1tt 779/6 Leihbibliothek t deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur + Sduard Oktmann in Gießen, Scolloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Ur offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4 3 tus Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 1 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 1.„„=„„=„ 17— 7 ſ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit⸗ Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 5 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ———— 7532 * Lanzelot vom See. Rittergeſchichte aus den Zeiten der Tafelrunde. Nebſt einem Anhang v on Guſtav Joͤrdens. kanjetor vom G. Mittergeſchicht. — 7 5 7 E. r ſtes arp ite.ä.. 4—. 4 meine W Koͤnig Klaubas Tage; 8 — — 1 S 2 S = 8 * S — 4— Muth und die Kraft des Baͤren. denn ſein Verluſt Dolchſtoß;— in ſchlechte Kleiher auf ihrem A 2 2 arum— 383— zelot, der noch nicht ſechs Monden alt Peis war, und weinte bitterlich, denn ſie g e z9 dachte der Zukunft, die ungewiß und finſter ken, und ſchweigend vor ihr lag, wie die Nacht, keit die ihre Flucht bedeckte. 3 Kaum aber war das Burgpförtlein ge⸗ 8, ſchloſſen, ſo rief der Seneſchall, der in ſei⸗ u 4 nem Herzen ſchon lange Falſchheit und Ver⸗ 1 rath bruͤtete, etliche Ritter zu ſich, die un⸗— 2* treu und verraͤtheriſch geſinnt waren gleich ihm und ſprach: Koͤnig Ban hat uns ver⸗ laſſen und uns preisgegeben der Wuth der Feinde. Er hat ſein Leben gerettet und wir ſollen das unſere opfern. Wenn das Schwert der Feinde uns nicht verzehrt, wird es in kurzem der Hunger thun, und eh! uns Koͤnig Artus Huͤlfe ſchickt, werden wir Ale umkommen ſein und Koͤnig Klaudas hied die Burg gewonnen haben. Sind wir ſicht Thoren, daß wir darben, wo wir ge⸗ ſeßen können?— Darum iſt mein Rath dieſer. Laßt uns noch in dieſer Nacht den Koͤnig Klaudas in ſeinem Lager begruͤßen, und mit ihm Unterhandlung pflegen wegen Uebergabe des Schloſſes. Er wird uns be⸗ hnen mit Ehren und Geſchenken, und Macht und Anſehen uns verleihen!— Da riefen die feigen Ritter all' aus Einem Munde: Ihr habt wohl geſprochen, Herr Seneſchall, wir folgen Euch, denn ſchon lange ſind wir muͤde, dem Ungluͤck zu dienen!.ee on Darauf ließ der Seneſchall in der Burg kund machen, er wolle noch in dieſer Nacht mit einem Theile der Mannſchaft einen Ausfall wagen, um die Feinde zu beſchaf⸗ tigen, und dadurch des Köͤnigs Flucht zu ſichern. Und nahm zu ſich die Nitter, die er in ſein Bubenſtuͤck eingeweiht hatte, und machte ſich mit ihnen auf den Weg, nach den Gezelten des Königs Klaudas. Und als er vor dem Koͤnige ſtand, ſprach er; z* — ſo mit Euch ſind, will ich reichlich beſchen⸗ — 7— Wie Koͤnig Ban uns verkaſſen hat, wollen wir ihn verlaſſen, und noch vor der Mor⸗ gendaͤmmerung die Burg Euch uͤberliefern, ſo Ihr dieſen Dienſt uns eaichlich zu ver⸗ gelten verſprecht. 9G 2 Koͤnig Klaudas freute ſich dieſer Rede und ſprach: Wenn Ihr Trible, das feſte Schloß, noch in diefer Nacht in meine Haͤnde gebt, ſo ſollt Ihr fortan nicht bloß Seneſchall ſein, ſonbern Herr und Koͤnig von Brucic, und ich will Euch belohnen mit allen Landen und Guͤtern des ver⸗ triebenen Königs Ban. Und die Ritter, ken und zu Haͤuptlingen ſetzen in meinem Heere. Dieſes verſprech' ich Euch zu hall ten, ſo wahr die Goͤtter mir helfen! 8 Mit dieſer Verheißung war der Sene⸗ ſchall ſammt den Rittern wohl zuß ieden, und Koͤnig Klaudas ſammelte ſofort h m der Stille einen Theil ſeines Heeres, und folgte den Verräthern. Und als ſie den Waͤchtern auf der Mauer das bekannte Zeichen gegeben hatten, oͤffnete ſich das Burgthor und die Feinde ſtuͤrmten mit Siegsgeſchrei dem Seneſchall nach. 6es Aber die Ritter, ſo in der Burg zu⸗ ruͤckgeblieben, waren alle dem Koͤnige Ban mit Lelb und Leben treu zugethan, und einer von ihnen, Banni mit Namen, vief die Andern auf, an die Vertheidigung des Schloſſes ihr Leben zu ſetzen. Zu den Waffen! rief der. Ihr Getreuen Bans, — zu den Waffen! Durch Verrath iſt der Bubenſtück nicht gelingen! Sucht mit Euern Schwertern die Bruſt der Meineidi⸗ gen, und fallend ſchuͤtzt noch⸗ mit Euern 4 Beibenn da d genthum Euais bersahenen an funan Leib, und ſuͤrzte m egeſchwunge⸗ nem Schwerte, wie der Wuͤrgengel, in das Feind in die Burg gedrungen! Laßt das — 9— Gedeäng der Feinde, und die treuen Ritter ihm nach. Und ihre Schwerter fraßen heißhungrig im dichten Haufen, und die Erſchlagenen thuͤrmten ſich als Bollwerk um ſie her. Da wurde Banni des Sene⸗ ſchalls anſichtig, den er ſchon lange ge⸗ ſucht hatte. Steh, Verraͤther, ſchaͤndlicher! rief er ihm zu. Hierher, und laß uns verſuchen, ob die Goͤtter wollen, daß Treue der Treuloſigkeit unterliege!— Und ihre Schwerter hlitzten und ſchlugen zuſammen beim roͤthlichen Scheine der Feuer, die auf den Mauern brannten. Verzweiflung ſtaͤhlte den Arm des Seneſchalls, hagel⸗ dicht fielen die Streiche und unentſchieden ſchwankte der Kampf, bis der Seneſchall aͤber einen Leichnam ſtrauchelnd hinſtuͤrzte,— und Banni, den Vortheſl erſehend, ihm das Schwert in die Seite bohrte. Aber nur noch wenige der treuen Fittes Aimpften nehen Banni, die meiten ign — 10— um ihn her in ihrem Blute und an der Stelle jedes erſchlagenen Feindes ſchienen zehn andere kampffertige aus dem Boden geſtiegen zu ſein. Da rief Banni mit er⸗ hobener Stimme und letzten Kraͤften: Und koͤnnen wir das Schloß nicht retten, ſo wollen wir es verderben, ſo mag es als Fackel uns hinabkechten⸗ in ie Woh⸗ nungen des Todes! 3t Mit dieſen Worten eedef er einen Feuerbrand und ſchleuberte ihn in die Vor⸗ rathskammer, die mit Pech und Oel an⸗ gefuͤllt war, und ziſchend leckte die Flam⸗ menzunge am Thurme hinauf, und ein brauſender Sturmwind, der ſich erhob, jagte in dieſem Augenblick das Feuer durch die Bogenfenſter, und zertrieb den wirbelnden Rauch, daß es ſchien, als ob die Geiſter der Nacht in den Luͤften tanzten. Freude glaͤnzte in Banni's Blicken, als f * die ſteigende Flamme ſah. Stürzt zue aanthum desſochte — 11— fammen— rief er— ihr Mauern von 1 Trible und thuͤrmt euch uͤber unſern Ge⸗ beinen als Denkmal, daß wir unſerm Koͤ⸗ nige treu geblieben ſind bis zum Tode!—— Mit dieſem Ausuuf fank Banni nieder, aus unzähligen Wunden blutend, und mit ihm ſank der letzte Arm, der Koͤnig Bans Er⸗ r GIDen 56 G weites Kapitel,. 15 Während dieſes ſich begab, war Koͤnig Ban mit der Konigin und dem Knaben gläͤcklich durch den Wald gekommen. Hin⸗ ter dem Walde erhob ſich ein Berg, von deſſtn Gißfet man die Gegend weit umher überſehen konnte. Judem nun Koͤnig Ban den Berg beſtieg, zu erforſchen„ ob feind⸗ liche Wachtfeuer in der Naͤhe ſich zeigten, ſetzte ſich die Koͤnigin, von der Wanderung — 22— ermuͤdet, mit dem Knaben an das Ufer des Sees, der am Fuße des Huͤgels ſeine glatte Flaͤche ausbreitete. Und als Koͤnig Ban den Berg erklimmt hatte, und ſein Geſicht zuerſt nach Oſten kehrte, ſah er nichts, als das in den Nebel der Morgen⸗ daͤmmerung eingehuͤllte Land, und goldne Streifen am Himmel, die den beginnenden Tag verkuͤndeten, doch als er ſich umwen⸗ dete gegen Abend und uͤber den Wald hin⸗ blickte, durch welchen er gekommen war, jagte ihm der Wind eine große Feuerwolke entgegen, die weithin den Himmel blutig farbte.„Weh, wehe!“ rief der Köͤnig niderſinkend„Das iſt Trible, mein eſtes Schloß 1 Eingeäͤſchert vom Feinde, einge⸗ nommen durch Verrath!— Und der Mor⸗ genwind trug den Weheruf des Koͤnigs ins Thal hinab zu Helenen, und ſie erſchrak und legte das Kind ins Gras, und lief in Angſt um ihren Gemahl den Berg hinauß. konnteſt du uns verlaſſen, mich, dein treues Weib, und Lanzelot, den unſchuldigen ungeachtet, die das Fraͤulein dem Kinde er⸗ zeigte, befiel eine ſeltſame — 14— willen, ſchoͤne ſuͤße Freundin, thut meinem Kinde nichts, es wird ja wohl ohnedem Gram und. Herzeleid genug erfahren muͤſſen!— Aber die Unbekannte achtete ihrer Worte nicht, ſondern fuhr fort dem Kinde zu liebkoſen, und als die Koͤnigin ſich naͤherte, ihr den Knaben vom Arme zu nehmen, deuͤckte ſie ihn feſt an die Bruſt und ſprang mit ihm in den See⸗ Da ſank die Koͤnigin bewußtlos nieder und lag lange Zeit einer Todten aͤhnlich, bis allgemach die erſtarrte Lebenskraft ſich wies der regte, und ihr Ange dem Tageslichte ſich aufſchloß. Noch daͤucht ihr Alles der Traum einer unruhigen Nacht, aber der See, in welchem das Fraͤulein mit dem Knaben verſchwand, lag vor ihr u 3 ahm ihr die aläckſige Täußhung und ereifen — 15— ſte ſich ploͤtlich von einem ſtarken Arme zuruͤckgehalten fuͤhlte. Ein grauer Ein⸗ ſiedler ſtand neben ihr und hielt einen Spaten in der Hand, mit welchem er ein Grab am Fuße des Berges auszuhoͤlen be⸗ ſchaͤftigt geweſen war. Iſt dieſes Grab fuͤr mich? fragte die Koͤnigin mit irren⸗ den Blicken den Alten; und er verſetzte: Was wollteſt du thun, Koͤnigin? deinen Lanzelot, die vaterloſe Waiſe, auch mutter⸗ los machen?—„Er braucht keine Mut⸗ ter!“ verſette Helena.„Dieſer See ver⸗ ſchlang den Knaben vor meinen Augen; ich ſehe ihn nie wieder!“— Du ſiehſt ihn wieder, Koͤnigin! ſprach zuverſichtlich der Geeis. Er lebt, er iſt wohl behalten, es kommt die Zeit, wo du ihn wieder in deine Arme ſchließeſt, und dann wird deine Freude ſo groß ſein, als jetzt dein Schmerz iſt. Aber la 1 mich isder a an —— mahls ſitzen⸗ Konigin? fragke der meine Arbeit gehen, denn König Ban will ein Grab haben, ehe es Nacht wird!— Da ſtieg die Koͤnigin den Berg hin⸗ und blieb beim Leichname ihres Ge⸗ bis der Einſiedler mit dem Grabe ſertig war. Dann trugen ſie Beide den Leichnam hinab und bedeckten ihn mit Erde, und der Einſiedler ſummte ein frommes Lied dazu. Was ſiehſt du,. Greis. Sie blickte in die Hoͤhe und ſagke:„Ich ſehe einen auf, 4 Adler in der Luft kaͤmpfen mit einen 1. Geier.“ Und kaum hatte ſie die Worte geſprochen, ſo ſiel der Geier getoͤdtet auf 4 den Grabhuͤgel, und der Adler ſtieg hoch in die Walken.„So wird,“ ſprach des Alte,„Lanzelot der Adler ſein, und durch ihn wird Konig Klaudas ſine Raubſucht mit dem Leben buͤße. Darum dulde, Koͤnigin, und h — Hoͤrſt du des Glͤckleins Schall? In jenem Kloſter ſin⸗ gen fromme Schweſtern ihre Horas, und waͤhrend ihre Seele im inbruͤnſtigen Gebete dem Himmel zufliegt, vertrocknen die Thräͤ⸗ nen, die ein irdiſcher Verluſt ihrem Auge entpreßte. Dort, Koͤnigin, findeſt du Ruhe und Troſt!—„O ſo geleite mich hin,“ ver⸗ ſetzte Helena,„denn kein Weib auf Erden bedarf der Ruhe und des Troſtes mehr, als ich.“— Und er fuͤhrte ſie zum Kloſter und zog die Thorglocke, und als die Pfoͤrt⸗ nerin oͤffnete und Helena ſich umwandte, ihrem Fuͤhrer zu danken, wat er nirgends zu ſehen. u Freundlich nahmen die Kaſteeftauen die Ungluͤckliche auf; doch nicht des Gebetes Kraft, noch die Bußuͤbungen, denenn ſich unterzog, vermochten ihren Schme toͤbten. In der Fruͤhe des Morgens und in der Abenddaͤmmerung verließ ſie oft die Kloſtermauern und ſaß auf dem Grabhuͤger ihres Gemahls, und blickte ſtarr in den 5 ——— 3 8 4 4 4 r 1 — 18— See und hoffte, das Fräulein werde ſich erbarmen und ihr den Knaben zuruͤckbrin⸗ gen. Aber immer verließ ſie mit getaͤuſch⸗ ter Hoffnung die Stelle, und begann an des Einſiedlers Worten zu zweifeln. Drittes Kapitel. Doch der Einſiedler hatte wahr geſprochen: dem kleinen Lanzelot war kein Leid wider⸗ fahren. Das Fraulein, welches Angeſichts der Koͤnigin⸗ mit dem Knaben in den See ſich geſtuͤrzt hatte, war Viviane, die maͤchtige Fee. Ihr war die Kraft verliehen, das Dunkel der Zukunft zu durchſchauen, daher war ihr vorlaͤngſt das Ungluͤck des Koͤnigs Ban und ſein fruͤher Tod bekannt; ihr war nicht verborgen, daß Koͤnig Klaudas darnach trachten werde, den kleinen Lan⸗ zelot in ſeine Gewalt zu bekommen, um — 19— in ihm den einzigen Sproſſen vom Seam 1 Bans zu vernichten. Aber ſie beſchloß den Knaben gegen Klaudas ungerechte Verfol⸗ gungen zu ſichern, und aus ihm einen der 4 wackerſten Ritter zu erziehen Tafelrunde geſeſſen. In der Tiefe des Sees hatte Viviane durch ihre Zauberkunſt das praͤchtigſte Schloß ſich erbauet. Die Decke des Pallaſtes, die Saͤulen, der Fußboden, Alles war vom reinſten Kriſtall, und wenn die Sonne oder 3 der Mond auf die Flaͤche des Sees ſchien, ſchimmerte das Waſſerſchloß wie von unzaͤh⸗ ligen Lampen erleuchtet. Und die Fee hielt hundert Knappen und eben ſo viel Fraͤulein zu ihren Dienſten, die ſich in den hellen Saͤlen mit Nitterſp „ die je an der jelen, mit Tanz und Geſang vergnuͤgten. Oft blieb der Wan⸗ derer, der in ſtiller Nacht dem S vorüber⸗ 1 zog, lauſchend ſtehen, wenn er den wunder⸗ 1 ſuͤßen Geſang vernahm, der aus Waſ 4— 20— ſer emporſtieg. Wenn es aber droben ſon⸗ nenheller Tag war, ſagten die Knappen und Fraͤulein: Schau, Gebieterin, welch ſchöner Sonnenſchein! Wie kuͤhl iſt's hier unten! Laß uns hinauf, damit wir uns an den Sonnenſtrahlen waͤrmen. Und Viviane verwandelte ſie in Fiſchlein und ſprach: Geht hinauf und waͤrmt euch; doch nehmt euch wohl in Acht vor der Menſchen Trug und Liſt und kommt fein wieder, wenn ich euch rufe. Daher ſah man oft am Tage eine Menge Goldfiſchlein in der klaren Fluth ſpielen und ſcherzen und luſtig durch einander fahren, als ob ſie Geſpraͤch zu⸗ ſammen fuͤhrten; ſo wie man aber einen leiſen Klang in der Tiefe des Sees hoͤrte, waren ſie alle mit einmal verſchwunden. So lebte Viviane in ihrem Waſſerreiche. Mit Mutterliebe nahm ſie ſich des kleinen Lanzelot an, und der Knabe liebte ſie wieder, denn er kannte ſeine wahre X unbewußt war ihr, wie manchen harten Aber noch nicht zwoͤlf Jahr alt uͤberwand war, bevor noch ihr Bild ſeinem Herzen ſich eindruͤcken konnte. Er wuchs heran zur Freude ſeiner Pflegerin und war holdſeligen Anſehens, und zeigte gar bald großes Wohl⸗ gefallen an den Waffen; denn wenn die Knappen ſich mit Kampfſpiel beluſtigten, lief er herbei und langte nach ihren blitzen⸗ den Degen und Schildern. Und Viviane gab ihm ein Schwert und ließ ihn in den Waffen unterrichten, damit ſeine Leibeskraft geübt und ſein Arm ſtark werde, denn nicht Strauß er kuͤnftig werde zu beſtehen haben. er ſchon alle Knappen, ſo daß keiner mehr 5 mit ihm fechten mochte. Darob ward ee unwillig und ſprach zu Vivianen: deine Diener ſi ſind alle zu ſchwach fär m nen Arm; beine mir einen Sii — 22— licht, daß ich mir ſelbſt einen Gegner ſuche! Da ſtreichelte ihm Viviane die heiße Wange und ſagte: Sei ruhig, Soͤhnlein, ſollſt bald einen Gegner haben, wie du dir ihn wuͤnſcheſt. Um dieſe Zeit war es, daß Nönſg Klau⸗ das nicht ſchlafen konnte, ſondern ſich un⸗ ruhig im Bette hin und her warf, dann um Mitternacht aufſtand und im Schloß⸗ hofe umherwandelte und ſeufzte. Lange hielt er ſeine Qual in ſich verſchloſſen, bis er von einem frommen Manne hoͤrte, der in der Naͤhe der Koͤnigsburg in einer Hoͤle hauſte und ſchon manchem Menſchen in ſeinem Sterbeſtuͤndlein durch die erquickende Kraft ſeiner Rede Troſt gebracht hatte. Dieſen hieß er zu ſich rufen und ſprach zu ihm Weißt du keine Mittel, Alter, mir den Schlaf wiederzugeben, den ich ſchon ſeit Monden miſſe? Wenn ich mich auf das Lager werfe, werden die weichen Federn ** „ Armen und Därftigen, uͤbe dich andaͤchtig Greis und der Koͤnig erkannte die Wahr⸗ 4 mir zu Dornenſyiben, ich waͤlze mich bin und her, und wenn ich die Augen ſchließen will, reißt eine unſichtbare Gewalt ſie mir immer wieder auf; oft ſehe ich blutrothe Flammen um mein Bette gaukeln und hoͤre Winſeln und Aechzen. Alter, wie heißt der Unhold, der mich alſo plagt, und welches Mittel kennſt du, ihn zu bannen?— „Boͤſes Gewiſſen,“ verſetzte der Greis unerſchrocken,„heißt der Daͤmon, welcher dich heimſucht, und nur durch Buße und 2 Reue und aufrichtige Beſſerung kannſt du ihn vertreiben. Gieb zuruͤck, was du un⸗ rechtmaͤßig erwarbſt, ſei mild gegen die zu beten und dein Herz von boͤſen Gedan⸗ 4 ken zu reinigen, dann wirſt du wieder die Wohlthat des Schlafs genießen.“ 4 Mit dieſen Worten entfernte ſich d heit ſeiner Rede und ſchlug an eine Ba und gedachte daran, die Spuren ſeiner Frevel zu vertilgen.„Warum kann ich die Todten nicht erwecken?“ rief er.„Steig herauf aus deinem Grabe, Koͤnig Ban, daß ich dir dein Reich wieder gebe! Zeige dich, Lanzelot, daß ich die Krone deines Vaters auf dein Haupt ſete!— Weh, ich ruf euch vergebens, die durch Verrath erwor⸗ bene Krone ſoll mir bleiben und meine Schlaͤfe wund druͤcken!“ Und er fragte in der Verſammlung ſeines Volks, ob Niemand Kunde habe vom Schickſale Lanzelots? Da ſagte Einer: Er iſt umkommen im See, der hinter dem Walde von Trible liegt. Oft ſieht man in der Abenddaͤmmerung die Koͤnigin Helena am Waſſer ſitzen und den Verlorenen be⸗ wei„Und iſt ſonſt kein Sproſſe vor⸗ handen vom Stamme Köͤnig Bans?" fragte er. Keiner!— lautele die Antwort. Doch lebt noch ein Brudersſohn des Koͤnigs Ban, 1 einen mit Wein gefüllten Becher reichte, Lionnel, der Sohn Boorts. Als Koͤnig— Klaudas ſolches hörte, ſandte er alsbald 6 Ritter aus, den Sohn Boorts mit freund lichen Worten an ſeinen Hof zu laden, da⸗ mit er aus ſeinen Haͤnden die Krone des Landes Brucic empfahe. Dieſer Einladung gab Lionnel Gehoͤr und fand ſich ein an Koͤnig Klaudas Hofe. Als aber Viviane von dem, was im Werke 8 war, durch ihren Zauberſpiegel Nachricht erhielt, machte ſie ſich auf, die Krone von Brucic ihrem Pfleglinge Lanzelot, als ein⸗ zig rechtmaͤßigem Erben, zu retten. Wie nun Koͤnig Klaudas im Thronſaale ſeine 85 Naͤthe und Hauptleute um ſich verſam⸗ melt hatte, um in ihrer Gegenwart den Sohn Boorts mit dem Lande Brucic belehnen, und ihm nach hergebrachter Sitte F den der Vaſall auf des Lehnherrn un ſeie ner Nachkommenſchaft Woh — 26— ſchuldig iſt, druͤckte Viviane, die unſichtbar an Lionnels Seite ſtand, auf ſeine Locken einen Kranz, aus Zauberblumen geflochten, deren Duft jeden, welcher den Kranz trug, in Wahnſinn verſetzte. Und kaum war dies geſchehen, ſo ſchleuderte Lionnel den Pokal, den er eben an die Lippen geſetzt hatte, dem Koͤnige in das Angeſicht und ontbloͤßte ſein Schwert gegen ihn und rief: Weſſen iſt das Blut, das an deiner Hand klebt? Weſſen iſt die Krone, die du ver⸗ ſchenken willſt? Gieb Rechenſchaft, wo iſt Lanzelot, der Sohn Koͤnig Bans? Hoͤrſt du der Rache Schritt, Kronenraͤuber? Fuͤhlſt du des Todes Naͤhe, Koͤnigsmoͤrder? Falte die Haͤnde nicht— fluche! Verzweifle! Stirb!—— Er drang auf den Koͤnig ein, aber die Ritter warfen ſich mit ge⸗ zuͤckten Schwertern dem Raſenden ent⸗ gegen, doch ploͤtzlich ſtanden ſie vom Er⸗ ſtaunen gelaͤhmt, denn Lionnel war im Nu aus dem Kreiſe, den ſie um ihn ge⸗ ſchloſſen hatten, verſchwunden, und ihre Schwerter verwundeten die Luft. Viertes Kapitel. Die Dame vom See hatte nämlich mit ihrem unſichtbar machenden Schleier Lion⸗ nels Angeſicht verhuͤllt und den Bedrohten mit ſich fort gefuͤhrt. Er fand ſich, aus ſeiner Sinnesverwirrung erwachend, in Vi⸗ vianens Schloſſe wieder. Verwundert rich⸗ tete er ſich auf vom ſeidenen Ruhebett, und blickte in das milde Auge Vivianens, die ſich uͤber ihn hingebeugt hatte. In dieſem Augenblick kam Lanzelot herbeige⸗ ſprungen, und fiel der ſchoͤnen lange ver⸗ mißten Mutter um den Hals, indem er zugleich fragend auf den fremden Ritter deutete.„Sieh, Lanzelot,“ ſprach die Fee, — — — — 28— nhier hab' ich dir einen Kampfgenoſſen mitgebracht, der dir wohl behagen wird!“ Als der Sohn Boorts Lanzelots Namen höͤrte, ſprang er auf und ſchloß ihn mit großer Freude in ſeine Arme und rief: Sei mir tauſendmal gegruͤßt, wenn du wirklich Lanzelot biſt, mein werther Vetter, den wir lange fuͤr todt hielten. So laß uns denn ausziehen, herzlieber Vetter, auf Abentheuer, und dem unrechtmäͤßigen Be⸗ ſitzer dein vaͤterliches Erbe abgewinnen!— „Ja, Vetter Lionnel, das wollen wir!“ rief Lanzelot und ſeine Wange gluͤhte. Da faßte Viviane ſeine Hand und fragte mit ſanftem Vorwurfe: Mich willſt du verlaſſen, Lanzelot, die dich ſo lieb hat?— Vei dieſen Worten floß ein kriſtall⸗ nes Thraͤnlein aus ihrem hellblauen Auge die Wange hernieder, und Lanzelot ſah Aaag⸗ nachdenkend und ſchuͤchtern zu Boden, als fuͤrchtete er Vivianens naſſem Auge zu nels Bruſt und ſagte kaum hoͤrbar: Vetter, 8 begegnen, dann warf er ſich raſch an Lion. die Mutter weint, weil ich ſie verlaſſen will— ich kann nicht mit dir ziehen!— Viviane, der die leiſen Worte nicht ent⸗ gangen waren, zog voll Zaͤrtlichkeit den Liebling an ihr Herz und ſprach: Mein Lanzelot, wie mild und ſanft biſt du! Harre nur ſo lange hier, bis du achtzehn Jahre alt biſt, und den Ritterſchlag verdieneſt, dann will ich mit keinem Wort und keiner Thraͤne dich zuruͤckhalten, ſondern dich ſelbſt an den Hof des tapferſten Koͤnigs bringen, denn ich weiß es, du biſt beſtimmt zu herr⸗ lichen Thaten, dein Name wird fortleben 8 im Munde der Saͤnger, und wenn laͤngſt unter den Menſchen Heldenmuth und Edel⸗ ſinn erloſchen iſt, werden die erkalteten Herzen ſich noch durch das Andenken deiner preiswuͤrdigen Thaten erwaͤrmen. Dann wandte ſie ſich zu Lionnel und —— — 30— ſagte: Blicke nicht finſter nieder, Sohn Boorts, auch dir will ich dein Schickſal 4 verkuͤnden. So lange Lanzelots Name im Munde der Voͤlker lebt, wird auch des treuen Lionnel gedacht werden; zwei leuch⸗ tende Geſtiene werdet Ihr ſein am Him⸗ mel gleich den Soͤhnen des Tyndarus, die der Schiffer auf ſturmbewegtem Meere um Huͤlfe anruft. Da umhalſete Lionnel ſeinen Vetter und rief: Wie verwandtes Blut in unſern Adern fließt, ſo ſoll mein Leben in das deine verrinnen. Wenn du der Strom biſt, will ich das Baͤchlein ſein, das ſich in den Strom ergießt, du nimmſt mich mit, und wir eilen vereint in das Weltmeer. MNitt inniger Freude ſah Viviane den Bund der Juͤnglinge, der die ſchoͤnſten Hoff⸗ nungen erweckte. Sie ſchloſſen ſich immer feſter an einander an, ſie verſuchten ihre Krafte gegen einander im Kampfe und Kei⸗ —————— 5——— — 31— ner wich dem Andern, und wenn ſie ermat⸗ tet waren, warfen ſie die Waffen hin und umſchlangen und küuͤßten ſich, gleich als ſollte dieſe Umarmung eine Verſicherung ſein, daß die feindlichen Hiebe, die ſie gegen ein⸗ ander gefuͤhrt, nur Scherz geweſen. Als jedoch Lionnel einige Wochen in Vivianens Schloſſe zugebracht hatte, ſprach er zu ihr: Dame vom See, es will ſich nicht geziemen, daß Koͤnig Boorts Sohn der Ruhe pflege; gebt mich frei, und last meinen Vetter Lanzelot mit mir ziehn! Und ſie verſette: Du warſt mein Gaf, nicht mein Gefangener; ziehe, wohin es dit beliebt, aber deinen Vetter darfſt du nicht mit dir nehmen, noch darfſt du Jemanden ſagen, daß er in meinem Schloſſe lebt, ſo lieb dir ſein Gluͤck iſt!— 8 it Da ging Lionnel, obwohl tenueig, zu 4 1 ſeinem Vetter, und ſagte ihm ſeinen Ent⸗ ſchluß und umarmte ihn zum Abſchiede, und Beide troͤſteten ſich gegenſeitig mit der Hoff⸗ nung baldigen Wiederſehns. Und Lionnel wurde emporgezogen von den Wellen und fand am Ufer des Sees eine Ruͤſtung lie⸗ gen und ein ſchoͤnes Roß an einen Baum gebunden, das ihm freudig entgegenwieherte und im Sande ſcharrte. Und er legte die Waffen an, und beſtieg das Roß, und rief, indem er davon ritt, der Dame des Sees ſeinen Dank und ſeinem Vetter Lan⸗ zelot ein nochmaliges Lebewohl zu. —— Fuͤnftes Kapitel. Als nach Verlauf mehrerer Jahre, ſeitdem dies geſchehen, Koͤnig Artus auf Cra⸗ malot, ſeinem Schloſſe, ein prachtvolles Hoflager hielt und vor ſeinen und der ſchoͤ⸗ nen Koͤnigin Genevra Augen die tapfern . —— Ritter Iwain, Hektor, Gauwain, nebſt mehreren fremden Rittern, die der Ruf des Koͤnigs Artus herbeigezogen hatte, ſich mit Kampfſpielen beluſtigten, kam ein Bote eilend und meldete: in den Hafen zu Flon⸗ dehueg ſei ein Schiff eingelaufen und aus demſelben eine wunderſchoͤne Dame an's Land geſtiegen nebſt einem feinen Edelknap⸗ pen, und jetzt habe ſie ſich aufgemacht, in Begleitung des zahlreichen Troſſes ihrer Diener und Fraͤulein, den Koͤnig in ſeinem Schloſſe Eramalot heimzuſuchen. Da fandte der Koͤnig Meſſtre Iwain, ſeinen Neffen, ab, die fremde Dame zu begruͤßen und her zu geleiten, und Alle blickten voll Erwartung dem Walde entge: gen, aus welchem der Zug kommen mußte. Aus der Ferne ſchon hoͤrte man das Ju⸗ belgeſchrei des Volkes, bald darauf ſah man einen weißen Schimmer im Lubgehügge und endlich brach der glaͤnzende Zug aus. 3 dem Walde hervor, und naͤherte ſich dem Schloſſe des Koͤnigs Artus.. An der Spitze des Zugs ritt die Dame vom See auf einem ſchneeweißen Zelters ſie trug ein himmelblaues Gewand, und um ihr Antlitz zog ſich ein feiner ſchim⸗ mernder Schleier gleich einem duͤnnen Ge⸗ woͤlk am Abendhimmel, aus deſſen Duft ſilberne Sterne hervorblinken. Zur Rech⸗ ten der Dame tummelte Meſſire Iwa=in ſeinen Rappen, der vor Ungeduld brauſend die flatternde Maͤhne ſchüttelte, und zu⸗ weilen neugierig ſeinen Hals nach Viyia⸗ nens Roͤßlein umwendete. Ihr zur Linken ritt Lanzelot auf einem Falben. An den ſchlanken Leib des Juͤnglings ſchloß ſich enge ein blaßrothes mit Silber geſticktes 1 Kleid an, um den blendend weißen Hals faltete ſich ein feiner Spitzenkragen, und die bis auf den Nacken herabfallenden blon⸗ den Locken bedeckte ein ſchwarzes Baret, — — 35— von welchem ſtolze Reigerfedern herabnickten. Hinter der Dame aber hatten ſich ihre Knappen und Fraͤulein zu einem langen Zuge geordnet. Als ſie vor dem Schloſſe angekommen waren, hob Meſſire Jwain die Fee vom Roſſe und fuͤhrte ſie dem Koͤnige entgegen, und ſie ſchlug den Schleier zuruͤck, ver⸗ neigte ſich und ſprach: Heil Euch, Koͤnig Artus! Heil Euch, K Koͤnigin Genevra! Heil Euch, tapfre Ritter, die Ihr mit dem Koͤnige Artus an der Tafelrunde ſitzet! Euch Allen iſt das traurige Schickſal des Koͤnigs Ban von Brucic bekannt. In jener Nacht, als das Schloß Trible in Flammen aufging, und der Koͤnig in der — Heftigkeit ſeines Schmerzes todt zu Boden ſtͤrzte, erbarmte ich mich des vaterloſen Knaben Lanzelot, der des Koͤnigs Klaudas feindſeligen Nachſtellungen ausgeſett war, und nahm ihn in mein Schloß und habi 3* . — 35— ihn erzogen, und jetzt iſt er achtzehn Jahre alt, und ein ſtatklicher Juͤngling worden. Und ich habe ſeinetwegen die Sterne be⸗ fragt, und die Antwort erhalten, daß er der tapferſten Paladins einer und die Zierde der Tafelrunde ſein wird. Darum bitt' ich Euch, Koͤnig Artus, Ihr wolltet den Juͤngling des Ritterſchlags von Eurer Hand werth achten, und ihm einen Sitz geben an der runden Tafel. Darauf Koͤnig Artus: Seid mie herz⸗ lich willkommen, Dame vom See, deren Nuhm ſchon laͤngſt von Galliens Küſte nach Britannien gedrungen iſt. Was Euer Begehr anlangt, ſo dient Euer Wort mit zu genugſamer Beglaubigung der edlen Abkunft des Juͤnglings, auch bezeugt ſchon ſeine Geberde und ſein Anſtand, daß er nicht niederm Gehluͤt entſproſſen iſt, denn der Herkunft Adel verlaͤugnet ſich ſo wenig, daß ſelbſt, wenn ein Koͤnigsſohn zu Knechts⸗ 3 hegt, will ich dem Juͤnglinge den Ritter⸗ Andern das Wort und verſetzte: Eure Mei⸗ — 1 wehrhaft d dienſten gezwungen waͤre, oder in Bettlers⸗ tracht an der Straße ſich zeigte, man doch in ihm ſeinen edlen Urſprung nicht ver⸗ kennen wuͤrde. Darum, wenn von Euch, meine wackern Ritter, keiner ein Bedenken ſtreich ertheilen, und ihm ſeinen Platz an⸗ 8 weiſen an der runden Tafel. n 5 Da nahm Meſſire Iwain fuͤr die nung, Herr Oheim, iſt auch die unſere. Wohlan denn! ſprach Koͤnig Artus und zog ſein Schwert Eskalibor. Knies nieder, Lanzelot, und empfange die ritter⸗ liche Weihe. Und als der Juͤngling mit entbloͤßtem Haupte ſein Knie vor dem Koͤnige gebeugt hatte, und die Ritter im. Kreiſe umherſtanden, gab ihm Artus drei Schwertſchlaͤge auf die Schulker und ſprach: 85 Sei gerecht— Miemands Knecht— ſchutze — 38— ſen Schlag und fortan keinen!