deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen.. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 5 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— eträgt:— 88 für Wichentlich 2 Bücher: 4 Bücher. 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Mr.— Pf. 1 Mrr. 59 Pf. 2 Mt.— Pf. 33„„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird † beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ¾ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 „ Bunte Bilder. Erzäͤhlungen und Skizzen von einigen theils melancho liſchen, theils luſtigen Freunden. Herausgegeben durch Guſtav Joͤrdens. 8 9 Erſtes Baͤndchen. * Leipzig, 1823, bei Chriſtian Ernf Kollmann. —4j—— f Vorbericht des Herausgebers. — In einer der bedentendſten Staͤdte des noͤrdlichen Deutſchlands entſtand in einer ſtuͤrmiſchen Zelt ein Dichterbund. Die Mitglieder verſammelten ſich regel⸗ maͤßig in jeder Woche zweimal, unter⸗— hielten ſich uͤber Gegenſtände der Aeſthe⸗ tik und Poeſie und laſen einander ihre Arbeiten vor. Nunmehr iſt dieſer ſchoͤne Verein durch die Gewalt der Verhaͤltniſſe aufge⸗ loͤſt, und Manche— leider ſind es die, ℳ 2 — 1— welche die meiſten Hoffnungen erregten! — ruhen ſchon im Grabe. Ich ſelbſt gehoͤrte einige Zeit zu die⸗ ſem Dichterverein, und nach Aufloͤſung deſſelben erhielt ich von den noch uͤbrig gebllebenen Mitgliedern den Auftrag, aus unſerm Archive— in welchem die Arbeiten aufbewahrt wurden— dem Pu⸗ bliko Einiges mitzutheilen. Mit Freuden unterzog ich mich die⸗ ſem Geſchaͤfte, und werde daher vorerſt Eiiniges, was im Fache der Erzuͤhlung von den Bundesgliedern geleiſtet worden iſt, in einigen Baͤndchen liefern. Wenn das Publikum dem Unternehmen ſich guͤnſtig zeigt, folgt Mehreres nach. Wie in der Geſellſchaft, die Karl der Große zur Wiederherſtellung der Wiſſenſchaften errichtete, es uͤblich war⸗ daß die Mitglieder nicht ihre wahren, ſondern blos angenommene Namen fuͤhr⸗ — ——— * ——— — V— ten,*) ſo waͤhlte ſich auch in unſerer Geſellſchaft jedes Mitglied einen frem⸗ den Namen und durfte in der Verſamm⸗ lung nur bei dieſem genannt werden. Dies war ſtatutenmaͤßig. Da, wenn ein Mitglied etwas vor⸗ las, die andern ihr Urtheil daruͤber faͤll⸗ ten(welches alsdann der Hauptſache nach vom Sekretaͤr niedergeſchrieben wurde), ſo waͤre es vielleicht nicht un⸗ zweckmaͤßig geweſen, die Erzaͤhlungen mit aͤſthetiſchen und kritiſchen Geſpraͤchen zu durchflechten, wie z. B. Tiek in ſei⸗ nem(großen), Gerle in ſeinem kleinen Phantaſus und Hoffmann in ſeinen Serapionsbruͤdern gethan hat. Allein ich habe dies unterlaſſen aus zweierlei Gruͤnden: 1) weil manche Le⸗ *) Karl z. B. nannte ſich(nach Gaillard) David, um wie dieſer König ein König nach dem Herzen Gottes zu ſeyn. 1 —— — v1— 8 ſer, welche blos Geſchichte wollen, ader auf aͤſthetiſche Anſichten und kritiſche Auseinanderſetzungen wenig Werth le⸗ gen, es ungern ſehen, wenn ſte in der Lektuͤre durch ſolche Geſpraͤche unterbro⸗ chen werden, 2) weil ich geſonnen bin, zm Laufe des naͤchſten Sommers die Ge⸗ ſchichte des Dichterbundes ſelbſt in einem un faſſenderen Werke zu ſchreiben, da ſowohl die Verhandlungen dieſes Ver⸗ eins, als dle merkwuͤrdigen Schickſale einzelner Mitglieder mir vielen Stoff darbieten. Hier hoffe ich beſſere Gele⸗ genheit zu finden, die beſondern und ab⸗ weichenden Anſichten der Mitglieder uͤber einzelge Gegenſtaͤnde der Poeſie uad Kunſt einzuweben. Weiter haͤtte ich vor der Hand nichts zu ſagen. Doch ja— noch Eins. Moͤg⸗ lich waͤr' es, daß mir einige Splitter⸗ richter uͤber die Aufnahme der Erzaͤhlung — vI— Adalberts, des Malers Leiden und Freuden, Vorwuͤrfe machten, weil eine Schilderung darin vorkommt, die aller⸗ dings etwas frei zu nennen iſt. Es wurde dies ſogar von einem Mitgliede unſerer Geſellſchaft dem Dichter vorge⸗ worfen. Eben deswegen bin ich ver⸗ pflichtet, die Gruͤnde herzuſetzen, mit welchen A. damals ſich rechtfertigte und denen ich beitrat.„Der Dichter,“— ſagte A.—„welcher ſich vornimmt, durchaus moraliſch zu ſchreiben, wird nie etwas Bedeutendes leiſten, denn oft muß er dann uͤber der Moral die Poeſie vergeſſen. Die intereſſanteſten Situa⸗ tionen wird er aus peinlicher Gewiſſen⸗ haftigkeit ungeſchildert laſſen. In den Szenen der Schauſpiele Shakeſpea⸗ re's, welche voll Zweideutigkeiten ſind, zeigt ſich der Dichter am genialſten, und wir Deutſchen haͤtten Wilhelm Hein⸗ — VIII— ſe's herrlichen Ardinghello nicht, wenn der Dichter von kleinlichen Ruͤck, ſichten ſich haͤtte leiten laſſen. Unmo⸗ raliſche Handlungen ſchildern heißt noch nicht Immoralitaͤt pre⸗ digen.“ Bunte Bilder. Herausgegeben durch Guſtao Joͤrden. Erſtes Baͤndchen Die ſtille Inſel. (Aus den Papieren des berühmten Reiſenden Peregri⸗ nus Proteus.) —— Mit meinen beiden Nichten war ich auf der Ruͤckreiſe von Amerika nach Eu⸗ ropa begriffen, als wir nach einer mehrwoͤ⸗ chentlichen Fahrt im weiten Ozean eine Inſel entdeckten, die wir auf unſern Karten vergebens ſuchten. Die Paſſagiers aͤußer⸗ ten daher den billigen Wunſch, ſie kennen zu lernen, und der Schiffspatron zeigte ſich auch ſogleich bereit, ihnen zu willfah⸗ ren. Er ließ das Schiff in den Hafen einlaufen und Anker werfen. Wir ſtiegen mit Jubelgeſchrei an's Land; 2 2 — . 5 . —— allein ſogleich eilte ein Offizier mit ohnge⸗ faͤhr funfzig Mann herbei, und erklaͤrte uns mit leiſer Stimme: Alles Schreien, alles La⸗ chen, ſogar alles Lautſprechen ſey den Haupt⸗ und Grundgeſetzen dieſes Staates zuwider, und wenn wir uns einige Zeit hier aufzu⸗ halten gedaͤchten, ſo muͤßten wir uns dieſem 1 Geſetze durchaus fuͤgen, und uns bequemen, blos zu fluͤſtern und zu liſpeln.— Mehrere Paſſagiers, welche ſich dieſe Ein⸗ ſchraͤnkung der Sprachfreiheit nicht gefallen laſſen wollten, begaben ſich ſofort auf das 7 Schiff zuruͤck; Andere aber, unter welchen auch ich mich befand, waren zu begierig, dieſen neuen Staat naͤher kennen zu lernen, als daß wir nicht den unſerer Zunge aufer⸗ legten temporaͤren Zwang uns haͤtten gefal⸗ len laſſen ſollen. Zuerſt machte uns nun der Offizier dar⸗ 4 auf aufmerkſam, daß es wegen des auffal⸗ lenden Geraͤuſches, welches dadurch verur⸗ b V — 5— ſacht werde, ganz polizeiwidrig ſey, Schuhe oder Stiefeln mit Naͤgeln oder Hufeiſen zu tragen. Er fuͤhrte uns deshalb zu einigen nicht fern vom Strande befindlichen Buden, wo wir unſere Schuhe und Stiefeln ablegen und uns dagegen mit leichten Pantoffeln ver⸗ ſehen mußten. Doch ſtand es auch Jedem frei, ſich Filzſchuhe zu waͤhlen, dergleichen die Soldaten trugen. Der Offizier, ein ſehr humaner Mann, erbot ſich darauf, uns zum Koͤnige zu fuͤh⸗ ren, und da ich von der Geſchichte und den Einrichtungen dieſes Inſelreichs etwas Ge⸗ naueres zu erfahren wuͤnſchte, ſo wendete ich mich an den Kriegsmann und bat ihn um Auskunft. Ich diene Ihnen mit Vergnuͤgen! liſpel⸗ te er mir zu.— Vor mehreren tauſend Jahren wurde dieſe Inſel beherrſcht von ei⸗ nem Koͤnige, Namens Biribeker, wel⸗ cher wegen ſeiner Regententugenden der Große genannt wurde, obgleich er ſeiner 3 Statur nach den Beinamen des Kleinen mit mehrerem Rechte verdient haͤtte. Die⸗ ſem Koͤnige erſchien einſt im Traume Har⸗ pokrates, der Gott des Schweigens, und ſprach zu ihm: Hoͤre mich, Koͤnig Biribe⸗ ker! In der jetzigen Zeit, welche man fuͤg⸗ lich die Zeit des Schreiens und Raͤſonnirens nennen kann, iſt es mir mehr als je darum zu thun, mein Anſehn unter den Menſchen aufrecht zu erhalten. Zwar verehrten mich vormals die Egypter ganz beſonders, allein jetzt ſind ſie ausgeartet, ſchwatzen und lachen wie alle andere Nationen, und haben ſogar freventlich den mir erbauten Tempel nieder⸗ geriſſen. Wie nun andere Goͤtter und Goͤt⸗ tinnen Inſeln haben, die ihnen geheiligt ſind, zum Exempel Apollo ſein Delos, Vul⸗ kan ſein Lemnos und Zythere ihr Zypern; ſo habe ich dieſe Inſel zum Orte meiner Verehrung mir auserkohren, wozu ſie, weit — 7— entfernt vom geraͤuſchvollen Lande, aͤußerſt paſſend iſt. Darum, Biribeker, laß mir einen Tempel bauen und mein Bild darinnen aufſtellen, ſodann aͤndere die Geſetze Deines Reichs, welche bisher allerhand Geraͤuſch erlaubten, und fuͤhre ſtatt deſſen Schweigen und die moͤglichſte Stille ein, wie ſie den Verehrern des Harpokrates geziemt. Ge⸗ horchſt Du meinem Gebote, dann wird Dein Reich bluͤhen und der hoͤchſten Wohl⸗ fahrt ſich erfreuen, wo nicht, ſo fuͤrchte mei⸗ nen Zorn, denn ich werde Deine Inſel ſammt ihren Bewohnern in des Meeres tiefſten Grund verſenken.— Sprachs und ver⸗ ſchwand. Und was that der Koͤnig darauf? frag⸗ te ich. 8 Er verſammelte— fuhr der Offizier fort— am naͤchſten Tage ſeine Raͤthe und unterrichtete ſie von ſeinem Traumgeſicht. Die Mehrzahl ſtimmte dafuͤr, dem Gebote des Gottes zu gehorchen; es wurden daher fofort die Grundſteine zu einem Tempel des Harpokrates gelegt, und der beſte Bildhauer des Landes erhielt Befehl, die Statue des Gottes aus Elfenbein zu verfertigen. So⸗ dann ſchritt man zum Entwurf eines neuen Geſetzbuchs. Um den unterthanen von oben⸗ her ein gutes Beiſpiel zu geben, wurde das Fluͤſtern und Liſpeln zuerſt bei Hofe einge⸗ fuͤhrt; demnaͤchſt erſchien ein Dekret, worin allen Hoffaͤhigen zur Pflicht gemacht wurde, die Fingerſprache zu lernen. Im großen Rathe wurden nunmehr die Nationalange⸗ legenheiten ganz leiſe verhandelt, und eben ſo wurde auch bei allen Gerichten das Fluͤ⸗ ſtern eingefuͤhrt. Zwar machten die Advo⸗ katen, welche an das Schreien gewoͤhnt waren, eine Vorſtellung dagegen, allein ſie wurden zur Ruhe verwieſen.— Hierauf folgten noch mehrere zweckmaͤßige Anordnungen. So wurden z. B. die Glocken abgeſchafft und — 9— man bediente ſich fortan blos der Sonnen⸗ weiſer und Taſchenuhren; die Nachtwaͤchter und Muſikanten wurden in Ruheſtand ver⸗ ſetzt; die Schmidte und alle andere Hand⸗ werker, welche ihre Profeſſion mit Geraͤuſch betreiben, wurden auf eine andere zwei Meilen von dieſer entfernt liegende Inſel verwieſen, ferner wurden die Hunde, die Gaͤnſe und alles uͤbrige Vieh, welches zu bellen, zu ſchnattern oder zu ſchreien pflegt, auf ewige Zeiten verbannt; dennoch blieben einige Singvoͤgel zuruͤck, welche(ohne ſich an die Geſetze des Staats zu kehren) beſon⸗ ders mit Beginn des Fruͤhlings ſangen, ſchmetterten, pfiffen und zwitſcherten, obgleich man von Seiten der Polizei alle nur erſinn⸗ liche Muͤhe ſich gab, dieſe Ruheſtoͤrer einzufan⸗ gen und ihnen den Hals umzudrehen.—— Unter dieſem Geſpraͤch langten wir in der Hauptſtadt an. Tiefe Stille herrſchte auf den Straßen und auf dem Marktplatze. — 10— Statt des unanſtaͤndigen Geſchreis, womit in andern Stäͤdten die Verkaͤufer ihre Waa⸗ ren ausrufen und anpreiſen, hoͤrte man blos fluͤſtern und die Unterhandlungen wegen des Preißes wurden zwiſchen den Intereſſenten in groͤßter Stille gepflogen. Selbſt die Fiſch⸗ weiber(woruͤber ich am meiſten erſtaunte) hielten ſich ruhig. Da es noͤthig war, uns zur Audienz beim Koͤnige umzukleiden; ſo erſuchte ich den Offizier, mir einen Gaſthof zu empfeh⸗ len. Er nannte mir hierauf den Wallſiſch, den Haifiſch, den Stockfiſch, den Hecht, den Karpfen, den Hering, die Schmerle— doch, ſetzte er hinzu, wuͤrde ich Ihnen den Lachs vorzuͤglich recommandiren; er iſt ganz friſch, das will naͤmlich(fuͤgte er zur Erklaͤrung bei, indem er ſeine witzige Aeußerung belaͤchelte) ſoviel ſagen, als: es iſt ein ganz neuer Gaſthof. Ich kann Ih⸗ nen verſichern, man wird dort gut bedient.— .— 11— Giebt es denn hier— unterbrach ich meinen Begleiter— keine Gaſthoͤfe zum Loͤwen, zum Baͤre, zum Wolfe, zum Zie⸗ genbocke, zum Roſſe und zum Windhunde? Behuͤte Gott! verſetzte er. Das ſind ja Thiere, welche durch ihr Bruͤllen, ihr Brummen, ihr Heulen, ihr Meckern, ihr Wiehern und Bellen einen unertraͤglichen Laͤrm verurſachen. Darum iſt in unſerm Geſetzbuche sub titulo: Von Gaſthoͤfen und deren Gerechtigkeiten Art. 56. und 57. wohl⸗ weislich verordnet: daß, weil der Fiſch be⸗ kanntlich ein ſtummes Thier iſt, die Gaſt⸗ wirthe blos Fiſche im Schilde fuͤhren ſol⸗ len, bei Verluſt ihrer Gerechtigkeiten und bei Strafe der Verweiſung aus unſerm Staate.— Ich fand, um dem Offizier noch mehr Zutrauen einzufloͤßen, dieſes Geſetz aͤußerſt ſinnreich und zweckmaͤßig, und bemerkte zu⸗ gleich: Daß die Fiſche ſtumm waͤren, ſey — 12— kein Wunder, weil dieſelben blos Waſſer genoͤſſen, welches Getraͤnk bekanntlich der Phantaſie und der lebendigen Unterhaltung großen Schaden thue.— Dies brachte mich auf die Frage: ob denn das Weintrinken hier erlaubt ſey?— Der Offizier antwortete: Zwar iſt das Weintrinken erlaubt, jedoch im 58. Art. des Geſetzbuchs den Gaſtwirthen und Wein⸗ ſchenken zur Pflicht gemacht, den Wein mit Waſſer dergeſtalt in Verbindung zu ſetzen, daß durch den Genuß deſſelben Niemand in eine exaltirte Stimmung komme und dadurch in Verſuchung gerathe, lauter zu ſprechen, als die Geſetze des Staats es erlauben.— Auf eine ſolche Vermiſchung des Weins mit Waſſer— bemerkte ich hier— verſte⸗ hen ſich auch die Weinfchenken in meiner Heimath ſehr gut, obgleich ſie nach den dor⸗ tigen Geſetzen als eine Betruͤgerei geahndet wird. — 13— So kamen wir denn im Gaſthofe zum Lachſe an. Der Beſitzer, als ein aͤußerſt feiner Mann, redete uns in der Fingerſpra⸗ che an, worauf wir ihm jedoch nicht antwor⸗ ten konnten. Mir und meinen Nichten wurden zwei elegante Zimmer angewieſen, und ich bat den gefaͤlligen Offizier, ein Fruͤh⸗ ſtuͤkk in meiner Geſellſchaft einzunehmen, welches er mir auch nicht abſchlug. Um den Marqueur herbeizurufen, ſuchte ich eine Klingel, allein ich fand keine. Als der Offi⸗ zier bemerkte, was ich wollte, machte er mich auf ein in der Wand befindliches Rohr aufmerkſam und ſagte: Legen Sie nur, mein Herr, Ihren Mund an die Oeffnung und nennen Sie ganz leiſe, was Sie verlangen; ſo wird es Ihnen ſogleich gebracht wer⸗ den. 4 Ich folgte dieſer Anweiſung, und ein paar Minuten darauf erſchien der Marqueur mit dem Fruͤhſtuͤcke. Sobald wir daſſelbe — 14— eingenommen hatten, fuͤhrte uns der Offi⸗ zier in das koͤnigliche Palais. Wir wurden ohne Umſtaͤnde in den Thronſaal gelaſſen, und dem Koͤnige, wel⸗ cher eine ganz einfache und anſpruchsloſe Phiſiognomie hatte, und(wie ich erfuhr) Pinſel der XV. hieß, vorgeſtellt. Meine Geſellſchaft beauftragte mich, die Anrede zu halten. Großer Pinſel! ſprach ich ſo leiſe, als es mir nur moͤglich war. Wir ſind Fremdlinge, an dieſer Kuͤſte ge⸗ landet, um die vortrefflichen Einrichtungen Deines Staats kennen zu lernen.— Seyd mir willkommen, Fremdlinge! liſpelte die Majeſtaͤt, den Szepter gegen uns neigend. Wir wollen geſtatten, daß Ihr in unſerm Staate Euch umſehet, und von den Geſetzen und Gebraͤuchen dieſes Landes Euch unterrichtet; nur macht keinen Spekta⸗ kel!— Um unſere Dankbarkeit ſowohl als un⸗ ſern Gehorſam recht ſtark auszudruͤcken, legten wir die eine Hand auf's Herz und die andere auf den Mund. Der Koͤnig, wel⸗ chem unſer Betragen zu gefallen ſchien, neig⸗ te abermals den Szepter, welches das Zei⸗ chen der Entlaſſung war, und wir ent⸗ fernten uns daher, indem wir die vorige Pantomime wiederholten. Der Offizier, welcher entweder mir, oder(was das Wahrſcheinlichere iſt) mei⸗ nen Nichten vielen Geſchmack abgewonnen haben mochte, begleitete uns nach dem Gaſt⸗ hofe zuruͤck. Unterweges fragte ich ihn, wo wir wohl am zweckmaͤßigſten dieſen Abend zubringen koͤnnten?— Wollen Sie nicht— entgegnete er— das Theater beſuchen? Das Theater? rief ich voll Verwunde⸗ rung. Wird denn hier ein Theater gedul⸗ det, da es unmoͤglich iſt, ein Schauſpiel ohne Spektakel aufzufuͤhren? — 16— Der Offizier laͤchelte: Ueberzeugen Sie ſich von der Moͤglichkeit. Was fuͤr ein Stuͤck wird denn hente ge⸗ geben? fragte ich weiter. „Die Raͤuber von Schiller.“ Miein Erſtaunen wuchs. Die Raͤuber? rief ich. In dieſem Stuͤcke wird ja viel mit hiſtulan geſchoſſen.— nstro Mein Herr! entgegnete der Offizier. Sie werden zwar ſchießen ſehen, aber nicht ſchießen hoͤren. Dieſe Aeußerungen erweckten in mir die Begierde, das Theater zu beſuchen. Ich ließ daher Billets holen und zwar in's Par⸗ ket, um ganz in der Naͤhe der Buͤhne zu ſeyn, da ich vermuthete, daß tenlich le leiſe geſprochen werden duͤrfte. 3 Wir kommen an. Das Orcheſter fehlt und die Zuſchauer verhalten ſich ſo ſtill, als ſaͤßen ſie in der Kirche. Der Vorhang rollt in die Hoͤhe.— Richtig! Der alte Moor — 17— ſitzt im Lehnſtuhle und der boͤſe Franz ſpricht mit ihm, aber ſo leiſe, daß Niemand et⸗ was verſteht. Da wir indeß das Stuͤck kannten, ſo wußten wir uns die Geſtikula⸗ tionen und Pantomimen recht gut zu verdoll⸗ metſchen. Ich war begierig auf die Szene, wo Karl Moor die ſchlafenden Raͤuber durch Piſtolenſchuͤſſe weckt. Die Szene kam— der Raͤuberhauptmann druͤckte ſein Piſtol ab, das Pulver brannte von der Pfanne, allein es war kein Knall zu hoͤren, und den⸗ noch— Wunder uͤber Wunder! erwachten die Raͤuber davon und ſprangen auf. Wie der Vorhang im Begriff war zu ſinken, nickte das geſammte Publikum, wel⸗ ches wahrſcheinlich ſo viel bedeuten ſollte, als bei uns das Haͤndeklatſchen. Beim Heimgehen erfuhr ich noch vom Offtzier, daß das Herausrufen der Schauſpieler und Schauſpielerinnen durchaus verboten, jedoch das Herauswinken derſelben er⸗ 1. Bdchn. B — 13 laubt ſey. Ich bemerkte gegen meinen Be⸗ gleiter noch Folgendes: Die hieſigen Schau⸗ ſpieler— ſagte ich— ſind als Mimiker ganz ausgezeichnet. Was mir aber bei Ih⸗ rem Theater vorzuͤglich gefallen hat, iſt der Mangel des Soufleurkaſtens. Er iſt auch wirklich hier ganz uͤberfluͤßig, weil eigentlich doch blos mit den Haͤnden und nicht mit dem Munde geſprochen wird. Recht gut waͤre es, wenn man ihm auch auf andern Thea⸗ tern den Abſchied geben koͤnnte, denn auf mich wenigſtens macht es einen ſehr ſtoͤren⸗ den Eindruck, wenn ich eine romantiſche Ge⸗ gend oder einen praͤchtig dekorirten Saal ſe⸗ he, im Vordergrunde aber die breterne Bude erblickt, in welcher der Einblaſer ſteckt.—— e 4 1 uUnter derlei Geſpraͤchen kamen wir in den Lachs zuruͤck. Der Offizier wuͤnſchte uns angenehme Ruhe, mit dem Verſprechen, morgen fruͤh wieder zu kommen und uns in — 9— den großen Nath zu begleiten, wo es, wie er ſich ausdruͤckte, ſtarke Debatten geben wuͤrde, weil von Einfuͤhrung eines neuen Zollgeſetzes die Rede ſey. Puͤnktlich erſchien der Offizier und holte mich und die uͤbrigen Fremden in den Ver⸗ ſammlungsſaal ab. Die Debatten hatten ſchon angefangen. Es ſtand ein Redner auf der Buͤhne, welcher die Lippen bewegte, Ge⸗ ſichter ſchnitt und mit den Armen in der Luft umherfocht. Immer dacht' ich, nun wuͤrde er zu ſprechen anfangen, allein es blieb bei der Geſtikulation. Uns Fremdlingen war dieſe Zeichenſprache natuͤrlich unverſtaͤndlich, die uͤbrigen Verſammelten aber gaben dem Redner(oder beſſer: Akteur) durch Nicken oder Schuͤtteln bald ihren Beifall, bald ihre Mißbilligung zu erkennen. So wie dieſer die Buͤhne verließ, trat ein Andrer auf, welcher zwar ebenfalls nicht ſprach, aber noch weit mehr als der Erſte ſein Ge⸗ B 2 — 20— ſicht verzerrte und ſeine Haͤnde bewegte. Nachher beſtiegen noch Einige die Redner⸗ buͤhne, welche theils gemaͤßigt, theils heftig geſtikulirten. Endlich gegen Mittag ging die Verſammlung aus einander. Da ich von der ganzen Verhandlung nichts verſtanden hatte, ſo bat ich den Offi⸗ zier um Erklaͤrung. Der erſte Redner— antwortete er mir— machte die Propoſition zum Geſetze, der Andre ſtellte verſchiedene Einwendungen dagegen auf; die Uebrigen ſprachen theils fuͤr, theils wider die Ein⸗ fuͤhrung. Allein durch Stimmenmehrheit iſt die Annahme des vorgeſchlagenen Geſez⸗ zes beſchloſſen worden. Nach Verlaſſung des Seſſionsſaals gin⸗ gen wir wieder in den Gaſthof, ich bat den Offizier, mit uns an der Table d'hote vorlieb zu nehmen und die letzten Stunden in unſerer Geſellſchaft zuzubringen, denn der Nachmittag war zu unſerer Abfahrt beſtimmt. — 21— Bei Tiſche mußte mir aber noch mein boͤſer Genius einen argen Streich ſpielen. Der Wein naͤmlich, welcher mir vorgeſetzt wurde, war ſo ſtark getauft, daß er ſich nur aͤußerſt ſchwierig von Waſſer unterſcheiden ließ. Die allzugroße Gewiſſenhaftigkeit des Wirths in Erfuͤllung des Geſetzes verdroß mich ſo ſehr, daß ich, mich vergeſſend, mit meiner volltoͤnenden Baßſtimme laut aus⸗ rief: Herr Wirth! ich kann das Zeug durch⸗ aus nicht trinken. Es gehoͤrt ſich mehr Wein unter das Waſſer. Die ganze Tiſchgeſellſchaft erſchrak uͤber meine Kuͤhnheit; mein Nachbar, der Offi⸗ zier, erblaßte und zupfte mich am Ermel; der Wirth aber huſchte zur Thuͤre hinaus und gleich darauf ſchlichen vier Polizeidiener auf den Zehen herein und faßten mich beim Kragen. Wahrſcheinlich wuͤrde die Sache fuͤr mich ein ſchlimmes Ende genommen ha⸗ ben, wenn ſich nicht der Offizier ins Mittel —-—————— — aa.— geſchlagen haͤtte. Er lispelte dem einen Po⸗ lizeidiener ins Ohr: Der Herr wird zuwei⸗ len von Kraͤmpfen befallen, welche blos dann nachlaſſen, wenn er etwas laut ſpricht; eben jetzt bekam er ſeinen Zufall und ver⸗ dient daher wohl Mitleid, aber keine Strafe. Geht nur fort, Jeremias! Ich uͤbernehme alle Verantwortung. Deſſen ohngeachtet ſchien der Polizeidiener noch einige Schwie⸗ rigkeiten machen zu wollen, die ich aber da⸗ durch beſeitigte, daß ich ihm einen Hollaͤnder in die Hand druͤckte, worauf er mir ins Ohr fluͤſterte:„Nunmehr, mein Herr, ha⸗ ben Sie mich von Ihrer Unſchuld vollkom⸗ men uͤberzeugt!“ und mit ſeinen Spießge⸗ ſellen den Saal verließ. Nach Aufhebung der Tafel machten wir unſere Zeche richtig und begaben uns an den Strand. Der Offizier nahm einen ruͤhren⸗ den Abſchied von mir; meinen beiden Nich⸗ ten aber kuͤßte er mit einem beſondern Aus⸗ — 23— druck von Ehrerbietung und Zaͤrtlichkeit die Haͤnde. Wie wir auf dem Schiffe waren, fingen Klotilde und Nanette(ſo hießen meine Nich⸗ ten), denen ich es bereits angeſehen hatte, welchen Zwang es ihnen koſtete, das Glok— kenſpiel ihrer Zungen ſo lange ſcueigen zu laſſen, zu kichern an. Was habt Ihr denn, Midchenſ frag⸗ te ich. Wir ſind froh,— verſegten ſie— daß wir aus dem langweiligen Lande fort ſind. Gottlob, daß es nach Teutſchland geht, dort kann man doch laut ſprechen— Nur uͤber manche Gegkuſtände 1 niehtn unterbrach ich ſie. Zum Beiſpiel— Berengar. *) Hier hatte P. P. einige Anzüglichkeiten ſich er⸗ laubt, welche beſſer wegbleiben. 1 1 Des Malers Leiden und Freuden. H annibal ſoll er heißen! rief der Ma⸗ ler Leonhard Eßlinger, und druͤckte im Sturme des Vatergluͤcks den Kleinen ſo heftig an ſich, daß er eine Litanei zu ſingen anfing. 1 Was thuſt Du nun wieder? ſagte die blaſſe Mutter. Gieb mir den Knaben her. Ihr Maͤnner verſteht ja kein Kind anzugrei⸗ fen!— Ungewiß umherirrend ſuchten die blauen Augen des Knaben das Angeſicht der Mutter, und kaum hatte ſie ihm freundlich zugenickt, und ihn auf ihrem Arme einige⸗ male hin und her geſchaukelt; ſo verſtumm⸗ te ſein Geſchrei und er fiel in einen ſanften Schlummer. Aber— ſing Veronika nunmehr an— was wollteſt Du denn mit dem Hannibal? Das ſag' ich Dir ein fuͤr alle Mal; ſo laſſe ich den Knaben durchaus nicht taufen. Das iſt ja ein abſcheulicher, fuͤrchterlicher Name, und ich glaube gar, der Student, welcher uͤber uns wohnt, ruft ſeinen Bullenbeißer eben ſo. Wenn ich nicht irre, war der Han⸗ nibal ein Heide, welcher nichts konnte, als Morden, Sengen und Brennen. Laß uns doch dem Kinde einen recht chriſtlichen Na⸗ men geben, z. B. Johannes oder Markus oder Lukas—— Lukas, ſagſt Du? fiel ihr der Maler in ddie Rede. Weißt Du auch, liebes Weib, was Du ſprichſt? Weißt Du, daß Sankt Lukas der Patron unſerer Kunſt, und uns eben das iſt, was Caͤcilia den Muſikern? Waͤre das aber nicht ſuͤndlicher Hochmuth, wenn wir unſerm Knaben einen ſo heiligen Namen beilegten, den er nie rechtfertigen 4 — 26— kann? Waͤre das nicht faſt eben ſo, als wenn wir Jeſus Chriſtus ihn taufen ließen?— Nein, Veronika, keinen dieſer Namen ſoll er fuͤhren, aber wohl den eines großen Mei⸗ ſters. Doch was ſprachſt Du vorhin von Sengen und Brennen? Daran hat gewiß Hannibal Caracci, der fromme Maler, nicht gedacht. O wie lieb' ich ihn! Ich habe als Juͤngling vor ſeinen Meiſterwerken ge⸗ ſtanden, und mein Herz hat geweint und ge⸗ jauchzt; geweint, weil ich mein Unvermoͤ⸗ gen erkannte, ſeine herrlichen Schoͤpfungen je zu erreichen; gejauchzt, weil ich im An⸗ ſchaun der koͤſtlichen Bilder, die er uns zu⸗ ruͤckließ, ſchwelgen konnte, unverdient⸗ſelig, wie der Menſch, wenn er ſich trunken ſehen darf an menſchlicher Schoͤnheit, oder an den nie alternden Reizen der Natur. Wie voll von Staͤrke, Erhabenheit, Adel ſind alle ſei⸗ ne Kompoſitionen! Er war es, der mit ſei⸗ nen Bruͤdern gegen den eingeriſſenen weich⸗ — 27— lichen Geſchmack, gegen jene Kraftloſigkeit, welche allemal das Hinſterben der Kunſt be⸗ zeichnet, ſiegend kaͤmpfte; er that viel zur Wiedererweckung eines kraͤftigern Styls in der Malerei. Darum, liebe Veronika, moͤchte ich unſern Knaben ſo gerne Hannibal taufen laſſen. Wenn Dir aber dieſer Na⸗ me durchaus zuwider iſt; ſo mag er allen⸗ falls auch Bartholomaͤus heißen. Das waͤre noch beſſer! Wie ſollte man ihn dann rufen, Barthel oder Barthelchen? Nein, das laß ich durchaus nicht zu; er muß einen recht ſchoͤnen Namen haben.