deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offken.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von . ſeden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3— 4. Ahbonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt.. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: „ 3 8„ 5 3„ 4„—. „ 5, Auswärtige Abonnenten haben fur Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. .—————————— auf 1 Monat: 1 Mtr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 wer.— Pf. „ 3 2— 2. — —— ——— Bunte Bilder. Erzaͤhlungen und Skizzen von einigen theils melancholiſchen, theils luſtigen Freunden. 4 Herausgegeben durch Guſtav Joͤrdens. Zweites Baͤndchen. ——— Leipzig, 1824, bei Chriſtian Ernſt Kollmann. Bunte Bilder. Herausgegeben durch Guſtav Joͤrdens. Zweites Baͤndchen. Die Stimme des Blut's. Sohon zwanzig Jahre hatte der Graf von Saint Geran, aus dem Hauſe de la Guiche, mit ſeiner Gemahlin Suſanne von Longaunay in einer unfruchtbaren Ehe gelebt, als unvermuthet bei der Graͤfin gegen Ende Novembers 1640, wo ſie ihre Schwiegermutter, die verwittwete Mar⸗ ſchallin von Saint Geran in Paris, beſuchte, alle Kennzeichen der Schwangerſchaft ſich meldeten, naͤmlich Ohnmachten, Ekel, Er⸗ brechen, Mattigkeit. Dieſe Zufaͤlle ertrug die Graͤfin mit ungemeiner Heiterkeit, weil ihr dadurch die Erfuͤllung ihres ſehnlichſten Wunſches angekuͤndigt wurde. Die Aerzte, oder der Freundſchaft naͤher angehoͤrten, welche den Zuſtand der Graͤfin unterſuchten, beſtaͤtigten ihre Hoffnung, und der Graf, als er die Freudenbotſchaft erhielt, eilte in die Arme ſeiner vielgeliebten Gemahlin und fuͤhrte ſie wie im Triumphe auf ſein Schloß nach Bourbonnois zuruͤck. Alle, die dem graͤflichen Hauſe durch Bande des Blut's nahmen den lebhafteſten Antheil an dieſem frohen Ereigniſſe; auch ſtatteten viele Da⸗ men von Stande der Graͤfin Beſuche ab, und prophezeihten ihr aus ihrem muntern Ausſehen, daß ſie mit einem Sohne nieder⸗ kommen werde. Aber zwei Perſonen befanden ſich im Schloſſe, welche die Freude des graͤflichen Ehepaars nicht theilten. Es waren dies die Marquiſe von Bouille, des Grafen leibliche Schweſter, und der Marquis von Saint Maixant, ein naher Verwandter deſſelben. Die Marquiſe hatte ſich von ih⸗ rem ſiebenzigjaͤhrigen Gemahle getrennt, aus ſo wichtigen Urſachen(wie ſie behaup⸗ tete), daß ſie wohl befugt waͤre, auf Schei⸗ dung zu klagen; wahrſcheinlich aber lag der eigentliche Grund, warum ſie bei ihrem Ge⸗ mahle ſich nicht geſiel, in dem hohen Alter deſſelben. Auf dem Schloſſe ihres Bruders traf ſie mit dem Marquis zuſammen. Dieſer war wegen mehrerer ſchweren Verbrechen, z. B. daß er Falſchmuͤnzer und Zauberer ſei, daß er Blutſchande getrieben, ſeine Frau erdroſſeln laſſen ꝛc., beim Marſchallsgerichte zu Auvergne angeklagt worden, aber durch Flucht der Verhaftung entgangen und hatte ein Aſyl auf dem Schloſſe des Grafen er⸗ halten, weil er dieſem mit den heiligſten Schwuͤren ſeine Unſchuld betheuerte. Der Marquis beſaß auch ein ſo liebenswuͤrdiges Aeußere, daß man die Verbrechen, deren er angeklagt war, ihm gar nicht zutrauen mochte. Ueberhaupt nicht gleichguͤltig gegen weibliche Schoͤnheit, lag er bald als Anbe⸗ ter zu den Fuͤßen der reizenden Marquiſe und beſchwor ſie um ihre Liebe. Die leicht⸗ ſinnige Marquiſe ließ ihn nicht unerhoͤrt; in ſeinen Armen hielt ſie ſich ſchadlos fuͤr die Langeweile, die ſie bisher an der Seite ihres bejahrten Gatten im Eheſande em⸗ pfunden hatte. Schon entwarfen ſie Plaͤne fuͤr die Zu⸗ kunft. Die Marquiſe rechnete darauf, daß ihr Bruder kinderlos verſterben und ſie da⸗ durch zum Beſitz einer bedeutenden Erbſchaft gelangen werde; ſie rechnete zugleich bei dem hohen Alter ihres Mannes auf deſſen baldi⸗ gen Tod, dann ſollte das Band der Ehe ſie mit dem Marquis verbinden. Die eine die⸗ ſer Hoffnungen ſah ſie jetzt durch die Schwan⸗ gerſchaft der Graͤfin zu Grunde gehen. Miß⸗ muthig verließ ſie eines Tages das Schloß, um die fortwaͤhrenden Aeußerungen der Freude nicht zu hoͤren, die ihren Ohren ein Mißklang waren, und ging in den Park. Der Marquis folgte ihr. Warum ſo miß⸗ muthig, Liebe? fragte er. Sie. Koͤnnen Sie fragen, Marquis? Die Reichthuͤmer meines Bruders gehoͤren kuͤnftig dem Kinde, deſſen Geburt erwartet wird; unſere Hoffnungen ſcheitern. Er. Nicht verzagt, Marquiſe! Wie leicht moͤglich iſt es, daß das Kind todt zur Welt kommt, oder daß ſein Lebenslicht nur einige Augenblicke flackert. Es iſt wahr⸗ ſcheinlich, daß der Fall, welchen die Graͤfin vor einigen Wochen that, dem Kinde ge⸗ ſchadet hat. Sie. Sie taͤuſchen ſich; der Arzt und die Hebamme behaupten das Gegentheil; ſelbſt die Graͤfin verſichert, das Leben des Kindes zu empfinden. Marquis, iſt Ihnen der uns drohende Verluſt gleichguͤltig? Sie wiſſen ja, was ich verliere, verlieren Sie mit. — 10— Er. Allerdings ein aralar Streich des Schickſals. Sie. Und Ihr erfinderiſcher Kopf zeigt Ihnen kein Mittel an, wie dieſer Verluſt abzuwenden waͤre? Er. Verſteh' ich Sie recht, Marquiſe? — Mit Klugheit und Gold laͤßt ſich aller⸗ dings viel ausrichten. Sie. Das letztere erhalten Sie von mir, denn die Kaſſe meines Bruders iſt mir nie verſchloſſen, wegen der erſtern rechne ich auf Sie, Marquis! Er. Wir verſtehn uns, Theuerſte!— Wohlan denn, ſo laſſen Sie mich der Sache reiflich nachdenken. Vielleicht bin ich in Kurzem ſo gluͤcklich, Ihnen eine erfreuliche Mittheilung machen zu koͤnnen. Sie trennten ſich und der Marquis bruͤ⸗ tete uͤber einem Plane, wie vielleicht nie einer ſchaͤndlicher entworfen worden. Das Kind, mit welchem die Graͤfin ſchwanger — 4 †— ging, ſollte, ſo wie es das Licht der Welt erblickte, der Mutter entfremdet, oder wenn dies nicht gelaͤnge, umgebracht wer⸗ den. Dies war die That, deren Ausfuͤhrung den Marquis beſchaͤftigte. Allein konnte er ſie nicht vollbringen, das war ihm ein⸗ leuchtend; er mußte Helfershelfer haben, und dieſe ſollten durch das Gold der Mar⸗ quiſe erkauft werden. Die Hebamme Louiſe Goillard und der Schloßaufſc⸗ her Baulieu, dies waren die Perſonen, deren Beiſtand der Marquis zur Ausfuͤhrung ſeines Bubenſtuͤcks nicht entbehren konnte. Erſt pruͤfte er ſorgfaͤltig ihre Geſinnungen, dann ließ er ihnen durch hingeworfene Worte ſeinen Plan errathen, endlich, als er voll⸗ kommen uͤberzeugt zu ſeyn glaubte, daß er nichts mehr zu wagen habe, enthuͤllte er ih⸗ nen ſein ganzes Vorhaben. Durch die Zu⸗ ſicherung einer reichlichen Belohnung fur ih⸗ ren Beiſtand waron die ſeilen Seelen leicht gewonnen.. Als der Marquis ſeine Geliebte vo Erfolge ſeiner Bemuͤhungen in Kenntniß ſetzte, aͤußerte ſie die lebhafteſte Freude, doch beſaß ſie noch ſo viel menſchliches Ge⸗ fuͤhl, daß ſie ſagte: Marquis, thun Sie, was die Umſtaͤnde gebieten; aber ſtrengen Sie Ihren Verſtand an, ein Mittel ausfin⸗ dig zu machen, wie das Kind entfernt wer⸗ den kann, ohne daß wir unſere Gewiſſen mit einem Morde belaſten duͤrfen. Laͤchelnd erwiederte der Marquis: Sie haben Recht, Liebe! Unſere Gewiſſen muͤſſen wir ſchonen. Am 16. Auguſt 1641 empfand die Graͤ⸗ fin, als ſie in der Schloßkapelle die Meſſe hoͤrte, die Anzeigen ihrer nahen Entbindung. Man brachte ſie nle auf ihr Zimmer, und die Marſchallin, welche ſich ſchon ſeit einigen Wochen auf dem Schloſſe ihres Soh⸗ nes befand, kleidete ſie mit eigener Hand an, — 13— wie man Frauen bei bevorſtehender Nieder⸗ kunft anzukleiden pflegt. Man holte die Windeln fuͤr das Kind, rief die Wehmutter herbei und traf jede noͤthige Anſtalt. Der Marquiſe war es ungelegen, daß die Mar⸗ ſchallin und einige andere Damen von der Bekanntſchaft der Graͤfin ſich im Zimmer be⸗ fanden. Sie mußte dieſe entfernen und nahm deswegen zu erheuchelter Zaͤrtlichkeit ihre Zuflucht. Die Menge der Anweſenden, ſagte ſie, vermehre die Hitze, die ohnehin (es war, wie erwaͤhnt, im Auguſtmonat) unertraͤglich ſei; das Geſpraͤch und Hin und Hergehen im Zimmer muͤſſe der Graͤfin aͤu⸗ ßerſt unangenehm ſeyn; am beſten alſo, wenn die Graͤfin blos der Sorgfalt der Hebamme uͤberlaſſen werde, die Uebrigen aber ſich ent⸗ felnten... mm„ „Die Marſchallin ſtimmte der Aeu⸗ berung der Marquiſe bei und verließ das Zimmer, die uͤbrigen Damen folgten ihr, und ſo war die Graͤfin ganz der tauen Hebamme uͤberlaſſen. 8 m Als die Entbindung unter vielen Schwie⸗ rigkeiten bis gegen ſieben Uhr Abends Iſich verzoͤgerte, ſagte die Hebamme zur Graͤfin, ſie werdendie Schmerzen nicht laͤnger ertra⸗ gen, wenn man ihr nicht einige Ruhe ver⸗ ſchaffe. Sie bereitete daher einen Schlaß⸗ trunk, reichte ihn der Graͤfin und bald darauf ſiel dieſe in einen tiefen Schlummer. Von Zeit zu Zeit kam der Graf, ſeine Schweſter und die Marſchallin an die Thuͤr des Zim⸗ mers und erkundigten ſich, wie es um die Graͤfin ſtehe. Die Wehmutter gab ihnen die beruhigendſten Verſicherungen, nur bat ſie, alle Stoͤrung zu vermeiden, da die Graͤfin eben in einem erquickenden Schlummer liege. Auch der Marquis kam an die Thuͤr und fluͤ⸗ ſterte mit der Hebamme, Sie ſagte ihm, die Graͤfin werde wahrſcheinlich in einigen Stunden niederkommen; durch den erhalte. nen Schlaftrunk bewußtlos, werde der Au⸗ genblick der Niederkunft ihr unbemerkt vor⸗ aͤbergehen. Baulieu ſolle ſich daher in der Naͤhe halten und das Kind in Empfang neh⸗ men; die weitern Maasregeln uͤberlaſſe ſie dem Marquis; ſie wolle, wenn die Graͤfin erwache, das Ihrige thun, um ſie zu uͤber⸗ reden, daß ihre Miederkunſt noch niht er⸗ folgt ſei. Der Marquis konnte ſich das Gewegne ſeines Unternehmens nicht verbergen; auch entging es, als er in das Geſellſchaftszimmer zuruͤckkehrte, den Blicken der Marquiſe nicht, daß er unruhig und verſtoͤrt ſei; ſie wurde dadurch ſelbſt beunruhigt, er bemerkte dies und nahm deswegen eine Gelegenheit wahr⸗ um ihr heimlich zu ſagen, daß Alles wohl vorbereitet ſei. Dann ſuchte er den Bau⸗ lieu auf und ertheilte ihm die noͤthigen An⸗ weiſungen. Der Graf und die Marſchallin kamen unterdeß wiederholt und erkundigten ſich nach dem Zuſtande der Graͤfin. Die Weh⸗ mutter beruhigte ſie abermals mit der Ver⸗ ſicherung, daß die Woͤchnerin nach der vie⸗ len Anſtrengung in einen wohlthuenden Schlaf gefallen ſei; ſie ſagte zugleich, die Niederkunft werde aller Wahrſcheinlichkeit nach erſt des naͤchſten Morgens erfolgen. Hier⸗ durch wollte ſie vor der Hand weitern Nach⸗ fragen vorbeugen, um ungeſtoͤrt ihr Vorhus ben ausfuͤhren zu koͤnnen. an Es verging auch keine Stunde mehr, ſo wurde die Graͤfin waͤhrend ihres feſten Schlafs leicht und ſchmerzlos von einem Knaben entbunden. Die Wehmutter legte nun das Kind eingewickelt in ein Koͤrbchen und uͤbergab es dem Baulieu, welcher drau⸗ ßen auf der Lauer ſtand. Dieſer trug den Neugebornen auf das Zimmer des Marquis von Saint Maixant. Der Marquis konnte, als er das Kind in ſeiner Gewalt ſah, die heftigſte Gemuͤthsbewegung nicht unterdruͤk⸗ ken. Mit einem Entſchluſſe kaͤmpfend, ſchritt er einige Male im Zimmer haſtig auf und nieder, dann ſtand er vor dem Kinde ſtill. Du ſollſt nicht ſterben! ſagte er. Dein Leben iſt mir vielleicht nuͤtzlicher, als Dein Tod. Und leiſer ſetzte er hinzu: Du ſollſt mir die Treue der Marquiſe verbuͤrgen!— Dann wandte er ſich zu Baulieu: Du weißt, ſagte er, wie reichlich Dein Dienſt Dir vergolten werden ſoll, alſo verlaſſe ich mich auf Dich. Nimm dieſes Kind und entferne es noch in dieſer Nacht aus dem Schloſſe, uͤbergieb es einige Meilen von hier einer Amme, belohne ſie reichlich im Voraus(hier haſt Du meine Boͤrſe), ſag' ihr, daß ihre Sorgfalt kuͤnftig noch beſſer vergolten werden ſolle, ſag' ihr, es ſei das uneheliche Kind einer Verwandtin von Dir; empfiehl ihr Verſchwiegenheit; thue Alles, was die Bewahrung unſers Geheim, II. Bdchn.. B. niſſes ſichert. Ich baue ganz auf Dich, Bau⸗ lieu. Das koͤnnen Sie ſicher, Marquis! ver⸗ ſetzte Baulieu. Nur vergeſſen Sie Ihre Verſprechungen nicht.— Er entfernte ſich mit dem Kinde, ſetzte ſich zu Pferde und ver⸗ ließ im Schatten der Nacht das graͤfliche Schloß. Es war gegen Morgen, als die Graͤfin erwachte. Ihre Kraͤfte waren erſchoͤpft und ſie fuͤhlte die Laſt nicht mehr in ihrem Leibe, von welcher ſie vorher beſchwert worden war. Nicht zweifelnd, daß ſie entbunden worden ſei, fragte ſie: Wo iſt mein Kind?— Die Weh⸗ mutter verſetzte: Graͤfin, Sie taͤuſchen ſich, Ihre Entbindung iſt noch nicht erfolgt. Ich nicht entbunden? rief die Graͤfin. Wie kannſt Du mein Gefuͤhl Luͤgen ſtrafen? Wie kannſt Du denken, daß ich Deinen Worten Glauben beimeſſen werde? Gieb mir mein Kind. Willſt Du mir es vielleicht verheimlichen, weil es todt zur Welt kam? Reiche mir es, ich will ſtark ſeyn, ich will vor ſeinem blaſ⸗ ſen Angeſichte nicht erſchrecken!— Indem die Hebamme der Graͤfin auf's Neue betheuerte, daß ſie noch nicht entbun⸗ den worden ſei, trat der Graf mit ſeiner Mutter in's Zimmer. Die Hebamme ſagte ihnen gleich, die Graͤfin ſtehe in der Einbil⸗ dung, daß ihre Geburt erfolgt ſei, und ver⸗ lange ihr Kind; ſie moͤchten ſie zu beruhigen ſuchen, damit durch die heftige Gemuͤthsbe⸗ wegung kein Nachtheil fuͤr die Leibesfrucht entſtehe. Die Marſchallin ſprach ihr zu, allein die Graͤfin behauptete fortwaͤhrend mit zuverſichtlicher Hitze, daß ſie bereits niedergekommen ſei. Da jedoch der Graf und die Marſchallin auch nicht die leiſeſte Ahnung von dem begangenen Verbrechen hatten, ſo trauten ſie den Worten der Heb⸗ amme und hielten die Aeußerungen der Graͤfin fuͤr Nichts, als eine durch den Ba. ree — gereizten Zuſtand derſelben hervorgebrachte Einbildung. r 1et r Es verging wieder ein Tag und eine Nacht. Des folgenden Morgens fragte die Graͤfin aufs Neue nach ihrem Kinde. Die Hebamme verſicherte ihr, der Neumond wi⸗ derſetze ſich ihrer Entbindung; man muͤſſe den abnehmenden Mond erwarten. Die Graͤfin aber blieb ſtandhaft bei ihrer Be⸗ hauptung, ſo daß endlich der Graf ſich nicht erwehren konnte, bedenklich und un⸗ ruhig zu werden; allein die Marſchallin⸗ verſcheuchte dieſe Unruhe, indem ſie er⸗ zaͤhlte: ſie entſinne ſich, daß im neunten Monate einer ihrer Schwangerſchaften alle Vorlaͤufer der Entbindung ſich eingeſtellt. haͤtten, demungeachtet aber ſei dieſelbe erſt ſechs Wochen ſpaͤter erfolgt. Der Marquiſe von Bouille war dieſe Erzaͤhlung ſehr an⸗ genehm, denn ſie benutzte ſolche, um durch Anwendung aller ihrer Ueberredungskraft der Graͤfin glauben zu machen, daß das Naͤmliche bei ihr der Fall ſei. Doch ent⸗ ſprach der Erfolg keinesweges ihren Bemuͤ⸗ hungen, denn hartnaͤckig blieb die Graͤfin bei ihrer Meinung und ſchien nicht geſon⸗ nen, ſie aufzugeben. Die Wehmutter war nicht wenig in Aeng⸗ ſten. Sie hatte den Argwohn des Grafen zu fuͤrchten, denn nur zu viel Umſtaͤnde ſprachen fuͤr die Niederkunft ſeiner Gemah⸗ lin; ſie ſuchte daher alles Moͤgliche hervor, um dem Verdachte einer treuloſen und ver⸗ brecheriſchen Handlung, deren man ſie zei⸗ hen koͤnnte, zu entgehen. Unvermerkt hatte ſie bereits der Graͤfin ein Mittel eingegeben, wodurch die Milch aus den Bruͤſten vertrie⸗ ben wurde. Weil aber die Graͤfin nicht auf⸗ hoͤrte, zu behaupten, daß ſie entbunden ſeyn muͤſſe, ſo beſchloß die Hebamme, ihr den Tod zu verurſachen. Sie ſagte naͤmlich: das Kind habe bereits die erſten Anſtrengun⸗ gen angewandt, um an's Tageslicht zu kom⸗ men; da es aber noch an den Nieren hinge, ſo muͤſſe die Graͤfin ſich eine heftige Bewe⸗ gung machen, um es loszureißen. Die Graͤfin wollte ſich zu dieſem Verſuche nicht verſtehen, allein die Marſchallin und die Marquiſe baten ſo inſtaͤndig, daß ſie ſich endlich entſchloß. Sie wurde in eine Kutſche gebracht und auf umgeackerten Feldern und in Hohlwegen umhergefahren. Waͤre die Graͤfin nicht von ſehr feſter Leibesbeſchaffen⸗ heit geweſen, ſo wuͤrde ihr, als einer kuͤrz⸗ lich niedergekommenen Frau, dieſe grau⸗ ſame Spazierfahrt gewiß den Tod verurſacht haben; ſo aber hatte ſie keine ſchlimmen Folgen. Der Graf und die Marſchallin harrten indeſſen, durch die Verſprechungen der Weh⸗ mutter getaͤuſcht, ungeduldig auf der Graͤfin Entbindung, allein es verging ein Tag nach dem andern, eine Woche nach der andern, — 23— es kam ein Monat heran und ſie erfolgte nicht. Zuletzt erklaͤrte die Hebamme gera⸗ dezu, die Graͤfin ſei nicht ſchwanger, und der Zuſtand derſelben bezeugte es unwider⸗ leglich. Der Graf und die Marſchallin trauerten ihrer vernichteten Hoffnung wegen, und nach Verlauf von ſechs Wochen glaubte man, trotz aller Umſtaͤnde, welche klar das Gegentheil zu beweiſen geſchienen hatten, daß die Schwangerſchaft der Graͤfin blos in ihrer Einbildung exiſtirt habe, weil ſie ſolche gewuͤnſcht. Man beruhigte ſich durch Bei⸗ ſpiele von Frauen, die, obgleich ſie nicht ſchwanger geweſen, doch ſchwanger zu ſeyn geglaubt hatten, und mehrere Monate in dieſem Irrthum geblieben waren. Die Graͤ⸗ fin, als ſie ſah, daß Niemand ihrer Mei⸗ nung werden wollte, verbarg ihr Gefuͤhl, weinte im Stillen, und ſuchte Troſt in der heiligen Schrift. Wir verfolgen nun das Schickſal des Kindes. Baulieu hatte ſich mit demſelben zuerſt nach dem Flecken des Echorolles begeben, eine Meile weit vom Schloſſe des Grafen entfernt. Hier hielt er ſich nur kurze Zeit auf, indem er blos dem Knaben bei einer Amme, Namens Gautier, die Bruſt reichen ließ. Nachher ſetzte er ſeine Reiſe an der Seite von Auvergne fort, und kam gegen Mittag in dem Staͤdtchen du Che an, wo die Frau im Hauſe, in wel⸗ chem er abſtieg, das Kind ſtillte, und daſ⸗ ſelbe, weil es noch blutig war, in warmem Waſſer badete. Von hier nahm er ſeinen Weg nach dem Staͤdtchen Descoutoux, wo, wie er wußte, die Marquiſe von Bou⸗ ille ein Schloß beſaß, welches ſie von Zeit zu Zeit beſuchte. Er ließ das Kind durch eine gewiſſe Gabriele Mainiot ſtillen, und bewog ſie durch ſein Gold, das Kind zur Erziehung zu behalten. Er ſagte ihr, was er auch an den andern Orten ſchon vor⸗ — 25— gegeben hatte, das Kind ſei eine Frucht ver⸗ botener Liebe, und muͤſſe, um den Fehltritt der Mutter zu verbergen, geheim erzogen werden. Die Mainiot machte jedoch die Bedingung, daß er jede Woche einmal nach dem Kinde ſich erkundigen, und im Fall ſie Gruͤnde habe, es nicht laͤnger zu behalten, es ſogleich wieder zuruͤcknehmen ſolle; ſonſt werde ſie der Obrigkeit Anzeige machen. Baulieu ging Alles ein und verſprach zu kom⸗ men, dann begab er ſich ſchleunigſt auf den Ruͤckweg, um dem Marquis Bericht zu er⸗ ſtatten. Seine Entfernung konnte nicht be⸗ fremden, da er ſchon geſtern von einer vor⸗ habenden Geſchaͤftsreiſe geſprochen hatte. Der Marquis war mit Baulieus Verfahren zufrieden, aber die Marquiſe nicht ganz. Descoutoux, meinte ſie, ſei zu nahe, Entdeckung leicht moͤglich; weit beſ⸗ ſer und ſicherer, wenn das Kind in Paris untergebracht werden koͤnne. Dem Mar⸗ quis war dies ſelbſt einleuchtend, Er gab alſo dem Baulieu den Auftrag, naͤchſtens das Kind von der Mainiot wieder wegzu-⸗ nehmen und es irgendwo in Paris unterzu⸗ bringen, wobei er ihn aufs Neue mit Gelde verſah. Zufolge dieſes Befehls begab ſich Baulieu, wieder eine Geſchaͤftsreiſe vor⸗ ſchuͤtzend, nach Descoutoux. Gut, daß Ihr kommt! ſagte die Mainiot. Ich habe ſchon auf Euch gewartet. Durch die Be⸗ lohnung, die Ihr mir gabt und fuͤr die Zu⸗ kunft verſpracht, ließ ich mich zwar im Au⸗ genblick uͤberreden, das unbekannte Kind zu mir zu nehmen; wollt Ihr mir aber ferner⸗ hin den Namen des Vaters und der Mutter verſchweigen, wollt Ihr mir nicht ſagen, wohin ich mich zu wenden habe, wenn ich von dem Kinde Nachricht ertheilen will, und wo ich das Erziehungsgeld, wenn Ihr es mir nicht puͤnktlich uͤberbringt, abholen kann; ſo behalt' ich es nicht laͤnger, um allen Un⸗ annehmlichkeiten zu entgehen, welchen ich mich ſonſt leicht ausſetzen köoͤnnte. Baulieu ſagte ihr, er ſei gekommen, das Kind wie⸗ der abzuholen, und ſie damit aller Sorgen zu uͤberheben. Zugleich gab er ihr noch Geld und nahm ihr das Geluͤbde der tiefſten Verſchwiegenheit ab. Die Unterbringung des Kindes in Paris hatte keine Schwierigkeit. Ein Bruder Baulieus, welcher dort Fechtmeiſter gewe⸗ ſen, war vor einiger Zeit in einem Duell erſtochen worden, und hatte eine Wittwe, Maria Pigoreau, und einen Sohn, Namens Anton, hinterlaſſen. Ein zwei⸗ ter Sohn, Heinrich getauft, erblickte erſt nach des Vaters Tode das Licht der Welt, ſtarb aber kurze Zeit nach der Geburt. Die Pigoreau lebte in den duͤrftigſten Um⸗ ſtaͤnden und war daher durch das Verſprechen eines bedeutenden Erziehungsgeldes von Baulieu leicht gewonnen, den Knaben zur Pflege zu ſich zu nehmen. Bis jetzt hatte man die Taufe des Kin⸗ des aufgeſchoben, aus Furcht, es moͤchte ſeine Herkunft verrathen werden. Jetzt fand die Pigoreau Gelegenheit, es ohne Aufſehn und ohne daß ſie des Vaters und der Mutter Namen anzugeben brauchte, in der Johanniskirche am Strande taufen zu laſſen. In das Taufregiſter wurde Folgen⸗ des eingetragen:„Den 7. Maͤrz 1642 iſt Bernard, ein Sohn des... und der .. getauft worden. Seine Pathen wa⸗ ren Maur Marmion, der Todtengraͤber, und Jeanne Chevalier, die Wittwe des Pi⸗. erre Thibou.“ Baulieu hatte der Pigoreau geſagt, das Kind, welches er ihr uͤbergebe, ſei der Sohn eines vornehmen Herrn, welcher ge⸗ wiß, wenn ſie es an Sorgfalt nicht fehlen laſſe, die Erzieherin anſehnlich belohnen werde. Um nun das Geheimniß der Her⸗ kunft des Kindes noch mehr zu verſtecken, gerieth ſie auf den Einfall, daſſelbe fuͤr das ihrige auszugeben; ſie legte deshalb dem Sohne des Grafen, obgleich er Bernard ge⸗ tauft worden, den Namen ihres verſtorbe⸗ nen Sohnes Heinrich bei, und zog, um allen Nachfragen und moͤglichen Verlegen⸗ heiten vorzubeugen, aus dem Viertheile der Stadt, wo ſie bisher gewohnt, in ein ande⸗ res, wo Niemand ſie kannte. Dieſen Vor⸗ theil hat Paris vor andern Staͤdten, daß wenn man aus einem Viertheil in das an⸗ dere, aus dieſem Kirehſpiele in ein entfern⸗ teres ſich begiebt, man dort in ein ganz neues Verhaͤltniß treten kann, ohne von ir⸗ gend Jemand an das fruͤhere erinnert zu werden. Jetzt, nachdem die Pigoreau faſt andert⸗ halb Jahre lang das Kind bei ſich gehabt hatte, wollte ſie mit dem Erziehungsgelde, welches fruͤher beſtimmt und ihr durch einen Gewuͤrzkraͤmer in Paris regelmaͤßig ausge⸗ zahlt worden war, ſich nicht mehr begnuͤgen. Sie verlangte mehr und gerieth daruͤber mit Baulieu, als dieſer ſie einsmals beſuchte, in einen Wortwechſel, welcher zur Folge hatte, daß Baulieu das Kind von ihr weg⸗ zunehmen beſchloß. Baulieu naͤmlich hatte bei dieſem Han⸗ del ſich ſehr wohl bedacht, und der Pigoreau eine weit geringere Summe, als er durch den Marquis erhielt, als Erziehungsgeld gegeben. Jetzt gedachte er durch dieſe An⸗ gelegenheit noch mehr zu profikiren. Er wollte naͤmlich das Kind mit ſich auf das Schloß des Grafen nehmen und ſelbſt erzie⸗ hen. Der Marquis und die Marquiſe, ſo ſchloß er, wuͤrden ihm nicht nur willig das vorige Erziehungsgeld zahlen, ſondern viel⸗ leicht, um nur ihr Verbrechen nicht verra⸗ then zu ſehen, noch ein Betraͤchtliches zu⸗ ſetzen. Einſtweilen ließ zwar Baulieu das Kind noch in der Pflege der Pigoreau, da es erſt in der Mitte des Monats war, fuͤr welchen ſie bereits das Erziehungsgeld im Voraus erhoben hatte; nach ſeiner Zuhauſe⸗ kunft aber eroͤffnete er dem Grafen, daß er geſonnen ſei, zur Erleichterung ſeiner in duͤrftigen Umſtaͤnden lebenden Schwaͤgerin ein Kind ſeines verſtorbenen Bruders zu ſich zu nehmen und fuͤr deſſen Erziehung zu ſorgen. Der Graf widerrieth ihm dies, weil er ſelbſt ſchon fuͤnf Kinder habe; als aber Bau⸗ lieu bei ſeinem Entſchluſſe beharrte und die kummervolle Lage ſeiner Schwaͤgerin mit den lebhafteſten Farben ſchilderte, hatte der Graf nicht nur nichts dawider, ſondern entkieß ihn vielmehr mit der gnaͤdigen Aeußerung, er be⸗ halte ſich vor, ſelbſt etwas zu den Erziehungs⸗ koſten des Kindes beizutragen. Noch aber ah⸗ nete des Grafen Schweſter und der Marquis nicht das Mindeſte von Baulieus Vorhaben. — —— — 32— Dieſer reiſte nach Paris und kam mit dem Kinde zuruͤck. Schon in mancher Stunde hatte er heftige Gewiſſensbiſſe daruͤ⸗ ber empfunden, daß er durch Habſucht ver⸗ blendet ſich vom Marquis zum Werkzeuge ſeines Verbrechens hatte brauchen laſſen. Er war ſelbſt Vater und hatte ſeine Kinder lieb, wie haͤtte er nicht die Verworfenheit des Raubes, der am Gluͤcke des graͤflichen Ehepaars veruͤbt worden war, fuͤhlen ſollen? Noch mehr, der Graf und die Graͤfin hatten ſich immer mild und freundlich gegen ihn er— zeigt, und dadurch die gegruͤndetſten An⸗ ſpruͤche auf ſeine Dankbarkeit erworben, und er— hatte ihnen mit dem ſchwaͤrzeſten Un⸗ danke gelohnt. Jetzt beruhigte er ſich damit, daß das Kind, wenn auch nicht den Eltern zuruͤckgegeben, doch in das Schloß zuruͤck⸗ gebracht ſei. Als die Graͤfin hörte, daß Baulieu mit dem Kinde angekommen, wollte ſie es ſehen. — 33— Er trug es ſauber angekleidet auf ihr Zim⸗ mer, wo auch der Graf ſich gegenwaͤrtig be⸗ fand. Es war ein ſchoͤnes Kind, hatte große blaue Augen, weiße zarte Haut und feine Geſichtszuͤge, die, ſo unausgebildet ſie auch noch waren, Aehnlichkeit mit denen des Grafen verriethen. Wie die Graͤfin das Kind erblickte, ſtreckte ſie, von einer uner⸗ klaͤrlichen Gemuͤthsbewegung ergriffen, ha⸗ ſtig die Arme nach ihm aus, und das Kind blickte ihr freundlich laͤchelnd in's Auge und verbarg ſchmeichelnd ſein Koͤpfchen an ihrer Bruſt. Die Graͤfin druͤckte es innig an ihr Herz und eine heiße Thraͤne entſiel ihrem Auge. Es war die Stimme des Bluts und der Natur, die in ihrem Buſen redete. Ge⸗ zwungen, zu glauben, daß eine andere Mut⸗ ter dies Kind unter ihrem Herzen getragen habe, fuͤhlte ſie doch, indem ſie das Kind an ſich druͤckte, Alles, was eine Mutter nur fuͤh⸗ len kann, wenn ſie ihr geliebtes Kind umarmt. II. Bdchn. C — 34— Auch der Graf fuͤhlte ſich ungewoͤhnlich be⸗ wegt, und als er die Thraͤne aus dem Auge ſeiner Gemahlin gleiten ſah, wollte er ihr das Kind entziehen; aber ſie hielt es feſt. O laß es mir! rief ſie. Dieſes Kind erin⸗ nert mich ja an das, welchem ich einſt das Leben zu geben gehofft hatte. Es wuͤrde jetzt eben ſo alt, vielleicht eben ſo ſchoͤn ſeyn! Ach ich Ungluͤckliche, in meiner ſchinſten Hoffnung Betrogene!— Baulieu ſtand in der Ferne und zitterte; ja es erwachte ſogar in dieſem Augenblicke ſein beſſeres Gefuͤhl; er wuͤrde ſich ſeinem Herrn zu Fuͤßen geworfen und Alles bekannt haben, waͤre nicht eben— der Marquis in das Zimmer getreten. Das Erſcheinen deſ⸗ ſelben verſchloß Baulieus Lippen. Kaum hatte der Marquis einen Blick auf das Kind geworfen, ſo erkannte er den Sohn des Gra⸗ fen(die Zuͤge des Kindes waren von damals, als Baulieu das eben geborne zu ihm ge⸗ bracht hatte, ſeinem Gedaͤchtniſſe eingedruͤckt geblieben), er erblaßte und richtete einen verwirrten Blick auf Baulieu, um in ſei⸗ nen Mienen das Geſtaͤndniß des Verraths zu leſen; allein die Graͤfin benahm dem Marquis ſeine Beſorgniß, indem ſie ſagte: das Kind ſei Baulieus Neffe. Als Baulieu nach einer Weile mit dem Kinde ſich wieder entfernt hatte, ging der Marquis ihm nach. Verraͤther! redete er ihn heftig an und faßte ihn bei der Bruſt. Meinſt Du, daß ich das Kind nicht kenne, und daß Deine Abſicht mir nicht klar iſt? Ge⸗ ſteh' es, was ſoll das Kind hier?— Bau⸗ lieu hatte ſich ſchon auf dieſe Frage und die Antwort darauf gefaßt gemacht. Er erzaͤhlte, die Pigoreau habe ſich nicht dazu verſtehen wollen, das Kind laͤnger bei ſich zu behal⸗ ten, er habe auch keine andere Gelegenheit in Paris gewußt, es ſogleich zweckmaͤßig unterzubringen, und es alſo am rathſam⸗ C 2 ſten gefunden, den Knaben hieher in's Schloß zu nehmen, um ihn unter dem Na⸗ men ſeines Neffen, Heinrich Baulieu, ſelbſt zu erziehen. Er fuͤgte bei, der Graf und die Graͤfin wuͤrden nie hinter die Wahrheit kommen und er werde ſich wohl huͤten, durch Enrtdeckung des Geheimniſſes ſich ſelbſt anzu⸗ klagen und in die Haͤnde des Gerichts zu liefern.