8“ 8—— ☛— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat. 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſenei, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,— .— Die Wechſel des Lebens. Ein Roman h. aus der Nevolutionszeit. V Von 3— 1 G. P. U. James. In s Deutſche übertragen von Dr. Ernſt Suſemihl. * 4 p Erſter Band. 33 1 19 Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1853. Die Wechſel des Lebens. Erſter Band. Erſtes Kapitel. Wie ich dazu kam. Ich reiſte einſt in Frankreich. Ich war ein jun⸗ ger Mann ohne Zweck— ohne Beſchäftigung. Die Literatur war das Letzte, woran ich dachte. Ich glaube in der That, es wäre mir nie eingefallen, mich damit zu beſchäftigen, hätte mich nicht ein Amerikaner, der mir damals faſt fremd war, aber jetzt, nach einem Zeitraume von fünf und zwanzig Jahren, als Menſch ſehr hoch in meiner Achtung ſteht und als Schriftſtel⸗ ler meine volle Bewunderung in Anſpruch nimmt, durch einige Worte dazu aufgefordert. Er gab mei⸗ nem Geiſte den erſten Impuls nach einer beſtimmten Richtung hin. Seine Anſicht wurde von einem An⸗ deren beſtätigt, der mir gleich theuer war, und den wir Beide auf gleiche Weiſe bewunderten; und in Folge eines zufälligen Zuſammentreffens in einer entfernten Stadt Frankreichs wurde ich, was ich bin und wor⸗ auf ich ſtolz bin— ein Literat. Einige Zeit nach dieſem zufälligen Zuſammentref⸗ fen reiſte ich in einem anderen Departement, wie man es jetzt nennt, oder in einer anderen Provinz, wie man vor Zeiten ſagte, als ich in einem Gaſthofe oder Hotel in der berühmten Stadt Rennes, der Haupt⸗ ſtadt der Bretagne, einkehrte. Es iſt eine ſtille, alte Stadt, welche ausſieht, als hätten die Bewohner ſeit der Revolution einen beträchtlichen Theil ihrer Zeit mit Schlafen hingebracht; aber dennoch giebt es eine große Menge angenehmer Leute darin, viele unterhal⸗ tende Geſellſchaften, viel Eleganz und Grazie in ihren höheren Kreiſen und eine zahlreiche Sammlung ſchö⸗ ner Geſichter und Geſtalten— für welches Alles ich pflichtſchuldigſt dankbar bin. Die erſte Ankunft in einer ſolchen Stadt kann indeſſen niemals beſonders angenehm ſein. Die Um⸗ ſtände, die mich dorthin führten und mich dort eine lange Zeit zurückhielten, könnten für das große Publi⸗ kum von keinem Intereſſe ſein, doch ich will geſtehen, daß der erſte Anblick der Stadt bei Tage, wenn gleich auffallend und in gewiſſem Grade ſchön— und es giebt wenige Städte, für die ich eine ſolche Vorliebe habe— in anderer Hinſicht düſter und einförmig war; und ehe ich die wenigen Empfehlungsbriefe, die ich mitbrachte, abgab, ſchlenderte ich mit nicht ſehr angenehmen Gefühlen oder Erwartungen durch die Straßen. Ich war ſchon früher durch dieſen höchſt intereſ⸗ ſanten Theil Frankreichs gekommen, wo Thaten des Heroismus genug geſchehen, um das alte Rom wahr⸗ haft groß zu machen— wo Helden mit einer Stand⸗ haftigkeit und ruhigen Tapferkeit gefochten, welche die Krieger des Alterthums beſchämt und den Stoikern ein Erröthen abgenöthigt haben würde. Es iſt ein heiteres und ſchönes Land, ungeach⸗ tet der Verwüſtung, die die grimmige Wuth der viel⸗ fachen Tyrannen des franzöſiſchen Republikanismus dort angerichtet— ungeachtet der Niedermetzelung der Bewohner und des Vergießens des edelſten Blutes, welches Frankreich je hervorgebracht. Die tiefen Hohl⸗ wege zwiſchen den Feldern, die überhängenden Baum⸗ zweige, die Weinberge und Obſtgärten, die ſtillen klei⸗ nen Dörfer, im Schatten des Gebüſches verſteckt, die zahlreichen Pachthäuſer und die großen und kleinen Schlöſſer, womit jene Gegend reichlich überſäet iſt, hatte ungeachtet aller düſteren Erinnerungen der herr⸗ lichen Thaten und des heroiſchen Muthes, die den Tod zum Lohne empfangen, mehr einen heiteren und angenehmen, als einen traurigen Eindruck hervorge⸗ bracht. Frankreich mag ſich ſeiner Eroberungen rüh⸗ men— der Erfolge, die es durch die wüthenden Ein⸗ fälle ſeiner barbariſchen Horden in unzuſammenhän⸗ gende Länder erlangt— des Talent's ſeiner Heerfüh⸗ rer— des Muthes ſeiner plündernden Truppen— des Triumphes, bitter abgebüßt durch vergeſſene Er⸗ niedrigung— aber ſein wahrer Ruhm liegt in der Vendée. 3 Ich war durch dieſes ſchöne Land gereiſt— durch dieſes Land, theuer dem Herzen, das die Ehre mehr liebt, als den glücklichen Erfolg— und ich war bis an den äußerſten Punkt der Grenze gekommen, wo eine große Stadt die Mittel beſeſſen, und nie⸗ mals angewendet, die aufopfernde Tapferkeit zum Siege zu führen. Das Gefühl, womit ich dieſelbe betrachtete, war vielleicht nicht das der Täuſchung; aber eine gewiſſe Verſtimmung bemächtigte ſich meines Geiſtes, eine Em⸗ pfindung der Einſamkeit und Verlaſſenheit, nicht ge⸗ wöhnlich in franzöſiſchen Städten, wo meiſtens jeder bereit ſcheint, die Rolle eines Bekannten, wenn nicht eines Freundes zu übernehmen. Als ich in das Gaſthaus trat, wo nach der Karte zu Mittag geſpeiſt wurde, wählte ich mir von dem Speiſezettel ſolche Gerichte, die mir als paſſend erſchienen, und ſetzte mich dann in das öffentliche Gaſtzimmer, um die Zeitung zu leſen, bis das Eſſen würde aufgetragen werden. Während ich ſo beſchäftigt war, kamen zwei oder —— drei Männer herein und gingen wieder hinaus; aber einer blieb zurück, ſprach einige Worte mit dem Kell⸗ ner, ſetzte ſich auf einen Stuhl an der Seite des langen, hölzernen Tiſches, der als ſehr ungeſchmückte Tafel diente, nahm eine von den Zeitungen und be⸗ gann zu leſen. Nach einiger Zeit ſah ich ihn an und glaubte ſeine Züge zu erkennen. Ein zweiter Blick zeigte mir, daß ich ihn mehr als einmal in verſchiedenen Städ⸗ ten Frankreichs geſehen hatte. Ich hatte ſogar eine ſchwache Erinnerung, ihn in England in guter Ge⸗ ſellſchaft getroffen zu haben. So war es auch, denn nach kurzer Zeit richtete ſich das Auge des Fremden auf mich, und er erinnerte ſich meiner ſogleich. Un⸗ ſere frühere Bekanntſchaft hatte ſich auf wenige Worte und auf eine Verleugnung beſchränkt, wenn wir ein⸗ ander zufällig begegneten; hier aber ſaßen wir mit einander in einem öden Gaſthauſe in einer düſteren Stadt in der Bretagne— gleichſam auf nnſere bei⸗ derſeitige Geſellſchaft beſchränkt— und es läßt ſich leicht denken, daß wir bald bekannter wurden, obgleich mir mein Bekannter nicht ganz gefiel und ich ihn kaum verſtand. Er war gewiß ein Mann von gutem Ausſehen, wenn gleich ſeine Erſcheinung etwas Seltſames hatte. Er war groß, von ſehr kräftiger Geſtalt, wenn gleich ziemlich hager, von breiter Bruſt und Schultern, ſchlanker Taille und langen und kräftigen Gliedern. Seine Naſe war ſtark gebogen, ſeine Augen von dich⸗ ten Augenbrauen überſchattet und dunkel, glänzend und lebhaft. Er trug weder Backenbart, noch Schnurr⸗ bart, und ich bemerkte, daß ſeine Zähne weiß und nicht mangelhaft waren, obgleich er zu jener Zeit be⸗ trächtlich über funfzig Jahre alt ſein mußte. Seine Kleidung wechſelte nie, ſeitdem ich ihn geſehen, und beſtand in einem ſchwarzen Rocke, Weſte und Hals⸗ tuch, braunen Beinkleidern und engliſchen Stulpſtie⸗ feln. Sein Hut glänzte immer wie ein Spiegel und ſeine Handſchuhe paßten immer ſehr gut und ſchienen an dem Tage neu zu ſein. Ich fand, daß er eng⸗ liſch und franzöſiſch mit gleicher Fertigkeit ſprach, und Niiemand konnte mir ſagen, welchem Lande er eigent⸗ lich angehöre. Franzoſen, die ihn ſprechen hörten, erklärten ſogleich, er ſei ein Franzoſe, und kein Frem⸗ der könne ſich je den Accent ſo vollkommen aneignen. Engländer, und unter dieſen ich, hielten ſich über⸗ zeugt, daß er ein Engländer ſei, indem ſie ihn eben⸗ falls darnach beurtheilten; jetzt aber bin ich geneigt zu glauben, daß er ein ruſſiſcher Spion war. Er erwähnte nie, auch nur zufällig, ſein Vaterland, ſei⸗ nen Stand oder ſeine Gewohnheiten— mit Aus⸗ nahme eines Tages, wo er ſich einen wandernden Geiſt nannte, der ſelten länger als drei Tage an dem⸗ ſelben Orte bleibe. Er mußte indeſſen ſehr gut in 6 4 7 des Erzherzogs Karl und Suwarow's in der Lombar⸗ Rennes bekannt ſein, denn er wußte jeden Winkel der Stadt und kannte offenbar eine große Menge Leute dort, denn er grüßte viele und ſprach mit mehreren; als ich aber ſpäter jene Perſonen fragte, wer er ſei, konnte es mir Niemand ſagen und die meiſten ſchie⸗ nen nicht gern davon zu ſprechen. Am erſten Abend ſpeiſten wir miteinander und theilten eine Flaſche ſehr guten Wein, den er mir wahrſcheinlich aus der Erinnerung als den beſten em⸗ pfahl, den man in dem Hauſe haben könne. Wir ſprachen von der Stadt, von jenem Theile Frankreichs und von der Vendéèe, und als er fand, daß ich mich für die Ueberbleibſel aus alten Zeiten intereſſire, erbot er ſich, mich zu einigen bemerkenswerthen Orten in der Nähe der Stadt zu führen. Am folgenden Mor⸗ gen fuhren wir in einem Wagen von dem Gaſthofe ab— und hier muß ich ſeine gewiſſenhafte Pünktlich⸗ keit erwähnen, genau ſeinen Antheil an allen Ausga⸗ ben zu zahlen. Er erbot ſich niemals, mehr zu zah⸗ len, wollte aber auch nie einwilligen, weniger beizutra⸗ gen. Bei unſerer Rückkehr unterredeten wir uns na⸗ türlich von Allem, was wir geſehen hatten. Wir ſprachen von den Chouans und dem Kriege in der Vendée, ſo wie von allen den tapferen Thaten, die in jenen Tagen geſchahen; dann kamen wir auf die Revolutionsgeſchichte im Allgemeinen und die Feldzüge — 12— dei und in der Schweiz. Er theilte mir eine Anzahl intereſſanter Anekdoten von jenen Perſonen und be⸗ ſonders von Suwarow mit, den er, eine Jockeymütze auf dem Kopfe, eine Gerte in der Hand, einen Stie⸗ fel an dem einen Fuße und einen ſeidenen Strumpf an dem anderen einen Angriff habe anführen ſehen. „Das waren ſeltſame Zeiten,“ ſagte er,„und viele von den größten und auffallendſten Ereigniſſen, die zu jener Zeit geſchahen, ſind jetzt beinahe vergeſ⸗ ſen, weil ſo viele wunderbare Handlungen in einem⸗ ſo kurzen Zeitraum zuſammengedrängt wurden, daß faſt kein Raum vorhanden war, ſie zu ſehen oder ſie zu ſammeln. Ich war zu der Zeit jenes ſchrecklichen Kampfes in der Schweiz etwa dreißig Jahre alt,“ fügte er hinzu,„und meine Erinnerung hinſichtlich dieſes Gegenſtandes iſt durchaus vollſtändig; wenn ich aber mit anderen Perſonen und beſonders mit Ge⸗ ſchichtsforſchern über dieſe Dinge rede, ſo wiſſen ſie wenig oder Nichts davon.“ „Sie müſſen einige ſeltſame Abenteuer erlebt haben, ſollte ich denken,“ antwortete ich. „Ach nein,“ verſetzte er,„mein Leben iſt ein ſtilles und ruhiges geweſen; aber wenn Sie ſich für jene Periode in der Geſchichte intereſſiren, ſo beſitze ich ein Manuſcript, welches mir zufällig in die Hände gefallen und welches einige intereſſante Mittheilungen aus dem Leben eines jungen Mannes in jenen Tagen 2 enthält. Es iſt viel unſinnige Sentimentalität darin, aber vielleicht wird es Sie unterhalten, und wenn Sie ſich die Mühe geben wollen, es zu leſen, ſo will ich es Ihnen borgen.“ . Ich nahm dieſes Anerbieten ſehr gern an, aber die Unterhaltung lenkte ſich bald auf andere Dinge und wir Beide vergaßen das Manuſeript an jenem Abend. Am folgenden Tage beim Frühſtück kündigte er mir an, daß er im Begriff ſei, um Mittag mit der Poſt abzufahren, um über Nantes und Bordeaux nach Madrid zu reiſen. Ich fragte ihn lachend, wenn ich denn das Manuſcript leſen ſolle? „O! Sie ſollen es haben— Sie ſollen es ha⸗ ben!“ antwortete er.„Ich denke, wir werden uns wiederſehen, und dann können Sie es mir zurückgeben.“ Eyhe er abreiſte, brachte er es herunter. Es be⸗ ſtand in einer großen Rolle von ziemlich gelbem Pa⸗ pier. Indem ich dachte, es möchte ihm vielleicht ſchätzbar ſein, und ohne den geringſten Gedanken zu hegen, in ſeine Angelegenheiten eindringen zu wollen, fragte ich, wohin ich es ihm ſenden könne, wenn wir uns nicht bald treffen ſollten. Er entgegnete mit eigenthümlichem Lächeln: „Es liegt Nichts daran. Es liegt Nichts daran. Wenn ich Sie in dreizehn Jahren nicht wiederſehe, können Sie damit thun, was Sie wollen, denn dann werde ich ſiebzig Jahre alt oder todt ſein.” Mehr als zwanzig Jahre ſind jetzt vergangen und wir haben uns nicht wieder getroffen. Ich über⸗ gebe das Mannſeript mit ſehr geringen Veränderun⸗ gen der Welt und hoffe, wenn der Verfaſſer der hier folgenden Selbſtbiographie dieſe Blätter je zu Geſichte bekommen ſollte, daß er ſein Eigenthum zurückfordern und die Herausgabe deſſelben verzeihen werde. Ich will nur hinzufügen, daß ich damals, als ich das Mannſeript erhielt, feſt überzeugt war, daß mein gu⸗ ter Freund aus dem Gaſthauſe es ſelber geſchrieben. Als ich es aber ſorgfältig prüfte und beſonders, als ich es für den Druck verbeſſerte, bemerkte ich deutlich, daß das nicht der Fall ſein könne, denn zwiſchen ſei⸗ nem und des Verfaſſers Alter mußte ein Unterſchied von funfzehn oder ſechzehn Jahren ſein. Zweites Kapitel. Der erſte Fiſch. Die meiſten Menſchen haben eine ſchwache und undeutliche Kenntniß, mit wem ſie verwandt ſind und von wem ſie abſtammen— dies iſt das unſchätzbare Geſchenk, wofür die unglücklichſten oft am dankbar⸗ ſten ſind— unſchätzbar nicht nur, weil es uns, wenn wir wollen, ein unſterbliches Jenſeits noch unbekann⸗ ter Freude und ungenoſſenen Ruhmes überträgt, ſon⸗ dern weil Niemand es je richtig geſchätzt hat und wahrſcheinlich auch nie ſchätzen kann und wird. El⸗ tern ſind gewöhnlich der Anſicht, daß ihre Kinder eine unabtragbare Schuld der Dankbarkeit gegen ſie haben, weil ſie ſie überhaupt in die Welt geſetzt, zu⸗ weilen ohne die Pflichten und Rechte der Eltern voll⸗ kommen in Erwägung gezogen zu haben. Kinder nehmen dieſe, ſo wie manche andere folgende Ver⸗ pflichtung ſehr leicht— die Sorge für die Kindheit, die Leitung der Jugend, die Liebe, die unerlöſchlich iſt, außer in ſehr kalten und ſteinernen Herzen, und die unſere Kinder von ihrer Geburt bis zu unſerem eigenen Sterbebette begleitet. Es läßt ſich behaupten, daß alle dieſe Handlungen und Gefühle von Seiten der Eltern nur die Folge eines Naturgeſetzes ſind, daß der Mann oder das Weib gleich dem Adler oder der Taube genöthigt wird, ſeine Nachkommenſchaft zu verpflegen, zu beſchützen und zu vertheidigen. Wenn dem aber ſo iſt, ſo muß das Geſetz der Liebe und des Gehorſams für das Kind eben ſo bindend ſein in Beziehung auf die Eltern, und wer das eine ver⸗ nachläſſigt, empört ſich eben ſo ſehr gegen die Natur und gegen Gott, wie der, welcher das andere ver⸗ nachläſſigt. Die meiſten Menſchen, wiederhole ich, haben eine ſchwache und undeutliche Kenntniß, von wem ſie abſtammen. Dies iſt nicht ohne Ausnahme, und ich bin eine davon. Daß ich einen Vater hatte, habe ich immer als ausgemacht angenommenz daß ich eine Mntter hatte, iſt gewiß. Wer aber mein Vater und meine Mutter waren, blieb viele Jahre lang eine ſehr zweifelhafte Frage für mich. Indeſſen will ich aus⸗ führlich ſagen, wie es ſich damit verhielt, damit der Leſer ſelber urtheilen möge. 1 Meine erſten deutlichen Erinnerungen von der Welt betreffen eine ſeltſame Umgebung. Der Leſer ſtelle ſich eine Stadt auf dem Gipfel eines hohen Hü⸗ gels vor, gleich einem Adlerhorſt, aber viel feſter und ſolider gebaut. Die Straßen waren mit großen run⸗ den Steinen gepflaſtert und in der Mitte befand ſich eine Rinne, die ſich durch alle Querſtraßen verzweigte. Die Häuſer waren von behauenen Steinen erbaut, einige hoch, andere niedrig, einige breit, andere ſchmal, wie in den meiſten anderen Städten, aber es befanden ſich einige ſehr ſchöne Kirchen in etwas ſtrengem Stile an dem Orte, der zwei beſondere Eigenthümlichkeiten zu beſitzen ſchien. Theils weil der Ablauf des Waſ⸗ ſers nach keiner Seite hin gehemmt iſt, theils weil der Ort wegen ſeiner hohen Lage alle vorüberziehenden Wolken und jedes Ungewitter anzieht, iſt es die rein⸗ lichſte Stadt auf der Welt. Vergebens werfen die Köchinnen und alten Frauen die Köpfe der Hähne, die ſie ihnen abgeſchnitten, ſowie die Schnäbel der En⸗ ten und Gänſe hinaus— vergebens wird am Sonn⸗ abend jede Rinne des Orts mit dem Kehricht aus al⸗ len Häuſern angefüllt— vergebens werden noch eine Menge anderer unziemlicher Streiche geſpielt, um die Straßen zu verunreinigen und den Geruchſinn der vor⸗ übergehenden Fremden zu verletzen— vor dem Mon⸗ tag Morgen iſt Alles wieder rein— außer in ſehr trockenen Jahreszeiten, wo zuweilen ein Schutthaufen Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 2 —— — 18— vierzehn Tage liegen bleibt. Die Reinlichkeit iſ beſondere Eigenthümlichkeit des Ortes. Ich kann nicht umhin, zu denken, daß der Sch etwas ſehr Luſtiges iſt. Das luſtigſte Volk, wel ich je in meinem Leben geſehen, war das ſchmutzig aber vielleicht iſt der Eindruck, den ich in dieſer Hi ſicht empfangen, meinem Aufenthalte in jener alte Stadt zuzuſchreiben, wo die außerordentliche Reinlich⸗ keit mit dem Trübſinne verwandt war. Selbſt die 7 heitere Sommerſonne, wie ſie, gleichſam auf ein Pie⸗ deſtal geſtellt, in die offenen Straßen der Stadt hin⸗ unterblickte, ſah düſter und ſogar traurig aus. Das klare Licht des Sommertages hatte eine kühle, ruhige, vornehme Schwermuth an ſich, die nicht dazu diente, aufzuregen oder zu beleben. Wenn man die Straße hinaufſah und einen einzelnen Mann beobachtete, ſo wurde derſelbe ſo undeutlich in dem gelben Sonnen⸗ ſcheine, daß man nicht ſagen konnte, ob er eine Pike, eine Heugabel oder ein Kreuz in der Hand halte— ob er einen dreieckigen oder einen runden Hut oder eine Freiheitsmütze auf dem Kopfe trage. Wenn man die Straße hinunterſah, nach dem Thale zu, konnte man kaum unterſcheiden, ob der einzelne Wagen dort von vier Pferden, von vier Maulthieren oder vier Ratten ohne Schwänze gezogen wurde. Kein anderes Weſen ſah man. Keine Köpfe ſtreckten ſich aus den Fenſtern— keine müßigen Figuren zeigten ſich in den Thüren. Die Neugierde ſchien erſtorben an dem Orte, ſo wie alles Andere, und obgleich das Raſſeln eines Wagens— beſonders von unten kommend, wo ſich ein Poſthaus befand— ſehr ſelten war, ſchien es doch in den Bewohnern durchaus kein Intereſſe zu er⸗ man zum Mittageſſen bereitete, um einen Augenblick nach dem vorüberfahrenden Wagen zu ſehen. Wenn ein Erdbeben die Straße herauf⸗ und hinuntergerollt wäre, hätte es nicht weniger Aufregung hervorbringen können— und würde wahrſcheinlich auch nicht mehr veranlaßt haben. Der Wagen fuhr in Frieden und Sonnenſchein ſeinen Weg weiter und die Köchin oder die gute Hausfrau wendete ihre Aufmerkſamkeit wieder ihren Gerichten zu. Aber ich muß noch ein wenig mehr von der Stadt ſagen, ehe ich weitergehe; denn ſie iſt ein Ge⸗ genſtand des Intereſſes und der Erinnerung für mich. Von dem Hügel, auf dem ſie ſtand, und von den alten Mauern, wovon ſie auf allen Seiten umgeben war, überſah man eine ſehr ſchöne Landſchaft, ſo wie einen Fluß, der ſich um die Grundfläche des großen Felſens dahinzog, auf welchem man ſtand. Es war ein hoher Punkt, von wo man die ganze wellenför⸗ mige Gegend auf die Entfernung eines Kanonenſchuſ⸗ ſes überſah. Auf den Wällen aber waren keine Ka⸗ 2* 2 — 20— nonen, und die verſchiedenen Thore mit ihren alten, ſteinernen Bogen ſchienen zu keinem anderen Zwecke erbaut zu ſein, als um die Morgen⸗ und Abendſonne hereinſcheinen und die Landleute Lebensmittel und Ge⸗ tränke zur Verſorgung des Ortes hereinbringen zu laſ⸗ ſen. Sie gewährten auch einen Zufluchtsort für ge⸗ wiſſe alte Herren, die ſich damit beſchäftigten, die Waaren aller reiſenden Kaufleute zu unterſuchen, die guten Frauen ihre Körbe öffnen zu laſſen und mit langen Eiſen gleich Spießen in die Ladungen Heu und Stroh hineinzufahren, um ſich zu verſichern, daß kein Wein oder Branntwein darin verborgen ſei. Für dieſe Dienſte verlangten ſie einen unbedeutenden Zoll oder Steuer für die Lebensmittel, die man in die Stadt brachte. Sie waren indeſſen nicht ſehr zudring⸗ liche Leute und zeigten ſich ſelten anders, als zu An⸗ fang der Markttage und zogen ſich immer gleich wie— der in ihre kleinen Höhlen an den Seiten der Thore zurück, ſobald ihre Funktionen verrichtet waren. Die große Kirche ſtand an der einen Seite des kleinen Marktplatzes frei und offen genug da; ſtets ſehr reinlich gleich der übrigen Stadt, aber immer au⸗ ßerordentlich kühl ausſehend— denn dort erſchien, wie ich ſchon bemerkt, ſelbſt die Sommerſonne kühl, und man fühlte kaum den Unterſchied zwiſchen dem Junius und December, wenn das Wetter heiter war, 1 Ich weiß nicht, warum jener Platz niemals lieblich und heiter war, denn er ſchien alles Erforder⸗ liche zu beſitzen, und ich habe ihn an feſtlichen Ta⸗ gen mit Allem ausgeſchmückt geſehen, was dazu bei⸗ tragen konnte. Am Sonntage ſtrömte eine große Menge von den guten Bewohnern der Stadt in ihren prunkendſten Anzügen beſtändig in die Kirche und wie⸗ der zurück. An feſtlichen Tagen ſah man Blumen⸗ guirlanden, Fahnen, reiche Gewänder und ſchön ge⸗ ſchmückte Altäre unter Lauben von grünen Blättern, und es erſchien eine kleine Abtheilung Soldaten in glänzenden Uniformen mit ſchimmernden Musketen und aufgeſchlagenen Hüten, um Platz zu machen, wenn eine Proeeſſion vorüberkam. Aber dennoch ſah der Platz niemals heiter aus. Alle dieſe Gegenſtände wurden in jenem klaren, kühlen Lichte geſehen, ſo daß ſie froſtig ausſahen. Eine Urſache der allgemeinen Düſterkeit der Stadt und der Eindruck des Unbewohntſeins, den dieſelbe machte, kam vielleicht daher, weil keine Kaufläden an dem Platze waren. Dies erſcheint vielleicht als ein außerordentlicher Umſtand— aber es war ſo. Es waren keine eigentlichen Kaufläden mit guten, weiten, offenen Vorderfenſtern da, durch die man die Waaren ſehen konnte. Wenn man freilich die Hauptſtraße da⸗ hin ging, die durch einen großen, maſſiven weißen ſteinernen Bogen auf das Land hinausführte, ſah man hie und da im Fenſter einer Privatwohnung, die man — 22— nur erreichen konnte, indem man von der Straße aus einige Stufen erſtieg, einen Schinken oder eine Schnur Würſte oder andere eßbare Gegenſtände. Weiterhin ſah man ein kleines meſſingnes Becken an einen Thür⸗ pfoſten angenagelt und wieder vor einem andern Fen⸗ ſter eine Damenhaube oder einige Bänder. Wenn man irgend eines jener Artikel bedurfte, mußte man die Stufen hinaufklettern, die Hausthür und die Stu⸗ benthür öffnen, ehe man zu der Perſon gelangen konnte, bei welcher man dieſelben zu finden erwartete. Wenn man eintrat, fand man einen ziemlichen Vor⸗ rath verſchiedener Artikel in einem zierlichen kleinen Zimmer, freilich ein wenig düſter und ſchattig, aber durchaus keinem Laden ähnlich. In einer ſolchen Zelle war man nicht im Stande, die Farbe und Qua⸗ lität deſſen, was man kaufte, genau zu beurtheilen; aber ich muß den guten Leuten die Gerechtigkeit an⸗ thun, zu ſagen, daß ſie niemals dieſe Dunkelheit be⸗ nutzten, um ihre Freunde und Kunden zu betrügen, daß Alles, was ſie verkauften, im Allgemeinen gut und von der Beſchaffenheit war, wofür ſie es ausga⸗ ben— und das iſt mehr, als man in gegenwärtiger Zeit von den meiſten Waaren ſagen kann. Die Un⸗ regelmäßigkeit der Straßen mochte auch einigen An⸗ theil an dieſer Düſterkeit haben, denn ſie drehten und wendeten ſich auf verſchiedene Weiſe hin und her, und die Häuſer, die nach dem Geſchmack und Willen des — 23— Beſitzers ohne Rückſicht auf Regelmäßigkeit erbaut waren, indem einige ſechs oder ſieben Schritte über die Linie vortraten, einige hoch und andere niedrig waren, hatten eine widerwärtige Gewohnheit, lange blaue Schatten zu werfen, wohin die Sonne ſchien, indem die harten geraden Linien von keiner Staub⸗ wolke unterbrochen waren. Ich habe nur eine andere Stadt geſehen, die dieſer einigermaßen glich, und das iſt die Stadt An⸗ gouleme. Vielleicht war es Angouleme— obgleich ich deſſen nicht ganz gewiß bin, denn es iſt ſehr lange her, ſeitdem ich dort war, und Ereigniſſe und Umſtände von ſehr gemiſchter Beſchaffenheit haben eine Linie nach der andern über die Tafel des Gedächt⸗ niſſes gezogen, bis die in früheren Jahren dort ein⸗ gegrabenen Schriftzüge nur hie und da matt hervor⸗ treten. Dieſe Stadt iſt meine erſte deutliche Erinnerung, aber indem ich ſo weit zurückblicke, wie mein Geiſt mich in die Vergangenheit zurückzuverſetzen vermag, erſcheinen noch andere Dinge. Zuerſt kommt eine Wolke— eine liebliche ſommerliche Wolke, nicht ganz geſtaltlos, doch ſehr matt und ſanft in den Umriſſen und ſeltſam wechſelnd, indem ich ſie anſehe. Bald nimmt ſie die Geſtalt einer ſchönen Dame an mit zwei oder drei lieblichen Kindern, die um ſie her ſpie⸗ len. Ich bin unter ihnen; ob ich aber einer von ihnen bin oder nicht, kann ich nicht ſagen. Dann verwandelt ſie ſich in einen großen noch jugendlich ausſehenden Mann, der einen Degen an der Seite und ein Degengehänge über ſeine rechte Schulter hat. Starke lederne Handſchuhe muß er getragen haben, denn ich erinnere mich noch ſehr wohl, wie hart ſie mir vorkamen, wenn ich ſie mit meinen kleinen Fin⸗ gern berührte. Ich ſehe noch jetzt ſeine großen Rei⸗ terſtiefel. Dies iſt der deutlichſte Theil von der Wolke. Aber die Maſſen rollen darüber weg— und was er⸗ ſcheint zunächſt? Ein franzöſiſches Ritterſchloß mit vielen kleinen Thürmen, einige viereckig, andere rund, einige mit kegelförmigen Dächern, einige mit hohen Giebeln und am Ende befindet ſich ein kleines Ge⸗ bäude, von den übrigen abgeſondert. Es hat einen kleinen Thurm, gleich dem einer Kirche, und eine Glocke darin. Wahrſcheinlich war dies die Schloß⸗ kapelle, und dort vor dem Hauſe ſpielt ein Spring⸗ brunnen in der Morgenſonne, von lieblichen Blumen⸗ beeten umgeben, die verſchiedene ſeltſame Geſtalten bilden. Aber Alles iſt eine Wolke, die niemals feſt ſteht und nie beſonders deutlich zu ſehen iſt. Die früheſte deutliche und beſtimmte Erinnerung, die ich habe, iſt, mich in der erwähnten Stadt in dem Hauſe eines Geiſtlichen des Orts— eines ſo vortrefflichen und guten Mannes, wie nur je einer lebte— befunden zu haben. Aber das iſt eine all⸗ 82 .;. gemeine Erinnerung, und die klarſte und faßbarſte der beſondern Erinnerungen aus meinen Knabenjahren iſt die, an einem großen Teiche oder kleinen See ge⸗ ſeſſen zu haben, der von dem Strome, der um den Hügel floß, gebildet wurde, und mit einer guten ſtar⸗ ken Angelruthe und einer ſehr dicken Schnur und ei⸗ nem großen Haken mit irgend einem Köder, den ich in der verzweifelten Hoffnung ins Wa ſer warf, einen rieſenhaften Hecht zu fangen, von dem man ſagte, daß er jenes Waſſer beſuche. Meine Schnur lag eine lange Zeit im Waſſer, ohne daß ſich der kleine daran befeſtigte Kork im geringſten bewegte. Die Zeit wurde mir ein wenig lang, und ich begann ſchon das Fiſchen für einen ſchlechten Zeitvertreib zu hal⸗ ten. Ich legte meine Ruthe am Ufer nieder, ſam⸗ melte einen Haufen Steine und warf dieſelben, ſo weit ich konnte, auf die Mitte des Waſſers zu. Dies ge⸗ ſchah nicht blos zum müßigen Zeitvertreibe; denn ich glaube, ich hatte die undeutliche Abſicht, den Fiſch näher ans Ufer zu treiben. Das Wetter war bisher ſchön geweſen. Ein helles, ſanftes, ſchläfriges Licht hatte auf der Fläche des Waſſers geruht; aber es war jetzt beinahe vier Uhr und das Wetter begann ſich zu verändern. Zuerſt kam ein Schatten, dann ein Wind, welcher kleine Wellen erregte, und dann große ſchwere Regentropfen. Ich lief etwa zwanzig Schritte zurück und trat unter einen kleinen Felsvor⸗ ———— —“ — 26— ſprung, der mir einigen Schutz gewährte, denn ſchon in meiner frühen Jugend ſchien ich die Anſicht zu ha⸗ ben, daß ich nicht naß werden dürfe; und dort von meiner kleinen Höhle blickte ich auf den Sturm hin⸗ aus, wie er über den See dahinfuhr. Dieſes Schau⸗ ſpiel erſchien mir ſehr ſchön, und ich denke, es würde mir jetzt noch ſchöner vorkommen, denn durch die dichten Tropfen konnte ich hie und da den blauen Himmel gleich einem liebenden Auge ſcheinen ſehen, welches die Erde überwacht, und nach Weſten zu zeigte ſich ein goldener Schimmer, der mir ſagte, daß der Sturm nicht lange währen würde. Ich weiß nicht, was mich veranlaßte, nach mei⸗ ner Angelruthe zu ſehen, als ich es aber nach Ver⸗ lauf einer Viertelſtunde that, war der Kork gänzlich verſchwunden und die Ruthe ſelber, obgleich nach mei⸗ nen Begriffen ſchwer genug, ſchien plötzlich lebendig geworden zu ſein und in das Waſſer wandern zu wol⸗ len. Mit einem Sprunge hatte ich ſie erhaſcht, ge⸗ rade als ſie über den Rand des Ufers entwiſchen wollte; aber ſie wäre mir beinahe wieder aus der Hand ge⸗ riſſen worden, ehe ich ſie gefaßt hatte. Mit trium⸗ phirender Freude bemerkte ich, daß ein Fiſch, und zwar ein großer, angebiſſen haben müſſe. Ich hatte kleine Fiſche genug gefangen, doch wußte ich nicht, was ich mit einem großen Fiſche anfangen ſollte, da er jetzt angebiſſen hatte. Die einzige Kunſt, die ich — 27— beſaß, war, ihn ans Land zu ziehen, und vielleicht war dies das Beſte, was ich thun konnte; denn wäre meine und des Fiſches vereinte Kraft ſtärker geweſen, als die Schnur, ſo hätte dieſe zerreißen müſſen. So aber war der Fiſch ein wenig erſchöpft von ſeinen erſten Anſtrengungen und er ließ ſich ſehr ruhig bis auf wenige Schritte von mir ans Ufer ziehen. Glück⸗ licherweiſe brachte ich die Schnur, die um das Ende der Ruthe geſchlungen war, bis zu meiner Hand her⸗ unter, doch hatte ich noch zwanzig oder dreißig Ellen Schnur, um einen Stock gewickelt, im Bereiche meiner Hände liegen. Glücklicherweiſe, ſage ich, denn gerade als ich meinen Gefangenen näher heranzog und ſeine Größe bemerken konnte, ſchien es mir, als nehme er ſeinen Schwanz in den Mund und dann ſchoß er ſchnell wie der Blitz davon. Die Spitze der Ruthe brach ſogleich ab und die Schnur lief mir wie ein Meſſer durch die Hände. Ich hielt indeſſen den Stock feſt, um den die Schnur gewickelt war, und hemmte ſo die raſche Flucht meines Feindes. Er zerrte eini⸗ gemal an der Schnur, dann ließ er ſich aber wieder von mir ans Land ziehen und wir hatten einen ver⸗ zweifelten Kampf, als er bemerkte, daß er ſich wieder dem Ufer näherte. Als ich bemerkte, daß ich ihm nicht gewachſen war, gab ich ihm mehr Spielraum; dann zog ich ihn mit klopfendem Herzen näher ans Ufer und bemerkte mit großer Freude, daß ſein Wi⸗ — — 28— derſtand abnahm. Es war die Arbeit von beinahe einer Stunde, ehe ich ihn dicht ans Ufer brachte und dann ging er mir noch zweimal durch und einmal hätte er mich beinahe ins Waſſer geriſſen, als ich nie⸗ derkniete, um ihn ans Ufer zu heben. Endlich aber brachte ich ihn ſicher ans Land, und man denke ſich meine Freude, als ich eine Forelle erblickte, die we⸗ nigſtens fünf Pfund wog und die meine Einbildungs⸗ kraft wenigſtens zu zehn oder funſzehn vergrößerte. Er hatte den Haken ganz in den Schlund hin⸗ untergeſchluckt, und dies war ohne Zweifel das Ge⸗ heimniß meines glücklichen Erfolges, denn hätte er ihn im Munde gehabt, ſo hätte ich ihm den Kinnba⸗ cken abreißen müſſen. Ich machte nicht den Verſuch, den Haken herauszuziehen, ſondern ſammelte die Ueber⸗ bleibſel meiner Angelruthe, während er heftig ſchla⸗ gend auf dem Graſe lag, hob ihn dann an dem Ha⸗ ken in die Höhe und trug ihn triumphirend auf die Stadt zu. Ich wollte indeſſen nicht durch das ge⸗ wöhnliche Thor gehen, denn ich fürchtete wahrſchein⸗ lich, man würde mir eine Steuer für meinen Fiſch abverlangen; da aber das Haus, wo ich wohnte, dicht an der Mauer ſtand und einen kleinen Garten in ei⸗ nem der alten Thürme hatte, durch den eine Thür und eine ſteinerne Treppe führte, ſo eilte ich dorthin, 3 fand meinen Weg durch die Hinterthür und wagte zu thun, was ich nie vorher gethan, nämlich ich eilte — 20— ungerufen in das Zimmer des guten Pater Bonne⸗ ville zu einer Stunde, wo ich wußte, daß er immer mit Studiren beſchäftigt war. Zum Glück war es Donnerſtag— ich wußte, vaß kein Fiſch im Hauſe war, und daß unſer Mittageſſen für den folgenden Tag in Kürbisſuppe und Salat beſtehen ſollte. Dies konnte wohl meine Anmaßung entſchuldigen. Nie in meinem Leben ſah ich einen Menſchen erfreuter, als den guten Pater Bonneville, obgleich er ſchnell ein Buch, worin er geleſen, als ich eintrat— ich glaube es war das alte Teſtament— auf die Seite legte, als wäre Etwas darin, was er meinen Blicken zu entziehen wünſchte. Er bewunderte die Fo⸗ relle außerordentlich, ſah ſie von der einen und dann von der andern Seite an, erklärte, es ſei die ſchönſte Forelle, die er je geſehen, ſtreichelte mir den Kopf und aoe mich, ob ich ſie wirklich ganz allein gefangen abe. Ich verſicherte ihm, ich hätte durchaus keine Hilfe dabei gehabt, und fügte dann ſchlau hinzu: „Sie wiſſen, es iſt morgen Freitag, Herr Pater.“ „Ach, mein Sohn, mein Sohn,“ verſetzte er mit reuevollem Kopſſchütteln, aber mit einem Lächeln auf ſeinen Lippen,„wir dürfen nicht ſo viel daran denken, unſere Mahlzeiten zu verbeſſern, beſonders an Faſttagen; aber es iſt dennoch ein ſehr ſchöner Fiſch, und wir wollen ihn morgen zum Mittageſſen haben.“ Ich habe lange bei dieſem kleinen Ereigniſſe ver⸗ weilt, denn es war zu jener Zeit ein ſehr wichtiges in meinen Angen und nicht ganz ohne Einfluß auf mein Leben. Aber ich will hier nur bemerken, daß Pater Bonneville von dem Augenblick an mehr Nei⸗ gung zu mir zeigte, als er je vorher gethan. Frü⸗ her hatte er ſich damit begnügt, mir meine täglichen Lektionen zu geben, bei den Mahlzeiten einige freund⸗ liche Worte mit mir zu ſprechen und mich für die übrige Zeit des Tages ſeiner guten alten Haushälte⸗ rin zu übergeben. Jetzt aber ſchien ich zu etwas Beſſerem fähig zu ſein. Pater Bonneville liebte, wie die meiſten Prieſter, die Fiſche ſehr, und jeden Dien⸗ ſtag und Donnerſtag war ich an den Ufern des Sees oder Fluſſes, und da ich große Ausdauer hatte und bald Geſchicklichkeit erlangte, ſo war Pater Bonne⸗ ville am Mittwoch oder Freitag ſelten ohne Fiſche, ſo daß das Faſten beinahe zur Poſſe wurde— außer in den eigentlichen Faſten, wo er uns ſtrenge hielt. Drittes Kapitel. Eines Prieſters Haushalt. Ich muß die Bilder des frühen Theils meines Lebens abgeriſſen und gleich Phantasmagorien wieder⸗ geben, wie ſie dem Auge des Gedächtniſſes erſcheinen. Aber dennoch will ich, ſo weit es möglich iſt, die fehlenden Verbindungsglieder durch jene Kraft aus⸗ üben, welche für das Gedächtniß, was der zweite Regenbogen, den wir zuweilen ſehen, für den erſten iſt— nämlich der Reflex eines Reflexes— ich bin nicht ganz gewiß, ob es philoſophiſch iſt— aber es iſt eine Figur, und zwar eine hübſche und ſo mag ſie ſtehen bleiben. Die Kraft, von der ich rede, wird gewöhnlich Erinnerung genannt— ein Schatten des Gedächtniſſes, der über das Gebirge hinwegragt und noch undeutlich geſehen wird, nachdem das Urbild be⸗ — 32— reits hinter der ſteilen Höhe niedergeſunken iſt— aber der Himmel ſtehe mir bei— ich verwickle mich ſchon wieder in Figuren. Das Fangen eines Fiſches war meine erſte große Heldenthat im Leben, und ich konnte deutlich ſehen, daß Pater Bonneville dabei verweilte und darüber nachdachte, wie es in ſeinem Charakter lag, denn er war ein ſehr bedächtiger und gedankenvoller Mann, keineswegs ohne Beobachtungsgabe und die beſtändige Gewohnheit, Vernunftſchlüſſe zu machen, die ihn zu⸗ weilen ein wenig irre leiteten. Ich mußte ihm die ganze Geſchichte von dem Fiſchfange erzählen, und wie ich es angefangen. Man kann ſich leicht denken, daß ich keine geringe Abſchweifungen machte, theils wegen des Intereſſes, welches mir der Gegenſtand ge⸗ währte, theils wegen der Schwierigkeit für jedes Kind, ſeine Gedanken in kurze Sprache zu kleiden. Ich fand ſpäter, daß er ſeine eigenen Schlüſſe aus Vor⸗ ausſetzungen gezogen, die ich ihm geliefert, und es macht mich glücklich, zu ſagen, daß dieſelben durch⸗ aus günſtig für mich waren. Daraus, daß ich die Ruthe ergriffen, ehe ſie ins Waſſer gezogen worden, ſchloß er, wie ich erfuhr, daß ich große Schnelligkeit und Geiſtesgegenwart beſitze. Aus dem Umſtande, daß ich die Schnur durch meine Hände hatte ſchlü⸗ pfen laſſen, ehe ich verſucht, die Ruthe anzuziehen, folgerte er, daß große Vorſicht und Beſonnenheit in n meiner Anlage ſei, und die Mühe, die ich mir gege⸗ ben, und die Anſtrengung, die ich angewendet, ohne nachzulaſſen oder unbeſonnen oder ärgerlich zu werden, brachte zu der Anſicht, daß ich ſehr beharrlich, uner⸗ ſchrocken und entſchloſſen ſei. Mit einem Wort, er ſah mich jetzt als ein Weſen an, welches mehr Für⸗ ſorge und Kultur verdiene, als er vorher gedacht; daß ich nicht ein Kind ſei, welches man nur in den An⸗ fangsgründen der Wiſſenſchaft unterrichten dürfe, ſon⸗ dern daß unter der grünen Friſche meiner Jugend ein Boden verborgen liege, der ſich mit großem Vortheil kultiviren laſſe. Aber wir wollen eine leichte Skizze von dem gu⸗ ten Vater entwerfen, wie er daſaß, ſeinen Kopf mit einer kleinen, anſchließenden, ſchwarzen Mütze bedeckt, ſo daß er ausſah wie die Hälfte einer ſchwarzen Me⸗ lone. Die Kleidung war unbedeutend und aus der Mode. Der einfache, lange Rock, das Skapulier, das Kreuz und der große dreieckige Hut hatten in der That nicht viel Empfehlenswerthes für dieſes Mitglied ſeines Standes. Es war nichts Zierliches an ſeiner Klei⸗ dung— kein überflüſſiger Schmuck. Alles anma⸗ ßende Weſen war unterdrückt, und ſo weit ich mich erinnern kann, ſchien er immer zu bedenken, daß ein Prieſter auf der Kanzel oder im Beichtſtuhle all ſein Anſehen aus einer höheren Quelle entlehne, die ihm als einzelner Perſon keins übertrage. Das Gegen⸗ Die Wechſel des Lebens. 1. Bd.