ibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gieſen, = Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 4 3 .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: 4 für wochentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1. Mönat⸗ 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 5. Auswäürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die ge⸗ wöhnlichen Tragödien des Lebens waren in manchem Hauſe geſpielt worden— die düſtere, ſtets wiederkeh⸗ rende Seene des Todes, des Leidens und Kummers war in den Wohnungen der Reichen und Armen vor⸗ gegangen. Manche Poſſe war öffentlich und im Pri⸗ vatkreiſe dem Blicke dargeſtellt worden; denn in der Geſchichte jedes Menſchen und der ganzen Welt ſteht das Lächerliche und das Großartige, das Traurige und das Heitere in auffallender Nähe bei einander. Die Wälder glühend in ihrem herbſtlichen Roth, als wir ſie zuletzt geſehen, hatten in vierzehn Tagen die prächtigen Herbſtgewänder abgetragen und abgewor⸗ fen und jetzt die grünen Sommerkleider angelegt und ſich in die zarten Farben der Jugend gehüllt. Die Bäche und Ströme, die viele Monate lang mit eiſigen Ketten gebunden geweſen, rauſchten jetzt in der Freude der wiedererlangten Freiheit wild und ungeſtüm dahin und wurden, vom Frühlingsregen angeſchwollen, an einigen Stellen zu reißenden Strömen; an einigen Stellen überflutheten ſie das flache Land und verbrei⸗ teten ſich über die Wieſen, gleich einer mächtigen feind⸗ lichen Armee. Die Thiere des Waldes waren in ihren Dickich⸗ ten, die Vögel im Bruch oder auf den Baumgipfeln geſchäftig; die leichten Wolken ſchwebten über den ſanf⸗ ten blauen Himmel dahin und der Wind bewegte die leichten jungen Zweige wie zum Scherz hin und her. Alles war heiter und thätig auf der Erdez Alles ſprach von erneutem Leben, Thätigkeit und Hoffnung. Der Phantaſie derjenigen, die ihn noch nie ge⸗ ſehen haben, ſtellt der mächtige Urwald den Begriff der Einförmigkeit dar; und gewiß, wenn er aus der Ferne geſehen wird, macht er jenen Eindruck auf den Geiſt. Düſter, dicht und ſcheinbar undurchdringlich über Höhe und Schlucht, über Ebenen und Gebirge dahinragend, machte er den Eindruck der Feierlichkeit, und wenn gleich der erſte Anblick erhaben iſt, ſo wird doch ſeine dauernde Gegenwart drückend. Aber man dringe in ſeine Tiefen und man wird eine unendliche Verſchie⸗ denheit finden, bald das dichte, verwickelte Dickicht, durch welches der Panther und die wilde Katze nur mit Schwierigkeit ſchleichen und in welche ſich das Wild nicht wagt; bald der zitternde Moraſt, der zwar unſicher iſt für den Fuß, aber doch die Tamarah oder Ceder trägt, mit ſeinem hohen Graſe, ſeinen ſeltſam geſtalteten Blättern und ſeinen unendlich verſchiedenen Blumen; bald iſt es der weit gepflanzte Wald, der ſich meilenweit erſtreckt, mit ſeinen hohen Baumgipfeln, die ſich deutlich und geſondert erheben und mit wenig oder gar keinem Buſchwerk, welches den Teppich von trockenen Fichtennadeln und Tannenäpfeln birgt, wor⸗ auf ſie ſtehen; dann die weite Savanna mit ihrem kniehohen Graſe, grün, friſch und ſchön, und nur hie und da ein Baum, um eine Stelle vor der Sonne zu ſchützen und einen ſanften blauen Schatten auf die natürliche Wieſe zu werfen; und dann wieder an man⸗ chen Stellen eine Strecke, wo jedes charakteriſtiſche Merkmal des Waldes gemiſcht iſt— hier dichtes und verwachſenes Gebüſch, dort eine offene grüne Stelle, hier der Sumpf, der am Bache dahinläuft, dort die mächtige Eiche oder der weit ausgebreitete Kaſtanien⸗ baum, die weit auseinander ſtehen aus Ehrerbietung vor ihren rieſenhaften Aeſten und manchen angenehmen Abhang und manche ſteile Klippe beſchatten. Unter einem dieſer großen Bäume, auf einer Er⸗ höhung, von wo man viele Meilen weit um ſich ſah und in dem öſtlichen Theile der Povinz New⸗York ſaßen drei rothe Männer zu Anfang des Sommers 1758. Eine kurze Strecke vor ihnen und ein wenig wei⸗ ter den Hügel hinunter befand ſich ein kleines Buſch⸗ werk, welches aus phantaſtiſch ausſehenden Geſträuchen und aus einem kleinen verdorrten Baume beſtand. Es bildete gleichſam einen Schirm für den Ruheplatz der Indianer, ſo daß ſie von unten nicht zu ſehen waren, doch ſtand es ihrem Blicke nicht im Wege, als der⸗ ſelbe über die weite Waldgegend dahinſchweifte. Von der Erhöhung, auf welcher ſie ſaßen, konnte das Auge des rothen Mannes, welches vermöge der beſtändigen Uebung die Schärfe des Adlerblicks angenommen hatte, in jeden Theil der Wälder blicken, wo die Bäume nicht zu dicht waren. Der Fußpfad, wo er den Schutz der Zweige verließ, die Savanna, wo ſie der Umkreis des Waldes durchbrach, der Fluß, wo er ſich zum Ocean hinwand, die Millitairſtraße von den Ufern des Hndſon bis zu dem oberen Ende des Horiconſees, der kleinſte Teich, der kleinſte Bach, Alles war wie auf einer Karte vor ihnen ausgebreitet. Ueber die weite Ausſicht wanderten die Augen je⸗ ner drei Indianer nnaufhörlich dahin, nicht als wären ſie beſchäftigt, einen beſtimmten Gegenſtand aufzuſuchen, deſſen Lage ſie nicht ganz genau wußten, ſondern als ſähen ſie nach Etwas, was ihnen einen Gegenſtand der Verfolgung oder des Intereſſes gewähren konnte. Sie ſaßen beinahe zwei Stunden in derſelben Stel⸗ lung da und während dieſer ganzen Zeit wurden nicht mehr, als vier oder fünf Worte zwiſchen ihnen gewechſelt. Endlich aber begannen ſie ſich zu unterreden, wenn gleich anfangs in leiſem Tone, als ob das Schweigen ſelbſt für ſie etwas Ehrwürdiges habe. Einer von ihnen deutete mit der Hand auf eine Stelle im Oſten und ſagte: „Dort geht Etwas vor.“ In der Richtung, auf welche er die Aufmerkſam⸗ keit ſeiner Gefährten lenkte, ſah man in der Mitte der Wälder und Hügel einen kleinen aber außerordentlich ſchönen See ausgebreitet, der vermöge eines engen Ka⸗ nals mit einem anderen viel größeren See vereint war. Von dem erſteren konnte man den ganzen Umfang nicht ſehen, denn hie und da ſchnitt ein Vorſprung des Gebirges die Ausſicht ab und unterbrach die ſchöne wellenförmige Linie des Ufers. Der letztere war deut⸗ licher zu ſehen, weit und eben ausgebreitet mit jedem kleinen Inſelchen und Vorſprunge, deutlich abſte⸗ chend gegen die helle und ſchimmernde Oberfläche des Waſſers. In der Nähe der Stelle, wo die beiden Seen ſich zu vereinigen ſchienen, konnten die Indianer Mauern und Erdwälle entdecken, ſo wie verſchiedene Gebäude von beträchtlicher Größe, ja ſelbſt die franzöſiſche Fahne, — 10— die in dieſer Entfernung nur als ein weißlicher Punkt erſchien. In dem Augenblick, als die Indianer ſprachen, ſah man von einer entfernten Stelle des größeren Sees, deſſen äußeres Ende ſich in einen undeutlichen blauen Nebel verlor, ein großes Boot oder Schiff mit brei⸗ ten, weißen Segeln daherkommen und bei einem kal⸗ ten Nordoſtwinde raſch vorwärts ſegeln. Eine Strecke hinter demſelben bemerkte man einen anderen Gegen⸗ ſtand, der ſich gleichfalls bewegte, aber viel undeutlicher zu ſehen war; und hie und da, dem Ufer näher, ſchoſſen zwei oder drei ſchwarze Punkte, wahrſcheinlich Canoes, über die Oberfläche des Sees, wie Waſſerfliegen über einen ſtillen Bach, dahin. „Die bleichen Geſichter betreten den Kriegspfad gegen einander,“ ſagte ein anderer Indianer, nachdem er einige Augenblicke hingeſehen hatte. „Mögen ſie Alle umkommen!“ rief der Dritte. „Warum ſind unſere Leute ſo wahnſinnig, ihnen bei⸗ zuſtehen. Mögen ſie fechten und ſo viele von einan⸗ der tödten und ſealpiren und dann der rothe Mann die Uebrigen mit dem Tomahawk erſchlagen.“ Die anderen Beiden ſtießen eine bittere Verwün⸗ ſchung in Uebereinſtimmung mit dieſen wilden aber nicht unpolitiſchen Gedanken aus, und dann nach einer langen Pauſe begann der Erſte, welcher geſprochen hatte, die Unterredung wieder und ſagte: F — 11— „Doch würde ich eine von den Federn des weißen Vogels darum geben, um zu wiſſen, was die bleichen Geſichter thun. Ihre Herzen ſind ſchwarz gegen ein⸗ ander. Kannſt Du es nicht ſagen, Apukwa? Du wareſt geſtern an den Ufern des Horicon und mußt die Nachrichten von Carlear gehört haben.“ „Die Nachricht von Albany iſt viel wichtiger,“ antwortete Apukwa;„die Yengees marſchiren mit einer Schaar fechtender Männer hinauf und Niemand weiß, wo ſie ſich niederlaſſen werden. Einige denken in Os⸗ wego, einige in Ticonderoga. Ich bin gewiß, daß es der Ort des ſingenden Waſſers iſt, gegen den ſie marſchiren.“ „Werden ſie viel vermögen auf dem Kriegspfade?“ fragte der Bruder der Schlange;„oder werden die Fran⸗ zoſen ſich ſo roth machen, wie im letzten Jahre am ſüdlichen Ende des Horicon?“ „Der Ort des ſingenden Waſſers iſt ſtark, Bru⸗ der,“ verſetzte Apukwa in ſinnendem Tone, und die Franzoſen ſind große Krieger; aber die Yengees ſind zahlreich, und ſie haben die fünf Nationen um Hülfe angerufen. Ich ſagte dem Huronen, der mir Pulver verkaufte, wo die Adler herunterkommen würden, und ich denke, er wird die Nachricht nicht ſchlummern laſ⸗ ſen unter ſeiner Zunge. Die großen geflügelten Ca⸗ noes kommen ſehr ſchnell den See herauf; aber ich denke, meine Worte müſſen dem franzöſiſchen Häupt⸗ ling ins Ohr geflüſtert worden ſein, weil er ſie ſo ſchnell auf Tieonderoga zufliegen läßt.“ Ein mattes, faſt unterdrücktes Lächeln zeigte ſich um die Lippen ſeiner beiden Begleiter, als ſie von dieſem Verfahren hörten; aber der Jüngſte von den Dreien ſagte: „Und was will Apukwa in der Schlacht thun?“ „Meine Feinde ſcalpiren,“ verſetzte Apukwa, fin⸗ ſter um ſich blickend. „Welcher iſt Dein Feind?“ fragte der Bruder der Schlange. „Beide,“ antwortete der Mann der Heilkunſt mit Bitterkeit;„und jeder wahre Honontkoh ſollte thun, wie ich thue, dicht hinter ihnen folgen und jeden Mann erſchlagen, welcher flieht, von welcher Nation er auch ſein möge— wenn er nur weiß iſt, das iſt genug für uns. Er iſt ein Feind. Wir wollen unſere Scal⸗ pirmeſſer an den Schädeln der bleichen Geſichter ab⸗ ſtumpfen. Dann, wenn die Schlacht vorüber iſt, kön⸗ nen wir dem Sieger unſere Siegeszeichen krinoen und ſagen: Wir waren auf Deiner Seite!“ „Aber wird er es nicht wiſſen?“ ſagte ein jünge⸗ rer Mann;„wird er uns ſo leicht glauben?“ „Wie ſollte er es wiſſen?“ fragte Apukwa kalt. „Wenn wir ihm die Scalps rother Männer brächten, ſo könnte er zweifeln; aber Alles, was er verlangt, ſind die Sealps weißer Männer, und die wollen wir nehmen. Sie ſind Alle gleich, und es ſind keine Ge⸗ ſichter darunter.“ Dieſer gräßliche Scherz war ſehr nach dem Ge⸗ ſchmack der beiden Zuhörer, und ihre Köpfe niederbeu⸗ gend, fuhren die Drei nach einer Weile leiſe zu reden fort. Endlich ſagte Einer von ihnen: „Könnten wir nicht Prevoſt's Haus nehmen? Wie viele Brüder, ſagſt Du, können wir ſtellen?“ „Neun,“ antwortete Apukwa,„und wir drei ſind zwölf.“ Dann fügte er hinzu, nachdem er einen oder zwei Augenblicke gedankenvoll geſchwiegen hatte:„Es wäre ſo ſüß wie Erdbeeren und eben ſo leicht; aber es können Dornen in der Nähe ſein. Wir könnten uns daran reißen, meine Brüder.“ „Ich fürchte nicht,“ entgegnete der Bruder der Schlange;„wenn ich nur, meine Büchſe in der Hand und meinen Tomahawk im Gürtel, meinen Fuß in jenes Haus ſetze, ſo kümmere ich mich nicht darum, was folgt.“ „Der Knabe muß ſterben,“ verſetzte Apukwa; „warum willſt Du denn auf Deine eigene Gefahr noch mehr in ſeiner Hütte ſuchen?“ Der Andere antwortete nicht; nach einer augen⸗ blicklichen Pauſe aber fragte er: „Wer hat die Hütte weiter nach Morgen zu ge⸗ baut?“ — 14— „Einer von den Eiſenarbeitern,“ antwortete Apukwa, indem er den Holländer meinte.„Er iſt ein großer Häuptling, ſagt man, und ein Freund der fünf Na⸗ tionen.“ 4 „Da iſt er kein Freund von uns, mein Bruder,“ antwortete der Andere;„denn wenn auch die Kinder des Steines es waren, welche die Thür der Hütte vor uns ſchloſſen und uns von dem Berathungsfeuer ver⸗ trieben, ſo haben doch die fünf Nationen ihren Aus⸗ ſpruch beſtätigt und die Honontkoh verbannt. Warum ſollten wir nicht jene Hütte auch anzünden und uns dann zu der Hütte Prevoſt's ſchleichen?“ „ Deine Lippe dürſtet nach Etwas,“ ſagte Apukwa. „Das Mädchen möchteſt Du haben?“ Der Andere lächelte düſter, und nachdem er eine Zeitlang geſchwiegen, antwortete er: „Sie haben mir meinen Gefangenen genommen und meine Hand kann die Blüthe nicht erreichen, die ich pflücken wollte. Der Knabe wird ſterben, aber nicht durch mein Tomahawk, und wenn er ſtirbt, bin ich nicht beſſer daran, denn ich verliere, was ich durch ſeinen Tod zu gewinnen ſuchte. Sind Apukwa's Augen um⸗ nebelt, daß er nicht ſehen kann? Der Geiſt der Schlange würde ebenſo zufrieden geweſen ſein mit dem Blute irgend eines anderen bleichen Geſichts; aber das würde mir nicht genügt haben.“ „Aber wenn wir auch Prevoſts Haus niederbren⸗ 8 — 15— nen, ſo wirſt Du doch dadurch nicht die Blüthe erhal⸗ ten,“ antwortete Apukwa. Der dritte und jüngere von den Indianern lachte und ſagte: „Der Wind wechſelt, Apukwa, und ſo auch die Liebe unſeres Bruders. Das Mädchen in Prevoſt's Hütte iſt noch ſchöner, als die Blüthe. Wir haben ſie ſeit dieſem Vollmond dreimal geſehen, und mein Bruder nennt ſie das Reh, weil ſie der Gegenſtand ſeiner Jagd geworden iſt.“ „Du kennſt nicht meine Gedanken,“ ſagte der Bruder der Schlange ernſthaft.„Sie bewegt ſich um die Hütte ihres Vaters wie die Sonne. Sie ſoll auch das Licht der meinigen werden; aber der Bru⸗ der der Schlange vergißt nicht die, welche ihn täuſchen möchten, und der Knabe Prevoſt würde lieber das Toma⸗ hawk fallen ſehen, als das Reh in meiner Hütte wiſſen.“ Die anderen Beiden ſtießen jenen eigenthümlichen Laut aus, wodurch die Indianer zuweilen andeuten, daß ſie befriedigt ſind und die Unterredung, die zwi⸗ ſchen ihnen vorging, bezog ſich hauptſächlich auf die Wahrſcheinlichkeiten, einen erfolgreichen Angriff auf das Haus des Herrn Prevoſt's zu machen. Von Zeit zu Zeit richteten ſie ihre Augen auf die Böte auf dem Champlainſee und ſprachen über den Kampf, der zwi⸗ ſchen Frankreich und England erneuert werden ſollte. Daß jede Partei beträchtliche Vorbereitungen gemacht hatte, war wohl bekannt und die Nachricht von dem Umfange und der Beſchaffenheit dieſer Vorbereitungen hatte ſich mit wunderbarer Genauigkeit hinſichtlich vie⸗ ler Einzelnheiten unter den Stämmen verbreitet, doch ohne daß man gewiß wußte, wo der Sturm ausbre⸗ chen werde. Alle ſahen und begriffen indeß, daß eine Verän⸗ derung mit der britiſchen Regierung vorgegangen ſei, daß die unentſchloſſene und zweifelhafte Politik, die bisher ihre militairiſchen Bewegungen in Amerika cha⸗ rakteriſirt hatte, zu Ende ſei, und daß jetzt der Kampf beginnen werde wegen des Gewinnes oder Verluſtes aller europäiſchen Beſitzungen auf dem nordamerikani⸗ ſchen Feſtlande. Es war bereits unter den fünf Na⸗ tionen bekannt, obgleich die Zeit der Mittheilung der Nachricht unglaublich kurz war, daß eine große Flotte mit Kriegsvorräthen in Halifax angekommen ſei und daß mehrere glückliche Erfolge in Seetreffen mit den Franzoſen den Weg zu einem großen Unternehmen in Norden gebahnt. Zu derſelben Zeit war die Um⸗ gegend von Albany voll Geſchäftigkeit und militairi⸗ ſcher Vorbereitung; eine beträchtliche Macht hatte ſich bereits unter Abererombie zu einem großen Unterneh⸗ men auf die Seen verſammelt, und aus dem Weſten hatte man die Nachricht erhalten, daß eine britiſche Armee raſch auf die franzöſiſchen Poſten am Ohio und Monongahela zu marſchire. — —— Die indianiſchen Nationen wurden aufgeregt bei der Erwartung des Krieges; denn obgleich einige von ihnen regelmäßiger in Verbindung mit der einen oder der anderen der ſtreitenden europäiſchen Mächte han⸗ delten, ſo kümmerte ſich doch eine größere Anzahl, als man gewöhnlich glaubte, wenig darum, wen ſie angriff, für wen ſie focht oder wen ſie tödtete, und ſie waren in Wirklichkeit nur eine Schaar von Geiern, die, als ſie die Schlacht witterten, ihre Flügel aus⸗ breiteten und geneigt waren, das Blutbad zu benutzen, welches auch der Erfolg des Kampfes ſein möge. Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 2 V Zweites Kapitel. 4 Wiirr müſſen jetzt zu der Seene zurückkehren, wo dieſe Erzählung begonnen hat. Aber ol wie verän⸗ dert war Alles im Hauſe des Herrn Prevoſt nach dieſen fünf kurzen Monaten! Der Vater und die Toch⸗ ter waren allein dort. Der Bruder bewegte ſich nicht 1 mehr mit ſeiner Heiterkeit und ſeiner lebhaften Thä⸗ 5 tigkeit im Hauſe umher, und der Gedanke an ihn und ſein Schickſal hing beſtändig gleich einem dunklen ¹ Schatten über denen, welchen er ſo theuer war. Sie waren nicht ganz ohne Troſt und Hoffnung, denn von Zeit zu Zeit kamen ihnen erneute Verſicherungen, daß 6 Walter noch gerettet werden würde; doch die Zeit verging und er wurde noch immer nicht befreit. Wenn man von fünf Monaten der Ungewißheit 1 redet, ſo ſcheint es ein langweiliger Zeitraum, und — 1o— es würde ſo ſein, wenn Alles eine Oede wäre; aber es giebt tauſend kleine Vorfälle äußere ſowohl wie innere— welche die Zeit ausfüllen und machen, daß ſie wunderbar ſchnell vergeht, beſonders wenn die Furcht über die Hoffnung herrſcht. Leſer, brachteſt Du je eine lange Nacht bei ei⸗ nem Kranken oder Sterbenden zu? Es ſcheint eine ſchreckliche Aufgabe, zu wachen, während der beſtän⸗ dige Kampf in unſerer Bruſt vorgeht zwiſchen den bei⸗ den einzigen unſterblichen Leidenſchaften der Seele, von dem Hinſchwinden des Abendlichts, bis zum Anbruche des neuen Tages. Und doch iſt es wunderbar, wie bald man das blaßblaue Licht der Dämmerung mit dem kränklichen gelben Schimmer der Nachtlampe ſich c miſchen ſieht. Jeder Gedanke, jede Erwartung iſt p ein Ereigniß. Die Veränderung des Athmens, die t ruheloſe Bewegung, das leiſe gemurmelte Wort, der zugeflüſterte Troſt, die Benetzung der trockenen Lippe, das Glätten des Kiſſens— Alles ſind Ereigniſſe, welche die Zeit in ihrem Laufe beſchleunigen. Und ſo war es im Hauſe des Herrn Prevoſt. on Jeder Tag hatte Etwas— jede Stunde, und wenn gß gleich der Gegenſtand immer derſelbe oder ſelten ver⸗ eit ſchieden war, ſo machten doch die raſchen Veränderun⸗ gen des Gedankens und Gefühls, daß die Zeit ſchnel⸗ jei ler dahinflog, als man hätte erwarten ſollen. Während des Winters beſuchte Lord H. das 2*⅔ und — 20— Haus ſehr häufig, und es iſt wahrſcheinlich, daß er ohne Verzug um Editha's Hand würde angehalten haben, hätte nicht eine dunkle Wolke die Hoffnungen und das Glück Aller beſchattet; aber er liebte es nicht, Freude und Kummer zu miſchen. Darin wenigſtens war ſeine Anſicht von der Welt, vom Leben und vom Schickſal trügeriſch. Er war noch nicht über⸗ zeugt, obgleich er einige Erfahrung hatte, daß unge⸗ miſchtes Glück, ſelbſt auf wenige Tage, nicht auf der Erde zu finden iſt, und daß die einzige Goldmine ohne Schlacken jenſeits des Grabes liegt. Einmal freilich deutete er mehr an, als daß er darum bat, einen frühen Tag zu ſeiner Verbindung mit ſeiner Geliebten zu beſtimmen; aber es traten Editha Thränen in die Augen und ſie ließ ihren Kopf ſinken. Ihr Vater würde keine Einwendung gemacht haben, obgleich er ſie noch für ſehr jung hielt, die Pflichten einer Gattin zu übernehmen. In dieſer Hin⸗ ſicht wurden ſeine Gefühle nicht verändert, aber der Verluſt ſeines Sohnes laſtete ſchwer auf ihm, und ſeine Gedanken wurden dadurch von der Gegenwart ab auf die Zukunft gelenkt. Er fragte ſich, welches Editha's Schickſal ſein möchte, wenn er auch von ihr genommen würde. Irgend einer von den vielen Zu⸗ fällen des Lebens konnte ſie allein und als Waiſe zu⸗ rücklaſſen, und Nichts zeigt uns ſo deutlich den un⸗ ſicheren Halt, den wir an allen irdiſchen Dingen ha⸗ — 21— ben, ſowie auch unſere Zärtlichkeit für die, welche wir lieben. Aber Lord H. ſah ein, daß es für Editha ſel⸗ ber ſchmerzlich ſein werde ſeine Gattin zu werden, ſo lange Walters Schickſal ungewiß ſei, und mehr ſprach er nicht. Indeſſen hatte das Zuſammenziehen der britiſchen Soldaten am Hudſon und Mohawk, wie wenn eine Welle der anderen begegnet, die indianiſchen Stämme zurückgedrängt. Einen Läufer, einen Farbigen oder einige rothe Männer— häufiger von den Mohawks, als von irgend einem anderen Stamme— ſah man zuweilen durch die Wälder wandern oder über den freien Platz in der Nähe der Anſiedelung gehen; aber ſie näherten ſich ſelten dem Hauſe und ihr Erſcheinen verurſachte keine Beſorgniß. Man hatte wieder die freundſchaftlichſten Verbindungen zwiſchen den Briten und den Häuptlingen der fünf Nationen angeknüpft und mehrere von den Stämmen bereiteten ſich vor, in dem bevorſtehenden Kampfe die Partei England's zu ergreifen. Dreimal während des Winters wurde das Haus des Herrn Prevoſt von einem einzelnen Indianer des Oneidaſtammes beſucht. Bei zwei Gelegenheiten war es ein Mann, der ſich darſtellte, und ſein Aufenthalt war ſehr kurz. Bei der erſten Gelegenheit war Editha allein, als er, ohne daß ſie einen Fußtritt hörte, — 22— wie ein dunkler Schatten herein ſchlüpfte. Sein Blick war freundlich, obgleich er im erſten Augenblick Nichts ſagte. Da Editha die indianiſchen Gewohnheiten kannte, ſo fragte ſie ihn, ob er eſſen wolle? Er bejahte es in ſeiner Sprache und ſie rief einige von den Die⸗ nern herein, um ihn mit Speiſen zu verſehen; aber ehe er aß, ſah er zu ihrem Geſichte auf und ſagte: „Ich habe den Aufeeng, Dir zu ſagen, daß Dein Bruder wird gerettet werden.“ „Weſſen Worte überbringſt Du mir?“ fragte Editha.„Iſt es der ſchwarze Adler, welcher redet?“ „Nein, es iſt Otaitſa,“ verſetzte der Mann. Dies war Alles, was Cditha erfahren konnte, denn der Bote wußte entweder nicht mehr oder ſtellte ſich wenigſtens ſo; dennoch war es ein Troſt für ſie. Zunächſt kam eine Frau, die etwas über das mittlere Alter hinaus und keineswegs ſchön war. Sie blieb lange und erzählte mit gutmüthiger Geſprächigkeit Al⸗ les, was gleich nach Editha's Beſuche in der Burg der Oneidas geſchehen. Sie verweilte bei dem Ber⸗ ſuche der Blüthe, ihren Geliebten zu befreien, als wäre es die kühne Heldenthat eines Kriegers geweſen; und obgleich ſie endlich erzählen mußte, wie der kühne Verſuch des Mädchens vereitelt worden, ſo ſchloß ſie doch mit den Worten: „Aber er iſt ſicher. Sie ſollen unſeren Bruder nicht tödten.“ — 23— Zum dritten Mal kam der Mann wieder und brachte dieſelbe Verſicherung; aber als eine Stunde nach der anderen und ein Tag nach dem anderen ver⸗ ging, ohne daß der Jüngling zurückkehrte, oder daß man eine beſtimmte Nachricht von ihm erhielt, da wurde die Hoffnung ſchwächer. Um dieſe Zeit wurde es bekannt, daß die Bemühungen der Mohawks und Onondagas vereitelt worden, und überdies gaben die Häuptlinge dieſer beiden Nationen deutlich zu erken⸗ nen, daß ſie nicht mehr einſchreiten wollten. „Die Oneidas haben uns getadelt,“ ſagten ſie, „und wir hatten keine Antwort. Wir dürfen nicht machen, daß die Kinder des Steines über unſere Kin⸗ der ſpotten; auch dürfen wir nicht wegen eines einzi⸗ gen Mannes unſer Bündniß brechen.“ Die Kundſchafter, die man unter Woodchucks Be⸗ fehl geſtellt hatte, wurden im Frühling zurückgerufen, ohne Etwas bewirkt zu haben. Alles, was man in den Forts hörte, zeigte, daß der junge Gefangene an das äußerſte Ende des Oneidagebiets gebracht wor⸗ den ſei, wo es für einen Engländer durchzudringen unmöglich war, ohne von den Indianern entdeckt zu werden. Wenn es in civiliſirten Zeiten in einem Lande, welches größtentheils von ſeinen Wäldern befreit iſt und wo man vermöge einer regelmäßigen Organiſation einen raſchen Verkehr zwiſchen einem Orte und dem — 24— anderen bewirkt hat, möglich iſt für einen Menſchen, ſich Wochen, ja Monate lang vor der ſorgfältigſten Nachſuchung zu verbergen, wie viel leichter war das Verſtecken in jenen Tagen, wo, mit Ausnahme einiger Mais⸗ und Getreideäcker, das ganze Land ein wild verwachſener Wald war, den freilich unzählige india⸗ niſche Fußwege durchkreuzten, wo man aber keine di⸗ recte Verkehrmittel hatte, außer vermöge eines einzi⸗ gen breiten Weges und der Seen und Flüſſe. Das Suchen würde vergebens ſein, auch wenn man es bei dem politiſchen Zuſtande des Landes verſucht hätte; aber der Verſuch war unmöglich, ohne das ganze Land feindſelig zu machen, denn die Mohawks ſelber zeigten keine Neigung, eine beträchtliche Menſchen⸗ menge durch ihr Gebiet zu laſſen, außer von Zeit zu Zeit eine kleine Abtheilung Soldaten, welche beſtimmt war, die Garniſonen in Oswego oder auf irgend ei⸗ nem anderen regelmäßigen britiſchen Poſten zu ver⸗ ſtärken. Von Woodchuck ſelber hörte man Nichts, bis die Blumen gleich nach dem Verſchwinden des Schnees hervorſproßten. Man glaubte, daß er noch im Walde ſeiz aber ſelbſt davon war Niemand überzeugt und Alles, was man mit einiger Gewißheit errathen konnte, war, daß er nicht in die Hände der Oneidas gefal⸗ len ſei, da man jeden Grund zu glauben hatte, daß Walters Befreiung unmittelbar darauf gefolgt ſein würde. So war es in dem Haushalte des Herrn Pre⸗ voſt, bis etwa einen Monat vor der Zeit, wo ich es für gut gehalten, dem Leſer die drei, auf dem Hügel ſitzenden Indianer vorzuſtellen. Der Schnee war geſchmolzen, außer an wenigen Stellen, wo er noch im Schutze des dunkleren und dichter belaubten Immergrüns lag; hie und da ſah man ihn auch im Schatten des Ufers; aber die allgemeine Oberfläche des Landes war frei, und ungeachtet des unbeſtändi⸗ gen Frühlings kamen die Blumen ſchon an jedem be⸗ ſchützten Orte hervor und miſchten ſich dicht mit dem Farnkraut und verſchiedenen anderen Gewächſen, die den glänzend grünen Teppich der Erde bildeten. Der Tag war ſehr heiter und nicht ohne ſeine Thätigkeit, denn man hatte aus irgend einem Grunde eine Abtheilung Soldaten zu einer Stelle vorrücken laſſen, die noch nicht anderthalb Meilen von dem Hauſe entfernt war und Lord H. hatte ſich zweimal eingefunden, und jedesmal erbebte Editha's Herz von ſo neuen und ſeltſamen Regungen, daß ſie noch eine Stunde nach ſeiner Entfernung träumend daſaß. Der Abend war gekommen und führte einige Wolken am weſtlichen Himmel mit ſich, und als Editha mit ih⸗ rem Vater daſaß, blickte ſie, ihren Kopf auf die Hand geſtützt, aus dem Fenſter. Niemand kennt den mächtigen Einfluß einer gro⸗ ßen vorherrſchenden Idee, bis er eine ſolche Wochen⸗ — 26— oder Monatelang gehabt hat— Niemand kann ſagen, wie ſie uns niederdrückt, alle anderen Dinge in ſich aufzulöſen ſcheint und faſt, gleich dem Rieſen in dem Kindermärchen, unſere Gebeine zermalmt, um Brod daraus zu backen. Die liebliche Träumerei des Be⸗ ſuches eines Geliebten war dahingeſchwunden und die Gedanken des ſchönen Mädchens zu dem Schickſal ih⸗ res Bruders zurückgekehrt. Als ſie hinausblickte, be⸗ merkte ſie einen Mann, der zwiſchen dem Gärtner⸗ knaben und dem alten Agrippa, die im Garten ar⸗ beiteten, durchging und auf die Hansthür zuzukom⸗ men ſchien. Anfangs erkannte ſie ihn nicht, denn er glich mehr einem Indianer, als einem Europäer und noch mehr einem Bären. Er hatte indeſſen ein menſch⸗ liches Geſicht, und als er näher kam, wurde der anfangs ſchwache Eindruck immer ſtärker, daß es der Mann ſein müſſe, deſſen unglückliche Handlung ſo viel Elend über ihre Familie gebracht hatte. Er hatte ſich ſehr zu ſeinem Nachtheile verändert; und wenn gleich die Bärenfelle, in die er gekleidet war, die Ab⸗ magerung ſeiner Geſtalt verbargen, ſo bemerkte man doch die Magerkeit ſeines Geſichts, als er näher kam. Editha erhob ihren Kopf von der Hand und ſagte: „Ich denke, mein Vater, da kommt Kapitain Brooks. Der arme Mann! Er ſcheint ſchrecklich ver⸗ ändert zu ſein!“ — 27— Herr Prevoſt fuhr empor und ſah einen Angen⸗ blick aus dem Fenſter; dann eilte er ihm entgegen. Editha empfand einigen Zweifel, wie ihr Vater ihn empfangen würde, denn in den reinſten und edelſten Herzen iſt immer ein kleiner Tropfen Selbſtſucht, vor dem man ſich ſehr hüten muß. Vielleicht vergiftet er unſere Handlungen nicht, aber nur zu oft vergiftet er unſere Gefühle; er miſcht ſich ſogar mit der Aufrich⸗ tigkeit ſelbſt und vermindert die Wirkſamkeit jener edel⸗ ſten aller Tugenden; und wenn er uns nicht bewegt, das Verdienſt Anderer zu verringern, ſo giebt er doch immer ihren Handlungen eine andere Färbung, wenn ſie ſchmerzlich oder nachtheilig für uns ſind. Sie hatte indeſſen die Frende zu ſehen, wie ihr Vater freundlich des Wanderers Hand ergriff und ihn auf die Thür zuführte. Welches auch Herrn Prevoſt's chuck's verändertem Geſicht war genug, um ihn völ⸗ lig zu beſänftigen. Im nächſten Augenblick traten ſie zuſammen ins Zimmer und Cditha reichte ihm freund⸗ lich die Hand. „Ah! Miß Prevoſt, Sie ſind ſehr gut,“ ſagte er,„und ſo auch Ihr Vater. Ich habe Sie ſeit langer Zeit nicht geſehen.“ „Das war nicht recht, Woodchuck,“ ſagte Edithaz „Sie hätten uns beſuchen ſollen. Wir wiſſen Alles, was Sie für meinen armen Bruder zu thun verſucht 28 haben. Wenn es Ihnen nicht gelingt, iſt es nicht Ihre Schuld, und es wäre uns lieb geweſen, Sie zu ſehen, ſowohl um Ihrer ſelbſt willen, als um von allen Ihren Handlungen zu hören, wie ſie geſchehen.“ „Aber ich war weit entfernt,“ antwortete er. „Ich verſuchte zuerſt, von dieſer Seite zu dem armen Knaben zu gelangen, und da ich fand, daß das nicht geſchehen könne, ſo machte ich einen weiten Umweg und näherte mich ihnen von Weſten, aber ich erlangte Nichts weiter, als einige Auskunft und dann faßte ich meinen Entſchluß. Die Indianer ſind liſtig, wie der Teufel. Einmal umging ich ſie, aber man kann es nicht zweimal thun.“ Herr Prevoſt ſtand da und horchte, denn er war begierig, Alles zu hören, was ſeinen Sohn be⸗ traf; aber jetzt fiel er mit den Worten ein: „Wir wollen nächſtens weiter davon hören, Brooks. Kommen Sie in den Saal, um zu eſſen, denn Sie müſſen hungrig und ermüdet ſein.“ „Nein,“ verſetzte Woodchuck,„ich bin nicht hungrig. Ermüdet bin ich wohl ein wenig, obgleich ich nicht weiter, als vierzig Meilen gegangen bin; aber ich traf vor zwei oder drei Stunden einen jun⸗ gen Indianer, der mir ein Stück Wildpret von ſei⸗ nem Feuer gab. Einige Ruhe wird Alles wieder gut machen.“ 4 „Trinken Sie wenigſtens ein wenig Wein,“ ſagte à — 29— Herr Prevoſt,„das wird Ihnen wohl thun; Sie ſehen ganz ermattet aus.“ „Ermattet an Gliedern, aber nicht matt im Herzen,“ verſetzte Woodchuck feſt.„Indeſſen will ich den Wein nicht ausſchlagen, denn er iſt da, um das Herz des Menſchen zu erfreuen, wie die Bibel ſagt; und das meine bedarf der Aufheiterung, wenn auch nicht der Stärkung, denn ich will thun, was ich ſage, ſo wahr ich ein lebender Mann bin.“ Sie führten ihn in den Saal und überredeten ihn zu eſſen und zu trinken, was ihm offenbar nütz⸗ lich war, denn wenn er auch den traurigen Ton ſei⸗ ner Stimme nicht verlor, ſo war doch ſeine Stimme ſtärker und ſeine Züge ſchienen weniger ſcharf zu werden. „Und wo waren Sie, ſeit dieſer Schnee auf dem Boden lag?“ fragte Editha, als er ſich ein wenig belebt zu haben ſchien,„Sie können doch wäh⸗ rend des ſtrengen Froſtes, den wir im Januar hat⸗ ten, nicht umher gewandert ſein?“ „Ich baute mir eine Hütte wie ein Indianer oder ein Biber,“ ſagte er,„und bedeckte ſie ganz mit Schnee. Ich ſtellte ſie an den Rand eines Fel⸗ ſens, mit der Oeffnung dicht hinter einer alten Tanne und machte ſie über und über weiß, ſo daß ſie ärger als der Teufel hätten ſein müſſen, um ſie zu finden; denn das Leben iſt ſüß, Miß Prevoſt, ſelbſt in der — 30— Winterzeit, und ich wünſchte nicht erſchlagen zu wer⸗ den, ſo lange ich es verhindern konnte.“ „Ich fürchte, Sie müſſen eine traurige und ver⸗ laſſene Zeit gehabt haben,“ ſagte Herr Prevoſt,„we⸗ nigſtens bis der Frühling wieder kam.“ „Sie war freilich nicht ſehr heiter,“ antwortete Woodchuck;„aber das iſt das beſte Mittel zu lernen, ſich nicht um die Zukunft zu kümmern. Wenigſtens pflegte ich einſt ſo zu denken und ich glaube, wenn ein Menſch ſich nur ſelber recht elend in dieſer Welt machen könnte, ſo würde ihm nicht viel daran liegen, wie bald er ſich daraus entfernte. Aber ich habe meine Anſicht über dieſe Sache ein wenig geändert, denn nachdem ich dort an der Seite des Hügels halb verhungert und halb erfroren vier bis fünf Wochen zugebracht hatte, fühlte ich mich nicht im geringſten mehr geneigt, zu ſterben, als vor einem Jahre, wo es wenig Menſchen mit leichterem Herzen gab, als mich. So dachte ich, ehe ich etwas dergleichen that, da ich wußte, daß es gerade jetzt nicht nöthig ſei, und ſo machte ich denn bei dem ſchönen Wetter einen Spaziergang auf dem Gebirge.“ Editha glaubte, daß Woodchuck's Worte nur bedeuteten, daß er auf ein kühnes Unternehmen denke, um ihren Bruder in Freiheit zu ſetzen, und ſie hoffte, wenn ſie ſeinen Plan genau erfahren könne, ſich die 8 — 31— Mitwirkung Otaitſa's und anderer Perſonen in der Oneidaburg zu verſchaffen.“ „Sie ſind in der That ein gütiger Freund, Woodchuck,“ ſagte ſie;„und ich weiß, Sie haben um des armen Walter's willen ſchon Gefahren genug ausgeſtanden. Es arbeiten auch noch Andere für ihn; und vielleicht, wenn wir wiſſen, was Sie zunächſt zu thun beabſichtigen—“ „Zunächſt zu thun!“ wiederholte der Mann, ſie unterbrechend.„Habe ich es Ihnen nicht geſagt? Ich ſagte, ich habe meinen Entſchluß gefaßt, als ich ge⸗ funden, daß ich von Weſten her nicht hinein könne.“ „Was wollen Sie denn thun, mein guter Freund?“ fragte Herr Prevoſt.„Sie deuteten freilich an, daß ſie Etwas zu thun beabſichtigen; aber was, ſagten Sie nicht. Ich begreife leicht Editha's Aengſt⸗ lichkeit, Ihre Abſichten zu erfahren, denn wir haben Freunde im Oneidalager, die Ihre Bemühungen ſehr unterſtützen könnten, wenn wir wüßten, von welcher Art ſie ſind. Aber ich muß Ihnen ſagen, daß meine Tochter ſich durch das Mohawkgebiet wagte, um un⸗ ſere liebe kleine Otaitſa aufzuſuchen, die ebenfalls ihr Leben wagte, um meinen armen Jungen zu retten. Gottes Segen über Sie!“ Es traten ihm Thränen in die Augen und er ſchwieg einen Augenblick. Aber Woodchuck Inadie eine Bewegung mit der Hand und ſagte: „Ich weiß Alles. Ich war am Ufer des Sees, Miß Editha, als die Indianerin Sie zurückruderte, und ich errieth Alles. Ich ſagte zu mir ſelber, als ich zwei Tage ſpäter mehr davon hörte: ihr Vater wird ſehr zornig ſein, und das war er vermuthlich auch.“ „Sie irren, mein Freund,“ ſagte Herr Prevoſt, indem er Editha's Hand zärtlich berührte.„Ich war nicht zornig, wenn auch ſehr unruhig; aber dieſe Unruhe währte nicht lange, denn ich wurde viel länger, als ich erwartet hatte, bei Sir William Johnſon zurückgehalten, und meine ängſtliche Erwar⸗ tung währte nur zwei Tage nach meiner Rückkehr.“ „Noch haben Sie uns Ihre Pläne nicht mitge⸗ theilt. Wenn die liebe Otaitſa uns helfen kann, wird ſie es thun, und wenn es ihr Leben koſtete.“ Woodchuck ſchwieg einige Augenblicke in tiefem und zerſtreutem Nachdenken und der Ausdruck ſtarker Gemüthsbewegungen flatterte über ſein rauhes Geſicht dahin. Endlich ſagte er in leiſem und deutlichem Tone: „Sie kann nichts thun. Der ſchwarze Adler bewacht den Knaben ſelber mit lebhaften Blicken. Er. liebt ihn ſehr, Herr Prevoſt, und er wird ihn freund⸗ lich behandeln. Aber eben weil er ihn ſo ſehr liebt, wird er ihn um ſo ſicherer bewachen und ihn um ſo gewiſſer tödten, wenn er kein anderes Opfer für ihn — 33— erhält. Dieſer Mann hätte einer von den alten Rö⸗ mern ſein ſollen, wovon ich habe erzählen hören, und welche lieber ihre Söhne und Töchter tödteten, als daß ſie nicht thaten, was ſie für recht hielten. Er würde ſein eigenes Fleiſch und Blut nicht verſchonen, und je mehr er ihn liebt, deſto gewiſſer wird er ihn tödten.“ Editha weinte und Herr Prevoſt bedeckte ſeine Augen mit den Händen; aber Woodchuck, der auf den Tiſch niedergeblickt und die Bewegungen nicht be⸗ merkte, die ſeine Worte hervorbrachten, fuhr nach einer düſteren Pauſe fort: „Er wird auch ſeine Tochter genau beobachten. Doch ſagt man, er habe ihr Unternehmen gerühmt, und ich glaube es auch, denn das iſt gerade, was ihm gefällt; aber er wird Sorge tragen, daß ſie es nicht wiederholt. Nein, nein, es giebt nur ein Mit⸗ tel bei dem ſchwarzen Adler. Ich kenne ihn wohl und er kennt mich, und es giebt nur ein Miitttel bei ihm.“ „Welches iſt das?“ fragte Herr Prevoſt im Tone der tiefſten Schwermuth. „Gerade zu thun, wie ich es beabſichtige,“ ent⸗ gegnete Woodchuck mit ſehr ruhigem Weſen.„Herr Prevoſt, ich liebe mein Leben ſo ſehr, wie irgend ein Anderer— vielleicht ein wenig zu ſehr, und ich be⸗ abſichtige es ſo lange zu behalten, wie ich es recht⸗ Ticonderoga ꝛc 3. Bd. 3 — 34— mäßigerweiſe kann, denn es ſind immer in dem Buche des Schickſals Dinge geſchrieben, die Niemand von uns ſehen kann. Aber ich will Ihren Sohn Walter nicht zum Tode führen laſſen wegen einer Sache, die ich gethan. Das werden Sie nicht den⸗ ken. Anfangs, als mich in Albany die Sache über⸗ raſchte, zeigte ich mich als Thor und Feigling und ich hätte mich gern in jeder Höhle verſteckt, nur, um mich vor mir ſelber zu verbergen. Aber ich ſann bald nach und faßte meinen Entſchluß. Sie und Miß Editha haben mich gelobt und mir gedankt, weil ich verſucht, dem armen Walter das Leben zu retten. Ich verdiente kein Lob und auch keinen Dank. Mein eigenes Leben war es, welches ich zu retten ſuchte, denn wenn ich ihn insgeheim entfernen könnte, wür⸗ den wir Beide ſicher genug ſein. Aber ich habe das aufgegeben. Es kann nicht geſchehen und der ſchwarze Adler weiß es. Er kennt mich auch und weiß in dieſem Augenblick, daß vor dem Tage, den er zu Walter's Tode beſtimmt hat, Woodchuck eintreten und ſagen wird: Hier bin ich! dann hat er den rechten Mann und Alles iſt abgemacht. Nun, Herr Prevoſt und Miß Editha, wiſſen Sie, was ich beabſichtige. Morgen, wenn ich mich ein wenig ausgeruht habe, werde ich mich wieder auf den Weg machen und auf den Gebirgen umherwandern. Heute über einen Mo⸗ nat werde ich wieder hier ſein und Ihnen Lebewohl ſagen. Walter wird Ihnen das Uebrige ſagen müſſen. Weinen Sie nicht ſo, mein gutes Mädchen; Sie werden mich ſonſt auch zum Weinen bringen. Noch eins habe ich von Ihnen Beiden zu erbitten, nämlich, daß Sie kein Wort weiter zu mir über dieſe Sache reden— auch nicht wenn ich zurückkomme. Ich verſuche ſelber gar nicht daran zu denken. Wenn ich es ſo weit bringen kann, wie dieſe Indianer, ſo werde ich ganz ruhig unter ſie treten, als ob Nichts geſche⸗ hen ſolle und ſagen: Laßt den Knaben frei! Hier iſt Woodchuck ſelber, und dann ſterben— nicht wie ein Indianer, ſondern wie ein Chriſt, welcher weiß, daß er ſeine Pflicht gethan hat. Nun alſo kein Wort weiter und laſſen Sie uns von etwas Anderem reden.