Die Wechſel des Lebens. Ein Roman aus der Revolutionszeit. Von G. P. U. James. In's Deutſche übertragen von Dr. Ernſt Suſemihl. Zweiter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 185 3. Die Wechſel des Lebens. Zweiter Band. Erſtes Kapitel. Die erſte Seereiſe. Ich erfuhr, daß in dem Tode eines geliebten Weſens noch etwas mehr liegt, als der Schmerz eines Liebenden oder eines Gatten. Ich lernte glauben, daß ein angeeignetes Band niemals ſo ſtark iſt, wie ein natürliches. Der ganze Lebenslauf iſt eine Reihe von Irrthü⸗ mern, die man macht und verbeſſert; und dies war einer davon. Der Schmerz des beraubten Vaters war viel größer, als der meine, obgleich ich die arme Louiſe ſo ſehr zu lieben glaubte, wie es einem Gat⸗ ten nur möglich iſt— dbgleich ich wußte, daß ich ſie jetzt viel mehr liebte, als ehe ich ihr Gatte wurde. Ich wußte damals noch nicht, daß es noch eine mäch⸗ tigere Liebe gebe, als die, welche ich damals empfand — eine Liebe, im Vergleich mit welcher die eines Vaters, wenn ſie auch dauernder ſein mag, kälter ſein muß. Wir legten ſie in ihr ſtilles Grab. Wir miſch⸗ ten unſere Thränen und kehrten zu dem Hauſe zurück, welches jetzt für uns Beide einſam war. Wir ſpra⸗ chen kein Wort von künftigen Plänen. Wir trafen keine Anorduimngen, Wir ließen uns auf kein Ge⸗ ſchäft ein. Das Leben, welches dahingeſchwunden war, bildete ein Band zwiſchen uns, welches ihm und mir als unzertrennlich erſchien. Anfangs gab ich mich meinem Kummer hin— ſaß in dem kleinen Zimmer, welches ſie bewohnt hatte, weinte an der Seite des Bettes, wo ſie in meinen Armen und in den Armen des Todes gelegen, und empfand tief die erſte Vernichtung meiner irdiſchen Hoffnungen. O wie lieb⸗ lich, wie ſchön, wie angenehm war die Erinnerung an ſie, und wie bitter, wie ſchrecklich der Gedanke, daß ich ſie nie wieder in meinen Armen halten konnte. Zwei Tage lang war ich ſehr ſelbſtſüchtig— ich dachte nur an mich und an meinen traurigen Ver⸗ luſt. In der letzten Woche hatte ich ſie mehr lieben gelernt, als ich ſie je vorher geliebt. Es ſchien in der That, als wären wir Eins geworden und als liege mein Herz mit dem ihrigen todt im kalten Grabe. Ich wurde aus dieſer Betäubung durch die alte Dienerin erweckt, die hereinkam, als ich daſaß, und in ihrer einfachen Weiſe zu mir ſagte: 2 „Ach, Herr, es iſt freilich ſehr traurig für Sie; aber das Schickſal des alten Herrn iſt noch trauriger, als das Ihre. Um des Himmels willen, überwinden Sie Ihren Kummer und gehen Sie zu ihm. Sie ſind jung und er iſt alt. Sie haben lange Jahre und vielleicht heitere Tage vor ſich. Er hat nur Dun⸗ kelheit und Einſamkeit bis zum Grabe zu erwarten. Sie haben eine geliebte Perſon verloren, doch können Sie vielleicht wieder lieben. Aber er hat die Einzige verloren und kann nicht mehr lieben. Gehen Sie zu ihm, Herr. Gehen Sie zu ihm; denn ihr ganzes Herz war in Ihnen und er wird glauben, daß ſeines Kindes Geiſt mit ihrem Gatten zurückkehrt, um ihn zu beſuchen. Er hat noch Nichts genoſſen, ſeitdem wir ſie auf jenes Bett niederlegten, und kein Kummer gleicht dem eines alten Mannes um den Tod ſeines einzigen Kindes.“ Ich faßte die Hände des guten Geſchöpfs und drückte ſie, obgleich ich nicht ſprechen konnte, und ſuchte dann den beraubten Vater auf. Ich fand ihn in ſeinem alten Zimmer, ein hal⸗ bes Dutzend Bücher zu ſeinen Füßen liegend. Alle ſeine Lebhaftigkeit war dahin. Er war jetzt ruhig und ſtill genug; als er mich aber ſah, ſprang er auf und wir umarmten einander wie Vater und Sohn und weinten bitterlich. Wir nannten nie ihren Namen und ich erinnere mich nicht, während der vierzehn Tage, die ich noch dablieb, daß ſie je erwähnt wurde, außer in dem Au⸗ genblick unſeres Scheidens. Vorher aber muß ich ſagen, wie es kam, daß wir uns überhaupt trennten. Wir waren ein wenig ruhiger geworden und ſaßen da und unterredeten uns zuweilen mit einander. Er hatte ſeine Profeſſur nie⸗ dergelegt, denn er nahm an nichts Intereſſe, was ihn früher unterhalten hatte und ſah Niemand bei ſich, als mich und einen oder zwei alte Freunde. Eines Ta⸗ ges aber, während wir ohne zu reden mit einander daſaßen, und unſere Gedanken mit der Vergangenheit beſchäftigt waren, kam der Polizeidirektor herein und ſprach leiſe mit ihm. Die Aufmerkſamkeit des alten Mannes war bald gefeſſelt, und da er alle geheime Mittheilungen ſehr haßte, ſo antwortete er in lautem Tone, wodurch ich mit folgenden Umſtänden bekannt wurde. Frankreich, welches ſeine. Eingriffe weit er⸗ ſtreckte und zu jener Zeit eine Art von Diktatur über Preußen ausübte, unter deſſen Schutze Hamburg ſtand, hatte verlangt, daß alle Ausgewanderten, die in jener Stadt Zuflucht gefunden hatten, vertrieben oder ver⸗ haftet werden ſollten. Der Widerſtand war nicht leicht — die Unterwerfung nicht angenehm. Das Mitttel, welches die Behörden anwendeten, um ſich aus ihrer ſchwierigen Lage zu ziehen, war, alle Ausgewanderten von der an ſie gerichteten Forderung in Kenntniß zu ſetzen und den Wink hinzuzufügen, daß es beſſer ſein würde, wenn ſie Hamburg von ihrer Gegenwart be⸗ freiten. Der Inhalt dieſer ganzen Mittheilung war, daß keine Sicherheit mehr für mich vorhanden ſei, daß ich jeden Augenblick auf das Anſuchen Frankreichs könne verhaftet werden, und in jenen Tagen konnte Niemand wiſſen, welches der Erfolg ſein würde. Der arme Profeſſor war in einem ſchrecklichen Zuſtande der Betrübniß und Aufregung, und ich war ſehr bekümmert, den Vater meiner armen Louiſe ver⸗ laſſen zu müſſen. Aber mein Entſchluß war bald ge⸗ faßt. Das Schiff, in welchem ich nach Amerika hatte fahren wollen, lag noch im Hafen nnd ſollte in drei Tagen abſegeln. Alle meine Vorbereitungen waren bald gemacht und es blieb mir nichts weiter übrig, als meinem guten Schwiegervater Lebewohl zu ſagen. An meinem Hochzeitstage hatte er mir die verſproche⸗ nen zweitauſend Thaler vermöge einer Rolle Frie⸗ drichsdors eingehändigt; aber außerdem war ich ver⸗ hältnißmäßig reich, denn meine fünfzig Louisdors waren noch nicht angewendet und ich hatte mir eine gute Anzahl Thaler durch Unterricht verdient. Ich brachte ihm daher die Rolle zurück und ſagte, ich glaubt kein Recht zu haben, ſie zu behalten. Er wollte ſie aber nicht wieder nehmen und ſagte: „Stecken Sie ſie wieder ein. Denken Sie, Louis, ich würde mein verſtorbenes Kind beranben? Nein, nein, mein lieber Sohn, Sie und die arme Louiſe waren Eins. Ich hatte gehofft, Sie würden hier blei⸗ ben können, um mir die Augen zu ſchließen; denn meine Lebenszeit wird nicht mehr lang ſein. Aber Gott beſtraft mich, indem er mir dieſe Genugthuung verweigert. Sie müſſen an mich ſchreiben, ſobald Sie die Küſten Amerikas erreichen, und Sie ſollen ſehr bald darauf von mir hören. Wenn ich Veranlaſſung habe, Ihnen vorher Mittheilungen zu machen, will ich meinen Brief nach Boſton adreſſiren.“ Dies war die einzige Gelegenheit, wo er den Namen ſeiner Tochter erwähnte. Seine Augen blie⸗ ben indeſſen thränenlos und die Worte wurden in je⸗ nem dumpfen und verzweiflungsvollen Tone ausgeſpro⸗ chen, der die Furcht in mir erregte, daß er ſich nie von dem erhaltenen Schlage erholen werde. Er be⸗ gleitete mich an Bord des Schiffes und nahm Ab⸗ ſchied von mir, wie ein Vater von einem Sohne, den er nie wieder zu ſehen erwartet. Er war ſehr trau⸗ rig, und als er wieder von dem Schiffe in das kleine Boot geſtiegen, ſchlug er ſeine Augen nieder und er⸗ hob ſie nicht mehr, um das Schiff anzuſehen, wel⸗ ches mich davon zu führen im Begriff war. Es wurde eben dunkel als ich an Bord ging, und das Schiff ſollte um zehn Uhr zur Zeit der Fluth abſegeln. Ich ging daher ſogleich in meine unbequeme Kajüte hinunter, ohne große Hoffnung zu ſchlafen, ſondern nur, um mich den Blicken der Reiſegefährten zu entziehen, denn es waren in dem Augenblick Ge⸗ fühle in meinem Herzen, die ich den Angen Anderer nicht ausſetzen wollte. Ich war indeſſen ermüdet und erſchöpft, denn ich hatte während der letzten drei Tage ſehr wenig geſchlafen, und nachdem ich etwa eine Stunde in der traurigen Stille einer engen, übelriechenden Ka⸗ jüte dagelegen, verſank ich in den tiefſten Schlummer, deſſen ich mich je erinnere. Ich hörte Nichts und wußte von Nichts, und als ich erwachte, blickte der helle Tag durch ein rundes Fenſter von ſtarkem Glaſe in der Seite der Kajüte gleich einem Auge auf mich herein, und ich hörte ein ſeltſames Rauſchen dicht ne⸗ ben meinem Kopfe, welches mir die erſte Andeutung gab, daß zwiſchen mir und der weiten tiefen Sec Nichts weiter als jene ſchwache Planke ſei. Ein Ne⸗ ger in weißer Jacke und mit aufgeſchlagenen Aermeln, ſo daß man die großen Knochen und Sehnen ſeiner ſchwarzen Arme ſah, deckte einen Tiſch in der Mitte der Kajüte wie zur Mahlzeit, und indem ich meinen Kopf herausſtreckte, fragte ich ihn, wo wir wären. Er grinſte mich mit ſeinen weißen Zähnen an und ſagte: „Kann's nicht ſagen, Maſſa. Kein Poſthaus auf mitten See. Werden froh ſein am Mittageſſen, da Sie nicht Frühſtück gehabt. Kommen jetzt zum Eſſen und halten die Krankheit nieder. Hi, hi, hi!“ Ich fühlte mich durchaus nicht zur Seekrankheit geſtimmt, und das Schiff bewegte ſich ſo leicht und ruhig, daß ich mich überzeugt fühlte, ich werde we⸗ nigſtens an dem Tage dem Unwohlſein entgehen, dem ddie meiſten jungen Reiſenden unterworfen ſind. Ich ſtand auf und kleidete mich an, doch hatte ich kaum meine Toilette vollendet, als mein Freund, der Neger, mit einem ungeheuren Stück Roaſtheef erſchien. Dann brachte er eine große Terrine mit Erbſenſuppe und ne Schüſſel mit Kartoffeln herein; und dies war je⸗ en Tag während der Reiſe unſere Nahrung, mit der geringen und nicht ſehr angenehmen Abwechſelung mit ſtark geſalzenem Rindfleiſch anſtatt des friſchen, welche ſtattfand, als wir etwa ſechs Tage auf der See ge⸗ weſen. Dies waren die Lebensmittel auf einem ame⸗ rikaniſchen Packetſchiffe in jenen Tagen. Indeſſen ſagt man: Hunger iſt der beſte Koch, und ich muß geſte⸗ hen, daß ich großen Appetit hatte. Als das Mittagsmahl aufgetragen war, kam der Kapitain des Schiffes, mit dem einzigen anderen Paſ⸗ ſagier, einem der außerordentlichſten Weſen, die ich je geſehen, herunter. Dies war eine gewiſſe Madame du Four, die, wie ich, aus Frankreich ausgewandert war. Sie ging in der Kleidung der Mode des Ho⸗ fes Ludwig des Funfzehnten und trug ein Kleid von ſteifem Seidenzeug, nicht beſonders rein, und ein Un⸗ terkleid von grünem Atlas, welches vorn zu ſehen war. Sie hatte ſtark markirte Züge, eine gebogene Naſe, ſehr lebhafte dunkle Augen und ſtruppige Brauen, war außerordentlich groß und hatte ihre Größe durch eine Art Thurm von der ſeltſamſten Bauart auf dem Kopfe noch erhöhet, denn er beſtand, wie ich glaube, in einem Kiſſen, über welches das wohl gepuderte Haar von allen Seiten heraufgezogen war und wor⸗ über ſie eine Spitzenhaube mit rothen Bändern geſetzt hatte. Sie war auch roth und weiß geſchminkt; aber dieſe weibliche Eitelkeit verhinderte ſie nicht, einen et⸗ was wilden und männlichen Blick zu zeigen, der durch das gezierte Weſen durchaus nicht gemildert wurde, ſondern einen ſtarken Kontraſt dagegen bildete. Am erſten Tage, als ſie durch die Kajüte ging, konnte ich nicht umhin ein Paar große Reiterſtiefeln unter ihrem Kleide zu entdecken. Am folgenden Tage aber trug ſie Schuhe, Schnallen und ſeidene Strümpfe. Unſer Mittagsmahl ging ganz angenehm vorüber, ob⸗ gleich der amerikaniſche Kapitain vor Lachen kaum eſ⸗ ſen konnte, wenn Madame du Four ihren Mund öff⸗ nete. Die Beluſtigung, die ſie ihm gewährte, war ſo gut, wie das doppelte Paſſagiergeld, obgleich ich bekennen muß, daß ſie gut genug engliſch ſprach, wes⸗ halb er alſo nicht über ihre Sprache lachen konnte. Sie war auch ungeachtet ihrer Seltſamkeiten außeror⸗ dentlich angenehm, beſaß einen unermeßlichen Schatz von Kenntniſſen und ſchien weit gereiſt zu ſein. Gleich — 14— allen Franzöſinnen beſaß ſie große Neugierde und ruhte nicht eher, als bis ſie meine ganze Geſchichte von mir herausgebracht hatte, mit Ausnahme jenes Theils, der ſich auf meine arme Louiſe bezog— ein Gegenſtand, der zu heilig für mich war, um ihn zu berühren. Zu meiner Ueberraſchung und nicht ganz zu meiner Be⸗ friedigung— denn ich mußte mich deshalb der Un⸗ beſonnenheit anklagen— ſchrieb ſie den Namen des Pater Bonneville und der Frau von Salins auf. Ich bemühte mich dagegen, auch einige Auskunft über ſie zu erhalten. Aber ſie war feſt gegen alle meine Fra⸗ gen und ich konnte Nichts weiter entdecken, als daß ſie Freunde oder Verwandte in Louiſiana habe. Nach dem Mittageſſen ging ich auf das Verdeck, wo ich während der Reiſe den größten Theil meiner Zeit zubrachte, mochte das Wetter gut oder ſchlecht ſein, denn die Kajüte war eng und dumpfig. Ich habe viele Menſchen die höchſte Bewunde⸗ rung und Begeiſterung über die See ausſprechen hö⸗ ren, aber ich vermuthe, es fehlt mir an Phantaſie, denn ich konnte nie etwas darin entdecken, was meine Bewunderung erregte, mit Ausnahme einer gewiſſen Erhabenheit, die immer mit dem Ungeheuren in Ver⸗ bindung ſteht. Als wir über die Fläche des Waſſers dahineilten, eine einzige wechſelloſe Fläche um uns, da ſchien mir jener Ocean, wovon die Menſchen ſo viel ſchwärmen, Nichts als eine große, düſtere, braune ſich hebende Maſſe, ſehr unangenehm für das Auge und außerordentlich einförmig. Als aber die Sonne unterging, wechſelte an jenem erſten Tage die Ansſicht ein wenig vermöge der langen hellen Linie, die ſie vom Horizonte bis zum Schiffe warf; aber nur zwei⸗ mal hatten wir die Ehre, ihr Antlitz am Abend zu ſehen, obgleich ſie um Mittag hervorbrach. Im All⸗ gemeinen war der Himmel mit Wolken bedeckt und ſehr oft hüllte uns ein dichter Nebel ein, der den Un⸗ willen des Kapitains erregte, der ein Recht an heite⸗ res Wetter zu haben glaubte. Ich wurde nicht ein⸗ mal mit einem Sturme beehrt, obgleich von Zeit zu Zeit ein ſtarker Wind wehte, der das grünlich braun ausſehende Waſſer zu unangenehmen Wogen erhob. Zu meinem Glück war ich nicht im geringſten ſeekrank, was mich ſehr in der Meinung des Kapitains hob, der bei den Mahlzeiten mit bedeutungsvollem Blicke auf die Koje der guten Madame du Four deutete, die niemals bei rauhem Wetter erſchien, und lachend ſagte:„die alte Frau kommt nicht zum Vorſchein.“ Nach Verlauf von drei Wochen ereignete ſich eins jener Seephänomene, welches ich oft habe beſchreiben hören, als wir an einigen Fiſcherbarken vorüberkamen. Es war Nacht und der Himmel ſehr bewölkt, aber die ganze See ſchwamm in einem Lichtſchimmer, als wäre die Milchſtraße dorthin verſetzt. Jede vorüber⸗ rauſchende Woge war mit Sternen beladen und nicht nur das Kielwaſſer des Schiffes, ſondern auch lange Linien in verſchiedenen Richtungen wo die See auf⸗ geregt war, ſchienen in Nae i hen. Dies währte viele Stunden und ich habe ſelten etwas von wun⸗ derbarerer Schönheit geſehen. Die Fiſcherbarken, die wir ſahen, waren die er⸗ ſten Schiffe, die uns begegneten. Wir ſahen auch einige Wallfiſche und ganze Schaaren Delphine; aber ſonſt geſchah Nichts, was uns während der langen Reiſe erheiterte; und ich muß geſtehen, daß ich mir nichts Einförmigeres und Unintreſſanteres denken kann, als eine Reiſe über das weite atlantiſche Meer. Meine Stimmung verbeſſerte ſich während der Reiſe nicht. Ich hatte mich entſchloſſen, viel zu ſchrei⸗ ben und zu leſen, und meine Gedanken ſo weit wie möglich mit gleichgültigen Gegenſtänden zu beſchäfti⸗ gen; aber ich that Nichts der Art und ich habe ſeit⸗ dem bemerkt, daß ein Schiff der müßigſte Ort auf der Welt iſt. Niemand ſcheint etwas zu thun, als die Matroſen und auch dieſe thun nicht mehr, als wozu ſie genöthigt ſind. Endlich, o geſegneter An⸗ blickl gerade als der Tag anzubrechen begann, erblick⸗ ten wir einen Leuchtthurm und der Kapitain kündigte uns an, daß wir an der Küſte Amerikas wären. Nie in meinem Leben war ich über irgend etwas ſo er⸗ freut, beſonders als ich ihn einige Minuten ſpäter be⸗ fehlen hörte, eine Kanone abzufeuern, damit ein Lootſe — 17— kommen möge. Aber gerade als die Kanone ihren erſten Ruf nach dem Lootſen ausgeſtoßen, drehte ſich der Wind plötzlich ſüdlich und in einer Viertelſtunde⸗ blies ein heftiger Wind von der Küſte her. Vier lange mühſame Tage kämpften wir gegen dieſen un⸗ erbittlichen Feind an, wobei wir, wie ich ſpäter hörte, in nicht geringer Gefahr waren, und während dieſer ganzen Zeit hörte ich beſtändig die klagende Stimme der Madame du Four, die bei ſich ſelber rief:„O mein Gott, ich werde ſterben!“ Auch ſtieß ſie noch andere Töne aus, die weniger harmoniſch waren. Endlich aber gelangten wir in den ſchönen Ha⸗ fen von Boſton, und als wir friedlich unter den blauen Inſeln ſegelten, kam Madame Du Four ge⸗ ſchminkt, mit Schönpfläſterchen belegt, in ihrem ſeide⸗ nen Kleide, ſo munter wie eine Biene herauf. Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 2 Zweites Kapitel. Eine neue Welt und neue alte Bekannte. Der Kapitän des Schiffes führte mich freundlich in ein kleines Gaſthaus nicht weit vom Hafen, wo ich ein ziemlich gutes Unterkommen fan kei Bemühen war, ein warmes Bad zu ſuchen, denn meine lange Seereiſe von mehr als fünf Wochen verurſachte mir ein Gefühl, als wäre ich eingepökelt geweſen. Mit beträchtlicher Schwierigkeit verſchaffte ich mir, was ich bedurfte, denn Boſton war in jenen Tagen nicht reich an Bädern. Endlich gelang es mir indeſſen und dann ſpeiſte ich ſehr gut, wenn gleich mit geringerem Appetit, als bei den frugaleren Mahlzeiten auf der See. Niemand kann ſagen, mit welcher Genugthuung ich der Erwartung entgegenſah, in dem guten feſten Bette zu ruhen, welches mein Zimmer enthielt, aber — 19— die See hatte ihr Werk mit mir noch nicht vollendet, und zwei ganze Nächte bewegte ſich, ſobald ich mich niederlegte, Alles mit mir, als wäre ich noch auf dem Ocean. Ich konnte mich kaum überreden, daß das Haus nicht auf dem Waſſer ſchwimme. Am nächſten Morgen beim Frühſtück kam einer von den ſchwarzen Kellnern herein und ſagte mir, es wäre ein Herr da, der mich zu ſprechen wünſche, und als ich ihn einzu⸗ laſſen befahl, wurde ein großer, gut ausſehender Mann von etwa fünfunddreißig Jahren hereingeführt. Sein Geſicht war mir bekannt, obgleich ich mich nicht erin⸗ nern konnte, wo ich ihn vorher geſehen, und er war mit der größten Zierlichkeit, theils ſchwarz, theils braun gekleidet, trug ein dickes Halstuch um den Hals und ein Paar Reiterſtiefel, die bis zu den Knieen hinauf⸗ gingen. „Herr von Laey,“ ſagte er, meine Hand faſſend, „es iſt mir lieb, Sie in Amerika zu ſehen. Erlauben Sie mir, Ihnen zu Ihrer glücklichen Ankunft Glück zu wünſchen.“. Ich dankte ihm und ſagte, er habe den Vortheil vor mir voraus, meinen Namen zu kennen, und bat mir zu ſagen, mit wem ich die Ehre habe zu reden. Der Kellner hatte jetzt das Zimmer verlaſſen, aber mein Gaſt war dennoch ſo vorſichtig, ſeine Lippen meinem Ohr zu nähern, während er ſagte: 9 2 — 20— „Madame du Four— gegenwärtig Monſieur du Four, Ihnen zu dienen.“ „Guter Himmel!“ rief ich,„was konnte Sie bewegen, eine ſo ſeltſame Verkleidung anzunehmen?“ „Der ſehr einfache Grund, mich zu verbergen ſo gut ich konnte,“ verſetzte er.„In Betreff der ande⸗ ren Ausgewanderten wurde den guten Hamburgern die Wahl gelaſſen, ſie entweder zu vertreiben oder zu ver⸗ haften. In meinem Falle erhielten ſie den einfachen Befehl, mich zu verhaften und als Gefangenen nach Frankreich zurückzuſenden. Sie waren indeſſen bereit, meine Flucht zu geſtatten, und für die Augen der fran⸗ zöſiſchen Spione deckten die Kleider meiner Urgroßmut⸗ ter, gleich der Menſchenliebe, viele Sünden zu. Nun, Herr von Laey, glaube ich, Ihnen von Nutzen ſein zu können, denn ich habe viel mit franzöſiſchen Ausge⸗ wanderten verkehrt, ſtehe mit ihnen in den verſchiede⸗ nen Theilen der Welt in Verbindung und kann Ihnen wahrſcheinlich die gewünſchte Auskunft über Ihre Freunde ertheilen. Einige von ihnen, denke ich, ſind jetzt in Rußland, wo ich von dem milden und vor⸗ trefflichen Monarchen, dem Kaiſer Paul, beſchützt und begünſtigt, einen guten Theil meiner Zeit zubrachte. Da es indeſſen bekannt war, daß er nicht lange mehr leben werde, ſo hielt ich es für beſſer, bei der Thron⸗ beſteigung des neuen Regenten zugegen zu ſein, und darum begab ich mich nach Hamburg. Indeſſen habe ich noch immer Freunde und Bekannte in Rußland, ſo wie in vielen anderen Theilen der Welt, und ich denke, wenn Sie mir ſagen wollen, wo Sie zu finden ſind, kann ich vielleicht genügende Auskunft erhalten.“ Meine Pläne waren noch nicht gemacht und ich wußte nicht, wohin ich gehen oder was ich thun ſollte. Ich war jetzt reicher, als ich je vorher in meinem Le⸗ ben geweſen, aber ich wußte, daß mein kleiner Schatz nicht unerſchöflich ſei, und ich beſchloß, mich ſehr bald nach einer Beſchäftigung umzuſehen. Ohne meinem neuen Freunde genau den Zuſtand meiner Finanzen mitzutheilen, fragte ich ihn um Rath, wohin ich gehen und was ich thun ſolle. „Sie können hier in Boſton bleiben,“ verſetzte er,„ſo lange das Wetter warm iſt, und werden wahr⸗ ſcheinlich eine Anſtellung finden; denn Sie haben hier eine reiche, thätige und intelligente Bevölkerung; aber bleiben Sie nicht im Winter hier, denn es iſt die kälteſte Stadt auf der Welt. Hinſichtlich der Tempe⸗ ratur iſt St. Petersburg im Vergleich mit Boſton ein irdiſches Paradies. Indeſſen können Sie immer Briefe erhalten, die hieher adreſſirt ſind, wenn Sie nur die Vorſicht anwenden wollen, immer ihre Adreſſe an die Poſt zu ſenden. Ich will damit nicht ſagen, daß Sie ſie ſchnell erhalten werden, weil natürlich unter einer republikaniſchen Regierung Alles mit geringerer — 22— Regelmäßigkeit und Sicherheit vor ſich geht, als un⸗ ter einer monarchiſchen. In Republiken, wo Stellung und Macht von der bloßen Volksgunſt abhängen, wird der größte Theil der Staatsgeſchäfte von unerfahrenen Männern geführt. Es giebt freilich Ansnahmen— Männer, die ſich ſo des öffentlichen Vertrauens be⸗ mächtigen, daß ſelbſt die Parteiſucht ſie nicht verdrän⸗ gen kann— aber dieſe ſind ſelten. Sie haben alſo weiter Nichts zu thun, Herr von Laey, als Ihre Adreſſe auf der Poſt zurückzulaſſen, und Sie ſollen von mir hören, ſobald ich Nachricht erhalte.“ Er fügte viele ſehr verſtändige Belehrungen hin⸗ ſichtlich meines Verhaltens in Boſton hinzu, wo er offenbar ſchon früher geweſen ſein mußte, obgleich er es nicht ſagte; und er verließ mich mit einem viel angenehmeren Eindruck von ſeinem männlichen, als von ſeinem weiblichen Charakter. Ich erwartete freilich nicht viel von ſeinen Ver⸗ ſprechungen und war ſeiner Aufrichtigkeit nicht ganz ſo gewiß, wie es hätte der Fall ſein ſollen. Vermuth⸗ lich gibt es Profeſſionen und Gelegenheiten, wo der Charlatanismus durchaus nothwendig iſt; aber ich denke, wir reſpektiren ſelten die Leute, welche dieſelben ausüben; und nie werde ich den Eindruck vergeſſen, den er als Madame du Four auf mich machte. Ich konnte mich nicht von den lächerlichen Erinnerungen befreien, — 23— und wir erwarten ſelten Dienſte von Perſonen, die uns zum Lachen bringen.“) Empfehlungsbriefe an Leute in Boſton hatte ich nicht, und ich erduldete mehrere Tage alle die Unbe⸗ quemlichkeiten, die ein Fremder ohne perſönliche Freunde in einer Stadt bei ſeinem erſten Aufenthalte empfindet. Die Einſamkeit drückte mich faſt nieder, und je mehr Leute mir auf den krummen und engen Straßen be⸗ gegneten, deſto einſamer fühlte ich mich. Herrn du Four ſah ich zu jener Zeit nicht wieder und begann ſchon daran zu denken, mich in eine andere Stadt zu begeben, wo die Bewohner nicht ſo kalt und abſtoßend wären, als ich plötzlich eine Bekanntſchaft machte, die den Gang der Ereigniſſe ſehr veränderte. Eines Tages, als ich durch die Straßen ging, dachte ich, ich wolle mir einige franzöſiſche Bücher kau⸗ fen, wovon ich nur eins bei mir hatte, um meine ei⸗ gene Sprache nicht zu vergeſſen. Ich trat daher in einen großen Buchhändlerladen, der düſter und un⸗ heimlich genug ausſah, und fragte nach einigen Werken. Obgleich es mit dieſem Theile meiner Geſchichte in keiner Verbindung zu ſtehen ſcheint, muß ich doch *) Ich kann nicht umhin zu denken, daß der Herr, von dem ich dieſes Manuſcript erhalten, die Rolle der Ma⸗ dame du Four geſpielt. Der Herausgeber. — 24— hier Etwas von meiner perſönlichen Erſcheinung zu dieſer Zeit ſagen, da ich überzeugt bin, daß dieſelbe einige Wirkung auf die folgenden Ereigniſſe äußerte. Es fehlte mir jetzt nur der vierte Theil eines Zolls an ſechs Fuß, ich war von robuſter Geſtalt in Folge vielfacher körperlicher Uebungen, von der Seeluft faſt ſo dunkel gebräurt wie Mahagoniholz und hatte für mein Alter einen langen und ſtarken Schnurrbart. Mein Haar hatte ich lang wachſen laſſen und die un⸗ geſchornen Locken fielen uͤber meine neue Trauerklei⸗ dung von ausländiſchem Schnitt nieder. So hatte ich in den Straßen von Boſton wenigſtens Etwas an mir, was mich von den Bürgern des Orts unterſchied, wo Niemand einen Schnurrbart trug und die Meiſten ihr Haar gepudert und zu einem Zopf zuſammenge⸗ bunden, Andere aber ſo kurz abgeſchnitten trugen, wie die Ohren eines Mopshundes. Als ich nach den Büchern fragte, ſprach ich in ernſtem und vielleicht etwas raſchem Tone; denn der Tod meiner armen Louiſe hatte mich unbekümmert um die Meinung der Menſchen gemacht und den Wunſch zu gefallen beſeitigt, was in der Jugend ſehr ſelten iſt. Der Commis antwortete in ſchalkhaftem Tone, er vermuthe, ſie hätten keins davon. Ich erwiederte in demſelben kalten und gebieteriſchen Tone, worin ich vorher geſprochen, ich wolle ihn bemühen, noch etwas mehr zu thun, als nur zu vermuthen, ſondern ſich zu — 25— überzeugen, ob die Bücher da wären oder nicht; und wenn nicht, ob man ſie mir verſchaffen könne. „Ich rechne, Sie ſind aus der alten Welt,“ ſagte der Mann mit der gutmüthigſten Unverſchämtheit. „Das iſt nicht Ihre Sache, mein Freund,“ ver⸗ ſetzte ich.„Wir wollen rechnen, wenn ich die Bücher habe.“ „Da komme ich auf den Schluß, daß es beſſer iſt, mit unſerem Prinzipal zu reden,“ ſagte der Commis. „Ein ſehr guter Schluß,“ verſetzte ich,„wenn Sie Ihren Herrn meinen.“ „Ich habe keinen Herrn,“ verſetzte der Mann mit großem Unwillen. „ Nun gut,“ ſagte ich,„ſo laſſen Sie mich mit irgend Jemand reden, der die Stelle des Herrn ver⸗ tritt und der auf jeden Fall der Herr des Ladens iſt, da er nicht dem Ladendiener gehört.“ „Ich denke, Sie hätten wohl„Magazin“ ſagen können, Fremder,“ ſagte mein Freund; aber jetzt hatte ich ein Buch vom Ladentiſche genommen und begann zu leſen, während er fortging, um ſeinen Prinzipal zu rufen. Im nächſten Augenblick kam aus einer kleinen düſtern Höhle ein zierlicher kleiner Mann in einem gerade geſchnittenen ſchnupftabaksfarbigen Rocke, der vorn weit offen war, um eine ſehr hübſche geblumte — 26— Weſte zu zeigen. Energie, Thätigkeit und Scharfſicht waren in allen ſeinen Bewegungen ſichtbar und ſchim⸗ merten in ſeinem hellen ſchwarzen Auge; und als ich meine Aufmerkſamkeit von dem Buche auf ihn richtete, konnte ich bemerken, daß er mich vom Kopf bis zu den Füßen mit wahrhaft wunderbarer Schnelligkeit an⸗ ſah. Ehe ich wußte, was mit mir vorging, drückte er mir die Hand, und ehe ich nach den Büchern fra⸗ gen konnte, that er unzählige Fragen an mich: wer ich ſei, woher ich komme, wie ich heiße, welches „ meine Profeſſion ſei, wie alt ich ſei, ob ich lange in Boſton zu bleiben beabſichtige und was ich von Ame⸗ rika denke? 3 Ich war ſehr geneigt zu lachen, aber ich hatte mir jetzt das Lachen abgewöhnt, und antwortete ernſt: „Ordnung in allen Dingen, Herr, wenn's ge⸗ fällig iſt. Sind Sie, was dieſer Mann den Prinzi⸗ pal nennt, oder was ich den Beſitzer dieſes Ladens oder Magazins nennen würde?“ „Ol ich bitte nicht auf ihn zu achten,“ verſetzte der Neuangekommene.„Er iſt aus einem anderen Staate und verſteht nur halb Engliſch. Ich denke nur in Boſton wird reines Engliſch geſprochen. Ich bin der Beſitzer dieſes Magazins, Herr, und eine ſehr hübſche kleine Quantität Literatur iſt dort zu finden.“ „Nun alſo, um Ihre Fragen zu beantworten,“ . —ſͤͤſͤſ“ 27— ſagte ich,„ich bin ein Fremder in dieſer Stadt. Mein Name gehört mir allein, ſo viel ich weiß. Ich habe eine Profeſſion, die mir für den Arrgenolick ange meſ⸗. ſen iſt. Ich bin zwiſchen zwanzig und dreißig. Ich kann nicht ſagen, wie lange ich in Boſton bleiben werde, und da ich deiſt zwei Quadratmeilen von Ame⸗ rika geſehen habe, denke ich nicht, daß die Probe für den Käſe entſcheidend iſt.— Nun, Herr, wollen Sie mir jetzt über die Bücher, deren ich bedarf, Auskunft geben?“ „Vortrefflich!“ rief mein neuer Freund.„Ich denke, ſolche Antworten würden die Hälfte der Män⸗ ner im Kongreß verwirren. Wir Yankees ſind große Frager, das muß man geſtehen. Es iſt eine Gewohn⸗ heit von uns, und zwar keine üble Gewohnheit, denn wenn wir eine Antwort erhalten, iſt es uns um ſo lieber, und wenn nicht, können wir auch ebenſo gut ohne dieſelbe ſein. Nun, Herr, Sie ſind gerade der Mann, deſſen wir bedürfen— das ſehe ich in einer Minute. Wir haben ſeit ſechs Monaten nichts Neues in Boſton gehabt— das hiißt ſeit der Rieſin und dem Pferde mit drei Schweifen. Die erfüllten ihren Zweck ſehr gut; aber jetzt müſſen wir etwas Literari⸗ ſches haben; und wenn Sie mit einer Vorleſung, mit einem Buche, einer Broſchüre oder einer Predigt ge⸗ gen die Trinität oder mit etwas Schlagendem über Demokratie und Föderalismus hervortreten wollen— — . — 28— einerlei, auf welcher Seite Sie ſtehen, auch wenn Sie das alte Land vertheidigen und zeigen, daß wir alle Verräther ſind und längſt hätten gehängt werden ſol⸗ len— ſo wird die Schrift gewiß einſchlagen, Herr, ſo wird ſie gewiß gehen und Dollars eintragen.“ Mein neuer Freund hatte etwas ſo vollkommen Gutmüthiges, daß ich durchaus nicht ärgerlich ſein konnte, auch wenn ich nicht ganz auf ſeine Anſichten einging. Ich war indeſſen genöthigt, ihn zu benach⸗ richtigen, daß ich nie Vorleſungen gehalten, Bücher, Abhandlungen oder Predigten geſchrieben— daß ich kein Engländer ſei— daß ich nicht beſonders mit der amerikaniſchen Geſchichte bekannt ſei und durchaus nicht entſcheiden könne, ob er und ſeine Freunde ge⸗ hängt zu werden verdienten oder nicht. Er war indeſſen ſehr beharrlich und ſchlug mir ein Dutzend verſchiedener Auskunſtsmittel vor, denn. er bedurfte ſelber in dem Augenblick ſehr eines Frem⸗ den, um die Stelle eines Literaten zu erſetzen, der ſich entfernt hatte, da er das große Bedürfniß der Stadt Boſton nach etwas Neuem kannte, um die Lücke auszufüllen, welche die Rieſin und das Pferd mit drei Schweifen zurückgelaſſen. Ich dachte, als er fortfuhr, daß ich unter allen den Perlen, die er vor mich hinwarf, eine finden würde, die meinem Zwecke entſprechen werde, und endlich wurde beſchloſſen, daß ich ein kleines Buch für ihn ſchreiben ſolle, welches 849 — 29— er ſogleich herausgeben wolle. Unſere Anordnungen wurden bald getroffen, obgleich er mir, wie ich ſpä⸗ ter fand, nur den dritten Theil von der Summe zu zahlen verſprach, die er mir hätte zahlen ſollen. Je⸗ nes Buch diente indeſſen nicht nur dazu, eine kleine Summe in meine Taſche zu bringen, ſondern auch meinen Ruhm auszubreiten und meine Gedanken zu beſchäftigen. Das Letztere war mir ſehr lieb, denn ſobald ich mich allein in meinem Gaſthauſe niederſetzte, verſank ich in traurige Träumereien und wünſchte ſehr, die Zeit möge ihr Werk thun, mich vermöge jener langſamen und faſt unmerklichen Schritte zu tröſten, durch die ſie ihre Zwecke am Beſten erreichte. Der Gegenſtand und die Behandlung deſſelben, Alles wurde in weniger als einer halben Stunde beſprochen, denn mein Freund, der Buchhändler, hatte ſehr beſtimmte Anſichten und wußte genau, was gehen werde und was nicht. Während wir noch dieſe Gegenſtände be⸗ ſprachen, kamen mehrere Herren in den Laden, wel⸗ chen der Buchhändler, der jetzt im Beſitze meines Na⸗ mens war, mich als den berühmten Monſieur de Lacy vorſtellte. So erhielt ich auf die nächſten ſechs Wo⸗ chen Beſchäftigung und wurde mit einigen der ange⸗ nehmſten Perſonen bekannt, die mir je im Leben vor⸗ gekommen. Am folgenden Morgen las ich eine An⸗ kündigung in den Zeitungen,„daß Monſteur de Lacy, der wohlbekannte Cavalier aus der Vendée in Boſton — 390— angekommen,“ worauf ein fabelhafter Bericht, zwei⸗ mal ſo lang, als das Buch Tobias, von allen Schlach⸗ ten folgte, die ich gefochten, ſo wie von allen Siegen, die ich in einem Diſtrikte errungen, in den ich nie meinen Fuß geſetzt. Dies Alles wurde auf eine tiefe Narbe in meiner Wange gegründet; die ich von den Ferſen eines öſtreichiſchen Soldaten erhalten, als ich in der Vorſtadt von Zürich am Boden gelegen. Als ich dieſen Bericht las, lächelte ich, denn der Gedanke, eine der handelnden Perſonen in dem großen und außerordentlichen Kampfe in der Vendée geweſen zu ſein, war mir ſehr angenehm. Ich dachte viel daran, und obgleich ich einige Wochen vorher gedacht, daß Amerika vor allen anderen das Land ſei, welches mir einen friedlichen und glücklichen Zufluchtsort ge⸗ währen werde, hegte ich jetzt das Verlangen, nach Europa zurückzukehren, um an den thätigen Scenen Theil zu nehmen, die in meinem Vaterlande vorgingen. 1 Drittes Kapitel. Der Verluſt und das Wiederfinden. Es iſt unnöthig, bei den nächſten Monaten mei⸗ nes Lebens zu verweilen. Die meiſten Männer haben erfahren, was es heißt in einer fremden Stadt ſein Glück zu ſuchen, und ich denke, es würde nicht ſehr intereſſant für Jemand ſein, wenn ich einen ausführ⸗ lichen Bericht ertheilen wollte, wie man den Löwen einer Partei aus mir machte. Mein guter Freund, der Buchhändler, wollte es ſo— er bedurfte in dem Augenblick eines Löwen— es war kein anderes Ma⸗ terial zur Hand und er machte einen Löwen aus mir. Keine Zeitung ſah ich an, ohne meinen⸗Namen darin zu finden. Wenn ich nach Faneuil Hall oder durch Courtſtreet ging, konnte ich gewiß ſein, einen Anſchlag zu finden, wodurch ich dem Publikum empfohlen wurde, —. 32— welches man durch die tägliche Wiederholung zu dem Glauben brachte, ich müſſe doch wohl etwas ſein. Aber das Schlimmſte von dieſem Löwenſyſtem iſt, daß man nicht immer leicht ſeine Löwenhaut ablegen kann, wenn man derſelben überdrüßig iſt. Ich geſtehe, es wurde mir läſtig, meinen Namen beſtändig in den Zeitungen zu ſehen, und anfangs war ich geneigt, alle die ver⸗ ſchiedenen Lügen zu berichtigen, die von mir erzählt wurden und den Bewohnern von Boſton die Verſiche⸗ rung zu geben, daß ich niemals funfzig Dinge gethan habe, die von mir berichtet worden— noch auch an⸗ dere funfzig Dinge zu thun beabſichtige, welche die fruchtbare Einbildungskraft verſchiedener Schriftſteller mir zugeſchrieben. Ein freundlicher und verſtändiger Freund rieth mir indeſſen, es nicht zu thun, und da mir dieſe falſche Berühmtheit eine große Anzahl ſehr angenehmer Bekanntſchaften verſchaffte, ſo war ich ge⸗ nöthigt, das Gute mit dem Schlimmen hinzunehmen und die Gaſtfreundſchaft und den belehrenden Umgang als eine Entſchädigung anzuſehen, daß ich in öffentli⸗ chen Blättern figuriren mußte. Ich verlor indeſſen keine Gelegenheit, im Privatumgange Alles das zu läugnen, was öffentlich von mir berichtet wurde, in⸗ dem ich allen meinen Freunden in der Stadt ſagte, daß ich nicht der große Mann oder der berühmte Cha-⸗ rakter ſei, als welchen man mich darſtellen wollte— daß ich nie in meinem Leben in der Vendée geweſen — 33— und nie eine Schlacht geſehen habe, als in Zürich. Ich muß ihnen auch die Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, daß dieſe Bekenntniſſe ihre Freundlichkeit nicht im Geringſten veränderten, und daß ſie vielleicht gaſt⸗ licher und freundlicher als zuvor waren, da ſie eine einfache und beſcheidene Perſon an mir fanden. Das Schreiben meines Buches war mir in jeder Hinſicht günſtig. Es war freilich nur eine unbedeu⸗ tende Sache, aber ich ſparte dadurch mein kleines Ver⸗ mögen, die Taſchen des Buchhändlers wurden dadurch gefüllt— denn der Erfolg war lächerlich wegen der Marktſchreierei, die vor der Erſcheinung angewendet wurde— und es entwöhnte meine Gedanken von dem einen tiefen und kummervollen Gegenſtande der Betrach⸗ tung, der ſonſt meinen Geiſt beſtändig würde in An⸗ ſpruch genommen haben. Der Herbſt kam raſch her⸗ bei, als er erſchien; die Wälder glühten von glän⸗ zenden Farben, wie ich ſie noch nie in dem Gewande der Natur geſehen hatte; und theils um von dem Ge⸗ dränge einer großen Stadt hinweg zu kommen, theils um mich der Lieblichkeit der Landſchaft in geringer Entfernung von Boſton zu erfreuen, pflegte ich früh am Morgen hinaus zu wandern und oft erſt bei An⸗ bruch der Nacht zurückzukehren. Zuweilen ging ich auch auf die Poſt und fragte mit geringer Erwartung, einen zu erhalten, nach Briefen. Wer ſollte an mich ſchreiben, wenn nicht der gute Profeſſor Haas oder Die Wechſel des Lebens 2. Bd. 3 — 34— Monſieur du Four? Aber von dem Erſteren glaubte ich noch keinen Brief haben zu können und auf die Verſprechungen des Letzteren ſetzte ich wenig Vertrauen. Eines Tages aber wurde mir ein dicker Brief, auf grobes deutſches Papier geſchrieben, mit ſchwar⸗ zem Siegel und das Poſtzeichen Hamburg an ſich tragend, überreicht. Die Handſchrift war indeſſen nicht die des guten alten Profeſſors, und ich öffnete ihn mit beträchtlicher Beſorgniß, denn ich dachte, er müſſe krank ſein und habe wahrſcheinlich durch Jemand anders ſchreiben laſſen. Es war ſchlimmer, als ich erwartete. Profeſſor Haas war todt und der Brief war von ſeinem alten Freunde, dem Notar, der den Heeirathskontrakt zwiſchen Louiſe und mir aufgeſetzt hatte. Er benachrichtigte mich von dem Tode meines Freundes in kurzen und förmlichen Ausdrücken und fügte dann hinzu, daß Profeſſor Haas mir ſein gan⸗ zes Vermögen hinterlaſſen, einen von ſeinen Kollegen und den Notar ſelber zu Teſtamentsvollſtreckern ernannt habe, mit dem Auftrage, ſein Haus und Alles, was er beſitze, zu verkaufen und das Geld zu meinem Vor⸗ theil und Gebrauche einem großen Banquierhauſe in London zu übermachen. Dies hielt ich für ein ſehr ſeltſames Verfahren, bis ich weiter las. Ich fand darauf, daß der Profeſſor, der ſtets den tiefſten Ab⸗ ſcheu vor den Revolutionairs gehegt, während ſeiner letzten Tage und beſonders während ſeiner Krankheit — 35— der Anſicht geweſen, daß die franzöſiſchen Republika⸗ ner früher oder ſpäter Hamburg in Beſitz nehmen und die ganze Stadt ausplündern würden. Es wurden ausführliche Inſtruktionen hinzugefügt, um mich in den Stand zu ſetzen, nach meinem Gefallen über das Geld zu verfügen, und mehr als die Hälfte des Pa⸗ piers nahm eine lange Rechnung ein, welche zu ver⸗ ſtehen ich mich nicht einmal bemühte. Die bereits nach England geſendete Summe war groß und hin⸗ reichend, um mich während meines Lebens vor Man⸗ gel zu ſchützen. Die erſten Eindrücke ſind ohne Zweifel immer die edelſten, und ſo groß auch in einem anderen Au⸗ genblick meine Beruhigung geweſen ſein würde, zu wiſſen, daß meine Subſiſtenzmittel nicht mehr von den Launen des Glücks abhängig waren, gewährte mir die Nachricht doch nur wenig Troſt, da ſie mit dem Tode meines armen Freundes vereint war. Ich war ſehr, ſehr traurig. Das letzte irdiſche Band zwiſchen mir und der armen Louiſe ſchien dahin; und alle die ſchmerzlichen Erinnerungen, die mit den letzten Tagen ihres Lebens in Verbindung ſtanden, belebten ſich wie⸗ der, ſo traurig und düſter wie je. Ich that keine Schritte in Betreff des Vermögens; ich beantwortete nicht einmal den Brief des Notars, ſondern ging Tag für Tag über die mit Cedern bedeckten Hügel in der Nähe von Boſton dahin und dachte traurig über die . 