— 3 theil dieſes Gefühls iſt die ſchreiende Sünde der Prie⸗ ſterſchaft jedes Glaubens, den ich kenne, und beſon⸗ ders feines eigenen. Die meiſten Menſchen würden mit Ehrerbietung auf die Ausleger des Willens Got⸗ tes horchen, wenn ſie ihre Kanzel nicht mit in das Geſellſchaftszimmer oder das Wohnzimmer mitnehmen wollten. Es iſt in der That ſehr weiſe, einen Un⸗ terſchied zwiſchen dem Geiſtlichen und dem Menſchen zu machen, und noch weiſer, einen Unterſchied zwi⸗ ſchen den Funktionen des Geiſtlichen und des Men⸗ ſchen zu machen; denn wo die beiden— entweder vermöge der Einfalt des Volks oder vermöge der Ar⸗ roganz des Prieſters— verſchmolzen werden, wird man neunmal unter zehn finden, daß die Schwächen des Menſchen(ohne von den Laſtern und Verbrechen zu reden) über die Eigenſchaften des Lehrers die Ober⸗ hand haben. Unter einer Nation freilich, die als Na⸗ tion keine Autorität, als ſich ſelber, in bürgerlichen, politiſchen oder religiöſen Gegenſtänden anerkennt— wo es jedem Menſchen frei ſteht, in ſeinem Garten ſeinen Gott aufzuſtellen und ihn nach der Art zu ver⸗ ehren, wie es ihm gefällt— iſt dieſe Unterſcheidung nicht ſo nothwendig; denn da jeder Geiſtliche von der Gemeinde, die er zu belehren hat, gewählt wird, ſo muß er ſchon vorher ziemlich genau wiſſen, welches Futter ihrem Gaumen am angemeſſenſten iſt, während die Gemeinde, die ihren Mann mit weit offenen An⸗ gen gewählt hat, ſich ſelbſt entweder für einfältig er⸗ klären oder ihn als eins der hellſten Lichter des Jahr⸗ hunderts ausſchreien muß. Wenn nicht, warum wähl⸗ ten ſie ihn denn, um ſie zu erleuchten? Sie intereſ⸗ ſirten ſich ebenſo ſehr für ſeinen perſönlichen, wie für ſeinen öffentlichen Charakter— denn es iſt ſehr un⸗ angenehm für einen Aelteſten der Gemeinde, wenn er nicht einen perſönlichen Streit mit ſeinem theuren Freunde dem Geiſtlichen hat, ſeine Hand aufs Herz legen und ſagen zu müſſen:„Ich habe mich ſchwer geirrt!“ Und manches kleine und manches große Ver⸗ gehen von Seiten des Paſtors wird überſehen und beſchönigt von der liebenden Gemeinde, die ſich ſelbſt in dem Geiſtlichen verehrt, den ſie gewählt. Von aller Abgötterei in der Welt muß in den Augen ei⸗ nes reinen Weſens die Selbſtverehrung die ärgſte ſein. Ich bin von meinem Gegenſtande abgewichen, aber mit einem kühnen Sprunge ſind wir wieder zu⸗ rück. Da ſitzt er auf ſeinem Lehnſeſſel, ſeine kleine ſchwarze Mütze auf dem Kopfe, um das Werk der Zeit mehr als die Verwüſtungen des Raſirmeſſers zu bedecken, mit den glatten, ſeidenartigen Locken, jetzt faſt ſchneeweiß, die unter derſelben hervorfallen, und den dunklen Kleidern, welche die ganze Geſtalt ein⸗ hüllen, und die er nur ablegt, wenn er ſich zur Ruhe begiebt. Doch welch eine ruhige und ſtille Würde liegt in jener Geſtalt und in dem milden und wohl⸗ 3* wollenden Geſichte. Wo ſind die Sorgen und der Kummer des Lebens? Was haben in dieſem Falle ängſtliches Nachdenken und die wohl erfüllten Pflich⸗ ten eines mühſamen Berufes gethan? Wo ſind die Qualen, die Krankheiten, die körperlichen Leiden, die unruhige Schwäche des Greiſenalters? Sie finden ſich hier nicht. Er ruht ſo bequem und graziös wie ein Kind in ſeinem Seſſel. O! der Balſam, der geſeg⸗ nete Balſam eines reinen, erhabenen und heiligen Her⸗ zens, der beſtändig den Geiſt erhellt und erfriſcht mit dem aromatiſchen Dufte des Lebensbaumes! Pater Bonneville hatte ein ſtilles und friedliches Leben geführt— ich weiß wenig von ſeiner Geſchichte — ich hörte ſie nie ausführlich erzählen— aber der Theil, von dem ich rede, ſtand auf ſeinem Geſichte geſchrieben. Pater Bonneville hatte ein ruhiges und friedliches Leben geführt— davon bin ich feſt über⸗ zeugt, ſonſt hätte er nicht der ruhige, glückliche, wohl⸗ wollende Greis von drei und ſechzig Jahren werden können. Auf ſeinem Geſichte ſah man kaum ſein Al⸗ ter, denn es war ſo glatt, wie das eines Knaben; aber jenes weiße Haar und die Nothwendigkeit, von Zeit zu Zeit eine Brille anzuwenden verriethen, daß 5 5„) er nicht ganz ſo jung mehr war, wie er früher gewe⸗ ſen. Seine Zähne waren gleichmäßig und weiß; aber der alte Mann pflegte zu ſagen, obgleich er hoffe, daß ſeine Zunge die Wahrheit rede, ſo ſei doch ſein — 37— Mund ein liſtiger Heuchler, denn er ſtelle ſeine beſten Gründe voran und halte die werthloſen und unnützen zurück; mit anderen Worten, die Vorderzähne wären freilich noch gut genug, aber jene ſchwer arbeitenden Sklaven des Magens, die Backenzähne, wären dahin — und dies war ohne Zweifel ein Grund, weshalb er die Fiſche ſo ſehr liebte. Der Himmel ſegne die ſchuppigen Kerle! ſie ſind ſelten aber nie zäh, und das Schlimmſte, was man von ihnen zu fürchten hat, iſt eine Gräte oder Unverdaulichkeit, obgleich ich denke, daß es hart iſt, aus einem friſchen Strome gezogen und auf einen Bratroſt gelegt zu werden. Pater Bonneville war ein ſehr gelehrter und gu⸗ ter Mann. Er hatte viel geleſen, denn er hatte viel Zeit. Er hatte viele Sprachen und Wiſſenſchaften ſtudirt und über das nachgedacht, was er ſtudirt. Dies Alles entdeckte ich ſpäter; denn zu der Zeit, wo⸗ von ich rede, war der Vorrath von Gelehrſamkeit, der zu meiner geiſtigen Nahrung nöthig war, nur gering, obgleich er mich regelmäßig jeden Tag unterrichtete. Seine Lektionen wurden auf ſehr verſchiedene Art von allen anderen Lektionen gegeben, die ich je empfangen oder wovon ich gehört. Er ſetzte ſich nieder, öffnete ein Buch und begann mit mir von einem anſcheinend gleichgültigen Gegenſtande zu reden; aber ehe fünf Minuten vergangen waren, wußte er immer die Un⸗ terredung auf Etwas zu lenken, was in dem Buche ſtand oder was darin erklärt oder erläutert wurde. Dann laſen wir einige Sätze, hielten dann inne und beſprachen uns zuweilen über die Sprache, über die Feinheiten des Stils oder der Sprachlehre, oder wir verweilten bei den darin ausgeſprochenen Gedanken oder den dort mitgetheilten Thatſachen. Es iſt wun⸗ derbar, wie ſich durch dieſe Methode Alles meinem Geiſte einprägte. Alles, was ich las, ſchien mir von einer Art künſtlichen Gedächtniſſes umgeben zu ſein, denn jedes Wort ſtand mit jenen Unterredungen in Verbindung, und das Eine diente immer dazu, das AKçLAndere ins Gedächtniß zurückzurufen. Es koſtete frei⸗ lich ein wenig mehr Zeit. Ich las eine Seite im Cäſar, während ein anderer Knabe vielleicht zwei las; aber ich behielt und verſtand, was ich las, und viel⸗ leicht der Andere nicht; und ich glaube ich machte am Ende eben ſo raſche Fortſchritte. 1 Wo ich den erſten Uunterricht erhielt, weiß ich nicht, denn ich erinnere mich nicht der Zeit, wo ich nicht leſen oder ſchreiben, mit ziemlicher Richtigkeit addiren oder Helme, Schwerter, Streitäxte, ſehr häß⸗ liche Geſichter und Männet mit ungeheuren Zöpfen auf das erſte Blatt eines Buchſtabenbuchs zeichnen konnte. Ich habe eine dunkle Erinnerung, daß ich ſehr krank war, als ich in das Haus des Pater Bon⸗ neville kam, und jene Krankheit iſt wahrſcheinlich der Grund, daß alle früheren Ereigniſſe mit einem leich⸗ — 39— ten Schleier bedeckt ſind, der die Figuren nicht gänz⸗ lich verbirgt, ſie aber verwirrt und undeutlich macht. Nachdem ich ſo viel von meinem gütigen Freunde und Lehrer geſagt habe, muß ich auch von der ein⸗ zigen anderen Perſon reden, die ſich im Hauſe befand. Dies war die Haushälterin des guten Prieſters, die vier oder fünf Jahre älter ſein mochte, als er, aber ein ſo thätiges und geſchäftiges kleines Weſen, wie ich nur je eins geſehen habe, welches Alles that und noch mehr zu thun verſuchte. Wegen welcher Eigen⸗ ſchaften Pater Bonneville ſie urſprünglich gewählt, um ſeine Haushaltung zu führen, weiß ich nicht; aber es war gewiß nicht wegen ihrer Schönheit geſchehen — vielleicht aber wegen ihrer Zurückhaltung. Die Natur ſchien die Abſicht gehabt zu haben, ſie in eine Kugelform zu gießen, denn ihr Kopf war rund wie eine Kugel, mit zwei Augen verſehen gleich Schleh⸗ beeren und nicht viel größer, aber vermöge eines Ein⸗ falles der Natur war die Naſe beträchtlich vorragend. Es ſchien mir immer, als hätten ihre Eltern oder Wärterinnen die Gewohnheit gehabt, ſie daran wie an einer Handhabe in die Höhe zu heben, und gewiß hatte ſie im ſpäteren Leben an Größe nicht abgenom⸗ men. Sie war ein kleines Weib für eine ſolche Laſt, aber ſtark, wohlgebildet und weder hager noch fett. Ihre vortreffliche Geſundheit und ihren Lebensmuth ſchrieb ſie dem Umſtande zu, daß ſie niemals Cider —— getrunken, obgleich ſie in den Ciderprovinzen gelebt hatte. „Nein, nein,“ ſagte ſie,„ich wußte es beſſer, denn wenn der Cider theuer iſt für drei Sous, ſo iſt der Wein billig um zehn. Aber ich trinke von beiden nicht viel, wie der Himmel weiß und Pater Bonne⸗ ville; aber wenn es nicht Waſſer iſt, ſoll es Wein ſein.”“ Ich muß den Leſer beſonders auf ihre eigenthüm⸗ liche Weiſe aufmerkſam machen, den Himmel und Pa⸗ ter Bonneville zuſammen zu bringen; denn es war ſehr charakteriſtiſch für ihren Geiſt, und ſie that es bei allen Gelegenheiten. Die beiden Ideen ſchienen in ihrem Geiſte ſo eng mit einander verbunden zu ſein, daß ſie nie getrennt werden konnten. Sie war ein ſo gutes Geſchöpf, wie nur je eins lebte, und verehrte alles Gute; und es iſt wahrſcheinlich, daß, indem ſie in ihrer Demuth den Himmel und Pater Bonneville zuſammenbrachte und ſie in der That weit über ſich ſtellte, dieſe beiden Gegenſtände in der Ferne mit ein⸗ ander verwechſelt wurden. Sie war in der That ein ſehr gutes Geſchöpf, wie ich bereits geſagt, und ol wie pflegte ich ſie zu quälen! Sie ertrug es mit wunderbarer Geduld und Gutmüthigkeit, zuweilen lachte ſie mit mir, zuwei⸗ len lachte ſie über mich, zuweilen ſtellte ſie ſich ſehr zornig, aber dennoch beſſerte ſie immer meine ———— Kleider aus, brachte mein kleines Zimmer in Ord⸗ nung, gab mir alle Leckerbiſſen, die ſie nur habhaft werden konnte und erwies mir alle Freundlichkeit und Zärtlichkeit einer Mutter. Ich fürchte indeſſen, daß ſich zu jener Zeit ein ernſtlicherer Sturm, als gewöhn⸗ lich, vorbereitete; denn ich fuhr nicht nur fort, die arme Jeanette mit meinen knabenhaften Scherzen zu plagen, ſondern ich vermehrte auch ihre Arbeiten ſehr, indem ich Angelhaken, Schnüre und zerbrochene An⸗ gelruthen— an einigen von den Angelhaken ſteckten ſogar noch Würmer— in ihrer Küche, Speiſekam⸗ mer oder an den geheiligten Orten ihres eigenen Ge⸗ biets liegen ließ. Aber gerade zu jener Zeit kam der erwähnte Fang der Forelle, und dadurch wurden ſo⸗ gleich alle Klagen beſeitigt. Damit will ich nicht ſa⸗ gen, daß das gute Weib ſelber eine beſondere Leiden⸗ ſchaft für Fiſche hatte, denn ſie würde Pater Bonne⸗ ville und mir um die Welt nicht einen Biſſen davon geraubt haben, aber von dem Angenblicke an, als ſie gewahr wurde, daß die Angelhaken irgend einen Nu⸗ tzen hätten— daß ſie zu einem anderen Zwecke be⸗ ſtimmt wären, als ihr die Hände damit zu verwunden oder ihren Tiſch zu zerkratzen. Kurz, ich ſorgte für Etwas, was den Geſchmack des guten Paters befriedi⸗ gen konnte, und das war in den Augen ſeiner wür⸗ digen Haushälterin eine völlig genügende Entſchuldi⸗ gung für alle Vergehungen. — 422— Mit dieſen Beiden, wie ich ſie geſchildert habe, brachte ich mehrere Jahre meines frühen Lebens zu. Ich war etwa neun Jahre alt, als ich die Forelle gefangen, und wenn ich je ein ſchwacher oder kränk⸗ licher Knabe geweſen, ſo war ich es jetzt gewiß nicht mehr. Zehn Jahre war ich noch nicht alt, und ich mußte um dieſe Zeit ſchon einige Jahre dort geweſen ſein— lange genug, um die Erinnerung an andere Scenen dahinſchwinden zu ſehen. Meine Zeit verging lieblich und angenehm. Ich bekam geſunde Nahrung genug. Ich hatte hinreichende Anſtrengung für Geiſt und Körper. Still und ruhig war der Ort gewiß. Unterhaltungen für Perſonen meines Alters gab es keine in der Stadt ſelbſt, außer wenn ein großes Kirchenfeſt ſtattfand oder wenn ein Italiener mit einem Bären, einem Affen, einem Murmelthier oder einem muſikaliſchen Inſtrument durch die Stadt zog und wenn einmal im Jahr der große Jahrmarkt ſtattfand, der die Stadt auf drei ganze Tage erheiterte. Den⸗ noch war ich ſehr wohl mit meinem Schickſale zu⸗ frieden. Ich liebte Pater Bonneville aufrichtig. Ich liebte die gute Jeanette auch aufrichtig; aber mit ei⸗ ner anderen Art von Liebe— mehr, vermuthe ich, mit jener eigenthümlichen Art der Zärtlichkeit, womit ein Kind eine Puppe betrachtet, deren Kopf es ſo lange auf den Boden geſchlagen, bis ſie weder Au⸗ gen, noch Naſe mehr hat. Gewiß hatte ich die gute „„ —— S—- ————— —————*ð — 43.— Haushälterin dieſer nützlichen Geſichtstheile nicht be⸗ raubt, aber ich hatte ihre Zärtlichkeit gemißbraucht und ſie ſo lange gequält, bis ich ſie aufrichtig liebte. Ich liebte ſie alſo Beide, und wohl hatte ich Urſache dazu, denn nie gab es zwei beſſere Perſonen auf der Welt. Vielleicht mag der Leſer fragen:„Sollen wir denn nur gute Leute in dieſem Buche haben?“ Er mag nur ein wenig warten. Wir werden ſogleich ihre Folie finden, und Niemand mag ſich zu dem Irrthum verleiten laſſen, zu glauben, daß etwas Einförmiges in dem Guten liegt. Weit entfernt. Es hat ebenſo unendliche Verſchiedenheit, wie das Böſe. Seine Sphäre iſt ebenſo umfangreich, von der erha⸗ benſten That der Aufopferung oder der Hingebung bis zu der kleinſten Handlung der Freundlichkeit. Ja, es iſt ſogar umfangreicher, als das Böſe; denn ich kann nicht umhin, zu denken, daß das Gute alle Dinge um⸗ faßt, während das Böſe nur einen Theil davon be⸗ rührt. Weil der Geiſt des Menſchen zu klein iſt, um die Größe des Guten zu begreifen, hält er es für beſchränkt, gleich einem Kinde, welches den Himmel anſieht und den Raum von einer blauen Mauer be⸗ grenzt glaubt. Weil ſein Geiſt zu düſter und ſchwach und zu ſehr gewöhnt iſt, gegen unreinere Dinge anzu⸗ kämpfen, kann er nicht die Höhen deſſelben erreichen oder in ſeine Tiefen eindringen, und die unendliche * — 4— Verſchiedenheit begreifen, die es gewährt. Der Lachs kann den Waſſerfall hinauf ſpringen oder gegen den reißenden Strom anſchwimmen, aber er kann nicht zum Himmel auffliegen gleich dem Adler und mit ei⸗ nem Blicke die Welt unter ihm überſchauen. Das Erhabenſte und das Lieblichſte in der ganzen Welt iſt das Gute. Glücklich, ſehr glücklich ſchätze ich mich in mei⸗ ner Jugend, mit zwei ſo guten und freundlichen We⸗ ſen vereint geweſen zu ſein. In jener Lebensperiode empfängt die bildſame Natur des Kindes größtentheils ihre künftige Geſtalt und Form. Die Eindrücke ſind tief und unauslöſchlich, wenn ſie einmal verhärtet ſind. Der Charakter empfängt ſeine Richtung, der Geiſt ſeinen Ton und Färbung, und obgleich ich viel⸗ leicht in meinem Leben viele Dinge gethan habe, die ich bedaure und die ſie nicht hätten billigen können, ſo iſt doch ihre Güte ſtets in meiner Erinnerung ge⸗ blieben gleich einem Leuchtthurme, um mir den Weg zu zeigen durch das dunkle und kämpfende Waſſer des Lebens und mich im heimathlichen Hafen willkommen zu heißen, ſo weit ich mich auch vom rechten Wege verirrt haben mag. Ich kann mir keinen größeren Segen für die Jugend vorſtellen, als den Umgang mit den wahr⸗ haft Guten. Ich rede nicht von den Starren und Strengen, ich rede nicht von den Rauhen und Gebie⸗ ...— ——— — Od AR 2——— n teriſchen. Ich rede auch nicht von den Selbſtverläug⸗ nenden, den Nüchternen und Umſichtigen. Das Bei⸗ ſpiel eines Anachoreten oder Puritaners wirkte niemals mächtig auf das Herz der Jugend. Sondern ich rede von den wahrhaft Guten und die ſind nicht gut, wel⸗ che nicht ſanft und milde ſind. Denn das Gegentheil der Sanftmuth und Milde iſt Unrecht. Ich rede von den Guten, die von der Quelle alles Guten lernen, glücklich zu ſein und glücklich zu machen, und welche wiſſen, daß es mit zu den Geboten gehört, zu ge⸗ nießen. Viertes Kapitel. Das erſte Abenteuer. Giner der merkwürdigſten Abſchnitte in dem Le⸗ ben des Menſchen iſt der, wo er zuerſt zu denken be⸗ ginnt. Die Philoſophen ſind der Anſicht— wenig⸗ ſtens viele ſind es geweſen— daß das, was man denken nennt, von der Geburt an oder doch beinahe von der Zeit an vor ſich geht; aber entweder iſt dies ein Irrthum oder ſie und ich reden von verſchiedenen Dingen. Was ich unter denken verſtehe, iſt nicht der Proceß, zwei oder drei Begriffe zuſammenzuſtellen, was allerdings bei einem Kinde beginnt, ſobald es zwei oder drei Begriffe hat, ſondern eine Operation des Geiſtes, woran alle Diener des Geiſtes aufgefordert werden, Theil zu nehmen— wo die Einbildungskraft der Vernunft zu Hilfe kommt, wo Gedächtniß und . ——;—— —.— —————— ⏑⏑— u — 47— Beobachtung die Materialien liefern und das Uirtheil das Werk ausmißt. Wir alle müſſen gefühlt haben, wenn wir auf unſer vergangenes Leben zurückblicken, daß es eine gewiſſe Periode giebt, wo die Schleuſen gleichſam plötzlich geöffnet worden ſind und ein Strom des Gedankens uns überfluthet hat. Der Zeitabſchnitt ſelber wird gewöhnlich ein wenig unbeſtimmt für die Erinnerung ſein; denn keiner von uns bemerkt dieſes neue Ereigniß zu der Zeit, wenn es vorgeht. Wir fühlen— wir wiſſen— wir genießen; aber wir ſe⸗ tzen uns nicht nieder, um den Augenblick aufzuzeich⸗ nen, wo die neue Welt des Gedankens ſich unſerem Blicke öffnet. Alles, was ein Menſch ſagen kann, iſt: um die und die Zeit begann ich zu denken. Er fügt gewöhnlich hinzu: tief zu denken, um jene Periode der voraufgegangenen Periode des Eindrucks, den er mit dem Gedanken verwechſelt, entgegenzuſtellen. In der That mag es ſehr ſchwierig ſein zu ſagen, wo der Gedanke eigentlich beginnt und das bloße Em⸗ pfangen des Begriffs entweder in einfacher oder zu⸗ ſammengeſetzter Form endet. Vielleicht iſt der Ge⸗ danke gleich einem mächtigen Strome, der mit einem ſehr kleinen Bache beginnt; aber gewiß giebt es eine Stelle, wo der Strom plötzlich anſchwillt. Ich kann nicht ſagen, daß ich viel, wenn über⸗ haupt, über einen Gegenſtand nachdachte, bis ich mehr als zehn Jahre alt war. Wenn ich mich mit Pater —— — 48— 8 Bonneville unterredete, der ſich lebhaft bemühte, mich denken zu lehren, ohne es zu erkennen zu geben, wa⸗ ren meine Antworten mehr Bilder meiner Eindrücke, als meiner Gedanken; als ich aber zwölf Jahre alt war, kam das Nachdenken ſchnell und ſtark bei mir. ’ Ich erinnere mich noch ſehr wohl, an den Dienſtag⸗ und Donnerſtagabenden im Frühling an dem kleinen See geſeſſen zu haben oder an den Ufern des Fluſſes umhergewandert zu ſein und mich in tiefe und ſelbſt düſtere Träumerei verſenkt zu haben, in deren Ver⸗ laufe ich, vermöge der Fähigkeiten, die plötzlich in mir erwacht zu ſein ſchienen, Alles prüfte, was ich gelernt hatte und was ich wußte. Die Welt ſchien mir voll Wunder, die ich nie vorher geſehen, und ich begann an Dingen Intereſſe zu nehmen, die mir früher flach und nutzlos erſchienen waren. Es war nicht allein der Anblick der Natur, der See, der Strom, der Wald, das Feld, die Felſen, das Gebirge, der blaue Himmel, die vorüberziehenden Wolken, die auf- und untergehende Sonne, der wandernde Mond oder die funkelnden Augen der hellen Sterne, die Blumen und Geſträuche, die Vögel auf den Zweigen oder die Thiere auf dem Felde, die mir Stoff zum Nachdenken ge⸗ währten, ſondern der Mann und ſein Thun und Trei⸗ ben— und ich fürchte das Weib auch— hatte Theil daran. Ich horchte auf das politiſche Geſpräch des Tages, um welches ich mich bisher nie bekümmert ——,—“ ð—— — 49— hatte, obgleich Ereigniſſe vorgingen, die ſelbſt auf das Schickſal der Kinder Einfluß äußerten. Ich wollte von dem Kampfe der Parteien und von der Entſte⸗ hung neuer Meinungen hören, welche die Welt in ih⸗ ren Grundfeſten erſchütterten, und ich wunderte mich über Alles, was ich hörte, und dachte darüber nach auf meinem einſamen Sitze am See. Wenn ich ihn auch nicht verſtehen konnte, ſo war der Gegenſtand nur um ſo mehr ein Vorwand zur Träumerei. Ich konnte gleichfalls nicht umhin, zu bemerken, daß Pater Bonneville ſehr ergriffen war von den Nach⸗ richten, die von Zeit zu Zeit ankamen. Ich wurde auch ſehr gedankenvoll— ja ſehr traurig. Er hatte einen Ausdruck der Aengſtlichkeit und der Furcht. Sei⸗ ner heiteren Augenblicke waren wenige und er ſchüt⸗ telte oft langſam und ſchwermüthig den Kopf und ſeufzte tief. Ein kleiner Umſtand, der ſich zu jener Zeit er⸗ eignete, gab mir Veranlaſſung, zu denken, daß der gute Pater außer ſeinem allgemeinen Bedauern über die verſchiedenen heftigen Scenen, die ſich zu jener Zeit ereigneten, Urſache zur perſönlichen Furcht hatte. Ich habe bereits erwähnt, daß er mit mehreren Spra⸗ chen wohl bekannt war, und von der früheſten Zeit an erinnere ich mich, daß er jeden Tag wenigſtens eine Seite Engliſch mit mir geleſen. Wie ich die Sprache zuerſt lernte, weiß ich nicht, aber es ſchien Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 4 mir damals, als ob ich ſie mit mehr Geläufigkeit und Leichtigkeit, wenn auch nicht mit ſolcher Richtigkeit ſpreche, wie er. Zu der Zeit, wovon ich rede, ſetzte er aber unſere engliſche Lektüre nicht fort, und ich be⸗ merkte, daß er alle engliſchen Bücher bei Seite geſchafft hatte. Ueberdies gab er mir den Wink, es möchte beſſer ſein, wenigſtens auf eine kurze Zeit nicht mehr engliſch zu ſprechen; und wenn ich mich gleich zuwei⸗ len vergaß, befolgte ich doch dieſen Rath ſo gut ich konnte. 1 Dies Alles gewährte mir Stoff zum Nachdenken, und jetzt genügten mir der Strom und der See nicht mehr. Ich mußte weit fort in die Wälder wandern; und ich vermuthe, daß meine lange Abweſenheit ſelbſt in meinen Spielſtunden dem guten Prieſter einige Un⸗ ruhe verurſachten. Er nahm mich gern mit ſich durch die Straßen der Stadt, indem er mich ſo von mei⸗ nen einſamen Spaziergängen abhielt; endlich aber be⸗ gann er zu zweifeln, ob die Stadt, oder das Land die beſte Schule für meine Muſeſtunden ſei. Ich er⸗ innere mich einer Gelegenheit, als er ausging, um einen Mann in der Gemeinde zu beſuchen, der krank, wenn auch nicht tödtlich krank lag. Diesmal mußte ich mit ihm gehen, und nachdem er ſich zehn Minu⸗ ten in dem Hauſe aufgehalten, gingen wir auf unſe⸗ rem Heimwege über den Marktplatz. Eine Anzahl Männer mit bloßen Armen waren beſchäftigt, in der 1 Mitte des Platzes ein ſeltſames Inſtrument außzurich⸗ ten, welches aus einer kleinen Platform und einigen Balken beſtand, deſſen Zweck ich nicht begreifen konnte. Eine Gruppe von Männern, Frauen und Knaben hatte ſich umher verſammelt— und ich wäre auch gern ſtehen geblieben, um zuzuſehen, aber Pater Bonne⸗ ville eilte ſchweigend weiter, indem er ſeine Augen auf den Boden richtete. Erſt als ich ihn an ſeinem Ge⸗ wande zupfte, auf die Stelle dentete und fragte, was des bedenten möge, beachtete er was vorging. Ich konnte ſehen, daß ſein Geſicht bläſſer wurde und er ſchauderte, als er erwiderte: „Was es bedeutet, mein Sohn?— Das iſt eine Guillotine.“ . Ohne weiter ein Wort zu ſagen, ſetzte er ſeinen Weg fort und ich begleitete ihn. Am folgenden Tage hörte ich von der guien Jeanette, daß um Mittag ein Mann hingerichtet werden ſollte; und ich bekenne, ich ) hatte die ſtärkſte Neigung von der Welt, zu gehen und zuzuſehen. Dem Wunſche lag keine Grauſamkeit oder Blutdurſt zum Grunde— ſondern ſie ging aus blo⸗ ßer Neugierde hervor. Die Jugend verbindet ſehr ſel⸗ een einen beſtimmten Begriff mit dem Tode. Es iſt, eine angeeignete Furcht, die der Tod einflößt. An⸗ dere ſagen uns, daß er ſchrecklich iſt, bis wir davon -überzeugt werden, und der Anblick der Sterbenden oder Todten auf immer den düſteren Schrecken in unſerem 8 4** 1 Geiſte feſt hält. Niemand hatte bisher jemals mit mir vom Tode geredet, und als ich zu der Hinrich⸗ tung zu gehen wünſchte, war es nicht mit dem Ver⸗ langen, einen Menſchen ſterben und noch weniger lei⸗ den zu ſehen. Ich betrachtete ihn nur als eine Per⸗ ſon, die im Begriff ſei, ſich unter neuen und ſeltſa⸗ men Umſtänden zu zeigen, und ein Seiltänzer oder ein Taſchenſpieler würde meinem Zwecke eben ſo gut und vielleicht noch beſſer entſprochen haben. Indeſſen war es mir nicht beſtimmt, an dem Tage den einen oder den andern zu ſehen. Lange vor Mittag ließ Pater Bonneville die Fenſterladen ſchließen, als wenn ſich ein Todesfall im Hauſe ereignet hätte. Er blieb ſelber zu Hauſe und brachte die Zeit mit Gebeten zu, woran Jeanette und ich Theil nahmen; hierauf las er zwei Bußpſalmen, ſobald er glaubte, daß die Hin⸗ richtung vorüber ſei, und ließ dann die Fenſterladen wieder öffnen, ſobald die Fußtritte uns ankündigten, daß die blutliebende Bevölkerung zu der Vorſtadt am Fuße des Hügels hinunter gehe. Wenn der gute Pater Bonneville dieſelbe Ge⸗ wohnheit beibehalten hätte, ſo würde ſein Haus bald fünf Tage in der Woche geſchloſſen geweſen ſein und ſeine häuslichen Gebete wenigſtens den vierten Theil ſeiner Zeit weggenommen haben. Die Hinrichtungen wurden zahlreich— Aufregung, Unruhe, Tumult, Gewaltthätigkeit folgten bald darauf. Kein Menſch — —— — 53— fühlte ſich ſicher; jeder fürchtete ſeinen Nachbar; jede Stunde hatte ihre Gefahr; die unbedeutendſte Hand⸗ lung wurde von Wichtigkeit. Da war keine geſellige Heiterkeit mehr; alle Annehmlichkeiten des Lebens wur⸗ den verbannt, bis die Verzweiflung eine kalte und todtähnliche Heiterkeit an die Stelle ſetzte, um einen ungeſunden Schimmer auf die dunklen Zeiten zu wer⸗ fen, gleich den Lichtern, die über die Gräber der Tod⸗ ten dahinflattern. Der Muth verließ den Pater Bon⸗ neville auf eine Zeit lang gänzlich. Einige Monate vernachläſſigte er meinen Unterricht ſehr— er be⸗ mühte ſich, mir Lektionen zu ertheilen, doch konnte er ſeine Aufmerkſamkeit nicht feſſeln. Zu anderen Zei⸗ ten, wenn ich nicht bei ihm ſaß, blieb ich viel mir ſelber überlaſſen und ich machte noch größere Wande⸗ rungen. Zuweilen ging ich zwei bis drei Stunden weit über den Fuß des Hügels hinaus, beſonders nach Norden und Weſten, wo eine Anzahl höchſt in⸗ tereſſanter Gegenſtände, wie ſie mir erſchienen, in den Tiefen der Thäler, die wenig bevölkert und von den Reiſenden ſelten beſucht wurden, verborgen lag. Dort ſtand ein altes Haus, welches eine völlige Ruine war, denn es war Nichts weiter, als die äußeren Mauern übrig. Die Außenſeite war indeß einſt ſehr ſchön ge⸗ weſen, denn ſie war mit reichen Arabesken und klei⸗ nen Pfeilern von dunkelgrauem Marmor verziert und das Ganze in einem Stile gearbeitet, der, wie ich — 54— glaube, dem Anfange des funfzehnten Jahrhundert an⸗ gehörte. Das Innere war mit jungen Bäumen an⸗ gefüllt, die zwiſchen den Mauerſpalten Wurzel gefaßt hatten, während die Fenſter gänzlich mit Schlingpflan⸗ zen überwachſen waren. Dohlen niſteten in den ho⸗ hen Thürmen und Eulen ſchliefen bis Mitternacht in dem ungeſtörten Kamin, aber die geſelligen Schwal⸗ ben bauten keine Wohnungen unter dieſen Dächern. Weiterhin ſtand ein noch älteres Gebäude auf ei⸗ nem Felſen mit einem kleinen aber tiefen Teiche auf der einen und einem Bache auf der andern Seite. Um das Fundament zog ſich ein Graben, der ſich mit dem Bache vereinte und über den einſt eine Zugbrücke geführt. Einmal watete ich durch den Bach, denn die Zugbrücke war längſt vermodert, um zu ſehen, was ſich in dem Hauſe befinde. Ich wurde ſchlecht belohnt für meine Mühe. Alles war leer und verfal⸗ len. Da war ein großes, hohes, viereckiges Gebäude, zwei kleinere Thürme und eine Mauer, aber keine Spur von Holzwerk übrig. Es mußte längſt völlig verfal⸗ len ſein, denn auf dem großen Hoſplatze ſtand eine Eiche, die ihre Wurzeln um die Trümmer des Mauer⸗ werks geſchlungen hatte und die mehr als zwei Jahr⸗ hunderte alt ſein mußte. Die beiden Gebäude bilde⸗ ten hinſichtlich des Stils einen ſeltſamen Gegenſatz— das eine heiter, leicht und luftig— das andere ſtrenge, ſchwer und einfach. Sie waren die Erinnerungszeichen 8— — u— B I22 S zweier vergangenen Zeitalter; aber die Jahrhunderte, die ſie hervorgebracht, die Menſchen, die ſie erbaut, und die Gefühle, die ihnen ihre charakteriſtiſchen Merk⸗ male verliehen, Alles war dahin geſchwunden. Auf beide Fronten hätte man die Inſchrift, für alle da⸗ hingeſchwundenen irdiſchen Dinge paſſend, ſetzen kön⸗ nen:„Wir waren!“ Es war an einem Herbſttage, als die Blätter braun waren und das Licht milde wurde und die Vö⸗ gel ihren Geſang eingeſtellt hatten, aber die Grillen noch ihr Zirpen fortſetzten, als ich eine oder zwei Stunden nach Mittag in jener Richtung hinauswan⸗ derte. Es iſt ein ſehr angenehmes Land, dieſes An⸗ goumois— denn ich bin gewiß, daß es dort war, obgleich ich keinen Beweis davon habe— mit ſeinen Weinbergen und Kornfeldern, hie und da mit Wäl⸗ dern und Felſen untermiſcht, die in ſeltſamen und un⸗ gewöhnlichen Formen hervortreten und unzählige Spal⸗ ten und Höhlen bilden. Es war an dem Morgen ein großer Aufruhr in der Stadt vorgegangen. Kurz, alle Ordnung ſchien aufgehoben und die Anarchie näherte ſich mit raſchen Schritten. Ich wünſchte keine Hinrichtungen mehr zu ſehen; die Aufregung des Volks unterhielt und er⸗ ſchreckte mich nicht, aber ſie beläſtigte mich. Meine Ohren waren des Rufens und Schreiens, ſo wie des Singens der Marſeillaiſe überdrüßig. Es verlangte nem Schrei davon und zog das Kind mit ſich fort. mich, die alte Stadt wieder in ihrem klaren, ruhigen, nüchternen Lichte, die Straßen ohne Schlachtopfer und nicht entweiht von dem wilden Pöbel der Vorſtadt zu ſehen. Freudig entfloh ich auf das Land, und ich glaube, der gute Pater Bonneville war froh, mich gehen zu ſehen.. Ich war an dem erwähnten erſten Hauſe vor⸗ übergegangen und befand mich in der Mitte zwiſchen dieſem und dem zweiten. Ich wanderte auf einem kleinen Pfade weiter, der hinreichend betreten wurde, um zu verhindern, daß das ſammetartige Moos ſtark darauf wachſen konnte, und war beinahe zu der Stelle gekommen, wo einer von den kühnen, rauhen, geſpal⸗ tenen Felſen ſich in der Mitte des Waldes erhob und den Pfad eine Wendung zu machen nöthigte. Plötz⸗ lich, als ich in der Nähe der Ecke war, kamen eine Frau und ein Kind hinter dem Felſen hervor und nä⸗ herten ſich mir mit raſchen und wilden Schritten. Das Kind war ein ſchönes kleines Mädchen von et⸗ wa ſieben Jahren in der Kleidung der höheren Klaſ⸗ ſen, aber bitterlich weinend und ohne andere Kopfbe⸗ deckung, als ihr ſchönes glattes Haar. Die Frau, die offenbar eine Dame von Stande war, vergoß keine Thränen; aber es lag ein wilder und ſchreckenhafter Ausdruck, der faſt an Wahnſinn grenzte, in ihrem Geſichte. Sobald ſie mich erblickte, eilte ſie mit ei⸗ u.* 4 e r 1 . — 57— Ein augenblickliches Nachdenken veranlaßte ſie aber, ſtill zu ſtehen und ſie richtete ihre tiefen und forſchen⸗ den Augen auf mich, als ſie ſah, daß ich nur ein Knabe und allein ſei. Sie war ſehr ſchön, wenn auch ſehr blaß, und ihr Geſicht ſchien mir bekannt zu ſein. Als ich ſie mit einiger Ueberraſchung und ebenfalls nicht ohne Furcht anſah, bemerkte ich, daß ihre Kleidung mit Blut befleckt war. Ich blieb ver⸗ wirrt ſtehen, während ſie einen ernſten und durchdrin⸗ genden Blick auf mich richtete. Plötzlich ſchien ein Gedanke oder eine Erinnerung ſich ihrer zu bemächti⸗ gen, und ihres Kindes Hand loslaſſend, eilte ſie auf mich zu und ergriff meinen Arm. „Biſt Du nicht der Knabe, den ich vor einigen Monaten im Hauſe des Pater Bonneville geſehen?“ fragte ſie in leiſem und raſchem Tone. „Ich wohne bei ihm, Madame,“ verſſetzte ich. „Aber Sie haben ja Blut an Ihrem Kleide?“ „Es iſt das Blut meines Gatten,“ verſetzte die Dame in ſo leiſem, eiſigem und verzweiflungsvollem Tone, daß mein Herz davon erſtarrte.„Sie haben ihn eben vor meinen Augen gemordet, weil er ihnen kein Pulver geben wollte, da er keins hatte.“ Darauf drückte ſie ihre Hand vor die Stirn und verweilte ſo einige Augenblicke, während das kleine Mädchen, noch bitterlich weinend, an ihre Seite ſchlich und ihr Kleid faßte. — 58— „Hier,“ ſagte die Dame, des Kindes Hand faſ⸗ ſend und ſie in die meine legend,„nimm ſie mit zu Pater Bonneville— ſage ihm, was geſchehen iſt— und bitte ihn, ſie zwei oder drei Monate bei ſich auf⸗ zunehmen und für ihre Sicherheit zu ſorgen. Ich werde kommen und ſie zurückfordern, wenn ich ſo lange lebe. Wenn nicht, ſo mag er ſie nach England ſchi⸗ cken und mich für todt halten. Du wirſt für ſie Sorge tragen— Du wirſt freundlich gegen ſie ſein und ſie ſicher führen, nicht wahr? ſagte ſie zu mir, indem ſie ihre großen dunklen Augen voll auf mich richtete und in meine Seele zu blicken ſchien. Sie hatte wenig auf das Kind geachtet, welches jetzt noch bitterlicher weinte und ihr zuflüſterte, ſie wolle nicht gehen. Ich verſprach ihr Alles, was ſie wünſchte, aber ſie hörte kaum auf mich und rief, ſo⸗ bald ich zu reden anfing: „Warte! ſie muß einige Mittel haben. Hier, hier!“ Und ſie zog zwei Geldrollen aus der Taſche. Eine von dieſen gab ſie mir verſiegelt, wie ſie war. Die andere brach ſie in der Mitte durch und ich be⸗ merkte, daß ſie Louisdors enthielt, denn einer davon fiel auf den Boden. Ich beugte mich nieder, um ihn aufzuheben, aber ſie ſagte in demſelben eiligen Tone: 1— 68 7 — 59— „Laß nur, laß nur! Eile iſt mehr werth, als alles Gold in der Welt. Hier, nimm dieſe Hälfte und geh.“ Dann beugte ſie ſich nieder, küßte das kleine Mädchen hundertmal, drückte ſie an ihr Herz, legte ihr die Hand auf den Kopf und blickte zum Himmel auf. Und jetzt floſſen ihre Thränen reichlich. Von Zeit zu Zeit aber flüſterte ſie dem Kinde einige Worte ins Ohr, die eine große Wirkung auf ſie hervorzu⸗ bringen ſchienen. Sie weinte noch immer und hielt ſich an ihrer Mutter feſt; endlich aber legte die Dame des Kindes Hand wieder in die meine und ſagte: „Nun geh, geh, und Gott der Allmächtige ſei Dein Führer und Beſchützer.“ Da leiſtete das kleine Mäd⸗ chen keinen weiteren Widerſtand, ſondern ließ den Kopf ſinken, während ihre Thränen reichlich floſſen und lief neben mir her. Plötzlich hörte ich eine Stimme rufen:„Halt, halt!“ und als ich mich umwendete, ſah ich die Dame uns nachlaufen. Sie faßte des Kindes Hand und die meine mit ſchnellem und lebhaftem Griffe, blickte zum Himmel auf und ſchien Etwas tief zu überdenken, wo⸗ bei ich den Puls in ihrem ſchönen Halſe heftig klo⸗ pfen ſehen konnte. Endlich aber ließ ſie unſere Hände mit einem tiefen und ſchweren Senfzer ſinken und flüſterte: — 60— „Sie werden zwei Kindern Nichts zu Leide thun — gewiß nicht. Geht— geht!“ Sie wendete ſich traurig ab und ich führte das kleine Mädchen an der Hand durch den Wald, von wo wir noch einen Weg von beinahe zwei Stunden vor uns hatten. Fünftes Kapitel. Die erſte Liebe. Das arme kleine Mädchen an meiner Seite machte keinen Verſuch, mich zu verlaſſen und zu ih⸗ rer Mutter zurückzukehren, ſondern hielt meine Hand willig und vertrauensvoll feſt und lief mit mir weiter, wobei ſie freilich bitterlich weinte, aber kein Wort ſprach. Es war eine ſeltſame Lage für einen Knaben von zwölf Jahren, und doch war ich gewiſſermaßen ſtolz auf das Vertrauen, welches in mich geſetzt wurde, ſowie auf das Recht und die Macht zu beſchützen. Ich würde bis zum Tode für dieſes kleine Mädchen gekämpft haben, wenn irgend Jemand verſucht hätte, 8 ſie zu beläſtigen, und obgleich ich zu jener Zeit noch nie von Paladinen und irrenden Rittern gehört hatte, fühlte ich mich in meiner eigenen Meinung ebenſo ta⸗ — 62— pfer, wie es einer von ihnen nur je geweſen. Ich war nicht ſehr hartherzig zu jener Zeit— die Jugend iſt es ſelten— und ich fühlte mich tief ergriffen von dem Kummer des armen Kindes. Nachdem wir mit ſehr raſchen Schritten etwa eine halbe Stunde weiter gegangen waren, begann ich in meiner Eile nachzulaſſen und zu verſuchen, meine kleine Begleiterin zu beruhigen. Anfangs ſchien ſie untröſtlich zu ſein, aber endlich gelang es mir, ihre Gedanken von ihrem Schrecken und Kummer abzulen⸗ ken und bewog ſie, einige Worte auf meine Frage zu antworten. Sie ſagte mir, ihr Name ſei Mariette und ſie wäre an dem Tage ſchon eine ziemliche Strecke gewandert— ihre Mutter wäre ganz mit Blut be⸗ deckt, wie ich ſie eben geſehen, in das Zimmer ge⸗ ſtürzt, wo ſie geſpielt, habe ſie auf ihre Arme genom⸗ men und ſei auf einem Hinterwege aus dem Schloſſe geeilt, wo ſie gewohnt, und habe ſich ſogleich in den Wald begeben. Dann wären ſie eine weite Strecke gegangen, indem ihre Mutter ſie zuweilen getragen und ſie zuweilen habe neben ſich herlaufen laſſen. Ich konnte bemerken, daß das zart erzogene und an An⸗ ſtrengungen nicht gewöhnte arme kleine Weſen ſchon beträchtlich ermüdet war. Ich war ein großer, ſtar⸗ ker Knabe, und ſo nahm ich ſie ohne Weiteres auf meine Arme und trug ſie. Nach einer Weile ſetzte ich ſie wieder nieder und ſie ging erfriſcht weiter. Dann trug ich ſie wieder und dann ſetzten wir uns auf eine Bank nieder und ruhten uns aus. Ich holte ihr in der hohlen Hand Waſſer aus dem Fluſſe und ver⸗ ſuchte ſie zu unterhalten, indem ich ihr Geſchichten er⸗ zählte. Aber ich war in meinem Leben kein guter Er⸗ zähler und ſo gelang es mir nicht beſonders. Dies Alles nahm indeſſen Zeit weg, und als wir noch eine Strecke von der Stadt entfernt waren, wurde es dun⸗ kel. Dies beunruhigte mich, nicht weil ich mich im Dunklen fürchtete, ſondern weil es die Gewohnheit der guten Jeanette war, in der Abenddämmerung durch unſeren kleinen Garten in dem kleinen Thurme die Treppe hinunterzugehen und die Thür unten zu ver⸗ ſchließen. Ich wünſchte nicht, durch das Stadtthor zu gehen, weil die Entfernung groͤßer war und weil ich fürchtete, man möchte mir wegen Mariette Fragen vorlegen. So beſchloß ich, es auf jeden Fall erſt mit unſerem Privateingange zu verſuchen, ehe ich mich der Nothwendigkeit fügte. Ich ermunterte meine kleine Begleiterin ihre Schritte zu beſchleunigen, indem ich auf die vor uns ſich erhebende Stadt deutete und ihr ſagte, wenn ſie ſich beeile, würde ſie in wenigen Mi⸗ nuten bei Pater Bonneville ſein und er ſich ſo gut und freundlich gegen ſie benehmen, wie ſie es ſich nicht vorſtellen könne. Ich erzählte ihr auch von der gu⸗ ten Jeanette, und welch ein hübſches Geſchöpf ſie wäre. So gelang es mir, ihre Aufmerkſamkeit zut feſſeln und ſie ſchneller, als vorher weiter zu führen. Wir erreichten bald den Fuß des Hügels, klommen den ſteilen Pfad hinauf, der zu der Thür am Fuße des Thurmes führte, und zu meiner nicht geringen Ueberraſchung und Freude fand ich ſie offen. „Nun tritt ein, Mariette,“ ſagte ich,„und fürchte Dich nicht vor der Dunkelheit; denn dieſe Treppe führt zu unſerem Garten und der Garten zu dem Hauſe.