“ 3* Drittes Kapitel. Eine Stunde war nach der im letzten Kapitel mitgetheilten Unterredung vergangen und Woodchuck hatte es mit Feſtigkeit abgelehnt, weiter über ſeinen Entſchluß zu reden, obgleich Herr Prevoſt und Editha, die tief gerührt und ſehr aufgeregt waren, den Gegen⸗ ſtand gern weiter fortgeſetzt hätten. Editha fühlte und Herr Prevoſt kam zu dem Schluſſe, daß der arme Mann eine edle und aufopfernde Handlung vor⸗ habe, wozu ihn keine moraliſche Verpflichtung nö⸗ thige. Sie fühlten auch, daß ein ſo edles Herz der Rache der Indianer nicht ſollte aufgeopfert werden, und das natürliche Gefühl der Freude und Genug⸗ thuung, welches ſie bei der ſcheinbaren Gewißheit der Befreiung Walter's vom Tode empfanden, erſchien ihnen faſt als ein Verbrechen, wenn es um einen ſo theuren Preis erkauft wurde. — 37— Woodchuchs Beharrlichkeit ſiegte indeß; der Ge⸗ genſtand wurde verändert, und als ſie zuſammen in dem kleinen Zimmer ſaßen, zu welchem er voranging, nachdem er die zuletzt angeführten Worte geſprochen, ſetzten ſie, während die Schatten des Abends ſich um ſie ſammelten, eine unterbrochene Verhandlung über Gegenſtände fort, die mit dem in Verbindung ſtan⸗ den, den ſie ſo eben verlaſſen hatten, obgleich ſie den Punkt vermieden, der im Geiſte eines Jeden am ſchmerzlichſten hervortrat. Sie ſchweiften freilich viel umher, doch nahmen ſie eine Richtung, die gleich den wellenförmigen Bäumen einen Waldpfad bezeich⸗ net, und unter den Worten zeigt, worauf der Geiſt hinzielt. Zuweilen blickte Woodchuck ins Feuer, indem er ſeine Füße an den Heerd ſtellte und ſprach weder un⸗ philoſophiſch noch unbelehrt über die beſte Gelehrſam⸗ keit, nämlich über ein künftiges unſterbliches Leben und die Vergeltung nach dem Tode; und in ihrer Einfachheit grenzten ſeine Worte an das Erhabene. Zu anderen Zeiten ſprachen ſie dann wieder von den Indianern und ihren Gewohnheiten, von ihren guten und böſen Eigenſchaften, und hier ſah man deutlich viele von den Vorurtheilen des armen Mannes. „Sie gleichen dem Gewürm,“ wiederholte er, „und der Teufel ſelbſt hat Antheil an ihnen. Ich habe die Leute von ihrer Großmuth und dem Allen — 38— reden hören; aber ich habe nicht viel davon geſe⸗ hen.“. Herr Prevoſt ſchwieg, denn in ſeinen Gefühlen war eine natürliche Veränderung gegen die Indianer vorgegangen, aber Editha rief mit Wärme: „Wir können nicht daſſelbe von der lieben Otaitſa ſagen, Woodchuck, denn ihr Herz iſt von Großmuth und Edelſinn erfüllt.“ „Das iſt natürlich,“ antwortete Woodchuck; „das kommt von dem Blute, welches in ihr iſt. Der ſchwarze Adler hat auch ſchon manches Gute an ſich und er iſt der beſte von ihnen, den ich je geſehen. Wir pflegten immer zu ſagen: Ein ganzer Indianer iſt ein halber Teufel; aber ich denke er muß zum vierten Theile ein Teufel ſein und das iſt viel geſagt von einem ſolchen Manne, wie er iſt in der Schlacht. Man ſagt, er habe mehr Feinde ſealpirt, als ſein ganzer Stamm zuſammen, beſonders in dem Kriege vor neunzehn Jahren, als einige von unſeren Leuten thörichterweiſe die Partei der Mohaguns nahmen.“ Herr Prevoſt ſtutzte und Woodchuck fuhr fort: „Er hat gute Eigenſchaften an ſich, denn ſein Volk muß immer der Frauen und Kinder ſchonen, woran ſonſt die Indianer ſelten denken. Ein Scalp iſt ein Scalp für ſie, ob langes Haar daran iſt oder nur eine Sealplocke. Aber wie ich ſagte, die Blüthe hat Alles geerbt, was Gutes in ihm iſt und auch — 39— was ihre Mutter Gutes an ſich hatte— das arme Geſchöpf— und deſſen war ſehr viel.“ „Ich habe oft gewünſcht, etwas von Otaitſa's Geſchichte hören zu können,“ ſagte Herr Prevoſt. „Ihre Mutter, glaube ich, war eine Weiße und ich habe oft verſucht, wenn der ſchwarze Adler in mit⸗ theilender Stimmung war, ihn darüber zum Reden zu bringen; aber ſobald dieſer Gegenſtand erwähnt wurde, hüllte er ſich in ſeine Decke und ſchritt davon.“ „Ja, er hat ſie nie vergeſſen,“ ſagte Woodchuck. „Sie wiſſen, er nahm nie eine andere Frau, und wohl mag er ſich ihrer erinnern, denn ſie war ſein guter Engel und beherrſchte ihn völlig, was ſonſt Niemand zu thun vermochte. Aber ich kann Ihnen Alles erzählen, wenn Sie es wiſſen wollen, denn ich hörte Alles von einer alten Indianerin, und ich ſah die Dame ſelber einſt und ſprach mit ihr.“ „Ich denke,“ ſagte Editha gedankenvoll,„ſie muß eine Dame von Rang und Bildung geweſen ſein; denn als ich in ihrem Hauſe war, ſah ich in Otaitſa's kleinem Zimmer eine große Anzahl Gegen⸗ ſtände von europäiſcher Arbeit und hohem Geſchmack.“ „Sollte nicht unſer guter Freund Gore ſie dem lieben Mädchen verſchafft haben?“ fragte Herr Pre⸗ voſt;„er iſt ſelber ein Mann von vielem Geſchmack.“ „Ich denke nicht,“ antwortete Editha;„ſie ſind offenbar alt und ſcheinen einer und derſelben Perſon — 46— gehört zu haben. Ueberdies iſt eine Anzahl Zeichnun⸗ gen da, die offenbar alle von einer Hand herrühren — nicht ſo, wie man ſie kaufen könnte, und offen⸗ bar das Product einer Dilettantin und nicht einer Künſtlerin.“ Herr Prevoſt verſank in Nachdenken und ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand, aber Woodchuck ſagte: „O! ſie rühren freilich von ihrer Mutter her. Sie war ganz und gar eine Dame, man konnte cs in dem Tone ihrer Stimme hören, man konnte es an ihrem Gange ſehen; auch ihre Worte waren die einer Dame und ihre Hand war ſo klein und zart, daß man wohl ſah, daß ſie nie ſchwere Arbeiten da⸗ mit verrichtet habe. Wiſſen Sie wohl, Miß Editha, daß ſie Ihnen wunderbar ähnlich ſah— mehr Ihnen, als Otaitſa; aber ich will Ihnen Alles gerade ſo erzählen, wie ich es von der alten Indianerin hörte. „u der Zeit, wovon ich rede,“ fuhr er ſort, „das heißt vor achtzehn oder neunzehn Jahren, war der ſchwarze Adler der ſchönſte junge Mann, den man je unter den Stämmen der Indianer geſehen, und überdies der wildeſte Krieger. Er war ſtets be⸗ reit, an jedem Kampfe Theil zu nehmen und immer, wenn ein Gefecht vorging, war er dabei. Nun wa⸗ ren die Delawares zu jener Zeit von den fünf Na⸗ tionen noch nicht ganz überwunden, und er zog mit ſeinen Kriegern und den Mohawks aus, um gegen die Mohaguns zu kämpfen— denn ſie wiſſen, daß die auch zu den Delawares gehörten— wovon einige am Fluſſe Monongahela an den Grenzen von Penn⸗ ſylvanien und Virginien wohnten. Unſere Leute hat⸗ ten den Mohaguns einige Hülfe geleiſtet und ſie leg⸗ ten zu jener Zeit gerade den Grund zu einem Fort, welches die Franzoſen ſpäter in ihre Gewalt bekamen und Fort Du Quesne nannten. „Da war alſo ein alter General, welcher dachte, er wolle doch einmal hingehen und zuſehen, welchen Fortſchritt die Arbeiten an den Feſtungswerken hätten, und da gerade jetzt Alles ganz ruhig ſchien— ob⸗ gleich es nur die Ruhe vor einem Sturme war— ſo nahm er ſeine Tochter mit und reiſte ganz ange⸗ nehm durch die Wälder. Es muß indeſſen doch nur langſam gegangen ſein, denn da er den ganzen Som⸗ mer auszubleiben beabſichtigte, ſo nahm der alte Mann viel Gepäck mit; doch in der dritten oder vier⸗ ten Nacht, nachdem ſie die civiliſirten Theile des Landes verlaſſen hatten, übernachteten ſie in einem indianiſchen Dorfe; aber gerade als ſie zu Bette gehen wollten, überfiel ſie der ſchwarze Adler mit ſeinen Kriegern. Es fand ein ſchreckliches Gefecht im Dorſe ſtatt; man hörte Nichts als Wehklagen, Kriegsgeſchrei und Büchſenſchüſſe, und die Mohaguns, die armen Teufel! wurden in jener Nacht faſt ganz aufgerieben, denn ſie wurden unverſehens überfallen und man ſagt, — 12— es ſei kein Mann von ihnen mit dem Leben davon⸗ gekommen. „Bei dem erſten Feuer läuft der alte General aus der Hütte und in derſelben Minute wird ihm eine Büchſenkugel, vielleicht von einem Freunde, viel⸗ leicht von einem Feinde, das iſt ungewiß geblieben, gerade durchs Herz geſchoſſen. Der ſchwarze Adler ſammelte dieſe ganze Zeit über ſeine Sealps; als er aber zurückkehrte, fand er dieſe arme junge Dame, die Tochter des Officiers, über der Leiche ihres Va⸗ ters weinend. Freilich ließ er ihr Nichts zu Leide geſchehen; aber er nahm ſie mit ſich in das Land der Oneidas und brachte all ihr und ihres Vaters Gepäck zuſammen und nahm es ebenfalls für ſie mit, denn es ſcheint, als habe er ſich auf den erſten Blick in ſie verliebt. Was ihm zuerſt ihre Zuneigung ge⸗ wann, war, daß er ſeinen Wilden nicht geſtatten wollte, den Greis zu ſcealpiren, indem er ſagte, die Engländer wären Verbündete, und behauptete, die Kugel, die ihn getödtet, wäre nicht aus der Büchſe eines Oneida gekommen. „Wie dem auch ſei, das arme Mädchen hatte keine andere Wahl, als den ſchwarzen Adler zu hei⸗ rathen, ſobald ein chriſtlicher Geiſtlicher kam, um ſie nach ihrer Sitte zu verbinden, obgleich ſeine Mut⸗ ter ſagt, daß ſie ihm das Verſprechen abgenommen, nie eine andere Frau zu nehmen.“ Während er ſprach blieb Herr Prevoſt in tiefen und düſteren Gedanken ſitzen, aber er hatte jedes Wort gehört und mehr als einmal ſchweifte ſein Geiſt zu Nebendingen ab, nicht nur in der Gegenwart, ſondern auch in der Vergangenheit. Es war eine ſelt⸗ ſame Gewohnheit von ihm— ein Widerſpruch in ſeinem Charakter— ſeine Gedanken ſo von zufälligen Umſtänden ablenken zu laſſen, denn zur Zeit der Handlung, wenn es nöthig war, zu entſcheiden und zu wirken, war kein Geiſt ſicherer und entſchloſſener, als der ſeine, und er ging immer mit großer und auffallender Schnelligkeit auf ſeinen Zweck los. Wo aber Nichts zu thun war, wo es ſich nur um Nach⸗ denken handelte, da herrſchte dieſe unſtete Stimmung beſtändig vor, aber gleich einem Strome, der durch ein ebenes Land fließt und ſich bei jedem kleinen Hin⸗ derniſſe abwendet, obgleich er ſeinen weiteren Weg zur See fortſetzt und ſie endlich erreicht, kehrte auch ſein Geiſt früher oder ſpäter zu der Richtung zurück, von welcher er abgewichen war. Als Woodchuck inne hielt, erhob er ſeinen Kopf und ſah ihn einen Au⸗ genblick ſchwermüthig fragend an. „Hörten Sie je Ihren Namen?“ fragte er. „Können Sie mir ihres Vaters Namen ſagen?“ „Nein,“ verſetzte Woodchuck.„Ich hörte die ganze Geſchichte von der alten Indianerin, und wenn ſie verſucht hätte, mir einen engliſchen Namen anzu⸗ — 44— geben, ſo würde ſie Etwas daraus gemacht haben, was nie aus einem engliſchen Munde gekommen. Alles, was ſie mir ſagte, war, daß der Vater ein großer Häuptling unter den Engländern geweſen, wor⸗ aus ich ſchloß, daß ſie einen General meine.“ „Wahrſcheinlich war es ihres Vaters Portrait, welches ich auf der indianiſchen Burg ſah,“ ſagte Editha.„Es war das eines Mannes in alterthüm⸗ licher Uniform. Er hielt ſeinen Degen in der aus⸗ geſtreckten Hand und ſah ſich mit gebieteriſcher Miene um, als befehle er ſeinen Soldaten, ihm zu folgen. Ich bemerkte es ſogleich, weil die Sonne darauf ſchien und weil der Rahmen mit den ſchönſten india⸗ niſchen Verzierungen geſchmückt war, das Bild der Dame war ähnlich verziert; aber da war noch ein anderes, welches mich noch viel mehr intereſſirte— der Kopf eines jungen Mannes mit Bleiſtift gezeich⸗ net und Walter ſo ähnlich, daß ich anfangs faſt glaubte, die liebe Otaitſa habe verſucht, ſein Por⸗ trait aus dem Gedächtniſſe zu zeichnen.“„ „Würdeſt Du Dich des Geſichtes des alten. Mannes erinnern, wenn Du es wiederſäheſt, mein Kind?“ fragte Herr Prevoſt, indem er lebhaft ſeine Tochter anſah. „Ich denke es,“ antwortete Editha, ein wenig betroffen von der Lebhaftigkeit ihres Vaters.„Ich bin gewiß, daß ich es kennen würde.“ „So warte einen Augenblick,“ ſagte Herr Pre⸗ voſt,„und laß Licht hereinbringen, mein Kind.“ Während er ſprach, ſtand er auf und verließ das Zimmer, aber er blieb mehrere Minuten aus und die Kerzen brannten bereits im Zimmer, als er zurückkehrte. Er brachte mehrere kleine Portraits mit, die er über den Tiſch ausbreitete, während Editha und Woodchuck aufſtanden, um ſie anzuſehen. „Hier!“ rief Editha, mit dem Finger auf eins derſelben deutend,„dies iſt der Kopf des alten Of⸗ ficiers, obgleich die Stellung verſchieden iſt, und da iſt die Dame auch; aber das Portrait des jungen Mannes ſehe ich nicht.“ „Editha,“ ſagte ihr Vater, ſeine Hand zärtlich auf die ihrigen legend und traurig den Kopf ſchüt⸗ telnd,„er iſt nicht mehr jung, aber er ſteht neben Dir, mein Kind. Das iſt das Bild meines Vaters und das andere das meiner Mutter. Otaitſa muß alſo Deine Conſine ſein. Die arme Jeſſy! Wir ha⸗ ben ſie immer für todt gehalten, obgleich ihr Körper nicht mit dem ihres Vater gefunden wurde. Wahr⸗ ſcheinlich wäre es beſſer geweſen, wenn ſie todt ge⸗ weſen wäre.“ „Nein, nein, Prevoſt,“ ſagte Woodchuck,„nicht im geringſten. Der ſchwarze Adler war ein ſo freund⸗ licher Gatte, wie ich nur je einen geſehen habe. Sie hätten ganz Europa und Amerika durchſuchen können, — — 416— ohne einen ſo guten Mann zu finden. Dann denken Sie an Alles, was ſie an dem Platze gethan, wo ſie ſich befand. Gott ſchickte ſie dorthin, um die Menſchen zu beſſern, die ſie vorfand. Von der Zeit, wo ſie dorthin kam, bis zu der Zeit, wo ſie ſtarb, fand nicht mehr Krieg und Blutvergießen ſtatt, oder doch ſehr wenig. Dann brachte ſie einen chriſtlichen Geiſtlichen unter ſie— wenigſtens hätte er nie ſeinen Fuß dorthin ſetzen dürfen, wenn ſie nicht des ſchwar⸗ zen Adlers Gattin geweſen wäre. Es iſt ſchwer zu ſagen, was wirklich gut oder wirklich böſe iſt in die⸗ ſer Welt. Wenn etwas nicht eigentlich gut iſt, was wenige von uns behaupten würden, ſo folgt doch oft Gutes daraus, gleich einer Blume, die auf ei⸗ nem Dunghaufen wächſt, und man kann nicht ſagen, was die Ankunft dieſer Dame dort Gutes bewirken konnte. Uebel genug war es gewiß anfangs für ſie, aber ſie ſöhnte ſich damit aus, und ſo dürfen Sie nicht ſagen, daß es beſſer geweſen, wenn ſie geſtor⸗ ben wäre.“ „Es iſt freilich ſeltſam, welche Wendungen das menſchliche Geſchick nimmt,“ ſagte Herr Prevoſt. „Daß ſie— im Luxus erzogen, von Allen, die ſie kannten, geſucht und bewundert— zwei der ausge⸗ zeichnetſten Männer in Europa ausſchlagen mußte, um in dieſes wilde Land zu gehen und einen indiani⸗ ſchen Wilden zu heirathen! Die Menſchen reden vom Schickſal und von der Beſtimmung und gewiß ſind manche Glückswechſel ſo gänzlich außer aller menſch⸗ licher Berechnung, daß man die Lehre der Fataliſten faſt für wahr halten ſollte.“ 1 „Glauben Sie nicht, lieber Vater,“ ſagte Edi⸗ tha, aus einer tiefen Träumerei erwachend,„daß dieſe ſeltſame Entdeckung ſich ſehr vortheilhaft anwenden ließe? Könnte nicht Walter gerettet werden, ohne daß unſer armer Freund ſein eigenes Leben aufopfern dürfte, um ihn zu befreien?“ „Das iſt wie ein gutes und freundliches Mäd⸗ chen geſprochen,“ fiel Woodchuck ein;„aber ich kann Ihnen ſagen, es iſt von keinem Nutzen.“ „Dennoch ſollte Otaitſa es wiſſen,“ fuhr Sditha fort,„denn der ſchwarze Adler würde gewiß den Neffen ſeiner ihm ſo theuren Gattin nicht opfern.“ „Es iſt von keinem Nutzen,“ wiederholte Wood⸗ chuck faſt ungeduldig.„Wiſſen Sie nicht, Miß Edi⸗ tha, daß Walter und die Blüthe einander lieben? Und das iſt mehr werth, als alle Blutsverwandt⸗ ſchaft in der Welt. Der ſchwarze Adler würde ſeinen eigenen Sohn tödten, wenn die Geſetze ſeines Volks es forderten. Ich denke, er würde den armen Wal⸗ ter nur um ſo eher tödten, um zu zeigen, daß kein menſchliches Gefühl ihrem teufliſchen Herkommen im Wege ſtehen dürfe. Nein, nein, es iſt viel beſſer, ſich ruhig zu verhalten. Es könnte ſchaden und es — 428— kann und wird keinen Nutzen bringen. Laſſen Sie die Sache ruhen, mein liebes Kind. Es iſt feſt be⸗ ſchloſſen. Ich bin jetzt bereit und werde nie wieder ſo bereit ſein. Laſſen Sie mich noch einmal meine Berge, meine Seen, meine Flüſſe und Wälder an⸗ ſehen und ich bin mit dieſem Leben zu Ende. Dann wolle Gott in ſeiner Gnade mich in ein anderes Le⸗ ben aufnehmen! Amen.— Horch! Da kommt Je⸗ mand in ſchnellem Galopp dahergeſprengt. Vermuth⸗ lich iſt es jener edle junge Lord.“ Woodchuck's Vermuthung beſtätigte ſich und im nächſten Angenblick trat Lord H. ins Zimmer und ſein Geſicht ſtrahlte von Freude und Zufriedenheit. Er hielt ein großes Packet in der Hand, näherte ſich ſogleich dein Herrn Prevoſt und ſagte: „Mein lieber Herr, ich freue mich, Ihnen die⸗ ſen Brief überreichen zu können, nicht nur, weil er Ihnen einige Genugthuung gewähren, ſondern auch, weil er einen Makel der Undankbarkeit von der Re⸗ gierung dieſes Landes entfernen wird. Die gegenwär⸗ tigen Miniſter Seiner Majeſtät ſehen ein, daß Ihnen keine Gerechtigkeit zu Theil geworden iſt; daß Ihre vieljährigen Dienſte, die ſie auf verſchiedene Weiſe Ihrem Vaterlande geleiſtet— kurz, Alles was Sie zum Wohl Ihrer Mitmenſchen, ſowie zur Verthei⸗ digung des Guten und Edlen gethan— lange Zeit mit einer Vernachläſſigung behandelt worden ſei, die — 40— einer Beleidigung gleich kommt, und ſie bieten Ihnen jetzt als einige Entſchädigung eine Stelle an, die zu Reichthum und Auszeichnung führen kann und die hoffentlich nur eine Stufe zu einer höheren Würde ſein wird.“ „Was iſt es, Georg, was iſt es?“ fragte Editha lebhaft. „Man ſagt mir in einem Briefe, der dieſen be⸗ gleitet, daß es die Stelle eines Generallieferanten der Armee und das Anerbieten des Ranges eines Ba⸗ ronet iſt.“ „Gott ſei Dank!“ rief Editha, und als ſie dann einen Ausdruck der Ueberraſchung wegen ihres Eifers in dem Geſichte ihres edlen Geliebten bemerkte, fügte ſie hinzu, indem ein heiteres Lächeln ihre Lip⸗ pen umſpielte,„ich ſage, Gott ſei Dank, Georg, nicht weil ich froh bin, daß meinem Vater derglei⸗ chen zu Theil wird, denn ich hoffe, er wird Beides ablehnen; ſondern weil eben dieſes Anerbieten eine alte Wunde heilen wird, da man ihm zeigt, daß eifrige Anſtrengungen und die Anwendung hoher und edler Eigenſchaften nicht immer mit Vernachläſſigung, Vergeſſenheit und Verachtung behandelt werden. Er wird ſich gewiß darüber freuen, welches auch ſeine Entſcheidung ſein möge.“ „Nun verſtehe ich Dich, meine Geliebte,“ ant⸗ wortete Lord H.„Hinſichtlich der Baronetwürde mag Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 4 er thun, wie er will; aber ich muß ernſtlich in ihn dringen, das ihm angebotene Amt anzunehmen. Es abzulehnen würde ein beleidigtes Gefühl zeigen. Wenn er es annimmt, ſetzt er ſich keiner Gefahr aus und dient ſeinem Vaterlande, denn nach ſeiner Kenntniß des Volks hier in dieſer Gegend, ſowie der Beſchaf⸗ fenheit des Landes und ſeiner Hülfsquellen und von den Gewohnheiten und Gefühlen aller Klaſſen glaube ich, daß kein Mann gefunden werden könnte, der ſich ſo gut zu dieſer Aufgabe eignen würde. Ahl mein guter Freund, der Kapitain Brooks, wie geht es Ihnen? Ich habe in der letzten Zeit gewünſcht, Sie zu ſehen und Ihre Pläne zu hören.“ „Ich bin ſo wohl wie nur möglich, Mylord,“ verſetzte Woodchuck, die Hand, die Lord H. ihm reichte, in der ſeinigen drückend.„Was meine Plänme betrifft, die ſind dieſelben, wie immer— Sie zwei⸗ felten doch nicht an mir?“ „Das that ich nicht,“ entgegnete Lord H. ernſt, und vor ſich niederblickend, verſank er in tiefes Nach⸗ denken. Endlich blickte er auf und fügte hinzu:„Und doch, mein guter Freund, iſt es mir lieb, daß Sie Zeit zum Nachdenken gehabt haben, denn ſeitdem wir uns zuletzt geſehen, machte ich mir Vorwürfe wegen der ſchweigenden Aufmunterung zu einer Handlung, mit deren Billigung ſich ſo viele perſönliche Motive vereinen, ſo daß man wohl Zweifel gegen ſich ſelber =— E Sce— hegen darf. Verzeihe mir, Editha— verzeihen Sie mir, Herr Prevoſt, wenn ich unſeren Freund frage, ob er ruhig und ohne Begeiſterung überlegt und er⸗ wogen hat, ob irgend eine moraliſche Verpflichtung für ihn vorhanden iſt zu der Handlung, die er vor⸗ hat.“ „Es iſt keine Verzeihung nöthig, Mylord,“ ver⸗ ſetzte Herr Prevoſt.„Ich würde ihm dieſelbe Frage vorgelegt haben, wenn er es mir geſtattet hätte. Ja noch mehr, ich würde ihm geſagt haben— was ich ſelber auch dabei gelitten hätte— daß meinem Ur— theile nach keine moraliſche Verpflichtung vorhanden ſei. Wegen einer zu entſchuldigenden Handlung, die er begangen, begehen dieſe Indianer eine nicht zu ent⸗ ſchuldigende Handlung gegen einen Unſchuldigen. Das kann kein Grund ſein, warum er ſein Leben opfern ſollte, um den Anderen zu retten. Verhüte Gott, daß ich ſelbſt aus Liebe zu meinem eigenen Kinde un⸗ gerecht in einer ſolchen Sache handeln ſollte. Ich bin kein römiſcher Vater— ich mache keinen Anſpruch daran. Wenn mein Tod ſie zufrieden ſtellen kann, ſo mögen ſie den alten bis zur Wurzel verdorrten Baum nehmen und den Schößling voll Stärke und Verheißung verſchonen. Aber ich will nicht einem redlichen Manne rathen, ſich aus einem zu edlen Im⸗ pulſe zu opfern.“ „Ich weiß nicht viel von moraliſchen Verpflich⸗ . 4* — 52— tungen,“ verſetzte Woodchuck ernſt;„aber ich glaube die Sache ebenſo ſorgfältig überlegt zu haben, wie nur Einer von Ihnen. Ich habe mich über einen Grundſatz aufgeklärt, und dabei mag es in Gottes Namen ſein Bewenden haben. Ich ſage zu mir ſel⸗ ber: Nicht wahr, Woodchuck, es iſt nicht recht, daß Jemand leiden ſollte wegen deſſen, was Du ge⸗ than?— Nein, das iſt es nicht.— Nun, iſt es nöthig darüber zu ſprechen, ob ſie ein Recht haben, ihn wegen meiner Handlung leiden zu laſſen oder nicht? Sie werden es eben thun.— Nein, es iſt nicht nöthig davon zu reden, denn ſie werden es thun. Die Folgen deſſen, was Du gethan, werden nur auf die Schultern eines anderen Mannes geſcho⸗ ben. Das thateſt Du ſonſt nie, Woodchuck— thut es auch jetzt nicht. Man könnte ſagen: Es iſt Al⸗ les in der Ordnung. Gott könnte es vergeben, aber Dein eigenes Herz würde es Dir nie verzeihen.“ Editha ſprang vorwärts und faßte ſeine beiden Hände, indem Thränen über ihre Wangen rollten. „Gott wird es verhindern,“ ſagte ſie lebhaſt. „Ich habe Vertrauen zu ihm. Er wird uns erretten aus unſerer äußerſten Noth. Er ſendete dem Patriar⸗ chen ein Opfer und verſchonte ſeinen Sohn. Er win ein Auskunftsmittel für uns finden, wenn wir nun ihm vertrauen.“ „Miß CEditha,“ verſetzte Woodchuck feierlich,„e — 353— mag es nun thun oder nicht nach ſeinem erhabenen Willen; aber deſſen bin ich gewiß, daß, obgleich Chriſtus für unſere Uebertretungen geſtorben iſt, wir kein Recht haben, irgend Jemand für unſere Hand⸗ lungen leiden zu laſſen. Ich habe in der letzten Zeit viel in meiner Bibel geleſen— mehr, als ich ge⸗ than ſeitdem ich ein kleiner Knabe geweſen— und ich bin völlig gewiß, was ich thue. Es iſt ein Troſt und eine Stärkung für mich geweſen. Es iſt Alles ſo klar— ſo ſehr klar. Andere Bücher verſteht man zuweilen nicht— dieſes Buch kann man nicht miß⸗ verſtehen— wenn man nicht durchaus will. Und nun laſſen Sie uns ein Ende machen. Ich bin völ⸗ lig entſchloſſen. Es iſt unnöthig, noch ein Wort weiter darüber zu ſagen.“ Alle Uebrigen ſchwiegen und Editha verließ das Zimmer, indem große Thränen über ihr Geſicht nie⸗ derrollten. Viertes Kapitel. Der große Apothekerladen der menſchlichen Eitel⸗ keit iſt mit ſchmeichelnden Salben angefüllt und es giebt keine wunde Stelle im Herzen oder Geiſte des Menſchen, die nicht dort ihr Heilmittel findet— mag nun die Krankheit von einem ſelbſt erzeugten Krebs oder von einem von Anderen erhaltenen Schlage her⸗ rühren. Die größten, weiſeſten, geſündeſten Menſchen an Körper und Geiſt haben alle Veranlaſſung, ſich an dieſen Laden zu wenden, und ſie thun es von Zeit zu Zeit unter der Qual des Bedauerns, der fehlge⸗ ſchlagenen Erwartung, der Täuſchung oder der Wun⸗ den des Stolzes, der Vergeſſenheit oder der Vernach⸗ läſſigung. Die Frechheit des Bedienſteten, der Hohn, Den von Unwürdigen erdulden muß Das ſchweigende Verdienſt— wie oft treiben ſie das Eiſen in das Fleiſch, ſo daß man dieſes Apothekerladens bedarf, um die Wunde zu heilen! Doch wollen wir nicht zu genau die Beweggründe unterſuchen, die Herrn Prevoſt bewogen, nach einigem Zaudern und Widerſtreben die ihm von der Regierung durch Lord H. angebotene Anſtellung anzunehmen. Es war angenehm für ihn, zu denken, daß ſeine Ver⸗ dienſte und die Bemühungen, deren er ſich bewußt war— obgleich er nicht zu viel darauf gab— nur ſo lange überſehen worden, nicht weil man ſie ver⸗ geſſen, ſondern weil ſeine Anſichten von denen der kürzlich entlaſſenen Miniſter abgewichen. Er wußte nicht— oder erinnerte ſich wenigſtens nicht, wie leicht es iſt zu vergeſſen, wenn man ſich nicht erinnern will, wie ſelten gute Eigenſchaften vor die Oeffentlichkeit kommen, als durch Unverſchämtheit, Anmaßung und Selbſtgenügſamkeit. Nur einer unter zehntauſend Männern, welche ſteigen, ſteigt allein durch Verdienſt, obgleich alle, welche ſteigen, einiges Verdienſt haben müſſen. Aber die wahrhaft Großen ſind gleich Fir⸗ ſternen und ſelten dem Auge nahe. Man bedarf eines Telescops, um ſie zu ſehen, und jenes Telescop iſt die Zeit. Ohne die großen Krieger zu berückſichtigen, die ihren Namen mit Feuerſchrift ſchreiben, ſind viele von den größten Männern aller Zeiten vom Rufe überſehen — 56— worden. Der Verfaſſer des Hiob iſt unbekannt; die Erbauer faſt aller großen Gebände des Alterthums ſind namenlos; der Bildner der Venus und des Apollo ſind zweifelhaft und werden nie in der Geſchichte er⸗ wähnt. Dann betrachte man das Schickſal Anderer und ſehe Bruder Bacon und Galileo in ihren Ge⸗ fängniſſen, Dante proſcribirt und verbannt, Shakſpeare als einfachen Bürgesmann von Stratfort, Homer und Milton blind und arm, Virgil, Petrarea, Bacon von Verulam als Schmeichler eines Hofes, Newton als Münzmeiſter! Himmel und Erde! Welch ein Verzeich⸗ niß von ſchwarzen Flecken auf dem großen Leoparden! Kaum einem derſelben wies der Ruhm unter den Zeit⸗ genoſſen einen vorragenden Platz an. Es iſt eine Salbe und ein Troſt für jeden Thoren und Tagedieb. Kein Mitarbeiter an einem Pfennigsblatt, der Eitel⸗ keit genug beſitzt, kann gewiß ſein, ob er nicht der Zwillingsbruder des blinden Bettlers von Griechen⸗ land iſt. Aber Herr Prevoſt vergaß dies Alles. Er war ſich bewußt, gut und fleißig auf dem rechten Wege gearbeitet zu haben; er hatte das Gefühl und die Erfahrung der geiſtigen Stärke; er hatte gefühlt und die Fähigkeit Anderer richtig zu führen und zu leiten ausgeübt; und was noch mehr war, als alles Andere, er hatte häufig die Pläne, die er erdacht, die Worte, die er geſchrieben oder geſprochen, von Anderen ——— 2 IG 2 anwenden und ſich aneignen ſehen— ein ſchwacher, unverſchämter, glücklicher Charlatan hatte, von Fa⸗ milienintereſſen, ſowie von den Umſtänden unterſtützt, Ruf und Glück dadurch erlangt, während der wirkliche Verfaſſer vergeſſen wurde und verſpottet worden wäre, hätte er ſein Eigenthum in Anſpruch genommen. Dies gewährte ihm einiges Selbſtvertrauen, unabhän⸗ gig von der Eitelkeit, und überdies iſt es nicht unſere Sache, das Metall zu genau zu prüfen. Er nahm die angebotene Stelle an und bereitete ſich auf ſeine Pflichten vor. Nur ein Hinderniß gab es— das war ſeine Beſorgniß wegen ſeines Sohnes; denn ungeachtet jeder Verſicherung empfand er jenen bebenden Zweifel und Furcht, die nur Eltern empfin⸗ den können, wenn das Schickſal eines geliebten Kindes auf dem Spiele ſteht— was alle Eltern, die des Namens würdig ſind, gefühlt haben und was kein Kind begreifen kann.. Als Editha an dem Tage nach dem Beſuche des armen Kapitain Brooks etwas ſpäter, als es ihre Gewohnheit war, aufſtand, war Woodchuck fort. Er hatte das Abſchiednehmen nicht abgewartet und war vor Anbruch des Tages auf dem Wege zu den Ge⸗ birgen. Es war freilich beſſer für Alle, daß er ging, und er fühlte es; nicht als hätte man erwarten können, daß ſein Entſchluß würde erſchüttert werden, doch wie 1 — 58— er ſelber geſagt, wünſchte er dieſen Entſchluß ſo weit wie möglich zu vergeſſen— nicht mehr an ſein be⸗ vorſtehendes Schickſal zu denken, als die dunkle Er⸗ innerung in ſeinem Herzen ihn dazu nöthigte. Die Gegenwart des Herrn Prevoſt und ſeiner Tochter, ſo⸗ wie Walter's Abweſenheit von dem Kamin würde ihn beſtändig an den Felſen erinnert haben, auf welchen ſeine Barke unvermeidlich losſteuerte. Bei Herrn Pre⸗ voſt würde ſeine Gegenwart die Wirkung gehabt ha⸗ ben, den ängſtlichen Kampf zwiſchen der Zärtlichkeit für Walter und der Gerechtigkeit gegen ihn zu er⸗ neuern. Jeder ſeiner Blicke, jedes ſeiner Worte wäre eine Quelle des ſchmerzlichen Intereſſe geweſen und das ſchreckliche Abwägen deſſen, was faſt gleich getheilt war, während das Leben zur Entſcheidung ſtand und die Zärtlichkeit die Wage hielt, würde wenigſtens im Geiſte fortgedauert haben. Als er ſich entfernt hatte, legten ſich nach und nach die aufregenden Gefühle. Seine Selbſtaufopfe⸗ rung ſtellte ſich dem Geiſte als ſttwas Entſchiedenes dar— der Geiſt wurde durch eine geringere Beſorg⸗ niß von einer größeren befreit und eine ſtille Schwer⸗ muth nahm die Stelle der ängſtlichen Unruhe ein, wenn man an ſein bevorſtehendes Schickſal dachte. Die Gegenwart und die Vergangenheit ſchienen ſich gewiſſermaßen zu verſetzen, und man betrachtete ihn faſt, als wäre er ſchon todt. 2=u 8— — 59— Freilich war nicht alle Furcht Walter's wegen gänzlich verbannt. Da war nichts Beſtimmtes— da war kein fühlbarer Gegenſtand der Beſorgniß— ſie hielten ſich völlig überzeugt, daß Woodchuck ſeinen Entſchluß ausführen werde, doch das Herz glich einem bewegten Pendel, der noch lange erbebte, nachdem der Anſtoß aufgehört hatte. Es wurde indeſſen bei Herrn Prevoſt nach und nach ruhiger— eine Veränderung des Nachdenkens und des Gegenſtandes that viel. Alle ſeine Vorbereitungen ſollten wegen der gehörigen Aus⸗ übung des Amtes, welches er unternommen, geſchehen; er mußte mehr als einmal nach Albany gehen und jedes Mal nahm er ſeine Tochter mit. Jede Veränderung hatte ihre Wirkung und er und Editha erlangten eini⸗ germaßen ihre Heiterkeit wieder, wenigſtens in der all⸗ gemeinen Geſellſchaft. Nur in den ſtillen und ruhigen Stunden, wenn Beide allein waren— wenn jene Zeiten eintraten, wo der Schlaf ſich weigert, das Auge zu beſuchen— wo alle äußeren Töne ſtill ſind— wo alle äußeren Gegenſtände ausgeſchloſſen werden und der Geiſt mit dem Gedanken allein bleibt und nur den Gedanken zu ſeinem Gefährken hat— erſt da war es, wo Furcht, Beſorgniß und Trübſinn zurückkehrten. Jeden Augenblick, den ihm ſeine militairiſchen Pflichten frei ließen, brachte Lord H. an Editha's Seite zu, ſei es nun in ihrer eigenen Heimath oder in der Stadt. Die Leute bemerkten ſeine Aufmerkſam⸗ — 80— keiten und machten, wie gewöhnlich, ihre Bemerkungen darüber, denn man hatte ihre Verlobung nicht öffent⸗ lich bekannt gemacht und die gutmüthige Welt hielt es für auffallend, daß ein junger Edelmann von ſolcher Auszeichnung ſo gänzlich eingenommen war von der Tochter eines einfachen Gentleman, wie Herr Prevoſt. Ihre Bemerkungen berührten indeß die beiden Liebenden wenig. Sie dachten an ſich ſelber und nicht an die Welt, und obgleich die glücklichſten Stunden des Lord H. die waren, wo er in der ſtillen Einſie⸗ delei ihres Vaters eine kurze Zeit damit zubrachte, allein mit ihr in der ſchönen Umgebung umherzuwan⸗ dern, oder mit ihr unter der Veranda zu ſitzen, die ſchöne Ausſicht zu betrachten und den Fortſchritt des Sommers in der Waldſeene zu beobachten, ſo war er doch überall an ihrer Seite glücklich, und ihr Be⸗ nehmen in der Geſellſchaft, ihre Anmuth und Schön⸗ heit, mit Anderen verglichen, diente nur dazu, ihn ſtolz auf ſeine Wahl zu machen. So vergingen beinahe drei Wochen, um welche Zeit die geſchäftigen Vorbereitungen, das Marſchiren mehrerer Regimenter nach dem Norden und Zeichen der Thätigkeit in jeder Richtung den Bewohnern von Al⸗ bany die Kunde gab, daß eine wichtige miülitairiſche Bewegung ſtattfinden werde. Pfeifen und Trommeln, ſo wie das ſchwerfällige Rollen der Kanonen durch die ſonſt ſo ſtillen Straßen wurde täglich gehört. Böte ——„n— wurden auf dem Fluſſe verſammelt; Paraden und Ue⸗ bungen nahmen den größten Theil jedes Tages ein; Boten und Kundſchafter eilten nach allen Richtungen umher und Schaaren von Indianern, zum Kriege be⸗ malt und befiedert, umgaben die Stadt und erſchienen oft in den Straßen. Lord H. war mit ſeinem ganzen Regimente bis in die Nähe von Sandy Hill vorgerückt, andere Trup⸗ penabtheilungen folgten und der Generallieferant, deſſen Thätigkeit und Einſicht Jedermann überraſchte, der ihn nur als einen zurückhaltenden und verſtimmten Mann kannte, war bis zu einem Punkte am Hudſon vorge⸗ rückt, wo man zu Anfang der ſogenannten Königs⸗ ſtraße ein Fort erbaut hatte, um mit eigenen Augen die richtige Ablieferung und gehörige Vertheilung der von ihm geſammelten Vorräthe zu beaufſichtigen. Lange Reihen von Huͤtten waren um das Fort erbaut, da man glaubte, daß es weit genug innerhalb der engli⸗ ſchen Linie liege, um ein ſicherer Ort zu ſein; und manche Dame aus Albany, ſowohl jung als alt, hatte ſich dort eingefunden, um ihren Gemahl, Bruder oder Vater zum letztenmal zu ſehen, ehe ſie ſich in den Wald begaben und dem bevorſtehenden Kampfe entge⸗ geneilten. Hier geſchah, wie gewöhnlich, Alles, um die Stirn des Krieges zu glätten und ſeine häßlichen Züge zu verbergen, und gewiß war nach der Ankunft des — 62— Lord H. mit ſeinem Regimente und dem Flügel eines anderen die Scene glänzend und lebhaft genug. Schei⸗ nende Uniformen, ſchimmernde Waffen, Militairmuſik, flatternde Fahnen und ſtampfende Roſſe waren auf allen Seiten zu ſehen, und heiteres und lebhaftes Geſpräch — nur hie und da von den feierlichen Worten der Warnung von einem ängſtlichen Herzen unterbrochen — verbarg in hohem Grade die tieferen und ſtärkeren Gefühle, die im Innern geſchäftig waren. Bei allen ſolchen Expeditionen unter der geräuſch⸗ vollen Aufregung treten Zeiträume der ſtillen Unthätig⸗ keit ein, beſonders ehe der erſte Schlag geführt wird. Irgend ein Zufall verurſacht einen Aufſchub; einige Bewegungen gehen nicht mit gehöriger Pünktlichkeit vor ſich; eine Abtheilung muß auf die andere warten und wird unbeſchäftigt gelaſſen. So war es im ge⸗ genwärtigen Falle. Eine kleine, aber wichtige Abthei⸗ lung der Armee, von einer großen Schaar Indianer begleitet, wurde zurückgehalten, weil es an Böten fehlte, und es kam die Nachricht, daß zwei Tage ver⸗ gehen müßten, ehe ſie das Fort erreichen könnten. Ein höherer Offizier war zugegen und Lord H. und Herr Prevoſt fühlten, daß es keine Vernachläſſi⸗ gung der Pflicht ſei, um Urlaub nachzuſuchen, um noch einmal das Haus des letzteren zu beſuchen und Editha perſönlich an den Ort zu begleiten, wo ſie bleiben ſollte, bis der Zweck des Feldzuges erfüllt ſei. — 63— An demſelben Tage wurde es zuerſt bekannt ge⸗ macht, worin der Zweck dieſes Feldzuges beſtehe. Das Wort Ticonderoga wurde im ganzen Lager von dem Hauptquartier des Generals bis zum gemeinen Sol⸗ daten herab geflüſtert. Ein ſeltſames Gefühl der Freude verbreitete ſich durch die ganze Armee, nicht als hätten Viele die Wichtigkeit des Zweckes oder den Zuſtand des Ortes gekannt, ſondern nur, weil alle von einer Un⸗ gewißheit befreit waren. Die Bemerkung, die Lord H. darüber machte, war ſehr kurz. Er hatte die jetzt zuerſt bekannt ge⸗ machte Thatſache längſt gewußt; aber er erzählte Edi⸗ tha die Sache, während er ſie zur Abreiſe auf ihr Pferd ſetzte und ſagte: „Der Ott iſt glücklicherweiſe nahe und die Sache wird bald zu Ende ſein, meine Liebe— auf die eine oder die andere Weiſe,“ fügte er unwillkürlich bei ſich ſelber hinzu. Aber er ſprach den düſteren Zweifel nicht aus, und die kleine Geſellſchaft ritt davon. Fünftes Kapitel. Ein ruhiger, ſtiller Abend, wenn der Wind aus Süden bläſt, die Sonne unter rothen Wolken unter⸗ geht und ein grauer Dunſt ſich über den Himmel ver⸗ breitet, mit jeder Ausſicht auf ein bevorſtehendes Un⸗ gewitter, und doch Alles ſtill und nüchtern in feierlicher Stille, erinnert mich oft an jene Pauſen im geſchäftigen Gange des Lebens, die einem großen und entſcheiden⸗ den Ereigniſſe vorangehen. Es iſt auch ſehr ſeltſam, aber ich habe bemerkt, daß es nicht ſelten geſchieht, daß ein ſolcher Anblick der äußeren Natur gleichſam mit unſeren Gefühlen harmonirt, wenn wir am Vor⸗ abend großer Ereigniſſe, welche beſtimmt ſind, alle Hoffnungen des Lebens zu erfüllen oder zu vereiteln, eine kurze Pauſe machen. Ein ſolcher Abend war der, welchen Lord H. mit Editha und Herrn Prevoſt in dem Hauſe zubrachte, wo ſich ſo viele von dieſen Scenen zugetragen hatten, nachdem ſie an dem Morgen das Fort Edward verlaſſen hatten. Ihre Reiſe war ſehr friedlich vorübergegangen; es war ihnen kein menſchliches Weſen begegnet, als einige Abtheilungen freundlich geſinnter Indianer, und wie man ſich leicht vorſtellen kann, war es ein ſehr ange⸗ nehmer Ritt. Er währte indeſſen kaum vier Stunden, und ſo hatten ſie den vorzüglichſten Theil des Tages in Ruhe in einer Umgebung zugebracht, die ihnen Allen theuer war. Herr Prevoſt hatte ſich in ſein Zimmer begeben, um zu ſchreiben, und Lord H. und Editha ſaßen vor dem Hauſe und ſahen der untergehenden Sonne zu. Es giebt wenig wirklich erhabene Dinge auf der Erde; aber zu den erhabenſten gehören die Augenblicke, wenn wir neben einem Mitgeſchöpfe ſitzen, welches ſo durch Liebe mit uns verbunden iſt, daß unſer Daſein nur als ein Theil des ſeinigen erſcheint und daß unſere Hoffnungen und Befürchtungen, unſer Glück und un⸗ ſere Freude gleich ſind; und doch flüſtert uns im Ver⸗ laufe des ſterblichen Schickſals die Annäherung einer dunklen Stunde des Scheidens beſtändig ins Ohr: „Ihr ſeid nicht wirklich eins. Wenn auch jeder Ge⸗ danke und jedes Gefühl vereint iſt, wenn auch das Herz mit dem Herzen ſchlägt und der Geiſt mit dem Geiſte geht, wenn auch vereint und verbunden durch jedes Streben und jedes Gefühl, ſo ſeid Ihr doch Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 5 — 66— zwei und müßt Euch trennen.“ Die Empfindung iſt ſehr ſchmerzlich, aber ſie iſt erhaben in ihrer Stärke, und dies waren die Gefühle Editha's und ihres Geliebten, als ſie daſaßen und die untergehende Sonne beobachteten. Sie ſprachen von vielen Dingen, wovon einige durchaus nicht mit den Umſtänden der Gegenwart oder Zukunſt vereint waren. Sie fürchteten zu lange dabei zu verweilen und ſuchten oft Erleichterung in gleich⸗ gültigen Gegenſtänden; dennoch war die bevorſtehende Stunde dem Geiſte Beider unbeſtimmt gegenwärtig. Es war als ſäßen ſie in der Nähe eines Waſſerfalles, deſſen ſchwermüthiges Gemurmel ſich harmoniſch, aber traurig, mit jedem anderen Tone miſcht. „Ich hoffe, theure Editha, daß wir es zuſammen ſehen werden,“ ſagte Lord H., indem er von dem entfernten Lande ſprach, wo ſie Beide geboren waren. „Manches Liebliche und Schöne iſt in der alten Welt, ſowohl in der Natur, wie in der Kunſt zu finden; und obgleich ich dieſe ſchönen Seenen ſehr liebe und mich ihrer ſo ſehr erfreue, wie nur irgend Jemand die Pracht der ungeſchmückten Natur lieben kann, ſo dünkt mich doch, daß es kein Grund iſt, warum wir nicht alles Schöne und Liebenswürdige vollkommen ſchätzen ſollten, wenn auch von verſchiedener Art und Cha⸗ rakter. Es iſt der Mann von kleinem Geiſte und engem Herzen, der nur eine Art der Vortrefflichkeit zu ſchätzen weiß. Schönheit und Güte haben ihre un⸗ ——— ²—-— — 62— endlich verſchiedenen Abſtufungen; und wenn mir auch einige Anſichten am beſten gefallen, ſo hoffe ich doch immer im Stande zu ſein, von allem Vergnügen zu entlehnen.“ „Aber Du haſt alle dieſe Dinge ſchon geſehen, Georg,“ antwortete ſie;„wird es Dich nicht lang⸗ weilen, ſie alle noch einmal mit einer ſo unbelehrten Begleiterin zu ſehen, wie ich bin?“ Er ſah ſie einen Augenblick mit einem Aus⸗ drucke lebhafter Zärtlichkeit an und drückte ſanft ihre Hand, die er in der ſeinen hielt. „Ich nehme ein neues Licht mit mir, Editha,“ verſetzte er,„ein Licht, welches Allem, was ſchön iſt, eine neue Liebenswürdigkeit verleihen wird. Ich habe oft gedacht, Geliebte, unſere eigenen Empfindungen— Freude, Bewunderung und Zufriedenheit— in dem Geiſte eines ſo theuren Weſens, wie Du, ſich abſpie⸗ geln zu ſehen. Dies ſind glückliche Träume, Editha; wir wollen hoffen, daß wir ſie in einigen Wochen wieder erneuern können. Dann, wenn dieſer Feldzug zu Ende iſt, will ich dieſes geſchäftige und gefährliche Spiel des Krieges aufgeben, und wenn Editha dann die Meine ſein will, wollen wir die Träume verwirk⸗ lichen, die wir ſo ſehr lieben. Inzwiſchen, meine Theuerſte, laß uns, wie Jedermann es thut, der in die Schlacht geht, ein Wort von der Zukunft reden, im Fall, daß das Schlimmſte geſchehen ſollte. Ich 5* — 68— bin gewiß, Editha, daß Du Dich meiner erinnern wirſt, wenn ich nicht zurückkehren ſollte. Ich denke nicht, daß Du irgend einen Anderen wieder ſo ſehr lieben wirſt; aber ich bin nicht ſo ſelbſtſüchtig in mei⸗ ner Liebe, um zu wünſchen, daß Du das ganze Glück Deines Lebens der Erinnerung an einen Dahingeſchie⸗ denen opfern ſollteſt. Sei glücklich, wann und auf welche Weiſe Du es ſein kannſt. Befrage nur Deint eigenen Gefühle, und ich glaube, wenn die Geiſter auf die Erde niederblicken können, nachdem ſie von dieſem ſchwachen Körper getrennt ſind, wird Dein Glück, wie Du es auch erreichen magſt, das meine noch erhöhen; denn ich kann nicht denken, daß wir, wenn wir dieſe Erde verlaſſen, die Selbſtſucht des Staubes mit uns nehmen.