3* — 36— Vergangenheit nach. Von Zeit zu Zeit blickte ich dann daß Antlitz der Natur an und fand, ich weiß nicht welche Aehnlichkeit zwiſchen den bleichenden Far⸗ ben des herbſtlichen Laubes und dem Hinwelken mei⸗ ner eigenen Hoffnungen und meines Glücks. Aber die Menſchen ſah ich wenig an, wenn ſie mir in den Weg kamen, und oft empfand ich Aerger, wenn mir ein Wanderer auf demſelben Wege guten Tag bot oder ſtehen blieb, um nach der Stunde zu fragen. Es befanden ſich zu jener Zeit ſehr wenige menſchliche Wohnungen in jener Richtung, und an einem einſa⸗ men Gaſthauſe, welches etwa vier engliſche Meilen von der Stadt entfernt war, pflegte ich immer mit geſenkten Blicken vorüberzugehen. Ich weiß nicht, was mich eines Tages bewog, meine Augen zu dem⸗ ſelben zu erheben, als ich ein wenig langſamer als gewöhnlich daherkam, denn das Wetter war in dem ſogenannten indianiſchen Sommer plötzlich ſchwül ge⸗ worden. Vielleicht war es, weil ich einen alten Mann in ſehr ärmlicher brauner Kleidung unter der Veranda ſitzen ſah. Ich konnte ſeine Züge nicht ſehen, denn ich war weiter als hundert Schritte entfernt, und warf nur einen zufälligen Blick dorthin. Als ich aber auf demſelben Weg zurückkehrte ſaß der Greis noch da und ein Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren ſtand vor ihm, ſprach mit ihm und bot ihm etwas in einer Taſſe an. In meiner mürriſchen Selbſtſucht ging ich — 327— weiter, ohne auf ihn zu achten, als er plötzlich des Mädchens Arm faßte, matt aufſtand und mich gerade anblickte. Ein ſeltſames Gefühl des Erkennens be⸗ mächtigte ſich augenblicklich meiner, und ich wendete mich raſch zum Hauſe, Zweifel in meinem Geiſte, aber Gewißheit in meinem Herzen— ein Kontraſt, der häufiger iſt, als man denkt. Als ich näher kam, verſchwand der Zweifel. Es war Pater Bonneville, aber als bei mir der Zweifel verſchwand, ſchien derſelbe bei ihm zuzunehmen, denn, obgleich er ſehr krank geweſen, hatte ich mich doc mehr verändert, als er⸗ Etwas in meinem Gang und meiner Figur war ihm aufgefallen, aber als er einen kräftigen jungen Mann, anſtatt des ſchmächtigen Jünglings erblickte, der in Zürich von ihm getrennt worden, konnte er kaum glauben, daß ich es ſei, und er war erſt völlig überzeugt, als meine Hand die ſeine faßte. Nie ſah ich den armen Mann ſo ſehr aufge⸗ regt bei allen den vielen Seenen, die wir zuſammen er⸗ lebt hatten. Seine gewohnte ruhige Milde verließ ihn gänzlich und einige Augenblicke weinte er mit Gefüh⸗ len, die nicht durchaus traurig waren. Ich ſetzte mich zu ihm nieder, während das kleine Mädchen ins Haus lief, um dem Wirth, ihrem Vater, zu ſagen, daß der franzöſiſche Herr einen Freund gefunden habe, und während ihrer Abweſenheit erzählte er mir, daß er ſeit den letzten Wochen faſt gänzlich von dem Mitleid der Wirthsleute gelebt. Er habe mich überall aufgeſucht und ſei endlich in Folge einer falſchen Nachricht, die er in Holland erhalten, vier Monate nach der Schlacht bei Zürich nach Amerika geſegelt. Er ſei in New⸗ York angekommen und habe ſich damals vielfach be⸗ müht, mich mit ſeiner Ankunft bekannt zu machen. Sechs Monate, nachdem er in Amerika angekommen, habe er noch immer Geldſendungen erhalten; dann aber hätten dieſelben plötzlich aufgehört und dann habe er ſich einige Zeit von Unterricht ernährt. Seine Schüler hätten ihn aber nach und nach verlaſſen und dann habe man ihm gerathen, nach Boſton zu gehen; doch wären ſeine Mittel zu ſchwach geweſen, um in einem Hotel oder Koſthauſe zu wohnen, und da er ſich krank gefühlt, ſei er der reineren Luft und der Sparſamkeit wegen an dieſen abgelegenen Ort gekom⸗ men. Sein Geld habe nur vierzehn Tage ausgereicht und er habe den Wirth mit ſeiner Lage bekannt ge⸗ macht. Der gute Mann— denn er war in der That ein guter Mann— hatte ihm geſagt, er möge ſich nicht beunruhigen und ihm den Vorſchlag gemacht, ſeine beiden Töchter für ſeine Beköſtigung zu unter⸗ richten, bis er wohl genug ſei, um wieder nach Bo⸗ ſton zurückzukehren. Aber der arme Pater Bonneville wurde bald zu krank, um zu unterrichten oder vom Bette aufzuſtehen, und dann zeigte ſich die angeborne Gutherzigkeit der Leute. Seine beiden kleinen Schü⸗ lerinnen hatten ihn verpflegt als wäre er ein Verwand⸗ ter geweſen. Ihr Vater hatte ihn mit allem Nöthi⸗ gen verſehen und auf ſeine eigenen Koſten einen Arzt herbeigerufen. „Dies iſt der dritte Tag, wo ich mein Zimmer verlaſſen habe,“ ſagte er,„und ſie ſind noch ſo freund⸗ lich, wie immer, obgleich ich eine große Laſt für ſie geweſen bin.“ „Durchaus keine Laſt, mein guter Mann,“ ſagte der Wirth, der jetzt an unſerer Seite ſtand.„Wir können in dieſer Welt nur wenig Gutes thun, und Gott verhüte, daß wir es unterlaſſen ſollten, wenn wir im Stande dazu ſind. Ich bin indeſſen ſehr glücklich, daß Sie endlich einen Ihrer Freunde ge⸗ funden haben.“ „Er hat einen gefunden,“ ſagte ich, dem Wirthe die Hand drückend,„für den er mehr als ein Vater geweſen iſt, und der Ihrer Güte gegen ihn nie ver⸗ geſſen wird. Ich danke Gott, daß ich im Stande bin zu ſagen, er ſoll nie wieder Mangel haben.“ „Gut, gut,“ ſagte der Wirth,„das iſt Alles ſehr gut. Aber kommen Sie lieber ins Haus, da können Sie weiter darüber ſprechen. Wir gehen ge⸗ rade zum Mittageſſen und wir haben ein ſo gutes Gericht Fiſche mit Schiffszwieback, wie nur je bereitet worden. Er ſagte meinen Mädchen, er könne jetzt — 40— nicht eſſen, aber ich denke, ſein Appetit wird jetzt zu⸗ rückgekehrt ſein.“ Wir gingen hinein und ich ſetzte mich mit ihnen zu ihrem einfachen Mahle mit größerem Vergnügen nieder, als wäre ich zur Tafel eines Fürſten eingela⸗ den worden. Obgleich mein guter alter Freund ſehr begierig war, alle meine Abenteuer ſeit unſerer Trennung zu hören, ſo gelang es mir doch, ihn zu bewegen, mir Alles zu erzählen, was ihm begegnet war, was ſich auf wenig mehr belief, als wir bereits mitgetheilt ha⸗ ben. Er ſagte, er ſei von den Oeſtreichern beinahe zwei Monate gefangen gehalten und dann nach Mai⸗ land ins Gefängniß geführt worden, wo man ihn ſonſt in jeder Hinſicht gut behandelt und endlich in Freiheit geſetzt habe, als ſich ergeben, daß er ein fran⸗ zöſiſcher Ausgewanderter ohne politiſchen Charakter ſei. Er beeilte ſeine Erzählung, um meine Geſchichte zu hören, und ſagte dann mit einem Blicke väterlicher Zärtlichkeit: „Aber nun erzähle mir, lieber Louis, was iſt Dir begegnet, ſeitdem wir uns zuletzt geſehen? Wo⸗ her haſt Du dieſe Narbe auf Deiner Wange? Wo haſt Du Dich aufgehalten und warum biſt Du in ſo tiefer Trauer?“ Die letzten Worte verbannten alle Farbe von mei⸗ ner Wange. Ich fühlte, wie das Blut ſich zu mei⸗ nem Herzen drängte und ſagte mit traurigem Kopf⸗ ſchütteln: „Fragen Sie mich jetzt nicht darnach.“ Hierauf erzählte ich ihm Alles, was mir vor meiner Ankunft in Hamburg begegnet war, wie ich den Mann, der ihn ermorden wollte, niedergeſchoſſen und dann zurückgekehrt, um Lavater beizuſtehen, wie ich dann zu Boden geſchlagen, von den öſtreichiſchen Soldaten mit Füßen getreten und ſpäter ins Hoſpital gebracht worden. Dann ſagte ich ihm, daß ich auch an Armuth gelitten, wie er, und mich bis in das nörd⸗ liche Deutſchland gefochten. „Das iſt Alles jetzt vorüber, und ich hoffe, wir werden nie wieder ſolche Tage erleben.“ „Ja, Sie Beide haben ein ziemlich hartes Leben geführt,“ ſagte der gute Wirth, denn wir hatten die ganze Zeit über engliſch geſprochen, ſo daß er Alles verſtanden hatte.„Ich denke, Sie waren große Leute in Ihrem Lande, und das machte Alles noch härter für Sie.“ „Nicht ſehr große Leute,“ verſetzte ich,„aber wohlhabend und glücklich, bis wir ohne unſere Schuld hinausgetrieben wurden.“ Das Ausſehen des guten Pater Bonneville über⸗ zeugte mich, daß er noch nicht hinlänglich hergeſtellt — 42— ſei, um nach Boſton zurückzukehren, und ich ließ ihn daher für die Nacht, wo er war, und verſprach, ihn früh am folgenden Morgen wieder zu beſuchen. Ob⸗ gleich zu einer Geſellſchaft in der Stadt eingeladen, blieb ich den Abend zu Hauſe und dachte über meine Handlungsweiſe nach. Ich las den Brief des Notars noch einmal mit größerer Aufmerkſamkeit, beantwor⸗ tete ihn und unterzeichnete die Rechnungen, obgleich ich, um die Wahrheit zu ſagen, wenig von den An⸗ gelegenheiten verſtand, worauf ſie ſich bezogen. Dann überlegte ich ängſtlich zwei Pläne, die ſich natürlich meinem Geiſte darſtellten. Der erſte war, nach Eng⸗ land zu gehen, die dort für mich niedergelegte Summe in Empfang zu nehmen und mit Pater Bonneville in jenem Lande zu bleiben. Aber ſeltſam genug, ich hatte einen Widerwillen, England zu beſuchen. Bei allen unſeren Wanderungen hatte Pater Bonneville nicht den Wunſch gezeigt, in einem Lande Zuflucht zu ſuchen, wo ſo viele Ausgewanderte Sicherheit und Gaſtfreundſchaft gefunden. Vorurtheile gegen England waren unter den Bewohnern aller jener Länder im Umlauf, welche Gefühle der Eiferſucht gegen Groß⸗ britannien wegen ſeines ruhigen und ſicheren und zu gleicher Zeit außerordentlichen Fortſchrittes in den Kün⸗ ſten und Wiſſenſchaften, im Hande und in den Waf⸗ fen. Selbſt die Schweizer, während ſie es bewunder⸗ ten und rühmten, liebten England nicht, und ſeine getrennte geographiſche Lage ſchien Einfluß auf den Charakter ſeiner Einwohner ſowie auf ihre Politik und ihre Intereſſen zu äußern. Gleich jedem ande⸗ ren, der nie in England geweſen, faßte ich einen fal⸗ ſchen und untergeordneten Begriff von dem Volke, ſo⸗ wie von den Anſichten und dem ganzen Anblick des Landes. Ich ſtellte es mir als ein kaltes, ödes, un⸗ fruchtbares Land vor, beſtändig in Nebel gehüllt, den die Sonne ſelten oder nie durchbreche und welches ſei⸗ nen großen Reichthum und ſeine Wichtigkeit nur dem Handel verdanke. Ich hielt das Volk für hochmü⸗ thig, ſelbſtgenügſam und abſtoßend, ungeſellig in al⸗ len ſeinen Gewohnheiten, und wenngleich zuweilen edel und wohlwollend, ſo doch bei allen gewöhnlichen Gewohnheiten von eigenem Intereſſe und von kom⸗ mnerzieller Selbſtſucht geleitet. Ich hatte in Hamburg in der Geſellſchaft der Profeſſoren viel davon gehört, wie die Engländer Männer der Wiſſenſchaft behandeln, welche kalte Vernachläſſigung ſie erfahren und welchem Elend ſie während ihres Lebens ausgeſetzt ſind, und welche Ehre man ihnen erweiſt, wenn ſie todt ſind. Der alte Grundſatz, daß Frankreich das Land ſei, worin Männer der Wiſſenſchaft leben und England das ſei, wo ſie ſterben ſollten, tönte mir noch immer in die Ohren; und ich glaubte, daß ſehr wenig Gu⸗ tes oder Edeles in einer Nation ſein könne, die ſo kalte Vernachläſſigung und ſo bittere Ungerechtigkeit — 44— gegen die zeige, welche ſich anſtrengten, den menſchli⸗ chen Geiſt zu erheben, und deren Namen keinen un⸗ bedeutenden Theil des Ruhmes jenes Landes bilden. Ich dachte, ich ſei jetzt in einem ſchönen und jugend⸗ lichen Lande, welches jede Art des Klimas und des Bodens enthalte, Jedermann Gelegenheit und Ermu⸗ thigung biete, wo Nachdenken und Handlung frei, wo der Fortſchritt über alle Begriffe raſch wäre, wo keine neidiſchen Unterſcheidungen exiſtirten, wo Wohlſtand, wenn nicht Reichthum, die ſichere Belohnung der An⸗ ſtrengung wären— in einem Lande der Jugend, der Hoffnung und der Thätigkeit. Kurz, ich dachte mir England, wie es damals beſtändig auf dem Feſtlande Europas und Amerikas dargeſtellt wurde— nicht wie ich es aus eigener Anſchauung kannte. Es iſt daher nicht wunderbar, daß ich endlich beſchloß, in dem Lande zu bleiben, wo ich war und die für mich in London angelegten Gelder herüberkommen zu laſſen, ohne Großbritannien ſelber zu beſuchen. Wir müſſen uns erinnern, daß Napoleon jetzt auf dem Gipfel ſei⸗ ner Macht ſtand, Monarchen befahl, Nationen Geſetze vorſchrieb, und daß England allein gegen eine Welt in Waffen daſtand. Es war daher wenig Hoffnung, daß ich im geringſten helfen konnte, Frankreich von der Tyrannei zu befreien, unter welcher es ſeufzte, und das ſchien mir der einzige wünſchenswerthe Zweck, der mich wieder über das atlantiſche Meer führen konnte. — 45— Als ich in jener Nacht meinen Kopf auf das Kiſſen niederlegte, war mein Entſchluß gefaßt, in den Vereinigten Staaten zu bleiben und bei meiner Vor⸗ liebe für phantaſtiſche Pläne, entwarf ich mir ein Bild von einem Maierhofe in Neuengland mit Wohl⸗ ſtand, literariſcher Ruhe und ländlichen Beſchäftigun⸗ gen, abwechſelnd mit den Beluſtigungen der Jagd, woran ich mich in früheren Jahren ſo ſehr erfreut hatte. Wie ſchnell verſchwanden alle dieſe Entſchlüſſe — wie bald wurden alle dieſe Pläne vernichtet! Ich ſtand am folgenden Morgen auf, brachte meinen Brief auf die Poſt und fragte nachläſſig, ob vielleicht Etwas an mich da ſei. Der gute Mann mit der Brille bejahte es und nahm aus einem gro⸗ ßen Bündel einen Brief, wofür er ein hohes Porto verlangte. Er war aus Neu⸗Orleans und enthielt nur wenige Worte folgenden Inhalts: „Meinem Verſprechen gemäß, Monſieur de Lacy, habe ich mich nach den Freunden erkundigt, wegen deren Schickſal Sie unruhig waren, als ich Sie zuletzt ſoh. Von dem guten Pater Bonneville habe ich keine Nachricht erhalten können; aber Ma⸗ dame de Salins und Mademoiſelle, ihre Tochter, ſind jetzt in London und wenn Sie einen Brief nach Swallow Street, Nr. 3 an ſie richten woll⸗ — 46— ten, möchten Sie auch vielleicht über Monſieur de Bonneville Nachricht erhalten. Genehmigen Sie die Verſicherungen der dauern⸗ ſten Hochachtung Ihres ergebenſten Charles du Four. Was bewegte mich ſo plötzlich? Was lag in dem Anblick dieſer wenigen Worte, was im Augen⸗ blick all meine Entſchlüſſe veränderte? Ich rede auf⸗ richtig— ich blickte zu jener Zeit in mein Herz, und habe es ſeitdem oft gethan— und ich glaube, es war nur das Erwachen all der Gedankenverbindungen — das Wiederaufleben glücklicher, jugendlicher Tage. Ich ſtellte mir vor, wie Pater Bonneville, Mariette und ich, wieder, wie in jenen glücklichen Tagen an den Ufern des Rheins mit einander lebten, wie ich Mariette wieder im Leſen und Schreiben unterrichtete, indem ich gänzlich vergaß, daß ſie kein kleines Mäd⸗ chen von ſechs oder ſieben Jahren mehr ſei— und wir hatten wieder unſer hübſches Haus und unſeren zierlichen Garten, wo wir unſere Tage angenehm und in Frieden zubrachten. Träume haben großen Einfluß auf uns alle, und dies war nur einer der lieblichſten Träume meines Lebens, der mir zurückkehrte, um mir zu zeigen, wie ſehr die Viſionen der Einbildungs⸗ kraft den Wirklichkeiten der Vernunft entgegenwirken können. —- — 47— 8 Ich verließ die Thür des Poſthauſes, wo ich den Brief geleſen und den jetzt unveränderlichen Ent⸗ ſchluß faßte, ſobald Pater Bonneville wohl genug ſei, um die Seereiſe zu unternehmen, England zu be⸗ ſuchen. Viertes Kapitel. Ein neues Land. Ich war um halb ſieben Uhr auf dem Ver⸗ deck an einem ſo ſchönen Morgen, wie nur je der Welt angebrochen. Wir hatten heftige Stürme aus Norden gehabt, die ſich dann nach allen Richtungen wendeten. Ihr einziger Zweck ſchien zu ſein, mit der See zu kämpfen und das atlantiſche Meer aufzure⸗ gen. Ein herrlicher Gewitterſturm hatte die Einför⸗ migkeit der Seereiſe unterbrochen und ich werde nie die ungeheuren Wolkenmaſſen vergeſſen, die ſich in dem Glanze des Abends gleich den purpurnen Ge⸗ birgen eines neuen Landes wie auf den Wink eines Zauberes erhoben, noch die hellen Blitze, die uns während der Nacht umleuchteten. Der Donner war freilich weniger laut und erhaben, als ich ihn auf dem Lande gehört, wo Felſen, Berge und Wälder ein brüllendes Echo erſchallen laſſen. 3 1 — 49— Auf dieſen Sturm folgte viel ruhigeres Wetter und an dem Morgen, von dem ich rede, legte das Schiff mit vollen Segeln und bei günſtigem Winde kaum fünf Seemeilen in der Stunde zurück. Der Himmel hatte einen ſanften und ſchläfrigen Glanz, als die Sonne aufging— eine faſt nebelartige Milde der Atmoſphäre— und behielt lange die roſige Fär⸗ bung der erſten Strahlen der Sonne bei. Bei meiner Ankunft an der amerikaniſchen Küſte hatte ich mich ſehr getäuſcht geſehen. Lange flache Linien, gleich niedrigen Inſeln in einem Fluſſe, wa⸗ ren nicht der Kontraſt, den man erwartete, nachdem man über das weite atlantiſche Meer dahingeſegelt; als wir aber jetzt vorwärts getragen wurden, erblickte ich plötzlich zur Linken eine Anzahl ungeheurer Fels⸗ maſſen von blaſſer Lilafarbe, woran ſich ſelbſt bei jenem ruhigen Wetter die Wogen wüthend brachen, und nicht lange darauf zeigten ſich zur Rechten hohe ſteile Felſen, von dem Lande getrennt und die Spitze einer Halbinſel bildend, welche die ſchöne Bucht ſchützte, in die wir langſam zu gleiten ſchienen. Ich fragte den Steuermann, welches dieſe bei⸗ den Gegenſtände wären, und er entgegnete:„Die Seillyinſeln und die Needles.“ Dies war alſo England— das England, von dem die ganze Welt ſo viel gehört hatte— die Fe⸗ ſtung der Tiefe— langſam zur Kriegführung zu be⸗ Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 4 wegen, entſchloſſen, wenn es einmal in einen Kampf verwickelt iſt— unbeſiegbar, uneinnehmbar— mit einer Lebenskraft begabt, die der Zeit und dem Wech⸗ ſel getrotzt— mit einem Fortſchritte, der etwas Er⸗ habenes in ſeinem ruhigen, furchtloſen und gleich⸗ mäßigen Gange hat. Dies war das England, welches zweimal Frankreich erobert, welches eine Welt dem Einfluſſe ſeiner Wiſſenſchaft und Literatur unterwor⸗ fen, deſſen Segel auf allen Meeren, deſſen Waffen in jedem Himmelsſtriche zu finden ſind, deſſen Name in jedem Lande als ein geachteter Paß gilt, deſſen Sprache an den Küſten jedes Feſtlandes geſprochen wird. Dies alſo war England! Und dieſe Klip⸗ pen, dieſe rauhen Felsſpitzen in ihrer großartigen, ſtillen Majeſtät erſchienen mir als das Bild und das Emblem des Volks. 8 Als wir weiter ſegelten und uns ſehr nahe an der Küſte hielten, um den günſtigſten Wind zu er⸗ haſchen und unter der Leitung des Lootſen zwiſchen den Klippen und Sandbänken hindurchſteuerten, die das Intereſſe einiger Gefahr zu dem allgemeinen Reize der Seenerie hinzufügten und den ſchroffen Anblick des Landes milderten. Schöne grüne Abhänge, ſtattliche Wälder, heitere Dörfer, hie und da ein maleriſches Landhaus und eine Gruppe von Hütten, auf der Höhe einer Klippe oder am Fuß derſelben eingeni⸗ ſtet, waren längs der ganzen Küſte zu ſehen, und der erſte Anblick jenes Landes erfüllte den Geiſt mit Ge⸗ danken an die heimiſche Bequemlichkeit, an den lieb⸗ lichen häuslichen Frieden und an den reichen Wohl⸗ ſtand eines fleißigen, geſetzfürchtenden Volks und an eine gerechte und feſte Regierung, mehr als der An⸗ blick irgend eines anderen Landes, welches ich je ge⸗ ſehen. O! wie verſchwanden alle meine Vorurtheile bei jenem Anblick— und als ich um neun Uhr Pa⸗ ter Bonneville überredete, aufs Verdeck zu kommen, als wir ruhig durch den Kanal zwiſchen zwei deut⸗ lich ſichtbaren Ländern dahinfuhren, ſchien der Greis kaum glauben zu können, daß dieſes ſchöne ſonnige Land das England ſei, von dem er ſo viel gehört. Es iſt eine ſehr auffallende Thatſache, daß kein Fremder, der England nie beſuchte— und verhält⸗ nißmäßig wenige von denen, die es beſuchten— den geringſten Begriff von dem Lande und den Bewoh⸗ nern hatte. Ein Franzoſe weiß mehr von dem, was jenſeits des Aequators vorgeht, als was auf der an⸗ deren Seite des ſchmalen britiſchen Kanals geſchieht. Das Fluchen des Lootſen beförderte unſeren Fort⸗ ſchritt nicht, und erſt ſpät Abends erreichten wir Ports⸗ mouth, wohin wir eine große Ladung von Schiffs⸗ banholz zu bringen hatten. Es fand ein freudiges Ereigniß ſtatt; ein Prinz, ein großer Staatsmann oder ein fremder Geſandter fuhr aus dem Hafen ab, und als wir uns Spithead näherten, wo eine unge⸗ . 4* — 52— heure Anzahl Kriegsſchiffe lag, machte der Donner der Kanonen, daß die See wiederhallte. Wir landeten ſo bald wie möglich, aber ich muß ſagen, daß der Anblick der Menſchen den frü⸗ her empfangenen Eindruck ein wenig ſchwächte. Wir waren von einer Anzahl habgieriger, ſchreiender Leute umgeben, die alle einen beſonderen Zweck hatten, und welchen wir nur dadurch entgingen, daß wir in ein rumpelndes, ſchmutziges und übel riechendes Fuhr⸗ werk mit einem zerbrochenen Fenſter ſtiegen, wo wir Stroh unter den Füßen hatten. Wir hatten indeß den Namen eines guten Gaſthofes erfahren und dort⸗ hin befahlen wir dem Kutſcher, uns zu fahren. Das Ausſehen des Orts, als wir durch die Straßen fuh⸗ ren, glich einigermaßen dem unteren Theile von Bo⸗ ſton; als wir aber das Hotel erreichten, hatte alles einen verſchiedenen und ich muß geſtehen, einen viel angenehmeren Anblick. Da herrſchte Zierlichkeit und Bequemlichkeit, ſo wie eine Aufmerkſamkeit ohne über⸗ triebene Dienſtfertigkeit, die ſehr angenehm war. Es wurden dem Pater Bonneville und mir zwei Schlaf⸗ zimmer angewieſen, wo alles reinlich und ordentlich war. In jedem war Feuerung bereit gelegt, die nur angezündet werden durfte, und in dem Wohnzimmer, welches groß und ſchön war und mit einem von den Schlafzimmern in Verbindung ſtand, brannte bereits ein helles Kohlenfeuer im Kamin. Kaum waren wir K dort angekommen, als ein Kellner in ſehr weißer „Jacke und Schürze eintrat, ein langes Blatt Papier in der Hand hielt, welches er die Speiſekarte nannte, und uns die Gerichte auszuwählen bat, die wir zum Mittageſſen wünſchten. Da Pater Bonneville's Ma⸗ gen noch nicht ganz von der Seekrankheit hergeſtellt war, ſo wählte ich aus, was ich für ihn für das Beſte hielt, und mit wunderbarer Schnelligkeit wurde der Tiſch mit einem feinen weißen Tiſchtuch bedeckt und Silberzeug und Gläſer darauf geſtellt, das Feuer angeſchürt, Brod und überzählige Teller und Schüſ⸗ ſeln auf einen Nebentiſch geſtellt, und drei Minuten ſpäter erſchienen zwei Kellner, die verſchiedene Spei⸗ ſen hereinbrachten, welchen ein ſtattlicher Mann in ſchwarzem Rocke und ſchwarzen ſeidenen Strümpfen voranging, der eine verdeckte ſilberne Schüſſel trug, die er an das obere Ende des Tiſches ſtellte. Ich hatte nur einfache Speiſen gewählt, und ſie waren auch einfach, aber ihre Vortrefflichkeit hätte den Appetit eines Einſiedlers reizen können.. Selbſt der gute Pater Bonneville erlangte ſei⸗ nen Appetit wieder und ein Glas Wein, welches frei⸗ lich etwas nach Braunntwein ſchmeckte, verbeſſerte ſeine Stimmung ein wenig. Seinen Kopf auf die Seite lehnend, nachdem das Tiſchtuch weggenommen und die Kellner ſich ent⸗ fernt hatten, während ſchöne hohe Wachskerzen auf r — 34— dem Tiſche brannten, die Vorhänge zugezogen waren und das Feuer im Kamin kniſterte, begann er auf träumeriſche Weiſe mit mir von England zu reden, ſo daß ich einen Augenblick fürchtete, das Gehirn des alten Mannes habe von Kummer oder Krankheit ge⸗ litten. „Am zwanzigſten dieſes Monats, Louis,“ ſagte er,„werden es gerade vierzig Jahre, als ich Eng⸗ land zuerſt ſah. Es war damals ein ſehr verſchiede⸗ nes Land, oder ich habe es vergeſſen Freilich ſah ich nicht viel von dem Lande, denn ich lebte in der Hauptſtadt— in jener großen düſteren Stadt, wo viele große und glänzende Dinge vorgingen, die mir aber, da ich durch meinen Stand davon ausgeſchloſ⸗ ſen war, wie Traumbilder erſchienen, wo plötzlich aus der Dunkelheit reich gekleidete Figuren auf uns zueilen und ſich im Augenblick wieder verlieren.“ „Ich wußte nicht, daß Sie je in England wa⸗ ren, mein lieber Freund,“ verſetzte ich.„Ich glaube, Sie ſagten mir es nie.“. „Nein, nein,“ ſagte er gedankenvoll;„aber ich war beinahe achtzehn Monate als Kaplan der Ge⸗ ſandtſchaft in London. Dein Vater war damals ein Knabe, Louis, und ich unterrichtete ihn, wie ich Dich unterrichtet habe.“ Jetzt kam er zu einem Gegenſtande, den ich ſchon oft vorher zu beſprechen gewünſcht hatte. Ich wußte — 55— nicht, welche Gefühle mich immer zurückgehalten hat⸗ ten, Fragen zu thun. Vielleicht waren ſie gemiſch⸗ ter Art. Wir erinnern uns an ſolche Empfindungen deutlicher, als an Thatſachen, die dem Auge und dem Ohr auffallen und ſich dem Gedächtniſſe auf ver⸗ ſchiedene Weiſe einprägen. Indeſſen bin ich gewiß, daß es nicht Mangel an Neugierde oder Intereſſe war, beſonders während unſeres Aufenthalts in Deutſch⸗ land und in der Schweiz, wo ich über Alles und ganz beſonders über mein eigenes Schickſal und meine Lage nachzudenken begann. So weit ich mich erinnere, ſchloß mir immer Pater Bonneville's ſorgfältiges Ver⸗ meiden des Gegenſtandes die Lippen in dem Augen⸗ blick, wenn ich ſprechen wollte, ſo wie auch eine ge⸗ heimnißvolle Furcht, die mich zurückhielt, den Schleier zu lüften, hinter welchem gewiß etwas Schreckliches und Entſe iches verborgen ſein mußte. Jetzt aber hatte ich genug Kummer in der Welt gekoſtet, um männlichen Entſchluß zu hegen, und ich fragte ſo⸗ gleich:. „Wer war mein Vater?“ Er legte ſeine Hand ſanſt auf die meine und ſah mir mit einem Ausdruck, den ich nie vergeſſen werde, ins Geſicht, ſo milde, ſo zärtlich und kum⸗ mervoll war er. „Frage mich jetzt nicht darnach, Louis,“ ſagte er.„Du wirſt es bald genug hören, und ehe ich, erfahre, warum die Geldſendungen, die ich früher zu Deinem Unterhalte und Deiner Erziehung erhielt, während ich in Amerika war, ausgeblieben, darf ich nicht reden. Wenn das, was ich fürchte, der Fall iſt, werde ich reden. Sonſt mußt Du noch eine Weile geduldig warten.“ Ich blickte düſter auf den Boden nieder und fragte dann in kaltem und faſt bitterem Tone: „Sagen Sie mir wenigſtens, guter Vater, liegt etwas Schmachvolles in meiner Geburt?“ „Nichts, Nichts,“ rief er, heftig ſeine Hände zuſammenſchlagend. „War mein Vater denn ein Schurke oder ein Feigling?“ fragte ich. 3 „Ich liebte ihn ſehr,“ verſetzte Pater Bonne⸗ ville im Tone tiefer Bewegung;„und ſo wahr mir der Himmel helfe, ich glaube, es gab keinen tapfe⸗ rern Cavalier, keinen ehrenvolleren und aufrichtigeren Mann und keinen beſſeren Chriſten, als Dein Vater war. Er war nur zu gut für ſein Zeitalter und ſein Land.“ Es trat ein tiefes Schweigen ein, welches meh⸗ rere Minuten währte, und dann lenkte er die Unter⸗ haltung auf meinen Aufenthalt in Deutſchland und meine arme Louiſe— denn jetzt hatte ich ihm Alles geſagt— und bemühte ſich, meine Gedanken von einem Gegenſtande abzulenken, der mich ſo ſehr auf⸗ — 57— regte, indem er mich zu einem milderen Kummer führte. Aber mein Herz war zu voll, um es zu er⸗ tragen; meine Antworten waren ſo kurz, wie es meine Ehrerbietung nur geſtattete, und ſo endete unſer er⸗ ſter Tag in England. Fünftes Kapitel. London vor funfzig Jahren. Es ging eine Nachtkutſche nach London ab, und ich war ſehr begierig zu der großen Stadt au gelangen; aber Pater Bonneville fühlte jetzt ſehr die Wirkungen des Alters und ich wollte ihn nicht der Ermüdung einer Nachtreiſe ausſetzen. Wir reiſten da⸗ her am folgenden Morgen ab und ich kann kaum den Eindruck beſchreiben, den der erſte Anblick des Wagens, der uns fahren ſollte, auf mich hervor⸗ brachte. Es war die Poſtkutſche in ihrer höchſten Vollkommenheit, leicht, klein und feſt gebaut, ſchön bemalt, friſch abgewaſchen und mit vier braunen Pferden beſpannt, die mir zum Wettrennen geeignet ſchienen. Es war ſo ungleich Allem, was ich je in Deutſchland, in Frankreich oder in Amerika geſehen, ſo leicht, ſo zierlich, ſo raſch, ſo vollkommen in al⸗ — 5 9— len Theilen, daß es ſich ſogleich in meinem Geiſte als ein reines und unverfälſchtes Stück von England — als eine Probe gleichſam von den Gewohnheiten des Landes und dem Geiſte des Volks darſtellte. Als wir einſtiegen und unſere Sitze einnahmen, fanden wir uns freilich ein wenig beengt. Die Rücklehne war überdies gerade und unſere Beine hatten wenig Raum, ſich auszuſtrecken, obgleich wir uns gegenſei⸗ tig Platz machten. „Auch dies iſt ein Stück von England,“ dachte ich. Als endlich der Kutſcher den Bock beſtiegen und die Zügel genommen hatte, ſah Pater Bonneville noch ängſtlicher und unruhiger aus, als da ich ihn den Hügel hinunter über die Gränze von Frankreich gefahren hatte. Fort ging es mit einer Schnelligkeit, die ihm den Athem zu benehmen ſchien, an Karren, Wagen, Pferden und Hunden vorüber, ohne irgend etwas zu berühren, obgleich der Wagen jeden Augen⸗ blick im Begriff ſchien, zerſchmettert zu werden oder eine Menge alter Leute und Kinder zu tödten. Der Wagen war oben ſchwer beladen— überall hingen menſchliche Beine herunter und wir ſchienen beträcht⸗ lich hin und her zu ſchwanken, als wollten wir uns in das Fenſter eines früh aufgeſtandenen Geſchäfts⸗ mannes in Portsmonth ſtürzen. Endlich waren wir zu unſerer großen Freude außer der Stadt und nachdem wir über einige ſelt⸗ ſam ausſehende Sandhügel gekommen waren, betra⸗ ten wir ein reicheres, beſſer kultivirtes Land, und das wahre Antlitz Englands— des luſtigen alten Eng⸗ land, wie man es ſchmeichelnd genannt, breitete ſich vor uns aus wie ein Garten. Und es iſt ein Gar⸗ ten— der Garten der Welt. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ſelbſt die Haide und das Moor— und wir kamen an mehreren dergleichen vorüber— ſchien eine ſonnige Heiterkeit vor allen kultivirten Fel⸗ dern anderer Länder an ſich zu haben. Von Zeit zu Zeit, wenn wir anhielten, um unſere Pferde zu wech⸗ ſeln, obgleich es mit wunderbarer Schnelligkeit ge⸗ ſchah, die nur wenig Zeit zu Fragen geſtattete, er⸗ kundigte ich mich bei einem Kellner oder Hausknecht nach den Namen der verſchiedenen Orte, an welchen wir vorüberkamen, und ich bemerkte, daß die Eng⸗ länder den Teufel ſehr lieben müſſen, da ſie ihn bei jedem Orte anwendeten, für den ſie kein Beiwort fin⸗ den konnten. So habe ich auf jedem Schritte von Teufelsgräben, Teufelsſprüngen und Teufelspunſch⸗ bowlen gehört. Wir hielten in einer kleinen hübſch gelegenen Stadt an, um zu Mittag zu ſpeiſen, wie es genannt wurde, und als ich nach dem Namen fragte, hörte ich, daß ſie Godalming heiße. „Gott allgemein,“ ſagte ich zu Pater Bonne⸗ ville, der mir mit dem Kopfe zunickte. Aber es war eine unglückliche Bemerkung, denn einer von unſern Reiſegefährten, ein großer, fetter, düſter ausſehender Mann in Trauerkleidung, der während des Tages ſeinen Mund noch nicht geöffnet, ſondern beſtändig in einem Buche geleſen hatte, die Kutſche mochte raſ⸗ ſeln, wie ſie wollte, hielt mich jetzt für einen Alter⸗ thumsforſcher und quälte mich während der ganzen übrigen Reiſe mit einer Abhandlung über Graburnen und römiſche Münzen, als ich die Gegend zu beob⸗ achten und mir Kenntniß über das Land, welches ich betrat, zu verſchaffen wünſchte. Mich hielt er offen⸗ bar für einen Engländer, aber meinen Begleiter er⸗ kannte er bald als einen ausgewanderten Franzoſen und entſchädigte uns einigermaßen für ſeine Langwei⸗ ligkeit dadurch, daß er uns die Namen mehrerer gu⸗ ter Gaſthäuſer angab, wo die Kellner franzöſiſch ſprä⸗ chen, fügte er zu Pater Bonneville hinzu. Mein guter alter Freund fühlte ſich ein wenig gekränkt, glaube ich, denn er ſchmeichelte ſich ſo gut engliſch zu ſprechen wie ein Eingeborner. Die Nacht brach an, während wir noch eine Strecke von London entfernt waren und noch immer raſſelten wir mit derſelben Schnelligkeit weiter, bis unſer wohlbeleibter Freund in der Ecke uns benach⸗ richtigte, daß wir London erreicht hätten. Es ſchien kein angenehmer Eintritt zu ſein, denn die dunklen Straßen, die von ſehr trüben kugelförmigen Lampen erleuchtet waren, die durch einen Nebel ſchimmerten, in welchen wir uns zu ſtürzen ſchienen, hatten einen etwas abſtoßenden Anblick für die Augen eines Frem⸗ den, und die Figuren, die zu beiden Seiten der Straße dahineilten, ſich bald zeigten, bald verſchwan⸗ den, ſo wie ſie unter die Lampen kamen oder an den hell erleuchteten Läden vorübergingen, glichen Schatten, die von einem böſen Geiſte verfolgt wur⸗ den. Auch das Geräuſch war unerträglich, denn es fuhren Wagen nach jeder Richtung, die einen ent⸗ ſetzlichen Lärm verurſachten, als wir an ihnen vor⸗ überklapperten, während ein beſtändiges dumpfes Rol⸗ len gehört wurde. Endlich fuhren wir vor die Thür eines Gaſt⸗ hauſes, und Jedermann begann herunter oder heraus zu ſpringen und ſich ſeiner Koffer oder Mantelſäcke zu bemächtigen ſo gut er konnte.“„ Ich kann nicht ſagen, daß unſer erſter nächt⸗ licher Aufenthalt in London beſonders angenehm war; denn außerdem, daß wir erhitzt und ermüdet, ſteif n wir die Freude, bis Ta⸗ und krampfig waren, hatte gesanbruch von Wanzen faſt verzehrt zu werden. Der arme Pater Bonneville ſtand ſpät auf, faſt ebenſo ermüdet von ſeiner Nachtruhe wie von ſeiner Tagereiſe. Aber gleich nach dem Frühſtück machten wir uns auf den Weg, um ein beſſeres Unterkom⸗ . 63— men zu ſuchen. Ich machte den Vorſchlag in eins von den uns empfohlenen Gaſthäuſern zu gehen, aber er rieth, uns eine kleine Wohnung zu miethen. In vielen Straßen, durch die wir gingen, ſa⸗ hen wir ein Papier am Fenſter faſt jedes Hauſes, worauf ſtand:„Möblirte Zimmer zu vermiethen.“ Einige Wohnungen, an welchen wir vorüberkamen, waren zu fein und theuer für unſeren Zweck. Wir ſahen andere an und waren auch nicht zufrieden. In einer waren Schmutz und Rauch zu ſehr vorherr⸗ ſchend, als daß es dem Auge oder der Naſe hätte angenehm ſein können. In einer anderen waren die jungen Damen des Hauſes nicht ſo, daß wir unter ihnen zu wohnen wünſchten. An anderen Orten wa⸗ ren wir ſelber nicht ſo glücklich zu gefallen. Eine rüſtige Dame, an welche Pater Bonneville einige Fragen richtete, ſetzte ihre ſtarken blauen Arme in die Seiten und ſagte, ſie wolle ihre Wohnung nicht an Fremde vermiethen, und fügte in nicht ſehr un⸗ deutlichem Tone hinzu:„Sie ſind alle ſo ſchmutzig.“ Der guter Pater, der reinlichſte Mann auf der Erde, fühlte ſich ſehr gekränkt über die Andeutung und wendete ſich unwillig ab. Ich lachte und folg⸗ te, und endlich fanden wir eine kleine Wohnung, die uns angemeſſen erſchien, in einer Straße, die weſt⸗ lich von Haymarket abführte. Für eine und eine halbe Guinee wöchentlich ſollten wir zwei Schlafzimmer und 64— ein Wohnzimmer haben. Die Dame des Hauſes oder vielmehr ihre Dienerin, wollte uns für noch weitere fünf Schillinge beköſtigen und Alles hatte ein gutes Anſehen, als ich beinahe den ganzen Handel dadurch verdorben hätte, daß ich fragte, ob auch vielleicht Wanzen dort wären. „Wanzen!“ rief die unwillige Dame.„Wan⸗ zen! Wenn Sie glauben, daß hier Wanzen ſind, ſo ziehen Sie lieber nicht ein, junger Mann.“ Ich erfuhr ſpäter, daß man während des Ta⸗ ges in London niemals zugiebt, daß irgend ein Haus Wanzen hat, ſo mächtig dieſelben auch während der Nacht ihr Daſein geltend machen mögen. Sie beru⸗ higte ſich endlich und ſchien völlig beſänftigt, als ich ihr die erſte Wochenrate vorauszahlte, ſo daß ſie ih⸗ res Geldes gewiß war, mochten nun Wanzen da ſein oder nicht; und als ſie vier oder fünf ſehr re⸗ ſpektabel ausſehende Koffer von amerikaniſcher Kon⸗ ſtruktion aus dem Gaſthofe ins Haus bringen ſah, wurde ſie außerordentlich ehrerbietig und blieb es auch bis ans Ende unſeres Aufenthaltes. Um aber jetzt und auf immer die Wanzen beſei⸗ tigt zu haben, kann ich ebenſo gut hinzufügen, daß ich zwei Tage nach unſerer Ankunft einen nicht ganz angenehm ausſehenden Cavalier in braunem Rocke über meinen Toilettentiſch dahinſpazieren ſah, rief ich die Wirthin herbei und zeigte ihr denſelben. — 65— „Ei was!“ rief ſie im Tone lieblicher Einfalt. „Was mag das ſein? Ich ſah nie in meinem Le⸗ ben ein ſolches Geſchöpf. Wenn es eine Wanze iſt, müſſen Sie ſie in Ihren Koffern aus dem Gaſthofe mitgebracht haben. Das wäre eine ſchöne Geſchichte, wenn das Haus damit angefüllt würde.“ Ich ſagte Nichts weiter, um ſie nicht zu reizen, eine Klage wegen Schadenerſatzes gegen mich anhän⸗ gig zu machen. Ich bemerkte indeſſen, daß ſie wäh⸗ rend des Morgens mit einem Keſſel, aus welchem heißer Dampf aufſtieg, der in alle Spalten und Ritzen drang, durch alle Zimmer ging, und ich muß geſte⸗ hen, daß die geſottenen Wanzen nicht halb ſo ſchäd⸗ lich ſind wie die rohen. . Es währte einen ganzen Tag, ehe wir in un⸗ ſerer neuen Wohnung eingerichtet waren. Zum Mit⸗ tageſſen erhielten wir einige außerordentlich fette Ham⸗ melsrippen, wovon wir indeſſen nur den vierten Theil verzehrten. Was aus dem wurde, was übrig blieb, weiß ich nicht, aber ich bemerkte, daß wir, mochte nun die Seeluft oder eine andere Urſache daran Schuld ſein, mehr Fleiſch verzehrten, als je in unſerem Le⸗ ben, und dazu eine ungeheure Quantität Brod und Butter, und Thee genug, um einen Mandarin zu vergiften. Am ſolgenden Tage ging ich, den guten Pater Bonneville am Arme, aus, um Frau von Salins Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 5 — 66— aufzuſuchen, nachdem ich unſere Wirthin vorher nach dem Wege nach Swallowſtreet gefragt hatte. G „Wenn Sie über den Marktplatz dahingehen, Herr— ich meine den St. Jamesmarkt, nicht Car⸗ naby, der iſt eine gute Strecke entfernt— und ſich nach Oxfordſtreet wenden, ſo kommen Sie gerade an das Ende von Swallowſtreet— oder Sie können auch durch Major Foubert's Durchgang gehen.“ Ich erklärte ihr, daß wir die Märkte nicht wüß⸗ ten und auch nicht die geringſte Bekanntſchaft mit ih⸗ rem militäriſchen Freunde hätten, durch deſſen Haus wir gehen könnten, da lachte ſie und rief: „Man denke nur, daß ich das vergeſſen konnte! Welch einen Kopf ich habe; aber es gehen mir ſo viele Dinge durch den Sinn.