“ Sie ſagte, ſie fürchte ſich nicht im Dunkeln, ihr Papa hätte ſie oft ins Dunkle geſchickt, und ſie folgte mir bereitwillig, doch hielt ſie noch immer meine Hand feſt. Oben im Garten fanden wir die gute alte Jea⸗ nette mit ihrer ſchneeweißen Haube und ihrer Hals⸗ krauſe. Sie war ſchon wegen meiner langen Abwe⸗ ſenheit ängſtlich geweſen und hatte die Thür nicht verſchloſſen, damit ich dort herein könne. Ihre Ueber⸗ raſchung, als ſie meine kleine Begleiterin ſah, und ihre Aufregung und Geſchäftigkeit bei ihrem Anblick werde ich nie vergeſſen. Meine Erklärungen verbann⸗ ten bald die Ueberraſchung durch andere Gemüthsbe⸗ wegungen. Ich erzählte Alles, was ich von der Ge⸗ ſchichte der armen Mariette wußte, ſo einfach wie möglich, und das Herz des armen Geſchöpfs wurde ſogleich gerührt. Es ſammelten ſich Thränen in ihren Augen und das arme kleine Mädchen in ihre Arme nehmend, ſagte ſie: „Komm mit mir, mein Kind— komm mit mir. Hier ſollſt Du eine Heimath haben, wo Du glücklich ſein wirſt, ſo lange der Tag währt.“ „Ich kann nicht glücklich ſein ohne Papa und Mama,“ verſetzte Mariette in Thränen ausbrechend und Jeanette, die zur Geſellſchaft mit weinte, trug ſie ins Haus, während ich die Treppe hinunterlief, um die Thür des Thurmes zu verſchließen. Als ich wieder ins Haus trat, erfuhr ich, daß Pater Bonne⸗ ville Kranke beſuche und ſchon ſeit mehreren Stunden abweſend geweſen. Jeanette ſorgte auf jede Weiſe für die kleine Mariette. Sie tauchte ihre hübſchen kleinen Füße in warmes Waſſer; ſie gab ihr eine Taſſe dünne Chokolade, die gewöhnlich das Abend⸗ eſſen des guten Prieſters bildete, und verſuchte mit viel größerer Geſchicklichkeit, als ich beſaß, ihre Ge⸗ danken von allen den ſchmerzlichen Erinnerungen ſo⸗ wie von ihrer neuen Lage abzulenken. Mariette be⸗ gann bald mit ihr zu plaudern, lehnte ihren Kopf an ihre Schulter und ſagte, ſie liebe ſie ſehr. Nach einigen Minuten ſchloſſen ſich die hellen jungen Au⸗ gen, der kleine Kopf wurde ſchwerer und Jeanette trug ſie ſanft in mein kleines Zimmer und legte ſie auf mein Bett, um auszuſchlafen, wie ſie ſagte. Eine halbe Stunde ſpäter kam der gute Pater Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 5 — — Bonneville nach Hauſe und ſein Geſicht zeigte deut⸗ liche Spuren des Kummers und der Verlegenheit. Aber noch hatte ich meine Geſchichte nicht erzählt und ſie ſchien ihn noch mehr in Verlegenheit zu ſetzen. „Weißt Du ihren Namen?“ fragte er. „Mariette, Vater,“ verſetzte ich. „Aber wie weiter als Mariette?“ fragte er; und da ich ihm keine Auskunft geben konnte, mußte ich ihm ſo genau, wie möglich, das Aeußere der Dame beſchreiben, die ich geſehen. Ich ſprach von ihren hellen und ſchönen Augen und beſchrieb ſie als ſehr blaß; aber der gute Prieſter fragte, ob ſie groß ge⸗ weſen. „O ja,“ entgegnete ich,„viel größer, als Jeanette.“ Der gute Prieſter lächelte; denn Jeanette war beträchtlich unter der Größe der mediceiſchen Venus und die iſt keine Rieſin. „Es muß Frau von Salins ſein,“ flüſterte er nach einigem Bedenken.„Gütiger Himmel! habe Mitleid mit uns! Sie ſollten Herrn von Salins vor den Augen ſeiner armen Frau getödtet haben? Es lebte kein beſſerer junger Mann, der mehr Gutes ge⸗ than durch ſeine Handlungen und ſein Beiſpiel.“ „Würden Sie Mariette kennen, wenn Sie ſie ſähen, Vater?“ fragte ich. In dem Augenblick kam Jeanette aus dem Zimmer, wo das Kind ſich jetzt — 62— befand, und führte den guten Pater fort, um ſie zu ſehen. Als er zurückkehrte, ſprach er eine Zeitlang Nichts weiter, ſondern ſaß mit vorwärts geneigtem Kopfe und halb geſchloſſenen Augen nachdenkend da. Dann rief er Jeanette und ertheilte ihr zu meiner Ue⸗ berraſchung ſehr ſtrenge Befehle, den Aufenthalt des kleinen Mädchens in unſerem Hauſe geheim zu halten. Mein kleines Zimmer ſollte ihr angewieſen werden; ein großes, weites, ziemlich heiteres, lange unbewohn⸗ tes Gemach im oberen Stock ſollte mit einem Tiſche und einigen Stühlen verſehen und als eine Art von Spielzimmer für ſie eingerichtet werden, und ich und Jeanette ſollten unſer Möglichſtes thun, die kleine Gefangene zu unterhalten, während nur wir drei um ihr Vorhandenſein wiſſen durften. Zu gleicher Zeit wurde mir das ſtrenge Verbot auferlegt, gegen irgend Jemand mein Abenteuer im Walde zu erwähnen und das Kind niemals Mariette de Salins, ſondern nur Mariette oder Mariette Brun zu nennen. Und jetzt begann ein neues Daſein für mich. Mariette wurde gleichſam mein Eigenthum— wenig⸗ ſtens ſah ich ſie faſt als ſolches an. Ich hatte ſie durch den Wald getragen. Ich hatte ſie an der Hand geführt. Ich hatte ſie dorthin gebracht. Sie war mein kleiner Findling und meine Gefühle für ſie wa⸗ ren ſo ſeltſam, wie ſie nur je in der Bruſt eines Knaben geherrſcht. Sie hatten etwas Väterliches an 5* — 68— ſich. Ich hätte mich faſt zu dem Glauben bringen können, daß ich ihr Vater ſeiz und doch ſah ich ſie faſt wie ein Spielzeug an, wie erwachſene Eltern zu⸗ weilen ihre Kinder anſehen. Ich war den größten Theil des Tages bei Ma⸗ riette, ſpielte mit ihr, unterhielt ſie und erdachte alle Arten von Spielen, um ſie zu beluſtigen. Sie wurde bald ſehr vertraut mit mir und ſaß ſtundenlang, ihre Arme um meinen Hals geſchlungen, da und erzählte mir kleine Anekdoten von ihrer Heimath. Eine ange⸗ nehme Heimalh ſchien es geweſen zu ſein, bis die letz- ten furchtbaren Ereigniſſe geſchehen waren— voll Har⸗ monie, Frieden und häuslicher Freude. Sie ſchien beſtändig die Gegenwart zu vergeſſen bei der Erinne⸗ rung an vergangene glücklichere Stunden; aber von Zeit zu Zeit— beſonders anfangs— drang ein Strom ſchmerzlicher Erinnerungen auf ſie ein und ihre kleine Erzählung endete mit Thränen. In dieſer Weiſe vergingen zwei Monate und die kleine Mariette ſchien völlig mit ihrer Lage ausgeſöhnt zu ſein. Mit der Elaſticität der kindiſchen Hoffnung hatte ſie alle ihre Heiterkeit wieder erlangt, und nie gab es zwei junge unſchuldige Weſen, die glücklicher waren, als wir. Die Strenge ihrer Gefangenſchaft hatte auch ein wenig nachgelaſſen; denn in unſerer Stadt wenigſtens hatte ſich der politiſche Sturm ge⸗ legt, der, wie Jeder weiß, ſtoßweiſe aus ſüdweſtlicher — 69— Richtung daherkam, bis der Orkan in ſeiner vollen Wuth losbrach und Alles vor ſich hertrieb. Nach einigem Zaudern geſtattete ihr Pater Bonneville, mit mir in den Garten zu gehen und dort unter den Ge⸗ ſträuchen, die jetzt leider ohne Blumen waren, eine oder zwei Stunden, ehe ſie zu Bette ging, zu ſpielen. In der Stadt wurde ſie nie geſehen, und mit einem gewiſſen Vorgefühl, welches vielleicht nicht außeror⸗ dentlich war, erklärte mir der gute Pater, daß es weiſer ſein würde, den Weg durch den Garten und den Thurm ſo wenig wie möglich zu benutzen. Er behandelte mich mit einem Vertrauen und einer Zu⸗ verſicht zu meinem Verſtande und meiner Klugheit, was mich ſehr ſtolz machte. Der aufgeregte und ſchreckliche Zuſtand des Landes und die anarchiſchen Richtungen, die überall in der Geſellſchaft Frankreichs ſichtbar wären, ſagte er, hätten eine Anzahl der reich⸗ ſten und bedeutendſten Perſonen bewogen, in anderen Ländern Zuflucht zu ſuchen. Die, welche zu dem Beſitze der Macht gelangt wären, fuhr er fort, wünſch⸗ ten natürlich dieſer Auswanderung ein Ziel zu ſetzen, und zu dem Zwecke hätte man ein unerträgliches Spionirſyſtem eingeführt. Der Vortheil, aus und ein zu gehen, ohne die Thore paſſiren zu dürfen, könnte durch die unbeſonnene Anwendung deſſelben verloren gehen; und obgleich zwei oder drei andere Bürger, deren Häuſer an die Thürme der alten Stadtmauer grenzten, daſſelbe Vorrecht hatten, ſo kannte man ſie doch als kluge und wohlgeſinnte Männer, von denen nicht zu erwarten ſtand, daß ſie die Aufmerkſamkeit durch eine unvorſichtige Handlung auf ſich lenken würden. Obgleich die Thür jeden Morgen und Abenſd ge⸗ öffnet und wieder verſchloſſen wurde, ſo kann man leicht denken, daß ich die Anordnungen des guten Paters genau befolgte und immer, wenn ich die Stadt verließ, durch die Thore ging. Dies geſchah freilich nicht oft, denn ich hatte jetzt einen Gegenſtand des Intereſſes und der Unterhaltung zu Hauſe, den ich nie zuvor gehabt hatte, und Mariette war für jetzt die ganze Welt für mich. Wenn der gute Pater Bonne⸗ ville mit mir von ihr ſprach, pflegte er ſie mit ruhi⸗ gem Lächeln„Deine Tochter“ zu nennen, und angenehm war es mir, ſie von ihm ſo nennen zu hö⸗ ren. Gewiß iſt es, daß ich bei der Eitelkeit, die ich für ſie empfand— bei dem ſelbſtſüchtigen Gefühl des Beſitzes— bei der angenehmen Beſchäftigung, die ſie meinen Gedanken gewährte und bei ihrem einnehmen⸗ den Weſen und ihrer lieblichen Gemüthsart— gewiß iſt es, ſage ich, daß ich ſie, ehe ein Monat um war, mehr als Alles auf Erden lieben lernte. Ja noch mehr, unter allen Leidenſchaften, Zwecken und Plänen des Lebens erinnere ich mich an nichts ſo Starkes, ſo Glühendes, ſo Inniges, wie jene ſtille und reine — 21— kindliche Liebe zu der kleinen Mariette de Salins. Noch jetzt könnte ich beſtändig dabei verweilen, und ich glaube feſt, daß ſie meine Neigung eben ſo warm erwiederte. Zwei Monate und vierzehn Tage waren vergangen; ſchwerere Wolken, als je, zogen ſich an dem politiſchen Horizonte zuſammen, die Drohungen eines fremden Einfalles, um die Unruhen, die ſich im Lande gezeigt, zu beſeitigen, erregte den Unwillen ſo⸗ wohl derjenigen, deren Leidenſchaften ſich der Strafe widerſetzten, ſo wie auch derjenigen, welche die Unab⸗ hängigkeit ihres Vaterlandes liebten. Die Drohung ſelbſt nahm eine der wenigen in Frankreich noch übri⸗ gen Sicherheiten für die Geſellſchaft hinweg. Da war ein großer Theil des Volks, der den Gedanken an die Anarchie verabſcheute; aber eine kurze Periode der Anarchie ſchien ihnen der unbeſchränkten Herrſchaft frem⸗ der Soldaten im Lande vorzuziehen, und viele von dieſen beſſern Männern wurden jetzt dahin getrieben, mit den Anarchiſten zu handeln oder ſich ihnen zu unterwerfen. Ich konnte bemerken, daß Pater Bonneville ſehr unruhig und bekümmert war. Ich ſah ihn zweimal das Geld zählen, welches ich ihm von Frau von Salins gebracht, und einmal blickte er zu meinem Geſichte auf, indem er mit gedankenvoller Miene ſagte: „Ich denke, ich ſollte ſie fortſchicken— die Zeit i*ſt vorüber— aber ich weiß in der That nicht, was —— O— ich thun ſoll. Wo könnte ich ſie in England unter⸗ bringen?— Wen könnte ich mit ihr ſenden?— Wie könnte ich ihrer Mutter mittheilen, wo ſie zu finden iſt? Dies iſt iberdicg eine zu kleine Summe, um ſie auf längere Zeit in England zu erhalten. Hundert ſieben und vierzig Louisd'ors! England iſt ein theures Land— ein ſehr theures Land, wie ich wohl weiß. Alles iſt dreimal ſo theuer, als hier.“ Die Jugend richtet ſich immer nach ihren Wün⸗ ſchen. Sie bilden das Ziel, wohin der Lauf beſtän⸗ dig gerichtet iſt. Pater Bonnevills Worte waren ſehr ſchmerzlich für mich, und ich bemühte mich, ihn zu überreden, daß es beſſer ſein würde, noch ein wenig zu warten; Mariette ſei hier gut aufgehoben und es könne Etwas geſchehen ſein, was Frau von Salins zurückgehalten. Der gute Vater ſchüttelte den Kopf mit einem Seufzer; dann zog er einen kleinen Auszug aus einem Schranke und zählte vierzig oder funfzig Goldſtücke, die darin waren. Ich konnte indeſſen ſehen, daß noch wenigſtens drei kleine Rollen darin waren, wovon jede etwa hundert Louisd'or enthalten mochte. Dies ſchien mir ein großer Schatz; aber Pater Bonnecville, der die Sache beſſer wußte, ſeufzte dabei und legte das Geld wieder hinein. In einer ſehr ſtürmiſchen Nacht blies der Wind in heftigen Stößen an die Vorderfenſter und der Regen 8 9 ————— — 3— plätſcherte unaufhörlich. Die Straßen waren faſt gänzlich leer und da ſie in jenen Zeiten durchaus nicht erleuchtet waren, ſo boten ſie in einer ſolchen Nacht keinen ſehr angenehmen Spaziergang dar. Plötzlich wurde die Klingel angezogen, während ich leſend bei Pater Bonneville ſaß, Mariette in dem oberen Zim⸗ mer feſt ſchlief und Jeanette in der Küche beſchäf⸗ tigt war. „Wer mag das ſein?“ ſagte Pater Bonneville, ein wenig blaß werdend.„Warte einen Angenblick, Jeanette.“ Und er legte einige Gegenſtände weg, die umher lagen, und verſchloß die Thür des kleinen Schrankes. Es mochte als Grauſamkeit erſcheinen, irgend Jemand in ſolchem Wetter eine Minute draußen war⸗ ten zu laſſen; aber ich habe bei der Beſchreibung des Hauſes zu erwähnen vergeſſen, daß es nebſt dem be⸗ nachbarten Hauſe, welches in einer Nebengaſſe ſtand, einen ſehr ſtumpfen Winkel bildete, und daß zwiſchen beiden ein kleiner bogenförmiger Eingang ſich befand, der eine Treppe beſchattete, die zu der Thür des guten Paters führte. So war die draußen befindliche Perſon eben ſo ſehr vor dem Regen geſchützt, als wenn ſie im Hauſe ſelber geweſen wäre. Endlich erhielt Jeanette die Erlaubniß, zur Thür zu gehen, und um die Vahrheit zu ſagen, blickten — 24— Pater Bonneville und ich Beide hinaus, um zu ſehen, wer der ſpäte Gaſt ſei. „Ich wünſche Pater Bonncville zu ſprechen,“ ſagte eine außerordentlich liebliche und wohltönende Frauenſtimme. „Iſt Ihr Geſchäft ſehr dringend, Madame?“ fragte Jeanette, und fügte hinzu:„Es iſt ſpät und eben iſt die Zeit, wo der gute Pater zu Bette zu gehen pflegt.“ „Es handelt ſich um Leben und Tod!“ ſagte die Fremde.„Ich muß ihn ſprechen, und zwar allein.“ „Nun, ſo kommen Sie herein, Madame,“ war die Antwort, und in demſelben Augenblick ſagte Pater Bonneville in leiſem Tone, aber wie es mir ſchien mit heiterer Miene zu mir: „ Verlaß mich, Louis. Geh zu Bette, mein Sohn.“ Ich gehorchte ſogleich, und als ich durch den Gang in die Küche ging, um mir ein Licht zu holen, kam ich dicht an der Fremden vorüber. Alles aber, was ich ſehen konnte, war, daß ſie groß und würde⸗ voll und völlig ſchwarz gekleidet war, einen großen Mantel trug und eine Kapuze über dem Kopf. 1 Ich hielt mich überzeugt, daß es Mariettens 4 Mutter ſei, und eilte in mein neues Zimmer, welches ſich über dem bogenförmigen Eingange befand, ſchloß die Thür und gab mich der Verzweiflung hin. Ich bildete mir ein, ſie ſei gekommen, um meinen kleinen Liebling abzuholen, ſie auf immer von mir zu tren⸗ nen, mich meines Eigenthums zu berauben, und ich kann nicht beſchreiben, was ich empfand. Die Qual jenes Augenblicks war ſo groß, wie ich ſie je in mei⸗ nem Leben empfunden habe. Ich kann nicht ſagen, was ich in den nächſten zehn Minuten that, aber ich weiß, daß ich mich niederſetzte und wie ein großes Kind weinte. Ich hätte eine Welt darum gegeben zu erfahren, was vorging; aber ich horchte nicht, obgleich ich es oben an der Treppe leicht hätte thun können. Doch der gute Pater Bonneville hatte mir ſchon früh die Pflicht eingeſchärft, jede Niedrigkeit zu vermeiden und das Horchen ſchien mir in jenen Tagen faſt ein eben ſo großes Verbrechen zu ſein, wie ein Mord. In der That hatte der gute Pater es mir in ſolcher Geſtalt vor Augen geſtellt.„Welches Recht hat ein Menſch, einen Andern ſeiner Geheimniſſe zu berau⸗ ben?“ hatte er geſagt.„Gewiß nicht mehr, als ihm ſein Geld zu nehmen. Beide ſind ſein Eigenthum, und wenn ſie nicht gegeben ſind, werden ſie ge⸗ ſtohlen.“ Ich blieb indeſſen nicht lange in Ungewißheit, denn als ich meinen kleinen Rock ausgezogen hatte und noch weinend auf dem Rande meines Bettes ſaß, hörte ich die Dame das Zimmer des guten Paters verlaſſen und ihn mit ihr reden, als er ſie zur Thür — 76— begleitete. Ich wußte, daß man Mariette in einer Viertelſtunde nicht hatte wecken, ankleiden und mit⸗ nehmen können, und ich ging zu Bette und ſchlief mit erleichtertem Herzen ein. Es war indeſſen nur ein Aufſchub. Vier Tage ſpäter benutzte Pater Bonne⸗ ville eine Gelegenheit, als Mariette und ich mit ein⸗ ander ſpielten, ihr zu ſagen, daß ſie an dem Abend mit ihrer Mama weggehen und eine weite Reiſe an⸗ treten ſolle. Er rieth ihr daher, ſich nicht zu ermü⸗ den, ſondern ſich bis zum Abend ſo ruhig wie mög⸗ lich zu verhalten, wenn ſie ſich während des Tages nicht niederlegen und ein wenig ausruhen wolle. Die Aufregung des armen Kindes war ſehr groß. Der Gedanke, ihre Mutter wiederzuſehen, verurſachte ihr offenbar große Freude; aber daß ſie ſich aus einem Hauſe entfernen ſollte, wo ſie ſo glücklich geweſen, und von einem Geſpielen, der ſie ſo ſehr geliebt, ſchien ihre Freude nicht gerade herabzuſtimmen, aber ſie doch zwiſchen zwei Gemüthsbewegungen hin und her ſchwanken zu laſſen. Im erſten Augenblick ſtrahlte ihr Geſicht vor Freude; dann aber brach ſie in Thrä⸗ nen aus, ergriff Pater Bonnevilles Hand und küßte ſie. Dann deutete ſie auf mich und ſagte: „ Kann ich ihn nicht mit mir nehn en 24 Der gute Prieſter ſchüttelte den Kopf und ver⸗ ließ uns bald darauf, um unſere Zeit bis zur Tren⸗ nungsſtunde hinzubringen, wie wir es für gut hallen 7. — 277— möchten. Ich denke, er kannte die Gefühle nicht, die zwiſchen Mariette und mir herrſchten, und ich denke, es würde ſchwierig ſein, ſie irgend Jemandem begreif⸗ lich zu machen, der die Periode der frühen Jugend weit hinter ſich gelaſſen hat. Ich bin geneigt, nach meinen eigenen Erinnerungen zu glauben, daß die Leiden der Kindheit viel größer ſind, als die meiſten erwachſenen Perſonen es zugeben werden. Der Tag verging und die Nacht kam. Die kleine Mariette war angekleidet und bereit. Um neun Uhr wurde geklingelt. Im nächſten Augenblick lag das 4 arme Kind in den Armen ihrer Mutter und weinte vor Freude und Aufregung. Frau von Salins ſetzte ſich indeſſen kaum nieder und ihr Geſicht hatte einen Ausdruck der Haſt und der Aengſtlichkeit, ſo wie des Kummers, welcher ſagte, wie viel ſie gelitten und wie viel ſie noch erwartete.„ „Ich komme ein wenig ſpät,“ ſagte ſie zu Pa⸗ ler Bonneville;„denn es gingen zwei Männer vor dem Hauſe auf und ab, wo ich mich verborgen hielt, und ich wagte mich kaum hinaus. Laſſen Sie uns keine Zeit verlieren, guter Vater. Wer wird uns den Weg zeigen?“ „Louis, mein Sohn, hole die Laterne,“ ſagte der gute Pater, und zu Frau von Salins gewendet, fügte er hinzu:„Er wird Ihnen den Weg zeigen.“ Dieſe Worte ſchienen die Aufmerkſamkeit der Dame auf mich zu lenken, und ſich mir nähernd, umarmte ſie mich zärtlich und dankte mir für die Sorge, die ich im Augenblicke der Gefahr für ihr kleines Mädchen getragen. Ich fühlte mich belohnt, aber ich glaube nicht, daß ich es ihr ganz verzieh, daß ſie kam, um meine kleine Geſpielin wegzunehmen, doch bemühte ich mich mit aller Kraft, mich nicht ſo unmännlich zu zeigen, Thränen zu vergießen, und ſo antwortete ich wahrſcheinlich ein wenig unmanierlich. Ich ging indeſſen, um die Laterne zu holen, und leuchtete auf Befehl des guten Pater Bonneville der Frau von Salins und Marietten durch den Garten und die Treppe in dem Thurme hinunter. Darauf ſchickte ich mich an, ihnen die Thür zu öffnen, indem ich faſt hoffte, der Schlüſſel möchte im Schloſſe ver⸗ roſtet ſein und ihr Hinausgehen verhindern. Er drehte ſich indeſſen leicht um, und als ich die Thür öffnete, erſchrak ich über die Geſtalt eines Mannes, der auf dem kleinen Pfade ſtand, welcher zum Fuße des Hü⸗ gels hinunterführte. Frau von Salins aber redete ihn ſogleich beim Namen an und er ſagte ihr, Peter und Jerome warteten weiter unten. Jetzt war offenbar der Augenblick des Scheidens gekommen, und er ſchien für die arme kleine Mariette eben ſo bitter zu ſein, wie für mich. Sie umſchlang mich mit ihren Armen. Sie hielt mich feſt. Sie küßte mich wiederholt und ihre Thränen benetzten meine Wange. Endlich aber wurde ſie von mir hinweggeriſſen und ihre Mutter führte ſie an der Hand den Hügel hinunter, während der Mann folgte. Ich ſah ihnen einige Augenblicke nach, bis ſie in der Dunkelheit faſt verſchwunden wa⸗ ren. Dann verſchloß ich die Thür und kehrte traurig ins Haus zurück. Sechstes Kapitel. Die Flucht. Ol wie langweilig war der nächſte Monat für mich! Es war eine Leere in allen meinen Gedanken, die ich nicht beſchreiben kann; ein Mangel des Zweckes und Intereſſes, den Nichts auszufüllen vermochte. Aber auf die dumpfe Ruhe ſollte bald die Aufregung des Sturmes folgen. Die Bevölkerung, beſonders der Vorſtadt, wurde jede Stunde unruhiger und ſtürmi⸗ ſcher. Wenn früher ſchon Tyrannei in Frankreich ge⸗ herrſcht hatte— wovon ich Nichts fühlte— ſo muß es die Tyrannei einer Perſon geweſen ſein, die weit von den unteren und ſelbſt von den mittleren Klaſſen entfernt war und viel weniger ſchrecklich, als die Ty⸗ rannei der Menge, die jetzt vor die Thür jedes Hau⸗ ſes im Lande kam. Es wohnte ein Metzger in dem unteren Theile der Stadt— der Schrecken ſeiner Nach⸗ barn und der Gegenſtand des Abſcheues für alle guten Menſchen. Wild, ausſchweifend und ohne Grundſätze, war ſein Muth— die einzige gute Eigenſchaft, die er beſaß— der Muth eines Tigers. Der gute Pater Bonneville hatte ihn in früheren Jahren bei mehreren Gelegenheiten getadelt, und es ſchien, als hätte er es nicht vergeſſen. Eines Tages, etwa einen Monat, nachdem Ma⸗ riette uns verlaſſen hatte, war ich, während Pater Bonneville's Abweſenheit von Hauſe, in der Stadt und gging über den Platz vor der großen Kirche. Auf der eeiinen Scite des Platzes befand ſich der beſte Gaſthof ddees Ortes, und auf den Stufen dieſes Hauſes ſtanden mehrere Offiziere eines Dragonerregiments, welches kürzlich in der Stadt einquartirt worden war. In der Mitte des Platzes ſah ich eine große Volksmenge, anſcheinend in großer Aufregung, ſich hin und her bewegen. Es waren Musketen unter der Menge zu ſehen, denn in jenen Tagen hatten die ärmſten und zerlumpteſten Männer beſtändig eine Angriffswaffe in der Hand, und unter dieſen konnte ich, eine rothe Nachtmütze in der Hand und ſeine Hemdärmel bis zum Ellenbogen aufgeſtreift, die große rüſtige Geſtalt „ des erwähnten Metzgers bemerken. Ich ſah indeſſen auch noch andere Kleider, als die des Pöbels. Da war das ſchwarze Gewand eines Prieſters mitten unter Die Wechſel des Lebens 1. Bd. 6 —,— 7 — 82— der Menge; und als ich mich mit furchtſamem Herzen näherte, ſah ich nicht nur, daß der Pöbel einen Prie⸗ ſter fortſchleppte, ſondern auch, daß es der gute Pater Bonneville war. Ich hörte auch rufen: „Hängt ihn auf! hängt ihn auf! An die Dach⸗ rinne mit ihm— an die Dachrinne!“ Die erwähnten Offiziere ſtanden da, ſahen ruhig zu und lachten und ſprachen mit zwei oder drei acht⸗ baren Bürgern. Auf den erſten Impuls lief ich auf ſie zu, faßte die Hand eines jungen Soldaten, der einen hohen Rang unter ihnen zu bekleiden ſchien und der ein freundliches Geſicht hatte, und rief in lebhaften Tönen des Schreckens: „O! retten Sie ihn, Herr, retten Sie ihn! Sie wollen den beſten Mann in der ganzen Stadt tödten.“ „Wen wollen ſie tödten, Knabe?“ fragte einer von den Bürgern in verſtelltem Tone der Gleichgültig⸗ keit; denn in jenen Tagen wagten Wenige für die Opfer der Volkswuth Theilnahme zu zeigen. „Pater Bonncville,“ antwortete ich.„O! es iſt Pater Bonneville! Retten Sie ihn— retten Sie ihn! beeilen Sie ſich!“— „Er iſt in der That einer der beſten Menſchen in der Welt,“ ſagte der Herr mit einem Blicke tiefen Kummers.. Der junge Offizier aber eilte ohne Weiteres die Stufen hinunter und ſtürzte ſich unter die Menge. 8 ¹ — 83— „Einer oder zwei von ſeinen Kameraden folgten ihm, und ich ſah, daß die Menge plötzlich Halt machte, und hörte ein wildes Geſchrei vieler Stimmen. Einen Augenblick ſpäter, während die Parteien noch mit ein⸗ ander zu ſtreiten ſchienen, kam eine Schwadron Dra⸗ goner auf den Platz, und ihr Erſcheinen, obgleich ſie an dem Vorgange keinen Antheil nahmen, ſchien einen großen Eindruck auf den Pöbel hervorzubringen. Je⸗ den Augenblick entfernten ſich Einige von der Menge, Einige gingen ſingend die Straße hinunter, Andere näherten ſich den Soldaten und ſprachen mit ihnen, als wollten ſie zeigen, daß ſie ſich nicht fürchteten, gingen dann aber auch fort. Endlich aber ſah ich zu meiner Freude den jungen Offizier aus der kleinen noch übrigen Gruppe hervortreten und Pater Bonne⸗ ville am Arme führen, während ein Anderer von den Dragoneroffizieren an der anderen Seite des guten Prieſters ging. Der Einzige, der ſie begleitete, war der Metzger, und er verfolgte ſie mit Verwünſchungen und Scheltworten, bis ſie die Stufen des Gaſthofes erreichten, wo ſie den guten Pater für jetzt unterbrach⸗ ten. Der junge Offizier antwortete nicht eher auf die beleidigende Sprache, als bis er die Stufen des Gaſt⸗ hauſes erreicht hatte, dort aber wendete er ſich um und ſagte in ruhigem Tone: „Es mag Alles ſehr wahr ſein, aber verfahret nach dem Geſetze. Wenn er ſich geweigert hat, den 6* — 84— geforderten Eid zu leiſten, ſo kann und wird er dafür beſtraft werdenz aber Ihr ſollt nicht der Richter ſein und das Geſetz brechen, ſo lange ich das Kommando in dieſer Stadt führe.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er in den Gaſthof und ich lief dem Pater Bonneville nach. Der gute alte Mann war ein wenig außer Athem von der rauhen Behandlung, die ihm zu Theil ge⸗ worden, aber ich konnte keine Spuren großer Furcht oder Aufregung an ihm bemerken. Sobald der junge Offizier und ich in das Hinterzimmer traten, wo er Zuflucht gefunden, ſtreckte er mir freundlich die Hand entgegen, richtete aber ſeine erſten Worte an den Andern. „Ich bin Ihnen großen Dank ſchuldig, mein Sohn,“ ſagte er.„Ich glaube, wenn Sie zwei Mi⸗ nuten ſpäter gekommen wären, würden mich dieſe armen irre geleiteten Leute zum Tode geführt haben.“ „Ich glaube es auch,“ verſetzte der Offizier lä⸗ chelnd;„aber Sie haben es dieſem guten Knaben zu verdanken, daß ich zur rechten Zeit kam. Ich be⸗ merkte nicht eher, was ſie vorhatten, als bis er es mir ſagte.“— „Ich danke Dir, Louis, ich danke Dir,“ ſagte Pater Bonneville.„Ich bin mit genauer Noth davon gekommen, mein Sohn. Obgleich ich, weiß Gott, dieſen Leuten Nichts zu Leide gethan und ihnen Gutes — 85— zu thun verſucht habe, ſo ſchienen ſie doch entſchloſſen, mein Blut zu vergießen. Denken Sie, daß ich mit Sicherheit gehen kann, mein Herr? Ich habe einige Kranke zu beſuchen.“ Der junge Offizier bat ihn indeß, dazubleiben, bis das Volk ſich beruhigt habe und rieth ihm, ſich auch dann in ſein Haus zu begeben und ſich auf einige Tage verborgen und ruhig zu verhalten. Ich wußte ſehr wohl, daß Pater Bonnecville die⸗ ſen Rath nicht unbedingt befolgen würde, und er that es auch nicht. Er gelangte zwei oder drei Stunden ſpäter wohlbehalten nach Hauſe und blieb bis zum Anbruch der Nacht dort; dann aber ging er aus, um die erwähnten Kranken zu beſuchen und ſetzte am fol⸗ genden Morgen ſeine gewöhnlichen Beſchäftigungen fort, als ob Nichts vorgefallen wäre. Er überzeugte ſich indeſſen bald, daß eine ſolche Handlungsweiſe nur zum Märtyrerthum führen könne, ohne ſeiner Heerde den geringſten Nutzen zu bringen. Der Tod wäre Nichts in ſeinen Augen geweſen, wenn er Anderen zum Wohl gereicht hätte; aber das war keine Zeit, wo ſolche Opfer von irgend einem Nutzen hätten ſein können. Eines Tages, als er aus war, kam eine barm⸗ herzige Schweſter ins Haus und ſprach lange und an⸗ gelegentlich mit der guten Jeanette in der Küche. Ich war bei ihrer Unterredung nicht zugegen, als aber die — 86— 1 Schweſter wieder fortging, ſah ich, daß die alte Haus⸗ hälterin in einem Zuſtande der äußerſten Beſtürzung und des Kummers war. Der Ausdruck dieſer Leiden⸗ ſchaften nahm bei ihr eine ſeltſame Geſtalt an. Es ſchien, als könne ſie keinen Augenblick ruhig ſein. Sie trieb ſich in der Küche umher, als wäre dieſelbe für ihre Thätigkeit zu klein, nahm jeden Topf, jeden Keſſel, jede Pfanne wohl zehnmal herunter, ſah mit zweckloſem Blicke in die Kaſſerole und ſchien die über⸗ flüſſige Thätigkeit ihres Körpers nur anwenden zu wollen, während ihr Geiſt mit etwas Anderem be⸗ ſchäftigt war. Als Pater Bonneville aber zurückkehrte, hatte ſie eine lange Unterredung mit ihm, und er ſchien ſehr gedankenvoll und ängſtlich zu ſein. Am Abend kam die barmherzige Schweſter wieder, und diesmal brachte ſie einen Brief mit. Was zwiſchen ihr und dem guten Pater vorging, weiß ich nur aus dem Erfolge; denn ſobald ſie fort war, rief er mich in ſein Studierzimmer, wo Jeanette die ganze Zeit über geweſen war, und ich ſah ſogleich, daß mein guter alter Freund und Lehrer ſich zu einem großen und wichtigen Schritte entſchloſſen habe. „Mein lieber Louis,“ ſagte eer mit ruhigem, aber ſehr ernſtem Geſichte,„wir haben ſehr ſchlimme Nach⸗ richten erhalten. Es herrſcht eine wüthende Verfolgung gegen die Diener der Religion, die mich bald erreichen muß, wenn ich hier bleibe. Sie hat ſchon in einer ðx — 87— nicht ſehr fernen Stadt begonnen. Dort bindet man Prieſter und Nonnen zuſammen und wirft ſie in den Fluß, indem man Läſterung mit dem Morde ver⸗ eint. Dieſes gute Geſchöpf und Schweſter Clara, die eben hier war, fordern mich dringend zur Flucht auf. Ich würde dieſen Schritt nicht unternehmen, doch finde ich es nothwendig, Dich ſo bald wie möglich in ein anderes Land zu bringen. Ich habe Niemand, den ich mit Dir ſenden kann, und wenn ich beſchließe, Dich ſelber zu begleiten, iſt es nicht Furcht für mein Leben, die mich von meiner Pflicht entfernt. Ich werde wenigſtens eine von den Aufgaben erfüllen, die ich übernommen habe, und ich glaube, es iſt die, wozu ich mein noch übriges Leben am niützlichſten an⸗ wenden kann.“ Darauf erklärte er mir, er wolle nur noch den folgenden Tag in der Stadt zubringen und in der Nacht entfliehen. Mit einem Seufzer fügte er hinzu, daß es nothwendig ſein werde, uns zu verkleiden. Aber die gute Jeanette übernahm es, uns das Nö⸗ thige dazu anzuſchaffen, und Pater Bonneville begab ſich an dem Abend ernſt und traurig, aber wie es ſchien, keineswegs aufgeregt zur Ruhe. Am folgenden Tage, einige Minuten vor zwölf Uhr, kam eine große Pöbelmenge die Straße herauf und trug einen blutigen Menſchenkörper auf Stangen. Sie hielten vor dem Hauſe des guten Prieſters an und riefen ihm zu, ſich zu zeigen. Mit ruhiger und unerſchrockener Miene trat er an das obere Fenſter und ſah hinaus. Er wurde ſogleich mit Schmähungen überſchüttet, und ich bin durchaus nicht gewiß, daß der Pöbel das Haus nicht ausgeplündert und ihn getödtet haben würde, wäre die Mahlzeit der Tiger nicht ſo nahe geweſen. Alle niederen Klaſſen ſpeiſten um zwölf Uhr zu Mit⸗ tag und Pater Bonneville entfernte ſich von dem Fen⸗ ſter, ſobald er ſich gezeigt. Die Menge ging hierauf, mit ihrem blutigen Siegeszeichen an der Spitze, weiter die Straße hinunter. Während des übrigen Theils des Tages geſchah nichts Erwähnenswerthes, obgleich Jeanette ſehr ge⸗ ſchäftig war und mehr als einmal aus⸗ und einging. Mehrere Perſonen kamen, Pater Bonneville zu beſu⸗ chen und ſprachen einige Zeit mit ihm; aber mir ver⸗ ging der Tag traurig und ſchwer, obgleich ich geſtehen muß, daß ich viel von der lebhaften und angenehmen Erwartung empfand, womit die Jugend immer der Veränderung entgegenſieht. Endlich brach die Nacht an; die äußere Thür des Hauſes wurde ſorgfältig verſchloſſen; Pater Bonne⸗ ville zog ſich in ſein Schlafzimmer zurück, während ich Jeanette behüflich war, ein paar ziemlich ſchwere Satteltaſchen herunterzubringen, wovon die eine mit den Buchſtaben L. L. und die andere mit J. C. bezeichnet war. Gleich darauf hörte ich Fußtritte auf —O——Q—O⏑—ꝛ—ꝛ˖ñ—— — 8S9— der Treppe und ein Herr kam ins Zimmer, den ich anfangs nicht erkannte und den ich nur mit Mühe für Pater Bonneville zu halten vermochte. Sein langes ſchwarzes Gewand, ſeine kleine ſchwarze Mütze und ſein aufgeſchlagener Hut waren verſchwunden, und er erſchien— in einem einfach geſchnittenen ſchwarzen Rocke, einen kleinen Degen an der Seite, ſein dün⸗ nes weißes Haar gepudert und hinten zuſammenge⸗ bunden und einen runden Hut mit einem breiten Bande und einer Schnalle auf dem Kopfe. In dieſem Ko⸗ ſtüm ſah er viel kleiner aus, als vorher. In ſeinen geiſtlichen Gewändern war er als ein wohlbeleibter Mann erſchienen, aber jetzt kam er mir außerordent⸗ lich ſchlank und ſchmächtig vor, und ſelbſt ſeine Größe ſchien abgenommen zu haben. Er ſah fremd und un⸗ ruhig aus, zeigte aber keine Unentſchiedenheit, nach⸗ dem er einmal einen Entſchluß gefaßt hatte. „Ich dachte daran, meine Papiere zu verbrennen,“ ſagte er zu Jeanette,„aber ich weiß nicht, meine Gute, daß ſie irgend Etwas enthalten, was eines gu⸗ ten Chriſten oder eines guten Bürgers unwürdig wäre. Ich werde ſie daher zurücklaſſen wie ſie ſind, um von denen geprüft zu werden, die ſich die Mühe geben wollen. Du verſtehſt Alles, Jeanette, was ich ge⸗ ſagt habe und was Du zu thun haſt und wo Du von mir hören kannſt.“ Jeanette verſtand Alles, aber die Gefühle in dem ——— — 90— Herzen des guten Weſens empörten ſich jeden Augen⸗ blick mehr und mehr gegen ihren Verſtand. Endlich, als Alles zu unſerer Abreiſe bereit war, fiel ſie vor dem guten Pater Bonneville auf die Kniee, weinte, küßte ihm die Hand und bat um ſeinen Segen. Der Greis legte ihr die Hand auf den Kopf und erflehte mit feierlicher Miene einen Segen von Gott für ſie. Dann ſagte er in freundlichem Tone: „Du weißt, Jeanette, Du haſt Dich bemüht, Gott eben ſo gut, wie Deinem ſterblichen Herrn zu dienen. Er verdient mehr und beſſere Dienſte, als ir⸗ gend Jemand von uns gewähren kann, aber er iſt mit geringeren Dienſten zufrieden, als wir fordern, wenn ſie mit vollem Herzen geleiſtet werden. Lebe wohl, Jeanette— lebe wohl für jetzt! Wir werden uns bald wiederſehen— ich hoffe und glaube es.“ Der gute Pater nahm eine von den Satteltaſchen und ich nahm die andere; Jeanette belud mich über⸗ dies noch mit einem in Papier gewickelten Packet, wofür ſie mich wohl Sorge zu tragen bat, indem ſie zugleich andeutete, daß es Lebensmittel für den guten Pater und mich enthalte, deren wir während unſerer erſten Nachtreiſe bedürfen möchten. Sie folgte uns in Thränen durch den Garten in den Thurm, und die Treppe hinunter. Dort drückte and küßte ſie mich herzlich, vermochte aber nicht zu reden, und jetzt wa⸗ ren alle die lieblichen Phantaſien in Betreff der Ab⸗ —.— — 91— reiſe, um neue Scenen zu ſehen und neue Freuden zu finden, die ich auf einen Augenblick gehegt, ver⸗ ſchwunden, und es blieb Nichts weiter übrig, als Kummer. Nicht ohne Schwierigkeit gingen wir den kleinen Pfad in das Thal hinunter, denn die Nacht war ſo ſchwarz wie das Verbrechen, und dann wan⸗ derten wir auf dem Wege am Fluſſe weiter, den wir indeß bald verlaſſen mußten, um einer Abtheilung von Männern auszuweichen, die eine Art von Wäch⸗ terhaus an der Stelle errichtet hatten, wo die beiden Wege ſich trennten. Dies war indeſſen leicht geſche⸗ hen. Der Fluß war nicht ſehr voll, denn die Luft war kalt und trocken, und ſeit zwei oder drei Tagen war weder Schnee noch Regen gefallen. Einige große Steine dienten uns als Brücke, und nachdem wir über die Wieſen auf der anderen Seite gekommen waren, erreichten wir die Landſtraße nach Paris, ohne durch die Vorſtadt gehen zu müſſen. Eine Viertelſtunde weiter hielt ein ältlicher Mann mit zwei Pferden auf dem Wege; und obgleich ich ſein Geſicht kaum ſehen konnte, erkannte ich doch in ihm einen Oheim der guten Jeanette, der alle vierzehn Tage Federvieh ins Haus zu bringen pflegte und der, um die Wahrheit zu ſagen, viel jünger ausſah, als ſeine Nichte. We⸗ nige Worte wurden zwiſchen ihm und uns gewechſelt und die Satteltaſchen faſt ſchweigend auf die Pferde gelegt. Pater Bonneville beſtieg das eine und der — 502— 1 gute Landmann ſetzte mich auf den Rücken des ande⸗ ren. Ich hatte vorher noch nie auf einem Pferde ge⸗ ſeſſen, und das Thier, auf dem ich ſaß, obgleich ein wenig kleiner, als das, welches den Pater Bonneville trug, erſchien mir als ein wahrer Elephant. Anfangs war es mir freilich unbequem genug, aber bald ge⸗ wöhnte ich mich daran und das Reiten machte mir Vergnügen, bis wir etwa vier bis fünf Stunden zu⸗ rückgelegt hatten, wo ich die gewöhnlichen Unbequem⸗ lichkeiten zu empfinden begann, welchen junge Reiter unterworfen ſind. Meiin ehrwürdiger Begleiter und ich empfanden anfangs beträchtliche Beſorgniß, daß unſere Flucht entdeckt werden und eine unmittelbare Verfolgung ſtatt⸗ finden möchte. Aber wir entdeckten bald, daß dieſe Befürchtungen durchaus vergebens geweſen. Die Ge⸗ danken der Bewohner der Stadt, beſonders der Anar⸗ chiſten, hatten eine ganz andere Richtung angenom⸗ men und ſich durchaus nicht mit dem Pater Bonne⸗ ville beſchäftigt. Sie hatten ihren Maire zu gutllloti⸗ niren und zwei oder drei der vornehmſten Einwohner ins Gefängniß zu werfen, was ſie mehrere Tage ge⸗ nügend beſchäftigte. Pater Bonneville's Abweſenheit wurde von Niemand beachtet, außer von ſeinen Ein⸗ gepfarrten, die ſich wohl hüteten, davon zu reden, bis Jeanette, mit einer Kühnheit, die ihr Ehre machte, als ſie glaubte, daß wir in Sicherheit wären, zu der — 93— Municipalität ging und fragte, was ſie thun ſolle, da ihr Herr ſeit mehreren Tagen fort und noch nicht wieder zurück ſei. Inzwiſchen ritten wir die ganze Nacht weiter, indem wir unſeren Weg weder geradezu nach Paris, noch auch nach der Seeküſte richteten. Als der Mor⸗ gen dämmerte, war ich ſehr ermüdet und ſchläfrig und ſah alle möglichen unwirklichen Dinge im Zwielicht — vermuthlich nur die Wirkung der Erſchöpfung. Pater Bonneville hatte von Zeit zu Zeit mit mir ge⸗ ſprochen und mir Anweiſungen ertheilt, wie ich mich gegen ihn benehmen ſolle. Ich hörte jetzt, daß es ſeine Abſicht ſei, den Namen Charlier anzunehmen, und daß ich für ſeinen Neffen gelten, aber den Na⸗ men Lacy, ſeiner ariſtokratiſchen Vorſilbe de beraubt, beibehalten ſolle. Der Name wurde indeſſen bald von den Leuten in den Gaſthöfen verſtümmelt, und wäh⸗ rend der ganzen übrigen Reiſe galt ich für den jun⸗ gen Bürger Laſſi. Bei Tagesanbruch, nach der erſten Nachtreiſe, hielten wir auf einem unbebauten Platze an der Seite des Waldes an, und indem wir unſere Pferde graſen ließen, ſetzten wir uns auf das trockene Uifer unter den Bäumen nieder und aßen von den Speiſen, womit die gute Jeanette uns verſehen hatte. Nach⸗ dem ich meinen ſtarken Appetit geſtillt und ein wenig Wein aus einer Flaſche getrunken, ſank ich in einen — 94— tiefen Schlummer, ehe ich gewahr wurde, was mit mir vorging; auch erwachte ich nicht eher, als bis Pater Bonneville um ein Uhr Mittags ſanft meinen Arm faßte. Dann ſetzten wir unſere Reiſe fort und hatten den erſten gefährlichen Schritt zu thun, nachdem wir unſere Stadt verlaſſen, indem wir die von Menſchen bewohnten Gegenden betreten und uns den Blicken und Fragen der Fremden ausſetzen mußten. Bald ſahen wir einen hohen Kirchthurm ſich in beträchtlicher Entfernung vor uns erheben und Pater Bonneville fragte eine Bauerfrau, die uns auf dem Wege begegnete, nach dem Namen der Stadt, welcher die Kirche angehörte. Dadurch wußte er ſeine Rich⸗ tung wieder, die er während der Nacht verloren hatte, und da die Stadt, die wir ſahen, noch viele Meilen entfernt war, ſo beſchloß er, in einem Dorfe anzu⸗ halten, um der ſtrengeren Prüfung zu entgehen, der wir in einer Stadt wahrſcheinlich ausgeſetzt geweſen wären. Nach einer ungefähren Berechnung hatten wir während der Nacht vierzehn Stunden zurückgelegt, und wenn wir noch vier oder fünf Stunden hinter uns hatten, befanden wir uns für jetzt in einer hinreichen⸗ den Entfernung von unſeren Feinden. Wir trabten daher ruhig weiter und begegneten einer Anzahl Land⸗ leuten, die von einem Jahrmarkte zurückkehrten. Ei⸗ nen Theil des Weges ritten wir an der Seite eines — alten Mannes, der mit uns nach derſelben Richtung reiſte. Er hatte ein ſchlaues, gedankenvolles, aber ruhiges Auge und ein ſchmeichelhaftes, unbefangenes Lächeln, welches einen welterfahrnen Mann wohl hätte beſtimmen können, an ſeiner vollkommenen Aufrichtig⸗ keit zu zweifeln, obgleich ſeine hohe breite Stirn und eine gewiſſe würdevolle Miene keine niedrige Liſt an⸗ deuteten. Er redete den guten Pater Bonneville ſo⸗ gleich als Monſieur l'Abbé an, doch betrachtete er ihn mehrmals, ehe er weiter ſprach. Anfangs ſchien mein Begleiter die ihm beige⸗ legte Benennung nicht zu beachten, als ſie aber noch einige Worte gewechſelt hatten, fragte er plötzlich: „Was veranlaßte Sie, mich Abbé zu nennen, Bürger?