— Dann hob der Koͤnig ihn vom Boden auf und umguͤrtete ihn mit dem Schwerte, und als die Ritter ihn umarmten und ihn Bruder nannten, ergluͤhten des beſcheidenen Juͤng⸗ lings Wangen von hoher Schaamroͤthe, denn er meinte ſolcher Ehren noch nicht wuͤrdig zu ſein. Viviane verweilte mit einem Blicke der innigſten Liebe auf ihrem Pfleglinge und ſprach ſodann: Herr Koͤnig, wollet noch eine Bitte mir vergoͤnnen. Artus ver⸗ ſetzte, Redet, Dame vom See. Und ſie ſprach: Erlaubt, daß mein Pflegeſohn Lan⸗ zeldt die Ruͤſtung, die er tragen, das Roß, welches er reiten ſoll, und die Knappen, die er zu ſeiner Bedienung noͤthig hat, von mir empfangen darf. Artus verſetzte: Obwohl ich des Vorrechts, den jungen Ritter ſtattlich auszurüſten mich ungern hegebe, ſo verm ſchoͤne Dame — 39— 1 vom See, Euerm Wunſche nicht entgegen zu ſein, und ſei er Euch hiermit gewaͤhret. Dagegen verweigert mir die Bitte nicht, dieſe Nacht in meinem Schloſſe zuzubrin⸗ gen nebſt Euerm Gefolge, und freundlich anzunehmen, was Koͤnig Artus Gaſtfreund⸗ ſchaft Euch bieten kann. Und die Dame verneigte ſich dankend und folgte mit ihrem Hofgeſinde dem Koͤ⸗ nige in das Schloß nach. 8 Sechſtes Ka p ite. Hier ließ ſie die fuͤr Lanzelot beſtimme Ruͤſtung bringen, und ſandte ſie ihm durch die vier Knappen, die ſie zu ſeinem Dienſt auserwaͤhlt hatte. Die Ruͤſtung war von getriebenem Silber mit eingelegten goldonen Blumen; auf dem Kamme des Heims ruhte ein Goldadler, mit ſcharfem Auge 22 t — umherſchauend, als ob er ſeine Beute ſu⸗ che; das Schild aber war von vieleckig ge⸗ ſchliffenem Stahle, deſſen Glanz, wenn die Sonne darauf ſchien, Niemand ertragen konnte. Mit großer Freude nahm Lanze⸗ lot das ſchoͤne Geſchenk ſeiner Pflegemut⸗ ter, und legte ſofort die Ruͤſtung an, die ſich willig an den ſchlanken Leib ſchloß, und umwand ſich mit der Binde, die blau und weiß und mit Silber durchwirkt war. So angethan eilte er, um ihr zu danken, in Vivianens Gemach, und Genevra's Fraͤu⸗ lein, die ihn gehen ſahen, lispelten ihm nach: Ei, wie ſchoͤn iſt der Ritter! Mit Wehmuth umarmte die Dame vom See ihren Zoͤgling, denn ſie hatte ihn ſo lieb gewonnen, daß ſie nicht ohne Schmer⸗ zen der nahen Trennung gedenken konnte. „Lieber Lanzelot!“ ſprach ſie ſodann ſchmei⸗ chelnd.„Haſt du mir vielleicht, bevor ich Artus Hof verlaſſe und in mein Reich zu⸗ — ——— — 41— rüͤckkehre, noch etwas zu vertrauen?“ Sie ſah ihn dabei freundlich forſchend an, als ob ſie ſchon das ſuße Geheimniß wuͤßte, das ſein Herz belaſtete; er aber ſchlug er⸗ roͤthend das Auge zu Boden und ſprach: Wohl, herzliebe Mutter, moͤcht' ich dir et⸗ was vertrauen, was verborgen in meinem Herzen ſchlaͤft, wie die Bluͤthe in der Knospe, und doch moͤcht' ich es gern wie⸗ der allein fuͤr mich haben, und keinem Andern mittheilen, ſo lieb und theuer iſt es mir!—. Da laͤchelte Viviane: Meinſt du denn, mein lieber Sohn, daß dein Geheimniß mir verborgen ſei? Wußt' ich es doch eher, als du, daß der ſchoͤnen Genevra Anblick die Flamme der Liebe in deinem Herzen entzünden werde!— Als ſie dieſes ſagte, ver aeg Lanzelot ſein Geſicht an ihrer Bruſt, ehentlich bittend, daß ſie Niemanden ſein Geheimniß pecdatte Wolle. 158 8 uUnd ſie verſetzte: Mein Sohn, ich weiß *s, dieſe Liebe wird die viel Freude bringen und viel Ungemach, du wirſt um ihrent⸗ willen gedraͤngt und verfolgt werden, doch bleibe getreu der Dame deines Herzens und vertrau' auf Vivianens Huͤlfe!— Des naͤchſten Morgens beurlaubte ſich die Dame vom See beim Koͤnige Artus und der Koͤnigin Genevra„ und Lanzelot begleitete ſie nebſt den andern Rittern bis in den Hafen, und perfolgte das Schiff, von welchem ſie nach Gallien zuruͤckgetra⸗ gen wurde, mit ſehnſuͤchtigen Blicken ſo lange, bis die Segel in lblaner Feine ver⸗ ſchwanden. 174 Als des folgenden Tages Lanzelot zum erſten Male mit dem Koͤnige und den Rittern an der runden Tafel ſaß, wurde die Nachricht gebracht, daß ein fremder Rittse angekommen ſei, der dringend um Borlaß beim Koͤnige bitte. Und als er — y——— — thumberland verfechte. in den Saal eingelaſſen worden war, neigte er ſich vor dem Koͤnige und ſprach: Here Koͤnig, Gott verleih' Euch langes Leben und Sieg Euern Waffen! Die Dame von Noyhant, Eure getreue Vaſallin, ent⸗ bietet Euch ihren Gruß. Der Koͤnig von Northumberland haͤlt ſie belagert in ihrem Schloſſe und bedraͤngt ſie hart, und um den Feindſeligkeiten ein ſchnelles Ende zu machen, iſt fie uͤbereingekommen mit dem Koͤnige, daß ſie einen Ritter ſchicken will, der mit einem Ritter des Koͤnigs kaͤmpfe, und wenn ihr Ritter obſiegt, ſoll der Koͤnig⸗ von der Belagerung abſtehen, Gegentheils will ſie gehalten ſein, das Schloß dem Koͤnige zu uͤbergeben. In dieſen Noͤthen bin ich abgeſchickt, Euch, Herr Koͤnig, zu bitten, daß Ihr der Dame einen Euret tapfern Ritter zu Huͤlfe ſendet, der ihre Gerechtſame gegen den Koͤnig von Nor⸗ 4 — Da erhob ſich Lanzelot von ſeinem Sitze und ſprach: Verarget mir es nicht, Herr Koͤnig, und Ihr, theure Ritter, daß ich, der juͤngſte unter Euch, des Worts zuerſt mich anmaße. Was iſt kraͤnkender, als unter Tapfern zu ſitzen, ohne eigne Tapferkeit erwieſen zu haben? Was iſt beſchaͤmender, als das Gefuͤhl, fremde Tha⸗ ten erzaͤhlen zu hoͤren, und ſelbſt thaten⸗ los zu ſein? Meines Namens Ruhmloſig⸗ keit nagt mir am Herzen gleich einem gif⸗ tigen Wurme; darum, Herr Koͤnig, ver⸗ goͤnnt mir, daß ich ausziehe, den Ritter des Koͤnigs von Northumberland zu be⸗ kaͤmpfen. Artus ſprach: Ritter Lanzelot, was Ihr bittet, war ich ohnehin Euch aufzu⸗ tragen gewillet. Ziehet hin und ſeid ſieg⸗ haft! Und Ihr, fremder Ritter, meldet eiligſt der Dame von Noyhant, meiner Vaſallin, daß ſie baldiger Huͤlfe ſich getroͤſte!— — 45— Und Lanzelot war aufgeſprungen und ief: Tummelt Euch, Knappen! Fuͤhrt mein Roß vor! Dann ließ er ſich bei der Koͤnigin Genevra melden und ſank vor ihr auf die Kniee und ſprach: Schoͤne Koͤnigin, ich ziehe aus, den erſten Kampf zu beſtehen, erlaubt, daß ich Euern Ritter mich nennen darf. Und Genevra blickte ihn holdſelig an und ſprach: Wie Ihr wollt, ſo ſei es. Lebt wohl, mein ſuͤßer Freund, und volbringet gluͤcklich Eure Fahrt!. Bei diefen Worten hob ſie ihn in die Hoͤhe, und als er die Beruͤhrung ihrer zarten Hand fuͤhlte, pochte das Herz ihm laut, als vermöoͤcht es ſolche Wonne nicht zu faſſen, und ſiegsfreudigen Muthes ſchwang er ſich auf ſein Roß und trahh fort. Siebentes Kapitel. UInterdeſſen harrte die Dame von Noy⸗ hant voll Angſt der Ruͤckkehr des Ritters, den ſie an Koͤnig Artus abgeſandt hatte. Und als der letzte Tag angebrochen war, an welchem ſie vermöͤge des Vertrags den Ritter zum Kampfe ſtellen ſollte, fragte ſie den Waͤchter auf dem Thurme: Siehſt du noch nichts, Waͤchter?—„Nichts,“ erwie⸗ derte der Waͤchter,„als die Sonne, wie ſie mit dem Morgennebel käͤmgxft. 4— Siehſt du noch nichts, Waͤchter? fragtẽ ie nach einer Weile wieder. Und er verſetzte: Es 5 wird lebendig im Lager der Feinde, und 5 einer ihrer Ritter tummelt ſein ungeduldi⸗ ges Roß auf dem Kampfplane,“ Das iſt— rief die Dame erſchrocken— der Ritter des Koͤnigs von Northumberland! Wo bleibt der meinige? Siehſt du ſonſt nichts, Waͤchter?—„Weit in der Ferne,“ 1 verſeßte er, nſeh' ich einen hellen Schein, gleich als ob eine zweite Sonne am Hori⸗ zont aufſtiege.“ Schärfe dein Geſicht— ſprach die Dame— und ſage, was giebt 2n hellen Schein?—„Es iſt,“ verſetzte r. Waͤchter,„ein Ritter in blanker dnue und neben ihm reitet ein anderer Ritter, wo ich nicht irte,. zi es einer der linſemn 14— Da rief die Dame: Blaße aatig in dein Hoͤrnlein, Waͤchter, und laß es wiſſen dem Koͤnige von Northumberland, daß mein Kaͤmpfer angekommen iſt!— Und während des Vaͤchters Hoͤrnlein froͤhlich in die Morgenluft hineinſchmetterte, zog die Dame von Noyhant an der Spitze ihrer Ritter und Knappen aus dem Burgthore, und eilte auf das zum Zweikampfe beſtimmte Feld, um dem Gefechte zuzuſchauen. Dots 35 war ſchon der Fremde angekommen und ſenkte gruͤßend ſeinen She gegen de Dame und ſprach: Dame von Noyhant, Euer Lehnsherr, Koͤnig Artus von Britan⸗ nien, hat mich abgeſandt, den Ritter des Koͤnigs von Northumberland zu bekaͤmpfen. Lanzelot vom See iſt mein Name!— Als er die Worte geſprochen, ſprengte ihm ein Ritter in ſchwarzer Ruͤſtung ent⸗ gegen, welcher uͤber ſeinem Haupte in der Luft die ſchwere Lanze im Kreiſe drehte, als waͤr es ein ſchwaches Staͤblein, und rief: Und ich bin der Ritter des Koͤnigs von Northumberland, der mit dir kaͤmpfen 1 ſoll, und mein Name iſt Gallehalt!— 8 — Drauf ordneten ſich die Voͤlker des Koͤ⸗ nigs und der Dame zu beiden Seiten des Kampfplatzes, und die Kaͤmpfer wichen aus einander. Und als der erſte Trompetenſtoß erklang, legten ſie die Speere ein und ſprengten auf einander los, und der Speer des Einen traf die Bruſt des Andern mit gewaltigem Stoße, aber Keiner wankte. Wilder ſprengte beim zweiten Rennen Gallehalt auf feinen Gegner los, ſein Speer zerbrach an Lan- zelots Harniſch, doch Keiner wankte. Und Gallehalt faßte einen friſchen Speer, und ſte rannten zum dritten Male gegen ein⸗ ander; da zerſplitterten Beider Lanzen, doch Keiner ward ſattellos. Und die Kampfrichter riefen: Ihr Degen, es iſt genug des Lanzengefechts; beginnt den Schwertkampf!— Im Hui blitzten die Schwerter und die Ruͤſtungen klangen unter den gewaltigen Hieben, die ſie gegen einander fuͤhrten, die Erde zitterte unter ihnen, doch Keiner wich dem Andern um eine Spanne breit, ſie ſtanden feſt wie tief in den Boden gegra⸗ bene Pfeiler. 2 Da riefen die Kampfrichter abermals Genug des Schwertkampfes! So verſuchst 4 3 denn zum Letzten im Ringen, ob Einer des Andern Meiſter werde! — 4 halt, du ſollſt mein Waffenbruder ſein! — 30— Da umfaßten ſie einander mit feind⸗ licher Umarmung, man hoͤrte das Droͤhnen der Ruͤſtungen und das Keuchen der an⸗ geſtrengten Bruſt, doch wenn Einer den Andern in die Hoͤhe geſchwungen hatte, um ihn niederzuwerfen, faßte der Andere wieder feſten Fuß, und ſchien, wie der Rieſe Anteus im Kampfe mit Herkules, durch Beruͤhrung des Bodens neue Staͤrke gewonnen zu haben. Schon lange hatte das Ringen gewaͤhret, da nahm Lanzelot ſeine letzten Kraͤfte zuſammen, faßte ſeinen Widerpart mitten um den Leib und ſie ſtuͤrzten Beide zu Boden, doch Gallehalt fiel unten, und rang vergebens, ſich wieder aufzurichten, denn Lanzelot hatte beide Arme feſt gegen ſeine Bruſt geſtemmt. Da keuchte Gallehalt: Ich gebe mich uͤber⸗ wunden, thue mit mir, was dir gut daͤucht. Und Lanzelot ſprach: Stehe auf, Galle⸗ — r— Und ſie umarmten und küͤßten einandet Angeſichts beider Heere. 8. Die Ritter der Dame von Noyhant erhoben hierauf großes Frohlocken; der Koͤnig von Northumberland aber ſprach: Hat Koͤnig Artus ſolcher Ritter mehrere, ſo iſt die Erde ſein, wenn er ſie haben will!— Dann ließ er die Zelte abbrechen und zum Abzuge blaſen. Und die Dame von Noyhant dankte mit ſuͤßen Worten ihrem Retter und lud ihn in ihr Schloß, doch Lanzelot verſetzte: Habt Dank, Dame, fuͤr Eure freundliche Einladung, obwohl ich ſie nicht annehmen darf, denn da mein Gewerb beſtellt iſt, muß ich eiligſt zuruͤckkehren an Koͤnig Ar⸗ tus Hoflager!— Bei dieſen Worten ſchwang er ſich ſofort auf ſein Roß und ſprengte mit Gallehalt von dannen. Als ſie nun unterweges Raſt hielten und ſich unter einem Baume niedergelaſſen 4* 5² hatten, während ihre Roſſe im Schatten weideten, quoll ein ſchwerer Seufzer aus Lanzelots Bruſt und er ſtuͤtzte das Haupt nachdenkend auf den Arm und blickte vor ſich hin. Da entſpann ſich Auiſchen ſhnen folgendes Geſpraͤch.. 8 Gallehalt. Wie 3 aun es, herz⸗ lieber Waffenbruder, daß du traurig biſt 2 Lanzelot. Sage, Culehes haſt du noch nie geliebt?— Gallehalt. Wohl hab ich von Jugend auf geliebt— Roß und Schwert und blanken Harniſch; uh Frauentiebe kenn' ich nicht. Lanzelot. Ach, Galchat, Mian⸗ iſt freudenreich und ſchmerzenvoll zugleich, Furcht und Hoffnung und Zweifel und Sehnſucht jagen ſich im Herzen des Min⸗ nenden und findeſt nirgends Ruh und Raſt, ſo lange du des Anblicks der Ge⸗ liebten darben mußt. n Gallehalt. Bringt Minne Qual, ſo will ich nimmer von ihr wiſſen.. Lanzelot. Glaube mir, Gallehalt, es iſt nicht deine Wahl, ob du minnen willſt oder nicht. Wie du im Athemzuge, faſt ohne es zu wiſſen, friſche Luft trinkſt,. ſo ſchleicht aus einer Holden Augen die Minne in dein Herz, und weißt auch nicht recht, wie es gekommen iſt. Und trifft es ſich nun, daß die, ſo du minneſt, ſchon einem Andern angehoͤrt, wie ſchlimm und martervoll iſt es dann. Ach! Ach! Gallehalt. Warum ſeufzeſt du ſo ſchwer, Freund Lanzelot? 34 4 Lanzelot. Ach, Gallehalt, du biſt mein Waffenbruder, und hab' ich keine Heimlichkeit vor dir. Ich will es dir ge⸗ ſtehen, ich minne die Koͤnigin Genevra. Weißt du, warum ich ſo heftig auf dich einhieb, und was Alles ich dabei im Sinn hatte? Dacht' ich doch, ſie wird dich freund⸗ lich grüßen, wenn du von deiner Fahrt als Sieger heimkehrſt, und jetzt ſcheint's wieder eitle Hoffnung mir zu ſein. Iſt ſie doch Koͤnig Artus Gemahl, und bleibt mir ewig fern, wie die Sternlein droben am Himmel. minnen wollte, ein Anderer ihr minne⸗ werth ſein 2 Biſt du vielleicht zu furcht⸗ ſam, ihr zu fagen, was Alles du ihr gern bekennen moͤchteſt, ſo will ich dein Mund ſein, Waffenbruder! 1 e Dan druͤckte Lanzelot ſeinem Gallehalt ſchweigend mit einander, denn Jeglicher hatte ſeine beſondern Gedanken. . —— Gallehalt. Nur nicht verzagt, mein Freund. Wie koͤnnte, wenn ſie dich nicht innig die Hand, und ſſe ritten fuͤrden 3 Achtes Kapeitel. An Koͤnig Artus Hofe wurde Lanzelot ſei⸗ ner ritterlichen That halber gar hoch ge⸗ prieſen, aber auch Gallehalt gewann ſich bald das Vertrauen der Ritter wegen ſei⸗ nes adeligen Betragens und ſeiner Mann⸗ haftigkeit, noch mehr aber dadurch, daß er Lanzelots Waffenbruder war. Nun traf es ſich, daß, als Gallehalt eines Abends im Schloßgarten ſpabieren ging, auch die Koͤnigin mit einer ihrer Hof⸗ damen in den Garten kam, und Beide waren in ſo tiefes Geſpraͤch verloren, daß ſie den Ritter nicht bemerkten. Da ge⸗ dachte Gallehalt, was wohl der Inhalt des Geſpraͤchs ſein moͤchte, und ob es vielleicht Lanzelot, ſeinen Waffenbruder, boträfe, und zog ſich in das Gebuͤſch Kuich und lauſchte. und die Koͤnigin ſagte: Marehid, un = 56— du heute ſchon den Ritter Lanzelot geſehen? In des Morgens Fruͤhe, verſetzte bas Fraͤulein, ſah ich ihn im Garten wandeln. War er freundlich oder traurig? fragte die Koͤnigin. 1 5 Er ſah traurig vor ſich hin, verſetzte Malehild, und ſeufzte und legte die Hand aufs Herz, als thäͤt' es ihm wehe. Da ſagte Genevra: Ach, Malchild, ich weiß wohl, was ihm fehlt, und kaͤm er nur, ich wollte bald die Schmerzen von ihm nehmnen. 1. r Als Gallehalt die Worte hoͤrte, freute er ſich ſehr und ſchluͤpfte unbemerkt aus dem Gebuͤſch und ſuchte Lanzelot, ſeinen Waffenbruder, auf und ſprach zu ihm: Sei guten Muths, mein theurer Waffen⸗ gefahrt, und folge ſchnell mir in den Gar⸗ ten, wo deiner ein ſuͤßes Stuͤndlein harret. AUnd obwohl Lanzelot ſich ſtraͤubte, ſei nem Waffenbruder zu folgen, indem er durch ſein dreiſtes Begegnen der Dame ſeines Her⸗ zens zu mißfallen fuͤrchtete, zog ihn doch Gallehalt mit ſich fort. Und als ſie in den 5 Garten traten, kam ihnen eben die Koͤni⸗ gin mit Malehild entgegen, und Lanßelot ſank in ſuͤßer Verwirrung vor der Dame ſeines Herzens nieder und ſtammelte: Ver⸗ zeihet, daß wir uns unterfangen, Euch zu ſtoͤren, glaubten nicht Euch hier zu finden. Bei dieſen Worten uͤberflog hohe Roͤthe ſeine Wange, denn er wußte wohl, daß er nicht Wahrheit geſprochen. 5— Aber die Koͤnigin ſagte freundlich: 1 Hättet immer glauben moͤgen, mich hiet zu finden; bin ohnehin Euch noch den Dank fuͤr Eure erſte Ritterthat ſchuldig, und moͤgt nun ſelbſt beſtimmen, womit ich SLuth lohnen ſoll? Da faßte Lanzelot guten Mueh und —— ſprach: Dame meines Herzens, ſo bitt' ich um einen Kuß von Euren Lippen. Und Genevra ſprach: Gar gerne, ſuͤßen Freund, will ich die Bitte Euch gewaͤhren und druͤckte ihre Lippen heiß und nag geih uue ſeinen Mund.. Wie Gallehalt und Malehild dies huhen. anlſernten ſie ſich, um nicht die Minnen⸗ den zu ſtoͤren; doch waͤhrend ſie neben ein⸗ ander ſchweigend hergingen, blickte Galle⸗ halt oft das Fraͤulein an, und fuͤhlte ſein Herz gar wunderſam bewegt, und als ſie kamen in das heimliche Gebuͤſch, vermochte er ſeine Empfindung nicht laͤnger zu ber⸗ gen, ſondern warf ſich vor Malehild nieder und ſprach: Ach, ſchoͤnes Fraͤulein, zuͤrnt mir nicht, wenn ich's bekenne, daß Eure Schoͤnheit mir das Herz verwundet hat. Da läͤchelte Malehild und ſprach: Ei, tapfrer Ritter, wenn dem alſo iſt, ſo muß ich wohl ſorgen, Eure Wunde wiederum ——— ——— Und ſie waffneten ſich und nahmen Urlaub bei ihren Damen ſowohl, als dem Koͤnige Artus und ſeinen Rittern. Neuntes Kapitel. — Es waren nur wenige Tage ſeit Lanzelots und Gallehalts Entfernung verfloſſen, als ein fremder Ritter nach Cramalot kam, der ſich Bertelac nannte, und dem Koͤ⸗ nige einen dreifach verſiegelten Brief uͤber⸗ gab. Der Brief lautete ſo: Dem Koͤnige Artus entbietet ihren Gruß Genevra, die Tochter des Koͤnigs Leodagan von Kame⸗ lide. Artus, du biſt betrogen durch die ſchaͤndlichſte Liſt, durch den abſcheuvollſten Verrath. Du waͤhnſt, die Tochter des Koͤnigs Leodagan theile dein Bett, aber du irrſt. Die Tochter des Seneſchalls zu Kamelide iſt es, die du mit deinen Um⸗ ———— armungen begluͤckſt. Ihre Ehrfurcht machte ſie zur Verraͤthetin an dir und mir. Sie wußte die Ritter, die mich an deinen Hof geleiten ſollten, auf ihre Seite zu bringen, und ich, die wahre Genevra, wurde in einem finſtern Thurme verſchloſſen gehal⸗ ten, waͤhrend man die falſche Genevra in deine Arme fuͤhrte. Jeht iſt es mir ge⸗ tungen, meinem Gefaͤngniſſe zu entfliehen, und mehrere wackere Ritter, die ich um Schut gebeten, erbieten ſich mein Recht mit den Waffen darzuthun gegen Jeden, der ſich unterfaͤngt, an meinen Worten zu zweifeln. Darum, Koͤnig Artus, verſtoße die verraͤtheriſche Schlange, die ſich um dein Herz gelagert hat, und rufe zu die die wahre Genevra, die ſich mit treuer Liebe nach ihrem Gemahle ſehnt..nn Erſtaunt uͤber den unerwarteten In⸗ halt dieſes Briefs rief Artus ſeine Ritter zuſammen und verlangte ihre Meinung “ Da erhob zuerſt Meſſire Hektor un⸗ willig ſeine Stimme und ſprach: Here Köͤnig, trauet nicht den gleißenden Worten dieſes Briefs, ein Bubenſtuͤck, liegt dahin⸗ ter verborgen, das will ich mit den Waf⸗ fen gegen Jeben behaupten, der ſich unter⸗ faͤngt, die Rechte der Konigin anzutaſten! Das wollen auch wir! riefen die uͤbti⸗ gen Ritter. Allein Koͤnig Artus ſprach: Die wider die Koͤnigin Genevra erhobene Anklage, der ich ſelbſt zur Zeit noch nicht den mindeſten Glauben beimeſſe, iſt von ſolcher Art, daß meines Erachtens die Entſcheidung von ei⸗ nem Zweikampfe nicht abhaͤngig gemacht werden darf, ſondern es muͤſſen die Staͤnde von Logres und Kamelide verſammelt und aufgefordert werden, nach reiflicher Unter⸗ ſuchung aller Umſtaͤnde zu entſcheiden, welche von den Damen die wahre Tochter des 4 Koͤnigs Leodagan iſt, und welche ein fuſaese 1 Spiel treibt. Fremder Ritter, meldet die⸗ ſes der Dame, die Euch geſandt hat, und gehabt Euch wohl! t B. Nicht mit ruhigem Gemuͤth konnte die Dame, welche den Ritter Bertelac abge⸗ ſandt hatte, ein von den Staͤnden be Reiche geſprochenes Urtheil erwarten. Eben ſie war die Tochter des Seneſchalls von Kamelide und ſie ſelbſt ſpielte mit unge⸗ woͤhnlicher Kuͤhnheit das verraͤtheriſche Spiel, deſſen ſie Genevren zieh. Eine auffallende Aehnlichkeit mit dieſer brachte ſie zuerſt auf den Gedanken, ſich fuͤr die Tochter des Koͤnigs Leodagan auszugeben, und ihr abentheuerlicher Geiſt half ihr das Maͤhr⸗ lein erſinnen, welches ſie dem Koͤnige Ar⸗ tus erzaͤhlte. Sie war im Lande umher⸗ gezogen, von zwei Knappen degleitet, und hatte durch ihre Aehnlichkeit mehrere Ritter, weelche die Tochter des Koͤnigs Leodagan kannten, ſo ſehr getaͤuſcht, daß ſie ihren ider —— — 6 5— Worten vollen Glauben beimaßen und ihr als einer Verfolgten Huͤlfe zuſicherten. Vor allen aber nahm ſich ihrer der Ritter Ber⸗ telac an, und gewaͤhrte ihr in ſeiner Veſte, die nicht weiter denn ſechs Stunden von Cramalot entfernt war, einen ſichern Auf⸗ enthalt. Als er ihr nun den Ausſpruch des Koͤ⸗ nigs Artus hinterbrachte, begann ſie zu za⸗ gen und am guten Erfolg ihres Spiels zu verzweifeln, doch bald hatte ſie eine neue Liſt erſonnen, wodurch ſie zu ihrem Zwecke zu kommen gedachte, und ſie ſprach mit Thraͤnen zu Bertelac: Ich ſehe voraus, daß meine Verfolger nichts unterlaſſen werden, um die Staͤnde zu hintergehen und ſie zu einem m t nachtheiligen Ausſpruche zu bewegen. Ach, waͤre Koͤnig Artus nur eine Nacht auf dieſem Schloſſe, ſo wollt' ich gar bald ihn uͤberzeugen, daß ich die wahre Genepra ſei. Ritter Bertelae, wißt Ihr 5 „ — 8 — 66— kein Mittel, den Koͤnig zu mir zu bringen? Der Ritter, welchem das Leid der Dame ſehr zu Herzen ging, ſann nach und ſprach darauf: Wohl weiß ich ein ſolches Mittel; harret nur noch einige Tage in Geduld, dann wird Koͤnig Artus kommen und Ein⸗ laß in dieſe Burg begehren. Des folgenden Tages verbreitete ſich an Artus Hofe das Geruͤcht, daß im nahen Walde ein Eber von ungeheurer Groͤße ſich habe blicken laſſen, und als auch der Koͤnig, der dem edlen Jagdvergnuͤgen ſehr ergeben war, davon hoͤrte, begab er ſich ſofort in Begleitung eines Knappen und ſeiner Dog⸗ gen in den Wald, um die Spur des Wildes aufzuſuchen und daſſelbe zu faäͤlle Schon viele Stunden wa umhergeſchweift, ohne des Thiet zu werden, und die Sonne b Wulde 4 neigen, da traf er Arbeiter, die mit Holz⸗ und fragte ſie: ob faͤllen beſchaͤftigt waren, 9— — 67— ſie nicht den Eber geſehen? Und ſie erwie⸗ derten: Vor nicht gar langer Weile brach das Unthier ſchnaubend durch das Gebuͤſch und rannte uns voküber jener Seite zu, und wir erſchraken ſo ſehr, daß die Aexte unſern Haͤnden entfielen!— Sie wieſen dabei auf die Gegend, wo des Ritter Berte⸗ lacs Burg gelegen war, und der Koͤnig eilte der ihm angezeigten Spur nach, und ane fernte ſich immer weiter von ſeiner Hof⸗ burg. Doch nirgends war das Thier zu blicken, das er mit ſo heftiger Begierde verfolgte. Und die Nacht kam und zwang ihn von weiterer Verfolgung abzuſtehen. Er ſuchte den Weg zu ſeiner Hofburg, allein die Dunkelheit führte ihn irr, und entfernte ihn immer mehr von ſeinem Ziele. Endlich gelangte er in's Freie und ſah die Lichter eines Schloſſes vor ſich, und als er auf des Waͤchters Frage ſeinen Namen 8 55 genannt hatte, fiel ſogleich die Zugbruͤcke nieder und im Hofe empfing ihn der Ritter Bertelac mit vieler Freude, indem er ſich als Eigenthuͤmer des Schloſſe 1s zu erken⸗ nen gab. Als nun der önig beim Ritter im Burgſaale ſaß, ausruhend von der An⸗ ſtrengung der Jagd und an einem Trunk guten Weins ſich erquickend, toͤnte aus dem Gemache nebenan ein ſuͤßes Lied in ſein Ohr, von einer weichen Maͤdchen⸗ ſtimme geſungen und von Zitherktaͤngen be⸗ gleitet. Wohlgefaͤllig horchte der Koͤnig den Toͤnen und fragte dann: Ritter, wer iſt das holde Fraͤulein, welches mit ſo ſuͤßem; Geſange unſer Ohr erquickt? 63 Darauf verſetzte der Ritter: Herr 35. nig, es würd' Euch nicht gereuen, ſo Ihr in des Fraͤuleins Gemach mir folgen und ſelbſt nach ihrem Namen forſchen wolltet. Da ſtand der Koͤnig auf und ging mit dem Ritter, und als dieſer ihn in das Ge⸗ mach gebracht hatte, welches die Tochter des Seneſchalls von Kamelide bewohnte, entfernte er ſich wieder und Artus blieh allein mit der Dame. In ein ſchwarzes Gewand gekleidet, ihr Angeſicht von einem weißen Schleier ver⸗ huͤllet, das niedergeſenkte Haupt einer Trauernden gleich auf den Arm geſtuͤtzt, ſaß ſie auf einem Ruhebettlein, und auf ihrem Schooße lag die Zither, die ſie eben geſpielt hatte. Dergebt, edles Fraͤulein— begann Ar⸗ tus, daß ein fremder Ritter, der Euer ſuͤßes Spiel vernahm, ſich unterfaͤngt, Euch in Eurer Einſamkeit zu ſtoͤren. Da verſetzte das Fraͤulein mit bewegter Stimme, die faſt wie leiſes Weinen O Koͤnig Artus, ſprecht nicht alſo 4 nicht deshalb um Verzeihung, daß er i meiner einſamen Trauer unch u nbregt — 70— 3 ſondern daß Ihr es nicht ſchon eher gethan habt. Sagt Euer Herz Euch nicht, daß ich Genevra bin, Eure rechtmaͤßige Gemahlin? Bei dieſen Worten ſchlug ſie den Flohr zuruͤck und Artus fuͤhlte ſich betroffen von der uͤberraſchenden Aehnlichkeit des Fraͤuleins mit Genevren und rief: Bei Gott, ſo taͤu⸗ ſchend aͤhnlich war nie eine Zwillingsſchweſter der andern, als Ihr der Koͤnigin Genevra ſeid, und häͤtt' ich dieſe nicht in Cramalot zuruͤckgelaſſen; ſo wuͤrd' ich Llauben, jetzt mit ihr zu reden. O dieſer ungluͤckſeligen Achulihkat— rief ſchluchzend das Fraͤulein— die von einer Andern zu meinem Verderben benutzt wird!— Sie verhuͤllte ihr Antlitz wieder und ſprach mit zitternder Stimme: Mag immerhin die Falſche, die mich um Eure Gunſt betrog, den Platz behalten, der mir gebuͤhrt, moͤgen die Staͤnde ein Urtheil rrechen, welches ſie wollen, vielleicht ent⸗ bindet ein baldiger Tod die ungluͤckliche Ge⸗ 3 nevra ihres Jammers. Gott gebe, Koͤnig Artus, daß Ihr es nie bereuet, mich ver⸗ ſtoßen zu haben! Dieſe Worte ruͤhrten tief das Herz des Koͤnigs und er gedachte bei ſich, ein ſo hol⸗ des Weſen koͤnne unmoͤglich Falſchheit im Herzen tragen und ſolche Thräͤnen vergießen, wie ſie nur die gekraͤnkte Unſchuld weint; auch machte die taͤuſchende Aehnlichkeit der Tochter des Seneſchalls mit Genevren dem Koͤnige ihre Erzaͤhlung immer glaubhafter, und den Sieg uͤber ihn vollendete ihre Schoͤn⸗ heit, welche durch die Trauer noch mehr gehoben ward. * Haltet ein, Fraͤulein— rief er— mit Euern Thraͤnen und Vorwuͤrfen! Nicht laͤnger zweifeln will ich, daß Ihr wirklich 3 Koͤnig Leodagan's Tochter ſeid; ich will Euch als meine Gemahlin erkennen, und di verſtoßen, die ſich unheilbringend zwiſchen uns gedraͤngt hat! uAnd entzuͤndet von den Reizen des Frän⸗ ſeins verweilte er in ihrem Gemache, und genoß in ihren Armen eine froͤhliche Nacht, und als er am Morgen von ihr ſich trennte, verſprach er mit ſeinem Koͤnigswort, vor den Staͤnden des Reichs die Ehe mit Ge⸗ nevren fuͤr unguͤltig erklaͤren zu kaſſen, und ſie, die er fuͤr die wahre Tochter des Koͤnigs Leodagan erkannt, auf den Thron zu erheben. Getreu ſeinem Worte berief er auch ſo⸗ gleich nach ſeiner Ruͤckkehr die Staͤnde und ſtellte ihnen die Lage der Sache vor und verlangte ihre Einwilligung in die Verſtoßung der Koͤnigin, aber die Edlen und Herren erklaͤrten allzumal, es ſei ihren Pflichten zu⸗ wider; die Koͤnigin auf bloße Anklage und ohne ſie mit ihrer Vertheidigung gehoͤrt zu aben, zu verurtheiten. Und obwohl der Koͤnig dieſer Weigerung halber zornig ward, e — ſten Schmerze, den die unverdiente Kraͤn⸗ ſo beharrten doch die Staͤnde bei ihrem Be⸗ ſchluſſe, zufolge deſſen der Koͤnigin von der wieder ſie erhobenen Anklage Nachricht ge⸗ 3 geben und ihr nachgelaſſen werden ſollte, binnen Monatsfriſt einen Kaͤmpfer zu ſtellen, der die Falſchheit der Anſchuldigung wider die Ritter der Anklaͤgerin mit den Waffen darthue. Dieſem Beſchluſſe der Stäͤnde mußte ſich der Koͤnig, ſo ungern er es that, unterwerfen, aber er verbot der Königin, vor ſeinem Angeſicht zu erſcheinen, bevor ſie von der Anklage ſich gereiniget, Und ſetzte ſeine Beſuche auf dem Schloſſe des Ritters Bertelac fort, und ließ ſich immer feſter vom Maͤdchen von Kamelide umſtricken. 