iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V Eduard Oftmann in Gießen,„ — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.⸗ 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 8. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 22 Büchen: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— Buener: auf 1 Monat: 1 Nk. Pf. 1 Nr. 55 Ff. 2 Mk.— Pf. „ 3 6 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 8=i, nr ahn r ei, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Ticonderoga oder der ſchwarze Adler. . 4 Eine amerikaniſche Erzählung von G. P. R. James. Was giebt's? Haben wir Teufel hier? Führt Ihr uns Komödien auf mit Wilden und indianiſchen Männern? Der Sturm. Aus dem Engliſchen⸗ von Dr. E. Suſemihl. Erſter Band. -rse Leipzig, Verlag von Chr. Ernſt Kollmann. 1 8 5 4. Ticonderoga oder der ſchwarze Adler. Erſter Band. Erſtes Kapitel. „Unter den kleineren Prüfungen des Glaubens giebt es vielleicht wenige, welche ſchwerer zu bekäm⸗ pfen ſind, als die zunehmende Ueberzeugung, die ſehr bald beginnt, nachdem man das Feiertagsglück der Jugend zuerſt gekoſtet, und jedes Jahr ſtärker wird, ſo wie uns die Erfahrung die großen und düſteren Ge⸗ heimniſſe der Welt, in der wir leben, entfaltet— die Ueberzeugung von der allgemeinen Werthloſigkeit unſerer Mitmenſchen. Einige glänzende Ausnahmen, einige helle und herrliche Geiſter, einige edle und groß⸗ müthige Herzen ſind nicht genügend, die öde Anſicht von der Unwürdigkeit der Welt zu erhellen, und wir können uns nur mit der Thatſache ausſöhnen, daß dieſe ungeheure Menge niedriger, verworfener, ränke⸗ voller, unaufrichtiger und undankbarer Weſen der Stolz von Gottes Werken, das ausdrückliche Bild ſeiner Perſon iſt, indem wir zu der großen Grundlehre von dem gefallenen Zuſtande des Menſchen und dem äußer⸗ ſten Abfall von ſeiner urſprünglichen hohen Beſtimmung zurückkehren und uns der düſteren und furchtbaren An-⸗ kündigung auf ſchmerzliche Weiſe unterwerfen, daß die Pforte eng und der Weg ſchmal iſt und wenige derer ſind, die ihn finden. „Wenn des Menſchen allgemeine Unwürdigkeit eine Prüfung unſeres Glaubens und unſerer Geduld iſt, ſo iſt die ſchmerzlichſte Qual vielleicht die lebhafte Ue⸗ berzeugung von ſeiner Undankbarkeit und ſeiner Unge⸗ rechtigkeit— nicht allein von der Undankbarkeit und Ungerechtigkeit der einzelnen Perſonen, ſondern jeder großen Körperſchaft— jeder Gruppe von ſogenannten Freunden, von Regierungen, Ländern und Völkern. Vergebens folgen wir dem Wege der Ehre und Auf⸗ richtigkeit; vergebens bemühen wir uns, unſeren Mit⸗ menſchen zu nützen, ſie zu erheben und zu veredeln; vergebens arbeiten wir, unſerer Partei, unſerer Sache oder unſerem Vaterlande zu dienen. Weder Ehre noch Auszeichnung noch Belohnung folgt unſeren beſten An⸗ ſtrengungen, ſelbſt wenn ſie gelingen, wenn wir nicht das niedrige und verächtliche Zubehör des perſönlichen Intereſſe, der Unverſchämtheit, der ränkevollen Klug⸗ heit, der unterwürfigen Dienſtwilligkeit oder des Lä⸗ chelns des Glücks beſitzen. — 7— „Hier bin ich, der ſeit vielen mühſamen Jahren mit einem Eifer, wie ihn wenige empfunden, bei Opfern, wie ſie wenige dargebracht und mit einem Fleiße, wie wenige angewendet, für das Wohl ſei⸗ nes Geſchlechts und ſeines Vaterlandes gearbeitet. Daß ich es gethan und zwar mit Erfolg, wurde von al⸗ len zugeſtanden; ſelbſt während Andere, die zugleich mit mir die Laufbahn des Lebens antraten, ſich nach der entgegengeſetzten Richtung wendeten, ſich zum La⸗ ſter, zur Thorheit und ſelbſt zum Verbrechen hinneigten und einen blumenreichen und ebenen Weg betraten, wo wenige von den Schwierigkeiten und Hinderniſſen vorhanden waren, die meinen Pfad umlagerten. „Und welches iſt der Erfolg geweſen? Selbſt der Erfolg hat mir weder Belohnung noch Ehre noch Dank gebracht. Die, welche weder ſo gearbeitet, noch ſo geſtrebt haben, deren Zwecke weniger würdig, de⸗ ren Anſtrengungen weniger erhaben geweſen, ſind mit Belohnungen und Auszeichnungen überhäuft— es iſt ihnen der Schutz einer Regierung— die Gunſt eines Monarchen— der Beifall eines Volks zu Theil ge⸗ worden. Und ich bin ein Verbannter an einer fernen Küſte— vergeſſen, unbelohnt, unerinnert.“ Er hielt, die Feder in der Hand, inne, und die bitteren und nagenden Gedanken der Vernachläſ⸗ ſigung, die er erduldet, und die noch in ſeinem Geiſte geſchäftig waren, verbreiteten ſich durch tauſend neue Kanäle und vergifteten alle Quellen des Glücks in ihm. Eine alte Zeitung lag auf dem Tiſche. Zei⸗ tungen waren ſelten in jenen Tagen und ſie war erſt ſpät zu ihm gelangt. Ein Reiſender, welcher zufäl⸗ lig durch die Wildniß gekommen war, hatte ſie ihm kürzlich gebracht und er hatte darin neue Beweiſe von der Vergeßlichkeit der Freunde, ſo wie von der Wahr⸗ heit des alten Sprichworts:„Aus den Augen aus dem Sinn!“ gefunden. Das Leſen dieſes Blattes hatte zu dieſer düſteren Anſicht von ſeinem Schickſal und von der menſchli⸗ chen Natur, die wir eben erwähnt haben, Veranlaſ⸗ ſung gegeben. Sein Geiſt war in der That nicht zu Klagen geneigt. Es lag nicht in ſeiner Natur zu murren oder ſich zu kränken. Er hatte ein Herz, um viel zu erdulden und gegen Hinderniſſe anzukämpfen — heitere und glückliche Anſichten zu faſſen— ſich auf die Freundſchaft verlaſſen und auf Gott zu ver⸗ trauen. Nur wenn eine neue Laſt zu der Bürde der Undankbarkeit und Falſchheit hinzukam, die ihm zu Theil geworden, entfuhr ihm ein augenblicklicher Aus⸗ bruch des Unwillens, und der aufgeregte und erzürnte Geiſt ſprach laut. Er war ein guter Freund gewe⸗ ſen— treu, wahr und eifrig. Er war ein gütiger Herr geweſen, er hatte ſeine ganze Umgebung als Brüder betrachtet und ihre Wohlfahrt und ihr Glück oft mehr als ſein eigenes im Auge gehabt. Er war ein guter Unterthan geweſen, hatte ſeinen Monarchen geehrt und geliebt und den Geſetzen gehorcht. Er war ein guter Patriot geweſen, der ohne Furcht und ohne Gunſt mit der Feder und der Stimme alle jene Maßregeln vertreten hatte, die, wie er in ſeinem in⸗ nerſten Herzen glaubte, zum Wohl ſeines Vaterlan⸗ des gereichten, und er hatte weder Zeit noch Anſtreng⸗ ung noch Arbeit noch Geld geſpart, um jene Partei zu unterſtützen, von der er wußte, daß ſie dieſelben Grundſätze, wie er ſelber, befolgte. Aber bei dem Allen hatte ihm Niemand je zu dienen geſucht. Niemand hatte je daran gedacht, ihn zu belohnen. Mancher Freund hatte ſich als falſch erwieſen und die beſte Gelegenheit verſäumt, ſeine In⸗ tereſſen zu befördern. Viele, die ſich von ſeiner Güte genährt oder ſeine Börſe getheilt, hatten ihn insge⸗ heim verleumdet oder in öffentlichen Blättern übel von ihm geredet, und wenn es gleich einige edle und groß⸗ müthige Ausnahmen gab, war es wunderbar, daß einige Bitterkeit in ſeinem Herzen war, als er in ſei⸗ ner demüthigen Wohnung daſaß in der Mitte der Wälder Amerika's und ſich bemühte, der Wildniß ſeinen Lebensunterhalt für ſich und ſeine beiden Kinder abzugewinnen! Doch nur einen Augenblick durfte die Schwer⸗ muth verweilen und die bittere Stimmung ihn im Be⸗ ſitze haben. Obgleich ſein Haar ſehr grau war— 5 mehr von Sorgen, als vom Alter— ſo waren Kör⸗ per und Geiſt gleich thätig und ſein Herz völlig jung. Zuweilen konnte er ſich ſelber nicht anders vorſtellen als ein Knabe, ſo ſehr erfrente er ſich noch an den Dingen, die ihn in ſeiner frühen Jugend erfreut hatten. Auch waren Kleinigkeiten— Gegenſtände von blos materieller Bequemlichkeit— nicht im Stande, ihn in irgend einer Weiſe zu beläſtigen. Er trat alle klei⸗ nen Leiden des menſchlichen Lebens unter ſeine Füße. Er hatte im Wohlſtande gelebt; ſich in feiner Geſell⸗ ſchaft bewegt, ſich an der Unterhaltung der Weiſen, der Hohen und Edlen erfreut; er hatte Diener gehabt, zu welchen er geſagt: Thut dies, und ſie hatten es gethan. Aber die Abweſenheit aller dieſer Dinge in ſeiner gegenwärtigen Einſamkeit übte fehr wenig Ein⸗ fluß auf ihn, erregte zuweilen ein Lächeln, rief aber ſelten einen Seufzer hervor. Auch die Einſamkeit drückte ihn nicht; obgleich dies die Art der Einſamkeit war, welche die drückendſte iſt: der Mangel an ver⸗ wandten Geiſtern und Herzen. Obgleich er keine nahen Nachbaren hatte, fehlte es nicht gänzlich an Menſchen, wenn ſie auch nicht von der Art waren, welche die Geſellſchaft für einen Geiſt gleich dem ſeinigen bildet. Da war der ſchlaue, abgeſchliffene Händler mit den Indianern, der rauhe, uneultivirte Anſiedler in den Wildniſſen und ein zufälliger Wanderer, gleich ihm ſelber, der einen Platz zur Anſiedelung am Rande der — — 11— Civiliſation ſuchte; aber ſelbſt dieſe letzte Art von Abenteurern hatte Nichts von jener Verfeinerung an ſich, die auf den erſten Blick den Einſiedler, der die fhen erwähnten Betrachtungen niedergeſchrieben, ſo unfähig für ſeine Lage machte, wie es ein Menſch nur ſein konnte. So gab es alſo kaum Jemand, deſſen Gedanken mit ſeinen Gedanken durch ein Band der Vergangenheit oder Gegenwart vereint ſein konn⸗ ten; Niemand, der hinſichtlich ſeiner Gewohnheiten oder Sitten mit ihm auf gleicher Linie ſtand; Nie⸗ mand, der hinſichtlich der Cultur des Geiſtes oder der allgemeinen Erziehung darauf Anſpruch machen konnte, ſein Gefährte zu ſein. Der Wald ſchloß ihn und ſei⸗ nen kleinen Haushalt von Allem aus, was Sitte, Verſtand und Geſchmack ihm ſchätzenswerth gemacht. Dennoch hatte ſeine Entbehrung keinen ſo großen Eindruck auf ihn gemacht, wie man hätte erwarten ſollen. Er hatte Hülfsquellen in ſich ſelber. Er be⸗ ſaß einige Bücher, einige muſikaliſche Inſtrumente und Materialien zum Zeichnen. Er hatte auch ſeine Kinder. Es war nur der Verfall der Hoffnungen, die Vereitelung hoher Beſtrebungen, ein bitteres Gefühl von der Undankbarkeit der Welt, unverdiente Ver⸗ nachläſſigung und die Eitelkeit des Vertrauens, was immer ſein Herz umwölkte, wie in den Worten, die er niedergeſchrieben, ſich kund gab. Dieſe Worte wur⸗ den in ein Tagcebuch geſchrieben, worin er die Ge⸗ — 12— danken und Handlungen jedes Tages niederſchrieb, was unter allen Umſtänden für jeden Menſchen höchſt nütz⸗ lich iſt, aber vor allen Dingen für die Einſamen und die in ihrer Erwartung Getäuſchten. Dort kann man Tag für Tag den Fortſchritt verfolgen, den man ge⸗ gen das Schickſal und ſein eigenes Herz gemacht— wie weit man Geiſter des Nachdenkens gegen die zer⸗ ſtörende Kriegführung der einſamen Stunden auf ſei⸗ ner Seite hat— wie weit man über die Umſtände triumphirt und das Bedauern überwunden hat. Man kann auch entdecken, wie weit man aus Schwäche nachgegeben, wie weit man zurückgewichen vor dem Feinde— wie viel Boden man gewonnen oder ver⸗ loren hat— und man kann ſich ſtärken zu beſſerem Bemühen. Feſte Entſchloſſenheit iſt eine ſtarke Macht, und der, welcher dort ſaß, war mit manchem Entſchluſſe gekommen, der noch unerſchüttert aber noch zu erfül⸗ len war. Ein Theil jedes Entſchluſſes iſt ein Traum, denn kein Menſch kann jemals mit Gewißheit ſagen: Ich will ſo oder ſo handeln, und die Dinge, welche die Zwecke vereiteln und den Genuß verzögern und verweigern, ſind gewöhnlich unbedeutende Hinderniſſe! Die Kieſelſteine auf unſerem Wege ermüden uns und machen unſere Füße wund, mehr als die Felſen, die nur eine kühne Anſtrengung erfordern, um ſie zu überſteigen. Er trat indeſſen feſt und kräftig auf, — 15— nicht entmuthigt durch alle unbedeutenderen Schwierig⸗ keiten, und es war nur der Druck des Geiſtes, der ihn veranlaßte ſich in Traurigkeit niederzuſetzen und anzuhalten im Vorwärtsſtreben. Das Haus war zierlich, wenn gleich beſcheiden. Es trug die Spuren der Neuheit an ſich, denn die Rinde der Stämme, welche die kleine Veranda ſtütz⸗ ten, war noch nicht abgefallen. Dennoch hatte er es nicht mit eigenen Händen erbaut; denn als er dort⸗ hin kam, hatte er noch viel in den rauheren Künſten des Lebens zu lernen. Aber nebſt einem Zimmer⸗ manne aus einem etwa neun Meilen entfernten Dorfe hatte er das Gebände errichten helfen und den Bau nach ſeinem eigenen Geſchmacke angeordnet. Der Er⸗ folg war befriedigend für ihn, und was in ſeinen Augen noch mehr war, auch für die beiden, die er am meiſten liebte— wenigſtens ſchien es ſo, obgleich die, welche ſie kannten, wenn auch nicht ſo gut wie er ſelber, daran hätten zweifeln mögen, und doch liebten ſie ſie deshalb nur um ſo mehr. Es giebt eine Art der Heuchelei, und zwar nur eine, welche liebenswürdig und edel iſt; und vielleicht übten ſie dieſelbe. Gewiß, wenn ſie einen Fehler an etwas ſahen, was geſchehen war, ſo würden ſie es ſelbſt in ihren eigenen Herzen nicht zugeſtanden haben, denn ihr Vater hatte es gethan— wenn ſie je einen Mangel empfanden, geſtanden ſie es in ihren inner⸗ — 44— ſten Gedanken niemals zu, denn ihr Vater hatte für Alles geſorgt ſo weit ſeine Mittel es geſtatteten. Die Liebe— ſelbſt die irdiſche Liebe— hat eine rettende Macht an ſich, die manches Herz vom Verderben zurückhält, und wenn der Vater bei einem Anfalle von Traurigkeit und Düſter fühlte, daß es un⸗ recht ſei, ſich über etwas zu grämen, was des Him⸗ mels Wille ihm auferlegt, ſah er ein, daß das Un⸗ recht um ſo größer ſei, wenn er ſich des Segens er⸗ innerte, den ihm zwei ſolche Kinder ſelbſt bei dem ungünſtigſten Schickſal gewährten. Er legte alſo mit einem Seufzer ſeine Feder nieder; und an jenem Seufzer hatte der Selbſtvorwurf ſo gut wie der Kum⸗ mer ſeinen Antheil. Kaum war die Dinte auf dem Papier trocken, als er die Fußtritte eines Pferdes draußen hörte, wel⸗ ches mit langſamen und gemeſſenen Schritten über ei⸗ nen Theil des ſchmalen Weges dahinging, wo der Felſen frei war. Es war ein Geräuſch, welches man in jenem kleinen einſamen Hauſe ſelten hörte, und der Herr deſſelben legte haſtig das Buch weg, worin er geſchrieben und fragte ſich: „Was giebt es nun?“ Zweites Kapitel. Die Hausthür war offen und der Gewohnheit nach wurde jeder Beſuchende frei eingelaſſen, welches auch ſein Anliegen ſein möge. Es war ein ſeltſamer Zuſtand der Geſellſchaft, wo die Menſchen keine Vor⸗ ſicht anwendeten, obgleich die tägliche Erfahrung ih⸗ nen zeigte, daß Vorſicht nöthig ſei. Sie hielten ſich gelegentlich bereit, einen offenen Angriff zurückzuwei⸗ ſen, was ſelten war, und vernachläſſigten jede Vor⸗ ſicht gegen einen hinterliſtigen Angriff, was viel häu⸗ figer war. Es lebten freie und biedere Geiſter in je⸗ nen alten Zeiten; und obgleich man jetzt über den Zuſtand der Geſellſchaft und die Gewohnheiten des Denkens und Handelns in längſtvergangenen Tagen zu ſpotten pflegt, ſo dünkt mir doch, es wäre beſſer geweſen, anſtatt die Rauhheit unſerer Vorfahren zu — 16— glätten und einige von den Uebeln ihres frühen Zu⸗ ſtandes zu heilen, ſich zu bemühen, ihre höheren und ſchöneren Eigenſchaften, ihr edles Vertrauen und jene Herzensgröße zu behalten, welche die Welt in einem Zeitalter der blos materiellen Intereſſen ſo ſelten vor⸗ kommt. Die Thür ſtand offen und es war die Gewohn⸗ heit der Wenigen, welche jenen abgeſonderten Ort beſuchten, ohne Weiteres einzutreten und die Zimmer des Hauſes zu durchſuchen, um einen von den Be⸗ wohnern zu finden. Aber bei dieſer Gelegenheit hielt das Pferd, welches den Weg daher kam, vor dem Thore der kleinen Einzäunung an, und als der Rei⸗ ſende abgeſtiegen war, klatſchte er mit der Peitſch, ehe er eintrat. Der Herr des Hauſes ſtand auf und ging zur Thür. Er war offenbar zu ungeduldig zur Ceremonſe an einem Orte, wo die Ceremonie längſt aufgehört hatte, und ſeine Gedanken waren nicht von beruhigen⸗ der Beſchaffenheit geweſen; aber der Anblick und das Benehmen ſeines Gaſtes waren nicht von der Art, um zornige Gefühle zu nähren. Der Letztere war ein junger und ſehr ſchöner Mann, wahrſcheinlich nicht älter, als dreißig Jahre, kräftig und wohlgebildet, mit edlem und gebieteriſchem Geſichte, breiter und hoher Stirn und lebhaften aber ruhigen Augen. Sein Benehmen war höflich, aber ernſt, und er ſagte, ohne — 42— zu warten, bis man ihn nach ſeinem Anliegen fragen werde: „Ich weiß nicht, Herr, ob ich zu weit gehe, wenn ich Sie um Gaſtfreundſchaft für die Nacht bitte; aber die Sonne geht unter und es ſagte mir ein Burſche, der mir eben jetzt im Walde begegnete, daß ich auf zehn Meilen weiter kein Haus finde, und um die Wahrheit zu ſagen, bin ich ſehr unbekannt mit dem Wege.“ „Treten Sie ein,“ ſagte der Herr des Hauſes; „wir verweigern hier niemals einem Gaſte die Auf⸗ nahme, auch kommen zuweilen mehr, als das Haus faſſen kann. Wir ſind indeſſen jetzt allein, und Sie werden es daher nicht ſo unbequem finden, wie es ſonſt wohl der Fall iſt. Wartet, ich werde anord⸗ 1 nen, daß man für Euer Pferd ſorgt.“ Hierauf ging er einige Schritte zur Thür hin⸗ aus und rief laut Jemand, den er Agrippa nannte. Er mußte indeß mehr als einmal rufen, ehe ein Ne⸗ ger erſchien, der auf einem Auge blind und ein we⸗ nig lahm, aber dabei doch klug und thätig war. Die nöthigen Befehle waren bald gegeben und eine Minute ſpäter ſaß der Reiſende mit ſeinem Wirthe in dem kleinen Beſuchzimmer. Das Benehmen des Letzteren war nicht herzlich zu nennen, obgleich es ge⸗ bildet und höflich war. Es deutete auf einen Mann, der mit anderen Scenen und Gewohnheiten bekannt Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 2 war, der aber ſein Geſchlecht nicht liebte und geſel⸗ lig war. Die Gefühle, Gedanken und Erinnerungen, die vor der Ankunft des Fremden in ſeinem Gehirn, wenn auch nicht in ſeinem Herzen geſchäftig geweſan waren, hatten eine Kälte über ſein Weſen verbreitet welches nur durch die Lieblichkeit ſeiner Worte nicht abſtoßend wurde. Der Andere ſchien dies einigermaßen zu empfiu⸗ den und es zeigte ſich etwas Stattliches in ſeinem Be⸗ nehmen, welches nicht geeignet war, ſeinen Wirth zu größerer Vertraulichkeit zu erwärmen. Plötzlich aber wurde die Atmosphäre des Zim⸗ mers im Augenblick erheitert und eine Kette der Sym⸗ pathie durch die Gegenwart der Jugend zwiſchen Bei⸗ den angeknüpft. Ein Knabe von funfzehn Jahren und ein Mädchen, etwas über ein Jahr älter, traten mit heiteren und ſonnigen Blicken herein und die Wolke wurde in einem Augenblick verſcheucht. „Meine Tochter Editha— mein Sohn Walter,“ ſagte der Herr des Hauſes, den Fremden anredend, als die beiden jungen Leute hereinſprangen; und dann fügte er mit einer leichten Verneigung des Kopfes hin⸗ zu:„Es war eine alte und ehrenvolle Sitte in Schottland, als jenes Lund faſt ebenſo unciviliſirt war, wie dieſes, und alle die unciviliſirten Tugenden be⸗ ſaß, nie nach dem Namen eines Gaſtes zu fragen; und daher kann ich Sie nicht meinen Kindern vorſtel⸗ B. — 10— len, aber ohne Zweifel werden ſie Sie bald als ih⸗ ren namenloſen Freund bezeichnen.“ „Ich habe ſchon mit dem Einen von Beiden Freundſchaft geſchloſſen,“ antwortete der Fremde, in⸗ dem er dem Jünglinge ſeine Hand hinreichte.„Dies iſt der junge Herr, der mir ſagte, daß ich das ein⸗ zige Haus zehn Meilen von dieſem Orte finden werde, und daß ſein Vater bereit ſein werde, mich bei ſich aufzunehmen— obgleich er nicht ſagte, daß ich ei⸗ nen Edelſtein in der Wildniß und einen Gentleman in dieſem wilden Walde finden würde.“ „Es war vielleicht ein thörichter Einfall,“ ſagte der Herr des Hauſes,„faſt in die Mitte des wilden Lebens einige Ueberreſte der Civiliſation zu tragen. Wir bewahren die Portraits todter Freunde— eine Haarlocke— einen Schmuck— ein Kleidungsſtück des geliebten Dahingeſchiedenen. Die Gewohnheiten und die Zierden eines anderen Zuſtandes der Geſellſchaft ſind für mich gleich jenen verſtorbenen Freunden; und ich habe gun einige von ihren Ueberreſten in meiner Nähe.“ „O mein lieber Vater,“ ſagte Editha, ſich zu ihm niederſetzend und ihren Kopf ohne Furchtſamkeit oder Zwang an ſeine Bruſt lehnend,„Sie würden nie ohne dieſelben ſein können. Ich erinnere mich ſehr wohl, als wir vor drei Jahren hieher kamen, daß Sie viel von den Freuden des freien, ungefeſſelten na⸗ 2 — 20— türlichen Daſeins ſprachen; aber ich wußte ſelbſt da⸗ mals ſehr gut, daß Sie nicht eher zufrieden ſein wür⸗ den, als bis ſie die rauhen Dinge um Sie her in einen verfeinerten Zuſtand verſetzt hätten.“ „Was brachte Dich auf dieſen Gedanken, Edi⸗ tha?“ fragte ihr Vater, indem er lächelnd auf ſie niederblickte. „Weil Sie es nie ertragen konnten, daß der Pfar⸗ rer der Gemeinde Punſch trank und Tabak rauchte,“ antwortete das ſchöne Mädchen lachend;„und ich war völlig gewiß, daß es nicht das wilde Leben ſei, was Sie ſuchten, ſondern größere Verfeinerung.“ „O ja, Vater,“ fügte der Jüngling hinzu, „und Sie ſagten oft, als wir in England waren, daß der rothe Indianer viel mehr von dem wahren Gentleman an ſich habe, als mancher Pair.“ „Träume! Träume!“ rief ihr Vater mit ſchwer⸗ müthigem Lächeln und fügte dann zu dem Fremden gewendet hinzu:„Sie ſehen, wie gut unſere Schwä⸗ chen ſelbſt von Kindern entdeckt werden. Aber komm, Editha, unſer Freund muß hungrig ſein von ſeinem weiten Ritte. Beeile das Abendeſſen. Unſere Gewohn⸗ heiten, mein Herr, ſind urſprünglich wie unſere Wäl⸗ der. Wir folgen der Sonne zu Bette und laſſen uns am Morgen von ihr wecken.“ „Es ſind gute Gewohnheiten,“ bemerkte der Fremde,„und zwar ſolche, woran ich ſelber gewöhnt — A1— bin. Aber ich bitte Sie, beeilen Sie Ihr Abendeſ⸗ ſen um meinetwillen nicht. Ich bin durchaus kein Selaye der Zeit und Umſtände. Ich kann ohne Un⸗ bequemlichkeit lange faſten und mit ſpärlicher Nah⸗ rung zufrieden ſein.“ „Und doch ſind Sie ein Engländer,“ ſagte der Herr des Hauſes ernſt,„ein Soldat, wenn ich nicht irre, ein Mann von Rang und Stand, wie ich ge⸗ wiß bin, obgleich dies Alles, ſo wie jetzt die Welt geht, Gefallen an Bequemlichkeit und Befriedigung aller Neigungen einzuſchließen pflegt.“ Ein leichtes Erröthen verbreitete ſich über die Wange ſeines Gaſtes und der Andere fügte haſtig hinzu: „Glauben Sie mir, ich wollte Ihnen keine Un⸗ höflichkeit ſagen. Ich ſprach von dem Engländer, von dem Soldaten und dem Manne von Rang und Stand im Allgemeinen— nicht von Ihnen. Ich ſehe, es iſt ganz anders mit Ihnen.“ „Sie treffen hart, mein guter Freund,“ verſetzte der Fremde,„nund es liegt einige Wahrheit in dem, was Sie ſagen. Aber vielleicht habe ich ebenſo viele Länder geſehen, wie Sie, und ich wage kühn auszu⸗ ſprechen, daß der Fehler an dem Zeitalter, nicht an der Nation, an der Profeſſion oder der Elaſſe liegt. Wir wollen verſuchen es beſſer zu machen. Das iſt das Beſte, was wir thun können; und wenn gleich — 22— die perſönliche Anſtrengung nur wenig vermag, kann doch jeder einzelne Menſch mehrere andere beſſern und ſie ſo beſſeren Dingen und beſſeren Tagen entgegen⸗ führen.“ Als er ſprach, ſtand er auf, ging gedankenvoll zum Fenſter und ſchaute einige Augenblicke ſchweigend hinaus; dann wendete er ſich um, und ſagte zu dem Sohne ſeines Wirths: „Wie ſchön die untergehende Sonne jene Lich⸗ tung des Waldes hinunterſcheint und einen goldenen Nebel über das Nadelholz ergießt! Führt dort ein Pfad hinunter?“ Der Jüngling bejahte es, trat an die Seite des Fremden und deutete ihm vermöge der wellenförmigen Erhöhung des Bodens und der Zwiſchenräume zwi⸗ ſchen den Baumgipfeln die wellenförmige Linie an, die der Weg an der Seite des ſanft abſchüſſigen Hü⸗ gels, worauf das Haus ſtand, hinunter und die ent⸗ gegengeſetzte Anhöhe hinauf verfolgte. Die Beſchrei⸗ bung war beſonders klar und genau. Er ſchien jeden Baum, jeden Stein und Bach auf dem Wege be⸗ zeichnet zu haben, und wo ein Nebenweg abging, oder der Weg ſich theilte, bemerkte er den bezeichnenden Gegenſtand und ſagte: „Bei einer weißen Eiche und einer großen Schier⸗ lingstanne iſt ein Fußpfad zur Linken— neben einer Gruppe großer Cedern am Rande des Sumpfes theilt ſich der Weg zur Rechten und zur Linken, der eine Arm führt öſtlich zum Fluſſe und der andere weſtlich zu den Jagdrevieren.“ Der Fremde ſchien ihm mit Vergnügen zuzuhö⸗ ren, indem er mehr ſeine Augen auf das Geſicht des Jünglings richtete, während er ſprach, als auf die Landſchaft, die er ihm andeutete; und als dies ge⸗ ſchehen war, legte er ſeine Hand auf ſeine Schulter und ſagte: „Ich wünſchte ich hätte einen ſolchen Führer zu meiner weiteren Reiſe.“ „Wird ſie weit ſein?“ fragte der Jüngling. „Ich kann es in der That nicht ſagen,“ ant⸗ wortete der Andere.„Vielleicht bis Montreal oder auch bis Quebee, wenn ich nicht bald Genugthuung erhalte.“ „So weit würde ich Euch nicht führen können,“ verſetzte der Jüngling;„aber ich kenne jeden Schritt zu den Seen ſo gut wie ein Indianer.“ „Mit welchen er ſehr gern verkehrt,“ ſagte ſein Vater lächelnd. Aber ehe die Unterhaltung weiter geführt werden konnte, trat eine ältliche, anſtändig ausſehende Die⸗ nerin herein und meldete, daß das Abendeſſen auf dem Tiſche ſei. Editha war nicht zurückgekehrt, aber ſie fanden ſie in einem großen länglichen Zimmer, zu welchem der Herr des Hauſes voranging. Dort — 24— ſtand ein langer Tiſch in der Mitte und vier hölzerne Stühle ſtanden an dem einen Ende deſſelben, welches man mit einem ſchneeweißen Tiſchtuche belegt hatte. Der übrige Theil des Tiſches war unbedeckt. Aber eine Anzahl anderer Sitze und zwei oder drei Bänke waren in dem Zimmer, während in gleichen Entfer⸗ nungen zu beiden Seiten an den Wänden mehrere Bären⸗ und Büffelfelle als Betten ausgebreitet lagen. Das Auge des Fremden blickte über ſie dahin, als er eintrat; aber ſein Wirth antwortete auf ſeine Gedanken mit einem Lächeln und ſagte: „Wir wollen Sie noch ein wenig beſſer unter⸗ bringen, mein Herr. Wir haben gerade jetzt mehr als ein Zimmer leer; aber Sie müſſen wiſſen, man kann in dieſem Lande nicht abgeſondert leben, und wenn wir einen Beſuch von unſeren indianiſchen Freun⸗ den haben, machen dieſe Häute ſie unendlich glücklich. Ich muß oft lächeln, wenn ich daran denke, wie ſich ein rother Mann unter holländiſchen Betttüchern füh⸗ len würde. Ich verſuchte es einſt, aber es gelang nicht. Er warf die Decken vom Bette und ſchlief auf dem Boden.“* Als Alle am Tiſche ſaßen, lenkte ſich das Ge⸗ ſpräch auf allgemeine Gegenſtände, die aber für die beiden älteren Männer von perſönlichem Intereſſe wa⸗ ren, wenigſtens ſchien es ſo nach der Lebhaftigkeit zu urtheilen, womit ſie dieſelben verhandelten. Der Zu⸗ ſtand der Colonien wurde beſprochen, der Zuſtand Englands, die Beziehung der beiden zu einander und die Gefahren, die man damals von dem eindringenden Geiſte der Franzoſen fürchtete, welche an jedem Punkte der Grenze Poſten auf Gebiete vorſchoben, die offen⸗ bar britiſch waren. Die Wahrſcheinlichkeit der Tren⸗ nung Englands von den nordamerikaniſchen Colonien wurde nicht ein Mal erwähnt; denn zu jener Zeit war dieſer Gedanke Niemandem in den Sinn gekom⸗ men, außer vielleicht einem jener ruhigen Forſcher der Vergangenheit, die zuweilen aus der ſehr unähnlichen Geſchichte früherer Tage einen Blick in die Zukunft entlehnen, der faſt gänzlich aus innerer Anſchauung hervorgeht, und deren Warnungen, gleich denen der Caſſandra, immer verſpottet werden, bis die Zeit zur Abhülfe vorüber iſt. Die Gefahr für die britiſchen Beſitzungen in Nordamcrika ſchien nach der Anſicht faſt aller Menſchen in der Macht, in der lebhaften Thätigkeit und in dem um ſich greifenden Geiſte Frank⸗ reichs zu liegen, und von der kleinen Wolke der Un⸗ zufriedenheit, nicht größer, als eine Manneshand, die an dem Hortzonte der britiſchen Intereſſen in der trans⸗ atlantiſchen Welt hing, vermuthete man nicht, daß ſie den Sturm und das Erdbeben verkünde, welches die Colonien von dem Mutterlande trennen werde. Was ſind die Berechnungen des Menſchen und ſeine Vor⸗ — 26:— ausſicht! Wie ſelten, wie ſehr ſelten dringen ſie unter die Oberfläche der Gegenwart oder der Zukunft! Der Wirth und ſein Gaſt waren Beide weit ge⸗ reiſt und hatten viel geſehen. Beide hatten auch viel gedacht; aber die Erfahrung war natürlich auf Seiten des Aelteren. Der Andere aber hatte einen Vortheil; er hatte die europäiſchen Länder, von welchen ſie ſpra⸗ chen, zu viel ſpäterer Zeit geſehen, als ſein Wirth; und manche große Veränderung hatte ſtattgefunden, wovon dieſer keine perſönliche Kenntniß hatte. So ſahen ſie den Zuſtand der Geſellſchaft in der alten Welt aus verſchiedenen Geſichtspunkten an und hatten daher beſonders hinſichtlich Frankreichs verſchiedene An⸗ ſichten. Dennoch waren die Anſichten deſſen, der ſeit vielen Jahren nicht in jenem Lande geweſen war, im Ganzen genauer, als die des Anderen. Er war ein Mann von beſonderer Schärfe der Wahrnehmung, der weniger nach den ſchimmernden Oberflächen, als nach kleinen, aber wichtigen Thatſachen urtheilte, während der Andere, ein Mann der Handlung und ſchnellen Einſicht, wenn gleich klar und genau in ſeiner Wahr⸗ nehmung alles deſſen, womit er unmittelbar zu thun hatte, es für Zeitverluſt hielt, ſeine Gedanken weit in die Zukunft zu richten, über welche er keine Herrſchaft haben konnte. Ein wenig geblendet von dem militai⸗ riſchen Prunk und der ſcheinbar wohl geſicherten Re⸗ gierung, die er in Frankreich geſehen, gerade als er — 27— Europa verlaſſen, hegte er große Furcht wegen ihres Fortſchritts in Amerika und ſprach dieſelbe aus. „Ich hege nur geringe Beſorgniß,“ verſetzte der Andere,„und ich will keinen Stier aus meinem Stalle entfernen, bis ich die Franzoſen vor meiner Thür ſehe. Sie mögen eine kurze Strecke vorrücken, aber ſie werden genöthigt ſein zurückzuweichen.“ „Gott gebe es!“ rief der Gaſt;„aber es müſ⸗ ſen kräftigere Maßregeln angewendet werden, um ſie zurückzutreiben, als man bisher angewendet. Ich bin gewiß, die jetzige franzöſiſche Macht in Canada iſt um viele Tauſende ſtärker, als die ſämmtlichen Trup⸗ pen unſerer Colonien. Sie ſind auch von ganz an⸗ derem Material, als unſere Armeen, und werden von ſehr verſchiedenen Männern angeführt. Der Franzoſe fügt ſich beſſer in die Umſtände, als der Engländer, iſt ebenſo tapfer, wenn auch weniger beharrlich, und gewandter, wenn gleich weniger kräftig. Die franzö⸗ ſiſchen Truppen hier ſind auch an den Marſch durch den Wald und an das Gefecht im Walde gewöhnt, und ihre Ofſiciere wiſſen viel beſſer, als die unſrigen, ihre Operationen mit den Indianern oder gegen ſie zu führen. Wir ſind zu ſtrenge in unſeren Anſichten von der Diseiplin, zu pedantiſch in unſerem Syſtem der Taktik. In der einen Hinſicht befolgen wir die Regeln, die nur für die anderen anwendbar ſind, und indem wir unſere Operationen entwerfen, wenn wir — 28— gleich das Terrain und die uns gegenüberſtehende Macht in Betracht ziehen, kümmern wir uns nicht um den Charakter und die Gewohnheiten unſeres Fein⸗ des. Es iſt möglich, daß wir am Ende ſiegreich ſein werden, und ich hoffe es mit Zuverſicht; aber verlaßt Euch darauf, mein guter Herr, wir werden mehr als ein Mal tüchtig geſchlagen werden, ehe wir unſere Leetion vollſtändig lernen. Nun aber können wir nicht viele Schläge ertragen, denn unſere kleine Inſel kann nicht viele Soldaten ſtellen. Um mit den Feinden in Europa zu ſtreiten, müſſen wir funfzigtauſend Fremde ernähren— eine tadelnswerthe Gewohnheit, die ich hier nicht eingeführt ſehen möchte; denn wenn auch dem Blute nach nicht völlig engliſch, weiß ich doch, daß der britiſche Soldat viel mehr werth iſt, als ir⸗ gend ein anderer auf der Erde. Wir können indeß dieſes Land mit Verſtärkungen verſehen, um vielen Schlägen zu begegnen, während Frankreich wegen ſei⸗ ner viel größeren Bevölkerung einen beſtändigen Strom von Truppen in ſeine Colonien ſenden kann.“ „Nicht auf lange,“ antwortete ſein Wirth.„Das Gebäude ſeiner Macht iſt im Grunde untergraben. Die Grundlage iſt vermodert und das Gebäude, wenn gleich impoſant von außen, iſt dem Verfalle nahe. Es i*ſt indeſſen gut, den ganzen Umfang der Gefahr zu ſehen und ſie vielleicht zu überſchätzen, um ihr deſto kräftiger zu begegnen. Verlaſſen Sie ſich aber dar⸗ — 29— auf, der gegenwärtige Zuſtand der Dinge in Frank⸗ reich iſt nicht von langer Dauer. Ich urtheile nicht nach der Schwäche, die es in den letzten Jahren in vielen wichtigen Anſtrengungen gezeigt hat. Umgeben von Feinden, wie es iſt, können entfernte Anſtrengun⸗ gen wohl gelähmt werden, ohne daß eine wirkliche Abnahme ſeiner Macht ſtattfindet. Doch ich urtheile nach dem, was ich ſelber in jenem Lande vor vielen Jahren geſehen. Das Volk— das kräftige, thätige, wenn gleich flüchtige Volk, welches ſeine wahre Stärke bildet— wurde überall unterdrückt und mußte leiden. Das Elend konnte es zur Armee treiben und ihm den Muth der Verzweiflung geben; aber zu gleicher Zeit zerriß es alle Bande zwiſchen ſich und den hö⸗ heren Claſſen— ſtellte Verachtung und Haß gegen den Adel an die Stelle der Liebe und Verehrung, und Furcht, Zweifel und Neigung zum Widerſtande gegen den Thron an die Stelle der Liebe, des Vertrauens und Gehorſams. Das Verderbniß, welches ſich durch jede Claſſe der Geſellſchaft verbreitete, konnte nur um ſo abſtoßender erſcheinen, in die Gewänder der Kö⸗ nigswürde gekleidet, oder mit dem Putze der Ariſto⸗ kratie angethan; und die Nationen lernen bald Mäch⸗ ten zu widerſtehen, die ſie zu achten aufgehört haben. Ein Zuſtand der Geſellſchaft kann nicht lange dauern, in welchem auf der einen Seite unbegrenzter Luxus, grobe Entartung und leere Frivolität in einem ver⸗ — 30— hältnißmäßig kleinen Körper herrſcht und nagender Mangel, heftige Leidenſchaften und lebhafte ungeſättigte Wünſche auf der andern Seite, ohne moraliſche Grund⸗ ſätze oder religiöſes Licht in nahe Berührung gebracht werden— wo Nichts als die Dunkelheit des Aber⸗ glaubens oder die noch tiefere Dunkelheilt des Aber⸗ glaubens herrſcht. Ehe viele Jahre um ſind, wird die franzöſiſche Krone aller ihrer Truppen zu Hauſe bedürfen.“ Der Fremde ſann über die Worte ſeines Wirths nach und ſchien zu fühlen, daß ſie prophetiſch waren. Daſſelbe oder beinahe daſſelbe hat ſchon ein anderer geſchrieben, aber es wurde erſt mehrere Jahre ſpäter, am Vorabend der großen Kataſtrophe bekannt gemacht, und im Jahre 1757 ſchienen Wenige zu träumen, daß die Macht Frankreichs je anders, als durch einen äu⸗ ßeren Feind erſchüttert werden könne. Die Menſchen aßen und tranken, tanzten und ſangen in der pariſer Hauptſtadt ſo luſtig wie in dem Palaſte des Sarda⸗ napal, obgleich ihnen ein großer Fall bevorſtand. Dann nahm die Unterhaltung einen leichteren Ton an. Jeder fragte den Andern nach ſeinen Rei⸗ ſen und machte Bemerkungen über viele intereſſante Gegenſtände, welche Beide auf den großen Heerſtra⸗ ßen der Welt geſehen hatten. Beide waren Männer von Nachdenken, Geſchmack und Bildung, und die bei⸗ den jungen Leute, die ſchweigend dageſeſſen und auf ihre ernſtere Verhandlung gehorcht, fielen jetzt von Zeit zu Zeit mit glücklicher Freiheit und Unbefangen⸗ heit ein. Ihres Vaters Gegenwart war kein Zwang für ſie; denn in Allem, was ſie je vom Leben gekannt, war er ihr Gefährte und Freund geweſen— der Ein⸗ zige, dem ihre Herzen ſich je geöffnet— der Einzige, den ſie beſonders aus Liebe verehrten. Der Freide, obgleich ernſt, war durchaus nicht ſtrenge, und ſelbſt in ſeinem Ernſte lag etwas Einnehmendes. Er hörte auch zu, wenn ſie ſprachen— beachtete die kurze Be⸗ merkung— beantwortete die lebhafte Frage und ein freundliches Lächeln umſpielte von Zeit zu Zeit ſeine Lippen bei der ſeltſamen Miſchung von Verfeinerung und Einfalt, die er in dieſen beiden jungen Weſen fand, die manchen Monat jedes Jahres zubrachten, ohne Jemand zu ſehen, außer den wilden Indianern der ſie umgebenden freundlichen Stämme oder einen Handelsmann, der mit ſeinen Waaren den Mohawk⸗ ſtrom heraufkam. Länger, als eine Stunde wurde bei Tiſche hin⸗ gebracht— eine viel längere Zeit, als gewöhnlich— und dann verkündeten die hellen purpurnen Farben, die ſich über die öſtliche Wand des Zimmers, den Fenſtern gegenüber, verbreiteten, daß die herbſtliche Sonne den Horizont erreicht habe. Der Herr des Hauſes ſtand auf, um wieder in das andere Zimmer zu gehen, aber ehe er ſich vom Tiſche entfernte, wurde — 32— 4 noch Jemand zu der Gruppe hinzugefügt, wenn gleich ſein Fuß ſo geräuſchlos war, daß Niemand ſeinen er⸗ ſten Eintritt ins Zimmer hörte. Die Perſon, die ſich der kleinen Geſellſchaft an⸗ geſchloſſen hatte, war ein Mann in mittlerem Alter, von hoher, gebieteriſcher Figur, aufrechter und würde⸗ voller Haltung und ſchönen aber ſtark markirten Zü⸗ gen. Der Ausdruck ſeines Geſichts war ernſt und edel; aber es lag etwas Fremdes darin— ein An⸗ flug von Wildheit könnte man faſt ſagen— was ſehr ſchwer zu bezeichnen iſt. Es lag nicht in den Augen, denn ſie waren ru⸗ hig und feſt, ſahen jeden Gegenſtand gerade an und richteten ſich voll auf das Geſicht eines jeden, den er anredete. Es lag nicht in den Lippen, denn außer, wenn er redete, waren ſie feſt und bewegungslos. Vielleicht lag es in den Augenbrauen, die, dicht und ſtark gezeichnet, ſich ſcheinbar ohne Veranlaſſung plötz⸗ lich auf und nieder bewegten. 1 Seine Kleidung war ſehr auffallend. Er war offenbar von europäiſchem Blut, obgleich ſeine Haut von der Sonne und dem Wetter gebräunt war. Doch trug er weder das europäiſche Koſtüm, die Kleidung des amerikaniſchen Anſiedlers oder des Indianers. Da war eine Miſchung von dem Allen, was ihm ein wildes und phantaſtiſches Anſehen verlieh. Sein Rock war offenbar von engliſchem Schnitt und hatte — 33— goldene Treſſen auf ſeinen Schultern; ſeine Kniehoſen und hohen Reitſtiefeln würden auch engliſch ausgeſe⸗ hen haben, wären die letzteren nicht ohne eigentliche Sohlen geweſen, denn ſie waren faſt nach Art der Strümpfe gemacht und der Theil unter dem Fuße war von demſelben Leder, wie das Uebrige. Um die Schulter geſchlungen hatte er ein Degengehänge von einer Klapperſchlangenhaut und um den Leib eine Art Gürtel aus den Klauen eines Bären gebildet, woran eine Wampumſchnur hing, während zwei oder drei Meſſer und ein kleines Tomahawk an jeder Seite ſich zeigten. Sonſt hatte er keine Waffe. Aber unter ſei⸗ nem linken Arme hing ein gewöhnliches Pulverhorn, von einem Kuhhorn gemacht, und außerdem eine Art Felleiſen, wie die Biberfänger gebrauchten, um ihren kleinen Vorrath von Welſchkorn darin zu tragen. Eine runde Pelzmütze von Bärenfell ohne irgend eine Verzierung vollendete ſeinen Anzug. Er ſchien in dem Hauſe ſehr gut bekannt zu ſein, denn der Herr ſtreckte ihm ſogleich die Hand hin und die jungen Leute ſprangen vorwärts und be⸗ grüßten ihn mit Wärme. Eine volle Minute verging, ehe er ſprach; aber Niemand ſprach ein Wort, ehe er es that, denn alle ſchienen ſeine Gewohnheiten zu kennen. „Nun, Herr Prevoſt,“ ſagte er endlich,„ich bin ſeit einiger Zeit Eurem Wigwam fremd geweſen. Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 3 — 34— Wie geht es Dir, Walter? Noch kein Mann, Du magſt thun, was Du willſt. Editha, mein ſchönes Kind, die Zeit verfährt anders mit Dir, als mit Deinem Bruder. Sy macht Dich zum Weibe wider Deinen Willen.“ Dem wendete er ſich plötzlich zu dem Fremden und ſagte:„Es iſt mir lieb, Sie zu ſehen, mein Herr; waren Sie je in Kielmannsegge 8 „Nur ein Mal,“ verſetzte der Fremde kurz. „Da wollen wit uns ſogleich berathen,“ ſagte der, welcher zuletzt gekommen war.„Wie haben Sie ſich dieſe ganze Zeit befunden, Herr Prevoſt? Sie müſſen mir zu eſſen geben; denn ich bin weit gerit⸗ ten— ich will auch jenes Bärenfell zu meinem Nacht⸗ lager haben, wenn es nicht ſchon für einen Anderen beſtimmt iſt. Nein, nicht das, ſondern das nächſte. Ich habe Agrippa geſagt, daß er nach meinem Pferde ſieht, denn ich rechne immer auf Ihre Höflichkeit.“ Es lag etwas außerordentlich Stattliches und Würdevolles in ſeinem ganzen Tone, und mit offener Geradheit, aber ohne unſchickliche Haſt, ſetzte er ſich an den Tiſch, zog eine große Schüſſel mit kaltem Fleiſch zu ſich hin, und während Editha und ihr Bruder ſich beeilten, ihn mit Allem zu verſehen, was er ſonſt bedurfte, bediente er ſich reichlich von Allem, was in ſeinem Bereiche war. Mehrere Minuten lang ſprach er kein Wort, während Prevoſt und ſein Gaſt daſtanden und ſchweigend zuſahen. Sobald er geſättigt war, ſtand er plötzlich auf und ſagte, indem er zuerſt Herrn Prevoſt und dann den Fremden anſah: „Nun, meine Herren, wo n wir zur Berathung ſchreiten, wenn's gefällig iſt.“ Der Fremde zauderte und Herr Prevoſt antwor⸗ tete lächelnd: 4 „Ich gehöre nicht zu dersEingeweihten, Sir William, darum wollen ich und die Kinder Sie mit meinem Gaſte allein laſſen, den Sie zu kennen ſchei⸗ nen, mit deſſen Namen und Rang ich aber unbe⸗ kannt bin.“ „Warten Sie,“ ſiel der Andere ein, mit dem er ſprach,„wir werden nicht nur Ihres Rathes, ſondern auch Ihres Beiſtandes bedürfen. Ich kann dafür ſte⸗ hen, Mylord, daß dieſer Herr ein getreuer und loya⸗ ler Unterthan Seiner Majeſtät des Königs Georg iſt. Er hat die härteſte aller Behandlungen— Vernach⸗ läſſigung erfahren. Aber ſein Geiſt iſt ein ſolcher, in welchem ſelbſt die Vernachläſſigung nicht die Treue gegen ſeinen König oder die Liebe zu ſeinem Vater⸗ lande erſticken konnte. Außerdem kann ich ſagen, daß die Vernachläſſigung, die er erfahren hat, aus einem Mangel ſeiner eigenen Natur herrührte. Er murrte nicht, ſonſt wäre er ſchon längſt ein Pair geweſen. Der Allmächtige begabte ihn mit allen Eigenſchaften, 3* die ſeine Mitgeſchöpfe beglücken können, verweigerte ihm aber die, welche zu ſeiner eigenen Erhebung nö⸗ thig waren. Andere haben ſich gewundert, daß ihm nie Ehre, Auszeichnung oder Belohnung zu Theil ge⸗ worden. Ich wundere mich nicht darüber, denn er iſt weder ein Charlatan, noch ein Geck, noch ein zu⸗ dringlicher Bettler. Er kann ſich nicht herablaſſen, den Mächtigen oder den Männern im Amte die Hand zu lecken. Wie kann ein ſolcher Mann befördert wer⸗ den? Es iſt gegen den Gang der Dinge in dieſer Welt. Aber ſo wie er früher ſeine Mitmenſchen ge⸗ liebt hat, wird er ſie auch ferner lieben. So wie er ſeinem Vaterlande gedient, wird er ihm auch dienen. Da er Ehre und Wahrheit mehr als Beförderung ſuchte, ſo werden Ehre und Wahrheit auch ſeine Be⸗ lohnung ſein. Ach, daß es die einzige ſein mußte! Aber wenn er auch unbeachtet ſterben ſollte, wird es nicht unbedauert oder unverehrt geſchehen. Er muß an unſerer Berathung Antheil nehmen.“ Herr Prevoſt hatte ſchweigend, und ſeine Au⸗ gen auf den Boden gerichtet dageſtanden, und viel⸗ leicht war Selbſtvorwurf in ſeinem Herzen wegen der bitteren Worte, die er erſt vor wenigen Stunden nie⸗ dergeſchrieben. Aber Editha ſprang vorwärts und faßte Sir William Johnſon's Hand, als er die Lob⸗ ſprüche auf ihren Vater beendet hatte; und ſich mit — 37— außerordentlicher Grazie niederbeugend, drückte ſie ihre Lippen darauf. Ihr Bruder ſchien geneigt einen Au— genblick zu verweilen; aber ſie ſagte:„Komm, Wal⸗ ter,“ und ſchlüpfte aus dem Zimmer. Der Jüngling folgte ihr und ſchloß die Thür hinter ſich. — Drittes Kapitel. „Wer mag er ſein?“ ſagte Walter Prevoſt, als ſie das kleine Wohnzimmer erreicht hatten.„Sir William nannte ihn Mylord.“ Editha lächelte über ihres Bruders Neugierde O, wie viel älter ſind die Frauen immer, als die Männer! „Lords ſind kleine Männer hier, Walter,“ ſagte ſie, aus dem Fenſter auf die ſtattlichen alten Bäume hinblickend, die von dem Hauſe aus zu ſehen waren und auf ſie, ſo wie auf alle ſich entwickelnden Geiſter einen lebhaften Eindruck machten. Das Alter empfängt wenige Lehren. Es prüft nur die, welche es ſchon längſt empfangen hat, verfeinert und verbindet ſie. Die Jugend findet eine Lehre in jedem äußeren Dinge; aber ach! bald vergißt ſie den größeren Theil von allem. — 39— „Ich glaube nicht, daß Lords überall kleine Männer ſind,“ antwortete ihr Bruder, der Nichts von dem republikaniſchen Geiſte eingeſogen hatte, der ſich ſchon damals ſchweigend über das amerikaniſche Volk verbreitete.„Lords werden wegen großer Tha⸗ ten oder großer Tugenden von Königen ernannt.“ „Dann ſind ſie ſelbſtgemachte Lords,“ entgegnete Editha;„Könige beſiegeln nur das Patent, welches die Natur ausgeſtellt hat. Jene große rothe Eiche, Walter, wuchs ſchon, ehe die Familie irgend eines jetzt lebenden Menſchen durch die Hand eines Königs geadelt wurde.“ „Pah! Unſinn, Editha!“ rief ihr Bruder;„Du giebſt Dich einem Deiner Tagesträume hin. Was hat jene Eiche mit dem Adel zu thun?“ „Ich weiß es kaum,“ verſetzte ſeine Schweſter; „doch vereine ich ſie zuweilen in meinem Geiſte. Es ſcheint mir, als ob die Eiche mich fragte. Was iſt ihr Alter gegen das meine? Und doch iſt das Alter ihrer Familien ihr größter Anſpruch an unſere Ver⸗ ehrung.“ „Nein, nein,“ rief Walter Prevoſt lebhaft,„ihr Alter iſt Nichts, denn wir ſind Alle von einer eben ſo alten Familie, wie ſie. Aber ſie können eine Ge⸗ ſchlechtsreihe zeigen, die durch hohe Eigenſchaften und große Thaten geadelt iſt. Zugegeben, daß hie und da ein Müßiggänger, ein Feigling oder ein Thor — 410— dazwiſchen gekommen iſt, oder daß die Handlungen, die in anderen Tagen Ruhm erworben, nicht geehrt werden, ſo habe ich doch oft von unſerem Vater ge⸗ hört, wenn man die Aufzeichnungen edler Häuſer überblicke, werde man eine Summe von Thaten und Eigenſchaften finden, die folgenden Jahrhunderten an⸗ gemeſſen ſei und von ihnen geehrt werde, was, nach dem Maßſtabe der Zeiten beurtheilt, zeigt, daß der erbliche Adel nicht blos eine Ehre iſt, die ein würdi⸗ ger Vater für unwürdige Kinder gewonnen, ſondern eine Verpflichtung zu großen Unternehmungen; von einem edlen Vorfahren für alle ſeine Nachkommen unterzeichnet. Editha, Du ſprichſt nicht, was Du denkſt.“. „Vielleicht nicht,“ antwortete Editha mit ruhigem Lächeln;„aber laß uns Licht haben, denn wir ſind faſt ganz im Dunkeln.“ Es waren keine gewöhnlichen Kinder. Ich will ſie nicht als ſolche vorſtelln. Aber wer etwas ſagt, was nicht gewöhnlich iſt, iſt nicht natürlich, ja viel⸗ leicht ein Dummkopf. Wie ſie geworden, was ſie waren, iſt eine andere Frage, aber das iſt leicht er⸗ klärt. Fürs Erſte hatte die Natur ſie nicht aus ihrem gewöhnlichen Thon gebildet, denn ungeachtet aller kühnen Behauptungen jener großen und unheilvollen Lüge, daß alle Menſchen gleich geboren ſind, iſt es doch nicht der Fall. Keine zwei Menſchen werden je — 41— gleich geboren. Keine zwei Blätter auf einem Baume ſind gleich, und es herrſcht eine noch viel größere Un⸗ gleichheit— eine noch größere Unähnlichkeit— zwi⸗ ſchen den Gaben und Talenten verſchiedener Menſchen. Gott ſchafft ſie ungleich. Gott erhebt den einen von Geburt an in der Schaale ſeiner Schöpfung und drückt den andern nieder, und der Menſch in jedem Stande der Geſellſchaft und in jedem Lande erkennt den Unterſchied auf die eine oder die andere Weiſe an und weiſt ihm ſeinen Rang an. Die Natur hatte alſo dieſe beiden jungen Leute nicht von ihrem ge⸗ wöhnlichen Thon gebildet. Ihr Vater war kein ge⸗ wöhnlicher Mann; in ihrer Mutter waren Geiſt und Herz, Gedanke und Gefühl in ſo vollſtändigem Gleichgewicht geweſen, daß die Gemüthsbewegung ſtets eine Führerin im Urtheil gefunden. Aber dies war noch nicht Alles. Das eine Kind war bis zum Alter von dreizehn, und das andere bis zum Alter von zwölf Jahren mit der äußerſten Sorgfalt erzogen und unterrichtet worden. Jeder Vortheil der Erzie⸗ hung war an ſie verſchwendet worden, und man hatte jedes natürliche Talent, welches ſie beſaßen, entwickelt, cultivirt und geleitet. Sie waren von Kindheit an gewöhnt worden zu denken, ſo wie auch zu wiſſen — nicht nur Kenntniß zu empfangen, ſondern auch anzuwenden. Dann war ein Bruch gekommen— der traurige, widerwärtige Bruch in der lieblichen — 42— Kette der goldenen Stunden der Jugend— der Tod der Mutter. Bis dahin hatte ihr Vater viel von der Welt und der Geſellſchaft unerſchüttert ertragen. Aber dann war ſein Halt dahin geweſen. Die Befürch⸗ tungen waren zur Gewißheit für ihn geworden. War es zu verwundern, wenn das Licht ſeiner Heimath erloſchen war, daß ſein geiſtiges Geſicht getrübt und die Gegenſtände um ihn her undeutlich geworden? Er brachte Alles zuſammen, was er hatte, und wanderte zu einem fernen Lande, wo geringe Mittel als groß betrachtet und wo lange genährte Theorien des Lebens durch die Erfahrung geprüft werden. Für ſeine Kinder war die Veränderung nur eine neue Phaſe in der Erziehung— wie man ſie nicht oft verſucht, aber nicht ohne ihren Nutzen. Wenn ihr neues Haus nicht gänzlich eine Einſamkeit wurde, ſo war es doch beinahe der Fall. Moraliſch und phyſiſch waren ſie faſt gänzlich auf ihre eigenen Hülfsquellen beſchränkt. Aber die vorhergehende Er⸗ ziehung hatte dieſe Hülfsquellen vervielfacht. Geiſtig wenigſtens brachten ſie ein großes Capital in die Wildniß mit und fanden Mittel, es anzuwenden. Alles um ſie her in ſeiner Neuheit und Friſche hatte eine Lehre und eine Moral. Die Bäume, die Blu⸗ men, die Ströme, die Vögel, die Inſecten, die neuen Anſtrengungen, die neuen Arbeiten, die Bedürfniſſe und Mängel ihres gegenwärtigen Zuſtandes— Alles — 43— lehrte ihnen etwas. Wären ſie unter ſolchen Dingen geboren— wären ſie in ſolchen Gewohnheiten erzogen worden— wäre ihre frühere Erziehung im geringſten angemeſſen geweſen— oder wäre ſelbſt die Verän⸗ derung ſo groß geweſen, wie ſie hätte ſein können— wären ſie von allen Bequemlichkeiten, aller Aufwar⸗ tung, allen Büchern, allem Umgange, allen Gegen⸗ ſtänden der Kunſt und des Geſchmacks gänzlich ent⸗ blößt geweſen, um das Leben eines Wilden zu füh⸗ ren— ſo hätte der Erfolg ein ganz verſchiedener ſein müſſen. Aber es war genug von der Vergangenheit übrig, um es auf wohlthätige Weiſe mit der Gegen⸗ wart zu verbinden. Sie brachten alle Materialien aus der alten Welt mit, um die reichen Minen der neuen zu eröffnen. Es iſt daher nicht zu verwundern, daß ſie keine gewöhnlichen Kinder waren und im funf⸗ zehnten und ſechzehnten Jahre über Gegenſtände und auf eine Art ſprachen, wie es nicht oft von ſo jun⸗ gen Leuten geſchieht. Ich ſage nicht oft, denn ſelbſt unter anderen Umſtänden und bei keinen ſo ſichtbaren Urſachen finden wir doch zuweilen Beiſpiele von We⸗ ſen, wie ſie. Sie waren alſo keine gewöhnlichen Kinder, aber dennoch völlig natürlich. Die Umſtände, die ſie umgaben, hatten natür⸗ lich verſchieden gewirkt bei dem Knaben und dem Mädchen. Er hatte gelernt zu handeln, ſo wie auch — 2 1 ——ᷣ—ᷣ—ꝛ ꝛꝛx—— — 44— zu denken— ſie zu ſinnen, ſo wie zu handeln. Er hatte die Stärke, den Fuß, das Ohr, däs Auge des Indianers erlangt. Auch ſie hatte viel an Thätigkeit und Abhärtung gewonnen; aber in den dunklen Lich⸗ tungen und an den mit Blumen bedeckten Ufern an der Seite des rauſchenden Stromes oder über den brüllenden Waſſerfall hinaushängend, hatte ſie gelernt, ſich langen und ſchweigenden Träumereien hinzugeben, indem ſie zugleich mit den Gegenſtänden in ihrem Herzen und mit den Gegenſtänden in der weiten Welt verkehrte, die Gegenwart mit der Vergangenheit, die Einſamkeit mit der Geſellſchaft verglich, über das Le⸗ ben und ſeine vielfachen Wechſel nachdachte und ſich, während die ſtille Majeſtät der Seene ſich in ihre Seele zu ſenken ſchien, wie ihr Bruder es nannte, ihren Tagesträumen hingab. Ich habe geſagt, ſie verkehrte mit den Gegen⸗ ſtänden in ihrem eigenen Herzen. Mag man mich nicht mißverſtehen— die Gegenſtände ihres Herzens waren ſehr einfach. Es waren niemals Gedanken der Liebe damit vereint geweſen. Ihr eigenes Schickſal, ihre eigene Geſchichte, ihre Seele in ihrer Beziehung zu Gott und ſeiner Schöpfung, die lieblichen und heiteren Regungen, die alles Schöne in der Kunſt oder Natur in ihr hervorgebracht, das Entzücken, welches eine liebliche Seene oder eine angenehme Me⸗ lodie erregte, das Vergnügen, den klaren Strom zu beobachten, der über die vielfarbigen Kieſel ſeines Bet⸗ tes dahinrollte— dieſe, ſo wie viele andere, waren die wüinchn. des Herzens, wovon ich geſprochen. Bei dieſen pflegte ſie zu verweilen und fragte ſich, was ſie wären, woher ſie kämen, wie ſie entſtänden und wohin ſie ſtrebten. Es war die Muſik, die Poeſie ihrer eigenen Natur in allen ihren Melodien war es, was ſie zu erforſchen wünſchte; aber die lieb⸗ lichſte, wenn auch zuweilen die traurigſte der Harmo⸗ nien im weiblichen Herzen fehlte noch. Sie hatte freilich von Liebe geleſen; ſie hatte davon reden hören, aber mit einer Furchtſamkeit, die bei den gefühlvollſten Geiſtern nicht ſelten iſt, hatte ſie ſie ſelbſt von ihren Tagesträumen ausgeſchloſſen. Sie wußte, daß es Leidenſchaft gäbe— ſie mochte ſich auch bewußt ſein, daß ſie in ihrer Natur verbor⸗ gen liege, aber ſie verſuchte nicht, ſie aufzuſuchen. Aber für ſie war es eine Abſtraction. Pſyche hatte Eros nicht mit der Lampe beleuchtet. So viel war nöthig von den beiden jungen Prevoſts zu ſagen, ehe wir in unſerer Erzählung fortfahren; und nun ſind, was ſie betrifft, die Ereig⸗ niſſe jenes Tages beinahe zu Ende. Die Unterredung in dem Sgpeiſeſaale währte lange, und mehr als eine Stunde verging, ehe die drei Herren ins Zimmer traten. Dann wurden noch einige Minuten in ruhiger Unterhaltung hingebracht, 2 ————— — 46— und als Alle dann um den Tiſch ſtanden, erhob Herr Prevoſt ſeine Stimme und ſprach: Beſchütze uns, allmächtiger Vater, in den Stun⸗ den der Dunkelheit und Bewußtloſigkeit. Gieb uns Deinen Segen des Schlummers, um unſere Geiſter und Körper zu erfriſchen; und wenn es Dein Wille iſt, laß uns wieder erwachen, um Dir zu dienen und Dich zu preiſen durch einen anderen Tag, noch voll⸗ kommener, als in den vergangenen Tagen, um Chriſti Willen!“ Hierauf begab man ſich zur Ruhe. Viertes Kapitel. Am folgenden Morgen war Sir William John⸗ ſon vor Tagesanbruch auf den Füßen und im Stalle. Drei oder vier Negerſelaven— denn damals waren Negerſelaven in allen Theilen des amerikaniſchen Feſt⸗ landes— lagen feſt ſchlummernd in einer kleinen Hütte in der Nähe; und ſobald einer derſelben erweckt war, wurde Sir William's Pferd geſattelt und er ritt fort, ohne ſich Zeit zu laſſen zu eſſen oder Lebewohl zu ſagen. Er richtete ſeinen Weg gerade zum Mohayk, der in der Entfernung von einigen zwanzig Meilen von dem Hauſe des Herrn Prevoſt floß. Ehe Sir William fünf Minuten im Sattel ge⸗ weſen war, befand er ſich in der Mitte des tiefen Waldes, welcher die kleine wohleultivirte Stelle um⸗ gab, wo der engliſche Wanderer ſich niedergelaſſen —————— ——õ — 48— hatte. Es war eine wilde und ziemlich düſtere Scene, in die er ſich verſenkte; denn wenn man gleich einen regelmäßigen Weg angelegt hatte, auf welchem Kar⸗ ren und Pferde reiſen konnten, ſo war doch dieſer Weg ſchmal und die Zweige ſtießen oben beinahe zu⸗ ſammen. An einigen Stellen war das Unterholz, welches 2 von dem naſſen und ſumpfigen Boden genährt wurde, zu dicht und verwickelt, als daß der Fuß oder das Auge es hätte durchdringen können. An anderen Stellen, wo der Pfad ſich mehr erhob oder über die harten und trockenen Felſen dahinführte, veränderte ſich der Anblick des Waldes. Eine Fichte nach der andern und von Zeit zu Zeit eine Eiche, ein Kaſta⸗ nien⸗- oder Wallnußbaum bedeckte die Oberfläche des Landes und es ſtand kaum ein Strauch auf dem Boden, der mit braunen und glatten Nadeln bedeckt war, und zwiſchen den ungeheuren Stämmen hindurch ergoß ſich das graue und geheimnißvolle Licht der frühen Dämmerung, während ein leichter, weißlicher Nebel über den Baumgipfeln hing. Etwa eine Meile vom Hauſe floß ein ſchöner heller Strom über den Weg und dann weiter zu ei⸗ nem größeren Fluſſe; aber eine Brücke war nicht da. In der Mitte des kleinen Fluſſes ließ Sir William ſein Pferd anhalten und ſeinen Kopf niederbeugen, um zu trinken. Er blickte nach Weſten; aber dort — 49— war Alles dunkel unter den dichten überhängenden Zweigen. Er wendete ſeine Augen öſtlich, wo der Boden freier war und man den Fluß beinahe eine halbe Meile weiter verfolgen konnte, mit kleinen Waſſerfällen, tanzenden Strömungen und glatten ſchim⸗ mernden Siellen, wo der Morgenhimmel durch eine Oeffnung des Laubdaches darauf hinſchimmerte. Während er ſo um ſich blickte, ruhte ſein Auge auf einer Figur, die, eine Angelruthe in der Hand und den Rücken zu ihm gewendet, in der Mitte des Stromes ſtand. Er glaubte auch noch eine andere Geſtalt unter den Bäumen am Uſer zu ſehen, aber es war ſchattig dort und die Figur ebenfalls. Nachdem er eine Minute ſo um ſich geblickt hatte, erhob er ſeine Stimme und rief: „Walter!— Walter Prevoſt!“ Der Jüngling hörte ihn, legte ſeine Angelruthe am Ufer nieder und eilte über den grünen Raſen zu ihm. In demſelben Augenblick verſchwand die Ge⸗ ſtalt— wenn es wirklich eine Geſtalt war— unter den Bäumen. „Du biſt früh auf, Walter,“ ſagte Sir Wil⸗ liam.„Was thuſt Du zu dieſer Stunde hier?“ „Ich fange Forellen zu dem Frühſtück des Frem⸗ den,“ verſetzte der Jüngling mit heiterem Lachen. „Sie hätten auch Ihren Antheil bekommen, wenn Sie gewartet hätten.“ Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 4 — 50— „Wer war das, der dort oben am Ufer mit Dir ſprach?“ fragte der Andere ernſt. „Nur ein indianiſches Mädchen, welches mir beim Fiſchen zuſah,“ entgegnete Walter Prevoſt. „Ich hoffe, Du haſt keine Unbeſonnenheit be⸗ gangen,“ verſetzte Sir William.„Dies ſind gefähr⸗ liche Zeiten, wo Kleinigkeiten von Wichtigkeit ſind, Walter.“ „Ich habe keine Unbeſonnenheit begangen,“ ent⸗ gegnete der Jüngling, indem ſeine Wange ſich röthete. „Sie machte nur ihre Bemerkungen über die Feder⸗ fliegen, womit ich die Forellen fing, und tadelte mich, daß ich ſie anwende. Sie ſagte, es ſei eine Schande, etwas unter einem falſchen Vorwande zu fangen.“ „Sie iſt weiſe,“ bemerkte der Andere mit mat⸗ tem Lächeln;„doch das iſt ſchwerlich die Weisheit ihres Volks. Ein indianiſches Mädchen!“ fügte er gedankendoll hinzu.„Von welchem Stamme iſt ſie Hoffentlich eine von den fünf Nationen 24 „Ei ja— eine Oneida,“ verſetzte Walter;„eine von den Töchtern des Steins; das Kind eines Sachem, der oft in unſerem Hauſe übernachtet.“ „Nun, ſie mag ſein, wer ſie will,“ verſetzte Sir William,„ſo mußt Du immerhin vorſichtig in Dei⸗ ner Rede ſein, Walter, beſonders in Hinſicht des Gaſtes Deines Vaters. Ich ſage nicht, daß Du — 51— verbergen ſollſt, daß ein Fremder bei Euch iſt, denn das kann nicht ſein;z aber was Du von ſeinem Stande oder von ſeinem Geſchäfte ſehen oder errathen magſt, behalte für Dich und laß nicht ein Weib Deine Gedanken theilen, bis Du ſie durch viele Prü⸗ fungen erprobt haſt.“ „Sie würde mich gewiß nicht verrathen,“ ſagte der Jüngling mit Wärme und fügte dann mit einiger Verlegenheit hinzu, als fühle er, daß er ſich einiger⸗ maßen verrathen habe;„aber ſie hat Nichts zu ver⸗ bergen oder zu entdecken. Wir ſprachen nur von dem Fluſſe und von den Fiſchen. Wir trafen uns zufäl⸗ lig und ſie iſt jetzt auch fort.“ „Vielleicht möchtet Ihr Euch wieder zufällig be— gegnen,“ bemerkte der Andere;„und dann ſei vor⸗ ſichtig. Aber nun von ernſteren Dingen. Vielleicht wird Dein Vater Dich nach Albany ſchicken— viel⸗ leicht auch in meine Burg. Du wirſt Deinen Weg bald dorthin finden, nicht wahr?“ 1 „Weiter als beide,“ verſetzte der Jüngling heiter. „Aber Du wirſt eine ſchwere Laſt zu tragen ha⸗ ben,“ verſetzte Sir William;„meinſt Du, daß Du ſie tragen könnteſt?— Ich meine die Laſt eines Ge⸗ heimniſſes.“ „Ich will ſie nicht unterwegs abwerfen,“ entgeg⸗ nete Walter ernſt. „Auch nicht, wenn die Tochter des Sachem ſich 4* — 52— erbieten ſollte, die Laſt zu theilen?“ fragte ſein Ge⸗ fährte. „Zweifeln Sie nicht an mir,“ verſetzte Walter. „Ich zweifle nicht an Dir,“ ſagte Sir William, „o nein! aber ich möchte Dich warnen. Und nun lebe wohl. Du biſt ſehr jung, mit Mädchen im Walde zuſammenzukommen. Sei vorſichtig. Lebe wohl.“ Er ritt weiter. Der Jüngling verweilte ſinnend am Wege. Seine Gedanken waren ſehr ſeltſam und ſeine Gefühle noch ſeltſamer. Es waren die Gefühle, die ein Menſch nur einmal in ſeiner Lebenszeit hat — Einige früher, Andere ſpäter— die wonnevolle Ekſtaſe, die freudige Regung, das Tanzen des jun⸗ gen hellen Waſſers des frühen Lebens in dem reinen Morgenſonnenſchein der erſten Liebe— der Traum — die Viſion— das Entzücken der unendlichen Freude— der nie zu vergeſſende, der nie wiederkeh⸗ rende erſte Blick auf die Welt der Leidenſchaft in uns. Bis zu dem Augenblick war es ihm geweſen, wie Einem, der einen mit dichtem Gebüſch bewachſenen Berg erklimmt, welches Alles vor ſeinen Augen ver⸗ birgt; aber ſeines Freundes Worte waren die Hand geweſen, welche die Zweige auf dem Gipfel hinweg⸗ gezogen und ihm einen wunderbaren und lieblichen Anblick gezeigt. War er nicht ſehr jung, um dergleichen zu ler⸗ — 53— nen? Ei ja, er war ſehr jung; aber es war natür⸗ lich, daß er es in jenem Lande jung lernte. Alles war jung dort— Alles iſt jung— Alles iſt raſch und frühreif— der Knabe hat die Gefühle des Jünglings— der Jüngling die Gedanken des gereif⸗ ten Manncs. Die Luft, das Klima, die Atmosphäre des Landes und Volkes, Alles hat ſeinen Einfluß. Die Geſträuche wachſen in einer Stunde auf— die Blumen folgen einander mit haſtiger Fülle und ſelbſt der Fremde fühlt die Anſteckung und nimmt ohne Widerſtand an dem raſchen Schritte Theil. Es war wohlgethan von den Träumern des Mittelalters, die Quelle der Jugend an die Ufer der neuen Welt zu ſtellen. Der Jüngling, welcher ſinnend dort ſtand, hatte eine halbe Lebenszeit zurückgelegt in den wenigen kur⸗ zen Jahren, die er auf jenem Boden zugebracht, und nun fielen ihm bei Sir William's Worten die Schuppen von den Augen und er blickte in ſein eige⸗ nes Herz. Seine Träumerei währte freilich nicht lange, aber doch lange genug. In etwa zwei Minuten ging er wieder nachdenkend den Strom hinauf zu der Stelle, wo er ſeine Angelruthe am Ufer niedergelegt hatte. Er achtete nicht viel darauf, wo er ſeinen Fuß hinſetzte. Zuweilen ging er auf dem trockenen Boden an der Seite des Fluſſes, zuweilen in dem gurgeln⸗ — 54— den Waſſer und unter den glänzenden Kieſelſtei⸗ nen. Endlich blieb er ſtehen, wo er einige Minuten vorher gefiſcht hatte, und blickte zu dem mit grünen Zweigen bedeckten Ufer hinauf. Er konnte dort nicht ſehen in dem düſteren Zwielicht; aber ſelbſt das Mur⸗ meln des Waſſers und das Seufzen des Windes verhinderte ihn nicht, ein Geräuſch und eine leiſe Bewegung unter den Büſchen zu hören. Er ſprang das Ufer hinauf unter die Zuckerahornbäume, und etwa zehn Minuten ſpäter ſenkte die höher ſteigende Sonne ihr Licht durch die Baumſtämme auf einen Knaben und ein Mädchen, die am Fuße eines alten Baumes ſaßen. Er hielt ſie mit ſeinen Armen um-⸗ ſchlungen und ſeine Hand ruhte auf der glatten, brau⸗ nen, ſammetartigen Haut; ihr Kopf lag an ſeiner Bruſt und ihre warmen Lippen waren im Bereich der ſeinigen. Wenn auch einige ſchimmernde Tropfen auf ihrer Wange lagen, ſo war es doch nur der Thau der lieblichſten Regung, der je den Sommermorgen unſerer Jugend erfriſchte.. Ihre Haut war braun, wie ich geſagt— ja ſehr braun— aber kaum branner als die ſeine. Ihre Augen waren dunkel und glänzend, von der wahren indianiſchen Farbe, aber größer, als es bei irgend einem Stamme der Irokeſen gewöhnlich iſt. Ihre Lippen waren ſo roſig und frei von aller brau⸗ — 55— nen Färbung, wie die irgend eines Kindes von Eu⸗ ropa; und auch ihre Finger waren von Aurorens Farbe. Aber ihr langes, ſeidenes, ſchwarzes Haar würde ſogleich ihre Abkunft zu erkennen gegeben ha⸗ ben, hätte nicht jede Haarlocke mit einer wellenförmi⸗ gen Kräuſelung geendet. Die Umriſſe der Geſtalt und des Geſichts waren auch außerordentlich lieblich und doch kaum die, welche die indianiſchen Stämme auszeichnen. Die Naſe war gerader, die Backenkno⸗ chen weniger vorragend, und der Kopf ſtand ſchöner auf den Schultern. Auch der Ausdruck, als ſie mit der Wange an ſeiner Bruſt ruhte, war nicht der des ge⸗ wöhnlichen indianiſchen Geſichts. Er war ſanfter, zärt⸗ licher, leidenſchaftlicher; denn wenn gleich Romantik und Poeſie alles Mögliche gethan haben, um den Charakter der indianiſchen Liebe zu vergeiſtigen, ſo fürchte ich doch nach dem, was ich geſehen, gehört und erfahren habe, daß ſie ſelten ſo iſt, wie ſie geſchildert wird. Ihr Geſicht war indeß voll Liebe und Zättlichkeit, und das Bild, welches Beide darſtellten, als ſie daſaßen, verkündete ſogleich das Geſtändniß der Liebe, welches eben einem willigen Ohr mitgetheilt worden. Hier wollen wir ſie verlaſſen. Es war eine kurze Stunde der Freude; ein lieblicher Traum in der dunklen und ſtürmiſchen Nacht des Lebens. Sie wa⸗ ren glücklich und genoſſen das ungemiſchte Glück, welches man ſo ſelten auch nur auf eine Stunde — 56— kennt, ohne Furcht oder Zweifel, ohne Schuld oder Reue. Was liegt daran, wenn eine Schlange ganz in der Nähe durch das Gras ſchlüpft? Sie kann vorübergehen, ohne ſie zu ſtechen. Was liegt daran, wenn eine Wolke am fernen Horizonte hängt? Der Wind kann das Ungewitter verjagen. Der Vorbedacht iſt ein Fluch oder ein Segen, wie wir ihn anwenden. Uns vor Uebeln zu hüten, die wir ſehen, iſt weiſe; denen entgegenzuſehen, die wir nicht vermeiden können, iſt Thorheit. Fünftes Kapitel. Die Stunde des Frühſtücks war gekommen, als Walter Prevoſt mit ſeiner Beute des Fluſſes zurück⸗ kehrte, aber die Geſellſchaft im Hauſe hatte ſich noch nicht an den Tiſch geſetzt. Der Gaſt, der am ver⸗ gangenen Abend angekommen war, ſtand vor der Thür und ſprach mit Editha, während Herr Prevoſt ſich im Hauſe befand und ſich mit einem der Selaven un⸗ terredete. Von dem kleinen ländlichen Portal beſchat⸗ tet, lehnte ſich Editha in außerordentlich graziöſer Stellung an den Thürpfoſten, und der Fremde, der ſeine Arme über ſeine breite männliche Bruſt kreuzte, ſeine Augen bald zu ſeinem Geſichte erhob und ſie bald wieder auf den Boden ſenkte, ſchien mit Intereſſe die Wirkung zu beobachten, die ſeine Worte hervor⸗ brachten, als dieſelbe auf jenem ſchönen Geſichte ge⸗ — 58— ſchrieben ſtand. Ich habe geſagt mit Intereſſe, mehr als mit Bewunderung; denn wenn es auch kaum möglich iſt, anzunehmen, daß die Letztere keinen An⸗ theil an ſeinen Empfindungen hatte, ſo ſchien es doch, ſo weit das äußere Weſen den inneren Gedanken an⸗ deuten konnte, daß er in ihren Blicken eine Lection lerne, anſtatt ein ſchönes Bild anzuſehen. Der Blick war auch ſo ruhig und wurde ſo bald entfernt, daß nichts Beleidigendes darin liegen konnte— Nichts, was ihr ſagte:„Ich ſtudire Sie,“ obgleich ein Zu⸗ ſchauer es hätte errathen können. Seine Worte waren heiter und ſein ganzes Be⸗ nehmen verſchieden von dem am Tage zuvor. Eine Wolke ſchien verſchwunden zu ſein— eine Wolke mehr der Reflection, als der Sorge, und als Walter näher kam und ſeine heiteren Töne hörte, wunderte er ſich über die Veränderung, denn er wußte nicht, wie bald die Männer, die an Handlung und raſche Entſchei⸗ dung gewöhnt ſind, die Laſt des drückenden Nachden⸗ kens von ſich werfen, wenn die Nothwendigkeit des Nachdenkens vorüber iſt. „Ich wußte nicht,“ ſagte der Fremde, als der Jüngling ſich näherte,„ich wußte nicht, wie ich es ſelber auf längere Zeit erdulden ſollte. Die bloß ab⸗ ſtracte Schönheit der Natur würde meinem Geſchmack ohne Beſchäftigung wohl bald verleidet werden.“ „Aber Sie würden ſich Beſchäftigung machen,“ — 59— antwortete Editha lebhaft;„Sie würden ſie finden. Beſchäftigung für den Körper fehlt nie, wo man ver⸗ beſſern, eultiviren und ausſchmücken kann, und Be⸗ ſchäftigung für den Geiſt ſtrömt in Gottes Schöpfung aus tauſend Quellen herbei— auch wenn man der Bücher und der Muſik beraubt wäre.“ „Ja, aber Geſellſchaft, Unterhaltung und den Austauſch der Gedanken,“ ſagte der Fremde,„wo könnte man den finden?“ Und er erhob ſeine Augen zu ihrem Geſichte. „Habe ich nicht meinen Bruder und meinen Va⸗ ter?“ fragte ſie. „Es iſt wahr,“ ſagte der Andere;„aber ich würde keine ſolche Hülfsmittel haben.“ Er hatte ein geringes Zaudern in ihrer letzten Antwort bemerkt. Er glaubte den Punkt berührt zu haben, wo das Joch der Einſamkeit den Geiſt drückte. Er wollte keine Unzufriedenheit erregen oder— näh⸗ ren, und er wendete ſich ſogleich zu ihrem Bruder und ſagte: „Was, ſo früh ſchon am Fluſſe, mein junger Freund? Haben Sie viel gefangen?“ „Nicht ſehr viel,“ antwortete Walter;„meine Fiſche ſind wenig an der Zahl, aber ſie ſind groß. Sehen Sie.“ „ Ich nenne das einen vortrefflichen Fang,“ be⸗ merkte der Fremde in den Korb ſehend.„Sie müſ⸗ — 60— ſen mich an einem ſchönen Morgen mitnehmen, denn ich bin ein großer Liebhaber vom Angeln.“ Der Jüngling zauderte und ſeine Wange röthete ſich ein wenig; aber feine Schweſter erſparte ihm die Antwort und ſagte in ſinnendem Tone: „Ich kann mir nicht vorſtellen, welches Vergnü⸗ gen die Männer an den ſogenannten Beluſtigungen des Feldes finden können. Den Tod zu verurſachen, mag eine Nothwendigkeit ſein, aber gewiß ſollte man es nicht als eine Unterhaltung betrachten.“ „Der Menſch iſt ein geborner Jäger, Miß Pre⸗ voſt,“ verſetzte der Fremde lächelnd;„er muß irgend etwas jagen. Es war zuerſt eine Nothwendigkeit und es iſt noch ein Vergnügen, wenn es nicht mehr nö⸗ thig iſt. Aber die Beluſtigung liegt in Wahrheit nicht in dem Zufügen des Todes, ſondern in den Neben⸗ umſtänden. Die Lebhaftigkeit des Verfolgens; die thätige Anwendung der geiſtigen und körperlichen Fähig⸗ keiten. Die Aufregung der Erwartung und des Er⸗ folges, ja ſelbſt des Aufſchubes; die Anwendung der Gosciclichtei und Gewandtheit— dies Alles bildet einen Theil der Beluſtigung. Aber beſonders beim Angeln kommen noch tauſend zufällige Annehmlichkei⸗ ten hinzu. Es führt uns durch liebliche Scenen, wir denken über viele Dinge nach, während wir weiter wandern; wir betrachten den tanzenden Bach oder den ſtillen Pfuhl und fangen Licht auf von dem Licht, wel⸗ ches auf das Waſſer fällt; Alles, was wir ſehen, führt uns zu Gedanken— ich möchte faſt ſagen der Poeſie. Ach, meine liebe junge Dame! wenige wiſ⸗ ſen in der Mitte des geſchäftigen, ſtürmiſchen Lebens einen ruhigen Tag des Angelns am Ufer eines ſchö⸗ nen Fluſſes zu ſchätzen, wo wir überall von ruhiger Schönheit umgeben ſind und keinen anderen Gegner haben, als die geſprenkelte Forelle.“ „Und warum ſollten ſie Ihre Feinde ſein?“ fragte Editha.„Warum zichen Sie ſie aus ihrem kühlen, klaren Elemente hervor, um in der trockenen Luft elend zu ſterben?“ „Weil wir ſie eſſen wollen,“ rief eine Stimme hinter ihr von der Thür her;„ſie eſſen Alles, war⸗ um ſollten wir ſie nicht eſſen. Dieſe Welt iſt ein Ort zu eſſen und gegeſſen zu werden. Die Biber, die ich fange, eſſen Fiſche und manche Liſt wenden die ſchlauen Thiere an, um ſie zu fangen. Das Wie⸗ ſel ißt Vögel und Vogeleier. Die Menſchen ſprechen von Raubthieren. Ei, Jedermann iſt ein Raubthier, welches Ochſen und Schafe und dergleichen Thiere ver⸗ zehrt; und zuweilen habe ich es für grauſam gehal⸗ ten, ſie zu tödten die Niemanden etwas zu Leide thun und oft viel Nutzen ſchaffen. Aber wie ich ſagte: Jedermann iſt ein Raubthier. Nicht nur die Löwen, Tiger, Panther und dergleichenz ſondern vom Fuchs bis zur Ameiſe, vom Käfer bis zum Bären ſind alle — 62— 4 gleich, und der Menſch ſteht oben an. Fort mit ih⸗ nen allen! Ich tödte ſie, wenn ich ſie fangen kann, Miß. Aber kommen Sie, Maſter Walter, halten Sie die Fiſche nicht in der Sonne. Geben Sie ſie der ſchwarzen Roſie, der Köchin, und laſſen Sie uns einige davon zum Frühſtück haben, ehe ſie alle todt ſind.“ Der Unterſcheidungen des amerikaniſchen Charak⸗ ters ſind wenige— viel weniger, als das amerika⸗ niſche Volk ſich einbildet. Es giebt drei oder vier weſentliche Merkmale, die ſehr ſchwer zu unterſcheiden ſind und alle übrigen ſind bloß Variationen derſelben Melodie. Es iſt daher ſchwierig, einen rein amerika⸗ niſchen Charakter zu ſchildern, ohne in Gefahr zu ge⸗ rathen, Merkmale darzuſtellen, die ſchon von geſchick⸗ teren Händen geſchildert worden ſind. Die Außenſeite des Menſchen aber gewährt größeren Spielraum, als das Innere, denn die Amerikaner ſind keineswegs im⸗ mer große, ſchlanke, ſehnige Kerle, wie ſie nur zu häufig dargeſtellt werden, und der Mann, der jetzt ſprach, war ein Beiſpiel ſehr verſchiedener Art. Er mochte etwa fünf Fuß fünf oder ſechs Zoll hoch ſein, und war keineswegs corpulent; doch war er in Bruſt und Schultern ſo breit wie ein Stier; und wenn gleich die unteren Glieder leichter gebaut waren, als die oberen, ſo zeigten doch die Beine, ſo wie die Arme die ſtarken, abgerundeten Muskeln, die bei je⸗ der Bewegung anſchwollen. Sein Haar war raben⸗ ſchwarz, ohne die geringſte Miſchung von Grau, ob⸗ gleich er nicht unter vier und funfzig oder fünf und funfzig Jahre alt ſein konnte, und ſein Geſicht, wel⸗ ches ſchön war und adlerartige Züge hatte, war vom Wetter gebräunt, ſo daß es faſt an Farbe dem Maha⸗ goniholze glich. Mit ſeiner abgetragenen Mütze von Bärenfell und in ſeinem behaarten Rocke von Rehſel⸗ len, der ihm bis an die Kniee ging, glich er mehr einem Büffel oder Auerochſen, als einem menſchlichen Weſen; und indem man erwartete, ihn brüllen zu hören, war man überraſcht, ſanfte und liebliche Töne, wenn auch ein wenig ſchnarrend, von dieſer rauhen und ſtruppigen Geſtalt zu vernehmen. Während Walter ſeinen Fiſchkorb in die Küche trug und der Gaſt des Herrn Prevoſt den Fremden anſah, in welchem Editha einen Bekannten zu erken⸗ nen ſchien, zeigte ſich der Herr des Hauſes hinter dem letzteren und ſagte: „Erlaubt mir, Euch mit Herrn Brooks bekannt zu machen; Major Kielmansegge— Kapitain Jack Brooks.“ „Pah, pah, Prevoſt,“ rief der Andere.„Nen⸗ nen Sie mich bei meinem rechten Namen. Vor lan⸗ ger Zeit war ich Kapitain Brooks. Ich bin aber neu getauft worden und heiße jetzt Woodchuck— das iſt, weil ich mich in die Erde wühle, Major. Die In⸗ — 64— dianer ſind ſehr liſtig, aber ſie haben ſchon gefunden, wenn ſie mir einen Streich ſpielen wollen, daß ich mich unter ihnen durchwühlen kann; und darum nen⸗ nen ſie mich Woodchuck, weil das ein wühlendes Thier iſt.“ „Da ſind Sie wahrſcheinlich ſehr genau mit den Sitten und der Charakter der Indianer bekannt?“ fragte Major Kielmansegge. „Das will ich meinen,“ antwortete Woodchuck. „Fürs Erſte und vor allen Dingen giebt es viele In⸗ dianer, die kein wahres Wort reden. Nein, nein, das thun ſie nicht. Einer von ihnen ſagte mir eines Tages offen heraus:„„Woodchuck,““ ſagte er,„„der Indianer redet ſelten die Wahrheit. Er weiß es beſ⸗ ſer. Die Wahrheit iſt viel zu gut, um ſie alle Tage anzuwenden; man muß ſie auf die Zeit der Noth aaufbewahren.““ Ich glaube in dem koſtbaren Augen⸗ 3 blick ſprach er die Wahrheit— die erſte ſeit vierzig Jahren.“ Die Ankündigung, daß das Frühſtück bereit ſei, unterbrach die Erklärung des Kapitain Brooks, doch ſchien ihm dieſelbe große Freude zu gewähren, und bei der Mahlzeit aß er mehr, als Alle zuſammen, denn er verzehrte Alles, was ihm vorgeſetzt wurde, mit großem Appetit. Er ſchien freilich eine Entſchul⸗ digung wegen wüthenden Hungers für nöthig zu halten. „Sie ſehen, Major,“ ſagte er, ſobald er ſich zu einer Pauſe entſchließen konnte, um die Worte auszuſprechen,„ich eſſe gut, wenn ich einmal eſſe, denn zuweilen bekomme ich in drei oder vier Tagen Nichts. Wenn ich in ein Haus wie dieſes komme, nehme ich Vorräthe ein auf meine nächſte Reiſe, da ich nicht ſagen kann, welchen Hafen ich wieder be⸗ rühren werde.“ 4 „Haben Sie gerade jetzt eine weite Fahrt vor?“ fragte der Fremde. „Nein, nein,“ antwortete der Andere lachend; „doch bereite ich mich immer auf das Schlimmſte vor. Ich gehe gerade jetzt den Mohawk hinauf, um einen Handel mit meinen Freunden von den fünf Nationen zu machen— mit den Irokeſen, wie die Franzoſen ſie nennen. Später werde ich zu Sandy Hill und Fort Lyman kommen, um zu ſehen, ob dort Ge⸗ ſchäfte zu machen ſind. Ich nenne es noch Fort Ly⸗ man, obgleich man jetzt Fort Edward ſagen ſollte; denn nach dem Scharmützel mit Dieskau hat es ſei⸗ nen Namen verändert. Ja, das war eine Schlacht zu nennen, Major. Sie hätten auch wohl dabei ſein mögen.