“. Dann ging ſie mehr auf das Einzelne ein, ſagte mir die Straßen nach der Bezeichnung von rechts und links und zählte die Wendungen an ihren fetten Fin⸗ ern auf, mit welcher Auskunft wir uns auf den Weg machten und ſicherer ſteuerten. Unterwegs konnte ich nicht umhin, mit meinem guten alten Freunde von Frau von Salins und Mariette zu reden. „Das liebe kleine Mädchen!“ ſagte ich;„es ſoll mich wundern, ob ſie ſich noch meiner erin⸗ nert.“ 1 „Sie iſt wahrſcheinlich jetzt kein kleines Mäd⸗ chen mehr, Louis,“ verſetzte Pater Bonneville lä⸗ A— B A chelnd.„Du ſprichſt immer von ihr, als wenn ſie noch ein Kind wäre; aber ſie muß jetzt völlig er⸗ wachſen ſein.“ Ich ſtieß einen Seufzer aus, denn ich hätte es gern geſehen, wenn Mariette immer ein Kind gewe⸗ ſen wäre— dieſelbe kleine Mariette, die ich ſo ſehr geliebt hatte. Ich dachte, ſie habe kein Recht, älter zu werden, und der Gedanke, jenes liebe kleine We⸗ ſen in ein großes, halb herangewachſenes Schulmäd⸗ chen von vierzehn oder funfzehn Jahren verwandelt zu ſehen, war faſt ebenſo ſchmerzlich für mich, wie für den armen Schmächtig die Verwandlung der lieblichen Anna Page in einen großen Jungen. Mir ſtand indeſſen eine noch ſchlimmere Täu⸗ ſchung bevor. Von allen Straßen London's war Swallowſtreet vielleicht die düſterſte und unheimlichſte, die ich bis jetzt geſehen, und als wir Nr. 3 fanden, ſtellte ſich uns ein Apothekerladen der ärmlichſten Art dar, deſſen Fenſter ſo beſchmutzt waren, daß man die blauen und rothen Flaſchen im Inneren deſſelben kaum ſah. Ueber der Thür ſtand der Name des Be⸗ ſitzers:„Giraud,“ welcher wahrſcheinlich ein Fran⸗ zoſe war, und hinein gingen wir, um Erkundigun⸗ gen einzuziehen. Herr Giraud war, wie wir erwar⸗ tet hatten, ein franzöſiſcher Ausgewanderter, aber der finſterſte und abſtoßendſte Franzoſe, der mir je vor⸗ gekommen. Verbannung, Mißgeſchick und ein ärm⸗ 3 5 5 3 GGGqop,“— liches Geſchäft hatten ihn wahrſcheinlich verſauert. Indeſſen zeigte er ſich nur brutal gegen uns, ſo lange wir engliſch ſprachen, auch wurde er nicht höflich, als wir franzöſiſch mit ihm zu ſprechen begannen. Er wiſſe Nichts von Frau von Salins, ſagte er; es wäre keine ſolche Perſon im Hauſe. Es wäre eine ganze Schaar dageweſen, fügte er hinzu, als er vor ſechs Monaten das Haus gekauft, und er glau⸗ be, es wäre eine Frau mit ihrer Tochter darunter ge⸗ weſen, aber er habe alle hinausgejagt und wiſſe Nichts weiter von ihnen. Der Gedanke, daß Frau von Salins und meine hübſche kleine Mariette genöthigt geweſen ſein ſollten, in einer ſolchen dunklen und unheimlichen Höhle zu wohnen, und dann von einem ſolchen Menſchen auf die Straße geſetzt worden, erregte meinen Unwillen und ich entgegnete heftig, er ſcheine wenig Mitteid für ſeine Leidensgefährten zu empfinden. „Zum Henker!“ rief er,„warum ſollte ich Mit⸗ leid mit anderen Menſchen haben?“ fragte er mit Bitterkeit;„ſie haben kein Mitleid mit mir. Aber ich kann auch Mitleid haben. Da iſt der alte Kerl von Marquis oben. Ich überließ ihm das Zimmer oben auf ſein Bitten und Flehen ſpottbillig, obgleich er in Paris die Naſe vor mir gerümpft hätte. Sie können hinaufgehen und ihn fragen, ob er etwas von d .— 69— den Leuten weiß, die Sie ſuchen.— Hier, dieſe Treppe hinauf.“ Ich ſtieg raſch hinauf und Pater Bonneville folgte mir, während der Apotheker mir nachrief, ich möge zum dritten Stock hinaufſteigen. Dort auf ei⸗ ner Dachſtube fanden wir eins der elendeſten Geſchö⸗ pfe, die mir je vorgekommen. Vor einem kleinen Feuer in einem Zimmer, welches kaum bewohnbar ſchien, ſaß ein Mann von mehr als ſiebzig Jahren mit verſchrumpften Gliedern und aufgedunſenem Ge⸗ ſichte. Er hatte einen zerlumpten alten Schlafrock an und eine große ſchwarze Schlafmütze auf dem Kopfe und eins von ſeinen Beinen war mit Flanell um⸗ wickelt. Er hielt eine kleine Kaſſerole in der Hand über dem Feuer, worin er ſich ein Ragont kochte; auf dem Tiſche befand ſich ein leerer Teller, eine Ga⸗ bel und ein Meſſer und außerdem noch ein breites Band und ein Stern. Als wir eintraten und er zwei wohl gekleidete Fremde vor ſich ſah, fuhr er empor, hüllte ſich ein wenig feſter in ſeinen Schlafrock, zog ſeine Ferſen zuſammen und machte uns eine Verbeu⸗ gung wie ein Tanzmeiſter. Er vergaß keinen Augen⸗ blick ſeine Höflichkeit und bat uns mit geziertem Lä⸗ cheln, Platz zu nehmen, indem er auf einen ganzen und einen halben Stuhl deutete und dann fragte, welchem Umſtande er das Glück unſeres Beſuches zu danken habe; vielleicht aber irrten wir uns, da er nicht das Vergnügen habe, uns zu kennen. Viel⸗ leicht ſuchten wir eine andere Perſon— ſein beſchei⸗ dener Name wäre Marquis de Carraſſonne. Ich fühlte, wie Pater Bonneville, der hinter mir ſtand, plötzlich meinen Arm faßte, als wollte er mich zu⸗ rückhalten; aber ich war außerordentlich begierig, Nachricht von Frau von Salins zu erhalten, und ich fragte den alten Herrn, ob er uns keine Auskunft hinſichtlich ihrer ertheilen ſhen Er ſagte darauf, es ſei ihm unendlich leid, daß dies nicht in ſeiner Macht ſtehe. Er kenne die Familie dem Namen nach ſehr wohl und habe auch ſogar in London von ihnen ge⸗ hört; aber es thue ihm unendlich leid, nicht zu wiſe ſen, wo ſie wären oder wie es ihnen ergehe. Er verneigte ſich, während er ſprach, als wollte er da⸗ mit andeuten, daß unſere Audienz zu Ende ſei, aber ehe wir uns entfernten, fügte er hinzu: „Darf ich fragen, meine Herren, wenn es ohne Unbeſcheidenheit geſchehen kann, mit wem ich zu re⸗ den die Ehre habe? Ich frage nur, damit ich der Frau von Salins ſagen kann, daß Sie ihr die Ehre angethan haben, ſie beſuchen zu wollen, wenn ſie mir in der Geſellſchaft begegnen ſollte.“ Ich erwiederte kurz, mein Name ſei Monſieur de Lacy, aber dieſe Worte brachten im Augenblick die außerordentlichſte Wirkung hervor. Das rothe, auf⸗ gedunſene Geſicht des Greiſes wurde todtenblaß. Er ſtand einen Augenblick da und ich konnte bemerken, wie er zitterte. Ich glaubte, er würde ohnmächtig werden, aber im nächſten Augenblick ging er zu dem Stuhle hin, ſetzte ſich langſam darauf nieder, machte eine Bewegung mit der Hand und ſagte: „Gehen Sie— gehen Sie!“ In demſelben Augenblick faßte Pater Bonneville meinen Arm und rief mit mehr Heftigkeit, als ihm ſonſt gewöhnlich war. „Komm, Louis, komm, laß uns gehen!“ Ich folgte ihm die Treppe hinunter und fragte, als wir auf der Straße angekommen waren, mit ſelt⸗ ſam klopfendem Herzen, was die Bedeutung des Ge⸗ ſchehenen ſein moͤge und wer der Greis ſei. „Der bitterſte Feind Deiner Familie,“ entgeg⸗ nete Pater Bonneville,„der Mörder Deines Vaters. Und iſt dies das Ende all ſeines Stolzes, ſeines ge⸗ wiſſenloſen Ehrgeizes und ſeiner blutdürſtigen Verfol⸗ gung des Unſchuldigen? Thue keine Fragen an mich, aber vermeide jenen Mann. Das Gift mag erloſchen ſein, aber die Schlange iſt noch da.“ Sechstes Kapitel. Bankgeſchäfte. Ich kehrte von dem Hauſe in Swallopſtreet ſehr ſchwermüthig in meine Wohnung zurück. Daß ein dunkles Geheimniß auf meinem Schickſal ruhe, war klar, und es ſtellte ſich in ſchmerzlicherer und dentli⸗ cherer Geſtalt meinem Geiſte dar, als je vorher der Fall geweſen; aber ich muß geſtehen, daß dies nicht die einzige oder vorzüglichſte Urſache des Trübſinnes war, der ſich meiner bemächtigte. Ich hatte dem Zu⸗ ſammentreffen mit Fran von Salins und Mariette mit einer freudigen, faſt kindlichen Erwartung entge⸗ gengeſehen, die faſt alle düſteren und kummervollen Gedanken verbannt hatte. Tauſend liebliche Erinne⸗ rungen der Kindheit hatten ſich wie Blumen erhoben, um das Grab der reiferen Neigung zu bedecken; und nun waren die auch verwelkt. Eine Empfindung der Troſtloſigkeit bemächtigte ſich meiner— ein Eindruck, — 73— ein Gefühl, daß ich in der Liebe nie glücklich werden ſollte, und dieſe dü Ahnung ſetzte ſich kinig rma⸗ ßen mit dem Saue meiner Familie und Meines Stammes in Verbindung. Man darf indeß nicht denken, daß ich mich troſt⸗ loſen Gefühlen hingab, ohne dagegen anzukämpfen, und ſchon auf dem Rückwege war ich bemüht, heiter zu reden und Pater Bonneville's hoffnungsvolle Er⸗ wartung, daß wir Frau von Salins dennoch finden würden, wenn auch nicht ganz ſo vertrauensvoll zu beantworten, aber doch ohne die Zweifel zu zeigen, die ſich meines Geiſtes bemächtigt hatten. In meinem Herzen aber hatte ich alle Hoffnung aufgegeben. Ich war nie einer von jenen fanguiniſchen Menſchen ge⸗ weſen, die ihr Glück in dem Kapitel von den Zu⸗ fälligkeiten zu finden glauben; und was anders, als der Zufall konnte ein Zuſammentreffen zwiſchen uns und denen, die wir ſuchten, herbeiführen, da wir jetzt die Spur verloren hatten. Wo ſollten wir in der unermeßlichen Welt von London— wo in jenem dichtbevölkerten Lande von zwei unbekannten und wahr⸗ ſcheinlich armen Verbannten, wie Frau von Salins und ihre Tochter hören? Die Menſchen, die uns auf der Straße begegneten und raſch und lebhaft weiter⸗ eilten, wovon jeder nur an ſich dachte und kaum die anderen Vorübergehenden beachteten, ſchienen ſolche Er⸗ wartungen zu verbieten, — 2,— n, nein,“ ſagte ich bei mir ſelber,„ſie ſind ich auf immer für 3 verloren.“ wollte an dem Tage kein Geſchäft beſorgen, obgleich es noch mehrere Stunden hell war, und es wahrſcheinlich beſſer geweſen wäre, mich ſogleich auf trockene Geſchäftsangelegenheiten einzulaſſen; aber die getäuſchte Erwartung führt gewöhnlich eine Gefühl⸗ loſigkeit herbei, wenigſtens war es mit mir ſo, und indem ich mir einige Bücher aus einer Leihbibliothek verſchaffte, las ich den ganzen Abend und noch meh⸗ rere Stunden, nachdem ſich Pater Bonneville ſchon zur Ruhe begeben hatte, obgleich meine Aufmerkſam⸗ keit von meiner Lektüre nicht beſonders in— genommen wurde. Von Zeit zu Zeit legte ich das Buch nieder, dachte an mich und meine Zukunft und ſtellte ein Verhör wegen der Vergangenheit mit mir an. Das Buch, welches ich las, war mit Geiſt und Gefühl geſchrieben. Es handelte unter anderen Din⸗ gen auch von der Liebe und ſchilderte jene Leidenſchaft mit einem Feuer und einer Kraft, wie man ſie ſelten in den Werken engliſcher Schriftſteller findet. Ich verſuchte, meine Liebe zu meiner armen Louiſe ver⸗ möge der dort ausgeſprochenen Empfindungen zu prü⸗ fen und ich war ärgerlich auf mich ſelbſt, zu finden, daß meine eigenen Gefühle ſich nie bis zu dem Mu⸗ ſter vor mir erhoben hatten. Daß ich ſie mit inniger, aufrichtiger und mächtiger Neigung geliebt hatte, wußte N —— ich gewiß, und ihre liebliche Milde während ihrer letzten Stunden und die frühe Erfüllung ihres Schick⸗ ſals hatten mir ihr Andenken nur noch theurer und koſtbarer gemacht. Dennoch fühlte ich mich getäuſcht und mit mir ſelber unzufrieden, daß ich nicht die in dem vor mir liegenden Buche geſchilderte Leidenſchaft empfunden habe. Es ſchien mir faſt, als ob ich ihr unrecht thue— als wäre ſie einer beſſeren und inni⸗ geren Liebe würdig geweſen. Im Ganzen diente die Lektüre und das Nach⸗ denken jenes Abends nicht dazu, mich zu erheitern, und ich beſchloß, am nächſten Tage zu thun, was ich lieber gleich hätte thun ſollen— mich in Geſchäfte zu ſtürzen, meine Angelegenheiten zu ordnen und mich zu verſichern, welches meine künftigen Mittel ſein würden. Mein erſter Beſuch ſollte natürlich dem Banquier gelten, der die Geldſendungen von Deutſch⸗ land erhalten hatte, und ich bat Pater Bonneville, mich zu begleiten. Er lehnte es indeſſen ab und ſagte, er habe ſelber einige kleine Angelegenheiten zu beſorgen und würde mich beim Mittageſſen treffen. Jetzt ſchienen wir in gewiſſer Hinſicht unſere Rollen vertauſcht zu haben; denn ich war ſeinetwegen beſorgt und dachte, er würde ſich an dieſem unermeßlich großen fremden Orte ſchwerlich zurecht finden können. Er mußte mir daher verſprechen, eine Miethkutſche zu nehmen, doch wollte ich nicht weiter in ihn dringen, — 76— mir ſein Geſchäft mitzutheilen, obgleich ich nicht um⸗ hin konnte, zu glauben, daß ich perſönlich einigen Antheil daran habe. Bei dem Banquier bemerkten die Kommis bald, daß ich gänzlich unerfahren in Geſchäften ſei; als ich aber meinen Namen und mein Anliegen angab, wurde ich in ein kleines, dunkles Hinterzimmer geführt, wo man bei Tage Licht brennen mußte. Bei dem Scheine der Kerzen bemerkte ich einen hübſchen alten Herrn mit viereckigem Geſichte und einem großen kahlen Kopfe, ſo glänzend wie ein Spiegel. Ehe ich eintrat, hatte man ihm meinen Namen geſagt und er ſtand auf, drückte mir mit Wärme die Hand und wünſchte mir Glück zu meiner Ankunft in England. „Wir haben einige Mühe wegen dieſes Geſchäfts gehabt, Herr Graf,“ ſagte er;„denn unſere Freunde in Hamburg haben eine ſeltſame Art, Gelder durch Wechſel von verſchiedenen Summen und verſchiedenen Daten zu überfenden, die freilich alle nicht ſehr lang ſind, aber unſere Leute haben große Mühe dabei, die Gelder einzutreiben, und wenn Sie einen Monat früher angekommen wären, würden Sie einen Theil des Geſchäfts noch nicht abgeſchloſſen gefunden haben, Herr Graf.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte ich lächelnd, „ich glaube, ich habe kein Recht an den Titel, den Sie mir beilegen, obgleich meine Erinnerungen an —— — 2727— Frankreich nicht weiter zurückgehen, als bis zu einer Zeit, wo alle Titel abgeſchafft waren. Bürger war in jenen Tagen die gewöhnliche Benennung.“ Der Banquier ſchien überraſcht zu ſein und ſah einen Augenblick ein wenig argwöhniſch aus, als ſei er ungewiß, ob er auch die rechte Perſon vor ſich habe. „Sie ſind aber doch der Herr,“ ſagte er,„der die Tochter geheirathet des Profeſſor— Profeſſor— „Des Profeſſor Haas,“ ſagte ich in ernſtem Tone. „Fa, ſo iſt es, ganz richtig— Profeſſor Haas,“ verſetzte der Banquier.„Aber Sie haben natürlich den Brief, worin Ihnen angekündigt wird, daß uns dieſe Gelder zugeſendet worden?“ —„SO ja,“ antwortete ich, als ich jetzt ſah, wohin ſein Argwohn ſich richtete;„ich habe ſowohl den Brief von Hamburg, als den Heirathskontrakt, den ich be⸗ ſtändig aufbewahren werde. Hier iſt der Brief,“ fuhr ich fort, indem ich ihn aus meiner Brieftaſche nahm und ihm denſelben einhändigte. Der Banquier ſelber konnte Nichts von dem In⸗ halte herausbringen, denn er war deutſch geſchrieben; aber er ließ einen Kommis kommen, der es verſtand, und inzwiſchen machte er mich auf etwas aufmerkſam auf der Aufſchrift des Briefes, die in einer guten und geläufigen Handſchrift geſchrieben war. — 28— Vor dem Namen ſtand nämlich„Graf“ ſo un⸗ deutlich geſchrieben, daß ich es für Louis geleſen hatte. „Sie ſehen, er nennt Sie wenigſtens Graf,“ ſagte der Banquier, ſeine Hände reibend. „Ich bemerkte es nicht vorher,“ antwortete ich, „und ich werde den Titel hier gewiß nicht annehmen.“ „Da fällt mir ein,“ ſagte der Banquier,„es liegt auch ein Brief an Sie hier.“ Darauf überreichte er den, welchen ich ihm gegeben, dem Kommis, wel⸗ cher jetzt eben eingetreten war, und ſagte zu ihm: „Leſen Sie dies gefälligſt und ſagen mir den Inhalt.“ Der Kommis las den Brief geläufig, überſetzte ihn mit Leichtigkeit und ſagte dann, auf mich deutend: „Dies muß der Graf von Lacy ſein, mein Herr.“ „Er will den Grafen nicht haben— er will den Grafen nicht haben,“ rief der Banquier lachend. „Das muß man wohl ihm ſelber überlaſſen,“ ſagtez der ernſte Kommis;„aber wäre es nicht beſſer, wenn ich den Brief holte, der hier für ihn liegt?“ Er wurde bald herbeigebracht und ich fand, daß er von meinem guten Freunde, dem Notar ſei und zwei Dokumente enthielt, die von ſehr verſchiedenem Intereſſe für mich waren. Das eine war eine Grab⸗- ſchrift für meine arme Louiſe, die der andere Teſta⸗ mentsvollſtrecker aufgeſetzt, und worin ſie Gräfin de Laey genannt wurde; das andere war ein Brief aus 1 — 79— London an einen von der Behörde Hamburgs gerich⸗ tet, worin er benachrichtigt wurde, daß gewiſſe Per⸗ ſonen in England, die ſich für die Wohlfahrt eines jungen Herrn, Namens Louis Graf de Laey intereſ⸗ ſirten, das Gerücht vernommen, daß er und ſein Leh⸗ rer, der Pater Bonneville, aus Frankreich ausgewan⸗ dert, aus der Schweiz vertrieben worden und dann ihre Schritte nach dem nördlichen Deutſchland oder nach Rußland gewendet. Die hamburger Behörde wurde daher erſucht, wenn ſie in jener Stadt erſchei⸗ nen ſollten, dem Pater Bonncville mitzutheilen, daß das frühere Jahrgeld auch ferner würde ausgezahlt werden, daß aber, wie in einem früheren Briefe er⸗ wähnt worden, ein anderes Banquierhaus den Auftrag zu der Auszahlung erhalten. „Dies wird eine gute Nachricht für Pater Bonne⸗ ville ſein,“ ſagte ich, indem ich den Brief dem Ban⸗ quier überreichte. Er ſchien jetzt völlig zufrieden ge— ſtellt zu ſein, fragte aber noch, wo Pater Bonneville zu finden ſei. Ich entgegnete, er ſei mit mir nach London gekommen, was ihn noch mehr zufrieden zu ſtellen ſchien. Darauf nickte der Kommis mit dem Kopfe und ſagte in bedeutungsvollem Tone: „Es iſt Alles richtig, mein Herr.“ Es iſt wunderbar, wie viele Männer, welche wichtige Geſchäfte verhandeln, zu bloßen Maſchinen werden, welche ihre Untergebenen leiten. Sie ſind “ — 80— nur die Zeiger der Uhr, die von den unter ihnen be⸗ findlichen Rädern in Bewegung geſetzt werden. Ohne den Ausſpruch des Kommis:„Es iſt Alles richtig, mein Herr,“ würde ich an dem Tage wahrſcheinlich mein Geſchäft nicht beſeitigt haben. Jetzt aber ging Alles leicht von Statten. Es wurden Rechnungen vorgelegt, Berechnungen gemacht, mir verſchiedene Einzelnheiten erklärt, wo die Ausdrücke mir eben ſo unverſtändlich waren, als wenn ſie ara⸗ biſch geweſen wären, und am Ende fand ich mich im Beſitze eines Vermögens, welches, wie der Banquier mir ſagte, wenn es richtig angelegt würde, mir ein Einkommen von achthundert Pfund jährlich eintragen könne. Da ich nicht gewohnt war mit Pfunden zu rechnen, ſo fand ich es ſchwierig, mich von dem Be⸗ griff Thaler frei zu machen, und der Banquier mußte mir erklären, wie viele Mark Banko achthundert Pfund jährlich ausmachen würden, ehe ich begriff, daß ich ſei, was man wenigſtens in Deutſchland einen ſehr wohlhabenden Mann nennt. Ich wußte, daß der gute Profeſſor in dem Rufe geſtanden, es zu ſein; aber ich hatte keinen Begriff, wie hoch ſich ſein Ver⸗ mögen belaufe. Mein guter Freund, der Banquier, rieth mir, den Betrag für jetzt in Staatspapieren anzulegen, bot mir ſeinen Beiſtand und Rath an, wie es künftig unterzubringen ſei, und endete damit, Pater Bonneville und mich über acht Tage zum Mitttageſſen einzuladen. — 81— Für mich nahm ich die Einladung an, ſagte aber, ich fürchte, mein bejahrter Begleiter würde nicht wohl genug ſein, um in Geſellſchaft zu gehen, und beurlaubte mich dann; denn es war jetzt ſpät, und das Banquierhaus lag am äußerſten Ende jenes lär⸗ menden und geſchäftigen Ameiſenhaufens, die City ge⸗ nannt. Als ich in unſere kleine Wohnung zurückkehrte, fand ich Pater Bonneville bereits zurückgekehrt und mit dem Mittageſſen auf mich wartend. Ich ſah ſo⸗ gleich an ſeinem Geſichte, welches auch ſeine Expedi⸗ tion geweſen ſein mochte, daß er in ſeiner Erwartung getäuſcht worden ſei. Ich ertheilte ihm einen allge— meinen Bericht über das Geſchehene, nannte ihm die Summe, über die ich jährlich zu verfügen habe und gab ihm endlich den Brief, der an die hamburger Be⸗ hörde geſchickt worden, was ihm einige Freude verur⸗ ſachte, wenn auch nicht ſo viel, wie ich erwartet hatte. Er machte über den Brief ſelber wenig Bemerkungen, ſondern deutete nur auf den Grafentitel, der mir bei⸗ gelegt wurde, und ſagte mit ſchwermüthigem Lächeln: „Du haſt ein Recht daran, Louis; wenn Du aber meinen Rath befolgen willſt, ſo nimm ihn in dieſem Lande nicht an.“ „Ich beabſichtige es nicht, mein lieber Freund,“ verſetzte ich;„aber alle dieſe Geheimniſſe ſind in der That ſehr ſchmerzlich für mich. Die Zeit muß bald Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 6 — 82— kommen, wo alle dieſe Dinge mir erklärt werden ſoll⸗ ten, und ich möchte gern wiſſen, wann das ſein wird.“ „Warte noch ein weni„ Louis, warte noch ein. 7 wenig,“ verſetzte der gute Pater mit flehendem Blicke. „Es kann noch ein oder zwei Jahre währen, aber nicht länger, denke ich— nicht länger.“ „Aber, guter Vater,“ antwortete ich,„Sie ſoll⸗ ten mir wenigſtens die Mittel gewähren, meine eigene Geſchichte zu entdecken, auch wenn ich ſie vor der ge⸗ nannten Zeit nicht anwende. Das Leben iſt ungewiß — und wenn Sie mir entriſſen würden, hätte ich jede Spur verloren.“ „Du wirſt Alles unter meinen Papieren finden, wenn der Tod mich abruft,“ verſetzte Pater Bonne⸗ ville.„Ich ſammelte ſeit langer Zeit alle Nachrichten und alle Beweiſe, und bei allen Erlebniſſen, in der Verbannung, in Armuth und Gefahr habe ich ſie ſicher aufbewahrt. Ich würde dieſen Grafentitel nicht annehmen— ich würde mich in Deiner Stelle nur Mr. de Lacy nennen. Das iſt ein gewöhnlicher Name in England, und Du kannſt ſehr wohl für einen Engländer gelten— der andere Titel könnte Dir ſchaden.“ Ich gab ihm nochmals die Verſicherung, daß ich nicht die Abſicht habe, irgend einen Titel anzu⸗ nehmen. Aber ſo feſt auch mein Entſchluß ſein mochte, fand ich es doch ſchwer, dabei zu bleiben. Die Leute des Banquiers kannten mich bei dem Titel, und der Banquier ſelber wendete, als ich zur Mit⸗ tagstafel kam, denſelben an, indem er mich mehreren Perſonen vorſtellte. Ich lehnte ihn indeſſen ab, wo ich es ohne Affektation thun konnte, und machte es hinreichend deutlich, daß ich ihn mir ſelber nicht an⸗ geeignet habe. Die Geſellſchaft war groß, das Haus in Weſt⸗ end prächtig und von den gegenwärtigen Perſonen gehörten einige der Elite der londoner Geſellſchaft an. Es war eine Geſellſchaft, wie es in großen Haupt⸗ ſtädten ſehr viele giebt, und die meiſten meiner Leſer müſſen tauſende dergleichen geſehen haben. Es waren mehrere unbedeutende Puppen, mehrere ebenſo unbe⸗ deutende, aber ſehr hübſche junge Frauenzimmer da und die Mehrzahl beſtand in ſehr reſpektablen, wohl⸗ unterrichteten aber nicht ſehr intereſſanten Leuten, wor⸗ unter zwei oder drei von höheren Eigenſchaften, nicht nur mit Belehrung ausgerüſtet, ſondern auch mit dem Willen und der Macht, dieſelbe anzuwenden. Es traf ſich ſo glücklich, daß dieſe in meiner Nähe am Tiſche ſaßen. Eine von dieſen Perſonen war eine Dame von mittlerem Alter, die man Lady Maria nannte, und deren Gatte, ein Bürgerlicher und aus⸗ gezeichneter Rechtsgelehrter, höher hinauf am Tiſche ſaß, und eine andere Perſon war ein junger Mann, 6* — 84— der nach der feinſten Mode gekleidet war und eine et⸗ was geckenhafte Miene hatte, die mich anfangs ein wenig gegen ihn einnahm. Ich fand indeſſen bald Veranlaſſung, meine Meinung zu verändern; denn wenn er gleich nicht viel ſprach, war doch Alles, was er ſagte, höchſt richtig; und als einer von jenen in großen Städten ſehr gewöhnlichen Fällen erwähnt wurde, wo ein Mann von hohem Range ſich ſehr ſchlecht benommen gegen eine Dame von etwas nie⸗ drigerer Stellung, da brach mein ſchnurrbärtiger Freund zur Rechten plötzlich in einen ſo unwilligen Tadel aus, daß einige von den anderen Gäſten lächelten, während die Lady Maria lachend ſagte: „Du biſt ſo lange bei Deinem uneivlliſirten Kriegs⸗ handwerk abweſend geweſen, Charley, daß Du gänz⸗ lich vergeſſen haſt, wie delikat ſolche eiviliſirte Laſter behandelt werden müſſen.“ „Sie ſollen nie von mir delikat behandelt wer⸗ den, liebe Tante,“ verſetzte der junge Herr;„und auf jeden Fall habe ich bei meinem Kriegshandwerk nicht vergeſſen, daß es Etwas giebt, was man Ehre nennt, deren wir uns eben ſowohl bei unſeren Hand⸗ lungen gegen Damen wie gegen Männer erinnern müſſen.“ Als die Damen ſich entfernten, blieb er bei mir und wir hatten eine lange Unterredung. Ich erfuhr, daß er ein Kavalerieofficier ſei, der, ungeachtet ſeiner 7 Jugend, ſchon einige Feldzüge mitgemacht hatte und ſich einige Monate auf Urlaub in London befand, um von einer ſchweren Wunde in der Bruſt zu geneſen. Er nannte mich ein⸗ oder zweimal Graf; als wir aber beim Wein beſſer bekannt wurden, bat ich ihn, mir den Titel nicht beizulegen, da es nicht meine Ab⸗ ſicht ſei, ihn anzunehmen ſo lange ich wenigſtens in England ſei. „Ich glaube, ich habe ein Recht⸗ daran,“ ſagte ich;„aber ich verließ Frankreich ſo früh, daß man mich nie ſo genannt hat.“ „Nun, ich denke Sie haben Recht,“ verſetzte er. „Seitdem England die Heimath der Verbannten iſt, worauf wir ſtolz ſind, haben wir eine ſolche Menge von Grafen und Marquiſen verſchiedener Art, daß es uns ſchwer wird, die ächten von den unächten zu un⸗ terſcheiden. Sie würden natürlich die Prüfung beſte⸗ hen, ſowohl wegen Ihres Ausſehens, als wegen des Umſtandes, daß unſer guter Freund, der Banquier, Sorge getragen hat, Perſonen mitzutheilen, die es ge⸗ wiß ausbreiten werden, daß Sie der Phönix unter den Grafen und Marquiſen ſind— nämlich ein rei⸗ cher Verbannter. Aber der Grafentitel würde Ihnen unter unſeren beſten Leuten wenig nützen, denn Sie werden ihnen als Mr. de Lacy ebenſo gut gefallen, und unter dieſem Namen werde ich Sie, wenn Sie es mir erlauben, morgen aufſuchen.“ — 86— „ Ich zeigte mich ſehr erfreut, ihn bei mir zu ſe⸗ hen, und gab ihm meine Adreſſe. Aber ich will nicht länger bei dieſer Mittagsgeſellſchaft verweilen, denn die eben erzählten Ereigniſſe waren die einzigen, die auf mein Schickſal Einfluß äußerten. Siebentes Kapitel. Die Verlorne erſcheint wieder. Neue Umſtände rechtfertigten viele neue Anord⸗ nungen, wobei ich nur einen Augenblick verweilen will. An dem Morgen nach der Mittagsgeſellſchaft im Hauſe des Banquiers hatten Pater Bonneville und ich eine lange Unterredung über unſere künftigen Pläne. Die Summe, die ich jetzt beſaß, erſchien dem guten Pa⸗ ter Bonneville faſt ebenſo groß wie mir; denn er hatte nicht viel mehr Erfahrung in Geldangelegenhei⸗ ten, als ich. Es wurde beſchloſſen, daß wir zuſam⸗ men wohnen wollten. Ich beſtand darauf, daß er einen kleinen einſpännigen Wagen haben ſolle, die in 6 England am beſten fabrieirt werden— und er machte die Andeutung, daß es beſſer ſein würde, wenn ich eeiin Reitpferd habe, da ein Diener beide beſorgen könne. 1 —yyy=——— 1 1 Zwiſchen zwölf und ein Uhr kam mein neuer Freund, Kapitain Weſtover, mich zu beſuchen und wurde mit in unſeren Rath gezogen. Er ſtimmte un⸗ ſere Anſichten von Reichthum ein wenig herab, indem er uns die Koſten des engliſchen Lebens erklärte; aber dennoch fand er, daß unſere Mittel zu unſeren gerin⸗ gen Ausgaben völlig ausreichten, und im Verlaufe unſerer Verhandlungen erfuhr ich, daß Pater Bonne⸗ ville, außer dem, was ich beſaß, darauf rechnete, aus einer mir unbekannten Quelle dreihundert Pfund jähr⸗ lich zu erhalten. Nach einer Unterredung von einer halben Stunde machte Kapitain Weſtover den Vorſchlag, mich in ſeinem Wagen nach der damaligen Mode, den man einen Tilbury nannte, und womit er vor unſere Thür gefahren war, mitzunehmen, um Pferde zu kaufen und ein Haus aufzuſuchen. Sein Diener mußte ausſteigen und ich nahm den leeren Platz ein. Err rieth mir, wenigſtens auf einige Zeit ein möblirtes Häuschen in der Nähe von London zu bewohnen. „Sie können in die Stadt kommen, wann Sie wollen,“ ſagte er,„und dort ſind Sie mehr der Ge⸗ fahr aus dem Wege. Entſchuldigen Sie, de Lacy,“ fuhr er lachend fort,„aber jeder, der in eine große Stadt, wie dieſe, kommt, muß anfangs ein wenig unerfahren ſein, ſo bekannt er auch an anderen Orten ſein mag. Es würde beſſer für Sie ſein, nach und nach einige Kenntniß von London zu erlangen, und das kann nur geſchehen, wenn man ein wenig ent⸗ fernt wohnt. Bei allen Laſtern, bei aller Schurkerei und allen Gräueln gibt es doch keinen Ort gleich un⸗ ſerer großen Hauptſtadt in der Welt, wo man Alles, was man bedarf oder wünſcht, im Augenblick haben kann. Jeder Menſch kann nach ſeinen Mitteln oder ſeinem Ehrgeize wünſchen. Von dem Verbrecherkeller oder der Bettlerherberge bis zu den fürſtlichen Palä⸗ ſten des Edelmannes oder des großen Kaufmannes iſt Alles bei der Hand und zwei oder drei Schläge mit dem Stabe eines Zauberers bringen es im Augenblick herbei. So ſtehe ich dafür, daß wir in zwei oder drei Stunden ein Haus für Sie finden werden; aber nehmen Sie es nicht zu groß, ſonſt kommen die Leute und wollen bei Ihnen zu Mittag ſpeiſen und bleiben den ganzen Abend da, und das iſt das beſte Mittel, ſich aus Haus und Hof eſſen zu laſſen.“ Obgleich lebhaft, thätig, großmüthig und kühn, war Kapitain Weſtover ein guter Geſchäftsmann, wußte Alles, was er wußte, genau, kannte den richtigen Preis von Allem, erſparte mir in den nächſten zwei oder drei Wochen ohne Zweifel mehrere hundert Pfund und ſetzte mich in den Stand, ſpäter auf dieſelbe Weiſe zu leben. Ich will nicht bei all unſerem Thun und Treiben verweilen, ſondern ich muß zum Schluſſe kommen. Ich war alſo im Frühling des Jahres in den Beſitz eines außerordentlich zierlichen, allein lie⸗ ——önͤnn — 90— genden Häuschens in der Nähe von Blackheath gekom⸗ men, nebſt einem ſchönen Garten mit Geſträuchen und Blumen angefüllt, mit vortrefflich und reichlich aus⸗ möblirten Zimmern. Auch hatte ich zwei Pferde im Stalle, einen ſo hübſchen kleinen Ponywagen, wie man ſich nur denken kann, und einen Kutſcher im mittleren Alter, der, obgleich ein thätiger, ehrlicher und vortrefflicher Diener, von einem edlen Lord ent⸗ laſſen worden war, weil er kurzathmig wurde und wie ein Delphin blies. Er that indeſſen ſeine Pflicht und ich achtete nicht auf ſein Blaſen. Sein Name war überdies Lucas, Jones oder Jones Lucas— ich weiß es nicht genau, und ich glaube, er wußte es ſelber auch nicht. Jedermann trat um dieſe Zeit als Freiwilliger ein. Napoleon Bonagparte bedrohte England mit ei⸗ nem Einfalle und bildete ſich ein, er könne jene tro⸗ tzige kleine Inſel eben ſo leicht verſchlingen, wie er die Hälfte der Königreiche des Feſtlandes verſchlungen hatte; aber wenig kannte er den Geiſt, den er durch dieſe Drohung in dem Volke erweckte. Ganz Groß⸗ britannien ſtarrte von Waffen, und anſtatt, daß die Männer durch erzwungene Konſeriptionen aus ihren Häuſern geſchleppt wurden, eilten Leute jeden Ranges und Standes, jeden Alters und Charakters, von al⸗ len Parteien und Sekten herbei, um ihre Namen auf die Liſte der Vertheidiger des Landes ſetzen zu laſſen - — und ſich täglich dem läſtigen Exerciren, der unge⸗ wohnten Lebensweiſe und dem Verluſt der Zeit, des Geldes und der Bequemlichkeit auszuſetzen. Aber keine Lippe murrte, kein Herz war niedergeſchlagen. . Blackheath war der große Exercirplatz in der Nähe von London, und täglich begegneten mir auf meinen Spazierritten große Abtheilungen in rothen, grünen und blauen Röcken, die hin und her marſchir⸗ ten, das ganze Exercitium durchmachten, große Anſtren⸗ gung anwendeten und viel Pulver verbrauchten. Ma⸗ giſtratsperſonen, Rechtsgelehrte, Schreiber, Kaufleute und Handwerker, Alle drängten ſich neben einander zum Angriffe; und die erſte Schlacht in England würde die bunteſte Verſammlung von Profeſſionen, die man je an einem Platze gefunden, auf dem Boden zurück⸗ gelaſſen haben. Indem ich oft den Manövern der Freiwilligen zuſah, gewöhnte ich mein Pferd an das Feuern, und mit großer Freude hörte ich von Kapitain Weſtover, daß, um die Geſchicklichkeit und Präciſion der Frei⸗ willigen zu prüfen, ein großes Scheingefecht auf Black⸗ heath ſelber ſtattfinden ſollte, wo alle Operationen vor⸗ genommen werden ſollten, die nöthig ſein würden, wenn eine franzöſiſche Macht die Themſe herauf ſegle und eine Landung in der Nähe der kleinen Stadt Greenwich bewerkſtellige. Ich ſagte meinem tapferen BBerichterſtatter, obgleich ich in der Mitte einer großen —. — 92— Schlacht geweſen und über einen beträchtlichen Theil des Feldes zwiſchen den beiden Linien gegangen, ſo habe ich doch nicht den entfernteſten Begriff, was dies Alles bedeute. „Die Hälfte der Männer, die in der Schlacht waren, haben keinen Begriff davon,“ ſagte Kapitain Weſtover.„Wir thun, was uns befohlen wird— wir fechten— wir dringen vor oder werden zurückge⸗ ſchlagen; aber Alles, was wir davon wiſſen, iſt, daß viel Rauch und Staub da iſt, daß viele Männer mit ſchrecklichem Ausdruck des Geſichts um uns her nie⸗ derſtürzen, und zwei oder drei Wochen ſpäter, wenn die Zeitungen von England kommen, hören wir von dem glänzenden Siege, den wir errungen haben, nach den Depeſchen des kommandirenden Generals. Dies iſt gewöhnlich Alles, was ein Subalterner von der Sache weiß; aber es werden uns nach einer Weile umfaſſendere Einſichten eingeprägt, und ich will ver⸗ ſuchen, wenn es möglich iſt, Ihnen einen Begriff von dem zu geben, was am Mittwoch vorgehen wird. Aber es iſt die Rede davon, mich für dieſen Akt zum Adjutanten zu machen, was eine große Laſt ſein wird, denn es will eine ganze Schaar mir bekannter Damen hieherkommen, um ohne Gefahr eine Schlacht ohne Kugeln zu ſehen.“ Der Tag kam, und der gute Pater Bonneville, der Geräuſch und Lärm jeder Art haßte, und deſſen Erinnerungen von der Schlacht bei Zürich nicht die angenehmſten waren, zog ſich auf einige Tage in ein Gaſthaus in einem Orte Namens Bromley zurück, während ich dablieb, um mich des Anblicks zu er⸗ freuen. Ich muß die Ereigniſſe jenes Morgens mit ei⸗ niger Umſtändlichkeit erzählen, da ſie wichtiger für mich waren, als die irgend einer Schlacht, welche ich je erlebt hatte. Zu einer frühen Stunde ging ich aus und wan⸗ derte über den Schauplatz, wo das Scheingefecht ſtatt⸗ finden ſollte. Alles war bereits im Zuſtande der Thätigkeit und Vorbereitung. Es wurden Kanonen aufgepflanzt, Truppen nahmen ihre Stellung ein, lange Reihen von Pikenmännern waren am Ufer des Fluſ⸗ ſes aufgeſtellt und jeden Augenblick kamen Leute aus London an, um Zeugen des Schauſpiels zu ſein. Da ich erwartete, daß man die Gaſtfreundſchaft meines Häuschens in Anſpruch nehmen werde, hatte ich reichliche Vorräthe angeſchafft, und bald nach mei⸗ ner Rückkehr um neun Uhr kam Weſtover in einer glänzenden Uniform und auf einem ſchönen Pferde an⸗ geritten. Er trat haſtig ein, wollte ſich nicht nieder⸗ ſetzen, um zu frühſtücken, ſondern trank ſtehend eine Taſſe Kaffee und aß ein Brödchen dazu, während mein Pferd geſattelt wurde. „Wir müſſen raſch ſein,“ ſagte er;„denn ich erwarte, daß der ganze Stab um zehn Uhr auf dem Platze ſein wird, und ich wünſche Sie vorher mit einigen guten Leuten bekannt zu machen.“ Wir waren bald zu Pferde und trabten über das Feld. Mein Begleiter führte mich zu mehreren Regi⸗ mentern und machte mich mit den Oberſten bekannt, die größtentheils alte Soldaten waren, die ſich vom Dienſte zurückgezogen und bei der erſten Nachricht von der Gefahr die Waffen wieder ergriffen hatten. Eines Oberſten C. erinnere ich mich ganz beſonders als eines der ſchönſten Männer, die ich je geſehen. Er konnte nicht weit von ſiebzig Jahren entfernt ſein, aber er war ſo gerade wie eine Lanze, ſein Geſicht blühte wie das eines Knaben und ſein Haar war mit einer Art Puder beſtreut, den man in ſeiner Jugend angewen⸗ det und Marſchallpuder genannt hatte. Er fluchte viel; in jeder anderen Hinſicht benahm er ſich aber mit un⸗ befangener und würdevoller Höflichkeit, die ich nie habe übertroffen geſehen. Er war von einer großen Anzahl ſehr hübſcher Frauenzimmer umgeben, die ihn zu verehren ſchienen und ihn durch ihre Gegenwart nicht wenig beläſtigten; denn nachdem er einige leiſe Winke ertheilt hatte, daß es beſſer ſein würde, wenn ſie ſich an Orte begeben wollten, die für Zuſchauer beſtimmt wären, ſchwang er ſeinen Säbel, ſo daß ſie ein wenig darüber er⸗ ſchraken, und rief: — 95— „Zum Henker, meine lieben Mädchen, gehen Sie lieber aus dem Wege— oder beim— die Soldaten werden Ihnen mit ihren Bajonetten die Angen aus⸗ ſtechen, zu meinem, zu Ihrem und zu der ganzen Welt Verluſt. Ich werde in fünf Minuten zum An⸗ griff kommandiren, und wenn auch kein galanter Herr Ihre Macht des Widerſtandes bezweifelt, werden wir Sie doch mit den Bajonetten davontreiben, dafür ſtehe ich. Kapitain Weſtover, wollen Sie und Ihr Freund meine Nichte Kitty und dieſe lieben Weſen dort zu der Mühle hinaufführen, wo man die Wagen aufge⸗ ſtellt hat? Beſteigen Sie lieber Ihre Pferde und trei⸗ ben ſie ſie wie eine Heerde Gänſe vor ſich her.“ Wir erfüllten dieſen Dienſt indeſſen auf höflichere Weiſe, und ich erfuhr von Weſtover, daß der tapfere alte Oberſt einer von Wolfe's Officieren bei der Ein⸗ nahme von Huebee geweſen. Nicht lange darauf begann das Gefecht, und vermöge der Anordnung meines Freundes blieb ich während des größten Theils des Tages bei dem Stabe. Ich will nicht bei dem Brüllen der Kanonen, bei dem Feuer der Musketen oder bei den Angriffen der Trup⸗ pen verweilen, aber ich muß ein kleines Ereigniß er⸗ erwähnen, welches um Mittag geſchah. Es war eine kurze Pauſe in dem Geräuſch und in der Verwirrung eingetreten, als plötzlich ein vierſpänniger Wagen über den Platz auf die Mühle zueilte, gerade als eine — 96— Batterie reitender Artillerie wie der Blitz in entgegen⸗ geſetzter Richtung vorübergaloppirte, um eine neue Stellung einzunehmen, während in demſelben Augen⸗ blick ein Kavalerieregiment heranrückte, um eine Ab⸗ theilung zur Rechten zu unterſtützen. Die zierlich gekleideten Poſtillone verſuchten ihre Pferde anzuhal⸗ ten; aber Männer, Pferde und Damen im Wagen waren gleich erſchrocken, und ehe ſie wußten, wie ihnen geſchah, waren ſie von allen Seiten von Trup⸗ pen umringt. Der Oberbefehlshaber ſprach ein Wort mit Kapitain Weſtover; denn es war ein großer Zweck für Alle, daß der Tag ohne ernſtlichen Unfall vorübergehen ſolle, und jetzt ſchien große Wahrſchein⸗ lichkeit dazu vorhanden zu ſein. Fort galoppirte Weſtover. Ich eilte ihm nach, und wir kamen ge⸗ rade zur rechten Zeit, um die Pferde von dem Wege abzulenken, ehe die Kanonen herbeikamen. „Ol guter Himmel! was ſollen wir thun?“ rief eine Dame, die ihren mit Straußfedern geſchmückten Kopf aus dem Wagen ſtreckte. „Fahret zu jenem kleinen Wege hinüber und verlaßt den Platz ſo ſchnell wie möglich,“ rief Weſto⸗ ver den Poſtillonen zu.„Dieſe Damen werden getöd⸗ tet werden, wenn Ihr Euch nicht vorſeht.“ „Aber wo können wir Etwas ſehen?“ ſchrie die Dame aus dem Fenſter. „Sie können Nichts ſehen, Madame,“ antwor⸗ —-— 97— tete Weſtover ungeduldig.„Wenn Sie Etwas ſehen wollten, mußten Sie früher kommen. Fahrt weiter, Burſche, und räumt den Platz.