war, und wenn auch nicht um meinet⸗ willen, und was konnte er, was konnte ich dazu, daß ich ihn gar, gar ſo lieb hatte! Ich fühlte in manchen Augenblicken an jenem Abend den Muth, es ihm zu ſagen; ob mir derſelbe Stich gehalten hätte, wenn mir eine Gelegenheit des Alleinſeins mit Herrn Bar⸗ dolph geworden wäre, weiß ich nicht. Aber eine ſolche fand ſich nicht; man ſaß bis ſpät zuſammen, denn Wirthe und Gaſt hatten ſich ſchnell in einander gefun⸗ den und die Unterhaltung war lebhaft und beſonders heiter. Ich lachte mit über die Scherze des alten 206 Herrn, welcher ſehr gut aufgelegt ſchien, aber mit meinen Gedanken war ich ſo wenig bei dem, was um mich vorging— nur die Stimme des Freiherrn hallte jedesmal gleichſam in mir wieder, wenn ſie ſich hören ließ— daß ich keine Erregung empfand bei der Nach⸗ richt, Roger habe ſich mit einer jungen Dame aus der Nachbarſchaft von Goldwell⸗Houſe verlobt.„Er auch?“ ſagte ich freundlich, faſt mechaniſch, ohne daß man viel auf meine Worte Acht gegeben hätte; es kam eben auf unſere Abreiſe die Rede, welche der Freiherr auf den folgen⸗ den Tag anſetzte. Davon wollten die alten Leute nichts hören; der Gaſt müſſe ſich erſt ein paar Tage bei ihnen erholen, eher könne an Fortgehen nicht gedacht werden; ob mir denn ſo viel daran liege, ſie gleich zu verlaſſen. Ich! Ich hätte mein Herzblut gegeben für eine Woche hier im ſtillen Schnee mit dem Be⸗ wußtſein, daß Herr Bardolph unter einem Dache mit mir lebe; es beglückte mich ſchon zu wiſſen, daß er nicht ohne mich gehen würde. Ich freute mich allemal, wenn er, von mir und ſich redend, wir ſagte. So war ich ſeltſamerweiſe nicht troſtlos trotz der Ueberzeugung, ihn auf immer verloren zu haben Ehe wir an jenem Abend auseinandergingen— es war über dem Abendeſſen ſpät geworden und wir trennten uns gleich, nachdem daſſelbe beendet war— fand der Freiherr Gelegenheit, mir, indem er meine Hand mit der ihm eigenen überlegenen Milde faßte, zu „ ſagen:„Sie waren heute Abend ſehr ſtill, liebe Mar⸗ garethe, und ſehen nicht wohl aus; mir, Ihrem Vetter, müſſen Sie ſchon erlauben, ein wenig zu controliren. Ich werde Sie morgen in Beſchlag nehmen; Sie haben mir Mancherlei zu berichten.“ Dabei ſah er mich an, bald aber kam ein Ausdruck der Abweſenheit in ſeine Augen, bei dem ich plötzlich bittern Schmerz empfand; er blickte gleichſam über mich hinaus in die Ferne.„Wer weiß, an wen er jetzt denkt“, ſagte ich zu mir ſelber;„an dich gewiß nicht“, und ich entzog ihm meine Hand, indem mich zum erſten Mal ein Gefühl der Demüthigung wegen meiner uner⸗ widerten oder vielmehr lange nicht genug erwiderten Liebe überkam; denn daß der Freiherr eine verwandt⸗ ſchaftlich freundliche Neigung zu mir hegte, konnte ich wohl merken. Aber es hielt nicht an; ich ſchlief an jenem Abend ein, indem mich die ſüße Erwartung des morgenden Tages, wo ich mit ihm zuſammenſein würde, wie mit roſigen Flügeln überſchattete. —— Dreizehntes Kapitel. „Miß Maggie“, ſagte der alte Herr am andern Morgen beim Frühſtück zu mir,„Sie müſſen heute an unſerer Statt dem Herrn Baron die Honneurs der Gegend machen, immer vorausgeſetzt natürlich, daß ihm mit einem Spazierritt durch ein Stück Sibirien gedient iſt. Ich kann Sie als Cicerone empfehlen; mich dünkt, Sie werden einem ſo trefflichen Lehrer, wie ich mir ſchmeichle geweſen zu ſein, alle Ehre machen und un⸗ ſerm Gaſte von jedem Baume etwas zu erzählen wiſſen; auch in den Chroniken der Krähenanſiedlungen anf Meilen in die Runde ſind Sie, denk' ich, nunmehr wohl be⸗ wandert. Wollen Sie reiten?“ Ich ſah den Freiherrn an, aber er blickte nicht zu mir herüber, was ich ihm ſehr übel nahm; er dankte 211 hofen;„Ihr Thier zum Beiſpiel hält ſchon bald nicht mehr aus.