Leihbibliothek h d uſcher engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Jeſebedingungen. ¹ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von zedei Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ d en angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* eträgt: 4 V für uchentlich 2 7 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Nk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk. Ff. u-„„„ 5„—»„ 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen B der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Tieonderoga oder er ſchwarze Adler. Eine amerikaniſche Erzählung von G. P. N. James. Was giebt's? Haben wir Teufel hier? Führt Ihr uns Komödien auf mit Wilden und indianiſchen Männern? Der Sturm. Aus dem Engliſchen von Dr. E. Suſemihl. Zweiter Band. ee Leipzig, Verlag von Chr. Ernſt Kollmann. 1 85 4. Ticonderoga oder der ſchwarze Adler. Zweiter Band. Erſtes Kapitel. QLangfam und ſchwer brach der Tag unter der grauen Wolke an und fand Lord H. und den In⸗ dianerhäuptling noch am Eingange des Landhauſes ſitzend. In dem früheren Theile der Nacht hatten ſie einige Worte gewechſelt; aber viele Stunden vor der Morgendämmerung waren ſie völlig ſtill geweſen. Nur einmal während ihres Wachens ſtand der ſchwarze Adler von ſeinem Sitze auf, und das war gegen Mitternacht. Die Ohren des Lord H. hatten gehorcht ſo wie ſeine eigenen; aber obgleich der engliſche Edel⸗ mann kein Geräuſch vernahm, hörte der Häuptling einen fernen Fußtritt, und aufmerkſam horchend, ſprang er auf. Dann näherte er ſich der Thür und ſtand einige Augenblicke ſtill wie eine Statne da. Gleich darauf vernahm Lord H. das leiſe Geräuſch, welches ihm aufgefallen war, und im nächſten Augenblick wurde das Mondlicht von einer anderen düſteren Geſtalt verdunkelt, nicht ganz ſo groß wie der Häuptling, und der Schatten fiel durch die Thür herein. Es wurden einige Worte zwiſchen den beiden Indianern in ihrer Mutterſprache gewechſelt, anfangs in leiſem und muſikaliſchem Tone, aber dann in Ausdrücken, welche Kummer oder Zorn zu erkennen gaben. Nicht mehr, als fünf Sätze wurden von beiden Seiten geſprochen und dann eilte der, welcher zuletzt gekommen war, mit raſchen und ſorgloſen Schritten in den Wald. Der alte Häuptling kehrte zurück und ſetzte ſich in derſelben Stellung, wie vor⸗ her, nieder. Als der Tag dämmerte, ſtand der ſchwarze Adler auf und ſagte in engliſcher Sprache: „Nun, mein Bruder, laß die Stimme des Ca⸗ taracts das Mädchen erwecken; dann will ich Euch führen. Ihr Pferd iſt noch nicht gekommen; aber wenn es nicht mit dem Winde gelaufen oder ſich vom Feuer ernährt, wird es bald hier ſein.“ „Weißt Du denn, was aus demſelben gewor⸗ den, nachdem es ſich von uns losgeriſſen?“ fragte Lord H. „Nein, ich weiß es nicht,“ antwortete der In⸗ dianer;„aber meine Schritte folgten den Eurigen von der untergehenden Sonne bis Ihr hieher kamet. Ich war zu Deiner Sicherheit dort, mein Bruder, und zu der Sicherheit des Mädchens.“ „Wir wären oft froh geweſen, Deinen Rath zu erhalten,“ bemerkte Lord H.;„denn wir bedurften zuweilen eines beſſern Wiſſens, als wir ſelber be⸗ ſaßen.“ „Wer ſich ſelber hift, bedarf keiner Hilfe,“ ant⸗ wortete der ſchwarze Adler.„Du wareſt genug, um die Schwierigkeit zu überwinden; warum ſollte ich Dir das Recht nehmen zu handeln?“ Als ſie ſprachen, hörte man Editha's leichten Fußtritt auf der Treppe und die Augen des ſchwarzen Adlers waren, als ſie herunterſtieg, mit einem Blicke auf ſie gerichtet, welcher Lord H. einige Bedeutung zu haben ſchien, obgleich er nicht eigentlich ſagen konnte, worin die Eigenthümlichkeit beſtehe. Der Blick war ruhig und ernſt, doch lag eine gewiſſe Zärtlichkeit darin, welche machte, daß der junge Edel⸗ mann unwillkürlich fürchtete, es möchte dem Herrn Prevoſt irgend ein Unheil begegnet ſein. Er fühlte ſich indeſſen bald beruhigt, denn als Editha herunterkam, ſagte der Häuptling ſogleich: „Dein Vater iſt gerettet, meine Tochter. Er kam unverletzt durch das Feuer und befindet ſich in ſeiner eigenen Wohnung.“ Editha ſah blaß und verſtört aus; aber die Worte des Häuptlings riefen ein frendiges Lächeln auf ihr Geſicht und die Farbe kehrte ihrer Wange zu⸗ rück. Als Antwort auf die Fragen des Lord H. gab ſie zu, daß ſie wenig geſchlafen habe, und fügte dann wieder mit ängſtlichem Blicke hinzu: „Wie konnte ich ſchlafen, da ich meines Vaters wegen ſo unruhig war?“ Sie zeigte ein ängſtliches Verlangen, ſo bald wie möglich weiter zu reiſen und nicht zu warten, bis die Indianer ihr Pferd wieder auffangen würden, was ſie ſogleich als die Meinung des ſchwarzen Adlers erkannte, als ſeine etwas zweidentigen Worte ihr wiederholt wurden. „Sie mögen das Pferd einfangen oder nicht,“ ſagte ſie;„mein Vater wird meinetwegen ſehr ängſt⸗ lich ſein, bis er mich wiederſieht. Ich kann ſehr gut zu Fuß gehen.“ Der Indianer ſtand ſchweigend vor der Thür, zu welcher er ſich gewendet hatte, nachdem er ſie von der Rettung ihres Vaters benachrichtigt hatte, und Lord H. faßte ihre Hand und fragte ſie in leiſem Tone, ob ſie ſich fürchten würde, einige Augenblicke mit dem ſchwarzen Adler allein zu ſein, während er für ſie und ihn einige Speiſen ſuche. „Nicht im Geringſten,“ antwortete ſie.„Nach ſeinen Worten in der letzten Nacht und nachdem er ſeine Decke um mich geworfen, bin ich ſo ſicher bei ihm wie Otaitſa es ſein würde. Von dem Augen⸗ blick an betrachtet er mich als ſeine Tochter und würde mich in jeder Noth als ſolche behandeln.“ „Nun gut, ich werde nicht lange ausbleiben,“ entgegnete Lord H.; und als er an dem Indianer vorüberging, ſagte er:„Ich überlaſſe ſie auf einige Augenblicke Deinem Schutze, ſchwarzer Adler.“ Der Indianer antwortete nur mit einem Gurgel⸗ tone, der ſeinem Volke eigenthümlich iſt; dann kehrte er in das Haus zurück, ſetzte ſich wie vorher auf den Boden nieder und ſchien geneigt, in Schweigen zu verharren. Aber es herrſchten Zweifel in Editha's Geiſte, die ſie zu beſeitigen wünſchte, und ſie ſagte: „Iſt nicht mein Vater Dein Bruder, ſchwarzer Adler?“ „Er iſt mein Bruder,“ antwortete der Indianer kurz und verſank wieder in Schweigen. „Wird ein großer Häuptling geſtatten, daß ſei⸗ nem Bruder etwas zu Leide geſchehe?“ fragte Editha wieder, nachdem ſie einige Augenblicke überlegt hatte, wie ſie ihre Frage ſtellen ſolle. „Kein Krieger von dem Zeichen der Schildkröte wagt einen Tomahawk gegen den Bruder des ſchwar⸗ zen Adlers zu erheben,“ antwortete der Häuptling. „Iſt nicht der ſchwarze Adler der große Häupt⸗ ling der Oneidas?“ ſagte Editha wieder;„hört nicht das Volk des Steines auf ſeine Stimme? Iſt er — 106— nicht für ſie wie der Felſen, worauf ihr Haus ge⸗ gründet iſt? Würden die Oneidas ſich in die Wolken erheben können, wenn der ſchwarze Adler ſie nicht führte? Und werden ſie ſeiner Stimme nicht gehor⸗ chen?“ „Das Volk des Steines hat ſeine Geſetze,“ ent⸗ gegnete der Häuptling;„es ſind lederne Riemen, welche jeden Sachem und jeden Krieger binden. Sie werden in die Wampumrolle geflüſtert, die in der Hand des großen Arztes oder Prieſters iſt, wie Ihr ihn nennen würdet; und die Stimme des ſchwarzen Adlers, wenn gleich ſtark im Kriege, gleicht dem Ge⸗ ſange des Rohrſperlings im Vergleich zu der Stimme der Geſetze.“ 4 So kurz dieſe unterredung geſchrieben erſcheinen mag, währte ſie doch mehrere Minuſen, denn der Indianer machte lange Pauſen, und Editha, die ihm zu gefallen die Sitte ſeines Volkes annahm, folgte ſeinem Beiſpiel. Seine letzte Antwort war kaum ertheilt, als Lord H. zurückkehrte und ein trockenes und ziemlich hartes Brod und einen Krug mit klarem kaltem Waſ⸗ ſer brachte. „Ich habe keinen beſonders günſtigen Erfolg ge⸗ habt,“ ſagte er,„denun die Leute haben offenbar den Ort verlaſſen und alle ihre Schränke, mit Ausnahme 21 — 1— eines einzigen, ſind verſchloſſen. Darin fand ich in⸗ deſſen das Brod.“ „Es ſind Eichhörnchen, die auf den Zweigen dahinfliehen bei der Annäherung der Gefahrt und ihre Vorräthe verborgen zurücklaſſen,“ ſagte der ſchwarze Adler.„Aber tunke das Brod ins Waſſer, meine Tochterz es wird Dir unterwegs Kräfte verleihen.“ Lord H. legte das Brod auf den Tiſch und eilte wieder aus dem Zimmer; aber Gditha hatte weni Gelegenheit, ihren dunkelfarbigen Gefährten vor der Rückkehr des jungen Edelmannes zu befragen. Er war kaum zwei Minuten abweſend, und als er zu⸗ rückkehrte, führte er ſein Pferd hinter ſich, ein wenig verſchieden ausgerüſtet, als am vergangenen Tage. Der Sattel war jetzt mit einem Fiſſen bedeckt, wel⸗ ches er mit ledernen Riemen angeſchnallt hatte. Die Steigbügel waren beide auf einer Seite, ein wenig verkürzt und mit einem Stück Bret auseinander ge⸗ ſpannt, um die Füße darauf ſtellen zu können. Lord H. hatte Manches in ſeinem Leben gethan, deſſen er ſich mit Recht rühmen konnte. Er hatte Verſuchungen widerſtanden, welchen die meiſten Män⸗ ner nachgegeben hätten; er hatte manche tapfere und edle That gethan; er hatte große Geiſteskräfte und hohe Eigenſchaften des Herzens in Augenblicken großer Schwierigkeit gezeigt; aber wohl nie hatte er ſo wohl⸗ gefällig über irgend eine Handlung ſeines ganzen — 12— Lebens gelächelt, wie über die raſche und erfolgreiche Umwandlung ſeines eigenen unbequemen Sattels in einen bequemen Damenſattelz und als er Editha zur Thür führte und ſie bemerkte, wie er ſich beſchäftigt habe, konnte ſie nicht umhin, ihn mit einem ſtrahlen⸗ den Lächeln zu belohnen, woran die Heiterkeit gerin⸗ geren Antheil hatte, als die Dankbarkeit. Selbſt über das dunkle Geſicht des an ſtoiſche Gleichgültig⸗ keit gewöhnten Indianers flatterte etwas dahin, was einem Lächeln glich. Seine ſchöne Schutzbefohlene in ſeinen Armen erhebend, ſetzte er ſie leicht auf den Rücken des Pfer⸗ des, ordnete den Fußtritt und nahm dann den Zügel, um das Pferd zu führen. Ohne ein Wort zu reden ging der indianiſche Häuptling mit einer Schnelligkeit voraus, womit das Pferd kaum Schritt halten konnte, und den freien Ranm vor dem Hauſe überſchreitend, waren ſie bald wieder unter den Zweigen des Waldes. Mehr als einmal blieb der ſchwarze Adler, auf ſeine Büchſe gelehnt, ſtehen und wartete auf ſeine beiden Begleiter; aber ohne Zweiſel waren es die Schwierigkeiten des ſchmalen Pfades, der nicht für Pferde beſtimmt war und nicht das Vergnügen, die Unterredung zu verlängern und dabei zu einem ſo ſchönen Augenpaar aufzublicken, wie nur je einen ſterblichen Menſchen angeſchienen, was den Fortſchritt des jungen Edelmannes verzögerte.. — 13— Endlich hatte man ſechs Meilen zurückgelegt und dann kam man wieder auf die Militairſtraße, die bis auf eine kurze Entfernung zu dem Hauſe des Herrn Prevoſt führte. Während der ganzen Reiſe hatte der Indianerhäuptling kein Wort geſprochen; aber ſobald er von dem ſchmalen Pfade auf den breiten Weg ge⸗ kommen war, blieb er ſtehen und wartete, bis Editha näher kam, dann deutete er mit der Hand und ſagte: „Du kennſt den Weg, meine Tochter; Du be⸗ darfſt meiner nicht mehr. Der ſchwarze Adler muß wieder zu ſeinem eigenen Felſen zurückfliegen.“ „Aber werden wir ſicher ſein?“ fragte Editha. „So wie in dem glücklichen Jagdrevier,“ ver⸗ ſetzte der Häuptling. Und ſich wegwendend, betrat er wieder den Fußpfad, auf den ſie gekommen. Ihr Schritt war nicht viel ſchneller, als er es auf dem ſchwierigeren Pfade geweſen war. Das Sie⸗ gel ſchien von den Lippen des Lord H. genommen zu ſein. Er fühlte, daß Sditha ſicher ſeiz und als ſie näher bei ihrer Heimath und nicht mehr gänzlich ſei⸗ ner Willkür und Delikateſſe überlaſſen war, wurden ſeine Worte zärtlicher; aber ſie legte ihre Hand ſanft auf die ſeine, als ſie auf dem Sattelknopfe ruhte, und mit glühendem Geſichte ſagte ſie: „O! nicht jetzt, nicht jetzt— um des Himmels willen, ſchouen Sie meiner noch.“ Er ſchaute lebhaft fragend zu ihrem Geſichte — 14— auf; aber er ſah dort etwas, entweder in den halb bedeckten, ſchwimmenden Augen, in den glühenden Wangen oder in dem aufgeregten Beben der Lippen, was ihm genügte. „Verzeihen Sie mir,“ ſagte er in abbittendem Tone; aber im nächſten Augenblick fügte er mit mili⸗ tairiſcher Unbefangenheit hinzu:„Liebe Editha, ich danke Ihnen von ganzem Herzen, denn ich bin ein zuverſichtlicher Thor und Sie ſind keine leichtfertige Coquette, und wenn Sie unentſchloſſen wären, nür⸗ den Sie mehr ſagen.“ Editha neigte ihren Kopf auf den Sattelknopf und einige helle Tropfen rollten über ihre Wangen. Beide blieben ſtumm und verkehrten eine Zeitlang mit ihren eigenen Gedanken. Sie wurden durch einen lanten und freudigen Ruf aus ihren aufgeregten Träumereien erweckt, und als ſie den Abhang hinaufſchauten, erblickten ſie Herrn Prevoſt zu Pferde und zwei oder drei Neger⸗ ſelaven, welche ihnen entgegenkamen. Sie eilten ſchnell weiter. Der Vater und die Tochter ſprangen auf den Boden, und ol mit welcher Freude fühlte ſie ſich in ſeinen Armen! Es iſt ein Irrthum zu denken, daß die zrtliche Neigung nicht getheilt werden kann. Die Liebe gleicht dem Banianbaume, welcher ſeinen Umfang dadurch vermehrt, daß er nach allen Richtungen hin Sproſſen treibt; und jeder geſonderte Zweig wächſt und ſtärkt ſich durch den andern. In dem Augenblick, als ſie von neuen Regungen durchbebt wurde und ihre Liebe für einen Andern in ihrer Seele anerkannte, fühlte Editha ihre Liebe zu ihrem Vater ſtärker als je! Wel⸗ cher Troſt, welche Beruhigung, welches Glück war es für ſie, ſich in jenen zärtlichen väterlichen Armen zu befinden! Es iſt unnöthig, hier die Erklärungen mitzuthei⸗ len, welche erfolgten. Herr Prevoſt hatte wenig zu ſagen. Er war wohlbehalten, wenn auch nicht ohne große Gefahr und ohne ſich die Kleider und das Ge⸗ ſicht zu verbrennen, durch das Bett des Fluſſes und einen kleinen Theil des dichteren Waldes gelangt. Er hatte ſein Haus und alle Gebäude unverſehrt wieder⸗ gefunden, und ſelbſt der Wald umher war noch frei vom Feuer und außer Gefahr, ſo lange der Wind öſtlich blieb. Ueberzeugt, daß ſeine Tochter die Fa⸗ milie des Landmannes finden und von ihr freundlich empfangen werden würde, war er ihretwegen unbe⸗ ſorgt geweſen, bis etwa vor einer Stunde, als ihr Pferd mit verſengtem und geſchwärztem Sattel und faſt abgebrannten Hufen nach Hauſe zurückgekehrt war. In großer Unruhe wegen ſeiner Tochter, hatte ſich Herr Prevoſt haſtig auf den Weg gemacht, um ſie aufzuſuchen. Ihre Geſchichte war bald erzählt, und wiederholt drückte Herr Prevoſt ihrem Beſchützer die — 16— Hand und dankte ihm lebhaft für Alles, was er für ſein Kind gethan. Die Entfernung bis zu dem Hauſe war jetzt nicht groß; und indem man die Pferde den Negern übergab, ging die kleine Geſellſchaft zu Fuß weiter und beſprach die Ereigniſſe der letzten wenigen Stun⸗ den. Als ſie das Haus erreichten, ſtießen die Die⸗ nerinnen ein lautes Freudengeſchrei aus, als ſie ihre junge Gebieterin zurückkehren ſahen, und Editha wurde ſogleich in ihr Zimmer geführt um dort Ruhe und Erfriſchung zu finden. Das Frühſtück wurde ſogleich für Lord H. bereitet, der ſeit dem letzten Mittage Nichts gegeſſen hatte; aber er aß auch jetzt wenig und zeigte eine Unruhe, die Herr Prevoſt mit einiger Aengſtlichkeit bemerkte. „Mylord, Sie genießen kaum etwas,“ ſagte er, „und ſcheinen entweder nicht wohl oder unruhig. Ich hoffe, Sie werden von keinem Gegenſtande des Kum⸗ mers oder der Beſorgniß niedergedrückt.“ „Durchaus nicht,“ verſetzte Lord H. lächelnd; „aber um die Wahrheit zu ſagen, mein lieber Herr, bin ich ungeduldig, eine Unterredung von einigen Au⸗ genblicken mit Ihnen zu führen und ich hätte wohl mein Frühſtück entbehren können, bis ſie vorüber ge⸗ weſen. Bitte, laſſen Sie uns in das andere Zim⸗ mer gehen, wo wir nicht geſtört ſein werden.“ Herr Prevoſt giug voran und ſchloß die Thür mit ernſtem Geſichte; denn wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, hatte er nicht die ſchwächſte Idee von dem, was folgen werde. „Unſere Bekanntſchaft iſt ſehr kurz geweſen, Herr Prevoſt,“ ſagte Lord H., ſobald ſie ſaßen, indem er in der That mehr Verlegenheit und Bedenklichkeit empfand, als er unter ſolchen Umſtänden erwartete; „aber ich hoffe, Sie haben genug von mir geſehen und mein allgemeiner Ruf iſt von der Art, daß Sie das, was ich zu ſagen im Begriff bin, nicht für be⸗ ſonders voreilig und anmaßend halten werden.“ Herr Prevoſt ſah ihn mit vollkommenem Erſtau⸗ nen an und war nicht im Stande zu begreifen, wo ſeine Rede enden werde. Als der Edelmann ſchwieg, antwortete er: „Bitte, reden Sie weiter, Mylord. Glauben Sie mir, ich hege die höchſte Achtung und Rückſicht für Sie. Ihr Ruf und Ihre Aufführung haben, das weiß ich wohl, den Glanz ihres Ranges noch erhöht und das edle Blut hat ſich durch edle Hand⸗ lungen in Ihnen gerechtfertigt. Was in aller Welt können Sie zu ſagen haben, weshalb ich Sie auch nur auf einen Augenblick für anmaßend halten ſollte?“ „Nur dieſes, und vielleicht werden Sie mich dennoch für anmaßend halten, wenn ich es ausge⸗ ſprochen habe,“ verſetzte Lord H.:„Ich bin im Be⸗ griff, Sie zu bitten, mir etwas zu geben, was ich Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 2 ſehr ſchätze, und was Sie mit Recht ebenſo hoch ſchätzen, wie irgend etwas, was Sie beſitzen. Ich meine Ihre Tochter. Nein, ſtutzen Sie nicht und werden Sie nicht blaß. Ich kenne den vollen Werth deſſen, was ich fordere; aber ich habe jetzt viele Tage faſt ausſchließlich in ihrer Geſellſchaft zugebracht— ich habe einige Schwierigkeiten und Gefahren mit ihr getheilt, die, wie Sie wiſſen, zwei Perſonen einan⸗ der theuer machen. Ich bin viel in weiblicher Ge⸗ ſellſchaft geweſen— ich habe die Schönen und Geiſt⸗ reichen in vielen Ländern kennen gelernt— vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch geſpannt— meine Wünſche zu vielfordernd; aber ich fand noch nie ein Mädchen, welches mein Herz rührte. Ich habe jetzt die Einzige gefunden, die ich lieben kann, und ich fordere ſie von Ihnen mit dem vollen Bewußtſein, wie viel ich fordere.“ Herr Prevoſt blieb in tiefem Schweigen ſitzen, ſeine Augen waren auf den Boden gerichtet und ſeine Wange, wie Lord H. geſagt, ſehr blaß. Es ging ein großer Kampf in ſeinem Herzen vor, wie es un⸗ ter ſolchen Umſtänden nicht anders ſein kann. „Sie iſt ſehr jung— ſo ſehr jung— gerade ſiebzehn!“ murmelte er mehr mit ſich ſelber, als mit ſeinem Gefährten redend. „Ich mag freilich ein wenig zu alt für ſie ſein,“ ſagte Lord H. gedankenvoll;„doch hoffe ich, Herr Prevoſt, beſitze ich im Herzen und Geiſte noch alle Friſche oder Jugend.“ „O! das iſt es nicht— das iſt es durchaus nicht,“ antwortete Editha's Vater;„es iſt nur, weil ſie ſo ſehr jung iſt, Sorgen und Pflichten zu über⸗ nehmen. Freilich iſt ſie kein gewöhnliches Mädchen, und vielleicht, wenn irgend eine in einem ſo frühen Alter zu den großen Verantwortlichkeiten eines ſolchen Standes fähig war, ſo iſt es Editha. Ihre Erziehung iſt auf beſondere Weiſe geleitet worden— ungleich der irgend eines anderen Mädchens.“ Herr Prevoſt war ſeiner Gewohnheit nach von der vorliegenden Frage auf Nebendinge eingegangen und überlegte nicht länger, ob er ſeine Einwilligung zu Editha's Verheirathung geben ſolle, ſondern, ob ſie zu dem Eheſtande überhaupt geeignet ſei, und welche Wirkung die erhaltene Erziehung auf ihre Hand⸗ lungsweiſe als Gattin ausüben werde. Der Liebende beſchäftigte ſich inzwiſchen aus Gewohnheit mit einem einzigen wichtigen Gegenſtande und war ungeduldig, etwas Beſtimmteres zu erfahren. Er wagte daher, die Träumerei des Herrn Prevoſt mit den Worten zu unterbrechen: „Unſere Verbindung wird nothwendigerweiſe eine Zeitlang aufgeſchoben werden, Herr Prevoſt, auch wenn ich Ihre Einwilligung erhalte. Darf ich hoffen, 2* — 20— daß ſie mir gewährt werden wird— wenn keine per⸗ ſönliche Einwendung gegen mich vorliegt?“ „Durchaus keine,“ rief Herr Prevoſt lebhaft. „Sie werden keinen Augenblick daran denken, daß ich etwas gegen Sie einwenden ſollte, mein theurer Lord. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß ich mich nicht widerſetzen will, wenn Editha nach ruhiger und be⸗ dächtiger Ueberlegung glaubt, daß es zu ihrem eige⸗ nen Glück gereicht. Was ſagt ſie ſelber?“ „Sie ſagt Nichts,“ antwortete Lord H. lächelnd; „denn wenn ſie gleich nicht an meinen Gefühlen für ſie zweifeln kann, iſt ſie doch nicht auf die Probe ge⸗ ſtellt worden, ohne Ihre ausdrückliche Billigung eine Antwort zu ertheilen. Habe ich alſo Ihre Erlaub⸗ niß, ihr meine Hand anzubieten?“ „Ohne allen Zweifel,“ verſetzte Herr Prevoſt. „Ich will ſie rufen; ihre Antwort wird bald gegeben ſein, denn es iſt nicht ihre Art, mit irgend Jemand ihr Spiel zu treiben.“ Er ſtand auf, als wollte er das Zimmer ver⸗ laſſen; aber Lord H. hielt ihn zurück und ſagte: „Noch nicht, noch nicht, mein lieber Herr. Sie hat in der letzten Nacht wenig oder gar nicht geruht und während der letzten vier und zwanzig Stunden viel Angſt und Anſtrengung gehabt. Wahrſcheinlich ruht ſie jetzt, und ich darf nicht zugeben, daß ſie ſelbſt durch die Ungeduld eines Liebenden geſtört werde.“ „Ich hatte es vergeſſen,“ ſagte Herr Prevoſt. „Es iſt freilich wahr, daß das liebe Kind einiger Ruhe bedürfen muß. Es iſt ſeltſam, Mylord, wie Kummer und Freuden ſich in allen Ereigniſſen des irdiſchen Lebens vereinen. Ich dachte, als ich vor langen Jahren mit meinen Fingern durch die glän⸗ zenden Haarlocken meiner Editha fuhr und in ihren kryſtallhellen Augen die tiefen Quellen der reinen Regun⸗ gen ihres jungen Herzens zu ſehen glaubte, dachte ich, es würden wenige Freuden der gleich kommen, ſie in einer künftigen Zeit ihre Hand einem ihrer wür⸗ digen Manne reichen zu ſehen, um das Glück einer angenehmen Heimath zu gewähren und zu theilen. Aber jetzt finde ich, daß der Gedanke nicht nur ſeine Süßigkeit, ſondern auch ſeine Bitterkeit hat, und Er⸗ innerungen an das Grab erheben ſich und werfen ei⸗ nen feierlichen Schatten auf das heitere Bild der Phan⸗ taſie.“ Sein Ton wurde nach und nach ſchwächer, als er ſprach, und ſeine Augen wieder auf den Boden richtend, verſank er wieder in Zerſtreuung. Lord H. wollte ſeinen Freund nicht darin ſtören, und leiſe aus dem Zimmer gehend, gab er ſich auch der Betrachtung hin. Aber ſein Nachdenken war von verſchiedener Art, als das ſeines Freundes— lebhaf⸗ ter und thätiger; und ſie ſorderten einige Beſchäf⸗ tigung der Glieder, während der Geiſt thätig war. — 22— Er ging länger als eine Stunde vor dem Hauſe auf und ab, ehe Herr Prevoſt zu ihm herauskam. Dann wurde der Gang fortgeſetzt; aber des Vaters Gedanken, obgleich ſie eine Weile umherwanderten, kehrten bald zu ſeiner Tochter zurück und ihre Unter⸗ redung betraf Editha allein. Endlich, als es beinahe Mittag war, bemerkte der junge Edelmann Editha, welche im Vorſaale ſtand und über die Ausſicht hinaus blickte. „Das Feuer ſcheint dort noch zu wüthen,“ ſagte ſie, mit ihrer ſchönen Hand nach Südweſten deutend, wo ein dichter Baldachin von Rauch über dem Walde hing.„Welch ein Segen würde ein ſchwerer Herbſt⸗ regen ſein!“ Lord H. antwortete nicht, ſondern verließ plötz⸗ lich ihres Vaters Seite, faßte ihre ausgeſtreckte Hand und führte ſie in das kleine Wohnzimmer. Wollen wir ihnen dorthin folgen und auf die Worte horchen, die ſie ſprachen— wollen wir den Schleier von jenem jungen, unſchuldigen Herzen hin⸗ wegziehen und im hellen Lichte die ſcheuen Regungen — zeigen, die nur geeignet ſind, außer dem Auge Got⸗ tes, von einem einzigen Auge geſehen zu werden? O nein! ſie blieben lange bei einander— Herrn Prevoſt ſchien es ſehr lange— aber als Editha's Ge⸗ liebter ſie wieder zur Thür führte, waren glückliche Thränen in ihren Augen und ein heiteres Erröthen — 23— auf ihrer Wange; und obgleich der ſtarke, männliche Arm zärtlich ihre Taille umfaßte, entzog ſie ſich ihm und warf ſich ihrem Vater an die Bruſt. „Sie iſt mein!“ rief Lord H.;„ſie iſt mein!“ „Aber nicht weniger mein,“ antwortete Herr Prevoſt, ihre Wange küſſend. „O nein,“ ſagte Editha,„nein! Immer die Ihre, mein theurer Vater— Ihr Kind.“ Und dann fügte ſie hinzu, während das glühende Blut ſich zu ihrem ſchönen Geſichte erhob, ſo wie die Strahlen der Morgenſonne ſich über eine weiße Wolke ergießen: „Ihr Kind, wenn auch ſein Weib.“ Es koſtete ihr eine Anſtrengung, das Wort her⸗ vorzubringen, doch ſprach ſie es gern aus; aber im nächſten Augenblick ſagte ſie, als wollte ſie es wieder aus ihrem Gedächtniſſe ausſchließen: „O! wenn der liebe Walter hier wäre! Ich weiß, er würde glücklich ſein und ſagen, ich wäre mit meinem Tagestraume zu Ende gekommen.“ „Er wird wahrſcheinlich dieſen Abend hier ſein,“ ſagte der Liebende. „Wir dürfen nicht darauf rechnen,“ entgegnete ihr Vater;„es kann ihm Vieles in den Weg treten, um ihn zurückzuhalten. Aber nun, meine Kinder, will ich hineingehen und bis zur Mittagsſtunde an meinem Tagebuche ſchreiben.“ — 24— Editha lehnte ſich zärtlich an ſeine Bruſt und flüſterte: „Und ſchreiben Sie, mein Vater, daß dies ein glücklicher Tag geweſen.“ Ach! daß der heiterſte Sonnenſchein und der mil⸗ deſte Himmel ſo oft einem Tage der Stürme voran⸗ gehen! Ach! daß die dunklen Gewitterwolken ſich ſo oft am Horizonte zuſammenziehen, während der Him⸗ mel über uns voll Hoffnung und günſtiger Verhei⸗ ßung iſt! Aber ſo iſt es nur zu oft in dieſem Leben. Die Figur, wie ſich die alten Geographen die Erde vorſtellten, war der Erde ſehr ähnlich, von welcher ſich die menſchlichen Hoffnungen erheben— eine ſchöne und gleiche Ebene, ringsum mit einer gähnenden Kluft. Zweites Kapitel. Der Tag ging vorüber, die Nacht brach an und Walter Prevoſt erſchien nicht in dem Hauſe ſeines Vaters. Man empfand indeß keine Unruhe, denn es konnten viele Umſtände eingetreten ſein, um ihn zu⸗ rückzuhalten. Ein Schatten der Aengſtlichkeit bemäch⸗ tigte ſich Editha's; aber er verging am nächſten Mor⸗ gen, als ſie von dem Neger Chando oder Alexander — welcher von Kindheit auf unter den Indianern er⸗ zogen worden war und beſſer, als irgend eine andere Perſon im Hauſe mit ihren Gewohnheiten bekannt war— hörte, daß ſeit dem vergangenen Morgen um acht Uhr kein einziger rother Mann in der Gegend geweſen. „Alle ſind weſtlich gegangen, Miſſy,“ ſagte er. „Der Letzte, welcher ging, war der alte Häuptling — 26— der ſchwarze Adler. Ich höre, daß er kommt, um Euch zu helfen, und ich gehe aus, um nach ihm zu ſehen.“ Editha that keine Fragen, woher er ſeine Nach⸗ richten habe; denn er zeichnete ſich dadurch aus, daß er Alles entdeckte, was in der Nachbarſchaft vorging, und mit kindlicher Eitelkeit machte er ein Geheimniß daraus, wie er zu den Nachrichten gelangt ſeiz aber ſie ſchloß verſtändig, wenn gleich unrichtig, da Wal⸗ ter erſt um dieſelbe Stunde aus Albany abgereiſt ſei, ſo könne er ihnen nicht begegnet ſein. So verging der Tag bis etwa um drei Uhr; als aber der Jüngling noch nicht kam, vermehrte ſich die Aengſtlichkeit, als eine Stunde nach der anderen verging und er nicht kam. Jeder verſuchte, die Hoff⸗ nung des Anderen zu beleben; Jeder ſprach gegen die Befürchtungen, die er ſelber hegte. Lord H. machte darauf aufmerkſam, daß der Oberbefehlshaber, zu dem Walter geſchickt worden, von Albany abweſend gewe⸗ ſen ſein könne. Herr Prevoſt ſagte, der junge Mann möchte kein Boot gefunden haben, als er den Fluß heraufgekommen, und Editha erwähnte, daß die Boots⸗ leute oft ſehr übertrieben in ihren Forderungen wären, wenn ſie bemerkten, daß Jemand ſehr begierig ſei, auf ſeinem Wege weiter zu kommen. Da ſie ihren Bruder gut kannte, hielt ſie es für ſehr wahrſchein⸗ lich, daß er ſich einem Verſuche, ihm zu viel abzu⸗ — 27— nehmen, ſelbſt auf die Gefahr des Verzuges widerſe⸗ tzen werde. Aber noch immer war ſie ſehr ängſtlich, und als die Nacht wieder anbrach, ohne daß er er⸗ ſchien, ſammelten ſich Thränen in ihren Augen und zitterten an den ſeidenen Wimpern. Am folgenden Morgen fiel ein ſchwerer Regen und es ſchien faſt eine Ueberſchwemmung bevorzuſtehen. Dennoch ließ Lord H. zu einer frühen Stunde ſein Pferd vorführen und ſagte Editha und Herrn Prevoſt in ſo ruhigem Tone, wie er nur annehmen konnte, daß er nach Albany reiſe. „Obgleich ich hoffe und glaube,“ ſagte er,„daß mein junger Freund Walter durch einen zufälligen Um⸗ ſtand zurückgehalten worden iſt, ſo wird es doch be⸗ friedigend für uns alle ſein, zu wiſſen, was aus ihm geworden iſt; und überdies iſt es durchaus nothwen⸗ dig, ſo bald wie möglich mich mit dem Oberbefehls⸗ haber zu beſprechen. Ich halte es für wahrſcheinlich, daß Walter ihm den Fluß hinunter gefolgt iſt, da er meine ängſtliche Erwartung einer unmittelbaren Antwort kennt. Ich muß es auch thun, wenn ich ihn noch abweſend finde; aber Sie ſollen von mir hö⸗ ren, wenn ich Albany erreiche, und ich werde ſelber ſo bald wie möglich zurück ſein.“ Editha ſah ihn mit ſchwermüthigem Blicke an, denn ſie fühlte, wie ſehr ſie ſeiner bedürfen werde und wie nöthig ihr der Troſt ſeiner Gegenwart ſeiz — 28— aber ſie wollte kein Wort ſagen, um ihn zurückzu⸗ halten. Das Frühſtück an jenem Tage war eine traurige und ſchwermüthige Mahlzeit. Die düſteren Wolken, der niederſtrömende Regen, die Gedanken, die in den Herzen Aller geſchäftig waren, verbannten ihre Heiter⸗ keit. Es wurden einem von den Dienern verſchiedene Befehle ertheilt, ſich bereit zu halten, Lord H. auf ſeinem Wege als Führer zu dienen, ſich zu überzeu⸗ gen, ob der kleine Fluß ansgetreten ſei und derglei⸗ chen mehr. Dann wurde überlegt, welchen Weg Wal⸗ ter wahrſcheinlich bei ſeiner Rückkehr einſchlagen werde, damit der junge Edelmann ihm, wenn möglich, begeg⸗ nen möge; aber dies war die einzige Unterredung, welche ſtattfand. Gerade als ſie im Begriff waren, vom Tiſche aufzuſtehen, hörte man draußen unter den Dienern eine Bewegung, ſo daß Herr Prevoſt aufſtand und rief: „Da iſt er, glaube ich!“ Aber die Hoffnung wurde im erſten Augenblick vereitelt, denn ein junger Mann in Uniform, aber von Regen durchnäßt, wurde ins Zimmer geführt, näherte ſich Lord H. und ſagte in ruhigem und ge⸗ zwuhnlihem Tone: „Wir kamen in der letzten Nacht an, Mylord, und ich hielt es für beſſer, ſelber zu kommen und — 29— mich ſogleich zu zeigen, da die Quartiere ſehr unge⸗ nügend ſind und wir, wie ich höre, viel ſtürmiſches Wetter zu erwarten haben.“ Lord H. ſah ihn ernſthaft an, als erwarte er noch mehr zu hören, und ſagte dann nach einer au⸗ genblicklichen Pauſe: „Ich verſtehe Sie nicht genau, Kapitain Ham⸗ mond. Wo kamen Sie an?“ „Nun im Dorfe der Bootsleute auf der Land⸗ ſpitze, Mylord,“ verſetzte der junge Officier mit eini⸗ ger Ueberraſchung.„Haben Sie nicht Lord Loudon's Depeſche als Antwort auf ihren Brief erhalten?“ „Nein, mein Herr,“ verſetzte Lord H.;„aber kommen Sie lieber mit mir in ein anderes Zimmer, um die Sache weiter zu beſprechen.“ „O Georg! Laß uns Alles hören,“ rief Editha, die ſeinen Arm faßte und ſogleich ſeine Beweggründe errieth;„wenn kein amtlicher Grund zur Verſchwiegen⸗ heit vorhanden iſt. Laß uns Alles hören.“ „Nun gut,“ ſagte Lord H. ernſt,„ſo ſagen Sie uns gefälligſt, wann wurde der Brief Seiner Herrlichkeit abgeſchickt und durch wen?“ „Durch den jungen Herrn, den Sie ſchickten, Mylord,“ verſetzte Kapitain Hammond;„und er ver⸗ ließ vor zwei Tagen früh am Morgen Albany. Er war ein hübſcher junger Burſche, der uns Alle für — 30— ſich gewann, und ich ging ſelber mit ihm zu dem Boot hinunter.“ Editha wurde ſehr blaß und Herr Prevoſt fragte: „Hat man ſeitdem wieder von dem Boote ge⸗ hört?“ „Ja, Herr,“ antwortete der junge Officier, der den Zuſtand der Sache zu bemerken begann;„es kehrte an demſelben Abend nach Albany zurück und wir kamen geſtern, ſo weit wir konnten, darin her⸗ auf. Ich ſtellte keine Nachfragen nach dem jungen Herrn Prevoſt an, denn ich hielt es für ausgemacht, daß er mit den Depeſchen angekommen ſei.“ Lord H. richtete ſeine Augen auf Edithas Geſicht und bemerkte, daß es nöthig ſei, ihr einen Stuhl hin⸗ zuſtellen und ſie darauf niederzuſetzen. „Gieb Dich nicht der Furcht hin,“ ſagte er, „ehe wir mehr wiſſen. Die Sache iſt ohne Zweifel ſeltſam, Editha; dennoch kann das Räthſel glücklicher gelöſt werden, als wir denken.“ Editha ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte in leiſem Tone: „Du weißt nicht Alles, theurer Georg— we⸗ nigſtens glaube ich es. Den Indianern iſt eine Be⸗ leidigung wiederfahren, die ſie nicht verzeihen können. Sie wanderten hier in der Nacht umher, als wir von dem Feuer überraſcht wurden, und verſchwanden am nächſten Morgen, und während jener Nacht muß mein armer Bruder—“ Thränen erſtickten ihre Worte; aber ihr Gelieb⸗ ter ſuchte ſogleich einen Grund zur Hoffnung auf, was er auch ſelber fürchten mochte. „Er kann durch den brennenden Wald von ſei⸗ ner Richtung abgelenkt worden ſein und ſeinen Weg nicht wiedergefunden haben. Der Wald brannte ge⸗ ſtern noch und wir können nicht ſagen, wie weit das Feuer ſich ausgebreitet haben mag. Auf jeden Fall, theuerſte Editha, haben wir eine Nachricht erhalten, die uns leiten kann. Wir können jetzt den armen Walter bis zu der Stelle verfolgen, wo er gelandet, und darum werden wir keine ſo große Strecke zu durchſuchen haben. Faſſe Muth, meine Liebe, und laß uns Alle auf Gott vertrauen.“ „Er ſagt, Walter habe vier Meilen ſüdlich von der Straße landen wollen,“ bemerkte Herr Prevoſt, welcher lebhaft mit dem Kapitain Hammond geſpro⸗ chen.„Wir wollen uns ſogleich auf den Weg ma⸗ chen und die Gegend von hier bis dort genau unter⸗ ſuchen.“ „Ich denke nicht,“ bemerkte Lord H. nach au⸗ genblicklichem Nachdenken.„Ich will ſchnell zu dem Hauſe hinunterreiten und ſo viel Nachrichten wie nur möglich zu erhalten ſuchen. Dann will ich mit einer Anzahl Leute weſtlich gehen und alle Fußwege bis — 32.— zu dieſer Stelle durchſuchen. Sie und ſo viele von Ihren Leuten, wie man im Hauſe entbehren kann, mögen ſich in einer Stunde auf den Weg machen; aber um des Himmelswillen, laſſen Sie dieſes liebe Mädchen nicht ganz allein.“ „Ich habe keine Furcht,“ verſetzte Editha;„ſuche nur Walter auf, bemühe Dich, Nachricht von ihm zu erhalten und verſuche ihn zu retten, ſo lange es noch möglich iſt.