Agnes Sorel. Ein hiſtoriſcher Roman von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Vierter Band. Leipzig, 1853. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Vierter Band. 1* Erſtes Kapitel. Wer hat nicht von dem ſchönen Allier gehört? Wer hat nicht von dem herrlichen Aupergne gehört? Aber der Reiter hielt nicht an, um die Gebirge um ihn her anzuſehen. Er verweilte nicht an den Ufern des Fluſſes und warf kaum einen Blick auf die ſchöne Ge⸗ gend. In Clermont machte er zwei ganze Stunden Halt; aber es war ein erzwungener Aufenthalt, denn ſein Pferd ſtürzte mit ihm, und er bedurfte dieſer Zeit, um ein anderes zu kaufen. Eine Brodrinde und ein Becher Wein war alle Erfriſchung, die er ſich geſtattete, und fort ging es wieder durch die Wein⸗ und Obſtgärten, die mit den letzten Früchten des Herbſtes beladen waren. In Iſſoire gab er ſeinem Pferde Heu und Waſſer und galoppirte dann in aller Eile nach Lempde, ritt aber an dem mächtigen Ba⸗ ſaltfelſen, worauf das Schloß ſtand, vorüber, obgleich er mit Gefühlen des Bedauerns und der Theilnahme 6 hinaufblickte, da er es mit der Erinnerung an Louis von Orleans in Verbindung ſetzte. In Brioude war er genöthigt, eine Weile zu warten. Aber ſein Pferd beendete ſeine Mahlzeit raſch, und er ritt wieder weiter aus den engen Straßen der unſchönen Stadt, über die Gebirge und durch die Thäler, von mächtigen vulkaniſchen Bildungen, ſowie von Weilern und Dörfern umgeben, die von dunkel⸗ grauer Lava erbaut waren, ſo daß man ſie kaum von den Felſen unterſcheiden konnte, auf welchen ſie ſtan⸗ den. Er zog den Zügel zwiſchen Brioude und Puy nicht an, welcher Ort ſich plötzlich am öſtlichen Ab⸗ hange des Gebirges zeigte, mit ſeinem unvergleichlichen Amphitheater und den drei Flüſſen, die an dem Fuße deſſelben entſpringen. Die Sonne war nur noch eine Handbreit vom Horizonte entfernt. Alle Thäler, die man von jener Höhe ſah, waren mit Licht übergoſſen; die alte Kathedrale ſelber ſah wie ein glänzender Ame⸗ thyſt aus, und andächtige Pilger zogen durch die Straßen zu dem wunderthätigen Gnadenbilde, Einige wendeten ihre Schritte heimwärts, Andere ſtiegen die unzähligen Stufen hinauf, um zu den Füßen der hei⸗ ligen Jungfrau ein Gebet zu ſprechen. Jean Charoſt ritt geraden Weges zu dem alten, kleinen Gaſthauſe— klein und elend im Vergleiche zu den großen Gebäuden, die damals in Frankreich zur Aufnahme von Reiſenden beſtimmt waren, und noch 7 kleiner im Verhältniß zu der Anzahl andächtiger Per⸗ ſonen, die täglich in die Stadt ſtrömten. Aber der Wirth dachte, die Pilger kämen ihres Seelenheils und nicht der guten Bewirthung wegen, und daher müſſe der Leib ſchon zufrieden ſein mit dem, was er bekom⸗ men könne, wenn nur für die Seele geſorgt würde. De Brecy ritt durch den Thorweg auf den Hofplatz, gab ſein Pferd an einen Hausknecht ab, der Shakſpeare als Urbild gedient zu haben ſchien, ging dann wieder auf die Straße zu, wo ihm der Wirth begegnete, welcher ihm ſagte, er müſſe lange auf das Abendeſſen warten und in einer Dachkammer übernachten. „Ich bedarf jetzt Nichts, mein guter Freund,“ verſetzte Jean Charoſt,„als einen Becher Wein, der immer bereit iſt, und Jemand, um mir den Weg zu Fuß nach Espaly zu zeigen. Ich würde hier auch nicht einmal angekehrt ſein, aber mein Pferd konnte nicht weiter.“ „Ach, Herr,“ ſagte der Wirth, deſſen Höflichkeit und Neugierde zugleich erwachten,„da wollt Ihr wohl zu Seiner Hoheit dem Dauphin. Ihr überbringt wohl Nachrichten— gute, will ich hoffen. Bitte, ſagt mir doch, von welcher Art mögen ſie ſein?“ „Vortreffliche Nachrichten,“ entgegnete Jean Charoſt.„Erſtens, daß ein Durſtiger ſchlecht mit trockenem Munde redet, und zweitens, daß ein weiſer Mann ſeinen Auftrag nur an die Perſon ausrichtet, 8 an die er geſchickt worden. Der Dauphin wird ſehr erfreut über dieſe beiden Nachrichten ſein; und ſo gebt mir denn jetzt einen Becher Wein und Jemand, um mir den Weg zu zeigen.“ „Ah! Ihr ſeid ein Spaßvogel,“ ſagte der Wirth. „Aber, Herr, nehmt lieber mein Maulthier. Es wird bereit ſein, während ich den Wein abzapfe und Ihr ihn trinkt. Obgleich man„Espaly bei Puy“ ſagt, fo iſt es doch nicht ſo nahe, wie man denken ſollte. Mein Sohn ſoll Euch auf einem raſch gehenden Eſel begleiten, um das Manlthier wieder zurückzubringen.“ „Wahrſcheinlich auch, um Neuigkeiten zu erfah⸗ ren, wenn es möglich iſt,“ ſagte Jean Charoſt.„So ſei es; ich bin in der That ſehr ermüdet, denn ich habe ſeit ſechsunddreißig Stunden nicht geſchlafen. Aber laßt uns alle mögliche Eile anwenden.“ „Wir wollen ſo ſchnell ſein, wie eine Schnee⸗ lawine, mein Herr,“ ſagte der Wirth;„und Gott ge⸗ leite Euch, wenn Ihr unſerem edlen Prinzen gute Nachrichten bringt. Er liebt den Wein und die Wei⸗ ber und iſt außerordentlich ehrerbietig gegen die hei⸗ lige Jungfrau von Puy. Darum ſollten ihm alle Männer Glück wünſchen, und alle Damen auch.“ Der Wirth beeilte ſich in der That, und in we⸗ niger als zehn Minuten ritt Jean Charoſt auf einer natürlichen vulkaniſchen Straße in der Tiefe des Tha⸗ les nach Espaly. Die Sonne war hinter den Hü⸗ 9 geln untergegangen, aber dennoch war ein kühles und angenehmes Licht über den Himmel verbreitet, und die Thürmchen des alten Schloſſes mit ihren zahl⸗ reichen Wetterfahnen und ein Banner an der Spitze des großen Schloßthurmes erhoben ſich über das kleine Dorf am Fuße des Felſens und ſchienen die letzten Strahlen der Sonne aufzufangen. Der Abhang war ſteil und der Weg weiter, als Jean Charoſt erwartet hatte. Die Dämmerung war bereits eingetreten, als er ſich den Thoren näherte; aber dieſer letzte Zufluchtsort des Kronprinzen von Frankreich wurde nicht ſtrenge bewacht. In den Ge⸗ birgen von Auvergne, bei einem ſo weiten Zwiſchen⸗ raume zwiſchen ihm und ſeinen Feinden, hatte Karl keine Furcht vor einem Angriffe. Die Thore waren weit offen und eine einzelne Schildwache ſtand am Eingange. Jean Charoſt ritt auf den Hofplatz und ſah ſich vergebens nach Jemand um, den er anreden konnte. Keine Seele war ſichtbar. Er hörte die Töne einer Laute und einer Stimme aus einem der Thürme und ein heiteres Lachen aus einem langen niedrigen Gebäude zur Rechten des großen Hofes. Außerdem aber vernahm er Nichts, was ihm zeigen konnte, daß das Schloß bewohnt ſei, bis, gerade als er abzuſtei⸗ gen im Begriff war, ein zierlich in Blau und Sil⸗ ber gekleideter Page von einem Thurme zum andern hinüberging und einen Vogelkäfig in der Hand trug. 10 „He, Knabe!“ rief Jean Charoſt,„kannſt Du mir ſagen, wo ich den Diener der Mademoiſelle de Geran finden kann, oder kannſt Du ihr ſelber ſagen, daß der Seigneur de Breey mit ihr zu reden wünſcht?“ „Kommt mit mir— kommt mit mir, edler Herr,“ ſagte der Knabe mit der gezierten Heiterkeit eines Pagen.„Ich gehe zu ihr mit dieſem Vogel von Seiner Hoheit, und dieſes Schloß iſt der Aufent⸗ haltsort der Freiheit und der Freude. Alle eiſernen Rüſtungen und alle ſteifen Gewohnheiten ſind in der Kapelle abgelegt worden, und Jeder, der durch das große Thor hereinkommt, muß daſſelbe thun.“ „Nun, ſo führe mich,“ ſagte Jean Charoſt. „Mein Geſchäft iſt von der Art, daß es wohl alle Ceremonien beſeitigen dürfte. Warte hier, bis ich zurückkehre,“ ſagte er zu dem Sohne des Wirths und folgte darauf dem Pagen. Der Thurm, zu welchem der Page ihn führte, war ein Gebäude von beträchtlicher Größe, obgleich es klein ausſah neben dem großen Schloßthurme, mit wel⸗ chem es, vermöge einer langen Gallerie, in Verbindung ſtand. Die Thür ſtand offen, gleich den meiſten an⸗ deren Thüren an dem Orte, und führte in einen ge⸗ wölbten Gang, in deſſen Mitte ſich eine ſchmale und ſteile Treppe von grauen Steinen erhob. Ein Tau war um den Pfeiler geſchlungen, um den ſich die Treppe drehte, und es war in dieſem Augenblicke nicht 11 unnöthig, denn der Gang und die Treppe waren beide ſehr dunkel. Mit vorausgehaltener Hand ſtieg der Knabe die Treppe hinauf, bis er zu einer Thür im erſten Stocke des Thurmes gelangte, die er ohne Weiteres öffnete. Das Innere des Zimmers, welches ſich bei dieſer plötzlichen Bewegung zeigte, obgleich ſich die Dunkel⸗ heit auf die Erde niederſenkte, war klar und hell im Vergleiche mit der Finſterniß auf der Treppe, und Jean Charoſt ſah jene liebenswürdige, nie zu vergeſſende Geſtalt, die er in Monterreau zuletzt geſehen, gedan⸗ kenvoll am Fenſter ſitzen. Agnes Sorel hörte entweder das Aufgehen der Thür nicht, oder ſie dachte, der Eintretende ſei einer von den gewöhnlichen Dienern des Ortes, denn ſie blieb bewegungslos, in tiefes Nachdenken verſunken, ihre Augen zu einem einſamen Sterne, dem Vorboten des himmliſchen Heeres, erhoben, der jeden Augenblick heller wurde, als er hoch über den dunkeln Gebirgs⸗ maſſen daſtand. „Mademoiſelle, hier iſt ein Vogel, den Seine Hoheit Euch ſchickt,“ ſagte der Page, ohne weitere Einleitung.„Einige ſagen, es ſei eine Nachtigall, und wenn auch ihr Kleid nicht ſchön iſt, ſingt ſie doch köſtlich.“ Agnes Sorel wendete ſich um, als der Knabe ſprach, aber ſie ſah weder ihn, noch den Käfig, noch 12 den Vogel an, denn ihre Augen waren auf Jean Charoſt's Geſtalt gerichtet, als er ſich von der Thür näherte. Obgleich einiges Licht durch das offene Fen⸗ ſter hereinſtel, ſo war es doch zu dunkel, um ſeine Züge zu unterſcheiden; aber ſeine Stimme erkannte ſie, ſobald er ſprach, wenn ſie dieſelbe gleich nur ſel⸗ ten gehört hatte. Es giebt Töne, die in dem Ohre des Gedächtniſſes gleichſam wie Echo's der Vergangen⸗ heit verweilen, uns zu früheren Tagen zurückführen und uns an längſt vergangene Umſtände, Gedanken und Gefühle mit einer Deutlichkeit erinnern, ſo daß wir nur des Auges des Geiſtes bedürfen, um ſie zu ſehen. Jean Charoſt's Stimme war eine eigenthüm⸗ liche Stimme, ſanft, weich und melodiſch, aber voll und deutlich, gleich den Tönen einer Orgel. „Herr von Brecy!“ rief ſie;„ich bin erfreut, Euch hier zu ſehen. Hoffentlich ſeid Ihr kein Gefan⸗ gener mehr und ſucht kein Löſegeld— ſondern ein freier Mann. Doch was führt Euch zu dieſem abge⸗ legenen Winkel der Erde? Ein edler Beweggrund ohne Zweifel. Patriotismus vielleicht und Liebe zu Eurem Fürſten. Ach! de Brecy, der Patriotismus findet nur kalte Aufnahme, wo das Vergnügen allein herrſcht; und was die Liebe betrifft, wünſchte ich, Euer Fürſt liebte ſich ſelber ſo ſehr, wie Andere ihn lieben!“ „Was ſoll ich Seiner Hoheit ſagen, Mademoi⸗ 13 ſelle?“ fragte der Knabe, den ſie kaum beachtet hatte. „Was ſoll ich wegen des Vogels ſagen?“ „Sage ihm,“ verſetzte Agnes, von ihrem Sitze aufſtehend,„wenn ich eine gute Lehrerin ſei, wolle ich den Vogel einen Geſang lehren, der ganz Frank⸗ reich zu den Waffen rufen ſolle. Ja, ſo klein er iſt und ſo ſchwach ſeine Stimme ſein mag, bin ich doch nicht kräftiger und meine Stimme iſt nicht ſtärker; und doch hoffe ich.— Geh, Knabe! ſage Seiner Hoheit, was ich geſagt habe. Sage ihm, was Du willſt. Sage ihm, ich ſei halb wahnſinnig, wenn Du willſt, denn ich bin es, weil ich müßig hier ſitzen muß und nur jenes Gebirge und jenen Stern anſehen kann, während ich weiß, daß die Banner Englands triumphirend über die blutigen Felder Frankreichs da⸗ hinziehen. Nun, de Brecy,“ fuhr ſie fort, als der Knabe ſich entfernte und die Thür wieder zumachte, „was giebt's Neues von dem Hofe der Eroberer? Was giebt's Neues aus der ſtolzen Stadt London? Heinrich V. iſt geſtorben— aber ein Plantagenet iſt ein Plantagenet; es iſt eiſernes Geſchlecht, und um es zu vernichten, bedarf es mehr Stahl, als uns wahrſcheinlich in Frankreich übrig iſt.“ „Meine Nachricht, liebes Fräulein, iſt nicht aus London, ſondern aus Paris,“ verſetzte Jean Charoſt. „Nun, was giebt's denn aus Paris?“ fragte Agnes Sorel in gleichgültigem Tone, indem ſie einen 1- Sitz einnahm, der von dem Fenſter abgewendet war. „Darf ich Euch bitten, mit jener Glocke dort auf dem Tiſche zu klingeln. Es wird dunkel— wir müſſen Licht haben. Ein Stern, ſo hell er auch ſein mag — und wäre es auch der Stern der Liebe— ein Stern iſt nicht genug, uns in dieſer dunklen Welt Licht zu gewähren.