— Welcher Name iſt ſchoͤner, als Bartho⸗ maͤus? Denke doch nur an die herrlichen Meiſter Fra Bartolomeo, Bartolo⸗ meo Ramenghi, genannt Bagnaca⸗ vallo, und Bartolomeo Schidone, deren Gemaͤlde voll Erhabenheit und Andacht ſind, und durch das feurigſte Kolorit ſich auszeichnen.— —. 23— Aber ihr Name klingt doch uͤbel. Wenn es nach mir geht, und wenn er weder Lukas noch Johannes heißen ſoll, ſo wuͤrde ich ihn Guido oder Julius nennen. Guido Reni und Giulio Roma⸗ no ſind Beides wackere Kuͤnſtler, aber den Hannibal und die Bartolomeo's ſtelle ich doch hoͤher.— Es fuͤhren ja aber ſo viele den Namen großer Maͤnner, und ſind doch ſelbſt keine großen. Dennoch iſt der Name eine gar wichtige Sache. Nomen et omen ſagt der Latei⸗ ner. Wer einen achtbaren Namen traͤgt, der ſinnt immer darauf, ihm keine Schande zu machen, und nicht ohne Nutzen heiße ich Leonhard, denn Leoonardo da Vinci iſt der Stern meines Lebens geworden.— Eben ſo giebt's Namen, die ich durchaus nicht leiden kann. Judas z. B. wuͤrde ich den Knaben auf keinen Fall nennen, denn — 29— damit haͤtte ich ihn zum Verraͤther geſtem⸗ pelt, Nebukadnezar eben ſo wenig, denn dann, glaubt' ich, maͤſſe er 7 Jahre lang ein Ochſe ſeyn, wie jener aſſyriſche Koͤ⸗ nig; auch Habakuk duͤrft' er nicht heißen, denn dann fuͤrchtete ich, er wuͤrde Haͤndel bekommen mit dem Engel Gabriel.— Wie ſprichſt Du nun wieder? Das iſt ja purer Aberglaube und phantaſtiſches Zeug!— Und ſoll das Kind durchaus nach dem Namen eines großen Malers genannt werden, warum willſt Du ihm nicht den Na⸗ men deſſen geben, den Du ſelbſt fuͤr den groͤßten Meiſter erklaͤrſt, den Du nie nennſt, ohne daß eine Thraͤne der Liebe und Begei⸗ ſterung in Dein Auge quillt? Und wie mild und froinm klingt ſein Name! Verſteh' ich Dich? rief der Maler mit leuchtenden Blicken und umſchlang die Kniee des geliebten Weibes. Meinſt Du ihn, der, als er ein Engel in Menſchengeſtalt nur kur⸗ — 3⁰— ze Zeit unter uns gewandelt hatte, am hei⸗ ligen Charfreitage, dem Tage ſeiner Geburt, von der Erde wieder hinweggerufen wurde in den Himmel? ihn, bei deſſen Namen die gluͤhendſte Andacht und die innigſte Liebe meine Bruſt durchſchauern, den ich nur mit bebender Lippe zu nennen wage,— meinſt Du Raphael Sanzio von Urbino? Ich meinte ihn! verſetzte Veronika. Seliger Geiſt! rief der Maler mit em— porgehobenen Armen. Wirſt Du zuͤrnen, wenn ich mit Deinem geliebten Namen mei⸗ nen Erſtgebornen weihe? Engel zuͤrnen uns nicht, wenn wir ſie lieben! ſagte Veronika, und ſie ging zur Wiege, in welcher das ſchlummernde Kind lag, hauchte ihm einen leiſen Kuß auf die Stirn und lispelte: Raphael ſollſt Du heißen!— Leonhard hatte ſich ſchon fruͤh an die — 31¹— Staffelei geſetzt, und arbeitete emſig; er bemerkte es kaum, daß Veronika in die Stube trat, den Schreibtiſch aufſchloß, ein Kaͤſtchen nach dem andern herauszog, und endlich, als ſie das letzte wieder hineinſchob, tief aufſeufzte: Auch hier nichts!— Sie trat nun zur Staffelei und ſagte: Leonhard, ich will Dich blos etwas fragen— haſt Du kein Geld? Ohne von ſeiner Arbeit aufzuſehen, ſag⸗ te er: Nein, liebes Weib, nicht einen Hel⸗ ler hab' ich; doch dieſes Bild— wie ge⸗ faͤlt es Dir?— wird in den naͤchſten Ta⸗ gen fertig, und wenn es mir auch ſchlecht bezahlt wird; ſo bekomm' ich doch gewiß 10 Friedrichsd'or dafuͤr. Aber wir haben ja heute nichts zu eſſen! weinte Veronika. Immer fortarbeitend ſagte er: So wollen wir etwas verſetzen, denn wozu ſonſt ſind die Iuden da, und die montes pietatis? — 32— Verſetzen? fragte Veronika. Was denn verſetzen? Es iſt ja ſchon Alles fort. Alles? entgegnete der Maler. Nicht doch! Dort am Nagel haͤngt ja mein nagel⸗ neuer Frack, nimm ihn und laß ihn ein paar Tage Gevatter ſtehn— Bedenke doch nur— fiel ihm Veronika mit einiger Heftigkeit ins Wort— daß es Dein einziger Rock iſt, und daß Du nichts anzuziehen haſt, wenn wir ihn verſetzen. Und warum denn verſetzen? Wir haben es ja gar nicht noͤthig. Stehen nicht noch in der Kammer die beiden Bilder, wofuͤr Dir ſchon zu wiederholten Malen ſolche Summen geboten worden ſind, daß wir ge⸗ maͤchlich ein halbes Jahr davon haͤtten leben koͤnnen? Aus purem Eigenſinn ließeſt Du die Kauftuſtigen, ohne mit ihnen den vor⸗ theilhaften Handel abzuſchließen, fortgehen. Unſere nothwendigſten Sachen mußten ver⸗ ſetzt werden, damit Du nur die Bilder be⸗ halten konnteſt, und auch jetzt, jetzt noch willſt Du eher Weib und Kind verſchmach⸗ ten laſſen, als—— Schweigend ſtand der Maler auf und holte die beiden Bilder aus der Kammer. Er ſtellte ſie vor ſich hin und betrachtete ſie lange. Gluth ſtroͤmte in ſeine Wangen, ein wunderbares Feuer trat in ſein ſchoͤnes Au⸗ ge, und uͤberwallte mit dem Schimmer der Verklaͤrung ſein Angeſicht; aber mit einem Male bewoͤlkte ſich die glatte Stirne, uͤber das zuvor ſtillheitre Antlitz wandelte ein tie⸗ fer, finſtrer, unbezwinglicher Schmerz. O Veronika! rief er. Von dieſen Bildern ſoll ich mich trennen, zu deren Hervorbringung ich meine beſte Kraft verwandte, die mir viele ſchlafloſe Naͤchte koſten, die das Hoͤch⸗ ſte ſind, was ich bis jetzt in der Kunſt lei⸗ ſtete, und die ich vielleicht nie uͤbertreffen werde? Vertroͤdeln ſoll ich ſie um ein Spott⸗ geld, um ſie kuͤnftig im Beſitz eines Gluͤcks⸗ 4. Bdchn C * — 54— pilzes zu wiſſen, der einen Quark von der Kunſt verſteht, aber Gemaͤlde, gute und ſchlechte, zuſammenkauft, um fuͤr einen Kunſtkenner zu gelten. Nun ladet er allen⸗ falls eine Geſellſchaft ſeines Gleichen zu ſich ein, laͤßt ein Fruͤhſtuͤck im Saale auftragen, und indem er, eine Sardellenſemmel bear⸗ beitend, hin und her ſpaziert, deutet er auf mein Bild und ſagt zu dem neben ihm Ge⸗ henden: Beilaͤufig, Kriegsrath, wie gefaͤllt Ihnen dieſe Arria? Worauf dieſer erwie⸗ dert: Konſul, ich muß Ihnen ſagen, ſie iſt ſaͤperb; das Blinken des Dolchs beſonders iſt ganz taͤuſchend; Sie muͤſſen naͤmlich wiſſen, daß mir die Darſtellung des Natuͤrlichen uͤber Alles geht, und daß ein Portraͤt in meinen Augen keinen Pfifferling werth iſt, wenn man nicht gleich erkennt, ob die Kleidung Sammet, Seide oder Wolle iſt—— Gluͤck⸗ licherweiſe kommt der Bediente mit dem Praͤſentirteller, der Kunſtrichter nimmt ein — 37— 99 Glas, vergißt uͤber dem Trinken die weitere Entwickelung ſeiner Anſichten, und verſichert blos, der Madera ſey koͤſtlich.—— Bei Gott, ſolche Narren im Beſitz ſeiner Bilder zu wiſſen, thut einem rechtſchaffenen Kuͤnſt⸗ ler weh! Ereifere Dich nur nicht ſo! bat Vero⸗ nika. 4 1 4 Sieh her— fing er wieder an— die⸗ ſes Weib iſt Arria, wie ſie den Stahl aus der blutenden Bruſt zieht und ihn ihrem Ge⸗ mahl mit den Worten hinreicht: Paͤtus, es ſchmerzt nicht! Beſtaͤtigt nicht dieſe Ruhe, dieſe Heiterkeit, die mit ſuͤßer Schwaͤrme⸗ rei gepaart uͤber ihr Angeſicht ſich verbreitet, die Wahrheit ihrer Worte, daß ſie die Wun⸗ de nicht fuͤhle, die ſie ſich ſelbſt gegeben?— Und nun blick' auf die zweite Geſtalt— ei⸗ ne buͤßende Magdalena. Sie ſenkt das ſchoͤne in Thraͤnen ſchwimmende Auge, das aufgeloͤſte Haar flattert uͤber ihren von C 2 — 3 0— Seufzern geſchwellten Buſen, und ihre Haͤn⸗ de ſind zum Gebet gefaltet. Gott vergiebt dir, ſchoͤnes Weib, denn du haſt ja nur aus Liebe geſuͤndigt!— Und noch dazu knuͤpft ſich an dieſes Bild eine Erinnerung an mei⸗ nen Aufenthalt in Florenz, die Erinnerung an ein ſchoͤnes Weib, dem ich die Zuͤge zu dieſer Magdalena abgeſtohlen habe. Nein, um keinen Preis kann ich von dieſem Bilde mich trennen! 4 So laß denn— rief Veronika mit Bit⸗ terkeit, und ihr Angeſicht gluͤhte— ſo laß denn Weib und Kind verhungern, damit Du Dich an dem Bilde Deiner Buhlerin ergoͤtzen kannſt. Meiner Buhlerin? fragte der Maler ſehr ernſt und ſchuͤttelte den Kopf. Dein Argwohn, Veronika, iſt falſch, grundfalſch! — Bei dieſen Worten nahm er beide Bil⸗ der unter den Arm und ergriff den Hut. Wohin willſt Du? fragte Veronika. 2 — 37— Jetzt will ich die Bilder verkaufen! ſagte er und ging fort. Eben berechnete Herr Schwemler, der Maͤkler, das bedeutende Proxenetikum, welches er bei einem Geldnegoz gezogen hat⸗ te, und liebaͤugelte mit den Goldſtuͤcken, als an die verriegelte Thuͤr gepocht wurde. Sorgfaͤltig und geraͤuſchlos ſchob er die Du⸗ katen zu einem Roͤllchen zuſammen, ver⸗ ſchloß ſie in den Schreibtiſch, und zog nun⸗ mehr den Riegel von der Thuͤr, an welche unterdeß ſchon zum zweiten und dritten Ma⸗ le etwas ungeſtuͤm geklopft worden war. Bon jour, Herr Eßlinger! redete er den Maler an, welcher draußen ſtand. Was fuͤhrt ſie zu mir? Wie geht's Ihnen? Im⸗ mer friſch, munter? Ja, ja, die Kuͤnſtler ſind gluͤckliche Leute, immer guten Humors, haben keine Sorgen, verdienen ſchoͤnes Geld. Ach Gottchen, wie muß ſich unſer Einer pla⸗ gen! Um ein paar Thaͤlerchen zu verdienen, laͤuft man ſich die Fuͤße wund; Noth und Aerger hat man noch obenein. Aber was hilft's?— Die Zeiten ſind einmal ſchlecht; man muß ſehn, wie man ſich ſo fortkrabbelt. Doch was haben ſie denn da Schoͤnes mitge⸗ bracht? Laſſen ſie ſchauen!e8 Der Maler ſtellte die Bilder auf, und ſagte dabei: Herr Schwemler, die Noth zwingt mich, dieſe Gemaͤlde zu verkaufen— Auf des Maͤklers Geſicht zuckte ein grin⸗ ſendes Laͤcheln, das ein Gemiſch von Spott und Schadenfteude war;— er ſadte aber blos: So, ſol Und ich kam— fuhr der Maler fort— in der Abſicht zu Ihnen, um anzufragen, ob Sie vielleicht dieſe Gemaͤlde zu kaufen geſonnen? Ach, mein wertheſern eir Eßlinger! ſagte der Maͤkler mit gezogenem Tone. Mit den Gemaͤlden iſt's eine riskante Sache. — 39— Sie wiſſen wohl, Gemaͤlde ſind Luxus⸗Ar⸗ tikel; man buͤßt ſein ſchoͤnes Geld dabei ein. Haͤtten Sie Juwelen, Pretioſen— das waͤre etwas Anderes. Und noch dazu laßt ihr Herren Maler euch eure Sachen gern recht honorig bezahlen. He? Sie werden doch wohl ſo ein zehn blanke Thaͤlerchen fuͤr die Bilder haben wollen? He? 1 Zehn Thaler? rief Eßlinger Zorngluͤ⸗ hend. Ich glaube, Herr, Sie ſind— ver⸗ ruͤckt; ſonſt koͤnnten Sie mir kein ſolches Lumpengebot thun.— Hiermit ergriff er ſeine Gemaͤlde, und warf die Thuͤr heftig hinter ſich zu. bi0 MiDer Noch ein Wort, Herr Eßlinger! rief der Maͤkler ihm nach; aber der Maler war ſchon die Treppe hinunter. Keinem Menſchen wuͤnſch' ich Boͤſes— ſagte Eßlinger fuͤr ſich, als er auf der Stra⸗ ße war— aber wenn der Teufel dieſem un⸗ „ — 4 0— verſchämten Kerl, der ſich mit dem Blute, mit den Thraͤnen der Armuth maͤſtet, wenn dieſem der Teufel den Hals braͤche, das waͤ⸗ re ein wahres Gaudium fuͤr mich!— Hei⸗ lige Kunſt, warum biſt du ſo hart gegen deine Juͤnger? Iſt denn unſer Leben etwas Anderes, als ein ewiges Ringen und Kaͤm⸗ pfen mit Hinderniſſen aller Art? mit den bitterſten Entſagungen, mit der nackteſten Duͤrftigkeit, mit Bosheit, mit Neid, mit Anfeindungen, denen wir nur zu oft ſelbſt von unſern Genoſſen in der Kunſt ausgeſetzt ſind? In den Jahren, die ſonſt dem Man⸗ ne, welcher in gemaͤchlicher Thaͤtigkeit ſein Leben zubringt, die kraͤftigſten ſind, iſt durch die endloſen Anſtrengungen der Koͤrper des Kuͤnſtlers ſchon zerruͤttet; wohl ihm, wenn in den Truͤmmern ein Geiſt wohnt, der un⸗ abhaͤngig von der gebrechlichen Huͤlle noch mit freiem kuͤhnem Adlerſchwung der Sonne entgegen ſteigen kann!— Trauriges Ge⸗ ſchick der Kunſt!— Und was ſoll ich nun anfangen? Soll ich heimkehren ohne Geld, um mir vom Jammer meines Weibes, vom Weinen des Saͤuglings das Herz zerreißen zu laſſen? Allmaͤchtiger, ſende Huͤlfe, da⸗ mit ich nicht verzweifelel- 3n In dieſem Augenblicke rufte ein Sil⸗ berſtimmchen: Signor Leonardo! und als er befremdet nach der Rufenden umherblick⸗ te, ſah er in der Thuͤr des Gaſthofes zum Kronprinzen ein Maͤdchen ſtehen, welches ihm winkte. Sie hier, liebe Bianka? rief er hineilend. In Deutſchland? Wie beſindet ſich Ihre Gebieterin, die ſchoͤne Signorg Gabrieli? Sie iſt hier? Gewißlich. O. melden Sie mich bei ihr! naih Ei, wie ungeſtuͤm die Kuͤnſtler ſind! ver⸗ ſetzte Bianka laͤchelnd. Wer ſagt Ihnen denn, daß Signora hier iſt? Der Maler blickte traurig vor ſich hin. Gleich will ich— ſprach das Maͤdchen — 42— mit neckendem Tone— dieſe Falte des Un⸗ muths von Ihrer Stirne vertreiben; ich will blos ſagen, Signora iſt hier, hat Sie vor einer kleinen Weile mit Ihren Gemaͤlden in das Haus gegenuͤber gehen fehen, hat Sie auf den erſten Blick wieder erkannt und mir ſogleich befohlen, mich hieher zu poſti⸗ ren, und Sie, ſobald Sie aus dem Hauſe traͤten, zu ihr 11 bringen.— Folgen Sie mir! 16.— 235— Himmelsbotin! rief der Maler und flog die Treppe hinauf. Bianka oͤffnete ihm das Zimmer. Signora Gabrieli, noch ſo ſchoͤn und bluͤhend, als er ſie vor fuͤnf Jah⸗ ren in Florenz ſah, kam ihm mit freundli⸗ chem Laͤcheln entgegen, reichte ihm die Hand zum Kuſſe und ſagte: Willkommen, Leonar⸗ dol(Laſſen Sie mich immer ſo Sie nennen, denn Sie wiſſen ja, daß ich Ihren harten Zunamen blos mit vieler Anſtrengung aus⸗ ſprechen kann) Wie geht es Ihnen? Sie winkte ihm zugleich, ſich auf der Ottomanne niederzulaſſen und legse ſich ne⸗ ben ihn.— Eßlinger erzaͤhlte, daß er nach ſeiner Ruͤckkehr aus dem Lande der Kunſt ſeinen Wohnſitz hier genommen habe, ſeit Einem Jahre verheirathet, und in voriger Woche von ſeiner Veronika mit einem muntern Kna⸗ ben beſchenkt worden ſey.— Alſo gluͤcklicher Gatte und Vater? ſagte die Gabrieli. Dadurch muͤſſen Ihre Kunſt⸗ leiſtungen ſehr gewonnen haben, und ich wuͤnſchte wohl, Sie machten mir aus den Gemaͤlden, die Sie mitgebracht, kein Ge⸗ heimniß. Eßlinger gerieth in merkliche Verlegen⸗ heit, doch verbeugte er ſich und ſagte: Sig⸗ nora urtheilten immer mit ſo viel Guͤte und Nachſicht uͤber meine Beſtrebungen, daß ich aauch jetzt darauf zu rechnen wage. Er ſtellte die Arria auf und heftete ſeinen — 44— Blick auf das Angeſicht der Beſchauenden, um in ihren Mienen ihr Urtheil zu leſen. O welch ein herrliches Bild! rief die Ga⸗ brieli mit einer Begeiſterung, der man es wohl anſah, daß ſie nicht erkuͤnſtelt war. Wahrlich, dieſes Bild hinzuzaubern, waͤren Sie als Deutſcher nicht vermoͤgend geweſen, wenn Sie nicht in Italien gelebt und Roͤ⸗ merinnen geſehen haͤtten! Nach meinem mur⸗ theil iſt es das Schoͤnſte, was atich von Ih⸗ nen kenne.— Ich ſollte doch meinen(ſiel ihr der Ma⸗ ler in die Rede) die Venus Anadyomene. Ein fluͤchtiges Erroͤthen uͤberzog die Wan⸗ gen der Gabrieli und der Maler fuhr fort: Dieſes Bild, die Arria, malte ich nach der Idee, jenes, die Anadyomene, nach der Wirklichkeit. So wie der Dichter ſich Dasjenige hoͤher anrechnet, was er in der Wirklichkeit empfunden und nun in ſeine Dichtungen verſchmelzt hat, als Dasjenige, was ihm nicht in der Wirklichkeit, ſondern blos als Ahnung begegnet iſt; ſo auch der Maler. Denn Beide, Dichter und Maler, ſind die eng⸗verbundenſten unter den Kuͤnſt⸗ lern. Dante und Correggio, Arioſto und Titian, Taſſo und Raphael, genau betrach⸗ tet, ſind ſie doch nur Ein und derſelbe Geiſt. Ueberhaupt ſollten Kunſtgenoſſen aller Art inniger mit einander verbunden ſeyn, als ſie es ſind; aber es iſt der Fluch der Kunſt, daß ſie nach Brod laufen muß, und dadurch ſondern ſich die Geiſter— Wo gerathen Sie hin? fiel ihm die Sig⸗ nora in die Rede. Sie halten mir eine Vor⸗ leſung uͤber die Schatten⸗ und Nachtſeite der Kunſt, als ob Sie mir dadurch den Ge⸗ nuß Ihres Gemaͤldes verkuͤmmern wollten. — Doch nun zeigen Sie mir auch das zweite. Signora, verſetzte der Maler; dieſes Gemaͤlde kann und darf ich Ihnen nicht zeigen.. Ein Geheimniß? Welches lediglich Sie betrifft. Mich, Leonardo? Sowill und muß ich es ſehn. Dann muͤſſen Sie mir aber auch verge⸗ ben!— Bei dieſen Worten wendete der Maler das an die Wand gelehnte Bild um. Das bin ichl rief die Signora, und Erſtaunen und Befremden miſchte ſich in ih⸗ ren Mienen. Ich bin es! rief ſie noch einmal, indem ſie das Bild mit der Abbil⸗ dung ihres Angeſichts im Spiegel verglich. Leonardo! ſagte ſie darauf und ihre Stimme zittete. Warum malten Sie mich ſo! warum ſo? Haben Sie mich denn in einer einſamen Stunde geſehen? In den Augen der Gebrieli funkelte ei⸗ ne Thraͤne, der Maler ſtuͤrzte zu ihren Fuͤßen und rief: Wollen Sie mir es zur Suͤnde anrechnen, daß ich Ihren Reiz ent⸗ wendete, um damit mein Werk auszuſtat: ten?— Signora, Sie muͤſſen mir verzeihen, denn der Kuͤnſtler iſt gewohnt, alles Schoͤne auf dem Erdboden als ſein Eigenthum zu be⸗ trachten, und damit fuͤr den Zweck ſeiner Kunſt nach Gefallen zu ſchalten und zu wal⸗ ten—⸗ Leonardo! fiel ſie ihm ins Wort. Sie wollen ſich gegen meine Vorwuͤrfe mit Schmei⸗ chelei waffnen, weil Sie wiſſen, daß mein Geſchlecht mit dieſer Waffe am leichteſten zu bezwingen iſt; wie aber— wenn Sie ſich doch hierin hinſichtlich meiner irrten?— Ja ich ſage Ihnen: Sie irren ſich. Fuͤrch⸗ ten Sie meinen Zorn; denn ich werde Sie beim Lord verklagen, daß Sie hinter mei⸗ nem Ruͤcken mich portraͤtirten, und mich als Buͤßerin vor dem Publiko zur Schau aus⸗ ſtellten. Sie moͤgen ſich immer im Voraus auf eine ſtrenge Rechtfertigung gefaßt halten, denn ich zweifle recht ſehr, daß der Lord Ih⸗ nen das Befugniß zugeſtehen wird, welches — Sie fuͤr ſich und uͤberhaupt jeden Kuͤnſtler in Anſpruch nehmen wollen. Blos Einen Weg giebt's fuͤr Sie, mich zu verſoͤhnen. Reden Sie, Signora! rief der Maler, welcher anfaͤnglich beſtuͤrzt geweſen war, jetzt aber ſich erholte, weil ein freundliches Laͤ— cheln auf dem Angeſicht der Signora ihre zornigen Worte Luͤgen ſtrafte.— Sie muͤſſen mir dieſe beiden Gemaͤlde uͤberlaſſen! Unter keiner andern Bedingung erhalten Sie Verzeihung. So iſt mir verziehen, Signora! ver⸗ ſetzte Eßlinger. Die Gemaͤlde gehoͤren Ih⸗ nen, denn in weſſen Beſitz moͤchte ich ſie lie⸗ ber wiſſen? Die Gabrieli ſchloß ihre Chatoulle auf, und legte eine ſchwere Goldrolle in Eßlin⸗ gers Hand mit den Worten: Auf Abſchlag, lieber Leonardo! Es iſt Alles, was ich in dieſem Augenblicke entbehren kann; doch in einigen Tagen trifft der Lord hier ein, ich 49 aͤberraſche ihn mit Ihren ſchoͤnen Gemaͤlden, und mache es ihm zur Pflicht, meine Schuld bei Ihnen abzutragen— 8 Sie belohnten mich ſchon zu reichlich— fiel ihr der Maler in's Wort. Einem Kuͤnſtler— ſagte die Gabrieli, — dem es ſo heiliger Ernſt iſt mit Aus⸗ uͤbung ſeiner Kunſt, wie Ihnen, kann nie zu reichlich vergolten werden; ſchlimm ge⸗ nug, daß manche Nation(ich ziele nicht ge⸗ rade auf die Deutſche) ihre groͤßten Kuͤnſt⸗ ler und ausgezeichnetſten Geiſter darben laͤßt, ſo daß ſie, gedruͤckt von den Verhaͤltniſſen, das nicht leiſten, was ſie unter guͤnſtigern Umſtaͤnden geleiſtet haben wuͤrden. Ein ſo mattherziges Volk verdient eigentlich keinen großen Mann zu beſitzen, er ſchuͤttle den Staub des undankbaren Vaterlandes von ſeinen Fuͤßen, und ſuche bei einem fremden Volke die Anerkennung, welche ſeinem Ge⸗ nie gebuͤhrt, denn es iſt nun einmal eben ſo I. Bdchn.* D — 50— wahr, als traurig, daß die Kuͤnſtler, gleich den Propheten, in ihrem Vaterlande am wenigſten gelten.— Doch genug von die⸗ ſem Gegenſtande, wozu ihre vorigen Aeuße⸗ rungen mir die naͤchſte Veranlaſſung gaben. Jetzt noch eine Frage. Erlaubt es Ihre Zeir; ſo wuͤnſchte ich noch einmal von Ihnen gemalt zu ſeyn, aber ganz getreu, ohne die mindeſte idealiſche Beimiſchung— ich will we⸗ der Anadyomene, noch Magdalena ſeyn— ſondern blos Gabrieli. Dieſes einfache, aber getreue Bild habe ich dem Lord zum Geſchenk beſtimmt; ich gehe von hier nach Paris, er verlaͤßt Deutſchland und kehrt auf ſein Landgut bei London zuruͤck. Wir tren⸗ nen uns, um vielleicht einander nie wieder zu ſehen.... Leonardo, meine Seele iſt voll Wehmuth. Wollen Sie mich malen? Sie duͤrfen befehlen, Signora, wenn ich mich einfinden ſoll! verſetzte er. Wollen Sie uͤbermorgen? Ich komme! ſagte er, und indem er noch einmal den Blick Abſchied nehmend auf ſeine Bilder wendete; war in ſeinem ver⸗ dunkelten Auge der tiefe Schmerz zu le⸗ ſen, den ihm die Trennung koſtete. Er er⸗ griff haſtig die Hand der Signora, preßte ſie an ſeine Lippen und eilte aus dem Zim⸗ mer. Draußen fragte ihn Bianka laͤchelnd: Wenn kommen Sie wieder, Signor Leon⸗ ardo? aber ſtatt der Antwort druͤckte er ihre Hand ſo kraͤftig, daß ſie laut aufſchxie, und als ſie von der Signora ins Zimmer geru⸗ fen und um die Urſach des Geſchreis befragt wurde, ſagte ſie weinerlich⸗ſtotternd: Die Herren Maler haben eine recht derbe Art, uns die Haͤnde zu druͤcken! Laͤchelnd drohte ihr die Signora mit aufgehobenem Finger. Eßlinger lernte vor fuͤnf Jahren, als er ſeiner Kunſtſtudien wegen in Florenz ſich aufhielt, die ſchoͤne Saͤngerin Gabrieli durch D 2 — 52— ihren Geliebten, den Lord Woodſon, auf eine Art und Weiſe kennen, die allerdings ungewoͤhnlich zu nennen iſt. Der Lord, durch ſeine unermeßlichen Reichthuͤmer in den Stand geſetzt, ſeine Gemaͤldeliebhaberei— eigentlicher: ſeine Gemaͤldewuth— unein⸗ geſchraͤnkt zu befriedigen, unterhielt das leb⸗ hafteſte Verkehr mit den Kuͤnſtlern in Flo⸗ renz, und kaum bemerkte man bei irgend einem Maler ein ausgezeichnetes Stuͤck(es mochte vollendet oder noch unvollendet ſeyn), ſo erfuhr man: es ſey Beſtellung des Lords Woodſon oder doch fuͤr dieſen beſtimmt. Daß die Kuͤnſtler ſo gern fuͤr den Lord arbeiteten, davon lag der Grund weniger in der reichen Belohnung, die ſie fuͤr ihre Stuͤcke erhielten, als vielmehr in der eignen Art, wie er mit ihnen umging; denn wegen des aͤußerſt reizZbaren Temperaments, welches ihnen faſt ohne Ausnahme eigen iſt, verlan⸗ gen Kuͤnſtler eine beſonders zarte Behandlung. „ —— - 33— Wenn man ſonſt Schroffheit, Unzugaͤng⸗ lickkeit, Wortkargheit faſt allgemein— und wohl nicht ganz mit Unrecht— als National⸗ charakter des Britten anzuſehen gewohnt iſt, ſo wuͤrde man nach dieſen Vorausſetzungen in Lord Woodſon ſchwerlich den Britten er⸗ kannt haben; vielmehr hatte ſein Charakter etwas Eigenthuͤmliches von beinahe allen Nationen Europas angenommen, denn er verband den Ernſt des Britten mit der Leich⸗ tigkeit des Franzoſen, dem Feuer des Itali⸗ eners, der Gemeſſenheit des Spaniers, dem Gradſinn des Deutſchen, dem Freimuth des Polen. Dieſe Vereinigung(oder richtiger: Verſchmelzung) aller jener Geiſteseigenthuͤm⸗ lichkeiten verſchiedener Voͤlker in dem Cha⸗ rakter des Lords war eine Folge ſeiner viel⸗ jaͤhrigen Reiſen durch die meiſten Laͤnder Europas, ſeines Umgangs mit den vornehm⸗ ſten und gebildetſten Klaſſen. Er hatte ſich dadurch zum vollkommenen Weltmann ge⸗ 4— — 54 bildet und jenen ſchnellen und richtigen Ue⸗ berblick aller Verhaͤltniſſe des Lebens ſich er⸗ worben, vermoͤge deſſen er, je nachdem es die Umſtaͤnde erheiſchten, Andern bald zu imponiren, bald ihnen zu ſchmeicheln, bald ihnen mit Spott und Kaͤlte zu begegnen, bald ihnen einnehmend und liebenswuͤrdig zu er⸗ ſcheinen verſtand. Sein Scha fblick in Be⸗ urtheilung verſchiedener Individualitaͤten machte es ihm moͤglich, ͤber die Kuͤnſtler⸗ welt, die ſonſt nicht leicht den Zwang der Unterthaͤnigkeit traͤgt, ſo zu herrſchen, daß ſie ſeine Befehle gern annahmen und aus⸗ fuͤhrten; ja man kann ſagen, die Kuͤnſtler riſſen ſich um die Ehre, fuͤr den Lord zu ar⸗ beiten. Im Widerſpiel anderer Reichen, die, auf ihre Gluͤcksguͤter ſtolz, einen vor⸗ nehmen Ton gegen den Kuͤnſtler anſtimmen und nicht undeutlich verrathen, daß ſie fuͤr Beſchuͤtzer der Kunſt angeſehn und als ſolche geehrt und geſchmeichelt ſeyn wollen, wenn — 55— ſie auch nichts thun, als daß ſie dem Kuͤnſt⸗ ler einen maͤßigen Preiß fuͤr ſein Werk be⸗ zahlen, druͤckte der Lord in ſeinem Umgange mit den Kuͤnſtlern die hoͤchſte Achtung und die ungeheucheltſte Verehrung ihrer Kunſt aus; oft, wenn er ein vortreffliches Gemaͤl⸗ de ſah, ſchloß er voll Feuer den Maler in ſeine Arme, aͤußerte dann mit einiger Schuͤchternheit, er wuͤrde ſich gluͤcklich fuͤh⸗ len, wenn er dieſes Stuͤck ſein Eigenthum nennen koͤnne, doch muͤſſe er geſtehn, es ſey unſchaͤtzbar, und keine dem Werthe des Kunſtwerks angemeſſene Belohnung ausfin⸗ dig zu machen. Durch dieſe wohlberechneten Aeußerungen war der Kuͤnſtler gewonnen, das Gemaͤlde war Eigenthum des Lords, und um keinen Preiß haͤtte es ein Anderer be⸗ kommen, haͤtte er auch zehnfach die Summe zahlen wollen, die der Lord zahlte. Mie ſeinen hervorſtechenden geiſtigen Ei⸗ genſchaften vereinigte aber auch der Lord alle — 56— koͤrperlichen Vorzuͤge, welche zum Bilde ei⸗ ner ſchoͤnen Maͤnnlichkeit gehoͤren. War ir⸗ gend Jemand von der Natur zum Lieblinge des ſchoͤnen Geſchlechts beſtimmt, ſo war es der Lord. Es boten ſich ihm viele Liebes⸗ abentheuer an, denn wie konnte dies anders ſeyn in dem Lande, wo das Cicisbeat ein⸗ heimiſch, wo das Weib uͤberhaupt— gleich⸗ ſam aufgefordert durch das Klima und die uͤppige Natur— feuriger, freier, gewand⸗ ter, zu Intriguen geneigter iſt, als in den Nordlaͤndern?