— Menſch, kann ich Dir trauen? fragte der Marquis und ſah ihm ſcharf in die Augen; denn Furcht iſt jedes Verbre⸗ chens unzertrennliche Gefaͤhrtin und am we⸗ nigſten traut der Verbrecher dem, welcher das Verbrechen ihm ausfuͤhren half. Baulieu verſicherte nochmals, um ſeines eigenen Wohls willen werde er ſtumm ſeyn wie das Grab, und der Marquis fchien nunmehr beruhigt, obgleich Argwohn in ſei⸗ ner Seele zuruͤckblieb. Als die Marquiſe von Baulieus eigenmaͤchtiger Handlungs⸗ weiſe unterrichtet wurde, machte ſie dem Marquis die bitterſten Vorwuͤrfe, daß er des Schloßaufſehers Betragen nicht ſorgfaͤl⸗ tiger beobachtet habe; ſie ſetzte hinzu, daß ſie, ſo lange Baulieu am Leben ſei, in der toͤdtlichſten Angſt ſchweben muͤſſe, das Ge⸗ heimniß von der Herkunft des Kindes an den Grafen verrathen zu ſehen. Der Marquis konnte ſich nicht vollkom⸗ men gegen ihre Vorwuͤrfe rechtfertigen, und als er bemerkte, daß die Graͤfin ſich immer angelegentlicher mit dem Kinde beſchaͤftige, und es oft Stunden lang auf ihrem Zimmer habe, als er erfuhr, daß die Gewalt der Wahrheit dem Baulieu ſo manches verdaͤch⸗ tige Wort entriſſen, z. B. daß er geaͤußert: der Graf und die Graͤfin haͤtten mehr Ur⸗ ſache, das Kind zu lieben, als ſie ſelbſt glaub⸗ ten— daß er ſogar zu einem Steuerkom⸗ miſſaͤr zu Moulins, der ihm Gluͤck wuͤnſchte, weil ſein Neffe vom Grafen und der Graͤfin mit Gunſtbezeigungen und Liebkoſungen uͤber⸗ haͤuft werde, geſagt: Das ſei kein Wun⸗ der, denn er gehe ihnen ſehr nahe an; dabe⸗ ſchloß der Marquis, ſich des unbeſcheidenen Schwaͤtzers zu entledigen. Er brachte ihm ein ſchnell wirkendes Gift bei. Im Todes⸗ kampfe liegend verlangte Baulieu dringend den Grafen zu ſprechen, um ihm ein wichtiges Geheimniß zu entdecken; doch ehe der Graf kam, war Baulieu ſchon verſchieden. Der vermeintliche Neffe des Verſtorbe⸗ nen war indeſſen dem graͤflichen Ehepaare immer theurer geworden; die Graͤfin beſon⸗ ders bewies ihm alle Zaͤrtlichkeit einer Mut⸗ ter. Sie aͤußerte gegen ihren Gemahl den Wunſch, daß er das Kind, welches ihr ſo lieb geworden ſei, erziehen laſſen moͤge, und der Graf, der ſich eben ſo ſehr zu dem Kna⸗ ben hingezogen fuͤhlte, erfuͤllte gern dieſen Wunſch ſeiner Gemahlin. Der Knabe wurde wie ein Kind von Stande erzogen, — 39— 2 und ſeiner koͤrperlichen und geiſtigen Aus⸗ bildung vorzuͤgliche Sorgfalt gewidmet. Baulieus Tod ſchien das Verbrechen in undurchdringliche Nacht huͤllen zu wollen. Der Marquis und die Marquiſe athmeten wieder freier, weil der Mund, durch welchen ſie verrathen zu werden befuͤrchtet hatten, auf ewig verſtummt war. Sie goͤnnten nun gern dem Kinde die Liebkoſungen des graͤfli⸗ chen Paares, da ſie die feſte Ueberzeugung hegten, daß ſeine eigentliche Herkunft nie an's Licht kommen werde. Thoͤrichte Hoff⸗ nung! Durch geringfuͤgige Anlaͤſſe ſind ſchon oft die ſchwerſten Verbrechen, wenn ſie auch viele Jahre lang unentdeckt geblieben waren, verrathen worden. So brach auch hier ploͤtz⸗ lich durch die dunkle Nacht, in welche das Verbrechen gehuͤllt war, ein ſiegender Strahl der Wahrheit. Der Graf beſuchte mit ſeiner Gemahlin und ſeiner Schweſter die Baͤder zu Vichi. In dieſem Staͤdtchen lebte jetzt die treuloſe Hebamme, Louiſe Goillard, welche die An⸗ weſenheit der Marquiſe benutzen wollte, um auf's Neue von ihr fuͤr Geheimhaltung des Verbrechens Geld zu erpreſſen. Die Mar⸗ quiſe beſchwichtigte ſie auch durch einige Gold⸗ ſtuͤke, machte ihr aber zugleich Vorwuͤrfe wegen ihrer Habſucht, und waͤhrend des ziemlich heftigen Geſpraͤchs trat die Graͤfin in's Zimmer. Bei ihrem unvermutheten Eintritt konnte weder die Marquiſe, noch die Hebamme ihre Beſtuͤrzung verbergen; beſonders fiel die Aengſtlichkeit der Hebamme, welche ſich bald entfernte, der Graͤfin auf. Nach dem Weggange der Hebamme fragte die Graͤfin: warum ſie gekommen und wo⸗ von die Rede geweſen ſei? Dieſe Frage kam der Marquiſe ſo unvermuthet, daß es ihr, ſo ſehr ſie auch Meiſterin in der Verſtellungs⸗ kunſt war, durchaus nicht gelingen wollte, ihre Verlegenheit vollkommen zu verbergen. Die Goillard, ſagte ſie, lobte meinen Bru⸗ der, weil er ihr wegen des Vorfalls bei Dei⸗ ner geglaubten Niederkunft keine Vorwuͤrfe gemacht habe.— Was waͤre denn damals vorgefallen?— fragte die Graͤfin— und weshalb haͤtte die Goillard Vorwuͤrfe von meinem Gemahl zu befuͤrchten gehabt?— Nit den Worten: Das weiß ich freilich nicht! brach die Marquiſe dieſes ihr laͤſtige Geſpraͤch ab, aber der Graͤfin, welche immer noch nicht den Glauben, daß ſie damals wirklich ſchwanger geweſen, aufgegeben hatte, war die Verlegenheit der Marquiſe und der Hebamme ſo auffallend geworden, daß ſie des Argwohns ſich nicht erwehren konnte, dieſe Verlegenheit deute auf ein Verbrechen der Hebamme hin, wovon die Marquiſe Mitwiſſerin ſei. Noch mehr wurde die Graͤ⸗ fin in ihren Muthmaßungen beſtaͤrkt, als ſie von einer nochmaligen Unterredung der Mar⸗ auiſe mit der Hebamme hoͤrte, und erſtere —— bald darauf ploͤtzlich das Bad verließ und ſich nach Lavoine begab. Die Graͤfin glaubte den Argwohn, von welchem ſie ſeitdem beunruhigt ward, vor ihrem Gemahle und der Marſchallin nicht geheim halten zu duͤrfen. Sie erzaͤhlte ih⸗ nen alle Umſtaͤnde und man beſchloß darauf, die Wehmutter holen zu laſſen und ſie daruͤ⸗ ber ſcharf zu examiniren, in welcher Ver⸗ bindung ſie mit der Marquiſe von Bouille ſtehe, und weshalb ſie des Grafen Vorwuͤrfe wegen ihres Verhaltens bei der geglaubten Schwangerſchaft der Graͤfin befuͤrchte. Die Goillard erſchien. Mit merkbarer Verlegenheit antwortete ſie auf die ihr vor⸗ gelegten Fragen. Die an ſie gerichtete Frage: Ob nicht die Graͤfin damals wirklich ſchwan⸗ ger geweſen und entbunden worden? ver⸗ neinte ſie wiederholt, allein ſie erblaßte da⸗ bei und zitterte. Ihr Verbrechen wurde durch ihre Mienen verrathen; indeſſen ent⸗ ließ der Graf ſie, ohne ihr merken zu laſſen, wie ſehr ihr Betragen ihm aufgefallen ſei, vielmehr ſagte er ihr, der Grund dieſer Nachfrage ſei blos, ſeine Gemahlin zu be⸗ ruhigen, welche trotz des langen ſeitdem verfloſſenen Zeitraums von der Einbildung, daß ſie damals wirklich ſchwanger geweſen, ſich nicht trennen koͤnne. Er beſchenkte ſogar die Hebamme bei ihrer Entlaſſung, um ſie ſorglos zu machen, und ſeinen be⸗ reits gefaßten Entſchluß ſicher ausfuͤhren zu koͤnnen. Als naͤmlich die Hebamme fort war, ſetzte er ſogleich eine Schrift auf, in welcher er den Verlauf der Sache und das verdaͤch⸗ tige Benehmen der Goillard entwickelte, ſie der Unterdruͤckung des von ſeiner Gemahlin gebornen Kindes anklagte, und auf ihre Verhaftung und Einleitung des Kriminal⸗ verfahrens antrug. Dieſe Schrift wurde beim Vicepraͤſident von Moulins eingege⸗ ben, welcher auch ſogleich die Angeklagte 1 verhaften und verhoͤren ließ. Die Hauptmomente der hierauf vorge⸗ nommenen merkwuͤrdigen Kriminalprocedur ſind von Pitaval im erſten Theile ſeiner Causes celebres et interessantes aufbe⸗ halten worden. Wenn man die Geſchichte des Prozeſſes dort lieſt, kann man ſich oft nicht enthalten, uͤber das unangemeſſene Verfahren der Richter, und noch mehr uͤber die von uͤbel angebrachter Gelehrſamkeit und fadem Witze ſtrotzenden Reden der Anwaͤlde zu laͤcheln. Blos der Gedanke, daß ſelbſt jetzt noch, nachdem das Menſchengeſchlecht uͤber anderthalbhundert Jahre aͤlter gewor⸗ den iſt, in Staaten, die ſich des Beſitzes guter Geſetzbuͤcher erfreuen und ſogar ruͤh⸗ men, die trefflichſten Anordnungen der Ge⸗ ſetzgeber durch die Unwiſſenheit und Be⸗ ſchraͤnktheit der ohne hinlaͤngliche Pruͤfung und ſorgſame Wahl angeſtellten Gerichtsper⸗ — 45— ſonen nutzlos gemacht werden, daß noch jetzt die Sachwalter ſich nicht entwoͤhnen koͤnnen, die wenigen guten Gedanken, die in ihren Vortraͤgen vorkommen, durch unnuͤtzen Wort⸗ ſchwall und leere Tiraden zu erdruͤcken, und ſtatt erfuͤllt zu ſeyn von ihrem heiligen Be⸗ rufe, blos der Wahrheit und dem Rechte zu dienen, die Wahrheit zu verſtellen und durch Winkelzuͤge den Richter irre zu leiten ſich beſtreben, blos dies kann den Erzaͤhler ver⸗ moͤgen, ein ſcherzhaftes Raiſonnement uͤber die Fuͤhrung dieſer Unterſuchung zuruͤckzu⸗ halten. Man wuͤrde ja doch ſagen: es ver⸗ lohne ſich der Muͤhe nicht, uͤber ſolche All⸗ ttaͤglichkeiten ſoviel lutzeßene zu ma⸗ chen.—— Der Vicepraͤſident von Moulins ließ, wie geſagt, gleich nach Einreichung der An⸗ klageſchrift des Grafen die Goillard verhaf⸗ ten und verhoͤren. Die unvermuthete Ver⸗ haftung und das ſchnell darauf folgende Ver⸗ — 46— hoͤr verſtattete ihr nicht, ſich zu faſſen und auf Luͤgen zu ſinnen. Ueberraſcht bekannte ſie gleich im erſten Verhoͤre, daß die Graͤfin entbunden worden. In dieſem Augenblicke haͤtte ſie aber auch ihre Ausſage gern wieder zuruͤckgenommen; doch da dies nicht wohl anging, ſetzte ſie gleich hinzu: die Graͤfin ſei von einer todten Tochter entbunden wor⸗ den, und ſie habe dieſelbe, weil ſie gefuͤrch⸗ tet, man moͤchte ihr eine Vernachlaͤſſigung bei der Entbindung aufbuͤrden wollen, unter einem Steine bei der Scheune im Hofe ver⸗ graben. Der Richter begab ſich ſogleich in Begleitung eines Arztes und Wundarztes und der Inquiſitin an Ort und Stelle. Hier fand man weder den Stein, noch ein Zeichen, daß irgendwo die Erde einmal aufgewuͤhlt worden. Die Goillard mußte bekennen, daß ſie den Richter mit Unwahrheit hintergan⸗ gen, allein ſie hatte Zeit gewonnen, ſich zu ſammeln, und bei dem zweiten mit ihr an⸗ — 4/— geſtellten Verhoͤr widerrief ſie durchgaͤngig ihre erſte Ausſage. Als Grund des Wider⸗ rufs gab ſie an, man habe ſie bei der erſten Vernehmung mit heftigen Drohungen be⸗ ſtuͤrmt, und um nicht laͤnger Qual und Angſt ausſtehen zu muͤſſen, habe ſie etwas bekannt, was nicht in Wahrheit beruhe. Der Rich⸗ ter ließ ſich aber dadurch nicht irre leiten, er verhoͤrte ſie zum dritten Male, ſie wurde uͤber die Umſtaͤnde, die ſie im zweiten Ver⸗ hoͤre ausgeſagt, nochmals examinirt, ſie ver⸗ wickelte ſich dabei in Widerſpruͤche, man drang ſchaͤrfer in ſie; nunmehr behauptete ſie: die Graͤfin ſei von einer Mola entbunden wor⸗ den und dies habe ſie aus Schonung ver⸗ heimlicht. Vergebens ſuchte die Hebamme durch ihre wechſelnden Ausſagen die Geduld des Richters zu ermuͤden; ſie wurde zum vierten Male vernommen und nun geſtand ſie, die Graͤfin ſei mit einem Sohne nieder⸗ gekommen, welchen Baulieu in einem Koͤrb⸗ — 48— chen hinweggetragen habe; das weitere Schickſal des Kindes ſei ihr unbekannt. Man forſchte nach, wodurch ſie bewogen worden, das Kind dem Baulieu auszuliefern? Sie ſagte: durch eine bedeutende Belohnung, die ſie von ihm erhalten; doch Baulieus Abſicht bei Entfernung des Kindes kenne ſie nicht, wiſſe auch nicht, ob dieſelbe vielleicht auf Veranlaſſung einer dritten Perſon er⸗ folgt ſei. Von der letzteren Behauptung ging ſie auch nicht ab, obgleich der Richter in ſie drang, zu geſtehen, ob nicht die Mar⸗ quiſe von Bouille und der Marquis von St. Maixant um die Unterdruͤckung des Kindes wuͤßten?. Des andern Tages wurbe, um der Wahr⸗ heit ganz auf den Grund zu kommen, die Inquiſitin auf den Stuhl der Uebelthaͤter (Selette) geſetzt, und hier zum fuͤnften Male vernommen. Zum groͤßten Erſtaunen des Richters aber widerrief ſie ihre geſtrige — 49— Ausſage: es ſei unwahr, ſagte ſie, daß die Graͤfin niedergekommen, man habe durch Gewalt dieſes Geſtaͤndniß von ihr erpreßt. Dabei blieb ſie auch ungeachtet aller Schmer⸗ zen, die ſie erdulden mußte. Der Richter vermuthete, daß ein gehei⸗ mer Rathgeber die Inquiſitin zu dieſem Wi⸗ derrufe veranlaßt habe, und dies war auch der Fall. Die Goillard naͤmlich hatte gleich, nachdem ſie verhaftet worden, in einem Au⸗ genblicke, wo ſie unbeobachtet war, ihrem Sohne Wilhelm den Auftrag ertheilt, ſich nach Lavoine zur Marquiſe von Bouille zu begeben, und dieſe von ihrem, der Goillard, Schickſale in Kenntniß zu ſetzen. Dies war auch geſchehen. Die Marquiſe gerieth in die heftigſte Beſtuͤrzung, doch trug ſie dem Sohne auf, der Mutter zu ſagen: Wenn ihr an ihrem Leben gelegen ſei, muͤſſe ſie die Anklage durchaus laͤugnen, und ſie, die Marguiſe, ganz aus dem Spiel laſſen; II. Odchy. D — 30— thue ſie dies nicht, ſo duͤrfe ſie auf ihren (der Marquiſe) Beiſtand gar nicht rechnen, entgegengeſetzten Falles aber werde ſie die Anordnung treffen, daß ihr Jemand im Fortgange der Unterſuchung mit Rath und That beiſtehe. Die Marquiſe dachte hierbei an den Generalprokurator, der ihr Freund und des Grafen erbittertſter Feind war. An dieſen ſchrieb ſie, er erweiſe ihr einen wich⸗ tigen Dienſt, und koͤnne ſich ihrer ausge⸗ zeichneten Dankbarkeit verſichert halten, wenn er die Goillard belehre, wie ſie bei der wi⸗ der ſie ſchwebenden Unterſuchung ſich geſchickt zu benehmen habe. Weniger, um der Mar⸗ quiſe gefaͤllig zu ſeyn, als um ſich an ſeinem Feinde, dem Grafen, der als Anklaͤger auf⸗ getreten war, zu raͤchen, verſtand er ſich da zu, die Hebamme uͤber ihr Benehmen zu inſtruiren. Ehe es aber dazu kam, war die Goillard ſchon zum vierten Male verhoͤrt worden. Er erfuhr die wechſelnden Ausſa gen, welche ſie in den erſten Verhoͤren ge⸗ than, er erfuhr das Geſtaͤndniß, welches ihr in der letzten Vernehmung entſchluͤpft warch nun durfte nicht laͤnger gezoͤgert wer⸗ den. Ihm ſelbſt wuͤrde man den Zutritt zu der Gefangenen nicht verſtattet, noch weni⸗ ger eine Beſprechung mit ihr ohne Zeugen zugelaſſen haben; der Prokurator ließ alſo ihren Sohn zu ſich rufen und ſagte ihm: Wenn das Wohl ſeiner Mutter ihm am Her⸗ zen liege, muͤſſe er noch heut und augen⸗ blicklich ſich die Erlaubniß verſchaffen, ſie zu beſuchen, und ihr eroͤffnen, daß ein Freund, welcher von einer ihr wohlbekannten Dame dazu aufgefordert worden, ihr rathen laſſe, wofern ihr das Leben irgend lieb ſei, in dem naͤchſten Verhoͤr, was man wahrſcheinlich ſchon morgen mit ihr anſtellen werde, ihre heutige Ausſage durchgaͤngig zu widerrufen, und trotz aller Schmerzen, die man ihr etwa zufuͤgen moͤge, getroſt zu behaupten, ihre D 2 fruͤheren Geſtaͤndniſſe ſeien blos Folge der wider ſie angewandten Gewalt und Drohun⸗ gen, und die Graͤfin ſei wirklich nicht nie⸗ dergekommen. Blos auf dieſe Weiſe koͤnne ſie ihr Leben retten.— Er nahm zugleich dem Wilhelm Goillard das Verſprechen ab, uͤber dieſes Geſpraͤch die tiefſte Verſchwie⸗ genheit zu beobachten, worauf ſich dieſer Zutritt zu ſeiner Mutter zu verſchaffen und ihr die Rathſchlaͤge des Prokurators heim⸗ lich zu hinterbringen wußte. 1 Die Hebamme war zwar ſchon in hohem Alter, allein eben bei ſolchen Perſonen, die nach dem Laufe der Natur nur noch wenige Jahre zu leben hoffen duͤrfen, iſt die Liebe zum Leben am ſtaͤrkſten, Um es zu retten, beſchloß ſie, mit Unterdruͤckung aller Schmer⸗ zen, die man ihr zufuͤgen moͤge, nach dem Rathe des Prokurators zu handeln, in wel⸗ chem ſie den von der Marquiſe ihr zugeſag⸗ ten Beiſtand erkannte. Daher kam es, daß die Goillard, ob man ſie gleich auf die Se⸗ lette brachte, doch ſtandhaft beim Widerruf ihrer vorigen Tages abgelegten Ausſage verblieb. Indeß hatte der Richter neben dem fort⸗ geſetzten Verhoͤr der Angeklagten nicht un⸗ terlaſſen, alle zur Ausmittelung der Wahr⸗ heit dienlichen Nachforſchungen anzuſtellen. Es hatten ſich Zeugen gefunden, welche aus⸗ ſagten, die Hebamme habe Tags darauf, als die Graͤfin die Geburtswehen gehabt, de⸗ ren Waͤſche im Schloßgraben ausgewaſchen; dieſe Waͤſche ſei blutig geweſen, woraus man die Niederkunft der Graͤfin vermuthet; allein auf die an die Hebamme gerichtete Frage: Ob die Graͤfin einen Sohn oder eine Toch⸗ ter geboren? habe ſie mit Heftigkeit und ſichtlicher Verwirrung erwiedert: Wer will denn behaupten, daß die Graͤfin niederge⸗ kommen? Sie iſt noch nicht entbunden wor⸗ den, ſag' ich Euch!— Andere Zeugen ſagten aus: Baulieu ſei in der Nacht fort⸗ geritten und habe ein Koͤrbchen auf dem Pferde gehabt. Es wurden auch die Weiber ausfindig gemacht, durch welche Baulieu auf ſeinem Wege nach Descoutoux das Kind ſtillen laſſen, allein keine Spur war zu er⸗ langen, wohin er das Kind gebracht, nach⸗ dem er es von der Mainiot weggenommen. Obgleich der Graf auf ſeine Schweſter den Verdacht warf, daß ſie mit der Heb⸗ amme einverſtanden, vielleicht ſogar Anſtif⸗ terin des Verbrechens geweſen ſei; ſo konnte er ſich doch nicht entſchließen, ſie in die Un⸗ terſuchung zu verwickeln, weil durch Offen⸗ barwerdung der Schande ſeiner Schweſter die ganze Familie entehrt worden ſeyn wuͤrde. Der Himmel ſelbſt ſchien dies nicht zu wol⸗ len, denn waͤhrend noch die Unterſuchung fortgefetzt wurde, ſtarb die Marquiſe ploͤt⸗ lich, und nahin die Laſt ihres Derbrechens mit in's Grab. Bisher iſt vom Marquis von St. Mai⸗ xant geſchwiegen worden. Dieſer hatte ſich bald nach Baulieus Tode, nachdem er ſich um einer geringfuͤgigen Urſache willen mit ſeiner Geliebten entzweit, aus dem Schloſſe des Grafen von St. Geran wegbegeben, meinend, daß das Kriminalgericht nunmehr die Geduld verloren haben werde, ihm nach⸗ zuſpuͤren. Er betrog ſich aber hierin, denn er wurde auf dem Wege nach Paris erkannt, verhaftet und nach Auvergne abgeliefert. Zweifels ohne mochte er ſich ſelbſt ſagen, was der Lohn ſeiner Thaten ſeyn werde, darum bediente er ſich eines ſtarken Gifts, welches er verborgen bei ſich trug, um ſeinem Leben ein Ende zu machen. Sein Tod fiel unge⸗ faͤhr in die naͤmliche Zeit, wo die Kriminal⸗ prozedur gegen die Hebamme ihren Anfang genommen hatte. So waren denn nun bis auf die Heb⸗ amme die Anſtifter und Theilnehmer des Verbrechens nicht mehr unter den Lebenden. Die Goillard indeſſen aͤnderte im Laufe der Unterſuchung ihre letzte auf der Selette ab⸗ gelegte Ausſage nicht im Mindeſten, ſondern beharrte dabei, obgleich man ihr Alles das, was durch die Vernehmung der Zeugen her⸗ ausgebracht worden war, vorhielt. Es wurde daher im Gange der Unterſuchung eine Pauſe gemacht, worauf der Richter von Moulins, theils durch die Widerſpruͤche, in welche die Goillard ſich verwickelt hatte, theils durch die Ausſagen der Zeugen bewogen, das Ur⸗ theil faͤllte: Daß die Goillard als hoͤchſt verdaͤchtig des Verbrechens, deſſen ſie vom Grafen von St. Geran angeklagt worden, auf die Folter gebracht werden ſolle. Gegen dieſes Urtheil legte die Hebamme Appellation ein. Das graͤfliche Ehepaar aber war durch alles bisher Ausgemittelte auf die Vermuthung geleitet worden, daß das Kind, welches Baulien als ſeinen Neffen in's Schloß gebracht, ihr eignes Kind ſeyn moͤge. Noch fehlten die Beweiſe dafuͤr, da man noch nicht hatte erfahren koͤnnen, wohin Bau⸗ lieu von Descoutoux aus ſeinen Weg genom⸗ men, allein die Graͤfin wollte es ſich durch⸗ aus nicht abſtreiten laſſen, daß Heinrich wirklich das Kind ſei, welches ſie unter ih⸗ rem Herzen getragen; ſie berief ſich auf das zaͤrtliche Gefuͤhl gegen den Knaben, welches ſie beim erſten Anblick deſſelben empfunden, ſie berief ſich auf die unverkennbare Aehn⸗ lichkeit der Geſichtszuͤge des Kindes mit de⸗ nen des Grafen. Doch dieſe Muthmaaßun⸗ ßungen reichten noch nicht hin, den Knaben in den Stand einzuſetzen, wozu ihn ſeine Geburt berechtigte; das graͤfliche Ehepaar mußte ſich begnuͤgen, den Knaben als Sohn zu lieben, ohne ihn oͤffentlich dafuͤr aner⸗ kannt zu ſehen. Um dieſe Zeit aber machte ein Privat⸗ mann zu Paris, Namens Segueville, der Graͤfin eine aͤußerſt erfreuliche Entdek⸗ kung. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß die Marie Pigoreau, bei welcher Baulieu oft aus⸗ und eingegangen, im Jahr 1642 ein Kind unbekannter Eltern in der Johan: niskirche am Strande taufen laſſen. Nach dieſer Entdeckung ließ die Graͤfin es ſich nicht mehr beſtreiten, daß der ſogenannte Neffe Baulieus ihr Sohn ſei, der ihr durch die Treuloſigkeit Baulieus und der Hebamme entfremdet worden, und ſie erklaͤrte dieſe Vermuthung(ihr war ſie Gewißheit) oͤffent⸗ lich. Indem aber der Graf auf Verneh⸗ mung der Pigoreau antrug, wurde durch ei⸗ nen unvermutheten Schritt, der von Seiten der Verwandten des Grafen geſchah, dieſer Rechtshandel noch zuſammengeſetzter und ver⸗ wirrter. n5“ Die verwittwete Herzogin von Venta⸗ dour naͤmlich, eine Tochter aus der an⸗ dern Ehe der Marſchallin, und die Graͤfin — 6590— du Lude, eine Tochter der Marquiſe von Bouille, miſchten ſich in den Prozeß, um dem jungen Grafen ſeinen Stand ſtreitig zu machen, weil durch denſelben ihre Hoffnung, den Grafen von St. Geran, falls ſie ihn uͤberlebten, zu beerben, vernichtet zu wer⸗ den drohte. Sie hatten ſich von der Lage der Sache genau unterrichtet. Auf Anra⸗ then ihres Anwalds wurde die Pigoreau ver⸗ mocht, der Graͤfin das behauptete Mutter⸗ recht an dem Knaben, den Baulieu in das Schloß ihres Gemahls gebracht, ſtreitig zu machen und das Kind als das ihre zuruͤckzu⸗ fordern. Die beiden Damen, welche als Intervenientinnen auftraten, ließen auch insgeheim der Hebamme Muth zuſprechen und ſie ermahnen, nur beharrlich ihrer letzten Ausſage treu zu bleiben; allein alle Sorge deshalb wurde ihnen dadurch entnommen, daß die Goillard vor Unterſuchung der Zwiſchen⸗ faͤlle im Gefaͤngniß an Entkraͤftung ſtarb. — 60— Mit dem Tode der Hebamme war der Kriminalprozeß beendet, denn wider die Pi⸗ goreau waren noch keine ſolche Anzeigen vor⸗ handen, auf deren Grund die Einleitung ei⸗ nes peinlichen Verfahrens wider ſie ſich haͤtte rechtfertigen laſſen. Sie forderte den Hein⸗ rich Baulieu, den die Graͤfin fuͤr ihr Kind hielt, als ihren Sohn zuruͤck; es mußte ihr alſo vor allen Dingen die Fuͤhrung dieſes Beweiſes verſtattet werden. Die Graͤfin erwartete dieſen Beweis um ſo ruhiger, als immittelſt neue Umſtände ſich hervorgethan hatten, welche ſie in dem Glauben, daß der vorgebliche Neffe Bau⸗ lieus ihr Sohn ſei, beſtaͤrkten. Sie erfuhr naͤmlich, daß der Marquis von St. Maixant in ſeiner Todesſtunde zu dem Geiſtlichen, der ihm die letzte Oelung gegeben, geſagt habe: er wuͤnſche dem Grafen und der Graͤ⸗ fin ein wichtiges Geheimniß, welches ſein Herz belaſte, zu entdecken. Bei dieſen Wor⸗ —— — 64— ten aber ſei er vom Todeskrampf ergriffen worden und verſchieden. Noch wichtiger war das Bekenntniß Wilhelm Goillards, das er nach ſeiner Mutter Tode freiwillig ablegte. Er verſicherte, ſeine Mutter habe ihm geſtanden, daß die Graͤfin von einem Sohne entbunden worden, dieſen habe Bau⸗ lieu fortgetragen, ſpaͤterhin aber in das graͤf⸗ liche Schloß zuruͤckgebracht, und faͤlſchlich fuͤr ſeinen Neffen ausgegeben. Der Zeuge fuͤgte hinzu: bei Lebzeiten ſeiner Mutter habe er das, was ſie ihm anvertraut, ver⸗ ſchwiegen, weil er ihr durch ſein Bekennt⸗ niß geſchadet haben wuͤrde, jetzt aber, da ſie todt ſei, ſage er frei und offen die Wahrheit. Zugleich entdeckte er auch, welchen Auftrag der Generalprokurator ihm an ſeine Mutter gegeben. H an Hes e. 1103 Sonach erhielt dieſer Rechtshandel eine ganz peraͤnderte Geſtalt, und wurde nun⸗ mehr vor dem Parlamentsgerichte zu Paris, — 62— la Tournelle genannt, in ſieben Verhoͤren, wobei alle drei Kammern verſammelt waren, unterſucht. Die Pigoreau, welche das vom graͤflichen Ehepaare ſich zugeeignete Kind als das ihrige zuruͤckforderte, hatte zu ihrem Anwalde den beruͤhmten Rechtsgelehrten Pouſſet de Montauban. Dieſer ſprach zuerſt. natmeft ne 10- an Hier iſt ein Kind, ſagte er unter andern, welches zwei Muͤtter findet. Hier ſind zwei Muͤtter, wovon die eine ihren Sohn gefun⸗ den hat und ihn verlangt, die andere ihn ge⸗ funden zu haben waͤhnt. Die wahre Mut⸗ tor erkennt ihren Sohn, ffordert ihn, und er wird ihr verweigert zadie eingebildeter Mutter greift nach. einem Phantom, einer Gebudt ihres Betrugs oder Irrthums. Sie betruͤgt entweder oder ſie iſt betrogen. Neine. Klientin verlangt ihren Sohn⸗ die Flucht ihre Ehe⸗ das Pfand ihrer Liebe. Die Graͤfin von St. Geran verlangt das naͤm⸗ — 63— liche Kind, ſie behauptet, es ſei ihr Sohn, aber es iſt ein Schattenbild, nach Welczen ſſ ihre Arme ausſtreckt. 3 1 Nun erzaͤhlte der Anwald die Geſchichte des Heinrich Baulieu, der am 30. Juni 1839 nach ſeines Vaters Tode geboren wor⸗ den. Er legte das Geburts⸗ und Taufzeug⸗ niß vor, und behauptete, das Kind, wel⸗ ches Baulieu zur Erziehung zu ſich genom⸗ men habe, und welches jetzt die Graͤfin ſich zueigne, ſei dieſer Heinrich Baulieu. Der. Bernard hingegen, welcher am 7. Maͤrz 1642 in der Johanniskirche am Strande ge⸗ tauft worden, ſei das uneheliche Kind eines Tanzmeiſters zu Paris, von deſſen weiterm Schickſale man keine Nachricht habe. Die Pigoreau, fuhr er nachher fort, lebt in aͤrm⸗ lichen Umſtaͤnden; ſie beſitzt ſchon einen Sohn; was in aller Welt koͤnnte ſie bewe⸗ gen, ſich noch einen Sohn, der ihr nicht gehoͤrt, zueignen zu wollen?— Verlangt dagegen die Graͤfin von St. Geran zenen Bernard, will ſie ihn(wenn er aufgefunden wird, als Sohn anerkennen und annehmen, Vater und Mutter werden ihr denſelben ge⸗ wiß gern uͤberlaſſen und ihr die Ehre der Ge⸗ burt abtreten. Nun kam er auf den Kri⸗ minalprozeß wider die Hebamme; er be⸗ muͤhte ſich, zu zeigen, daß die Graͤfin daraus zu ihren Gunſten nichts herleiten koͤnne, weil die Goillard im letzten Verhoͤre alle fruͤ⸗ heren Ausſagen widerrufen; die Ausſagen der uͤbrigen Zeugen erklaͤrte er fuͤr nichts beweiſend; das Bekenntniß Wilhelm Goil⸗ lards, behauptete er, ſei verbrecheriſch, weil er dadurch ſeine Mutter im hrabe geſchaͤn⸗ det habe. Darauf nannte er die e Erzahlung der Graͤfin von ihrer Schwangerſchaft ein Maͤhr⸗ chen. In Schmerzen ſollſt Du gebaͤren, fuhr er fort; ſo hat den Herr zum erſten Weibe geſagt, und der gelehrte Ausleger des Hip⸗ pokrates, Duret, behauptet geradezu: eine Niederkunft ohne Schmerzen muͤſſe man un⸗ ter die Wunderwerke zaͤhlen*). Wer wird es alſo der Graͤfin glauben, daß ſie nieder⸗ gekommen und doch keine Schmerzen em⸗ pfunden?— Spottend ſetzte er hinzu: Scheint nicht der Prophet Jeſaias von der Niederkunft der Graͤfin von St. Geran ge⸗ ſprochen zu haben, wenn er ſagt: Ehe ſie die Wehen gehabt, hat ſie geboren, und ehe noch die Schmerzen kommen ſind, hat ſie ein Knaͤblein zur Welt gebracht? Auch die Aehnlichkeit, die man zwiſchen den Geſichtszuͤgen des Kindes und denen des Grafen zu entdecken geglaubt, beruͤhrte er. Waͤre auch, ſagte er, dieſe Aehnlichkeit wirk⸗ lich vorhanden, wie ſie es nicht iſt(denn der Knabe aͤhnelt ſeiner Mutter, der Pigoreau), ſo laͤßt ſich dochn daraus nicht im Mindeſten . *) Indolenter partu leyari inter miracula ponen- dum mihi videtur. II. Bdchn. E * — 66— ſchließen, daß er der Sohn des Grafen ſeyn muͤſſe. Zum Belege, daß zwei Menſchen einerlei Geſichtszuͤge haben koͤnnen, ob ſie gleich verſchiedenen Vaͤtern und noch dazu in verſchiedenen Laͤndern geboren worden, fuͤhrte er beiſpielsweiſe aus dem Plinius an, daß Toranius dem Antonius zwei einander ganz aͤhnliche Kinder, wovon das eine aus En⸗ ſen, verkauft habe. Auch noch andere Aehn⸗ lichkeiten zwiſchen Perſonen, die gar nicht mit einander in Verwandtſchaft geſtanden, fuͤhrte er aus der Geſchichte an, z. B. zwi⸗ ſchen Ruſtikus und Auguſtus, zwiſchen Pom⸗ pejus und Vibius. eeite. Zum Schluß ſagte er noch mit geſteiger⸗ tem Affekt: Man wird es bitter tadeln, Verblendung nennen, daß meine Klientin ihren Sohn einer Lage entziehen will, die ihm Gluͤck, Anſehn und Reichthum verheißt. Aber die Mutterliebe laͤßt ſich nicht unter⸗ — 67— druͤcken, nicht verlaͤugnen. Werfe man ihr immerhin vor, ihre Liebe ſei haſſenswerth, ihre Zaͤrtlichkeit gegen ihren Sahn ſei Grau⸗ ſamkeit. Mutterliebe ſchließt nicht nach den Regeln einer eigennuͤtzigen Logik. Die Mut⸗ ter verlangt ihren Sohn zuruͤck, obgleich er ſich von ihr abwendet. Undankbarer, rebel⸗ liſcher Sohn!(ſagte er nun, den Knaben anredend.) Sieh' dieſe Bruͤſte an, ſie haben Dich geſaͤugt; aus ihrer Milch haſt Du Dein Blut geſchoͤpft; verehre dieſe Quelle Deines Daſeyns, Deines Lebens, die ſich Dir voll Liebe im Uebermaas oͤffnete!