“ Jean Charoſt klingelte; aber ehe ein Diener kom⸗ men konnte, ſagte er haſtig: „Liebes Fräulein, hört mich einen Augenblick an — ich habe wichtige Nachrichten.“ „Gute oder ſchlimme?“ fragte Agnes Sorel raſch. „Die eine Hälfte iſt durchaus gut,“ antwortete Jean Charoſt.„Die andere iſt von gemiſchter Be⸗ ſchaffenheit— voll Hoffnung und doch mit Kummer verſetzt.“ „Schon das iſt beſſer, als Alles, was wir in der letzten Zeit gehört haben,“ ſagte Agnes.„Den⸗ noch bin ich ein Weib, de Brecy, und liebe die Freude. Theilt mir die ungemiſchte Nachricht zuerſt mit. Wir wollen ſie ſpäter durch die andere dämpfen.“ „Nun alſo, liebes Fräulein, ich habe den Auf⸗ trag, Seiner Hoheit von unſerem guten Freunde Jacques Coeur zu ſagen, daß hunderttauſend Kronen von der Summe jetzt für ihn in Moulins bereit lie⸗ gen, und daß in einem Monate noch zweihundert⸗ tauſend zu ſeiner Verfügung ſtehen werden.“ 15 „Freude— Freude!“ rief Agnes, ihre Hände zu⸗ ſammenſchlagend.„O! dies iſt in der That eine Freude! Aber dann,“ fügte ſie in ernſtem und ge⸗ dankenvollem Tone hinzu,„möge der Himmel geben, daß es richtig angewendet werde. Ich fürchte— o! ich fürchte— nein, nein, ich will nicht mehr fürchten! Das unverdiente Mißgeſchick drückt das edle Herz und den tapferen Geiſt nieder. Habt Ihr es ihm geſagt, de Brecy? Was ſagte er? Wie ſah er aus? Er nahm es hoffentlich nicht mit leichtfertiger Freude auf, ſondern mit ernſter, erwartender Genugthuung, wie ein Fürſt es ſollte, wenn er findet, daß die Befreiung ſeines Volks näher iſt, als er dachte.“ „Ich habe Seine Hoheit noch nicht geſehen,“ verſetzte de Brecy.„Für's Erſte, weil ich nicht wußte, wie ich Zutritt erhalten ſollte, und dann, weil ich wünſchte, Ihr möchtet die Gelegenheit haben, ihn von einem Glückswechſel in Kenntniß zu ſetzen— und weil ich weiß, daß Ihr ſeine erſten Impulſe richtig leiten werdet.“ „Ich— ich?“ rief Agnes.„O, de Brecy, de Brecy! ich bin einer ſolchen Aufgabe unwürdig! Wie ſollte ich irgend Jemand richtig leiten können? Do es liegt Nichts daran— ſo ſchwach und fehlerhaft ich auch ſein mag— aller Muth und alle mir noch übrige Entſchloſſenheit ſoll ihm und Frankreich gewidmet wer⸗ den. Ein Fehler ſoll nicht Alles auslöſchen, was in 16 meiner Natur Gutes iſt. Licht.“ Sie ſchwi Ha! hier kommt das eg einige Augenblicke, während der Diener eintrat, Licht auf den Tiſch ſtellte und ſich entfernte. Dann ſetzte ſie in viel ruhigerem Tone die Unterredung fort: „Ich bin heute ſehr bewegt,“ ſagte ſie;„aber ſchon dieſe kurze Pauſe des Nachdenkens iſt hinreichend geweſen, mir den rechten Weg zu zeigen. Das Licht iſt mir nützlich geweſen,“ fügte ſie mit graziöſem Lächeln hinzu. „Kommt, de Brecy, ich will Euch zu ihr führen, die allein würdig und geeignet iſt, dieſe guten Nachrichten zu überbringen— zu meiner Freundin— meiner theuern Freundin— zu der Prin⸗ zeſſin, ſeiner Gemahlin.“ „Aber Ihr habt vergeſſen,“ verſetzte Jean Charoſt. „Ich habe noch andere Nachrichten mitzutheilen.“ „Ha!“ rief ſie;„die von gemiſchter Beſchaffen⸗ heit. Das vergaß ich in der That. Sagt, was es iſt, de Breey— wir dürfen keine Hoffnungen erregen, um ſie wieder zu vernichten.“ „Das wird nicht die Wirkung ſein,“ ſagte de⸗ Brecy.„Die Nachricht, die ich habe, iſt traurig, doch voll Hoffnung. Was von Seiten Seiner Hoheit und Frankreichs in dieſem ſchrecklichen Kampfe gegen fremde Feinde und Verräther im Innern gefehlt, war In ſeiner kraftloſen Unfähig⸗ der Name des Königs. . 17 keit iſt das Anſehen des Monarchen gegen ſeine Freunde und für die Feinde Frankreichs angewendet worden. Liebes Fräulein, es wird nicht mehr ſo ſein!“ „Nicht mehr!“ rief Agnes lebhaft, indem ihr ganzes Geſicht ſich erhellte.„Iſt er denn ihren Hän⸗ den entriſſen worden, de Brecy, ſagt mir, wie? wann? wo? Aber Ihr ſeht ernſt und traurig aus. Iſt der König todt?“ „Karl der Sechſte iſt todt,“ antwortete de Brecy. „Aber Karl der Siebente lebt, um Frankreich zu be⸗ freien.“ „Halt!“ ſagte Agnes Sorel, ſich wieder nieder⸗ ſetzend und gedankenvoll die Hand zu ihrer Stirn erhebend.„Armer König! armer Mann! Möge das Grab ihm Frieden gewähren! O! welch' ein Leben iſt das ſeine geweſen, de Brecy! Voll hoher Eigenſchaf⸗ ten und freundlicher Gefühle, zu dem Throne des ſchönſten Reiches der Welt geboren, angebetet von ſeinem Volke, wie glänzend waren einſt ſeine Aus⸗ ſichten! Und wer würde je gedacht haben, daß das ſo begonnene Leben mit Elend, Wahnſinn, Krankheit und Vernachläſſigung enden könne— daß man ſeine Macht zu ſeinem eigenen Untergange anwenden würde und daß ſein Name ſeine Feinde zur Schlacht gegen ſei⸗ nen Sohn führen, daß ſeine Gemahlin ihn verachten und mißhandeln, daß ſeine Tochter ſeinen bitterſten Feind heirathen würde, daß er aus ſeiner Geiſteszer⸗ Agnes Sorel. IV. 2 18 rüttung nur erwachen ſollte, um ſeinen Bruder faſt vor ſeinen Augen ermorden zu ſehen, daß alle ſeine Söhne bis auf einen vor ihm— vielleicht durch Gift— in's Grab ſinken würden, und daß er ſelber folgen ſollte, ehe er das Greiſenalter erreicht habe, ohne jene Pflege in ſeiner langwierigen Krankheit, die dem Handwerker aus Liebe, dem Bettler aus Mitleid zu Theil wird? O! welch', welch' ein Geſchick!“ „Wir dürfen wohl um ſein Leben weinen,“ ſagte de Brecy,„doch können wir ſeinen Tod nicht beklagen. Für ihn war es ein Segen, und Frankreich kann er Rettung bringen. Aber jetzt müßt Ihr dem Könige dieſe Nachricht überbringen.“ „Das iſt wahr,“ rief Agnes; dann ſchwieg ſie einen Augenblick und wiederholte ſeine letzten Worte mit gedankenvollem und ängſtlichem Blicke:„Dem Könige!“ rief ſie.„Dem Könige! Nein, ich will ſie der Königin überbringen, de Brecy. Kommt mit mir, um Fragen zu beantworten und die Ehre und Be⸗ lohnung zu empfangen, die der verdient hat, welcher ſolche Nachrichten überbringt. Ja, laßt uns gerade heraus reden— ſolche gute Nachrichten; denn von den wenigen Worten: Karl der Sechſte iſt todt, hängt, glaube ich, die Rettung unſeres Vaterlandes ab.“ Während ſie ſprach, ſtand ſie auf und ging auf die Thür zu. De Brecy folgte ihr die Treppe hin⸗ unter und durch einen langen Gang, der mit dem großen Schloßthurme in Verbindung ſtand. Der Vollmond ſtand über den Hügeln und ergoß ſein Licht durch die hohen Fenſter herein. Ein feierliches Ge⸗ fühl war in ihren Herzen, welches ſie verhinderte, ein Wort zu ſprechen. Der Weg war ziemlich weit, aber endlich blieb Agnes vor einer Thür ſtehen und klopfte an. Die liebliche Stimme Mariens von Anjou rief:„Herein!“ und Agnes öffnete die Thür. „Ah, meine Agnes,“ rief die Prinzeſſin,„ſeid Ihr gekommen, um mich zu erheitern? Ich weiß nicht, wie es kommt, ich fühle mich dieſen Abend ſehr traurig. Ich habe moraliſirt, liebes Mädchen, und gedacht, wie viel glücklicher ich ſein würde, wenn wir weiter Nichts beſäßen, als dieſes Schloß und die Be⸗ ſitzung umher, anſtatt Königreiche unſer zu nennen, nur um ſie uns wieder entriſſen zu ſehen. Frankreich ſcheint nach Sicilien zu wandern, meine Agnes. Aber wen habt Ihr da bei Euch? Sein Geſicht ſcheint mir bekannt.“ „Ihr habt ihn ſchon einmal geſehen, hohe Frau,“ ſagte Agnes.„Er iſt der Ueberbringer großer Nach⸗ richten. Aber keine anderen Lippen, als die meinigen, ſollen ſie meiner Königin mittheilen.“ Und mit Grazie näher tretend, kniete ſie zu den Füßen Mariens von Anjou nieder, küßte ihre Hand und ſagte: 2* 20 „Hohe Frau, Ihr ſeid Königin von Frankreich. Seine Majeſtät Karl der Sechſte iſt dahingeſchieden.“ Die Königin ſtand wie verſteinert da; denn ſo oft hatte man berichtet, daß der unglückliche König krank ſei, und dann, daß er wieder hergeſtellt ſei— ſo wenig war von ſeinem wahren Zuſtande außerhalb der Mauern des Hotel St. Pol bekannt, und ſo langſam verbreiteten ſich die Nachrichten in jenem Theile von Frankreich, daß man in dem Schloſſe Espaly keine Ahnung von dem bevorſtehenden Ereig⸗ niſſe hatte. Nachdem ſie Agnes einen Augenblick in's Geſicht geſehen, ſchlug ſie ihre Augen nieder, blieb eine kurze Zeit in tiefem Nachdenken und rief dann: „Aber was iſt am Ende mein Gemahl? Ein König faſt ohne Beſitzungen, ein Feldherr ohne Armee, ein Herrſcher ohne Macht oder Mittel. Steht auf— ſteht auf, liebe Agnes.“ Und deren Hals mit ihren Armen umſchlingend, vergoß Marie von Anjou Thränen. Dies waren ge⸗ wiß keine Thränen der Trauer um den Abgeſchiedenen, denn ſie war wenig bekannt mit dem verſtorbenen Könige— wir wiſſen nicht einmal aus der Ge⸗ ſchichte, daß ſie ihn je geſehen. Aber alle plötzlichen Regungen ſprechen ſich gewöhnlich in Gelächter oder in Thränen aus. Man hat oft bemerkt, daß die Freude ihre Thränen hat, ſo wie der Kummer, aber Wenige haben die Ouelle ergründet, aus welcher jene 21 Thränen aufſteigen. Iſt es nicht der plötzliche Kontraſt zwiſchen dem Glück und dem Kummer, der die lange unterdrückte Quelle tiefer Gemüthsbewegungen öffnet, ſo daß ſie ſogleich hervortreten, ſchimmernd zwar in dem Sonnenſcheine der Stunde, doch mit aller Kälte der Tiefe, aus welcher ſie ausſteigen? Maria von Anjou faßte ſich bald und Agnes Sorel erhob ſich von ihren Knieen, ſtreckte ihre Hand gegen Jean Charoſt aus, ſtellte ihn der Königin vor . und ſagte: „Er bringt Euch auch noch glücklichere Nach⸗ richten, hohe Frau— Nachrichten, von welchen ich hoffe, daß ſie dem Scepter, welches in die Hand Seiner Majeſtät gefallen, Kraft verleihen und ſein Schwert ſchärfen wird, um ſeine Feinde darnieder zu werfen, wenn ſie es am wenigſten erwarten. Durch die Geſchicklichkeit und den Eifer eines Mannes, den ¹ ich Euren, ſo wie meinen Freund nennen kann, näm⸗ lich des edlen Jacques Coeur, ſind jetzt die Mittel geſichert, wenigſtens eine edle Anſtrengung für Frank⸗ reich zu wagen. Redet, de Brecy, und theilt Ihrer Majeſtät die freudige Nachricht mit, die Ihr über⸗ bringt.“ Jean Charoſt erſtattete einen einfachen Bericht, und als derſelbe beendet war, rief die Königin, bei welcher alle Spuren des Kummers verſchwunden waren: „Laßt uns eilen, liebe Agnes, und meinem Ge⸗ 22 mahle die Nachricht überbringen. Es giebt Männer, die für das Glück geeignet ſind, und er iſt einer da⸗ von. Das Unglück drückt ihn nieder; aber dieſe Nachricht wird ihm alle ſeine Energie wiedergeben. O! dieſes Schloß Espaly! Es iſt mir immer wie ein Gefängniß des Geiſtes erſchienen, wo die Seele mit Ketten gefeſſelt iſt und das ſchöne Tageslicht der Hoff⸗ nung nur wie ein Strahl durch die Oeffnung einer Zelle hereinfällt. Kommt mit mir— kommt mit mir, meine Freunde. Ich bedarf keiner Begleitung, außer Euch Beiden.“ Jean Charoſt nahm ein Licht vom Tiſche und öffnete die Thür, dann folgte er den dunklen Gängen, bis ſie eine kleine Halle im unteren Stocke erreichten, in welche die Königin eintrat, ohne auf eine Anmel⸗ dung oder Erlaubniß zu warten. Ihr leichter Schritt ſtörte Niemand im Innern des Gemaches bei ſeiner Beſchäftigung, und die ganze Scene ſtand ihr vor Augen, ehe eine der dort befindlichen Perſonen ihre Gegenwart gewahr wurde. Vielleicht hätte ſie eine Scene ſehen können, die ſie nicht mit gleicher Ruhe würde betrachtet haben. An einem Tiſche unter einem Wandleuchter in der einen Ecke des Zimmers ſaß ein junger Mann, der in einem reich illuminirken Buche las. Sein Federbarett lag neben ihm auf dem Tiſche, ſein Schwert auf der Bank und ſein Kopf war über das —————————jÿ½ññü—— 23 Buch geneigt, auf welches ſeine Augen lebhaft gerichtet waren, indem er wahrſcheinlich mit Schwierigkeit die dort geſchriebenen Worte entzifferte. In einem andern Winkel des Zimmers, weit vom Lichte entfernt und ſeine Schultern an einen Vorſprung gelehnt, ſaß Tanneguy du Chatel in feſtem Schlafe, ſein ge⸗ wichtiges Schwert auf ſeinen Knieen und ſeine linke Hand auf der Scheide ruhend. Näher bei den Fen⸗ ſtern ſtand ein Knabe, der wie ein Page gekleidet war und zuſah, was an dem Tiſche vor ihm geſchah, ſich aber nicht weiter als bis auf etwa ſieben Schritte zu nähern wagte. An jenem Tiſche, in deſ⸗ ſen Mitte ein großer Armleuchter ſtand, ſaß ein jun⸗ ger Herr von kräftiger Geſtalt mit einer leichten An⸗ deutung eines Schnurrbarts an der Oberlippe und ſein ſtarkes, ſchwarzes Haar um Stirn und Schläfen gekräuſelt. An der entgegengeſetzten Seite des Tiſches, dem Pagen zunächſt, ſaß Karl der Siebente. Er war der Einzige, der ſein Federbarett im Zimmer trug; und für Jean Charoſt's Augen— mochte es nun Vorurtheil ſein oder nicht— ſchien ſeine jugend⸗ liche Figur eine Würde und Grazie zu zeigen, die dem Monarchen ſehr wohl ſtanden. Alle ſeine Ge⸗ danken waren indeſſen weit von Frankreich entfernt und ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſchien auf das ſchmale Bret vor ihm gerichtet, auf welchem er mit ſeinem Vetter, dem ſpäter berühmten Dunois, Schach ſpielte. 