— Allein der Lord wich mit Klugheit und Geſchick allen dieſen Abentheu⸗ ern aus; die ſchoͤne Gabrieli, welche damals als erſte Saͤngerin in Florenz glaͤnzte, hat⸗ te einzig ſein Herz und ſeine Sinne gefan⸗ gen genommen. Ausgeſtattet mit den hoͤch⸗ ſten koͤrperlichen und geiſtigen Reizen, ver⸗ diente ſie den Vorzug, den ihr der Lord vor allen Florentinerinnen gab. Sie war eine Deutſche, aus Paſſau gebuͤr⸗ — 567— tig*), aber noch nicht zwoͤlf Jahre alt von einem durch ihren Geburtsort reiſenden ita⸗ lieniſchen Opernkomponiſten, der in dem Maͤdchen vorzuͤglich Anlage fuͤr Muſik ent⸗ deckte, mit nach Italien genommen, von ihm erzogen und zur Saͤngerin gebildet worden. So wie ſie oͤffentlich auftrat, legte ſie ihren deutſchen Namen ab und nannte ſich Anto⸗ nia Gabrieli. Das Verhaͤltniß des Lords zur Gabrieli war ganz offen und frei; ſie wohnte in Wood⸗ ſons Hotel, er fuhr mit ihr aus, beſuchte mit ihr die gläͤnzendſten Geſellſchaften, und nachdem das Publikum(welches eigentlich auͤberall eins und daſſelbe iſt) ſich in bittern Anmerkungen und Stichelreden uͤber dieſes Verhaͤltniß erſchoͤpft hatte, ohne den minde⸗ ſten Erfolg zu ſehn, war es ruhig. Der *) Arndt nennt dieſe Stadt eine der ſchönwei⸗, brigen Städte Oeutſchlands. Reiſen f. 97. Lord ſagke: Das Publikum iſt ein Hund; wenn man ungeſtoͤrt ſeine Straße fortgeht und ihn bellen und klaͤfern laͤßt nach Gefal⸗ len, ſo wird er am Ende ſelbſt das Bellen müde und man kommt von ihm los, ohne gebiſſen zu werden. Eßlinger hatte damals ſein erſtes Ge⸗ maͤlde ausgeſtellt:„Pſyche, wie ſie den ſchlummernden Amor belauſcht,“ und wurde dadurch dem Lord bekannt. Der Lord zahlte dem Kuͤnſtler einen hoͤhern Preiß dafuͤr, als den geforderten, und lud ihn einige Tage nachher zu ſich ein. Es wurde ein Fruͤhſtuͤck aufgetragen; ſie befanden ſich allein. Herr Eßlinger, fing der Lord an, Sie haben durch Ihr Gemaͤlde ſo hohe Erwartungen von Ih⸗ rem Talent in mir erregt, daß es mich freu⸗ en wuͤrde, wenn Sie ſich entſchloͤſſen, die Idee zu einem neuen Gemaͤlde, die ich Ih⸗ nen angeben werde, fuͤr mich auszufuͤhren. Erlauben Sie mir aber, bevor ich Ihnen — 59— das Naͤhere mittheile, eine Bemerkung uͤber Ihre Pſyche. Die Figur ſcheint mir zu un⸗ belebt, zu kalt, ſo daß ich glaube, Sie ha⸗ ben den weiblichen Koͤrper nur nach Bild⸗ werken und Gemaͤlden, nicht nach der Natur ſtudirt. Geſtehn Sie mir offenherzig: Ha⸗ ben Sie ſchon ein Weib ohne Huͤlle geſehen? Haben Sie ſchon eine Nacht in den Armen eines Weibes genoſſen? Ein leichtes Roth flog uͤber die Wange des Juͤnglings, das Feuer der Unſchuld ſtrahlte aus ſeinem dunkeln Auge und er ſag⸗ te mit Feſtigkeit: Nein! Dann freilich— verſetzte der Lord— finde ich die Kaͤlte, die ich an der Figur Ih⸗ rer Pſyche tadelte, ſehr erklaͤrlich. Junger Freund! Das Weib iſt die Krone, das Mei⸗ ſterſtuͤck der Schoͤpfung. Selbſttaͤuſchung und Luͤge aber iſt es, wenn der Kuͤnſtler glaubt, durch Bildſaͤulen und Bilder zur Darſtellung des Herrlichſten und Schoͤn⸗ — 60— ſten auf dem Erdboden ſich begeiſtern zu koͤn⸗ nen. Seine Begeiſterung iſt erkuͤnſtelt und matt, wie die des Dichters, wenn er vom Gluͤck der Liebe ſingt, ohne es genoſſen zu haben. Erſt muͤſſen Sie das Weib ſehen in aller Pracht, mit welcher der Schoͤpfer es ausſtattete, erſt muͤſſen Sie an einer po⸗ chenden Bruſt, in einer gluͤhenden Umar⸗ mung die Seligkeit gefuͤhlt haben, die das Weib dem Manne zu gewaͤhren vermag, dann werden Sie im Stande ſeyn, durch Ihren Pinſel ein ſchoͤnes Weib zu verewigen. Als der Maler ſchwieg, fuhr der Lord fort: Ich wollte Sie auffordern eine Venus fuͤr mich zu malen, wie ſie dem Schaume des Meeres entſteigt; doch uͤberzeuge ich mich nunmehr, daß dieſe Aufgabe fuͤr Sie zu ſchwierig—— Ein Verſuch wuͤrde vielleicht das Gegen⸗ theil beweiſen— unterbrach ihn der belei⸗ digte Maler. Das Bild— ſprach der Lord weiter, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen— ſollte in Lebens⸗ groͤße ſeyn; als Modell ſollte Ihnen das ſchoͤnſte Weib in Florenz(vielleicht das ſchoͤn⸗ ſte in ganz Italien) dienen; allein, wie ge⸗ ſagt, ein ſolches Werk uͤberſteigt, wenig⸗ ſtens fuͤr jetzt, Ihre Kraͤfte— Wie, Lord? uuterbrach ihn der Maler aufs Neue. Sie geſtehn mir Talent zu, Sie tadeln blos eine gewiſſe Kaͤlte meiner weiblichen Figuren, Sie meinen, daß ſich dieſe Kaͤlte, ſobald ich zum Anſchauen le— bendiger Schoͤnheit gelange, verlieren wer— de. Sie wollen mir dazu verhelfen, indem zum Bilde Ihrer Liebesgoͤttin das ſchoͤnſte Weib Italiens mir als Modell dienen ſoll. und dennoch— ſteht dies nicht in offenba⸗ rem Widerſpruch mit Ihren anfaͤnglichen Aeußerungen?— dennoch erklaͤren Sie mich immer noch fuͤr unfaͤhig, Ihre Aufgabe zu loͤſen. * — 62— Ein ſarkaſtiſches Laͤcheln umſchwebte die Lippen des Lords. Wo wollen Sie— frag⸗ te er— die Ruhe und den Muth hernehmen, die entſchleierten Reize eines ſchoͤnen Wei⸗ bes blos mit dem Auge des Kuͤnſtlers zu be⸗ trachten? Juͤngling, der ungewohnte Anblick wird Ihre, noch durch keinen Genuß erkal⸗ tete und geſchwaͤchte Begierde zu einer ra⸗ ſenden Flamme anfachen, wie ein Feuer⸗ ſtrom wird das Blut in Ihren Adern toben; die vermeſſene Hand, welche die uͤppigen Formen auffaſſen will, wird bebend nieder⸗ ſinken. Sie trauen mir zu wenig Ruhe und Selbſtbeherrſchung zu! ſagte Eßlinger mit Beſtimmtheit und ſchien gekraͤnkt. Der Lord ſchwieg eine Weile. Wohlan! ſagte er endlich. Es gelte einen Verſuch! Entweder beweiſen Sie mir dadurch, daß ich Ihnen Unrecht gethan habe, oder Sie zeigen, daß Sie mit Ihrer Selbſtbeherr⸗ —— ſchung geprahlt haben. Wenn Sie entſchloſ⸗ ſen ſind, dieſen Verſuch zu wagen; ſo fin⸗ den Sie ſich Morgen Adend, mit Ihrem Apparat verſehen, wieder bei mir ein. Der Maler kam, der Lord bewillkomm⸗ te ihn freundlich. Er klingelte; der Be⸗ diente brachte zwei Flaſchen Zyperwein und zwei Kelchglaͤſer, goß ſie voll und entfernte ſich wieder. Mit Uebergehung des eigentli⸗ chen Punkts beruͤhrte der Lord Anfangs blos gleichguͤltige Gegenſtaͤnde; erſt nach einer Weile ſagte er: Nun, lieber Eßlinger! Be⸗ harren Sie noch bei ihrem geſtrigen Ent— ſchluſſe, und wollen Sie mir Ihr Ehrenwort verpfaͤnden, ſich von der Sinnlichkeit zu kei⸗ ner Vergeſſenheit Ihrer ſelbſt hinreißen zu laſſen? Keine Frage! antwortete Eßlinger nicht ohne Stolz, und der Lord verließ darauf das Zimmer. Der Maler ſtuͤrzte das Glas aus, und ging in brennender Erwartung — 64— mit raſchen Schritten einigemal die Stube auf und nieder, bis der Lord zuruͤckkam, ihn ſchweigend bei der Hand faßte und mit ſich fortzog. Sie waren durch zwei leere Ne⸗ benzimmer gegangen; jetzt oͤffnete der Lord ein drittes, und ſagte: Treten Sie ein und gedenken Sie Ihres Verſprechens! Dem Maler ſchwand der Athem aus der Bruſt, als er in das Zimmer trat. Nicht die Wohlgeruͤche, die ihm entgegenwallten, berauſchten ihn, ſondern der Anblick des ſchoͤnen Weibes, das, hingegoſſen auf eine Ottomanne, dem Bilde der buͤßenden Mag⸗ dalena von Battoni fehr aͤhnlich war. Das niedergeſenkte Haupt war auf den vollen Arm geſtuͤtzt, die Locken fielen uͤber die ſchneewei⸗ ßen Schultern, welche ſo weit entbloͤßt waren, daß man noch das Thal erkannte, welches die beiden Huͤgel der Bruͤſte von einander ſcheidet. Sie trug kein Gewand; blos ein Stuͤck hellblaue Seide war kunſtlos um ih⸗ ——4— — — 65— ren Leib geſchlagen, und bedeckte ihn bis uͤber die Waden; ſo daß nur noch die klei⸗ nen wie aus Wachs geformten Fuͤße ſichtbar waren. Der Lord druͤckte den Maler an die Wand und ſagte mit einem etwas auffallenden To⸗ ne: Hier ſtehen und ſehen Sie!— Dann ging er zu der ſchoͤnen Ruhenden, und ſprach: Signora, ich bitte Sie! wobei er die Seide von ihrer Schulter uͤber die Bruſt herabzog. Sie erhob ſich von ihrem Lager, der Lord umfaßte ſie und entrang der ſich Straͤuben⸗ den die ſeidene Huͤlle. Jetzt ſtand ſie vor dem Maler, wie Eva, die Mutter der Men⸗ ſchen, vor Adam ſtand, als Gott, der Herr, ſie aus deſſen Rippe erſchaffen hatte. Sie ſenkte das Haupt, legte den rechten Arm uͤber ihre Bruſt und mit dem Linken verülli ſie ihren Schoos. Aphrodite! rief Eßlinger gluͤhend, und ſtuͤrzte, ſich und ſein Verſprechen ver⸗ 1. Bdchn.— E — 66— geſſend, mit offenen Armen auf das ſchoͤne Weib zu, aber der Lord ſtreckte ihm die ge⸗ ballte Fauſt entgegen und rief mit funkelnden Augen: Zuruͤck, Tollkuͤhner! dann wand er raſch die ſeidene Huͤlle wieder um den Leib des Weibes und ſagte: Entfernen Sie ſich, Signora!— Sie entſchwand in ein an⸗ ſtoßendes Kabinet, der Lord aber faßte den beinahe ohnmaͤchtigen Maler hart bei der Schulter und ſchob ihn aus dem Zimmer in dasjenige, wo ſie zuerſt geweſen waren. Hier warf er ihn in einen Stuhl und ſagte mit veraͤchtlichem Tone zu ihm: Sie ſind ein Prahler und zugleich ein albernes Kind, Eß⸗ linger! Wollen Sie es nicht verſtaͤndiger an⸗ fangen, ſo werden Sie nie etwas in der Kunſt leiſten. Der Maler ſprang auf und ſagte heftig: Lord, Sie legen es darauf an, mich zu be⸗ leidigen! Meinen Sie? verſetzte der Lord mit Kaͤl⸗ 8 a — 6ͤ— te.— Dieſe Muͤhe, junger Menſch, gebe ich mir nicht mit Ihnen. Wollen Sie Ihre pedantiſchen Grundſaͤtze, wollen Sie das Phantom— Unſchuld genannt— der Kunſt nicht aufopfern, ſo werden Sie in Ewigkeit ein kindiſcher Maler oder als Ma⸗ ler ein Kind bleiben. 4 Ehlinger ſchuͤttelte heftig den Kopf, um damit ſeine Mißbilligung der vom Lord aus⸗ geſprochenen Grundſaͤtze auszudruͤcken. Der Lord ſchien nicht darauf zu achten. Love is heaven and heaven is love!*) rief er und fuͤllte die Glaͤſer. Trinken Sie, Ma⸗ ler, damit Sie Verſtand bekommen. Aber verſtehn Sie mich recht; ich ſpreche von kei⸗ ner uͤberirdiſchen Liebe, nicht von der ſoge⸗ nannten Platoniſchen, die ein Unding iſt. Genuß, glauben Sie mir, iſt das hoͤchſte — E 2 *) Worte aus Walter Seotts Tady of the lake. * — 68— in der Liebe, und die hellloderndſte Flamme erliſcht, wenn die Geliebte den Liebenden— oder umgekehrt— darben laͤßt. Alſo genie⸗ ßen Sie! Hier in Florenz finden Sie mehr als Ein Haus der Freude, und drinnen lie⸗ benswuͤrdige Maͤdchen genug, von denen Sie eine ſchoͤne Nacht um billigen Preiß erkaufen koͤnnen. Nach einer ſolchen Nacht kommen Sie wieder zu mir, dann werden Sie ver⸗ nuͤnſtiger und brauchbarer ſeyn— Apage, Satanas! murmelte der Maler fuͤr ſich und griff nach dem Hute. Sie wol⸗ len fort? fragte der Lord. Ich fuͤhle mich außer Stande, verſetzte jener, Ihre Aeuße⸗ rungen laͤnger mit Ruhe anzuhoͤren! und empfahl ſich. Er ſtuͤrmte die Treppe hinunter und befand ſich erſt wohl, als er im Freien war. 8 Der Zyperwein brauſte in ſeinen Adern, das Bild des ſchoͤnen Weibes tanzte vor ſei⸗ — — 69— nen Augen, die Worte des Lords hallten in ſeinem Innern wieder. Er taumelte uͤber die Straße und kannte ſich ſelbſt nicht mehr; eine verzehrende Sehnſucht, deren Gegen⸗ ſtand er nicht zu nennen wußte, brannte in ſeinem Herzen; alle ſeine Lebensgeiſter wa⸗ ren in Aufruhr. Es war anbrechende Nacht. Aus den hell erleuchteten Fenſtern eines ſchoͤnen Hau⸗ ſes am Marktplatze flogen die Toͤne einer luſtigen Muſik. Er erinnerte ſich, gehoͤrt zu haben, daß dieſes Haus ein Bordell ſey, deshalb war er ſonſt immer voll Abſcheu und mit fluͤchtigen Schritten, wie ein Verfolg⸗ ter, vorbeigeeilt. Sonderbar! heute blieb er ſtehen und blickte in Gedanken verloren die hellen Fenſter an. Da fuͤhlte er ſich von einem fremden Arm bei der Schulter gefaß, und als er den Kopf wendete, ſtand ſein Freund, der Bildhauer AUlrich Pirkheimer, hinter ihm. Gu⸗ ten Abend, Landsmann! ſagte er lachend. Nimm's mir nicht uͤbel, daß ich lache, und noch dazu uͤber Dich. Du ſtehſt ja hier, wie Herkules am Scheidewege. Aus den Fenſtern gegenuͤber ſchallt buhleriſche Muſik, und in der Kirche hinter Deinem Ruͤcken laͤu⸗ ten ſie die Vesper ein. Wahrſcheinlich uͤber⸗ legſt Du, was zweckmaͤßiger ſey, das Got⸗ teshaus zu beſuchen oder das Freudenhaus? Ich rathe Dir zum letztern, aus dem ganz einfachen Grunde, weil ich ſelbſt dahin will, denn das wirſt Du doch zugeben, daß Du keinem beſſern Beiſpiele folgen kannſt, als dem meinigen?— Pirkheimer griff bei dieſen Worten Eß⸗ lingern untern Arm und zog ihn in's Haus. Er befand ſich— eigentlich wußte er nicht, wie er dahin gekommen?— in einem pracht⸗ vollen Spiegelſaal unter einem Chore tan⸗ zender Maͤdchen, die in wolluͤſtigen, die Sinnlichkeit aufregenden Bewegungen und — 71— Stellungen wetteiferten. Pirkheimer haſch⸗ te eine Nymphe und zog ſie auf ſeinen Schoos, und Eßlinger wußte nicht, wie ihm geſchah, als ploͤtzlich ein freundliches Maͤdchen an ſeinem Halſe hing und ſeinen Mund mit dur⸗ ſtigen Kuͤſſen bedeckte. Wie du gluͤhſt, ſchoͤ⸗ ner Junge! lispelte die Sirene und ſtrich ihm das krauſe Haar von der Stirne. Komm doch mit, komm mit mir!— Sie zog ihn aus dem Saale in einſames Gemach, und hier ..... zerſiel das Kleid ſeiner Unſchuld in Aſche. Die Morgendaͤmmerung kaͤmpfte mit der Nacht um den Sieg, als er den Weg nach ſeiner Wohnung nahm. Das Nachgoefuͤhl der genoſſenen Luſt durchſchlich mit milder Waͤrme ſeine Adern, er fuͤhlte ſich unge⸗ woͤhnlich aufgeregt zum Erfinden, zum Schaf⸗ fen; aber ſchuͤchtern wandte ſein Auge ſich ab von dem Madonnenbilde, was er begon⸗ nen hatte. Matt, todt, ja ganz fremd kam — 72— ihm ſein Werk vor, denn der Genuß der ver⸗ gangenen Nacht und die Erſcheinung des ſchoͤ⸗ nen Weibes, das er beim Lord geſehen, hat⸗ ten ſeiner Phantaſie eine ganz andere Rich⸗ tung gegeben. Nicht fuͤr die himmliſche, ſondern fuͤr die irdiſche Liebe fuͤhlte er ſich jetzt begeiſtert. Ja,— rief er aus— in dieſem Au⸗ genblicke muß eine Venus Anadyomene mir gluͤcken, oder ſie gluͤckt mir nie. Stol⸗ zer Lord, ich will mich an dir raͤchen. Du haſt mich wie einen Knaben behandelt, be⸗ ſchaͤmt ſtand ich vor Dir; nun bin ich Mann geworden, und nun ſollſt Du vor mir er⸗ ſchrecken, daß ich Mann bin. Es ließe ſich ohne Muͤhe aus der Ge⸗ ſchichte nachweiſen, daß keine Leidenſchaft des Menſchen gewaltigere Wirkungen her⸗ vorgebracht hat, als der Ehrgeiz. Bei Eß⸗ lingern verbuͤndete ſich noch dazu, da der Lord ihn nicht blos als Kuͤnſtler beleidigt, ſondern ihn auch als Menſchen veraͤchtlich behandelt hatte, mit dem Ehrgeize die Ra⸗ che, welche Leidenſchaft ein neuer Apologet derſelben*) ein Schwert der Gerechtigkeit nennt, geſchmiedet in ewiger Liebe, geſchlif⸗ fen am hoͤchſten Verſtande, geweiht vom tief⸗ ſten Schmerze. Beeide Leidenſchaften alſo waren es, wel⸗ che vereinigt Eßlingern zu einem Gemaͤlde der meerentſtiegenen Venus befeuerten. Waͤhrend er an dem Bilde arbeitete, war ſein Zimmer verſchloſſen, er ging nicht aus und ließ Alle, die ihn zu beſuchen kamen, abweiſen, nicht blos, um ſich ungeſtoͤrt der Vollendung des Gemaͤldes widmen zu koͤn⸗ nen, ſondern auch, um ſein Werk von Nie⸗ mandem erblicken zu laſſen. Er arbeitete emſig, und nach Verlauf von ungefaͤhr funfzehn Tagen war das Stüͤck, *) L. Achim von Arnim. — — 74 trotz ſeines bedeutenden Umfangs, fertig. Er unterwarf es dem Urtheile des ſtrengſten Kunſtrichters, naͤmlich ſeinem eigenen, und durfte ſich mit geheimem Triumphe geſtehen, daß das Bild in hohem Grade gelungen zu nennen ſey. Es war ganz nach der Idee des Lords; bei der Darſtellung ſelbſt hatte Eßlinger einige Worte aus dem ſchoͤnen la⸗ teiniſchen Gedichte Pervigilium Veneris im Sinne gehabt. Die Liebesgoͤttin wurde in einer Muſchel ſtehend von den entzuͤckten Wellen dem bluͤhenden Ufer entgegengetra⸗ gen. Neugierig tauchten die Nereiden aus der Fluth empor, froͤhliche Delphine ſpran⸗ gen um die Schifferin her, Himmel und Erde ſchien die Neugeborene mit Jauchzen zu begruͤßen,— ſo glaͤnzte der Himmel, ſo bluͤhte die Erde!— die meiſte Freude aber hatte Eßlinger daruͤber, daß in der Geſtalt und beſonders im Antlitz der Liebesgoͤttin das Urbild, die ſchoͤne Gabrieli— dieſe — 75— naͤmlich war es, die der Maler beim Lord ſah— nicht zu verkennen war. Nunmehr ließ Eßlinger beim Lord um Erlaubniß bitten, ein eben vollendetes Ge⸗ maͤlde ihm zeigen zu duͤrfen; ſein Beſuch wurde angenommen, und er begab ſich ſo⸗ fort in Begleitung des Bildes, welches er wohl verhuͤllt ſich nachtragen ließ, in Wood⸗ ſons Hotel. Der Lord ſchien den fruͤhern Vorfall ganz zu ignoriren, denn er war(oder ſtellte ſich doch) ausnehmend freundlich gegen den Maler. Ich dacht' es wohl— fing er ſcherzend an— daß Sie mit einem Werke fuͤr die Ewigkeit beſchaͤftigt ſeyn muͤßten, weil meine Schwelle ſich kaum erinnert, wenn ſie zum letzten Male die Ehre hatte, von Ih⸗ nen betreten zu werden. Der Ton, in welchem der Lord ſprach, war eigentlich Eßlingern nicht der rechte; viel lieber waͤre es ihm geweſen, wenn der Lord ihn geringſchaͤtzig behandelt hoͤtte, denn er war vorbereitet, ihn heute mit gleicher Muͤnze zu bezahlen. Er ſuchte ſich indeß einige Genugthuung dadurch zu verſchaffen, daß er einen ironiſchen Ton anſtimmte. Lord!— begann er— ich weiß nicht, ob Sie ſich deſſen noch entſinnen, wir ſprachen doch letzthin von einer Venus?— ich brin⸗ ge ſie mit. Was! fragte Woodſon. Sie haͤtten ei⸗ ne Venus gemalt; Eßlinger, Sie? Parodirend erwiederte dieſer: Ja, Eß⸗ linger, ich!— Sie ſollen das Bild ſehen und dann nach Ihrem Gewiſſen urtheilen, ob ich noch den Titel eines kindiſchen Malers verdiene?— Damit Sie aber den voll⸗ kommnen Eindruck des Bildes empfangen, erſuche ich Sie, ſich ſo lange zu entfer⸗ nen, bis ich es gehoͤrig aufgeſtellt habe. Ohne etwas zu erwiedern, ging der Lord in das anſtoßende Zimmer; der Maler ſtell⸗ te hierauf ſein Bild in das vortheilhafteſte Licht, und rief, als er damit fertig war: Nun,— Lord Woodſon,— iſt's gefaͤl⸗ lig 8-. Einen Augenblick blieb der Lord, vom Erſtaunen gefeſſelt, in der Thuͤr ſtehen, dann ſtuͤrzte er auf Eßlingern zu, der mit der Miene eines Triumphators da ſtand, und rief: Wer hat Ihnen bei dieſem Bilde ge⸗ holfen, ein Engel oder.. 2 „Ein Teufel!“ ſiel ihm der Maler ins Wort.„Ja, Lord! Dieſes Bild iſt ein Werk der Suͤnde; eigentlich iſt es Ihr Werk, denn Sie haben die Pfeiler meiner Grund⸗ ſaͤtze, die ich fuͤr unzerbrechlich hielt, nieder⸗ geſtuͤrzt.“— Der Lord ſagte lachend: Sie haben— wie ich durch meine Spione erfuhr— an jenem Abende, wo wir eine allerdings merk⸗ wuͤrdige Unterredung hatten, ein gewiſſes Haus beſucht, und ich freute mich daruͤber, daß Sie Belehrung angenommen. Ich will — 76— nicht hoffen, daß Sie jetzt deswegen Gewiſ⸗ ſensbiſſe fuͤhlen. Ja, ich fuͤhle ſie,“ verſetzte Eßlinger heftieg,„und werde ſie ewig fuͤhlen. Fluch der Begeiſterung, die der Kuͤnſtler mit einer Suͤnde erkauft!— Ich zeigte Ihnen dies Bild, um Ihnen zu beweiſen, daß ich eine Liebesgoͤttin zu malen wohl im Stande bin, aber um dieſen Preiß male ich keine wieder, und dieſes Bild ſoll mir ein warnender En⸗ gel ſeyn, wenn je wieder aufkeimende Sinn⸗ lichkeit zu einer aͤhnlichen Verirrung mich hinzureißen droht.“ Eßlinger umfaßte, in⸗ dem er dieſes ſagte, das Gemaͤlde und ſchien es forttragen zu wollen. Halt! donnerte der Lord und faßte den Arm des Malers. Das Gemaͤlde gehoͤrt mir, denn erſtens habe ich es bei Ihnen beſtellt, zweitens haben Sie die Gabrieli geſehen, wie ſie außer mir noch von keinem Menſchen geſehen worden iſt; dies iſt ihr — 79= Koͤrper, ihr Geſicht!— und drittens, viertens und fuͤnftens gehoͤrt das Bild mir, weil ich es durchaus haben will und muß. Sie kommen mit demſelben nicht aus dieſem Zimmer. „Halt!“ rief der Maler eben ſo, und hielt das Bild feſter.„Was wollen Sie? Aus einem einzigen Grunde, der aber ſchwe⸗ rer wiegt, als funfzig Ihrer Gruͤnde, ge⸗ hoͤrt das Bild nicht Ihnen, ſondern mir — naͤmlich, weil es Beinalt habe, und Sie nicht!“⸗ Wollen Sie mir es— ſagte der Lord mit Hitze— in Guͤte nicht abtreten, ſo muß ich mich ſeiner mit Gewalt bemaͤchtigen, denn ich ſage Ihnen: Sie duͤrfen das Bild durch⸗ aus nicht zuruͤcknehmen. „Gewalt?“ fragte der Maler.„Sie bedenken wohl nicht, daß es Geſetze giebt— 2 Konnexionen, Freund!— lachte der Lord— ſind beſſer, als das klare Recht, und wo die Loͤwenhaut nicht zureicht, ſagte ſchon Lyſander, muß man einen Streifen vom Fuchsbalg daran naͤhen. „Macchiavelli'ſche Grundſaͤtze!“ rief Eßlinger. Aber bei mir kommen Sie da⸗ mit nicht aus. Ich wage das Aeußerſte. Ich wende mich an das Gericht. Und ſelbſt, wenn Sie unverhoffter Weiſe Recht behalten, werden Sie doch proſti⸗ tuirt!““ Menſch, maͤßigen Sie ſich! ſchrie der Lord. Wenn Sie mich auf das Aeußerſte treiben; ſo zerreiße ich das Bild, und dann iſt unſer Streit geſchlichtet. „Ja, wenn Sie das thun wollen,“ verſetzte der Maler mit Eiskaͤlte,„dann iſt allerdings unſer Streit zu Ende; ich ver⸗ liere das Bild, ſo wie Sie es verlie⸗ ren.“ 8 3 Der Lord ſtutzte, ſuhr mit der Hand uͤber — 8¹— die Stirne und ſagte nach einer Pauſe: Viel⸗ leicht koͤnnen wir uns friedlich vertragen. Erlauben Sie wenigſtens, daß noch Jemand Ihr Bild ſehn und bewundern darf. Ohne etwas zu erwiedern, trat Eßlin⸗ ger, waͤhrend der Lord das Zimmer verließ, an's Fenſter, und blickte gedankenlos hin⸗ aus, bis ein Geraͤuſch hinter ſeinem Ruͤcken ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Die Gabrieli ſtand mit dem Lord vor ſeinem Gemaͤlde. Wie der Maler ſich umwendete, ſprach Woodſon: Jetzt bitte ich Sie, Signora! Bedienen Sie ſich des ganzen Uebergewichts Ihres Geſchlechts uͤber das unſrige, um gegenwaͤrtigen Trotzkopf zu bewegen, daß er dieſes Bild mir uͤberlaͤßt. Ich habe des⸗ halb ſchon meine ſchoͤnſten Worte an ihn ver⸗ ſchwendet, aber ohne Erfolg. Ein Gemiſch von Hoheit und Freundlich⸗ keit, welches ihr ſo wohl ſtand, lag auf dem Angeſicht der Signora, indem ſie ſich an k. Bdchn. 58 — 3⁸— unſern Maler wendete: Wenn meine Bit⸗ ten irgend etwas vermoͤgen... fing ſie an, und ſchon der Floͤtenton ihrer Stimme reichte hin, das haͤrteſte Maͤnnerherz zu be⸗ zwingen. Der Starrſinn des Kuͤnſtlers war be⸗ zwungen, er ſank vor der Gabrieli nieder, um ihre Hand an ſeine heißen Lippen zu druͤcken. Der Lord ließ es aber dazu nicht kommen, ſondern zog ihn beim Arme in die Hoͤhe und ſagte wieder in dem kalten Tone, bei welchem allemal des Malers Herz zu Eis gefror: Laſſen Sie die Ab⸗ gotterei! Jetzt iſt die Rede blos vom Bil⸗ de...— Nun, das Bild— entgegnete Eßlinger — ſchenke ich Ihnen, weil Sie darauf be⸗ ſtehen, ob es gleich fuͤr Sie keinen Werth haben kann, da es blos Kopie und das Ori⸗ ginal bereits in Ihrem Beſitze iſt. Er nahm bei dieſen Worten ſeinen Hut —— — und empfahl ſich mit einer hochſt verbind⸗ lichen Verbeugung gegen die Signora, mit einer aͤußerſt gleichguͤltigen gegen den 1 oord. Hab' ich doch— ſprach er, als er zu Hauſe war, mit einer gewiſſen Selbſtzu⸗ friedenheit zu ſich— dem Stolzen gezeigt, daß ich allenfalls auch weiß, was ich werth bin, aber nie ſoll er mich wieder in ſeinen Prunkzimmern ſehen, nie wieder! Das Bild mag er behalten, weil die ſchoͤne Ga⸗ brieli mich darum bat.— Wie er ihren Namen nannte, ſtieg ein Seufzer aus ſei— ner Bruſt. Ach, er hatte nicht ungeſtraft das ſchoͤne Weib huͤllenlos geſehen, ja es ſchwebte ihm dunkel vor, daß er an jenem Abende, wo er die Sirene umarmte, an der Bruſt der Gabrieli zu liegen gewaͤhnt hatte. Waͤre Sie nicht geweſen, dann wuͤrde er auch ſeinem Vorſatze, die Wohnung des F 2 - 84— Lords nie wieder zu betreten, treu geblieben ſeyn, aber dort lebte, dort athmete ja auch Sie, deren Bild er aus ſeiner Seele nicht zu vertilgen vermochte. Als der Lord nach einigen Tagen ihn aufs Neue zu ſich einla⸗ den ließ, nahm er die Einladung ſogleich an, ohne nur im Mindeſten ſeines Vorſatzes zu gedenken. Es iſt ſchon geſagt worden, daß der Lord ſein Betragen, ſo wie das Chamaͤleon die Farbe, aͤnderte, je nachdem aͤußere Umſtaͤnde auf ihn einwirkten. Heut fand ihn der Ma⸗ ler ſehr aufgeraͤumt; ihre Unterhaltung be⸗ zog ſich groͤßtentheils auf Gegenſtaͤnde der Kunſt, und der Lord flocht ſogar manche lu⸗ ſtige Maleranekdote cin, z. B. von dem fran⸗ zoͤſiſchen Maler Grimon, welcher ſich bei ſeinen Portraͤts durchaus kein Koſtume vor⸗ ſchreiben ließ, und in ſeiner tollen Laune einmal einen ſeiner Freunde, ſo ſehr dieſer dagegen proteſtirte, als David malte, wie a — 90— er Goliaths Kopf in der Hand haͤlt; dann vom niederlaͤndiſchen Maler Adrian Brau⸗ wer, wie dieſer einsmals in Antwerpen fuͤr einen Spion angeſehen und auf die Wache gebracht wurde, ſich aber dadurch frei mach⸗ te, daß er die Soldaten, welche Karte ſpiel⸗ ten, mit einer Kohle meiſterhaft auf die Wand zeichnete; ferner von dem Italiener Baptiſta Gauli, welcher, als er das Bild eines Nobili gemalt hatte, aber nachher mit dem Beſteller wegen des Preißes ſich verun⸗ einigte, dadurch zu ſeiner Bezahlung ge⸗ langte, daß er uͤber das Portraͤt noch ein Gefaͤngnißgitter malte und es dann mit der Unterſchrift: Der Mann ſitzt Schulden hal⸗ ber gefangen! in ſeiner Werkſtatt aus⸗ ſtellte. Solche und andere dergleichen Anekdoten erzaͤhlte der Lord auf eine aͤußerſt beluſtigen⸗ de Weiſe, und Eßlinger lachte daruͤber, doch that er es ziemlich gezwungen und gedanken⸗ los, weil er immer den Eintritt der Gabri⸗ eli erwartete. Aber ſeine Hoffnung betrog ihn; die Signora erſchien nicht, ſondern er ſpeiſte mit dem Lord allein. Bei Tiſche wurde ihr Geſpraͤch immer vertraulicher, anziehender und aufgeweckter, ſo daß Eß⸗ linger die Gabrieli kaum vermißte. Als er endlich gegen Mitternacht zum Fortgehen ſich anſchickte, oͤffnete der Lord ſeine Chatoulle, nahm einen Ring heraus, und indem er die⸗ ſen dem Maler anſteckte, umarmte er den⸗ ſelben und ſagte: Eßlinger! Ich habe Sie ſchwer beleidigt, doch Sie handelten groß⸗ muͤthig; der Britte weiß das zu ſchaͤtzen; verzeihen Sie mir und werden Sie mein Freund!— Dieſen Ring(er iſt eine ganz unbedeutende Erwiederung Ihres ſchoͤnen Geſchenks) tragen Sie mir zum ewigen An⸗ denken!