“ „Ihre Kleidung, Ihr Weſen und Ihr Blick,“ verſetzte der Landmann.„Der Ariſtokrat iſt ſtolz, weil er immer befohlen hat und ein Recht zum Be⸗ fehlen zu haben glaubt. Der Bauer iſt eitel, weil Gott jeder franzöſiſchen Bruſt die Anſicht eingeprägt hat, daß jeder Menſch dem andern gleich iſt, mag er nun ein Thor oder ein Weiſer, ein Gelehrter oder ein Dummkopf, ein Tapferer oder ein Feigling, ein guter Menſch oder ein Schurke ſein. Aber der Leh⸗ rer der Religion hat ein verſchiedenes Anſehen. Er iſt gewöhnt zu leiten und zu ermahnen, und er weiß, daß es nicht nur ſein Recht, ſondern auch ſeine Pflicht — 26— iſt, dies zu thun. Er hat daher einen Blick der Zu⸗ verſicht und der Autorität an ſich, der ſehr verſchieden von dem Hochmuthe des Einen oder von der Eitelkeit des Andern iſt, den ich erwähnt habe.“ „Sie müſſen die Menſchen mehr ſiudirt und über ſie nachgedacht haben, als man erwarten ſollte,“ ſagte Pater Bonneville, ihn genau beobachtend. „Es iſt kein Grund vorhanden, warum man nicht ſtudiren und noch weniger, warum man nicht denken ſollte,“ verſetzte der Andere.„Ich bekenne, ich habe Beides gethan. Es werden jeden Tag in Frankreich mehr Sünden begangen, als dieſe.“ „Und wo wohnen Sie, wenn ich fragen darf?“ fragte Pater Bonneville.— „Kommen Sie, um es zu ſehen,“ verſetzte der Fremde.„Ihre Pferde ſcheinen ermüdet zu ſein, und ich habe beinahe noch vier Stunden zurückzulegen, aber wir können langſamer reiten und bei dieſer nächſten Wendung wollen wir die Landſtraße verlaſſen, und das wird eine Bequemlichkeit ſein.“. Pater Bonneville ſtimmte ſeinem Vorſchlage bei und wir ritten neben dem Fremden her, indem zuwei⸗ len von politiſchen Ereigniſſen, im Allgemeinen aber von durchaus gleichgültigen Gegenſtänden geſprochen wurde. Ich bekenne, ich war ſehr ermüdet, ehe wir an das Ende unſerer weiten und langſamen Tagereiſe 3 — 92— kamen. Endlich, nachdem wir zwei Stunden lang ruhig weiter geritten waren, ſagte der Fremde:. „Wir nähern uns meinem Hauſe, wo Sie ſehr willkommen ſein werden, und es iſt eben ſo gut für Sie, die Nacht dort zu bleiben, denn in den meiſten Dörfern in der Umgegend wird ein großes Feſt der Freiheit gefeiert, und gleich den meiſten heidniſchen Gottheiten liebt jene Dame die Menſchenopfer ſehr. Es macht keinen großen Unterſchied, ob man unter den Rädern des Juggernaut zermalmt oder von Drui⸗ den in einem Korbe verbrannt wird, oder durchs Feuer gehen muß gleich den Kindern jener gehorſamen und unterwürfigen Iſraeliten des Alterthums, oder ſich auf einer kleinen Platform auf einem öffentlichen Platze vor dem Bilde eines monſtröſen Weibes in einer ro⸗ then Nachtmütze und eine Lanze in der Hand den Kopf abhauen laſſen muß. Es liegt nicht viel daran, ſage ich, aber das Alles iſt unangenehm, und man muß es durch jedes vernünftige Mittel zu vermeiden ſuchen. Sie werden ſich daher beſſer in meinem Hauſe, als in einem Gaſthauſe der Nachbarſchaft befinden.“ „Wo?“ fragte Pater Bonneville vor ſich hinbli⸗ ckend, in der Erwartung, ein Pachthaus vor ſich zu ſehen. „Dort!“ ſagte der Fremde, auf ein prächtiges Schloß deutend, welches auf einer nahen Erhöhung ſtand.„Sie wundern ſich, wie ich ſehe, und ich Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 7 — 98— kann Ihre Frage errathen, wie ich es angefangen, in dem Beſitze meines Eigenthums zu bleiben, da das allgemeine Kriegsgeſchrei durch ganz Frankreich erſchallt: Krieg dem Schloſſe— Friede der Hütte! Ich habe keine Zeit zu einer langen Erklärung; aber es läßt ſich viel mit kurzen Worten ſagen. Sie ſe⸗ hen dieſen Rock von grobem grauem Tuch. Er iſt das Zeichen, der Schlüſſel meines ganzen Lebens. Auch ich wurde zum Geiſtlichen erzogen. Der Tod von drei älteren Brüdern ſetzte mich in den Beſitz je⸗ nes Dinges dort auf dem Hügel. Ich habe mein geiſtliches Gewand abgelegt, aber meine früheren Ge⸗ wohnheiten beibehalten und achte meine freiwilligen Gelübde. Ich wohne in zwei oder drei kleinen Zim⸗ mern, während die Bauern oft in den Hallen meiner Vorfahren ſchwelgen. Aber ſie wiſſen wohl, wenn ich nicht da. wäre, würden ſie die Mittel zur Schwelge⸗ rei nicht in ſo großem Umfange, wie gegenwärtig ha⸗ ben; wenn meine Beſitzung konfiscirt würde, möchte ſie in die Hände ſchlechterer Männer, als ich bin, fal⸗ len, und ſo lange ich, der Herr derſelben, mich nur als der Verwalter benehme, laſſen ſie mich gern in meinem Amte, ohne meinen Kopf auf die Gutllotine zu bringen, was Niemandem nützen würde— und ohne ſich meiner Beſitzungen zu bemächtigen, was eine große Verlegenheit für ſie ſelber ſein würde. Ueber⸗ dies habe ich ſchon einigemal gedroht, alle meine Be⸗ 1 — 99— ſitzungen den Händen der Kommune zu überliefern, und die Niedrigſten des Volks haben mich am drin⸗ gendſten gebeten, es nicht zu thun, da ſie wohl wiſ⸗ ſen, daß ſie jetzt einen beſſeren Antheil an der Beute erhalten, als ſonſt der Fall ſein würde. So habe ich eine gewiſſe Herrſchaft über ſie erlangt und ich thue, was mir beliebt, ohne Furcht vor Gerüchten oder öffentlichen Anklagen. Der Mann, der mich an⸗ klagen wollte, würde bald an den Laternenpfahl kom⸗ men, und da es unangenehm iſt, in der Dunkelheit die Stelle eines Lichts einzunehmen und noch dazu mit einem Stricke um den Hals, ſo thut man es nicht. Es gibt Hunderte von Menſchen in jener Stadt, die mich morgen ans Meſſer liefern könnten; aber mein Tod würde auch Hunderten den Untergang brin⸗ gen, und daher habe ich die Majorität auf meiner Seite. Aber kommen Sie, wir wollen durch das Thor eintreten.“ Wir traten ein und überließen unſere Pferde ei⸗ nem Arbeiter auf dem Hofe, der nicht im Geringſten weniger reſpektvoll gegen den Herrn des Hauſes zu ſein ſchien, als der Diener eines großen Edelmannes in alten Zeiten. Dies war eine Regelwidrigkeit in jenen Tagen; denn der eitle Wunſch der Gleichheit hatte das Urtheil der Menſchen gänzlich umgekehrt, und ſie ſuchten nicht nur die ſeit langer Zeit einge⸗ führten geſelligen Unterſchiede, ſondern ſelbſt jene tie⸗ „ 7* — 100— fer liegenden durch den Willen Gottes hervorgebrach⸗ ten Unterſchiede hinwegzuräumen. Ich glaube, in je⸗ nen Tagen hegte die große Maſſe des Volks wenig⸗ ſtens ebenſo viel eiferſüchtigen Haß gegen den höheren Verſtand, als gegen den höheren Reichthum oder den höheren Rang. Als wir in das Gebände eintraten, ſahen wir zehn bis zwölf Männer im Speiſeſaale trinkend und plaudernd ſitzen. Der Herr des Hauſes ging an ih⸗ zen vorüber, nickte ihnen zu, nannte ſie„Bürger“ und ſagte: „Haltet Euch luſtig! Wo das hergekommen iſt, da wird ſich noch mehr finden.“ Ein heiteres und gutmüthiges Lachen war die Antwort und wir gingen die Treppe hinauf, wo er uns zu einer kleinen Zimmerreihe führte, die er für ſich reſervirt hatte und wo ihn ſelbſt die rohen Män⸗ ner, die ihn umgaben, ungeſtört ließen. Dort ver⸗ ließ er uns und ging hinaus, um uns einige Erfri⸗ ſchungen zu verſchaffen, wovon er einen Theil ſelber hereinbrachte. Das Uebrige, nebſt einer beträchtlichen Quantität Silberzeug, welches er, ungeachtet der of⸗ fenen Thüren und der fremden Gäſte, für völlig ſicher zu halten ſchien, wurde von einem Diener aus der alten Schule, aber ohne Livree hereingebracht. Als der Mann fort war, aßen und tranken wir und er⸗ friſchten uns, worauf eine Unterredung zwiſchen un⸗ — 101— ſerem Wirthe und Pater Bonneville ſtattfand, die nicht nur von Intereſſe, ſondern auch von Wichtig⸗ keit war. Der Erſtere ſchien unſere Lage, ſo weit, es nöthig war, ohne alle Erklärung zu begreifen, und ertheilte uns ſehr gute und umſtändliche Rathſchläge hinſichtlich unſeres Benehmens auf unſerer Reiſe durch Frankreich. Er gab dem guten Pater den dringen⸗ den Rath, einen braunen Rock anzulegen, indem er ſagte, ein Abbé ſtehe in noch ſchlechterem Rufe, als ein Prieſter. Er rieth ihm auch, das Reiten aufzu⸗ geben und in einer Poſtchaiſe weiter zu reiſen. „Ich will Sie nicht fragen, wohin Sie reiſen oder was Sie zu thun beabſichtigen, aber wenn Sie mit Poſtpferden ankommen und in dem Poſthauſe logiren, ſo erlangen Sie die Gunſt einer Klaſſe des Volks, die für Reiſende von großer Wichtigkeit iſt.“ Pater Bonneville ſagte ihm hierauf, wir könn⸗ ten nicht wohl mit der Poſt reiſen, da wir nicht mit denjenigen Papieren verſehen wären, die in den Poſt⸗ häuſern verlangt würden. „O! das wollen wir ſchon machen,“ ſagte un⸗ ſer Wirth.„Der Maire ſoll Sie mit den nöthigen Päſſen verſehen.“ „Aber er kennt uns nicht,“ verſetzte Pater Bon⸗ neville. „Er kennt mich,“ verſetzte der Andere mit be⸗ deutungsvollem Kopfnicken.„Er wird es mir nicht — — 102— verweigern. Es iſt ein ſchmerzlicher Zuſtand, wo das Leben eines jeden Menſchen in der Macht eines An⸗ dern iſt. Es giebt Viele, die den Vortheil mißbrau⸗ chen und ich habe nie eingeſehen, warum ich ihn nicht zu beſſeren Zwecken anwenden ſollte. Der Maire wird wahrſcheinlich in ſechs Monaten guillotinirt werden. Er denkt, es wird länger währen, aber ich glaube, er irrt. Er weiß indeß, daß ich ihn in ſechs Tagen könnte guillotiniren laſſen, und darum iſt er ſehr fügſam.“ „Und wie lange denken Sie denn Ihren Kopf zu behalten, wo er jetzt iſt?“ fragte Pater Bonne⸗ ville mit traurigem Lächeln. „Das iſt kaum der Ueberlegung werth,“ ver⸗ ſetzte der Andere;„denn ich ſage von meinem Kopfe, was ein Freund von mir von ſeinem Hauſe ſagte, welches ihm über den Kopf zuſammen zu ſtürzen drohte: „Es wird meine Lebenszeit aushalten.“ In Wahrheit hat er für Niemand anders, als für mich, irgend ei⸗ nen Nutzen, ſonſt denke ich, würde man mir ihn ſchon längſt genommen haben. Dieſelbe Werthloſig⸗ keit kann ihn vielleicht noch einen Monat, ein Jahr oder auch vielleicht ſo lange ſchützen, bis dieſe böſen Zeiten vorüber ſind; denn Sie dürfen nicht denken, mein guter Freund, daß dieſer Zuſtand beſtändig wäh⸗ ren wird. Es iſt ein bloßer Ausbruch der menſchli⸗ chen Eitelkeit. Wir Franzoſen ſind das eitelſte Volk 8 1 — — 103— auf der Erde; die ganze Nation iſt eitel, ſo wie jede einzelne Perſon. Dieſe Eitelkeit macht, daß der Menſch Niemand höher, reicher oder in irgend einer Hinſicht beſſer ſehen will, als ſich ſelber; aber es giebt ge⸗ wiſſe Grundgeſetze der Ordnung, die der Menſch wohl auf eine Zeitlang umſtürzen kann, die aber immer ihre Macht wieder erlangen. Die Weiſen herrſchen am Ende doch. Induſtrie und Talent erheben ſich ungeachtet des Widerſtandes; Sorgfalt und Vorbe⸗ dacht erzeugen Reichthum, und wenn Sie jeden Mor⸗ gen Landes in Frankreich und jeden Louisdor nehmen und unter das ganze Vollk gleich vertheilen wollten, ſo daß nicht der Unterſchied von einem Sous vorhan⸗ den wäre, ſo würden doch, ehe funfzig Jahre um wären, alle Unterſchiede wieder hergeſtellt, Einige reich, Andere arm, Einige herrſchend, Andere gehorchend, Einige genießend, Andere arbeitend ſein. Ja noch mehr, mein Glaube iſt, daß Sie in derſelben Zeit Rang, Titel und Unterſcheidungen wieder hergeſtellt ſehen würden.“ Pater Bonneville ſchüttelte den Kopf. „Ich bin feſt davon überzeugt,“ verſetzte der An⸗ dere, als Antwort auf das zweifelhafte Kopfſchütteln. „Es giebt manche Länder, wo eine reine Demokratie vorhanden ſein könnte— vielleicht in England,— aber gewiß nicht in Frankreich. Unſer Blut ſelbſt iſt feudaliſtiſch und ritterlich. Die Geſchichte, welche — 104— ich das Gedächtniß der Nationen nenne, iſt nur mit fendaliſtiſchen und ritterlichen Thatſachen angefüllt. Wir ſind zu leichtfertig, zu eitel, zu flüchtig, um auf längere Zeit ohne Auszeichnung ſein zu können und wir beſitzen keinen genügenden Geiſt der Organiſation, um ohne einen König in der einen oder der andern Form ſein zu können. Ich denke, es muß eine ab⸗ ſolute Form ſein; aber ich gebe Ihnen mein Wort, Frankreich wird niemäls vierzig Jahre ohne Grafen, Barone, Marquis, Herzoge, Pairs, Sterne und Bänder ſein. Sie könnten ebenſo gut verſuchen, uns zu Quäkern, als zu wahren Republikanern zu ma⸗ chen. Vielleicht kann man einen Löwen abrichten, eine oder zwei Stunden wie ein Affe zu tanzen, aber ich ſage Ihnen, am Ende wird er ſeinen Tanzmeiſter ver⸗ zehren, und man kann ebenſo gut verſuchen, die Na⸗ tur eines Löwen zu verändern, als die eines Fran⸗ zoſen. Indeſſen ſollen Sie morgen den Paß haben, oder ich müßte den Maire nicht kennen. Er iſt ein ſehr vortrefflicher Mann, aber er hat eine übergroße Achtung vor der Unverletzlichkeit ſeines Halſes.“ „Ich wünſchte, ich beſäße Ihr Geheimniß, un⸗ ter ſolchen Scenen ruhig zu leben und ſo viel Ein⸗ fluß auf ſolche Männer auszuüben,“ ſagte Pater Bon⸗ neville. „Geheimniß— Geheimniß!“ ſagte unſer Wirth; „Das iſt die ganze Kunſt. Niemand weiß, was ich zunächſt thun werde. Niemand weiß, warum ich es thun will. Immer wenn eine große Frage angeregt wird, woran ich Antheil zu nehmen genöthigt bin, gebe ich eine vollſtändige Erklärung meiner Anſichten in Ausdrücken, die keiner von meinen Zuhörern ver⸗ ſtehen kann. Ich wende die Sprache der Zeit, die Kunſtausdrücke und die Lieblingsausdrücke der Menge an, und im Allgemeinen gehe ich den Bewegungen noch um einen Schritt voraus; denn wo Millionen Menſchen nach einem Ziele laufen, wie es in Frank⸗ reich geſchieht, da wird der, welcher ſtehen bleibt, um nur ſeinen Schuh zuzuſchnallen, gewiß zu Boden ge⸗ worfen und todt getreten werden. Aber jetzt will ich Ihnen Ihr Schlafzimmer zeigen. Sie werden die Betten gut finden. Mögen Sie nie ſchlechtere haben.“ G Unſer Wirth hielt Wort. Ehe wir am folgen⸗ den Morgen erwachten, waren unſere Päſſe bereit und enthielten eine ziemlich genaue Beſchreibung von dem Pater Bonneville unter dem Namen Bürger Jerome Charlier und von mir als Louis Laſſi. Unſere Pferde wurden durch die Vermittlung unſeres Wirths mit nicht großem Schaden verkauft. Eine kleine Poſt⸗ chaiſe von dem Poſtmeiſter ſelber um fünf Louisdor über ihren Werth gekauft, und um elf Uhr am Tage ſetzten wir auf dem geraden Wege nach Paris unſere Reiſe in einer Art fort, die ſich, wie ich geſtehen — 106— muß, beſſer für mich eignete, als die frühere Art. Ich hege wenige Zweifel, daß der gute Vater, der ſeit zwanzig Jahren nicht geritten, in derſelben Lage war. Unſere weitere Reiſe nach Paris ging leicht und ohne Unterbrechung vor ſich, was wir dem Um⸗ ſtande zuſchrieben, daß wir eine andere Richtung ein⸗ geſchlagen hatten, als die, welche von unſerem frühe⸗ ren Wohnorte nach Paris führte. Siebentes Kapitel. Die Hauptſtadt. „ * 4 M eine Erinnerung an die Reiſe nach Paris und die Unterhaltungen, die auf dem Wege ſtattfanden, iſt vollkommener, als irgend eine andere an die zu jener Zeit ſtattgefundenen Ereigniſſe. Aber es iſt viel⸗ leicht eine täuſchende Erinnerung, denn ich habe ſeit⸗ dem ſo oft davon geſprochen, daß ich kaum weiß, welche Thatſachen mein eigener Geiſt liefert und welche Andere mir erzählt haben. Ich erinnere mich indeſ⸗ ſen klar und deutlich an unſeren Einzug in Paris an einem dunklen und ſtürmiſchen Abend, wie wir am Thor angehalten wurden und man den Wagen beim Laternenlicht unterſuchte. Nie werde ich den Ein⸗ druck vergeſſen, den die langen, krummen Straßen der großen Hauptſtadt, die düſteren Laternen, die an EE—. — 108— Ketten hingen, die von einem Hauſe zum anderen hin⸗ übergeſpannt waren, ſowie die ungeheuer hohen Ge⸗ bäude zu beiden Seiten und die Volksmenge, womit die Straßen ſelbſt zu jener Stunde und bei jenem Wetter angefüllt waren, auf mich machten. Ich glaubte, die Reiſe durch Paris würde nie ein Ende nehmen, aber endlich fuhr die Poſtchaiſe in den Hof eines Gaſthauſes zweiten Ranges in der Rue des Victoires, nicht weit von dem Blindenhospital. Unſere Ankunft erregte kein Aufſehen. Keine geſchäftigen Hausknechte, keine dienſtfertigen Kellner waren da, um uns will⸗ kommen zu heißen oder uns beizuſtehen. Das Haus erhob ſich düſter auf den vier Seiten des Hofplatzes zu einer unermeßlichen Höhe und ließ uns gleich der Wahrheit in der Tiefe eines Brunnens, und da der gute Pater Bonnebille nicht viel beſſer, als ich, mit den Straßen von Paris bekannt war, ſo weiß ich nicht, was aus uns geworden ſein würde, wenn es nicht nöthig geweſen wäre, den Poſtillon zu bezahlen. Es war auf dem Hofe zu dunkel, um das Geld zu ſehen, und da er es nicht auf Treue und Glauben annehmen wollte, ſo ſagte er, er wolle gehen und den Portier mit ſeiner Laterne herbeiholen. Hierauf führte er aus einer Höhle an der Seite der großen Einfahrt eine ſehr ſeltſame, alterthümlich ausſehende Perſon mit einem breiten Bande über der Schulter, ſehr ähn⸗ lich denen, in welche die Aufſeher in den alten fran⸗ — 109— zöſiſchen Kirchen ihre nutzloſen Schwerter zu ſtecken pflegten. Er hielt die Laterne, während das Geld ge⸗ zählt wurde, und war dann ſo freundlich, uns, wenn gleich ein wenig langſam, eine ſehr dunkle und ſchmale Treppe zu dem erſten Stock des Hauſes hinaufzufüh⸗ ren, wo das Hotel eigentlich anfing. Ich entdeckte nie, wozu der untere Stock diente, denn es waren keine Kaufläden darin, und er wurde gänzlich ver⸗ nachläſſigt. Die Herrin des Hauſes— ſie hatte freilich einen Mann, aber das arme kleine Geſchöpf in Nichts zu miſchen— war eine unge⸗ und ziemlich wohlbeleibte Frau von etwa und dreißig Jahren, ſehr friſch, hübſch nt. Sie war eine Holländerin von und ihr blondes Haar, blauen Augen und ihr ſchöner Teint waren deutliche Spuren ihres Ur⸗ ſprungs. Sie verſicherte uns, ſie wäre bezaubert, uns zu ſehen— ſie wolle für unſere Bequemlichkeit ſorgen, wie es noch nie ſonſt geſchehen, beſtellte uns ſogleich ein Abendeſſen und führte uns inzwiſchen ein Stockwerk höher hinauf, um unſere Zimmer anzuſe⸗ hen. Es war ein großes düſteres Gemach mit einem Bette in einem Alkoven, zwei kleinen Kloſets zu jeder Seite des Alkovens und einem Kamin, groß genug, um einen ganzen Wald darin zu verbrennen. Dies war für Pater Bonneville. Mein eigenes Zimmer war etwa ſo groß wie der Alkoven und die beiden — 110— Kloſets, und befand ſich neben dem Zimmer des gu⸗ ten Paters. Meinen jungen Augen erſchien es hüb⸗ ſcher und bequemer, als das ſeine; aber wir waren beide zufrieden, wie es ſchien. Die Satteltaſchen wurden heraufgebracht die Poſtchaiſe in die Remiſe geſchoben und mein iner Vorrath von Kleidungs⸗ ſtücken auf mein Zimmer gebracht. Dann wuſch ich den Reiſeſtaub ab, bürſtete mein junges unergrautes Haar, welches damals meinen Kopf dicht umlockte, und da ich mich in der großen Welt, die mich um⸗ gab, ein wenig einſam fühlte, ſo begab ich mich in i uten Lehrers, ſeine Füße an den K brennenden Klötze, krachten, mit lebh Intereſſe betrachtet arme Mann, ich glaube ſeine Gedanken waren weit entfernt und er achtete eine Minute lang nicht auf mich, wäh⸗ rend ich über den ſta kken Geruch des geröſteten Kaffee und des Kalbsragout nachdachte, der die Atmosphäre des Hauſes zu bilden ſchien. Pater Bonneville war eben aus ſeiner Träume⸗ rei erwacht und ſprach einige Worte mit mir, um eine Unterhaltung zu beginnen, als ein Kellner hereintrat und anmeldete, daß unſer Abendeſſen bereit ſei, wo⸗ bei er eine ſo beſcheidene und rückſichtsvolle Miene annahm, als wären wir zwei Ariſtokraten unter dem alten Regimente geweſen. af „Geh mit ihm hinunter, Louis,“ ſagte Pater Bonneville,„ich werde gleich nachkommen.“ Ich folgte dem Kellner die Treppe hinunter, die jetzt von einer einzigen Lampe erleuchtet war, und trat in den Speiſeſaal. Wie ſoll ich jenes ſeltſame Zimmer beſchreiben? Es war lang und nicht ſehr groß mit einer Tafel in der Mitte und einem breiten Kamin in einem Winkel. Drei Fenſter, die vermuth⸗ lich am Tage ein wenig trübes Licht einließen, ſahen jetzt ſo ſchwarz wie Dinte gegen die Wand aus, ob⸗ gleich die Wand ſelber von düſterer Farbe war. Wer der Erfinder der Oelmalerei war, weiß ich in der That nicht, aber ich kann mir nicht vorſtellen, daß eine andere Hand, als die ſeine, jene Wand ſollte verziert, oder daß ein Pinſel dieſelbe ſpäter konnte be⸗ rührt haben. Ich glaube es waren tanzende Nym⸗ phen auf den Räumen zwiſchen den Fenſtern darge⸗ ſtellt, aber ſie ſahen gewiß wie Hottentotten aus, die im Dunklen tanzten. Das Mobiliar des Zimmers war ſehr ſpärlich und beſtand nur in der langen Ta⸗ fel und den dazu gehörigen Stühlen; aber am Ende nach dem Kamin zu war der Tiſch mit einem ſchönen weißen Damaſttuche bedeckt, worauf ſich zwei Leuchter, zwei Servietten, eine Anzahl Meſſer und Gabeln und Teller und nicht weniger als acht Schüſſeln befanden, die einen ſehr einladenden Geruch aushauchten. Ich ging mechaniſch zum Feuer, als mich plötzlich zu mei⸗ — 112— ner nicht geringen Beſtürzung eine Stimme von dem Kamingeſimms anredete und rief: „Kleiner Schelm, kleiner Schelm!“ Im näch⸗ ſten Augenblick hörte ich ein Schwirren und fühlte, wie Etwas meine Wange ſtreifte und auf meine Schul⸗ ter niederfiel. Bei näherer Unterſuchung zeigte ſich, daß es ein Vogel war, wie ich ihn noch nie vorher geſehen, und den ich in dieſem Augenblick nicht würde erkannt haben, und wenn mir ſchon Tauſende ſeiner Gattung vorgekommen geweſen wären. Es war ein Kakadu, der es für gut gehalten, ſich in der Mitte des Winters zu mauſern; und der es ſo vollſtändig gethan, daß man außer den langen Federn der Flü⸗ gel und des Schwanzes und dem gelben Büſchel auf dem Kopfe, obgleich mit einer Decke von feinen Dau⸗ nen verſehen, keine einzige Feder an ſeinem Körper ſah. Ich habe den Federbuſch auf ſeinem Kopfe gelb genannt, aber um die Wahrheit zu ſagen war ſein ganzer Körper vermöge ſeiner Vorliebe für den Kamin entſchieden grau geworden. 8 Es ſchien ein liebenswürdiger und zärtlicher Vo⸗ gel zu ſein, und er rief noch immer in ſcherzendem und ſchmeichelndem Tone:„Kleiner Schelm! kleiner Schelm!“ als glaube er, daß dieſes Beiwort die größte Zärtlichkeit enthalte. Während die Worte noch in ſeinem Schnabel waren und ehe eine regelmäßige Unterhaltung zwiſchen uns begonnen, wurde die Ge⸗ — 113— ſellſchaft durch einen anderen Herrn vermehrt, der ei⸗ nen runden Hut mit drei breiten Bändern in der Hand trug, was immer das Zeichen eines Mannes in einer öffentlichen Stellung war. Er war ein wohlbeleibter und wichtiger Mann, aber offenbar ſehr ſcharfſichtig. Er war einer von de⸗ nen, für welche Kleinigkeiten von großer Wichtigkeit ſind— nicht wegen einer beſonderen Fähigkeit, ſich mit Kleinigkeiten zu befaſſen, ſondern weil man das natürliche Streben in dem Geiſte des Mannes, Al⸗ lem, was er ſelber beobachtete, eine gewiſſe Größe beizulegen, in ſeiner Jugend nicht gehörig geleitet hatte. Der Vogel rief noch:„Kleiner Schelm! klei⸗ ner Schelm!“ als der Fremde mit jovialer Heiterkeit auf mich zukam, meinen Arm faßte und ſagte: „Ci, kleiner Schelm, der Vogel kennt Sie, wie es ſcheint. Nun will ich wetten, daß Sie ein junger Ariſtokrat ſind.“ Ich gab gerade die Antwort, die unter ſolchen Umſtänden erforderlich war. Ich hatte durchaus keine Inſtruktionen erhalten; Pater Bonneville hatte in ſei⸗ nem eigenen Hauſe nie von Politik geſprochen; wäh⸗ rend er die Exceſſe beklagte und von den Verbrechen, die er um ſich her vorgehen ſah, aufgeregt und beun⸗ ruhigt war, ſprach er nie eine Meinung über die gro⸗ ßen Fragen aus, die den Geiſt des Volks zu jener Zeit aufregten. Aber auf meinen Wanderungen durch Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 8 — 114— die Stadt und die Umgegend war ich ſeit einem Jahre oder länger gewöhnt geweſen, den Namen Ariſtokrat dem beilegen zu hören, der einen beſſeren Rock trug, als ſein Nachbar, ſo daß ich mich nach und nach ge⸗ wöhnte, darunter das Niedrigſte, Kläglichſte und Ge⸗ meinſte zu verſtehen. Meine Wange erröthete, meine Stirn zog ſich mit einem Ausdrucke des Zornes zu⸗ ſammen, der nicht verſtellt ſein konnte, und ich er⸗ widerte heftig: „Nein, Bürger, nein! Weder ich noch alle meine Bekannten ſind Ariſtokraten. Sie beleidigen uns, wenn Sie uns ſo nennen.“ Meine Leidenſchaft war lächerlich genug, denn ich hatte nicht den geringſten Begriff, was das Wort Ariſtokrat bedeute. Dennoch brachte ſie ihre Wirkung hervor, obgleich dieſelbe aus Mangel an Zeugen ver⸗ loren gegangen ſein würde, wäre nicht Madame Mi⸗ chaud in dem Augenblick ins Zimmer getreten, um zu ſehen, ob auch Alles für ihre geehrten Gäſte in Bereitſchaft ſei. „So, Herr Kommiſſair,“ ſagte ſie,„ich denke, da haben Sie Ihre Antwort erhalten. Sie erwarten doch vermuthlich keine Ariſtokraten in meinem Hauſe zu finden?“ „Ich habe einen gefunden,“ antwortete der Kom⸗ miſſair,„und er wird bald ſehen, daß er entdeckt iſt. Reichen Sie mir die Hand, Bürger, wenn Sie wirk⸗ lich Ihr Vaterland und die Menſchenrechte lieben. Aber berühren Sie meine Hand nicht, wenn Sie nur Liebe zur Freiheit heucheln.“ Ich reichte ihm kühn die Hand und drückte die ſeine mit Wärme; denn ich hatte eben ſo wenig einen Begriff davon, worin die wahre Freiheit beſteht, wie die meiſten ſeiner geduldigen Anhänger auf der politi⸗ ſchen Laufbahn, die mit ſehr wenigen Ausnahmen große Verehrer von Worten waren und ſehr unbe⸗ ſtimmte Begriffe von Dingen hatten. Er ſchien zufriedengeſtellt zu ſein und ſetzte ſich nieder, um eine Taſſe Kaffee und ein Glas Liqueur mit Madame Michaud zu trinken, ohne Etwas dafür zu zahlen. Er ſchien in der That in ſehr freundſchaft⸗ lichen Verhältniſſen mit der Dame zu ſtehen; und ich vermuthe, es war eine gute Politik von allen Wirthin⸗ nen in Paris, Nichts zu verweigern, was die Kom⸗ miſſaire der Polizei zu fordern für gut halten mochten. Bald darauf erſchien Pater Bonneville, und ob⸗ gleich er alle höflichen Fragen beantwortete, ſo ſpielte er doch ſeine Rolle ſo klug, daß kein Verdacht auf ihn zu fallen ſchien. Der Kommiſſair verließ das Zimmer in heiterer Laune, und der übrige Theil des Abends verging ohne ein bemerkenswerthes Ereigniß. Um dieſe Zeit ſind die Bilder, welche die Erin⸗ nerung in ihrem Spiegel darſtellt, ein wenig undeut⸗ 8* — 116— 1 lich und unbeſtimmt— vielleicht habe ich keine Gele⸗ genheit gehabt, mein Gedächtniß hinſichtlich der Ein⸗ zelnheiten aufzufriſchen, und manche Seene tritt aus dem im Allgemeinen dunklen Gemälde in ſtarken Um⸗ riſſen hervor. Nur eine von dieſen Scenen will ich hier erwähnen, ehe ich zu Gegenſtänden übergehe, die mich unmittelbar berührten. Es war eine Mittagstafel in dem Gaſthauſe, wo wir logirten, was jetzt ſehr gewöhnlich iſt, ob⸗ gleich man zu jener Zeit meiſtens in einem Hotel garni wohnte und ſich ſein Eſſen von außerhalb brin⸗ gen ließ. Eines Tages— ich weiß nicht mehr, ob es am zweiten oder am dritten nach unſerer Ankunft war— ſaßen wir eben an der Mittagstafel, als der⸗ ſelbe Polizeikommiſſair ins Zimmer trat und ſich lang⸗ ſam unter den Gäſten umſah. Ich konnte bemerken, daß ſich manches Geſicht am Tiſche veränderte— roſige Wangen wurden weiß und warme glühende Lippen nahmen eine aſchfarbige Bläſſe an. Der Kom⸗ miſſair richtete indeß ſeine Augen auf einen beſondern Herrn, einen Mann von etwa ſieben und funfzig oder acht und funfzig Jahren, der einer von den heiterſten Gäſten geweſen war. Er ſah den eigenthümlichen Blick des Offieianten und verſtand wahrſcheinlich die Meinung deſſelben vollkommen; aber er vollendete erſt den Scherz, den er auszuſprechen im Begriff war, und fragte dann, während das Lachen noch um ihn ertönte: — 117— „Herr Kommiſſair, haben Sie ein Geſchäft mit mir?“ Der Kommiſſair nickte langſam mit dem Kopfe und unſer Freund, der rechts neben Pater Bonneville ſaß, ſtand ſogleich auf und ſagte mit heiterem Lächeln: „Ich erwartete große Dinge von dem zweiten Gerichte; aber ich muß demſelben entſagen, und ich thue es mit der Selbſtverleugnung eines Eremiten. Meine Damen und Herren, drei Dinge ſind beſonders wünſchenswerth im Leben: eine angenehme, hoffnungs⸗ volle Jugend, ein warmes und mildes Mannesalter und ein kurzes unumwölktes Greiſenalter. Die beiden erſten habe ich durch die Gnade Gottes erlangt, Herr Kommiſſair, und das dritte wird mir höchſt wahr⸗ ſcheinlich auch gewährt werden. Ich will daher nur noch ein Glas auf die Geſundheit aller hier Gegen⸗ wärtigen trinken, ehe mir ein anderer Kelch gereicht wird, der nicht weniger annehmlich und unendlich be⸗ ruhigender iſt.“ So redend erhob er ein bereits gefülltes Glas Wein zu ſeinen Lippen, verneigte ſich graziös rings herum, trank den Wein und verließ dann mit dem Polizeikommiſſair das Zimmer. Am folgenden Tage um Mittag hörten wir, daß er guillotinirt worden. 3 Achtes Kapitel. Alte Bekanntſchaften werden erneuert. Warum wir in Paris verweilten, erfuhr ich nie oder habe es vergeſſen. Höchſt wahrſcheinlich waren Schwierigkeiten auf dem Wege bis zur Grenze, wel⸗ chen der gute Pater Bonneville zu begegnen fürchtete — oder er war ſich auch einer bevorſtehenden ſchweren Krankheit bewußt und fürchtete, in einem ſolchen Ge⸗ ſundheitszuſtande die Reiſe zu unternehmen. Die An⸗ ſtrengungen unſerer Flucht waren für den Greis zu ſtark geweſen, und obgleich er unterwegs nicht halb ſo ermüdet ſchien, wie ich, ſo blieb er doch, nachdem unſere Anſtrengungen vorüber waren und ich in vier und zwanzig Stunden meine Kräfte wieder ſammelte und ſo lebhaft und thätig war, wie immer, matt und ſchwach, und wollte ſein Zimmer nicht verlaſſen. Er — 119— beſchränkte mich indeſſen nicht auf das Hotel, ſondern geſtattete mir verſchiedene Theile von Paris zu beſu⸗ chen, wo ſehenswerthe Gegenſtände vorhanden waren. So erlangte ich eine ziemliche Kenntniß von den vor⸗ züglichſten Straßen der Stadt und konnte mit Leich⸗ tigkeit meinen Weg von einem Theile zum andern finden. Eine Zeitlang ſchloß ich meine Augen für die Thatſache, daß mein alter Freund und Beſchützer wirk⸗ lich krank ſeiz als wir aber vierzehn Tage in Paris geweſen waren, erweckte mich die Veränderung, die in ſeinem Aeußern vorgegangen, ſein blaſſes und hohles Geſicht und die Abmagerung ſeiner immer zarten und ſchönen Hände zu dem Bewußtſein von ſeinem wah⸗ ren Zuſtande. „Ich fürchte, Sie ſind nicht wohl, mein Vater,“ ſagte ich, als ich an ſeiner Seite ſaß, während er, ſeine Füße zum Feuer in ſeinem großen Lehnſeſſel ruhte. Pater Bonneville ſchüttelte traurig den Kopf und ich bat ihn, mir zu erlauben, einen Arzt herbeizu⸗ rufen. „Ich glaube, Du mußt es thun, Louis,“ ant⸗ wortete er,„denn ich fühle mich ſehr krank, und ich möchte gern wenigſtens ſo viel Kräfte wieder erlangen, um Dich, mein Sohn, in Sicherheit zu bringen, ehe ich ſterbe.“ — 120— „Es wohnt ein Arzt hier in der Naͤhe,“ ſagte ich.„Ich kann in einer Minute zu ihm laufen.“ „Nein, nein, das geht nicht,“ rief der gute Prie⸗ ſter.„Es war ein Arzt hier in Paris, den ich in früheren Jahren kannte— ein guter und aufrichtiger Mann, der uns nicht verrathen, ſondern uns im Ge⸗ gentheil auch in anderen Dingen, als in Betreff der Geſundheit, Rath und Beiſtand ertheilen würde. Weißt Du den Platz am kleinen Chatelet, Louis?“ Ich antwortete, ich wiſſe ihn ſehr gut, und Pa⸗ ter Bonneville ſchrieb den Namen eines Arztes und die Nummer ſeines Hauſes nieder und ſagte dann in dem troſtloſen Tone eines Kranken: „Höchſt wahrſcheinlich wird er todt ſein, und dann weiß ich nicht, was wir thun ſollen.“ Ohne Zeitverluſt eilte ich auf die Straßen von Paris, um den Doktor L. aufzuſuchen. Es war ein ſchöner, heiterer und kalter Nachmittag; der Schnee lag zu beiden Seiten der Straßen aufgehäuft, die Brun⸗ nen waren alle zugefroren und die Ketten der Straßen⸗ laternen mit ſchimmerndem Froſt bedeckt. Der Wind wehte ſcharf und ſchneidend und es waren nur wenig Menſchen, beſonders von den niederen Klaſſen, auf der Straße; denn wenn auch der Sansculottismus eine ſehr gute Sache ſein mag, ſo iſt er doch keineswegs warm und die würdigen Beherrſcher des Geſchicks von Frankreich beſaßen nieht Mäntel genug, um gleichgül⸗ tig gegen den Nordoſtwind zu ſein. So konnte ich meinen Weg raſch und ununterbrochen von der Menge fortſetzen, die gewöhnlich die Straßen der franzöſiſchen Hauptſtadt füllte, und obgleich ich ohne Zweifel nicht die kürzeſten Wege wählte, ſo erreichte ich doch bald den Platz, den ich ſuchte. Die Häuſer waren hoch, ſchmutzig und wohlberäuchert, und beſtändig offene Thüren um den ganzen Platz führten zu unzähligen Treppen, auf welchen man zu den Wohnungen armer Rechtsgelehrten, Notarien, Aerzte, Künſtler, armer Li⸗ teraten und jener ganzen Klaſſe gelangte, welche ein dürftiges Daſein durch die Fehler, die Thorheiten, das Mißgeſchick und Elend Anderer friſtet. Aber jetzt hatte ich eine ſehr ſchwierige Berechnung zu machen. Pater Bonneville hatte nach dem Namen Doktor L. N. 5 am Platze des kleinen Chatelet geſchrieben, aber es war kein Haus zu ſehen, welches eine Nummer an ſich trug, und ich war genöthigt zu errathen, an wel⸗ chem Ende die Zählung beginne. Mein erſter Ver⸗ ſuch mißlang offenbar, denn in dem Hauſe, wo ich nachfragte, war kein Doktor L. zu finden und an den verſchiedenen Thüren erhielt ich nur kurze und ſchnip⸗ piſche Antworten. Das konnte nicht N. 5 ſein, und ſo wendete ich mich zu der anderen Seite des Platzes und begann von der entgegengeſetzten Richtung. Als ich die Häu⸗ ſer von der Ecke an zählte, ſah ich ein kleines Mäd⸗ e — 122—* chen, ärmlich gekleidet und einen Korb am Arnie, aus einer Straße mir gegenüber hervorkommen. Sie trat plötzlich in eine von den Thüren und ich ſprang ihr nach, lief ſo ſchnell ich konnte und ſtieß beinahe eine alte Frau um, die Kaſtanien in einem Keſſel röſtete, wofür ich meinen Segen erhielt. Ich kümmerte mich indeſſen wenig darum, denn mein Herz ſchlug wild und das Einzige, was ich in dem Augenblick fürch⸗ tete, war, das kleine Mädchen mit dem Korbe aus den Augen zu verlieren; denn ich hatte es mir ſogleich in den Kopf geſetzt, daß es Mariette de Salins ſei. Sie war indeſſen ſchon die Treppe hinaufgegangen, als ich die Thür erreichte, und ohne einen Augenblick zu verweilen, eilte ich ihr nach und kam gerade noch zur rechten Zeit, um ſie in ein Zimmer im zweiten Stock eintreten zu ſehen, deſſen Thür ſich ſchloß, als ich mich näherte. Ohne einen Augenblick zu warten, klopfte ich heftig an, als ein ältlicher Mann mit ſpär⸗ lichem und gepudertem weißem Haar und einem an⸗ genehmen, wenn gleich ernſtem Ausdrucke des Geſichts ſich darſtellte und fragte, zu wem ich wolle. Ein augenblickliches Nachdenken hatte mir ge⸗ zeigt, daß es gefährlich ſein könne, Mariettens Namen zu erwähnen; auch darf man ſich über die Beſonnen⸗ heit eines Knaben meines Alters nicht wundern, denn das waren Tage der beſtändigen Gefahr, wo man jede Handlung überlegen, jedes Wort abwägen mußte und 1 — 123— Vorſicht und Zurückhaltung ſchon den Kindern 4 eine Pflicht eingeprägt wurde. Bei dieſer Gelegenheit antwortete ich alſo, ich ſuche den Doktor L., indem ich noch immer meine Augen auf die halb offene Thür des Zimmers richtete. „Mein Name iſt Doktor L.,“ verſetzte der Greis. „Was wünſchen Sie von mir, mein Sohn? Und warum blicken Sie ſo lebhaft hier herein?“ „Ich wünſche, daß Sie zu einem Herrn kom⸗ men, welcher krank iſt und in dem Hötel de Clermont in der Nähe des Blindenhospitals logirt,“ verſetzte ich. „Iſt er ſehr krank?“ fragte der Arzt.„Wie iſt ſein Name?“ Aber ehe ich ſeine Fragen beantworten konnte, wurde die innere Thür geöffnet, das ſchöne kleine Ge⸗ ſicht ſah daraus hervor und im nächſten Augenblick lag Mariette in meinen Armen. „Ich dachte mir, daß Du es wäreſt, liebe Ma⸗ riette,“ rief ich, ſie zärtlich küſſend, während ſie nicht müde wurde, mich zu liebkoſen.„Wo iſt Deine Mut⸗ ter? Wie befindet ſie ſich?“ „Still, ſtill,“ ſagte der alte Doktor, die äußere Thür ſchließend;„hier dürfen nur ärztliche Fragen. gethan werden. Mariette weiß wohl, daß ſie ſchwei⸗ gen muß und keine Fragen beantworten darf. Und ſo, mein Sohn,“ fuhr er fort, nachdem er alle Erklä⸗ rungen zwiſchen uns unterbrochen hatte,„muß ich wohl iſt derſelbe, der dort ſo freundlich gegen ſie war.