“ Thränen ſchwammen in Editha's Augen und be⸗ netzten die langen, dunklen Wimpern, ohne jedoch überzufließen. „Ich habe nur einen Wunſch auf Erden, Georg,“ antwortete ſie,„wenn ich an die Möglichkeit denke, die Du erwähnſt, nämlich, daß ich Dich keine Stunde überleben möge. Wenn ich nicht wüßte, daſ es unmöglich wäre, würde ich bitten, mit Dir geha zu dürfen, in der Hoffnung, daß eine Stunde und Beide dahinraffen möge, wenn Du zu fallen beſtimm ſein ſollteſt.“ 8 Lord H. lächelte traurig und ſchüttelte den Kopf — 69— „Das könnte noch größeren Kummer nach ſich ziehen,“ verſetzte er;„und auf keinen Fall könnte es geſchehen. Kein Soldat darf ſeine Gattin bei ſich haben. Im Felde ſollte er ſo viel wie möglich von jedem anderen Gedanken, als an ſeine Pflicht, frei ſein. Freilich ſollte er überhaupt kein anderes Band auf Erden haben, als das, welches ihm Gott durch die Geburt auferlegt. Dies iſt ein Grund, weshalb ich die Armee verlaſſen werde. Ich bin jetzt weniger zum Soldaten geeignet, als früher; aber ich würde gänzlich unfähig dazu ſein, wenn ich denken müßte, daß Du in Gefahr wäreſt. Von aller Furcht deshalb bin ich frei. Ich empfand freilich einige Unruhe, wäh⸗ rend ich dachte, daß Du nur von den Dienern um⸗ geben hier zurückbleiben ſollteſt. So wie die Sache aber jetzt angeordnet iſt, wirſt Du bei dem Oberſten Schneider und ſeiner Gattin völlig ſicher ſein. Ueber⸗ dies werden ſeine Diener und das Heer von Arbeitern, welche beſchäftigt ſind, ſein Haus zu vollenden, eine hinreichende Schutzwache ſein.“ „Ich würde mich hier völlig ſicher gefühlt haben,“ entgegnete Editha;„denn der bekannte Anblick aller dieſer Dinge umher gab mir ein Vertrauen, welches ich nirgends anders finden konnte. Dieſe Schneiders kenne ich kaum; aber wenn Du und mein Vater es wünſchen, ſo bin ich auch zufrieden, bei ihnen zu ſein. Um welche Stunde werden wir morgen abreiſen?“ „Zwiſchen ein und zwei Uhr wird zeitig genug ſein,“ verſetzte Lord H.„Die Entfernung beträgt nur ſechs Meilen, und Dein Vater und ich können Dich ſehr wohl dorthin begleiten und Fort Edward vor der Nacht erreichen.“ „Das iſt mir lieb,“ antwortete Editha.„Mor⸗ gen iſt der Tag, wo der arme Kapitain Brooks hier ſein will. Ich möchte ihn gern noch einmal ſehen, und ich hoffe, er wird kommen, ehe wir abreiſen. Wenn nicht, ſo muß ich den Dienern ſagen, daß ſte gut für ihn ſorgen und ihm jede Freundlichkeit erwei⸗ ſen. O! Georg, iſt es nicht ſchrecklich zu denken, daß er ein ſolches Schickſal erdulden muß? Schon der Ge⸗ danke, für ſeine letzten Mahlzeiten zu ſorgen, während er zu einem freiwilligen Tode geht, erfüllt mein Heuz mit Entſetzen und Bedauern.“ „Die einzige Wahl iſt zwiſchen ihm und dem armen Walter,“ antwortete Lord H.,„und wir dür⸗ fen nicht vergeſſen, daß wir dieſe Handlung Wood⸗ chuck's nicht verlangt oder darauf gedrungen haben. Er urtheilt mit Recht, daß s unedel ſein würde, wemn er Walter für ſeine Handlungen wollte leiden laſſen und wenn ich ihn gleich nicht zu dieſer Handlungsweiſt antreiben möchte, ſo werde ich doch gewiß Nichts ſa⸗ gen, um ihn davon abzubringen.“ 4 „Seine Aufopferung macht die Sache nur noch ſchrecklicher,“ entgegnete Editha,„wenigſtens in meinen Augen; und doch kann ich nicht umhin, zu hoffen,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihrem Geliebten fragend in's Geſicht ſah,„daß Etwas geſchehen wird, ſie Beide ohne dieſes ſchreckliche Opfer zu retten.“ Lord H. wollte Nichts ſagen, um die Hoffnung zu erſticken, die ihr Troſt gewähren konnte; doch theilte er dieſelbe nicht, da ſein Glaube geringer war, als Editha's— denn der Glaube der Männer iſt immer geringer, als der der Frauen.“ Es vergingen nicht viele Minuten mehr, ehe Herr Prevoſt zu ihnen kam, beim Eintreten in ruhigem, aber raſchem Tone mit einem von den Dienern ſprach und ihm verſchiedene Befehle und Anweiſungen auf den folgenden Tag ertheilte. Obgleich er nicht ſo ſehr der Gefahr ausgeſetzt war, als wenn er einen militairiſchen Poſten bekleidet hätte, ſo war doch einige Gefahr da⸗ mit verbunden, daß er die Armee begleitete, und er hatte die letzten Stunden damit hingebracht, viele An⸗ ordnungen im Hinblick auf ſeinen wahrſcheinlichen Tod zu treffen. Obgleich ein Mann von lebhafter Phan⸗ taſie und gefühlvoller Gemüthsart, hatte doch der Tod nie großen Schrecken für ihn gehabt. Er beſaß viel perſönlichen Muth, und unter welchem Geſichtspunkte er auch den Uebergang von einem Leben zum anderen betrachtete, ſo konnte er doch ſeinen Geiſt nicht dahin bringen, ihn zu fürchten. Dennoch war er, ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag, in einiger Hinſicht von furcht⸗ — 72— ſamer Gemüthsart. Er fürchtete Schwierigkeiten, er fürchtete die Schande, er fürchtete den geringſten Makel an ſeiner Ehre und ſeinem Charakter; er war außer⸗ ordentlich furchtſam, wenn irgend eine Gefahr denen drohte, die er liebte. An dieſem Tage hatte er ſich ſo ruhig mit der Betrachtung des Todes beſchäftigt, als waͤre es irgend ein anderes vom Daſein unzer⸗ trennliches Ereigniß; als er aber an Editha und Wal⸗ ter und ihr künftiges Schickſal dachte, wurde ſein Muth erſchüttert und er fühlte ſich ſehr aufgeregt. Er hatte ſeine Aufgabe indeß mit Feſtigkeit verfolgt, hatte Alles ſo angeordnet, daß weder Dunkelheit, noch Schwierigkeit mehr in ſeinen Angelegenheiten war; dann warf er alle düſteren Gedanken von ſich und kam mit ruhigem und heiterem Geſichte zu ſeiner Tochter und ſeinem Freunde herunter. Das ganze Verfahren des folgenden Tages wurde dann völlig angeordnet. Nach einem frühen und ha⸗ ſtigen Mittagsmahle wollte er mit Lord H. und vier berittenen Männern und Editha's altem Reiſegefährten Chando dieſe zu der Wohnung des Oberſten Schneider begleiten, deſſen neues Haus in dem Frühling noch tiefer in der Wildniß, als das des Herrn Prevoſt, erbaut wurde und wovon die Indianer auf dem Hügel geſprochen hatten. Dort wollten die beiden Herren ſie ſogleich verlaſſen und ins Lager zurückkehren, welches ſie vor Anbruch der Nacht zu erreichen dachten. Ver⸗ — 23— gebliche Anordnungen, vergebliche Vorbereitungen! Wie beſtändig werden ſie, ſelbſt in den kleinſten und unbe⸗ deutendſten Plänen, durch den feſten und entſchloſſenen Willen des Schickſals vereitelt! Die Nacht verging ruhig, der Tag brach an, und während Editha ſich ankleidete, ſah ſie aus ihrem Zimmer die erwartete Geſtalt Woodchuck's, der mit feſterem Schritte und ruhigerer Haltung, als er bei ſeinem letzten Beſuche gezeigt, auf die Thür zuging. Als ſie herunterkam, fand ſie ihn mit vollkommener Ruhe und Unbefangenheit mit ihrem Vater und Lord H. redend. Sein Blick war ſicher und gefaßt, ſeine Miene kühn, wenn gleich ruhig, und ſeine Geſundheit ſchien ſich verbeſſert zu haben, ſeitdem ſie ihn zuletzt geſehen. Editha gerieth faſt in Verſuchung zu glau⸗ ben, daß eine glückliche Veränderung der Umſtände ſtattgefunden habe; aber ſeine erſten Worte verbannten die Tänſchung. „Nein, ich danke Ihnen, Herr Prevoſt,“ ſagte er,„ich muß weitergehen. Ich will mit Ihnen früh⸗ ſtücken und dann meinen Marſch beginnen. Ich habe meine Zeit wohl berechnet und möchte noch einen oder zwei Tage übrig haben. Es iſt nicht gut, die Sachen bis zuletzt aufzuſchieben. Ich denke, ich werde John⸗ ſon's Burg noch dieſen Abend erreichen. Dann kann ich vielleicht in einem Canoe den Fluß hinauffahren; aber wenn ich auch den ganzen Weg zu Fuß zurück⸗ — 1— legen muß, werde ich doch zur rechten Zeit kom⸗ men.“ Herr Prevoſt blickte vor ſich nieder und verſank in Nachdenken, während Woodchuck ſich Editha näherte, ihr die Hand reichte und von gleichgültigen Dingen mit ihr ſprach. Sie bemerkte jetzt, daß er anders, als im Winter gekleidet war. Ein hellbraunes Jagdhemd mit weiten Aermeln ſchien ſein vorzüglichſtes Kleidungs⸗ ſtück zu ſein, und in dem Gürtel, der daſſelbe zuſam⸗ menhielt, ſteckte der Tomahawk und das Sealpirmeſſer eines Indianers. Seine Büchſe ſtand in einem Winkel des Zimmers. Auf dem Kopfe trug er wie gewöhnlich eine Pelzmütze; eine Jagdtaſche und ein Pulverhorn, nebſt Moccaſſins an den Füßen vollendeten ſeinen Aufzug. „Nun, General,“ ſagte er zu Lord H.,„ich ſah einige von Ihren Leuten, als ich den Fluß her⸗ aufkam. Sie waren in Verlegenheit wegen der Böte, aber ich zeigte ihnen, wie ſie welche finden könnten; denn eine Anzahl Schurken, die mehr franzöſiſch, als engliſch geſinnt ſind, hatten eine Menge derſelben den Fluß hinaufgezogen. Abercrombie und die Uebrigen ſind daher jetzt bereits in Fort Edward.“ Lord H. ſah Herrn Prevoſt an, aber er blieb ſtumm und that ſich Gewalt an, um voran zum Frühſtück zu gehen. Woodchuck aß mit gutem Appe⸗ tit;z aber die anderen Drei brachten kanm einen Mund voll hinunter. Während ſie noch am Tiſche ſaßen, kamen Pferde vor die Thür galoppirt und Lord H. ſprang auf und eilte zum Fenſter. Ein junger Offi⸗ zier und ein Dragoner hielten vor der Thür. So⸗ bald der Erſtere Lord H. erblickte, reichte er ihm einen Brief zum Fenſter herein, ſtieg ab und trat bald dar⸗ auf ebenfalls ein. Jetzt hatten der junge Edelmann und Herr Prevoſt Beide die Depeſche geleſen und der Letztere rief:. „Dies trifft ſich ſehr unglücklich! Wir werden augenblicklich zur Armee gerufen, Editha. Wir dürfen uns keinen Augenblick anfhalten, denn der Marſch beginnt morgen mit Tagesanbruch. Mache Dich ſo bald wie möglich bereit, meine Liebe; wir wollen Dich ſicher zum Oberſten Schneider begleiten und dann in das Fort zurückgaloppiren.“ „Entſchuldigen Sie die Bemerkung, daß der Be⸗ fehl unbedingt iſt,“ ſagte der junge Offizier.„Na⸗ türlich werden Eure Herrlichkeit für ſich ſelber urthei⸗ len, aber ich befolge nur General Abecrombie's Be⸗ fehle, indem ich ſage, daß er nicht im Geringſten Auf⸗ ſchub wünſcht.“ „Aber meine Tochter, Herr, meine Tochter,“ ſagte Herr Prevoſt. Der junge Herr verbeugte ſich ſteif, gab aber keine Antwort, und das Geſicht des Lord H. wurde ſehr ernſt. „Es würde doch gewiß kein großer Ungehorſam gegen die erhaltenen Befehle ſein,“ ſagte Herr Prevoſt, „meine Tochter ſicher in das Haus meines Freundes, des Oberſten Schneider, zu begleiten, welche Entfer⸗ nung nicht mehr als ſechs Meilen beträgt.“ „Was bei ſolchen Wegen, wie dieſe, beinahe zwei Stunden koſten würde,“ ſagte der junge Offizier.„Aber Sie und Seine Herrlichkeit müſſen das am beſten zu beurtheilen wiſſen. Ich maße mir nicht an, Ihnen Vorſchriften zu machen; ich überbringe Ihnen nur die Befehle des Oberbefehlshabers.“ „Ueberlaſſen Sie ſie meiner Fürſorge, Prevoſt,“ ſagte Woodchuck aufſpringend.„Ich werde ſie ſicher geleiten. Es liegt ganz auf meinem Wege. Einige von den Dienern können mit uns gehen und es iſt keine Gefahr vorhanden.“ „Ich habe in der That keine Furcht, mein lieber Vater,“ ſagte Editha;„ſetzen Sie ſich keinem Tadel aus. Ich werde bei unſerem Freunde hier völlig ſicher ſein.“ „Ich glaube es allerdings,“ ſagte Lord H.,„ſonſt würde ich in Verſuchung gerathen, ungehorſam zu ſein. Aber die Ausdrücke dieſer Depeſche ſind ſo dringend, daß wir wohl verbunden ſind, ſogleich ins Lager zu⸗ rückzukehren.“ Er ſprach laut und ſehr ernſt; dann aber näherte er ſich Editha's Seite und fügte einige Worte in leiſerem — 77— Tone hinzu. Herr Prevoſt kam auch herbei und nahm an ihrer Berathung Theil— was genügend andeutete, daß ſie einige Augenblicke allein ſich zu unterreden wünſchten. Woodchuck verſtand es ſogleich und ging ruhig zur Thür, denn die natürliche Delikateſſe des Gefühls iſt nur die Wirklichkeit deſſen, wovon die Höflichkeit der Schatten iſt. Aber der junge Offizier, der von gewöhnlichem und rohem Stoffe war, behaup⸗ tete ſeinen Platz, bis Lord H. ſich ärgerlich zu ihm umwendete und ſagte: „Kapitain Lumley, Sie werden die Güte haben, in das Hauptquartier zurückzukehren und den Com⸗ mandeur zu benachrichtigen, daß ſeine Befehle pünktlich befolgt werden ſollen.“ Der junge Mann verweilte noch einen Augenblick mit einem Ausdruck der Ueberraſchung und der Unzu⸗ friedenheit, und einen Augenblick ſpäter, als er Wood⸗ chuck an der Hausthür begegnete, murmelte er: „Ohne mir Erfriſchungen anzubieten!“ Sein Murren war vieclleicht natürlich; denn die, welche am wenigſten Rückſicht für die Gefühle Anderer haben, verlangen immer am meiſten Rückſicht für ihre eigenen. Freilich entließ Lord H., gänzlich mit ſeinen eige⸗ nen Gedanken beſchäftigt, den Adjutanten, ohne ſich ſeiner Bedürfniſſe zu erinnern, ſowie auch ohne ihm Etwas übel zu nehmen, denn dies würde ihn nicht an ſeiner Höflichkeit verhindert haben. Aber der junge Mann kochte von Unwillen und beleidigter Würde, be⸗ ſtieg trotzig ſein Pferd und ritt nur langſam weiter. Er hatte indeſſen noch nicht die Hälfte der Strecke zwiſchen dem Hauſe des Herrn Prevoſt und Fort Ed⸗ ward zurückgelegt, als Lord H. und der Generalliefe⸗ rant an ihm vorübergaloppirten, und er erreichte das Hauptquartier erſt eine halbe Stunde ſpäter, nachdem ſie ihre Rückkehr angemeldet hatten. Sechstes Kapitel. Das Ungewitter, welches der rothe Anblick der untergehenden Sonne am Abend zuvor verkündet hatte, war noch nicht losgebrochen, als Editha Prevoſt das Haus ihres Vaters verließ. Keine Regentropfen fielen, kein Wind bewegte die Bäume und es war nur eine nebelartige Dunkelheit gegen Weſten, welche den mit dem Walde wohlbekannten Augen zu erkennen gab, daß die Verheißung des vorhergehenden Sonnenunter⸗ ganges dennoch würde erfüllt werden. Oben war Al⸗ les klar und blau, und die Sonne, obgleich ein wei⸗ ßer Nebel ihre Scheibe umſchwebte, war kräftig für die Jahreszeit. Editha's Begleiter waren nur der Neger Chando und die gute Schweſter Bab, deren Freundlichkeit, Treue und Einſicht man vollkommen erprobt hatte, — 80— nebſt Woodchuck, der ſich weigerte, ein Pferd aus dem Stalle zu nehmen, ſondern ſich zu Fuß an Edi⸗ tha's Seite auf den Weg machte. ‚„Sie können auf dem Wege nicht traben, Miß Editha,“ ſagte er;„darum denke ich, kann ich mit Ihnen Schritt halten, denn der Weg iſt beſſer für zwei, als für vier Füße geeignet. Als ſie ſich von der Thür wendete, waren Thrä⸗ nen in Editha's Augen, die aus verſchiedenen Quel⸗ len hervorgingen. Sie hatte ihren Vater und ihren Geliebten plötzlich zur Gefahr und zum Kampfe gehen ſehen. Ihr Bruder war weit entfernt und ſie konnte nicht umhin zu glauben, daß er noch in Gefahr ſei. Die Zukunft Aller war nicht nur ungewiß— denn das iſt die Zukunft jedes Menſchen— ſondern die Ungewißheit war dunkler und gleichſam handgreiflicher, als es gewöhnlich bei der nebelhaften Annäherung der kommenden Zeit der Fall iſt. Da war nicht nur eine Wolke, ſondern die Wolke war auch drohend. Dies war nicht Alles. Es giebt Zeiten in dem Verlaufe faſt jedes Lebens, wo irgend ein kleines Er⸗ eigniß, ein Punkt auf der Reiſe des Daſeins, den Geiſt veranlaßt, anzuhalten und die Vergangenheit zu überblicken— den gegenwärtigen Zuſtand mit ei⸗ nem früheren zu vergleichen. Es iſt ſelten, daß die Betrachtung nicht etwas Schmerzliches an ſich hat, ſowohl in Hinſicht der Selbſttäuſchung des Herzens, — 81— die uns lehrt, den Gewinn immer geringer anzuſchla⸗ gen, als den Verluſt, und auch weil in unſerer Kriegführung mit der Welt— außer in der ſehr frühen Jugend— der Gewinn, ſo hoch wir ihn auch ſchätzen mögen, in allen unſeren Kämpfen in der That geringer iſt, als der Verluſt. Wir mögen erlangt haben, was wir wünſchen, aber neunmal unter zehn finden wir, daß wir den Gegenſtand überſchätzt ha⸗ ben; und wenn wir den Nachtheil für die Geſundheit, das Glück und die Reinheit des Geiſtes, ſo wie alle Anſtrengung, Sorge, Aengſtlichkeit und alle die Mün⸗ zen aufzählen, womit der Menſch den günſtigen Er⸗ folg erkauft, ſo finden wir häufig, daß wir den Sieg zu theuer bezahlt haben— daß das, was wir errungen haben, nicht ſo viel werth iſt, wie wir dar⸗ um gegeben haben. Der Angenblick der Abreiſe von ihres Vaters Thür war für Editha Prevoſt's Geiſt einer jener Anhalts⸗ punkte. Sie ſendete ihre Gedanken nicht weit zurück — ſechs Monate war die äußerſte Grenze. Aber ſie erinnerte ſich, wie ruhig glücklich ſie ſechs Monate vorher in dieſer Wohnung geweſen. Ihr Vater und ihr Bruder waren damals beide bei ihr; liebliche, natürliche Neigungen hatten die Thürpfoſten umkränzt und ruhige Stunden des nicht aufgeregten Genuſſes waren der Sonnenſchein ihres Lebenspfades geweſen. Sie hatte Alles beſeſſen, was nothwendig und Vie⸗ Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 6 — 82— les was überflüſſig geweſen; und wenn ſie auch, wit alle anderen ſterblichen Weſen, ſich nicht gerade völlig zufrieden gefühlt hatte— wenn ſie, gleich jedem an⸗ deren Mädchen, ein Bedürfniß, eine Leere in ihrem Herzen, eine Fähigkeit der unangewendeten Liebe ent⸗ deckt hatte, die keine kindliche oder geſchwiſterlicht Zärtlichkeit zu erſetzen vermochte— ſo war es doch immer nur ein undeutliches und unbeſtimmtes Gefüll geweſen, daß noch etwas mehr im Leben ſei, als ſit bisher gewußt— daß ſie einen höchſten Segen nicht beſitze. Sie war ſehr glücklich geweſen, obgleich dies Eine gefehlt hatte. Jetzt hatte ſie es erreicht— der Himmel weiß, ohne daß ſie es geſucht. Sie liebt und wurde geliebt. Aber ol wie traurig verändelt war alles Uebrige! Ihr Bruder weit entfernt und ein düſteres Schickſal ſchwebte über ihm— ihr Vater war den Weg der Gefahr gegangen; und was hatte dir Liebe ihr gelaſſen? Aengſtliche und ſchreckliche Beſorg⸗ niß, die wohl alle Lieblichkeit des Segens aufheben konnte. Sie ſann traurig nach und blickte auf den Hals ihres Pferdes nieder, ohne den Weg zu ſehen, den ſie einſchlug, oder daran zu denken. Mittllerweile ſchritt Woodchuck mit aufgerichtetem Kopfe, ſeinen Blick zum Himmel erhoben und mit feſtem und ſi⸗ cherem Schritte an ihrer Seite daher. Editha richtete plötzlich und faſt unbewußt ihre Augen auf ihn. Es war eine ruhige Erhabenheit in ſeinem Geſichte, eine hohe Eatſchloſſenheit in ſeinem Blicke, was ihren Ge⸗ danken im Augenblick eine andere Richtung gab. Sie ſchied von einer geliebten Heimath und angenehmen Erinnerungen, von einigen Wolken umgeben und von ängſtlichen Beſorgniſſen verfolgt, aber mit der Wahr⸗ ſcheinlichkeit, bald zuruͤckzukehren und mit mancher lieblichen Verheißung des künftigen Glücks. Dennoch war ſie traurig und niedergeſchlagen. Woodchuck ging wiſſentlich und freiwillig einem gewiſſen und ſchreckli⸗ chen Tode entgegen; und doch war ſein Schritt ruhig, feſt und entſchloſſen. Sie fühlte ſich beſchämt wegen ihrer Thränen, und als ſie weiter nachdachte, ſagte ſie bei ſich ſelber: „Es liegt noch etwas mehr im Leben, etwas Höheres, Edleres, Größeres, als irgend eine menſch⸗ liche Leidenſchaft, als der blos irdiſche Friede gewäh⸗ ren kann— etwas, was vom Himmel kommt, um uns zu helfen und zu unterſtützen in unſeren Kämpfen hienieden. Mein armer Begleiter weiß und fühlt, daß er ſeine Pflicht thut, daß er nach den Befehlen ſeines Gottes handelt, und er iſt ruhig und feſt in der Gegenwart des Todes und in der Trennung von allen irdiſchen Dingen. Und ich— was habe ich zu leiden, was habe ich zu fürchten, im Vergleich mit ihm?“ Sie wendete eine große Anſtrengung an— ſie 6* 4 —— verbannte ihre Traurigkeit; ſie trocknete ihre Thränen aus ihren Augen und ſprach einige Worte in ruhigem Tone zu Woodchuck. Er antwortete kurz auf ihre Worte, dann aber wendete er ſich ſogleich zu den Gefühlen, die er in ihrem Herzen vorausſetzte. „Ach! Miß Prevoſt,“ ſagte er,„es iſt traurig für eine junge Dame, wie Sie, ſich zum erſten Mal von denen zu trennen, die ſie liebt, wenn ſie in die Schlacht gehen, und ich weiß nicht, ob ſich ein weib⸗ liches Herz je recht daran gewöhnen kann; aber ds iſt nicht gut, irgend etwas in dieſer Welt zu ſehr zu lieben— nein, nicht einmal das eigene Leben. Gs iſt ein trauriges Hinderniß, welches unſerer Pflicht und unſerem Glücke im Wege ſteht. Nicht als wollt ich die Menſchen davon abhalten, irgend etwas zi lieben. Das wäre nicht recht. Sie wären nicht wie ſie ſein ſollten, wenn ſie ihre Freunde nicht aufrich⸗ tig liebten; aber ich denke, es iſt das beſte Mittel, ſich immer zu erinnern, wenn wir etwas beſitzen, daß es nur geborgt iſt— das Leben ſelbſt, wie alles Andere. Es iſt uns nur geborgt und kann zurückge⸗ fordert werden; nur haben wir ein Verſprechen erhal⸗ ten, wenn wir das, was nns geborgt iſt, gut an⸗ wenden, ſo ſoll es uns ſpäter auf immer gegeben werden, und das ſollte beſtändig ein Troſt für uns ſein— ſo iſt es wenigſtens für mich.“ Ein leiſer Seufzer folgte ſeinen Worten und er ging einige Minuten ſchweigend weiter, indem er wahrſcheinlich die Handlungsweiſe überdachte, die er ſich in ſeiner vortrefflichen Philoſophie vorgezeichnet hatte, geradezu auf einen hohen Gegenſtand loszu⸗ gehen und alle Gedanken an das unvermeidliche Lei⸗ den von ſich zu werfen. Bald darauf blickte er zum Himmel auf und ſagte: „Es wird ſehr dunkel dort drüben. Es ſollte mich nicht wundern, wenn wir bald einen ſtarken Wind und einen guten durchdringenden Regen bekä⸗ men. Höre, Chando, werf doch jenes Bärenfell über das Gepäck der jungen Dame und halte das Pferd beſſer an der Hand, ſonſt wird es unter dieſen Baum⸗ ſtämmen fallen.“ Der Neger grinſte ihn an, that aber wie ihm befohlen wurde, und einige Minuten ſpäter kamen ſie aus dem Walde und gelangten zu einem kleinen freien Platze, der ſich über eine Anhöhe erſtreckte. An ei⸗ nem heiteren Tage konnte man noch viel weiter weſt⸗ lich ſehen und erblickte einige ſchöne blaue Hügel in der Entfernung von acht oder neun Meilen. Dieſe Hügel waren jetzt aber verſchwunden und an ihrer Stelle ſah man nur eine dichte ſchwarze Wolke, ob⸗ gleich dieſe Worte nur einen ſehr unangemeſſenen Be⸗ griff von dem Anblick gewähren, der ſich Editha's Augen darſtellte. Es war gleich einer rieſenhaften Mauer von ſchwarzem Marmor mit einer ſchwachen, 4 — 86— weißen, unregelmäßigen Linie darüber. Aber dieſe Mauer bewegte ſich offenbar und kam mit außeror⸗ dentlicher Schnelligkeit näher, obgleich man dort, wo die Reiſenden ſich befanden, kein Lüftchen fühlte. Es kam auf ſie zu und verſchlang Alles in ſeiner Dun⸗ kelheit. Jeden Augenblick verſchwand ein Baum, eine Erhöhung des Bodens oder irgend ein hervortretender Gegenſtand in der Ausſicht in dem tiefen, dunklen Schatten. Editha ſaß einige Augenblicke ſtill auf ih— rem Pferde und ſah mit Schrecken und Entſetzen die Erſcheinung an. Woodſchuck ſelber ſchien anfangs überraſcht und erſchüttert; dann aber faßte er Editha’s Zügel, lenkte ihr Pferd herum und rief: „Zurück, Miß Prevoſt, zurück, ſo ſchnell wie möglich! Dies iſt die ſchwärzeſte Wolke, die ich in meinem Leben geſehen habe. Wenden Sie ſich öſtlich — unter jene großen Tannen. Halten Sie ſich fern von den Fichten und den kleineren Bäumen. Ein Baum muß hundert Jahre im Boden geſtanden ha⸗ ben, um das auszuhalten, was uns bevorſteht.“ Während er ſprach, lief er ſchnell neben Editha's Pferde her, bis ſie den Saum des Waldes erreich⸗ ten, und dort hielt er an. „Nicht zu weit hinein— Sie müſſen bereit ſein, herauszueilen, ſobald Sie bemerken, daß dieſe alten Burſchen zu krachen anfangen.“ Dann ließ er ihren Zügel los, ging ſorgfältig — 87— um mehrere von den Bäumen und prüfte ihre Stämme und Wurzeln mit ſehr kritiſchem Blicke, um ſich zu verſichern, ob ſie auch feſt und nicht hinfällig wärenz dann näherte er ſich Editha wieder, ſtreckte ſeine Hand aus und ſagte: „Springen Sie herunter! Dieſer eine iſt recht. Er muß manches ſchwere Ungewitter und manchen heftigen Sturm ausgeſtanden haben; vielleicht wird er auch dieſen aushalten, denn er iſt ſo geſund wie damals, als er wie ein kleiner Schößling aus dem Boden hervorkam. Hier, Chando, nimm die Pferde und halte ſie alle feſt, denn Du kannſt gewiß ſein, daß ſie Kapriolen machen werden, ſobald der Wind und Regen kommen. Nun, meine Liebe, ſtellen Sie ſich auf dieſe Seite des Baumes und halten Sie ſich dicht an ihn und geben Sie wohl Acht. Sie wer⸗ den bemerken, daß er zittert und ein wenig ſchwankt, aber achten Sie nicht darauf, denn er iſt nicht ſo hoch wie die übrigen und zweimal ſo ſtark; und wes⸗ halb ich ihm beſonders vertraue, iſt, weil ſein Gi⸗ pfel bei irgend einem Sturme abgebrochen und ſein Fuß doch ſtehen geblieben iſt. Er fängt den Wind nicht ſo auf wie die anderen, und wenn auch, ſo würde er doch wohl ſtehen bleiben. Wenn Sie aber hören, daß er kracht, ſpringen Sie links hieher auf den freien Platz. Er wird nach der anderen Seite hinfallen. Wenn Sie ſich wohl vorſehen, ſo werden die Zweige Sie nicht treffen, wenn ſie niederfallen und der Regen Sie nicht erreichen, denn er kommt ſchräg von der Seite her.“ Im nächſten Augenblick brach der Sturm los. Der Wind wehte mit der Heftigkeit eines Orkans und fuhr über das Thal dahin; die Blätter wurden abge⸗ riſſen, die kleinen Zweige in die Luft geführt und verſtreut; einige große Regentropfen fielen, und dann traf die volle Gewalt des Ungewitters die Seite des Hügels und den freieren Wald, wo Editha ſtand. In einem Augenblick zeigte die Scene nur eine unbe⸗ ſchreibliche Verwirrung und Verwüſtung. Die Wind⸗ ſtöße ſchienen zu ziſchen, als ſie durch die Zweige der Bäume und die hohen Stämme fuhren. Große Aeſte wurden abgeriſſen und weit fortgeſchleudert; die jungen Fichten und Birken beugten ſich vor der Ge⸗ walt des Sturmes. Wie im Kriege und bei einer Peſtilenz litten die Schwachen und Kränklichen, die Jungen und Hinfälligen zuerſt und am meiſten. Wo die Wurzeln ſich nicht feſt genug im Boden befanden — wo das Thauwetter des Frühlings oder die ſchwe⸗ ren Regengüſſe die Erde weggeſpült oder aufgelockert hatten, da ſtürzten die Bäume donnernd und krachend um und das Geränſch war entſetzlich; der heulende Wind, die zerbrechenden Zweige, die fallenden Bäume, Alles ſtimmte in das Geräuſch ein und der plätſchernde Regen, der unter den verwelkten Blättern rauſchte, — 89— die der Winter noch übrig gelaſſen hatte, wurde end⸗ lich dichter und ſchwerer, bis es ſchien, als wenn ein Strom vom Himmel falle, kaum in Tropfen ge⸗ theilt, anſtatt eines beftuchtenden Schauers, dersbe die Landſchaft dahinfuhr. Editha ſah ſich erſchrocken um, denn wie Woͤod⸗ chuck vorhergeſagt hatte, konnte ſie fühlen, wie die ungeheure Tanne mit dem niedrigen Stamme, an welcher ſie ſtand, bei den heſtigen Windſtößen zitterte und bebte. Eine Anzahl großer Bäume ganz in der Nähe wurde entwurzelt und umgeworfen, wobei ſie den Raſen und die Erde, worin ſie geſtanden, in die Luft emporwarfen, während einige hie und da, die feſter im Boden ſtanden, aber höher hinauf man⸗ gelhaft waren, in der Mitte zerbrachen, ſo daß der ganze obere Theil viele Schritte weit weggeführt wurde. Aber obgleich ſie vor ſich hinblickte, ſo konnte ſie doch nicht weit ſehen, ſo dicht und ſchwarz war die Decke des Himmels, während Alles umher zwiſchen der nie⸗ derſtrömenden Sündfluth und einem plötzlichen Nebel, der ſich von der Erde erhob, dunkel wurde. Die beiden Neger, wie es bei ihrem Geſchlechte gewöhnlich iſt, waren laut und aufgeregt in ihren Ausrufungen und fügten den Lärm ihrer Zungen zu dem Brüllen des Sturmes hinzu; aber die Pferde ſchienen gegen Woodchuck's Erwartung von Furcht ge⸗ lähmt zu ſein. Anſtatt zu verſuchen, ſich loszureißen — 90— und davonzueilen, wendeten ſie ſich nur von dem Winde und Regen ab, und mit feſt auf den Boden geſetzten Hufen und niederhängenden Köpfen zeigte von Zeit zu Zeit ein heftiges Erbeben den Schrecken, den ſie empfanden. Woodchuck ſelber ſtand ſchweigend ne⸗ ben Editha, lehnte ſeine ſtarke Schulter gegen den Baum, ſenkte ſeine Blicke auf den Boden und ſchien in tiefes Nachdenken verloren. Ein Menſch, der die Welt und die Hoffnungen der Welt aufgegeben hat, iſt feſt gegen den Sturm.. Nach der erſten Gewalt des Orkans trat eine Stille ein und dann kam ein neuer heftiger Ausbruch, es fielen noch mehr Bäume um und die Zweige krach⸗ ten. Der ganze Wald ſchwankte und beugte ſich, wie eine Feder im Winde, und wüthender, als je, goſſen die Ströme vom Himmel nieder. Während deſſen ſtutzte Woodchuck, lehnte ſeinen Kopf ein wenig auf die Seite und ſchien zu horchen, indem er ſeine Au⸗ gen auf den leeren Raum richtete. „Was giebts?“ fragte Editha, von ſeinem Blicke bennruhigt: „Ich glaubte einen Fußtritt zu hören,“ antwor⸗ tete er. „Bei dem Brüllen eines ſolchen Sturmes?“ rief Editha.„Es muß ein fallender Zweig geweſen ſein.“ Er lächelte nur anſtatt der Antwort; aber er horchte noch immer, und ſie konnte ſehen, wie er — 91— ſeinen Arm ein wenig von dem Schloſſe ſeiner Büchſe erhob, worauf er ihn feſt gedrückt hatte, und zuſah, ob es trocken geblieben. Im nächſten Augenblick aber nahm er ſeine ge⸗ wöhnliche Stellung wieder ein und ſagte in ruhigem Tone: „Es iſt Alles Unſinn. Die Indianer ſind alle ruhig und freundlich auf dieſer Seite des Sees. Aber Sie ſehen, Miß Prevoſt, ich bin ſeit vielen Mona⸗ ten jede Minute auf meiner Hut geweſen und habe nicht gewußt, ob ich nicht im nächſten Augenblick das Scalpirmeſſer oder das Tomahawk fühlen werde, und ſo bin ich übertrieben vorſichtig geworden. Die Mo⸗ hawks ſind hier alle in Bewegung und keine Huro⸗ nen oder andere unſerer Feinde würden ſich hieher wa⸗ gen, außer in großer Menge, um eine regelmäßige Schlacht zu liefern. Es muß der Fußtritt eines freund⸗ ſchaftlich geſinnten Indianers ſein; doch verlaſſen ſie gewöhnlich nicht die Fußwege, außer wenn ſie irgend einen Zweck im Auge haben.“ „Aber iſt es möglich, daß Sie bei dieſem ent⸗ ſetzlichen Lärm irgend etwas deutlich hören können?“ fragte Editha.„Sind Sie gewiß, daß Sie ſich nicht geirrt haben?“ „ O nein, ich irre mich nicht leicht,“ antwortete Woodchuck.„Das Gehör des Menſchen verbeſſert ſich vom beſtändigen Horchen. Ich bin völlig gewiß, daß — 92— es ein Fußtritt und zwar der Fußtritt eines Mannes war. Es ſchien mir, als wäre er von einem locke⸗ ren Steine, der unter den Blättern verborgen geweſen, heruntergeglitten, ſo daß der Tritt hörbarer wurde, als er es erwartete. Aber das iſt kein Beweis, daß er etwas Böſes im Sinne hatte, denn ſie haben alle dieſes katzenartige Weſen, und ſchleichen ſtill umher, mögen ſie nun Urſache dazu haben oder nicht; und wie ich ſchon ſagte, ſie ſind alle freundſchaftlich auf dieſer Seite des Horicon.“ Es trat ein Schweigen von einigen Augenblicken ein, dann wüthete der Sturm einige Minnuten und nahm dann wieder ein wenig ab. Woodchuck ſtreckte jetzt ſeinen Kopf aus dem Schutze des großen Stam⸗ mes hervor und ſagte: „Es ſcheint mir dort nach Weſten zu ein wenig klarer zu werden. Ich denke, es wird nicht länger als eine halbe Stunde mehr währen.“ Scobhald er ausgeredet hatte, ertönte von allen Sei⸗ ten, außer nach dem Hügel zu, ein lautes, wil⸗ des und teufliſches Geſchrei. Ehe ſie noch wußte, was ſie that, eilte Editha bei dem plötzlichen Impulſe des Schreckens von dem Baume auf den freien Platz und lief einige Schritte, bis ihre Füße ſich in ihr langes Reitkleid verwickelten und ſie auf das Gras niederfiel. In demſelben Augenblick fühlte ſie, wie ein ſtarker Arm ihre Schulter ergriff, und hörte den Knall einer — 93— Büchſe; als ſie dann in ſtummen Schrecken ihren Kopf umwendete, erblickte ſie die ſchimmernden Augen und das dunkle Geſicht eines Indianers, welches noch ſcheußlicher wurde durch die halb abgewaſchenen Kriegsfarben und ſich über ſie neigte. Sein Toma⸗ hawk war in ſeiner rechten Handz ihre letzte Stunde ſchien gekommen zu ſein; aber ſo plötzlich und über⸗ raſchend war der Angriff geweſen, daß ſie ihre Ge⸗ danken nicht ſammeln konnte. Sie konnte nicht ſpre⸗ chen, ſie konnte nicht denken, ſie konnte nicht beten. Die Waffe fiel indeſſen nicht nieder; der Wilde zog ſie vom Boden empor, ſah ſie an und ſtieß dann einige von ſeltſamen Ausrufungen ſeines Volks in Tönen der Zufriedenheit und ſelbſt der Heiterkeit aus. Ein haſtiger Blick, um Hülfe zu ſuchen, zeigte Editha, daß alle Hoffnung auf Hülfe vergebens ſei, und keine Worte können ihr Entſetzen ſchildern, wel⸗ ches ſie bei der Seene empfand, die ſie vor ſich ſah. In dem Augenblick, als ſie um ſich ſah, fiel ein Tomahawk in den Händen eines rieſenhaften India⸗ ners auf den Kopf des armen Negers Chando, und in der nächſten Sceunde zeigte ein wilder Schrei, daß ſeine Todesqual gekommen und vorüber ſei. Wood⸗ chuck kämpfte, das Beil in der Hand, mit einem anderen Indianer um ſein Leben und ſchien ihm bei⸗ nahe, wenn auch nicht völlig gewachſen; aber noch acht bis zehn Indianer eilten wie Wölfe ſchreiend — 94— herbei, und während des Kampfes, indem die Beile um die Köpfe der Streitenden ſpielten und funkelten, ſprang ein junger und kräftiger Indianer von hinten auf den armen Jäger los und warf ihn rücklings auf die Erde. Woodchuck lag völlig ſtill und bewegungslos da und blickte zu dem Tomahawk auf, welches über ſei⸗ nem Kopfe ſchwebte; aber in dem Augenblick ſetzte der junge Indianer ſeinen Arm auf die bloße Bruſt ſeines Kameraden und ſchob ihn mit einem lauten, Ausrufe in der Irokeſenſprache gewaltſam zurück. Dann ergriff er Woodchuck's Hand, zog den Aermel ſeines Jägerhemds hinauf und dentete auf einen blauen Strich, der auf ſeinen Arm tättowirt war. Die aufgehobene Hand des Anderen ſank mit dem Tomahawk langſam an ſeiner Seite nieder. Woodchuck ſetzte ſich aufrecht hin und blickte um ſich, doch ohne zu verſuchen, ganz vom Boden außzuſtehen. Fünf oder ſechs von den Indianern kamen leiſe herbei; einige knieten, andere beugten ſich nieder und betrachteten die blaue Linie, während der Wilde, wel⸗ cher Editha ergriffen hatte, ſie zu der Stelle mit ſich fortſchleppte und auch darauf hinblickte, indem er ſie noch feſthielt. Mehrere raſche und leiſe Worte folgten unter den Wilden, wovon Editha einige hörte und verſtand. „Es iſt das Zeichen, es iſt das Zeichen!“ rief — 95— Einer. Dann kamen einige Sätze, die ihr entgingen, und darauf rief ein Anderer:„Frage ihn, frage ihn!“ Einer von den Indianern ſetzte ſich dann vor Woodchuck auf den Boden nieder, breitete ſeine Hände wie einen Fächer aus und ſprach einige Worte mit ihm, die Editha, ungeachtet ihrer vollkommenen Kennt⸗ niß der Irokeſenſprache in den meiſten Dialecten, durchaus nicht verſtand. Woodchuck's Antwort war ihr gleich unverſtändlich, und das einzige Wort, wel⸗ ches ſie vernahm, war„Honontkoh.“ Sobald er geſprochen hatte, griffen ihm zwei Indianer unter die Arme und erhoben ihn vom Bo⸗ den. Sie wendeten indeß die Vorſicht an, ihn völlig zu entwaffnen; dann ſammelten ſie ſich wieder um ihn und ſprachen raſch und lebhaft in leiſen Tönen mit ihm. Aber jetzt ſprachen ſie eine Sprache, welche Editha verſtand, und obgleich ſie nicht Alles vernahm, was geſprochen wurde, ſo hörte ſie doch genug, um ihr zu zeigen, daß ſie darüber verhandelten, was mit ihr und Woodchuck, den ſie als einen Bruder anzuer⸗ kennen ſchienen, begonnen werden ſollte. Plötzlich ergriff der Wilde ihren Arm noch feſter und rief laut und in wildem und heftigem Tone: „Sie iſt mein! ich will nach meinem Gefallen über ſie verfügen!“ „Niemand wird ſich dem Bruder der Schlange widerſetzen,“ ſagte ein älterer Mann.„Sealpire ſie, . wenn Du willſt; wohin kannſt Du ſie bringen, wenn Du ſie nicht tödteſt?“ 3 „Laßt uns alle auf die andere Seite des Sces gehen, Apukwa,“ ſagte der Mann, der ſie feſthielt. „Ich will ſie mit mir nehmen; ſie ſoll mein Wild⸗ pret kochen; deshalb brachte ich Euch hieher.“ „Was! ſollen wir Weiber unter den Huronen werden?“ fragte Apukwa. „Nein,“ verſetzte der Bruder der Schlange,„es ſind viele dort von unſerem Stamme und unſerem Orden— Männer von unſerer eigenen Nation, aus⸗ geſtoßen wie wir. Wir wollen gleich ihnen Krieger des großen franzöſiſchen Königs werden und gegen die verwünſchten Yengees fechten.“ „Aber wie wollen wir hinüberkommen?“ fragte Apukwa. „Es ſind Canoes genug da,“ verſetzte der An⸗ dere.„Ueberdies ſind unſere Brüder aus Canada ganz nahe bei der Hand in Che⸗on⸗de⸗ro⸗ga. Sie werden uns Hülfe leiſten.“ Es trat eine Pauſe ein und dann ſtreckte Wood⸗ chuck, der ſich jetzt von der Verwirrung, welche der plötzliche Angriff und die Heftigkeit ſeines Falles her⸗ vorgebracht, erholt hatte, ſeinen Arm aus und redets ſie nach ihrer eigenen Weiſe an. „Sind wir nicht Brüder?“ ſagte er;„ſind wir nicht alle Honontkoh? Sind wir nicht alle verbunden — 97— durch dieſen gefürchteten Namen, einander beizuſtehen bis zum Tode? Ich fordere daher von Euch, die Ihr auf ungerechte Weiſe das Beil gegen uns erho⸗ ben habt, daß Ihr mich und dieſes Mädchen ziehen laſſet— unſere Füße frei machet, wie die des Pan⸗ thers, zu gehen, wohin wir wollen. Ich habe die ſchrecklichen Worte ausgeſprochen, ich habe den ge⸗ fürchteten Namen genannt; das Zeichen des Ordens iſt in meinem Fleiſch und Ihr werdet nicht wagen, es mir zu verweigern.“ . Ein Ausdruck des Zweifels zeigte ſich in den Geſichtern der Indianer, und Apukwa fragte: „Wohin wollteſt Du gehen, mein Bruder? Wir haben alle den Eid geſchworen in Gegenwart des ſchwarzen Geiſtes, daß wir einander beiſtehen wollen, und daß jeder von den Honontkoh einen Anderen von dem Orden vertheidigen will, auch wenn er Feuer ge⸗ geſſen oder das Blut ſeines Bruders vergoſſen hätte. Du haſt unſeres Bruders Blut vergoſſen, denn wir kennen Dich, obgleich wir nicht wußten, daß Du unſerem Orden angehörteſt. Aber wir ſind Honont⸗ koh und wollen den Eid halten. Wir wollen Dich vertheidigen, wir wollen Dir beiſtehen. Aber wohin wollteſt Du gehen?“ 8 „Ich gehe, um mein Leben für das Eures Bru⸗ ders aufzuopfern,“ ſagte Woodchuck mit unglücklicher Offenheit und Wahrheitsliebe.„Ich gehe in die Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 7 — 98— Burg der Oneidas, um zu ſagen: Woodchuck iſt hier! Laßt das Beil fallen auf den alten Baum und laßt den jungen Schößling aufwachſen, bis ſeine Zeit kommt. Ich tödtete die Schlange; nehmt das Blut deſſen, der ihn erſchlug und laßt den Knaben Walter frei. Dieſes Mädchen iſt mein— ich habe ſie adop⸗ tirt. Sie hat Anſpruch an mich, wie an einen Bru⸗ der. Ihr könnt nicht Honontkoh ſein und ſie von mir nehmen. Wenn Ihr wahre Brüder des Ordens ſeid, ſo übergebt ſie meinen Händen und laßt uns ziehen.“ Während er ſo ſprach, verriethen die Geſichter der Indianer nicht die geringſte Aufregung, obgleich manche wechſelnde Gefühle ohne Zweifel in ihren Herzen geſchäftig waren. Als er aber ſchloß, zeigte ſich ein faſt unmerkliches höhniſches Lächeln in dem liſtigen Geſichte Apukwa's und er entgegnete: „Wir können unſeren Bruder nicht in einer ſol⸗ chen Abſicht ziehen laſſen. Es würde unſeren Geſetzen widerſprechen. Wir ſind verbunden, ihn zu vertheidi⸗ gen und zu beſchützen, und er darf ſein Leben nicht aufs Spiel ſetzen. Das gelbe Blatt fällt von ſelber vom Baume; das grüne Blatt wird vom Sturme heruntergeriſſen. Wir müſſen unſeres Bruders Leben echalten, wenn auch der junge Mann umkommt.