“ 3. Ihre Augen mit dem Taſchentuche bedeckend, welches mit Thränen benetzt war, nahm Cditha kei⸗ nen weiteren Antheil an dem, was vorging, ſondern gab ſich ihrem bitteren Nachdenken hin. Bald erhob ſich ein Schimmer der Hoffnung und brachte ſie auf einen Augenblick zu dem Glauben, daß die Annahme ihres Geliebten richtig ſei und daß Walter in der That durch das Feuer zurückgehalten worden ſei und einen Weg eingeſchlagen habe, der weit vom Hauſe hinwegführe. Mit der Hoffnung zugleich kam auch die Furcht, und ſie fragte ſich, ob er nicht im Walde vor Hunger und von der Flamme habe umkommen können? Aber er war entſchloſſen und ſeit einigen Jahren an das Leben in den Wäldern gewöhnt. Er führte auch ſeine Büchſe bei ſich, und wenn er dieſe in der Hand hatte, konnte es ihm nicht an Nahrung fehlen. Aber aus all dieſer Dunkelheit ragte die Furcht — 33— vor der indianiſchen Rache hervor, und je mehr ſie an die Wahrſcheinlichkeit dachte, daß ihr Bruder von einer Abtheilung der Oneidas könnte überfallen wor⸗ den ſein, deſto vollſtändiger verſchwanden ihre Hoff⸗ nungen. Es waren allerdings Indianer im Walde zu der Zeit, als Walter dort geweſen. Bei ihrem raſchen Blicke und ihrem feinen Gehör, ſo wie bei ihrer beharrlichen Verfolgung ſchien es nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß er lhhen entfliehen würde, und wenn er in ihre Hände fiel, war ſein Schickſal wahrſchein⸗ lich beſiegelt. Der Schutz, den ihr der alte Häupt⸗ ling verſprochen, aber nicht auf ihre Familie ausge⸗ dehnt hatte, beunruhigte ſie noch mehr, und ſie ſah Nichts weiter in der Weigerung des ſchwarzen Adlers, ihr ein Verſprechen ihrer Sicherheit zu geben, als den Entſchluß, Rache zu nehmen ſelbſt an denen, die ihr theuer wären. Als ſie ſich überdies an alle einzelnen Umſtände des Beſuches des alten Häuptlings in je⸗ nem einſamen Landhauſe erinnerte, wurde der Eindruck allmählig ſtärker, daß der Häuptling, ehe er ſich von ihr getrennt, um die Gefangennahme ihres Bruders gewußt. Dieſe Gedanken ſtellten ſich ihr freilich nicht in regelmäßiger Folge dar, ſondern gingen alle verwirrt und wirbelnd durch ihren Geiſt, während das Einzige, worauf ſie einige Hoffnung ſetzen konnte, die ruhige Ueberlegung war, womit die Indianer jeden Rache⸗ Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 3 — 34— plan verfolgten, und die langſame und ſyſtematiſche Art, womit ſie ihre Vorſätze ausführten. Während Editha mit dieſen düſteren Träumereien beſchäftigt war, ging auf der anderen Seite des Zim⸗ mers eine thätige, aber nicht weniger traurige Berathung vor, die mit der Annahme des von Lord H. vorge⸗ ſchlagenen Planes endete, der durch den Rath des Herrn Prevoſt einigermaßen abgeändert wurde. Eine Ordonnanz, die der Kapitain Hammond mitgebracht hatte, wurde als Wache für Editha zurückgelaſſen, in⸗ dem man glaubte, daß der Anblick ſeines rothen Ro⸗ ckes den Indianern, die ſich vielleicht im Walde auf⸗ halten möchten, zeigen würde, daß die Familie unter dem Schutze der britiſchen Regierung ſtehe. Lord H. und der junge Officier machten ſich zu⸗ gleich auf den Weg zu dem Dorfe der Bootsleute, von wo Walter nach Albany abgereiſt war, und wo jetzt eine kleine Abtheilung der engliſchen Soldaten ſtand, indem ſie ſo viel Beiſtand wie möglich zu er⸗ halten ſuchten, um den Wald bis an das eben aus⸗ gebrannte Feuer zu durchſtreifen, indem ſie auf den verſchiedenen Fußwegen Schildwachen zurückließen, die oft ſo nahe waren, daß ſie einander zurufen konnten. Auf dieſen kleinen Fußwegen weitergehend, berechnete Lord H., daß er die ganze Entfernung zwiſchen dem größeren Fluſſe und dem Feuer mit gehöriger Ge⸗ nauigkeit recognosciren könne, um zu verhindern, daß irgend eine zahlreiche Abtheilung Indianer ungeſehen vorüberkomme, wenigſtens bis er mit der vorrückenden Abtheilung des Herrn Prevoſt zuſammenkomme, welche das Land in einiger Entfernung um das Haus durch⸗ ſuchen ſolle. Die urſprüngliche Abſicht, über Walter's erſte Bewegungen, nachdem er das Boot verlaſſen, Aus⸗ kunft zu erhalten, war erfolgreicher, als man hätte erwarten ſollen. Ein Anſiedler, der die Bootsleute mit Mehl verſah, war gerade in dem Dorfe, und er be⸗ hauptete der Wahrheit gemäß, er habe den jungen Herrn Prevoſt geſehen und mit ihm geſprochen, gerade als er den cultivirten Boden am Ufer des Fluſſes ver⸗ laſſen und in den Wald eingetreten. So ſpürte man ſeinen Weg bis drei Viertel auf drei Uhr am vergan⸗ genen Donnerſtage zu der großen Straße auf, welche die Bootsleute gut genug kannten. Die Entfernung zwiſchen jenem Orte und Herrn Prevoſt's Hauſe be⸗ trug etwa vierzehn Meilen und von dem Dorfe der Bootsleute bis zu der Einmündung des Weges durch den Wald ſechs oder ſieben Meilen. Außer der Abtheilung Soldaten, die zwiſchen ſiebzig und achtzgg Mann betrug, waren wenigſtens vierzig bis fünfzig rüſtige Männer unter den Boots⸗ leuten wohl bekannt mit allen Verwickelungen der Wäl⸗ der umher und furchtlos und verwegen in Folge der beſtändigen Gefahren und Anſtrengungen ihrer Lebens⸗ 3* — 36— weiſe. Dieſe verſammelten ſich bald um Lord H., deſſen Rang und militairiſche Stellung ſie erſt jetzt er⸗ fuhren, und er fand, daß das Verſchwinden Walter Prevoſts, den die meiſten kannten und liebten, einen Muth in ihnen erregte, den er wenig erwartet hatte. Einige Worte an ſie richtend, bot er jedem Manne eine beträchtliche Belohnung an, welcher helfen werde, den Theil des Waldes zu durchſuchen, der zwi⸗ ſchen der Stelle, wo man den jungen Mann zuletzt geſehen, und dem Hauſe ſeines Vaters liege. Ein großer rüſtiger Mann von etwa vierzig Jahren trat vor und ſprach für die Uebrigen: „Wir verlangen keine Belohnung für einen ſol⸗ ſchen Dienſt, Mylord. Ich denke, es iſt kein Mann unter uns, der nicht nach Maſter Walter ſuchen wird, wenn Sie nur Rothröcke genug bei den alten Män⸗ nern zurücklaſſen wollen, um unſere Weiber und Kin⸗ der im Nothfall zu beſchützen.“ „Ich kann nicht wagen, den Poſten um mehr als den vierten Theil zu verringern, da dies nicht ei⸗ gentlich zum Dienſte gehört,“ verſetzte Lord H.;„den⸗ noch werden wir zahlreich genug ſein, um die Wäl⸗ der gehörig zu durchſuchen, wenn Ihr Alle mit mit gehen wollt.“— „Das wollen wir— das wollen wir!“ riefen mehrere Stimmen. Alles war bald angeordnet, und die practiſche 4 — 32— Kenntniß der Bootsleute zeigte ſich eben ſo nützlich, wie die militäriſche Kenntniß des Lord H., der viel zu weiſe war, ſich derſelben im vollſten Umfange zu bedienen. Mit etwa zwanzig regulären Soldaten, ſieben⸗ oder achtunddreißig Mann aus dem Dorfe, alle mit Büchſen und Beilen bewaffnet und einer Anzahl gro⸗ ßer kräftiger Burſchen, die als Läufer agiren ſollten, um den Verkehr zwiſchen den verſchiedenen Theilen der Linie zu unterhalten, machte ſich der Edelmann auf den Weg und erreichte das Ende der Straße, in de⸗ ren Nähe man Walter zuletzt geſehen hatte, um ein Uhr am Tage. Hier zerſtreuten ſich die Leute, indem die Solda⸗ ten von den Bootsleuten geführt wurden; man betrat den Wald an vierzehn verſchiedenen Stellen, wo man einen alten oder neuen Fußweg entdecken konnte. Ueber⸗ all, wo das Buſchwerk eine Lücke bildete oder die al⸗ ten Bäume weit genug entfernt waren, liefen die Bur⸗ ſchen von einer Abtheilung zur andern hinüber und überbrachten Nachrichten oder Befehle; und wenn gleich jede kleine Gruppe vor der andern verborgen war, als ſie weiter gingen, ſo geſchah es doch ſelten, daß viele Minuten vergingen, ohne daß ſie eine freundliche Ab⸗ theilung zur Rechten oder Linken gewahr wurden, wäh⸗ rend ihr Zuruf den Andern ihren Fortſchritt zu erken⸗ nen gab. — 38— Ein oder zwei Mal brachten die ſich durchkreu⸗ zenden Fußwege zwei Abtheilungen an dieſelbe Stelle dann aber theilten ſie ſich ſogleich wieder, ſuchten ei⸗ nen neuen Pfad und gingen weiter. Es waren wenig Spuren auf dem Boden zu entdecken; denn der Regen, obgleich er jetzt aufgehört, hatte ſo vollſtändig die Oberfläche der Erde abgewa⸗ ſchen, daß jeder Abdruck eines Schuhes oder Moccaſ⸗ ſins verwiſcht war. Die Furchen von Wagenrädern, die neu ſchienen, ſo wie die Fußtritte von Männern und Pferden waren auf der großen Straße zu ſehen, aber weiter Nichts, bis zu einer Stelle, wo auf ei⸗ nem tief ausgetretenen Fußwege viele Hufſpuren ſich zeigten, als hätte ein Pferd dort eine Zeitlang geſtan⸗ den; und am Ende des Fußweges unter einer dichten Schierlingstanne, die den Boden vor dem Regen ſchützte, war der Abdruck eines gut gemachten Schu⸗ hes ſichtbar. Der Schritt war offenbar nach dem Hauſe des Herrn Prevoſt gerichtet geweſen, und die⸗ ſen Fußweg verfolgte Lord H. ſelber mit einem Sol⸗ daten und zweien von den Bootsleuten. Kein weite⸗ rer Fußtritt war indeſſen zu finden, aber der Boots⸗ mann, der vorher geſprochen hatte, beſtand darauf, daß ſie auf der Spur des jungen Maſter Walter ſein müßten.. „Ein Schuh aus New York machte jene Spur, deſſen bin ich gewiß,“ ſagte er;„und verlaſſen Sie — 39— ſich darauf, wir ſind gerade in der Richtung, die er eingeſchlagen. Sehen Sie genau unter alle dieſe dich⸗ ten Bäume an der Seite, Mylord. Dort können Sdie noch eine Spur finden. Haltet Euch weiter zu⸗ rück, Ihr Jungen— Ihr werdet ſie verwiſchen.“ Es wurde indeſſen Nichts weiter gefunden, ob⸗ gleich der Mann ſpäter den Abdruck eines Moccaſſin im Sande zu entdecken glaubte, wo derſelbe theilweiſe geſchützt geweſen. Aber es war doch etwas Regen darauf gefallen und man konnte es nicht mit Gewiß⸗ heit entſcheiden. Der Fußweg, auf dem ſie ſich befanden, war, wie geſagt, breit und tief ausgetreten, ſo daß die kleine Abtheilung des Lord H. bald allen Uebrigen voraus⸗ kam, mit Ausnahme derjenigen, die auf der breiten Straße geblieben waren. „Warten Sie ein wenig, Mylord,“ ſagte der Bootsmann endlich,„wir ſind zu weit voraus und könnten einen Schuß erhalten, wenn einige von den rothen Teufeln im Walde ſein ſollten. Ich kenne ſie gut und alle ihre Ränke, da ich als Mann und Knabe ſeit dreißig Jahren unter ihnen geweſen bin; und es war noch ſchlimmer, als ich zuerſt kam. Sie liegen ſo ſtill wie dieſer Buſch, und das Erſte, was man merkt, iſt eine Kugel, die uns trifft. Wenn wir aber alle in einer Linie gehen, werden ſie wie Mäuſe davonſchleichen. Was ich nicht verſtehen kann, iſt, — 40— warum ſie dem jungen Maſter Walter etwas zu Leide thun ſollten, denn ſie liebten ihn Alle ſo ſehr, als wenn er Einer von ihren Leuten wärc.“ „Die Sache iſt dieſe, mein guter Freund,“ ver⸗ ſetzte Lord H. in leiſem Tone.„An dem Tage, als ich zuletzt zu Eurem Landungsplatze herunterkam, wurde unglücklicherweiſe Einer von den Oneidas getödtet, und man ſagt uns, ſie verlangen dafür das Leben eines weißen Mannes.“ „Gewiß,“ entgegnete der Mann mit einem Blicke der Beſtürzung.„Sie wollen Blut für Blut, und wenn ſie Alle auch dabei umkommen müßten. Aber tödtete Maſter Walter ihn?“ „Nein,“ verſetzte Lord H.,„unſer Freund Wood⸗ chuck; aber er that es zur Selbſtvertheidigung.“ „Was, Brooks?“ rief der Bootsmann mit gro⸗ ßer Ueberraſchung;„laſſen Sie uns weiter davon hö⸗ ren, und ich kann Ihnen beſſer, als irgend ein Mann zwiſchen hier und Boſton, ſagen, wie Alles gehen wird.“ Und er ſetzte ſich in horchender Stellung auf ei⸗ nen Baumſtamm nieder. Sehr kurz, aber mit völliger Klarheit erzählte Lord H. Alles, was bei der erwähnten Gelegenheit ge⸗ ſchehen war. Der Bootsmann hörte mit großer Aengſt⸗ lichkeit zu und ſaß dann einen Augenblick ſchweigend — 41— und mit der Miene eines Richters da, der eben eine ihm vorgetragene Sache prüft. „Ich will Ihnen ſagen, wie es iſt, Mylord,“ ſagte er endlich im Tone eines Orakels.„Sie haben ihn gefangen genommen. Sie haben ihn hier im Walde gefangen genommen. Aber ſie werden ihn noch nicht tödten— nein, nein, ſie werden warten. Sie haben gehört, daß der Woodchuck davongekom⸗ men, und ſie haben Maſter Walter weggeſtohlen, um doch Jemand in ihrer Gewalt zu haben. Aber ſie werden warten, um zu ſehen, ob ſie nicht Brooks in ihre Gewalt bekommen können. Sie werden alle möglichen Ränke verſuchen, um ihn wieder herbeizulo⸗ cken. Höchſt wahrſcheinlich werden Sie hören, daß ſie den Burſchen getödtet haben; aber glauben Sie es nicht eher, als nach vielen Monaten. Vermuthlich werden ſie die Geſchichte in Umlauf ſetzen, um Brooks zu bewegen zurückzukehren, denn da wird er glauben, daß ſie Alles haben, was ſie gewollt, und wird wiſ⸗ ſen, daß er vor Allen ſicher iſt, außer vor dem Va⸗ ter, dem Bruder oder dem Sohne des Getödteten. Aber ſie werden ihre Zeit abwarten. Ol Es iſt das liſtigſte Geſchlecht, welches je lebte! Aber laſſen Sie uns weitergehen, denn die Anderen ſind auch da— und ich ſehe einen rothen Rock durch die Bäume. Vielleicht haben ſie den Jungen ſealpirt, obgleich ich es freilich nicht für wahrſcheinlich halte.“ — 22— So redend, ſtand er auf und ging durch den dunklen Wald, bis das hellere Licht des Tages durch die Stämme der Bäume ſchien und zeigte, daß ſie ſich der Stelle näherten, wo die Feuersbrunſt die ſchat⸗ tigen Beherrſcher des Waldes zerſtört hatte. Plötzlich an einer Stelle, wo der Fußweg von einem anderen durchkreuzt wurde, bückte ſich der Soldat, der ſie be⸗ gleitete, hob etwas vom Boden auf und ſagte: „Da finde ich ein großes Meſſer.“ „Laßt mich ſehen— laßt mich ſehen!“ rief der Bootsmann;„das iſt ſein Meſſer, darauf möchte ich ein Dutzend Dollars wetten. Ja: Warner, London, das iſt der Verfertiger. Es iſt Walter's Meſſer. Aber das beweiſt noch Nichts. Er kann es verloren haben. Aber er iſt dem Feuer recht nahe gekommen. Er wird doch nicht verſucht haben, durchzukommen, und verbrannt ſein. Wenn die Indianer ihn gefangen ge⸗ nommen hätten, ſollte ich denken, würde es weiter zurück geſchehen ſein. Hallo! Was thun ſie alle dort? Vermuthlich haben ſie die Leiche gefunden.“ Die Augen des Lord H. waren ebenfalls vor⸗ wärts gerichtet, und obgleich er kein Wort ausſprach, hatte doch ſein Geiſt dieſelbe Frage gethan und war zu demſelben Schluſſe gekommen. Drei Neger ſtan⸗ den um einen Gegenſtand, der am Boden lag, und die Figur des Herrn Prevoſt ſelber, theilweiſe von den Seclaven verborgen, erſchien auf einem umgefalle⸗ — 43— nen Baume ſitzend. Er ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand und betrachtete ſtarr denſelben Gegenſtand, wel⸗ cher die Aufmerkſamkeit der Neger zu beſchäftigen ſchien. Lord H. beeilte ſeinen Schritt und erreichte die Stelle in wenigen Augenblicken. Er war ein wenig beruhigt durch das, was er ſah, als er näher kam; denn der Gegenſtand, den Herr Prevoſt ſo lebhaft an⸗ blickte, war Walter's Reiſetaſche und nicht die Leiche ſeines Sohnes. Die Riemen, womit dieſelbe an die Schultern des Jünglings befeſtigt geweſen, waren durchgeſchnitten, nicht aufgeſchnallt, und es war daher klar, daß er ſie nicht freiwillig abgeworfen. Sie ſchien indeſſen nicht geöffnet zu ſein und der Bootsmann, der darauf niederblickte, murmelte bei ſich ſelber: „Nein, nein! Sie würden Nichts ſtehlen. Das war es nicht, was ſie wollten. Es iſt unnütz, ſich weiter umzuſehen. Die Sache iſt klar genug.“ „Zu klar!“ rief Herr Prevoſt in dumpfem und ſtrengem Tone.„Jener Brooks hat ſein eigenes Le⸗ ben gerettet und meinen armen Jungen aufgeopfert.“ Thränen traten ihm in die Augen, als er ſprach, und er ſtand auf und wendete ſich ab, um ſie zu ver⸗ bergen. Lord H. winkte den Negern, die Reiſetaſche aufzunehmen und nach Hauſe zu tragen; dann näherte er ſich Herrn Prevoſt, faßte ſeine Hand und ſagte in leiſem Tone: „Es iſt noch Hoffnung, mein lieber Herr. Wir — 44— wollen uns nicht der Verzweiflung hingeben, ſondern uns ſogleich eifrig bemühen, den armen Jüngling auf⸗ zufinden und zu retten. Es läßt ſich noch viel thun — die Regierung kann einſchreiten und Walter kann durch eine plötzliche Anſtrengung gerettet werden.“ Herr Prevoſt ſchüttelte ſchwermüthig den Kopf und murmelte: „Iſt denn meine ganze Familie beſtimmt, durch die Indianer umzukommen?“ Dann trat er langſam ſeinen Rückweg zum Hauſe an. Es wurde Nichts weiter geſprochen, als bis er eine Viertelmeile von ſeiner Thür entfernt war; aber dann, gerade als ſie aus dem Walde hervorkamen, blieb der unglückliche Vater ſtehen und faßte die Hand des Lord H. „Theilen Sie es ihr vorſichtig mit,“ ſagte er in leiſem Tone.„Ich bin nicht dazu im Stande. Mißgeſchick, Täuſchung und Kummer haben den Geiſt darniedergebeugt, der einſt ſtark war. In ſolchen Au⸗ genblicken fühle ich, wie ſehr ich geſchwächt bin. Be⸗ reiten Sie ſie auch vor, dieſen Ort zu verlaſſen. Meine angenehme Einſamkeit iſt mir widerwärtig ge⸗ worden, und ich kann hier nicht leben, ohne daß mich beſtändig Furcht und Erinnerung perfolgen. Gehen Sie voran, mein guter Lord— ich werde Ihnen bald folgen.“ Drittes Kapitel. Mit großem Schmerze betrachtete Lord H. den ihm ertheilten Auftrag; aber ſein Herz war ein feſtes und entſchloſſenes, und er ſchritt raſch vorwärts, um ihn ſo raſch wie möglich zu erfüllen. Die Phantaſie ſtellte ihm allen Kummer und alle Angſt vor, die er Editha zu verurſachen im Begriff war; aber die Phantaſie that ihr kaum Gerechtigkeit an— denn ſie ließ mehrere von den ſtärkeren Zügen ihres Charak⸗ ters aus. Das ſchöne Mädchen ſah aus dem Fenſter und erkannte ſogleich ihren Geliebten, als er allein aus dem Walde kam. Ihr Herz ſank freilich vor Furcht; dennoch lief ſie ihm auf dem kleinen Fußpfade entge⸗ gen, um ſogleich das Schlimmſte zu hören. Ehe ſie zu ihm kam, trat ihr Vater langſam und traurig aus dem Walde und ihm folgte eine — 46— Schaar von Bootsleuten und Soldaten in Gruppen von ſechs oder ſieben. Mit wunderbarer Genauigkeit errieth ſie den größten Theil von dem, was geſchehen war. Sie blieb ſogleich ſtehen, bis Lord H. heran⸗ kam, und fragte dann in leiſem und bebendem Tone: „Habt Ihr ihn gefunden? Iſt er todt oder le⸗ bendig?“ „Wir haben ihn nicht gefunden, theure Editha,“ ſagte Lord H., ihre Hand faſſend und ſie zu dem Hauſe führend;„aber Dein Vater glaubt große Ur⸗ ſache zur ſchlimmſten Beſorgniß zu haben nach dem, was wir gefunden. Ich hoffe indeß, daß ſeine Furcht über die Wirklichkeit hinausgeht, und daß noch—“ „O, theurer Georg! laß mich nicht in Ungewiß⸗ heit,“ rief Editha.„Laß mich gleich Alles hören. Mein Geiſt iſt durch die langen Stunden des ſchmerz⸗ lichen Nachdenkens gehörig vorbereitet. Ich will keine Schwäche zeigen, wie dieſen Morgen. Was habt Ihr gefunden?“ „Sein Meſſer und ſeine Reiſetaſche,“ verſetzte Lord H. „Er kann ſeine Reiſetaſche aus Ermüdung weg⸗ geworfen haben,“ ſagte Editha, die noch immer einige Hoffnung hegte. „Leider war es wohl nicht ſo,“ verſetzte ihr Geliebter, der keine Erwartungen begünſtigen wollte, die doch vereitelt werden mußten.„Die Riemen der — 47— Reiſetaſche waren abgeſchnitten, nicht aufgeſchnallt, und Dein Vater hat ſich gänzlich der Verzweiflung hingegeben, obgleich wir keine Spuren von Streit oder Blutvergießen gefunden.“ „Der arme Walter!“ rief Editha mit tiefem Seufzer. Aber ſie vergoß keine Thränen und ging ſchweigend weiter, bis ſie die kleine Veranda des Hauſes erreicht hatten. Dann blieb ſie plötzlich ſte⸗ hen, beſeitigte ihr Nachdenken und ſagte, indem ſie ihre ſchönen und zärtlichen Augen zu dem Geſichte ihres Geliebten erhob:„Ich habe jetzt zwei Aufgaben vor mir, welchen ich mich gänzlich widmen muß— meinen armen Vater zu tröſten und zu verſuchen, meinem Bruder das Leben zu retten. Verzeihe mir, Georg, wenn ich, indem ich dieſe Aufgaben, beſon⸗ ders die letztere, ausführe, nicht ſo viel an Dich zu denken ſcheine, wie Du ein Recht zu erwarten haſt. Ich weiß, Du wirſt nicht wollen, daß ich eine der⸗ ſelben vernachläſſigen ſoll.“ „Verhüte der Himmel!“ rief Lord H. mit Wärme;„aber laß mich daran Theil nehmen, Editha. Es iſt Nichts im Bereiche der Ehre und des Rechts, was ich nicht thun will, um Deinen Bruder zu retten. Ich ertheilte ihm dieſen unglücklichen Auftrag — um meinetwillen wurde jene unheilvolle Expedition durch den Wald angeſtellt; aber es iſt genug, daß er Dein Bruder iſt und Deines Vaters Sohn— und ich will Alles thun und Alles unternehmen, wenn noch irgend eine Hoffnung vorhanden iſt. Geh zu⸗ erſt zu Deinem Vater, meine Liebe, und dann wollen wir uns berathen. Ich will dafür ſorgen, daß dieſe Leute Ruhe und Nahrung erhalten; ich muß mir im Hauſe Deines Vaters dieſe Freiheit nehmen.“ „Thue es,“ antwortete ſie;„betrachte es als Dein eigenes.“ Und ihn in der Veranda verlaſſend, ging ſie ihrem Vater entgegen. Editha wußte wohl, daß Herrn Prevoſt's Geiſt für jetzt noch nicht für Hoff⸗ nung oder Troſt zugänglich war. Alles, was ſie ihm gewähren konnte, war Zärtlichkeit, und Lord H., welcher ihr folgte, um mit den Soldaten und Bootsleuten zu reden, ſah ſie bald mit Herrn Prevoſt ins Haus treten. Als er in das kleine Wohnzimmer zurückkehrte, war Editha nicht dort, aber er hörte ein Gemurmel von Stimmen in dem oberen Zimmer, und nach einer halben Stunde kam ſie zu ihm. Sie war viel aufgeregter, als da ſie ihn verlaſſen hatte, und ihr Geſicht zeigte Thränenſpuren. Nicht als hätte ihre Furcht ſich vermehrt oder als hätte ſie etwas gehört, was ſie noch mehr beunruhigte; aber ihres Vaters Verzweiflung hatte ihre eigene Feſtigkeit überwältigt. Alle Schwächen der menſchlichen Natur ſind anſteckend — beſonders Furcht, Verzweiflung und Kummer. ½ — 49— Editha fühlte indeſſen noch immer die Wichtig⸗ keit der Entſcheidung und Handlung, und mit ver⸗ wirrtem Blicke ihre Hand zum Kopfe erhebend, ſtand ſie einen Augenblick ſchweigend da, indem ſie ihre Augen auf den Boden richtete und ihre zerſtreuten Gedanken zu ſammeln ſchien, um mit Beſtimmtheit urtheilen und handeln zu können. „Einer von den Bootsleuten, liebe Editha,“ ſagte Lord H., indem er ſie zu einem Sitze führte, „hat die Behauptung aufgeſtellt, daß wir zu unſeren Bemühungen, Deinen Bruder zu retten, Zeit genug haben würden, wenn er, wie wir zu fürchten Grund genug haben, in die Hände dieſer rachſüchtigen In⸗ dianer gefallen ſein ſollte. Der Mann ſcheint zu wiſſen, was ex ſpricht, und rühmt ſich, von Kindheit auf mit den Sitten und Gewohnheiten der Indianer bekannt zu ſein.“„ „Iſt er ein großer hübſcher Mann mit zwei Kindern?“ fragte Editha. „Er iſt ein großer Mann von gutem Ausſe⸗ hen,“ antwortete Lord H.;„aber ſeine Kinder ſah ich nicht.“ „Wenn es der Mann iſt, den ich meine,“ ant⸗ wortete Editha,„ſo kann man ſich vollkommen auf ihn verlaſſen, und es dürfte gut ſein, ihn um ſeine Meinung und ſeinen Rath zu befragen, ehe er geht. Aber für jetzt wollen wir uns allein berathen, Georg. Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 4 — 50— Vielleicht kann ich die gegenwärtige Lage des armen Walter beſſer als Du beurtheilen. Daran haben wir zuerſt zu denken, und dann, welches die Mittel ſind, ihn zu retten. Er iſt gewiß in den Händen der In⸗ dianer— daran zweifle ich nicht— und ich denke, der ſchwarze Adler wußte es, als er uns durch den Wald führte. Doch denke ich nicht, daß er freiwillig den Tomahawk gegen meinen Bruder erheben wird— es wird nur im äußerſten Falle geſchehen, wenn alle Mittel fehlgeſchlagen, den unglücklichen Brooks zu fangen. Wir werden Zeit haben— ja, wir werden gewiß Zeit haben.“ „Dann iſt der erſte Schritt, den wir zu thun haben, die Regierung zu bewegen, auf förmliche und gebieteriſche Weiſe ſeine Freilaſſung zu fordern. Ich will jenen Theil der Sache übernehmen.“ Editha ſchüttelte traurig den Kopf. „Du kennſt ſie nicht,“ ſagte ſie.„Sein Schick⸗ ſal würde nur dadurch beſchleunigt werden.“ Dann fügte ſie in leiſerem Tone hinzu:„Sie würden unter⸗ handeln und Berathungen halten, und Walter würde während deſſen getödtet werden.“ Sie drückte ihre Hände vor ihre Augen, als ſie ſprach, als wollte ſie das furchtbare Bild ausſchlie⸗ ßen, welches ihre Worte heraufbeſchworen; dann trat ein kurzes Schweigen ein, bis Lord H. fragte, ob es — 351— nicht beſſer ſein werde, wenn er Sir William John⸗ ſon aufſuche und ſich mit ihm berathe. „Das könnte geſchehen,“ verſetzte Editha.„Kein Menſch in der Provinz kennt ſie ſo gut wie er, und auf ſeinen Rath kann man ſich verlaſſen. Aber wir müſſen auch noch andere Maßregeln anwenden. Man muß Otaitſa Walter's Gefahr mittheilen und ſie um Rath fragen. Denke nur, Georg,“ fügte ſie mit ſchwermüthigem Lächeln hinzu,„es iſt mir in der letzten Zeit vorgekommen, als ob keine geringe Nei⸗ gung zwiſchen Walter und der Blüthe herrſche— etwas mehr, als Freundſchaft, auf alle Fälle.“ „Aber natürlich wird ſie von ſeiner Gefangen⸗ ſchaft hören und ihr Möglichſtes thun, ihn zu retten,“ verſetzte der junge Edelmann. Editha ſchüttelte den Kopf und antwortete: „Retten wird ſie ihn, wenn irgend eine menſch⸗ liche Macht dazu im Stande iſt; aber daß ſie um ſeine Gefangenſchaft wiſſen ſollte, bezweifle ich ſehr. Dieſe Indianer ſind weiſe nach ihrer eigenen Mei⸗ nung, Georg, und vertrauen ihre Handlungen, ihre Gedanken und Entſchlüſſe niemals einem Weibe an. Sie werden Otaitſa das Geheimniß vorenthalten, gerade ſo wie der ſchwarze Adler es mir vorenthielt; aber ſie muß davon benachrichtigt werden, man muß ſich mit ihr berathen und vielleicht mit ihr in Ueber⸗ einſtimmung handeln. Dann denke ich auch, daß der 4* — 3à2— arme Woodchuck Nachricht haben ſollte von dem, was ſeine Handlung über uns gebracht hat.“ Ich ſehe nicht recht ein, welchen Nutzen das ha⸗ ben könnte,“ ſagte Lord H. „Ich auch nicht,“ antwortete Editha;„und doch ſollte es geſchehen, um uns und ihm Gerechtig⸗ keit zu thun. Er iſt kühn, erfahren und entſchloſſen, und wir dürfen keine Sache in dieſem Lande beurthei⸗ len, wie wir ſie in Europa beurtheilen würden. Er könnte etwas zu meines Bruders Rettung unternch⸗ men, woran wir beide nicht denken würden. Er iſt gerade der Mann, dem es gelingen könnte. Er kennt jeden Pfad im Walde, jede Hütte der Indianer und ſteht mit vielen derſelben auf freundſchaftlichem Fußez er hat, wie ich von ihm gehört, einigen von ihnen das Leben gerettet und vielen von ihnen große Ver⸗ pflichtungen auferlegt, und ich glaube, er wird nicht eher ruhen, als bis er Walter befreit hat.“ „Dann will ich ihn aufſuchen und ihm ſogleich die Umſtände mittheilen,“ ſagte Lord H.„Vielleicht können er und Otaitſa in Gemeinſchaft handeln, wenn wir ſie in Verkehr ſetzen können.“ „Sie wird allein und für ſich handeln, davon bin ich überzeugt,“ verſetzte Editha;„und es muß auf jeden Fall ein Verkehr eröffnet werden. Aber laß uns mit dem Bootsmanne ſprechen, Georg. Viel⸗ leicht weiß er Jemand, der in das indianiſche Gebiet — 533— geht, und einen Brief an ſie mitnehmen könnte. Es iſt ein großer Segen, daß ſie leſen und ſchreiben kann; denn wir müſſen auch unſere Geheimniſſe ha⸗ ben, wenn wir ihre Pläne vereiteln wollen.“ Lord H. ſtand auf und ging in den Vorſaal, wo die Männer, die er mitgebracht, mit den Le⸗ bensmitteln beſchäftigt waren, die das Haus des Herrn Prevoſt liefern konnte. Der geſuchte Boots⸗ mann war bald gefunden. Dem jungen Edelmanne in das kleinere Zimmer folgend, ging er auf eine Unterredung mit Editha und ihrem Geliebten ein und ſprach wieder die Meinung aus, daß dem jungen Walter Prevoſt in mehreren Monaten noch Nichts zu Leide geſchehen werde. „Sie haben Jemand gefangen genommen, um ihrer Rache gewiß zu ſein,“ ſagte er;„und das iſt Alles, was ſie für jetzt wollen. Nun werden ſie ſich nach dem Manne ſelber umſehen, der es that, und ihn gefangen nehmen, wenn ſie können.“ „Können Sie mir ſagen, wo er zu finden iſt?“ fragte Lord H. in ruhigem Tone. „Sie wollten ihn doch nicht ausliefern?“ fragte der Mann heftig. „Gewiß nicht,“ verſetzte Lord H.;„er iſt in Sicherheit und ich habe kein Recht, ihn derſelben zu berauben— ich würde ein Mitſchuldiger an der Hand⸗ lung der Wilden ſein. Aber ich wünſche ihn zu ſpre⸗ chen, um ihm zu ſagen, was geſchehen iſt und mit ihm zu berathen, was wir weiter zu thun haben.“ „Das iſt eine andere Sache,“ ſagte der Mann ernſthaft;„und wenn das Alles iſt, was Sie wol⸗ len, ſo habe ich Nichts dagegen, Ihnen zu ſagen, daß er in Albany in dem Gaſthauſe zu den drei Boots⸗ leuten iſt. Er ſagte zu unſeren Leuten, die ihn hin⸗ unterruderten, er beabſichtige Albany in einer Woche oder länger noch nicht zu verlaſſen.“ „Und nun, Robert,“ ſagte Editha,„können Sie mir ſagen, wo ich einen Boten erhalte, den ich zu den Oneidas ſchicken kann? Ich weiß, Sie hat⸗ ten meinen Bruder Walter ſehr lieb; und ich denke, wenn wir Jemand bekommen könnten, der dorthin ginge, ſo könnten wir ihn retten.“ „Ich hatte ihn in der That ſehr lieb, Miß Prevoſt,“ verſetzte der Mann, deſſen ſtrenges Auge feucht wurde,„und ich würde alles Mögliche thun, um ihn zu retten. Es iſt ſehr zu bedauern, daß wir geſtern noch Nichts davon wußten, denn ein far⸗ biger Onondagualäufer kam durch unſern Ort und trank ein wenig Milch bei uns, und ich gab ihm das Pantherfell, welches wir, wie Sie einigen von unſeren Leuten geſagt, im Namen des armen Jungen an die Tochter des alten Häuptlings ſchicken ſollten.“ Editha erhob ihre Augen zu dem Geſichte ihres „. Geliebten und Lord H. erwiderte auf ihren fragenden Blick: „Es iſt wahr, Editha, Walter ſchoß im Walde einen Panther und wünſchte das Fell an Otaitſa zu ſenden. Wir hatten in dem Augenblick keine Zeit zu verlieren;z aber als wir zurückkehrten, bewog ich die Führer, ihn abzuziehen und nahm ihnen das Ver⸗ ſprechen ab, ſie zu trocknen und mit der erſten Gele⸗ genheit abzuſchicken.“ „Ich ſchnallte ſie ſelber dem Läufer auf den Rük⸗ ken,“ ſagte der Mann, den Editha Robert nannte, „und gab ihm auch das Geld, welches Sie für ihn ſchickten, Mylord. Er würde bereitwillig genug je⸗ den Auftrag ausgerichtet haben, und man hätte ihm trauen können. Aber ich denke, es können Monate vergehen, ehe ſich wieder eine ſolche Gelegenheit dar⸗ bietet. Sehen Sie, Miß Editha,“ fuhr er fort, indem er ſich mit einem Geſichte voll ernſten Aus⸗ drucks zu ihr wendete,„ich würde ſelber gehen, aber was würde daraus werden? Sie würden mich nur anſtatt Ihres Bruders tödten, denn in ſolchen Fäl⸗ len iſt ihnen ein Mann ſo gut wie der andere, und vielleicht würde er dadurch doch nicht gerettet werden. Aber ich habe ein Weib und zwei junge Kinder, und da bin ich jetzt nicht ſo bereit, mein Leben aufs Spiel zu ſetzen, wie ich es vor einigen Jahren war.“ „Es iſt nicht daran zu denken,“ ſagte Editha * — 56— ruhig.„Ich würde Niemand auffordern können, zu ihnen zu gehen, als Einen, der theilweiſe ihrem Stamme angehört; denn ich weiß, es muß das Blut eines weißen Mannes ſein, welches ſie vergießen. Alles, was ich wünſche, daß Sie für Walter und mich thun ſollen, iſt, einen von den indianiſchen Bo⸗ ten aufzuſuchen, der in Albany und mit der Armee bekannt iſt, und ihn zu mir zu ſchicken.“ „Sehen Sie, Miß Prevoſt,“ entgegnete der Mann,„es ſind deren nicht ſo viele, da der Winter herannaht; und was die Armee betrifft, ſo wurden faſt alle Läufer und Kundſchafter entlaſſen, als Lord Loudon nach Halifax ging. Einige von ihnen blie⸗ ben freilich bei Webb; aber eine Anzahl von jenen wurde von Montcalm's Huronen getödtet. Indeſſen will ich es zu meinem Geſchäfte machen, Tag und Nacht einen ſolchen aufzuſuchen und ihn hieher zu ſchicken.“ „Es muß aber Jemand ſein, auf den wir uns verlaſſen können,“ ſagte Edithaz„Jemand, den Sie erprobt haben und dem man trauen darf.“ „Das macht die Sache noch ſchwieriger,“ ſagte der Mann;„denn wenn ich gleich viele von ihnen geprüft habe, kann ich doch nur wenigen von ihnen trauen. Indeſſen will ich mich umſehen und werde auch nicht lange ausbleiben. Aber es würde ein völ⸗ liger Unſinn ſein, einen Mann zu ſchicken, der Ih⸗ — 52— ren Auftrag entweder gar nicht ausrichten oder ihn de⸗ nen mittheilen würde, die ihn nicht hören dürfen.“ „Das wäre in der That der Fall,“ ſagte Editha traurig, als die Worte des Mannes ihr alle Schwie⸗ rigkeiten und Gefahren vor Augen ſtellten, die dem Gelingen ihres Planes im Wege ſtanden.„Nun, thun Sie Ihr Möglichſtes, Robert,“ ſagte ſie end⸗ lich nach einigem Nachdenken;„und da Sie den Mann zu bezahlen haben werden, ſo iſt hier Geld für—* 2 „Sie können ihn ſelber bezahlen, Miß,“ ent⸗ gegnete der Bootsmann kurz.„Ich ſelber nehme kein Geld dafür an, dem armen Maſter Walter zu hel⸗ fen— nein das thue ich nicht. Wenn ich ein Ru⸗ der oder dergleichen in der Hand habe, müſſen die Leute freilich bezahlen, was meine Arbeit werth iſt — und zuweilen vielleicht noch ein wenig mehr,“ fügte er lachend hinzu.„Aber nicht für einen ſolchen Dienſt, wie dieſer nein, nein, dafür nicht. Nun leben Sie wohl, Miß Prevoſt— leben Sie wohl, Mylord. Ich will das Gras nicht unter meinen Fü⸗ ßen wachſen laſſen, ehe ich mich nach einem Boten umſehe.“ So redend verließ er das Zimmer und Editha und Lord H. blieben wieder allein. Traurig und dü⸗ ſter war ihre Unterhaltung, nicht erheitert von den hellen Strahlen der Liebe und Freude, von welchen — 58— Editha gehofft hatte, daß ſie ihre künftigen Stunden erhellen würden. Alles war trübe und düſter in der Ferne, und der Punkt, worauf die Augen Beider ſich am lebhafteſten richteten, war der dunkelſte und trübſte von allen. Welcher Plan ihnen auch vorgeſchlagen wurde, welche Handlungsweiſe ihnen auch einfiel, auf allen Seiten erhoben ſich Schwierigkeiten und Ge⸗ fahren. Auch diente die Gegenwart des Herrn Prevoſt, der bald darauf zu ihnen kam, auf keine Weiſe dazu, ſie zu unterſtützen oder zu leiten. Er hatte wenigſtens für jetzt alle Hoffnung verloren, und das Einzige, was ihm einen ſchwachen Lichtſchimmer zu gewähren ſchien, war der Gedanke, ſogleich mit Brooks in Verkehr zu treten. „Ich fürchte, Sir William Johnſon wird Nichts thun. Er iſt ſo ſelbſt für die kleinſten Intereſſen der Regierung bemüht, ſein ganzer Geiſt iſt ſo mit die⸗ ſem einzigen Vorſatze beſchäftigt, die Verbindung zwi⸗ ſchen Britannien und den fünf Nationen zu verſtär⸗ ken, daß ich glaube, er würde jedes Mannes Sohn eher ſchlachten laſſen, als ſich der Gefahr ausſetzen, einen indianiſchen Stamm zu beleidigen.“ „In ſeiner Stellung mag es allerdings ſehr ſchwierig für ihn ſein zu handeln,“ ſagte Lord H. z „aber es dürfte ebenſo gut ſein, uns von ſeinen Ge⸗ fühlen und Anſichten zu überzeugen, indem wir um — 59— ſeinen Rath bitten, wie ſie ſelber zu handeln haben. Er wird ſehr bereitwillig ſein, Rath zu ertheilen, da⸗ von bin ich überzeugt, und im Laufe der Unterredung könnten ſie entdecken, wie viel oder wie wenig ſie von ſeinem Beiſtande zu erwarten haben.“ „Aber Sie ſagten, mein lieber Lord, Sie woll⸗ ten morgen ſelber nach Albany gehen, um den ar⸗ men Brooks aufzuſuchen,“ bemerkte Herr Prevoſt. „Ich kann Editha nicht allein hier laſſen.“ Alle drei ſannen einige Augenblicke nach und Editha vielleicht am meiſten von allen. Endlich aber ſagte ſie: „Ich bin völlig ſicher, mein Vater, deſſen bin ich gewiß, und Sie werden auch ruhig ſein, wenn Sie ſich erinnern, was ich Ihnen von dem Beneh⸗ men des ſchwarzen Adlers in jener unheilvollen Nacht erzählte. Er warf ſeine Decke um mich und nannte mich ſeine Tochter. Sie können gewiß ſein, es hat ſich ſchon längſt die Nachricht, daß ich ſein Adoptiv⸗ kind bin, unter den Stämmen verbreitet, und Nie⸗ mand würde wagen, ſeine Hand gegen mich zu er⸗ heben.“ „Doch einige Vorſicht,“ ſagte Lord H. Aber Editha unterbrach ihn ſanft und ſagte: „Warte einen Augenblick, Georg. Laß meinen Vater antworten. Glauben Sie nicht, lieber Vater, daß ich ganz ſicher bin? Mit einem Wort, glauben — 60— Sie nicht, daß ich als die Adoptivtochter des ſchwar⸗ zen Adlers von einer Hütte zur anderen durch das ganze lange Haus der Indianer gehen könnte ohne die geringſte Gefahr oder Bedenken? Und wenn das iſt, warum ſollten Sie etwas fürchten?“ „Ich glaube in der That, daß Du es könnteſt,“ verſetzte Herr Prevoſt.„Ol! wenn wir den Häupt⸗ ling zu einer ähnlichen Handlung gegen Walter hät⸗ ten bewegen können! Was Sditha ſagt, iſt richtig, Mylord. Wir müſſen dieſe Indianer beurtheilen, wie wir ſie kennen, und meine einzige Furcht, ſie jetzt hier zurückzulaſſen, beſteht in der Beſorgniß, daß Einfälle von der anderen Seite des Hudſon geſchehen können.“ Lord H. ſann ein wenig nach. Es fiel ihm auf, daß etwas Seltſames in der Art liege, wie Editha ihrem Vater die Frage vorlegte— etwas zu Beſtimm⸗ tes und Genaues, um von den geſprochenen Worten hervorgerufen zu werden. Es erregte keinen Verdacht in ſeinem Geiſtez denn es war kaum möglich, in Editha's Geſicht zu blicken oder ihre Töne zu hören und Mißtrauen zu hegen. Aber er dachte, ſie möchte vielleicht einen hohen und edlen Zweck haben, den ſie noch nicht mitzutheilen für gut halte. „Ich war im Begriff zu ſagen,“ erwiderte er endlich auf die letzten Worte des Herrn Prevoſt,„daß ich leicht eine genügende Wache zuſammenbringen kann, — 61— um das Haus zu ſchützen; und ich darf Ihnen nicht erſt ſagen, mein lieber Herr,“ fuhr er fort, indem er Edithas Hand faßte,„da der ganze Schatz mei⸗ nes Glücks hier iſt, würde ich Ihnen nicht rathen, ſie auch nur auf eine Stunde zu verlaſſen, wenn ich mich nicht überzengt hielte, daß ſie ſicher ſei. Ich will durch einen von den Leuten, die noch im Hauſe ſind, einen Befehl an Kapitain Hammond abſenden, morgen in aller Frühe eine Wache unter einem zu⸗ verläſſigen Sergeanten hieher zu ſchicken. Sobald die⸗ ſelbe ankommt, will ich nach Albany abreiſen, und ich denke, Sie können ſich in völliger Sicherheit in Johnſon's Burg begeben.“ So wurde es angeordnet und alle empfanden nicht geringe Beruhigung, als man ſich zu einer Handlungsweiſe entſchloſſen hatte. Die Anſtrengung iſt Alles in dieſer Welt. Selbſt das Waſſer der Frende ſteht ſtill; und die größte Beruhigung für Sorge und Kummer, die ſtärkſte Unterſtützung in Ge⸗ fahr oder Ungemach iſt die Anſtrengung. Viertes Kapitel. Der Morgen des folgenden Tages brach friſch und ſchön an. Eine heitere Klarheit war am Him⸗ mel— eine lebhafte Elaſticität in der Luft— wie man ſeit Wochen nicht geſehen oder gefühlt hatte. Alles erſchien ſchimmernd und deutlich. Die Entfer⸗ nungen waren vermindert; Wälder und Hügel, welche früher düſter geweſen, erſchienen nahe und deutlich, und die ganze Welt war in Harmonie mit der Stärke und Anſtrengung. Der ſchwere Regen des vergange⸗ nen Morgens hatte die überladene Atmosphäre aufge⸗ klärt, wie Thränen zuweilen die ſchwerbelaſtete Bruſt erleichtern; und als Lord H. und Herr Prevoſt ihre Pferde beſtiegen, um ſich auf den Weg zu machen, ſchien es, als habe die ſtärkende Luft dem Letzteren die Feſtigkeit und den Muth wiedergegeben, deſſen der — 63— Kunmmer und das Entſetzen des vergangenen Tages ihn beraubt hatte. 3 Editha umarmte ihren Vater und reichte ihre Wange der warmen Berührung der Lippen ihres Ge⸗ liebten hin. Dann beobachtete ſie ſie, als ſie fort⸗ ritten, bis der Wald ſie von ihren Blicken ausſchloß. Die Soldaten waren jetzt in dem für ſie beſtimm⸗ ten Theile des Hauſes untergebracht, und einige von den Negern waren mit den Anordnungen für ſie be⸗ ſchäftigt; aber der alte Agrippa, der Gärtnerknabe und eine Dienerin ſtanden in der Nähe und ſahen ihrem Herrn und ſeinem Gaſte nach, als ſie ſich ent⸗ fernten. Sobald die kleine Geſellſchaft nicht mehr zu ſehen war, wendete ſich Editha zu Agrippa und ſagte: „Schickt Chando zu mir in das Beſuchzimmer. Ich wünſche mit ihm zu reden.