24 Noch immer bemerkte er die Königin und ihre Begleitung nicht— ſeine ganze Seele ſchien mit dem Zuge beſchäftigt, den er zu thun im Begriff war, und erſt als ſie ihm ganz nahe waren, ſah er ſich um. Auch da ſprach er nicht, ſondern richtete ſeine Augen wieder auf das Spiel, und endlich zog er ſeinen Springer, um den König zu decken. „Das iſt ein guter Zug,“ ſagte ſeine Gemahlin, einen Schritt näher tretend.„Aber es muß bald ein Zug auf einem größeren Felde gethan wer⸗ den.“ Dann beugte ſie ihr Knie und fügte hinzu: „Gott ſegne Seine Majeſtät, König Karl den Siebenten.“ Karl fuhr empor, warf das Spiel durcheinander und ſtieß beinahe den Tiſch um. „Was giebt's, Marie?“ fragte er, faſt erſchrocken ausſehend; aber Agnes Sorel und Jean Charoſt knie⸗ ten zu gleicher Zeit nieder und ſagten: „Gott ſegne Eure Majeſtät! Er hat ſeine Willen an Eurem hohen Vater gethan.“ 3 Dunois ſprang auf, ſchwang ſeine Hand durch die Luft und rief: „Gott ſegne den König!“ Die andern Drei, die noch im Zimmer waren, drängten ſich herzu und wiederholten denſelben Ruf. Karl ſtand in der Mitte, ſah ernſthaft die ver⸗ 5 ſchiedenen Geſichter um ihn her an, zog langſam ſein Schwert aus der Scheide, legte es auf den Tiſch und ſagte in ruhigem, gedankenvollem und entſchloſſenem Tone: „Noch einmal alſo!“ ————,-—— Zweites Kapitel. Wie ſich die Nachricht durch das Schloß verbreitet hatte, weiß ich nicht; aber kaum hatte Karl der Sie⸗ bente ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt, als Alle, deren Rang ihnen Zutritt zu dem Fürſten verſchaffte, ſich, ohne Erlaubniß zu erwarten, in die kleine Halle drängten. Einen glänzenden und ſchönen Anblick ſtellte ſie in dem Augenblicke dar, denn es war ein Hof der Schönheit und Jugend, und nur zwei oder drei Perſonen waren über dreißig Jahre alt. Hoffnung und Begeiſterung waren in jedem Geſichte, und die Balken der Decke erdröhnten von dem Rufe: „Es lebe der König!“ Der Ueberbringer der Nachricht ſchien bei den Glückwünſchen, womit der Monarch überſchüttet wurde, ganz vergeſſen zu werden; aber einige kühne und bie⸗ dere Worte des jungen und heroiſchen la Hire ge⸗ 27 währten der edlen Agnes Sorel eine Gelegenheit, Karl's Aufmerkſamkeit auf Jean Charoſt zu lenken. „Ja, Gott erhalte den König!“ rief la Hire mit Wärme,„und ſende mehr Kronen in ſeine Börſe, um die auf ſeinem Haupte zu ſichern.“ Agnes flüſterte der jungen Königin Etwas zu. Marie von Anjou wendete ſich graziös zu de Brecy und ſagte: „Dieſer Herr hat Eurer Majeſtät Etwas darüber zu ſagen.“ „Er iſt der Ueberbringer guter Nachrichten, Sire,“ fügte Agnes Sorel hinzu;„aber vielleicht haben Eure Majeſtät ihn vergeſſen. Er war der zuverläſſige Freund Eures Oheims von Orleans, wurde bei Azincourt verwundet und gefangen genommen, und ſeine erſten Schritte auf franzöſiſchem Boden nach ſeiner Befreiung bringen Euch Nachrichten von Eurer Erhebung zu hoher Würde und das Verſprechen des glücklichen Er⸗ folges. Redet, Herr von Brecy, und theilt Seiner Majeſtät die guten Nachrichten mit, die Ihr ihm zu überbringen habt.“ Karl der Siebente richtete ſeine Augen auf Jean Charoſt und ein Schatten zog über ſein Geſicht, nicht des Mißfallens, ſondern der tiefen Schwermuth. Wahrſcheinlich waren die Erinnerungen, die durch den Anblick, erweckt wurden, ſobald er ihn erkannte, ſehr kummervoll. Die blutige Brücke von Monter⸗ 28 reau, der ſterbende Herzog von Burgund und alle die ſchrecklichen Thaten eines unvergeßlichen Tages kehr⸗ ten ſeiner Erinnerung zurück. Der Eindruck aber war nur augenblicklich; und als er die Nachrichten hörte, die Jean Charoſt von der gegenwärtigen und künfti⸗ gen Unterſtützung zu überbringen hatte, und erfuhr, daß er auch die Kunde von ſeiner Erhebung auf den Thron von Frankreich mitgetheilt habe, lächelte er ihm gnädig zu und ſagte: „Wie können wir Euch belohnen, Monſieur de Brecy? Wenige Könige haben geringere Mittel, als wir.“ In dem Augenblicke trat Tanneguy du Chatel — deſſen uneigennützigem Charakter die Geſchichte, die nur bei ſeinen Fehlern verweilt, nie volle Gerech⸗ tigkeit angethan hat— vor, legte ſeine Hand auf Jean Charoſt's Schulter und ſagte: „Gebt ihm St. Florent, Sire, wovon wir kürz⸗ lich ſprachen. Da der Beſitzer ſich ſeit funfzehn Jah⸗ ren nicht mehr gezeigt hat, ſo iſt das Gut offenbar der Krone verfallen.“ „Aber ich verſprach Euch, du Chatel—“ ſagte Karl, ſich zu ihm wendend. „ Thut Nichts, Sire,“ fiel du Chatel ein.„Ich bedarf deſſen nicht. De Brecy hat der Krone gut gedient und für ſeine Dienſte gelitten. So auch ſein Vater, wie man mir ſagt. Er bringt Euch gute 8 Nachrichten— gute Nachrichten für Frankreich auch, will ich hoffen. Gebt ihm das Lehen, Sire. Wenn ich es hätte, würde Jedermann eiferſüchtig ſein. Auf ihn wird Niemand eiferſüchtig ſein.“ „Nun, ſo ſei es,“ ſagte Karl.„Das Dorf und das Schloß St. Florent in der Nähe von Bour⸗ ges ſollen Euer ſein, Herr von Brecy, aber, meiner Treu, Ihr müßt gut dafür ſorgen, denn der Ort iſt von Wichtigkeit, um Bourges mit Lebensmitteln zu verſehen. Die Akte ſoll morgen für Euch ausgefer⸗ tigt werden, und Ihr könnt die Huldigung leiſten, ehe Ihr geht, wenn Ihr nur einige Tage an unſerem Hofe bleiben wollt.“ „Ich muß hier oder in Puy bleiben, Sire, um die Ankunft des Maitre Jacques Coeur zu erwarten,“ verſetzte Jean Charoſt.„Er hat noch manchen an⸗ dern Plan für den Dienſt Eurer Majeſtät. In St. Florent will ich meine Pflicht thun und ich danke Euch aufrichtig für das Geſchenk.“ „Bleibt hier— bleibt hier,“ ſagte Karl. Dann fügte er mit mattem und ſchwermüthigem Lächeln hin⸗ zu:„Unſer Hof iſt nicht ſo groß, um auch nur das Schloß Espaly zu füllen. Es ſehe Jemand dar⸗ auf, daß gut für ihn geſorgt werde.— Und nun, meine Herren und Damen, haben wir an andere Dinge zu denken. Mein erſter Gedanke, ſo wahr mir der Himmel helfe! war Frankreich und von welchem Nutzen 6 30 das eben geſchehene Ereigniß für daſſelbe ſein möchte. Aber ich kann nicht vergeſſen, daß ich einen Vater verloren habe, einen gütigen und edlen Fürſten, den Gott ſo lange mit ſchwerer Trübſal heimſuchte, der aber nie die Liebe ſeines Volkes oder ſeines Sohnes verlor. Ich glaube nach Allem, was ich gehört habe, daß der Tod ein Segen für ihn war; dennoch muß ich beklagen, daß ein ſo trauriges und freudenloſes Daſein ohne einen Schimmer der Hoffnung oder des Glücks enden mußte. Ich hatte gehofft, daß es an⸗ ders ſein würde, daß mein Schwert ihn aus der troſt⸗ loſen Lage befreien würde, worin er ſich ſo lange be⸗ funden— daß meine Sorgfalt und Liebe ſeine letz⸗ ten Stunden erheitern könne. Es iſt anders beſtimmt worden, und Gottes Wille geſchehe! Den ganzen morgenden Tag wollen wir der feierlichen Trauer wei⸗ hen und am nächſten Tage berathen, wie wir zu han⸗ deln haben.“ Hierauf faßte er die Hand der Königin und ent⸗ fernte ſich aus dem Zimmer. Die Gruppe bewegte ſich nur, um ihm Platz zu machen, und einer von den Herren eilte herbei, um die Thür zu öffnen. Zwei Perſonen blieben unter der Menge in eini⸗ ger Verlegenheit zurück. Agnes Sorel fühlte unge⸗ achtet all' ihres Einfluſſes am Hofe und der Macht über den Geiſt des jungen Königs, daß das Band zwiſchen ihr und Denen, die ſie umgaben, ſehr leicht 31 2₰ ſei, und daß Eiferſucht und Widerwille gegen ſie in der Bruſt vieler Gegenwärtigen herrſche. Aber ſie wurde durch die unveränderliche Freundlichkeit Mariens von Anjon aus einer geringen Verlegenheit befreit. Ehe Karl und ſie noch ſechs Schritte durch die Halle gethan, wendete die Königin ihren Kopf herum und ſagte mit freundlichem Lächeln: „Kommt mit uns, Angnes; ich werde Eurer be⸗ dürfen.“ „Das iſt wirklich wunderbar!“ ſagte eine Dame, die in Jean Charoſt's Nähe ſtand, in leiſem Tone, wie mit ſich ſelber redend.„Wenn ich eine Königin wäre, würde ich die Macht, die der Himmel mir ge⸗ ſendet, zur Rache anwenden.“ In demſelben Augenblicke faßte Tanneguy du Chatel Jean Charoſt's Arm und ſagte: „Ihr müßt mit mir kommen, de Brecy. Ihr ſollt mein Gaſt ſein im Schloſſe. Ich habe Raum genug, wo ich wohne. Wartet noch einen Augen⸗ blick, bis ich einige Worte mit dieſen Herren rede. Wir dürfen die Fluth des Glücks nicht vorüberziehen laſſen, ohne ſie zu benutzen. Der königliche Name allein iſt viel für uns; aber er kann von dreifacher Wirkung für uns werden— gegen unſere Feinde, für unſere Freunde und für den König ſelber. Bei mei⸗ nem Leben! dies iſt keine Zeit, wo wir eine Karte aus der Hand wegwerfen dürfen.“ „ 32 Er ſprach mehrere Minuten in leiſem Tone mit Dunois, la Hire, Louvet und Anderen; dann kehrte er an Jean Charoſt's Seite zurück und führte ihn auf dem Wege zu ſeiner Wohnung in den äußeren Hof hinunter. Dort fanden ſie den Sohn des Gaſtwirths von Puy geduldig neben dem Maulthiere wartend. Der Knabe wurde ſogleich mit der Weiſung entlaſſen, das Pferd des Barons von Brecy am nächſten Mor⸗ gen in's Schloß zu ſenden. Den übrigen Theil des Abends brachte Jean Charoſt mit Tanneguy du Chatel allein zu. Es war indeſſen kein Abend der Ruhe, denn der aufgeregte Geiſt des Schloßhauptmannes war ſehr bewegt von Allem, was vorgegangen war; und bei ſeinem raſchen und lebhaften Ungeſtüm machte er nicht nur ſeine Be⸗ merkungen über die erhaltenen Nachrichten, ſondern auch über alle wahrſcheinlichen Folgen der jüngſten Ereigniſſe. Oft ſprang er auf und ſchritt in tiefem Nachdenken im Zimmer auf und ab; dann befragte er ſeinen Gefährten wieder um Einzelnheiten, wornach der König ſelber zu fragen vergeſſen hatte. „Der glückliche Augenblick darf nicht verloren gehen,“ ſagte er.„Des jungen Königs Geiſt muß in der Stimmung erhalten werden, die er durch dieſe Nachricht erhalten hat. Wollte der Himmel, ich könnte nur eine halbe Stunde mit der ſchönen Agnes reden, um ihr alle Folgen des erſten großen Schrittes zu 33 zeigen! Ich will nicht darum bitten, und überdies bedarf ſie des Rathes nicht. Sie iſt ein herrliches Geſchöpf, de Brecy. Herz und Seele ſind Frankreich geweiht.“ „Aber es ſind ſelbſt an dieſem Hofe Einige, die ihr nicht beſonders geneigt ſind,“ bemerkte Jean Cha⸗ roſt.„Hörtet Ihr nicht, was eben eine Dame in meiner Nähe ſagte?“ „O, Johanna von Vendome,“ rief Tanneguy lachend.„Sie ſpottet beſtändig über unſere ſchöne Freundin. Sie kam vor zwei Jahren nach Poitiers, hielt ſich für ein wahres Muſter der Schönheit und entſchloß ſich, die Geliebte des Dauphin zu werden. Aber er wollte ihr nicht einmal aus Höflichkeit für ihren Mann ein Kompliment über ihre verblichenen Reize ſagen. So iſt das arme Geſchöpf voll Zorn und würde die ſchöne Agnes tödten, wenn ſie es wa⸗ gen dürfte. Dazu iſt ſie zu feig; wenigſtens hoffe ich es.