“ Editha's Augen vergoſſen die bitterſten Tropfen der Verzweiflung, aber Apukwa fuhr fort: — 99— „Von dem Mädchen wollen wir an einem ande⸗ ren Tage mehr hören und über ſie urtheilen. Du ſagſt, Du habeſt ſie adoptirt. Wir wollen hören, wie, denn wir wiſſen, daß ſie die Tochter des blei⸗ chen Geſichts Prevoſt iſt. Wenn ſie der Preis des Bruders der Schlange iſt, ſo muß der Bruder der Schlange ſie haben. Wenn ſie aber Deine Tochter iſt, ſo iſt ſie Dein. Behalte ſie bei Dir, bis wir Alles gehört und beurtheilt haben. Wir haben jetzt keine Zeit dazu, denn der Tag geht raſch vorüber und wir ſind der Gefahr nahe. Die bleichen Geſich⸗ ter ſind gegen Aufgang und Untergang, gegen den kalten und den warmen Wind. Der Honontkoh iſt der Feind des bleichen Geſichts. Nimm das Mäd⸗ chen an der Hand und ſchreite der aufgehenden Sonne entgegen. Wir begleiten Dich als Brüder und wol⸗ len Dein Leben erhalten.“ Woodchuck warf einen ängſtlichen Blick auf Edi⸗ tha's Geſicht und ſagte leiſe in engliſcher Sprache: „Wir können uns nicht widerſetzen, aber ich denke, wir werden im Stande ſein, ſie zu überliſten. Kommen Sie für jetzt, denn ich denke, es iſt ſo beſſer. Ich will mein Blut für Sie vergießen, meine Liebe, wenn ich es nicht für Ihren Bruder kann.“ Ihre Hand faſſend, führte er ſie nach Nordoſten, indem ein Indianer voranging und fünf oder ſechs folgten. Nach ihrem gewöhnlichen vorſichtigen Plane 7* 4 — 100— gingen ſie einzeln hinter einander weiter, da ſie wohl wußten, daß ihre Gefangenen ihnen nicht entgehen konnten. Mehrere von ihnen blieben noch einige Mi⸗ nuten auf der Stelle zurück und beſchäftigten ſich damit, das Laſtpferd von ſeiner ganzen Bürde zu befreien und den anderen Pferden die Sättel und Zäume abzuneh⸗ men, da ſie wohl wußten, daß dieſe in den Augen der Franzoſen ſchätzbar ſein würden. Dies Alles geſchah mit außerordentlicher Schnel⸗ ligkeit und dann folgten auch dieſe in die Tiefen des Waldes. Um dieſe Zeit hatte ſich der Wind beträchtlich gelegt, obgleich es noch ſtark regnete. Sobald ſich aber die Indianer entfernt hatten, bewegten ſich die Zweige eines Buſches unter einer überhängenden Tanne und im nächſten Augenblick zeigte ſich ein ſchönes Geſicht. Nach einem haſtigen Ueberblicke trat die ganze Geſtalt der Negerin Bab langſam aus dem Buſche hervor, und mit geräuſchloſer Eile von einem Baume zum anderen laufend, blieb ſie nicht eher ſte⸗ hen, als bis ſie die ſich entfernenden Indianer wieder zu Geſichte bekam, und folgte ihnen dann leiſe und vorſichtig auf ihrem Wege zu dem Champlainſee. Siebentes Kapitel. Teodtenſtille herrſchte in der großen Wohnung der Oneidas, und doch war ſie nicht leer. Aber der ſchwarze Adler ſaß in dem äußeren Gemache allein. Kein Auge ſah ihn und breachtete die Spuren jener Gemüthsbewegungen, die der Indianer ſo ſorgfältig vor der Beobachtung verbirgt, während er ſich wenig⸗ ſtens einigermaßen den Gefühlen hingab, die er ſonſt vor allen fremden Blicken ſorgfältig verborgen, aber in ſeinem Herzen lebhaft thätig waren. Seine Klei⸗ dung von Hellblau und Scharlach, ſeine Federn, ſein Gürtel, ſeine Denkmünzen und Armbänder, Alles war auf die Seite geworfen, und ſeinen Kopf gebeugt, ſein Geſicht voll düſterer Traurigkeit und alle Muskeln ſeiner ſchön proportionirten Figur abgeſpannt, glich er einer ſchönen aus Porphyr gebildeten Statue. Freilich be⸗ 4 — 102— netzte keine Thräne ſeine Augenlider, kein Seufzer ent⸗ floh ſeinen Lippen; aber ſchon die Stellung deutete ſeinen Kummer an, und es lag etwas furchtbar Trau⸗ riges in der vollkommenen, unveränderlichen Stille ſeiner Geſtalt. Ol welch ein ſchrecklicher Kampf ging in ihm vor! Der Kummer iſt zehnmal ſchmerzlicher für die, welche ihn in ihr Herz einſchließen, als für die, welche ihn ausſprechen. Die Thür des Hauſes öffnete ſich. Er ſiutzte und war ſogleich wieder wie ſonſt— der Kopf war aufrecht, das Geſicht klar und das ganze Ausſehen kräftig und würdevoll. „Wo biſt Du geweſen, mein Kind?“ fragte der Häuptling, indem er ſeine Tochter, als ſie eintrat, mit tauſend gemiſchten Gefühlen anſah— väterliche Liebe, zärtliche Bewunderung, Mitleid, Bedauern und vielfache Erinnerungen waren in ihm geſchäftig. „Wohin Du mir erlaubt haſt zu gehen, mein Vater,“ antwortete ſie mit ſo lieblichem und einſchmei⸗ chelndem Lächeln, daß ein augenblicklicher Verdacht ſich ihres Vaters bemächtigte. „Du vergiſſeſt doch Dein Verſprechen nicht, meine Blüthe?“ ſagte er in ſo ſtrengem Tone, wie er nur je gegen ſie anwendete. „O nein, mein Vater,“ antwortete Otaitſa; „that ich das je? Du erlaubteſt mir, ihn zu beſuchen, 4 — 103— bei ihm zu ſein in ſeiner langen Gefangenſchaft, den Felſen zwiſchen uns zu bewegen und einiges Licht in ſeine dunkle Wohnung fallen zu laſſen, und ich ver⸗ ſprach Dir, keinen Verſuch zu ſeiner Flucht zu machen, wenn Du mir geſtatten wollteſt, jeden Tag einige Stunden bei ihm zu bleiben. Otaitſa hat keine dop⸗ pelte Zunge für ihren eigenen Vater. Iſt das Auge des ſchwarzen Adlers trübe, daß es das Herz ſeines Kindes nicht ſehen kann? Mein Herz iſt in Deiner Hand.“ „Wie geht es dem Knaben?“ fragte ihr Vater. „Iſt Sonnenſchein bei ihm oder eine Wolke?“ „Sonnenſchein,“ ſagte Otaitſa einfach.„Wir ſaßen und ſprachen vom Tode. Es muß ſehr glücklich ſein.“ Der Häuptling ſah ſie einige Augenblicke ſchwei⸗ gend an und fragte darauf: „Denkt er auch ſo?“ „Er macht, daß ich ſo denke,“ antwortete die Blüthe.„Muß man nicht glücklich ſein, wo kein Weinen, kein Krieg, keine Trennung von theuren Freunden und Liebenden iſt— wo ein Erlöſer und Verſöhner ſtets bereit iſt, für die zu bitten, die ſolche Handlungen, wie dieſe, begehen?“ „Der große Geiſt iſt gut,“ ſagte der ſchwarze Adler gedankenvoll;„das glückliche Jagdrevier iſt immer be⸗ reit für die, welche muthig in der Schlacht ſterben.“ — 404— „Für die, welche Gutes thun,“ entgegnete Otaitſa mit einem Seufzer,„für die, welche ihre Feinde ver⸗ ſchonen und denen Gnade erweiſen, die der Stimme Gottes in ihren eigenen Herzen gehorchen und gütig und verzeihlich ſind gegen ihre Mitmenſchen.“ Der ſchwarze Adler lächelte. „Die Religion eines Weibes,“ ſagte er.„War⸗ um ſollte ich meinen Feinden verzeihen? Die Stimme Gottes in meinem Herzen, wovon Du redeſt, lehrt mich, ſie zu tödten; denn wenn ich es nicht thäte, würden ſie mich tödten.“ „Nicht, wenn ſie auch Chriſten wären,“ ſagte Otaitſa.„Die Stimme Gottes gebietet allen Men⸗ ſchen, einander zu verſchonen, einander zu lieben; und wenn jeder derſelben Folge leiſtete, würde es gar keine Feinde geben. Alle würden Freunde und Brüder ſein.“ Der ſchwarze Adler ſann einige Augenblicke nach und antwortete dann: „Aber es ſind Feinde da, und darum muß ich ſie tödten.“ „Das iſt, weil die Menſchen der Stimme des böſen und nicht des guten Geiſtes gehorchen,“ ver⸗ ſetzte die Blüthe.„Will mein Vater es thun? Der ſchwarze Adler hat die Stimme des guten Geiſtes in ſeinem Herzen. Er liebt die Kinder, er liebt ſeine Freunde, er verſchont die Frauen und hat die Oneidas belehrt, ſie zu verſchonen. Dies Alles kommt von der Stimme des guten Geiſtes. Willſt Du nicht auch ferner darauf horchen?“ Ihr Vater blieb in Gedanken verloren ſitzen, und da ſie glaubte, daß ſie etwas gewonnen habe, ſo ging Otaitſa zu dem Gegenſtande über, der ihr am meiſten am Herzen lag. „Der ſchwarze Adler iſt gerecht,“ ſagte ſie;„er urtheilt mit Billigkeit. Iſt es gerecht oder kommt es von der Stimme des großen Geiſtes her, daß er einen Menſchen tödten will, der nur Gutes und nichts Böſes gethan hat? Daß er einen Menſchen für das Vergehen eines anderen tödten will? Auch wenn es ihm geſtattet wäre, einen Feind zu tödten, iſt es geſtattet, einen Freund zu erſchlagen? Wenn die Geſetze der Oneidas ungerecht ſind, wenn ſie Untreue lehren denen, die ih⸗ nen vertrauen, wenn ſie der Stimme des guten Geiſtes entgegen ſind, iſt nicht der ſchwarze Adler ein großer Häuptling, der ſie verändern und ſeinen Kindern beſſere Dinge lehren kann?“ Ihr Vater fuhr empor und machte eine ungedul⸗ dige Bewegung mit der Hand. „Nicht mehr,“ ſagte er,„nicht mehr. Wenn ich die Stimme des guten Geiſtes höre und ſie erkenne, will ich ihr gehorchen. Aber unſere Geſetze kommen von ihm und ich will bei den Vorſchriften unſerer Väter bleiben.“ Während er ſprach, ſchritt er zu der Thür des — 106— Hauſes und blickte hinaus, während Otaitſa ſtill weinte. Sie ſah, daß es vergebens ſei, weiter in ihn zu drin⸗ gen, trat an ihres Vaters Seite und berührte ehrer⸗ bietig ſeinen Arm mit der Hand. „Mein Vater,“ ſagte ſie,„ich gebe Dir die Er⸗ laubniß, ihn zu beſuchen, zurück, und nehme dagegen auch mein Verſprechen zurück. Otaitſa will ihren Va⸗ ter nicht täuſchen; aber die beſtimmte Stunde naht heran, und ſie will ihren Geliebten retten, wenn ſie kann. Sie hat keinen Plan mit ihm verabredet, ſie hat nicht von Rettung und Flucht mit ihm geſprochen. Sie hat den ſchwarzen Adler in Nichts getäuſcht; aber jetzt ſagt ſie ihm, daß ſie vor Nichts zurückbeben wird — ja nicht einmal vor dem Tode ſelbſt— um ihren Bruder Walter zu retten.“ „Wohl geſprochen, meine Blüthe!“ rief der Hänuptling im Tone der tiefen Schwermuth.„Du kannſt Nichts thun.“ Dann erhob er plötzlich ſeinen Kopf und fügte hinzu:„Geh, meine Tochter; es iſt gut. Wenn Deine Mutter Dich ſanft und zart gebil⸗ vet hat, wie eine Blume, ſo hat Dir Dein Vater den Muth des Adlers gegeben. Geh in Frieden; thue, was Du kannſt; aber es wird Dir fehlſchlagen.“ „Dann will ich ſterben!“ rief Otaitſa. Und an ihm vorübergehend, ſuchte ſie ihren Weg durch die Hütten. Die erſte Thür, vor welcher ſie ſtehen blieb, war — 107— mit ſeltſamen Malereien in rothen und blauen Farben bedeckt, welche in grotesken Formen Menſchen, Thiere und Blumen vorſtellten. Sie trat ohne Weiteres ein und fand in dem düſteren Zwielicht vor einem großen Feuer den alten Prieſter ſitzend, der zuletzt bei der Verſammlung der Hänptlinge in der Schlucht geſpro⸗ chen hatte. Sein Schmuck bezeichnete ihn als einen Häuptling von hohem Range, und mehrere tiefe Nar⸗ ben in ſeinen langen und mageren Gliedern zeigten, daß er auf dem Schlachtfelde nicht unbekannt war. Er ſah ſich nicht einmal um, als die Blüthe eintrat, ſondern ſaß da und blickte die flackernde Flamme an, ohne ein Glied oder einen Geſichtszug zu bewegen. Otaitſa ſetzte ſich ihm gegenüber nieder, ſah ſchweigend ſein Geſicht an und wartete, bis er reden werde. Nach Verlauf von nicht viel weniger als fünf Minnten wendete er ſeinen Kopf ein wenig um, ſah ſie an und fragte: 3„Was will die Blüthe von dem alten Ceder⸗ baume?“ „Ich möchte mit der Weisheit zu Rathe gehen,“ entgegnete das Mädchen.„Ich möchte die Stimme des Kriegers hören, welcher gerecht und des großen Häuptlings, welcher mitfühlend iſt. Mag der, den meine Mutter unter den Kindern des Steines nach ihrem Gatten am meiſten verehrte, Worte des Troſtes zu Otaitſa reden.“ — 108— Dann theilte ſie ihm in einer bilderreichen Sprache, die in den Eigenthümlichkeiten des Stils eine große Aehnlichkeit mit den hebräiſchen Schrifen hatte, alle Umſtände hinſichtlich der Gefangennahme Walters mit, ſo wie auch, daß ſie einander liebten und ſich das Wort gegeben, und durch dieſelben Gründe, die wir ſie bereits haben anwenden ſehen, verſuchte ſie ihn von dem Unrecht zu überzeugen, welches man ihrem Ge⸗ liebten angethan. . Der Greis hörte mit dem gewohnten Anſcheine von Gleichgültigkeit zu; aber das ſchöne Mädchen vor ihm bemerkte, daß er ſehr bewegt war in ſeinem Her⸗ zen, weil er ſeinen Kopf immer weiter ſinken ließ, bis ſeine Stirn beinahe ſeine Kniee berührte. Als ſie ausgeredet hatte, ſchwieg er mehrere Mi⸗ nuten, erhob dann ſeinen Kopf und ſagte: „Wie kann der alte Cederbaum Dir helfen? Seine Aeſte ſind verdorrt und der Schnee von mehr als ſiebzig Wintern hat ihn niedergebeugt. Seine Wurzeln ſind locker geworden im Boden und der erſte Windſtoß wird ihn niederwerfen. Aber das Geſetz der Oneidas iſt in ſeinem Herzen; er kann es nicht ver⸗ ändern oder verdrehen. Nach Deinen eigenen Worten iſt es klar, daß der gute Geiſt Nichts thun wird, um dieſen Jüngling zu retten. Der junge Krieger iſt der Erſte, an den ſie ihre Hände legen. Es iſt kein Mit⸗ tel zur Flucht gefunden worden. Kein bleiches Geſicht — 109— iſt in das Land der Oneidas gekommen, welches man anſtatt ſeiner opfern könnte. Alle Deine Bemühungen, ihn zu retten, ſind Samen geweſen, die keine Frucht getragen. Wenn der gute Geiſt ihn zu retten wünſchte, ſo würde er ſchon für Mittel ſorgen. Ich weiß keinen Rath, und mein Herz iſt todt, denn ich liebte Deine Mutter, wie ein Kind. Sie war für mich wie der Abendſtern, der aus der Ferne kommt, um auf die Nacht meiner Tage zu ſcheinen; aber ich habe kein Mittel, ihrem Kinde zu helfen, keine Worte, um ihm Troſt zu gewähren. Hat nicht der ſchwarze Adler eine Schweſter, die Deine Mutter ſehr liebte, die faſt eben ſo viele Winter erlebt hat, wie ich, und die eine Kraft vom großen Geiſte hat? Ihre Hütte iſt gerade jetzt mit weiſen Frauen des Stammes angefüllt, die ſich über die Sache des jungen Häuptlings berathen. Alle lieben ihn ſehr, mit Ausnahme der böſen und verderblichen Honontkoh; Alle möchten ihn retten, Männer und Wei⸗ ber, wäre nicht das Geſetz der Oneidas gegen ihn. Begieb Dich alſo in ihre Hütte und geh mit ihr zu Rathe, denn der Cederbaum iſt ohne Worte.“ Achtes Kapitel. Die Hütte der Schweſter des ſchwarzen Adlers nahm an Größe und Schmuck den zweiten Rang nach der des Häuptlings ſelber ein, und auch daran hatte man einige europäiſche Geſchicklichkeit verwendet. Ob⸗ gleich in etwas kleinerem Maßſtabe, war es ein ganz gleiches Gebäude, wie das, welches uns ein Schrift⸗ ſteller jener Zeit als den Palaſt eines berühmten Hänuptlings der Mohawks beſchrieben hat. Mit einem Worte,„es hatte das Anſehen einer Scheune, durch eine in der Mitte hängende Matte in zwei Theile ge⸗ theilt.“ Dieſes Gebäude hatte indeß nur ein Stock⸗ werk; aber die Arbeiter, die es vor einer Reihe von Jahren nach Vollendung des Forts Oswego errichtet, hatten eine Thür von europäiſcher Form nebſt einem Drücker und einem meſſingnen Griffe hinzugefügt, wodurch die Würde deſſelben in den Augen des Stam⸗ mes ſehr erhöht wurde. — 111— Die Beſitzerin dieſer Wohnung, die in der gan⸗ zen Oneidanation hoch verehrt wurde und von der man glaubte, daß ſie in unmittelbarem Verkehr mit der Geiſterwelt ſtehe, hatte, ich weiß nicht wie, den Namen graue Taube erhalten, obgleich ihre Züge keineswegs die Milde jenes Vogels zu erkennen ga⸗ ben, deſſen Namen ſie führte, ſondern eine beträcht⸗ liche Aehnlichkeit mit denen ihres Bruders hatten, die wohl mit ſeiner Benennung übereinſtimmten. Als Otaitſa ſich der Thür näherte, fand ſie die⸗ ſelbe geſchloſſen, und mußte zweimal mit der Hand anklopfen, ehe ſie geöffnet wurde. Ein junges Mäd⸗ chen ſah hinaus, und als ſie die Tochter des Sachem bemerkte, ließ ſie ſie ſogleich in das äußere Gemach eintreten. Der Raum auf dieſer Seite der großen Matte, welche die Scheidewand bildete, war leer; aber ein Gemurmel von Stimmen ertönte aus der in⸗ neren Abtheilung und ein Licht ſchien durch die Oeff⸗ nungen zwiſchen der Matte und der Wand. Die Gefühle in Otaitſa's Herzen waren zu mäch⸗ tig, um die geringſte Schüchternheit in ihrem Buſen zurückzulaſſen, und obgleich ſie in gewiſſem Grade die Gefühle theilte, womit die anderen Oneidas die graue Taube betrachteten, ſo näherte ſie ſich doch ſo⸗ gleich, ſchlug die Ecke der Matte zurück und trat in das innere Gemach. Die Seene war weder ſehr ſchön noch beſonders — 112— feierlich, dennoch hatte ſie etwas Ausdrucksvolles. Um ein großes Feuer in der Mitte ſaß eine Anzahl von den älteren Frauen des Stammes, deren Züge und Formen einſt vielleicht ſchön und liebenswürdig geweſen waren, aber jetzt jede Spur der Schönheit verloren hatten. Aber ihre Umriſſe waren ſtark mar⸗ kirt und hatten bei manchen einen ſtrengen, faſt wil⸗ den Ausdruck. Ihre ſchwarzen Augen, die bei eini⸗ gen noch glänzend waren, wie in der frühen Jugend, ſchimmerten bei dem Lichte des Feuers wie Diamanten, und in mancher Stellung und Geberde zeigte ſich viel von der Grazie, die länger weilt bei Perſonen, die an ein freies und ungebundenes Leben gewöhnt ſind, als bei denen von ſtrengen und conventionellen Sitten. Außerhalb des Kreiſes der älteren Perſonen ſaß eine Anzahl jüngerer Frauenzimmer von funfzehn oder ſechzehn bis zu fünf oder ſechs und zwanzig Jahren. Viele von dieſen waren außerordentlich ſchön; aber die Figuren ihrer älteren Gefährtinnen beſchatteten ſie größtentheils vor dem Scheine des Feuers, und nur hie und da konnte man eins von jenen Geſichtern entdecken, die bei vielen indianiſchen Stämmen als Modelle für den Maler und Bildhauer dienen konnten. Nicht wie die Uebrigen am Boden, ſondern auf einem niedrigen Schemel am oberen Ende des inneren Kreiſes ſitzend, zeigte ſich des ſchwarzen Adlers Schwe⸗ ſter, faſt ganz carmoiſinroth gekleidet, mit goldenen — 113— Reifen um die Knöchel und Handgelenke und zahllo⸗ ſen ſchimmernden Zierrathen um den Hals. Sie war viel älter, als ihr Bender. Ihr Haar war faſt ſo weiß wie Schnee und wie gewöhnlich ohne Schmuck hinten aufgerollt. Ihre Züge waren adlerartig und viel mehr vorragend, als die des ſchwarzen Adlers. Ihre Augen waren noch hell und lebhaft. Sobald ſie Otaitſa erblickte, rief ſie: „Sie iſt gekommen! der große Geiſt hat ſie ge⸗ ſendet! Stelle Dich dort in die Mitte, Blüthe, und höre, was wir beſchloſſen haben.“ Otaitſa ging zwiſchen zwei jüngeren und zwei aälteren Frauenzimmern durch und ſtellte ſich zwiſchen den inneren Kreis und das Feuer, und wunderbar ſchön erſchien ſie, als das helle Licht der Flamme ihre graziöſe Geſtalt und ihre zarten Züge umſchien und ein Geſicht voll Enthuſiasmus und reiner Regun⸗ gen beſchien. „Dein Kind hört Deine Worte,“ ſagte ſie ohne Zaudern oder Bedenken, denn wir müſſen bemerken, daß der ſtoiſche Ernſt, der bei den Verſammlungen der Häuptlinge und Krieger herrſchte, unter den Frauen des Stammes nicht für nöthig geachtet wurde.„Was hat die graue Taube der Tochter ihres Bruders zu ſagen?“ „Der Knabe darf nicht ſterben!“ rief die Alte in feſtem und entſchiedenem Tone.„Es iſt nicht der Ticonderoga ꝛc 3. Bd. 8 — 114— Wille des großen Geiſtes, oder wenn er ſtirbt, wird Wehklagen ſein in jeder Hütte und Trauer unter den Kindern des Steines. Biſt Du bereit, Otaitſa, Kind des ſchwarzen Adlers, Tochter der Blume aus dem Oſten, zu thun, wie wir thun, und meiner Stimme zu gehorchen?“ Otaitſa ſah ſich im Kreiſe um und bemerkte ei⸗ nen feſten und erhabenen Entſchluß in jedem Geſichte. Ihr eigenes Herz erbebte nicht bei irgend einem be⸗ kannten oder unbekannten Unternehmen, und das Ein⸗ zige, was ſie hätte abſchrecken können, das geforderte Verſprechen abzulegen, war der Geiſt des Chriſten⸗ thums. Aber wir dürfen nicht glauben, daß das Chriſtenthum des indianiſchen Mädchens, ungeachtet aller Bemühungen ihres Freundes des Miſſionairs, von den Eigenthümlichkeiten ihres Volks ungemiſcht war. Alle täglichen Gewohnheiten des Lebens, Alles, was ſie ſah, Alles, was ſie um ſich her hörte, miſchte die Anſichten und Gefühle der Indianer mit den Lehren und Geſinnungen der Chriſten. Der erſte Impuls war immer indianiſch— das berichtigende Prinzip beinahe chriſtlich. Nachdem ſie ſich einen Augenblick umgeſehen, antwortete ſie: „Ja, das bin ich; ich will thun, was Du ſagſt, um ihn zu retten, und müßte ich ſterben.“ „Sie hat es ausgeſprochen!“ rief die Alte⸗ „Nun alſo, Blüthe, dies iſt die Aufgabe: Du mußt wachen, wie der Fuchs auf dem Hügel und mir Nachricht bringen von dem Tage und der Stunde, wo das Opfer ſtattfinden ſoll. Alle müſſen wachſam ſein.“ „Aber wie ſoll ich es entdecken?“ fragte Otaitſa. „Die Krieger ſagen den Frauen ihre Geheimniſſe nicht. Der ſchwarze Adler verbirgt ſeine Gedanken vor ſei⸗ ner Tochter; er bedeckt ſein Geſicht mit einer Wolke und hüllt ſeine Vorſätze in Schatten ein vor unſeren Augen.“ 3 „An kleinen Zeichen wirſt Du es erkennen,“ entgegnete die graue Taube.„Kleine Wolken ver⸗ künden große Stürme. Wenn Du irgend eine Ver⸗ änderung bemerkſt, ſo beachte ſie wohl. Wenn ſein Kopf ſich ſenkt, wenn ſeine Augen mehr als gewöhn⸗ lich den Boden ſuchen, ſo bringe oder ſende mir Nachricht. Wenn er ſtill iſt, wo er reden ſollte, und die Worte nicht hört, die Du redeſt— wenn er zum Himmel auſblickt, als ſähe er nach den Veränderun⸗ gen des Wetters, wenn Alles klar iſt, und wenn er nach ſeinem Tomahawk mit trübem und ſchwerem Auge ſieht, wie es an dem Balken dahängt, ſo kannſt Du gewiß ſein, daß die Zeit nahe iſt.“ Otaitſa fuhr erſchrocken auf und rief: „Da iſt es dieſe Nacht! denn ich habe alle Zeichen bemerkt, die Du erwähnſt. Als ich in die 8* — 116— Wohnung eintrat, war ſein Kopf niedergebeugt und ſeine Augen auf den Boden gerichtet. Er war ſehr traurig. Er hörte mich, aber ſeine Gedanken ſchie⸗ nen zu wandern. Als er meine Bitte unterbrach und ſich zur Thür wendete, ruhten ſeine Blicke düſter auf ſeinem Beile, und als er draußen ſtand, erhob er ſie zum Himmel, als ſähe er bei Tage nach den Sternen. Es iſt dieſe Nacht! es iſt dieſe Nacht! O! was können wir thun?“ „Nein,“ antwortete die graue Taube mit freund⸗ lichem Blicke,„es iſt nicht dieſe Nacht. Tröſte Dich, mein Kind. Nicht eher, als morgen in der Dämmerung ſind die ſechs Monate um, und der ſchwarze Adler ſpricht kein Wort vergebens. Er wirdd das Tomahawk keine Minute vor der Stunde erhe⸗ ben; aber morgen iſt die Zeit, nachdem die Sonme untergegangen iſt. Die bleichen Geſichter haben den Kriegspfad gegen einander betreten, und die Verbün⸗ deten des ſchwarzen Adlers haben ihn aufgefordert, ſich aufzuſchwingen und ihnen beizuſtehen. Sie haben ihn gebeten, ſich zur Schlacht zu bemalen und mit ſer nen Kriegern auszuziehen. Er hat nur dies abge⸗ wartet; und nun wiſſen wir den Tag und die Stunde, denn er wird nicht länger zögern.“ Otaitſa zitterte noch; aber ſie fühlte ſich für den Augenblick ſehr erleichtert. Sie kannte ihren Vater — 117— gut und ſie ſah die Wahrheit deſſen ein, was die graue Taube ſagte. „Wie wollen wir ihn davon abhalten?“ fragte ſie.„Der ſchwarze Adler windet ſich nicht auf ſei⸗ nem Wege, wie die Schlange; er geht gerade auf ſein Ziel los, wie der Vogel in der Luft. Er hört nicht die Stimme der Bitte, ſeine Ohren ſind taub für die Worte des Flehens. Man kann den Strom wenden, wenn er herunterrauſcht nach dem Schmelzen des Sehnees, oder den Felſen, wenn er von der Höhe herunterfällt; aber man kann den Gang des ſchwarzen Adlers nicht hemmen oder ihn von ſeinem Wege ablenken.“ 2 „Sei feſt und ſtandhaft,“ ſagte die graue Taube. „Wir ſind in den Händen des großen Geiſtes. Beob⸗ achte Deinen Vater genau, Otaitſa, morgen den gan⸗ zen Tag, von Mittag bis zur untergehenden Sonne — von der untergehenden Sonne bis zur Dämmerung, wenn es nöthig iſt. Sobald er hinausgeht, komm zu mir in die Wohnung des Luchſes am weſtlichen Thore; dort wirſt Du mich nebſt den Uebrigen fin⸗ den. Ich weiß, daß Dein junges Herz ſtark iſt und daß es nicht erbeben wird. Beobachte ſorgfältig, aber geheim. Sieh, wenn er das Tomahawk in den Gür⸗ tel thut, ob ſein Geſicht heiter oder düſter iſt. Be⸗ achte Alles und bringe mir Nachricht.“ „Sie können auch zu dem anderen Thore hin⸗ — 118— ausgehen und ſich herumſchleichen,“ ſagte eine von den Frauen in dem inneren Kreiſe.„Meine Tochter, die jetzt draußen wartet, ſoll an jenem Thore Wache halten und uns die Nachricht bringen. Sie iſt ſtill und geheimnißvoll, wie die Luft der Nacht, und ſie hat den Fuß des Windes.“ „Es iſt gut,“ ſagte die graue Taube auſfſtehend. „Laßt uns alle vorbereitet ſein, denn der Knabe darf nicht ſterben.“ Mehr wurde nicht geſprochen, denn die bejahrte Prophetin verſank in eine jener tiefen und feierlichen Träumereien, woraus ſie, wie alle Gegenwärtigen wußten, nicht leicht zu erwecken war, und wodurch ſie wahrſcheinlich den Ruf erlangt hatte, als verkehte ſie mit der Geiſterwelt. Langſam und ſchweigend ſchlichen ſich die Frauen nach einander aus dem Hauſe und zerſtreuten ſich nach verſchiedenen Richtungen, ſobald ſie die Thür verlaſ⸗ ſen hatten. Otaitſa blieb bis zuletzt, in der Hoff⸗ nung, daß die graue Taube noch einmal reden und ihr weitere Auskunft über ihre Pläne geben werde; aber die Alte blieb ſchweigend und aufrecht ſitzen und ſchien ſich der Entfernung der Anderen völlig unbe⸗ wußt, bis endlich die Blüthe den Uebrigen folgte und ſtill in das große Haus ihres Vaters zurückkehrte. Am folgenden Tage um drei Uhr Nachmittags wurde es dunkel und ſtürmiſch. Ein ſcharfer und —— 3 — 119— kalter Wind folgte auf den milden Hauch des Früh⸗ lings; die Indianer blieben größtentheils um ihre Feuer verſammelt und ließen den freien Platz inner⸗ halb der Palliſaden beinahe verödet. Kurz nach Sonnenuntergang ſchlich ſich eine In⸗ dianerin leiſe hinaus und nahm ihren Weg zu einer Hütte in der Nähe des öſtlichen Einganges ihres Dor⸗ fes. Eine andere folgte ſehr bald, und ehe das Zwie⸗ licht in die Nacht überging, ſtanden nicht weniger, als zwölf unter dem Dache und die graue Taube in ihrer Mitte. Es war zu dunkel, als daß die Eine das Geſicht der Anderen hätte ſehen können, denn die Nacht war ſehr dunkel und eine Decke war vor den Eingang gezogen. Aber die graue Taube befühlte alle nach der Reihe mit den Händen und legte jeder eine Frage vor, worauf ſie eine genügende Antwort zu erhalten ſchien. „Die dreizehnte iſt noch nicht hier,“ ſagte ſie; „aber ſie wird kommen, und ihr Muth wird ihr nicht fehlen.“ Eine Todtenſtille trat ein, nachdem die letzten Worte ausgeſprochen waren, jenes düſtere, ſchwere, feierliche Schweigen, welches nicht ſelten der Ausfüh⸗ rung eines ſtarken und ſchrecklichen Entſchluſſes voran⸗ geht. Doch unter dieſen Zwölf waren mehrere heitere und lebhafte Mädchen, ſo wie auch bejahrte Frauen. Dennoch waren alle todtenſtill. Die flüchtige Leicht⸗ - 120— fertigkeit der Jugend, ſo wie die Geſchwätzigkeit des Alters verſtummten. Plötzlich, nachdem ſie etwa zwanzig Minuten ge⸗ wartet, wurde die Decke zurückgezogen und eine neue Geſtalt kam zu den Gegenwärtigen hinzu. Otaitſa's Stimme flüſterte: „Er iſt wie zur Schlacht bewaffnet ausgegangen; er hat ſein Tomahawk mit und ſein Geſicht war ſehr traurig. Ich ſah den alten Cederbaum zum weſtli⸗ chen Thore hinübergehen, nebſt Anderen, die ich in der Dunkelheit kannte.“ Sie ſprach in lebhafter Haſt und athmete ſchwer; aber die Alte faßte ihren Arm und ſagte: „Sei ruhig, ſei ruhig! Nun folgt mir geräuſch⸗ los. Dann bückt Euch nieder, wenn Ihr durch den Mais geht; wenn auch nicht zu befürchten iſt, daß man uns in dieſer dunklen Nacht ſehen ſollte.“ Sie ging zuerſt hinaus, dann kam Otaitſa und die Anderen folgten einzeln mit raſchen, aber ſtillen Schritten durch das große Maisfeld, welches ſich um die Palliſaden erſtreckte, und dann in den benachbar⸗ ten Wald. Einmal, als ſie einer Stelle nahe ka⸗ men, wo der Spiegel des Sees jeden in der Luft noch übrigen Lichtſtrahl auffing und zurückwarf, er⸗ blickten ſie einen dunklen Zug, ſchattenartig und gei⸗ ſterhaft, wie ſie ſelber, der ſich in geringer Entfer⸗ nung nach derſelben Richtung bewegte. Doch er ver⸗ — 121— lor ſich bald und der Anblick diente nur dazu, ihre Fußtritte zu beſchleunigen. Auf einem Fußwege weitergehend, der über ein kleines bewaldetes Vorgebirge dahinführte, erblickten ſie plötzlich den See wieder, und an deſſen Seite eine niedrige indianiſche Hütte, die deutlich gegen die Oberfläche des Waſſers abſtach. In der Entfernung von dreißig Schritten hielt die graue Taube an und flüſterte denen, welche folgten, einige Worte zu. Dann bückten ſich alle und ſchlichen der Hütte näher. „O! laßt uns eilen,“ flüſterte Otaitſa.„Sie ſind ſchon dort; ich höre meinen Vater reden.“ .„Still! ſtill!“ gebot die Alte leiſe.„Der ſchwarze Adler wird Nichts übereilen; es iſt eine feierliche Handlung für ihn. Laßt mich zuerſt näher gehen; dann folgt mir und thut wie ich.“ Neuntes Kapitel. Es war ein trauriger und langweiliger Tag für den armen Walter Prevoſt, denn er war ohne Troſt. Die Zeit ſeiner langen Gefangenſchaft war freilich weniger läſtig geweſen, als man hätte erwarten ſollen, obgleich er ſich während der erſten zwei oder drei Lochen mit manchem fruchtloſen Fluchtverſuche abge⸗ quält hatte. Er erfuhr indeß, daß die Flucht un⸗ möglich ſei, denn er wurde zu genau und unabläſſig überwacht. Es verhinderte ihn Nichts, die Hütte zu verlaſſen; ſobald er dies aber that, mochte es nun Nacht oder Tag ſein, traten ihm zwei oder drei be⸗ waffnete Indianer entgegen. Sie waren freundlich und höflich gegen ihn, doch geſtatten ſie ihm nicht, ſeine Schritte zu ihrer Burg oder ihrem Dorfe zu wenden oder ſich dem See zu nähern, an deſſen Ufern ———— — 123— mehrere Canoes lagen. Einer von ihnen nahm ihn zuweilen mit auf die Jagd; aber zwei oder drei folg⸗ ten und gingen ihm nie von der Seite. Sie ſpra⸗ chen nicht gern von ſeinem wahrſcheinlichen Schickſal und umgingen den Gegenſtand mit wahrhaft indiani⸗ ſcher Geſchicklichkeit; aber einmal erzählte ihm ein junger weniger erfahrener Krieger von den Botſchaften, die der große Häuptling durch den Läufer Procter abgeſchickt, und Walter erfuhr die Entſcheidung über ſein eigenes Schickſal, ſo wie, von welchen Zufällig⸗ keiten es abhängig geweſen. Jener junge Indianer wurde nie wieder in ſeiner Nähe geſehen. Es war klar, daß man ihn als einen Verräther angeſehen und ihn aus ſeiner Nähe entfernt hatte. Aber um dieſe Zeit wurde ihm der größte Troſt gewährt, den er nur haben konnte. Otaitſa erſchien plötzlich in der Hütte und ſagte ihm, durch das Ver⸗ ſprechen, keinen perſönlichen Verſuch zu ſeiner Rettung zu machen und die ihr gewährte Freiheit nicht zu be⸗ untzen, um ſeinen Fluchtverſuch zu begünſtigen, habe ſie die Erlaubniß erhalten, ihn jeden Tag auf zwei Stunden zu beſuchen. Sie erklärte ihm indeſſen, daß Andere, auf die ſie ſich verlaſſen könne, in ſeiner Sache beſchäftigt wären, und daß die graue Taube ſelber, die ihr ganzes Volk mit der größten Vereh⸗ rung betrachte, ihr die beſtimmte Verſlohernng gegeben, daß er nicht ſterben ſolle. — 124— Anfangs waren ihre Unterredungen traurig ge⸗ nug. Hoffnung und Furcht ſetzten ihren Streit fort in ihren Herzen; aber mit der Zeit vergingen dieſe Gemüthsbewegungen und Liebe und Glück blieben allein übrig, oder wenn ſich irgend eine Furcht mit dieſen Segnungen miſchte, ſo war es nur genug, um ihren Umgang gleichſam zu heiligen, um ihn von einem Theile der irdiſchen Leidenſchaft zu reinigen, ſo daß ſie, ſelbſt während ſie einander mit ihren Armen umſchlangen, oft vom Tode und vom künftigen Leben ſprachen. Gegen ihren Vater nannte ſie ihn oft ihren Gatten, aber Bruder, wenn ſie allein waren. Jeden Tag beim Sonnenſchein oder bei bedecktem Himmel, über den Schnee oder den grünen Raſen beſuchte Editha die Hütte. Als aber die Tage ver⸗ gingen, wurde ſie ängſtlich. Sie hatte die Zeit nicht genau berechnet, aber ſie wußte, daß der beſtimmte Tag nahe bevorſtand, und Walter war noch nicht befreit. Sie beſchuldigte ſich der Thorheit, weil ſie ſich auf Andere verlaſſen, während ſie ſeine Befreiung hätte bewirken können, obgleich ſie nicht einſah, wie es geſchehen ſollte, da er ſo ſorgfältig überwacht wurde. Aber ſie beſchloß jetzt, noch einen großen Verſuch zu wagen, um ihn in Freiheit zu ſetzen, auch wenn ſie ihr Leben dabei verlieren ſollte. Dies war ihr Entſchluß am vorhergehenden Tage, als ſie ihm beim Scheiden ins Ohr flüſterte, damit es Niemand höre: 3 „Ich werde nicht eher wieder zu Dir kommen, mein Bruder, als bis ich komme, um Dich zu retten. Ich weiß nicht, wie es gehen wird; wenn es mir aber fehlſchlägt, wird Walter nicht lange im Himmel ſein, ehe Otaitſa ihn dort aufſucht.“ Er glaubte kaum, daß ſie bei ihrem Entſchluſſe würde bleiben können, ohne ihn wenigſtens noch ein⸗ mal zu ſehen. Aber der langweilige Tag verging; die Indianer, die ihm Speiſe und Feuer brachten, erſchienen und verſchwanden; der Regen fiel heftig, der Wind erſchütterte die Hütte und Otaitſa kam nicht. Endlich begann die Nacht ſich herabzuſenken und düſter und dunkel zu werden; ein ſtrahlenloſer Son⸗ nenuntergang, eine kurze Dämmerung und dann war Alles in völlige Finſterniß gehüllt. Sein Geiſt wurde freilich muthlos; ſein Herz fühlte ſich ſchwer darnie⸗ dergedrückt; er bückte ſich, ſchürte die Kohlen ſeines Feuers, legte noch mehr Holz darauf und brachte eine helle und heitere Flamme hervor. Aber ſie hatte nicht die Wirkung, ſeinen Muth zu erheben und ſein Herz zu wärmen. Alles war troſtlos in ihm. Er ſaß da, blickte ins Feuer und dachte an ſeine ferne Heimath, an die lieblichen Tage der Ju⸗ gend und die angenehmen Träume, welchen er ſich einſt hingegeben, ſowie an die Hoffnungen, die gleich verblichenen Bildern an der Wand der Erinnerung hingen. Tauſend kleine Ereigniſſe, tauſend ergötzliche Begebenheiten fielen ihm wieder ein, während er da⸗ ſaß und nachdachte, nur um das Leben noch theurer zu machen, als plötzlich auf der anderen Seite der Hütte eine dunkle Geſtalt das Licht des Feuers durch⸗ kreuzte, dann eine zweite und eine dritte, bis ihrer ſechs waren. Sie waren alle Häuptlinge und Män⸗ ner von erhabener Haltung, aber ſtrenge, ernſt und ſchweigend. Sie ſetzten ſich im Halbkreiſe am äußer⸗ ſten Ende der Hütte nieder und verharrten mehrere Minuten in tiefem Schweigen. Er verſtand ſogleich, was es bedeutete. Die letzte Stunde ſeines Lebens war gekommen und das ſchwere Sinken des Herzens, welches der plötzliche Anblick des Todes bei dem unvorbereiteten und un⸗ aufgeregten Geiſte hervorbrachte, war die erſte Empfin⸗ dung. Freilich befand ſich die Thür in geringer Ent⸗ fernung zur Rechten von ihm und ſie waren am an⸗ deren Ende der Hütte und Niemand zwiſchen ihm und dem Ausgange; aber er kannte ihre Schnelligkeit und ihren ſicheren Wurf nur zu gut. Es war beſſer zu bleiben und dem Schlimmſten zu begegnen, als von dem geworfenen Tomahawk in unrühmlicher Flucht zu fallen. Er ſammelte ſeinen Geiſt, er rief ſeinen Muth zu Hülfe; er dachte daran, wie ein Indianer — 127— ſterben würde und beſchloß, ebenfalls kühn und ruhig zu ſterben. Schweigend daſitzend, betrachtete er genau die ſtrengen und harten Geſichtszüge der Häuptlinge. Nur zwei waren da, die er kannte; der ſchwarze Adler ſelber und ein Greis mit einer weißen Scalp⸗ locke, den er einſt getröſtet und unterſtützt hatte, als er ihn krank und erſchöpft in der Nähe des Hauſes ſeines Vaters gefunden. Die Anderen waren ihm alle fremd und es war Nichts in ihren Geſichtern zu leſen, als kalte, ſtrenge Entſchloſſenheit. Keine Lei⸗ denſchaft, kein Zorn, keine Gemüthsbewegung war zu bemerken; doch war es ſehr ſchrecklich, dieſe ſtillen, ruhigen Geſichter mit dem Bewußtſein ihres blutigen Vorhabens anzuſehen. In der Schlacht zu ſterben — auf Leben und Tod mit ihnen zu kämpfen— wäre Nichts geweſen, aber dazuſitzen, kalt den Au⸗ genblick des unerbittlichen Schlages zu erwarten, und zu wiſſen, daß ſie erwarteten, daß er ihn mit derſelben ruhigen, ſtoiſchen Gleichgültigkeit ertrage, womit er ausgetheilt werde, war ſehr ſchrecklich für den jungen Europäer. 4 Doch Walter verſuchte, ſich aufs Aeußerſte zu ſtählen gegen jedes Zeichen der Furcht und rang nach Entſchloſſenheit, um ſeinen Namen und ſeine Familie ſelbſt in der Meinung dieſer wilden Indianer nicht herabzuſetzen. Es muß ſich Schrecken in ſeinen Au⸗ — 128— gen— in der geſpannten Lebhaftigkeit, womit er ſie anblickte, gezeigt haben; aber da war keine andere Spur von Unruhe— kein Muskel bewegte ſich— die Lippe bebte nicht— die Stirn war nicht gefaltet. Endlich nach einer langen feierlichen Pauſe hörte man die Stimme des ſchwarzen Adlers leiſe und ſanft reden. „Mein Sohn, Du mußt ſterben,“ ſagte er. „Du biſt mir theuer, wie ein Kind— Dein Vater iſt mein Bruder; aber Du haſt ein ſchlimmes Loos gezogen und Du mußt ſterben. Der Morgen Deiner Tage iſt kurz und hell geweſen; die Nacht kommt für Dich, ehe der Tag recht begonnen hat. Das Blut unſeres Bruders, welcher erſchlagen wurde, muß geſühnt werden durch das Blut eines Mitgliedes von dem Stamme des Mörders— der weiße Mann für den rothen Mann. Wir haben vergebens nach dem Mörder unſeres Bruders oder nach Jemand geſucht, der ein Opfer werden könnte anſtatt deſſen, den wir lieben. Jeder von uns würde ſeinen Kopf in Gefahr gebracht haben, um einen Anderen, anſtatt Deiner zu finden; aber es war nicht möglich. Die bleichen Geſichter erſchraken über das, was geſchehen war, und keins von ihnen hat ſich auf unſerem Gebiete ge⸗ zeigt. Wir wiſſen, daß der Mann, der die That gethan, hier geweſen iſt. Wir vermutheten, er ſei gekommen, um ſich großmüthig als Opfer für ſeine — 129— eigene Handlung anzubieten; aber Furcht war in ſei⸗ nem Herzen und zweimal entfloh er uns. Er iſt liſtig wie ein Fuchs und ſchnell auf der Flucht. Nun, Sohn meines Bruders, mußt Du ſterben, denn die Zeit, die man Dir in der Hoffnung auf Deine Befreiung vergönnt hat, iſt dahin; die Stun⸗ den ſind ſchnell und vergeblich dahingeſchwunden und die letzte iſt gekommen. Wir wiſſen, daß es die Sitte Deines Volks iſt, keinen Kriegsgeſang bei ihrem Tode zu ſingen, ſondern zu beten zu ihrem guten Geiſte, ſie bald in ſein glückliches Jagdgefilde aufzunehmen. Wir wollen es nicht als Mangel an Muth anſehen, wenn Du beteſt; denn der Sohn un⸗ ſeres Bruders Prevoſt wird ſeinen Namen bei ſeinem Tode nicht entweihen. Bete daher zu Deinem Gott; Dein Gebet ſoll ſein, als wäre es ein Kriegsgeſang, und geſtärkt dadurch, wirſt Du als Mann und Krie⸗ ger ſterben.“ 4 Walter ſchwieg einen Augenblick, während ein ſchrecklicher Kampf in ſeinem Herzen vorging; aber die Entſchloſſenheit ſiegte; er ſtand vom Boden auf, wo er geſeſſen, ſtand aufrecht und feſt da, ſtreckte ſeine Hand aus und ſagte: „Häuptlinge der Oneidas, Ihr ſeid ungerecht. In dieſer Stunde meines Todes ſage ich Euch, Ihr kennt keine Billigkeit. Eure Geſetze kommen nicht vom guten, ſondern vom böſen Geiſte her;. denn es Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 9 — 130— iſt böſe, einen unſchuldigen Mann zu tödten, niedrig und feig, einen hülfloſen Mann zu erſchlagen, der Euch vertraute und Euch liebte; und wenn Ihr es nach Eurem Geſetze thut, ſo iſt Euer Geſetz ſchlecht und der gute Geiſt wird es verdammen. Mein Va⸗ ter kam und pflanzte ſeinen Baum unter Euch; meine Schweſter und ich wuchſen liebend und vertrauensvoll unter Eurem Volke auf. Wir machten Eure Sprache zu der unſrigen und mein Herz wurde eins mit dem Herzen der Tochter Eures Häuptlings. Seht nun, wie Ihr Freundlichkeit, Liebe und Treue, mit Falſch⸗ heit, Grauſamkeit und Tod vergeltet! Ihr ſeid große Krieger, aber keine guten Männer. In dieſer letzten Stunde mache ich Euch dieſen Vorwurf und ſage Euch mit der Stimme eines Sterbenden, wie aus dem Lande der Geiſter, daß früher oder ſpäter der große Gott aller Menſchen Euch zu erkennen geben wird, daß Ihr etwas Böſes gethan habt, indem Ihr mich getödtet.“ Er ſchwieg plötzlich, denn ſeine Augen waren nach der Thür gewendet und er ſah eine weibliche Geſtalt, in die Decke oder den Mantel der indiani⸗ ſchen Frauen gehüllt, eintreten. Bald kamen Alle nach einander herein und die ſchattenartigen Geſtalten ſtellten ſich in einer Linie an der Seite der Hütte auf, wo ihre Geſichter bei dem flackernden Lichte des Feuers nur wenig zu ſehen waren. Sie ſtanden tod⸗ —- 2— 2— — 82— — 131— tenſtill da, als feierliche Zeugen der ſchrecklichen Scene, welche vorgehen ſollte. Die Augen aller Häuptlinge waren nach derſelben Richtung gewendet, wie die ſeinigen, und es traten einige Augenblicke der Verwunderung und Verlegen⸗ heit ein; dann aber erhob ſich die Stimme des ſchwar⸗ zen Adlers laut und ſtrenge, und ſagte: „Kehrt nach Hauſe zurück, Oneidafrauen! Dies iſt kein Ort für Euch. Miſcht Euch nicht in das Geſchäft der Männer und Krieger. Wagt nicht, die Opferung zur Sühne des Blutes unſeres Bruders verhindern zu wollen.