“ Als der Mann erſchien, ſah ſie ihn aufmerkſam an und ſagte: „Wie weit iſt es bis zum Oneidaſee, Chando? — Waret Ihr je dort?“ „Ei ja, Miſſy, oft genug, als ich ein kleiner Knabe war. Sie wiſſen, mein Vater lief davon und lebte lange Zeit bei den Indianern— weil er einen böſen Herrn hatte. Aber die Indianer ſchlugen und pufften ihn mehr, als der ſchlimmſte Herr in der Welt es thun konnte, und da kam er wieder zurück. Wie weit es iſt? O, ein weiter Weg; zweimal ſo weit, als bis Johnſon's Burg— o ja, dreimal ſo weit.“ Editha wußte, wie unbeſtimmt die Begriffe ei⸗ nes Negers von der Entfernung ſind, und ſo trug ſie ihre Frage in einer anderen Form vor, worauf ſie eine beſtimmtere Antwort erwartete. „Bedenkt Euch, Chando,“ ſagte ſie,„wie lange Zeit es koſten würde, um den See zu erreichen. Be⸗ denkt Euch wohl, und ſagt es mir dann.“ „Sie, Miſſy, Sie!“ rief der Neger in großem Erſtaunen;„Sie werden doch nicht daran denken, dorthin zu gehen?“ „Ich weiß nicht, Chando,“ verſetzte ſie,„es dürfte nöthig ſein, und ich wünſche zu wiſſen, wie lange es wohl währen würde.“ „Das hängt davon ab, wie Sie gehen, Miſſy,“ entgegnete der Mann.„Sie können bis Johnſon's Burg reiten, aber nicht weiter, dann müſſen Sie zu Fuß gehen, und wenn Sie ſo ſchnell gehen, wie ich, wozu Sie wohl nicht im Stande ſein werden, müſſen Sie immerhin fünf Tage dazu brauchen.“ Der armen Editha ſank der Muth. „Otaitſa geht auch,“ ſagte ſie in troſtloſem Tone;„aber freilich kann ſie Vieles, was ich nicht kann.“ „Sie gehen! O nein, Miſſy,“ verſetzte der Ne⸗ ger;„ſie geht wenig zu Fuß von dem ſogenannten Wood Creek oder vom Mohawk an. Sie geht nicht weiter, als bis dorthin. Den ganzen übrigen Weg legt ſie im Canoe zurück, zuweilen auf dem Mohawk, zuweilen auf dem See. Einmal kam ſie in drei Ta⸗ gen hieher. Ich hörte es von dem alten Buzzard, als der Sachem mit ſeinen Kriegern hieher kam.“ „Und kann ich daſſelbe thun?“ fragte Editha lebhaft. „Gewiß können Sie es, wenn Sie ein Canve bekommen,“ antwortete Chando;„aber o! Miſſy, denken Sie an die Indianer. Sie entführten Maſſa Walter— ſie können Sie auch tödten.“ „Es iſt nicht zu fürchten, Chando,“ verſetzte Editha.„Selbſt mein Vater geſteht, daß ich ſicher von einer Hütte zur anderen durch das ganze Land der fünf Nationen gehen kann, weil der ſchwarze Adler ſeine Decke um mich geworfen und mich zu ſei⸗ ner Tochter gemacht.“ „Maſſa weiß es am beſten,“ ſagte Chando; „wenn es aber ſo iſt, warum entführten ſie Maſſa Walter?“ „Der ſchwarze Adler wollte ihn nicht zu ſeinem Sohne machen, noch auch meinen Vater zu ſeinem Bruder,“ ſagte Editha, indem ihr Thränen in die Augen traten.„Aber die Wahrheit iſt, Chando, ich will gehen und verſuchen, ob ich dem armen Walter Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 5 — 66— das Leben retten kann— ich will gehen und der Blüthe ſagen, daß ſie meinen Walter— ihren Walter— gefangen halten und ſehen, ob wir nicht Mittel finden können, ihn zu befreien.“ „Ich ſehe— ich ſehe, Miſſy,“ ſagte der Mann ernſt; dann fügte er nach einer augenblicklichen Pauſe hinzu:„Darf ich mit Ihnen gehen?“ „Ich muß freilich Jemand mitnehmen, um mir den Weg zu zeigen,“ verſetzte Editha.„Fürchtet Ihr Euch, Chando?“ „Fürchten!“ rief der Mann, in ein heiteres Ge⸗ lächter ausbrechend.„O nein, ich fürchte mich nicht; die Indianer thun einem Neger Nichts zu Leide— ſie ſtoßen und puffen ihn, aber ſcalpiren ihn nicht, weil der Neger keine Scalplocke hat. Ha, ha ha! ich will mitgehen und helfen, Maſſa Walter zu ret⸗ ten. Er hatte nie etwas Gutes, ohne Chando et⸗ was davon abzugeben. O! ich will Alles ſchon ma⸗ chen. Wir finden Canoes genug— Mohawkceanoes — Oneidacanoes— wenn wir ſagen, daß Sie des ſchwarzen Adlers Tochter ſind und Ihre Schweſter Otaitſa beſuchen wollen. Wann wollen Sie gehen, Miſſy?⸗ „Sehr bald, Chando,“ verſetzte Editha. Darauf begann ſie ihm ihren Plan weiter zu er⸗ klären. Sie ſagte, ſie wünſche ſich noch an demſel⸗ ben Tage auf den Weg zu machen, und zwar ſo bald — 69— wie möglich, um fürs Erſte die Nachricht von Wal⸗ ters Gefangennahme unverzüglich Otaitſa mitzutheilen und fürs Zweite ihrem Vater ſo viele Stunden der ängſtlichen Beſorgniß, wie nur möglich, zu erſpa⸗ ren. Sie ſagte dem Mann nicht ausdrücklich, daß ſie ihren Vater nicht mit ihrer Abſicht bekannt gemacht habe; aber er errieth es dennoch. 1 Als er aber hörte, wie der ſchwarze Adler ſich in der Nacht der Geſfangennahme des armen Walter gegen ſie benommen, war er in Betreff der Indianer völlig von ihrer Sicherheit überzeugt. Er rieth ihr aber dringend an, zuerſt zu Johnſon's Burg zu gehen, wo ſie gewiß ein Canve oder ein Boot bekommen könne, und es währte lange, ehe er einſah, warum ſie darauf nicht eingehen wollte. Endlich aber zeigte ſein gewöhnliches:„Ich ſehe— ich ſehe,“ daß ihm ein Licht aufgegangen ſei, und dann war er bald mit ſeinem Rath bei der Hand. „Da gehen wir bis an das nächſte Ende des kleinen Sees,“ ſagte er;„das ſind nur drei Meilen und es iſt immer ein Fiſcherboot da. Dann fahren wir den kleinen See hinunter, und über den Fluß auf den großen See, landen auf der nördlichen Seite und gehen dann bis zum Mohawk— das ſind noch drei Meilen. Ich kann das Canoe auf meinem Rük⸗ ken tragen. Dann werden wir mit oder ohne India⸗ ner weiter kommen. Wenn Miſſy noch einen Neger 5* — 68— mitnehmen will, werden wir ſehr raſch weiter kom⸗ men, und er könnte das Gepäck tragen.“ „Ich muß eine von den Frauen bei mir haben,“ ſagte Editha in gedankenvollem Tone;„aber welche?“ Des Negers Geſicht verlängerte ſich ein wenig. Er war ſehr ſtolz auf das Vertrauen, welches in ihn geſetzt wurde, und er wollte es nicht gern mit einem weißen Frauenzimmer theilen. Sein Ton war daher ein wenig niedergeſchlagen, wenn gleich unterwürfig, als er fragte: „Will Miſſy die weiße Sally mit ſich nehmen? — Sally kann aber nicht gehen— Sally kann nicht laufen— Sally kann nicht rudern, wenn Chando er⸗ müdet iſt.“ „Nein,“ verſetzte Editha ſogleich,„ich kann keine weiße Perſon mit mir nehmen, Chando, denn ich würde ihr Leben aufs Spiel ſetzen; und ſelbſt um meinen armen Bruder zu retten, darf ich keine andere Perſon in eine ſolche Gefahr bringen. Einer Perſon von Eurer Farbe, Chando, werden ſie Nichts zu Leide thun, denn ſie wollen das Blut eines Weißen für die That eines Weißen.“ 1 „Da nehmen Sie Schweſter Bab mit,“ riej Chando mit dem leiſen Lachen, welches den Negern eigenthümlich iſt, ſeine Hände reibend.„Schweſtet Bab kann gehen, laufen, ein Bündel tragen und ru⸗ dern ſo gut wie der beſte Mann.“ — 69— Bab war eine rüſtige Negerin von etwa vierzig Jahren, mit angenehmem Geſichte und ſehr ſchönen weißen Zähnen, die ſich des Beinamens Schweſter erfreute, obgleich ſie, ſo viel Editha wußte, wenig⸗ ſtens im Hauſe Niemandes Schweſter war. Ihre ge⸗ wöhnlichen Beſchäftigungen hatte ſie auf dem Meier⸗ hofe, in der Milchkammer und bei den Schweineſtäl⸗ len, ſo daß Editha ſie nicht ſehr häufig ſah. Aber Alles, was ſie von ihr geſehen hatte, war angenehm geweſen, denn Schweſter Bab ſchien immer aufmerk⸗ ſam, Alles für Alle zu thun, und empfing alle Be⸗ fehle, ſelbſt von Maſſa Walter, der zuweilen ein we⸗ nig unüberlegt war, mit gutmüthigem Grinſen. Ihre beſtändige Thätigkeit und unermüdliche Energie ver⸗ ſprach einen guten Erfolg von dem Unternehmen, wel⸗ ches Editha vorhatte. „Nun, Chando,“ ſagte die junge Dame,„ich weiß, daß ich keine beſſere Wahl treffen könnte. Schickt Schweſter Bab zu mir, denn wo man Gefahren, wie dieſe, zu beſtehen hat, will ich kein Frauenzimmer ohne ihre eigene freie Einwilligung mitnehmen.“ „O! Sie wird gehen— ich will mit ihr reden,“ ſagte Chando;„bemühen Sie ſich deshalb nicht, Miſſy. Sie wird mit Miß Editha bis an das Ende der Welt gehen und fechten wie der Teufel, wenn es nö⸗ thig iſt. Ich ſah nie ein Weib, welches ſich ſo gut darauf verſtand, Fiſche zu fangen.“ „Das kann uns auch nützlich ſein,“ ſagte Edi⸗ tha mit mattem Lächeln.„Aber ſchickt ſie zu mir, Chando, ich muß mit ihr reden, ehe wir gehen.“ Als die gute Frau kam, machte ſie nicht die ge⸗ ringſte Einwendung, ſondern betrachtete die Expedition vielmehr als ſehr unterhaltend, da ſie ſie für die Lan⸗ geweile ihrer täglichen Arbeiten entſchädigen und zu⸗ gleich ihrem thätigen Geiſte volle Beſchäftigung gewäh⸗ ren werde. Sie war ebenſo bereitwillig mit ihren Vorſchlägen, wie Chando, ſagte Editha Alles, was ſie mitzunehmen habe, ſetzte alle ihre eigenen beabſich⸗ tigten Vorbereitungen auseinander, bat ſogar um eine Büchſe und erklärte, ſie ſei ein ebenſo guter Schütze, wie Maſſa Walter, und habe oft ſeine Büchſe abgefeuert, wenn er ſie geladen nach Hauſe gebracht. Editha wollte aber kein Frauenzimmer mit einer Büchſe in ihrer Begleitung haben, und nachdem ſie ihren beiden auserwählten Begleitern geſagt, ſie werde in einer Stunde bereit ſein, entfernte ſie ſich, um ihre Vorbereitungen zu treffen und einige Zeilen an ihren Vater und ihren Geliebten zu ſchreiben, um ihre Ab⸗ weſenheit zu erklären, wenn ſie zurückkehren ſollten.” Beide Briefe waren kurzz, aber wir wollen nur den anſehen, den ſie für Herrn Prevoſt zurückließ. „Mein lieber Vater,“ ſchrieb ſie,„ich fürchte faſt, daß es unrecht iſt, einen ſolchen Schritt ohne Ihr Wiſſen oder Ihre Billigung zu thun; aber ich — 271— kann nicht ſtill ſitzen und Nichts thun, während Alle ſich anſtrengen, um meinen lieben Bruder zu retten. Ich fühle, daß es durchaus nothwendig iſt, Otaitſa ſogleich von ſeiner Lage zu benachrichtigen. „Es kann Monate währen, ehe man einen in⸗ dianiſchen Läufer findet, und inzwiſchen kann meines armen Bruders Schickſal beſiegelt werden. Ich würde mich verbunden halten, zu gehen, und wenn es mein Leben koſtete, aber ich allein kann in völliger Sicher⸗ heit gehen, denn während er mir ſeinen Schutz ver⸗ ſprach und mir die Verſicherung gab, daß ich völlig ſicher ſein ſolle, weigerte ſich der ſchwarze Adler, mir irgend eine Verſicherung hinſichtlich der Anderen zu geben. Sie haben ſelber anerkannt, mein lieber Va⸗ ter, daß ich vollkommen ſicher ſein werde, und habe auch den Vortheil, daß ich die indianiſche Sprache gut ſpreche. Würde es unter ſolchen Umſtänden nicht unrecht, ja, ein Verbrechen ſein, müßig hier zu blei⸗ ben, während ich noch die Möglichkeit vor mir ſehe, meinen armen Bruder zu retten? Verzeihen Sie mir alſo wegen der Beweggründe, die mich leiten, wenn ich unrecht handle. „Mein Weg geht gerade zum Mohawk über den kleinen und großen See und dann den Mohawk und Wood Creek hinauf, ſo weit die mich führen, denn um mir ſo viel Anſtrengung wie möglich zu erſparen, — 52— werde ich von dem kleinen See aus auf dem Canoe fahren. „Ich habe Chando und Schweſter Bab gebeten, mich zu begleiten, da ich weiß, daß Sie wünſchen werden, daß ich Schutz und Beiſtand auf dem Wege, wenn mir irgend eine Schwierigkeit begegnen ſollte, habe. Ich hoffe ſpäteſtens in ſechs Tagen wieder zu⸗ rück zu ſein, und wenn möglich, werde ich einen Läu⸗ fer abſchicken, um Sie von meiner glücklichen Ankunft unter den Oneidas in Kenntniß zu ſetzen. „Noch ein Mal, mein lieber Vater, denken Sie an den großen Zweck, den ich im Auge habe, und verzeihen Sie Ihrer zärtlichen Tochter.“ Als Editha dieſe Briefe geſchrieben hatte, legte ſie das vollſtändige indianiſche Coſtüm an, welches Otaitſa ihr gegeben, und ein ſchönes indianiſches Mädchen ſtellte ſie dar, wenn gleich ihre Haut ein wenig zu weiß und ihr Haar nicht rabenſchwarz war. In der indianiſchen Taſche hatte ſie einige Gegenſtände von europäiſcher Erfindung und ein großes Jagdmeſ⸗ ſer. Dann machte ſie ein kleines Packet von Kleidern zuſammen, welches Schweſter Bab tragen ſollte, und ſtieg zu dem unteren Stockwerk hinunter. Hier aber begegneten ihr einige Hinderniſſe, die ſie nicht erwartet hatte. Die Nachricht von ihrer beab⸗ ſichtigten Expedition hatte ſich durch den ganzen Haus⸗ — -— 78— halt verbreitet und faſt eine offene Empörung veran⸗ laßt. Die weißen Frauen waren in Tbränen; der alte Agrippa ſtieß laute Ausrufungen aus und die fette ſchwarze Köchin erklärte laut, Miß Editha ſei wahnſinnig und ſolle nicht gehen. Sie trieb ihre Op⸗ poſition ſo weit, daß die junge Dame genöthigt war, einen ſtrengen Ton anzunehmen, den man ſelten von Editha hörte, und ihr zu befehlen, ſich ſogleich aus ihrer Gegenwart zu entfernen. Das arme Weib war ſogleich eingeſchüchtert, denn ihr Muth war nicht von großer Ausdauer, und in Thränen ausbre⸗ chend, verließ ſie das Zimmer, indem ſie erklärte, ſie ſei gewiß, daß ſie Miß Editha nie wiederſehen werde. 4 Dann übergab Editha dem alten Agrippa alle Schlüſſel des Hauſes nebſt den beiden Briefen, die ſie geſchrieben hatte. Chando nahm den Sack mit Lebensmitteln, womit er ſich verſehen hatte; Schwe⸗ ſter Bab belud ſich mit dem Packet, welches Editha's Kleider enthielt, und zwiſchen Beiden gehend, entfernte ſich die junge Dame, bei den Thränen der weißen Frauen und bei den lauten Ausbrüchen des Kum⸗ mers von Seiten der Neger, von dem Hauſe ihres Vaters. Ihr eigenes Herz ſank auf einen Augenblick und ſie fragte ſich ſelber: „Werde ich je wieder dieſe Schwelle überſchrei⸗ =— ten? Werden mich die, welche ich ſo ſehr liebe, je wieder in ihre Arme ſchließen?“ Aber ſie verbannte ſolche Gefühle und trieb ſol⸗ che Gedanken hinweg. 3 „Mein Bruder— mein armer Bruder!“ mur⸗ melte ſie und ging weiter. Fünftes Kapitel. Indem wir es Editha überlaſſen, ihren Weg zu dem Gebiete der Oneidas fortzuſetzen, und Herrn Pre⸗ voſt, nachdem er ſich in der Entfernung von zwei Meilen von ſeinem Hauſe von Lord H. getrennt hatte, zu Johnſon's Burg zu reiten, wollen wir dem jun⸗ gen Edelmanne nach Albany folgen, wo er ein we⸗ nig nach Anbruch der Nacht ankam. Er hielt es für ſeine Pflicht, ſich zuerſt in das Quartier des Oberbe⸗ fehlshabers zu begeben, wo er einen kurzen aber kla⸗ ren Bericht von Allem erſtattete, was bei ſeinen Ver⸗ handlungen mit den Indianern geſchehen war. „Ich erfuhr aus einer Mittheilung von Sir Wil⸗ liam Johnſon,“ ſchrieb er,„daß keine Verheimlichung nöthig ſeiz ſondern im Gegentheil, daß es vortheil⸗ haft ſein würde, bei der Verſammlung der fünf Na⸗ — 76— tionen in meinem wahren Charakter zu erſcheinen. Der Erfolg war, wie ich Ihnen geſagt habe. Einen Punkt aber muß ich noch erwähnen, der, wenn er unverſtändig behandelt wird, ernſte Folgen haben kann.“ Darauf erzählte er die einzelnen Umſtände in Betreff des Todes des Indianers durch Woodchuck und die muthmaßliche Geſangennahme Walter Pre⸗ voſt'’s durch eine Abtheilung der Oneidas. Es würde unintereſſant für den Leſer ſein, die umſtändliche Mittheilung der hierauf folgenden Unter⸗ redung zu hören. Es mag hinreichen zu ſagen, daß die Regierung der Colonie in allen ihren Abtheilun⸗ gen zu jener Zeit zur Unthätigkeit geneigt war und durchaus nicht geneigt, ſich zum Schutze einzelner Perſonen oder ſelbſt größerer Intereſſen anzuſtrengen, wenn ſie nicht kräftig dazu angetrieben wurde. Dies zu thun, fühlte ſich Lord H. keineswegs geneigt, da er aus Allem, was er gehürt hatte, ſehr wohl wußte, daß keine Handlung der Regierung, es ſei denn ein plötzlicher Marſch einer großen Truppenabtheilung, Walter Prevoſt's Befreiung bewirken könne, und daß er von den damals commandirenden Offieieren eine ſolche Bewegung, die an ſich erfolglos ſein möchte, nicht erwarten könne. Als ſeine Conferenz mit dem Oberbefehlshaber be⸗ endet war, lehnte er eine Einladung zum Abendeſſen ab und ging, um das kleine Gaſthaus aufzuſuchen, —- 77— wo er den Mann finden ſollte, deſſen Handlung, ſo ſehr dieſelbe auch zu rechtfertigen ſein mochte, ſo viel Elend über Herrn Prevoſt's Familie gebracht hatte. Wie wir aus guter Ouelle wiſſen, nahm die Stadt Albany in jenen Tagen einen faſt ebenſo gro⸗ ßen Raum ein, wie die gegenwärtige Stadt, obgleich die Bevölkerung um viele Tauſende geringer war. Eine lange Straße führte am Ufer des Fluſſes da⸗ hin; bis an den Rand deſſelben erſtreckten ſich ſchöne und wohleultivirte Gärten und von dem Gipfel des Hügels bis zu dieſer unteren Straße führte eine an⸗ dere, beinahe in derſelben Richtung und von derſelben Ausdehnung, wie die jetzige State Street. Auf dem Gipfel des Hügels ſtand das Fort, und in der Mitte der großen abwärts führenden Straße, die zu beiden Seiten um ſie hinwegführte, befanden ſich zwei oder drei Kirchen, ein ſchoͤner Marktplatz und eine Wache. Einige andere Straßen führten in gleicher Linie mit dieſer Hauptſtraße den Hügel hinunter, und einige kleine Straßen und Gaſſen verbanden ſie mit ein⸗ ander. Dennoch war, wie bereits erwähnt, die Bevölke⸗ rung ſehr gering, denn zwiſchen den einzelnen Häu⸗ ſern und Straßen in der ganzen Stadt befanden ſich große und ſchöne Gärten, welche die Räume ausfüll⸗ ten, die jetzt von Gebäuden eingenommen werden und mit menſchlichen Weſen angefüllt ſind. Ein großer Theil der Bevölkerung zu jener Zeit war holländiſch, und die Zierlichkeit und Reinlichkeit der holländiſchen Häuſer und Straßen war in jenen Tagen in Albany zu ſehen— wäre es nur jetzt auch ſo! Damals liefen keine Schweine zur Beläſtigung der Fußgänger auf den Straßen umherz keine Kohl⸗ blätter oder Kohlſtrünke verunzierten den Rinnſtein, und der einzige Ort, wo man Schmutz oder Unrein⸗ lichkeit ſah, war die Uferſtraße, wo natürlich wegen der Nähe des Waſſers die Häuſer der Bootsleute und andere mit der Schifffahrt in Verbindung ſtehenden Perſonen ſich befanden. Hier war freilich einiger Schmutz vorherrſchend und die Luft roch ſehr nach Theer und Tabak. 3 Zu dieſem Theile der Stadt nahm Lord H. ſei⸗ nen Weg und fragte nach dem Gaſthauſe„zu den drei Bootsleuten.“ Mehrmals erhielt er keine Auskunft, weil die Mehrzahl der Bewohner die eng⸗ liſche Sprache nicht verſtand. Sie nahmen die Pfeife aus dem Munde und antworteten nur in holländiſcher Sprache:„Verſtehe nicht.“— Endlich aber erhielt er eine richtige Weiſung und fand ein kleines und ziemlich unbedeutend ausſe⸗ hendes Haus, worin ein unternehmender Engländer aus der Gegend von Clare Market eine Schenke zum Wohl der Bootsleute begründet. Sie hatte in frühe⸗ ren Zeiten einem holländiſchen Anſiedler gehört und trug noch viele von den eigenthümlichen Zügen ihres Urſprungs an ſich. Vier Bäume ſtanden in einer Linie vor der Thür, mit Bänken darunter zur Be⸗ quemlichkeit Derjenigen, welche Vergnügen daran fan⸗ den, dazuſitzen und die liebliche Luft des Sommer⸗ abends mit den Rauchwolken des Tabaks zu vergiften. Durch eine mit einem Gewicht verſehene Thür in den engen, ſandigen Gang eintretend, wo man von der Straße eine Stufe hinunterſtieg, begegnete Lord H. einem ſchwarzen Kellner mit weißer Schürze, welchen er fragte, ob Kapitain Brooks noch dort ſei. „O ja, Herr Officier,“ ſagte der Mann grin⸗ ſend.„Sie meinen Maſſa Woodchuck,“ fuhr er fort, indem er zeigte, daß der indianiſche Beiname des gu⸗ ten Mannes ſehr allgemein bekannt ſei.„Sie wer⸗ den ihn dort drinnen im Kaffeezimmer finden.“ Und er deutete auf eine Thür, die ehemals weiß geweſen, aber jetzt von Rauch, Alter und ſchmutzigen Fingern gelb und braun geworden war. Lord H. öffnete die Thür und trat unter eine ſo ſeltſame und abſtoßende Verſammlung menſchlicher Weſen, wie er nur je geſehen. Die Luft war von Rauch verdunkelt, ſo daß die Lichter trübe und roth Herſchienen und es im eigentlichen Sinne ſchwer war, die Gegenſtände umher zu erkennen. Den Geruch konnte man unmöglich erkennen, denn er war ſehr gemiſcht; aber die vorherrſchenden Gerüche waren die ½ 80— des Tabak, Bier, Rum und Gin. Zehn oder zwölf kleine Tiſche von polirtem Mahagoni, aber hie und da mit den Spuren von naſſen Gläſern, theilten das Zimmer unter ſich und ließen nur ſo viel Raum, daß ein paar Stühle Rücken gegen Rücken zwiſchen zweien ſtehen konnten. In dieſer kleinen Höhle waren nicht weniger als fünf oder ſechs und zwanzig Perſonen verſammelt; faſt Alle tranken, faſt Alle rauchten, Einige ſprachen ſehr laut, Andere ſaßen in tiefem Schweigen, ſo wie es die Quantität der Getränke, die ſie zu ſich genom⸗ men oder die Nationaleigenthümlichkeiten der verſchie⸗ denen Perſonen es forderten. Durch den Rauch dieſe Scene überblickend, die außer dem rauhen und rüſtigen aber thätigen Englän⸗ der und dem ſchwerfälligen phlegmatiſchen Holländer, einen oder zwei lebhafte Franzoſen zeigte, die aus Canada deſertirt waren und wovon keiner ſich in ſehr günſtigem Lichte zeigte, konnte Lord H. nicht umhin, die Leute vor ihm mit den freien, wilden Indianern zu vergleichen, die er kürzlich verlaſſen hatte und ſich zu fragen: „Welches ſind die Wilden?“ Endlich fiel ſein Auge auf einen Mann, der im Winkel des Zimmers dem Fenſter zunächſt an einem Tiſche ſaß. Er war ganz allein und ſein Rücken zu den Uebrigen gewendet; ſein Kopf ruhte auf ſeiner — 81— Hand und eine kurze Pfeife lag neben ihm auf dem Tiſche. Er hatte kein Licht vor ſich, wie die meiſten Anderen und man hätte glauben ſollen, er ſchlafe, ſo ruhig war ſeine ganze Geſtalt, hätten ſich nicht die Finger ſeiner rechten Hand, die auf dem Tiſche ruhte, nach einem eingebildeten Taete bewegt. Sich ihm nähernd, zog Lord H. einen Stuhl zu dem Tiſche hin und legte ſeine Hand auf ſeinen Arm. Woodchuck ſah ſich um und ein augenblickli⸗ cher Ausdruck der Freude zog über ſeine rauhen Züge dahin. Im naächſten Augenblick war ſein Geſicht wieder kalt und ſtrenge. „Sehr freundlich von Ihnen, zu kommen und mich aufzuſuchen, Mylord,“ ſagte er in düſterem und traurigem Tone.„Was wünſchen Sie von mir? Haben Sie irgend etwas für mich zu thun?“ „Es iſt mir leid, Sie ſo ſchwermüthig zu fin⸗ den, Kapitain,“ ſagte Lord H., indem er der Frage auswich.„Ich hoffe, es iſt ſonſt nichts Nachtheiliges geſchehen.“ 1 „Habe ich nicht Urſache genug, ſchwermüthig zu ſein?“ ſagte der Andere, ſich zu den Leuten im Zim⸗ mer umſehend,„mit dieſen Schweinen zuſammenge⸗ ſperrt? Kommen Sie hinaus vor die Thür. Es iſt kalt genug dort; aber der kälteſte Wind, der je wehte, iſt beſſer, als die verpeſtete Luft dieſer Schweine.“ Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 6 4 — 82— Während er ſprach, ſtand er auf und ein klei⸗ ner, vorwitziger Franzoſe, der ihn behorcht hatte, rief in zänkiſchem Tone: „Warum nennen Sie uns Schweine, Sie gro⸗ ßer Eber?“ „Aus dem Wege— ſonſt möchte ich Euch den Rücken zerbrechen,“ murmelte Woodchuck in leiſem und ſtrengem Tone.„Hättet Ihr ſchon längſt den Hals gebrochen, ſo wäre es beſſer für Euer und mein Vaterland geweſen.“ Und den kleinen Franzoſen mit einer Hand beim Kragen ergreifend, ſetzte er ihn auf den Tiſch, von dem er eben aufgeſtanden. Die verſammelten Gäſte ſtießen ein lautes Ge⸗ lächter aus; der kleine Franzoſe ſchäumte vor Wuth, doch wagte er den Ausdruck ſeines Unwillens nicht weiter zu treiben und Woodchuck ſchritt ruhig aus dem Zimmer, von ſeinem militairiſchen Gaſte be⸗ gleitet. „Hier laſſen Sie uns niederſetzen,“ ſagte er, indem er auf einer Bank unter dem laubloſen Baume Platz nahm und Lord H. ſich zu ihm ſetzte.„Ich bin verſtimmt genug, Mylord, und habe ich nicht Grund dazu? Hieher bin ich auf mein Lebenlang verbannt. Dies wird meine Lage ſein, bei dieſen Schweinen, die ſich in dieſen Schweineſtällen der Städte verſammeln— und ich muß erſticken in ſol⸗ — 83— chen Höhlen, wie ich eben verlaſſen habe. Ich denke, ich werde mich eines Tages ins Waſſer ſtürzen, wenn ich völlig wahnſinnig werde. Ich weiß, ein Menſch hat kein Recht, Hand an ſich ſelbſt zu legen. Ich lernte meine Bibel, als ich jung war, und weiß, was Gottes Wille iſt, darum werde ich nichts Ver⸗ zweifeltes thun, ſo lange es hier richtig iſt.“ Und er legte den Finger an ſeine Stirn.„Nein, nein, ich will ſo für mein Leben ſorgen, als verpflegte ich ein kleines Kind; aber wenn die Indianer nicht einen anderen weißen Mann einfangen und tödten— was Gott verhüte— werde ich mein Lebenlang hier blei⸗ ben müſſen; und ſelbſt wenn Sie es thun, iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß ſie mich auch tödten, wenn ſie mich fangen; und wenn ich an die ſchönen Wälder denke und die lieblichen Seen, worin ſich Alles umher ſo ſchön abbildet, wenn ſie ſtill ſind, und an die Ströme, die tanzend und plätſchernd über die großen ſchwarzen Steine und die kleinen weißen Kieſel dahinrauſchen und aus Freude über ihre Frei⸗ heit zu ſingen ſcheinen, und an die Wolken, die darüber hinziehen, und an die Vögel, die durch die Zweige blicken, und an die Eichhörnchen, die hin und her ſpringen und Geberden machen, als ſpotteten ſie über Alles, was nicht ſo raſch iſt, wie ſie, da iſt es mir oft, als ſollte ich wahnſinnig werden bei dem Gedanken, daß ich das Alles nie wiederſehen werde.“ 6* * —— Lord H. nahm lebhaften Antheil an ihm; denn er hatte ſelber Liebe genug für die freie Natur in ſei⸗ nem eigenen Herzen, um mit einem Manne zu ſym⸗ pathiſiren, der ſie ſo lebhaft liebte. „Ich hoffe, Woodchuck,“ ſagte er,„daß wir im Stande ſein werden, eine Anſtellung für Sie bei der Armee zu finden— wenn auch nicht in meinem eigenen Corps— ſo daß Sie die Scenen, die Sie ſo ſehr lieben, wiederſehen und das unbeſchränkte Leben führen können, welches Sie ſo lange geführt. Aber ich komme, um Sie über einen Gegenſtand von großer Wichtigkeit um Rath zu fragen, und den müſſen wir zuerſt beſprechen.“ „Was iſt es?“ fragte Brooks in gleichgültigem Tone, indem er ſeine Augen auf das Straßenpflaſter richtete, welches von dem Licht in dem Hauſe matt beleuchtet wurde. Lord H. begann mit einigen Umſchweifen ſeinen Bericht von dem, was zwiſchen dem Mohawk und dem Hudſon geſchehen war; denn er hielt ſich durch⸗ aus nicht überzeugt, welche Wirkung dies auf den Geiſt des Anderen hervorbringen würde. Woodchucke verſank in eine tiefe Träumerei, wo man gleichſam hört, ohne zu hören. Er achtete nicht auf das, was ſein vornehmer Gaſt von dem Waldbrande und der Gefahr des Herrn Prevoſt und ſeiner Tochter erzählte, Es ſchien keinen dentlicheren Eindruck auf ihn zu — 85— machen, als der Wind, der ihm um die Ohren pfiff. Er ſaß ruhig und ſchweigend da, ohne eine Bemer⸗ kung zu machen; aber er wurde ein wenig aufmerkſa⸗ mer, als der Erzähler die Aengſtlichkeit der Familie wegen Walters verlängerter Abweſenheit erwähnte. Als Lord H. dann erzählte, wie man das Meſ⸗ ſer und die Reiſetaſche gefunden, und welche Schlüſſe die ganze Familie daraus gezogen, da ſprang er auf und rief: „Was iſt das? Was iſt das?“ Dann ſank er nach einer augenblicklichen Pauſe wieder auf ſeinen Sitz nieder und ſagte mit tiefem Seufzer:„Sie haben ihn gefangen— ſie haben ihn gefangen und ſie wer⸗ den ihn tödten, die blutigen, barbariſchen Kerle! Hätten ſie nicht ein werthloſeres Geſchöpf wählen können, als ihn?“ Seine Hand vor die Stirn drückend, als bilde er ſich ein, daß die ſtürmiſchen Gedanken im Innern ſie ſprengen werde, blieb er einige Augenblicke ſchwei⸗ gend, bis Lord H. fragte, ob er glaube, daß ſie ihre blutigen Abſichten bald ausführen würden. „Nein, nein,“ rief der Mann,„das iſt nicht zu fürchten. Sie werden ſich Zeit genug nehmen, das iſt das Aergſte an den Wilden. Es iſt keine raſche Wuth, keine zornige Hitze. Es iſt ein kalter, bitterer, lange gehegter Haß. Sie würden nicht halb ſo viel Vergnügen dabei haben, wenn ſie ihre Rache — 86— nicht Wochen⸗ und Monatelang hinausſchöben. Aber was iſt jetzt zu thun?— Gütiger Gott! was iſt jetzt zu thun?“ „Darüber wollte ich mich gerade mit Ihnen be⸗ rathen,“ ſagte Lord H.„Aber laſſen Sie uns die Sache ruhig beſprechen, mein guter Freund. Diez iſt ein Fall, wo Kummer, Zorn und Unwille Nichts vermögen; aber wo Ueberlegung und Klugheit— ja, Liſt, gleich ihrer eigenen, vielleicht dieſen armen Jüngling retten können.“ „Wie ſollte ich denn ruhig ſein?“ rief der Mann heftig; doch dann that er ſich plötzlich Gewalt an und ſagte:„Sie haben Recht— Sie haben Recht! Ich vergeſſe meine alten Gewohnheiten in dieſen räucheri⸗ gen Höhlen. Nur durch Liſt kann man bei den In⸗ dianern etwas ausrichten. Es iſt ſehr ſchwer, ſie zu überliſten, doch kann es geſchehen, wenn man alle ihre Wege und Stege genau kennt. Ich kann dieſen Abend meine Gedanken nicht ordnen. Dieſe Geſchichte hat alle meine Gedanken verwirrt, und ich habe kein Nachdenken mehr. Sie müſſen mir eine Nacht und einen Tag Zeit laſſen, um dieſe Sache zu überdenken, und dann will ich ſehen, was zu thun iſt. Beim Himmel! Walter ſoll nicht ſterben! Der arme Kerl! warum ſollte er auch ſterben?— Indeſſen iſt es unnütz, auf dieſe Weiſe zu ſprechen. Ich muß be⸗ denken, was zu thun iſt— das iſt das Geſchäft, — 87— welches wir vorhaben. Ich will nachdenken, ſobald ich kann, Mylord; erzählen Sie mir nur Alles, was Sie gethan haben, wenn überhaupt etwas geſchehen iſt. Prevoſt, denke ich, wird keine Zeit gehabt haben, viel zu thun; denn wenn er auch am Ende immer Recht hat und keines Menſchen Meinung mehr werth iſt, wird doch, wenn man ſein Herz und ſeine Gefühle rührt, ſein Verſtand thätig, wie es bei mir dieſen Augenblick der Fall iſt. Um ſo thörichter iſt er und auch ich.“ „Wir haben etwas gethan,“ ſagte Lord H. da⸗ gegen.„Herr Prevoſt hat ſich dieſen Morgen auf den Weg gemacht, um Sir William Johnſon zu beſuchen.“ „Der wird ihm nicht helfen,“ brummte Wood⸗ chuck ungeduldig. „Ich kam hieher, um mich mit Ihnen zu be⸗ rathen,“ fuhr Lord H. fort;„und wir haben den Bootsmann Robert, einen großen rüſtigen Mann, beauftragt—“ „Ich kenne ihn— ich kenne ihn,“ fiel Wood⸗ chuck ein;„ziemlich redlich— der Beſte von ihnen.“ „Nun,“ fuhr der junge Edelmann fort,„wir haben ihn beauftragt, einen indianiſchen oder farbigen Läufer aufzuſuchen, um Otaitſa die Nachricht von dieſem Ereigniß zu überbringen, da Cditha glaubt, — 88— daß der Stamm ſie nicht mit Walter's Gefangen⸗ ſchaft bekannt gemacht habe.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ ſagte Woodchuck.„Miß Prevoſt kennt ſie; ſie werden den Frauen Nichts ſagen, aus Furcht, daß ſie ſich einmiſchen werden. Sie haben eine ſchlechte Meinung von ihren Frauen. Aber das Mädchen könnte viel nützen, wenn man ihr die Nachricht mitzutheilen vermag. Sie iſt nicht ſo liſtig, wie die Uebrigen, aber ſie hat mehr Herz und Seele und Entſchloſſenheit, als ein ganzer Stamm indianiſcher Weiber. Das kommt davon, daß ihre Mutter eine Weiße war.“ „Ihre Mutter eine Weiße!“ rief Lord H. „Ja, wußten Sie das nicht?“ fragte Wood⸗ chuck;„gerade ſo weiß, wie Miß Prevoſt; und eine vollſtändige Dame war ſie auch im Anſehen und Re⸗ den— obgleich ſie nicht gern mit weißen Männern ſprach und ſich in ihre Hütte zurückzog, wenn ſie einen ſah. Ich ſprach dennoch einſt mit ihr, als ſie große Beſorgniß wegen des ſchwarzen Adlers hegte, der gegen die Franzoſen in den Krieg gezogen war, und da ich gerade des Weges kam, ertheilte ich ihr einige Nachricht von ihm. Aber wir kommen von wichtigeren Gegenſtänden ab. Das Mädchen wird ihn retten, dafür ſtehe ich Ihnen, wenn dazu Stärke genug in jenem kleinen Körper iſt. Aber laſſen Sie mich ſehen. Sie reden von indianiſchen Länfern. — 80— Wo iſt einer zu finden, dem man trauen kann? Es ſind im Allgemeinen ſchlechte Menſchen, der Abſchaum der Stämme. Kein rechter Krieger würde ein ſolches Geſchäft übernehmen. Doch was iſt zu thun. Kein weißer Mann kann dorthin gehen; ſie würden ihn gewiß ſealpiren, und er müßte ſein Leben für Wal⸗ ter's Leben hingeben, das iſt Alles. Bei meinem Leben! es würde eben ſo gut ſein, irgend einem Ver— brecher den gefährlichen Auftrag zu ertheilen, wie man in despotiſchen Ländern thut, und wenn es ihm gelingt und er mit dem Leben davonkommt, deſto beſſer für ihn; wenn er ſtirbt, deſto beſſer für die Geſellſchaft. Aber ich komme wieder auf Abwege,“ fuhr er fort, indem er aufſtand.„Nun, Mylord, dies iſt von keinem Nutzen. Geben Sie mir einige Stunden zum Nachdenken— bis morgen Mittag, wenn Sie wollen— dann will ich kommen und Ihnen ſagen, welches meine Meinung iſt.“ Während er ſprach, wendete er ſich plötzlich zum Hauſe ohne weiter Abſchied zu nehmen, und ſah ſi nur um und that noch eine Frage. „Auf dem Poſten vermuthlich?“ ſagte er. Lord H. bejahte es, worauf Brooks ins Haus trat und ſogleich auf ſein Zimmer ging. Sechstes Kapitel. In einem kleinen Zimmer unter einem Dache, welches ſich nicht in gerader Linie abſenkte, ſondern in der Mitte einen ſtumpfen Winkel bildete, nur von einer Hornlaterne erleuchtet, wie man bei Nacht auf den Flußböten anwendete, ſaß der rüſtige Mann, den wir unter dem Namen Woodchuck beſchrieben haben. Das Mobiliar des Zimmers war von der beſcheiden⸗ ſten Art: ein kleines Bett mit Vorhängen von roth und weiß gewürfeltem Zeug, ein kleiner Tiſch, der dicht an der Wand ſtand, ein einziger Stuhl, ein Waſchtiſch, deſſen Schale und Waſſerkanne beide et⸗ was verſtümmelt waren, und ein kleiner Spiegel, der an einem Nagel hing, den man in die Wand ge⸗ ſchlagen, mit ſeinem ſchmalen, ſchlecht vergoldeten Rahmen und dem ſo unregelmäßigen Glaſe, daß das — 91— Spiegelbild dem Original Geſichter zu ſchneiden ſchien. Die verblichenen Wände waren von der unreinen At⸗ mosphäre vieler Jahre geſchwärzt, und mancher Gaſt hatte ſeinen Namen oder den ſeiner Geliebten mit Blei⸗ ſtift darauf geſchrieben— als ein dauerndes Erin⸗ nerungszeichen der vorübergehenden Bewohner, gleich den lange bewahrten Erinnerungen zu Grabe gegan⸗ gener Neigungen. Da ſtanden auch einige unbehol⸗ fene einzelne Verſe und eine Strophe, die etwas beſ⸗ ſer gefeilt war. Aber der Mann, der dort ſaß, beachtete Nichts davon. Das trübe Licht, der düſtere Anblick des Zim⸗ mers konnte keinen Eindruck auf ſeinen Geiſt hervor⸗ bringen und die Dunkelheit in ſeinem Innern noch dunkler machen. Doch achtete er nicht viel auf ſeine Umgebung. Sein Geiſt war mit ſeinen eigenen Gedan⸗ ken beſchäftigt, woran auch das Gefühl Antheil nahm — und wenn auch nicht todt, ſchlummerte er für die äußere Welt. Selbſt ſeine geliebten Wälder und Ströme, die friſche Luft und der freie Himmel war zur Zeit vergeſſen. Er überdachte bei ſich ſelber eine ſchwer zu löſende Gewiſſensfrage. Er war ein ſo tapferer Mann; wie nur je ei⸗ ner lebte— er hatte ſich während ſeines ganzen Le⸗ bens an vielfache Gefahren gewöhnt und war denſel⸗ ben furchtlos entgegengegangen. Wenn man ihn um Mitternacht in den Wäldern erweckt hätte, würde man — 92— ihn bereit gefunden haben. Hätte man ſein Ohr mit der Trommel oder dem Kriegsgeſchrei betänbt, ſo würde man ihn doch nicht erſchreckt haben. Er blin⸗ zelte nicht bei dem Donner der Kanonen oder bei dem Schimmer der Blitze. Und doch war die Liebe zum Leben ſtark in ihm. Er hatte ſo viele Freuden in der glänzenden Schatzkammer der Natur; für ſeinen einfachen, wilden Geſchmack gab es ſo viele Vergnü⸗ gungen in der weiten Welt, daß es ſehr hart war, ſich von ihnen zu trennen. Er hatte nie bis zu der Stunde gewußt, wie ſchätzbar das irdiſche Daſein für ihn ſei oder wie ganz anders, es bei einem kühnen Wagniß aufs Spiel zu ſetzen oder es in der unbeſonnenen Leidenſchaſt, in der Täuſchung oder Verzweiflung wegzuwerfen, als es ruhig und bedächtig zum Opfer darzubringen, wel⸗ ches auch der Zweck, der Antrieb oder die Pflicht ſein möge. Welches war die Gewiſſensfrage, die er ſich vor⸗ legte? Einfach dieſe: Ob er einen Anderen für ſeine Handlung ſterben laſſen oder ſich nicht nur der Gefahr, ſondern dem Tode preisgeben ſolle? Einige Menſchen von enthuſiaſtiſchem Geiſte und großer angeborener Furchtloſigkeit möchten die Sache ſogleich entſchieden und ſich in dem erſten Impulſe einer aufgeregten Natur unter das anfgehobene Toma⸗ hawk geworfen haben, um ihren unſchuldigen Freund zu retten. Aber er war kein ſolcher und ich will ihn nicht als einen ſolchen darſtellen. Er war kein Mann, der etwas ohne Ueberlegung oder Berechnung that, obgleich er nach dem Laufe dieſer Welt ſo großmüthig war, wie die meiſten Menſchen. Alle ſeine Gewohn⸗ heiten— ſo wie ſein früherer Lebenslauf— machten ihn zu ſorgfältigem Nachdenken geneigt. Jeden Tag hatte er Wachſamkeit, jede Stunde Vorſicht angewen⸗ det. Das Leben in den Wäldern war in jenen Ta⸗ gen ein Leben der Gefahr und Vorbereitung, wo der Vorbedacht ſehr raſch ſein mochte, aber immer nö⸗ thig war. Und nun verhandelte er die Frage bei ſich ſelber: Konnte er weiter leben und Walter Prevoſt an⸗ ſtatt ſeiner ſterben laſſen? Es wurden ſtarke Gründe auf beiden Seiten an⸗ geführt. Aber die Liebe zum Leben war die ſchlaueſte, wenn gleich die Großmuth die beredteſte Vertheidigerin. „Armer Junge!