“ „Waren Sie dabei, Kapitain?“ fragte Herr Prevoſt.„Ich wußte nicht, daß Sie ſo viel mit⸗ gemacht.“ „Freilich war ich dabei,“ antwortete Woodchuck lachend;„doch was den Dienſt betraf, that ich mehr, Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 5 — 66— als wofür ich bezahlt wurde, da ich keine Anſtellung hatte. Ich will Ihnen ſagen, wie es war, Pre⸗ voſt. Gerade zu Anfang des September,— es war der ſiebente oder achte, glaube ich— vor zwei Jah⸗ ren, das heißt 1755— ging ich zu dem oberen Ende des Sees hinauf, um zu ſehen, ob ich nicht etwas Pelzwerk bekommen könne, denn ich war weſt⸗ lich unglücklich geweſen und hatte in Albany einen Handel gemacht, den ich nicht brechen wollte. Ge⸗ rade auf dem Gipfel des Hügels, in der Nähe, wo die Landſtraße zu der Furth hinunterführt, wem ſollte ich da begegnen unter den Bäumen, als dem alten Hendrick, wie man ihn nannte— warum, kann ich nicht ſagen— dem Sachem von den Mohawks mit dem Schildkrötenzeichen. Er war da mit drei jungen Männern zu ſeinen Füßen; doch wir waren immer gute Freunde, er und ich, und überdies führte ich di Friedenspfeife bei mir, und ſo war keine Gefahr. Wir ſetzten uns alſo nieder und hatten ein Geſpräch mit einander, und er erzählte mir, daß der General — das iſt Sir William, wie man ihn jetzt nennt — das Tomahawk aufgegraben und in der Nähe des Fort Lyman ein Lager aufgeſchlagen habe, um Krieg zu führen gegen den Younondeyoh— wie ſie den franzöſiſchen Gouverneur in ihrer Sprache nennen. Er erzählte mir auch, daß er auf dem Wege zu dem General ſei, daß er aber nicht zu ſechten beabſichtige, — 67— ſondern nur Zeuge ſein wolle von den tapferen Tha⸗ ten der Corlearsmänner— wie ſie die Engländer nennen. Er war ein liſtiger alter Fuchs, der alte Hendrick, und ich ſchloß daraus, daß er dachte, wir würden geſchlagen werden. Als ich ihn aber fragte, ſagte er, es wäre nur wegen eines Traumes, den er gehabt, und es ſei ihm bei Verluſt ſeines Scalp verboten zu fechten. Darauf ſagte ich ihm, ich wolle auch mit ihm gehen und den Spaß mit anſehen. Ehe die Sonne ganz unter war, brachten wir gegen dreihundert Mohawks zuſammen, alle ſchon bemalt und befiedert; aber ſie ſagten mir, ſie hätten ihren Kriegsgeſang nicht geſungen und auch ihren Kriegs⸗ tanz nicht getanzt, ehe ſie ihre Hütten verlaſſen, ſo daß ich deutlich genug ſehen konnte, daß ſie keine Neigung hatten zu fechten und daß ſie Nichts dazu bringen werde. Wie konnten wir zu dem Lager kom⸗ men, wo ſie alle beſchäftigt waren, die Bruſtwehren aufzuwerfen, und wir hörten, daß Dieskau mit Hee⸗ resmacht von Hunter's heruntergekommen? Am näch⸗ ſten Morgen früh ſagte man uns, er habe ſich wie⸗ der von Fort Lyman abgewendet, und Johnſon ſchickte Williams mit ſieben- oder achthundert Mann nach, um ihm in den Rücken zu fallen. Ich verſuchte den alten Hendrick mitzunehmen, denn ich blieb bei mei⸗ nen Indianern, da ich wußte, daß die Kerle nützlich ſein können, wenn man ihnen traut. Aber die Sa⸗ 5* — 68— da, wie ein alter. Tannenſtamm. Dann ſahen wir eine andere Abtheilung aus dem Lager komme um der erſten zu helfen; aber in wenigen Minuten kamen iu hinter ihnen her. Da ebenſo wenig, wie ein Bär ein Geſchöpf iſt, daß Hendrick und ſeine bemalten Teufel ebenſo viele engli⸗ ſche Sealps wie franzöſiſche bekommen hätten. „Aber Dieskau war Tölpel genug, zweihundert Schritte entfernt Halt zu machen, und Johnſon ließ ihm nicht viel Zeit, um ſich zu ſehen, denn er richtete alle Kanonen, die er hatte, auf ihn. Den franzöſi⸗ ſchen Indianern— und ihrer war eine gute Anzahl — gefiel dieſes Ballſpiel nicht und ſprengten rechts und links auseinander— einige auf die Bäume— einige in die Sümpfe; und ich konnt's nicht länger ertragen, ſondern auf mit meiner Büchſe und gab ihnen Alles, was ich zu geben hatte; und als der — 69— alte Hendrick ſah, wie die Sache ablaufen werde, wen⸗ dete er ſich auch zur rechten Seite, doch ein wenig zu früh, denn der alte Teuſel fuhr in ihn, und er mußte durchaus Scalps haben. So ging er alſo mit den Uebrigen hinaus, und gerade, als er ſeinen Vor⸗ derfinger in dem Haar eines jungen Franzoſen hatte, da pfiff eine Kugel durch die ſchmutzige Rothhaut, und nieder ſtürzte er, wie eine alte Mans. Einige zwan⸗ zig von ſeinen Indianern wurden auch erſchoſſen; aber endlich mußte Dieskau doch davonlaufen. Johnſon wurde auch verwundet, und ſeitdem ha⸗ ben die Leute geſagt, er habe kein Recht an die Ehre der Schlacht gehabt, ſondern Lyman, der das Com⸗ mando übernahm, als er nicht mehr fechten konnte. Aber das iſt alles Unſinn. Dieskau hatte ſeine Ge⸗ legenheit verſäumt und alle ſeine Leute waren in die Flucht geſchlagen durch das erſte Feuer, lange ehe Johnſon getroffen wurde. Lyman hatte Nichts weiter zu thun, als zu behalten, was Johnfon ihm zurück⸗ gelaſſen hatte und den Feind zu verſolgen. Das Erſte that er gut genug, aber das Zweite vergaß er zu thun— obgleich er ein tapferer Mann und ein gu⸗ ter Soldat war.“ Dieſe kurze Erzählung ſchien Herrn Preveſt und ſeinem engliſchen Gaſte Stoff zum Nachdenken zu ge⸗ währen, und nach düſterem Sinnen von einigen Au⸗ genblicken fragte der Letztere den Erzähler, ab den freundſchaftlichen Indianern zu jener Zeit irgend eine Beleidigung widerfahren ſei, um ihre Abneigung zu erklären, ihren Bundesgenoſſen Beiſtand zu leiſten, oder ob ihre Gleichgültigkeit nur von einer leichtferti⸗ gen oder verrätheriſchen Gemüthsart herrühre. „Es iſt ein wenig von Beiden,“ verſetzte Kapi⸗ tain Brooks. Und nachdem er ſeine breite Stirn ei⸗ nen Augenblick in tiefem Nachdenken auf ſeine Hand geſtützt, fuhr er fort, ſeine Anſicht von den Beziehun⸗ gen der Colonien mit den Irokeſen mit einem Weſen und in einem Tone, ganz verſchieden von dem vor⸗ her angewendeten, darzulegen. Beides war ernſt und faſt ſtrenge und ſeine Sprache hatte wenige oder gar keine Provinzialismen, womit er gewöhnlich ſeine Unterhaltung würzte. „Die Indianer ſind ein ſeltſames Volk,“ ſagte er,„und nicht ſo wild, wie wir zu glauben geneigt ſind. Zuweilen bin ich bereit zu denken, daß ſie in einigen Punkten ſogar mehr eiviliſirt ſind, als wir ſelber. Sie haben ſich unſere Künſte und Wiſſen⸗ ſchaften nicht angeeignet; und da ſie keine Bücher be⸗ ſitzen, kann man die Kenntniſſe nicht aufſpeichern, die man ſich von Generation zu Generation angeeig⸗ net; und wir Alle wiſſen, daß Dinge, die von Mund zu Munde überliefert werden, bald verloren gehen und entſtellt werden. Aber ſie denken beſtändig und ſie beſitzen eine Ruhe und Kälte in ihren Gedan⸗ — 271— ken, die uns weißen Männern ſehr oft fehlt. Sie ſind raſch genug im Handeln, wenn ſie ſich einmal zu etwas entſchloſſen haben, und an Ausdauer über⸗ treffen ſie die ganze Welt— aber ſie nehmen ſich lange Zeit zur Ueberlegung, ehe ſie handeln, und es iſt in der That wunderbar, wie ruhig ſie überlegen und wie feſt ſie bei ihren alten Anſichten bleiben. „Wir haben ſie nicht gut behandelt, mein Herr, und wir thaten es nie. Sie haben viel ertragen und werden noch mehr ertragen; doch ſie fühlen und wiſ⸗ ſen es, und eines Tages mögen ſie es uns auch fühl⸗ bar machen. Sie haben nicht ſo viel Verſtand, um für jetzt unſere Trennungen zu benutzen, ſich zu ver⸗ einen und uns ihre Macht fühlbar zu machen; denn ſie haſſen einander mehr, als ſie uns haſſen. Doch wenn derſelbe Geiſt ſich der ſämmtlichen rothen Män⸗ ner bemächtigen ſollte, der ſich der fünf Nationen vor vielen Jahren bemächtigte, und ſie ſich gegen die Weißen verbündeten, ſo wie die fünf Nationen gegen die anderen Stämme, ſo würden ſie uns viel Mühe machen; und wenn wir ſie auch zuerſt ſchlagen möch⸗ ten, werden ſie doch endlich uns ſchlagen. „Wie Sie ſehen, giebt es zwei Claſſen von In⸗ dianern und zwei Claſſen von weißen Männern in dieſem Lande— beide ſo verſchieden von einander, wie nur etwas ſein kann. Die Indianer ſagen nicht, wie ſie ſagen ſollten:„„Das Land iſt unſer und wir wollen gegen alle die Weißen kämpfen, bis wir ſie hinausgetrieben;““ aber ſie ſagen:„„Die Weißen ſind weiſer und ſtärker, als wir, und wir wollen denen von ihnen helfen, welche am weiſeſten und ſtärk⸗ ſten ſind.““ „Ich will damit nicht ſagen, daß ſie nicht auch ihre Zuneigung und Abneigung hätten und von Freund⸗ lichkeit oder Zureden bewegt würden, denn ſie ſind ſtark im Haſſe, wie in der Zuneigung. Was ich geſagt habe, liegt allen ihren Freundſchaften mit wei⸗ ßen Männern zum Grunde. Die Holländer halfen den fünf Nationen, gaben ihnen Büchſen und Schieß⸗ pulver gegen ihre Feinde und brachten ſie zu der Ueber⸗ zeugung, daß ſie ein ſehr ſtarkes Volk wären. Da⸗ her liebten die fünf Nationen die Holländer und mach⸗ ten ein Bündniß mit ihnen. Dann kamen die Eng⸗ länder und zeigten ſich ſtärker, als die Holländer, und die fünf Nationen ſchloſſen ſich den Engländern an. „Sie hielten ſich lange zu uns und wollten nicht ohne Urſache von uns gehen. Wenn ſie uns helfen könnten, um uns groß und mächtig zu erhalten, ſo würden ſie es thun, und ich denke nicht, daß ein ge⸗ ringes Mißgeſchick ſie abwendig machen würde. Aber uns geſchlagen und ſealpirt zu ſehen, wäre eine an⸗ dere Sache, und ſie würden nicht lange bei einem Volke bleiben, welches ſie nicht achten. „Sie haben auch ihre eigenen Anſichten über Treue und Untreue. Wenn man durchaus freund⸗ ſchaftlich mit ihnen iſt, halten ſie uns ihr Wort gut genug; aber bei der geringſten Wendung oder dem leiſeſten Zweifel halten ſie ſich frei von aller Verbind⸗ lichkeit, und dann nehme man ſeinen Sealp in acht. Wenn ich einem Indianer begegne und ganz gewiß bin, daß, wie das gute Buch ſagt, mein Herz gut mit dem ſeinen iſt, daß ich ihn nie betrogen, daß ich nie an ihm gezweifelt und auch jetzt nicht an ihm zweifle— ſo kann ich mich ſo ſicher in ſeiner Hütte niederlegen und ſchlafen, wie im Innern von Albany. Aber ich würde kein Auge ſchließen, wenn ich wüßte, daß der geringſte Mangel an Aufrichtigkeit in meinem eigenen Herzen ſei, denn ſie ſind ſo ſcharfſichtig wie Schlangen und ſie warten nicht erſt auf Erklärungen. Wenn man im tiefen Walde ſeinen Verſtand mit ih⸗ nen meſſen will, wird man gewiß den Kürzeren ziehen.“ „Aber haben wir dieſe armen Leute betrogen oder verſucht, ſie zu betrügen?“ fragte der Fremde. „Nun, je weniger wir davon reden, deſto beſ⸗ ſer, Major,“ verſetzte Woodchuck kopfſchüttelnd.„Sie haben viel zu erdulden gehabt, und nun, wenn die Zeit kommt, wo es ſcheint, als wäre es mit uns zu Ende, werden ſie ſich deſſen erinnern.“ „Aber ich hoffe, daß es nicht gerade mit uns zu Ende geht,“ fuhr der Andere mit etwas erhöhter Farbe fort.„Es iſt in England viel von der ſchlech⸗ — 21— ten Verwaltung in dieſem Feſtlande geredet worden, doch habe ich immer gedacht, da ich ſelber kein ſehr heftiger Politiker bin, daß der Parteigeiſt wahrſchein⸗ lich zu einem ungerechten Urtheil geführt habe.“ „Die Verwaltung iſt ſchlecht genug geweſen, Ma⸗ jor,“ verſetzte Woodchuck;„nicht wahr, Prevoſt?“ „Ich fürchte es in der That,“ verſetzte ſein Wirth mit einem Seufzer;„aber eben ſo ſehr auf Seiten der Colonialbehörden, wie der Regierung zu Hauſe.“ „Und weſſen Schuld iſt das?“ fragte Wood⸗ chuck mit einiger Wärme;„doch wohl auch der Re⸗ gierung zu Hauſe? Warum ſtellen ſie unfähige, un⸗ wiſſende Männer an? Warum ſchließen ſie die guten Männer aus den Provinzen, welche die Lage, die Bedürfniſſe und die Gewohnheiten derſelben kennen, von allen Ehrenämtern und Anſtellungen aus, und ſetzen Männer über uns, die, wären ſie auch die be⸗ ſten Männer in der Welt, aus Mangel an Erfah⸗ rung unſeren eigenen Leuten untergeordnet ſein würden, die aber Nichts weiter ſind, als eine Schaar anma⸗ ßender, unwiſſender, habſüchtiger Blutſauger, die man gewählt, weil ſie mit einem Miniſter, mit der Geliebten eines Miniſters oder mit ſeinem Kammer⸗ diener verwandt ſind, und deren einziger Zweck es iſt, uns ſo gut zu benutzen, wie ſie können und dann wieder zurückzukehren. Ich ſage nicht, daß ſie Alle ſo ſind, aber eine große Menge von ihnen iſt ſo, und dies iſt eine Beleidigung für uns.“ Er ſprach offenbar mit einiger Wärme; aber ſeine Gefühle waren die einer beträchtlichen Mehrzahl der amerikaniſchen Coloniſten, und dieſe Gefühle bahnten den Weg zu einer großen Revolution. „Woodchuck,“ rief Walter Prevoſt lachend,„Sie werden zornig, und wenn Sie zornig ſind beißen Sie. Der Major wünſcht Ihre Anſichten von dem Zuſtande der engliſchen Macht hier im Lande und nicht Ihren Tadel über die Regierung des Königs zu hören.“ „Gott ſegne König Georg!“ rief Woodchuck mit Wärme,„und ſende ihm alles mögliche Glück. Es giebt keinen loyaleren Mann, als ich, im Lande; aber es ärgert mich um ſo mehr zu ſehen, wie ſeine Miniſter die Herzen ſeines Volks wegwerfen und ſeine Beſitzungen dazu verlieren. Aber ich will Ihnen ſa⸗ gen, wie es iſt, Major— wenigſtens wie ich mir denke, daß es iſt— und dann werden Sie ſehen. „Ich muß zuerſt ein wenig zurückgehen. Hier ſind wir Engländer in der Mitte von Nordamerika und wir haben die Franzoſen auf beiden Seiten von uns. Nun haben wir ein Recht an das Land bis ans Meer— und wir müſſen es haben, denn es iſt unſere eigene Sicherheit. Aber die Franzoſen wollen es nicht zugeben und ſo verſuchen ſie hinter uns zu kommen und uns in die See zu drängen. Sie haben — 76— es eine lange Zeit verſucht und wir haben nicht dar⸗ auf geachtet. Sie haben ihre Poſten am Wabaſch und Ohio, vom Erieſee bis zum Miſſiſippi, und ſie haben Feſtungen erbaut, die Indianer für ſich gewon⸗ nen und ziehen einen Strang um uns zuſammen, der jeden Tag enger wird, wenn wir ihn nicht zerſchneiden. „Und was haben die Miniſter die ganze Zeit über gethan? Eine lange Zeit thaten ſie Nichts. An⸗ fangs geſtatteten ſie den Franzoſen, das Land ohne Weiteres ihr Eigenthum zu nennen, unſere Händler und Biberfänger zu entführen und ſie nach Canada zu ſchicken, und nie wurde ein Wort von unſeren Leuten geſagt. Dann erbauten ſie eine Feſtung nach der an⸗ dern bis die Truppen von Quebec bis Neuorleans marſchiren, und die Waaren mit geringer Mühe ge⸗ bracht werden können; und Alles, was dies hervor⸗ brachte, war eine Rede vom Gouverneur Hamilton und eine Botſchaft vom Gouverneur Dinwiddie. Der Letztere ſchickte freilich nach England und machte Vor⸗ ſtellungen; aber Alles, was er dadurch erreichte, war ein Befehl, Gewalt mit Gewalt zu begegnen, wenn er könne, aber es durchaus nicht anders als auf dem unbezweifelten Gebiete des Königs zu thun. „Unbezweifelt! Die Franzoſen machten den Zwei⸗ fel und benutzten ihn dann. Dinwiddie hatte indeſſen einigen Geiſt und er begann ſelber eine Feſtung zu bauen an der beſten Stelle im ganzen Lande, gerade —— an der Vereinigung des Ohio und des Monongahela. Aber er hatte nur einen Mann gegen zehn Franzoſen und keine regulaire Compagnie darunter. So mar⸗ ſchirten die Franzoſen mit tauſend Soldaten, reichli⸗ chen Kanonen und Vorräthen, jagten ſeine Leute hin⸗ aus, bemächtigten ſich der halbvollendeten Feſtung und bauten ſie ſelber fertig. Das war nicht geeignet, uns bei den Indianern Reſpect zu verſchaffen. „Dann baute Oberſt Waſßhington, der Virginier, und der beſte Mann im Lande, das Fort Neceſſity; aber ſie ließen ihn ohne Truppen, um es zu verthei— digen und er war genöthigt ſich Villiers zu ergeben und einer Macht, die groß genug war, ihn zu ver⸗ ſchlingen. Das hob uns auch nicht bei unſeren Roth⸗ häuten und eine franzöſiſche Macht bewegte ſich nie ohne eine ganze Heerde von Indianern, von welchen man annahm, daß ſie in freundſchaftlichen Verhält⸗ niſſen zu uns ſtänden, die aber bereit waren, uns zu ſealpiren, wenn wir geſchlagen werden ſollten. „Dann kam Braddocks wahnſinniger Marſch auf Fort du Quesne, wo er und faſt Alle, die bei ihm waren, von einer Handvoll Indianer unter den Bü⸗ ſchen getödtet; funfzehnhundert Mann wurden aus⸗ einandergeſprengt, getödtet und ſealpirt von vierhun⸗ dert Wilden. Außerdem nahmen ſie die Artillerie und das ſämmtliche Gepäck. Dann marſchirte Shirley mit großem Prunk auf Fort Niagara zu; aber er — 78— kehrte faſt ebenſo bald wieder um, und wäre ihnen nicht das Glück zu Hülfe gekommen, auf der Nord⸗ ſeite der Maſſachuſettsbucht und der Sieg Johnſon's über Dieskau, ſo wäre kein Stamm bei uns geblie⸗ ben. Sie ſchwankten alle ſo ſehr ſie konnten. Ich erkannte das deutlich genug aus der Rede des alten Hendrick, und die franzöſiſchen Jeſuiten waren Tag und Nacht unter ihnen, um die fünf Nationen zum Abfall zu bewegen. Es war im vorletzten Jahre. „Und was thaten ſie im letzten Jahre? Nichts weiter, als daß ſie Oswego verloren. Lord Loudun, Abercrombie und Webb marſchirten hin und her, ſpielten die Thoren, und beriethen ſich, während der blutige Montcalm Mereer belagerte, Oswego einnahm, die Bedingungen, die er ausdrücklich gewährt hatte, brach, und ſeinen Indianern geſtattete, vor ſeinen Au⸗ gen ſeine Kriegsgefangenen zu ſealpiren und zu quälen. Dies war gerade um die Mitte des Auguſt, doch hielt man es für zu ſpät, noch mehr zu thun, und es wurde Nichts gethan. Es ging luſtig zu in Albany und die Leute tanzten und ſangen; aber die Indianer kamen zu der ſeltſamen Anſicht, daß der engliſche Löwe beſſer brülle, als beiße. „Und nun, Major, was haben wir dieſes Jahr gethan, um alle Fehler der letzten fünf oder ſechs Jahre wieder gut zu machen? Lord Loudun beraubte dieſe ganze Provinz ihrer Leute und ihrer Kanonen, um nach Halifax zu gehen und Louisburg anzugrei⸗ fen. Als er nach Halifax kam übte er ſeine Leute ei⸗ nen Monat ein, hörte ein falſches Gerücht, daß Louis⸗ burg zu ſtark und zu wohl vorbereitet ſei, um einge⸗ nommen zu werden, und ſegelte nach New⸗York zu⸗ rück. Mittlerweile nahm Montealm Fort William Henry am Georgſee und ließ, wie gewöhnlich, die Garniſon von ſeinen Indianern hinmorden. „Nun ſehen die Rothhäute, daß die britiſchen Waffen in jedem Theile dieſes Feſtlandes verächtlich ſind, und daß die Franzoſen vollſtändig Herren der Seen und des ganzen weſtlichen Landes ſind. Die fünf Nationen ſehen ihr langes Haus für ihre Feinde auf drei Seiten offen und es wird kein Schritt ge⸗ than, um ihnen Beiſtand oder Schutz zu gewähren. Wir haben ſie verlaſſen. Können wir erwarten, daß ſie nicht uns verlaſſen ſollten?“ Lange ehe der junge Officier dieſe ſchmerzliche Frage hörte, ſtützte er ſeinen Ellenbogen auf den Tiſch und bedeckte ſeine Augen und einen Theil ſeines Geſichts mit der Hand. Walter und Editha ſahen ihn lebhaft an, während ihr Vater ſeine Augen dü⸗ ſter auf den Tiſch richtete, da alle drei die Gefühle eines britiſchen Officiers beim Anhören ſolcher Ein⸗ zelnheiten kannten und Theilnahme dafür empfanden. Den Ausdruck ſeines Geſichts konnten ſie nicht ſehen; aber das fein gebildete Ohr, welches ſich durch die Locken ſeines Haares zeigte, glühte wie Feuer, ehe der Redner geendet hatte. Er antwortete indeſſen eine Minute lang nicht, ſondern erhob ſeinen Kopf mit ſtrengem Ernſte und entgegnete: „Ich kann es nicht erwarten. Ich kann nicht ein Mal begreifen, wie ſie uns ſo lange und ſo ſehr haben zugethan bleiben können.“ „Der Einfluß eines einzigen Mannes hat viel gethan,“ verſetzte Herr Prevoſt.„Sir William John⸗ ſon iſt, was man den indianiſchen Agenten nennt, und was man auch von ſeinen militairiſchen Fähigkei⸗ ten halten mag, ſo kann doch kein Zweifel ſein, daß die Irokeſen ihm mehr vertrauen und ihn mehr lieben, als ſie je vorher einem weißen Manne vertraut und ihn geliebt. Er iſt beſtändig gerecht gegen ſie und hält ihnen immer ſein Wort; er giebt nie der Un⸗ verſchämtheit nach oder weigert ſich, Vernunft anzu⸗ hören, ſetzt volles Vertrauen in ſie und gewinnt da⸗ her Alles für ſich, was in dem indianiſchen Charak⸗ ter Edles liegt. So ſind ſie in ſeiner Gegenwart und in ihren Verhandlungen mit ihm ganz andere Leute, als ſie gegen Andere ſind— alle ihre ſchönen Eigenſchaften werden in Thätigkeit geſetzt und alle ihre wilden Leidenſchaften beruhigt.“ „Ich möchte ſie wohl ſehen, wie ſie wirklich ſind,“ rief der junge Officier lebhaft. Dann wendete —&1— er ſich zu Woodchuck und ſagte:„Sie gehen unter ſie, mein Freund; können Sie mich nicht mit ſich nehmen?“ „Warten Sie drei Tage, und ich will es thun,“ verſetzte der Andere.„Ich gehe zuerſt den Mohawk hinauf, wie ich Ihnen geſagt, in die Nähe von Sir William's Burg und Halle, wie er die Orte nennt. Sie werden dort wenig ſehen; wenn Sie mir aber verſprechen wollen zu thun, wie ich Ihnen ſage, und auf meinen Rath zu achten, ſo will ich Sie zu Sandy Hill und zu dem Bache führen, wo Sie genug von ihnen ſehen werden. Das ſoll geſchehen, wenn ich am Freitag um Mittag zurückkehre.“ Herr Prevoſt ſah den jungen Officier und er ſei⸗ nen Wirth an, und dann ſagte der Erſtere: „Wann wollen Sie ihn zurückbringen, Kapitain? Er muß am nächſten Dienſtag Abend wieder hier ſein.“ „Das ſoll er— mit oder ohne ſeinen Scalp,“ antwortete Woodchuck lachend.„Bereiten Sie ihn auf den Gang vor, denn Sie wiſſen, Prevoſt, der Wald iſt kein Paradeplatz.“ „Ich will ihm mein Gakaah, Giſcha und Go⸗ ſtoweh geben,“ rief Walter.„Wir wollen ihn ganz zu einem Indianer machen.“ „Nein, nein!“ antwortete Woodchuck,„das wird nicht angehen, Walter. Der Mann, der einem In⸗ dianer gefallen will, indem er ſich wie ein Indianer Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 6 — 82— benimmt, wird es nicht weit bringen. Sie wiſſen, daß es ein Betrug iſt, und das gefällt ihnen nicht. Wir haben unſere Art und ſie haben ihre Art, und jeder mag bei ſeiner Sitte bleiben wie ein redlicher Mann. So denke ich und ſo denken die Indianer. Wenn ein Menſch auch eine Löwenhaut anlegt, ſo wird er darum doch nicht zum Löwen. Verſchaffen Sie dem Major ein Paar gute lederne Gamaſchen und einen Rock, der nicht zerreißt— eine Büchſe, ein Beil und ein Waidmeſſer— auch eine Flaſche 8 Branntwein iſt nicht zu verachten. Aber vergeſſen — Sie nicht eine Friedenspfeife und einen mit Tabat nmen, denn Beides dürfte nö⸗ thig ſein. Nun alſo, leben Sie Alle wohl. Ich muß mich auf den Weg machen.“ Mit dieſen Worten ſtand er vom Tiſche auf und verließ ohne Weiteres das Zimmer. Sechstes Kapitel. „Wie lieblich ſie ausſieht!“ rief ein Mann faſt von meinem eigenen Alter— ein Mann, der in ſei⸗ nem Vaterlande ſich ſehr ausgezeichnet hatte— als wir ein junges und liebenswürdiges Mädchen anſa⸗ hen, welches uns Beiden nahe und theuer war, wie unſer eigenes Kind— und welches bald geſetzlich mein Kind werden ſollte, wie es der zärklichen Nei⸗ gung nach ſchon war. Die Worte veranlaßten mich zum Nachdenken. Was war es, worin dieſe Lieblichkeit beſtand? Eine Lieblichkeit, wie die des Geſanges eines Vogels oder wie der ambroſiſche Hauch einer Blume— eine Lieb⸗ lichkeit, wie die einer entzückenden Melodie, die ihre feierliche Traurigkeit ſo wie ihre Wonne hat— eine Lieblichkeit, welche die Seele auf ihren Flügeln des b 6* — 84— Duftes in die ferne Zukunft, um in dem Lande der Träume mit zitternder Furcht und Hoffnung die ge⸗ heimnißvollen Zeichen ihres künftigen Geſchicks zu ſammeln. Es beſtand nicht in den lieblichen Linien der Geſichtszüge, in den zarten Farben des Teints, in der ſchönen Symmetrie der Form. Aber es be⸗ ſtand in jenen namenloſen, aber klaren Hieroglyphen des Herzens— in dem Ausdruck der Form ſo wie des Geſichts— in der Ruhe ſo wie in der Bewe⸗ gung— in der unerklärten und unerklärlichen Schön⸗ heit aller Schönheiten— in der Grazie— in der Grazie, die keine Kunſt zu erreichen, wenn auch nach⸗ ahmen kann. In der Grazie, die ein Geſchenk Got⸗ tes an den Körper und an den Geiſt. In der Gra⸗ zie, die in unſerem urſprünglichen Zuſtande ohne Zweifel Allen gemeinſchaftlich war und Geſchma Vernunft und Religion zu einer faſt göttlichen Har⸗ monie vereinte. Solche Grazie beſaß Editha Prevoſt, und hart oder ſehr zerſtreut mußte das Herz ſein, welches der⸗ ſelben widerſtehen konnte. Sie war gewiß auch ſehr ſchön und zwar von der anziehendſten Schönheit. Wenn gleich ſo jung, ließ die vollkommen entwickelte Form der Reife nur wenig hinzuzufügen übrig und jede ſchwellende Linie ging mit der vollkommenſten Symmetrie in die andere über. Die vollen und glän⸗ zenden Locken ihres nußbraunen Haars ſcherzten ohnt Zwang um ihre elfenbeinerne Stirn in Linien, die mit ihrer Figur und ihren Zügen in der vollkommen⸗ ſten Harmonie ſtanden, aber lieblich gegen ihre Ge⸗ ſichtsfarbe abſtachen, blond, doch glühend mit einer kaum merklichen Schattirung von Braun, gleich der, welche den pariſchen Marmor von dem Steine von Carrara unterſcheidet. Dann ihre klaren nußbraunen Augen, voll ſtets wechſelnden Ausdrucks— bald ſchimmernd von heiterer, unbefangener Freude, bald voll zärtlichen Lichtes— beſonders wenn ſie ſich auf ihren Vater richteten— und jetzt beſchattet von einer Art ſchläfrigen Sinnens, wenn einer ihrer Tages⸗ träume ſich ihrer bemächtigte. Es lag überdies etwas in ihrem Weſen— in ihrem ganzen Benehmen— was ihrer Schönheit einen neuen Neiz verlieh und Anmuth zur Anmuth hinzufügte. Doch war dieſelbe von einer Art, die ſchwer zu definiren iſt. Ich kann ſie nicht beſchreiben— ich kann nur ſagen, wie ſie dazu kam. Ich habe bereits geſagt, daß ſie in frühen Jah⸗ ren in einem Lande erzogen worden, wo Civiliſation und Verfeinerung den höchſten Grad erreichten; aber es iſt nothwendig hinzuzufügen, daß ihre Erziehung in der feinſten Geſellſchaft des Landes und von denen geleitet worden, für welche die Verfeinerung mehr eine natürliche als eine angeeignete Eigenſchaft war. Sie beſaß dieſelbe auch als ein erbliches Recht. Sie lag — 86— in ihrem Blute und in ihrer Natur, und bis ſie bei⸗ nahe vierzehn Jahre alt war, geſchah Alles, was Va⸗ ter oder Mutter thun konnten, um den reichen Boden ihres Geiſtes und Herzens zu eultiviren— zu eulti⸗ viren, nicht zu verändern, denn es bedurfte keiner Ver⸗ änderung. Jede natürliche Grazie blieb unverkümmert und manche liebliche Gabe wurde hinzugefügt. Dann wurde ſie plötzlich in eine Scene verſetzt, wo Alles wild— wo keine Herkömmlichkeiten galten, wo die Natur herrſchte und als Regel galt. Sie kam gerade in dem Alter dorthin, wo der Geiſt, ohne das Geringſte von dem zu verlieren, was die Geſell⸗ ſchaft gewähren konnte, bereit war, einen beſonderen Ton von ihrer wilden Umgebung anzunehmen, eine Freiheit, eine unſchuldige Sorgloſigkeit hinſichtlich der Kleinigkeiten, die in einem künſtlicheren Zuſtande zu einer falſchen Wichtigkeit erhöht werden. Da ſie fühlte und wußte, daß ſie eine Dame, daß jeder ihrer Ge⸗ danken rein und hell, jeder Vorſatz edel und treu ſei, ſo hatte ſie keine Furcht kleine Schicklichkeitsregeln zu überſchreiten; ſie dachte nicht an jene gefürchtete Vo⸗ gelſcheuche der Menge, was die Welt dazu ſagen werde. Während die Gewohnheit Alles verfeinerte und während das Herz und die Unſchuld ihr Würde und Ruhe verliehen, beſaß ſie das freie, unbefangene, herzliche Vertrauen der ungeſchulten Natur. So war CEditha Prevoſt, und ſo erſchien ſie — 87— dem Fremden, der ihres Vaters Haus beſucht hatte. Anfangs vielleicht verſtand er ſie nicht völlig; aber er war ein Mann von lebhafter Wahrnehmung und gro⸗ ßem und edlem Herzen. In ſeiner und ihrer Bruſt lagen jene Sympathien, welche Schlüſſel ſind, um die Thüren des Charakters zu öffnen, und er war vierundzwanzig Stunden unter demſelben Dache, ehe er ſie ganz kannte und ſchätzte. Er hatte viel von der Welt und von der Geſellſchaft geſehen und viel⸗ leicht hatte ſein für ſein eigenes Glück etwas zu ſcharf⸗ ſichtiger Geiſt das überſchätzt, was falſch und unrecht daran geweſen. Auf jeden Fall war er bisher unbe⸗ rührt von der Liebe durchs Leben gegangen, und er fühlte ſich furchtlos und vertrauensvoll wegen der Er⸗ fahrung der Sicherheit. So machte er kühn Editha's Charakter zu ſeinem Studium, prüfte ihn genau— beobachtete jeden kleinen Zug— verweilte bei ihrer Schönheit und Anmuth und fand Vergnügen daran, alles Glänzende und Liebenswürdige hervorzulocken. Unbeſonnener Mann! Es war ihm noch nie ein Mäd⸗ chen wie ſie begegnet. Auch ſie wurde in unbewußter Unbefangenheit ohne Nachdenken oder Abſicht durch neue und friſche Gedankenverbindungen dahin geführt, ihrem neuen Freunde alle Schätze ihres Geiſtes zu öffnen, ohne zu wiſſen, wie ſie ihn blenden möchten, und ihr Bru⸗ — 88— der und ihr Vater unterſtützten ſie Beide ohne Abſicht auf demſelben Wege. Als Broocks ſie verlaſſen hatte, wurde eine halbe Stunde in einem jener angenehmen Träume nach dem Frühſtück hingebracht, wo der Geiſt eine Pauſe zu machen ſcheint, ehe er die thätigen Geſchäfte des Ta⸗ ges beginnt. Aber wenig wurde geſprochen— Beide blickten aus dem Fenſter oder aus der Thür— Beide dachten vielleicht an einander und Beide ſchlürften die liebliche Empfindung von der Scene vor ihren Au⸗ gen ein. Beide dachten an einander, wie ich eben geſagt; und wenn dies der Fall iſt, wie unendlich find die Verſchiedenheiten, die der Gedanke annimmt! Walter ſann über den Stand und die Zwecke des Fremden nach— fragte ſich, wer er wohl ſein möge— welches ſein Vorhaben ſein könne— wie und warum er dorthin komme. Er wußte wohl, daß er nicht Major Kielmansegge ſei. Ein zufälliges Wort hatte ihm nicht nur ſeinen Rang und Stand gezeigt, ſondern auch, daß ein Geheimniß zu bewahren ſei— ein Geheimniß, dem ſeine Phantaſie mehr Wichtigkeit beilegte, als es verdiente. Er war ein engliſcher Pair, das wußte der junge Mann, einer von dem Range, mit welchem er in früheren Jahren umgegangen war, und für welchen er ungeachtet alles deſſen, was ge⸗ ſchehen war, trotz des Verlaufes der Zeit und der 3 — — 89— veränderten Umſtände, eine gewohnte Verehrung beibe⸗ hielt. Aber was konnte einen britiſchen Pair zu je⸗ nem abgelegenen Orte geführt haben? Welche Umſtände konnten plötzlich ſeine Abſicht, weiter zu gehen, geändert und ihn bewogen haben, als Gaſt im Hauſe ſeines Vaters verborgen zu bleiben? Sollte es Lord Loudun, der Oberbefehlshaber der königlichen Truppen ſein, deſſen Handlungsweiſe vor ſeinen eigenen Ohren von dem Manne, der ſich eben entfernt hatte, ſo ſchwer getadelt worden? Die Jugend läßt immer tauſend Dinge aus der Berechnung und eilt mit ihren Schluͤſſen ſo ſchnell weiter, daß ſie das wahre Ziel überſpringt. Bei der militairiſchen Haltung, dem geheimnißvollen Weſen, bei einer gewiſſen Zurückhaltung des Benehmens und ſeinem gebieteriſchen Weſen kam er zu dem Glauben, daß ihr Gaſt gewiß der General ſei, von dem ſie ſo viel gehört hatten und von dem ſie ſo wenig wußten, ohne zu bedenken, wie unwahrſcheinlich es ſei, daß einem ſo jungen Manne ein ſo wichtiges Commando anvertraut werden ſollte. Es erhob den Fremden frei⸗ lich nicht in ſeiner Achtung, ihn für Lord Loudun zu halten; denn dieſer Edelmann hatte nicht die gute Meinung der Bewohner der Provinz gewonnen, noch ſich ihre Billigung erworben. Sie hatten vielleicht zu viel von ſeiner Ankunft erwartet und waren durch den Erfolg bitter getäuſcht worden. — 90— Editha dachte durchaus nicht an ſeinen Rang und Stand. Einige von ſeinen Worten verweilten noch in ihrem Ohr und gewährten ihrem Geiſte Stoff zur Beſchäftigung. Es waren ſolche, wie ſie lange nicht gehört hatte. Sie waren ſogar in einiger Hin⸗ ſicht verſchieden von Allem, deſſen ſie ſich erinnerte. Es war nichts Leichtes oder Frivoles in ihnen, aber vereint mit dem Tone und Weſen, gewährten ſie den Eindruck, daß ſie aus einem tiefen, kräftigen, zuver⸗ ſichtlichen, durch Studium und Beobachtung eultivir⸗ ten und bereicherten Geiſte hervorgekommen. Sie mochte fragen, welch ein Herz mit dieſem Geiſte ver⸗ eint geweſen; ſie mochte daran zweifeln, denn ſie hatte nicht viele Erfahrung und ſie wußte nicht, wie oft die Männer im bloßen Scherz oder um die ſcheuen Geheimniſſe des weiblichen Herzens hervorzulocken, aus Eitelkeit oder leichtfertiger Laune ausſprechen, was ſie nicht fühlen, einen Charakter annehmen, den ſie nicht beſitzen und der oft ihrem eigenen untergeordnet iſt. Sie kam indeſſen zu keinem haſtigen Schluſſe. Sie nahm kein genügendes Intereſſe an dem Gegen⸗ ſtande ihrer Gedanken, ſo daß ihr viel daran liegen konnte, überhaupt zu einem Schluſſe zu kommen. Sie hielt ihn für einen ſehr ſchönen und angenehmen Mann, ſehr ſeltſam oder verſchieden von den gewöhn⸗ lichen Menſchen, um einiges Intereſſe zu erregen; aber das war Alles. Sie wußte, daß er nur auf einen — 91— Tag gekommen ſei und daß ſein Aufenthalt nur einen oder zwei Tage länger währen würde, obgleich ein zu⸗ fälliges Zuſammentreffen mit Sir William Johnſon ihn bewogen hatte, ſeinen Aufenthalt zu verlängern. Dann würde er gehen, ſein Schatten vom Fußboden und ſein Andenken aus ihrem Geiſte verſchwinden— dachte ſie. Zufall! Wer glaubt an den Zufall? Bei mei⸗ nem Leben! Es gehört mehr Glaube dazu, an den Zufall zu glauben, als an die Gottheit des Jugger⸗ naut. Der einzige Grund, warum ein Menſch ſich ſo etwas vorſtellen ſollte, iſt, weil er die Urſache nicht ſieht, die das Ereigniß zur Erſcheinung bringt, wel⸗ ches er einen Zufall nennt; und doch ſieht er die Zei⸗ ger einer Uhr um die Scheibe ſich drehen, ohne die Federn und Räder zu ſehen und ſich einfallen zu laſ⸗ ſen, daß es Zufall ſei, wenn die Glocke zwölf ſchlägt. Mag man die ſeltſame Verkettung der Ereigniſſe im Verlaufe des eigenen Lebens anſehen und vom Zufall träumen, wenn man kann. Es war nicht Zufall, daß Lord H. und Editha Prevoſt einander dort begegneten. Es geſchah zur Erfüllung ihres gegenſeitigen Geſchicks unter dem Wil⸗ len Gottes; denn wenn es einen Gott giebt, muß es auch eine ſpecielle Vorſehung geben. „Dies iſt ſehr lieblich, Miß Prevoſt,“ ſagte der junge Soldat, als die lange Pauſe der Betrachtung — 92— zu Ende war;„aber ich ſollte denken, die Scene müßte ein wenig einförmig werden Von den Wäl⸗ dern umgeben muß die Landſchaft, wenn auch ſchön an ſich, dem Geſchmacke verleidet werden.“ „O nein!“ rief Editha lebhaft,„ſie iſt voll der verſchiedenſten Wechſel. Jeder Tag bringt etwas Neues und jeder Morgenſpaziergang ſtellt tauſend fri⸗ ſche Schönheiten dar. Laſſen Sie uns einen Spazier⸗ gang machen, wenn Sie nichts Beſſeres zu thun ha⸗ ben, und ich will Ihnen bald zeigen, daß keine Ein⸗ förmigkeit vorhanden iſt. Komm, Walter, nimm Deine Büchſe und geh mit uns. Vater, dies iſt nicht Ihre Stunde. Können Sie nicht mit uns gehen, ehe die Sonne ihren Höhenpunkt überſchritten hat, und die Schatten nach der anderen Seite fallen ſehen?“ „Ich liebe die Abendſtunde, mein Kind,“ ant⸗ wortete Herr Prevoſt ein wenig traurig;„aber geh, Editha, und zeige unſerem edlen Freunde die Seenen, woran Du ſo viel Vergnügen findeſt. Er wird etwas bedürfen, um ihm den Aufenthalt an dieſem lang⸗ weiligen Orte einigermaßen erträglich zu machen.“ Der Fremde erwiederte mit keinem Complimente, denn ſeine Gedanken waren mit Editha beſchäftigt, und er verglich in dem Augenblick ihr offenes, unbe⸗ wußtes und abſichtsloſes Anerbieten, ihn durch die lieblichen Wälder zu führen, mit dem abſichtlichen und liſtigen Sträuben einer Hofeoquette. — 93— „Vielleicht ſind Sie nicht zu dem Spaziergange geneigt?“ ſagte Editha, indem ſie ſeine Träumerei be⸗ merkte und ihn daraus erweckte. „Ich werde entzückt davon ſein,“ ſagte er lebhaft und mit Wahrheit.„Sie müſſen mir verzeihen, wenn ich ein wenig zerſtreut bin, Miß Prevoſt. Ihr Va⸗ ter weiß, daß ich viel zu bedenken habe, obgleich frei⸗ lich das Nachdenken für jetzt vergebens iſt, und Sie werden mir eine große Gefälligkeit erweiſen, wenn Sie dieſen eitlen aber zudringlichen Gefährten verbannen.“ „O! Da ſollen Sie nicht denken, während Sie bei mir ſind,“ entgegnete Editha lächelnd. Und fort lief ſie, um ihren Kopf mit einem je⸗ ner ſchwarzen Schleier zu bedecken, die in jenen Ta⸗ gen allgemein von den Frauen getragen wurden. Siebentes Kapitel. Wir wollen ſehen, was aus einem Spazier⸗ gange zu machen iſt. Er begann mit einer unglückli⸗ chen Zahl, die aber gewöhnlich für glücklich gehalten wird. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit fühlte ſich Niemand als der Dritte, und Walter, Editha und Lord H. unterhielten ſich ſo unbefangen, als wären nur zwei zugegen geweſen. Zuerſt kam eine Bera⸗ thung zwiſchen Editha und ihrem Bruder über den Pfad, den ſie einſchlagen ſollten; dann beriefen ſie ſich auf ihren Begleiter, doch er erinnerte ſie lächelnd, er kenne keinen anderen Weg, als den, auf welchem er dorthin gekommen, und ſo hatte Cditha ihren Willen und führte ſie weſtlich. Durch Arbeit und Anſtrengung vom Geſchmack und vom Zufall unterſtützt, waren nicht weniger als funfzig Morgen Landes rings um das Haus des Herrn Prevoſt abgeräumt— nicht theilweiſe abge⸗ räumt, mit großen ſchwarzen Baumſtämmen auf den Feldern, welche ſeltſame und widerwärtige Formen annehmen, ſondern vollkommen abgeräumt, ſo daß der Boden eben und zierlich war, wie auf den ſchö⸗ nen engliſchen Beſitzungen. Auch die Einzäunungen waren in guter Ordnung und die Gebäude zierlich und maleriſch. Jenſeits des cultivirten Bodens, wenn man den ſanſten Hügel herunterſtieg, befand ſich ein tiefer Wald in der Entfernung von etwa dreihundert Schrit⸗ ten, und am Saume deſſelben blieb Editha ſtehen und bewog ihre Begleiter, ſich umzuwenden und zu ſehen, wie ſchön das Haus auf ſeiner Erhöhung, von prächtigen Zuckerahornbäumen in ihrem prächtigen Herbſtgewande von Gold und Carmoiſinroth beſchattet, unter welchen ſich hie und da ein hoher, grauer und bemooster Fels erhob, ſich ausnahm. Lord H. blickte das Haus an und ſah, daß es maleriſch und ſchön war— ſehr verſchieden von jeder anderen Wohnung, die er auf der weſtlichen Seite des atlantiſchen Meeres geſehen hatte; aber ſeine Au⸗ gen drückten ein zerſtreutes Sinnen aus und Editha meinte, er bewundere es nicht halb genug. Nahe bei der Stelle, wo ſie ſtehen blieben, zeigte ſich der Eingang zu einem breiten Wege, den die — 96 holländiſchen Anſiedler viele Jahre vorher durchge⸗ hauen. Man konnte den Weg nicht gut nennen, denn er hatte manche Vertiefung und Furche, und es lagen viele Steine und Felsblöcke im Wege; aber es befand ſich kein Baumſtumpf auf demſelben, und es lag kein hingeſtürzter Baumſtamm quer über denſelben, was für einen Waldweg in Amerika zu jener Zeit eine ſeltene Vollkommenheit war. Eine Viertelmeile weit war derſelbe zu beiden Seiten von einem ver⸗ wickelten Dickicht begrenzt, wo ſich rieſenhafte Tannen aus einer undurchdringlichen Maſſe von Unterholz er⸗ hoben, wo Beeren von verſchiedenen Farben die Stelle der Blumen erſetzten. Aber an Blumen ſcheint es im amerikaniſchen Herbſte kaum zu fehlen, denn faſt jedes Blatt wird eine Blume und der ganze Wald erglüht von Gelb, Roth und Grün, von allen Schattirungen von Orange, Scharlach und Carmoiſin an dem Zuk⸗ kerahornbaume und von Gelb und Grün an dem Lerchenbaume, an der Fichte und der Schirlingstanne. „Wie ſeltſam ſind die Vorurtheile und Neigun⸗ gen des Menſchen!