“ Die Poſtillone galoppirten weiter. Die Dame zog mit unwilliger Miene ihren Kopf vom Fenſter zurück, und ihr gegenüber ſah ich das liebenswür⸗ digſte Geſicht, welches ich je geſehen. Zart und ſchön gebildet, ſchien mir jeder Zug, ſelbſt bei dem raſchen Blicke, vollkommen. Aber das war nicht der große Zauber, denn in dem kurzen Augenblick waren jene ſchönen, glänzenden, nußbraunen Augen mit den lan⸗ gen dunklen Wimpern vor mir, die ich nicht erblickt hatte, ſeitdem ich Mariette zuletzt geſehen. Mein erſter Impuls war, dem Wagen ſo ſchnell wie möglich nachzugaloppiren; aber die Truppen ſchwenkten ſich herum, und Alles, was ich thun konnte, war, meinen Begleiter zu fragen, ob er die Damen im Wagen kenne. „Ich kenne ſie nicht,“ antwortete er raſch.„Es müſſen gemeine Leute ſein— nur gemeine Leute brin⸗ gen ſich in eine ſolche Lage. Das war übrigens ein ſehr hübſches Mädchen auf dem Rürkſitze, de Lacy. Eil! was iſt Ihnen, Mann?“ „Ich glaube ſie zu kennen,“ verſetzte ich,„und khabe ſie und ihre Mutter ſeit langer Zeit geſucht.“ „Nun, ſo reiten Sie ihr nach,“ antwortete Weſtover;„die Poſtillone werden ihre Pferde füttern Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 7 — 98— wollen, und Sie werden ſie entweder im grünen Mann oder in einem der anderen Gaſthäuſer dort unten fin⸗ den. Treffen Sie mich dort an der Mühle wieder, wenn Alles vorüber iſt, denn ich beabſichtige bei Ih⸗ nen zu Mittag zu ſpeiſen, und ich muß vorher alle meine Tanten, Couſinen und Mütter, die dort ver⸗ ſammelt ſind, wenn auch nur auf einen Augenblick ſehen, ehe ſie nach London zurückkehren. Sie haben mich ohne Zweifel ſchon für unhöflich genug gehalten.“ Ich befolgte ſeinen Rath, und ich glaube, ich hätte in dem Augenblick gern die Hälfte deſſen, was ich beſaß, darum gegeben, den Wagen einholen zu können. Aber ich ſuchte vergebens. Keine Spur da⸗ von war zu finden, und obgleich Poſtillone genug in allen Gaſthäuſern waren, konnte ich doch keine mit gleichen Jacken finden, wie die, welche ich ſuchte. „Sollte es Mariette ſein?“ fragte ich mich. Die Züge waren ſehr verſchieden— viel ſchöner, als die meiner kleinen Geſpielin. Das Geſicht war nicht mehr rund, ſondern ein ſchönes Oval. Das Haar ſchien auch ein wenig dunkler; aber die Augen waren Mariettens, und ich fragte mich wieder:„Sollte es Mariette ſein, oder hat irgend eine andere Perſon ihre Angen geſtohlen?“ Traurig, gedankenvoll und getäuſcht in meiner Erwartung, ritt ich langſam den Hügel von Black⸗ heath hinauf und kümmerte mich wenig darum, was — 9og— dort vorgehen werde. Aber ich war beinahe zwei Stunden abweſend geweſen; das Scheingefecht war jetzt vorüber; Trommeln und Pfeifen, Trompeten und alle Arten von Inſtrumenten ſpielten heitere und triumphirende Stücke, Freunde und Feinde ſaßen auf dem trockenen Graſe und aßen die fiür ſie bereiteten Speiſen, während die Poſtillone die Pferde herbei⸗ führten, um die Zuſchauer zu entfernen. Ich nahm meinen Weg ſogleich zu der Mühle, von welcher bereits mehrere Wagen abfuhren; als ich mich näherte, ſah ich Weſtover noch zu Pferde dort neben einem offenen Wagen, vor den man eben die Pferde gelegt hatte. Er ſprach mit einigen Damen, die darin ſaßen, wovon ich eine an dem Abend ge⸗ ſehen, wo ich zuerſt ſeine Bekanntſchaft gemacht hatte, und die meinen Gruß mit einer Verneigung des Ko⸗ pfes erwiederte. Eine andere war ſchöner und etwas jünger, aber auch ſie war über ihre Jugendjahre hin⸗ weg. Sie ſchien wenig auf irgend Etwas zu achten, und es lag eine tiefe und ernſte Schwermuth in ih⸗ rem Geſichte, die nicht zu der heiteren und aufregen⸗ den Scene paßte. Ich näherte mich nicht völlig, denn die Poſtillone hatten ſchon ihre Füße in den Steig⸗ bügeln, zwei Livreebediente ſaßen ſchon auf dem Bock und es war keine Zeit zur Unterhaltung. Weſtover's Tante aber winkte mir, näher zu kommen und ſagte: „Wie haben Sie ſich amüſirt, Herr Graf?“ 7* 7 — 100— Zu gleicher Zeit richtete die andere Dame ihre Augen voll auf mich und ich konnte bemerken, daß ſie todtenblaß wurde. Sie ſagte indeß einige raſche und lebhafte Worte zu ihrer Begleiterin, obgleich ich in dem Augenblick mit einer gewöhnlichen Redensart antwortete. Meine Bekannte wendete ihren Kopf um und ſagte ſo laut, daß ich es hören konnte: „Der junge Graf de Lacy. Soll ich Sie mit ihm bekannt machen, Katharina?“ Ich hörte keine Antwort. Die andere Dame, die ſie Katharina nannte, war mit geſchloſſenen Augen in den Wagen zurückgeſunken. Sie ſchien ohnmächtig zu ſein. Ich ſah ihr Geſicht, aber Weſtover nicht; denn ich befand mich zu ſeiner Linken, und ſeine Tante war zwiſchen ihm und ihrer Gefährtin. „Soll ich ſagen, daß ſie abfahren?“ fragte er. Die Andere nickte mit dem Kopfe und es wurde der Beſehl ertheilt; als ſie aber abfuhren, ſagte ich in ängſtlichem Tone: „Ich glaube, jene Dame iſt ohnmächtig ge⸗ worden.“ „Welche, welche?“ rief er.„Lady Katharina?“ „Nicht Ihre Tante,“ ſagte ich. „Sie ſind Beide meine Tanten,“ antwortete er, indem er ſein Pferd heftig herumwendete.„Reiten Sie zu Ihrem Hauſe, de Lacy; ich komme in einer Minute zu Ihnen, nachdem ich mich überzeugt habe, was der lieben Tante Katharina begegnet iſt. Sie iſt niemals ganz wohl und kommt ſelten aus. Dies iſt zu viel für ſie geweſen.“ Fort eilte er und ich kehrte langſam zu meinem Häuschen zurück, nachdem ich mich wahr cheinlich we⸗ niger, als die meiſten Gegenwärtigen, an den Ereig⸗ niſſen des Tages unterhalten hatte. Auf dem Wege und bei dem langſamen Schritte währte es beinahe eine halbe Stunde bis ich meine Thür erreichte; aber ich war bereits abgeſtiegen, ehe Weſtover mich ein⸗ holte, obgleich er in raſchem Trabe, von einer Ordo⸗ nanz begleitet, herbeikam. 3 Ich bemerkte, daß er ſehr ernſt war; aber ſeine einzige Bemerkung über das eben Geſchehene war: „Sie hatten Recht, de Laey. Meine Tante war ohnmächtig geworden. Das arme Weſen hatte nicht Stärke genug, dergleichen zu ertragen. Und nun, mein Freund, habe ich mir die Freiheit genommen, in Ihrem Namen zwei fremde Herren einzuladen, die nirgends ein Mittageſſen erhalten konnten; denn in Greenwich iſt Nichts mehr zu haben. Dafür ſollen Sie auch in der nächſten Woche bei mir zum Mit⸗ tageſſen kommen und für Drei eſſen und trinken, wenn Sie es können.“ Ich ſagte ihm, ich ſei ſehr froh, ſeine Freunde bei mir zu ſehen, und der übrige Theil des Tages verging angenehm genug, obgleich ich geſtehen muß, — j—jÿy—hh 8 — 102— daß ich Weſtover nie ſo langweilig und gedankenvoll ſah, ungeachtet aller ſeiner Bemühungen, heiter zu ſein. Es iſt unnöthig, von den beiden Herren, die ihm bald folgten, ausführlich zu reden, denn ich ſah ſie ſpäter nie wieder und kümmerte mich nicht weiter um ſie. Sie gehörten zu denjenigen Perſonen, welche ihren Platz an der Mittagstafel oder in der Schlache: reihe ſehr gut ausfüllen und ſich in beiden Fällen mit Anſtand benehmen, aber ſonſt ſehr wenig thun. Achtes Kapitel. Alte Gefühle und neue Bekannte. Es war beinahe zwei Uhr Morgens, als ich zu Bette ging, obgleich meine Gäſte durchaus nicht lange blieben. Sie entfernten ſich um zehn Uhr; aber die Ereigniſſe des Tages, ſo unbedeutend ſie ſcheinen mö⸗ gen, hatten eine Wirkung auf meinen Geiſt hervorge⸗ bracht, die ſchwer zu erklären war. Ich hielt mich überzeugt, daß es Mariette geweſen, die ich geſehen hatte, und ich errieth ihre Lage beſſer, als man hätte erwarten ſollen. Ich kannte jetzt die Umſtände der Ausgewanderten in Großbritannien im Allgemeinen. Sie waren von den Bewohnern des Landes mit gro⸗ ßer Freundlichkeit behandelt worden; man hatte Unter⸗ ſchriften für ſie geſammelt und ihnen Beiſtand ge⸗ währt; aber die meiſten waren von Allem entblößt — 104— aus Frankreich entflohen und befanden ſich in dem Augenblick in der äußerſten Armuth. Einige erwar⸗ ben ſich durch Unterricht ihren Unterhalt und andere durch verſchiedene Arbeiten. Ich hatte Grund zu glauben, daß Frau von Salins nicht viel mitgenom⸗ men habe, und überdies ſchloß ich aus der elenden Wohnung in Swallowſtreet, daß ſie ſich wenigſtens zu jener Zeit in großer Noth befunden. Das ſchöne Mädchen, welches ich in dem Wagen geſehen, war außerordentlich einfach gekleidet, und ich fragte mich, ob meine hübſche Mariette nicht, gleich vielen Ande⸗ ren, Gouvernante in einer Familie geworden ſei und jetzt alles Elend und alle Verachtung, welche jene ſchmerzliche Lage mit ſich führe, zu erdulden habe. Aber dies war noch nicht Alles. In Betreff Mariettens hatte ich mich von der einfachen Vernunft leiten laſſen. Es waren indeß noch andere Eindrücke in meinem Geiſte— andere Gegenſtände des Nach⸗ denkens, womit die Vernunft viel weniger zu thun hatte, und welche ihre Bedeutung vielleicht nur der thätigen Verſchönerung der Phantaſie verdankten, viel⸗ leicht vermöge jener tieferen und geheimnißvolleren Operationen des Geiſtes oder des Herzens, welche die Vernunft an Schnelligkeit und die Phantaſie an Wahrheit übertreffen. Das Geſicht jener Dame, die man Lady Katharina genannt hatte, verfolgte mich. Die Art, wie ſie mich angeſehen— der lebhafte, faſt wilde Blicke, den ſie auf mich gerichtet, die Bläſſe, die ſich ſo plötzlich über ihr Geſicht verbreitet hatte, und die Ohnmacht, in die ſie geſunken, ſobald mein Name genannt worden, gewährten mir zwar nicht Stoff zur Verwunderung, wohl aber zum tiefen Nach⸗ denken. Da meine Geburt und mein frühes Schick⸗ ſal von einem ſolchen Geheimniß umhüllt waren, war es ſehr natürlich, daß ich mich geneigt fühlen mußte, es mit allem Seltſamen und Unerklärlichen, was ich ſah, in Verbindung zu ſetzen. Aber da war noch Etwas mehr, als das Alles— Etwas, was ich nicht erklären oder beſchreiben kann, was mir die Ueberzeu⸗ gung gewährte, daß ein Verbindungsband zwiſchen dem Schickſal jener Dame und dem meinigen vor⸗ handen ſei. Ich erinnerte mich ihrer nicht im Ge⸗ ringſten— kein einziger Zug ihres Geſichts war mir bekannt; doch in demſelben Augenblick, als ich ſie ſah — noch ehe ſie ihre Augen auf mich richtete— ſchien der Anblick ſogleich Träume von frühen, glücklichen Tagen zu erwecken— liebliche Gedanken und Ge⸗ fühle, die ſeit Jahren in meinem Gedächtniſſe ge⸗ ſchlummert hatten. Ueber dieſe Gedanken und Gefühle ſann ich meh⸗ rere Stunden nach. Ich habe oft im Verlaufe des Lebens, an An⸗ deren ſowohl als an mir ſelber, eine ſeltſame Erſchei⸗ nung bemerkt, nämlich, daß wir, wenn wir im Be⸗ — 106— griff ſind, einen großen und wichtigen Schritt zu thun, einen Eindruck von dem Bevorſtehenden empfin⸗ den und uns genöthigt ſehen, das, was uns zu an⸗ deren Zeiten als unbedeutend erſcheinen würde, mit ängſtlicher Genauigkeit zu beobachten. Was lag mir an einer Dame, die in einem Wagen ohnmächtig wurde? Was war Außerordent⸗ liches darin, daß ein delikates Frauenzimmer einer aufregenden Scene und langer und ungewöhnlicher Anſtrengung erlag? Was war in dem Allen, was ich geſehen hatte, was ſich nicht durch eine Menge gewöhnlicher Umſtände erklären ließ, die ich zu jeder anderen Zeit unter den gewöhnlichen, unbedeutenden Ereigniſſen eines Tages nicht unberückſichtigt gelaſſen haben würde? Und doch ſaß ich da und überlegte vier lange Stunden, und ſelbſt als ich mich zu Bette be⸗ geben hatte, konnte ich nicht ſchlafen, ſondern blieb bei denſelben ängſtlichen Gedanken wach. Pater Bonneville kehrte um zwei Uhr am fol⸗ genden Tage zurück; aber mit einem Mangel an Ver⸗ trauen, den ich ſelten zeigte, erwähnte ich den kleinen Umſtand nicht, der in der Nähe der Mühle geſchehen war. Ich erzählte ihm indeſſen, daß ich Mariette zu ſehen geglaubt; aber Pater Bonneville lächelte nur und ſagte: „Du denkſt immer an Mariette, Louis; und — 107— wenn Du ſo fortfährſt, werde ich wirklich glauben, daß Du in ihr Andenken verliebt biſt.“ „Das bin ich auch,“ antwortete ich unbefangen. „Ich kann mir vorſtellen, daß ein Vater ein Kind ſo lieben könnte, wie ich Mariette liebe; und ich werde ſie immer ſo lieben.’“ „Mein lieber Sohn,“ verſetzte Pater Bonneville, indem er ſeine Hand bedeutungsvoll auf meinen Arm legte,„das iſt unmöglich. Du und Mariette ſeid keine Kinder mehr. Du mochteſt ſie wie ein Bruder lieben, als Du ſie zuletzt ſaheſt; wenn Du ſie aber jetzt liebſt, mußt Du ſie auf andere Weiſe lieben.“ Ich verſank in Nachdenken und fühlte, daß er Recht habe. Er ließ mir indeſſen nur wenig Zeit zum Nachſinnen, fragte mich, wen ich ſonſt geſehen und ich erwähnte mehrere Namen, den Oberſten O., eine Anzahl junger Officiere, die beiden Herren, die mit mir zu Mittag geſpeiſt hatten und endlich in ſo unbefangenem Tone, wie ich nur annehmen konnte, die beiden Tanten Weſtover's. Pater Bonneville fragte nach ihren Namen und ich erwiederte:. „Lady Winslow und eine Dame, die man Lady Katharina nannte. Vermuthlich war es Lady Katha⸗ rina Weſtover, denn er ſagte im Laufe des Abends, ſie wäre ſeines Vaters Schweſter.“ Ich ſah Pater Bonneville aufmerkſam an, wäh⸗ „ — — 108— rend ich ſprach, aber meine Worte ſchienen nicht den geringſten Eindruck auf ihn zu machen. „Es iſt ſeltſam,“ ſagte er;„ich erinnere mich des Namens Weſtover unter dem engliſchen Adel nicht. Vermuthlich iſt es ein neuer Adel.“ „Ich denke nicht,“ entgegnete ich,„denn ſi ſie ha⸗ ben durchaus keine Arroganz und Anmaßung, ſon⸗ dern eine gewiſſe ſichere Ruhe an ſich, die, wie ich immer bemerkt habe, in dieſem Lande alte Rechte und eine geſicherte Stellung begleitet.“ „Weißt Du wohl, Louis,“ ſagte Pater Bonne⸗ ville, plötzlich von dieſem Gegenſtande abweichend, „daß mir ſchon einigemal eine große Aehnlichkeit zwi⸗ ſchen Dir und Deinem Freunde dem Kapitain Weſt⸗ over aufgefallen iſt?“ Ich lächelte, denn ich konnte mir keine zwei Männer von verſchiedenerem Ausſehen denken— hin⸗ ſichtlich der Geſichtsfarbe, der Augen und der Größe. Ich war viel größer und dunkel, während er weiß war; aber dennoch blieben die Worte des guten Pa⸗ ters in meiner Erinnerung und ich beſchloß, ſobald ich meinen Freund wiederſehen würde, mich nach ſei⸗ ner Lebensgeſchichte zu erkundigen. Es gewährte mir daher große Freude, als ich am Freitag einen Brief von Weſtover erhielt, worin er mich auf den folgenden Dienſtag oder Mittwoch zur Mittagstafel einlud und mich aufforderte, den Tag zu beſtimmen. „Kommen Sie an dem einen oder dem andern Tage, de Lacy; denn an beiden Tagen werden Leute kommen, mit welchen ich Sie bekannt zu machen wünſche. Mein Urlaub iſt bald zu Ende und ich möchte keine andere Gelegenheit haben.“ Ich beantwortete ſogleich ſeinen Brief und be⸗ ſtimmte den erſten der genannten Tage, und da es ſchönes Frühlingswetter war, ging ich aus, um in dem Fluſſe, der in der Entfernung von einigen Mei⸗ len an meinem Häuschen vorüberfloß, zu fiſchen, wo⸗ zu ich mir das Recht verſchafft hatte; denn die Eng⸗ länder halten ebenſo ſtrenge auf das Recht des Stro⸗ mes und Waldes, wie nur irgend ein alter Ritter es gethan. Ich hatte etwa eine Stunde gefiſcht, wanderte durch die ſchönen Wieſen dahin und hatte einen ziem⸗ lich guten Fang gethan, als ich einen Herrn im mitt⸗ leren Alter langſam von der anderen Seite herüber⸗ kommen, auf einer kleinen hölzernen Brücke ſtehen bleiben und mich beobachten ſah. Er war ein großer, ſchöner Mann von etwa funfzig Jahren, aber hager und blaß, und trug einen nicht mehr neuen blauen Rock von militäriſchem Schnitt. Sein Aeußeres war ſehr einnehmend und vornehm, obgleich ſeine Reich⸗ thümer offenbar mehr in den Gaben der Natur, als der Welt beſtanden. Nachdem er mich einige Minu⸗ ten beobachtet hatte, kam er mit unbefangenem We⸗ ſen auf mich zu und fragte mit ſehr fremdartigem Ac⸗ cent, ob ich einen guten Fang gethan habe.. Ich erwiederte, ich ſei damit zufrieden und fügte ein ziemlich unbedeutendes franzöſiſches Sprichwort hinzu. 1„Ha!“ ſagte er,„habe ich das Vergnügen, mit einem Landsmann zu reden?“ Ich bejahte es und dann that er alle möglichen Fragen in jener höflichen Weiſe, die den Franzoſen eigen iſt. Ich ſagte ihm, ich habe Frankreich in ſehr frühen Jahren verlaſſen und erinnere mich nur wenig meines Vaterlandes. Er erwiederte, das wäre ein Unglück und fragte nach dem Jahre meiner Auswan⸗ rung. 3 Ich ſagte es ihm und er entgegnete lächelnd, es wäre daſſelbe, wo auch er Frankreich verlaſſen habe; doch ſei er dorthin zurückgekehrt und habe in der Ven⸗ dee gefochten. Dann fragte er mich, ob ich viele von meinen Landsleuten kenne. Ich verneinte es und ſagte lächelnd— denn die Gelegenheit ſchien mir zu gut, um ſie zu verſäumen— es gäbe nur zwei Per⸗ ſonen, die ich in meinen Knabenjahren ſo gut gekannt, daß ich lebhaft wünſche, wieder von ihnen zu hören. „Darf ich nach ihren Namen fragen?“ ſagte er ruhig.„Ich bin mit mehreren bekannt, wenn auch nicht mit ſehr vielen; denn meine Mittel ſind zu be⸗ ſchränkt, um mir zu geſtatten, mich viel in die Ge⸗ ſellſchaft zu miſchen.“ Ich nannte ſogleich Frau von Salins und ihre Tochter. Mein neuer Bekannter ſchwieg und ſann nach, als ſuche er ſich an irgend einen Umſtand zu erin⸗ nern oder wo er von ihnen gehört habe, und ich be⸗ gann einige Hoffnung zu hegen, daß er mir Aus⸗ kunft ertheilen werde. „Vielleicht kann ich Ihnen einigermaßen bei Ih⸗ rer Nachforſchung behülflich ſein, obgleich ich es nicht mit Beſtimmtheit ſagen kann. Darf ich fragen, wie alt Sie waren, als Sie Frankreich verließen?“ Und er ſah mich aufmerkſam an, indem ich ihm vielleicht älter erſchien, als ich wirklich war. „Zwiſchen zwölf und dreizehn,“ entgegnete ich. „Ei! und Sie haben ſich ihrer ſo lange erin⸗ nert!“ ſagte er in theilnehmendem Tone.„Nun, ich will mein Möglichſtes thun, um Ihnen Nachricht von jenen Perſonen zu geben. Aber ich weiß nicht, wo ich Sie finden ſoll, wenn ich ſo glücklich ſein ſollte, ſie zu entdecken.“ Ich gab ihm ſogleich meine Karte, die er an⸗ ſah, den Namen wiederholte und dann der Unterhal⸗ tung eine andere Wendung gab. Ich fand ihn außer⸗ ordentlich angenehm, milde und würdevoll in ſeinem — 112— Weſen und reich an Kenntniſſen, obgleich er wahr⸗ ſcheinlich kein Gelehrter war. Er fragte mich, ob ich, während ich auf dem Feſtlande geweſen, ſeiner Maje⸗ ſtät dem Könige— dem ſpäteren Ludwig dem Acht⸗ zehnten— aufgewartet habe, und ſagte, es thue ihm leid, als er hörte, daß es nicht geſchehen ſei. .„Ich denke, es wäre in vieler Hinſicht rathſam geweſen,“ fügte er hinzu.„Dieſer Wahnſinn wird in Frankreich nicht ewig währen. Auch können die anderen Mächte Europa's nicht einwilligen, daß in jenem Lande ein Zuſtand herrſche, der allen ihren In⸗ tereſſen und Grundſätzen widerſtrebt. Indem Napo⸗ leon Bonaparte ſich zum Kaiſer machte, verrichtete er eine Handlung, welche Frankreich in eine falſche Stel⸗ lung verſetzte, die es nicht behaupten kann. So lange er nur das Oberhaupt der republikaniſchen Partei war, konnte er gewiß ſein, zu Hauſe Unterſtützung zu fin⸗ den, und ſah ſich nicht in der Nothwendigkeit, den Krieg mit den fremden Mächten fortzuſetzen, nachdem ſie Frieden mit der Republik geſchloſſen hatten. Als Kaiſer aber hat er die Verpflichtung übernommen, ewigen Krieg zu führen; denn nur durch Krieg kann er ſich als Kaiſer behaupten. Vielleicht hat er bei anderen Monarchen ein wenig dadurch gewonnen, aber er hat mehr beim franzöſiſchen Volke verloren. Frank⸗ reich war in zwei Theile getheilt. Er hat es jetzt in drei getheilt und hat zwei Theile gegen ſich. Der — 113— eine, den er beherrſcht, der militäriſche Theil mag für jetzt der mächtigſte ſein; aber ſeine Anhänglichkeit an ihn hängt von zwei Bedingungen ab: vom Kriege und vom glücklichen Erfolge. So kann ſeine Dyna⸗ ſtie nimmermehr ſtehen bleiben, denn keine civiliſirte Nation kann jemals durchaus militäriſch ſein; und wer ſie dazu zu machen verſucht, wird immer fallen müſſen, ſobald die militäriſche Partei keinen glück⸗ lichen Erfolg hat; und wenn nicht die ganze Nation militäriſch iſt, kann man ſich des Erfolges niemals verſichert halten. Mein Glaube iſt, daß in wenigen Jahren unſer altes Königsgeſchlecht wieder auf dem Throne ſein wird. Er ſprach länger als eine Stunde mit mir, während ich mein Fiſchen fortſetzte, und dann kehrte ich, ſehr zufrieden mit meiner Unterredung, in meine kleine Wohnung zurück. Pater Bonneville ſchien auch ſehr erfreut, als ich ihm meine Hoffnung mittheilte, den Aufenthalt der Frau von Salins zu entdecken. Er fragte genau nach dem Herrn, den ich geſprochen und ich mußte ihm denſelben ausführlich beſchreiben. Als dies geſchehen war, nickte er mit dem Kopfe und ſagte lächelnd: „Ich denke, wir werden ſie jetzt finden, Louis. Ich denke, wir werden ſie jetzt finden, und ich bin faſt ebenſo erfreut, wie Dü, obgleich ich Hoſfe⸗ daß Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. — 114— ſie nicht ſo ſehr an Armuth gelitten haben, wie Du Dir denkſt.“ Einige Tage vergingen indeß ohne Nachricht und der Dienſtag kam, wo ich bei Weſtover in London zu Mittag ſpeiſen ſollte. Ich kleidete mich mit eini⸗ ger Sorgfalt an, denn ich wußte, daß mein Freund ſich in den vornehmſten Kreiſen der Hauptſtadi be⸗ wege, und ich fuhr in dem kleinen Phaeton zu ihm, ſo daß ich zu dem beſtimmten Augenblick vor ſeiner Thür war. Er wohnte in einem ſehr hübſchen Hauſe in Brookſtreet, und ich fand ihn zur Mittagstafel an⸗ gekleidet, aber allein. 5 „Meine anderen Freunde werden nicht ſo pünkt⸗ lich ſein, wie Sie, de Lacy,“ ſagte er, mir mit Wär⸗ me die Hand drückend;„und ich denke, Sie werden eine halbe Stunde auf unſer Mittageſſen warten müſ⸗ ſen; aber inzwiſchen kann ich Sie mit ihnen bekannt machen, ſo wie ſie kommen.“ Etwa zehn Minuten ſpäter kamen zwei vornehme junge Männer herein, und ich wurde in aller Form mit ihnen bekannt gemacht. Fünf Minuten ſpäter kam ein alter Pair, rüſtig, mit ſtruppigen Augen⸗ brauen, ſchwerem Blicke, aber gutem Verſtande. Seing Kleider waren ſo weit, als hätte man ſie mit der Heugabel über ihn geworfen; dennoch aber hatte er die unerklärlichen Zeichen eines Gentleman an ſich: Er war noch keine zwei Minuten da geweſen, als . 1b die Thür ſich wieder öffnete und der Graf von N. angemeldet wurde. „Ah! Ihr Großvater,“ ſagte der, welcher zu⸗ letzt gekommen war.„Das iſt eine Ehre für einen Enkel, Kapitain Weſtover.“ „Ich betrachte es ſo, das verſichere ich Ihnen,“ ſagte mein Freund, als er ſeinem Verwandten entge⸗ genging, und ich darf nicht erſt ſagen, daß meine Augen ſich lebhaft auf den Vater der Lady Katha⸗ rina richteten. Er war ein großer, hagerer Greis von ausge⸗ zeichnetem Ausſehen. Ich erfuhr ſpäter, daß er viel über ſiebzig Jahre alt ſein müſſe, obgleich er nicht älter als ſechzig ſchien. Er hielt ſich völlig gerade und aufrecht, obgleich er nicht ſteif zu ſein ſchien, und war völlig ſchwarz gekleidet, was zu jener Zeit in England nicht gewöhnlich war. Jedes Kleidungs⸗ ſtück paßte ihm vortrefflich. Seine Schuhe, woran er noch Schnallen trug, waren glänzend, wie ein Spiegel und ſeine Handſchuhe ſaßen wie angegoſſen an ſeinen Händen. Seine Wäſche war außerordent⸗ lich fein und weiß wie Schnee, und ſein Haar wäre wahrſcheinlich auch ohne Puder ſo weiß wie Lein⸗ wand geweſen ſein. Sein Geſicht war ſehr ſchön und ſeine Geſichtsfarbe außerordentlich zart, ohne aber et⸗ was Weibiſches zu haben. Es zeigte ſich feſte Ent⸗ ſchloſſenheit auf ſeiner breiten, hohen Stirn, und ſeine L 8. Zähne, von welchen er keinen einzigen verloren zu haben ſchien, biß er immer feſt zuſammen, wenn er nicht ſprach. Sein Schritt war langſam und bedäch⸗ tig, zeigte aber keine Altersſchwäche, und ſeine feſte Haltung verließ ihn keinen Augenblick. Zwiſchen den beiden Pairs war keine Vorſtel⸗ lung nöthig, und ſie drückten einander herzlich die Hände. Einen von den anderen Herren kannte Lord N. auch und der dritte wurde ihm vorgeſtellt. Dann wendete ſich Weſtover um und ſtellte mich als Mon⸗ ſieur de Lacy vor. Einen einzigen Augenblick ſchien der Graf ſehr bewegt. Es ging eine geringe Verän⸗ derung in ſeinem Geſichte vor, die Muskeln um ſei⸗ nen Mund zuckten unwillkürlich, doch verging es in einem Augenblick wieder. Er vergaß indeß ſeine Höf⸗ lichkeit nicht, reichte mir nicht die Hand, ſondern ver⸗ neigte ſich grazibs, ſagte einige Worte von Frank⸗ reich und England, die durchaus nicht nachtheilig für mein Vaterland waren, obgleich er die Hoffnung aus⸗ ſprach, daß ich einige Entſchädigung für meinen er⸗ zwungenen Aufenthalt in Großbritannien finden würde. Dann wendete er ſich zu ſeinem Enkel und den anderen Herren. Es kamen noch zwei andere zu der Geſellſchaft hinzu, und bald darauf gingen wir zur Mittagstafel. 1 Vermöge Weſtover's Anordnung erhielt ich mei⸗ nen Platz neben ſeinem Großvater; aber anfangs ſchien er nicht geneigt, viel auf mich zu achten; und um die Wahrheit zu ſagen, war ich ſehr beſchäftigt mit meinen eigenen Gedanken und geneigt, ein wenig ſchweigſam zu ſein. Nach einiger Zeit aber verwickelte mich ein Herr, der mir gegenüber ſaß, in eine Un⸗ terredung, und Etwas, was ich ſagte, ſchien dem alten Grafen zu gefallen oder ihm auffallend zu ſein, denn er miſchte ſich mit viel Takt und Witz in das Geſpräch. Jene Unterredung wurde beſeitigt, aber der Graf fuhr fort mit mir zu reden, indem ſein Herz vielleicht durch den guten Wein und die guten Speiſen ein wenig geöffnet wurde, was beſonders bei Engländern, wie ich bemerkt habe, eine große Wir⸗ kung hat, Höflichkeit hervorzubringen. Seine Herr⸗ lichkeit fragte mich, wie mir das Land gefalle, ob ich ſchon viel davon geſehen habe, und wo ich den Sommer zuzubringen beabſichtige. Ich antwortete kurz, ich habe noch ſehr wenig von dem Lande geſehen und meine Pläne wären noch ſehr unbeſtimmt. „Es iſt Schade, daß Charles ſo bald zu ſeinem Regimente muß,“ ſagte der Graf,„ſonſt hätte er Ihnen viel Sehenswerthes in England zeigen können, und was noch mehr iſt, Sie könnten nicht in beſſe⸗ ren Händen ſein. Ich darf Ihnen nicht erſt ſagen, Herr von Lacy, daß es für einen jungen Mann und einen Fremden in dieſem Lande höchſt nothwendig iſt, ſeine Bekanntſchaften gut zu wählen.“ „Die Sache iſt mir ſehr wohl bekannt, My⸗ lord,“ verſetzte ichz„und ich halte mich für ſehr glücklich, daß ich ſo bald mit dem Kapitain Weſt⸗ over bekannt geworden bin. Ich habe wenig oder gar keine Bekannte, als die, welche er mir ver⸗ ſchafft hat, und den Banquier, an den ich Briefe. hatte.“* „Ha!“ verſetzte der Graf gedankenvoll, und nach⸗ dem er einen Augenblick nachgeſonnen, als ob er uͤber Etwas ungewiß ſei, ſagte er:„Ich meine, ich hörte Sie in der Geſellſchaft Graf de Lacy nennen— ha⸗ ben Sie den Titel aufgegeben?“ „Ich nahm ihn nie aus eigenem Willen an, Mylord,“ verſetzte ich,„obgleich ich glaube, daß er mir mit Recht zukommt. Ich wurde ſehr früh aus Frankreich getrieben und würde wahrſcheinlich nie Et⸗ was von meinem Grafentitel erfahren haben, hätte ich nicht in Hamburg eine Verhindung geſchloſſen, die mir eine beträchtliche Erbſchaft von einem alten Freunde verſchaffte, in Folge deren ein Brieſwechſel zwiſchen Hamburg und England ſtattfand.“ „Aber wie wußte man in Hamburg, daß Sie ein Graf waren, wenn Sie es ſelber nicht wußten?“ fragte der Graf. „Aus einem Briefe von England,“ antwortete ich vielleicht ein wenig trocken.„Er bezog ſich auf — 119— Geldangelegenheiten, wovon ich, um die Wahrheit zu ſagen, Nichts verſtehe; aber er war an eine Ham⸗ burger Behörde gerichtet und ich wurde darin als Graf bezeichnet. Derſelbe Titel wurde in der ſpäteren Kor⸗ reſpondenz wiederholt, und ſo kam es, daß er mir hier zu meiner großen Beläſtigung beigelegt wurde; denn ich möchte den Grafentitel gern ganz ablegen, da ich nicht die Mittel habe, eine ausgezeichnete Stel⸗ lung zu behaupten.“ „Hal ich ſehe, ich ſehe,“ ſagte der Graf.„Sie ſprechen aber außerordentlich gut Engliſch, Herr de Lacy. Sie müſſen es ſehr jung gelernt haben.“ „Ich erinnere mich nicht, wo ich es der Zeit nicht geſprochen,“ verſetzte ich. „Das iſt auffallend in Frankreich,“ verſetzte der alte Herr.„Sprach Ihr Vater Engliſch?“ Ich fühlte, wie ſich eine Wolke über mein Ge⸗ ſicht verbreitete, und ich erwiederte mit ſehr ſchmerz⸗ lichen Empfindungen:— „Ich kannte meinen Vater nie, Mylord, und weiß nicht, wer oder was er war. Ich hörte, daß er ermordet worden— aber das iſt Alles, was ich weiß.“ „Ich bitte um Verzeihung— ich bitte um Ver⸗ zeihung,“ ſagte der alte Graf;„ich wollte Sie nicht verletzen. Es ſind ſchmerzliche Verhältniſſe in faſt 1 — 120— jeder Familie. Erlauben Sie mir, ein Glas Wein mit Ihnen zu trinken?“ Während des übrigen Theiles des Abends wurde ſein Ton gegen mich etwas weniger ſteif und freund⸗ licher. Er that indeſſen keine Fragen weiter, ſondern unterhielt ſich von gleichgültigen Gegenſtänden und ſchien ſehr zufrieden mit meinen Bemerkungen. Er entfernte ſich freilich bald und ich blieb noch eine Zeitlang da, in der Hoffnung, noch etwas mehr von Weſtover über ſeine Tante, die Lady Katharina zu erfahren. Ich hatte die Gelegenheit der günſtigen zehn Minuten, während welcher ich vor dem Mittag⸗ eſſen allein mit ihm war, vorübergehen laſſen und es zeigte ſich keine wieder zu einer beſonderen Unterre⸗ dung. Ich konnte nur wagen, in Gegenwart Ande⸗ rer die Hoffnung auszuſprechen, daß ſeine Tante, die Lady Katharina, nicht ernſtlich krank geworden ſei nach den Anſtrengungen der Revue. Er ſagte, ſie wäre ſeitdem durchaus nicht wohl geweſen, und ich be⸗ merkte, ich halte ſie für ſehr ſchön. „Sie war einſt das liebenswürdigſte Weſen in ganz England, wie man mir ſagt; aber das iſt vor⸗ bei, und ich denke, man kann ſie jetzt kaum ſchön nennen— es ſei denn als eine ſchöne Ruine.“ Er ſprach ſehr ernſt— ja traurig und ich wollte den Gegenſtand nicht weiter fortſetzen. Ich blieb noch — 121— einige Zeit da, um zu ſehen, ob die anderen Gäſte nicht gehen würden, aber ſie zeigten keine Neigung dazu, und da ich einen weiten Weg vor mir hatte, ſo entfernte ich mich. Weſtover verſprach in einem oder zwei Tagen zu mir zu kommen, um mich zu einem Ausfluge abzuholen. Neuntes Kapitel. Das erſehnte Wiederſehen. Gewohnte Ehrerbietung iſt etwas Seltſames— ſtärker, als die meiſten anderen Gewohnheiten. Ich war gewiß von etwas ungeſtümer Gemüthsart, lebhaft und ungeduldig beim Verzuge, ungeachtet meiner viel⸗ fachen Erfahrungen auf meinen weiten Wanderungen und in allen meinen ſchwierigen Lagen und Nöthen; aber die gewohnte Ehrerbietung, die ich für den guten Pater Bonneville hegte, war nicht zu bemeiſtern. Es war einer jener Eindrücke, die ich in der Jugend em⸗ pfangen, welche gleich den Fußſpuren gewiſſer Thiere, die wir in Felſen entdecken, dort abgedrückt worden, als die Subſtanz noch weich war, die aber, als ſie ſich verhärtete, unauslöſchlich wurde. Ich kehrte, in einer meiner Erwartungen getäuſcht, von London zu⸗ rück, und gern hätte ich eine lange Unterredung mit — 123— dem guten Pater Bonneville über alle die Zweifel und Geheimniſſe gehabt, die mein Schickſal umgaben. Das Verſprechen, daß ich in einer künftigen Zeit Auskunft erhalten ſolle, genügte mir nicht, und ich dachte, wenn er den Gegenſtand nur wieder berühre, wolle ich in ihn dringen, mir noch weitere Auskunft zu geben. Ja, ich dachte, die Geſellſchaft bei Weſtover würde mir den Weg bahnen und ich beſchloß, nicht zu ver⸗ fehlen, die erſte Gelegenheit zu benutzen. Als der gute Pater aber mit ſeinem ruhigen und milden Geſichte und ſeiner gewohnten Schweigſamkeit, obgleich er durchaus nichts Abſtoßendes, nichts von der Undurchdringlichleit an ſich hatte, die den römiſch⸗ katholiſchen Prieſter charakteriſirt, zum Frühſtück her⸗ unterkam, ſo empfand ich doch Widerwillen gegen den Gedanken, ihn noch weiter über einen Gegenſtand zu befragen, dem er mit ſo vieler Aengſtlichkeit auszu⸗ weichen ſuchte, und er gab mir gewiß keine direkte Ermuthigung. Er fragte nur, ob ich eine angenehme Geſellſchaft im Hauſe des Kapitain Weſtover getroffen; und als ich ihm dagegen erzählte, aus welchen Per⸗ ſonen die Geſellſchaft beſtanden, und mit einiger Um⸗ ſtändlichkeit bei der Erſcheinung und dem Benehmen des Grafen von N. verweilte, ſchien er ein wenig überraſcht zu werden und ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß der Schatten einer ſtarken und nicht ſehr angenehmenen Aufregung über ſein Geſicht dahin⸗ zog; doch that er keine Frage und machte keine Be⸗ merkung irgend einer Art. Dann ließ ich den Gegen⸗ ſtand ungeachtet aller meiner Entſchlüſſe fallen. Einige Tage vergingen ruhig und langweilig ge⸗ nug. Das engliſche Volk liebt es nicht, neue Be⸗ kanntſchaften zu machen. Keiner von unſeren Nach⸗ barn hatte uns noch beſucht, und der Herr, der mir an dem Fluſſe begegnet war, erſchien nicht wieder. Tiefe Stille iſt das Läſtigſte für einen ungeduldigen Geiſt; und ich muß bekennen, ich war ſehr ärgerlich und unruhig in dieſen drei oder vier Tagen. Alle Welt ſchien uns vergeſſen zu haben, und ich fühlte mich dort, von jeder Bequemlichkeit umgeben, viel ein⸗ ſamer, als auf meiner weiten Wanderung von der Schweiz nach Hamburg, wo ich faſt allein auf der Welt zu ſein hätte glauben können. n Es regnete auch unaufhörlich, und ich begann mich ſehr engliſch zu fühlen und auf das Klima zu ſchelten, obgleich es, beiläufig geſagt, das beſte iſt, welches ich je erlebt habe, mit Ausnahme des mittle⸗ ren Frankreich. Ich konnte nicht ausreiten— ich wurde des Leſens überdrüßig— ich hatte Niemand, an den ich ſchreiben konnte— ich ärgerte mich über mich ſelbſt und die ganze Welt und ſelbſt über die friedlichen und ſtillen Beſchäftigungen des Pater Bonne⸗ ville. Am Sonnabend Morgen fand indeſſen eine Ver⸗ änderung ſtatt; der Himmel wurde klarer, helle Wol⸗ ken, gleich ungeheuren Schneeflocken, folgten auf den unaufhörlichen Regen; der blaue Himmel zeigte ſich hie und da und als ich nach dem Frühſtück aus dem Fenſter blickte, bemerkte ich Weſtover, der auf das Haus zugeritten kam. Ein Diener folgte ihm, der ein kleines Felleiſen hinter ſich hatte. Es führte kein Weg zum Hauſe und nur ein Gang durch einen hübſchen kleinen Garten; und als er am Thore abſtieg, hörte ich, wie mein Freund dem Diener ſagte, er möge das Felleiſen hereinbringen, die Pferde in das Gaſthaus führen und ihnen Futter ge⸗ ben. Dann kam er langſam auf das Haus zugegan⸗ gen, nickte mir zu und ich konnte bemerken, daß er blaß und krank ausſah. Er war indeſſen in ſeiner gewöhnlichen guten Stimmung, reichte mir und Pater Bonneville herzlich die Hand und ſagte: „Hörten Sie meinen Befehl, mein Felleiſen her⸗ einzubringen? Es war ein unglücklicher Umſtand für Sie, daß ich in der Nähe Ihres Hauſes war und wußte, daß Sie ein übriges Zimmer haben; denn ich bitte um Aufnahme bis zum Montag.“ Ich begrüßte ihn freudig, und indem er ſich ein wenig matt niedarſetzte, ſagte er: „Ich bin ſeit den letzten wenigen Tagen unwohl 2 geweſen, und man ſagt mir, ich müſſe jene lärmende — 1261— und läſtige Stadt London verlaſſen; und ſo komme ich denn, um zu ſehen, ob Sie mich in Ihrer ruhigen Wohnung aufnehmen wollen— obgleich ich nicht denke, daß es mir viel nützen wird.“ „Nun, was giebt's, Weſtover?“ fragte ich. „O, es iſt nur die läſtige Kugel,“ entgegnete er, ſeine Hand auf die Bruſt legend.„Ich vermuthe, ſie hat eine andere Wendung genommen und gemacht, daß ich wieder Blut auswerfen mußte.“ 1 „Iſt ſie denn nicht herausgezogen worden?“ fragte ich. Er ſchüttelte traurig den Kopf und antwortete: „Nein, nein, man ſagt mir, ſie muß auf mein Leben lang dort bleiben, mag nun das Leben lang oder kurz ſein; und es iſt das Seltſamſte in der Welt, wie eine ſolche unbedeutende Sache, wie dieſe— eine Unze Blei in ſeinem Körper zu haben, ohne zu wiſſen, wo man ſie finden ſoll— die Lebensgeiſter eines Menſchen niederdrückt, wie ſie immer ſeinen Gedanken gegenwärtig iſt— Etwas, wovon er ſich nicht befreien kann— das Schwert, welches während des großen Feſtes des Lebens an einem einzigen Haare über ſei⸗ nem Kopfe ſchwebt. 4 „Nun, wir wollen Sie hier ſo ruhig wie mög⸗ lich halten,“ antwortete ich, ndenn darauf verſtehen wir uns vortreffllich.“ „Wenn Sie während der lebie drei Tage hiet — 127— geweſen wären,“ ſagte Pater Bonneville mit ruhigem Lächeln, ſo würden Sie es ruhig genug gefunden ha⸗ ben, Kapitain Weſtover— ruhiger, als unſer Freund Louis es liebt, glaube ich; denn wie Sie bemerken können, hat er den Teppich abgenutzt, indem er be⸗ ſtändig vom Tiſche zum Fenſter gegangen. Ich denke immer, wir können gute Lehren von den Thieren an⸗ nehmen. Gott belehrt ſie, was unter allen Umſtänden das Beſte iſt, und ich ahme den Hähnen, den Hen⸗ nen und dem großen Hunde nach, die, wie ich be⸗ merke, beim Regenwetter beſtändig ſtill ſitzen und Al⸗ les ruhig aufnehmen, da ſie wiſſen, daß Alles, was ſie thun könnten, möchten ſie auch ſo ſchnell laufen, wie ſie wollten, den Wind nicht verändern oder die Wolken veranlaſſen würde, auch nur einen Regentro⸗ pfen zurückzuhalten.“ Weſtover lächelte, aber erwiederte: „Es iſt nicht gerade die völlige Ruhe, die ich ſuche, mein ehrwürdiger Freund, ſondern ich wünſche die Atmosphäre, die Geſellſchaften, den Rauch der Städte und das unverſchämte Geplander zu verlaſſen. Nein, nein— es giebt keine Ruhe für mich. Wenn ich doch bald mit meinem Trupp reiten ſoll, kann ich eben ſo gut hieherreiten, und ſo denke ich, ſoll de Lacy ſein Pferd beſteigen und mit mir nach Eltham oder Eſher oder an irgend einen anderen Ort reiten, der wegen der Vergangenheit merkwürdig iſt. Morgen — 128— will ich mit Ihnen in die Meſſe gehen; denn ſo ſehr ich Proteſtant bin, kann ich nicht umhin, zuzugeben, daß man bei Ihnen in den ſchlechteſten Kapellen beſſer ſingt, als bei uns in den beſten.“ Pater Bonneville ſah mich mit mattem Lächeln an und ich benachrichtigte Weſtover, daß wir im Laufe der letzten zwei Jahre die römiſche Kirche verlaſſen. „Es geſchah nicht aus Intereſſe, Kapitain Weſt⸗ over,“ ſagte Pater Bonneville,„noch aus Furcht oder Gunſt, ſondern aus reiner Ueberzeugung. Die Sache iſt, ich fand zu einer Zeit des großen Kummers und der Beſorgniß ſo viel Troſt in der Bibel, daß ich nicht bei einer Kirche bleiben konnte, welche dieſelbe meinen Mitmenſchen verweigerte; und ohne unchriſtlich zu ſein, glaubte ich den Grund einzuſehen, weshalb ſie den Menſchen im Allgemeinen vorenthalten wird, nämlich weil ſie deutlich genng die Handlungsweiſe der Prieſter verurtheilt. Louis kam zu demſelben Schluſſe, während wir getrennt waren; und indem wir uns als Katholiken trennten, kamen wir wieder als Proteſtanten zuſammen.