“ dachte er,„warum ſollte er für das ſterben, was ich gethan habe? Warum ſollte er ſo früh von den Hoffnungen und Segnungen des Lebens ausgeſchloſſen werden? Warum ſollten ſeines Vaters Augen mit Thränen erfüllt und ſeiner Schwe⸗ ſter Herz von Kummer gequält werden, wenn ich ih⸗ nen Alles erſparen kann? Und er, ſo bieder und edel — ſo voll freundlicher Gefühle und hoher Eigenſchaf⸗ ten— ſo tapfer— ſo redlich, ſo unbefangen— ſo — 94— treuherzig! unſchuldig auch an jedem Vergehen— völlig unſchuldig in dieſem Falle!“ Aber dann ſprach das Selbſt: „Bin ich nicht auch unſchuldig— ebenſo unſchul⸗ dig wie er? That ich dem Manne je etwas zu Leide? Reizte ich den Wilden? Tödtete ich ihn nicht zur Selbſtvertheidigung? Und ſoll ich das Leben, wel⸗ ches ich damals mit Recht auf Koſten des Lebens ei⸗ nes anderen menſchlichen Weſens vertheidigte, auf⸗ opfern, weil eine Rotte wilder Indianer, unvernünf⸗ tiger, blutdürſtiger Wilder ihrem Gott der Rache ein grauſames Opfer darbringen will und ein Schlacht⸗ opfer gefunden hat?“ „Dennoch,“ fuhr er fort, indem er die Sache wieder von der andern Seite anſah,„wird meiner Handlung wegen das Opfer dargebracht, und wenn ein Opfer ſtattfinden muß, ſollte ich nicht ſelber das Schlachtopfer ſein? Ueberdies, wäre ein werthloſes Leben in Gefahr— wäre es das eines verzweifelten Landſtreichers— eines Verbrechers— eines Menſchen ohne Verbindungen, ohne Freundſchaft oder Neigun⸗ gen— ſo könnte man ihn vielleicht ohne Reue ſei⸗ nem Schickſal überlaſſen. Aber dieſer arme Junge— wie viele Hoffnungen ſind auf ihn gegründet! Was wird nicht ſeine Familie— was die Welt verlieren? Und ich— wer bin ich, daß mein Leben ſollte ge⸗ gen das ſeine abgewogen werden? Iſt er nicht auch mein Freund und der Sohn meines Freundes, der immer von Freundlichkeit und Achtung für mich er⸗ füllt geweſen? Sein Entſchluß war beinahe gefaßt; aber der liſtige Vertheidiger, der im offenen Streite geſchlagen war, verſuchte eine Liſt. „ Es iſt ſeltſam,“ dachte er,„daß dieſe India⸗ ner und beſonders ihr Häuptling einen Jüngling ge⸗ wählt haben, mit dem ſie immer ſo freundſchaftlich geweſen und den ſie als ihren Bruder betrachtet, da ſie doch ein anderes Schlachtopfer hätten finden kön⸗ nen. Sollte dies eine Probe von ihrer wilden Liſt ſein? Sie wiſſen, wie ſehr ich den Jungen liebe und wie viele Freundſchaft mir ſein Vater erwieſen hat. Sollten ſie ihn nur als eine Lockſpeiſe für ihre Falle anwenden, ohne die wirkliche Abſicht, ihn zu opfern, und nur in der Hoffnung, mich in ihre Ge⸗ walt zu bekommen?“ Auf den erſten Blick ſchien die Annahme ver⸗ nünftig, und er war geneigt, ſich Glück zu wünſchen, daß er nicht übereilt in die Falle gegangen. „Wie würden ſie triumphirt haben,“ dachte er, „wenn ich meinen Kopf unter das Beil gebracht hätte!“ Aber ſeine Kenntniß von dem indianiſchen Cha⸗ rakter enttäuſchte ihn bald. Er wußte, daß ſie ſich in ſolchen Fällen immer ein Opfer ſicherten, und je — 96— näher und theurer es dem Beleidiger war, deſto beſ⸗ ſer für ihren Zweck— zuerſt der Beleidiger ſelber— dann ein Verwandter— dann ein Freund— und er beſeitigte die Selbſttäuſchung. Aber die Liebe zum Leben war noch nicht ganz überwunden, obgleich ſie genöthigt wurde, eine an⸗ dere Richtung anzunehmen. Gab es keinen Mittel⸗ weg, den er einſchlagen konnte? War es durchaus nothwendig, daß er ſein eigenes Leben aufopferte, um Walter Prevoſt's Leben zu retten? Konnte ſein Zweck nicht erreicht werden, ohne daß er ſich den Wilden auslieferte? Konnte nicht irgend Jemand an⸗ ders in ihre Hände fallen? Konnte der Jüngling nicht durch ein kühnes Wagniß gerettet werden? Dies war der einleuchtendſte Einfall von allen, aber der, welcher ihn am meiſten beunruhigte. Er hatte ſo viele Verſuche in ſeinem eigenen Herzen entdeckt, ſie ſelbſt zu täuſchen, daß er fürchtete, er möchte ſich auch jetzt täuſchen, und ſein Geiſt wurde von Zweifeln verwirrt und beunruhigt. Er legte ſich in ſeinen Kleidern zu Bette, konnte aber nicht ſchlafen, ehe er einen Entſchluß gefaßt hatte; und wieder aufſtehend, drückte er ſeine Hände an ſeine ſchmerzenden Schläfen und beſchloß das Selbſt ganz von der Frage auszuſchließen— ſie an⸗ zuſehen, als betreffe ſie eine ganz andere Perſon, als Walter Prevoſt, und demnach zu urtheilen. — 97— Dieſer Plan gelang. Er trennte die Wahrheit von der Unwahrheit und kam zu dem Schluſſe, daß es Thorheit ſein würde zu gehen und ſich dem gewiſ⸗ ſen Tode auszuliefern, ſo lange noch eine Wahrſchein⸗ lichkeit vorhanden ſei, ſeinen jungen Freund durch ein anderes Mittel zu retten; daß eszaber recht ſei, es zu thun, wenn alles Andere fehlſchlage, und daß er die Wahrſcheinlichkeit, ihn durch das endliche Opfer zu retten, nicht durch unbeſonnene und ungewiſſe Be⸗ mühungen vereiteln dürfe. Er entſchloß ſich daher, ungeachtet jeder Gefahr, das indianiſche Gebiet zu betreten, ſich zu verbergen ſo gut er könne, die Indianer zu beobachten, wie er ein wildes Thier beobachten würde, und auf jeden Fall und jede Entſcheidung bereit zu ſein. Als dieſer Entſchluß endlich gefaßt war, legte er ſich nieder und ſchlief ein. Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 7 —C——— Siebentes Kapitel. Und wie ging Editha's Reiſe vor ſich? Wünſcht der Leſer, daß ich bei den Einzelnheiten verweile und davon rede, als habe ſie einen Morgenſpaziergang ge⸗ macht, jeden Vogel, jede Blume, jedes Inſect, je— des ebene Thal und jeden ſteilen Felſen beobachtet? Oder ſoll ich ſie als ein lebendes Bild darſtellen, wie ſie ihr erſchien, als ſie beendet war, wegen ihrer au⸗ ßerordentlichen Schnelligkeit zuſammengedrängt und nur von einem Punkte aus am Ende geſehen? Wir wol⸗ len den letzteren Plan wählen, obgleich es leicht ſein würde, dieſes Buch durch umſtändliche Beſchreibungen und vorübergehende Panoramas, wie die Kritiker ſie lieben, zu erweitern. Aber es iſt mein Zweck, nur bei Ereigniſſen zu verweilen, die auf das endliche Schickſal der vorzüg⸗ * — 991— lichſten Charaktere einwirken und nicht auf eine um⸗ ſtändliche Schilderung einzelner Nebenumſtände hinzu⸗ arbeiten. Sie kam wohlbehalten an ihrem Beſtimmungs⸗ orte an; doch ihre Reiſe war für ſie ein Gegenſtand von großem Intereſſe, und als ſie beendet war, blickte ſie darauf zurück, wie auf ein Gemälde voll ſchöner und angenehmer Dinge. In einem Canoe von Baumrinde über die glä⸗ ſerne Oberfläche der Seen, welche jede Färbung der Kräuter, der Bäume, des Himmels und der Berge abſpiegelte, dahingleitend, über helle und ſchimmernde Ströme, zuweilen unter überhängenden Büſchen, zu⸗ weilen unter dem reinen blauen Auge des Himmels, oft kämpfend mit einer Strömung, oft am Ufer hin⸗ fahrend, um einem Waſſerfalle auszuweichen, zuwei⸗ len durch die von Herbſtfarben glühenden Wälder da⸗ hinſchreitend, oft von einer Anzahl Indianer umge⸗ ben, wovon jeder der Adoptivtochter des großen Onei⸗ dahäuptlings ſtill und lebhaft diente, dann wieder allein mit ihren beiden dunklen Begleitern im tiefen Walde, bald das wilde Geheul des mitternächtlichen Wolfes, bald das durchdringende Geſchrei des Falken und der Dohle, bald die indianiſche Hütte oder Burg, wie die Irokeſen ihre Wohnungen nennen, dann das braune Dach der herbſtlichen Wälder— dies waren die Haupt⸗ erſcheinungen auf ihrer Reiſe. 7* Noch unter der ſicheren Leitung und mit dem leb⸗ haften Beiſtande der beiden Neger ging ſie mit außer⸗ ordentlicher Schnelligkeit vorwärts und ließ eine Meile nach der anderen hinter ſich. Es ſchien faſt wie ein angenehmer Traum oder würde ſich ihr ſo dargeſtellt haben, hätte ſie je die traurigen Umſtände, die ſie dorthin führten, aus ihrem Geiſte verbannen können. So aber war die beſtändige Veränderung des Orts und der Scene, der Wechſel der Gegenſtände, die immerwährende Folge neuer Gegenſtände von Intereſſe, die an ſich unbedeutenden, aber für ſie wichtigen Er⸗ eigniſſe, die ihren Fortſchritt erleichterten oder verzö⸗ gerten, waren alle eine Unterhaltung für ihren ſchwer gedrückten Geiſt, und ſie erreichte das Gebiet der Oneidas weniger niedergeſchlagen, als ſie ihre Hei⸗ math verlaſſen hatte. Eine Urſache des Gefühls der erneuerten Stärke, welches ſie empfand, war die Erneuerung der Hoff⸗ nung wegen des Benehmens der Indianer, welchen ſie begegnete. Sie fand, daß ſie ſelbſt unter den Mohawks als die Adoptivtochter des großen Oneida⸗ häuptlings bekannt war, und es leuchtete ein, daß er bei ſeiner Rückkehr von Johnſon's Burg die Kunde überall verbreitet habe, daß er die Tochter des blaſſen Geſichts, Prevoſt, adoptirt habe. Es liegt auch immer etwas in dem Umſtande, daß man ein Unter⸗ nehmen wirklich begonnen hat, was uns Muth ver⸗ 4 — 101— leiht, es bis ans Ende zu verfolgen. Während wir daſtehen und es aus der Ferne betrachten, unentſchloſ⸗ ſen, ob wir es beginnen ſollen oder nicht, werden die Schwierigkeiten vergrößert— die Geiſtesfähigkei⸗ ten verdunkelt— Felſen und Abgründe erheben ſich drohend vor unſerer Phantaſie, während die kleinen Pfade, vermöge welcher ſie überſtiegen werden kön⸗ nen, nicht zu ſehen ſind. 3 Der Tag hatte noch eine Stunde zu leben, als Editha ſich der ſogenannten Burg der Oneidas näherte. Wigwam iſt der gewöhnliche Name für alle indianiſche Dörfer, womit man den Begriff der Unbedeutſamkeit und eines völlig wilden Zuſtandes verbindet, den die votzüglichſten Wohnorte der fünf Nationen durchaus nicht verdienten. Die meiſten waren dem ſehr ähnlich, welchem Editha ſich jetzt näherte. Es war auf einer geringen Erhöhung in der Nähe des Sees und eines mächtigen Felſens erbaut; denn die Oneidas hatten immer gern in der Nähe ihrer Wohnung einen Ge⸗ genſtand, der auf ihre Lieblingsbenennung„die Kin⸗ der des Steins“ hindeutete. Die Burg war von hohen Palliſaden umge⸗ ben, die einen beträchtlichen Raum einſchloſſen, wo die Hütten der Indianer errichtet waren. Beträchtlich über die anderen ragten zwei hölzerne Häuſer hinweg, woran die europäiſche Arbeit deutlich zu bemerken war. Das eine war ein großes längliches Gebäude mit ei⸗ — 102— nem Schindeldache gleich denen der engliſchen Anſied⸗ ler. Es beſtand in zwei Stockwerken und in dem oberen waren regelmäßige Fenſter zu ſehen. In dem unteren Stockwerk befanden ſich aber keine und das Licht wurde durch die Thür eingelaſſen. Dieſes un⸗ tere Stockwerk war indeſſen mit tannenen Bretern gedielt und durch einen Vorhang in zwei gleiche Theile getheilt. Das andere Gebäude hatte das Auſehen einer kleinen Kirche mit einer daran gebauten Hütte, worin der Miſſionair Gore wohnte. Das Dorf oder die Burg war von weiten, wohl cultivirten Feldern um⸗ geben, die in der letzten Zeit Mais und andere Feld⸗ früchte getragen hatten. Der mit den gegenwärtigen Sitten der Indianer bekannte Leſer mag ſich nicht wundern, daß zu jener Zeit unter den rauhen Be⸗ wohnern des Waldes die Landwirthſchaft ausgeübt wurde; denn zur Schande der civiliſirten Menſchen müſſen wir ſagen, daß die Indianer durch den Ver⸗ kehr mit den weißen Eindringlingen in ihr Land in geſelliger Hinſicht viel verloren und in religiöſer Hin⸗ ſicht wenig gewonnen haben. Die Laſt der troſtloſen Verzweiflung und ein krankhaftes Gefühl der Ueber⸗ legenheit des weißen Geſchlechts, ſcheint einen Unter⸗ nehmungsgeiſt darniedergedrückt zu haben, welcher früher geeignet ſchien, das Volk aus ſeinem heruntergekom⸗ menen Zuſtande zu erheben und es wieder auf eine 8 4* — 103— Stufe zu verſetzen, die es wahrſcheinlich zu einer Zeit eingenommen. Wie wir beſchrieben haben, war indeſſen das Anſehen eines großen indianiſchen Dorfes im Jahre 1757, und aus den Angaben manches Augenzeugen erfahren wir, daß der wilde Jäger des Waldes, der rüſtige Kämpfer in der Schlacht in ſeinen ruhigeren Augenblicken durchaus nicht unempfindlich für die vie⸗ len Vortheile und Bequemlichkeiten des civiliſirten Le⸗ bens war. Doch wir weigerten uns, ſie auf dem Wege weiter zu führen; wir wendeten ihr Blut und ihre Kräfte zu unſerem Dienſte an; wir hatten Vor⸗ theil von ihrer wilden Barbarei, und anſtatt ihnen, ſo lange es möglich war, die Künſte des Friedens und die Wohlthaten der Cultur zu Theil werden zu laſſen, verſahen wir ſie mit dem Feuerwaſſer, ſteck⸗ ten ſie mit unſeren Laſtern an und brachten ſie mora⸗ liſch, phyſiſch und geiſtig herunter. Groß war unſer Vergehen an unſeren Mitmenſchen— groß mußte die Sünde in den Augen eines gerechten Gottes ſein. Der Wald war verſchwunden; Alles, was man ſah, erſchien in grauen Maſſen in der fernen Land⸗ ſchaft. Das purpurne Licht des Abends, welches je⸗ den Augenblick dunkler wurde, ſo wie der Tag ſich neigte, verbreitete ſich über die ganze Seene und ſpie⸗ gelte ſich auf der Oberfläche des Sees ab. Manches leichte Canve fuhr über das Waſſer dahin— man⸗ ¹ — 104— ches lag bewegungslos da, während der indianiſſche Fiſcher ſeine Beſchäftigung fortſetzte. Der blaue Rauch ſtieg aus den Thüren mehrerer Hütten innerhalb der Einzäunung hoch und gerade in die ruhige Luft em⸗ por, und von den Maisfeldern draußen hörte man die lieblichen, muſikaliſchen Stimmen der Kinder, während die junge Bevölkerung des Dorfes hier und dorthin wanderte und die zerſtreuten Kornähren auflas, die bei der wenig ſorgfältigen Ernte liegen geblieben waren. An einem Orte hörte man ſogar ein Lied; und die ganze Scene, anſtatt rohen Barbarismus und wilde Leidenſchaft zu zeigen, ſtellte ruhigen häuslichen Frieden dar, wie er ſelten in den gewöhnlichen, aber übertriebenen Beſchreibungen des indianiſchen Lebens geſchildert wird. Es dürfte beſſer meinem Zwecke ent⸗ ſprechen, es anders zu beſchreiben; aber ſo finde ich es, und ſo muß es bleiben. Selbſt Editha war überraſcht, Otaitſa's Hei⸗ math ſo verſchieden von den Beſchreibungen der wan⸗ dernden Händler zu finden, die, während ſie im Han⸗ delsverkehr mit den Stämmen ſtanden, eine halbe Feindſchaft gegen die Indianer hegten, ſie als blut⸗ dürſtige Wilde darſtellten und ſie betrogen, wo ſie konnten. Langſam zwiſchen ihren beiden ſchwarzen Beglei⸗ tern einhergehend— denn ſie war von einem unge⸗ wöhnlichen weiten Marſche ermüdet— näherte ſich t Editha den offenen Thoren der Burg und fand beim Eintreten keinen Widerſtand. Ein großer, ſchöner Krieger im vollſtändigen indianiſchen Coſtüm und von einem civiliſirten Manne nur durch den geſchornen Kopf und die bedeutungsvolle Sealplocke ausgezeichnet, kam heraus. Sein Schritt war ſtattlich und ruhig, ſeine Miene ernſt und geſetzt. Zweimal richtete er ſeine Augen mit einem Blicke der Ueberraſchung und Bewunderung auf Editha's Geſicht, doch nahm er keine weitere Notiz von ihr und ging vorüber. Er war die einzige Perſon, die ſie beim Ein⸗ treten in das Dorf erdlickte, bis ſie an vielen Hütten vorüberkam, wo Frauen und Kinder thätig beſchäf⸗ tigt zu ſehen waren, und endlich die Thür des vor⸗ züglichſten Hauſes erblickte, wo eine Figur am Boden ſaß und ſich mit einer Stickerei beſchäftigte, worin die indianiſchen Frauen ſich ſo ſehr auszeichnen. Es war eine Figur, die ſie ſehr wohl kannte, und die ruhige Miene und die unbefangene Grazie, ſo wie die ſtille und friedliche Beſchäftigung zeigten Editha ſogleich, daß ſie nicht geirrt, als ſie geglaubt, daß Otaitſa gänzlich unbekannt mit der Gefahr einer ih⸗ nen Beiden ſo theuren Perſon ſei. Als ſie näher kam, hörte ſie, daß das India⸗ nermädchen in ihrer glücklichen Unwiſſenheit ein lieb⸗ liches aber klagendes Lied ſinge, und im nächſten Augenblick ſchaute Otaitſa auf und erblickte drei Fi⸗ — 106— guren und bemerkte ſogleich, daß ſie nicht ihrem Volke angehörten. Anfangs erkannte ſie Editha in ihrer in⸗ dianiſchen Kleidung nicht; als ſie ſie aber erkannte, war die hervorgebrachte Gemüthsbewegung mehr die des Schreckens, als der Freude. Sie fühlte ſogleich, daß ein großes und wichtiges Ereigniß— ein ge⸗ fahrvoller oder ſchrecklicher Vorfall Editha dorthin ge⸗ führt haben müſſe. Die ſchönen Lippen öffneten ſich mit einer zitternden Bewegung; das große dunkle Auge von indianiſcher Farbe, aber europäiſcher Form wurde ängſtlich; die roſige Farbe ihrer Wange, die ihr wahrſcheinlich den Namen Blüthe verſchafft hatte, ſchwand dahin und Bläſſe verbreitete ſich über die klare braune Haut. Aufſpringend, warf ſie die Stickerei von ſich, eilte vorwärts und umarmte Editha. Dann, als ihr Kopf auf der Schulter ihrer ſchönen Freundin ruhte, fragte ſie leiſe: „Was giebt's, meine Schweſter? Es muß ein Ungewitter am Himmel— es müſſen Blitze in der Wolke ſein! Welcher Sturmwind hat meine Schwe⸗ ſter hiehergeweht? Welche Fluth des Kummers hat Editha zu Otaitſa geführt?“ „Still!“ rief Editha in leiſem Tone, denn es waren noch einige andere indianiſche Frauen in der Nähe.„Ich will es meiner Schweſter ſagen, wenn keine andere Ohren, als die ihrigen, es hören kön⸗ — 107— nen. Es iſt freilich ein Ungewitter am Himmel. Der Fichtenbaum iſt über die Schwelle meines Va⸗ ters gefallen und wir ſind traurig, weil wir fürchten, das Beil der Holzhauer möchte die grünen Aeſte ab⸗ hauen. Kann ich bald und insgeheim mit der Blüthe reden?“ „Augenblicklich,“ antwortete Otaitſa.„Die Krie⸗ ger ſind alle auf drei Tage ausgezogen, um den Bä⸗ ren und das Mooſethier zu jagen. Es ſind nur drei Männer des Krieges in der Burg, und warum ſie jetzt Weiber ſind und nicht mit den Uebrigen auf die Jagd gehen, kann ich nicht ſagen. Aber ſie ſind we⸗ nig innerhalb der Palliſaden— ſie gehen täglich hin⸗ aus und bleiben lange abweſend. Laß uns hinein⸗ gehen, meine Schweſter; denn wenn auch wenige hier die Sprache verſtehen, die wir reden, ſo iſt es doch beſſer, auch den Wind uns nicht hören zu laſſen.“ „Können einige von den Frauen dieſe beiden Ne⸗ ger mit Nahrung und Wohnung verſehen?“ freagte Editha.„Sie ſind wohl gewarnt und wiſſen, daß ein Leben von ihrem Schweigen abhängt.“ Otaitſa rief eine ältliche Indianerin, die in der Thür einer nahen Hütte mit Kochen beſchäftigt war, herbei und übergab Chando und ſeine Begleiterin ih⸗ rer Fürſorge. Dann wendete ſie ſich zu Editha und ſagte: „Komm, meine Schweſter.“ — 108— Aber ehe ſie in das Gebäude traten, fragte Editha, ob Herr Gore nicht da ſei, und fügte hinzu: „Vielleicht könnte er uns Rath ertheilen.“ „Mein Vater ſchickte ihn vor einigen Tagen fort,“ antwortete Otaitſa;„er wird in einem Monat nicht zurück ſein, vielleicht noch länger nicht. Ich denke, er ſchickte ihn fort, um ihn vor der Gefahr zu ſichern.“ „Ach!“ rief Editha,„daß die Gefahr ſich auch über Andere erſtrecken mußte!“ „Ach! ach!“ rief Otaitſa. Und Editha fühlte, wie ihre Hand zitterte, als ſie ſie in das Gebäude führte. Achtes Kapitel. Eine Treppe— unförmlich genug, aber doch immer eine Treppe— führte von dem mehr ſcheunen⸗ artigen unteren Theile des Gebäudes zu dem oberen Stock; und hierin zeigte ſich der erſte Unterſchied zwi⸗ ſchen dieſem Hauſe und der Burg des jüngeren Kö⸗ nig Hendrick, obgleich beide von europäiſchen Arbei⸗ tern erbaut waren und die des König Hendrick auf Koſten der britiſchen Regierung, was bei der Woh⸗ nung des Oneidahäuptlings nicht der Fall war. So⸗ bald man aber den oberen Stock erreichte, wurde der Unterſchied deutlicher und auffallender, denn er war in beſondere Zimmer mit regelmäßigen Thüren abgetheilt. Als Editha in Otaitſa's Zimmer trat, bemerkte ſie ſogleich eine Hinneigung zu europäiſchen Gewohn⸗ heiten. Die Stühle, Tiſche, Schreibmaterialien und — 110— das Bett waren von roher Arbeit, aber immerhin ſehr richtige Nachahmungen, und nicht ohne einen gewiſſen einfachen Schmuck. An hölzernen Pflöcken, die man in die Wand geſchlagen, hingen Zeichnungen, einige mit Bleiſtift, andere colorirt, aber alle ſehr verſchie⸗ den von dem bunten Tand, den die Hauſirer in ſpäͤ— teren Zeiten als Gegenſtände des Tauſches auf das indianiſche Gebiet brachten. Als Editha's Auge ſich im Zimmer umſah, er⸗ hielt ſie einen allgemeinen Eindruck von allen dieſen Dingen; aber ihr Geiſt war zu voll von tieferen und traurigeren Gedanken, um ſelbſt der Neugierde zu ge⸗ ſtatten, ihn auch nur auf einen Augenblick von ſeiner Richtung abzulenken. „Es iſt Niemand hier in den anderen Zimmern,“ ſagte Otaitſa.„Niemand kommt dieſe Treppe herauf, als ich und mein Vater. Nun, Editha, ſprich; denn Otaitſa's Herz iſt ſchwer und ihr Geiſt ſehr darnieder gebeugt. Haben ſie Deinen Vater gefangen ge⸗ nommen?“ „Nein, o nein!“ antwortete Editha;„aber Ei⸗ nen, der mir ebenſo theuer iſt.“ Dann erzählte ſie kurz Alles, was geſchehen war, und bereitete das indianiſche Mädchen auf die Nach⸗ richt vor, wovon ſie fürchtete, daß ſie ſie ſehr ergrei⸗ fen werde. Aber Otaitſa errieth die ganze Wahrheit ebenſo bald, wie die Worte ausgeſprochen wurden. — 111— Sie wurde viel heftiger ergriffen, als Editha erwar⸗ tet hatte. Sie warf ſich ihrer ſchönen Freundin um den Hals und weinte laut. „Er war mein, Editha,“ rief ſie in dem vol⸗ len Vertrauen des Kummers.„Er war mein— mein Verlobter— mein Geliebter! Und ſie haben es vor mir verborgen— vor allen indianiſchen Frauen hier verborgen; denn ſie wußten, daß alle in dem ganzen Stamme ihn liebten— wenn auch nicht ſo ſehr, wie ich. Wo war die arme Wanderin mit ih⸗ rem Kinde auf dem Rücken, die an Eurem Hauſe vorüberkam und keine freundliche Gabe von Walter Prevoſt erhielt?— Wo war das Indianermädchen, welches ſagen konnte, daß er ſie nicht mit ebenſo freundlicher Milde behandelte, wie die höchſte, weiße Dame im Lande? Er war der Baum, welcher aufge⸗ wachſen, um die Hütte des Waldbewohners zu ſchü⸗ tzen und kühlen Schatten zu gewähren in den Tagen des Sommers und abgehauen und verbrannt zu wer⸗ den, wenn die Winterwinde durch die kahlen Zweige pfeifen. O mein Bruder— mein Bruder! Hart iſt die Vergeltung und ſchlecht das Maß, womitt ſie meſ⸗ ſen! Aber ſoll Otaitſa dies zugeben?“ rief ſie aufſte⸗ hend und ihre Arme heftig bewegend.„Soll der ſchwarze Adler geſtatten, daß die Raben ſeinem Lieb⸗ linge die Augen aushacken? Nein, meine Schmweſter, nein! Sie ſollen erſt Otaitſa's Blut nehmen— ſie ſollen die Blüthe von dem alten Buſche herunterſchüt⸗ teln, der nicht mehr im Stande iſt, ſie vor den Win⸗ den des Himmels zu beſchirmen. Wenn der ſchwarze Adler den Gatten ſeiner Tochter nicht mehr beſchützen kann, ſo mag er das Tomahawk wegwerfen— die Büchſe niederlegen und ein Weib ſein unter den Häupt⸗ lingen ſeines Volks!“ Es war einige Minuten lang unmöglich, Otait⸗ ſa's heftigen Ausbruch des leidenſchaftlichen Kummers zu hemmen; aber endlich gelang es Editha, ſie eini⸗ germaßen zu beruhigen, indem ſie ſie bat, ihre Auf— regung und ihren Zorn zu beſeitigen und alle ihre Gedanken auf die Betrachtung zu richten, durch wel⸗ ches Mittel man entdecken könne, wohin man Wal⸗ ter gebracht und wie man ihn aus der Gefahr be⸗ freien könne, in die man ihn verſetzt habe. Sobald Otaitſa aber zuhören konnte, oder viel⸗ mehr, ſobald ſie den Sinn von Editha's Worten ver⸗ ſtand und ihre Bedeutung ſchätzte, iſt es wunderbar, wie bald ſie ruhig wurde und jede Anſtrengung und Kraft ihres Geiſtes auf den einen großen Gegenſtand vor ihr richtete. Genug von dem indianiſchen Blut floß in ihren Adern— genug von indianiſchen Ei⸗ genthümlichkeiten hatte ſie in ihrer frühen Jugend an⸗ genommen, um ihr einen Theil von jener ſtarken, ſtoiſchen Selbſtbeherrſchung mitzutheilen, wodurch ſich die indianiſchen Krieger mehr als die Frauen dieſes — 113— Stammes auszeichnen. Der erſte Ausbruch des Kum⸗ mers und Unwillens zeigte das Weib und vielleicht in gewiſſem Grade nicht die ächte Indianerin. An⸗ fangs verharrte ſie zwei oder drei Minuten in völli⸗ gem Schweigen, indem ſie alle Umſtände in ihrem Geiſte überlegte und jeden Zufall berechnete. Dann ſagte ſie: „Das Erſte, was Du zu thun haſt, liebe Edi⸗ tha, iſt, zu Deinem armen Vater zurückzukehren— nicht als wäreſt Du hier in irgend einer Gefahr; aber es dürfte gut ſein, daß, wenn möglich, Niemand er⸗ führe, daß Du bei mir geweſen, wenigſtens bis ich entdeckt habe, wo ſie unſeren armen Bruder verbor⸗ gen haben. Die Frauen hier wollen mir alle beiſte⸗ hen und kein Wort wird über ihre Lippen kommen, wenn ich es nicht wünſche; denn wenn auch die Män⸗ ner ſehr ſchlau zu ſein glauben, indem ſie die Ge⸗ heimniſſe der Nation vor ihren Frauen und Töchtern verbergen, ſo können doch die Frauen auch ebenſo entſchloſſen und verſchwiegen ſein. Auf jeden Fall, mag nun Deine Ankunft bekannt werden oder nicht, würde es beſſer ſein, wenn Du vor der Rückkehr des Häuptlings abreiſteſt. Sie ſagten, ſie wollten auf die Jagd gehen; aber um den ſchwarzen Bären, den brau⸗ nen Hirſch oder den weißen Mann zu jagen, iſt ſehr zweifelhaft, liebe Editha. Auf jeden Fall werden ſie den Zweck Deines Kommens nicht erfahren. Sie kön⸗ Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 8 — 114— nen und werden wahrſcheinlich vermuthen, daß Du hierhergekommen, um Dich nach Deinem Bruder zu erkundigen, da ſie aber wiſſen, daß ich mit ſeiner Ge⸗ fangennahme unbekannt geweſen und auch jetzt noch nicht weiß, wo ſie ihn verborgen halten, ſo werden ſie denken, daß Du getäuſcht und kummervoll davon⸗ gegangen und mich unbeobachtet laſſen, zu handeln, wie ich will.“ „Aber kann ich Nichts thun, um Dir zu hel⸗ fen?“ fragte Editha.„Bedenke, theuerſte Blüthe, was es heißt, in Unthätigkeit und Unwiſſenheit zu bleiben, während das Schickſal einer ſo nahen und theuren Perſon auf der Wagge ſteht.“ „Du ſollſt nicht in Unwiſſenheit bleiben, liebe Editha,“ verſetzte Otaitſa.„Bei jeder möglichen Ge⸗ legenheit— und deren werden ſich ſchon viele finden — ſoll meine Schweſter erfahren, was die Blüthe thut, und wenn Du auf irgend eine Weiſe helfen kannſt, ſo ſollſt Du augenblicklich Nachricht haben. Für jetzt weiß ich nicht, was ſich thun läßt, um un⸗ ſern Walter aus der Gewalt der Schlange zu retten. Ich weiß auch nicht, wozu ſie ſich entſchloſſen haben, oder ob ſie überhaupt zu einer Entſcheidung gekommen ſind, und ich habe viel zu bedenken und viel zu thun. Ich muß Leute aufſuchen, in die ich Vertrauen ſetzen kann; ich muß viele Perſonen anwenden, um mir Auskunft zu verſchaffen; einige muß ich erkaufen, an⸗ — 115— dere um Rath fragen und dann beurtheilen, was ſich thun läßt. Du kannſt heute hier bleiben, meine Edi⸗ tha; aber morgen mußt Du wieder nach Hauſe eilen. Aber halte Dich überzeugt, mein Volk ſoll wiſſen, daß Otaitſa ſterben will, wenn Walter ſterben muß.“ „Das iſt kein Troſt,“ rief Editha, ſie mit Thrä⸗ nen in den Augen umarmend;„ol ſtoße keine un⸗ beſonnene Drohung aus, liebe Blüthe. Bedenke, daß Du eine Chriſtin biſt, und viele Dinge ſind den Chri⸗ ſten als eine Sünde verboten, die von heidniſchen Na⸗ tionen als Tugenden betrachtet werden.“ „Keine Drohung kann unbeſonnen, keine Dro⸗ hung kann eine Sünde ſein, die das Leben eines Un⸗ ſchuldigen, Guten und Edlen retten kann,“ antwortete Otaitſa.„Ich möchte nicht vorſätzlich fehlen, meine Schweſter; aber mein Herz iſt für Gott offen, und er wird mich gnädig richten, da er meine Beweggründe ſieht. Und nun, liebe Schweſter, ſetze Dich hier nie⸗ der und ich will Dir Speiſen ſchicken, wie wir arme Indianer ſie eſſen. Ich ſelber werde eine Zeitlang ausbleiben, denn es iſt keine Zeit zu verlieren; aber ich werde ſobald wie möglich zurückkehren, und ehe Du gehſt, ſollſt Du Alles erfahren, was geſchehen iſt. Verſtehen dieſe Schwarzen, die Dich begleiten, die indianiſche Sprache?“ „Einer von ihnen verſteht ſie freilich,“ entgeg⸗ nete Editha;„das heißt die Sprache der Mohawks.“ 8* eine Andeutung, daß ein berühmter Krieger des Stam⸗ — 116— „Es iſt dieſelbe,“ entgegnete Otaitſa,„oder bei⸗ nahe dieſelbe. Wir haben ſie vielleicht ein wenig ver⸗ ändert; aber wer eine von den Sprachen der fünf Nationen verſteht, der verſteht alle. Iſt es der Mann oder die Frau? Und können wir trauen?“ „Es iſt der Mann,“ antwortete Editha,„und ich glaube, daß man ihm trauen kann.“ „Da will ich gehen,“ ſagte Otaitſa. Und Edi⸗ tha verlaſſend, ſtieg ſie zu dem untern Zimmer hin⸗ unter und ging dann zu den indianiſchen Hütten, wo ſie gewöhnlich einige Augenblicke vor denjenigen ver⸗ weilte, vor welchen eine hohe Stange zu ſehen war, woran die gräßlichen Siegeszeichen hingen, womit die Indianer den Tod eines Feindes zu bezeichnen pflegten. Seltſam genug, daß der entſetzliche Anblick menſch⸗ licher Scalps, von der Sonne und dem Winde ge⸗ trocknet, keinen Ekel oder Entſetzen bei einer Perſon hervorzubringen ſchienen, die von Jugend auf im Chriſtenthum erzogen worden war und manche von de⸗ nen ihres Volks verſchiedene Anſichten eingeſogen hatte. Sie ſah dieſelben freilich kaum und betrachtete die Stange und ihre grauſamen Siegeszeichen nur als mes dort wohne. Editha blieb inzwiſchen eine Zeitlang in trauri⸗ gem Nachdenken zurück. Während ihrer raſchen Reiſe aus der Nachbarſchaft des Hudſon bis zum Oneida⸗ — 117— ſee hatte ſie wenig Zeit zum Nachdenken gehabt. Es war ihr faſt wie ein Traum voll verwirrter Gegen⸗ ſtände und Gefühle vorgekommen, doch hatte ſie we⸗ nig darüber nachgedacht. Die Sonne begann jetzt hinter dem weſtlichen Ende des Sees zu verſchwinden, doch ſtand ſie noch weit genug über der ſanften Erhöhung des Bodens, um einen langen Strom hellen Lichts über das ruhige Waſſer zu ergießen, und Editha, welche in der Nähe des Fenſters ſaß, blickte über die ruhige und ſchöne Scene mit jenem feierlichen Gefühl dahin— mit je⸗ nem Echo der Stimme aus der andern Welt— die ſich in jedem gefühlvollen Herzen bei dem Tode ei⸗ nes neuen Tages zu erheben ſcheint. Es iſt etwas dahingeſchwunden! Etwas in die Ewigkeit übergegan⸗ gen! Noch ein Tag fliegt auf ſeinen zwölf goldenen Flügeln zu dem Unendlichen und Unwiderruflichen hin und führt mit ſich zu der dunklen Schatzkammer des Schickſals eine unendliche Maſſe und Menge von Tha⸗ ten und Gedanken, Gefühlen, Verbrechen, Vergehun⸗ gen, tugendhaften Handlungen, menſchlichen Leiden⸗ ſchaften, Wünſchen, Hoffnungen, Freuden, Leiden, Täuſchungen und Bedauern— das Lächeln und die Thränen einer ganzen Welt mit dem ſcheidenden Tage dahingeſchwunden. Traurig und feierlich iſt jenes Ge⸗ fühl. Es ſteht neben dem Sterbebette eines Freundes und ſieht die matten Augen auf immer ſich ſchließen. — 118— Auf immer! Nein, nicht auf immer! Es giebt einen Morgen für Alle, wo ein neuer Tag anbrechen wird; und gut wäre es für Einige, wenn die Tha⸗ ten des dahingeſchwundenen Tages vergeſſen werden könnten. Dennoch, obgleich wir wiſſen, daß ein anderer Tag anbrechen wird— ſo gewiß wie wir wiſſen, daß ein neues Leben kommen wird— liegt eine gewiſſe Hoffnungsloſigkeit, obgleich das ein zu ſtarkes Wort iſt, in dem Anblick der ſinkenden Sonne, die ihren ſcheidenden Blick auf die Welt wirft. Vielleicht iſt es nicht Hoffnungsloſigkeit; aber es iſt etwas, was ei⸗ nem Theil von der Dämmerung in die Kammern des Herzens ergießt und das Licht der Hoffnung trübt, wenn auch nicht auslöſcht. Editha war traurig— ſehr traurig, und ſie fühlte, daß ſie es noch mehr werde, als ſie dieſe Seene anſah. Es verurſachte ihr eine Empfindung der Einſamkeit, der hülfloſen Heimathloſigkeit einer neuen wilden Welt, die dahin ſtrebte, niederzudrücken und zu entnerven. „Ich will noch hoffen; ich will nicht verzweifeln; ich will nur an Handlung und Anſtrengung denken,“ ſagte ſie bei ſich ſelber, ſtand auf und ſah ſich im Zimmer nach etwas um, womit ſie ihren Geiſt be⸗ ſchäftigen und die Eindrücke entfernen könne, die ihre Thätigkeit zu lähmen ſchienen. — 119— Es waren viele Dinge um ſie her, die dieſem Zwecke hätten entſprechen können und nur darum auf⸗ fallend waren, weil ſie an jenem Orte gefunden wur⸗ den: mehrere Bücher, ein kleines Nadelbuch, ein al⸗ tes offenbar europäiſches Stickmuſter und ein altes Skizzenbuch mit einer Klammer und einem Schloſſe. Es war offenbar viele Jahre alt und ein wenig be⸗ ſchmutzt, und auf der einen Seite waren zwei oder drei dunkle Flecken. Sie waren nicht von Dinte, denn es ſchimmerte eine röthliche Farbe durch die Schwärze hindurch. Dieſe Gegenſtände übergehend, wendeten ſich Edi⸗ tha's Augen zu den Skizzen, die ringsherum in dem Zimmer hingen. Auf eine beſonders fiel das von dem See zurückgeworfene Licht, als es durch das Fen⸗ ſter drang und Editha trat näher und betrachtete ſie aufmerkſam. Sie ſtellte den Kopf eines jungen Man⸗ nes von ſieben und zwanzig oder dreißig Jahren dar und war gut, wenn auch nicht gerade meiſterhaft dar⸗ geſtellt. Sie war nur mit Bleiſtift gezeichnet, aber ſehr mühſam ausgeführt und Editha glaubte etwas ſehr Bekanntes darin zu finden. Die Züge waren im Allgemeinen denen ihres Bruders Walter ähnlich— ſo ähnlich, daß ſie ſich anfangs einbildete, die Zeich⸗ nung ſolle ſeinen Kopf vorſtellen; aber bei näherer Anſicht bemerkte ſie, daß es der einer viel älteren Per⸗ — 120— ſon ſei, und daß die Kleidung längſt aus der Mode gekommen. Sie betrachtete noch das Bild und beſchäftigte ſich mit den Fragen, woher dieſe Zeichnungen gekom⸗ men und ob Otaitſa ſie ſelber verfertigt haben könne, als zwei Indianerinnen mit geräuſchloſem Schritte eintraten und mehrere Gefäße mit verſchiedenen Nah⸗ rungsmitteln vor ſie hinſtellten. Es war Alles ſehr einfach; aber ſie war ſehr erſchöpft, denn ſie hatte ſeit einer frühen Stunde des Tages keine Speiſen zu ſich genommen, und die Bewirthung war ihr daher ſehr erwünſcht. Die Frauen ſprachen auch in der Irokeſenſprache mit ihr, und ihre leiſen und lieblichen Stimmen, die geſangartig murmelten, waren ihrem Ohr angenehm. Sie hatte wenigſtens Geſellſchaft. Ihre Worte waren auch freundlich und liebreich, und ſie erfuhr von ihnen, daß Otaitſa, um den wah⸗ ren Grund ihres Kommens zu verbergen, ſich erkun⸗ digt habe, ob irgend Jemand Walter Prevoſt geſe⸗ hen. Sie verſicherten Editha, daß ſie ihn nicht ge⸗ ſehen— daß er nicht in das Oneidagebiet habe kom⸗ men können, ohne daß ihn Jemand in der Burg ge⸗ ſehen. Ein blaſſes Geſicht, ſagten ſie, ſei unter ihnen ſehr ſelten; aber die Ankunft Walter Prevoſt's, den ſo viele kannten und liebten, würde ſogleich bekannt geworden ſein. Sie ſagten, ſeine Abweſenheit aus — 121— ſeiner Heimath wäre freilich auffallend, doch fügten ſie lachend hinzu, junge Krieger liebten das Umher⸗ wandern, wie Editha erfahren werde wenn ſie alt ge⸗ nug ſei. So ſaßen ſie da und ſprachen mit ihr, bis Otaitſa zurückkehrte, zündeten dann eine Lampe an und ließen die beiden Freundinnen mit einander allein. Otaitſa war offenbar aufgeregt, obgleich ſie ſich bemühte es zu verbergen, wenn auch nicht zu unter⸗ drücken; aber ihre Aufregung war durchaus freudig. Sie legte ihre kleine Hand auf Editha's Hand und drückte ſie mit Wärme. „Ich habe Freunde gefunden,“ ſagte ſie,„die für mich und mit mir handeln werden; meines Va⸗ ters Schweſter, die meine Mutter kannte und liebte und welcher einige einen Zauber von dem großen Geiſte zu ſchreiben, welcher macht, daß alle ſie lieben und verehren— die Frau des Sachem vom Zeichen des Bären— die junge Braut des rennenden Hir⸗ ſches— die Frau des grauen Wolfes— die Frau des Luchsfußes und viele Andere. Alle dieſe haben mir verſprochen, mir beizuſtehen, was es auch koſten möge. Sie kennen Walter alle— ſie haben ihn alle Bruder genannt und alle ſind entſchloſſen, daß ihr Bruder nicht ſterben ſoll. Aber ich muß zuerſt für ihn handeln, liebe Editha,“ fuhr ſie fort. Dann klatſchte ſie bei der Hoffnung, die ihr junges warmes — 122— Herz erhellte, mit einem plötzlichen Ausbruch der Freude in die Hände und rief:„O! Und wenn ich ihn nur ganz allein retten könnte!— Wenn ich ihn nur durch meine eigene Handlung— ja durch mein Blut aus ſeinen Banden befreien könnte! Ei! Das wäre in der That eine Freude!