4 Als Genevra die Nachricht von der fal⸗ ſchen Anklage erhielt und das harte Gebot ihres Gemahls vernahm, rief ſie im heftig⸗ 8 4 kung ihr erregte: Koͤnig Artus, waͤrſt du nicht leichtglaͤubiger als ein Kind, we muͤthiger als ein vom Winde bewegtes Schilfrohr, haͤrter als der Stahl, den du gegen deinen Todfeind braucheſt, du wuͤrdeſt nicht alſo handeln gegen deine treue Ge⸗ mahlin! Und ſie ſchuͤttete ihren Gram in den Buſen der vertrauten Malehild aus, und begehrte Rath und Troſt von ihr. Seid guten Muths, meine Gebieterin! verſetzte das Fraͤulein. Es iſt wohl moͤglich, daß auf kurze Zeit Wahrheit von der Luͤge unterdruͤckt wird, aber doch behält die Wahrheit den Sieg. Habt Vertrauen auf Lanzelot, Euern Ritter, und Euere gerechte Sache.. Auf Lanzelot ſoll ich verttauen? erwie⸗ derte die Koͤnigin. Ach, wenn er hier waͤre, er haͤtte ſich ſchon laͤngſt bewaffnet und die Verlaͤumdung zu Schanden ge macht, aber er iſt fern von hier und mit ihm meine Huͤlfe. O daß dieſe Luft, de —— — — 5 ————— meine Seufzer trinkt, mitleidig ſich au machte, und Genevras Jammer ihm ver⸗ kuͤndete!“ Als ſie ſo redete, ließ Meſſire Heeter ſich vermelden, und neigte ſich vor der— Königin und ſprach: Es iſt mir und den 3 uͤbrigen Rittern der Tafelrunde bekannt, welche ſchmaͤhliche Beſchuldigung wider Euch erhoben worden, doch da wir feſt uͤber⸗ zeugt ſind von Euerer Unſchuld, ſo bieten wir unſern Arm Euch an zur Vertheidi⸗ gung Euerer Gerechtſame wider die Ritter, ſo Euere Feindin ſtellen wird. Darauf erwiederte Genevra: Meſſire Hrktot⸗ gar vielen Dank bin ich Euch ſchuldig und den andern wackern Rittern, die ihrer ungekecht verfolgten Koͤnigin ſich anzunehmen bereit ſind, auch weiß ich recht gut, wie wohl ich! Bathen bin, wenn ich meine Sache in Eudte Haͤnde lege. Doch ich Euern Dienſt in Anſpruch neh Tagereiſe von Eramalot entfernt, ſo be⸗ — 76— ihn in meinem Namen hierher, denn es ſei Euch unverholen, daß er ein Vorrecht hat, fuͤr mich zu kaͤmpfen. Muͤſſet Ihr aber ruͤckkehren ohne ihn, dann, edler Rit⸗ ter, vertrau' ich auf Euch. Darauf eilte der Ritter, das Begehren der Koͤnigin zu erfuͤllen und verſprach nicht zu ruhen, bis er den Ritter Lanzelot ge⸗ funden habe.. 385 Ob dieſer Verheißung wurde die Koͤ⸗ nigin guten Muths und Malehild freute ſich gleichfalls nicht nur, weil ſie ihre Ge⸗ bieterin froh ſah, ſondern auch, weil ſie wußte, daß der Ritter Lanzelot nicht ohne ihren geliebten Gallehalt heimkehren werde. Kaum aber hatte Meſſire Hektor ſeine Fahrt begonnen und ſich ungefaͤhr eine gegnete ihm ſchon der Ritter Lanzelot gewaͤhrt mir dieſe Bitte, Eilt aufzuſuchen den Ritter Lanzelot vom See und ladet — nebſt ſeinem Waffenbruder Gallehalt, und als Hektor die ſonderbare Geſchichte, die ſich nach Lanzelots Entfernung an Artus Hofe begeben, erzaͤhlt und ſich des Auf⸗ trags der Koͤnigin entledigt hatte, ſprach Lanzelot: Habt Dank, Meſſire Hektor, fuͤr Eure Botſchaft. Eben war ich in Begriff, nach Cramalot zuruͤckzukehren, weil eine ſeltſame Unruhe, die mich vor einigen Ta⸗ gen befiel, mir anzeigte, daß der Dame meines Herzens irgend ein Ungluͤck drohen muͤſſe. 65 Genevra freute ſich hoͤchlich uͤber die Ankunft ihres Ritters und trocknete ihre Thraͤnen, denn ſie hatte ein ſo feſtes Ver⸗ trauen zu Lanzelot, daß ſie ſchon im Vor⸗ aus ſeines Sieges gewiß war. Und ihre Hoffnung bewaͤhrte ſich. Denn als der zur Entſcheidung anberaumte Tag erſchien, trat Lanzelot wider Bertelac und uoch zwei andere Ritter, die ſich der falſchen 4 — 78— Genevra annahmen, in die Schranken, und uͤberwand ſie alle drei nach kurzem Kampfe, und das Volk frohlockte laut, als es die Unſchuld der geliebten Koͤnigin dargethan ſah, und begehrte vom Koͤnige Artus die Beſtrafung der Betruͤgerin. Doch der Koͤnig hatte ſich von den Rei⸗ zen des Maͤdchens von Kamelide ſchon ſo bethoͤren laſſen, daß die Rechtfertigung der Koͤnigin ihn nicht erfreute, ſondern verdroß, und er ſprach, ſeinen Aerger nicht verſtek⸗ kend, mit bitterm Hohne: Es iſt billig, Koͤnigin Genevra, daß Ihr fuͤr den gluͤck⸗ lichen Ausgang des Kampfs und Euere Rettung dem Himmel dankt, und damit Ihr dieſes ungeſtoͤrt thun koͤnnt, weiſe ich Euch das einſame Waldſchloß Harradon zu Euerm Aufenthalt ſo lange an, bis ich e fuͤr gut finde, Euch wieder an meinen Ba zu rufen!— 45 Dieſe Hun des Koͤnigs erregte outes —— — —— Murren unter allen Rittern; am meiſten aber wurde Lanzelot dadurch erzüͤrnet, und unvermoͤgend ſeine Geſinnung zu verbergen, trat er dem Koͤnige entgegen und ſprach: Bedenket wohl, Herr Koͤnig, was Ihr thut; 8 bedenket, welches Urtheil die oͤffentliche Stim⸗ ¹ me uͤber Euer Verfahren ausſprechen wird! Gereiniget iſt die Koͤnigin von der Anklage, und Ihr wollt ſie einer uͤberwieſenen Ver⸗ brecherin gleich aus Euerm Angeſicht ver⸗ bannen? Der Koͤnig, durch dieſe freien Worte beleidigt, ſprach: Schweigt, Ritter Lanzelot! Ihr wart an Euerm Platze, als Ihr zur Vertheidigung der Koͤnigin die Waffen fuͤhr⸗ tet; jetzt aber, da Ihr Euch anmaßt, mich 1 belehren zu wollen, was Recht und Pflicht voon mir erheiſche, uͤberſchreitet Ihr Eure Befugniſſe; darum ſpart die 1u99 die Euch nicht geziemen! F Wohlan dann, Koͤnig Artus! Af 1 — ſchalls von Kamelide ſe und die Sönigin — 80— Ritter, mit Muͤhe ſeinen innern Grimm bezwingend. Habt Ihr mir nichts zu er⸗ wiedern, als dieſe ſtolzen Worte, ſo will ich meiner Seits dafüͤr ſorgen, daß Niemand ſagen koͤnne, Lanzelot vom See habe einem Koͤnige gedient, der gerecht zu ſein ver⸗ ſchmaͤhte! Mit dieſen Worten ging er tief gettäukt aus der Verſammlung und verließ noch in derſelben Nacht den Hof des Koͤnigs Artus. Aber nur zu bald ſollte der Koͤnig ſein hartes und ungerechtes Verfahren bereuen, denn es wurde ihm nicht lange nachher, als er die Koͤnigin auf das Schloß Harradon verwieſen hatte, die Nachricht gebracht, daß das Fraͤulein auf Bertelaes Burg an einer ſchweren Krankheit darnieder liege, und vor ihrem Hinſcheiden eine Unterredung mit ihm degehre. Und als er ankam, geſtand ſie ihm reumüuͤthig, daß ſie die Tochter des Sene⸗ — — 81— falſch angeklagt habe, und bat den Sing und den Ritter Bertelac mit Thränen um Verzeihung und verſchied bald darauf vor ihren Augen. Und der Koͤnig konnte ſich 1 nicht enthalten, ſie zu betrauren, denn ſie 4 war ihm lieb geweſen, aber er beſchloß nun⸗ mehr, das der Koͤnigin angethane Unrecht nach Kräften gut zu machen, und begab ſich 5 ſofort auf das Waldſchloß, und holte von dort mit großer Draiht Ogebten an ſei⸗ nen n Bofe ahiekn nak htes Kap lr eeci — 8 Gen. häte auni Artus ich fauch mit dem Ritter Länzelot ausgeſoͤhnt, allein ſeit⸗ dem dieſer im Zorne ſich entfernt hatte, war keine Kunde von ihm nach Cramalot gekommen, Sein Waffenbruder Gallehalt hatte ſich zwar aufgemacht, ihn zu ſuchen, 6.S. — — 82— allein auch er kehrte nicht zuruͤck und Ge⸗ nevra und Malehild waren in großen Sor⸗ gen wegen des Leuchn ſauahi⸗ als des Suchenden. Die Leſer werden dlih nheen woßer es kam, daß die Nachricht von beiden Rit⸗ tern ausblieb. Ohne zu ruhen war Landelat Tag und Nacht geritten, mit Zorn gegen Koͤnig Artus im Herzen. Oft hatte er in Be⸗ griff geſtanden, mit hohem Schwure ſich zu vermeſſen, daß er nie wieder zuruͤckkeh⸗ ren wolle nach Cramalot, doch ſobald er Genevra’s gedachte, war es ihm unmöglich geweſen, den Schwur auszuſprechen, durch welchen er ſich ſelbſt auf immer freiwillig aus dem Angeſicht ſeiner Danns viſbanne haben wuͤrde. ig Am dritten Tage feiner Bahenneam er an einen breiten Strom, in deſſen Mitte ein Thurm ſtand. Aus dem Thurme her⸗ 4 4 über ſcholl Behenacen und Jammerlau und weiße Arme ſtreckten ſich aus den Gitterfenſtern nach Huͤlfe aus. Indem der Ritter der Urſach dieſer Erſcheinung vergeblich nachſann, erblickte er einen Mann, der einen Nachen am Ufer hintrieb. Sag an, Faͤhrmann!— rief er ihm zu— Was iſt das Iu ein Thueh der dort im Strome ſteht? Es iſt der Thurm des euSgemnere zes! erwiederte der Schiffer. Lanzelot. Und die Weenenden denen, wer ſind ſie? 1 Schiffer. Ungluͤckliche— dnrch ei eon oder fremde Schuld. 1 Lanzelot. Fahr mich hinüber. 5 Schiffer. Mein Fahrzeug traͤgt dih nicht. Lanzelot. So 3is mir den Se inm Thurmm. 1 8 Schiffer. aSauſheheeSas — 84— Schiffer, du luͤgſt! rief der Ritter und ſchlug mit dem Schwerte nach ihm. Da ſank die Geſtalt zuſammen und bloß ein 8 grauer Nebelduft floß uͤber den Strom hin, und wurde nach und nach ſo dicht, daß der Thurm nicht mehr zu erkennen war; aber das Wehgeſchrei nahm kein Ende, und als Lanzelot; nter den Stim⸗ men ganz klar Genevra's Stimme zu ver⸗ nehmen glaubte, hielt er ſich nicht laͤnger, ſondern ſprengte in den Strom und die Wellen ſchlugen uͤber ihn und ſein 9 zſammen.—— Wo bin ich? rief Sawveae, a aus der tiefen Schlafe, in welchem er gelegen hatte, erwachend und vom ſeidenen Ruhebette ſich erhebend. Eine liebliche ſchmeichelnde Mu⸗ 9. ſi der Bruſt ſtahl, begruͤßte ſein Er⸗ wachen 3 aber er ſah kein Weſen, welches die ſchmelzenden Toͤne hervorbrachte, er be⸗ ihm unwillkuͤhrlich einen Seufzer —-—— fand ſich allein im drachebulle Sau. Die Waͤnde ſchimmerten wie Gold und Silber; rund umher an den Seiten ſtan⸗ den in kunſtvollen Gefäßen bluhende Baͤume und allerhand Stauden und Gewaͤchſe und Blumen, wie er ſie noch nie geſehen hatte, und der Duft, der den Bluͤthen der Baͤume und den Kelchen der Blumen entſtroͤmte, verſette ihn in ſuͤße Betaͤubung. Mit Befremden betrachtete er ſich ſelbſt; die ſchwere Ruͤſtung war ihm abgenommen worden, und ſtatt ihrer ſchmiegte ein weiches ſeidenes Kleid ſich an ſeinen Koͤrper. Ja, haͤtte er nicht gefuͤhlt, daß er noch Gene⸗ vra's Bild und das Andenken an ſeinen Gallehalt im Herzen trage, faſt wuͤrde er geglaubt haben, nicht Lanzelot zu ſein. Er oͤffnete die Thuͤr des Saals und kam durch einen Saͤulengang in einen reizenden Park, welchen ein goldnes Gitterwerk um⸗ hegte. Die ſuͤße Muſik, die ihn bei Pnn —— — 86— Erwachen im Saake begruͤßt hatte, ſchien von der Luft ihm nachgetragen worden zu ſein, denn auch hier umflatterten ihn die lieblichen Toͤne und zogen vor ſeinen Schrit⸗ ten her, als haͤtten ſie Auftrag, ihm den Weg zu zeigen, den er nehmen ſolle, und er folgte der magiſchen Gewalt, die in den Tönen lag, und wurde von ihnen in das dunklere Gebuͤſch geführt. Und indem er weiter ging und die nie⸗ derhaͤngenden Bluͤthenzweige aus einander bog, ſtand er ploͤtzlich vor einer Grotte, in deren Dunkel die ihn begleitende Muſik mit dem Geräuſch eines Springbrunnens ſich vermaͤhlte. Er ſtand und wagte nicht die Grotte zu betreten, denn ein Weib, ſthoͤner und reizender, als er je eins erblickt hatte, ſchlummerte auf einem Lager von Roſen⸗ blaͤttern, und ſchon ſtand er, um nicht die ſchoͤne Schlaͤferin aus ihrer Nuhe zu wecken, in Begriff, ſich zu entfernen, als eine Stimma „ —— 4 in der Grotte ganz vernehmlich Lanzelot! rief. Dieſer Ruf hielt ihn zuruͤck, und ſein Erſtaunen wuchs, als er den Rufer entdeckte. Es war ein ſchoͤner goldgruͤner Pſittich, der zu Haͤupten der Dame ſaß und mit dem Schnabel an ihren Locken zupfte, als wollte er ihr damit die Gegenwart des Ritters melden. Sierpon erwachte die Dame und als ſe den Ritter erblickte, ging ſie ihm entgegen und ſprach mit holdſeliger Freundlichkeit: Vetzeihet, Ritter Lanzelot, daß ich, ſtatt Euch als meinen Gaſt zu bewillkommen, mich der Ruhe pflegend von Euch uͤberra⸗ ſchen ließ. Lanzelot ſank vor bhe nieder und ſprach: Dank, ſchoͤne unbekannte Dame, füͤr die Huld, mit welcher Ihr in Euerm Schloſſe mich aufgenommen habt. Doch wie ſoll ich Euch nennen und durch welche Macht bin ich den braufenden Wogen enttiſſen und hierher gefuͤhrt worden? Habt Ihr nie gehoͤrt— fagen die Dame und zog den Ritter neben ſich auf ihr Roſen⸗ bette— daß Koͤnig Artus eine Schweſter hat mit Namen Morgana?— Ich bin es und dieſes Schloß iſt das meinige. Morgana ſeid Ihr? rief Lanzelot— die maͤchtige Fee, der alle Kraͤfte der Natur ge⸗ 3 horchen? die uͤber den Sturm gebietet, uͤber den Blitz und die Waſſerflut? 3 Ach, Ritter! fiel ihm die Fee in die Rede. Wie eitel und unfruchtbar iſt all⸗ meine Wiſſenſchaft! Wie eng ſind die Graͤn⸗ zen, in welche meine Macht gebannt iſt! Was hilft es mir, daß ich dem Sturm ge⸗ biete, der Flut und der Flamme? Bleibt doch das Menſchenherz der Wirkung meines Zaubers verſchloſſen, und wollen doch Ge⸗ fuͤhl und Neigung nimmer meine e Defehie anerkenen. 4 —— 3 Juͤnglings Anblick wurde ein fuͤßes Ver⸗ Gefaͤhrte. Ein Seufzer erſchüͤtterte ihre Bruſt; ſie ſenkte den Blick nieder und ſtreute zer⸗ pfluüͤckte Roſenblaͤtter in das Waſſerbecken. anzelots Auge ruhte mit Theilnahme auf ihr. Als ſie eine Weile geſchwiegen hatte, ſing ſie wieder an: Vor einigen Monden war ich in Eramalot unſichtbar zugegen, als mein Bruder einem Edelknap⸗ pen den Ritterſchlag ertheilte. Durch des langen, ein ſchmerzliches Sehnen nach ihm in meiner Bruſt entzuͤndet, und auch des Juͤnglings Auge flammte, ſeine Wange gluͤhte und verrieth ein dem meinigen ver⸗ wandtes Gefüͤhl— doch wehe mir, wehe! dieſes Gefuͤhl, es galt ja nicht mir, es galt— der Koͤnigin Genevra! Ich ent⸗ floh, und wuͤnſchte zu vergeſſen, aber der Schmerz im Buſen, den ich aus Cramalot mitgenommen, blieb mein unzertrennlicher d 26☛ — 90— na's Stimme in einen Seufzer, und Lan⸗ zelot, dem ſich das Geheimniß ihrer Rede entſchleierte, ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen. Kennt Ihr den Ritter, den ich meine? fragte ſie fanft. Ja, Lanzelot, Ihr ſeid es. O wie gluͤcklich wa ich nach langer Trauer, als das Schickſal Euch in meine Naͤhe brachte, als es durch meines Zaubers Kraft mir g, Euch den Wellen zu entreißen und er zu fuͤhren. Nun wißt Ihr Alles, en waͤhlet zwiſchen mir und Genevren! Maͤchtige Fee! erwiederte Lanzelot. Zuͤrnet nicht meines Bekenntniſſes. Ich habe der Koͤnigin Genevra ewige Treue ggelobet, nur der Tod vermag ihr Bild mei⸗ nem Herzen zu entreißen, und des Ster⸗ benden Lippe ſoll keinen andern Namen nennen, als den ihrigen!r Angeſicht der Verſchmaͤhten. Wißr a Bei dieſen Worten verlor ſich Morga⸗ Da entſlammte ein dunkles Rah a das —;— — — 91— auch, Ritter Lanzelot!— ſorach ſie— daß ich, wenn ich will, Euch und die Koͤnigin Genevra in einem Augenblick verderben kann? Ja, harter Ritter, ich koͤnnt' es, doch der Rache widerſtreitet die Liebe in meiner Bruſt. Aber hoffet nicht zuruͤckzu⸗ kehren zu Genevren, meinet nicht, daß ich darum aus der Flut Euch gerettet habe, um der Koͤnigin ihren Liebling zu erhalten, und der Gluͤcklichen zum Spotte zu dienen! Ihr duͤrft dieſes Schloß nicht verlaſſen, Euerer Wahl ſei es anheim geſtellt, ob Ihr als mein Gebieter oder als mein Gefange⸗ ner hier leben wollt, denn ob auch mein Anblick Euch verhaßt waͤre, ſo will ich doch an dem Eurigen mich erfreuen. Damit Ihr aber die Hoffnung aufgebt, durch Liſt oder Gewalt mir zu entgehen, ſo lernt die Gewalt meiner Zauberkraͤfte kennen! Sie ſchwang ein ſchwarzes mit weißen Zeichen bemaltes Staͤblein in der Luft und 3 8 drehte ſich im Kreiſe und ſprach dunkle Worte; ſogleich zogen finſtre Wolken uͤber den Himmel, daß vom Lichte des Tages nichts uͤbrig blieb, als ein matter gelblich grauer Schein, der den Baͤumen und allen andern Gegenſtaͤnden umher ein unheimliches An⸗ ſehen gab, und es erhob ſich zugleich ein Geheul und Getoͤſe, als ob ein erzuͤrnter Strom kaͤme, die Gegend umher mit ſei⸗ nen Fluten zu uͤberwaͤlzen, und hinter nieder⸗ zuckenden Blitzen rollte dumpfer Donner. 2 Schaut in dieſe Finſterniß! rief Mor⸗ gana. Hoͤrt das Sauſen des Sturms und der herandringenden Wogen! Dieſes Dun⸗ kel, Lanzelot, wird Euch den Weg vertre⸗ ten, dieſer Sturm und dieſe Flut wird Euch zuruͤcktreiben, wenn Ihr zu entfliehen trachtet! 3 3 1652 Laßt dem Tage ſein Licht— verſetzte Lanzelot— heißt den Sturm ſchweigen und die Flut in ihre Ufer zuruͤckgehn. von ihrem Vorſatze eher nichts merke, als — 93— 1 Eure Macht kenn' ich, doch ihrer bedarf's nicht, mich an dieſes Schloß zu binden, da ich Euch hiermit mein Ritterwort ver⸗ pfaͤnde, ohne Euern Willen nicht zu weichen aus dem Bann des Schloſſes. Denn ich bin Euch Dank ſchuldig darum, daß Ihr mein Leben aus den Fluten gerettet habt, und dafuͤr will ich Euch ehrhaft dienen, ſo lange Ihr es begehret, und Alles thun⸗ was Ihr verlangt, wenn es nur nicht die, Treue verletzt, die ich der Asnigin Genevra Ailu3s habe.Y.. So ſei es, Ritter! ſagte Morganan mit faundlche Miene, und Lanzelot dachte 2 nichts Arges, allein die Fee hatte ſchon in ihrem Herzen beſchloſſen, den Ritter weit weg nach Britannien zu entfuͤhren, um durch die Entfernung von dem Lande, wo Genevra athme, die Liebe zu ihr aus ſeinem Herzen zu tilgen. Damit aber der Ritter — 924— bis er vollbracht ſei, ließ ſie ihm beim Nacht⸗ mahl einen Becher Wein reichen, der mit ſchlummerbringendem Safte vermiſcht war, und als der Ritter von dem Weine getrun⸗ ken hatte und in tiefen Schlaf gefallen war, lehrte ſie ihrem Pſittich die Worten Lanzelot iſt todt! und gab ihm die Freiheit, dann nahm ſie den ſchlafenden Rirter mit ſich auf ihren Wolzenwagen, erhob ſich in die Luft und ſenkte ihren Zauber⸗ ſtab gegen das Schloß, das ſie bewohnt hatfte, und im Augenblick verſchwand das Schloß mit ſeinem hetrlichen Park, und wo es geſtanden hatte, breitete ſich ein großer See mik ſchilfbewachſenen Uſern aus, der dem Taucher und anderm Waſſer⸗ gevoͤgel eine willkommene Wohnung war. de Schnell wie der Wind flog Morganas Wagen in den Wolken uͤber Gällien hin⸗ weg nach dem blühenden Welſchlande hin, und als er dahin kam, wo eine Meerenge 8 5 — 1 — 1 das“ ſchöne Neapel von der Inſel Sizilia ſcheidet, ſchwang die Fee ihren Stab und rief den Geiſtern, und ſogleich erhob ſich aus der Flut ein Eiland mit einem praͤch⸗ tigen Schloſſe, vor welchem die Fee mit dem immer noch tchtaſandin diitia ſich niedeneh. ⸗— N 801 Waͤhrend dieſes ſich Bannhe„ rhatte, wie ſchon oben erzaͤhlt worden, Gallehalt den Hof des Köͤnigs Artus verlaſſen, um ſei nen geliebten Waffenbruden aufzuſuchen. Schon war er ohne Ruh und Naſt mehrere Wochen lang im Walde umherger ürt, und als all' ſein Forſchen vergeblich geweſen war, entſchloß er ſich, nach Gallien Aberzufahren, in der Hoffnung, ſeinen Waf⸗ Kenotähnnm dort anzutreffeen.— Indem er, dieſen Vorſatz in's Werk zu— ſeinen Weg nach der Kuͤſte nahm, führte ihn der Zufall in die Gegend, wo Morgana's Schloß geſtanden hatte und r. * lagerke ſich unter einem Baume am Ufer des Sees und dachte mit vaßie Darthanſ an Kanzelt. 88 Da kam Morgana's Pfitich geſbgen, und ſetzte ſich auf den Baum, unter wel⸗ chem der Ritter lag, und plauderte gedan⸗ kenlos die luͤgenhaften Worte, die ihm Mor⸗ gana gelehrt hatte: Eamelot iſ todt! Lan⸗ niut iſt todt!- 3e wacd ungluͤcksſtimme, Weſfe biſt du? rief Gnehun aufſpringend, und der Vogel, erſchreckt durch die Heftigkeit des Rufs, flatterte auf und rief im Davonfliegen noch⸗ mals: Lanzelot iſt todt!-ʒ i ing Da ergriff des Schmerzes Gewalt den Ritter, er verhuͤllte mit den Haͤnden das Angeſicht, und ſtuͤrzte zu Boden und jam⸗ merte: Lanzelot! o mein Lanzelot! Alſo darum konnte ich dich nicht finden? Du herrliche Blume der Ritterſchaft, warum mußteſt du ſo fruͤh welken? Warum muß⸗ 4 —— —— teſt du niederſinken, ehe denn dein 2nms gekommen war? 4 Bei dieſen Worten fielen heiße Thraͤ⸗ nen aus ſeinem Auge in das Gras, und der Schmerz webte einen dunkeln Schleier um ſein Auge, daß die Natur ihm ein großes Trauergeruͤſt ſchien, und die Sonne eine verloͤſchende Fackel, welche hineinleuch⸗ tet in eine ungeheure Gruft. Lebe wohl, Sonnenlicht! rief er, nach bangem Verſtummen vom Boden ſich er⸗ hebend. Du haſt es geſehn, wie wir durch eine heiße Umarmung unſern Waffenbund beſchworen, nun goͤnne mir den letzten Strahl, damit ich den Weg in das Schat⸗ tenreich nicht verfehle, wohin ich gehe, mei⸗ nen theuern Waffenbruder aufzuſuchen! Und er ſtemmte den Griff ſeines Schwerts wider den Baum, und drückte dit Schneibe in ſein Herz, daß die Spibe durg den Ruͤcken drang. Als ſein Schildknappe dieſes ſah, lief er mit großem Schmerze herbei und um⸗ fing ſeinen geliebten Herrn, und vergoß viele Thraͤnen um ihn. Aber der Ritter ſprach, mit dem Tode ringend: Ermanne dich, Knappe, und vernimm meinen letzten Auftrag. Zieh mir das Schwert aus der Bruſt und laß mich verbluten; dann fuͤhre auf meinem Roſſe den Leichnam auf Lan⸗ zelots Schloß Freudenwacht, das am Meeres⸗ ſtrande liegt, und begrabe ihn dort, und lege mein Schwert mit in's Grab, denn um der großen Wohlthat willen, die es mir erwieſen hat, ſoll es hinfuͤhro keinem Andern dienen. Und wenn du dieſes voll⸗ bracht, ſo ziehe an Koͤnig Artus Hof, und verkuͤnde, daß der Nitter Lanzelot todt iſt, und auch ſein Waffenbruder Gallehalt, vor allem aber bringe der Dame Malehild mei⸗ nen letzten Gruß und ſage ihr, daß ich aus Schmerz um Lanzelots Tod mir ſelbſt den 1 Tod gegeben, doch im lehten zihenhd, ihrer noch gedacht habe. Folgend dem Gebot ſeines Herrn zog ihm der Knappe das Schwert aus der Bruſt, und als mit dem fortſtroͤmenden Blute Gallehalts Leben entflohen war, lud der Knappe traurig den Leichnam auf das Roß, und fuͤhrte ihn nach Freudenwacht. Elftes Kapitel, 4 Wie verließen den Ritter Lanzelot in Morgana'g Schloſſe im Suͤdmeere. Als er aus der Betaͤubung, in welche der Schlaf⸗ trunk ihn verſetzt hatte, erwachte, und aus den Fenſtern des Schloſſes die Spiegel⸗ flaͤchee des Meeres und in der Ferne Sizi⸗ 4 liens Geſtade erblickte, bemaͤchtigte ſich hef⸗ tige Trauer ſeiner Seele, und er ſandte einen liefen Seufzer aus ſeiner Bruſt nach ⸗— 100— dem fernen Britannien, und bereute, daß er ſich durch ſein Ritterwort gebunden und in die Gewalt der argliſtigen Porgana gegeben hatte. Von dieſer Stund' an war Alles ver⸗ gebens, was die Fee verſuchte, um den Rit⸗ ter zu erheitern, er hing ſeinem Grame nach und dachte an nichts, als die Koͤnigin Genevra. Und als die Fee, ſeinen Un⸗ muth uͤberſehend, ihn einſtens fragte: Rit⸗ ter, behagt es Euch hier nicht beſſer, als in dem Nebellande Britannien? da ver⸗ ſetzte er, ſeinem lange zuruͤckgehaltenen Grolle Worte gebend: Morgana, wie kann ich dieſer milden Luͤfte mich freuen, die Balſamduft auf ihren Schwingen tragen, wie kann ich mich an dem klaren Him⸗ mel und dem Farbenſpiel der Blumen er⸗ götzen, da mein Herz von Sehnſucht krank iſt? Ihr habt mich ja im Schlafe um meine Heimath betrogen! O gebt mit— — Tor— meine Freiheit und laßt mich ziehn in das Nebelland Britannien! Bloß dort iſt mir wohl, und ſonſt an keinem Orte der Erde⸗ Aber ſeine Worte waren in den Wind geredet, denn Morgana verſetzte: Ritter, koͤnnt Ihr verlangen, daß ich Euch ziehen laſſen, und dann ſelbſt leiden ſoll, was Ihr jetzt um Genevren leidet? So vergingen wohl zwei Monden. Als aber Morgana mit getaͤuſchter Hoffnung ſah, daß der Ritter, ſtatt ihr ſeine Liebe zuzuwenden, ſich immer tiefer in Gram verſenkte, und daß ſeine Wange immer bleicher wurde und der Glanz ſeines Auges verloſch, da erbarmte ſie ſich endlich ſeiner, und brachte ihn eben ſo ſchnell wieder nach Britannien, als ſie ihn von dort entfuͤhrt hatte, und verwundert fand er eines Mor⸗ gens ſich wieder in dem naͤmlichen Saale, in welchem er nach ſeinem Abentheuer am Thurme des Schmerzes erwacht war. Außer — 102— ſich vor Freube umfaßte er Morgana's Kniee und ſprach: Maͤchtige Fee, vergebt mir die harten Worte, die ich oftmals im Unmuth meines Herzens gegen Euch laut werden ließ, vergebt es mir, daß ich an Euerer Großmuth zu zweifeln wagte. O, wie haͤttet Ihr Euch meiner nicht erbarmen ſollen, da Euer Herz der Liebe enzaſin lich iſt? 1600 Wohl, Ritter, habt Ihr mir Unrecht gethan! verſetzte Morgana. Ob Ihr ſchon mit meinen Schmerzen kein Mitleid habt, ſo kann doch ich es nicht ertragen, Euers Lebens Bluͤthe hinſterben zu ſehen, und großmüͤthiger, als Ihr ſelbſt ſeid, ſollt Ihr Morganen finden: Darum ertheile ich Euch Urlaub auf zwanzig Tage, und moͤgt Ihr noch heute wein Schloß verlaſſen und hinziehen, Ihr wollt, doch gewaͤrtige ich, daß Ihr nach Ablauf der Friſt Eures Ritterwortz ringedens zu mir zuruͤckkehrt! — 103— * Voll Dankbarkeit druͤckte Lanzelot Mor⸗ gana’s Hand an ſeine freudepochende Bruſt, aber die Fee wandte ſich ab und ſagte: Laßt mich, Lanzelot, ach laßt mich! Ihr freuet Euch und ich muß weinen!— Und ſie wankte aus dem Saale und der Ritter konnte in dieſem Augenblicke des herzlichſten Mitleids mit der Ungeliebten ſich nicht er⸗ wehren.— Unterdeſſen war durch Gallehalts Knap⸗ pen die Nachricht von ſeines Herrn und Lanzelots Tode an Artus Hof gebracht worden, und tief trauerten um Beide der Koͤnig ſowohl als die Ritter; die Köͤnigin aber und Malehild wollten gar in ihren Leiden vergehen, und verſchloſſen ſich in ein abgeſondertes Zimmer und wuͤnſchten nichts ſehnlicher, als zu ſterben.