—. Eßlinger ſtand betroffen; eine glaͤnzende Thraͤne fuͤllte ſein Auge. Bald ſtarrte er den koſtbaren Brillantring, bald den Lord an, deſſen innere Bewegung nicht zu ver⸗ kennen war. Beide ſchwiegen. Endlich ſtuͤrzte der Maler an den Hals des Britten und rief: Raͤthſelhafter Mann! ich hatte mir vorgenommen, Sie zu haſſen; nun zwingen Sie mich, Sie zu lieben. Ja, wenn Sie es wollen, will ich Ihr Freund ſeyn— Ihr einziger auf der Erde, wenn Sie je ſo ungluͤcklich ſeyn ſollten, keinen weiter zu beſitzen!— Verſoͤhnt und in großer Bewegung ent⸗ fernte er ſich. Und von dieſem Augenblicke an war er des Lords treueſter Freund, ja nach einem harten Kampfe mit ſich ſelbſt daͤmpfte er auch die Leidenſchaft, welche fuͤr die Gabrieli in ſeinem Herzen brannte; blos das Gefuͤhl in⸗ nigſter Verehrung und Achtung, die ſie un⸗ laͤugbar verdiente, obgleich ihr Verhaͤltniß zum Lord ungeſetzlich war, blieb in ſeiner — 386— Bruſt zuruͤck. Von nun an war er haͤufig in Geſellſchaft des Lords und der Gabrieli, und verlebte mit ihnen ſehr gluͤckliche Stun⸗ den, bis beide nach Neapel abreiſten. Zwar drang der Lord in den Maler, ſie dorthin zu begleiten; als dieſer aber den Wunſch aͤu⸗ ßerte, ſeiner Studien wegen in Florenz zu⸗ ruͤckbleiben zu duͤrfen, unterließ der Lord ferner in ihn zu dringen, doch unterſtuͤtzte er ihn durch anſehnliche Summen, ſo lange er in Florenz ſich aufhielt. Nach ein paar Jahren aber erwachte in Eßlinger die Sehnſucht nach ſeinem Vater⸗ lande; er verließ das Land, wo die Zitro⸗ nen bluͤhn, kehrte in ſeine Geburtsſtadt zu⸗ ruͤck, ſah ſeine Veronika, liebte ſie, heira⸗ thete ſie, und— gerieth in Noth. Jetzt mit der Goldrolle, welche er von der Gabrieli empfangen, in der Taſche, hoch begeiſtert vom Wiederſehen des ſchoͤnen Wei⸗ — 39— bes, welches ihm in mancherlei Beziehung ſo theuer war, belebt durch die zahlloſen herr⸗ lichen Erinnerungen an ſeinen Aufenthalt in Italien, welche durch die Signora in ihm hervorgerufen worden waren, ging er mit Eilſchritten ſeiner Wohnung zu. Wie er aber bei Mainoni's Keller vorbei kam, ſchallte das muntere Geſpraͤch und das Gelaͤchter der dort verſammelten Gaͤſte ſo einladend zu ihm herauf, daß er an die gefuͤllte Taſche klopfend zu ſich ſagte: Nun, ich habe gedarbt genug— ſo will ich mir denn auch heut einmal eine rechte Guͤte thun!— Er ſtieg die Treppe hinunter und fand eine zahlreiche gemiſchte Geſellſchaft, welche mit feurigen Zungen redete. Tokaier! rief er, indem er ſich an die lange Tafel ſetzte und ein Goldſtuͤck hinwarf. Beilaͤufig: Wer lange Noth gelitten hat und nun mit einem Male zu Gelde kommt, iſt — 90— leicht ein Verſchwender; ſo war es mit Eß⸗ lingern. Die Reichen ſind behutſamer, ge⸗ meſſener in ihren Ausgaben, und eben des⸗ wegen iſt die Behauptung Montaigne's, daß jeder Reiche ein Geizhals ſey, nicht ſo ganz unrichtig, als es den erſten Anſchein gewinnt. Wie der Maler ein Glas des Feuerweins ausgeſchluͤrft hatte, fing die Unterhaltung an, ihm intereſſant zu werden. und es wird auch eher nicht beſſer in Eu⸗ ropa— ſchrie ein Mann mit ſpitzer Naſe, welche den Politiker verrieth— bis nicht mehrere Millionen Menſchen ſterben oder auswandern. Ich kann gar nicht begreifen, weshalb ſie hier ſo zuſammenhocken. Es giebt noch ſo viel unbebaute Laͤnder und Di⸗ ſtrikte.— Allerdings, Herr Hofrath!— ſiel ihm ein Anderer in's Wort, der faſt dieſelbe Phyſiognomie hatte.— Und ich ſchlage hier⸗ mit vor, aus allen Staaten Europa's die — 91— entbehrlichſten Individuen auszuheben und ſie nolentes volentes nach Afrika zu ſpediren, um die Wuͤſte Sarah urbar zu machen.— Sie ſpaßen, wo ich in vollem Ernſte rede! entgegnete der Erſte mit einiger Heftigkeit. Oder— fuhr der Zweite fort, ohne ſich ſtoͤren zu laſſen— es muͤßte auf den Dieb⸗ ſtahl uͤberhaupt, und wenn auch nur ein Gro⸗ ſchen oder ſo viel an Werth geſtohlen wuͤr⸗ de, in allen Staaten und Staͤaͤtchen Deutſch⸗ lands die Todesſtrafe geſetzt werden, dann wuͤrde in Kurzem Kraft des Geſetzes die Haͤlfte der Einwohner entweder gehaͤngt, oder nach Belieben gekoͤpft, allenfalls geraͤ⸗ dert, oder was das Zweckmaͤßigſte ſeyn wuͤr⸗ de, gouillotinirt. Das ginge recht gut an, denn der Marcheſe Beccaria, der ſich ge⸗ gen die Todesſtrafe uͤberhaupt erklaͤrte, iſt ja laͤngſt vermodert.— Wenn man Griech wuͤrde! ſchrie mit ſchnarrender Stimme ein Sekondelieutenant — 9²— uͤber die Tafel. Straf mir Jott! ˙s iſt doch ein janz miſerables Loͤben im Fruͤden, kein Avanſemang und die Jaſche ſo knapp, daß jar nicht damit auszukommen, und noch da⸗ ö zu die monatlichen Abzuͤge.— Haben Sie keine Sorge!— verſetzte der Politikus, welcher zuletzt geſprochen hat⸗ te. Bis zum Kriege iſt's nicht mehr weit hin. Naͤchſtens geht der Tanz mit Spani⸗ en los.— J, was Sie ſagen! fiel ihm der andere Politiker hoͤhniſch in die Rede. Aus wel⸗ cher Quelle haben Sie denn dieſe Nachricht? Aus ſehr zuverlaͤßiger! erwiederte jener. Meine ausgebreiteten Verbindungen ſetzen mich in den Stand— 1 Hier brach der Andere in ein helles Ge⸗— laͤchter aus und ſchien etwas Beißendes ent⸗ gegnen zu wollen, allein er wurde daran ver⸗ hindert durch einen Mann, welcher bisher untheilnehmend an der Unterhaltung dage⸗ ſeſſen und mit einem neben ihm liegenden Stuͤck Kreide Zahlen und Exempel auf den Tiſch geſchrieben hatte. Er trug blos einen ſimpeln grauen Frack und ein ſchwarzes Halstuch und der Kummer ſaß auf ſeiner gefurchten Stirne. Man konnte ihn fuͤglich fuͤr einen ungluͤcklichen Spekulanten nehmen. Ja, das waͤre wohl eine vortreffliche Sache— fing er langſam und bedaͤchtig an — wenn jetzt ein Krieg ausbraͤche, aber nota bene es muͤßte ein recht bedeutender ſeyn— da zirkulirt Geld— da ſind Ge⸗ ſchaͤfte zu machen— da giebt's etwas zu verdienen— jetzt iſt Alles in's Stocken ge⸗ rathen— Handel und Gewerbe liegt wegen der unerſchwinglichen Abgaben und druͤcken⸗ den Zollgeſetze— Die jetzige Noth iſt von den Menſchen ſelbſt verſchuldet— fing ein Mann mit ei⸗ ner Glatze und finſter. verzogenen Augengrals Es wird zu viel Aufwand gemacht; fuͤr Lap⸗ palien wird eine Menge Geld weggeworfen. wozu das?— Wenn ich einen Menſchen ſehe, der an jedem Finger einen Ring traͤgt, eine goldene Repetiruhr in der Taſche hat, und ſein Halstuch nicht gewoͤhnlicherweiſe knuͤpft, ſondern mit einer ſchimmernden Bu⸗ ſennadel zuſammenheftet, den bin ich geneigt fuͤr einen Betruͤger zu halten, wenn ich nicht genau das Gegentheil weiß. Gewoͤhnlich liegt einem blendenden Aeußern die Abſicht zu Grunde, Andere zu taͤuſchen. Der ehrli⸗ che ſolide Mann verachtet ſolchen Tand. 9 daß wir doch zur Einfachheit unſerer Vorfah⸗ ren zuruͤckkehren wollten— Dann— fiel ihm der eine Politiker in's Wort— muͤßten wir Eicheln freſſen wie die Schweine, uns den Bart nicht ſcheeren, kei— ne Haͤuſer, ſondern Huͤtten haben, auf der Erde liegen wie das liebe Vieh, uns in Wolfs; oder Baͤrhaͤute einnaͤhen, und be⸗ 85 7 ſonders— das merken Sie ſich, Herr Philo⸗ ſoph!— keinen Markobrunner trinken, wie Sie eben thun, ſond klares Quellwaſſer. Oder liegt vielleicht— fragte der Nach⸗ bar des Politikers, welcher im Aeußern ziemlich vernachlaͤßigt war und wohl ein Paͤ⸗ dagog ſeyn mochte— der Grund darin daß ſo viele Familien, beſonders die vornehme⸗ ren, ihre Kinder jetzt nicht erziehen, ſon⸗ dern verziehen laſſen— 2 Auch unſere Literatur— fing ein Ande⸗ rer an, welcher dem Politiker gegenuͤber ſaß und nach ſeinem Aeußern und ſeinen Reden ein ungluͤcklicher Schriftſteller zu ſeyn ſchien — liegt jetzt in den letzten Zuͤgen. Von den Fuͤrſten wird nichts dafuͤr gethan; die Men⸗ ge der Zeitſchriften und Almanachs verdirbt das Publikum ſowohl, als die Schriftſtel⸗ ler; blos Kleinigkeiten werden geliefert, an etwas Großes und Bedeutendes denkt Nie⸗ mand, und die Kritik iſt in den Haͤnden der † 1 Unberufenen, allerhand Masken werden vor⸗ genommen, ſogar atten aus der Unter⸗ welt werden heraufbeſchworen, um die ein⸗ ſeitigen, ungegruͤndeten und oberflaͤchlichen Urtheile zu bemaͤnteln, anſtatt daß die Re⸗ gierungen ſich ins Mittel ſchlagen und mit Benutzung der vorzuͤglichſten Koͤpfe Inſtitu⸗ te gruͤnden ſollten, durch welche die Kritik ſtreng und gerecht gehandhabt wuͤrde. Und die Krebſe“) muͤſſen aufhoͤren!— begann ein Anderer, es mochte wohl eben⸗ falls ein Schriftſteller oder vielleicht ein Buchhaͤndler ſeyn— Der Deutſche Buch⸗ handel muß nach Art des Franzoͤſiſchen und Engliſchen eingerichtet, Alles muß auf be⸗ ſtimmte Rechnung genommen werden— — *) Wenn der Leſer nicht weiß, was Krebſe im buch⸗ händleriſchen Sinne bedeuten, und auch in dem beliebten Konverſations⸗Lexikon keine Auskunft darüber findet, ſo wolle er deshalb bei irgend einem Buchhändler anfragen; doch iſt zu er⸗ warten, daß er ein ſaures Geſicht bekommt. Ganz richtig!— ſagte der Philoſoph— Im Allgemeinen aber waͤre unſerm Zeital⸗ ter mehr Moralitaͤt zu wuͤnſchen— Quod non!l fiel ihm der eine Politiker in die Rede. Immoralitaͤt im Gegentheil dient oft dazu, gefallene Staaten wieder in Aufnahme zu bringen. Ich will Ihnen ver⸗ ſchiedene Beiſpiele aus der Geſchichte anfuͤh⸗ ren— 4 Bemuͤhen Sie ſich nicht! erwiederte je⸗ ner. Eine ſchlechte Handlung bleibt immer ſchlecht, ſelbſt wenn durch ſie etwas Gutes bezweckt und bewirkt wird. Oder wollen Sie jenen Schuſter loben, welcher das Leder ſtahl, Schuhe daraus machte und ſie theils an die Armen verſchenkte, theils um einen Sppottpreis verkaufte?— Der Philoſoph wollte noch weiter ſpre⸗ chen, allein er wurde auf eine ſonderbare Weiſe in ſeiner Rede geſtoͤrt. Ein langer hagerer bleicher Mann mit eingefallenen I. Bdchn. G 4 22. Backen, welcher bisher an einem Tiſchchen in der Ecke allein geſeſſen, und ohne roth zu werden zwei Bouteillen Burgunder get leert hatte, naͤherte ſich dem Maler, wel⸗ cher ſtill daſaß und dem Geſpraͤch zuhoͤrte, ohne ſich darein zu miſchen, mit dem Glaſe in der Hand, und ſprach: Guten Abend, Leonhard! Stoß an! Was ſeh' ich? Pirkheimer! rief der Maler aufſchauend. Wie kommſt Du hieher, und wie iſt's Dir ergangen, ſeit wir in Flo⸗ renz uns trennten? Man ſagte mir, Du waͤreſt todt. Das bin ich auchl verſetzte der Blaſ⸗ ſe mit hohler Stimme. Stoß an Leonhard! Auch die Todten ſollen leben! Nun in Gottes Namen! rief der trunkne Maler. Ulrich, die Todten ſollen le⸗ benl— Sie ſtießen an; da zerſprang Eßlin⸗ gers Glas mit gellendem Geſchrei in ſeiner Hand und ſiel in kleinen Scherben zu Boden. Gott, was iſt das? rief der Maler zu⸗ ſammenſchaudernd und die ganze Geſellſchaft war ſtill und betroffen. Bruͤderchen! ſagte der Blaſſe ſingend, in⸗ dem er dem Maler auf die Schulter klopfte. Geh' zu Hauſe. Dir fkeht ein Ungluͤck be⸗ vor. Erſchrocken taumelte der Maler auf und eilte nach der Thuͤr. Wie er ſie oͤffnete, woll⸗ te eben der Marqueur eintreten. Geheim⸗ nißvoll fragte dieſer: Nicht wahr, Herr Eß⸗ linger, der Herr, mit welchem Sie eben ſprachen, iſt der ewige Jude? Nein, der Teufel iſt's! fuhr der Ma⸗ ler den Fragenden an. Trinkt denn der Teufel Burgunder? fragte der Marqueur aufs Neue, allein der Maler rannte die Treppe hinauf. Von beaͤngſtigenden Ahnungen durchbebt eilte er ſeiner Wohnung zu. Es war ſchon G 2 * 4 1 Abend geworden, wie er dort anlangte. Ve⸗ ronika ſaß ſchluchzend neben der Wiege ihres Kindes, und auf dem Tiſchchen neben ihr brannte eine Lampe, bei deren Schein der Maler im Auge ſeines Weibes Thraͤnen ſchimmern ſah. Er umarmte und kuͤßte die Weinende und ſprach: Laß die Thraͤnen, ge⸗ liebtes Weib! Ich bringe einen Haufen Gold mit, dadurch wollen wir bald den Mangel aus unſerer Wohnung verbannen!— Bei⸗ dieſen Worten ſchuͤttete er die funkelnden Goldſtuͤcke auf den Tiſch. Aber Veronika weinte und ſchluchzte nur heftiger. Ach, wie koͤnnt ich mich jetzt freuen— ſprach ſie— unſer Kind liegt ja im Sterben!— 4 Was iſt das? rief der Maler erſchrok⸗ ken. Ich verließ ja den Knaben am heuti⸗ gen Morgen friſch und geſund. Ach Gott! weinte die Mutter. Wie Du fort warſt, hatte ich das Kind aus den Win⸗ — 101— deln genommen und ſtand mit ihm am Fen⸗ ſter, welches nicht zugeriegelt ſeyn mußte, denn es wurde mit einem Male von einem ſchneidenden Luftzug aufgeriſſen; dieſer traf das Kind, welches ich im bloſen Hemdchen auf den Armen hielt, und ſogleich fing es heftig zu zittern an und krampfte die Haͤndchen zu⸗ ſammen. Ich legte es ſogleich in die Wiege und deckte es warm zu, allein es bekam Zuk⸗ kungen, welche immer aͤrger wurden. Der Maler ſchaute dem Knaben in das bleiche Geſicht, uͤber welches der Schmerz hinlief. Barmherziger Himmel! rief er außer ſich. Und warum wurde denn nicht ſogleich ein Arzt herbeigeholt? Ich war ja ganz allein— verſetzte Ve⸗ ronika— wie haͤtte ich das Kind verlaſſen duͤrfen? Und Du bliebſt ſo lange— So will ich nur gleich zum Doktor lau⸗ fen! ſagte der Maler und that es. Allein den, welchen er ſuchte, traf er nicht; ein — 102— zweiter, dritter und vierter war ebenfalls nicht zu Hauſe; endlich nachdem er wohl zwei Stunden in der weitlaͤuftigen Stadt umhergerannt war, traf er den fuͤnften, ei⸗ nen liebreichen Mann, der voll Theilnahme an dem Vaterſchmerze des Malers, wel⸗ chen dieſer ſo heftig ausdruͤckte, ſogleich mit⸗ ging. 3 Mitternacht war nahe, als ſie in Eßlin⸗ gers Wohnung ankamen. Die Kraͤmpfe des Knaben hatten zugenommen, ſeine Fuͤße wa⸗ ren ganz kalt und ſein Puls ging ſchwach. Der Arzt floͤſte ihm von der Arzenei, die er mitgebracht, einen Loͤffel ein, das Kind wurde nach einer kleinen Weile ruhiger und fiel in einen ſanften Schlummer, aus wel⸗ chem es jedoch von Zeit zu Zeit erwachte. Der Arzt ſaß mit den Eltern neben der Wiege. Iſt Hoffnung, Herr Doktor? fragte die Mutter mit Thraͤnen.— Beruhigen Sie ſich! entgegnete der Arzt. Jetzt kann — — — 103— ich Ihnen noch nicht beſtimmt meine Mei⸗ nung ſagen, aber ich will hier bleiben, denn bis zum Morgen muß es ſich entſcheiden. Nun blieben alle Drei ſtumm ſitzen und belauſchten die Athemzuͤge des Kindes. Es ſchlief mehrere Stunden ruhig, nur zuwei⸗ len bewegte es ſich und regte die Lippen. Allein wie es ungefaͤhr um ſechs Uhr fruͤh Morgens war, wachte der Knabe laut⸗ ſchreiend auf, griff mit krampfhafter Hand in das Bettchen, zog die Fuͤße zuſammen, und warf ſich unruhiger als je hin und her. Der Arzt ſprach den Eltern, welche mit ge⸗ falteten Haͤnden daſaßen, Troſt zu. Da fingen auf einmal die Glocken zu laͤuten an.— Was iſt das? rief der Maler aus ſeinem ſchmerzhaften Hinbruͤten aufſtar⸗ rend. Iſt's die Sterbeglocke?— Ruhig, lieber Mann! ſagte der Arzt. Beſinnen Sie ſich doch nur. Es iſt ja heute Char⸗ freitag. — 194— Charfr eitag? rief Eßlinger wie ver⸗ nichtet und ſtuͤrzte in den Seſſel zuruͤck. Das iſt Raphaels Todestag! Er ſtirbt!— Vero⸗ nika, ſo ſehr ſie ſelbſt des Troſtes beduͤrftig war, naͤherte ſich ihrem Manne, um ihn zu beruhigen, der Doktor aber ging der Wiege zu und beugte ſich uͤber das Kind. Als das Glockengelaͤute verhallt war, rich⸗ tete der Arzt ſich auf und trat vor das wei⸗ nende Ehepaar. Wen der Himmel lieb hat— ſprach er mit erhebender Weh⸗ muth— den nimmt er fruͤhe zu ſich. Das Kind iſt— todt!— Am dritten Tage nachher trat ein Mann im ſchwarzen Mantel in das Zimmer, um den kleinen Raphael, der wie ein ſchlum⸗ mernder Engel im Sarge lag, in das auf dem Friedhof fuͤr ihn bereitete Erdenbette abzuholen. Veronika wollte eben den Dek⸗ eel auf den Sarg druͤcken, als der Maler, welcher in ſeinem dumpfen Schmerze laut⸗ — 105— und regungslos da gefeſſen hatte, aufſprang. Nein!— rief er. Bedecke noch nicht dieſe Engelsmienen! Laß mich das Bild meines Kindes in meine Seele praͤgen, damit es kuͤnftig in verklaͤrter Geſtalt uns in unſerem Schmerze troͤſte. Und er trat zum Sarge und ſchaute in das Antlitz, aus welchem die Farbe des Le⸗ bens gewichen war, und druͤckte einen Kuß auf die erſtarrten Lippen. Dann ſprach er abgewendet zum Traͤger: Fort, fort mit die⸗ ſem zerſtoͤrten Engelsbilde! Ich kann es nicht laͤnger anſehn, ohne dem Himmel zu zuͤr⸗ nen.— Der Traͤger gehorchte und Veronika wankte ihm nach. Troſt im Schmerze war es ihr, die Stelle zu ſehn, wo das Kind, welches ſie unter ihrem Herzen getragen, in die kalte Erde eingeſenkt ward. Als Veronika vom Kirchhofe zuruͤckkam, fand ſie ihren Mann auf einem Stuhle mit⸗ 1 — 106— ten in der Stube ſitzen. Er hatte ſein Ge⸗ ſicht mit beiden Haͤnden bedeckt und bemerk⸗ te die Kommende nicht. Veronika faßte ihn beim Arme und ruͤttelte ihn, und als er hier⸗ auf, wie aus einem phantaſiereichen Trau⸗ me erwachend aufblickte, ſprach ſie, ihre rothgeweinten Augen mit einem Tuche be⸗ deckend: Ich habe unſern Raphael begraben ſehn. 3. Der Maler ſtand auf und ſprach mit ei⸗ nem ſeltſamen Laͤcheln: Glaube ja nicht, lie⸗ bes Weib, daß Raphael todt ſey— ich ſage Dir, er lebt! Blicke hinauf in jene Wolken; dort ſpielt er mit Engeln, und ſie nennen ihn Bruder und reichen ihm ſchoͤne bunte Blu⸗ men, in den Gaͤrten des Himmels gepfluͤckt. Siehſt Du nichts?— Nein, ich ſehe nichts! antwortete die Erſtaunte. Das macht Du ſiehſt nicht mit meine — veerſetzte der Maler— n Augen; aber ich — 107— bitte Dich, Veronika; laß mich heut und morgen allein, laß Niemanden zu mir; ich will ungeſtoͤrt ſeyn, denn ich bin mit einer wichtigen Arbeit beſchaͤftigt. Er traf auch ſogleich die Anſtalten dazu, ſpannte Leinwand auf, miſchte Farben, legte Pinſel zurecht und ſetzte ſich an die Staffelei. Veronika war ſtill und ſtoͤrte ihn durch kein Geraͤuſch und keine Frage, weil ſie ſah, daß Leonhards Phantaſie ganz mit ſeinem Ge⸗ maͤlde beſchaͤftigt war und daß durch die Ar⸗ beit ſein Schmerz beſchwichtigt wurde. Raſtlos arbeitete er auch den naͤchſtfolgen⸗ den Tag und den dritten bis gegen Abend. Ve⸗ ronika war ausgegangen. Als ſie in der Daͤm⸗ merung heimkehrte, rief der Maler ihr freudig entgegen: Nun iſt mein Bild fertig, Veronika, zͤnde Lichter an, damit Du es ſiehſt und meine Freude theilſt und Deinen Schmerz vergiſſeſt. Veronika ſtaunte das beleuchtete Gemaͤl⸗ de an. Siehſt Du, geliebtes Weib— rief — 108— der Maler— unſer Raphael lebt! Er lebt im Chore ſeliger Geiſter! Laß uns nicht mehr um ihn weinen, denn er iſt glüͤcklich!— Eß⸗. linger hatte ſein Kind gemalt, wie es von glaͤnzenden Wolken eingehuͤllt in die Hoͤhe ſchwebte. Aus dem Wolkenduft ſahen freund⸗ liche Engel hervor, welche dem Kinde ihre Haͤndchen entgegenſtreckten und es zu begruͤ⸗ ßen ſchienen. Als myſtiſch⸗religioſes Ge⸗ maͤlde konnte es als ein Meiſterwerk gelten, und die Engelkoͤpfe waren ſo ſchoͤn, wie man ſie nur auf Guido Reni's oder Franzesko Albani's Bildern antrifft.— Veronika trock⸗ nete ihre Thraͤnen und ſprach: Ja, mein Leonhard; ich will nicht mehr trauern um unſern Raphael, denn der Himmel nahm ihn gewiß zu ſich, um ihm irdiſche Schmerzen zu erſparen. Sie hielten vor dem Gemaͤlde ſtehend einander umſchlungen, als die Thuͤr ſich oͤff⸗ nete und ein langer Mann in einem weiten — 109— Mantel gehuͤllt hereintrat. Er kam naͤher ohne vom Ehepaare bemerkt zu werden. Sein Blick fiel auf das Gemaͤlde, er druͤckte ſein ſtummes Erſtaunen und Entzuͤcken dar⸗ uͤber aus, endlich klopfte er dem Maler auf die Schulter und ſprach: Guten Abend Eß⸗ linger!— Der Maler riß ſich aus der Um⸗ armung ſeines Weibes und rief mit dem Aus⸗ druck der Freude und des Erſtaunens zugleich: Seh' ich recht, Lord Woodſon?— Ich bin es! verſetzte dieſer, den Maler umar⸗ mend. Durch Antonien erfuhr ich ihr Hier⸗ ſeyn. Sie hatten verſprochen ſie zu malen; weil Sie aber ausgeblieben waren, meinte ſie, es muͤſſe Ihnen ein Ungluͤck begegnet ſeyn, und darum eilte ich, kaum hier ange⸗ kommen, Sie aufzuſuchen— Ja wohl hat ein Ungluͤck mich betroffen — erwiederte Eßlinger— mein Kind iſt mir geſtorben und vorgeſtern haben wir es begraben laſſen. So will ich mit Antonien— verſetzte der Lord— den Himmel um Troſt fuͤr Sie bitten, wenn dieſer Ihnen durch Ihre Kunſt nicht ſchon gewaͤhrt worden iſt. Ja, antwortete der Maler; ich habe mich, um dem Schmerze zu entgehen, in die Arme der Kunſt gefluͤchtet; ſie iſt ja das einzige Aſyl fuͤr den Kuͤnſtler, wenn er in Verſuchung geraͤth, das Schickſal einer Un⸗ gerechtigkeit zu beſchuldigen, wenn er von Allen, wenn er ſelbſt von Gott ſich verlaſſen waͤhnt. Um meinen Schmerz zu ſtillen, mal⸗ te ich dieſes Bild, es iſt das Bild meines vom Tode mir entriſſenen Kindes, wie ich es mir im Glanze der Verklaͤrung dachte— Schon habe ich das Bild— ſagte der Lord— voll Erſtaunen angeſehen; es iſt ein Meiſterwerk, Raphaels wuͤrdig, und ich nahm mir ſogleich vor, Sie darum anzu⸗ ſprechen— Nein, Lord— ſiel ihm der Maler in dem Tiſche lag. die Rede— fordern Sie ein anderes Opfer von mir, ich werde es nicht ſcheuen; aber dieſes Bild kann ich Ihnen nicht uͤberlaſſen, ich haͤnge an ihm mit meinem Herzen. So will ich— verſetzte der Lord— nicht weiter in Sie dringen; vielleicht vereinigen wir uns endlich doch— ich habe Ihnen naͤmlich einen gewiſſen Vorſchlag zu thun, welches ich aber, da meine laͤngere Gegen⸗ wart Sie heute nur belaͤſtigen wuͤrde, auf andere Zeit verſpare. Gute Nacht!— Er druͤckte mit Herzlichkeit dem Ehepaare die Haͤnde und ging. Als er fort war, bemerk⸗ ten ſie erſt, daß eine volle Goldboͤrſe auf — Das Gold muß ich dem Lord zuruͤckbrin⸗ gen! ſagte Eßlinger am andern Morgen. Wenn er delikat iſt im Geben, ſo bin ich nicht minder delikat im Nehmen. Eben wollte er ſich ankleiden, als der Bediente des Lords ihm ein Billet brachte. Der Ma⸗ ler las: Mein lieber Eßlinger! Sie wiſſen, daß Antonie nach Paris geht und daß ich auf mein Landgut bei London zuruͤckkehre. Des vielen Umher⸗ irrens muͤde, ſehne ich mich nach Ruhe. Allein ich moͤchte einen Freund um mich haben, der mir die Einſamkeit erheiterte und dem ich mich zwanglos mittheilen koͤnnte. Viele Menſchen habe ich kennen gelernt, doch wenige, die mein Vertrauen, noch wenigere, die meine Freundſchaft verdienten. Sie allein, Eßlinger, ſind es, dem gleich bei unſerer erſten Bekannt⸗ ſchaft mein Herz ſich zuwendete, und den ich, ſo hart und lieblos auch mein Be⸗ tragen Ihnen zuweilen ſcheinen mochte, doch immer ſchaͤtzte und liebte. In Flo⸗ renz ſagten Sie mir Ihre Freundſchaft — 113— zu, jetzt beweiſen Sie mir ſelbige da⸗ durch, daß Sie mir mit Ihrer Gattin nach England folgen. Der Baum der Kunſt traͤgt in Deutſchland doch fuͤr Sie keine Fruͤchte Iduna's, ſondern blos So⸗ domsaͤpfel. Auf meinem Landgute ſollen Sie Alles haben, was Sie wuͤnſchen, vor⸗ zuͤglich Muſe zu Ihren kuͤnſtleriſchen Be⸗ ſchaͤftigungen. Ueberlegen Sie, aber bald, denn Morgen wuͤnſchte ich Ihren Entſchluß zu erfahren. as W. Der unerwartete Inhalt dieſes Briefes machte den Maler im erſten Augenblicke et⸗ was beſtuͤrzt. Auf der einen Seite war der Antrag einladend, auf der and fuͤr ihn. Einladend, weil ihm da ſorgenfreies Leben zugeſichert wurde; ab ßend, weil er ſein Vaterland verlaſſen ſollte *⁴ I. Bdchn. H — 114— 23 und die Erde, in welcher ſeines Raphaels Aſche ruhte. Veronika, welcher er den Brief zeigte, war(was er nicht vermuthet haͤtte) gleich willig, Deutſchland zu verlaſſen. Vater und Mutter ſind mir ja geſtorben!— ſagte ſie. Nun, Leonhard, gehoͤre ich einzig und allein Dir an, und wo Du hin willſt, dahin folge ich Dir. Eßlingern fielen jetzt die Worte der Ga⸗ brieli ein: Der Kuͤnſtler ſchuͤttle den Staub des undankbaren Vaterlandes von ſeinen Fuͤ⸗ ßen, und ſuche in einem fremden Lande An⸗ erkennung ſeines Verdienſts. Ja, Veroni⸗ ka! rief er. Wir wollen nach England. Vielleicht bluͤht uns dort das Gluͤck, wel⸗ ches wir hier in Deutſchland vergebens . n an, ihre Sachen in Ordnung zu bringen, welches ihnen wenig Muͤhe machte, und am andern Morgen ging Eß⸗ 4. — 115— linger zum Lord. Dieſer freute ſich ſehr uͤber den Entſchluß des Malers und uͤber⸗ brachte ihm ſodann das Lebewohl der Gabri⸗ eli, welche ſchon geſtern nach Paris abgereiſt war. Vergeſſen Sie ja nicht— ſagte er zum Maler, als dieſer wegging— Ihr ſchoͤnes Bild ſorgfaͤltig einzupacken; es ſoll von nun an unſer gemeinſchaftliches Eigen⸗ thum ſeyn. Halten Sie ſich parat. Ueber⸗ Perne um 5 Uhr haͤlt Ertrapoſt vor Ihrer huͤre d u Al 88 er ſeine Frau. Nach einem Weilchen erſchien ſie mit einem Blumentopfe in der Hand. Ihre Augen waren von Thraͤnen truͤbe. Ich habe mit dem Lord geſprochen! rief ihr der Maler entgegen. Aber was haſt Du denn, Du weinſt ja? r Maler zu Hauſe kam, vermißte — 116— rung an den Verlorenen in das fremde Land mitzunehmen. Und in die Erde will ich eine Monatsroſe pflanzen; ſchnell hinwelkend ſoll ſie mich uͤber den fruͤhen Tod unſers Raphael troͤſten.. Die Reiſe ging vor ſich. Der Lord mit ſeinem Kammerdiener fuhr in dem einen Wagen, der Maler mit ſeiner Frau in dem andern. Im Fluge nahmen ſieihren We durch die Niederlande nach dem noͤrdlichen Frankreich. In Calais gingen ſie zu Schif⸗ fe. Der Wind war guͤnſtig, die eberfahrt gluͤcklich. Nach ein paar Tagen befanden ſie ſich auf dem Landſitze des Lords. Der Haushofmeiſter un ren hocherfreut kunft ihres Anhaͤnglichke Betragen ſic ſicherſten Be te, diente dem Maler zum aß der Lord eben ſowohl *½ 4 — 117— nirAchem ſüine Unte die Liebe zatis e er die ſe Auzſiht auf Londons zrune und Thuͤrme, unter welchen der Thurm der Paulskirche wie ein R ieſe hervorragte, und auf die mit Schiffen bedeckte Themſe. Was aber noch mehr Werth fuͤr Eßlin⸗ gern hatte, ſals die herrliche Ausſicht, das war die 4 ummtung des Lords. Er hatte viele ezeichnete Beidergallerien ſelbſt die Deeadrr nicht ausgenommen, von welcher er doch dieſer Sammlungen, 4 ſtets mit hoͤchſtem Enthuſiasmus — 113— ausgeſucht ſey, als die ſeines Gän. enthielt, ſorgfaͤltig geordnet, Gemaͤlde aus allen Schulen und bildete ſo eine lebendige Geſchichte der Malerei. Wenn man Eßlin⸗ gern ſonſt nirgends finden konnte, ſo fand man ihn in der Gallerie; dort ſtudirte er die Meiſterſtuͤcke der Malerei oder kopirte ſie. So war denn nun der Friede und die Ruhe ſein, wornach er ſeit vielen Jahren vergeblich geſtrebt hatte. Ohngefaͤhr ein halbes Jahr mochte er auf ſolche Weiſe auf dem Landſitze des Lords zugebracht haben, da fand er eines Tages, wie er aus dem Bilderſaal zuruͤckkehrte, ſeine Veronika weinend uͤber einem Roſen⸗ ſtocke. Gott, was iſt Dir? fragte er. Niicht Schmerz iſt's,— ſagte ſie, das glaͤnzende Auge zu ihm erhebend— es ſind Freudenthraͤnen. Sieh, Leonhard, wie — 119— friſch das Roͤschen in Raphaels Grabeserde bluͤht,— und uns bluͤht neue Hoffnung und Freude, denn— ſetzte ſie hinzu, in⸗ dem ſi ſie an die Bruſt des Gatten ſich neigte — ich fuͤhle mich wieder Mutter! Herrliches Weib! rief der Maler, ſie umſchlingend. Aber, Leonhard!