“ „Wer iſt es, der da redet?“ ſagte die klare und durchdringende Stimme der grauen Taube.„Iſt es der Mann mit dem ſchwarzen Herzen, der den Sohn ſeines Bruders erſchlägt? Wer iſt es, der ſo zu ihr zu reden wagt, die den großen Geiſt in ihren Viſio⸗ nen ſieht und Verkehr hält mit den Seelen der Tod⸗ ten? Iſt es ein Mann von reinem Herzen und rei⸗ ner Hand— ein Mann, deſſen Zwecke gut ſind in den Augen des großen Geiſtes, und der eine Hand⸗ lung ausübt, die ihm angenehm iſt? Nimmt er das Leben eines Feindes in der Schlacht? Scalpirt er einen Feind, mit dem er gefochten und den er beſiegt hat? Es iſt eine tapfere That, den Sohn eines Freundes zu tödten— einen Knaben, der nicht die Macht hat, ſich zu widerſetzen. Aber der Knabe ſoll 9 4 nicht ſterben. Wenn ein blaſſes Geſicht eins von den Kindern des Steins getödtet hat, ſo hat dieſer Knabe mehr als einem Indianer das Leben gerettet. Seine Hand war frei und ſein Herz offen für die Oneidas, und ſeine guten Handlungen ſind mehr als genug, um die böſen Handlungen eines Anderen zu ſühnen. Die Aſche Deiner Pfeife, ſchwarzer Adler, auf Prevoſt's Heerde ruft Schande über den Mörder ſeines Sohnes.“ „Geh nach Hauſe, Weib,“ rief ein anderer Häuptling.„Wir laſſen uns nicht wenden nach wel⸗ cher Richtung Du willſt; wir ſind die Kinder des Steines und unſere Herzen ein Fels.“ „So ſei es denn,“ rief die Schweſter des ſchwarzen Adlers.„Seht uns jetzt an, Ihr Häupt⸗ linge! Wir ſind hier, Eure Mütter, Eure Schwe⸗ ſtern, Eure Töchter, Eure Frauen; die, welche Ihr am meiſten liebt, und die Euch am meiſten lieben. Seht jetzt, was uns die Stimme des guten Geiſtes zu thun gebietet. Wenn Ihr den Knaben tödtet, ſo tödtet Ihr uns. Jede Hütte wird verödet ſein; es wird Wehklagen im Dorfe und im ganzen Lande herrſchen. Nun, meine Schweſtern, wenn ihr Herz von Stein iſt, ſo ſoll unſer Herz weich ſein und das Meſſer es leicht finden.“ Während ſie ſprach, wurde jeder Mantel zurück⸗ 1 — 133— geworfen, jeder Arm erhoben und in jeder Hand ſah man ein Meſſer ſchimmern. Der ſchwarze Adler bedeckte ſeine Augen mit dem Mantel, blieb aber ſitzen. Walter ſprang über den freien Raum, warf ſich zu Otaitſa's Füßen nie⸗ der und rief: „Halt! halt! um Gottes willen halt ein, meine Blüthe!“ „Zurück, zurück!“ rief das Mädchen heftig; „wenn Du ſtirbſt, ſterbe ich.“ „Wir Alle! wir Alle!“ riefen die Frauen in demſelben entſchloſſenen Tone. In dieſem Augenblick ſtand der alte Prieſter auf und ſtreckte ſeine Hände aus. „Es iſt die Stimme des großen Geiſtes,“ rief er im Tone eines Begeiſterten.„Er redet zu uns durch ihren Mund; er ſagt uns, daß wir nicht wei⸗ tergehen ſollen. Die That iſt böſe in ſeinen Au⸗ gen; wir dürſen ſie nicht thun. Das Blut unſeres Bruders iſt geſühnt. Es iſt die Stimme des großen Geiſtes!“ „Es iſt die Stimme des großen Geiſtes! Es iſt die Stimme des großen Geiſtes!“ rief jeder von den Häuptlingen. Der ſchwarze Adler warf ſein Toma⸗ hawk von ſich, umarmte Walter und ſagte in leiſem Tone:. — 134— „Mein Sohn, mein Sohn!“ Otaitſa näherte ſich ihm um einen Schritt; aber ehe ſie ihren Vater erreichte, wurde ihr Blick trübe und ſie fiel ohnmächtig zu ſeinen Füßen nie⸗ der. 1 Zehntes Kapitel. Das Geräuſch der Vorbereitung wurde in der großen Burg der Oneidas gehört. Mit dem erſten Lichte des Morgens kamen zahlreiche kleine Abthei⸗ lungen herbeigeſtrömt, die man insgeheim ſchon längſt vorher herbeigerufen hatte, um einen Kriegsrath zu halten und gegen den Feind zu marſchiren. Vor Mit⸗ tag begannen größere Abtheilungen ſich einzufinden, die von mehreren der berühmten Krieger der Nation geführt wurden; und eine ſehr zahlreiche Abtheilung, die auf einer kleinen Flotte von Canoes über den See kam, und eine große Quantität Gepäck, welches in Zelten und Lebensmitteln, ſowie in Frauen und Kin⸗ dern beſtand, mitbrachte. Die Scene, welche ſtattfand, als die ganze Anzahl, die mehr als tauſend betrug, verſammelt — 136— war, iſt völlig unbeſchreiblich. Auch will ich nicht verſuchen, eine Beſchreibung davon zu liefern. Ein langer Zeitraum des Friedens ſchien bei den weſtlichen Kriegern nur einen Durſt nach dem Kriege erregt zu g 5 baben, und ihre Freude über das Ausgraben des Beils und den Marſch gegen den Feind brachte Kund⸗ gebungen hervor, die jedes eiviliſirte Auge für völlig wahnſinnig würde gehalten haben. Sie ſchrien, riefen, ſangen, tanzten, ſchlugen mit ihren Tomahawks an die Kriegspfähle, ſchwangen ihre Büchſen in der Luft und erſchienen wie vom böſen Geiſt beſeſſene Weſen. Das ruhige und ernſte Benehmen war gänzlich ver⸗ ſchwunden, und die Ruhigen und Gemäßigten rühm⸗ ten ſich ihrer früheren Heldenthaten, die ſie in dem bevorſtehenden Kriege zu wiederholen verſprachen. Etwa eine Stunde vor Mittag ging eine plötz⸗ liche und vollſtändige Veränderung in der Scene vor. Auf dem freien Platze vor der großen Wohnung ver⸗ ſammelten ſich alle Häuptlinge der verſchiedenen Stäm⸗ me und es wurde der gewöhnliche Kreis um den gro⸗ ßen Kriegspfahl des ſchwarzen Adlers gebildet. Die jüngeren Krieger verſammelten ſich in anderen Reihen außerhalb des erſten und in noch weiterem Kreiſe die Jünglinge, Frauen und Kinder. Eine Ausnahme von der gewöhnlichem Ordnung fand ſtatt. Der große Häuptling hatte zu beiden Seiten eines von den Beiden, die er jetzt ſeine Kin⸗ — 187— der nannte. Otaitſa in ihrem glänzendſten Anzuge ſtand zu ſeiner Linken und Walter Prevoſt, bewaffnet und gekleidet wie die Oneidas, mit dem einzigen Un⸗ terſchiede, daß ſein Kopf nicht geſchoren war, wie der ihre, ſtand während der ganzen Ceremonie zu ſeiner Rechten. Sobald jede Bewegung aufgehört und die Stille des Todes ſich auf die ganze Menge niedergeſenkt hatte, erzählte der ſchwarze Adler in einem Vortrage von mächtiger Beredtſamkeit Alles, was in der vor⸗ hergehenden Nacht geſchehen war, und rechtfertigte ſeine eigene Handlung, ſowie die der anderen Häupt⸗ linge vor den Augen des Volks. Er ſagte, er und fünf von ſeinen Brüdern hätten ſich vorbereitet Pre⸗ voſt's Sohn zu opfern, als Sühne für das Blut der Schlange und um den Gewohnheiten der Oneidas zu genügen, obgleich jeder ebenſo gern ſeinen eigenen Sohn getödtet hätte; aber daß der große Geiſt durch den Mund ſeiner Schweſter geſprochen, und daß ſie es unterlaſſen hätten. Als er ausgeredet hatte, ſtand der alte Ceder⸗ baum auf, ſprach aber nur wenige Worte. „Es war die Stimme des großes Geiſtes,“ ſagte er, und gleich darauf lief ein beiſtimmendes Ge⸗ murmel durch die Verſammlung. Der Haͤuptling erklärte dann ſeinen Kriegern, warum er ſie an dem Tage verſammelt habe; denn — 138— wenn gleich der Zweck ſchon Allen bekannt war und die Nachricht ſich ausgebreitet, daß die Engländer ge⸗ gen die Franzoſen auf dem Champlainſee zumarſchir⸗ ten, ſo handelten doch die Indianer nie maſſenweiſe ohne feierliche Berathung, und eine Kriegsrede, wie ſie es nannten, wurde allgemein von ihrem berühmten Anführer erwartet. Er verweilte ausführlich bei dem Bündniſſe zwiſchen den Engländern und den fünf Nationen und bei der Treue, womit ihre Verträge von den britiſchen Provinzen gehalten worden; er be⸗ zog ſich auf die Berathung, die vor etwa ſechs Mo⸗ naten auf der Burg des Sir William Johnſon ſtatt⸗ gefunden, indem er geſchickt die Namen mehrerer Per⸗ ſonen erwähnte, die bei den Stämmen ſehr beliebt waren, und endete damit, ſeine Zuhörer zu ermahnen, ihre Treue und Freundſchaft gegen ihre engliſchen Brüder zu zeigen und ihre wildeſte Wuth gegen die Franzoſen auszulaſſen, von welchen er verächtlich als den Brüdern der Huronen und Alonquins ſprach. Dieſelben Zeichen der Billigung folgten, und mancher andere Häuptling fügte ſeine Stimme hinzu und erregte die Leidenſchaften der Krieger aufs Aeu⸗ ßerſte. Einer beſonders trieb ſie zur unmittelbaren Handlung an, indem er ihnen ſagte, daß die Mo⸗ hawks bereits abmarſchirt wären, daß ſie ſich bei der engliſchen Armee befänden, und daß die Geſichter der Kinder des Steines roth werden würden vor Scham, +8 8— 2—— — 139,— wenn ein Mohawk mehr Scalps als ein Oneida nach Hauſe brächte. Einige waren dafür, denſelben Augenblick abzu⸗ marſchiren; aber dieſer Vorſchlag wurde überſtimmt, und der folgende Morgen wurde zum Abmarſche feſt⸗ geſetzt, da man noch mehr Abtheilungen aus verſchie⸗ denen Diſtrieten erwartete, und einige auf die weite Reiſe und das wichtige Unternehmen noch äihi völlig vorbereitet waren. Auf die Berathung folgten ähnliche Seenen, wie die, womit der Tag begonnen hatte, und wir dürfen nicht verhehlen, daß in vielen Fällen das ſchreckliche Feuerwaſſer ſo reichlich angewendet wurde, daß eine völlige Trunkenheit erfolgte. Kleine Trommeln, und wilde muſikaliſche Inſtrumente, Geſänge jeder Art von der Klage und dem religiöſen Liede bis zu dem wil⸗ den und prahlenden Kriegsgeſange erſchollen aus je⸗ dem Theile des Dorfes, und erſt als die Sonne völlig untergegangen war, wurden einigermaßen Ruhe und Drdnung wieder hergeſtell. In welchen Farben wir ſie auch darſtellen mö⸗ gen, es war eine Larbariſche und ſchreckliche, wenn gleich aufregende Scene, und Walter Prevoſt war ſehr erfreut zu hören, daß das Geräuſch allmählig in leiſes Gemurmel überging, und das Schweigen ſeine Herrſchaft begann. Dann kam eine ſehr glückliche Stunde. Er ſaß — 140— mit Otaitſa allein in dem großen Hanſe, während der ſchwarze Adler draußen unter ſeinen Leuten um⸗ herwanderte, und zum erſten Mal ſeit ſeiner Rettung hatten die Beiden eine Gelegenheit, einander die Ge⸗ fühle mitzutheilen, die ſie ſeit den letzten vierund⸗ zwanzig Stunden empfunden hatten. „Geſtern Abend um dieſe Zeit bereitete ich mich auf den Tod vor,“ ſagte der Jüngling. „Und geſtern Abend um dieſe Zeit war Otaitſa bereit, mit Dir zu ſterben,“ entgegnete das Mädchen, zärtlich in ſein Geſicht blickend und ihren Kopf auf ſeine Schulter lehnend, während er ſie zärtlich mit ſeinem Arme umfaßte.„Ich habe ſeitdem gedacht, daß es ſehr unrecht von mir war, und da ich fürch⸗ tete, daß ich ſündlich gehandelt, ſo betete ich einen Theil der Nacht zu Gott um Vergebung, und einen anderen Theil brachte ich mit Lob und Dankſagung zu. Aber ich glaube, ich war wahnſinnig, mein Ge⸗ liebter; denn ich weiß kaum, was ich that, und be⸗ folgte blindlings, was man mir ſagte, um ihn zu retten, für den ich tauſend Leben aufgeopfert hätte. Ueberdies war ich von den Frauen meines Stammes umgeben, und Du weißt, daß ſie nicht denken, wie wir zu denken belehrt worden ſind.“ „Wenn es ein Irrthum war, kann man es ei⸗ nen glücklichen nennen, meine theure Blüthe,“ antwor⸗ tete Walter;„denn ihm verdanke ich mein Leben; V — 141— und das Leben, wenn es von Otaitſas Liebe erhellt wird, iſt nur zu koſtbar für mich. Die Zeit wird kommen, Theuerſte, wo wir auf dieſe Tage nur wie auf einen ſchmerzlichen Traum zurückblicken werden, und die einzige glänzende Wirklichkeit, die von Dauer ſein wird, iſt die Erinnerung an die Liebe meiner Blüthe, ſo wie an Alles was ſie gethan hat, um mich zu retten und mich zu beglücken.“ Sie ſah ihn mit Zuverſicht an, denn ihr Herz war nicht geneigt zu zweifeln, und ſein Herz kein ſolches, welches Zweifel erregen konnte, und dann ſagte ſie mit einem Seufzer: „Aber Du gehſt jetzt in die Schlacht, um Dein Leben und all unſer Glück aufs Spiel zu ſetzen. Dennoch, obgleich es ſeltſam ſcheint, möchte ich Dich nicht zurückhalten, wenn ich auch nach Allem, was ich von dem guten Herrn Gore gelernt habe, ſolche Dinge mit Entſetzen anſehen muß; und obgleich ich: gern ſehen würde, wenn Du von der Gefahr weg⸗ bliebeſt, ſo glaube ich doch, daß die Vorurtheile mei⸗ nes Volks noch an mir kleben, wenn ich auch einen beſſeren Glauben habe, als ſie.“ „Fürchte Nichts, Theuerſte, fürchte Nichts,“ antwortete Walter kühn.„Es wird mir kein Unheil begegnen, das hoffe und glaube ich mit Zurerſicht, und ich verlaſſe Dich nur auf einige kurze Wochen.“ „Du wirſt mich nicht verlaſſen, Walter,“ verſetzte — 142— ſie;„nein, nie mehr. Ich will mit Dir gehen, wenn auch nicht in die Schlacht, doch ſo nahe wie ich kann. Ich habe meines Vaters Erlaubniß; die Krie⸗ ger meines Stammes werden mich vertheidigen, und ich will mich nicht mehr von meinem wiedererlangten Kleinode trennen.“ „Geh in meines Vaters Haus,“ ſagte Walter freudig.„Es iſt dem Orte ſehr nahe und Editha wird ſich ſehr freuen, Dich bei ſich zu haben.“ Otaitſa richtete ihre Augen auf den leeren Raum und ein Ausdruck zeigte ſich in ihrem Geſichte, den Walter ſchon mehr als einmal bemerkt hatte. „Weißt Du wohl, Geliebte,“ ſagte er,„daß es mir zuweilen auffällt, wie ähnlich Du unſerer lie— ben Editha biſt— beſonders wenn Du urdankendoll ausſiehſt, wie gerade jetzt?“ „Es iſt ſehr natürlich,“ ſagte Otaitſa, ſich ihm nähernd.„Du weißt nicht, daß ſie meine Couſine iſt. Meine Mutter war Deines Vaters Schweſter. — Still, kein Wort, beſonders nicht vor einem Mitgliede unſeres Stammes. Mein Vater weiß es — aber er will es nicht wiſſen, weil es unter den älteren Leuten der Nation unſeren Gewohnheiten ent⸗ gegen gehalten wird, daß Geſchwiſterkinder einander heirathen. Ich fragte Herrn Gore ſchon längſt, ob es gegen Euer Geſetz wäre; aber er ſagte nein, es wäre weder gegen Geſetz, noch Religion.— Er — 143— fragte, warum ich mich ſo eifrig darnach erkundige,“ fügte ſie lachend hinzu,„aber ich wollte es ihm nicht ſagen. Komm mit mir in mein Zimmer, da will ich Dir manche Dinge zeigen, die meiner Mutter ge⸗ hörten.— Warte, ich will erſt meine Lampe anzün⸗ den.“ Welche eine ſchöne Sache iſt die Unſchuld! wie frei, wie ungehemmt, wie ſchrankenlos! und wie traurig iſt ihr Verluſt für den Menſchen und die Ge⸗ ſellſcaft! Gewiß iſt dies die ärgſte Selaverei, der wir uns freiwillig unterwerfen und deren Bande wir um unſere eigenen Hände befeſtigen. Wer an kein Uebel denkt, weil er keines kennt, iſt der einzige freie Mann auf der Erde. Otaitſa beugte ſich nieder und zündete ihre Lampe an; dann führte ſie ihren Geliebten auf ihr Zimmer, wo ſie ſich niederſetzte und ihm manchen lange be⸗ wahrten Schatz zeigte— das Bild ſeines eigenen Vaters, ihrer Mutter, ſo wie mehrerer ihrer beider⸗ ſeitigen Verwandten und Zeichnungen ſchöner Scenen in Europa, wovon ihm einige bekannt waren, ſowie andere aus dem Lande, wo ſie ſich jetzt befanden, aber von Orten, die er nie geſehen. Da war auch eins von einem jungen, lieblichen Kinde, und Walter ſah erſt das Geſicht des Kindes und dann das heitere, glückliche Antlitz neben ihm an, und drückte ſeine Blüthe mit Wärme an ſein Herz. Das Buch auch — 144— mit dem Blutstropfen darauf erzählte den Herzen Bei⸗ der ſeine eigene Geſchichte. 1 „Und wo iſt Herr Gore?“ fragte er endlich; „er ſcheint ſeine kleine Heerde gänzlich verlaſſen zu haben, und ich bin gewiß, ich müßte ihn ſonſt wäh⸗ rend meiner Gefangenſchaft geſehen haben.“ „Er kommt jetzt zurück,“ ſagte Otaitſa.„Mein Vater wollte ihn nicht früher zurückkehren laſſen. Er fürchtete, der Athem des guten Mannes würde ſeinen eiſigen Vorſatz ſchmelzen. Er hatte eine Gewalt über den ſchwarzen Adler, die ſonſt Niemand beſaß. Ich bat und flehte vergebens. Aber wäre Herr Gore hier geweſen, ſo würde er nachgegeben haben. Der ſchwarze Adler wußte und fürchtete es, und daher ſchickte er ihn fort und wollte nicht, daß er eher zu⸗ rückkehren ſollte, als bis der Tag vorüber ſei.“ „Ich wollte er wäre jetzt hier!“ rief Walter leb⸗ haft. Otaitſa fragte warum, und er antwortete: „Um uns auf immer zu verbinden.“ Ihre Wange wurde roth; aber man hörte unten einen leiſen Fußtritt, und die Treppe hinunterblickend, ſagte ſie: „Biſt Du es, mein Vater?“ „Ich komme,“ ſagte der Häuptling. Und langſam die Treppe hinaufſteigend, trat er in das Zimmer, wo ſie ſich befanden. Seine Augen ſchweiften auf eine Weiſe im Zimmer umher, welche deutlich zeigte, daß es ihm fremd ſei, und dann rich⸗ tete er ſie auf die Bilder, die auf dem Tiſche lagen, aber nur ſchwach von der Lampe beleuchtet waren. Anfangs ſchien er ſie nicht unterſcheiden zu können; ſobald er ſie aber deutlich ſah, zog er ſeinen Mantel über ſein Geſicht und wendete ſich zur Thür. Er ſprach kein Wort— er vergoß keine Thräne, ſondern ſtieg langſam hinunter und Walter und Otaitſa folg⸗ ten ihm. Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 10 Elftes Kapitel. An jener Stelle des Champlainſees, wo er das enge Baſſin verläßt, welches er von ſeinem ſüd⸗ lichen Ende bis nördlich von Ticonderoga einnimmt, ſich zu einer größeren Waſſerfläche erweitert und die kleine Halbinſel Crown Point umgiebt, ſah man ein großes Canoe mit ſechzehn oder ſiebzehn Perſonen an Bord zu der ennadiſchen Seite hinüberfahren. Sie machten keinen Verſuch, ſich zu verbergen, ſie fuhren nicht im Schutze der Ufer fort, ſondern kühn und of⸗ fen ruderten die Indianer im Bereiche der Kanonen der franzöſiſchen Feſtung weiter und an zwei großen flachen Böten vorüber, die von mehreren leichten Ca⸗ noes begleitet waren, wovon jedes ſechs bis ſieben Mann trug, die den See hinuntergingen, auf Ti⸗ conderoga zu. Auf jedem der größeren Böte ſah man deutli — 147— die franzöſiſche Flagge; da aber das obenerwähnte Canoe gerade auf das im Beſitze der Franzoſen befind⸗ liche Ufer zufuhr, ſo ſchienen die Bewegungen deſſelben keine Aufmerkſamkeit zu erregen. Weder die Böte, noch die Canoes veränderten ihre Richtung; die Män⸗ ner an Bord der erſteren ſetzten eine laute Unterredung in halb franzöſiſcher, halb indianiſcher Sprache mit ihren dunkelfarbigen Gefährten in den kleineren Fahr⸗ zeugen fort, die ſich ſo viel wie möglich an ihrer Seite hielten. Endlich aber ſchien einiger Verdacht erregt zu werden. Vielleicht war es der Anblick einer männli⸗ chen und weiblichen Figur am Ende des Canve, de⸗ ren Kleidung ſogleich zeigte, daß ſie keinem von den indianiſchen Stämmen angehörten und auch etwas ver⸗ ſchieden waren von den canadiſchen Coloniſten oder den eingebornen Franzoſen. Die beiden Abtheilungen waren jetzt keine hundert Ellen von einander entfernt, und es ſchien zweifelhaft, ob die großen Canves ohne Weiteres an dem von Oſten kommenden Boote vor⸗ überfahren würden. Aber plötzlich erhob ſich eine laute Stimme in dem vorderſten Boote und es wur⸗ de in franzöſiſcher Sprache die Frage vorgelegt, wo⸗ hin die Anderen wollten und wer ſie wären. Die Indianer ſchwiegen, denn ſie verſtanden die an ſie gerichteten Worte nicht; aber Woodchui flü⸗ ſterte Editha lebhaft zu: 5 10* das größere Cande umringt, während das Geſchrei — 148— „Antworten Sie! antworten Sie, wenn Sie ihre Sprache verſtehen. Es iſt beſſer, in den Hän⸗ den der franzöſiſchen Offieiere, als in denen dieſer eingefleiſchten Teufel zu ſein.“ Editha hatte die Augen niedergeſchlagen und ſie waren ſo voll bitterer Thränen, daß ſie Nichts ge⸗ ſehen hatte, ſeitdem ſie das weſtliche Ufer verlaſſen hatten. Aber jetzt blickte ſie auf und ſogleich kehrte ihre Geiſtesgegenwart zurück. Freilich ſprach ſie nicht ſogleich, denn ſie fürchtete, ihre Stimme möchte das Boot nicht erreichen; aber es näherte ſich ſchnell dem Canoe und einen Augenblick ſpäter wurde die Frage gebieteriſcher und deutlicher wiederholt. „Sage ihnen, wir ſind Verbündete des großen franzöſiſchen Häuptlings,“ ſagte Apukwa, der eini⸗ germaßen die Bedeutung des Anrufes zu verſtehen ſchien;z„ſage, wir gehen zu unſerem ranadiſchen Vater.“ Und er ſtarrte ſie wild an, während er ſprach. „Wir ſind Engländer,“ rief Editha, ihre Stim⸗ me aufs Aeußerſte anſtrengend;„wir ſind Engländer und Irokeſen und gehen, ich weiß nicht wohin.“ Auf ein Signal von den Böten ſtießen die Ca⸗ noes mit außerordentlicher Schnelligkeit ab und ehe man einen Verſuch zur Flucht machen konnte, wurde der Huronen ankündigte, daß ſie endlich eine Abthei⸗ — — 149— lung alter Feinde erkannten. Mit einem teufliſchen Blicke auf Editha zog Apukwa ſein Tomahawk aus dem Gürtel, aber der Bruder der Sehlnae ſprach einige leiſe Worte zu ihm, worauf er die Waffe wie⸗ der an ihren Ort thrachte und die Männer zu rudern aufhörten, indem jedes Geſicht die Stille der völligen Gleichgültigkeit wieder annahm. Das Geſchrei und Rufen der Huronen dauerte fort und ihre Canoes kamen näher, ſo daß man nur einer Gefahr entgangen zu ſein ſchien, um einer noch größeren zu begegnen. Ihre wilden Geſichter und ihre dunklen tättowirten und bemalten Geſtalten wa⸗ ren ringsum zu ſehen, und das Tomahawk und das Meſſer wurden wie zum unmittelbaren Angriffe ge⸗ ſchwungen. Aber eins von den größeren Böten fuhr gerade unter ſie und enterte das Canoe, in welchem Editha und ihr Begleiter ſich befanden. Ein hübſch Helaldeter Mann von mittlerem Alter ſtand auf dem Vordertheile des Bootes als es näher kam und wen⸗ dete ſich zu einem Indianer an feiner Seite, welcher ein Häuptling zu ſein ſchien, und ſagte in franzöſi⸗ ſcher Sprache u ihm: „Halte Deine Leute ruhig. großer Schwan.“ Dann wurden von dem Indianer den anderen in den Canoes einige Worte in einer Sprache zuge⸗ rufen, die Editha durchaus nicht verſtand, und in einem Augenblick ſanken alle Huronen ſchweigend zu⸗ „ rück und die leichten Kähne lagen ruhig auf dem Waſ⸗ ſer oder bewegten ſich nur leicht vermöge des Anſto⸗ ßes, den ſie bereits von den Rudern empfangen hat⸗ ten. Dann nahm der franzöſiſche Officier mit graziö⸗ ſer Bewegung ſeinen Federhut ab und ſagte zu Editha: „Wollen Sie die Güte haben, mir zu erklären, Mademoiſelle, wer und was Sie ſind, und wie Sie in die Lage gekommen, in der ich Sie finde? Es iſt mir leid, genöthigt zu ſein, eine Dame aufzuhal⸗ ten; aber Sie haben zu viele Männer bei ſich, als daß ich Ihr Canoe vorüberlaſſen könnte.“ „Ich bin die Tochter eines Engländers,“ ant⸗ wortete Editha.„Ich bin mit dem Freunde, der mich von dem Hauſe meines Vaters zu dem des Ober⸗ ſten Schneider begleitete, überfallen und gefangen ge⸗ nommen worden; meine beiden Diener wurden er⸗ mordet— wenigſtens einer von ihnen, deſſen bin ich gewiß. Dieſe Indianer, die ich bei mir habe, ſind Irokeſen, die mich mit Gewalt über den See nach Canada führen, und ich zweifle nicht, daß man mich tödten wird, wenn Sie mich nicht aus ihren Händen befreien.“ „Dies iſt eine ſeltſame Geſchichte, Mademoiſelle,“ entgegnete der Officier.„Die Irokeſen und Ihre Landsleute ſind ja im Bündniſſe mit einander.“ „Ich kann es nicht erklären,“ antwortete Editha. „Es ſind freilich Irokeſen, denn ſie ſprechen keine — 151— andere Sprache, außer einige Worte Engliſch. Sie müſſen ſie über die Bedeutung ihrer Handlungen be⸗ fragen, wenn Sie Jemand an Bord haben, der ihre Sprache redet.“ Der Officier wendete ſich wieder zu ſeinem india⸗ niſchen Begleiter und richtete einige Worte in franzö⸗ ſiſcher Sprache an ihn; aber der Häuptling ſchüttelte den Kopf, zog dann ſeine Augen wieder zuſammen, um noch deutlicher zu ſehen, blickte in das Canoe und betrachtete die Geſtalten der Irokeſen genau. „Es ſind Irokeſen,“ ſagte er endlich in gebro⸗ chenem Franzöſiſch;„laß uns ſie ſelapiren.“— Auf dieſen Vorſchlag aber wollte der Officier für jetzt nicht eingehen und entgegnete lachend: „Warte ein wenig, mein Freund. Der große Schwan ſoll bald genug zu ſcalpiren haben. Wir wollen ſie mit uns ans Ufer nehmen, da werden wir vielleicht mehr erfahren. Wenn ſie wirklich Feinde ſind, ſollt Ihr Eure Geſchicklichkeit nach Herzensluſt an ihnen ausüben. Die Dame und ihre engliſchen Begleiter nehme ich aber als meine Gefangene in An⸗ ſpruch.— Erlauben Sie mir, Mademoiſelle, Ihnen behülflich zu ſein, in das Boot zu ſteigen. Sie wer⸗ den hier ſicherer ſein und können ſich auf die Ehre und die Höflichkeit eines franzöſiſchen Cavaliers ver⸗ laſſen.“ „In dieſer Hinſicht hege ich keine Furcht, mein 152— Herr,“ antwortete Editha aufſtehend. Und mit Hülſe des Officiers und Woodchuck's trat ſie in das andere Boot, welches einen flachen Boden hatte und ſchwer beladen war, ſo daß es nicht viel höher über dem Waſſer war, als das Canoe. Woodchuck folgte dicht hinter ihr, aber nicht ohne die Wuth der Honontkoh zu erregen. Sie hatten, ſeitdem das Canoe von dem Boote geentert worden, mit der äußerſten Stille da⸗ geſeſſen. Kein Glied, keinen Zug hatten ſie bewegt und für die Augen eines Beobachters, der ihre Ge⸗ wohnheiten nicht gekannt, würden ſie völlig gleichgül⸗ tig gegen Alles geſchienen haben. Einer von ihnen ſchien wirklich zu ſchlafenz denn die Sonne, die jetzt nach dem Sturme hervorbrach, ſchien ihm voll ins Geſicht, ſeine Augen waren geſchloſſen und ſein Kopf geſenkt. Aber ſobald Woodchuck ſeinen Fuß über das Bord des Bootes ſetzte, ſtießen ſie ein Geſchrei der vereitelten Wuth aus. Apukwa ſprang auf und rief einige Worte Huroniſch, die mit viel Irokeſiſch ge⸗ miſcht waren. „Halte den Mund!“ rief der franzöſiſche Offi⸗ cier mit einer gebieteriſchen Handbewegung.„Bindet ſie hinter uns an; und Ihr, großer Schwan, gebie⸗ tet Euren Leuten, ſie dicht zu umringen und darauf zu ſehen, daß ſie nicht das Tau abſchneiden und uns entgehen.“ Die Befehle wurden ertheilt, wie er es beſtimmte, ———— ð 8— — 153— und die Anordnungen getroffen; als aber Allles ge⸗ ſchehen war und das Boot ſich wieder auf dem Ser fortbewegte, berührte der Indianer den Vermel des Officiers und unterbrach ſo eine galante Anrede, die er eben an Editha zu richten im Begriff war, und ſchien ihm etwas in leiſem Tone zu erklären. „Nun, das werden wir bald entdecken,“ ſagte der Franzoſe mit heiterem Lachen.„Wenn ſie Iroke⸗ ſen ſind, die Huronen werden und unter Seiner Ma⸗ jeſtät dienen wollen, ſo können ſie ſchon für uns fech⸗ ten. Wir werden nicht zu viele Hände haben, um uns zu helfen, großer Schwan, und ſie werden eine gute Verſtärkung für unſere Abtheilung bilden. Was die Dame und ihren Begleiter betrifft, für die will ich ſchon ſorgen.“ Dann wendete er ſich mit höflichem Lächeln zu Editha, breitete ſeinen Oberrock an einer paſſenden Stelle in dem Boote aus, ließ ſie darauf niederſitzen und ſagte: „Mademoiſelle ſind viel zu reizend, um länger mit ſolchen Wilden zu reiſen. Aber darf ich den Na⸗ men dieſes Herrn wiſſen? Spriicht er nicht franzöſiſch?“ „Kein Wort, glaube ich,“ verſetzte Editha. „Das iſt ſeltſam,“ rief der Franzoſe, indem er das allgemeine Gefühl ſeiner Nation ausſprach, wel⸗ che die franzöſiſche Sprache für eine jener Segunngen Gottes hält, welche einem ſeiner Geſchöpfe verweigert zu haben ihnen ſeltſam vorkommt.„Welches iſt ſein Name?“ Es fiel Editha ſogleich ein, wenn ſie ihrem gu⸗ ten Begleiter den Namen Kapitain Brooks beilege, daß er gewiß als Kriegsgefangener würde zurückgehal⸗ ten werden, und daher antwortete ſie nur: „Er heißt8 Woodchuck.“ „Voudchick!“ rief der Franzoſe;„welch ein Name! Iſt Monſieur Vondchick bei der Armee?“ Dieſe Frage konnte Editha ohne Weiteres ver⸗ neinen, denn obgleich Brooks in ſeinem Leben bei manchem Gefecht zugegen geweſen, ſo trieb er doch das Geſchäft des Soldaten nur als Liebhaberei, was damals in den Provinzen ſehr gewöhnlich war. Dieſe Nachzügler nahmen, beſonders wenn ſie ſich ausge⸗ zeichnet hatten, von dem Schlachtfelde irgend einen Titel, als Kapitain oder Major mit, ohne je in ih⸗ rem Leben ein halbes Dutzend Soldaten commandirt zu haben. Nachdem der franzöſiſche Officier dieſe Fragen ge⸗ than und ſeine Handlungsweiſe beſtimmt hatte, war ſein nächſtes Geſchäft natürlich die Höflichkeit, und er hätte gern ſeine liebenswürdige Gefährtin während des übrigen Theils ihrer kurzen Reiſe in eine heitere und lebhafte Unterhaltung verwickelt. Aber obgleich Editha ſich ſehr beruhigt fühlte, aus den Händen der Honontkoh befreit zu ſein, ſo beſchäftigten ſie doch manche ſchwermüthige Gedanken. Die düſtere und traurige Betrachtung des Schickſals ihres Bruders— die Ungewißheit, was ihrem Vater und ihrem Ge⸗ liebten begegnen möchte— die Trennung von Allem, was ihr am theuerſten war— der Zweifel, ob ſie ſelber nicht noch jetzt als Gefangene unter Fremden würde zurückgehalten werden— alle dieſe Betrachtun⸗ gen quälten ſie ſo, daß ſie es faſt nicht ertragen konnte. Ueberdies war der Krieg in Amerika von den Franzoſen bisher nach höchſt barbariſchen Grundſätzen geführt worden, die den gewöhnlichen Anſichten jener Nation völlig widerſprachen. Die Scene, die auf die Einnahme des Fort William Henry folgte, war ein ſchwarzer, widerwärtiger Fleck, der nie aus den Gemüthern der Menſchen zu entfernen iſt; und wenn gleich ein amerikaniſcher Schriftſteller ſie als den einzigen Makel an Montealm's Charakter bezeichnet hat, ſo muß doch Cooper die verletzte Capitulation von Oswego, den Tod des tapferen de la Court und das Sealpiren und Ermorden der Kranken im Hospital vergeſſen ha⸗ ben. Alles, was wir hoffen wollen, iſt, daß dieſe Grauſamkeiten nur geſtattet, nicht begünſtigt wurden. Aber wie können wir die freiwillige Auslieferung von zwanzig Mann von der Garniſon in die Hände der Wilden, um vor den Augen des franzöſiſchen Mili⸗ tairs eines qualvollen Todes zu ſterben, als. Entſchä⸗ digung für den Verluſt von zwanzig Indianern, wo⸗ — 156— durch die Beſtimmungen der Capitulation geradezu verletzt werden? Es iſt eine Thatſache, die man nie geleugnet hat, die aber doch zu ſchrecklich iſt, um ſie zu glauben. Editha antwortete daher kurz auf die Conpli⸗ mente und ſchönen Reden ihres militairiſchen Beglei⸗ ters, und mittlerweile fuhr das Boot raſch über die Oberfläche des Sees dahin, an Crown Point vorüber und trat in den engen Theil des Champlainſees ein, der ſich von jenem Vorgebirge zu der Stelle erſtreckt, wo das tönende Waſſer, wie die Indianer den Aus⸗ gang des Georgſees nannten, in der Nähe von Ti⸗ conderoga in den größeren See fließt. Der franzöſiſche Offieier, der ſeine Bemühungen, ſie zum Reden zu bringen, vereitelt ſah, verſuchte ſein Glück mit Woodchuck, aber mit noch geringerem Erfolge, denn auf Alles, was er franzöſiſch ſagte, erhielt er kaum eine engliſche Antwort, die noch nicht einmal beſonders höflich war, da Brooks von allen thörichten Vorurtheilen ſeiner Landsleute erfüllt war und nie blos ein Franzoſe, ſondern immer ein ſchurkiſcher Franzoſe ſagte. Die Reiſe nahm ein Ende, ehe die Nacht an⸗ brach, denn das Boot hielt eine oder zwei Meilen von Ticonderoga an, und ein wenig weiter nördlich von der Stelle, wo ſich jetzt die Fähre befindet. Edi⸗ tha würde die Seene ſehr ſchön gefunden haben, wäre ihr Geiſt frei geweſen, um ſich derſelben zu erfreuen; denn vorn ſah man die Spitzen mehrerer ſteilen Höhen um das franzöſiſche Fort. Auf der einen Seite wech⸗ ſelten dieſe reichen Ländereien zu jener Zeit mit zer⸗ ſtreuten Maſſen des Waldes ab, obgleich jetzt vor⸗ trefflich eultivirt und als das Gebiet von New Hamp⸗ ſhire bekannt, und weſtlich ſah man ein fruchtbares Land, welches ſich nach und nach zu dem Fuße des Mohigangebirges erhebt. Die zur Landung gewählte Stelle war eine ab⸗ geſchiedene Bucht im Walde, wo die Felſen durch den Boden hervorragten und ſich allmählig ins Waſ⸗ ſer tauchten. Die Böte und Canoes wurden alle ſchnell ans Land gezogen; der Befehlshaber der Abtheilung half Editha mit zarter Sorgfalt beim Ausſteigen und gab dann ſeinen Leuten Befehl, ihm zu folgen, was mit Schnelligkeit und Beſtimmtheit geſchah. Die Wilden, unter dem Befehle ihres Häuptlings, tru⸗ gen Sorge für ihre indianiſchen Gefangenen und wi⸗ derſtanden mit nicht geringer Anſtrengung der mächti⸗ gen Verſuchung, ſich ihre Scalps anzueignen. Als Alle gelandet waren, wurden die Canoes in ein Verſteck unter den Büſchen gezogen und die Reiſenden nahmen ihren Weg wieder den See hinauf. „Ich fürchte, Mademoiſelle,“ ſagte der franzö⸗ ſiſche Officier, deſſen Leute ſich etwa auf ſechzig oder ſiebzig beliefen,„ich muß Sie bemühen, einen etwas ermüdenden Spaziergang von vier oder fünf Meilen zu machen— wenigſtens ſagt man mir, daß die Ent⸗ fernung ſo weit iſt, denn ich war ſelber nie hier und kenne den Weg nicht.“ „So gehen wir alſo nicht nach dem Fort Ti⸗ conderoga?“ fragte Editha. „Nicht ſo,“ verſetzte der Officeier;„wir gehen ein wenig weiter und ich werde keine Gelegenheit ha⸗ ben, Sie noch dieſen Abend mit einer zuverläſſigen Abtheilung in das Fort zu ſchicken. Die Indianer könnten freilich entbehrt werden— wenigſtens ſo viel wie nöthig ſind, um Sie zu geleiten— da ich aber ihre Gewohnheiten kenne, ſo fürchte ich, Sie möch⸗ ten nicht ganz ſo ſicher unter ihrem Schutze ſein, wie unter dem meiner Musketiere, mit Ihrem ergebenen Diener an der Spitze. Wir wollen verſuchen, dieſe Nacht ſo viel wie möglich für Ihre Bequemlichkeit zu ſorgen, und ich zweifle nicht, daß morgen in aller Frühe ein höherer Officier kommt, welcher die Ehre haben wird, Sie in das Fort zu geleiten.“ „So habe ich mich alſo als eine Gefangene zu betrachten?“ fragte Editha in kaltem Tone.„Ich wußte nicht, daß es die Gewohnheit der franzöſiſchen Officiere iſt, Frauen gefangen zu nehmen.“ „Nein,“ verſetzte der Franzoſe mit graziöſer Ver⸗ beugung;„wir ſelber ſind häufiger ihre Gefangenen; aber, meine liebe Dame, innerhalb der Grenzen die⸗ ſer Garniſon habe ich ſelber kein Commando— ich handle nur unter Befehlen und bin durchaus genöthigt, Sie und Ihren Begleiter, Monſieur Voudchick, an den Commandanten der Feſtung zu ſchicken, der ge⸗ wiß handeln wird, wie es ihm paſſend ſcheint. Ich bedaure nur, daß ich es nicht ſogleich thun kann; aber meine Befehle ſind ſtrenge, mein Weg iſt mir vorgeſchrieben und ich ſoll ſo ſchnell wie möglich über dieſe kleine Halbinſel eilen, ohne mich der Feſtung zu nähern. Es iſt allerdings ein weiter Weg; wenn Sie ſich aber ermüdet fühlen, ſo können mteine Leute leicht eine Sänfte machen und Sie tragen. Wo wir hinkommen, werden wir einige Vorbereitungen zu un⸗ ſerer Aufnahme gemacht finden, olbgleich ich fürchte, daß ſie nicht beſonders paſſend für Sie ſein werden.“ Editha ſah deutlich, daß jede Vorſtellung ver⸗ gebens ſei, und indem ſie ſagte, ſie würde es vor⸗ ziehen, zu Fuße zu gehen, nahm ſie Woodchucks Arm und erklärte ihm unterwegs Alles, was zwiſchen ihr und dem Franzoſen geſprochen worden. „Ich denke, er will einen Hinterhalt legen,“ ſagte Woodchuck.„Wenn das iſt, Miß Prevoſt, muß unſere Armee in der Nähe und wir nicht lange in ihren Händen ſein. Gebe der Himmel, ich könnte von ihnen weg und hätte ein Pferd, um mich zu tragen,“ fügte er gedankenvoll und mit einem Seuf⸗ zer hinzu.„Aber der Wunſch iſt vergebens. Gott — 160— kennt ſeine eigenen Wege am beſten! Die Huronen ſehen ganz ſo aus, als wollten ſie die Oneida's freſ⸗ ſen. Gebe Gott, daß es ihnen bei uns nicht auch einfallen möge!“ So redend, nahm er den Platz ein, der ihm und Editha in dem Zuge angewieſen wurde. Eine Anzahl Indianer ging voran, mehrere kleine Abthei⸗ lungen hielten ſich an den Seiten und der kleine Trupp franzöſiſcher Infanterie marſchirte zwei Mann hoch, denn der Fußweg war nur gerade breit genug dazu. Woodchuck und Editha folgten ihnen und dann kam der franzöſiſche Officier mit dem Indianer, den er den großen Schwan nannte, dann die indianiſchen Gefangenen, ſowie eine große Quantität Gepäck, wel⸗ ches die Männer auf den Schultern trugen, und die übrigen aus Huronen beſtehenden Hülfstruppen. Es herrſchte jetzt Dämmerung im Walde, und länger, als eine Stunde, nachdem ſich die Dunkel⸗ heit auf die Erde niedergeſenkt hatte, wurde der lang⸗ weilige und gefährliche Marſch fortgeſetzt. Einmal kam man über einen kleinen Fluß, indem Woodchuck ſeine ſchöne Begleiterin auf ſeine rüſtigen Arme nahm und ſie wie ein kleines Kind hinüber trug. Es ging nichts Bemerkenswerthes vor, als die langſame und leiſe Unterredung im Hintergrunde, was Editha zu dem Glauben brachte, daß die Irokeſen, die ſie ge⸗ fangen genommen, einige von der anderen Abtheilung — 161— von Eingeborenen gefunden, mit welchen ſie ſich un⸗ terhielten; aber ſie konnte Nichts von dem unterſchei⸗ den, was geſprochen wurde. Ermüdet und erſchöpft von der Anſtrengung, war der Anblick eines Feuers, welches endlich durch die Zweige ſchimmerte, außerordentlich angenehm für ihre Augen, und eine oder zwei Minuten ſpäter ſtellte ſich eine Scene dar, welche unter anderen Umſtänden öde und unerfreulich genug erſchienen ſein möchte, die aber nach dem weiten und ermüdenden Marſche einen heiteren und angenehmen Anblick gewährte. Der Fußweg, den ſie verfolgt hatten, endete mit einem kleinen freien Raume, auf drei Seiten von niedrigen Erdwällen umgeben, die nicht ſehr regel⸗ mäßig, aber offenbar von einer erfahrenen militairi⸗ ſchen Hand vorgezeichnet waren. Die äußere Ober⸗ fläche dieſer Werke war theilweiſe von einem Dickicht verborgen, und große Sorgfalt hatte man angewen⸗ det, nicht nur die Dornen und Brombeerſträuche zu er⸗ halten, ſondern jede Lücke in dem Gebüſche mit Fichten⸗, Tannen⸗ und Ahornzweigen ausgefüllt. Innerhalb dieſes Naumes war der Boden theilweiſe abgeräumt, ob⸗ gleich man zwei oder drei von den größeren Bäumen hatte ſtehen laſſen, damit die Leere von außen nicht ſichtbar ſein möge. In der Mitte des Raumes hatte man eine Anzahl roher Hütten von kleinen gefällten Bäumen und Zweigen errichtet, und vor einer der⸗ Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 11 — 162— ſelben, die etwas größer war, als die übrigen, ſtand eine Schildwache, die in dem Augenblick, als Editha ankam, das Gewehr präſentirte, während die ankom⸗ menden Soldaten ſich im Viereck aufſtellten. Hinter den Soldaten und zwiſchen ihm und der Hütte brannte ein großes helles Feuer, welches machte, daß ſeine dunkle Geſtalt ſcharf gegen die Flamme abſtach. „Ol dies iſt gut,“ ſagte der franzöſiſche Haupt⸗ mann in beruhigtem Tone.„Der Commandant hat gut für uns geſorgt. Mademoiſelle, ich heiße Sie in meiner Redoute willkommen und werde das Mög⸗ lichſte thun, damit Ihnen der Abend angenehm ver⸗ gehe. Nun bringt das Gepäck herbeiz ſagt dem Koch, daß er das Abendeſſen bereite, und Du, Pierrot, ſorge dafür, daß die Hütte für die Bequemlichkeit dieſer jungen Dame eingerichtet werde. Ich hatte darauf ge⸗ rechnet, dieſe Nacht ſehr bequem auf einer Bärenhaut zu ſchlafen; aber ich trete ſie Ihnen ſehr gern ab, Mademoiſelle, in der Hoffnung, daß Sie eine gute Nachtruhe haben werden.“ Editha hätte es gern abgelehnt, das ſo hoch an⸗ gerechnete Opfer anzunehmen; aber der Kapitain be⸗ ſtand darauf, und ſein Diener, den er Pierrot nannte, beſchäftigte ſich ſogleich mit wahrhaft franzöſiſcher Ge⸗ ſchicklichkeit und Gewandtheit mit den Vorbereitungen zu ihrer Bequemlichkeit. Während Editha auf einem Baumſtamme ſitzend wartete, bis Alles bereit war — 163— und während eine Gruppe von Nachzüglern das Ge⸗ päck öffnete, welches man eben von den rüſtigen Schul⸗ tern der Träger genommen, rief der franzöſiſche Of⸗ ficier ſeinen Freund den Huronenhäuptling zur Bera⸗ thung herbei. Apukwa und die andern Oneidas wur⸗ den, von zwei jungen Huronen begleitet, die es un⸗ ternahmen, als Dolmetſcher zu dienen, vor ihn ge⸗ führt. Es wurden ihnen viel Fragen vorgelegt und bei der Unbekanntſchaft des Kapitains mit den indiani⸗ ſchen Sitten, ſo wie bei der Unkenntniß der Sitten der Franzoſen und Irokeſen auf Seiten der Dolmetſcher ſchien der würdige Officier in großer Verlegenheit zu ſein, was dies Alles bedeute. Endlich aber, nachdem er den großen Schwan leiſe befragt hatte, rief er: „Sagt ihnen, wenn ihre Erzählung wirklich wahr iſt— obgleich ich meine Zweifel hege, denn ich hörte noch nie von Freimaurern unter den India⸗ nern, und das müſſen die Honontkoh ſein— aber wenn ihre Erzählung wirklich wahr iſt, ſo können ſie hier bei uns bleiben und ihre Anhänglichkeit an Seine Majeſtät Ludwig den Funfzehnten, König von Frank⸗ reich, dadurch beweiſen, daß ſie an unſerer Seite ge⸗ gen die Engländer fechten. Sie müſſen indeß ſorg⸗ fältig beobachtet werden,“ fügte er mit leiſer Stimme, als ob er mit ſich ſelber rede, hinzu. 