—— Pouſſet de Montauban ſchwieg. Ein Theil der Zuhoͤrer bezeigte dieſer Rede den lauteſten Beifall; Vielen aber, beſonders denen, welche ſchon im Herzen Parthei fuͤr die Graͤfin genommen hatten, mißfiel der in die Rede eingemiſchte Spott und ſie gaben durch Murren ihr Mißvergnägkn zu er⸗ kennen. E 2 — 68— Hier auf nahm der Advokat der Damen von Ventadour und du Lude das Wort. Nicht gemeiner Eigennutz(ſagte er) nicht Mißver⸗ gnuͤgen, durch das Kind, welches die Graͤ⸗ fin als das ihrige ſich zueignen will, ihre Hoffnungen auf eine reiche Erbſchaft vernich⸗ tet zu ſehen, bewegt meine Klientinnen, ſich in dieſen Rechtshandel zu miſchen, ſondern blos das ſchmerzliche Gefuͤhl, daß die Graͤfin ihnen ein fremdes Kind(wahrſcheinlich das uneheliche eines Tanzmeiſters) zum nahen Verwandten aufdringen will, treibt ſie zu dieſem Schritte. Sie koͤnnen nicht dulden, daß ein Kind von gemeiner und ungeſetzmaͤ⸗ ßiger Herkunft in die Reihe der Grafen von St. Geran trete, welche ruhmwuͤrdig ſeit langer Zeit dem Koͤnige und dem Staate ge⸗ dient; ſie koͤnnen nicht dulden, daß man auf einen ſo herrlichen Stamm einen faulen Zweig pflanze. Um der Muthmaßung, daß ſeine Klien⸗ einnen mit der Pigoreau im Einverſtaͤndniſſe waͤren, vorzubeugen, erklaͤrte er: Er wolle ſich zwar gar nicht darauf einlaſſen, zu be⸗ haupten, daß die Pigoreau wirklich die Mut⸗ ter des Kindes ſei, welches ſie als das ihrige in Anſpruch nehme, er behaupte blos, daß die Graͤfin nicht Mutter des Kindes und ihre Niederkunft eine bloſe Fabel ſei. Er be⸗ gann darauf, die Zeugenausſagen zu muſtern, er zeigte nicht ohne Scharfſinn, daß aus ihnen keinesweges der Beweis von einer Niederkunft der Graͤfin zu entnehmen, daß mithin der Knabe, den die Graͤfin zum Sohne haben wolle, ihr Sohn nicht ſeyn koͤnne. Er ſchloß mit der nochmaligen Verſicherung, daß nicht Eigennutz ſeine Klientinnen be⸗ wege, an dieſer Rechtsſache Theil zu neh⸗ men, indem ſie gern auf die Beerbung des Grafen von St. Geran verzichten wollten, wenn ſie nur dadurch dem erlauchten Stamme ſeine Unbeflecktheit retten koͤnnten. — 70— Nunmehr kam die Reihe des Sprechens an den Advokaten des Grafen und der Graͤfin von St. Geran, Namens Petitpied. Er fing damit an, die Intervention der Da⸗ men von Ventadour und du Lude fuͤr unzu⸗ laͤſſig zu erklaͤren, indem Blutsfreunde von der Nebenlinie bei einem, das Unterſchieben oder Unterdruͤcken eines Kindes betreffenden Prozeſſe als Intervenienten nicht angenom⸗ men werden duͤrften; auch behauptete er, daß die Damen ihr Memorial zu ſpaͤt ein⸗ gegeben. Sodann erzaͤhlte er vollſtaͤndig den Hergang der Sache. Zum Beweiſe, daßs die Graͤfin wirklich ſchwanger geweſen, be⸗ rief er ſich auf die Zeugniſſe mehrerer ange⸗ ſehenen Aerzte, wolche den Zuſtand der Graͤ⸗ fin unterſucht; er fuͤhrte an, daß die Heb⸗ amme ihr Geſtaͤndniß im vorletzten Verhoͤre blos auf Eingebung des Prokurators wider⸗ rufen habe, ihr Widerruf daher nicht zu be⸗ achten ſei, vielmehr jenes Geſtaͤndniß, in Verbindung mit der Ausſage Wilhelm Goil⸗ lards, vollen Glauben verdiene. Er ſagte weiter, es ſei durch Zeugen unumſtoͤßlich dargethan, daß in jener Nacht, wo die Graͤ⸗ fin die Geburtswehen gehabt, und dann in Folge des Schlaftrunks, den die Goillard ihr gereicht, in einen tiefen Schlummer ge⸗ fallen, Baulieu mit einem Koͤrbchen das Schloß verlaſſen hahe, und daß er auf dem Wege nach Descoutoux ein neugebornes Kind von mehreren Weibern ſtillen laſſen. Es ſei gar nicht zu bezweifeln, daß dies Kind das⸗ jenige geweſen, welches man der Graͤfin gleich nach der Geburt entfremdet, denn die Zeit paſſe ganz genau. Eben ſo wenig ſei es nach dem Bekenntniſſe, welches die Goillard ih⸗ rem Sohne abgelegt, zu beſtreiten, daß das Kind, welches ſpaͤterhin von Baulieu in das Schloß des Grafen zuruͤckgebracht wor⸗ den, wiyklich deſſen Sohn und der naͤmliche Knabe ſei, welcher am 7. Maͤrz 1642 in — 72— der Johanniskirche am Strande zu Paris getauft worden, und den Namen Bernard erhalten habe, Zwar wolle die Pigoreau vorſpiegeln, jener Bernard ſei das unehe⸗ liche Kind eines Tanzmeiſters, allein es fehle dieſem Vorgeben an aller und jeder Beglau⸗ bigung. Wolle nun aber gar die Pigoreau behaupten, der Knabe, welchen Baulieu zu ſich genommen, und welcher jetzt vom Gra⸗ fen von St. Geran erzogen werde, ſei ihr juͤngſter Sohn Heinrich, ſo ſage ſie damit die groͤbſte Unwahrheit, wie ihr ſofort durch einen Zeugen bewieſen werden koͤnne, gegen den ſie geaͤußert, ihr juͤngſter Sohn Hein⸗ rich ſei geſtorben. Dieſer Zeuge(es war ein Mann aus dem Stadtviertel, in wel⸗ chem die Pigoreau zuerſt gewohnt) wurde ſogleich vorgelaſſen und beſtaͤtigte die Angabe des Herrn Petitpied. Die Pigoreau aber hatte die Frechheit, dieſen Mann in's An⸗ geſicht der Luͤge zu bezuͤchtigen, und auf ih⸗ rer Behauptung zu beſtehn. Herr Petit⸗ pied behielt unter dieſen Umſtaͤnden ſich vor, noch durch ein kirchliches Atteſt den ganz vollſtaͤndigen Beweis zu fuͤhr)en, daß der fuͤngſte Sohn der Pigoreau, Namens Hein⸗ rich, kurz nach ſeiner Geburt im Jahr 1665 verſtorben ſei. Indem er hierauf voll Eifers in hetter Rede fortfuhr, benahm ihm ſowohl die An⸗ ſtrengung, mit welcher er geſprochen hatte, als die durch die Menge der Zuhoͤrer im Ver⸗ hoͤrsſaale entſtandene Hitze den Athem, ſo daß er nicht weiter ſprechen konnte, ſondern ohnmaͤchtig niederſank. Ob er nun gleich nach einigen Minuten ſi ſich wieder erholte und ſeine Rede beendete, ſo hatte doch die Pigo⸗ reau, welche das Talent beſaß, Verſe aus dem Stegreif zu machen, dieſen Zufall be⸗ nutzt, um ein Epigramm niederzuſchreiben, welches uͤber die Ohnmacht des graͤflichen Ad⸗ vokaten ſpoͤttelte. Sie verbreitete daſſelbe unter den Zuhoͤren, allein ſie verfehlte ihren Zweck, dadurch die Meinung fuͤr ſich zu ge⸗ winnen. Vielmehr war dieſe ganz entſchie⸗ den fuͤr das graͤfliche Ehepaar; die Rede des Herrn Petitpied, worin die aufgefundenen Beweiſe uͤberaus zweckmaͤßig zuſammenge⸗ ſtellt waren, hatten bei dem Pubtiko ſowohl, als bei den Richtern die feſte Ueberzeugung begruͤndet, daß die Midorsauss ein falſches Spiel trei ibe. 8 t Dazu kam, daß der Anwald d des grf⸗ lichen Ehepaars in der Folge wirklich noch ein irchliches Atteſt daruͤber, daß der juͤngſte Sohn der Pigoreau, Heinrich, bald nach ſeines Vaters Tode verſtorben. fei, beibrachte. Vor dieſer lauten Stimme der Wahrheit mußte die Luͤge ur ſamm n, Herr Perit⸗ Lat ihrer Intervention abgewieſen wurden. We⸗ gen des offenbaren Betrugs der Pigoreau ward zugleich auf Kriminalunterſuchung wi⸗ der ſelbige erkannt, und ihr unterſagt, ſich aus der Stadt und den Vorſtaͤdten von Paris⸗ zu entfernen, widrigenfalls ſie ihres Verbre⸗ chens fuͤr uͤberfuͤhrt gehalten wei den ſolle. Nun ſahe die Pigoreau wohl, daß ihr, Spiel verloren ſei, und dachte blos daran, ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Wenige Tage nach der Publikation des Urtheils war ſie aus Paris verſchwunden, und aller u forſchungen ungeachtet konnte man ihren wieder habhaft werden. Es ſind— genug vorhanden, zu glauben, daß die Da⸗ men von Ventadvur und du Lude die Flucht. der Pigoreau Beni ginnn und dieſelbe dazu 3 mit Gelde unterſtuͤtzten. — Den beiden Damen mußte naͤmlich die. Senrunun der Pigoreau um deswillen ſehr gelegen ſeyn, weil derſelben im peinlichen⸗ * Verhoͤre leicht Geſtaͤndniſſe entriſſen werden konnten, wodurch nicht nur der ganze Plan der Damen vereitelt worden waͤre, ſondern dieſelben uͤberdies kompromittirt worden ſeyn wuͤrden. Jetzt, da ſie dies nicht zu fuͤrchten hatten, konnten ſie weit ruhiger und ſicherer ihre Maasregeln ergreifen. Sie brachten gegen das Urtheil vom 18. Auguſt 1657, welches ſie mit ihrer Intervention abgewie⸗ ſen hatte, Beſchwerde bei'm geheimen Staats⸗ rathe an. Bevor aber von dieſem ein Be⸗ ſchluß gefaßt worden war, fuͤhrte eine Er⸗ arb am 31. Januar 1659. In den letzten Stunden ſeines Lebens ernannte der Graf noch den Intendanten der Provinz, Herrn de la Barriere, und Herrn Vialet, Schatzmeiſter von Frankreich, zu Kuratoren ſeines Nachlaſſes, und empfahl ihnen ſowohl, als ſeiner Gemahlin auf's den Tod des Grafen herbei. Er dringendſte, nichts unverſucht zu laſſen, um — — 77— die Wahrheit an's Licht zu bringen. Er er⸗ klaͤrte feierlich, daß er das Kind fuͤr ſeinen Sohn erkenne, und die Graͤfin uͤbernahm die Vormundſchaft fuͤr denſelben. Von Seiten der Verwandten des Grafen wurden ſeiner Wittwe viele Schwierigkeiten entgegengeſetzt, mancherlei Anfeindungen hatte ſie zu dulden, bis endlich durch ein ko⸗ nigliches Reſcript vom 9. April 1661 der Prozeß an die Parlamentskammern zuruͤck⸗ gewieſen wurde, um nach nochmaliger An⸗ hoͤrung der Partheien und Erwaͤgun ihrer gegenſeitigen Gruͤnde daruͤber einenlus⸗ ſpruch zu thun, ob nach den Beweiſen, welche die Graͤfin aufzuſtellen im Stande, der Knabe trotz des Widerſpruchs der Damen von Ven⸗ tadour und du Lude fuͤr den Sohn des Gra⸗ fen von St. Geran zu erkennen ſei oder nicht? Die Damen von Ventadour und du Lude, mit denen ſich insgeheim auch andere Ver⸗ — 8— wandte des Grafen, ihres gleichen Intereſſes wegen, verbunden hatten, ließen auf's Neue Nichts unverſucht, um der Graͤfin die Mut⸗ terſchaft ſtreitig zu machen; ihr Advokat be⸗ nutzte nochmals alles Moͤgliche, um die Un⸗ zulaͤnglichkeit; der von der Graͤfin aufgeſtellten Beweiſe in's Licht zu ſetzen, und ſeine wohl⸗ durchdachte und wohlgeordnete R Rede erregte wirklich in der Verſammlung ungemeine Senſation. Allein dieſer Affekt ging ganz verloren durch wenige Worte, welche die Graͤfin nach Beendigung der Rede ihres Des⸗ ne ſprach. 3 Sie trat mit dem trljen 2 Anſtande, der ihr eigen war, ihren Sohn bei der Hand ge⸗ faßt, vor die Schranken, wo der Praͤſident und die Parlamentsraͤthe ſaßen, und ſprach: Nun entſcheidet, Ihr Herren! Gott erleuchte Euch, daß Ihr recht entſcheidet. Aber dieſes verſichere ich Euch: Erkennt Ihr, daß dieſer mein Sohn nicht ſei, dann vermaͤhl = 19— ich mich mit ihm und verſchreib' ihm all meine Guͤter!— Nach dieſen Worten verneigte ſte ſich vor den Richtern, dann vor dem Volke und verließ ſchnell mit ihrem Sohne den Saal. Die Menge ſendete ihr einen lauten Ruf der Bewunderung nach. Endlich wurde der 5. Juni 1666 zur Publikation eines Urtheils anberaumt, und dieſes vor einer zahlreichen Verſammlung den Partheien alſo lautend eroͤffnet: daß der Knabe, den Baulieu unter dem falſchen Namen ſeines Neffen Heinrich zur Erzie⸗ hung zu ſich genommen, fuͤr den rechtmaͤßi⸗ gen Sohn des Grafen von St. Geran zu er⸗ klaͤren, und in den Beſitz und Genuß der Rechte des Namens und Wappens von dem Hauſe de la Guiche einzuſetzen, die Damen von Ventadour und du Lude aber mit ihrem Widerſpruche dagegen abzuweiſen. Zugleich wurde in dieſem Urtheile die Pigoreau, weil ſie ausgetreten, fuͤr ſtraffaͤllig erklaͤrt, und — 80— verurtheilt, falls man ihrer habhaft werden koͤnne, an dem Galgen auf dem Richtplatze der Stadt gehangen zu werden; wo nicht, ſolle die Vollſtreckung des Urtheils an ihrem Bildniſſe erfolgen. Als der Spruch vorgeleſen war, ſchloß die Graͤfin ihren Sohn ungeſtuͤm an's Herz und benetzte mit einem Strom von Freuden⸗ thraͤnen die Wangen des ſchoͤnen Juͤnglings. O mein lieber Bernard! rief ſie. Jetzt ha⸗ en die Richter es ausgeſprochen, daß Du mein Sohn biſt; ach, ich wußte dies ja ſchon laͤngſt, ich wußte es ja ſchon damals, als ich Dich zum erſten Male erblickte; mir ſagt' es die Stimme meines Herzens!— Die Freude der Graͤfin ergriff alle An⸗ weſende;; der Saal erſcholl von dem lauten Rufe: Es lebe die Graͤfin von St. Geran! Es lebe Graf Bernard!— Vergebens verſuchten die Verwandten des Grafen, dieſen Ausſpruch des Parla⸗ — 31— ments umzuſtoßen; es blieb dabei. Vom fernern Schickſale des jungen Grafen iſt be⸗ kannt, daß er im Jahre 1667 mit dem Fraͤu⸗ lein von Varignies ſich vermaͤhlte, mit wel⸗ chem er eine Tochter erzeugte. Dieſe nahm den Schleier. Er ſtarb im fuͤnf und funf⸗ zigſten Jahre ſeines Alters und mit ihm erloſch der Stamm der Grafen von St. Geran. Der Herausgeber. II. Bdchn. JF Engelhart und Dieterich. Nach einer altdeutſchen Erzäblung.“) — — In Burgund lebte ein tapferer Ritter, Namens Raimund, welcher, als er . ſchon ziemlich betagt war, und die Hoffnung, einen Leibeserben zu erhalten, bereits auf⸗ gegeben hatte, von ſeinem Weibe mit einem Soͤhnlein beſchenkt ward. Des Knaben — *) Sie führt den Titet: Eine ſchöne Hiſioria von Engelhart aus Burgund, Hertzog Dietherichen von Brabant, ſeinem Geſellen, onnd Engeldrut, des Königs Tochter auß Dennemark, wie es ihnen ergangen, vnd was jammers vnd not ſie erlitten, gantz luſtig und kurzweilig zu leſen. Vormals nie im Druck außgangen. Gedruckt zu Frankfurt am Mayn. MDLXXIII. — — ſchoͤne angenehme Geſtalt erwarb ihm die Liebe Aller, die ihn ſahen, und er wuchs ruͤſtig heran und die Eltern hatten große Freude an ihm. Kaum aber war Engel⸗ hart(ſo hieß der Knabe) vierzehn Jahre alt, ſo trat er vor ſeinen Vater und ſprach: Dein Schloß iſt ſo enge und die Welt iſt ſo weit; laß mich ausziehen nach Abentheuern und mein Gluͤck verſuchen. Zieh' hin mit Gott, mein Sohn, ver⸗ ſetzte der alte Raimund; nur merke wohl, was ich Dir ſage. Nichts Edleres giebt es auf der Erde, als Freundſchaft, aber Viele nennen ſie und kennen ſie nicht. Darum pruͤfe wohl, wen Du Dir zum Freunde er⸗ kieſeſt, und laß Dich nicht blenden vom aͤu⸗ ßern Scheine und nicht bethoͤren durch glatte Worte.— Damit Du aber an einem Zei⸗ chen den wahren Freund vom falſchen unter⸗ ſcheiden moͤgeſt, ſo nimm dieſe drei Aepfel, und begegnet Dir auf der Straße ein Geſell, . 5 2 — 84— ſo reiche ihm der Aepfel einen und ſiehe, was er thut. Verzehrt er die Frucht, ohne ſie mit Dir zu theilen, dann ziehe Du Dei⸗ ner Straßen allein und nimm ihn nicht zu Deinem Genoſſen, denn er meinet's nicht redlich mit Dir. So Dir aber einer begeg⸗ net und nimmt den Apfel und giebt Dir die Haͤlfte zuruͤck, dem reiche die Hand und laß ihn nicht von Deiner Seite, denn er wird Dir treu ſeyn bis zum Tode.— Engelhart nahm die Aepfel und ver⸗ ſprach, des Vaters Rath zu befolgen, und herzte und kuͤßte ſeine Mutter und machte ſich dann wohlgemuth auf den Weg nach dem Hofe des Königs von Daͤnemark, von welchem man dazumal viel Schönes und Lobliches erzaͤhlte. Und noch keine große Strecke hatte er ſich vom vaͤterlichen Schloſſe entfernt, als ihm ein muntrer Geſell begegnete, welcher mit heller Stimme ein froͤhliches Lied ſang 4 und Engelharten freundlich gruͤßte. Ha! dachte Engelhart; ſicherlich iſt es dieſer, den der Himmel mir zum Gefaͤhrten beſtimmt hat!— Und er nahm der Aepfel einen und reichte ihn dem Juͤnglinge und wartete, was er thun wuͤrde. Aber der Juͤngling verzehrte begierig die ganze Frucht und ließ Engelharten zuſehen. Da wandte ſich dieſer traurig von ihm und dachte, indem er unbe⸗ gleitet ſeine Straße weiter zog: ſein Auge war ſo klar und ſeine Stimme ſo lieblich, wie konnt ich ihm Falſchheit zutrauen!— Darauf, als er kurze Zeit ſeinen Weg ſtill fortgeſetzt, traf er einen andern Geſellen an, welcher finſter und in ſich gekehrt an ihm voruͤberging. Ach, gewiß— dachte Engelhart— druͤckt den Armen ein gehei⸗ mer Kummer. Waͤr' es nur des Himmels Wille, ſo wollt' ich gern ſein Freund ſeyn und ſeinen Schmerz ihm tragen helfen!— Und er eilte ihm nach und bot ihm den zwei⸗ — 36— ten Apfel und wartete, was er thun wuͤrde. Und der Juͤngling nahm den Apfel und biß hinein und verzehrte ihn gaͤnzlich. Da wandte ſich Engelhart mit Schmerzen von ihm und ſeufzte: Ach Gott, nun darf ich ſein Freund nicht ſeyn, obwohl ich es gern geweſen waͤre! und betruͤbter noch, als zu⸗ vor, und mit weinenden Augen verfolgt' er ſeinen Weg, denn wie ein ſchneidender Dolch fuhr ihm der Gedanke durch die Seele: Wenn ich nun auch den dritten Apfel ver⸗ ſchenke, und der, dem ich ihn reiche, thut wie die andern Beiden, dann iſt die Hoff⸗ nung, einen Freund zu finden, mir auf ewig verloren, und ich habe Niemand, mit dem ich Leid und Freude des Lebens theilen kann. Eine Thraͤne ſank aus ſeinem Auge und er ſtreckte die geoͤffneten Arme der Abend⸗ ſonne entgegen, als wolle er ſie bitten, im den erſehnten Freunid zuzufuͤhren, bevor die — 87— Nacht mit ihrem ſchwrrzen Schleier die Erde verhuͤlle. Siehe, da kam des Weges ein Juͤngling von hoher Geſtalt auf einem ſchneeweißen Roſſe, der auch wie Engelhart ſeine Hand nach dem ſinkenden Lichte des Tages ausſtreckte, als ob ſeine Bruſt von gleicher Sehnſucht erfuͤllt werde. Und als der Fremde ſich genaͤhert, blickten ſie einan⸗ der voll Erſtaunen und Verwunderung an, denn Jeglicher war von Geſicht und Geſtalt des Andern vollkommenes Ebenbild und eine Unterſcheidung ſchier unmoͤglich. Da nahm Engelhart frohen Muthes den dritten Apfel und reichte ihn dem Fremden und ſprach: Nimm und iß! Und der Juͤngling nahm den Apfel und brach ihn in zwei gleiche Theile und ſagte, indem er die eine Haͤlfte Engelharten reichte: Iß Du mit mir und laß uns Freunde ſeyn! Und ſie aßen und ver⸗ ſprachen einander mit einer Umarmung ewige Freundſchaft und unverhruͤchliche Treue. — 88— Indem ſie nun beim blaſſen Lichte des Mondes weiter ritten, hub der Fremde an: Lieher, wiſſe denn, ich heiße Dieterich, mein Vater iſt Herzog von Brabant, und ich bin ausgezogen nach Thaten und Aben⸗ theuern. Sage mir denn auch Deinen Na⸗ men, wer Deine Eltern ſind und was Dein Gewerb' iſt?— 6 Engelhard heiß' ich!— verſetzte dieſer — Miaein Vater iſt Raimund von Bur⸗ gund, und aus gleicher Urſach wie Du hab' ich meine Heimath verlaſſen und bin geſon⸗ nen, am Hofe des Koͤnigs von Daͤnemark Dienſte zu ſuchen. Dieterich war alsbald willig, ſeinen Freund zu begleiten, und nachdem ſie meh⸗ rere Tage und Naͤchte lang geritten, kamen ſie gluͤcklich am Hofe des Koͤnigs von Daͤne⸗ mark an. Dieſer betrachtete die Juͤnglinge, als ſie vor ihn gelaſſen worden waren, lange Zeit mit Verwunderung und rief dann: Bei —=— — 89— Gott! Nie in meinem Leben ſah ich zwei Menſchen, welche einander ſo vollkommen gleich waren von Antlitz, Geſtalt und Ge⸗ berde, und muͤßte mich doch Alles taͤuſchen, wenn Ihr nicht Zwillingsbruͤder waͤret! Da nahm Engelhart das Wort: Ihr irrt, Herr Koͤnig! Nicht einerlei Vater und Mutter haben wir, auch nicht einerlei Hei⸗ math, aber des Himmels Wille hat uns zuſam⸗ men gefuͤhrt auf unſerer Reiſe und wir haben einander Freundſchaft zugeſagt bis zum Tode. Und als ſie hierauf gemeinſchaftlich ihr Geſuch vorgetragen, daß der Koͤnig ihnen vergoͤnnen wolle, einige Zeit an ſeinem Hofe und in ſeinem Dienſte zu verweilen, damit ſie des Hofes Gebraͤuche und ritterliche Sit⸗ ten lernten, erwiederte ihnen der Koͤnig voll Huld: Seid mir willkommen an meinem Hofe, verweilet allhier, ſo lang es Euch ge⸗ faͤllt, und ich will Sorge tragen, daß Ihr Unterricht empfangt im Gebrauch der Waf⸗ fen, in adelichen Sitten und in Allem, was Juͤnglingen Eurer Abkunft zu wiſſen noth iſt. Und Engelhart und Dieterich blieben am Hofe des Koͤnigs von Daͤnemark und uͤbten ſich in den Waffen und dienten den Frauen und gewannen ſich Jedermanns Liebe durch ihr edles und ſittſames Betragen. Es hatte aber der Koͤnig eine Tochter, Namens Edeldrut, welche mit ſo ſchoͤner liebreizender Geſtalt begabt war, daß von ihrem Anblicke jedes Maͤnnerherz bewegt wurde, und wie ihr Leib, ſo ſchoͤn und flek⸗ kenlos war auch ihre Seele. Und kaum ſahen Engelhart und Dieterich die ſchoͤne Jungfrau, da ergluͤhten ihre Wangen, da flammten ihre Augen, da durchzog ein ſtilles Sehnen ihre klopfenden Herzen und ſie ſchwiegen und bebten.... Und wie ſie die niedergeſchlagenen Augen erhoben, da las ein Jeder in den Blicken des Andern ſein eigenes Gefuͤhl, und ſie ſahen auf's Neue zu Boden, gleich als ob ſie durch das neue Gefuͤhl, welches ihres Herzens ſich be⸗ maͤchtiget, an ihrer Freundſchaft Verkarh zu begehen fuͤrchteten. Als ſie nun in der Nacht allein waren, ſprach Engelhart zu ſeinem Freunde: Siehr doch, mein Dieterich, das ſchoͤne Geſtirn dort, welches vom Himmelsgewoͤlbe ſein weißes blendendes Licht auf die dunkle Erde niederwirft. Und die Menſchen wenden ent⸗ zuͤckt ihre Augen nach dem hellen Geſtirne und freuen ſich des klaren Licht's, doch Kei⸗ ner ſtreckt die Hand aus mit dem verwegenen Wunſche, den ſchoͤnen Stern als Eigenthum zu beſitzen und auf die Erde herabzuziehn. — So will auch ich die holde Edeldrut lie⸗ ben mit meinen Augen und geheim im in⸗ nerſten Herzen, doch ohne Wunſch und ohne Hoffnung. Und ich— verſetzte Dieterich— will — 92— ſie lieben, wie Du ſie liebſt, Engelhart, ohne Wunſch und ohne Hoffnung, heilig und ewig!— Und die Juͤnglinge beſchwo⸗ ren ihren Bund mit einer feſten Umar⸗ mung.— Es war aber ſeit Engelharts und Die⸗ terichs Ankunft in Daͤnemark noch kein vol⸗ les Jahr verfloſſen, ſo kam die Trauerbot⸗ ſchaft, daß Dieterichs Vater verſtorben, und Dieterich wurde aufgefordert, in ſein Land zuruͤckzukehren und den erledigten Thron in Beſitz zu nehmen. Da zerriß zwiefacher Schmerz ſeine Bruſt: daß er ſeinen Vater verloren und daß er nun auch von ſeinem Freunde ſich trennen ſolle. Und er ſprach zu Engelharten: Lieber, ich kann ohne Dich. nicht leben; ziehe mit mir und die Haͤlfte meines Reichs ſoll Dein ſeyn. Oder nimm mein ganzes Reich— fuhr er fort, als Engelhart ſchwieg— nimm es hin! Freu⸗ dig will ich Dir dienen und gehorchen, wenn 4 Du nur nicht begehreſt, daß 6 mich von Dir trenne. Da verſetzte Engelhart wehmuͤthig und ernſt: Dieterich, laß ab, in mich zu drin⸗ gen, denn ich darf nicht annehmen, was Du mir bieteſt. Nicht theilen, noch ver⸗ ſchenken darfſt Du das Land, welches als ein heiliges Vermaͤchtniß von Deinem Vater auf Dich vererbt iſt. Scheel ſehen wuͤrde Dein Volk, ſollte es unter dem Szepter eines Fremdlings ſich beugen, der ihm auf⸗ gedrungen ward, und verachten wuͤrde es Dich, der Du eine Krone wegwarfſt, um Dich zum Dienſtmann zu erniedrigen. Folge alſo dem ehrenvollen Rufe, der an Dich ergan⸗ gen; mich aber laß hier, denn mich verlangt kein verwaiſetes Volk und darum fuͤhle ich mich verpflichtet, dem Koͤnige von Daͤnemark, welcher ſo gnaͤdig uns aufnahm, noch laͤnger zu dienen; doch ſobald ich meine Probezeit beſtanden und den Ritterſchlag verdient habe, eil ich in Deine Arme, und je ſchmerzvoller uns die Trennung geweſen, deſto inniger werden wir dann das Gluͤck unſerer Wie⸗ dervereinigung fuͤhlen. Vergebens ſuchte Dieterich den feſten Entſchluß ſeines Freundes zu erſchuͤttern, und ſah ſich endlich wider Willen genoͤthigt, der Meinung deſſelben beizupflichten. Er beurlaubte ſich alſo vom Koͤnige und deſſen Hofſtaate, und begab ſich, von den Gluͤck⸗ wuͤnſchen Aller begleitet, auf den Weg nach Brabant. Ach, wer ihn ſo in Schwermuth verſunken ſitzen ſah auf ſeinem Roſſe, wel⸗ ches er hingehen ließ, wohin ihm beliebte, der haͤtte wohl nimmermehr gemeint, daß der junge Ritter hinziehe, einen Thron in Beſitz zu nehmen; viel eher haͤtte er ihn fuͤr einen Verliebten gehalten, deſſen Her⸗ zen die Untreue ſeiner Geliebten oder ihr Tod eine unheilbare Wunde geſchlagen. Es begab ſich aber bald nach Dieterichs — 95— Entfernung, daß die Koͤnigin von Daͤnemark krank ward und ſtarb. Wohl wurden viele Herzen betruͤbt durch ihren Tod, aber kei⸗ nem Auge entſloſſen heißere Thraͤnen um ſie, als dem Auge Engeldruts. Still und ſtumm ſaß ſie oft Stundenlang an einer Stelle und ſtarrte zu Boden und regte ſich nicht; ſie vermied ihre Geſpielen und ließ ihre Blu⸗ men vertrocknen und hatte fuͤr Nichts Sinn und Empfindung, als fuͤr ihre Schmerzen. Und der Koͤnig, welcher ſeine Tochter un⸗ ausſprechlich liebte, war ob ihres Kummers ſo beaͤngſtigt, daß er, ſeine eigene Betruͤb⸗ niß vergeſſend, auf Nichts bedacht war, als wie er Engeldruts Gemuͤth erheitern moͤge. Da nun Engelhart in Erzaͤhlung ſchoͤner alter Sagen und Geſchichten, ſo wie im Lautenſpielen, ſonderlich bewandert war, ſo meinte der Koͤnig, es duͤrfte demſelben leicht⸗ lich gelingen, durch angenehme und zerſtreu⸗ ende Unterhaltung den Sinn Engeldruts von — 96— den ſchwarzen Bildern ihres Grams ab⸗ zuwenden und ihr das Leben wieder lieb und theuer zu machen, wie es vordem ihr war. Deshalb ließ er den Juͤngling zu ſich rufen, und eroͤffnete ihm ſein Vor⸗ haben, daß er ihn zum Geſellſchafter der Prinzeſſin auserſehen habe, damit er durch ſeine Rede und durch ſein Spiel ihr Herz erheitere; zugleich verhieß er ihm reiche Belohnung, ſo es ihm gelaͤnge, Edeldruts Schwermuth zu zerſteuen. Da ſtand nun Engelhart vor dem K Koͤ⸗ nige und ſchlug, ſtatt zu danken, ſein Auge verlegen zu Boden. So ſehr ihn auch des Koͤnigs Begehren erfreute, ſo konnte er ſich doch nicht verhehlen, wie gefaͤhrlich Engel⸗ druts Naͤhe ſeinem Herzen ſeyn werde... Doch unvermoͤgend, ſeinen innern Kampf ſogleich zu entſcheiden, verneigt er ſich und ſprach: Wie Ihr befohlen, Herr Koͤnig, ſo will ich thun!— — 97— Mochte nun die ſchoͤne Engeldrut ſchon vorher dem ſittigen Juͤnglinge gewogen ge⸗ weſen ſeyn, oder ward ſie bezwungen durch die ſtille Gewalt ſeines Geſanges und ſeiner anmuthigen Rede,— einen beſſern Seelen⸗ arzt haͤtte der Koͤnig ſeiner Tochter nicht zu⸗ ordnen koͤnnen, als Engelharten, denn kaum war derſelbe einige Tage um die Prinzeſſin geweſen, da gewann ihr Auge das faſt ver⸗ lernte Laͤcheln wieder, und vor ihm entwich der Gram, wie der Morgennebel vor den durchdringenden Sonnenſtrahlen weicht. Wohl traf es ſich, daß in Stunden, wenn Engeldrut allein war, der entſchlum⸗ merte Schmerz in ihrer Bruſt wieder auf⸗ wachte, und manch Thraͤnlein, um die ver⸗ lorene Mutter geweint, in ihren Schoos ſank; ſo wie aber Engelhart mit ſeiner Laute in ihr Gemach trat und ſein ſuͤßes Spiel an⸗ hub, entfloh der finſtre Geiſt und nahm En⸗ geldruts Thraͤnen und ihre Seufzer mit ſich. 1I. Odchn. G d Auch wenn die Prinzeſſin luſtwandelte, war Engelhart ihr ſteter Begleiter. Nun geſchah es, daß, als ſie eines Tages im Gruͤ⸗ nen ſich erging, ein Kindlein am Wege ſaß, welches mit Blumen ſpielte. Und als die ſchoͤne Engeldrut nahe kam, ſtreckte das Kind die kleinen Haͤnde voll Blumen nach ihr aus und lallte: Mutter! lieb' Mutter!— Dar⸗ uͤber hatte Engeldrut große Freude und nahm das Kindlein auf den Arm und kuͤßte ſeine roſigen Lippen und koſete mit ihm. Engel⸗ hart aber war in einiger Entfernung der Prinzeſſin nachgefolgt, und als er ſah, was die Prinzeſſin that, da beneidete er das ſchuld⸗ loſe Kindlein in ſeinem Herzen und dachte: Ach, daß ich auch ein Kindlein waͤre, damit ſie ſo mit mir koſete und Niemand daͤchte Ar⸗ ges dabei!— Als nun die Prinzeſſin das Kindlein wieder in's Gras geſetzt hatte und fuͤrbaß gegangen war, nahm Engelhart das Kind auf ſeinen Arm und kuͤhte heimlich mit b — 99— fuͤßer Wolluſt die Lippen, welche die Prin⸗ zeſſin gekuͤßt hatte, meinend, ſie bemerk' es nicht. Aber Engeldrut ſah ſich um, und als ſie gewahrte, was Engelhart that, uͤber flog eine holde Roͤthe ihre Wangen, wie wenn eine purpurne Abendwolke voruͤberziehend im ſtillen See ſich beſpiegelt.— Sagt mir doch, ob die Prinzeſſin wohl erroͤthet waͤre, weenn ſie nicht errathen haͤtte, mit welchen Gedanken Engelhart das Kindlein kuͤßte?— Ach, es war ihr laͤngſt kein Geheimniß mehr, was Engelhart fuͤr ſie empfand, ſo ſehr er auch ſein Gefuͤhl zu verbergen ſich bemuͤhte. Wenn ſeine Stimme zur Laute klang ruͤhrend und ſehnſuͤchtig, wie wenn die Nachtigall um ihre verlorne Brut klagt, dann hatte ſich oft ſchon die Frage des Mit⸗ leids auf ihre Lippen gedraͤngt: Armer Jäͤngling, was iſt Dir?— und doch hatte ſie geſchwiegen, weil ſie fuͤrchtete, er moͤcht ie antworten: Engeldrut, ich liebe D Dich— 8 G 2 — 100— das iſes, was mir Schmerzen macht.— Auch jetzt ſchwieg ſie, wie Engelhart ſchwieg, aber deſto mehr empfanden Beide. So iſt es ja, wenn die Liebe zwei Seelen einander zitternd entgegenfuͤhrt, ſie ſind Eins, in ein⸗ ander zerronnen und verſunken, aber der dund ſcheut ſich, das Wort Liebe auszu⸗ ſprechen, als ſei es eine Zauberformel, wo⸗ durch die boͤſen Geiſter aus dem Hoͤllen⸗ ſchlunde gelockt werden.—„ Nachdem auf ſolche Weiſe Engelhart zwei Jahre lang und druͤber am Hofe des Koͤnigs von Daͤnemark zugebracht hatte und in den Geſetzen der Ritterſchaft wohl unterrichtet war, ertheilte ihm der Koͤnig mit eigenen Haͤnden den Ritterſchlag. Bald nachher ward ein Luſtgefecht angeſtellt, zu welchem Ritter aus der Naͤh' und Ferne in großer Zahl ſich einfanden, um den Siegsdank zu erringen, welchen die ſchoͤne Engeldrut aus⸗ theilte. Doch kein Ritter erſchien in den — 401— Schranken, von hoͤherm Muthe entflammt als Engelhart... Ha, wie ungeduldig pocht' ihm das Herz, vor Engeldruts Augen zu kaͤmpfen, und als die Reihe an ihn kam, mit welcher Kraft traf ſeine Lanze und mit welcher Gewalt ſein Schwert!— Schon viele Ritter hatte er niedergeworfen, und die Stimme aller Zuſchauer ſprach ihm bereits den Kampfpreis zu, als noch ein fremder Ritter in den Schranken erſchien. Er war von rieſenmaͤßiger Geſtalt, ſchwarz ſein Roß und von gleicher Farbe ſeine Ruͤſtung. Zum erſten und zweiten Male rannte er mit Engelhart zuſammen und keiner wankte; beim dritten Rennen aber zertruͤmmerte En⸗ gelharts Speer an der Felſenbruſt des Geg⸗ ners, Engelharts Roß ſank keuchend zu Bo⸗ den und warf den Reiter aus dem Sattel. Da ſchwang ſich der ſchwarze Ritter behend von ſeinem Roſſe und eilte auf den Gefalle⸗ nen zu, doch nicht um ſich ſeines Sieges zu — 1402— bedienen, ſondern er richtete ihn auf und ſprach: Reiche Deine Hand dem Islaͤnder Thor Trygalſon, der um Deine Freund⸗ ſchaft wirbt. Du haſt ihm die Staͤrke Dei⸗ nes Armes fuͤhlen laſſen, und er weiß, daß nicht ſein Lanzenſtoß Dich niedergeworfen hat, ſondern die Untreue Deines Roſſes!— Und ſie umſchlangen einander unterm Beifalls⸗ geſchrei der Zuſchauer und die Trompeten ſchmetterten, das Ende des Turniers ver⸗ kuͤndend. Da riefen die Kampfrichteks: Der erſte Dank gebuͤhrt dem Islaͤnder Thor Trygal⸗ ſon, der zweite aber Engelharten von Bur⸗ gund! Hierauf naͤherten ſich die beiden Sie⸗ ger dem Sitze Engeldruts, und der Islaͤn⸗ der empfing aus ihren Haͤnden eine purpur⸗ rothe mit Silber durchwirkte Schaͤrpe und ein paar goldene Sporen, Engelhart aber ein Damaszenerſchwert mit goldnem Griff, doch der huldvolle Blick, mit welchem die .— 403— Prinzeſſin es ihm reichte, galt ihm Meh, als das Geſchenk ſelbſt. Als nun das Feſt Abends durch ein fröh⸗ liches Mahl gekroͤnt ward, und die verſam⸗ melten Ritter im Schloßſaale unter rauſchen⸗ der Muſik und lautem Jubel ihre Pokale leerten und den Damen ihres Herzens man⸗ ches Lebehoch brachten, da entfernte ſich En⸗ gelhart ſtill aus dem laͤrmenden Kreiſe und die Sehnſucht nach Engeldrut trieb ihn in den Schloßgarten an die Stelle, wo er oft zu ihren Fuͤßen geſeſſen und durch den Zau⸗ ber der Toͤne ihr Herz geruͤhrt hatte. Und er ſetzte ſich im Gebuͤſch nieder, auf welches der Mond ſein weißes Licht niedergoß und dachte an ſie, die er liebte, mit Wonne und mit Schmerzen. Da rauſchte es in den Zweigen und wie er aufſchaute, ſtand das Bild ſeiner einſamen Traͤume, die ſchoͤne Engeldrut, vor ihm. Ritter!— ſprach die Prinzeſſin nach einigen Augenblicken des — 404— Schweigens— Es uͤberraſcht mich, Euch hier zu finden, waͤhrend Eure Geſellſchaft beim Pokal ſich freuet. Warum flieht Ihr die Menſchen und ſucht die Einſamkeit auf?