“ Weſtover ſchien von dieſer Nachricht mehr über⸗ raſcht und bewegt zu werden, als ich erwartet hatte. Er drückte mir mit Wärme die Hand und ſagte: „Es iſt mir lieb, de Lacy, es iſt mir lieb. Dies macht einen großen Unterſchied— und ich bin aufrichtig erfreut darüber. Ich will nicht mehr davon * — 129— reden, in die Meſſe zu gehen, obgleich ich gern eine gute Meſſe ſingen höre, ſo daß mein edler Großvater zuweilen fürchtet, ich möchte Katholik werden, in wel⸗ chem Falle er mich, da er ein ſtrenger Proteſtant iſt, ohne Zweifel enterben würde. abei würde es ihm leid ſein, daß er mich ce, Wennanied berauben könnte, welches mein Oheim Weſtover mir hinterlaſſen — ich möchte es denn für die Propaganda ausgeben. Aber kommen Sie, de Lacy, laſſen Sie uns in das Gaſthaus gehen, unſere Pferde beſteigen und einen Ritt machen.“ Wir waren bald auf dem Wege, und als wir durch das kleine Dorf Lewiſham ritten, rief Weſtover, der ſich umſah: „Guter Himmel! welch ein ſchönes Geſicht!“ Ich wendete ſchnell meinen Kopf um, konnte aber Niemand ſehen. Der Weg war leer, außer wo ein Arbeiter einen Schubkarren fuhr und ein Kärrner einen Koffer von einem Wagen nahm. An der Seite des Weges ſtand freilich eine von jenen kleinen male⸗ riſchen Hütten, wie man ſie nur in England ſieht, wo feiner Geſchmack und Liebe zum Schönen ſelbſt die beſcheidenſten Wohnungen mit tauſend Reizen ſchmücken. Sie hatte nur ein Stockwerk mit Dachſtuben an jedem Ende. Die Fenſter hatten kleine Scheiben, die in Blei gefaßt waren. Das Dach war mit Rohr gedeckt und die Thür ſchien kaum hoch genug, um einen Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 9 Mann einzulaſſen, aber das Dach war mit grünem Moos und Hauslauch bedeckt und die ganze Fronte des Hauſes mit blühenden Roſen geſchmückt, die zwi⸗ ſchen den kleinen Fenſtern hinaufgezogen waren und hie und da einen langen blüthentragenden Arm aus⸗ ſtreckten, als wollten ſ den vorübergehenden Wanderer einladen. 6 „Sie iſt fort,“ ſagte Weſtover,„davongelaufen beim Anblick zweier Männer zu Pferde, als wenn ſie zum erſten Male in ihrem Leben einen ſolchen Anblick gehabt hätte. Aber gewiß ſah ich nie ein liebenswür⸗ digeres Geſchöpf.“ Ich bat ihn, ſie mir zu beſchreiben; aber welche Beſchreibung kann je einen Begriff von einem Geſichte gewähren? Seine Schilderung war unvollſtändig ge⸗ nug, aber er ſagte, ſie habe die ſchönſten Augen in der Welt, und das war völlig hinreichend für meine thörichte Phantaſie, den Umriß mit Mariettens Zügen auszufüllen. Ich überraſchte mich beim Aufbauen die⸗ ſer neuen Art von Luftſchlöſſern und konnte nicht um⸗ hin, über meine eitlen Einbildungen zu lächeln. „Worüber lachen Sie, de Laey?“ fragte mein Begleiter. „Ueber mich ſelbſt, Weſtover,“ entgegnete ich. „In Wahrheit, Ihre Beſchreibung gleicht ſo ſehr einer Perſon, die ich ſchon lange geſucht und welche ich ſo gerne auffinden möchte, daß mir im Augenblick — 131— einfiel, ſie und das Mädchen in der Hütte möchte dieſelbe Perſon ſein.“ „Ah! ſteht es ſo?“ ſagte Weſtover lachend. „Wenn aber Ihre Liebesgeſchichte von ſo langer Dauer iſt, kann es nicht dieſelbe ſein, denn ſie ſchien noch ganz jung— nicht älter, als ſiebzehn oder achtzehn Jahre.“ „Das mag ſein,“ antwortete ich,„und meine Liebesgeſchichte, wie Sie ſie nennen, ſchreibt ſich von zwölf Jahren her. Die Perſon, die ich ſuche, iſt eine Geſpielin meiner Jugend, die, wie ich ſelber, aus ihrem Vaterlande ausgewandert iſt. Ich fürchte ſehr, daß ſie und ihre Mutter in großer Noth ſind, während es in meiner Macht ſteht, ſie zu unter⸗ ſtützen.“ „Ihre Geſchichte muß ſeltſam und intereſſant ſein,“ ſagte Kapitain Weſtover.„Ich wünſchte, Sie erzählten mir dieſelbe ausführlich an einem langweili⸗ gen Abend, wo Sie nichts Beſſeres zu thun haben. Ich liebe ein träumeriſches Geſpräch mit einem Manne über ſeine vergangene Zeiten.“ „ SIch dächte, die Hauptſtadt müßte Reize genug haben,“ antwortete ich,„um die Männer nach der Mode auf andere Weiſe zu beſchäftigen.“ „Reize, deren man ſich entweder gar nicht oder mit Bitterkeit erinnert,“ entgegnete Kapitain Weſtover. „Ich gebe Ihnen mein Wort, de Lacy, es ſind viele 9⸗ — 132— von uns, die gern Wachslichte ſchimmern, Cham⸗ pagner ſchäumen und helle Angen— ohne ein Herz hinter ihnen— glänzen laſſen würden, um bei einer beſchatteten Lampe mit einem Manne der Handlung zu ſitzen, der Etwas von verſchiedenen Ländern, von einer verſchiedenen Welt und einem verſchiedenen Leben geſehen hat, und den Erzählungen von den Wirklich⸗ keiten des Herzens zuhören, während alles Andere um uns her nur die Flitterpracht eines Traumes iſt.— Wann ſoll es ſein, de Laey?“ „Dieſen Abend, wenn Sie wollen,“ antwortete ich;„wir werden gewiß nicht geſtört werden.“ „Aber der alte Mann,“ ſagte er.„Junge Män⸗ ner können nie vor alten mit offenem Herzen reden. Das Alter hat eine Macht, die uns beherrſcht, auch wenn keine wirkliche Autorität da iſt.“ „O! er geht immer um neun Uhr zu Bette,“ ſagte ich. Und ſo beſtimmten wir es. Als wir von unſerem Spazierritte zurückkehrten, benachrichtigte mich Pater Bonneville, es wären einige Perſonen in der Nachbarſchaft, die er am nächſten Montag mit mir zu beſuchen wünſche; und Weſtover und ich gingen, um uns zum Mitttageſſen anzukleiden — was damals eine wichtigere Operation war, als gegenwärtig. Wir hatten das gewöhnliche engliſche Mittageſſen, eine kleine Meerbutte, geſottene Hühner und Schinken, vorher Suppe nach franzöſiſcher Sitte, — 133— ohne welche Pater Bonneville nicht ſein konnte, und zuletzt die unvermeidliche Apfeltorte. Nach ſeinem Kaffee blieb der gute Pater noch eine Stunde bei uns, zündete dann ſein Licht an, entſchuldigte ſich mit der Grazie eines alten Hofmannes wegen ſeiner frühen Gewohnheiten und begab ſich zur Ruhe. Dann er⸗ zählte ich meine Geſchichte faſt eben ſo, wie ich ſie jetzt erzähle, nur ein wenig kürzer, und ich muß ſa⸗ gen, daß Weſtover nicht nur mit der Standhaftigkeit eines Märtyrers zuhörte, ſondern auch lebhaftes In⸗ tereſſe zeigte, wenn ich nach ſeinen Fragen bei vielen Theilen meiner Erzählung urtheilen darf. Ein⸗ oder zweimal ſtand er auf, ging in dem kleinen Zimmer auf und ab, ſetzte ſich wieder nieder, wenn ich inne hielt, und ſagte: „FJahren Sie fort, de Lacy, ich höre zu.“ Ich konnte die ganze Geſchichte nicht an einem Abend beenden; aber am Sonntag Abend wurde die Erzählung beendet, und am Montag machte er ſich, ungeachtet aller Vorſtellungen, auf den Weg, und ſagte, er kehre nach London zurück. Warum, weiß ich nicht, aber ich beobachtete ihn aus dem Fenſter, als er über den freien Platz ritt, dachte über ſeinen Geſundheitszuſtand nach, ſo wie über die Gefahr, der er ſich ausſetzte, wenn er wieder zu ſeinem Regimente ging, ſo lange er noch die Kugel in der Bruſt hatte. Plötzlich ſah ich zu meiner Ueberraſchung, wie —— — 134— er ſein Pferd in der Entfernung von etwa fünfhundert Schritten vom Hauſe anhielt, ſeinem Diener winkte und einen Augenblick mit ihm ſprach. Dann ſchlug der Herr den Weg zur Linken ein, der nach Lewiſham führte, und der Diener ritt auf dem Wege nach Lon⸗ don weiter. Es iſt durchaus unmöglich, die Empfindungen zu beſchreiben, die ſich im Augenblicke meiner bemäch⸗ tigten. Es war eine Miſchung von Zorn, Argwohn und Verdacht, die ich mir ſelbſt jetzt kaum erklären kann. Die Phantaſie war auch geſchäftig wie ein Dämon; und ich hielt mich völlig überzeugt, daß er zu der Hütte zurückkehre, um, wenn möglich, mit dem ſchönen Mädchen, welches er geſehen, Bekanntſchaft zu machen. Ich überredete mich in einem Angenblick wie⸗ der, daß es Mariette ſein müſſe, und ſtellte mir Weſtover mit ſeiner ſchönen Perſon und ſeinem ein⸗ nehmenden Weſen vor, der ihr den Hof mache und den armen Louis de Lacy auf immer aus ihrem Her⸗ zen verdränge. Es koſtete mir den Kampf einer Stunde, ſolche Gefühle zu überwinden, und als ich mein Möglichſtes gethan, war ich noch nicht zufrieden. Gegen zwölf Uhr machte Pater Bonneville den Vorſchlag, daß wir ausgehen wollten, um unſern Be⸗ ſuch zu machen, und erſt jetzt fragte ich, wem dieſer Beſuch gelten ſolle. — 135— „Ei, Louis,“ ſagte er,„Du ſchienſt ſo gleich⸗ gültig, als ich am Sonnabend davon ſprach, daß ich Dir nicht ſagte, daß der Mann, deſſen Bekannt⸗ ſchaft Du beim Fiſchen gemacht, uns während Deines Spazierrittes mit Kapitain Weſtover beſuchte. Er iſt ein Herr von guter Familie, und wir müſſen daher ſeinen Beſuch erwiedern, auch wenn ich nicht glaubte, daß er uns benachrichtigen kann, wo Frau von Sa⸗ lins zu finden iſt.“ „Iſt Mariette nicht bei ihr?“ fragte ich lebhaft. „Ich glaube es,“ verſetzte Pater Bonneville lä⸗ chelnd;„aber laß uns gehen; ich ſagte, wir würden vor ein Uhr dort ſein.“ Ich hielt ihn nicht auf, aber es ſchien mir, als gehe er außerordentlich langſam, und ich wünſchte von Herzen, ich hätte meinen Ponywagen zu der Erkur⸗ ſion beſtellt. Er nahm ſeinen Weg gerade auf Le⸗ wiſham zu, wendete ſich im Dorfe links und näherte ſich der Hütte mit den Roſen. Ich weiß nicht, was in meinem Herzen vorging, aber es erinnerte mich an ein Kunſtſtück, welches ich einen Taſchenſpieler mit einem Ei hatte ſpielen ſehen, und welches er durch irgend eine Vorrichtung aus einem Topfe ſpringen ließ, ſobald er es hineingeworfen. Pater Bonneville blieb vor derſelben Thür ſtehen, und ſagte dann plötzlich: „Ei, was iſt Dir, Louis? Du biſt ja todtenblaß.“ — 136— „O Nichts, Nichts,“ verſetzte ich, und klopfte an die Thür. Ich war jetzt roth genug. Ein kleines Dienſtmädchen öffnete und Pater Bonneville fragte, ob der Herr Graf zu Hauſe ſei? Meine Hoffnungen wegen Mariettens begannen zu erlöſchen und zogen ſich in einen ſehr kleinen Punkt zuſammen, als ich in ein ſehr enges Gemach trat, welches eine gute Anzahl von Büchern enthielt und wo ich meinen Bekannten vom Fluſſe her, allein und ohne eine Spur weiblicher Beſchäftigung fand. Er reichte uns Beiden die Hände und begrüßte uns herzlich, und aus Höflichkeit ſah ich mich genö⸗ thigt, für jetzt meine Nengierde zu unterdrücken. „Dies iſt mein kleines Studirzimmer,“ ſagte er, nachdem wir uns eine Zeitlang unterredet hatten,„wo ich einige junge Leute im Franzöſiſchen unterrichte, um die geringen Subſiſtenzmittel, die mir noch übrig ſind, zu ſparen. Aher ich danke Gott für dies Alles und bedaure nur, daß ich nicht genug habe, um diejenigen von meinen Landsleuten zu unterſtützen, die noch we⸗ niger haben, als ich.“ „Das iſt es, was ich fürchte,“ antwor „nämlich, daß viele, und unter dieſen einige, die ich aufrichtig liebe, in großer Noth ſind, während ich im Ueberfluſſe lebe.“ 4 „Es giebt deren in der That viele, Monſieur de — 137— Lacy,“ ſagte er; aber als die Worte noch auf ſeinen Lippen waren, öffnete ſich die Thür, und eine muſi⸗ kaliſche Stimme ſagte: „Darf ich eintreten?“ „Gewiß, mein Kind,“ verſetzte er. Sie hatte die Erlaubniß vorausgeſetzt, und war ſchon im Zim⸗ mer. Da waren dieſelben Augen, daſſelbe ſchöne Ge⸗ ſicht, welches ich im Wagen geſehen hatte, und eine Figur voll Grazie und Symnietrie. Wenn auch mein Herz es mir nicht ſogleich ge⸗ ſagt hätte, daß es Mariette ſei, würde es mir der freudige Sprung, womit ſie in Pater Bonneville's Arme eilte, ſogleich gezeigt haben. Was ſich meiner bemächtigte, kann ich nicht ſa⸗ gen; aber ich konnte kein Wort reden, und ſtand wie ein Thor da— noch verwirrter, weil ich fühlte, daß die Augen des Fremden auf mich gerichtet waren. Er ſah mich lebhaft forſchend an, denn ich muß mich auf irgend eine Weiſe verrathen haben. „Kennſt Du mich nicht, Louis?“ fragte Mariette. „Ob ich Dich kenne!“ rief ich; und wenn auch die ganze Welt zugegen geweſen wäre, hätte ich nicht umhin können, ſie in meine Arme zu drücken, und ihre Wange zu küſſen.„Ob ich Dich kenne!“ wie⸗ derholte ich.„O ja, ich kannte Dich im erſten Au⸗ genblick, als ich Dich auf Blackheath im Wagen ſah.“ „Und ich kannte Dich nicht!“ ſagte Mariette un⸗ — 138— befangen;„aber wie ſollte ich es auch, Louis? Da biſt Du wieder als ein großer Mann, ſechs Fuß hoch, und doch biſt Du noch immer derſelbe— haſt die⸗ ſelben Augen und denſelben Mund, nur Dein Haar iſt dunkler und nicht ſo lockig.“ „Ich ritt Euch durch Greenwich nach,“ ſagte ich, ohne weitere Veranlaſſung, denn mein Kopf ſchwin⸗ delte und ſie hatte ihre Hand in der meinen gelaſſen, was gewiß nicht dazu diente, das Klopfen meines Herzens zu beſänftigen;„doch ich konnte keine Spur von Dir finden.“ „Setzt Euch nieder, ſetzt Euch nieder, meine Kinder,“ ſagte der Herr des Hauſes,„Ihr ſeid Beide aufgeregt von Euren jugendlichen Erinnerungen. Ich will gehen und Eure Mutter rufen.“ „Laſſen Sie mich gehen,“ ſagte Mariette, und, zum Fuße der kleinen Treppe gehend, rief ſie:„Ma⸗ ma, Mama, Louis und Monſieur de Bonneville ſind hier.“ Frau von Salins kam leicht und lebhaft herun⸗ tergelaufen. Sie hatte ſich ſehr wenig verändert und ſah faſt noch beſſer aus, als da ich ſie zuletzt geſe⸗ hen. Es war klar, daß ſie ſehr erfreut war, mich wiederzuſehen; und als wir um den Tiſch ſaßen, wur⸗ den tauſend Fragen gethan, wovon wir einander kaum die Hälfte beantworteten. Alle alten Gefühle und Er⸗ innerungen belebten ſich wieder. Wir ſprachen von — 139— unſerem kleinen Häuschen am Rhein von unſerem Zu⸗ ſammentreffen in Paris, ſo wie von unſeren Aben⸗ teuern auf dem Wege. Der Fremde miſchte ſich ver⸗ traut und unbefangen in die Unterredung und ſchien Alles zu wiſſen, was uns begegnet war. Wir bilde⸗ ten gleichſam wieder eine einzige Familie, und endlich wendete ich mich, durch die Ernenrung alter Gefühle und Gedanken kühn gemacht, zu dem Herren des Hauſes und Frau von Salins und ſagte vielleicht ein wenig plötzlich: „Wer iſt dies? Kann ich ihm nicht förmlich vor⸗ geſtellt werden?“ 4 „Kennen Sie ihn nicht, Louis?“ rief ſie mit ei⸗ nem Blicke der Ueberraſchung.„Es iſt mein Gatte — der Graf von Salins. Wie wäre ich ſonſt hier?“ „Sie vergeſſen, Mama, Sie vergeſſen,“ ſagte Mariette.„Louis dachte immer, daß er todt wäre.“ Und den Hals ihres Vaters umſchlingend, ver⸗ goß ſie einige Thränen bei dem Andenken an die ſchreck⸗ lichen Tage, als wir uns zuerſt geſehen hatten. Ich ſah überraſcht und verwirrt aus, wozu ich wohl Urſache hatte; und mich zu Frau von Salins wendend, murmelte ich: „Sie ſagten mir, er ſei todt.“ „Ich dachte es, als ich es Ihnen ſagte, Louis,“ entgegnete ſie.„Ich ſah ihn vor meinen Augen, an mehreren Stellen verwundet und allem Anſcheine nach — 140— todt, hinfallen. Aber eine ſchimmernde Hoffnung, aus welcher Quelle ſie entſprang, weiß ich nicht, ver⸗ anlaßte mich, Ihnen das Kind zu übergeben, um zu dem Schloßhofe zurückzueilen, wo er hingefallen war. Die Mörder waren fort, das Blut meines Gatten dampfte noch am Boden, aber ſein Körper war fort, und nach einer langen Zeit der Ungewißheit— es waren nur zwei Stunden, aber ſie erſchienen mir wie eine Ewigkeit— fand ich, daß einer von unſeren guten Pächtern ihn fortgetragen und in ſeinem Hauſe einen ſchwachen Lebensfunken nähre, den er noch in ihm gefunden. Ich eilte zu ihm; ich verpflegte ihn mehrere Wochen insgeheim; ich ſah ihn zum Bewußt⸗ ſein und zur Hoffnung geneſen. Niemand, der ihn damals geſehen, würde den heiteren und ſchönen de Salins wiedererkannt haben, und es wurde beſchloſ⸗ ſen, daß er in der Nacht zehn bis zwölf Stunden weggeführt und dann in einer Sänfte nach Paris ge⸗ bracht werden ſolle, wo man ihn für einen Waſſer⸗ ſüchtigen ausgeben wolle, der den Beiſtand unſeres guten Freundes des Doktor L. aufſuche. Das ganze Landyolk war für uns. Nur die Städter waren von dem Wahnſinn der Zeit angeſteckt. Jedermann half uns— Jedermann war verſchwiegen, wie der Tod. Selbſt die Hunde auf den Pachthöfen ſchienen unſe⸗ ren Zweck zu errathen und ihn zu begünſtigen. Sie bellten nicht, wenn die Sänfte auf den Hofplatz kam, ſondern gingen wachſam um uns her, als wollten ſie uns eher vertheidigen, als verrathen. Es wurde in⸗ deſſen nöthig, mich von ihm zu trennen, denn meine Gegenwart würde Alles entdeckt haben, und ich eilte zurück, um mein Kind zu holen, und in Paris mit ihm zuſammenzutreffen. Doktor L. war bereits auf unſere Ankunft vorbereitet; aber er that mehr als man erwarten oder hoffen konnte. Er nahm ihn in ſein Haus und behielt ihn dort mehrere Monate in tiefer Verborgenheit. Während jener Zeit blieb ich unter dem Anſcheine der tiefſten Armuth verſteckt. Mariette beſuchte ihn jeden Tag unter dem Vorwande, Nah⸗ rungsmittel in das Haus des guten Doktors zu brin⸗ gen, aber weder durch Wort noch Blick verrieth ſie das Geheimniß— ſelbſt nicht gegen Sie, Louis. Verzeihen Sie uns?“ Ich griff mit der Hand in den Buſen, und zog den Ring hervor, den Frau von Salins mir gegeben, und den ich noch immer an einer kleinen goldenen Kette trug. Als einzige Antwort drückte ich meine Lippen darauf, und ſie fuhr mit ruhigem Lächeln fort: „Ich konnte ihn nur ſelten beſuchen. Ich wagte es ſelten; aber endlich entwarf Doktor L. den Plan für uns, aus Paris zu entfliehen, über den Rhein zu gehen und dort die Ankunft meines Mannes zu erwarten. Er ſollte ſo ſchnell wie möglich unter der Verkleidung eines in der Schlacht bei Jemappes ver⸗ — 142— wundeten Officiers der republikaniſchen Armee entflie⸗ hen. Tauſend Hinderniſſe ſtellten ſich indeſſen in den Weg und ich blieb in der furchtbarſten Angſt zurück, bis mich endlich ein Brief benachrichtigte, daß der, den ich beinahe ſchon als verloren aufgegeben, wohl⸗ behalten über den Rhein gekommen ſei und in Düſ⸗ ſeldorf meine Ankunft erwarte. Es war noch immer nothwendig, das tiefſte Geheimniß zu bewahren; denn die Emigranten waren von Spionen und Verräthern umgeben, und ein unbeſonnenes Wort hätte den Kopf des guten Doktor L. auf den Block bringen können. Ich kam wohlbehalten mit Marietten zu meinem Ge⸗ mahl, und unſere guten Pächter hatten eine genügende Geldſumme zuſammengebracht, um uns in den Stand zu ſetzen über die See hieher zu fahren und eine Zeit⸗ lang in Verborgenheit zu leben. Jene Summe wäre längſt erſchöpft geweſen, hätten wir nicht das Glück gehabt, von einem brutalen Menſchen, den ich für einen Spion halte, der aber, als er noch ein armer Apotheker in Paris war, viele Wohlthaten von unſe⸗ rer Familie empfangen, aus unſerer kleinen Wohnung in Swallowſtreet getrieben zu werden. Er und ein anderer entſetzlicher Menſch, der Marquis von Carcaſ⸗ ſonne, hatten kein Mitleid mit uns, ſondern ſetzten uns vor vier Jahren, nachdem ſie das Haus gekauſt, auf die Straße. Wir hörten von dieſer kleinen Hütte und mietheten ſie;z und es war ein Segen, denn de — 143— Salins hat eine kleine Klaſſe von Schülern erhalten, wodurch wir unſere geringen Mittel ein wenig geſpart haben.“ „Wir ſuchten Sie in jenem Hauſe in Swallow⸗ ſtreet auf,“ ſagte Pater Bonneville;„denn Louis wurde von dem Gedanken verfolgt, daß Sie Mangel leiden müßten, und er hat Sie überall aufgeſucht, ſeitdem wir nach England kamen.“ „Wirklichen Mangel haben wir niemals gelitten,“ ſagte Herr von Salins,„obgleich wir arm genug waren— ja, ſo arm, daß ich mich veranlaßt ſah, mein Kind auf einen langen Beſuch zu reichen und gemeinen Leuten gehen zu laſſen, um unſer geringes Einkommen zu ſparen. Sie dachten, Mariette de Salins ſei ſo weit heruntergekommen, um die Hand ihres gemeinen und rohen Sohnes anzunehmen, aber ſie ſind jetzt eines Beſſeren belehrt worden.“ „Und beſuchten Sie jenes Haus in Swallow⸗ ſtreet?“ fragte Frau von Salins, mich mit lebhaftem und forſchendem Blicke anſehend.„Wen ſahen Sie dort?“. Ich erzählte ihr alle einzelnen Umſtände; Pater Bonneville fügte hie und da ein Wort hinzu, und der Bericht ſchien Herrn und Frau von Salins ſehr zu überraſchen. „Er weiß es nicht,“ ſagte Frau von Salins 1 — 144— in langſamem und gedankenvollem Tone, indem ſie ihre Augen auf ihren Gemahl richtete. „Und ſo fanden Sie alſo Herrn von Carcaſſonne in Armuth und Elend?“ ſagte Herr von Salins. „Eine Viper ſtach die andere, vermuthe ich. Liebe Frau, wie dankbar müſſen wir dem Himmel ſein, daß wir mit reinem Gewiſſen und ſchuldloſem Her⸗ zen hier ſitzen und das Brod ſeiner Gnade eſſen. Man mag uns Alles nehmen, nur nicht Unſchuld und Ehre, und wir werden reich ſein im Verhältniß zu jenen Menſchen, und wären ſie auch reich und mächtig wie in früherer Zeit.“ „Und iſt es möglich, Monſieur de Salins,“ fragte ich, indem ich der Gedankenrichtung meines Geiſtes folgte, obgleich noch viele andere Gegenſtände Aufmerkſamkeit forderten,„iſt es möglich, daß Sie und die liebe Mariette und Frau von Salins hier in verhältnißmäßiger Armuth gelebt haben, während ich mich des Reichthums und Alles deſſen erfreut habe, was der Reichthum gewähren kann? So kann es nicht länger—“ Ich ſah einen leichten Schatten über ſein Geſicht dahinziehen, und ich fügte hinzu:„Frau von Salins iſt eine Mutter, Mariette eine Schweſter für mich ge⸗ weſen. Ich habe ſie täglich aufgeſucht, ſeit ich in England geweſen, um die Pflichten eines Sohnes und Bruders auszuüben. Gewiß, Monſieur de Salins,“ — 145— fuhr ich fort, ſeine Hand faſſend,„Sie werden nicht wollen, daß das Gliück, ſie bei Ihnen zu finden, mich des Rechts der Adoption berauben ſoll?“ 23 „Lieber, edler, großmüthiger Louis,“ ſagte Ma⸗ riette, ihren ſchönen Arm um meinen Hals ſchlingend, als wäre ich in der That ihr Bruder geweſen. „Ich unterrichtete ſie im Leſen und im Schrei⸗ ben,“ ſagte ich, ſie ſanft zu ihrem Vater hinziehend. „Sie war meine erſte und theuerſte Schülerin— ich beſitze noch alle ihre Bücher, woraus ſie ihre erſten Lektionen lernte.“ 3 „Und die Bilder, die Bilder, die Du zeichneteſt Louis,“ rief Mariette.. „Alle habe ich bei meinen Wanderungen ſorgfäl⸗ tig aufbewahrt,“ verſetzte ich.„Hören Sie, Herr von Salins, ich habe ein ſchönes kleines Haus hier ganz in der Nähe. Alles ſoll bald für Sie, für Frau von Salins und die liebe Mariette in Bereit⸗ ſchaft ſein. Wir wollen Haus und Vermögen und Alles theilen und wieder eine Familie ſein, wie in unſerem lieblichen Häuschen am Rhein.“ Ich wußte nicht, um was ich bat— alle Ein⸗ wendungen, die das Auge eines Vaters ſehen mochte — alle Schwierigkeiten in Betreff der Welt und der Meinung der Welt; und erſt als bis ich bemerkte, daß ſelbſt Pater Bonneville ſchwieg und mich nicht unterſtützte, wurde ich gewahr, daß ich zu viel forderte. Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 10 — 146— Herr von Salins lächelte über meinen Enthuſias⸗ mus, während Frau von Salins darüber weinte; aber er antwortete freundlich und zärtlich, beſeitigte alle ſchwierigen Punkte und ſagte ſcherzend: „Ei, Sie wollen doch nicht, daß wir dieſe kleine Roſenhütte verlaſſen ſollen, wo wir ſo glücklich wa⸗ ren; aber halten Sie ſich überzeugt, mein lieber jun⸗ ger Freund, daß kein Gaſt hier willkommener ſein wird, als der Graf de Lacy.“ Sein Ton zeigte mir, daß es vergebens ſein würde, an dem Tage meine Bitte zu wiederholen; aber ich kannte die Wirkung der Beharrlichkeit und ſetzte meine Hoffnung auf die Zukunft. Auf jeden Fall hatten Mariette und ich einander wiedergeſehen. Ich war entſchloſſen, ſie nicht wieder aus den Augen zu verlieren, und gleich allen jungen Herzen, gab ich mich der gegenwärtigen Freude mit dem zuverſichtlichen Vertrauen auf den kommenden Morgen hin. Mehrere Stunden vergingen angenehm, und es war ſpät am Tage, als Pater Bonneville und ich, Beide gedankenvoll, in unſere Wohnung zurückkehrten. Zehntes Kapitel. Die erfüllten Träume. Ich ſchloß die ganze Nacht kein Auge. Ich kann den Zuſtand meines Geiſtes mit Nichts verglei⸗ chen, als mit einem ſtillen, tiefen Waſſer, welches plötzlich von einem ſtarken Winde aufgeregt wird. Die Gedanken waren eine verwirrte Maſſe von Wo⸗ gen, die in einander fließen und eine neue Form an⸗ nehmen, Ihe man ſie ermeſſen kann. Gegen Morgen aber trat die Erinnerung an die Ueberraſchung, welche der Graf und die Gräfin de Salins gezeigt, daß ich den Marquis de Careaſſonne geſehen und mich mit ihm unterredet habe, in den Vordergrund. Ich ver⸗ weilte dabei und dachte darüber nach. „Der Mörder meines Vaters!“ dachte ich;„wie ermordete er ihn? Geſchah es im Duell— durch 10* — 148— einen Akt, den der gute Pater Bonneville bei ſeinen ſtrengen Grundſätzen als einen Mord anſieht? Nein — es muß mehr ſein. Was der Graf von der Schuld des Anderen ſagte, zeigte, daß mein Vater nicht unter gewöhnlichen Verhältniſſen fiel. Es muß mehr geweſen ſein, und ich war entſchloſſen, zu er⸗ fahren, was das geweſen. Nicht als wollte ich an dem kläglichen, ſterbenden Wurme, den ich geſehen, Rache nehmen— er war deſſen nicht würdig. Das Erlöſchen der wenigen kurzen Stunden ſeines Lebens könnte mir nur geringe Genugthuung gewähren. Beſ⸗ ſer iſt es,“ dachte ich,„ihn der Hand Gottes zu überlaſſen, der Alles weiß und ſieht und ebenſo ge⸗ recht wie gnädig iſt.“ Dennoch war ich entſchloſſen, zu erfahren, wie mein Vater geſtorben war, und zwar ohne Zeitverluſt. Ich wußte, daß, wo ein ſtarker Wille iſt, es ſelten an Mitteln fehlt, ſelbſt die un⸗ wahrſcheinlichſten Zwecke zu erreichen; aber nach lan⸗ ger Ueberlegung ſah ich nur ein Mittel.„Ich will zu dem alten Manne gehen,“ dachte ich,„und ihn bewegen, mir Alles zu erzählen. Ich will meinen Geiſt ſtärken, mein Herz verhärten und ihn zwingen, mir das ſchwarze Geheimniß in ſeiner Bruſt mitzu⸗ theilen.“ Dies war mein erſter Entſchluß und zu ihm kehrte ich zurück; aber inzwiſchen ſtellte ſich mir ein anderer Plan dar, den ich verſuchte, der mir aber — 149— fehl ſchlug. Ich dachte, höchſt wahrſcheinlich würde mir Graf von Salins Auskunft ertheilen; und da der Geiſt der Jugend es beſonders liebt, mehr als einen Zweck zu gleicher Zeit zu erreichen, ſo beſchloß ich, am nächſten Tage dorthin zu gehen, eine oder zwei Stunden bei Marietten zuzubringen und zu glei⸗ cher Zeit die gewünſchte Auskunft zu ſuchen. Eins aber ſetzte mich ſehr in Verlegenheit. Zwar ſtellte es ſich meinem Geiſte nicht in einer beſtimmten Geſtalt darz aber es durchkreuzte meine Gedanken mehr als einmal während der Nacht, gleich einem unbeſtimmten und unangenehmen Schatten. Ich weiß nicht, ob ich mich deutlich darüber erklären— ob ich Anderen, ſelbſt denen, für welche dieſe Bläter geſchrieben ſind, und die mich am Beſten verſtehen, vollkommen den Zuſtand meines Geiſtes begreiflich machen kann. Nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauche hätte ich wohl den Zuſtand meines Herzens ſagen ſollen; aber der Geiſt hatte auch Etwas damit zu thun. Ich will es indeſſen verſuchen. Die Mariette der Vergangenheit und die Mariette der Gegenwart erſchienen mir gleichſam als zwei We⸗ ſen in einem. Der lange Zeitraum zwiſchen unſerem Scheiden und unſerem Wiederſehen ließ ſie gleichſam geſondert erſcheinen— als ein Kind und eine Jung⸗ frau. Aber die beſtändige Erinnerung hatte über jenen Zwiſchenraum eine Brücke geſchlagen. Ich hatte ſie — 150— nie vergeſſen. Ich hatte nie aufgehört, an ſie zu denken. Sie hatte einen ſolchen Anſpruch an meine jugendlichen Neigungen, daß Nichts je im Stande geweſen war, dieſelben zu beſeitigen, und leichte, nebelartige Gedankenfäden waren zwiſchen der Vergan⸗ genheit und Gegenwart gleich den Fäden eines Spinn⸗ gewebes hin und her geführt worden. Als wir noch Kinder waren, hatte ich oft der Zeit entgegen geſehen, wo wir Jüngling und Jungfrau ſein würden, und ich hatte mir wiederholt vorgeſtellt, daß Mariette mein Weib und auf immer die Meine ſein werde. Jetzt hatten wir jenes Alter erreicht und das Verfahren wurde umgekehrt, denn die Phantaſie eilte zur Kind⸗ heit zurück. Ich ſah in ihr die Schweſter meiner frühen Tage, die geliebte Geſpielin und Theilnehmerin meiner Freuden. Ich begann freilich zu denken, daß ich ſie jetzt mehr liebe— nicht als wäre der geringſte Theil der früheren Liebe verloren gegangen. Sie war die Grundlage von Allen; aber eine andere Liebe wurde darauf gebaut. Ich wußte freilich nicht, in wie weit jenes Gebaäude vollendet war. Ich wollte es nicht unterſuchen; ich wollte mein Herz und ſeine Gefühle prüfen, obgleich ich mir bewußt war, daß alle Gedanken und alle ängſtliche Beſorgniß, die ich ihr gewidmet, kaum ohne tiefere Gefühle, als die der Knabenjahre, entſtehen und fortdauern könnten, ohne zuzunehmen. Ich darf nicht ſagen, daß ich irgend — 151— Etwas beſchloß oder beabſichtigte; denn wo es ſich um Mariette handelte, ließ ich mir keine Zeit zu beſchlie⸗ ßen oder zu beabſichtigen. Alles, was ich wünſchte oder erwartete, war, ſie auf jede Weiſe glücklich zu machen, ſie auf immer vor der Armuth zu ſchützen und Alles, was ich hatte, mit ihr zu theilen. Aber da war eine Schwierigkeit, und zwar folgende: ich wußte nicht, wie ich ihr die Quelle meines gegen⸗ wärtigen Wohlſtandes erklären— wie ich ihr, ihrem Vater oder ihrer Mutter mittheilen ſollte, daß ich auch nur auf wenige kurze Tage an eine Andere ver⸗ heirathet geweſen. Bei meinen gegenwärtigen Gefüh⸗ len für ſie ſchien es mir als wäre ich ihr untreu ge⸗ weſen— als hätte ich ihr einen Theil der Zärtlich⸗ keit geraubt, die ich ihr ſchuldig war, indem ich ei⸗ nen Theil meiner Liebe der armen Louiſe gegeben. Wenn ich ſo fühlte, fragte ich mich, wie ſollte ſie nicht fühlen? Wie ſollte ſie den Gedanken ertra⸗ gen, die zweite in meiner Liebe zu ſein? Ich wußte ſelber gut genug, daß ſie nicht die zweite war, ſon⸗ dern die erſte, die geliebteſte; aber wie konnte ich ſie davon überzeugen? Und wenn es mir auch gelang— mußte ſie meine Handlungsweiſe nicht für noch ver⸗ worfener halten, weil ich eine Andere geheirathet? Wenn die frühen Träume, welchen ich mich hingege⸗ ben, zufällig denſelben Eindruck bei ihr ſollten hervor⸗ gebracht haben, daß wir von der früheſten Kindheit an miteinander verbunden geweſen, wovon ich meinen Geiſt nicht frei machen konnte— was mußte ſie den⸗ ken, daß ich das Band auch nur auf eine ſo kurze Zeit vergeſſen hatte? Ich kannte das weibliche Herz nicht. Ich wußte nicht, wie viel weniger ſelbſtſüchtig die Liebe des Weibes iſt, und wie viel weniger ſie fordert. Aber ich will in meiner Geſchichte fortfahren. Dieſe Gedanken ſetzten mich in Verlegenheit, als ich auf ihres Vaters Hütte zuging. Ich wußte wohl, daß ich früher oder ſpäter ſagen müſſe, daß ich be⸗ reits verheirathet geweſen; aber wie ich es thun ſollte, ſetzte mich in Verlegenheit und der wahrſcheinliche Er⸗ folg beunruhigte mich⸗ Als ich ſo nachdachte, begegnete mir plötzlich Weſtover, gerade wo der Weg nach Lee führt. Er war zu Fuß und blickte ſehr gedankenvoll auf den Boden nieder. Ich will nicht bei meinen Gefühlen verweilen; denn wenn ſie gleich bitter und traurig, unedel und unfreundlich ſchienen, waren ſie doch ſehr vorübergehend. So tief war ſeine Träumerei, daß er mich erſt ſah, als wir dicht bei einander waren, aber da ſtreckte er mir freundlich die Hand hin. Ich reichte ihm die meinige ſehr kalt, faſt ohne ſtehen zu bleiben. 4 1 „Nun, de Laey!“ rief er.„Sie ſcheinen es ſehr eilig zu haben?“ 4 „SIch habe die Freunde aufgefunden, die— lange geſucht, Kapitain Weſtover,“ antwortete ich, „und ich gehe jetzt zu ihnen.“ „Kapitain Weſtover!“ wiederholte er.„So ha⸗ ben Sie ſie alſo aufgefunden, und da iſt alle meine Mühe vergebens geweſen!“ 6 Der Ton, womit er dieſe Worte ausſprach, machte mich ein wenig beſchämt. „Welche Mühe meinen Sie?“fragte ich. „Zwei Reiſen nach Leviſham,“ antwortete er lachend,„eine lange Unterredung mit einer alten Frau in einem Lichtzieherladen und das Verhör eines Steuer⸗ einnehmers.“ „Wirklich!“ ſagte ich.„Und warum gaben Sie ſich alle dieſe Mühe?“ .„Nur um zu erfahren,“ verſetzte Weſtover,„ob die Dame in der Roſenhütte, mit den ſchönen Augen, wirk⸗ lich Ihre längſt verlorne Geliebte Mariette de Salins ſei. Die Lichtzieherin konnte mir am Sonnabend nur ſagen, daß es ein franzöſiſcher Herr ſei, der die Hütte mit ſeiner Frau und Tochter bewohne. Man nenne ihn Graf; aber möchte er nun Graf ſein oder nicht, ſo unterrichte er doch für zwei Schillinge die Stunde im Franzöſiſchen. Der Steuereinnehmer, fügte ſie hinzu, könne mir mehr von ihnen ſagen; aber der Steuereinnehmer war zufällig nicht zu Hauſe und mahnte vielleicht einige arme Teu⸗ fel; und ſo kam ich wieder hierher, und entdeckte — 154— — heute, daß es in der That ein Graf von Salins iſt, der dort mit ſeiner Frau und Tochter wohnt, obgleich ich nicht ſagen kann, wie das ſein kann, da Sie mir ſagten, der Graf ſei todt. Indeſſen wollte ich Ihnen gerade jetzt mittheilen, was ich entdeckt habe und Ih⸗ nen einen Rath aufdrängen.“ Ich war jetzt herzlich beſchämt über die Gefühle, womit ich ihm begegnet warz aber ich erklärte ihm, man habe mich hinſichtlich des Todes des Grafen von Salins getäuſcht, und fragte dann in unſerem alten freundſchaftlichen Tone, welches der Rath ſei, den er mir zu geben beabſichtige. Er zog ſeinen Arm durch den meinigen und ging mit mir weiter. „Die Sache iſt dieſe, de Lacy,“ ſagte er in ſin⸗ nendem Tone,„Sie ſind wüthend verliebt, mein lie⸗ ber Junge— es iſt weit genug mit Ihnen gekom⸗ men, um eiferſüchtig zu ſein, wie ein Wachtelhund. Glauben Sie nicht, daß ich ärgerlich darüber bin, denn es iſt ſehr natürlich; auch nicht, als ich ent⸗ deckte, daß Sie Verdacht gegen mich hegten. Ich ſehe indeſſen, daß der Verdacht jetzt verſchwunden iſt; alſo zur Sache. Ich muß indeſſen Eins voraus⸗ ſchicken. Es iſt durchaus unnatürlich und liegt außer dem gewöhnlichen Gange der Ereigniſſe, daß ein jun⸗ ger Mann ein mächtiges und zärtliches Intereſſe für einen anderen empfinden und ihm aus durchaus un⸗ eigennützigen Grundſätzen dienen ſollte. Da ich in — 155— dem, was ich ſagen will, Ihnen zu dienen wünſche, ſo muß ich entweder ein unnatürliches Monſtrum der Großmuth ſein, oder ich muß einen ſelbſtſüchtigen Be⸗ weggrund haben. Das iſt ein richtiger Schluß, denke ich. Nun aber gebe ich die ſelbſtſüchtigen Beweg⸗ gründe zu. Ich wünſche Ihnen aus rein perſönlichen Grundſätzen zu dienen. Meine Beweggründe kann ich Ihnen für jetzt nicht ſagen; aber ich will ſie Ihnen ſagen, ehe ich zu meinem Regimente zurückkehre— vielleicht in der letzten Minute. Dies Alles ſage ich, um Sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzengen, und damit Sie meinen Rath als den eines aufrichtigen Freundes annehmen. Dieſe Ihre Liebe wird Sie ſehr raſch weitertreiben, und zwar mit geringer Klugheit. Mein Rath iſt daher, beſonnen und geduldig zu ſein. Machen Sie den Hof ſo viel Sie wollen, aber ver⸗ heirathen Sie ſich nicht zu bald. Wenn Sie es thun werden Sie ſich einen unerſetzlichen Schaden zufügen. Ich hoffe, Ihre Ausſichten ſind gut. Sie ſind jung und Ihre ſchöne Dame muß noch viel jünger ſein. Sie können Beide noch eine Weile warten, und es wird viel beſſer ſein, es zu thun.“ 1 „Ein ſehr guter Rath, Weſtover,“ verſetzte ich; „aber könnten Sie ihn in meiner Lage befolgen?“ „Ich habe ſelber zwei Jahre gewartet,“ antwor⸗ tete er,„und werde wahrſcheinlich noch zwei Jahre gerade aus denſelben Grundſätzen warten— aber ich habe nicht halb ſo dringende Gründe, wie Sie, wenn Sie Alles wüßten.“ 4 Ich ſchwieg einen Augenblick und blickte gedan⸗ kenvoll und bitter auf den Boden nieder⸗ „Ich weiß nicht Alles, Weſtover,“ entgegnete ich; „aber ich bin entſchloſſen, es bald zu erfahren. Sie ſcheinen in der That mehr von mir zu wiſſen, als ich ſelber, wenigſtens wenn ich nach Ihren gegenwärtigen Worten urtheilen darf, und ich ſehe nicht ein, warum ein Fremder eine ſolche Kenntniß beſitzen ſollte, die mir verweigert worden.“ „Kein Fremder,“ verſetzte Weſtover, mir die Hand drückend, als wir in der Nähe der Hütte wa⸗ ren;„doch wie dem auch ſei, de Lacy, nehmen Sie meinen Rath an: ſeien Sie geduldig— ſeien Sie klug; binden Sie ſich durch welches Band Sie wol⸗ len, aber beeilen Sie wenigſtens Ihre Heirath nicht, bis ich im Stande bin, weiter mit Ihnen zu reden. — Und nun leben Sie wohl. Beſuchen Sie mich in London— morgen, wenn Sie können; aber kom⸗ men Sie und beſuchen Sie mich oft, denn ich bin nicht gewiß, ob ich in wenigen Wochen zu dem le⸗ bendigen oder dem todten Theile meines Regiments gehen werde.“ Ich verweilte einige Augenblicke, ehe ich zu dem Hanſe ging; als ich aber an die Thür klopfte, ſagte mir das kleine Dienſtmädchen, der Graf habe ſeine Schüler bei ſich. Dann fragte ich nach Frau von Salins. Sie ſei ausgegangen, ſagte das Mädchen, aber Miß de Salins ſei zu Hauſe. Ol wie entſetz⸗ lich klang jenes widerwärtige Beiwort in Verbindung mit meiner Mariette. Ich verlangte ſie indeſſen zu ſprechen und wurde in ein kleines Zimmer geführt, dem gerade gegenüber, wo ich am Tage vorher gewe⸗ ſen. Mariette ſaß da und las, und lieblich und ſchön erſchien ſie in ihrem häuslichen Anzuge. Sie war offenbar ſehr erfreut, mich zu ſehen, und ich war auch froh, ſie ein wenig aufgeregt zu ſehen; denn bei ihrem erſten Wiederſehen war ſie ſo viel ruhiger ge⸗ weſen, als ich, daß mich ſeitdem immer der Gedanke gequält hatte, ſie liebe mich weniger, als ich ſie. Sie ſagte mir, ihr Vater würde erſt in zwei oder drei Stunden frei ſein, aber ihre Mutter würde bald zu⸗ rückkehren und ſehr froh ſein, mich zu ſehen. Ich ſagte, ich wolle warten, um Frau von Salins zu ſehen, obgleich ich fürchte, nicht ſo lange bleiben zu können, bis ihr Vater frei ſei. O! wie liſtig ich ge⸗ worden war! Durch dieſes Manoeuvre gewann ich eine angenehme Unterhaltung von beinahe einer halben Stunde mit Mariette, eine kurze Unterredung mit Frau von Salins und eine gute Entſchuldigung, am näch⸗ ſten Tage wiederzukommen. Ich erinnere mich nicht deutlich eines Wortes der Unterhaltung zwiſchen Mariette und mir; aber ich weiß, — 158— daß dieſelbe für mich ſehr ergötzlich war— daß wir viel bei früheren Zeiten verweilten, wovon jeder Ge⸗ danke voll jugendlicher Zärtlichkeit war; daß Mariette ebenſo wenig Etwas vergeſſen hatte, wie ich, und daß ihr die Erinnerungen jener Tage ebenſo theuer zu ſein ſchienen, wie mir. Wir lenkten unſere Gedanken ſo vollſtändig zu der Vergangenheit zurück— wir ver⸗ ſenkten uns wieder ſo tief in die Kindheit, daß ich faſt erwartete ſie würde ſich wieder auf mein Knie ſe⸗ tzen, ihre Arme um meinen Hals ſchlingen und mich liebkoſen, um ihr irgend eine Kleinigkeit zu geben oder ihr eine Blume zu holen, die außer ihrem Bereiche war. Dann ſprachen wir von unſeren Wanderungen und allen Wechſeln, die wir erlebt hatten, und ein⸗ oder zweimal kamen wir meiner Reiſe nach Hamburg nahe. Als dies geſchah, glaubte ich einen beſonders ernſten und faſt kummervollen Ansdruck in ihren ſchö⸗ nen Augen zu bemerken und ſie ſchien ſehr bereit der Unterredung eine andere Wendung zu geben. Indef⸗ ſen kam während jenes kurzen Geſpräches nichts Schmerz⸗ liches vor. O! wie kurz ſchien ſie mir und wie bald kehrte Frau von Salins zurück. Als ſie kam, war ſie ſehr erfreut, mich zu ſe⸗ hen. Die Zeit hatte in ihren Gefühlen gegen mich keine Veränderung hervorgebracht. Ich war noch für ſie der Knabe, den ſie in Frankreich gekannt und ge⸗ liebt hatte; und ich fühlte, daß es wenigſtens bei Ma⸗ 3 — 159 rietten und ihrer Mutter keiner Ceremonie bedürſe, daß ich für ſie mit oder ohne Entſchuldigung immer ein willkommener Gaſt— ja, nicht ein Gaſt, ſondern ein Freund, ein Sohu, ein Bruder ſein würde. Mit Herrn von Salins mochte es indeſſen anders ſein, und um mir daher noch eine Gelegenheit zu ſichern, zwang ich mich zu gehen. Am folgenden Tage kam ich eine halbe Stunde vor der Zeit, wo ſeine Lektionen beendet waren, und dieſe halbe Stunde brachte ich mit Marietten und Frau von Salins ſo heiter wie möglich zu. Meine Unterredung mit Herrn von Salins war nicht ganz ſo befriedigend. Er war freilich ſo freund⸗ lich, wie ich es nur erwarten konnte, und ſprach von den Dienſten, wie er ſie nannte, die ich ſeiner Frau und Tochter geleiſtet, mit mehr Dankbarkeit, als Al⸗ les, was ich gethan, verdienen konnte. Aber in Hin⸗ ſicht deſſen, was der eigentliche Zweck meines Beſu⸗ ches war, behauptete er eine Zurückhaltung, die ich nicht überwinden konnte. Er wendete keine Ausflüchte an, ſondern ſprach ſeine Weigerung geradezu aus. Ich bezog mich auf das, was er in Betreff des Mar⸗ quis de Carraſſonne geſagt, und deutete ihm an, daß ſeine Worte darauf berechnet wären, Ueberraſchung und Neugierde zu erregen, auch wenn ich nicht früher ſchon Andeutungen erhalten hätte, die mich auf gleiche Weiſe in Erſtaunen geſetzt. — 160— „Ich war unvorſichtig,“ verſetzte Herr von Sa⸗ lins;„aber es wird beſſer für Sie ſein, mein junger Freund, wenn Sie auf weitere Erklärungen bis zu der Zeit verzichten, wo ſie Ihnen von Perſonen ge⸗ geben werden können, die beſſer geeignet ſind, als ich, auf alle dieſe Einzelnheiten einzugehen. Ich bedaure in der That tief, daß ich einen ſo ſchmerzlichen Ge⸗ genſtand überhaupt berührte, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen, daß ich es in der Uebereilung gethan.