“ rief Lord H., als ſie ſtehen blieben, um eine Stelle anzuſehen, wo eine große Waldſtrecke offen unter ihnen lag.„Wir ſind un⸗ gläubig in Allem, was wir nicht geſehen haben oder zu deſſen Auffaſſung wir nicht ganz nahe hingeführt worden ſind. Hätte mir Jemand, ehe ich dieſe Ufer erreichte, ein Bild einer amerikaniſchen Herbſtſcene ge⸗ — 97— zeigt— und hätte es auch jede Farbe treu dargeſtellt oder wäre es ſogar noch hinter dem kräftigen Colorit der Wirklichkeit zurückgeblieben— ſo würde ich dar⸗ über wie über die ärgſte Uebertreibung gelacht haben. Glaubten Sie ſich nicht im erſten Herbſte, den Sie hier zubrachten, in das Feenland verſetzt?“ „Nein, ich war darauf vorbereitet,“ entgegnete Editha;„mein Vater hatte mir oft vorher, ehe wir hieherkamen, die Herbſtſcenerie beſchrieben.“ „So war er alſo ſchon vorher in Amerika, ehe er ſich hier anſiedelte?“ fragte ihr Begleiter. „Ja, einmal,“ antwortete Editha. Sie ſprach in ſehr ernſtem Tone und ſchwieg dann plötzlich. Aber ihr Bruder nahm den Gegenſtand mit knaben⸗ hafter Unbefangenheit auf und ſagte: 3 „Hörten Sie nie, daß mein Großvater und meines Vaters Schweſter beide in Virginien geſtor⸗ ben? Er hatte ein Commando dort und mein Vater kam gerade vor meiner Geburt herüber.“ „Es iſt eine lange und traurige Geſchichte, My⸗ lord,“ fiel Editha mit einem Seufzer ein;„aber ſehen Sie, wie ſich die Landſchaft verändert, wie wir den Hügel hinaufſteigen. Jeder Schritt an der Seite des Hügels zeigt uns eine verſchiedene Baumart und das Gebüſch verſchwindet unter den Stämmen. Dieſes Wäldchen iſt mein Lieblingsſitz, wo ich unter den Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 7 — 98— breiten, ſchattigen Zweigen, nur von ſchönen Anſich⸗ ten umgeben, leſen und nachdenken kann.“ Sie hatten eine Stelle erreicht, wo auf einer Erhöhung eine Gruppe mächtiger Eichen über den Wald emporragte. Weit auseinander und höher, als die engliſche Eiche, obgleich nicht von ſo hohem Stamm, geſtatteten die Bäume dem Auge, über den begrasten Boden dahinzuſchweifen, der ſich zu den Wipfeln der unteren Bäume des Waldes hinabſenkte und ſich von dort zu einer Seene der unvergleichlichſten Schönheit ausbreitete. Dann näherte ſich der bewal⸗ dete Hügel den Ufern eines kleinen Sees, der etwa zwei Meilen entfernt war, während ſich jenſeits der Waſſerfläche, die wie Gold ſchimmernd in dem klaren Rorgenſonnenſchein dalag, hohe purpurne Hügel er⸗ hoben, über welche die Schatten großer Wolken da⸗ hinſchwebten. Der See war auf allen Seiten von Felsvorſprüngen umgeben und nur hie und da erſtreck⸗ ten ſich die niedrigeren Landſpitzen bis an das Waſ⸗ ſer; und oben, wo ſie ſtanden, konnten ſie alle die ſchönen Umriſſe der Seene ſelber und das Bild der Wolken und des Himmels von dem goldenen Spie⸗ gel verdoppelt ſehen. Um der Stelle noch einen neuen Reiz zu verleihen und nicht nur das Auge, ſondern auch das Ohr zu erfreuen, trug der Wind das Ge⸗ räuſch ferner Waſſer nicht gerade mit heftigem Brüllen, ſondern mit deutlichem Gemurmel daher, welches — 99= zeigte, daß ein großer Fluß in nicht allzu großer Ferne über einen ſteilen Abhang hinunterſtürzte. „Horch!“ rief Lord H.„Iſt ein Waſſerfall in der Nähe?“ „Zu weit entfernt, um heute dorthin zu gehen,“ antwortete Editha.„Wir müſſen unſere Scenen ſpa⸗ ren, damit wir ſie nicht alle erſchöpfen, ehe Sie ge⸗ hen, und Sie mehr als je denken, daß es unſerem Lande an Abwechſelung fehlt.“ „Bei dieſer Ausſicht vor meinen Augen kann ich nicht ſo denken,“ verſetzte der junge Edelmann. „Sehen Sie nur, wie ſie ſich bereits verändert hat! Der Berg iſt ganz im Schatten und ſo auch der See; aber jene niedrigen, wellenförmigen, bewaldeten Hügel, die zwiſchen den beiden liegen, treten im Son⸗ nenſchein hervor. Eine wahrhaft ſchöne Ausſicht iſt an ſich ſchon voll Abwechſelung. Jeder Tag, jede Stunde, jede Jahreszeit verändert ihren Anblick. Das Licht des Morgens, des Mittags und Abends ver⸗ ändert ſie völlig, und Frühling, Sommer, Herbſt und Winter kleiden ſie in verſchiedene Farben. Ich habe oft gedacht, daß eine ſchöne Landſchaft einem ſchönen Geiſte gleicht, in welchem jedes wechſelnde Ereigniß des Lebens neue Schönheiten hervorbringt.“ „Leider gleicht der Geiſt nicht immer der Land⸗ ſchaft!“ rief Editha.„Gott wollte es ohne Zweifel ſo, denn es iſt Harmonie in allen ſeinen Werken; 7* — 100— aber des Menſchen Wille und Gottes Wille ſtimmen nicht immer überein.“ „Vielleicht,“ ſagte ihr Begleiter gedankenvoll, „iſt das beſte Mittel, ſie in Harmonie zu erhalten, ſo viel wie möglich zur Natur zurückzukehren, die nur ein Ausdruck von Gottes Willen iſt.“ „O ja,“ rief Walter Prevoſt lebhaft,„ich bin gewiß, je mehr wir uns den künſtlichen und unauf⸗ richtigen Erfindungen, die wir Geſellſchaft nennen, hingeben, deſto mehr entfremden wir uns der Wahr⸗ heit und unſerem Schöpfer.“ Der junge Edelmann ſah ihn mit faſt ſchwer⸗ müthigem Lächeln an. „Sehr jung, um zu ſo traurigen Schlüſſen zu kommen,“ dachte er.„Aber denken Sie nicht, mein Freund Walter,“ fügte er laut hinzu,„daß man alles Gute und Schöne aus der Geſellſchaft ziehen und die Spreu und die Schlacken für Andere zurück⸗ laſſen könnte? Das Gleichniß von der Biene und der giftigen Blume iſt auch auf den Menſchen anwend⸗ bar. Wir wollen alles Gute und Wohlthätige in Allem was im Garten der Welt wächſt, nehmen und alles Werthloſe, Giftige und Schädliche zurückweiſen. Aber wahrlich, dies iſt eine bezaubernde Seene. Mich dünkt, es fehlt nur die Figur eines Indianers im Vordergrunde. Und da kommt wirklich einer, um das Bild vollſtändig zu machen.— Halt! wir be⸗ u———— dürfen keiner Büchſen. Es iſt ein Weib, welches durch die Bäume kommt.“ „Es iſt Otaitſa— es iſt die Blüthe!“ riefen Editha und Walter in einem Athem, als ſie zu einer Stelle hinblickten, wo man durch den gelben Son⸗ nenſchein, der durch die Bäume ſtrömte, eine weibliche Geſtalt, in dem zierlich geſtickten und hellfarbigen Gakaah oder kurzen Rocke der indianiſchen Frauen, mit raſchen, aber etwas zweifelhaften Schritten daher⸗ kommen ſah. Ohne zu zaudern, ſprang Editha der Ankom⸗ menden entgegen und im nächſten Augenblick um⸗ ſchlangen die ſchönen Arme des indianiſchen Mädchens, welches am Morgen neben Walter geſeſſen, die ſchöne Geſtalt ſeiner Schweſter und ihre Lippen berührten die ihrigen. Es lag eine Wärme und Lebhaftigkeit in ihrer Begegnung, die bei dem rothen Geſchlechte ungewöhnlich iſt; aber während die junge Oneida faſt am Buſen ihrer weißen Freundin ruhte, waren ihre ſchönen dunklen Augen auf ihren Geliebten gerichtet, als Walter mit einer Miſchung jugendlicher Scham⸗ haftigkeit und dem Bewußtſein, daß er etwas zu ver⸗ bergen habe, mit glühender Wange einen oder zwei Schritte hinter ſeiner Schweſter zurückblieb. „Kommſt Du in unſer Haus, liebe Blüthe?“ fragte Editha und fügte dann hinzu:„Wo iſt Dein Vater?² — 1602— „Wir kommen Beide,“ antwortete das Mädchen in geläufigem Engliſch und zeigte nicht mehr von dem indianiſchen Aecent, als dazu diente, ihren Tö⸗ nen eine beſondere Lieblichkeit zu verleihen.„Ich erwarte den ſchwarzen Adler hier ſeit Tagesanbruch. Er iſt nach Morgen gegangen mit unſerem Vater, dem weißen Reiher, denn wir hörten von Huronen an der Seite des Corlear, und einige glaubten, das Beil wäre ausgegraben worden; ſo reiſte er ab, um mehr von unſeren Freunden am Horicon zu hören und befahl mir, hier zu warten und Dir und unſe⸗ rem Bruder Walter zu ſagen, jenen Weg zu meiden, wenn ich ſähe, daß Ihr Eure Augen gegen den Oſt⸗ wind wendetet. Er und der weiße Reiher werden zur Berathung an Deines Vaters Feuer ſein, wenn der erſte Stern aufgeht.“ Vieles von dieſer Rede war dem Lord H. un⸗ verſtändlich, der ſich jetzt genähert hatte und auf den die Augen der Blüthe mit furchtſamen und fragenden Blicken gerichtet waren. Aber Walter beeilte ſich, ihre Worte zu erklären und ſagte: „Sie meint, ihr Vater und der Miſſionair Herr Gore haben gehört, daß feindliche Indianer an den Ufern Champlainſees ſich befinden und ſind an den Georgſee gegangen, um ſich zu erkundigen, denn der ſchwarze Adler— das heißt ihr Vater— iſt unſer Freund und er glaubt immer, mein Vater habe eine — 103— gefährliche Stellung gewählt hier gerade am Ende des Gebiets der fünf Nationen oder ihres langen Hauſes, wie ſie es nennen.“. „Nun, komm mit uns, liebe Blüthe,“ ſagte Editha, während ihr Bruder dieſe Erklärung gab; „Du weißt, mein Vater liebt Dich ſehr und wird ſich freuen, die Blüthe bei uns zu ſehen. Es iſt auch ein engliſcher Häuptling bei uns, der nicht weiß, welche liebliche Blüthen auf indianiſchen Bäumen wachſen.“ Aber das Mädchen ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Nein, ich muß meines Vaters Willen erfüllen. Auf vieles Bitten geſtattete er mir, ihn hieher zu be⸗ gleiten und er befahl mir, hier in der Gegend zwi⸗ ſchen dem weißen Felſen und dem Strome zu bleiben. So muß ich alſo gehorchen.“ „ Aber es dürfte gefährlich ſein, wenn die Huro⸗ nen ſo nahe ſind,“ ſagte Editha,„und es iſt ſehr einſam, liebe Schweſter.“ „Dann bleibe eine Weile bei mir,“ ſagte das Mädchen, die nicht leugnen wollte, daß ihre einſame Wache nicht wenig langweilig ſei. „Ich will bei ihr bleiben und ſie beſchützen,“ rief Walter lebhaft;„denn, theuerſte Blüthe, wenn Gefahr vorhanden ſein ſollte, muß meine Schweſter in unſere Wohnung fliehen.“ — 104— „Ja, bleibe bei ihr, Walter— o ja, bleibe bei ihr,“ rief die unbefangene Editha. Und ſo wurde es beſtimmt, denn Otaitſa machte keine Einwendung dagegen, obgleich mit glühender Wange und mit einer Lippe, die ſich zu einem bedeutungsvollen Lä⸗ cheln verzog, und ſagte: „Vielleicht möchte mein Bruder Walter lieber anderswo ſein? Er dürfte eine Wache auf dem Hügel und im Walde langweilig finden.“. Gut war es, daß noch Andere zugegen waren, ſonſt hätten die Lippen, welche geſprochen, für ihren Mangel an Aufrichtigkeit zahlen müſſen⸗ Aber viel⸗ leicht würde die Blüthe nicht ſo geſprochen haben, wenn ſie allein geweſen wären, denn das Weib empfindet eine Scheu vor dem Scherze und weiß, daß er eines Schutzes bedarf, während die tiefe Leiden⸗ ſchaft und die reine Zärtlichkeit einen heiligen Schutz in ſich ſelber zu haben ſcheinen und oft in ihrer Schwäche ſelbſt Stärke finden. 1 „Laſſen Sie uns auch eine Weile hier warten,“ ſagte Lord H., indem er ſich auf das Gras nieder⸗ ſetzte und mit lebhaftem Blicke über die Ausſicht da⸗ hinſchaute;„mich dünkt, dies iſt ein Ort, wo man wohl eine Stunde verträumen könnte, ohne daß ſich der geſchäflige Geiſt der Unthätigkeit nähert.“ Es lag keine Ceremonie in ſeinem Benehmen und doch auch keine Anmaßung. Wären ältere Per⸗ ſonen— Frauen, ſeinem Alter näher— zugegen geweſen, ſo möchte vielleicht die Förmlichkeit jener Zeit ihm ein rückſichtsvolleres Benehmen vorgeſchrieben haben— er hätte vielleicht nach ihren Wünſchen ge⸗ fragt, gewartet bis ſie ſich niedergeſetzt, ſich verbeugt und ſie zu einem bequemeren Orte geführt. Aber Editha war ſo jung, daß ein Gefühl, daß ſie faſt noch ein Kind ſei, ihr unbewußt gegenwärtig war— ein ſehr gefährliches Gefühl, da es machte, daß durchaus nicht auf ſeiner Hut war. Er handelte, wie die einfache Natur es ihm vorſchrieb und warf ſich dort nieder, um eine Stunde des angenehmen 2 Müßig⸗ ganges in einer ſchönen Scene zu genießen und zwar in Gegenwart eines zu liebenswürdigen und zu hoch geſtimmten Weſens— zu gereift an Herzen und Körper, um ungeſtraft ſo behandelt zu werden. Jene Stunde ging vorüber und eine zweite kam und ging, während ſich in ſeine Gedanken und in die innerſten Tiefen ſeiner Bruſt ſeltſame neue Empfin⸗ dungen einſchlichen. Ein träumeriſcher Reiz um ſchwebte ſie, ein goldener Zauber umgab ſie, mächti⸗ ger, als der der Circe oder der Syrene. Er aß den Lotos— jene ſüße Frucht, deren zauberiſcher Ge⸗ ſchmack nie vergeſſen werden konnte— welcher von jetzt an und auf immerdar beſtimmt war, ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt zu der Stelle zurückzuziehen, wo er wuchs. — 106— Jene Nectarfrucht, die den ganzen Geiſt zu einem Verlangen darnach umwandelte, war nur ein Bild der Liebe, rein und hell, wild wachſend an dem Ufer des geheiligten Fluſſes. Und der erſte Geſchmack davon gab keine Andentung von ihrer Macht. So war er ſich völlig unbewußt, was ſich ſeiner bemäch⸗ tigte; doch gab er ſich ruhig dem Genuſſe des Augen⸗ blicks hin und bildete ſich ein, daß er im nächſten Augenblicke wieder in jedem Gedanken frei ſein könne. Der Leſer dürfte fragen:„War die Liebe ſo bald gekommen? war die leidenſchaftliche Haſt der italieniſchen Liebe— die Liebe des Romes und der Julie— über das weite atlantiſche Meer geflohen?“ „Nein— ich antworte, nein. Aber er gab ſich Gedanken und Gefühlen, Seenen, Umſtänden und Stunden des Umganges hin, die ſie gewiß in feinem Herzen entzünden mußten. Er koſtete die Lotosfrucht und die Folgen derſelben waren unvermeidlich. Zwei Stunden lang ſaßen die Vier an der Seite des Hügels unter den hohen ſchattigen Bäumen da, indem der Wind ſie ſanſt anblies, der See vor ihren Augen ſchimmerte und das Gemurmel des Waſ⸗ ſerfalles Muſik durch die Luft ſendete. Ader für den jungen Engländer waren dies nur Nebendinge. Edi⸗ tha's ſchönes Geſicht war vor ſeinen Augen, die Me⸗ lodie ihrer Stimme in ſeinem Ohr. Endlich aber ſtanden ſie auf, um zu gehen und — 107— verſprachen, um Mittag durch einen der Selaven des Hauſes für Walter und Otaitſa Speiſen zu ſchicken, und dann traten Lord H. und ſeine ſchöne Begleiterin ihren Rückweg zum Hauſe an. Die Entfernung war nicht ſehr weit, aber ſie brachten doch ziemlich lange auf dem Wege zu. Sie kehrten langſam und auf einem verſchiedenen Pfade zurück, und oft verweilten ſie, um irgend eine ange⸗ nehme Scene zu bewundern; oft mußte Lord H. ſeiner ſchönen Begleiterin behülflich ſein, über einen Felſen zu ſteigen, und dann ruhte ihre zarte Hand in der ſeinen. Er pflückte Blumen für ſie— die liebliche Gentia und andere ſpäte Blumen. Sie ver⸗ weilten, um ſie genau zu unterſuchen und über ihre Schönheit zu ſprechen. Einmal mußte ſie ſich zu ihm auf eine Bank ſetzen und ihm alle Namen der verſchiedenen Bäume ſagen, und von den Bäumen ging ſeine Unterhaltung zu einen träumeriſchen und unbeſtimmten Geſpräch von menſchlichen Gegenſtänden und menſchlichen Herzen über. So war die Mittagszeit nicht mehr fern, als ſie das Haus erreichten, und Editha und ihr Begleiter waren ſehr gedankenvoll. Achtes Kapitel. Eduha war auch den Reſt des Tages ſehr ge⸗ dankenvoll. Dachte ſie an ſich ſelber? Dachte ſie an ihn, der während des größten Theils des Morgens ihr Begleiter geweſen war? Faſt gar nicht. Haſt Du, geneigter Leſer, nicht in der orienta⸗ liſchen Fabel von Buellen tiefen, klaren Waſſers ge⸗ leſen, vor den Augen der vorübergehenden Fremden durch einen verſiegelten Stein geſchützt? Doch wenn der ſich nähert, der das talismaniſche Geheimniß be⸗ ſitzt, und die Worte der Macht ausſpricht oder ein gewiſſes Zeichen anwendet, da öffnet die verſiegelte Quelle ihren kühlen Schatz und der helle Strom drängt ſich hervor. So iſt es mit der Liebe des Weibes. Kein Wort war geſprochen, kein Zeichen gege⸗ ben, keine Abſicht gezeigt worden, dem Siegel der —,— — 109— Buelle anzudeuten, daß der Herr ihres Geſchicks nahe ſei. Editha hatte einen angenehmen Spaziergang mit einem Manne gehabt, wie ſie ihn ſelten ſah— und das war Alles. Daß er verſchieden von der gewöhn⸗ lichen Menge war— höher und edler in ſeinen Ge⸗ danken— hatte ſie aus ihrer kurzen Bekanntſchaft er⸗ rathen, und in ſo weit mochte ſie veranlaßt werden, ein wenig mehr an ihn, als an irgend einen anderen Mann zu denken. Aber ihre Gedanken hatten einen anderen Gegenſtand. Ihr Geiſt war nach einer an⸗ deren Richtung gewendet. Es iſt ſeltſam, wie bereitwillig und wie deutlich die Frauen in die Herzen Anderer blicken— wie un⸗ deutlich und widerſtrebend ſie in ihren eigenen leſen. Es hatte ſich etwas in dem Weſen ihres Bruders Walter gezeigt, ein Zandern und doch eine Lebhaf⸗ tigkeit, eine unnatürliche Furchtſamkeit, vereint mit einer Wärme, die auf Leidenſchaft deutete, und die ihrem Auge nicht entgangen war. Auch an dem lieb⸗ lichen Indianermädchen hatte ſie unzweideutige Zeichen bemerkt— das flatternde Erröthen, den ſeelenvollen und gefühlvollen Blick, den ſie plötzlich zu dem Ge⸗ ſichte des Jünglings erhob und dann plötzlich wieder abwendete— die Augen voll flüſſigen Lichts, jetzt hell ſtrahlend bei der plötzlichen Gemüthsbewegung, jetzt beſchattet von den langen Wimpern, gleich dem Monde hinter einer vorüberziehenden Wolke. — 110— Es waren Zeichen, welche Editha nicht verken⸗ nen konnte, und ſie machten ſie gedankenvoll. Es dürfte den Leſer ermüden, wollten wir alle Betrachtungen verfolgen, die ihr zum erſten Mal in den Sinn kamen, als ſie daran dachte, daß ihr Bruder ein Indianermädchen heirathen und ſein Geſchick auf immer mit den Wilden des Waldes vereinen könne — ſie ſtellte ſich die Folgen des einſamen Lebens, welches ihr Vater gewählt, der Entfernung von der Civiliſation, des Lebens im wilden Walde vor. Zum erſten Mal ſchien es ihr, als ſei ein un⸗ durchdringlicher Vorhang niedergefallen, der alles Ver⸗ gangene ihren Blicken entzog, und jetzt war Alles neu, ſremd und verſchiedenartig. Und doch liebte ſie Otaitſa ſehr und hatte in den letzten zwei Jahren manchen Zug an ihr bemerkt, der ihre Achtung und Liebe gewonnen hatte. Der alte ſchwarze Adler, wie ihr Vater genannt wurde, war immer ein zuverläſſiger und getreuer Bundesgenoſſe der Engländer geweſen, aber an Herrn Prevoſt hatte er ſich ganz beſonders angeſchloſſen. Eine zufällige Reiſe des alten Sachem hatte ſie zuerſt mit einander bekannt gemacht, und von dem Tage an war die Entfernung der Anſie⸗ delungen des Oneidaſtammes kein Hinderniß ihrer Zu⸗ ſammenkunft. Wenn der ſchwarze Adler ſeine Hütte verließ, richtete er gewiß, um in ſeiner figürlichen Sprache zu reden, früher oder ſpäter ſeinen Flug zu — 111— dem Neſte ſeines weißen Bruders, und trotz der in⸗ dianiſchen Sitte brachte er faſt immer ſeine Tochter mit. Wenn irgend ein entferntes oder gefährliches Unternehmen im Werke war, wurde Otaitſa in der Wohnung der engliſchen Familie zurückgelaſſen, und manche Woche hatte ſie dort, von allen Bewohnern geliebt und alle liebend zugebracht. Aber nicht dort hatte ſie ihre Kenntniß der eng⸗ liſchen Sprache oder andere Eigenthümlichkeiten erlangt, wodurch ſie ſich von den gewöhnlichen indianiſchen Frauen unterſchied. Als ſie zuerſt dort erſchien, re⸗ dete ſie die Sprache der Anſiedler ebenſo vollkommen, wie ſie ſelber, und man entdeckte bald, daß ihr die Sorgfalt und Belehrung eines engliſchen Miſſionairs zu Theil geworden— deren zu jener Zeit leider we⸗ nige waren— welcher Alles aufgeopfert hatte, was das civiliſirte Leben gewähren konnte, um die in⸗ dianiſchen Wilden zum Chriſtenthum zu führen. Auch war es in jenen Tagen nicht ſelten, daß eine In⸗ dianerin in gewiſſem Grade die Sitten und Gewohn⸗ heiten der Europäer annahm. Die berühmte Königin der Herzen, die eine ſo wichtige Rolle in der Ver⸗ ſchwörung von Pontiae ſpielte, ging ſogar noch wei⸗ ter, als Otaitſa, denn ſie nahm die franzöſiſche Klei⸗ dung an, während die Letztere immer das Coſtüm ih⸗ rer Nation beibehielt und ſtolz auf ihr indianiſches Blut war. Und doch war es ein ſchwermüthiger * — 112— Stolz, denn ſie erkannte unbefangen die Ueberlegen⸗ heit des weißen Stammes an, ſo wie den Vortheil der Civiliſation, den ihr eigenes Volk nicht beſaß. Es war vielleicht mehr die Zärtlichkeit, welche die Ed⸗ len mit den Fallenden und Unglücklichen verbindet, als jener eitle Stolz, welcher glaubt, daß durch die Verbindung mit den Mächtigen und Glücklichen ein Licht auf uns zurückfällt. Was ſie auch war— was auch hohes und Glän⸗ zendes in ihrer Natur liegen mochte— ſie war im⸗ mer ein Indianermädchen, und als ſolche konnte Edi⸗ tha ſie immer nur betrachten, wenn ſie an die Liebe zwiſchen ihrem Bruder und Otaitſa dachte, die ihren Augen nur zu deutlich geworden war. Dann fragte ſie ſich wieder, wie ſie gegen Wal⸗ ter und ihren Vater handeln ſolle. Konnte ſie ſeine Aufmerkſamkeit auf das richten, was ihr ſo einleuch⸗ tend war? O nein! Es war ihr, als verrathe ſie ein ihr anvertrautes Geheimniß. Freilich war kein Wort geſprochen, kein Geſtändniß abgelegt worden; dennoch hatten Beide ihre Herzen den Augen entſchleiert, die ſie für freundſchaftlich hielten, und ſie wollte aus der ſo erlangten Kenntniß keinen Vortheil ziehen. Ihr Vater, dachte ſie, könne und würde es ſehen, dann für ſich ſelber urtheilen und nach ſeinem eigenen Urtheil handeln. Aber Editha wußte nicht, wie ſelten Männer — 113— ſolche Geheimniſſe entdecken— beſonders Männer, die ſich mit Studien beſchäftigen. Herr Prevoſt hielt es für ganz recht, daß Walter bei Otaitſa blieb, und er ſchickte ſogar den alten Selaven Agrippa, der als Schütze einigen Ruhm erlangt hatte, mit ſeiner Büchſe aus, um ſich an der Seite des Hügels als Schild⸗ wache aufzuſtellen und jede feindliche Annäherung zu beobachten. 1 Nach dem Mittageſſen ging er ſelber aus und ſaß eine Stunde lang bei ſeinem Sohne und dem In⸗ dianermädchen, und ſprach Worte der Zärtlichkeit mit ihr, die ſich tief in ihr Herz ſenkten und mehr als einmal Thränen in ihre hellen Augen brachten. Keine väterliche Zärtlichkeit konnte die übertreffen, welche er ihr zeigte, und Otaitſa kam es vor, als begrüße er ſie faſt wie ſeine Tochter. Als Herr Prevoſt in das Haus zurückkehrte, gab er ſich der Unterhaltung mit ſeinem Gaſte hin, indem er ſeinen Geiſt weit von den Seenen vor ihm hinweg⸗ verſetzte zu anderen Zeiten und anderen Ländern. Ge⸗ genſtände des Geſchmacks und der Kunſt wurden ver⸗ kandelt— die unvergänglichen Werke des Genius und die Triumphe des Geiſtes— und von Zeit zu Zeit miſchten ſich die muſikaliſchen Töne von Editha's Stim⸗ me mit den tieferen Lanten ihrer beiden Gefährten. Es war ein angenehmer Nachmittag für Alle, denn Herr Prevoſt ſelber hatte etwas von einem Träumer, Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 8 — 114— und er oder Editha oder Beide hatten Lord H. eben⸗ falls, für den Augenblick wenigſtens, zu einem Träu⸗ mer gemacht. Auch wurden höhere Gegenſtände nicht unberührt gelaſſen. Nirgends, als in der weiten Einſamkeit kann der Geiſt ſich frei fühlen, ſeine eigenen mächti⸗ gen Fragen zu verhandeln. Die rauſchende Orgel und der tönende Chor können dem Geiſte einen andächti⸗ gen Ton und der hohe Pfeiler und das mächtige Ge⸗ wölbe den Gedanken Feierlichkeit verleihen, aber wenn der Geiſt ſich aus der ſtillen, kleinen Kammer des Herzens zu den Stufen des Thrones Gottes erheben und einige Strahlen helleren Lichts zurückbringen ſoll, um die Dunkelheit unſeres irdiſchen Daſeins zu erhel⸗ len, ſo wähle man den unentweihten Tempel ſeiner eigenen Schöpfung— ſtehe da und betrachte ſeine Macht und Majeſtät unter den feierlichen Wäldern oder auf den ehrwürdigen Bergſpitzen— oder blicke mit dem Aſtronomen den majeſtätiſchen Sternenhimmel an, wo nebelartige Wolken in zahlloſe Welten ſich auflöſen und Lichtpunkte zu Sonnen und Sonnenſy⸗ ſtemen werden. Der Abend hatte ſein Licht noch nicht verloren, als ein Ruf von Walter's Stimme verkündete, daß er ſich dem Hauſe nähere. Einen Augenblick ſpäter ſah man ihn mit ſeiner jungen Begleiterin und zwei Männern über die Lichtung dahinſchreiten. Der Eine war ein großer rother Mann über ſechs Fuß hoch in indianiſcher Kleidung, aber unbe⸗ malt. Er konnte nicht weniger, als ſechzig Jahre alt ſein; aber ſeine ſtarken Muskeln ſchienen der nie⸗ derbeugenden Macht der Zeit getrotzt zu haben. Er war ſo gerade, wie eine Tanne und trug ſeine ſchwere Büchſe ſo leicht in der Hand, als wäre es ein Rohr geweſen. In ſeiner Linken trug er eine lange Pfeife, welche zeigte, daß er in friedlicher Abſicht komme; aber Tomahawk und Selapirmeſſer waren in ſeinem Gürtel und er trug die Federkrone oder Goſtoweh, wodurch ſich die Häuptlinge auszeichnen. Der andere Mann mochte vielleicht von demſel⸗ ben Alter oder noch ein wenig älter ſein. Auch er ſchien thätig und ſtark für ſeine Jahre, doch fehlte ihm die aufrechte und kräftige Haltung ſeines Beglei⸗ ters und ſein Gang und ſein ganzes Weſen unter⸗ ſchied ihn von dem Indianer. Seine Kleidung war eine ſeltſame Miſchung des gewöhnlichen europaͤiſchen Coſtüms und der halb wilden Anſiedler im Walde. Er trug einen ſchwarzen Rock oder doch einen, der einſt ſchwarz geweſen, aber ſeine übrigen Kleider be⸗ ſtanden aus Fellen, einige nach indianiſcher Weiſe roth gegerbt, andere noch behaart und nach außen gekehrt. Er trug keine andere Waffen, als ein ſehr langes und ſpitziges Meſſer, obgleich es in ſeinen Händen nur zu dem unſchuldigen Zwecke diente, ſeine 8* — 1416— Speiſen damit zu zerſchneiden oder für die Kinder von Sachem's Stamme Pfeifen von Weidenruthen damit zu ſchnitzeln. Otaitſa ging mit leichten Schritten neben dem Häuptling her, aber die Anderen gingen nach indiani⸗ ſcher Sitte Einer hinter dem Anderen, während der alte Agrippa, ſeine Büchſe auf ſeinem Arme, den Schluß machte und ein wenig hinter den Uebrigen zurückblieb. „Ich habe ſelten ſo viele verſchiedene Gäſte in zwei kurzen Tagen,“ ſagte Herr Prevoſt auf die Thür zugehend.„Gewöhnlich habe ich einen ganzen Stamm auf einmal oder gar Niemand. Aber dies iſt einer meiner beſten Freunde, Mylord, und ich muß gehen, um ihn zu begrüßen.“ „Er iſt ein edel ausſehender Mann,“ bemerkte der junge Officier.„Dies iſt vermuthlich der ſchwarze Adler, von dem das hübſche Mädchen ſprach?“ Herr Prevoſt antwortete nicht, denn jetzt hatten die weiten Schritte des Häuptlings ihn beinahe zur Thür gebracht und er ſtreckte ſchon die Hand aus, um die ſeines weißen Freundes zu ergreifen. „Willkommen, ſchwarzer Adler!“ ſagte Herr Prevoſt. „Du biſt mein Bruder,“ entgegnete der Häupt⸗ ling in engliſcher Sprache, aber mit viel weniger reinem Dialect, als der ſeiner Tochter. — 117— „Was giebt's Neues von Corlear?“ ſragte Herr Prevoſt. Aber der Indianer antwortete nicht und der Mann, der ihm folgte, entgegnete in ſo eigenthümlichem Styl, daß wir ſeine Worte wiedergeben müſſen, obgleich ſie ſehr geringe Erklärungen über die Ereigniſſe enthielten. „Alles iſt ſtill an den Ufern des Champlainſees,“ ſagte er;„aber Huronenſpuren ſind noch am Ufer. Die freundlich geſinnten Mohawks ſahen ſie kommen und gehen und ſagen uns, daß der Franzoſe auch dort war, bemalt und befiedert gleich den indiani⸗ ſchen Häuptlingen; als ſie aber England auf der Seite des Horicon ſtärker fanden, als ſie dachten, ſegelten ſie am letzten Montag nach Fort Carrillon zurück.“ Mittlerweile traten der ſchwarze Adler und ſein Wirth ins Haus und gingen geradezu in den großen Speiſeſaal, wo die ganze Geſellſchaft ſich ſchweigend niederſetzte. Otaitſa nahm an Editha's Seite Platz und Walter ſtellte ſich ſo, daß er die hellen Augen des Mädchens beobachten konnte, ohne ſelber bemerkt zu werden. Einige Augenblicke ſprach Niemand, um ſich der indianiſchen Sitte zu fügen, und dann brach Herr Prevoſt das Schweigen und ſagte: „Nun, ſchwarzer Adler, wie geht es meinem Bruder?“ — 118— „Wie dem Tamarack im Herbſte,“ antwortete der Krieger;„der kalte Wind bläſt durch die Zweige und die ſchönen Blätter verwelken und fallen ab; aber der Stamm ſteht noch feſt und er iſt noch nicht bis zum Herzen verdorrt.“ „Dies iſt ein Häuptling aus dem Lande meiner weißen Väter,“ ſagte Herr Prevoſt, eine graziöſe Handbewegung gegen Lord H. machend;„er iſt erſt kürzlich über das große Waſſer gekommen.“ „Er iſt willkommen in dem ehemaligen Lande des rothen Mannes,“ ſagte der ſchwarze Adler; und ſeine Augen auf den Boden richtend, aber ohne ein Zeichen der Gemüthsbewegung bei den Gedanken, die unter ſeinen Worten verborgen zu liegen ſchienen, ver⸗ ſank er wieder auf einige Minuten in Schweigen. Dann erhob er ſeinen Kopf wieder und fragte:„Iſt er ein großer Häuptling? Iſt er ein Krieger? ein Mann des Rathes? oder ein Mann der Heilkunſt?“ „Er iſt ein großer Häuptling und Krieger,“ antwortete Herr Prevoſt;„er iſt überdies erfahren im Rath und ſeine Worte ſind klar, wie die Waſſer des Horicon.“ 1. „Er iſt willkommen,“ wiederholte der Häuptling; „er iſt unſer Bruder. Er ſoll der Cataract genannt werden, weil er mächtig ſein wird und viele ſich über den Ton ſeiner ſtarken Stimme erfreuen werden.— Aber, mein Bruder—“ — 119— „Rede weiter,“ ſagte Herr Prevoſt, als er ſah, daß er ſchwieg;„es ſind die Ohren eines Freundes, die Dir zuhören.“ „Du biſt zu nahe dem Caturquiz Du biſt zu nahe dem Corlear,“ ſagte der Krieger, indem er den St. Lorenzſtrom und den Champlainſee meinte.„Es iſt Gefahr für unſeren Bruder vorhanden und die Flü⸗ gel des ſchwarzen Adlers ſinken nieder, wenn er an ſeinem einſamen Orte unter den Kindern des Steins iſt, zu denken, daß Du nicht weiter innerhalb der Mauern des langen Hauſes biſt.“ „Was meint er mit den Mauern des langen Hau⸗ ſes?“ fragte Lord H., indem er leiſe Editha an⸗ redete. „Nur das Gebiet der fünf Nationen oder Iroke⸗ ſen, wie die Franzoſen ſie nennen,“ antwortete ſeine ſchöne Nachbarin. „ Ich fürchte nicht, Bruder,“ verſetzte Herr Pre⸗ voſt,„das Feuer und das Eiſen ſind noch nicht zu⸗ ſammengekommen, um das Tomahawk zu machen, welches mein Haupt erreichen wird.“ „Aber um des Mädchens willen,“ fuhr der ſchwarze Adler fort.„Iſt ſie nicht auch für uns wie eine Tochter? Iſt ſie nicht Otaitſa's Schweſter? Ich bitte Dich, weißer Fichtenbaum, laß ſie mit dem Ad⸗ ler und der Blüthe gehen in das Land der Kinder des Steins— nur auf wenige Monden— bis Dein Volk — 120— über ſeine Feinde geſiegt und bis die fünf Nationen den Baum des Huronen und des Alonquin umge⸗ hauen— bis das Beil des Kriegers wieder eingegra⸗ ben worden und man die Friedenspfeife raucht.“ „Es wäre freilich beſſer, mein guter Freund Pre⸗ voſt,“ ſagte Herr Gore.„Wir haben heute Thaten geſehen, wobei dem kühnſten Manne auf Erden das Blut erſtarren muß, beſonders wenn er weiß, daß er eine Tochter in der Nähe ſolcher Scenen des Todes hat.“— „Welche waren ſie, mein guter Freund?“ fragte Prevoſt.„Ich habe von keinen neuen Thaten in der Nähe gehört. Das Letzte, was wir erfahren, war die Einnahme des Fort William Henry vor etwa ſechs Wochen; aber bis jetzt ſind wir mit den einzel⸗ nen Umſtänden noch nicht bekannt geworden; und wenn wir weit genug entfernt ſind, ſo daß die Nach⸗ richten in ſechs Wochen noch nicht zu uns gelangen, ſo iſt es nicht wahrſcheinlich, daß feindliche Armeen ſehr bald zu uns gelangen werden.“ „Du irrſt, mein Bruder,“ antwortete der ſchwarze Adler.„Eine kurze Tagereiſe liegt zwiſchen Dir und dem Schlachtfelde. Dieſen Morgen kamen wir über daſſelbe, als der Sonne noch eine Stunde an ihrer Mittagshöhe fehlte, und wir ſind hier, ehe ſie noch hinter dem Walde niedergeſunken iſt. Was wir ſahen, machte das Blut meines Bruders hier erſtarren, denn —— 1221— er hat nie vorher dergleichen geſehen. Die Kinder des Steins tödten nicht Weiber und Kinder, wenn die Schlacht vorüber iſt.“ „Reden Sie, Herr Gore, mein guter Freund,“ ſagte der Herr des Hauſes;„Sie kennen unſere Ge⸗ wohnheiten beſſer und können uns mehr von dem ſa⸗ gen, was geſchehen iſt. Dinge, die ſeinem Auge ge⸗ wöhnlich ſind, müſſen dem Ihrigen fremd erſcheinen.“ „Wir kamen zwiſchen den beiden Forts durch,“ antwortete der Miſſionair.„Die Entfernung beträgt nur ſieben oder acht Meilen und auf jenem kleinen Raume lagen beinahe tauſend menſchliche Körper, auf die ſchrecklichſte Weiſe getödtet. Da waren junge und Alte— der grauköpfige Officier, der blühende Jüng⸗ ling, eben von der Seite ſeiner Mutter kommend, Frauen, Knaben und Mädchen und kleine Kinder von der Bruſt ihrer Mutter hinweggeriſſen, um von dem Beil oder dem Streitkolben zu ſterben. Wir hörten, daß der Tiger Montcalm, der Menſchlichkeit, dem Chriſtenthum und der Ehre eines Gentleman zum Trotz, ſein gegebenes Wort verletzt und dabei geſtanden, als ſeine tapferen Feinde von ſeinen wilden Bundesgenoſ⸗ g ſen ermordet worden. Aber was der Häuptling ſagt, iſt wahr, mein Freund. Sie ſind dieſer Scene viel zu nahe, und wenn auch keine reguläre Armee dieſen Ort erreichen könnte, ohne daß Sie zur rechten Zeit Nachricht davon erhielten, ſo könnten Sie doch von — 122— den indianiſchen Vorläufern jeden Augenblick überfallen, Ihr Haus angezündet, Sie und Ihre Kinder ermor⸗ det werden, ehe Ihnen Jemand zu Hülfe kommen könnte. Die Truppen unſeres Landes ſind weit ent⸗ fernt und keine Macht ſteht zwiſchen Ihnen und dem Horieon, als eine kleine Anzahl unſerer Brüder der Mohawks, die nicht ſo wohl mit England zufrieden ſind, wie ſonſt.“ Herr Prevoſt richttt ſeine Augen auf Lord H. Der junge Engländer erwiderte Herrn Gore ſogleich und ſagte mit ruhiger Verneigung des Kopfes: „In einem Punkte irren Sie, mein Herr. Lord London iſt zurückgekehrt und es befindet ſich jetzt eine ſtarke Macht in Albany. Ich kam kürzlich durch jene Stadt und ich denke, General Montealm wird durch die Thatſachen, die zu ſeiner Kenntniß gekommen ſind, abgeſchreckt werden, ſeine rohen Einfälle dies Jahr weiter zu treiben. Ehe noch ein neuer Morgen ſcheint, V wird er vielleicht ſeine Strafe für dieſe treuloſe Grau-⸗ ſamkeit erhalten.“ „Wenn auch nicht hier, ſo wird er ſie wenig⸗ ſtens jenſeits erhalten,“ ſagte der Miſſionair.„Es iſt Gerrohtiakrit im Himmel, mein Herr, und oft wird ſie dem Uebelthäter ſchon auf Erden zu Theil. Dieſes Mannes Ende kann nicht glücklich ſein. Aber ich fürchte, Sie werden uns nicht beiſtehen, Ihren — 123— Freund hier zu überreden, auf eine Zeitlang ſeine höchſt gefährliche Stellung aufzugeben.“ „Ich kenne die Angelegenheiten des Herrn Pre⸗ voſt zu wenig,“ verſetzte Lord H.,„um ihm irgend rathen zu können. Ich weiß noch weniger von dem Zuſtande des Landes zwiſchen hier und der franzöſi⸗ ſchen Linie. Vielleicht werde ich in einem oder zwei Tagen mehr wiſſen, und da ich ſelber ein Militairs⸗ mann bin, kann ich ihm beſſer ſagen, welches die wirklichen Gefahren ſeiner Lage ſind. Auf jeden Fall möchte ich die Sache bis morgen überdenken, ehe ich eine Meinung ausſpreche. Aus dem, was eben jetzt geſagt wurde, ſchließe ich, daß keine unmittelbare Ge⸗ fahr vorhanden ſein kann, da die Huronen und die Franzoſen zurückgegangen ſind.“ Herr Gore ſchüttelte den Kopf und der indiani⸗ ſche Häuptling verharrte in tiefem und dumpfem Schwei⸗ gen und ſchien mit dem Erfolge der Verhandlung nicht beſonders zufrieden.„ Einige Minuten ſpäter wurde die Abendmahlzeit hereingebracht und der ſchwarze Adler that derſelben volle Gerechtigkeit an. Er aß wie ein Europäer mit Meſſer und Gabel und zeigte in ſeinem Benehmen bei Tiſche keine Spur von dem Wilden. Er blieb indeſ⸗ ſen völlig ſtill bis die Geſellſchaft aufſtand, faßte dann Herrn Prevoſt's Hand und ſagte: „Geh mit Deinem eigenen Herzen zu Rathe, — 124— mein Bruder. Denke an die Blume, die an Deiner Seite wächſt— frage Dich, ob Du ſie von des rothen Mannes Moceaſſin willſt niedertreten laſſen; und höre nicht auf den Cataraet, denn er iſt kalt.“ „So redend entfaltete er eins von den großen Fellen, die an der Seite des Zimmers lagen, und ſtreckte ſich darauf aus, um auszuruhen. Editha faßte Otaitſa bei der Hand und ſagte: „Komm, Blüthe, Du ſollſt bei mir ſein, wie ſonſt.