— Die Einſamkeit, Prinzeſſin? verſetzte Engelhart. Dort im Kreiſe der Ritter, wo die Freude nicht als eine beſeligende Goͤttin, ſondern als eine zuͤgelloſe Bacchantin herrſchte, fuͤhlte ich mich fremd und unhei⸗ miſch, und beleidigt durch das ſchallende Ge⸗ laͤchter und den verworrenen Laͤrm floh ich in dieſes ſtille Gebuͤſch. Hier traͤumte mir, es nahe ſich mir ein Engel und nehme in einem leiſen Kuſſe das Leben von mir. Hier ſank Engelhart vor der Prinzeſſin nieder und fuhr mit bebender Stimme fort: Ach, das Sterben war ſo ſuͤß, ſo ſuͤß! denn, Engeldrut, der Engel warſt— Du. Da beugte von ſeiner ſtillen und from⸗ men Liebe bezwungen Engeldrut zu dem Knienden ſich herab und umfing ihn mit ih⸗ ren Armen und ihre Lippen ruhten auf ein⸗ ander, wie wenn bei unbewegter Luft zwei Flammen in einander fließen, und Luna ge⸗ 4 dachte des ſchoͤnen Jaͤgers Endymion und der kurzen Freude ihrer Liebe, und zog einen Wolkenſchleier uͤber ihr trauerndes Antlitz, waͤhrend unter ihr die Liebenden mit namen⸗ loſer Wonne an einander ruhten.... Aber der Verrath wachte und behorchte mit lauſchendem Ohre das ſuͤße Gefluͤſter der Liebe.. Einſam mit rachekochender Bruſt ging Ritſchier von Engelland, des Koͤnigs Schweſterſohn, in den finſtern Laubgaͤngen des Gartens umher. Voll ſtolzer Zuverſicht, den hoͤchſten Kampfpreis zu erringen, war er eut in die Schranken geritten, aber Engel⸗ harts Speer hatte den Uebermuͤthigen in den Staub geſchleudert. Und nicht allein dies! — Sein ſpaͤhendes Auge hatte den Blick — 4196— aufgefangen, mit welchem Engeldrut dem Sieger das Schwert reichte, er ſah die Flamme verſtohlner Liebe darin brennen... Du— murmelte er zaͤhneknirſchend— Du ſollteſt gluͤcklich ſeyn bei der, an welche ich Seufzer und Huldigungen vergebens ver⸗ ſchwende?— Nimmermehr!— Das Licht des Tages gehoͤrt dem Nach⸗ ſinnen üͤber edle und ſchoͤne Unternehmungen, in den Schatten der Nacht gedeihen die Plaͤne der Rache. So hatte auch Ritſchier aus der Verſammlung der Ritter ſich hinwegbegeben, und war hinausgegangen in das ſchweigende Dunkel, um bei ſich nachzudenken, wie er die von Engelharten ihm zugefuͤgte Schmach demſelben vergelte. Da machte ihn ein leiſes Geſpraͤch im Gebuͤſch aufmerkſam, er naͤ⸗ herte ſich behutſam und erkannte Engelharts und Engeldruts Stimmen. Schon zuckte ſeine Hand nach dem Schwerte, um den Verhaßten mitten in ſeinem Liebestaumel zu durchbohren, aber die ruhigere Beſonnen⸗ heit hielt ihm den Arm, und er ſtahl ſich leiſe und unbemerkt von dannen. Aber am naͤchſten Morgen trat er in das Gemach des Koͤnigs und hinterbrachte ihm, daß er in der vergangenen Nacht im Schloß⸗ garten die Prinzeſſin mit Engelhart in un⸗ keuſcher Umarmung betroffen habe. Daruͤber gerieth der Koͤnig in ſo heftigen Zorn, daß er ſeine Tochter in einen finſtern Thurm zu werfen, ihren Buhlen Engelhart aber mit dem Schwerte hinzurichten befahl. Kaum aber war dieſes harte Gebot zu den Ohren der Ritter gekommen, ſo entſetz⸗ ten ſich alle daruͤber, und uͤberzeugt von En⸗ gelharts und der Prinzeſſin Unſchuld ſuchten ſie Gehoͤr beim Koͤnige und beſchworen ihn mit dringenden Bitten, nicht die Ehre ſeiner Krone durch eine voreilige blutige That zu beflecken, ſondern die Anklage zuvor genau zu unterſuchen. — 108— Dieſe Vorſtellungen fanden auch endlich erwuͤnſchten Eingang bei dem Koͤnige, und er ließ Engelharten vor ſich bringen, und machte ihm bekannt, weſſen er von Ritſchier angeklagt worden war. Aber der Prinzeſſin Ehre war Engelharten viel zu heilig, als daß er die naͤchtliche Zuſammenkunft mit ihr haͤtte zugeſtehen ſollen, ja er meinte, der Himmel werde eine Unwahrheit ihm leichter verzei⸗ hen, als ein ſolches den Gegenſtand ſeiner Liebe entehrendes Geſtaͤndniß. Darum laͤug⸗ nete er beharrlich Ritſchiers Anklage, ſo ſehr auch dieſer darauf beſtand, weshalb der Koͤ⸗ nig nach dem einſtimmigen Rathe aller Rit⸗ ter den Ausſpruch that, daß Ritſchier die Wahrheit ſeiner Anklage im Zweikampfe ge⸗ gen Engelhart erweiſen ſolle. Als nun Engelhart dieſen Ausſpruch ver⸗ nahm, ward die Stimme ſeines Gewiſſens laut, und er konnte ſich nicht der Furcht er⸗ wehren, daß der Himmel zur Strafe ſeiner — 409— Unwahrheit im Kampfe mit Ritſchier gegen ihn entſcheiden und ſeine Schuld an den Tag bringen werde, und noch bekuͤmmerter ward er, wenn er bedachte, welches harte Schick⸗ ſal alsdann der Prinzeſſin bevorſtehe. Doch nach kurzem Nachſinnen uͤber einen feſten Entſchluß wandte er ſich zum Koͤnige und ſprach: Dank Euch, Herr Koͤnig, daß Ihr mir verſtattet, im Zweikampfe mit meinem Anklaͤger die Ehre der Prinzeſſin ſowohl, als die meinige zu retten. Ob nun wohl das Verbrechen, deſſen Ritſchier mich anklagt, meine Seele nicht belaſtet, ſo bin ich doch anderer Vergehungen und Fehler mir bewußt, die ich noch nicht bereuet und gebuͤßt, darum vergoͤnnt mir, in ein Kloſter zu gehn und dort durch andaͤchtiges Gebet und ſtrenge Buß⸗ uͤbungen zu dem vorhabenden Kampfe auf Leben und Tod mich vorzubereiten. Dieſe Bitte konnte der Koͤnig ihm nicht verweigern, und nachdem Engelhart nach — 110— Verlauf von vier Wochen ſich zum Kampfe zu ſtellen mit ſeinem Ritterworte angelobt hatte, verließ er den Hof des Koͤnigs von Daͤnemark, ohne daß ihm vergoͤnnt war, zu⸗ vor noch einmal die holde Engeldrut zu ſehn. A ber ſein Weg ging nicht nach einem Kloſter, ſondern nach Brabant zu ſeinem Freunde Dieterich, und ſonder Raſt und Ruh ritt er Tag und Nacht, bis er bei demſelben ankam.— Wer vermag das Feſt ihres Wie⸗ derſehens zu ſchildern! Sie ruhten einan⸗ der in den Armen mit dem Entzuͤcken zweier Liebenden, die durch Meer und Berge und des Schickſals Haͤrte Jahre lang getrennt waren und nun ſich wiederſinden. Doch als der Sturm der erſten Freude ſich gelegt hatte und ihre Herzen ruhiger geworden waren, zog Engelhart ſeinen Freund in ein abgelege⸗ nes Gemach, wo Niemand ihr Geſpraͤch be⸗ lauſchen konnte, und nachdem er ihn hier von den Ereigniſſen am Hofe des Koͤnigs — — 4411— von Daͤnemark vollſtaͤndig unterrichtet hatte, ſchloß er mit dieſen Worten: So weißt Du denn nunmehr, mein Dieterich, die bedraͤngte Lage, in welcher ich mich gegenwaͤrtig be⸗ finde, und warum ich mich ſcheue, im Zwei⸗ kampfe mit Ritſchier des Himmels Gerech⸗ tigkeit zu verſuchen. Deshalb bitt' ich Dich, lege Du meine Ruͤſtung an, nimm mein Schwert und Roß und eile nach Daͤnemark, ſtatt meiner zu kaͤmpfen. Dein Herz iſt rein von Schuld, darum wirſt Du ſiegen und Engeldruts Ehre retten und Niemand wird errathen, daß Du ſtatt meiner kaͤmpfeſt, da wir einander ſo aͤhnlich ſind von Geſtalt und Antlitz, daß man uns vordem am Hofe zu Daͤnemark beſtaͤndig verwechſelte. O mein Engelhart! rief Dieterich, mit ſtuͤrmiſcher Haſt ſeinen Freund umſchlingend. Fuͤr Dich zu kaͤmpfen nnd fuͤr Engeldrut— wie erhebt dieſer Gedanke meine Seele, und jagt in freudiger Eile das Blut durch meine — 1412— Adern! Wohlauf denn! Wir tauſchen un⸗ ſere Ruͤſtungen, unſere Roſſe und Schwerter. Die erſten Strahlen der Sonne ſollen mich auf dem Wege nach Daͤnemark finden, Du aber verweile allhier bis zu meiner Ruͤck⸗ kehr!— Der zum Zweikampf beſtimmte Tag war gekommen und der Koͤnig hatte ſich nebſt den Rittern verſammelt, auch Ritſchier harrte vor den Schranken der Erſcheinung ſeines Gegners, da ſprengte Dieterich mit ſtaubbe⸗ deckter Ruͤſtung auf ſeinem ſchaͤumenden Roſſe heran, und neigte den Speer vor dem Koͤnige und rief: Hier bin ich, Herr Koͤ⸗ nig! bereit, im Kampfe mit Ritſchier von Engelland zu beweiſen, daß er gelogen, wenn er behauptec, mich mit der Prinzeſſin En⸗ geldrut in vertraulicher Umarmung im Schloßgarten betroffen zu haben. Wenn ich Wahrheit geredet, ſo helfe mir Gott; wo nicht, ſo treffe mich ſeine Strafe! — 113— Da winkte der Koͤnig, welcher nebſt den Rittern den Angekommenen fuͤr keinen An⸗ dern als Engelharten hielt; die Trompeten ſchmetterten, die Schranken thaten ſich auf, Ritſchier und Dieterich ſprangen von den Roſſen, traten mitten auf den Platz einan⸗ der gegenuͤber und entbloͤſten ihre Schwerter. Jetzt erklang der zweite Trompetenſtoß und die Klingen der Kaͤmpfenden begegneten ſich Schlag auf Schlag; wuͤthend griff Rit⸗ ſchier an, dem die Begierde, ſeinen gehaß⸗ ten Nebenbuhler in das Reich des Todes zu ſenden, ſchier die Bruſt zerſprengte, doch Dieterich, entflammt vom heiligen Gefuͤhle der Freundſchaft, begegnete ihm eben ſo wacker und blieb ihm nichts ſchuldig. Schon ſprang aus vielen Wunden ihr Blut und floß in purpurnen Stroͤmen an den blanken Ruͤſtungen in den Sand; oft mußten ſie Halt machen, weil die ermatteten Arme ih⸗ nen den Dienſt verſagten; dann ſtanden ſie 1I. Bdchn. H C — 444— einander gegenuͤber, die ſchwankenden Leiber auf die blutgetraͤnkten in die Erde geſtoßenen Schwerter geſtuͤtzt, blos mit drohenden Blik⸗ ken ſich verwundend. Doch kaum waren ſie wieder zu einigen Kraͤften gelangt, ſo riſſen ſie die Schwerter in die Hoͤhe und erneuer⸗ ten ihren grimmigen Kampf, doch wollt' es weder dem Einen, noch dem Andern gelin⸗ gen, ſeinen Gegner zu Boden zu ſtrecken. Hitziger geworden durch die vergebliche An⸗ ſtrengung ging jetzt Ritſchier mit blinder Wuth auf Dieterich los, draͤngte ihn einige Schritte zuruͤck, und erhob den Arm zu einem fuͤrchterlichen Streiche, als Dieterich alle ſeine Kraͤfte ſammelnd mit ſolcher Gewalt ſeines Gegners Arm traf, daß die blutende Fauſt mit feſtgehaltener Klinge in den Sand ſuuͤrzte. Graͤßliche Verwuͤnſchungen ausſchuͤttend tau⸗ melte Ritſchier nieder, und erhob noch dro⸗ hend den verſtuͤmmelten Arm, als Dieterich herbeieilte, ihm den Todesſtoß zu verſetzen. — 445— Da glaubte der Koͤnig, ſeines Verwand⸗ een ſich annehmen zu muͤſſen, und rief mit lauter Stimme: Halt ein, Engelhart, und ſchone ſein Leben, ſo will ich Dir gewaͤhren, was Du auch von mir fordern magſt! Wollt Ihr mir gewaͤhren, was ich bitte — rief Dieterich, ſein Schwert ſenkend— ſo will ich meine Rache vergeſſen und Rit⸗ ſchiers Leben in Eure Hand geben. So ſprich: was berlangſe Du? verſetzte der Koͤnig. Da forderte Dieterich getroſt Ergeldeut zur Gemahlin, und der Koͤnig, durch ſein Wort gebunden, ſagte ſie ihm zu, ließ die Gefangene aus ihrem Kerker holen und ver⸗ maͤhlte ſie mit Dieterich, woruͤber Engeldruts Leid, da auch ſie Dieterichen fuͤr Engelharten hielt, ſich in große Freude verkehrte. Als aber die Neuvermaͤhlten im Brautgemach allein waren, ſprach Dieterich: Laß uns dieſe Nacht, geliebte Engeldrut, blos from⸗ H 2 — 116— men Gebeten weihen, laß uns dem Himmel danken, daß er ſich uns ſo gnaͤdig erwieſen, und mit der Erfuͤllung unſers ſehnlichſten Wunſches uns erfreuet hat, ich aber will, wie der naͤchſte Morgen graut, zuruͤck in das Kloſter gehn und dort vier Wochen lang in Andachtsuͤbungen zubringen, wie ich dem Himmel angelobet habe, ſo er mich ſiegen ließe.— Und ſie beteten zuſammen in— bruͤnſtig, und als ſie das Lager beſtiegen, legte Dieterich Engelharts Schwert zwiſchen ſich und Engeldrut. Am andern Morgen aber machte er ſich, ſein Geluͤbd vorſchuͤtzend, ſogleich auf den Weg nach Brabant, und als er Engelharten, welcher mit Furcht und Sehnſucht ſeiner An⸗ kunft harrte, von dem gluͤcklichen Er folge be⸗ nachrichtigt, wollte dieſem die Freude faſt das Herz zerſprengen; ungeſtuͤmen Dankes voll ſchlang er ſeinen Arm um Dieterichs Hals und rief; O geliebter Dieterich! Was Du —— für mich gethan, das kann ich Dir nimmer vergelten. Aber der Himmel hoͤre meinen Schwur: Sollteſt Du je in Faͤhrlichkeit ge⸗ rathen, und ich kann Dich daraus erretten mit dem, was mir das Liebſte iſt auf dieſer Erde, ſo will ich mich keinen Augenblick be⸗ denken, Dir ſolches zum Opfer zu bringen. Gott hoͤre meinen Schwur und verfolge mich mit der ſchwerſten Strafe, ſo ich meineidig werde!— Nachdem nun die Freunde den zaͤrtlich⸗ ſten Abſchied von einander genommen, ritt Engelhart nach Daͤnemark zuruͤck und lebte fortan geehrt am Hofe des Koͤnigs und gluͤck⸗ lich in den Armen ſeiner Engeldrut, von welcher er nach Verlauf eines Jahres mit ei⸗ nem ſchoͤnen Knaben beſchenkt ward. Und weil bald nachher der Koͤnig von Daͤnemark zu ſeinen Vaͤtern ging, ſo erhielt Engel⸗ hart die Krone, und regierte in ſeinem Reiche ſo mild und gerecht, daß das Volk — 118— ihn ſo innig liebte, wie Kinder ihren Va⸗ ter lieben. 1 494 498„ Waͤhrend aber Engelhart ſo gluͤcklich und zufrieden lebte, hatte ſeinen Freund Diete⸗ rich ein gar hartes Schickſal betroffen. Der⸗ ſelbe ward naͤmlich ploͤtzlich von einer ſchwe⸗ ren Krankheit befallen, ſein Angeſicht wurde bleich und gelblich wie das Antlitz einer Leiche, die Lebenskraft entwich aus ſeinem Koͤrper, die Muskeln erſchlafften, das Fleiſch trock⸗ nete zuſammen und ſein ganzer Koͤrper er⸗ hielt das Anſehn eines Todtengerippes. Sein Athmen war ein bloſes Roͤcheln und ſeine Sprache ein unverſtaͤndliches Geraͤuſch. Ver⸗ gebens zerbrachen ſich die um Rath gefragten Aerzte die Koͤpfe, um die Urſach der Krank⸗ heit ausfindig zu machen, ſie blaͤtterten im Hippokrates und Avicenna und wenn ſie das gethan, ſo waren ſie doch nicht kluͤger als vorher, und der Koͤnig blieb krank, wie er war. Als ſie nun ihre Weisheit erſchoͤpft , und alle Hoffnung aufgegeben hatten, berief Dieterich die Vornehmſten des Landes zu ſich, und ernannte in ihrer Gegenwart einen ſei⸗ ner Anverwandten zum Reichsverweſer; er aber befahl, daß man ihn nach Daͤnemark bringen ſolle, damit er, wenn der Himmel das Ende ſeiner Tage beſchloſſen, in den Ar⸗ men ſeines Freundes Engelhart verſcheide. Ach, das war ein trauriges Wiederſehen! ein Gemiſch von Thraͤnen und wiederholten Klagen! Von welchem Schmerz ward En⸗ gelharts Bruſt zerriſſen, als er die verwuͤ⸗ ſtete Geſtalt ſeines Dieterich erblickte! Alle Aerzte ſeines Landes fragte er um Rath, und verhieß ihnen koͤnigliche Belohnung, wenn ſie ſeinem Freunde die verlorene Ge⸗ ſundheit wiederzugeben vermoͤchten, allein ſie richteten mit ihren Traͤnken und Pulvern und all' ihrer Kunſt ſo wenig aus, als Die⸗ terichs Aerzte. 24 Da begab es ſich, daß ein Htiſer Mann — 120— aus Arabien, welcher auf einer Reiſe nach Is⸗ land begriffen war, nach Daͤnemark kam, und als er von der ſchweren Krankheit des Herzogs von Brabant hoͤrte, ſo ließ er ſich vor Engelhart bringen, und ſprach zu ihm: Wohl giebt es ein Mittel, Herr Koͤnig, Herzog Dieterichz Geſundheit wiederherzuſtellen, auch ſteht die Anwendung dieſes Mittels in Eurer Gewalt, doch fuͤrcht ich Eure Ungnade, ſo ich es nenne. Nenn' es getroſt— verſetzte der Koͤnig — ich werde Dir nicht darum zuͤrnen, das Mittel ſei nun, welches es wolle! Wohlan denn! ſprach der Fremde— ſo wiſſet, was meine Kunſt mich lehrte: Blos durch das Blut Euers Sohnes kann Herzog Dieterich geneſen; ſo wie er einen Becher voll davon trinkt, wird die verlorene Ge⸗ ſundheit ihm ſogleich zuruͤckgegeben ſeyn, dies verbuͤrg; ich Euch mit meinem Haupte. Ein anderes Mittel als dieſes giebt es nicht!* 4 — 124— Da winkte der Koͤnig haſtig dem Fremd⸗ ungeeſ ſich zu entfernen, und als er allein „ ließ er ſeinem Schmerze freien Lauf und jamerte laut, daß er blos mit dem Tode ſeines einzigen geliebten Kindes das Leben ſeines Freundes erkaufen koͤnne. Aber ſchnell ſich ermannend rief er: Hinweg, za⸗ gende Gedanken, die ihr mit einem Meineid meine Seele belaſten wollt. Dieterich! Ich habe geſchworen, Dir, wenn Du je in Noth gerietheſt, mein Liebſtes auf der Erde zu opfern, ſobald ich Dich damit retten koͤnne, — jetzt verlangt der Himmel Erfuͤllung mei⸗ nes Schwurs, ich will ihn halten, halten! und dann— mag mein Herz brechen. Er eilte in das Schlafgemach ſeines Kindes und als er den Knaben in ſuͤßem Schlummer liegen fand, zog er raſch ſein Schwert, trennte das lockige Haupt von dem ſchneeweißen Nacken, fing das ſtroͤmende Blut in einem Becher auf und brachte ihn — 122— mit zitternder Hand ſeinem Freunde Diete⸗ rich. Nimm und trink! ſprach er. Ein frem⸗ der Arzt hat dieſes Getraͤnk bereitet und deſſen gluͤckliche Wirkung mit ſeinem Leben ver⸗ buͤrgt.— Dieterich nahm und trank, und kaum hatte er den Pokal geleert, ſo fuͤhlte er friſches Leben in ſeinem Koͤrper; er ſprang von ſeinem Lager in die Hoͤhe und eilte auf Engelhart zu, um ihn in ſeine Arme zu druͤk⸗ ken. Aber jetzt brach der Schmerz in der Bruſt des Vaters allgewaltig los, ſchnee⸗ bleich, mit ſtarrenden Thraͤnen im Auge taumelte Engelhart gegen die Waͤnde des Gemachs und fuhr krampfhaft mit den Haͤn⸗ den nach ſeiner Bruſt, als ſuche er das Herz darin, um es von ſich zu ſchleudern.— Eine fuͤrchterliche Ahnung durchflog Die⸗ terichs Seele. Ungluͤcklicher! rief er. Was hab' ich getrunken! Rede, ſprich!— Es war das Blut meines Kindes! ſtammelte Engelhart und ſank bewußtlos zu = 123— 4 Boden. Da ſtuͤrzte Dieterich, um ſich von der Wahrheit zu uͤberzeugen, in das Schlaf⸗ gemach des Knaben, doch ſein Schrecken verwandelte ſich in die unermeßlichſte Freude. Friſch und munter, ohne die mindeſte Ver⸗ letzung, ſaß das Kind in der Wiege und trreckte Dieterichen laͤchelnd ſeine Haͤndchen entgegen. Wie er es aber in die Hoͤhe hob, gewahrte er, daß ſich ein feiner rother Streif, wie ein ſeidener Faden, um den Hals des Knaben zog— da erkannte er Gottes Fin⸗ ger und er nahm das Kind auf, trug es in die Arme des erſtaunten Vaters und ſprach: Siehe, Dein Kind lebt, es iſt vom Him⸗ mel wunderbarlich erhalten worden um Dei⸗ ner treuen Freundſchaft willen!— Bald nachher ſchied Dieterich von ſei⸗ nem Freunde, kehrte in ſein Reich zuruͤck und regierte daſſelbe mit Weisheit viele Jahre. Engelharts und Dieterichs Freund⸗ ſchaft aber iſt in Norden zum Sprichwort * — 124— 8 geworden, und es galt lange Zeit als der feierlichſte Schwur, wenn zwei Freunde ein⸗ ander treu zu ſeyn gelobten, wie Engel⸗ hart und Dieterich. Klotar. — 125— Situationen aus Philipp Springers Leben. Mein Vater ſtarb, als ich ſechzehn Jahre alt war. Ich ſollte Theologie ſtudiren, ob⸗ gleich wegen meines ſanguiniſchen Tempera⸗ ments und des Leichtſinns, den ich von der Mutter Natur zur Mitgabe empfangen hatte, der geiſtliche Stand fuͤr mich eben nicht zu paſſen ſchien. Zwar ſuchte mein Vater den mir angebornen Hang zu muthwilligen Strei⸗ chen theils durch Ermahnung, theils durch Zuͤchtigung zu moderiren, allein kaum waren die Ermahnungen angehoͤrt und die Schlaͤge aufgeladen, ſo hatte ich auch ſchon wieder einen Genieſtreich veruͤbt, um deſſentwillen — 126— ich einen neuen Gedenkzettel bekommen ha⸗ ben wuͤrde, wenn ich nicht ſchlau und pfiffig meine Muthwilligkeiten auf allerlei Art zu verbergen und zu bemaͤnteln gewußt haͤtte. Gluͤcklicher Weiſe beſaß ich dieſes Talent in einem hohen Grade und entging ſo mancher wohlverdienten Zuͤchtigung. Ohngefaͤhr in meinem zwoͤlften Jahre fing ich an, Romanen, Komoͤdien und Ge⸗ dichten vielen Geſchmack abzugewinnen. Die Bibliothek meines Vaters beſtand blos aus etwa 30 Baͤnden und enthielt Nichts, als Andachtsbuͤcher und einige populaͤr⸗medizini⸗ ſche Schriften, ungerechnet eine bedeutende Kalenderſammlung. So lange ich von an⸗ dern Buͤchern nichts wußte, begnuͤgte ich mich mit dieſer Lektuͤre; beſonders hielt ich mich an die Kalender, weil dieſen verſchie⸗ dene luſtige Geſchichten angehaͤngt waren. Eines Tages aber in der Klaſſe bemerkte ich, daß mein Nebenmann, waͤhrend die — 227— Geographie von Polyneſten vorgetragen wurde, verſtohlen in einem Buche las; ich wollte wiſſen, was es ſei, er ſagte mir, es ſei eine ganz herrliche Ritter⸗ geſchichte, und verſprach, wenn ich ihn nicht verriethe, ſie mir ebenfalls leſen zu laſſen. So viel ich mich entſinne, hieß der Roman: Kurt von der Wetterburg. Zwar hatte mein Vater das Romanleſen mir ſtreng verboten, weil nach ſeiner Anſicht die Koͤpfe der Jugend dadurch mit allerhand ſchwaͤrmeriſchen Ideen und chimaͤriſchen Hoff⸗ nungen angefuͤllt wuͤrden, womit das wirkliche Leben im grellſten Kontraſt ſtaͤnde— allein, ſo iſt der Menſch! Verbotene Fruͤchte locken ihn am meiſten. Ich erhielt das Buch, ich las es und eine ganz neue Welt ging mir auf. Das waren Menſchen nach meinem Sinn! Das mußte nach meinen Begriffen eine herrliche Zeit geweſen ſeyn, wo ſtatt der Huͤte und Ueberroͤcke Helme und Panzer. — 128— ſtatt der Spazierſtoͤcke und Tabakspfeifen Schwerter und Lanzen Mode waren, wo die edlen Ritter in der halben Welt nach Aben⸗ theuern umherſtreiften, geraubte Jungfrauen retteten, bei Turnieren ihre Gegner in den Sand warfen und zum Lohne ihrer Tapfer⸗ keit Liebesblicke, Schaͤrpen und goldene Spo⸗ een erhielten. Von nun an lebte und webte ich ganz in den Ritterzeiten, denn ich verſchlang mit meinem Freunde alle Ritterromane, die nur in der kleinen Leihbibliothek des Orts zu ha⸗ ben waren, und da ich wegen des vaͤterli⸗ chen Interdikts von dieſer Lektuͤre zu Hauſe Nichts durfte blicken laſſen, ſo las ich ent⸗ weder, wenn ich zum Spazierengehen Er⸗ laubniß erhalten hatte, in einem einſamen Waͤldchen nicht weit von der Stadt, oder auch in den Schulſtunden. Das letztere ging recht gut an, da wir beiden Romanleſer auf einer der hinterſten Baͤnke ſaßen und der — 4129— Lehrer noch dazu ein kurzes Geſicht hatte. Waͤhrend er nun den Kornelius Nepos oder Phaͤdrus erklaͤrte, unterhielten wir uns un⸗ geſtoͤrt mit dem Hasper a Spada, dem Ri⸗ naldo Rinaldini, den zwoͤlf ſchlafenden Jung⸗ frauen, den Loͤwenrittern und andern Ge⸗ ſchichten, die im letzten Dezennio des vori⸗ gen Jahrhunderts in der deutſchen Roman⸗ literatur Epoche machten. Vorzuͤglich be⸗ nutzte ich die Stunden der Mathematik zu meiner Lektuͤre, denn dieſe Wiſſenſchaft war mir die trockenſte und langweiligſte unter al⸗ len, und unbegreiflich blieb es mir, was die Demonſtrationen von graden, ſpitzigen und ſtumpfen Winkeln, von gleich⸗ und un⸗ gleichſchenklichen Triangeln und dergleichen uns nutzen ſollten. Um mir die langweilige Stunde zu ver⸗ kuͤrzen, hatte ich fruͤher, waͤhrend der Leh⸗ rer mathematiſche Figuren an die Tafel malte, mich damit beſchaͤftigt, allerhand II. Bdchn. I ₰ — 130— Fratzengeſichter zu zeichnen, welche ich zir⸗ kuliren ließ. Oft wurde daher der Lehrer, indem er demonſtrirte: Wenn die Seite A. B. gleich iſt der Seite B. C. und die Seite B. C. gleich iſt der Seite A. C., ſo muß auch die Seite A. C. gleich ſeyn der Seite A. B.— durch ein ſchallendes Gelaͤchter unterbrochen. Natuͤrlich dachte er, es gelte ſeinem Vortrage, da er von meiner Karikatur nichts wußte, und nun wandte er ſich in ſeinem Zorne ge⸗ gen uns, ſchuͤttelte ſeine Peruͤcke, wie(nach Homer) der Olympiſche Jupiter ſeine am⸗ broſiſchen Locken ſchuͤttelte, wenn er in Grimm gerieth, und rief dann: Gottloſe Buben, was giebt's da zu lachen? Paßt auf, das rath ich Euch! denn nachher werd⸗ ich den, welcher gelacht hat, aufrufen, und weh! ihm, wenn er den Beweis nicht fuͤhren kann!— Weil man mir nichts Gutes zu⸗ traute, wurde ich ſehr haͤufig aufgerufen; daß ich nichts wußte, verſtand ſich von felbſt — 131— und ich wurde zur Strafe degradirt. Ich haͤrmte mich aber daruͤber nicht im Minde⸗ ſten, denn als ultimus war ich am weiteſten vom Sitze des Lehrers entfernt und konnte deſto ungeſtoͤrter meine Romane leſen. Nach einiger Zeit jedoch, als mir Goͤthe's Werther in die Haͤnde gefallen war, wollten die Ritter⸗ und Geiſtergeſchichten mir nicht mehr zuſagen; die Ritter kamen mir zu grob und ungehobelt und die Geiſter zu geiſtlos vor. Jetzt mochte ich Nichts leſen, als Lie⸗ besgeſchichten, und je ruͤhrender, deſto beſ⸗ ſer. Es gelang mir auch, meinem Freunde den naͤmlichen Geſchmack beizubringen, wel⸗ ches noͤthig war, da er die Buͤcher beſorgte. Nun laſen wir nach einander Herrmann und Ulrike, Guido von Sohnsdom, die Familie Halden, den Naturmenſchen und aͤhnliche Romane, auch abwechſelnd Mathiſſons und Salis Gedichte, weil der in ihnen herrſchende elegiſche und ſentimentale Ton uns gefiel. X J 2 e. — 432— Mein Vater erfuhr von meiner Romanleſerei Nichts, doch hatte ich mir aus den geleſenen Buͤchern eine Menge ſchoͤner Phraſen ge⸗ merkt, mit welchen ich(faſt ohne es zu wiſſen) meine Rede ausſchmuͤckte. Da ſprach ich bald von der Liebe himmliſcher Schwermuth und den ſuͤßen Thraͤnen der Sehnſucht, bald von namenloſen Gefuͤhlen und herzzerreißenden Qualen, von Luna's Silberſchimmer, von Aeolsharfentönen, von melodiſchem Geſaͤu⸗ ſel und dergleichen. Mein Papa, welcher ſehr wohl merkte, daß ich nicht wie andere Leute ſprach, ſagte daher oft zu mir: Philipp, ſprich doch, wie Dir der Schnabel gewachſen iſt. Von ſolchen romantiſchen Ideen erfuͤllt, wuͤnſchte ich Nichts ſehnlicher, als mit einem Maͤdchen einen Liebesroman ſpielen zu koͤn: nen. Schon dachte ich mir alle Szenen durch. Ich fuͤhlte im Geiſte ihren Haͤnde⸗ druck, ihren erſten ſchuͤchternen Kuß. Ich hoͤrte, wie ſie mir zulispelte: Ich liebe Dich! und Dein auf ewig! Ich ging mit ihr im Mondſcheine ſpatzieren, ſchwaͤrmte und dichtete Hymnen auf ſie. Um den Ro⸗ man noch romantiſcher zu machen, mußten aber die Eltern meiner Geliebten unſerer Liebe zuwider ſeyn, wir mußten leiden und 1 nach einander ſchmachten, und endlich ſollte kein anderer Ausweg uͤbrig bleiben, als Ent⸗ fuͤhrung.— Ha, wie freute ich mich auf die Entfuͤhrung!— Allenfalls(ſpann ich meine Gedanken weiter aus) mag ein Anderer mir in den Weg treten; ich werde eiferſuͤchtig, gerathe in Verzweiflung, fordere meinen Ne⸗ benbuhler auf Piſtolen und ſchieße ihn nie⸗ der... Daß ich bei der Affaire gut weg⸗ kommen mußte, verſtand ſich von ſelbſt. . Ich hatte mir von dem Maͤdchen meiner Seele ein ohngefaͤhres Bild entworfen, ich ſchrieb ſchwaͤrmeriſche Briefe an meine un⸗ bekannte Geliebte und ſagte ihr darin die allerſchoͤnſten Dinge vor, allein ich konnte — 134— von dieſen Briefen keinen Gebrauch machen, weil die Maͤdchen unſers Orts hinter mei⸗ nem Ideale himmelweit zuruͤckblieben. Dies Weſen mochte ich einige Jahre ge⸗ trieben haben, als eben mein Vater ſtarb. Er war, was ich zu ſagen vergeſſen habe, Kaäaͤſter an der Kreuzkirche zu W... Sein Tod brachte eine große Veraͤnderung in un⸗ 1 ſerer haͤuslichen Einrichtung hervor. Nach einem halben Jahre mußten wir die Amts⸗ wohnung raͤumen und meine Mutter erhielt nichts, als eine geringe Penſion, welche, da ich noch zwei juͤngere Geſchwiſter hatte, kaum zur Beſtreitung der noͤthigſten Lebens⸗ beduͤrfniſſe hinreichte. Wovon ſollte ich nun ſtudiren?— Meine Mutter konnte mich nicht unterſtuͤtzen und Goͤnner hatte ich nicht, wie dieſe der Arme niemals hat. Es mußte alſo ein anderer Weg zu meinem Fortkom⸗ men ausfindig gemacht werden. — In*, einem Dorfe nicht weit von der — 4135— Reſidenz, lebte der Pfarrer Gottwalt, ein Anverwandter meiner Mutter. Auf ihr Geheiß meldete ich ihm den Tod meines Va⸗ ters und erwaͤhnte zugleich der Verlegenheit, worein ich durch dieſen Ungluͤcksfall verſetzt worden. Er ſchrieb mir wieder: Der Hof⸗ rath Hundt, einer der angeſehenſten Rechts⸗ gelehrten in der Reſidenz, zugleich Schrift⸗ ſteller, ſuche einen Sekretaͤr; dieſer Poſten habe ihm fuͤr mich geeignet geſchienen, wes⸗ halb er ſogleich an den Hofrath geſchrieben; doch muͤſſe ich ohne Verzug nach der Reſidenz reiſen und mich perſoͤnlich melden.— Als Beitrag zu den Reiſekoſten hatte der gute Alte drei Dukaten beigefuͤgt. 4 Meine Mutter war hocherfreut uͤber die guͤnſtige Ansſicht, die ſich mir eroͤffnete, und meine Freude kam der ihrigen gleich. Es war doch wahrlich nichts Geringes, der Sekretaͤr eines beruͤhmten Rechtsgelehrten und Schriftſtellers zu werden! A — 136— Mieine ſieben Sachen wurden zuſammen⸗ gepackt und ich ließ mich auf der Poſt ein⸗ ſchreiben. Sie ging erſt in der Nacht ab. Meine Mutter hatte mir noch ſoviel Klug⸗ heits⸗ und Verhaltungsregeln mit auf den Weg zu geben, daß ich daruͤber ſchier die Stunde verſaͤumt haͤtte, wo ich auf der Poſt mich einfinden ſollte. Eben kommt Er noch zurecht, Musje!— rief der alte Schaffner mir entgegen, wie ich in vollem Trabe beim Poſthauſe anlangte.— Waͤr' Er eine Mi⸗ nute ſpaͤter gekommen, ſo haͤtt' Er dem Poſt⸗ wagen nachlaufen koͤnnen, denn Alles iſt ge⸗ packt und die Paſſagiers ſitzen ſchon drinnen. Geſchwind ſetz' Er ſich auf, dort hinten auf die Bank. Ich kletterte auf den Poſtwagen und nahm den mir angewieſenen Platz ein. Neben mir fuͤhlte ich etwas Weiches, doch vermochte ich nicht zu unterſcheiden, ob es ein Mantelſack, ein Waarenballen oder ein menſchliches Weſen ſei. — 137— Es war eine ſchoͤne Nacht. Aus violet⸗ ten goldumſaͤumten Wolken ſtieg der Mond in die Hoͤhe; kleine weiße Wolken ſchwam⸗ men um ihn her, Schneeflocken oder Laͤm⸗ mern gleich. Jetzt ging die Straße durch einen Fichtenwald, nur ſparſam durchdrang das Mondlicht die dichten Zweige und die Stille wurde durch nichts unterbrochen, als durch das Geraͤuſch, welches die ſchnarchen⸗ den Paſſagiers verurſachten, oder durch das Geſchrei eines aus ſeinem Schlummer auf⸗ geſtoͤrten Vogels. Ich verlor mich in Ge⸗ danken wegen meines kuͤnftigen Lebens und nickte endlich ebenfalls ein. Brr! rief der Schwager, als ich er⸗ wachte. Wir hielten vor einer Dorfſchenke. Die Paſſagiers gaͤhnten und rieben ſich den Schlaf aus den Augen, ich aber glaubte zu traͤumen, als ich ein niedliches Maͤdchen neben mir ſitzen ſah. Noch konnte ich ihr Geſicht nicht ſehen, denn ſie hatte es zum — 4138— Schutz gegen die kalte Nachtluft mit einem bunten ſeidnen Tuche bedeckt. Jetzt ſchlug ſie es zuruͤck, und ich blickte in ein paar ſchel⸗ miſche Augen, in welche Amor zwei ſei⸗ ner ſchaͤrfſten Pfeile fuͤr meine Bruſt ver⸗ borgen zu haben ſchien. Ha, daß ich die Nacht uͤber neben ihr geſeſſen hatte, ohne von meinem Gluͤcke etwas zu ahnen! Die Paſſagiers ſtiegen ab, und ich reichte meiner ſchoͤnen Nachbarin die Hand, um ihr das beſchwerliche Herabſteigen vom Wagen zu erleichtern. Freundlich nickte ſie mir zu! Daute ſchoͤne! als eine Baßſtimme rief: Biſt Du da, Lore?