“ Das war nun allerdings die Wahrheit; das Thier⸗ chen ließ nach an Schnelligkeit, trotz Zügel und Gerte, es wäre grauſam geweſen, daſſelbe ferner anzutreiben. Aber des Freiherrn Bemerkung gefiel mir doch nicht; es war von da an, als ſtände etwas zwiſchen uns, ich konnte mich nicht mehr, wie den Abend zuvor, der Freude an ſeiner Nähe hingeben, ſeine Art und Weiſe hatte mich erkältet. So ritten wir denn vernünftig neben einander, und ich erinnerte mich meiner Verpflichtung, ihm, was ich irgend Bemerkenswerthes von der Landſchaft wußte, zu erzählen. Auf die Beſitzungen, an denen wir vor⸗ beikamen, machte ich ihn je nach ihrer Merkwürdig⸗ keit aufmerkſam; ich nannte ihm den Edelmann aus dem Hofſtaate Heinrich's VIII., der dies Schloß gebaut, erzählte ihm, wie Georg IV. häufig jenes mit ſeinem Beſuche beehrt, zeigte ihm das Gut, deſſen Herr die beſten Rennpferde in der Gegend halte, deutete auf den Hügel abſeits im Felde, der aus heid⸗ niſcher Vorzeit berühmt war, kurz, ich machte mich ſo nützlich, wie ich konnte, und mein Begleiter bewies durch manche Frage, daß er meinem Texte Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte. 4 14* 212 Nach einem weiten Rundritt kamen wir wieder auf das Haus zu, ohne von einander nur ein Wort geſagt zu haben. Wir hatten den beſten Theil des Tages auf unſern Ritt verwendet; als wir vom Mit⸗ tagstiſch aufſtanden, dämmerte es bereits; ein Tag, einer von den drei Tagen, die mir das Schickſal als Geſchenk gönnte, war nun ſchon bald entglitten und hatte nicht gehalten, was er verſprochen. Schade, ſchade darum, dachte ich; aber ich mochte mir nicht einge— ſtehen, wie es zum großen Theil meine Schuld geweſen, daß zwiſchen dem Freiherrn und mir heute kein freund⸗ ſchaftliches Wort gefallen war. Jetzt nahm ihn der alte Herr in Beſchlag, ich ſchlüpfte hinaus und auf mein Zimmer; da ſaß ich auf einem niedrigen Schemel neben dem alterthümlichen, geradlehnigen Stuhle, der in der Fenſterniſche ſtand, lehnte den etwas müden Kopf an das geſchnörkelte Holz deſſelben und ſchaute durch die Scheiben nach dem ſchönen, hellen Himmel, an wel⸗ chem der Vollmond mit der Dunkelheit auf der Erde an Macht gewann. Da hörte ich draußen die Stimmen der Großmutter und des Freiherrn, ohne mir viel da⸗ bei zu denken; als es bald darauf an meine Thür klopfte, glaubte ich, die alte Dame würde gutmüthig ſcheltend eintreten und mich hinunterholen, wie ſie häufig that. So ſagte ich denn, da ſich die Thür —— 213 öff nete:„Ich komme ſchon“, noch von dem hellen Himmel geblendet nach dem dunkeln Grund des Zimmers hin. Die eingetretene Perſon ſchloß die Thür hinter ſich und that auf dem weichen Teppich einige Schritte vorwärts.„Darf ich, liebe Margarethe?“ Ich erkannte jetzt erſt den Freiherrn.„Die alte Dame, glaub' ich, hat ſich entſetzt, indem ich um die Erlaubniß bat, Sie hier aufſuchen zu duͤrfen; aber was blieb mir Anderes übrig, wenn ich Sie einmal für mich haben wollte? Bin ich draußen mit Ihnen, ſo wollen Sie mir fortreiten bis ans Ende der Welt— ich muß Sie ein⸗ mal förmlich belagern, um endlich zu erfahren, wie es Ihnen eigentlich geht.“— Ich bat den Freiherrn, ſich niederzulaſſen, und ging, das Feuer im Kamin zu ſchüren, welches nun hell aufflackernd ſeltſame Lichter und Schatten im Zimmer erzeugte; die Fenſterniſche wurde vom hochſtehenden Monde vollſtändig erhellt. Als ich zurückkam, hatte Herr Bardolph ſich in den Schatten geſetzt und mir den geſchnitzten Seſſel ſo gerückt, daß das Licht voll darauf fiel. „Setzen Sie ſich dahin“, bat er. Ich that es ohne weiteres, wollte mich aber meinerſeits dem hellen Strahle entziehen, indem ich den Stuhl leiſe fortzuſchieben ver⸗ ſuchte. Er legte die Hand auf die Armlehne.