— bat ſie. Nicht wahr, wenn es ein Junge iſt, ſo nennen wir ihn nicht Raphael, ſondern Leon⸗ hard? Ja, Du Gute! verſebe der Maler. Und wenn es ein Maͤdchen iſt, ſo ſoll es Veronika heißen, wie ſeine brave Mutter! Sie hielten einander umarmt, als der Lord in das Zimmer trat. Er ſah bleich und verſtoͤrt aus, wie ſie ihn nie geſehn hatten, und in ſeiner Rechten zitterte ein Brief.— Um Gotteswillen!— rief der Maler— was iſt Ihnen widerfahren. 1 — 120— Mit ſchmerzerſtickter Stimme ſagte der Lord: Antonie iſt geſtorben. Dieſer Brief aus Paris meldet mir es. Nach der Auffuͤhrung von Glucks Aleeſte iſt ſie ploͤtzlich erkrankt; ihr Tod ſcheint durch allzugroße Anſtrengung herbeigefuͤhrt worden zu ſeyn. Eßlinger! fuhr er fort, indem er ſich in die Arme des Malers warf. Jetzt habe ich Nie⸗ manden auf der Erde, als Dich.(Es war das erſte Mal, daß der Lord ihn Du nann⸗ te.) Verlaß Du mich nur nicht, ſondern bleibe mir treu bis in den Tod. Treu bis in den Tod! erwiederte Eß⸗ linger, und Veronika ſagte voll Ruͤhrung: Friede der Aſche Antonia's! Adalbert. —— Der Abt Geraſimus und der Loͤwe. 9) Jn Palaͤſtina, nicht fern vom Ufer des Jordan, lag in einer anmuthigen Gegend ein Moͤnchskloſter, welchem der fromme Geraſimus als Abt vorſtand. Eines Tages, als der heilige Mann, verſunken in tiefes Nachdenken, laͤngs des Stromes hinwandelte, kam ein Loͤwe aus dem Ge⸗ ——— *) Dem Stoffe nach entlehnt aus einem in ziemlich barbariſchem Latein geſchriebenen Buche: Jo- corum atque seriorum, tum IOVorum, tum selectorum atque memorabilium centuriae aliquot etc. Recensente Othone Melandro, I. V. D. Frcof. 2697. p. 690. Melander nennt als ſeinen Gewährsmann den Sophronius So- phista in prato spirituali cap. 107. — 122— buͤſch, und ging geraden Weges auf ihn los. Geraſimus erſchrak und wollte dem wilden 4 Thiere ausweichen; als dieſes aber aͤngſtlich. bruͤllend, gleich als fleh' es um Erbarmen, mit langſamen Schritten ihm nachfolgte, blieb der Abt furchtlos ſtehen und wartete, denn er meinte, es muͤſſe dem Thiere erwas Ueb⸗ les widerfahren ſeyn, und ſein gefuͤhlvolles Herz verbot ihm, einer huͤlfsbeduͤrftigen Krratur aus dem Wege zu gehen. Der Loͤwe kam heran, legte ſich vor dem Abte nieder und hielt wimmernd die eine Tatze empor. Da ſah Geraſimus, daß ein Dorn ſich tief in den Fuß gedruͤckt hatte, und daß der Fuß geſchwollen und entzuͤndet war. Und unwillkuͤhrlich erinnerte er ſich der ruͤh⸗ renden Geſchichte des Sklaven Androklus, welcher, ſeinem Herrn entlaufen, in der Wuͤſte einen eben ſo verwundeten Loͤwen ge⸗ troffen und geheilt hatte, von welchem der Sklave, als er in der Folge wieder einge⸗ 1 — — 1223— fangen worden war und zur Strafe den wil⸗ den Thieren vorgeworfen werden ſollte, wie⸗ der erkannt und aus Dankbarkeit verſchont wurde. Und er that, wie Androklus gethan hatte, zog dem Loͤwen den Stachel aus dem Fuße, druͤckte den Eiter aus der Wunde, wuſch ſie rein und verband ſie mit einem Tu⸗ che. Kaum empfand der Loͤwe die Linderung ſeiner Schmerzen; ſo bruͤllte er laut vor Freuden und legte ſich darauf ſchmeichelnd und liebkoſend zu den Fuͤßen des Abts, gleich einem zahmen Huͤndlein, und der Abt, ge⸗ rüͤhrt von der Dankbarkeit des Thieres, ſtrich ihm die goldene Maͤhne, klopfte ihm ſanft den Ruͤcken, und gab ihm dann einen Wink, ſich zu entfernen. Allein wie Geraſimus ſich anſchickte, nach dem Kloſter zuruͤckzugehn, erhob ſich auch der Löwe und ging neben ihm her. Der Abt winkte ihm wiederholt, und zeigte auf den Wald; allein der Lowe ſah ihn bittend an, * — 124— wedelte mit dem Schweife und ließ nicht ab, ihn zu begleiten. Meinte nun auch der Abt, daß die Bruͤder im Kloſter, wenn er den Lö⸗ wen mitbraͤchte, in Schrecken geſetzt werden wuͤrden; ſo beſiegte doch ſeine Freude uͤber des Thieres Dankbarkeit dieſe und andere“ Bedenklichkeiten, und er nahm den Loͤwen mit ſich, da derſelbe ohnehin ſich nicht ab⸗ weiſen ließ. Mit Verwunderung hoͤrten die Kloſter⸗ bruͤder die Erzaͤhlung des Abts, und obwohl ſie anfaͤnglich vor dem Loͤwen ſich ſcheueten; ſo legten ſie doch bald alle Furcht ab, da ſie ſahen, wie zahm und friedlich das Thier ſich bezeigte, und die ihm angeborne Wildheit gaͤnzlich verlaͤugnete. So blieb der Loͤwe im Kloſter, und wenn er auch daſſelbe zuweilen verließ; ſo geſchah es nur auf kurze Zeit, um im nahen Walde ſich Beute zu erjagen. Sobald er geſaͤttigt war, kehrte er zuruͤck. Und der — 125— Abt gab ihm den Namen Jordanus, weil er ihn am Jordan getroffen hatte. Es beſaß aber das Kloſter einen Eſel, deſſen Beſtimmung war, Getraide in die Muͤhle zu tragen und Waſſer herbei zu ho⸗ len, indem man ihm zwei Eimer an einer Stange uͤber den Ruͤcken hing. Wurde nun der Eſel auf die Weide gefuͤhrt, ſo uͤbergab man ihn der Aufſicht des Loͤwen. Dieſer lagerte ſich ins Gruͤne, verwandte keinen Blick vom Eſel, und holte ihn ſogleich zu⸗ ruͤck, wenn er ſich etwa zu weit entfernte. Nachdem der Loͤwe ſchon lange das Amt ei⸗ nes Waͤchters getreulich verſehen hatte, trieb ihn eines Tages der Hunger, ſeine Pflicht zu vergeſſen, indem er im Gebuͤſch einen jungen Hirſch gewahrend und ihm nachſez⸗ zend den Eſel verließ. Nun begab ſich's, daß gleich nach Ent⸗ fernung des Löwen ein Kameeltreiber aus Arabien des Weges zog, und den unbewach⸗ — 126— ten Eſel entfuͤhrte. Als der Loͤwe von der Jagd zuruͤck kam, und den Eſel nicht mehr ſand, gerieth er in große Betruͤbniß, eilte ins Kloſter und blickte traurig den Abt und die Bruͤder an. Dieſe vermutheten ſogleich, daß etwas Beſonderes vorgefallen ſeyn muͤſ⸗ ſe, weil der Loͤwe gegen Gewohnheit ohne den ſeiner Obhut anvertrauten Eſel zuruͤck⸗ kam, und da der Abt auf den Argwohn ge⸗ rieth, daß der Loͤwe den Eſel zerriſſen habe, fragte er ihn: Jordane, wo haſt du den Eſel? Haſt du ihn zerriſſen und gefreſſen? — Bei dieſer Anrede ſah der Loͤwe zu Bo⸗ den, wie einer, der eine ſchwere Schuld ſich vorzuwerfen hat.. Wohlan denn, ſagte der Abt. Haſt du dieſes gethan; ſo mußt du auch dafuͤr buͤßen, ſo ſollſt nunmehr du die Dienſte uns lei⸗ ſten, die vordem der Eſel verrichtete. Dies geſchah auch; von dieſer Zeit an trug Jordanus geduldig die Kornſaͤcke und — 127— Waſſereimer. Als er nun einsmals vom Waſſerholen in’s Kloſter zuruͤckkehrte, er⸗ blickte ein Ritter, welcher dort angekommen war, das koͤnigliche Thier, zu erniedrigen⸗ der Dienſtleiſtung gezwungen, und kaum hatte man ihm den Verlauf der Sache er⸗ zaͤhlt; ſo nahm er, vom tiefſten Mitleid be⸗ wegt, ein Goldſtuͤck aus ſeinem Seckel, reich⸗ te es dem Abte, und bat ihn, dafuͤr einen andern Eſel zu kaufen, den Loͤwen aber der ſchnoͤden Dienſtleiſtungen zuuͤberheben. Der Abt that, wie der Ritter begehrt hatte, kauf⸗ te einen andern Eſel, und als dieſer nun zum erſten Male auf die Weide gefuͤhrt wur⸗ de, ging der Loͤwe ungeheißen mit und be⸗ wachte ihn wie den vorigen. Es waren kaum, ſeitdem das Kloſter den neuen Eſel beſaß, einige Tage verfloſ⸗ ſen, als jener Treiber, welcher den vorigen Eſel geſtohlen hatte, mit dieſem und einigen Kameelen zuruͤckkehrte, um Waizen zum — 128— Verkauf in die nahe gelegene Stadt zu fuͤh⸗ ren, und es traf ſich eben, daß der Loͤwe, den neuen Eſel bewachend, im Schatten ei⸗ nes Baumes am Jordan ſich gelagert hatte, als er den Kameeltreiber kommen ſah. Den geſtohlenen Eſel erblicken und im raſchen Sprunge auf ihn zuſtuͤrzen, war Eins bei dem Loͤwen. Der Treiber entfloh, der Loͤ⸗ we aber faßte den Eſel, welcher mit zwei Ka⸗ meelen zuſammengekoppelt war, mit ſeinem Gebiß am Zaume und zog unter freudigem Gebruͤll den Wiedergefundenen ſammt den Kameelen mit ſich fort. Nicht gering war das Erſtaunen des Abts, als er ſeinen Jordanus in ſolcher Beglei⸗ tung ankommen ſah. Und obwohl er ſich den Zuſammenhang der Sache noch nicht zu erklaͤren vermochte; ſo hatte er doch große Freude an der Freude des Löwen, die dieſer durch lautes Bruͤllen und ſanftes Wedeln mit dem Schweife kund gab. Auch moͤchte wohl — 429— fuͤr immer der eigentliche Verlauf dem Abte verborgen geblieben ſeyn, wenn nicht der Kameeltreiber, nachdem er vom Schrecken ſich erholt, und die Spur ſeiner Thiere auf⸗ gefunden hatte, in das Kloſter gekommen waͤre, um ſein Eigenthum zuruͤckzufordern, und bei dieſer Gelegenheit den Hergang der Sache umſtaͤndlich erzaͤhlt haͤtte. Durch dieſe Begebenheit wurde Jorda— nus dem Abte noch theurer, als er ihm ſchon zuvor geweſen war, und es vergingen ſeit⸗ dem wohl fuͤnf Jahre, waͤhrend welcher der Lowe mit Ausnahme einiger Streif⸗ parthien in den nahen Wald, auf welchen er jedoch nie laͤnger als zwei oder drei Tage abweſend war, faſt immer im Kloſter blieb.. Indeſſen hatten die Tage des frommen Geraſimus ſich zu ihrem Ende geneigt. Einſt, als eben der Lowe abweſend war, entſchlief der Greis ſanft und ſelig in den Armen ſei⸗ 1. Sdehn. J ner Bruͤder, und wurde von ihnen im Klo⸗ ſtergarten begraben. Als nun Jordanus von ſeiner Streife⸗ rei zuruͤckkam, und ſeinen Freund nirgend fand, wurde er ſehr betruͤbt, durchſuchte mit aͤngſtlichem Gebruͤll alle Winkel des Kloſters, und als er den Geſuchten nicht fand, kam er zu den Bruͤdern und blickte die Trauern⸗ den fragend an. Da ſagte der fromme Sabbatius, welcher nach Geraſimi Hin⸗ ſcheiden zum Abt erwaͤhlt worden war, zum Loͤwen: Jordane, du findeſt ihn nicht, den du ſucheſt; unſer Vater hat uns verlaſ⸗ ſen und uns zu Waiſen gemacht!— Und die Moͤnche ſtreichelten ihm den Ruͤcken und ſprachen: Beruhige dich, Jordane! Wir haben ja noch mehr verloren, als du ver⸗ lorſt.— Aber der Loͤwe ließ ſich durch die⸗ ſe Worte nicht beſaͤnftigen, ſondern fuhr fort, mit klaͤglichem Gebruͤll ſeinen Breund zu ſuchen. Da erbarmte ſich endlich Sabbatius des Troſtloſen, winkte ihm zu folgen und fuͤhrte ihn in den Kloſtergarten an die Stelle, wo Geraſimus begraben lag. Sieh, Jordane! ſprach er. In dieſer Erde ruht unſer Va⸗ ter!— Bei dieſen Worten erneuerte ſich in der Bruſt des Abtes der Schmerz um den Verlorenen ſo heftig, daß er bitterlich weinend mit verhuͤlltem Angeſicht auf den Grabhuͤgel ſich niederwarf. Und als der Loͤwe den from⸗ men Sabbatius ſich niederwerfen und weinen ſah, ſchlug er mit Gewalt den Kopf gegen die Erde und bruͤllte noch einmal und verſtummte dann. Jetzt richtete ſich Sabbatius auf und rief: Nun, Jordane; komm' mit mir in's Kloſter zuruͤck!— Aber Jordanus hoͤrte nicht und bewegte ſich nicht, denn er war auf dem Gra⸗ be ſeines Freundes verſchieden. D. Herausgeber. X△ 2 Die Bekehrung. (Nach einer wahren Begebenheit ſkizzirt.) Der Graf nahm die Jasdtaſche um, warf die Buͤchſe uͤber die Schulter und pfiff ſeinem Tiras. Dann oͤffnete er das Neben⸗ zimmer, in welchem ſeine Gemahlin einſam bei ihrer Stickerei ſaß, und rief hinein: Adieu, meine Amalie! Wahrſcheinlich komm' ich erſt ſpaͤt nach Hauſe. Schon wieder in den Wald? fragte die Graͤfin aufſtehend, indem ſie ihr Taſchentuch auf die Stickerei fallen ließ. Die Jagd ſcheint jetzt bei Dir zur Paſſion geworden zu ſeyn, da Du doch, wie wir in der Reſi⸗ denz lebten, alle Einladungen zu Jagdpar⸗ thien ausſchluaſt. — 133— Er. Weil ich in der Reſidenz Gelegen⸗ heit hatte, mich auf andere Art zu unterhal⸗ ten. Da waren Gallerien, Konzerts, The⸗ ater, Baͤlle zu beſuchen; heut ſahen wir Geſellſchaft bei uns, auf morgen waren wir zu einer Fete bei Andern eingeladen. Aber hier auf dem Lande hat die roͤdtlichſte Langeweile ihren Sitz aufgeſchlagen; ein Tag vergeht wie der andere, eine Woche wie die andere, ohne die mindeſte Abwechſelung. Mit den benachbarten Gutsbeſitzern iſt, wie Du ſelbſt geſtehſt, kein Umgang zu pflegen, aus der Reſidenz verirrt ſich ſelten ein Be⸗ ſuch hieher, und mit den Allerweltsfreunden die ich wohl zu Geſellſchaftern und Tiſchge⸗ noſſen haben koͤnnte, iſt mir nicht ge⸗ dient— Sie. Julius, ſind wir uns ſelbſt nicht genug? Er. Nein, Amalie; das iſt es eben. In der erſten Zeit unſers Hierſeyns waren — 134— wir oft ganze Tage ungeſtoͤrt und unzertrenn⸗ lich, aber ich wuͤrde luͤgen, wenn ich ſagte, daß ich unſere Unterhaltung angenehm ge⸗ funden haͤtte. Du ſelbſt geſtandſt oft, daß Du etwas verſtimmt ſeyſt, ich fuͤhlte zuwei⸗ len eine ſtarke Anwandlung zu gaͤhnen. Und der Grund davon war? Mangel an Geſell⸗ ſchaft. Gott vergebe es den Dichtern, die das Landleben ſo reizend beſangen, wenn ſie die Urſach waren, daß Du mir ſo lange an⸗ lagſt, die Stadt zu verlaſſen und un⸗ ſer Landgut zu beziehn, bis es endlich ge⸗ ſchah. Sie. Soll dies ein Vorwurf fuͤr mich ſeyn?— Ich daͤchte doch, Julius, es waͤre Dein Wille eben ſo gut geweſen, als der meinige. Beklagteſt Du Dich nicht ſo haͤufig in der Reſidenz uͤber die Unruhe, uͤber das Gedraͤnge geraͤuſchvoller Vergnuͤ⸗ gungen, uͤber die unaufhoͤrlichen Beſuche; riefſt Du nicht oft: Bei Gott, hier kann — 135— man keine Stunde fuͤr ſich ſelbſt, ſondern muß nur immer fuͤr Andere leben! Er. So ſagt' ich. Doch nunmehr iſt mir's klar, daß ein unruhiges, geraͤuſchvol⸗ les Leben immer ertraͤglicher iſt, als ein langweiliges, einfoͤrmiges. Uebrigens ge⸗ faͤllt es mir, ſeitdem ich mit der Jagd mich beſchaͤftige, recht wohl auf unſerm Landgute. Fruͤher war es mir unbegreiflich, wie Man⸗ che die Jagd ſo leidenſchaftlich lieben konn⸗ ten, daß ſie beim unguͤnſtigſten Wetter Tage lang im Walde ſich umhertrieben, um das Wild zu belauern. Jetzt, da ich ſelbſt des edlen Waidwerks pflege, iſt mir dieſe Lei⸗ denſchaftlichkeit erklaͤrlich. Der Reiz zu dieſem Vergnuͤgen ſiegt in den Beſchwerden, die es begleiten; auch die Ehrbegierde geht dabei nicht ohne Nahrung aus. Denn wird man wohl einen Jaͤger finden, der nicht, wenn er von einer gluͤcklichen Jagd zuruͤck⸗ kehrt, mit Triumph ſeine Taſche des In⸗ — 136— halts entladet, und ſtolz, wie der ſiegreiche Feldherr die gefallenen Feinde, die getoͤdte⸗ ten Haaſen und Huͤhner zaͤhlt? Sie. Ein grauſames Vergnuͤgen— aber darum(laͤchelnd) recht paſſend fuͤr das grauſame Maͤnnergeſchlecht.. Er. Beſinne Dich Amalie. Der Jaͤ⸗ ger, welcher aus der Ferne das Wild erlegt, iſi doch wohl woich⸗ und und barmherziger, als die Koͤchin, die kaltbluͤtig einer Taube den Hals umdreht, einer Henne die Gur⸗ gel durchſchneidet und den Krebs in ſieden⸗ dem Waſſer ſterben laͤßt?— Sobald wir uns einen Gewiſſensſkrupel daraus machen, Thiere zu toͤdten; ſo bleibt uns nichts uͤbrig, als von Gras und Kraͤutern zu leben. Da⸗ zu kommt noch, daß ich wirklich der nach⸗ ſichtigſte Jaͤger unter der Sonne bin, weil ich das Wild lieber im Walde umherſpazie⸗ ren, als gebraten in der Schuͤſſel liegen ſe⸗ he. Wie manchen Haaſen, wie manches — 137— Reh, das mir ſchußgerecht kommt, laß ich durchlaufen, damit das Gehoͤlz recht bevoͤl⸗ kert bleibe. Nur ſelten bring' ich einen Haa⸗ ſen oder ein paar Bekaſinen von der Jagd mit. Auch der Foͤrſter iſt angewieſen, nicht mehr zu ſchießen, als fuͤr unſere Kuͤche, und als Deputat fuͤr den Wirthſchaftsinſpektor, den Geiſtlichen und die uͤbrigen Beamten gebraucht wird. Nein wahrlich! Mordluſt treibt mich nicht in den Wald; ich liebe die Jagd blos, weil die damit verbundene kraͤftige Bewegung den Koͤrper ſtaͤrkt, das Einath⸗ men der friſchen Luft meiner Bruſt wohl⸗ thut, weil ich mich freier, munterer, leben⸗ diger fuͤhle, wenn ich mit meiner Buͤchſe, den treuen Hund an der Seite, durch den dichten Wald ſchreite— Sie. Du geraͤthſt in Begeiſterung, Julius!— Nun, meine Worte hatten nicht die Abſicht, Dir Dein Vergnuͤgen zu verkuͤmmern. So ziehe denn hinaus in Deinen Wald, Du ruͤſtiger Sohn Nimrods, waͤhrend ich— Er. Du ſtockſt. Was willſt Du ſagen? Sie. Waͤhrend ich den Tag einſam auf meinem Zimmer zubringe. Er. Ich fuͤhle den Vorwurf, der in Dei⸗ nen Worten liegt, und darf ihn nicht gradehin ungerecht nennen. Allein die Sache genau betrachtet, verlierſt Du durch meine Abwe⸗ ſenheit wenig oder nichts. Meine Unterhal⸗ tungsgabe iſt nicht ſonderlich; hier auf dem Lande gebricht es noch dazu am Stoffe, den die Reſidenz ſo ergiebig darbot. Soll ich Dir vorleſen? Nach ein paar Seiten ver⸗ laͤßt mich die Geduld und ich verfall in den ſogenannten Zeitungston, wie Du oft ſchon getadelt haſt.— Oder wollen wir ſpazieren gehn, dem Konzert der Froͤſche im Teiche zuhoͤren, die Muͤcken ſpielen ſehen und uns von ihnen ſtechen laſſen? Genug! ſagte die Graͤfin und kuͤßte den — 1 39— Mund, der ſich ſo beredt rechtfertigte. Drau⸗ ßen kratzt ſchon Tiras, ungeduldig uͤber un⸗ ſer Geſpraͤch, an der Thuͤr. Gehab Dich al⸗ ſo wohl, mein Jaͤger! Die Graͤfin ſah ihrem Gemahle nach, wie er leichten Schritts uͤber den Schloßhof eilte; darauf kehrte ſie an ihren Stickrahmen zuruͤck, auf welchem weißer Atlas zu einer fuͤr Julius zum Geburtstagsgeſchenk be⸗ ſtimmten Weſte aufgeſpannt war, deren Rand die kunſtfertige Stickerin mit einer Guirlande von Eichenlaub zu umgeben ſich beſchaͤftigte. Er iſt gut(ſagte ſie zu ſich) bieder, im⸗ mer aufgeweckten Geiſts, theilnehmend, und fuͤr ſeine Freunde zu jedem Opfer bereit— waͤre er nur weniger fluͤchtig und wechſelnd in ſeinen Anſichten und Neigungen, ausdau⸗ ernder bei ſeinen Beſchaͤftigungen. Jetzt iſt die Jaͤgerei ſein Steckenpferd, fruͤher war es bald Malerei, bald Heraldik, bald Muſik, — 1 4 0— bald Botanik. Nun ſcheltet noch ihr Maͤn⸗ ner, unſer Geſchlecht das veraͤnderlichſte!— Roſette trat mit friſchen Blumen in's Zim⸗ mer, und ſetzte ſie auf ein Pfeilertiſchchen. Bleib, Kind! rief die Graͤfin, als das Maͤdchen ſich wieder entfernen wollte. Nimm eins von den Buͤchern dort, und lies mir vor; ſo geht die Stickerei mir beſſer von ſtatten. Roſa nahm das Buch, und blickte, darin blaͤtternd, verſtohlen⸗neugierig nach der Stik⸗ kerei. Gefaͤllt Dir die Guirlande? fragte die Graͤfin. O recht ſehr! verſetzte das Maͤdchen. Wie ſchoͤn nimmt ſich das dunkle Gruͤn der Blaͤtter auf dem weißen glaͤnzenden Atlas⸗ grunde aus. Aber— Graͤfin. Heraus mit der Sprache. Was gefaͤllt Dir nicht? Roſ. Ich dachte, gnaͤdige Graͤfin, daß eine Guirlande von Roſen und Vergißmein⸗ nicht noch ſchoͤner ſich ausnehmen werde. Graͤfin. Wohl moͤglich. Doch eine ſol⸗ che Verzierung wuͤrde ſich blos fuͤr ein Ge⸗ ſchenk eignen, welches die Geliebte ihrem Geliebten bringt. Kennſt Du denn die Be⸗ deutung der Blumen? Roſ. Recht gut. Ich kann ſogar Blu⸗ menſtraͤuße nach orientaliſcher Art binden. Selams, glaub' ich, nennt man ſie im Morgenlande. Graͤfin. Nun wenn Du weißt, wem dieſe Weſte beſtimmt iſt— Roſ. Doch wohl dem Herrn Grafen— 2 Graͤfin. Allerdings; ſo wird es Dir auch einleuchtend ſeyn, daß eine Roſen, und Vergißmeinnichtguirlande unpaſſend waͤre. Roſ. Unpaſſend, gnaͤdige Graͤfin? Iſt nicht die Roſe die Blume der Liebe, und Ver⸗ gißmeinnicht das Sinnbild der Treue? Und ſollte es nicht eben ſo noͤthig ſeyn, den Ge⸗ mahl an Beides zu erinnern, als den Gelieb⸗ ten? — 142— Graͤfin.(läͤchelnd) Naͤrriſches Maͤd⸗ chen! Liebe und Treue werden in der Ehe als gewiß vorausgeſetzt. Roſ. Dann ſollte man aber auch den Gott der Ehe mit verbundenen Augen, und den Gott der Liebe ſehend malen. Graͤfin. Maͤdchen, ſage mir, was Dir einfaͤllt?— Roſa blaͤtterte ſchweigend mit niederge— ſenktem Blicke in dem Buche. Kind! ſagte die Graͤfin verweiſend. Du ſcheinſt etwas auf dem Herzen zu haben; ich verdiene wohl, daß Du offen mit mir ſprichſt. Und das verdiente die Graͤfin auch aller⸗ dings. Sie hatte Roſetten, die Waiſe eines Landgeiſtlichen, zu ſich genommen, und füͤr ihre Erziehung und Ausbildung treulich ge⸗ ſorgt. Der Vorwurf der Graͤfin traf ihr wei⸗ ches Herz und fuͤllte ihr Auge mit Thraͤnen. Vergeben Sie mir, gnaͤdige Graͤſin! bat ſie. — 143— Ich will Ihnen nichts verheimlichen. Eben, wie ich die Blumen aus dem Garten geholt hatte, ſah ich den Herrn Grafen wieder auf die Jagd gehen, und da fiel es mir ein, daß es doch nicht recht iſt— und daß der arme Friedrich die Marie ſo außerordentlich liebt — und daß Sie von Allem dem nichts wiſ⸗ ſen— und darum ſagt' ich, Sie moͤchten nur Roſen und Vergißmeinnicht ſticken— Graͤfin. Roſette ich bitte Dich, was ſoll ich aus Deinen Reden ſchließen? Erzaͤh⸗ le doch ruhig und zuſammenhaͤngend. Wer iſt denn der arme Friedrich und die Marie? — Roſen und Vergißmeinnicht— und der Graf, der auf die Jand geht— wie haͤngt Beides zuſammen? Willſt Du mir Naͤthſel aufgeben? Roſ. Kennen Sie noch nicht die ſchoͤne Narie, unſers Foͤrſters Tochter?— Sie iſt jetzt erſt vier Wochen wieder im Dorfe, denn nach dem Tode ihrer Mutter hat ſie ihr Va⸗ — 144— ter zu ſeiner Schweſter, welche in einem Staͤdtchen, ſechs Meilen von hier, lebt, in Erziehung gegeben, und nunmehr iſt ſie zu⸗ ruͤckgekommen, weil der Vater ſie in ſeiner Haushaltung braucht. Kaum war ſie hier; ſo ging es wie ein Lauffeuer durchs ganze Dorf, daß Marie das ſchoͤnſte Maͤdchen weit und breit ſey, und kurz darauf hieß es wieder: mit dem Jaͤgerburſchen Friedrich und Marien ſey es ſo gut wie richtig, und bald werde eine ſtattliche Hochzeit im Dorfe ſeyn. Nun denken Sie, wie ich erſchrecke! — Geſtern Abend bringt Friedrich ein paar Haaſen in die Kuͤche, da bemerk' ich, daß er ganz blaß und verſtoͤrt ausſieht. Lie⸗ ber Friedrich! ſag' ich. Iſt das ein Braͤu⸗ tigamsgeſicht?— Da ſtoͤßt er ſeine Buͤchſe gegen die Quaderſteine, und faͤngt an, wild zu lachen, daß es mir einen Stich ins Herz gab. Mit dem Braͤutigamsgeſichte— murmelt er zwiſchen den Zaͤhnen— iſt's nun aufim⸗ mer vorbei. Gott, Friedrich! ſag' ich. Re⸗ de doch, was iſt denn zwiſchen Dir und Ma⸗ rien vorgefallen?— Laſſen Sie das, Mam⸗ ſellchen! giebt er mir zur Antwort. Es iſt eine ganz gewoͤhnliche Geſchichte. Marie hat ſich anders beſonnen, und ich bin ein Narr geweſen, ein rechter Narr, daß ich nur einen Augenblick mir einbildete, ſie mei⸗ ne es redlich. Ich faſſe ihn bei der Hand und bitte ihn, mir alles zu ſagen. Da ſieht er mir ſcharf in die Augen, als woll er darin leſen, ob ich auch ſein Zutrauen verdiene, denn faͤngt er mit einem Seufzer an: Ach, ich traͤumte ſo ſchoͤn, aber leider dauerte der Traum nur kurze Zeit. Sie wiſſen ja, daß ich ſeit ein paar Wochen fuͤr Mariens Braͤu⸗ tigam im Dorfe gelte; es war kein leeres Gerede; ich hatte ihr meine Neigung be⸗ kannt, und das Geſtaͤndniß ihrer Gegenliebe erhalten. Ach, wie konnt ich ihr Falſchheit zutrauen, ihr, in deren Seele ich den hoͤch⸗ I. Bdchh. K ſten theuerſten Schwur abgelegt haben wuͤr⸗ de, daß ſie das treuſte Maͤdchen ſey? Seit acht Tagen wurde ſie mit einem Male ganz fremd gegen mich. Faßte ich ihre Hand; ſo entzog ſie mir ſolche. Wollte ich ihr einen Kuß ſtehlen; ſo beugte ſie ſich zuruͤck und ſagte kalt und vornehm: Geh, Fritz, laß mich, ich will nicht!— Woher dieſe auffallende Kaͤlte? fragte ich mich; ich rieth hin und her, doch die Wahrheit errieth ich nicht. Jetzt aber ſind mir die Augen aufgethan worden, jetzt weiß ich die Urſach meines Ungluͤcks. Vor⸗ geſtern Nachmittags, fruͤher als gewoͤhnlich, komme ich aus dem Buſche zuruͤck und will ins Forſthaus, da ſeh' ich durch's Fenſter— Graͤfin. Nun, Roſa, warum ſchweigſt Du und wirſt verlegen? Roſ. Ach, gnaͤdige Graͤfin, was ich Ih⸗ nen nun noch zu ſagen habe, wird Sie be⸗ truͤben, und doch darf ich es Ihnen nicht ver⸗ ſchweigen. Wie ich durchs Fenſter in die „* — 147— Stube ſehe, ſagt Friedrich, ſitzt der Graf 4 bei Marien, haͤlt ſie feſt umſchlungen, kuͤßt ſie— Hier ſchlug er ſich mit geballter Fauſt wider die Stirne, und mit dem Ausruf: Himmel und Hoͤlle, ich ertrag' es nicht! ſtuͤrzte er fort. Glauben Sie mir, ich ha⸗ be die ganze Nacht nicht ſchlafen koͤn⸗ 6 nen. Die Wangen der Graͤfin erblaßten ſicht⸗ lich, ſie druͤckte die Lippen zuſammen, als wolle ſie damit verhuͤten, daß kein Wort ih⸗ re innere Bewegung verrathe. Roſette ſchwieg und richtete aͤngſtliche Blicke auf die Graͤfin, bis dieſe mit erkuͤnſtelter Faſſung und erzwungenem Laͤcheln ſagte: Laß es gut 3 ſeyn, mein Kind! Vielleicht nimmt der ei⸗ . ferſuͤchtige Friedrich die Sache ernſthafter, als er ſie nehmen ſollte; es war wohl nichts weiter als ein Scherz, den der Graf gegen 3 Marien ſich erlaubte. Die Erzaͤhlung hat b Dich angegriffen, wie ich ſehe; wahrſchein⸗ K 2 ————— lich biſt Du jetzt nicht in der Stimmung, mir vorzuleſen, darum erlaſſ ich Dir die⸗ ſes Geſchaͤft. Geh' in den Garten und be⸗ ruhige Dich. Roſa kuͤßte die Hand der Graͤ ſin und entfernte ſich. Als die Graͤfin allein war, ſank, vom Schmerz entpreßt, eine heiße Thraͤne aus ihrem Auge auf die Stickerei. So em⸗ pfindlich, Julius!