— Hier, Vater! entgegnete ſie und ſprang auf einen bejahrten Mann zu, welcher vor uns geſeſſen hatte. Das war alſo der Herr Papa?— Da du der Tochter gut biſt— kalkulirte ich— ſo darfſt du's mit dem Vater nicht verderben. Ich pflanzte mich alſo ganz dreiſt — 139— an den Tiſch, wo der Alte mit ſeinem Toͤch⸗ terchen ſaß, packte das Fruͤhſtuͤck aus, wo⸗ mit die Sorgſamkeit meiner Mutter mich verſehen hatte, und ſuchte ein Geſpraͤch an⸗ zuſpinnen, doch erhielt ich Nichts, als hoͤchſt einſilbige Antworten von dem Alten, obgleich ich(um mir ein Anſehn zu geben) nicht un⸗ erwaͤhnt ließ, daß ich in die Reſidenz reiſe, um als Sekretair in die Dienſte des beruͤhm⸗ ten Hofraths Hundt zu treten. Blos ſo viel erfuhr ich von ihm, daß er ebenfalls in die Reſidenz wolle. Eine angenehme Nach⸗ richt fuͤr mich! So hatte ich ja die froͤhliche Ausſicht, wenigſtens noch einen Tag und eine Nacht neben Lorchen zuzubringen. Wie wollte ich dieſe Zeit nutzen!— Es entging mir nicht, daß Lorchen freundlich nach mir hinblickte; ich ſing daher an(ohne mich je⸗ doch in meinem geſunden Appetite ſtoͤren zu laſſen), mit ihr zu liebaͤugeln, war aber ſo unvorſichtig in meinem Augenſpiel, daß der — 140— Alte es bemerkte. Er runzelte die Stirn und warf mir einen Blick zu, welcher mir den Muth benahm, mich mit Lorchen in der Augenſprache weiter zu unterhalten. Hatte ich doch die Ausſicht, bald wieder im Wagen neben ihr zu ſitzen!— Allein der alte Gries⸗ gram machte mir einen Strich, durch die Rechnung. Wie wir naͤmlich wieder in den Poſtwagen ſtiegen, ſetzte er ſich zu meinem groͤßten Verdruß ſtatt Lorchens an meine Seite, Lorchen aber mußte auf der vordern Bank neben einem dicken Manne mit einem aufgedunſenen kupferrothen Geſichte, welcher unaufhoͤrlich ſchlechten Tabak qualmte und von Nichts als Maſtſchweinen und Polni⸗ ſchen Ochſen ſprach, Platz nehmen. Miß⸗ muthig druͤckt' ich mich in meine Ecke und ſiel in eine Art Halbſchlummer. Der Traum⸗ gott war barmherzig, er ließ mich Lorchen an meiner Bruſt wiegen und gluͤhende Kuͤſſe mit ihr wechſeln. bis der Schall des — 14141— Poſthorns mein Schattengluͤck von dan⸗ nen wehte. Wir waren bei der Poſtſtation angelangt, wo die Wagen umgepackt wurden. Dieſes Geſchaͤft erforderte wenigſtens einige Stun⸗ den, welche die Paſſagiers nach Belieben hbenutzen konnten. In der Paſſagierſtube befand ſich ein breitarmiger gepolſterter zum Schlummer ein⸗ ladender Lehnſtuhl. Zu meiner großen Freude nahm Lorchens Vater denſelben in Beſchlag, und fiel dem Morpheus in die Arme. Lor⸗ chen warf mir einen bedeutenden Blick zu, und verließ das Zimmer; ich folgte ihr— ſie wartete an der Thuͤr. 3 Ein Geſpraͤch war bald angeknuͤpft. Sie beſuchen alſo die Reſidenz, ſchoͤnes Maͤdchen? fragte ich. Sie bejahte. „Wahrſcheinlich werden Sie laͤngere zei dort verweilen?“ Ein Jahr wenigſtens. Ich lerne das Sticken und Putzmachen.— t „Ich Gluͤckſeliger!“ rief ich exaltirt. „So werden die naͤmlichen Mauern mich mit Ihnen einſchließen, ich werde die naͤm⸗ liche Luft mit Ihnen athmen.“⸗ Sie laͤchelte blos und— ſchwieg.„Waͤr' es Ihnen nicht gefaͤllig⸗— fing ich wieder an—„eine kleine Promenade zu machen?“ Ich wollte ihren Arm faſſen. Nein, ich darf nicht— der Batot „„Der ſchlaͤft ja* Wenn er aber erwacht?— 4 uite bitte! Ein Viertelſtuͤndchen blos— in die ſchoͤnen Anlagen vor's Thor“— Sie bedachte ſich; endlich: Gehn Sie voraus— ich komme nach. Ich ging voraus, und richtig! ſie kam mir nach. Ha, wie triumphibt' ich ob mei⸗ nes Sieges, der mir ſo leicht gemacht wor⸗ den war!— Am Thore ſaß eine Frau, welche Erd⸗ beeren feil hielt. Ich kaufte ein Tuch voll, um ſie mit Lorchen im Freien zu verzehren. Die Kleine kam heran, hing ſich nachlaͤſſig an meinen Arm, und fragte, mir ſchalkhaft in die Augen blickend: Nun, wo wollen Sie mich denn hinfuͤhren? Jenes Gebuͤſch— verſetzte ich pathe⸗ tiſch— ladet uns in ſeine vertraulichen Schatten. Dort wollen wir uns auf das Raſenpolſter lagern, und unterm leiſen Ge⸗ fluͤſter der Silberpappeln und dem muntern Geſange des Haͤnflings unſere Erdbeeren ſchmauſen. Ja, mein liebes Lorchen, wun⸗ derſchoͤn iſt Gottes Erde und werth, darauf vergnuͤgt zu ſeyn!— Wir ſetzten uns in den Schatten, ich breitete das Tuch mit den Erdbeeren auf Lorchens Schvos, und wir ließen's uns ſchmecken. Inndem wir ſo ſaßen und plauderten und — 444— ſcherzten, ſiel eine Erdbeere in Lorchens Halstuch, ſie griff darnach, um ſie heraus⸗ zuholen, allein die loſe Nadel ſprang und enthuͤllte mir Lorchens ſchneeweiße Bruſt. Sie erroͤthete, zog das Tuch naͤher an ihren Hals und ſteckte es feſt zu. Allein der An⸗ blick hatte Flammen in mein Blut gejagt, ich umſchlang das Maͤdchen, meine Lippen gluͤhten auf den ihrigen. Lorchen, wie ſchoͤn biſt Du! ſtammelte ich, wir ſanken auf den Raſen und die Erdheeren rollten auf den Boden. Sie gluͤhte wie ich, und ihre Lippen bebten unter meinen feurigen Kuͤſſen. Laß mich, lieber Junge! bat ſie aͤngſtlich, aber ich ließ ſie nicht... Da entwand ſie ſich kraftvoll meinen Armen und ſprang wie ein geſcheuchtes Reh fort. Ich eilte ihr nach, allein eine Baumwurzel kam mir in den Weg, ich ſtuͤrzte hin und riß mir an einem duͤrren Aſte die Lippe auf. Lorchen blieb ſtehn, allein ſtatt mich zu bemitleiden, lachte ſie uͤber meinen Unfall. Es iſt Dir ſchon recht! rief ſie mir zu und ziſchte mich aus. Warum warſt Du ſo unartig? Ich ſprang auf, um die Liebloſe zu beſtrafen, allein u ſ e war ſchneller als ich. orchens Vater rieb ſich eben den Schlaf aus den Augen, als ich in die Stube trat. Lorchen ſtand am Fenſter und kicherte heim⸗ lich. Ich nahm mir vor, gegen ſie den Gleichguͤltigen zu ſpielen, und zwar aus zwei⸗ erlei Gruͤnden: erſtens, um ſie wegen ihres liebloſen Lachens zu beſtrafen, und zweitens, um den mißtrauiſchen Vater irre zu leiten. Lorchen war daher fuͤr mich ſo gut wie gar nicht in der Stube; ich ſah mir die elenden Bilder, welche an der Wand hingen, mit ſolcher Aufmerkſamkeit an, als ob es Meiſter⸗ ſtuͤcke der Kunſt waͤren, blaͤtterte in einem daliegenden Kalender und zaͤhlte endlich aus Langeweile meine Rockknoͤpfe. 1I. Odchn. K — 146— Jetzt waren die Wagen gepackt; der Po⸗ ſtillon rief uns. Meine Liſt hatte doch et⸗ was gefruchtet!— Setz Dich wieder hinter, Lorchen! ſagte der Alte, wenn es Dir lie⸗ ber iſt, der Wind weht Dir nicht ſo ſehr in's Geſicht! Sie ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, ich aber fuhr fort, den Beleidigten zu ſpielen und wuͤrdigte ſie keines Blicks. Vergebens war Alles, wodurch ſie meine Aufmerkſamkeit zu reizen ſuchte; ſie ließ ih⸗ ren Arbeitsbeutel und ihr Taſchentuch fallen, ich regte keine Hand zum Aufheben; ſie hu⸗ ſtete und ſeufzte— ich war taub. Als es dunkel geworden war und Lor⸗ chens Vater nebſt den beiden andern Paſſa⸗ giers auf der vordern Bank ein Terzett ſ narchte, ſtieß Lorchen mich mit ihrem Fuͤßchen an und fluͤſterte: Biſt Du denn boͤſe auf mich?— Geh! ſagte ich trotzig. Du meinſt es nicht gut mit mir, ſonſt wuͤr⸗ deſt Du nicht gelacht haben, als ich mich — 4147— verwundet hatte.— Es war ja nicht ſo doͤſe gemeint! verſetzte ſie. Gieb mir Deine Hand, Philipp; wir wollen wieder gut ſeyn. Ich Weichherziger, wie konnte ich der Schmeichlerin widerſtehen?— Mit ihrem dichten Schleier umhuͤllte die Nacht die Kuͤſſe und Umarmungen der Verſoͤhnten. Lorchen nannte mir die Nummer ihrer Wohnung, und wir machten Plaͤne, wie wir uns in der Stadt heimlich ſehn und ſpre⸗ chen wollten, doch wurden mehrere als un⸗ ausfuͤhrbar verworfen. Endlich hatt' ich's. „Du biſt mein Muͤhmchen, Lorchen; und ich bin der Herr Vetter. Ich komme zu Dei⸗ ner Mamſell, um eine Arbeit zu beſtellen; wir erkennen uns; ich weiß mich bei der alten Jungfer durch Schmeicheleien in Gunſt zu ſetzen, dann kann es nicht fehlen, daß ich zu oͤftern Beſuchen eingeladen werde, wir haben Gelegenheit, uns unbemerkt zu ſpre⸗ chen u. ſ. w. Nicht wahr, Lorchen?⸗— K 2 — 4148— Sie fand meinen Einfall allerliebſt und kuͤßte mich dafuͤr. Ja, die Liebe iſt erfinderiſch!— „Frierſt Du, Lorchen?“ fragte ploͤtz⸗ lich der Alte, indem er ſich ſchuͤttelte und ſich tiefer in ſeinen Mantel huͤllte. Nein! ver⸗ ſetzte ſie. Mir iſt recht warm! und ich ſchob mich ſacht in meine Ecke. Das muß mit Wundern zugehen! brummte er, zog die Troddelmuͤtze uͤber die Ohren und nahm ſeine vorige Poſition ein. Ich wuͤnſchte ihm von ganzem Herzen angenehme Ruhe.— Der Morgen begann zu daͤmmern. Durch den von Aurorens Gluth durchbrochenen Ne⸗ bel ſtiegen die Kreuze auf den Thuͤrmen der Reſidenz wie Goldflammen empor. Wir waren unſerm Ziele nahe. Raſch ging es auf der Chauſſee hin. Gaͤrten mit geſchmack⸗ vollen Landhaͤuſern flogen an uns vorbei, Pallaͤſte ſchimmerten im Strahl der Mor⸗ genſonne. Der Wagen raſſelte durch die weitlaͤuftige Vorſtadt in das hohe Thor, der — 449— Schwager ſchmetterte ein froͤhliches Mor⸗ genlied; jetzt hielten wir vor dem Poſthauſe. Nur mit einem verſtohlenen Haͤndedrucke konnte ich von Lorchen Abſchied nehmen(denn der vaͤterliche Argus bewachte uns); aber mein Blick verſprach ihr baldiges Wieder ſehen. Mein Erſtes mußte nun ſeyn, den Hof⸗ rath Hundt aufzuſuchen. Mit Fragen kommt man durch die ganze Welt! pflegte mein Va⸗ ter ſeliger zu ſagen; ich hielt es daher fuͤr gar nichts Schwieriges, die Wohnung des Hofraths ausfindig zu machen. Allein Nie⸗ mand von Allen, bei welchen ich mich dar⸗ nach erkundigte, wußte mir Auskunft zu geben. Ich wunderte mich nicht wenig dar⸗ äber, wie ihnen die Wohnung ihres beruͤhm⸗ ten Mitbuͤrgers ſo unbekannt ſeyn koͤnne!— Endlich, nachdem ich wohl ein Dutzendmal vergeblich gefragt hatte, traf ich's beſſer. Zu Befehl, mein Herr! erwiederte der — 130— Mann, an welchen ich mich diesmal wandte. Sogleich werde ich die Ehre haben, Sie hin⸗ zufuͤhren; der Herr Hofrath wohnt in der ... ſtraße Nr.... 3 Treppen hoch. Die Gefaͤlligkeit des Fremden, der, ſo ſehr ich auch deprezirte, ſich doch nicht ab⸗ halten ließ, mich zu begleiten, ſetzte mich in Erſtaunen.— Durch ſeine Unterhaltung wurde der ziemlich lange Weg mir verkuͤrzt, er erzaͤhlte mir viel von den Herrlichkeiten der Reſidenz, von Paraden und Maskeraden, von Baͤllen und Opern, von verſchiedenen Haͤuſern und Luſtorten, wo man ſowohl ſein Geld, als ſeine Geſundheit und Tugend zu verſpielen ſchoͤne Gelegenheit habe u. ſ. w. Wie geſagt, der Weg wurde mir gar nicht lang, und meinethalben haͤtte er noch ein Stuͤndchen dauern moͤgen, allein mein Be⸗ gleiter machte jetzt Halt. Hier iſt's! ſagte er. Drei Treppen hoch. Befehlen Sie, daß ich auf Sie warte? — 1514— O mein Herr! verſett' ich mit einer aͤu⸗ ßerſt verbindlichen Verbeugung. Wie duͤrft ich Sie noch laͤnger bemuͤhn? Ich bin Ih⸗ nen ſehr— So empfehle ich mich Ihnen gehorſamſt! erwiederte er, indem er mir die Hand ent⸗ gegenhielt. Ich druͤckte ſie ihm biederherzig mit meiner Rechten, waͤhrend ich mit der Linken nach der Thuͤrklingel griff. Erlauben Sie— ſagte er und hielt meine Hand feſt. „Kann ich Ihnen womit dienen?“ Ich wollte mir nur das taxmaͤßige Fuͤh⸗ rerlohn erbitten— ſechs Groſchen!— Ah ſo— nun war mir das Betragen meines Begleiters mit einem Male erklaͤr⸗ lich. Ich zog indeß den Beutel und zahlte: doch brummte ich, indem ich in's Haus trat: Gefaͤlligkeit aus Eigennutz! Menſchen⸗ liebe, die ſich nach einer Taxe bezahlen laͤßt! Pfui!— Pfui!— — 152— Meine drei Treppen waren geſtiegen: ich klatſchte mir mit dem Schnupftuche den Staub von den Stiefeln und zog ſe odann herz⸗ haft die Klingel der Saalthuͤre, an welcher die Worte: Hofrath Hundt, mit Rieſen⸗ buchſtaben angeſchrieben waren. So wie ich klingelte, erhob ſich drinnen ein heftiges Hundegebell und eine kreiſchende Stimme frug: Was ſoll denn ſeyn?— Dieſer Empfang verſprach mir wenig. Die Thuͤr oͤffnete ſich und ich ſtand einem alten Weibe gegenuͤber, welches haͤßlich wie die Suͤnde ausſah. Ein halb Dutzend Mopſe und Dachſe fuhren mir zwiſchen die Beine und fingen einen ſolchen Laͤrm an, daß ich nicht zum Worte kommen konnte. Um mich vor den Beſtien zu retten, trat ich einen Schritt zuruͤck, und traf mit meinem Abſatze einem Mopſe ſo derb an die Naſe, daß ſein vorlautes Gebell in ein klaͤgliches Gewimmer ſich verwandelte. Die Alte wurde zur Furie. Kann Er ſich nicht vorſehn? ſchrie ſte mich an. Muß Er denn zutreten wie ein Pferd? — Von mir wandte ſie ſich zum Hunde: Armes Bellinchen, wo thut dir's denn weh! Sei nur ruhig, mein liebes Bellinchen, ſei ruhig!— Waͤhrend das Weib ſich noch damit be⸗ ſchaͤftigte, abwechſelnd dem Mopſe zu lieb⸗ koſen und mir Grobheiten zu ſagen, oͤffnete ſich eine Seitenthuͤr, und aus derſelben kam ein langer hagerer Mann, in einen ſchmu⸗ bigen Schlafrock gehuͤllt, eine Gipspfeife im Munde. Auf ſſeine Frage nach der Urſach des Laͤrms unterließ die Alte nicht, ihn mit beweglicher Zunge von meinem Vergehen in Kenntniß zu ſetzen. Er wandte ſich hierauf zu mir mit der Frage: Was mein Anliegen ſei? Ich brachte es ſtotternd vor, bezog mich auf den Brief des Paſtors Gottwalt, und uͤbergab ihm mein Zeugniß von der Schule. Er gab mir keine Antwort, ſon⸗ ———ꝝ—ꝝſſddbdſdſbſſd⁄ — 154— dern nickte blos einige Mal pagobdengleich und winkte mir, ihm in ſeine Stube zu folgen. Es ſah darin ſehr gelehrt aus(um nicht den Ausdruck: unordentlich zu brauchen).— Auf einem runden Tiſche mitten in der Stube, waren Akten, Briefe und andere Schreibereien durch einander ge⸗ worfen; dazwiſchen ſtanden einige Arznei⸗ glaͤſer, eine Studirlampe, ein Tabakskaſten, Kaffeegeſchirr; auf den Papieren lagen ei⸗ nige braungeſchmauchte Gipspfeifen und eine Fliegenklatſche. Links befand ſich ein alter Schreibtiſch, ebenfalls mit Papieren uͤber⸗ fuͤllt, auf welchem zwei beſtaubte Gipsbuͤ⸗ ſten aufgeſtellt waren. Im Fenſter lag eine Klyſtierſpritze und ein Schwamm. Rechts ſtand ein ebenfalls mit Buͤchern und Papie⸗ ren belegtes Sopha, welches von einem Pu⸗ del und einem Dachſe in Beſchlag genommen worden war. Nimmt man noch dazu zwei uͤber den Sopha haͤngende Portraͤts, deren Phyſiognomien(ſollten ſie erkennbar ſeyn) durchaus einem Reſtaurateur unter die Haͤnde kommen mußten, und einen alten Buͤcher⸗ ſchrank, aus deſſen halbgeoͤffneter Thuͤr Fo⸗ lianten und Quartanten, in Schweinsleder gebunden, hervorſahen; ſo iſt fuͤr denjeni⸗ gen, welcher ſich einen anſchaulichen Begriff von dem Studirzimmer des beruͤhmten Hof⸗ raths Hundt machen will, nichts von Bedeu⸗ tung uͤbergangen, beſonders wenn noch be⸗ merkt wird, daß auch der Fußboden mit al⸗ lerhand Papieren bedeckt war. In Bezug darauf gab mir der Hofrath gleich bei un⸗ ſerm Eintritte die Weiſung: Nehm Er ſich in Acht, damit er mir nicht ein Teſtament oder eine Vormundſchaftsrechnung, einen Ehevertrag oder ein Scheidungsurtel oder gar eine meiner gekroͤnten Preisſchriften mit Fuͤßen tritt!—— Nachdem der Hofrath mein Schulzeug⸗ — 456— niß nochmals durchleſen hatte, fing er an: Ich bin nicht abgeneigt, ihn als Secretarius in meine Dienſte zu nehmen, dieſer Poſten aber.. Setz Er ſich!— Wohin denn?— Außer dem Stuhle, auf welchem der Hofrath ſaß, war ja kein Seſſel in der Stube vorhanden und das Ka⸗ napee haͤtte ich erſt von den beiden Hunden erobern muͤſſen, ich ſagte alſo: Unterthaͤni⸗ gen Dank, Herr Hofrath! Ich komme vom Sitzen—(Es war aber eine unverſchaͤmte Luͤge.) n Dieſer Poſten, fuhr er fort, erfordert raſtloſe Thaͤtigkeit, Aufmerkſamkeit, Akku⸗ rateſſe, Gewiſſenhaftigkeit, Verſchwiegen⸗ heit— und ſo nannte er noch eine Menge Eigenſchaften her, die ich beſitzen ſollte. Als⸗ dann machte er Miene, ein Examen mit mir anzuſtellen. Seine erſte Frage war: Quot sunt praecepta juris? 8 Gluͤcklicherweiſe hatte ſie mie ein alter — 157— juris practicus meines Orts in's Stamm⸗ buch geſchrieben, ſonſt haͤtte ich ſie nicht ge⸗ wußt, und der Hofrath ſelbſt ſchien auf ein nescio gerechnet zu haben, denn er laͤchelte recht pfiffig bei ſeiner Frage, aber ich ant⸗ wortete raſch: Tria: Honeste vive, ne- minem laede, suum cuique tribue. Bene! ſagte der Hofrath, und ich hatte durch die prompte Beantwortung dieſer Frage bei ihm ſoviel gewonnen, daß er nicht wei⸗ ter erxaminirte. Doch mußte ich noch eine von ihm geſchriebene gelehrte Abhandlung de calceis veterum vorleſen, wobei er mir mit ſichtbarem Wohlgefallen zuhoͤrte, ent⸗ weder weil ich gut vorlas, oder was das Wahrſcheinlichere iſt, weil das, was ich vorlas, ſeine Arbeit war. Als ich ge⸗ endet hatte, ſagte er, Da Er ſi ſich zu quali⸗ fiziren ſcheint, ſo trage ich kein Bedenken, Ihn(wie hiermit geſchieht) zu meinem Se- eretatio anzunehmen. Außer freier Sta⸗ — 158— tion und Beköͤſtigung erhaͤlt er ein jaͤhrliches Fixum von zwoͤlf Thalern. Wenn Er die Gelegenheit wahrnimmt, ſo kann er bei mir in literis ungemein viel profitiren. Da ich mich gegenwaͤrtig mit einer neuen kritiſchen Edition von Johann Doͤplers Theatrum poenarum, suppliciorum et executio- num criminalium beſchaͤftige, ſo ſoll es Seine erſte Arbeit ſeyn, das Mannſeript, welches circa 400 enggeſchriebene Bogen enthalten wird, ins Reine zu bringen. O der bittern Taͤuſchung!— Gott weiß, wie es gekommen war; ich hatte mir den Hofrath als einen feinen eleganten Mann gedacht, der ſich mehr mit Humanicribus, als der juriſtiſchen Praxis beſchaͤftige, nun traf ich ſtatt deſſen einen beſtaubten Antiqui⸗ taͤtenjaͤger, der vielleicht von Schiller, Goͤthe und Matthiſon ſo wenig wußte, als ich vom Doͤpler, den ich abſchreiben ſollte. 4 Schon die muſterhafte Ordnung, welche — 139— im Studirzimmer des Hofraths herrſchte, fuͤhrte mich auf die Vermuthung, daß er un⸗ verheirathet ſei, und ſo war es auch. Die Megaͤra, welche mir die Thuͤr oͤffnete, war ſeine Haushaͤlterin und die Pflegerin ſeiner Mopſe. Der Hofrath befahl ihr, mir meine Arbeitsſtube anzuweiſen. Hiermit war aber nichts Anderes gemeint, als eine Kammer, die ich mit fuͤnf Schritten ausmeſſen konnte, und die blos durch ein kleines in einen fin⸗ ſtern Hof gehendes Fenſter ſparſames Licht erhielt. Das ganze Mobiliare beſtand in einem Tiſche, dem ich ſeinen Wankelmuth durch ein untergelegtes Holz benehmen mußte, in einem Schemmel und einem elenden Bette. Durch meinen kleinen Koffer, den ich von der Poſt herbeiſchaffen ließ, wurde der Raum vollends ſo verengt, daß ich mich kaum um⸗ drehen konnte. Herabgeſchleudert vom Gipfel meiner getraͤumten Hoffnungen, mit dem Abſchrei⸗ — 4160— ben des trocknen Dopler beſchaͤftigt, waͤre ich ein Raub der Verzweiflung geworden, wenn nicht Lorchens Liebe mich aufrecht er⸗ halten haͤtte. Sie war mir in meiner trau⸗ rigen Lage das, was dem Gefangenen ein freundlicher Sonnenſtrahl in der Nacht ſei⸗ nes Kerkers iſt. Allein ich mußte noch meh⸗ rere Tage meine Begierde, ſie wiederzuſehn, in Zaum halten. Wahrſcheinlich in der loͤblichen Abſicht, mich vor jugendlich⸗muthwilligen Streichen zu bewahren, wurden mir von meinem Prin⸗ zipal die Erholnngsſtunden ſehr knapp zuge⸗ meſſen. Sie beſchraͤnkten ſich lediglich auf ein paar Stunden des Sonntags Nachmit⸗ tags. Sonntags fruͤh mußte ich noch am Doͤpler ſchreiben; nach Tiſche ſollte ich den Gottesdienſt beſuchen, und dann war mit vergoͤnnt, einige Stunden ſpatzieren zu gehn, jedoch mit dem ſtrengen Befehl, Tanzbè⸗ den und oͤffentliche Orte zu meiden, welche — 461— der Hofrath Schulen des Laſters und Tum⸗ melplaͤtze der Suͤnde nannte. Endlich kam der erſehnte Sonntag. Daß ich nicht in die Kirche, ſondern Lorchen auf⸗ zuſuchen ging, brauch' ich wohl nicht erſt zu fagen. Es koſtete mir viel Zeit, die Woh⸗ nung der Mamſell Duͤpont(ſo hieß die Putzmacherin, bei welcher Lorchen lernte) ausfindig zu machen. Meine Rolle hatte ich mir ſchon uͤberdacht; ich konnte ſie nicht na⸗ tuͤrlicher ſpielen, als wenn ich, ſowie ich die Thuͤr oͤffnete, mit ausgebreiteten Armen und dem Ausruf: Liebe Kouſine! auf Lorchen zueilte— indeſſen es kam anders. Als ich zweimal, ohne daß Herein! ge⸗ rufen wurde, angeklopft hatte, nahm ich mir die Freiheit, die Thuͤr zu oͤffnen, und nun— ſtand ich da, und wußte nicht, ob ich meinen Augen trauen durfte. Lorchen ſaß auf dem Sopha neben einem huͤbſchen elegant gekleideten jungen Manne. Beide II. Bdchn. L — 162— ſchienen uͤber mein ploͤtzliches Erſcheinen be⸗ troffen, vorzuͤglich Lorchen; doch ging ſie mir gefaßt entgegen, und fragte: Was ſteht zu Ihrem Befehl, mein Herr? Dieſe Anrede machte mich ſo beſtuͤrzt, daß ich die Antwort ſchuldig blieb. Wahrſcheinlich— fuhr ſie fort— wuͤn⸗ ſchen Sie Mamſell Duͤpont zu ſprechen? Ich bedaure— ſie iſt vor ohngefaͤhr einem halben Stuͤndchen ausgegangen.— unterdeſſen hatte ich mich ein wenig ge⸗ ſammelt und ſagte: Nein, liebſtes Kouſin⸗ chen! Blos das Verlangen, Sie zu ſehn— Kouſine? Ich wuͤßte nicht, daß ich die Ehre haͤtte—— Sekretaͤr Springer! antwortete ich mit einem Buͤckling. In der That— ich kann mich unſerer Verwandtſchaft durchaus nicht entſinnen, und bitte Sie daher, mich mit Ihrem Beſuche zu beehren, wenn Mamſell Duͤpont zugegen iſt. — 163— Zorn und Schaam trieb mir eine gluͤhende Roͤthe in's Angeſicht. Mit einem haͤmiſchen Seitenblicke auf den jungen Mann, welcher ruhig auf dem Sopha ſitzen blieb und mit ſeiner Uhrkette taͤndelte, ſtammelte ich: Wahrſcheinlich, Demoiſelle, hat ſich der Herr dort wegen ſeiner Verwandtſchaft mit Ihnen beſſer legitimirt, als ich— es waͤre alſo unverzeihlich, wenn ich durch meine Ge⸗ genwart Ihre angenehme Unterhaltung laͤn⸗ ger ſtoͤren wollte... Hiermit glaubte ich etwas recht Beißen⸗ des geſagt, und Lorchens Empfindlichkeit ge⸗ reizt zu haben, allein ſie laͤchelte ganz unbe⸗ fangen, machte einen ziemlich nachlaͤſſigen Knix, und indem ich einige Schritte zuruͤck⸗ trat, war die Thuͤr, eh⸗ ich mir's verſah, mir vor der Naſe zugeſchloſſen! und drinnen wurde laut gelacht.. Himmel und Hoͤlle! Ich, der ich mich durch meine Roman⸗Lektuͤre zum vollkommenſten L 2 — 164— Kenner des weiblichen Geſchlechts gebildet zu haben glaubte, war von einem Maͤdchen, welches kaum die Kinderſchuhe ausgetreten hatte, am Narrenſeile gefuͤhrt worden. Ich haͤtte mich pruͤgeln, oder die Falſche umbrin⸗ gen moͤgen, ſo erboßt war ich!— Mit Gedanken der Rache beſchaͤftigt, eilte ich nach Hauſe.— Beſtraft ſollte die Treuloſe werden, aber wie?— Doͤplers Theatrum poenarum konnte mir nicht zum Nathgeber dienen, ſondern ich mußte meinen eignen Erfindungsgeiſt anſtrengen. Es koſtete mir wirklich Muͤhe genug, mit meinem Racheplane fertig zu werden; end⸗ lich, nachdem ich Alles reiflich erwogen hatte, nahm ich ein Blatt Papier und ſchrieb, was mir der Zorn in die Feder diktirte: „Heuchleriſche, giftige Schlange! Du haſt mich belogen, Du haſt mich betro⸗ gen! Leichtſinnig haſt Du Dich in die Arme eines Andern geworfen und meine treue und — 165— aufrichtige Liebe mit der ſchaͤndlichſten Un⸗ treue belohnt. Aber Du machſt Dir ver⸗ gebliche Hoffnung, wenn Du denkſt, daß ich deswegen Thraͤnen vergießen und mir die Haare ausraufen werde. Falſche, Du ver⸗ dienſt es nicht, daß ich mich um Deinetwil⸗ len betruͤbe.— Allein die Zeit wird kom⸗ men, wo Du von Deinen Anbetern verlaſ⸗ ſen biſt, wo Niemand vor Dir auf den Knieen liegt und Dir Schmeicheleien ſagt — dann wirſt Du es bereuen, mit bittern Thraͤnen bereuen, daß Du mich hinter⸗ gingſt!“— Es daͤmmerte ſchon, als ich mit dieſer Epiſtel fertig war, die ich fuͤr ein Meiſter⸗ ſtuͤck hielt. Schwerlich wird Jemand den ungewoͤhnlichen Weg errathen, auf welchem ich ſie in die Haͤnde meiner Ungetreuen brin⸗ gen wollte.— Ich nahm einen Stein von der Straße auf, ſchlug meinen Brief darum, eilte nach der Wohnung der Duͤpont und — 166— klirr! flog der ungenießbare Kern mit der bittern Schaale durch die Fenſterſcheibe in's Zimmer; ich aber lenkte geſchickt in ein dunk⸗ les Gaͤßchen ein, um nicht mit der Polizei in unangenehme Beruͤhrung zu kommen. Daß ich wohlweislich meinen Namen unter den Brief zu ſetzen vergeſſen hatte, laͤßt ſich leicht denken. Als ich nach Hauſe kam(es war ſchon zehn Uhr vorbei und der Hofrath lag bereits in den Federn) brummte die Haushaͤlterin, indem ſie die Thuͤr oͤffnete, etwas von luͤ⸗ derlichen unordentlichen Menſchen, welches ich auf Niemanden anders, als auf mich be⸗ ziehen konnte— indeß bezaͤhmte ich meine Empfindlichkeit, weil ich fuͤrchtete, die Alte moͤchte, wenn ich mich mit ihr in einen Wort⸗ wechſel einließe, das ganze Haus in Allarm bringen. In meinem Kaͤmmerlein aber tanzt' ich und pfiiff und freute mich meines wohlausgefuͤhrten Streiches, doch mein Freu⸗ — 467— denrauſch dauerte nicht einmal bis an den andern Morgen. Ein fataler Traum naͤm⸗ lich machte mir meine Freude zu Waſſer. Ich ſah im Traume Lorchen mit dem jungen Herrn. Dieſer las mit komiſchem Pathos meinen Brief her, den ich durchs Fenſter geworfen hatte, und wollte ſich mit Lorchen faſt todt daruͤber lachen. Sie nahm ihm das Papier aus den Haͤnden und machte Haar⸗ wickeln daraus; er aber ſagte: Wenn ich nur den Musje Naſeweis hier haͤtte; ſo wollte ich ihn mit meiner Reitpeitſche ſo be⸗ dienen, daß ihm das Briefeſchreiben verge⸗ hen ſollte.— Herr!(rief ich hervortretend) Sie ſind ein malitioͤſer.. Schwabb! hatte ich die mir zugedachten Hiebe, und- erwachte davon. 4 Dieſer Traum verſetzte mich in eine aͤu⸗ ßerſt unbehagliche Stimmung; ſelbſt beim Erwachen war mir's immer noch, als ob ich Lorchen mit ihrem Galan uͤber meinen Brief, 1468.— von welchem ich mir doch einen ganz andern Effekt verſprach, lachen hoͤrte, und die Peitſche fuͤhlte. Lange fehlte es mir an einer ſchick⸗ lichen Gelegenheit meinen Unmuth an irgend einem Gegenſtande auszulaſſen, bis der Mops, den ich gleich bei meiner Ankunft mit einem derben Naſenſtuͤber begruͤßt hatte, und der mich ſeitdem nicht recht leiden konnte, auf den ungluͤcklichen Einfall gerieth, mir, als ich eines noͤthigen Geſchaͤfts halber uͤber den Saal ging, nach den Beinen zu fahren. Ich nicht faul, faßte den beißigen Patron beim Felle, ſchleppte ihn in meine Stube und zergerbte ihn mit meinem Ziegenhainer dermaaßen, daß er Ach und Weh ſchrie. Durch die Jammertͤne ihres Lieblings wurde die Haushaͤlterin herbeigelockt; ſie fand mich in der Exekution begriffen, wollte mir in die Haare fahren, und ergoß ſich in allerhand Schimpfreden, worauf ich ihr die Antwort nicht ſchuldig blieb. Als es ihr endlich ge⸗ — 469— gluͤckt war, den Mops aus meinen Moͤrder⸗ faͤuſten zu retten, wie ſie ſich auszudruͤcken beliebte, lief ſie wuͤthend fort, um mich beim Hofrathe zu verklagen. et Ohngefaͤhr nach einer halben Stunde wurde ich zu demſelben zitirt. Springer! hob er an. Was ſoll ich von Ihm denken? Ich hielt Ihn fuͤr einen ordentlichen und ge⸗ ſitteten Menſchen, als ich Ihn in meine Dienſte nahm— nun ſehe ich aber zu mei⸗ nem großen Leidweſen, das Er das nicht iſt. Was hilfts Ihm die Praecepta juris zu wiſſen, wenn Er nicht darnach handelt!— Heißt das honeste vivere, wenn man erſt gegen Mitternacht nach Hauſe kommt, wie geſtern geſchehn iſt? Heißt das neminem laedere, wenn man arme Thiere pruͤ⸗ gelt?— ſen Die Beſtie wollte mich beißen! unter⸗ brach ich ihn. A Und mich— ſchrie dir Haushaͤlterin, A — 470— welche eben die Stubenthuͤr oͤffnete, an wel⸗ cher ſie gehorcht hatte,— mich hat Er ein altes Sauleder geheißen. He, kann Er’s laͤugnen?— Verbi veritatem testatus adspectus! ſagt' ich, mit den Fingern auf Barbara's ſchmutzige Schuͤrze hinweiſend. Bleib' Er mir mit dem Franzoͤſiſchen vom Leibe! ſchrie ſie noch hetider als zuvor— ſonſt.. Hier hob ſie den Borſtwiſch in die Hoͤhe, welchen ſie in der Hand hielt. Ich ſah dies fuͤr eine Kriegserklaͤrung an, und hielt es deswegen fuͤr noͤthig, mich in Vertheidigungs⸗ ſtand zu ſetzen, weshalb ich einen maͤßigen Quartanten, welcher eben da lag(es war Heilis judex et defensor) ergriff und mit demſelben, wie mit einem Schilde, mich deckte. Ich war auch ſo gluͤcklich, den wuͤ⸗ thenden Angriff meiner Gegnerin abzuweh⸗ ren, allein ſie erhielt ploͤtzlich Sukkurs von — 474— zwei Dachſen, welche, als ſie ihre Pflegerin auf mich eindringen ſahen, mich beim Rock⸗ zipfel faßten, ſo daß ich mir im Drange der Noth nicht anders zu helfen wußte, als mit dem Heil auf die neuen Feinde loszuſchlagen. Ungluͤcklicherweiſe fiel mir die Waffe aus der Hand, und dadurch gelang es meiner Geg⸗ nerin, mich mit dem Borſtwiſche zu errei⸗ chen. Wuͤthend uͤber den Schlag, welchen ſie mir beibrachte, verwandelte ich mein bis⸗ heriges blos defenſives Verfahren in ein offen⸗ ſives, indem ich Carpzov's Practica rerum criminalium mit beiden Haͤnden ergriff und damit auf Barbara losging. Es gluͤckte mir auch, theils durch den ungeheuren Folianten, theils durch meine drohenden Gebehrden mei⸗ ner Feindin ein ſolches Schrecken einzuja⸗ gen, daß ſie zur Stube hinausfluͤchtete. Der Hofrath hatte mehrmals verſucht, unſerer Bataille ein Ende zu machen, ſich aber immer wieder zuruͤckgezogen, wahr⸗ — 172— ſcheinlich weil er fuͤrchtete, daß wir in der Hitze des Gefechts den ſeiner Perſon gebuͤ⸗ renden Reſpekt vergeſſen moͤchten. Jetzt legte ich den Carpzov hin und ſagte: Ver⸗ geben Sie, Herr Hofrath; es war blos Nothwehr von meiner Seite, die Barbara war fax et tuba—— 56.. Was— was waͤr ich? ſchrie die Haus⸗ haͤlterin, die Thuͤr aufreißend. Er iſt ein — ein— ein—(ich will die Kraftausdruͤcke gar nicht herſetzen) und wenn Er morgen noch im Hauſe bleibt; ſo geh' ich, ich gehe, ſo wahr ich Vatbani heiße.. Knalla flog die Thuͤr zu. 1 Springer!