“ — 124— denken, daß Ihre Geſchichte von dem kranken Manne nur eine Erdichtung war und daß Sie nur den Zweck hatten, Ihre kleine Geſpielin wiederzuſehen.“ „O nein, mein Herr,“ entgegnete ich mit einigem Unwillen,„ich bin nicht gelehrt worden, Lügen zu ſagen. Der Herr, den ich erwähnte, wünſcht Ihren Beiſtand und iſt ſehr krank. Seinen Namen werden Sie wiſſen, wenn Sie ihn ſehen, denn Sie kennen ihn aus früherer Zeit. Damit will ich nicht ſagen, daß ich nicht wünſchte, Mariette zu ſehen, und Sie müſſen ihr in der That erlauben, mir zu ſagen, wo ich ſie finden kann, denn es iſt eine ſehr lange Zeit her, als ich ſie zuletzt geſehen.“. „Das kann nicht geſchehen,“ ſagte der Doktor ernſthaft;„ſie muß lernen ſchweigen. Sind Sie denn mit ihr aus derſelben Stadt?“ 4 „Ol ſie wohnte eine lange Zeit bei uns,“ ver⸗ ſetzte ich,„und der Herr, der Ihren Beiſtand wünſcht, „Ol ich möchte ihn ſo gern ſehen!“ ſagte Ma⸗ riette vor ſich niederblickend. 4 „Nun gut, ich will zu ihm gehen,“ ſagte der Doktor ernſthaft,„und wenn es paſſend iſt, daß Ihr Kinder Euch wiederſeht, ſo mag es geſchehen. Nunf geh, Mariette, und leere, wie gewöhnlich, Deinen Korb aus. Kehren Sie zu Ihrem Freunde zurück, mein 3 Sohn, und ſagen ihm, ich werde in einer Stunde bei ihm ſein.“ Hierauf führte er mich ſanft am Arme zur Thür und ſchob mich hinaus. Ich eilte mit allen meinen Nachrichten zu Pater Bonneville zurück und fragte, ob es nicht ſeltſam ſei, daß ich Mariette im Hauſe des Doktor L. gefunden? „Vielleicht nicht,“ verſetzte der gute, Prieſter mit mattem Lächeln.„Der Doktor iſt aus unſerer Pro⸗ vinz und dort vielen guten und weiſen Leuten be⸗ kannt.“ Er ſagte Nichts weiter über den Gegenſtand und that keine Fragen, ſondern blieb in ſeinem Stuhle ſitzen, bis endlich leiſe an die Thür geklopft wurde und der Arzt, ein wenig ſorgfältiger gekleidet, als pine Stunde vorher, einen dreieckigen Hut auf dem Kopfe und einen Stock mit goldenem Knopfe in der Hand, in Zimmer trat. Er näherte ſich dem Pater Bonnevill mit unbefangener Miene und ohne das geringſte Zei⸗ chen des Erkennens, bis ihm der Prieſter die Hand antgegenſtreckte und ſagte: „Ach! mein Freund, Sie erinnern ſich meiner wohl nicht? Sie ſcheinen ſich nicht ſo ſehr verändert zu haben, wie ich.“ 2 D Doktor L. ſtutzte, denn die lieblichen, ſilberarti⸗ gen Töne der Stimme ſchienen ſeine Erinnerung zu wecken und er rief: — — 126— „Iſt es möglich? Mein guter Freund Bonne⸗ ville!— nein nein, Sie ſind zu ſehr verändert, als daß die Zeit es allein hätte thun können. Sie müſ⸗ ſen in der That krank ſein. Verlaſſen Sie uns, mein junger Freund, ich zweifle nicht, wir werden bald Alles wieder in Ordnung bringen.“ Ich zog mich in ein kleines Zimmer zurück, wo ſich kein Kamin befand, und wartete dort vor Kälte zitternd beinahe eine Stunde, während Doktor L. und der gute Prieſter ihre Berathung hielten. Nach Verlauf dieſer Zeit kam Doktor L. und rief mich zu⸗ rück. Als ich in Pater Bonnevilles Zimmer trat, faßte der Arzt meinen Arm, hielt mich in einiger Entfernung von ſich, ſah mir forſchend ins Geſicht und ſchien meine Züge zu prüfen. „Ja,“ ſagte er endlich, ſich zu meinem alten Freunde wendend;„ja er iſt ihm ſehr ähnlich— der arme Junge, welch ein Schickſal!— Nun, mein junger Freund,“ fuhr er, plötzlich den Gegenſtand veraͤndernd fort,„wir müſſen den guten Bürger Char⸗ lier ſobald wie möglich ins Bett bringen. Er wird bald wieder hergeſtellt ſein und hätte jetzt ſchon beſſer ſein können, wenn er früher zu mir geſchickt hätte. Aber wir müſſen verſuchen, die verlorne Zeit wieder einzubringen. Ich will ihn nicht in die Apotheke ſchicken, um Arzneien zu holen,“ ſagte er, indem er ſich wieder zu Pater Bonneville wandte,„denn wir — 127— können an jenen Orten niemals gewiß ſein, daß wir die rechten bekommen, denn neulich geſtand ein Mann, daß er in zwanzig Jahren keine Unze ächte Rhabarber verkauft habe. Ich habe noch zwei andere Beſuche abzuſtatten;z aber er kann in anderthalb Stunden in mein Haus kommen und dann will ich Etwas ſchicken, was Ihnen wohl thun wird. Vielleicht beſuche ich Sie dieſen Abend wieder.“ „Werde ich Mariette bei Ihnen finden?“ fragte ich, indem ich zu dem Geſichte des Arztes aufblickte. Der gute Mann ſchüttelte den Kopf und ſagte dann lächelnd zu Pater Bonneville: „Ich glaube, dieſe beiden Kinder ſind in einan⸗ der verliebt; aber die kleine Mariette iſt ſo verſchwie⸗ gen, daß ſie mir nicht einmal ſagen wollte, wer er iſt und wer Sie ſind. Für ihr Alter hat ſie bittere Lektionen erhalten. Vielleicht können Sie ſie zuwei⸗ len in meinem Hauſe ſehen, mein Sohn; aber Sie müſſen ihre Verſchwiegenheit nachahmen und keine Fragen thun oder ſie beantworten, wenn ſie Ihnen von Fremden vorgelegt werden.“ „O! Louis wird auch ſehr verſchwiegen ſein,“ ſagte Pater Bonneville;„denn wir haben Warnungen ge⸗ nug erhalten, ſeitdem wir in dieſem Hauſe geweſen, um nur einen Augenblick den Zaum von unſeren Zun⸗ gen zu nehmen. Leben Sie wohl, mein guter Freund, ich werde froh ſein, Sie dieſen Abend wiederzuſehen, — 128— wenn Sie wiederkommen können; aber ich denke nicht, daß es nöthig iſt, ſich meiner Geſundheit wegen ſo viele Mühe zu geben.“ „Wir wollen ſehen, wir wollen ſehen,“ verſetzte der Arzt, und ihm die Hand drückend, verließ er das Zimmer. Hierauf kleidete ſich der gute Vater mit meinem Beiſtande aus und ging zu Bette, was er ſchon drei oder vier Tage früher hätte thun ſollen. Zur beſtimm⸗ ten Stunde ging ich, um die verſprochenen Arzneien abzuholen; doch ſah ich Niemand, als eine alte Die⸗ nerin, die mir zwei an den Bürger Charlier über⸗ ſchriebene Flaſchen gab. Als ich zurückkehrte, begegnete mir eine wüthende Pöbelbande, die einen blutigen Kopf auf einer Stange trug, und vielleicht war ich in einiger Gefahr, ob⸗ gleich ich es für jetzt nicht bemerkte. Meine Kleidung, wenn gleich ſehr einfach, war zierlich und ganzz und als ich durch die Menge gehen wollte, wurde ich von einem grimmig ausſehenden Manne ergriffen, deſſen Kleidung ſehr zerlumpt war. Er nannte mich einen verdammten kleinen Ariſtokraten und ließ den Mann, der den Kopf auf der Lanze trug, den blutigen Zeu⸗ gen ihrer unmenſchlichen Thaten niederſenken, damit ich ihn küſſe. Sie brachten ihn bis zu meinem Kopfe herunter und drückten die dunklen, verzerrten Züge in — 129— mein Geſicht. Aber ich weigerte mich ſtandhaft, ihn zu küſſen, indem ich ſagte, ich ſei kein Ariſtokrat. „Wenn Ihr beweiſen könnt, daß ich ein Ariſto⸗ krat bin,“ rief ich,„ſo will ich ihn küſſen.“ „Was haſt Du denn da in der Hand?“ rief der Sansculotte, mir die Flaſchen aus den Händen reißend. „Nur Arzneien für einen kranken Mann,“ ver⸗ ſetzte ich. Er riß indeß das Papier ab, öffnete eine von den Flaſchen und ſetzte ſie an den Mund. Dann ſpukte er mit einem Fluche aus und rief: „Er iſt nur ein Apothekerburſche. Laßt ihn vor⸗ über— laßt ihn vorüber! Er wird ebenſo viele ver⸗ dammte Ariſtokraten mit ſeinem Teufelsgebräu tödten, als wir mit der Gutllotine. Laßt den Jungen vor⸗ über. Sein Handwerk ſollte unterſtützt werden.“ So redend ſchritt er weiter und ſeine heftigen und boshaften Begleiter folgten. Ich kann nicht ſa⸗ gen, daß ich Schrecken empfand. Alles war ſo raſch vorübergegangen, daß ich nicht Zeit hatte, unruhig zu werden; aber ich war verwirrt und verweilte einen Augenblick, um meine Gedanken wieder zu ſammeln, nachdem die Menge auf den nahen Platz des kleinen Chatelet ging. Ich ſtand noch da, als ich eine Stimme hörte, welche rief:„Louis— Louis!“ Ich ſah mich um, konnte aber Niemand ſehen, Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 9 — 130— und der einzige Ort, von wo die Stimme kommen konnte, war eine von den offenen Thüren, die zu je⸗ ner Zeit in Paris ſo gewöhnlich waren, und die zu einem dunklen Gange führte. „Louis, Lonis,“ ſagte die Stimme wieder, „kommen Sie hier herein, ich wünſche mit Ihnen zu reden.“ Es war gewiß nicht Mariettens Stimme, denn ihre lieblichen kindlichen Töne würde ich überall erkannt haben, und ich war bedenklich, ob ich hinein gehen ſollte oder nicht. Ich beſchloß indeß, mich nicht feig zu zeigen und trat in den Gang. Dann ſah ich un⸗ deullic eine hohe und wie es mir ſchien graziöſe Ge⸗ ſtalt vor mir hergehen, und ich folgte in ein kleines Zimmer im Hinterhauſe, in welches das Licht durch einen engen Hof hereinfiel. Dort wendete ſich die Fi⸗ gur zu mir, als ich eintrat, und ich erblickte die Fran von Salins. Das Zimmer ſtellte ein ſchmerzliches Bild der Armuth dar. Es konnte nicht über zehn Fuß im Quadrat ſein, und in dem einen Winkel, ohne Vor⸗ hänge oder Schutz vor dem Winde, befand ſich das Bett der Frau von Salins ſelber, und dicht darne⸗ ben ſtand das kleine Bett ihrer Tochter. Das letztere war indeß durch einen Shawl geſchützt, der auf zwei Stühlen hing, ſo daß nur einer im Zimmer leer war. Ein Tiſch, ein zerbrochener Spiegel, einige Taſſen 3 und Gläſer nebſt einem Kaffeetopfe, der am Feuer ſtand, ſchienen das ganze Hausgeräth des Zimmers zu bilden. Ich hatte ſehr wenig Zeit, mich umzuſe⸗ hen, denn Frau von Salins begann ſogleich nach dem Befinden des Pater Bonncville zu fragen. „Ich ſah Sie von dem Vorderfenſter aus,“ ſagte ſie, ſobald ich ihre erſten Fragen beantwortet hatte, „und fürchtete, jene Männer möchten Sie mißhandeln; denn ſie haben Tigerherzen und verſchonen Niemand.“ Eine plötzliche Furcht bemächtigte ſich meiner, Mariette möchte gerade jetzt aus dem Hauſe des gu⸗ ten Doktor L. kommen und den Schurken begegnen, welchen ich eben entflohen war. „Iſt Mariette auf dem Platze am Chatelet?“ fragte ich lebhaft.„Laſſen Sie mich gehen und nach ihr ſehen, damit ihr Nichts zu Leide geſchieht.“ „Nein, nein,“ verſetzte Frau von Salins.„Sie iſt hier bei der alten Dame im Vorderzimmer, die uns zuweilen geſtattet, bei ihr zu ſitzen, um uns von dem Aufenthalte in dieſem dunklen und troſtloſen Ge⸗ mache zu erholen. Sie ſind indeſſen ein guter und wackerer Knabe, Louis, und für jede freundliche und edle Handlung werden Sie gewiß Ihre Belohnung erhalten. Mariette iſt, Gott ſei Dank! ganz ſicher und ſie hat gelernt, wenn ſie eine Volksmenge ſieht, dieſelbe zu vermeiden. Aber ſagen Sie mir mehr von Pater Bon⸗ neville. Hält Doktor L. ſeinen Zuſtand für gefährlich?“ 9* Ich war nicht im Stande, ihr eine genügende Antwort zu ertheilen, denn ich wußte in der That die Anſicht des Arztes von dem Zuſtande meines gu⸗ ten Lehrers nicht. „Sagen Sie ihm, ich werde kommen und ihn beſuchen, wenn es insgeheim geſchehen könne,“ ſagte Frau von Salins;„aber ich bin unter ſtrenger Auf⸗ ſicht und alle meine Bewegungen werden beobachtet, bis eine neue Veränderung in dieſer ſtets wechſelnden Regierung vorgeht. Ich habe ihm Mehreres mitzu⸗ theilen und wünſche ſehr, ihn zu ſprechen.“ Sie ſprach in ängſtlichem und gedankenvollem Tone und ohne Zweifel wurde ihr Geiſt in dem Au⸗ genblick von manchen ſchmerzlichen und wichtigen Ge⸗ genſtänden beläſtigt. Meine Aufmerkſamkeit wurde hauptſächlich von den Unbequemlichkeiten ihrer Lage in Anſpruch genommen. „Ich fürchte, Sie ſind hier ſehr übel daran, Madame?“ „Uebel genug, mein lieber Sohn,“ verſetzte die Dame lächelnd.„Aber ich könnte noch übler daran ſein— ja ich bin es auch ſchon geweſen, wenn nicht körperlich, doch geiſtig. Aber ich will Sie jetzt nicht aufhalten. Sagen Sie Herrn von Bonneville, was ich geſagt, und fügen Sie hinzu, wenn er mir eine Antwort mitzutheilen habe, möge er es durch Doktor L. thun.“ — 133— Als ich den Gaſthof erreichte, war mein Erſtes, dem guten Pater Bonneville die ihm verſchriebene Arz⸗ nei zu geben und ihm dann meine Unterredung mit Frau von Salins mitzutheilen. Dies ſchien ihn ſehr zu intereſſiren und er wiederholte mehrmals: „Die arme Frau, die arme Frau! Ich hoffe, es wird ihr gelingen; aber ich kann ihr nicht helfen— ich kann Nichts für ſie thun. Ich weiß zu wenig, um ihr Rath zu ertheilen und habe keine Macht, ihr Beiſtand zu leiſten.“ Ich ſprach nicht weiter von dem Gegenſtande und that keine Fragen, ſondern ſaß eine lange Zeit an ſeinem Bette und las ihm aus lateiniſchen und fran⸗ zöſiſchen Büchern vor. Engliſch trieben wir um dieſe Zeit nicht und hatten auch keine engliſchen Bücher bei uns. Am Abend um neun Uhr kam Doktor L. wieder und fühlte mit heiterer Miene den Puls ſeines Pa⸗ tienten. „Die gute Wirthin,“ ſagte er,„hielt mich auf der Treppe an, um zu fragen, ob es wahrſcheinlich ſei, daß Sie ſterben würden, mein guter Freund, und den Vorſchlag zu machen, daß es in dem Falle beſ⸗ ſer ſein würde, Sie in das Hoſpital zu ſchicken. Ich habe Ihnen indeß dieſe Reiſe erſpart, indem ich ihr die Verſicherung gab, daß Sie in einer Woche oder zehn Tagen wohl genug ſein würden, in die Oper zu 3 1— 134— gehen, wenn man bis dahin den Sängern noch die Köpfe gelaſſen. Den armen Benoit hat man dieſen Morgen hingerichtet. Ich wagte die Andeutung, daß man einen ſolchen Tenor nicht ſo bald wieder erhal⸗ ten würde; und ſo mußte er ſingen, ehe ſie ihn in den Karren ſetzten, vermuthlich, um zu verſuchen, wie es ihnen gefallen würde. Ob er zu gut oder zu ſchlecht ſang, um ihnen zu gefallen, weiß ich nicht, aber ſie fuhren mit ihm zu dem Hinrichtungsplatze, während ich einen anderen Gefangenen beſuchte.“ Pater Bonneville empfand einen Schauder; aber die Krankheit iſt immer mehr oder weniger egoiſtiſch, und obgleich von Natur einer von den uneigennützig⸗ ſten Menſchen auf der Welt, kehrten doch ſeine Ge⸗ danken bald zu ihm ſelber zurück. „Ich hoffe, es wird nicht nöthig ſein, mich ins Hoſpital zu ſchicken,“ ſagte er.„Haben Sie die gute Frau völlig beruhigt?“ „Vollkommen,“ verſetzte Doktor L.„Ich ſagte ihr, ich wolle dafür einſtehen, daß Sie keine Veran⸗ laſſung zu einem Leichenzuge von ihrem Hauſe aus geben würden, was alle dieſe guten Gaſtwirthe fürchten. Ich ſagte ihr überdies wenn Ihre Tochter und Ihre Enkelin vom Lande kämen, würden Sie ſich ſehr bald wieder erholen.“ „Meine Tochter,“ ſagte Pater Bonneville mit mattem Lächeln.„Ich habe keine Tochter, mein Freund, ich beſitze nur geiſtliche Töchter.“ „Vielleicht können wir für jetzt eine für Sie fin⸗ den,“ ſagte Doktor L. lachend.„Aber ich will Ih⸗ nen morgen mehr davon ſagen; denn obgleich Sie natürlich befragt werden müſſen, ob Sie ein Kind haben wollen oder nicht, ſo muß doch in dieſem un⸗ gewöhnlichen Falle das Kind zuerſt gefragt werden, ob es auf die Welt kommen will. Kurz, ich habe einen Plan im Kopfe, mein guter Freund, aber er bedarf der Reife, und hier dreht ſich Alles um Ihre raſche Geneſung. So tragen Sie alſo Sorge für ſich ſel⸗ ber; verbannen Sie für jetzt die Sorge aus ihrem Geiſte, und Sie werden bald wieder wohl und ſtark ſein.“. Mit dieſen Worten verließ er ihn und auf zwei oder drei Tage geſchah kein Ereigniß von irgend einer Wichtigkeit, mit Ausnahme der allmähligen Herſtel⸗ lung des Pater Bonneville unter der freundlichen und ſorgfältigen Behandlung des guten Arztes. 2 Achtes Kapitel. Die Wechſel. . u der Zeit, von der ich rede, gingen in Paris jeden Tag Veränderungen vor. Freilich folgte ein Entſetzen dem andern und eine wilde Tyrannei machte nur einer anderen Platz, die noch wilder und barba⸗ riſcher war. Die Verurtheilung des Königs und ſein Tod, die bald nach einander folgten, beſchäftigten für jetzt alle Gedanken und erfüllten manche Bruſt, die früher das ſtärkſte und wildeſte Streben nach Freiheit empfunden, mit Trübſinn, Zweifel und Furcht. In dem Augenblicke aber, als der Kopf des guten Königs auf dem Schaffot fiel, begann der Todeskampf zwi⸗ ſchen der Bergpartei und der Gironde, und bei dem Streite der Parteien fanden viele Perſonen Gelegenheit, den Gefahren zu entgehen, die ſie früher umgeben hatten. — 137— Obgleich zu jener Zeit noch ein Knabe, war ich doch völlig bekannt mit der täglichen Geſchichte dieſer Ereigniſſe, denn ſie waren in Jedermanns Munde, und ich könnte dieſe Memoiren noch ſehr vergrößern durch die Schilderung der theils ſchrecklichen, theils lächerlichen Scenen, wovon ich Zeuge geweſen. Die ſchrecklichſte war der Tod des Königs, wobei ich, von der Menge eingeklemmt, ohne entfliehen zu können, ſelber zugegen war und nur wenige Schritte von der Todesmaſchine entfernt ſtand. Aber es iſt meine Ab⸗ ſicht, ſo leicht wie möglich über dieſe Jugenderinnerun⸗ gen hinwegzugehen, obgleich viele derſelben meinem Gedächtniſſe ſo tief eingeprägt ſind, daß ſie nie können verwiſcht werden. Nie, ſo lange ich lebe, werde ich das Geſicht eines großen hageren Mannes vergeſſen, der in dem Augenblick dicht neben mir ſtand, als der König zu dem Volke zu reden verſuchte und die Trom⸗ meln zu ſchlagen kommandirt wurden, um die Stimme des königlichen Märtyrers zu übertäuben. Wuth, Un⸗ wille und Schaam zeigten ſich in jeder Linie und ich hörte ihn zwiſchen den Zähnen murmeln:„Ol! wären nur hundert Männer in Paris, Frankreich und ſich ſelber treu!“ 8 Mein eigener Glaube iſt, daß, wenn in jenem Augenblick auch nur ſehr Wenige in Uebereinſtimmung gehandelt, ſie nicht nur das Vergießen des königlichen Bluts verhindern, ſondern der Revolution eine ganz — 138— verſchiedene Richtung hätten geben und das Leben von Tauſenden retten können. Wie dem auch ſei, ich ent⸗ fernte mich mit Entſetzen von der Seene und ſchloß mich den übrigen Theil des Tages mit Pater Bonne⸗ ville ein, der jetzt im Stande war, aufzuſtehen. Der Arzt beſuchte ihn zweimal während des Tages und einmal wurde ich auf eine kurze Zeit aus dem Zimmer ge⸗ ſchickt. Doktor L. ſprach mehrmals ſcherzend in mei⸗ ner Gegenwart von der Tochter und Enkelin des gu⸗ ten Prieſters, und da ich den Scherz nicht verſtand, glaubte ich, es ſei ſeine Art, ſich auf dieſe Weiſe zu unterhalten. Pater Bonneville ſchien ihm aber nachzugeben, antwortete ihm in derſelben Weiſe und fragte, wann er denke, daß ſeine Tochter ankommen würde. „Ich kann es in der That nicht ſagen,“ verſetzte der Arzt,„aber natürlich werden Sie einen Brief von ihr erhalten, ehe ſie kommt.“ Drei Tage ſpäter wurde ein Brief von der Poſt gebracht, und Pater Bonneville unterſuchte lächelnd das Siegel. Man hatte es nicht für unverletzlich ge⸗ halten, ſo viel war einleuchtend, denn entweder auf der Poſt oder im Hotel hatte man es für gut gehal⸗ ten, den Brief zu öffnen, ohne die anſtändige Vor⸗ ſicht anzuwenden, ihn wieder zu verſiegeln. Als ich den Inhalt des Briefes ſah, ſetzte mich derſelbe ſehr — 139— in Verlegenheit, als mir Pater Bonneville zuerſt das Papier in die Hand gab. Der Brief begann:„Mein lieber Vater,“ und fuhr in dem gewöhnlichen Tone fort, wie ein Kind an ſeinen Vater ſchreibt. Sie meldete ihm, wie be⸗ kümmert ſie ſei, zu hören, daß er in Paris krank liege, indem ſie die Furcht ausſprach, daß er ſich zu ſehr angeſtrengt, indem er Nachricht von ihrem theuren Gatten geſucht, und fügte hinzu, ſie würde bald ſel⸗ ber mit ihrem kleinen Mädchen nach Paris kommen, um ihre Nachforſchungen fortzuſetzen. Der Brief war mit damals gewöhnlichen republikaniſchen Ausdrücken angefüllt und endete mit der Erklärung, wenn der theure Gatte der Schreiberin todt ſei, ſo könne ſie ſich nur damit tröſten, daß er zur Vertheidigung ſeines Vaterlandes geſtorben ſei, obgleich ſie den Gedanken nicht ertragen könne, daß er an ſeinen Wunden leide, ohne daß liebevolle Hände um ihn beſchäftigt wären. Der Brief war an den Bürger Jerome Charlier ge⸗ richtet, von einer Provinzialſtadt in Poitou datirt und Clariſſe Bonfin unterzeichnet. Pater Bonneville lächelte, als er den Ausdruck meines Geſichts beim Leſen dieſes Briefes beachtete, und als ich damit zu Ende war, fragte er mich, ob ich wiſſe, wer dieſe Verwandten wären. Ich ver⸗ neinte es, und er antwortete mit dem Kopfe nickend: „Es ſind Perſonen, die du ſehr wohl kennſt; aber * — 140— Du mußt Dich erinnern, Louis, daß Du ſie nur als meine Tochter und Enkelin und als Deine Tante und Couſine kennen mußt. Nenne die Dame Tante Cla⸗ riſſe oder Tante Bonfin und das kleine Mädchen Ma⸗ riette Bonfin.“ 4 Die letzten Worte warfen einen Lichtſtrahl auf die ganze Sache, und ich war entzückt. Ich glaube, Nichts lieben die Kinder mehr, als das Geheimniß, beſonders Knaben von dreizehn oder vierzehn Jahren; aber ich hatte außerdem noch die Genugthuung, eine Rolle in dem Drama zu ſpielen— eine Aufgabe, die für ein in Frankreich erzogenes Kind beſtändig reizend iſt. Ich ſchmeichle mir, meine Rolle gut geſpielt zu haben, und da Pater Bonneville wußte, daß der Brief geleſen worden, ehe er an ihn gelangt ſei, ſo ſchickte er mich zu unſerer guten Wirthin, um wegen der Zimmer für unſere erwarteten Verwandten zu reden, und ich beſchrieb der Dame die Tante Bonfin und die Couſine Mariette ſo genau, daß ſie meine perſön⸗ liche Bekanntſchaft mit den angeblichen Verwandten nicht bezweifeln konnte. Sie hielt es indeſſen für das Beſte, über die Zimmer mit dem Bürger Charlier ſelber zu verhandeln, und beſuchte ihn deshalb in ſei⸗ nem Zimmer. Der alte Herr war ſehr ſchweigſam und ſchien es ſeinem Charakter angemeſſen zu halten, den Preis ſo weit wie möglich he unterzubringen. S Seine Tochter ſei nicht reich, ſagte er, und ſie habe viel zu thun und zu reiſen, um zu erfahren, was aus ihrem Manne geworden ſei, den man in Jemappes verwundet, wenn nicht getödtet habe, und ſie könne ihr Geld nicht in Gaſthäuſern wegwerfen. Es wurde lange über dieſe Gegenſtände hin und her geſprochen, und unſere Wirthin lachte und ſcherzte viel und ſchien ſo zufrieden und ruhig, als ob es keine Guillotine in der Welt gebe, obgleich ihre Mit⸗ tagstafel zuweilen darunter leiden mußte, daß hie und da einer ihrer Gäſte verſchwand. Das Ganze wurde indeſſen bald angeordnet, und zwei Tage ſpäter ſagte man mir, daß Madame Bonfin mit ihrer Tochter in einer kleinen Poſtchaiſe angekommen ſei. Der gute Prieſter war noch nicht ſo weit herge⸗ ſtellt, um ſein Zimmer verlaſſen zu können; aber ich lief die dunkle Treppe hinunter, auf den Hofplatz, und wie ich erwartet hatle, ſah ich Frau von Salins und Mariette eben aus einem ſchmutzigen kleinen Wa⸗ gen ſteigen, den man ein Cabriolet nannte. Frau von Salins umarmte mich freundlich und ich vergaß nicht, ſie Tante Clariſſe zu nennen, während Mariette in meine Arme ſprang und mich mit ihren Liebkoſun⸗ gen faſt erſtickte. Wenn die Leute noch einigen Zwei⸗ fel gehegt hatten, ſo wurde derſelbe durch die Zärt⸗ lichkeit des Wiederſehens beſeitigt, und Frau von Sa⸗ lins und ihre Tochter folgten mir die Treppe hinauf — 14242— zu dem Zimmer des guten Pater Bonneville. Einer von den Kellnern begleitete uns, aber dort ging das Wiederſehen eben ſo natürlich wie unten vor ſich, „meine Tochter“ und„mein Vater“ wurden beſtändig und ohne Bedenken zwiſchen der hochgebornen Dame und dem Prieſter gewechſelt. Darauf wurden der Frau von Salins ihre Zim⸗ mer angewieſen und ihr Gepäck heraufgebracht, wobei ich bemerkte, daß Alles ſorgfältig mit den Anfangs⸗ buchſtaben C. B., was Clariſſe Bonfin bedeutete, bezeichnet war. Ol Jedermann in Paris wurde ein Schauſpieler! Einige waren es von Natur; denn faſt die Hälfte der Welt ſpielt beſtändig eine Rolle. Andere thaten es, weil es der Ton jener Zeit war, und dieſe bildeten die heroiſche oder tragiſche Truppe, die Alles mit rö⸗ miſcher Würde und Feſtigkeit that und die Poſſe der Repräſentation auf den letzten Akt der Tragödie über⸗ trug. Andere wurden durch die Gefahren und die Nothwendigkeit ihrer Lage dahin getrieben, Rollen zu ſpielen, die ihnen nicht ſelber angehörten, und unter dieſen befand ſich Frau von Salins, die, ländlich ge⸗ kleidet, häufig ausging, ſich vor Polizei⸗ und Mili⸗ tärbehörden ſtellte, ſich nach ihrem Manne Jean Bon⸗ fin erkundigte und über einen Mann Auskunft ver⸗ langte, der nie gelebt hatte. Eine Veränderung in der Leitung der bürgerlichen Angelegenheiten und die — 143— Enthauptung von zwei oder drei Herren, die ſie ſorg⸗ fältig überwacht hatten, als ſie am Platze des kleinen Chatelet gewohnt, hatte ſie verhältnißmäßig frei ge⸗ macht und ſie wendete ihre Ueberredung und ihre Frei⸗ heit ſo gut an, daß ſie Empfehlungsbriefe an die Aerzte der Armeen der Generäle Dumouriez und Kel⸗ lermann nebſt einem genügenden Paß für ſich und ih⸗ rem Vater nebſt zwei Kindern erhielt. Unter welchem Vorwande ſie ihre Reiſegeſellſchaft ſo groß machte, weiß ich nicht; aber es war gewiß, daß ſie ihren Zweck erreichte. Sie blieb auch mehrmals Abends aus und ich bemerkte, daß Mariette jetzt täglich in das Haus des Doktor L. geſchickt wurde, um die Arzneien zu holen, deren Pater Bonneville noch be⸗ durfte— welche Aufgabe ich früher erfüllt hatte. Da die Entfernung beträchtlich und der Weg ein wenig verwickelt war, ſo wurde mir geſtattet, meine kleine Gefährtin bis zu der Straße zu begleiten, die zu dem Platze des Chatelet führte, aber weiter durfte ich nicht gehen und mußte dort ihre Rückkehr erwar⸗ ten. Ich hatte jetzt gelernt, keine Fragen zu thun, doch konnte ich nicht umhin zu denken, daß Mariette oft ſehr lange ausblieb. Ich weiß nicht, daß ich von beſonders beobach⸗ tender Anlage oder ſehr zum Tadel geneigt war; aber Eins bemerkte ich, was mich ſehr überraſchte, und ich erinnere mich ſehr wohl, daß es mir unangenehme A — 444— Gefühle verurſachte. Bei meiner erſten Unterredung mit Frau von Salins ſchien ſie von Kummer und Schrecken überwältigt, ihre Kleider waren mit dem Blute ihres Gatten befleckt und ihr Geſicht zeigte einen wilden, faſt wahnſinnigen Ausdruck, den ich nie ver⸗ geſſen werde. Jetzt aber hatte ſie nicht nur ihre Faſſung völlig wieder erlangt, ſondern ſie war gewöhnlich ruhig und zuweilen ſogar heiter. Wolken der ängſtlichen Be⸗ ſorgniß zogen freilich von Zeit zu Zeit über ihre ſchöne Stirn dahin und ſie verſank in tiefes Nachdenken; aber es ſchien mir oft ſehr ſeltſam, daß ſie ihren Ge⸗ mahl, um den ſie ſo aufrichtig zu trauern ſchien, ſo bald und vollſtändig ſollte vergeſſen haben. In der That giebt es Nichts, was das lebhafte Herz der Ju⸗ gend ſo erſchreckt und empört, als zu bemerken, wie vorübergehend jene Gefühle, woraus das Leben beſteht, in dem Buſen älterer und welterfahrenerer Perſonen iſt. Ich liebte Mariette indeſſen und Mariette liebte mich, und das war ein Gefühl, welches, wie ich mir da⸗ mals einbildete, niemals wechſeln oder abnehmen konnte. Endlich eines Tages erklärte ſich Pater Bonne⸗ ville ſtark genug, um auszugehen, und da der poli⸗ tiſche Sturm ſich auf eine Zeitlang gelegt hatte, ſo gingen wir Beide, um einige intereſſante Orte zu be⸗ ſuchen. Ich erinnere mich noch, daß ein ältlicher Herr zu uns kam und ſich in mildem und freundlichem Tone in eine Unterredung mit uns einließ. Der gute Pater war indeſſen ſehr auf ſeiner Hut und ſagte als Antwort auf einige Fragen, er ſei ſeit ſeiner Ankunſt in Paris ſehr krank geweſen und habe keine Gelegen⸗ heit gehabt, die Sehenswürdigkeiten der Hauptſtadt in Augenſchein zu nehmen, bis die Zeit ſeines Aufent⸗ haltes beinahe vorüber ſei. Ich weiß nicht, ob uns der alte Herr für ſehr einfältig hielt oder nicht, aber er verließ uns bald darauf, und wir erfuhren ſpäter, daß er einer von jenen öffentlichen Vigilanten ſei, die zu der Zeit ſo viele Köpfe unter das Beil der Guillo⸗ tine brachten. Er erreichte ein hohes Alter, und ich ſah ihn ſpäter in London eifrig Karten ſpielend und mit einer ſchönen mit Diamanten beſetzten Schnupf⸗ tabaksdoſe verſehen. Dieſer kleine Vorfall, den ich nur als eine charakteriſtiſche Erſcheinung jener Zeit erwähnt habe, hatte, ſo viel ich weiß, keinen Einfluß auf unſer Schickſal. Drei Tage ſpäter wurden die beiden Poſt⸗ chaiſen in Ordnung gebracht, Pferde aus dem Poſt⸗ hauſe herbeigeholt, und zu meiner unendlichen Freude rollten wir alle aus jener grimmigen Stadt Paris, die in meinem Geiſte immer mit den Erinnerungen an Blut und Verbrechen vereint bleiben wird. Es war einer jener ſchönen Februartage, die zuweilen kommen, um uns aufzufordern, uns auf den Sommer vorzu⸗ bereiten, längſt ehe der Sommer nahe iſt, und die Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 10 — 146— ich in Frankreich für ſchöner und auffallender halte, als in irgend einem anderen Lande, welches ich kenne. Der Sonnenſchein ruhte mild auf der Oberfläche des Landes, und auf dem Gipfel eines hohen, kahlen Baumes in der Nähe des Poſthauſes, wo wir zuerſt anhielten, um unſere Pferde zu wechſeln, ſang eine Droſſel ihr Abendlied und erfüllte die Luft mit ihrer Melodie. Ich ſtieg aus unſerem kleinen Wagen, um Mariettens Aufmerkſamkeit auf den Vogel zu lenken, als ich aber in ihr Cabriolet blickte, ſah ich zu mei⸗ ner Ueberraſchung, daß Frau von Salins bitterlich weinte. Der Poſtmeiſter näherte ſich und ſah gleich⸗ falls hinein, aber ſie beſaß große Geiſtesgegenwart, winkte dem Manne näher zu kommen und fragte ihn nach den Bewegungen der Armeen und ob er ihr keine Auskunft über den Bürger Bonfin geben könne, der eine Kompagnie Freiwilliger unter Davouſt komman⸗ dire. Der Mann, der großen Antheil an ihr zu nehmen ſchien, erwiderte, er könne es nicht, und fragte, ob ſie irgend eine Beſorgniß ſeinetwegen hege. Sie antwortete, das Letzte, was ſie von ihrem Gat⸗ ten gehört habe, ſei, daß er ſehr ſchwer verwundet worden, daß ſein Leben aber bei ſorgfältiger Pflege noch erhalten werden könne. Der gute Poſtmeiſter war kein Pariſer und auch kein Atheiſt, und ſo bat er Gott, ihre Bemühungen zu ſegnen, und dann rollten wir auf unſerem Wege weiter. — 147— Wir fuhren zwei oder drei Stunden, nachdem es dunkel geworden, weiter und kehrten in einiger Ent⸗ fernung von Clermont in einem Poſthauſe ein. Dort aber machte unſer Wirth, der Poſtmeiſter, einen Vor⸗ ſchlag zu einer Veränderung in unſeren Anordnungen, der mir ſehr angenehm war. Er lachte darüber, daß vier Perſonen, die einer einzigen Familie angehörten, in zwei Poſtchaiſen reiſten, und verſicherte uns, es würde viel bequemer für uns ſein, in einem größeren Wagen zu reiſen. Er habe gerade einen zu verkaufen, der vollkommen für uns paſſen würde, und wir würden viel Geld erſparen, da wir nicht ſo viele Poſtpferde mehr bedürften. Seine Gründe ſchienen dem Pater Bonneville und der Frau von Salins ſehr einleuch⸗ tend, obgleich er außer unſeren beiden Wagen noch zweihundert Franken für den Wagen forderte, den er uns liefern wollte, der an ſich keine zweihundert Fran⸗ ken werth war. Ihre Zuſtimmung überraſchte mich, denn ich glaubte nicht, daß ſie viel Geld übrig hät⸗ ten; aber ich denke, ſie fürchteten, ſich ſeinem Vor⸗ ſchlage zu widerſetzen, und wenn er genau mit ihrer Lage bekannt geweſen wäre, möchte er ihnen einen noch ſchwereren Tribut auferlegt haben. Indeſſen ſchienen unſere Päſſe in ſo guter Ordnung zu ſein, daß nirgends Verdacht auf uns fiel. Vielleicht waren wir in der That zu unbedeutend, um große Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen, und nach Verlauf von vier Tage⸗ 4 10⸗ — 148— reiſen näherten wir uns raſch den Grenzen Frankreichs, ein wenig zur Rechten von unſerer damals ſiegreichen Armee. Dies war vielleicht der gefährlichſte Punkt von unſerer ganzen Expedition, und an einer Stelle, wo wir in zwei Stunden ſicher über die Grenze Frank⸗ reichs hätten gelangen können, blieben wir die Nacht, um ſorgfältig den nächſten Schritt zu überlegen, um nicht die Frucht aller unſerer Anſtrengungen in dem⸗ ſelben Augenblicke zu verlieren, wo wir unſerem Ziele ſo nahe waren. Zehntes Kapitel. Knabenliſt. Es wurde beſchloſſen, gerade auf die Grenze zuzu⸗ fahren, welche die franzöſiſche Armee bereits beträchtlich hinter ſich gelaſſen hatte. Das ganze Land faſt bis zu den Ufern des Rheins war eigentlich in den Hän⸗ den Frankreichs, aber man hatte noch kein allgemeines Verwaltungsſyſtem eingeführt. Das Volk war monar⸗ chiſch, dem franzöſiſchen Syſtem feindlich geſinnt und bereit genug, Flüchtlingen, die den verhaßten und ver⸗ achteten Nachbaren entflohen, jeden Beiſtand zu leiſten. Unſere Entſcheidung wurde nach der Berechnung der Zufälligkeiten gefaßt. Ich war im Zimmer, als dieſer Gegenſtand zwiſchen Pater Bonneville und Frau von Salins verhandelt wurde. Mariette lag ſchlafend in einem Winkel des Bettes ihrer Mutter und ſah — 150— wie ein kleiner Cherub aus; aber ich, ängſtlicher viel⸗ leicht und mehr bekannt mit den Gefahren unſerer Lage, als irgend ein Anderer meines Alters es hätte ſein können, der nicht die Scenen erlebt hatte, die in den letzten zwei Monaten an mir vorübergegangen, war noch auf und horchte lebhaft auf jedes Wort. Es wurde am nächſten Morgen der Befehl ertheilt, die Poſtpferde vorzulegen und, wie es nöthig war, die Reiſeroute angegeben. Der Poſtmeiſter zeigte einige Bedenklichkeit und ſagte, der vorgeſchlagene Weg führe gerade zu dem Hauptquartiere der Armee, und wir wären keine Mi⸗ litairperſonen. „Aber ich bin die Frau eines Soldaten,“ ver⸗ ſetzte Frau von Salins ſogleich und in würdevollem Tone,„und dieſe Briefe ſind an die Generalchirurgen jener Armee, an welche ich ſie abliefern muß.“ Während ſie ſprach, legte ſie ihre Hand auf das Packet Briefe, welches ſie bei ſich hatte, und der Poſt⸗ meiſter entgegnete in rückſichtsvollerem Tone: „Sehr gut, Bürgerin, ich denke, es iſt Alles richtig, und ich kann ſie bis an die Grenze ſchicken, ob Sie aber darüber hinaus Pferde bekommen werden, kann ich nicht ſagen. Weiter als bis zur Grenze bin ich nicht verantwortlich!“ Am nächſten Morgen wurden die Pferde zur be⸗ ſtimmten Stunde an den Wagen gelegt. Es waren ihrer drei— wir hatten früher vier gehabt— und ſie gingen, wie es damals in Frankreich gebräuchlich, neben einander. Anſtatt ſeine großen Stiefel anzu⸗ ziehen, wie ich es früher geſehen, ſtieg der Poſtillon auf den Vorderſitz des Wagens, nahm die Zügel in die Hand, klatſchte mit ſeiner langen Peitſche und machte ſich auf den Weg zur Grenze. Er war einer von jenen trotzigen, ſchweigſamen Perſonen jener eigen⸗ thümlichen Menſchenrace, die man in der Nähe von Lüttich findet und Wallonen nennt; und ich, der ich mit meiner Schulter dicht an der ſeinigen ſaß, ob⸗ gleich ich ihm den Rücken wendete, denn der Wagen war nach vorne offen, verſuchte ich ihn vergebens zum Reden zu bringen, indem ich ihn häufig anredete, ohne aber eine Antwort zu erhalten. Anfangs glaubte ich, er ſpreche nicht franzöſiſch und gab das Unternehmen auf. Bald aber fand ich, daß er gut genug franzöſiſch ſpreche, wenn er nur wolle. Wir fuhren etwa drei Stunden, ohne einem menſchlichen Weſen zu begegnen und viel kultivirte Felder zu ſehen; denn wie es in Grenzdiſtrikten der Fall iſt, war das Land faſt gar nicht bebaut, da Niemand ſich die Mühe geben wollte zu ſäen, wäh⸗ rend er nicht gewiß ſein konnte zu ernten. Endlich kamen wir zu einem rohen ſteinernen Pfeiler auf einer ſo öden und verlaſſenen Stelle, wie — 152— ich ſie nur je geſehen zu haben mich erinnere. Der Boden war erhöht und ſenkte ſich ſowohl vor als hin⸗ ter uns ab. Ein verlaſſener Sumpf, der wenigſtens eine Stunde lang war, breitete ſich nach allen Seiten um uns her aus, und der einzige Gegenſtand, der auf menſchliche Wohnungen deutete, war der Umriß eines Dorfes mit einigen Bäumen, welches man in der Entfernung von etwa zwei Stunden auf der Ebene vor uns liegen ſah. Als wir den erwähnten Obelisk erreichten, zog der Poſtillon die Zügel an und die Pferde ſtanden ſtill, um zu verſchnaufen, wie ich mir einbildete, nachdem ſie den Wagen den Hügel hinauf⸗ gezogen hatten; aber im nächſten Augenblick ſtieg der Mann ſelber von dem Vorderſitze herunter, näherte ſich der Seite, wo Pater Bonneville ſaß und forderte ſein Trinkgeld. 3 „Ich will es Euch geben, wenn wir das nächſte Poſthaus erreichen,“ ſagte Pater Bonneville, „Dies iſt das einzige Poſthaus, zu dem ich Sie fahren werde,“ verſetzte der Mann trotzig, aber in ſehr gutem Franzöſiſch;„ich bin nicht verbunden, einen Zoll über dieſe Linie zu gehen.“ Der gute Prieſter machte ihm milde Vorſtellun⸗ gen, aber der Poſtillon antwortete mit großer Unver⸗ ſchämtheit und drohte, die Pferde auszuſpannen und uns dort zurückzulaſſen. Pater Bonneville antwortete ohne die geringſte Hitze, er müſſe es thun, wenn es — ihm ſo gefalle, wir wären ſeiner Willkühr unterwor⸗ fen, aber er wäre verbunden, uns zu dem nächſten Poſthauſe zu bringen. Als er ſah, daß dieſe Drohung keine Wirkung auf den ruhigen und ſanften Geiſt des Greiſes her⸗ vorbrachte, verſuchte der Poſtillon ein anderes Mittel und brummte, er wiſſe ſehr wohl, daß wir Ariſtokra⸗ ten wären, die aus dem Lande zu entfliehen ſuchten, und daher ſollte er als ein guter Bürger ſeine Pferde imwenden, uns wieder zurückfahren und uns bei der Obrigkeit anzeigen. 8 Ich hatte ängſtlich und mit klopfendem Herzen auf die Unterredung gehorcht, empfand Unwillen über die Aufführung des Menſchen und Furcht, aufgehalten zu werden. Endlich fiel mir ein plötzlicher Gedanke ein— es war mehr ein Impuls— ein plötzlicher Entſchluß ohne Nachdenken, der mich veranlaßte, mit der Schnelligkeit eines Affen über die Lehne meines Sitzes zu klettern und die Zügel und die Peitſche zu ergreifen, die der Poſtillon auf das Fußbret nieder⸗ gelegt hatte. Ich beſchloß, auf alle Fälle außerhalb Frankreich ſein zu wollen, wer auch zurückbleiben möchte; und ich ſchlug die Pferde in die Seiten, ohne zu warten, meine Abſicht mitzutheilen oder um Er⸗ laubniß zu fragen. Ich hatte zuweilen einen mit Mehl beladenen Karren von der Mühle am Ufer des Fluſſes zu Pater Bonnevilles Hauſe hinauf und wieder — 154— zurückgefahren. Ich hegte nicht die geringſte Furcht, und obgleich Pater Bonneville:„Halt! Halt!