„Thun 34 3 V 214 Sie mir das Eine zu Gefallen und bleiben Sie gerade da, Margarethe“, ſagte er dabei mit eigenthümlicher Betonung. Er will mir jetzt von ſeiner Verlobung erzählen und dabei ſoll ich im Lichte ſitzen und er bleibt im bequemen Schatten? dachte ich und fand die Ein⸗ richtung unbillig. Doch ergab ich mich darein und ſaß, die Hände im Schooße, wie Jemand, der ſein Urtheil erwartet. Als ein ſeltſamer Anfang zu den Erörte⸗ rungen, denen ich entgegenſah, mußte es mir erſcheinen, daß der Freiherr abermals meine Hand ergriff und faſt ängſtlich feſthielt, während er ſich vorbeugte, aus der ſchützenden Dunkelheit heraus, ſodaß ich ſehen konnte, wie ſein Geſicht ſehr bleich war und eine, ihm ſonſt fremde Spannung darauf zu liegen ſchien. „Ich wollte Sie beſonders fragen“, begann er, nicht mit dem milden Tone, in dem er ſonſt immer zu mir geſprochen hatte, ſondern haſtig und faſt rauh, „was Sie mit Ihrer Zukunft eigentlich zu thun ge⸗ denken, Margarethe. Wollen Sie immerfort als hei⸗ matloſe Fremde bei dieſen Leuten bleiben, immer ge⸗ wiſſermaßen abhängig—“ Er hielt inne; wie tief hatte er mich mit den we⸗ nigen Worten verwundet! Ich glaubte ſein Motiv zu erkennen, er wollte nicht, daß Jemand, der ſeinen Na⸗ men trug, in einem Verhältniß zu der Familie ſeiner — 5— —— 215 Braut ſtände, welches ſeinen Stolz kränkte. Und war ich nicht— ich empfand das aufs bitterſte in jenem Augenblick— war ich nicht auch gewiſſermaßen von ihm abhängig? Band mich nicht eine Schuld der Dank⸗ barkeit an ihn? War nicht, nach Allem, Schloß Günthers⸗ hofen doch nur ein Geſchenk von ihm? Ich fühlte mich hülflos, heimatlos, namenlos elend, ich ſchlug die 8 Hände vors Geſicht und ſagte tonlos:„Wo wollen ) Sie, daß ich hingehe? Für mich iſt auf der ganzen Welt kein Platz; kein Platz“, wiederholte ich leiſe, „nirgends, nirgends!“ Da wurden mir die Hände leiſe von den Augen weggezogen; ich ſchrak zuſammen, als ich das Antlitz des Freiherrn dicht vor mir erblickte; er war von ſeinem Sitze herab leicht auf ein Knie geglitten, als wolle er mir beſſer ins Geſicht ſehen. „Was fehlt Ihnen, Margarethe, liebe Margarethe?“ ſagte er leiſe und leidenſchaftlich.„O daß ich ein Recht hätte, Sie zu fragen, in Sie zu dringen, daß Sie mir Alles ſagen müßten! Sie ſchweigen? Sie haben mir nichts zu erwidern? Und doch will ich weiter fragen, ſind Sie doch immer wenigſtens offen gegen mich ge⸗ weſen. Wer iſt es, den Sie lieben, Margarethe, der Thor, vor deſſen Thür das köſtliche Kleinod liegt und er hebt es nicht auf, er ahnt nichts davon; das Kleinod, 216 welches alle ſeine Tage beſeligen würde, welches zu beſitzen ich wohl nicht verdiene, nach dem aber ſchon jahrelang meine Sehnſucht ſteht?“ Ich war von dieſen Worten wie betäubt; während der Schall an mein Ohr drang, vermochte ich den Sinn nicht gleich zu faſſen und ſtarrte den Freiherrn faſt entſetzt an. 8 „Wollen Sie mir nichts ſagen?“ fuhr er in der⸗ ſelben Weiſe fort.„Natürlich, wer bin ich auch, daß ich ein Recht auf Ihr Geheimniß hätte! Warum mußte mir Forſter den Brief zeigen, der mich aus meiner Laß⸗ heit aufrüttelte! Aber Sie leiden ſehen— o Marga⸗ rethe, kann ich Ihnen gar nichts zu Liebe thun?“ Ich mußte nun freilich etwas ſagen, aber wo waren die Worte, um dieſe Wirren zu löſen, wie ſchwer gerade das, was mir zu geſtehen oblag, denn daß ich es ihm jetzt geſtehen müſſe, war der Gedanke der mich ganz beherrſchte. So ſprach ich endlich, aber ich wußte kaum, was, die Worte kamen hart und haſtig von meinen Lippen, und wenn ſie geſprochen waren, muthe⸗ ten ſie mich ffremd an und erſchreckten mich. Er ſei es geweſen, von dem ich in meinem Briefe an Forſter geſprochen, ich habe mich in die Idee eingelebt, er liebe Lucy und wünſche ſie ſich zum Weibe. Der Freiherr ſtand langſam auf, als ich ausgeredet hatte.