“ Editha konnte kaum ihren Geiſt zu derſelben Höhe der Hoffnung erheben; und dennoch fühlte ſie ſich be⸗ ruhigter. Ihr Zweck war erfüllt. Otaitſa war mit Walters Gefahr bekannt und das lebhafte, begeiſterte Mädchen beſchäftigte ſich ſchon thätig mit dem Bemü⸗ hen, ihn zu befreien. Die junge Indianerin hatte auch eine Lebhaftigkeit und Energie an ſich, die bei den unterdrückten Frauen ihres Stammes ungewöhn⸗ lich ſind, die wahrſcheinlich durch die unbegrenzte Nachſicht des Häuptlings, ihres Vaters, begünſtigt wurden, und welche Hoffnung und glücklichen Erfolg zu athmen ſchienen. Es war unmöglich ihre lebhaf⸗ ten funkelnden Augen anzuſehen, als der Gedanke, ihren jungen Geliebten allein zu befreien, ſich ihrer be⸗ mächtigte, ohne zu glauben, daß, wenn ſeine Be⸗ freiung in der menſchlichen Macht liege, ſie dieſelbe bewirken werde. Editha fühlte, daß ihre Pflicht ſo weit gethan ſei und daß ihre nächſte Pflicht ihrem Vater gelte, der bis zu ihrer Rückkehr in peinlicher Beſorgniß ſchweben mußte, ſo ſicher er ſie auch in den Händen — 123— der Indianer halten mochte. Sie ging daher bereit⸗ willig auf Otaitſa's Vorſchlag ein, ſich bei dem er⸗ ſten Sonnenſtrahle am nächſten Morgen auf den Weg zu machen, indem Otaitſa verſprach, daß einige In⸗ dianerinnen ſie eine Tagreiſe weit begleiten ſollten und die durch ihre beſſere Kenntniß des Landes, ſo wie durch ihre Geſchicklichkeit in der Führung des Canve ihren Fortſchritt ſehr beſchleunigen würden. Etwa eine Stunde brachten ſie mit der Unterre⸗ dung zu, die ſich um einen einzigen Gegenſtand drehte; und dann legten ſich die beiden Mädchen nieder, hiel⸗ ten einander mit ihren Armen umſchlungen und ga⸗ ben ſich dem Schlummer hin. Neuntes Kapitel. In derſelben Nacht, welche Editha Prevoſt in dem großen Hauſe des ſchwarzen Adlers zubrachte, verſammelten ſich acht oder zehn wild ausſehende Wilde, wenn wir ſie ſo nennen können, um über eine große und wichtige Frage zu berathen. Der Ort, den ſie zu ihrer Zuſammenkunft beſtimmt hatten, lag etwa zwanzig Meilen in gerader Linie von dem Onei⸗ daſee und ſtellte ſelbſt bei Tage eine ſehr ſchöne und großartige Seene dar. Zu der Stunde ihrer Zuſammenkunft aber, näm⸗ lich etwa vierzig Minuten nach Sonnenuntergang, waren die umgebenden Gegenſtände von einem ver⸗ ſchiedenen und angemeßneren Lichte erhellt. Ihr Be⸗ rathungsfeuer war auf dem Gipfel einer großen fla⸗ chen Steinmaſſe in einer ſehr engen Schlucht angezün⸗ —-— 125— det worden, welche ein rauhes und bewaldetes Ge⸗ birge von einem Felſenvorſprunge trennte, der durch eine furchtbare Naturerſchütterung von ſeiner urſprüng⸗ lichen Kette losgeriſſen worden war. Die Breite die⸗ ſer Spalte betrug an der weiteſten Stelle vierzig Ellen und zu beiden Seiten befanden ſich ungeheure Felſenmaſſen, die in chaotiſcher Verwirrung über einander geſtürzt waren und den größeren Theil der Schlucht verſperrten. Hinter dieſen erhoben ſich die geſpaltenen Klippen rauh und ausgezackt gleich der Schärfe von zwei Sägen, deren Zähne in einander paſſen würden, wenn man ſie zuſammenhielte. Aber auf allen vorſpringenden Punkten, ſelbſt wo es un⸗ möglich ſchien, daß nur die kleinſte Pflanze Wurzel faſſen könne, hatte ſich ein hoher Baum erhoben und breitete ſeine Aeſte aus, bis ſie faſt die an der ent⸗ gegengeſetzten Seite der Schlucht berührten, durch welche kein Strom ſich ergoß; auch war keine Quelle hervorgebrochen, als das Erdbeben die feſten Grund⸗ lagen des Gebirges zerriſſen hatte; aber ein trockener, kurzer Raſen bedeckte alle unten angehäufte Erde. Zwiſchen den großen Steinblöcken, die den Paß verſperrten, erhoben ſich überall, wo der Regen durchdringen konnte, hohe und ſchöne wilde Blumen, und an den freieren Stellen war der Grasteppich zur Frühlingszeit des Jahres mit mancher hübſchen klei⸗ nen Blüthe überſäet. Hohe Fichten und rauhe — 126— Schierlingstannen— einige gerade wie eine Säule, einige ſeltſam verſchlungen und verwachſen— hohe Eichen und unzählige andere Bäume und Geſträuche bedeckten die weniger abſchüſſigen Ufer der Schlucht; und wenn man aufblickte, bemerkte man an den über⸗ hängenden Aeſten, daß der Berggipfel in dichtes Ge⸗ hölz gekleidet war. Etwa halbwegs die Schlucht hinauf befand ſich ein großer platter Stein— gleichſam ein natürlicher Altar— worauf die Indianer ihr Feuer angezündet hatten; und ſeltſam und wild war die Scene, als dieſe ſchwärzlichen Männer, wie zur Schlacht bewaff⸗ net, aber nicht bemalt, im hellen Lichte umherſaßen, jeder ſeine Büchſe auf dem Arme und ſtill und bewe⸗ gungslos, wie eine Statue, aus dem braunen Felſen gehauen. Aufwärts erhob ſich die hohe Flamme von dem großen Haufen dürren Holzes und ſendete ein flackern⸗ des Licht über die Bäume und Klippen dahin; doch mehrere Minuten lang regte ſich und ſprach Keiner. Jedes Auge war auf das Feuer gerichtet, nicht als beobachte man es als einen intereſſanten Gegenſtand, ſondern mit feſtem, gedankenvollem Blicke, welcher zeigte, daß der Geiſt mit anderen Dingen beſchäftigt war; und es lag etwas ſehr Ergreifendes und Ehr⸗ furchtgebietendes in jenem ſtrengen, kalten Schweigen. Endlich begann der ſchwarze Adler zu reden, — 127— ohne ſich von ſeinem Sitze zu erheben— doch ſprach er wenigſtens zuerſt. Sein Ton war leiſe und trau⸗ rig, doch jedes Wort in den ſcharfen Kehllauten der Jerokeſenſprache, war klar und deutlich. „Länger als funfzig Winter,“ ſagte er,„bin ich in dem Lande der Oneidas umhergeflogen und mein Flügel iſt nicht müde geworden in ſeinem Fluge, meine Augen ſind nicht geblendet worden von dem Glanze der Sonne noch auch getrübt von dem Lichte des Mondes. Der Thau iſt auf mich gefallen, die Sommerſonne und der Winterſchnee; und noch ſind meine Federn unbeſchädigt und mein Flug iſt ſo ſtark wie in meiner Jugend. Ich bin kein Weib, daß ich mich ſchonen, kein Kind, daß ich weinen ſollte. Wer hat eine Thräne in meinem Auge geſe⸗ hen? oder wer hat mich das Tomahawk erheben ſehen, um nicht zuzuſchlagen? Habe ich etwas von meinen Kindern verlangt, als daß ſie die Erſten ſein ſollen in der Schlacht? Habe ich je den Feinden der Kinder des Steines verziehen? Aber wir haben ein Bündniß geſchloſſen mit einer großen Nation; wir haben Geſchenke von ihnen angenommen; wir haben verſprochen, als Brüder mit ihnen zu leben in der Zeit des Friedens— als Brüder mit ihnen in die Schlacht zu gehen in der Zeit des Krieges. Unſere Kinder ſind ihre Kinder und ihre Kinder ſind die un⸗ ſeren. Ueberdies haben unſere Häuptlinge mit einigen von dieſer Nation engere Bande der Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen. Wir haben an ihren Feuern geſeſſen, wir haben mit einander die Friedenspfeife geraucht; wir ſind ihre Brüder. Eine Familie kam und baute ihre Hütte unter uns, räumte den Wald ab und pflanzte Kornfelder. Ihre Thür war immer offen für die rothen Männer; ihre Nahrung wurde immer mit ihnen getheilt. Sie ſagten nicht:„„dies iſt mein und jenes iſt Dein,““ ſondern ſie öffneten ihre Arme und ſagten:„„Du biſt mein Bruder.““ Die Kin⸗ der des Stein's liebten ſie ſehr; ſie waren dem ſchwar⸗ zen Adler theuer wie ſeine Kinder. Die Matte im Hauſe Prevoſt's war ein angenehmer Ruheplatz für ſein Haupt, wenn er ermüdet war. Seine Tochter war wie meine Tochter und ſein Sohn wie mein Blut und Fleiſch. „Ein Mann kam an ſeinen Heerd, den wir alle kennen, ein guter Mann, ein Freund des rothen Mannes. Sollte mein Bruder Prevoſt dem Wood⸗ chuck ein Nachtlager verweigern? Er ging fort und fern von dem Hauſe unſeres Bruders begegnete ihm ein Oneida von dem Zeichen der Schildkröte, ein Mann, der ihn beraubt und deſſen lügenhafte Zunge ihn verletzt hatte, eine Schlange, welche den haßte, den ſie gebiſſen. Das Tomahawk war bloß; der Oneida wurde getödtet; aber der Mann nahm nicht ſeinen Scalp, er ſang nicht den Trimphgeſang, weil — 9129— er eines von den Kindern des Steines getödtet; er erſchlug ihn nicht als einen Feind, ſondern zur Selbſt⸗ vertheidigung; ſonſt hätte er ſeinen Finger um die Scalplocke geſchlungen und die Oneidas hätten eine Schmach zu betrauern gehabt. Es iſt recht, daß Blut mit Blut vergolten werde, daß der Mann, der das Blut des rothen Mannes vergießt, für ſeine Handlung ſterbe, und daß, wenn er oder einer ſeiner Verwandten nicht zu finden iſt, ein anderer Mann ſeiner Nation zum Opfer dargebracht werde. „Aber was habe ich gethan, daß der Sohn mei⸗ nes Bruders gewählt werde? Habe ich Euch ſo oft in die Schlacht geführt, habe ich meinen Kriegspfahl mit den Scalps Eurer Feinde bedeckt, auf daß der Baum, den ich gepflanzt, entwurzelt werde, während der Wald voll werthloſer Schößlinge iſt? War kein anderer weißer Mann im ganzen Lande zu finden, daß Ihr das Kind deſſen nehmen mußtet, der uns liebte und uns vertraute? War ein Monat vergangen, ja, war auch nur eine Woche vergangen, daß Ihr wiſſen konntet, daß Niemand anders zu finden ſei, als der Freund des ſchwarzen Adlers, den Ihr zu Eurem Opfer wählen konntet? Hattet Ihr Euch über⸗ zeugt, daß Ihr den Mörder ſelber nicht fangen und ſein Blut als Sühne für das vergoſſene Blut neh⸗ men konntet? Iſt die Weisheit unſeres Volkes dahin, gehört ihre Liſt früheren Tagen an, ſo daß wir den Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 9 — 130— Mann nicht in unſere Gewalt bekommen oder ein anderes Wild erhaſchen konnten, und daß wir nicht einmal verſuchten, einen Andern zu finden, als den, welchen wir am meiſten liebten? „Bedenkt, meine Kinder, daß Ihr nicht raſch und haſtig ſeid, wie das bleiche Geſicht, ſondern daß Ihr die Kinder des Steines ſeid, daß Ihr nicht nur ſtark und unveränderlich ſein müßt, wie er, ſondern auch ruhig und ſtill.— Ich habe geſprochen“ Es trat eine Pauſe von mehreren Minuten ein, ehe Jemand antwortete, und darauf erhob ſich ein Mann von mittlerem Alter, aber mit eigenthümlich liſtigem und ſchlangenartigem Blicke in ſeinen Augen, langſam von ſeinem Sitze und ſprach in hartem und kaltem Tone: 3 „ Der ſchwarze Adler hat wohl geredet. Wir ſind Bundesgenoſſen des weißen Mannes, das bleiche Geſicht nennt uns ſeinen Bruder. Er nennt uns un⸗ ſer Jagdrevier. Er pflanzt Korn und nährt ſeine Ochſen unter uns. Wo unſer Fuß frei wandern durfte, gehört uns der Boden nicht mehr, ſondern ihm. Er hat ihn uns genommen— und er iſt un⸗ ſer Bruder. Der ſchwarze Adler liebt das bleiche Geſicht. Er nahm ein bleiches Geſicht zu ſeinem Weibe und er liebt ihren Stamm. Er liebt ihre Re⸗ ligion. Seine Tochter iſt von der Religion des wei⸗ ßen Mannes. Er ſelber glaubt an ihre Götter. Er — 131— betet ihren großen Geiſt an und er hat ihren Mann der Heilkunſt als Sohn angenommen. Iſt die Re⸗ ligion des weißen Mannes dieſelbe, wie die Religion der Kinder des Steines? Iſt ihr großer Geiſt unſer großer Geiſt? Nein, denn ich habe ſeine Worte ge⸗ hört, und es ſind nicht die Worte, die man uns ge⸗ lehrt hat. Des weißen Mannes Geiſt ſagt uns, wir ſollen nicht thun, was unſer großer Geiſt uns zu thun befiehlt. Er gebietet den Menſchen, ihrer Feinde zu ſchonen und ihnen zu verzeihen. Der unſere gebie⸗ tet uns, unſere Feinde zu tödten und uns zu rächen. Welches iſt der wahre Geiſt? Der unſere, denn das bleiche Geſicht glaubt nicht an ſeinen eigenen Geiſt, und gehorcht nicht ſeinen Befehlen. Der weiße Mann ſchont nicht ſeiner Feinde, er verzeiht nicht, ſondern er nimmt eben ſo Rache, wie der rothe Mann, und gegen ſein eigenes Geſetz. Laßt uns denn gehorchen der Stimme unſeres eigenen großen Geiſtes und thun nach unſeren Gewohnheiten; denn das bleiche Geſicht weiß, daß ſein Gott falſch iſt, ſonſt würde es ſeinen Befehlen gehorchen. „Was will nun der ſchwarze Adler von uns? Will er, daß wir alle Chriſten werden? Oder will er, daß wir der Stimme des Maneto gehorchen und die Gewohnheiten unſerer Väter befolgen? Haben wir nicht gethan nach unſerem eigenen Geſetze? Was ſa⸗ gen uns unſere Ueberlieferungen? Sie ſagen: Du 9* — 132— ſollſt den Geiſt ſühnen Deines Bruders, der erſchla⸗ gen worden, indem Du das Blut ſeines Mörders vergießeſt. Wenn Du ſein Blut nicht haben kannſt, ſo ſollſt Du das eines Mannes von ſeiner Familie oder ſeiner Freunde vergießen. Wenn keiner von ſei⸗ ner Familie oder ſeinen Freunden zu finden iſt, ſo ſollſt Du das Blut eines Mannes von ſeiner Nation zum Opfer darbringen. Sehet nun, wie die Sache ſteht, Häuptlinge und Krieger der Oneidas. Einer Eurer Brüder iſt erſchlagen worden. Seine Seele wandelt im Lande der Geiſter; aber ſein Bogen und ſeine Pfeile hängen müßig auf ſeinem Rücken. Sein Herz iſt traurig und verlaſſen. Er heult um Nah⸗ rung und findet keine. Er wandert um das glückliche Jagdrevier und blickt kummervoll hinein; denn er darf nicht eher eintreten, als bis das Blut der Sühne vergoſſen iſt. Er ruft Euch von der andern Seite des Grabes mit großem Geſchrei:„„Gebt mir Ruhe!““ Sollen ſeine Brüder ihm keine geben? Sollen ſie ihn wandern laſſen kalt und hungrig unter Froſt und Schnee im Anblick der geſegneten Region und ihn verhindern, einzutreten? Oder ſollen wir den erſten Mann von dem Stamme deſſen, der ihn er⸗ ſchlug, nehmen und durch ſein Blut, auf dieſem Steine vergoſſen, den Geiſt unſeres todten Bruders beſänftigen und ihn eintreten laſſen in das glückliche Jagdrevier, wo ſeine Seele Ruhe finden kann? — 133— „Ihr Männer von der Familie der Schlange! Ihr habt wohlgethan, das bleiche Geſicht, welches Ihr zuerſt gefunden, zu ergreifen; denn Ihr habt Euch eine Sühne geſichert für das Blut Eures Bru⸗ ders; und wie konntet Ihr wiſſen, daß Ihr ſie fin⸗ den würdet, wenn Ihr Euren Arm ruhen oder Eure Beute frei ausgehen ließet! Und nun laßt die Häupt⸗ linge und Krieger überlegen, ob ſie ihren Bruder, welcher todt iſt, noch Monate lang in den kalten Regionen hungern und durſten laſſen, oder ob ſie in dieſer ſelben Nacht die Sühne darbringen und ihm den Weg zu den glücklichen Jagdrevieren eröffnen wollen.— Ich habe geſprochen.“ Wieder ruhte ein tiefes Schweigen auf der Menge, und es wurde nicht ſo bald unterbrochen; aber die Augen des ſchwarzen Adlers bewegten ſich im Kreiſe umher und beobachteten jedes Geſicht. Als er an dem Blicke der Augen eines von den Kriegern bemerkte, daß er im Begriff ſei, zu reden, ſchritt er ſelber ein, erhob ſich diesmal zu ſeiner vollen Höhe und ſagte: „Der Mann der Heilkunſt hat geredet und hat das Geſetz ausgelegtz aber er hat uns gerathen mit Worten, die dem Geſetze widerſprechen. Der Mann der Heilkunſt hat das Geſetz in ſeinem Herzen; aber ſeine Worte ſind die Worte des Fuchſes. Er hat nicht die Rolle des Geſetzes entfaltet, in welche die — 134— Worte des Maneto geflüſtert worden; aber er ſagt in Wahrheit, daß wir das Blut des Mörders unſers Bruders vergießen ſollen, um ſeinen Geiſt zu beſänf⸗ tigen. Wenn wir ihn nicht finden können, ſollen wir das Blut eines ſeiner Anverwandten vergießen, wenn wir auch den nicht finden können, das Blut eines von ſeiner Nation. Aber habt Ihr nach dem Mörder geſucht, Brüder der Schlange? Könnt Ihr ſagen, daß Ihr verſucht habt, ihn zu fangen? Habt Ihr Zeit dazu gehabt? Wird Euer Bruder, der da⸗ hingeſchieden iſt, zufrieden ſein mit dem Blute des erſten bleichen Geſichtes, welches Ihr findet, wenn Ihr den wahren Mörder finden könntet? Wird er gleich dem Hunde aus der erſten Pfütze auf ſeinem Wege trinken? Wird er nicht vielmehr ſagen:„„Gebt uns das einzige ſüße Waſſer, welches unſern Durſt löſchen kann? Wollt Ihr uns in die Ohren murmeln und uns glauben machen, daß es Muſik ſei? Dies iſt nicht das Blut deſſen, der unſer Blut vergoſſen hat. Dies iſt nicht das Blut ſeines Verwandten. Das glückliche Jagdrevier wird ſich durch dieſes Blut nicht dem Erſchlagenen öffnen.““ „Oneidas, es iſt der Mann der Heilkunſt, der Euch von den Gewohnheiten Eurer Väter abbringen will. Es heißt:„„Wartet, bis Ihr fleißig geſucht habt. Seid gewiß, daß Ihr die beſte Sühne dar⸗ bringt, die Ihr könnt. Tödtet nicht den Fuchs, weil „ — der Panther das Wild zerriſſen hat. Schießt nicht die Taube wegen deſſen, was der Falke gethan.““ Der Sohn meines Bruders Prevoſt iſt nicht mit dem Yengee verwandt, der die Schlange erſchlagen. Sein Blut wird nicht als Sühne dienen, ſo lange Ihr anderes Blut finden könnt, welches dem Mörder näher verwandt iſt. Die Augen des Maneto ſind überall; er ſieht, daß Ihr nicht geſucht habt, wie Ihr hättet ſuchen ſollen.“ Einige Augenblicke nachdem er geſprochen, aber nach einem kürzeren Zwiſchenraume, als bisher, ſtand ein wild ausſehender junger Krieger auf und rief: „Laßt ihn ſterben. Warum ſollten wir warten? Der Woodchuck iſt ſicher in dem Lande der Yengees. Er hat ſich weit von den Pfeilen der Oneidas ent⸗ fernt. Es ſchwebt eine Wolke zwiſchen uns und ihm und wir können nicht hindurch ſehen. Der Wood⸗ chuck hat keine Verwandte. Er hat es oft erklärt, als er am Feuer ſaß, und von den Thaten ſprach, die er gethan. Er hat ſich oft gerühmt, daß er ganz allein ſtehe, daß ſein Vater und ſeine Mutter Staub, und die Tanne und Eiche ſeine Brüder und Schwe⸗ ſtern wären. Wir können weder ihn noch ſeine Ver⸗ wandten finden; aber wir haben genommen, was ihm am nächſten ſtand— ſeinen Freund und den Sohn ſeines Freundes. Dies iſt das Blut, welches den Geiſt unſers Bruders verſöhnen wird. Laßt ihn ſter⸗ — 136— ben— laßt ihn ſchnell ſterben. Fragt der ſchwarze Adler noch, ob dieſer Jüngling ſein Freund war? Der ſchwarze Adler weiß es wohl; aber es iſt auch wahrſcheinlich, daß er der Begleiter des Mörders war, als er unſern Bruder tödtete. Sie gingen zu⸗ ſammen hinaus, um eine Beute zu ſuchen. War es nicht der rothe Mann, der die Wölfe jagte? Sie tödteten einen Panther und einen Mann, als ſie bei einander waren. Das wiſſen wir wohl; denn es waren die Augen der rothen Männer in der Nähe. Das Blut unſers Bruders wurde von der Erde ge⸗ trunken. Das Fell des Panthers wurde von dieſem Jünglinge, unſerm Gefangenen, an Otaitſa, die Tochter des ſchwarzen Adlers, geſchickt. Ich nahm es heute dem Läufer ab. Der Mann, der es brachte, iſt zur Hand. Das Fell iſt hier. Ich habe ge⸗ ſprochen.“ Und er warf das Pantherfell vor ſich nieder, faſt in die Flamme des Feuers. Ein lebhaftes Gemurmel lief durch die Reihen der Indianer und der ſchwarze Adler bemerkte bald, daß die drohende Gefahr für den armen Walter Pre⸗ voſt ſich ſehr vermehrt habe. „ Laßt das Geſetz verkündigen,“ ſagte er.„Die Rolle des Geſetzes iſt hier; aber laßt es nicht von der Zunge eines Fuchſes leſen. Laßt den Mann der alten Zeiten es leſen. Laßt den Krieger und den — 137— Prieſter, die es ſeit ſo vielen Jahren aufbewahrt, uns jetzt ſagen, was es befiehlt nach der Auslegung der alten Tage und nicht nach der Unbeſonnenheit der Knaben, welche Häuptlinge ſein wollen, ehe noch ein Scalp vor der Thür ihrer Hütte hängt. Ich ſehe die Zeit kommen,“ rief er mit lauter Stimme, indem er von ſeinem Sitze aufſprang und eine Bewegung mit ſeinem Arme machte, als ob eine mächtige Ge⸗ müthsbewegung ſeine gewohnte Ruhe überwältige,„ich ſehe die Zeit kommen, wo die Tollkühnheit der Ju⸗ gend und der Mangel an Reſpect vor dem Alter und dem Ruhme die Macht der Oneidas herunterbringen und die Größe der fünf Nationen in Staub treten werden. So lange Alter und weiſer Rath geachtet wurden, waren ſie ein mächtiges Volk und die Scalps ihrer Feinde wurden von jedem Schlachtfelde herbeigebracht. Sie waren ein weiſes Volk, denn ſie horchten auf die Stimme der Erfahrung und überli⸗ ſteten ihre Feinde. Aber jetzt gilt die Stimme der Knaben und unerfahrenen Jünglinge. Sie nehmen Geſchenke an und verkaufen ſich für Spielereien. Sie trinken das Feuerwaſſer, bis ſie keine Menſchen mehr ſind, bis die Vernunft ſie verläßt und Muth und Stärke nicht mehr bei ihnen weilen. Sie wenden den Blitz an und ſpielen mit dem Donner; aber das Tomahawk und das Sealpirmeſſer ſind grüne Binſen in ihren Händen. Laßt alſo das Geſetz verkündigen; — 138— die Stimme des Alters und der Weisheit möge es verkündigen und laßt es bei ſeinen Worten bleiben, ſie denn ſind gut.“ So redend, ging er zu dem zweiten Redner hin⸗ über und nahm eine ſchwere Rolle, die neben dem Prieſter oder dem Manne der Heilkunſt lag. Sie beſtand aus unzähligen Schnüren, auf die man Mu⸗ ſcheln gezogen, die gleich Ohrgehängen in lange Streifen geſägt und mit drei verſchiedenen Farben, ſchwarz, roth und weiß, bemalt waren. Dieſe waren in verſchiedene ſeltſame Gruppen abgetheilt, bildeten kein regelmäßiges Muſter, waren aber nicht ohne Ordnung; und ſo viele befanden ſich in dieſer Rolle, daß, wenn gleich jedes Stück ſehr klein war, das Gewicht des Ganzen nicht weniger als zwanzig oder dreißig Pfund betragen konnte. So beladen und ſeine Laſt anſcheinend mit gro⸗ ßer Verehrung tragend, brachte der ſchwarze Adler die Rolle halb im Kreiſe herum und legte ſie auf die Knie eines Mannes von vorgerücktem Alter, obgleich ſein geſchorenes Haupt und ſeine lange weiße Scalp⸗ locke wenigſtens einem indianiſchen Auge zeigten, daß er ſich noch für fähig hielt, die Krieger des Stammes in die Schlacht zu begleiten. Dann nahm der Häuptling langſam ſeinen Sitz wieder ein und nochmals verbreitete ſich tiefes Schwei⸗ gen über die Verſammlung. .— 139— Die Augen Aller waren freilich auf den Greis gerichtet, deſſen Auslegung ihrer Geſetze und Gewohn⸗ heiten endgültig ſein ſollte; aber kein Glied regte ſich und ſelbſt die Lebhaftigkeit ihres Blickes wurde zu einem Ausdruck ruhiger Aufmerkſamkeit gedämpft, au⸗ ßer bei dem jungen Manne, der ſo heftig geſprochen hatte, und deſſen Verwandtſchaft, als Bruder des ge⸗ tödteten Indianers, in den Augen ſeines Stammes eine ungewohnte Aufregung entſchuldigte. Etwa zwei Minuten, nachdem er die Rolle empfangen hatte, blieb der alte Prieſter bewegungslos ſeine Augen auf die Flamme gerichtet, die ſich noch vor ihm erhob und zu den Aeſten einer Schierlings⸗ tanne hinaufguckte. Endlich bewegten ſich ſeine Finger unter den zer⸗ ſchnittenen Muſcheln, und raſch einige Schnüre auflö⸗ ſend, womit die Rolle zuſammengebunden war, brei⸗ tete er die ſcheinbar verwickelte Maſſe in ſchöner Ord⸗ nung aus. Und dann beugte er ſeinen Kopf nieder und ſchien wie auf eine Stimme zu horchen. „Das Geſetz der Oneidas kann nicht verändert werden,“ ſagte er endlich.„Es iſt der Wille des großen Geiſtes. Ein weißer Mann muß ſterben für das von einem weißen Manne vergoſſene Blut. Aber der Vergießer des Bluts muß auch geſucht werden oder unſer Bruder wird dennoch von dem glücklichen Jagdrevier ausgeſchloſſen werden. Horche nicht auf — 140— das Lied der Singvögel gegen den jungen Mann, Du Bruder der Schlange. Auch mache keine Unruhe unter den fünf Nationen, weil Du die Blüthe an dem Baume des ſchwarzen Adlers nicht erreichen kannſt.“ Die offene Anſpielung auf eins der tiefen Ge⸗ heimniſſe ſeiner Bruſt war ſelbſt für den indianiſchen Stoieismus des Bruders der Schlange zu viel, und er zog ſeine Decke über ſeine Bruſt, als wollte er ſeine Geheimniſſe beſſer verbergen. Der ſchwarze Adler aber, wenngleich wahrſcheinlich ebenſo ſehr, wie jeder Andere, von den Worten des Greiſes überraſcht, blieb völlig bewegungslos und es zeigte ſich keine Veränderung des Ausdrucks in ſeinen ſtrengen Zügen, obgleich der Redende eine volle Minute ſchwieg, als ſollten ſeine Worte vorher die volle Wirkung hervor⸗ bringen. „Erinnert Euch der Phrophezeiung des Sohnes des Himmels,“ fuhr der Prieſter fort,„als unſere Väter ſich auf ſeinen Rath, ein Menſchenalter vorher, ehe das bleiche Geſicht ſich in dieſem Lande ſehen ließ, zu einem dauernden Bündniß vereinigten. Er ſagte:„„Wenn die weißen Geſichter kommen und Ihr Uneinigkeiten unter Euch ſelber zulaſſet, ſo wer⸗ det Ihr das lange Haus der fünf Nationen niederrei⸗ ßen, den Baum des Friedens abhauen und das Feuer der Rathsverſammlung auf immer auslöſchen.““ Und willſt Du, Bruder der Schlange, dieſe Wolke über Dein Volk bringen? Du ſollſt ſuchen nach dem, der Deines Bruders Blut vergoſſen, bis der Mond wech⸗ ſelt, zunimmt und wieder abnimmt; und dann ſollſt Du kommen vor die Sachems der acht Stämme und beweiſen, daß Du nicht im Stande geweſen, ihn oder einen von ſeinen Verwandten zu finden. Dann ſollen die Sachems ein bleiches Geſicht zum Opfer wählen und es den Tod eines Kriegers durch den Streich des Tomahawk ſterben laſſen. Aber ſie ſollen nicht zaudern, denn Dein Bruder darf nicht länger, als zwei Monde ausgeſchloſſen werden von den Jä⸗ gern, die ihm vorangegangen.— Ich habe ge⸗ ſprochen.“ „Es iſt gut— es iſt gut!“ ſagten alle gegen⸗ wärtigen Indianer, mit Ausnahme eines einzigen; und von ihren Sitzen auſſtehend, hoben ſie ehrerbie⸗ tig ihre Geſetzrolle auf und Einer nach dem Andern ging den Pfad hinunter, der zu der Oeffnung der Schlucht führte. Zehntes Kapitel. Die große kräftige Geſtalt Woodchuck's ging um die Mittagsſtunde langſam die ſteile mittlere Straße von Albany hinauf. Er trug ſeine gewöhnlichen un⸗ förmlichen Kleider des Waldes, hatte ſeine Büchſe auf der Schulter, ſein Beil und ſein Meſſer im Gür⸗ tel. Aber ſein Schritt hatte nicht mehr die leichte Be⸗ weglichkeit früherer Zeiten und ſein Geſicht, welches immer ernſt und geſetzt geweſen, zeigte jetzt einen ſchweren und düſteren Ausdruck. Er war im Ganzen ein ſehr auffallend ausſehender Mann. Obgleich im Innern des Landes gelegen, zeig⸗ ten die Straßen von Albany von Zeit zu Zeit ſo viele fremde Geſtalten verſchiedener Art— Indianer, Neger, Farbige, Spione, Soldaten, Matroſen, Hol⸗ länder, Engländer und Jäger— daß der Wanderer, — 143— ſo ſeltſam auch ſeine Erſcheinung war, ſehr wenig Aufmerkſamkeit erregte. Langſam ging er zu den Tho⸗ ren der Feſtung hinauf und erhielt leicht Zutritt zu dem Manne, welchen er ſuchte. Er fand ihn in ei⸗ nem Caſernenzimmer mit höchſt einfachem Mobiliar und ohne Schmuck oder Verzierungen, die es als die Wohnung eines Mannes von Rang zu erkennen ga⸗ ben. Das kleine Feldbett in einem Winkel des Zim⸗ mers, der einfache tannene Tiſch, der nicht einmal an⸗ geſtrichen war, woran er ſchrieb, die zwei oder drei hölzernen Stühle ohne Lehnen, waren ſo, wie man ſie in einem Lager hätte gebrauchen oder bei einer Ar⸗ mee mit ſich führen können, ohne die Bagage ſehr zu vermehren; doch hatte der junge Edelmann etwas an ſich, was einem Fremden ſogleich zeigte, daß er keinen gewöhnlichen Mann vor ſich ſehe. Er wendete ſeinen Kopf um, als Woodchuck eintrat, und ſobald er ſah, wer es war, nickte er, ſagte:„Spogleich, ſogleich,“ und fuhr zu ſchreiben fort. Kapitain Brooks ſetzte ſich in einiger Entfernung nieder, richtete ſeine Augen zuerſt auf den jungen Soldaten und ſchien ſein Geſicht und ſeine Geſtalt mit großer Sorgfalt zu prüfen. Dann wendete er ſich zu einem andern Manne im Zimmer und prüfte ihn mit derſelben Genauigkeit. Er ſchien ein Invianer zu ſein, wenn man nach ſeiner Geſichtsfarbe und ſeinen Zügen urtheilen durfte; doch war er wie Einer von — 144— der britiſchen Armee gekleidet. Der Jagdrock, den er trug, war nicht der gewöhnliche Gakaah der India⸗ ledernen Gürtel um ſeinen Leib befeſtigt. Er war von der eigenthümlichen Farbe der dürren Blätter, die Männer und Frauen damals ſehr häufig trugen; und auf ſeinem Kopfe hatte er eine ſeltſame Kappe von ungegerbtem Leder, die faſt dieſelbe Farbe hatte. Es war gewiß eine gut gewählte Kleidung, um zur Herbſtzeit den Wanderer durch die Wälder zu verber⸗ gen; aber wie ich ſchon geſagt, war es gewiß ein Indianer, und das lange Haar, wenn gleich raben⸗ ſchwarz, ſo wie der ſchmale Schnurrbart, der ſeine Oberlippe beſchattete, zeigten, daß aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach eine Miſchung von weißem Blute in ſei⸗ nen Adern fließe, wenn es gleich auf der Oberfläche nicht ſichtbor war. Der Mann hatte indeſſen viel von dem unerſchütterlichen Ernſte der Indianer, und ob⸗ ſeines Geſichts und blieb ruhig und ſtatuenartig, ſei⸗ nen Blick auf Lord H. gerichtet, ſtehen. winkte dem Manne, ſich zu nähern und übergab ihn nebſt etwas Geld ſeinen Händen. „Bringt dies dem Herrn Prevoſt,“ ſagte er, ner, ſondern ein Tuchrock mit Aermeln, mit einem * gleich er ſehen mußte, daß er von Woodchuck's Augen ſehr genau beobachtet wurde, ſo verrieth er doch die⸗ ſes Bewußtſein durch keine Bewegung der Muskeln Der Edelmann hatte bald ſeinen Brief beendet, „und ſagt ihm ferner, daß ich morgen vor Anbruch der Nacht bei ihm ſein werde.“ „Warten Sie noch einen Augenblick,“ fiel Wood⸗ chuck ein;„vielleicht habe ich auch noch etwas zu ſa⸗ gen, was einige Veränderung machen wird. Ich denke, es iſt beſſer, wenn der Farbige noch ein wenig draußen wartet.“ „Geht in die Wachſtube hinunter,“ ſagte Lord H., ſich zu dem Manne wendend,„und wartet dort, bis ich Euch rufen laſſe.“ Dann fügte er hinzu, in⸗ dem er Woodchuck mit fragendem Blicke anſah:„Er ſagt mir, er kann Herrn Prevoſt's Haus noch dieſen Abend erreichen, wenn er ſich ſogleich auf den Weg macht.“ „Gewiß kann er das,“ antwortete Woodchuck. „Wenn er der Mann iſt, für den ich ihn halte, ſo kann er in der Zeit noch halb ſo weit wieder zurück⸗ gehen.“ Der Läufer achtete nicht im Geringſten auf die Unterredung in Betreff ſeiner und ſeiner Fähigkeiten, noch auf die Andeutung, daß Kapitain Brooks ihn kenne. „Iſt nicht Euer Name Proctor?“ ſagte Wood⸗ chuck endlich.„Ich vermuthe es, obgleich Ihr älter ausſeht, als da ich Euch zuletzt geſehen.“ Der Andere nickte nur mit dem Kopfe und Wood⸗ chuck fuhr mit einem Grunzen der Zufriedenheit fort: Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 10 — — ꝗů— b — 146— „Das iſt recht, Mylord; er kann ſprechen, ob⸗ gleich er es nur ſelten verſucht. Die indianiſchen Teu⸗ fel ſind ſo ſtill wie Schlangen, aber dieſer Mann übertrifft ſie noch weit. Ich reiſte vor zehn Jahren oder länger etwa zweihundert Meilen mit ihm und hörte auf dem ganzen Wege nur einmal den Ton ſeiner Stimme, und da ſprach er drei Worte und ein halbes und hielt dann inne.“ „Ich weiß, daß er ſprechen kann,“ ſagte Lord H.,„denn er ſagte mir, wie lange er zu der Reiſe brauchen würde. Geht hinunter, Herr Proctor, wie ich Euch geſagt, und wartet in der Wachſtube. Ihr ſollt in einer Minute von mir hören.“ u. e. „Er läuft wie ein Reh,“ ſagte Woodchuck, als der Mann das Zimmer verließ;„er geht einen Trab, der ſeine Beine durchaus nicht zu beläſtigen ſcheint, und Dornen und Büſche, Hügel und Steine, Fel⸗ ſen, Land oder Waſſer, Alles iſt ihm gleich. Ich glaube, er würde über den Hudſon hinwegſetzen, ohne ſich viel darum zu kümmern. Die Indianerf nennen ihn Mungnokah; aber da ſein Vater ein Eng⸗ länder war, ſo nennen ſie ihn Proctor.“ „Aber kann man ſich auf ihn verlaſſen?“ fragten Lord H.„Er wurde mir dringend empfohlen von General Webb, der ihn zu ſchwierigen Dienſten an⸗ wendete.“ — 147— Woodchuck ſann nach. „Webb's Empfehlung iſt nicht viel werth,“ ſagte er endlich;„denn was würde man für ein Wort aus dem Munde eines Mannes geben, der einen tapferen Kameraden fallen und eine wackere Garniſon hinmor⸗ den ließe, ohne einen Schlag zu führen oder einen Schritt zu thun zu ihrem Beiſtande? Aber wenn ich mich recht erinnere, ſo iſt dieſer Proctor der Läufer, dem es gelang, durch Montealm's Armee und alle die wilden Teufel, die bei ihm waren, zu gelangen und Webb die Depeſchen des armen Munro zu über⸗ bringen. Was aus dem Anderen wurde, weiß Nie⸗ mand; aber ich vermuthe, wir könnten ſeinen Scalp finden, wenn wir unter den Huronen wohl nachſuch⸗ ten. Ja, dies muß der Mann ſein, denke ich; und wenn er es iſt, ſo könnten Sie keinen beſſeren fin⸗ den. Auf jeden Fall können Sie ihm trauen, daß ier ſchweigt, und das iſt ſchon etwas für einen Läu⸗ fer. Er würde in zehn Jahren nicht Worte genug zuſammenbringen, um ein Geheimniß zu verrathen, welches Sie bewahrt haben wollten. Und nun, Ge⸗ neral, komme ich zu Ihnen, um zu beſprechen, was zu thun iſt; und ich denke, es iſt beſſer, wenn es geſchieht, ehe dieſer Mann geht. Er wird noch die⸗ ſen Abend zu Prevoſt's Hauſe gelangen, wenn er auch noch zwei Stunden wartet, und ich denke, wir können früher damit zu Ende ſein, denn ich habe die 10* — 148— Sache reiflich überlegt und mich zu meiner Handlungs⸗ weiſe entſchloſſen.“ „Und zu welchem Schluſſe ſind Sie gekommen?“ fragte Lord H. w Brooks blickte auf den Boden nieder, rieb einen Augenblick ſeine Knice mit ſeinen großen Händen, alz zaudere er dem Entſchluſſe, den er nach einem ſchmerf lichen Kampfe gefaßt, die Beſtätigung der ausgeſpro⸗ chenen Worte zu geben. „Es iſt kein ſo angenehmer,“ ſagte er endlich „und ich bin nicht leicht dazu gelangt, Mylord, abe es iſt am Ende der einzige— ja, der einzige. J hatte einen heftigen Kampf mit dem Teufel in de letzten Racht. Aber ich ſchlug ihn männlich im ein⸗ zelnen Kampfe. Er und ich mit einander, und Nie⸗ mand war da, um Einem von uns zu helfen.“ Der junge Edelmann glaubte, daß der Giſ ſeines armen Freundes ein wegig zu wandern beginne und um ihn von dem teufliſchen Kampfe abzubringen wovon er ſprach, wechſelte er plötzlich den Gegenſtan und ſagte: 4 „Ich denke, ich könnte keinen Beſſeren ſchickn als dieſen Proctor?“ „Ich will Ihnen ſagen, wie die Sache iſ Lord H.,“ antwortete Woodchuck;„ich muß ſelbe gehen. Niemand kann Walter Prevoſt retten, al Brooks. Er iſt der Mann, der es thun muß.“ — 149— „Und halten Sie es für möglich?“ fragte Lord H., indem er die große Wahrſcheinlichkeit einſah, daß der Andere von den Indianern gefangen genom⸗ men werde, und doch unſchlüſſig war, ob er ein Wort ſagen ſollte, um ihn von ſeinem Vorhaben ab⸗ zuſchrecken. „Ich halte es für möglich,“ ſagte Woodchuck mit grimmigem Lächeln;„denn ſehen Sie, wenn dieſe Indianer den Mann erhalten, den ſie wollen, ſo dürfen ſie nicht wagen, einen Anderen zu opfern.“ Lord H. ergriff die rauhe Hand des Jägers und ſagte in gefühlvollem Tone: „Sie haben in der That ein edles Herz, Kapi⸗ tain Brooks, wenn ich Sie recht verſtehe, daß ſie ſich den Wilden ausliefern wollen, um Ihren jungen Freund zu retten. Niemand konnte wagen, Ihnen einen ſolchen Vorſchlag zu machen, weil es nicht Ihre Schuld war, daß er in die Hände der Wilden fiel und das Leben Jedermann theuer iſt; aber—“ „Halt, halt, halt!“ rief Woodchuck,„nicht zu ſchnell. Sie haben ſchon zwei oder drei Dinge geſagt, die einer Antwort bedürfen. Das Leben iſt Jedermann theuer; und ich ſelber bin ein ſolcher Thor, daß ich viel lieber unter dieſem Rauch und Schmutz, unter dieſen öden Häuſern und unzähligen Schurken fortleben mochte, als dorthin gehen und mich mit dem Tomahawk erſchlagen laſſen, was am Ende nur 3 — die Sache eines Augenblicks iſt; denn die Indianer gehen raſch dabei zu Werke und thun es vollſtändig. Dennoch hängt man immer an der Hoffnung; und ſo denke ich, wenn ich dorthin kommen kann unter die Wälder und Fußpfade, die ich ſo gut kenne, werde ich vielleicht Mittel finden, den armen Jungen zu retten und mein eigenes Leben dazu; und wemn ich es kann, will ich es thun, denn ich will mein Leben nicht wie einem falſchen Schilling wegwerfen, Aber wenn ich es nicht kann, ſo will ich wenigſtens ſein Leben retten, es koſte was es wolle. Ich werde bald die ganze Sache erfahren, wenn ich dorthin komme, denn die Indianerinnen ſind alle gutherzigen Geſchöpfe; und wenn ich einer derſelben habhaft wer⸗ den kann, ſoll ſie mir ſchon herausbringen, wo der Knabe iſt, und wann das Opfer ſtattfinden ſoll. Die Indianer gehen bei dieſen Dingen ſo ganz in der Ordnung zu Werke, als wenn es eine Gerichtsver⸗ handlung wäre. Sie werden Nichts in der Eile thun, und da habe ich Zeit, mich umzuſehen und zu ent⸗ ſcheiden, was ſich thun läßt, ohne inzwiſchen Wal⸗ ter's Leben auf's Spiel zu ſetzen. Dann, ſehen Sis, Mylord, habe ich dieſen großen Vortheil, ich werde wieder in den ſchönen Wäldern umherwandern kön⸗ nen. Bis zu der Zeit wird der Schnee gefallen ſein, und meiner Meinung nach giebt es keine Jahreszeit wo die Wälder ſo gut ausſehen und die Luft ſo friſch — 151— und frei iſt, wie an einem Wintertage, wo der Bo⸗ den ganz weiß und jede Ranke und jeder Dornſtrauch einer Schneeguirlande gleicht und die großen mächti⸗ gen Tannen und Fichten ſich wie ſchwarze Rieſen um⸗ her erheben. Einige lieben den Winter im Walde nicht; aber ich könnte immerfort im Schlitten im Walde umherfahren. Der Monat in den Wäldern, wenn ich nicht früher pefangen genommen werde, würde mehr werth ſein, als ein ganzes Jahr an dieſem öden und ſchmutzigen Orte oder in irgend einer an⸗ dern Stadt; denn ich denke, Albany iſt ſo gut wie die meiſten anderen und vielleicht noch beſſer.“ „Aber ich fürchte, daß im Winter Ihr Plan, Nachricht zu erhalten, nicht wohl gelingen würde,“ ſagte Lord H.„Für's Erſte werden die indianiſchen Frauen ſich nicht weit von ihren Wigwams entfernen, und unter dieſe werden Sie ſich wohl ſchwerlich wa⸗ gen wollen; für's Zweite würde man Ihre Spuren in dem Schnee bald entdecken; denn man ſagt mir, daß dieſe Indianer ſehr liſtige und beharrliche Jäger ſind und jeder Spur, die ſie finden, meilenweit folgen.“ „Ich habe ſchon früher einen Indianer verfolgt,“ ſagte Kapitain Brooks mit einem Blicke, worin ſich einige Wichtigkeit ausdrückte,„und auch im Schnee. Ich habe noch die Schneeſchuhe, die ich damals trug. Ich kann mit meinen Schneeſchuhen gehen, wie ich — 152— will, ſo brachte ich ſie zu dem Glauben, daß ich öſtlich gehe, während ich weſtlich ging. Zuweilen hatte ich die Schuhe recht und zuweilen unrecht an, daß ſie Nichts daraus machen konnten. Und ſie den⸗ ken noch— denn ſie ſind zuweilen ſo einfältig wie Kinder— daß der Teufel mir hie und da geholfen haben muß; denn wenn ich an eine Stelle kam, wo die Bäume dichter wurden, ſo daß die Aeſte einander berührten, da ergriff ich einen derſelben und kletterte von einem Baum zum andern, wie ein Bär oder ein Eichhörnchen, zuweilen zwei⸗ oder dreihundert Schritte weit, ehe ich wieder herunter kam. Ich ſah einſt eine Anzahl von ihnen auf einem Fußwege, und als ſie zu der Stelle kamen, wo die Spuren aufhörten, ſtanden ſie mit ihren Büchſen in den Händen da und ſtarrten zu dem Baume hinauf, als wenn ſie ſich nach einem Panther umſähen; aber ich war hundert Schritte oder weiter entfernt und ganz von der geraden Linie ab. Was dann die Frauen betrifft, darüber habe ich auch nachgedacht und einen Plan entworfen, wie ich einige von ihnen habhaft werden kann. Jetzt will ich Ihnen etwas ſehr Seltſames erzählen, Mylord. Sie haben vermuthlich von Freimaurern gehört?