“ 1* 5 Walter entfernte ſich einen Augenblick ſpäter und ließ Lord H. zurück, um ſich mit ſeinem Wirthe und Herrn Gore zu berathen. Neuntes Kapitel. Wäre Jemand geneigt, die wunderbare Harmonie zu bezweifeln, welche die Werke Gottes von dem Größ⸗ ten bis zum Kleinſten durchdringt, ſo könnte er einen indirecten, wenn auch keinen directen Beweis von ih⸗ rem Daſein in der inſtinctmäßigen Neigung des Gei⸗ ſtes des Menſchen finden, in der äußeren Welt der Natur figürliche Aehnlichkeiten und Erläuterungen der Thatſachen, der Ereigniſſe und der Gegenſtände des moraliſchen Weſens und geiſtigen Daſeins zu entde⸗ cken. Keine Stunde des Tages— keine Jahreszeit — keine Veränderung des Himmels oder der Ausſicht — keinen Schatten, der über das Licht fällt, keinen Strahl, der die Dunkelheit durchdringt, giebt es, deſ⸗ ſen ſich die Phantaſie des Menſchen nicht bemächtigt, um ſich das eine oder das andere der Phänomene ſei⸗ — 126— ner Natur vorzuſtellen und ſogleich eine Harmonie zwiſchen den materiellen und immateriellen Dingen zu entdecken. Das früheſte Blümchen des Frühlings— das ſchattenliebende Veilchen— ſtellt dem Geiſte der meiſten Menſchen einen ſanften, lieblichen, zurückgezo⸗ genen Geiſt dar. Die erröthende Roſe in ihrer Ma⸗ jeſtät der Blüthe ſtellt den Pomp und Duft der rei⸗ fen Schönheit dar. Die Wolken und Ungewitter lie⸗ fern uns Bilder des Kummers, der Sorgen und der Mißgeſchicke des Lebens, und der Frühling und der Winter, die Dämmerung und das Scheiden des Ta— ges gleichen in unſerer Phantaſie der Jugend und dem Greiſenalter, während das Aufgehen der Sonne unſeren Eintritt in dieſes Leben mit der thätigen An⸗ ſtrengung, der Arbeit, des Ruhmes und der Unſterb⸗ lichkeit und die Nacht mit dem neuen Morgen, dem Grabe und dem künftigen Leben zu vergleichen iſt. Es war im Alter des Jahres— nicht in dem hinfälligen Greiſenalter, ſondern in der Zeit der kräf⸗ tigen, wenn gleich abnehmenden Reife, und in der Kindheit des Tages— nicht in der Kindheit der Mor⸗ gendämmerung, wo Alles grau und dunkel iſt, ſon⸗ dern der klaren, thauigen Kindheit, wo Allees friſch, elaſtiſch und balſamiſch iſt— als drei Wanderer von dem Hauſe des Herrn Prevoſt auf dem Wege weiter⸗ gingen, der nach Nordoſten führte. Zwei andere Perſonen beobachteten ſie von der 7 7 — 127— Thür des Hauſes aus und zwei Neger und eine Ne⸗ gerin ſahen ihnen von der Ecke des Gebäudes nach, wo der Geflügelhof und die Ställe von einer niedri⸗ gen Einzäunung umgeben waren, die zu einem wohl⸗ ktultivirten Küchengarten weiterführte. Die Negerin ſchüttelte den Kopf, ſah kummer⸗ voll aus und ſeufzte, ſagte aber Nichts. Die beiden Männer ſprachen offen von der Unbeſonnenheit ihres Herrn, weil er ſeinen Sohn auf eine ſolche Expedi⸗ tion ausgehen ließ. Herr Prevoſt und ſeine Tochter blickten ſchwei⸗ gend den ſich entfernenden Figuren nach, die bald hin⸗ ter den Bäumen verſchwanden. Dann führte der Herr des Hauſes Editha zurück und ſagte: „Gott wird ihn beſchützen, mein Kind. Ein Vater iſt nicht da, um die aufſtrebende Kraft der Ju⸗ gend zu unterdrücken, ſondern ſie zu leiten.“ Mittlerweile gingen Lord H. und ſein Führer — Kapitain Brooks nach ſeinem engliſchen Namen oder Woodchuck nach ſeiner indianiſchen Benennung— von Walter Prevoſt begleitet, raſch und leicht durch den Wald. Die beiden Erſteren trugen die etwas ſeltſame Kleidung, die wir beſchrieben haben, als wir den würdigen Kapitain dem Leſer vorſtellten; aber Walter war in dem gewöhnlichen Coſtüm der Anſied⸗ ler jener Tage, außer daß er ſeine Büchſe in der Hand hielt und eine große lederne Taſche um die linke Schulter geſchlungen hatte. Jeder ſeiner Begleiter hatte auch eine Büchſe an einem breiten ledernen Bande und jeder trug ein Beil am Gürtel und eine lange Pfeife mit einem zierlich ansgeſchnitzten Rohr in der Hand. Obgleich ſie keinen von den öffentlichen Wegen verfolgten, ſo daß ſie genöthigt waren, einzeln zu ge⸗ hen, machte es Woodchuck keine Schwierigkeit, den⸗ ſelben zu finden oder raſch darauf weiter zu gehen. Ein alter Schriftſteller jener Tage, der, ungleich vielen neueren Schriſtſtellern, Augenzeuge von Allem war, was er beſchrieb, erzählt uns, daß die indiani⸗ ſchen Fußwege auf jenem mächtigen Landſtriche, den die fünf Nationen ihr langes Haus nannten, unzäh⸗ lig waren und ſich in allen Richtungen durchkreuzten — zuweilen auf dem harten und trockenen Boden faſt nicht zu ſehen, zuweilen durch den wiederholten Druck vieler Füße ſechsunddreißig bis vierzig Zoll tief ein⸗ gefurcht. Auf einem derſelben gingen die Wanderer weiter, und obgleich hie und da ein Baumſtumpf ſtand oder ein junger Baum in der Mitte des Fußpfades auf⸗ ſchoß und ein geringes Hinderniß bildete, ſo war es doch ſelten von ſolcher Beſchaffenheit, daß es die Rei⸗ ſenden aufhielt oder ihre Anſtrengungen ſehr erhöhte. Mit der ruhigen Zuverſicht und der unbedenkli⸗ chen Schnelligkeit eines geübten Waldbewohners führte — 129— Brooks ſeine beiden Begleiter ohne Zweifel und Be⸗ denklichkeiten weiter. Er hatte freilich nicht viel Licht; denn wenn auch die Sonne bereits über dem Hori⸗ zonte ſtand und von Zeit zu Zeit ihre ſchrägen Strah⸗ len durch einen offeneren Raum hereinfielen und ihren Fußpfad vergoldeten, ſo bildeten doch im Allgemeinen die dichten Bäume und das Unterholz einen Schatten, den zu jener frühen Stunde das Licht kaum durchdrin⸗ gen konnte, und der nüchterne Morgen war noch faſt in die dunklen Farben der Nacht gekleidet. „Treten Sie in meine Fußtapfen,“ ſagte Wood⸗ chuck, leiſe über ſeine Schulter mit Lord H. redend; „dann werden wir wahre Indianer ſein. Wiſſen Sie nicht, daß ſie, wenn ſie auf dem Kriegspfade ge⸗ hen, wie ſie es nennen, immer ihren Fuß auf die Stelle ſetzen, wohin der Anführer vorher den ſeinen geſetzt hat? Da mag kommen was will, Niemand kann ſagen, wie viele zu Jack Pilbury's Scheune ge⸗ gangen ſind.“ „Aber glauben Sie, daß wirkliche Gefahr vor⸗ handen iſt?“ fragte Lord H. „Es iſt immer Gefahr in einem dunklen Walde und in einem dunklen Auge,“ antwortete Woodchuck lachend;„aber es iſt nicht mehr Gefahr hier, als in Prevoſt's Hütte, weder für Sie noch für Walter. Was mich betrifft, ich bin überall ſicher.“ „Aber Sie treffen ſeltſame Vorkehrungen, wo Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 9 — 130— keine Gefahr iſt,“ bemerkte Lord H., der nicht alle ſeine Zweifel an ſeinem wilden Kameraden verbannen konnte;„Sie reden leiſe und rathen uns, die Liſt der Indianer zu befolgen, in einem Walde, durch den wir geſtern furchtlos gegangen.“ „Ich bin jetzt gerade ebenſo furchtlos, wie Sie damals waren, als Sie durch den Wald gingen,“ antwortete Brooks in ernſterem Tone;„aber Sie ſind nicht an das Waldleben gewöhnt, Major, ſonſt wür⸗ den Sie die Sache beſſer verſtehen. Wir, die wir fünf Tage von den ſieben Wochentagen von Feinden oder doch nur halben Freunden— gerade wie ein Mann in eine Stachelſchweinshaut gehüllt— umge⸗ ben ſind, wiſſen ſehr wohl, daß des Menſchen ſchlimm⸗ ſter Feind und ärgſter Verräther in ihm ſelber liegt. Wenn ein weiſer Mann auch ganz ſicher iſt, ſtellt er eine Wache auf ſeine Lippen, damit jener Verräther ihn nicht verrathen möge. Ich meine nämlich, mein Herr, wir ſind ſo oft in Gefahr, daß wir es für das Beſte halten, zu handeln, als wären wir immer in Gefahr, und da wir niemals wiſſen, wie nahe ſie ſein mag, ſo halten wir uns immer ſo fern wie mög⸗ lich. Sie können nicht ſagen, ob nicht ein Indianer in jedem Buſch iſt, an dem Sie vorüberkommen; und doch möchten Sie ſo laut plaudern, als wenn Sie in einem Geſellſchaftszimmer wären. Aber wenn ich auch weiß, daß Niemand da iſt, rede ich nicht lauter, als — 131— die Hinterbeine eines Grashüpfers, weil ich mir ſonſt angewöhnen könnte, im Walde laut zu reden.“- „Ich glaube es liegt viel Wahrheit in dem, was Sie ſagen,“ entgegnete Lord H.;„aber ich höre ein Geräuſch, welches immer lauter wird, ſo wie wir weitergehen. Es iſt vermuthlich der Cataract.“ „Ja, gerade der Waſſerfall,“ antwortete der An⸗ dere in gleichgültigem Tone.„Eine halbe Meile weiter unten wird Maſter Walter das Boot finden, welches ihn nach Albany bringen ſoll. Dann können wir Beide an der Seite des Fluſſes hinaufgehen ſo weit wir wollen.“ Dann beſchränkte ſich die Unterhaltung auf we⸗ nige Worte, die man wechſelte, und die Stimme des Waſſers wurde immer lauter, bis Lord H. kaum ſeine eigenen Fußtritte hören konnte. Das geübtere Ohr Sesdus vernahm aber jeden Ton und endlich rief er: „Was giebts? Warum ſpannſt Du Deine Büchſe?“ „Still!“ ſagte der Jüngling;„es ſchleicht etwas hinter den Lorbeerbüſchen. Ich glaube es iſt ein In⸗ dianer, der auf allen Vieren geht. Sehen Sie dorthin!“ „Wahrſcheinlicher ein Bär,“ verſetzte Woodchuck in demſelben leiſen Tone;„ich ſehe! Es iſt kein Bär, aber auch ein Indianer. Er iſt fort— nein, dort iſt er wieder. Halt! Laß ihn klettern. Es iſt ein 0* 2 — 132— Panther. Hier, Walter— komm hieher— Du ſollſt ihn haben. Der Kerl riecht friſches Fleiſch. Er wird in einer Minute emporklettern. Wir werden ihn verlieren, wenn wir uns nicht vorſehen, Walter! Geh weiter rechts— ich gehe links, und dann wol⸗ len wir ihn ans Waſſer treiben, wo er klettern muß. Sie, Major, gehen gerade aus und bleiben immer auf dem mittleren Wege und ſehen zu den Zweigen hinauf, da er Ihnen über den Kopf kommen kann. Da wendet er ſich ſüdlich. Schnell, Walter, ſchnell!“ Lord H. hatte noch Nichts von dem Gegenſtande geſehen, den ſeine beiden Kameraden entdeckt hatten; doch hatte er genug vom Jäger an ſich, um ihre Lebhaftigkeit zu theilen, und ſeine Büchſe von der Schulter nehmend, folgte er dem Pfade, auf dem ſie gingen, während Walter Prevoſt ſich unter die ver⸗ wickelten Büſche zur Rechten ſtürzte und Woodchuck ruhiger unter die Bäume zur Linken ſchlich. Er konnte hören, wie die Zweige rauſchten und beinahe eine Viertelmeile weit zu beiden Seiten an verſchiede⸗ nen kleinen Zeichen die Richtung erkennen, die ſie nah⸗ men, indem bald ein Zweig ſich bewegte, bald ein leiſes Geräuſch ſich hören ließ. Nur ein Mal glaubte er den Panther über den Weg gehen zu ſehen, aber es war an einer beſonders dunklen Stelle und er war durchaus nicht gewiß, ob ſeine Phantaſie ihn nicht getäuſcht habe. Das Ranſchen des Waſſerfalles nabm jeden Au⸗ genblick zu, und es war dem jungen Edelmanne klar, daß er und ſeine Begleiter ſich auf verſchiedenen We⸗ gen einem großen Fluſſe näherten, zu welchem der gute Kapitain Brooks den Gegenſtand ſeiner Verfol⸗ gung hintreiben wollte. Endlich wurde das Licht ſtär⸗ ker und der blaue Himmel und der Sonnenſchein wa⸗ ren durch die Wipfel der Bäume zu ſehen, als er plötzlich zur Rechten den Knall einer Büchſe, ein wil⸗ des ſchnarchendes Geräuſch und einen lauten Ruf von Walter Prevoſt hörte. Da er wußte, wie gefährlich der verwundete Panther iſt, ſo ſtürzte ſich der junge Officier ohne Bedenken in das Gebüſch, um Editha's Bruder zu helfen, denn jetzt dachte er gewöhnlich in dieſer Be⸗ ziehung an ihn, und der Jüngling hörte bald ſeine Annäherung und rief ihm zu:„Hier, hier!“ Es war keine Furcht oder Aufregung in ſeinen Tönen, welche mehr die des Triumphes waren, und einen Augen⸗ blick ſpäter, als er ſeinen Freund näher kommen ſah, fügte er hinzu: „Es iſt ein herrliches Thier. Ich muß das Fell haben!“ Lord H. näherte ſich ein wenig langſamer, als er bemerkte, daß keine Gefahr vorhanden ſei, und in der nächſten Minute war er an der Seite des Jüng⸗ lings, der ruhig beſchäftigt war, ſeine Büchſe wieder — 134— zu laden, während ſechs oder ſieben Schritte entfernt ein großer tödtlich verwundeter Panther lag, der völ⸗ lig kraftlos, aber noch nicht ganz todt war. „Halten Sie ſich fern von ihm!“ rief Walter, als der junge Edelmann ſich näherte.„Sie zerrei⸗ ßen zuweilen noch einen Menſchen beim letzten Athem⸗ zuge.“ „Ei, er iſt ja beinahe ſo groß, wie ein Tiger,“ ſagte Lord H. „Es iſt ein herrlicher Kerl,“ antwortete Walter freudig.„Man könnte in England hundert Jahre le⸗ ben, ohne ſolches Wild zu finden.“ Lord H. lächelte und ſah einige Augenblicke das Thier ſchweigend an, bis der junge Mann ſeine Büchſe wieder geladen hatte. Plötzlich aber hörten Beide den Knall einer zweiten Büchſe zur Linken und Walter rief: „Woodchuck hat auch einen geſchoſſen.“ Aber auf den Knall folgte ein Geſchrei, ſehr verſchieden von dem eines verwundeten Thieres. „ Das iſt nicht das Geſchrei eines Panthers,“ rief Walter Prevoſt, deſſen Wange ein wenig blaß wurde;„was kann geſchehen ſein?“ „Es war ein menſchlicher Laut,“ ſagte Lord H. horchend,„gleich dem eines Menſchen, der einen plötz⸗ lichen Schmerz empfindet. Ich hoffe, unſer Freund Woodchuck wird ſich doch nicht ſelber erſchoſſen haben?“ — 135— —„Es war nicht der Schrei eines weißen Man⸗ nes,“ ſagte Walter, ſein Ohr nach der Richtung wen⸗ dend, woher die Töne gekommen waren, aber Alles war ſtill und der junge Mann erhob ſeine Stimme und rief ſeinem Begleiter zu. Er erhielt keine Antwort und Lord H. rief: „Es iſt beſſer, wenn wir ihn ſogleich aufſuchen — vielleicht bedarf er der Hülfe!“ Hierauf eilte er zu der Stelle hin, wo, wie er glaubte, der Schuß gefallen war. „Ein wenig mehr zur Rechten, Mylord, ein we⸗ nig mehr zur Rechten,“ ſagte Walter.„Sie werden ſogleich einen Fußpfad finden.“ Dann erhob er wieder ſeine Stimme und rief: „Woodchuck, Woodchuck!“ mit Unruhe und Beküm⸗ merniß. Er hatte Recht in ſeiner Vermuthung, daß ſie bald einen Pfad finden würden, denn ſie trafen einen indianiſchen Fußweg, der den durchkreuzte, auf dem ſie vorher gegangen und der nach der Richtung führte, in welcher ſie zu gehen wünſchten. Dann eilten beide mit größerer Schnelligkeit weiter, indem Walter mehr lief, als ging und Lord H. ihm, ſeine geſpannte Büchſe in der Hand haltend, folgte. Sie hatten indeſſen nicht weit zu gehen, denn ſie kamen bald zu einem kleinen Grasplatze am Ufer des Fluſſes, und in deſſen Mitte ſahen ſie einen An⸗ — 136— blick, der an ſich ſchrecklich genug war, der aber Lord H. weniger Furcht und Kummer verurſachte, als Walter Prevoſt, der beſſer mit den Gewohnheiten und dem Charakter der Indianer bekannt war. Etwa zehn Schritte vor ihnen zeigte ſich die kräftige Geſtalt des Kapitain Brooks, der ſeine gefal⸗ teten Arme auf die Mündung ſeiner abgeſchoſſenen Büchſe ſtützte. Er war ſo bewegungslos, wie eine Statue; ſeine Stirn war zuſammengezogen, ſeine braune Wange ſehr blaß und ſeine Augen vorwärts gerichtet auf einen Gegenſtand, der vor ihm auf dem Graſe lag. Es war der Körper eines Indianers, der ſich in ſeinem Blute wälzte. Der Kopf des Todten war ohne Bedeckung, außer der Scalplocke. Er war mit den Kriegsfarben bemalt, und ſo wie er dalag, hielt er noch das Tomahawk in der Hand, als hätte er es in dem Augenblick, als er gefallen, um zuzu⸗ ſchlagen erhoben. Für Lord H. waren ſein Stamm und ſeine Na⸗ tion ein unentdecktes Geheimniß; aber gewiſſe kleine Zeichen und Merkmale an ſeiner Kleidung und ſelbſt in ſeinen Geſichtszügen gaben Walter Prevoſt ſogleich zu erkennen, daß er nicht nur einer von den fünf Na⸗ tionen, ſondern ein Oneida ſei. Die volle und ſchreckliche Wichtigkeit dieſer That⸗ ſache wird ſich im Folgenden zeigen. Zehntes Kapitel. Einige Minuten lang ſtanden die drei lebenden Männer ſchweigend in der Gegenwart des Todten da; und dann rief Walter Prevoſt im Tone des tiefen Kummers: „Ach, Woodchuck, was haben Sie gethan?“ „Meinen Scalp gerettet,“ antwortete Brooks finſter und verſank dann wieder in Schweigen. Es trat wieder ein langes Schweigen ein; end⸗ lich legte Lord H., der die Urſachen der ſtarken Auf⸗ regung des Mannes verkannte, ſeine Hand auf den Arm des Jägers und ſagte: „Kommen Sie, mein Freund! Warum wollen Sie hier verweilen?“ „Es iſt unnütz,“ antwortete Woodchuck düſter; ner hatte ein Weib bei ſich und bald wird es in dem ganzen Stamme bekannt werden.“ — 138— .„Aber Ihrer eigenen Sicherheit wegen wäre es beſſer zu fliehen,“ ſagte Walter.„Es iſt in der That ſehr traurig. Was konnte ihn bewegen, Sie anzugreifen?“ „Ein alter Groll, Maſter Walter,“ antwortete Brooks, ſich bedächtig auf den Boden niederſetzend und ſeine Büchſe über ſein Knie legend.„Ich kannte den Kerl wohl— die geſtreifte Schlange nannten ſie ihn, und eine Schlange war er auch. Er verſuchte mich zu betrügen und zu berauben und ich machte es dem ganzen Stamme bekannt. Einige lachten und hielten es für recht; aber der ſchwarze Adler tadelte und verhöhnte ihn, und ſeitdem hat er mich immer gehaßt. Er hat lange darauf gewartet und jetzt hat er, was er verdiente.“ „Nun, was geſchehen iſt, läßt ſich nicht unge⸗ ſchehen machen,“ entgegnete Walter.„Es iſt beſſer, wenn Sie ſich ſo ſchnell wie möglich entfernen, denn der ſchwarze Adler ſagte mir, er habe drei Kundſchaf⸗ ter zurückgelaſſen, um uns im Falle einer Gefahr Nachricht zu bringen, und wir können nicht ſagen, wie nahe die andern ſein mögen.“ „Dies war Einer von ihnen,“ antwortete Brooks, der noch ſeinen Sitz behauptete und den Indianer an⸗ blickte;„aber was iſt Sicherheit für mich, Walter? Ich kann nicht mehr in den Wäldern umherſchweifen; ich kann meine gewohnte Lebensweiſe nicht fortſetzen. — 139— Ich muß in dumpfige und räucherige Städte gehen und mich unter diebiſchen und betrügeriſchen Schaaren weißer Männer umhertreiben. Die Büchſe und das Beil müſſen weggelegt werden, und das Gras des Waldes darf meinen Fußtritt nicht kennen. Blumen und grüne Blätter und rauſchende Ströme, und der mächtige See und der Berggipfel iſt dahin und ver⸗ loren— die Wache unter den dunklen Büſchen und an dem ſtillen Waſſer. Unter der arbeitenden Menge werde ich ebenſo ſchmutzig, niedrig und gemein wer⸗ den, wie ſie; meine freie Natur geht verloren, und mein Geiſt wird niedergedrückt. Aller Segen des Le⸗ bens iſt für mich dahin; warum ſollte mir am Leben etwas liegen?“ Es lag etwas ungewöhnlich Klagendes und Trauerndes in ſeinen Tönen, und Lord H. konnte nicht umhin, Antheil an ihm zu nehmen, obgleich er die Veranlaſſung ſeines Kummers nicht vollkommen verſtand. „Aber, mein guter Freund,“ ſagte er,„ich kann nicht begreifen, wie der Umſtand, daß Sie dieſen In⸗ dianer zu Ihrer Selbſtvertheidigung getödtet, ein ſol⸗ ches Elend über Sie bringen kann. Sie würden ihn nicht getödtet haben, wenn er Sie nicht angegriffen hätte.“ „Weh mir! Weh mir!“ war die einzige Ant⸗ wort, die der arme Mann gab. — 140— „Sie kennen ihre Gewohnheiten nicht, mein Herr,“ ſagte Walter in leiſem Tone;„ſie müſſen immer Blut für Blut haben. Wenn er hier bleibt oder je auf das indianiſche Gebiet zurückkehrt, werden ſie ihn aufſpüren und ihn Tag und Nacht verfolgen. Er wird unter ihnen ſein, wie eins von jenen wilden Thieren, die wir von Ort zu Ort verfolgen, und das Beil wird immer über ſeinem Kopfe ſchweben. Es iſt keine Sicherheit für ihn, außer in jenen Pro⸗ vinzen, welche die Indianer niemals beſuchen. Ueber⸗ reden Sie ihn zu kommen und die Leiche liegen zu laſſen. Er kann mit mir nach Albany gehen und von dort nach New York oder Philadelphia reiſen.“ Einige Minuten lang blieb Brooks taub für alle Gründe; alle ſeine Gedanken ſchienen mit der ſchreck⸗ lichen Ueberzeugung beſchäftigt, daß die wilden See⸗ nen und das freie Leben, woran er ſich ſo lebhaft er⸗ freute, für ihn auf immer zu Ende ſein ſollten. Plötzlich aber, als Lord H. im Begriff war, den Verſuch, ihn zu überreden, aufzugeben, ſprang er auf, als ob ihm ein neuer Gedanke einfiel, blickte zuerſt Walter, dann den jungen Officier an und rief: „Aber ich halte Sie hier zurück, und Sie könn⸗ ten auch ermordet werden. Das Zeichen des Todes iſt an mir und es wird ſich über Alle um mich her ausbreiten. Ich bin bereit zu gehen. Ich will mein Schickſal ertragen ſo gut ich kannz aber es iſt hart, — 141— ſehr hart. Kommen Sie, laſſen Sie uns ſchnell ge⸗ hen. Halt, ich will erſt meine Büchſe laden. Wer weiß, wie bald wir ihrer zu weiterem blutigen Werke bedürfen werden?“ Alle ſeine Energie ſchien im Augenblick zurückzu⸗ kehren und ſie verließ ihn nicht wieder. Er lud ſeine Büchſe mit wunderbarer Schnelligkeit, warf ſie unter ſeinen Arm und that einen Schritt, als wollte er wei⸗ tergehen. Dann ſtand er einen Augenblick ſtill, ging nahe zu dem todten Indianer hin und ſah ihn fin⸗ ſter an. „O mein Feind!“ rief er,„Du ſagteſt, Du wol⸗ leſt Rache haben und Du haſt ſie erhalten, bitterer, als wenn Dein Beil in meinen Schädel gedrungen wäre und ich an Deiner Stelle läge.“ Sich umwendend, ſobald er geſprochen, kehrte er zu dem Fußwege zurück und murmelte mehr bei ſich ſelber, als zu ſeinen Begleitern: „Der Inſtinet der Selbſterhaltung iſt ſehr ſtark. Aber beſſer wäre es für mich geweſen, hätte ich mich von ihm erſchlagen laſſen. Ich weiß nicht, wie ich ſo thöricht ſein konnte zu feuern. Komm, Walter, wir müſſen zu den Waſſerfällen herumgehen, wo wir ein Boot finden werden, um uns hinunterzubringen.“ Er ging etwa fünf Minuten ſchweigend weiter, ſah ſich dann plötzlich nach Lord H. um und rief: „Aber was ſoll aus ihm werden? Wie ſoll er — 142— ſeinen Weg wieder zurückfinden? Ich will mit ihm zurückkehren; es liegt Nichts daran, wenn ſie mich auch gefangen nehmen und mich ſcalpiren. Ich will mich nicht verfolgen und unverſehens überfallen laſſen. Ich muß doch endlich ſterben. Ich will mit ihm um⸗ kehren, ſobald Du im Boote biſt, Walter.“ „Nein, nein, Woodchuck, das würde nicht an⸗ gehen,“ entgegnete der Jüngling;„Sie vergeſſen, wenn man ihn bei Ihnen fände, ſo würden ſie ihn auch tödten. Ich will Ihnen ſagen, wie wir die Sache anordnen wollen. Er mag uns bis an den Fluß begleiten; dort führt ein gerader Weg zum Hauſe und einer von den Bootsleuten kann ihm als Führer dienen, wenn er nicht mit mir nach Albany gehen will.“ „Das kann ich nicht,“ verſetzte Lord H.,„denn ich verſprach bis morgen Abend wieder im Hauſe Ih⸗ res Vaters zu ſein, wo wahrſcheinlich Dinge von großer Wichtigkeit zu entſcheiden ſein werden. Aber ich kann leicht den Rückweg finden, und habe keine Furcht. Es ſcheinen nur einige zerſtreute Abtheilun⸗ gen von Indianern verſchiedener Stämme hier umher⸗ zuſchweifen und ich hoffe, daß wenigſtens für dieſes Jahr die allgemeine Feindſeligkeit beendet iſt.“ „In der indianiſchen Kriegführung, habe ich ge⸗ hört, iſt die Gefahr am größten, wenn ſie am klein⸗ ſten ſcheint,“ bemerkte Walter Prevoſt;„aber vom — 143— Fluſſe bis zum Hauſe, welche Entfernung vierzehn bis ſechzehn Meilen beträgt, iſt der Weg gewöhnlich ſicher, denn es iſt der einzige, auf welchem eine große An⸗ zahl Perſonen zwiſchen dem Punkte und Albany hin und hergeht.“ „Es wird ſicher genug ſein,“ ſagte Woodchuck; „jener Weg iſt immer ruhig und überdies könnte ein weiſer und friedlicher Mann zu jeder Zeit ohne Ge⸗ fahr von einem Ende des langen Hauſes bis zum an⸗ deren reiſen— wenn nicht beſondere Urſache dazu vorhanden iſt. Wir haben heute eine ſchlechte Jagd gehabt, Walter, aber dennoch hätte ich gern das Fell jenes Panthers mitgenommen, denn es ſchien ein au⸗ ßerordentlich ſchönes Thier zu ſein.“ „Es war ein ſchönes Thier, das weiß ich, Woodchuck, denn ich ſchoß ihn,“ ſagte Walter Pre⸗ voſt mit einigem Stolze wegen ſeiner Heldenthat. „Ich wollte Otaitſa das Fell ſchicken; aber dem iſt nicht abzuhelfen.“ „Laßt uns gehen und das Fell holen,“ rief Woodchuck, deſſen herrſchende Leidenſchaft ſich nicht unterdrücken ließ.„Wir dürfen nur einen Schritt zu⸗ rückkehren. Zum Henker mit dieſen Indianern! War⸗ um ſollten wir uns um ſie kümmern?“ Aber ſeine beiden Begleiter trieben ihn an, wei⸗ terzugehen, und ſie ſetzten ihren Weg durch den Wald, der den Fluß umgab, weiter als zwei Meilen fort. — 144— Zuerſt ging es aufwärts zu einer Stelle, wo man das Brüllen des Waſſers deutlich hörte, und dann zu einem Felſenvorſprunge hinunter, wo eine Gruppe von Hütten ſtand, die größtentheils von Bootsleuten bewohnt und von ſtarken Palliſaden umgeben waren. Eine nothwendige Klugheitsmaßregel für die Anſiedler beſtand darin, ihre Wohnung ſo zu wählen, daß ſie den herannahenden Fremden deutlich ſehen konnten, mochte er nun in friedlicher oder in feindlicher Abſicht kommen. Der Boden um dieſen kleinen Weiler war auf allen Seiten von Bäumen und Geſträuchen frei, ſo daß ſich kein Kaninchen dort verbergen konnte. Auf der Höhe in der Nähe des Waſſers gelegen, zeigte der Punkt eine Ausſicht, wie man kaum in der Welt eine zweite findet. Jene Ausſicht aber hatte einen vorzüglichen Ge⸗ genſtand. Zur Linken, in der Entfernung von etwa vierhundert Schritten, fiel der Fluß, von dem ich geſprochen, donnernd über einen Abhang von etwa dreihundert Fuß herunter. Entweder von der Macht des Waſſers hinweggeſpült, oder vermöge einer ſeltſa⸗ men geologiſchen Bildung hatte der Felſen, über den ſich der Strom herunterſtürzte, die Form eines großen Amphitheaters in dem Bette des Fluſſes angenommen, der als ein mächtiger Strom dahinrauſchte und an ver⸗ ſchiedenen Punkten über den Rand herunterſtürzte— zuweilen in einer mächtigen grünen Maſſe, zuweilen — 145— als eine breite, ſilberfarbige Decke, zuweilen in einer blendenden Linie ſchimmernden Schaumes. Alle Ströme kamen halbwegs unten zuſammen und vereinten ſich donnernd und ſiedend in einem dunklen Abgrunde, den das Auge von oben kaum ergründen konnte. Vorſpringende graue Felsmaſſen ragten überall hervor, und auf dieſen, wo ſich nur eine Wurzel halten und ein wenig Fruchterde finden konnte, war ein Baum, ein Strauch oder eine Blume aufgeſchoſſen. Die grünen Zweige bewegten ſich unter dem Schaume; die dunkle Schirlingstanne bildete in ihrer ſtrengen Größe einen Contraſt zu dem weißen, aufgeregten Waſſer, und die ſchwankenden Aeſte der Birke und der Eſche ſchienen mit den Wirbeln zu ſcherzen. Am Fuß der Klippe befand ſich ein wirbelnder Pfuhl, der von der Stelle, wo die Wanderer ſtanden, nicht zu ſehen war, und von diefem floß, anfangs ſchmal und eingeengt, aber nach und nach ſich weiter ausbreitend, zwiſchen niedrigeren Ufern, ein breiter und ſchöner Strom aus, der, als er den Vorſprung erreichte, vor dem die Wanderer ſtanden, ſo ruhig und glänzend wie ein Spiegel geworden war und den blauen Himmel, ſo wie die majeſtätiſchen Wolken zurückſtrahlte, die jetzt langſam über denſelben dahin⸗ zogen.— Die Biegung des Fluſſes machte den Felsvor⸗ ſprung, auf dem die Wanderer ſtanden, zu einer Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 10 — 146— kleinen Halbinſel, und darauf befand ſich die Gruppe von Hütten, die ich bereits erwähnt. Faſt in derſel⸗ ben Entfernung von dem Waſſerfalle bis zu den Hütten, obgleich vermöge der Krümmung des Fluſſes, weiter als anderthalb Meilen entfernt, befand ſich ein breites ſandiges Uſer, an welchem zehn bis zwölf Böte lagen, die zuweilen zum Fiſchen benutzt wurden, zuweilen, um Pelzwerk oder andere Waaren, ſo wie auch Paſſagiere zu den weiter unten liegenden Ort⸗ ſchaften und wieder zurück zu bringen. Von dort konnte man den Fluß acht bis zehn Meilen weit verfolgen und durch ein wellenförmiges Land dahinſtrömen ſehen, welches dicht bewaldet war, während ſich in der Entfernung von etwa dreißig Meilen nach Oſten und Norden einige ſchöne blaue Berge erhoben.— Der Anblick des Weilers ſelber hatte nichts Be⸗ merkenswerthes. Es ſaßen Frauen vor den Thüren, welche ſtrickten und nähten; Männer waren beſchäftigt, ihre Netze auszubeſſern oder Schnüre zu verfertigen, und Kinder ſpielten, wie gewöhnlich, außerhalb und innerhalb der Palliſaden im Schmutz. Die Spuren mehr als einer Nation waren in den Geſichtszügen, ſo wie in der Sprache der Bewohner zu erkennen, und es war nicht ſchwer, zu bemerken, daß die Macht der Umſtände verſchiedene Ueberreſte des holländiſchen, engliſchen, indianiſchen und ſelbſt franzöſiſchen Stam⸗ — 147— mes durch die Gemeinſchaft des Zweckes und Berufes vereint hatte. Die Annäherung der drei Fremden erſchreckte die guten Leute nicht bei ihren Beſchäftigungen. Das Geſchäft der Bootsleute war ein einträgliches, beſon⸗ ders an entfernten Orten, wo das Reiſen ſchwierig war, und dieſe Leute konnten ſich ihren Unterhalt erwerben, ohne große oder beſtändige Anſtrengung. Ein ſolcher Zuſtand der Dinge iſt immer nachtheilig für die Thätigkeit des Geiſtes oder Körpers, und obgleich die Bootsleute Lord H. und ſeine Begleiter umringten und erriethen, daß ein vortheilhaftes Ge⸗ ſchäft zu machen ſei, ſo zeigten ſie doch eine große Gleichgültigkeit, ob ſie es unternehmen wollten oder nicht. Aber was Lord H. am meiſten überraſchte, war die kalte Ueberlegung, womit Woodchuck wegen ſeiner und Walters Ueberfahrt nach Albany mit ihnen han⸗ delte. Er ſetzte ſich auf einen großen Stein innerhalb der Einzäunung, zog ein Meſſer aus der Taſche, nahm ein Stück Holz vom Boden auf und begann es in kleine Splitter zu zerſchneiden, wobei er eine ſo ruhige und ſorgloſe Miene zeigte, als hätte er keine ſchweren Gedanken und keine düſtere Erinnerung, nd als folge ihm kein ſchreckliches Schickſal auf den kerſen. Aber Woodchuck und Walter waren Beide den 10* — 148— Bootsleuten wohl bekannt, und wenn ſie auch ver⸗ ſucht haben möchten, die Unerfahrenheit des Jüng⸗ lings zu benutzen, ſo wußten ſie doch, daß ſein Begleiter ihnen an Schlauheit völlig gewachſen ſei, und es war ihnen unbekannt, daß irgend ein Umſtand vorhanden ſei, der die Eile ſchätzbarer für ihn mache, als das Geld. Dann war der Handel bald abgeſchloſſen; aber Kapitain Brooks war nicht eher zufrieden, als bis man auch den Lohn für zwei Männer feſtgeſetzt hatte, welche Lord H. zu dem Hauſe des Herrn Prevoſt zurückbegleiten ſollten. Dafür ſollte jeder einen Dollar erhalten. Dann begab ſich die ganze Geſellſchaft an das Ufer des Fluſſes; wo man bald ein Boot los⸗ gebunden hatte, und dann traten Walter und ſein Begleiter ihre Reiſe an, doch nicht eher, als bis Lord H. dem Erſteren mit Wärme die Hand gedrückt, dem Kapitain Brooks einige Worte ins Ohr geſagt und hinzugefügt hatte: „Walter wird Ihnen mehr ſagen, und wie Sie mir Mittheilungen machen können.“ „Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen,“ verſetzte der Jäger, ſeine Hand kräftig drückend.„ Ein Freund in der Noth iſt in der That ein Freund. Ich bedarf deſſen nicht, aber ich danke Ihnen dennoch. Aber ich werde mich an Sie wenden, wenn ich Ihrer — 149— bedarf, denn ich vermuthe, Sie ſind nicht der Mann, etwas zu ſagen, was Sie nicht ſo meinen.“ Nachdem der junge Edelmann ſeine beiden Be⸗ gleiter eine kurze Strecke den Fluß hinunter hatte ru⸗ dern ſehen, wendete er ſich zu den Bootsleuten, die ihn begleiten ſollten, und ſagte: „Nun, meine Jungen, ich wünſche eine Verän⸗ derung in unſerer Verabredung zu machen und auf dem Wege, auf dem wir gekommen ſind, wieder umzukehren. Ich wollte meinem Freunde Woodchuck nicht widerſprechen, weil er fürchtete, ich möchte ſealpirt werden. Indeß ſchoſſen wir dort einen Panther, den wir nicht abziehen konnten, da ſie ein dringendes Geſchäft in Albany haben. Nun möchte ich aber das Fell haben und fürchte mich nicht vor den In⸗ dianern— fürchtet Ihr Euch?“ Die Männer lachten und verneinten es, indem ſie ſagten, es wären keine rothen Männer dort, außer vier oder fünf Oneidas und einigen Mohawks, aber ſie fügten hinzu, obgleich kürzer, wäre der Weg doch ſchwieriger und mehr bewachſen, und daher müſſe ihr Lohn erhöht werden. Lord H. war nachgiebiger, als Kapitain Brooks und der Handel war bald abge⸗ ſchloſſen. Jeder von den Männern bewaffnete ſich dann mit einer Büchſe, nahm einen Sack mit geröſtetem Mais mit und dann machten ſich alle Drei auf den — 150— Weg. Lord H. unternahm es, ſie zu der Stelle zu führen, wo der Panther lag; und nicht wenig wun⸗ derten ſie ſich über die Genauigkeit und Beſtimmtheit, womit er ſie vermöge ſeiner militairiſchen Gewohn⸗ heiten zu führen vermochte. Er trug Sorge, daß ſie ſich nicht der Stelle näherten, wo der Indianer ge⸗ tödtet worden war, ſondern hielt etwa eine Viertel⸗ meile ſüdlich von der Stelle an und führte ſie durch das Dickicht bis auf wenige Schritte von dem Gegen⸗ ſtande, den ſie ſuchten. Er wurde bald gefunden und eine halbe Stunde damit hingebracht, das Fell abzu⸗ ziehen und zuſammen zu packen, um es tragen zu können. „Wollt Ihr Beide es nun übernehmen,“ ſagte Lord H.,„dieſes Fell gehörig zugerichtet mit dem erſten Händler abzuſchicken, der weſtlich zu dem Oneidadorfe geht?“— 5 Die Männer willigten ſogleich ein, es zu thun, wenn ſie gut dafür bezahlt würden, doch verlangten ſie weitere Auskunft, da es wohl ein Dutzend oder noch mehr Oneidadörfer gebe. „Es wird gewiß ſeinen Beſtimmungsort errei⸗ chen,“ entgegnete Lord H.,„wenn Ihr dem Ueber⸗ bringer ſagt, es an Otaitſa, die Tochter des ſchwar⸗ zen Adlers abzugeben. Sagt, es komme von Walter Prevoſt.“ „O ja,“ antwortete der Bootsmann,„es ſoll geſchehen; aber wir werden den Mann bezahlen müſ⸗ ſen, der es überbringt.“ Die Anordnung hinſichtlich der Bezahlung war bald gemacht, obgleich die Forderung ein wenig über⸗ trieben war; aber um ſich zu verſichern, daß der Auftrag getreulich ausgeführt werde, behielt Lord H. einen Theil des Geldes zurück, der ausgezahlt werden ſollte, wenn er erfahre, daß das Fell abgeliefert wor⸗ den ſei. Er ließ ſich nicht träumen, welche Folgen aus dieſer unbedeutenden Handlung der Freundlichkeit entſtehen würden. Die weitere Reiſe ging ohne Unterbrechung oder Schwierigkeit vorüber, und zu einer frühen Stunde des Abends ſtand der junge Edelmann wieder an der Thür des Hauſes ſeines Landsmannes. Elftes Kapitel. Die Rückkehr des Lord H. ohne ſeinen Führer und Begleiter, Kapitain Brooks, veranlaßte einige Ueberraſchung bei Herrn Prevoſt und ſeiner Tochter welche Niemand von der Geſellſchaft eher als ſpät am folgenden Abend zurückerwarteten. Da der junge Edelmann in Editha's Gegenwart die Urſache ſeiner plötzlichen Trennung von dem Jäger nicht erklären wollte, ſo ſagte er nur, Umſtände hät⸗ ten ihn genöthigt, es für rathſam zu halten, Wood⸗ chuck und Walter in dem Boot nach Albany zu ſchik⸗ ken; und ſeine Worte wurden in ſo natürlichem und leichtem Tone ausgeſprochen, daß Editha, die nicht wußte, daß ihre Gegenwart ſeinen Mittheilungen ir⸗ gend einen Zwang anthat, in ihrem hübſchen kleinen eſräönine bis zur Stunde des Abendeſſens ſitzen blieb. „Nun, Mylord,“ ſagte Herr Prevoſt nach den erſten Worten der Erklärung,„ſahen Sie wieder ei⸗ nen Indianer auf Ihrer kurzen Expedition?“ Die Frage hätte dem, der nicht auf die Einzeln⸗ heiten eingehen wollte, einige Verlegenheit bereiten können; aber Lord H. entgegnete leicht und unbe⸗ fangen: „Nur einen. Ihn ſahen wir nur einen Augen⸗ blick und er ſprach nicht mit uns.“ „Es iſt ein ſehr ſeltſames Volk,“ bemerkte Herr Prevoſt,„und obgleich ich gerade keine ethnologiſchen Studien getrieben, habe ich oft darüber nachgedacht, woher ſie ſtammen und wie ſie zu dieſem Feſtlande gelangt ſind.“ Lord H. lächelte. „Da kann ich Ihnen leider nicht helfen,“ ſagte er.„Sie wiſſen, mein lieber Herr, daß meine Pro⸗ feſſion mich mehr darauf hinführt, die Dinge anzu⸗ ſehen, wie ſie ſind, als zu unterſuchen, wie ſie ent⸗ ſtehen. Es fällt mir indeſſen auf, daß die Indianer in körperlicher Hinſicht ſehr verſchieden von irgend ei⸗ ner Race ſind, die ich je geſehen, wenn ich nach den wenigen Perſonen urtheilen darf, die ich geſehen habe. Die Züge ſind ſehr verſchieden von denen irgend ei⸗ nes europäiſchen oder aſiatiſchen Volks, welches ich kenne, und die Körpergeſtalt ſcheint eine faſt vollkom⸗ mene Vereinigung der Kraft und Grazie zu ſein. — 154— Vergleichen Sie zum Beiſpiel unſeren Freund, den ſchwarzen Adler, mit einem Pächter aus Yorkſhire oder Somerſetſhire, und welch einen Contraſt würden Sie finden! Gewohnheiten können den Unterſchied nicht hervorgebracht haben— wenigſtens wenn ſie von ei⸗ nem orientaliſchen Stamme entſprungen wären, denn die Völker der Wüſte ſind frei und ungezwungen und an beſtändige Anſtrengung und Thätigkeit gewöhnt; aber ich ſollte denken, daß das Klima etwas mit der Sache zu thun hat, denn es iſt mir aufgefallen, daß viele von den Leuten, die ich in den Provinzen ge⸗ ſehen habe, ſich zu der indianiſchen Bildung hinnei⸗ gen. Man findet eine Länge und Schlankheit der Glieder, die für meine Augen etwas Indianiſches an ſich hat.“ „Wenn man Grazie und Würde in Abzug bringt,“ ſagte Editha heiter,„ſo glaube ich, daß man die ſchönſten Beiſpiele der körperlichen Schönheit unter den Indianern findet. Man ſehe nur unſere kleine Otaitſa an! Kann man etwas Schöneres und Gra⸗ ziöſeres finden, als ihr Geſicht und ihre Geſtalt?“ Lord H. lächelte, nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Manche ſchöne Dame, Miß Prevoſt, würde na⸗ türlich eine ſehr galante Antwort erwarten, und ich könnte auch eine geben ohne Compliment und mit ruhiger Ueberlegung. Ich bin indeß in höflichen Re⸗ densarten ſehr wenig erfahren, und daher will ich nur ſagen, ich denke, ich habe ebenſo ſchöne und gra⸗ ziöſe Damen geſehen, und ebenſo vollkommen wie Ihre ſchöne junge Freundin, nebſt dem Vortheile ei⸗ nes beſſeren Teints. Aber zu gleicher Zeit will ich zugeben, daß ſie außerordentlich ſchön iſt, und nicht nur das, ſondern auch ſehr reizend und intereſſant. Ihre Schönheit iſt nicht gerade von der Art, die ich am meiſten bewundere; aber gewiß iſt ſie vollkommen in ihrer Art, und mein junger Freund Walter ſchaint auch ſo zu denken.“ Ein leichtes Erröthen zog über Editha's Wange dahin und ihre Augen richteten ſich auf ihren Vater. Aber Herr Prevoſt lachte nur und ſagte: „Wenn ſie nicht ſo jung wären, würde ich fürch⸗ ten, daß mein Sohn die Tochter des Sachem heira⸗ then und endlich das Tomahawk und das Sealpir⸗ meſſer zur Hand nehmen möchte. Aber Scherz bei Seite, Otaitſa iſt ein beſonderes kleines Weſen. Ich kann nie dahin kommen zu fühlen, daß ſie eine In⸗ dianerin— kurz, eine Wilde iſt. Wenn ich ihre leiſe, melodiſche Stimme mit ihrer geſangartigen Be⸗ „tonung höre und die Grazie und Würde ſehe, womit ſie ſich bewegt, und die Leichtigkeit und Schicklichkeit, womit ſie ſich in jede europäiſche Sitte fügt, muß ich ihren mit Glasperlen beſetzten Rock, ihre Gama⸗ ſchen und ihre Moccaſſins anſehen, ehe ich mir vor⸗ ſtellen kann, daß ſie keine vornehm erzogene Dame — 156— vom franzöſiſchen oder engliſchen Hofe iſt. Dann iſt ſie auch ſo weiß; aber das kommt wahrſcheinlich von der Sorgfalt und weil ſie nicht der Sonne ausgeſetzt iſt, wodurch zuerſt die indianiſche Färbung entſtanden ſein und ſich fortgepflanzt haben mag. Um einen ſehr gewöhnlichen Ausdruck anzuwenden, iſt ſie der Aug⸗ apfel ihres Vaters und er nimmt ſie in Acht, wie ein Juwel, nach ſeiner eigenen Weiſe.“ „Sie iſt ein liebes Weſen,“ ſagte Editha mit Wärme,„ganz Seele, Herz und Gefühl. Gott ſei Dank! ſie iſt eine Chriſtin, und Sie können ſich nicht vorſtellen, welche vielfache Kenntniſſe dieſes kleine We⸗ ſen beſitzt. Sie weiß, daß England eine Inſel mit⸗ ten in dr Salzſee iſt, und ſie ſchreibt und lieſt un⸗ ſere Sprache faſt ebenſo gut wie ſie ſie ſpricht. Sie hat indeß einen heiligen Haß gegen die Franzoſen, und würde um die Welt kein Wort in ihrer Sprache re⸗ den. All ihr Wiſſen und einen großen Theil ihrer Ideen hat ſie von unſerem Freunde, dem Herrn Gore, der John Bull vollſtändig in die tiefſte Wildniß mit⸗ gebracht hat und ihn dort in kryſtalliſirtem Zuſtande unverletzt erhält. Hätten wir nur noch einige ſolche Männer, wie er, unter den indianiſchen Stämmen, ſo würde keine Furcht ſein, daß die Freundſchaft der fünf Nationen ſchwanken ſollte. Da geht gerade ein Indianer am Fenſter vorüber. Er wird im Augen⸗ blick hereinkommen, denn ſie machen nicht viel Um⸗ — ſtände. Er ſpricht aber noch mit dem Negerknaben Antony. Wie neugierig er um ſich blickt! Er muß ſich nach Jemand umſehen, den er nicht findet.