— rief ſie— kannſt Du Dein treues Weib beleidigen? O, was erduldet, was vergiebt ein Weib nicht! Aber Eins iſt's, was unheilbar uns in inner⸗ ſter Seele verwundet: Untreue. Alles Andere laͤßt ſich ertragen, nur dieſe nicht. Wie viel opfern wir nicht, wenn wir durch das Jawort am Altare unſer Gluͤck und un⸗ ſere Ruhe in die Haͤnde eines Mannes le⸗ gen, ohne eine andere Gewaͤhrleiſtung dafuͤr zu haben, als das Vertrauen, daß er als Ehemann gleicht liebevoll und zaͤrtlich ſeyn — 149— werde, wie er als Braͤutigam ſich zeigte. Leider zeigen ſich ſo Viele, wie ſie ſeyn ſollten, aber nicht, wie ſie ſind. Wir opfern unſere gluͤckliche Unbefangenheit und ſo manche ſuͤße Schwaͤrmerei, welche blos in der Bruſt des Maͤdchens ihre Heimath hat, und die wie ein Traumbild zerfliegt, ſobald die Verhaͤltniſſe des Lebens in ihren— charakterloſen und unheimlichen Geſtalten uns naͤher treten. Entriſſen dem elterlichen 4 Hauſe, getrennt von unſern Geſchwiſtern und Geſpielen, kann blos die nie wankende Liebe des Mannes, dem wir angehoͤren, uns Erſatz leiſten fuͤr die Opfer, die wir ihm brachten, aber wehe der Armen, wel⸗ che, in dieſer Hoffnung betrogen, des Ehe⸗ manns Treuloſigkeit bejammern muß. Mit⸗ 5 leidswerthe Pflanze, ohne Licht und Him⸗ melsthau, ohne Stab! Bleich und welk ſinken Deine Blaͤtter in den Staub.— Und wie viele von uns, welche endlich des ——————, — 150— Duldens muͤde von dem Schmerze der Ver⸗ zweiflung und von dieſer dem Verbrechen in die Arme gefuͤhrt werden; wie viele, wel⸗ che Treuloſigkeit mit Treuloſigkeit vergeltend ſich ſelbſt Genugthuung zu verſchaffen wiſ⸗ ſen!— Mit ausgebrannter Fackel, ſtumm wie der Gott des Todes, ſitzt dann Hymen am zerſchlagenen Altare, der dem haͤusli⸗ chen Gluͤcke geweiht war!— Sie verſtummte in ihrem Schmerze; nur ein tiefer Seufzer, den Treuloſen ſchwer anklagend, flog aus ihrer erſchuͤtterten Bruſt. Sie beugte ſich wieder zu ihrer Stickerei, doch die Nadel wankte in der zitternden Hand, und es war um die ruhige Fortſez⸗ zung ihrer Arbeit, die ſie mit ſo viel Liebe und Freude begonnen hatte, geſche⸗ hen. O daß ich Mutter waͤre! ſeufzte ſie, daß ich ein geliebtes Kind ihm entgegen halten koͤnnte, um durch den Anblick der unſchulds⸗ — 151— vollen, ihm und mir aͤhnelnden Mienen ſein Herz zu erweichen und ſeine verlorene Liebe mir wieder zu erbeuten!— Arme Kind⸗ loſe!— Nun weiß ich's doch, was ihn mit einem Male ſo jagdluſtig machte, war⸗ um er der Jaͤgerei eine ſolche Lobrede hielt! Ha, wie meiſterhaft uͤbte der Falſche die Verſtellungskunſt aus!— Und das Maͤd⸗ chen ſoll ſchoͤn ſeyn, ſehr ſchoͤn. Sie reizt durch ihre Jugend ſein luͤſternes Verlangen; mich verachtet er, denn meine Bluͤthe iſt gebrochen.— Und was ſoll ich nun thun? Von ſeiner Untreue wiſſen und ſchweigen? Das geht uͤber die Kraft eines Weibes, wel⸗ ches in der Liebe ihres Mannes ihr einziges Gluͤck ſucht. Ihm wegen ſeiner Treuloſig⸗ keit Vorwuͤrfe machen, wie ſie mein tief verwundetes Herz mir eingiebt? Ich kenne ſein Temperament; Vorwuͤrfe wuͤrden ihn erbittern, nicht bekehren.— Wie fang' ich es alſo an, um ihm auf eine ſchonende — 152— Weiſe ſein Unrecht fuͤhlen zu laſſen, und ihn zu ſeiner Pflicht zuruͤckzufuͤhren?— Sie ſann der Loͤſung dieſer ſchwierigen Aufgabe nach, und das Reſultat ihres Nach⸗ denkens fiel dahin aus: ſie wollte zuerſt Ma⸗ rien, von welcher ſie nicht gekannt war, ſehn, und ihr, die ſie fuͤr ein in der Ver⸗ ſtellung ungeuͤbtes Maͤdchen hielt, ein Be⸗ kenntniß uͤber ihr Verhaͤltniß zum Grafen ablocken. Bei ruhigerm Nachdenken naͤm⸗ lich mußte die Graͤfin ſich geſtehn, daß ſie in ihrer erſten Aufwallung wohl zu weit gegan⸗ gen ſey, wenn ſie ſchon das Schlimmſte ge⸗ muthmaaßt, ihren Gemahl fuͤr Mariens Ver⸗ fuͤhrer und das Maͤdchen fuͤr ſeine Buhlerin gehalten habe. Ihr ganzer Argwohn beruhte ja blos auf den Aeußerungen des eiferſuͤch⸗ tigen Friedrichs. Wie leicht konnte ſich die⸗ ſer geirrt haben, denn der leidenſchaftlich Liebende ſieht uͤberall, wie der Furchtſame, Geſpenſter. Um ſo mehr war ruhige Pruͤ⸗ — 1355— fung und Bedachtſamkeit von ihrer Seite noͤthig, wenn ſie keine Bloͤſe geben wollte. Und wenn der Graf wirklich Wohlgefallen an dem ſchoͤnen Maͤdchen gefunden, wenn eine fluͤchtige Neigung ſich ſeiner bemeiſtert hatte, wie die bei ſeinem Temperamente ihm wohl zuzutrauen war, wenn es ſogar mit dem Kuͤſſen ſeine Richtigkeit hatte; im⸗ mer mußte, wenn er von ſeiner Verirrung geheilt werden ſollte, die groͤßte Schonung und Vorſicht angewendet werden. Die Graͤfin beſchloß alſo, das, was ſie wußte, zu verbergen, aber doch ihrem Ge⸗ mahl errathen zu laſſen, daß ſie von ſeiner Verirrung unterrichtet ſey. Ihre Großmuth ſollte ſein Schaamgefuͤhl erwecken und dieſes ihn an ſeine Pflicht erinnern und 3 derſel⸗ ben zuruͤckfuͤhren. Mit dem beſten Humor kehrte der Graf gegen Abend von der Jagd zuruͤck. Lachend verſicherte er Amalien, daß er aus purem — 154— Mitleid heute auch nicht das Mindeſte ge⸗ ſchoſſen habe, und beſtaͤtigte dieſe Verſi⸗ cherung durch Vorzeigung ſeiner leeren Jagd⸗ taſche. Ha! Du Falſcher! fluͤſterte ihr der Argwohn im Herzen. Du biſt gar nicht in den Wald gekommen; in Mariens Armen haſt Du die Stunden vertaͤndelt, und ihre Kuͤſſe haben Dich ſo froͤhlich gemacht.— Doch gewann ſie ſo viel Herrſchaft uͤber ſich, daß ſie durch kein Wort und keine Miene ihre innere Bewegung verrieth. Zudem wußte ſie, daß ihr Gemahl morgen Vormit⸗ tag, um mit dem Inſpektor die Wirthſchafts⸗ rechnungen durchzugehen, zu Hauſe bleiben werde; am zweckmaͤßigſten konnte ſie alſo ſchon den naͤchſten Morgen dazu benutzen, Marien zu ſehen, zu ſprechen, ſich Aufklaͤ⸗ rung zu verſchaffen, und den Plan, den ſie zur Bekehrung ihres Gemahls ſich erſonnen hatte, auszufuͤhren.— Der Morgen war ſchoͤn und zum Spa⸗ ziergange einladend. Der Inſpektor kam mit ſeinen Papieren und wurde auf das Zimmer des Grafen gewieſen. Schnell hatte die Graͤfin ſich angekleidet und ihren Schleier uͤbergeworfen. Mit einem Koͤrbchen am Arm, in welches ſie eine Flaſche Rheinwein nebſt Backwerk gelegt hatte, nahm ſie ihren Weg nach dem Forſthauſe. Ohngefaͤhr noch vierzig Schritte davon entfernt, ſah ſie ein weibliches Weſen vor der Thuͤr ſitzen. Sie bezweifelte nicht, daß es ihre Nebenbuhlerin ſey, und unwillkuͤhr⸗ lich wurden ihre Schritte langſamer; ſie fuͤhlte recht wohl, was es ihr koſten werde, die Stimme ihres aufgeregten Gemuͤths ſchweigen zu heißen und Gelaſſenheit und Maͤßigung in ihre Worte und Fragen zu legen. Faſt waͤre es, als ſie vor dem Maͤdchen ſtand, um ihre Faſſung geſchehn geweſen. Sie mußte geſtehn, daß ſie ein ſchoͤneres, — 156— lieblicheres Landmaͤdchen nie geſehen. Das Ideal einer Geßnerſchen Chloe und Amaryl⸗ 1 lis ſchien ſich in Marien zu verwirklichen. Lebensluſt, Frohſinn, Schalkheit und feu⸗ rige Liebe blitzte aus dem ſchwarzen Auge, auf der Wange thronte die friſcheſte Geſund⸗ heit, das dunkle Haar hing nachlaͤßig und doch nicht ohne Ordnung auf den Schultern, die jugendliche Bruſt hob und ſenkte ſich un⸗ geſtuͤm, als ob darin das Verlangen und Entzuͤcken der erſten Liebe poche, ihr Anzug war einfach, doch uͤberaus nett und reinlich; die Grazie der Nachlaͤßigkeit ſchien ihr dabei geholfen zu haben. 3 Sie war beſchaͤftigt, Staͤbchen zu einem Kaͤſich zu ſchnitzen, und zu ihren Fuͤßen ruh⸗ te ein ſchoͤn gefleckter Windhund, welcher, als die Graͤfin ſich naͤherte, aufſprang und ihr entgegen eilte, als ſey er angewieſen, ſie zu bewillkommen. Auch Marie ſtand auf, als die Graͤfin naͤher kam, gruͤßte freundlich — 157— 1 die Unbekannte und fragte nach ihren Be⸗ fehlen. Die Graͤfin erkundigte ſich nicht ohne Ver⸗ legenheit, ob der Herr Foͤrſter zu Hauſe ſey? Marie verſetzte: er ſey ſchon mit Tagesan⸗ bruch in den Wald gegangen, und komme erſt gegen Abend zuruͤck. Sie gab ſich zu⸗ gleich als deſſen Tochter zu erkennen, und verſprach, wenn etwas an ihren Vater zu be⸗ ſtellen ſey, ſolches puͤnktlich auszurichten. Nein, mein liebes Kind! verſetzte die Graͤfin. An Deinen Vater habe ich eigent⸗ lich nichts zu beſtellen, ich wollte blos fragen, ob vielleicht— der Herr Graf heute ſchon hier geweſen ſey, oder noch kommen werde? Marie. Kommen wird er gewiß, denn er geht jetzt alle Tage auf die Jagd. Graͤfin. Und beſucht Dich? Mar. Recht oft. Es gefaͤllt ihm hier. Graͤfin. Und Dir gefaͤllt es, daß es ihm gefäͤllt, nicht wahr?— Weißt — 158— Du denn, warum eigentlich der Graf kommt? Mar. Das erſte Mal kam er, weil ihn durſtete, nachher kam er, weil— weil— Graͤfin.(etwas boshaft) Ihn hun⸗ gerte? Marie. Nein, nein! Nachher kam er blos(offenherzig) um bei mir zu ſeyn. Das naive Geſtaͤndniß des Maͤdchens kraͤnkte die Graͤfin. Es war um ihren Gleich⸗ muth geſchehen. Allerliebſt! ſagte ſie. Und der Graf waͤhlt zu ſeinen Beſuchen immer die Stunden, wenn er Dich allein trifft? Mar. Faſt den ganzen Tag bin ich al⸗ lein, denn der Vater hat im Walde zu thun. Graͤfin. Dein Vater weiß doch, daß der Graf dich beſucht? Mar. Freilich weiß er es, ich hab's ihm ja ſelbſt geſagt. Graͤfin. Und was meint er denn zu den Beſuchen des Grafen? — 159— Mar. Er ſagt, ich ſoll ja recht artig und freundlich gegen ihn ſeyn. Graͤfin. Und das biſt Du auch? Mar. Ach, ſo gern, ſo gerne bin ich es, und von ganzer Seele. Der Graf iſt ja auch ſo freundlich gegen mich, er nennt mich immer ſeine gute, liebe Marie, er nimmt mich auf den Schoos, er ſpielt mit meinen Haaren, er kuͤßt mich— Die Wangen der Graͤfin ergluͤhten unterm Schleier. Und Du laͤßt Dich von ihm kuͤſſen, Maͤdchen? fragte ſie mit hervorbrechender Heftigkeit. Mar. Warum nicht? Kuͤſſen iſt keine Suͤnde; das hat der Graf ſelbſt geſagt. Graͤfin. So muß es wohl wahr ſeyn. Mar. Wie er mich zum erſten Male kuͤßte, wollte ich boͤſe daruͤber werden, allein gleich kuͤßte er mich noch zwei⸗ dreimal, und da wurd' ich wieder gut. Die Graͤfin wandte ſich erbittert hinweg, — 160— und Mariens unbefangene Frage: ob ihr et⸗ was fehle? brachte ſie noch mehr auf. Maͤd⸗ chen! ſagte ſie mit bebender Stimme. Weißt Du denn nicht, daß der Graf mein— daß der Graf, wollt' ich ſagen, verheira⸗ thet iſt, daß Du ihm nicht gut ſeyn darfſt? Ich darf ihm nicht gut ſeyn? fragte Marie, indem eine Thraͤne in ihr Augetrat. Liebt ihn denn die Graͤfin, wie ich ihn liebe? Nein, glauben Sie mir, ſo kann ſie ihn nicht lieben, ſo nicht!— Sie ſchlug die Hand vor ihre Augen, und ein Seufzer nach dem andern draͤngte ſich aus der unruhigen Bruſt. 3 Die Graͤfin konnte ſich des Mitleids nicht erwehren. Das vergeb' ich Dir, Julius! dachte ſie— daß Dein Flatterſinn Dich zu dieſem Maͤdchen hinzog, und daß Du mich daruͤber vernachlaͤßigteſt, aber daß Du durch Deine Liebkoſungen den Frieden ihres Her⸗ — 151— zens vergiftet, daß Du Sehnſucht und Hoff⸗ nungen in ihr rege gemacht haſt, die Du, ohne ein doppelter Verbrecher zu werden, nicht ſtillen, nicht erfuͤllen darfſt, daß Du ſo die Bluͤthe ihres Lebens noch in der Knos⸗ pe zerſtoͤrteſt, das, Julius, haſt Du ſchwer dem Himmel zu verantworten. Marie ſaß ſtumm da, wie eine buͤßende Suͤnderin. Richte Dich auf, mein Kind! ſagte die Graͤfin mit mildem Tone. Es hat mir weh gethan, einen Traum zerſtoͤren zu muͤſſen, der Dich ſo gluͤcklich machte, aber ich mußt' es ſowohl um deinet⸗, als um des Grafen willen. Unſchuldiges, uner⸗ fahrenes Kind! Einſt wirſt Du mir, die Du vielleicht jetzt der Haͤrte anklagſt, ſo heiß und innig danken, als waͤre ich die Retterin Dei⸗ nes Lebens.— Und nun ſage mir noch Eins. Wenn Du verheirathet waͤrſt, und der Mann, den Du einzig und unausſprechlich liebteſt, theilte die Liebe, die Dir allein ge⸗ I. Pdehn. 8 — 162— buͤhrt, zwiſchen Dir und einer Andern, was wuͤrdeſt Du thun? Ich wuͤrde weinen und ſterben! ſagte das Maͤdchen mit bebender Stimme. Und weinen und ſterben, Marie, wuͤrde auch die Graͤfin, wenn ſie ihres Gemahls Liebe mit Dirn theilen ſollte! Bei dieſen Worten ſtuͤrzte eine bren— nende Thraͤne aus dem Auge der Graͤfin und begrub ſich in den Falten des Schlei⸗ ers. 4 uUnd wenn es vollends wahr iſt(fing ſie aufs Neue an) daß Du, wie man ſagt, ſchon Braut biſt, wie kannſt Du es beim Him⸗ mel verantworten, daß Du Deinen Braͤu⸗ tigam ſo bitter taͤuſcheſt und um die Ruhe ſeines Lebens betruͤgſt? Marie ſeufzte blos. Hat Friedrich nicht — fragte die Graͤfin— die Verſicherung Deiner Liebe? Schluchzend erwiederte das Maͤdchen: Ach, damals— damals kannte ich ja noch nicht den Grafen— Beſſer waͤr es, fiel ihr die Graͤfin in's Wort, Du haͤtteſt ihn nie kennen gelernt, denn die Leidenſchaft, die Du fuͤr ihn hegeſt, iſt eine Schlange, die Dein Blut vergiſtet. — Und denkſt Du denn gar nicht mehr an Friedrich? Mar. Ich denk an ihn, aber mit Angſt; ich ſeh' ihn, aber mit Zittern. Graͤfin. Dieſe Angſt und dieſes Zit⸗ tern warnen Dich, der unſeligen Leiden⸗ ſchaft gegen den Grafen nicht ferner Gehoͤr zu verſtatten, nicht das Treuwort zu brechen, das Du ſchon einem Andern gegeben haſt. O folge dieſer wahnenden Stimme, ehe es zu ſpaͤt wird!— Die Graͤfin bemerkte erſt jetzt, daß ſie, hingeriſſen von ihrem Gefuͤhl, ihrem ei⸗ gentlichen Plan untren geworden. Sie be⸗ ſchloß einzulenken. Troͤſte Dich, Marie! 2 2 (ſprach ſie) und verkenne meine Abſicht nicht. Ich bin keinesweges eine Feindin Deines Gluͤcks, ich wollte blos erfahren, ob der Graf Dir wir klich ſo lieb iſt. Da er Dir es iſt, da er Dich gewiß noch oft und auch heut beſuchen wird, da er, wenn er ermuͤdet von der Jagd bei Dir einſpricht, einer Erquickung bedarf, die Du ihm zu verſchaffen nicht im Stande biſt, und da es Dir doch lieb ſeyn muß, wenn er Alles bei Dir findet, was er etwa wuͤn⸗ ſchen moͤchte; ſo hab' ich eine Bonteille Wein, wie er ihn am liebſten trinkt, und etwas Backwerk mitgebracht, bewirth' ihn damit, wenn er zu Dir kommt, und ſollte er— frag' ihn nur— vielleicht noch etwas wuͤnſchen, was zu ſeiner Bequemlichkeit dient; ſo will ich auch dafuͤr ſorgen. Hiermit packte die Graͤſin den Inhalt ihres Koͤrbchens aus; ſie hatte ſogar, damit nichts fehle, auch ein paar Glaͤſer und eine Serviette mitgebracht. Voll Verwunderung blickte Marie die raͤthſelhafte Unbekannte an, und fragte end⸗ lich: Wie aber, wenn der Graf von mir wiſſen will, wer ſo zuvorkommend fuͤr hn geſorgt hat? So ſage nur: ſeine treuſte Freundin. Bei dieſen Worten reichte die Graͤfin Marien ihre Hand zum Abſchiede und ent⸗ fernte ſich. Sie fuͤhlte ihr Herz erleichtert, nachdem ſie ihre Nebenbuhlerin kennen ge⸗ lernt hatte. Die Argloſigkeit und Unbefan⸗ genheit des Maͤdchens galt ihr als das zu⸗ verlaͤßigſte Zeugniß, daß Mariens Herz noch rein und ihre Phantaſie noch unbefleckt ge⸗ blieben ſey. Von ihrem Geſpraͤche verſprach ſie ſich wenigſtens die Wirkung, daß Ma⸗ rie dadurch zu einem ernſten Nachdenken aͤber ihre Leidenſchaft ſich veranlaßt finden werde. Der Graf, wenn er, wie von Ma riens Offenherzigkeit nicht anders zu erwar⸗ ten war, den ganzen Inhalt der Unterre⸗ — 166— dung erfuhr, mußte in der Unbekannten ſo⸗ gleich ſeine Gemahlin erkennen. Der Wein, aus ſeinem Keller, und die Glaͤſer, aus wel⸗ chen er zu trinken pflegte, waͤren zu dieſer Erkennung nicht einmal noͤthig geweſen. Er mußte ſich fragen: was dieſer Scherz be⸗ denten ſolle? dann aber bei einiger Ueber⸗ legung ſich eingeſtehn, daß er ſehr leichtſin⸗ nig handle, das fuͤr Scherz zu halten, wo⸗ durch die gekraͤnkte Gattin ihn mit zarterer Schonung, als er verdiente, an ſeine Pflicht erinnert hatte. Die Graͤfin glaubte ihren Gemahl genau genug zu kennen, um von der Großmuth, die ſie ihm bewies, ſich den beſten Erfolg verſprechen zu duͤrfen. Sie kehrte heiterer und beruhigter, als ſie es verließ, auf's Schloß zuruͤck, wo ſie ihren Gemahl immer noch mit den Rechnungen des Inſpektors angelegentlich beſchaͤftigt fand. Gott ſey gelobt— ſagte der Graf, als er zur Tafel kam— daß ich die verdrießliche — 1067— Arbeit los bin. Noch ſummen die Zahlen in meinem Kopfe, wie ein Bienenſchwarm; Du wirſt es alſo ſehr billig finden, meine Amalie, daß ich mich dafuͤr dieſen Nachmit⸗ tag auf der Jagd erhole.— Unbefangen ver⸗ ſetzte die Graͤfin: ich habe ja nie ſcheel geſe⸗ hen, wenn Du Deinen Vergnuͤgen nachgingſt, und werd' es diesmal um ſo weniger. Kaum hatte der Graf abgeſpeiſt; ſo warf er ſich in ſeinen Jagdhabit und fort ging's mit Tiras und Buͤchſe. Aufs Forſthaus zu! dachte die Graͤfin, und ſo war es auch. Sonſt hatte ihn Marie immer ſchon mit Sehnſucht erwartet und war ihm entgegen⸗ geflogen; heute kam ſie nicht, und als er die Thuͤr oͤffnete und in die Stube trat, fand er die Kleine im dunkelſten Winkel ſitzen, das Geſicht mit ihrer Schuͤrze verhuͤllend. Du weinſt, Marie? fragte er, und wollte die Bedeckung von ihren Augen ziehen, um, wie er ſagte, die Perlen hinwegzukuͤſſen. Aber Marie ſtraͤubte ſich ernſtlich und ſchluchzte heftiger hinter der Schutzwehr ihres bethraͤn⸗ ten Angeſichts. Meine gute Marie! fragte der Graf aufs Neue. Was iſt Dir wider⸗ fahren? Warum willſt Du mir Dein Leid verſchweigen? Haſt Du mich denn nicht mehr lieb?— Ich darf ja nicht! weinte ſie, und ih⸗ re Bruſt wallte ungeſtuͤmer. Der Graf ſtand betroffen; er ahnete, daß etwas vorgefallen ſeyn muͤſſe, wodurch Marie wegen ſeiner Beſuche beunruhigt wor⸗ den. Vergebens bemuͤhte er ſich, den Stoͤ⸗ renfried zu errathen, am wenigſten dachte er an ſeine Gemahlin. Die Warnung der Graͤfin hatte auf Ma⸗ riens fuͤhlendes Herz den tiefſten Eindruck gemacht; ſie empfand die Wahrheit ihrer Worte; ſie war zum erſten Male veranlaßt worden, uͤber ihre Leidenſchaft gegen den Graſen ernſthaft nachzudenken; ſie fuͤhlte, — 169— daß der Graf ſie nicht lieben duͤrfe, ohne ſei⸗ ne Gemahlin ſchwer zu beleidigen; ſie fuͤhl⸗ te, daß ſie ihn nicht wiederſehen duͤrfe, wenn es ihr darum zu thun ſey, die Stimme ihrer ungluͤcklichen Leidenſchaft zum Schweigen zu bringen. Lange kaͤmpfte ſie, bis ſie ſo viel Staͤrke gewann, den Entſchluß der Entſa⸗ gung zu faſſen.— Jal— ſchluchzte ſie. — Was es mir auch koſten moͤge, ich will ihm das Verſprechen abnehmen, daß er mich nie wieder allein ſehe. In dieſem Augenblicke war's, wo der Graf in die Stube trat, und das Erſcheinen des geliebten Mannes erneuerte ihren innern Kampf. Doch bald erzwang ſie ſich die Faſ⸗ ſung, die ihr in dieſer Stunde ſo noͤthig war. Sie ſtand auf, trocknete ihre Thraͤ⸗ nen und bemuͤhte ſich zu laͤcheln. Sonnenſchein folgt dem Regen! ſagte der Graf ſcherzend, indem er ihre Hand ergriff, die fieberiſch in der ſeinigen zuckte. Wie — 170— kannſt Du Geheimniſſe vor mir haben? fuhr er fort, und wollte ſie umarmen; allein ſie verhinderte ſeine Liebkoſungen und ſagte ernſt und gefaßt: Gnaͤdiger Herr Graf— ich bitte Sie um Alles— mich nie wieder allein zu ſehn— Der Graf drang in ſe, ihm zu geſtehn, wodurch ſie zu dieſem Ver langen bewogen worden, und nun erzaͤhlte ſie ihm, obwohl durch oͤfteres Schluchzen unterbrochen, daß dieſen Morgen eine unbekannte verſchleierte Dame zu ihr gekommen ſey, daß dieſe ſich erkundigt habe: ob der Graf ſie oͤfters beſu⸗ che? daß dieſe Dame ihr Vorſtellungen we⸗ gen der Beſuche des Grafen gemacht, daß ſie ihr geſagt habe, ſie duͤrfe ihn nicht lieben, ohne der Graͤfin das Herz zu brechen. Doch — ſetzte ſie hinzu— ſey die Dame nichts weniger als ungehalten geweſen, ſondern ha⸗ äbe zuletzt verſichert, wenn der Graf ſich hier geſiele, wolle ſie, als ſeine beſte rndim — 171— alles Moͤgliche thun, damit ſein Aufenthalt ihm recht angenehm werde und er keine Be⸗ quemlichkeit vermiſſe, die er auf ſeinem Schloſſe gewohnt ſey. Marie brachte zugleich den Wein nebſt Backwaaren, und ſtellte Beides vor den Gra⸗ fen hin. Dieſer hatte mit ſteigender Ver⸗ wunderung zugehoͤrt. Er ließ ſich nun die Geſtalt und Kleidung der Dame genauer be⸗ ſchreiben und koſtete den Wein.— Sie iſt's geweſen! ſagte er leiſe zu ſich. Es lei⸗ det keinen Zweifel. Ja, Amalie, ich ver⸗ ſtehe Deinen Wink, und wahrlich! Du ſollſt Dich nicht in mir getaͤuſcht haben. Ja, Marie! ſprach er zu dem Maͤd⸗ chen, das mit niedergeſchlagenem Blicke vor ihm ſtand wie eine Schuldige, die ihr Ur⸗ theil empfangen ſoll. Ja, Marie! Es ſey, wie Du willſt, ich will Dich heut zum letz⸗ ten Male ſehen; durch mich ſoll Dein Frie⸗ de nicht geſtoͤrt werden; vergiß es, wenn — 172— ich Dir lieb war. Vielleicht gelingt es bald einem braven Manne, Deine Neigung zu gewinnen, dann—— doch wie? iſt mir recht, ſo hoͤrt' ich vor einiger Zeit, daß der Jaͤgerburſche Friedrich um Dich werbe. Es iſt ein wackerer Junge, ſehr brauchbar im Dienſt, nur weiß ich freilich nicht, ob Du— Ach, Herr Graf! ſchluchzte Marie, in⸗ dem ſie ihr Geſicht mit den Haͤnden bedeck⸗ te. Erinnern Sie mich daran nicht. Ehe ich Sie geſehen hatte, war ich ihm wohl gut, doch nachher—— Graf. Ich errathe, was Du ſagen willſt: nachher wurdeſt Du gleichguͤltiger gegen ihn. Aber nun, Marie, da ich nach Deinem eignen Wunſche Dich nicht wieder ſehe, da auch Du, wie jedes andere Maͤd⸗ chen, die Wahrheit des Sprichworts: Aus den Augen, aus dem Sinn! beſtaͤtigen, und ſo ſchnell, wie Du mich lieb gewannſt, mich vergeſſen wirſt, nun ſey wieder freundlich — 25— 175 gegen den Vurſchen, denn(ſetzte er mit leich⸗ tem Laͤcheln hinzu) ich wuͤnſchte nicht, von ihm den Vorwurf zu hoͤren, daß ich ſeine Braut ihm abwendig gemacht.— Weiß denn ſchon Dein Vater um Friedrichs Be⸗ werbung? Marie. Gemerkt mag er's wohl haben, daß Friedrich mir nicht gram iſt. Graf. Und er wauͤrde auch gewiß ſeine Einwilligung zu Eurer Verheirathung geben, nicht wahr? Marie. Gewiß, denn er haͤlt viel auf Fritzen. Wenn Fritz nur erſt eine Verſor⸗ gung haͤtte.. Graf. Die findet ſich wohl bald, da er brauchbar iſt. Alſo, Marie, im Voraus laß uns anſtoßen auf das Gluͤck eines ge⸗ wiſſen zukuͤnftigen Ehepaars! Er fuͤllte die Glaͤſer und reichte das eine Marien; ſie nahm es, weil der Graf nicht abließ, in ſie zu dringen, doch konnte ſie der Thraͤne nicht wehren, die aus ihrem Auge ins Glas perlte. Lebe nun wohl, Marie! rief der Graf nicht ohne Bewegung. Leben Sie recht wohl, Herr Graf! ſagte ſie leiſe mit abgewandtem Geſicht. Keinen Kuß zum Abſchiede? fragte er ſanft, indem er ihre Hand ergriff. Sie ſtuͤrzte weinend an ſeinen Hals, dann riß ſie ſich gewaltſam los und winkte dem Grafen, ſich zu entfernen. Er ging.— Dank Deiner Warnung, Amalie!— ſagte er, indem er langſamen Schritts den Weg zu ſeinem Schloſſe ein⸗ ſchlug. Noch war es Zeit, eine Liebelei ab⸗ zubrechen, die ich nur als einen unterhal⸗ tenden Scherz anſah, die aber, wie ich nun bemerke, von dem Maͤdchen ernſthafter ge⸗ nommen worden iſt, als ich denken konnte. Ich will es nicht laͤugnen, daß Mariens Naivetaͤt mich anzog, daß ihre jugendliche — 125— Schoͤnheit meine Sinnlichkeit erregte; doch ihre Unſchuld waͤre mir gewiß immer heilig geblieben. Gewiß? auch in einer Stunde, wo vielleicht ſie hingebender geweſen und ich feuriger geworden waͤre?— Erbaͤrmlicher Stoiker! Beſtehen denn meine Grundſaͤtze in etwas Anderm, als darin, daß ich keine habe? Und nun— die Folgen einer ſolchen Verirrung! Beſchaͤmend, niederbeugend fuͤr mich, aber ſchrecklicher fuͤr das Maͤdchen.— 9O Amalie, vortreffliches Weib! Du zogſt mich zuruͤck von dem Abgrunde, der zu mei⸗ nen Fuͤßen ſich oͤffnete, und in welchen ich ein unſchuldiges Geſchoͤpf mit hinabzureißen im Begriff ſtand. Ich will zu Dir fliegen, ich will Dir Alles bekennen und mir kniend Deine Vergebung erflehen!— Mit ſchnelleren Schritten ging er auf das Schloß zu, erfuhr aber bei ſeiner Ankunft, daß ſeine Gemahlin nicht auf ihrem Zimmer, ſondern im Park ſich befinde. Er eilte ihr dorthin nach. Aus einer im verborgenſten Gebuͤſch angelegten Laube toͤnte Amaliens Geſang zur Gnitarre. Er naͤherte ſich ge⸗ raͤuſchlos und lauſchte. Sie ſang: Die ſich von dem goldnen Ringe Goldne Tage nur verſpricht, Ach, die kennt den Lauf der Dinge Und der Maͤnner Launen nicht. Amalie! rief er hervortretend und zu ih⸗ ren Fuͤßen ſinkend. Kannſt Du mir verge⸗ ben, du ſchwer Beleidigte? Sieh, ich be⸗ reue, ich ſchwoͤre— Schwoͤre nicht noch einmal, Julius! fag, te ſie ernſt und wehmuͤthig. Du haſt ſchon geſchworen, als wir die Ringe vorem Altare wechſelten— Er. Hart ſtrafen mich Deine Worte. aber hoͤre mich. Du kennſt Marien. Zu⸗ fͤllig ſah ich ſie; das kindliche Weſen, die Naivetaͤt des Maͤdchens ergoͤtzte mich— kein Wunder! denn ich verglich ihre Anſpruchs⸗ — 177— loſigkeit und Natuͤrlichkeit mit dem koketti⸗ renden, gezierten und flachen Weſen unſerer Damen in der Hauptſtadt. Mein Weg fuͤhr⸗ te mich oͤfter beim Forſthauſe vorbei, ſie ſaß vor der Thuͤr, ich knuͤpfte ein Geſpraͤch mit ihr an, ein Wort gab das andere, ſie wurde vertraulicher, ich gewoͤhnte mich an ſie, ich taͤndelte, ſcherzte mit ihr— blicke mich nicht ſo ernſthaft an, Amalie!