“ Lord H. nickte lächelnd mit dem Kopfe und Woodchuck fuhr fort: „Es giebt auch unter den Indianern Freimaurer — das heißt, nicht gerade eigentliche Freimaurer, aber — 153— was auf daſſelbe herauskommt: Leute, die ein Ge⸗ heimniß beſitzen und die verbunden ſind, einander im Guten wie im Böſen, in Gottes oder des Teufels Namen, gegen ihre eigene Nation, ihren Stamme oder ihre Familie zu helfen, und die vermöge irgend einer Teufelei nicht wagen zu verweigern, was ein Bruder von ihnen fordert, und wenn es ihre Seele koſtete. Es liegt dem ein Aberglaube zum Grunde, und es iſt ſehr ſeltſam, aber es iſt dennoch ſo.“ Während er ſprach, öffnete er ſeinen Rock, zog ſeinen Arm aus dem Aermel und zeigte über dem Ellenbogen eine kleine blaue Linie, die auf der brau⸗ nen Haut tättowirt war. „Hier,“ ſagte er, dies iſt das Zeichen!“ „Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie ein Mit⸗ glied dieſer entſetzlichen Verbindung ſind?“ fragte Lord H. mit ernſtem Blicke. „Das nicht gerade,“ antwortete Woodchuck; „und ob es eine entſetzliche Verbindung iſt oder nicht, kommt darauf an, wie man ſie anwendet. Sie kann zum Böſen wie zum Guten angewendet werden, und es ſind viele gute Männer unter ihnen. Ich bin halb und halb ein Mitglied derſelben; und ich ſage es Ihnen, wie es geſchehen iſt. Ich ging einſt im Win⸗ ter in die Wälder, um zu jagen an einer Stelle, wo eine warme Quelle floß, die den Schnee ſchmolz und das Gras friſch erhielt; und das Wild kam dort⸗ hin, um zu trinken und zugleich auch um zu eſſen. Sobald ich dorthin kam, bemerkte ich, daß mir Je⸗ mand zuvorgekommen war, denn ich wurde rings umher Fußſpuren gewahr und eine Art von Stall im Schnee für das Wild, wie die Jäger zuweilen errichten, um eine Anzahl zuſammenzubringen und ſie niederzuſchießen, wenn ſie ſich dort verſammeln. Es waren auch Mooſethierſpuren zu ſehen und einiges Blut auf dem Schnee. Darum dachte ich, die In⸗ dianer hätten einige davon getödtet und die Uebrigen fortgejagt. „Ich ging auf einen anderen Fußweg zurück, als ich einen Greis, an einen Baumſtamm gelehnt, ſo ſtill liegen ſah, als wäre er eine Leiche geweſen, und ich würde auch geglaubt haben, daß er todt ſei, wie ein Stein, hätte ich nicht bemerkt, daß ſeine ſchimmernden Augen ſich bewegten, als ich vorüber⸗ kam. Er ſagte kein Wort und wäre lieber dort lie⸗ gen geblieben und vollends geſtorben, als daß er um Hülfe gerufen. Aber ich ging zu ihm und bemerkte, daß ein Mooſethier den alten Kerl an Bruſt und Schultern verwundet habe. So erbaute ich eine kleine Hütte von Zweigen für ihn, bedeckte ſie mit Schnee und machte ſie ganz dicht und warm. Ich trug ihn hinein und ſorgte für ihn, und da ich mit Lebens⸗ mitteln, mit gedörrtem Mais, geräuchertem Fleiſch und dergleichen, wohl verſehen war, ſo theilte ich ſie — 155— mit ihm. Ich konnte das arme alte Geſchöpf nicht dort ſterben laſſen, Mylord, und ſo blieb ich die ganze Zeit über bei ihm und wir erhielten während der Zeit vortreffliches Wildpret und endlich nach Ver⸗ lauf von fünf Wochen war er wohl genug, um zu gehen. Während der Zeit waren wir ſehr gute Freunde geworden und ich ging mit ihm in ſeine Hütte hin⸗ unter und brachte den Reſt des Winters bei ihm zu. Ich hatte oft genug eine blaue tättowirte Linie auf ſeinem Arme bemerkt und bald ſagte er Dies bald Jenes darüber; denn dieſe Indianer lügen wie Papa⸗ geien. Endlich aber ſagte er, er wolle eine Linie auf meinen Arm tättowiren; und als er es gethan, ſagte er mir, dies ſei der beſte Dienſt, den er mir hätte leiſten können. Er ſagte, wenn ich je einem von den fünf Nationen begegnete, der ſo tättowirt ſei und ein Wort ausſpreche, welches er mir vorſagte, ſo würde er mir ſelbſt gegen ſeinen eigenen Vater hel⸗ fen. Er ſagte mir etwas von ihnen und ihrer Klaſſe, aber Alles wollte er mir nicht ſagen. „Ich war damals noch ein ganz junger Burſche und der alte Mann ſtarb im nächſten Jahr, denn ich beſuchte ihn und fand ihn gerade in den letzten Zü⸗ gen. Ich habe ſeitdem viel von anderen Indianern über dieſe Leute gehört, vor welchen ſie eine große Furcht haben und die ſie die Kinder des Teufels nen⸗ nen; darum trage ich Sorge, mein Teufelszeichen nicht vor ihnen zu zeigen und habe nicht eher als jetzt Gelegenheit gehabt, Gebrauch davon zu machen.“ „Wie wird es Ihnen jetzt nützen können?“ fragte Lord H., der die Unterſtützung ſolcher Män⸗ ner durchaus nicht wünſchte. „Wenn ich nur einen von ihnen auf einen Au⸗ genblick zu ſprechen bekommen kann,“ verſetzte Wood⸗ chuck,„ſo werde ich im Stande ſein, eine Bande von den einzigen Männern zu Stande zu bringen, die dem Aberglauben ihres Volkes entgegentreten und mir helfen werden, den armen Jungen in Freiheit zu ſetzen; und ſie werden es thun, ob ſie nun Schild⸗ kröten, Bären, Wölfe, Schnepfen oder Hirſche ſein mögen.“ 110. „Was— was?“ rief Lord H. im äußerſten Erſtaunen.„Ich verſtehe nicht, was Sie meinen.“ „Es ſind nur die Namen ihrer Stämme, My⸗ lord,“ antwortete Brooks.„Dieſe Indianer ſind ein ſeltſames Volk. Sie dürfen ſie nicht wie andere Leute beurtheilen; und dieſes ſind die einzigen Geſchöpfe un⸗ ter ihnen, die ich bewegen könnte, mir zu helfen, wenn ihre Gewohnheiten mit den meinigen ſtreiten ſollten. Wenn ich ſelber auch etwas zu thun vermag, ſo bin ich doch nicht im Stande, Alles zu thun. Wenn ich den Burſchen aus der Höhle, wo ſie ihn ohne Zweifel verborgen haben, hervorziehen ſoll, ſo muß ich vorher entdecken, wo dieſelbe iſt und mich —- 157— überzeugen, daß man uns ſpäter nicht folgt und ein⸗ holt. Ich möchte gern mein Leben retten, Mylord,“ fuhr er fort, indem er faſt mit flehendem Blicke zu dem Geſichte des Anderen aufſah.„Ich denke, ein Menſch hat ein Recht dazu, wenn er es kann.“ 4„Gewiß,“ verſetzte Lord H.;„die Liebe zum Leben iſt uns von Gott ſelber eingepflanzt worden, und Alles, was unſer Vaterland oder unſere Mit⸗ menſchen von uns erwarten können, iſt die Bereit⸗ willigkeit, es aufzuopfern, wenn die Pflicht uns dazu auffordert. Aber iibe mein guter Freund, habe ich Ihnen einen andern Plan vorz zuſchlagen. Es iſt wahrſcheinlich, daß die Feindſeligkeiten für dieſes Jahr aufgehört haben, und ſeitdem ich Sie geſtern Abend geſehen, iſt mir eine kleine Anzahl Spione, die wir, wie Sie wiſſen, immer im Solde haben, zu denſel⸗ ben Zwecken, die wir im Auge haben, zur Verfü⸗ gung geſtellt worden. Sie ſind Alle mit der Kriegs⸗ führung im Walde, mit den indianiſchen Gewohnhei⸗ ten, ſowie mit der Kunſt, einem Feinde oder Freund nachzuſpüren bekannt. Würde es nicht beſſer für Sie ſein, dieſe ſechs Männer mitzunehmen, um Sie im Nothfall zu unterſtützen? Ihr eigenes Leben würde auf jeden Fall ſicherer ſein.“ „Ich denke nicht,“ antwortete Weodchuck ſin⸗ nend;„ſie könnten mir läſtig werden. Nein, My⸗ lord, ich will lieber allein gehen. Ich kann Ihnen nur gerade heraus ſagen, ich habe mich entſchloſſen, mein Leben zu verlieren oder den Burſchen zu retten. Der Teufel wollte mir freilich vorſpiegeln, es wäre nicht meine Schuld, daß er gefangen genommen wor⸗ den ſeiz daß mein Leben ebenſo viel werth für mich ſei, als das ſeine für ihn und noch viel mehr. Da ich aber wußte, daß es Nichts nützen würde, mit je⸗ nem Herrn zu unterhandeln, ſo ſagte ich: Peter Brooks, es iſt Deine Schuld; denn wenn Du den Indianer nicht erſchoſſen hätteſt, ſo wäre Walter nim⸗ mermehr gefangen genommen worden. Dein Leben iſt nicht ſo viel werth für Dich oder irgend ſonſt Je⸗ mand, wie das ſeine für ihn, und die ganze Welt. Er iſt noch ein junger Burſche und hat noch manches glückliche Jahr vor ſich. Du wirſt das funfzigſte Jahr nicht wieder ſehen; und was iſt das Ende Dei⸗ nes Lebens für irgend Jemand werth?„„Keinen Stü⸗ ber,““ antwortete das Gewiſſen; und ſo entſchloß ich mich zu gehen. Einige von dieſen Spionen ſind frei⸗ lich wackere Kerle und könnten mir ſehr gut beiſtehen, wenn ich ein Mal mitten in der Sache bin. Aber ſieben Männer können nicht zugleich in das Gebiet der Oneidas gehen, ohne entdeckt zu werden. Ich will Ihnen was ſagen, Mylord, wenn Sie mir erlauben wollen, ſie einzeln an verſchiedenen Orten anzuſtellen und ſie ſich nach einander auf das Gebiet begeben, ſo können ſie mir gute Dienſte leiſten, ohne entdeckt zu werden.“ — 159— „Wird es nicht gefährlich ſein, Ihre Macht zu theilen?“ fragte Lord H. „Wenn man mit dem indianiſchen Volke zu thun hat, muß man ſich nach den Gewohnheiten deſſelben richten,“ antwortete Woodchuck.„Aber ich denke, Sie verſtehen die Sache nicht, Mylord. Sie ſehen, wir Engländer haben in einem großen Theile dieſes india⸗ niſchen Gebietes an den Ufern des Ontarioſee hie und da eine kleine Feſtung erbaut, wo ſie im letzten Jahre in Oswego eine tranrige Verheerung anrichteten. Wenn ich nun dieſe Spione auf den verſchiedenen Poſten ſo nahe wie möglich bei dem Oneidaſee unterbringe, ſo dürfen ſie nur ihre Hand ausſtrecken, um zu helfen, wenn ſie aufgefordert werden. Sie werden ganz be⸗ quem einzeln in das Gebiet gelangen können, denn ich weiß wohl, daß einige von den Indianern einen Groll auf Walter haben und ſich wahrſcheinlich nicht nach Jemand anders anſtatt ſeiner umſehen werden. Wenn ſie mich gefangen nehmen, werden ſie genöthigt ſein, mich zu behalten. Wenn die Spione alle zu⸗ ſammen gehen, würden ſie ſie aufhalten, denn ihre Anzahl würde ihnen nicht gefallen; aber einzeln wer⸗ den ſie ſchon durchkommen, wenn ſie ihre Sache ver⸗ ſtehen, was ſich vorausſetzen läßt.“ „Ich ſehe jetzt Ihren Plan ein,“ ſagte Lord H.„und vielleicht haben Sie Recht. Sie können ſie ſehr ſchnell auf einem Punkt zuſammenbringen. Man — 160— ſoll ſie herbeirufen und ſie heute noch unter Ihren Befehl ſtellen.“ „Es iſt unnöthig,“ antwortete Woodchuck;„die Spione laſſen ſich nicht gerne befehlenz und wenn ſie nicht gutwillig helfen, iſt es beſſer, ſie helfen gar nicht. Sagen Sie ihnen nur, was ich vorhabe. Theilen Sie ihnen mit, daß das Leben eines jungen Mannes auf dem Spiele ſteht, und ſie werden ſich ſchon anſtrengen, wenn ſie etwas werth ſind. Und nun, M Nylord, rufen Sie jenen Proctor herein und ſchicken Sie ihn zu Herrn Prevoſt's Hauſe ab. Ru⸗ fen Sie ihn hier herein. Ich möchte dieſes große Pulverhorn mitſchicken, obgleich es zweiſelhaft iſt, ob dem Manne ſo viel Worte zu Gebote ſtehen, um zu ſagen, von wem es kommt; und doch muß er es auf die eine oder die andere Weiſe ausrichten.“ „Ich kann es morgen ſelber mitnehmen,“ ſagte Lord H. Aber Woodchuck ſchüttelte den Kopf. „Das wird nicht gehen,“ ſagte er mit ſchlauem Blicke;„der Läufer muß es mitnehmen. Er wird es Prevoſt vor ſeinen Negern ſagen, und die Neger werden es den Indianern ſagen, die ſich dort umher⸗ treiben; und ſo wird es bekannt werden, daß ich das Jagdrevier verlaſſen habe, um ſo leichter werde ich das Gebiet betreten können. Denken Sie immer an Alles, wenn es möglich iſt; und wenn Sie dazu — 161— nicht im Stande ſind, denken Sie wenigſtens an ſo Vieles, wie möglich. Ein Jägerleben macht uns ſehr vorſichtig.“ Lord H. rief die Leute herbei, und ſeinen Hän⸗ den wurde das Pulverhorn überliefert mit einer Bot⸗ ſchaft an Herrn Prevoſt, welche Woodchuck mehrmals wiederholte und ihn warnte Nichts zu vergeſſen. „Sagt ihm, ich habe es an dem unglücklichen Tage, als ich den Indianer erſchoſſen, mitgenommen,“ ſagte Woodehuck;„und ich möchte nicht behalten, was nicht mein Eigenthum iſt. Es iſt beinahe ſo gut wie ein Diebſtahl, wenn auch nicht ganz ſo. Hier, Proctor, Ihr werdet ſchon Worte genug finden um ſo viel zu ſagen, nicht wahr?“ Der Mann nickte mit dem Kopfe und wendete ſich dann zur Thür, ohne weitere Antwort zu geben, begann ſchon ſeinen eigenthümlichen Trab, ehe er noch die Treppe erreichte, und hielt nicht eher an, als bis er vor dem Hauſe des Herrn Prevoſt ankam. Inzwiſchen bewog Lord H. Kapitain Brooks, dazubleiben und an ſeinem frugalen Mittagsmahle Theil zu nehmen, während die Spione zuſammenge⸗ rufen und in die Feſtung gebracht wurden. Sie ka⸗ men etwa um zwei Uhr, theilweiſe vorbereitet auf das, was folgen ſollte. In der kleinen Stadt Albany war ein Abenteuer, wie es Walter Prevoſt begegnet war, von zu großem Intereſſe, um nicht von Haus zu Ticonderoga zc. 2. Bd. 11 — 162— Haus verbreitet und an jedem Kamin erzählt zu wer⸗ den. Die meiſten von den Männern, die an beſtän⸗ dige Handlung und an Unternehmungen verſchiedener Art ſich gewöhnt hatten, waren ſehr bereit zu gehen bei der Ausſicht auf eine reichliche Belohnung. Sit hatten ihr Leben zu oft auf's Spiel geſetzt, mancher⸗ lei Gefahren und Schwierigkeiten ausgeſtanden, daß das Daſein ohne Thätigkeit eine Laſt für ſie wurde. Jeder beſaß wahrſcheinlich ſeinen beſonderen Eigennutz, aber nur Einer, bei dem er die Form der Habſucht angenommen hatte, hielt es für gut zu fragen, wel⸗ ches außer der Beſoldung für dieſen nicht bedungenen Dienſt ſeine Belohnung ſein werde. „Ihr werdet gar keine Belohnung erhalten,“ antwortete Woodchuck, der dem Lord H. zuvorkam. „Ich will Euch gar nicht bei mir haben. Der Mann, welcher verſucht einen Handel zu machen, wenn das Leben eines wackern Burſchen auf dem Spiele ſteht, i*ſt nicht fähig, die Gefahr mit uns zu theilen. Geht und ſtrickt Unterröcke; Ihr werdet vielleicht einen Dol⸗ lar für das Stück bekommen. Das iſt die rechte Winterarbeit für Euch.“ Darauf ſchritt der Mann trotzig aus dem Zim⸗ mer und die Angelegenheit mit ſeinen Kameraden war bald geordnet. Die Art ihres Eintritts in das Onei⸗ dagebiet, die verſchiedenen Wege, die ſie einſchlagen. und die Punkte, wo ſie anhalten ſollten, bis man ſie herbeirufen werde— dies Alles wurde mit mili⸗ tairiſcher Geſchicklichkeit von Woodchuck angeordnet. Der junge Edelmann, welcher zugegen war, hatte nur zuzuhören und Briefe an die Officiere der ver⸗ ſchiedenen Poſten mitzugeben. Aber er hörte aufmerk⸗ ſam und mit Befriedigung zu; denn fein Geiſt war ſtets bereit, die Erfahrung Anderer zu benutzen; und die Einſicht in die Gewohnheiten des neuen Volkes, unter welchem er lebte, hätte auch für Andere, wie für ihn, höchſt nützlich ſein können, wenn nicht zu jener Zeit, und noch viele Jahre ſpäter, unter den älteren Officieren der britiſchen Armee eine gewiſſe Pe⸗ danterie, die ſie verhinderte, ihre Tactik auf die neue Lage anzuwenden, auf der ſie ſich befanden, vorherrſchte. Wolfe war eine glänzende Ausnahme— aber Wolfe war ein junger Mann, der beim Anbruch ei⸗ nes beſſern Tages kam; und ſelbſt wenn es nicht ſo geweſen wäre, iſt es wahrſcheinlich, daß fein Geiſt, gleich dem Wellington's, ihm gezeigt haben würde, daß er mehr geboren ſei, Regeln zu machen, als zu beobachten. Sobald die Spione fort waren, ſtand Wood⸗ chuck auf, um ſich ebenfalls zu entfernen, und als Lord H. ihm mit Wärme die Hand drückte, ſagte der gute Mann im Tone mächtigen Gefühls: 41 164— „Ich danke Ihnen, Mylord, für alle Ihre Freundlichkeit. Es wird Ihnen lieb ſein zu erfahren, daß ich mich ſehr glücklich fühle, und ich will Ihnen ſagen, warum. Ich bin im Begriff, etwas zu thun — und zwar meine Pflicht zu thun.“ Elftes Kapitel. „Es iſt Licht auf der Burg, mein Herr,“ ſagte einer von den Dienern Sir William Johnſon's, in das Zimmer tretend, wo dieſer mit Herrn Prevoſt ſaß;„es kommt von dem großen Hofplatze.“ „Da ſind ſie ungeknuneno. ſagte der Officier, ſich zu ſeinem Gaſte wendend;„wir wollen uns ſo⸗ gleich auf den Weg machen. Sind die Pferde ge⸗ ſattelt?“ „Man hat ſie ſeit dem Morgen bereit gehalten, mein Herr,“ entgegnete der Diener, an den die letzten Worte gerichtet waren. „Es iſt ſeltſam,“ ſagte Herr Prevoſt, als er ſeinem Wirthe zu der Thür des Zimmers folgte, „daß der Neger, den ich abſchickte, um Editha die Urſache meines Ausbleibens anzuzeigen, noch nicht — 166— zurückgekehrt iſt, wie ich ihm ſagte. Er hätte ſchon vor vier Stunden hier ſein können und ich werde ein wenig ängſtlich.“ „Dazu iſt noch kein Grund vorhanden!“ verſetzte Sir William.„Zwei oder drei Jahre des Waldle⸗ bens ſind noch nicht genug, mein lieber Freund, um einen Mann an alle Zufälle und Unbequemlichkeiten zu gewöhnen, die ihm begegnen müſſen, und die erſte ernſtliche Gefahr erſchüttert ſo ſeine Nerven, daß ſie bei jeder Kleinigkeit erbeben. Der Mann kann mit ſeinem Pferde geſtürzt ſein oder er kann eine Flaſche Branntwein mitgenommen und ſich betrunken haben, er kann den Weg verfehlt oder ſich zu ſpät auf den Weg gemacht haben. Zwiſchen dieſem Hauſe und dem Ihrigen iſt Raum genug zu allen möglichen Zufälligkeiten. Laſſen Sie uns nicht ungewiſſen Ue⸗ beln entgegenſehen, während uns wirkliche Uebel ge⸗ nug umgeben.“ „Freilich, wirkliche Uebel genng!“ rief Herr Prevoſt mit einem tiefen Seufzer. Einen Augenblick ſpäter erreichten ſie die Ställe, aus welchen die Pferde herausgeführt wurden, welche ſie beſtiegen und ſich, von einer kleinen Abtheilung zu Pferde und zu Fuß begleitet, auf den Weg machten denn wenn Sir William gleich die Einfachheit einet Indianers affectirte, ſo war es ihm doch durchauf nicht zuwider, ein wenig Pomp und Würde bei ſei — 167— nem Verkehr mit ſeinen rothen Bundesgenoſſen zu zeigen. Es giebt eine gewiſſe Art des Stolzes, die ſich in Demuth kleidet; und ohne im Geringſten be⸗ haupten zu wollen, daß jener erwähnte bedeutende Mann den indianiſchen Häuptlingen fühlbar zu ma⸗ chen wünſchte, daß ſeine Annahme ihrer Sitten eine Herablaſſung ſei, ſo iſt es doch gewiß, daß er es von Zeit zu Zeit— vielleicht aus guten Gründen der Politik— für zweckdienlich hielt, mit ſeiner Macht und ſeinem Anſehen zu prunken. Die Nacht war außerordentlich dunkel. Der Mond ging jetzt zu einer ſehr ſpäten Stunde auf und düſtere Wolken verbargen die Sterne vor den Bewoh⸗ nern der Erde. In einer ſolchen Nacht und unter ſolchen Umſtänden iſt die Phantaſie ſelbſt muthiger Männer geneigt, ſich Täuſchungen hinzugebenz und als das Auge des Herrn Prevoſt umherwanderte, ſchienen düſtere Geſtalten gleich Geſpenſtern über die Maisfelder, deren Gewächſe an vielen Stellen bereits abgeſchnitten aber noch nicht eingeerntet waren, dahin⸗ zuſchweben. Da er ſich nicht überzeugt hielt, ob die Phantaſie ihn täuſche oder nicht, ſo machte er keine Bemerkung und Sir William Johnſon ſchwieg auch eine Zeit lang; aber endlich ſagte der Letztere: „Unſere guten Freunde ſcheinen in großer Anzahl kommen zu wollen, wahrſcheinlich in Folge meiner dringenden Aufforderung. Nun ſein Sie ruhig, Pre⸗ — 168— voſt und haben Sie Geduld mit ihrer kalten phleg⸗ matiſchen Art; denn dieſe Leute empfinden oft die leb⸗ hafteſte Theilnahme und dienen ihren Freunden am beſten, wenn ſie am kälteſten und gleichgültigſten ſcheinen.“ Herr Prevoſt fühlte bereits, wie ſchwierig es ſei, jenen Gleichmuth zu behaupten, den er in der Theo⸗ rie an einem Indianer ſo hoch ſchätzte, und wornach er ſelbſt eifrigſt ſtrebte, obgleich er ihn ſelten zu er⸗ reichen vermochte. Er verſprach indeſſen, Sir William Johnſon die Leitung einer Verhandlung mit den Häuptlingen der Mohawks und Onondogas zu überlaſ⸗ ſen, welche jener Officier zu dem Zwecke veranlaßt hatte, um die beiden mächtigſten Stämme der Irokeſen zu bewegen, ſich für Walter zu verwenden und ihm das Schickſal zu erſparen, welches ihm drohte. Durch das Thor der Burg traten die beiden Herren in den großen Schloßhof, der bei dieſer Ge⸗ legenheit ganz verlaſſen war, denn das Wetter war jetzt kalt genug, um ſelbſt für einen Indianer einigen Schutz wünſchenswerth zu machen. Aus der offenen Thür der großen Halle, die faſt das ganze Gebäude einnahm, drang ein Lichtſchimmer hervor und hier fanden Sir William Johnſon und ſein Begleiter beim Eintreten eine Anzahl der Häuptlinge der Mohawks und Onondagas verſammelt, welche ernſthaft im Halb⸗ kreiſe um das Feuer ſaßen. Alle waren in ihre — 469— Feuergewänder gekleidet, und hell glänzend waren die Farben, die ſich an den Kleidern und dem Schmuck der rothen Männer zeigten; da dies aber eine fried⸗ liche Verſammlung ſein ſollte, ſo waren ihre Geſich⸗ ter nicht bemalt und die Sealplocke unter der glän⸗ zenden und anmuthigen Gostoweh oder Mütze verbor⸗ gen, und an Vielen derſelben zeigte ſich die weiße Feder, wodurch ſich die großen Häuptlinge auszeichne⸗ ten, ſeitdem die Federn des berühmten weißen Vogels des Himmels nicht mehr zu haben waren. Allle ſtanden mit ruhiger, angeborner Würde auf, als der indianiſche Agent und ſein Begleiter eintraten, und ein Gemurmel des Glückwunſches ver⸗ breitete ſich rund im Kreiſe, während Sir William und Herr Prevoſt ſich auf zwei große Stühle nieder⸗ ſetzten. „Dies iſt unſer Bruder,“ ſagte Sir William Johnſon, auf Herrn Prevoſt deutend. „Ja, er iſt unſer Bruder!“ riefen die indianiſchen Häuptlinge. König Hendrick in ſeinem himmelblauen Rocke, den ihm der regierende Monarch von England geſchenkt hatte, näherte ſich dann Herrn Prevoſt, faßte ſeine Hand und ſagte im Tone freundlicher Theilnahme und in engliſcher Sprache: 1„Unſer Bruder iſt traurig. Er wolle ſich trö⸗ en.“ — 170— Dann ſetzte er ſich nieder und der Attotarho oder der große Häuptling des ganzen Bundes, ein Amt, welches erblich der Häuptling des Onondaga⸗ ſtammes vom Zeichen des Bären bekleidete, näherte ſich Herrn Prevoſt und ſprach dieſelben Worte in der Irokeſenſprache aus, wodurch er deutlich zeigte, daß den indianiſchen Anführern der Zweck der Zuſammen⸗ kunft bekannt ſei. Als Alle ſich wieder ringsum geordnet hatten, erfolgte ein Schweigen von einigen Minuten. Es war ſchmerzlich für Herrn Prevoſt; denn Niemand, der nicht häufig mit Indianern verkehrt hat, kann die mächtige Wirkung ihrer außerordentlichen Stille bei ernſten Gelegenheiten begreifen. Endlich ſagte der Attotarho, indem er ſich zu ſeiner vollen Höhe erhob, die man faſt rieſenhaft nen⸗ nen konnte: „Unſer Vater hat uns rufen laſſen, und wir ſind gehorſame Kinder. Wir ſind hier, um ſeine lieblichen Worte anzuhören und ſeinen Willen zu ver⸗ nehmen.“ Dann erzählte Sir William Johnſon in einer kräftigen und ſchönen Rede, voll von der figürlichen Sprache der Indianer, die Ereigniſſe, die ſich in der Familie des Herrn Prevoſt zugetragen und ihn ver⸗ anlaßt hatten, Rath und Beiſtand bei ihnen zu ſu— chen. Er ſtellte ſeinen Freund als einen alten Baum — 171— dar, von dem der Blitz einen Aſt heruntergeſchmettert; er verſuchte ſeinen troſtloſen Zuſtand zu ſchildern und erzählte die Geſchichte von einem Panther, dem ein Wolf eins von ſeinen Jungen geraubt und der es wie⸗ der erhalten, indem er bei dem Bären und dem Hirſche Beiſtand geſucht.„Der Panther war ſtark genug,“ ſagte er,„mit Hülfe des Löwen ſein Junges dem Wolfe wieder abzunehmen und den Wolf in Stücke zu zerreißen; aber der Wolf war mit dem Bären und dem Hirſche verwandt und darum hielt ſich der Pan⸗ ther zurück.“ „Aber der Bär iſt langſam und der Hirſch iſt nicht ſtark, wenn er gegen ſeine Verwandten geht,“ ſagte der Attotarho bedeutungsvoll;„und der Löwe wird nimmermehr gegen ſeine Bundesgenoſſen Krieg führen.“ „Verhüte der Himmel, daß es nöthig ſein ſollte!“ rief Sir William,„aber der Löwe muß an ſeine Kinder denken und der Panther iſt ſein Sohn.“ Der arme Herr Prevoſt blieb in einem Zuſtande ſchmerzlicher Aengſtlichkeit, während die Verhandlung dieſe Richtung nahm und den Gegenſtand zu umgehen ſchien, indem er keine Andeutung von der Abſicht der Häuptlinge, ihm beizuſtehn, erhielt; denn wenn gleich die Bilder ſehr nützlich ſein mögen, um die Meinung eines Redners auszudrücken, ſo ſind ſie oft auch eben⸗ ſo nützlich ſie zu verbergen. — 172— Endlich konnte er es nicht länger ertragen, und ſein Verſprechen, welches er Sir William Johnſon gegeben, vergeſſend, ſprang er auf, indem das Ge⸗ fühl eines Vaters in ſeinem Herzen mächtig wurde, und wendete ſich geradezu in ihrer eigenen Sprache, deren er völlig Herr war, an die Indianer, doch in einem anderen Style der Beredtſamkeit, als ſie anzu⸗ wenden pflegten, der aber eben deshalb um ſo auf⸗ fallender und eindringlicher war. „Mein Kind!“ rief er lebhaft,„gebt mir mein Kind zurück! Wer iſt der Mann unter den fünf Na⸗ tionen, dem er etwas zu Leide gethan hat?. Wo iſt der Mann, dem er Freundlichkeit oder Beiſtand ver⸗ weigert hat? Wann iſt ſeine Thür für den wandern⸗ den rothen Mann geſchloſſen geweſen? Wann hat er ihm einen Antheil an ſeiner Nahrung oder an ſeinem Feuer verweigert? Iſt er nicht Euer Bruder und der Sohn Eures Bruders? Haben wir nicht die Frie⸗ denspfeife mit einander geraucht? Und iſt dieſer Friede je von uns verletzt worden? Ich kam innerhalb der Mauern Eures langen Hauſes und vertraute der Treue und Gaſtfreundſchaft der fünf Nationen. Ich baute meine Hütte unter Euch in vollem Vertrauen auf Eure Treue und Eure Freundſchaft. Soll mein Heerd verlaſſen ſein, ſoll mein Herz herausgeriſſen werden, weil ich der Wahrheit und Ehre der Mohawks ver⸗ traute, ſo wie dem Schutze und den Verheißungen — 173— der Onondag s, weil ich nicht glauben wollte den Liedeen der Singvögel, welche ſagten:„„Sie wol⸗ len Deine Kinder vor Deinen Augen erſchlagen?““ Wenn ein Fehler oder Vergehen an mir iſt oder an den Meinigen gegen den rothen Mann von irgend einem der Stämme— wenn wir etwas von ihm ge⸗ nommen haben— wenn wir falſche Worte in ſein Ohr geflüſtert haben— wenn wir ihm etwas ver⸗ weigert haben, was er zu verlangen ein Recht hatte — wenn wir irgend eines Mannes Blut vergoſſen haben— ſo erſchlagt mich; haut den alten Baum an der Wurzel ab, laßt aber den Schößling ſtehen. Wenn wir gerecht und aufrichtig— wenn wir freund⸗ ſchaftlich und gaſtfrei— wenn wir treu und wahr gegen Euch geweſen ſind— wenn wir keines Men⸗ ſchen Blut vergoſſen und keines Menſchen Beſitz an⸗ gerührt haben, ſo gebt mir mein Kind zurück. Zu Euch, Häuptlinge der fünf Nationen, erhebe ich meine Stimme; von Euch verlange ich meinen Sohn, denn ein Verbrechen, welches von einigen Mitgliedern des Bündniſſes begangen wird, iſt ein von Allen be⸗ gangenes Verbrechen. War Niemand zu finden, als der Sohn Eures Bruders, den Ihr tödten konntet? Mußtet Ihr das Vertrauen, welches er in Euch ſetzte, zu dem Mittel ſeines Unterganges machen? Hat er Eure Gaſtfreundſchaft bezweifelt— hat er Eurem Worte nicht getraut— hat er geſagt:„„Der Blitz — 174— und der Donner der Kanonen von Albany ſind ein beſſerer Schutz, als die Treue und Wahrheit des ro⸗ then Mannes?““ Ihr wißt, daß er ſicher geweſen wäͤre.— „Aber er ſagte: Ich will mein Vertranen auf die Gaſtfreundſchaft der fünf Nationen ſetzen— ich will ihr Bruder werden. Wenn böſe Männer unter ihnen ſind, ſo werden ihre Häuptlinge mich beſchützen, ihr Attotarho wird mir Gerechtigkeit anthun. Sie ſind große Krieger, aber ſie ſind gute Menſchen. Sie tödten ihre Feinde, aber ſie lieben ihre Freunde. Wenn Ihr alſo gute Menſchen— wenn Ihr große Krieger— wenn Ihr Brüder Eures Bruders— wenn Ihr Euren Freunden treu ſeid— wenn Ihr ſelber Väter ſeid— ſo gebt mir meinen Sohn zurück.“ „Wohl geſprochen!“ riefen die Indianer in trau⸗ rigem Tone, tiefer gerührt von dem heftigen Ausdruck der Gefühle eines Vaters, als Sir William Johnſon erwartet hatte; aber in dem Angenblick, als die Worte ausgeſprochen wurden, die je nach ihrem Tone und ihrer Schnelligkeit entweder Billigung und Freude oder Theilnahme und Kummer ausdrückten, verſanken ſie wieder in tiefes Schweigen. Sir William Johnſon, obgleich er ſehr erſtaunt und beunruhigt geweſen, als Herr Prevoſt es unter⸗ nahm, für ſich ſelber zu ſprechen und fürchtete, er möchte ſeine eigene Sache dadurch verderben, erkannte — 175= jetzt vollkommen den hervorgebrachten Eindruck und wollte kein Wort hinzufügen, um ihn zu verwiſchen. Endlich aber ſtand König Hendrick auf und ſagte in ernſtem und ſchwermüthigem Tone: „Wir ſind Brüder; aber was können wir thun? Die Oneidas ſind auch unſere Brüder. Die Mohawks, die Oneidas, die Onondagas, die Cayugas und die Senecas, ſind geſonderte Nationen, aber ſie ſind Brüder und Bundesgenoſſen. Sie ſind zur gemein⸗ ſchaftlichen Vertheidigung verbündet, aber nicht, daß wir einander beherrſchen ſollten. Die Oneidas haben ihre Geſetze und ſie üben ſie aus; aber dieſes Geſetz iſt allen Nationen gemein; wenn eines Mannes Blut, außer in der Schlacht, vergoſſen wird, ſo muß der Mann ſterben, der es vergoſſen hat. Wenn er nicht zu finden iſt, muß man einen ſeiner nächſten Ver⸗ wandten anſtatt ſeiner nehmen. Wenn er keine Ver⸗ wandte hat, muß einer von ſeinem Stamme oder ſei⸗ ner Nation ſterben. Ebenſo iſt es mit den Mohawks wie mit den Oneidas. In dieſer Sache aber haben die Oneidas gehandelt, wie die Mohawks nicht wür⸗ den gehandelt haben. Sie haben nicht fleißig nach den Mörder geſucht und haben auch nicht geduldig ge⸗ wartet, um zu ſehen, ob ſie nicht einen von ſeiner Verwandtſchaft finden könnten. Die Oneidas ſind haſtig geweſen. Sie haben den erſten Mann genom⸗ men, den ſie fanden. Sie ſind furchtſam wie das Eichhörnchen und behalten ihren Gefangenen, denn ſonſt möchten ſie zur Zeit der Noth keinen andern finden. Dies iſt ungerecht. Sie hätten erſt warten und fleißig ſuchen und nicht den Sohn ihres Bru⸗ ders nehmen ſollen, ehe ſie gewiß waren, daß kein anderer Mann zu finden ſei; aber was iſt zu thun? Soll der Mohawk das Beil aufgraben gegen den Oneida? Das kann nicht ſein. Soll der Mohawk ſagen zu dem Oneida:„„Du biſt ungerecht?““ Da wird der Oneida antworten:„„Wir haben un⸗ ſere Geſetze und Ihr habt die Eurigen; der Mohawk iſt nicht der Beherrſcher des Oneida. Ruhet unter Curem eigenen Baume, wir ſitzen auf einem Steine.““ Eins vielleicht läßt ſich thun,“ fügte er hinzu, in⸗ dem ein Ausdruck der Liſt in ſeinem Geſichte ſich zeigte.„Schlauheit erreicht zuweilen, wozu die Macht nicht im Stande iſt. Die Schlange iſt ſo mächtig, wie der Panther; ich ſpreche meine Gedanken aus und ich weiß nicht, ob ſie gut ſind. Wollte mein Bruder der Attotarho zehn von den liſtigſten Schlan⸗ gen ſeiner Nation auswählen und ich ebenſo viele, ſo können ſie unbemalt und unbewaffnet ohne zu klappern oder zu ziſchen durch die Wälder kriechen, bis zu der Stelle, wo der junge Mann verborgen liegt. Wenn Riemen an ſeinen Händen ſind, ſo kann der Hauch der Schlange ſie ſchmelzen, wenn eine Thür vor ſei⸗ nem Kerker iſt, ſo können die Augen einer Schlange ſie durchdringen. Wenn ein Wäͤchter da iſt, ſo kann die Schlange ſich um ihn wickeln, und viele von den Oneidahäuptlingen und Kriegern werden ſich freuen, daß ſie auf ſo freundliche Weiſe gezwungen worden, recht zu handeln und ein anderes Opfer zu ſuchen. Ich ſpreche meine Gedanken aus; ich weiß aber nicht, ob ſie recht ſind. Die, welche es beſſer wiſſen, mö⸗ gen reden; denn keine Nation von den fünfen kann allein etwas gegen eine andere Nation thun, ſonſt zerbrechen wir in Stücke, wie ein Reißigbündel, wenn das Band zerreißt.“ So redend ſchloß er, ſetzte ſich dann nieder und es trat wieder die frühere Stille ein. Nach einer Pauſe des Nachdenkens ſtand der Attotarho auf, wen⸗ dete ſich geradezu an Herrn Prevoſt und ſprach mit ernſter Würde: „Es iſt uns leid um Dich, mein Bruder,“ ſagte er,„und es iſt uns leid um uns ſelber. Wir wiſſen, daß unſer großer engliſcher Vater, der unter dem mächtigen Fichtenbaume ſitzt, aufgebracht ſein wird über ſeine rothen Kinder; aber ſage ihm ins Ohr, und möge er ſich erinnern, daß der Mohawk und der Onondaga, der Seneca und der Cayuga we⸗ gen dieſer Handlung nicht zu tadeln ſind. Sie ſagen, die Oneidas haben haſtig gehandelt und ſie wollen mit einander berathen um das Feuer der Rathsver⸗ ſammlung, wie Du am Beſten getröſtet werden mö⸗ Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 12 5 — 178— geſt. Haſt und Eile eignet ſich nur für Kinder. Er⸗ wachſene Männer ſind langſam und bedächtig. Warum ſollten wir jetzt raſch zu Werke gehen? Dein Sohn iſt ſicher, denn die Oneidas können nach ihrem Ge⸗ ſetze kein anderes Opfer nehmen, als bis ſie gewiß ſind, daß der Mörder nicht zu finden iſt.“ Die Lippe des Herrn Prevoſt bebte vor innerer Aufregung, als ſei er im Begriff zu reden; aber Sir William Johnſon berührte ihn mit der Hand und ſagte leiſe:„Ueberlaſſen Sie ihn mir.“ Und der Onondaga fuhr fort: „Wir wollen unſer Möglichſtes für unſeren Bru⸗ der thun; aber die Lerche hat nicht die Stärke des Adlers, noch der Fuchs die des Panthers; und wenn es uns fehlſchlagen ſollte, würde es nicht die Schuld der Mohawks oder der Onondagas ſein.— Ich habe geſprochen.“ Dann ſtand Sir William Johnſon auf, da er ſah, daß der Attotarho einem beſtimmten Verſprechen zu entgehen ſuchte, und er glaubte, daß bei einiger Feſtigkeit und mit der Unterſtützung des Königs Hen⸗ drick noch etwas mehr von ihm zu erlangen ſei. „Mein Bruder, der Attotarho, hat wohl geſpro⸗ chen,“ ſagte er.„Die fünf Nationen ſind im Frie⸗ den wie im Kriege verbündet. Sie nehmen die Scalps ihrer Feinde wie ein einziger Mann. Sie leben in Brüderſchaft. Aber mein Bruder ſagt, wenn der Oneida ein Verbrechen begeht, ſo iſt der Mohawk und der Onondaga, der Seneca und der Cayuga der Handlung nicht ſchuldig und dieſer verdient daher kei⸗ nen Zorn. Zugleich aber ſagt er, wenn der Mann, Namens Woodchuck, einen rothen Mann erſchlägt, ſo muß Walter Prevoſt, der Bruder des rothen Man⸗ nes, dafür ſterben. Wie iſt dies? Haben die Kinder der fünf Nationen doppelte Zungen? Sprechen ſie doppelte Worte? Wenn die Onondagas nicht ſchuldig ſind an dem, was die Oneidas thun, ſo iſt auch Walter Prevoſt nicht ſchuldig an dem, was das bleiche Geſicht Woodchuck thut. Wolle der große Geiſt verhüten, daß Euer großer Vater in der Nähe der aufgehenden Sonne ungerecht handle gegen ſeine rothen Kinder, oder zornig über ſie ſein möge wegen der Thaten, die Andere gethan, aber er erwartet, daß ſeine Kinder der fünf Nationen ſeinen Kindern mit den bleichen Geſichtern dieſelbe Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen; und wenn ſie nicht entſchloſſen ſind, die Handlung der Oneidas auf ſich zu nehmen und zu ſagen, ihre Handlung iſt unſere Handlung, ſo erwar⸗ tet er, daß ſie etwas thun, um es zu verhindern. Mein Bruder ſagt:„„Haſt iſt die Sache der Kin⸗ der,““ und ſeine Worte ſind wahr. Warum haben denn die Oneidas dieſe haſtige Handlung gethan? Wir haben keine Sicherheit, daß ſie nicht noch ein⸗ mal Kinder ſein werden, oder daß ſie, nachdem ſie 12* — 180— dies haſtig gethan, nicht noch etwas Schlimmeres ebenfalls haſtig thun werden. Es iſt wahr, daß Alles mit Bedacht gethan werden ſollte; wir müſſen uns als Männer zeigen, wenn wir wollen, daß die Kin⸗ der unſerem Beiſpiele folgen ſollen. Laßt uns denn unſere Berathung vollenden, während wir hier bei einander ſind. Das Feuer brennt in unſerer Mitte und wir haben Zeit genug zum ruhigen Nachdenken. Hier will ich ſitzen, bis ich höre, daß meine Brüder Gerechtigkeit in dieſer Sache üben und nicht zugeben wollen, daß der Sohn meines Bruders in den Hän⸗ den derer bleibe, die ihn unrechtmäßigerweiſe gefangen genommen haben. Ja, wahrlich, hier will ich ſitzen, um mich zu berathen, mit den Häuptlingen, bis die Worte der Weisheit geſprochen werden, und ſollte die Sonne fünfmal um die Erde gehen, ehe unſere Be⸗ rathung beendet iſt. Habe ich wohl geſprochen?“ „Ja, ja!““ riefen mehrere Stimmen; darauf ſtand einer von den alten Sachems auf und ſagte in langſamen und bedächtigen Tönen:. „Unſer weißer Bruder hat das Wort der Wahr⸗ heit und Entſchloſſenheit. Der Oneida hat die Schnel⸗ ligkeit des Hirſches, aber nicht die Weisheit der Schildkröte gezeigt. Das Geſetz des Oneida iſt unſer Geſetz, und er hätte wenigſtens einen Monat warten ſollen, um zu ſehen, ob der rechte Mann zu finden ſei. Der Oneida muß in Verlegenheit kommen durch ſeine eigene Haſt. Laßt uns ihn aus der Grube er⸗ retten, in die er gefallen iſt; aber laßt es uns mit der ſtillen Weisheit der Schlange thun, die durch das Gras kriecht, wo Niemand ſie ſieht. Die Klapper⸗ ſchlange iſt das einfältigſte aller kriechenden Thiere, denn ſie ſagt vorher, was ſie zu thun im Begriffe iſt. Wir wollen weiſer ſein, als ſie, und da unſere Gedanken gut ſind, ſo wollen wir ſie für uns behalten. Laßt uns nur ſagen, der Knabe ſoll befreit werden, wenn die Mohawks und die Onondagas es thun können; aber laßt uns nicht ſagen wie, denn ein Mann, der ein Geheimniß weggibt, beraubt ſich deſſen, was er nie wieder erlangen kann und begünſtigt nur den Wind. — Ich habe geſprochen!