„Ich, 217 Margarethe?“ ſagte er mit ſeltſamer Ruhe.„Mir iſt, als träume ich. Sie ſagen mir, daß Sie mich geliebt haben, wie man von vergangenen Geſchichten erzählt, und jetzt, jetzt—“ Da überkam mich bei dieſer ſonderbaren Scene und vielleicht im Vorgefühle des Glückes, das ja doch nahe war, obgleich wir beide uns blind nebenher taſte⸗ ten, eine wilde Laune, ich ſagte faſt drohend zu dem Manne vor mir:„Ja, Herr Freiherr, ich liebte, Sie damals. Und wenn ich Sie jetzt noch ebenſo liebe, nein, viel tauſendmal mehr, was geht es Sie an?“ Und nun war der Bann gebrochen, das Glück da Faſt jauchzend hatte der Freiherr meinen Namen ge⸗ rufen, als wolle er mich aufwecken oder als ſei ichtfern, ich ſaß ſtill vor mich hin, ganz eingehüllt in das Ge⸗ fühl, daß ich nun weiter nichts zu ſagen oder zu thun brauche. Er ſtand vor mir, zog mich zu ſich in die Höhe und verſchränkte ſeine Arme feſt um mich; dann drückte er mit der einen Hand meinen Kopf ſanft gegen ſeine Bruſt.„Hier iſt Dein Platz, Margarethe, meine Margarethe; ſeit ich Dich zuerſt geſehen, habe ich mich geſehnt, Dein Köpfchen hier betten zu können. Jetzt werd' ich geſunden; mich hat in der letzten Zeit der Wunſch faſt verzehrt, Dir nahe ſein, Dich hegen und lieben zu dürfen.“ So ſprach er leiſe in mich hinein, während ich ſtill in ſeinen Armen lag, von einer ſeligen Ruhe er⸗ füllt. Ich antwortete ihm dann auch, in halblauten Wechſelreden gingen wir die Jahre gegenſeitigen ſchmerz⸗ lichen Entbehrens durch; in dem ſanften Mondlicht klärte ſich Alles und zuletzt lag die Zeit, in der wir uns gekannt, hell und ſchön da, wie ein Blatt, auf dem wir jetzt leſen konnten, daß wir ſtets zu einander ſagte mein Bräutigam, indem er mir das Haupt zurück⸗ bog und das Haar aus der Stirn ſtrich.„Deine lieben, ernſten Augen, Margarethe, die von keiner frohen Jugend zeugen, ſcheinen mir immer vorwurfsvoll ins Herz zu blicken.“ 3„So will ich ſie ſchließen“, entgegnete ich lächelnd Er küßte mich ſanft darauf.„Bald ſollſt Du ſie öffnen auf das Land, nach dem Du Dich oft geſehnt haſt, Du ſollſt Dir von dem Himmel Italiens goldene Luſt hinein⸗ ſcheinen laſſen. Wann willſt Du mein Weib wer⸗ den, Margarethe? fragte er mich plötzlich haſtig. „Sobald Du willſt, mein Freund“, antwortete ich; „ich gehöre Niemand auf der Welt an als Dir.“ Wenige Wochen nach dieſem Abend befand ich mich mit meinem Gemahl in Rom. Dort erhielten gehört hatten.„Ich habe viel wieder gut zu machen“, — 219 wir die überraſchende, aber uns herzlich erfreuende Nachricht, daß ſich Lucy, die glänzende Luey, dazu verſtehen wolle, meinem gelehrten Landsmann Forſter die Sehnſucht nach der Heimat und alle trüben Er⸗ innerungen auf immer vergeſſen zu machen. So fiel denn von dorther kein Schatten auf unſern Weg, als wir im nächſten Herbſte— die Frau von Günthers⸗ hofen war im Sommer geſtorben— in unſerm deut⸗ ſchen Schloſſe einzogen, und heiter durfte ich die Räume bewohnen, in denen einſt meine theure Mutter gewal⸗ tet hatte und welche mir wie durch einen Hauch ihrer Gegenwart geheiligt ſchienen. —— Druck von Richand Schmidt in Reudn itz⸗Leivzig Des Hauſes Eckſtein. Roman von J. von Oben. 3 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr. Standes-Vorurtheile Roman von Alfred Steffens. 4 Bände. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. Ner Plephant. Komiſcher Roman von A. von Winterfeld. 4 Bände. 80. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr. El paso de las animas. Roman von E. von Bibra 2 Bände. Elegant geheftet. Preis 1 Thlr. 10 Ngr. nnnnnfffffſſſſſſſnſinſiſ ſül ſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1 7 k 4 4 4 8 — ſ — ½ 3