— Bei Gott, was mich zu dem Maͤdchen hinzog, war nichts, als ein fuüͤchtiges Wohlgefallen, ein goüt Passager— Sie. Ich will Dich nicht fragen, Ju⸗ lius, ob Du der Soliditaͤt Deiner Grund⸗ ſaͤtze ſo gewiß biſt, daß Du keck behaupten darfſt, aus den kleinern Vertraulichkeiten wuͤrden keine groͤßeren entſtanden ſeyn; blos das Eine bitte ich Dich zu beherzigen, daß wenn auch Du wirklich keine Leidenſchaft fuͤr das Maͤdchen fuͤhlteſt, ſondern bloſes Amuſement bezweckteſt, wie Du verſicherſt, 1. Bdchn. M doch das Maͤdchen aus Deinen Taͤndeleien Gift in die unſchuldige Bruſt ſog. Auch haͤtteſt Du wohl bedenken moͤgen, daß Dein oͤfteres Verweilen im Forſthauſei im Dorfe Aufmerk⸗ ſamkeit erregen, und das Maͤdchen ins Ge⸗ rede bringen mußte— Er. Habe Barmherzigkeit mit mir reuigem Suͤnder, Amalie. Wahr iſt Alles, was du ſagſt— aber hier nimm die heilig⸗ ſte Verſicherung: ich ſehe das Maͤdchen nie wieder, allein nie. Doch, obgleich ich mich auf Gnade und Ungnade ergeben habe„ muß ich auch eine ernſte Frage an Dich richten: Warum warſt Du nicht offen gegen mich? Was ſollte die Spielerei mit dem Wein? Meinteſt Du, ich wuͤrde nicht darauf geach⸗ tet haben, wenn Du wegen meiner Beſuche bei Marien mir Vorſtellungen gemacht haͤt⸗ ee. Sie. Die Gattin muß, ſelbſt wenn das vollkommenſte Recht auf ihrer Seite iſt, es — 1279— vermeiden, auch nur den leiſeſten Vorwurf dem Gatten zu machen; ſie muß es blos da⸗ hin zu bringen ſuchen, daß er, wenn er ge⸗ fehlt hat, ſich ſelbſt Vorwuͤrfe macht. So und nicht anders, ihr Maͤnner, iſt es moͤglich, Euch zu bekehren. Er. Wem verdankſt Du dieſe mehr als Salomoniſche Weisheit, Amalie? Sie. Der beſten, erprobteſten Lehre⸗ rin— der Erfahrung. Er. Ich will Dir nicht widerſprechen, obwohl ich Grund dazu haͤtte. Aber nun, Amalie, nachdem ich bereut und Beſſerung angelobt habe— zuͤrnſt Du mir noch? Sie. Habe ich Dir denn je gezuͤrnt oder Dich zu lieben aufgehoͤrt? Weißt Du nicht, was Lovelace in der Klariſſa ſagt? Die Weiber lieben den am meiſten, es ſey Mann, Kind oder Galan, der ihnen am meiſten zu ſchaffen macht. O Amalie, wie beſchaͤmſt Du mich! rief M 2 der Graf, ſie umſchlingend, und ſie neigte ſich verſoͤhnt an die Bruſt des Bereuenden und fluͤſterte: Julius, biſt Du nun wieder ganz mein?—— In dieſem Augenblicke entſtand vor'm Park ein heftiges Geſchrei. Viele Stimmen laͤrmten und kreiſchten durch einander, es waren aber blos einzelne Worte und Ausru⸗ fungen zu verſtehen; Barmherziger Him⸗ mel!— Der ungluͤckliche!— Es iſ ent⸗ ſetzlich!— Indem der Graf, um ſich nach der Ur⸗ ſache des Laͤrms zu erkundigen, auf die Thuͤr zuging, ſtuͤrzte Roſette blaß und athemlos herein. Was giebt's? rief ihr der Graf entgegen. Gott— gerechter!(ſtammelte ſie) Friedrich— hat ſich— erſchoſſen! Der Graf erbleichte; die Graͤfin, als ſie die Beſtuͤrzung ihres Gemahls bemerkte, eilte herbei; Roſette wiederholte ihr die un⸗ gluͤcksbotſchaft, ſie bebte zuſammen und warf — 18 1— einen bedeutenden, ihm nur allzuverſtaͤndli⸗ chen, Blick auf ihren Gemahl, der wie ver⸗ nichtet daſtand. Der Voigt, von dem Roſette die Nach⸗ richt hatte, wurde herbeigerufen; er refe⸗ rirte auch ſofort, ohne gefragt zu ſeyn, in ſeinem etwas breiten Style Folgendes: Der Foͤrſter ſey heut fruͤh, noch vor fuͤnf, mit Friedrich in den Wald gegangen, und habe gleich einen beſondern Truͤbſinn an dem Bur⸗ ſchen verſpuͤrt. Es ſey auch ganz ſonderbar geweſen, daß der Friedrich, ſonſt ein ganz vorzuͤglicher Schuͤtze, heut jedes Stuͤck Wild gefehlet, ſo daß dem Foͤrſter ſein ohnehin nicht feſter Geduldfaden geriſſen ſey, und er zum Burſchen geſagt habe: er ſolle ſich zum Teufel ſcheeren. Dies habe der Friedrich wahrſcheinlich im woͤrtlichſten Verſtande ge⸗ nommen, und ſey, einen wilden Blick auf den Foͤrſter werfend, tiefer in den Wald ge⸗ gangen. Dem Foͤrſter habe gleich Uebles —. 182— geſchwanet, er ſey alſo von ferne dem Bur⸗ ſchen nachgefolgt, doch unmerklich. Im dickſten Gebuͤſch nun habe ſich der Friedrich auf den Boden niedergeworfen, wie ein Wahnſinniger ſich gebehrdet, ſich ſelbſt und die ganze Welt verflucht; dann ſey er mit den Worten: Gott ſey gedankt, ich weiß mir zu helfen! aufgeſprungen, habe ſeine Buͤchſe ergriffen, den Schrotſchuß her⸗ ausgezogen, eine Kugel hineingeworfen, ei⸗ nen tuͤchtigen Pfropf drauf, und nun die Buͤchſe wider die Erde geſtemmt, um ſie mit dem Fuße gegen den Mund abzudruͤcken. In dieſem Augenblicke aber ſey der Foͤrſter herzugeſprungen, und habe dem Burſchen mit den Worten: Biſt Du des Teufels, Friedrich? das Bein weggeriſſen, doch ſey die Buͤchſe losgegangen, aber die Kugel ha⸗ be blos Friedrichs Arm geſtreift. Alſo nicht todt? fragte der Graf. Der Bader hat ihn verbunden und ge⸗ — 183— ſchworen: er wolle ſeine Reputation in loco und in der Umgegend verlieren, wenn die Wunde nicht binnen acht oder rzehn Tagen ganz geheilt ſey erwiederte der Voigt. Wie ſie ihn blutend in die Foͤrſterei brachten(ſetzte er hin⸗ zu) gerieth Foͤrſters Mariechen ganz außer ſich, ſie rief: Ich bin an ſeinem Tode ſchuld! und heulte, daß es einen Kieſel⸗ ſtein haͤtte erbarmen moͤgen. Ich machte, daß ich fortkam, weil mir ganz abſonderlich weichlich zu Muthe wurde. Der Graf winkte dem Schwaͤtzer, ſich zu entfernen. Seine Augen trafen auf Ama⸗ liens, welche naß waren. Ich verſtehe— ſprach er vor ihr hinſinkend— dieſe Thraͤ⸗ ne, die in Deinem Auge mir begegnet; dieſe ſtumme Anklage, die mein Herz zerreißt; das Bild des Blutenden ſteht vor Dir, und ſeine That waͤlzeſt Du auf meine Seele. Sprich es nur aus, ſtrenge Richterin, was Du denkſt? Sie griff nach ſeiner Hand und ſagte: — — 184— Julius, und wenn nun ein glücklicher Zufall nicht obgewaltet, wenn die Kugel das Herz des um Deinetwillen von ſeiner Geliebten verſchmaͤhten Juͤnglings wirklich getroffen haͤtte,— wem waͤre die Schuld ſeines Todes zuzurechnen?— Ein Menſchenleben— vernichtet um einer(ich brauche Deinen eigenen Ausdruck) Taͤndelei willen?— Err richtete, ohne etwas zu erwiedern, ſeinen Blick in die Hoͤhe, und ging ſtumm an Amaliens Seite in's Schloß. Am andern Morgen kam er mit einem Briefe in der Hand auf das Zimmer ſeiner Gemahlin. Eben— ſagte er— ſchreibt mir der Baron von Welling, daß er auf ſein Gut Wildenhain einen tuͤchtigen Foͤrſter ſu⸗ che, und bittet mich, wenn ich etwa ein der⸗ gleichen Subjekt wiſſe, ihm ſolches zuzuwei⸗ ſen. Da habe ich nun mein Abſehen auf den Friedrich gerichtet. Wenn er den Poſten erhaͤlt, wird ihm der Foͤrſter Mariens Hand — 135— nicht verſagen, das Ehepaar verlaͤßt unſer Dorf, und wenn etwa noch ein Reſtchen von Eiferſucht gegen das Miöchen in Deinem Herzen iſt—— Die Gräͤfin. Oder ein 3uu6g von Liebe in dem Deinigen glimmt 2 Er. So hoͤrſt Du dann wohl auf, ei⸗ ferſuͤchtig— Sie. Und Du 5 mir abtruͤnnig zu ſeyn. 2 Er. Du neckſt mich; aber ich verſichere Dir, daß das Maͤdchen mir ganz gleichgͤltig geworden iſt— Sie. und ich verſichere Dir eben ſo aufrichtig, daß ich nicht den mindeſten Arg⸗ wohn mehr hege.— Es war aber doch ſonderbar, daß die Graͤfin an der Eichenguirlande nicht weiter ſtickte, ſondern ſie unvollendet ließ, und de⸗ ſto mehr Fleiß und Liebe auf eine Roſen⸗ und Vergißmeinnicht⸗Guirlande verwandte, — 186— womit die Weſte geſchmuͤckt war, die ſie nun⸗ mehr ſtatt der vorigen ihrem Gemahl zu ſei⸗ nem Geburtsfeſte uͤberreichte. Hatten doch vielleicht Roſa's Worte Eindruck auf ſie ge⸗ macht oder ſcheute ſie ſich, ihrem Gemahle die Thraͤne mitzuſchenken, die damals auf den Atlas gefallen war, als Roſa's Erzaͤh⸗ lung ihr Herz ſo tief verwundete?—— Uebrigens hat auf des Grafen Empfeh⸗ lung Friedrich die Foͤrſterſtelle in Wildenhain wirklich erhalten, und Marie iſt ſein Weib geworden. Den Grafen hat ſie laͤngſt ver⸗ 1 geſſen, und auch dieſer hat, wenigſtens bis jetzt, ſeiner Gemahlin keinen neuen Anlaß gegeben, ihre Bekehrungsmethode gegen ihn in Anwendung zu bringen. 3 Wilibald. Das Staͤndchen und das Koͤrbchen. Seh ich recht? rief der Kammerath Ett⸗ muͤller, das Tageblatt leſend.„Einpaſ⸗ ſirt Hr. Zeiſig, fuͤrſtlich* ſcher Kapell⸗ meiſter, logirt im rothen Stiefel.„Das iſt gewiß der lockere Zeiſig, mit welchem ich vor drei Jahren in H. ſtudirte, und mit welchem ich gemeinſchaftlich ſo manche Genie⸗ ſtreiche veruͤbte, bis er endlich, nachdem er die Philiſter weidlich geprellt hatte, bei Nacht und Nebel davon ging. Wie er es aber bis zum Kapellmeiſter hat bringen koͤn⸗ nen, iſt mir wirklich ein Raͤthſel; er muß ſich bedeutend geaͤndert haben. Charmant! Von mir und meinen jetzigen Verhaͤltniſſen, ſ — 188— z. B. daß ich eine ſchoͤne und reiche Frau geheirathet habe, daß ich in bona pace lebe und mich Kammerrath tituliren laſſe, ohne mit der Kaͤmmer in Beruͤhrung zu kommen und ohne ihr rathen zu duͤrfen, davon weiß er ſo wenig etwas, als daß ich gegenwaͤrtig hier mich aufhalte. Ich will ihn aufſuchen und uͤberraſchen! 4 Der Kammerrath eilte in den Gaſthof und fragte den erſten beſten dienſtbaren Geiſt in gruͤner Schuͤrze, deſſen er anſichtig ward, nach dem Fremden. Der Herr Kapellmei⸗ ſter logirt in No. 7.— erhielt Ettmuͤller zur Antwort— iſt aber ſehr beſchaͤftigt und hat daher befohlen, alle Beſuchende auf den Nachmittag wieder zu beſtellen. Nun bei mir macht er gewiß eine Aus⸗ nahme!l verſetzte der Kammerrath. Ich hei⸗ ße Ettmuͤller. Wenn er den Namen hoͤrt, hat er auf jeden Fall ein paar Augen⸗ blicke Zeit fuͤr mich. — 1389— Aus dem Zimmer, in welches der Mar⸗ queur ging, ſchallte Guitarrenklang; ſo⸗ gleich oͤffnete ſich die Thuͤr. Ettmuͤller? Iſt's moͤglich? rief Zeiſigs bekannte Stimme, und der Kapellmeiſter ſtuͤrzte in die Arme ſei⸗ nes Freundes. Wie geht's Dir? Wie iſt's Dir gegangen? Wohnſt Du denn hier? Was treibſt Du?— Ohne aber dem Kammer⸗ rath zum Worte kommen zu laſſen, fuhr Zeiſig gleich fort: Du erſcheinſt mir wie ein Engel des Lichts. Ich weiß, Du machſt al⸗ lerliebſte Gedichte, und ich, obgleich ich mich auf's Komponiren verſtehe, kann doch kei⸗ nen Vers zu Stande bringen. Schon zwei Stunden zermartere ich mich mit dem Texte zu einer Serenade, die ich heut Abend vor den Fenſtern meiner Donna abſingen will. Deiner Donna? fragte Ettmuͤller. Du biſt erſt geſtern Nachmittag hier angekom⸗ men und ſchon ſterblich verliebt? Wie das zuging— verſetzte der Kapell⸗ — 1290— meiſter, will ich Dir ganz in der Kuͤrze er⸗ zaͤhlen. Vorausſchicken muß ich, daß ich ge⸗ genwaͤrtig mit Erlaubniß des Fuͤrſten von ** auf einer Kunſtreiſe begriffen bin. So komm' ich denn auch geſtern Nachmittags hier an, um wie Amphion mit meiner Lau⸗ te, wenn auch nicht die Steine und Baͤume, doch die Geldbeutel der Bewohner hieſiger Stadt in Bewegung zu ſetzen. Kaum bin ich angelangt, ſo gehe ich aus, um einige Staatsviſi iten zu machen. Da begegnet mir auf der Straße ein Maͤdchen, von deſſen Schoͤnheit Du Dir keine Vorſtellung machen kannſt, wenn Du Dir nicht die drei Grazien in Ein Weſen verſchmolzen denkſt. Vergeſ⸗ ſen waren die Viſiten, vergeſſen war das Konzert; ich hatte nichts Wichtigeres zu thun, als ihr in beſcheidener Entfernung nachzufolgen. Sie ging zum** ſchen Tho⸗ re hinaus, in das ſchoͤne Haus rechts nicht weit vom Springbrunnen. Daß ſie dort — 191— wohnt, leidet keinen Zweifel, denn ich er⸗ blickte ſie nachher am Fenſter eines Zim⸗ mers im zweiten Stocke, wie ſie eben ihren Hut ablegte. Der Kammerrath laͤchelte und ſchien et⸗ was fragen zu wollen, allein der redſelige Zeiſig fuhr ſogleich fort: Eigentlich wollte ich heute mein Konzert geben, doch nun⸗ mehr muß es ausgeſetzt bleiben, weil ich durchaus heut Abend meiner Angebeteten ein Staͤndchen bringen will. Wenn ich nur erſt mit dem Texte fertig waͤre! Hilf mir doch, Ettmuͤller!— Angefangen hab' ich ſchon: Holdes Maͤdchen! O erhoͤre Meiner Liebe leiſes Wort... Aber hier ſitz ich. Wie nun weiter? Das iſt ja Spaß! ſagte Ettmuͤller. Bei Serenaden und Operntexten wird es mit der Poeſie und dem Sinne nicht ſo genau ge⸗ nommen. Denke doch nur an die elenden . — 192— Texte zum Don Juan, zur Zauberfloͤte und zum Freiſchuͤtzen. Die Muſik muß aus dem Schlechten etwas Gutes machen. Du kannſt ganz ruhig alſo fortfahren: Darum bitt' ich und beſchwoͤre Ddiich bei jenen Sternen dort. Sternen dort? fragte Zeiſig. Wenn nun aber heut Abend kein Sternenlicht iſt? Nun— lachte Ettmuͤller— im Ge⸗ dichte koͤnnen die Sterne immer vorkom⸗ men, wenn ſie auch in natura nicht exi⸗ ſtiren. Meinethalben!— erwiederte der Ka⸗ pellmeiſter.— Aber nun zum zweiten Verſe. Den Anfang hab' ich auch ſchon: Deiner Augen lichte Strahlen Drangen tief mir in das Herz... Ettmuͤller fiel raſch ein: Und ich fuͤhlte Liebesqualen Und ich fuͤhlte Liebesſchmerz. Bruͤderchen!— ſagte Zeiſig.— Das — 193— iſt fja aber Eins und Daſſelbe: Liebesqual und Liebesſchmerz? Sollte das nicht eine unſtatthafte Wiederholung ſeyn? Mit nichten! erwiederte der Kammer⸗ rath. In einer Serenade, wie die Deinige iſt, koͤnnen Worte, wie: Schmerz, Qual, Melancholie, Harm, Gram, Leiden und der⸗ gleichen nicht oft genug vorkommen. Manche Schoͤnen haben ein Felſenherz, das ſich blos durch ſolche vielfaͤltig wiederholte melancho⸗ liſche Ausdruͤcke erweichen laͤßt. Du haſt Recht! verſetzte der Kapellmei⸗ ſter. So mache mir denn nun den Schluß⸗ vers— drei iſt eine heilige Zahl, wie Du weißt. Ettmuͤller ſann ein paar Augenblicke nach und deklamirte ſodann: Schenk', o ſchenke mir ein Zeichen Deiner Lieb' und Deiner Huld; Laͤſſeſt Du Dich nicht erweichen, Biſt an meinem Tode Schuld. I. Bdchu. N — 394— Bravo! rief Zeiſig. Das wird ſich gut komponiren laſſen. Ich danke Dir, Ett⸗ muͤller, fuͤr Deinen Beiſtand. Nun bleibſt Du noch ein Weilchen bei mir, wir ſtechen ein Flaͤſchchen aus und plaudern uns dabei ſatt. Nachher muß ich freilich an die Kom⸗ poſition denken— dann erhalt' ich Beſuche — Bruͤderchen, ich weiß wirklich manchmal nicht, wo mir der Kopf ſteht— Bis jetzt— unterbrach ihn Ettmuͤller, — haſt Du mich wenig zum Worte kommen laſſen. Nun erlaube mir doch einige Fra⸗ gen. Zuerſt beſchreibe mir ein wenig Deine Schoͤne dem Aeußern nach. Was hatte ſie denn fuͤr Augen? „Blaue.“ Was fuͤr Haare? „Blonde.“ Was fuͤr einen Mund? „Klein; purpurroth, ganz zum Kuß geſchaffen; ich war ſo erpicht darauf, daß ich ſie auf oͤffentlicher Straße haͤtte kuͤſſen moͤgen.“ Und was fuͤr einen Fuß? „Fuß, ſagſt Du?— Sie hatte keinen Fuß, ſondern— Fuͤßchen, und zwar ſo niedlich, wie ich ſie noch nie geſehen habe.“ Wie war ſie denn gekleidet? „Daruͤber kann ich Dir keine ganz be⸗ ſtimmte Auskunft geben. Ein ſchwarzſeid⸗ nes Kleid, eine Spitzenkrauſe, ein rother Shawl mit bunter Bordure, ein ſchwar⸗ zer Strohhut mit Federn, uͤber wel⸗ chen ein weißer Schleier wie Nebelduft hinwallte, ſchneeweiße Zwickelſtruͤmpfchen — dies iſt ohngefaͤhr Alles, was mir von ihrer Kieidung im Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤckblieb— Der Kammerrath lachte noch aͤrger als zuvor. Sage mir nur, warum Du be⸗ ſtaͤndig lachſt? fragte Zeiſig etwas empfind⸗ lich. N 2 — 196— Ueber Dein ſchnelles Verlieben muß ich lachen! entgegnete Ettmüͤller. Vielleicht weißt Du nicht einmal den Namen Deiner Geliebten und haſt Dich eben ſo wenig naͤher um ihre Verhaͤltniſſe bekuͤmmert. „Das iſt wahr, Bruͤderchen! Wie ſie heißt, weiß ich nicht, und ihre Verhaͤltniſſe kenne ich auch nicht, denn ich bin ja— bis jetzt wenigſtens— noch nicht geſonnen, ſie zu heirathen. 3 Nun ſo beſchreibe mir doch das Haus, in welchem der Abgott Deines Herzens lebt und webt, etwas genauer; vielleicht kann ich Dir dann auf die Spur helfen— „Wie ich Dir ſchon ſagte, wenn man zum**'ſchen Thore hinausgeht, nicht weit von der Waſſerkunſt, das zweite Haus rechts, drei Stock hoch, weiß angeſtrichen, mit gruͤnen Jalouſien, mit Ziegeln gedeckt, daneben ein Garten”— Hier gab ſich der Kammerrath zwar alle — 197— moͤgliche Muͤhe, das Lachen zu verbeißen, allein es gelang ihm nicht, ſondern er brach in ein helles Gelaͤchter aus. Zeiſig gerieth in Hitze. Nun will ich aber durchaus wiſ⸗ ſen, warum Du lachſt? ſagte er. Ueber Dich Wildfang, verſetzte der Kam⸗ merrath. Deine Handlungsweiſe iſt indeſ⸗ ſen durch Dein Temperament erklaͤrlich. Du biſt ein Sanguiniker, und der Sangui⸗ niker iſt allemal ein Leichtfuß. Wenn Du die Maͤdchen nennen muͤßteſt, die Du ſchon herzteſt und ſchon kuͤßteſt— nicht wahr, liebſter Zeiſig, dann haͤtteſt Du viel zu thun?— Vielleicht kann von Dir, wie vom Don Juan, ein zweiter Leporello ſingen: Hier vierhundert im feurigen Welſchland; Da faſt hundert im kaͤlteren Deutſchland; Hier hundert eins im pfifſigen Frankreich u. ſ. w. Doch Du willſt komponiren, ich verlaſſe Dich — 198— jetzt. Indeſſen wuͤnſch ich,—(hier ſchnitt Ettmuͤller ein Satyrgeſicht)— daß Dein Staͤndchen gut ablaufen moͤge. Wahrſchein⸗ lich iſt dieſer Wunſch uͤberfluͤßig, denn bei Dir hat es wohl immer geheißen: veni, vidi, vici?— Alſo Adieu!— Ettmuͤller umarmte den Kapellmeiſter und ſprang lachend die Treppe hinunter. So wie der Kammerrath fort war, mach⸗ te ſich Zeiſig an die Kompoſition ſeiner Se⸗ renade, und kam richtig damit zu Stande, ehe die nachmittaͤgigen Beſuche ihn ſtoͤrten. Wie es dunkel geworden war, wandelte er, in ſeinen Mantel gehuͤllt, der Wohnung ſei⸗ ner Dame zu. Die Fenſter, an welchen er ſie geſtern erblickte, waren erleuchtet, und gläͤcklicher Weiſe war es auch ſtternenheller Himmel, woruͤber er ſich, weil das Gedicht doch einmal auf Sternenſchein eingerichtet war, ſehr freute. Er ſtellte ſich den Fenſtern gegenuͤber und fing nach einem kurzen Praͤludio zu ſin⸗ gen an: 1 Holdes Maͤdchen! O erhoͤre ꝛc. Waͤhrend der beiden erſten Strophen war nichts am Fenſter zu bemerken; als er aber die dritte anſing: Schenk', o ſchenke mir ein Zeichen Deiner Lieb' und Deiner Huld ꝛc. oͤffnete ſich das Fenſter, und es wurde an einem Baͤndchen etwas Weißes herabge⸗ laſſen. Beim taͤuſchenden Sternenlicht war der Gegenſtand nicht zu erkennen. Zeiſig, die 1 letzten tragiſchen Verſe ſeiner Serenade ver⸗ geſſend, von Hoffnung befluͤgelt, ſprang hin und griff nach dem raͤthſelhaften Geſchen⸗ ke. Es war ein niedlich geflochtenes— Koͤ r bchen. Obgleich er die ſymboliſche Bedeutung dieſes Geſchenks begriff, verlor er doch nicht die Faſſung, ſondern nahm den Deckel ab, um nachzuſehn, ob nicht vielleicht ein Lie⸗ besbrief darinnen liege. Allein es war ein leeres Koͤrbchen. In dieſem Augenblicke ſchloß ſich auch das Fenſter, dagegen aber oͤffnete ſich die Hausthuͤr, und heraustrat— Ettmuͤller. Bon soir! ſagte er. Nun, wie kommſt denn Du hieher? fragte der Kapellmeiſter etwas verduzt, das Koͤrbchen in der Hand haltend— „Ich wollte Dich eben fragen, wie Du hicher kommſt?““ Du weißt ja— „Leider weiß ich, daß Du— blamirt biſt.“. Wie ſo?— Ettmuͤller deutete ſchweigend auf das Koͤrbchen. „Ich will durchaus wiſſen,“— ſagte der Kapellmeiſter hitzig, wie Du in dieſes Haus kommſt?“ — 201— Auf dem allerrechtlichſten Wege. „Du biſt doch nicht in die Dame ver⸗ liebt, welcher ich das Staͤndchen brachte?““ Allerdings bin ich in ſie verliebt, und zwar recht ſehr. „Das verbitte ich mir!“ Und ich verbitte es mir ebenfalls, daß Du in ſie verliebt biſt. „„Warum? Warum?“ Weil ſie meine— Frau iſt. „Deine Frau?— rief Zeiſig in groͤß⸗ ter Verlegenheit, und ließ das Koͤrbchen fallen. Verliere nur nicht— ſpottete Ettmuͤller — dieſes Zeichen der Lieb' und Huld Deiner Angebeteten. Heal!— rief der Kapellmeiſter nach ei⸗ ner Pauſe des Erſtaunens mit zorniger Ge⸗ behrde.— Nun weiß ich es doch, daß Du mich blos zum Narren gehabt haſt. Nun weiß ich mir es zu erklaͤren, warum Du — 202— heut fruͤh, als ich Dir ganz offenherzig mein Liebesabentheuer erzaͤhlte, ſo haͤmiſch lach⸗ teſt, warum Du eine ſo genaue Beſchreibung der Dame und ihrer Wohnung verlangteſt. Du errietheſt ſogleich Deine Frau, ver⸗ ſchwiegſt es mir aber, um mich recht metho⸗ diſch zu aͤrgern. Hebe Dich weg von mir; Du biſt mein Freund nicht mehr, denn Du haſt mein Vertrauen auf eine unerhoͤrte Weiſe gemißbraucht. Und morgen— damit Du es weißt— ſchießen wir uns!— Das wird ſich finden!— ſagte Ettmuͤl⸗ ler, und der Kapellmeiſter rannte fort. Am naͤchſten Morgen, wie der Kammer⸗ rath noch ſeinen Kaffe trank und mit ſeiner Gattin den von ihnen nach gemeinſchaftli⸗ cher Uebereinkunft dem Kapellmeiſter geſpiel⸗ ten Streich belachte, wurde ihm ein ſo eben von einem Lohnbedienten abgegebenes Billet uͤberbracht: — 203— Bei der Herausforderung bleib'ts,— ſchrieb Zeiſig— nur mit dem Unterſchie⸗ de, daß ich Dich nach reiflicher Ueberle⸗ gung nicht auf Piſtolen, ſondern auf ver⸗ ſchiedene Flaſchen Rheinwein herausfor⸗ dere, die wir nach dem Konzerte, welches ich heute gebe, in meiner Wohnung aus⸗ ſtechen wollen. Und da ich aus gewiſſen Gruͤnden, beſonders durch eine Anwand⸗ lung von Schaamgefuͤhl, abgehalten wer⸗ de, Deiner Gemahlin fuͤr das auf eine ſo uͤberraſchende Weiſe mir gemachte zierli⸗ che Geſchenk meinen Dank perſoͤnlich ab⸗ zuſtatten, ſo bitte ich Dich, es in meinem Namen zu thun. Auch wuͤnſcht' ich, daß es Dir gefallen moͤckte, von den beilie⸗ genden Konzertbillets heut Abend fuͤr Dich und Deine Gemahlin Gebrauch zu ma⸗ chen. Auf Wiederſehen! Dein Zeiſig. Ettmuͤller ſchrieb gleich wieder: „In der jetzigen Geſtalt nehme ich Deine Herausforderung an, und auch das Uebrige iſt von mir beſtellt worden.“ Nach dem Konzerte, in welchem Zeiſig den lauteſten Beifall erntete, ſaß er mit Ett⸗ maͤllern, verſoͤhnt wegen des Scherzes, den der letztere ſich erlaubt hatte, beiſammen. Sie ſchwatzten von vergangenen Zeiten und erzaͤhlten einander ihre Fata. Das war aber doch das Tollſte— ſagte Zeiſig beim Abſchiede— daß Du ſelbſt mir das Liebeslied auf Deine Frau machen halfſt. Uebrigens— ſetzte er hinzu— ſoll das Koͤrbchen mir ein ewiges memento ſeyn, mich nicht zu verlieben und noch we⸗ niger ein Staͤndchen zu bringen, bis ich nicht gewiß weiß, daß kein Ehemann mir in die Queere kommt. Wilibald. Attilas Grab. 1. Es war Nacht. Mit dem Schwerte in der Hand bahnte ſich der Roͤmer Astius den Weg durch das dichte Geſtruͤpp, welches die Wohnung der Sibylla verſteckte. Jetzt als er vor der Hoͤhle ſtand, ſchlug er mit der Klinge gegen den Felſen und rief: Oeffne, Sibyllla, oͤffne! Da bewegten ſich die Steine, Lampen⸗ ſchimmer drang aus der Felſenſpalte hervor und drinnen rief die Stimme der Seherin: Tritt herein, Atius! Du kennſt mich? fragte der Roͤmer. — 206— Dich und dein Verlangen! verſetzte die Seherin. Roms Schickſal willſt du wiſſen, Attila's und das Deine. A6t. Du erriethſt meine Gedanken und beſtaͤrkſt mich dadurch in dem Vertrauen auf Deine Weisheit. Wohlan denn, ſo ſtille meine Wißbegierde. Syb. Aus welcher Urſache fragſt Du die Zukunft? Aët. Frage nicht, warum ich frage. Die Sehnſucht, das Geheimnißvolle zu ent⸗ raͤthſeln, das Fernſtehende ſich naͤher zu ruͤk⸗ ken, iſt ja dem Menſchen angeboren. Das Kind greift nach der geheimnißvollen Flam⸗ me der Kerze, der Sternſeher klimmt in der Nacht auf die Hoͤhe des Berges, und fragt die Lichter des Himmels: was ſie ſind und was ſie bedeuten?— Wenn Deine Wiſſen⸗ ſchaft keine Luͤge iſt, Seherin; ſo gieb mir Beſcheid! Syb. Thoͤrichter, was willſt Du? —-— 207— Dich verletzen, wie das Kind, welches die unbedachtſame Hand nach der Flamme aus⸗ ſtreckt? Dir das Auge dunkel ſehen, wie der Sternſeher am Nachthimmel? Aët. Die Gefahr komme uͤber mich. Zoͤgere nicht laͤnger, Weib: ſonſt halt' ich Dich fuͤr nicht kluͤger, als jedes andere Weib iſt. Syb. Steh' ab von dem thoͤrichten Verſuche, meine Eitelkeit zu reizen. Was ich Dir verkuͤnden will, verkuͤnde ich frei. So hoͤre denn!— Als vollkraͤftiger Juͤng⸗ ling bluͤhte Rom auf, es durfte ſich ein lan⸗ ges ruͤſtiges Mannesalter verſprechen, doch durch ſeines Leichtſinns und ſeiner Ueppig⸗ keit Schuld iſt es vor der Zeit ein abgeleb⸗ ter Greis geworden; das Haupt iſt ſchwach, die Glieder ſind matt, der Tod ſchleicht in den Adern des Staatskoͤrpers, ſeine Auf⸗ loͤſung iſt nahe. Eine kraftvolle Hand darf das kraftloſe Weſen beruͤhren, ſo ſtuͤrzt es zuſammen. * — 208— Ast. Sage mir, wird Attila die⸗ ſen Stoß dem ohnmaͤchtigen Rom verſetzen? Syhb. Attila nicht!— Dieſe Nacht iſt ſeine letzte. Seine letzte? rief Aötius heftig und verfiel darauf in tiefes Nachſinnen. Seine letzte Nacht? wiederholte er, und wilde Freude leuchtete aus ſeinen Angen. Trium⸗ phire dann, Aötius! Ueber Attila's Grab⸗ huͤgel ſteigt deine Sonne auf. Heraus nun an das Licht des Tages, ihr Entwuͤrfe, die ich zeither in meiner tiefſten Bruſt gefangen hielt!