“ Jean Charoſt dachte tief über die Worte ſeines Freundes nach, und wohin ihn ſeine Gedanken geführt hatten, gab ſich in dem zu erkennen, was er zunächſt ſagte. „Das Benehmen der Königin iſt ſehr ſeltſam,“ flüſterte er. „Ja, ſeltſam genug,“ antwortete du Chatel. „Wir haben hier in dieſem kleinen Schloſſe Espaly Agnes Sorel. IV. 3 34 zwei Frauen, wie ſie die Welt ſelten ſieht— beide jung, beide ſchön, beide ſanft. Die Eine beſitzt allen Muth, Verſtand und Kraft eines Mannes, und doch, wie wir ſehen, die Schwäche eines Weibes. Die An⸗ dere iſt zart und furchtſam, freundlich und liebevoll, und doch ohne die geringſte Selbſtſucht, die zur Eifer⸗ ſucht führt. Beim Himmel! de Brecy, dieſes Be⸗ nehmen Mariens von Anjou hat mich oft in Verlegen⸗ heit geſetzt. Ich glaube, ich könnte mich eben ſo leicht, wie irgend ein Anderer, für das Glück einer geliebten Perſon aufopfern;*) aber der Liebhaber mei⸗ ner Frau könnte nie mein Freund werden. Es gibt Dinge, die zu viel für die menſchliche Natur ſind. Aber dieſe Dame— Ihre Majeſtät meine ich— ſcheint mir ein vollkommener Engel; und die andere thut Alles, was ein gefallener und reuiger Engel nur thun kann, um die Freundſchaft zu erhalten, die er verwirkt zu haben fürchtet. Alles, was Ehrerbietung *) Er bewies ſpaͤter auf edle Weiſe ſeine Anhaͤnglichkeit an Karl VlII. durch eine Handlung, die ihn mehr auszeich⸗ nete, als alle militairiſchen Dienſte, die er jenem Fuͤrſten leiſtete. Seine Entlaſſung vom Hofe wurde, um eine theil⸗ weiſe Ausſöhnung zwiſchen dem Koͤnige und dem jungen Herzoge von Burgund herbeizufuͤhren, gefordert. Karl wi⸗ derſetzte ſich mit Feſtigkeit; aber du Chatel gab freiwillig alle ſeine Ausſichten auf und entfernte ſich, um ſeinen Herrn aus der Verlegenheit zu befreien. und demüthige und feſte Anhänglichkeit thun können, um ihr Vergehen abzuwaſchen, wendet ſie gegen die Königin an, und ich glaube von ganzem Herzen, daß kein Rath, den Agnes Sorel je Marie von Anjou gegeben, irgend einen anderen Zweck hatte, als Ma⸗ riens Glück. Dennoch iſt immer Alles ſehr ſeltſam, und je weniger wir davon reden, deſto beſſer.“ Jean Charoſt dachte auch ſo; aber jene Unter⸗ redung veranlaßte Gedanken, die mit geringer Unter⸗ brechung während des ganzen Abends fortdauerten. Die Geſellſchaft in faſt jedem Lande hat ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Reife und ihr Greiſen⸗ alter. Wenigſtens iſt dies bisher der Fall geweſen. Dieſe verſchiedenen Stadien ſind je nach den Umſtän⸗ den von längerer oder kürzerer Dauer; aber die geſon⸗ derten Epochen ſind gewöhnlich hinlänglich bezeichnet. Das Zeitalter, in welchem Jean Charoſt lebte, hatte nicht jene moraliſche Tendenz, die der Reife des Le⸗ bens angehoört— es war ein Zeitalter der Leiden⸗ ſchaft und Handlung, der Jugend, Thätigkeit und Un⸗ beſonnenheit. Dennoch diente das Gefühl oft als Füh⸗ rer, wo die Vernunft den Menſchen im Stiche ließ; und aus irgend einer Urſache fühlte ſich Jean Charoſt gekränkt, nicht einen einzigen Charakter unter Allen, die ihn umgaben, rein und erhaben genug zu finden, um ſeine volle Achtung zu erhalten. Er legte ſich jene ſchmerzliche Frage vor, die uns ſo oft wiederkehrt, 3*† 36 ehe wir aus der Erfahrung oder vermöge der Ver⸗ nunft eine Kenntniß von der gemiſchten Natur des Menſchen erlangen: Giebt es Tugend, Wahrheit und Ehre auf Erden? Der nächſte Tag verging wie ein Tag der Trauer; aber früh am folgenden Morgen kamen alle Kavaliere im Schloſſe Espaly in der großen Halle zuſammen und es fanden eifrige Berathungen unter ihnen ſtatt. Da ſah man Lüächeln und heitere Blicke und hörte manchen muntern Scherz. Es wurden auch Lan⸗ zen hereingebracht und Schilde unterſucht wie zum Turnier. Jean Charoſt fragte ſeinen Begleiter du Chatel nach der Bedeutung alles Deſſen, was er ſah, und der Letztere entgegnete mit ernſtem Lächeln: „Nur ein knabenhafter Scherz, aber ein ſolcher, der wichtige Folgen haben kann.“ Im nächſten Augenblicke trat der junge König, faſt ganz in Scharlach gekleidet, von einer Anzahl der Damen und Herren des Hofes begleitet, in die Halle und empfing graziös und gnädig die Begrüßun⸗ gen ſeiner Unterthanen; aber im nächſten Augenblicke umringten ihn la Hire und zwei oder drei Andere ſo nahe, daß es Jean Charoſt vorkam, als erwieſen ſie dem Könige geringe Ehrerbietung. Doch plötzlich rief eine Stimme: „Verzeihung, Sire!“ 37 Und in einem Augenblicke wurden die Lanzen ge⸗ kreuzt, ein Schild darauf geworfen und der junge Monarch auf einen Thron erhoben, der ſich für einen der Vorfahren Karl des Großen geeignet hätte. Du⸗ nois ergriff ein Banner, worauf das Wappen Frank⸗ reichs geſtickt war; und durch die Thür der Halle in die Kapelle gehend, wurde das Banner dreimal durch die Luft geſchwungen und die Stimmen der Gegenwärtigen machten die Decke von dem Rufe ertönen: „Es lebe König Karl der Siebente!“ Faſt zu gleicher Zeit kam noch eine Perſon zu der Gruppe vor dem Altare hinzu. Jacques Coeur wiederholte herzlich den Ruf und fügte hinzu: „Ich habe die Mittel mit mir gebracht, Sire — wenigſtens hoffe ich es— um Euch in der That zum Könige von Frankreich zu machen. Die Gelder ſind hier im Schloſſe und in guter Ver⸗ wahrung.“ „Dank— Dank, mein guter Freund!“ ſagte der junge König.„Wir müſſen zuſammen zu Rathe gehen, wie ſie am vortheilhafteſten anzuwenden ſind, damit unſere aufrichtige Dankbarkeit dem Dienſte folge, welches auch der Erfolg der Anwendung ſein möge, die wir davon machen. Und nun, meine Herren und Damen, wollen wir uns ſogleich auf den Weg nach Poitiers machen— ja, ſchon mor⸗ 38 gen in aller Frühe— um dort in der Kathedrale feierlich gekrönt zu werden. Jene Stadt können wir wenigſtens unſer nennen, und dort wollen wir überlegen, wie wir auch andere wieder in unſere Macht bekommen können.“ Drittes Kapitel. Welch' ein ſchwindliger Wirbel iſt die Geſchichte! Wie ſeltſam iſt es, die Menge von Atomen anzu⸗ ſehen, die jeden Augenblick über das wirbelnde und unruhige Waſſer der Zeit dahinrauſchen, wild fortge⸗ tragen von Urſachen, die ſie nicht kennen, denen ſie aber gehorchen. Bald fangen ſie das Licht auf, bald ſtürzen ſie ſich in Dunkelheit, aufgeregt, hin und her geworfen, umgedreht im wirbelnden Tanze und endlich verſchlungen von dem tiefen Strudel, wo Alles ver⸗ ſchwindet! Es iſt eine ſeltſame, ſchreckliche, aber heil⸗ ſame Betrachtung. Keine Predigt, keine Leichenrede, die je gehalten worden, zeigt ſo deutlich dem Herzen die Leerheit aller menſchlichen Dinge— die Wider⸗ ſinnigkeit des Ehrgeizes, die Thorheit des Geizes, die Schwäche der Eitelkeit und Niedrigkeit des Stolzes, wie der traurige und feierliche Anblick der Geſchichte — die Aufzeichnung von Thaten, die nur von Leiden⸗ 40 ſchaften hervorgebracht worden und gänzlich vergebens geweſen. Aber es giebt ein Buch, worin man alle dieſe Dinge leſen kann; und wie ſchrecklich werden die mitgetheilten Reſultate ſein! Wie leicht iſt aber für die Männer, welche Ge⸗ ſchichte ſchreiben, während ſie in dieſem Wirbel um⸗ hertreiben und vorwärts ſtreben ihrem Verhängniſſe zu — wie leicht iſt jeder Uebergang, wie unmerklich die Abnahme des Kreiſes, während ſie vorwärts getragen werden— wie raſch iſt, beſonders in Zeiten großer Thätigkeit, der Uebergang von Ereigniß zu Ereigniß! Die Zeit ſcheint ſtill zu ſtehen in der Hitze der Hand⸗ lung, und die Energie ruft gleich dem Propheten: „Sonne, ſtehe ſtill zu Gibeon, und Mond im Thale Ajalon!“ Als mehrere Jahre vorüber waren, ſchien es Jean Charoſt nur, als wäre ein Tag und eine Nacht ver⸗ gangen, ſeitdem er Agnes und ſeine Mutter in dem Schloſſe Brecy in der Nähe von Bourges zurückge⸗ laſſen. Jeder Tag hatte ſeine Beſchäftigung gehabt, jede Stunde ihre Gedanken— jede Handlung war ſo raſch der anderen gefolgt, daß er keine Zeit gehabt hatte, die Zeit zu berechnen. Doch ſo viele große Ereigniſſe waren geſchehen, daß man hätte denken ſollen, die Stunden auf der Scheibe wären hinlänglich bezeichnet. De Brecy hatte an Schlachten Theil genommen; man hatte ihn zu 41 Verhandlungen angewendet; er war auf einem von den mit Bewaffneten angefüllten Schiffen, die Jacques Coeur gehörten, auf dem mittelländiſchen Meere ge⸗ fahren, um neue Hülfsmittel für ſeinen König anzu⸗ ſchaffen, und es war am franzöſiſchen Hofe eine Pe⸗ riode der Stille und Unthätigkeit eingetreten, wie es gewöhnlich zwiſchen den erbitterten Kämpfen mit einem fremden Feinde der Fall war, und welche meiſtens mit Ränken und Kabalen unter den Hofleuten ausgefüllt wurde. Er nahm ſeinen Weg von Poitiers nach Bourges, in Folge eines Verſprechens, welches er ſich ſelber oft gegeben, wenigſtens auf eine Zeit lang zu Denen zurückzukehren, die er mit unveränderlicher Zärt⸗ lichkeit liebte; und unterwegs dachte er mit Freude an ſeine Mutter und ſtellte ſie ſich gerade ſo vor, wie er ſie verlaſſen— ohne zu wiſſen, daß ihr Haar jetzt ſchneeweiß geworden, und an ſeine liebe, kleine Agnes — indem er vergaß, daß ſie nicht mehr das muntere Mädchen von vierzehn Jahren ſei. Aber auch Jean Charoſt erſchien jetzt nicht mehr als der arme Jüngling, der ſich anſtrengte, die mit Schulden belaſtete Beſitzung ſeines Vaters zu befreien, noch als der Krieger, der mit einer Hand voll Be⸗ gleiter in die Schlacht zog. Sein Zug war ſtark und zahlreich. Die Beſitzung St. Florent, die ſeinem eigenen Schloſſe und der Stadt Bourges ſo nahe lag, daß ein Verwalter leicht beide beaufſichtigen konnte, 42 hatte ihm nicht nur reiche Geldmittel, ſondern auch ab⸗ gehärtete Krieger geliefert; und mit einem Truppe von einigen ſechzig berittenen Männern, alle freudig, wie er ſelber, auf eine Zeit lang in ihre Heimath zurück⸗ zukehren, ritt er heiter vorwärts, ein kräftiger Mann im beſten Lebensalter, mit narbenvoller Stirn und ſonnenverbranntem Geſichte, aber ſeine braunen Locken voon wenigen grauen Linien durchzogen, außer wo der Helm darauf gedrückt und das winterliche Zeichen vor der Zeit herbeigeführt hatte. Aber in dem Ausdrucke des Geſichts war ſeine Jugend am deutlichſten ſichtbar. Da waren keine har⸗ ten Linien, keine tiefen Furchen; Alles erſchien ernſt, denn er war nie von fröhlicher Gemüthsart geweſen; aber es hatte einen heiteren Ernſt— wenn der Aus⸗ druck erlaubt iſt, der einen Widerſpruch zu enthalten ſcheint— heiterer, als in früheren Jahren. Der glückliche Erfolg hatte ihn erheitert, die Welterfahrung hatte den Roſt der Abgeſchiedenheit abgerieben und ein aufrichtiges und edles Herz verlieh ſeinem Blicke Sonnenſchein. 4 Das Land, durch welches er reiste, war durch⸗ aus friedlich— die engliſchen Truppen waren noch nicht über die Loire gekommen— der Herzog von Bedford hielt ſich in England auf und ſeine Generäle zeigten ſich ein wenig nachläſſig während ſeiner Ab⸗ 43 weſenheit. Nach dem heftigſten Kampfe erhob ſich der Franzoſe bald wieder, und wer von Poitiers nach Bourges reiste, konnte glauben, das Land habe nie Kampf und Streit gekannt, und Alles wäre Friede und Freude geweſen. Da wurde auf dem grünen Ra⸗ ſenplatze des Dorfes getanzt— da war das hübſche Gaſthaus mit ſeinem wohlgenährten Wirthe, der ſeine Gäſte mit Schwänken und luſtigen Erzählungen unter⸗ hielt die Glocken läuteten zur Hochzeit, die Geiſt⸗ lichen zogen durch die Straßen und Geſang ertönte auf den Feldern und Weinbergen. Es war am Abende eines heiteren und warmen Som⸗ mertages gegen Ende des vorletzten Tagemarſches, als ſich das alte Schloß St. Florent auf einer kleinen Er⸗ höhung an den Ufern des Fluſſes Cher mit ſeinem hübſchen Dorfe am Fuße und auf drei Seiten von Wäldern eingeſchloſſen zeigte, wo Jean Charoſt für die Nacht Halt machen und am folgenden Tage ſeine Reiſe nach Brecy fortſetzen wollte. Es war ein an⸗ genehmes Gefühl für ſein Herz, wieder auf ſeine eigene Beſitzung zu kommen, und dort auf dem großen, runden Thurme des alten Gebäudes eine Fahne flat⸗ tern zu ſehen, die, wie er nicht zweifelte, ſein Wap⸗ pen trug. Gerade als er eine von den alten Brücken über den Fluß Cher mit ihren engen Spitzbogen und ihren maſſiven, mit Epheu bewachſenen Pfeilern über⸗ ſchritt, bemerkte er einen Blitz, der von den Mauern —— 44 des Hauſes ausging, und hörte im nächſten Augenblicke den Knall einer Kanone. „Sie ſehen uns kommen und begrüßen uns, de Bigny,“ ſagte Jean Charoſt, ſich zu einem ſeiner Begleiter wendend.