“ rief, fuhr ich doch immer weiter. Frau von Salins ſtieß einen furchtſamen Schrei der Ueberraſchung und des Schreckens aus; aber ich fuhr immer weiter. Der Poſtillon lief rufend und fluchend dem Wagen nach und verſuchte die Zügel zu erhaſchen; aber ich verſetzte ihm einen heftigen Schlag mit der Peitſche über das Geſicht und fuhr weiter. Ich weiß nicht, was ſich meiner bemächtigte, abe es ſchien, als wäre ich plötzlich in Freiheit geſetz worden— befreit von den drückenden Feſſeln der ewi⸗ gen Furcht, des Vorbedachts und der Aengſtlichkeit. Die franzöſiſche Grenze war hinter mir, wo es, wie ich glaubte, keine Guillotine, keine Spione, keine Vi⸗ gilanten— keine Sansculottes mit blutigen Köpfen auf Lanzen gab. Ich war frei zu handeln und zu denken, zu reden, zu kommen und zu gehen, wie ich wollte. Der kalte und ſchwere Zauber des Schreckens, der auf mir gelaſtet, war gebrochen, ſobald ich die Grenzlinie überſchritten hatte, und die erſte Anwen⸗ dung, die ich von meiner Entzauberung machte, war, die Pferde jenen Hügel wie ein Wahnſinniger hinun⸗ terzutreihen. Pater Bonneville hielt ſich an der Seite des Wagens feſt. Frau von Salins nahm Mariette in ihre Arme; aber ich fuhr noch immer ohne Furcht oder Bedenken weiter. Nicht als wäre — 155— ich achtlos geweſen für die Befehle meines guten Leh⸗ rers oder unempfindlich für die Unruhe der Frau von Salins; aber es hatte ſich meiner ein Geiſt bemäch⸗ tigt, dem ich nicht widerſtehen konnte. Ich hegte keine Furcht, und darum ſah ich nicht ein, warum ſie welche hegen ſollten. Das Mittel, welches ich an⸗ wendete, ſchien meiner jungen Einſicht nach die ein⸗ zige Wahrſcheinlichkeit der Rettung zu gewähren, und daher dachte ich, ſie ſollten ſich ebenſo ſehr darüber freuen, wie ich. Und weiter ging es, ſo daß der tro⸗ ckene Märzſtaub ſich in Wolken um uns erhob, und wir ließen den unglücklichen Poſtillon fluchend und ſchreiend weit hinter uns. 3 Zum Glück für mich waren die Pferde fügſam und ſeit langer Zeit gewohnt, den Weg zwiſchen den beiden Poſthäuſern zurückzulegen. Wenn ſie einen ei⸗ genen Willen gehabt hätten und dieſer Wille dem meinigen entgegen geweſen wäre, ſo möchten wohl die meiſten von uns die Köpfe und Beine zerbrochen ha⸗ ben; aber ſie ſahen meinen Zweck ein, und obgleich nicht an die Hand gewöhnt, die ſie lenkte, fügten ſie ſich doch bereitwillig meiner Leitung, und das war ein Glück, denn etwa halbwegs den Hügel hinunter lag mitten auf dem Wege ein ungeheurer Stein, der uns unfehlbar in das Thal hinunter geſtürzt hätte, wenn eins von den Rädern damit in Berührung ge⸗ kommen wäre. Das dritte Pferd ſetzte mich ein we⸗ — 156— nig in Verlegenheit aber endlich kamen wir doch ohne Unfall am Fuße des Hügels an. „Halte ſie an, halte ſie an, Louis,“ rief Pa⸗ ter Bonneville, als in der That alle Gefahr vor⸗ über war. „Ich kann es jetzt nicht, Vater,“ verſetzte ich, ein wenig an den Zügeln ziehend,„aber ſie werden im Augenblick von ſelber langſamer gehen.“ Noch beinahe eine Stunde weit fuhren wir in vollem Galopp. Dann gingen die guten Thiere lang⸗ ſamer weiter, mit Ausnahme des dritten Pferdes, welches den Kopf ſchüttelte und an dem Zügel zerrte, wenn ich es lenken wollte; endlich aber fügte es ſich dem Beiſpiele und trabte ruhig mit den andern bei⸗ den fort. Als wir eine Strecke weiter gekommen waren, ſah ich mich freudig um und ſagte: „Wir haben jenen Schurken weit zurückgelaſſen.“ .„Louis, Louis, Du hätteſt dies nicht thun ſol⸗ len!“ rief Pater Bonneville den Kopf ſchüttelnd. Aber Frau von Salins faßte ſeinen Arm und ſagte: „Er hat uns gerettet, Vater. Stellen Sie einer ſolchen Entſchiedenheit und Geiſtesgegenwart ja Nichts in den Weg. Bedenken Sie, er ſoll ein Mann wer⸗ den und ſolche Eigenſchaften ſind ihm nöthig.“ Ich war ſehr ſtolz auf ihr Lob, brachte die uU n —— 2X — 157— Pferde bald zu einem leichten und gewöhnlichen Schritte und fuhr geradezu in das Dorf, welches wir von oben geſehen, und wo ſich, wie ich erwartete, das Poſthaus befand. Die Pferde hielten von ſelber vor der Thür an, und bald waren wir von zwei oder drei Leuten um⸗ geben. Vermöge Pater Bonneville's Sprachkenntniß wurden die Leute, welche gut und freundlich geſinnt zu ſein ſchienen, bald, ſoweit es nöthig war, mit unſerer Geſchichte bekannt gemacht. Sie ſchienen mit Wärme unſere Partei zu nehmen; aber der Poſtmei⸗ er— oder vielmehr der Sohn der Poſtmeiſterin— der ſich ein wenig vor der funfzehn bis ſechzehn Stun⸗ den entfernten franzöſiſchen Armee fürchtete, ertheilte uns den Rath, unverzüglich weiter zu reiſen, ſonſt möchte unſer franzöſiſcher Poſtillon uns nachkommen und die Behörden dadurch in Verlegenheit ſetzen, daß er unſere Verhaftung verlange. Der Rath war uns allen ſehr angenehm; die franzöſiſchen Pferde wurden ausgeſpannt und in we⸗ nigen Minuten vier friſche Pferde, die freilich ein we⸗ nig fett und langſam waren, vor den Wagen gelegt. Pater Bonneville deponirte bei dem Poſtmeiſter ge⸗ wiſſenhaft das Trinkgeld für den zurückgelaſſenen Po⸗ ſtillon und fügte noch einige Franken für den weiten Weg hinzu, den er hatte zurücklegen müſſen. 1 Es lag jetzt wenig daran, ob wir ſchnell oder langſam reiſten, denn wir waren in einem gaſtlichen Lande und unter freundlichen Leuten, und ehe die Sonne unterging, waren wir viele Meilen über die Verfolgung hinaus. Elftes Kapitel. Ein jugendlicher Traum. Das Gedächtniß iſt gewiß eine ſeltſame Anlage oder Eigenſchaft des Geiſtes— oder wie es ſonſt mit Recht genannt werden darf, denn ich bin kein Philo⸗ ſoph und wenig bekannt mit den Ausdrücken der Me⸗ taphyſik. Es ſcheint oft eine launenhafte Eigenſchaft, die ihre eigenen Gegenſtände wählt, woran ſie ſich er⸗ götzt, indem ſie andere ausſchließt. Aber ich bin nicht ganz gewiß, daß dieſe Beſchuldigung gerechtfertigt iſt. Ich bin gewiß, wenn ich mich der Vergangenheit erinnere, ſo wird das Gedächtniß bei mir— was wohl auch bei Anderen der Fall iſt— oft widerſetz⸗ lich und erinnert mich ohne ſcheinbare Urſache an alle einzelnen Umſtände gewiſſer Secenen, während es an⸗ dere, dicht darneben liegende Ereigniſſe des Lebens übergeht. Auch iſt dies nicht immer dem beſonderen — 160— 4 Intereſſe der Seenen zuzuſchreiben, die ſie uns vor Augen ſtellt; denn einige von ihnen ſind völlig un— wichtig, unbedeutend und ſelbſt lächerlich, während Gegenſtände, die unſer ganzes Geſchick berühren, ſich nur undeutlich darſtellen, wenn ſie auch nicht ganz vergeſſen werden. Das Gedächtniß gleicht einer Schild⸗ wache, die Niemand zu dem Schatze, den ſie bewacht, ohne die Unterſchrift läßt, und wäre es auch der Be⸗ ſitzer des Schatzes ſelber. Die Gegenſtände und Ereigniſſe, deren wir uns am beſten erinnern, ſind in der That die, deren Un⸗ terſchrift wir auswendig wiſſen, und in dem Augen⸗ blick, wenn irgend ein zufälliger Umſtand uns das ſcheinbar vergeſſene Paßwort liefert, wird die Thür geöffnet und wir ſehen ſie wieder, ein wenig beſtaubt vielleicht, aber dennoch klar und deutlich. Handlun⸗ gen ſterben nie. Sie ſind wenigſtens unſterblich, und ich denke nicht, daß ſie je für das Gedächtniß ſterben. Sie ſchlummern im Innern, und man bedarf nur des Schlüſſels, um ſie zu wecken. Die Zeit wird kommen, wo alle erwachen, wo jede Thür des Her⸗ zens geöffnet und die Geiſter der Handlungen und Gedanken des Menſchen für ſeine eigenen Augen we⸗ nigſtens offenbar ſein werden— vielleicht, um ſeine glücklichen Gefährten in der ewigen Freude— viel⸗ leicht ſeine Auäler in der Hölle zu ſein, die er für ſich ſelber gegraben. * — 161— Oſt wenn ich zurückblicke in mein früheres Leben, ſehe ich eine Wolke über einem beſonderen Punkte in der Ausſicht ſchweben, die zuweilen auf Tage oder Jahre Alles verbirgt, was jenſeits derſelben liegt. Dann wird die Wolke plötzlich verbannt von einem zufälligen Worte, einem beſonderen Dufte, von dem Gezwitſcher eines Vogels, von den Tönen einer alten Melodie zuweilen löſt ſie ſich in Regentropfen auf — zuweilen wird ſie vom Sonnenſchein vertheilt und Alles, was darin verborgen iſt, zeigt ſich dem Blicke in Entſetzen oder in Lieblichkeit. Selbſt während ich dieſe wenigen Seiten geſchrieben, ſind mir auf dieſe Weiſe viele Gegenſtände in das Gedächtniß zurückge⸗ kehrt, durch die Verbindung eines Ereigniſſes mit dem andern, welches ich gänzlich vergeſſen zu haben ſchien, als ich mich zuerſt niederſetzte, um zu ſchreiben. Wel⸗ ches iſt nun das Erſte, an was ich mich erinnere? Die übrige Reiſe, nachdem wir Jülich verlaſſen, iſt mir gänzlich entſchwunden. Ich finde mich, wenn ich zurückblicke, in einem hübſchen kleinen Hauſe mit einem Garten und einem kleinen Springbrunnen im Garten auf ſandigem Bo⸗ den und mit einem Tannenwalde, der ſich nach We⸗ ſten hin erſtreckt. Nach Oſten hin liegt eine Stadt von nicht großem Umfange, aber dennoch eine Haupt⸗ ſtadt mit einer hohen Hügelreihe in wellenförmiger Die Wechſel des Lebens 1. Bd. 11 — 162— Linie hinter derſelben und hie und da eine alte Burg⸗ ruine auf den niedrigeren Punkten. Vor der Stadt liegt eine weite Ebene, reich und lächelnd, mit Kornfeldern und Weingärten, hie und da ein intereſſant ausſehender Kirchthurm, der ein Dorf oder eine kleine Stadt bezeichnet, und jenſeits der Ebene in einer langen gewundenen ſilbernen Linie fließt ein breiter Fluß— der mächtige Rhein. Ol welche liebliche, ſonnige Stellen erheitern den raſchen Lauf des ſtürmiſchen Lebensſtromes! Selbſt in meiner eigenen Erinnerung giebt es mehrere von den grünen Stellen— von dieſen Oaſen in der Mitte der Wüſte. Aber bei wenigen kann mein Herz mit ſolchem Vergnügen verweilen, wie bei den Monaten, die wir in jenem kleinen Häuschen zubrachten. Es gab keine Ereigniſſe, keine Aufregung für mich und Mariette wenigſtens. Ich erinnere mich, wie ich mit ihr in jenem ſonnigen Garten umhergewandert, mit ihr geſpielt in dem kühlen, luftigen Gartenhauſe, welches an der einen Ecke ſtand, ihr Blumen pflücken half, um ſie auf den Tiſch ihrer Mutter zu ſtellen, wie ich mit ihr durch den Wald geſtreift, unter dem grünen Schatten der Bäume und wie die Tannenna⸗ deln unter unſeren jungen Füßen kniſterten. Hie und da fanden wir einen Ort, wo ſich Eichen und Bu⸗ chen mit den Tannen vereinten und ein dichtes Unter⸗ holz unſern Pfad beſchränkte; aber als Entſchädigung — 163— fanden wir dort immer reiche Schätze von wilden Blu⸗ men, ſchöner in unſeren Augen, als die der Garten lieferte. Sehr oft auch ſaßen wir an den heiteren Maniabenden unter dem kleinen Portal des Hauſes— Mariette auf meinem Knie, ihre Arme um meinen Hals geſchlungen— und wenn der Himmel dunkel wurde und die Sterne zu ſchimmern begannen, da horchten wir auf die Töne der Nachtigall, die ihren Gefang fortſetzte, nachdem der ganze Waldchor ver⸗ ſtummt war; und wenn einige von dieſen eigenthüm⸗ lichen Tönen kamen, die wir am liebſten hörten, und Mariette wußte, daß jener köſtliche Tonfall nahe ſei, da erhob ſie ihre ſchönen klaren Augen zu meinem Geſichte, flüſterte: horch und ſah mich an, als wollte ſie meine Freude theilen und mich die ihre theilen laſſen. 1 O! wie ſchlang ſich jenes Kind um mein Kna⸗ benherz. Liebe, liebe Mariette! In Allem, was ich im Leben geſehen, und ſeltſam und wechſelvoll war dieſes Leben, ſah ich nie Etwas, was ich ſo ſehr liebte, wie Dich! Die erſte Friſche meiner Gedanken — die erſte, zärtlichſte, reinſte Neigung war Dir ge⸗ weiht! Aber ich hatte noch andere Aufgaben zu erfül⸗ len. Der gute Pater Bonneville hatte meine Lektio⸗ nen wieder begonnen; aber ſie waren nicht ſehr ſchwie⸗ rig und ich begann Mariette zu unterrichten. Wie 11⸗ 164— dies kam, muß ich erklären. Frau von Salins, die in der Zeit der Gefahr und der thätigen Anſtrengung ſo große Standhaftigkeit gezeigt hatte, wurde in der Zeit der Ruhe kummervoll, matt und unthätig. Sie war offenbar ſehr ängſtlich wegen Etwas— wir ſa⸗ hen ſie oft in Thränen— und wenn ſie in die nahe Stadt ging, was täglich geſchah, um nach ihren Briefen zu ſehen, kehrte ſie mit einem Blicke der ver⸗ eitelten Erwartung und der Troſtloſigkeit zurück. Sie begann Mariette indeſſen ſelber ein wenig zu unter⸗ richtenz denn aus verſchiedenen Gründen war der Un⸗ terricht des lieben Kindes vernachläſſigt worden. Es war indeſſen immer eine Aufgabe für ſie und ihr Geiſt ſchien ſich mit anderen Dingen zu beſchäftigen, bis endlich der gute Pater Bonneville den Vorſchlag machte, daß ich ſie unterrichten ſollte, was Marietten Entzü⸗ cken und mir Freude verurſachte. Ich glaube, Frau von Salins war auch ſehr damit zufrieden. Bald war Alles angeordnet, und Mariette und ich begannen förmlich und in guter Ordnung unſere Lehrſtunden. Die Bücher, die Schiefertafel, Feder und Dinte wurden zu einer beſtimmten Stunde zum Vorſchein gebracht, und wenn es ſchönes Wetter war, ſaßen wir unter dem kleinen Portal— wenn es reg⸗ nete in dem kleinen Zimmer, welches die Ausſicht dorthin gewährte. Liebes, einfältiges kleines Weſen! welch eine unendliche Mühe verurſachte ſie mir. Sie kannte die Buchſtaben noch nicht zur Hälfte, als ich anfing, ſie zu unterrichten, und verwechſelte beſtändig das P und B, das G und D. R und S machten ihr ebenfalls große Schwierigkeiten, und es währte eine lange Zeit, ehe ſie das Buchſtabiren lernte. Sie war auch ſo flüchtig. Wenn ich meine junge Philo⸗ ſophie auskramte und mich angeſtrengt bemühte, ihr die durch die verſchiedenen Zuſammenſetzungen der Buchſtaben hervorgebrachten Laute begreiflich zu ma⸗ chen, fuhr ſie plötzlich auf und lief in den Garten, um einen Schmetterling zu haſchen oder eine Blume zu pflücken. Wenn ſie dann zurückkehrte und geſchol⸗ ten wurde, ſchmeichelte ſie ihrem ſanften jungen Leh⸗ rer, küßte ſeine Wange, ſtreichelte ſein Haar und wußte es auf die eine oder die andere Weiſe dahin zu bringen,„gut“ unter jede Lektion geſchrieben zu er⸗ halten, um es ihrer Mutter zu zeigen. Ich beſitze das Buch noch, ganz voller Nadelſtiche und ſeltſamer Figuren, die ſie mit der Feder darauf gekritzelt, und unter jeder Lektion ſteht„gut“ geſchrieben, obgleich ſie in der That oft unartig genug war, um ein anderes Lob zu verdienen. Aber ich war ſchon damals ein treuer Liebender und vielleicht liebte ich die Fehler des theuren Kindes. Ueberdies befindet ſich am Ende jenes kleinen Le⸗ ſebuchs eine Seite, die ich ſpäter wohl tauſendmal geküßt habe. Sie ſtellt, nicht übel gezeichnet, Ma⸗ riette dar, wie ſie damals war, mit einem kleinen Hunde, der zu ihrem Geſichte aufblickte. O! wie gut erinnere ich mich noch, als es gezeichnet wurde. Ich wußte immer gut mit meinem Bleiſtift umzugehen, obgleich ich nicht mehr weiß, wann ich zeichnen lernte; aber als wir dem Ende des Buches nahe kamen, ver⸗ ſprach ich Mariette, wenn ſie recht artig ſein und die noch übrigen Lektionen in einer Woche beenden wolle, ſo werde ich ſie auf das letzte Blatt zeichnen mit ei⸗ nem eingebildeten Hunde, den ſie ſich in der Zukunft wünſchte; denn ſie liebte die Hunde außerordentlich und ich glaube, der höchſte Wunſch ihres Herzens in dem Augenblick war, einen eigenen Hund zu beſitzen. Ehe der Sonnabend kam, waren die Lektionen zu Ende und ich wurde ſogleich an mein Verſprechen erinnert. Wir ſaßen unter dem Portal, während der weſtliche Himmel purpurroth glühte, und ſie mußte aufſtehen und ſich in einiger Entfernung hinſtellen. So zeich⸗ nete ich ſie leicht mit Feder und Dinte, und dann zu ihren Füßen, aus der Phantaſie, den beſten Hund, der mir einfiel, ſeine Ohren zurückfallend und zu ihr aufblickend. Wie entzückt war ſie, als ſie es ſah, und wie klatſchte ſie in ihre klſeinen Hände! Es war Al⸗ les reizend, aber ganz beſonders der Hund, und ich zweifle nicht, daß ſie überzeugt war, ſie würde gerade einen ſolchen Hund bekommen. Sie lief damit zuerſt zu Pater Bonneville, der im nächſten Zimmer ſaß, — 462— und dann zu ihrer Mutter, die an dem Abend ſehr traurig war; aber ſie küßte ihr Kind; ſah die Zeich⸗ nung an und ließ einige Thränen darauf fallen, wo⸗ von noch die Spuren zu ſehen ſind. Dann kam Mariette zu mir zurück, dankte mir, umarmte mich und erklärte, ich ſei der liebſte, beſte Junge, der je gelebt, und wenn ſie erſt groß wäre, wolle ſie mich auch an das Ende eines meiner Bü⸗ cher zeichnen, mit einem Hunde ſo groß wie ein Pferd. Dies iſt vielleicht Alles ſehr unbedeutend und faſt nicht des Erwähnens werth, aber in jenen unbe⸗ deutenden Zeiten und in jenen unbedeutenden Dingen liegen die glänzendſten und lieblichſten Erinnerungen meines Lebens. Es war Alles ſo rein, ſo kunſtlos, ſo unſchuldig. Da waren wir in jenein kleinen Gar⸗ ten, wie in einem Paradieſe und die Atmosphäre al⸗ ler unſerer Gedanken war die Luft Edens. Dergleichen Dinge währen niemals lange. Ich erreichte meinen dreizehnten Geburtstag dort, und er wurde mit freundlicher Heiterkeit von Pater Bonneville und Frau von Salins begangen. Mariette wand mir einen Blumenkranz und ſetzte ihn mir nach dem Mit⸗ tageſſen auf; aber das war unſer letzter glücklicher Tag auf eine lange Zeit. Am nächſten Tage ging Frau von Salins wie gewöhnlich in die Stadt und Pater Bonneville ging mit ihr. Sie blieben lange aus, und als ſie zurückkehrten, ſchimmerten die Au⸗ — 168— gen der Frau von Salins vor Freude, und wenig ließ ich mir träumen, daß es mir ſo ſchweres Leid bedeuten würde. „Höre, Louis,“ ſagte Pater Bonneville,„Frau von Salins hat endlich gute Nachrichten erhalten. Sie muß noch dieſen Abend nach England abreiſen. Der Wagen und die Pferde werden in einer Stunde hier ſein und wir müſſen ihr alle bei ihren Vorberei⸗ tungen helfen.“ „Und Mariette?“ fragte ich mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Gefühl der Unruhe,„bleibt ſie hier?“ „Nein, mein Sohn,“ verſetzte Pater Bonneville faſt ungeduldig.„Sie geht natürlich mit ihrer Mutter.“ Erwachſene, beſonders alte Leute vergeſſen die Gefühle der Kindheit und ſchätzen die Qualen und Freuden der Jugend zu gering. Geſegnet iſt der Mann, der irgend Jemandem eine glückliche Kindheit gewährt. Wir können das reifere Alter nicht vor ſei— nen Qualen und Leiden ſchützen, aber wenn wir wol⸗ len, können wir uns verſichern, daß der glänzendſte Theil jenes zugemeſſenen Zeitraums— jener Theil, wo das Herz rein iſt und die Gedanken unbefleckt— bei denen, die wir lieben, frei iſt von den Qualen und Sorgen, die, ſo unbedeutend ſie auch in unſeren Augen ſein mögen, in den Augen eines Kindes voll bitterer Bedeutung ſind. 3 Pater Bonneville wußte nicht, wie tief ſeine — 169— Nachricht mein Herz darnieder drückte. Ich wollte die erſte Mannheit meiner Zehner nicht durch Thränen entwürdigen, obgleich die Neigung dazu ſehr ſtark war, und ich half ſo viel ich konnte bei den Vorbe⸗ reitungen. Aber ol wie ſehr wünſchte ich, es möchte den Pferden irgend ein Unglück begegnen, ehe ſie un⸗ ſere Thür erreichten, oder der Wagen zuſammenbrechen — kurz, es möͤchte irgend etwas geſchehen, was mir noch einen Tag gewähren würde. Es ſollte aber nicht ſein; die häßlichen Thiere und der nicht viel weniger häßliche Poſtillon erſchienen nur etwa eine halbe Stunde ſpäter, als es beſtimmt worden war, das Gepäck wurde auf den Wagen geſchafft und Frau von Salins begab ſich vor die Hausthür. Sie umarmte Pater Bonneville zärtlich und dann mich, indem ſie eine kleine goldene Kette nahm und ſie mir um den Hals hing. Es war ein kleiner Ring daran befeſtigt, wel⸗ cher, wie ich ſpäter fand, eine Locke von ihrem und Mariettens Haar enthielt. „ Behalten Sie ſie, Louis, behalten Sie ſie im⸗ mer,“ ſagte ſie.„Ich weiß nicht, wann wir einan— der wiederſehen werden; aber ich bitte Gott, Sie zu ſegnen, mein lieber Sohn, und Ihnen Alles zu ver⸗ gelten, was Sie für mich und mein Kind gethan haben.“ In dem Augenblick ſchien Marietten der Gedanke an eine lange Trennung zuerſt einzufallen. Sie weinte ſo heſtig, wie ich es nur je geſehen, und als ich ſie in meine Arme nahm, hielt ſie ſich ſo feſt an mei⸗ nem Halſe, daß es kaum möglich war, ſie zu entfer⸗ nen. Frau von Salins weinte auch, ſtieg aber lang⸗ ſam in den Wagen, und Pater Bonneville machte die Arme des lieben Kindes los und trug ſie zu ihrer Mutter. Mehr konnte ich nicht ertragen, und auf mein Zimmer eilend, gab ich mich meinen Gefühlen hin. Ich blickte nur einmal auf, um noch einen Blick zu erhaſchen, doch jetzt hörte ich das widerwärtige Ge⸗ räuſch der Wagenräder, als ſie davon fuhren. Zwölftes Kapitel. Ein Ueberblick. Joch habe oft darüber nachgedacht, was in dem Geiſte eines Katholiken vorgehen muß, wenn er ſich auf die Beichte vorbereitet. Dieſer Ausſpruch wird vielleicht meine Leſer über⸗ raſchen und ſie werden ausrufen: „Eines Katholiken! Iſt nicht der Verfaſſer die⸗ ſer Selbſtbiographie in einem katholiſchen Lande ge⸗ boren, von einem katholiſchen Prieſter erzogen wor⸗ den und iſt er nicht ſelber ein Katholik? Oder will er damit ſagen, daß er nie zur Beichte gegangen?“ Dies Alles ſoll ſpäter erklärt werden. Ich rede hier nur von einem Ueberblick über alle Handlungen und Ereigniſſe, die in einem gewiſſen Zeitraume der Vergangenheit geſchehen ſind, und von der Prüfung derſelben vermöge der Vernunft und des Gewiſſens,* ſowie von dem Verſuche, alle Nebel der Leidenſchaft, des Vorurtheils und Irrthums hinwegzuräumen, die den Menſchen umgeben und ſeinen Blick im Augen⸗ blick der Anſtrengung oder Verfolgung verdunkeln. Dies iſt nicht gerade die Aufgabe, die ich mir ſtelle. Ich will nur eine kurze Ueberſicht der Ereigniſſe der nächſten zwei oder drei Jahre meines Lebens geben.“ Es wird mehr eine Sammlung von Erinnerungen ſein, die oft von einander getrennt und niemals be⸗ ſonders ſcharf begrenzt ſind. Nach Mariettens Abreiſe war ich mehrere Wo⸗ chen ſehr traurig und ſchwermüthig. Pater Bonne⸗ ville ſchien, bei aller ſeiner Freundlichkeit und Zärt⸗ lichkeit und bei ſeiner größeren Rückſicht für die Feh⸗ ler und Schwächen Anderer, als für ſeine eigenen, anfangs meine Empfindungen nicht begreifen und ſich. vorſtellen zu können, daß die Geſellſchaft eines kleinen. Mädchens von ſechs Jahren für einen Knaben von— dreizehn Jahren ſo nothwendig werden önne, bis er wiederholt darüber nachgedacht. Er überzeugte ſich in⸗ deſſen endlich, daß ich mich nach Mariette ſehne, wie er es nannte. Dann bemühte er ſich, mich auf ver⸗ ſchiedene Weiſe zu unterhalten— beſchäftigte meinen Geiſt mit neuen Studien— verſchaffte mir viele eng⸗ liſche⸗Bücherind lenkte meine Aufmerkſamkeit auf das Studium der deutſchen Sprache, die er ſelber gut ſprach und die ich mir mit der Leichtigkeit der Ju⸗ gend aneignete. Wir wiſſen alle, wie Kinder eine Sprache mehr einſaugen, als lernen, und ich hatte damals die glückliche Fähigkeit der Aneignung noch nicht verloren. Dies Alles hatte ſeine Wirkung. Während ich meinen Geiſt mit anderen Gegenſtänden beſchäftigte— denn ich trieb Alles mit Ernſt, ja mit Lebhaftigkeit — dachte ich wenig an meine Einſamkeit; wenn aber meine Lektionen beendet waren und ich, des Leſens müde, nicht ſpazieren gehen wollte, ſaß ich in unſe⸗ rem kleinen Garten, blickte um mich und ſtellte mir die hübſche Figur meiner lieben kleinen verlorenen Ma⸗ üriette vor, wie ſie unter den Bäumen und Geſträu⸗ chen umhertanzte, und glaubte faſt ihre liebliche Stimme zu hören und das Geplauder, welches mich ſo ſehr ergötzte. Eines Abends, als ich ſo daſaß und auf den 4 Weg hinausblickte, der ſich zwiſchen unſerem kleinen Hauſe und dem Walde dahinzog, ſah ich eine alte 3 Frau mit langſamen und ermüdeten Schritten die Straße daherkommen, die zur Stadt führte. Viel⸗ leicht würde ich nicht viel auf ſie geachtet hapen, wäre nicht ihre Kleidung ganz verſchieden von der der Bauer⸗ frauen aus der Gegend geweſen. Es war ein Ko⸗ ſtüm, welches alte Erinnerungen erweckte, nämlich das der Provinz, in welcher ich erzogen, wenn auch nicht geboren war. Da war die weiße Haube, deren Sei⸗ tentheile beinahe bis auf die Schultern niederhingen und deren oberes Ende ſich beinahe wie ein Helm emporhob. Der Himmel weiß, wie ſie gebaut war, aber es war ein ſehr künſtliches Bauwerk. Dann kam die zierliche kleine Jacke von dunkelfarbigem Baum⸗ wollenzeug und der kurze Rock von rothem Tuch, nebſt den blauen Strümpfen mit den rothen Zwickeln und den hohen Schuhen und den ſilbernen Schnallen. Sie trug ein ziemlich großes Bündel in der Hand und hielt ihren Kopf aufrecht, obgleich ſie offenbar ermü⸗ det war. Als ſie aber näher kam, ſah ich das runde, trockene, apfelartige Geſicht, mit zwei glänzenden ſchwarzen Augen und einer Naſe von beträchtlicher Größe. Ich war im Augenblick aufgeſprungen und gleich darauf lag die gute alte Jeanette in meinen Armen.. Ich darf nicht erſt ſagen, wie erfreut ich war, ſie zu ſehen, ſo wie auch der gute Pater Bonneville; auch will ich nicht ihre ganze einfache Geſchichte erzäh⸗ len, ſeitdem wir ſie in Frankreich zurückgelaſſen, noch auch, wie ſehr wir uns wunderten, daß ſie eine ſo weite Reiſe in völliger Sicherheit zurückgelegt hatte. Ihr Bericht zeigte indeß, wie einfach der ganze Vor⸗ gang geweſen, obgleich ich damit nicht ſagen will, daß Jeanette ihre Angaben in den einfachſten Ausdrü⸗ cken mittheilte. Sie war nicht ohne ihren Antheil an — 175— Eitelkeit, ſo unſchuldig und urſprünglich dieſelbe auch war. Sie bemühte ſich freilich nicht, den Werth ihrer Dienſte und die Anhänglichkeit an uns zu erhöhen, doch ſchien ſie zu glauben, daß ſie durch die Gefah⸗ ren und Entbehrungen, die ſie ausgeſtanden, an Wich⸗ tigkeit zugenommen habe. Sie erzählte uns, wie weit ſie zu Fuß gegangen, wo ſie in eine Diligence geſtie⸗ gen, wo ſie Jemand auf einem Wagen mitgenommen, wo ſie kein Abendeſſen bekommen, wo ſie gut geſpeiſt, wo ſie wenigſtens um funfzehn Sous betrogen wor⸗ den und wo der Wirth und die Wirthin gute ehrliche Leute geweſen und ſie gegen eine billige Vergütung gut bewirthet hätten. Ihre großen Schwierigkeiten hatten in Deutſchland begonnen. Von der Sprache verſtand ſie Nichts, aber durch Beharrlichkeit und Ge⸗ duld und dadurch, daß ſie jeder Perſon, die ihr be⸗ gegnete, mochte ſie nun ihre Sprache verſtehen oder nicht, Fragen vorlegte, war ſie endlich zu dem Platze gelangt, den der letzte Brief des guten Pater Bonne⸗ ville als ſeinen Wohnort angegeben hatte, nachdem ſie einen Umweg von mehr als dreihundert Stunden gemacht hatte. Sie betrachtete es als eine wichtige Heldenthat und war natürlich ſtolz darauf; doch hielt ſie es für gut, ihre Beweggründe anzugeben, hieher zu kommen— obgleich dieſe Gründe nicht ſehr zu⸗ ſammenhängend und ſolgerichtig waren. Freilich war Pater Bonneville ſehr betroffen über einige von den — 176— Handlungen ſeiner guten Haushälterin; denn er hatte einen ſehr großen Widerwillen, unredliche Waffen ſelbſt gegen die anzuwenden, welche eben ſolche gegen ihn anwendeten. Als Jeanette ſeine Abweſenheit der Be⸗ hörde angezeigt, hatte man ſeine Bücher, Papiere und Hausgeräthe in Beſchlag genommen, worauf man eine Auktion angeſtellt und Alles verkauft hatte; aber Jeanette behauptete kühn, der Prieſter wäre ihr ſeit langer Zeit ihren Lohn ſchuldig und machte Anſprüche an ſeine Effekten. Sie brachte einen Vertrag zwiſchen ihr und Pater Bonneville zum Vorſchein, worin der monatliche Lohn deutlich angegeben war, und da die Behörde keine Quittung aufweiſen konnte, ſo ſah man ſich genöthigt, die Rechnung der guten Haushälterin anzuerkennen und ihre Forderung von dem Gelde zu berichtigen, welches man aus dem Verkaufe gelöſt. Einige lachten freilich und ſagten, das gute Weib habe die erſte große Kunſt gelernt, für ſich ſelber zu ſorgen, während Andere ſie aus dem Grunde verthei⸗ digten, daß es lobenswerth ſei, einen Ariſtokraten auszuplündern. Sie eitirten ſogar das Beiſpiel des Moſes und Pharao, wo die Plünderung der Aegypter nicht nur gebilligt, ſondern anbefohlen wurde. Die Summe, welche Jeanette erhalten, war kei⸗ neswegs unbeträchtlich; aber ſie hatte die trügeriſche Behörde nicht zu ihrem eigenen Vortheil hintergangen. Die Summe, die Pater Bonneville ihr zurückgelaſſen, ——-— — 172— und der Lohn, den er ihr ausbezahlt, reichte hin, ſie mehrere Monate bei ihrer frugalen Lebensweiſe in Angoumois zu erhalten, ſie durch ganz Frankreich zu bringen, ſo daß ſie noch einige Dutzend Franken übrig hatte, als ſie Deutſchland erreichte. Das Geld, wel⸗ ches ſie von der Behörde erhalten und in einem leine⸗ nen Beutel ſorgfältig aufbewahrt hatte, brachte ſie jetzt zum Vorſchein und übergab es den Händen des Pater Bonneville, der, um die Wahrheit zu ſagen, nicht recht wußte, was er in dieſem beſonderen Falle thun ſollte. Jeanette rechtfertigte ihre Handlungen gegen die Behörde nach denſelben Grundſätzen, wie einige Mitglieder der Behörde ihre muthmaßlichen Handlun⸗ gen gegen Pater Bonneville gerechtfertigt hatten. Sie wußte freilich nicht viel davon, daß es ſich rechtfertigen laſſe, die Aegypter zu berauben; aber ihr Geiſt war nicht verfeinert genug, um einzuſehen, was es ſchade, Betrüger zu betrügen oder Plünderern einen Theil ih⸗ rer Beute abzunehmen. Ich glaube, der gute Pater ſprach ernſtlich mit ihr über dieſen Gegenſtand, als ich nicht zugegen war; aber was aus dem Gelde wurde, weiß ich nicht. Ich kann nur ſagen, daß es ihm niemals an Geld zu fehlen ſchien und daß all jenes romantiſche Ungemach, welches ſich um die Abweſenheit eines Kronenthalers dreht, uns ſelbſt in unſerer Verbannung erſpart wurde. Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 12 — 178— Die Zeit verging. Jeanette wurde wieder in ih⸗ ren alten Poſten eingeſetzt, mit Hinzufügung einer andern deutſchen Dienerin. Die, welche ſie bei uns gefunden, hatte zu despotiſche Ideen und wollte ſich aus guten Gründen nicht einer fremden Vorgeſetzten oder der Beaufſichtigung der Rechnungen und der Preiſe unterwerfen, die jetzt eingeführt wurde. Man ſuchte und fand daher ein anderes deutſches Mädchen, welches jünger, unerfahrener und folglich weniger zu⸗ verſichtlich war und es für einen und einen halben Thaler monatlich übernahm, die ſchwereren Hausarbei⸗ ten unter Jeanettens Befehl zu verrichten. Unſer friedliches Daſein ſollte indeſſen nicht ſehr lange währen. Die Erfolge der Verbündeten, die da⸗ mals mit den Republikanern Frankreichs ſowohl an der nördlichen, als an der öſtlichen Grenze kämpften, verſchafften uns auf eine Zeitlang Ruhe und Sicher⸗ heit. Wir hörten von der Niederlage der franzöſiſchen Armee bei Neerwinden und von dem Fall von Valen⸗ ciennes und Condé, nebſt unbeſtimmten Gerüchten von dem Abfalle des General Dumouriez und von der Flucht einiger der berühmteſten Generale in der fran⸗ zöſiſchen Armee. Dieſe letzteren Ereigniſſe gewährten dem Pater Bonneville große Freude und Zufriedenheit, denn ſein hoffnungsvoller Geiſt ſah der Wiedereinfüh⸗ rung der Geſetze und der Ordnung in ſeinem Vater⸗ lande, ſowie der gänzlichen Unterdrückung der anar⸗ chiſchen Partei in Frankreich durch die Geſchicklichkeit des General Dumouriez und die Bajonnette der Oeſter⸗ reicher, vereint mit allen Wohlgeſinnten und Gemä⸗ ßigten im Lande ſelbſt, entgegen. Viele Andere theilten dieſelben Täuſchungen; aber die Manifeſte der Oeſterreicher hemmten bald allen Enthuſiasmus ſelbſt von Seiten der Ausgewanderten. Man erbot ſich nicht, die Freunde der Ordnung bei der Wiedereinſetzung der Monarchie zu unterſtützen, und von dem Augenblicke an, als die edleren und klügeren Pläne des General Dumouriez durch die Um⸗ ſtände vereitelt wurden, begann man freudig einen Krieg des Angriffes und der Zerſtückelung gegen Frank⸗ reich. Ohne Zweifel erregte dieſer Umſtand einigen Un⸗ willen in der Bruſt des Pater Bonneville, der ſein Vaterland zu ſehr liebte, um es unter irgend einem Vorwande durch das Schwert getheilt zu ſehen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber dieſe Gegenſtände er⸗ ſchienen mir nicht in demſelben Lichte. Ich glaubte, das franzöſiſche Volk habe ein großes Verbrechen be⸗ gangen und verdiene Strafe, als wäre es ein einzelner Menſch. Ich glaubte, alle Unterſtützer der Ordnung und des konſtitutionellen Syſtems wären eines großen Verbrechens ſchuldig, nicht viel weniger als das der Anarchiſten, indem ſie ſich feig zurückzogen, als große Fragen verhandelt wurden, die das Schickſal Frank⸗ 12* — 180— reichs betrafen, welches von der einfachen Anſtrengung einer wohlgeordneten Bürgerſchaft abhing; und ich ſah nicht ein, warum ſie nicht wegen ihrer Nachläſſigkeit beſtraft werden ſollten, die nachtheiliger in ihrer Wir⸗ kung war, als alle Bosheit der Terroriſten— ich ſah nicht ein, warum die, welche entſetzliche Verbre⸗ chen unter dem Namen der Gerechtigkeit begingen, nicht unter dem Schwerte der Gerechtigkeit fallen ſoll⸗ ten, und ich bekenne, ich ſah mit nicht geringer Freude und Zufriedenheit einer Periode der Wiederver⸗ geltung entgegen. In meiner Unbekanntſchaft mit den Staatsangelegenheiten war es mir gleichgültig, ob dies— durch die Oeſterreicher, die Preußen oder irgend eine andere Nation auf der Erde geſchah; aber Frankreich verdiente Strafe und ich hoffte, es würde beſtraft werden. Die Erwartungen der Wiedervergeltung ſollten lange unerfüllt bleiben. Die Manifeſte der Verbün⸗ deten wirkten mit großer Kraft und brachten Kombina⸗ tionen hervor, die man durchaus nicht erwartet hatte. Die Royaliſten, die Konſtitutionellen, die noch in Frankreich waren, rüſteten ſich, Operationen zu wider⸗ ſtehen, deren anerkannter Zweck die Zerſtückelung Frank⸗ reichs ſelber und nicht die Wiederherſtellung einer ver⸗ beſſerten Monarchie war. Sie waren bereit, ſelbſt ihre Todfeinde im Lande zu unterſtützen, indem ſie ſich den jüngſt erklärten Feinden des ganzen Landes widerſetzten, die auf zwei Grenzen anrückten. Die Republikaner wurden zu den kräftigſten und erfolgreich⸗ ſten Anſtrengungen aufgeregt, um einen langſamen und vorſichtigen, aber ſiegreichen Feind von ihren Grenzen zurückzutreiben, und ſelbſt die Ausgewanderten, die an den Ufern des ganzen Rheins zerſtreut waren, pro⸗ teſtirten laut gegen einen Plan, der nicht nur die Unverletzlichkeit Frankreichs, wie es damals exiſtirte, bedrohte, ſondern auch erwarten ließ, daß die Mon⸗ archie einiger ihrer ſchönſten Provinzen würde beraubt werden, wenn die rechtmäßige Linie ihrer Fürſten je ſollte wieder hergeſtellt werden. Man konnte kein Mittel erdenken, welches ſo wohl berechnet war, die größtmögliche Anzahl Fran⸗ zoſen zur Oppoſition gegen eine Kontrerevolution zu vereinigen und alle Anderen gleichgültig gegen den Fortſchritt der verbündeten Waffen zu machen, als die Proklamation des Prinzen von Koburg. Einige dach⸗ ten freilich wie ich; aber meine Gedanken waren ohne Zweifel knabenhaft; denn ich habe immer bemerkt, daß nur Erfahrung und die harten Lehren der Welt Mä⸗ ßigung mit ſich führen. Pater Bonneville ſprach ſelten über dieſe Gegen⸗ ſtände mit mir, denn er hatte mit Recht keine hohe Meinung von meinem Urtheil in Dingen, von welchen ich nur eine ſehr unbeſtimmte Kenntniß haben konnte, — 182— und er wußte nicht, wie oft und wie tief ich über ſolche Fragen nachdachte. Die Belagerung und Einnahme von Mainz, die Unthätigkeit Cuſtines und der Rückzug der ſämmtlichen franzöſiſchen Armeen innerhalb der Grenzlinie ſchien uns auf lange Zeit vollkommene Sicherheit in unſerem ruhigen und angenehmen Zufluchtsorte an den Ufern des Rheins zu gewähren, als plötzlich jener wilde und rachſüchtige Geiſt der Reaktion ausbrach, der ganz Frankreich faſt wie einen Mann gegen die Angriffe von außen bewaffnete und bald Alles wieder gewann, was es unter einer ſchwachen Regierung und unter einem unerfahrenen Kommandeur verloren hatte. Gegen Ende des Jahres wurde unſere Lage ein wenig gefährlich. Nach einer langen Reihe glücklicher Erfolge, deren Früchte ſämmtlich durch Unentſchieden⸗ heit oder Zögerung verloren gingen, ſahen ſich die verbündeten Armeen ſelber angegriffen und beſiegt, und der wilde Geiſt der Franken, der kriegliebendſten Na⸗ tion auf Erden, war bald bereit, das flammende Schwert in alle benachbarten Länder zu tragen. Ich habe dieſe kurze Ueberſicht nur gegeben, um die Ereigniſſe mit einander zu verbinden, ohne damit andeuten zu wollen, daß ich zu jener Zeit alle That⸗ ſachen kannte oder verſtand, und jetzt mich derſelben — 183— ohne Hülfe von Büchern zu erinnern vermöchte. Meine eigenen Erinnerungen ſind ſehr unbedeutend und nur perſönlich. Wir blieben noch einige Monate in jenem kleinen Hauſe am Rhein. Ich erinnere mich, daß der warme, heitere Sommer in den düſteren Herbſt und endlich in den Winter überging. Dann kamen ver⸗ ſchiedene Gerüchte und Zeitungsberichte, und endlich eine weite Reiſe, bis ich mich in einer zierlichen alten Stadt an der Grenze der Schweiz befand, in deren Nähe der Rhein über hohe Felſen dahinſtürzt und den Rheinfall bei Schaffhauſen bildet. Der Ort iſt nur in meinem Gedächtniß geblieben wegen der Schönheit des Waſſerfalles, den ich ſpäter wohl großartiger, aber nicht maleriſcher geſehen, und wegen eines kleinen Ereigniſſes, welches mir dort manche Stunde erheiterte. Eines Tages wurde in meiner Gegenwart ein Brief an Pater Bonneville ab⸗ gegeben, der ein kleines an mich adreſſirtes Billet ent⸗ hielt. Dies war der erſte Brief, den ich je in mei⸗ nem Leben erhalten hatte, obgleich ich jetzt zwiſchen vierzehn und funfzehn Jahren alt war, und die Em⸗ pfindungen, als er mir eingehändigt wurde und ich meinen Namen auf dem Kouvert ſah, waren ſehr ſeltſam. Meine Einbildungskraft wendete ſich nach allen Seiten, um zu errathen, woher er wohl kommen möge. Das Geheimniß eines eigenen iſolirten Da⸗ — 184— ſeins, welches ſich hänfig meinen Gedanken darſtellte, war das Erſte, wornach meine Phantaſie haſchte; aber ich blieb nicht lange in Ungewißheit. Das Siegel war bald gebrochen und ich fand einige Zeilen in einer geläufigen, kindlichen Handſchrift, ſehr gut ge⸗ ſchrieben und ſehr gut ausgedrückt, und darunter den Namen„Mariette de Salins.