3 11* — 1641— Apukwa hörte die Ueberſetzung ſeiner Worte und ſagte etwas dagegen, indem er auf Editha und ihren engliſchen Begleiter deutete, mit einem Blicke, der nicht zu verkennen war. „Nichts dergleichen,“ antwortete der franzöſiſche Officier, ohne die Worte abzuwarten, welche folgen ſollten.„Sagt ihnen, es ſei nur eine Wahl; ent⸗ weder ihre Geſchichte und ihre Treue zu beweiſen und an unſerer Seite zu fechten oder unter dem Feuer die⸗ ſer Herren zu fallen.“ Und er legte ſeine Hand auf einen Haufen Mus⸗ keten, der dicht neben ihm ſtand. Dieſe Andeutung war genügend. Die Honont⸗ koh willigten ein, ohne weitere Bedingungen dazublei⸗ 9„ oh gung 3 ben und zu fechten; und dann ertheilte der Franzoſe ſeinen eigenen Soldaten und den Huronen, von wel⸗ chen er pünklicheren Gehorſam zu erwarten hatte, ſtrenge Befehle, ihre ſehr zweifelhaften Bundesgenoſ⸗ ſen beſtändig im Auge zu behalten. Dann ſchien er jeden Gedanken an die Sache zu verbannen, wendete ſich zu Editha, die ſchon in der Hütte war, und ſagte: „Ich hoffe, Mademoiſelle, Pierrot hat gut für Sie geſorgt?“ „Mit aller Geſchicklichkeit und Höflichkeit eines — 165— Franzoſen, mein Herr,“ antwortete ſie, da ihr die Aufmerkſamkeit und faſt väterliche Freundlichkeit des alten Soldaten, der die Anordnung in der Hütte ge⸗ troffen, ſehr gefiel. „Da Sie jetzt die Mittel zur Ruhe haben, ſo bleibt Nichts weiter übrig, als Sie mit Speiſen und Getränken zu verſeben,“ ſagte der Offieier.„Ich ſehe ſie haben mein Tiſchtuch dort auf dem Graſe ausgebreitet. Wollen Sie und Ihr Freund an mei⸗ ner Mahlzeit theilnehmen? Bitte, machen Sie ihm meine Worte verſtändlich.“ Woodchuck nahm die Gaſtfreundſchaft des Fran⸗ zoſen gern an; aber Editha wollte Nichts weiter, als ein wenig Brod und Wein annehmen, indem ſie an⸗ führte, ſie bedürfe der Ruhe mehr als alles Uebrige. Der franzöſiſche Offieier aber wollte ſich nicht zufrie⸗ den geben und brachte ihr mit eigenen Händen ein ſchmackhaftes Gericht, welches einer pariſer Mittags⸗ tafel Ehre gemacht haben würde, ein wenig guten Wein und was ihr noch ſchätzbarer war, eine kleine Lampe. Dann ſchloß er die Thür der Hütte und kehrte zu ſeiner Mahlzeit mit Woodchuck zurück, mit welchem er eine halbe Stunde lang eine Unterhaltung durch Winke und Nicken führte, wovon die Hälfte Beiden wahrſcheinlich unverſtändlich war. Dann nahm der Franzoſe eine andere Hütte in Beſitz und lud 166— Woodchuck ein, dieſelbe für die Nacht mit ihm zu theilen. Aber der rüſtige Waidmann lehnte jedes andere Obdach, als das Himmelsgewölbe, ab; und ſich vor Editha's Thür ausſtreckend, war er bald in tie⸗ ien Schlummer. Zwölftes Kapitel. Wir müſſen auf eine ſehr kurze Zeit zu der Stelle zurückkehren, von wo die Oneidas ſich mit Editha auf den Weg machten, um ihre unglückliche Reiſe zu dem Champlainſee anzutreten, und zwar zu demſelben Augenblick, als ihr Canoe das Ufer ver⸗ laſſen hatte. Das lange Haus der fünf Nationen, wie ſie ihr Gebiet zu nennen beliebten, erſtreckte ſich von den großen Scen und einem weſtlichen Punkte zu den Ufern des Hudſon, des Horicon und Cham⸗ plainſees; aber wie es immer bei Grenzländern der Fall iſt, wurde das Gebiet oft von wandernden oder räuberiſchen Banden, ſo wie von Verbannten der Huronen und anderer Nationen unter der Herrſchaft Frankreichs oder von den Jrokeſenſtämmen, welche England zugethan waren, überſchritten. Die eigen⸗ thümlichen Gewohnheiten und Geſetze der indianiſchen — 168— Stämme machten die Vereinigung der Flüchtlinge mit anderen Nationen ſehr leicht, obgleich die Sprache der fünf Nationen eine gänzlich verſchiedene von der Sprache der Stämme zu ſein ſchien, welche urſprüng⸗ lich die Seeküſte von Amerika bewohnten. So waren am weſtlichen Ufer des Champlainſees nicht wenig ächte Huronen zu finden, und während der erfolgrei⸗ chen Feldzüge Frankreichs gegen England waren dieſe ein wenig weiter in das Gebiet der Irokeſen einge⸗ drungen, wobei ſie durch den gefürchteten Namen Maontealm's unterſtützt wurden. Mit einigen von dieſen ſchienen Apukwa und ſeine Genoſſen in ein ſchweigendes Bündniß getreten zu ſein, und auf ihre Wohnung zu hatten ſie, nach ihrem Angriffe auf Editha und ihre Begleitung, ihre Schritte gerichtet, in der Erwartung, leicht ein Ca⸗ noe zu finden, womit ſie über den See ſetzen könn⸗ ten. Anfangs ſahen ſie ſich in ihrer Erwartung ge⸗ täuſcht, denn die Barken, die am Tage zuvor dort geweſen, waren fort; und als ſie das Canoe fanden, in welchem ſie endlich ihre Reiſe begannen, wollte der habſüchtige Mann, dem es gehörte, es ihnen nicht laſſen, ohne viel zu handeln, und ſie mußten einen beträchtlichen Theil von den Schmuckſachen her⸗ geben, die ſie unter Editha's Gepäck gefunden, ehe der Hurone ihnen das zu leihen einwilligte, was ſie nicht mit Gewalt zu nehmen wagten. — 469— So verging mehr als eine Stunde, ehe ſie ab⸗ ſtießen, und daß ſie ſo kühn vor den franzöſiſchen Böten vorüber fuhren, war mehr eine Sache der Nothwendigkrit, als der Wahl, obgleich ſie einen gu⸗ ten Empfang von den Feinden England's nicht be⸗ zweifelten. In dem Augenblick aber, als das Canoe auf das Waſſer hinausfuhr, kam ein großes ſchwar⸗ zes Weib aus den Büſchen hervor, die auf dem nie⸗ drigen Vorſprunge ſtanden, unter welchem das Fahr⸗ zeug gelegen, und begann mit allen Zeichen des Kum⸗ mers und der Angſt ihre Hände zu ringen. „O! was wird der arme Maſſa anfangen?“ rief ſie in kläglichem Tone.„Sein Sohn getödtet, ſeine Tochter geſtohlen und Chando niederhauen. Ach! wehe mir! wehe mir! Was ſollen wir Alle anfangen?“ Ihr unbeſonnener Ausbruch des Kummers wäre beinahe verderblich für die arme Schweſter Bab gewe⸗ ſen. Der alte Hurone hatte ſich ruhig zu einer Hütte von Birkenrinde gewendet, die in der Nähe im Walde ſtand und würde die arme Negerin nicht bemerkt ha⸗ ben, wenn ſie den Ausdruck ihrer Sorgen auf bloße Geberden beſchränkt hätte; aber ihr Stöhnen und ihre Ausrufungen erreichten das Ohr des Wilden, und er wendete ſich um und ſah ſie deutlich dem Canve nach⸗ blicken. Ohne weitere Veranlaſſung, als die ihm der Blutdurſt gewährte, ſchlich er ſich leiſe mit der ge⸗ — 170— räuſchloſen Bewegung, die ſeinem Geſchlechte eigen iſt, durch die Bäume, machte einen Umweg, um ſeine Annäherung zu verbergen, und befand ſich hinter dem armen Weibe, gerade als ſie das Canone, welches ihre junge Gebieterin davontrug, von den franzöſiſchen Böten umringt ſah. Der nächſte Augenblick wäre ihr letzter geweſen, denn der Indianer war nur drei Schritte entfernt, als ſich plötzlich eine große Klapperſchlange auf ſeinem Wege erhob und machte, daß er einen Schritt zu⸗ rückwich. War es nun das leiſe aber nicht zu ver⸗ kennende Geräuſch der Schlange, oder die Bewegung des Huronen, als er ſich plötzlich zurückzog, die arme Negerin wendete plötzlich ihren Kopf um und ſah ihre Gefahr. Mit wildem Schrei ſtürzte ſie auf den See zu. Der Wilde ſprang ihr mit gellendem Rufe nach; und wenn gleich alt, hatte er noch viel von der indiani⸗ ſchen Leichtfüßigkeit. Er trieb ſie auf das Ufer zu und beabſichtigte jeden Augenblick ſein Beil auf ſie zu werfen, wenn ſie ſich rechts oder links wende. Aber Schweſter Bab beſaß Eigenſchaften, die ſeinem Stamme keine Schande gemacht haben würden, und während ſie mit der äußerſten Schnelligkeit lief, wich ſie ihm beſtändig aus. Da war kein Baum, kein Strauch, kein Steinhaufen, der ihr nicht einen augenblicklichen Schutz gewährte, und ſie benutzte jede Ungleichheit des Bodens. Bald wendete ſie ſich raſch um den Vorſprung des Hügels, bald, als das To⸗ mahawk gerade mit unheilvoller Sicherheit weggeſchleu⸗ dert werden ſollte, ſprang ſie ein Ufer hinunter, ſo daß der Indianer inne hielt. Dann ſtürzte ſie ſich, mit dem Kopfe voran, gleich einer Schlange, durch das dichte Buſchwerk und erſchien wieder an einer ver⸗ ſchiedenen Stelle, als wo man ſie erwartet hatte. Noch immer aber trieb er ſie auf den See zu, auf eine Stelle los, wo die Ufer niedrig waren, und wo er ſich überzeugt hielt, daß er ſie einholen werde. Dennoch eilte ſie auf den Sre zu, blickte zur Rechten und zur Linken und ſah mit Beſtürzung, daß ie Ufer zu beiden Seiten abgerundet waren und eine kleine Bucht bildeten, in deren Mitte ſie ſtand. Sie blieb einen Augenblick wie in Verzweiflung ſtehen. Der Hurone ſprang ihr mit wildem Geſchrei nach und er⸗ griff das Tomahawk, um den unheilvollen Schlag zu führen. Aber Schweſter Bab war noch nicht in ſeiner Macht, und mit kühnen Satze ſprang ſie von dem Ufer ins Waſſer. Ihre ganze Geſtalt verſchwand au⸗ genblicklich und wenigſtens eine Minnte ſtand ihr wil⸗ der Verfolger da, und ſah mit Ueberraſchung und Täuſchung auf den See hin, als plötzlich in der Entfernung von zwanzig bis dreißig Schritten ein ſchwarzer Gegenſtand erſchien und ebenſo ſchnell wieder — 172— unterſank. Einige Augenblicke ſpäter kam das wackere Weib in noch größerer Entfernung wieder zum Vor⸗ ſchein, und dann ruderte ſie leicht nach Süden zur. Durch die Verfolgung und Täuſchung nur noch mehr aufgeregt, lief der Hurone raſch am Ufer dahin, indem er ſie leicht zu ermüden oder ihr den Weg ab⸗ zuſchneiden dachte; aber in ihrer Kindheit hatte ſie in ihrer Heimath mit den ſonnigen Wogen geſcherzt, und entfernte ſich immer weiter von ihm. So ruhig war ſie, daß ſie ihre Augen von ihrem Verfolger abwen⸗ dete und in der Richtung über das Waſſer hinblickte, wohin ſie ihre geliebte junge Herrin hatte führen ſe⸗ hen, und ſie hatte die Genugthuung, das Canoe, worin ſie ſich befunden, von einem der franzöſiſchen Böte im Schlepptau fortziehen zu fehen. Warum ſie ſich freute, wußte ſie kaum, denn ihre Anſichten über folche Dinge waren nicht ſehr beſtimmt; aber Alles ſchien beffer, als in den Händen der Mörder des ar⸗ men Chando zu bleiben. Siie dachte noch an Editha und ſagte ſich ſelber: „Es ſoll mich wundern, wohin ſie ſie bringen werden! Vielleicht würde ich ſie einholen, wenn jene Rothhaut nur aufhören wollte, am Ufer dahinzulau⸗ fen, damit ich landen und über den ſchmalen Vor⸗ ſprung gehen könnte. Er mag laufen, wie er will, — 173— der Teufelskerl! Er kann Bab nicht fangen. Ich will wieder untertauchen. Er wird glauben, daß ich er⸗ trunken bin.“ 7 Ihr Entſchluß wurde augenblicklich ausgeführt; und war es nun, daß ihre Liſt gelang, oder daß der Hurone nicht die gewöhnliche indianiſche Beharrlichkeit beſaß und die Verfolgung aufgab, als ſie wieder an die Oberfläche kam, ſah ſie ihn auf den Wald zuge⸗ hen, als wollte er zu ſeiner Hütte zurückkehren. Aber Bab hatte Vorſicht gelernt, und ſie verfolgte ihren Weg zu der kleinen Halbinſel, wo das franzöſiſche Fort Crown Point ſtand, welches zu der Zeit, wo⸗ von ich rede, faſt gänzlich ſeiner Garniſon beraubt worden war, um Ticondervga zu verſtärken. Sie wählte ihre Stelle daher mit großer Sorg⸗ falt; denn obgleich ſie ſich auf ihren Wanderungen mit dem Lande wohl bekannt gemacht hatte, wußte ſie doch Nichts von den letzten Bewegungen der Trup⸗ pen und bildete ſich ein, daß die frauzöſiſchen Poſten noch ſo weit über die Wälle der Feſtung hinaus⸗ gingen, wie ſie früher gethan. Eine kleine bewaldete Inſel, die kaum von dem feſten Lande getrennt war, ſchützte ihre Annäherung, und ſobald ihr Fuß das Ufer berührte, eilte ſie in den Wald und wählte den Fußweg, der in ſüdlicher Richtung dahinführte. Das kleine Vorgebirge war bald überſchritten, und wieder erblickte ſie die franzöſiſchen Böte, die noch das Eanoe, — 174— wobei ihre Gedanken beſtändig weilten, im Schlepp⸗ tau hatten. Der kurze Aufenthalt der franzöſiſchen Partei und der Vortheil, den ſie gewann, indem ſie den Vorſprung geradezu überſchritt, begünſtigte ſie ein wenig, und ſie lief raſch weiter, bis ſie die Mündung eines klei⸗ nen Fluſſes erreichte, der jetzt Putnam's Creek heißt. Dieſer war von dem Regen, der an dem Tage ge⸗ fallen, angefchwollen, und ſie blieb einen Augenblick ſtehen und ſah das rauſchende und wirbelnde Waſſer herunterkommen, indem ſie bezweifelte, daß ſie noch Stärke genug haben würde, um hinüberzuſchwim⸗ men. Jetzt waren die Böte ein wenig voraus, und als ſie ihnen nachblickte, kam ſie natürlich zu dem Schluſſe, daß ſie zu dem Orte beſtimmt wären, den ſie nach indianiſcher Weiſe Cheeconderoga nannte. Plötzlich aber, als ſie hinausblickte, bemerkte ſie, daß ſie ihre Richtung veränderten, und bald wurde es klar, daß ſie beträchtlich nördlich von der Feſtung zu landen beabſichtigten. Sie lief an dem Fluſſe hinauf, bis ſie einen Ort fand, wo ſie durch konnte, verfolgte dann feinen indianiſchen Fußpfad durch die Wälder, ein wenig weſtlich von der gegen⸗ wärtigen Richtung des Weges, und erreichte endlich eine Erhöhung, faſt Shoreham gegenüber— ein Vor⸗ ſprung des Monnt Hope, wo ſie noch einmal den * 4 — 175— See erblickte, gerade als die franzöſiſchen Truppen und die Indianer landeten. Ungeachtet ihrer großen Stärke war die arme Negerin jetzt ſehr ermüdet; doch jene beharrliche Liebe, welche einer der glänzendſten Züge ihres unglücklichen Geſchlechts iſt, hielt ſie aufrecht. „Wenn ich ſie nur wiederſehen kann,“ dachte ſie,„ſo kann ich noch vor Anbruch der Nacht dem alten Maſſa Nachricht bringen, wo ſie iſt.“ Von dieſem Gedanken ermuthigt, drang ſie, ohne anzuhalten, weiter vor. Aber die Nacht überfiel ſie, ehe ſie mehr von dem Trupp geſehen hatte, und der Muth der armen Bab begann zu ſinken. Lang⸗ ſamer ging ſie weiter und war ungewiß, ob ſie auf dem rechten Wege ſei, und in der Einſamkeit, in der Dunkelheit und in den dicht verwachſenen Wäldern beſchlich ſie eine Furcht, die ihrer Bruſt ſonſt fremd war. Endlich aber glaubte ſie Stimmen in der Ferne zu hören, und einige Minuten ſpäter befand ſie ſich am Ufer eines kleinen Baches. Sie blieb ſtehen und horchte; die Stimmen waren jetzt deutlich, und ohne Zaudern ſchritt ſie hinüber iind näherte ſich vorſichtig der Stelle, von wo die Töne herkamen. Einige Au⸗ genblicke ſpäter erregte das Flackern eines Feuers durch die Bäume ihre Aufmerkſamkeit, und immer vorſichti⸗ ger ſchlich ſie auf allen Vieren durch das niedrige Buſchwerk, indem ſie noch immer den Schein des Feuers bemerkte, aber nicht im Stande war, genau den Ort zu entdecken, von wo es kam. Als ſie wei⸗ ter ſchlich, berührte ſie eine kleine abgehauene Fichte mit der Hand, und dann einen Haufen aufeinander geworfener Zweige. Und nun begann Schweſter Bab zu entdecken, was eigentlich vorging. „Es muß ein ſogenannter Hinterhalt ſein,“ dachte ſie; und ſich ein wenig erhebend, bemerkte ſie, daß ſie dicht bei einem Erdwalle ſei, über welchen das Licht des Feuers hereinſtrömte. Di Töne der Stim⸗ men waren jetzt deutlich zu hören; aber ſie konnte keine Silbe verſtehen, denn es ſchien ihr, als wenn ſie zwei oder noch mehr verſchiedene Sprachen redeten, die ihr alle fremd waren. Einmal glaubte ſie Edi⸗ tha's Stimme zu hören; doch redete ſie eine fremde Sprache; und obgleich der Erdwall nur ſchulterhoch war, wagte ſie anfangs nüch ſich zu ihrer ganzen Höhe zu erheben, um hinübe Buſehen, Endlich aber wurden einige Worte engliſch ge⸗ ſprochen und die Stimme, welche ſie für Editha's Stimme hielt, war deutlich genug zu hören, und ſagte: „Dieſer Herr fragt Sie, ob Sie nicht gehen und mit ihm zu Abend ſpeiſen wollen, wo ſeine Leute dort das Tiſchtuch ausgebreitet haben.“ Länger konnte Bab nicht widerſtehen; ſie erhob — — 177— ihre Augen über die Bruſtwehr und blickte in die kleine, unförmlich angelegte Schanze hinein. Zur Rechten und in einem entfernteren Theile des einge⸗ ſchloſſenen Raumes befand ſich eine Anzahl Indianer, die auf dem Boden ſaßen; und neben dem bereits brennenden Feuer wurden mehrere andere unter den verſchiedenen Gruppen von Eingebornen angezündet. Ein wenig zur Linken und ſich faſt über die weſtliche Seite erſtreckend, befanden ſich die franzöſiſchen Sol⸗ daten in Gruppen von fünf oder ſechs, ihre Waffen in der Nähe aufgethürmt. Andere einzelne Abtheilun⸗ gen waren über den ganzen Platz ausgebreitet, und Schulter, zeigten ſich auf der anderen Seite de Schanze. 8 Aber die Gruppe, welche vorzüglich die Aufmerk⸗ ſamkeit des armen Weibes auf ſich zog, befand ſich zur Linken in der Nähe einer Stelle, wo einige kleine Hütten Frrichtet worden waren. Sie beſtand aus drei Perſonen — einem ſchön gekleideten franzöſiſchen Offizier, einem Manne in der Uniform eines Soldaten, der aber ſeine Waffen abgelegt hatte, und endlich einem kräftigen Manne in einem gelblich braunen Jagdhemd, den Schweſter Bab ſogleich als ihren alten Bekannten Woodchuck erkannte. Dieſer Anblick war völlig genug; und ſich wieder un⸗ ter den Büſchen niederlaſſend, ſchlich ſie langſam zu einer kleinen Entfernung und legte ſich dort nieder, Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 12 zwei Schildwachen, jede mit einer Muskete auf der ge 3 um zu bedenken, was zunächſt zu thun ſei. Anfangs gerieth ſie in Verſuchung, in die franzöſiſche Schanze einzutreten und bei ihrer jungen Gebieterin zu bleiben. Mehrere Rückſichten ſchienen für dieſe Handlungsweiſe zu ſprechen, und mag es der armen Bab nicht zum Tadel gereichen, daß der Hunger und die angenehmen Gerüche, die über den Wall herüberwehten, nicht ohne ihren Einfluß waren. Dann aber dachte ſie: „Wenn ich es thue, wie ſoll der alte Maſſa je erfahren, wo Miſſy iſt?“ Und dieſe Erinnerung ſetzte ſie in den Stand, der ſtarken Verſuchung zu widerſtehen. „Ich will hier bleiben und mich ausruhen, bis der Mond aufgeht,“ dachte das arme Weib.„Ich weiß, ſie müſſen jetzt den See heraufkommen und ich kann ſie vor morgen früh einholen.“ Um zu verhindern, daß ſie zu lange ſchlafe wenn der Schlummer ſie überraſchen ſollte, ſchlich ſie weiter aus dem dichten Walde und ſetzte ſich auf einem freie⸗ ren Platze nieder, wo ſie ihre Hände über ihre Kniee faltete, aber von weiter Nichts unterſtützt wurde. Ver⸗ ſchiedene Befürchtungen ſtellten ſich ihrem Geiſte dar, als ſie ſo daſaß, aber die Ermüdung war mächtiger, als das Denken, und in wenigen Augenblicken nickte ſie mit dem Kopfe. Anfangs erwachte ſie oft; aber als ſie feſter ſchlief, neigte ſie ſich vorwärts, bis ihre Stirn auf ihren Knieen ruhte. Es iſt auch wahr⸗ —,— — 179— ſcheinlich, daß ſie träumte, denn in den nächſten zwei Stunden kamen mehrere abgebrochene Sätze in leiſem Gemurmel von ihren Lippen. Endlich aber erwachte ſie plötzlich und bemerkte, daß der Mond den ganzen Himmel nach Oſten hin verſilberte, obgleich einige ſteile Höhen die glänzende Scheibe noch verdunkelten. Bab ſaß verwirrt da und ſah ſich um, ohne recht zu wiſſen, wo ſie w Aber die muſikaliſche Stim⸗ me des fallenden Waſſets, welches dem Ausgange des Horieonſees einen dauernden Namen verſchafft hat, unnd der großartige Umriß des Berges Defiance, durch die Bäume geſehen, zeigte ihr bald, daß ſie auf der ſchmalen Landzunge zu ſchen dem Forellenbache und dem Waſſerfalle ſei. Sie wartete bis der Mond völ⸗ lig aufgegangen war und ſchlich dann leiſe weiter, in⸗ dem ſie eine ſüdweſtliche Richtung einſchlug und faſt dem Strome des Baches folgte. Drei Stunden lang ſetzte ſie ihren Weg mit raſchem und unermüdetem Fuße fort. Sie hatte keinen Begriff davon, wie ſpät es ſei, und wunderte ſich, ob der Tag nie anbrechen werde; aber das Mondlicht war ſchön und klar und die ruhigen Strahlen, als hätten ſie Verwandtſchaft mit der Einſamkeit des Waldes, ſchienen die Zweige und grünen Blätter noch leichter zu durchdringen, als es bei dem Sonnenſcheine der Fall iſt. Bab's Furcht war jetzt beinahe verſchwunden, denn ſie wußte, daß ſie weit außerhalb der Poſten 12* — 1830— der Franzoſen und Huronen ſei, und ſie konnte nur erwarten, mit den Kundſchaftern und Vorpoſten der engliſchen Armee oder mit Abtheilungen freundſchaft⸗ licher Indianer zuſammenzutreffen; und folglich ging ſie ohne Sorgfalt oder Vorſicht weiter. Plötzlich kam ſie aus dem Walde auf eine jener niedrigen und offenen Savannahs, wovon ich beareits geſprochen habe, und nahe bei dem Orte, wo die Kohlen eines Feuers noch glommen. Das Gras war weich und ihr Schritt leicht, aber der Schlaf der Indianer iſt noch leichter, und in einem Augenblick ſprangen drei oder vier Krieger um ſie her auf. „Ich bin eine Freundin, ich bin eine Freun⸗ din!“ rief die Negerin in der Irokeſenſprache.„Wer ſeid Ihr? Mohawks?“ „Kinder des Steines,“ verſetzte der Mann, der ihr zunächſt ſtand, indem er ſie beim Mondlicht leb⸗ haft anſah.„Ich habe die ſchwarze Wolke ſchon früher geſehen. Wohnt ſie nicht im Hauſe unſeres Bruders Prevoſt?“ „Ja, ja,“ rief Schweſter Bab lebhaft.„Ich bin ſein Selavenmädchen Bab und kam mit meiner Herrin in die Oneidaburg. Aber jetzt iſt ſie bei böſen Menſchen gefangen, und ich bin entflohen, ermüdet und hungrig und beinahe todt.“ „Komm mit mir,“ ſagte der Indianer,„ich will Dich an einen Ort bringen, wo Du Ruhe haben ſollſt, um Dich zu tröſten, und Speiſe, um Dich zu ſtärken, bis der ſchwarze Adler kommt. Er wird nicht lange ausbleiben, denn er marſchirt Tag und Nacht, bis er hieherkommt, und ſeine Flügel ſind ſchnell.“ Das arme Weib ſchauderte bei dem Namen des ſchrecklichen Häuptlings, denn ſie dachte dabei an das Schickſal ihres jungen Herrn; aber ermüdet und er⸗ ſchöpft, war die Ausſicht auf Nahrung und Ruhe ein Segen, und ſie folgte ihm ſchweigend zu der anderen Seeite der Savannah. Dreizehntes Kapitel. Sechzehntauſend tapfere Männer, geführt von einem wackeren und erfahrenen General und unterſtützt von einem ſchönen, wenn auch nicht ſehr großen Ar⸗ tilleriepark, ſchienen gewiß hinreichend, um eine kleine, nicht ſehr wohl beſetzte Feſtung zu überwinden, die überdies keineswegs mit ſehr reichlichen Vorräthen verſehen war. Aber es ſchien das Schickſal der eng⸗ liſchen Officiere in Nordamerika zu ſein, ſtrenge bei allen alten Regeln zu bleiben, wo alte Regeln einer ganz neuen und gänzlich verſchiedenen Art der Krieg⸗ führung gegenüber von keinem Nutzen ſein konnten, und dieſe Regeln in Zeiten und Umſtänden zu ver⸗ laſſen, wo nur ſie zweckmäßig ſein konnten. Man hatte eine große Anzahl von flachen Böten am ſüdlichen Ende des Georgſees zuſammengebracht, — 183— bereit, die Truppen zu dem beſtimmten Angriffspunkte zu bringen, und am Morgen des dritten Julius hiel⸗ ten die erfahrenſten Officiere einen Kriegsrath, um das weitere Verfahren der Armee zu berathen. Alle hatten ſich jetzt in Fort yman, wie man dieſe Feſtung in der Provinz gewöhnlich nannte, obgleich man den Namen bereits in Fort Edward verwandelt hatte, verſammelt. General Abercrombie war in Perſon zugegen und eine Anzahl anderer Officiere erſchienen gleichfalls bei dem Kriegsrath, deren Erfahrung in der indiani⸗ ſchen Kriegführung der ſeinigen überlegen war. Es iſt viel Grund vorhanden zu glauben, daß, wäre Abercrombie's Abſicht gegen ein franzöſiſches Fort un⸗ ter franzöſiſchem Commando befolgt worden, ſo hätte man alle Operationen nach derſelben Weiſe und nach demſelben Syſtem geleitet, wie bei einem ähnlichen Unternehmen in Europa, und es wäre viel Blutver⸗ gießen und einige Schande erſpart worden. Es wurde indeſſen dem Oberbefehlshaber vorge⸗ ſtellt, daß zahlreiche Abtheilungen von Indianern auf der franzöſiſchen Seite wären und daß alle nach euro⸗ päiſchen Regeln geführten Operationen in Amerika bisher nicht gelungen ſeien, und mehr als ein bluti⸗ ges Mißgeſchick ſeinen Augen als Warnung vorgehal⸗ ten, wodurch er unglücklicherweiſe ſein eigenes beſſeres Urtheil beſtimmen ließ. Mit einem Worte, da es 9 — — — 184— bekannt war, daß jeden Tag neue Verſtärkungen in Ticondroga ankamen, daß große Abtheilungen von Indianern zur Vertheidigung des Ortes zuſammenge⸗ bracht würden, und daß man Vorbereitungen jeder Art treffe, ſo wurde beſchloſſen, einen plötzlichen und raſchen Angriff auf das Fort zu machen. Lord H. allein machte darauf aufmerkſam, daß es, nach dem, was er während der letzten ſechs Monate perſönlich erfahren, durchaus nothwendig ſei, Kanonen anzu⸗ wenden, wenn auch vielleicht ohne gehöriges Ver⸗ trauen auf ſeinen eigenen Ruf, und darum erbot er ſich, die Avantgarde zu commandiren, damit Niemand ſeine ausgeſprochene Anſicht als Furchtſamkeit auslegen möge. So früh, wie möglich, begann der Marſch auf der ſogenannten königlichen Straße, und in guter Stimmung trat ein Regiment nach dem anderen, ver⸗ trauensvoll auf ſeine Anzahl und ſeine Tapferkeit, in den Wald ein. Die regulären Truppen verfolgten die gut gebaute Straße, während Schaaren von Mo⸗ hawks zu beiden Seiten durch den Wald zogen. Die Artillerie auf den ſchweren und plumpen Wagen jener Zeit, die Karren und Bagagewagen kamen ſchwer⸗ fällig nachgerollt und eine große Schaar von Nach⸗ züglern folgte, worunter die Kundſchafter ſich befanden, die man in der Fronte viel vortheilhafter hätte an⸗ wenden können, die aber aus einem unerklärlichen Grunde bei der Expedition ſehr wenig zu thun hatten. General Abercrombie und ſein Stab nebſt mehreren höheren Offieieren folgten langſam, da ſie wohl wuß⸗ ten, daß dem Fortſchritte der Truppen kein Hinderniß begegnen werde— wenigſtens nicht auf dem erſten Tagemarſche. Zu dieſer Gruppe kamen während des Tages von allen Seiten zahlreiche Boten; einige brachten Nachrichten, daß eine neue Verſtärkung von den öſtlichen Staaten hermarſchire; einige kamen der Armee entgegen und verlangten beſtimmtere Befehle, wenn irgend eine kleine Schwierigkeit oder ein Hin⸗ derniß ſich ereignete; einige kamen von Albany mit Nachrichten aus jener Stadt, oder aus New⸗York, und mehrere indianiſche Boten aus dem Weſten, die noch wichtigere Kunde von den indianiſchen Stämmen brachten, die jetzt alle in Bewegung waren, um ihre⸗ britiſchen Bundesgenoſſen zu unterſtützen. Unter dieſen zeigte ſich der ſchweigſame Läufer Proctor mit einem Briefe an General Abererombie, der, ſobald er ihn geleſen hatte, ſich an Lord H. wendate und ſagte: „Dies iſt eine Mittheilung von Ihren Freunden den Oneidas, Mylord, aber von einem Engländer geſchrieben, der ſich Gore unterzeichnet. Er ſagt, daß eine Abtheilung von der Nation ſich bereits am weſt⸗ lichen Ufer des Sees befinde und daß die Hauptar⸗ mee unter dem ſchwarzen Adler ſelber im Laufe des — — — — ꝗ— =— — 186— Tages erwartet werde. Ich vermuthe, wir können uns daher auf unſrer linken Flanke für ſicher halten.“ „Ohne Zweifel,“ verſetzte Lord H. mit ſo ängſt⸗ lichem Blicke, daß er den Commandeur faſt zu dem Glauben brachte, als hege er Zweifel, die er nicht ausſprechen wolle. „Es iſt doch gewiß Ihre Meinung?“ fragte Abercrombie, ihn anſehend. „Freilich,“ verſetzte Lord H.;„aber ich hoffte Privatnachrichten hinſichtlich des jungen Herrn Prevoſt zu hören, deſſen beunruhigende Lage unter den Onei⸗ da's ich gegen Sie erwähnte, wenn Sie ſich deſſen erinnern.“ „Es ſteht Nichts weiter darin,“ ſagte General Abercrombie, ihm den Brief überreichend;„aber hier iſt der Bote. Wahrſcheinlich kann er Ihnen Auskunft geben.“ Lord H. wendete ſich ſogleich zu Proctor, der im kurzen Trabe neben dem Pferde des Generals her⸗ lief, und fragte ihn, ob er auf der Burg der Oneida's geweſen. Der Mann ſchüttelte den Kopf und trabte weiter. 4 „Woher kommt Ihr denn zuletzt?“ fragte Lord H. Aber Proctor erhob nur die Hand und deutete nach Nordweſten. „Wie viele Meilen?“ fragte der Edelmann, ent⸗ ſchloſſen, ihn zum Reden zu bringen. —— Aber er erhob dreimal ſeine Hände mit den ausgebreiteten zehn Fingern, ohne ſeine Lippen zu öffnen. „Hörtet Ihr unter denen, die Euch abſchickten, irgend eine Nachricht von dem jungen Herrn Prevoſt?“ fragte Lord H. Der Mann ſchüttelte den Kopf; dann hielt er aber plötzlich in ſeinem Trabe inne, als ob er ſich an⸗ ders beſinne und ſagte: „Man glaubte, ſie hätten ihn getödtet.“ Er ſchwieg, als hätte ihm das Sprechen eine große Anſtrengung verurſacht; als er aber den ſchmerz⸗ lichen Ausdruck in dem Geſichte des jungen Edelman⸗ nes bemerkte, fügte er langſam hinzu: „Sie dachten es nur. Sie wußten es nicht. Sie gingen eher fort.“ „Sahet Ihr oder hörtet Ihr von einem Manne, den Ihr unter dem Namen Woodchuck kennt— von dem Manne, den Ihr bei mir in Albany ſahet?“ fragte Lord H. Der Andere ſchüttelte den Kopf und weiter war Nichts von ihm herauszubringen. Dann wurde er zu dem Vortrabe vorausgeſchickt; aber ſeine Schweig⸗ ſamkeit gab Lord H. die Verſicherung, daß Herr Prevoſt, der ebenfalls vorausgegangen war, von dem ſchrecklichen Gerüchte, welches er überbrachte, nicht würde beunruhigt werden. 1 — 188— Es iſt unnöthig, den weiten und ermüdenden Marſch zu dem nächſten Punkte des Horiconſees zu beſchreiben. Viele von den Seenen, die in der Le⸗ bensgeſchichte des tapferen Putnam erwähnt werden, gingen auf dieſem Wege oder in der Nähe deſſelben vor, und die kühnen Waffenthaten und das glückliche Entkommen jenes tapferen Soldaten ſind noch faſt ebenſo wunderbar in unſeren Augen, wie in denen der wilden Indianer ſeiner Zeit, welche glaubten, daß er einen Zauber beſitze, der ihn unverwundbar mache. Man hatte große Schwierigkeiten zu überſtehen und große Anſtrengungen anzuwenden, um die Kano⸗ nen über einen Weg hinwegzubringen, der in der Nähe des angebauten Theils der Colonie gut genug war, aber in der Nähe des Sees in Folge der ſchwe⸗ ren Regengüſſe faſt nicht zu paſſiren war. Dennoch kam die Armee wohlbehalten bei den neu errichteten Feſtungswerken des Fort Georg an, die ein wenig öſtlich von dem denkwürdigen Fort William Henry lagen. Vermöge der Vorſicht und Sorgfalt des Gene⸗ rallieferanten fand man Alles bereit, was zur Erfri⸗ ſchung der ermüdeten Soldaten dienen konnte; eine Anzahl von hundert fünf und dreißig großen und neunhundert kleineren Böten ſah man an den Ufern des reinen und heiligen Waſſers liegen; und kaum — 189— legte ſich in jener Nacht in den Zelten ein Haupt zum Schlummer nieder, welches ſich nicht einbildete, daß Ticonderoga unvermeidlich fallen müſſe. Wie es im Lager oder auf dem Marſche ge⸗ wöhnlich war, ſpeiſte Lord H. mit ſeinen Soldaten und theilte ihre einfache Koſt; aber er brachte den Abend mit Herrn Prevoſt zu, welcher ein Quartier im Fort gefunden hatte. Beide waren ernſt; aber ein noch tieferer Ernſt hatte ſich des Lord H. bemäch⸗ tigt; denn wenn gleich durch den Geiſt des älteren Mannes beſtändig ſchmerzliche Gedanken und Bilder dahinzogen, wenn er an das Schickſal des armen Brooks dachte und ſeine Lippen zweimal unwillkühr⸗ lich:„Der arme Woodchuck,“ murmelten, ſo war doch die Gewißheit, die er wegen der Sicherheit ſei⸗ nes Sohnes fühlte, ſo groß auch das Opfer ſein mochte, ein mächtiger Troſt, obgleich er ſich die Empfindung der Freude, die er nicht unterdrücken konnte, zum Vorwurfe machte. Lord H. empfand dagegen keine ſolche Genifſſeit Seit ſeiner Unterredung mit Proctor, wenn man es eine Unterredung nennen konnte, hatte ſich ſeiner ein düſteres Gefühl der Furcht bemächtigt. Er hegte nicht den geringſten Zweifel gegen den armen Wood⸗ chuck; er war gewiß, daß er bei ſeinem Entſchluſſe bleiben würde. Auch hatte er keine Furcht, daß die Ausübung ſeines Vorhabens durch einen ſolchen Um⸗ — 190— ſtand, wie wirklich geſchehen war, würde verhindert werden. Aber er fragte ſich, ob er nicht vielleicht zu ſpät kommen könne? Man hatte ihn mit der Zeit bekannt gemacht, die der Oneidahäuptling beſtimmt hatte, bis zu welcher man einen Erſatzmann für Walter ſtellen könne und es auf die europäiſche Weiſe nach Monaten berechnet; aber ſeitdem hatte er gehört, daß das Gerücht von dem Tode des jungen Mannes unter den Indianern herrſche und war ungewiß, ob nicht ein Mißverſtändniß vorgegangen ſei. Das Ge⸗ rücht zeigte, daß einige von den Eingebornen glaubten, die Zeit ſei abgelaufen, wodurch er auf die Vermu⸗ thung kam, daß ihre Berechnung eine verſchiedene ſei. Er wußte, daß es einen ſchrecklichen Eindruck auf Editha's Gemüth machen würde, wenn ſie höre, daß ihr Bruder hätte gerettet werden können, daß er aber ſein Leben durch ein ſolches Mißverſtändniß verloren habe. Vor Herrn Prevoſt ſuchte er ſo viel wie mög⸗ lich ſeine Befürchtungen zu verbergen, da er wohl wußte, daß die ängſtliche Beſorgniß nie ein unver⸗ meidliches Uebel vermindert; und bald nach Anbruch der Nacht verließ er ihn, um in ſeinem eigenen Zelte nachzudenken. Der Himmel war klar und wolkenlos; die Sterne erſchienen ſo groß und hell, wie man ſie am europäiſchen Himmel niemals ſieht; ein leichter Wind — 191— bewegte das Waſſer des Sees und machte, daß es an den Ufern muſikaliſch ertönte, und einer von den Reiſenden ſang ein ruhiges Lied von der Heimath mit klarer und volltönender Stimme, als er in ſeiner Barke ſaß. Die Luft war milde und ſanft, wie ein Morgentraum, doch das Ganze hatte jene feierliche Ruhe, welche immer mit der Schwermuth verwandt iſt. Alle Dinge, die uns durch ihre Ruhe von der unruhigen Erde ablenken, führen das Gefühl des Schreckens von alten Freunden mit ſich. Unter dem Einfluſſe ſolcher Empfindungen ent⸗ fernte er ſich nicht weiter, als hundert Schritte von den Thoren der Feſtung und ſetzte ſich auf einen Haufen Steine nieder, die man kürzlich zu einem Gebäude behauen hatte, und gab ſich Gedanken hin, welche er gehegt haben würde, wenn er in ſeinem Zelte geweſen wäre. Sie waren trauriger vielleicht, als ſie je vorher in ſeinem Leben geweſen— ohne Vorgefühl, ohne Befürchtung hinſichtlich ſeiner ſelbſt. Aber es waren zärtlichere Sympathien, wärmere Hoff⸗ nungen, als er je während ſeines Daſeins gekannt, in ihm erwacht, und es iſt eine traurige Thatſache bei den Menſchen, wie bei Staaten, je mehr er ſeine Beſitzungen vergrößert— mögen ſie nun weltlich ſein oder dem Herzen angehören— deſto mehr ſchutzloſe Punkte bietet er ſeinen ſtets bereiten Feinden dar. Auch war er nicht mehr in der friſchen Ingend — 192— des Lebens, wo der Staub des Schmetterlings noch nicht abgewiſcht— wo Alles Freude iſt— die Ge⸗ genwart im Genuſſe— die Zukunft in der Erwar⸗ tung— und wo man die Vergangenheit vergißt. Er wußte, daß er Sorgen zu erwarten habe— er fühlte, daß ſeinem Frieden Gefahren drohten; er war ſich bewußt, wie ſchwach der Faden iſt, woran das irdiſche Glück in der Mitte des dunklen Abgrundes hängt. Freilich würde er den Segen von Editha's Liebe nicht für alle Sicherheit hingegeben haben, welche die Erde gewähren konnte; dennoch war er ſich wohl bewußt, daß ſein Herz jetzt einen verwundbaren Punkt habe, der von Waffen erreicht werden konnte, mit welchen er nie gekämpft hatte. Alles, was ſie be⸗ rührte, berührte auch ihn und die Ungewißheit von Walter's Schickſal verbreitete eine Traurigkeit über alle ſeine Gedanken. Welches wären ſeine Empfin⸗ dungen geweſen, wenn er gewußt hätte, daß er für Walter Nichts zu fürchten habe? daß er ihres Schick⸗ ſals wegen beſorgt ſein müſſe? Aber dies war ihm erſpart. Er ſaß lange da, keine Neigung zum Schlum⸗ mer unterbrach, ungeachtet der Anſtrengungen des Ta⸗ ges, ſeine Träumereien; und endlich erhob ſich der Mond über die hohen öſtlichen Hügel und zeigte eine unvergleichliche Scene der feierlichen Schönheit. So⸗ bald die Strahlen das Waſſer berührten, wurden ſie ———d—D—8õ õM)— — 193— in eine Fluth flüſſigen Silbers verwandelt: die groß⸗ artigen Formen des Klapperſchlangengebirges und ſei⸗ ner rieſenhaften Genoſſen gegen Oſten, ſowie jenes hohen Hügels, der jetzt der franzöſiſche Berg heißt, nach Nordweſten zu, die tiefen düſteren Wälder, die Mauern der Feſtung, maleriſch in ihrer rauhen Un⸗ vollſtändigkeit, die Zelte der ſchlummernden Armee und hie und da das Licht eines Wächters unter ihnen ſchimmernd und die Abhänge der näheren Hügel mit indianiſchen Feuern überſäet, bildeten eine Scene, wie ſie das Auge des Menſchen nur ſelten geſehen, wäh⸗ rend der helle Lichtſtrom ſich über Alles ergoß, ruhig und leidenſchaftslos, gleich dem Blicke, den das gute reine Weſen über die ſtürmiſche Seene des irdiſchen Lebens wirft. . Lord H. ſtand auf, und nachdem er ſich einige Augenblicke umgeſehen und die feierliche Lieblichkeit eingeſogen hatte, ging er langſam auf die geſchwaͤrz⸗ ten Ueberreſte des Fort William Henry zu. Wenig war dort zu ſehen. Montcealm hatte ſein Werk nicht unvollendet gelaſſen, denn es war Alles zerſtört und nur einige Unregelmäßigkeiten des Bodens und einige große Trümmer von Mauerwerk zeigten, wo ſo viele tapfere Männer für die Sache ihres Vaterlandes ge⸗ fochten, nur um nach der Uebergabe von einem ver⸗ rätheriſchen Feinde hingemordet zu werden. Dem Rufe nach kannte er den Platz wohl, und Ticonderoga ꝛc. 3. Bd.. 13 — 194— nachdem er ſich eine oder zwei Minuten unter den Ruinen aufgehalten, ging er die dunkle und ſchreckliche Schlucht hinunter, wo das entſetzliche Blutbad ge⸗ ſchehen war. Jeder Felſen umher hatte den gellenden Schrei der Indianer, das Stöhnen des ſterbenden Soldaten oder das Schreien der ſchutzloſen Weiber und Kinder wiedergegeben. Jeder Baum hatte unter ſeinen Zweigen die Thaten des Entſetzens und Blut⸗ vergießens geſchehen ſehen, welche jenes große Verbre⸗ chen bildeten. Die Gebeine von Hunderten lagen noch unbegraben da, und wo das Mondlicht auf die weſtliche Seite der Schlucht fiel, flatterte noch ein Stück von einem Frauenkleide, welches an einem Bu⸗ ſche hängen geblieben war, im Winde. Der Weg, auf welchem Lord H. ging, lag noch in tiefem Schatten, aber plötzlich ſah er im Mondlicht mit geräuſchloſem Schritte acht oder zehn Figuren daherkommen, die bei der Beleuchtung faſt wie Geiſter ausſahen. So ſehr glich ihre Farbe der der Felſen umher, daß man ſich faſt einbilden konnte, als ſehe man durch ſie hinweg, und als wären ſie nur die Schatten von anderen Gegenſtänden, die auf die zertrümmerten Felſen fielen. Lord H. ſtand und blickte darauf hin, als plötz⸗ lich der Trupp anhielt, und da er daraus erkannte, daß man ihn bemerkt habe, ſo rief er ſie in engli⸗ ſcher Sprache an, indem er ſogleich daraus ſchloß, es R Zg;ʒ₰')——õ— 8—— müſſe ein Trupp freundlich geſinnter Indianer ſein. Eine tiefe Stimme antwortete in derſelben Sprache, aber mit ſtarker indianiſcher Betonung: „Wir ſind Freunde— Kinder des Steines. Kannſt Du uns ſagen, wo wir Prevoſt finden?“ Während er ſprach, kam der Anführer der In⸗ dianer näher, und es lag Etwas in der hohen und kräftigen Geſtalt, ſowie in der Majeſtät ſeiner Hal⸗ tung, was den Augen des jungen Edelmannes be⸗ kannt war, ſo daß er rief: „Iſt das der ſchwarze Adler?“ „Der bin ich,“ antwortete der Andere, deſſen beſchränkte Kenntniß der engliſchen Sprache ihn ver⸗ hinderte, ſeine gewohnten figürlichen Reden anzuwen⸗ den.„Biſt Du nicht der fallende Cataract?“ „Ich bin der, dem Du dieſen Namen beigelegt haſt,“ entgegnete Lord H.„Aber was willſt Du von Herrn Prevoſt? Wo iſt ſein Sohn?“ „Auf jener Seite des Horieon,“ antwortete der Indianerhäuptling, indem er mit der Hand nach der weſtlichen Seite des Sees deutete.„Der Knabe iſt gerettet; beruhige Dich darüber.“ Lord H. nahm die angebotene Hand und drückte ſie; aber zugleich fragte er. „Und der arme Woodchuck— wie iſt es dem ergangen?