“ Ich konnte keine weitere Auskunft von ihm er⸗ halten, doch brachte ich noch eine oder zwei Stunden in der Unterhaltung mit ihm, mit Marietten und ih⸗ rer Mutter zu, ging mit ihnen in den kleinen Garten hinter der Hütte, ſprach von Geſträuchen und Blu⸗ men, ſo wie von Allem, was am weiteſten von den Gegenſtänden entfernt war, die eigentlich meinen Geiſt beſchäftigten, und kehrte endlich mit dem Entſchluſſe nach Hauſe zurück, am folgenden Tage nach London zu gehen und den Marquis de Careaſſonne aufzuſuchen. Ich machte demnach den Verſuch, wurde aber in meiner Erwartung getäuſcht. Ich ſprach den alten franzöſiſchen Apotheker in ſeinem Laden und erfuhr von ihm, daß ſein Hausbewohner aus ſei. Der Mann ſchien ſich meiner nicht zu erinnern und war ein wenig höflicher, als bei unſerem früheren Zuſam⸗ mentreffen. Seine Antwort auf meine Frage war be⸗ ſtimmt und unbedenklich und ich ſchloß daraus, daß — 161— er mich nicht täuſche. Ich ſah mich daher genöthigt, auf eine andere Gelegenheit zu warten, und lenkte da⸗ her meine Schritte zu Weſtover's Wohnung in Brooke⸗ ſtreet. Es war einer von jenen Tagen, wo Jeder⸗ mann aus iſt, und nur meine Karte zurücklaſſend, kehrte ich wieder nach Blackheath um, nachdem ich Nichts ausgerichtet. Meine nächſte Aufgabe war, den Grafen von Salins zu bewegen Mariette und ihre Mutter auf ei⸗ nen Tag in unſer Haus zu bringen; und ich beſtimmte daher den Pater Bonneville, die ganze Geſellſchaft in ſeinem eigenen Namen auf den nächſten Montag ein⸗ zuladen, wo der Graf keinen Unterricht ertheilte. Etiquette und herkömmliche Ceremonien wurden zu jener Zeit von den armen franzöſiſchen Ausgewan⸗ derten wenig berückſichtigt. Wir bedurften ſo ſehr al⸗ ler Bequemlichkeiten und Sympathien des geſelligen Lebens, ſo geringer Mittel, die ſtattliche Zurückhaltung aufrecht zu erhalten, die früher in Frankreich geherrſcht. — ſo daß wir gern jede Gelegenheit ergriffen uns des freundſchaftlichen Umganges in einem Lande zu er⸗ ſreuen, wo wir im Allgemeinen arm und fremd wa⸗ ren und von der großen Maſſe völlig verachtet wurden. Die Einladung wurde mit Unbefangenheit ange⸗ nommen und ich dachte darüber nach, was zu thun ſei, um den Tag für alle ſo angenehm wie möglich zu machen. Ich hatte einen ſehr ſchönen Garten, der Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 11 — 162— jetzt mit Blumen angefüllt war, und eine Thür an der hinteren Seite führte auf angenehme Felder hinaus. Die Seenerie hatte nichts Auffallendes, aber es lag eine milde ländliche Schönheit darin, wie man ſie ſel⸗ ten ſo nahe bei einer großen Hauptſtadt findet. Ich dachte Spaziergänge nach Richtungen aus, die wir nicht einzuſchlagen beſtimmt waren. Ich ſchmückte un⸗ ſere beiden Wohnzimmer mit den Blumen, welche Mariette in ihrer Kindheit geliebt hatte. Ich legte ihr kleines Buch, worin ſie leſen gelernt, auf den Tiſch und ein verwelktes Veilchen daneben, welches ſie mir in ſeiner vollen Schönheit gegeben und welches ich zwiſchen den Blättern des Buches aufbewahrt hatte. Kurz, ich ordnete Alles ſo viel wie möglich, um ſie wieder in die Vergangenheit zurückzuverſetzen, und in meiner Lebhaftigkeit wurde ich faſt zum Kinde. Eins aber vermied ich. Weder bei dem Mittag⸗ eſſen, welches ich beſtellt, noch bei den Anordnungen, die ich getroffen hatte, durſte ſich der geringſte Auf⸗ wand oder Prunk zeigen. Alles war einfach, wenn gleich gut und gewählt. Als ich früh am Morgen umherging und mich mit tauſend Kleinigkeiten be⸗ ſchäftigte, konnte ich Pater Bonneville's Augen mir folgen ſehen, während ein ruhiges Lächeln ſeine Lip⸗ pen umſpielte. Ich ſah, daß er wenigſtens in gewiſ⸗ ſem Grade einſah, was in meinem Herzen vorging, und daß er ſich nicht einmal die Mühe gab, ſeine — 163— Beluſtigung über die Lebhaftigkeit zu verbergen, die er ſelber nicht mehr kannte. Der Morgen war ſo heiter und ſchön wie nur möglich. Die Natur ſchien mich anzulächeln. Es mochten wohl einige Wolken da ſein, doch waren es nur ſolche, wie ſie die Phantaſie zuweilen über ein glückliches Herz daherführt. In der Nacht war frei⸗ lich ein leichter Regen gefallen, doch hatte er nur dazu gedient, den Staub zu legen und das unvergleichliche Grün Englands zu beleben.— Unſere Freunde ſollten zum Frühſtück kommen und ſie erſchienen pünktlich zu der beſtimmten Stunde. O! mit welcher Wärme begrüßte ich ſie, und wie glücklich machte mich Mariettens Gegenwart! Die Er⸗ innerung jenes Tages iſt ſo lieblich, daß ich noch jetzt dabei mit kindlicher Freude verweilen könnte. Der Leſer ſtelle ſich einen ſeiner eigenen Träume des Ent⸗ zückens vor, ſetze ihn einen heitern, herrlichen Som⸗ mertag fort, und dann wird er begreifen, wie mir die nächſten zwölf Stunden vergingen. Aber wir müſſen Vieles von dem übergehen, was geſchah. Herr von Salins litt viel an ſeinen alten Wunden, was, wie ich erfuhr, häufig der Fall war; aber er ſaß mit Pater Bonneville im Garten, während ich mit Frau von Salins und Marietten un⸗ ter den Geſträuchen und Blumen umherwanderte. Das Mittageſſen war früh beſtellt worden, damit wir die 11* — 164— Kühle des Abends zu einem Spaziergange nicht ver⸗ lieren möchten, und ich ſchlug zwei oder drei kleine Ausflüge vor, die alle nach einander angenommen, aber endlich doch aufgegeben wurden. Zu meiner Ueberraſchung erfuhr ich endlich, daß Mariette, ob⸗ gleich ſie ſo lange in der Nachbarſchaft gewohnt, noch nie einen in der Geſchichte berühmten und an ſich au⸗ ßerordentlich ſchönen Ort beſucht habe, der vermöge der Menſchenmenge, die ſich an jedem Sommertage dorthin drängt, ſchon längſt einen ſeiner beſten Reize verloren hat. Ich rede von Greenwich Park. Frau von Salins ſagte, ſie habe oft daran gedacht, mit ihrer Tochter dorthin zu gehen, aber es ſei zu weit von ihrem Hauſe zu Fuße dorthin zu gehen, und ei⸗ nen Wagen zu nehmen, erlaubten ihre Mittel nicht. Ich bat Beide dringend an dem Abend dorthin zu gehen; ſie wären eine Meile näher; wir dürften nur über die Haide gehen— und dann machte ich den Vorſchlag, den Ponyphaeton kommen zu laſſen und ſie hinüberzufahren. Davon wollte Frau von Salins nichts hören und ſie fürchtete die Ermüdung, wenn ſie zu Fuße gehe. Mariette ſah vielleicht ein wenig ge⸗ täuſcht aus und ihr Vater, der jeden Blick ſeines Kindes mit lebhafter Zärtlichkeit beobachtete, rief: „Geht Ihr Beide, meine Kinder. Wir wollen uns ſchon hier unterhalten. Ich denke, es läßt ſich Nichts dagegen einwenden?“ fügte er zu ſeiner Frau gewendet hinzu. „O nein,“ verſetzte Frau von Salins ſogleich. „Bei Louis iſt ſie ſo ſicher, wie bei einem Bruder.“ Oft entſchädigt uns das Glück in ſeltenen Zwi⸗ ſchenräumen, welches ſich ſo oft damit ergötzt, unſere am beſten angelegten Pläne zu vereiteln, indem es durch kleine Zufälligkeiten das zu Stande bringt, was wir wünſchen, aber nicht zu hoffen wagen. Mariettens Arm durch den meinigen geſchlungen, machten wir uns auf den Weg über die Haide. Es war mir, als ob ihre Hand zitterte und es war mir lieb, obgleich ich am Ende nicht gewiß bin, ob mein eigenes Zittern nicht dadurch erhöht wurde. Es ſchien, als ob ſich die Kriſis meines Schickſals nähere, und ich wußte und fühlte zum erſtenmal, was es heißt, wahrhaft und leidenſchaftlich zu lieben. Wenn ich mich meiner Empfindungen bei meiner Verheirathung mit der armen Louiſe erinnere— innig, aufrichtig und mächtig, wie ſie waren— meiner Beſorgniß, ihr jeden Schmerz zu erſparen— meines glühenden Ver⸗ langens, ſie einigermaßen glücklich zu machen— des zärtlichen, herzlichen Verlangens, ſie zu retten, ſie zu erheitern und zu tröſten— und dieſelben vermöge ei⸗ nes jener kurzen, raſchen, aber umfaſſenden Blicke des Geiſtes mit Allem verglich, was ich gegenwärtig fühlte, ſo ſah ich ſogleich ein, daß ich nie vorher wahrhaft — 166— geliebt habe bis jetzt, und was ſie auch denken mochte, konnte ich Marietten zuerſt mein Herz anbieten. Ich hatte nie vorher jenes Beben empfunden, welches ſich meiner jetzt bemächtigte. Es war gleich dem letzten Wurf eines Spielers. Alles— Hoffnung, Glück, das Leben ſelbſt— ſchien von der Entſcheidung der Stunde abhängig zu ſein. Zu warten war unmög⸗ lich. Bei der feurigen Lebhaftigkeit, die ſich meines Herzens bemächtigte— in dem leidenſchaftlichen Wun⸗ ſche, mein Schickſal zu erfahren, hätte ich mich lieber in die See geſtürzt, als noch einen Tag gewartet. Es giebt gewiß Mittheilungsarten zwiſchen zwei Herzen— Sympathie oder Inſtinkt— welche über die Worte hinausgehen— ihnen voran eilen und ohne hörbare Töne, fühlbare Zeichen oder ſelbſt Blicke an⸗ deuten, was in einem anderen Herzen in Harmonie mit ihnen vorgeht. Ich hatte Nichts geſagt, ſo viel ich weiß, um Mariette zu dem Glauben zu bringen, daß ich ſie liebe. Mein Benehmen gegen ſie hatte ſich nicht verändert ſeit wir uns wiedergeſehen. Ich hatte gefürchtet, die Gefühle zu erkennen zu geben, die in meinem Herzen geſchäftig waren. Aber den⸗ noch war ſie ſich ohne Zweifel bewußt, ehe wir die Gartenpforte hinter uns hatten, daß ihr und mein Schickſal von den Worten abhängig ſei, die während jenes Spazierganges geſprochen werden würden. Die Hand des lieben Mädchens zitterte, als ſie auf mei⸗ — 167— nem Arme ruhte, und ſie hielt ſich ein wenig weiter von mir entfernt, als unſere jugendliche Zärtlichkeit es hätte geſtatten ſollen, als wenn ſie die Entſcheidung fürchte, die uns einander ſo nahe bringen ſollte. Eine Viertelmeile gingen wir weiter, ohne ein Wort zu ſagen, und darauf begann ich die Unterre⸗ dung zu dem einzigen Gegenſtande meiner Gedanken hinzulenken. Ich glaube, ich ſprach großen Unſinn. Ich fühlte es zu jener Zeit. Ich fürchtete faſt, ſie möchte denken, ich habe zu viel Wein getrunken; denn ich konnte meine Gedanken nicht auf das richten, wo⸗ von ich ſprach. Ich fand bald, daß ich mit ganz gleichgültigen Gegenſtänden nicht weiter komme. Ich kannte den ſchlimmſten Theil der Aufgabe, die mir bevorſtand, und ich beſchloß, ſogleich damit zu be⸗ ginnen. Dennoch gelang mir mein erſter Verſuch nicht. Ich dachte, wenn ich von der Lage ihres Va⸗ ters, ſowie von meinem lebhaften Wunſche rede, daß er und die Seinigen Alles theilen möchten, was ich beſitze, und wenn ich verſuche, ſie zu überreden, jeden Stolz und jedes Vorurtheil aufzugeben, die ſich mei⸗ nen Plänen widerſetzten, daß dies zu einer Frage füh⸗ ren würde, woher ich die Mittel habe, die ich beſitze. Ich irrte mich indeſſen. Dieſe Betrachtung ſchien ihre Ruhe völlig herzuſtellen. Sie erhob ihre ſchönen Au⸗ gen zu den meinigen und ſagte: „Ich darf Dir nicht erſt ſagen, Louis, daß kein weiteres Wort nöthig wäre, wenn es von mir ab⸗ hinge. Ich könnte mich zufrieden geben, von Deiner Güte abhängig zu ſein— ja den Anſpruch einer Schweſter zu empfinden— ohne Zweifel, Bedenken oder Schaam zu fühlen; und ich glaube, auch meine Mutter würde wenig Bedenklichkeiten haben. Aber ich kenne meinen Vater und bin gewiß, er würde lie⸗ ber wie ein Gärtner graben, als irgend einem Men⸗ ſchen Beiſtand zu verdanken.“ Sie that keine Fragen. Es ſchien ihr genng, daß ich die Mittel habe, ihren Vater zu unterſtützen, und daß ihr Vater meinen Beiſtand nicht annehmen wolle. Ich ſah ein, daß ich ein anderes Mittel an⸗ wenden müſſe, und ich veränderte den Gegenſtand plötzlich wieder. Ich erzählte ihr von meinen Wan⸗ derungen durch die Schweiz, von meiner Jagd auf den Gebirgen, von der Schlacht bei Zürich, von der Gefahr des Pater Bonneville, wie ich von den öſtreichiſchen Soldaten unter die Füße getreten worden —— und mehrere Wochen im Hoſpital gelegen. Sie inter⸗ eſſirte ſich lebhaft für die einzelnen Umſtände. Ihre Farbe wechſelte. Ihre Augen waren bald empor ge⸗ richtet und ſchimmernd, bald niedergeſchlagen und in Thränen ſchwimmend. Ich erzählte ihr von meiner Reiſe nach dem nördlichen Deutſchland, wie ich ver⸗ gebens Beſchäftigung geſucht und mich bis zu den — 469— Thoren von Hamburg gefochten. Ihre Hand zitterte wieder auf meinem Arme und ihre Schritte ſchwankten. Wir waren jetzt in den Park getreten und gingen eine lange einſame Kaſtanienallee in der Nähe des ſteilen Hügels dahin, und ich fühlte, daß wir bei un⸗ ſerer beiderſeitigen Aufregung nicht weiter gehen konn⸗ ten. Es war eine Bank in der Nähe unter einem der ſchattigen Bäume, und ich ſagte: „Komm, laß uns hier niederſetzen, liebe Ma⸗ riette, ich will Dir das Uebrige erzählen.“ „Willſt Du das, Louis?“ fragte ſie mit einer Lebhaftigkeit, die ich nie vergeſſen werde. Mein Geiſt wurde geſtärkt durch das, was ich ihr, mir ſelber, und der Todten ſchuldig war. „Das will ich, Mariette; ich will Dir Alles mittheilen— jeden Gedanken, jedes Gefühl, als ob ich aus einem Buche läſe, wo Alles aufgeſchrieben iſt.“ Sie ſetzte ſich mit geſenktem Haupte nieder, und ich fuhr fort. Mein Gewiſſen ſagt mir, daß ich ihr Nichts verborgen, daß ich ihr mein ganzes Herz offen dargelegt. Aber was den größten Eindruck auf ſie zu machen ſchien, war die zärtliche Liebe der armen Louiſe.. Als ich die Erzählung mit dem Tode des armen Mädchens beendete, ſchien ſie ſich gänzlich vergeſſen zu haben, und mit dem Blicke eines Engels des Mit⸗ leids zu meinem Geſichte aufſchauend, ſagte ſie: — 170— „Die arme Louiſe! Wie mußt Du ſiee geliebt haben!“ Das Blut ſtieg in meine Wangen, ich neigte meinen Kopf, um ihrem Blicke auszuweichen, und flüſterte, was vielleicht nur zu ſehr mit der Wahrheit übereinſtimmte: „Nicht ſo ſehr, wie ſie es verdiente!“ Mariette ſtutzte und ich fügte raſch hinzu: „Mißverſtehe mich nicht, theures Mädchen; ich liebte ſie aufrichtig und wahr— ich liebte nur Eine mehr. Aber ich liebte ſie nicht mit jener leidenſchaft⸗ lichen Innigkeit— mit jener tiefen Zärtlichkeit, wie ſie ihre Liebe wohl verdiente. Ich hätte Louiſe ohne Verzweiflung, ohne Schmerz oder Tod an einen An⸗ deren verheirathet ſehen können. Ich ertrug ihres Vaters Zurückſetzung mit geduldiger Standhaftig⸗ keit, und ich hätte bei Allem behülflich ſein können, was ſie glücklich gemacht haben würde. Ol Mariette, mögen Dichter und Romanſchreiber ſagen, was ſie wollen, um die ſterbliche Liebe ſo uneigennützig wie möglich zu machen, ſie muß doch immer ein wenig menſchlichen Eigennutz an ſich haben. Die Leidenſchaft muß mit Zärtlichkeit verſchmolzen ſein, und ich habe von einer Anderen gelernt, daß in der wahren Liebe kein Glück, kein Friede, keine Ruhe, kein Leben ſein kann ohne die Geliebte.“ 3 — 171— Sie zitterte wie Espenlaub; aber ihre Lippen flüſterten: „Von wem?“ „Von Dir,“ antwortete ich. „O! Louis, Louis,“ ſagte ſie,„thun wir Beide nicht der Dahingeſchiedenen Unrecht?“ „Beide!“ Dieſes Wort war genügend, aber ich wollte es nicht zu lebhaft auffaſſen, um ihre Gefühle nicht zu verletzen. Ich nahm ihre Hand ſanft in die meine und ſagte in leiſem Tone:„Nein, Mariette— nein, theuerſtes Mädchen. Ich kann ihr nimmermehr Unrecht thun, indem ich die Wahrheit ſage. Ich habe Dir Nichts verborgen, meine Mariette— ich habe Dir meine Zärtlichkeit, meine Sorgfalt, meinen Kum⸗ mer um ihren Tod nicht verſchwiegen. Warum ſollte ich Dir irgend etwas Anderes verſchweigen? Warum ſollte ich Dir nicht in Allem die Wahrheit ſagen? Warum ſollte ich Dir verbergen, daß ich, wenn ich gleich auf wenige kurze Tage der Gatte einer Anderen war, ob⸗ gleich ſie meine Achtung, mein zärtlichſtes Mitleid, meine warme Zuneigung hatte, ich doch von meinen Knabenjahren bis zu meinem Mannesalter— von meinen früheſten Erinnerungen bis zu dieſer gegenwär⸗ tigen Stunde— nur Dich wahrhaft geliebt habe? Warum ſollte ich Dir nicht ſagen, daß ich immer an Dich gedacht, von Dir geträumt und mich nach Dir geſehnt habe? Glaube es mir, theuerſte Mariette, — 172— glaube es mir! Wenn nicht, wie kann ich es Dir beweiſen?“ Sie legte ihre Hand ſanſt auf die meine, und zu meinem Geſichte mit einem Lächeln aufblickend, welches von hellen Thränen getrübt wurde, ſagte ſie: „Das Buch und das Veilchen!— Halte mich nicht für ſo ſelbſtſüchtig, lieber Louis, daß ich im Geringſten auf Deine Liebe zu der armen Louiſe eifer⸗ ſüchtig ſein ſollte. Wir wollen oft von ihr reden; und wenn wir ſelber ſehr glücklich ſind, wie wir es gewiß ſein werden, wollen wir an ſie denken, um ihr trauriges Schickſal und ihren frühen Tod trauern, und den Becher des Glücks nicht zu begierig leeren.“ Ich hätte eine Welt darum gegeben, an einem verborgenen Orte zu ſein, wo ich ſie mit meinen Ar⸗ men umſchlingen, ſie an mein Herz drücken und ihr Alles hätte ſagen können, was ich fühlte; aber ich wagte nicht mehr zu thun, als ihre Hand feſt in die meine zu ſchließen, als ſtumme Beſtätigung des Ver⸗ ſprechens, welches ihre Worte enthielten. Sie war die Meine— ich war der Ihre auf immer. Aber wir ſchwiegen faſt eine Viertelſtunde, und nachdem ſich unſere Geiſter und Herzen ein wenig beruhigt hatten, begannen wir von dem zu reden, was folgen ſollte. Ich ſagte ihr, am nächſten Tage wolle ich ihrem Vater mittheilen, was zwiſchen uns vorgegan⸗ — 173— gen, und ich fragte ein wenig ängſtlich, ob ſie glaube, daß wir ſeine Einwilligung erhalten würden. Sie ſagte, ſie hege keinen Zweifel; aber ſchon der Gedanke ſchien ſie zu beunruhigen, und als wir heimwärts gingen, verſank ſie mehr als einmal in tiefes Sinnen. Elftes Kapitel. Die Einwilligung. Als ich am folgenden Tage, nicht ohne Beben, wie ich geſtehen muß, zu der kleinen Hütte ging, die der Graf von Salins bewohnte, ſagte mir das Mäd⸗ chen, er ſei durchaus nicht wohl. Es wurde in dem Tone ausgeſprochen, als wolle man mich abweiſen; aber ich bat ſie, ihm zu ſagen, daß ich da ſei und einige Minuten mit ihm zu ſprechen wünſche. Ich wurde ſogleich eingelaſſen und fand ihn in ſeinem Schlafrocke am Feuer ſitzend, obgleich es Sommer war. Es waren deutliche Spuren des Leidens in ſei⸗ nem Geſichte zu bemerken; aber er begrüßte mich freundlich und ſagte, er habe mich nicht abweiſen wol⸗ len. Da ich nicht wußte, welchen Eindruck die Mit⸗ theilung, die ich zu machen hatte, auf ihn machen würde, ſo war ich unentſchloſſen, ob ich Alles ſagen — 175— ſolle, was ich beabſichtigt hatte, aber er führte mich ſelber gewiſſermaßen darauf hin, indem er ſagte: „Ich habe die liebe Mariette mit ihrer Mutter ausgeſchickt; denn ſie ſchien verſtimmt und durchaus nicht wohl, und ich bin heute kein beſonders heiterer Geſellſchafter.“ „Vielleicht kann ich Ihnen erklären, warum Ma⸗ riette ein wenig gedankenvoll iſt, Herr von Salins,“ verſetzte ich. Und ohne mir Zeit zu laſſen, mich zu bedenken oder inne zu halten, fuhr ich fort, erzählte ihm ſogleich Alles und fügte hinzu, als ich ſah, daß er ſehr aufgeregt war:„Ich würde Sie heute nicht mit dieſem Gegenſtande beläſtigen, aber ich verſprach Marietten am letzten Abend, ich wolle keinen Augen⸗ blick verlieren, Sie mit dem bekannt zu machen, was zwiſchen uns vorgegangen.“ Drei oder vier Minuten lang ſaß er da und blickte ſtarr und finſter ins Feuer. Dann ſprang er auf, ging mehrmals im Zimmer auf und ab, nagte an ſeiner Lippe und blickte in den leeren Raum hinaus. Ich war ſehr unruhig; denn ich ſah deutlich, daß Mariette ſich ſehr geirrt hatte, indem ſie auf ſeine bereitwillige Zuſtimmung gerechnet, und ich fürchtete den Erfolg des Kampfes, der offenbar in ihm vor⸗ ging. Sein Schweigen währte ſo lange, daß es faſt ſchrecklich für mich wurde, und ich beobachtete ihn mit — 176— einem Ausdruck lebhafter Furcht, den er ſogleich be⸗ merkte, ſobald er ſeine Augen auf mich richtete. Dann ging er gerade auf mich zu, faßte meine Hand und drückte ſie heftig. „Achten Sie nicht auf mich, Herr von Lacy,“ ſagte er zu meiner großen Ueberraſchung.„Sie ſoll die Ihre ſein, wenn Sie mir eine oder zwei Fragen aufrichtig und wie ich es wünſche beantworten. Meine Gefühle ſollen hierbei nicht in Anſchlag kommen.“ „Ich will alle Fragen ohne den geringſten Vor⸗ behalt beantworten, Herr von Salins,“ entgegnete ich. „Erſt vor wenigen Tagen machten Sie den Vor⸗ ſchlag, Ihr Vermögen mit uns zu theilen,“ ſagte Herr von Salins.„Ich verſtehe Ihre Gefühle und begreife wohl, wie die Großmuth der Jugend wün⸗ ſchen kann, um jedes weltliche Opfer die Freunde und Gefährten der Kindheit aus Noth und Armuth zu er⸗ retten. Nun ſagen Sie mir, Sie lieben meine Toch⸗ ter und machen den Vorſchlag, ſie zu heirathen. Sa⸗ gen Sie mir, Graf de Laey, in Uebereinſtimmung mit Ihrem Gewiſſen, ſind nicht die Beweggründe zu Ihrem erſten Vorſchlage mit Ihrem zweiten gemiſcht? — mit einem Worte,“ fuhr er heſtig fort,„liegt nicht Mitleid Ihrem ausgeſprochenen Wunſche zum Grunde?“ Und ſein Auge überſchante wild das ſpärliche Mobiliar ſeines kleinen Zimmers. b 3 - — 177— „Mitleid,“ Herr von Salins!“ rief ich.„Mit⸗ leid zwiſchen mir und Marietten! Giebt es irgend Etwas, was ich auf Erden beſitze, was nicht ihr gehört? Nein, o nein, um des Himmelswillen, he⸗ gen Sie keinen Augenblick ſolche ſchmerzliche Gedan⸗ ken. Glauben Sie mir, daß ich nur von einem ein⸗ zigen Gefühle beſtimmt werde— von der innigſten und ſtärkſten Neigung, von der wärmſten und leiden⸗ ſchaftlichſten Liebe zu dieſem theuren Mädchen, die, wie Sie wiſſen, die Freundin und Gefährtin meiner Kindheit geweſen; die ich ſchon damals liebte und die ich jetzt noch inniger und wärmer liebe. Gewiß, Herr von Salins, Sie müſſen ganz vergeſſen, was Mariette iſt, wenn Sie einen Augenblick denken, daß ich mit einem anderen Gefühle nach ihrem Beſitze ſtreben ſollte.“ Ein mattes Lächeln umſchwebte ſeine Lippe. „Sie iſt freilich ſehr ſchön und liebenswürdig,“ ſagte er;„aber Pater Bonneville erzählte mir, Herr von Lacy, daß Sie ſchon einmal verheirathet waren.“ „Das iſt wahr,“ antwortete ich;„und doch habe ich nie eine Andere ſo geliebt, wie ich Mariette liebe.“ „Da ſoll ſie die Ihre werden,“ ſagte er gedan⸗ kenvoll. Aber ich bemerkte, daß noch immer ein ge⸗ wiſſes Widerſtreben vorhanden war, und ich ſagte: „Hören Sie mich nur fünf Minuten an, um Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 12 einfach Alles, was richten Vorurtheils.“ „Mein junger Schurken, der nicht denken hat; denn je in meiner Bruſt ein lich ſiegen konnte. — 178— alle Zweifel wegen meiner früheren Heirath aus Ih⸗ rem Geiſte zu verbannen.“ Er ſetzte ſich wieder auf den Stuhl vor dem Feuer nieder, und ich erzählte ihm in der Kürze und zu der Zeit meiner Verheirathung mit meiner armen Louiſe geſchehen war. Er hörte mir aufmerkſam zu, ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als ich zu Ende war, und wiederholte die Worte: „Sie ſoll die Ihre werden, ungeachtet jedes thö⸗ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte ich,„obgleich ich ganz gewiß bin, daß kein Vorurtheil auf den Gra⸗ fen von Salins Einfluß äußern wird.“ Freund,“ ſagte er langſam und mit Nachdruck,„ich betrachte jeden Mann als einen nach den Grundſätzen handelt, die er bekennt, und von welchen er weiß, daß ſie recht ſind— ich meine natürlich, wenn er Zeit zum Nach⸗ der kann aus menſchlicher Schwä⸗ che in einem Augenblick der Leidenſchaft Handlungen begehen, die ſein Herz verleugnet, und die ſein Ge⸗ wiſſen ſpäter verdammt. Ich hielt Sie für wohl ge⸗ eignet, Mariette glücklich zu machen. Ich fühlte, daß ich meine Einwilligung geben ſollte; und doch war Kampf, in welchem ich ſchwer⸗ Alle Vorurtheile, widerſinnige, 2* angewöhnte Gefühle erhoben ſich gegen meine Ver⸗ — 179— nunft und meinen Sinn für Gercchtigkeit, und ſie überwältigten mich beinahe.“ „Aber warum?“ fragte ich in kummervollem Tone.„Iſt irgend Etwas, was ich je gethan— iſt irgend eine Handlung meines ganzen Lebens von der Art, daß Sie mich von Ihrer guten Meinung ausſchließen ſollte?“ „Nein, nein,“ fagte er mit Wärme;„aber ver⸗ langen Sie keine weiteren Erklärungen; denn Alles, was ich Ihnen antworten kann, iſt, daß eine Ge⸗ ſchichte mit Ihrer Familie in Verbindung ſteht, wor⸗ über man Sie zu Ihrem eigenen Glück und zu dem Glücke Anderer in Unwiſſenheit gelaſſen hat. Sie werden ſie einſt erfahren, aber nicht von mir. In⸗ deſſen, Herr von Lacy, iſt der Streit zu Ende. Ma⸗ riette foll die Ihre werden; aber jetzt noch nicht. Sie iſt ſehr jung, und es wird beſſer ſein, noch eine Weile zu warten. Ich fühle freilich, daß mein Geſundheits⸗ uſtand ſich verſchlimmert, und ich bin in der letzten Zeit meiner Frau und Tochter wegen ſehr beſorgt ge⸗ weſen. Sie muß die Ihre werden, ehe ich ſtevbe, und dann wird dieſe Beſorgniß zu Ende ſein; aber ich hoffe noch eine Zeitlang zu leben.“ „Erlauben Sie mir eine Frage, Herr von Sa⸗ lins,“ ſagte ich.„Hat die mit meiner Familie in Verbindung ſtehende Geſchichte Beziehung zu dem Marquis de Carcaſſonne, den ich in London ſah?“ 1 12* „Das ſoll erklärt werden, einige Tage leben. Das Blut Er nickte mit dem Kopfe, und meine Zähue zu⸗ ſammenbeißend, ſagte ich in entſchloſſenem Tone: wenn er und ich noch , welches in meinen Adern fließt— jedes Gefühl, welches mein Herz be⸗ lebt, ſagt mir, daß ich Nichts zu fürchten habe, alle Handlungen meines Vaters den Augen der Welt dar⸗ zuſtellen. Ich will dieſe Heimlichkeit nicht länger dul⸗ den. Wenn meinem Vater Un wenn er ermordet worden, wie recht geſchehen iſt— man mir geſagt, ſo iſt es die Sache ſeines Sohnes, ihm Recht widerfah⸗ ren zu laſſen. Wenn man ihn verleumdet hat, ſo iſt es die Sache ſeines Sohnes, ſeinem Andenken Gerech⸗ tigkeit anzuthun.“ „Ich kann es nicht leugn Salins,„und ich denke, man en,“ ſagte Herr von hat unrecht gehandelt und handelt noch unrecht gegen Sie. Sie glauben es zu Ihrem Beſten zu thun, ſie denken, es geſchieht zu Ihrem Vortheil— zu Ihrem künftigen pekuniä⸗ ren Vortheil; aber Nichts ſollt e irgend Jemanden ſo theuer ſein, wie das Andenken eines Vaters, mit Ausnahme ſeines eigenen makelloſen Namens. Sie haben genug. Ich wünſche nicht mehr für Mariette, als Sie, wie ich höre, beſitzen. So ſeltſam es auch ſcheinen mag, habe ich von der Armuth gelernt, den Reichthum weniger als ſonſt zu ſchätzen— aber hier kommt meine Frau,“ fügte er hinzu, indem er freund⸗ lich meinen Arm faßte,„und unſere Mariette. Ich kenne ihre Fußtritte auf dem kleinen Pfade. Ol wel⸗ che Muſik iſt der Fußtritt der Geliebten für das Ohr des Kummers und der Krankheit!“ Es war auch für mein Ohr Muſik, und eine Sekunde ſpäter waren Mariette und ihre Mutter im Zimmer. 3 Sobald ſie mich erblickte, röthete ſich die Wange des lieben Mädchens und wurde dann blaß, doch blieb ſie nicht lange in Ungewißheit, denn ihr Vater umfaßte ſie ſogleich mit ſeinem Arme, zog ſie ſanft zu mir hin und legte ihre Hand in die meine. „Segne ſie, liebe Fran,“ ſagte er zu Frau von Salins gewendet,„fegne ſie, denn ſie ſind vereint.“ Frau von Salins umarmte uns Beide mit leb⸗ hafter Frende, ſchlang dann ihre Arme um den Hals ihres Mannes und ſagte: „Dies iſt es, was ich am meiſten wünſchte, mein Gemahl; denn ich bin gewiß, Louis wird für ſie werden, was Du für mich geweſen biſt.“ Zwölftes Kapitel. Der Tropfen Galle. Ich ſagte Pater Bonncville, ich würde zwei oder drei Tage in London bleiben und ließ meinen Mantelſack in ein kleines aber bequemes Hotel am Ende von Brookeſtreet bringen und ritt gerades We⸗ ges zu einem Stalle in der Nähe von Charing Croß, wo ich mein Pferd unterzubringen pflegte, und ließ es dort zurück. Dann ging ich Pall Mall dahin und überlegte meine künftige Handlungsweiſe ruhiger und bedächtiger, als ich es bisher gethan. In Betreff eines Punktes war mein Herz jetzt beruhigt. Ma⸗ riette war gefunden— ſie ſollte die Meine werden und ich hatte nur einen großen Zweck des Strebens und Nachdenkens. Ich hatte das Ende von St. Jamesſtreet noch nicht erreicht, als ich vor mir eine große, ſchöne, ſtattliche Geſtalt ſah, die mir bekannt 4 — 183— ſchien und langſam und bedächtig weiter ging. Ich wendete meinen Kopf um und ſah dem Manne ins Geſicht. „Guten Morgen, Herr von Lacy,“ ſagte der Graf von N. in unbefangenem und biederem Tone. „Wohin ſo ſchnell dieſen Morgen?“ Ich blieb ſtehen, faßte die beiden Finger, die er mir hinſtreckte, und ſagte: „Ich gehe nach Brookeſtreet, Mylord.“ „Ahl um Charles zu beſuchen,“ antwortete er; „gut, ich will einen Theil des Wages mit Ihnen gehen.“ Er zog ſeinen Arm durch den meinigen und ſtützte ſich ein wenig ſchwer auf mich. Ich wünſchte, mich in meinen Gedanken nicht ſtören zu laſſen und hätte mich gern von ihm losge⸗ macht, wäre er ein anderer Mann geweſen; aber es waren vekſchiedene unbeſtimmte Gefühle in meinem Buſen, die mir die Geſellſchaft jenes alten Herrn ſelbſt jetzt nicht unangenehm machten, und wir gin⸗ gen in ſeinem langſamen Schritte weiter. Er ſchwieg einen Augenblick, ſah ſich dann nach mir um und ſagte: 3„Ei, Sie ſind ſo groß wie ich, Herr von Lacy.“ „Genau von derſelben Größe,“ antwortete ich. „Ich hielt Eure Herrlichkeit für größer, wahrſchein⸗ lich weil Sie ſich ſo aufrecht tragen.“ „Und wegen meines weißen Haares vielleicht,“ verſetzte der alte Herr.„Wenn wir mit Schnee be⸗ deckte Berge ſehen, ſind wir geneigt, ſie für höher zu halten, als ſie es ſind. Aber wie iſt dies, Herr von Lacy, Charles ſagt mir, Sie ſind ein Proteſtant?“ „Ich bin es, Mylord,“ verſetzte ich,„und bin es ſchon ſeit einigen Jahren geweſen.“ „Bleiben Sie dabei— bleiben Sie dabei,“ ver⸗ ſetzte der Graf mit billigendem Kopfnicken.„Sie werden es für Ihre zeitlichen und ewigen Intereſſen beſſer finden.“ „Es iſt keine Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ich meine Religion noch einmal verändern werde, My⸗ lord,“ antwortete ich;„denn da mein Abfall von der katholiſchen Kirche das Werk der ruhigen Prüfung und der aufrichtigen Ueberzeugung war, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß ich wieder umkehren ſollte.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hören,“ antwortete er und ſchien dann noch mehr ſagen zu wollen, doch hielt er inne und lenkte die Unterhaltung auf andere Gegenſtände.— „Haben Sie gehört, daß Ihr König, Ludwig der Achtzehnte, jetzt in England iſt?“ fragte er.„Un⸗ ſere weiſen Beherrſcher haben ſich geweigert, ihn un⸗ ter dem Titel anzuerkennen. Sie wollen einen Aus⸗ weg übrig haben, den Uſurpator anzuerkennen, und ſie nöthigen ihn, ſich Graf von Lille zu nennen. Sie werden bald die Thorheit einer ſolchen ſchwachen und ſchwankenden Politik einſehen Es iſt mein Grund⸗ ſatz, die Scheide wegzuwerfen, wenn ich das Schwert ziehe; aber der Himmel helfe uns! wir werden trau⸗ rig regiert.“ Ich fragte, wo der König ſich aufhalte, und fügte dann hinzu, ich werde gewiß zu ihm gehen und ihm meinen Reſpekt bezeugen. „Wirklich!“ rief der Graf mit einiger Ueberra⸗ ſchung.„Sind Sie eines guten Empfanges gewiß? Befragen Sie Charles— befragen Sie Charles. Er iſt ein guter Rathgeber in allen ſolchen Dingen. Da ich mich ſo viel wie möglich vom öffentlichen Leben zurückgezogen habe, bin ich keine Autorität in ſolchen Dingen— und nun muß ich Sie verlaſſen, leben Sie wohl. Sagen Sie Charles, daß er mir Nach⸗ richt über ſein Befinden giebt.“ Mit dieſen Worten trat er in eins von den Clubhäuſern in St. Jamesſtreet, und ich ging weiter. Als ich das Ende von Brookeſtreet erreichte und mich eben der Thür des Hotels näherte, ſah ich zwei Perſonen auf mich zukommen, die durch die Lebhaf⸗ tigkeit, womit ſie Franzöſiſch ſprachen, meine Auf⸗ merkſamkeit erregten. Die eine Perſon war ein großer, hagerer, ältlicher Mann in ſchwarzer Kleidung, ſchwar⸗ zen ſeidenen Strümpfen und Kniehoſen. Er war ſehr —— — 186— gut gekleidet, hatte aber mehr das Anſehen eines Tanz⸗ meiſters, als eines Mannes von Stande. Die andere war ein kleines altes Frauenzimmer, raſch und lebhaft in allen ihren Bewegungen und mit großer Geläufigkeit mit ihrem Begleiter in ihrer Mut⸗ terſprache redend. Das Geſicht war ſehr eigenthüm⸗ lich, und hätte ich es mir als möglich vorſtellen kön⸗ nen, daß ein ſeidenes Kleid den Rücken und eine Sammetmütze den Kopf meiner alten Freundin Jea⸗ nette ſchmücken werde, ſo hätte ich ihre Bekanntſchaft ſogleich in Anſpruch genommen. Sie erkannte mich beſſer, ungeachtet aller Veränderungen, die in meiner äußeren Erſcheinung vorgegangen, ſeitdem wir uns in der Schweiz getrennt. „Guter Gott!“ rief ſie, indem ſie zur Ueber⸗ raſchung der Vorübergehenden in der Mitte des Trot⸗ toirs ſtehen blieb,„iſt es möglich? Ja, er muß es ſein. Mein lieber Louis, kennen Sie denn Jeanette nicht mehr?“ „Freilich, freilich, Jeanette,“ verſetzte ich, ihre beiden Hände faſſend; aber das gute alte Frauenzim⸗ mer war in einem Entzücken, welches allem Zwange Trotz bot. Sie weinte und lachte, und ich glaube, ſie würde in der Mitte von Brookeſtreet getanzt ha⸗ ben, hätte ich ſie nicht an beiden Händen feſtgehal⸗ ten, während ihr Begleiter ſie zu beruhigen verſuchte, indem er wohl zehnmal wiederholte: „Aber Jeanette! aber Mademoiſelle!“ Es lag etwas ſo unausſprechlich Lächerliches in dem Ausdruck ihrer Freude, daß ich glaube, ich würde auch bald gelacht haben, ſo wie die Vorübergehen⸗ den; und als meine einzige Zuflucht, führte ich ſie und ihren Begleiter in das Hotel, wo ich mir Zim⸗ mer beſtellt hatte. Als ſie dort ſaß und ſich ein we⸗ nig beruhigt hatte, erzählte ſie mir auf ſehr geheim⸗ nißvolle Weiſe, ſie habe eben mit Jemand von mir geſprochen, doch habe ihr dieſer Jemand nicht geſagt, daß ich in England ſei. Ihre Worte und noch mehr ihr geheimnißvolles Weſen erregten Erwartungen, die nicht erfüllt werden ſollten. Nachdem ich ſie eine gute Weile gebeten, erfuhr ich von ihr, daß dieſer Je⸗ mand, von dem ſie geſprochen, Niemand anders ſei, als Charles Weſtover; und daß der Mann, der ſie begleitet hatte, ein alter Kammerdiener des Grafen von N. ſei. Dies war nicht ganz befriedigend für mich; doch war es ein neues Glied in der Kette und zeigte mir deutlich, daß eine Verbindung zwiſchen mei⸗ nem Schickſale und der Familie des Grafen vorhan⸗ den ſei.. Ich ſchickte den Kammerdiener bald fort und ſagte ihm, ich wolle Sorge tragen, daß Jeanette in Sicher⸗ heit zurückkehre. Auch fühlte ich mich halb geneigt, mit ihr zu gehen und von dem Grafen ſelber Erklä⸗ rungen zu verlangen. Ein kurzes Nachdenken aber — 188— beſtimmte mich, es zu unterlaſſen; ich befragte Jea⸗ nette indeſſen genau über meine Geſchichte und die meiner Familie. Sie wollte nicht reden, wich mei⸗ nen Fragen aus, ertheilte mir unbeſtimmte Antwor⸗ ten, und als ich ihr dringender zuredete, nahm ſie nach Art der Weiber zu Thränen ihre Zuflucht und ſchluchzte hervor: „Ich darf mein Gelübde nicht brechen, mein lie⸗ ber Sohn— ich darf mein Gelübde nicht brechen.“ Ich konnte mich nicht entſchließen, mehr zu fra⸗ gen, ſondern wendete mich zu einem anderen Gegen⸗ ſtande und ſagte: „Nun, Jeanette, wenn Du durch ein Gelübde gebunden biſt, nicht über dieſe Gegenſtände zu reden, ſo ſage mir wenigſtens, kennſt Du den Marquis de Carcaſſonne?“ Das Geſicht des armen Weibes nahm einen Ausdruck des Schreckens an, den ich nie vergeſſen werde. „Ob ich ihn kenne!“ rief ſie,„jenen entſetz⸗ lichen Mann! O ja, Louis, ich kenne ihn nur zu wohl. Er richtete eine ſo glückliche Familie zu Grun⸗ de, wie nur je eine lebte, und führte einen ſo edlen Herrn, wie es nur je einen auf der Welt gab, ins Verderben.“ Ihre Worte ſchienen mein Blut in Feuer zu verwandeln; aber ich fragte ſo kalt, wie ich konnte: — 189— „Kannſt Du mir ſagen, wie es geſchah, Jea⸗ nette?“ „O nein,“ antwortete ſie;„ich war nur eine arme unwiſſende Dienerin und hörte Nichts von ſei⸗ nen Ränken und Liſten, wenigſtens nicht ſo viel, um ſie zu verſtehen. Alles, was ich weiß, iſt, was dar⸗ aus geworden iſt. Mehr kann ich Ihnen nicht ſa⸗ gen; aber er iſt ein ſchrecklicher Mann. Es macht mich zittern, nur daran zu denken.“ „Dann will ich zu ihm gehen und es aus ſei⸗ nem Herzen herauspreſſen,“ antwortete ich heftig; „denn ich will das Ganze wiſſen und an den Tag bringen.“ „O! kommen Sie nicht in ſeine Nähe, Louis, kommen Sie nicht in ſeine Nähe,“ rief ſie faſt ſchreiend und ihre Hände faltend, als ob ſie zu einem Heili⸗ gen bete.„Er führt jeden ins Verderben, der ſich ihm nähert, und er wird Mittel finden, auch Sie ins Unglück zu bringen.“ „Ich habe ihn einmal geſehen, ſeitdem ich in England war,“ antwortete ich,„und ich will gewiß wieder zu ihm gehen, Jeanette, und ihn zwingen, mir Alles zu bekennen, was er gethan hat. Ich fürchte mich nicht vor ihm,“ fügte ich faſt mit Hohn hinzu, indem ich mich des elenden Gegenſtandes er⸗ innerte, den ich in Swallowſtreet geſehen.