„O! es iſt doch angenehm, ſich ſeines Eigenthums in Frieden zu erfreuen. Wollte der Himmel, dieſe Kriege wären zu Ende. Ich bin ihrer faſt überdrüßig.“ 8 Sie ritten den Abhang hinauf und traten in einen kleinen Wald, wo die dunklen Eichen, ein we⸗ nig gebräunt von der Sommerſonne, ihre langen Aeſte droben ausbreiteten und einen angenehmen Schatten gewährten. Es war eine liebliche, erfriſchende Scene, wo das Auge weit durch die Stämme der alten Bäume dringen und hie und da eine graue Felsmaſſe, einen grünen Raſen, einen ſchimmernden Bach ſehen konnte, der ſich ſchäumend in den Fluß Cher ſtürzte, ſowie eine kleine Einſiedelei, ein ſteinernes Kreuz, vor der⸗ ſelben erhöht, und zwei Greiſe mit langen, ſchnee⸗ weißen Baͤrten, die ſich in den dunklen Eingang zu⸗ rückzogen, als ſie den Trupp bewaffneter Männer er⸗ blickten. „Dies iſt angenehm,“ ſagte de Brecy, noch mit ſeinem Begleiter redend;„aber morgen werden wir angenehmere Dinge erleben. Das Antlitz der Natur iſt ſchön; aber nicht ſo ſchön, wie die Geſichter Der⸗ jenigen, die wir lieben.“ 4 Hundert Schritte weiter zeigte ſich das alte Schloßthor mit ſeinen beiden großen Thürmen und den Mauern, die ſich hinter die Bäume erſtreckten. Aber er bemerkte Frauenkleider unter dem Eingange, ſowie ſchimmernde Waffen. De Brecy's Herz ſchlug heftig, und den Uebrigen vorauseilend, war er bald auf der Zugbrücke. Es iſt ſelten, daß das Schickſal unſere Hoff⸗ nungen erfüllt. Es iſt ein ſtrenger Lehrer, der des Menſchen Ungeduld durch Aufſchub zügelt. Aber da waren ſie— ſeine Mutter und die kleine Agnes, wie er ſie noch immer nannte. Die Veränderung an Bei⸗ den war nur von der Art, wie die Zeit ſie gewöhn⸗ lich an alten und jungen Perſonen hervorbringt. Die mit Frau von Brecy vorgegangene Veränderung wol⸗ len wir übergehen, denn ſie hatte keine Folgen. Bei der, welche Agnes erfahren, müſſen wir indeß etwas länger verweilen. Der Uebergang von der ältlichen zu der alten Frau iſt leicht und zeigt nichts Bemer⸗ kenswerthes— der Schritt von dem Kinde zu der Jungfrau iſt dagegen raſcher und auffallender. Es iſt Etwas in uns, was macht, daß wir den Verfall beſſer, als die Entwickelung begreifen. Agnes, die bis zu der Zeit, wo Jean Charoſt ſie zuletzt geſehen, von kleiner Statur, wenn gleich ſchön gebildet geweſen, ſchien gleich einer Lilie in einer Nacht aufgeſchoſſen zu ſein, und war jetzt größer, 46 als Frau von Brecy. Aber ſie hatte nicht nur an Größe zugenommen, ihre ganze Geſtalt war verändert und hatte eine Symmetrie angenommen, die eben ſo zart aber ſehr verſchieden von der war, die man früher an ihr bemerkt hatte. Früher hatte ſie nach Jean Charoſt's Anſicht einer kleinen Sylphide geglichen; jetzt aber konnte kein Zweifel ſein, daß ſie ein Weib war, obgleich ſie noch immer etwas Sylphidenartiges an ſich hatte. Schön, wunderbar ſchön war ſie für Jean Charoſt's Augen, doch lag etwas Schwermüthiges in der Veränderung. Das liebe Weſen ſeiner Erinnerung war auf immer dahin und er hatte noch nicht Zeit gehabt, ſich mit der Veränderung auszuſöhnen. Er fühlte, daß er ſie nicht liebkoſen könne, wie vorher — daß er ihr nicht mehr ſein könne, was er früher geweſen, und er ließ ſich nicht träumen, je etwas An⸗ deres zu werden. 3 Seltſam genug, Agnes ſchien die Veränderung viel weniger zu fühlen, als er. Sie ſah in der That keine Veränderung an ihm. Seine Wange mochte ein wenig brauner ſein; die Narbe auf ſeiner Stirn war neu; doch war er derſelbe Jean Charoſt, den ſie von Kindheit auf geliebt hatte, und ſie bemerkte keine Spur von der Hand der Zeit in ſeinem Geſichte oder an ſeiner Perſon. Sie hatte noch nicht gelernt, ihre Augen auf ſich ſelber zu richten, und die Veränderung an ihm war ſo unbedeutend, daß ſie ſie nicht be⸗ 47 merkte. Sie ſprang ihm entgegen, hielt ihm ihre Wange zum erſten Kuſſe hin und ſah ihn mit zärt⸗ lichem Blicke an, während er Frau von Brecy an ſein Herz drückte, was einen Zuſchauer, der ihr früheres Leben nicht gekannt, auf einen falſchen Schluß hätte führen können. Aber Jean war ſehr glücklich. Zwiſchen den Bei⸗ den, die er am meiſten auf Erden liebte, trat er in das alte Schloß und wurde in Zimmer geführt, die er noch nie geſehen hatte. Er hörte jetzt, daß ſie, ſo⸗ bald ſie ſeine beabſichtigte Rückkehr erfahren, von Brecy dorthin gekommen, um mit ihm zuſammenzu⸗ treffen, wie Agnes mit eigenen Händen die Halle aus⸗ geſchmückt, und wie der gute Martin Grille dafür ge⸗ ſorgt, daß Alles zu dem Empfange ſeines Herrn in gehöriger Ordnung ſei. Der Abend verging heiter bei verſchiedenen kleinen Ereigniſſen, die alle ſehr ange⸗ nehm waren, wobei ich aber jetzt nicht verweilen darf. Das Abendeſſen wurde in der großen Halle aufge⸗ tragen, und als es beendet war und man de Brecy's vornehmſten Begleitern zum Willkommen guten Wein gegeben, entfernte er ſich mit ſeiner Mutter und ſei⸗ ner ſchönen jungen Schutzbefohlenen, um die Gegen⸗ wart und die Vergangenheit zu beſprechen. Während jenes Abends war die Unterredung un⸗ zuſammenhängend und ungeordnet, ſo daß wir ſie in einer Geſchichte, wie dieſe, nur ſchwer wiedergeben 48 können. Jean Charoſt erfuhr alle die kleinen Ereig⸗ niſſe, die in der Nachbarſchaft von Bourges geſchehen, wie Agnes eine vortreffliche Reiterin geworden, wie ſie von einem aus Paris vertriebenen Muſiker das Lautenſpielen gelernt, wie Frau von Brecy ſowohl auf ihrer alten Beſitzung, als in St. Florent Alles mit Sorgfalt und Klugheit angeordnet habe, und wie Agnes ihm an den Ufern des Fluſſes Cher zu Pferde oder zu Fuß tauſend angenehme Wege zeigen könne. Dann erzählte er ihnen Alles, was er ſelber er⸗ lebt, verweilte nur kurz bei ſeinen eigenen Thaten und geſtand mit aufrichtiger Demuth, daß er reichlicher für ſeine Dienſte belohnt worden, als er es verdiene. Er erzählte auch manche Anekdote vom Hofe, die kei⸗ ner von ſeinen Zuhörerinnen große Luſt machte, ſich unter denſelben zu miſchen; wie die Anhänglichkeit des Grafen von Richmond durch das Schwert von Con⸗ netable und andere Ehren erkauft worden; wie die etwas unbeſtändige Verbindung mit dem Herzoge von der Bretagne durch das Zugeſtändniß der einen Hälfte der Einkünfte von Guienne gewonnen worden; wie Richmond den Tyrannen über den König geſpielt und ihn gezwungen, Miniſter nach ſeinem Gefallen anzu⸗ nehmen; wie er Beaulieu ermorden und Giac nach einem Verhör zum Schein in einen Sack binden und in die Loire werfen laſſen. Glücklicherweiſe, fügte er hinzu, habe la Trimouille, den der König gezwungen, —— 49 als ſeinen Miniſter annehmen müſſen; ſeinen Mo⸗ narchen durch Undankbarkeit gegen ſeinen Patron ge⸗ rächt; wie Richmond in der Entfernung vom Hofe in Thätigkeit gehalten werde und wie während ſeiner Abweſenheit jetzt Alles ruhig ſei. So verging mehr als eine Stunde. Die Sonne war untergegangen, doch bedurfte man keiner Kerzen, denn der große Vollmond ſchien hell zum Fenſter herein und harmonirte mit den Gefühlen Derjenigen, die jetzt nach langer Trennung zuſammenkamen. Frau von Brecy ſaß am offenen Fenſter; Agnes und Jean Charoſt ſtanden Hand in Hand neben ihr und das ſchöne Thal des Fluſſes Cher erſtreckte ſich unten, bis ſich alle Linien in der Ferne in das nebelhafte Mond⸗ licht verloren. Gerade jetzt erhob ſich ein feierlicher Geſang von dem Fuße des Hügels zwiſchen ihnen und St. Florent. Agnes lehnte vertraulich ihren Kopf an Jean Charoſt's Schultern und flüſterte: „Horch! die beiden Eremiten und die Kinder des Dorfes, die ſie unterrichten, ſingen, ehe ſie ſich trennen.“ 3 Jean Charoſt horchte aufmerkſam, bis der Geſang beendet war, und ſagte dann in ruhigem Tone: „Ich ſah zwei alte Männer in die Einſiedelei gehen. Ich hoffe, ihr Ruf iſt gut; denn es iſt ſchwie⸗ rig, Männer, die aus der Heiligkeit eine Profeſſion Agnes Sorel. IV. 4 50 machen, aus ihrem Beſitze zu verdrängen, und doch iſt ihre Nähe nicht immer ſehr angenehm.“ „O ja, man ſpricht gut von ihnen“ verſetzte Frau von Breey.„Aber Einer von ihnen iſt ſehr ſeltſam und erſchreckte uns.“ „Es war nur auf einen Augenblick,“ rief Agnes lebhaft.„Er iſt auch ein freundlicher, guter Mann. Ich will Dir erzählen, wie Alles geſchah, lieber Jean; dann wollen wir morgen hinuntergehen und ihn be⸗ ſuchen, denn er und ich ſind jetzt gute Freunde. Am Tage nach unſerer Ankunft war ich hinausgewandert, wie ich in Brecy zu thun pflege, indem ich mich hier eben ſo ſicher hielt, wie dort, als mir plötzlich im Walde, gerade bei dem kleinen Waſſerfalle, ein großer alter Mann in grauem Gewande begegnete, der an einem Stabe ging. Was er an mir ſah, weiß ich nicht, aber in dem Augenblicke, als er mich erblickte, blieb er plötzlich ſtehen und ſchien zu ſchwanken, als ob er umfallen wollte. Ich eilte herbei, um ihn zu unterſtützen; aber er ergriff meinen Arm und richtete ſeine Augen ſo ſtrenge auf mein Geſicht, daß er mir Furcht einflößte. Seine Worte erſchreckten mich noch mehr, denn er begann die ſeltſamſte und wildeſte Sprache, die ich je gehört, fragte, ob ich aus dem Grabe gekommen, und ob ſeine langen Jahre der Buße vergebens geweſen, und ſagte dann, er habe mir verziehen und gewiß dürfte ich ihm auch ver⸗ zeihen; er wiſſe, Gott habe ihm verziehen, und warum ſollte ich denn ſo hart ſein? Dann weinte er bitter⸗ lich. Ich verſuchte ihn zu beſänftigen und zu beruhi⸗ gen; aber er hielt mich noch immer am Arme feſt und ich konnte nicht wegkommen. Nach und nach wurde er ruhig und bat mich um Verzeihung. Er ſagte, es wäre eine Täuſchung geweſen, fragte nach meinem Namen und ich mußte mich zu ihm auf das Moos ſetzen. Dort ſprachen wir länger, als eine halbe Stunde; denn immer, wenn ich gehen wollte, bat er mich dringend, noch zu bleiben. Die ganze Zeit über redete er irre— wenigſtens konnte ich nicht die Hälfte von dem verſtehen, was er ſagte. Er ſagte mir indeſſen, er wäre einſt ein reicher Mann, ein Hof⸗ mann und Ritter geweſen; vor vielen Jahren habe man ihm ein ſchweres Unrecht gethan und in einem Augenblicke der wahnſinnigen Leidenſchaft habe er ein großes Verbrechen begangen. Einige Jahre ſei er als ein verdammter Geiſt halb wahnſinnig umhergewan⸗ dert, doch mit dem Bewußtſein, daß er es ſei. Dann habe er einen guten Mann getroffen, der ihn zu beſ⸗ ſeren Hoffnungen geführt, und von der Zeit an habe er ſeine ganze Zeit mit Buße und Gebet hingebracht. Endlich bat er mich dringend, ihn in ſeiner Einſiedelei zu beſuchen; und ſo bin ich mit meinem Mädchen Mar⸗ giette zweimal bei ihm geweſen. Er und ſein Ge⸗ fährte unterrichten, wie ich erfuhr, die kleinen Kinder 4* 5² des Dorfes. Er ſchien erfreut, mich zu ſehen, doch ſah er mich anfangs von der Seite an, als fürchte er mich faſt. Aber er ſchien viel von Dir zu wiſſen, lieber Jean; wenigſtens dem Rufe nach. Er ſagte, Du wäreſt immer treu und wahr geweſen und würdeſt es auch bis an's Ende ſein; kurz, er ſprach von Dir, wie ich es gern höre. So mußt Du alſo mit mir kommen und ihn und ſeinen Gefährten beſuchen.