— Da verkuͤndete auf einmal der Thurm⸗ wart eines Ritters Ankunft, und Alle waren nicht wenig erſtaunt, als Lanzelot friſch und 4 —õ— — 104— wohlgemuth in ben Burghof geritten kam, und vom Roſſe ſprang. Und ſie umring⸗ ten freudig den Todtgeglaubten und forſch⸗ ten der Urſach ſeines Ausbleibens nach, und ſagten ihm zugleich die Nachricht, die Gal⸗ lehalts Knappe gebracht. Da floß eine heiße Thraͤne um des Geliebten Waffenbruders Verluſt aus Lanzelots Auge, und Allen ward weich um's Herz, als ſie den ſatzen Lanzelot weinen ſahen. Koͤnig Artus aber gedachte daran, daß er den Ritter beleidigt hatte, und wollte nicht zoͤgern, ſein Unrecht vergeſſen zu machen und trat zu ihm und umarmte ihn vor allen Verſammelten und ſprach dazu: Lanzelot, ich habe Euch ſchwer be⸗ leidigt, und moͤcht' es Euch Niemand ver⸗ aargen, ſo Ihr mir nimmer verziehet 1 Doch in dieſer Stunde beſchwoͤr ich Euch bei dem Andenken an Gallehalt, vergebet Euerm Koͤnige, daß er Euch aus Uebereilung wehe M — 105— that, und nehmt wieder, wie vor, Euern Platz an der runden Tafel. Da verſetzte Lanzelot: Koͤnig Artus, Ihr beſchwort mich um Vergeſſenheit des Geſchehenen bei einem Namen, um des⸗ willen ich meinem Todfeinde Verſoͤhnung nicht verweigern wuͤrde, darum nehmt meine Hand zum Pfande, daß aller Groll aus meinem Herzen getilgt iſt, und daß ich der Urſach unſers Zwiſts fuͤrohin nicht Pens ken werde. Unterdeſſen war das Geruͤcht von Lan⸗ zelots Ankunft auch in das Gemach der Frauen gedrungen; da eilte die Koͤnigin von der Freude getrieben in den Hof und als ſie ihren Ritter ſah, vermochte die Liebe ihres Herzens ſich nicht in Verſtellung zu klei⸗ den, ſie flog in ſeine Arme und kuͤßte ihn, nicht achtend der Gegenwart ihres Ge⸗ mahls und der Ritter. Und Koͤnig Artus, als er dies ſah, dachte nichts Arges dabei — 106— und ahnete das geheime Verſtaͤndniß zwi⸗ ſchen dem Ritter und der Koͤnigin nicht, denn er ſchrieb ihre Freude bloß der Dank⸗ barkeit zu, weil Lanzelot ihrer gegen das Maͤdchen von Kamelide ſo mannhaft ſich angenommen hatte.— Als die Khangin ſich entfernte, ließ ſe ihrem Ritter einen bedeutungsvollen Blick zuruͤck, der ihm zu ſagen ſchien, daß ſie insgeheim ihm noch ſuͤßer danken werde, als ſie jetzt vor vielen Zeugen gethan. Und er hatte ſich, nicht getaͤuſcht in ſeiner Er⸗ wartung, denn als er gegen Abend im Garten unter den Baͤumen wandelte, in deren Dunkel Genevra den erſten Kuß auf ſeine Lippen gedruͤckt hatte, kam die treue Malehild und ſagte: Ritter, um Mitter⸗ nacht harret die Koͤnigin Eurer auf ihrem Zimmer, darum findet Euch unter ihrem Fenſter ein und habt Acht des Balchens, das ſie Euch geben wird! — ———— 94— Als ſie dieſes beſtellt hatte, entfernte ſie ſich mit einem ſchweren Seufzer, denn wie konnte ſie fremder Liebe Botin ſein, ohne an ihren Gallehalt zu denken? Und wie es um Mitternacht war, ſtahl Lanzelot ſich aus der Geſellſchaft der Rit⸗ ter weg, die noch beim Pokal ſitzen blieben, und ging in den Garten und blickte ſehn⸗ fuͤchtig nach Genevra's Fenſtern, des Zeichens harrend, das ſie ihm zu geben verheißen hatte. Und nicht gar lange durfte er har⸗ ren, ſo oͤffnete ſich ein Fenſter, und Gene⸗ vra fluͤſterte Lanzelots Namen herab. Da ſäumte der Ritter nicht, an dem Baume, der nah am Fenſter ſtand, in die Hoͤhe zu klimmen, und ſchwang ſich von dort in der Koͤnigin Gemach. Ach, wer es weiß, wie zwei lange ge⸗ trennten Liebenden zu Muthe, wenn ſie ſich endlich einander wieder haben, dem iſt nicht zu ſagen noͤthig, wie fluͤchtig der Koͤ⸗ 1. 3 1 — 108— nigin und ihrem Ritter die Zeit im ſuͤßen dem Ritter keine Gunſtbezeigung zu ver⸗ weigern vermochte, die er begehrte. Zoͤgernd entfernte ſich der Ritter, als ging den Weg zuruͤck, den er gekommen war, doch nach dieſem erſten Male kam er noch manchmal auf die naͤmliche Weiſe in das Gemach der Koͤnigin, und Niemand belauſchte ſein Geheimniß, als der Mond. Immittelſt war die Zeit herangekommen, wo der Ritter ſeinem Worte getreu zu Mor⸗ ganen zuruͤckkehren ſollte. Als er nun den letzten Abend wieder in Genevra's Gemach ſtieg, verwundete er ſeine Hand an einem duͤrren Aſte, und blutete ſo ſehr, daß er das Bett der Koͤnigin befleckte. fangener Prinz mit Namen Malegeant, mißgeſchaffen und tuͤckiſchen Gemuͤths, der Minneſpiele verrann, noch daß die Koͤnigin das Morgenroth den Himmel faͤrbte, und Es war aber in Artus Burg ein ge⸗ — — 109— kam in aller Fruͤhe in der Koͤnigin Ge⸗ mach, um ihr ſeinen Morgengruß zu brin⸗ gen, und ſah die Blutflecke am weißen Linnen des Bettes und am Fußboden, und da er wußte, daß der Seneſchall Creux, den er toͤdtlich haßte, weil ihn derſelbe zum Ge⸗ fangenen gemacht, in dem letzten Gefecht eine Wunde erhalten hatte, die noch nicht ganz geheilet war, meinte er, der Seneſchall ſei in dieſer Nacht bei der Koͤnigin geweſen und habe ihrer hoͤchſten Gunſt genoſſen. und unfaͤhig, ſeine Muthmaßung im Herzen zu beherbergen, ging er alsbald in die Verſammlung der Ritter und ſprach: Nun, hoff ich, werden die Wunden des Sene⸗ ſchalls Creux bald heilen, da ihm die Koͤni⸗ gin ſolche in dieſer Nacht verbunden hat. Kaum hatte er dieſe Worte geſagt, ſo ſprang Lanzelot von ſeinem Sitze auf und ſprach: Prinz Malegeant, was ſol das heißen? — — 110— Nichts weiter— verſette Malegeant lachend— als daß der Seneſchall dieſe Nacht bei der Koͤnigin geſchlafen hat. Das luͤgt Ihr⸗ Prinz! entgegnete Lanze⸗ lot, und mit meinem Schwerte will ich es Euch beweiſen, daß Ihr ein Verlaͤumder ſeid! dda ſhloſſen die Ritter um Beide einen Rreis und Malegeant mußte, ſo unwillig er dazu war, mit Lanzelot kämpfen! aber ſchon beim zweiten Gange ſchlug ihm Lan⸗ zelot das Schwert aus der Hand. Und die 3 Ritter ſprachen: Prinz Malegeant, Ihr 3 ſeid der Verlaͤumdung üͤberwieſen, darum hůtet Euch, fuͤrder in unſerer Berlummwlung zu erſcheinen! ELanzelot aber ſchwang ſich auf ſein Noß und ritt davon, freudigen Muthes, daß ihm Gele⸗ genheit geworden war, bie Chre ſeiner Dame zu retten. 2 — 111— Zwoͤlftes Kapitel. Ohngefäͤhr vier Stunden hatte Lanzelot von Cramalot ſich entfernt, als ihmn auf der Styaße zchei Ritter begegneten, die ihn nach freundticher Begruͤßung alſo anrede⸗ ten: Wer Ihr auch ſeid, Ritter! Koͤnig Perles von Korbenic entbeut Euch ſeinen Gruß und laͤßt Euch hoͤflich ein⸗ laden an ſeinen Hof zu einem Luſtgefecht, das er ſeiner Tochter, der bleichen Hil⸗ dene, zu Chren veranſtaltet hat. Obwohl nun Lanzelot Eil hatte, wenn er zu beſtimmter Zeit auf Morgana's Sclloſſe wieder eintreffen wollte, ſo ver⸗ mochte er doch nicht die freundliche Einka⸗ dung abzuweiſen, ſondern folgte den beiden Rittern nach Korbenic. Es hatte aber mit dirſer eintabung eine ſonderbare Bewandtniß, die dem guͤnſti⸗ gen Leſer nicht vorenthalten werden dnrſ aus ſchoͤne Tochter, mit Namen Hildene, die ſeine Freude und ſein Stolz und ihm lieber war, als ſeine Krone und ſein Reich. Als jedoch Hildee das 126 Jahr erreicht hatte, trug ſich eine ſonderbare Veraͤnderung mit ihr zu, denn ihr Ange⸗ ſicht wurde in einer einzigen Nacht bleich wie Mondſchein, und ihr Koͤrper kalt, wie Schnee, ſie ſprach nicht mehr, ſondern ſeufzte bloß, und wenn man ſie um die Urſach ihrer Krankheit fragte, legte ſie ſtatt 3 der Antwort den Finger auf den Mund und die Hand auf's Herz. Seit dieſer Zeit fand ſie ein beſonderes Wohlgefallen daran, ſchoͤne der anzuziehn und ſich mit Juwelen und Spiegel zu betrachten. Zuweilen ging ſie auch in dieſer Tu auf die Burgwarte und blickte weit umher Koͤnig Perles naͤmlich beſaß eine uͤber⸗ derlen und Blumen zu ſchmuͤcken, und in ſoichem Pußn ſi ich im ——— ——— — 113— in der Gegend, und breitete die Arme aus nach Morgen und Abend und Mittag und Mitternacht. Und wenn die Dunkelheit ihr den Anblick der Gegend entzog, ſtieg ſte mit einem ſchweren Seufzer vom Thurme herab und ſetzte ſich in ihrem Gemache in einen verborgenen Winkel, und ließ dort ein Thränlein nach dem andern in ihren Schooß rollen. Oftmals ſtand ſie auch, wenn Mondlicht war, in der Nacht auf und trat an's Fenſter und wehte mit ihrem weißen Schleier hinaus, als ſollte dies ein Zeichen ſein fuͤr Jemanden, den ſie erwarte. Und Alle, die ſonſt die Koͤnigstochter die ſchoͤne Hildene genannt hatten, nann⸗ ten ſie jetzt die bleiche Hildene, und unter dieſem Namen wurde ſie in der Gegend umher bekannt. dan Der König, haͤrmte för üher. ale Maßen 8 ob des Ungluͤcks, das ſeiner Tochter wider⸗ fahren war, und zog deshalb alle Doktoren 8. .— 114— und weiſen Maͤnner zu Rathe, die in ſei⸗ nem Lande waren, aber Keiner von ihnen wußte zu rathen, geſchweige zu helfen, und Alles blieb wie zuvor, bis nach einiger Zeit ein beruͤhmter Magus aus weiter Ferne nach Korbenic kam. Als dieſer vom Schickſal der Prinzeſſin hoͤrte, ließ er ſich bein Koͤnige melden und ſprach: Koͤnig Perles, ich will dir verkuͤn⸗ den, an welcher Krankheit deine Tochter keidet, und auf welcherlei Weiſe ihr zu hel⸗ fen ſteht. Sie traͤgt im Herzen das Bild eines edlen Ritters, welches ihr im Traume erſchienen, und ſo lange derſelbe Ritter ihr nicht von Angeſicht zu Angeſicht begegnet, wird ſie weiß bleiben wie Mondlicht und kalt wie Schnee, und allmaͤhlig wird ſie hinſterben gleich einer Pflanze, welcher es am Regen und Sonnenſchein gebricht. Dar⸗ um laß ein Turnier ausrufen, und wenn der Tag kommt, ſende Ritter auf ſechs 4 — I15— Meilen in die Runde um dein Schloß nach allen Gegenden des Himmels, mit Befehl, jeden Ritter, den ſie antreffen, zum Tur⸗ nier einzuladen. Unter dieſen wird auch der Ritter ſein, deſſen Bild deine Tochter im verſchwiegenen Herzen verwahrt, und welcher es iſt, das wirſt du leicht erkennen. Der iſt es, bei deſſen Anblick bas Angeſicht deiner Tochter ſich faͤrbt, wie die Herzblaͤtter der Roſe. Was dann weiter geſchehen ſoll, daruͤber will ich zu gelegener Stunde meine Geiſter befragen. Du aber handle nach meinem Rathe, 6 Hüdenens Leban. dir kieb iſt. 4 1 nr uUnd der Koͤnig zdlahnte den Magus mit reichen Geſchenken und behielt ihn an ſeis nem Hofe, und ſaͤumte nicht, ſofort ein Turnier anzuordnen und mit Eintadung der fremden Ritter nach dem Rathe des Magus 4 1. zu verfahren. 4 1 Zahlreich kamen die Ritter herbeigezs⸗ 8* — 116— gen, um ſſch gegen einander im Lanzenren⸗ nen zu verſuchen. Der Koͤnig, der mit Hildenen und ſeinem Hofſtaate vom Balkon herab dem Waffenſpiele zuſah, wandte, ſo oft ein fremder Ritter ankam, den Blick auf ſeine Tochter, forſchend, ob keine Ver⸗ aͤnderung in ihrem Antlitz ſich zeige, allein ſie blieb bleich wie zuvor, und hatte nicht Acht auf das Turnier, ſondern ſah mit ſtarrem Auge in die Ferne. 95 Als aber Lanzelot mit den beiden Rit. tern ankam und mit niedergeſenktem Speer den Koͤnig und ſeinen Hof begruͤßend in die Schranken ritt, kehrte die Peinzeſſin ſich haſtig zu ihrer Amme und ergriff ihre bei⸗ den Haͤnde und druͤckte ſie an die Bruſt und ſprach! Ach, liebe Amme, fuͤhle, wie mit einem Male das Herz mir zu ſchlagen anfaͤngt! Und die Amme ſah freudig verwundert Hil⸗ denen an, denn es waren dies die erſten Worte, die ſie ſeit ſechs Monden geſprochen. 74 * — beſtimmt war. — 117— Noch hatte Lanzelot ſein Angeſicht nicht gezeigt, denn er war mit niedergelaſſenem Helmgitter in die Schranken geritten, darum blieb zwar die Peinzeſſin fortwaͤhrend bleich, allein ſie ließ von dieſem Augenblick ab, in die Ferne zu ſchauen, ſondern hatte bloß Acht auf den Ritter in der Silberruͤſtung, wie er einen ſeiner Gegner nach dem andern in den Sand warf, bis er nur noch allein auf dem Turnierplatze hielt und keiner an ihn zu kommen wagte. aunt Da riefen die Kampfrichter: Das Tur⸗ nier iſt geſchloſſen, und nach unſerm ein⸗ ſtimmigen Urtheil gebuͤhrt der erſte Preis dem Ritter in der Silberruͤſtung! Auf dieſen Ausſpruch ſtieg Hildene mit ihren Fraͤuleins vom Balkon herab, in der Hand das Schwert mit koſtbarem Griff und die reich geſtickte Schaͤrpe haltend, wel⸗ ches Beides zum Dank bes 2 dgſeſen Mins — 218— 2 nun Langilot⸗ von den Kampfeich⸗ ern geluͤhrt, der Koͤnigstochter entgegen trat, und vor ihr auf die Kniee ſinkend den Heim vom Haupte nahm, uͤberflog ur⸗ yloͤtzlich, wie der Magus verbuͤndet hatte, helle Roſenglut das Angeſicht Hildenens⸗ und Schwert und Schaͤrpe glitten aus ihten Haͤnden und die Frage nach dem Namen des Ritters erſtarb in heftiger Bewegung auf ihrer Lippe. Und alle Verſammelte erſtaunten uͤber die wunderbare Veraͤndes rung, die ſich mit der Prinzeſſin zugetragen; König Perles aber gerieth von Freuden ſchier außer ſich, daß ſeiner Tochter die Farbe des Lebens wiedergegeben war. n Indem nun edes Koͤnigs Auge den Magus ſuchte, deſſen Kunſt ſich ſon trefflich bewaͤhrt hatte, ſtand dieſer ſchon bei ihm und ſagte die leiſen Warte Frohlocke nicht⸗ Koͤnig Perles, denn das Wichtigſte iſt zu thun uͤbrig, wenn du nicht noch in dieſer 1— Nacht deine Tochter als Leiche ſehen willſt. 3 Laß uns gehn in dein geheimſtes Gemach,* damit wir uns dort des Weitern berathen! Als ſie allein und unbehorcht waren, ſprach der Magus: Nun merke wohl auf meine Rede, Koͤnig Perles! Sobald du den fremden Ritter von hinnen ziehen läſſeſt, ohne daß Hildene ſeiner Umarmung genoſſen hat, ſo ſtirbt ſie nach Mitter⸗ nacht, und du kannſt bald ihr Grab be⸗ ſorgen. Verweilt aber der Ritter dieſe Nacht hier und ſchlaͤft in den Armen dei⸗ ner Tochter, ſo wird ſie dir erhalten, und 1 aus dieſer Umarmung entſproßt ein Sohn, der durch herrliche Thaten ſeinen Namen weit verbreiten wird. Aber glaube nicht⸗ Koͤnig, daß es ein Leichtes iſt, den Ritter in die Arme deiner Tochter zu fuͤhren; wiſſe vielmehr, daß er ſchon einer Dame feſte Treue gelobt hat, die er mit Wiſſen und Willen nie brechen wird. Darum „ — 0— g ich dar Erreichung dieſer Abſicht durch magiſche Mittel ſeine Sinne bethoͤren, da⸗ mit er in den Armen ſeiner Dame zu ruhen waͤhnt, waͤhrend er deine Tochter umſchließt. Nun erklaͤre dich. Koͤnig, was ich thun ſoll oder laſſenn e⸗ Da verſetzte der König: Weiſer Mann, du wuͤrdeſt nicht alſo fragen, ſo du ein geliebteſt Kind haͤtteſt. Saͤum', o ſaͤume nicht, Alles zu ahume wodurch: Hidencs Leben erhalten wird! Und waͤhrend der WMagus in ſein 2a. boratorium ſich begab, eilte Koͤnig Perles in den Hof, wo eben Lanzelot den Knap⸗ pen befahl, ſein Roß vorzufuͤhren. Wie! Ritter, ſagte der Koͤnig zu ihm, wollt Ihr mich ſo bittor kraͤnken, daß Ihr meine Gaſtfreundſchaft verſchmaͤhet und bei an⸗ brechender Nacht meinen Hof verlaſſet?— Als Lanzelot aus dieſen Worten des Koͤnigs Perles abnahm, daß derſelbe es fuͤr —— anfing⸗ — 121— eine ſchwere Beleidigung achten wuͤrde, wenn er nicht im Schloſſe uͤbernachte, aͤnderte er ſeinen Vorſatz, und ließ das Noß, welches die Knappen ihm bereits vorgefuͤhrt hatten, zuruͤckbringen, indem er des andern Tages in aller Fruͤhe deſto ruͤſtiger ſeinen Weg nach Morgana's Schloſſe zu verfolgen ge⸗ dachte. Koͤnig Perles aber war ausneh⸗ mend froh, daß er den Ritter ſo leicht zur Aenderung ſeines Entſchluſſes vermocht hatte. unterdeß war der Magus beſchaͤftigt geweſen, einen ſinneverwirrenden Trank fuͤr Lanzolot zu brauen, und als nun dieſer mit den andern Rittern froͤhlichen Muths beim Mahle ſaß, und eben ſeinen BPecher geleort hatte, vermiſchte der Edelknabe, wel⸗ cher das Mundſchenkenamt verwaltete, den Wein mit dem Zauberwaſſer, und kaum hatte Lanzelot von dem Tranke genoſſen, als er ganz ſonderhare Reden zu fuͤhren er und teichte dem Könige erss deBan üter den Tiſch. Laßt uns gute Freunde ſein! es war Thorheit, daß ich uͤber Eure Worte mich ſo ſehr erzuͤrnen konnte. Dann wandte er ſich zu dem Ritter, welcher neben ihm ſaß, und ſagte ihm ins Ohr: Meſſire Hektor, bin Euch gar vielen Dank ſchuldig, weil Ihr der Koͤnigin ſo treulich Euch angenommen habt! Hierauf winkte er freundlich den andern Rittern umher und ſprach: Sieh da, Meſſire Iwain! Meſſire Gouvain! Wie geht's Euch? Habt Ihr auch Eures Freundes ge⸗ dacht, als er ferne von Euch war, und welche Fahrten habt Ihr unterdeß beſtanden? Dann fing er mit einem Male aus tiefer Bruſt zu ſeufzen an und ſagte: Ach, Ritter, Ihr denkt wohl, ich ſei froͤhlich, aber ich kann's ja nicht ſein, denn ich bin ein Gefangener!— Bei dieſen Worten trank or, als ſei im da um zu 6 ſeire nen Unmuth hinweg zu ſchvemmen, ⸗ einen langen Zug aus dem Becher, dann tau⸗ melte er ploͤtzlich auf und ſagte: Guts Nacht, ihr Herren, laßt Euch nicht ſtoͤrenz hab' noch etwas anderwaͤrts zu beſtellen. Hiermit verließ er den Saal, die Ver⸗ fammelten aber, mit alleiniger Ausnahme des Koͤnigs Perles, der die eigentliche Be⸗ wandtniß der Sache kannte, wunderten ſich nicht wenig uͤber die ſonderbare Einbildung des Ritters, daß er in Cramalot beim Kö⸗ nige Artus zu ſein vermeine, und ſchier war es ihnen unbegreiflich, wie er von dem maͤßig geuoſſenen Weine alſo benebelt wer⸗ den koͤnnen. 2* Als Lanzelot den Saal verlaſſen hatte⸗ Thülens in den Garten zu gehen und in Genevrass Schlafgemach zu ſteigen, wis er zu Eramalot gethan, trat ihm nach der An⸗ ſung des Magus Hildenens Fräulein in den Weg⸗ und ſagte leiſe: Folgt mir, Lan⸗ zelot! die Köͤnigin wartet Euer!— Dar⸗ auf verſette der Ritter: Ach, ſeid Ihr es, liebe Malehild? Gott vergelt' es Euch, daß Ihr unſerer Liebe ſo treuen Beiſtand leiſtet! Und das Fraͤulein faßte ihn bei der 3 Band und brachte ihn in das finſtre Zim⸗ mer, wo Hildene mit verzehrender Sehn⸗ ſucht harrte, denn auf Geheiß des Magus hatte die Amme ihr verſprochen, den Rit⸗ ter in ihre Arme zu fuͤhren, doch mit der Vermahnung, kein Wort zu reden, weil ſonſt der Ritter ſie Augenbuce wieder ver⸗ laſſen werde. Und Hildene folgte der Amme und um⸗ fing ſchweigend den Ritter mit ihren Ar⸗ men, und gewaͤhrte ihm Alles, was ihm Genevra gewaͤhrt hatte. So wurde der —— — ——-— Ritter gar ſaß getzuſcht, allein die Keafe des Zaubertranks dauerte nicht länger, ais b 4 bis man den erſten Hahnenſchrei hoͤrte. Da erwachte der Nitter und ſah, daß 4 es Hildene war, und nicht die Koͤnigin Genevra, die an ſeinem Herzen lag, und er riß ihre Arme los, womit ſie ihn um⸗ faßt hielt, ſprang auf, ſchlug in Verzweif⸗ lung die Haͤnde wider ſeine Stirn, und verfluchte ſich ſelbſt und die Prinzeſſin. Argliſtige! redete er ſie im hoͤchſten Zorne an. Ihr habt mich betrogen„ und mich verfuͤhrt, die Treue zu brechen, die ich der Koͤnigin Genevra ſchuldig bin. Nun darf ich nimmer vor ihrem Angeſicht erſcheinen, nim⸗ mer nach Cramalot zuruͤckkehren, nimmer an der runden Tafel ſitzen, denn ich habe mein Ritterwort gebrochen und bin in Schmach ge⸗ fallen. Meint Ihr, daß ich dieſen Betrug 1 Euch verzeihen werde? Nein, nimmermehr! Ihr ſollt dafür buͤßen mit Euerm Leben, — ſo ich wug ninn 5 dsen, wütbet ewes viel Rittet bethoren! 8 8:4 Bei dieſen Worten zog er bas Schwettz als aber Hildene weinte, und die ſchoͤne Bruſt, an welcher Lanzelot dieſe Nacht ſo fuͤß geruht hatte, mit den Haͤnden bedeckte, und mit bittendem Blicke ihm vorwarf, daß er ihre Liebe ſo hart beſtrafen wolle, da dauerte es ihn, ſo viel Holdſeligkeit zu zet⸗ ſtoͤren, und er ſtieß das Schwert in die Scheide zurück und ſprach: Gott vergeb' es Euch, wie Ihr mit mit gehandelt, Und baß Ihr um meine Ruhe mich gebracht habt!— Dann ging er in den Hof, ſetzte ſich auf ſein Roß und verließ die Burg im Grauen des Morgens, waͤhtend noch Koͤnig Heiles und die Ritter ſchliefen. Er ritt in der Daͤmmerung een dachte bloß daran, daß er der Köͤnigin Ge⸗ nevra die Treue gebrochen habe, vergaß dar⸗ Lver, daß er in Morgana's Gefangenſchaft — zuruͤckkehren ſollte, u, un des wohin es wollte. Und j nerung deſſen ſich hingab, w gangenen Nacht ſich zugetragen, de 1 dender wurden ſeine Schmerzen, deſto ver⸗ hates ward ihm das Leben. Als nun die Sonne ihre erſten Strah⸗ ten uͤber den Himmel ſandte, in die er ſonſt mit Freudigkeit des Gemuͤths blicken konnte, verdeckte er ſein Auge mit der Hand und rief: Bleib' im Meere, Sonne, bleibe! Bleibe, damit ich nicht meinen Jammer ſehe! Schlag' eine dunkle Wolke als Schleier um dein Angeſicht, damit die Menſchen fragen, warum dieſer Tag ſo finſter iſt? Dann will ich umherirren in der Nacht wie ein Geſpenſt, dem die Ruh' im Grabe ver⸗ ſagt iſt, und will rufen, bis meine Zunge lahm witd: Lanzelot hat ſein Wort ge⸗ brochen, ſeine Treue gebrochen, und dieſet Tag iſt ſinſter und abſcheulich, wie Lanze⸗ Lots Wreeaen:— ae du hoͤrſt mich Sonne! fing er von Neuem an. Du leuchteſt Schuldigen und Unſchuldigen, und dein Auge wird nicht truͤber, und nicht heller, du magſt auf Elend niederblicken oder auf Freude!— Indem er ſo ſprach, blies Mohe⸗ uuf einer Burg der Waͤchter das Morgenlied, und das Roß fing freudig zu wiehern an, denn es kannte den Ruf des Waͤchters. Da merkte erſt Lanzelot, daß er nicht fern von ſeinem Schloſſe Freudenwacht ſei. Du, mein theures Schloß— rief er— wo mein Gallehalt begraben liegt, bald wirſt du herrenlos ſein. Ruh in Frieden, Waf⸗ fenbruder! Wohl dir, daß du geſtorben biſt, ohne Lanzelots Schmach zu erfahren! Wohl dir, daß du nicht ſiehſt, wie ich, da kein Anderer mich richtet, mir ſabſt mein Urtheil ſpreche, ſtreng und gerecht! Und er zog ſein Schwert aus, und aa5 ſeinem Roſſe einen Streich auf den Hintern und ſprach: Gehe, Roß, in den Wald oder irr' umher auf dem Felde und ſuch' einen andern Herrn dir, denn Lanzelot iſt nicht werth, daß du ihn traͤgeſt! Dann zerbrach er ſein Schwert und ſprach: Liege hier, blanke Klinge, und ver⸗ roſte, und ſag' es Keinem, daß es Lanzelot war, dem du dienteſt, denn Lanzelots Name iſt auf immer mit Schande befleckt! Endlich riß er den Helm ab, und ſtreute die uͤbrigen Waffenſtuͤcke umher. Als nun ſein verabſchiede Roß dies ſahe, kam es herbeigelaufen, und leckte ihm die Hand, gleichſam bittend, daß er es wieder annehmen moͤge; als ihm aber Lanzelot mit aufgehobenem Arm drohte, wich das Roß zuruͤck, den Zorn ſeines Herrn fuͤrch⸗ 2 tend, doch blieb es in einiger Entfernung ſtehen, und wollte nicht von der Stelle, bevor es geſehen, was ſein Hert vornehmen werde. 9 gegen die Erde und ſprach: Schuldbeladener, liege hier und rege dich nicht Und wartez bis wuthende Verzweiflung dir das Herz abfrißt!— Darauf hoͤrte man nur noch einen einzigen dumpfen Seufzer aus der Bruſt des Ritters, dann blieb er ganz ſtill liegen, ſo daß nicht zu erkennen war, ob er 1 tebe oder ob das Herz ihm gebrochen ſeie Und als das Roß ſeinen Herrn ſo liegett ſah, kam es wieder aus dem Gebuͤſch hervor und legte ſich zu ſeinen Fuͤßen. Der Ritter abet hatte nicht lange ſo gelegen, ſo zeigten ſich im Meere die Segel 1 f 8 eiines Schiffes, welches vom guͤnſtigen Winde 3 8 getrieben der Kuͤſte Britanniens zuflog. In dem Schiffe ſaß Viviane, das thraͤnende 3 8 Auge mit einem Schleier verhuͤllend, und als ſie ausgeſtiegen war, ging ſie in Be⸗ gleitung von ſechs Knappen zur Stelle, wo Lanzzekot in Ohnmacht lag, und winkte den — 130— 34 und anzeiot warf ſich mit dem Geſicht ——;ẽ—— — 31— Knaßpen, des Ritters Waffenſtüche zu ſam⸗ meln und ihn ſelbſt fortzutragen. Und wie dies geſchah, ſtand auch das Roß auf, und ging mit geſenktem Haupte, wie ein Leid: tragender, den Knappen in das Schiff nach. Viviane aber ließ den Ritter ſanft auf ein Polſter niederlegen, ſetzte ſich neben ihn und lauſchte ſeinen Athemzuͤgen. 6a 4— „Dreizehntes Hapitet. 113 lean. 9 Weſtwäͤrts von Britannien in demm Meere, welches die alte Welt von der neuen ſcheidet, lag ſonſt eine Inſel, die Inſel der F reude genannt. In jebiger Zeit haben viele Schiffer ſich aufgemacht, ſie zu fuchen, doch keiner hat ſie gefunden, und ſteht daher zu ver⸗ muthen, daß ſie verſunken und verſchwun⸗ den iſt, wie ſo manches Wunderbare und Schoͤne, was ſonſt war und jetzt nicht met 98⁸ — 132— iſt. Vieleicht waren auch diejenigen, welche die Inſel aufſuchten, nicht werth, ſie zu finden. Ueber dieſem Eilande wölbte ſich der Himmel klar und heiter, wolken⸗ und ſturmlos, und das Leben der Menſchen, welche dort wohnten, war wie der Himmel uͤber ihnen. Sie kannten weder des Krieges Greuel, noch eine der gehaͤſſigen Leidenſchaf⸗ ten, durch welche der Menſch ſo oft ſich ſelbſt und Andern befehdet, auch wußten ſie nichts von Aerzten und Sachwaltern, wie ſolches ganz natuͤrlich iſt da ſi ie maͤhig ebten und friedfertig. 4 Wohl Viele kamen, hier zu lan en, aus gewinnſuchtiger oder ſonſt niedriger Abſicht, allein wenn ſie ſchon die Inſel vor ſich liegen ſahen, ergriff ein Sturmwind ihr Schiff, und trieb es wieder von dannen. War aber der Schiffer ohne Falſch und Argliſt oder trug das Fahrzeug einen ſchuldlos Ungluͤck⸗ lichen, der hier Geneſung ſuchte, dann wurde — 133— es von guͤnſtigem Winde in die Bucht; ge⸗ 8 fuͤhrt. Und wahrlith! lnicht Wrnige waren es, die dem Beſuche der Inſel ihre Gene⸗ ſung von ſchwerem Leide dankten, denn in der Mitte der Inſel befand ſich ein Brun⸗ nen, deſſen Waſſer die Kraft hatte, jedes ſchmerzhafte Andenken aus der Bruſt eines Menſchen zu bannen, hingegen allen ſeinen frohen Erinnerungen einen deſto lebhaftern Glanz zu verleihen.. Dieſe Inſel war es, wohin das Ssiſ lein ging, auf welchem Viviane mit ihrem Pflegeſohne Lanzelot ſich befand. Auf Ge⸗ heiß der Fee trugen die Knappen den Ritter, der noch in tiefer Ohnmacht lag, in welche die Wuth ſeines Schmerzes ihn geworfen hatte, zur Quelle und legten ihn auf das blumige Raſenpolſter; dann fuͤllte Viviane einen Becher aus dem Brunnen und ging damit zu ihrem Lieblinge, ſtrich ihm die verwilderten Locken aus dem Antlitz, und bruͤckte einen ſanften Kuß auf ſeine Strn und als der Ritter die Augen aufſchlug, ſetzte ihm Biviane, ehe er noch aufs Neue der Urſach ſeines Schmerzes gedenken konnte, den Becher an die Lippen und hielt ihn daran, bis er geleert war. Da erloſch mit einem Mal⸗ das Ge⸗ daͤchtniß Alles deſſen, was ſeinen Frieden geſtoͤrt hatte, in Lanzelots Bruſt, er vergaß der Nacht, wo er in Hildenens Armen ge⸗ legen, er verzaß, daß er Margana' s Gefange⸗ ner ſei, und Genevras Bild erſchien ihm wieder im Licht⸗ des Morgenroths. Und wie ei ent undi ter Menſch hob 5 er den klaren 8 Btus in blauen gelde des Himmels empor, und ſog in ſeine frei ſchla⸗ gende Bruſt mit Wohlbehagen den Strom der reinen Luft, dann ſchlug er die Arme um Vivianen, aus deren Auge eine Thraͤne der Freude Thranga und ſprach: Liebe Mut⸗ —,———— — 135— ter, wie wohl iſt mir, daß ich bei dir bin! Wie oft habe ich mich nach dir geſehnt und dich gerufen! Doch du kamſt nicht und ich haͤrmte mich darob, denn ich meinte⸗ du zuͤrnteſt deinem Sohne! 