“ Lord H. ſtand auf und ging zum Fenſter, und einige Minuten ſpäter ſchritt der Indianer ruhig fort und verſchwand im Walde. „Was konnte er wollen?“ ſagte Editha.„Es iſt ſeltſam, daß er nicht hereinkam. Ich will Antony fragen, was er hier ſuchte.“ Und zur Thür gehend, rief ſie den Knaben her⸗ bei und befragte ihn. „Er ſucht Kapitain Woodchuck, Miſſy,“ ver⸗ ſetzte der Knabe.„Er fragt, ob er nicht in der letz⸗ ten Nacht hier logirt habe. Ich ſagte ja;z aber Wood⸗ chuck ſei dieſen Morgen früh fortgegangen und noch nicht wieder zurück. Dann fragte er ſehr genau nach ihm, und wer mit ihm gegangen. Ich ſagte ihm, Maſſa Walter und der fremde Herr, doch hätten Beide ihn bald verlaſſen— Maſſa Walter wäre ge⸗ raden Weges nach Albany gegangen und der fremde Herr hieher zurückgekehrt.“ „Sprach er engliſch?“ fragte Editha. „Wenige Worte,“ verſetzte der Neger.„Ich ſpreche einige Worte indianiſch— und wenn wir ſie zuſammenſetzen, giebt es ſchon viele, Miſſy.“ Und er ſprach mit jenem eigenthümlichen, bedeu⸗ — 158— tungsloſen Lachen, womit ſeine Landsleute zu bezeich⸗ nen pflegen, was ſie für witzig halten. Die beiden Herren hörten die ganze Unterredung im Hauſe. Auf Herrn Prevoſt machte dieſelbe keinen weiteren Eindruck, als daß ſeine Lippen ein eyniſches Lächeln umſchwebte; aber bei Lord H. war die Sache anders. Er ſah, daß die im Walde geſchehene That den Indianern bekannt geworden ſei, daß man den Thäter kenne und daß die Verfolgung begonnen habe, und er freute ſich bei dem Gedanken, daß der arme Woodchuck bereits weit außer dem Bereiche der Ver⸗ folgung ſei. Da er aber genauer mit dem Charakter und den Gewohnheiten des Volks, von dem er nur eine ober⸗ flächliche Anſicht gewonnen hatte, bekannt zu werden wünſchte, ſetzte er ſeine Unterredung mit Herrn Pre⸗ voſt über die urſprünglichen Stämme fort und erfuhr mehrere Thatſachen, die keineswegs dazu dienten, die Unruhe zu vermindern, welche die Ereigniſſe des Mor⸗ gens hervorgebracht hatten. „Die Indianer,“ ſagte der Wirth als Antwort auf ſeine Frage,„ſind, wie Sie ſagen, ein ſehr rachſüchtiges Volk, aber nicht mehr, als viele andere barbariſche Nationen. In ihren Gefühlen und Ge⸗ wohnheiten gleichen ſie ſehr einem Volke im mittleren Aſien, wovon ich gehört habe, nämlich den Bewoh⸗ nern von Afghaniſtan. Gleich allen Barbaren betrach⸗ b V V V ten ſie die Rache als eine gebieteriſche Pflicht für jede Familie und jeden Stamm. Sie verändern freilich ihre Anſichten im Fall eines Krieges, obgleich es ſehr ſchwer iſt, Frieden herbeizuführen, nachdem der Krieg begonnen hat; wenn aber zur Zeit des Frie⸗ dens Jemand getödtet wird, ſo kann nur das Blut des Mörders die Familie oder den Stamm zufrieden⸗ ſtellen, wenn ſie ſeiner habhaft werden können. Sie werden ihn Wochen⸗ und Monatelang verfolgen und jede Liſt anwenden, welche ihr fruchtbares Gehirn ih⸗ nen eingiebt, bis ſie völlig gewiß ſind, daß er gänz⸗ lich außer ihrem Bereiche iſt. Ihre Ausdauer ſchreibt ſich von einem religiöſen Gefühle her, denn ſie glau⸗ ben, daß der Geiſt ihres todten Verwandten nicht eher zu dem glücklichen Jagdrevier gelangen kann, als bis ſein Tod durch das Blut des Mörders geſühnt iſt.“ „Wenn ſie aber den Mörder nicht fangen kön⸗ nen,“ fragte Lord H.,„was thun ſie dann?“ „Ich wendete einen unrichtigen Ausdruck an,“ verſetzte Herr Prevoſt;„ich hätte ſagen ſollen, das Blut eines anderen Schlachtopfers. Wenn ſie ſich⸗ überzeugt haben, daß der Mörder gänzlich außer ih⸗ rem Bereiche iſt, ſuchen ſie ſich ſeines nächſten Ver⸗ wandten zu bemächtigen. Wenn ſie dazu nicht im Stande ſind, nehmen ſie irgend einen anderen Mann ſeines Stammes oder ſeiner Nation und opfern ihn. Es geſchieht Alles auf ſehr förmliche Weiſe und mit — 160— vielſeitiger Berathung, denn in dieſen blutigen Ge⸗ bräuchen ſind ſie das bedächtigſte Volk in der Welt, ſo wie das beharrlichſte.“ Lord H. ſann ernſthaft einige Augenblicke nach ohne zu antworten und gab dann der Unterhaltung eine andere Wendung. Sie war feellich nicht fröhlich, aber allem Anſcheine nach heiter genug von ſeiner Seite, denn dieſe Welt iſt eine gute Lehrerin der Heuchelei in allen ihren verſchiedenen Schattirungen von dem niedrigſten und verabſcheuungswürdigſten La⸗ ſter bis zu dem, welches durch ſeine Beweggründe faſt zu einer Tugend erhoben wird. Verhüte Gott, daß ich je auf einen Augenblick den falſchen und ſchlech⸗ ten Grundſatz behaupten ſollte, daß der Zweck die Mittel rechtfertigen könne. Aber es iſt mit allen üblen Dingen, wie mit tödtlichen Giften. Es giebt Gele⸗ genheiten, wo ſie, in kleinen Portionen genommen, für gewiſſe krankhafte Zuſtände köſtliche Heilmittel wer⸗ den können. Wäre der Menſch rein, vollkommen und aufrichtig gehlieben, wie er aus den Händen ſei⸗ nes Schöpfers gekommen— hätte er nie an Gottes Worte gezweiſelt, ſeinen Befehlen nicht gehorcht und das Verbotene gekoſtet— hätte der Ungehorſam nie⸗ mals Schmerz und Tod gebracht— hätte das Blut nie die Oberfläche der Erde befleckt und wäre nicht der Schmerz in allen ſeinen Geſtalten den Fußtritten der Sünde gefolgt— ſo würde es nie Umſtände geben, — 161— wo es nothwendig und ehrenvoll für einen Menſchen ſein könnte, ein einziges Gefühl ſeines Herzens vor ſeinen Mitgeſchöpfen zu verbergen. Aber in dieſer verderbten Welt, wo Krankheit und Kummer, Sorge und Tod nicht nur uns ſelber, ſondern auch die um⸗ geben, welche uns am theuerſten ſind und uns von allen Seiten einſchließen, wie oft es hier nöthig, ſelbſt denen, die wir am meiſten lieben und denen wir vor⸗ züglich vertrauen, die Angſt zu verbergen, welche die Einbildungskraft uns vor Augen ſtellt oder welche Vernunft und Erfahrung in uns erregen auf eine Zeitlang die traurigen und ſchmerzlichen Thatſachen zu verſchweigen, um die wir wiſſen— unſeren Kummer und unſere Furcht in unſerem eigenen Buſen zu ver⸗ ſchließen, bis wir die Herzen derer, die wir mehr lie⸗ ben, als uns ſelbſt, gewaffnet und geſtählt haben, dem Uebel, welches an unſerem eigenen Herzen nagt, zu widerſtehen oder es zu erdulden. Einige Tage früher hätte Lord H. deutlich und offen alle Exeigniſſe jenes Morgens vor Editha Pre⸗ voſt’s Ohren erzählen können; aber jetzt entſtanden Empfindungen in ſeiner Bruſt, die ihn rückſichtsvol⸗ ler für ihre Gefühle machten, vorſichtiger, Unruhe und Aengſtlichkeit zu erregen, und er bewahrte ſein ſchmerzliches Geheimniß bis die Abendmahlzeit vorüber war und ſie ſich zur Ruhe begeben hatte. Dann aber Ticonderoga ꝛc. 1. Bd 11 — 162— hielt er Herrn Prevoſt zurück, als dieſer im Begriff war, ſeinem Gaſte ein Licht zu reichen, und ſagte: „Ich fürchte, mein guter Freund, wir können noch nicht zu Bette gehen. Ich habe Ihnen etwas zu ſagen, was nach Allem, was ich gehört habe, von größerer Wichtigkeit zu ſein ſcheint, als ich an— fangs glaubte. Ob etwas geſchehen kann, um die üblen Folgen abzuwenden oder nicht, bin ich nicht im Stande zu ſagen; auf jeden Fall aber iſt es ebenſo gut, wenn wir Beide die Sache beſprechen.“ Dann erzählte er Herrn Prevoſt alle Ereigniſſe des Morgens und bemerkte mit Kummer, daß das Geſicht dieſes Herrn immer düſterer wurde, als er fortfuhr. „Dies iſt in der That ſehr unglücklich,“ ſagte Herr Prevoſt endlich.„Ich ſpreche unſeren Freund Brooks von aller böſen Abſicht frei; aber einen In⸗ dianer ſo nahe bei unſerem Hauſe zu tödten, und be⸗ ſonders einen Oneida, war ſehr unglücklich. Jener Stamm hat wegen der perſönlichen Achtung, die zwi⸗ ſchen ihrem Häuptling und mir herrſcht, beſtändig die größte Freundſchaft und Rückſicht für mich und meine Familie gezeigt. Vor dieſem Ereigniſſe würde ich mich in irgend einem ihrer Dörfer ebenſo ſehr zu Hauſe gefühlt haben, wie an meinem eigenen Kamin, und ich bin gewiß, daß ſich jeder von ihnen auf meinem Gebiete ebenſo ſicher fühlte, wie in ſeiner eigenen — — 163— 4 Hütte. Aber jetzt hat ihr Blut meine Matte befleckt, wie ſie es nennen werden, und die Folgen kann Nie⸗ mand vorausſehen. Woodchuck ſelber iſt entkommen. Er hat keine Verwandte oder Freunde, an welchen ſie ihre Rache ſättigen können.“ „Sie werden doch dieſes Vergehen nicht an Ih⸗ nen und den Ihrigen rächen!“ rief Lord H. „Ich hoffe nicht,“ verſetzte Herr Prevoſt nach augenblicklichem Nachdenken;„doch kann ich mich nicht gerade ſicher fühlen. Sie werden einen Weißen — einen Engländer— einen von der Nation des Schuldigen zu ihrem Opfer wählen. Wahrſcheinlich wird ihnen nicht viel daran liegen, wer es iſt, und die Neigung, die ſie für uns hegen, mag vielleicht das Uebel von uns abwenden. Aber dieſe Indianer haben einen gewiſſen Fanatismus in ihrer Religion, ebenſo gut wie wir— der Rang und die Würde des Opfers, welches ſie darbringen, kommt mit in Be⸗ tracht— ſie lieben es, ein würdiges und ehrenvolles Opfer zu bringen, wie ſie es anſehen, und je nachdem dieſer Geiſt ſie treibt oder nicht, werden ſie entweder denken, daß jeder für ihren Zweck gut genug iſt oder daß ſie von ihrem Gott der Rache aufgefordert wer⸗ den, eine ihnen theure Perſon zu opfern, um dem Opfer mehr Würde zu verleihen.“ „Dies iſt in der That eine ſehr traurige Anſicht von der Sache, die mir nie eingefallen wäre,“ ver⸗ 11* — 164— ſetzte Lord H.„Es dürfte gut ſein zu überlegen, mein lieber Herr, welches die beſte und ſicherſte Hand⸗ lungsweiſe ſein würde. Ich muß Ihnen jetzt einen von den Zwecken mittheilen, die mich beſtimmten, Ih⸗ ren Sohn mit meinen Depeſchen nach Albany zu ſchicken. Nach Allem, was ich während meines kur⸗ zen Aufenthalts bei Ihnen gelernt habe, beſonders nach meiner Unterredung mit Sir William Johnſon, ſchien es mir, daß der unbeſchützte Zuſtand dieſes Theils des Landes Albany ſelber und die Anſiedelun⸗ gen umher dem Feinde bloßgeſtellt läßt. Wir wiſ⸗ ſen, daß es in der letzten Zeit Dieskau's Abſicht war, wenn es ihm gelungen wäre, Sir William zu ſchla⸗ en und das Fort George einzunehmen, einen Angriff auf die Hauptſtadt der Provinz zu machen. Er wurde geſchlagen; aber es iſt Grund vorhanden zu glauben, daß Montealm— ein Mann, der ihm an Energie und Kenntniß weit überlegen iſt— dieſelben Anſich⸗ ten hegte, obgleich wir nicht wiſſen, was ihn bewog, ſich nach ſeinem grauſamen und blutigen Siege bei Fort William Henry ſo haſtig zurückzuziehen. Viel⸗ leicht wird er eine andere Gelegenheit benutzen und ich kann Nichts bemerken, was ſeinen Fortſchritt auch nur eine Stunde aufhalten oder ſich ihm widerſetzen ſollte, wenn er ſich der wenigen zerſtreuten Forts be⸗ mächtigen kann, die zwiſchen Carrillon oder Ticonde⸗ roga liegen. Unter dieſen Umſtänden habe ich drin⸗ 1 — 165— gend angerathen, eine kleine Abtheilung zu einem ho⸗ hen Punkte am Hudſon, nicht weit von hier, zu ſchi⸗ cken, welchen Ort ich unterſuchte, ehe ich hieherkam, und noch einen oder zwei Vorpoſten näher bei Ihrem Hauſe aufzuſtellen. Mein eigenes Regiment habe ich als beſſer zu dieſem Dienſte geeignet bezeichnet, als jedes andere; und ich glanbe, wenn meine Vorſchläge angenommen werden, können wir Ihnen einen wirk⸗ ſamen Schutz gewähren. Dennoch glaube ich, daß es beſſer ſein würde, ſich mit Ihren Kindern nach Al⸗ bany zu flüchten— wenigſtens bis die Rache der In⸗ dianer geſättigt und die wahre Gefahr vorüber iſt.“ Herr Prevoſt ſann mehrere Minuten nach und entgegnete dann: „Die Gründe, die Sie anführen, ſind freilich ſehr ſtark, Mylord; aber ich habe beſondere Anſichten von ſolchen Dingen, und ich muß Zeit haben zu überlegen, ob es redlich gegen meine Landsleute gehan⸗ delt iſt, die über dieſen Diſtriet zerſtreut ſind, mich von der Gefahr zurückzuziehen, welche alle Zurückblei⸗ benden zu theilen haben. Wir wollen dieſen Abend nicht weiter darüber reden. Ich will reiflich nachden⸗ ken und zweifle nicht, daß ich den von Ihnen vorge⸗ ſchlagenen Plan vermöge meiner väterlichen Liebe gün⸗ ſtig anſehen werde. Ich werde auch alle Gründe, die Sie noch weiter anzuführen haben mögen, in Erwä⸗ gung ziehen. Aber vorher muß ich ruhig und allein — 166— überlegen. Es iſt keine unmittelbare Entſcheidung nöthig; denn nach ihren Geſetzen ſind dieſe Leute ver⸗ bunden, ſich vorher vollkommen zu überzeugen, daß ſie ſich des wirklichen Mörders nicht bemächtigen kön⸗ nen, ehe ſie ein anderes Schlachtopfer wählen. Es iſt klar aus dem, was der Indianer zu dem Neger⸗ knaben ſagte, daß ſie die Hand kennen, welche die That gethan, und ſie müſſen erſt nach dem armen Brooks ſuchen und jede Liſt anwenden, um ihn zu⸗ rückzulocken, ehe ſie einen Andern opfern. Laſſen Sie uns Beide die Sache wohl überlegen und uns morgen weiter berathen.“ Hierauf drückte er Lord H. die Hand und Jeder begab ſich mit düſteren und furchtſamen Gedanken auf ſein Zimmer. Zwölftes Kapitel. Gs giebt Stunden im Leben des Menſchen, wo ihn kein wirklicher Kummer drückt— wo keine un⸗ mittelbare Gefahr nahe iſt— wo keine ſtarke Leiden⸗ ſchaft das Herz bewegt; und doch gehören dieſe Stun⸗ den zu den düſterſten und ſchmerzlichſten in ſeinem ganzen Daſein. Sie kommen bei vielen Gelegenhei⸗ ten und unter verſchiedenen Umſtänden— oft, wenn ihn eine innere Stimme vor der Unbeſtändigkeit aller menſchlichen Freude warnt und ein grauer Schatten die Stelle des Sonnenſcheins im Leben einnimmt— oft, wenn die prophetiſche Seele beim Anblick einer Wolke, nicht größer als eine Männerhand am fernen Horizonte, den Orkan und das Gewitter vorher ver⸗ kündet, welche ſeine glänzendſten Hoffnungen auf im⸗ mer vernichten ſollen. — 168— Solche Stunden erlebte Herr Prevoſt während des größten Theils der Nacht, als er ſich von Lord H. getrennt hatte. Er ſchlief nur wenig, denn meh⸗ rere Stunden lang verfolgte ihn die düſtere und drü⸗ ckende Vorſtellung, daß ſeine Familie durch das eben geſchehene Ereigniß werde leiden müſſen. Der Mangel an Schlaf zu Anfang der Nacht verlängerte ſeinen Schlummer am Morgen. Er war ſonſt gewöhnlich im Hanſe zuerſt auf und erfreute ſich mancher Stunde des Studirens und Nachdenkens ehe ſich auch nur die Neger regten. Aber an dieſem Mor⸗ gen wurde er durch ein fernes Klopfen an die Hüt⸗ ten, worin einige von den Dienern ſchliefen, geweckt, worauf auch an die Thür des Hauſfes geklopft wurde. Haſtig aufſtehend, kam er gerade herunter, als Agrippa die Thür öffnete, und fand einen Mann zu Pferde, der einen großen officiell ausſehenden Brief an den Generalmajor Lord H. überbrachte. Es war eine Depeſche von Sir William John⸗ ſon, worin Lord H. und Herr Prevoſt erſucht wur⸗ den, einer Verſammlung einiger der Häuptlinge der fünf Nationen beizuwohnen, welche im Laufe des fol⸗ genden Tages in Johnſon's Burg am Mohawk ge⸗ halten werden ſollte. Obgleich die Entfernung nicht ſehr groß war, ſo machte es doch die Schwierigkeit des Reiſens in jenem Theile des Landes nöthig, ſo⸗ — 169— gleich aufzubrechen, um den Verſammlungsort noch vor der Nacht zu erreichen. „Ich will mein Pferd beſteigen, ſobald es bereit iſt,“ ſagte Lord H., als er den Brief geleſen und ihn dem Herrn Prevoſt gezeigt hatte.„Unter den obwaltenden Umſtänden werden Sie es wohl nicht für gerathen halten, mich zu begleiten?“ „Gewiß werde ich mit Ihnen gehen, Mylord,“ verſetzte ſein Wirth.„Wie ich ſchon in der letzten Nacht ſagte, iſt die Gefahr nicht nahe, wenn auch ſicher. Wochen und Monate können vergehen, ehe die Indianer ſich überzeugt halten, daß ſie den wah⸗ ren Mörder ihres rothen Bruders nicht in ihre Ge⸗ walt bekommen können; und da wahrſcheinlich viele von den Oneidas bei dieſer Beſprechung zugegen ſein werden, ſo erhalte ich vielleicht Kenntniß von ihren Gedanken und Abſichten. Ich will indeſſen meine Tochter mit mir nehmen, denn ich möchte ſie nicht gern ganz allein hier zurücklaſſen. Ihre Vorbereitun⸗ gen werden uns wohl noch eine halbe Stunde auf⸗ halten, aber wir werden noch Zeit genug haben, und das Pferd des Boten, der als unſer Führer dienen wird, muß auch gefüttert werden und ein wenig Ruhe haben.“. Editha war ganz Heiterkeit und Freude bei dem Gedanken an die bevorſtehende Expedition. Sie kannte viele von den Indianern gut, war mit ihren Sitten — 170— und Gewohnheiten vertraut und bei mehreren Häupt⸗ lingen ſehr beliebt; aber nie war ſie bei einer ihrer großen Verſammlungen zugegen geweſen, und das be⸗ vorſtehende Ereigniß hatte den vollen Reiz der Neu⸗ heit. Der ſcharfſichtige Beobachter, vor dem ſie ſtand, zog aus ihrer Lebhaftigkeit einen Schluß, der theil⸗ weiſe wahr ſein mochte, wenn er gleich ein wenig zu weit ging, daß ſie mit ihrem Aufenthalte in der Wildniß nicht wohl zufrieden ſei— wenn ſie auch abſichtlich ihre Abneigung gegen eine ſolche Einſam⸗ keit verberge und freudig eine Gelegenheit ergreife, der⸗ ſelben zu entfliehen und zu geſchäftigeren Seenen über⸗ gehe. Wie dem auch ſei, ſie war zuerſt bereit. Eine ſehr kurze Zeit wurde beim Frühſtück hingebracht und dann machte ſich die ganze Geſellſchaft zu Pferde auf den Weg. Ein Neger, der ein Packpferd führte, folgte ihnen und ein Bote an Sir William Johnſon ritt voran. Es war damals in allen Ländern Sitte, daß jeder Mann von Stande wenigſtens mit einem De⸗ gen bewaffnet reiſte; und in jenen Theilen von Ame⸗ rika, die an das indianiſche Gebiet grenzten, dachte Niemand daran, ohne Büchſe eine Reiſe zu unterneh⸗ men, nicht nur, um ſich vor den feindlichen Einge⸗ borenen, ſondern auch gegen wilde Thiere zu ſchützen, die damals ziemlich zahlreich waren. Hert Prevoſt, — 171— der Bote und der Neger waren alle ſo bewaffnet; aber Lord H., der bisher Nichts als ſeinen gewöhnlichen Reitanzug getragen, worin er ſich zuerſt dargeſtellt, außer bei ſeiner unglücklichen Expedition mit Kapitain Brooks, hatte jetzt die glänzende Uniform eines Ge⸗ neralmajors im britiſchen Dienſte angelegt und war nur mit ſeinem Degen und mit Piſtolen in ſeinen Satteltaſchen bewaffnet. So ausgerüſtet und auf einem Pferde ſitzend, welches wegen ſeiner viertägigen Ruhe voll Leben und Geiſt war, erſchien er gewiß als ein ſo galanter Ca⸗ valier, wie ſich nur je einer den Augen einer Dame darſtellte. Aber um die Wahrheit zu ſagen, war ſein militairiſcher Rang und ſeine militairiſche Kleidung keine große Empfehlung in Editha's Angen, denn leider hatten ſich die Officiere der engliſchen Armee in jenen Tagen in den amerikaniſchen Provinzen nicht ſehr beliebt gemacht. Ein einfacherer und tugendhaf⸗ terer Zuſtand der Geſellſchaft herrſchte gewiß in dem nördlichen Theile der neuen Welt, als in irgend ei⸗ nem Theile der alten; und von einer luxuriöſeren und ſittenloſeren Seene zu einem ganz verſchiedenen Zu⸗ ſtande kommend, verachtete der engliſche Officier die einfacheren Gewohnheiten des Volks, zeigte keine ge⸗ ringe Frechheit und Anmaßung und trieb die üblen Gewohnheiten, die ihn in jedem Lande verhaßt ge⸗ macht hätten, bis zum Uebermaaß. Seitdem iſt faſt — 172— in jeder Hinſicht eine große Veränderung in ſeinen Sitten und ſeinem Charakter vorgegangen, aber in je⸗ ner Zeit war er in den Colonien wegen ſeiner Got⸗ tesläſterung, Trunkenheit und Sittenloſigkeit verrufen. Eine Militairperſon zu ſein, war daher, wie ge⸗ ſagt, in den Augen einer Dame, welche Selbſtach⸗ tung beſaß, keine große Empfehlung, aber bei Lord H. wurden dadurch die guten Eigenſchaften erhöht, die ſich an ihm kundgaben, indem er dadurch in einen günſtigen Gegenſatz zu ſeinen Kameraden ſtand. Er fluchte nicht, im Eſſen und Trinken trieb er die Mä⸗ ßigkeit bis zur Enthaltſamkeit, und in ſeinem Beneh⸗ men, wenn gleich feſt, unbefangen und ſicher, zeigte ſich nicht die geringſte Spur von Anmaßung oder Stolz. Gewöhnlich war ſein Ton ernſt, faſt bis zur Strenge; zu anderen Zeiten aber war er mild und ſelbſt zärtlich, und es lag etwas beſonders Sanftes und Helles in ſeinem Lächeln, ſo wie in ſeinen Augen. Die Reiſe verging ohne Unfall. Viele Meilen weit folgten tiefe Wälder, wenn anch nicht ohne Un⸗ terbrechung. Von Zeit zu Zeit kam ein heller Strom in ſeiner herbſtlichen Friſche dahergetanzt, und dann wand ſich der Weg um einen kleinen See, der lieb⸗ lich, ruhig und ſchön den blauen Himmel und die überhängenden Zweige der Fichte und Tanne zurück⸗ ſtrahlte. An Stellen, wo der Zuckerahornbaum wuchs, ſchien der ganze Wald von dem Widerſchein eines — 173— ungeſehenen Feuers in Flammen zu ſtehen, und wo dann der Weg durch ein tiefes Thal führte, war Al⸗ les wieder dunkel und unheimlich. Man kam durch kein indianiſches Dorf und auf ſechzehn bis ſiebzehn Meilen ſah man kein menſchliches Weſen, wenn auch hie und da ein kleines verlaſſenes Blockhaus, welches die Anſtrengungen eines neuen Geſchlechts kund gab, einem früheren Geſchlechte ſein Jagdrevier ſtreitig zu machen— was nur zu bald und auf zu traurige und grauſame Weiſe erfüllt wer⸗ den ſollte. Das ſanftere Licht des frühen Morgens verging und dann folgte die wärmere Zeit, wo die Hitze ſehr drückend wurde; denn in der Mitte dieſer tiefen Wäl⸗ der, wo ſich kein Wind regt, wird der Uebergang vom Sommer zum Winter nicht ſo ſchnell empfunden, wie auf freieren Flächen. Etwa um ein Uhr ſchlug Herr Prevoſt vor, Halt zu machen, um die Pferde ausruhen zu laſſen und einige Erfriſchungen einzunehmen. Man wählte daher eine Stelle, wo einige ſchöne Eichen ihre gro⸗ ßen Aeſte über einen klaren kleinen See ausbreiteten, und jenſeits deſſelben erblickte man ein fernes Land und einige blaue Hügel, die ſich nicht weit über die Gipfel der Bäume erhoben. Es war ein ruhiger und ſtiller Ort, und während ſie dort eine Stunde aus⸗ — 174— ruhten, nahm die Unterhaltung, wie es gewöhnlich der Fall iſt, ihre Färbung von der Scene an. Herr Prevoſt ſelber, wenn er gleich über das Alter hinaus war, wo Eindrücke irgend einer Art am leichteſten aufgenommen werden, hatte viel von dem friſchen und plaſtiſchen Charakter der Jugend beibehal⸗ ten und gab ſich jeder Gedankenrichtung hin, welche die Umſtände herbeiführten. Ein zufälliges Wort führte ſeinen Geiſt von jenen trockenen Gegenſtänden, wobei er oft und gern verweilte, zur Freundſchaft und Liebe, und er und Lord H. verhandelten eine Zeitlang eine Menge Gegenſtände, die ſelten zwiſchen einem älklichen Manne und einem zu Anfang des mittleren Alters beſprochen werden. Seltſam genug, bei der Behandlung dieſer Gegenſtände ſchien Herr Prevoſt der begeiſtertſte und enthuſiaſtiſchſte von den Beiden. Er ſcherzte mit ihnen, er verſchönerte ſie und verweilte dabei, als wäre er ein junger Liebender geweſen, deſſen Phantaſie erſt kürzlich von der Fackel des blinden Gottes entzündet worden. Aber in dem Wenigen, was Lord H. ſagte, lag eine Tiefe, eine Stärke und ein Ernſt, der den Mangel an figürlichem Schmuck reichlich erſetzte. . Editha ſprach wenig— in der That Nichts, was ſich auf den Gegenſtand bezog; aber vielleicht dachte und fühlte ſie nicht weniger. Es muß etwas Seltſames für die Ohren eines jungen Mädchens ſein, — 175— wenn zuerſt in ihrer Gegenwart von kalten und furcht⸗ loſen Männern jene tiefen Sympathien, jene warmen Neigungen, jene zärtlichen und mächtigen Leiden⸗ ſchaften beſprochen werden, die für ſie den Schlüſſel zu den Harmonien ihrer Natur, die Grundlage zu dem Glück oder Weh des Lebens, den Talisman ihres ganzen Geſchicks bilden. Muß ſie nicht erbeben, wenn ſie ungeweihte und ſorgloſe Hände mit dem Bilde ihres Gottes ſcherzen ſieht? Nutzlos würde es ſein, zu verſuchen, in das Herz dieſes jungen Mädchens zu blicken. Es mag hinreichen, zu ſagen, daß ſie ſchwieg und dachte und fühlte in ihrem Schweigen. Waren ihr die Portale einer neuen Welt geöffnet, voll Schönheit und Inter⸗ eſſe— und ſtand ſie auf der Schwelle und blickte mit ſprachloſem Erſtaunen in dieſelbe hinein? Nach Verlauf einer Stunde ſaß die Geſellſchaft wieder auf und ſetzte ihren Weg fort durch Wälder und Thäler, über Ströme und an Seen dahin, bis endlich, gerade als die Abendſonne den Horizont er⸗ reichte, eine ſichtbare Veränderung in dem Anblick der Gegend vorging. Man ſah eultivirte Stellen, wo man Feldfrüchte gebaut und bereits heimgebracht hatte, und dann ſchimmerte hie und da ein Haus durch die Bäume und es erhoben ſich blaue Rauchwirbel. Spu⸗ ren von Wagenrädern durchfurchten den Waldpfadz hie und da ſtand ein Karren am Wege; hohe Hau⸗ fen gefällten Holzes zeigten die nothwendige Vorberei⸗ tung auf den kalten Winter und Alles deutete an, daß die Reiſenden ſich einer neuen und blühenden Anſiedelung näherten. Bald verſchwanden alle Spuren des Urwaldes, außer denen, welche die kleine Geſellſchaft hinter ſich ließ; eine große Strecke wohleultivirten Landes breitete ſich vor ihnen aus und ein ſchöner Fluß begrenzte dieſelbe in der Entfernung von mehr als einer Meile. Auch der Weg war verhältnißmäßig gut und breit, und halbwegs zwiſchen dem Walde und dem Fluſſe theilte ſich jener Weg in zwei Arme, wovon der eine geradeaus ging und der andere an dem Fluſſe hinauf⸗ führte. „Iſt Sir William in der Halle oder auf ſeiner Burg?“ fragte Herr Prevoſt, indem er laut den Führer anredete, der eine Strecke voranritt. „Er ſagte mir, ich ſolle Sie in die Halle brin⸗ gen, wenn Sie kämen, mein Herr,“ verſetzte der Bote.„Es hat ſich ſchon eine große Anzahl von Indianern auf dem Schloſſe eingefunden, und er dachte, es möchte Ihnen nicht ganz gefallen, mit jenen beiſammen zu ſein.“ „Wahrſcheinlich nicht,“ entgegnete Herr Prevoſt trocken. Dann ritten ſie auf dem geraden Wege weiter, bis ſie an zwei oder drei kleineren Häuſern vorüberkamen und ein ſehr großes und ſchönes Ge⸗ — 177— bäude erblickten, welches freilich von Holz, aber eini⸗ germaßen in dem Style eines europäiſchen Hauſes aus dem achtzehnten Jahrhundert erbaut war. Als ſie ſich dem Thore näherten, kam Sir William Johnſon ſelber, jetzt im vollen Coſtüm eines Officiers der britiſchen Armee die Stufen herunter, um ſie willkommen zu heißen; und nicht viel weniger ceremoniöſe Höflichkeit zeigte er in der Mitte der wil⸗ den Wälder Amerika's, als wäre er in dem Angen⸗ blick in den Hallen von St. James geweſen. Mit ſtattlicher Anmuth hob er Editha von ihrem Pferde, begrüßte Lord H. mit einer rückſichtsvollen Verbeu⸗ gung, drückte Herrn Prevoſt die Hand und führte ſie dann alle in Zimmer, die für ſie eingerichtet zu ſein ſchienen. „Wo iſt mein Freund Walter?“ fragte er, als er im Begriff war, Herrn Prevoſt einer kurzen Ruhe zu überlaſſen;„was hat ihn bewogen, ſeinem alten Bekannten das Vergnügen ſeiner Geſellſchaft zu ver⸗ ſagen? Ei, Herr Prevoſt, glaubt er ein anziehenderes Metall in Ihrer einſamen Wohnung zu finden? Vielleicht wird er ſich irren, denn ich muß Ihnen ſagen, daß die ſchöne Otaitſa hier iſt— hier in die⸗ ſem Hauſe; denn unſer guter Freund Gore hat ſie ſo vollkommen cultivirt, daß ich glaube, bei ihrem Chriſtenthum, bei dhrer Schönheit und Delicateſſe Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. fürchtet ſie, ſich unter vier bis fünfhundert rothe Krie⸗ ger auf dem Schloſſe zu wagen.“ Er ſprach in heiterem und ſcherzendem Tone, und Jedermann weiß, wie gern die Eltern ihre Augen nbei den Liebesangelegenheiten ihrer Kinder ſchließen. Herr Prevoſt bemerkte Nichts weiter in der Rede des würdigen Generals, als einen gutmüthigen Scherz über die knabenhafte Vorliebe ſeines Sohnes für ein hübſches Indianermädchen, und er eilte Walter's Ab⸗ weſenheit zu entſchuldigen, indem er Sir William ſagte, Lord H. habe ihn in Geſchäften nach Albany geſchickt. Dann fragte er ein wenig ängſtlich: „Iſt unſer Freund, der ſchwarze Adler mit ſeiner Tochter hier?“ I „Er iſt hier auf dem Platze,“ verſetzte Sir William,„aber nicht im Hauſe. Seine indianiſchen Gewohnheiten ſind zu ſehr eingewurzelt, um ſo leicht beſeitigt zu werden, wie die Otaitſa's, und er zieht ein Bärenfell und ſeine eigene blaue Decke dem beſten Federbette im Hauſe vor. Ich bot ihm alle Bequem⸗ lichkeit an, doch er lehnte die Gaſtfreundſchaft einer Hütte mit der Würde eines Fürſten ab.“ „Scheint er heute in guter Laune zu ſein?“ fragte Herr Prevoſt, unſchlüſſig, ob er Sir William in einem Augenblick, wo ſie bald unterbrochen werden würden, das Ereigniß mittheilen ſolle, welches ſo große Beſorgniß in ihm erregt hatte;„Sie wiſſen, er iſt von etwas veränderlicher Stimmung.“ „Das bemerkte ich nie,“ verſetzte der Andere. „Ich meine, er iſt der eiviliſirteſte Wilde, den ich je geſehen habe— weit mehr, als König Hendrick, ob⸗, gleich der Eine ſeit dem Tode ſeines Vaters eine blaue Decke trägt und der Andere nicht. Er ſchien freilich ein wenig ernſt; aber die Schatten der india⸗ niſchen Heiterkeit und des Ernſtes ſind ſo ſchwach, daß es ſchwer iſt, ſie zu unterſcheiden.“ Während dieſe wenigen Worte gewechſelt wurden, hatte ſich Herr Prevoſt zu ſeiner Handlungsweiſe ent⸗ ſchloſſen und entgegnete nur: „Nun, Sir William, laſſen Sie gefälligſt Otaitſa ſagen, daß Editha hier iſt. Sie werden einander bald in den Armen liegen, denn die beiden Mädchen lieben einander wie Schweſtern.“ 1 Sir William Johnſon fiel ein Gedanke ein, der, wenn er ihn ausgeſprochen, Herrn Prevoſt wenigſtens über den Verdacht ſeines Freundes die Augen geöffnet haben würde. Er war im Begriff zu antworten: „Und ſie mögen auch einſt Schweſtern werden.“ Aber er hielt die Worte zurück und antwortete nur mit ei⸗ nem Lächeln. 3 Als Herr Prevoſt allein war, kehrten ſeine Ge⸗ danken zu den dringenderen Betrachtungen zurück. „Der alte Häuptling weiß dieſes Ereigniß,“ 12 — 180— ſagte er bei ſich ſelber;„er hat davon gehört— wahrſcheinlich iſt er mit Allem bekannt. Es iſt wun⸗ derbar, wie ſchnell unter dieſem Volke die Nachrichten von Mund zu Munde gehen!“ Er war im Begriff, Betrachtungen über die ſelt⸗ ſame Schnelligkeit anzuſtellen, womit ſich die Nach⸗ richten mündlich verbreiten, und begann zu berechnen, wie viel Zeit man erſparen werde, wenn ein Mann die Nachricht einem anderen in beſtimmter Entfernung ſtehenden zurufe, als er ſeinen Geiſt mit Gewalt wie⸗ der auf die verlaſſene Spur zurückführte und zu dem Schluſſe kam, daß der ſchwarze Adler mit dem Tode eines ſeiner Landsleute durch die Hand des Kapitain Brooks bekannt ſei und wahrſcheinlich die Thatſache, wenn auch nicht ſeine Zwecke und Abſichten ſeiner Tochter mitgetheilt habe, deren ſcharfſichtige Augen wahrſcheinlich viel von dem entdeckt hatten, was er zu verbergen beabſichtigt hatte. Dreizehntes Kapitel. Eine intereſſante und bunte Verſammlung be⸗ fand ſich an dem Abend in den Hallen Sir William Johnſon's. Es waren mehrere Damen und Herren aus Albany zugegen— mehrere junge Militairperſo⸗ nen und zwei oder drei Männer von einer jetzt er⸗ loſchenen Claſſe, die aber damals einen blühenden Handel mit den Indianern trieb. Einige von den Letzteren waren ſehr wohlerzogene Männer, und ei⸗ ner oder zwei derſelben beſaßen nicht nur einen aufge⸗ klärten Geiſt, ſondern auch ein fühlendes Herz und hohe Anſichten. Die Anderen waren nur gefühlloſe Geſchäftsleute, deren Lebenszweck es war, den Wil⸗ den ſo viel wie möglich abzudringen und ſo wenig wie möglich dafür zu geben. Außer dieſen erſchien von Zeit zu Zeit ein in⸗ dianiſcher Häuptling in den Zimmern, ging in völli⸗ 9U gem Schweigen hindurch, beobachtete Alles, was ge⸗ ſchah, mit würdevollem Ernſte und kehrte dann zu ſeinen Kameraden auf der Burg zurück. Otaitſa be⸗ fand ſich auch dort. Freilich war ſie in ihrem india⸗ niſchen Coſtüm, doch trug ſie einen Gallaanzug vom feinſten Tuch mit der zierlichſten Stickerei. Sie war völlig unbefangen, ſprach mit jedem und lachte mit vielen; aber die bebende und furchtſame Zärtlichkeit, die ihr in der Geſellſchaft von wenigen, die ſie liebte, einen ſolchen Reiz verlieh, war einer wilden Heiter⸗ keit gewichen, die mit dem Charakter ihrer Nation wenig harmonirte. Sie ſchwebte hier und dorthin durch das Zim⸗ mer, verweilte aber kaum einen Augenblick an dem⸗ ſelben Orte. Ihre Scherze waren heiter und zuwei⸗ len ſo treffend, wie die einer pariſer Dame; und als einer von den jungen Officieren ſie wie ein ge⸗ wöhnliches Indianermädchen zu behandeln wagte, machte ſie ihn ſo lächerlich, daß einigen älteren Männern, die in der Nähe ſtanden, vor Lachen Thränen in die Augen traten. „Ich weiß nicht, was dieſen Abend mit dem Kinde vorgegangen iſt,“ ſagte Herr Gore, der in ei⸗ nem von den Zimmern in Editha's Nähe ſaß;„ein wilder Geiſt ſcheint ſich ihrer bemächtigt zu haben, welcher ihrem ganzen Charakter und ihrer Natur un⸗ gleich zu ſein ſcheint— ungleich dem Charakter ihres — 183— Volks, ſonſt würde ich denken, daß die Wilde un⸗ geachtet aller meiner Sorgfalt zurückgekehrt ſei.“ „Vielleicht iſt es die Neuheit und Aufregung der Seene,“ bemerkte Editha. „O nein,“ antwortete der Miſſionair;„es liegt für ſie nichts Neues in dieſer Gfſeeue. Sie war in den letzten zwei oder drei Jahren mehr als einmal bei dieſen Verſammlungen, doch ſchien ſie ſich nie dem Einfluſſe wie heute hinzugeben.“ „Sie hat kaum ein Wort mit mir geſprochen,“ ſagte Editha;„ich hoffe, ſie wird die Freunde, die ſie lieben, nicht vergeſſen.“ „Das iſt nicht zu fürchten, meine Liebe,“ ver⸗ ſetzte Herr Gore.„Otaitſa iſt ganz Herz und dieſes Herz iſt ein ſanftes. Unter dem Einfluſſe deſſelben handelt ſie jetzt. Es bewegt ſich etwas darin, was wir nicht kennen, und dieſe leichten Worte, die uns zum Lächeln bringen, wenn wir ſie hören, gehen aus tiefen, vielleicht aus bitteren Quellen hervor.“ „Ich meine, ich hätte von ihr gehört,“ ſagte Editha,„daß Sie ſie von Kindheit auf erzogen haben.“ „Als ich zuerſt zu dem Volke des Steines kam,“ verſetzte der Miſſionair,„fand ich ſie als ein kleines Kind von drei Jahren. Ihre Mutter war eben ge⸗ ſtorben; und wenn gleich ihr Vater ſeinen Kummer mit dem ſtrengen und düſteren Stoicismus ſeiner Na⸗ — 184— tion ertrug und keine Thräne fallen und keinen Seuf⸗ zer ſeinen Lippen entfliehen ließ, konnte ich doch dent⸗ lich genug ſehen, daß ihn ein Kummer erfüllte, wie ihn ein Indianer ſelten empfindet und nie zu erken⸗ nen giebt. Er empfing mich ſehr ſreundlich und er⸗ leichterte meine Bemühungen bei ſeinem Volke. Ob⸗ gleich ich bis zu dieſer Stunde nicht weiß, ob es mir gelungen iſt, ihm das geſegnete Licht mitzutheilen, ſo übergab er doch ſeine Tochter gänzlich meiner Für⸗ ſorge, und bei ihr iſt es mir nicht mißlungen. Ich fürchte, bei ihm iſt der Wilde zu tief eingewurzelt, um ausgetrieben zu werden, aber ſie iſt in der That ein Mitglied der chriſtlichen Gemeinde geworden.“ Otaitſa ſchien inſtinetmäßig entdeckt zu haben, daß ſie der Gegenſtand der Unterredung ihrer beiden Freunde ſei. Zweimal ſah ſie ſich von der anderen Seite des Zimmers nach ihnen um, kam endlich her⸗ über und ſetzte ſich neben Editha nieder. Einen Au⸗ genblick ſaß ſie ſchweigend da, lehnte dann graziös ihren Kopf auf die Schulter ihrer ſchönen Freundin und ſagte leiſe: „Schließe Deine Augen dieſe Nacht nicht eher, meine Schweſter, als bis Du mich geſehen haſt.“ Dann ſprang ſie auf und miſchte ſich wieder unter die Menge. Es war noch früh am Abend, als Editha ſich in das ihr angewieſene Zimmer begab; denn ſelbſt in der vornehmſten Geſellſchaft jener Zeit hatten die Leute nicht gelernt, die Nacht zum Tage zu machen und Morgen und Abend zu vereinen. Ihr Zimmer war groß und ſchön, und wenn gleich einfach, war es doch genügend ausmöblirt. Kein Wald, wie in ihrer eigenen Wohnung, fing die Strahlen des auf⸗ gehenden Mondes auf, und ſo ſaß ſie da und ſah den Beherrſcher der Nacht über die fernen Bäume ſich erheben. Otaitſa's Benehmen während jenes Abends hatte Editha in Verlegenheit geſetzt und die wenigen leiſen Worte ihre Neugierde erregt, denn wir dürfen nicht vergeſſen, daß Editha mit dem Umſtande gänzlich unbekannt war, daß Kapitain Brooks innerhalb zwei Meilen von ihrer Wohnung einen von den Oneidas getödtet habe. Sie machte indeſſen ihre Toilette für die Nacht und hatte dieſelbe faſt beendet, als ſie die Thür ihres Zimmers leiſe aufgehen hörte. Otaitſa ſchlich ſich herein und umſchlang ſie mit ihren Armen. „Ach, meine Schweſter,“ rief ſie,„es hat mich ſehr verlangt, mit Dir zu reden.“ Sich an Editha's Seite ſetzend, lehnte ſie wie⸗ der den Kopf auf ihre Schulter, ſchwieg aber nul⸗ rere Minuten. Das ſchöne engliſche Mädchen wußte, daß es beſſer ſein werde, ihr Zeit zu laſſen, auf ihre eigene Weiſe auszuſprechen, was ſie zu ſagen hatte; aber — 186— Otaitſa ſprach ſo lange kein Wort, bis Editha endlich in ſanftem und ermuthigendem Tone ſagte: „Was iſt es, meine Schweſter? Es kann doch Nichts geben, was Du fürchten müßteſt, meinem Ohr mitzutheilen?“ „Freilich nicht,“ antwortete Otaitſa und verſank dann wieder in Schweigen. „Aber warum weinſt Du, liebe Blüthe?“ ſagte Editha, nachdem ſie einige Augenblicke geſchwiegen, um ihr Zeit zu laſſen, ihre Faſſung wieder zu ge⸗ winnen. „Weil einer von Deinen Leuten einen von mei⸗ nen Leuten getödtet hat,“ antwortete das indianiſche Mädchen kummervoll.„Iſt das nicht genug, um mich zum Weinen zu bringen?“ „Freilich!“ rief Editha.„Es thut mir ſehr leid, dies zu hören, Blüthe; aber wann geſchah dies — und wie?“ „Es geſchah erſt geſtern,“ verſetzte das Mäd⸗ chen;„und nur eine kurze Strecke von Deinem Hauſe gegen Morgen, meine Schweſter. Es war ein trau⸗ riger Tag! Ein trauriger Tag!“ „Aber ich hoffe, es war Niemand, der Dir nahe ſtand und theuer war, oder dem ſchwarzen Ad⸗ ler?“ ſagte Editha, indem ſie ſie mit ihren Armen umſchlang und ſie zu beſänftigen verſuchte. „Nein, nein,“ antwortete Otaitſaz„er war ein — 187— ſchlechter und verrätheriſcher Mann, den mein Vater nicht liebte. Aber daran liegt wenig. Sie wollen Blut für ſein Blut.