“ „Das will ich,“ verſetzte Jean Charoſt. Er machte keine weitere Bemerkung über ihre Er⸗ zählung. Aber was ſie ihm erzählte, gab ihm Stoff zu tiefem Nachdenken, als die Uebrigen ſich ſchon zur Ruhe begeben hatten. —— Viertes Kapitel. Mls Jean Charoſt erwachte, herrſchte ein lieblicher, ſchläfriger Sommermorgen, wo die ganze Natur zu ſchlafen geneigt ſcheint, wo eine Milde in der Luft, ein nebelartiger Duft in der Atmoſphäre ſchwebt, wo ſtreifige, weiße Wolken den Himmel halb verſchleiern, und wo ſelbſt die Vögel der Büſche und die Thiere des Feldes geneigt ſcheinen, den lieblichen Morgen⸗ ſchlummer in der ſie umgebenden köſtlichen Scene fort⸗ zuſetzen. Ein leichter Luftzug bewegte freilich die Bäume, aber die Luft war ſehr ſanft und milde; und obgleich ſich die Lerche vom Acker erhob, um ihr Morgenlied an den Pforten des Himmels zu ſingen, ſo waren doch die Töne durch die Entfernung ſo ge⸗ mildert, daß man die Melodie mehr zu fühlen, als zu hören glaubte. Es war noch ſehr früh, und von dem Fenſter aus war kein beweglicher Gegenſtand zu ſehen, außer den ſtummen Heerden, die zur Weide 54 zogen, außer einer Dohle, die über ſeinen Kopf dahin⸗ flog, und einem frühen Arbeiter, der auf das Feld zog. Sonſt ſchlummerte noch Alles. Dennoch war der junge Seigneur de Brecy bald zum Ausgehen gerüſtet und wanderte auf die Einſiedelei zu. Er fand die Bewohner derſelben bereits auf und zu ihren Morgenarbeiten bereit; aber Einer von ihnen begrüßte ihn als einen alten Bekannten, führte ihn in die Zelle und unterredete ſich länger als eine Stunde mit ihm. De Brecy kam ernſter heraus, als er hineinge⸗ gangen war, obgleich er vorher ſchon ernſt genug ge⸗ weſen; und gleich nach ſeiner Rückkehr in das Schloß wurden Boten an mehrere öffentliche Beamte jenes Ortes geſchickt. Es geſchah indeſſen ganz in der Stille, und ſelbſt die, welche die kurzen Briefe ihres Herrn überbrachten, hatten keinen Begriff davon, daß ſein Impuls ſo plötzlich geweſen, denn ſie glaubten, er handle nur nach Befehlen, die er vor ſeiner Ab⸗ reiſe aus Poitiers erhalten. Ehe de Brecy zu ſeiner Mutter und Agnes kam, brachte er einige Zeit damit zu, ein Paket mit alten Papieren, einigen Schmuckſachen und einem Ringe an⸗ zuſehen, und dann ging er mehrere Minuten gedan⸗ kenvoll in ſeinem Zimmer auf und ab. Endlich warf er die Sorge von ſich, miſchte ſich unter die Familie und es verging eine Stunde bei angenehmer Unterhaltung. Vielleicht war Jean Charoſt heiterer, als gewöhnlich und weniger gedankenvoll; doch ſeine Mutter bemerkte, daß er einigemal ſeine Augen nach⸗ denkend auf Agnes richtete. Auch war Agnes ſich deſſen nicht unbewußt; und einmal, als ſie ſeinem Blicke begegnete, verbreitete ſich ein Erröthen über ihre Wange und eine leichte Aufregung verrieth ſich in ihrem Weſen. Bald darauf verließ ſie die Halle und Frau von Brecy ſagte in ruhigem Tone, aber nicht ohne beſtimmten Zweck: „Ich zweifle nicht, mein Sohn, daß wir bald einen Beſuch von einem jungen Nachbar erhalten wer⸗ den, der zwiſchen hier und Brecy wohnt, nämlich von einem Herrn de Brives, deſſen Schloß und Dorf deſ⸗ ſelben Namens Du von dem Gipfel des Thurmes ſehen kannſt. Er hat uns ſowohl hier, als in Brecy häufig beſucht— ich darf wohl ſagen, um unſere liebe Agnes zu ſehen. Du bemerkſt, mein Sohn, wie ſchön ſie geworden iſt; und um die Wahrheit zu ſagen, iſt es mir ſehr lieb, daß Du gekommen biſt, ehe dieſer Herr ſeine Wünſche erklärt hat; denn ich konnte nicht wagen, ihm mitzutheilen, was ſelbſt ich von der Geſchichte unſerer Agnes weiß und doch möchte er wünſchen, etwas mehr von ihrer Familie zu erfahren.“ Sie beobachtete ruhig das Geſicht ihres Sohnes, während ſie ſprach; doch konnte ſie keine Spur von 56 Gemüthsbewegung darin entdecken. Jean Charoſt ſchwieg freilich zwei bis drei Minuten, doch blieb er völlig ruhig und nur gedankenvoll. Endlich fragte er: „Wißt Ihr irgend Etwas von dem Rufe dieſes Herrn, theuerſte Mutter.“ „Er ſcheint in gutem Rufe zu ſtehen, nach dem Laufe der Welt,“ verſetzte Frau von Brecy.„Er ſcheint liebenswürdig und freundlich zu ſein und zeich⸗ nete ſich, wie man mir ſagt, vor einigen Jahren in dem Angriffe auf Cone aus. Er iſt überdies reich und durchaus Herr ſeiner ſelbſt.“ „Wie empfängt ihn Agnes?“ fragte Jean Charoſt gedankenvoll. „Freundlich und höflich,“ entgegnete ſeine Mut⸗ ter;„aber weiter habe ich Nichts bemerkt. Ich habe ſeine Beſuche freilich nicht ſehr begünſtigt, denn ich dachte, es könnte eine traurige Täuſchung für das liebe Mädchen ſein, wenn ſie ihm ihre Neigung zu⸗ wende und ihre dunkle Geſchichte ein unüberwindliches Hinderniß in den Augen des Mannes würde, den ſie gewählt.“. „Wenn es ſo wäre, würde er ihrer unwürdig ſein,“ antwortete Jean Charoſt, aufſtehend und lang⸗ ſam im Zimmer auf und ab gehend. Dann blieb er ſeiner Mutter gegenüber ſtehen und fügte hinzu:„Ich habe ſchon den ganzen Morgen daran gedacht, liebe Mutter, Agnes ihre ganze Geſchichte mitzutheilen. 57 Es iſt eine etwas ſchwierige und ſchmerzliche Aufgabe. Es muß aber doch geſchehen.“ „Ich denke, je eher, deſto beſſer,“ verſetzte Frau von Brecy.„Ich habe ſchon lange daran gedacht; da ich mich aber gänzlich auf Dein Urtheil verließ, wollte ich nicht einſchreiten.“ „Weiß ſie, daß ſie in keiner Weiſe mit uns ver⸗ wandt iſt?“ „Ja— ja,“ antwortete ſeine Mutter.„Ihre eigenen Fragen brachten eines Tages ſo viel heraus. Ich konnte bemerken, daß ſie gern mehr gefragt hätte; aber ich ſagte ihr nur, ſie wäre eine Waiſe, die man Deiner Fürſorge und Vormundſchaft übergeben. Das ſchien ihr zu genügen, und mehr fragte ſie nicht. Aber ich denke, es iſt recht, daß ſie Alles erfahre.“ „Das ſoll ſie auch,“ entgegnete Jean Charoſt. „Ich will es ihr ſagen. Aber es muß in einem Augenblicke geſchehen, wo wir Beide allein ſind.“ „Wenn Du mir ein Zeichen geben willſt, ſo will ich das Zimmer verlaſſen,“ ſagte Frau von Brecy. „Nein,“ verſetzte ihr Sohn gedankenvoll,„das wird nicht nöthig ſein. Ich könnte es nicht ſo förm⸗ lich ſagen. Es muß ihr auf ſanfte und unbefangene Weiſe mitgetheilt werden, liebe Mutter, um ſie nicht aufzuregen oder zu beunruhigen. Eines Tages, wenn wir mit einander ausreiten oder in den Wäldern oder auf den Schloßmauern ſpazieren gehen, will ich Etwas 58 ſagen, was ſie natürlich dahin führen wird, weiter zu fragen. Dann vill ich es ihr nach und nach als eine Sache von keiner großen Bedeutung mittheilen. Da ertönt ein Horn am Thore. Vielleicht iſt es die⸗ ſer Herr de Brives.“ „Was willſt Du thun, wenn er ſogleich redet?“ fragte Frau von Brecy und fügte dann ſchnell hinzu: „Ich zweifle nicht, daß er es thun wird.“. „Ich will ihn an Agnes ſelber verweiſen,“ ant⸗ wortete Jean Charoſt.„Sie muß entſcheiden. Vor⸗ her aber will ich ihm, ſo viel ich kann, von ihrer Ge⸗ ſchichte mittheilen und ihm als ein Gegengewicht die Verſicherung geben, daß ihr Alles zufallen ſoll, was ich durch meine Anſtrengungen oder durch mein Schwert erworben habe.“ „Aber Du wirſt ſelber einſt heirathen, lieber Jean— ich hoffe und erwarte es,“ ſagte ſeine Mut⸗ ter lebhaft. 1 „Niemals!“ rief ihr Sohn, und im nächſten Augenblicke war Herr de Brives im Zimmer. 4 Er war ein großer, ſchöner, junger Mann von fünf⸗ oder ſechsundzwanzig Jahren, gebildet und höf⸗ lich in ſeinem Weſen, mit dem Tone warmer Aufrich⸗ 4 tigkeit in ſeinem ganzen Benehmen, der gewöhnlich ſehr einnehmend für ein weibliches Herz iſt. Warum, können wir kaum ſagen, aber Jean Charoſt empfing ihn mit etwas ſtattlicher Kälte, und die erſten Worte 9 der Begrüßung waren kaum ausgeſprochen, als Agnes ſelber wieder in's Zimmer trat und ihren Gaſt mit freundlicher Unbefangenheit willkommen hieß. De Brecy's Augen waren lebhaft auf ſie gerichtet. Nach einigen Minuten wendete ſich Herr von Brives zu Jean Charoſt und ſagte: „Es iſt mir lieb, daß Ihr endlich zurückgekehrt ſeid, Herr von Brecy, denn ich habe einige Worte mit Euch allein zu reden, wenn es Eure Zeit erlaubt, mir Gehör zu geben.“ „C wiß,“ verſetzte de Breey aufſtehend. Seiner Mutter ein Wort zuflüſternd, als er vor⸗ überging, warf er Agnes noch einen Blick zu; aber ihr Geſicht war völlig ruhig, und dann führte er den Fremden in ein nahes Kabinet. Seine Unterredung mit Herrn von Brives währte eine halbe Stunde, und eine kurze Zeit vorher ver⸗ ließ Frau von Brecy ruhig die Halle, während Agnes, an einem Waffenrocke ſtickend, zurückblieb. Nach einiger Zeit kamen die beiden Herren aus dem Kabinete und Herr von Brives ging ſogleich in das Zimmer, wo Agnes ſaß. Jean Charoſt dagegen ging in die untere Halle, die leer geblieben war, während ſeine Begleiter ſich auf dem Schloßhofe um⸗ hertrieben. Dort ſchritt de Brecy mit ernſter und finſterer Miene, ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt, auf und ab, wendete ſich einmal um und ſah den 60 Spielen zu, die auf dem Hofplatze vorgingen. Aber er ſetzte ſeinen Weg, ohne zu lächeln, fort, rich⸗ tete ſeine Augen gedankenvoll auf die alten Steine, als hätte er ihre Anzahl berechnen oder ihre Flecken beobachten wollen. Die Zeit ſchien ihm ſehr lang zu werden, und doch wollte er den Liebhaber in ſeiner Bewerbung nicht ſtören. Endlich aber hörte er einen raſchen Schritt her⸗ beikommen, und im nächſten Augenblicke trat Herr von Brives in die Halle, als wollte er nur hindurch gehen, um auf den Hofplatz zu gelangen.(iſein Ge⸗ ſicht war todtenblaß und in jedem Zuge Spuren hef⸗ tiger Gemüthsbewegung zu bemerken. „Nun?“ rief de Brecy, ihm entgegen gehend, „ſie hat Euch doch angenommen— natürlich hat ſie Euch angenommen?“ De Brives ergriff nur ſeine Hand und ſchüttelte den Kopf. „Sagtet Ihr, daß Ihr Alles wüßtet?“ fragte de Brecy.„Sprachet Ihr von Eurem edlen Aner⸗ bieten—“ „Vergebens— Alles vergebens,“ ſagte der junge Mann, und de Brecy's Hand heftig drückend, entfernte er ſich raſch von ihm und verließ das Schloß. Jean Charoſt ſtand einen Augenblick in der Mitte der Halle in tiefem Nachdenken da und ſtieg dann die Treppe hinauf, wo er Agnes verlaſſen hatte. Er 61 fand ſie bitterlich weinend, und ſanft auf ſie zugehend, ſetzte er ſich zu ihr nieder und faßte ihre Hand. „Liebe Agnes,“ ſagte er,„Du weinſt— Du bedauerſt, was Du gethan haſt? Es iſt noch nicht zu ſpät. Laß mich ihm nachſchicken; er hat kaum das Schloß verlaſſen.“ „Nein, nein, nein!“ rief Agnes lebhaft.„Ich bedauere nicht, was ich geſagt habe, wenn ich auch bedaure, Schmerz verurſacht zu haben— ja, ich be⸗ daure immer, wenn ich Schmerz verurſachen muß. Aber ich ſagte ihm nur die Wahrheit.“ „Was ſagteſt Du ihm?“ fragte Jean Charoſt, vielleicht ein wenig zudringlich. 3 Agnes wurde ſehr roth, antwortete aber ſogleich: „Ich ſagte ihm, ich könne ihn nicht lieben, wie ein Weib ihren Gatten lieben ſolle.“ „Freilich eine bittere Wahrheit von ſolchen Lip⸗ pen, wie dieſe,“ ſagte Jean Charoſt in leiſem Tone. „Freilich, freilich,“ rief Agnes, die einen Vor⸗ wurf in ſeinen Worten zu finden ſchien;„aber ich wollte ihm nicht mehr Schmerz verurſachen, als durch⸗ aus nöthig war, indem ich ihm die Wahrheit ſagte. Aber wie konnte ich ihn lieben?“ fragte ſie mit ver⸗ wirrtem Blicke; und dann fügte ſie hinzu, indem ſie traurig den Kopf ſchüttelte:„Nein— nein— nein!“ „Kein Wort weiter, liebe Agnes,“ ſagte Jean Charoſt.„Du thateſt ganz recht, ihm die Wahrheit 4 62 zu ſagen; und ich bin völlig gewiß, daß Du es ſo ſanft wie möglich gethan. Nun laß uns dieſes ſchmerzliche Ereigniß ſo bald wie möglich vergeſſen, und Alles wird wieder wie früher ſein.“ „Ol ſehr gern,“ rief Agnes mit heiterem Lächeln. „Ich hoffe und wünſche Nichts weiter.“ Er beſänftigte ſie nach und nach mit milder Zärtlichkeit und entwöhnte ſie von allen ſchmerzlichen Gedanken. Dann lenkte er die Unterhaltung mit einer Geſchicklichkeit, die man nicht von ihm hätte er⸗ warten ſollen, unmerklich zu anderen Gegenſtänden und zu entfernten Scenen. Die Rückkehr der Frau von Brecy in's Zimmer erneuerte auf eine kurze Zeit die Aufregung des ſchönen Mädchens und Jean Charoſt ließ ſie bei ſeiner Mut⸗ ter zurück, nachdem er verſprochen, an dem Abende einen weiten Spaziergang mit ihr zu machen und ſich alle ſchönen Stellen in den umgebenden Wäldern zei⸗ gen zu laſſen. 