3 Ach, du lieber Sohn! verſetzte Viviane, wie ſollt' ich dir zurnen koͤnnen? So gern waͤre ich ja gekommen, dich zu beſuchen⸗ allein das Schickſal will es, daß ich nur noch zweimal dich ſehen ſoll. Einmal wirſt du zu mir kommen, das andere Mal komm ich zu dir und ſolches iſt das letzte Mal⸗ Bei dieſen Worten, die ſie mit bewegter Stimme ſprach, ſchloß ſie ihren lieben Pflege⸗ ſohn recht innig an ihr Herz, und ſah ihn dabei tief und lange in ſein glaͤnzendes Auge, als wollte ſie ſich damit fur die lange Entbehrung ſchadlos halten. Dann nahm ſie von Neuem das Wort. Lanzelot! ſprach ſie, mir iſt nicht laͤnger vergöͤnnt, bei dir zu bleiben, ich muß wieder heide in mein — 136— Reich, doch will ich auf meinem Schiſe ddich nach Britannien geleiten. Als Lanzelot dort an's Ufer geſtiegen wuar, und nach einem herzlichen Abſchiede n Vivianen die weißen Segel ihres Schif⸗ fes in der Ferne ſich verloren, erinnerte er ſich jenes Tages, wo die Fee ihn an Artus Hof. zabtach und wo er Genevron zum raͤchen, weil er, fhne gehchen ungetreu, 3u ihr nicht d nrlsnneht mar. Bwar wuit⸗ 4 an ſeine Wnhrattas und das Be wede— — chen der Ruͤckkehr gaͤnzlich aus ſeinem Ge⸗ daͤchtniſſe vertilgt hatte. Allein ſie konnte dem Ritter, da er ihre Liebe zuruͤckgewieſen, das Gluͤck in der Koͤnigin Armen nicht ver⸗ zeihen; noch unertraͤglicher war ihr der Ge⸗ danke, das Weib, um deswillen ſie ver⸗ ſchmaͤht worden war, gluͤcklich zu wiſſen. Als nun Lanzelot nach ſeiner Ankunft zu Cramalot in einer Nacht wieder bei der Köoͤnigin war, kam Morgana in das Ge⸗ mach, wo Artus ſchlief und fluͤſterte ihm in's Ohr: Steh' auf, Bruder, ſteh⸗ auf! Lanzelot vom See treibt Buhlſchaft mit deinem Weibe, und befleckt deine Ehre. Jetzt eben findeſt du ihn in ihrem Zim⸗ mer, darum ſaͤume nicht, wenn du die Schul⸗ digen in ihrem Verbrechen uͤberraſchen willſt! Von dieſen Worten erwachend, ſprang 3 Artus raſch in ſeinem Zorne auf, nahm ſein entbloͤßtes Schwert unter'n Arm, und weckte in aller Stille einige ſeiner Ritter und Neiſigen. Denen befahl er, in den Garten zu gehn, und die Fenſter der Koͤni⸗ gin zu umſtellen, und ſo Jemand daraus niederſteigen wuͤrde, ihn anzuhalten, dann begab er ſich ſelbſt, von zwei Rittern be⸗ gleitet, nach dem Zimmer der Koͤnigin. Allein verbotene Liebe hat ein leiſes Gehoͤr. Schon in der Ferne vernahmen die Koͤnigin und ihr Ritter die Tritte der Maͤnner, und ehe noch die verſchloſſene Thuͤr geoͤffnet ward, war Lanzelot aus dem Fenſter entflohn, und der Koͤnig traf in Genevra's Bette Niemanden, als ſie ſelber, doch unter den Fenſtern hoͤrte man Schwerter klirren, und gleich darauf wurden zwei Nitter ſchwer verwundet in's Schloß ge⸗ tragen, welche ausſagten, Lanzelot vom See ſei aus dem Fenſter der Koͤnigin niedergeſtiegen, habe ſich aber, als ſie ihn fangen wollten, heftig ar Wehr geſetzt und ſei entlommen. X „ — 139— Da wendete der Koͤnig ſeinen ganzen Zorn gegen Genevren und ließ ſie noch in dieſer Nacht in den finſtern Schloßthurm werfen; des folgenden Tages aber berief er die Staͤnde des Reichs, und trug ihnen die Sache vor, und als die Ritter ihre Ausſage daß ein Mann aus dem Schlafgemache der Koͤnigin niedergeſtiegen und daß dieſes Lan⸗ zelot vom See geweſen ſei, beeidet hatten, ſprachen die Staͤnde das Urtheil: daß die Koͤnigin Genevra des Ehebruchs üͤberwieſen ſei, und darum des Feuertodes ſterben, auch gleicher Tod ihren Buhlen, den Ritter Lan⸗ zelot, treffen ſolle, ſo man ſeinar hahhaft werden wuͤrde. Als der Koͤnigin dieſes Urtheil erüfft ward, blickte ſie umher in der Verſammlung, ob keiner der Ritter etwas zu ihrer Ver⸗ theidigung ſagen wuͤrde, aber Alle biieben ſtumm, und Keiner wagte es, den gerschten Ausſpruch der Ritter tataſte. Sarauf 1 — 140— wurde Genevra in ihr Gefängniß zurückge⸗ fuͤhrt; ob ſie aber auch ſonſt alle Hoffnung verloren hatte, doch verlor ſie das Ver⸗ trauen auf Lanzelots Huͤlfe nicht. i ¹ Waͤhrend dem hatte ſich der Ritter im Walde von Cramalot verborgen gehal⸗ ten, um Genevren nahe zu bleiben, und ihr, wenn ſie in Ungemach geriethe, mit ſeinem Arme dienen zu koͤnnen. Nach dreien Tagen, als er in der Mit⸗ tagsſtunde neben ſeinem Roſſe im dichten Gebuͤſch niedergeſtreckt lag, kamen Holz⸗ hauer in den Wald, gefuͤhrt von einem Aufſeher, welcher ihnen die Staͤmme an⸗ wies, die ſie faͤllen ſollten. Unbemerkt 3 hoͤrte Lanzelot ihrem Geſpräch zu. Dieſen da— ſagte der Aufſeher— 4 und dieſen und dieſen Baum ſchlagt nieder! Ei, Herr! erwiederten die Leute, was wollt Ihr? Dies ſind ja die beſten Vume im Walde. — 141— Thut, wie ich euch befohlen— ſagte der Aufſeher— und widerredet nicht, denn obgleich es euch nicht zu wiſſen noͤthig, ſo ſollt ihr doch wiſſen, daß bei dieſen Staͤm⸗ men(und darum habe ich eben die beſten ausgeſucht) eine Koͤnigin gebraten wer⸗ den ſoll, und zwar morgen, fuͤnfhundert Schritte von hier auf der Bloͤße*); darum ſputet euch! Da ſprach Lanzelot, malcher wohl merkte, was mit dieſen Worten gemeint ſei, die Fauſt ballend vor ſich: Das weiß ich wohl, daß ihr die Koͤnigin Genevra nicht verbren⸗ nen werdet, ſo lang' noch ein Hauch in Heisee Bruſt iſt.. uUnd indem er nun ſo da lag, fortwaͤh⸗ un. ſeine Gedanken auf den morgenden Tag richtend, hoͤrte er Roſſestritte und ſah einen ſtattlichen Ritter die Straße daher 3 kommen. Ei— rief er auſſpringend— Peeie Platz im Walde, — 142— muͤßte mich doch Alles taͤuſchen, oder bieſer Ritter iſt mein Vetter Lionnel! Und wie er aus dem Geſtraͤuch hervortrat, und der fremde Ritter ſein anſichtig ward, warf ſich derſelbe ſogleich vom Roſſe und ſtuͤrzte an Lanzelots Bruſt. Lieber Vetter— ſprach er dabei— dich kam ich zu ſuchen, und da kommſt du mir eben wie gerufen ent⸗ gegen! Und dich, Vetter Lionnel— ver⸗ ſetzte Lanzelot treff' ich ebenfalls jetzt zu willkommener Zeit, wie du bald hoͤren wirſt. Bre A. lagu eees e Hierauf lagerten ſie F ins Gras uns erzaͤhlten einer dem andern ihre Begebenhei⸗ ten und Fahrten ſeit ihrer Trennung. Vor Allem aber ſaͤumte Lanzelot nicht, ſeinen Vetter von ſeinem Verhaͤltniß zur Koͤnigin und der ihr bevorſtehenden Schickſale zu unterrichten und um ſeinen Beiſtand zu bit⸗ ten. Worauf Lionnel verſetzte: Etwas Liebe⸗ res konnte mir bei. meiner Ankunft in dieſem — 143— Lande nicht begegnen„ als dieſes, daß ich ſobald Gelegenheit habe, meinen Arm zu deinem Dienſt zu gebrauchen. Nimm mein Ritterwort, Vetter, und meinen 3 Handſchlag darauf, daß Keiner der Koͤni⸗ gin etwas anhaben ſoll, ſo lange Lionnel am Leben.— Hierauf beredeten ſie das Weitere wegen Genevra's Rettung, und ſchliefen die Nacht im Walde neben iheen 1 Noſſen: 4 In der Fruͤhe des andern Margens kamen die Naͤthe nebſt den Gerichtsdienern und dem Schreiber auf den freien Platz im Walde unter Bedeckung eines Haufens Reiſiger, welche die Koͤnigin in Feſſeln mit 5 ſich fuͤhrten. Nachdem ihr nun das Ur⸗ theil nochmals verleſen worden war, ſtreifte man ihr die Feſſeln ab, und band ſie an einen mitten im Holzſtoß aufgerichteten 5 Pfahl. Und ſie hob das Auge in die Höhe, als bitte ſie den Himmel um V 4 gebung, weil ſie den Ritter Lanzelot lieber gehabt, als ihren Gemahl. te Schon ſtanden die Diener des Gerichts in Begriff, den Scheiterhaufen anzuzuͤnden, als ein Ritter mit zugeſchloſſenem Viſier, die blanke Klinge in der Rechten, auf den Plan ſprengte. Sogleich erkannten die Reiſigen an der Ruͤſtung, daß es Lanzelot war, und wollten ſich ſeiner bemaͤchtigen, begierig des hohen Preiſes, den Koͤnig Artus auf des Ritters Verhaftung geſetzt hatte. Doch Lanzelot griff mit ſeinem Schwerte rechts und links ſo ruͤſtig um ſich, daß ihnen gar bald die Luſt verging, den Preis zu verdienen. Und als die Schergen ſahen, daß die Reiſigen zuruͤckwichen, gaben ſie, fuͤr dieſen Tag min⸗ deſtens, die Hoffnung auf, die Koͤnigin zu verbrennen, ſondern banden ſie los und woollten ſie zuruͤckfuͤhren. Allein in dieſem Augenblicke brach Lionnel unvermuthet auf der andern Seite aus dem Walde hervor, — 145— ſtreckte die Naͤchſten nieder, hob die Koͤni⸗ gin auf ſein Roß, das ſchnell wie der Wind war, und entfloh mit ihr, wie ſol⸗ ches zwiſchen ihm und Lanzelot verabredet worden war. Dierauf ließ Lanzelot ab vom Kampfe mit den Knappen und folgte ſeinem Vetter, indem er, die Flucht der . Köͤnigin ſchuͤtzend, die Reiſtgen zuruͤcktrieb, die ihm nachdrangen. So kamen alle drei wohlbehalten nach Freudenwacht, dem feſten Schloſſe; geret⸗ tet lag Genevra in Lanzelots Armen, und die Burgleute draͤngten ſich Jubelgeſchrei erhebend um ihren lieben lang entbehrten Herrn. Doch Lanzelot rief ihnen zu: Tum⸗ melt euch! Fuͤllt die Steinkoͤrbe! Tragt Pech auf die Mauer! Langt eure Waffen hervor und bewehrt euch aufs Beſte, denn bald wird Koͤnig Artus vor dieſe. Mauern erſcheinen!— 10 — der niihe zu gedenken. — 146— Und er Hatte. nicht falſch geredet, denn ſchon am naͤchſten Tage kam Koͤnig Artus mit ſeinem Heere und umringte die Burg und ließ dem Ritter hinein entbieten: Lan⸗ zelot vom See! So Ihr nicht ſofort die Koͤnigin ausliefert, die Ihr den Haͤnden des Gerichts entzogen habt, ſo will ich Eure Burg zerſtoͤren, daß kein Stein auf dem andern bleibt und Ihr ſelbſt ſollt des ſchmaͤhlichſten Todes ſterben! Da ließ ihm Lanzelot zuruͤckentbieten: Koͤnig Artus, Ihr ſprecht wie ein Kind oder ein Narr. Habt Ihr vergeſſen, daß Lanzelot zu fechten weiß?— So lange noch ſein Arm taugt, ein Schwert zu fuͤh⸗ ren, wird er die Koͤnigin beſchuͤtzen, und Euch ſoll ſie nicht eher uͤberliefert werden, bis Ihr den theuerſten Eid ſchwoͤret, ihr kein Haar zu kruͤmmen, ſondern Euch mit ihr zu verſoͤhnen, und des Geſthhenen ſr⸗ —yä—— — m Auf dieſe Antwort ruͤſtete ſich Artus, das Schloß mit Sturm einzunehmen und ließ Leitern herbeiſchaffen und anderes Be⸗ lagerungsgeraͤth, allein Lanzelot und Lionnel mit ihren Leuten vertheidigten das Schloß ſo wacker, daß der Koͤnig nichts ausrichtete und noch dazu viel Mannſchaft verlor. Ja⸗ bei einem Ausfall, den Lionnel that, waͤre Artus faſt ſelbſt gefangen worden, als er mit ſeinem Roſſe in einen Graben ſtuͤrzte. Endlich, nachdem die Belagerung ſchon einige Wochen gedauert hatte, meinte der Koͤnig, es muͤſſe den Belagerten bald an Lebensmitteln fehlen, und werde der Hunger ſie zur Uebergabe zwingen. Allein auch dieſe Hoffnung goͤnnten die Belagerten dem Koͤ⸗ nige nicht, indem ſie eines Morgens ein friſches Stuͤck Wildpret auf die Mauer brachten und Angeſichts der Feinde ſchlach keten. tS Bhüfich haͤtte Artus 85 ange 88 3 10* — 148— dem Schloſſe Freudenwacht gelegen, wenn nicht durch den Biſchof von Logres der Sache eine ganz andere Wendung gegeben worden waͤre. Wie ſich naͤmlich von jeher die Geiſtlichkeit gern in Dinge gemiſcht hat, die ſie wenig oder nichts angehen, ſo wollte auch der Biſchof das Urtheil uͤber Genev⸗ ras Verbrechen dem geiſtlichen Gerichte zu⸗ eignen; weil nun aber Artus bloß von ſei⸗ nen Raͤthen das Uttheil hatte ſprechen laſſen, fand jener ſich hoͤchlich beleidigt, und maldete den Vorfall an den paͤbſtlichen Stuhl in Rom. Und der Pabſt ſandte ſofort einen Legaten nach Britannien. Dieſer erſchien unvermuthet in Artus nuhr und redete eihn 8 ann Koͤnig Artus! Mit Migfalen! hat de heilige Vater zu Rom vernommen, weſſen du dich angemaßt, daß du von deinen Raͤ⸗ then die Koͤnigin richten und das Todes⸗ urtheil uͤber ſie haſt ausſprechen laſſen. und er erklärt hiermit dieſes Urtheil fuͤr null und nichtig, und gebietet dir, die Belage⸗ rung des Schloſſes Freudenwacht ſofort aufzuheben, die Koͤnigin aber als dein Ge⸗ mahl wieder anzunehmen, ihr kein Leid zuzufugen, ſondern mit ihr fortan eine friedliche Ehe zu fuͤhren. Und ſo dir die⸗ ſes ſauer ankommen ſollte, moͤgeſt du nur an dein eigenes Herz greifen, und deiner Buhlſchaft mit dem Maͤdchen von Kame⸗ lide gedenken, wodurch du die Koͤnigin zu⸗ vor beleidigt. Wirſt du aber das Gebot des heiligen Vaters nicht ſtracks erfuͤllen, ſo ſchleudert er den Bannſtrahl auf dein Haupt, und entbindet all' deine Untertha⸗ nen ihrer Pflichten. Nun waͤhle das Beſſere!— Da mußte wohl Artus, ſo ungern er es that, ſich bequemen, der Koͤnigin zu ver⸗ zeihen, denn obwohl er den gewaffneten Arm keines Feindes fuͤrchtete, dem er mit dem — 150— Schwerte begegnen konnte, ſo fürchtete er doch den Bannſtrahl des Pabſtes. Darum wurde Meſſire Hektor alsbald an Lanzelot geſandt, um ihm den Entſchluß des Koͤnigs zu hinterbringen„ und die Koͤnigin ins Lager zu fuͤhren. 3 Als nun Hektor ſeinen Auftrag ausge⸗ richtet, und zugleich erzaͤhlt hatte, was den Koͤnig zu dieſer Sinnesaͤnderung bewogen, vermochte Lanzelot kein Mißtrauen zu hegen, und unterrichtete die Koͤnigin von der Botſchaft ihres Gemahls. Da ſagte Genevra: Kann Artus mir verzeihen, ſo kehre ich gern zu ihm zuruͤck. Ac), Nitter, glaubt es; ſchon oft habe ich mir Vorwürfe gemacht, daß ich meinem Gemahl nicht ſo vergolten, als ich geſollt haͤtte. Lanzelot, Mann meines Herzens, Ihr waret ſchuld daran und ſeid doch unſchuldig. Aber ich fuͤhle, daß ich geſuͤn⸗ digt habe, und darum will ich buͤßen, will 3 — — 151— „ die allerhaͤrteſte Buße mir ſelbſt auflegen 6— Lanzelot! ich will Euch nicht wiederſehn. 9 Euer Wort, daß Ihr nie verſuchen wollt, meinem Vorſatz mich ungetreu zu machen! Beten und bereuen ſei von nun an mein * einziges Geſchuͤft! Da ſank Lanzelot vor ihr nieder, und obwohl der Verluſt, den er erleiden ſollte, ihm ſchier die Bruſt zerriß, ermannte er . ſich doch und ſprach: Dame meines Her⸗ zens, habt meinen Schwur, ich will Euch nicht wiederſehn! Darauf fuͤhrte er ſie in den Zunßo und hob ſie auf ihren Zelter, und ſah ihr nach, wie ſie mit Meſſi ire Hektor davon⸗ ritt. Dann ſtuͤrzte er ſi ſich ſchmerzenvoll in die Arme ſeines Vetters und rief: Lon⸗ nel, Lionnel, was hab' ich verloren!—— Gieb der Traurigkeit nicht Raum,; mein Petter! verſetzte Lionnel, ſondern ermun⸗ — 152— tere dich. Glaube mir, daß Alles ſo kam, dies iſt ein Fingerzeig des Himmels: Du ſollſt Britannien verlaſſen, und dein vaͤter⸗ liches Erbe dem Koͤnige Klaudas entreißen. Dazu dich aufzufordern, kam ich hierher, denn das Land Brucie ſeufzet unter Klau⸗ das ſchwerem Szepter und ſehnt ſich nach Huͤlfe. Darum laß dich nicht vergebens mahnen. Da ſprang Lanzelot aus ſeinem Nach⸗ ſinnen auf und rief: Zu rechter Stunde, Vetter, erinnerſt du mich daran, daß es fuͤr mich, wenn ich meinen Schwur halten will, nicht wohlgethan iſt, in dem Lande zu bleiben, wo Geneyra lebt. Lionnel, ja! Wir wollen barſahren nach Gahien und das 3 dem Walde von Trible, und ſahen den See erſten Zuſammentreffens und das Andenken „Vierzehntes Kapitel. Es waren ſechs Schiffe, wohlbemannt, mit welchen Lanzelot und Lionnel an Galliens Kuͤſte landeten. Und als die Abſigſt ihrer Ankunft ruchtbar ward, ſtroͤmte ihnen viel Volk zu, begierig, an dem Zuge wider den 1 Koͤnig Klaudas, welchen Alle haßten, Theil zu nehmen. So waͤlzte ſich das Heer wie ein verderbender Strom gegen die Stadt Gannes, wo Klaudas ſeinen Hof hielt. Auf dieſem Zuge kamen Lanzelot und Lionnel eines Abends in das Thal hinter vor ſich liegen, der Vivianens Pallaſt bedeckte. Da gedachten Beide mit einem Male ihres jener Stunde feiernd umarmten ſie ſich und ſchwuren in ihrem Herzen einander nochmals unverbruͤchliche Freundſchaft. Waͤhrend ſie ſo ſich umſchlungen hielten, — 154— kam ein Weib von der Waldſeite her und ſetzte ſich auf das Grab neben dem See und blickte ſtarr in die Wellen. Da rief Lanzelot: Vetter, wer mag die weiße Geſtalt auf dem Grabe ſein? Laß uns hin und ſie anreden, denn nicht umſonſt 1 pocht das Herz mir ſo heftig; ich fuͤhl's 6 aam lauten Schlage, daß eine große Freude mmeiner wartet!—. Wie er ſo redete, bewegte ſich das 4 Waſſer an der Stelle, wo ſie ſtanden, und Vivian ens holdſeliges Antlitz tauchte aus den Wellen empor. Willkommen, mein. Lanzelot! ſprach ſie. Hab' ich dir nicht vorhergeſagt, daß du mich bald beſuchen wuͤrdeſt? So komm denn, mein Sohn, und empfange das Geſchenk, das ich fün * bieſen Beſuch dir aufgeſpart! Als Viviane ſo ſprach, erhob die weiße* Frau auf dem Grabhügel ihre Simme und 7 4 ſief In ich erkenne dich noch, obwohl — 155— meine Augen vom Weinen ſchwach gewor⸗ den ſind. Du biſt meine aͤrgſte Feindin, denn du haſt die Mutter um ihr Kind be⸗ trogen. Bereichere dich nicht laͤnger mit meinen Thraͤnen, ſondern gieb mir den Knaben wieder, der unter meinem Herzen gelegen hat, gieb mir meinen Lanzelot wieder!— Da trat Viviane mit dem Ritter an der Hand naͤher, fuͤhrte ihn in die Arme der Jammernden und ſprach: Helena, dieſer iſt dein Sohn! Nimm ihn zuruͤck aus meinen Haͤnden. Du haſt ihn gebo⸗ ren; ich habe ihn vor ſeinen Feinden be⸗ ſchutzt und groß gezogen, darum iſt es bil⸗ lig, daß wir in ſeine Liebe uns theilen! Und waͤhrend nun Helena freudeweinend⸗. gern glaubend, dennoch zweifelnd und ihr Gluͤck fuͤr einen Traum haltend/ um Lan⸗ zelot ihre Arme ſchlang, und Lanzelot voll Entzuͤcken den Mutternamen ſüſterte, den 4 Sohn ſchon wieder entbehren ſolle; dann — 156— er bisher bloß Vivianen gegeben, nahm dieſe eine ſeiner Haͤnde und druͤckte ſie an ihre fliegende Bruſt, um ihren Liebling nicht ganz allein Hellenen zu laſſen. Und wie Lionnel dies ſahe, kam auch er herbei, und ſchlug ſeine Arme um alle Drei und rief Wollt ihr mich allein ſtehen laſſen, mich den Verarmten, der ſchon als Kind ſeine Mutter verlor?—— Waͤhrend ſie einander ſo umfaßt hielten, ertoͤnte das luſtige Trarah der Hoͤrner durch den Wald und mahnte die Ritter an den Aufbruch. Da kniete Lanzelot vor Helenen nieder und bat: Mutter, deinen Segen! Ich gehe, mit dem Moͤrder meines Vaters um die Krone von Brueic zu kaͤmpfen. Segnend legte Helena ihre Hand auf ſein lockiges Haupt, und kuͤßte ihm zum Abſchiede die brennende Wange, nicht ohne Schmerz, daß ſie den kaum gefundenen 1 — 157— ſchwangen ſich die Ritter auf ihre Roſſe“ und ſprengten dem Walde entgegen, waͤh⸗ rend die Frauen zuruͤckblieben und ihnen nachriefen: Fahrt wohl! Fahrt wohl! ſo lange ihr Blick ſie erreichen konnte. und als die Ritter mit ihrem Heere vor der Stadt Gannes angelangt waren, ließ Lanzelot dem Koͤnige hinein ſagen: Komm heraus, Koͤnig Klaudas, aus deinen Mauern, und kaͤmpfe mit Lanzelot, dem Sohne Bans, um die Krone von Brucie und um dein 4 Leben. 1 Darauf erwiederte ihm Koͤnig Alaudas: Abentheurer, wer du auch ſeiſt, der du dich Lanzelot nennſt und es nicht biſt, haſt du Luſt, dir den Schaͤdel einzurennen an den Mauern von Gannes, ſo verſuche herein zu kommen; hier findeſt du mich kampfgxrüſt lanſt nirgendwo!— 4 Wohlan denn! rief Lanzelot, als er die Botſchaft erhalten hatte. Koͤnig Klaudät⸗ — 158— ich folge deiner Einlabung⸗ Zum Sturme, Waffengefaͤhrten, zum Sturme! Da wurde es mit einem Male lebendig im Lager; die Sturmbloͤcke wurden wider die Thore bewegt, und die Leitern an die Mauern gebracht. Und Lanzelot und Lion⸗ nel waren die erſten Beiden, die ihre Lei tern anſetzten. Zum Siege oder zum Tode! riefen ſie, ſchuͤttelten einander die Haͤnde und ſtiegen dann neben einander gleichen Schrittes ruͤſtig hinauf. Wie das Kriegs⸗ volk ſah, was die Fuͤhrer thaten, brachen Alle muthentflammt in einen freudigen Schlachtgeſang aus, und das Krachen der Thore unter den Stoͤßen der Sturmbloͤcke begleitete den Geſang und jagte Grauſen in das Herz der Feinde, ſo daß den An⸗ dringenden bloß ein muthloſer ddesſtand egenneie. 7 Nicht lange dauerte es, 1 war die Mauer uͤberall erſtiegen; zugleich ſprang 2 — 159— das Thor unter der Gewalt der Sturms bloͤcke auf, allerwaͤrts drangen nun Lanze⸗ lots Voͤlker in die Stadt, und ſchlugen darnieder Alle, die nicht um Gnade baten. Da brachte man Lanzelot die Nachricht, daß Lionnel mit dem Koͤnige kaͤmpfe. Als er das hoͤrte, brach er in die Worte aus: Vetter, ſchon' ihn, bis ich komme! Laß ihn mir, denn mir hat er ſein Leben ver⸗ ſchuldet, und der Geiſt Koͤnig Bans hat die Rache mir befohlen!— Und er eilte hin auf den Platz vor dem Koͤnigsſchloſſe, wo die Kaͤmpfenden waren, und rief ſchon in der Ferne: Laß ab, Lionnel! Suche dir anderwaͤrts deinen Gegner, nur dieſen laß mirl Auf dieſen Ruf wich Lionnel zurüͤck, und Lanzelot und Klaudas ſtanden gegen einander. Sieh, ich zittre, Koͤnig! rief Lanzelot, aber dieſes Zittern iſt nicht Furcht; der Rache ungemeßne Gewalt iſt — 160— I es, die mir das Blut wie einen teifenben Strom durch die Adern treibt. Fal' aus und triff mich, triff gut, denn wir fechten um Leben und Tod!— Sie kaͤmpften und waͤhrend ſie lämpf⸗ ten, ſtand Freund und Feind friedlich neben einander, dem Kampfe zuſehend. Beider Harniſche waren von Blute geroͤthet, von fremdem und eignem, Streich auf Streich begegnete ſich, doch keiner wich dem andern, bis Klaudas im Vordringen ſich nieder⸗ waͤrts beugte, und Lanzelots Schwertſchlag des Koͤnigs Helm mit ſo gewaltiger Wucht traf, daß der Helm zerſpalten ward, und der Koͤnig niederſtürzend Hirn und Blut an die Mauer des Schloſſes verſpruͤtzte. Als Klaudas Voͤlker ihren Herrn nie⸗ derſinken ſahen, fochten i icht weiter, ſondern warſen die Waffen i 'ten um Gnade, denn ſie h ten den Gefal⸗ denen nicht geliebt, bloß gefuͤrchtet. Und — 161— Lanzekot zog darauf, Arm in Arm mit ſeinem Vetter Lionnel, begleitet vom Ju⸗ belgeſchrei der Buͤrger, welche uͤber die Be⸗ freiung von der Herrſchaft des Koͤnigs Klaudas hoch erfreut waren, in das Schloß von Gannes, und ordnete ein Dankfeſt an. Funfzehntes Kapitel. Aber bald drohte Lanzelots väterlichem Reiche, als er es erſt einige Monden in Frieden regiert hatte, neue Geſahr. Koͤnig Artus konnte die von dem Ritter ihm zu⸗ gefugte Schmach nicht vergeſſen, und be⸗ ſchloß ſie mit deſſen Blute auszulöͤſchen. Er rief ſein Heer zuſammen, uͤbergab die Regierung des Reichs ſeinem Neffen Mordrec, und ſchiffte ſich nach Gallien ein, um Lanzelot in ſeinem Lande zu be⸗ 8 4 kriegen. 3 11 — 152— Allein kaum war er an Galliens Kuͤſte gelandet, ſo erſchien Mordrec in Trauer gekleidet, mit einem Briefe in den Haͤnden, in der Verſammlung der Stäͤnde, und be⸗ richtete, daß Artus gleich bei ſeiner Lan⸗ dung in Galien von Lanzelot uͤberfallen worden 7 in der Schlacht geblieben ſei. Dara 5 erklaͤrte er, daß er als naͤchſter Ver erwandter des Gefallenen nach den Ge⸗ ſetzten des Reichs den erledigten Thron in Beſitz nehmen, und mit der Wittwe Ge⸗ nevra ſich vermählen werde. Und obwohl Viele in der Verſammlung waren, die dieſe Nachricht füͤr grundlos hielten, ſo hatte er doch durch Geſchenke und Ehrenbe⸗ zeigungen eine große Zahl Stimmen ſich erkauft, welche, als er ſeine Rede geendet hatte, ausriefen: Heil, Heil, Heil Mor⸗ drec, unſerm Koͤnige!—— Als dieſes Begebniß dem Koͤnige Artus 8 hinterbracht wurde, waͤhrend er die Stadt — 163— Gannes faſt erreicht hatte, gab er ſogleich ſeinem Heere Befehl zur Ruͤckkehr, denn Britannien lag ihm ſehr am Herzen; und Lanzelot, der ſich ſchön zur Gegenwehr be⸗ reit gehalten hatte, wunderte ſich, weil ihm die Urſach verborgen geblieben war, nicht wenig, als er die Nachricht von Ar⸗ tus ploͤtzlichem Ruͤckzuge erhielt. Doch nach funfzehn Tagen meldete ſich am Hofe zu Gannes Girfled, Artus Waffentraͤger, und begehrte, vor Lanzelot gebracht zu werden. Und als er vor ihm ſtand, redete er alſo: Köͤnig von Brucic! Trauerbotſchaft iſt es, die ich bringe. Koͤnig Artus, mein Herr, iſt gefallen in der Schlacht, als er den Empoͤrer Mordrec zu zuͤchtigen nach Britannien zuruͤckkehrte. Wie er auf dem leichenbedeckten Felde lag, blutend aus vie⸗ len Wunden, rief er mich und ſprach: Girfled, du biſt in allen Schlachten um mich geweſen; ſag' an, war ich nicht der Erſte auf dem Felde, wenn die Schlacht begann, und der Letzte, wenn ſie endete?— Wohl, Herr, das wart Ihr! ſprach ich.— So nimm, verſetzte er, mein Schwert Es⸗ kalibor und wirf es in den tiefſten See und ſprich zum Waſſer: Behalte das Schwert in deinem Grunde und laß es Keinen ſinden, bis einer kommt, der es zu fuͤhren weiß, wie Koͤnig Artus es gefuͤhrt hat!— und ich nahm das Schwert in meinem Schmerze, ging zum See und warf es hinein, ſagte, wie mir geboten war, und ſprach noch dazu: Eskalibor, du haſt gute Zeit, lang' wirſt du ruhen in der Tiefe, denn ſo leicht kommt Keiner wieder, wie Koͤnig Artus war!— Und als ich dieſes beſtellt hatte und auf das Leichen⸗ feld zuruͤckkehrte, fand ich meinen Herrn todt. 3 5 ſeine Bruſt, als wollt' er das Knochenge⸗ Iſt nun deine Prauerbotſchaſt zu Ender frug Lanzelot. Noch nicht! verſebte Girfled. Auch alle Ritter der Tafeln unde ſind mit Koͤnig Artus gefallen, den einzigen Meſſire Hek⸗ tor ausgenommen, deſſen Leichnam nicht gefunden worden. Und am zweiten Tage nach Artus Tode iſt auch die Koͤnigin Genevra aus Schmerz um ihres Gemahls Fall dahingeſchieden, und ihrem letzten Willen gemaͤß iſt der Leichnam nach Euerm Schloſſe Freudenwacht gebracht⸗ und dort beerdet worden. Genug, Trauerbote! ſprach Lanäue aber nichts, als dieſe beiden Worte; denn als er noch mehr ſprechen wollte, verging ihm die Sprache. Er ſchlug die ſache Hand vor ſeine Augen, und ſenkte das Haupt, 4 dann fuhr er mit der geballten Fauſt widet — 166— 7 d. ude zettruͤmmern, und ſtieß mit dem Fuße gegen den Boden, daß der Saal bebte. Und Aule ſtanden und athmeten kaum, denn ſo hatten ſie ihn noch ni Darauf richtete er wieder urploͤtzlich das Auge in die Hoͤhe und rief: Koͤnig Artus, du biſt als mein Feind geſtorben, jetzt will ich vor aller Welt als deinen treuſten Freund mich beweiſen. Eine Leichenfackel will ich dir anzuͤnden, wie ſie nie neben dem Sarge eines Koͤnigs gebrannt hat!— Dann ging er auf Lionnel zu, druͤckte deſſen Hand in die ſeinige und ſprach: Vetter! Bruder! Ich gehe nach Britannien, um an dem falſchen Mordrec und ſeinen Soͤhnen fuͤr Artus Tod Rache zu nehmen. Bleib' du unterdeſſen hier und regiere mein Land. Und ſollte es ſich treffen, daß mein Heer zuruͤckkehrt ohne mich, dann, Lionnel, ge⸗ hoͤrt dir die Krone von Brucic, und euch, * meinen Herren und Edlen, die ihr hier ver — 167— ſammelt ſeid, empfehle ich die Sorge, daß dieſer mein Wille getreulich vollzogen werde. Dann wandte er ſich zu Girfled und ſprach: Nimm meinen Schild, Girfled, und folge mir, du follſt Zeuge ſein der Leichen⸗ feier, die ich deinem erſchlagenen Herrn halten werde!— 3 Einige Tage nachher ſchiffte ſich Lan⸗ zelot mit dem ausgeſuchteſten Theil ſeines Heeres nach Britannien ein. Allein die Kunde ſeiner Ankunft war ihm vorange⸗ gangen, und am Meeresſtrande hatte der Berraͤher Mordrec ſeine Schaaren aufge⸗ ſtellt, um den Maͤnnern von Brucic die Landung zu verwehren. Doch vergebens. Lanzelot war der Erſte, der ans Ufer ſprang und den falſchen Mordrec nieder⸗ ſchlug, ſeine Maͤnner hieben eben ſo tapfer auf Mordrecs Söͤldner ein, die Schlacht ſchien bereits gewonnen, als plöͤtzlich ein ““ — 168— im Walde verſteckt gelegener Heerhaufen, angefuͤhrt von Mordrecs Soͤhnen, hervor⸗ brach, und den Kampf erneuerte, der von Mittag bis zur Abenddäͤmmerung dauerte. Auch Mordrecs aͤlteſter Sohn war unter den Gefallenen, nur der juͤngſte war in den Wald utkornunen. Als Lanzelot dieſes hoͤrte, ſetzte er dem Fluͤchtlinge nach, allen ſeinen Leuten vor⸗ auseilend; doch kaum war er eine Viertel⸗ ſtunde geritten, ſo fuͤhlte er einen brennen⸗ den, ſtechenden Schmerz in ſeiner rechten Seite, es flimmerte nebelartig vor ſeinen Au⸗ gen, daß er die Zuͤgel nicht mehr halten konnte, ſondern vom Roſſe ſtuͤrzte und ohn⸗ maͤchtig liegen blieb. Und wie er h0 lag und aus risfer Bruf ſtoͤhnte und aͤchzte, kam ein Klausner mit einer Leuchte herbei, und als er den Licht: ſtrahl in das Angeſicht des Niedergeſunke⸗ 35 — 169— nen hatte fallen laſſen, rief er erſchrocken: Wehe! Wehe! Auch du biſt gefallen, Lan⸗ zelot vom See, du Blume der Ritter⸗ ſchaft?