“ Die Wahrheit drängte ſich plötzlich Editha's Geiſte auf; denn wenn gleich weniger bekannt mit den in⸗ dianiſchen Gewohnheiten, als ihr Bruder oder ihr Vater, ſo wußte ſie doch genng von ihrem rachſüch⸗ tigen Geiſte, um ſich überzeugt zu halten, daß ſie mit unermüdlichem Eifer dem Mörder nach dem Le⸗ ben trachten würden, und ſie befragte ihre liebens⸗ würdige Freundin lebhaft über alle einzelnen Umſtände der traurigen Erzählung. Otaitſa erzählte ihr Alles, was ſie wußte, und das war faſt ſo viel wie ſich ſagen ließ. Sie ſagte, der Mann, den man die ge⸗ ſtreiffe Schlange genannt, ſei von dem weißen Manne Woodchuck im Walde nordöſtlich von Herrn Prevoſt's Hauſe getödtet worden. Die Nachricht von der That hatte ſich wie Feuer im trockenen Graſe durch den ganzen Stamm der Oneidas verbreitet, die ſich zu der Verſammlung in Sir William Johnſon's Burg drängten, und von ihnen aus mußte ſie dem ganzen Stamme bekannt werden. „Woodchuck iſt entflohen,“ ſagte Otaitſa,„oder er würde ſchon früher getödtet worden ſein; aber er wird bald mit dem Leben büßen müſſen, meine Schwe⸗ ſter— oder ein anderer weißer Mann, wenn ſie ſei⸗ — 188— ner nicht habhaft werden können,“ fügte ſie langſam und kummervoll hinzu. Ihre Worte ſtellten Editha's Geiſte eine traurige und ſchreckliche Idee dar— furchtbarer in ihrer Un⸗ beſtimmtheit und Ungewißheit der Umriſſe, als in der Dunkelheit der einzelnen Theile. Daß von einer ge⸗ ringen und ſpärlichen Bevölkerung Jemand vorher be⸗ ſtimmt ſein ſollte, getödtet zu werden— daß von einer kleinen Anzahl Menſchen, die faſt alle wie Brü⸗ der für einander fühlten, einer zur Ermordung ſollte bezeichnet werden— daß eine Familie den Gatten, Vater oder Bruder verlieren ſollte— machte, daß ihr Stamm ihr vorkam wie eine Heerde wilder Thiere, von den Netzen der Jäger umſpannt. Editha's erſter Zweck war, mehr von ihrer jun⸗ gen Freundin zu erfahren; aber Otaitſa hatte faſt Al⸗ les erzählt, was ſie wußte. „Was ſie thun werden, weiß ich nicht,“ ſagte ſie;„ſie ſagen es uns Frauen nicht. Aber ich fürchte, Editha, ich fürchte ſehr; denn ſie ſagen, unſer Bru⸗ der Walter war bei Woodchuck, als die That ge⸗ ſchah.“ „Nicht ſo— nicht ſo,“ rief Editha;„wäre das, ſo würde ich es gehört haben. Er iſt nach Al⸗ bany gegangen, und wäre er zugegen geweſen, würde er es gewiß verhindert haben, wenn er gekonnt. — 189— Wenn Deine Leute die Wahrheit reden, werden ſie zugeſtehen müſſen, daß er nicht dort war.“ Otaitſa erhob plötzlich ihren Kopf und rief mit freudigem Blicke: „Ich will ſie bewegen, die Wahrheit zu ſagen, und wäre ſie eine ebenſo liſtige Schlange wie er war; aber dennoch, meine liebe Schweſter Editha, wird Jemand anders ſterben müſſen, wenn ſie den Mann nicht finden, den ſie ſuchen.“ Die letzten Worte wurden wieder in ſchwermü⸗ thigem Tone geſprochen; aber dann ſprang ſie auf und wiederholte: „Ich will ſie bewegen, die Wahrheit zu ſagen.“ „Kannſt Du das?“ fragte Editha.„Schlan⸗ gen ſind immer ſehr liſtig.“ „Ich will es wenigſtens verſuchen,“ antwortete das Mädchen.„Aber ach! meine Schweſter, es wäre beſſer für Dich, für Walter und auch für Deinen Va⸗ ter, weit entfernt zu ſein. Wenn ein Ungewitter kommt, ſuchen wir unſer Koſtbarſtes zu retten. Es iſt noch Zeit genug zu gehen, denn die rothen Män⸗ ner ſind nicht raſch und handeln nicht haſtig, wie Eure weißen Männer thun.“ „Aber giebt es kein Mittel zu erfahren, welches eigentlich die Abſicht des Stammes iſt?“ „Ich weiß keins, worauf man ſich mit Gewiß⸗ heit verlaſſen kann,“ entgegnete das Mädchen.„Das — 190— Volk des Steines wechſelt ſo wenig wie der Stein, von dem es entſprungen iſt. Der Sturm weht ſie an, die Sonne beſcheint ſie und es iſt wenig Ver⸗ änderung an der Oberfläche des Felſens zu bemerken. Aber laß Deinen Vater ſich morgen bei der großen Beſprechung vorſehen. Wenn der Prieſter ſehr glatt und ſanft redet und der ſchwarze Adler finſter ſchweigt und ſeine Decke über ſeine linke Bruſt wirft, da kann man gewiß ſein, daß etwas Trauriges beabſichtigt wird. Das iſt Alles, was ich Dir ſagen kann— aber ich will dieſes Weib bewegen, die Wahrheit zu reden, wenn überhaupt noch Wahrheit in ihr iſt, und zwar vor den Häuptlingen der Nation. Nun, Schweſter, lege Dich zur Ruhe nieder. Otaitſa geht ſogleich zu ihrem Volk.“. „Aber fürchteſt Du Dich nicht?“ fragte Editha. „Es iſt eine dunkle Nacht, liebe Blüthe. Lege Dich zu mir nieder und warte bis zum Morgenſonnenſchein.“ „Ich hege keine Furcht,“ antwortete das indiani⸗ ſche Mädchen;„es wird mir Nichts zu Leide ge⸗ ſchehen. Es giebt Zeiten, Schweſter, wo ein Geiſt ſich unſerer bemächtigt, der Allem Trotz bietet und Nichts fürchtet. So iſt es dieſe Nacht mit mir ge⸗ weſen. Das Einzige, dem ich zu begegnen fürchtete, ſind meine eigenen Gedanken, und ich wollte ſie bei Nichts verweilen laſſen, ehe ich mit Dir geſprochen. Jetzt habe ich indeſſen beſſere Hoffnungen. Ich will gehen und machen, daß ſie die Wahrheit redet.“ So redend, verließ ſie Editha's Zimmer und etwa anderthalb Stunden ſpäter ſtand ſie neben ihrem Vater, der an einem Feuer ſaß, welches man in ei⸗ nem Winkel des Hofes angezündet hatte, der zu ei⸗ nem großen befeſtigten Hauſe gehörte, welches Sir William Johnſon an den Ufern des Mohawk erbaut hatte, und welches er ſeine Burg nannte. Um den Sachem ſaßen im Kreiſe die vorzüglichſten Männer des Oncidaſtammes in jener eigenthümlichen kauernden Stellung, die uns aus zahlreichen Bildern bekannt iſt. Der Hof und die Burg ſelber waren mit In⸗ dianern der anderen Stämme der fünf Nationen an⸗ gefüllt; aber ſie nahmen keinen Antheil an den Ver⸗ handlungen der Oneidas. Der einzige Fremde in dem Kreiſe war Sir Wil⸗ liam Johnſon. Er trug noch ſeine britiſche Uniform und ſaß in würdevoller Stellung auf einem Stuhle, indem er ſeine linke Hand auf dem Griffe ſeines De⸗ gens ruhen ließ. Mit Ausnahme dieſer Waffe war er unbeſchützt, und es war ſeine Gewohnheit, häufig in der Mitte ſeiner rothen Freunde gänzlich unbewaff⸗ net und ſchutzlos zu ſchlafen. Es ſchien eine feierliche Gelegenheit zu ſein, denn alle Geſichter waren ſehr ernſt und mehrere Minuten lang herrſchte ein völliges Schweigen. n 434 — 192— „Bringt das Weib herein,“ ſagte der ſchwarze Adler endlich;„bringt ſie herein und laßt ſie die Wahrheit reden.“ „Weſſen beſchuldigſt Du ſie, Otaitſa?“ fragte Sir William Johnſon, indem er ſeine Augen auf ſeinen ſchönen Gaſt richtete. „Dem Sachem und ihren Brüdern Lügen geſagt zu haben,“ antwortete Otaitſa.„Ihr Athem iſt voll von dem Gifte der Schlange.“ 2 „Du höreſt es,“ ſagte der ſchwarze Adler, in⸗ dem er ſich zu einem Frauenzimmer von ein oder zwei und zwanzig Jahren wendete.„Was ſagſt Du?“ „ Ich lüge nicht,“ antwortete das Weib in in⸗ dianiſcher Sprache.„Ich ſah, wie er die Büchſe er⸗ hob und meinen Bruder niederſchoß.“ „Wer that es?“ fragte der ſchwarze Adler ernſt und ruhig. „Der Woodchuck,“ antwortete das Weib;„er that es. Ich kenne ſein Geſicht nur zu gut.“ „Glaubt ihr nicht,“ verſetzte Otaitſa.„Der Woodchuck war immer ein Freund unſerer Nation. Er iſt unſer Bruder. Er würde keinen Oneida tödten.“ „Aber er war meines Bruders Feind,“ antwor⸗ tete das Weib;„es war Rache zwiſchen ihnen.“ „Rache auf Seiten Deines Bruders,“ entgegnete der alte Häuptling,„und es iſt wahrſcheinlicher, daß — 193—. er den Woodchuck, als daß der Woodchuck ihn tödten würde.“ „Wenn ſie einen Zeugen hat, mag ſie ihn ſtel⸗ len,“ ſagte Otaitſa.„Wir wollen ihr durch die Zunge eines Anderen glauben.“ „Ich habe keinen Zeugen,“ antwortete das Weib heftig.„Ich habe keinen; aber ich ſah mit meinen eigenen Augen, wie er meinen Bruder tödtete, und ich ſchreie um ſein Blut.“ „Sagteſt Du nicht, es wären zwei weiße Män⸗ ner bei ihm geweſen?“ fragte Otaitſa, indem ſie ihre rechte Hand erhob.„Darin haſt Du vor dem Sachem und Deinen Brüdern gelogen, und wer ſoll ſagen, ob Du jetzt die Wahrheit redeſt?“ Ein ſeltſames Summen verbreitete ſich unter dem Kreiſe der Indianer, und ein Greis ſagte: „Sie hat wohl geredet.“ Das Weib ſtand inzwiſchen ſchweigend und be⸗ ſchämt, ihre Augen auf den Boden gerichtet, da, und der ſchwarze Adler ſagte in ernſtem Tone: „Es war Niemand da?“ „Nein,“ ſagte das Weib, ihren Blick mit Feſtig⸗ keit erhebend,„es war Niemand da; aber ich fah zwei Andere im Walde dicht dabei und ich bin gewiß, daß ſie ſeine Begleiter waren.“ „Das iſt eine Täuſchung,“ ſagte der ſchwarze Adler ſtrenge.„Du ſagteſt, es wären zwei Männer Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 13 — 194— bei ihm geweſen, der Eine der junge Weiße Walter und der Andere ein großer Fremder; und Du brach⸗ teſt eine Wolke vor unſere Augen und machteſt uns glauben, daß ſie bei ſeinem Tode zugegen geweſen.“ „Da meine ich, ſchwarzer Adler,“ ſagte Sir William Johnſon, der ihre Sprache faſt ebenſo ge⸗ läufig redete, wie ſeine eigene,„man kann der Ge⸗ ſchichte des Weibes keinen Glauben ſchenken und wir können nicht ſagen, was geſchehen iſt.“ „Nicht ſo, mein Bruder,“ antwortete der ſchwarze Adler.„Wir wiſſen, daß die Schlange geſtern er⸗ ſchlagen wurde, ehe die Sonne die Gipfel der Fich⸗ ten erreicht hatte. Wir glauben auch, daß der Wood⸗ chuck ihn getödtet hat, denn es war Feindſchaft zwi⸗ ſchen ihnen, und die Kugel, die ihn tödtete, war eine große Kugel, wie wir ſie nur in der Taſche jenes Mannes geſehen haben.“ „Das iſt ein zweifelhaftes Zeugniß,“ ſagte Sir William,„und ich hoffe, mein Bruder wird die Rache ſchweigen laſſen, bis er beſſere Zeugen hat.“ Ddie Indianer verſtummten länger als eine Mi⸗ nute, und dann ſagte der alte Mann, der ſchon ein⸗ mal geſprochen hatte: „Wenn unſer Bruder uns den Woodchuck aus⸗ liefern will, ſo ſoll die Rache ſchweigen.“ „Das kann ich nicht,“ antwortete Sir William Johnſon.„Für's Erſte habe ich nicht die Macht — 195— dazu; fürs Zweite kann er nur nach unſeren Geſetzen ge⸗ richtet werden. Aber ich will Euch keine Lüge ſagen. Wenn er beweiſen kann, daß er es zur Selbſtverthei⸗ digung gethan, ſo wird er freigeſprochen werden.“ Es trat wieder ein langes Schweigen ein und dann ſtand der ſchwarze Adler auf und ſagte:„Wir müſſen uns berathen.“ Sein Geſicht war ſehr ernſt, und als er ſprach zog er die große blaue Decke, die ſeine Schultern verhüllte, mit einer Geberde über ſeine linke Bruſt, wovon Otaitſa Editha geſagt hatte, daß ſie einen dü⸗ ſteren Entſchluß andeute. Sir William Johnſon be⸗ achtete die Zeichen, die er ſah, und war zu wohl be⸗ kannt mit dem indianiſchen Charakter, um zu glau⸗ ben, daß ihr Blutdurſt geſtillt ſei; aber weder durch den Ausdruck ſeines Geſichts noch durch Worte zeigte er einen Zweifel gegen ſeine rothen Freunde und er ſchlief in jener Nacht ruhig und ohne Furcht unter ihnen. Zu einer frühen Stunde am folgenden Morgen wurden alle Anordnungen zu der bevorſtehenden Be⸗ rathung getroffen. Man ſah einige Soldaten und ei⸗ nige ſchwarze Diener ſich umher bewegen. Eine An⸗ zahl von den Gäſten in der Halle kam um neun Uhr herbei und die meiſten waren zu Pferde; als aber Alle verſammelt waren, erſchien die Anzahl der gegen⸗ wärtigen weißen Männer gering und unbedeutend im 13* — 196— Vergleich zu der Menge der ſie umgebenden Indianer. Niemand aber zeigte oder hegte die geringſte Furcht und die Berathung begann und endete durchaus fried⸗ lich und einträchtig. Freilich erhoben mehrere von den indianiſchen Häuptlingen, und beſonders König Hendrick, wie er genannt wurde, der Sohn des Häuptlings, der ein oder zwei Jahre vorher in der Nähe von Fort George getödtet worden, Klagen gegen die engliſche Regierung wegen Vernachläſſigung der gerechten Anſprüche ihrer rothen Verbündeten. Alle zornigen Gefühle aber wur⸗ den durch eine freigebige Vertheilung von Geſchenken beſeitigt; und nachdem er Alles angehört hatte, was die Indianer zu ſagen hatten, ſtand Sir William Johnſon von dem Stuhle auf, wo er zwiſchen Lord H. und Herrn Prevoſt geſeſſen, und redete die Verſamm⸗ lung in engliſcher Sprache an, was Satz für Satz durch einen Dolmetſcher nach der unabänderlichen Gewohnheit, wenn man öffentlich mit den Häup⸗ tern der fünf Nationen zu verhandeln hatte, über⸗ ſetzt wurde. Seine ganze Anrede kann hier nicht wiedergege⸗ ben werden; aber ſie war geſchickt den Vorurtheilen des Volks, zu dem er ſprach, angemeſſen und wohl geeignet, ſich ihre Freundſchaft zu erwerben. Er ſagte, ihr engliſcher Vater, der König Georg liebe ſeine rothen Kinder mit beſonderer Zärtlichkeit; da — 192— aber ſeine Wohnung eine weite Strecke entfernt ſei, ſo könne er ihre Bedürfniſſe und Wünſche nicht im⸗ mer wiſſen. In der letzten Zeit aber habe er ſeine große Zärtlichkeit und Rückſicht für die fünf Nationen dadurch an den Tag gelegt, daß er ihn, Sir Wil⸗ liam Johnſon, als indianiſchen Agenten eingeſetzt, um ſo bald wie möglich mit allen Wünſchen ſeiner rothen Kinder bekannt zu werden. Dann entwarf er eine glühende Schilderung von der Größe und Maje⸗ ſtät des engliſchen Monarchen als Attotarho oder Ober⸗ haupt von tauſend verſchiedenen Nationen, der unter einem Fichtenbaum ſitze, der bis an den Himmel reiche und jede Minute Botſchaften von ſeinen Kin⸗ dern in jedem Theile der Erde empfange. Ein Summen der Genugthnung folgte dieſem Auffluge der Phantaſie und dann ſagte der Redner“ weiter, daß dieſer große Häuptling, ihr Vater, ſchon längſt beabſichtigt habe, viel für ſie zu thun und es noch immer beabſichtige, daß die Ausführung ſeiner wohlwollenden Abſichten aber durch die Machinationen der Franzoſen, ihrer und ſeiner Feinde, verhindert würde, von denen er ſagte, daß ſie auf die Schiffe warteten, welche die Güter und Geſchenke führten, die für ſeine indianiſchen Kinder beſtimmt wären, de⸗ ren ſie ſich mit Gewalt oder Liſt zu bemächtigen trach⸗ teten. So reich er ſein möge, wäre es doch nicht möglich, daß ihr weißer Vater alle ihre Bedürfniſſe — 198— befriedigen könne, da er für ſo viele zu ſorgen habe und ſo viele ſeiner Feinde zugleich den Tomahawk aufgegraben hätten. Wenn aber die Häuptlinge der fünf Nationen ihm kräftig beiſtehen wollten in ſeinen 1 Bemühungen, ſo würde König Georg bald die Fran⸗ zoſen aus Amerika vertreiben;z und um ſeine Abſicht in dieſer Hinſicht kund zu geben, habe er den großen Häuptling zu ſeiner Rechten, den Lord H., nebſt vielen anderen mächtigen Kriegern, herübergeſchickt, um an der Seite ihrer rothen Brüder zu fechten. Mehr, ſagte er, würden im folgenden Frühling her⸗ über kommen, und mit der erſten Blume, die unter den Schierlingtannen blühe, würden die engliſchen Krieger zur Schlacht bereit ſein, wenn die dort ge⸗ genwärtigen indianiſchen Häuptlinge ihnen ihre thätige Unterſtützung und Mitwirkung verſprechen wollten. Wir dürfen nicht annehmen, daß Sir William bei dieſer ſehr übertriebenen Sprache die Abſicht hatte, zu täuſchen. Er wendete nur Figuren an, die für die Begriffe ſeiner Zuhörer geeignet waren, und ſeine Rede erregte die höchſte Zufriedenheit. Die ungewöhn⸗ lich beträchtlichen Geſchenke, die man vertheilte— die Gegenwart und die Haltung des jungen Edel⸗ mannes, der ihn begleitete, und ein natürlicher Ue⸗ berdruß an der halb neutralen Stellung zwiſchen den Franzoſen und den Engländern, die ſie ſeit einiger 2 Zeit behaupteten, machte die Häuptlinge geneigt, das — 199— Aeußerſte zu gewähren, was er nur wünſchen mochte. Die Verſammlung brach mit der feſteſten Zuſicherung der Unterſtützung von Seiten der Irokeſenſtämme auf — und dieſe Zuſicherung wurde in den folgenden Feldzügen getreulich gehalten. Vierzehntes Kapitel. In Sir William Johnſon's Hauſe herrſchte nur angenehme Unbefangenheit, die durch das ſtattliche Be⸗ nehmen des Wirthes nicht verbannt wurde; denn das ſtattliche Benehmen ſchließt keinen Zwang ein, wenn es mit Höflichkeit vereint iſt, was bei einem Irlän⸗ der mehr, als bei irgend einem anderen Menſchen der Fall iſt. Die Berathung mit den Indianern endete erſt zu einer ſpäten Stunde, ſo daß Herr Prevoſt und ſeine Begleiter an dem Tage nicht mehr zurückkehren konn⸗ ten, und da man Walter mit der Antwort auf die Depeſchen des Lord H. erſt in zwei Tagen zurücker⸗ wartete, ſo verlängerte die Geſellſchaft nicht ungern ihren Aufenthalt bis zum folgenden Morgen. Meh⸗ rere von den Gäſten, die geradezu nach Albany rei⸗ — 201— ſten, machten ſich ſogleich auf den Weg, da ſie ge⸗ wiß waren, die wohlbevölkerten Theile des Landes vor Anbruch der Nacht zu erreichen, und ein Mal wurde der Vorſchlag gemacht, einen Brief durch die⸗ ſelben an den jungen Walter Prevoſt abzuſenden und ihn aufzufordern, mit ſeinem Vater in der Halle zu⸗ ſammenzutreffen. 4 Die Unbequemlichkeiten, die ſo hänfig bei zer⸗ rütteten Plänen erfolgen, machten, daß auch dieſes Vorhaben aufgegeben wurde; und während ihr Vater, Lord H. und ihr Wirth eine oder zwei Stunden an den Ufern des ſchönen Mohawk umherwanderten, blieb Editha in der Halle, nicht ohne die Hoffnung, daß Otaitſa mit einer Nachricht kommen werde. Das Indianermädchen kam aber nicht und dü⸗ ſtere Gedanken bemächtigten ſich der armen Editha. Sie bemühte ſich, dieſelben zu verbannen— ſie machte ſich Vorwürfe wegen der Thorheit, mögliche Uebel zu erwarten; aber wer beſeitigte je vollſtändig jene inne⸗ ren Warnungen bevorſtehender Gefahr oder künftigen Leidens, die ſo oft unſere hellſten Tage umwölken oder das Düſter eines bereits ſtürmiſchen Himmels verdunkeln? Editha's vorzügliche Geſellſchafterin war* eine mit Sir William nahe verwandte, aber ſehr taube und ſchweigſame alte Dame, und die Unterhal⸗ tung gewährte ihr geringe Erholung. Mittlerweile ſetzten die drei Herren, nebſt einem — 202— jungen Adjutanten, ihren Weg unter den zierlichen Landhäuſern und den Werkſtätten der Handwerker fort, die ſich um die Halle verſammelt hatten. Herr Pre⸗ voſt gab ſich Gedanken hin, die anſcheinend ebenſo düſter waren, wie die, welche ſeine Tochter verfolgten, aber in der Wirklichkeit war es nicht ſo; denn ſein Geiſt ließ ſich leicht von Nebengedanken von irgend einer Richtung ablenken, die er zuerſt verfolgt hatte; und wenn er gleich an jenem Morgen mit den Be⸗ trachtungen erwachte, die ihn während des vergange⸗ nen Tages beſchäftigt hatten, und er berechnete jetzt die Erfolge der Verſammlung, die man ſo eben ge⸗ halten, und kam zu richtigeren Schlüſſen, als viele von den großen Staatsmännern und Politikern der Zeit. Lord H. dagegen achtete wenig auf das Beneh⸗ men und das Treiben ihres Wirths. Die Beſchaffen⸗ heit ſeines Geiſtes war ſehr verſchieden von der des Herrn Prevoſt, indem er ſich feſt an einen Gegenſtand hielt und ſich nur mit Schwierigkeit davon ablenken ließ. Seine Gedanken verweilten noch bei den Fol⸗ gen, die vielleicht aus dem Tode des Oneida durch die Hände des Kapitain Brooks entſtehen möchten, freilich ohne Unruhe zu empfinden, aber mit ſorgfäl⸗ tiger Berückſichtigung derjenigen, die in wenigen kur⸗ zen Tagen einen größeren Antheil warmer Zärtlichkeit — 203— gewonnen hatten, als er ſonſt irgend Jemanden zu Theil werden ließ. Als ſie ſich von der Hausthür entfernten, be⸗ merkte er etwas Beſonderes in dem Benehmen Sir William Johnſon's, was ihn zu dem Glauben führte, daß dieſer, ungeachtet des günſtigen Ausganges der Zuſammenkunft mit den Indianern, nicht ganz ru⸗ hig ſei. Als ſie einige Schritte gethan hatten, blieb Sir William Johnſon plötzlich ſtehen, wendete ſich um und befahl einem Diener, auf den Gipfel des Hü⸗ gels zu laufen und dort Wache zu halten, bis er zu⸗ rückkehre. „Beachte wohl, welchen Weg ſie einſchlagen,“ ſagte er, ohne die Perſonen zu benennen, die er meinte,„und laß mich hören, ob Du etwas Beſon⸗ deres ſiehſt.“ Der Mann ſchien ihn vollkommen zu verſtehen, und Lord H. beobachtete Alles mit der äußerſten Auf⸗ merkſamkeit. Während ihres Spazierganges kamen nicht weniger, als neun oder zehn Perſonen zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten näher und ſprachen einige Worte mit Sir William Johnſon. Zuerſt ein Neger, dann ein Soldat, dann ein irländiſcher Diener, dann noch ein weißer Mann, deſſen Züge aber einen auffallen⸗ den indianiſchen Charakter an ſich trugen. Alle brach⸗ ten eine Nachricht in wenigen leiſen Worten und ent⸗ — 204— fernten ſich ebenſo bald wieder, Einige mit einer kur⸗ zen Antwort, Andere ohne dieſelbe. Der Abend, der auf ihren Spaziergang folgte, verging ein wenig anders, als der vorige. Es wa⸗ ren weniger Perſonen zugegen; die Unterhaltung war allgemeiner und vertrauter. Sir William führte Edi⸗ tha zu dem altmodiſchen Inſtrumente, welches in je⸗ nen Tagen die Stelle der Pianofortes erſetzte, und bat ſie um ein Lied, welches er, wie es ſchien, ſchon früher von ihr gehört hatte. Sie willigte ohne Zau⸗ dern ein, und es geſchah mit hinlänglicher Gewandtheit, um zu zeigen, daß ſie wohl geſchult ſei, aber mit ſo vollen, reinen und melodiſchen Tönen, daß jedes Ge⸗ räuſch im Zimmer ſogleich verſtummte und Lord H. ſich immer weiter näherte, um zuzuhören. Muſik kann man als die höchſte Sprache— als die Sprache des Herzens und Geiſtes anſehen. Bloße Worte beſchränken ſich auf die deutlichen und erfaßbaren Ideen; aber die Muſik kann die feinen, undeutlichen, unerfaßbaren Schattirungen des Gefühls und Gedankens mittheilen, welchen ſonſt jedes Mittel des Ausdrucks fehlt. Es iſt aber nur für die der Fall, welche die Sprache kennen; aber Lord H. war nicht nur von der Liebe, ſondern auch von der Wiſ⸗ ſenſchaft der Muſik erfüllt, und er näherte ſich Editha immer weiter, als ſie ſang, wendete ſein Geſicht von den anderen Gäſten im Zimmer ab und drückte Ge⸗ fühle darin aus, von welchen er kaum noch wußte, daß ſie in ſeinem Herzen waren. Sir William Johnſon ſtand auf der anderen Seite des Stuhles des ſchönen Mädchens, und als ſie eins von den Liedern ſchloß, erhob er plötzlich ſeine Augen mit einem Ausdruck großer Zufriedenheit zu dem Geſichte des Lord H. Was er dort ſah, machte, daß er ſtutzte und dann lächelte; denn die Züge auf dem Geſichte des jungen Edelmannes wa⸗ ren zu deutlich, als daß man ſie hätte verkennen kön⸗ nen, und Sir William, der nicht ohne ſeinen Antheil an Weltklugheit war, errieth ſogleich, daß Editha Prevoſt wahrſcheinlich eine Pairin von England wer⸗ den würde. „Wie vortrefflich ſie ſingt und ſpielt!“ rief der ältere General dem Lord H. zu, nachdem er Editha zu ihrem früheren Sitze zurückgeführt, aber ehe die Begeiſterung ſich gelegt hatte;„man ſollte kaum erwar⸗ ten, ſolche Muſik in dieſen wilden Wäldern Ameri⸗ ka's zu finden.“ „Sie iſt ganz Muſik,“ ſagte Lord H. in zer⸗ ſtreutem Tone und fügte dann hinzu, indem er ſich beſann;„aber Sie dürfen ſolche Fertigkeit und Voll⸗ kommenheit nicht ganz Amerika zuſchreiben, Sir Wil⸗ liam; denn ich höre, daß Miß Prevoſt in Enropa erzogen worden.“ „Nur bis zum vierzehnten Jahre,“ verſetzte der — 206— Andere;„aber es iſt eine ſehr ausgezeichnete Familie. Wenn es je ein vollkommenes Mädchen gab, ſo iſt ſie es. Wenn ihr Vater auch etwas zu ſehr dem Träumen ergeben iſt, ſo iſt er doch ein Mann von ausgezeichneter Geiſteskraft und ihr Bruder Walter, den ich faſt als Sohn betrachte, iſt voll hoher und edler Eigenſchaften und Fähigkeiten, die ihn, wenn er am Leben bleibt, gewiß zur Größe führen werden.“ „Ich glaube es auch,“ entgegnete Lord H. Und hier war die Unterredung für jetzt zu Ende. Der Abend verging ohne ein bemerkenswerthes Ereigniß, und am folgenden Morgen bei Tagesan⸗ bruch war der ganze Haushalt auf den Füßen. Das Frühſtück war für die Reiſenden bereit, und Nichts verrieth große Aengſtlichkeit von Seiten ihres Wirths bis zu dem Augenblick ihrer Abreiſe. Als ſie aber im Begriff waren, abzureiſen, und gerade als Editha in ihrem Amazonengewande und ihrem Hute mit flat⸗ ternden Straußfedern erſchien, wie die Damen zu je⸗ ner Zeit gewöhnlich zu Pferde trugen, rechtfertigte ſie vollkommen Sir William's Compliment, als er ihre Hand faßte und mit heiterer und höflicher Miene ſagte: „Ich bin im Begriff, Ihnen einen Auftrag zu ertheilen, meine ſchöne Hippolyta, und zwar nicht mehr oder weniger, als das Commando über ein hal⸗ bes Dutzend Dragoner, von welchen ich wünſche, daß — 207— ſie einen Theil des Weges mit Ihnen gehen, theils um ihre Pferde auf der Straße zu üben, die ſehr gut von Baumſtämmen und Steinen befreit iſt für dieſen Theil des Landes, theils um zu unterſuchen, was ein wenig weiter nach Nordoſten vorgeht und endlich, um mir die angenehme Nachricht zu bringen, daß Sie we⸗ nigſtens den halben Weg nach Hauſe in Sicherheit zurückgelegt haben.“ Lord H. ſah ihm ſchweigend ins Geſicht. Editha wurde ein wenig blaß, ſagte aber Nichts. Herr Pre⸗ voſt kam aber ſogleich zur Sache und ſagte: „Sie wiſſen um eine Gefahr, mein guter Freund? Benachrichtigen Sie uns lieber von den einzelnen Um⸗ ſtänden, damit wir auf unſerer Hut ſein mögen.“ „Ich weiß um keine, Prevoſt,“ antwortete Sir William,„mit Ausnahme der allgeineien Gefahren, einen Ort an den Grenzen eines wilden Volks zu be⸗ wohnen, beſonders wenn etwas geſchehen iſt, um ſie zu beleidigen. Sie wiſſen, was wir geſtern Morgen ſprachen. Die Oneidas verzeihen nicht leicht, und in dieſem Falle wollen ſie nicht verzeihen. Aber ich habe jeden Grund zu glauben, daß ſie für jetzt ihren Heim⸗ weg eingeſchlagen haben. Meine Leute verfolgten ſie eine gute Strecke weſtlich, und nur von einzelnen Nachzüglern iſt Gefahr zu fürchten: Herr Prevoſt ſann nach, ohne ſich der Thür zu — 208— nähern, die für ſie geöffnet war, und ſagte dann in ſinnendem Tone: „Ich denke nicht, daß ſie eine große Abtheilung angreifen werden, Sir William, auch wenn ſie ſich überzeugt haben, daß ſie des Mannes nicht habhaft werden können, der ſie ſo ſehr in Wuth geſetzt hat. Dieſe Indianer ſind ein ſehr liſtiges Volk, und ſie befriedigen oft ihr Ehrgefühl durch eine Liſt, beſon⸗ ders wenn zwei Pflichten, wie ſie dieſelben anſehen, einander gegenüberſtehen. Nach dem, was geſtern ge⸗ ſchehen iſt, werden ſie gewiß keine Handlung der Feindſchaft gegen England begehen. Sie haben ſich uns verbündet und werden ihr Wort nicht brechen. Sie werden keine große Abtheilung angreifen, noch auch irgend einen Engländer im offenen Kampfe töd⸗ ten, wenn ſie auch eine einzelne Perſon wegſtehlen, und ſie, nach ihren ſeltſamen Anſichten von Sühne, für das von einem Anderen vergoſſene Blut zu einem förmlichen Opfer darbringen.“ „Sie kennen die Indianer gut, Prevoſt,“ ſagte Sir William Johnſon ernſt,„wunderbar gut, in Betracht der kurzen Zeit, die Sie unter ihnen verlebt haben.“ „Ich habe wenig weiter zu thun gehabt, als ſie zu ſtudiren,“ entgegnete der Andere,„und der Gegen⸗ ſtand iſt von großem Intereſſe. Aber glauben Sie, mein guter Freund, daß ich in meiner Anſicht Unrecht habe?“ „Ganz im Gegentheil,“ verſetzte Sir William; „und das iſt der Grund, weshalb ich Ihnen die Soldaten mitgebe. Eine Geſellſchaft von acht oder zehn Perſonen iſt völlig ſi ſicher, und ich möchte rathen, daß in den nächſten zwei oder drei Monaten, oder bis dieſer unglückliche Brooks oder Woodchuck, wie er genannt wird, gefangen genommen worden, ſich Niemand einzeln von ſeiner Wohnung entfernen ſollte. Eine Abtheilung, wie dieſe, dürfte groß genug ſein. Ich weiß nicht, ob Mylords rother Rock, den er, wie ich ſehe, auch heute angelegt hat, nicht ſchon ein hinlänglicher Schutz ſein möchte; denn ſie werden Nichts wagen, was als eine feindſelige Handlung gegen die engliſche Regierung ausgelegt werden könnte. In Begleitung der Soldaten aber werden Sie um ſo ſicherer ſein, bis Sie an der Stelle vorüber ſind, von wo an es nicht wahrſcheinlich iſt, daß noch mehr von ihnen gefunden werden. Ich wiederhole, ich weiß von keiner Gefahr; aber ich möchte gern völlig ſicher gehen, wo es ſich um eine ſchöne Dame han⸗ delt.“ Und er verneigte ſich graziös gegen Editha. Es wurde wenig mehr geſprochen, und von ihrem Wirthe Abſchied nehmend, beſtiegen Herrn Pre⸗ voſt's Begleiter ihre Pferde und machten ſich, von Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 14 — 210— einer Korporalſchaft Dragoner begleitet, auf den Weg, von welchen damals eine kleine Abtheilung in der Provinz New York ſtand, obgleich ſie bisher wenig Gelegenheit gehabt hatten, ihre Tapferkeit dem Feinde gegenüber an den Tag zu legen. Auch würde im gegenwärtigen Falle keine beſonders günſtige Gele⸗ genheit vorhanden geweſen ſein, auch wenn Herr Pre⸗ voſt und ſeine Begleiter angegriffen worden wären; denn wenn gleich der Weg, auf dem ſie ritten, im Vergleich mit den indianiſchen Fußwegen, breit und frei war, ſo umgaben ihn doch faſt überall unzugäng⸗ liche Wälder, wo die Bewegungen der Cavalerie un⸗ möglich geweſen wären und unter deren Schirm ein geſchickter Schütze ſeine Leute ſelber unbemerkt hätte tödten können. 4 Sir William Johnſon war demnach aufrichtig, indem er ſagte, er glaube, daß ſchon der Anblick der engliſchen Soldaten ein hinlänglicher Schutz ſein würde. Er wußte wohl, daß die Indianer jeden Kampf vermeiden und beſonders ſich hüten würden, mit den Truppen ihrer britiſchen Verbündeten in feindliche Berührung zu kommen. Wahrſcheinlich ver⸗ ließen ſie ſich allein auf ihre Liſt, um ſich ein Opfer zu ſichern, womit ſie ihren Rachedurſt ſtillen konnten; aber auf dieſe Wahrſcheinlichkeit wollte er ſich nicht ganz verlaſſen. Da die Soldaten ſie begleiteten, ſah er ſeine Freunde indeß mit voller Zuverſicht ſich ent⸗ fernen, und ſie ſahen auch kein menſchliches Weſen, bis ſie die Ufer des kleinen Sees erreichten, in deſſen Nähe ſie bei ihrer Hinreiſe Halt gemacht, und wo ſie wieder abſtiegen, um Erfriſchungen einzunehmen. Es war ein ſehr angenehmer Ort und wohl geeignet zu einem Ruheplatze; auch war die Ruhe nicht ganz nutzlos, obgleich die zurückgelegte Entfer⸗ nung weder für Menſchen noch für Pferde beſonders groß war. Aber die Luft war außerordentlich drük⸗ kend, wie in dem ſogenannten indianiſchen Sommer, wo das Wetter nach vielen froſtigen Tagen plötzlich ſchwül wird, wie in der Mitte des Junius und die Luft von gelbem, räucherigem Dunſte überladen iſt, der wohl dieſe Benennung verdient, die ihm auf der weſtlichen Seite des atlantiſchen Meeres beigelegt wird. Es fehlte nicht an Luft, denn der Wind blies aus Südoſten, aber es lag keine Friſche in ſeinem Hauche. Er glich dem Sirocco, der Allem, was er anwehte, Stärke und Feſtigkeit nahm, und die Pferde, nach⸗ dem man ſie von ihrer Laſt befreit hatte, ſtanden mehrere Minuten mit geſenkten Köpfen und bebenden Seiten da, ohne den Verſuch zu machen, das Gras unter den Bäumen abzugraſen. So war die Ruhe angenehm und der Anblick des kleinen Sees kühl und erfriſchend. Die Reiſenden verweilten dort ein wenig länger, als ſie beabſichtigt hatten, und der Neger, der die Aufſicht über das 14* — 212— Gepäck hatte, erinnerte ſie zuerſt, daß der Tag dahin⸗ ſchwinde. „Maſſa vergißt,“ ſagte er,„daß die Sonne im October früh zu Bette geht. Wir haben noch zwölf Meilen vor uns und der Weg iſt nicht immer ſo gut.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Herr Prevoſt aufſte⸗ hend.„Es wird beſſer ſein, uns wieder auf den Weg zu machen, Mylord, denn es iſt jetzt zwei Uhr vorbei und wir werden kaum bei Tage noch das Haus erreichen. Ich glanbe in der That, Korporal,“ fuhr er zu dem Unterofficier gewendet fort, der mit ſeinen Leuten in einiger Entfernung dageſeſſen und die mitgebrachten Lebensmittel verzehrt hatte,„daß es unnöthig iſt, Sie weiter zu bemühen. Es iſt keine Spur von Indianern noch auch von irgend einem menſchlichen Weſen im Walde, außer uns. Wäre es der Fall, ſo würde mein guter Freund Chundo hier es ſchon entdeckt haben, denn er kennt ihre Spuren ſo gut, wie irgend einer von ihren eigenen Leuten.“ „Ja, das iſt wahr, Maſſa,“ verſetzte der Ne⸗ ger, auf den er deutete.„Ich kann beſchwören, daß ſeit geſtern kein Indianer dieſen Weg gekommen iſt.“ „Ich habe Befehl, mein Herr, noch vier Meilen weiter bis zu dem großen verbrannten Lindenbaume zu gehen,“ verſetzte der Soldat in feſtem, aber re⸗ ſpectvollem Tone,„und ich muß meinen erhaltenen Befehlen gehorchen.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Lord H., dem des Mannes Benehmen gefiel.„Wie iſt Ihr Name, Korporal?“ „Clithero, Mylord,“ verſetzte der Mann mili⸗ tairiſch grüßend,„Korporal Clithero.“— Lord H. nickte mit dem Kopfez dann ſaß die Geſellſchaft wieder auf und ſetzte ihren Weg fort. Der Weg aber war, wie der Neger geſagt hatte, als man weiter kam, ſchwerer zu paſſiren, und die Ge⸗ ſellſchaft bedurfte einer Stunde, um den großen Lin⸗ denbaum zu erreichen, in deſſen Rinde man drei tiefe Zeichen eingehauen hatte, als der Weg angelegt worden war. Dort hielt die Geſellſchaft einige Au⸗ genblicke an und mit wenigen Worten des Dankes entließ Herr Prevoſt ſeine Begleitung. „Wie düſter die Luft auf dieſem Wege iſt!“ rief Lord H. vor ſich blickend;„und doch ſcheint die Sonne gerade über denſelben ins Thal hinunter. Man ſollte faſt glauben, er wäre mit Rauch ange⸗ füllt.“ „Dies iſt, was wir in Amerika einen räucheri⸗ gen Tag nennen,“ verſetzte Herr Prevoſt;„aber ich erlebte nie, daß der indianiſche Sommer mit ſolchem Winde kam.“. Für jetzt wurde Nichts mehr von der Sache ge⸗ — 214— ſprochen, und da der Weg immer enger wurde, ſo ritten Herr Prevoſt und der Neger, die am beſten mit dem Wege bekannt waren, voran, während Lord H. an Cditha's Seite folgte und ſich in ruhigen und leiſen Tönen mit Editha unterhielt, doch mit Worten, welche machten, daß die Farbe auf ihrer Wange wechſelte. Dieſe Worte waren nicht gerade Worte der Liebe. Wenn man ſie niederſchriebe, würden ſie ſehr wenig Bedeutung, noch weniger Anwendung haben; aber alle Dinge haben eine ſolche Harmonie im Weltall, daß Alles, was von den begleitenden Umſtänden ge⸗ trennt wird, Nichts oder weniger als Nichts bedeutet. Seine Töne waren ruhig und leiſe, wie ich geſagt habe; aber ſie waren auch zärtlich. Seine Worte waren nicht Worte der Liebe, aber ſie hatten ein Feuer an ſich, wie es nur die Liebe verleihen konnte, und der Contraſt zwiſchen dem ruhigen und leiſen Tone und jener vollen und glühenden Sprache fügte alles Nöthige hinzu, um ihnen die Bedeutung des Herzens, mehr als der Wörterbücher zu geben. Er ſprach von ihrem Geſange am Abend zuvor und von der Muſik im Allgemeinen; er ſprach von den Schön⸗ heiten der Seenerie, von der Färbung der Landſchaft — er ſprach von der alten und neuen Welt, von der Geſellſchaft und der Einſamkeit. Aber wovon er auch — 215— ſprach, er dachte an Editha Prevoſt, und es zeigte ihr etwas, daß dies der Fall war. So ritten ſie etwa vier Meilen weiter, und der Abend rückte raſch heran, obgleich noch kein Strahl vom Himmel gewichen war. Plötzlich zog Herr Pre⸗ voſt ſeinen Zügel an und ſagte in leiſem aber deutli⸗ chem Tone zu dem Neger: „Was geht dort über den Weg?“ „Kein Indianer,“ rief der Neger, deſſen Augen beſtändig vorwärts blickten. „Es treibt doch Rauch über den Weg,“ ſagte Herr Prevoſt,„und ich denke ich rieche ihn auch.“ „Ich habe es ſchon ſeit einiger Zeit gedacht,“ ſagte Lord H., der jetzt mit Editha nahe bei ihnen war.„Iſt das Feuer ſehr häufig in dieſen Wäl⸗ dern?“ „Nicht ſehr,“ antwortete Herr Prevoſt,„aber die Jahreszeit iſt ungewöhnlich trocken geweſen. Guter Himmel! ich hofſe, meine Furcht iſt nicht prophetiſch. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, was aus meinem Hauſe werden würde, wenn der Wald ſich entzündete.“ „Es wird beſſer ſein, wir reiten ſo ſchnell wie möglich,“ ſagte der Edelmann;„denn im ſchlimmſten Falle möchten wir da noch im Stande ſein, etwas von Ihren Sachen zu retten.“⸗ „Wir müſſen vorſichtig ſein,“ entgegnete der — 216— Andere in gedankenvollem Tone.„Das Feuer iſt ein launiſches Element und läuft oft nach Riechtungen, die man am wenigſten erwartet. Ich habe von Leu⸗ ten gehört, die ſo von dem brennenden Walde einge⸗ engt wurden, daß ſie nicht im Stande waren, zu entfliehen.“ „O ja,“ rief der Neger,„ich erinnere mich ſehr wohl, als ich noch ein kleiner Knabe war, daß Maſſa John Boſtock und fünf andere Männer mit ihm hinter Albany in einen Fichtenwald kamen, wel⸗ cher Feuer fing. Er lief hier und dort hin, aber das Feuer umringte ihn und röſtete ihn ſo ſchwarz wie ich bin. Ich ſah, wie ſie ſeine Leiche heimbrachten, aber ſie war nicht mehr zu erkennen, als wenn es ein verbrannter Fichtenſtamm geweſen wäre.“ „Wenn ich mich recht erinnere,“ ſagte Lord H., „ſo kamen wir in dieſer Gegend über einen hohen Hügel, wo wir eine ſchöne klare Ausſicht über die ganze Waldgegend hatten. Es wird beſſer ſein, wenn wir uns ſogleich dorthin begeben. Das Feuer kann ihn noch nicht erreicht haben, wenn meine Erinnerung von der Entfernung richtig iſt; denn wenn gleich der Wind auf uns zuweht, iſt doch der Rauch keineswegs dicht. Das Feuer kann meilenweit entfernt, ja jen⸗ ſeits Ihres Hauſes ſein.“ „Das wolle Gott geben!“ rief Herr Prevoſt weiterreitend;„aber ich fürchte, es iſt näher.“ — 217— Die Uebrigen folgten ſo raſch, wie die Stämme und umgefallenen Bäume es ihnen geſtatteten, und eine halbe Meile weiter begann man den Hügel hinaufzureiten, den Lord H. erwähnt hatte. Bis zu der Stelle hin war der Rauch immer dichter und dichter geworden und ſchien das Thal daherzuſtrömen, welches von jenem Hügel und einem anderen zur Lin⸗ ken gebildet wurde, durch welches Thal der kleine Fluß, in welchem Sir William Johnſon Walter Prevoſt hatte fiſchen ſehen, aber jetzt ein breiter und ſehr flacher Strom, ſeinen Weg zum Mohawk nahm. Als ſie aber hinaufzuſteigen begannen, nahm der Rauch ab und Cditha rief freudig: „Ich hoffe, lieber Vater, das Feuer iſt weiter nördlich.“ „Wir werden ſehen— wir werden ſehen,“ ſagte Herr Prevoſt, ſein Pferd nach vorwärts treibend. „Die Sonne geht ſchnell unter, und ein wenig Eile wird auf jeden Fall beſſer ſein.