“ 13* — 196— „Ich weiß nicht,“ antwortete der ſchwarze Ad⸗ ler;„wir haben ihn nicht geſehen.“ „Das iſt ſeltſam,“ verſetzte der junge Edelmann; „er machte ſich auf den Weg, um ſich Dir auszulie⸗ fern und dem jungen Manne das Leben zu retten.“ „Er iſt ein wackerer Mann,“ antwortete der ſchwarze Adler;„der große Geiſt hat ihn fern ge⸗ halten.“ „Wie wurde der Jüngling denn gerettet?“ fragte Lord H.„Wir fürchteten, Dein Volk würde uner⸗ bittlich ſein.“. „Der große Geiſt ſprach durch die Stimmen der Frauen,“ antwortete der Häuptling.„Sie, welche in ihren Viſionen über die Erde hinausſieht, hörte die Stimme und theilte uns die Worte mit. Es war beſchloſſen, wenn der Knabe ſtürbe, ſollten unſere Frauen, Töchter und Schweſtern alle mit ihm ſter⸗ ben, und wir hörten auf die Stimme und gehorchten.“ „Komm ſchnell mit mir,“ ſagte Lord H. leb⸗ haft;„laß uns Herrn Prevoſt die Nachricht überbrin⸗ gen. Er iſt hier im Fort, und hat jetzt ein Anſtel⸗ lung in der Armee.“. „Ich weiß es,“ verſetzte der ſchwarze Adler. „Ich war in ſeiner Hütte und fand Niemand, als die Selaven, die es mir ſagten. Den Knaben ſchickte ich mit meinen Leuten voraus, denn die Kinder des Steines haben den Kriegspfad betreten und tauſend — 197— Krieger ſind auf dem Wege zu den tönenden Waſſern. Er zieht mit uns, wie unſer Sohn. Aber ich muß mit Prevoſt reden, ehe ich gehe, denn die Flügel des ſchwarzen Adlers ſind vielleicht zu ſeinem letzten Fluge ausgebreitet, und wer weiß, ob er nicht ſeinen Scalp zurücklaſſen wird, um den Kriegspfahl eines Huronen zu ſchmücken!“ Lord H. ging mit raſchem Schritte und der Häuptling folgte mit ſeinen Begleitern. Bei dem er⸗ ſten Vorpoſten wurden ſie natürlich angerufen, und da ſtrenge Befehle ertheilt worden waren, keinen In⸗ dianertrupp in den Bereich der Feſtung einzulaſſen, ſo ging der junge Edelmann mit dem Häuptling in das Quartier des Herrn Prevoſt. Sie fanden ihn noch auf und beſchäftigt, Befehle für den folgenden Morgen zu ſchreiben. Als er das Geſicht des ſchwar⸗ zen Adlers erblickte, der ſeinem edlen Freunde folgte, ſtutzte er und fuhr anfangs zurück; dann aber mit einer plötzlichen Veränderung des Gefühls ergriff er die Hand des Kriegers und rief: „Mein Sohn lebt! mein Sohn lebt, ſonſt wür⸗ deſt Du nicht hier ſein!“ „Er lebt,“ verſetzte der ſchwarze Adler. Dann ertheilte er Herrn Prevoſt denſelben Be⸗ richt, den Lord H. bereits gehört hatte. Da er aber die indianiſche Sprache beſſer verſtand, als Lord H., ſo brachte er bald, theils in der engliſchen, theils in — — — — — 198— der Irokeſenſprache, die einzelnen Umſtände in Be⸗ treff der Befreiung Walters heraus. „Und würdet Ihr ihn wirklich getödtet haben?“ fragte Herr Prevoſt. „Das würde ich,“ verſetzte der ſchwarze Adler ruhig und feſt.„Ich würde mein eigenes Herz her⸗ ausgeriſſen haben, wenn die Geſetze meines Volks es gefordert hätten.“ Der Vater ſann einige Augenblicke nach, und ſagte dann in gedankenvollem Tone: „Ich glaube es wohl. Wagte die liebe Otaitſa wirklich ihr Leben, um ihren jungen Freund zu ret⸗ ten?“ 3 „Sie that noch mehr,“ antwortete der ſchwarze Adler;„ſie war eine von denen, die bereit waren, mit ihm in das glückliche Jagdgefilde zu gehen; aber ich ſage Dir, Prevoſt, nicht der Anblick meines Kin⸗ nes, das Meſſer in der Hand und bereit, ihr eigenes Herz damit zu durchbohren, machte den ſchwarzen Ad⸗ ler zaudern, ſondern weil wir die Stimme des großen Geiſtes in den Worten hörten, welche geſprochen wur⸗ den. Er nur kann die Geſetze der Oneida's verändern, und er veränderte ſie Aber nun höre mich an, Pre⸗ voſt, denn ich muß zu meinem Volke und zu Deinem Sohne zurück. Ich ſchickte ſie voraus zu den tönen⸗ den Waſſern, während ich Dich zuerſt in Deiner Hütte und dann hier aufſuchte; und ich muß zu ih⸗ N N Aed A — — 199— nen eilen, denn ſie dürfen kein Beil werfen oder eine Büchſe abfeuern, ohne den ſchwarzen Adler.“ Er hatte ſich niedergeſetzt, als er zuerſt einge⸗ treten war, aber jetzt erhob er ſich und ſtand aufrecht da, als wäre er im Begriff, eine Rede zu halten. „Es iſt eine Blüthe auf dem Baume des ſchwar⸗ zen Adlers,“ ſagte er,„welche theuer iſt in ſeinen Augen; und Du haſt einen Zweig auf Deinem Bau⸗ me, der Dir theuer iſt. Otaitſa iſt ein Chriſtin, ſie glaubt an Euren guten Geiſt. Sie ſtammt von ei⸗ nem Geſchlechte von Kriegern, wovon jeder einen Na⸗ men zurückgelaſſen hat in den Herzen ſeines Volks. Sie iſt von dem höchſten Geſchlechte des höchſten Stammes unter den Kriegern des Steines. Das Blut des rothen Mannes iſt ſo edel, wie das des weißen. Ihre Mutter war die Tochter eines großen Häuptlings, von einem Geſchlechte, ſo gut wie Dein eigenes; von einem Geſchlechte, welches berühmt iſt!“ Herr Prevoſt ließ ſeinen Kopf ſinken; aber er kannte die indianiſchen Gewohnheiten zu gut, um ihn zu unterbrechen, und der Häuptling fuhr fort: „Die Blüthe liebt den Zweig— der Zweig liebt die Blüthe. Sie hat ihn ſich erkauft; ſie hat ihr Herzblut als Preis angeboten. Iſt er nicht der ihre? Wenn der ſchwarze Adler nie zurückkehren ſollte aus dem Kampfe, wenn die Kugel des Franzoſen ſeinen Flügel zerbrechen, oder der Pfeil des Huronen ſein — 200— Herz durchbohren ſollte, will ſein Bruder Prevoſt die Blüthe und den Zweig mit einander verbinden, wie die weißen Menſchen und Chriſten die vereinen, welche einander lieben? Will er die Blüthe in ſeine Heimath nehmen und ſie in der That zu ſeiner Tochter ma⸗ chen?“ Herr Prevoſt ſtand auf, umarmte den Häupt⸗ ling und ſagte: „Du biſt mein Bruder; ich will ſthun, wie Du geſagt haſt; und möge der gute Geiſt mit mir ver⸗ fahren, wie ich in dieſer Sache gegen Dich handle! Deine Tochter iſt meine Tochter; mein Sohn iſt Dein Sohn. Aber Du weißt vielleicht nicht—* Der ſchwarze Adler erhob ſeine Hand und ſagte in der Irokeſenſprache: „ Halt ein! Ich weiß, was ich weiß; Du weißt, was Du weißt. Wir können Vieles glauben, was zu beweiſen nicht recht iſt. Das Schweigen iſt eine gute Sache, wenn Geheimniſſe gefährlich ſind. Nun gehe ich mit beruhigtem Herzen zu meinem Volke.“ Und ohne weiter ein Wort zu ſagen, entfernte er ſich aus dem Zimmer. Vierzehntes Kapitel. Der Tag brach hell und klar an über den wil⸗ den Wäldern, den grünen Savannahs, den Strö⸗ men, Seen und Gebirgen, die zwiſchen dem Horicon⸗ oder Georgſee und der kleinen Reihe der indianiſchen Seen lagen. Der Vortrab der Oneida's war mit dem früheſten Morgenſtrahle auf, und auf ſeine eigene ſtille Weiſe geſchäftig. Alles war in thätiger Bewe⸗ gung, jede Spur ihres Aufenthaltes ſo ſchnell wie möglich von der Savannah zu entfernen, und ſich in den Schatten der benachbarten Wälder zu begeben; aber Schweſter Bab lag noch in tiefem Schlafe. Unter denen, die über dieſen Theil des Landes gereiſt ſind, mögen einige ſein, die ſich einer ſchönen grünen Wieſe erinnern, die ſich etwa ein Drittel einer Meile von ihrer landeinwärtsgekehrten Seite bis zu ————— — —— den Ufern des Horiconſees erſtreckt. Sie hat jetzt— und iſt wenig verändert ſeit der Zeit, von der ich rede— einen ſanft abſchüſſigen Boden, nach Norden hin wohl mit Gehölz bewachſen, und gegen Süden befindet ſich ein felſiges ebenfalls bewaldetes Ufer, wor⸗ in mehrere kleine Höhlen zu bemerken ſind. In einer dieſer Höhlen lag unſere Negerin an dem Morgen, den ich eben erwähnt habe; und obgleich die Indianer ſich nach verſchiedenen Richtungen bewegten und einen großen eiſernen Topf von europäiſcher Ar⸗ beit wegnahmen, der vor dem Eingange der Höhle geſtanden, ſo zeigte doch das gute Weib bei ihrem Schlafe der Ermüdung nicht das geringſte Zeichen des Erwachens. Sie hatte in der vergangenen Nacht nur wenige Erklärungen gegeben. Sie war zu vorſichtig, um ſich ihrer gewohnten Geſprächigkeit zu überlaſſen und der Indianer ſaß ruhig vor ihr, nachdem er ſie mit Allem verſehen hatte, was ſie bedurfte, und ihr zu eſſen und zu trinken gegeben, ohne ihr aber Fragen vorzulegen. . Nun aber näherte er ſich der Höhlung in dem Felſen, und nachdem er ſie einen Augenblick angeſehen, wie ſie dalag, berührte er ſie mit ſeinem beſchuhten Fuße. Sie fuhr empor und rieb ſich die Augen, in⸗ dem ſie ſich mit lebhafter Verwunderung umſah. Aber der Indianer ſagte: 1 — 203— „Steh auf und folge mir in den Wald, wenn Du den ſchwarzen Adler ſprechen willſt. Wir müſſen den Platz verlaſſen, der keinen Schatten hat, da der Tag gekommen iſt.“ „Ach! was ſoll ich für meine arme Miſſy thun?“ rief Schweſter Bab.„Sie iſt nur einige Meilen von hier bei den Franzoſen gefangen, und was noch ſchlim⸗ mer iſt, Woodchuck iſt auch bei ihr; und alle unſere Leute ſagten, er wolle ſich ausliefern, um Maſſa Walter zu retten.“ Ruhig und bedächtig ſetzte ſich der Indianer auf den Boden nieder und ſchwieg einige Augenblicke. Dann fragte er, ohne das geringſte Intereſſe zu ver⸗ rathen: „Wo iſt Prevoſt's Tochter? Iſt ſie in der Burg der tönenden Waſſer?“ „Nein,“ antwortete Bab und beſchrieb ihrem Ge⸗ fährten, ſo gut ſie konnte, wo Editha war, indem ſie eine ſehr genaue Schilderung von der Schanze ent⸗ warf, in deren Nähe ſie in der Nacht vorher gekom⸗ men. Noch immer bewegte ſich kein Muskel in dem Geſichte des Mannes und er ließ nur einen ſummen⸗ den Ton vernehmen und ſaß volle zwei Minuten da, ohne ein Wort zu ſprechen. „Was können wir thun, um ſie zu retten, Bru⸗ der?“ fragte Schweſter Bab endlich.„Ich glaube nicht, daß irgend eine Gefahr für Miſſy oder Maſſa 1 ——— —— — 204— Woodchuck vorhanden iſt, denn der junge Mann in dem blauen Rocke ſchien ſehr höflich zu ſein; aber wenn Maſſa Woodchuck nicht wegkommt, ſo werden Deine Leute Maſſa Walter tödten, denn die ſechs Monate ſind bald zu Ende.“ „Sechs Monate ſind längſt vorüber, ſeitdem der ſchwarze Adler geſprochen,“ ſagte der Indianer ernſt; „aber wir wollen ſehen, ob wir die Gefangenen nicht befreien können. Du mußt ſchnell aufſtehen und vor mir hergehen, wo Du ſie gleich einer Wolke auf dem Berge verlaſſen haſt.“ „Es iſt ein weiter Weg,“ ſagte das arme Weib, „und meine Füße ſind verwundet und zerriſſen von der geſtrigen Wanderung.“ „Wir wollen Dir Moccaſſins geben,“ antwortete der Indianer.„Der Weg iſt nicht weit, ſelbſt bis zum Hauſe der tönenden Waſſer, wenn Du die ge⸗ rade Richtung wählſt. Du mußt mir zeigen, wo es iſt, wenn Du Prevoſt's Tochter retten willſt. Ihr Schickſal gleicht einem Steine, der über den Rand der Klippe herunter hängt. Ein Wind kann ihn her⸗ unter blaſen. Die franzöſiſchen Huronen verſchonen keine Weiber. Steh auf, iß und rede nicht. Ich muß dieſen Ort wiſſen, und zwar bald.“ Die letzten Worte wurden in faſt ſtrengem Tone geſprochen und Schweſter Bab ſtand auf und folgte zu einer von den kleinen Gruppen von Indianern, wo ſie ſich wieder niederſetzte und einige Maiskuchen und geräuchertes Rehfleiſch aß, während der Häupt⸗ ling, der mit ihr geſprochen, eine Berathung mit mehreren von den anderen Kriegern hielt. Es wurde ihr nicht viel Zeit zu ihrer Mahlzeit gelaſſen, denn in weniger als fünf Minuten wurde ſie aufgefordert, als Führerin zu dienen, und indem ihr ein Trupp von fünf Indianern folgte, gingen ſie zuſammen eine oder zwei Meilen weiter bis ſie eine Stelle erreichten, wo der Weg ſich theilte. Sie war im Begriff, den Weg zur Linken zu wählen, da ſie wußte, daß es derſelbe ſei, den ſie in der vergangenen Nacht ver⸗ folgt hatte; aber der Häuptling gebot ihr in leiſem Tone, den andern einzuſchlagen und fügte hinzu: „Wir werden Deine Fußſpuren bald wiederfin⸗ den.“ So war es auch, denn ſie war in der Nacht weit von der geraden Richtung abgewichen, und nach⸗ dem ſie etwa zehn Minuten weitergegangen waren, kamen ſie wieder auf denſelben Pfad, wo für india⸗ niſche Augen die Spuren eines Negerfußes ſehr deut⸗ lich ſichtbar waren. Zweimal geſchah daſſelbe, und ſo wurde die Entfernung zwiſchen der kleinen franzöſiſchen Schanze und dem indianiſchen Lagerplatze beinahe um die Hälfte abgekürzt. Endlich zeigten die Gegenſtände, die Schweſter — — — :— —— ———— Bab um ſich ſah, daß ſie ſich der Stelle nähere, welche ſie ſuchten. Von Zeit zu Zeit ſahen ſie den Berg Defiance zur Rechten emporragen, und der Cha⸗ rakter der Bäume und Geſträuche veränderte ſich. Der erſte Wink reichte hin, um die Indianer zu größerer Vorſicht zu bewegen, als ſie bisher angewendet. Sie entfernten ſich weit von dem Fußwege, indem der Häuptling bei Schweſter Bab blieb. Langſam und geräuſchlos verfolgten ſie ihren Weg und benutzten jeden Baum und jeden Felſen, um ſich hinter dem⸗ ſelben zu verbergen und ſich umzuſehen. Ehe noch fünf Minuten vorüber waren, blieb Schweſter Bab plötzlich ſtehen und deutete vorwärts. Die Indianer blickten ſchweigend darauf hin. Ein ungeübtes Auge würde nicht das geringſte Zeichen ent⸗ deckt haben, welches den Verdacht eines nahen Fein⸗ des hätte erregen können; aber einige von den Fich⸗ tenzweigen im Vordergrunde waren ein wenig gelber, als die übrigen Bäume. Ueberdies nahmen ſie nicht die Formen der jungen Schößlinge an. Sie waren runder, weniger ſchlank, ohne Gipfel oder Stamm zu zeigen. Des Indianers Geſicht zeigte ein Grinſen, und mit dem Finger auf den Boden deutend, ſchien er die Negerin ohne Worte aufzufordern, genau an der⸗ ſelben Stelle zu bleiben, wo ſie hinter einem großen Butternußbaume ſtand. Dann ſah er ſich nach ſeinen 7 — 207— Begleitern um; aber ihre Bewegungen waren wohl⸗ berechnet und in Uebereinſtimmung. Obgleich in ei⸗ niger Entfernung von einander, hatte ſich jedes Auge von Zeit zu Zeit, als ſie weiter gingen, auf ihn ge⸗ richtet, und ſobald ſie bemerkten, daß er ſtill ſtand, blieben auch die Andern ſtehen. Als er die Hand er⸗ hob, ſchlichen Alle zu ihm hin, und nach einigen lei⸗ ſen Worte ſanken alle Indianer auf den Boden nie⸗ der, krochen wie Schlangen weiter und verſchwanden unter den Büſchen. Schweſter Bab fand ihre Lage nicht ganz ange⸗ nehm. Das geringſte Raſcheln unter den Blättern war nur hörbar, als ihre rothen Begleiter verſchwan⸗ den; aber dann hörte alles Geräuſch auf, außer von Zeit zu Zeit, wenn der Wind, der ſich ein wenig erhoben hatte, ein Gemurmel wie von redenden Stim⸗ men aus der Schanze zu ihr führte. Einmal ver⸗ nahm ſie einige Töne einer heiteren Melodie, die von Lippen kam, die wahrſcheinlich bald auf immer ver⸗ ſtummen ſollten. Aber das war Alles, was ſie hörte, und die Stille wurde drückend für ſie. Nachdem ſie einige Augenblicke gewartet, ſuchte ſie einen beſſeren Schutz, als der Butternußbaum ihr gewährte, und ſchlich ſich unter einige dichte Büſche am Fuße einer großen Eiche. Sie dachte, ihre india⸗ niſchen Begleiter würden nie zurückkehren; aber endlich kamen die rothen Männer nach einander aus den Bü⸗ —— — 208— ſchen hervor und ſahen ſich um, als ob ſie ſie ſuchten. Ihrem Beiſpiele folgend, ſchlich ſie heraus, und der Häuptling, der ſich näherte, winkte ihr zurückzutreten, ohne zu ſprechen. Als ſie weit genug entfernt waren, daß die Töne ihrer Stimmen nicht in die Schanze dringen könnten, blieb er plötzlich ſtehen, ſah ihr ins Geſicht und ſagte: „Du liebſt die Tochter des bleichen Geſichts; Du folgteſt ihr in die Gefahr; willſt Du jetzt hin⸗ gehen, wo keine Gefahr iſt, um ihr die Worte der Warnung zu überbringen?“— „Ich will überall hingehen, wo ich ihr nützen kann,“ ſagte das Weib mit Wärme.„Ich fürchte keine Gefahr. Ich hatte geſtern genug davon, ſo daß ich heute deshalb unbekümmert ſein kann.“ „Nun alſo,“ ſagte der Häuptling,„Du ſiehſt dieſen Fußweg zur Linken; verfolge ihn, bis er einen anderen durchkreuzt— es iſt ein breiter Fußweg, den Du nicht verfehlen kannſt. Er wird Dich geradezu in den franzöſiſchen Hinterhalt führen. Sie werden Dir Nichts zu Leide thun. Frage nach der Tochter des bleichen Geſichts Prevoſt. Sage ihnen, Du ha⸗ beſt die Nacht im Walde zugebracht, um ſie zu ſuchen, und ſie werden Dir geſtatten, bei ihr zu bleiben. Sage ihr, ſie ſoll befreit werden, ehe morgen die Sonne untergeht; aber ſage ihr, wenn ſie den Schlacht⸗ ruf und die Büchſenſchüſſe hörte, ſoll ſie ſich unter — 209— dem Erdhaufen flach auf den Boden legen, wenn ſie gerade in der Nähe iſt. Sie kennt das Oneidavolk und kann ihre Geſichter von denen der Huronen un⸗ terſcheiden, wenn ſie auch zur Schlacht bemalt ſind. Sie darf ſie nicht fürchten. Sage ihr dies insgeheim, wenn Niemand es hört, und was ich Dir ſage, mußt Du thun, wenn Du Dein Leben retten willſt.“ „Aber,“ ſagte Bab, mit mehr Vorausſicht, als der Indianer,„vielleicht werden ſie ſie nicht bis mor⸗ gen dabehalten. Sie können ſie in das Fort ſchicken und werden es auch höchſt wahrſcheinlich thun.“ „Sage ihr, daß ſie dableibt, ſage ihr, daß ſie dableibt,“ ſagte der Häuptling;„wenn ſie ſie mit Gewalt fortſchleppen, kann ich ſie nicht halten. Geh. Ich habe ausgeredet.“ Die Negerin ſchüttelte den Kopf, als bezweifle ſie ſehr die Zweckmäßigkeit des vorgeſchlagenen Pla⸗ nes; aber ſie gehorchte ohne weitere Gegenvorſtellung und ging auf dem ſchmalen Wege weiter, den der Indianer ihr angedeutet hatte. In etwa einer Vier⸗ telſtunde erreichte ſie den breiteren Pfad, auf den man in der Nacht zuvor Editha geführt hatte. Sich rechts wendend, wie man ihr geſagt, verfolgte ſie denſelben mit langſamen und zaudernden Schritten, bis ſie bei einer ſcharfen Wendung plötzlich zwei Schildwachen erblickte, welche hin und her gingen, ſowie auch eine Gruppe Indianer, die auf dem Boden um ein Feuer Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 14 — 210— ſaßen und ihre Speiſen kochten. Dann blieb ſie plötz⸗ lich ſtehen, aber man hatte ſie ſchon bemerkt, und da die Schildwache auf ihren Anruf keine Antwort er⸗ hielt, ſo hielt ſie ihr die Muskete vor, als ob ſie feuern wollte. In demſelben Augenblick rief eine Stimme in franzöſiſcher Sprache: „Was iſt das— was iſt das?“ Und ein Mann in militairiſcher Kleidung, aber unbewaffnet, kam näher und ſprach mit ihr. Sie konnte nicht antworten, denn ſie verſtand kein Wort von dem, was er ſagte; und ſie beim Handgelenk faſſend, führte der Mann ſie in die Schanze und ſagte lachend zu der Schildwache: „Es iſt nur eine Schwarze; meinteſt Du, es wäre ein Bär?“ Im nächſten Augenblick ſah die arme Bab ihre junge Herrin ganz ruhig auf dem Boden ſitzen, ein reines weißes Tiſchtuch nebſt allen Erforderniſſen zum Frühſtück, aber ohne den Tiſch, vor ſich, während der Officier, den ſie am Abend zuvor in der Schanze geſehen hatte, ſich eifrig beſchäftigte, ſie mit allem Nöthigen zu verſehen. In einem Augenblick hatte das gute Weib ſich von dem Manne los gemacht, der ſie feſthielt, und vorwärts eilend, ergriff ſie Editha's Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. Groß war Editha's Freude und Ueberraſchung, die arme Bab noch am Leben zu finden. Es war —— ☛ᷣ————— — 211— dem franzöſiſchen Officier bald erklärt, wer ſie ſei und wie ſie dorthin komme. Aber der Zweck ihres Kommens wäre beinahe vereitelt worden, ehe ſie Zeit gehabt hatte, ihrer jungen Herrin die verſprochene Befreiung zu erklären; denn noch war ſie keine halbe Stunde in der Schanze geweſen, als ein Officier von Ticonderoga mit einer Depeſche für den Commandeur jener Abtheilung kam, welcher ſogleich den Vorſchlag machte, die junge Dame und ihre ſchwarze Dienerin unter dem Geleite des Officiers in die Feſtung zu ſchicken, indem er zugleich in galanten Worten ſein Bedauern ausſprach, die Ehre und das Vergnügen ihrer Geſellſchaft zu verlieren, doch fügte er hinzu würde es zu ihrer Bequemlichkeit und Sicherheit dienen.. Der Vorſchlag wurde gemacht, ehe er die De⸗ peſche öffnete und Editha ging lebhaft darauf ein, denn ſie ſchien dadurch aus einer ſehr unangenehmen Lage befreit zu werden. Aber ſobald der Kapitain den Inhalt ſeines Briefes geleſen hatte, hatte ſich ſeine Anſicht geändert, und er erklärte ſeiner jungen Gefan⸗ genen, aus beſonderen Gründen halte es der Oberbe⸗ fehlshaber für das Beſte, wenn während des Tages ſo wenig, wie nur möglich zwiſchen der Feſtung und der Schanze hin und hergegangen werde. Er ſagte, er würde daher genöthigt ſein, ſeinen Vorgeſetzten 2zu benachrichtigen, daß ſie da ſei, ſo wie, unter wel⸗ 14* 8 ——jj—r ůᷓÿÿÿÿ— — 212— chen Umſtänden ſie unter ſeinen Schutz gekommen ſei, wie er es nannte. Wahrſcheinlich aber würde er nach Anbruch der Nacht, wo dieſe Rückſichten nicht mehr herrſchten, Inſtruetionen empfangen, was mit ihr und ihren Begleitern, ſo wie mit den Indianern, in de⸗ ren Gewalt man ſie gefunden, anzufangen ſei. Dann ſetzte er ſich nieder, um eine Antwort auf die Depeſche zu ſchreiben, die er empfangen hatte, und brachte eine volle halbe Stunde damit zu, wäh⸗ rend welcher Zeit Alles geſagt wurde, was Schweſter Bab zu ſagen hatte. Doch ſchon die Erwähnung der Oneida's erweckte ſchmerzliche Erinnerungen in Editha's Bruſt; und ungeachtet aller Verſicherungen, die ſie von Otaitſa empfangen hatte, ſank ihr Muth bei dem Ge⸗ danken an das wahrſcheinliche Schickſal des armen Walter. Sie wendete ihre Augen auf Woodchuck, der ſich geweigert hatte, an dem Frühſtück Theil zu nehmen und allein unter einem Baume ſaß, nicht weit von der Stelle, wo Apukwa und ſeine Beglei⸗ ter, beſtändig von einer Schildwache beaufſichtigt, um ihr Kochfeuer verſammelt waren. Seine Stellung war die ſchwermüthigſte, die man ſich nur denken kann; ſeine Augen waren auf den Boden gerichtet, ſein Kopf geſenkt, ſeine Stirn düſter und zuſammengezogen; ſeine Hände auf ſeinen Knien zuſammengefaltet. Editha näherte ſich ihm leiſe und ſetzte ſich zu ihm. „Was iſt Ihnen, mein guter Freund?“ ſagte — 213— ſie, und fügte dann in leiſerem Tone hinzu:„Ich habe eine angenehme Nachricht für Sie.“ Woodchuck ſchüttelte traurig den Kopf, gab aber keine Antwort. Editha ſuchte ihn zu erheitern. „Die arme Negerin,“ ſagte ſie,„welche bei uns war, als wir überfallen wurden, entkam den Wilden und bringt die Nachricht, daß wir morgen vor Sonnenuntergang von einer großen Abtheilung Oneida's ſollen in Freiheit geſetzt werden.“ „Es iſt zu ſpät, meine Liebe, es iſt zu ſpät!“ rief Woodchuck, ſeine Hände feſt zuſammendrückend, „zu ſpät, um etwas für Ihren Bruder zu thun. An ihn dachte ich.“ „Aber es ſind noch vier oder fünf Tage Zeit,“ ſagte Editha,„und— „Ich war ein Thor, Miß Prevoſt,“ fiel Wood⸗ chuck mit Bitterkeit ein;„und es iſt unnütz, es vor Ihnen zu verbergen. Ich habe Monde mit Monaten verwechſelt. Der Mann, der mir die Nachricht brachte, daß der halsſtarrige alte Teufel, der ſchwarze Adler, die Zeit von ſechs Monaten beſtimmt habe, und ich dachte nie daran, daß die Indianer ihre Monate nach Monden zählen, bis ich dieſen Morgen von den Ho⸗ nontkoh etwas davon ſagen hörte. Nein, nein! es iſt jetzt Alles vergebens!“ Editha wurde todtenblaß und blieb es einige Au⸗ genblicke, aber dann erhob ſie ihre Augen zu einer — 214— Stelle, wo der blane Himmel durch die Bäume ſchien, und rief mit tiefem Seußzer: „Wir müſſen auf Gott vertrauen und hoffen, daß er für ein anderes und weniger ſchreckliches Mit⸗ tel geſorgt hat. Er kann beſchützen und befreien nach ſeinem Willen, ohne die Hülfe und Mitwirkung der Menſchen. Sie haben das Ihre gethan, Woodchuck, und Ihr Gewiſſen kann ſich beruhigen.“ „Nein, nein!“ rief er mit Bitterkeit;„wenn mir nur eingefallen wäre, was ich ſehr gut wußte, ſo wäre ich vierzehn Tage früher gegangen, und der arme Junge wäre gerettet worden. Es iſt Alles die Schuld meines thörichten Verſehens. Man ſollte in ſolcher Sache kein Verſehen machen, Miß Editha.“ Er verſank wieder in Nachdenken; und als ſie ſah, daß der Verſuch, ihn zu tröſten, vergebens ſei, kehrte Editha an die Seite der Negerin zurück und fragte lebhaft, ob ſie unter den Oneida's keine Nach⸗ richt von Walter gehört habe. Schweſter Bab aber war vorſichtiger, als der arme Woodchuck es geweſen, und leugnete ſtandhaft, irgend etwas gehört zu haben, und fügte hinzu, ſie könne nicht denken, daß ſie ih⸗ rem jungen Maſſa etwas zu Leide gethan haben ſoll⸗ ten, ſonſt würden ſie nicht ſo eifrig ſein, ihrer jun⸗ gen Miſſy beizuſtehen. Der kleinſte Schimmer der Hoffnung iſt immer ein Segen; dennoch verging der Tag traurig genug — 215— für die arme Editha. Der Commandant der Schanze war mit militairiſchen Angelegenheiten beſchäftigt, die ihren Gedanken ſelbſt für den Augenblick keine Erleich⸗ terung gewährten. Sie ſah die Soldaten aufziehen, die Schildwachen ablöſen, die Erdarbeiten beaufſichti⸗ gen und hörte die Indianer anreden, ohne daß ihre Gedanken im Geringſten von den ſchmerzlichen Um⸗ ſtänden ihres eigenen Schickſals abgelenkt wurden. Bald nach Beginn der Dämmerung aber erſchien derſelbe Bote, der am Morgen die Depeſche gebracht hatte, mit einem anderen Briefe, den der franzöſiſche Commandant las und ihn dann Editha überbrachte, die bei ihrer eben angezündeten Lampe in der kleinen Hütte ſaß. Der Brief war in folgenden Ausdrücken abgefaßt: „Der Marquis von Montealm benachrichtigt den Kapitain le Courtois, daß es ſehr unbequem ſein wird, bei den ſpärlich zugemeſſenen Lebensmitteln noch Jemand in das Fort Carillon aufzunehmen. Sollte er es für gut halten, ſo kann er die Dame, die in ſeine Hände gefallen iſt, nebſt dem engliſchen Herrn, ihrem Begleiter, morgen, ſo früh wie es ihm gut⸗ dünkt, nach Crown Point oder Fort St. Frederick zurückſchicken. Wenn die Dame es lebhaft wünſchen ſollte, ſogleich nach Fort Carillon zu gehen, ſo will der Marquis von Montealm nicht ſo unhöflich ſein, es ihr zu verweigern; aber er muß ihr vorherſagen, — 216— daß ſie allen Unbequemlichkeiten einer Belagerung aus⸗ geſetzt ſein kann, da er durchaus nicht zu beſtimmen im Stande iſt, welchen Operationsplan der Feind be⸗ folgen wird. Wenn die gefangenen Indianer, wie ſie ſagen, uns zu dienen bereit ſind, ſo können ſie in der Schanze nützlich aber mit Vorſicht angewendet werden, und man darf nicht zugeben, daß ſie, wie gewöhnlich, in den Flanken operiren.“ „Sie dürfen jetzt nur beſtimmen, Mademoiſelle,“ ſagte Monſieur le Courtois,„ob Sie in das Fort gehen wollen oder nicht.“ Editha lehnte es aber ab, indem ſie ſagte, die von dem Marquis von Montcalm angegebenen Gründe wären völlig genügend, ſie zu bewegen dazubleiben, bis es gelegen ſei, ſie anders wohin zu ſchicken. So endete jene ereignißreiche Woche. Der fol⸗ gende Tag war ein Sonntag— den man nicht durch menſchlichen Streit hätte entweihen ſollen, der aber beſtimmt war, an eben jener Stelle eine jener Sce⸗ nen zu ſehen, welche die Schande des Menſchen mit blutigen Buchſtaben auf die Blätter der Geſchichte ſchreiben. Funfzehntes Kapitel. Das Wetter war ſehr heiß, der Wind wehte beinahe aus Südweſten, der Himmel war am Ho⸗ rizonte dunkelblau, nahm aber im Scheitelpunkte eine nebelartige Goldfarbe an, als zu einer frühen Stunde am Sonnabend Morgen die große Flottille des Ge⸗ neral Abercrombie abfuhr. Ein großes Boot, wel⸗ ches nach Art eines Wallfiſchbootes gebaut war und in gleichzeitigen Berichten ſo bezeichnet wird, fuhr mit dem thätigen und kräftigen Unterbefehlshaber, beglei⸗ tet von einem Theile ſeines eigenen Regiments voran. Die Uebrigen folgten und breiteten ſich in Geſtalt ei⸗ nes unregelmäßigen Keils über die Oberfläche des Sees aus und alle ſteuerten ſogleich auf die Engpäſſe zu. Friſch, friedlich und ſchön war die Scene auf jenem lieblichſten aller Seen, von den wilden, be⸗ — 218— waldeten Bergen und von tauſend hübſchen Inſelchen umgeben, die auf dem goldenen Waſſer wie Edel⸗ ſteine ſchimmerten. Lord H. ſaß auf ſeinen Mantel gelehnt im Hintertheile des erſten Bootes und hielt ein Fernrohr in der Hand, welches er indeſſen nicht anwendete. Die Scene, die ſich ſeinem Auge dar⸗ ſtellte, war in ihren allgemeinen Zügen hinreichend, um ſeinen Gedanken eine angenehme Beſchäftigung zu gewähren, und er bemühte ſich, ſie ſo viel wie mög⸗ lich auf Gegenſtände zu richten, die nicht mit ſeinem eigenen Schickſal oder dem Schickſal der Expedition in Verbindung ſtanden. Man wird fragen: Hatte er ſchlimme Ahnun⸗ gen? Ich kann es nicht ſagen. Sein Geiſt war über Walters Schickſal beruhigt, und er wußte Nichts von der ſchmerzlichen Lage, worin Editha ſich befand. Hierüber war ſein Geiſt ruhig; ja bei ſeinem theil⸗ nehmenden Herzen hatte er Grund, ſich zu freuen; und doch miſchte ſich eine gewiſſe Schwermuth, die er nicht ganz verbannen konnte, mit allen ſeinen Ge⸗ danken. Er bemühte ſich, ſeinen Geiſt mit der Be⸗ trachtung des ſtets wechſelnden Bildes zu beſchäftigen, welches das Gebirge, der See und die Inſeln ihm darſtellten, als das Boot bei dem ſanften und liebli⸗ chen Winde weiter ſegelte— das blutige Geſchäft der bevorſtehenden Stunden und den Kampf zu vergeſſen, worauf er ſich vorbereitet zu haben glaubte, ſo weit — 219— die menſchliche Vorausſicht reichen konnte und ſich vor⸗ zuſtellen, als ſei er ein wandernder Reiſender, der ſich einer ſonnigen Spazierfahrt auf heiligen Waſſern erfreut. Diamond Island war bald hinter ihm; Long Island blieb öſtlich liegen, und der reiche und ſchmale Landſtreifen, der ſich weit in den See erſtreckt und als Long Point bekannt iſt, wurde von dem Boote, worin er ſaß, umfahren. Er ſah ſich um und wollte ſehen, wie nahe die Anderen folgten, und dann ſah er wieder die Gegend an. French Mountain, Deerpaſture Mountain, Har⸗ ris's Bay, Dunham's Bay blieben zurück und Dome Island, welches ſich gleich der Kuppel einer mächti⸗ gen untergeſunkenen Kathedrale in der Mitte des Waſ⸗ ſers erhebt, war gerade vor ihm. Manche andere kleine Inſel war umher zu ſehen, bei der eigentlichen magiſchen Beleuchtung des nebelartigen Sommerlichts, welches machte, daß ſie kaum als wirklich erſchienen. Endlich ſah er die hohe und ſteile Klippe, un⸗ ter dem Namen Schelving Rock bekannt, auf der ei⸗ nen und Tongue Mountain auf der anderen Seite, wodurch die Engpäſſe ihre Nähe verkündeten, wäh⸗ rend der Gipfel von Black Mountain dunkel und drohend über das niedrigere Land im Vordergrunde hinweg ragte. Jetzt wurde mehr Vorſicht nöthig, denn bisher hatte man keine Furcht gehegt, daß die Flottille von — 220.— den Kundſchaftern des Feindes entdeckt werden würde; aber jener Theil des Sees, der am meiſten von den franzöſiſchen Böten befahren wurde, war nahe und es wurde nöthig, ſich ſo nahe wie möglich an der Küſte zu halten und jede Inſel und jeden Vorſprung des Landes zu benutzen, um die Annäherung und Anzahl der Flottille bis zum letzten Augenblick zu verbergen. Als Lord H. die allgemeinen Befehle ertheilt hatte, lag er wieder ſtill da und ſann nach. Einem thätigen und kräftigen Geiſte drängen ſich in Augen⸗ blicken der erzwungenen Ruhe gewöhnlich die traurig⸗ ſten Gedanken auf. Er konnte ſie nicht von ſich ent⸗ fernen; er verſuchte an etwas Angenehmes zu denken — an Editha— an ſeine baldige Vereinigung mit ihr, die das Licht und die Helle ſeines Lebens ge⸗ worden war— an angenehme Tage jenſeits der See, fern in ihrem friedlichen Heimathlande. Durch alle Viſionen der Hoffnung und des Glücks und der hei⸗ teren Stunden hörte er immer, gleich dem Läuten ei⸗ ner Glocke, die traurigen und prophetiſchen Worte der Frage:„Werde ich ſie je wiederſehen?“ Und er ſehnte ſich nach dem Augenblicke der Landung, um bei der Thätigkeit das Nachdenken von ſich zu entfernen. Endlich näherte er ſich ſeinem Ziele. Die wilde und phantaſtiſche Scenerie von Buck Mountain und Rattlesnake Dens zeigte ſich zur Linken, während ſich vorn die fruchtbare Landzunge erſtreckte, die von dem — 221— Tage an unter dem Namen Sabbath Day Point be⸗ kannt iſt. Hier landeten die Truppen am Abend, um Erfriſchungen einzunehmen, und die Böte wurden ſüd⸗ lich unter den Schutz der Ufer und Wälder gebracht, indem ſie am folgenden Tage nur wenige Meilen wei⸗ ter zu ſegeln hatten, ehe ſie den Angriffspunkt er⸗ reichten. Glücklich ſind die Gedankenloſen; denn wenn ſie auch keine ſo hohe Genüſſe haben, und ihre Freuden von niederer Art ſind, ſo können ſie ſich doch an je⸗ der ſonnigen Stunde erfreuen, die Gott ihnen wäh⸗ rend ihres Lebens zu Theil werden läßt. Die kurze Ruhe, das angenehme Mahl, die ſchönen und frem⸗ den Gegenſtände umher, gewährten manchem leichten Herzen während des kurzen Aufenthalts der Armee ei⸗ nen hohen Genuß; aber nicht ſo war es mit Lord H. Er wußte, daß der nächſte Tag viel Schwierigkeiten und Anſtrengungen bringen werde, und damit ſeine Körperkräfte in voller Thätigkeit ſein möchten, legte er ſich nieder und verſuchte zu ſchlafen; aber der Schlaf wollte nicht kommen, und er hatte noch kein Auge geſchloſſen, als um Mitternacht der Befehl ertheilt wurde, ſich am Ufer aufzuſtellen und ſich wieder ein⸗ zuſchiffen. Alle fühlten, ſowie der junge Edelmann, daß es ein feierlicher Augenblick ſei. Der Himmel war hell und klar. Die Sterne ſchienen groß und glän⸗ — 222— zend und man fühlte kein Lüftchen; das klare Waſſer des Sees war glatt und eben, wie ein Spiegel, das einzige Geräuſch, welches die Luft erſchütterte, war der Marſch der Truppen zu den Böten hin, die ſchwir⸗ renden Inſecten und die wehklagende Stimme des Whippoorwill. Alles ging ſo ſtill wie möglich vor ſichz die Ruder der Böte waren umwickelt und wieder fuhr Lord H. mit einigen Abtheilungen Soldaten und meh⸗ reren Böten voran. Die regelmäßigen Truppen folg⸗ ten in der Mitte der Linie und die Freiwilligen der Provinzen bildeten Flügel zu beiden Seiten. Still und ruhig fuhren die Böte über das Waſſer dahin, bis nach einigen Stunden der Tag dämmerte und Montcalms Kundſchaftern auf den felſigen Höhen des Ufers die engliſchen Uniformen in den zahlloſen Böten zeigte, die wie zur ſicheren Eroberung herunterkamen. Etwas weniger, als eine Stunde ſpäter näherte ſich das erſte Boot Priſoners Island und wurde ein wenig weiter weſtlich geführt, wo der Grund frei war, berührte das Ufer und der junge Edelmann ſprang ans Land. Von dem Tage an hat der Punkt den Namen Howe's Landung erhalten. Ein Regiment nach dem anderen folgte. Die Landung ging völlig ordentlich und ununterbrochen vor ſich, und es war einleuchtend, daß die franzöſiſche Garniſon in Ti⸗ conderoga, wenn auch nicht eigentlich überraſcht, — 223— viel früher angegriffen wurde, als man erwartet hatte. Die Anzahl der Indianer bei der Armee war für jetzt noch gering; aber es war bekannt, daß große Schaaren von Mohawks, Oneida's und ſelbſt von Onondaga's an den Flanken umherſchwärmten und im Halbkreiſe den Schlüſſel des Champlainſees umgaben. Es war beinahe Mittag, ehe die Landung voll⸗ endet und die Leute in drei Colonnen, zum Vorrücken bereit, aufgeſtellt war. Die erſte Colonne, von Lord H. in Perſon angeführt, marſchirte dann in die Wäl⸗ der und drang eine kurze Strecke ohne Widerſtand vor, außer von den Schwierigkeiten des Weges aufgehal⸗ ten, die mit jedem Schritte zunahmen. Die Kräfte der Leute nahmen ab, indem ſie mit dieſen natürlichen Hinderniſſen ſtritten, und um ihnen Zeit zum Athmen zu laſſen, ließ Lord H. ſein Corps einen Augenblick Halt machen bei dem erſten freien Platze im Walde, den ſie erreichten. Er ſelber ſtützte ſich auf die kurze Muskete, die er in der Hand trug, indem ſein ſchö⸗ nes, ausdrucksvolles Geſicht von Anſtrengung und Lebhaftigkeit glühte und die tapferen Männer ermu⸗ thigte, die ihm auf dem Wege folgten, den ſie für die Laufbahn des Sieges hielten. In dem Augenblick hörte man Etwas durch das dichte Gebüſch brechen, und ein Indianer in vollem Kriegscoſtüm, bemalt und bewaffnet, kam von der — 224— linken Seite her auf den freien Platz und hielt ein Stück Papier in der Hand. Er eilte ſogleich, das Papier hoch erhebend, auf den Anführer der Colonne zu, und Lord H., der gerade im Begriff war, den Befehl zum weiteren Marſche zu ertheilen, hielt inne und ſtreckte ſeine Hand aus. Was der Mann ihm gab, war kein Brief, ſondern ein aus einer Brief⸗ taſche geriſſenes Blatt, und in dem Augenblick, als er dies abgegeben hatte, ließ der Indianer, deſſen Augen vor Lebhaftigkeit geſtrahlt hatten, die Arme an ſeiner Seite ſinken und ſtand ſtill wie eine Statue da. Lord H. blickte das Papier an und las folgende haſtig mit Bleiſtift geſchriebene Worte: „Es befindet ſich eine verſteckte Schanze vor uns, ſo weit ich entdecken kann ein wenig öſtlich von dem Bache. Sie iſt von niedrigen Büſchen verborgen und die Oeffnungen in dem Unterholze ſind mit Fichten⸗ zweigen ausgefüllt. Editha iſt als Gefangene dort. Nehmen Sie ſich in Acht! Wir marſchiren raſch vor⸗ wärts, um die Schanze zu nehmen— ich meine die Oneida's. Walter Prevoſt.“ Mehrere von den höheren Officieren hatten ſich umher verſammelt, und unter dieſen ein Mann, der in jenen wie in folgenden Zeiten verdientermaßen be⸗ rühmt war, den man damals aber nur als Major Putnam kannte. „Wir ſind von Freunden, wenn auch nicht von Feinden geſehen worden, Putnam,“ ſagte Lord H., ihm das Papier überreichend.„Was rathen Sie zu thun? Sie ſind erfahrener in dieſer Kriegsführung, als ich.“ —„Schicken Sie den Indianer zurück,“ antwortete Major Putnam.„Er mag ſeinen Brüdern ſagen, daß ſie ſo ſchnell wie möglich vorrücken und die Wäl⸗ der ſäubern helfen. Dann geben Sie mir hundert Soldaten und eine handvoll Indianer, und ich will ſelber vordringen und Ihnen den Weg bahnen.“ „Gut,“ ſagte Lord H.,„rufen Sie Ihre Leute heraus, Putnam, während ich den Indianer fort⸗ ſchicke.“ Einem Dolmetſcher winkend, ertheilte der Edel⸗ mann dem wilden Bundesgenoſſen Befehle, indem er ihm ſagte, er möge genauen Bericht erſtatten, wel⸗ chen Punkt die Colonne erreicht habe, und als dies geſchehen und der Mann fort war, hatte ſich Major Putnam an die Spitze ſeiner kleinen Abtheilung ge⸗ ſtellt und war im Begriff abzumarſchiren. „Halt, Putnam,“ ſagte Lord H.„Sie com⸗ mandiren, aber ich will mit Ihnen gehen.“ Putnam blieb erſchrocken ſtehen und ließ die Spitze ſeines Degens ſinken. 4 Ticonderoga zc. 3. Bd.— 15 — 226— „Mylord,“ ſagte er,„ich bitte, nehmen Sie ſich in Acht. Wenn ich getödtet werde, wird der Verluſt meines Lebens für Niemanden von großer Wichtigkeit ſein, aber die Erhaltung Ihres Lebens iſt unendlich wichtiger für dieſe Armee.“ Lord H. faßte ſeinen Arm und ſagte: „Putnam, Ihr Leben iſt Ihnen ebenſo theuer, wie mir das meine. Ich bin entſchloſſen zu gehen. Führen Sie uns.“ Im nächſten Augenblick eilten ſie raſch auf einem Fußpfade weiter, der ſich vor ihnen öffnete. Die we⸗ nigen Indianer, welche die Abtheilung begleiteten, zerſtreuten ſich wie gewöhnlich zur Rechten und zur Linken, und eine kurze Zeit lang machten ſie gute Fortſchritte durch den verwickelten Wald. Endlich aber wurden ſelbſt die Eingebornen verwirrt von den ſich durchkreuzenden Fußwegen und von der dichten und verwickelten Beſchaffenheit des Waldes; noch immer drängten ſie ſich weiter, indem ſie ſich nach dem Schat⸗ ten der Bäume richteten. So kamen ſie vier bis fünf hundert Schritte weiter, ohne einen Feind zu ſehen, als Putnam plötzlich mit ſeinem Degen deutete und rief: „Dort iſt eine franzöſiſche Mütze— noch mehr — noch mehr! Nun, Ihr tapferen Leute, legt Eure Büchſen an und gebt Feuer!“ In einem Augenblick waren alle Gewehre ange⸗ — 227— legt; aber in derſelben Secunde fuhr ein ſcharfer Blitz an den Bäumen und Büſchen dahin— der Knall der Feuerwaffen ſcholl durch den Wald und einer von den jungen Offieieren fiel ſogleich. Mehrere Freiwil⸗ lige ſtürzten, ehe ſie den Stecher anziehen konnten, und während die Uebrigen ihre tödtliche Ladung in den Wald ſendeten. „Vorwärts! vorwärts!“ rief Putnam,„befreit den Wald von ihnen! Mylord, was iſt?“ Lord H. ſtand noch einen Augenblick aufrecht, ohne zu antworten; dann ſchwankte er auf ſeinen Fü⸗ ßen und fiel in die Arme eines Sergeanten zurück. „Ich wußte es!“ rief Putnam.