— Als Lanzelot ſeinen Namen von bekann⸗ ter Stimme hoͤrte, oͤffnete er das brechende Auge und ſah, daß der Klausner Niemand anders war, als Meſſire Hektorz und er druͤckte ihm die Hand und wies auf die Seite, welche ihm ſo heftig ſchmerzte. Da gewahrte Hektor, daß ein Pfeil zwiſchen den Fugen des Harniſches ſtecke, und als er den Pfeil herausgezogen hatte und die Wunde betrachtete, war das Fleiſch heftig angeſchwollen und hatte eine dun⸗ kelblaue Farbe und die Wunde blutete nicht, woraus er ſchloß, daß der Pfeil ver⸗ giftet geweſen, und daß fir Pansaiat keine Rettung ſei. 5 4 — 170— Darauf entlaſtete er ſeinen Freund der Waffenſtuͤcke, trug ihn auf ſeinen Schul⸗ tern in die Klauſe und legte ihn nſr auf den Boden nieder. Als nun Lanzelot ſeinen lechzenden Gaumen durch einen Trunk kuͤhlen Quell⸗ waſſers erquickt hatte, ſprach er mit matter Stimme: Sagt, Meſſire Hektor, wie es kommt, daß ich ſo Euch wiederfinde? Da erwiederte Hektor: Artus iſt hin! Genevra war hin! Alle Ritter der Tafel⸗ runde waren gefallen! Ich allein war von ihnen uͤbrig geblieben und nahe der Ver⸗ zweiflung. Da euleuchtete der Herr ploͤtz⸗ lich mein Innres, ich legte die Ritterklei⸗ dung ab, zog dieſe Kutte an, und begab mich hierher, um mein uͤbriges Leben unter Bußuͤbungen in dieſer Wildniß hinzubrin⸗ gen und fuͤr die Serlen der Gefallenen zu beken. Bete auch fuͤr die Ruhe der meinigen, frommer Hektor! verſetzte Lanzelot, und wenn ich geſtorben bin, ſo laß meinen Leich⸗ nam nach Freudenwacht bringen und dort begraben, denn dort ruht ja das Theuerſte, was ich im Leben beſaß.— Als er dieſe Worte geſprochen hatte, ging die Thuͤr der Klauſe wie von einem Luft⸗ zuge getrieben auf, und Viviane ſchwebte herein, beugte ſich uͤber Lanzelot und druͤckte einen ſanften Kuß auf ſeine kalte Stirn, dann ließ ſie ihren Schleier uͤber ſein An⸗ geſicht fallen, und dem Sterbenden war es, als ob der Schleier immer dichter und dunk⸗ ler und ſchwerer wuͤrde. Und als in dieſem Augenblicke Morgana's Pſittich durch den Wald ſlatterte und die Worte rief: Lanzelot iſt todt! todt! todt! da war es das erſte Mal, daß er keine Luͤge ſagte.. 1 4 — 2— Hektor aber ließ, Lanzelots Willen ge⸗ maͤß, deſſen Leichnam nach Freudenwacht bringen und ihn dort begraben zwiſchen Genevra und Gallehalt. Und hiermit hat die Geſchichte des Rit⸗ ters Lanzelot vom See iemn Ende. Tief im Gebirge in einer Waldhuͤtte wohnte mannen zu ſtreiten, die in Britannien ein⸗ 8 krachte, und der Regen ſtroͤmte durch die Der Tagedieb. Hiſtoriſche Novelle. Mutter Bera allein mit ihrer Tochter Elgiva, denn Vater Ethelwald war aus⸗ gezogen, mit Koͤnig Alfred gegen die Nor⸗ gefallen waren. Draußen heulte der Sturm⸗ wind und riß die ſtaͤrkſten Fichtenbaͤume nieder, die Blitze leuchteten, der Donner Dachritzen, ſchier das Feuer verloͤſchend, bei 3 welchem Mutter Bera ihren Gertändia— ethue Hu, wie das ſauſt und tobt! ſagte ſie zur Tochter. Mir witd recht bang, mein * — 176— 4 3 Kind! Wir ſind ſo einſam und verlaſſen im Walde. Wenn das gottloſe Daͤnenge⸗ ſindel unſern Aufenthalt entdeckte— Gott, wie wuͤrd' es uns ergehen! Die Heiden 8 ſchonen ja Weiber und Kinder nicht. Seid guten Muths, Muͤtterchen! ſagte die herzhafte Elgiva. Hat uns doch der Vater noch eine gute Waffe da gelaſſen. (Sie zeigte auf das breite Schwert, welches am Heerde hing.) Elgiva iſt ſtark! ſetzte 4 ſie hinzu. Und wenn man in Jeſus Chri⸗ ſtus Namen auf das doͤſe Geſindel ein⸗ haut, wird der Arm noch ſtaͤrker. 84 Schlecht getroͤſtet erwiederte die Alte: Wenn Jeſus Chriſtus Name ſo viel ver⸗ mag, warum triumphirt denn noch der Daͤne in unſerm Lande, wo des heiligen Kreuzes Zeichen aufgerichtet iſte Warum iſt unſer frommer Koͤnig geſchlagen und treibt ſich als Fluͤchtling im eigenen Lande umher? 18 41. aber die Daͤnen wurden uͤberwaͤltigt und meantgegnete die Mutter. So gun du es meinſt, ruhig im Winkel gelegen hatte, und ſprang S. 8 Nur getroſt! verſetzte Elgiva. Der Gerechte muß viel leiden, ſagt der heilige Euthbertus, aber der Herr laͤßt ihn nicht zu Schanden werden. In der verwichenen Nacht traͤumte mir, es brenne auf der Haide ein großes Feuer, und die Unſern waren im Kampfe begriffen mit den Daͤnen, in die Flammen getrieben. Da ſtieg ein finſterer Rauch auf hoch und immer hoͤher, aber ploͤtzlich verſchwand die Rauchſaͤule und. die Sonne brach durch die Wolken und be⸗ leuchtete das Schlachtfeld und die blutge⸗ roͤhteten Waffen unſerer Krieger—— Traͤume ſind Schaͤume, mein Kind! ſo verſcheuchen doch deine Reden meine Angſt nicht— Wo mag jetzt Vatar Eüh wald ſein? Da knurrte der Hun, welcher Bishas 12 178— an Elgiven in die Hoͤhe und lief bellend an die Thuͤr und kratzte mit den Pfoten. O Gott, meine Angſt! rief Bera er⸗ ſchrocken. Horch, es pocht! Was mag das fuͤr ein Gaſt ſein? Kind, wir ſind verloren! Und draußen rief es: lGoll Fſhnet die Thuͤv!⸗ Nuhig, Multer! verſecte Cne We, wenn es der Vater waͤre? 3 Das iſt ſeine Stimme nictt ſagte Bera. So laßt mich nur ſchalten! ſprach die beherzte Jungfrau⸗ indem ſie des Vaters Schwert aus der Scheide zog und die Thur aufſte. 9. 3 Da trat ein Mann von n pohe Geſtat herein, in einen Mantel gehuͤllt. Als er* der Jungfrau anſichtig ward, die ihm die Spitze des Schwertes entgegen hielt, ſagte er: Fuürchte nichts, Maͤdchen, ich bin maſſenlos. Die Dunkelheit der Nacht hat mich irre ge⸗ fuͤhrt; ich ſuche bloß ein ſchuͤtzendes Obdach. 3 N 1 — 179— Wer biſt du? fragte Elgiva, ohne aus ihrer Poſition zu weichen. Ich bin einer von Koͤnig Alfreds Maͤn⸗ nern! verſetzte der Frembe. Mein Name iſt Ralf. Sie ſah ihn pruͤfend in das blitzende Auge, aber in ſeinem ganzen Weſen lag ſo⸗ viel Hoheit und Ruhe, daß kein Mißtrauen in ihrem Herzen Platz greifen konnte. So kommt mit zur Mutter! ſagte ſie, indem ſie ihn bei der Hand ergriff und in die Stube fuͤhrte, wo Bera zitternd und in banger Erwartung am Heerde ſaß. Freundlich gruͤßte der Fremde ſie und ſetzte ſich dann ſchweigend auf den Boden neben dem Heerde, das Waſſer aus ſeinen Locken und Kleidern druͤckend. Elgiva ſetzte ſich ihm gegenuͤber, ſo daß ſie ihm beim Scheine des Feuers recht ins Antlitz ſehen konnte. Die hohe Stirn, das muthblitzende 12*¾ — 180— Auge, die markigen Geſichtszuͤge hielten den Blick des Maͤdchens gefeſſelt. Der fremde Mann wird hungrig ſein! ſagte ſie jetzt zu der immer noch mißtrauiſch ſchweigenden Mutter, und ohne deren Ant⸗ wort abzuwarten, fuͤllte ſie von dem Gerſten⸗ brei in eine Schuͤſſel und reichte ſie dem Fremden. Auch Meth iſt noch vorhanden! hate. ſie dann, und goß eine Schaale voll des ſtarkſten Getraͤnks und brachte ſie ihm. Hab' Dank, du gutes Maͤdchen! ſagte Ralf, als er ſich weidlich gelabt hatte. Aber wie? Hauſt ihr denn allein in dieſer Wild⸗ niß? Iſt kein Mannn bei euch? Wem ge⸗ hoͤrt das Schwert dort? 1 Das iſt Vater Ethelwalds Schwen verſetzte die Dirne. Gewiß kennſt du ihn, weil du von Alfreds Kriegern biiſt. Wie ſollt' ich den tapfern Ethelwald nicht kennen? ſagte Ralf. Hah' ich doch * — 181— ſo manches Mal an ſeiner Seite gefochten 8 im dichſten Haufen der Feinde. Hier unterbrach Bera ihr Schweigen. 3 Ei, da Ihr meinen Herrn kennt und ſein Waffengenoß ſeid, ſo heiß' ich Euch herzlich willkommen. Gern geſteh' ich, daß ich an⸗ faͤnglich kein rechtes Zutrauen zu Euch faſſen woollte, denn in dieſer unruhvollen Zeit ſchwaͤrmt ſoviel boͤſes Volk umher, daß man wohl auf der Huth ſein muß. So erzaͤhlt denn, wo Ihr ihn zuletzt traft und wie jetzt die Sachen ſtehn? Traurig iſt es davon zu erzaͤhlen! ver⸗ ſette der Fremde. Koͤnig Alfred hatte auf einige Tage einen Waffenſtillſtand mit den Daͤnen geſchloſſen, doch die Hinterliſtigen, denen kein Vertrag heilig iſt, benutzten das Dunkel der Nacht und unſere Sicherheit und uͤberfielen uns im Schlafe, Viele kamen im naͤchtlichen Gemetzel um; was ſliehen — 182— konnte, floh und zerſtreute ſich in die Waͤl⸗ der und Gebirge—— Siehſt du, Kind!— ſagte Bera ſeuf⸗ zend— daß dein Traum falſch iſt? Und der Koͤnig? fiel Elgiva ein. Von dem weiß man nichts Gewiſſe es! verſetzte Ralf. Doch wenn er, wie es wahr⸗ ſcheinlich iſt, noch lebt, ſo wird er ſicher bald ſein Heer ſammeln und dem Heideniürſte ſeine Falſchheit bezahlen. Gott ſchuͤtze unſern tapfern Koͤnig! riefen Bera und Elgiva zugleich. Aber uneſährn Euch in dieſen Wald? Ich entkam— ſagte Ralf— beim Ueberfall unſers Lagers, allein die Dunkel⸗ heit und eine empfangene Fußwunde, welche mich im Gehen hindert, entfernte mich von meinen Gefaͤhrten, und ich irrte im Walde umher, bis ich eure Huͤtte traf. Gar be⸗ hutſam muß der einzelne Mann ſein, denn — 183— keicht faͤllt er den im Lande umherſtreifenden Daͤnenſchaaren in die Haͤnde. Hier ſeid Ihr ganz ſicher! ſagte Bera, und fuͤgte, nachdem ſie mit der Tochter leiſe geſprochen hatte, hinzu: Wie waͤr' es, wenn Ihr, bis Eure Wunde geheilt iſt und Ihr Gelegenheit habt, Nachricht einzuziehen von Euern Gefaͤhrten, hier bei uns verweil⸗ tet, da wir ohnehin als Weiber des Schutzes ſo ſehr beduͤrfen? „GWern bleib' ich bis dahin bei euch! ver⸗ ſetzte Ralf. Gefaͤllt es euch, ſo behandelt mich als Knecht und gebraucht mich zu Dienſten in der Wirthſchaft. Wenn dann ein Schwarm der Feinde in dieſes Dickicht 3 ſich verirrt, ſo rettet mich die Knechtgeſtalt, in welcher ſie den nicht wieder erkennen, der den Ihrigen ſo manche blutige Wunde ſchlug. Elgiva war ſehr wohl zufrieden mit dem, was die Mutter mit dem Fremden verhan⸗ deit, und dieſer ließ es ſich auch anfänglch — 184— recht angelegen ſein, den Frauen in der Wirthſchaft beizuſtehen, denn ſchon am fruͤ⸗ hen Morgen hatte er ſich aufgemacht, und Hotz und Moos aus dem Walde geholt. Er verſtopfte die Loͤcher des ſchadhaften Daches zum Schutz gegen Sturm und Regen mit Mooſe, dann hackte er das mitgebrachte Holz klein, und ſchnitzte Bogen und Pfeil, womit bewaffnet er wieder in den Wald ging. Und nicht gar lange dauerte es, ſo kehrte er zuruͤck mit einem netzdtstrn Neh auf der Schulter. 3 So tralb er es einige Tage, und die alte Bera fand ſonderliches Behagen an dem rüſtigen Knechte; doch immer erſchien er fi nſter in ſich gekehrt, und Abends ſtreifte er oft im Walde umher. Einſt ſah ihm Elgiva zu, wie er ein Schlachtlied vor ſich hinſummend die Art 8 uſt ſchwang und mit anns— — 185— barem innerlichen Grimme das Holz zerhieb, daß die Splitter weit umherflogen. Sie naͤherte ſich ihm und fragte: Ralf, warum immer ſo finſter und wild? Wo Holz gehauen wird, Jungfrau! ſagte er, da fallen Spaͤne, und wo es Krieg giebt, da fallen Menſchen. Jetzt eben dacht⸗ ich daran, daß vielleicht unſere blutigen Schnitter ſchon wieder im Felde ſind und— daß ich nicht dabei bin. Das iſt's, was mich ſo finſter macht, und wuͤthend zer⸗ ſplittere ich die knotigen Baumwutzeln„ als waͤren es Daͤnenſchaͤdel. Schan i Pee 1 chen Abend durchſuche ich den Wald horche, aber keine Spur meiner Cann en Rakf! ſagte ſie jetzt raſch, indem ſie ſeine Hand ergriff und ihm die dunkeln Locken aus der Stirne ſtrich. Ralf! ich habe mir etwas ausgedacht, ich will mit dir gehen. Ich ziehe die Kleidung eines Bauern an, — 185— wir durchſtreichen das Land und ſuchen unſern Koͤnig Alfred auf! ſah ſie freundlich in das muthige Auge. Aber deine Mutter?—— Da weinte Elgiva bitterlich und ſagte: 8 Ach, daran hatte ich ja nicht gedacht!— ½ immer mehr zu, er durchſtreifte oft mehrere Sage lang ſuchend den weiten Wald, ohne ferner ſich darum zu bekümmern, 0 Mutter Bera ſeiner Handreichung bedürfe. Dacht ich's doch! keifte die Alte, wel⸗ r end ch der Faden der Geduld riß. Zuerſt ſtellte er ſich an, als ob er nicht genug ar⸗ wenn das Holz aus dem Buſche ſelbſt in die Kuͤche kaͤme und ſich zerhackte, da mit nur keine Hand ruͤhren dürfte. und wenn er ein rechter Keiegsmann waͤre, ſo haͤtte Das willſt du, Maͤdchen? rief Ralf und Indeß nahm Ralfs finſteres Weſen beiten koͤnne, und jetzt waͤr's ihm ganz Recht, er auch keine Ruhe hier, er waͤre laͤngſt fort; aber ſo iſt es ein Tagedieb, ein Faut⸗ lenzer, der Gottes Gaben genießt, ohne etwas dafuͤr zu thun. Eben wollte ihn Elgiva entſchuldigen, als Ralf trauriger als je in die Huͤtte trat und ſich ſtumm in einen Winkel ſetzte. Heda! rief die muͤrriſche Alte. Da Ihr ohnehin dort muͤßig ſitzt, ſo gebt Acht, daß der Brei nicht uͤberſiedet und der Waizen⸗ kuchen nicht verbrennt, derweil ich mit El⸗ given Streu ſammeln gehe. Finſter und nachdenkend blieb Ralf ſitzen, auf ſeinen Arm geſtuͤtzt, und nur zuwzilen erleichterte ein ſchwerer Seufzer ſeine gepteßte Bruſt. Der Topf lief uͤber, der Kuchen verbrannte; er achtete es nicht, bis die Sch et. worte der zuruͤckgekommenen Bera in wec. ten. Konnt' ich mir es nicht denken? rief ſie. Alles iſt verdorben! Ihr fauler Schlin⸗— gel! Ihr Tagedieb! Nicht einmal einen Topf konnt Ihr huͤten! . — 188— Da ſtand Ralf auf und ſagte ſtolz und faſt höhniſch: Frau, ich habe wohl an wichtigere Dinge zu denken, als an Euern Brei und Euern Kuchen!— Und damit warf er die Art auf ſeine Schulter und ſchritt zur Huͤtte hinaus. Sei ihm nicht boͤſe, Mutter! ſagte El⸗ giva beſaͤnftigend. Er iſt doch tapfer und gut. Aber die Alte wollte nicht hoͤren, ſon⸗ dern keifte und knurrte, wie ein krockenes Spinnrad.* Der Abend war nahe und Nalf kam nicht zuruͤkk. Da ging Elgiva beunruhigt in den Wald, ihn aufzuſuchen. Sie fand ihn nachdenkend wie immer auf einem ge⸗ faͤlten Baume ſitzen, und er gewahtte ihrer nicht eher, als bis ſie ihn anredete! Komm doch in unſere Hutte, Ralf, der Abend naht, es ſammeln ſe Wetter⸗ wolken—— 189. Sat mich doch deine Mutter verſoßen! ſagte der Finſtere. Aber Elgiva iſt dir gut! ſagte ſe herz⸗ lich, und indem ſie ſich an ſeine Bruſt lehnte, bemerkte ſie zwei Schwertnarben, die noch nicht ganz geheilt waren. Und ſie kuͤßte die Wundmale und ſprach: Wie biſt du mir ſo lieb um dieſer Wunden willen, die du fuͤr deinen Koͤnig empfangen haſt! Da draͤckte Ralf das Maͤdchen an ſeine ſtarke Bruſt und rief mit weicher Stimme: Was quaͤlte ich mich mit truͤben Gedanken? Nein, ich bin nicht verlaſſen! Du liebſt mich, auch wenn ſonſt alle Menſchen mich verfolgten!— Er umſchlang ſie feſter, und ihre pochende Bruſt ruhte unverhüllt o an ſeinem narbenvollen Herzen. Unterdeß war das Ungewitter herange⸗ zogen, die Voͤgel flatterten nach ihren Neſtern, der Wind bog die Wipfel der Baͤume und jagte ſchwarze Wolken herbei, Blitze fuhren — 190— uͤber die Berge und das ferne Grollen des Donners war zu hoͤren. Da ſagte Ralf: Laß uns gehen, Elgiva; ein ſchreckliches Wetter zieht heran. Sie gingen; doch noch weit waren ſie von der Huͤtte entfernt, da goß der Regen in Stroͤmen herab, der Donner krachte, als wollte er die Felſen zerſchlagen, und bald ward es ſo finſter, daß ihnen bloß die Flamme der Blitze zum Wegweiſer diente. Horch! Was rauſcht in der Näͤße⸗ kia ploͤtzlich Ralf. O wehl verſetzte Elgiva. Das iſt der angeſchwollene Gießbach. Wo finden wir in dieſer Dunkelheit einen Uebergang Beim Leuchten des Blitzes ſahen ſie, wie das Waſſer ſchaͤumend uͤber Steine und Baumſtaͤmme ſtuͤrzte— aber Ralf umfaßte raſch Elgiven, hob ſie wie einen Federball auf ſeinen Arm, und watete mit ihr durch den Bach. 1 — 191— Du biſt doch ſtärker, als ich! ſagte dien außen vom Regen Durchnaͤßte und Erkaͤltete aber innen Gluͤhende, als er ſie am jenſei⸗ tigen Ufer vom Arme niederließ. Nun war die Huͤtte nicht mehr fern, in welcher Bera voll Angſt der Tochter harrte, und ſich zugleich Vorwuͤrfe machte, daß ſie durch ihre harten Worte den finſtern Ralf vertrieben hatte, der doch, wie ſie ge⸗ ſtehen mußte, ſein ſonderbares Weſen abge⸗ rechnet, ein recht wackerer Geſell war. Deſto froher war ſie, als jetzt Beide in die Huͤtte traten; ſie wandte ſich auch gleich zu Ralf und ſagte: Ihr zuͤrnt mir, weil ich heut fruͤh Euch hart begegnete—— aber er verſetzte: Laßt das! Es war ja nicht unver⸗ dient!— Und es wurde des verbrannten Kuchens nicht weiter gedacht. Des andern Morgens in aller Fruͤhe zog eine wohlbewaffnete Reiterſchaar nicht fern von Bera's Huͤtte durch den Wald⸗ * K — 192— und als ſie an den Gießbach kam, ihre Roſſe zu traͤnken, gewahrte der Fuͤhrer der Schaar etwas Blitzendes, das am Strauh⸗ werke im Waſſer hing. Er watete hindurch und hielt einen goldnen Fingeting in die Hoͤhe. Was ſeh' ich? rief er. Das iſt Koͤnig Alfreds Ring! Muth, ihr wackern Gefäͤhr⸗ ten, wir ſind auf der Spur. Blaſt die Hoͤrner, damit der Koͤnig hoͤre, daß feine Gerteuen ihm nahe ſind!. Und luſtig ſchmetterten die Hoͤrner durch den Wald und die Felſenſtimme antwortete. Ha, welch' ein freudiger Morgengruß! Mit friſchem Leben traͤnkt ihr meine Bruſt, ihr bekannten Toͤne! rief Ralf, in den Wald eilend. Und als die Reite, die ſi 5 am„Bache gelagert hatten, ſeiner anſichtig wurden, ſprang der Fuͤhrer frohlockend auf, und rief: Er iſt's, ihr Getreuen! Koͤnig Alfred — 193— iſt gefunden! Schmettert lauter, ihr Hoͤrner, ruft die Schaar ſeiner Krieger herbei!— Ja, wackrer Edgar, ich bin's! rief Al⸗ ———ͦ—ÿ—ÿ—ꝛ—xx˖::—’-—— fred und umarmte den muthigen Juͤngling. Seid mir gegruͤßt, meine Getreuen!— 1 Und ſie ſchlugen die blitzenden Schwerter zu⸗ . ſammen, und riefen: Fuͤhr' uns zum Siege, Koͤnig Alfred!— Und wie entdeckteſt du meinen Aufent⸗ halt? fragte der Koͤnig. 4 Durch dieſen Ring, verſetzte Edgar,— 4 den ich im Waſſer⸗fand und fuͤr den Euri⸗ gen erkannte. 1 Ttfred. Er iſesl ich trug ihn, um mich nicht zu verrathen, verborgen am Guͤr⸗ tel, welcher geſtern, als ich den Bach durch⸗ watete, zerriß— Und meine uͤbrigen Gie⸗ treuen, wo ſind ſie? 13 Edgar. Ethelwald, Reidar und Andere 2 — 194— Alfred. Und die Daͤnen? Edgar⸗ Sie ſchwelgen in ihrem Lager bei Shefield in ſorgloſer Ruh und halten unſer Heer fuͤr vernichtet. Wohlauf dann! rief der Koͤnig. Die Saat iſt zur Ernte reif und die Schnitter ſind bereit!— Nur einen Augenblick noch verlaß' ich euch, um in jene Huͤtte zu gehen. Keiner folge mir, denn ich will unbekannt bleiben, wie ich hier lebte. Beunruhigt hatte Bera den Hoͤrner⸗ klang und das Freudengeſchrei im Walde vernommen, da ſtuͤrzte Ralf in die Huͤtte und rief: Lebt wohl, Mutter Bera! Leb wohl Elgiva! Nun geht’s zu Vater Ethel⸗ wald in die Schlacht. Ich habe die Waf⸗ fengefaͤhrten gefunden, ſie harren meiner im Walde!— Er reichte der Mutter die Hand, Elgiva aber ging mit ihm vor die Huͤtte und ſtuͤtzte an ſeine Bruſt und gehſt Ratf: Ja, du mußt. So 8eh dann. 3 rief: Du Doch du biſt unbewehrt. Hier nimm des Vaters Schwert mit, es iſt eine tuͤchtige Waffe, brauch' es gegen den uͤbermuͤthigen Feind und bring' es mir als Sieger zuruͤck. Dieſen Kuß noch— gedenk Elgiva's— und nun fahr wohl!— Sie ging in die Huͤtte zuruͤck; der Koͤnig aber eilte in den Wald, ſchwang ſich auf ein Roß und ſetzte ſich an die Spitze der Schaar, die unter ſiegsfreudigen Geſaͤngen vom Schmettern der Hoͤrner begleitet im Gebuͤſch ſich verlor. Unterdeß ging es im Lager der Daͤnen noch toller her, als im Wallenſteinſchen. Hier lag ein Haufe Soldaten berauſcht am Feuer und bruͤllte aus heiſerer Kehle Spott⸗ lieder auf den Feind, dort balgten ſich ein paar Andere um eine Dirne, noch Andere hatten einen Mantel auf die Erde gebrei⸗ tet und wuͤrfelten; Helme und Schilde, 3 Sahweitee und Harniſche lagen mit undenm — 196— der Koͤnig hatte bereits die zwanzigſte Schaale auf den Untergang ſeiner Feinde geleert, und ſaß in ſeinem Zelte dunkelro⸗ then Angeſichts, wie der volle Mond, und ſelbſt die Trabanten, welche das Zelt be⸗ wachten, konnten den Samnerßune nicht finden. Hierher, du alter Burſche! riefen ſie jetzt, als ein Harfenſpieler durchs Lager ging. Komm hierher in das Zelt des Kö⸗ nigs und erheitere 33 Gemäth. durch deine Lieder. 6 Der Harfner ſetzte ſich am hin und ſang: 4 Der Koͤnig ſaß des Sieges froh Beim ſtattlichen Banket, Die Hauptleut' thaten eben ſo Und tranken um die Wettt.. Sie tranken auf des Köͤnigs Wohl Und auf der Frauen Kiebe, Und tranken ſich ſo toll und dol, Des keiner nüchtern blieb. * — 197— Da zog der Raben ſinſtre Schaar Hoch uͤber'm Walde hin Und kraͤchzte——— Wer hat mir den kraͤchzenden Raben hereingebracht? rief der Koͤnig zornig auf⸗ taumelnd und griff in der Trunkenheit nach ſeiner Krone, die neben ihm lag, und ſchleu⸗ derte ſie nach dem Spielmann. Der aber 4 wich geſchickt dem Wurfe aus und entfloh und rief, indem er im Walde ſich verlor: König Guthrum, du haſt deine Krone weggeworfen! Sn Immittelſt hatte, von Koͤnig Alfreds Ruf belebt, das Heer der Englaͤnder ſich geſammelt, und ſtand nicht fern vom Laget der ſorgloſen Daͤnen unterm Schutze der Nacht, einer ehernen Muuas Bleih und 3 ſchweigend wie der Tod. Da rauſchte Saitenklang durch die Stille der Nacht. Es iſt der Koͤnig! rief Edgar, und Alfred trat hervor. Wegwerfend. —— — 198— die Harfe, den verſtellenden Bart und den Mantel, ſtand er unter den Seinen im blitzeenden Harniſch und entbloͤßte das Schwert, das ihm Elgiva geliehen hatte. Der Herr— rief er— hat ſie in un⸗ ſere Hand gegeben. Wohlauf, ihr meine wackern Englaͤnder, ruͤckt ſchweigend naͤ⸗ yer und umzingelt das Lager von allen Sei⸗ ten, dann ergreift Feuerbraͤnde und entzun⸗ det die Gezelte, daß die verderbende Flam⸗ me die Treuloſen in Hela's Wohnang ent⸗ fuͤhre! 1— 8 Es geſchah. Bald ſtiegen die Feuer im Lager auf und erhellten den Himmel; das Praſſeln der Flammen und das Schmettern der Hoͤrner jagte die taumelnden Kriegs⸗ knechte in die Hoͤhe, die nach ihren Waf⸗ fen griffen, in ſinnloſer Wuth auf einan⸗ der ſelbſt einhieben, oder wenn ſie entrin⸗ nen wollten, vom Schwert der Englaͤnder in die Flammen zuruͤckgetrieben wurden.„ — — Aufloderte des Koͤnigs Zelt, und der Koͤnig hauchte ſeine Seele aus, den Walkyren fluchend.— So ward Elgiva's Traum erfuͤllet. Des andern Morgens aber ließ Alfred auf der Wahlſtatt ein Kreuz errichten, die Prieſter ſangen Danklieder, und der Koͤnig kniete mit dem ganzen Heere nieder und betete. Und ſich erhebend rief er: Der Feind iſt geſchlagen, das Vaterland iſt er⸗ rettet, und hoffentlich wagt es der Daͤne ſo leicht nicht wieder, den Muth und die— 5 Treue der Engläͤnder auf die Probe zu ſtel⸗ len. Kehrt nun heim, wackere Krieger, zu Weib und Kindern und leht euch am traulichen Heerde. Du, Ethelwald!— ſagte er zu dieſem gewendet— einpfange als Dank deines Koͤnigs dieſen goldenen Halsſchmuck⸗ welchen der Daͤnenfuͤrſt trug⸗ Dir, mu⸗ thiger Edgar, verheiße i einen I Rhnem Lohn!— —— — — — — — 290— Zuruͤckgekehrt war Vater Ethelwald zu den Seinen. Waͤhrend Bera fragte und wieder fragte und die koſtbare goldene Kette bewunderte, Elgiva aber ihm den Harniſch abſchnallte und das Schwert putzte, an welchem manche Scharte und mancher Blut⸗ fleck zu ſehen war, fiel Ethelwalds Blick auf die jetzt leere Stelle am Heerde, wo ſonſt das von ihm zuruͤckgelaſſene Schwert hing. Er fragte darnach und Ber ſah Elgiven an. 8 Ich habe es dem Nalf mitgegeben— ſagte dieſe— weil er waffenlos war. 3 Ralf? fragte der Vater. Wer iſt das: Du kennſt ihn nicht? verſetzte Bera. Und doch ruͤhmte er ſich, ſchon manchmal an deiner Seite gefochten zu haben. Da ſiehſt u nun, Elgiva, daß ich doch Recht hatte, wenn ich ihn fuͤr einen Taugenichts hielt. O, ich kenne meine Leute! Er hatte ſich, wie er ſagte, von ſeinen Waffengefaͤhrten 4 — 201— verirrt, und erbot ſich, mir in der Wirth⸗ ſchaft Handreichung zu leiſten, aber— barmherziger Himmel! es war nichts mit ihm anzufangen. Er ſchlenderte muͤßig im Walde herum und konnte nicht einmal ei⸗ nen Topf bewachen. Und ſagt' ich ihm etwas, ſo blickte er mich ſo vornehm an, als verlange er um Verzeihung gebeten zu werden. Aber ich ſagt' es wohl immer und ſag' es noch einmal: ein Tagedieb war er, ein Faullenzer! Mutter, du thuſt ihm Unrecht! ver⸗ ſetzte Elgiva. Er war gar ſtark und tapfer und auf ſeiner Bruſt hatte er viele Narben. Waͤhrend Ethelwald nachſinnend den Kopf ſchuͤttelte, ließ ſich draußen Hoͤrner⸗ klang vernehmen, und eine Menge Reiter ſprangen vor der Huͤtte von den Roſſen. Was ſeh' ich? rief Ethelwald erſchrocken. Es iſt der Koͤnig mit ſeinem Gefolge. * — 30,— Nein, dieſe Schande ſeereag. ich nicht, mich waffenlos von ihm finden zu laſſen!— In dieſem Augenblick trat Alfred von Edgar begleitet in die Huͤtte, waͤhrend die Andern bei den Roſſen blieben. Ein ver⸗ goldeter Harniſch umſchloß die Bruſt des Koͤnigs und der wogende Helmbuſch beugte ſich an der niedrigen Decke. Gott gruͤß dich, Vater Ethelwald! rief er, ihm die Hand bietendä. Verzeiht, Herr Koͤnig— ſagte dieſer— die unwuͤrdige Geſtalt, in welcher Ihr mih 3 eeblickt! So wollt⸗ ich dich ſehn! verſeßte der Koͤnig; ruhend vom ſchweren Geſchaͤft des Krieges, gluͤcklich unter den Deinen. Aber weißt du auch, daß ich komme eine drin⸗ gende Schuld abzutragen? 1 Ich bin des Todes! ſagte Bera, die den Köͤnig unterdeß unverwandten Blicks ahäeſehn hatte. Das iſt Ralfl 4 — 203— Mutter Bera! ſagte Alfred jetzt zu ihr ſich wendend. Ach, ich ungluͤckliches Weib! rief ſie, indem ſie zu ſeinen Fuͤßen ſich niederwarf. Geſtrenger Herr Koͤnig, die Angſt toͤdtet mich! Laßt mich die harten Worte nicht entgelten, die mir in unbedachtſamer Hitze entfuhren; ich ſagte doch immer: Der Ralf iſt ein recht braver, tapferer Mann, wenn er nur—— Den Topf nicht haͤtte aberſeen laſſen— nicht wahr? fiel ihr laͤchelnd der Koͤnig in die Rede. Laßt das gut ſein, Mutter; das Recht war ja auf Euerer Seite. Wer heißt es dem Kriegsmann ſich zu Knechtsdien⸗ ſten zu vermiethen, wozu er nicht paßt? Ich komme vielmehr, Euch zu danken und meine Schuld fuͤr das Nachtquartier zu entrichten. 6 Bei dieſen Worten ſchuͤttete er einen Haufen blanker Goldſtuͤcke in den S4ooß 3 der Beſtuͤrzten. — 204— Aber Elgiva ſtand im Winkel und wiſchte *mit ihren Thraͤnen die Blutflecke vom Schwerte des Vaters. Und du ſagſt mir nichts? ſprach der Koͤnig ſich zu ihr wendend. Da pochte ihr hoͤrbar die liebe⸗ und ſchmerzbeſtuͤrmte Bruſt, und indem ſie ſich ſonſt beſtrebte, ihre Thraͤnen zu bezwin⸗ gen, ſagte ſie: Ach, Ihr ſeid ja nicht 1ul mehr! Da ſchloß er das ſhane Maͤchen an der blanken Harniſch und kuͤßte ihre friſchen Lippen und ſagte: Hier, Elgiva, bringe ich dir als Sieger das Schwert zuruͤck, das du mir lieheſt, und hier haſt du auch deinen Antheil an der Beute. Und damit ſchob er ihr zwei geldene Spangen an den n Arm, Aber wie? fragte er weiter— wenn ich dir auch einen Braͤutigam mitgebracht hatte?— Komm her, mein muthiger Edgar 1 mich hingeſtroͤmt, und mit ſeinem Le — 205— Vater Ethelwald, was wuͤrdet Ihr zu einem ſolchen Eidam ſagen? Er iſt der wackerſte unter unſern Juͤng⸗ lingen— verſetzte der alte Krieger— wem koͤnnt' ich lieber, als ihm, meing, e einzige Tochter zum WWeile geben? Sieh dieſen Juͤngling, Elgiva! nahm der Koͤnig wieder das Wort. Aus unzäh⸗ ligen Wunden ſchon hat er ſein Blut. kür meinigen in der Schlacht gedeckt. Re h' ihm deine Hand und gieb ihm deine Liebe! Sie bedeckte das Auge, ihren innern Kampf zu verbergen, dann reichte ſie ſtumm dem Juͤnglinge die Hand, und der Koͤnig ſagte zu Edgar: Ich goͤnne das Mädgs keinem als dir!— Dann nahm er Abſchied von Alen; Etlgiven reichte er noch einmal vom Roſſe herab die Hand, und winkte Edgarn zu „ — 206—* bleiben, dann flog er mit der ihn begleiten⸗ den Schaar durch den Wald.