„Er kann mir nicht ſchaden, Jeanette.“ — 190— „Warten Sie, warten Sie, Louis,“ ſagte ſie lebhaft.„Der gute Pater Noailles ſagt mir, er ſei krank und müſſe ſterben— vielleicht können wir ein Mittel finden, ohne daß Sie in ſeine Nähe kommen. Er wird ſich ſehr vor dem Tode fürchten, wenn er kommt. Alle entfetzlichen Verbrechen, die er began⸗ gen hat, werden ſich vor ihm erheben, wenn er fühlt, daß er Rechenſchaft von ihnen ablegen ſoll. Er hat Pater Noailles ſchon zweimal rufen laſſen, und der gute Mann ſagt, feine Seele ſei in einem ſchrecklichen Zuſtande— laſſen Sie es mich verſuchen, Louis, laſſen Sie es mich verſuchen. Vielleicht kann ich die Sache machen.“ „Was Du thuſt, mußt Du ſchnell thun, Jea⸗ nette,“ antwortete ich;„denn ich kann und will die⸗ fen Aufſchub nicht länger dulden.“ „Nun, nun, ich will dieſen Augenblick gehen,“ ſagte ſie.„Aber wo kann ich Sie finden, Lonuis, um Ihnen zu ſagen, was ich ausgerichtet habe?“ „Hier in den nächſten drei Tagen„“ verſetzte ich, „und ſpäter in Blackheath. Ich will Dir die Adrefſe geben.“ Ich ſchrieb ſie ihr auf und ließ dann eine Mieths⸗ kutſche rufen; aber ſie ließ ſie nicht zu dem Hauſe des Grafen von N. fahren, welches ſich in Berkeley Square befand, ſondern zu einer kleinen Straße in Soho. — 191— Als ſie fort war, ſann ich noch eine Weile nach und beſchloß, ungeachtet der Hoffnungen, die ſie mir machte, den Marquis de Carcaſſonne ſelber zu be⸗ ſuchen. Es war mehr als eine Nachricht von ihm zu erhalten, und ich ſtellte mir vor, ich könne die ganze Geſchichte von ihm herausbringen, die ich zu erfahren ſo begierig war. Ich dachte, es würde für's Erſte beſſer ſein, Weſtover zu beſuchen, und ich eilte in ſeine Wohnung, die ſich ein wenig weiter hinauf in derſelben Straße befand. Ich fand ihn, mit Leſen beſchäftigt, auf dem Sopha liegend, und mein Zweck war bald ausge⸗ ſprochen.. „Ich komme, um mir Rath von Ihnen zu ho⸗ len, Weſtover, wie ihn nur ein Freund— ein auf⸗ richtiger Freund ertheilen kann.“ 1 Dann ſagte ich ihm, in welchem Zuſtande der ängſtlichen Beſorgniß ich mich befinde, und ſprach meine Abſicht aus, den Marquis von Carcaſſonne ſelber zu beſuchen. Ich erwähnte mein Zuſammen⸗ treffen mit Jeanette, und wie ich erfahren, daß ſie mit ihm von mir und den Meinigen geſprochen. Er hörte den erſten Theil deſſen, was ich ſagte, ernſthaft und faſt finſter an, lächelte aber, als ich Jeanette erwähnte, und entgegnete unbefangen: „Ich ließ ſie zu demſelben Zwecke rufen, de Lacy. Es würde nicht für mich paſſen, lange Unterredun⸗ — 192— gen mit hübſchen jungen Dienerinnen im Hauſe mei⸗ nes Großvaters zu führen, und ſo hielt ich es für beſſer, ſie hieherkommen zu laſſen. So ſagte ſie Ih⸗ nen alſo Nichts?“ „Nichts,“ verſetzte ich;„ſie behauptete, ſie habe ein Gelühde der Verſchwiegenheit abgelegt.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte er;„was aber dieſen Marquis de Carcaſſonne betrifft, ſo denke ich, es wäre beſſer, ihn ihr zu überlaſſen. Ich ſehe ſehr wohl ein, was ſie zu thun beabſichtigt. Sie will zu dem alten Prieſter Noailles gehen und ihn bewegen, durch die Furcht vor dem Tode und dem Gericht. Solche Menſchen werden faſt immer Feig⸗ linge am Rande des Grabes; und der alte Noailles i*ſt ſein Beichtvater, wie ich glaube. Wenn er Alles beichtet, könnte Noailles ihm die Abſolution verwei⸗ gern, wenn er nicht ſo viel wie möglich durch ein ſpätes Bekenntniß ſein früheres Unrecht wieder gut macht. Es iſt kein übler Plan von der alten Dame.“ „So wiſſen Sie alſo ſelber die Wahrheit nicht?“ fragte ich mit einiger Ueberraſchung. Er ſchüttelte den Kopf und antwortete: „Ich habe die moraliſche Ueberzeugung, de Lach, aber keinen Beweis, und darum kann ich nicht ſa⸗ gen, daß ich die Wahrheit weiß.“ „Ich will ſelber zu ihm gehen,“ ſagte ich, nach⸗ dem ich einige Minuten nachgedacht. — 193— „Nun, ich ſehe nicht ein, was es ſchaden könn⸗ te,“ verſetzte Weſtover gedankenvoll;„aber gehen Sie lieber in der Dunkelheit zu ihm, ſonſt werden Sie ihn wahrſcheinlich nicht ſehen. Man vermuthet, daß er und ſein Apotheker das einträgliche Geſchäft der Spione treiben oder wenigſtens Nachrichten und Geld nach Frankreich bringen, wo Beides gerade jetzt ein wenig ſpärlich iſt. Dann erbitte ich mir noch die Gunſt von Ihnen, de Lacy, daß Sie, wenn es Ih⸗ nen gelingt, dieſen verhärteten Mann zum Reden zu bringen, mir Alles ſagen wollen, ehe Sie es irgend ſonſt Jemand mittheilen— ich fordere kein weiteres Verſprechen. Wollen Sie es?“ „Sehr gern,“ antwortete ich.„Sobald ich die Wahrheit weiß, wird es mir lieb ſein, wenn die ganze Welt ſie auch weiß.“ „Darüber wollen wir ſpäter urtheilen,“ ſagte Weſtover mit bedeutungsvollem Lächeln.„Und nun, wollen Sie dableiben und mit mir zu Mittag ſpei⸗ ſen? Wir haben noch Zeit zu einem Spaziergange oder einem Ritte vor der Stunde der Mahlzeit.“ Ich lehnte es indeſſen ab, denn ich fühlte mich nicht in dem Zuſtande, mich an Geſellſchaft zu er⸗ freuen, und indem ich in das Hotel zurückkehrte, ſaß ich ſinnend da, bis der Himmel grau zu werden be⸗ gann. Dann ging ich aus und Swallopſtreet hin⸗ unter; aber es war noch nicht dunkel genug zu mei⸗ Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 13 — 194— nem Vorſatze. Ich ging daher bis an das Ende der Straße, durchſchritt jene längſt vergeſſenen Gänge, die zum St. Jamesmarkte führten, und kehrte dann wieder zurück, während ein Mann mit einer roth⸗ glühenden, übelriechenden Fackel eine Leiter an jedem Laternenpfahl hinauflief und die trüben Lampen an⸗ zündete, welche die Straßen London's erhellten, ehe die Gasbeleuchtung eingeführt wurde. Gerade als ich mich der Thür des Apothekers näherte, ſah ich dieſen würdigen Herrn, mit feſt zu⸗ geknöpftem Rocke und ſeinen Hut über die Stirn ge⸗ drückt, herauskommen; und da ich ihn nicht in ſeinen Laden zurückrufen wollte, ging ich einige Schritte weiter und kehrte dann wieder zurück. Als ich ein⸗ trat, fand ich Niemand weiter, als einen kleinen Lehr⸗ ling hinter dem Ladentiſche, und indem ich nur ſagte, ich wünſche mit Herrn von Carcaſſonne zu reden, näherte ich mich dem Fuße der Treppe, welche zu ſeiner Wohnung führte. Der Knabe ſchien unent⸗ ſchloſſen, ob er mich zurückhalten ſolle oder nicht; endlich aber, als ich die Thür, die zu der Treppe führte, in der Hand hatte, ſagte er:„Nehmen Sie lieber ein Licht,“ und händigte mir eine Lampe ein. Als ich die Stufen hinaufſtieg, bemerkte ich eine drückende, verdorbene Luft, hörte einen heftigen Hu⸗ ſten, der aus einem oberen Zimmer kam, und ſchloß aus dem eigenthümlichen Geräuſch, daß das Leben des Huſtenden nicht viele Tage mehr währen werde. Ich klopfte an die Thür des Marquis de Carcaſſonne, ging aber, ohne zu warten, hinein. Ich fand ihn faſt in derſelben Stellung, wie früher, vor dem Feuer ſeines kleinen Ofens ſitzend, aber obgleich das Zim⸗ mer nach Speiſen roch, wurde doch nicht gekocht. Er hatte ſich ſehr verändert. Sein Geſicht war weiß und blau und außerordentlich abgemagert, ſeine ganze Geſtalt zuſammengeſchrumpft und ſeine Augen voll lebhafter Aengſtlichkeit, die ich häufig in den letz⸗ ten Stadien der Krankheit bemerkt habe. Er hielt eine Zeitung in der Hand, die er bei dem Lichte einer einzigen Talgkerze las, die beſtändig des Putzens be⸗ durfte; aber er ſah ſogleich über das Papier weg und blickte mit verſtörtem Ausdruck nach der Thür hin. Anfangs ſah er mich ohne die geringſte Spur des Erkennens an; aber ich war nicht in der Gemüths⸗ ſtimmung, mich von dem Blicke irgend eines Men⸗ ſchen ſchrecken zu laſſen. Es war eine feſte und ern⸗ ſte Entſchloſſenheit in meinem Herzen, vermöge wel⸗ cher ich einem Spotte, einer Beleidigung oder einer Drohung mit Gleichmuth begegnen konnte. Er erhob ſich mit ſeiner gewohnten Höflichkeit von ſeinem Stuhle, machte die gewohnte Verbeugung mit gewohnter Grazie und ſank dann wieder auf ſei⸗ nen Sitz zurück, da er ſich nicht länger auf ſeinen Füßen halten konnte. Ich ging ruhig und bedächtig 13* — 196— zu der Seite des Tiſches und ſetzte mich unaufgefor⸗ dert ihm gegenüber. Ich will meine Gefühle in dem Augenblick nicht ſchildern. Es iſt genug zu ſagen, daß ſie teufliſch genug waren. Da ſaß er, der Mörder meines Va⸗ ters, der Verfolger meiner Familie— ein Wurm— eine Schlange— die nur eines Ferſenſtoßes zu be⸗ dürfen ſchien, um als eine modernde Maſſe vor mir zu liegen. In dem Augenblick konnte ich kein Mit⸗ leid empfinden. Alle Menſchenliebe ſchien in mir er⸗ loſchen, und wenn ich gleich den gebrechlichen Kür⸗ per um die Welt nicht verletzt hätte, war es mir doch, als hätte ich ſeinen Geiſt, wenn ich ihm beikommen können, vernichten mögen. Er ſah mich mit Ueberraſchung und Schrecken an, als ich in düſterem Schweigen einen Stuhl zum Tiſche hinzeg, mich niederſetzte und ihn ſtarr anſah, als wollte ich in ſeine Seele blicken. Er ſagte kein Wort, und nach einer Pauſe fragte ich: „Kennen Sie mich, Marquis de Carcaſſonne?“ „Nein,“ ſagte er in den durchdringenden Tönen des Alters und mit einem Blicke der Furcht und Auf⸗ regung, indem er ſich ſo weit wie möglich zurückzog, „nein, die Todten kehren nicht zurück— das iſt ein Aberglaube— nein, ich kenne Sie nicht— obgleich Sie Jemanden ſehr ähnlich ſind.“ „Ich bin Louis de Lacy,“ ſagte ich finſter. — 192— „Ah!“ rief er und ſtreckte ſeine Hände aus, als wollte er mich zurückdrängen. Ich ſah ihn zittern und fuhr fort: „Ich bin Louis de Lacy, der Sohn deſſen, den Sie gemordet haben. Er ſteht in meiner Perſon vor Ihnen. Er redet zu Ihnen durch meine Stimme. Er verlangt, daß Sie ſelbſt jetzt noch ſeinem Anden⸗ ken Gerechtigkeit anthun, wo Sie am Rande des Grabes ſchwanken, jenſeits deſſen Sie ihn bald von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen werden. Antworten Sie mir, Marquis de Careaſſonne. Wollen Sie end⸗ lich die Wahrheit ſagen? Wollen Sie dem Todten Gerechtigkeit anthun? Wollen Sie die einzige Buße thun, die Sie dem Gemordeten darbringen können, ehe Gott Ihre Härte beſiegelt und Sie mit unbereu⸗ ten und ungebeichteten Verbrechen zum Gerichte gehen müſſen?“ Der Greis zitterte an allen Gliedern und ſein Geſicht war todtenblaß; aber er antwortete kein Wort, und ich fuhr mit einer Hartherzigkeit fort, die ich mir noch kaum verzeihen kann.„Sie waren einſt reich,“ ſagte ich,„und jetzt ſind Sie arm. Sie waren einſt der Bewohner vergoldeter Hallen und prächtiger Gemächer — Sie ſind jetzt auf einer elenden und finſteren Dach⸗ ſtube. Ihre Verbrechen haben Sie nicht zu größe⸗ rem Wohlſtande und Reichthum geführt; Sie haben die Zwecke Ihres Ehrgeizes nicht erreicht und Armuth — 198— und Dürftigkeit zum Lohne erhalten. Sie haben noch einen Schritt vor ſich— einen tiefen Abgrund, in den Sie ſtürzen werden. Das Grab iſt eine noch kältere Wohnung, als dieſe— das Tribunal des allſehenden Gottes ſchrecklicher, als irgend ein Ge⸗ richt der Erde, und die Hölle, die Sie ſich ſelber gegraben, qualvoller, als ſelbſt Ihr Gewiſſen in die⸗ ſem Augenblick.“ Die Heftigkeit, womit ich ſprach, ſchien meinen Zweck zu vereiteln und plötzlich in ſeiner hinfälligen Geſtalt und in ſeinem matten Geiſte einen Wider⸗ ſtand zu erregen, der ſißher ſehr mächtig in ihm ge⸗ weſen war. Er ergriff die Armlehne ſeines Stuhles, ſaß aufrecht da, bewegte faſt krampfhaft ſeinen Un⸗ terkiefer und ſagte dann mit großer Bitterkeit: „So, ſo— Sohn eines Verräthers! Sie wol⸗ len, daß ich lügen ſoll, damit Sie die Beſitzungen Ihres Vaters wieder erhalten und Ihr Name von der Schande gereinigt werde, die darauf ruht und für alle Ewigkeit darauf ruhen wird. Sie wollen, daß ich Alles widerrufen ſoll, was ich geſagt und be⸗ ſchworen habe? Aber hören Sie mich an, Knabe, ehe ich ſterbe, will ich jede Anklage gegen Ihren ver⸗ rätheriſchen Vater beſtätigen. Ich will ſeinen Namen noch mehr brandmarken— wie er ſeinen König ge⸗ täuſcht, ſein Vaterland verrathen, ſeine Ehre verletzt, ſein Wort verfälſcht und ſich dem Feinde verkauft, — 199—. und er ſoll in der Geſchichte der Welt als der ſchwär⸗ zeſte Verräther und der verworfenſte der Menſchen da⸗ ſtehen— ha! ha! Welche Drohungen haben Sie jetzt anzuwenden, Thor?“ Ich ſprang auf und hielt nur mit großer Mühe meine Hände von ihm zurück; aber ich bemeiſterte meinen erſten raſchen Impuls und ſagte: „Da fordere ich Sie auf, ihm, den Sie ver⸗ leumdet und gemordet haben, den Sie noch ohne Reue und Buße läſtern und beſchuldigen, vor dem Throne des allmächtigen Gottes entgegenzutreten und zu ant⸗ worten, wo keine Falſchheit oder Liſt gilt— wo Wahrheit mit Schriftzügen des Lichts auf glänzende Tafeln geſchrieben und Falſchheit und Lüge auf ewig ausgeſchloſſen ſind— wo Hölle und ewige Ver⸗ dammniß das reueloſe Verbrechen erwarten, für jedes Wort, welches Sie dieſen Abend geſprochen haben! — Wie Ihr Herz es Iönen vorſchreibt, ſo fühlen und handeln Sie. Sterben Sie in Frieden und ru⸗ higer Zuverſicht oder in Entſetzen, Schrecken und Ver⸗ zweiflung.“ Er rückte bebend weiter und weiter in ſeinen Stuhl zurück und drückte bei den letzten. Worten ſeine zitternden Hände vor die Augen, als wollte er die furchtbaren Bilder ausſchließen, die ich ihm darge⸗ ſtellt hatte. Sein Geſicht wurde todtenblaß und ſeine — 200— ganze Geſtalt hob ſich, als hätte die Folterqual der ewigen Flamme ſich ſeiner bereits bemächtigt. Ich weiß nicht, ob ich noch mehr hätte ſagen ſollen oder nicht; aber als ich noch daſtand und ihn anſah, wie er qualvoll vor mir rang, öffnete ſich die Thür und ein ehrwürdig ausſehender, ſchwarz geklei⸗ deter Mann trat ein. Er ſah einen Augenblick mit Ueberraſchung den blaſſen, zitternden Elenden und dann mich an, und fragte darauf in ſtrengem und feierlichem Tone: „Wer ſind Sie?— Was haben Sie gethan, junger Mann?“ „Ich bin Louis de Lacy,“ antwortete ich kalt. „Dies iſt der Marquis de Carcaſſonne, der Mörder meines Vaters. Was ich gethan habe, iſt, was Sie, wenn Sie ein Prieſter ſind, thun ſollten— denn ich Habeße einen ſchwarzen Verbrecher zittern gemacht, ehe der Weg zur Buße und die Pforten der Gnade auf immer für ihn ſich ſchließen. 2, Und ohne auf weitere Fragen zu warten, eilte ich aus dem Zimmer, die dunkle Treppe hinunter und auf die mit Menſchen angefüllte Straße hinaus. Dreizehntes Kapitel. Meine Gedanken waren in einem ſolchen Zu⸗ ſtande des Tumults und der Verwirrung, daß ſie meh⸗ rere Minuten ſtillſtanden, nachdem ich die Höhle der alten Schlange verlaſſen hatte; aber ich nahm meine Richtung ſogleich zu Weſtover's Wohnung und er⸗ zählte ihm Alles, was geſchehen war. „Ich glaube, Sie hätten es lieber Jeanette über⸗ laſſen ſollen,“ verſetzte er mit jener Miſchung der Weltkenntniß und des reinen, erhabenen Gefühls, die ich oft an ihm bemerkt hatte.„Sie wiſſen nicht, de Laey, wie oft Dinge durch untergeordnete Agenten und ſchmutzige Werkzeuge ausgeführt werden, welche alle Geſchicklichkeit und Kraft der Verſtändigen und Geiſt⸗ reichen nicht auszuführen vermögen. Sie ſehen, daß dieſes gute Weib und dieſer gute Prieſter kein Beden⸗ 8 —— — 202— ken tragen würden, Mittel anzuwenden, wozu Sie ſich nicht herablaſſen würden. Ich hoffe, Sie haben nicht viel Unheil angerichtet. Auf jeden Fall aber nehmen Sie meinen Rath an, die Sache den Händen Jeanet⸗ tens und ihres ehrwürdigen Helfers zu überlaſſen.“ „Es iſt keine Hoffnung, keine Wahrſcheinlichkeit vorhanden,“ ſagte ich.„Der Mann iſt ſo hart, wie ein Mühlſtein.“ „Wir können nicht ſagen, was zu thun ſein würde,“ verſetzte Weſtover.„Eins wenigſtens iſt ſehr klar. Sie können Nichts thun; wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich aus der Stadt gehen und nicht weiter daran denken. Nun, wie geht es mit Ihrer Liebesgeſchichte mit der Schönen unter den Roſen?“ „So gut wie ich es nur wünſchen kann,“ ver⸗ ſetzte ich lächelnd, denn er ſtellte mir auf geſchickte Weiſe glücklichere Bilder vor Augen.„Sie wird die Meine werden, aber jetzt noch nicht. Indeſſen ver⸗ gaß ich, Ihnen zu ſagen, Weſtover, daß mir heute Ihr Großvater begegnete und mit mir nach St. Ja⸗ mesſtreet ging.“ „Ei!“ ſagte Weſtover mit einem Blicke der Ueberraſchung.„Was ſagte er? Wie benahm er ſich?“ „Sehr freundlich,“ antwortete ich. „Er ging mit Ihnen nach St. Jamesſtreet, mit Ihnen?“ wiederholte Weſtover. Ich nickte mit dem — — 203— Kopfe und er fragte weiter:„Lud er Sie in ſein Haus ein?“ „Nein,“ verſetzte ich,„auch gab er mir keinen Wink, daß dies ſeine Abſicht ſei.“ Ein Schatten zog über meines Freundes Geſicht, und er fragte: „Was ſagte er?“* „Nichts Beſonderes,“ antwortete ich.„Er ſagte mir, Seine Majeſtät, mein König, wäre in Yar⸗ mouth angekommen, und er rieth mir, mich mit Ih⸗ nen zu beſprechen, ob ich ihm meine Aufwartung machen ſolle oder nicht.“ „Auf jeden Fall,“ verſetzte Weſtover lebhaft, „auf jeden Fall. Verlieren Sie keinen Augenblick. Seien Sie Einer von den Erſten. Laſſen Sie uns morgen mit der Poſt abreiſen.“ „Beabſichtigen Sie denn, mit mir zu gehen?“ fragte ich. „O ja, es wird beſſer ſein,“ verſetzte er,„ich kann Sie dem Könige vorſtellen. Ich ſah ihn vor einiger Zeit und wurde zweimal von ihm zur Tafel gezogen.“ „Vielleicht werden dadurch Ihres Greßvaters Einwendungen beſeitigt,“ ſagte ich;„denn er ſchien zu bezweifeln, daß ich gut würde empfangen werden.“ „Ich denke es doch,“ verſetzte Weſtover nach⸗ ſinnend.„Ich erinnere mich einer Unterredung mit — — 204— dem Könige, wornach ich ſo urtheile. Er kann ſeit⸗ dem keinen Grund gehabt haben, ſeine Anſicht zu ändern; aber auf jeden Fall will ich ihn vorher ſpre⸗ chen und mich überzeugen, wie die Sache ſteht.“ Er ſprach ſehr gedankenvoll und gab keine Er⸗ klärung von dem ſeltſamen Umſtande, daß er eine Un⸗ terredung in Betreff meiner mit Ludwig den Achtzehn⸗ ten gehabt, ehe dieſer mich je geſehen. Aber während der letzten zwei oder drei Monate hatten mich ver⸗ ſchiedene Umſtände zu der Ueberzeugung geführt, daß ein ſtarkes, wenn gleich geheimes Band zwiſchen Weſt⸗ over's Familie und mir obwalte. Indeſſen ſtimmte ich ſogleich ſeinem Vorſchlage bei. Er ſchickte einen Bedienten aus, um für den folgenden Tag Plätze auf der Poſt zu beſtellen, und ehe noch eine Nacht anbrach, waren wir in Yarmouth. Wir erfuhren, daß der König mit ſeinem klei⸗ nen Gefolge mit uns in demſelben Hotel logire, und Weſtover ſchickte ſogleich Jemand ab und ließ um eine Audienz auf den folgenden Morgen bitten, die ſo⸗ gleich mit einer höflichen Antwort gewährt wurde. Zu der beſtimmten Stunde ging er und ich blieb mit einiger Ungeduld zurück, indem es mir vorkam, als bleibe er ſehr lange aus. Es verging aber nicht mehr, als eine halbe Stunde bis er zurückkehrte und ſagte: „Schnell, de Laey, Seine Majeſtät will ſogleich mit Ihnen reden. Gehen Sie zu ihm— gehen Sie zu ihm. Er iſt vorbereitet, daß Sie kommen.“ Ich ging daher und ließ ihn zurück, denn er ſchien nicht geneigt, mich zu begleiten, und ich wurde von einem Bedienten, der an der Thür ſtand, in das ärmliche kleine Geſellſchaftszimmer geführt, welches man dem franzöſiſchen Fürſten angewieſen hatte. Ich ſah einen gewöhnlich ausſehenden Mann, ein wenig zur Korpulenz geneigt, obgleich nicht ſo wohlbeleibt, wie er ſpäter wurde, an einem Tiſche ſtehen. Sein Weſen, wenn auch nicht ſeine Erſchei⸗ nung, zeigte ſogleich den Fürſten. Er trat einen Schritt vor, als wollte er mir entgegengehen, reichte mir die Hand und ſagte: „Monſieur de Laey, es freut mich ſehr, Sie zu ſehen. Es iſt mir ſehr angenehm, ſolche freundliche Beſuche von meinen Landsleuten und Unglücksgefähr⸗ ten zu erhalten. Die Anhänglichkeit einiger der edel⸗ ſten Herzen Frankreichs iſt keine ede uichädiguns für Alles, was ich gelitten habe.“ Ich verneigte mich, küßte ihm die Hand und ſagte: 4„Ich hoffe, Sire, Sie werden nie Einen meines Namens oder Geſchlechts ohne jene warme Anhäng⸗ lichkeit finden, die Eure Majeſtät gewiß verdienen.“ Ich hatte nicht die Abſicht, durch meine Ant⸗ wort auf iBend etwas hinzulenken; aber der König — 206— ſchien zu glauben, daß ich eine beſondere Anſpielung mache, und antwortete ſogleich: „Ich bin deſſen gewiß, Monſieur de Lacy— ich hielt mich immer davon überzeugt. In Ihres Vaters Sache hegte ich niemals einen Zweifol. Ich hielt mich immer überzeugt— und bin es noch jetzt— daß er das Opfer einer ſchändlichen Verſchwörung war. Könige können, wie Sie wiſſen, nur nach der Einſicht handeln, die ihnen geſtattet iſt, und ich will nicht den geringſten Tadel auf meinen armen Bruder werſen. Er handelte nach dem Rathe von Miniſtern, die er liebte und achtete. Das Uirtheil eines regel⸗ mäßig eingeſetzten Gerichtshofes war ausgeſprochen worden, und man kann ihn nicht tadeln, daß er es den Impulſen ſeines eigenen Herzens zuwider in Aus⸗ führung bringen ließ. Ich hätte es nicht thun kön⸗ nen, denn ich war völlig von der Unſchuld Ihres Vaters überzeugt; aber ſein Urtheil wurde von einem ſehr liſtigen Schurken irre geleitet.“ Ich war ſehr aufgeregt, aber ich erwiederte: „Ich bin ſo wenig mit dem Schickſal und der Geſchichte meines Vaters bekannt, daß ich die Worte Eurer Majeſtät kaum verſtehe. Aus dem irrthüm⸗ lichen Beweggrunde, mir Schmerz zu erſparen, glaube ich, hat man mich in Unwiſſenheit erhalten über das, was eine ſehr ſchmerzliche Geſchichte ſein muß.“ „Ihre Freunde thaten Unrecht, Monſieur de Lacy— ſehr Unrecht, denke ich,“ verſetzte der König. „Es iſt recht und nothwendig, daß Sie das Ganze wiſſen; denn die Rechtfertigung des Namens Ihres Vaters wird noch eine Aufgabe ſein, die Sie noch zu erfüllen haben. Setzen Sie ſich nieder, ich will Ih⸗ nen einen kurzen Bericht über die Sache ertheilen. Nur muß ich Ihnen fürs Erſte die Andeutung geben, daß Sie für jetzt den Titel Majeſtät weglaſſen müſſen. Ich bin hier nur der Graf von Lille.“ „Ich wenigſtens kann nie vergeſſen, daß Sie ein König und mein König ſind,“ verſetzte ich. „Wie der Sohn Ihres Vaters geſprochen,“ ſagte Ludwig mit ſich ſelber redend, deutete auf einen Stuhl und fuhr dann fort:„Ihr Vater, Monſieur de Lacy, war ein ſehr tapferer und ausgezeichneter Offizier aus einer irländiſchen Familie, die lange in Frankreich ge⸗ wohnt. Er war eine Zeitlang in England in diploma⸗ tiſcher Thätigkeit und wurde einige Jahre ſpäter in einem Kommando in einer von unſeren oſtindiſchen Beſitzungen angeſtellt. Um dieſe Zeit brach Krieg zwiſchen Frank⸗ reich und England aus, und das große Uebergewicht des letzteren Landes im Oſten machte die Aufrechthal⸗ tung unſerer Beſitzungen dort ſehr ſchwierig. In Folge der Zerrüttung der Finanzen und der täglich zuneh⸗ menden Verlegenheiten der Regierung erhielten unſere kommandirenden Officiere in jenen entfernten Theilen der Welt keine genügende Unterſtützung. Ihr Vater — 208— wurde von den Engländern in einer von Natur ſtar⸗ ken, aber mit Proviant, Munition und Garniſon ſchlecht verſehenen Feſtung belagert. Er leiſtete, wie alle zu jener Zeit glaubten, einen ſehr tapferen Wi⸗ derſtand, ſah ſich aber am Ende zu einer ehrenvollen Kapitulation genöthigt. Bei ſeiner Rückkehr nach Frankreich wurde er gut empfangen, aber ſeine Freunde, mehr als er ſelber, ſtrebten nach einem ausgezeichneten Beweiſe der Gunſt und Billigung ſeines Monarchen und verlangten für ihn ein hohes Hofamt, welches, wie ich wußte, der Gegenſtand des Strebens eines gewiſſen Marquis de Carcaſſonne war— ja er bat mich, ich möchte mich für ihn verwenden, was ich ihm aber abſchlug. Ihr Vater würde die Stelle ge⸗ wiß erhalten haben; aber es verbreiteten ſich Gerüchte am Hofe, die bald einen furchtbaren Anblick annah⸗ men und beſonders durch den Umſtand, daß Ihr Va⸗ ter eine engliſche Dame geheirathet, beſtätigt zu wer⸗ den ſchienen. Man ſagte, er habe die Feſtung an die Engländer verkauft; er habe ſich ergeben, da es noch lange nicht nöthig geweſen, und eine nicht ſo günſtige Kapitulation erhalten, wie man hätte erlangen können. Die Beſchuldigungen häuften ſich ſo ſehr, daß Ihr Vater endlich ſelber auf Unterſuchung drang. Er wurde daher in Anklageſtand verſetzt und die Sache kam zur Unterſuchung. Einen kleinen Umſtand darf ich indeß nicht vergeſſen. Dieſer Marquis de Car⸗ — 209— caſſonne ſagte, ſo daß es mehrere Perſonen hörten, von welchen er gewiß ſein konnte, daß ſie ſeine Worte wiederholen würden, der Erfolg des Verhörs ſei gleich⸗ gültig, denn Ihr Vater würde gewiß begnadigt wer⸗ den, auch wenn er von dem Gerichte ſollte verurtheilt werden. Dieſe Bemerkung wurde dem Könige hinter⸗ bracht, der mit einiger Wärme darauf erwiederte, Nichts ſolle ihn bewegen, das Urtheil des Gerichtshofes zu verändern, welches es auch ſein möge. Bei dem Ver⸗ höre wurde, wie es mir ſchien, genügendes Zeugniß vorgelegt, um den Zuſtand der Feſtung und die völ⸗ lige Unmöglichkeit zu beweiſen, ſie länger, als er es gethan, zu vertheidigen; aber dagegen wurden zur Ueberraſchung Aller zwei Briefe vorgelegt, die angeblich einen Theil der Korreſpondenz Ihres Vaters mit dem engliſchen General bilden ſollten. Ihr Vater erklärte laut, daß ſie nachgemacht wären; aber da trat der Marquis de Carcaſſonne vor, der mit Ihrem Vater nach Indien korreſpondirt hatte, und beſchwor aus⸗ drücklich, daß der in Rede ſtehende Brief von der Hand Ihres Vaters ſei. Viele bezweifelten, einige glaubten dieſe Behauptung. Es wurden mehrere Ver⸗ ſchiedenheiten zwiſchen der Handſchrift Ihres Vaters und dem Briefe nachgewieſen, und Ihr Vater hätte gerettet werden können; aber zwei Umſtände vereinten ſich, um ihn zu Grunde zu richten. Es wurde öf⸗ fentlich viel davon geſprochen, daß unſere Beſitzungen Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 14 — in Indien verloren gingen, und es wurde nöthig, daß ein Opfer fiel, um die Fehler eines ſchwachen und ungenügenden Miniſteriums zu ſühnen. Zu gleicher Zeit ſtellte ſich ein Mann dar, um die Entdeckung die⸗ ſer Briefe zu erklären, indem er beſchwor, dieſelben in dem Kabinet Ihres Vaters gefunden zu haben. Er war ein unbedeutender Apotheker in Paris, der häufig zu den Dienern Ihres Vaters kam. Ey geſtand die niedrige Handlung ein, dieſe Dokumente insgeheim geleſen und entwendet zu haben. Der Mann war auf den Beſitzungen des Marquis de Careaſſonne geboren und von deſſen Vater erzogen worden. Dies machte, wenigſtens mir, ſein Zeugniß verdächtig; aber die Richter nahmen es als gültig an und der Erfolg war, daß Ihr Vater verurtheilt wurde. Es iſt unnöthig, bei allen folgenden entſetzlichen Ereigniſſen zu verwei⸗ len; es reicht hin, zu ſagen, daß ein ſo tapferer und ehrenvoller Mann, wie nur je einer lebte, auf unge⸗ rechte Weiſe hingerichtet, daß ein Makel auf einem edlen und ausgezeichneten Namen fiel und daß die ſämmtlichen großen Familienbeſitzungen konfiseirt wur⸗ den.“ Ich darf nicht erſt ſagen, mit welcher Gemüths⸗ bewegung ich dieſen Bericht anhörte, und ich verharrte mehrere Augenblicke mit geſenktem Kopfe, voll Un⸗ willen und Kummer, den ich nicht auszuſprechen wagte, in tiefem Schweigen. Der König ſah, wie — 2u1— ſehr ich ergriffen war, und bemühte ſich auf freund⸗ liche Weiſe, mich zu beruhigen. „Wenn es Ihnen einigen Troſt gewähren kann, Monſieur de Lacy,“ ſagte er,„ſo gebe ich Ihnen die feierliche Verſicherung, daß ich Ihren Vater nie auf einen Augenblick für ſchuldig hielt, und daß ich, wenn das Schickſal uns je unſerem Vaterlande wiedergeben ſollte, die nöthigen Schritte thun werde, um das Ur⸗ theil Ihres Vaters widerrufen und ſein Andenken recht⸗ fertigen zu laſſen. Ich ſtehe in meiner Anſicht über dieſen Gegenſtand nicht allein da; denn als die Men⸗ ſchen nach dem Tode Ihres Vaters wieder zum Be⸗ wußtſein kamen, war der Unwille gegen ſeine Anklä⸗ ger ſo groß, daß der Apotheker, der die Briefe vor⸗ gelegt hatte, genöthigt wurde, Frankreich zu ver⸗ laſſen.“ „War ſein Name Giraud, Sire?“ fragte ich. Der König nickte mit dem Kopfe und fuhr fort: „Wenn der Mann noch lebt, möchte er ſich viel⸗ leicht bewegen laſſen, die Wahrheit zu ſagen. Der Marquis de Carcaſſonne lebt noch, wie ich weiß; aber auch er hat es für angemeſſen gehalten, auf Reiſen zu gehen, und er erhielt niemals den Poſten, weshalb er ein ſo ſchändliches Spiel geſpielt. Ich bin geneigt zu glauben, daß die Fälſchung ſein Werk war; denn ich weiß, daß er die Briefe eines Frauenzimmers nach⸗ machte, und daher können wir wohl annehmen, daß 14* * — 212— er kein Bedenken tragen würde, die Briefe eines Man⸗ nes nachzumachen.“ Bei allen den vielfachen Gedanken, welche dieſer Bericht in mir anregte, trat eine einzige Idee in den Vordergrund. Der König hatte meine Mutter als eine Engländerin bezeichnet. Konnte er mir nicht ſa⸗ gen, wer ſie war? Aber gerade, als ich im Begriff war, die Frage zu ſtellen, wurden noch zwei andere franzöſiſche Herren eingeführt, und ich ſah mich ge⸗ nöthigt, für den Augenblick davon abz zuſtehen, obgleich ich entſchloſſen war, eine andere Gelegenheit zu ſuchen, darnach zu fragen. Ich entfernte mich daher, nachdem ich meine Dankbarkeit ausgeſprochen, und kehrte wie⸗ der zu Weſtover in unſer kleines Zimmer zurück. Er fragte lebhaft nach den Einzelnheiten meiner Unterredung mit dem Könige, und ich erzählte ihm das Ganze. „Iſt das Alles?“ ſagte er.„Sagte er Ihnen Nichts weiter?“ „Nichts, Weſtover,“ antwortete ich;„aber wir wurden unterbrochen, ehe meine Audienz ganz beendet war. Er ſagte mir,“ fügte ich mit einigem Nachdruck hinzu,„wer mein Vater und welches ſein unglückliches Schickſal war. Er ſagte mir nicht, wer meine Mutter war, aber das werde ich bald erfahren, Weſtover.“ Mein Freund ſann ſchweigend einige Minuten nach und ſagte dann: — 213— „Laſſen Sie uns erſt ſehen, was von dieſem Marquis de Carcaſſonne herauszubringen iſt. Ich habe großes Vertrauen zu der Klugheit und Geſchicklichkeit des Prieſters und Ihrer guten alten Jeanette. Wenn wir den alten Verbrecher nur dahin bringen könnten, ein wenig früher zu ſterben, ſo ließe ſich die Sache bald ausgleichen.“ „Als ich zuletzt bei ihm war, ſah er ſehr einem Sterbenden ähnlich,“ verſetzte ich. „Nun, das wäre zu früh,“ ſagte Weſtover. „Wir müſſen es dem Prieſter und Jeanetten überlaſ⸗ ſen, auf ihn zu wirken. Kommen Sie nicht wieder in ſeine Nähe, de Lacy, denn ſie möchten die Flamme ausblaſen, während Sie am meiſten des Lichtes be⸗ dürfen. Und nun laſſen Sie uns gehen und eine Luſtfahrt auf der See machen und morgen früh mit der erſten Poſt nach London abfahren.“ Ich folgte ſeiner Leitung in der vollen und feſten Ueberzeugung, daß er es gut mit mir meine; und zu einer frühen Stunde am folgenden Morgen rollten wir wieder auf die Hauptſtadt zu. Wir kamen an, nach⸗ dem es dunkel geworden war, und Weſtover ging mit mir in mein Hotel, um dort zu Mittag zu ſpeiſen. Die Mahlzeit wurde mit der gewohnten Schnelligkeit ſervirt, und ſchon hatten wir dieſelbe zur Hälfte been⸗ det, als man mich benachrichtigte, daß dieſelbe alte franzöſiſche Dame, die ich am Tage meiner Ankunft — 214— bei mir geſehen, dreimal da geweſen ſei und nach mir gefragt habe. „Da giebt es gewiß etwas Neues,“ rief Weſt⸗ over.„Bringen Sie mir einen Bogen Papier, Kellncr. Wir wollen bald Jeanette bei uns haben;“ und einen haſtigen Brief an die gute alte Dame ſchreibend, ſchickte er ihn durch einen Aufwärter in das Haus ſeines Großvaters. Es verging indeſſen eine Stunde, ohne daß irgend eine Nachricht kam; dann aber erſchien derſelbe Kellner und ſagte mit halb unterdrücktem Grinſen: „Sie iſt wieder da, mein Herr, und fragte, ob Sie zurückgekehrt ſind.“ „Führen Sie ſie herein,“ ſagte ich ungeduldig; „führen Sie ſie ſogleich herein.“ Der Mann entfernte ſich mit einiger Ueberraſchung über meine Lebhaftigkeit, eine häßliche alte Frau zu ſehen; und gewiß beeilte er ſich nicht, denn es ver⸗ gingen volle fünf Minuten, ehe Jeanette ins Zimmer trat, und die Aufregung in ihrem Geſichte, als ſie eintrat, zeigte mir, daß der Aufſchub nicht von ihr veranlaßt worden ſei. 3 7 Vierzehntes Kapitel. Das Geſtändniß. „Helen Sie Ihren Hut, Louis,“ rief Jeanette, ihre kleinen Hände reibend,„und kommen Sie ſo⸗ gleich mit mir, ſonſt wird es zu ſpät. Er will Al⸗ les ſagen— er will Alles ſagen; aber er liegt ſchon ſeit dieem Morgen im Sterben. Die Sprache ſcheint ihm zu vergehen, darum beeilen Sie ſich— er will Alles ſagen, ſobald Sie zu ihm kommen, ſagt er, wenn Sie ihm nur vergeben wollen.“ Ich eilte zu dem Seitentiſche und nahm meinen Hut. Weſtover ſprang in demſelben Augenblicke auf und ſagte in franzöſiſcher Sprache: „Darf ich mit Ihnen gehen?“ „Ja, ja,“ rief Jeanette.„Gehen Sie mit ihm, gehen Sie mit ihm. Je mehr, deſto beſſer! Jeder iſt ein Zeuge, und das iſt ſchon Etwas.“ — 216— Wir eilten die Treppen hinunter und wie wir durch die Straßen gelangten, weiß ich nicht; aber wir drängten uns geſondert durch die Menge, ſtießen an ein halbes Dutzend Leute an und erhielten Ver⸗ wünſchungen dafür. Ich kam zuerſt in dem Apothe⸗ kerladen an und ſah auf einen Blick den Schurken am Ladentiſche ſtehen und bedächtig Etwas einpacken. Er ſah mich mit kaltem und höhniſchem Ausdrucke an, ſagte aber Nichts; und ohne Fragen zu thun, eilte ich ſogleich die Treppe hinauf zu dem elenden Zimmer des Marquis de Carcaſſonne. Ich öffnete ohne Weiteres die Thür und trat ein. Es war ein ergreifender, feierlicher Anblick— wenigſtens für mich, der ich nie anders Jemand hatte ſterben ſehen, als auf plötzliche und gewaltſame Weiſe oder vermöge eines ſanften, wenn auch raſchen Ueber⸗ ganges zu einem neuen Leben. Auf einem elenden Bette, ohne auch nur einen Fetzen von einem Vorhange, lag die gräßliche Geſtalt des Sterbenden. Alle Lebensfarbe war aus dem Ge⸗ ſichte gewichen; auch das aufgeſchwollene und bläu⸗ liche Ausſehen war verſchwunden. Die Züge waren geſchärft und zuſammengezogen, Augen und Schläfen eingefallen, das weiße Haar wild und ſtruppig. Die eine aſchfarbige Hand war über die Bettdecke ausge⸗ ſtreckt und hielt ein Kruzifix, welches auf ſeiner Bruſt ruhte, und ſeine Augen, die gläſern und faſt unbe⸗ — 217— 3 weglich ſchienen, waren auf das Symbol der Erlö⸗ ſung gerichtet. Auf dem Tiſche ſtand eine große Wachskerze und zwiſchen dem Tiſche und dem Bette ſtand der alte Pater Noailles, der bei meiner letzten Unterredung mit dem Marquis hereingekommen war. Sein Kopf war ein wenig vorwärts geneigt, als beobachte er das Geſicht des Sterbenden, während ein jüngerer Mann in weißem Gewande an der anderen Seite des Bettes ſtand und ein kleines ſilbernes Gefäß in den Händen hielt. Es herrſchte Todtenſtille im Zimmer, als ich eintrat; aber bei dem Geräuſch meiner Fußtritte wen⸗ dete ſich der Prieſter um und rief, ſobald er mich er⸗ blickte: 1— „Er iſt hier, er iſt hier! Henri de Careaſſonne, endlich kommt er zu Ihnen!“„ Die Augen des Sterbenden richteten ſich matt auf mich. Der Prieſter näherte ſich mir und ergriff feſt und lebhaft meine Hand. „Verzeihen Sie ihm,“ ſagte er;„ſagen Sie ihm, daß Sie ihm verzeihen!— Wenn Sie ein Menſch, wenn Sie ein Chriſt ſind, ſo ſagen Sie, daß Sie ihm verzeihen!“ Ich ſchwieg, indem ich meine Augen auf das Geſicht des Marquis richtete, und ein Gefühl des Mitleids kam in mein Herz. Aber ich konnte die — 218— Worte nicht ausſprechen, die er von mir herausbrin⸗ gen wollte— ich konnte keine Verzeihung über den Mörder meines Vaters ausſprechen. Ich verharrte in meinem Schweigen, während der Prieſter mehr als einmal wiederholte: *.„Verzeihen Sie ihm— ol verzeihen Sie ihm und laſſen Sie ihn in Frieden ſcheiden!“ Ich hörte Weſtover und Jeanette kommen und ſagte endlich: „Hat er dem Andenken meines Vaters Gerech⸗ tigkeit angethan? Will und kann er ihm Gerechtig⸗ keit thun?2* Der Prieſter wich von mir zurück und ließ meine Hand los. „Junger Mann,“ ſagte er in feierlichem und vorwurfsvollem Tone,„machen Sie keinen Handel mit Gott! Treiben Sie nicht Ihr Spiel mit dem Gebote Ihres Erlöſers. Chriſtus gebietet Ihnen zu verzeihen, wenn Sie Verzeihung erlangen wollen, Ihre Feinde zu lieben, zu beten für die, welche Sie haſſen. Verzeihen Sie ihm! Bei Ihrem Seelen⸗ heil beſchwöre ich Sie, Ihre Verzeihung auszuſpre⸗ chen, ſo lange Ihre Worte noch ſein Ohr erreichen und den elenden, ſterbenden Greis in dieſem letzten, dunklen⸗ ſchrecklichen Anblick tröſten können— ver⸗ zeihen Sie ihm⸗ ſage ich!“ „Reden Sie, de Lacy, reden Sie,“ ſagte Weſt⸗ — 2149— over,„um Gotteswillen, ſagen Sie ihm, daß Sie ihm verzeihen!“ In demſelben Augenblick machte die Hand des Sterbenden eine matte Bewegung auf dem Kreuze, als wollte er es erheben, und ein ängſtlich flehender Blick zeigte ſich in ſeinen brechenden Augen, der mich rührte. Ich trat einen Schritt näher an das Bett und ſagte: „Marquis de Careaſſonne, ich verzeihe Ihnen und bitte den allmächtigen Gott, er wolle Ihnen um ſeines Sohnes willen ebenfalls verzeihen!“ Das Licht der Frende und Beruhigung zeigte ſich auf eine Sekunde in den Augen des Greiſes, doch verſchwand es ſogleich wieder und ich glaubte, er ſei eine Leiche. .„Zurück!“ ſagte Pater Noailles mit großer Ener⸗ gie, ſtellte ſich gerade vor den Sterbenden hin, fal⸗ tete ſeine Hände zuſammen und ſchwenkte ſie auf und nieder, als halte er ein Rauchfaß in demſelben. Ob er nur ſeine Aufmerkſamkeit dadurch erregen wollte oder welches ſein Zweck war, kann ich nicht ſagen. „Wenn irgend ein böſer Geiſt Sie zu ſprechen verhindert,“ rief er laut,„ſo gebiete ich ihm zu wei⸗ chen, im Namen der geheiligten Dreieinigkeit— des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Henri de Carcaſſonne, ich beſchwöre Sie, wenn Sie auf Vergebung und ewiges Leben hoffen, mir vor dieſen — 220— was Sie mir von dem Tode des Grafen de Lacy ge⸗ ſagt haben? Und willigen Sie frei und ungezwun⸗ gen ein, daß ich es bekannt mache, ohne den Vor⸗ behalt, daß Sie es mir unter dem Siegel der Beichte anvertraut haben? Wenn das iſt, ſagen Sie ja!“ Es lag etwas unbeſchreiblich Erhabenes und Großartiges in ſeinem Blicke, ſeinem Tone und We⸗ ſen, aber es ſollte etwas noch Ergreifenderes folgen. Wie vom Tode auferſtehend, erhob ſich der Mar⸗ quis de Carcaſſonne plötzlich im Bette und erwiederte mit klarer und deutlicher Stimme: „Es iſt die Wahrheit, ſo wahr mir Gott helfe! — Ich willige ein!“ Das letzte Wort brachte er nur röchelnd hervor. Die Anſtrengung war zu Ende. Es war das Auf⸗ lodern der erlöſchenden Lampe, und die Worte wa⸗ ren kaum ausgeſprochen, als er mit gräßlich verdreh⸗ ten Augen auf die Seite ſank. „Es iſt geſchehen!