3 Man ninmmt gewöhnlich an, daß ein weibliches Herz ſich leichter einem Weibe, als einem Manne öffnet; und zuweilen iſt es ſo, zuweilen nicht. Wenn wir genau beobachten, müſſen wir bemerken, daß die Geheimniſſe ſorgfältiger vor weiblichen Augen, als vor allen anderen verborgen werden— vielleicht wegen ihrer Scharfſicht. Dies aber war wahrſcheinlich bei Agnes nicht der Fall. Dennoch war es vergebens, daß Frau V 63 von Brecy ſie befragte. Sie erzählte offen und einfach Alles, was geſchehen war, und berichtete jedes Wort, welches man ausgeſprochen, ſo weit ſie ſich deſſen er⸗ innerte. Aber Etwas ſagte Agnes nicht, nämlich die Urſache alles Deſſen, was geſchehen war. Freilich konnte ſie dieſelbe nicht angeben, denn ſie war an ſich nebelhaft und undeutlich— Etwas, was ſie fühlen, aber nicht erklären konnte. Freudig hörte ſie die Trompete zum Mittageſſen blaſen; denn ſie hatte Frau von Brecy zum Nach⸗ denken gebracht, und Agnes wünſchte nicht, daß ſie zu lange über ihre Handlungsweiſe an dem Tage nach⸗ denken möge. Um Mittag war es ſehr ſchwül, und Jean Charoſt hatte mehrere Stunden nach der Mahlzeit reichliche Beſchäftigung. Reiter gingen ab und kamen an; er hielt Unterredungen mit mehreren Perſonen aus Bourges und mit mehreren der Pächter von St. Florent. Er ſchickte eine große Abtheilung der Leute, die ihn von Poitiers begleitet hatten, in die benach⸗ barte Stadt, und das Schloß wurde ſtill und einſam. Gegen Abend aber forderte er Agnes auf, ſich auf ihren Spaziergang vorzubereiten, und als er ihrer wartend im Vorſaale auf und ab ging, ſchloß. Frau von Brecy, daß er an dem Abende mit ſeiner ſchönen Schutzbefohlenen über den delikaten Gegen⸗ ſtand ihrer eigenen Geſchichte zu reden beabſichtige. 64 „Sei ſanft gegen das liebe Mädchen, mein Sohn,“ ſagte ſie;„und wenn Du ſiehſt, daß ein Gegenſtand ſie aufregt, ſo verändere ihn. Es geht Etwas in Agneſens Geiſte vor, was wir nicht ganz begreifen, und man könnte einen zarten Punkt be⸗ rühren, ohne es zu wiſſen.“ „Vermuthet Ihr eine andere Neigung?“ fragte Jean Charoſt, ſich ſo plötzlich umwendend und ſo ernſt redend, daß ſeine Mutter davon überraſcht wurde. „Durchaus nicht,“ antwortete ſie.„Ich kann es nicht für möglich halten. So viel ich weiß, hat ſie Niemand geſehen, der möglicherweiſe ihre Neigung hätte gewinnen können, als dieſen Herrn von Brives. Die alten Krieger in dieſem Schloſſe und in Brecy, der gute Martin Grille und Henriot, der Reitknecht, ſind, auf mein Wort, alle Männer, die wir geſehen haben.“ Durch Agneſens Rückkehr wurde die Unterredung unterbrochen, und dann ging ſie mit de Brecy zu einem von den Nebenthoren auf den Hügel hinaus. Agnes war jetzt ſo heiter, wie eine Lerche; der Schauer war vorübergezogen und Alles klar, ſo daß keine Spur der Aufregung zurückblieb. De Brecy war gedankenvoll, doch bemühte er ſich gleichfalls, heiter zu ſein, blieb ſtehen und ſah ſich um, wenn ſie ihn auf eine Schönheit der Scene auf⸗ merkſam machte, und ſprach von der Lieblichkeit der 3 65 Natur und den Wundern der Kunſt, die er geſehen, ſeitdem er zuletzt in Berri geweſen; aber es lag noch etwas mehr in ſeiner Unterredung. Da war eine Tiefe des Gefühls, eine Wärme der Phantaſie, ein Reichthum der Gedankenverbindungen, was Agnes auch gedankenvoll machte. Er ſchien ihren Geiſt len⸗ ken zu können, wie er wollte; und indem er ſeine Macht ſanft und zart ausübte, war es angenehm und neu für ihn, zu fühlen, daß er dieſelbe beſitze. Sie kamen zu einer ſehr ſchönen Scene, gerade als die Sonne nicht weit mehr vom Horizonte entfernt war. Es war ein kleiner, abgeſchiedener Winkel des Waldes, von hohen, alten Bäumen umgeben und überſchattet, der Boden mit kurzem, grünem Graſe be⸗ deckt. Die Fläche war ſo eben wie der Fußboden einer Halle; aber nach Südweſten zu war ein ſteiler Abhang, von deſſen Fuß einige kleinere Bäume ihre Zweige emporſtreckten, ſo daß man durch dieſelben, wie durch ein Fenſter, eine Ausſicht auf das Thal des Cher und den glühenden Himmel jenſeits hatte. „Dies iſt ein Ort für Dryaden, Agnes,“ ſagte Jean Charoſt, der ſie neben ſich auf einen großen Felsblock niederſitzen ließ, der zu dem Fuße einer alten Eiche hingerollt war.„Nymphen des Waldes, liebes Mädchen, könnten hier wohl mit den Geiſtern der Luft Umgang pflegen.“ „Ich dachte noch vorgeſtern,“ ſagte Agnes, Agnes Sorel. IV. 5 66 wwelch' ein ſchöner Ort dies für eine Hütte im Walde ſein würde, den lieblichen Himmel über uns und die Welt dort unten.“ „Es iſt immer beſſer, die Welt unter uns, oder vielmehr, uns über der Welt zu halten,“ entgegnete Jean Charoſt lächelnd;„aber ich fürchte, Agnes, die Bewohner von Hütten haben nicht die meiſte Geſchick⸗ lichkeit dazu. Ich habe wenig Vertrauen zu Hütten und Einſiedeleien.“ „Zerſtöre meine Träume nicht, lieber Jean,“ ſagte Agnes faſt traurig. „O nein,“ antwortete er,„ich will ſie nicht zer⸗ ſtören, ich möchte ſie nur leſen.“ Agnes ſchwieg einige Sekunden mit niederge⸗ ſchlagenen Blicken und ſah ihm dann lebhaft in's Geſicht. „Sie ſind ſehr einfach,“ ſagte ſie,„und leicht zu leſen. Der glänzendſte Traum meines Lebens, den ich am zärtlichſten gehegt, iſt, immer bei Frau von Brecy und bei Dir zu bleiben, ohne alle Veränderung— außer,“ fügte ſie lebhaft hinzu,„daß Du immer bei uns bleiben— Dich durch Schneichelei⸗ zu bewegen, Schwert und Lanze wegzuwerfen und nie mehr unſere Herzen bei dem Gedanken ſchlagen zu machen, daß Du in Schlacht und Gefahr ſeieſt.“ Jean Charoſt's eigenes Herz ſchlug jetzt, und er ſchwieg einige Augenblicke. 67 „Das kann nicht geſchehen, Agnes,“ ſagte er; „und Du vürdeſt es nicht wünſchen, mein liebes Mädchen. Jedermann muß Etwas für ſein Vaterland opfern, und ganz beſonders in gefahrvollen Zeiten: die Männer ihre Ruhe, ihre Bequemlichkeit, ja oft ihr Glück und ihr Leben— die Frauen die Geſell⸗ ſchaft Derjenigen, die ſie lieben, ihrer Brüder, Väter oder Gatten. Nun, liebe Agnes, bin ich Nichts von dem Allen für Dich, und darum iſt Dein Opfer nicht ſo groß, wie das vieler Anderen.“ „Ich weiß, Du biſt nicht mein Vater,“ verſetzte Agnes.„Unſere liebe Mutter ſagte mir das ſchon längſt; und weißt Du wohl, Jean, ich wünſchte oft, Du wäreſt mein Bruder.“ Jean Charoſt lächelte und ſchien einen Augenblick unentſchloſſen, was er antworten ſollte. Er blieb in⸗ deſſen feſt bei ſeinem Vorſatze und antwortete endlich: „Das iſt eine Verwandtſchaft, die wir durch un⸗ ſere Wünſche nicht herbeiführen können. Aber wir ſind nicht mit einander verwandt, Agnes. Du biſt nur mein adoptirtes Kind.“— „Nein, nicht Dein Kind,“ ſagte ſie.„Dazu biſt Du zu jung. Warum nicht Deine adoptirte Schweſter?“. „Davon hörte ich nie,“ verſetzte de Brecy;„aber Du biſt wie ein Kind für mich, Agnes. Ich trug 5* 68 Dich eine halbe Stunde weit auf meinen Armen, als Du noch ein kleines Kind wareſt.“ „Und eine Waiſe,“ fügte ſie in traurigem Tone hinzu.„Wie viel, wie unendlich viel bin ich Dir ſchuldig, dem beſten und gütigſten Freunde!“ „ Vielleicht nicht ſo viel, wie Du denkſt, Agnes,“ verſetzte Jean Charoſt.„Um mein eigenes Leben in einem Augenblicke großer Gefahr zu retten, legte ich das feierliche Verſprechen ab, Dich zu beſchützen und zu erziehen, als wäreſt Du mein eigenes Kind. Auf unvorſichtige Weiſe war ich in die Hände gewiſſen⸗ loſer Räuber gerathen, welche glaubten, daß ich als Spion gekommen ſei, um ſie zu verrathen. Es war keine Möglichkeit zur Flucht oder zum Widerſtande vorhanden; aber ein Herr, der bei ihnen war und der, obgleich Keiner von ihnen, anſcheinend in Folge alter Verbindungen, großen Einfluß bei ihnen hatte, bewog ſie, unter den angeführten Bedingungen meines Lebens zu ſchonen. Du wareſt damals ein kleines Kind und lageſt unter einem Baume des Waldes; ich ſelber war freilich kaum mehr als ein Knabe, aber ich legte ein feierliches Verſprechen ab, liebe Agnes, und ich habe mich bemüht, es redlich zu erfüllen. Doch verdiene ich auch dafür keinen Dank, liebe Agnes; denn was ich anfangs aus Pflichtgefühl that, geſchah ſpäter aus Liebe. Wohl gewanneſt Du meine Liebe und belohnteſt mich dafür; und wie ich dieſen Mor⸗ 69 gen dem Herrn von Brives ſagte, wird Dir bei mei⸗ nem Tode Alles zufallen, was ich durch meine An⸗ ſtrengungen erworben habe, obgleich die kleine Be⸗ ſitzung Brecy einer anderen und ſehr entfernten Branche meiner Familie zufallen muß.“ „Glaubſt Du denn, daß ich mich des Beſitzes erfreuen könnte, wenn Du todt wäreſt?“ fragte Ag⸗ nes in traurigem und vorwurfsvollem Tone.„O nein! nein! Alles, was ich dann bedürfen würde, könnte nur ſein, einen Platz in einem Nonnenkloſter zu fin⸗ den, um dort zu beten, daß es nicht lange währen möge, bis wir einander wiederſehen. Du biſt mir im Leben Alles geweſen, lieber Jean. Was liegt daran, was geſchieht, wenn Du nicht mehr biſt?“ Jean Charoſt legte ſanft ſeine Hand auf die ihre, und ſie hätte fühlen können, wie jene ſtarke Hand zit⸗ terte; aber ihre Gedanken ſchienen mit anderen Din⸗ gen beſchäftigt zu ſein. Sie kannte die Gemüthsbe⸗ wegungen nicht, die ſie erregte. Ohne Zweifel kannte ſie nicht einmal die, welche die Quelle ihrer eigenen Worte und Gedanken waren. „Es iſt traurig,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort,„nie des Vaters Geſicht geſehen oder der Mut⸗ ter Segen gekannt— keinen Bruder, keine Schweſter zu haben! Und wenn gleich ein Freund auf vortreff⸗ liche Weiſe die Stelle Aller vertreten hat, ſo hege ich doch zuweilen das Verlangen, zu wiſſen, wer meine —mõ aſſſſſſ⁄—— 70 Eltern waren und welches meine Familie war. Ich bin gewiß, Du würdeſt es mir ſagen, wenn es zu wiſſen gut für mich wäre, und darum habe ich nie gefragt— auch frage ich jetzt nicht, obgleich der Ge⸗ danke mich zuweilen beunruhigt.“ „Ich bin bereit, Dir dieſen Augenblick Alles zu ſagen, was ich weiß,“ entgegnete Jean Cha⸗ roſt;„aber das iſt nicht viel und es iſt eine trau⸗ rige Geſchichte. Biſt Du vorbereitet, ſie zu hören, Agnes?“ „Nein— nicht, wenn ſie traurig iſt,“ antwor⸗ tete ſie.„Ich habe der Zeit Deiner Rückkehr entge⸗ gengeſehen, theurer Freund, als ob jeder Tag Deines Aufenthalts ein Tag der Freude wäre und kein Schat⸗ ten mich während der ganzen Zeit umſchweben könnte. Doch biſt Du erſt einen Tag hier, und dieſer Tag iſt mehr von Traurigkeit erfüllt geweſen, als viele von denen, die ich ſeit Jahren erlebt habe. Ich habe Thränen vergoſſen, was nicht geſchehen, ſeitdem Du uns zuletzt verlaſſen. Ich möchte heute nicht mehr Trauriges erleben. Zu einer anderen Zeit ſollſt Du mir Alles erzählen, was mich betrifft.“ „Alles, was ich weiß,“ fügte Jean Charoſt hin⸗ zu;„ich will Dir auch einige Papiere geben, die Dir vielleicht mehr ſagen werden. Es ſind auch einige Juwelen dabei, die Dir gehören—“ „Sieh',“ ſagte Agnes, ihn unterbrechend, als ob ihr Geiſt abweſend wäre,„die Sonne iſt ſchon halb hinter dem Rande der Erde. Wäre es nicht beſſer, wenn wir in das Schloß zurückkehrten? Wie herrlich ſie die Ränder der Wolken erleuchtet und das dunkle Grau in Karmoiſin und Gold verwandelt. Ich habe oft gedacht, daß die Liebe daſſelbe thut; und wenn ich Dich und unſere liebe Mutter bei mir habe, fühle ich, daß es ſo iſt; denn Dinge, die ſonſt dunkel und traurig ſein würden, ſcheinen hell und ſchimmernd zu werden. Selbſt das, was mich dieſen Morgen zum Weinen brachte, hat ſeine Schwere ver⸗ loren, und da es geſchehen mußte, bin ich froh, daß es vorüber iſt.“ „Wirſt Du es nie bereuen, liebe Agnes?“ fragte Jean Charoſt mit einer Stimme, die nicht ohne Bewegung war.„Von dieſem Herrn von Bri⸗ ves weiß ich Nichts, als was das Gerücht mir ſagt; doch ſchien er mir wohl geeignet, Gunſt zu gewinnen — und vielleicht auch ſie zu verdienen.“ „Was liegt mir an ihm?“ fragte Annes faſt ungeduldig;„er iſt ja ein Fremder für mich. Sollte ich es je bereuen?— Nein, nimmermehr!“ „Aber Du mußt Jemand heirathen, der Dir faſt eben ſo fremd iſt, wie er,“ ſagte Jean Charoſt. Sie ſchüttelte traurig den Kopf und antwor⸗ tete nur: 7² „Nimmermehr!