— Ein gnaͤdiger Herr, ein freundlicher Herr iſt unſer Koͤnig! ſagte Bera, indem ſie die Galdſtuͤcke durch ihre Finger ſchluͤpfen ließ. Aber— ſetze ſie murmelnd hinzu— als Knecht taugt“ er boch nichts! Du liebteſt ihn? fragte Edgar die ſchoͤne vraut, und als ſie das Auge ſenkte, ſagte Wer koͤnnte den Koͤnig Vſaus ſehen, in nicht lieben? Vater Ethelwald aber thwang das Schwert, das der Koͤnig zuruͤckgebracht hatte, kreiſend uͤber ſeinem Haupte und rief: Heil dir, du leuchtende Klinge, die in der Hand meines Koͤnigs Verderben dem Feinde brachte, Hei dir, du friedliches Dach, unter dem das Haupt meines Koͤnigs ruhte! Ihr ſeid mir um alle Guͤter der Erde nicht feil! 8 ₰ HKandwerk hat einen goldenen Boden. * Er. h l unn g. Das Trnutrßie war zu Ende, der Ver⸗ hang ſiel. Tiefe feiernde Stille herrſchte im Theater, denn die Gemuther Aller waren 4 ergriffen von der herrlichen Dichtung ſchuͤttert vom Schickſale des Helden, der im Kampfe mit feindſeligen Maͤchten unge⸗ 5 beugt blieb, und als ſein Untergang unwider: 4 ruflich beſchloſſen war, ſich ſelbſt den Foo * gab und als Sieger in das Schattenreich hinabſtieg. Doch jetzt wurde die Stille un⸗ terbrochen. Einſtimmig rief das Publikum den Dichter heraus. 1 Julius Lin dau trat vor und: ntt eſcheiden. Sein Blick ſchweifte rachts 9 der ſich eben in einen ſchuf, und indem er dem Abwehrenden die Schminke von den Wangen kuͤßte, ſagte er: — 208— .5 4 der Logenreihe hin; ſeine Augen ſuchten fanden— Mathilden. Sie ſtand orgelehnt neben ihrem Vater, ein weiße Tuch wehte in ihrer Hand, und Julius glaubte Thraͤnen in ihren Augen zu bemerken. 8, dieſe Perlen galten ihm mehr, als der rauſchende Beifall der Menge, mehr als alles Lob, welches die kritiſchen Meßkuͤnſtler und Dhonizenſchraber ihm er⸗ theilen konnten. Durch den niederfallenden Boehang ſeiner 3 Augenweide beraubt, eilte er von der Buͤhne, umatmte im Flugs den Helden des Stuͤcks, Freund, wie dank' ich Ihnen? Sie haben vortrefflich geſpielt, meiſterhaft! wie ein zwei⸗ ter Roſcius, ein zweiter Garrik!— Mit dieſen Worten verließ er den Schau⸗ ſpieler und trat in's Freie. Vor ihm die Utagsmenſchen um⸗ 3 . KE. Straße entlang rollte ein mit Laternen er⸗ leuchteter Wagen, der ihm wohl bekannt war. Er verfolgte ihn mit ſehnſüchtigen Blicken; als aber die Lichter in der Ferne ſich verloren, entquoll ſeiner bewegten Bruſt mit einem leiſen Seufzer der Name Ma⸗ thilde, er druͤckte den Hut tiefer in die Augen und ging langſamer weitere Plöͤßlich faßte ihn Jemand bei der Hand und fragte: Sinnt der geyrieſene Dichter auf neue Gedichte?— Es war der Maler Lothefyrf. Ihr Dichter— fuhr er fort.— ſeid weit gluͤcklicher als wir Maler. Eur⸗ redenden Geſtalten wirken lebhafter auf das Gefuͤhl und hinterlaſſen einen bleiben⸗ dern Eindruck im Gemuͤth, als die ſprach⸗ loſen Bilder des Malers, die zwar im Moment ergreifen, aber nur eine voruͤber⸗ gehende Bewegung hervorbringen. Eure Werke, durch den Druck vervielfaͤltigt und 14, — 210— in fremde Sprachen uͤberſetzt leben fort im Munde der Voͤlker, euer Geiſt ſchreitet, wenn läͤngſt ſchon Moos euere Grabhuͤgel bedeckt, in den hohen Geſtalten, die ihr ſchuft, uͤber die Buͤhne, und jeder Triumph des kunſtvollen Darſtellers iſt auch eine 4 rüͤhmliche Todtenfeier des entſchlafenen Tra⸗ goͤden; Raphaels und Correggio's Meiſter⸗ werke aber haͤngen in den Gallerien, von Wenigen gekannt. Niemand beſucht ſie, als der enthuſiaſtiſche Küͤnſtler oder ein Reiſen geht. Was die Uebrigen davon ſehn, iſt elende Nachſudelei, ſchlechte Ko⸗ pien und Kupferſtiche ſind's, Verunſtal⸗ ungen der Originale, mir noch verhaßter, als euch verſtuͤmmelte Nachdruͤcke eurer Werke ſein koͤnnen.— Wahrlich, Julius, ſcch koͤnnte dich um deinen Dichterruhm be⸗ neiden. Aber wie? Du biſt ſo ſtill, ſo ſtumm! Fühlſt du dich nicht gluͤcklich? reicher Laffe, welcher der Mode halber auf — 211— Gluͤcklich? Ja, Freund, ich bin es! eu⸗ wiederte Julius. Die Wirkung des Stuͤcks übertraf meine kuͤhnſte Erwartung. Was bliebe mir zu wünſchen uͤbrig? Und doch, doch! Schenk' einem Menſchen die Haͤlfte der Erde, er iſt damit noch nicht zufrieden, er will auch die andere Haͤlfte. Du meinſt, Dichtkunſt ſei das Einzige, was mich be⸗ ſſcchaͤftige? Sonſt war es allerdings ſo; jetzt iſt es anders geworden. Es ſind vier Wochen, ſeit ich hierher kam, um der Auffuͤhrung meines Stuͤcks beizuwohnen. Glaubſt du wohl, daß waͤhrend dieſer Zeit keine poeti⸗ ſche Zeile aus meiner Feder gefloſſen iſt? Getraͤumt und geſchwaͤrmt hab' ich, aber nicht im Reiche der Ideale, ein Gegenſtand der Wirklichkeit iſt es, der meine Sinne beſtrickt hat. Komm, Lothar, du ſollſt das Geheimniß meiner Seele erfahren. Sie gingen durch das Thor und bogen in die Allee ein, welche ſich um die Stadt hinzog 14* — 212— Ich befand mich erſt einige Tage hier— fing Julius an— als ich in einer ſchoͤ⸗ nen klaren Auguſtnacht meinen Gedanken nachhaͤngend die Straßen der Stadt durch⸗. zog. An der Ecke der Ludwigsſtraße be⸗ findet ſich ein praͤchtiges Haus, an deſſen Hinterſeite ein Garten ſtößt. Zwei auf den Garten hinausgehende Fenſter waren noch erleuchtet, und eine Nachtigallenſtimme ſang zum Pianoforte ein Lied, das mir wohl bekannt war, denn ich hatte es ſelbſt gedichtet. Wer uns Dichter kennt und un⸗ ſere ſchwachen Seiten, wird leicht begreifen, daß mich von dieſem Augenblicke an die Saͤngerin ungemein intereſſirte. Das Haus gehoͤrte, wie ich auf Nachfragen erfuhr, einem reichen Kaufmanne Nikolaus Meermann, der ſich mit ſeiner Toch⸗ ter Mathilde von Bruͤſſel hierher ge⸗ wandt hat. Tagtaͤglich wandelte ich nun die Straße auf und nieder und wurde ein Pflaſtertreter im recht eigentlichen Sinne des Worts. Ich lugte nach den Fenſtern, des Nachts lauſchte ich an der Gartenſeite 6 vergebens! ich ſah und hoͤrte nichts von der Saͤngerin. Endlich, endlich eines Mor⸗ gens oͤffnet ſich die Thuͤr und ein Maͤd⸗ chen tritt heraus— Lothar! du erhobſt vorhin die Dichtkunſt auf Unkoſten der Malerei, aber du thatſt Unrecht, Wo hat unſere armſelige Sprache Worte, Urania's 3 Hoheit mit Hebe's Liebreiz vereint in eini⸗ gen Zuͤgen lebhaft und anſchaulich auszu⸗ druͤcken?— Sie trat hervor; blonde Locken umwallten ihr Angeſicht, im himmelblauen Auge wohnte Sanftmuth und Milde, ihre Wangen und Lippen malte das Roth der eben aufgebrochenen Pfirſichbluͤthe, ihr nied⸗ liches Fuͤßchen— es waͤre in China benei⸗ det worden— beruͤhrte kaum den Boden. So ſchwebte die Engelgeſtalt im weißen Gewande hin, und mit dem duſtigen 4 — 214— Schleier, den eine blitzende Nadel an den Locken feſthielt, ſpielte der friſche Morgen⸗ wind—— Maleriſch genug— unterbrach ihn Lo⸗ thar— finde ich deine Schilderung. Niederſinken haͤtt' ich moͤgen— fuhr der Dichter fort— und anbeten. Was ſollt' ich thun? Bleiben? Ihr folgen?— Eine magiſche Gewalt zog mich den Tritten der Himmliſchen nach. Da kommt— ich moͤchte berſten vor Aerger, wenn ich nur daran denke!— kommt mir der Regiſſeur in den Weg, ſpricht von einigen Anordnun⸗ gen bei der Auffuͤhrung meines Stuͤcks, plaudert, demonſtrirt, macht mir Kompli⸗ mente— ich verwuͤnſche innerlich ihn und mein Trauerſpiel dazu! Er fragt, ob ich nach Hauſe gehe? Bewußtlos antwort'⸗ ich: Ja. So begleit' ich Sie dahin, erwiedert er, denn ich habe noch Mehreres mit Ihnen zu verabreden. Maͤchte des Himmels, das tags ſetzte ich meine Wanderung wieder — 215— war zuviel! Herr! bruͤllt' ich, packen Sie ſich zum—— Der Teufel ſaß mir ſchoen auf der Zunge, aber gluͤcklicher Weiſe ver⸗ ſchluckt' ich ihn, ließ den verwunderten Re⸗ giſſeur ſtehen, und eilte meiner Angebeteten nach. Allein verweht war ihre Spur. Wie beſeſſen rannte ich, ſie zu finden, durch die Straßen der Stadt; kaum nahm ich mir ſo⸗. viel Zeit, im Vorbeigehn einem Gaſſen⸗ buben, der uͤber mich Gloſſen machte, ein paar Ohrfeigen zu geben, ein altes Weib, welches herbeikam— wahrſcheinlich des Jun⸗ gen Großmama— verfolgte mich dafuͤr mit Schimpfreden, der Bube hetzte einen Kläffer auf mich; zum Gluͤck war in der Naͤhe mein Logis, welches mich weitern Verfolgungen entzog⸗ Athemlos warf ich mich auf mein Sopha und haderte mit Gott und der Welt. Indeß die Sache blieb, wie ſie war. Schon des Nachmit⸗ — — 216— fort, und ſo Tag fuͤr Tag, aber lange ver⸗ geblich, bis es mir endlich eines Morgens beſſer gluͤckte, als das vorige Mal. Ich fah meine Angebetete wieder, und diesmal trat mir kein Regiſſeur in den Weg. Von weitem ihr ſchuͤchtern nachfolgend, ſah ich ſie zur Fruͤhmette in die Magdalenenkirche gehn; ich trat mit in die Kirche und draͤngte mich moͤglichſt nahe zur Stelle, wo ſie ſaß. O, daß du die Inbrunſt geſehen haͤtteſt, mit welcher ſie betete, die Gluth der Andacht, welche ihr Angeſicht verklaͤrte! Selbſt Ra⸗ phaels Begeiſeeung ſcuf⸗ ein Mſoihes Bild nicht. 1 Viel behauptet! ſagke Lolhar. Doch verzeihlich iſt dieſe Behauptung einem ver⸗ liebten Dichter. Erzaͤhle weiterr Als die Meſſe vorbei war, fuhr Julius fort, folgte ich ihr. Ein zerlumpter Knabe, welcher das Mitleid der Vorüͤbergehenden anſprach, erhielt, wie ich aus der Ferne be⸗ — 212— merkte, ein Geldſtuͤck von ihr, geſchwind war ich bei ihm, bot ihm den vier⸗ oder ſechsfachen Werth, und erhielt die Silber⸗ muͤnze, die ich ſeitdem— laͤchle nicht!— an einem Baͤndchen auf der Bruſt taage. wie ein Amulet. Und was begah ſich weitet? fuagte der Maler. Seitdem— verſetzte Julius— hab' ich ſie nicht wieder geſehen bis heut Abends im Theater. Taͤuſcht ich mich nicht, ſo ſah ich Thraͤnen der Empfindung in ihren Augen glaͤnzen. O Lothar! konnte erdich⸗ tetes Leiden ſo ſie ruͤhren, wie koͤnnte ſie ungeruͤhrt bleiben bei den Schmerzen eines 4 Juͤnglings, der um ſie in Liebe und Sehn⸗ ſucht vergeht? Lothar ſchwieg eine Weile, dann ſagte : Zwar kenne ich des Dichters Worte: vem Wahn, der uns begluͤckt, iſt eine Wahrheit werth, die uns zu Boden druͤckt!“ — 218— und darum ſollt' ich aus deinem gluͤcklichen Traume dich nicht wecken. Indeſſen, da du vertrauensvoll dein Herz mir geoffnet haſt, gebietet mir die Pflicht der Freund⸗ ſchaft, ohne Hinterhalt dir zu ſagen, was ich von der Sache denke. Meinſt du, ein Maͤdchen, weil es deine Lieder ſingt und bei Darſtellung deines Trauerſpiels Thrä⸗ nen vergießt, muͤſſe auch deine Leidenſchaft theilen? Geſetzt aber, du biſt ihrer Liebe gewiß— genuͤgt dir dieſes, oder wünſcheſt du nicht, daß bald an Amors Fackel Hymen die ſeine entzuͤnde?— Dann aber— ar⸗ mer Julius, wie bedaur' ich dich! Meinſt du, dir, dem Dichter, deſſen Saat bloß eine kaͤrgliche Ernte bringt, der nie in die Scheuren ſammelt, dir werde der geldſtolze Kaufmann ſeine einzige Köchret und Erbin zur Ehe geben? 31 Auf ſeinen Reichthum— verſetzte Ju⸗ lius— legt der Alte, wie ich hoͤrte, keinen beſondern Werth; aber er ſoll die Grille haben, bloß einem Handwerker ſeine Tochter zum Weibe geben zu wollen. Lothar, wenn ich mir das aͤtheriſche Weſen an einen Schu⸗ ſter oder Schneider, oder gar an einen Grob⸗ ſchmidt verheirathet denke, moͤcht ich raſend werden! Ruhig, mein Julius! entgegnete Lothar laͤchelnd. Vielleicht iſt die Grille des Herrn Nikolaus Meermann deinen Wuͤnſchen kei⸗ nesweges ſo nachtheilig, als du glaubſt. Vielleicht haͤlt der gute Herr die Dichtkunſt fuͤr ein Handwerk, weil doch der Dichter zum Niederſchreiben ſeiner Verſe die Hand braucht. Aber im Ernſt geſprochen, Freund! Ich habe dir die Sachen gezeigt, wie ſie ſtehen. Laß die nutzloſen Traͤumereien, die dich vom Tempel des Ruhms entfernen. Ahne nicht unſerm Vandyk nach, der um Lehnchens willen die Kunſt und ſeine Wall⸗ fahrt nach Italien vergaß. — — 220— Tief in innarſter Seele verwundet er⸗ wiederte Julius: Laß mich elend ſein, laß mich hinſinken im Fruͤhlinge meines Lebens in die Nacht des Todes und der Vergeſſen⸗ heit; nur fordere nicht, daß ich ihr Bild aus meinem Herzen vertilge!— Mit die⸗ ſen Worten druͤckte er ſeinem Freunde die Hand und ging einſam nach Hauſe. Dort fand er eine Einladungskarte des Geheimen Raths Walder zum Thée 3 dansant auf morgen. Verſtimmt durch Lothars Bemerkungen legte er ſie mißmu⸗ thig bei Seite und durchwachte eine ſchlaf⸗ loſe Nacht. Fruͤh Morgens war Lothar wieder bei ihm. Du biſt— fragte er— zu Walders eingeladen? 1338 Ich bin es! entgegnete Julius. Doch fuͤhle ich mich unwohl, und werde asſsen laſſen. Vielleicht komme ich deinurg Leiden auf die Spur! verſetzte laͤchelnd der Maler. —— S—— — —-— ——-— —— ͦ — 221— Ou ſollſt naͤmlich wiſſen, daß ich fruͤher Luſt hatte, Arzt zu werden, und ein Kolle⸗ gium uͤber Pathologie hoͤrte.— Und in⸗ dem er die Hand des Freundes ergriff und den Puls unterſuchte, ſagte er mit Amts⸗ miene: Der Puls geht ungleich, ausſetzend, des Patienten Zuſtand iſt hoͤchſt bedenklich, ich glaube, er leidet am Herzpolypen. Doch ſtehe ich füͤr den beſten Erfolg, wenn er heut Abend zum Thee geht, nicht eben des Theewaſſers wegen, aber er findet dort— nun errathe, wen? 1 23 du Mathilden? fragte Julius mit freudiger Haſtigkeit. Mathilden? O ſprich, Freund, martere, quale mich nicht! In Wahrheit! vetſetzte der Maler. Hert Nikolaus Meermann nebſt Frhulein Tochtet ſind eingeladen und haben zugeſagt, wie ich ſo eben von einem Bedienten aus dem Wal⸗ derſchen Hauſe erfuhr. 8 — 222— Bote des Himmels! rief Julius und umſchlang ſeinen Freund. Nur ruhig, Herr Patient! verſetzte die⸗ ſer. Nicht ſo heftig und exaltirt! Abſicht⸗ lich bin ich gekommen, dich vorzubereiten, damit du die Unermeßlichkeit deines Gluͤcks faſſen lernſt. Auf den Abend hole 5 dich ab; wir fahren zuſammen. Schneckenaͤhnlich ſchien nun der Schriat der Zeit dem verlangenden Julius. Er wollte leſen, er wollte ſchreiben; aber das Buch wurde ungeleſen wieder hingeworfen, das Niedergeſchriebene wieder ausgeſtrichen. Er kleidete ſich an und ſpatzierte ins Freie, er beſuchte ſeinen Lieblingsort, das Bu⸗ chenwaͤldchen, nicht fern von der Stadt, und hoͤrte dort, traͤumend an eine Buche gelehnt, dem Gezwitſcher der Voͤgel zu, aber wie erſchrak er, als er ploͤtzlich in der glatten Rinde des Baums ein zierliches M friſch eingeſchnitten ih wie erſchrat ꝓ* * 2 —— — — 223— noch mehr, als er in ſeiner Hand ein Etuismeſſer bemerkte, welches den Baum⸗ frevel veruͤbt hatte. Erroͤthend vertilgte er mit einigen Schnitten den verraͤtheriſchen Buchſtaben und verließ das Waͤldchen. Er kam wieder in die Stadt, er ging beim Meermannſchen Hauſe vorbei. Dort waren bloß Leute beſchaͤftigt, Waarenballen aufzuladen, und ein Diener ſtand dabei, die Brille auf der Naſe, die Feder hinter'm Ohre; da oͤffnete ſich ein Fenſter— Julius 3 fuhlte, wie die Gluth in ſein Geſicht ſtieg, gewiß war es Mathilde, die herausſah! Kaum getraute er ſich hinzuſehen, und als er doch den Muth faßte, einen ver⸗ ſtohlenen Blick hinzuwagen— ſiehe! da lag Herr Nikolaus Meermann im Fenſter und ſchmauchte wohlgemuth ſein Pfeiſchen. Das verdroß ihn, er wußte ſelbſt nicht, warum. In dieſem Augenblicke erregten einige gedruckte Zettel an der naͤchſten Stra⸗ — 224— ßenecke ſeine Neugier, aber das Leſen wurde ihm bald verbittert, als er neben einer wie⸗ derholten Auffuͤhrung ſeines Stuͤcks eine Affen⸗ und Hundekomoͤdie angekuͤndigt fand. Er hielt dieſe Zufäͤligkeit fuͤr Bosheit ſeinier Feinde, fuͤr Spott, und ging annauhn nach Hauſe. Dort ergriff er ſeine Floͤte und phanta⸗ ſi irte, aber bald legte er ſie wieder weg, denn nun fiel ihm ein, daß es Zeit ſei zu Tiſche zu gehn. Die ſonſt ihm ſo angenehme Tiſchgeſellſchaft im Hotel ſchien ihm hent unertraͤglich langweilig; es war ihm unbe⸗ greiflich, wie man die Einfaͤlle des Barons, der ihm gegenuͤber ſaß, f ſpaßhaft ſt finden, oder wie ſein Nachbar die Aalpaſtete loben konnte, die doch ihm dürchans nichi mun⸗ den wollte, Nachmittags ging es nicht viel 4 beſſt Im Vorgefuͤhl des ihn erwartenden Tanz⸗ 3 vergnuͤgens probirte er Pas und Entrrehat He —— — 225— und bemalte einen Bogen mit Tanz⸗Tou⸗ ren, die ſeiner Meinung nach nicht ſchlech⸗ ter erfunden waͤren, als die des Ballet⸗ meiſters Lauchery im Taſchenbuche zum ge⸗ ſelligen Vergnuͤgen. Nun ſchien es ihm hoͤchſte Zeit, ſich anzukleiden, er that dies mit mehr als gewoͤhnlicher Sorgfalt, allein laͤnger als eine Stunde dauerte es noch, ehe Lothar ihn abholte. Gleich beim Eintritt in die Geſellſchaft faßte Walder unſern Julius bei der Hand und ſagte: Charmant, lieber Lindau, daß Sie kommen! Eben war von Ihnen die Rede.— Und indem er den Widerſtreben⸗ den in einen Kreis junger Damen fuͤhrte, ſagte er: Hier, meine Angebeteten, habe ich das Gluͤck, Ihnen den Dichter vorzuſtellen, deſſen Lob ſo eben von Ihren reizenden Lippen floß, nun uͤberlaſſe ich es ihm, das Gefuͤhl ſeines Danks auszuſprechen. Man⸗ ches ſeslemwolle Auge ruhte auf dem Dichter, —— 15 — 226— manche Roſenlippe fluͤſterte ſein Lob; errd⸗ thend ſtammelte Julius Worte des Danks— da flogen die Blicke des Feenkreiſes, der ihn umgab, nach dem Eingange des Saals, und Lothar fluͤſterte ihm zu: Hebe, von Saturn begleitet!— Es war— Mahin an der Seite ihres Vaters. Der geſchaͤftige Walder wnnß de dem„Dich⸗ ter, indem er bei ihm vorbeieilte, einen be⸗ deutenden Blick zu, deſſen Erklaͤrung er je⸗ doch ſchuldig blieb, denn eben begann die Muſik, die Paare traten zur Polonoiſe an, und achtlos an Julius vorbei ging die Ge⸗ feierte ſeines Herzens am Arme eines alten Herrn, deſſen Bruſt ein Ordenskreuz ſchmuͤckte. Wie die Polonoiſe geendet war, trat Walder wieder zu ihm und ſagte: Jetzt 6 kommen Sie; ich werde Sie dem Kaufmanne Meermann vorſtellen. Sie finden in ihm einen ſehr geachteten kenntnißreichen Mann, einen Freund und Beſchuͤtzer der Wiſſen⸗ — 222— ſchaft und Kunſt, und ſeine Tochter ſehen Sie dort die zarte Blondine im wei⸗ ßen Kleide mit der Roſenguirlande?— iſt die vierte der Grazien. Freund, nehmen Sie Ihr Herz in Acht! Dieſe Warnung kam freilich zu ſpaͤt, im Uebrigen aber hatte Walder vollkommen Recht. Meermanns biederherziges Weſen, ſeine einſichtsvollen Urtheile uͤber Gegenſtaͤnde des Lebens und der Kunſt gewannen ihm das Herz und Vertrauen unſers Julius, und machten ihn bald unbefangen und offen gegen den Vater ſeiner Stillgeliebten, wie gegen einen lang gepruͤften Freund. Aber ploͤtlich hielt er in ſeiner Rede inne, denn Mathilde hatte ſich genaͤhert, um mit ihrem Vater einige Worte zu ſprechen, und in dem dieſer ſich wieder zu unſerm Freunde wandte, ſagte er: Sie ſehen hier, beſter Lindau, in meiner Tochter Mathilde eine ungriſtt Leſerin ihrer Dichtungen!— 15 † — 228— Aus Mathildens ſeelenvollem Auge traf ein forſchender Blick das ſeinige, in deſſen Glanz ſeine Liebe und ſein Entzücken zu leſen war, und als in dieſem Augenblicke die fluͤchtigen Toͤne des Walzers den Saal erfüllten, und er ſich bittend gegen Mathil⸗ den neigte, und gleich darauf ihr Arm in dem ſeinigen ruhte, da druͤckte er, ſich ver⸗ geſſend, die geliebte Hand, die er fuͤr ſein ganzes Leben feſtzuhalten ſich ſehnte, an ſein übervolles Herz. Er erſchrak uͤber ſeine leidenſchaftliche Unbeſonnenheit, meinend, Ma⸗ thilde werde ihm zuͤrnen, aber der Himmel ihres Auges blieb klar, und ſchien ihn bloß zu fragen: Guter Juͤngling, was willſt due und als er jetzt mit ihr leiſe im Kreiſe her⸗ umflog, daͤucht' ihm verſunken der Sadt mit ſeinen Lichtern und Menſchen, und es dun ihm vor, als ob er allein mit der Ge⸗ liebten unter Geſängen ſeliges Geiſter, einge⸗ huͤllt in weiße Wolken und fümmernde — Sterne, in das Reich des Lichts empor⸗ ſchwebe.— Als Julius mit feinem Freunde heim. fuhr, ſchloß er ihn an das trunkne Herz, und ſagte: Lothar, ſie iſt mein, mein in alle Ewigkeit! Unſere Seelen haben ſich ge⸗ funden, unſere Herzen ſind vermaͤhlt! Gabſt du wohl im Cotillon Acht? O, dieſer Tanz iſt der liebenswuͤrdigſte Verraͤther, den ich kenne! Bemerkteſt du nicht, daß, als die Damen ihre Taͤnzer zu waͤhlen hatten, ſie mich waͤhlte? Und dann, als die Ringe ver⸗ ſchenkt wurden, war es nicht die guͤnſtigſte Vorbedeutung, daß, wie ich den Ring em⸗ porhielt, Mathilde mit dem andern mir ent⸗ gegen kam? O ich Gluͤcklicher! Was die Begebenheit mit den beiden Ringen betrifft— erwiederte Lothar— ſo muß ich dir nur geſtehn, daß ich dabei die Rolle des Fatums geſpielt habe. Ich tanzte naͤmlich mit einer Bekannten, und bat ſie, — 230— ihren Ring dir zu geben, waͤhrend ich den meinigen Mathilden gab. Auf dieſe Weiſe bin ich ſo gluͤcklich geweſen, dich gluͤcklich zu machen. Indeß was hilft mein guter Wille, ſo lange Mathildens Vater nicht—— O, der iſt mir gewogen! verſicherte Ju⸗ lius. Auch haſt du eine ganz unrichtige Vorſtellung von ihm. Er hat liberale Grund⸗ ſatze; iſt vielſeitig gebildet, nichts weniger als proſaiſch, ſondern er ſchaͤtzt die Dichter— Will ſie aber nicht zu Schwiegerſöͤhnen! fiel der Maler ein. Waͤrſt du nur nicht bloß Dichter, ſondern nebenbei noch etwas Anderes z. B. wie Hans Sachs ein Schuh⸗ macher, oder ein Klempner wie Gruͤbet— Nein, Freund! verſetzte Julius. Ma⸗ thildens Vater wird das Gluͤck ſeiner Toch⸗ ter einer Grille halber nich aufs Spe ſetzen.. Es kann Jemand, ſagte h der Male⸗ im Uebrigen ein vollkommener Biedermann ſein, ten iſt. — 231— und doch eine ſonderbare Meinung ſo lieb 3 gewonnen haben, daß ſie⸗ durch die groͤßte ebereedungskunſ bei ihm nicht auszurot⸗ und wenn es waͤre! verſebte Julius. um ihren Beſit zu erringen wird mir ſelbſt das Schwerſte leicht. In einen Bauerkittel wollt' ich mich ſtecken und im Schweiße mei⸗ nes Angeſichts das Feld bauen. 1 Damit iſt's nicht gethan! erwiederte Lo⸗ thar lachend. Der Alte will einen Hand⸗ werker. Poſito, du wuͤrdeſt ein Schneider und ſchnitteſt nun die Kleider zu, wie vor⸗ mals deine Trauerſpiele und es koͤnnte ſich Jemand ruͤhmen, daß er ein Paar Beinklei⸗ der und einen Frack von der Arbeit des be⸗ ruͤhmten Tragoͤdiendichters Lindau am Leibe trage— bei Gott, Freund! wer daruͤber nicht lachen mußte, dem trau ich zu, daß er beim Rabelais in Thränen zerfließt. Moͤgen die Gefuͤhlloſen lachen! ſagte Julius nicht ohne Vorwurf gegen ſeinen Freund, mit welchem er jetzt aus ieg. ſal entſcheiden, ſo oder anders!— Sein Entſchluß reifte noch mehr uͤber Nacht, und die geſtern geknuͤpfte Bekannt⸗ ſchaft, Meermanns freundliche Einladung, mußte ſeinem Morgenbeſuche zur Entſchule⸗ digung dienen, der ihm uͤber ſein Gluͤck oder Ungluͤck Gewißheit geben ſollte. Nicht ohne innerliche Beklemmung ließ Julius ſich anmelden, aber Meermanns freundlicher Empfang, ſein aufgewecktes Geſpraͤch uͤber politiſche und literariſche Ereigniſſe, ſein ge⸗ ſundes eindringendes, doch nie geradezu ab⸗ ſprechendes Urtheil, in welchem er einen Schatz von Lebensweisheit und gediegener Erfahrung darlegte, der ermunternde Bei⸗ fall, welchen er den poetiſchen Beſtrebungen unſers Freundes ſchenkte, Alles erfuͤllte — 233— dieſen mit Vertrauen und Hoffnung, aber noch mangelte ihm der Muth und die Ge⸗ legenheit, den geheimen Artikel ſeines Be⸗ 3 ſochs zur Sprache zu bringen. 3 und jetzt, beſter Herr Liadau! ſagts Meermann, nachdem er unſern Freund mit einigen Merkwuͤrdigkeiten ſeiner Bibliothek unterhalten hatte— erlauben Sie, daß ich Ihnen noch meine Gemaͤldeſammlung zeige, 3 die ich zwar als eifriger Patriot bloß aus Stuͤcken der niederlaͤndiſchen Schule zuſam⸗ mengeſtellt habe, die aber doch, wie ich wohl behaupten darf, manches geſuchte und geſchaͤtzte Stuͤck enthaͤlt.— Mit dieſen Worten fuͤhrte er unſern Julius durch zwei aneinanderſtoßende Zimmer, deren Waͤnde mit Gemaͤlden bedeckt waren.— Als Julius im genußreichen Beſchauen vor ſo manchem durch wahre lebenvolle 8 Darſtellung der Natur anziehenden Bilde von Teniers, Vandyk, Verendael, Wou⸗ vermann u. A. verweilt hatte, feſſelte vor⸗ züglich ein uͤber der Thuͤr des einen Zim⸗ mers haͤngendes in einen reichen golde⸗ nen Rahmen gefaßtes Gemaͤlde ſeine Auf⸗ merkſamkeit. Es ſtellte eine Tiſchlerwerk⸗ ſtatt vor. Der Meiſter ſaß mit dem ruhi⸗ gen zufriedenen Geſicht gegen das offene Fenſter gekehrt, von der Arbeit des Tages ausruhend, und ſchaukelte auf ſeinem Knie einen muntern Knaben, den ein junges Weib durch einen Apfel auf ihren Schooß zu locken ſuchte. Es lag ſoviel gemuͤthlich Anſprechendes in dem Bilde, daß Julius ſein Auge davon nicht abwenden konnte, und je laͤnger er es anſah, deſto unver⸗ kennbarer fand er die Spuren der Aehn⸗ lichkeit in den Geſichtszuͤgen des Meiſters mit denen des Herrn Meermannä. Dieſer, den des Beſchauenden Aufmerk⸗ ſamkeit zu gefallen ſchien, begegnete ſeinen fragenden Blicken und ſagte: Dieſes i — 4 d * 235—* iſt fuͤr mich in der ganzen Sammlung das werthvollſte. Adrian Brauwer hat es ge⸗ malt, und Kunſtkenner haben ihm ihren ausgezeichneten Beifall geſchenkt. Aber nicht um ſeines Kunſtwerths willen ſchaͤtze ich es, ſondern weil es ein Familienſtuͤck iſt, wel⸗ ches ich ohne Nuͤhrung nicht betrachten kann. Der brave Mann, den Sie hier ſehen, iſt mein Großvater Joſt Meermann, die junge Frau iſt ſein Weib, der Knabe mein Vater Bartholomaͤus. Mein Groß⸗ vater war ein achtbarer Buͤrger und ge⸗ ſchickter Tiſchlermeiſter in Antwerpen, und mein Vater, ſein einziges Kind, ergriff das naͤmliche Handwerk. Beider Arbeiten waren beruͤhmt, fanden zahlreiche Abnehmer, und dadurch wurde der Grund zur Wohlhaben⸗ heit unſerer Familie gelegt. Ich nebſt mei⸗ nem juͤngern Bruder Martin ſollte ebenfalls nach dem Willen meines Vaters die Tiſchler⸗ profeſſion erlernen, allein ein Onkel muͤt⸗ — 236— 1 terlicher Seits wollte uns der Kaufmann⸗ 4 ſchaft gewidmet wiſſen, und ſein und un⸗. ſerer Mutter vereinigtes Bitten ſtimmte endlich, obwohl ungern, meinen Vater zur Nachgiebigkeit. Wir wurden in verſchiede⸗ nen angeſehenen Handelshaͤuſern fuͤr die Geſchaͤfte ausgebildet, unternahmen mehrere Reiſen, und etablirten uns endlich in unſe⸗ rer Vaterſtadt. Ich verheirathete mich, allein die Neigung des Kaufmanns, ſein Geſchaͤft immer mehr auszubreiten und in der Ferne Handelsverbindungen anzuknuͤpfen, ließ mich keines ruhigen Gluͤcks genießen. Begleitet von meinem zum erſten Male ſchwangern Weibe unternahm ich eine Reiſe nach St. Euſtache, die langwierige See⸗ reiſe griff Marianens zarten Koͤrper an, kraͤnklich betrat ſie die Inſel, doch ſie erholle ſich allmaͤhlig und machte mich durch die 3 Geburk meinet Mathilde zum gluͤcklichen Vater. Aber ihre Sehnſucht nach der Her⸗ — 237— math und ihren Angehoͤrigen beſtuͤrmmte mich immerwäͤhrend mit Bitten um baldige Ruͤckkehr, und um ihren Wuͤnſchen nach⸗ gehen zu koͤnnen, betrieb ich meine Gkſchäͤfte mit moͤglichſter Schnelligkeit, und trat ſo⸗ dann mit ihr und meiner Tochter die Heim⸗ reiſe an. Allein unterweges erkrankte die Mariane aufs neue, die eifrigſte Muͤhe des Schiffarztes vermochte nicht, ihr Leben zu retten, mein geliebtes Weib— ſtarb. Als ihr Leichnam in einen Sarg verſchloſſen in das Grab des Ozeans verſenkt wurde, und über der unermeßlichen Gruft die wo⸗ genden Waſſer ihr Grablied brauſten, da ſtand ich armer verlaſſener Mann mit dem Kinde auf dem Arme auf dem Schiffsver⸗ deck und blickte hinauf in die dunkeln Wol⸗ ken und blickte hinab in das bodenloſe Meer⸗ und verklagte den Himmel und den Ab⸗ grund. Troſtlos kam ich in meiner Vater⸗ ſtadt an, legte in die Arme meiner Mut⸗ hat keine Mutter— ich b2 Weib mehl! n Hier ergriff Meermann ſeines jungen Taundes Hand und druͤckte ſie ſchmerzhaft. Nach einer Pauſe fuhr er fort: Dieſes Un⸗ gluͤck traf mich, aber ein haͤrterer Schlag war es, der nunmehr das eisgraue Haupt meines Vaters treſſen mußte. Mein Bruder hatte ſich in unglückliche Speku⸗ lationen eingelaſſen; durch das Falliment eines quswaͤrtigen Hauſes erlitt er einen außerſt bedeutenden Verluſt, ſein Kredit ſank, Wechſelglaͤubiger bedrohten ihn, durch Flucht entging er der Verhaftung. Haͤtte er ſich mir anvertrauen wollen, ſeine An⸗ gelegenheiten wuͤrden leicht zu arrangiren geweſen ſein, allein ſein verſchloſſener Cha⸗ rakter hielt ihn ab, ſich mitzutheilen.