„Vorwärts, meine Leute! Vorwärts, vorwärts! Mann zu rächen!“ um dieſen edlen 15* Sechzehntes Kapitel. Sehr verſchieden von dem Aufzuge von Aber⸗ erombie's Armee war der Marſch der Oneida's durch die tiefen Wälder auf der weſtlichen Seite des Hori⸗ conſees. Weit ausgebreitet und getrennt von einander verfolgten ſie in tiefem Schweigen eine Anzahl ver⸗ ſchiedener Fußwege und in einzelnen Reihen von nicht mehr als zwanzig oder dreißig Mann, doch mit einer Art von Inſtinct richtete jede Abtheilung ihren Weg ohne zu irren auf einen beſtimmten Punkt. Sie kannten die Stelle, wo ſie zuſammentreffen— ſie wußten die Zeit, wann ſie dort ſein ſollten, und an dem Orte und zu der Zeit fand ſich jede kleine Ab⸗ theilung mit ihrem berühmteſten Anführer an der Spitze dort ein. So verſammelten ſich in der Nacht des Sonnabend auf der kleinen Savannah, wo die — 229— arme Negerin, Schweſter Bab, den Vortrab der gan⸗ zen Nation gefunden hatte, beinahe ſechshundert Krie⸗ ger von den Kindern des Steines. Wie ſie ſelber gekleidet, Tomahawk und Meſſer im Gürtel und Moccaſſins an ſeinen Füßen, erſchien Walter Prevoſt, ausgezeichnet vor den Uebrigen durch ſeine weiße Haut und ſein wallendes Haar. Die Anſtrengungen der Jagd und das wilde Leben, welches er ſeit mehreren Jahren geführt, und ſelbſt die Drangſale, die er in der letzten Zeit erduldet, hatten ihn zu allen Müßhſeligkeiten eines indianiſchen Marſches befähigt und ſeine von Natur ſtarke Geſtalt außerordentlich kräftig und gewandt gemacht. Da er keine Gefahr für die fürchtete, die er am meiſten liebte und ſich der Rettung aus der Gefangenſchaft und von der Gefahr des Todes erfreute und voll glänzen⸗ der Hoffnung für die Zukunft, war ſein Herz leicht und heiter und das Glück erhöhte ſeine Kraft. Die abgehärteten Krieger, mit welchen er marſchirte, ſahen mit Ueberraſchung und Bewunderung den Sohn des bleichen Geſichts Anſtrengungen und Beſchwerden ſo gut wie ſie ſelber ertragen, und am Schluſſe des Tages ſo friſch und heiter wie immer bleiben. Die Feuer wurden angezündet, die Büchſen in der Nähe jeder Abtheilung aufgeſtellt und die Speiſen, die ſie mitgebracht, nach ihrer Art gekocht, unter ſie vertheilt; aber das Mahl war noch nicht beendet, als — 230— eine andere kleine Abtheilung zu ihnen kam und der ſchwarze Adler ſelber zu den verſchiedenen Feuern ging, bis er bei dem, an welchem Walter ſaß, ſtehen blieb. Keiner von ſeinen Leuten hatte ſeine Annäherung be⸗ achtet. Freilich blickte einer oder der andere von den Kriegern auf, als er vorüberging; aber kein Zeichen der Ehrerbietung oder auch nur des Erkennens fand ſtatt, bis Walter nach europäiſcher Sitte aufſtand und ſeine Hand ausſtreckte. „Du biſt mir zuvor gekommen, mein Sohn,“ ſagte der Häuptling;„die Flügel des ſchwarzen Ad⸗ lers haben weit zu fliegen gehabt. Ich habe Deines Vaters Hütte beſucht und bin ihm gefolgt zu der nenen Burg am ſüdlichen Ende des Horicon.“ „Mein Vater!“ rief Walter in großer Ueberra⸗ ſchung.„War er nicht in ſeinem Hauſe?“ „Nein, er iſt ein Kriegshäuptling bei der Ar⸗ mee,“ entgegnete der ſchwarze Adler. „Wo iſt denn Editha?“ fragte der junge Mann. „Ließeſt Du die Blüthe bei ihr zurück?“ „Ich ließ Otaitſa im Hauſe Deines Vaters,“ antwortete der Häuptling;„aber Deine Schweſter war nicht dort.“ „Wo war ſie denn?“ fragte Walter mit einiger Unruhe. „Ich weiß es nicht, antwortete der ſchwarze Adler und ſchwieg. d — 231— „Vielleicht hat er ſie nach Albany gebracht,“ verſetzte der junge Mann.„Aber Du ſaheſt meinen Vater. Wie befand er ſich?“ „Wohl,“ antwortete der ſchwarze Adler,„ganz wohl, und er willigt in Deine Verbindung mit Otaitſa. Die Blüthe iſt Dein.“ „Da iſt Editha in Sicherheit,“ ſagte Walter in beruhigtem Tone;„und ſein Geiſt muß meinetwegen ruhig geweſen ſein, denn er konnte nicht wohl ſein oder auch nur wohl ſcheinen, wenn eins von ſeinen Kindern in Gefahr wäre.“ „Der rothe Mann fühlt ebenſo viel, wie der weiße Mann,“ verſetzte der ſchwarze Adler;„aber er überläßt Thränen und Klagen, Seufzer und traurige Blicke den Weibern und Kindern. Wo iſt der Nacht⸗ falke? Und wo ſind die Krieger, die mit ihm gegan⸗ gen ſind?“ 3 „Sie ſind voraus,“ verſetzte der Jüngling. „Wir haben ſie nicht geſehen; aber hier haben ihre Feuer gebrannt.“ 8 Der Häuptling that keine weitere Fragen, und langſam fortgehend, ſetzte er ſich mit denen, die ihn begleitet hatten, nieder, um von den Speiſen zu eſſen, die ſie bereiteten. Nur wenige Worte wurden zwiſchen den verſchie⸗ denen, dort verſammelten Gruppen gewechſelt, und etwa zwanzig Minuten waren vergangen, als einer — 232— von den jungen Männern, die mit dem ſchwarzen Adler am Feuer ſaßen, aufſprang und gleich einem erſchrockenen Reh nach Norden forteilte. Niemand achtete darauf und mehrere legten ſich gleich darauf zum Schlafen nieder. Die Anderen ſaßen, ihre Köpfe faſt bis auf ihre Kniee niedergebeugt, da, und das Gemurmel einiger Sätze, die hie und da ausgeſpro⸗ chen wurden, war in einer Stunde faſt allein das Ge⸗ räuſch, welches die Stille unterbrach. Nach Verlauf dieſer Zeit ſprangen zwei junge Krieger an der nördlichen Seite der Savannah auf und horchten, und kurz darauf ſah man mehrere von den Oneida's, die in der Nacht vorher faſt an derſel⸗ ben Stelle geruht hatten, durch das hohe Gras kom⸗ men und über den kleinen Bach gehen, der in der Mitte floß. Von dem jungen Boten geführt, der ſich kürz⸗ lich entfernt hatte, um ſie aufzuſuchen, näherten ſie ſich dem Feuer des großen Häuptlings und ſetzten ſich zu ihm nieder. Dann wurde die Unterredung raſch und eifrig und man konnte lebhafte Geberden und ſprühende Augen ſehen. Die große Maſſe der Oneida's achtete nicht im Geringſten darauf, was um das Berathungsfeuer des ſchwarzen Adlers vorging; aber Walter beobachtete jeden Blick mit einem unerklärlichen Gefühl des In⸗ tereſſe und der Neugierde; und nach langer Verhand⸗ — 233— lung und mancher Pauſe dazwiſchen, winkte ihm der Häuptling, ſich zu nähern und ließ ihn mit im Kreiſe ſitzen. „Du biſt jung, um mit Kriegern zu reden,“ ſagte der ſchwarze Adler, als er ſich geſetzt hatte. „Deine Hand iſt ſtark gegen den Panther und das Reh, aber ſie hat nie den Scalp eines Feindes ge⸗ nommen. Aber die Tochter des weißen Mannes Prevoſt iſt meine Tochter und ſie iſt Deine Schwe⸗ ſter. Wiſſe alſo, mein Sohn, daß ſie in der Ge⸗ walt der Franzoſen iſt. Die Honontkoh— dieſe Wölfe— die wir ausgeſtoßen, haben ſie gefangen genommen; ſie haben ſie erjagt wie eine Schaar hungriger Wölfe ein Reh, und haben ſie und ſich ſelber den Händen des Feindes überliefert. Die Mündungen ihrer Büchſen haben Feuer für unſere Herzen— ihre Meſſer ſind hungrig nach unſeren Scalps. Sei kein Weib, welches nicht mit ruhigen Augen und Gliedern zuhören kann, ſondern ſitze ſtill da und horche, und beweiſe Dich ſo als einen Krie⸗ ger im Gefecht.“ Dann fuhr er fort, Alles zu wiederholen, was er eben von dem Häuptlinge gehört hatte, der in der vergangenen Nacht der armen Negerin zu Hülfe ge⸗ kommen war, ſo wie Alles, was ſeitdem geſchehen. „Der Nachtfalke that recht,“ ſagte er,„Nachricht zu ſenden, daß wir Deine Schweſter befreien würden, —— — 234— denn ſie iſt eine Tochter der Oneida's. Auch die Geſchichte der dunklen Wolke iſt wahr, denn die Kinder des Steines haben Nachforſchung anſtellen laſſen, und ſie haben die Pferde gefunden, die ſie verloren und den Körper des Mannes, den man er⸗ ſchlagen. Sie ſcalpirten ihn freilich nicht; denn was iſt der Scalp eines Negers werth? Aber der Abdruck des Tomahawk war zwiſchen ſeinen Augen.“ „Schafft mir ein Pferd,“ rief Walter,„und ich will ſie aus ihrer Mitte befreien.“ „Die Schwalbe fliegt ſchneller, als der Adler,“ entgegnete der Häuptling;„aber wo iſt ſeine Stärke? Höre auf die Worte der Erfahrung, Knabe. Deine Schweſter muß befreit werden; aber unſere Brüder, die Engländer, müſſen um dieſen Hinterhalt wiſſen, damit ſie nicht davon überfallen werden. So wird ſie auch um ſo ſicherer befreit werden. Schreibe den Vorgang auf Papier und ſchicke es Deinem Freunde, dem großen Häuptling, dem fallenden Cataract. Ich will einen Boten finden, der ihn kennt. Dann wol⸗ len wir zugleich mit den Engländern dieſen Hinterhalt überfallen und die Sealps der Honontkoh ſollen auf dem Kriegspfahl hängen; denn ſie ſind nicht die Kin⸗ der des Steines— ſie haben ihre Mutter angeſpien. Du ſollſt auch eins von den Pferden haben, um Deine Schweſter aus dem Gefechte zu erretten, wenn ein vierfüßiges Thier in dieſem Walde leicht laufen kann.“ „Da iſt der breite Fußweg von der untergehen⸗ den Sonne bis zu dem Orte bei den tönenden Waſ⸗ ſern,“ ſagte der Nachtfalke.„Ein Pferd kann dort laufen ſo gut wie ein Reh. Er führt dicht hinter dem Verſteck der Franzoſen vorüber.“ „Laß mich hören,“ ſagte Walter, ſeine Ge⸗ müthsbewegung bemeiſternd nnd ſich bemühend, das ruhige Weſen der Indianer nachzuahmen,„laß mich hören, wo dieſer Hinterhalt iſt und wie er ausſieht. Der weiße Mann, und wenn er gleich jung iſt, kennt die Art und Weiſe des weißen Mannes am beſten; und er kann Licht ſehen, wo ältere Augen dunkel ſind.“ In einer von Bildern verdunkelten Sprache, aber ſonſt klar und deutlich genug, beſchrieb der Nachtfalke die Schanze der Franzoſen und ihre Lage. Unbekannt mit der Umgebung der Feſtung, konnte Walter ſich nur ein undeutliches Urtheil über den Ort bilden, wo ſich dieſelbe befand; aber die Form und die Beſtimmung des Werkes errieth er ſehr wohl. Er ſann ſchweigend einige Minuten nach, als der Häuptling geſprochen hatte, und gewährte dem ſchwar⸗ zen Adler die Hoffnung, daß er ſich mit der Zeit die indianiſche Kälte aneignen werde; und dann ſagte er: „Es würde beſſer ſein, wenn wir die Schanze — 236— im Rücken angreifen, während die Armee in der Fronte anrückt.“ „Was meinſt Du, mein Sohn?“ fragte der ſchwarze Adler, denn Walter, der noch mit ſeinen Gedanken beſchäftigt war, hatte engliſch geſprochen. Der junge Mann erklärte ſeine Meinung deutli⸗ cher in der Irokeſenſprache und zeigte, da die feind⸗ liche Stellung wahrſcheinlich nur von drei Seiten ein⸗ geſchloſſen wäre, ſo würde es für eine indianiſche Abtheilung leicht ſein, einen Umweg zu machen und den Franzoſen in den Rücken zu fallen, wenn ſie nicht eine beträchtliche Anzahl von Eingebornen an ihrer weſtlichen Flanke aufgeſtellt hätten. Der Nacht⸗ falke nickte mit einem Blicke der Billigung langſam mit dem Kopfe und ſagte: „Die Huronen ſind Hunde und ſchleichen nahe zu den Ferſen ihres Herrn hin. Sie ſind alle inner⸗ halb der Steinmauern oder der Erdwälle, mit Aus⸗ nahme derjenigen, die an der Seite des Horicon Wache halten. Der Nachtfalke iſt über die Gegend dahingezogen, der untergehenden Sonne zu, und es iſt keine Spur eines Moccaſſins auf dem Fußwege.“ „Du beſitzeſt die Liſt eines Kriegers, wenn Du ruhig biſt,“ ſagte der ſchwarze Adler,„und es ſoll ſein, wie Du geſagt haſt. Wir wollen dem Wilde auf den Rücken ſpringen. Aber der fallende Cataract muß es ſchnell wiſſen. Haſt Du die Mittel? Er wird den Wampumgürtel nicht verſtehen und er kennt die Sprache der Oneida's nicht.“ „Ich kann die Mittel finden,“ ſagte Walter, indem er aus der Taſche, die er bei ſich führte, einen Bleiſtift und eine alte Brieftaſche nahm.„Aber wo wird Dein Bote ihn finden, mein Vater?“ „Er iſt nicht weit,“ antwortete der Häuptling. „Er ſegelte heute von Mittag dem kalten Winde zu mit der Kriegsſchaar der Engländer. Ich beobachtete ſie von dem ſchwarzen Berge aus, und es iſt ein mächtiges Volk. Sie ſchwammen auf dem Horicon, wie eine Schaar Schwäne, und ihre Anzahl auf dem blauen Waſſer war gleich einem Volk wilder Tauben am Himmel, wenn ſie weſtwärts ziehen. Sie landeten an der Landzunge bei der Klapperſchlan⸗ genſchlucht. Aber wer weiß, wie lange ſie ſich dort aufhalten werden? Schicke alſo bald.“ Walter ſchrieb auf ſeinem Knie, während der Häuptling ſprach, und der kurze Brief, den wir be⸗ reits haben abgeben ſehen, war ſchnell beendet. Ein ſchneller Bote wurde dann ausgewählt und ſogleich zu dem Punkte abgeſchickt, wo die engliſche Armee zuerſt gelandet war. Als er zurückkehrte, war Alles ſtill unter den Oneida's, und die Krieger, nur mit zwei Ausnahmen, ſchliefen auf dem hohen Graſe. Die Nachricht, die er brachte, erweckte indeß die Schläfrigſten. Die eng⸗ — 238— liſche Fottille, ſagte er, wäre weiter geſegelt. Er habe nur ein einziges Cange mit einigen Mohawks gefunden, die ihm geſagt, daß die Schlacht am fol⸗ genden Morgen ſtattfinden werde. Alle Krieger waren im Augenblick auf den Füßen und ſie ergriffen haſtig ihr leichtes Gepäck und ihre Waffen. Eine Abthei⸗ lung wurde nach Oſten geſchickt, um die Bewegungen der Armee zu beobachten, und ehe eine halbe Stunde um war, bewegte ſich die ſchwärzliche Schaar wieder ſchweigend auf den dunklen Waldpfaden weiter, die nur von Zeit zu Zeit von dem Schimmer des Mon⸗ des erleuchtet waren, und geleitet von den wohlbe⸗ kannten Sternen, die ſo oft ihre Väter durch die un⸗ begrenzte Wildniß geführt hatten. Siebzehntes Kapitel. . Schön, heiter und ſtill brach der Sabbathmor⸗ gen über der Welt des Waldes um Editha Prevoſt an. Durch die hohen Fichtenbäume, die man inner⸗ halb der Wälle hatte ſtehen laſſen, ſtrömte lieblich das roſige Licht; und wenn auch keine Vögel, die den Namen Sänger verdienen, die Wälder Amerika's bewohnen, ſo begrüßte doch mancher kurze Ton den anbrechenden Tag. Während die gute Negerin neben ihr gelegen, hatte Editha beſſer geſchlafen, als ſie gehofft; aber ſie war mit dem erſten Strahle wach, und ihre dunkle Gefährtin weckend, ſagte ſie: „Wir dürfen nicht vergeſſen, daß es Sonntag iſt, Bab. Rufe unſeren guten Freund Woodchuck herein, und wir wollen beten, ehe der Lärm und das — 240— geſchäftige Treiben des Tages beginnt. Ich bin ge⸗ wiß, er wird gern daran Theil nehmen.“ „Aber Sie haben kein Buch, Miſſy,“ antwortete die Schwarze. „Das thut Nichts,“ entgegnete Editha.„Ich weiß faſt alle Gebete auswendig, weell ich ſie ſo oft geleſen.“ Schweſter Bab öffnete die kleine Thür und ſah ſich um. Sie konnte den Mann, den ſie ſuchte, nicht finden. Drei Schildwachen gingen an verſchiedenen Punkten auf und ab, ein Mann erhob ſich langſam neben einem erloſchenen Feuer, aber alle Uebrigen, die ſie ſehen konnte, lagen in feſtem Schlafe. Es war vergebens, der nahen Schildwache Fragen vorzu⸗ legen, und ſie ſah ſich vergebens um. „Er hat ſich höchſt wahrſcheinlich in einer von den Hütten zum Schlaf niedergelegt,“ ſagte Editha, als Bab ihr geſagt hatte, daß Woodchuck nicht zu ſehen ſei.„Wir wollen nicht auf ihn warten.“ Und die Thür wieder ſchließend, kniete ſie nieder und betete mit der armen Negerin an ihrer Seite. Es war ein großer Troſt für ſie, denn ihr Herz war ſehr traurig. Vielleicht war es die Erinnerung an manchen glücklichen Sabbath, den ſie mit denen verlebt, die ſie liebte, und der Contraſt jener Tage zu ihrer gegenwärtigen Lage, vielleicht war es die Ungewißheit über das Schickſal ihres Bruders und — 241— ohne Zweifel auch der Gedanke, daß jede aufgehende Sonne die Stunde näher bringe, wo ihr Vater und ihr Geliebter der Gefahr und vielleicht dem Tode ausgeſetzt ſein ſollten. Aber ſie war an dem Tage ſehr traurig und das Gebet war eine Erleichterung und ein Segen. Ehe ſie damit zu Ende war, hörte ſie draußen viel Lärm und Durcheinanderrennen; es ſprachen hef⸗ tige Stimmen und es wurde gerufen, wie Editha es noch nie vorher gehört hatte. Einen Augenblick ſpä⸗ ter wurde die Thür der Hütte geöffnet, Monſieur le Courtois erſchien und fragte, ob ſie ihren engliſchen Begleiter nicht geſehen habe. „O nein,“ verſetzte Editha.„Ich ſchickte vor einer halben Stunde meine Dienerin hinaus, um ihn zu ſuchen; aber ſie konnte ihn nicht finden, und ich ſchloß, daß er in einer von den Hütten ſei.“ Der Franzoſe ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden, und ſeine gewohnte Höflichkeit vergeſſend, ſprach er einige haſtige und zornige Worte, die den Glauben andeuteten, daß Mademoiſelle wiſſe, wo Woodchuck ſei, und ihm zur Flucht verholfen. Edi⸗ tha richtete ſich mit würdevoller Miene auf und ant⸗ wortete: „Sie machen mir fühlbar, daß ich eine Gefan⸗ gene bin. Aber Sie verkennen mich ſehr. Ich er⸗ laube mir bei keiner Gelegenheit, die Unwahrheit zu Ticonderoga ꝛc. 3. Bd. 16 — 242— reden. Wenn er entflohen iſt— und ich hoffe, daß es der Fall ſein mag— weiß ich wenigſtens Nichts davon.“ „Ich bitte um Verzeihung, Mademoiſelle,“ ent⸗ gegnete der Offizier;„aber dies iſt eine ſehr ernſte Sache für mich. Ich kann wegen dieſes unglücklichen Vorfalles der ſtrengſten militairiſchen Strafe ausge⸗ ſetzt ſein. Es war von der äußerſten Wichtigkeit, daß dieſer Poſten geheim gehalten werde. Man hat die äußerſte Vorſicht angewendet, das Vorhandenſein deſ⸗ ſelben ſelbſt vor den Truppen des Fort Carillon zu verbergen, und jetzt iſt dieſer Mann frei, um dem Feinde die Nachricht zu überbringen. Dies muß ein wenig Hitze entſchuldigen. Wie er entflohen iſt, kann ich unmöglich errathen, denn ich befahl den Schild⸗ wachen, ihn und die mit Ihnen gekommenen India⸗ ner beſtändig im Auge zu behalten. Er muß noch ärger ſein als ein Indianer, denn dieſe ſind alle wohlbehalten und ruhig da; aber er iſt verſchwunden, obgleich die Schildwache behauptet, ſie habe ihn noch nicht vor einer Stunde unter dem großen Fichtenbaum am Boden liegen und ſchlafen ſehen.“ „Vor einer halben Stunde war er freilich fort,“ ſagte Editha,„denn meine Dienerin ging, ſich nach ihm umzuſehen, konnte ihn aber nicht finden.“ „Er kann noch in den Büſchen ſein,“ ſagte der — 243— franzöſiſche Offizier.„Ich will eine Abtheilung aus⸗ ſenden, um ihn aufzuſuchen.“ Und er entfernte ſich von der Thür der Hütte. Editha folgte einige Schritte, um den Erfolg zu ſehen; aber kaum hatte Monſieur le Courtois ſeine Befehle ertheilt und ein Dutzend Leute ausgeſchickt, wovon einige über die Bruſtwehr kletterten, andere an den Seiten herumliefen, als ein glänzend gekleideter franzöſiſcher Offizier, dem ein ebenfalls berittener Sol⸗ dat folgte, in die Schanze geritten kam, worauf ſich Editha wieder in die Hütte zurückzog. Le Courtois begrüßte den Ankommenden ehrer⸗ bietig. Der Andere ſah ſich haſtig um und ſagte: „Stellen Sie Ihre Leute ſo ſchnell wie möglich unter Waffen. Von der Vertheidigung dieſes Poſtens iſt die Sicherheit der Feſtung abhängig. Ich vertraue ihn der Ehre eines franzöſiſchen Edelmannes und der Treue unſerer indianiſchen Bundesgenoſſen an. Beide werden den Ruhm Frankreichs oder ihren eigenen Ruf nicht ſchmälern, indem ſie einen Fußbreit Land preis⸗ geben, den ſie behaupten können.“ Er ſprach laut, ſo daß ſeine Stimme über den ganzen Raum zu hören war; dann aber beugte er ſeinen Kopf zu le Courtois Ohre nieder und ſagte in leiſem Tone:— „Die Engländer ſind ſchon da. Ihre erſten Böte ſetzen die Truppen ans Land. Herr von L. iſt 16* — 244— mit unſeren Verſtärkungen noch nicht da. Alles iſt davon abhängig, daß wir die Außenpoſten halten, bis er kommt. Dies, mein Herr, erwarte ich mit vollem Vertrauen von Ihnen, als von einem tapfe⸗ ren Manne und einem erfahrenen Soldaten. Ich muß jetzt die anderen Poſten beſuchen. Leben Sie wohl! Bedenken Sie, daß der Ruhm Frankreich's in Ihren Händen iſt.“ So redend, ritt er fort und das Geräuſch der augenblicklichen Vorbereitung verbreitete ſich durch das kleine Fort. Die franzöſiſchen Soldaten wurden in⸗ nerhalb der Bruſtwehren aufgeſtellt, die Vorräthe in der Mitte des freien Platzes zuſammengebracht, dſo daß man ſie leicht haben konnte, wenn man ihrer bedurfte; zwei Abtheilungen der Huronen wurden an den Flanken aufgeſtellt, ſo daß ſie bereit waren, mit dem Tomahawk herauszuſtürzen, ſobald ſich eine Ver⸗ anlaſſung dazu finden würde. Zunächſt kamen die langen Reihen der franzöſiſchen Musketiere und in der Mitte der längſten Bruſtwehr wurden Apukwa und ſeine Begleiter mit ihren Büchſen in den Händen und einer kleinen Abtheilung franzöſiſcher Soldaten aufge⸗. ſtellt, die eine zweite Linie hinter ihnen bildeten, wo⸗ durch man ſich ihrer Treue verſicherte, und das Feuer im Centrum verſtärkte. Freilich war ihre Gegenwart in dem Augenblick nöthig, denn die Leute, die man ausgeſchifft, um Woodchuck zu verfolgen, hatten ent⸗ weder den Befehl, nicht weit zu gehen, mißverſtan⸗ den, oder ſich verirrt, und ſie waren noch nicht da, als die ganze Vorbereitung vollendet war. Dies währte einige Zeit, obgleich Monſieur le Courtois alle Thätigkeit und Beſtimmtheit eines voll⸗ endeten Soldaten anwendete, ſeine Befehle raſch aber ruhig und deutlich anwendete und jeden Fehler wieder gut machte, ſobald er geſchehen war. Die Indianer brachten ihn in die größte Verlegenheit, denn ſie wa⸗ ren zu eifrig zum Kampfe, und da ſie ſich nie an militairiſche Disciplin gewöhnt hatten, ſo liefen ſie hin und her zu den Punkten, wo ſie ihren Beiſtand am vortheilhafteſten hielten, ohne auf die allgemeinen Anordnungen zu achten. Der Franzoſe fand indeſſen Zeit, einige höfliche Worte an Editha zu richten. „Ich bin ſehr in Verlegenheit durch Ihre Ge⸗ genwart, meine liebe junge Dame,“ ſagte er,„da wir jeden Augenblick einen Angriff erwarten. Ich wünſchte, Monſieur de Montealm hätte Sie mitge⸗ nommen; aber in der Eile des Augenblicks dachte ich nicht daran, und ich bin nicht im Stande, Sie jetzt fortzuſchicken; und überdies würde die Gefahr für Sie nur noch größer ſein, als wenn Sie hier blieben. Ich glaube, Sie ſind in dieſer Hütte ebenſo ſicher, wie irgendwo. Sie iſt der Bruſtwehr nahe genug, — 246— um vor dem Feuer des Feindes geſchützt zu ſein; aber Sie können ſich auch ebenſo gut auf die Bärenhaut legen, wenn Sie Musketenfeuer hören.“ „Könnte ich mich nicht gerade unter die Bruſt⸗ wehr ſtellen?“ fragte Editha, ſich der ihr geſendeten Inſtruction erinnernd. „Unmöglich,“ verſetzte der Offizier.„Jener Raum iſt ganz von Soldaten und Indianern einge⸗ nommen. Sie befinden ſich beſſer hier. Wenn wir zurückgetrieben werden ſollten, was Gott verhüte, ſo ſind Sie ſicher, da Sie Engliſch ſprechen und ſagen können, wer Sie ſind; aber wenden Sie ſich ja an einen Offizier, denn die Canaille wird wahnſinnig in der Schlacht— und auf keinen Fall vertrauen Sie ſich den Indianern an.“ „Aber ich rede die Irokeſenſprache,“ antwortete Editha. „Meine liebe junge Dame, es iſt ihnen nicht zu trauen,“ ſagte der Offizier;„Freunde oder Freinde gelten ihnen gleich, wenn ihr Blut erhitzt iſt. Alles, was ſie wollen, iſt ein Sealp, und den wollen ſie haben. Es würde ſchrecklich ſein, Ihre ſchönen Locken an einem indianiſchen Gürtel hängen zu ſehen.“ Während er noch ſprach, kam einer von den Leuten, die er ausgeſendet hatte, herbeigelaufen und rief: „Sie kommen jetzt, Kapitain, ſie kommen.“ 4 4 — 2472— „Wer?“ fragte le Courtois kurz. „Die Rothröcke— die Engländer,“ verſetzte der Mann.„Ich ſah ihren Vortrab mit eigenen Augen; ſie ſind keine zweihundert Schritte entfernt.“ „Wo ſind Deine Kameraden?“ fragte le Cour⸗ tois.„Wir bedürfen jeder Muskete.“ „Ich weiß nicht,“ antwortete der Mann;„ich denke, ſie haben ſich verirrt, wie ich. Ich ſah eben jetzt zwei unter den Büſchen, welche zurückzukehren verſuchten.“ „Sacré Dieu! ſie werden uns entdecken!“ ſagte der Kapitain. Und vorwärts rennend, ſprang er gerade hinter einem der höchſten Büſche auf die Bruſtwehr und blickte hinüber. Im nächſten Augenblick ſprang er wieder herunter und ſagte in leiſem Tone zu dem Korporal in ſeiner Nähe. „Zu den Waffen! augenblicklich! Was Ihr auch ſehen mögt, feuert nicht eher, als bis ich den Befehl ertheile.“ In demſelben Augenblick gab er den ausgeſtoße⸗ nen Oneida's ein Zeichen mit der Hand, aber wahr⸗ ſcheinlich ſahen ſie es nicht, denn ihre lebhaften ſchwarzen Augen richteten ſich vorwärts durch die Büſche, die ſich jetzt in einiger Entfernung zu bewe⸗ gen ſchienen. Einen Augenblick ſpäter wurden einige — 248— einzelne Schüſſe gehört und augenblicklich feuerten die Honontkoh. Dann ertheilte le Courtois den Befehl und die ganze Fronte feuerte, was mit einer Anzal unregelmäßiger Schüſſe aus den Büſchen erwiedert„ wurde. Dann folgte ein Schweigen von einigen Augen⸗ blicken und dann ein lauter Ruf, wie er jemals nur aus angelſächſiſchen Lungen gekommen. Editha ſaß todtenblaß und zitternd in der Hütte; aber es iſt nicht zu viel geſagt, daß nur ein kleiner Theil ihres Schreckens ihr ſelber galt. Die Schlacht hatte begonnen— die Schlacht, in welcher das Le⸗ ben ihres Vaters und ihres Geliebten auf dem Spiele ſtand, wo unter allen menſchlichen Weſen, die an dem Tage zu bluten und zu ſterben beſtimmt waren, ihre Liebe zwei auszeichnete, während ihre Phantaſie dieſelben als das Ziel jedes Schuſſes darſtellte. An ſie dachte ſie mehr, als an ſich ſelber. Die Thür der Hütte öffnete ſich nach der inne⸗ ren Seite des Vierecks und Kapitain le Courtois hatte dieſelbe offen gelaſſen. Aber da Editha an der einen Seite des Einganges ſaß, hatte ſie eine Ausſicht ſo⸗ wohl auf den größten Theil des Platzes ſelber, als auch auf die innere Fronte der weſtlichen Seite der Schanze, wo einige franzöſiſche Soldaten und eine beträchtliche Anzahl Huronen aufgeſtellt waren. Das Feuern wurde bald wieder fortgeſetzt, aber — 249— in etwas verſchiedener Weiſe, als vorher. Es wurde nicht zugleich gefeuert, ſondern es fielen beſtändig ein⸗ zelne Schüſſe, oder vielmehr zwei oder drei zuſam⸗ men, die einen einzigen Schall bildeten. Zweimal ſah ſie einen franzöſiſchen Soldaten über den freien Raum tragen und am Fuße eines Baumes niederle⸗ gen. Einer blieb völlig ſtill liegen, wo man ihn hingelegt hatte; ein Anderer erhob ſich einen Augen⸗ blick auf einen Arm und ſank dann wieder nieder, und Editha verſtand die Zeichen nur zu gut. Dann rollten bläulich weiße Rauchwolken über die Schanze dahin und zu dem breiten Fußwege, auf welchem man ſie dorthin gebracht. Die Geſtalten der India⸗ ner wurden undeutlich und erſchienen gleich Weſen, die man im Traume ſieht. Noch immer dauerte das Feuern fort und zog ſich anſcheinend mehr nach der weſtlichen Seite, und noch immer war das Musketenfeuer mit lautem Zu⸗ ruf von außen gemiſcht. Aber plötzlich ertönte ein wildes Geheul, wie Editha es nur einmal vorher im Leben gehört hatte, welches jetzt aus tauſend Kehlen, anſtatt aus wenigen zu kommen ſchien. Es kam aus Nordweſten von dem breiten Fußwege her. Die franzöſiſchen Soldaten und die Huronen, welche nie dergekniet waren, um über die Bruſtwehr wegzufeuern, ſprangen auf, ſahen ſich — 250— nach allen Seiten um und ſtießen dann das Kriegs⸗ geſchrei aus. „O! Miſſy, Miſſy, laſſen Sie uns davonlau⸗ fen!“ rief Schweſter Bab, Editha's Handgelenk faſſend. „Still, ſtill! ſei ruhig!“ rief die junge Dame. „Dies können auch Freunde ſein.“ Als ſie ſprach, kam ein ſchwarzer Strom von düſteren Geſtalten auf dem Fußwege daher und brei⸗ tete ſich über den Platz aus. In ihrer Mitte be⸗ fand ſich ein Jüngling, der wie ein Indianer geklei⸗ det war und ein graues Pferd ritt, welches Editha als ihr eigenes erkannte. Der Anblick verwirrte und blendete ſie. Federn, bemalte Körper, Büchſen und Tomahawks, Meſſer, grimmige Geſichter und ge⸗ ſchwungene Arme ſchwammen vor ihr wie Gegen⸗ ſtände, welche die Phantaſie auf einen Augenblick in einer Wolke ſieht, während das entſetzliche Kriegsge⸗ ſchrei umher ertönte, ſelbſt das Musketenfeuer unhör⸗ bar machte und die Luft zu ſpalten ſchien. Nur zwei Figuren waren deutlich ſichtbar: der Jüngling auf dem Pferde und die hohe Geſtalt des ſchwarzen Ad⸗ lers ſelber. In der Flanke, in der Fronte und im Rücken angegriffen, wurden die Franzoſen und Huronen im Augenblick von den Bruſtwehren heruntergetrieben und auf die Mitte des freien Platzes zurückgedrängt. Noch immer fochten ſie mit Verzweiflung, bis die Büchſen — 251— und Musketen knallten, und noch immer ertönte der Zuruf und das Kriegsgeſchrei durch die Luft. Eine große Abtheilung der franzöſiſchen Soldaten wurde zwiſchen die Hütten und die Oneida's geſtellt und der junge Mann zu Pferde bemühte ſich vergebens, ſich mit dem Tomahawk in der Hand durchzuſchlagen. Aber es fand eine Pauſe ſtatt, als ein rieſen⸗ hafter Hurone auf den ſchwarzen Adler losſtürzte. Vielleicht waren ſie alte Feinde; aber auf jeden Fall ſchien jeder von der Wuth eines Teufels erfüllt zu ſein. Jeder warf ſeine Büchſe weg und ergriff die Waffen ſeines Stammes, das Meſſer und das Toma⸗ hawk; aber die Bewegungen der beiden Kämpfer wa⸗ ren faſt unmöglich zu beſchreiben, ja auch nur zu ſehen, ſo groß war ihre wunderbare Schnelligkeit. Bald wendeten ſie ſich hierhin, bald dorthin; die Streiche ſielen wie Hagel, die Glieder umſchlangen ſich und die Waffen ſchwirrten und blitzten ringsum. Jeder war der Rieſe ſeines Stammes— der berühm⸗ teſte Krieger, und jeder focht um mehr als um ſein Leben— um den Schlußact eines großen Ruhmes. Aber die nervige Geſtalt des ſchwarzen Adlers ſchien über die ſchwerfälligere Kraft ſeines Gegners den Sieg davon zu tragen. Der Hurone wurde zu dem gro⸗ ßen Fichtenbaume in der Mitte des Platzes zurückge⸗ drängt; das Meſſer des ſchwarzen Adlers trank ſein Blut, verwundete ihn aber nur in der Schulter. — 252— Die, welche der Scene am nächſten waren, hat⸗ ten auf einen Augenblick den Streit eingeſtellt, um Zeugen des wilden Zweikampfes zu ſein; aber an anderen Stellen des Platzes dauerte das Gefecht noch ſort. Einen Augenblick ſchien die franzöſiſche Abthei⸗ lung vor den Hütten durch verzweifelte Anſtrengungen die Oncida's zu überwältigen. Ein großer franzöͤſi⸗ ſcher Grenadier erſtach den Nachtfalken vor Editha's Augen mit dem Bajonett, und dann, als der Huro⸗ nenhäuptling unter den Streichen ſeines Gegners ſchwankte, ſtürzte er vorwärts, und da er bei den raſchen Wendungen der beiden Kämpfer ſein Bajonett nicht dort anzuwenden wagte, ſo verſetzte er dem ſchwarzen Adler mit dem Kolben ſeiner Muskete einen Schlag auf den Kopf. Der Schlag fiel mit furcht⸗ barer Gewalt, ſo daß der große Häuptling auf ein Knie niederſank und die Hand auf den Boden ſtützte. Seine Laufbahn ſchien geendet, ſein Schickſal vollen⸗ det. Der Hurone erhob ſein Tomahawk, um zu ſchlagen; der Franzoſe faßte ſeine Muskete kürzer, um den Häuptling an den Boden zu nageln. Aber in dem Augenblick fiel ein kräftiger Mann von den Zweigen der Fichte zwiſchen den Oneida und den Grenadier herunter, beugte ſich ein wenig von dem Falle, aber ſelbſt im Aufſtehen erhob er die Büchſe zu ſeiner Schulter und ſendete die Kugel in das Herz des Franzoſen. Mit einem Schrei des Tri⸗ — umphes ſprang der ſchwarze Adler vom Boden auf und in einem Augenblick ſpalte ſein Tomahawk den unbeſchützten Kopf ſeines Gegners. Editha ſah das Ende des Kampfes nicht, denn bei dem Hinundherſchwanken des wilden Kampfes waren die franzöſiſchen Soldaten an den Hütten vor⸗ übergetrieben worden, und das Auge eines Weſens, welches ſie liebte, war auf ſie gerichtet. „Editha, Editha!“ rief Walter Prevoſt's Stim⸗ me, der das Pferd durch die kämpfenden Gruppen und die fallenden Schläge weiterlenkte. Sie ſah ihn, ſie erkannte ihn, ſie ſtreckte ihre Arme gegen ihn aus, und ſich zwiſchen zwei Abtheilungen durchdrängend, brachte Walter das Pferd bis dicht an die Hütte und faßte ihre Hand. „Springe herauf, ſpringe herauf!“ rief er, ſich niederbeugend und ſie mit ſeinen Armen umfaſſend. Dies iſt noch nicht halb vorüber; ich muß Dich weg⸗ bringen.“ Halb gehoben, halb vom Boden aufſpringend, ſchwang ſich Editha vor ihm aufs Pferd und ſie feſt an ſein Herz drückend, lenkte Walter das Pferd herum und galoppirte durch Freunde und Feinde und trat, unbewußt, was er that, auf Todte und Sterbende. Die weſtliche Seite des Platzes war mit Kämpfern angefüllt, und er lenkte den Kopf ſeines Pferdes nach Oſten, erreichte die Ecke und wendete ſich ſcharf her⸗ — 254— um, um hinter die engliſche Colonne zu kommen, welche vorrückte, um die Abtheilung des Major Put⸗ nam zu unterſtützen. Er dachte nur an ſeine Schwe⸗ ſter, und ſie feſter an ſein Herz drückend, ſagte er: „Wir ſind gerettet, Editha, wir ſind gerettet!“ Leider ſagte er es zu früh! Eine Gruppe ſtand vor den Kämpfern. Am ſüdöſtlichen Winkel ſchienen Apukwa und ſeine Begleiter auf eine Gelegenheit zur Flucht zu warten. Aber ihre wilden Augen hatten Walter geſehen und zweimal wurde von jenem Punkte aus eine Büchſe abgeſchoſſen, aber ohne Wirkung. Sie ſahen, wie er ſeine Schweſter auf das Pferd ſetzte und mit ihr fort galoppirte. Apukwa, der Bru⸗ der der Schlange, und zwei Andere ſprangen auf die Bruſtwehr, und kaum hatte Walter die Worte:„Wir ſind gerettet!“ ausgeſprochen, als das Feuer auf ein⸗ mal aus den Mündungen ihrer Büchſen fuhr. Eine Kugel pfiff an ſeinem Ohr vorüber, eine andere durch ſein Haar; aber Editha feſter an ſich drückend, galop⸗ pirte er weiter und kam in zwei Minuten zu einer Stelle, wo drei oder vier Männer ſtanden und einer kniete und ſeine Hand unter dem Kopfe eines eben gefallenen britiſchen Officiers hielt. Walter zog plötzlich den Zügel an, denn er war faſt über ſie hinweg, ehe er ſie erblickte, aber die Züge des Todten veranlaßten ihn zu dem plötzlichen Aus⸗ ruf:„Guter Gott!“ Es waren die des Lord H. Edi⸗ tha's Geſicht, als er ſie in ſeinen Armen hielt, war zu ihm gewendet und er glaubte, ſie laſſe ihre Stirn an ſeiner Bruſt ruhen, um den ſchrecklichen Anblick auszuſchließen. Er ſah zu ihr nieder, um ſich zu überzeugen, ob ſie die Züge der Leiche geſehen. Ihre Stirn ruhte noch da, aber über den Arm, den ſie ſo feſt an ſein Herz gedrückt hielt, ſah Walter einen dunkelrothen Blutſtrom dahinfließen. Er erbebte wie Espenlaub. „Editha!“ rief er,„liebe Editha!“ Keine Antwort. Er ſtrich die hellbraunen Locken aus ihrer Stirn, und als er dies that, ſank der Kopf zurück und zeigte ihr leichenblaſſes Geſicht. Sie war ohne den leiſeſten Schrei geſtorben. Walter neigte ſein Haupt, küßte ihre Wange und weinte. „Was giebts, Herr?“ ſagte der Sergeant, ne⸗ ben der Leiche des Lord H. aufſtehend.„Kannten Sie Mylord?“ „Sehen Sie hier!“ rief Walter. Es war Alles, was er ſprach. Aber in einem Augenblick verſammel⸗ ten ſie ſich um ihn und hoben Editha vom Pferde. Der Sergeant legte ſeine Hand auf das Handgelenk, ſchüttelte dann traurig den Kopf und ſie legten ſie ſanft zur Seite des Lord H. nieder. Sie wußten nicht wie paſſend es war; aber ſo würde ſie gern ge⸗ ruht haben. 4 So begegneten ſie einander und ſo wurden ſie getrennt; ſo liebten und ſo ſtarben ſie. Aber in einer Sache waren ſie glücklich, denn in der letzten Stunde des Lebens wußte Keins um die Gefahr oder das Sitjckſal des Anderen. Achtzehntes Kapitel. Von dem blutigen Schlachtfelde bei Ticonderoga zog ſich Abererombie, wie es bekannt iſt, zurück, nachdem er vergebens verſucht, die innere Schanze ohne Kanonen zu nehmen, und das Leben vieler tau⸗ ſend tapferer Männer ſeinem Mangel an Selbſtver⸗ trauen geopfert hatte. Ich will nicht länger bei dieſem ſchmerzlichen Gegenſtande verweilen; aber es war ein trauriger Tag für die ganze Armee, ein trauriger Tag für die ganze Provinz, und ein noch traurigerer Tag für einen klei⸗ nen häuslichen Zirkel, als die Leichen des tapferen Lord H. und ſeiner Verlobten auf eine Nacht in das Haus des Herrn Prevoſt gebracht wurden, ehe man ſie nach Albany führte. Eine Abtheilung von dem Regimente des jungen Edelmannes trug die Särge abwechſelnd; eine andere Abtheilung folgte mit umge⸗ kehrten Waffen; aber zwiſchen den Bahren und der Begleitung gingen vier Männer mit ſo traurigen Her⸗ zen wie nur irgend eines auf Erden. Es mag ſelt⸗ ſam erſcheinen, aber keiner von den Vieren vergoß Ticonderoga ꝛc. 3. B d. 17 — 258— eine Thräne. Der große indianiſche Krieger hatte keine Thränen für einen irdiſchen Kummer, obgleich er ſo bekümmert war, als wenn er ein eigenes Kind verloren hätte. Die Quelle in dem Herzen des Herrn Prevoſt war durch die feurige Heftigkeit ſeines Kum⸗ mers vertrocknet. Walter hatte insgeheim lange ge⸗ weint, aber der Stolz der Männlichkeit wollte ihm nicht geſtatten, ſeine Wangen in Gegenwart von Sol⸗ daten zu benetzen. Woodchuck's Augen waren auch trocken, denn ſechs lange Monate hatte er ſein Herz gewöhnt, die irdiſchen Dinge ſo leicht anzuſehen, daß, obgleich er um Editha's Schickſal trauerte, es mit einem Kummer geſchah, den er hätte empfinden kön⸗ nen, eine ſchöne Blume von einem rauhen Fuße nie⸗ dertreten zu ſehen, und eine glänzende Hoffnung miſchte ich mit dem Schatten ſeines Schmerzes, denn er ſagte häufig bei ſich ſelber: „Sie ſind nur für heute getrennt, um morgen einander an einem glücklicheren Orte wiederzuſehen.“ Als die Proceſſion ſich dem Hauſe näherte, ka⸗ men die Diener, ein junges ſchönes Mädchen in in⸗ dianiſchem Koſtüm an ihrer Spitze, heraus ihr entge⸗ gen. Sie trug zwei kleine Kränze in der Hand, den einen von hellen Frühlingsblumen, den andern von dunklem Immergrün gewunden, und als die Solda⸗ ten einen Augenblick mit ihrer Laſt anhielten, legte ſie die Blumen auf Editha's Sarg, und das Immer⸗ grün auf die Bahre des Kriegers. Dann wendete ſie ſich ab, indem Thränen aus ihren Augen fielen, doch ohne lautem Kummer, und ſie ging vor ihnen ins Haus zurück. Etwa vier Jahre ſpäter konnte man eine Scene anderer Art im Hauſe des Herrn Prevoſt ſehen. Er ſelber ſaß auf einem großen Lehnſeſſel unter der Ve⸗ randa; ſein Haar war ſchneeweiß geworden und ſein Kopf ſehr gebeugt. In ſeiner Nähe auf dem Boden ſaß ein großer indianiſcher Häuptling, in ſeinem Aeußern ſehr wenig verändert; ernſt, ruhig und ſtrenge. Auf der Stufe der Veranda ſaßen zwei junge Leute — ein großer, ſchöner, kräftiger junger Mann von etwa einundzwanzig Jahren, und ein graziöſes junges Weib, deren braune Wange eine Miſchung des india⸗ niſchen Bluts zeigte. Auf dem grünen Raſen vor ih⸗ nen befand ſich bei einer dabei ſitzenden ſchwarzen Wärterin ein ſo liebliches Kind von etwa zwei Jah⸗ ren, wie nur je die Sonne beſchienen. Sie hatten eine Anzahl hübſcher Blumen für ſie gepflückt und es ſpielte mit einer Grazie und einer Heiterkeit damit, wie ſie nur die Kindheit zeigen oder empfinden kann. Die Augen Aller waren auf ſie gerichtet und ſie nann⸗ ten ſie Edithͤa. Einer fehlte von der Geſellſchaft, die ſich vier Jahre früher dort verſammelt hatte. Woodchuck war nicht mehr da. Er war gegangen, wohin er ſich 17* — 260— ſehnte. Als er etwa zwei Jahre nach dem Tode des Lord H. fühlte, daß eine Krankheit ſich ſeiner be⸗ mächtige, verließ er das Haus des Herrn Prevoſt, welches er in der letzten Zeit zu ſeiner Heimath ge⸗ wählt hatte, und ſagte, er wolle auf das Gebirge wandern. Dort wurde es ſchlimmer mit ihm. Ein indianiſcher Läufer kam, um ſeinen Freunden zu ſa⸗ gen, daß er im Sterben liege, und als Herr Prevoſt ging, um ihn zu beſuchen, fand er ihn in einer Senecahütte und ſeinem Ende nahe. Er war froh, das freundſchaftliche Geſicht in ſeiner Nähe zu ſehen, und als ſein Beſucher ſich über ihn neigte, ſagte er: Ich bin Ihnen ſehr verbunden, daß Sie kom⸗ men, Prevoſt, denn ich möchte Sie um etwas bitten, und zwar, mich auf dem Kirchhofe zu Albany gerade neben Ihrem lieben Mädchen zu begraben. Ich weiß, dies iſt Alles Unſinn; ich weiß, daß das Fleiſch die Verweſung ſieht, dennoch iſt es mir, als würde ich dort ruhiger ſchlummern, als anderswo. Wenn es je einen Engel gab, ſo war ſie einer. Und ich denke, ihr Staub muß den Boden heiligen.“ Es war ſeine letzte Bitte, und ſie wurde nicht vergeſſen. Ende. Schneeberg, gedruckt in der C. Schumann'’'ſchen Buchdruckerei. ſ 4 1 TInnnn i nfnſinſinſſ 8 9 12 13 1 Fſſſnſſnſnn, 10 11 5 16 17 1