“ Alle verſammelten Hänptlinge ſprachen ihre Billi⸗ gung der Worte des alten Mannes aus und ſchienen die Handlung als geſchloſſen anzuſehen. Her Prevoſt wünſchte freilich etwas Beſtimmteres zu haben, aber Sir William Johnſon nickte ihm bedeutungsvoll mit dem Kopfe zu und ſagte in leiſem Tone: „Wir haben ſo viel, ja noch mehr ausgerichtet, als wir erwarten konnten. Es wird nöthig ſein, die Verhandlung mit einigen Geſchenken zu ſchlie⸗ ßen, die das Siegel unſeres Vertrages ſain ſollen.. „Aber ſind ſie auf irgend einen Vertrag einge⸗ gangen? Ich habe noch von keinem gehört, der von ihrer Seite gemacht worden wäre.“ „So weit es die Indianer jemals thun, und mehr können Sie mit Ihrer äußerſten Geſchicklichkeit nicht von ihnen herausbringen,“ antwortete Sir Wil⸗ liam Johnſon. Dann rief er einige von ſeinen Leuten herein, ließ die Vorräthe öffnen und brachte einige Stücke Scharlach zum Vorſchein, welches eins der ehrenvoll⸗ ſten Geſchenke war, die man einem indianiſchen Häuptling anbieten konnte. Es wurde ein gewiſſer Theil für jeden von ihnen abgeſchnitten und mit ern⸗ ſter Zufriedenheit angenommen. Matten und Felle wurden dann in großer Menge am Boden ausgebrei⸗ tet. Lange Pfeifen wurden hereingebracht und nach⸗ dem ſie beinahe eine halbe Stunde in tiefem Schwei⸗ gen mit einander geraucht hatten, ſtreckten ſich die Häuptlinge am Boden aus und legten ſich zur Ruhe. Als ein Zeichen des Vertrauens und der Brüder⸗ ſchaft blieben Sir William Johnſon und ſein Gaſt die ganze Nacht bei ihnen, zogen ſich aber an das andere Ende der Halle zurück. Sie ſchliefen nicht ſo bald ein, wie ihre dunklen Gäſte. Ihre Unterredung wurde in leiſen Tönen geführt, war aber dennoch leb⸗ haft und eifrig, denn der Vater konnte nicht umhin, noch immer große Beſorgniß wegen des Schickſals ſeines Sohnes zu empfinden, und auch Sir William Johnſon war nicht ganz ohne Unruhe in Betreff der Folgen deſſelben Entſchluſſes, zu welchem er dir — 183— Häuptlinge der Mohawks und Onondagas geführt. Man hatte in der letzten Zeit Zeichen der inneren Uneinigkeit in dem großen indianiſchen Bunde bemerkt. Sie hatten nicht mit der Einmüthigkeit, die ſie in früheren Jahren gezeigt, für England gehandelt, und es war die Politik der britiſchen Regierung, durch jedes Mittel alle Trennungen zu heilen und ihre Ver⸗ einigung zu befeſtigen, ſowie auch, ſie immer mehr und mehr für die engliſche Sache zu gewinnen. Ob⸗ gleich er nicht zweifelte, daß Alles, was die Häupt⸗ linge, mit welchen er eben die Verhandlung gehalten, thun würden, mit der äußerſten Feinheit und Ver⸗ ſchwiegenheit ausgeführt werden würde, ſo war doch immer die Gefahr vorhanden, einen Streit zwiſchen ihnen und den Oneidas herbeizuführen oder zornige Gefühle zu erregen, ſelbſt wenn es gelingen ſollte, und Sir William, der durchaus nicht unempfindlich war für den Werth der Billigung der Regierung, empfand einige Unruhe bei der Ausſicht, die er vor ſich ſah. Er und Herr Prevoſt ſchliefen endlich ein und am folgenden Morgen zerſtreuten ſich die Häuptlinge in der grauen Dämmerung eines kalten und düſteren Tages. Zwölftes Kapitel. Der Schnee fiel dicht— der frühe Schnee des nördlichen Amerika. Die Wälder hatten noch nicht die ganze Pracht ihres herbſtlichen Laubes abgeworfen und die Flüſſe und Bäche rauſchten noch in ihren Betten dahin, beſchränkt und eingeengt in ihren Ka⸗ nälen durch einen Rand von dünnem Eiſe an ihren Ufern, aber noch heiter und ſchimmernd. Die Luft aber war rauh und kalt, der Boden hart unter den Füßen, der Himmel trübe und düſter; die Flocken blieben ungeſchmolzen auf der Erde liegen und bedeck⸗ ten ſchnell das grüne Gras und die braunen Blätter. Otaitſa ſchlich ſich aus dem Schutze der großen Wohnung und ging durch die Hütten und durch die Oeffnung in den Palliſaden auf die Felder hinaus. Sie ging, wohin man ihr nicht nachſpüren ſollte und ſie wußte, daß der ſchnell fallende Schnee jede Fuß⸗ ſpur auslöſchen werde. Ruhig und graziös ſchwebte ſie weiter, bis ſie den Saum des tiefen Waldes er⸗ reichte und ging dann auf einem wenig beſuchten Fußwege weiter, bis in der Entfernung von etwa ei⸗ ner halben Meile ihre Augen ſich lebhaft vorwärts richteten und ſie etwas Braunes ſtill und bewegungs⸗ los unter einer Tanne liegen ſah, deren Aeſte beinahe den Boden berührten. Als die Blüthe ſich näherte, erhob ſich ein Kopf mit glänzend ſchwarzem Haar bedeckt und hinten auf⸗ gerollt über einen kleinen Buſch, welcher theilweiſe die Geſtalt des Frauenzimmers verbarg, und näher kommend, fragte Otaitſa in leiſem Tone: „Kam er vorüber?“ „Nein,“ antwortete das junge Mädchen, mit der ſie ſprach;„es war Apukwa, der Mann der Heilkunſt.“ Otaitſa bewegte ihren Kopf traurig hin und her und ſagte: „Ich verſtehe.“ Dann ſprach ſie wieder zu dem jungen Mädchen und ſagte:„Nun in die Burg zurück, durch das Gebüſch dort zu dem anderen Fußwege und dann nach Hauſe.“ Ihr eigener Weg führte ſie noch weiter und ſie ging mit demſelben ſchwebenden Schritte vorwärts, bis ſie etwa eine halbe Meile weiter ſich von dem — 186— Wege zur Rechten abwendete, und dort fand ſie unter den Büſchen verſteckt eine alte Frau ihres Stammes, welcher ſie dieſelbe Frage vorlegte und faſt dieſelbe Antwort erhielt. „Du empfindeſt Froſt, Mutter,“ ſagte Otaitſa, ihren Mantel abnehmend und ihn über die alte Frau werfend;„kehre zurück mit dem Schritte eines Maul⸗ wurfs durch die dichteſten Wege, die Du finden kannſt. Wie viel weiter iſt die Andere?“* „Ueber eine Meile entfernt,“ verſetzte die alte Frau;„dicht am Fuße der Felſen.“ Otaitſa gab keine Antwort, ſondern eilte vor⸗ wärts zu einer Stelle, wo einige ſchroffe, aber nicht ſehr hohe Felſen ſich aus der Mitte der Wälder erho⸗ ben. Es ſchien Niemand da zu ſein und der Fuß⸗ weg theilte ſich an dieſer Stelle; der eine wendete ſich zur Rechten und der andere zur Linken am Fuße der Felſen. Otaitſa ſah ſich vorſichtig um. Sie wagte nicht zu rufen; aber endlich richtete ſich ihr Auge auf eine mächtige Steinmaſſe, die von dem Ufer herunterge⸗ ſtürzt und mit jungen Kaſtanienbäumen bewachſen war. Der Ort ſchien ganz geeignet zu einem Verſteck und über einige Trümmer ſchreitend näherte ſie ſich vorſichtig, als ſich wieder ein Kopf erhob und eine Hand ſich ausſtreckte und ihr winkte. Sie ging noch immer vorſichtig weiter und trug — 187— Sorge, ihren Fuß nicht auf vorſpringende Punkte zu ſetzen, wo die Spur zurückbleiben konnte, und ſuchte ſich ſo weit wie möglich hinter jedem einzelnen Buſche oder Baume zu verbergen. Endlich erreichte ſie den Schlupfwinkel ihrer Wächterin und kauerte hinter dem Felſen an der Seite eines jungen Frauenzimmers nie⸗ der, die nur wenige Jahre älter war, als ſie. „Iſt er vorübergekommen?“ fragte Otaitſa.„Wel⸗ chen Weg nahm er?“ „Nach Oſten,“ verſetzte die Andere;„der aufge⸗ henden Sonne zu; aber es war nicht der Bruder der Schlange. Es war Apukwa, und er hatte eine Ta⸗ ſche bei ſich, aber kein Tomahawk.“ „Wie lange iſt es, ſeitdem er vorübergekom⸗ men?“ feagte die Blüthe in demſelben leiſen Tone, den ſie bisher angewendet. „Während der Zeit könnte eine Krähe eine Meile fliegen,“ antwortete das junge Frauenzimmer.„Iſt mein Mann zurück?“ „Noch nicht,“ verſetzte Otaitſa.„Aber laß uns Beide gehen, denn Du ſehnſt Dich nach Deiner Hei⸗ math, meine Schweſter, und ich bin jetzt zufrieden. Ihr Geheimniß iſt mein.“ „Wie ſo?“ fragte die Andere;„kannſt Du mit Deinen hellen Augen durch die Felſen ſehen, Blüthe?“ „Der liſtige Mann der Heilkunſt geht nicht, um zu ſeinem Maneto zu beten,“ antwortete Otaitſa, — 188— „noch auch, um ſich mit ſeinem Hawenergo zu unter⸗ reden. Auch wandert er nicht umher, um ſeine Fa⸗ ſten in der Einſamkeit der öſtlichen Gegenden zu er⸗ füllen. Dort wird er kein geräuchertes Rehfleiſch fin⸗ den, meine Schweſter, noch auch von dem Feuerwaſſer, welches er ſo ſehr liebt. Aber dort, wo ich ſo manche Erdbeere gepflückt habe, als ich jung war, dort iſt eine tiefe Spalte im Felſen, wo Du hundert Schritte, von den hohen Klippen umgeben, auf ebe⸗ nem Boden weiter wandern kannſt. Die wilde Katze kann nicht hinaufſpringen und das Reh blinzelt, wenn es hinunterblickt. Es hat nur einen engen Eingang, denn die Oeffnung des Felſens iſt nur halb offen und ich weiß jetzt, wo ſie meinen Bruder ver⸗ borgen haben. Das iſt Otaitſa genug für dieſen Abend.“— „Und was willſt Du thun?“ fragte ihre Be⸗ gleiterin. „Ich weiß es noch nicht,“ antwortete die Blüthe.„Der Himmel wird dunkler— die Nacht rückt heran und wir müſſen der untergehenden Sonne folgen, wenn wir nicht wollen, daß Apukwa uns ſehe. Wir haben noch Zeik; denn der düſtere Ort, zu dem er geht, iſt noch zweitauſend Schritte weiter entfernt. Komm! Halte Dich überzeugt, liebe Schwe⸗ ſter, ich werde Dich um Deinen Beiſtand anrufen, wenn es nöthig iſt, und Du wirſt ihn mir ebenſo — 489— wenig verweigern, wie die Blume der Biene den Honig verweigert. Tritt vorſichtig auf an den niedri⸗ gen Stellen, damit ſie die Spuren Deiner Füße nicht ſehen.“ So redend führte Otaitſa ſie den Weg aus dem Verſteck. Sie hatte eine ruhigere Miene angenommen, denn ſie wußte, daß Apukwa weit zu gehen hatte, doch ging ſie mit ebenſo vorſichtigem Schritte, damit er die Fußſpuren auf dem Schnee nicht ſehe, wenn er vor Anbruch der Nacht zurückkehren ſollte. Sie waren etwa zehn Minuten gegangen, als leiſe den Fußweg von Oſten her ſchleichend der Mann der Heilkunſt am äußerſten Winkel des Felſens er⸗ ſchien; aber er war nicht allein. Der Indianer, den ſie den Bruder der Schlange nannten, war bei ihm. Der Letztere aber blieb an der Stelle, wo er nach beiden Richtungen hinſehen konnte, während Apukwa raſch näher kam. An der Stelle, wo der Weg ſich theilte, blieb er ſtehen, b blickte lebhaft auf den Boden nieder und neigte ſeinen Kopf faſt bis zu ſeinen Knieen. Dann ſchien er etwas auf dem Fußwege zu der indianiſchen Burg aufzuſpüren, wendete ſich dann wieder um, ging langſam zu dem Felſen hin und verfolgte genau den Pfad, auf welchem die beiden Frauenzimmer zurückgekehrt waren. Endlich ſchien er zufriedengeſtellt zu ſein, be⸗ — 190— ſchleunigte ſeinen Schritt und kehrte zu ſeinem Kame⸗ raden zurück. „Du haſt Recht, Bruder,“ ſagte er,„es waren ihrer zwei. Was trübte Deine Augen, daß Du nicht ſehen konnteſt, wer ſie waren?“ „Ich war weit entfernt,“ antwortete der Andere, „und es folgt ein Schatten dem anderen.“ „War nicht die eine davon Otaitſa?“ fragte der Mann der Heilkunſt langſam.„Konnte der Bruder der Schlange nicht die Blüthe erkennen?“ „Wenn meine Augen mich nicht täuſchten, ſo war ſie es nicht,“ verſetzte ſein Begleiter.„Nie ſah ich die Tochter des großen Sachem, ſelbſt wenn die Sonne am heißeſten ſchien, ohne ihren Mantel aus⸗ gehen. Dieſes Weib hatte keinen.“ „Welches Weib?“ fragte Apukwa;„Du ſagteſt, es wären zwei geweſen.“ „Eine kam und zwei gingen,“ verſetzte der an⸗ dere Oneida;„aber die zweite konnte nicht die Blüthe ſein, denn ſie war groß. Die andere hätte es ſein können, aber ſie hatte keinen Mantel und erſchien kleiner, als des ſchwarzen Adlers Tochter— mehr gleich Koya, der Tochter des Bären. Wie waren die Spuren der Moccaſins?“ „Der Schnee fällt ſtark und bedeckt alle Fuß⸗ tritte, ſo wie die Zeit die Ueberlieferungen unſerer Väter bedeckt,“ verſetzte der Mann der Heilkunſt; — 191— „ſie waren nicht deutlich, mein Bruder. Die eine Spur war größer, als die andere, aber das war Alles, was ich ſehen konnte. Doch ich erkenne die Blüthe in dieſer Sache, mein Bruder. Die Verehre⸗ rin des Gottes der bleichen Geſichter möchte das Leben des bleichen Geſichts retten. Sie liebt wohl den Knaben zu ſehr, wie ihr Vater das weiße Weib liebte. Sie war oft in Prevoſt's Wohnung mit dem bleichen Prieſter oder ihrem Vater— ſehr oft, und ſie hielt ſich lange dort auf. Jenem Wege ſolgt ſie lieber, als jedem anderen; und vielleicht denkt der ſchwarze Adler, daß ſeine Blüthe geeignet iſt, in den Wohnungen der Nengees zu blühen und daß ſie zu ſchön iſt für den rothen Mann. Hat nicht mein Bruder ſolche Träume geträumt? Hat nicht ſein Ma⸗ neto ihm ſolche Dinge zugeflüſtert?“ „Das hat er,“ antwortete der Bruder der Schlange in ſtrengem und bedeutungsvollem Tone;„und mein Tomahawk iſt ſcharf. Aber wir müſſen uns hierüber mit unſeren Brüdern berathen, um uns zu verſichern, daß keine doppelte Zungen unter uns ſind. Wie ſollten ſonſt dieſe Weiber unſere Spuren ſehen, da wir ſie doch mit Laub bedeckt haben?“ Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſer letzte Ausdruck nur figürlich angewendet wurde und nicht ausdrücklich andeuten ſollte, daß eine unter den Indianern ſehr gewöhnliche Vorſichtsmaßregel in dieſem Falle wirklich angewendet worden ſei, ſondern daß man nur ſorg⸗ fältig jede Entdeckung von Seiten der Frauen der Nation in Betreff des armen Walter Prevoſt ver⸗ hindert habe. „Meine Zunge iſt einfach,“ ſagte der Bruder der Schlange;„und wenn ich eine doppelte Zunge hätte, würde ich ſie anwenden, wenn mein Feind un⸗ ter meinem Scalpirmeſſer wäre? Ueberdies, bin ich nicht mehr, als mein Bruder?“ Und ſeinen Arm entblößend, deutete er mit dem Finger auf jenen kleinen blauen Streifen, den Wood⸗ chuck dem Lord H. in Albany auf ſeinem Arme ge⸗ zeigt hatte. „Mein Bruder horcht mit den Ohren des Ha⸗ ſen,“ ſagte Apukwa.„Die Honontkoh verrathen einander nie. Aber es giebt junge Männer bei uns, die nicht unſerem Orden angehören. Einige ſind Gatten, einige ſind Liebende, und mit den Weibern werden ſie Weiber. Doch müſſen wir wachſam ſein, um nicht unſere eigene Heerde zu zerſtreuen. Es darf kein Wort des Zornes ausgeſprochen werden; aber unſere Wache muß ſicherer ſein. Geh Du in Deine Hütte, und morgen, während der Oſten noch weiß iſt, laß uns Berathung halten in dem Wigwam wei⸗ ter dem See hinunter. Der Wind weht ſtark und es wird noch mehr Schnee fallen, um unſere Spur zu bedecken.“ — 193— So redend trennten ſie ſich für die Nacht. Aber früh am nächſten Morgen machten ſich aus einem der kleinen befeſtigten Dörfer der Indianer, ei⸗ nige Meilen von ihrer großen Burg, nicht weniger als ſechs junge Männer zu verſchiedenen Zeiten auf den Weg und wanderten geſondert durch die Wälder. Der Eine ſagte zu ſeiner Frau, als er ſie verließ: „Ich gehe, um das Muſethier zu jagen.“ Ein Anderer ſagte zu ſeiner Schweſter:„Ich gehe, um ein Reh zu tödten.“ Ein Dritter erzählte ſeiner Gattin dieſelbe Geſchichte; aber ſie lachte und antwortete: „Du biſt vorſichtig mit dem, was Dein iſt, mein Gatte. Die Wahrheit iſt zu koſtbar, um bei allen Gelegenheiten angewendet zu werden, Du be⸗ wahrſt ſie für die Zeit der Noth auf.“ Der Mann ſtreichelte lächelnd ihre Wange und ſagte: 3„Behalte Dein Geheimniß für Dich, Frau; und wenn ich Dir lüge, mußt Du Dich ſtellen, als ob Du es nicht weißt.“ 1 Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 13 Dreizehntes Kapitel. In der Kette von niedrigen Klippen, die ſich in der Entfernung von vier oder fünf Meilen von dem Oneidadorfe dahinzog, und bis zu welcher ſich wahrſcheinlich einſt das Waſſer des Sees erſtreckt hatte, war ein tiefer Einſchnitt oder Spalte in dem harten Felſen, vierzehn oder funfzehn Ellen weit an der breiteſten Stelle und enger an der Mündung, als im Innern. Einer pon den Felſen ragte zu der Zeit, wovon wir reden— obgleich große Maſſen herunter⸗ gefallen ſind und den Anblick der Scene ſehr verän⸗ dert haben— beträchtlich über die Grundfläche hin⸗ aus, und zwar ſo weit, daß er faſt die gegenüber⸗ ſtehende Klippe berührte, wodurch die Mündung der Spalte faſt das Ausſehen einer Höhle erhielt. Zu beiden Seiten waren die Wände dieſer düſteren Schlucht — 195— ſenkrecht— an einigen Stellen ſogar überhängend, und am Ende, wo man hätte erwarten ſollen, daß ſie ſich allmälig mit dem ebenen Lande verbinden werde, wurde der allgemeine Charakter der Scene nur verändert durch eine Spalte von funfzehn oder ſech⸗ zehn Fuß vom Boden, welche die vordere Seite der Klippe faſt in zwei gleiche Theile theilte. Unter dem Vorſprunge befand ſich eine Höhlung von vier oder fünf Fuß Tiefe, die das Hinaufſteigen von dieſer Seite unmöglich machte. Es iſt wahrſcheinlich, daß zu einer Zeit in der langen unbekannten Vergangenheit Amerika's ein Fluß über den Rand der Klippe niederſtrömte und endlich den feſten Felſen wegſpülte, und, wie es beim Niagara der Fall iſt, den Waſſerfall mit jedem fol⸗ genden Jahre weiter zurückbrachte, aber ohne die Steil⸗ heit des Falles zu vermindern. Der Stein war von lockerer Beſchaffenheit und zerbrach bei den verſchiede⸗ nen Umſtänden der Jahreszeiten zu ſeltſamen und un⸗ förmlichen Geſtalten, und da der Ort ſelten oder nie von den Strahlen der Sonne beſucht wurde, ſo wäre es ein ſehr düſterer und unheimlicher geweſen, hät⸗ ten ſich nicht einige leichte und federartige Geſträuche und Bäume an verſchiedenen vorſpringenden Punkten erhoben, beſonders wo der erwähnte Felsrand die frühere Lage des Waſſerfalles bezeichnete. Unter jenem Felsvorſprunge hatte man zu jener . 13 — 196— Zeit haſtig eine kleine indianiſche Hütte errichtet, die aus Stäben beſtand, die man in den Boden geſchla⸗ gen und geſchickt genug mit Baumrinde, Zweigen und anderen Materialien des Waldes bedeckt hatte. Die Thür war offenbar aus der Ferne herbeigetragen worden, denn ſie ſchien alt zu ſein und es waren ſeltſame Figuren mit rother Farbe darauf gemalt. Vor dieſer Thür war ein großer Riegel angebracht, der in der That nutzlos geweſen ſein würde, wären nicht die Stäbe, welche die Wände der Hütte bilde⸗ ten, dicht bei einander geweſen, wodurch ſie in der Wirklichkeit viel ſtärker wurde, als eine gewöhnliche indianiſche Hütte. An dem Tage nach Otaitſa's Expedition, die wir im vorhergehenden Kapitel erwähnt haben, ver⸗ ſammelten ſich ſechzehn bis achtzehn Oneidas von ver⸗ ſchiedenem Alter, aber keiner weit im Alter vorge⸗ ſchritten, um die Mündung der Höhle und ſprachen mehrere Minuten in leiſen Tönen und in ihrer ge⸗ wohnten langſamen und bedächtigen Weiſe mit ein⸗ ander. Am Ende ihrer Unterredung ſetzte ſich der Eine auf einen Stein in der Nähe des Einganges, zwei traten in die Spalten ein und die Uebrigen zer⸗ ſtreuten ſich in verſchiedenen Richtungen durch die Wälder. Die Beiden, welche eintraten, näherten ſich der Hütte und folgten einander ſo nahe, daß der Fuß — 197— des Einen in die Spur des Anderen trat, und als ſie die Hütte erreichten, nahm der Vorderſte die Quer⸗ ſtange weg und öffnete die Thür, ſo daß das Licht in das dunkle Gemach fiel. Der Anblick, der ſich hier darſtellte, war ein höchſt ſchmerzlicher. Dort auf dem Boden ſitzend, den Kopf faſt bis zu den Knieen heruntergebeugt, ſein braunes Haar wild und ſtruppig über ſein Geſicht fallend, ſeine Kleidung beſchmutzt und an einigen Stellen zerriſſen und ſeine Hände bleich und abgemagert, ſaß der arme Walter Prevoſt als ein Bild der Verzweiflung. Alle Thätigkeit ſeiner lebhaften, ungeſtümen Natur ſchien erloſchen, der Blick der glücklichen jugendlichen Freude war gänzlich dahin und mit demſelben die warmen Hoffnungen und glühenden Beſtrebungen, die Träume von künftigem Glück und Größe, von Liebe, Freude und Zärtlichkeit. Der Sonnenſchein war dahin und erhellte nicht mehr ſein Leben. Er erhob ſeinen Kopf nicht, als die Indianer eintraten; ſtill und unempfindlich, wie ſie, ſaß er ohne Wort oder Bewegung daz ſelbſt die Sinne ſchienen erſtorben in dem lebendigen Grabe, worin er einge⸗ ſchloſſen war. Aber der Anblick erregte kein Mitleid in ihnen. Ihn mit neugierigem, liſtigem, ſchlangenartigem Blicke anſehend, legte Apukwa eine Taſche, die er trug, und welche geräuchertes Rehfleiſch und gedörr⸗ — 198— ten Mais enthielt, vor ihn hin; und nachdem er ihn einen Augenblick beobachtet hatte, ohne ſein Geſicht zu verändern, ſagte er in kaltem Tone: „Hier iſt Speiſe— nimm und iß.“ Als ob der Ton ſeiner verhaßten Stimme den Jüngling aus einem Todesſchlafe erwecke, ſprang Wal⸗ ter plötzlich auf und rief: „Warum ſollte ich eſſen und mein Elend verlän⸗ gern? Tödte mich! Nimm Deinen Tomahawk und zer⸗ ſchmettre mir den Kopf! Mache meiner Qual ein Ende, der ſchrecklichſten, welche Dein teufliſches Ge⸗ ſchlecht je erfunden hat!“ Die beiden Indianer ſtießen ein leiſes, ruhiges und zufriedenes Lachen aus. „Wir können Dich nicht tödten,“ ſagte der Bruder der Schlange,„bis wir wiſſen, daß Dein Bruder mit dem bleichen Geſicht, der unſeren Bruder getödtet, nicht anſtatt Deiner gefunden werden kann.“ „Er iſt weit außer Eurem Bereiche,“ rief Wal⸗ ter heftig;„er wird nie in Eure Gewalt kommen. Ich half ihm zu entfliehen; ich befreite ihn von Euch. Tödtet mich, tödtet mich— Hunde von Indianern! Enre Herzen ſind Wolfsherzen— Ihr ſeid nicht Män⸗ ner, Ihr ſeid Weiber, die das Tomahawk nicht an⸗ zuwenden wagen. Ihr ſeid der Spott Eurer Feinde. Sie lachen über die Oneidas, ſie ſpeien ſie an. Sie ſagen, ſie ſind Kinder, welche nicht eher einen Feind — 199— zu tödten wagen, als bis die alten Männer ſagen: Tödte ihn. Sie fürchten die Ruthe ihres Häuptlings. Sie gleichen Haſen und Kaninchen, die bei der Stimme des Windes zittern.“ Es war vergebens, ſie reizen zu wollen. Sie ſchienen ſich nur an ſeinem Zorn zu erfreuen und an den bitteren Worten, die derſelbe hervorrief. „Iß und trinke, ſagte Apukwa kalt, ſobald Walter ſchwieg;„denn wir wollen Dich binden. Wir müſſen auf die Jagd gehen, wir müſſen das Korn mahlen— wir können Dich nicht jeden Tag beobachten, bis die Zeit des Opfers kommt. Iß und trinke alſo, denn hier ſind die Riemen.“ Walter ſtarrte ihn einen Augenblick an und er⸗ griff dann eine mit Waſſer gefüllte Gurke, die der Bruder der Schlange gebracht hatte, und leerte ſie auf einen Zug. Dann warf er ſie von ſich, ſtand ſtill und finſter vor ihnen und ſagte: „Ich will Euch nicht täuſchen. Von jetzt an will ich nicht mehr eſſen. Bindet mich, wenn Ihr wollt. Ich kann ſo gut faſten, wie Ihr Indianer.“ Die beiden Männer ſahen einander an und ſchie⸗ nen verlegen zu ſein, wie ſie handeln ſollten, denn wenn er bei ſeinem Entſchluſſe blieb, war in der That ihr Zweck verfehlt. Nach ihrem Aberglauben forderte der Tod ihres Verwandten unbedingt Blut; und durch den Hungertod konnte der Gefangene ihren Händen entgehen. Dennoch wagten ſie nicht, der Entſcheidung der Häuptlinge ungehorſam zu ſein. Ein Zeichen wurde zwiſchen ihnen gewechſelt, und den armen Jungen rauh ergreifend, banden ſie ſeine beiden Hände und Füße und verſchlangen die ſtarken Riemen von Wilddleder zu feſten und faſt un⸗ auflöslichen Knoten. Er ſtand ganz ſtill und unthä⸗ tig da, und als es geſchehen war, warf er ſich wie⸗ der auf den Boden nieder und wendete ſein Geſicht von ihnen ab. Die beiden Männer ſahen ihn einige Augenblicke an, verließen dann ſchweigend die Hütte und legten die Querſtange wieder vor die Thür. Eine Zeitlang, nachdem ſie fort waren, lag Walter gerade an der Stelle, wo er hingefallen war. Die Gefühlloſigkeit der Verzweiflung hatte ſich ſeiner bemächtigt. Leben— Nachdenken— Gefühl— Alles war eine Laſt für ihn geworden. Die vielen Tage, die er in jener düſteren, einſamen und ſtillen Woh⸗ nung verlebt hatte, brachten eine Wirkung auf ſeinen Geiſt hervor, welche oft von der einſamen Gefangen⸗ ſchaft herzurühren pflegt. Der Uebergang iſt leicht von Angſt, Kummer und Furcht durch Schwermuth und Trübſinn zur Verzweiflung und zum Wahnſinn. O Menſch! ſchließe nie die Hoffnung von einem Mitge⸗ ſchöpfe aus; oder wenn es ſein muß— wenn das Verbrechen eine unerbittliche Strafe fordert, ſo gieb den Tod, wenn Du die Hoffnung dieſer Welt hin⸗ — 201— wegnimmſt, was auch eine falſche Menſchenliebe da⸗ gegen ſagen mag, denn da öffneſt Du die Pforte des Grabes für ein helleres Licht, als das, welches erlo⸗ ſchen iſt. Das allſehende Auge ſtrahlt nicht nur Licht, ſondern auch Gnade von ſich. In jener todtähnlichen Stille lag er mehrere Stunden da und während dieſer ganzen Zeit vernahm er kein Geräuſch, welches die düſtere Einförmigkeit des Tages unterbrach. Durch das Leiden war ſein Ohr ſehr empfindlich geworden; aber der Schnee fiel geräuſchlos; die wilden Thiere waren in ihren Höh⸗ len und Schlupfwinkeln und ſelbſt der Wind war ſtumm. Plötzlich vernahm er ein Geräuſch. Was war es? Es glich dem Zerbrechen eines Zweiges hoch über ſeinem Kopfe. Dann rollte ein Stein herunter und raſſelte über das Dach von Rinde dahin und ſchob den Schnee vor ſich her. Noch ein Zweig krachte und dann trat eine Stille ein, welche ihm ſtundenlang zu währen ſchien. „Es iſt ein Panther oder eine Bergkatze oben in den Bäumen,“ dachte er und legte ſeinen halb erho⸗ benen Kopf wieder auf den Boden nieder. Nein! Die Querſtange wurde ergriffen. Er hörte, wie ſie ſich bewegte. Waren die Indianer zurückge⸗ kehrt, um ihm die Nahrung aufzudrängen? Die Be⸗ rührung der Stange ſchien aber ſchwach zu ſein im Vergleich mit der ihrigen. Die ſchwere Stange wurde langſam und mit Anſtrengung entfernt. Walter's Herz ſchlug— es traten Erſcheinungen vor ſeinen Geiſt— die Hoffnung flackerte auf und er erhob ſich ſo gut er konnte aus ſeiner ſitzenden Stellung. Vom Boden konnte er nicht aufſtehen, denn ſeine Hände waren ge⸗ bunden. Langſam und leiſe öffnete ſich die Thür, das Licht drang herein und in der Helle ſtand die ſchöne Figur der Blüthe, ihren Kopf halb abgewendet, als ob ſie borche. Ihr langes, wellenförmiges Haar, welches ſich aufgelöſt hatte und hie und da von dem weißen Schnee bedeckt war, fiel faſt zu ihren Füßen nieder. Sie war nur leicht gekleidet, hatte keinen Mantel oder Oberkleid an und trug nur ein geſticktes indianiſches Frauenhemd, welches von einem Gürtel zuſammengehalten wurde und ihre Arme und Füße un⸗ bedeckt ließ. Ihre Hände waren zerriſſen und blutig und ihr Geſicht und ihre Stirn von den Stacheln der Dornen zerkratzt; aber dennoch, als ſie daſtand und horchte, war ſie der lieblichſte Anblick, den Walter Prevoſt je geſehen. So horchte ſie einen Augenblick, dann blickte ſie in die Hütte, ſprang vorwärts, ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und weinte, wie ſie noch nie ge⸗ weint hatte. Mein Bruder— mein Gatte!“ rief ſie, in⸗ „* — 203— dem ſie ihre Stirn auf ſeiner Schulter ruhen ließ. „Endlich hat Otaitſa Dich gefunden!“ Gern hätte er ſie auch mit ſeinen Armen um⸗ ſchlungen; gern hätte er ſie an ſein Herz gedrückt; gern hätte er ihr geſagt, wegen einer ſolchen Liebe, wie die ihrige, könne er den Tod oder ſelbſt das Le⸗ ben oder jedes Schickſal ertragen. Aber ſeine Hände waren gebunden und ſeine Zunge von Gemüthsbe⸗ wegung gelähmt. Einige Augenblicke vergingen ſchweigend und dann ſagte Otaitſa: „Die grauſamen Wölfe haben Dich gebunden; aber Otaitſa will Dir die Freiheit wiedergeben.“ Im Augenblick waren ihre zarten kleinen Finger mit den Riemen beſchäftigt und mit der Schnelligkeit des Gedankens waren alle aufgelöſt; aber während ſie damit beſchäftigt war, tröpfelte das Blut von ihren Fingern auf ſeine Handgelenke, während er ſie zärt⸗ lich an ſein Herz drückte und ſagte: „Du bluteſt, meine Blüthe. O! Otaitſa, was haſt Du gewagt, was haſt Du unternommen, um Walters willen?“ „Nur wenig, mein Geliebter,“ antwortete ſie; „ich wollte, es wäre zehnmal mehr, um meine Liebe zu beweiſen. Was! ſie haben Dir Speiſen hinge⸗ ſtellt und Dir die Hände gebunden, damit Du vor Hunger ſterben und die Speiſen vor Dir ſehen mö⸗ — — 204— geſt, ohne ſie abreichen zu können! Pfui über die grauſamen Ungeheuer 1** „Nein, nein, meine Otaitſa,“ entgegnete Wal⸗ ter,„ich wollte nicht eſſen. Ich wünſchte zu ſterben. Ich wußte nicht, daß ein Engel kommen würde, mir beizuſtehen und mich aufzuheitern.“ „Und Dich zu befreien, mein Walter,“ ant⸗ wortete Otaitſa mit heiterem Lächeln.„Ich hoffe, es iſt gewiß, mein Geliebter. Auf dem Wege, auf dem ich kam, kannſt Du anch gehen.“ „Wie kamſt Du?“ fragte Walter, ſich zu ihr ſetzend und ſie feſter an ſeine Bruſt drückend.„Ich dachte, es wäre Jedermann unmöglich, zu mir zu gelangen, ſo verborgen iſt dieſer Ort und ſo ſtrenge bewachen ſie mich. Es muß ſehr gefährlich für Dich geweſen ſein, meine Blüthe. Biſt Du nicht ver⸗ letzt?“ „O nein,“ antwortete ſie,„auch war die Ge⸗ fahr nicht ſehr groß. Gott gab mir Flügel, um zu Dir zu fliegen. Die Liebe hielt mich aufrecht. Aber ich muß Dir ſagen, wie ich hieher gekommen bin. Ich habe eine Freundin, die Frau eines Deiner Feinde, welcher das Herz ihres Mannes immer ge⸗ öffnet iſt. Von ihr erfuhr ich alle ihre Pläne; wie ſie den Wald unterhalb der Felſen mit Wächtern an⸗ gefüllt, wie ſie jeden Fußweg beſetzt haben. Sie ließen ſich niemals träumen, daß von der Morgen⸗ ſeite ein Weg über den Felſen in die Schlucht hin⸗ unter gefunden werden könnte. Ich ſann über dieſe Kunde nach und erinnerte mich, daß ich als kleines glückliches Kind einmal, um Früchte zu ſuchen, ver⸗ möge der Geſträuche und Spalten eine Strecke hin⸗ unter geklettert war, und ich ſtellte meinen Plan dem ihrigen entgegen. Ich nahm zwei Stricke mit, die ich ſchon längſt aus der zähen Rinde einer Pflanze gedreht, machte einen weiten Umweg und erreichte die Fläche oberhalb der Klippen. Meine einzige Mühe war, von jener Seite die rechte Stelle zu finden, denn ich wußte, daß eine Wolke zwiſchen mir und Deinen Feinden war und daß ich ungeſehen wanderte. Endlich aber fand ich den Felſen, von wo ich die Spalte überſehen konnte. Ich warf Alles von mir, woran ſich die Dornen feſthalten konnten und mit Hülfe der Stricke kam ich ſo weit herunter, bis ich feſten Fuß faſſen konnte. Da war ein Baum, ein kleiner Baum auf dem Gipfel und ich prüfte ihn, ehe ich ihm traute. Ein Aſt zerbrach, aber Wurzel und Stamm ſtanden feſt, wie an den Felſen gehef⸗ tet. Daran befeſtigte ich das eine Ende des Strickes und ließ mich leicht hinunter zu einem Vorſprunge, wo ein größerer und ſtärkerer Baum ſtand. Ein Stein aber löſte ſich unter meinem Fuße und fiel raſſelnd hinunter. Dann ſchlang ich den Strick wieder um den ſtarken Baum und erreichte ſo den oberen Rand — 206— des Felſens; da ich aber einiges Geräuſch verurſacht hatte durch das Abbrechen des Zweiges und das Hin⸗ unterrollen des Steines, ſo ſtand ich eine Weile hin⸗ ter den Büſchen da, um mich zu überzeugen, ob ich nicht vielleicht entdeckt worden ſei. Endlich aber be⸗ ruhigte ich mich darüber und nun mußte mir der an⸗ dere Strick helfen. Ich befeſtigte ihn an den erſten, benutzte jeden vorſpringenden Stein und jedes kleine Geſträuch und kam ſo langſam hinunter. Auf dem⸗ ſelben Wege werde ich zurückkehren, mein Geliebter, und ſo muß auch mein Walter dieſe Nacht zu ſeinen Leuten zurückkehren.“ „Warum nicht jetzt mit Dir?“ fragte Walter lebhaft.„Laß Otaitſa mit mir gehen, und wenn wir meines Vaters Haus erreichen, ſoll ſie mein Weib werden. O wie freudig wird er ſie an ſein Herz drücken! Wie zärtlich wird Editha ſie Schweſter nennen!“ „Es kann nicht ſein, Geliebter,“ antwortete ſie. „Ich kam, um meinen Geliebten zu retten, der der Gemahl meines Herzens iſt, aber nicht, meinen Va⸗ ter zu verlaſſen, bis er mich Dir giebt; und überdies würde Niemand daſein, um uns zu helfen. Dieſe Nacht mußt Du an den Stricken und Büſchen zu dem Gipfel der Klippe hinaufklettern, wenn, ſo weit Du berechnen kannſt, ſechs Stunden der Dunkelheit ver⸗ gangen ſind. Auf dem Gipfel wirſt Du Leute Dei⸗ — 207— ner wartend finden. Es ſind nur Weiber, aber ſie lieben Dich alle und mich ebenfalls, und ſie haben bei dem großen Geiſte geſchworen, Dich zu befreien, und wenn es ihr Leben koſten ſollte. Jede wird Dir auf irgend eine Weiſe behülflich ſein. Die eine hat ein Canoe auf dem Fluſſe— eine andere weiß die dunkelſten Wälder auf der Mohawkſeite und kann Dich gut führen. Andere werden Dich Wood Creek hinunter zu Sir William Johnſon's Burg führen, wo Du ſicher ſein wirſt. Iß jetzt, mein Geliebter, denn Du mußt Stärke haben und Otaitſa muß Dich bald verlaſſen. Ehe ich gehe, muß ich Dir wieder die Hände binden, denn Deine Feinde könnten vor der Nacht kommen; doch will ich ſie ſo binden, daß Du den Knoten mit Deinen Zähnen auflöſen kannſt; auch will ich den Riegel ſo vorſchieben, daß ihn ſelbſt eine ſchwache Hand entfernen kann.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als ein leiſes höhniſches Gelächter in ihre Ohren drang und zwei oder drei dunkle Geſtalten den Thüreingang beſchatteten. Otaitſa ſprang ſogleich auf und zog ein Meſſer aus ihrem Gürtel. „Zurück!“ rief ſie laut in der Irokeſenſprache, als die Männer hereindrangen.„Ich bin die Toch⸗ ter Eures großen Häuptlings und das Blut des ſchwar⸗ zen Adlers duldet keine Berührung.“ „Wir wollen Dich nicht anrühren, Blüthe,“ —— — 208— antwortete Apukwa.„Du ſollſt frei ausgehen, denn der ſchwarze Adler iſt ein großer Häuptling, ein mäch⸗ tiger Krieger, den ſein Volk verehrt. Aber unſeren Gefangenen behalten wir;z und obgleich Du ſeine Bande gelöſt haſt, können wir ſie wieder befeſtigen. Stecke Deinen Tomahawk wieder in Deinen Gürtel, Bruder der Schlange. Es darf hier kein Blut koſten, wenn es gleich hungrig iſt, wie ich wohl weiß. Er ſoll ſterben, aber nicht jetzt.“ Während er ſprach, ſtreckte er ſeinen Arm zwi⸗ ſchen dem jungen Indianer und Walter aus, der ſich vor Otaitſa geſtellt hatte, wie zu einem verzweifelten Kampfe, wenn er ſehen ſollte, daß man ihr Etwas zu Leide thun wolle. Die Worte des Arztes und Prieſters beruhigten ihn indeſſen darüber und es war nur zu deutlich, daß aller Widerſtand von ſeiner Seite vergebens ſein werde. Einige Stunden vorher hatte er ſich den Tod erbeten; aber die Aukunft der Blüthe hatte alle ſeine Gedan⸗ ken und Gcfühle verändert, ſeine Hoffnung wieder belebt und ſeine Feſtigkeit und Beharrlichkeit wieder hergeſtellt. Er war bereit zu leben und zu erwarten, was der nächſte Tag ihm bringen werde; die Liebe und Aufopferung jenes ſchönen Weſens machte, daß das Daſein zu ſchätzbar erſchien, um die geringſte Wahrſcheinlichkeit der Erhaltung zu verſäumen. Er ließ ſich alſo binden, während Otaitſa ihren Kopf 5 — 209— abwendete und gegen die Thränen ankämpfte, die her⸗ vordringen wollten. Sie mußte eine große Anſtren⸗ gung anwenden, aber die Entſchloſſenheit ſiegte, und mit einer ſtolzen Miene, ſehr verſchieden von der Zärtlichkeit ihres Benehmens, die ſie einige Augen⸗ blicke vorher gezeigt hatte, winkte ſie den Indianern mit der Hand, ihr Platz zu machen. „Unwürdige Oneidas! Ich werde meinem Vater meinen eigenen Bericht erſtatten und ihm ſagen, daß ich, während ſein Blut warm in meinem Herzen ge⸗ glüht, hieher gekommen, um meinen Bruder, mei⸗ nen Geliebten und Gatten zu retten und ihm vorher⸗ zuſagen, daß das Tomahawk, welches auf jenes ge⸗ liebte Haupt fällt, auch Otaitſa's Leben endet. Aber fürchte Nichts, Walter,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu dieſem wendete,„fürchte Nichts, mein Gelieb⸗ ter. Lebe und trotze Deinen Feinden. Du ſollſt den⸗ noch befreit werden, dieſe Männer mögen thun, was ſie wollen. Es iſt im Himmel beſchloſſen, daß Du nicht durch ihre Hände umkommen ſollſt.“ So redend verließ ſie die Hütte, und während zwei von den Oneidas dicht hinter ihr folgten, trat ſie ihren Rückweg zu der Burg an. Als ſie das Thor der Palliſaden erreichte, be⸗ merkte ſie ſogleich eine beträchtliche Thätigkeit und Be⸗ wegung im Innern, obgleich nur Frauen, Jüng⸗ linge und Kinder zu ſehen waren. Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 14 — 210— „Wo iſt der ſchwarze Adler?“ fragte ſie die erſte Frau, die ihr begegnete.„Iſt er in ſeine Wohnung zurückgekehrt?“ „Er kehrte mit vierzig Kriegern zurück,“ verſetzte die Andere in ernſtem Tone,„bemalt zur Schlacht, wie er, und er iſt auf den Kriegspfad gegangen und hat alle Krieger mitgenommen, die er finden konnte.“ „Gegen wen?“ fragte Otaitſa in ſo ruhigem Tone, wie ſie nur annehmen konnte, obgleich ihr Herz raſch ſchlug. „Wir wiſſen es nicht,“ verſetzte die Frau trau⸗ rig;„aber es verbreitete ſich eine Kunde, die aus der Dunkelheit hervorkam, die Niemand durchdringen konnte, daß der ſchwarze Adler gegen unſere Brüder die Mohawks und Onondagas gezogen ſei. Es wurde geſagt, ſie hätten das Beil aufgegraben und den Baum des Friedens umgehauen vor der Thür der Oneidas.“ Otaitſa ſchlug ihre Hände zuſammen, neigte ih⸗ ren Kopf und that einige Schritte auf die Thür der Wohnung zu. Dann wendete ſie ſich zu den beiden Männern, die ihr gefolgt waren, und ſagte mit Bit⸗ terkeit: „Und Ihr waret abweſend, als der ſchwarze Ad⸗ ler ſeine Krieger zuſammen rief? Ihr thatet recht, — 211— denn Ihr ſeid Weiber und habt nur Muth, einen Gefangenen zu quälen.