“. Sie ſagte darin, ſie ſchreibe, um mir, ihrem lieben Lehrer, zu zeigen, welche Fortſchritte ſie in ih⸗ ren Studien gemacht habe, und mir zu ſagen, daß ſie mich, obgleich ſie jetzt eine große Anzahl Geſpielinnen habe, eben ſo ſehr, wie immer, und mehr, als ſie alle liebe. Sie bat mich, ſie nicht zu vergeſſen, ob⸗ gleich ſie nicht zweifle, daß ich ein großer, großer Mann geworden und ſie nur noch ein kleines Mäd⸗ chen ſei.. Ich kann nicht ausſprechen, wie viel Vergnügen mir dies gewährte, denn der Gedanke hatte mich nie⸗ dergedrückt, daß in dem Geiſte der kleinen Mariette durch neue Scenen und neue Umſtände alle Erinnerung an ihren jungen Geſpielen bald würde verwiſcht wer⸗ den. Daß dies noch nicht der Fall war, gewährte mir an ſich ſchon großes Vergnügen; aber ich hegte die Hoffnung, daß der Umſtand, an mich ſchreiben und ſich unſeren kindlichen Umgang zurückrufen zu müſſen, alle ihre Erinnerungen an die Zeit, die wir — 185— miteinander verlebt, erneuern und dem Godächtniß gleichſam einen neuen Haltpunkt gewähren würde. Unſer Aufenthalt in Schaffhauſen währte nur wenige Monate, denn der Fortgang der politiſchen Ereigniſſe in Frankreich und der revolutionäre Geiſt, welcher auf andere Länder Einfluß zu äußern begann, ließ die Ausgewanderten kaum an irgend einem Orte Europas ſicher leben, außer in England, und dorthin ſchien Pater Bonneville nicht geneigt zu gehen. In . Schaffhauſen ſetzte ich indeſſen ſehr lebhaft meine Stu⸗ dien fort und hatte die Gelegenheit, mir einige Fer⸗ tigkeit in männlichen Uebungen zu erwerben, wozu ich ſonſt niemals Gelegenheit gehabt hatte. Es war eine ſehr gute Reitſchule in der Stadt, in die mich Pater Bonncville jeden Tag ſchickte. Ein franzöſiſcher Ver⸗ bannter, der wegen ſeiner Geſchicklichkeit im Fechten be⸗ rühmt war, hatte einen Fechtboden eingerichtet, wo ich bald einer ſeiner Lieblingsſchüler wurde. Ich war jetzt ein großer, kräftiger Burſche, und durch die beſtändige Anſtrengung der Reitſchule und des Fechtbodens ent⸗ wickelten ſich bald alle Kräfte meiner von Natur ro⸗ buſten Geſtalt. Vor dieſer Zeit hatte ich eine etwas gebückte Haltung gehabt, in Folge der Gewohnheit, mich über Bücher und Zeichnungen zu neigen; aber meine Bruſt erweiterte ſich jetzt, mein Schritt wurde feſt und ich erlangte ein gewiſſes militäriſches Anſehen, worauf ich ſehr ſtolz war. 4 — 186— So vergingen vier Monate und einige Tage, aber das Gerücht von der Abſicht der Franzoſen, den Rhein heraufzumarſchiren, bewog Pater Bonneville, unſer Quartier zu verändern, und etwa vierzehn Tage vor meinem funfzehnten Geburtstage reiſten wir nach Conſtanz am Bodenſee. Dreizehntes Kapitel. Wechſelnde Scenen und Gedanken. Wir brachten einige Zeit in der Schweiz zu, wanderten von Ort zu Ort und verweilten an keinem länger, als einige Monate. Obgleich nicht ſehr reich, fehlte es uns doch nie an Geld; aber es ſchien mir, als verlängere Pater Bonneville ſeinen Aufenthalt in verſchiedenen Städten in Erwartung von Briefen, und da ich jetzt einige Kenntniß von den Angelegenheiten des Lebens erlangt hatte, ſchloß ich, daß dieſe Briefe Geldſendungen enthielten. Woher oder von wem ſie kamen, wußte ich nicht, denn Pater Bonneville be⸗ ſorgte ſeine Geldangelegenheiten allein; in meinem ſechzehnten Jahre aber gab er mir regelmäßig Geld, zu viel, um Taſchengeld genannt zu werden, und ge⸗ nug, um mich in einer beſcheidenen Lebensſphäre davon — 188— zu erhalten, wenn auch nicht alle Ausgaben des Haus⸗ halts davon zu beſtreiten. Mit dieſem Gelde beging ich anfangs, wie vermuthlich alle Knaben, eine große Menge Thorheiten und Verſchwendungen. Ich kaufte mir eine ſchweizer Büchſe und wurde ein fertiger Schütze, nicht nur auf dem Schießplatze, ſondern auch auf den Gebirgen, und Pater Bonneville, der jetzt zu glauben ſchien, daß die Erziehung meines Geiſtes beinahe vollendet ſei, munterte mich auf, jene Erziehung des Körpers fortzuſetzen, worin der gute Greis nicht mein Lehrer ſein konnte. Die ſchweizer Jäger waren indeſſen ſehr gute Lehrer, und ich er⸗ angte Ausdauer, die mir im ſpäteren Leben ſehr nützlich war. Obgleich ich voll Lebenskraft war und die männ⸗ lichen Uebungen liebte, ſchien ſich um dieſe Zeit ein milderer Geiſt meines Herzens zu bemächtigen. Un⸗ beſtimmte Träume von Liebe erfüllten mich und hübſche Geſichter und helle Augen brachten ſeltſame Empfin⸗ dungen in meiner jungen Bruſt hervor. Ich wurde ein wenig ſentimental, kaufte Rouſſeaus„Neue He⸗ loiſe“ und las die glühenden und begeiſterten Worte mit unendlichem Entzücken. Die ſchöne Seenerie, die ſonſt meine Aufmerkſamkeit nur durch die Wirkung der Formen und des Kolorits erregt hatte, ſchien mir jetzt mit einem neuen Glanze bekleidet zu ſein und die Luft der Gebirge ſchien von einem träumeriſchen Lichte — 189— erfüllt zu ſein, welches von meiner eigenen Phantaſie ausſtrömte. Ich bevölkerte die Höhlen und Schluch⸗ ten mit ſchönen Geſtalten. Ich wanderte über die Bergſpitzen mit ſchönen Schöpfungen der Phantaſie. Meine täglichen Gedanken wurden eine Art Romantik, und manche ſeltſame Scene wurde vor den Augen der Einbildungskraft geſpielt, woran ich ſelber als Lieben⸗ der, als Befreier oder Held Antheil nahm. War meine kleine Mariette dieſe ganze Zeit über vergeſſen? O nein! Obgleich ich ihre Züge oder ihren Blick den hübſchen Mädchen des Kantons, mit welchen ich zuweilen tändelte, nicht verleihen konnte, ſo gefiel ich mir doch in der Einbildung, daß jede einen Zug von Mariette an ſich habe, und ich erinnere mich nicht, daß die Phantaſie mir je eine Heldin für meine Träume geliefert habe, aus deren ſchönem Geſichte die lieblichen und glänzenden Augen Mariettens mich nicht mit Blicken der Liebe anſchauten. Ich glaube nicht, daß unter allen den vielen Büchern, die geſchrieben worden, um das Herz des Menſchen zu verderben— und ich fürchte, deren ſind zehnmal mehr, als die, welche geſchrieben worden, um es zu verbeſſern— gefährlichere für die Jugend ſind, als Rouſſeaus Werke. Der lebhaften Fülle ſeiner Phantaſie, der mächtigen Begeiſterung des Mannes und dem Einſchmeichelnden ſeiner verderblichen Lehren kann nur die Vernunft in ihrer ganzen Kraft, von der Erfahrung unterſtützt, begegnen. Ich entging glücklich dem Verderbniß, aber es geſchah nicht durch meine eigene Kraft. Pater Bonneville fand Rouſſeau auf meinem Tiſche, und als ich von einer meiner weiten Wanderungen zurückkehrte, ſetzte er ſich nieder, um mit mir den Charakter des Mannes und die Ten⸗ denz ſeiner Schriften zu beſprechen. Er zeigte keine Glut, keine heftige Mißbilligung des Gegenſtandes meiner Studien; aber er prüfte ruhig und mit un⸗ übertroffener Klarheit und Stärke des Geiſtes die Leh⸗ ren und Gründe, nahm die ſchimmernden Schleier hinweg, womit Laſter, Selbſtſucht und Eitelkeit be⸗ deckt werden, und ließ mich mit einem zu mächtigen Gefühl des Widerwillens gegen den grundſatzloſen Schriftſteller zurück, als daß meine Bewunderung ſei⸗ nes Stils und ſeiner mächtigen Phantaſie mich je wieder hätte verlocken ſollen. Ich fühlte mich beſchämt, und als der gute Pater das Buch ſchloß, worüber er ſeine Bemerkungen gemacht hatte, ſtand ich auf und rief: „Ich will nie wieder eins von ſeinen Werken leſen.“ „Nicht ſo, Louis,“ verſetzte Pater Bonneville. Lies ſeine Werke jetzt nicht. Warte bis Du dreißig Jahre alt biſt. Der Geiſt erlangt gleich dem Körper ſeine volle Kraft erſt nach einer langen Periode der regelmäßigen Uebung und Anſtrengung. Du wirſt Dich bald in die Welt miſchen, die Kämpfe theilen, ihre Leiden koſten und Dich ihren Täuſchungen ausſe⸗ tzen müſſen. Du wirſt viel von den Menſchen und ihren Handlungen ſehen. Beachte ſie wohl. Verfolge ſie von ihren Urſachen bis zu ihren Folgen. Es iſt ein Studium, welches nie zu früh begonnen wird und im fünf⸗ oder ſechsundzwanzigſten Jahre wenden die Menſchen, welche Tugend auf Vernunft zu gründen wünſchen, die ſo gelernten Lehren auf ihre eigenen Herzen an. Wenn Du dies auf weiſe und ſyſtemati⸗ ſche Art thuſt, ſo werden Dir weder die Werke Rouſ⸗ ſeaus noch irgend eines andern Menſchen ſchaden. Aber ich wünſche Dir noch Etwas zu ſagen, Louis. Das Jahrgeld, welches man Dir geſtattet, ſoll Dir ein Mittel gewähren, praktiſch zu lernen, Deine Aus⸗ gaben zu regeln— kurz, Dir den Werth des Geldes zu zeigen. Dies iſt ein Gegenſtand des Studiums, ſo wie alles Uebrige, und jeder junge Mann muß denſelben lernen. Anfangs, wenn er zum Beſitze des Geldes kommt, iſt es ſein natürlicher Wunſch, es zu etwas anzuwenden, wovon er glaubt, daß es ihm Vergnügen gewähren wird, einerlei, was es iſt. Und wenn er zahlreiche kleine Summen an Kleinigkeiten verſchwendet hat, die ihm keinen wahren Genuß ge⸗ währen, ſo findet er, daß es einen viel wünſchens⸗ wertheren Zweck giebt, welchen zu erreichen er nicht mehr die Mittel hat. Dann kommt das Bedauern, und es iſt ſehr heilſam; denn wenn das Erperiment 4 — 192— häufig wiederholt worden iſt, kommt die Vernunft zu einem Schluſſe, der nicht nur auf die bloße Geldaus⸗ gabe, ſondern auf die Anwendung jedes Beſitzes, ſo wie auch der Fähigkeiten des Geiſtes und Körpers ſich bezieht. Der Schluß, den ich meine, iſt, daß kleine Genüſſe oft große tödten.“) Die Unterredung jenes Abends werde ich nie ver⸗ geſſen. Sie gewährte mir zu jener Zeit viel Stoff zum Nachdenken und ich bin ſeitdem oft darauf zu⸗ rückgekommen.. Noch ein anderes kleines Bild tritt um dieſelbe Zeit klar und deutlich von der Tafel des Gedächtniſ⸗ ſes hervor, und ich hege die ſtarke Vermuthung, daß der Umſtand, den ich zu erwähnen im Begriffe bin, einen ſehr großen Einfluß auf mein ſpäteres Leben hatte.. Wir waren in Zürich und ich hatte an einem Sommerabend einen weiten Spaziergang über die Hü⸗ gel gemacht. Als ich in die Stadt zurückkehrte, war es dunkel, und als ich in das Haus trat, wovon wir inen Theil gemiethet hatten, fand ich einen Frem⸗ den bei⸗ Paterß Bonneville. Er war ein ſehr auffal⸗ lender Mann und man konnte ihn keinen Augenblick anſehen, ohne von ſeinem Ausſehen betroffen zu wer⸗ den. Seine Kleidung war außerordentlich einfach, denn ſie beſtand in einem großen ſchwarzen Reiter⸗ mantel, woran ſich eine kleine Kapuze befand, und — 193— in hohen Reiterſtiefeln. Um den Hals trug er ein weißes Tuch mit vielen Falten und vorn mit einer großen Schleife. Er war groß, wohlproportionirt und im mittleren Alter; aber ſein Kopf war der ſchönſte, den ich je geſehen, und ſein Geſicht ein voll⸗ kommenes Muſter der männlichen Schönheit. Ich werde nie ſein Auge vergeſſen— jenes Auge, welches ſich bald darauf im Tode ſchließen ſollte. Es lag eine ruhige Kraft in demſelben— ein heller, forſchen⸗ der, eigenthümlicher Glanz, der ein Licht über Alles zu ergießen ſchien, worauf es ſich richtete, und als es bei meinem Eintritt ins Zimmer ruhig auf mich fiel und mein Geſicht gleich einem Buche zu leſen ſchien, röthete ſich meine Wange, ich weiß nicht warum. Er blieb noch etwa eine Stunde nach meiner Ankunft und unterhielt ſich mit meinem guten alten Freunde in lieblicher und kräftiger Beredtſamkeit, wie ich ſie nie, weder früher noch ſpäter gehört habe. Meiſtens wurde von Religion geſprochen, und ſeine Anſichten, obgleich ſehr ſtark und entſchieden, wurden mit Milde und Rückſicht kund gegeben, denn er und Pater Bon⸗ neville wichen beträchtlich von einander ab. Der Fremde ſchien ihm indeß im Streite den Rang abzu⸗ gewinnen, und ich denke, Pater Bonneville fühlte es, denn er wurde ſo warm, wie ſeine milde Natur es geſtattete. Endlich aber ſtand der Fremde auf, legte ſeine Hand freundlich auf die des Prieſters und ſagte: Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 13. „Leſen Sie, mein guter Freund, leſen Sie! Ein ſolcher Geiſt, wie der Ihre, ſollte keinen Licht⸗ ſtrahl ausſchließen, den Gott ſelber uns gegeben, um uns auf unſerem Wege zu leiten. Wir Beide berufen uns auf daſſelbe Buch als die Grundlage unſeres Glaubens, und kein Menſch kann es zu viel ſtudiren. Aus der Wohlthat, die ich ſelber von jedem Worte, welches es enthält, empfangen, müßte ich ſchließen, auch wenn mich nicht tauſend andere Dinge zu dem Schluſſe führten, daß etwas Unrechtes in jenem Re⸗ ligionsſyſtem liegt, welches das große Vorrathshaus des Lichts und der Wahrheit für das Volk verſchließt, zu deſſen Wohl es da iſt.“ Sobald er fort war, rief ich lebhaft: „Wer iſt das?“ „Einer der größten und beſten Männer in der Welt,“ verſetzte Pater Bonneville,„es iſt Lavater.“ Ich hätte gern noch mehr Fragen gethan, aber der gute Pater Bonneville war offenbar an jenem Abend nicht zu weiterer Unterredung geſtimmt. La⸗ vaters Beſuch war ihm angenehm und intereſſant geweſen; aber es waren im Verlaufe der Unterredung Worte ausgeſprochen worden, die ihm Stoff zu tiefem Nachdenken gewährt hatten. Ich konnte es ſehr wohl in ſeinem Aeußern erkennen, wenn irgend ein heftiger Kampf in dem Geiſte des guten Mannes vorging, und aus Allem, was ich ſah, ſchloß ich, daß es jetzt der Fall ſei. Einige Tage ſpäter beſuchte er Lavater, der in derſelben Stadt wohnte, aber er nahm mich nicht mit. Lavater beſuchte ihn wiederholt und ſie hatten lange Unterredungen mit einander, wobei ich zuweilen zuge⸗ gen war. Noch immer ſchien ein Kampf in Pater Bonnevilles Geiſte vorzugehen; er war ſehr ernſt und ſchweigſam, wenn gleich ſo freundlich und ſanft, wie immer— oft verſank er in tiefe Träumereien und hörte zuweilen nicht, wenn ich mit ihm ſprach. End⸗ lich eines Tages, als ich ein wenig früher, als ge⸗ wöhnlich, von meinem Nachmittagsſpaziergange zurück⸗ kehrte, fand ich ihn über den Tiſch gebeugt und auf⸗ merkſam leſend. Als ich mich ihm näherte, bemerkte ich, daß er Thränen in den Augen hatte, wovon ei⸗ nige auf das Buch niedergefallen waren. Er war nicht bemüht, ſeine Gemüthsbewegung zu verbergen, ſondern trocknete ſeine Augen und ſeine Brille bedäch⸗ tig ab, legte ſeine flache Hand auf das offene Buch, blickte mir ins Geſicht und ſagte: „Louis, Du mußt dieſes Buch leſen. Die Men⸗ ſchen mögen ſagen, was ſie wollen, ſo wurde es doch immer zur Belehrung, zum Wohl und zum Seelen⸗ heil der Menſchen geſchrieben. Es enthält Alles, was ihnen nöthig iſt— und außerdem Nichts.“ 13* Ich blickte ihm über die Schulter und bemerkte, daß es die Bibel war. „Ich glaubte ſie ſchon längſt geleſen zu haben,“ fügte Pater Bonneville hinzu,„aber ich finde jetzt, daß ich ſie lange nicht halb genug geleſen habe.“ „Ich will ſie ſehr gern leſen, Vater,“ verſetzte ich;„aber Pater Mezieres, zu dem Sie mich zur Vor⸗ bereitung zu meiner erſten Kommunion ſchickten, ſagte mir, es ſei, wenn nicht eine wirkliche Sünde, doch wenigſtens eine große Anmaßung, wenn ein Laie au⸗ ßer dem neuen Teſtamente Etwas davon leſen wolle.“ „Achte nicht darauf, mein Sohn,“ verſetzte Pa⸗ ter Bonneville.„Es iſt ſchwer, gegen alte Vorur⸗ theile anzukämpfen und Gedanken auszurotten, die un⸗ ſerem Geiſte in unſerer Jugend eingepflanzt worden und mit uns herangewachſen ſind. Aber in dieſem Buche iſt Leben und Licht, und Gott verhüte, daß irgend ein Menſch verhindert werden ſollte, das Waſ⸗ ſer des Lebens zu trinken.“ Ein mattes Lächeln verbreitete ſich über ſein Ge⸗ ſicht, als er ſprach, und nach einer augenblicklichen Pauſe fuhr er fort: „Du mußt wiſſen, Louis, ich werde wieder ein Knabe und beginne meine Studien nochmals von ei⸗ nem neuen Punkte aus. In einigen Monaten will ich weiter mit Dir reden und inzwiſchen jeden Tag meine Lektion nehmen.“. 3 — 197— Er that es, denn er ſaß ſtundenlang, die Bibel oder ein anderes theologiſches Buch vor ſich, da, aber von dem Tage an bin ich völlig gewiß, daß Pater Bonneville im Herzen ein Proteſtant war. ſ Nur noch einen Umſtand muß ich hier in Ver⸗ bindung mit den eben beſprochenen Ereigniſſen erwäh⸗ nen. Dies war unſere Trennung von der guten Jea⸗ nette, die bisher die Begleiterin auf allen unſeren Rei⸗ ſen geweſen war. Länger, als einen Monat nach unſerer Ankunft in Zürich hatte ich bemerkt, daß ſie ängſtlich und unruhig ausſah. Sie ſagte indeſſen Nichts zu mir über ihre eigenen Gefühle, war aber weniger mittheilend und gedankenvoller als gewöhnlich, konnte eine lange Zeit mit mir in demſelben Zimmer ſein, ohne ein Wort mit dem zu reden, der, wie ich wußte, der Liebling ihres Herzens war, und ich konnte mehrmals mit ihr ſprechen, ohne daß ſie es hörte. Als ich endlich eines Tages in Pater Bonnevil⸗ les Zimmer trat, ſah ich ſie vor ihm ſtehen und hörte ſie zu ihm ſagen, als ich hereinkam: „Ich muß zu meiner Dame gehen. Ich bin gewiß, daß ſie krank iſt und der Hülfe bedarf. Ich muß gehen und ſie aufſuchen. Ich habe jede Nacht von ihr geträumt.“ „Gut, Jeanette, gut,“ verſetzte er,„Du mußt Deinen Willen haben; aber Du weißt nicht, was Du unternimmſt. Auf jeden Fall wäre es beſſer, wenn — 198— Du warteteſt, bis ſich eine günſtige Gelegenheit fände, Dich in Sicherheit hinüberzuſchicken.“ Jeanette ſchüttelte indeſſen nur den Kopf und wiederholte mit leiſer Stimme: 3 „Ich muß gehen und meine Dame aufſuchen.“ Sie blieb noch zwei Tage nach dieſer Unterre⸗ dung bei uns, und ich erinnere mich ſehr wohl, daß ſie eines Abends in mein Zimmer kam und mich leb⸗ haft anblickte, während ich mit der Sorgfalt eines Jägers meine Büchſe reinigte, ehe ich mich zu Bette begab. 3 „Ah! Monſieur Louis,“ ſagte ſie in etwas trau⸗ rigem Tone,„Sie werden ſehr bald ein Mann, und ich denke, Sie werden auch bald ein Soldat werden; aber laſſen Sie ſich nicht auf ihr ſchlechtes Leben ein, und ich bitte Sie, vergeſſen Sie nie Ihre Religion. Es werden ältere und klügere Köpfe, als der Ihre und der meine, verdreht, aber laſſen Sie ſich den Ihrigen nicht verdrehen.“ „Das iſt hoffentlich nicht zu fürchten, Jeanette,“ antwortete ich;„aber was wünſchen Sie, meine liebe alte Freundin?“ „Nichts, Nichts; ich wollte nur ſehen, was Sie treiben,“ verſetzte ſie.„Ich ſehe Ihr Licht oft ſpät in der Nacht brennen, und ich dachte, Sie möchten vielleicht ſchlechte Bücher leſen, die manchen den Kopf — 199— verruͤcken. Es iſt viel beſſer, eine Flinte zu putzen, Louis— nur vergeſſen Sie nie Ihre Religion.“ Ich lächelte über ihre ängſtliche Sorge für Ei⸗ nen, der kein Knabe mehr war, indem ich mir nicht träumen ließ, daß ich ſo bald eine Perſon verlieren ſollte, die ſo nahe mit jeder Erinnerung meiner Ju⸗ gend in Verbindung ſtand; als ich aber am nächſten Morgen ein wenig ſpäter, als gewöhnlich, aufſtand, war Jeanette fort, und Alles, was ich von Pater Bonneville erfahren konnte, war, daß ſie eine weite und ſchwierige Reiſe angetreten, woran er nur mit Unruhe denken konnte. Vierzehntes Kapitel. Die Freuden der Schlacht.*) Ich kam etwa zwei Stunden von der Stadt den Hügel herunter; aber meine Augen hatten ſich auf der Jagd geſchärft und ich war völlig gewiß, daß es ſich ſo verhielt. Das Schimmern von Waffen ſowohl auf den Höhen oberhalb der Stadt, als auch im Thale auf der andern Seite des Fluſſes war deutlich ſicht⸗ bar. Doch ſo ſtill und ſchweigend war Alles, daß ich kaum glauben konnte, daß zwei feindliche Armeen einander gegenüber ſtanden. Kein Geräuſch unterbrach *) Hier fehlt ein Theil des Manuſeripts von Seite 56 bis Die Lücke wird etwa fünf bis ſechs Monate betra⸗ geu, und der Verfaſſer hat wahrſcheinlich das Fehlende ſelber vernichtet. Der Herausgeber. — 201— die Stille der Bergluft. Keine Trompete, keine Trom⸗ mel war in dem Augenblicke zu hören, und mein Be⸗ gleiter Karl wollte nicht glauben, daß es ſo war, wie ich ſagte. Bald darauf verſenkten wir uns in eine jener tiefen bewaldeten Schluchten an der Seite der Berge und die Scene entzog ſich unſeren Blicken; als wir aber an der Seite des Berges hervorkamen, ſa⸗ hen wir uns genöthigt, ein wenig hinaufzuſteigen, um dann wieder hinunter zu gehen, als der laute Donner einer Kanone durch die Schluchten wiederhallte. Im nächſten Augenblick wurden die Berge von dem Don⸗ ner einer ganzen Batterie ringsum erſchüttert, und als wir die Höhe erreichten, konnten wir eine dichte Wolke bläulichen Rauches unten an zwei wohlvertheidigten Linien dahinrollen ſehen.— Karl blieb plötzlich ſtehen und ſagte: „Wir ſind ſicher hier, Louis. Wir wollen hier bleiben, bis es vorüber iſt. Wir können weder der einen noch der anderen Partei helfen, und man würde uns nur die Köpfe zerſchmettern.“ Dieſe Gründe waren gut genug für ihn, der keine Eltern oder Verwandte hatte und ein Kind der Gebirge war; aber ich dachte an den guten Pater Bonneville und ſagte ihm ſogleich, daß ich weiterge⸗ hen würde und warum. Er wollte mit mir gehen, aber ich wollte es nicht zugeben, und die Gemſe bei ihm zurücklaſſend, eilte ich ſo ſchnell ich konnte hin⸗ — 202— unter und that manchen verzweifelten Sprung, wäh⸗ rend der Donner der Kanonen und Musketen mir noch in die Ohren tönte, wo es durchaus nöthig war, ſtehen zu bleiben und zu überlegen, was zunächſt zu thun ſei. Ich war unerwartet, nicht gerade in die Mitte der Schlacht, aber doch in die Nähe eines Punktes zur Rechten der franzöſiſchen Linie gekommen, wo eine ſtarke Abtheilung Infanterie mit aufgeſteckten Ba⸗ jonetten gegen eine mit Kanonen wohl beſetzte Schanze anrückte. Die Kanonen donnerten in der Entfernung von etwa dreihundert Schritten zu meiner Linken auf die anrückende Kolonne und die öſtreichiſche Infanterie war bereits nur noch etwa hundert Schritte von der ſteilen Anhöhe entfernt, auf welcher ſich mein Pfad zur Stadt hinzog. Ich ſelber ſtand auf einer Höhe des Hügels, ein wenig über beiden Parteien. Das einzige Mittel, weiter zu kommen, war, einen Sprung von etwa zehn Fuß zu einer Stelle hinunter zu thun, wo eine Tanne aus dem kahlen Felſen hervorragte, und von dort auf einem Umwege in den Rücken der öſtreichiſchen Infanterie zu gelangen. Es war ein kühnes Unternehmen, denn wenn ich die Wurzeln des Baumes verfehlte, mußte ich zer⸗ ſchmettert werden, und meine Büchſe beläſtigte mich ein wenig. Ich wagte es indeß, und es gelang mir, und dann eilte ich ſo ſchnell ich konnte weiter. Aber — 203— jetzt ſah ich eine neue Gefahr vor mir. Die franzö⸗ ſiſche Batterie eröffnete ein mörderiſches Feuer, und als ich den Punkt erreicht hatte, von wo ich am be⸗ ſten in die Vorſtadt gelangen konnte, wurde die öſter⸗ reichiſche Infanterie auf einen Augenblick zurückgeſchla⸗ gen und zog ſich in großer Verwirrrung zurück. Ich weiß nicht, wie ich meine Gefühle in dem Augenblicke beſchreiben ſoll. Furcht empfand ich gewiß nicht, aber ich war völlig verwirrt von dem wilden Lärm und der undentlichen Bewegung der Scene. Eine Anzahl Soldaten lief in äußerſter Unordnung an mir vorüber. Ein Offizier galoppirte ihnen nach und rief und kom⸗ mandirte eine Zeitlang vergebens. Endlich aber ge⸗ lang es ihm, ſie zu ſammeln, gerade als ich vor⸗ überging. Als ſie wieder aufgeſtellt waren, richtete er ſeine Augen auf die Fronte, wo ſich ein anderes Regiment oder ein Theil eines Regiments bereits geſammelt hatte, und als er mich in der Entfernung von eini⸗ gen vierzig Schritten ſah, gloppirte er auf mich zu und fragte mich in deutſcher Sprache, ob ein Weg zur Linken der Linie die Anhöhe hinaufführe. Glück⸗ licherweiſe war mir die Sprache geläufig und ich be⸗ jahte es, indem ich auf den Pfad deutete auf welchem ich gewöhnlich herunterkam. Ohne weiter auf mich zu achten, eilte er an die Spitze ſeines Korps und ich lief ſo raſch wie möglich weiter, um dem näch⸗ 1 2 — 204— ſten Angriffe aus dem Wege zu kommen. Da war eine kleine Brücke, die ich pafſiren mußte, auf welcher nur vier oder fünf Mann neben einander gehen konn⸗ ten, und über dieſelbe drängte ſich eine kleine Abthei⸗ lung Oeſterreicher, die mit gefälltem Bajonnet auf eine überlegene Abtheilung franzöſiſcher 2 Truppen anrückte, die ſich gern zurückgezogen hätten, da ſie ſahen, daß auf ihrem rechten Flügel ein beträchtlicher Eindruck ge⸗ macht worden und daß ſie wahrſcheinlich würden ab⸗ geſchnitten werden. Zugleich aber wollten ſie ſich nicht ohne Widerſtand zurücktreiben laſſen und mehrere Män⸗ ner fielen. Ich folgte unwillkührlich den Oeſterreichern im Rücken, wo ich einige ſchweizer Jäger bemerkte, die mir ſehr ähnlich gekleidet waren und ihre Büchſen mit tödtlicher Wirkung gegen die Offiziere der republi⸗ kaniſchen Armee anwendeten. Ich konnte mich indeſſen nicht entſchließen, ihnen Beiſtand zu leiſten, und behielt meine Büchſe unter meinem Arme, das Band um mein Handgelenk geſchlungen. Sobald die Brücke genommen war, drängten ſich die Oeſterreicher mit größerer Schnelligkeit und Ent⸗ ſchloſſenheit, als die Franzoſen zu erwarten ſchienen, auf den Platz jenſeits derſelben, und während ihr rechter Flügel ſich in ziemlicher Ordnung zu den Höhen zurückzog, zerſtreute ſich der linke und ſuchte Zuflucht in der Vorſtadt. Ich nahm dieſelbe Richtung und die erſte kleine Straße, in die ich eintrat, war mit — 205— Flüchilingen angefüllt, unter welchen ſich eine Anzahl von den Stadtbewohnern befand, welche hinausgegan⸗ gen waren, um die Schlacht mit anzuſehen. Bei dem plötzlichen Andrängen der franzöſiſchen Soldaten nach jener Richtung war es unmöglich, hindurchzukommen. Obgleich ich einen Tumult vor mir bemerkte und einige Schüſſe hörte, ſo bog ich doch in die erſte enge Straße ein, da ich zu meinem Lehrer zu kommen wünſchte, der jenſeits der dritten Wendung der Straße wohnte. Als ich dort eintrat, ſchien die Sonne, die ſich zum Untergange neigte, gerade dieſelbe hinunter und ich konnte hie und da Gruppen von zwei oder drei Perſonen ſehen, unter welchen ich auch franzöſiſche Soldaten bemerkte. Ich eilte lebhaft weiter und kam zu drei Perſonen, die miteinander zu kämpfen ſchienen. Die erſte war ein Frauenzimmer, die zweite ein fran⸗ zöſiſcher Soldat und die dritte, die ihren Rücken zu mir wendete, ſo daß ich das Geſicht nicht ſehen konnte, war bemüht, das Frauenzimmer vor Gewaltthätigkeit zu ſchützen, und ſeine Figur ſchien der Lavaters ſehr ähnlich. Ich wäre gewiß ſtehen geblieben, um ihm beizuſtehen, aber ein wenig weiter ging eine andere Seene vor, die mir nicht Zeit ließ, an irgend etwas Anderes zu denken; aber in dem Augenblicke, als ich vorüber war, hörte ich einen Schuß hinter mir und dann ein dumpfes Röcheln. Ich achtete nicht darauf, denn einen Steinwurf von mir entfernt erblickte ich einen Greis, deſſen Ge⸗ ſicht und Geſtalt ich ſehr wohl kannte, von einem Sol⸗ daten auf brutale Weiſe behandelt und mit einem Kol⸗ benſchlage zu Boden geworfen, ſo daß er auf den Knieen lag. Im nächſten Augenblick zog der Soldat — wenn ein ſolches Ungeheuer dieſen Namen ver⸗ diente— ſeine Waffe zurück und würde, ehe ich die Stelle erreichen konnte, den Pater Bonneville mit dem Bajonnet durchbohrt haben. Ich ſendete einen ſchnelle⸗ ren Boten ab, um die That zu verhindern. In einem Augenblick war die Büchſe an meiner Schulter und ehe ich noch wußte, daß ich den Stecher berührte, ſprang der Franzoſe einen Fuß hoch vom Boden auf und fiel, in den Kopf getroffen, todt nieder. Ich verweilte nicht, um nachzudenken— mich zu fragen, was ich gethan— zu überlegen, was es heißt, einem Menſchen das Leben zu nehmen oder ge⸗ gen einen Landsmann zu fechten. Ich dachte nur an den guten und freundlichen Pater Bonneville, und vorwärts ſpringend, erhob ich ihn vom Boden. Er blutete von dem Schlage, den er vor die Stirn er⸗ halten, ſchien aber nicht ſchwer verwundet und nur betäubt und verwirrt. „Schnell ins Haus, guter Vater,“ rief ich. „Schließen Sie die unteren Fenſter und die Thür.“ — 207— „O! mein Sohn, mein Sohn!“ rief er, mich wild anblickend,„miſche Dich nicht in dieſen Kampf!“ „Lavater iſt noch zurück,“ ſagte ich;„ich muß eilen, ihm beizuſtehen. Gehen Sie hinein, ich werde im Augenblick wieder bei Ihnen ſein.“ „Thateſt Du das?“ fragte er, den todten Sol⸗ daten und die Büchſe in meiner Hand anſehend. „Ja, ich that es,“ antwortetete ich in feſterem Tone, als man hätte erwarten ſollen;„und er ver⸗ diente ſein Schickſal. Aber gehen Sie hinein, guter Vater. Ich komme im Augenblick zurück.“ Während ich ſprach, führte ich ihn zur Thür und ſah ihn ins Haus eintreten. Dann lief ich die Straße hinauf zu der Stelle, wo ich den erwähnten Kampf geſehen hatte. Zwei Leichen lagen auf dem Pflaſter. Die eine war die eines jungen Frauenzimmers von der niederen Klaſſe, die, eine Bajonnetwunde in der Bruſt, auf der Seite lag. Die andere war die eines ſchwarz gekleideten Mannes, der aufs Geſicht gefallen war. Ich wendete ihn um und erblickte Lavaters Züge. Ich faßte ſeine Hand und die Berührung zeigte mir, daß er todt ſei. Ich knieete, während ich dies that, als ein plötz⸗ liches Geräuſch mich veranlaßte, aufſtehen zu wollen — aber ich konnte es nicht, denn als ich noch auf meinen Knieen lag, wurde ich von zwei oder drei Männern mit den Füßen geſtoßen, dann auf den Bo⸗ — 208— den geworfen und von einer Anzahl Oeſterreicher in voller Flucht mit Füßen getreten. Alles um mich her wurde dunkel und verwirrt. Ich ſah die langen Ga⸗ maſchen, ſowie die Waffen und Uniformen, fühlte die ſchweren Füße, die auf meine Bruſt und meinen Kopf geſetzt wurden— und dann war Alles Nacht. Obgleich in der Mitte des Sommers, waren doch die Nächte in jenen Gebirgsgegenden beſtändig kühl. Dieſer Umſtand rettete mir wahrſcheinlich das Leben, denn ich muß mehrere Stunden unbeachtet auf dem Pflaſter gelegen haben. Als ich wieder zu mir kam, war es beinahe Mitternacht, und ich fand mich von mehreren guten Seelen unigeben. Ein Frauen⸗ zimmer benetzte mir Kopf und Bruſt mit kaltem Waſ⸗ ſer, während ein Mann meine Schultern mit ſeinem Knie unterſtützte. Die erſten Gegenſtände, die ich ſah, waren indeſſen drei oder vier Perſonen, welche die Leiche des Frauenzimmers, in deren Nähe ich nieder⸗ gefallen war, auf einer kleinen Bahre wegtrugen. Lavaters Leiche war ſchon verſchwunden. „Sieh nur, er öffnet die Augen!“ rief das Frauenzimmer, welches ſich ſo freundlich um mich be⸗ mühte.„Der arme Junge! Wir werden ihn wieder herſtellen. Wohin ſollen wir Sie bringen, junger Mann?“ Ich nannte in mattem Tone das Haus, wo wir wohnten, und dann rief ein anderes Franenzimmer, welches dabeiſtand⸗ — 209— „Himmel! es iſt der junge Laſſi! Bringt ihn lieber ins Hoſpital!“ Ich verſuchte vergebens nach Pater Bonneville zu fragen, denn es bemächtigte ſich meiner eine matte, todtenähnliche Empfindung und ich ſah mich genöthigt, mit mir thun zu laſſen, was ſie wollten. Man brachte eine wollene Decke herbei, worin ich, wie in einer Hängematte, in das Hoſpital getragen wurde, welches ſich in dem höheren Theile der Stadt befand, und dort legte man mich in einem Saale, wo ſich bereits einige hundert Verwundete befanden, auf ein Bett. Ein Wundarzt mit blutigen Händen, der eine Schürze vor und eine Säge unter dem Arme hatte, kam bald zu mir und fragte, wo ich verwundet ſei. Ich ver⸗ ſuchte zu antworten, konnte mich aber nicht verſtänd⸗ lich machen, und die Säge niederlegend, ließ er mich auskleiden und unterſuchte meinen Körper. Zwei von meinen Rippen ſchienen zerbrochen zu ſein und mein Kopf war ſehr beſchädigt und mein ganzer Körper ge⸗ quetſcht und wund. Aber meine Glieder waren ganz geblieben, und in vier oder fünf Tagen, obgleich ich noch große Schmerzen litt, war ich ſo weit hergeſtellt, daß ich mich nach Pater Bonneville erkundigen und einen Boten in ſeine Wohnung abſchicken konnte, um ihm ſagen zu laſſen, daß ich im Hoſpital zu finden ſei. Pater Bonnevoille erſchien nicht, aber anſtatt ſeiner kam unſer Wirth— ein guter, einfacher, redlicher Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 14 — 210— Mann von freundlicher Gemüthsart. Er ſagte“ mir zu meiner großen Beſtürzung, daß mein guter Freund, wie er ihn nannte, von den Oeſterreichern als Gefan⸗ gener davon geführt worden ſei, nachdem ſie die Stadt in Beſitz genommen; man habe ihn im Verdacht, ein franzöſiſcher revolutionairer Agent zu ſein, und würde ihn ohne Zweifel ſogleich gehenkt haben, wäre er ſel⸗ ber, unſer Wirth, nicht hervorgetreten, um zu be⸗ weiſen, daß er ein ruhiger, unſchädlicher Mann ſei, der ſich durchaus nicht um Politik kümmere und gerne ſchon die Stadt nach der franzöſiſchen Einnahme ver⸗ laſſen hätte, wenn es möglich geweſen wäre. Dies rettete ihm für jetzt das Leben, aber die einzige Gunſt, die man erlangen konnte, war die, die Entſcheidung der Sache bis zur weiteren Unterſuchung aufzuſchieben. Zu der Zeit, als man Pater Bonneville weggeführt, ſei er völlig unbekannt mit meinem Schickſal geweſen und habe gefürchtet, ich möchte getödtet worden ſein. Der gute Mann verſprach aber, ſich nach meinem Freunde zu erkundigen, und redete mir dringend zu, mich in ſein Haus bringen zu laſſen, ſobald 3 mög⸗ lich ſei. Länger als vierzehn Tage, während welcher Zeit ich nicht im Stande war, das Hoſpital zu ver⸗ laſſen, kam er jeden Tag, um mich zu beſuchen, brachte mir aber keine Nachricht von Pater Bonneville. Endlich ließ er mich in ſein Haus bringen und dort ſorgten er und ſeine gute alte Frau mit großer Freund⸗ — 211— lichkeit für mich, bis ich völlig wieder hergeſtellt war. 4 Sobald ich umhergehen konnte, ſagte mir der Wirth, Monſieur Charlier, wie er ihn nannte, habe ihm für den Fall meiner Rückkehr hundert Louisd'or für mich zurückgelaſſen. „Und es war ein Glück, daß er es that,“ fügte der alte Herr hinzu,„denn die Oeſterreicher plünderten Ihre beiden Zimmer aus, unter dem Vorwande, nach Papieren zu ſuchen, und ließen keinen Batzen Silber zurück, den ſie habhaft werden konnten.“ Tage und Wochen vergingen— doch noch im⸗ mer keine Nachricht von dem guten Pater Bonneville, und ſo blieb es mir überlaſſen, ehe ich noch mein neunzehntes Jahr erreicht hatte, mit einem geringen Vorrathe von Kleidungsſtücken, einigen Büchern, einer Büchſe und hundert Louisd'or meinen Weg durchs Leben anzutreten. 14: Funfzehntes Kapitel. Der Kampf nit der Welt. Ein Zeitraum des Wanderns und der Gefahr, des raſchen Fortrückens von Ort zu Ort, von Land zu Land, der Schwierigkeiten und des Ungemachs, der faſt täglichen Gefahr und der beſtändigen Ungewißheit hinſichtlich der Zukunft ſcheint dem Gedächtniſſe Stoff genug zu gewähren; aber die Zeit gleich nach meiner Trennung von Pater Bonneville iſt ſehr trübe und dunkel für die Erinnerung. Ich verweilte ſo kurze Zeit an jedem Orte, und ein Exeigniß folgte ſo raſch dem andern, daß weder Seene noch Ereigniß Zeit hatten, ſich dem Gedächtniſſe einzuprägen, ehe es gleich dem Graſe auf einem öffentlichen Wege von den Wan⸗ derern niedergetreten wurde. Um dieſe Zeit ſprach ich drei Sprachen mit faſt gleicher Fertigkeit, Engliſch, Franzöſiſch und Deutſch; — 213— aber Engliſch verſtand ich vielleicht am vollkommenſten — wenigſtens dachte ich gewöhnlich in dieſer Sprache. Dieſe Fertigkeit war von großem Vortheil für mich, und ich bemerke dies deshalb, weil ich immer, wo eine dieſer Sprachen geredet wurde, für einen Einge⸗ bornen jenes Landes gelten konnte. Freilich hatte ich nicht ſo bald Gelegenheit, Frankreich wiederzuſehen; aber ich wanderte durch viele Theile der Schweiz, wo franzöſiſch geſprochen wird. Die ſchrecklichen Uneinigkeiten und das entſetzliche Blutvergießen in jenem einſt ſo ſchönen und friedlichen Lande trieb mich bald hinaus, obgleich ich meine ängſt⸗ lichen Nachforſchungen nach Pater Bonneville fortſetzte, ſo lange noch eine Wahrſcheinlichkeit vorhanden war, ihn wiederzufinden. Dann richtete ich meine Schritte ohne beſtimmten Zweck nach dem nördlichen Deutſch⸗ land und mehr von zufälligen Umſtänden geleitet, als von eigener Ueberlegung, legte ich den ganzen Weg zu Fuße zurück, denn die hundert Louisd'or gewährten mir nur geringe Mittel und ich hatte die Nothwen⸗ digkeit der Sparſamkeit kennen gelernt. Funfzig von dieſen Louisd'ors packte ich ſorgfältig ein mit dem feſten Entſchluſſe, ſie nur in der äußerſten Noth an⸗ zurühren; und Niemand kann ſagen, welcher Noth und welchen Entbehrungen ich mich unterwarf, um nur dieſen Entſchluß nicht zu verletzen. Alles, was ich entbehren konnte, verkaufte ich, ehe ich mich auf — 214— den Weg machte, und dazu auch meine geliebte Büchſe. Ich beſaß eine Menge Schmuckſachen, die ich mir in der thörichten Eitelkeit der Jugend gekauft hatte, aber ich gab ſie alle weg und behielt nur meine Uhr nebſt einem Petſchaft, worauf ſich ein Wappen befand— welches Petſchaft ich beſeſſen hatte, ſo lange ich den⸗ ken konnte— und den Ring und die kleine goldene Kette, die mir Frau von Salins gegeben. Meine Kleider wurden alle in einen Torniſter gepackt, und in meiner Jägerkleidung, mit ſchweren, ſtarken Schuhen an den Füßen, trat ich meinen Weg an über Berg und Moor, durch Feld und Wald, durch Stadt und Land, indem ich überall, wo ſich die Gelegenheit dar⸗ zubieten ſchien, eine Beſchäftigung ſuchte, aber keine fand. Alles, wozu ich mich erbieten konnte, war, zu unterrichten, und ganz Europa war damals mit Perſonen in derſelben Lage, wie ich, überladen, die durch die Revolution aus Frankreich vertrieben wor⸗ den, ſo daß es kaum möglich war, eine vortheilhafte Anſtellung der Art zu finden. Oft habe ich in den Bauer⸗ und Pächterhäuſern um ein Stück ſchwarzes Brod und einen Trunk Waſ⸗ ſer gebeten. Vielleicht war dies nicht ganz recht, wäh⸗ rend ich wirklich Geld in meiner Taſche hatte; aber es iſt die allgemeine Sitte in jenem Lande, und faſt jeder Handwerker bringt, ehe er Meiſter wird, einige Jahre damit zu, ſich von einem Orte zum andern zu — 215— fechten. Die Beiſteuer wurde faſt immer bereitwillig gegeben und zuweilen erhielt ich durch das Mitleid der Frauen einen Trunk Milch oder einige Kreuzer. Ich war bis vor Hamburg gekommen, ehe ſich mir irgend eine Wahrſcheinlichkeit zu einer Beſchäfti⸗ gung zeigte, und hier ſtellte ſich mir dieſelbe in ziem⸗ lich ſeltſamer Geſtalt dar. Ich ging etwa eine Stunde von der Stadt mit raſchen Schritten am Ufer der Elbe weiter, als ich einen ältlichen Herrn von etwas eigenthümlichem Ausſehen aus einer Gartenpforte bei einem kleinen Sommerhauſe hervorkommen ſah. Er war außerordentlich hager, raſch und lebendig, mit gepudertem Haar und ſtarkem Zopfe, trug ein unge⸗ heures weißes Halstuch, ein mächtiges Jabot und einen etwas abgetragenen bläulich grauen Mantel. Seine Augen und ſein Mund hatten einen Ausdruck, der nicht viel zu verſprechen ſchien und ich ging wei⸗ ter, ohne auf ihn zu achten. Sein Schritt war in⸗ deſſen eben ſo raſch wie der meine, und wir gingen beinahe eine Viertelſtunde neben einander her, ohne zu ſprechen, bis wir zu einer langen hölzernen Brücke kamen, deren ſich jeder, der in Hamburg geweſen iſt, erinnern muß. Ich bemerkte, daß er mich fortwährend mit großer Aufmerkſamkeit betrachtete, und endlich brach er in die Worte aus: „Nun, junger Mann, ich denke, Sie hätten mir wohl wenigſtens einen guten Tag wünſchen können.