“ ſagte Pater Neailles feier⸗ lich, und den Kopf der Leiche erhebend, legte er den⸗ ſelben auf das Kiſſen. Es war jetzt ein ſtarrer und bedeutungsloſer Blick in den gläſernen Augen, die er noch kurz vorher auf den Prieſter gerichtet hatte. Dann ſank der Unterkiefer nieder und wir umſtanden ſchweigend eine Leiche. Ich dankte Gott in dem Augenblick, daß ich die Gegenwärtigen zu antworten. Iſt Alles das wahr, — 221— Worte der Verzeihung ausgeſprochen hatte, und ſtand mit Weſtover und Jeanette dabei, während Pater Noailles und der junge Mann, der ihn bggleitete, Weihwaſſer auf das Geſicht des Todten ſprengten und einige Ceremonien der katholiſchen Kirche verrich⸗ teten. Ich hätte ſie um die Welt durch kein Wort geſtört; als aber der Prieſter damit zu Ende war und ſich mit einem tiefen Seufzer zu uns wendete, trat ich vor, faßte ſeine Hand und ſagte: „Ich danke Ihnen aufrichtig, mein Herr, daß Sie mich dahin geführt haben, die böſen Leidenſchaf⸗ ten meines Herzens zu überwinden und endlich einige Menſchenliebe zu zeigen— ich freue mich, daß ich es gethan habe, welches Bekenntniß auch dieſer Mann abgelegt haben mag.“ „Wir müſſen verzeihen, Monſieur de Lacy,“ entgegnete Pater Noailles milde,„wie könnten wir ſonſt erwarten, daß Chriſtus unſer Fürſprecher ſein ſollte? Ich habe Ihnen jetzt zu ſagen, daß dieſer arme Mann mir dieſen Morgen das Bekenntniß ab⸗ legte, daß Ihr Vater fälſchlich angeklagt worden, daß die Briefe, die man bei ſeinem Verhör vorge⸗ legt, nachgemacht geweſen und daß der Graf unſchul⸗ dig hingerichtet worden. Ich ſchrieb ſeine Ausſage nieder und er unterzeichnete ſie ſo gut er konnte, in⸗ dem er mir die vollſtändige Erlaubniß ertheilte, das Papier Ihrez Händen zu übergeben. Es war indeß — — 222— Niemand zugegen außer uns, und ein Beichtbater muß ſehr vorſichtig ſein. Es war daher durchaus nöthig, daß ich ſeine Einwilligung vor Zeugen er⸗ hielt. Hier iſt das Bekenntniß. Es iſt kurz, aber hinreichend zu allen Zwecken. Er war nicht in dem Zuſtande, die einzelnen Umſtände ausführlich anzuge⸗ ben, aber es iſt kein Punkt ausgelaſſen, der dazu dienen könnte, Ihren Vater von aller Schuld zu rei⸗ nigen.“— „Kommen Sie in einer halben Stunde in meine Wohnung,“ ſagte Weſtover ruhig zu mir.„Ich werde gerade jetzt von einem Geſchäfte abgerufen.“ Ich nickte ihm nur beiſtimmend zu, denn alle meine Gedanken waren zur Zeit mit dem vorliegen⸗ den Gegenſtande beſchäftigt, und mich zu dem Prie⸗ ſter wendend, ſagte ich: 4 „Ich ſetze voraus, Monſieur de Noailles, daß dieſes koſtbare Dokument mir wird eingehändigt wer⸗ den.“ „Ohne Zweifel, Monſieur de Lacy,“ ſagte er, „Ihnen gehört es; aber ich muß vorher eine Ab⸗ ſchrift doüödn nehmen und alle hier Gegenwärtigen bit⸗ ten, zu bezeugen, daß dieſer unglückliche Mann mich bevollmächtigte, ſeine Ausſage zu veröffentlichen.“ „Das wollen wir Alle ſebr gern thun,“ enigeg⸗ nete ich.„Vielleicht iſt es beſſer, wenn Sie das Pa⸗ pier, deſſen Sie bedürfen, ſelber aufſetzen.“ Dies lehnte er indeſſen ab, und da ſich Schreib⸗ materialien auf dem Tiſche befanden, ſo ſchrieb ich raſch nieder, daß Henri Marquis de Careaſſonne in Gegenwart der unterſchriebenen Zeugen den ehrwürdi⸗ gen Pater Noailles bevollmächtigt habe, ſein auf dem Sterbebette abgelegtes Bekenntniß in Betreſſ des Ver⸗ hörs und der Hinrichtung des Grafen de Lacy bekannt zu machen, welches nicht in Form der Beichte, ſon⸗ dern nur geſchehen, um ſein Gewiſſen zu beruhigen. „Ich ſtehe dafür,“ ſagte ich, als ich das Papier nebſt Jeanette und dem jungen Geiſtlichen unterzeich⸗ net hatte,„daß Kapitain Weſtover, der uns eben we⸗ gen eines Geſchäfts verlaſſen hat, ebenfalls ſeinen Na⸗ men darunter ſetzen wird. Nun, Monſieur de Noail⸗ les, wollen Sie mir geſtatten, das Papier anzuſehen? Wir wollen ſogleich eine Abſchrift davon machen; aber natürlich iſt meine Ungeduld, den Inhalt zu ſe⸗ hen, ſehr groß.“ Der Greis überreichte mir das Papier, und in⸗ dem ich mich zu ihm an den Tiſch ſetzte, las ich Fol⸗ gendes: 2., „Ich, Henri Marquis de Carcaſſonne, bekenne hiermit, daß ich durch verſchiedene falſche und boshafte Anklagen, die ich aus eigenen Zwecken und Beweg⸗ gründen vor vielen Jahren, nämlich im Jahre unſe⸗ res Herrn 178“, vorbrachte, eine Unterſuchung gegen Louis, Grafen de Lacy, wegen Hochverraths und Ver⸗ — 224— nachläſſigung der Pflicht bei der Adminiſtration der Beſitzungen der franzöſiſchen Krone in Oſtindien ver⸗ anlaßte: daß ich jeden Grund habe, zu glauben, daß der erwähnte Graf de Lacy völlig und durchaus un⸗ ſchuldig an den ihm zur Laſt gelegten Verbrechen ge⸗ weſen, ferner, daß zwei Briefe, die bei dem Verhör des erwähnten Grafen als Theil einer Korreſpondenz zwiſchen ihm und Sir E. C. vorgelegt wurden, mit meinem Wiſſen und meiner Zuſtimmung nachgemacht und untergeſchoben worden waren, nicht von mir ſel⸗ ber, ſondern von einem gewiſſen Giraud, der als Apotheker und Wundarzt in das Haus des erwähn⸗ ten Grafen kam, und zwar zu dem Zwecke, um ſeine Verurtheilung zu bewirken, und daß ich den genann⸗ ten Giraud überredete, des Grafen Handſchrift nach⸗ zumachen und die oben erwähnten Dokumente zu fäl⸗ ſchen, da ich fand, daß die Beſchuldigungen ohne die⸗ ſelben nicht aufrecht zu halten ſeien, und die Rache des Grafen de Lacy, wenn er freigeſprochen werden ſollte, wegen gewiſſer früherer Uneinigkeiten fürchtete. Ich beklage und bereue bitter das auf dieſe Weiſe be⸗ gangene Verbrechen, indem ich den Tod eines un⸗ ſchuldigen Mannes herbeiführte; und da es jetzt Gott gefällt, mich von dieſer Welt zu nehmen und ich nut noch wenige Stunden zu leben habe, ſo lege ich die⸗ ſes Bekenntniß allein zu dem Zwecke, um dem An⸗ denken des erwähnten Grafen de Lacy Gercchtigkeit — 225— anzuthun und das Unglück und Elend, welches ich über ihn und ſeine Familie gebracht, ſo viel es in meiner Macht ſteht, wieder gut zu machen, indem ich hoffe, daß Gott meine ſpäte Reue um meines Erlö⸗ ſers willen annehmen wird, und unterſchreibe das Obige bei vollem Bewußtſein und mit deutlicher Er⸗ innerung der Thatſachen, nachdem mir das Ganze in Gegenwart des ehrwürdigen Pater Noailles vorgeleſen worden, welcher es nach meiner Ausſage niederge⸗ ſchrieben.“ Es war mir, als wäre ein Felſen von meiner Bruſt gewälzt worden. Ich dachte nicht an die Vor⸗ theile, die für mich daraus entſtehen würden. Ich richtete meine Gedanken nicht auf die Zukunft. Mei⸗ nes Vaters Andenken war gereinigt. Seine Ehre und ſein guter Name waren wiederhergeſtellt. Kein Ver⸗ brechen ſchwärzte jetzt die Geſchichte meines Geſchlechts, und als ich mich umwendete und die Leiche ſeines Mör⸗ ders anſah, ſagte ich mit freiem Herzen und aufrich⸗ tigem Geiſte: „Möge Gott Dir vergeben, unglücklicher Mann!“ Die arme Jeanette, die an meiner Seite ſtand und während dieſer Verhandlungen viel geweint hatte, faßte meine Hand und ſagte freudig: Alles wird jetzt gut gehen, Louis— Alles wird gut gehen. Von dieſem Papier iſt mehr abhän⸗ Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 15 1 gig, als Sie wiſſen. Bewahren Sie es ſorgfältig auf, und Alles wird gut gehen.“ Es war indeſſen fürs Erſte nöthig, dem Pater Noailles eine Abſchrift zu geben, und als das geſche⸗ hen war, erfolgte eine weitere Unterredung zwiſchen uns in Betreff der Beerdigung des Marquis de Car⸗ caſſonne. Ich erfuhr, daß er wenig oder gar keine Freunde in London habe; denn längſt vor ſeiner Krank⸗ heit hatten ihn die vorzüglichſten Emigranten in Eng⸗ land im Verdacht, daß er ein Spion im Solde der franzöſiſchen Regierung ſei. „Ich will gerne die Koſten tragen,“ ſagte ich, „wenn ich Jemand finden kann, der die Anordnung beſorgt.“ „So viel ich weiß, ſollten ſowohl die Koſten, als die Mühe dem Manne unten im Hauſe zufallen,“ verſetzte Pater Noailles.„Ich habe Grund zu glau⸗ ben, daß Giraud den Marquis im letzten Jahre, wäh⸗ rend welcher Zeit derſelbe bei ſchwacher Geſundheit war, gemißhandelt und beträchtlich ausgeplündert hat. Der Mann iſt ein verhärteter Sünder, ein Spötter und Atheiſt; aber die in jenem Dokumente enthüllten Thatſachen können ihn vielleicht ſo ſchrecken, daß er thut, was recht iſt, und ich ſehe keinen Grund, wes⸗ halb Sie zahlen ſollten, wozu er verbunden iſt.“ Ich ſtimmte völlig ſeiner Anſicht bei, aber wir fanden uns getäuſcht. Als wir in den Laden hinun⸗ — 227— terſtiegen, fanden wir Niemand darin, als den Kna⸗ ben, den ich ſchon früher geſehen hatte. Er ſagte uns, Herr Giraud habe eine Miethskutſche herbeigerufen und ſei darin mit drei Koffern weggefahren. Er kehrte nie zurück und ich ſchließe daraus, daß er aus Furcht vor den Enthüllungen, die der Marquis de Carcaſſonne in ſeinen letzten Augenblicken machen möge, aus Eng⸗ land entfloh und irgendwo in der Verborgenheit ſtarb. Der Knabe ſagte uns, ehe er gegangen, habe er den alten Thoren verflucht und geſagt, da er entſchloſſen ſcheine, ſich vor ſeinem Ende zu bekehren, ſo wolle er ſich auf einen oder zwei Tage entfernen, da er ſol⸗ che Poſſen nicht liebe. Ddiies zeigte mir deutlich genug ſeine Abſicht, und ich bat Pater Noailles, alle Anordnungen zu dem Leichenbegängniſſe in meinem Namen zu machen, und nachdem er es mir verſprochen und ich ihm meine Wohnung in Blackheath angegeben, entfernte ich mich. Jeanette ging nach Berkeley Square, während ich in Weſtover's Wohnung eilte, da die zu unſerer Zuſam⸗ menkunft beſtimmte Stunde längſt vorüber war. Ich fand einen Wagen mit brennenden Laternen vor ſeiner Thür und wurde ſogleich von einem Livree⸗ bedienten, der im Vorſaale zu warten ſchien, einge⸗ laſſen; aber ehe ich die Treppe hinaufſteigen konnte, begegnete mir Weſtover ſelber, der, ſeinen Hut auf dem Kopfe, herunterkam. 3 15* „Kommen Sie mit mir, Louis,“ ſagte er,„kom⸗ men Sie mit mir. Gott ſei gedankt für das, was dieſen Abend geſchehen.“ „Wohin wollen Sie mich führen?“ fragte ich. „In ein Haus, wo Sie noch nie waren,“ ant⸗ wortete er;„das mag Ihnen für jetzt genug ſein.“ In meinem Herzen waren ſeltſame Empfindun⸗ gen rege; aber ich folgte ihm zu dem Wagen und ſtieg mit ihm ein. Als die Thür geſchloſſen war, berührte der Diener fragend ſeinen Hut und Weſtover ſagte: „Nach Hauſe.“ Dies waren die einzigen Worte, die er während der ganzen Fahrt ſprach, welche kurz genug war. End⸗ lich fuhr der Wagen vor die Thür eines großen Hau⸗ ſes; es wurde laut angeklopft, wir ſtiegen Beide aus und traten in die Halle, wo mehrere gepuderte Be⸗ dienten ſtanden. Weſtover ging an ihnen vorüber, ohne ein Wort zu ſagen, und ich folgte. Wir gin⸗ gen eine prachtvolle Treppe hinauf, wo an den Sei⸗ ten alte Portraits hingen, bis mein Begleiter plötzlich ſtillſtand und ſeine Hand auf den Drücker einer Thür im erſten Stock legte. „Gehen Sie hinein, Louis,“ ſagte er mit leiſer Stimme,„gehen Sie hinein.“ „Wollen Sie nicht mit eintreten und mich vor⸗ ſtellen?“ ſagte ich. — 229— „Nicht um die Welt,“ antwortete er.„Treten Sie ein, Louis.“ 1 Und er öffnete mir die Thür. Im nächſten Au⸗ genblick befand ich mich in einem großen Geſellſchafts⸗ zimmer, welches nur matt erleuchtet war, aber da war ein kleines, helleres Nebenzimmer, wo eine Dame auf dem Sopha ſaß, die ihr Taſchentuch neben ſich liegen hatte und ihre Augen mit den Händen bedeckte. Das Aufgehen der Thür machte, daß ſie aufſchaute, und ich erblickte das ſchöne, aber verblichene Geſicht der Lady Katharina mit Thränen benetzt. Sobald ſie mich erblickte, ſprang ſie vom Sopha auf, eilte auf mich zu, ſchlang ihre Arme um meinen Hals und ich hörte die Worte: „Mein Sohn— mein Sohn!“ Funfzehntes Kapitel. Schluß. Ich darf nicht bei der Schilderung von Gemüths⸗ bewegungen verweilen, auch kann ich in der That nicht Alles regelmäßig und deutlich erzählen, was in der nächſten halben Stunde geſchah. Ich hatte meine Mutter gefunden! O wie theuer, wie reizend iſt der Name! Die, welche unter der Fürſorge einer geliebten Mutter von der Kindheit zum Mannesalter überge⸗ gangen ſind und ſich erſt auf der Schwelle jener Pforte, die wir alle überſchreiten müſſen, von ihr ge⸗ trennt haben, können ſich einen Begriff von den Em⸗ pfindungen deſſen bilden, der nie die Sorge einer Mutter gekannt, wenn er das Wort nennen hört— von dem Verlangen, von der Sehnſucht und dem ſtets unbefriedigten Wunſche, das Geſicht derjenigen zu — 231— ſehen, die uns geboren, ihre Stimme zu und hören unſere Lippen auf die ihrigen zu drücken. Ich hatte eine Mutter gefunden und ich ſaß neben ihr, ihre Hand in der meinigen, ihr Kopf an meine Schulter gelehnt, ihre Augen auf mein Geſicht gerichtet, kurze Worte der Liebe redend— oft ſchwei⸗ gend, aber mit einem Schweigen voll Zärtlichkeit. In jener halben Stunde fanden keine Erklärungen, keine zuſammenhängende Unterredung ſtatt. Alles war wilde und mächtige Gemüthsbewegung; das erſte Ue⸗ berſtrömen der Liebe zwiſchen Mutter und Kind nach einer Trennung von zwanzig Jahren. Wir hätten noch lange auf dieſe Weiſe fortfah⸗ ren können, aber dann wurde leiſe an die Thür ge⸗ klopft. Sie öffnete ſich und Weſtover's Stimme ſagte: „Darf ich eintreten?“ „O ja, komm herein, Charles,“ ſagte meine Mutter.„Komm herein, mein zweiter Sohn, mein edler, mein hochherziger Sohn. Ich würde nicht halb ſo glücklich ſein, wenn Du nicht die Freude theilteſt, die Du haſt herbeiführen helfen.“ Weſtover trat ein, ſetzte ſich zu uns nieder und ſagte lächelnd, indem er mir die Hand drückte: „Nun, Louis, wiſſen Sie Alles.“ „Nein, nein, er weiß Nichts, Charles,“ ſagte meine Mutter,„als daß ſeines Vaters Name gerecht⸗ fertigt iſt, und daß er ſeine Mutter gefunden hat. Ich muß es ihm erzählen ſo gut ich kann, aber ich fürchte, ich werde ſehr verwirrt ſein.“ „Ich will Ihnen helfen, liebe Tante,“ ſagte Weſtover.„Es iſt recht, daß er erfahre, warum er ſo lange der mütterlichen Fürſorge beraubt geweſen, und ich bin gewiß, daß Sie Alles auf ſanfte Weiſe erklären werden.“ „Fürchte Nichts, Charles,“ ſagte Lady Katha⸗ rina.„Obgleich ich Vieles erleiden mußte, was ſchwer zu ertragen war, ſo iſt doch jetzt bei der Freude, meinen Sohn wieder zu haben, Alles ver⸗ geben. Ich will ſehen, wie ich am beſten meine Ge⸗ ſchichte erzählen kann— ich muß weit zurückgehen — vor ſieben oder acht und zwanzig Jahren war ich ein heiteres und phantaſtiſches Mädchen in der vor⸗ nehmen Welt von London, Louis. Ich hatte eine zärtliche und liebevolle Mutter, die mich vielleicht ver⸗ zog, eine Schweſter, die dem Alter nach auf mich folgte, und einen theuren Bruder— Charles Weſt⸗ over's Vater— ſo wie auch eine jüngere Schweſter. Dieſe alle waren heiter und von froher Gemüthsart, aber mein Vater war von härterem Stoffe. Du haſt ihn geſehen— Du kennſt ihn— und ich darf wenig mehr ſagen, außer daß er ſich damals viel im politi⸗ ſchen Leben bewegte, und daß er es vielleicht für nöthig krachtete, eine Strenge des Grundſatzes und — 233— eine Unbeugſamkeit des Entſchluſſes anzunehmen, wo⸗ durch ſein Name vor der Welt ſtets rein und ehrenvoll blieb, ich aber ſehr unglücklich wurde. „Um dieſe Zeit ſtarb meine Mutter, und, als die älteſte von der Familie, größtentheils meiner eige⸗ nen Führung überlaſſen, traf ich in der Geſellſchaft einen jungen franzöſiſchen Edelmann, den Grafen de Lacy, der damals hier Geſandtſchaftsſekretair war. Er war reich und hatte mit Auszeichnung in der Armee gedient; mein Vater hielt viel auf ihn, lud ihn oft in ſein Haus ein und wohl hundertmal habe ich hier mit ihm geſeſſen, während neue Gefühle ſich in meine Bruſt einſchlichen. Endlich ſagte er mir, er liebe mich, und bald entdeckte er, daß ich ihn wie⸗ der liebe. Er ſprach indeſſen die Furcht aus, daß mein Vater ſich unſerer Verbindung widerſetzen würde, und gab mir die Verſicherung, daß er nicht würde gewagt haben, ſeine Liebe auszuſprechen, ehe er wei⸗ tere Fortſchritte in der Achtung des Grafen gemacht, wäre er nicht plötzlich mit dem Geſandten nach Frank⸗ reich zurückberufen worden. Es war daher nothwen⸗ dig, meinen Vater ſogleich von unſeren Wünſchen in Kenntniß zu ſetzen, und de Laey ging zu dem Zwecke zu ihm. Es wurde ihm ſogleich und mit Beſtimmtheit abgeſchlagen. Mein Vater ſagte, er ſchätze und achte den Grafen de Lacy, aber ſeine Tochter ſolle nimmer⸗ mehr einen Fremden und einen Katholiken heirathen. — 234— „Wir wußten Beide, daß meines Vaters Ent⸗ ſchlüſſe unveränderlich waren, und ſie wurden ſehr rauh gegen mich ausgeſprochen, die ich nicht gewohnt war, ein unfreundliches Wort von irgend Jemanden zu hören. Sie erzeugten Gefühle, die ſie nicht hät⸗ ten hervorbringen ſollen— faſt Gefühle des Zornes — etwas mehr, als getäuſchte Erwartung— einen Geiſt des Widerſtandes. Ich fühlte, daß ich niemals einen Anderen lieben könne, als de Lacy— daß ich elend ſein würde, wenn er fort wäre, daß ich nur als ſein Weib glücklich ſein könne. Wir fanden Mit⸗ tel, einander zu ſehen. Unſer erſter Zweck war nur, einander Lebewohl zu ſagen, aber in einem Augenblick der raſchen Leidenſchaft bat er mich, mit ihm zu ent⸗ fliehen, und ich entfloh. In jeder Hinſicht benahm er ſich mit der größten Zärtlichkeit, Delikateſſe und Ehrenhaftigkeit. Wir erreichten Paris— ohne ver⸗ folgt zu werden, wie ich ſpäter erfuhr— und wur⸗ den ſogleich von dem guten Pater Bonneville, welcher Kaplan der Geſandtſchaft geweſen, und von einem proteſtantiſchen Geiſtlichen kopulirt. „Ich ſchrieb ſogleich an meinen Vater und bat um Verzeihung; aber mein Brief wurde unerbrochen zurückgeſendet, und ich erfuhr, daß mein Vater in ſei⸗ ner Familie den ſtrengen Befehl ertheilt habe, nie meinen Namen gegen ihn zu erwähnen— wenn An⸗ dere nach mir fragten, ſollte man einfach ſagen, ich ſei im Auslande, und niemals weder öffentlich, noch in der Familie den Umſtand erwähnen, daß ich die Gattin des Grafen de Lacy ſei. In einer großen Welt, wie dieſe, wird man leicht vergeſſen, Louis. An⸗ fangs verbreiteten ſich unbeſtimmte Gerüchte, aber mei⸗ nes Vaters völlige Ruhe und Zurückhaltung, ſo wie ſeine ſcheinbare Gleichgültigkeit und ſein unbefangenes Weſen unterdrückten bald alles müßige Geplauder, und es währte nicht lange, ſo war ich, außer von meinem Bruder und meinen Schweſtern, von Allen vergeſſen. Ich hatte drei Kinder, von welchen Du das zweite warſt, Louis. Meine anderen verlornen Kinder wa⸗ ren Mädchen. Die eine ſtarb in Oſtindien, wo de Lacy einen hohen Poſten bekleidete, die andere ſtarb einen Tag vor ihrem Vater—.“ Sie hielt ihre Hand vor die Augen und ſchwieg mehrere Augenblicke, dann fuhr ſie fort: „Ich kann bei jener ſchrecklichen Zeit nicht ver⸗ weilen. Meine Sinne verließen mich auf mehrere Wochen, und als ich zum Bewußtſein meiner Lage erwachte, fand ich mich als Wittwe, faſt ohne Geld, aller ſchönen Beſitzungen meines Gatten beraubt, mit einem theuren Knaben zwiſchen vier und fünf Jahren, vaterlos und mit dem ſchrecklichen Fluche eines ent⸗ ſetzlichen Brandmals auf dem Namen ſeines Vaters. „Rang, Vermögen, Liebe, Hoffnung, Alles war dahin. Die Welt erſchien als eine Einöde für mich, — 236— und das Erwachen aus jener Betäubung, gleich der Herſtellung eines halb ertrunkenen Menſchen, war ſchrecklicher, als der todtähnliche Zuſtand, der voran⸗ gegangen war. Ich fand indeſſen, daß außer dem guten Pater Bonneville, der ſogleich zu mir geeilt, auch ein engliſcher Herr im Hauſe ſei; und ſobald ich ſtark genug war, ſagte man mir, er ſei mit einer Botſchaft von meinem Vater an mich beauftragt. Als ich ihn ſprechen konnte, fand ich, daß er ein ſteifer, trockener alter Mann war, aber nicht ganz unfreund⸗ lich, und er wagte erſt zwei oder drei Tage ſpäter den Auftrag auszurichten. Dann aber ſagte er mir, er habe mir einen Vorſchlag zu machen, den mein Va⸗ ter eigenhändig niedergeſchrieben. Es war folgender—“ Sie ſchwieg wieder und war nicht im Stande fortzufahren. Weſtover fiel ein und ſagte: „Laſſen Sie es mich erzählen, liebe Tante. Die Sache iſt dieſe, Lonuis. Mein Großvater hatte den Prozeß gegen Ihren Vater genau beobachtet, und als er erfuhr, daß er verurtheilt, hingerichtet, und ſeine ſämmtlichen Beſitzungen confiseirt worden, ſchickte er Jemand nach Frankreich hinüber, um meiner Tante Katharina einen Zufluchtsort in ihrer früheren Hei⸗ math anzubieten— aber nur für ſie allein,“ fügte er langſam und in kummervollem Tone hinzu.„Er verlangte, daß Sie in Frankreich zurückbleiben— daß meine Tante ihren Mädchennamen wieder annehmen — 237— ſolle— daß Sie in völliger Unkenntniß Ihrer Ver⸗ bindung mit ſeiner Familie erzogen werden und ſo weit wie möglich auch mit der Geſchichte Ihres Vaters unbekannt bleiben ſollten.“ „Es war eine harte Maßpregel,“ ſagte ich mit einiger Bitterkeit, aber Weſtover fuhr fort: „Unter dieſen Bedingungen verſprach er reichlich für Sie zu ſorgen— für Ihren Unterhalt und Ihre Erziehung zu zahlen und Ihnen bei ſeinem Tode eine beträchtliche Summe auszuſetzen. Der Grund, den er für dieſe harte Maßregel, wie Sie ſie nennen, an⸗ gah, war, daß ſein Name ſeit vielen Generationen makellos geweſen und weil er keine Verbindung mit einer Familie anerkennen wolle, an welchen der Ma⸗ kel des Verraths hafte.“ „Anfangs verwarf ich den Vorſchlag mit Ent⸗ ſetzen,“ ſagte meine Mutter, indem ſie ihre Erzäh⸗ lung fortſetzte,„und erklärte, Nichts ſolle mich bewe⸗ gen, mich von meinem Kinde zu trennen; aber der gute Mann, den er an mich abgeſchickt hatte, ſtellte mir dringend vor, meine Gegenwart und meine Ue⸗ berredungen könnten vielleicht meinen Vater bewegen, ein wenig in ſeiner Strenge nachzulaſſen. Er kannte aber meines Vaters unbeugſame Natur nicht, und ehe ich nachgab, verſuchte ich durch einen Brief mei⸗ nen Vater zu rühren. Ich ſtellte ihm in aller Unter⸗ würfigkeit vor, daß mein armer Gatte, obgleich von — 238— einem beſtochenem Gerichtshofe verurtheilt, gewiß um⸗ ſchuldig ſei— daß ich Alles wiſſe, was zwiſchen ihm und den britiſchen Offizieren vorgegangen— daß die vorgelegten Briefe falſch wären, und daß die Zeit kommen müſſe, wo de Lacy's Name rein und makellos daſtehen werde. Alles, was ich erlangen konnte, war in folgenden Worten ſeiner Entgegnung enthalten:„„Wenn die Zeit je kommen ſollte, die Du erwarteſt, und wenn der Charakter Deines ver⸗ ſtorbenen Gatten vollkommen gerechtfertigt iſt, werde ich Dich mit Stolz als ſein Weib anerkennen und Deinen Sohn als einen meines Geſchlechts empfan⸗ gen. Aber bis zu der Zeit will ich ihn nie ſehen. Du darfſt nie abſichtlich mit ihm zuſammenkommen, und wenn er durch Bruch Deines Verſprechens oder Unbeſonnenheit von Deiner Seite ſeine Verbindung mit mir erfährt oder unter falſchen Erwartungen von mir nach England gebracht wird, ſo werde ich ſo⸗ gleich das für ihn beſtimmte Jahrgeld zurückhalten und ſeinen Namen in meinem Teſtamente ausſtrei⸗ chen.““ Anfangs ſchien mir dadurch nur wenig ge⸗ wonnen zu ſein, aber der engliſche Herr, der bei mir zurückgeblieben war, und Pater Bonneville meinten, es ſei viel. Sie ſtellten mir vor, daß die allgemeine Anſicht von meines Vaters Sache ſich bereits ändere, daß viele ſeine Unſchuld behaupteten und ſein Schick⸗ ſal beklagten, und daß die Zeit bald kommen müſſe, wo er völlig gerechtfertigt ſein werde. Meine eigenen Hoffnungen und Ueberzeugungen unterſtützten ihre Gründe und ich beſchloß endlich, mich zu unterwer⸗ fen. Armuth und Dürftigkeit waren vor mir, nicht allein für mich, Louis, ſondern auch für Dich. Kurz, ich ließ mich durch die Hoffnung auf Dein Glück beſtechen, alle Zärtlichkeit und Freuden einer Mutter zu opfern. Pater Bonneville übernahm die Aufgabe, Dich zu erziehen; mein Mädchen Jeanette ging mit ihm auf ſeine kleine Pfarre, um als Mutter für Dich zu ſorgen, und mit einer Bitterkeit, ſchlimmer als der Tod, trennte ich mich von Dir und kehrte nach England zurück. Pater Bonneville und Jeanette ge⸗ lobten feierliche Verſchwiegenheit— und treu hielten ſie ihr Wort. Durch Gottes Willen und ohne mein Zuthun kamſt Du nach England und wurdeſt durch einen glücklichen Zufall mit Deinem lieben Vetter Charles bekannt, der mir in meinem traurigen Witt⸗ wenſtande und bei meinen Entbehrungen den größten Troſt und Beruhigung gewährte.“ „ Aber wie erfuhren Sie ſo viel von meinem Schickſal und meiner Geſchichte, Charles,“ fragte ich, „wenn der Gegenſtand im Hauſe Ihres Großvaters verboten war?“ „Das Verbot wurde gegen mich wenigſtens nicht ſtrenge aufrecht erhalten,“ verſetzte Weſtover.„Mein Vater erzählte mir längſt die ganze Geſchichte und — 240— meine Tante Maude, die Sie geſehen haben, ſprach häufig davon. Selbſt mein Großvater erwähnte in den letzten Jahren den Gegenſtand gegen mich, als er bemerkte, daß ich damit bekannt ſei. Ich ſtehe in bo⸗ her Gunſt bei ihm, und als ich entdeckte, daß Sie in England angekommen, ſprach ich oft plötzlich von dem Gegenſtande mit ihm; denn bei dieſen ſtrengen alten Herren iſt es immer gut, ein wenig ſorgloſe Unabhängigkeit anzuwenden. Ueberdies unterſtützten mich Alle, denn wir thaten gern Alles, um die liebe Tante Katharina zu tröſten. In dieſer Abſicht über⸗ redete ich ſie, an dem Tage der Revue nach Black⸗ heath zu gehen, indem ſie erſt ſpäter erfahren ſollte, wer Sie wären; ſie ſollte Sie nur ſehen und dann erſt hören, daß ſie ihren Sohn geſehen habe. Ich überredete ſogar den Grafen, zu mir zu kommen und bei der Mittagstafel mit Ihnen zuſammen zu treffen. Sie gefielen ihm ſehr, beſonders als er bemerkte, daß Sie mit Ihrer eigenen Geſchichte völlig unbekannt wären. Der Umſtand, daß Sie ein Proteſtant gewor⸗ den, erhöhte ſeine gute Meinung von Ihnen und er begann großes Intereſſe an Ihnen zu nehmen, ſo daß ich nicht zweifle, wir würden Seine Herrlichkeit end⸗ lich herumgebracht haben, auch wenn wir dieſen wich⸗ tigen Beweis von Ihres Baters Unſchuld nicht erlangt hätten. Sobald er aber die Thatſachen hörte und ich ihm die Verſicherung gab, daß kein möglicher Zweiſel 1 .— 241— obwalten könne, willigte er ſogleich ein, daß ich Sie hieherbringen dürfe, und ſagte, die Bedingungen wä⸗ ren erfüllt und er ſei völlig bereit, Sie als ſeinen En⸗ kel anzuerkennen. In der That wünſchte er nur eine gute Entſchuldigung zu haben, ſeinen ſtrengen Ent⸗ ſchluß aufzugeben— und er ergriff diefelbe begierig genng. 3 en?“ fragte ich. ke ich,“ verſetzte Weſt⸗ sver.„Er war gen ins Parlamentshaus zu ge⸗ ben, und war ſchon fort, ehe Sie ankamen. Die Sache iſt nämlich, er haßt alle Seenen, wie er ſie naennt, und da er fürchtete, daß hier eine vorkommen ging er fort. Wenn Sie alſo morgen zu ihm ſo drücken Sie ihm eben ſo ruhig die Hand, Sie Ihr Ledenlang ſein Enkel geweſen und eben von Buxton zurückgekehrt wären. Dann wird er ſelber anfangen und alle nöͤthigen Anordnungen treffen.“ „Aber Ihr Vater, Weſtover?“ ſagte ich. „Ach! wir haben ihn verloren,“ verſetzte meine Mutter,„aber wir haben keinen zweiten Titel in der Louis, und daher iſt Charles nur Kapitain W aber ich meine Du ſagteſt, Du hätteſt mir einige Erklärungen zu geben.“. „Es wird beſſer morgen geſchehen, liebe Tante,“ ſagte Weſtover.„Wir wollen erſt einen Band des Buches beenden. Jeanette hat mir eben geſagt, Louis, Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 16 — 242— quis de Carcaſ Thränen geblendet wurden, und drückte es dann an ihre Lippen. Sie hätten das koſtbare Dokument, welches der Mar⸗ ſonne eigenhändig unterzeichnet— zei⸗ gen Sie es ihr, es wird ihr wohlthun, es zu ſehen.“ Meine Mutter las es, indem ihre Augen von „Gott ſei Dank!“ ſagte ſie,„ich kann zuweilen nicht umhin zu denken, Louis, daß die Todten uns ſehen können, und wenn das der Fall iſt, muß es dem Geiſte Deines Vaters noch größere Freude gewäh⸗ ren, ſeinen Namen durch die Bemühungen ſeines Soh⸗ 7 8 7 nes auf dieſe Weiſe gerechtfertigt zu ſehen.“ Ich lehnte einen großen Theil des Verdienſtes ab, welches ſie mir zuſchrieb, und bekannte, daß der guten Jeanette die größte Ehre gebühre. Dann wurde Jeanette hereingerufen und umarmte uns alle nach der Reihe, küßte Charles Weſtover auf jede Wange und mich zweimal auf jede Wange, nannte ihn„einen vortrefflichen Jungen“ und mich„ihren lie⸗ ben Louis,“ tanzte dann eine Minute vor Freude und „ 3 lief dann aus dem Zimmer, um aus derſelben Urſa⸗ e zu weinen. Wir blieben beinahe bis Mitternacht bei einander und ich entfernte mich mit einem Herzen, welches von ſeiner ſchwerſten Laſt befreit war. Am nächſten Mor⸗ gen ging ich, wie Weſtover es angeordnet hatte, um meinen Großvater um die Frühſtücksſtunde zu beſuchen. 1 — 243— Ich fand ihn allein, denn meine Mutter war ſeit Jah⸗ ren nicht zum Frühſtück heruntergekommen; aber er empfing mich ſehr freundlich, reichte mir ſeine ganze Hand und ließ mich niederſitzen, um mit ihm zu früh⸗ ſtücken. In den erſten fünf Minuten nannte er mich Monſieur de Lacy, doch wurde bald Louis daraus, und er ſprach von den Tagesneuigkeiten und von Char⸗ les Weſtover, von deſſen Geſundheitszuſtande und ſei⸗ nem Wunſche, ihn zu verhindern, wieder bei ſeinem Regimente einzutreten, ſo lange er noch die Kugel in der Bruſt habe. Ich folgte ſeiner Leitung und entgegnete: „Ich denke, mein Herr, dazu ließen ſich Mittel finden, wenn Sie es wünſchten.“ Er ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ich denke nicht. Knaben und Mädchen ſind alle gleich widerſetzlich— welches Mittel denn?“ „Wenn Sie eine ſchöne Dame überreden woll⸗ ten, ihn darum zu bitten, Herr,“ ſagte ich,„ſo würde er es ihr gewiß nicht abſchlagen.“ „Ha— was— meinſt Du Miß M.?“ „Ich weiß in der That nicht, wer die Dame iſt,“ antwortete ich;„aber ich denke, Eure Herrlich⸗ keit wiſſen es.“ „Ei ja, ich weiß es ſehr wohl. Er iſt ſeit zwei Jahren mit Miß M. verlobt. Es wundert mich, daß ſie ſich noch nicht verheirathet haben.“ 16 8 — 244— „Ich kann es in der That nicht ſagen,“ ant⸗ wortete ich;„aber vielleicht wiſſen ſie nicht, daß Sie es billigen würden— oder Weſtover glaubt nicht ge⸗ nug zu beſitzen, um ſeine Stellung als Ihr Enkel behaupten zu können.“ „Ja, ſein alter Oheim Weſtover hinterließ ihm ſein Vermögen mit der Klauſel, daß ihm eher Nichts davon zufällt, als bis die alte Dame ſtirbt.“ Er dachte einen Augenblick nach und fügte dann hinzu: „Aber das Alles läßt ſich leicht anordnen. War⸗ um ſprach er nicht ſelber mit mir davon?“ „Ich rede ſelber nur nach Muthmaßung, My⸗ lord,“ antwortete ich,„und bin mir bewußt, daß ich mir eine unverantwortliche Freiheit nehme, indem ich den Gegenſtand überhaupt erwähne.“ „Durchaus nicht— durchaus nicht,“ ſagte der Graf;„ich bin Dir verbunden; aber man kann nicht von mir erwarten, daß ich für Jedermann an alle dieſe Dinge denken ſoll. Er ſagte mir nur, daß er Miß M. zu heirathen beabſichtige, und ich ſagte, ſehr gut, ich hätte Nichts dagegen, denn ſie iſt ein ſehr gutes Mädchen und von einer ſehr alten Famillie, wenn gleich arm, verzweifelt arm. Geh und ſage„ ihm, Louis, wenn er dableiben und ſich verheirathen wolle, ſolle jede Anordnung getroffen werden, damit — 245— er bequem leben könne. Das Vermögen ſoll keinen Augenblick im Wege ſtehen.“ Ich hatte große Neigung, auch für mich ſelber ein gutes Wort einzulegen; aber ich that es nicht, und als ich aufſtand, um zu gehen, fragte der Graf in gewöhnlichem Tone⸗ „Haſt Du Deine Mutter dieſen Morgen ſchon geſehen?“ Ich verneinte es ſo gut ich konnte in derſelben Weiſe, und er entgegnete: „Nun, ſo beſuche ſie, ehe Du zu Charles gehſt. Du wirſt ſie in ihrem Ankleidezimmer finden — Du weißt wohl, wo es iſt.“ Ich hatte nicht den geringſten Begriff davon; aber ich ſagte es ihm nicht und wünſchte ihm nur einen guten Morgen. So endete meine erſte Unterredung mit dem Gra⸗ fen von N. als ſein anerkannter Enkel. Sehr wenig Worte werden hinreichen, um meine kleine Geſchichte zu ſchließen. Charles Weſtover war entzückt von der Nachricht, die ich ihm überbrachte, und willigte ſogleich ein, mit halbem Sold ſähnen Abſchied zu nehmen und in England zu bleiben. Er wollte wiſſen, wie es komme, daß ich mit der Bot⸗ ſchaft an ihn abgeſchickt worden, und ich ertheilte ihm halb ſcherzend, halb ernſthaft einen Bericht über die Unterredung mit dem Grafen. — 246— 1— „Ich verſtehe Sie, Louis, ich verſtehe Sie,“ ſagte er, meine Hand drückend,„und ich danke Ih⸗ nen von ganzem Herzen. Nichts auf Erden hätte mich bewegen können, den Grafen um einen Pfennig zu bitten. Das Jahrgeld meiner Mutter vermindert freilich das Einkommen ſehr, welches von meinem Vater auf mich vererbte, und einige jugendliche Un⸗ beſonnenheiten haben daſſelbe vielleicht noch mehr ver⸗ mindert; aber der Graf hat wohl an Beides nicht gedacht. Jetzt wird Alles gut gehen; denn es lebt kein großmüthigerer Mann, wenn er aus freiem An⸗ triebe handelt. So ſprachen Sie alſo kein Wort von Ihrer eigenen Sache? Nun, ſo müſſen es Andere für Sie thun.“„ „Nein, nein,“ verſetzte ich,„ich will es ihm ſelber ſagen. Ich glaube bereits ſeinen Charakter zu verſtehen, und ich denke, es läßt ſich machen.“ Als ich aber mit meiner Mutter von der Sache ſprach, erſchrak ſie über den Gedanken an eine Fran⸗ zöſin— eine Katholikin— die Tochter eines armen Emigranten— und glaubte, es würde den Grafen wahnſinnig machen. Ich beſuchte indeſſen Mariette an demſelben Tage, erfreute das Herz des Grafen von Salins durch die Nachricht, daß mein Vater von aller Schuld freige⸗ ſprochen ſei. Am nächſten Morgen kehrte ich nach London zurück und nahm Pater Bonncville mit mir; — — 247— aber ich ſagte Niemandem ein Wort, daß auch nur die Möglichkeit vorhanden ſei, daß der Graf meine Wahl mißbilligen könne. Fünf oder ſechs Tage ſpä⸗ ter ſchrieb der Graf einen Brief und lud Weſtover und mich zum Frühſtück ein. Wir fanden ihn in der beſten Laune; denn es war eine Veränderung im Miniſterium vorgegangen, die ihn ſehr erheiterte, und gegen Ende des Frühſtücks meldete ein Diener an, daß Herr Holland im Bibliothekzimmer ſei. „Ich werde ſogleich bei ihm ſein,“ ſagte der Graf, und als er ſeine Taſſe Kaffee beendet und einen Artikel in der Zeitung geleſen hatte, um zu zeigen, daß er es nicht eilig habe, ſtand er auf und ſagte: „Nun, kommt Beide mit mir.“’ Wir folgten ihm in die Bibliothek, wo wir einen großen, hageren Rechtsgelehrten mit ſtruppigem Haar fanden, der zwei Dokumente über den Tiſch ausgebreitet hatte. Der Graf wechſelte einige Worte mit dem Geſchäftsmanne, nahm dann eine Feder und unterzeichnete ein Dokument an einer ihm angedeute⸗ ten Stelle. „Dies iſt ein Papier, Charles,“ fagte er, indem er ſich zu meinem Vetter wendete,„worin ich. Dir die Summe von fünſtauſend Pfund jährlich ausſetze, bis Du durch meinen Tod die Familienbeſitzungen er⸗ hältſt.— Dies, Louis,“ fuhr er fort, indem er ſich zu mir wendete und die Feder noch in der Hand hielt, — 248— „iſt ein Doknment, welches Dir während meines Le⸗ bens zweitauſend Pfund jährlich verſchreibt, und in meinem Teſtamente wirſt Du noch weiter bedacht werden.“ Er war im Begriff, das Dokument zu nnterzeich⸗ nen, aber ich legte meine Hand darauf und ſagte kühn, aber in gewöhnlichem Tone: „Warten Sie gefälligſt, Mylord.“ „Warum?“ rief er aufblickend. „Erſtens,“ antwortete ich,„weil es Ehre und Vergnügen genug iſt, Ihr anerkannter Enkel zu ſein; zweitens, weil ich es für recht halte, Sie zu benach⸗ richtigen, ehe Sie thun, was ich in keiner Weiſe er⸗ warten konnte, daß ich im Begriff bin, mich zu ver⸗ heirathen. Das Verlöbniß wurde geſchloſſen, ehe ich ahnen konnte, daß ich in irgend einer Weiſe niit Ih⸗ nen verwandt ſei, ſonſt würde ich Sie gewiß vorher befragt haben.“ Ich ſah es Weſtover's Geſichte an, daß er glaubte, ich mache einen Fehler; aber es war nicht ſo. Der Greis lachte und ſagte: 3 „Nun, Junge, ich habe Nichts dagegen, daß Du heiratheſt.“ „Und wen ich will?“ fragte ich. „Wen Du willſt,“ antwortete er.„Ich erſtrecke meine Oberaufſicht nicht über eine Generation hinaus. Das iſt mehr als genug.“ 8 — 249— „Dann, mein theurer und edler Lord,“ verſetzte ich,„erlauben Sie mir hinzuzufügen, daß die Perſon, die ich liebe, Ihnen gewiß auch gefallen wird, denn ſie iſt edel und hochherzig, wie Sie— edel von Ge⸗ burt und Charakter— eine Dame in jeder Beziehung — und wohl geeignet, in Ihre Familie aufgenommen zu werden.“ 1 „Eine Franzöſin— eine Franzöſin?“ ſagte er. „Eine Landsmännin von mir, Mylord,“ ant⸗ wortete ich,„die Geſpielin meiner Kindheit, die Freun⸗ din meiner Jugend. Ich weiß, daß Sie es für das Beſte halten, wenn jeder eine aus ſeinem Lande hei⸗ rathet. Sie iſt die Tochter des Grafen de Salins, und ein edlerer Name findet ſich ſeit fünfhundert Jah⸗ ren nicht in der Geſchichte Frankreichs.“ „Gut, gut,“ ſagte der alte Graf,„es wird mich ſehr freuen, ſie zu ſehen.“ Er unterzeichnete das Dokument und fügte dann hinzu: 3„Bringe ſie hieher, mein guter Sohn. Du wirſt bald ſehen, ob ſie mir gefällt. Wenn das iſt, werde ich ſie küſſen— werde aber nicht eiferſüchtig. Wenn nicht, gebe ich ihr drei Finger und nenne ſie Made⸗ moiſelle.“ Und er lachte heiter. Zwei Tage ſpäter brachten meine Mutter und ich Mariette in die Stadt, um den alten Grafen zu be⸗ Die Wechſel des Lebens. 2. Bd. 17 ſuchen. Sie ſah außerordentlich liebenswürdig aus, ihre Augen waren voll von dem Lichte der Hoffnung und des Glücks, ihr Geſicht glühte von lieblichen Ge⸗ müthsbewegungen und ihre ganze Geſtalt erbebte von Gefühlen, die ihre Grazie noch erhöhten. Sie lehnte ſich auf den Arm meiner Mutter, als wir in das Zimmer traten, wo der alte Graf uns empfing, und ich konnte bemerken, daß er von ihrer außerordentlichen Schönheit überraſcht und betroffen war. Es war un⸗ möglich, jenes Geſicht und jene Geſtalt anzuſehen, ohne davon gefeſſelt zu werden. Er ſtand ſogleich von ſeinem Stuhle auf, näherte ſich, umarmte und küßte ſie mit mehr Zärtlichkeit, als ich ihn je kund⸗ geben ſah, und ſagte: „Willkommen, willkommen, mein liebes Kind. Wenn Louis ſich nicht als ein guter Gatte zeigt, will ich ihn aus meinem Teſtamente ausſtreichen— darum ſehen Sie zu, daß Sie ihn in Ordnung halten.“ Weſtover und ich wurden an demſelben Tage ver⸗ heirathet. Ich habe keinen Grund zu zweifeln, daß er glücklich war, und über mein eigenes Schickſal bin ich gewiß. Durch ein Dekret des Caſſationshofes wurde im erſten Jahre der Regierung Ludwig des Achtzehnten das an Louis, Grafen de Lacy vollzogene Urtheil auf⸗ gehoben und für nichtig erklärt, das Andenken des er⸗ wähnten Grafen wieder hergeſtellt und ſeine Familie — 251— in alle ihre Beſitzungen und Ehrenſtellen wieder einge⸗ ſetzt. Dennoch finden wir einen Grafen und eine Gräfin de Lacy, die noch 1830 in England lebten, und es iſt Grund vorhanden zu glauben, daß die zahl⸗ reiche Familie dieſes Namens von ihnen abſtammte. Ende. 3 5 —— — —2 = 5 5 8 3 S = S 5 = 2 — A⁴ 3 8 6 S — 8 — 65 nIITIiſſnſ 10 11