— Roms Untergang iſt vom Schick⸗ ſal ausgeſprochen. Wohlan denn, ſo will ich das Werkzeug ſeyn in der Hand des Schickſals; niederreißen will ich das alte morſche Gebaͤude, aber aus den Truͤmmern will ich ein neues junges Rom rufen, und neben Romulus ſoll der Name Aëtius von der Nachwelt genannt werden! Kuͤhner Schwaͤrmer! ſprach Sibylla. — 209— Du, deſſen Seele uͤber verderblichen Ent⸗ wuͤrfen bruͤtet; denke daran, daß noch in der vorigen Nacht Attila von Sieg und Zerſtoͤrung traͤumte, und daß in der jetzigen Nacht des Todes ſtaͤrkerer Arm den Star— ken niederwirft, und daß die Thaten, von denen er traͤumte, alle mit ihm vermodern. Was willſt Du mit dieſer Mahnung, Seherin? rief Aötius auffahrend. Verkuͤn⸗ de mir die Zukunft! Sag' an: werde ich voll⸗ enden, was ich beſchloß, oder wird das Schickſal meinen Entwauͤrfen ſich entgegen⸗ ſtellen? Hole Dir die Antwort an Attila's Grabe! ſprach die Seherin und ſchlug ihr Buch zu. Unholdin, von Dir will ich Antwort! rief Astius, mit Ingrimm das Schwert aus der Scheide reißend und wider die Se⸗ herin erhebend. Doch ſein Arm ſank, von unſichtbarer Gewalt gelaͤhmt, nieder, ohne 1. Bdchn. O — 210— die Seherin zu erreichen; ein eiſiger Schau⸗ er rann uͤber ſeinen Koͤrper, er taumelte zuruͤck, und es ward Nacht vor ſeinen Sin⸗ nen... Als die Betaͤubung von ihm wich, ſtand er im Freien an einen Baum gelehnt. Ne⸗ ben ihm lag ſein Schwert und fernhin glaͤnz⸗ ten im Schimmer der Sterne die Wellen der Tiber und Roms Pallaͤſte. 2. Des andern Morgens verſammelten ſich vor Attila's Gezelt in ſeinem Lager bei Man⸗ tua die Heerfuͤhrer Oreſtes, Valamir, Ede⸗ kon und Odoaker, um gleich beim Erwachen des Koͤnigs ſeine Befehle zu vernehmen. Sie warteten, bis die Sonne faſt mitten am Himmel ſtand, ſie horchten von Zeit zu Zeit, ob ſich noch nichts im Zelte rege, doch ſtille war und blieb es drinnen. Des Koͤnigs ungewoͤhnlich lange Ruhe — 211— befremdet mich! nahm endlich Edekon das Wort. Attila's Art iſt's nicht, in den Ar⸗ men der Liebe die Regierungsgeſchaͤfte zu vergeſſen. Goͤnn' ihm die Freuden der Hochzeit⸗ nacht! ſagte Oreſtes. Koͤnige wollen auch Menſchen ſeyn. Mir ahnt etwas Schlimmes! fing Odo⸗ aker haſtig an. Attila's Schlaf waͤhret lan⸗ ge; wie?— mir bangt, meine Ahnung auszuſprechen, und doch muß ich— wie, wenn es ewiger Schlaf waͤre? Schon ge⸗ ſtern, als der Koͤnig mit Hildegunden vom Mahle ſich entfernte, uͤberfiel mich ein un⸗ erklaͤrliches Grauſen. Dieſes Weib, dacht' ich— Hier verſtummte Odoakers Mund, denn tief verſchleiert trat Hildegunde aus dem Zelte und ſagte: Hunnen, wollt Ihr Eu⸗ ern Koͤnig ſehn, ſo kommt! Die Heerfuͤhrer folgten ihr; aber kaum 9 2 — 242— hatten ſie das Zelt betreten, ſo taumelten ſie zuruͤck, von Entſetzen ergriffen. Attila lag drinnen in ſeinem Blute, die tapfere Bruſt durchſtoßen von Odins maͤchtigem Schwerte, dem Schrecken ſeiner Feinde. Graͤßliche, verruchte, unerhoͤrte That! riefen die Hunnen und warfen ihre rachegluͤ⸗ henden Augen auf Hildegunden. Mir gehoͤrt dieſe That! ſprach die Koͤ⸗ nigin. Kein Anderer wage es, ſie ſich zu⸗ zueignen, denn ich bin ſtolz darauf. Hun⸗ nen, hoͤrt mein Bekenntniß, ehe Ihr mich richtet! 3 Ich lebte ruhig am Hofe zu Kabilonum, als Attila's Botſchafter erſchienen und mei⸗ nen Vater zum Buͤndniß mit den Hunnen wider den Gothenkoͤnig Theodorich und die Roͤmer aufforderten, im Weigerungsfall2ihn mit Attila's Feindſchaft bedrohten, und zu⸗ gleich verlangten, daß ich als Buͤrgin der treuen Geſinnungen meines Vaters ihnen in — 213— Attila's Lager folgen ſolle. Ich folgte, muß⸗ te folgen. Allmaͤhlig gewoͤhnte ſich mein widerſtrebendes Gefuͤhl an Blut und Schlachtgetoͤſe. Durch das Schreckliche, was ich taͤglich vor Augen ſah, wurde mein Innres verwandelt; ich, die nur geuͤbt war im Weben und Sticken, im Kranzflechten und Lauteſpielen, bedeckte, meine ſtillen Beſchaͤftigungen vergeſſend, die Bruſt, wel⸗ che ſonſt unter Flor und Seide ſchlug, mit einem ſchweren Harniſche, und die weiche Hand, nur der Nadel gewohnt, lernte das Schwert ſchwingen. Ich miſchte mich unter Attila's Heerſchaaren und focht wie ein Mann. In der Schlacht auf den Katalauni⸗ ſchen Feldern traf mich ein Schwertſtreich des wuͤthenden Thorismund, der ſeines Vaters Tod zu raͤchen hatte; zwiſchen getoͤdteten Gothen und Hunnen und Roͤmern ſank ich nieder, und waͤre vielleicht unter dem Lei⸗ chenberge erſtickt, haͤtte nicht Walther mich gefunden und gerettet. Kennt ihr Wal⸗ thern, den Sohn des Koͤnigs Alpher von Aquitanien? Ihr muͤßt ihn kennen, denn wie oft hat er den Hunnen den Weg gebahnt in den dichteſten Haufen der Feinde. Uns hatte ein verwandtes Schickſal getroffen, denn auch Walther war von ſeinem Vater Euerm Koͤnige als Geiſſel gegeben worden. Das erſte Mal, als ich ihn ſah, kehrte er mit Blut und Staub bedeckt von einem Streifzuge zuruͤck; Attila ſchloß den Beherz⸗ ten in ſeine Arme und ertheilte ihm Lobſpruͤ⸗ che. Ich ſtand fern und durſtete nach einem ſeiner Blicke, doch wehl er ſchien meiner nicht zu achten. Da beſchloß ich durch Muth und kecke Verachtung jeglicher Gefahr ſeine Aufmerkſamkeit zu reizen und es gelang mir. Oft im Kampfgewuͤhl, wenn ich neben ihm focht, ſuchten ſeine Blicke mich auf, und wenn er mich in Gefahr ſah, war ſein Arm nicht langſam, mir beizuſtehn. So wur⸗ — 215— den wir unbemerkt einander naͤher gefuͤhrt, und doch hatten wir noch kein Wort gewech⸗ ſelt. Das erſte Wort ſprachen wir, als Walther nach jener blutigen Schlacht mich halbtodt unter Leichen gefunden und in At⸗ tila's Lager gebracht hatte. Als dort auf einen Augenblick des Fiebers Heftigkeit nach⸗ ließ und meine Beſinnung zuruͤckkehrte, ſah ich Walthern an meinem Lager ſitzen. Er hielt meine Hand in der ſeinigen und frag⸗ te: Iſt Dir wohl, Hildegunde?— Wohl! Wohl! verſetzte ich, denn ich fuͤhlte es mit Entzuͤcken, daß er meine Hand in der ſei⸗ nigen druͤckte. Hildegunde! fing er von Neuem an. Warum mengſt Du Dich in das blutige Geſchaͤft der Maͤnner? Warum ſuchſt Du das Getuͤmmel der Schlacht auf, anſtatt in Sicherheit bei den andern Wei⸗ bern hinter dem Heere zuruͤckzubleiben?— Dieſe Worte Walthers thaten mir weh, und ich erwiederte mit Vorwurf: Walther, wie — 216— kann ich zuruͤckbleiben, waͤhrend Du in der Schlacht Deine Bruſt der Gefahr darbie⸗ teſt?— Da druͤckte Walther(er verſtand mich) ſtaͤrker meine Hand und ſagte: Hil⸗ degunde, ich habe Dich blos Verderben ver⸗ breitend in der Schlacht geſehen; ach, daß Du lieben koͤnnteſt, wie Du haſſen kannſt!— Bei dieſen Worten fuhr Walthers brennen⸗ der Blick, der mich ergruͤnden zu wollen ſchien, in mein Herz, und die heftige Be⸗ wegung, in welche ich gerieth, warf mich aufs Neue in Betaͤubung.— Aber von die⸗ ſer Stunde an war ein vertraulicheres, inni⸗ geres Verhaͤltniß zwiſchen uns eingetreten, doch verbargen wir es vor Attila, und zeig⸗ ten uns, wo wir bemerkt wurden, ſo fremd gegen einander, als wir es vormals wirk⸗ lich waren. Um das Weitere kurz zu erzaͤh⸗ len: Als Attila uͤber den Rhein zuruͤckging, um aufs Neue Rom zu bedrohen, beredete mich Walther zur Flucht. Hildegunde, ſprach — 217— er; was wollen wir laͤnger in Attila's blu⸗ tige Fußtapfen treten? Was wollen wir die Schuld, die er ſich aufbuͤrdet, mit auf uns laden? Glaube mir, er entgeht ſeinem Schickſale nicht; warum wollen wir uns in ſeinen Untergang verflechten? Folge mir; Hildegunde; ich fuͤhre Dich vom Blut⸗ und Leichenfelde hinweg an den Hof Deines Va⸗ ters, und bitte ihn, unſere Liebe zu ſegnen. — Wir flohen unterm Schutze der Nacht, und Walther brachte mich gluͤcklich nach Ka⸗ bilonum an meines Vaters, Koͤnig Herrichs Hof. Mit Ruͤhrung ſchloß mich der Greis in ſeine Arme, er nannte mich die Freude ſeiner ſinkenden Tage und ſegnete den Bund unſrer Herzen. Doch nur zu ſchnell wur⸗ den wir daran erinnert, auf wie ſchwanken⸗ den Grund unſer Gluͤck gebaut ſey. Als ſchon die Anſtalten zu meiner Vermaͤhlung mit Walther getroffen waren, erſchienen un⸗ vermuthet an meines Vaters Hofe Attila's Geſchaͤftstraͤger. Nicht ſind wir gekommen, ſagten ſie, Deine entflohne Tochter als Geiſ⸗ ſel zuruͤckzufordern; Attila, nachdem er ſei⸗ ne Gemahlin Ospiru durch den Tod verlo⸗ — 218— ren, will ſeinen Thron mit Hildegunden thei⸗ len, und hat uns abgeſandt, um ſie zu wer⸗ ben, und ſie als Braut ihm zuzufuͤhren.— Voll Beſtuͤrzung hoͤrte mein Vater dieſes Begehren Attila's; ich zitterte; ſelbſt Wal⸗ ther konnte ſeine Unruhe nicht verbergen. Wies mein Vater Attila's Forderung zuruͤck. ſo wurde dieſer ſein unverſoͤhnlicher Feind, der ihn mit der furchtbarſten Rache be⸗ drohte; wollte er Attila's Bewerbung an⸗ nehmen; ſo mußte unſer Liebesbuͤndniß zer⸗ riſſen werden. Koͤnigspflicht und Vaterliebe kaͤmpften mit einander; Krone oder Kind— Ein Opfer galt es. Wie konnte mein Vater in dieſer wichtigen Angelegenheit allein einen Entſchluß faſſen? Er berathſchlagte ſich mit ſeinen Raͤthen; wir, die Liebenden, harr⸗ — 219— ten aͤngſtlich der Entſcheidung. Ach, wir war es moͤglich, daß wir noch hoffen konnten, da der Ausſpruch von Maͤnnern abhing, wel⸗ che ſich lediglich von ihrer Pflicht, fuͤr die Erhaltung des Reichs zu ſorgen, leiten lie— ßen? Als mein Vater aus der Verſammlung kam, ſtuͤrzten wir zu ſeinen Fuͤßen und be⸗ ſchworen ihn, den gefaßten Entſchluß, wel⸗ cher es auch ſey, uns kund zu thun. Er zog mich mit heftiger Bewegung an ſein Herz. Sey ſtark, Hildegunde! ſprach er. Du biſt Attila's Braut— Lautlos warf mich der Schmerz uͤber mein ſchreckliches Verhaͤngniß in Walthers Arme, und mein Vater verließ uns, denn der Anblick drohte ſein Herz zu brechen. Meine Hildegunde! ſprach Walther, als ich wieder zu mir kam. Wie ein Nachtgeſpenſt hat ſich Attila zwiſchen unſere Liebe gedraͤngt, und unſere verſchlun⸗ genen Haͤnde aus einander geriſſen. Wir muͤſſen uns trennen; aber meinſt Du, daß 1 3 1 — 2a0o— ich nach Dir je einem andern Weibe angehoͤ⸗ ren werde? Nimmer, Hildegunde, nimmer! Findet mich fruͤher oder ſpaͤter der Tod, Dein Name ſoll das letzte Wort ſeyn, welches mei⸗ nen bleichen Lippen entflieht. Hildegunde, wir muͤſſen uns trennen, doch ich will Dir ein Andenken laſſen!— Er zog ſeinen Dolch, und riß damit, ehe ich es verhindern konnte, ſeine Bruſt auf, dann reichte er mir den Stahl und ſprach: Dieſes Blut, Hil⸗ degunde, erinnere Dich an Walthers Liebe und ewige Treue! Er ſtuͤrzte fort und ließ den Dolch in meiner Hand. Walther, ich verſtand Dich!— Die Hunnen entfuͤhrten mich zum zweiten Male meiner Heimath und brachten mich hieher in Attila's Lager, da er eben im Begriff ſtand, durch des Erzbiſchof Leo's Fuͤrbitte geruͤhrt, und durch die an⸗ ſehnlichen Geſchenke, die das ſchwache Rom ihm ſpendete, beſchwichtigt— Italien zu verlaſſen, und ſeinen Heereszug gegen den — 22¹1— Orient zu wenden.— Freudig empfing mich Attila aus den Haͤnden ſeiner Bot⸗ ſchafter; großmuͤthig erwaͤhnte er meiner Flucht mit keinem Worte, er ſchloß mich in ſeine Arme und ſagte mir, daß meine Uner⸗ ſchrockenheit in der Gefahr mir ſchon lange ſeine Liebe erworben, er hing mir Ospiru's Halsſchmuck um und ſprach dabei: Sey mir, Hildegunde, was Ospiru mir war!— Aber ich konnte an nichts, als an den un⸗ gluͤcklichen Walther denken, und ich wieder⸗ holte mir den Schwur, ihm treu zu bleiben, indem ich meine Hand an die Stelle legte, wo ich den Dolch verborgen trug.— Und als in dieſer Nacht Attila mein Lager theilen wollte, ſprach ich zu ihm: Koͤnig, gewaͤhre mir eine Bitte.— Gern, Hildegunde! verſetzte er.— So laß meinen Leib unbe⸗ ruͤhrt in dieſer Nacht,— bat ich— laß mich noch den naͤchſten Morgen als Jung⸗ frau erblicken, und zwiſchen uns liege tren⸗ nend und Wache haltend Odins gewaltiges Schwert.— Es ſey ſo, wie Du wuͤnſcheſt, ſprach der Koͤnig und legte das entbloͤſte Schwert zwiſchen uns. Und wie dies ge⸗ ſchehn war, wandte ich mein Angeſicht von Attila hinweg, denn mich durchſchauerte mit heftiger Angſt der Gedanke an das, was ich zu beginnen willens war. Duͤſter brannte im Zelt die Lampe, und die Stille der Nacht wurde durch nichts unterbrochen, als durch die Athemzuͤge des Schlafenden und die Seufzer, welche ſich von Zeit zu Zeit aus meiner Bruſt ſtahlen. Und ich dachte: Um⸗ ſtrickt von den Banden des Schlafs, wehrlos liegſt du neben mir, du Voͤlker⸗ und Staͤd⸗ tezertruͤmmerer, du, den ſo viele Thraͤnen der Muͤtter, Weiber und Braͤute verklagen. Was du ſonſt thatſt und verbrachſt; das rich⸗ te die Weltregierung; aber daß du um Wal⸗ thers Liebe mich betrogſt, das haſt du mir zu verantworten. Wohlauf denn zum Hochzeit⸗ — 223— tanze mit Walters Braut!— Ich griff nach dem Schwerte; doch meine Hand fuhr be⸗ bend vom kalten Eiſen zuruͤck; ich fuͤhlte es, daß die That zu ſchwer fuͤr ein Weib war. Sey ein Mann! ſprach ich mir ſelbſt zu. Gedenk' an Walthern, gedenke daran, daß wenn Attila nicht noch heut in die Arme des Todes gefuͤhrt wird, du morgen in ſeiner verhaßten Umarmung die Treue, die du Walthern zugeſchworen haſt, zum Opfer brin⸗ gen mußt.— Ich griff zum zweiten Male nach dem Schwerte und meine Hand zitterte nicht mehr. Aber— warf ich mir ein— er ſchlaͤft! Sollte mir nicht der Schlaf hei— lig ſeyn, wenn es auch der Schlafende nicht iſt?— Ich horchte den Athemzuͤgen ſeiner empoͤrten Bruſt, die ſchnell auf einander. folgten.— Gewiß(acht' ich bei mir) traͤumt er jetzt von neuen verderbenbringenden Tha⸗ ten, und wenn ich jetzt den Stahl in ſeine Bruſt ſtoße, zerſchneide ich vielleicht einen — 224— blutigen Gedanken ſeiner Seele, und die Menſchheit dankt mir dieſe Thar. So ſtirb dann!— Ich druͤckte mit feſtem Arme das Schwert in ſeine Bruſt und hatte gut ge⸗ troffen, denn auf den Stoß folgte nur ein dumpfer Schrei und ein leiſes Roͤcheln. Hunnen! hier liegt der Ermordete vor Euch. Beurtheilt nicht die nackte That, ſon⸗ dern erwaͤgt, was mich zu dieſer That trieb. Ich gehe jetzt, vor den hoͤchſten und gerech⸗ teſten Richtſtuhl mich zu ſtellen.— Bei dieſen Worten ſank Hildegunde leis aͤchzend neben Attila's Leiche zuſammen, und als die Heerfuͤhrer zu ihr hineilten und den Schleier hinwegriſſen, ſahen ſie Walthers Dolch tief in ihrem Herzen ſtecken. 3. Dreißig Roͤmerſklaven gruben Attila's Grab am Ufer des Po, wo er mit dem — 225— Mincio zuſammenſließt. Publius! fing der Eine an, das dachte Attila wohl nicht, daß Roͤmerhaͤnde ihm ſein Grab bereiten wuͤrden. Macht dieſes Geſchaͤft Dich ſtolz? ſrag⸗ te Publius. Thoͤrichter, vielleicht denkſt Du ſelbſt nicht daran, daß dieſes Grab auch uns Alle, die wir es aushoͤhlen, zu umfaſ⸗⸗ ſen beſtimmt iſt, daß unſere Leichen das Bet⸗ te von Attila's Sarge werden. Erſter. Wollen wir denn blos immer an uns denken? Wollen wir es ganz vergeſ⸗ ſen, daß wir Roͤmer ſind, daß wir ein Va⸗ terland haben, welches unter Attila's Geiſ⸗ ſelſchlaͤgen litt, und nun ſeines aͤrgſten Fein⸗ des los iſt? Zweiter. Seines aͤrgſten Feindes— ſagſt Du? Roms aͤrgſter Feind iſt Rom ſelbſt; es verſchlingt wie Saturn ſeine ei⸗ genen Kinder. Erſter. Der Kaiſer, wenn er Attila's 1. Bdchn. P — 226— Fall erfaͤhrt, wird Siegesfeſte und Spiele feiern.— Zweiter. Iſt dies nicht die Freude eines Wahnſinnigen, dem man die wohlthaͤ⸗ tigen Bande loͤſt, welche ihn abhielten, ſich ſelbſt zu ſchaden? War es nicht Attila, der Roms Lebensflamme wach erhielt? Erſter. Rom iſt noch nicht ſo tief ge⸗ ſunken, daß es ſich nicht wieder auftichten koͤnnte. Roͤmerſinn iſt noch nicht verſchwunden. Wie ſchoͤn(ſpottete der Andere) paßt dieſe Sprache zu unſerer raſſelnden Kette! In dieſem Augenblicke traten die Hun⸗ niſchen Aufſeher herzu, welche in der Ent⸗ fernung auf⸗ und abgegangen waren, und riefen mit geſchwungener Geiſſel: Heda, verruchte Sklaven, was murmelt ihr dort? Naͤhrt euch! und die Roͤmer gruben ſchweigend wei⸗ ter und warfen aus der Vertieſung die Erd⸗ kloͤße empor⸗ 2 — 22,— Als die Aufſeher ſich wieder etwas ent⸗ 6 fernt hatten, fingen zwei andere Sklaven ein leiſes Geſpraͤch an. Sage, Servius! ſprach der Eine; wem galt die Thraͤne, die jetzt aus Deinem Auge fiel? 1 Sie war ein Todtenopfer! verſetzte der Andere. Erſter. Wie? um Attila weinſt Du, den Feind unſers Volks? Zweiter. Laß mir die Thraͤne. Nur den Lebenden haßt' ich, den Todten ehr“ ich. Er ſtreifte wie ein gewaltiger Sturm uͤber den Erdkreis und reinigte die verpeſtete Luft. Es iſt des Sturmes Natur, daß er niederreißt, was ſich ihm entgegen daͤmmt. Eine harte Krankheit kann nur durch harte Mittel geheilt werden.— Attila war ein großer Mann; laß mir die Thraͤne um ihn! Erſter. Groß nennſt Du ihn?— Er war nichts, als ein roher zuͤgelloſer Erobe⸗ P 2 ——— „ rer; er fand ſeine Freude daran, mit dem zahlloſen Heere ſeiner Voͤlker, gleich einem Heuſchreckenſchwarme, bluͤhende Laͤnder zu uͤberfallen und zu verheeren. Ihm galt der Menſch nichts! Zweiter. Konnte unſer entartetes, erniedrigtes Volk ihm Achtung einfloͤſen? Tullius, wir wollen gerecht ſeyn. Die Roͤ⸗ mer waren's, die ihm den heiligen Glauben an die Menſchheit ſtahlen. Manche That koͤnnte ich Dir nennen, wodurch Attila ſeine Seelengroͤße bewaͤhrte!— Weißt Du, wie er gegen den Dichter Marulus aus Kalabrien handelte? Dieſer niedrige Schmeichler lud nach Attila's Einzuge in Padua den Koͤnig, ſeine Heerfuͤhrer und die Vornehmſten der Stadt ein, der Vorleſung eines von ihm verfaßten Gedichts im Athenaͤum beizuwoh⸗ nen. Attila war der Held des Geſanges. Mit den ungemeſſenſten Lobſpruͤchen erhob der Poet die Thaten des Koͤnigs, er eignete — 229— ihm die Ehre des Siegs auf den Katalauni⸗ ſchen Feldern zu, er pries die Einaͤſcherung Aquileja's als eine glorreiche That. Dich, o Attila,(ſo ſchloß er) deſſen Thaten den Erdkreis in ehrfurchtsvolles Erſtaunen ſez⸗ zen, Dich konnte keine ſterbliche Mutter gebaͤren; Du biſt ein Sohn der unſterblichen Goͤtter!— Da erhob ſich Attila, der ſchon lange mit finſter verzogenen Augenbraunen zugehoͤrt hatte, haſtig von ſeinem Sitze und blitzte Verderben dem Schmeichler entgegen. Luͤgenſohn! rief er ihm zu. Zu ſchaamloſer Schmeichelei, zu Laͤſterungen mißbrauchſt Du die ſchoͤne Gabe des Geſanges, welche die Goͤtter Dir verliehen haben? Wie kannſt Du mich Sieger nennen in der Schlacht auf den Katalauniſchen Feldern, wo ſchwer und hart der Arm des Schickſals auf mir lag? Wie kannſt Du mich ruͤhmen wegen der Einnahme Aauileja's, die mit ihren Schrecken ein ewiger Vorwurf mir bleiben — 230— wird, weil ich dabei blos den Eingebun⸗ gen meines ungebaͤndigten Zornes folgte? Wie endlich konnteſt Du Dich vermeſſen, mich, den nichtigen Erdenſohn, den un⸗ ſterblichen Goͤttern gleich ſtellen zu wollen? Fuͤr dieſe Laͤſterung ſollſt du auf dem Schei⸗ terhaufen buͤßen, und mit Dir werde Dein frevelndes Gedicht den Flammen uͤbergeben. Ergreift und bindet ihn!— Indem die Wache Attila's Befehl zu vollziehen eilte, nahte ſich der greiſe Edekon und ſprach: Herr, nicht ungerecht kann ich die Strafe nennen, die Du uͤber den Ungluͤcklichen verhaͤngſt, allein durch ſein trauriges Schick⸗ ſal werden auch die wahrheitliebenden Schriftſteller unter den Zeitgenoſſen abge⸗ ſchreckt werden, Deine Geſchichte zu be— ſchreiben. Herr, bedenke dies!— Da blickte der Koͤnig, Edekons Worte erwaͤ⸗ gend, vor ſich nieder, dann rief er: Nein, das will ich nicht, daß die Wahrheit den 4— 252— Mund verſchließe, weil ich den unver⸗ ſchaͤmten Lobredner ſo ſtreng beſtrafte. Das Leben ſoll Dir geſchenkt ſeyn, Elen⸗ der; aber vermeide mein Angeſicht!— Tullius! war dieſe Handlungsweiſe Atti⸗ la's nicht edel und groß, war ſie nicht ein Beweis der unerſchuͤtterlichſten Wahr⸗ heitsliebe? Ein Roͤmer haͤtte die niedrige Schmeichelei belohnt; Attila fand ſie ſtraf⸗ wuͤrdig. Erſter. Doch oft war es auch prah⸗ lender Uebermuth, den der Hunnenfuͤrſt mit dem Kleide der Wahrheitsliebe uͤberdecken wollte. So ſah er im kaiſerlichen Pallaſt zu Medeolanum ein Gemaͤlde, welches die Beherrſcher des Morgen⸗- und Abendlandes auf ihren Thronen ſitzend vorſtellte. Zu ih⸗ ren Fuͤßen lagen die Fuͤrſten der Seythen in Feſſeln. Dieſer Anblick erregte den heſtig⸗ ſten Unwillen Attila's. Haͤtte er das Ge⸗ maͤlde vernichten laſſen, ich wuͤrde ihn nicht darum getadelt haben. Aber was that er? Er ließ das Bild uͤbermalen, ſich auf dem Throne ſitzend vorſtellen, und die beiden Kaiſer gegenuͤber in gebuͤckter Stellung, Geldſaͤcke auf den Schultern tragend, womit auf ihre Tributpflichtigkeit hingedeutet wur⸗ de. In dieſer Handlung zeigt ſich blos der uͤbermuͤthige Sieger. Zweiter. Richte nicht zu ſtreng. Der laͤcherliche Hochmuth, der in dem Gemaͤlde ſich kund that, verdiente dieſe beſchaͤmende Beſtrafung.— Aber ſtill! dort bringen ſie ſchon Attila's Sarg. Er iſt von Eiſen, doch er verbirgt noch einen ſilbernen und einen goldenen Sarg, und in dem letztern liegt die Leiche. Tullius, ſo war der Koͤnig! Eine rauhe Außenſeite verhuͤllte ſein edles und ſchoͤnes Herz. Dreißig andere Roͤmerſklaven brachten keuchend die Laſt. An ſchweren Ketten zit⸗ terte der Sarg in die Tiefe, bleich lagen die — 233— Sklaven auf ihren Knien um das Grab her, und als Oreſtes winkte, ſchwangen die Hun⸗ nen ihre Dolche gegen die Gefangenen und ſtuͤrzten die Durchbohrten als Todtenopfer in die Gruft. Tiefes Schweigen umher heiligte den großen Augenblick, und manche Thraͤne verſiegte im lockern Boden, waͤhrend die Hunnen das Grab mit Erde zuſchuͤtteten und ein ſchweres Felſenſtuͤck darauf waͤlz⸗ ten.. 8 8. 4. Aber Rom jauchzte, als es die Nachricht vom Fall ſeines furchtbaren Feindes erhielt. Kaiſer Valentinian ordnete ein feierli⸗ ches Lob⸗ und Dankfeſt in allen Kirchen an und erſchoͤpfte ſeinen Schatz, um das Volk in eine taumelnde Bacchantenſchaar umzu⸗ ſchaffen. Er ſelbſt ergoͤtzte ſich in ſeinem Pallaſte an den Spielen der Gaukler und 1. Bdehn. Q 234 — 22— : 234* an ben ſchaamloſen Taͤnzen leichtſinniger Dirnen. Aus dieſem Freudenrauſche riß ihn He⸗ raklius, ſein Guͤnſtling, indem er ihn mit geheimnißvoller Miene in ein einſames Zimmer winkte. Valentinian!— fing der Hoſing an. — Ueberlaß Dich nicht unbedachtſam dem Taumel des Vergnuͤgens. In Attila iſt ein maͤchtiger Feind Dir geſtorben, aber ein eben ſo maͤchtiger droht an ſeiner Stelle gegen Dich aufzuſtehn. Val. Heraklius, Du erſchreckſt mich. Sieh, meine Knie zittern ſchon, und ich weiß noch nicht, wen Du meinſt. Herakl. Wie, wenn ich Dir den Na⸗ men Aëtius nenne? Val. Mein Feldherr? Nein, Hera⸗ klius, Du haſt mich ohne Grund erſchreckt. Aötius iſt treu. Er war es ja allein, durch deſſen Muth und Erfahrenheit Attila in ſei⸗ nem Siegslaufe aufgehalten wurde, er hat in ſo vielen Schlachten ſein Leben fuͤr mich aaufs Spiel geſetzt; er kann mein Feind nicht ſeyn! Herakl. Was er that, that er fuͤr Dich nicht. Fuͤr ſich, blos fuͤr ſich. Alle ſeine Thaten ſind Geburten ſeines Ehr⸗ geizes. Er wollte Attila'n verderben, weil er ihn als den Feind ſeines Ruhmes haßte. Nun dieſer todt iſt, greift er nach Deiner Krone. Haſt Du vergeſſen, wie keck und trotzig er oft in Gegenwart Deiner kai⸗ ſerlichen Majeſtaͤt und Deiner erlauchten Mutter ſprach. Wie oft er ſelbſt im hohen Rathe erklaͤrte, daß er ſeine Handlungen von Niemandem meiſtern laſſe, und Keinem Rechenſchaft ſchuldig ſey, als ſich ſelbſt?— Dieſer Uebermuth, dieſe kecke Zuverſicht, dieſer unerſaͤttliche Ehrgeiz iſt es, der ihn zum Hochverraͤther macht. Er hat geſtern Rom verlaſſen und den Weg nach Mantua 2 2 genommen. Waͤhrend Du Dich hier mit Spielen beluſtigſt, ſchließt er ein verraͤthe⸗ riſches Buͤndniß zu Deinem Untergange mit den Hunniſchen Heerfuͤhrern, und die Ko⸗ horten, die Du ihm anvertraut haſt, ſind die erſten, die er zu Deinem Verderben braucht. Val. Halt ein, Heraklius! Siehſt Du nicht, daß Deine Rede mir die Farbe des Angeſichts geſtohlen hat?— Sprich, rathe: durch welches Mittel koͤnnen wir die drohende Gefahr abwenden? Heraklius. Das Mitteel iſt leicht gefunden, wenn Du mir den Gebrauch frei giebſt.— 2 Valentinian. Ja, lieber Hera⸗ klius; thue, was Du fuͤr noͤthig haͤltſt, handle fuͤr mich!— Sieh, noch be⸗ be ich vom Schrecken, den Du mir einjagteſt, an allen Gliedern. Laß mich zuruͤck in meine Saͤle, damit ich mich in den Armen der Maͤdchen wieder erho⸗ le. Handle fuͤr mich, Heraklius, hoͤrſt Du? Das Mittel iſt leicht! ſagte der Guͤnſt⸗ ling, als der Kaiſer weggegangen war. Zwei bewaffnete Arme ſende ich dem Ue⸗ bermuͤthigen nach, dann theilen ſich die Kaiſerin Plazidia und Heraklius in die Regierung des Occidents! * Einſam war es um Attila's Grab her, denn die Hunnen hatten gleich nach der Beerdigung ihres Koͤnigs Italien verlaſ⸗ ſen und ſich nach Pannonien gewen⸗ det. Astius kam und fand die leere La⸗ gerſtaͤtte. Er blickte weit umher und ſah das Felſenſtuͤck liegen, tief eingeſun⸗ ken in die aufgegrabene Erde.— Dumpf ranſchten die Wellen des Mincio, der Wind bewegte die Zweige des Lor⸗ — 238— beers, der neben dem Steine ſtand, und in der Luft zog ein großer Adler hin. Ja, dies iſt die Stelle, rief er, wo Du begraben liegſt, Attila! Wir haben uns gehaßt und geliebt, doch in Deinem Tode iſt mein Haß untergegangen und nur meine Liebe lebt noch. Ruh' in Frieden in Deinem Grabe!— Deine Laufbahn iſt geſchloſſen, mich traͤgt noch weiter die ſtuͤrmiſche Welle des Lebens, und ein Heer ungeborner Thaten draͤngt ſich in meiner unruhigen Bruſt.— f Hier, ſagte die Seherin, wuͤrde ich die Antwort auf meine Fragen erfahren, hier wuͤrde die Zukunft mir den ver⸗ huͤllenden Schleier oͤffnen. Wohlan denn, rede, Schickſal! Ich bin gefaßt, Dich zu hören...... Da ſtuͤrzten aus dem Gebuͤſche die Möͤrder hervor, die Heraklius gedungen — 2339— hatte, und von ihren Dolchen getrof⸗ fen ſank Aëtius auf Attila's Grabe nieder. Der Herausgeber. In hal t des erſten Baͤndchens. Die ſtille Inſel. Von Berengar. Seite 3 Des Malers Leiden und Freuden. Von Adalbert.— 24 Der Abt Geraſimus und der Löwe. Bomn Herausgcher... 140 Die Bekehrung. Von Wilibald.⸗— 232 Das Ständchen und das Körbchen. Von Demſelbenln!. 187 Attila's Gra b. Vom Herausgeber.— 205 —⏑ᷣ—ỹ—ÿꝛͦ— * n nnnnnnnmnnnſſſnlſſſſſſſſſſſiſ 8 9 1 12 13 14 mnmmin 0 11 15 16 17 18 8