— nahm mein Prinjipal das Wort— Er hat Unfrieden in mein Haus gebracht, er hat ſogar in meinem Studier⸗ zimmer einen groben Exrzeß begangen, Er hat ſich an den ehrwuͤrdigen Maͤnnern Heil und Carpzov vergriffen, dadurch aber zu⸗ gleich die mir gebuͤhrende Achtung verletzt, — 173— ſo daß ich um Ruhe zu haben und aͤhnlichem Skandal vorzubeugen(er haͤtte hinzuſetzen ſollen: hauptſaͤchlich aber, um der Barbara ihren Willen zu thun) Ihn, wie hiermit geſchieht, ſeines Dienſtes entlaſſe. Zwar war dieſer Abſchied, wie ich recht wohl wußte, nicht in gehoͤriger Form Rech⸗ tens, allein Lorchens Untreue hatte mir den Aufenthalt in der Reſidenz verleidet, Doͤpler war mir verhaßt und die ganze Lebensweiſe im Hauſe des Hofraths behagte mir nicht; ubrigens konnte es mir, wie ich glaubte, mit meinen Talenten, von denen ich ziemlich hohe Begriffe hatte, gar nicht fehlen, auf eine anſtaͤndige Art in der Welt durchzukom⸗ men. Ich machte alſo keine Einwendungen, ſondern nahm meinen Abſchied und den Gul⸗ den, welchen mir der Hofrath als eine Gra⸗ tifikation auszahlte. Zur Erleichterung mei⸗ nes Fortkommens machte ich von meinen Haabſeligkeiten Alles, was mir nur einiger⸗ * — 17141—— maahen entbehrlich ſchien, zu Gelde, und verließ am andern Tage mit einem Naͤnzel auf dem Ruͤcken und mit einer Baarſchaft von ohngefaͤhr Fuͤnf Thalern in der Taſche das Haus des Hofraths und die Mauern der Reſidenz, um in der weiten Welt mein Gluͤck zu ſuchen. Es war ganz fruͤh am Morgen, als ich durch das naͤmliche Thor, in welches ich vor ohngefaͤhr vierzehn Tagen eingefahren war, mit meinem Buͤndelchen auf dem Ruͤcken auswanderte. Durch das bunte Gedraͤnge der Landleute, welche ihre Produkte zum Verkauf nach der Stadt fuͤhrten, war die Straße aͤußerſt belebt. Hier zogen abgema⸗ gerte Pferde die mit Kornſaͤcken ſchwer bela⸗ denen Wagen durch den dicken Sand,— dort auf dem Fußſteige ſchoben Maͤnner und Weiber ihre mit Hunden beſpannten Karren vorwaͤrts, auf welchen ſie Gemuͤſe, Brot —. 475— und Butter fuͤhrten— zwiſchen ihnen gingen phalanxartig ſechs Weiber hintereinander und ſprachen zuviel„ was die Bewohner ih⸗ rer Butten, die ſie auf dem Ruͤcken trugen, zu wenig ſprachen,— es waren naͤmlich Fiſche; neben ihnen zog eine Reihe Hand⸗ werksburſchen hin, mit Torniſtern auf dem Ruͤcken,— dann kam ein Trupp Dor fmuſi⸗ kanten— Gott weiß, wo die ſo fruͤh hin⸗ wollten? Der Trompeter ſtieß zuweilen in ſein Inſtrument, und der Klarinettiſt brachte einige quickende Toͤne heraus, ſo daß die Hunde und die Weiber ſich neugierig umſa⸗ hen. Hinter ihnen ſchleppte ſich langſam ein zerlumpter Bettler hin und arbeitete mit Anſtrengung beider Kinnladen an einem Stuͤck ſchwarzen Brotes— ſo mancher Schwelger in der Reſidenz, der ſich geſtern Abend mit Auſtern oder Aalpaſteten den Ma⸗ gen verdarb, haͤtte ihn ſehen und um ſei⸗ nen geſunden Appetit ben eiden ſollen!— — 476— Mich ergoͤtzte das bunte regſame Men⸗ ſchengedraͤnge und die Herrlichkeit des Mor⸗ gens, von dem ich wuͤnſchte, Jean Paul haͤtte ihn mitgenoſſen und dann beſchrieben. Luſtig und guter Dinge ſchlenderte ich mei⸗ nes Weges und die holde Fee Phantaſie breitete ihren Teppich vor meine Augen hin und malte mir eine roſenhelle Zukunft darauf, ſo wenig auch die duͤrre Gegenwart verſprach. Mir iſt's Alles Eins, mir iſt's Alles Eins, Ob ich Geld hab' oder keins! 1 fing ich im Gefuͤhl innerlichen Wohlbeha⸗ gens zu ſingen an, und hob die Fuͤße nach der luſtigen Melodie. Hinter mir begann ſogleich eine andere Stimme das beliebte Volkslied: Rinaldini, großer Raͤuber ꝛc. Ohne mich dadurch aus dem Kontexte brin⸗ gen zu laſſen, ſang ich weiter: Wenn ich Geld hab', kann ich grob ſehn 41727— Wenn ich keins hab', kann ich groͤber ſeyn, Drum iſt's Alles Eins ꝛc. Mein Hintermann brach jetzt den Rinaldini ab und fing an: Herr Zachaͤus, Herr Zachaͤus War der allerbravſte Mann 20. Nun glaubte ich meinen Beitrag zum muſi⸗ kaliſchen Quodlibet nicht ſchuldig bleiben zu duͤrfen und intonirte daher: Laſſet die feurigen Bomben erſchallen ꝛe. Gleich fing der Andere an: Pereat tristitia, Pereant osores, Pereat diabolus, Quivis antiburschius, Atque irrisores! Dabei marſchirte er im Geſchwindſchritt, ſo daß ich ihn gleich darauf an meiner Seite hatte.* Proſit, Landsmann! redete er mich an. Koͤnnt Ihr mir nicht eine Pfeife Tabak 21. Pdchn. M — 178— fioßen? In meinem Beutel ſi eht’s wuͤſte und leer aus, wie vor Erſchaffung der Welt, und doch geluſtet's mir, einen Brand in der friſchen Luft anzulegen, denn es geht doch nichts uͤber ein Pfeifchen, das man im Mor⸗ 4 gennebel platzt. Nicht 4 Kamerad? Ich rauche gar nicht— verſetzte s— und bedaure deswegen— 3 „Nun ſo laßt Euch rathen, Landsmann! Lernt rauchen und wenn Ihr auch nach den erſten Pfeifen vomiren müßt. Tabak iſt ein wahres Labſal fuͤr Koͤrper und Geiſt. Raucht oder kaut nicht das Schiffsvolk Tabak, als das beſte Praͤſervativ gegen den Skorbut? Wenn Jemand an Verſtopfung leidet, was kann er Beſſeres thun, als ſich ein Tabaks⸗ elyſtier geben zu laſſen? Wehrt man ſich nicht am beſten damit gegen epidemiſche Krank⸗ heiten? Und war nicht deswegen in Leipzig nach der Schlacht das Tabaksrauchen in allen Straßen und auf offentlichen Pläͤtzen privi⸗ legirt, um den Typhus zu vertreiben, der mit ſeinem peſtilenzialiſchen Hauche die Men⸗ ſchen vergiftete, daß ſie hinſtarben wie Flie⸗ gen? Und ging das erwaͤhnte Privilegium — wenn man es extensive erklaͤrte— nicht ſogar ſoweit, daß man ungeſcheut einem Po⸗ lizeioffizianten unter die Spuͤrnaſe qualmen und ihn fragen konnte: Freund, riecht Erg wohl, daß das Krellerſcher Guldenknaſter iſt?— Aber das iſt Alles noch nichts. Auf welche ſublime Ideen geraͤth man, wenn man ſein Pfeifchen im Freien dampft, und den blauen Woͤlkchen nachſieht, wie ſie in der Luft ſich zerſtreuen? O unſterblicher Schil⸗ ler! Wie wahr und ſchoͤn ſagſt du: Rauch iſt alles ird'ſche Weſen! Aber, Lands⸗ mann, ich bitt' Euch: Kann wohl Jemand die Tiefe dieſes Gedankens faſſen, wenn er nicht Tabak zu rauchen verſteht?⸗ Ich nickte laͤchelnd. Nun will ich Euch— fuhr mein Beglei⸗ M 2 — 130— 8 ter fort— noch ein Beiſpiel von der heilſa⸗ men Influenz des Tabakrauchens auf das Denkvermoͤgen anfuͤhren. Wie ich Studie⸗ rens halber in H... mich aufhielt— nunc enim relegatus sum cum infamia— da hatten wir in unſerer Kneipe einen ko⸗ loſſalen Geſellſchaftskopf, welcher aus einem Eichenknorren gemacht war. In ſelbigem befanden ſich vier Loͤcher, in welche vier Roͤhre eingeſchraubt werden konnten. Wir— d. h. ich nebſt noch drei guten Freunden— wir placirten dann beſagten Kopf, wenn er mit einem richtig gewogenen halben Pfunde Ta⸗ bak geladen worden war, auf einen kleinen Tiſch, zuͤndeten an, und begannen dann ſo ruͤſtig zu ziehen, daß wir in weniger als zwei Minuten in einen dicken Dampf eingehuͤllt ſaßen, wie das unerforſchliche Schickſal in den neueſten Tragoͤdien. Die Wirthsleute — wenn ſie nicht ohnmaͤchtig werden woll⸗ ten— mußten zur Thuͤr hinaus, und darauf — — 181— war es eigentlich von uns abgeſehen. Auf die ſcharfſinnigſte Weiſe handelten wir nun⸗ mehr die wichtigſten Materien der Philoſo⸗ phie, der Politik, der Geſetzgebung und Staatsverwaltung ab; wir loͤſten wie Kin⸗ derſpiel die Aufgaben, ob deren Loͤſung die beruͤhmteſten Philoſophen, Politiker, Rechts⸗ maͤnner und Staatsverwalter ſich den Kopf zerbrachen; wir entwarfen Plaͤne zur Be⸗ gluͤckung des Menſchengeſchlechts, welche mindeſtens auf einer eben ſo haltbaren Baſis ruhten, als Kant's und St. Pierre's Vor⸗ ſchlaͤge zum ewigen Frieden... Seht, Landsmann! Auf ſolche vortreffliche Ideen und Anſichten kann man blos durch's Tabaks⸗ rauchen gerathen, ſo wahr ich Klinger heiße!- 4 Klinger? fragte ich etwas haſtig, weil es mir auffiel, daß der Name meines Beglei⸗ ters ſich auf den meinigen reimte. Ahal lachte er. Ich weiß wohl, warum — 4182— Ihr mich ſo groß anſehet. Ihr denkt bei meinem Namen an den beruͤhmten Verfaſſer des Fauſt und Giafar, allein die Namens⸗ gleichheit abgerechnet ſind wir in keinerlei Hinſicht mit einander verwandt, ſo wenig als der Antiquar Goͤthe in Leipzig mit dem beruͤhmten Dichter und Miniſter in Weimar verwandt iſt, oder der Anatomiker Hilde⸗ brandt mit dem Romanſchreiber gleiches Na⸗ mens, durch deſſen unermuͤdliche Feder das leſeluſtige Publikum mit Ritter⸗ und Geiſter⸗ geſchichten mehr als zu reichlich verſorgt wird...Doch halt! Durch welches Salto mortale meiner Phantaſie bin ich vom Ta⸗ baksrauchen auf Goͤthe und Hildebrandt ge⸗ kommen? Wenn ſchon mein Alltagsgeſpraͤch einen ſolchen Dithyrambenflug nimmt, wie⸗ viel Ausgezeichnetes wuͤrde ich erſt dann lei⸗ ſten, wenn ich mich abſichtlich auf den Ef⸗ fekt legte, wie ſich z. B. Jemand auf die Medizin, auf die Jurisprudenz ‚auf die — 483— Poeſie oder auf luͤderliche Streiche zu legen pflegt.— Aber jetzt beſinn· ich mich eben, wie wir auf dieſen Irrweg gerathen ſind. Wir ſprachen von meinem Namen, allein wie ich gerade zu dem Namen Klinger ge⸗ kommen bin, das zu ergruͤbeln hat mir bis jetzt nicht gluͤcken wollen. Was klingt nicht Alles in der Welt! Schellen klingen an Schlittenpferden und Narrenkappen, Glocken klingen bei Kindtaufen, bei Hochzeiten und Begraͤbniſſen, bei Feuers⸗ bruͤnſten und bei Te⸗Deum's und zwar bei den letzteren am lauteſten, damit durch ſie das Gewinſel der Sterbenden auf dem blu⸗ tigen Siegsfelde uͤbertoͤnt werde, Floͤten und Schalmeien klingen, bei den Dichtern klingen ſogar die Sphaͤre nd die Verſe, aber der allerreizendſte, hessietenedte und allmaͤchtigſte Klang bleibt doch der Klang des Goldes, nur hoͤre ich dieſen göttlichen Klang ſelten oder nie in meiner Taſche... — 4182 Ich konnte dem ſonderbaren Schwaͤtzer nicht gram ſeyn. Lachend fiel ich ihm in's Wort: Je nun, ſo laſſen Sie doch klingen, was klingt, ſo wie ich ſpringen laſſe, was ſpringt, denn ich heiße nun einmal Springer und nicht anders. Springer? So? veerſetzte er mit einigem Nachdenken. Ja, was ſpringt nicht Alles! Saiten und Glaͤſer ſpringen, Ziegenboͤcke und Floͤhe, Waſſerkuͤnſte und Champagnerflaſchen, Sriabuben desgleichen, wenn man ſie verfolgt. Wahrſcheinlich hatte er mir noch tauſend ſpringender Dinge hergezaͤhlt, wenn wir nicht eines Dorfs anſichtig geworden waͤren, und ich,„d We hungrigen Magen auf⸗ in 2 Gelegenheit zu einer etymologiſchen Hypo⸗ — . — 485— theſe glebt, auf welche ich ohnedem nicht zefallen waͤre. Ad vocem Schenke naͤmlich: ſo iſt es offenbar eine ganz falſche Herleitung des Worts, wenn man es von einſchenken derivirt; weit naͤher und be⸗ quemer iſt doch die Ableitung von ſchenken — donare— ſo daß Schenke nichts an⸗ ders bedeutet, als einen Ort, wo man Al⸗ les, was man zu verzehren Luſt hat, ge⸗ ſchenkt bekommt. So ſehr ich auch— fiel ich ihm ſcher⸗ zend in die Rede— Ihren Scharffinn be⸗ wundere und ſo gern ich Ihrer Meinung beipflichte; ſo ſehe ich doch voraus, daß Ihre etymologiſche Hypotheſe bei den Schenk⸗ wirthen nicht nur keinen Eingang finden, ſondern vielmehr den heftigſten Widerſpruch erleiden wird. Kommt es Ihnen indeſſen nicht darauf an, einmal tauben Ohren zu predigen; ſo koͤnnen Sie wohl einen Ver⸗ ſuch machen... Doch genug. Tendimus in La- nicht ohne Schwierigkeit zu bewerkſtelligen. — 186— Fiat! verſetzte Klinger. Im Fall ich aber mit meiner Hypotheſe nicht durchkomme, Kamerad! ſo kann ich Euch nicht helfen— Ihr muͤßt fuͤr mich bezahlen, denn ſeht! (hier wendete er ſeine leere Taſche um) iſt das nicht ein jaͤmmerlicher Anblick? Und iſt's unter ſolchen Umſtaͤnden wohl ein Wun⸗ der! wenn man auf dergleichen Hypotheſen verfaͤllt, wie die von mir aufgeſtellte?— tium! Allein unſer Einzug in die Schenke war Es ſtanden naͤmlich dicht vor der Thuͤr drei mit allerhand Geraͤthſchaften bepackte Bauer⸗ wagen. Anfangs waren wir geneigt, die aufgeladenen Sachen fuͤr Hochzeitguͤter zu halten, denn wir ſahen hie und da bunte Baͤnder flattern und vergoldete Knoͤpfe her⸗ vorgucken, allein bei naͤherer Betrachtung fanden wir, daß keinesweges Tiſche, Stuͤhle, — 4187— Faͤſſer, Bettgeſtelle, Spinnraͤder und anderer Hausrath, ſondern Thuͤrme, Pallaͤſte, Waͤl⸗ der, Berge, Waſſerfaͤlle, ja ganze Staͤdte und Gegenden aufgeladen waren, mit Ei⸗ nem Worte: wir hatten den Apparat ei⸗ ner herumziehenden Kamzdiantengeſellchaf vor uns. Das iſt Gottes Fingerzeig! rief mein Begleiter begeiſtert aus. Ich will zu Thaliens Fahne ſchwoͤren, ich will mich engagiren laſ⸗ ſen! Unter welchen Bedingungen— gleich⸗ viel! Fuͤr welche Faͤcher— gleichviel! Ich bin ein dun adauf ich ſpiele Alles: Hel⸗ den, Bettler, Miniſter, Boͤſewichter, Of⸗ fiziere, Windbeutel, geheime Sekretaͤrs, Gaudiebe, ja wenn es ſeyn muß: Geiſter und Dummkoͤpfe.— Fama, ergreife deine Trompete! Klinger beſchreitet die Stufen des Sonnentempels der Kunſt!— Vor⸗ waͤrts!— Er ſchritt gravitaͤtiſch auf die Thuͤr des — 188— 1 Wirthshauſes zu, mußte aber erſt den Pfer⸗ den die Koͤpfe bei Seite biegen, ehe er hin⸗ einkonnte. Ich folgte ihm tiefſinnig nach, denn durch meine Liebe zum Abentheuerlichen keimte ſogleich, als ich Klingers Entſchluß vernahm, der Gedanke in mir auf, eoenfalls Schauſpieler zu werden. Ich beſaß ja mei⸗ nes Erachtens alle Erforderniſſe eines guten Akteurs, eine angenehme Figur, eine voll⸗ toͤnende Stimme, ein gutes Gedaͤchtniß— alles Uebrige, dacht' ich, iſt doch blos Rou⸗ tine, und Helden, wie Wilhelm Tell und Fiesko, auf der Buͤhne darzuſtellen, das will doch bei Gott! mehr bedeuten, als wenn ich ein Federheld geblieben waͤre, und Doͤp⸗ lers Theatrum noch ſo ſauber abgeſchrieben haͤtte!— In der Gaſtſtube war ein ſo heftiger Tu⸗ mult, daß wir vermutheten, es werde Ge⸗ meindeverſammlung gehalten. Als wir aber eintraten, bemerkten wir, daß der Laͤrm blos — 489— von zwei Perſonen herkam. Die uͤbrigen Anweſenden ſtanden ruhig um den Tiſch her, an welchem jene ſaßen, und hoͤrten zu. Das Aeßere der beiden Sprecher war ſo auffallend und zugleich ſo verſchieden, daß ſchon der Kontraſt zum Lachen reizte. Der Eine war eine kleine dicke Figur mit einem Vorſprunge auf dem Ruͤcken, der ſich ſo hoch zwiſchen die Schultern poſtirt hatte, daß der Hinter⸗ kopf darauf ruhen konnte; ſein Geſicht war feiſt und rund und der Kopf mit ſchwarzem Kraushaar bedeckt; aus den niedergezogenen Augenbraunen blinzelten ein paar kleine fen⸗ rige Augen hervor, zwiſchen den vollen Bak⸗ ken ſaß eine Habichtsnaſe, und um den et⸗ was geſpitzten Mund ſchwebte ein ſatiriſches Laͤcheln. Uebrigens trug das Maͤnnchen einen rhabarberfarbenen Frack, eine ſchwarzſeidne geſtickte Weſte, an welcher blos ein Knopf zugeknoͤpft war, ſo daß der lange ſchoͤn ge⸗ faltete Buſenſtreif in ſeiner ganzen Wuͤrde — 190— ſich entfalten konnte, desgleichen kornblum⸗ blaue Pantalons, mit Goldſchnuͤren beſetzt, die jedoch von ihrem fruͤhern Glanze ſchon viel verloren hatten. Der andere Sprecher war lang und ſpin⸗ delduͤrr, hatte die Geſichtsfarbe eines Gelb⸗ ſuͤchtigen, eine niedrige ſcharf gerunzelte Stirne, von welcher die Falten bis hoch zur Glatze ſich hinaufzogen, und ſchielte mit ſeinen gruͤnen Katzenaugen mißtrauiſch nach allen Seiten. Ein grauer Ueberrock, von der Sonne und vom Staube ganz unſcheinbar gemacht, ſchlotterte um ſeinen magern Koͤrper, und die Storchbeine ſteckten in ein paar Stiefeln, die offenbar fuͤr das Wachsthum der Wa⸗ den eingerichtet waren, oder fruͤher einen andern zuverlaͤſſigern Herrn gehabt hatten. Nun hoͤrten wir folgendes merkwuͤrdige Geſpraͤch, welches der Kurze mit einer rau⸗ hen Baß⸗ und der Lange mit einer kreiſchen⸗ den Diskantſtimme fuͤhrte. — 191— Der Kurze. Du dummer Prahl⸗ hans! Was bildeſt Du Dir denn auf Deine Klexerei ein?— Unſer voriger Dekorations⸗ maler— alle Achtung!— das war ein Mann, der ſein Fach verſtand, aber Du pinſelſt Zeug zuſammen, daß Gott erbarm! 's iſt nur Schade um die Farbe und um die Leinwand. Der Lange. Was verſtehſt Du denn von der Dekorationsmalerei, Du eingebildeter Narre? Grade ſoviel, wie der Eſel von der Uhrmacherkunſt. Du ſitzeſt in Deiner Bude, wie ein ſibiriſcher Affe, und die Spie⸗ ler muͤſſen bei den ernſthaſteſten Szenen la⸗ chen, wenn ſie Dich anſehen. Der Kurze. Wie ein ſibiriſcher Affe! Hahaha! Seit wenn giebts denn Affen in Sibirken, Du Erzignorante? Der Lange. Was? Du verdorbener Bartkratzer, Du Seifenblaſenmacher, Du ſeumpfes Scheermeſſer, Du umgedrehter — 192— Kegel, Du Alp— Du willſſt verſtaͤndige Leute um ihre Deputation bringen? Der Kurze. Schimpfe nicht! Ich rathe Dir's! Ich bin Soufleur, Soufleur bei der Pauſemannſchen Truppe, und habe meinem Poſten mit Ehren vorgeſtanden, lange eh Du hergerochen biſt. Mach' Dich nur nicht mauſig, Du verpfuſchter Mau— rergeſelle, Du Klexer, Du Schmierer, Du Sudler, Du— . Der Lange. Wart', Kerl, ich will Dich gleich beſudeln— Der Kurze. Deine Berge ſehen ja wie Miſthaufen, und Deine Fluͤſſe wie Kraut⸗ felder aus— Der Lange. Halt's Maul, ſag' ich, ſonſt— Der Kurze. Schlag' aus, wenn Du Kourage haſt, Du ſollſt Dein Ka⸗ 1 pital beſtimmt mit Wucherzinſen zuruͤck⸗ kriegen!. — 493— Der Lange. Ausſchlagen ſoll ich? Hier haſt's!— Bei dieſen Worten ſtreckte der Lange ſei⸗ nen Arm wie einen Windmuͤhlenfluͤgel uͤber den Tiſch aus, und gab dem Kurzen eine ſo krlaͤftige Ohrfeige, daß derſelbe unwillkuͤhr⸗ lich eine windſchiefe Bewegung machte. Allein der Kurze blieb ihm nichts ſchul⸗ dig; er ſprang, um ſich in Hinſicht der Groͤße ſeinem Gegner gleich zu ſtellen, auf die Bank, wo er ſaß, ergriff in Ermange⸗ lung anderer zulaͤnglicher Waffen ſein noch halb mit Kirſchbranntwein gefuͤlltes Glas und warf es dem Langen in's Geſicht, daß die rothen Tropfen die Backen herabliefen, und es das Anſehn gewann, als ob er blutige Thraͤnen vergoͤſſe. Mordelement!— ſchrie der Lange, durch dieſen Koup zum hoͤchſten Zorn entflammt. — Dafür ſollſt Du bezahlt werden, oder ich will nicht Kuppermann heißen!— Er 11. Bdchn. N — 194— griff hiermit nach dem Krauskopf ſeines Fein⸗ des; dieſer wehrte ſich mit allen Kraͤften, allein der Lange hielt feſt, und ploͤtzlich ſaß der Kurze als— Kahlkopf da, der Lange aber ſchwang die Lockenperuͤcke, die er ihm abgeriſſen hatte, wie eine Siegsfahne in der Luft. 4. Na, ſeht einmal!— rief er.— Traͤgt der Geck ſo'ne verdammte Atzel, putzt ſich mit fremden Federn.— Fort mit dem Plunder!— Mit dieſen Worten ſchleuderte er die Peruͤcke in eine Ecke, und ſogleich ap⸗ portirte ſie ein großer ſchwarzer Pudel, und rannte damit pfeilſchnell zur Thuͤr hinaus, welche eben geoͤffnet wurde. Halt auf! Halt auf! ſchrie der Kurze aus Leibeskraͤften, und eilte, ſeine Glatze mit den Haͤnden bedeckend, dem Pudel nach. Indem ſich alle An⸗ weſenden unter lautem Lachen nach der Thuͤre draͤngten, um der luſtigen Jagd 1 — 195— zuzuſehen, ließ ſich draußen eine barſche Stimme hoͤren:. Sag' Er mir, Purzel, iſt er des Geiers? Muß er denn ſo unvernuͤnf⸗ tig rennen? Kann er nicht den Direktor erkennen?—. Der Pudel und die Peruͤcke!— toͤnte des Kurzen klaͤglicke Stimme. Was Pudel! Was Peruͤcke! ſchnob der Direktor. Wo iſt der Maler? Was ſtehn noch die Wagen hier? Fort an Ort und Stelle! Uebermorgen wird in Bunkelshau⸗ ſen geſpielt; was ſoll aber daraus werden, luͤderliches Pack, wenn noch kein Theater eingerichtet iſt? He, Kuppermann, he! Wo hat ihn denn der— 2 Hier, hochverzukehrender Herr Rek— dik— tor, Di— rik— dektor wollt⸗ ich ſa— gagen, zerveihen Sie—; lallte der Lange und taumelte auf den Direktor zu, waͤhrend der Kurze unter beſtaͤndigem Rufen: Halt N 2 — 196— auf! Halt auf! dem Raͤuber ſeiner Peruͤcke nachſetzte. 5 Nachdem es mit bedeutender Anſtrengung uns gelungen war, durch die Menſchenmaſſe zur Thuͤr hinauszudringen, ſahen wir, daß ſich die Zahl der Wagen noch um einen ver⸗ mehrt hatte, welcher mit dem Schauſpieler⸗ perſonale beladen war. Der Direktor, ein kleines korpulentes Maͤnnchen mit einem Vollmondsgeſicht wie der Abt von St. Gallen, war abgeſtiegen, und gab eben dem Langen, welcher ihn beinahe um⸗ gerannt haͤtte, einen ſo derben Seiten⸗ hieb, daß er ſich ein paarmal um ſeine Axre drehte. Auf dem Wagen ſaßen drei Frauenzim⸗ mer und zwei Mannsperſonen. Zwei der Frauenzimmer waren verbluͤhte Tulpen, das dritte aber war ein— friſches Roͤschen, eine Bruͤnette, die etwa ſiebzehn Sommer zaͤh⸗ len mochte, und aus deren blitzenden Augen — 497— Schelmerei, mit Frohſinn und Lebensluſt ge⸗ paart, hervorleuchtete. Straf' mich Gott! ſagte Klinger leiſe zu mir, und ſchuͤttelte mich beim Arme. Das iſt eine Tochter des Paradieſes, eine Houri, eine Engelin, eine Cherubine oder Seraphine.— O, was gaͤb' ich nicht um einen einzigen Liebesblick ihres Auges? Ein Kaiſerthum— NB. wenn ich eins haͤtte. Mir kam Klingers Entzuͤcken ganz unge⸗ legen, denn das Maͤdchen gefiel mir nicht minder, als ihm, ich nahm aber die Maske der Gleichguͤltigkeit vor, und erwiederte: Ein blutjunges, naſeweiſes Ding! Ich koͤnnte mich in ſo ein Puppengeſicht nicht vergaffen. Die beiden Maͤnner, die ſich noch auf dem Wagen befanden, bildeten Gegenſätze: der Eine, von mehr als mittelmaͤßiger Groͤße, ſtarkem Gliederbau, muntrer Geſichtsfarbe, ließ ſeine Beſtimmung fuͤr die erſten Liebha⸗ berrollen vermuthen, im Fall naͤmlich der — 198— Direktor dieſelben nach Weiſe der Direktoren nicht fuͤr ſich in Beſchlag genommen hatte; der Andere, ein zuſammengetrocknetes Maͤnn⸗ chen in den Vierzigern, unterhielt ſich leb⸗ haft mit den beiden verbluͤhten Tulpen, ſchnitt aber dabei Geſichter, wie ein mit der Kolik Behafteter, waͤhrend der erſte Lieb⸗ haber mit phlegmatiſcher Gelaſſenheit vor ſich hinſchauend langſame Zuͤge aus ſeiner Meerſchaumpfeife that. Der Kurze kam jetzt in vollem Sprunge mit ſeiner Kopfbedeckung in der Hand zuruͤck, und ſagte, indem er ſie uͤber die Glatze zog, ſchier athemlos: Gluͤcklich abgejagt!— Doch war dies weniger ſein Verdienſt, als das einiger Bauerjungen, die er um Huͤlfe an⸗ geſleht hatte. Sogleich kommandirte der Direktor: Kein Troͤdel weiter! Purzel! Kuppermann! Aufgeſetzt! Raſch! Mir nach!— Sprach's, ſchwang ſich auf den Wagen, — 499— ergriff Zuͤgel und Peitſche, und dirigirte ſein Geſpann ſo verſtaͤndig, als ſich erwarten laͤßt von einem— Direktor. Die Wagen mit den Dekorationen folgten. Ich blickte duͤſter, wie einem entfliehen⸗ den ſchoͤnen Traumbilde, dem Fuhrwerke nach, durch welches mein reizendes Maͤdchen entfuͤhrt ward; vergeſſen hatt' ich in dieſem Augenblicke allen Haß, den ich wegen Lorchens Treuloſigkeit ihrem ganzen Geſchlechte ge⸗ ſchworen, und aus der Tiefe meines Her⸗ zens ſeufzt' ich ſtill: Himmelskind! Wie Du auch heißeſt: Laura oder Angelika oder Liana oder Sidonia— meine gluͤhende Seele ſtuͤrzt ſich Dir auf Adlerſchwingen der Sehn⸗ ſucht in die blaudaͤmmernde Ferne nach.— Aber zuerſt— unterbrach mich Klinger, als ob er nicht nur meine geheimſten Gedan⸗ ken errathen, ſondern ſich auch vorgenommen haͤtte, mich auf eine recht proſaiſche Weiſe zu aͤrgern— erſt wollen wir ein tuͤchtiges — 200— Fruͤhſtuͤck zu uns nehmen, dann ſage ich Euch Valet, Kamerad, und ziehe Thalien gen Bunkelshauſen nach.— Schweigend ging ich mit ihm in die Schenkſtube. Der Wirth erzaͤhlte eben ein paar nach uns angekommenen Fremden den Hergang der Sache, und ſo erfuhren wir ihn auch, inſoweit wir ihn nicht bereits errathen hat⸗ ten. Der Kurze und der Lange naͤmlich, oder(um ſie bei ihren wahren Namen und Titeln zu nennen) der Soufleur Purzel und der Dekorateur und Maſchiniſt Kuppermann waren mit einer Ladung Dekorationen ange⸗ kommen, um ſie nach Bunkelshauſen zu ſpe⸗ diren, wo bereits eine zur Wohnung Mel⸗ pomenens und Thaliens beſtimmte hoͤlzerne Bude auf dem Marktplatze prangte, welche uͤbermorgen von der„Pau ſemannſchen allergnaͤdigſtprivilegirten Schau⸗ ſpielergeſellſchaft“(wie auf den Zetteln ſtand) eingeweiht werden ſollte. Die —— — 2014— beiden Transporteurs hatten ein paar Glaͤs⸗ chen uͤber den Durſt getrunken, und waren endlich in Streit gerathen, weil ein jeglicher ſeine Verdienſte um's Theater herausgeſtri⸗ chen, und keiner die vermeintlichen Vorzuͤge des Andern hatte anerkennen wollen. Die Entwickelung war uns ſchon bekannt, und konnte in der Erzaͤhlung bei weitem den ko⸗ miſchen Effekt nicht hervorbringen, wie in der Wirklichkeit. Um ungeſtoͤrt zu ſeyn— denn einige anweſende Schlaͤchter und Getraidehaͤndler fingen jetzt von kommerziellen Gegenſtaͤnden ziemlich laut zu ſprechen an— zogen wir uns in eine Ecke zuruͤck. Das beſtellte Fruͤh⸗ ſtůͤck ſtand ſchon da. Beatus ille, qui procul negotiis! ſagte Klinger, indem er mit un⸗ merklicher Kopf- und Augenbewegung auf die Ochſenhaͤndler hindeutete. Carpe diem! fuhr er begeiſterter fort, indem er ein Stuͤck Knackwurſt aufſpießte, gierig hinunter⸗ ſchluckte und ein Glas Parfait d'amour darauf goß. Er plauderte noch Mancherlei, allein ich dachte an meine namenloſe Geliebte und 1 kuͤmmerte mich ſo wenig um ſein Geſchwaͤtz, als um die Zahl der Glaͤſer, die er auf Ge⸗ fahr meines Geldbeutels leerte. Trinkt und eßt doch— unterbrach er mich ermunternd— oder freßt und ſauft meinethalben, wenn es Euch nur zuſagt. Um aber wieder auf das Theater zu kommen— Das Wort Theater ſchlug wie ein zuͤndender Blitz in meine Seele: Es lebe das Theater— hoch! rief ich enthuſiaſtiſch und that meinem Zutrinker Beſcheid. 4 Was hoͤr ich?— rief Klinger— Nach Eurer Begeiſterung zu urtheilen— ſeyd Ihr wohl Schauſpieler? Nein!— verſetzte ich— aber ich fuͤhle eine unbezwingliche Neigung in mir, es zu werden. 3 — 203— Topp!— ſchrie Klinger— dann ſind wir aͤchte Kameraden und wir knuͤpfen unſere Lebensfaͤden zuſammen. Laßt uns ſchmolli⸗ ren. Bruder!(ſang er) Bruder! Dieſes volle Glas Bring' ich Dir zu Ehren, Unſrer Freundſchaft heil'ges Band, Unſer unzertrennlich's Band Soll kein Teufel ſtoͤren! Dabei umhalſte er mich und druͤckte einen herzhaften Kuß auf meine Lippen.. Damit wir uns aber genauer kennen ler⸗ nen— fuhr Klinger fort— ſo will ich Dir in 4 aller Kuͤrze das Merkwuͤrdigſte aus meinem Leben erzaͤhlen. Meine Eltern mutheten mir zu, Theologie zu ſtudiren, und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß ich es bis zum Kon⸗ ſiſtorialrath oder Generalſuperintendenten gebracht haͤtte, wenn mir nur der Fechtboden und der Rathskeller nicht lieber geweſen waͤ⸗ ren, als die Kollegia uͤber Dogmatik und — 204— Exegeſe. Ich benutzte die akabemiſche Frei⸗ heit, ſo gut es anging, aber leider! iſt ſie jetzt nur noch ein Schatten. Iſt es denn wegen der ſtrengen Reglements noch moͤg⸗ lich, einen rechtſchaffenen Baͤr anzubin⸗ den oder einen Philiſter honorig zu prel⸗ len? Kann man jetzt wohl ein Skan⸗ dal haben oder Sr. Magnifizenz die Fen⸗ ſter einwerfen, ohne des naͤchſten Tages ge⸗ ſchleppt zu werden? Glaub' mir, Bruͤ⸗ derchen! Solche Beſchraͤnkungen der edlen Burſchenfreiheit muͤſſen einem Kerl von Ehre das Leben vergiften. Muth will ſich erpro⸗ ben— ich als ruͤſtiger Schlaͤger ſuchte uͤberall Gelegenheit zu Haͤndeln— mit einem Be⸗ kannten veruneinigte ich mich auf einem Balle— es kam zum Duell— ich zeichnete meinem Gegner einen Zirkumflex quer uͤber das ganze Geſicht— allein die Geſchichte wurde verrathen, ich inkarzerirt, verhoͤrt und— relegirt. Sic eunt fata! Hinwes — 2605— nun mit der trocken Wiſſenſchaft, ich beihe mich der Kunſt!— Klingers Zutrauen verlangte Erwiede⸗ rung, ich mußte alſo auch mit meinem Le⸗ benslaufe zum Vorſchein kommen. Indeſſen erzaͤhlte ich davon blos ſo viel, als mir gut duͤnkte; das Liebesabentheuer mit Lorchen und meine Feldſchlacht mit dem Mopſe und der Jungfer Barbara uͤberging ich mit Still⸗ ſchweigen; ich erwaͤhnte blos, daß ich bei ei⸗ nem angeſehenen Herrn in der Reſidenz als Sekretaͤr in Dienſten geſtanden, jedoch weil es mir dort nicht mehr gefallen, meinen Ab⸗ ſchied genommen habe, um anderwaͤrts ein Unterkommen zu ſuchen, und daß durch das zufaͤllige Zuſammentreffen mit den Komoͤdian⸗ ten meine fruͤhere Leidenſchaft fuͤr's Theater aufs Neue erwacht ſei. Du biſt noch nie aufgetreten? fragte Klinger. Ich verneinte es. Freilich uͤbel! — verſetzte er— dann wirſt Du Dich wohl — 206— bequemen muͤſſen, zuerſt die Bedienten zu ſpielen... Ich machte ein verdrießliches Geſicht. Nun troͤſte Dich nur! Auf dem Theater geht's wie im Leben; aus den Bedienten werden mit der Zeit Liebhaber! ſagte er gut⸗ muͤthig und klopfte mich auf die Schulter. Ehrlich geſtanden(fuhr er fort) ich ſelbſt bin noch nicht weit in der Kunſt, denn es will im Ganzen wenig ſagen, wenn man, wie ich, ein paarmal auf einem Privattheater mit maͤßigem Beifall geſpielt hat; allein eine gewiſſe an Unverſchaͤmtheit graͤnzende Drei⸗ ſtigkeit ſoll mir ſchon durchhelfen, ich fabri⸗ zire mir falſche Atteſte, die meines Lobes voll ſind, und wenn mir das Verzeichniß meiner Rollen abverlangt wird, ſo ſpiel' ich blos in ſolchen Stuͤcken, von denen ich ge⸗ wiß bin, daß die Pauſemannſche Geſellſchaft ſie nicht auffuͤhrt. Mundus vult decipi, Bruͤderchen!— Doch was plaudern wir — 207— hier ſo lange? Dazu haben wir Zeit unter⸗ wegens. Laß uns denn unſerer Beſtimmung entgegen gehn!