“ Mit dieſen Worten ging ſie ruhigen Schrittes in die Wohnung, und dort, wo kein Auge ſie ſehen konnte, gab ſie ſich in Thränen allen traurigen und bitteren Gefühlen ihres Herzens hin. 14* Vierzehntes Kapitel. Durch die weiten Wälder, die zwiſchen dem mächtigen Gebiete der Mohawks und dem ſchönen Lande der Oneidas liegen, zog an dem Morgen des Tages, deſſen Ereigniſſe wir theilweiſe ſchon berichtet haben, ein kleiner Trupp Indianer auf die gewohnte verſtohlene Weiſe dahin. Sie trugen ihre Friedens⸗ kleider. Jeder war vollſtändig nach indianiſcher Sitte gekleidet; die vielfarbige Matte hing von ihren Schul⸗ tern und beläſtigte ſie ein wenig in ihrem Fortſchritte. Sie wählten die ſchmalen Fußpfade; doch war es nicht ſo leicht, ſich zu verbergen, wenn dies ihr Zweck war, wie es in einer anderen Kleidung und zu einer anderen Zeit geweſen wäre, denn wenn ſie nicht viel⸗ leicht an einem noch glänzend belaubten Zuckerahorn⸗ baume oder an einer ſchönen braunen Eiche vorüber⸗ gingen, ſtach die helle Farbe ihrer Kleidung mächtig gegen das dunkle Immergrün und den weißen Schnee ab. Der Trupp ſchien ſchon die Nacht durch gewan⸗ dert zu ſein, denn fobald der Morgen dämmerte, blieb der Vorderſte ſtehen und ohne ſeine Stellung zu verändern, um keine neue Spuren im Schnee zu ma⸗ chen, unterredete er ſich mit den Folgenden über ſeine Schulter. Ihre Unterredung war kurz nnd ſie läßt ſich in folgender Weiſe wiedergeben: „Wollen wir hier Halt machen oder weiter gehen? Die Augen des Tages ſind im Oſten geöffnet.“ „Laßt uns bis Mittag hier bleiben,“ ſagte ein älterer Mann hinter ihm.„Die Oneidas gehen um die Mitte des Tages immer in ihre Wohnung. Sie ſind Kinder. Sie bedürfen des Schlummers, wenn die Sonne hoch ſteht.“ Eine andere Stimme wiederholte denſelben Rath, und Einer nach dem Anderen von der Spur in das Dickicht ſpringend, ſammelten ſie ſich unter einer mäch⸗ tigen Tanne, wo der Boden frei vom Schnee war, und ſetzten ſich im Kreiſe unter den Zweigen nieder. Dort brachten ſie ihre Zeit faſt ſchweigend zu. Einige Speiſen wurden zum Vorſchein gebracht, ſowie auch ein wenig Rum, das unheilvolle Geſchenk der Eng⸗ länder;z aber es wurden ſehr wenige Worte geſpro⸗ chen und die einzigen Sätze, die der Wiederholung werth ſind, waren: — 214— „Biſt Du des Ortes ganz gewiß, Bruder?“ „Ja,“ antwortete der Andere, der als Führer gedient hatte;„die Nachricht wurde von einem Läu⸗ fer aus Albany, einem Manne von wahrhafter Zunge gebracht.“ Von Zeit zu Zeit blickten die verſchiedenen Mit⸗ glieder der Gruppe zum Himmel auf und endlich er⸗ hob ſich einer von ihnen und ſagte: „Es iſt Mittag, laßt uns weitergehen. Wir können eine Stunde weiterſchreiten, dann ſind wir nahe genug, um den Ort zu erreichen und zurückzu⸗ kehren, während die Schatten noch auf der Erde ſind.“ „Man hat uns geſagt, wir ſollen uns ausbrei⸗ ten und auf verſchiedenen Fußwegen eintreten,“ ſagte der ältere Mann. „Es iſt jetzt nicht nöthig,“ bemerkte der, wel⸗ cher der Anführer zu ſein ſchien,„wenn Alles zwi⸗ ſchen Aufgang und Untergang geſchehen kann.“ Seine Worte ſchienen entſcheidend und ſie ſetzten ihren Weg fort, indem ſie wie vorher in einer Reihe weiter gingen. Sie waren etwa drei Meilen weiter⸗ gekommen, als ein wilder, gellender Schrei, wie ein Europäer kaum glauben würde, daß eine menſch⸗ liche Kehle ihn hervorbringen könne, zu ihrer Rechten gehört wurde. Ein anderer Schrei erhob ſich im näch⸗ ſten Augenblick zu ihrer Linken und dann ein dritter vor ihnen. Alle blieben in athemloſem Schweigen ſtehen, als wären ſie plötzlich in Stein verwandelt worden; aber jeder legte beim erſten Impulſe die Hand an ſeinen Tomahawk. Alle horchten auf die Wieder⸗ holung des wohlbekannten Kriegsgeſchreies und jeder fragte ſich, was ſolch ein Ton in einem Lande be⸗ deuten könne, wo die Indianer alle unter ſich in Frieden wären, und wo man keine Nachricht von ei⸗ nem fremden Feinde erhalten hatte; aber Niemand ſprach ein Wort, nicht einmal leiſe zu ſeinem Neben⸗ manne. Plötzlich erſchien eine einzelne Figur, groß, mäch⸗ tig und gebieteriſch, vor ihnen auf dem Fußpfade— ein Mann, der allen Gegenwärtigen wohl bekannt war. Es war der ſchwarze Adler, jetzt befiedert und bemalt zur Schlacht, ſeine Büchſe in der Hand und ſein Tomahawk bereit. „Seid Ihr Mohawks?“ fragte er, als er näher kam;„ſind wir Brüder?“ „Wir ſind Mohawks und Brüder,“ verſetzte der Anführer des Trupps;„wir wandern nur durch den Wald und ſuchen Etwas, was verloren gegangen iſt.“ „Was iſt es?“ fragte der ſchwarze Adler ſtrenge; „Nichts iſt verloren, was nicht gefunden werden kann. Mag auch der Schnee es auf einige Zeit bedecken; aber wenn der Schnee ſchmilzt, wird es ans Licht kommen.“ „Es iſt der Rock eines jungen Burſchen,“ ſagte der liſtige Mohawk;„aber warum iſt der ſchwarze Adler auf dem Kriegspfade? Wer hat das Beil auf⸗ gegraben gegen die Oneidas?“ „Der ſchwarze Adler hatte einen Traum,“ ver⸗ ſetzte der Häuptling, um welchen ſich jetzt zahlreiche zum Kriege gerüſtete Oneidas verſammelt hatten;„und in ſeinem Traume ſah er zehn Männer vom Mittag her in das Land der Oneidas einrücken und zehn Män⸗ ner von der Seite des kalten Windes her, ſie trugen die Tracht des Friedens und nannten ſich Brüder der Kinder des Steines. Aber die Augen des ſchwarzen Adlers waren ſtark in ſeinem Traume und er durch⸗ ſchaute ihre Bruſt und ihre Herzen waren ſchwarz, und eine Stimme flüſterte ihm zu, ſie kämen, um den Oneidas zu ſtehlen, was ſie nicht erſetzen können und den Kindern des Steines eine Laſt aufzuerlegen, die ſie nicht tragen wollen.“ „War es nicht die Stimme des Singvogels?“ fragte der junge Mohawkhäuptling.„Wurde der Traum nicht vom böſen Geiſte geſendet?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der ſchwarze Adler.„Aber der ſchwarze Adler glaubte dem Traume, und emporfahrend rief er ſeine Krieger um ſich, ſchickte das Luchsauge, den Sachem des Bären, gegen Mit⸗ ternacht und führte ſeine eigenen Krieger nach Süden, indem er ſagte: laßt uns gehen und dieſen zehn Män⸗ nern begegnen und ihnen ſagen, wenn ſie wirklich — 217— Brüder der Oneidas ſind, ſo ſollen ſie mit uns kom⸗ men und die Pfeiſe des Friedens mit uns rauchen, in unſeren Wohnungen eſſen und trinken und zurück⸗ kehren in ihr Land, wenn ſie befriedigt ſind; wenn aber ihre Herzen ſchwarz und ihre Zungen doppelt ſind, ſo laßt uns offen Krieg führen, das lange be⸗ grabene Beil aufgraben und in den Krieg ziehen, wie Männer und nicht ſchleichen, um Unheil anzurichten, wie die liſtige Schlange.“ Die letzten Worte wurden mit Donnerſtimme ge⸗ ſprochen, während ſein lebhaftes ſchwarzes Auge ſprühte und ſeine ganze Geſtalt ſich vor Unwillen zu erheben ſchien. Die Mohawks ſtanden ſchweigend vor ihm und ſelbſt der junge Häuptling, der ſich als der kühnſte unter ihnen gezeigt hatte, richtete ſeine Augen auf den Boden. Endlich aber antwortete er nach einer Pauſe: „Der ſchwarze Adler hat wohl geſprochen und wohl gethan, obgleich er ſolchen Träumen nicht zu viel Glauben ſchenken ſollte. Der Mohawks iſt der Bruder des Oneida— die Kinder des Steines und die Männer des Bluts ſind eins, wenn gleich der Mohawk den Oneida für haſtig im Handeln hält. Er iſt ein Panther, der von der Höhe herunter auf eine Beute ſpringt, ehe er ſieht, ob es nicht die — 21s— Hirſchkuh iſt, die ſein Junges ernährte. Er vergißt die Gaſtfreundſchaft—“ Die Augen des ſchwarzen Adlers ſprühten einen Augenblick; aber dann erloſch das Feuer in ihnen und es folgte ein ernſter, trauriger Ausdruck. Der junge Mann fuhr indeſſen kühn fort und ſagte: „Er vergißt die Gaſtfreundſchaft. Er führt den Sohn ſeines Bruders zum Tode und vergießt das Blut deſſen, der mit ihm von derſelben Speiſe gegeſ⸗ ſen. Er wartet nicht, um den Schuldigen zu beſtra⸗ fen, ſondern erhebt ſein Tomahawk gegen ſeinen Freund. Die fünf Nationen ſind ein vereintes Volk; was Schande über die eine Nation bringt, bringt Schande über alle. Die Augen des Mohawk ſind voll Feuer und ſein Kopf beugt ſich nieder, wenn die Leute ſagen: der Oneida verletzt die Gaſtfreundſchaſt, der Oneida iſt haſtig zu tödten und vergilt Treue und Glauben und Freundlichkeit mit dem Tode. Was ſollen wir ſagen zu unſerem weißen Vater jenſeits des Salzwaſſers, wenn er uns fragt: Wo iſt mein Sohn Walter, der die Oneidas liebte, der ihr Bruder war, der an ihrem Berathungsfeuer ſaß und die Friedens⸗ pfeife mit ihnen rauchte? Sollen wir ſagen, die Oneidas haben ihn erſchlagen, weil er der Gaſtfreund⸗ ſchaft der fünf Nationen vertraute und nicht entfloh? Wenn er uns fragt: Welches war ſein Verbrechen? — 219— Und verurtheilten ihn die Oneidas deshalb wie ruhige und verſtändige Männer? Sollen wir antworten: Er hatte kein Verbrechen begangen und die Oneidas nah⸗ men ihn haſtig und ohne Urtheil gefangen. Er war voll Liebe und Freundlichkeit gegen ſie— ein Ahorn⸗ baum, der von Honig überſtrömte, für die Oneidas; aber ſie ergriffen ihn in der Haſt, da ſie doch viele Andere hätten finden können! Wenn wir ſo ſagen, was wird unſer großer Vater von ſeinen rothen Kin⸗ dern denken? Bedenke dies, ſchwarzer Adler; und wenn Du wieder träumſt, ſo magſt Du gabelzüngige Schlangen gegen die fünf Nationen ziſchen ſehen, und fragen hören: Wer machte ſie ziſchen?— Ich habe geſprochen.“ Die Gefühle, die durch dieſe Rede in allen Oneidakriegern, die ſie hörten, erregt wurden, dürften ſchwer zu beſchreiben ſein. Sie zeigten viel Zorn, aber noch mehr Scham. Die letztere war gewiß in des ſchwarzen Adlers Bruſt vorherrſchend. Er griff mit der Hand nach ſeiner Schulter, als ſuche er ſei⸗ nen Mantel, um ihn über ſein Geſicht zu ziehen und ſagte nach einer langen Pauſe: „Leider habe ich keine Antwort! Du biſt ein Jüng⸗ ling und mein Herz iſt alt. Mein Volk ſollte mich nicht ohne Antwort laſſen vor einem Knaben. Geh in Frieden. Ich will dem meine Antwort ſenden, der Dich geſchickt hat; denn unſere Brüder, die — 220— Mohawks, haben nicht redlich gegen uns gehandelt, indem ſie Liſt anwendeten. Es ſind Eurer indeſſen noch mehr. Laßt jeden von ihnen in ſeine Heimath zurückkehren, denn die Kinder des Steines ſind ihre eigenen Herren.“ „Es ſind unſerer nicht mehr, als Du ſiehſt,“ entgegnete der junge Mann. Der ſchwarze Adler ſah ihn ſtrenge an und ant⸗ wortete darauf: „Seit geſtern Morgen ſind von dieſer Seite ſechs Männer auf geſonderten Wegen in das Oneidagebiet eingetreten. Mögen ſie zurückkehren. Wir geben ih⸗ nen Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, und Niemand ſoll ihnen etwas zu Leide thun. Wenn ſie ſpäter noch hier gefunden werden, ſollen ihre Scalps an dem Kriegsbaume aufgehängt werden.“ So redend, wendete er ſich und entfernte ſich mit ſeinen Kriegern, während der junge Mohawk und ſeine Begleiter faſt ſo ſtill, wie ſie gekommen waren, wieder durch die Wälder zogen und in ihr Gebiet zu⸗ rückkehrten. Der große Oneidahäuptling und ſeine Begleiter ſetzten mit langſamen und ſchweren Schritten ihren Heimweg fort. Niemand ſprach ein Wort, denn je⸗ der zeigte Kummer und Verlegenheit, und Alle fühlten, daß der Vorwurf des jungen Mohawk gerecht ſei. Sie waren mit Gefühlen des Unwillens und Zornes — 221— gekommen bei der Nachricht, daß andere Stämme ſich in die Angelegenheiten des Oneidavolkes miſchten, und ſie empfanden noch große Aufregung bei der Hand⸗ lungsweiſe, die man verfolgt hatte; aber ihr Stolz war gedemüthigt und ihr angeborner Gerechtigkeitsſinn verletzt, durch die lebhafte Schilderung der Anſicht, welche Andere über ihre Handlungsweiſe gegen Wal⸗ ter Prevoſt haben müßten. Sie wußten freilich, daß dieſe Handslungweiſe vorzüglich einer Familie des Stammes zuzuſchreiben ſei; aber ſie fühlten, daß die Schande auf die Nation fiel und in gewiſſer Hinſicht dem ganzen Bunde würde zur Laſt gelegt werden. Nichts bekümmerte oder erniedrigte die Indianer ſo ſehr, wie das Gefühl der Scham. Es wurde natürlich von anderen Urſachen hervorgebracht, als bei einem Europäer; dennoch war es ſehr mächtig und der ſchwarze Adler fühlte, daß in Walter Prevoſt's Falle die Gewohnheiten ſeines eigenen Volkes durch ſeine haſtige Gefangennahme verletzt worden ſeien und daß er ſelber, der Häuptling der Nation, in gewiſ⸗ ſem Grade für eine Handlung, die er geſtattet, wenn auch nicht ſelber gethan, verantwortlich gehalten werde. Zu dieſer Zeit, während der Bund der fünf mächtigen Nationen unverletzt blieb und alle indiani⸗ ſchen Stämme eine gewiſſe Beſorgniß wegen der Ein⸗ fälle der Europäer empfanden, war den großen Häupt⸗ lingen ein Grad der Macht und des Anſehens zuge⸗ — 222— fallen, den man ihnen in früheren und einfacheren Zeiten wahrſcheinlich nicht bewilligt hatte. Der große Häuptling der Mohawks nannte ſich König und übte in gewiſſem Grade das Anſehen eines Monarchen aus. Der ſchwarze Adler nahm freilich keinen anderen Titel, als die gewöhnliche indianiſche Benennung Sachem an; aber bei ſeinem großen Rufe und ſeiner aner⸗ kannten Weisheit wurde ſein Anſehen allgemeiner ge⸗ achtet, als das irgend eines anderen Häuptlings des Bundes. Die Verantwortlichkeit laſtete daher ſchwer auf ihm, und mit Gefühlen tiefer Verſtimmung und Niedergeſchlagenheit trat er kurz vor der Stunde des Sonnenunterganges in das große Oneidadorf ein. Die Frauen und Kinder waren alle verſammelt, um die Krieger vorüberziehen zu ſehen, alle, außer Otaitſa, die, ihren Kopf niedergebeugt unter dem drückenden Gefühl der Schwierigkeiten und Gefahren, ihrer bevorſtehenden Aufgabe vor dem großen Hauſe des ſchwarzen Adlers ſaß. Der ſchwarze Adler ſah ſie wohl und bemerkte, daß ſie von tiefem Kummer bewegt war; aber er gab durch kein Zeichen zu erkennen, daß er ſie gewahr werde; und langſam und mit unverändertem Geſichte zu der Thür gehend, ſetzte er ſich zu ihr, während ſeine Krieger ſich um ſie ordneten und die Frauen und jungen Leute einen weiteren Kreis bildeten. Es ge⸗ ſchah ohne Verabredung oder Anordnung; aber alle wußten, daß der Häuptling reden werde ehe ſie ſich trennten. Otaitſa blieb aus Ehrerbietung gegen ihren Va⸗ ter ſchweigend in derſelben Stellung, und nach einer Pauſe hörte man den ſchwarzen Adler ſagen: Meine Kinder, Euer Vater iſt bekümmert. Wäre er ein Weib, ſo würde er weinen. Der Vorwurf ſeines Volks und die üble Aufführung ſeiner Verbün⸗ deten würde Waſſer in die Augen bringen, welche niemals naß waren. Aber es droht uns ein Sturm, der heftigſte Sturm, der je über uns gekommen. Das Waſſer unſeres Sees iſt getrübt und wir haben es ſelber getrübt. Wir müſſen uns berathen. Wir müſſen die Weisheit vieler Männer zu Hülfe rufen, um den Sturm abzuwenden. Laßt denn drei von meinen ſchnellſten Kriegern forteilen zu den Häuptern der acht Stämme und ihnen ſagen, daß ſie hieher⸗ kommen, ehe morgen der Weſten dunkel wird, und ihre weiſeſten Männer mitbringen. Dann ſollen meine Kinder meine Geſinnung erfahren und der ſchwarze Adler wird wieder ſeine Kräfte erhalten.“ Er ſchwieg und Otaitſa ſprang auf, indem ſie glaubte, daß ihr Vater bereits von dem, was ſie gethan, Kunde erhalten habe. „Ehe Du zu den Häuptlingen ſendeſt, höre Deine Tochter an.“. Der ſchwarze Adler war überraſcht, aber kein — 224— Zeichen davon war in ſeinem Geſichte zu erkennen. Er nickte langſam mit dem Kopfe und die Blüthe fuhr fort: „Bin ich nicht ein gehorſames Kind gegen Dich geweſen? Habe ich Dich nicht geliebt, nicht Dein lei⸗ ſeſtes Wort befolgt? Ich bin in jeder Hinſicht Dein Kind. Du haſt mich oft in die Wohnung des wei⸗ ßen Mannes mitgenommen, weil er von meiner Ver⸗ wandtſchaft iſt. Du haſt mich oft dort zurückgelaſ⸗ ſen, während Du auf den Kriegspfad gegangen oder auf den Bergen gejagt. Du haſt geſagt: Sie ſind von unſerem eigenen Blut. Mein geliebtes Weib war von hohem Range unter dem Volke des bleichen Ge⸗ ſichts im Oſten, die Tochter eines großen Häupt⸗ lings. Ich diente ihr am Tage der Schlacht und ſie wurde mein; und wahr und treu, liebevoll und ge⸗ recht war das Kind des weißen Häuptlings gegen den großen Sachem der Oneidas. Soll ich ihre Tochter von allem Verkehr mit ihrer Verwandtſchaft abhal⸗ ten? Jung war ich, ein kleines Kind, als Du mich zuerſt dorthin mitnahmeſt und Editha war eine Schwe⸗ ſter und Walter ein Bruder für mich. Sie liebten mich beide ſehr, und ich liebte ſie; aber meine Liebe 7) zu dem Bruder wurde ſtärker, als die zu der Schwe⸗ ſter, und die ſeine zu mir. Wir erklärten einander unſere Liebe und er ſagte: Wenn ich alt genug bin, um auf den Kriegspfad zu gehen, ſo will ich den — 225— ſchwarzen Adler bitten, mir Otaitſa zu geben; und der rothe Häuptling und der weiße Häuptling ſollen wieder vereint und das Band zwiſchen den Oneidas und dem engliſchen Volke verſtärkt werden. Und wir träumten einen Traum, daß dies erfüllt werden würde und gaben einander das Wort. Was habe ich nun gethan, mein Vater? Die Brüder der Schlange und der Häuptling Apukwa ergriffen gegen die Gewohn⸗ heiten der Oneidas meinen Verlobten und führten ihn gefangen fort innerhalb vier Tagen, nachdem ihr Bruder von einem weißen Manne, aber nicht von meinem Walter, war erſchlagen worden. Es iſt nicht meine Sache, die Geſetze der Oneidas zu kennen oder von den Ueberlieferungen unſerer Väter zu reden, aber hierin wußte ich wenigſtens, daß ſie übel gehandelt; ſie hatten einen unſchuldigen Mann genommen, ehe ſie den ſchuldigen geſucht. Ich fand den Ort, wo ſie ihn verſteckt hatten. Ich kletterte auf die Höhe des Felſens über der Schlucht und ſtieg den Abhang hinunter. Ich band Stricke an die Bäume, damit er entfliehen könne. Ich löſte die Riemen von ſeinen Händen und Füßen und ſagte: Dieſe Nacht ſollſt Du entfliehen, mein Geliebter und der Wuth Deiner Feinde entgehen. Dies Alles that ich; und was iſt es? Es mag gegen das Geſetz der Oneidas ſein, aber es iſt das Geſetz eines weiblichen Herzens, welches der große Geiſt ſelber dort niedergelegt. Daſſelbe würde meine Ticonderoga ꝛc. 2. Bd. 15 — 226— Mutter für Dich gethan haben, mein Vater, wenn Du in den Händen Deiner Feinde gefangen geweſen wäreſt. Hätte ich es nicht gethan, ſo wäre ich nicht Dein Kind geweſen; ich wäre unwürdig, den ſchwar⸗ zen Adler meinen Vater zu nennen. Die Tochter ei⸗ nes Häuptlings muß wie die Tochter eines Häupt⸗ lings handeln. Das Kind eines großen Kriegers, muß keine Furcht haben. Wenn ich ſterben ſoll, bin ich bereit.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und der ſchwarze Adler erhob ſeinen Kopf, den er ein wenig niederge⸗ beugt hatte, und ſagte mit lauter und deutlicher Stimme: „Du haſt wohl gethan, mein Kind. So mag jedes indianiſche Weib gegen den handeln, dem ſie in Liebe verbunden iſt. Die Frauen der Kinder des Steines ſind nicht wie andere Frauen. Sie ſind feſt wie der Stein; ſie ſind hoch wie der Felſen. Sie beſchenken die Nation mit Kriegern. Sie lehren ſie große Thaten thun.“ „Habe noch ein wenig Geduld mit mir, mein Vater,“ fuhr Otaitſa fort;„und laß das Geſchick Deiner Tochter in Deiner Hand ſein, vor den Augen aller hier Gegenwärtigen. Apukwa und die Brüder der Schlange hatten Wache geſtellt und überfielen mich und meinen weißen Bruder und verſpotteten Deine — 227— Tochter und ihren Gemahl und banden ſeine Hände und Füße wieder und ſagten, er ſolle ſterben.“ Es iſt ſelten, daß ein Indianer die Rede eines Anderen unterbricht; aber das Herz des Häuptlings war gänzlich mit Otaitſa's Unternehmen beſchäftigt, und er rief jetzt mit großer Aengſtlichkeit: „So iſt er alſo nicht entflohen?“ „Nein, das iſt er nicht,“ verſetzte Otaitſa;„es ging, wie ich ſagte. Walter Prevoſt iſt noch in den Händen Apukwa's und der Brüder der Schlange; und er iſt nicht ſicher, mein Vater— nicht einmal ſo lange, bis die Nation über ſein Schickſal entſchie⸗ den hat. Wenn die Nation ſpricht,“ fuhr ſie fort, kühn gemacht durch ihres Vaters Billigung,„ſo will Otaitſa leben oder ſterben, denn ich ſage Dir und allen hier gegenwärtigen Kriegern, wenn mein Ver⸗ lobter unſchuldigerweiſe von der Hand eines Oneida erſchlagen wird, ſo ſtirbt die Tochter des Häuptlings auch.“ „Wohl geſprochen!“ murmelten die Krieger in leiſem und traurigem Tone, als ſie ſie anblickten, wie ſie in ihrer großen Schönheit an der Seite ihres Va⸗ ters daſtand, während die untergehende Sonne unter dem Rande der Schneewolke hervorblickte und einen roſigen Schimmer umher verbreitete. „Er iſt nicht einmal ſo lange ſicher, bis das Wort ansgeſprochen iſt, denn es ſind böſe Männer, 15* — 228— die ihn in ihrer Gewalt haben. Sie halten ihn ge⸗ gen unſere Gewohnheiten gefangen. Sie verachten unſere Geſetze. Es ſind Honontkoh und ſie fürchten Nichts, als das Tomahawk des ſchwarzen Adlers. Sie trinken Blut. Sie tödten ihre Mütter und ihre Brüder. Es ſind Honontkoh!“ Ein Gemurmel des Schreckens und Unwillens bei dem verhaßten Namen dieſes geheimen Ordens unter den Indianern, der von allen edleren Kriegern der Stämme mit Furcht und Haß betrachtet wurde, lief durch den Kreis. Der ſchwarze Adler ſtand auf und ſagte: „Man unterſuche ſie, und wenn das Zeichen an ihnen gefunden wird, ſo ſtelle man redliche Männer als Wache bei dem Jüngling auf. Morgen in der großen Verſammlung wollen wir über ſein Schickſal entſcheiden und der große Geiſt ſende uns Träume und ſage uns, was recht iſt! Komm mit mir, mein Kind. Die Blüthe iſt mir immer theuer.“ Bei dieſen Worten wendete er ſich um und trat in ſeine Wohnung. —j— Fünfzehntes Kapitel. Die Verheißung des Sonnenunterganges beſtä⸗ tigte ſich. Der folgende Tag brach hell und klar an. Der Wind war nach Südweſten herumgegangen, und wie es häufig in dem amerikaniſchen Herbſte geſchieht, folgte auf den kalten und eiſigen Hauch des Nordoſt ein ſo ſanfter und milder Wind wie die wärmſten Lüfte des Frühlings. In großen Maſſen fiel der Schnee von den Zweigen der Tannen und Fichten; die weiße Oberfläche der Erde ſchimmerte, wie von glänzenden Schuppen, als die obere Decke zu ſchmel⸗ zen begann und das Waſſer von den äußerſten Zwei⸗ gen heruntertröpfelte, bis die völlig aufgegangene Sonne den aufgelöſten Schnee in die Ströme und in den See ergoß. Es war gleich der Herſtellung des Geiſtes vom Kummer unter dem glänzenden Einfluſſe glücklicherer Tage. Nur hie und da ſah man noch einen Schnee⸗ baufen auf den Gipfeln der Hügel oder in den ſchat⸗ tigeren Theilen des Waldes; nur hie und da zeigte ſich am Himmel der Ueberreſt einer Wolke; aber an⸗ ſtatt der dunklen, ſchweren grauen Maſſe, die am — 230— vergangenen Tage den Himmel eingehüllt hatte, war jene Wolke leicht und ſanft, wie der Flaum eines Schwans. Um zwei Uhr ſah man mehrere lange Reihen indianiſcher Häuptlinge und Krieger dem großen Onei⸗ dadorfe ſich nähern. Bald darauf wurde ein großes Feuer vor der Thür der vorzüglichſten Wohnung an⸗ gezündet, und wie am vergangenen Abend bildeten die Krieger einen engeren und die Frauen und Kinder einen weiteren Kreis. Der große Häupiling in der vollen Pracht der indianiſchen Friedenskleidung, mit ſeinen Federn, ſei⸗ nem weiß und rothen Kopfputze, ſeinem earmoiſin⸗ rothen Mantel, ſeinem geſtickten Hemd und Oberkleide und den zahlloſen Schaumünzen an ſeinem Halſe, nahm mit einer ernſten Würde, wie ſich wenige eivi⸗ liſirte Monarchen nach dem eifrigſten Studium anzu⸗ eignen vermögen, den Chrenplatz ein. Er trug keine kriegeriſchen Waffen, Nichts als ein einziges Meſſer zeigte ſich an ſeinem Gürtel und in ſeiner Hand hielt er eine reich verzierte Friedenspfeife. Dicht hinter ihrem Vater ſaß Otaitſa mit ſehr beunruhigtem Herzen, weniger vielleicht von Furcht, als Erwartung. Der ſchwarze Adler war freundlich und zärtlich gegen ſie geweſen, als er ſich mit ihr allein befunden. Er hatte ſie mit einer Zärtlichkeit, wie ſie ein Indianer ſelten gegen ſein Kind zu erken⸗ — 231— nen giebt, an ſein Herz gedrückt. Er hatte die ganze Erzählung von ihrer Liebe zu Walter Prevoſt ohne ein Wort der Mißbilligung oder des Vorwurfs ange⸗ hört und zuweilen hatte ſich ſogar ein heiteres Lächeln in ſeinem dunklen und ſtrengen Geſichte gezeigt, als ihre Worte ihn an die Gefühle ſeiner Jugend erin⸗ nerten— gleich einem Liede, an welches man nach vielen Jahren plötzlich wieder erinnert wird. Anſtatt ihren Verſuch der Befreiung Walter's zu tadeln, rühmte er denſelben ſehr. „Es war Deine Aufgabe, mein Kind,“ ſagte er.„Du hätteſt ein Knabe ſein ſollen, Otaitſa; der Geiſt des Kriegers iſt in Deinem Mädchenbuſen.“ — Als ſie aber von dem Schickſal ihres Geliebten zu reden und für ihn zu bitten begann, da kehrte die ſtrenge und ernſte Kälte des Indianerhäuptlings zu⸗ rück, und obgleich ſie ſehen konnte, daß er voll feſter Entſchlüſſe war, vermochte ſie doch nicht zu entdecken, worin ſie beſtanden. Sie wußte, daß die Erklärung jetzt kommen ſollte und wir können uns vorſtellen, mit welchem lebhaften Intereſſe ſie auf jedes Wort horchte. Es fand natürlich einige Verwirrung ſtatt, als Alle ihre Plätze einnahmen, aber bald wurde es ruhig und dann trat ein tiefes Schweigen ein. Die große Pfeife wurde angebrannt und von Hand zu Hand geſchickt, bis ſie den ganzen Kreis zurückgelegt hatte, — 232— und dann, und nicht eher, als dann, ſtand der ſchwarze Adler auf und ſprach. „Sind meine Worte befolgt worden?“ fragte er;„haben meine Krieger unterſucht, ob Mitglieder des ſchwarzen und verderblichen Ordens der Honontkoh unter uns ſind?“ Er ſetzte ſich wieder, ſobald er die Frage aus⸗ geſprochen hatte, und nach einer augenblicklichen Pauſe ſtanden zwei Krieger von mittlerem Alter, die am vergangenen Tage bei ihm geweſen waren, auf und traten einen Schritt vor, während einer von ihnen ſagte: „Wir haben Deine Worte gehört und die Un⸗ terſuchung angeſtelt. Der Bruder der Schlange, Apukwa, der Mann der Heilkunſt und das fliegende Eichhörnchen ſind Honontkoh. Sie haben das Zei⸗ chen und ſonſt Niemand.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Häuptling wieder auf⸗ ſtehend.„Nun bringt den Mann herbei, der in der letzten Nacht vor dem Thore unſerer Burg gefangen genommen wurde.“ Ein halbes Dutzend junger Männer ſprang auf und führte aus einer benachbarten Hütte den farbigen Läufer Proctor, den wir bei Brooks und Lord H. in Albany geſehen. Er hatte eine Friedenspfeife in der Hand, als Zeichen einer friedlichen Botſchaft und er zeigte keine Furcht, denn er wußte, daß ſein Leben verſchont bleiben werde, obgleich er jetzt bereits erfah⸗ — 233— ren hatte, daß die Oneidas wegen einiger Handlungen in Betreff des Zweckes ſeiner Sendung ſehr aufge⸗ bracht worden. So ruhig und gefaßt, wie er im Fort von Al⸗ bany geweſen, in der Mitte daſtehend, ſah er ſich kaum im Kreiſe um, ſondern blickte mit kaltem und ausdrucksloſem Geſichte vor ſich hin und den Häupt⸗ ling an, vor dem er ſtand. „Was haſt Du zu ſagen?“ fragte der ſchwarze Adler. Der Mann blieb ſtumm, obgleich er die Lippen bewegte, als ob er reden wollte. „Fürchte Nichts,“ ſagte der ſchwarze Adler, der die vergebliche Anſtrengung zu reden für ein Zeichen der Furcht hielt, obgleich es der angewöhnte Wider⸗ wille war, den Ton ſeiner eigenen Stimme zu hörenz „Du ſollſt in Sicherheit gehen, welches auch Deine Botſchaft ſein möge. Mann, biſt Du ſtumm? Iſt Deine Zunge ein Stein?“ „Bin nicht ſtumm— ich fürchte Nichts,“ ſagte der Läufer mit mächtiger Anſtrengung.„Große Häupt⸗ linge in Albany ſchicken mich zu ſagen: Gieb uns den Knaben!“ Hier hielt er inne, denn es hatte ihm große Anſtrengung gekoſtet, ſo viele Worte auszuſprechen. „Waren es Kriegshäuptlinge?“ fragte der ſchwarze Adler laut.. — 234— Der Mann nickte mit dem Kopfe und der ſchwarze Adler fragte: „Drohten ſie den Oneidas? Sagten ſie, ſie wollten das Beil aufgraben?“ Der Läufer ſchüttelte den Kopf und der Häupt⸗ ling fragte:— „Was, ſagten Sie denn, würde uns zu Theil werden, wenn wir uns einzuwilligen weigerten?“ „Schande!“ verſetzte Proctor laut. Der ſchwarze Adler zog plötzlich ſeinen Mantel über ſein Geſicht. Ein leiſes Gemurmel verbreitete ſich gleich dem Summen eines Bienenſchwarmes; als es ſich gelegt hatte, ſtand der Häuptling wieder auf und ſah ſich mit ernſter und trauriger Würde unter ſeinem Volke um. „Ihr habt gehört, o Kinder des Steines,“ ſagte er mit voller tieftönender Stimme,„was die Häupt⸗ linge der bleichen Geſichter von der Oneidanation ſa⸗ gen; und es ſind Krieger hier, die geſtern bei mir waren, als unſere Brüder, die Mohawks, mir Ver⸗ rätherei und Bruch der Gaſtfreundſchaft gegen unſeren Bruder Prevoſt vorwarfen, und der ſchwarze Adler hatte Nichts zu antworten. Ihr kennt die Geſchichte. Warum ſollte ich das Lied von geſtern wiederholen? Ein Mann von unſerer Nation wurde von den Yengees erſchlagen und die Brüder des todten Man⸗ „nes ergriffen den Sohn des Prevoſt, der auch unſer — 235— Sohn iſt, ohne nach dem zu ſuchen, der das Blut vergoſſen hatte. Dies war gegen die Sitte der fünf Nationen. Aber ſie ſagen, der Mann ſei nicht zu finden— er ſei ſchon außer unſerem Gebiet geweſen und wir müßten den Erſten nehmen, den wir finden können, um den Geiſt unſeres Bruders zu beſänftigen. Nun iſt Prevoſt aber ein guter Mann, von allen fünf Nationen geliebt, ein Bruder des rothen Mannes, ein Freund, der uns vertraut hat. So hart halten die Mohawks und Onondagas dieſe That, daß ſie hinterliſtig gegen die Oneidas gehandelt und ſich be⸗ müht haben, durch die krummen Wege der Schlange den Gefangenen aus unſern Händen zu befreien. Auch die Häuptlinge der bleichen Geſichter haben Männer in unſer Land geſchickt und denken übel von den Oneidas. Aber der ſchwarze Adler ſah, was ſie vorhatten, breitete ſeine Flügel aus und trieb ſie hinaus. Er hatte keine Antwort für die Vorwürfe der Mohawks oder der Yengees. Er will ihnen Bei⸗ den heute durch den Boten ihre Antwort ſenden und die Kinder des Steines werden dadurch ſeine Geſinnung erfahren. Sie mögen ſagen, ob es recht iſt.“ Dann wendete er ſich zu Proctor, ſtreckte ſeine „Hand nach Süden aus und ſagte: „Wenn Du dorthin gehſt, ſo ſollen Dich zwei von meinen Kriegern zu der Burg der Mohawks be⸗ gleiten und Du ſollſt ſagen: Warum habt Ihr hin⸗ — 236— terliſtig gehandelt gegen die Oneidas? Wenn Ihr Etwas gegen ſie hattet, warum ſchicktet Ihr nicht einen Boten des Friedens, um Euren Brüdern Eure Geſinnung mitzutheilen oder warum wendetet Ihr Euch nicht an die große Rathsverſammlung der fünf Nationen, um zwiſchen uns zu richten? Wenn Ihr das Beil aufgraben, den Baum des Friedens um⸗ hauen und Unruhe unter die fünf Nationen bringen wollt, ſo daß das bleiche Geſicht herrſche und unſer langes Haus hier nieder geriſſen werde, ſo bemalt Euer Geſicht und tanzt den Kriegstanz und kommt auf den Schlachtpfad, aber folgt nicht dem Wege der Schlange, um Euch unbemerkt in Eures Bruders Land zu ſchleichen.“ Ein Gemurmel der Billigung folgte dieſer küh⸗ nen Rede. Dann fuhr der Häuptling zu Proctor ge⸗ wendet fort, und ſagte: „Wenn Du ſo geſprochen haſt zu den Mohawks, ſo ſollſt Du weiter gehen zu den Häuptlingen der blei⸗ chen Geſichter in Albany und zu ihnen ſollſt Du ſa⸗ gen: Die Kinder des Steines haben Eure Botſchaft gehört. Sie ſind die Kinder des großen Königs. Er iſt ihr Vater und ſie lieben ihn; aber die Onei⸗ das haben ihre eigenen Geſetze und werden von ihren eigenen Häuptlingen geführt. Sie ziehen in den Krieg gegen Eure Feinde wie gegen ihre eigenen und Ihr ſeid froh am Tage der Schlacht, wenn ſie an Eurer Seite gegen die Franzoſen fechten. Es iſt ihnen lieb, — 237— daß Ihr keine Drohungen angewendet habt, und ſie möchten nicht, daß ihr weißer Bruder übel von ihnen dächte. Sie lieben auch den Häuptling Prevoſt. Sie lieben ſeinen Sohn wie einen Bruder; aber eins ihrer eigenen Kinder iſt von einem der Eurigen er⸗ ſchlagen worden und ihr Geſetz muß erfüllt werden. Sein Geiſt darf nicht ausgeſchloſſen werden von dem glücklichen Jagdrevier. Sie werden trauern wie eine ganze Nation; aber Walter Prevoſt muß ſterben, wenn der Mörder nicht gefangen genommen wird. So ſpricht der ſchwarze Adler, der große Häuptling der Oneidanation; er, welcher ſeinen Feinden hundert Sealps genommen und in funfzehn Schlachten mit Euren und ſeinen Gegnern gefochten. Gebt uns den Mörder heraus, wenn Ihr den Knaben retten wollt. Er iſt in Eurem Lande— Ihr könnt ihn finden. Handelt gerecht gegen uns in dieſer Sache und folgt nicht der Spur des Fuchſes, uns zu täuſchen und unſeren Gefangenen von uns zu nehmen.“ Dann ſchwieg er einen Augenblick und redete mit leiſerer Stimme, doch wurden die folgenden Worte ſehr langſam und deutlich ausgeſprochen, damit jede Silbe nicht nur dem Geiſte des Mannes, den er an⸗ redete, eingeprägt, ſondern auch von den Leuten um⸗ her deutlich gehört und verſtanden werden möchten. „Ferner ſollſt Du zu unſeren Brüdern, den Häuptlingen der bleichen Geſichter in Albany, ſagen: — 238— Der ſchwarze Adler erfährt, daß Walter Prevoſt in die Hände böſer Männer gefallen iſt, welchen man nicht trauen kann, denn ſie haben es mit verborgenen Dingen zu thun und ſind Geier, deren Köpfe bloß und deren Herzen bedeckt ſind. Der ſchwarze Adler wird den Knaben aus ihren Händen nehmen, ihn gut behandeln und für ſeine Sicherheit ſorgen, bis die Stunde kommt. Da Ihr geſagt habt, daß die Onei⸗ das haſtig ſind, daß ſie raſch handeln, daß ſie nicht geſucht haben, wie ſie hätten ſuchen ſollen, ſo will der ſchwarze Adler den Knaben in Frieden bei ſich behalten wie ſeinen eigenen Sohn, um zu ſehen, ob Ihr ihm den Mörder eines Oneida ausliefern werdet. Aber ſo wie der Häuptling ſeinen eigenen Sohn töd⸗ ten würde, wenn die Geſetze ſeines Volks es von ihm forderten, ſo wollen er und die Häuptlinge ſeiner Nation Walter Prevoſt tödten, wenn Ihr in ſechs Monaten nicht den Mörder ausliefert. Er ſoll den Tod eines Kriegers mit ungebundenen Händen ſterben, und da der ſchwarze Adler den Geiſt kennt, der in ihm wohnt, ſo iſt er gewiß, daß er wie ein Krieger ſterben wird. Dies ſollſt Du zu den engliſchen Häuptlingen ſagen, und das Schickſal des Knaben iſt von ihrem Rathe abhängig. Gebt ihm eine Rolle Wampum als Belohnung und laßt ihn in Frieden ziehen.“ Seine Befehle wurden ſogleich befolgt und der farbige Läufer aus dem Kreiſe entfernt. ——— — 239— Dann wendete ſich der Hänptling, ohne ſich zu ſetzen, zu den Kriegern und fragte: „Habe ich wohl geſprochen?“ Die gewöhnlichen Worte der Billigung folgten und wurden faſt von allen Gegenwärtigen wiederholt, darauf begann der ſchwarze Adler in ſtrengerem Tone wieder und ſagte: „Und nun, meine Kinder, was ſoll mit den Honontkoh geſchehen? Ich habe den Gefangenen be⸗ reits aus ihren Händen entfernt, denn ſie ſind Leute ohne Treue und Glauben. Sie leben in Dunkelheit und hüllen ſich in Schatten. Sie verfolgen krumme Wege und wir ſehen, daß ihre Handlungen Blut und Zwietracht hervorbringen. Schon haben ſie den Zorn unſerer Brüder von den fünf Nationen gegen uns erregt; ſie haben die gelbe Wolke der Scham über die Oneidas gebracht. Sie haben beinahe die Fäden getrennt, welche die Rolle unſeres Bundes zu⸗ ſammenhalten. Sie haben das Beil an die Wurzel des Baumes gelegt, den wir und unſer engliſcher Vater gepflanzt. Ich ſage, laßt ſie von uns hinweg⸗ gehen. Der Stamm von dem Zeichen der Schildkröte ſtößt ſie aus. Wir wollen unſere Hütten nicht in der Nähe ihrer Hütten haben. Sie ſollen nicht in⸗ nerhalb unſerer Palliſaden wohnen. Mögen ſie ſich in die Dunkelheit des Waldes begeben und zu den geheimen Höhlen der Felſen; denn Dunkelheit und — 240— Geheimniß ſind die Wohnorte ihrer Herzen. Oder laßt ſie, wenn ſie wollen, zu den ränkevollen Huro⸗ nen gehen und auf der Seite der trügeriſchen Franzo⸗ ſen fechten. Bei uns ſollen ſie nicht wohnen, und mögen ſie ſich nicht mehr unter uns ſehen laſſen.— Iſt mein Urtheil gut?“ Ein allgemeiner Ruf der Billigung folgte. Die Verſammlung brach auf und die Krieger begannen umherzuwandern. Die, welche aus der Ferne gekom⸗ men waren, ſuchten Gaſtfreundſchaft in den benachbar⸗ ten Hütten, denn das große Haus des Häuptlings hatte nicht Raum für alle. In ihr kleines Zimmer begab ſich Otaitſa ſo⸗ gleich, verriegelte die Thür und warf ſich auf ihre Kniee, um zu danken und zu flehen— zu danken, denn die Hoffnung iſt immer ein Segen— zu fle⸗ hen, denn noch war immer Gefahr vor ihren Augen. Sie wußte, daß Walter unter der ſorgfältigen Bewa⸗ chung ihres Vaters ſicher ſein werde; aber ſie betete noch immer inbrünſtig, daß der Gott ihrer Mutter ein Mittel der Rettung finden möge um deſſen willen, der geſtorben, um die Menſchheit zu erretten. Ende des zweiten Bandes. Schneeberg, gedruckt in der C. Schumann ſſchen Buchdruckerei. 2 Rmnnmmmnna 9 10 11 . ſnſnſnſſſniſſſnſinſin 12 13 14 15 16 17 18