“ Etwa fünf Minuten ſpäter erreichten ſie den Gipfel des Hügels, wo man zwei ſich durchkreuzende Wege angelegt und einen beträchtlichen Theil des Waldes abgeräumt hatte. Hier überſchaute man einen großen Theil des wellenförmigen, bewaldeten Landes in dem Winkel, den der obere Hudſon und der Mohawk bilden. Städte ſind jetzt entſtanden und Dörfer über die Fläche des Landes ausgeſtreut; reiche — 218— Felder von Weizen und Mais, Obſtgärten und fried⸗ liche Landhäuſer begrüßen das Auge überall, wohin es ſich von dem Gipfel jenes Hügels wendet; aber damals war es anders. Mit der Ausnahme eines Teiches oder kleinen Sees, einem ranſchenden Strome oder einer natürlichen Savanna von einigen Hundert Morgen war Alles Wald, und das einzige Zeichen einer menſchlichen Wohnung, welches man entdecken konnte, war das Dach und die Schornſteine des Hauſes des Herrn Prevoſt, welches man ſonſt ſchon auf einem niedrigeren Hügel über die Bäume hinweg erblickte. Jetzt aber konnte man das Haus nicht ſehen Der Anblick, den die Gegend darſtellte, war ſchön, aber ſchrecklich. An der einen Seite ſtand die Sonne, deren unterer Rand bereits den Wald be⸗ rührte, und warf eine Fluth vielfarbigen Lichts auf die leichten, phantaſtiſchen Wolken, die über den weſt⸗ lichen Himmel ausgeſtreut waren. Nach Oſten und Norden, das ganze Thal zwi⸗ ſchen dem Hügel, worauf ſie ſtanden, und der An⸗ höhe, auf welcher Herrn Prevoſt's Haus lag und einen Halbkreis von drei bis vier Meilen bildend, befand ſich eine dichte, röthlich braune Rauchwolke, welche die Stelle bezeichnete, wo das Feuer wüthete und an jedem Rande in ein bläuliches Grau überging. Es war keine Flamme durch die ſchwere Wolke zu — 219— ſehen; aber von Zeit zu Zeit fuhr ein plötzlicher Blitz darüber hin, nicht hell und lebhaft, ſondern matt und halb verdunkelt, wenn das wilde Element ſich der trockneren und brennbareren Materialien des Waldes bemächtigte. Hie und da entzündete ſich auch ein einzelner, höherer Baum, der mit dürren Schling⸗ pflanzen umgeben war, und bildete von der Wurzel bis zur Spitze eine hohe Feuerſäulez dann miſchten ſich plötzlich, in Folge einer Anhäufung dürren Gra⸗ ſes oder verwelkter Blätter, von Feuer und Wind zugleich ergriffen, helle Funken mit der Rauchwolke und wurden auf einen Augenblick nach Weſten ge⸗ ſchleudert. Es war ein großartiges, aber ſchreckliches Schau⸗ ſpiel, und als Herr Prevoſt daſſelbe anblickte, erho⸗ ben ſich Gedanken und Gefühle in ſeiner Bruſt, die ſelbſt Editha nicht zu ſchätzen wußte. Funfzehntes Kapitel. 7 „Sehen Sie— ſehen Sie, Herr Prevoſt!“ rief Lord H., als ſie einige Minuten ſchweigend dar⸗ auf hingeblickt hatten;„der Wind treibt den Rauch hinweg; ich ſehe den Giebel Ihres Hauſes; es iſt noch unverletzt, denn der Wind weht von demſelben weg.“ „Nicht genug,“ ſagte Herr Prevoſt in düſterem Tone.„Wenn er ſich im Geringſten dreht, iſt es da⸗ hin. An dem Hauſe liegt mir Nichts; ebenſo wenig wie an den Scheunen und Vorräthen. Das Alles iſt wieder zu erſetzen, oder ich kann es auch entbeh⸗ ren; aber es ſind Gegenſtände in meinem Hauſe, My⸗ lord, ohne die ich nicht ſein kann.“ „Glauben Sie nicht, daß wir es erreichen kön⸗ nen?“ fragte Lord H.„Wenn wir mit unſeren Pfer⸗ den dort in den Strom reiten, können wir ſeinem — 221— Bette folgen, denn er ſcheint breit und flach zu ſein, und die Bäume weichen von ſeinen Ufern zurück. Sind tiefe Stellen darin?“ „Nein, Maſſa,“ verſetzte der Neger. „Wir wollen es auf jeden Fall verſuchen,“ rief Lord H., ſein Pferd herumlenkend;„wir dürfen nur wieder umkehren, wenn wir finden, daß wir den Rauch und die Hitze nicht aushalten können.“ „Meine Tochter!“ rief Herr Prevoſt in einem Tone tiefen und mächtigen Gefühls;„meine Tochter, Lord H.!“ Der junge Edelmann ſchwieg. Die Geſchichten, die er an dem Tage gehört, und viele, die man ihm vorher erzählt von Perſonen, die ſich in brennenden Wäldern verirrt, und die nicht zu entfliehen im Stande geweſen, und die ihm als übertrieben erſchienen wa⸗ ren, nahmen eine ſchreckliche Wirklichkeit an, ſobald Editha's Name genannt wurde, und er dachte mit Schaudern an den Vorſchlag, den er einen Augen⸗ blick vorher gemacht. Er ſchwieg dann, und Herr Prevoſt war der Erſte, welcher ſprach. „Ich muß gehen,“ ſagte er nach kurzem Nach⸗ denken in düſterem Ernſt.„Ich muß gehen, es mag daraus werden was will.“ 8 Er verſank wieder in Schweigen und es ging ein heftiger Kampf in ſeiner Bruſt vor, den der Leſer nicht begreifen kann, ohne daß der dunkle Vorhang — 222— aufgezogen wird, der die innerſten Geheimniſſe des Herzens vor den Augen der kurzſichtigen Welt ver⸗ birgt. Er hatte zu wählen, ob er viele Dinge aufs Spiel ſetzen wolle, die ihm theurer waren, als das Leben ſelber, oder durch jenen feurigen Abgrund ge⸗ hen— ob er ſeine Tochter, die ihm theurer war, als das Leben ſelber, mit ſich nehmen und ſie allen Ge⸗ fahren, die er ſelber nicht fürchtete, der verſengenden Flamme, dem erſtickenden Rauche, den umſtürzenden Bäumen, ausſetzen oder ſie zurücklaſſen ſolle, um in der Dunkelheit ihren Weg durch einen vielleicht mit Feinden angefüllten Wald zu einem kleinen, ſieben oder acht Meilen entfernten Landhauſe zu finden, wo gute und freundliche Leute wohnten, die ihr Aufnahme und Fürſorge zu Theil werden laſſen würden. Dann kam die Frage— denn die erſte war bald entſchieden— wen er bei ihr laſſen ſolle. Er ſelber mußte Jemand bei ſich haben, denn bei den vielen Gefahren, die ſei⸗ nen kurzen Weg umgaben, konnte er kaum hoffen, al⸗ lein und ohne Unterſtützung nach Hauſe zu gelangen. Lord H. konnte in einer Hinſicht ein ſehr nützlicher Begleiter ſein, denn ſein Muth, ſeine Kühnheit, ſeine raſche Entſchloſſenheit und ſeine klare Beobachtungs⸗ gabe waren bereits allgemein bekannt. Aber Editha in jener dunklen Nacht in dem wilden Walde mit einem Neger als Führer allein zu laſſen, der zwar ſchlau, ſcharfſichtig und thätig genug — 223— war, deſſen Leidenſchaften aber nicht durch Erziehung, Ehrgefühl oder Religion gezügelt wurden— daran war nicht zu denken. Zu Lord H. hatte er volles Vertrauen. Er hatte den Ruf eines Mannes von Ehre und Herr Prevoſt wußte, daß er ihm Editha unbedingt anvertrauen könne. Er konnte indeſſen keine raſche Entſcheidung faſ⸗ ſen und ſchwieg zwei oder drei Minuten. Dann wen⸗ dete er ſich plötzlich zu Lord H. und ſagte: „Mylord, ich bin im Begriff, Ihnen das Theuerſte anzuvertrauen, was ich auf Erden beſitze— meine Tochter— ſie unter den Schutz Ihrer Ehre zu ſtel⸗ len und ihre Vertheidigung von Ihnen zu erwarten. Als einem engliſchen Edelmanne von hohem Namen und Ruf vertraue ich Ihnen ohne allen Zweifel. Ich muß meinen Weg durch jenes Feuer bahnen, um ei⸗ nige Papiere und zwei Gemälde zu retten, die ich mehr als mein eigenes Leben ſchätze. Ich will mei⸗ nen guten Freund Chando hier mit mir nehmen und muß es Ihnen überlaſſen, Editha an einen ſicheren Ort zu führen.“ „O mein Vater!“ rief Editha; doch er fuhr zu ſprechen fort ohne auf ſie zu achten. „Wenn Sie jenen Weg verfolgen,“ fuhr er fort, indem er auf den deutete, welcher ſüdlich führte,„wer⸗ den Sie in der Entfernung von ſieben Meilen auf der linken Seite des Weges ein ziemlich großes Landhaus — 224— finden. Editha weiß es und kann Ihnen den Weg dorthin zeigen. Die Leute ſind wahrſcheinlich draußen, um den Fortſchritt des Feuers zu beobachten; aber Sie werden die Frau zu Hauſe finden, und die Leute ſind freundlich, wenn gleich einfach und ohne Erzie⸗ hung. Ich habe keine Zeit, weitere Anweiſungen zu ertheilen. Editha, mein Kind, Gott ſegne Dich! Verdunkle unſer Scheiden nicht durch einen Zweiſel an dem Schutze des Himmels. Sollte mir etwas begegnen— und ſein Wille geſchehe— ſo werden Du und Walter bei dem Rechtsgelehrten in Albany alle Papiere finden, die ſich auf dieſes kleine Gut, ſo wie auf das Wenige beziehen, was wir in England beſitzen. Gott ſegne Dich, mein Kind, Gott ſegne Dich!“ Hierauf wendete er ſein Pferd herum, ritt ſchnell den Hügel hinunter und winkte dem Neger, ihm zu folgen. „O mein Vater, mein Vater!“ rief Editha, die ihren Zügel ſinken ließ, ihre Hände zuſammenſchlug und ihn gern begleitet hätte.„Er wird umkommen — o! Ich fürchte, er wird umkommen!“ „Ich hoffe nicht,“ ſagte Lord H. in feſtem und ruhigem Tone, wohl geeignet Hoffnung und Vertrauen einzuflößen.„Er kennt die Gegend wohl und kann jede Wendung benutzen, um der Flamme auszuwei⸗ chen. Ueberdies, wenn Sie den kleinen Strom hin⸗ unterblicken, werden Sie eine Senkung in jener Rauch⸗ ſee bemerken, und wenn der Wind ſtark weht, iſt der Fluß faſt frei. Er ſagte auch, die Ufer wären im⸗ mer ohne Bäume.“ „Bis zur Brücke und zur Strömung in der Nähe unſeres Hauſes,“ verſetzte Editha;„weiterhin iſt der Fluß dicht bewaldet.“ „Aber das Feuer hat offenbar jene Stelle erreicht,“ bemerkte der junge Edelmann;„für jetzt iſt der Bo⸗ den eine halbe Meile vom Hauſe frei. Ich ſah es eben ganz deutlich, und der Wind bläſt hierher.“ „Können wir ihm denn nicht folgen?“ fragte ſeine ſchöne Begleiterin flehend. „Zu welchem Zwecke?“ entgegnete Lord H.;„und überdies will ich Sie an die Antwort des guten Kor⸗ poral Clithero erinnern. Er ſagte, er müſſe ſeinem erhaltenen Befehle gehorchen, und er hatte Recht. Ein Soldat hat gegen ſeinen Commandeur, ein Kind ge⸗ gen ſeine Eltern, ein Chriſt gegen ſeinen Gott nur eine Pflicht zu erfüllen— nämlich zu gehorchen. Kommen Sie, Editha, und laſſen Sie uns der er⸗ haltenen Anweiſung Folge leiſten. Die Sonne iſt be⸗ reits unter dem Rande des Waldes. Es kann nicht nützen, hier zu ſtehen und hinauszublicken, und wenn ich gleich glaube, daß keine Gefahr vorhanden iſt, und daß Sie unter meinem Schutze völlig ſicher ſein werden, ſo wünſche ich doch aus vielen Gründen, Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 1⁵ — 226— daß Sie ſo bald wie möglich unter einem Dache und in Geſellſchaft anderer Frauen ſein möchten.“ „Ich danke Ihnen ſehr,“ antwortete ſie, ihm ins Geſicht blickend, auf welches die letzten Strahlen aus Weſten einen warmen Schimmer warfen;„Sie erinnern mich an meine Pflicht und ſtärken mich, ſie zu erfüllen. Ich fürchte keine Gefahr, wenn Sie mich beſchützen, Mylord— ich fürchtete nur für meinen Vater. Aber ſelbſt dies war unrecht. Gott wird uns Alle beſchützen— das hoffe und glaube ich. Wir müſſen dieſen Weg einſchlagen, Mylord.“ Und mit tiefem Seufzer lenkte ſie ihr Pferd auf den Pfad, den ihr Vater angedeutet hatte. In keiner Lage zeigt ſich das gute Gefühl deut⸗ licher, als im Streite mit dem guten Gefühl. Es mag als ein Widerſpruch erſcheinen; aber es war nicht ſo. Es gefiel dem Lord H. nicht, daß Editha ihm in dem Augenblick ſeinen förmlichen Titel beilegte. Er hätte es gern geſehen, wenn ſie ihm eine weniger ceremoniöſe Benennung gegeben hätte. Ja, er hätte ihr gern in jenem Augenblick der Aengſtlichkeit und des Kummers ſeine Liebe erklärt; doch er erinnerte ſich, daß ſie ein junges Mädchen ſei, welches man in jener Nacht im wilden Walde mit ihm allein ge⸗ laſſen und ſeiner Ehre und Delicateſſe anvertraut, und kämpfte männlich, um jedes Gefühl zu lenken und jedes Wort zu beherrſchen. Wenn auch eine grö⸗ ₰ — 227— ßere Zärtlichkeit in ſeinem Tone lag— wenn auch die Worte:„Miß Prevoſt“ ausgeſprochen wurden, als wenn er„Editha“ ſagte— wenn der vertrauliche Aus⸗ druck„meine liebe junge Dame“ faſt wie„liebes Mädchen“ tönte, dürfen wir nicht zu genau hinſehen oder zu hart urtheilen. Es war nur ſo viel Zärt⸗ lichkeit da, um zu beruhigen und nicht zu beunruhi⸗ gen— Vertraulichkeit genug, um das Gefühl in ihr zu erregen, daß ſie bei einem Freunde und nicht bei einem Fremden ſei. In dem Augenblick war natürlich kein gewöhn⸗ licher Gegenſtand der Unterhaltung anwendbar. Nur eine Sache hatten ſie zu beſprechen; und doch wußte Lord H. mehr daraus zu machen, als manche andere Menſchen aus tauſend Dingen. Er tröſtete und be⸗ ruhigte ſie— er erregte ihre Hoffnung und Erwar⸗ tung. Seine Worte waren voll Verheißungz und aus Allem entlehnte er einen Troſt und eine Beru⸗ higung. Wenn er Editha's Augen in dem ruhigen Ver⸗ kehr ſtiller und friedlicher Stunden liebenswürdig er⸗ ſchienen war, ſo erſchien er jetzt noch liebenswürdiger, da die Umſtände, worin ſie ſich befand, alle freund⸗ lichen Gefühle ſeines Herzens hervorriefen. Einige Augenblicke, nachdem ſie den Gipfel des Hügels verlaſſen hatten und den ſanſten Abhang nach Südoſten hinunterzuſteigen begannen, verſchwanden die 15* — 228— letzten Strahlen der Sonne und die Nacht folgte; aber es war die helle und ſchimmernde Nacht des amerikaniſchen Himmels. Der Mond ſchien freilich nicht, aber die Sterne brachen ſchaarenweiſe am Fir⸗ mamente hervor, größer und glänzender, als man ſie je in der klarſten europäiſchen Atmosphäre ſah; und ſie gewährten Licht genug, ſo daß die beiden Reiſen⸗ den ihren Weg ſehen konnten. Der Wind blies noch immer ſtark und führte den Rauch hinweg, und der Weg war breit genug, um den Sternenbaldachin über den Bäumen zu zeigen. Lord H. erhob ſeine Hand, deutete auf einen be⸗ ſonders großen Stern, der nicht weit vom Scheitel⸗ punkte ſchimmerte, und ſagte in ernſtem und zuver⸗ ſichtlichem Tone: „Der Gott, der jene große, prächtige Welt bil⸗ dete und gleichfalls die kleinſte Ameiſe ſchuf, die über unſeren Pfad dahinläuft— der durch ſeinen Willen zahlloſe Planetenſyſteme mit ihren wechſelnden Bewe⸗ gungen und die wunderbare Organiſation des klein⸗ ſten Inſerts ſo vollkommen gemacht hat, muß ein Gott der Liebe und Gnade ſein, ſo wie der Macht, und ſeine Gnade wirkt noch immer in Allem, was uns auf dieſer Erde begegnet.“ „Ich glaube und hoffe es auch,“ antwortete Edi⸗ tha;„aber es giebt Zeiten, wo wir in unſerer Blind⸗ heit die Wirkungen der gnädigen und mächtigen Hand 229 nicht ſehen können, und das Herz ſinkt vor Schre⸗ cken, wenn er es nicht unterſtützt. Gewiß kann keine Sünde darin liegen. Unſer göttlicher Meiſter ſelber, in unſerer menſchlichen Natur, rief am Kreuze in der dunkelſten Stunde:„„Mein Gott, mein Gott, warum haſt Du mich verlaſſen 2³ Da ſie außerordentlich langſam reiten mußten, ſo machten ſie ſehr wenig Fortſchritte in einer Stunde, und nach Verlauf dieſer Zeit zeigte ein ſtarker Ge⸗ ruch von brennendem Holze und ein beißendes Gefühl in den Augen, daß ein Theil des Rauches zu ihnen drang. „Ich fürchte, der Wind hat ſich gedreht,“ ſagte Editha;„der Rauch ſcheint hieher zu kommen.“ „Um ſo beſſer für Ihres Vaters Haus, liebe Dame,“ antwortete Lord H.„Nur eine Veränderung nach Weſten hatte er zu fürchten; je weiter nach Oſten, deſto beſſer.“ Sie verſanken wieder in Schweigen; aber eine oder zwei Minuten ſpäter erblickte Lord H. zur Lin⸗ ken des Jeges, wo die Bäume dicht ftanden, ein einzelnes Licht, gleich einer brennenden Lampe. Als ſie weiterritten wurde es bald von den Bäumen ver⸗ ſteckt, bald erſchien es wieder und mußte etwa drei⸗ bis vierhundert Schritte entfernt ſein. Es ſchien auch ſeinen Ort zu verändern, zu zittern und weiter zu ſchweben und dann in einer langen gewundenen Linie — 230— bewegte es ſich um den Gipfel eines Baumes gleich einer feurigen Schlange und einen Augenblick ſpäter verbreitete ſich die kniſternde Flamme plötzlich auf⸗ lodernd über die dürren Aeſte einer Fichte. „Das Feuer kommt näher, liebe Miß Prevoſt,“ ſagte Lord H.,„und es iſt nöthig, daß wir Vorſicht anwenden. Wie weit denken Sie, daß dieſes Land⸗ haus jetzt noch entfernt iſt?“ „Beinahe vier Meilen,“ antwortete Editha. „Liegt es gerade nach Süden?“ fragte ihr Be⸗ gleiter. 2 „Beinahe,“ verſetzte ſie. „Führt irgend ein Weg weſtlich?“ fragte der junge Edelmann, der noch immer ſeine Augen auf die entfernte Flamme richtete. „Ja,“ antwortete ſiez„etwa eine halbe Meile weiter führt ein ziemlich guter Weg au der Seite des Hügels dahin, um bei naſſem Wetter dem Sumpfe auszuweichen, aber eine Meile weiter vereinigt er ſich wieder mit dieſem Wege.“ „Laſſen Sie uns eilen,“ ſagte Lord H. plötzlichz „der Weg ſcheint gerade hier gut genug, und ich fürchte, es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Während er ſprach, faßte er Editha's Zügel, um ihr Pferd weiter zu leiten, und ritt etwa eine Viertelmeile weiter, indem er mit lebhaften Blicken das zunehmende Licht im Oſten beobachtete, wo es — 231— nach allen Richtungen durch die Bäume ſchimmerte, als hätte man zu einer Erleuchtung Lampen in die Bäume gehängt. An einer freien Stelle zeigte ſich plötzlich die ganze Feuermaſſe und die Reiſenden ſchie⸗ nen in die Oeffnung eines Schmelzofens zu blicken. Gerade jetzt drehte ſich der Wind ein wenig und blies die Lichtung herunter. Die Rauchwolke rollte vor⸗ wärts— ein Blitz nach dem anderen fuhr über die Linie dahin, als das Feuer die verwelkten Blätter an den Zweigen ergriff, und dann bemächtigte ſich die Flamme auch der Zweige und loderte hoch in die Luft auf. Krachend, kniſternd und ziſchend rauſchte das zer⸗ ſtörende Element vorwärts— erfaßte zu beiden Sei⸗ ten die höheren Bäume und ergoß ſich vor ihnen über den Weg. An einen ſolchen Anblick nicht gewöhnt, ſtutzte Editha's Pferd und fuhr heftig zurück; aber Lord H. ergriff ihre Reitpeitſche und verſetzte dem Pferde einen heftigen Schlag in die Seite, indem er es zugleich am Zügel weiterzog. Aber das Thier widerſetzte ſich auch jetzt. 3 Kein Augenblick war zu verlieren, und den Zü⸗ gel loslaſſend, umfaßte er ihre leichte Geſtalt mit ſei⸗ nem rechten Arme, hob ſie vom Sattel und ſetzte ſie ſicher vor ſich nieder. Dann gab er ſeinem wohlge⸗ ſchulten Pferde die Sporen, galoppirte durch die bren⸗ — 232— nenden Büſche und erreichte in zwei Minuten den. Boden jenſeits des Feuers. „Sie ſind gerettet, liebe Editha,“ ſagte er;„Sie ſind gerettet!“ Er konnte ſie jetzt nicht Miß Prevoſt nennen; und obgleich ſie den Namen hörte, den er ihr beilegte, tönte ihr derſelbe in jenem Augenblick der Dankbarkeit doch nur lieblich ins Ohr. Ich habe nicht dabei verweilen wollen zu ſagen, welches Editha's Gedanken und Gefühle waren, als ſie zuerſt ſah, wie das Feuer ſie umringte. Sie wa⸗ ren von der Art, wie die Gefühle eines jungen und furchtſamen Frauenzimmers bei der Ausſicht auf einen unmittelbaren und ſchrecklichen Untergang nur ſein konnten.. Wie es immer geſchieht, wenn eins von den finſteren Ereigniſſen des Schickſals uns eine anſchei⸗ nende Gewißheit des baldigen Todes vor Augen ſtellt — wenn die dunklen Thore zwiſchen den beiden Thä⸗ lern ſich öffnen, um uns einzulaſſen— wenn die Fluth oder das Feuer, der jähe Abhang oder irgend ein anderer plötzlicher Zufall bereit ſcheint, uns in ei⸗ nem Augenblick in die Ewigkeit zu verſetzen, ohne den Blick des Geiſtes zu verdunkeln oder die Kräfte der Vernunft und des Gedächtniſſes zu ſchwächen, wie bei dem langſamen Fortſchritte der Krankheit oder der Abnahme— wie es in ſolchen Fällen immer geſchieht, — 233— eilte Editha's Geiſt raſch wie eine Schwalbe über je⸗ des Ereigniß ihres vergangenen Daſeins dahin, und Gedanken, Gefühle, Hoffnungen, Freuden, Leiden, Sorgen, Erwartungen und Bedauern erhoben ſich nach einander vor ihren Augen mit der Klarheit und Deut⸗ lichkeit, welche wahrſcheinlich die Dinge dieſer Welt in einem künftigen Zuſtande annehmen. Auch ſchien jede Erinnerung, als ſie ſich vor ihr erhob, in trau⸗ rigem und feierlichem Tone zu ſagen:„Wir ſind auf immer dahin!“ Es iſt ſchrecklich, vom Leben zu ſcheiden— mit allen ſeinen Freuden und Sorgen— in der glänzen⸗ den Zeit der Hoffnung und des Glücks die Blüthe von dem Baume des Lebens abfallen zu ſehen, ehe die Frucht ſich bilden oder reifen kann, und Editha fühlte es ſo ſehr, wie nur irgend Jemand es fühlen kann. Aber es iſt nur nöthig, ihre Geſühle zu er⸗ wähnen, um ſie mit der Freude und Dankbarkeit zu vergleichen, die ſie empfand, als der Augenblick der Gefahr vorüber war. „Gott ſei Dank— Gott ſei Dank!“ rief Edi⸗ tha.„Und o! Mylord, wie kann ich Ihnen je meine Dankbarkeit zeigen?“ Lord H. ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann in leiſem Tone, denn es mußte ausgeſprochen werden: „Theure Editha, ich habe keinen Anſpruch an Dankbarkeit; aber wenn Sie mir Liebe zu Theil wer⸗ — 234— den laſſen wollen, ſo ſoll Ihnen Dankbarkeit auf Ihr ganzes Leben gewährt werden. Aber es iſt ſehr un⸗ recht von mir, in dieſem Angenblick und unter ſolchen Umſtänden ſo mit Ihnen zu reden. Doch giebt es Gemüthsbewegungen, die mit Gewalt in Worte über⸗ gehen, wir mögen wollen oder nicht. Vergeſſen Sie die, welche ich ausgeſprochen habe und zittern Sie nicht ſo, denn ſie ſollen nicht eher wiederholt werden, als bis ich eine paſſendere Gelegenheit dazu habe. Nun, liebe Editha, will ich langſam mit Ihnen zu dieſem Landhauſe reiten, Sie bei den guten Leuten zurücklaſſen und wenn möglich Jemand aufſuchen, der mich auf einem anderen Wege zu Ihrem Vater führt, um mich zu verſichern, ob er gerettet iſt. Ich bin feſt überzeugt, daß er glücklich durchgekommen iſt; denn eben dieſer Wechſel des Windes muß das Feuer von ihm hinweggetrieben haben. Möchten Sie lieber zu Fuße gehen? Ich fürchte, Sie haben einen unbe⸗ quemen Sitz, und wir ſind jetzt ganz ſicher, denn die Flammen haben eine andere Richtung genommen.“ Aus vielen Gründen zog Editha es vor zu Fuß zu gehen und Lord H. ließ ſie ſanft auf den Boden gleiten. Dann ſtieg er ſelber ab, zog ihren Arm durch den ſeinigen, führte ſein Pferd am Zügel, ging auf dem Wege weiter und ließ den unteren Weg, den die Flamme noch bedrohte, zur Linken. Editha bedurfte der Unterſtützung und ihr Fort⸗ — 235— ſchritt war langſam, aber Lord H. berührte keinen Ge⸗ genſtand mehr, der ſie hätte aufregen können, und nach Verlauf von etwa anderthalb Stunden erreichten ſie das Landhaus und klopften an, um eingelaſſen zu werden. Er erhielt indeſſen keine Antwort, keine Hunde bellten, kein Geränſch war zu hören und Alles war dunkel im Innern. Lord H. klopfte wieder an. Noch war Alles ſtill, und den Drücker anfaſſend, öffnete er die Thür. „Das Haus ſcheint verlaſſen zu ſein,“ ſagte er. Dann erhob er ſeine Stimme und rief laut, um ir⸗ gend einen ſchlummernden Bewohner zu wecken. Noch immer erhielt er keine Antwort, und er fühlte ſich mehr aufgeregt und unentſchloſſen, als ſonſt in Gegenwart einer wirklichen Gefahr der Fall gewe⸗ ſen wäre. Kein anderes Obdach war in der Nähe; er konnte Editha nicht dort zurücklaſſen, wie er beab⸗ ſichtigt hatte; doch der Gedanke, eine lange Nacht mit ihr in jenem verlaſſenen Hauſe hinzubringen, veran⸗ laßte ein Gefühl der Unentſchloſſenheit, von vielen Regungen durchkreuzt, die ihm nicht gewöhnlich waren. „Das trifft ſich ſehr unglücklich!“ rief er.„Was iſt jetzt zu thun?“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte Editha in leiſem und bekümmertem Tone.„Ich fürchte in der That, daß — 236— die guten Leute fort ſind. Wenn der Mond nur auf⸗ ginge, könnten wir ſehen, ob Jemand im Hauſe iſt.“ „Ich kann bald ein Licht machen,“ verſetzte Lord H.;„und es liegt Holz genug umher, um Feuer an⸗ zuzünden. Bleiben Sie hier in der Thür ſtehen, wäh⸗ rend ich mein Pferd anbinde und einige dürre Stöcke zuſammenleſe. Ich werde mich nicht weit entfernen.“ Die Stöcke waren bald aufgeleſen und in eine große Küche getragen, in welche die Thür ſogleich führte. Lord H. nahm ſeine Piſtolen aus den Sat⸗ teltaſchen und zündete damit ein angenehmes Feuer auf dem Herde an, und ſobald es aufloderte, wurden Gegenſtände im Zimmer ſichtbar, welche zeigten, daß das Haus kürzlich noch bewohnt geweſen, aber plötz⸗ lich verlaſſen worden ſei. kan ſchien indeſſen Nichts mitgenommen zu haben, und unter den erſten Gegen⸗ ſtänden, die man zu Editha's Freude erblickte, befan⸗ den ſich Lichte und eine zinnerne Lampe zum Anzün⸗ den bereit. Dieſe waren bald angebrannt und Lord H. faßte die Hand ſeiner ſchönen Begleiterin, ſah zärt⸗ lich ihr blaſſes und ermüdetes Geſicht an und bat ſie, ein wenig Ruhe zu ſuchen. „Ich kann Sie natürlich nicht hier zurücklaſſen und zu Ihrem Vater gehen, wie ich eben noch beab⸗ ſichtigte; wenn Sie aber die Treppe hinaufgehen und ein Zimmer aufſuchen wollen, wo Sie ſich einſchlie⸗ ßen können, ſo will ich hier unten Wache halten. — 237— Höchſt wahrſcheinlich ſind alle Leute des Hauſes hin⸗ ausgegangen, um den Fortſchritt des Feuers zu beob⸗ achten, und werden vielleicht bald zurückkehren.“ Editha ſann nach, ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ich denke, es muß ſie etwas Anderes hinweg⸗ geſcheucht haben.“ „Würden Sie im Nothfall Muth genug haben, eine Piſtole abzufeuern?“ fragte Lord H. in leiſem Tone. Editha mickte mit dem Kopfe und er fügte dann hinzu: „Warten Sie, ich will dieſe wieder für Sie laden.“ Dann lud er die Piſtole, deren Ladung er her⸗ ausgezogen hatte, um das Feuer anzuzünden, und gab ſie Editha in die Hand, als eine große dunkle Geſtalt mit geräuſchloſem Schritte ins Zimmer trat. Lord H. zog ſie plötzlich zurück und ſtellte ſich vor ſie hin; aber ein zweiter Blick zeigte ihm die würde⸗ volle Geſtalt und die ſchönen Züge von Otaitſa's Vater. be „Friede!“ rief der alte Häuptling.„Friede mit Dir, mein Bruder“ Und er reichte Lord H. ſeine Hand, welcher die⸗ ſelbe ohne Weiteres annahm. Darauf entfernte der ſchwarze Adler die blaue Decke von ſeinen Schuleern, warf ſie Editha um und ſagte: „Du biſt meine Tochter und biſt ſicher. Ich — 238— habe die Stimme des Cataraets gehört, und ihr Ton war lieblich. Es iſt ein großes und gutes Waſſer. Der Rath iſt weiſe, meine Tochter. Geh hinauf und ruhe in Frieden. Der ſchwarze Adler wird Dich über⸗ wachen, wie ſein eigenes Kind, und Du biſt ſicher.“ „Ich weiß ich bin ſicher, wenn Du in der Nähe biſt, mein Vater,“ ſagte Editha, ſeine braune Hand in die ihre nehmend;„aber iſt es ſo mit allen den Meinigen?“ „Wenn ich es ſo machen kann,“ antwortete der ſchwarze Adler.„Geh, Tochter, und ſei in Frieden. Dieſer wenigſtens iſt auch ſicher, denn er iſt ein gro⸗ ßer Häuptling unſeres weißen Vaters, und wir ha⸗ ben einen Bund mit ihm geſchloſſen. Der Mann von den fünf Nationen, der ſeine Hand gegen ihn er⸗ höbe, würde verflucht ſein.“ Editha wußte, daß ſie nicht mehr von ihm her⸗ ausbringen könne, und mit erleichtertem Geiſte, wenn auch nicht ganz beruhigt, ſtieg ſie zu dem oberen Stockwerk hinauf. Lord H. ſetzte ſich auf die untere Stufe der Treppe und der Indianerhäuptling kauerte neben ihm. Aber Beide behaupteten ein tiefes Schwei⸗ gen, und einige Minuten ſpäter ging der Mond über dem freien Platze vor dem Hauſe auf und beſchien die beiden Geſtalten, die in ſeltſamem Gegenſatze neben ein⸗ ander ſaßen. Sechzehntes Kapitel. Es ſtand das Schickſal noch eines Anderen mit den Ereigniſſen jener Nacht in Verbindung, wovon wir einige Notiz nehmen müſſen wegen des Einfluſſes, den ſein Geſchick auf das Geſchick aller Uebrigen aus⸗ übte. Mit größerer Sicherheit und Schnelligkeit, als ſelbſt die von ihm erwarteten, die ihn am beſten kann⸗ ten, hatte Walter Prevoſt das ihm anvertraute Ge⸗ ſchäft ausgeführt und war bereit, wenigſtens einen ganzen Tag früher aus Albany abzureiſen, ehe ſeine Rückkehr von ſeiner Familie erwartet wurde. Das Glück hatte ihn freilich begünſtigt. Er hatte den Ober⸗ befehlshaber in der Stadt und ſogleich Zutritt zu ihm gefunden. Der Mann von entſchloſſenem und thäti⸗ gem Geiſte hatte ſogleich die Entſchloſſenheit und Thä⸗ tigkeit des Jünglings geſchätzt und ſein Geſchäft wurde ſo ſchnell beſeitigt, wie die Umſtände es geſtatteten. Ein Boot, welches mit einigen Waaren den Hudſon hinauſſegelte, brachte ihn eine beträchtliche Strecke weiter und er landete an einem Punkte am weſtlichen Ufer des Fluſſes, etwa⸗ ſiebzehn Meilen von dem Hauſe ſeines Vaters, in demſelben Augen⸗ blick, als Herr Prevoſt, Lord H. und Editha an der Seite des kleinen Sees aufſaßen, um ihre Reiſe fortzuſetzen. Der Weg vor ihm war rauh und uneben und ein wenig verwickelt; aber er dachte ihn hinlänglich zu kennen, um vor Sonnenuntergang auf demſelben zu einem bekannteren Theile des Landes zu gelangen, und er eilte mit jugendlicher Kraft Vertrauen weiter. Seine Büchſe in der Hand, ſeine Taſche auf der Schulter und ein großes Jagdmeſſer in ſeinem Gürtel, würde er bei ſeiner großen Gewandtheit und ſeiner nicht geringen Körperkraft kein verächtlicher Geg⸗ ner für einen einzelnen Feind geweſen ſein. Aber er dachte nie an Feinde, und. Alles in ſeinem Buſen war Muth, Freude und Erwartung. Albany mit ſeiner geſetzten und etwas ſtrengen Bevölkerung und nur belebt durch die Gegenwart von zwei oder drei Regimentern Soldaten, hatte keinen Reiz für ihn, und er war herzlich froh, der Stadt wieder zu entfliehen, um zu dem freien, Leben in ſei⸗ — — — 241— ner väterlichen Wohnung und zu der Geſellſchaft ſei⸗ nes Vaters und Editha's— und Otaitſa's zurückzu⸗ kehren. Er ging ruhig weiter, erkletterte die Hügel, ſchritt über die Ebenen und durchwatete den Fluß. Bald nahmen die Spuren der Cultur ab und hörten dann gänzlich auf. Entſchloſſen dem Wege vor ihm folgend, vergingen zwei Stunden, ehe er anhielt oder ſich auch nur umſah. Dann aber blieb er eine oder zwei Minuten ſtehen, um zu überlegen, wohin er ſich weiter wenden ſolle. Zwei oder drei indianiſche Fußwege durchkrenzten die Stelle, wo er ſtand, und auf dem einen waren die Spuren ſo tief eingedrückt, daß man das Alter deſſelben daraus erkannte. Er ſchien nach der Rich⸗ tung zu führen, wohin er zu gehen wünſchte, und er erinnerte ſich, ihn einige Monate vorher eingeſchla⸗ gen zu haben. Quer darüber hinweg zog ſich die Straße der Anſiedler, breiter und deutlicher bezeichnet, aber nicht ganz gerade zu dem Hauſe ſeines Vaters hinführend, und er zauderte, welchen er einſchlagen ſolle, als er das Knarren von Wagenrädern und das gewöhnliche Geſchrei der Pflüger oder Fuhrleute ver⸗ nahm, welches ihm zeigte, daß Jemand komme, der ihm wahrſcheinlich beſſere Auskunft geben könne. Dies ſchien um ſo nöthiger, da der Tag ſich bereits geneigt Ticonderoga ꝛc. 1. Bd. 16 — 242— hatte und er noch nicht an der Stelle war, von wo er ſeiner Sache gewiß ſein konnte. Einige Augenblicke ſpäter kam den Waldweg ein ſchwerer Wagen daher, der von vier ſtarken Stie⸗ ren gezogen wurde und mit drei Frauen und einer An⸗ zahl Kiſten beladen war, während drei Männer ne⸗ ben demſelben zu Fuße gingen und einer auf einem Pferde ſaß— alle ſehr gut bewaffnet und von fünf Hunden von verſchiedener Art begleitet. Walter erkannte augenblicklich in dem Reiter den Landmann, der etwa zehn Meilen ſüdweſtlich von dem Hauſe ſeines Vaters wohnte. Der Landmann war ein gutmüthiger, freundlicher und ziemlich ehrli⸗ cher Mann, aber ein wenig ſelbſtſüchtig in ſeiner Art, der immer einen guten Handel zu machen wünſchte, wenn es ohne eigentliche Betrügerei geſchehen konnte, doch bereit genug, die Früchte ſeiner Arbeit oder ſei⸗ ner Liſt mit jedem zu theilen, welcher derſelben be⸗ dürfen mochte.. Bei gegenwärtiger Gelegenheit aber war er ent⸗ weder mißmuthig oder ſtumpfſinnig, und es war in der That klar, daß er und ſeine männlichen Beglei⸗ ter genug getrunken hatten, um die Schärfe ihres Verſtandes einigermaßen abzuſtumpfen. Die, welche zu Fuß waren, gingen weiter, ohne ihre Ochſen an⸗ zuhalten und mit ihrem jungen Nachbar zu reden. — 243— Auch der Landmann ſelber hielt nur einige Augenblicke an, um Walter's Fragen zu beantworten. „Ei, Herr Whitter,“ ſagte der junge Herr, „Sie ſcheinen ja mit Ihrer ganzen Familie umzu⸗ ziehen.“ „Ja, ja,“ antwortete der Landmann mit ſchlauem Ausdruck in ſeinem geiſtloſen Geſichte.„Mir gefällt die Anſicht der Dinge nicht. Ich habe einen Wink erhalten. Ich vermuthe, es giebt gerade jetzt beſſere Orte, als der Wald— wenn auch vielleicht nicht ſo warm.“ „Nun, was giebt's?“ fragte Walter;„iſt ir⸗ gend etwas geſchehen?“ „O nein,“ antwortete der Landmann, welcher unruhig wurde und ſeinen Zügel ein wenig ſchüttelte, als wünſchte er weiter zu reiten.„Der Wald iſt zu voll von Indianern, ſo viel ich weiß; aber da Sie und Ihr Vater ſo freundſchaftlich mit ihnen ſind, ſo wird Ihnen vermuthlich Nichts zu Leide geſchehen.“ Sein Benehmen war faſt unhöflich und Walter ging ihm aus dem Wege, ohne die beabſichtigte Frage zu thun. Der Mann ritt weiter; aber plötzlich ſchien er die Sache beſſer zu bedenken, und ſich im Sattel umwendend, rief er mit viel lauterer Stimme, als nöthig war: „Ich ſage, Maſter Walter, wenn Sie nach Hauſe gehen, iſt es beſſer, Sie wählen den tief 16* ausgetretenen Fußweg zur Rechten. Er iſt kürzer und ſicherer und die rothen Teufel oder andere Wür⸗ mer haben dort den Wald angezündet. Das Feuer iſt freilich noch nicht von Bedeutung; aber man kann nicht wiſſen, wie es ſich ausbreiten wird. Wenn Sie ſich aber weſtlich halten, werden Sie weiter kommen. Ich gehe auf einen oder zwei Monate in eultivirtere Gegenden, da ich meine ganze Ernte in Sicherheit gebracht habe.“ Sobald dieſe Worte ausgeſprochen waren, wen⸗ dete er ſich um und ritt ſeinem Wagen nach. Wal⸗ ter ſchlug ſogleich den erwähnten indianiſchen Fußweg ein. Etwa eine halbe Meile weiter wurde er zuerſt den Rauch gewahr und ſobald er den Gipfel eines an⸗ deren Hügels erreichte, war die ganze Feuersbrunſt vor ſeinen Augen. Zwiſchen der Stelle, wo er ſtand und dem Hauſe ſeines Vaters erſtreckte ſich ein breiter Gürtel von Feuer und Rauch über eine Meile weiter nach Norden, als er nach dem unbeſtimmten Berichte des Landmannes erwartet hatte, und die braune Rauch⸗ wolke rollte ſich ſo weit den entgegengeſetzten Abhang hinauf, daß der Jüngling weder die Wohnung ſelber ſehen, noch unterſcheiden konnte, welche Stelle das Feuer wirklich erreicht habe. Unbekannt mit der Abweſenheit ſeines Vaters und ſeiner Schweſter, und wohl wiſſend, wie raſch ſich die Flamme nach langer Dürre in einem Walde aus⸗ — 245— breite, ſank Walter's Muth, als er vor ſich hin⸗ blickte. Aber er verlor keine Zeit mit nutzloſem Zau⸗ dern. Die Sonne ging bereits unter; die Entfer⸗ nung war noch immer beträchtlich und er beſchloß, wenn es möglich wäre, jenen feurigen Kreis zu durch⸗ brechen und ſogleich ſeine Heimath zu erreichen. Vorwärts eilte er daher an der Seite des Hü⸗ gels hinunter, und in dem Augenblick, als er hin⸗ unter ſtieg, war die ganze Scene ſo vollſtändig von ſeinen Blicken ausgeſchloſſen, daß er nicht hätte wiſ⸗ ſen können, daß das Feuer ſo nahe ſei, wäre nicht der ſtarke Geruch von brennendem Kienholz und ein Gefühl unnatürlicher Wärme geweſen. Als er aber näher und näher kam, vernahm er ein Rauſchen gleich dem eines heftigen Windes, der durch den Wald weht, und der Rauch wurde erſtickend, während ein rothes Licht beſonders nach Süden und Weſten hin durch die Zweige und Stämme der Bänme ſchien, und zeigte, wo das Feuer mit der größten Heſtigkeit wüthete. Schwer und ſchnell athmend eilte er weiter, in⸗ dem ihm die Flamme allein leuchtete, denn die Sonne war jetzt untergeſunken und die dichte Rauchwolke, die über dieſem Theile des Waldes hing, ſchloß je⸗ den Stern aus, bis er endlich den Saum des Bran⸗ des erreichte. Einige hundert Morgen lagen vor ihm mit Bäumen, wovon einige über einander gefallen — 246— waren und einige noch ſtanden, aber des Laubes be⸗ raubt waren, während Maſſen von Buſchwerk und Schlingpflanzen in feuriger Verwirrung brannten und eine glühende Hitze von ſich ſtrahlten. Er ſah ein, daß es ihm das Leben koſten würde, nach jener Richtung weiter zu gehen. Er konnte kaum athmen; ſein Geſicht ſchien verſengt und glühend, und doch rollten die Schweißtropfen von ſeiner Stirn nie⸗ der. Indem er ſich ein wenig zurückzog, um der Hitze zu entgehen, wendete er ſeine Schritte nord⸗ wärts; aber um dieſe Zeit hatte er den Fußweg ver⸗ loren und drängte ſich mit ſeiner Büchſe und ſeiner Taſche durch das Buſchwerk, als er plötzlich bei dem Lichte des Feuers, welches durch die Bäume ſchien, eine dunkle Geſtalt zwanzig oder dreißig Schritte vor⸗ aus erblickte, die ihm lebhaft zuwinkte und ihm auch zuzurufen ſchien. Das Krachen und Kniſtern des bren⸗ nenden Holzes war zu laut, als daß man irgend ein anderes Geräuſch hätte hören können; aber die Geberden der Geſtalt ſchienen ihn wieder nach Süden binzuweiſen, und den Zeichen gehorchend, befand er ſich bald wieder auf einem indianiſchen Fußwege. Im nächſten Augenblick war die Geſtalt, die er geſehen hatte, auf demſelben Pfade und zwar ein we⸗ nig näher. Es war ein Indianer; aber bei dem trü⸗ ben Lichte konnte Walter Prevoſt den Stamm oder die Nation nicht erkennen. Er ging daher vorſichtig — 247— weiter und legte ſeinen Daumen auf den Hahn ſeiner Büchſe; aber ſobald er nahe genug war, rief ihm der Mann in der Oneidaſprache und in freundlichem Tone zu, gebot ihm zu folgen und ſagte, weſtlich könne er nur den Tod erwarten. Durch dieſe Zeichen der Theilnahme beruhigt, näherte ſich der Jüngling mit raſchen Schritten und war bald nahe bei ſeinem Führer, obgleich der Mann ſehr ſchnell ging. „Iſt das Haus niedergebrannt, Bruder?“ fragte der Jüngling lebhaft. „Was? die Hütte des bleichen Geſichts?“ ent⸗ gegnete der Indianer.„Nein— ſie ſteht noch.“ „Gott ſei Dank dafür!“ rief Walter Prevoſt in engliſcher Sprache.. Aber die Worte waren kaum über ſeine Lippen gekommen, als plötzlich ſeine Armee ergriffen wur⸗ den; ſeine Büchſe wurde ihm aus den Händen ge⸗ dreht und er ſelber rücklings auf den Boden gewor⸗ fen. Zwei wilde Geſichter ſtarrten ihn an und er er⸗ wartete im nächſten Augenblick den tödtlichen To⸗ mahawk ſchimmern zu ſehen. „Was ſoll das?“ rief er in der Oneidaſprache; „bin ich nicht Euer Bruder? Bin ich nicht der Sohn des ſchwarzen Adlers— der Freund der Kinder des Steins?“ — 248—. Er erhielt keine Antwort, aber in tiefem Schwei⸗ en banden ihm die Indianer mit ledernen Riemen ſchnell die Arme, ſtellten ihn wieder auf ſeine Füße und führten ihn raſch auf dem Wege zurück, auf dem er dorthin gekommen war. Ende des erſten Bandes. Schneeberg, gedruckt in der C. Schum ann ſſchen Buchdruckerei. —— — ——— 4 “ Rinſſiſ Hnnaanmnmn ſinſnnnnnin 10 11 5 16 1 18 1 12 13 14 1 7 9 5 1 4 ——