* Ich machte die Zeche richtig, und wir gingen. Bis Bunkelshauſen waren noch fuͤnf Meilen. Weil wir nicht Luſt hatten, uns zu uͤberlaufen, ſo kamen wir erſt des andern Morgens daſelbſt an, jedoch bei gu⸗ ter Zeit. Moͤglich waͤr' es, daß man das Staͤdtlein Bunkelshauſen weder auf einer Karte, noch in einer Geographie faͤnde, da⸗ her bemerk' ich hier kuͤrzlich, daß wer Kno⸗ felingen und Tiefenbach aus F. Kind's und Praͤtzels Schilderungen kennt, in Bunkels⸗ hauſen ſo gut wie zu Hauſe iſt. Dem dama⸗ ligen Burgermeiſter des Orts, Herrn Zip⸗ pel(welcher zugleich die Schlaͤchterprofeſ⸗ ſion betrieb) konnte man beſonders zum gro⸗ gen Ruhme nachſagen, daß er die Einwoh⸗ — 208— ner ſowohl mit Rathſchlaͤgen, als mit Brat⸗ wuͤrſten verſorge, obwohl die letztern in der Regel beſſer und genießbarer waren, als die erſtern. 3. Das Erſte, was uns auf dem Markte in die Augen fiel, war die Bude, worin geſpielt werden ſollte. Das Aeußere iſt freilich ſchlecht, faſt unanſtändig— ſagte Klinger— allein wenn hinter dem unſcheinbaren Aeußern innere Gute ſich verſteckt, ſo kann man dem Di⸗ rektor dieſen Uebelſtand eben ſowohl verzei⸗ hen, als es ſich vertheidigen laͤßt, daß die Cotta'ſche Buchhandlung von Schillers Werken auch eine Ausgabe auf Loͤſchpa⸗ pier veranſtaltete. Genie's halten uͤber⸗ haupt wenig auf das Aeußere, daher iſt es z. B. erklaͤrbar, daß ich einen geflickten Rock trage, und keinen ganzen. Im Innern der Bude hoͤrten wir noch haͤmmern, pochen und ſaͤgen, zum Beweis, daß das Theater erſt im Werden ſei, und vor dem Eingange ſtand eine buͤrgerliche Mi⸗ liz mit ſchneidermaͤßigem Anſtande, um die Gaſſenjungen zu verſcheuchen, ſobald ſie es ſich einfallen laſſen wollten, zur Befriedi— gung ihrer Neugier in Thaliens Heiligthum einzudringen. Muͤde vom Marſch dieſes Morgens blickten wir nach einem Gaſthofe umher. Siehſt Du nicht dort an der Ecke den Storch? rief Klinger. Der wird uns gewiß gut auf⸗ nehmen, denn er iſt ein Zugvogel, wie wir ſind, darum laß uns bei ihm einſprechen. Ich war's zufrieden; wir gingen alſo auf den Storch zu, und wollten ſchon ein⸗ treten, als ein neben der Thuͤr angeklebter Zettel unſere Aufmer kſamkeit erregte. Wir dachten nichts anders, als die Ankuͤndigung des Stuͤcks zu leſen, welches morgen von der Pauſemannſchen Geſellſchaft aufgefuͤhrt werden ſollte, allein wir hatten geirrt. Za 11. Bdchn. 9 — 210— unſerer großen Verwunderung fanden wir die Anzeige, daß Herr Baldani aus Mailand die Ehre haben werde, das Publikum durch abgerichtete Affen und Hunde unterhalten zu laſſen, wobei vorzuͤglich die Talente des Mon⸗ ſieur Roſſignol, des Signor Martuffo, der Madam Pompadour und der Signora Pa⸗ tavia herausgehoben waren. Bravo!(lachte Klinger) Die Mitglieder der Pauſemann⸗ ſchen Geſellſchaft haben in Affen und Hun⸗ den ihre Nebenbuhler gefunden, und warum ſoll ich es dem kultivirten Geſchmacke des hieſigen Publikums nicht zutrauen, daß es das Baldaniſche Theater zahlreicher beſuchen wird, als das Pauſemannſche? Beim Eintritt in die Gaſtſtube bemerk⸗ ten wir ſogleich Herrn Purzel, welcher mit einem nach Art der polniſchen Baͤrenfuͤhrer gekleideten Fremden ein lebhaftes Geſpraͤch unterhielt. Der Fremde entfernte ſich jedoch bald, und nunmehr machte ſich Klinger an — 241— Purzeln, um von ihm die noͤthigen Erkun⸗ digungen einzuziehen. Es war ihm auch, wie er mir rappor⸗ tirte, vollkommen gelungen, vom Soufleur Alles zu erfahren, was er erfahren wollte. Soviel weiß ich— ſagte er— Herr Pauſe⸗ mann iſt ein Erzignorant und zugleich ein aufgeblaſener Narr, er ſpielt miſerabel, wird haͤufig ausgepfiffen und ausgepocht, demun⸗ geachtet haͤlt er ſich fuͤr den erſten Kuͤnſtler in Deutſchland, ja er glaubt ſi ſich ſogar zum dramatiſchen Dichter berufen, und iſt in die⸗ ſem Wahne nicht irre geworden, obgleich ſeine Stuͤcke insgeſammt am Durchfalle ge⸗ ſtorben ſind. Ueberlaß Du mir nur den Vortrag— ich ſtehe dafuͤr: wir werden mit Freuden aufgenommen. Uebrigens ſollſt Du wiſſen, daß die Geſellſchaft jetzt ohne Soufleur iſt, denn Purzel hat ſich mit dem Direktor uͤgerworfen, ſeine Dimiſſion genommen und ſich mit dem Inhaber des Affentheaters aſſo⸗ 3 9 2 — 212— elirt— der Direktor iſt deswegen in nicht geringer Verlegenheit, denn weil er nie memorirt, ſo fehlt ihm Alles, wenn ihm der Soufleur fehlt. Nun weißt Du genug. Jetzt habe ich nichts Noͤthigeres zu thun, als mir zu atteſtiren, daß ich ein hoͤchſt vortreff⸗ licher Schauſpieler bin— nachher gehn wir. Klinger war bald fertig, wir brachten alſo unſern Anzug in Ordnung, ſo gut es ſich thun laſſen wollte, und machten uns auf den Weg. Der Direktor hatte ſich im Hauſe des Burgermeiſters eingemiethet; wir ließen uns anmelden, und wurden(nachdem wir ein gutes Viertelſtuͤndchen vor der Thuͤr ge⸗ wartet) vorgelaſſen. In ſeinen Schlafrock gewickelt und behaglich auf's Sopha geſtreckt empfing uns der Direktor mit den Worten: Wer iſt man und was will man? Ohne ſich durch dieſe Grobheit aus der Faſſung bringen zu laſſen, begann Klinger: Hochzuverehrender Herr Direktor! Der — 243— weitverbreitete Ruf Ihrer glaͤnzenden Ver⸗ dienſte um unſer Theater und unſre drama⸗ tiſche Literatur— der ſehnliche Wunſch, un⸗ ter Hochdero trefflicher Anleitung unſere ge⸗ ringen kuͤnſtleriſchen Anlagen auszubilden— Miein Freund hatte noch nicht weiter ge⸗ ſprochen, als ſchon ein ſtilles Laͤcheln der Selbſtzufriedenheit uͤber das Antlitz des Di⸗ rektors ſich verbreitete; er erhob ſich etwas vom Sopha, und ſagte mit einer Freundlich⸗ keit, die gegen den barſchen Empfang nicht wenig abſtach: Nehmen Sie doch Platz, meine Herren! Sie ſuchen Engagement bei meiner Truppe— wie ich vernehme? Frei⸗ lich ſind die Faͤcher ziemlich beſetzt, indeſſen wenn Sie in einigen Gaſtrollen, die ich Ih⸗ nen geſtatten will, Beweiſe von Talent an den Tag legen, und den Beifall des Publi⸗ kums ſich zu erwerben verſtehn, ſo— wol⸗ len wir ſehn. Walches Fach haben Sie vor⸗ zuͤglich? Eigentlich keins— verſetzte Klinger— denn ich ſpiele Alles; mein kuͤnſtleriſches Streben geht nach Vielſeitigkeit... Und nun nannte er eine Menge Rollen her: Ham⸗ let— Fauſt— Fiesko— Taſſo— Don Karlos— Romeo und viele andere. Er wußte aber ſchon aus dem Munde des Souf⸗ leurs, daß keins der Stuͤcke, aus denen er die Rollen nahm, von der Geſellſchaft gege⸗ ben wuͤrde. Der Direktor rief abwechſelnd: Wird einſtudirt! oder: Wird nicht mehr aufgefuͤhrt!— Endlich fand ſich doch unter den gangbaren Stuͤcken: Der Schauſpie⸗ ler wider Willen. Den maskirten Theaterdirektor ſpiel' ich! ſagte Klinger raſch, denn es war eine der Rollen, in de⸗ nen er ſchon auf dem Privattheater geglaͤnzt hatte. Ich darf ſogar verſichern(fuhr Klinger fort) die Parthie des Direktors ſo gut einſtudirt zu haben, daß ich keinen Soufleur brauche— 215— Aber, Herr, ich brauche einen!— brach der Direktor los— denn der Purzel iſt unter die Affen gegangen und morgen ſoll geſpielt werden! Klinger gab mir einen verſtohlenen Wink und mein Entſchluß war gefaßt: Herr Di⸗ rektor!— ſagte ich mit einer Dreiſtigkeit, die ich meinem Freunde abgeborgt hatte.— Zwar bin ich als Saͤnger und Taͤnzer bei mehreren bekannten Theatern angeſtellt ge⸗ weſen, und ſuche ein aͤhnliches Engagement, allein da ich gegenwaͤrtig nicht blos an der Bruſt leide, ſondern mir auch den einen Fuß verſprungen habe; ſo biete ich Ihnen interi⸗ miſtiſch meine Dienſte als Soufleur an— Herr, wenn Sie das wollen— fiel mir der Direktor haſtig in die Rede— ſo ſind Sie mein Mann; einen Soufleur brauch' ich, aber keinen Operiſten und Ballettaͤnzer, denn weil ich ſelbſt weder ſinge noch tanze, ſo iſt mir Sang und Tanz auch an Andern d — 216— zuwider. Doch noch etwas— Sie muͤſſen ſich gefallen laſſen, in einem Stuͤcke, worin ich auftrete, zur Probe zu ſoufliren, damit ich weiß, auf wen ich mich verlaſſe. Ich ging die Bedingung ein, obgleich ich, mit der Gedaͤchtnißkraft des Direktors ver⸗ traut, meine Lunge im Voraus bedauerte. Im Uebrigen erhielten wir, als wir uns empfahlen, von Herrn Pauſemann die Zu⸗ ſicherung, daß er uns morgen mit dem ge⸗ ſammten Schauſpielerperſonale bekannt ma⸗ chen und das Weitere mit uns verabreden wolle.. Beim Nachhauſegehen gab ich Klingern meine Bedenklichkeit zu erkennen, wie unſer gewagtes Unternehmen ablaufen werde, allein er lachte blos uͤber meine Aengſtlichkeit.— Spas! Spas!(rief er) Den Theaterdirek⸗ tor hab' ich ex fundamento einſtudirt; wenn ich nun noch einige Spaͤſe von meiner eignen Erfindung einflechte, und dazu Alles benubze, was ſich etwa hier von Stadtanek⸗ doten auftreiben laͤßt, ſo muͤßt es mit Wun⸗ dern zugehn, wenn ich nicht beklatſcht wer⸗ den ſollte. Bei den Rollen aber, die ich erſt einſtudire, verlaß' ich mich naͤchſt meiner Gei⸗ ſtesgegenwart auf meine gute Memorie und auf— Dich. Sollte aber Dir bange ſeyn, ob Du Deinem Poſten mit Ruhm werdeſt vorſtehen koͤnnen, ſo mach' ich mir es zum Vergnuͤgen, Dir ein Kollegium uͤber das Soufliren zu leſen, denn es gehoͤrt Mancher⸗ lei dazu, wovon Du Dir jetzt noch nichts traͤumen laͤſſeſt, z. B. ſoviel Kaltbluͤtigkeit, in's Buch zu ſehen und das Klingeln nicht zu vergeſſen, wenn auch der niedlichſte Maͤd⸗ chenfuß vor Deinen Augen hin und her trip⸗ pelt, und Du einige Spannen hoͤher blicken kannſt, als ein anderer Menſch, der keine halb unterirdiſche Wohnung hat, wie Du. Doch— ich bemerke ſo eben, daß meine biographiſchen Beluſtigungen etwas in's — 218— Breite gerathen, wie Richardſons Nomane und die ſeines deutſchen Nachtreters Hermes; deshalb will ich mich huͤten, in der bisheri⸗ gen Ausdehnung fortzufahren, ja ich will ſo⸗ gar unerwaͤhnt laſſen, daß wir Mittags Schoͤpſenfleiſch mit Weißkohl genoſſen, daß Klinger dies Gericht ſogleich zu ſeinem Lieb⸗ lingsgerichte machte, und ſo herzhaft einhieb, als ob es fuͤr's Vaterland ginge. Wie geſagt, ich will nichts mehr ſagen, als was ich durchaus zu ſagen habe. Nach Purzels Abgange beſtand die Ge⸗ ſellſchaft aus nicht mehr als ſieben Mit⸗ gliedern. Wollte man aber die boͤſe Zahl vermeiden, ſo konnte man es leicht, man brauchte blos den langen Kuppermann nicht mitzurechnen, da dieſer ohnehin weder auf dem Kothurn, noch auf dem Sokkus einher⸗ ſchritt, ſondern blos den Pinſel fuͤhrte. Den⸗ noch wurden mit ſo geringer Mannſchaft zu⸗ weilen Stuͤcke gegeben, die zehn bis zwoͤlf — —————— —— Perſonen hatten— eine evidente Unmoͤglich⸗ keit! wenn nicht der Direktor des empfeh⸗ lenswerthen Kunſtgriffs ſich bedient haͤtte, ſaͤmmtliche Mitglieder der Geſellſchaft zu Doppelgaͤngern zu machen; es war naͤmlich kein ganz ſeltner Fall, daß in einem und demſelben Stuͤcke ein Schauſpieler den Gei⸗ zigen und den Verſchwender zugleich ſpielte, dder eine Schauſpielerin die Keuſche und die Buhlerin zugleich. Maͤnner von Verſtande wollen bemerkt haben, daß es auch auf dem theatro muudi dergleichen Doppelſpieler gebe. Doch weiter im Texte ohne Ab⸗ ſchweifung! Klinger trat auf und gefiel, weil er uͤbertrieb, er wurde beklatſcht und her⸗ ausgerufen; ich ſouflirte und gewann mir die Gunſt des Direktors, weil ich es ihm nie an Worten fehlen ließ. Genug, wir Beide wurden engagirt, wenn auch nicht eben un⸗ ter glaͤnzenden Bedingungen. Ich erwarb — 220— mir indeß einen nicht unbedeutenden Zuſchuß zu meiner Gage dadurch, daß ich mich neben dem Soufliren auf's Portraitmalen legte, und die Honoratioren in Bunkelshauſen um einen billigen Preiß abkonterfeite; beſonders kam ich dadurch in Ruf, daß ich die Kunſt verſtand, durch meinen Pinſel alte Wei⸗ bergeſichter in junge umzuſchaffen. So wenig auch— nach dem Geſagten zu ſchließen— die Pauſemannſche Geſell⸗ ſchaft leiſtete, ſo wurden doch, weil der Ge⸗ ſchmack des Bunkelshauſenſchen Publikums nicht ſonderlich verfeinert war, die Vorſtel⸗ lungen zahlreich genug beſucht, beſonders nachdem Herr Baldani und ſein Kompagnon mit ihren Affen und Hunden das Staͤdtchen hatten ruͤumen muͤſſen. Der Grund hiervon war dieſer: Purzel, um ſeinem geweſenen Prinzipal, mit wel⸗ chem er zerfallen war, einen Schabernack zu ſpielen, ließ einen Affen ganz ſo, wie der — 2214— Direktor gewoͤhnlich gekleidet war, anputzen, und in dieſem Koſtuͤme die Menge durch ſeine Kapriolen beluſtigen. Der Direktor, ſowie ihm dieſer Streich hinterbracht wurde, reichte bei der Ortsobrigkeit eine Injurienklage ein, und weil der Herr Burgermeiſter ſeines ver⸗ unglimpften Miethsmannes(wie nicht mehr als billig) ſich annahm; ſo wurden nach ei— nem Beſchluſſe des Hochweiſen Magiſtrats Baldani und Conſ. mit ihrer vierfuͤßigen Geſellſchaft aus Bunkelshauſen gewieſen, und unſere Truppe hatte nunmehr freies Feld. An das Soufliren und Rollenabſchrei⸗ ben, welches letztere mir ebenfalls oblag, ge⸗ woͤhnte ich mich bald, auch dem leichtſinni⸗ gen ſchwankenden Charakter des Schauſpie⸗ lerlebens wuͤrde ich vielleicht nach und nach immer mehr Geſchmack abgewonnen, und in meinem neuen Verhaͤltniß mich endlich recht wohl befunden haben; allein die Liebe, die fal⸗ ſche Liebe brachte mir auf's Neue Verderben. Mein Herz blutet bei der Erinnerung, aber ich will mit moͤglichſter Faſſung und Ruhe erzaͤhlen, wie ſich Alles begab. Agnes hieß die Schauſpielerin, die mich und Klingern zugleich begeiſterte, als wir ſie auf dem Wege nach Bunkelshauſen zum erſten Male ſahen. Sie ſpielte naive, unſchuldige Maͤdchen zum Entzuͤcken; nach meinem Urtheil wenigſtens(denn die Liebe iſt nachſichtiger, als die Theaternotizenſchrei⸗ ber es ſind) war jede ihrer Bewegungen, je⸗ der Ausdruck, mit welchem ſie die Worte ih⸗ rer Rollen ſprach, ohne Tadel. Indeſſen ſchien ſie mich nicht der geringſten Aufmerk⸗ ſamkeit zu wuͤrdigen, bis ich durch einen guͤnſtigen Zufall ihr naͤher gebracht wurde. Man muß wiſſen, daß der mehr er⸗ waͤhnte Herr Kuppermann nicht blos das Ge⸗ ſchaͤft hatte, Theaterdekorationen zu malen, ſondern daß die Herrſchaft ſeines Talents ſich auch auf die Gehher der Schauſpiele — 223— und Scha ſpielerinnen erſtreckte. Falls naͤm⸗ lich dieſe mit dem Schminken nicht ſelbſt zu⸗ recht kommen konnten, mußte er huͤlfreiche Hand leiſten. Eines Tags(kaum eine Woche war ich bei der Truppe geweſen) hatte ich mich ſchon in meine enge Wohnung ver⸗ fuͤgt, das Buch vor mir aufgeſchlagen, die Lichter geputzt, und mir die Klingel zur rech⸗ ten Hand geſetzt, als Agneſens Silberſtimm⸗ chen ziemlich heftig hinter den Kouliſſen her⸗ vorſchallte: Aber ſind Sie denn bei Ver⸗ ſtande, Kuppermann? oder ſind Sie toll geworden? Das iſt ja ein Furiengeſicht— ich fuͤrchte mich vor mir ſelbſt, und doch ſoll ſich der Herzog in mich verlieben? Noch einmal frag' ich Sie: Sind Sie von Sinnen?— Raſch erhob ich mich aus meiner Klauſe, um zu ſehen, was vorging. Ich ſah und — erſchrak uͤber die Verunſtaltung des En⸗ gelgeſichts, und der heftigſte Zorn gegen den Urheber uͤbermannte mich. Herr!— ſchrie ich— Sie verſtehn kein Geſicht zu behan⸗ deln, am wenigſten ein ſchoͤnes; Sie verſuͤn⸗ digen ſich an dem Meiſterſtuͤcke der Schoͤ⸗ pfung!— Hiermit draͤngte ich ihn ohne Weiteres bei Seite. Erlauben Sie, Ma⸗ demoiſelle! ſagte ich dann, nahm die entſtel⸗ lenden Farben mit einem Tuche von Agne⸗ ſens Angeſichte, und malte daſſelbe nun⸗ mehr in meiner Manier. Als ich fertig war, ſagte ſie, indem ſie im Spiegel ſich freundlich zunickte: Ei, al⸗ lerliebſte Agnes, ſo gefaͤllſt du mir!— Herr Springer!(wandte ſie ſich dann mit komiſcher Majeſtaͤt an mich) Wir geben Ih⸗ nen hiermit unſere allerhoͤchſte Zufriedenheit zu erkennen und erlauben Ihnen, ſich eine Gnade von uns auszubitten.— Gnade? Warum brauchte ſie dieſes mir verhaßte Wort?— Ich wollte Liebe, nur Li ebe; ich haͤtte niederknieen und die Gluth meines Herzens vor ihr ausſtroͤmen — 225— moͤgen, allein die Zeugen hielten mich ab, und nicht blos dieſe, ſondern auch die Mu⸗ ſikanten, welche ſo eben einen Walzer als Ouverture zu ſpielen anfingen und mich da⸗ durch in meine Bude zuruͤckſchreckten. Da ich indeß das erſte Mal in der Kunſt des Schminkens mich ſo erfahren gezeigt hatte; ſo erhielt ich in der Folge noch öͤfter den ſchmeichelhaften Auftrag, Agneſens Ge⸗ ſichtchen zu malen, und auf dieſe Weiſe ent⸗ ſtand unſere genauere Bekanntſchaft, denn ich kam bei meinem Geſchaͤft ihren roſigen Lippen zu nahe, als daß ich der Verſuchung, ſie zu kuͤſſen, haͤtte widerſtehen ſollen. Und Agnes wurde nicht boͤſe, ſie ſchalt mich blos laͤchelnd einen verwegenen Schelm, und reizte mich dadurch, noch verwegener und ſchelmi⸗ ſcher zu werden. Freilich ließ ſich das ſuͤße Spiel nur ſelten ungeſtoͤrt treiben, denn es war hinter den Kouliſſen zu lebendig; allein wußte ich nicht ihre Wohnung? Hatte ich II. dchn. P — 226— nicht einige fuͤr ſie abgeſchriebene Rollen ihr zu uͤberbringen? Kaum fiel mir dies ein, ſo bega ich mich auch ſofort auf den Weg. Ich traf ſie im Negligee in ihrem Stuͤbchen umherge⸗ hend, mit dem Auswendiglernen einer Rolle beſchaͤftigt; ſie bewillkommnete mich freund⸗ lich; wir ſetzten uns neben einander auf das Sopha; ſie forderte mich auf, ihr die Rolle, die ſie eben memorirte, zu uͤberhoͤren; ich nahm das Buch und da der Dichter mitunter Kuͤſſe und Umarmungen verordnet hatte, ſo machte ich meine Anſpruͤche darauf geltend. Bei meinen wiederholten Beſuchen feſ⸗ ſelte mich Agnes dadurch immer mehr, daß ſie mich ſtandhaft zuruͤckwies, wenn ich die Schranken kleiner Vertraulichkeiten uͤber⸗ ſteigen und zu groͤßern uͤbergehen wollte. Unſere naͤhere Bekanntſchaft blieb nicht lange Geheimniß. Eines Tages nach der Probe zog mich Klinger bei Seite und ſagte 1 — 227— mit Bedeutung: Bruͤderchen, ich weiß: die Sirene Agnes lockt Dich, aber trau' ihr nicht; ich habe eine Entdeckung gemacht— „Die ich begierig waͤre, zu erfahren⸗— Agneſe hat triftige Urſachen, ſich ſo feſt zu ſchnuͤren— „Mißtrauiſcher! Das Maͤdchen iſt die Unſchuld und die Tugend ſelbſt⸗— So ſcheint es; aber ich halte ſie fuͤr eine ausgelernte Buhlerin. Man ſpricht Claß mich einmal zur Abwechſelung Knittel⸗ verſe machen) Man ſpricht im hieſ:gen Publiko ganz laut: Sie ſei mit dem Direktor ſehr vertraut. Verlaͤumdung!“. Die Liebe iſt blind! » Und das Mißtrauen ſieht auch im Dunkeln, denn es hat Lulen⸗ und Katzen⸗ gugen⸗— Klinger ſchuͤttelte den Auyf⸗ und reichte mir dann die Hand. Adieu, Bruͤderchen! P 2 — 228— ſagte er dabei. Du biſt inkorrigibel, das heißt in doppelter Bedeutung: Du biſt ent⸗ weder untadelhaft, oder Hopfen und Malz iſt an Dir verloren. Nimm's, wie Dimtsünd⸗ ich laſſe Dir die Wahl!— Wir trennten uns in einer etwas geſpann⸗ ten Stimmung. Das iſt nichts, als Eifer⸗ ſucht!— dacht' ich— und die Eiferſucht traͤgt Vergroͤßerungsbrillen. Klinger ergoß ſich ja in die lauteſten Lobpreiſungen der Schoͤnheit Agneſens, als wir ſie zum erſten Male ſahen. Nun ich ihr Herz erobert habe, iſt er mißguͤnſtig und fuicht mir ihre Tugend verdaͤchtig zu machen, um uns zu entzweien und dann an meinen Platz zu treten. Nein, meine Agnes, kein Mistrauen zund kein Zweifel an Deine Unſchuld und Liebe ſoll in meine Bruſt kommen und die Bluͤrhen mei⸗ nes Gluͤcks vergiften!—* mh Arglos wie ſonſt ſetzte ich meine Defuche bei Agneſen fort, bis ein Zufall mir die Augen oͤffnete. Ich hatte ihr ein Theater⸗ ſtuͤck(doch weiß ich nicht mehr, welches?) geliehen. Eines Tages, als ich bei ihr bin, will ich es zuruͤcknehmen; ich ergreife von den auf einem Tiſchchen liegenden Buͤchern eins, welches eben ſo eingebunden war wie das meine, und ſtecke es zu mir, ohne daß ich erſt nach dem Titel ſehe. Doch wie ich es zu Hauſe aus der Taſche ziehe und oͤffne, iſt es nicht mein Theaterſtuͤck, ſondern eine ſitten⸗, ſchaam⸗ und zuͤgelloſe Schrift unter dem Titel:„Schwelgereien der Liebe oder die Kunſt, im Genuſſe der Liebe Meiſter zu werden“ mit dem Druckort Berlin ver⸗ ſehn. Mein Erſtaunen, dies Buch auf der Toilette eines von mir fuͤr rein und ſchuldlos gehaltenen Maͤdchens zu finden, leidet keine Beſchreibung, aber wie vermehrte dieſes Er⸗ ſtaunen ſich noch, als ich im Buche blaͤtterte und auf dem leeren Blatt am Ende folgende Zeilen mit Bleiſtift geſchrieben fand:„Meine — 230— himmliſche Agneſe! Das war mir eine Goͤt⸗ ternacht, die Du mir ſchenkteſt; noch ſchwelg ich in traͤumeriſcher Erinnerung in den un⸗ verhuͤllten Reizen Deines Koͤrpers— doch ich darf die Zeilen nicht weiter abſchreiben, damit nicht die Schaamhaftigkeit das unwil⸗ tig⸗erroͤthende Angeſicht wegwenden muͤſſe. Wer dieſe Worte geſchrieben, das war mir mehr als zu gut bekannt, ich hatte die Schriftzuͤge zu oft geſehn— es war unver⸗ kennbar des Direktors Hand. Alſo Klinger hatte doch recht! Agnes war eine Heuchlerin, und ſtand wahrſchein⸗ lich mit dem Direktor im Einverſtaͤndniſſe, um mich zum Deckmantel ihres Fehltritts zu gebrauchen, oder Gott weiß! welche an⸗ dere Abſichten ſie mit mir gehabt haben mochte. Genug, ich war betrogen, zum zweiten Male betrogen!— Rache will ich nehmen— rief ich— ausgeſuchte Rache an ihr, und ihrem Buhlen!— — 234— Am Direktor mein Muͤthchen zu kuͤhlen, hatte ich noch deſſelben Abends Gelegenheit. Er ſpielte in dem Stuͤcke mit. Ließ ich als Soufleur ihn im Stiche, ſo konnte er kein Wort vorbringen: das wußte ich. Alſo wie er auftrat, gleich in den erſten Szenen(er hatte noch dazu eine Hauptrolle) ſchwieg ich, wenn die Reihe des Sprechens an ihn kam er blickte mich unwillig an und winkte mir mit den Augen— ich ſchwieg— die Zu⸗ ſchauer fingen zu pfeifen und zu ſtampfen an— Seufliren Sie doch! rief er mir halb⸗ laut zu— ich ſchwieg— das Pfeifen und Trommeln wurde aͤrger— In's Teufels Namen, ſoflir Er doch! ſchrie er lauter— ich ſouflirte nicht— das Publikum machte Miene, das Theater zu ſtuͤrmen— der Di⸗ rektor griff in der Wuth nach mir— ich hielt ihm das Licht entgegen und ſetzte ſeine Man⸗ ſchette in Brand. Feuer! Feuer! reif ein Theil der Zuſchauer, und der andere brach — 232— in ein lautes Gelaͤchter aus.— Der Vor⸗ hang mußte fallen; der Direktor tobte, ſchaͤumte, raſete— er wollte mich faſen, mich zerreißen(wie er ſagte) allein ich wich dem Handgemenge aus, ſchleuderte Agneſen das Schandbuch zu mit den Worten: Hier, Verworfene, troͤſte Deinen beſchimpften Buhler!— und fluͤchtete durch den Tumult der Zuſchauer nach Hauſe. 1 Dort hatte ich nichts Nothwendigeres zu thun, als meine Habſeligkeiten zuſammen⸗ zupacken, da es mir nach dieſem Vorfalle mehr als zu einleuchtend war, daß meines Bleibens bei der Geſellſchaft nicht laͤnger ſeyn koͤnne. In meiner Geſſchaͤftigkeit uͤber⸗ raſchte mich Klinger. Es that mir jetzt unendlich weh, daß ich die Redlichkeit ſeiner Warnung verkannt hatte; ich ergriff ſeine Hand und ſagte: Verzeih, Beleidigter, Du hatteſt Recht, ſie iſt eine ausgelernte Buhlerin.— Und nun erzaͤhlte ich ihm die 7 — 233— Veranlaſſung zu der von mir am Direktor genommenen Rache, und ſagte ihm, daß ich entſchloſſen ſei, noch in dieſer Pache Bun⸗ kelshauſen zu verlaſſen. Nicht, daß ich Deinen Vorſatz tabeln ſollte— erwiederte er—(denn ich ſehe recht wohl ein, daß Du hier nichts mehr taugſt)— aber ich kann und will mich von Dir nicht trennen, ich mache mich ebenfalls reiſefertig, wir pilgern zuſam⸗ men, ſoweit der Himmel blau iſt, und bauen uns Huͤtten da, wo es uns gut daͤucht.— Ich ſtellte ihm dagegen vor, wie unbe⸗ dacht es ſei, wenn er, von bloßem Enthuſi⸗ asmus der Freundſchaft verfuͤhrt, aus ſeiner gegenwaͤrtigen geſicherten Lage ſich reißen, und einem ungewiſſen Geſchick entgegen gehen wollte; doch bedurfte es meiner ganzen Ueberredungskunſt, ehe ich es dahin brachte, daß er ſeinen raſchen Entſchluß zuruͤcknahm; endlich geſchah es, aber nur unter der Be⸗ dingung eines fortgehenden Briefwechſels. Er verſprach außerdem, meine Angelegen⸗ heiten zu ordnen, inſoweit ich es wegen Kuͤrze der Zeit ſelbſt zu thun nicht im Stande war, und begleitete mich dann in die mond⸗ helle Nacht hinaus. Nachdem wir wohl eine Stunde lang ſtumm neben einander gegangen waren, druͤckte ich ihm die Hand und ſagte: Nicht weiter, Freund! Er preßte mich lange an ſich, ſagte mit wankender Stimme; Leb wohl! und ging dann etwa zwanzig Schritte raſch zuruͤck. Ploͤtzlich wandte er ſich wieder um und rief: Springer, ich habe Dir noch etwas zu ſagen! aber er ſagte nichts, er warf ſich blos nochmals an meinen Hals, und ich fuͤhlte auf meiner Wange einen heißen Tro⸗ pfen. Der gute naͤrriſche Kerl! Wohin mich nun wenden?— fragt' ich — wohin?— Allein ich wußte mir auf — 235— Zmeine Frage keine beſtimmte Antwort zu ge⸗ ben; es blieb mir nichts uͤbrig! als der Naſe nach zu gehen und meine Sache auf nichts zu ſtellen. So war ich denn faſt anderthalb Jahre uͤberall und nirgends, und trieb bald Dies, bald Jenes; ich deklamirte, ich portraitirte, gab Schreib⸗ und Zeichenſtunden, ſchrieb Noten, und— hackte ſogar Holz; wenn es die unerbittliche Nothwendigkeit verlangte. Im Sommer des Jahres 18.. begab ich mich in das Bad zu**, um dort als Dekla⸗ mator aufzutreten. Zum Gluͤck fuͤr mich wa⸗ ren Solbrig und Sydow nicht dort, ſonſt haͤtte ich wohl ſchwerlich das zahlreiche Audi⸗ torium gehabt, welches ich hatte, vielmehr haͤtte ich den leeren Waͤnden predigen und von der Luft leben muͤſſen. So aber erntete ich reichlich. „Allein wenn es dem Menſchen zu wohl geht; ſo macht er es, wie der Eſel in der *³ — 236— Fabel, er geht auf's Eis und tanzt Ballet. Ich— beſuchte die Farobank. Wahrſchein⸗ lich erwartet man um zu erfahren, daß ich dort meine Baarſchaft bis auf den letzten Heller verſpielte, allein— fehlgeſchoſſen; Fortuna lebe! Sie erwaͤhlte mich zu ih⸗ rem Guͤnſtlinge. Jedes Blatt, welches ich beſetzte, gewann; kein Paroli, welches ich bog, ſchlug um; in meinen Taſchen hatte ſich eine ganze Armee von Hollaͤndern, Eng⸗ laͤndern, Franzoſen und Sachſen verſammelt. und vor mir thuͤrmte ſich der Goldberg immer hoͤher, je niedriger der des Banquieurs ward. Ich verdoppelte die Saͤtze, und mit jedem Gewinnſt, den ich einzog, wuchs meine Kuͤhnheit und mein Vertrauen auf den Schutz der Gluͤcksgoͤttin. Sie brachte mich ſogar dahin, daß ich mit dem weiblichen Geſchlechte Friede ſchloß, und die Dame am haͤufig⸗ ſten und hoͤchſten beſetzte. Eben hatte ich die Couer⸗Dame vor mir aufgedeckt, da war — 237— mir's, als ob Jemand mir in's Ohr fluͤſtere: Va banque!— Ich glaubte die Stimme meines guten Genius zu vernehmen. Va⸗ banquel rief ich. Alle Spieler richteten ihre Blicke auf den verwegenen Gluͤcksſohn — Todtenſtille herrſchte— es wurde gezo⸗ gen— die Dame fiel fuͤr mich— des Banquieurs Geſichtszuͤge erſtarrten, als ob ein Meduſenhaupt ihm vorgehalten wuͤrde— mit einem Fluch zwiſchen den Zaͤhnen ſchob er mir den Goldhaufen hin— ich raffte ihn zuſammen und eilte von dannen, als ob ich gejagt wuͤrde. 1 nn Unmoͤglich iſt’'s, den Taumel zu beſchrei⸗ ben, in welchen dieſer Gluͤcksfall mich ver⸗ ſetzte; ich gebehrdete mich noch toller, als jener Poet, der ſich einbildete, eine Qua⸗ terne gewonnen zu haben. Adeln wollt' ich mich laſſen oder gar in den Grafenſtand er⸗ heben— eine Equipage wollt' ich mir an⸗ ſchaffen, ſo praͤchtig, wie Kaiſer und Koͤnige — 238— ſee nicht halten koͤnnen— Sekretaͤrs, Kam⸗ merdiener, Bediente, Koͤche, ja ſogar Kam⸗ merjungfern wollt' ich in Sold nehmen— zierlicher und reicher wollt' ich mich kleiden, als der eleganteſte Elegant— nichts als Champagner wollt' ich trinken, nichts als indianiſche Vogelneſter eſſen— Ja, was wollt' ich nicht Alles! Genug, ich hatte den ſoliden Vorſatz, mein leicht erworbenes Ver⸗ moͤgen ſchnell wieder in Umlauf zu bringen. gwei Tage nachher, waͤhrend welcher Zeit ich mehr getraͤumt, als gewacht hatte, trat in meine Stube ein Mann, deſſen furchen⸗ reiche Stirn und gebleichte Wange von Kum⸗ mer und Anſtrengung und von unzaͤhligen ſchlummerlos durchwachten Naͤchten zeugte. Damals, als ich noch mit Elend und Duͤrftigkeit zu ringen hatte, wuͤrde ich den traurigen Mann als einen Ungluͤcksgefaͤhr⸗ ten weinend an meine Bruſt geſchloſſen, ihn getroͤſtet und ihm geholfen haben, ſoviel in — 239— meinen Kraͤften ſtand, allein Fortuna macht ihre Lieblinge mattherzig und lieblos. Ich blickte ihn kaum an, blieb ruhig auf der Ottomanne ausgeſtreckt liegen, ſchluͤrfte be⸗ haglich mein Taͤßchen Weinchokolade und fragte waͤhrend des Trinkens mit nachlaͤſſig⸗ vornehmem Anſtande: Was beliebt, mein Beſter? Die bleiche Wange des Fremden roͤthete ſich nicht; blos ein Zucken der Muskeln ver⸗ rieth Empfindlichkeit oder gewaltſam nieder⸗ gekaͤmpften Schmerz, doch gleich hatte er wieder ſeine ſtill⸗traurige Miene, und ſagte nicht demuͤthig, nicht ſtolz, aber mit Ernſt und Ruhe: Ew. Hochfreiherrlichen Gna⸗ den ſuchen— wie ich aus dem Badejournal erſehen habe— einen Kammerdiener.