“ — 216— „Ich kenne Sie nicht,“ antwortete ich,„und pflege mir gegen Fremde keine Freiheiten zu erlauben.“ „Sehr beſcheiden,“ verſetzte er.„Welches iſt Ihr Handwerk?“ Ich erklärte ihm, daß ich Beſchäftigung als Leh⸗ rer ſuche, nachdem ich durch die Revolution aus meinem Vaterlande vertrieben worden. Dies ſchien ihn zu rühren, denn er hatte einen großen Abſcheu gegen Re⸗ volutionen, und er fragte mich, worin ich unterrichten könne. Ich ſagte ihm, ich wäre im Stande, Unterricht im Lateiniſchen, Griechiſchen, Franzöſiſchen, Engliſchen, Deutſchen und in der Mathematik zu ertheilen. „Hunderttauſend!“ rief er,„der Burſche iſt eine Encyclopädie. Laßt uns ſehen, was Sie können.“ Und er ſagte mir ſogleich eine Stelle aus dem Euripides, die mir völlig bekannt war. Ich überſetzte ſie ſogleich ins Deutſche, und dann mußte ich ſie ihm franzöſiſch wiedergeben, was ich in dieſer mageren Sprache ſo gut wie möglich that. Er Peb. ſich die ganze Zeit über die Hände und ſagte: à. 4 4 „Ha— ha!“ Dann ſprach er auch engliſch mit mir, ſo wie es nun eben war, und obgleich ſeine Ausſprache einen geräucherten Lachs zum Lachen hätte bringen können, ſo fand ich doch, daß er eine ſehr genaue Bekannt⸗ ſchaft mit allen Werken der beſten engliſchen Schrift⸗ 7 — 212— ſteller hatte. Die Unterhaltung wurde intereſſant für uns Beide, und wir gingen plaudernd weiter, bis wir die Thore der Stadt erreichten. Dort blieb er plötzlich ſtehen, ſah mich vom Kopf bis zu den Füßen an und rief: „So wünſchen Sie alſo Beſchäftigung?— Sie ſind wohl arm— ſehr arm?“ Ich entgegnete ihm, es wäre kaum möglich, ärmer zu ſein. „Nun, da müſſen Sie nicht in theueren Gaſthö⸗ fen logiren,“ ſagte er. Ich erwiederte ihm, ich wiſſe nicht, wo ich lo⸗ giren ſolle, da ich in der Stadt fremd ſei. 1 „Ich will es Ihnen ſagen,“ antwortete er.„Sie müſſen in der unteren Stadt in der Hardtgaſſe— Nummer 5— bei Wittwe Steinberger logiren.“ Er wiederholte mir die Anweiſung dreimal, und fügte hinzu:„Sie muß Sie für zwei Thaler wöchentlich be⸗ köſtigen— geben Sie ihr nicht mehr. Jedermann fordert zu viel in der Erwartung, daß man weniger bieten werde— es iſt eine ſchlechte Sitte, aber ſie iſt allgemein.“ Die ganze Zeit über hatte er ſich bei jedem zwei⸗ ten oder dritten Worte auf dem rechten Fuße umge⸗ dreht, als beabſichtige er fortzugehen, und ich bemerkte keine Neigung an ihm, mir eine Anſtellung zu ver⸗ ſchaffen; als er aber mit ſeinen Andeutungen zu Ende — 218— war, zog er ein kleines Notizenbuch aus der Taſche, ſchrieb Etwas mit ſeiner gewohnten Flüchtigkeit hinein, riß das Blatt aus, gab es mir und ſagte: „Beſuchen Sie mich— beſuchen Sie mich. Ich will überlegen, was ſich für Sie thun läßt. Wir wollen eine Anſtellung für Sie finden, Vielwiſſer.“ Und er wendete ſich um und verließ mich. Dann fragte ich mit größerer Hoffnung, als vorher, nach der Straße, die man mir angedeutet hatte, ohne Neu⸗ gierde genug zu beſitzen, etwas Anderes, als den Na⸗ men anzuſehen, welcher, wie ich bemerkte, Hermann Haas war. Es währte lange, ehe ich die Hardt⸗ gaſſe fand, und ehe dies geſchah, mußte ich durch manche düſtere Straße mit hohen alten Häuſern und Waarenlagern gehen. Endlich zeigte man mir das Ende einer kleinen Gaſſe, deren Ausſehen mehr in Uebereinſtimmung mit meinen Finanzen, als mit mei⸗ nen Wünſchen ſtand. Als ich aber weiterging, fand ich, daß die Häuſer, nach der Größe der Thüren und den Verzierungen, wovon ſie umgeben waren, zu ur⸗ theilen, von einiger Bedeutung geweſen ſein mußten. Vor Nummer 5 blieb ich ſtehen, und da ich weder Klopfer noch Klingel fand, ſo öffnete ich die Thür und ging hinein. „Wer iſt da?“ kreiſchte eine Stimme von der rechten Seite her und in ein großes düſteres Zimmer tretend, befand ich mich vor einer ſtattlichen Dame, — 219— welche die würdevolle Beſchäftigung des Kochens trieb, und ſogleich fragte, was ich wünſche. Ich erfuhr, daß dies Niemand anders als Madame Steinberger ſelber ſei, aber ehe ſie ſich auf irgend eine Verhand⸗ lung, mich in Wohnung und Koſt zu nehmen, ein⸗ laſſen wollte, beſtand ſie darauf, daß ich ihr ſage, wer mich zu ihr geſchickt. Als ich ihr aber das Pa⸗ pier zeigte, rief ſie: „Profeſſor Haas! O! das iſt eine andere Sache.“ Hierauf waren unſere Anordnungen bald getroffen. Wie der Profeſſor erwartet hatte, forderte ſie anfangs mehr, als womit ſie ſich ſpäter begnügte; aber ſein Ausſpruch war bei ihr von großem Gewicht, und bald befand ich mich in einem bequem eingerichteten Zim⸗ mer, an welches noch ein großes Zimmer ſtieß, wel⸗ ches ich ebenfalls benutzen konnte, wenn ich wollte, für welche Wohnung ich nebſt drei Mahlzeiten täglich zwei Thaler für die Woche zu zahlen hatte. Am folgenden Morgen, zu der Stunde, wo es, wie meine Wirthin mir ſagte, am paſſendſten ſein würde, ging ich, den Profeſſor zu beſuchen, den ich in ſeinem Studirzimmer fand. Wie er es anfing, überhaupt zu ſtudiren, kann ich nicht ſagen, denn er war in einem Zuſtande beſtändiger Bewegung— der reizbarſte Deutſche, den ich je geſehen. Während des größten Theiles der Zeit, als er mit mir ſprach, nahm er ein Buch herunter, ſtellte ein anderes weg, ſchlug — 220— 5 Papiere um, die auf dem Tiſche lagen, tunkte eine Feder in die Dinte, wiſchte ſie wieder ab und nahm verſchiedene andere Operationen vor, um ſeine über⸗ flüſſige Thätigkeit in Anwendung zu bringen. Er muß in früherer Zeit ruhig geweſen ſein, denn er war ge⸗ wiß ein ſehr gelehrter Mann; aber ich konnte nie entdecken, wenn es geweſen. Endlich, nachdem er mir eine Menge Fragen vorgelegt hatt, ſagte er: „Ich habe eine Schülerin für Sie, um den An⸗ fang zu machen. Kommen Sie, ich will ſie Ihnen vorſtellen.“ Und zu einem andern Zimmer in demſelben Stock oorangehend, ſtellte er mir eine junge Dame, die dort ſaß und ſtickte, als ſeine Tochter vor. „So,“ ſagte er,„unterrichten Sie ſie im Eng⸗ liſchen und in Allem, was Sie ſonſt noch verſtehen. Ich habe keine Zeit— ſie iſt ein gutes Mädchen, aber langſam.“ Die junge Dame ſah ihm mit ruhigem und hei⸗ terem Lächeln ins Geſicht und ſagte: „Wenn zwei ſo raſche Leute, wie Sie, im Hauſe wären, lieber Vater, ſo würden ſie beſtändig gegen einander rennen.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte der Greis,„wahr und philoſophiſch. Die Natur liebt den Gegenſatz ſowie die Harmonie. Entgegengeſetzte Kräfte heben einander auf. Du, liebe Louiſe, biſt meine Kraft der Trägheit. — 221— Ohne Dich würde ich zu ſchnell weitergehen. Aber hören Sie, junger Herr, wie iſt Ihr Name?“ „Louis de Lacy,“ antwortete ich. „Der Name gefällt mir ſehr,“ antwortete der Greis.„Das de deutet auf gutes Blut und gute politiſche Grundſätze— aber kommen Sie, wir wol⸗ len die Bedingungen in meinem Zimmer beſprechen, und ich will verſuchen, Ihnen bald noch mehr Be⸗ ſchäftigung zu verſchaffen.“ Ich fand, daß der gute Profeſſor ſich ebenſo gut auf das Handeln, wie auf die griechiſche und lateini⸗ ſche Sprache verſtand. Er berechnete den Werth mei⸗ ner Dienſte auf den Pfenning, und wie ich ſpäter er⸗ fuhr, würde er mir noch weniger geboten haben, wenn ich den geringſten Widerſtand geleiſtet hätte, denn er fand ein Vergnügen an ſolchen Triumphen. Ich ließ ihn indeß Alles nach ſeinem Willen anordnen, und ſeiner Großmuth überlaſſen, fügte er wahrſcheinlich ein wenig zu der Summe hinzu, die er mir zu ge⸗ ben beabſichtigt hatte. Es wurde feſtgeſetzt, daß ich ſeine Tochter jeden Tag zwei Stunden unterrichten ſollte, und ſobald dies abgeſchloſſen war, faßte er mich an die Schultern, ſchob mich auf die Thür zu und ſagte: A „So, gehen Sie und fangen Sie ſogleich an, Sie haben noch drei Stunden bis zum Mittageſſen. Ich muß wieder zu meinen Studien.“ Ich kehrte wieder in das Zimmer zurück, wo Louiſe Haas ſaß, und wo ich beinahe neun Monate lang jeden Tag zwei Stunden und den größten Theil faſt jeden Sonntages zubrachte. Sie war ein hüb⸗ ſches Mädchen mit kleinen wohlgebildeten Geſichtszü⸗ gen, einer graziöſen und abgerundeten Geſtalt und ei⸗ ner klaren Geſichtsfarbe, die bei verſchiedenen Gemüths⸗ bewegungen beträchtlich wechſelte. Ihre Mutter war vor vier oder fünf Jahren an der Auszehrung, jener Peſt der nördlichen Länder, geſtorben. Es war Nie⸗ mand im Hauſe, als ſie, ihr Vater und zwei Die⸗ nerinnen; es kam faſt keine andere Geſellſchaft ins Haus, als ernſte alte Profeſſoren mit langen nicht ganz wohl ausgekämmtem Haar; und ſo waren Leh⸗ rer und Schülerin, gleich Abälard und Heloiſe manche Stunde allein, da ich ihres Vaters Befehl hatte, ſie im Engliſchen ſo wie in allem Andern zu unterrich⸗ ten. Pater Bonnevilles gute Lehren aber, einige Weltkenntniß und manche harte Erfahrungen nebſt an⸗ deren Gefühlen, die ich nicht wohl beſchreiben kann, verhinderten mich auch, nur daran zu denken, meine Stellung auf unredliche Weiſe zu benutzen. Es war indeſſen natürlich, daß unter ſolchen Umſtänden die Bekanntſchaft bald zur vertrauten Freundſchaft wurde. Ja, es war nicht unnatürlich, daß kleine Zeichen der Freundlichkeit und Zärtlichkeit zwiſchen uns vorkamen; denn obgleich ſehr ruhig und ſanft, war ſie von lie⸗ — 223— bevoller Gemüthsart. Ich fand durchaus nicht, daß ſie ſchwer lernte— im Gegentheil war ſie eine ſehr fähige Schülerin; aber zuweilen gab es Dinge, die ſie nicht begreifen konnte, und dann pflegte ſie mir lächelnd ins Geſicht zu blicken und zu fragen, ob ſie nicht ſehr einfältig ſei; und dann ließ ſie ihre Hand in die meine ſinken und dort ruhen, als ſollte ſie Ver⸗ zeihung erbitten. Wir waren beide ſehr jung; ſie noch nicht acht⸗ zehn und ich noch nicht zwanzig, und ſeltſame neue Gefühle wurden in meinem Herzen für ſie rege. Ich will ſelbſt jetzt nicht behaupten, daß es Liebe war, und damals wollte ich überhaupt nicht fragen, was es ſei. Es war eine Zärtlichkeit— ein Gefühl der ſanften und ruhigen Zuneigung— eine Vorliebe für ihre Geſellſchaft— ein Vergnügen, jene ſanften Au⸗ gen in die meinen blicken zu ſehen, und eine Dank⸗ barkeit für die Freundlichkeit, die ſie mir ſtets und bei jeder Gelegenheit bewies. Was ſie empfand, er⸗ fuhr ich ſpäter; aber ich muß wieder zu meiner Le⸗ bensweiſe in Hamburg zurückkehren. Durch die freundliche Bemühung des guten al⸗ ten Profeſſors erhielt ich noch mehrere andere Schü⸗ ler und hatte das große Glück, zu bemerken, daß meine Einnahmen meine Ausgaben überſtiegen. Ich warf meine Reiſekleidung ab, zog aus meinem Tor⸗ niſter die Kleider hervor, die ich ſorgfältig geſchont — 224— hatte, erlangte Zutritt in einige Geſellſchaften der Stadt, und obgleich ich nicht glaube, daß ich jemals beſonders eitel war, ſo wurde doch die Eitelkeit, die ich beſaß, einigermaßen begünſtigt. Aber mein Lieb⸗ lingsaufenthalt war immer das Haus des Profeſſors. Er und ſeine Tochter waren meine erſten Freunde in der Stadt, und ich wurde täglich vertrauter mit ihm. Er war zufrieden mit den Fortſchritten, die ſeine Toch⸗ ter machte, ſowie auch mit dem geringen Beiſtande, den ich ihm von Zeit zu Zeit bei verſchiedenen Wer⸗ ken leiſtete, die er ſchrieb. Während ich für ihn ſchrieb oder Stellen für ihn aufſuchte, konnte er ſich nach Gefallen im Zimmer hin und her bewegen und in fünf Minuten jeden Winkel deſſelben durchſchreiten. Nach Verlauf eines Monats erhielt ich eine allgemeine Einladung, immer wenn es mir gefalle, meine Abende dort zuzubringen— und dies gefiel mir ſehr oft. Nach einer Weile wurde ich mit Louiſen in die Kirche geſchickt, welche ſie regelmäßig beſuchte, obgleich ich nicht ſagen kann, daß der Profeſſor je die Stufen ei⸗ nes religiöſen Gebäudes abnutzte, und ich trug Sorge, mich durch meine katholiſche Erziehung nicht verhin⸗ dern zu laſſen, mit meiner hübſchen kleinen Schülerin die proteſtantiſche Kirche zu beſuchen. In der That hing ich zu jener Zeit nur ſehr locker an dem Saume der römiſchen Gewänder. Ich hatte in der letzten Zeit die Bibel viel geleſen. Ich las auch einige ka⸗ — 225— choliſche Bücher, aber ich fand, daß beide nicht über⸗ einſtimmten, und mir gefiel die Bibel am beſten. Ue⸗ berdies, als der Frühling auf den Winter folgte, als die Tage zunahmen und die Sonne warm wurde, da kam von Zeit zu Zeit ein Augenblick lieblichen früh⸗ lingsartigen Glücks, wenn Louiſe und ich, nachdem wir die Kirche beſucht hatten, bis zur Mittagsſtunde des guten Profeſſors noch einen weiteren Spaziergang machten. Zhweilen machten wir am Abend noch ei⸗ nen Gang und zuweilen begleitete er uns zu ſeinem kleinen Garten mit dem Sommerhauſe, wo er mir zuerſt begegnet war. Es war Alles ſehr ergötzlich, und mein Ehrgeiz, der einſt ſehr ſtark und hochſtre⸗ bend geweſen, war um dieſe Zeit ſehr feingeſchrumpft. Ich hätte dort eine unendliche Zeit bei Allem, wie es gerade jetzt war, zufrieden verweilen können. Aber wir müſſen uns erinnern, daß kein Wort von Liebe zwiſchen Louiſe und mir gewechſelt worden war, au⸗ ßer wenn es in den Büchern vorkam. Ich fürchte, daß dieſe Stellen um dieſe Zeit ſehr häufig wurden. Loniſe liebte dieſelben und ich war leicht bereit, ſie ihr aufzuſuchen. So ging es länger, als acht Monate, als un⸗ glücklicherweiſe eine Schweſter des Profeſſors ankam, die ein wenig jünger war, als er, die aber das ein⸗ ſame Alter ſehr verſauert hatte. Sie war ganz Auge, Ohr und Verſtand. Gott weiß, ſie hätte jedes Wort Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 15 hören können, welches zwiſchen Louiſen und mir ge⸗ wechſelt wurde, und Alles ſehen dürfen, was zwi⸗ ſchen uns vorging— mit Ausnahme der Blicke. Zu dieſer Zeit war der Einfluß, den Frankreich auf Preußen ausübte, ſo groß, daß das Protektorat der letzteren Macht über die nördlichen Kreiſe zu einer förmlichen Tyrannei wurde, die man für die Zwecke der franzöſiſchen Republik beſonders zur Verfolgung der Ausgewanderten ausübte. Die Stellung ſolcher Perſonen, wie ich, wurde ſehr gefährlich, und am Tiſche des Profeſſors wurde mehr als einmal von der Nothwendigkeit meiner Entfernung aus Hamburg ge⸗ ſprochen. Es wurde ſogar der Vorſchlag gemacht, daß ich in einem Schiffe, welches in wenigen Mona⸗ ten abſegelte, nach den Vereinigten Staaten Amerikas abfahren ſollte.— Ich konnte nicht umhin zu bemerken, daß Louiſe ſehr blaß wurde, als man von dieſen Gegenſtänden ſprach, und in ſechs Wochen der wechſelnden Aengſt⸗ lichkeit wurde ich mit aufrichtiger Beſorgniß gewahr, daß ſie ihre Geſundheit und ihren Lebensmuth ver⸗ lor. Ich wagte nicht zu denken, daß jenes theure, liebenswürdige Mädchen um meinetwillen litt; aber dennoch that ich mein Möäglichſtes, ſie zu erheitern und zu tröſten, und vielleicht wurde ich ein wenig zärtlicher in meinem Weſen und meinen Worten, als ich es vorher geweſen. Es hieß jetzt immer„lieber — 227— Louis“ und„liebe Louiſe;“ aber ich denke nicht, daß wir weiter gingen. Oft befragte ſie mich über meine frühere Geſchichte und ich erzählte ihr ſo viel, wie ich ſelber wußte. Sie ſchien ein lebhaftes Intereſſe daran zu nehmen; da es aber ein Gegenſtand von lebhaftem Intereſſe für mich ſelber war, ſo erſchien es mir als natürlich. So lebten wir eine Zeitlang weiter, während die Geſundheit meiner hübſchen Louiſe abnahm und ihre Schönheit zuzunehmen ſchien durch die täglichen Spaziergänge, wozu ſie ſich zwang. Endlich kam der Ausbruch. Der alte Profeſſor begegnete mir auf der Treppe, und anſtatt mich ſo⸗ gleich zu Louiſen zu ſchicken, winkte er mir, in ſein Studirzimmer zu treten. Dann eilte er in ſehr auf⸗ geregtem Zuſtande von einem Winkel des Zimmers in den andern, ſah mich zornig an, ſprach aber kein Wort. Sein Benehmen wurde ſo peinlich für mich, daß ich endlich das Schweigen brach und ſagte: „Sie wünſchen mit mir zu ſprechen, Herr Haas?“ „Ja, ja, Herr!“ verſetzte er mit lebhafter Hef⸗ tigkeit;„habe ich nicht Urſache zu ſprechen— habe ich nicht Urſache zornig zu ſein? Hier nahm ich Sie als Bettler auf, vertraute Ihnen wie einem Freunde, und Sie haben mein Vertrauen gemißbraucht, indem Sie, unter dem Vorwande, ihr Unterricht zu geben, die Neigung meiner Tochter gewannen. Antworten 15* k Sie mir, wie Sie wollen, Herr, es iſt ein ſchlim⸗ mer Fall.“ „Was das Gewinnen der Neigung Ihrer Toch⸗ ter betrifft, mein Herr,“ verſetzte ich,„ſo müſſen Sie wahrſcheinlich irren; denn ich kann mich kühn auf ſie berufen, zu ſagen, ob ich je von Liebe mit ihr oder Jemand anders geſprochen, um die Beſchuldigung zu rechtfertigen, die Sie auf mich werfen. Ich habe im⸗ mer Ihre Gaſtfreundſchaft geachtet, und da ich Ihnen ſo viel verdanke, würde ich mich in der That für ſchlecht halten müſſen, wenn ich ohne Ihre Einwilli⸗ gung nach der Neigung Ihrer Tochter geſtrebt hätte. Wir waren viel bei einander und—“ Aber Nichts konnte den Greis zufrieden ſtellen. Er unterbrach mich haſtig und rief, das einzige Mit⸗ tel, meine Aufrichtigkeit zu beweiſen, ſei, ſogleich Hamburg zu verlaſſen. Seine Schweſter, die einige Meilen von dort in einem Landhauſe wohne, habe ihm vor ihrer Abreiſe an dem Morgen Alles geſagt, was zwiſchen Louiſen und mir vorgehe. Es würde bald ein Schiff nach Amerika abſegeln, und wenn ich wirklich die ehrenvollen Geſinnungen hege, die ich aus⸗ ſpreche, ſo würde ich mit demſelben abfahren und den Frieden ſeines Haushalts nicht weiter ſtören. Er fragte mich in drohendem Tone, ob ich wiſſe, daß ſeine Tochter ſeine Erbin ſei, und endete damit, mir ſein Haus zu verbieten. Ich entfernte mich düſter und verzweifelnd, und obgleich er Nichts ſagte, was mich zu einem ſolchen Schluſſe führen konnte, ſo hielt ich mich doch über⸗ zeugt, daß er vor ſeiner Unterredung mit mir bereits mit Louiſen geſprochen habe. Es lag ein gewiſſer düſterer Troſt in dieſer Ueberzeugung, und ich war unentſchloſſen, ob ich Hamburg verlaſſen oder in der Hoffnung dableiben ſolle, daß eine Veränderung in ſeinen Gefühlen vorgehen werde. Es giebt eine halbe Liebe, und ich wußte— ich fühlte, daß ich das liebe Mädchen glücklich machen und ſelber mit ihr ſehr glücklich ſein könne. Die Erinnerung aber, daß ich Nichts auf Erden beſaß— daß ich ein Ausgeſtoße⸗ ner— ein Bettler— und ſie wahrſcheinlich reich war, führte mich zur Entſcheidung. Ich ging zum Hafen und zahlte einen Theil des Paſſagiergeldes, er⸗ fuhr aber mit einer ſeltſamen Miſchung der Gefühle, daß die Abfahrt des Schiffes einen ganzen Monat aufgeſchoben worden, was von dem Tage an beinahe ſieben Monate ausmachte. Der Schiffer benachrichtigte mich, daß dieſer Aufſchub daher rühre, weil die Rhe⸗ der die engliſchen Kreuzer fürchteten, die ſich zu jener Zeit ebenſo ſchlecht gegen neutrale Schiffe benahmen, wie ſie ſich tapfer in Gefechten mit dem Feinde zeig⸗ ten. An den Gründen lag mir indeſſen wenig, und ich ging weg, ohne zu wiſſen, ob ich mich über die⸗ ſen Aufſchub freuen ſollte oder nicht. — 230— Ich konnte Hamburg nicht ohne Gefühle des Bedauerns verlaſſen— ich konnte Louiſe nicht ohne eine bittere Qual verlaſſen— ich hatte gethan, was recht war— mein Gewiſſen billigte meine Handlungs⸗ weiſe; und wenn der Zufall mich in der Stadt zu⸗ rückhielt und das Glück mich mit irgend einem Wech⸗ ſel der Umſtände begünſtigte, konnte die Hoffnung ohne Selbſtvorwurf ihre Schwingen wieder erheben. Ich ließ mir nicht träumen, mit welcher See⸗ lenqual dieſer Zeitraum ſollte erfüllt werden. Die gute Madame Steinberger hatte offenbar etwas von dem erfahren, was im Hauſe des Profeſ⸗ ſors geſchehen war. Sie war ſehr freundlich gegen mich geweſen, und war es noch; aber ihre Ehrfurcht vor dem Profeſſor Haas kam zuweilen in Zwieſpalt mit ihrer Rückſicht für ihren jungen Hausgenoſſen. Ich ſaß Abends lange da, träumte von der Vergan⸗ genheit, dachte an Louiſe und träumte von den glück⸗ lichen Stunden, die niemals zurückkehren ſollten. Und dann kam Madame Steinberger, verſuchte mich zu trö⸗ ſten und ſagte, es wäre nur die Liebe eines Knaben und Mädchens, und ſie würde bald vorübergehen; ich und die junge Dame würden die Sache bald vergeſ⸗ ſen, und ſie zweifle nicht, uns Beide noch als glück⸗ liche Eltern zu ſehen. Wenn ſie einen glühenden Spieß genommen und — 231— in mein Herz gebohrt, hätte ſie mich nicht elender machen können, als durch dieſen Troſt. Mir half kein Troſt— kein Nachdenken— keine Philoſophie. Es war eine Zeit der Bitterkeit, von verſchiedenen Gemüthsbewegungen erfüllt, aber alle höchſt ſchmerzlich. Wäre meine Liebe glühender und heftiger geweſen, ſo hätte meine Lage mich wahr⸗ ſcheinlich weniger traurig gemacht. Ich würde ge⸗ kämpft— ich würde Widerſtand geleiſtet haben— aber ein düſteres und unheimliches Gefühl bemächtigte ſich meines Geiſtes, daß alle, die mich liebten, alle, die ein Intereſſe für mich empfanden, faſt ebenſo bald für mich verloren ſein ſollten, wie ich den Segen ih⸗ rer Theilnahme und ihrer Freundlichkeit empfand. Ich fühlte mich unglücklicher, als ich es beſchreiben kann. Es war Nichts vorhanden, was die ſchlum⸗ mernde Energie anſpornte. Es war Alles troſtloſe, einförmige, ſchwermüthige Unthätigkeit. Drei Wochen waren auf dieſe Weiſe vergangen, als ich eines Abends in dem größeren Zimmer ſaß, wo die gute Frau Steinberger ein Feuer angezündet hatte, meine Füße an den Kamin geſtellt und meinen Kopf auf die Hand geſtützt. Ein Buch, worin ich vergebens zu leſen verſucht, war an meiner Seite auf den Boden niedergefallen, als ich einen Fußtritt im Gange hörte und die Thür aufging. Ich achtete nicht darauf, denn ich war ohne Hoffnung und Erwartung 3 — 232— — ich ſah mich wieder in die Welt hinausgeſtoßen, gleich einem Wrack auf dem weiten Ocean. Plötzlich hörte ich neben mir eine Stimme, die ich ſehr wohl kannte: „Louis— Louis, können Sie mir verzeihen? Louis, wollen Sie mich retten— wollen Sie mein Kind retten?“ Ich fuhr empor und blickte die Geſtalt an, die vor mir ſtand. Ich konnte kaum glauben, daß es mein alter Freund der Profeſſor war, ſo blaß, ſo abgemagert, ſo kummervoll ſah er aus. Ich ergriff augenblicklich ſeine ausgeſtreckte Hand. „Mein lieber, guter Freund,“ ſagte ich,„was habe ich Ihnen zu verzeihen? Ich ſuchte nie Kummer und Ungemach über Sie zu bringen— ich würde lie⸗ ber geſtorben ſein. Das iſt Alles, was ich zu ſagen habe. Sagen Sie mir, was ich thun ſoll— ſagen Sie mir, was Sie wünſchen, und ich bin bereit, es zu thun.“ „Kommen Sie zu Louiſen,“ ſagie er, meine Hand heftig drückend.„Kommen Sie zu Louiſen— ich bin ein Thor— ein Wahnſinniger— ein geld⸗ gieriger Wicht geweſen. Sie nur können ſie retten— kommen Sie zu ihr— kommen Sie ſogleich zu ihr!“ Ich zitterte heftig, ergriff meinen Hut und rief: „Laſſen Sie uns gehen!“ Und ich ſtürzte vor ihm aus dem Hauſe. Wir liefen durch die Straßen, ſtießen an Jedermann an — 233— und achteten auf Niemand. Ich that keine Fragen. Ich wußte, daß etwas Schreckliches geſchehen war; aber ich ging zu Louiſen und wußte, daß ich bald Alles erfahren würde. In jenen Tagen war in Ham⸗ burg keine Thür geſchloſſen. Ich öffnete die Thür — trat ein— eilte die Treppe hinauf und hörte ihn rufen:„Halt, halt!“ Aber die Poſaune eines En⸗ gels hätte mich nicht zurückrufen können. Ich trat in ihr Wohnzimmer. Sie war nicht dort. Ich zau⸗ derte nicht, ſondern eilte in ihr Schlafzimmer. Sie ſaß auf einem Stuhle und alle Farbe hatte ihre Wange verlaſſen, mit Ausnahme eines rothen Flecks. Ein Arzt ſtand neben ihr und hielt ein Glas in der Hand. Eine alte Dienerin kniete zu ihren Füßen und hüllte dieſelben in Flanell ein. Sie hielt ein mit Blut gefärbtes Taſchentuch vor ihren Lippen. Konnte ich zaudern? Nein, und hätte es zugleich ſie und mich getödtet. In einem Augenblick eilte ich durchs Zimmer, warf mich zu ihren Füßen und um⸗ ſchlang ſie mit meinen Armen. „Louiſe— meine Louife!“ rief ich. Sie blickte mich mit Ueberraſchung an und ſah ſich nach ihrem Vater um, der dicht hinter mir folgte — dann umſchlang ſie mich mit ihren Armen, ließ ihren Kopf auf meine Schulter ſinken und ſagte mit matter Stimme: 1 „Louis, lieber Lonis, Du haſt mich gerettet— 1 — 234— ich fühle— ich bin gewiß, ich werde leben, um Dein Weib zu ſein—“ „Still, ſtill,“ ſagte der Arzt.„Sie dürfen durchaus nicht ſprechen.“ „Du ſollſt ſein Weib ſein— Du ſollſt ſein Weib ſein!“ rief ihr Vater lebhaft. 3 „Ich bin ſehr glücklich,“ ſagte Louiſe. „Ich muß um völlige Stille bitten,“ ſagte der Arzt,„Alles wird jetzt gut gehen; aber Sie müſſen das Zimmer verlaſſen.“ „Niemand ſoll für ſie ſorgen, als ich,“ rief ich; „aber ich werde ſo ſtill ſein, wie die Nacht. Sie iſt mein — mein durch das theuerſte und heiligſte Band und ich will ſie nicht eher verlaſſen, als bis dies aufgehört hat.“ Die ganze Nacht blieb ich mit dem Arzte und der alten Dienerin bei ihr, wachte ſchweigend, tröſtete und unterſtützte ſie. Von Zeit zu Zeit kehrte der Blut⸗ auswurf zurück, endlich aber wurde Eis herbeigeſchafft. Dadürrch wurde derſelbe völlig gehemmt. Zwei Stun⸗ den vergingen, ohne daß jene ſchrecklichen Symptome zurückkehrten, und ſie in meinen Armen erhebend, wie ein Vater ein Kind, legte ich ſie in ihr Bett. Dann ſetzte ich mich auf einen Schemel an ihrer Seite und legte meinen Kopf auf daſſelbe Kiſſen. Ich glaubte, ſie würde ſo ruhiger ſchlafen. Ihre ſchweren Augen ſchloſſen ſich, ihr Athemzug wurde ſanfter und ſtiller. Sie ſchlief ein und wenige Minuten ſpäter ſchlief ich neben ihr. Sechzehntes Kapitel. Das Hinwelken der Blume. Der Blutauswurf kehrte nicht wieder zurück. Louiſe und ich erwachten faſt in demſelben Augenblick, gerade als das Morgenlicht durch die Fenſter herein⸗ ſtrömte, und ſie lächelte lieblich, als ſie mich, meinen Kopf auf ihrem Kiſſen ruhend und ihre gute alte Die⸗ nerin am Fuße des Bettes, feſt ſchlafend ſitzen ſah. Das arme Mädchen! ſie bildete ſich ein, daß alle Gefahr vorüber, daß ſie bald wieder wohl ſein und daß wir dann ſehr glücklich ſein würden. Aber ach! Kummer und Täuſchung ſenden zu häufig ihre vergifteten Pfeile aus, und das Gift bleibt in der Wunde. Sie durfte an dem Tage nicht aufſtehen und nur einſilbige Worte ausſprechen. Der gute Arzt führte die Bibel an und ſagte:„Eure Rede ſei ja ja, — 236— nein nein, was darüber iſt, das iſt vom Uebel.“ Am folgenden Tage aber ſtand ſie auf und durfte nach und nach mehr reden, ohne daß eine üble Folge daraus entſtand. Dann waren wir auf eine kurze Zeit ſehr glücklich. Der gute alte Profeſſor that Al⸗ les, was er konnte, um ſeine frühere Rauhheit wie⸗ der gut zu machen, indem er in Alles willigte, was wir wünſchten. Er erbot ſich, Louiſen und mir noch bei ſeinen Lebenszeiten zweitauſend Thaler auszuſetzen, obgleich wir bei ihm wohnen ſollten, und ſprach da⸗ von, mir eine Profeſſur an der Univerſität(2) zu verſchaffen. Glücklicherweiſe war er ſeines Berufes wegen täglich viel vom Hauſe entfernt, fonſt würde die Geſundheit ſeiner Tochter mehr gelitten haben, weil er beſtändig aus und einlief. Während der erſten Woche nach meiner Rück⸗ kehr gewann ſie einige Kräfte wieder und ich hegte ihretwegen große Hoffnung, obgleich ſie einen unan⸗ genehmen Huſten hatte, der ſehr häufig, wenn auch nicht heftig war. Wir ſprachen von der Zukunft und von unſerer Verheirathung, ſobald ſie völlig hergeſtellt ſein würde, und ich maß ihren Finger, um den Ring machen zu laſſen, und küßte die kleine Hand, an die er ſollte geſteckt werden. O! Dies waren ſehr ange⸗ nehme Träume, und ich fühlte, daß ich mit dieſem lieben ſanften Mädchen ſehr glücklich ſein könne, ja, ich bildete mir ein, daß unſer Glück völlig gewiß ſei; —. 237— denn als ich in ihre Augen blickte, waren dieſelben ſo voll Licht und Leben, daß man ſich kaum vorſtel⸗ len konnte, daß ſie je im Tode und in der Dunkel⸗ heit erlöſchen würden. Das lebhafte Roth ihrer Wange kehrte nur Abends zurück; und dann war es nicht ſo allgemein verbreitet. Dennoch fühlte ſie ſich ſo wohl, und wir alle hielten ſie für ſo wohl, daß unſere Hoch⸗ zeit drei Wochen ſpäter ſtattfinden ſollte. Als die Zeit aber herannahte, war ſie nicht mehr ſo wohl. Das Wetter veränderte ſich und es folgte ein feuchter kalter Wind, der drei Tage anhielt und einen unan⸗ genehmen Eindruck auf ſie hervorzubringen ſchien. Es wurde angemeſſen erachtet, unſere Hochzeit noch vier⸗ zehn Tage aufzuſchieben, denn ſie empfand den gering⸗ ſten Luftzug. Dennoch ſank uns nicht der Muth und ſie ſprach mit Zuverſicht davon, ihre Geſundheit wie⸗ der zu erlangen, und ſo wohl wie immer zu ſein. Als aber die Tage vergingen, bemerkte ich mit Aengſt⸗ lichkeit und Unruhe, daß ſie ſchwächer wurde. Wenn die Luft milde war und die Sonne warm ſchien, pflegte ich einen kleinen Spaziergang mit ihr zu machen, in der Hoffnung, ihre Stärke wieder herzuſtellen, und ich bemerkte bald, daß ſie ohne Ermüdung nicht ſo weit gehen könne und daß es ihren Athem kürzer machte und ihren Huſten vermehrte, wenn wir die klei⸗ nen Anhöhen um Hamburg hinaufſtiegen. Unſere Spaziergänge wurden immer kürzer, bis ſie endlich — 238— gar nicht mehr ausging. Eine kaum merkliche Ver⸗ änderung ging mit ihr vor. Ich ſah keinen Unter⸗ ſchied zwiſchen dem einen und dem anderen Tage, wenn ich aber eine Woche oder vierzehn Tage zurück⸗ blickte und die Gegenwart mit der Vergangenheit verglich, ſo konnte ich meine Augen nicht vor der Ueberzeugung ſchließen, daß es viel ſchlimmer mit ihr ſei. Nach einer Weile nahm ſie ihr Frühſtück im Bette ein, ſtrengte ſich aber an, ſo früh wie möglich aufzuſtehen, um zu mir in das Wohnzimmer zu kom⸗ men. Sie ſprach auch immer heiter und ſchien nicht an Gefahr zu denken. Ihr Vater aber war in einem entſetzlichen Zuſtande, denn er konnte ſich ihre Lage nicht verbergen, und ich glaube, wenn er die Gene⸗ ſung ſeines Kindes durch den ſchmerzlichſten Tod hätte erkaufen können, würde er unbedenklich dieſes Opfer gebracht haben. Ich täuſchte mich mehr, als er. Ich hatte von der Wirkung der Luftveränderung gehört und ſprach ſo oft mit Louiſen davon, auf eine kurze Zeit mit mir in ein milderes Klima zu gehen, daß ich mich gegen meine Ueberzeugung faſt überredete, daß es ſo ſein würde. Ich bildete mir auch ein, ich könne ſie ſo glücklich machen, daß ſie nothwendig geneſen müſſe. Denn ich wußte, welch ein heilender Balſam das Glück iſt, und dachte, es müſſe auch hier wirk⸗ ſam ſein. Da ſie nicht mehr in die Kirche gehen konnte, — 239— ſo beſuchte der gute Prediger der Gemeinde ſie mehr⸗ mals, und da er freundſchaftlich gegen mich geſinnt war, ſo ſprach er oft nach dem Beſuche mit mir— obgleich mir ſeine Unterredung jetzt nicht ſo gut gefiel, wie früher, denn ſie war ſehr düſter und er bemühte ſich offenbar, meinem Geiſte die traurigen Erwartungen mitzutheilen, die den ſeinigen erfüllten. Die Strahlen der religiöſen Hoffnung ſuchte er mir auch mitzutheilen; aber ich hielt mich damals an ir⸗ diſche Hoffnungen und wünſchte ſie nicht aufzugeben. Eines Morgens, als er bei Louiſe geweſen war, bemerkte ich Thränen auf ihrer Wange, als ich zu ihr ging; denn jetzt ſtand ſie erſt zu einer ſpäten Stunde auf, und da aller ſchmerzliche Zwang entfernt war, ſo ſetzte ich mich dann gewöhnlich an ihr Bett und las ihr einige Stunden vor. Ich war halb ärgerlich auf den alten Mann, daß er ſie traurig gemacht; aber ſie erlangte bald ihre Heiterkeit wieder und erſt zwei Tage ſpäter erfuhr ich, daß er ihr geſagt, ſie müſſe ſterben. Ich ſaß neben ihr und umſchlang ſie zärtlich mit meinem Arme, als ſie von Kiſſen unterſtützt daſaß, und ich gab mich jenen träumeriſchen Hoffnungen hin⸗ ſichtlich der Zukunft hin, die ich noch hegte und auch bei ihr vorausſetzte. Ich ſprach von unſerer beabſich⸗ tigten Reiſe nach dem Süden, um dem kalten Win⸗ terwetter Hamburgs zu entgehen, wohin ihr Vater uns — 240— begleiten ſollte, bis der Sommer ſie, gleich einer zar⸗ ten Pflanze, zu vollkommener Geſundheit wieder her⸗ ſtellen würde. Sie richtete ihre ſanften Augen mit mildem, aber ſchwermüthigem Lächeln auf mich. „Weißt Du wohl, lieber Louis,“ ſagte ſie,„ich beginne zu denken, daß dieſe Zeit nie kommen wird.“ Ich ſah ſie erſchrocken an, und ihre Hand zärt⸗ lich auf die meine legend, fügte ſie hinzu: „Ja noch mehr, mein Lieber, ich fürchte, ich werde nie Dein Weib ſein Du möchteſt Dich denn entſchließen, mich zu nehmen, wie ich jetzt bin, Dich ſehr bald von mir zu trennen.“ „O Louiſe, Louiſe,“ rief ich, ſie mit der ſchreck⸗ lichen Ueberzeugung, die ſich jetzt mir zuerſt bei dieſen Worten aufdrängte, die ſie nie vorher angewendet hatte, an mein Herz drückend,„hege keine ſo trauri⸗ gen Befürchtungen. Werde ſogleich die Meine, theures Mädchen, und laß Dich von dieſem traurigen Orte hinwegführen— in langſamen, kurzen Tagereiſen— oder zur See— wie es ſein mag.“ Eine Thräne trat in ihr Auge, und ihren Kopf auf meine Schulter lehnend, ſagte ſie in leiſem Tone: „Ich will Dir geſtehen, es würde wonnevoll für mich ſein, Dein Weib zu werden, und wäre es nur auf einen Tag— doch welches Recht habe ich,“ fügte ſie hinzu,„es in dieſem Zuſtande zu verlangen, wo † — 241— ich Dich ſo bald als einen ſo jungen Wittwer zurück⸗ laſſen muß.“ „Laß Dich keinen Augenblick von ſolchen Gedan⸗ ken zurückhalten, Louiſe,“ antwortete ich.„Es wird ein Segen und ein Troſt für mich ſein. Dann kann ich immer bei dir bleiben— darf Dich nie verlaſſen — kann Tag und Nacht für Dich ſorgen, und wenn die zärtlichſte Sorgfalt Dich retten kann, werde ich mein kleines Juwel zum Glück meines Lebens be⸗ halten.“ Sie drückte ihre Lippen zärtlich auf meine Wange und fragte: „Fühlſt Du wirklich ſo, Louis?“ „Aus vollem Herzen,“ antwortete ich.„Es giebt keinen Segen— keinen Troſt, den ich ſo ſehr wün⸗ ſche. Laß es heute ſein— darf ich mit Deinem Va⸗ ter reden?“ „Wenn Du willſt,“ antwortete ſie mit wonne⸗ vollem Lächeln, und nie in meinem Leben empfand ich eine ſolche Genugthuung, wie bei dem Anblicke des Glückes und der Beruhigung, die ich jenem lieben Mädchen gewährt hatte. Der alte Profeſſer war bereit, in Alles zu willi⸗ gen, was wir wünſchen mochten. Er war jetzt völlig der Sklave ihres Willens; aber die Trauung konnte an dem Tage nicht ſtattfinden, denn es waren noch einige Förmlichkeiten zu beſeitigen und einige Anord⸗ Die Wechſel des Lebens. 1. Bd. 16 nungen zu treffen. Sie wurde aber auf den folgenden Abend beſtimmt, und als Louiſe an ihrem Hochzeits⸗ tage erwachte, ſchickte ſie das Mädchen, um mir zu ſagen, daß ſienſich viel beſſer fühle. Sie wußte, welches Glück mir dieſe Nachricht verurſachen werde, und ich war bald an ihrer Seite, um ſie ut eigenen Augen beſtätigt zu ſehen. Sie befand ſich beſſer. Sie ſah beſſer aus. Sie hatte wohl geruht und war im Stande, eine Stunde früher aufzuſtehen, als ſonſt. Die täuſchende Lügnerin Hoffnung flüſterte uns Beiden, glaube ich, falſche Verheißungen in die Ohren, und während jenes Nach⸗ mittages vergingen die Stunden heiterer, als ſeit man⸗ chen Tagen. Um acht Uhr kam der proteſtantiſche Prediger und mit ihm ein Notar. Der Arzt war, außer Louiſe, ihrem Vater und mir, die einzige gegenwärtige Per⸗ ſon. Die unwiderruflichen Worte waren bald ausge⸗ ſprochen, der Kontrakt unterzeichnet und der Ring an ihrem Finger; als ich ihn aber an denſelben ſteckte, bemächtigte ſich ein kaltes und trauriges Gefühl meines Herzens. Er war zuerſt ziemlich eng geweſen, als ich ihn gekauft hatte, und jetzt war er ſehr weit geworden. Wir waren ſogar genöthigt, am folgenden Tage ein wenig Seide darum zu wickeln, damit er nicht herun⸗ er fallen möge. 4 Drei Tage lang ſchien das Glück alle die Wit⸗ — 243— kung hervorzubringen, die ich demſelben in meinen glänzendſten Phantaſien zugeſchrieben hatte. Loniſe befand ſich offenbar beſſer, ſah ſo glücklich und heiter aus und ging mit ſo viel leichterem Schritte an mei⸗ nem Arme im Gange auf und ab, daß ſelbſt der alte Profeſſor unſere Hoffnungen theilte und von künftigen Tagen zu reden begann. Die Arznei verlor bald ihre Macht über den un⸗ beſiegbaren Feind. Wir waren gerade ſechs Tage ver⸗ heirathet, und während der letzten drei war Louiſe wieder ſchwächer geworden. Der ſechste Tag wäar ein warmer und ſonniger. Das Licht ſchien heiter in un⸗ ſer Zimmer und ſie ſprach mit mir von dem lieblichen Anblick des Sommers, und ich mußte das Fenſter öffnen, um die milde Luft hereinzulaſſen. Eines von den Zimmern in dem Hauſe des alten Profeſſors gewährte die Ausſicht anf den mit Bäumen bepflanzten Wall. Es war ein großes ſelten benutztes Zimmer, aber Louiſe bat mich, dorthin zu gehen und die Fenſter zu öffnen, ehe ſie aufſtand, in⸗ dem ſie ſagte, ſie wünſche dort zu ſitzen und die grü⸗ nen Blätter anzuſehen. Ihr Vater kam herein, ehe man ſie angekleidet hatte, und als ſie bereit war, führten wir ſie aus ihrem Zimmer in jenen Salon. Ich hatte einen Lehn⸗ ſeſſel in der Nähe des Fenſters für ſie hingeſtellt und ſie näherte ſich demſelben matt und ſetzte ſich darauf 3 16* 4 — 244— nieder. Die Luft war ſehr lieblich— ein klarer, ſchimmernder Sonnenſchein erhellte das Laub— der Himmel war ſo blau wie ihre Augen, und ſie ſah die Scene eine kurze Zeit mit tiefem Sinnen an. Dann blickte ſie zu meinem Geſichte auf, als ich ne⸗ ben ihr ſtand, legte ihre Hand in die meine und ſagte: „Sehr ſchön!“ Dies waren ihre letzten Worte. Im nächſten Augenblick zeigte ſich ein ſeltſamer, leerer Ausdruck in jenen tiefen gedankenvollen Augen— ein leichter Schau⸗ der überlief ſie— ſie lehnte ſich ſchwerer an mich an und ich hatte gerade noch Zeit, an ihrer Seite nie⸗ derzuknien und ihren Kopf auf meine Schulter zu le⸗ gen. Ich fühlte, wie ein matter Hauch meine Wange fächelte— und Louiſe war nicht mehr! Ende des erſten Bandes. Druck der C. Schumannſchen Buchdruckerei in Schneeberg. nIITIiſſnſ 10 11