— Als das ungluͤckliche Zeitungsblatt, welches den oͤffentlichen Aufruf des Fluͤchtlings ent⸗ — 239— hielt, in die Haͤnde meines Vaters kam, raubte der Schlag ihm die Sprache, und in einigen Monaten war er nicht mehr. Die Schande, mit welcher der Fehltritt meines Bru⸗ ders den guten Ruf unſerer Familie befleckt hatte, bewog mich nebſt meiner Mutter und meinem Kinde, Antwerpen zu verlaſſen, und Bruͤſſel zu meinem küͤnftigen Wohn⸗ orte zu waͤhlen. Dort beguͤnſtigte mich das Gluͤck in meinen Geſchuͤften, und fuͤr Ma⸗ thildens Erziehung und Bildung ſorgte meine ehrwuͤrdige Mutter, bis auch ſie in das Land des Friedens abgerufen wurde. Bald darauf zog ich hierher, um den bittern Erinne⸗ tungen zu entgehen, die in meiner Heimath mich verfolgten.— Junger Freund! Wenn ich nun vor dieſem Bilde ſtehe und das beſchroͤnkte gluͤckliche Leben des alten biedern Joſt mit dem meinigen vergleiche, welches voll Unruhe und truͤber Erfahrungen iſt, ſo moͤchte ich die Weisheit meines Onkels ——-——— ——ͤ — 240— verdammen, welche mich von der Hobel⸗ bank weg auf Sandbaͤnke und Klippen fuͤhrte.— Hat nicht Shakeſpear vollkom⸗ men Recht, wenn er ſeinen Haufinaba ſagen laͤßt, der Odem, mit welchem er ſeine Suppe abkuͤhle, erinnere ihn an den Seeſturm, der vielleicht in dieſem Augenblick ſein waaren⸗ beladenes Schiff zu Grunde richten koͤnne? Ja, Freund! Gefahrvoll ſind die Unterneh⸗ mungen des Kaufmanns, ungewiß iſt der Erfolg der Anſtrengungen des Gelehrten und Künſtlers, aber— as Handwerk I hat goldenen Bodenk Meine herben Erfahrungen haben mich von der Wahr⸗ heit dieſes Sprichworts überfuͤhrt. Und darum— ich darf es Ihnen wohl ſagen, da dieſe meine ſogenannte Grille ſchon in der ganzen Stadt bekannt iſt— ſoll auch nur ein braver geſchickter Handwerker meine Tochter zum Weibe erhalten. Nor fiel Julius ein. 3chon h — 241— Ich kenne den Einwurf— verſetzte 3 Meermann— den Sie mir machen wollen. Sie glauben, daß dieſer Grundſatz mit Ma⸗ thildens Erziehung im Widerſpruch ſtehe, und ihrer Neigung Gewalt anthun werde. Aber Sie irren, Freund! Ich kenne die An⸗ ſpruchsloſigkeit meiner Tochter, und uͤbrigens darf Niemand auf mein Zureden rechnen, wenn er nicht ſelbſt Mathildens Neigung ſich zu erwerben faͤhig iſt.— Waͤhrend Julius nachdenkend ſchwieg und mit einem großen Entſchluſſe in ſeiner Bruſt kaͤmpfte, trat Mathilde herein, um ihrem Vater zu melden, daß ein Fremder auf ihn warte. Entſchuldigen, aber— blei⸗ ben Sie! bat Meermann. Meine Tochter wird indeß fuͤr Ihre Unterhaltung ſorgen. Julius war mit der Lieblichen allein;z im feinen Morgenkleide war ſie ſchoͤner, als er ſie je geſehen hatte. Wollen Sie mir— fragte ſie ſchmeichelnd— in den Garten 16 Und als ſie freundlich uͤber ihn ſich hinbeu⸗ — 242— folgen? Ich zeige Ihnen meine Lili und— meine Blumen. Er folgte der reizenden Fuͤhrerin. Ein zahmes Reh ſprang beim Eintritt in den Garten ihr entgegen und legte ſich zu ihren Fuͤßen, ein Turteltaͤubchen flatterte girrend auf ihre Schulter und zupfte an ihren Lok⸗ ken, bis ſie es auf den Arm nahm. Dann blickte ſie im Garten umher und ſagte weh⸗ muͤthig: Ach, meine ſchoͤnſten Blumen ſind ſchon verwelkt, die Roſen haben ihre Blaͤt⸗ ter auf die Erde geſtreut, die Lilien ſind vergangen und meine Nelken verbluͤhen. Ich armes Kind! Womit ſoll ich Sie beſchen⸗ ken? Doch ſehn Sie, nun weiß ich es! Sie ſchnitt ein Lorbeerreis ab und bog es zum Kranze, aund ſagte dann mit Laͤcheln gebietend: Knieen Sie nieder, ich weihe Sie zum Nachfolger des Dichters, der uns mit Wilhelm Tell und Wallenſtein beſchenkte! — 243— gend den Kranz auf ſeine Locken druͤckte, daͤuchte es dem Seligen, als ob ein fluͤchti⸗ ger Kuß ſeine Stirne beruͤhre. Dann faßte ſie ihn munter be der Hand und zog ihn mit ſich fort durch die Gaͤnge des Gartens und plauderte ihm vor von ihren kleinen Freuden und Leiden, arg⸗ los und unſchuldig, daß das leidenſchaftliche Toben ſeiner Bruſt ſtille Heiterkeit wurde. Jetzt kam der Vater zuruͤck, und gratu⸗ lirte ſcherzend unſerm Julius, daß er unter⸗ deß gekroͤnter Poet geworden, und im auf⸗ geweckten Geſpraͤch verrannen einige Stun⸗ den fluͤchtig wie Augenblicke. Aber beim Scheiden blickte Julius ſin⸗ nend in die Strahlen des Springbrunnens und dachte: Mein bisheriges Leben glich dem aufſteigenden Strahl, der ſpruͤhend in Wolken zerfliegt, nun werd' es aͤhnlich dem niederſinkenden, der ſich uhig, im Becken ſammelt!— 2 geſellſchaften an der Tagesordnung ſind, ge⸗ 244— b Als des Abends Lothar in dem Hotel ſich befand, in welchem die Kuͤnſtler und Gelehrten des Orts zur Unterhaltung ſich 3 zu verſammeln pflegten, kam auch Julius hin. Die Geſellſchaft, die ihn ſchon mehrere Wochen ungern vermißt hatte, rief ihm ein freudiges Willkommen! zu, man wollte wiſſen, 3 was ihn dem geſelligen Kreiſe ſo ulange ent⸗ zogen habe?. Ueberaus heiter erwiederte Julius: 3ch habe ein Luſtſpiel in der Arbeit und zwar ein bibliſches, welches, da eben jetzt die Bibel⸗ wiß Gluͤck machen wird..“ Welches Sujet? fragte ein Kritiker. Die bekannte Geſchichte, erwiederte Ju⸗ lius, wie Jakob um Rahel dient; zum Be⸗ ſchluß laß' ich der Neuheit wegen die Kin⸗ der Iſraels ein Ballet tanzen. Alles lachte, aber Lindau verſicherte, es ſer Ernſt. Lothar, den ſeines Freundes un⸗ — gewoͤhnliche faſt an Ausgelaſſenheit graͤnzende Luſtigkeit beunruhigte, trat zu ihm und fragte leiſe: Was iſt dir? Da ergriff Julius ſeine Hand und fuͤhrte ihn in ein unbeſuchtes Zimmer. Meine Heiterkeit befremdet dich, ſagte er. So erfahre denn, daß mein Schickſal entſchieden iſt, und daß eben hierin der Grund meiner gluͤcklichen Gemuͤthsſtimmung liegt. Er erzaͤhlte ihm die Begebenheiten des heutigen Morgens und ſagte dann: Lothar, du empfängſt jetzt mein Lebewohl, denn wenn der naͤchſte Morgen daͤmmert, verlaß ich dieſe Mauern und gehe meiner Beſtim⸗ mung entgegen. Forſche, frage nicht weiter! Nach Jahren kehre ich zuruͤck, um kuͤhn um Mathildens Hand zu werben, oder du ſiehſt mich nie wieder! . Jahre waren ſeitdem verflogen und alle Nachforſchungen des bekuͤmmerten Lothar nach dem Aufenthaltsort und Schickſal ſeines — 2 46— 1— 4 Freundes ohne Erfolg geblieben. Da rollte, als der Maler eines Morgens nach der Gal⸗ lerie ging, ein Wagen bei ihm vorbei, eine bekannte Stimme rief ſeinen Namen und— Fulius Lindau ſtuͤrzte in ſeine Arme. Die lange Getrennten beſtuͤrmten einander mit wechſelſeitigen Fragen. Als Lothar ſeinem Freunde berichtet hatte, daß Mathil⸗ dens Hand noch frei ſei, daß der Vater die Antraͤge mehrerer angeſehenen Kaufleute, welche um ſie geworben, zuruͤckgewieſen, und ſich darauf, weil die verſchmaͤhten Freier ab: geſchmackte Geruͤchte uͤber ihn verbreitet, aus den ſonſt von ihm beſuchten Geſellſchaf⸗ ten gaͤnzlich zuruͤckgezogen habe, und jetzt einſam mit ſeiner Tochter lebe; da um⸗ armte ihn Julius mit freudigem Unge⸗ ſtuͤm und erzaͤhlte ihm darauf, wie er von hier nach Augsburg gegangen ſei, um die Tiſchlerprofeſſion zu erlernen, wie er dort bei einem der geſchickteſten Meiſter ſeine — 247— Lehrjahre beendet, dann die Rheingegenden und die Schweiz durchwandert, in Mainz, Frankfurt, Mannheim, Straßburg, Bern und Zuͤrich gearbeitet habe, und dann nach Augsburg zuruͤckgekehrt ſei, wo er nach ge⸗ fertigtem und tuͤchtig gefundenem Probe⸗ ſtuͤck Meiſter geworden. Um Mathilden mein nennen zu könken, ſetzte er hinzu, opferte ich meine Liebe zur Dichtkunſt, durch beſchwerliche Arbeit uͤber⸗ taͤubte ich die Stimme meines Genius, der Gedanke an ſie gab mir Staͤrke und Aus⸗ dauer, und uͤber den heitern Bildern der Zu⸗ eunft vergaß ich die druͤckende Gegenwart. So hab' ich redlich erfuͤllt, was der Vater fordert, nun werb' ich als Tiſchlermeiſter um Mathildens Hand, und wenn ſie mein wird, Lothar! ſo hat die Sonne noch nie einen Menſchen ſo gluͤcklich geſehen, als dann dein Freund iſt!— 3 Herr Nikolaus Meermann ſaß rbelten, auf ſeinem Komtoit, als ihm ein zuſammen⸗ gelegtes Papier gebracht wurde, welches ſo eben ein Fremder an ihn abgegeben hatte. Er entfaltete es und las:„Wir Ober⸗ und Alt⸗Meiſter E. Löbl. Gewerks derer Schreiner allhier in der Stadt Augsburg urkunden und bekennen hiermit und Kraft dieſes Briefes, daß der Ehrſame Julius Lindau“— Was iſt das? rief Meermann, indem er fluͤchtig den uͤbrigen Inhalt durchlief. Wo iſt der Ueberbringer? Man ſagte ihm, er warte draußen. Haſtig öͤffnete Meermann die Thuͤr, da ſtand— Lindau vor ihm. Sie doͤſer Freund, Sie lange vermißter! Wie konnten Sie uns ſo heimlich verlaſſen, ſo lange ſchweigen? rief Meermann, indem er den Geſcholtenen mit Herzlichkeit in ſeine Arme ſchloß und ihn dann mit ſich auf ſein Zimmer zog. Aber— fragte er hier— was ſoll der Scherz mit dieſem Papiere bedeuten? Kein Scherz! ſagte Lindau. Dieſes Papier iſt mein Meiſterbrief, es ſoll mein Empfehlungsbrief bei Ihnen ſein, es ſoll mein Himmelsſchluͤſſel werden! Und nun geſtand er, wie ſeine Liebe zu Mathilden erwacht ſei, wie er bei ihr Er⸗ wiederung ſeiner Neigung zu finden geglaubt und wie die Unterredung vor Joſt Meer⸗ manns Bilde ihn zu dem Entſchluſſe ver⸗ mocht habe, ſeiner Lieblingsbeſchaͤftigung Valet zu ſagen und ein tuͤchtiger Tiſchler⸗ meiſter zu werden. Nun bin ich gewor⸗ den— ſo ſchloß er— was Ihr biederer Großvater Joſt Meermann war, und was der Dichter nicht wagte, wagt jetzt der Hand⸗ werker, er bittet um die Hand Ihrer Toch⸗ ter Mathilde. Komm in meine Arme, Sohn! rief der — 250— glückliche Vater. Nimm hin meine Tochter, ſee iſt das höchſte Gut, welches ich beſize; nimm ſie, du haſt ſie redlich verdient! Aber wird Mathildens Neigung— ut Julius ein. Ich weiß, was du willſt! entgegnete der Alte. Freilich ſollt' ich nicht aus der Schnle ſchwaben, aber erklaͤre dir es ſelbſt, woher es kommen mag, daß Mathildens Papagei kein Wort gelaͤufiger ausſpricht, als den Namen Julius, und warum, ſo oft ſie eins deiner Lieder ſi ingt, Paaat ein Seuſſte das hine iſt. So war es alfo nicht Ttuſchung— rief der entzuͤckte Julius— als ich den Einklang unſerer Herzen ahnete? O, ſo laſſen Sie mich zu ihr fliegen—- Gehn, mein Sohn! verbeſſerte laͤchelnd der Alte. Aber wohlgemerkt! fuͤgte er hinzu. Du biſt vor der Hand nichts als ein Tiſchler⸗ meiſtet, bei welchem ich einen Sekretaͤr be⸗ — 251— ſtelle. Alſo ruhig, nicht vorlaut! Senf verdirbſt du mir die Freube. Er oͤffnete Mathildens Zimmer und rief: Nur herein, lieber Meiſter! Aber wie war es dem Liebenden moͤglich, die Feſſeln der Verſtellung zu tragen, als die holde Jungfrau in der ſchoͤnſten Entfal⸗ tung ihrer Bluͤthe vor ihm ſtand? Mathilde! rief er mit ausgebreiteten Armen, mit dem innigſten Ton der Liebe. Sie hoͤrte den Klang der bekaunten Stimme, ihr Blick begegnete dem ſeinigen, und in holder Verwirrung den Namen des heimlich Gelieb⸗ ten fluͤſternd verbarg ſie die Bewegung ihres E uͤberraſchten Herzens am vaͤterlichen. Schaͤme dich nicht, daß du das Geheimniß deiner Bruſt verrietheſt! ſprach der Vater beruhigend, indem er die Stirn der geliebten Tochter mit einem ſanften Kuſſe beruͤhrte. O, wenn du wuͤßteſt, was er Alles um dei⸗ netwillen geopfert und erduldet hat! Sieh 2* — 252— ſeine ſchwielenvolle Hand, ſein ſonnenver⸗ branntes Angeſicht! vergieb ihm ſeine treue Liebe! e Bne.— Da ſank die Erroͤthende an Lindau's Bruſt und fluͤſterte: Mein Herz gehoͤrte Ihnen ſchon lange! Und der buntgefiederte Schwätzer ſteckte durch das Gitter ſeines Kaͤſichs das neu⸗ gierige Köpfchen und rief: Julius! Julius! Jetzt folgt mir, Kinder! ſagte der Alte mit Ruͤhrung und faßte die Haͤnde der Gluͤck⸗ lichen und trat mit ihnen vor das Bild ſei⸗ nes Großvaters und ſagte: Du alter red⸗ licher Joſt, wie wirſt du droben im Him⸗ mel dich freuen, wenn du ſiehſt, daß jetzt dein Enkel die Hand ſeiner Tochter in die eines braven Handwerkers legt! So ſegne denn Gott den Bund eurer Herzen und mache euer Leben ſo gluͤcklich und freudenreich, als es das Leben dieſes Biedermanns war! Am Vermaͤhlungstage des jungen Paars hatte der Alte eine zahlreiche Geſellſchaft von Handwerkern und Kuͤnſtlern zu ſich ein⸗ geladen, und als die Gemuͤther der Gaͤſte durch den Geiſt des guten alten Rheinweins und durch die lebhafte Unterhaltung recht erheitert waren, hob Herr Meermann den blinkenden Roͤmer und rief: Es lebe jeder brave Handwerkerl Dann winkte er einem Aufwaͤrter. Sogleich oͤffneten ſich die Flägelthüͤren des Saals und vier Diener traten ein mit Ker⸗ i n den Haͤnden und ſetzten eine kunſt⸗ und geſchmackvoll gearbeitete Wiege vor der Tafel nieder. Das Meiſterſtuͤck meines Sowiegerſohns. ſagte Herr Meer⸗ mann. Und waͤhrend die Gaͤſte aufſtanden und lobend und bewundernd um die Wiege ſich verſammelten, umfaßte Julius ſein jungfraͤu⸗ liches Weib und entfloh mit der Erroͤthenden unbemerkt aus der luſtigen Geſellſchaft, 3 — 254— Glücklich und geachtet lebt Lindau mit 8 ſeiner Gattin. Vom fruͤhen Morgen bis . Mittag findet man ihn unter ſeinen Geſel⸗ len in der Werkſtatt beſchaͤftigt; den Nach⸗ 8 mittag und Abend bringt er mit literari⸗ ſchen Arbeiten und in der Unterhaltung 3 mit wiſſenſchaftlich gebildeten Freunden zu, oder er ſitzt neben der kunſtvollen Wiez⸗ in welcher die freundliche Muttet nen Juſt ſchaukelt, und erzaͤhlt der L den von ſeinen Lehr⸗ und Wander Ein ſolcher Moment aus Linda d lchen Leben hat ſemem. Prunde 8 maͤlde Adrian Brauwers die Meermannſ Sammlung ziert. — 8₰ Pygmalion's Bilbd. GEia p hantartst ac. —/ Lor du? rief der entzuͤckte Känftler, als die Marmorbruſt ſich bewegte und zwei weiche Arme ihn umfaßten. Lebſt du holde Geſtalt, die als fluͤchtige Erſcheinung in mri⸗ nen einſamen Traͤumen mir begegnete, bis ich den kalten Marmor zwang, dein liebes Bild feſtzuhalten?— Ja, du deüft Mein Fiehen und meine Thraͤnen ſind zu Chro⸗ nion's Thron gedrungen; mit des Lebens heiligem Feuer hat er das todte Werk des Bildners begabt. Mein uſß du⸗ Weſa nes Weſens! Verwundert blickte die ſine Geftu— doch ſchweigend, bald den Redenden an, bald — 256— ſich ſelbſt, bald die ſtummen und unbeweg⸗ lichen Geſtalten der Goͤtter und Heroen, welche Pygmalions Werkſtatt zierten. Wer bin ich? Wer biſt du? fragte ſie 1 jetzt, indem ſie furchtſam gleich einem Kinde einige Schritte vorwaͤrts ging, dann im Wonnegefuͤhl der ihr verliehenen Kraft der Bewegung das ſchoͤne Haupt wendete und die Arme an die volle Bruſt druͤckte. Und wer ſind dieſe hier? fragte ſie weiter, indem ſie eine der Statuen beruͤhrte, und dann ſchnell die bebende Hand zuruͤckzog. Warum ſind dieſe ſo kalt und bleich? Warum ich ihre Arme, warum bewegt ſich e nicht? Warum toͤnt nicht derſelbe Klang von i ten Lippen, der von den dei⸗ nigen mich ſo entzuͤckt? Da kuͤßte der gluͤckliche Künſtler den Mund der ſe ooͤnen Unwiſſenden und ſprach: 1 ſen Koͤrgern; bewußtlos ſind ſie, wie die 1 — ñͦ--—— wirſt, wenn du laͤchelſt oder 3 — 257— 8 harte kalte Maſſe, aus der ich ſie formte; kein Blut rollt in ihren Adern und faͤrbt ihr Angeſicht; kein Hauch geht aus ihrem Munde, zur lieblichen Rede ſich geſtaltend; ſie ſeufzen nicht, wenn mein Arm ſie zer⸗ ſchlaͤgt! Aber wir leben, wir ſind, meine Geliebte! Wenn ich dich hinausfuͤhre aus dieſem Gemach in den Tempel der Natur, und du ſiehſt die ſtrahlende Sonne und den klaren Himmel, das Blau der Berge und den voruͤberrollenden Strom, das Gewimmel der Thiere, die bluͤhenden Baͤume und farbi⸗ gen Blumen; wenn du von Freude oder Schmerz, von Liebes r Sthnſucht bewegt weinſt, wenn die Gedanken einer fremden Seele in die deinige uͤbergehn: dann fuͤhlſt du die hohe Bedeutung des Wortes Leben! Sage mir, ſprach ſie, war ich denn auch einſt leblos, wie dieſe Geſtalten hier? Du warſt es! Gefragte. 38 Lange trug ich dein ſcchönes Bild im Her⸗ zen; ich verachtete die Reize aller Maͤdchen, die dieſes Inſelland bewohnen, und huldigte nur dir und hetete dich an. Aber noch warſt du koͤrperloſer Gedanke. Da rang ich deine Geſtalt dem Marmor ab, in ſchoͤner Vollendung ſtand dein Bild vor mir, doch die Sehnſucht meiner Bruſt war nicht ge⸗ ſtillt und Glut verzehrte mein Innres wie zuvor. Ich ließ die Thore meines Pallaſtes verſchließen und bewaͤchte dich Tag und Nacht, damit Keiner dich mir entfuͤhre; ich umſchlang deine ſtarren Glieder und bat Sendet, unſterbliche Goͤtter, aus ſchwuͤler Luft einen mitleidigen Blitz, der mich nieder⸗ ſchmettre mit der Geliebten, oder belebt die⸗ ſes Weid, wie ihr einſte Seukalions Steine belebtet— Und ich hoͤrte fernes Rollen ich ſah die blaue Flamme niederſtuͤrzen; feſter umſchlang ich deinen Leib, vereint mit dir in die Nacht des To⸗ des zu ſinken, aber die Goͤtter hatten nicht Tod geſendet, ſondern Leben!— O du, meine Koͤnigin, meine Geliebte,— Litho⸗ genla nenne ich dich, weil du aus Stein gebildet wurdeſt— komm und laß uns den guten Goͤttern opfern!— Er hüͤllte ſie in ein koͤnigliches Gewand und fuͤhrte ſie durch die prachtvollen Säͤle und Gemaͤcher des Pallaſtes, die mit ſuͤßen Wohlgeruͤchen ſich fuͤllten, und das Heer der Sklaven und Sklavinnen beugte ſich in den Staub, die hes der holdſeligen Ge⸗ bieterin zu vernehmen. du Geliebte! ſagte er— und ſoll ein Freuden⸗ und Dankfeſt auf der Inſel Cypern verherrlichen. Die Thore des Pallaſtes ſollen geöffnet werden, die Gefange⸗— nen frei ſein, Spiele ſollen beginnen i feſtliche Taͤnze, Jube 1 . — 260— und Thaͤler, wie damals, als Aphrodike dem Schaum des Meeres entſtiegen dieſes gluͤck⸗ ſelige Eiland zuerſt betrat, und in Jubel be⸗ rauſche das Volk ſich, mitfuͤhlend das Gluͤck ſeines Herrſchers! Und ſchon ſtroͤmte das Volk durch die Pforten des Pallaſtes und ſammelte ſich im geraͤumigen Thronſaale und ſtand erwartend, bis der Koͤnig mit der holdſeligen Koͤnigin eintrat. Da riß Ein Laut der Bewunde⸗ rung von Aller Lippen ſich los, und Alle ſanken nieder und huldigten der Schoͤnheit und riefen: Heil und Segen moͤgen die Götter dem Koͤnige verteihen und ſeiner ſchoͤnen Gefährtin!——. Aber unbeweglich ſtand im Sentergrunde des Saales Keranthes, der weiſe Seher⸗ ſein Geſicht mit dem Mantel verhuͤllend. So ſtand er noch, als die Menge ſich ver⸗ laren hatte, und der Koͤnig, der ihn gewahr — 261— Freudeloſer! Was ſagen die Gättes zum Gluͤck Pygmalions? Da enthuͤllte der Seher das finſtre An⸗ geſicht und ſprach, dem Throne langſam voruͤberſchreitend: Gluͤcklich war noch kein Sterblicher— das leicht ge⸗ waͤhrte Geſchenk entziehen die Goͤt⸗ ter eben ſo leicht wieder— ſie ver⸗ wandeln ſchnell die Freude in Leid 1 und den Jubel in Klage:— darum frohlocke nicht! Mi lor ſich die finſtre niedergebe den Säulenhallen.“ 3 Seine Beſtuͤrzi ng Koͤnig, indem er die elie Achte nicht die Worte des finſtern Traͤumers, der bei heiterm Himmel Teee hoͤrt! — 262— und er trat mit Lithogenien in den ſchattigen Hain, der wie ein bluͤhender Kranz den Pallaſt umſchloß, er fuͤhrte ſi ſie an die heimliche Stelle, die er ſo oft mit Thraͤnen der Sehnſucht befeuchtet hatte. Ein Roſen⸗ und Myrthengebuͤſch umhuͤllte das ſtille Plaͤtzchen, der Goldglanz der Abendſonne ſtahl ſich durch die verſchraͤnk⸗ ten Zweige, leiſe rauſchte die Felſenquelle und die Nachtigan begann ihr Liebeslied. Da wurde der wei he Raſen den Liebenden zum Brautlager nd das leichte Voͤlkchen der Amoretten ſe elte wie Abendluft durch die wankenden Zweige. Aber wiee Pygn alion! fragte er 7, als er mehrere Tage in Liebe geſchwelgt hatte, bloß dem Eros huldigeſt du: Wiulſt du treulos dich aöwenden von der 3 Funſt, die vermals dein war, wilſt du undankbar ſie hen um Gericht zu halten, a aaf den Marie — 267— im Sturm ſeiner Freude den Trauerblick Lithogeniens, fuͤhrte ſie in ſein Heiligthum und enthuͤllte ſein eben vollendetes Bild. Sieh, Geliebte! ſagte er begeiſtert, wie in dieſer Geſtalt Here's Hoheit und Aphro⸗ dites Liebreiz mit dem heiligen Ernſt der Pallas lieblich verſchmolzen iſt. Wahrlich, haͤtte ſie mit den Goͤttinnen um den Preis der Schoͤnheit gebuhlt, nur ihr haͤtte der Hirt vom Ida den goldenen Apfel zuerkannt! Ja, ſie iſt ſchoͤn! ſagte Lithogenia, ſie iſt ſchoͤner als ich bin! Und ſie ſenkte das verdunkelte Auge, und Pygmalions Schmei⸗ chelreden vermochten nicht die Qualen der Eiferſucht, die ſie im Buſer n fuͤhlte, zu ver⸗ braͤngen. 68 alſo dee fante die Gekraͤnkte ließ er dich einſam, um ſeine todtes Bild zu vergeuden? t kuͤnftig jede ſeiner Umar⸗ mungen eine e Lüge ſein? Mich wird er taͤu⸗ ſchend an ſein Herz ſch chließen und ſn Goͤt⸗ terbild zu umarmen waͤhnen! ⸗* und als am andern Morgen der K5⸗ — — 268— platz ſich begab, erhob ſich Lithogenia und ſprach: Auch ich will unterdeß Gericht hal⸗ ten, ich, die verſchmaͤhte Koͤnigin uͤber die lüuckliche Nebenbuhlerin! 3 Sie riß Pygmalions Schwert aus der Scheide und drang durch die gewaltſam geoff⸗ neke Thuͤr in die Werkſtatt. Du biſt ſchoͤn— ſagte ſie vor dem Bilde verweilend— ſchoͤ⸗ ner als Lithogenia, und das iſt dein Ver⸗ brechen! Wenn er auch dich mit Thraͤnen umarmte, und dein Leben von den Goͤttern for⸗ derte und die Gnaͤdigen erhoͤrten ſein Flehen, und die verſtoßene Lithogenia muͤßte dieſen Aufenthalt ihres sdurzen Gluͤcks verfiſen und Das Ihagia blitzte in ihr einem kraͤftigen Hiebe ſtuͤrzte Haupt von der blendenden und ſank bewußtlos zu Boden.— Indem dies geſchah, ging der finſtere 3 Teranthes dem Richtſtuhl vorüſer, und ſagte, den Arm nach dem Könis e er⸗ 4 hebend: Geſchehn iſt hat 8 . 4 3 — 269— nah' iſt die Rache der beleidigten Goͤtter! Da erſchrak der König, hob das Gericht auf, und eilte in ſeinen Pallaſt. Mit Weh⸗ klagen draͤngte ſich die Dienerſchaft durch das Portal ihm entgegen, ſtumm hindeu⸗ tend nach der Werkſtatt; und hineinſtuͤrzend ſah der Koͤnig zerſchlagen ſein Bild, Litho⸗ genien bleich am Fußgeſtell niedergeſtreckt und neben ihr das entbloͤßte Schwert. Schmerzhaft umſchlang er die zertruͤm⸗ merte Geſtalt und zerfloß in Thraͤnen, doch bald ermannte er ſich und rief im ſchreck⸗ lichſten Grimme zu Lithogenien gewendet: Ha, Verraͤtherin, argliſtige e Schlange, die du mir das Liehſte raubteſt, was ich beſaß, lohnſt du es ſo, daß ich dein Leben von den Goͤttern erbat? Fahre dann hin, Megaͤra, in das Reich her Nacht, dem du entſproſſen!— Und rgriff den blitzenden Stahl, Lithogeniens Herz zu durchſtoßen. Da verdraͤngte grauenvolle Finſterniß das Licht des Tages und vom rollenden Donner begleitet rief eine Stimme dem 4 4 Bebenden je iſt in der Hand der =— 270— Goͤtter! Aber du, wahnſinniger Sterblicher, der du es vergaßeſt, daß ein ſchoͤnes Weib kein ſchoͤneres neben'e ſich duldet, verſuche nicht wieder den Him⸗ mel mit thoͤrichten Bitten!— Als Pygmalion aus ſeiner Betaͤubung erwachte, ſtand Lithogenia vor ihm wieder in Marmor verwandelt, doch nicht mit den⸗ ſelben Zuͤgen, die der Kuͤnſtler urſpruͤnglich dem Bilde geliehen hatte. Haſſende Liebe und⸗ liebender Haß zeigten ſich in ihrem Ange⸗ ſichte, und wer die Statue ſah, erkannte in ihr die perſonifizirte Ei ferſucht. 8 8 —— Berichtig ung. Es muß durchgaͤngig ſtatt Brucic— Benoic, und ſt ramalot— Lramalot geleſen werden. 59. ſteht Zeile 6. Sthohwärir⸗ ſt. S 3 boßwaͤchter. ——— —— — Bei gleichem Verleger iſt ſeit kurzem eerſchienen: Bergner, Aug., das Rotz vom Libanon. Thuͤ⸗ ringer Sage in vier Buͤchern. Mit zwei ſchoͤnen Vignetten. 8. 1810. Der blaue Schleier. Romantiſche Archivkunde von Aug. Bergner. Mit Kupfer. 1822. Die heiligen Roſen. Romantiſche Erzaͤhlungen aus dem Mittelalter. Herausgegeben von A. Adolf und W. Ferdinand. Mit Kupfer. 8. 1819. 3 4 Die graue Stube auf der Burg Ulmenhauſen, oder das ſtille Kind. Vom Verfaſſer Ura des Wilden. 2 Bde. Mit Kupf. von Noß maͤßler. 3. 1818. Schickſale der Familie Veits von Helmenrodt⸗ Wahre Geſchichte aus dem zwoͤlften Jahr⸗ hundert. 2 Thle. Mit Kupf. 8. 1822. Heinrich von Heimburg und Mechtilde von Treſeburg. Rittergeſchichte aus der erſten Halbſchied des zwoͤlften Jahrhunderts. Vom erfaſſer des Aranzo ꝛc. 8. 1820. Der ſteinerne Sarg im Ulmthale, oder der wan⸗ delnde Geiſt Erichs von Dreieichen. Rit⸗ ter⸗ und Geiſtergeſchichte des dreizehnten Jahrhunderts von A. Q.... ck.(Verfaſſer des Aranzo ꝛc.) Mit Kupf. a. Bde. 8. 1821. Gilling, F. W., Seekonig Ingolf und ſeine Wikinger. Ein Roman der Vorzeit. Mit ſchoͤnem Kupfer. 98.41820. der Fluch. Ein Roman. 2 Thl. Mit Kupfer. 8, 1321. 8— Erzaͤhlungen. 2 Bdchen. Mit Kupf⸗ . 1821. 3 —— Ariſtomenes der Zweite. Eine roman⸗ tiſche Erzaͤhlung. Mit Kupf. 8. 182 1. Baczko, Ludw. v, Geſchichte Paolo Penna⸗ loſa, eines Kloſterbruders, oder es wird eine ewige Vergeltung ſeyn. 8. 1821. etztes Baͤndchen. Mit einem Kupf. 8. 1822 Baezko, Ferd. v., Reiſe von Poſen durch das Koͤnigreich Polen und einen Theil von Ruß⸗ land bis an das Meer von Aßow. Nebſt Bemerkungen uͤber den Ankauf und die Be⸗ handlung der Remonte. Herausgegeben von ſeinem Vater Ludw. v. Baczko. 8. 1821. Perrin von Parnajon, vormal. Hauptmann, Lebenserfahrungen, Unglucksſaͤlle, Feldzuͤge und Reiſen eines Weltbuͤrgers. ⸗ Thle. 8. 1320. Der zweite Band deſſelben enthaͤlt ſehr intereſſante Schilderungen der Albane⸗ ſer, Neugriechen, des Ali Paſcha von Ja⸗ nina, von Conſtantinopel ꝛc. Erinnerungen aus den Jahren 1813 und 1314. Aus dem Tagebuche eines Freiwilligen. 2 Thle.§. 1820.— Schaden, A. v., Theodora, die Leipziger Jun⸗ gemagd; ein hiſtoriſch⸗romantiſches Origi⸗ nalgemaͤlde Hepeniſchen Hochſinnes und Tuͤr⸗ kiſcher Barbarei, aus der yrſten Epoche der gegenwaͤrtigen Juſuͤrrection auf Mo 2 Bde. Mit zwe Norrrfie 3. 1922. Duͤſter und Munter! ein Straͤuschen von Jul. v. Voß und Ad. v. Schaden. Mit Kupfer. 8. 1821. 6 Die Fluͤchtlinge. Romantiſche dunterhaltungen 5 von dem Verfaſſer des Romans Heliodorg. (W. A. Lindau.) Mit Kupfer. 3. 1820. Romantiſche Geſchichten vom Verfaſſer des Komans Heltodorg.(W. A. Lindau.) t. 1819, Zaͤrdens, G., die Vermaͤhlung. Ein Nacht⸗ fuͤck. Mit einem Muſikblatte. 8, 1822. —— die Jahreszeiten der Ehe. Eine Er⸗ zaͤhlung. 8. 1889.. Eduard Muͤllers Leben bis zu ſeiner Verhei⸗ rathung. Herausgegeben von F. W. Gillng. Mit Kupfer. 8. 1821. Gilling, F. W., Erzaͤhlungen. Drittes und b 3 . 3 ſſnſinſſinn ſſſſſiſnnnſnnennmnn 7 8 9 10 11 14 15 1 1 12 13 6