— Hm! ſagte ich und wurde freundlicher; es ſchmeichelte meiner Eitelkeit, daß ich (wenn auch auf illegitimen Wege) baroniſirt wurde— und ich hmte noch ein paar Mal — — 240— aus Verlegenheit, weil mir das Air fehlte, welches allen neugebackenen Edelleuten fehlt. Der Unbekannte ließ ſich jedoch durch meine Hm's nicht ſtoͤren, ſondern fuhr fort: Ich glaube einem ſolchen Poſten gewachſen zu ſeyn, denn ich bin mit hohen Herrſchaf⸗ ten in Paris, in Rom und in London gewe⸗ ſen— ich ſpreche und ſchreibe verſchiedene Sprachen— und wenn es auf Treue und Ergebenheit gegen meinen Herrn, auf Dienſt⸗ fertigkeit und Thaͤtigkeit ankommt; ſo—— Da ich meiner Wuͤrde etwas zu vergeben glaubte, wenn ich den Unbekannten ausreden ließe, ſo unterbrach ich ihn mit der Frage nach ſeinem Namen. Er nannte ſich Fipſer, und zaͤhlte mir nun die Grafen und Barons her, bei welchen er in Dienſten geweſen war, und die er auf ihren Reiſen begleitet hatte; dann kam er auf mancherlei beſtandene Abentheuer zu ſprechen, ſeine Unterhaltung wurde im⸗ mer lebendiger und intereſſanter, ich vergaß — — 241— daruͤber meine Freiherrnwuͤrde gaͤnzlich, ließ ᷓ ihn niederſitzen, und plauderte mit ihm. Er gewann mein ganzes Vertrauen und ich nahm ihn in meine Dienſte. 4 Des naͤchſten Tages, als ich vor der Mittagstafel zur Erweckung des Appetits mit Fipſern ein wenig promenirte, begegnete uns in der Allee, von ihrer Zofe begleitet, eine verſchleierte Dame— majeſtaͤtiſch von Geſtalt und prachtvoll nach Art der Polinnen gekleidet. Flammender als die Rubinen ih⸗ res Diadems brannten ihre dunkeln Augen durch den Schleier und— es war abermals um mein armes, leicht entzuͤndbares Herz geſchehn. Die Dame mußte erſt kuͤrzlich angekommen ſeyn; wenigſtens hatte ich ſie noch in keiner der Geſellſchaften getroffen, die ich beſuchte. Fipſer mochte den Eindruck bemerkt ha⸗ ben, welchen ſie auf mich machte, denn als wir vorbei waren, fuͤſterte er mir zu: Das II. Bdchn. QA — 242— it die Graͤfin Tollomizzinilloborowezinska.— do ſehr mir die Graͤfin geſiel, ſo wenig ge⸗ fiel mir ihr Name, denn er war ja, beſon⸗ ders fuͤr den, welcher keine polniſche Zunge hatte, hundertmal zſchwieriger auszuſprechen, als die bekannten deutſchen Schnellworte: Der Herr Ober⸗Fiſch⸗ Fuchs⸗Froſch⸗Vo⸗ gel⸗Jaͤgermeiſter, wie auch Land⸗Brand⸗ Kaſſen⸗Kommiſſarius, und die Frau ꝛc. Obgleich Fipſer mir den Namen wieder⸗ holen mußte, ſo konnte ſch doch mit der Aus⸗ ſprache nicht zurecht kommen; er laͤchelte daruͤber und ſagte: Ew. Hochfreiherrliche Gnaden werden ſich viel Muͤhe und Anſtren⸗ gung erſparen, wenn Sie die ſchoͤne Dame blos Graͤfin Armida nennen, Venn ſſ heißt ihr Vorname. 4 aun San Armida? rief ich, und gedachte zabei unwillkuͤhrlich der gleichnamigen, eben ſo liſtigen als reizenden Zauberin in Taſſo's be⸗ freitem Jeruſalem, beſonders der Beſchrei⸗ — 243— bung im vierten Geſange, wie ſie die chrif k. lichen Ritter bethoͤrt. Aber um dieſes Na⸗ mens willen verlor die polniſche Graͤfin nicht das Mindeſte in meinen Augen; bezau⸗ bert hatte ſie mich allerdings, aber Arg⸗ kiſt ihr zutrauen— das waͤre Todſuͤnde ge⸗ weſen. 964 129 Mi. Da Fipſer ihren Vornamen kannte, ſo wußte er gewiß auch etwas Genaueres von ihren Verhaͤltniſſen. Ich fragte darnach und erfuhr denn: ſie ſei Wittwe, beſitze ein unermeßliches Vermoͤgen, lebe hier im Bade ganz eingezogen, vermeide alle rauſchende Vergnuͤgungen und Geſellſchaften, und er⸗ warte ihren Bruder, welcher Geſandter am *sſchen Hofe ſei und in Kurzem eintreffen werde. Am Schluſſe ſeiner Relation ſagte Fipſer: Wenn der Herr Baron es nicht un⸗ gnaͤdig aufnehmen, ſo—„Nun?⸗⸗— ſo wollt' ich mir die Bemerkung erlauben, daß fuͤr einen Kavalier von Hochderoſelben Qua⸗ Q 2 litat die Graͤfin Armida keine uͤble Parthie ſeyn wuͤrde. Das war mir nicht umſonſt geſagt. O des entzuͤckenden Gedankens: Die Graͤfin Armida mein! mein!— Der bloſe Ge⸗ danke benebelte alle meine Sinne.— Wie nun aber Zutritt bei ihr erhalten?— Mein Fipſer wußte gleich Rath. Wenn der Herr Baron— ſagte er— als ein Freund des verſtorbenen Grafen Tollomizzinilloborow⸗ czinsky ſich anmelden laſſen, ſo nimmt die Graͤfin Ihren Beſuch gewiß an— uͤber die Verhaͤltniſſe des Grafen, beſonders uͤber ſein Leben in Wien, kann ich Ihnen zuverlaͤſſige Nachrichten mittheilen— ſobald Sie dieſe benutzen und dadurch der Graͤfin etwas naͤ⸗ her gekommen ſind, ſo kann es nicht fehlen, daß Ihre liebenswuͤrdige Perſoͤnlichkeit Sie dem Ziele Ihres Strebens entgegenfuͤhrt. Alles, was Fipſer ſagte, ſchien mir ſo einleuchtend, daß es Thorheit geweſen waͤre, — 245— an ein Mißlingen meines Unternehmens zu denken. Armida ſammt ihren Schaͤtzen war von mir ſo gut wie erobert. Nur raſch an's Werk— dacht ich, ließ mich deshalb von Fipſern vollſtaͤndig inſtruiren und ſchickte ihn ſodann ab, um mich bei der Graͤfin an⸗ zumelden. Triumph! Ich wurde angenommen.— Aber ich kann's nicht laͤugnen, daß ich ei⸗ nige Beklommenheit des Herzens fuͤhlte, als ich bei ihrer Wohnung vorfuhr. War es nicht Liſt und Schelmerei, war es nicht Lug und Trug, was ich im Schilde fuͤhrte? Und geziemte ſich Solches einem Liebenden?—— Ein Kammermaͤdchen meldete mich und oͤffnete mir das Zimmer der Graͤfin. Ja, es war das Zimmer einer Wittwe, ſchmuck⸗ los und etwas duͤſter, eine Wohnung ſtiller Trauer um zertruͤmmerte Seligkeit. Als den Freund ihres hingeſchiedenen Gemahls, wie ich ihr angekuͤndigt war, bewillkomm⸗ — 246— nete die Graͤfin mich zutraulich und herzlich, mit jener wohlthuenden Anſpruchsloſigkeit, die man ſich blos dann erwirbt, wenn man lange den Irrgarten des Lebens durchſtreift und beſonders mit der hoͤhern Welt im Ver⸗ kehr geſtanden hat. Ach, Armida war ſo ſchoͤn! ſo ſchoͤn! Reizender in der einfachen Haustracht, als in dem Prachtkleide, in welchem ich ſie zu⸗ erſt erblickte. Ich entſchuldigte meine Zu⸗ dringlichkeit mit der Anhaͤnglichkeit an ihren ſeligen Gemahl— meine affektirte Nuͤh⸗ rung ſchien auf ihr Gemuͤth tiefen Eindruck zu machen— eine Thraͤne fuͤllte ihr Feuer⸗ auge— ich wandte mich ſeufzend hinweg und legte die Hand auf's Herz— nun fing ich an, von den herrlichen Stunden zu er⸗ zaͤhlen, die ich mit ihrem Gemahl verlebt— ich ruͤhmte die Vorzuͤge ſeines Geiſtes und Herzens— ſie winkte mir weinend, zu ſchweigen— Das war genug! Auf kei⸗ nem kuͤrzern Wege— dacht' ich— kann man ſich doch in die Seele der Weiber ſteh⸗ len, als wenn man durch ruͤhrende Erzaͤh⸗ lungen und Schilderungen ſie zum Weinen bringt. Beim Abſchiede bat ich um adie Erlaub⸗ niß, meinen Beſuch wiederholen zu duͤrfen. Der Freund ihres theuern Gemahls(ſagte ſie) werde ihr immer willkommen ſeyn. Was wollt ich mehr?— Mein Spiel war⸗ ſo gut wie gewonnen. Als ich Fipſern den Inhalt meiner Un⸗ terredung mit der Graͤfin vertraute, laͤchelte er: Der Herr Baron ſind ein Herzenser⸗ oberer, wie der Prinz von Orleans; ſchon ſieht Ihr unterthaͤniger Kammerdiener Sie im Geiſte als Gemahl der ſchoͤnen Graͤfin Tollomizzi... Ich winkte ihm, in der Ausſprechung des mir mißfaͤlligen Na⸗ mens nicht fortzufahren.— Als Gemahl, wollt' ich ſagen— ſo verbeſſerte er ſeine — 248— Rede— als Gemahl der ſchoͤnen Graͤfin Armida. Mein lieber Fipſer!— ſagte ich mit in⸗ nerer Behaglichkeit, indem ich mit der Hand um's Kinn fuhr— da duͤrfte Er viel⸗ leicht neben dem Ziele nicht weit vorbei ge⸗ ſchoſſen haben. Soll ich erſt erwaͤhnen, daß ich von nun an faſt taͤglich der Graͤfin meine Aufwartung machte, daß ich mit ihr Thee trank, ihr vor⸗ las, ihr erzaͤhlte, von Tagen vergangenen Gluͤcks und einer freudigern Zukunft ſprach, daß ich mich auf ſolche Weiſe immer mehr ihrer Gunſt bemaͤchtigte, und das Bild des geliebten Todten allmaͤhlig aus ihrer Bruſt verdraͤngte? Erſt redete ich nur in leiſen An⸗ deutungen, dann leidenſchaftlicher von mei⸗ nem Gefuͤhl, endlich wagte ich es, zu beken⸗ nen, daß der Beſitz ihres Herzens und ihrer Hand mich zum gluͤcklichſten Sterblichen ma⸗ chen wuͤrde. Und ſie zuͤrnte mir ob meines — 249— Geſtaͤndniſſes weder durch ein Wort, noch einen Blick; ſie ſprach blos von Bedenkzeit und verwies mich an ihren Bruder, den Geſandten, deſſen Ankunft ſie bald erwarte. Bei Erwaͤhnung des Geſandten war mir freilich nicht recht wohl zu Muthe, denn vor ſeinem diplomatiſchen Schar fblick fuͤrch⸗ tete ich mit meinem fingirten Adel nicht zu beſtehn, allein ich baute auf das Genie mei⸗ nes Kammerdieners, welches ſich ſchon viel⸗ faͤltig erprobt hatte. Ohngefaͤhr acht Tage mochte mein Ver⸗ haͤltniß zur Graͤfin beſtanden haben, da ſagte Fipſer eines Morgens, indem er eben mei⸗ nen Kopf in Ordnung ſetzte: Gewiß werden der Herr Baron die ſich Ihnen jetzt darbie⸗ tende treffliche Gelegenheit, um der Graͤfin Ihre Aufmerkſamkeit zu beweiſen, nicht un— benutzt laſſen... Ich horchte auf und hielt die Hand mit dem Friſirkamme feſt, welcher eben durch — 250 meine Locken fahren wollte. Wie meint Er das, Fipſer? fragt' ich. Es iſt naͤmlich uͤber⸗ morgen— verſetzte er, waͤhrend er meine Haare durch die Finger laufen ließ— der gluͤckſelige Tag, an welchem die ſchoͤne Graͤ⸗ fin vor zwei und zwanzig Jahren das Licht der Welt erblickte; dies habe ich von ihrer Kammerjungfer erfahren, mit welcher ich— entre nous— in ziemlich genauem magne⸗ tiſchen Rapport ſtehe... Indem ich noch uͤber eine wuͤrdige Feier des Wiegenfeſtes der Graͤfin nachdachte, fing Fipſer wieder an: Da das ſchoͤne Geſchlecht nichts ſo ſehr liebt, als Alles, was zur Er⸗ hoͤhung ſeiner Schoͤnheit dient, ſo ſollte ich meinen, ein Brillantſchmuck, ein oſtindiſcher Shawl, ein Kleid aus Lyon oder Paris oder etwas Aehnliches duͤrfte von der beſten Wir⸗ kung ſeyn... Fipſer hatte Recht, e ein ſolches Geſchenk — mit einigen feinen Schmeicheleien als — 251— Emballage— waͤre ganz an ſeinem Platze geweſen; aber— aber— mein ſchoͤner Mammon, wie arg war dieſer zuſammen⸗ geſchmolzen durch die Anſchaffung der praͤch⸗ tigen Equipage und durch den bedeutenden Aufwand uͤberhaupt, den ich machte und machen zu muͤſſen glaubte, um Armida's Schaͤtze zu heben. Ein Geſchenk von gering⸗ fuͤgigem Werthe haͤtte mich blamirt, und einige tauſend Thaler fuͤr einen Schmuck hinzugeben, verbot mir mein Finanzmi⸗ niſter.— 1 Sollt' ich aufs Neue ſpielen?— Nein— dacht' ich— die Gluͤcksgoͤttin ſteht (ſo behaupten wenigſten die Archaͤologen) auf einer Kugel oder auf einem Rade; wie leicht glitſcht ihr Fuß ab und macht aus dem Oben ein Unten!— Laß dich nicht be⸗ thoͤren! fluͤſterte die naͤmliche Stimme mir zu, die mir fruͤher Va banque! zugerufen hatte. Ich glaubte die Stimme meines gu⸗ Warnung zu folgen. Fipſer ſchien errathen zu haben, was mich ſo ſtill und nachdenklich machte, denn er unterbrach mein Schweigen mit den Wor⸗ ten: Sollten vielleicht der Herr Baron Ihre Chatoulle jetzt nicht ſo ſtark angreifen wollen, ſo waͤre bald ein Ausweg zu finden. Ich weiß naͤmlich aus guter Quelle, daß geſtern dem Baron Gruͤnſchildt von ſeinem Ban⸗ quier die Summe von 1500 Stuͤck Frie⸗ drichsd'or gezahlt worden iſt; da Sie nun mit demſelben in dem allergenauſten freund⸗ ſchaftlichen Verhaͤltniß ſtehen, ſo kann er Ihnen ein Suͤmmchen von einigen. 100 Frie⸗ drichsd'or auf kurze Zeit nicht fuͤglich ab⸗ ſchlagen. Bald haben Sie das Potoſi der Graͤfin erobert, und dann iſt's Ihnen etwas Leichtes, dieſe Kleinigkeit zuruͤckzuzahlen. Der Vorſchlag ließ ſich höͤren. Gruͤn⸗ N ſchildt, ein reicher Lieflaͤnder, hatte ſich mit ten Genius zu vernehmen, und beſchloß, der dem ganzen Enthuſiasmus jugendlicher Freundſchaft an mich angeſchloſſen, er war bei Luſtparthieen mein unzertrennlicher Ge⸗ faͤhrte,„das Leben im Fluge genießen“ ſo lautete ſein Wahlſpruch, und das Geld ach⸗ tete er blos als ein Mittel, ſich Genuͤſſe aller Art zu verſchaffen. Mit Vergnuͤgen, Freund⸗ chen!— ſagte er— uͤberlaß' ich Dir einen Theil meines Schatzes zur Adminiſtration, denn ich— Du kennſt mich ja!— je mehr Geld ich habe, deſto mehr laß' ich fliegen, und Du kannſt's noch erleben, daß man mich in den Zeitungen fuͤr einen Verſchwender er⸗ klaͤrt, wenn es— zu ſpaͤt iſt. Ich erhielt von ihm 300 Friedrichsd'or und verpfaͤndete mein Ehrenwort, die erhal⸗ tene Summe in Monatsfriſt zuruͤckzuzahlen. Bis dahin mußte doch wohl die Angelegen⸗ heit mit der Graͤfin in Richtigkeit gebracht ſeyn!—.. So wie ich nur das Geld hatte, ſo wußte auch Fipſer ſchon, daß der Jude Itzig Lobel einen Schmuck zu verkaufen habe, deſſen keine Fuͤrſtin ſich zu ſchaͤmen brauche. Na⸗ tuͤrlich wurde er in Augenſchein genommen— die Brillanten funkelten wie tauſend Son⸗ nen und Regenbogen— nach vielem Han⸗ deln mußte ich, um den koſtbaren Tand zu erhalten, zu den geliehenen 300 Friedrichs⸗ d'or noch 100 aus meiner Kaſſe zuſchießen: mein kenntnißreicher Kammerdiener verſicher⸗ te aber: ich koͤnne zu dem Kaufe mir gratu⸗ liben, denn 400 ſei ein Spottpreiß. Und als ich Armiden an ihrem Geburts: tage den Schmuck uͤberreichte— nun frei⸗ lich, anfaͤnglich weigerte ſie ſich, mein Ge⸗ ſchenk anzunehmen, nachher machte ſie mir ſcherzend einige Vorwuͤrfe wegen meiner Ver⸗ ſchwendung, endlich nahm ſie das Kaͤſtchen— Freude ſpiegelte ſich in ihren Augen, und ſie beugte ſich nicht zuruͤck, als meine brennen⸗ den Lippen ſich auf die Ihrigen hefteten, um 4 die Worte ihres Danks zu hemmen. O ich Seliger! dreimal Seliger!— Zu Hauſe umarmte ich im Taumel der Frende meinen Fipſer und betheuer te ihm, ich ſei der gluͤck⸗ lichſte Menſch unter der Sonne. Ha, wenn ich gewußt haͤtte, was mir ſo nahe bevor⸗ ſtand!.. Des andern Tages naͤmlich beſuche ich ein Konzert— es dauert faſt drei Stun⸗ den— wie es beendet iſt, ſeh ich mich nach Fipſern und meiner Equipage um, die ich beſtellt hatte, allein umſonſt— dch warte und warte wohl eine Viertelſtunde— Fip⸗ ſer kommt nicht, die Equipage kommt nicht— ich mache alſo aus der Noth eine Tugend, gehe zu Fuß in das Hotel, wo ich wohne, erfahre aber zu meinem Befremden, daß Fipſer ſammt der Equipage ſchon uͤber zwei Stunden fort iſt— ich nehme den Schluͤſ⸗ ſel zu meinem Zimmer, oͤffne es— und was entdeck; ich?— Das Bureau iſt er⸗ ———. — 256— brochen, mein Koffer desgleichen— mein ſchoͤnes Gold und was ich ſonſt noch von ei⸗ nigem Werthe beſaß, fort! fort!— Mein ſtarres Auge trifft auf einen Zettel, der im gepluͤnderten Koffer liegt. Faſt beſinnungs⸗ los leſ' ich: „Mein Herr Baron von Habenichts! Nunmehr trete ich von der Buͤhne ab, denn meine Rolle iſt ausgeſpielt. Ent⸗ ſinnen Sie ſich nicht des Banquiers, dem Sie an jenem Abende die Bank ſpreng⸗ ten? Es iſt ſonderbar, aber gut fuͤr mich, daß Sie mich nicht wieder erkann⸗ ten, wie ich mich als Kammerdiener bei Ihnen meldete. Ich bin jener Banquier, und ich habe blos wiedergenommen, was damals das kindiſche Gluͤck Ihnen zuwarf. Die Graͤfin Armida, oder(um es ohne Umſchweife heraus zu ſagen) meine Frau bedankt ſich nochmals fuͤr den theu⸗ ern Schmuck, und wird ihn zu Ehren ihres einfaͤltigen Anbeters tragen. Sehn Sie nun, wie Sie mit Gruͤnſchildt aus dem Felde kommen, am Beſten: Laſſen Sie Ihr Ehrenwort im Stiche und ent⸗ fernen Sie ſich ſo ſchnell als moͤglich. Uebrigens waͤre es eitle Muͤhe, wenn Sie uns verfolgen laſſen wollten; denn in dem Augenblicke, wo Sie dies leſen, ſind wir ſchon uͤber die Graͤnze. Fipſer.“ Schaͤndlich! abſcheulich! unerhoͤrt! teuf⸗ liſch!— Einige Augenblicke ſtand ich wie verſteinert, dann fuhr ich mir in die Haare und zerriß mein Jabot(haͤtt⸗ ich Manſchet⸗ ten getragen, ſo waͤren auch dieſe des Geiers geworden) endlich fing ich an zu uͤberlegen, und als ich ein paar Minuten uͤberlegt hatte, hielt ich es fuͤr das Kluͤgſte, mich ſacht von hier wegzuſtehlen, wie... die Katze vom 11. Bdehn. N — 258— Taubenſchlage. Wollt' ich die Geſchichte ruchtbar machen, ſo kam ich vielleicht noch ſchlechter weg, als der Spitzbube Fipſer. Ich uͤberließ alſo meinen Koffer und das wenige nutzloſe Getaͤndel, welches Fipſer nicht einmal des Mitnehmens werth geachtet hatte, dem Wirthe an Zahlungsſtatt, ver⸗ ſchloß die Stube wie gewoͤhnlich, wenn ich ausging, und machte dann, daß ich... uͤber die Graͤnze kam. Der Moraliſt wird mich tadeln, allein ward ich nicht durch einen ſchlechten Menſchen ſelbſt zur Schlech⸗ tigkeit verfuͤhrt, und kommt dieſer Fall nicht nur allzuhaͤufig vor?— Unterwegs erſt, als ich in der Barons⸗ 1 kleidung, aber mit ſchlecht gefuͤllter Boͤrſe, mich allein befand und dem Nachdenken uͤber⸗ laſſen war, ſtiegen in krauſer Miſchung aller⸗ hand Vorwuͤrfe und Entſchluͤſſe in meiner Seele auf. O du dummer Kerl! ſagte ich zu mir ſelbſt. Haſt du dich nicht wie ein Affe . — 259— in Pechſtiefeln fangen laſſen? Haſt du nicht getanzt wie ein Murmelthier nach der Pfeife des Savoyarden?— Aber Baſta! Nun will ich klug werden. Keine Armida, keine Agnes ſoll mich mehr bethoͤren. Zugleich zuͤrnt' ich der Romanlektuͤre meiner Jugend, die meinen Kopf mit uͤber⸗ ſpannten Ideen erfuͤllt hatte, und darum bitt' ich Euch, geliebte Leſer, leſt etwas Beſſeres, als ſolche phantaſtiſche Schriften, mag ſie auch geſchrieben haben, wer da will, — jedoch empfehl' ich Euch, zu Eurer Er⸗ bauung gelungene Selbſtbiographien zu le⸗ ſen, wie die gegenwaͤrtige. So war ich denn wieder auf einer neuen Wanderung begriffen. Ich hatte die Abſicht, nach einer beruͤhmten Handelsſtadt mich zu begeben, die ich ſpaßhafter Weiſe Scha⸗ cherheim nennen will, damit ich ſie nicht bei ihrem wahren Namen zu nennen brau⸗ R 2 — 260— che. Wußt' ich dort kein beſſeres Unter⸗ kommen, ſo konnt' ich doch wohl Markt⸗ helfer, Schreiber, Packtraͤger oder Auf⸗ paſſer werden. Am andern Tage meines erneuerten Vagabondenlebens paſſirte ich in der Mit⸗ tagsſtunde ein angenehmes Waͤldchen, und beſchloß, einige bei mir habende Sem⸗ meln mit Ruhe, Genuͤgſamkeit und Re⸗ ſignation im Schatten einer Eiche zu ver⸗ zehren, als eine bekannte Stimme, einige Schritte vorwaͤrts, meine Aufmerkſamkeit erregte. Bravo! Bravo! rief es mehrere Male, und die Nymphe Echo, welche ſich blos mit fremden Worten ſaͤttigt, rief die Bravo's nach. Ich ging naͤher— an ei⸗ nen Baumſtamm gelehnt, ſaß ein Mann und las in einem Buche— wie er das Geraͤuſch meiner Tritte hoͤrte, wendete er ſich um, und ich rief mit ausgeüreiteten Armen: Klinger! — 261— Ja, er war's. Er warf das Buch hin und lag in meinen Armen. Natuͤrlich ver⸗ langten wir Beide Erklaͤrung unſers un⸗ erwarteten Wiederfindens. Zuerſt Deine Geſchichte! ſagte ich zu Klingern. Die iſt nicht ſehr erbaulich! gab er mir zur Antwort. Du verließeſt mich in Bunkelshauſen bei der Pauſemannſchen Geſellſchaft. Die Geſellſchaft gefiel mir nicht, deshalb verabſchiedete ich mich von ihr, kurze Zeit nach Deinem Abgange; doch kann ich Dir die Nachricht mitthei⸗ len, daß Agneſe wirklich guter Hoffnung war und den Unfall hatte, eben als ſie eine Suſannen⸗Rolle ſpielen ſollte, hinter den Kouliſſen niederzukommen. Von der Pauſemannſchen Geſellſchaft ging ich zur Streicherſchen. Es war zwiſchen Bei⸗ den kein Unterſchied, ausgenommen, daß die Letztere wo moͤglich noch ſchlechter war, als die Erſtere; doch fand ich ſie intereſ⸗ — 262— ſanter, denn unter den Schauſpielerinnen war— Selma. Des Maͤdchens koͤrper⸗ liche Reize allein wuͤrden mich nicht an ſie gefeſſelt haben, aber ihr Talent, ihre Begeiſterung fuͤr die Kunſt zog mich zu ihr hin, ſie ließ meine Huldigungen ſich ge⸗ fallen, und ich dachte ſchon an eine feſte Verbindung mit ihr, da uͤberraſch' ich ſie eines Abends unerwartet, und finde ſie mit einem andern Schauſpieler, einem vier⸗ ſchroͤtigen Bengel ohne Geiſt und Talent, in einer Attituͤde, die ein Maler recht gut brauchen koͤnnte zu einem Bilde fuͤr das geheime Kabinet des Kardinals* oder des Kronprinzen von**.— Ich mochte ſie nicht mehr ſehn, die mich ſo arg verhoͤhnt hatte, darum nahm ich meine Entlaſſung und pilgere nun umher, mit Haß gegen die Weiber im Herzen, ohne Aaſt und Ruh. Nun kam die Reihe des Erzaͤhlens an — 263— mich. Ich erzaͤhlte Klingern die Fipſerſche Geſchichte und wiederholte am Schluß ſei⸗ nen Wahlſpruch: Haß allen Weibern!— Aber was laſeſt Du denn? fragte ich, als mein Fuß an das Buch ſtieß, welches am Boden lag.. Etwas, das meinem Weiberhaſſe Nah⸗ rung gab! verſetzte Klinger. Hier iſt die Stelle. Lies ſelbſt. Pagina 123. Ich las:„Gewiſſe Weiber machen Tau⸗ ſende gluͤcklich, den rechten Einen ausge⸗ nommen. Bei Tage zeigen ſie ſich furcht⸗ ſam, bei Nacht tapfer. In der brauſen⸗ den Geſellſchaft ſind ſie ſtille Tauben, in der Stille des Hauſes brauſende Hamſter. Im warmen Lichte des Tages ſind ſie kalt wie Mondſchein, und im kalten Mondſchein heiß wie Sonnengluth. Wenn ſie lieben, ſo haſſen ſie am Geliebten die Falſchheit, und wenn ſie haſſen, ſo verfaͤlſchen ſie den Haß durch Liebe. Sie moraliſiren uͤber die — 264— gefallne Nachbarin ſo froſtig, wie ſchnei⸗ dende Nordluft, und laſſen ſich dann am leichteſten durch warme Kuͤſſe den Mund ſtopfen. Vor der kleinen unſchuldigen Maus laͤuft ſelbſt die Vollbluͤtigſte blaß davon, und vor dem groͤßten und ſuͤndhafteſten Kriegs⸗ helden bleibt auch die Blaſſeſte vollbluͤtig ſtehen. Flucht und Begehren folgen einan⸗ der in ihrem Weſen ſtets ſo ſchnell, wie Blitz und Schlag— und ihr Wollen und Nichtwollen jagen ſich herum, wie zwei Liebende.— Aber ich wollte lieber mein Bett im faulen Marke einer abſterbenden Eiche aushoͤhlen— lieber mit Sirach bei Loͤwen und Drachen wohnen, als bei deren Einer.“ Bra-vis-vis Vissimo lrief ic, als ich geleſen hatte. Aber wie heißt der treffliche Autor?— Ich ſchlug den Titel auf: Ernſt Wagners Reiſen aus der Fremde in die Heimath. Erſter Band.— — 265— Was aber nun beginnen? fing jetzt Klinger an. 4 „Ich wollte nach Schacherheim.“ So geh' ich mit Dir. „Aber freilich bin ich noch nicht einig, was dort anzufangen— Komm nur! Das wollen wir unterwegs uͤberlegen!— So gingen wir denn, wir Beiden, in deren Herzen die innigſte Freundſchaft und der grimmigſte Weiberhaß, wie zwei un⸗ gleiche Nachbarn, zuſammenwohnten, des Weges nach Schacherheim. Je weiter wir kamen, deſto einſylbiger wurde Klinger; ich ſuchte ihn durch Ge⸗ ſpraͤch aufzuheitern, allein er ſagte: Bruͤ⸗ derchen, laß mich jetzt, ich mache Plaͤne!— Ich ging alſo ſchweigend neben ihm her, wohl eine Stunde lang— da ſtand er mit einem Male ſtill, rief: Ich hab's, ich — 266— hab's! und druͤckte mich ungeſtuͤm an ſeine Bruſt. Siehſt Du, Bruͤderchen? fuhr er mit fliegenden Worten fort— Zeitſchriften machen jetzt Gluͤck. Wir wollen eine her⸗ ausgeben, wie noch keine da iſt— eine Zeitſchrift zur Befoͤrderung des Weiberhaſſes und der Eheloſig⸗ keit, unter dem Titel: 1 „Mii ſogyn.“ Beifallswerther Gedanke! rief ich. Klinger. Als Motto nehmen wir die Worte Jago's im Othello, welche noch kraͤf⸗ tiger ſind, als die Wagnerſchen:„Ha, ich weiß ſchon, wie ihr Weiber ſehd!— Ihr ſeyd ſtumme Bilder außer dem Hauſe, Glocken auf euerm Zimmer, wilde Katzen in veurer Kuͤche; Engel, wenn ihr beleidigen wollt; Teufel, wenn ihr beleidigt werdet; Komoͤdiantinnen ſeyd ihr in eurer Wirth⸗ ſchaft, und Wirthſchafterinnen in euern Bet⸗ ten. Ihr ſteht auf, um zu ſpielen, und legt euch zu Bette, um zu arbeiten.“ Ich. Bravo! Er. Wir geben die Zeitſchrift auf eigene Koſten heraus, doch wollen wir uns mit Bezahlung des Buchdruckers und Papierhaͤndlers nicht uͤbereilen— Ich. Recht ſo! Er. In zwangloſen Heften— Ich. Oder in zwangloſen Nummern— Er. Einerlei!— Aber, was den In⸗ halt, was die Tendenz betrifft, ſo ſu⸗ chen wir Alles auf, was ſich nur zum Nach⸗ theil des weiblichen Geſchlechts auffinden laͤßt. Wir nehmen gleich Anfangs eine Gallerie ſchlechter Weiber aus der Bibel, wir beginnen mit der Mutter der Menſchen, Eva, und ſetzen auseinander, daß duſch ihr Leckermaul das Menſchengeſchlecht um's Pa⸗ radies gebracht worden iſt— Ich. Dann kommen wir auf Judith, — 268— die Kopfabhackerin, und auf die ruchloſe Je⸗ ſabel zu ſprechen— Er. U. ſ. w. An Stoff kann es uns nicht fehlen, denn auf jedem Blatte, das man in der allgemeinen Weltgeſchichte um⸗ wendet, ſteht ein ſchlechtes Weib oder oft ein paar— die Hageſtolzen werden ſich um unſer Journal reißen— Ich. Du nimmſt mir das Wort aus dem Munde— und weil grade in Scha⸗ cherheim die Zahl der Hageſtolzen Legion heißt, ſo iſt— Summa Summarum— nicht zu bezweifeln, daß unſer Journal dort mehr Gluͤck macht, als die Abendzeitung oder die Elegante in ganz Deutſchland au⸗ ſammen genommen. Er. Und noch Eins. Alle Lobredner des verhaßten Geſchlechts unter den Schrift⸗ ſtellern werden von uns bis auf's Blut ge⸗ geißelt, z. B. Petrarka, weil er abgoͤt⸗ tiſche Sonette auf die Frau eines Andern „ — 260— ſchrieb, Hippel, weil er(ſelbſt ehelos) ein dickes Buch zur Empfehlung der Ehe herauszugeben ſich unterſtand, Schiller, weil er die Wuͤrde der Frauen dichtete, und Buͤrger, weil er das hohe Lied von der Einzigen ſang. Wie unſer Geſpraͤch an Lebendigkeit zu⸗ nahm, wurden auch unſere Schritte ſchnel⸗ ler, und eh' wir es dachten, ſahen wir Schacherheim vor uns. Dort mietheten wir uns, wie es aͤchten Philoſophen geziemt, in ein Dachſtuͤbchen ein, verſprachen einan⸗ der, eher katholiſch zu werden, als zu hei⸗ rathen, und fingen dann ruͤſtig zu ſchreiben an. Das erſte Heft war in einer Woche fertig; wir wußten den Buchdrucker von der Vortrefflichkeit unſers Unternehmens zu uͤberzeugen, und ließen dann raſch hinter⸗ einander drucken. Eine pomphafte Ankuͤn⸗ digung des erſten Hefts in den Zeitungen — 270— hatte den beſten Erfolg, es gingen Beſtel⸗ lungen uͤber Beſtellungen ein, deshalb konn⸗ ten wir um ſo leichter einige Stachelgedichte verſchmerzen, die man dagegen einruͤcken ließ, ſo wie ein boshaftes Epigramm, wel⸗ ches an die Thuͤr unſerer Wohnung ange⸗ heftet war. Unſer Unternehmen ſchien den beſten Fortgang zu gewinnen, wenn nur— kein boͤſer Zufall dazwiſchen gekommen waͤre. Eines Tages gehn wir beiden Redakteurs des Miſogyn Arm in Arm uͤber die Straße, und beſprechen uns uͤber die Aufſaͤtze des zweiten Hefts— als aus der Thuͤr eines Gaſthofs ein Weib mit fliegenden Haaren, mit emporgehobenen Armen auf uns zu⸗ ſtuͤrzt— wir wollen ihr ausweichen, wie wir es immer zu halten pflegten, wenn ein weibliches Geſchoͤpf auf der Straße uns be⸗ gegnete; allein ſie ſchreit: Retten Sie mich, retten Sie mich vor meinem Manne, dem Unmenſchen!— Ich blicke das Frauenzim⸗ mer an und rufe: Lorchen!— Klinger blickt hin und ruft: Selma!— Wir ei⸗ len— es war Ein Moment— auf ſie zu und halten ſie in unſern Armen, aber eine⸗ barſche Stimme hinter uns ruſt: Warte, Satanskind! Du ſollſt gehorchen!— Ein ſtarker Mann kommt mit aufgehobenem Stocke auf das zitternde Weib los— wie er uns erblickt, ſchreit er: Sind Sie von Sinnen, meine Herren? Laſſen Sie meine Frau los, ich will ein Erempel ſtatuiren!— Wir halten ſie feſt und rufen abwechſelnd: Selma! Lorchen!— Der Mann packt an, Klinger faͤllt ihm in den Arm und ſucht ihm den Stock zu entwinden, waͤhrend ich das wiedergefundene Lorchen feſt umſchlungen halte— die Kaͤmpfenden ſchrein— der Poͤbel rottet ſich zuſammen und ruft: Seht — 22— doch, ſeht doch! Die Weiberfeinde zanken ſich um einer Frau wihen!— Polizeioffi⸗ zianten eilen herbei— nehmen uns als Ruheſtoͤrer mit— wir werden verhoͤrt und kommen zwar mit einer maͤßigen Geldbuße los— aber innerlich tief beſchaͤmt, denn wir mußten geſtehn, daß wir uns nicht wie Weiberfeinde benommen hatten, ſondern wie verliebte Narren.— Uebrigens war der eigentliche Zuſammen⸗ hang dieſer Begebenheit uns nnerklaͤrlich. Moͤgen alſo ſcharfſinnigere Koͤpfe ſich mit Aufloͤſung des Raͤthſels befaſſen, wie mei⸗ ne erſte Geliebte, Lorchen, und Klingers Selma Eine und dieſelbe Perſon ſeyn konnten. Die Sache haͤtte nichts weiter zu bedeu⸗ ten gehabt, wenn nur nicht des naͤchſten Tages folgendes Schreiben an uns einge⸗ gangen waͤre: P. P. Sie haben durch die geſtrige ſtadt⸗ kundige Begebenheit Ihren Weiberhaß in ein ſo zweideutiges Licht geſtellt, daß wir Ihnen hiermit erklaͤren, wie wir uns fortan fuͤr Ihr Blatt nicht im Mindeſten intereſſiren koͤnnen. Auch zahlen wir Ihnen keinen Kreuzer, wohl aber wollen wir Ihnen, wenn Sie ſich irgendwo blicken laſſen, fuͤr den Wider⸗ ſpruch Ihrer Worte und Handlungen mit einer derben Tracht Pruͤgel auf⸗ warten. Bis dahin ꝛc. Saͤmmtliche Hageſtolze in Schacherheim. — Das war doch zu toll!— Gewiß giebts ſchadenfrohe Leſer genug, welche zu wiſſen begehren, ob wir auch Valutam II. Bdchn. S — 274— richtig empfangen— allein ich breche hier⸗ mit meine Situationen ab. „Warum? Warum?“ Weil mein Lebenslauf gegenwaͤrtig nicht weiter geht, als bis— hieher. Peregrinus. Jahalt Die Stimme des Bluts. Vom Her⸗ ausgeber.. Engelhart und Dieterich. Von Klo⸗ tar.. .... Situationen aus Philipp Sprin⸗ ger's Leben. Von Peregrinus. des zweiten Baͤndchens. 1 .. Selte 135 5 8³ Druckfehler. Seite 90, Zeile:o lies ſtatt Edeldrut— Engeldrut. — 170,— 5 lies ſtatt tesratus— testatur. — In gleicher Verlagshandlung ſind noch erſchienen: 4. Der P tr a t, n ach Walter Scott von G e r. g L 6 z. 3 Thle. 1822. Su. 3Thlr. g Gr. Velp. 4Thlr. 2 Gr. Der ſchwarze Zwerg, eine ſchoteiſche Sae dem Verfaſſer den Romanes Robin der Rothe, und der Aſtrolog Nach dem Engliſchen brar hitet v on W.„A. L 1 n de a Mit Kupfer von Roßmaͤßler. 1819. 1 Thlr. 12 Gr. n n a, Ein Familiengemäͤlde n Johanna Auſten Aus dem Engliſchen ü berſetzt Romantiſche Geſchichten. Vom Verfaſſer des Romans Heliodora. 28319. 1 Thlr. 6 Gr. Oie Burg Alphauſen, oder 3 Zyprians Frauenwahl. Komiſcher Roman. Aus dem Engliſchen bearbeitet von Theodb r Hel. . 1830.* Thlr. Di e. Flaͤchtlinge. Romantiſche Unterhaltungen v on dem Verfaſſer des Romans Heliodora. Mit Kupfer. 1810. 1 Thlr. 8 Gr. Duͤſter und Munter! 46. Sträußchen e wvon. Julius v. Voß un d Adolph v. Schaden. 1831.* Thlr. 86 Gr. —— 8 ———— 2— 1 T —— * ————yü— — Tinnninſeniſiſſnſffſſinſfnſnffſ Wmraacqannn 8 9 12 13 14 15 1 10 11 6 17 18