“ Jean Charoſt ſchwieg einen Augenblick; dann ſtand er auf und kehrte mit ihr in das Schloß zu⸗ rück; doch wurde Nichts von dem ausgeſprochen, was man hätte ſagen können. Fünftes Kapitel. Es war eine große Veränderung mit Agnes vorge⸗ gangen und Frau von Brecy bemerkte es ſogleich. Ihr Geiſt war hoch geſtimmt, wenn gleich heiter; und wenn ſie gedankenvoll war, konnte man gewiß ſein, daß ſie Etwas bei ſich ſelber überlege, über eine Handlungsweiſe nachſinne oder einen Gedanken und ein Gefühl vor dem Tribunale ihres eigenen Herzens prüfe. Die ganze Nacht und den ganzen folgenden Morgen war ſie ſehr gedankenvoll. Ihre Heiterkeit war dahin; und wenn ſie gleich zuhören und ſich un⸗ terreden konnte, verſank ſie doch bei jeder Pauſe wie⸗ der in ihre Träumerei. Jean Charoſt hatte ſich auch ſehr verändert, wenigſtens in ſeinem Benehmen gegen Agnes, und das Auge der Mutter bemerkte es mit ſehr wechſelnden Gefühlen. Sein Benehmen war zärtlicher, ſeine Sprache glühender und es war ein Geiſt in ſeinen — 74 Worten, den man ſonſt noch nicht bemerkt hatte. Auch er war oft gedankenvoll, aber Jean Charoſt hatte außer Agnes noch andere Veranlaſſungen zum Nach⸗ denken. Früh am folgenden Morgen nach den erwähnten Ereigniſſen ſchickte er einen Mann auf den Wartthurm mit Befehlen, das Thal des Cher genau zu beobach⸗ ten, und Frau von Brecy bemerkte, daß die Solda⸗ ten, die in St. Florent zurückgeblieben, nicht mehr zerſtreut waren und ſich entweder im Dorfe oder auf dem Hofplatze unterhielten, ſondern ſich ſämmtlich thätig beſchäftigten; Einige putzten und ſtriegelten ihre Pferde; Andere polirten Rüſtungen oder ſchärften Schwerter und Lanzen, und noch Andere verfertigten Pfeile und Bolzen. Sie that keine Fragen, als bis das Mittagsmahl beendet war. Dies war kaum ge⸗ ſchehen, als das Horn des Wächters auf dem Thurme laut blies, de Brecy vom Tiſche aufſprang und die Treppe hinauf eilte, als fürchte er, daß irgend eine Gefahr nahe ſei. Mehrere von den vornehmſten Per⸗ ſonen ſeines kleinen Trupps ſaßen noch am Tiſche, aber Keiner von ihnen bewegte ſich oder gab ein Zei⸗ chen der ängſtlichen Beſorgniß kund, und in Wahrheit hatten ſie ſich ſo ſehr an ſtündliche Gefahr gewöhnt, daß dieſelbe ſie nicht mehr aufzuregen vermochte. Der junge Herr war nur wenige Minuten ab⸗ 7 75 weſend; aber bei ſeiner Rückkehr nahm er ſeinen Sitz nicht wieder ein, ſondern ſagte zu den Kriegern: „In den Sattel mit aller Eile. Führt alle Pferde heraus. Bringe mir Jemand meine Rüſtung. Werdet nicht blaß, liebe Mutter! Ich weiß nicht, daß Urſache zur Unruhe vorhanden iſt; aber ich hörte geſtern, daß Truppen in drohendem Aufzuge nach Bourges marſchirten, und ich denke, es dürfte eben ſo gut ſein, wenn wir St. Florent auf eine Weile verließen und nach Brecy zurückkehrten.“ „Sind es die Engländer?“ fragte Frau von Brecy, offenbar ſehr erſchrocken. „O nein,“ entgegnete ihr Sohn,„es ſind auch nicht einmal die Rebellen auf der Seite der Englän⸗ der; ſondern leider muß ich ſagen, daß dies Royali⸗ ſten ſind, welche der Sache des Königs mehr Gefahr bringen, als ſeine offenen Feinde. Ich will Euch die einzelnen Umſtände ſogleich mittheilen, denn vielleicht waltet hier noch ein Irrthum ob. Die Lanzen, die wir ſahen, ſind weit entfernt und von geringer An⸗ zahl. Unſer guter Freund auf dem Thurme that ganz Recht, Lärm zu machen; aber weder er noch ich konnte ſagen, was für Truppen und von welcher Stärke ſie waren. Ich will ſogleich wieder hinaufgehen, um mehr zu ſehen. Inzwiſchen aber, liebe Mutter, wird es eben ſo gut ſein, wenn Ihr Euch zur unmittel⸗ baren Abreiſe vorbereitet. Ich kann dieſe Herren nicht 76 als Freunde in St. Florent empfangen, und ſie dürf⸗ ten geneigt ſein, Die, welche es nicht thun, als Feinde zu behandeln. Mache Dich eiligſt bereit, liebe Ag⸗ nes. Sage Martin Grille, daß er die Sänfte meiner Mutter in Bereitſchaft hält. Ich werde ſogleich zu⸗ rückkehren.“ So redend, ging er wieder auf den Wartthurm und blickte etwa eine Viertelſtunde das Thal des Cher hinunter. Jenes ſchöne Thal war in jenen Tagen ſehr bewaldet und Jean Charoſt konnte ſich keine Ge⸗ wißheit verſchaffen. Lanzenſpitzen erblickte er freilich; aber unter dem Laubwerke verloren ſie ſich faſt eben ſo bald, wie er ſie geſehen, und die Anzahl konnte er nicht entdecken. Endlich wendete er ſich zu dem Wächter, der ſchweigend neben ihm ſtand, und deutete auf einen beſtimmten Punkt in der Landſchaft. „Du ſiehſt jenen großen Baum,“ ſagte er;„eine immergrüne Eiche ſcheint es zu ſein. Dort theilt ſich der Weg— der eine wendet ſich rechts nach Oſten, der andere nach Norden. Beobachte die Männer wohl, wenn ſie an jener Stelle vorüberkommen. Dort müſ⸗ ſen ſie ſich Alle zeigen. Wenn ihrer mehr als funf⸗ zig ſind und ſie dieſen Weg nach Norden daher kom⸗ men, ſo ſtoße zweimal in's Horn und komme dann herunter. Wenn ſie den andern Weg einſchlagen, ſo bleibe ruhig, wo Du biſt, bis ich komme.“ 77 Die Vorbereitungen der Frau von Breey waren in Folge der Furcht ſehr raſch geweſen und ſie und Agnes ſtanden, zur Abreiſe bereit, in der Halle. Ein Page war auch da, der auf einer mit Waffenſtücken halb bedeckten Bank ſaß; und ſobald ſein Herr erſchien, ſprang er auf ihn zu und fragte, wie Frau von Brecy gethan: „Sind es die Engländer?“ „Nein, Knabe, nein,“ verſetzte de Brecy. Dann wendete er ſich zu ſeiner Mutter und fügte hinzu:„Es iſt keine große Eile nöthig. Wir werden ſogleich mehr hören. Die Sache iſt dieſe,“ fuhr er in ruhigem, erzählendem Tone fort,„der Graf von Richmond hat den Hof ein wenig zu hart mitgenommen. Er drang dem Könige la Trimouille als Miniſter auf, wie ich Euch ſchon neulich Abends erzählte, und jetzt möchte er la Trimouille und durch ihn ſeinen Monarchen be⸗ herrſchen. Er fand aber, daß er ſich geirrt; denn la Trimouille iſt eine ganz andere Perſon als Giac oder Beaulieu. Als er Widerſtand bemerkte, beſchloß er, Gewalt anzuwenden, verband ſich mit den Grafen de la Marche und Clermont, und rückte auf Chatelle⸗ rault an. Als ich Poitiers verließ, hatte der König einen entſchiedenen Schritt gewählt und befohlen, die Thore von Chatellerault vor dem Grafen zu ſchließen. Man vermuthete freilich, daß die Sache bald beige⸗ legt werden würde, denn Richmond iſt dem Könige 78 nothwendig und nur eine Null, wenn er nicht ſeinem königlichen Herrn dient. Seitdem ich hier bin, habe ich aber gehört, daß er, anſtatt ſich pflichtmäßig zu unterwerfen, größere Streitkräfte zuſammengebracht und auf Bourges zu marſchirt. Wenn die Truppen, die ich geſehen habe, die ſeinigen ſind, ſo werden wir bald mehr hören, und dann dürfte es beſſer ſein, uns vor denſelben zurückzuziehen, obgleich auch keine große Gefahr vorhanden ſein könnte, wenn wir dablieben. Wie willſt Du reiſen, liebe Agnes? In der Sänfte mit meiner Mutter?“ „O nein, ich will reiten,“ verſetzte das ſchöne Mädchen.„Ich habe ſo gut reiten gelernt, wie nur irgend ein Mann von Deinem Truppe.“ „Nun, ſo ſollſt Du mein zweiter Page ſein,“ ſagte Jean Charoſt lächelnd.„Komm' und ſchnalle mir den Riemen an meiner Schulter feſt— der Knabe kann kaum hinaufreichen.“ 3 Agnes eilte herbei und ſchnallte den Riemen feſt. Jean Charoſt küßte freudig ihre Wange und ſagte: „Ich danke Dir für den Dienſt, liebe Agnes.“ Sein Ton und Weſen war ſo leicht und unbe⸗ fangen, daß ſelbſt Frau von Brecy kaum denken konnte, daß irgend eine Urſache zur Furcht vorhanden ſei; aber einige Augenblicke ſpäter hörte man das Horn auf dem Thurme zweimgal ertönen und dann den Sol⸗ daten mit ſchwerem Schritte die Treppe herunterkommen. —— ◻⏑— 79 „Nun, liebe Mutter,“ ſagte Jean Charoſt, die Hand der älteren Dame faſſend,„müßt Ihr mir er⸗ lauben, Euch zu Eurer Sänfte zu führen; denn un⸗ ſere Freunde kommen hieher. Lauf', Knabe, und ſage Martin Grille und den Uebrigen, daß ſie aufſitzen und ſich auf den Weg nach Brecy machen. Komm', Ag⸗ nes, komm'!“ Alle waren bald auf dem Hofplatze. Es mag ein ungalanter Vergleich ſcheinen, aber alle leichten Dinge werden ſchneller bewegt, als ſchwere, und die Frauen werden, gleich dem Staube, durch geräuſch⸗ volle Thätigkeit leicht geſtört. Die Haſt, womit ihr Sohn ſprach, verbannte Frau von Brecy's Vertrauen, regte ſie auf und beunruhigte ſie. Selbſt Agnes fühlte, wie ſich eine plötzliche Furcht ihres Herzens bemäch⸗ tigte. Aber in jenen gefährlichen Zeiten wurden die Menſchen in der raſchen Handlung geübt. Frau von Brecy und zwei von den Mädchen waren bald in der Sänfte, und Agnes ſaß auf ihrem Pferde an Jean Charoſt's Seite. Sie hatte ihn in Zeiten des Lei⸗ dens und der Gefangenſchaft geſehen. Sie hatte ihn in die Schlacht und der Gefahr entgegen gehen ſehen. Sie hatte ihn in den ritterlichen Uebungen geſehen, die in jenen Zeiten faſt in jedem Schloſſe des Landes angeſtellt wurden; aber ſie hatte ſich nie in der Stunde der Gefahr und des Kommando's an ſeiner Seite be⸗ funden. Bei mancher früheren Gelegenheit war leb⸗ 80 haftes Intereſſe, Mitleid, vielleicht Bewunderung in ihren Buſen angeregt worden; aber jetzt erhoben ſich andere Empfindungen, als ſie die klaren und deut⸗ lichen Befehle von ſeinen Lippen hörte, und die Be⸗ ſtimmtheit und den raſchen Gehorſam bemerkte, womit ihm Alle Folge leiſteten. Gewiß iſt das Weib zum Nachgeben und zum Gehorſam geſchaffen; und ohne Zweifel hat die Kundgebung der Macht etwas höchſt „Bewundernswürdiges in ihren Augen. Aber ſie ſollte noch mehr erleben, ehe der Tag zu Ende ging. Als ſie auf den Weg kamen, der zu dem Dorfe St. Florent hinunterführte, war Nichts zu ſehen, was die geringſte Unruhe erregen konnte, und als ſie ſich nach Solier wendeten, ſchien Alles frei und offen. Jean Charoſt war offenbar noch immer wachſam und ängſtlich, ſchickte mehrere Männer voraus und andere zurück, während er in dem kleinen Weiler la Valée, welcher in dem Thale zwiſchen dem Cher und dem Avon liegt, einen von den Soldaten, denen er am meiſten vertrauen konnte, auf den Kirchthurm ſchickte, damit er das Land umher überſchauen möge. Der Mann kam eiligſt zurück, holte den Trupp wieder ein und brachte die Nachricht, er habe eine beträchtliche Reiterabtheilung ihnen langſam in der Entfernung von einer halben Stunde folgen ſehen. „Dann haben wir reichlich Zeit,“ ſagte Jean Charoſt in unbefangenem Tone. Dennoch trieb er 81 4 die Pferde an, und als ſie den Hügel hinauf kamen, konnten ſie die Thürme von Bourges ſehen. Hier ging ein Weg nach Mont Lucon ab, und den mußte Jean Charoſt einſchlagen, wenn er nicht durch die Stadt Bourges wollte. Als er ſich aber dem Trennungspunkte näherte, vernahm er eine Trom⸗ pete zur Rechten, und als er eine kleine Erhöhung hinaufgaloppirte, erblickte er eine große Abtheilung Bogenſchützen, nebſt dreißig oder vierzig Reiſigen, die, von Lugon herkamen. Sie waren nahe genug, ſo daß man die Banner ſehen konnte, und er bedurfte weiter Nichts, um einen Entſchluß zu faſſen. Sein Pferd herumlenkend, eilte er wieder den Hügel hinunter und ſagte, indem er mit ſeinem Lieute⸗ nant redete: „La Marche's Leute ſind uns im Wege. Es bleibt uns Nichts weiter übrig, als durch Bourges zu ziehen.“ „Da iſt Hubert zurückgekehrt, den wir vorausge⸗ ſchickt, mein Herr,“ entgegnete der Lieutenant ſogleich, „und ſagt uns, man habe eine Abtheilung auf der Brücke über den Avon aufgeſtellt. Sie haben ihm zugerufen zurückzubleiben, und ſo werden ſie uns nicht in Bourges einlaſſen.“ „Das iſt der beſte Grund weiter zu gehen,“ antwortete Jean Charoſt in heiterem Tone.„Wir ſind in eine hübſche Falle gerathen; aber wir haben Agnes Sorel. IV. 6 82² uns ſchon oft durchgeſchlagen, wenn wir in einer noch ſchlimmeren Lage waren. Wie viele ſind ihrer, Hubert?“. „Etwa ſo viel wie wir, Herr,“ verſetzte der Mann.„Die Anderen ſind viel weiter entfernt; aber wir ſind gerade zwiſchen ihnen.“ „O, Jean! wirſt Du genöthigt ſein, Dich zu er⸗ geben?“ fragte Agnes mit blaſſem Geſichte. „Ergeben!“ rief Jean Charoſt, auf ſein Fähn⸗ chen deutend, welches Einer von ſeinen Leuten trug. „Liebe Agnes, ſoll de Brecy's Fähnchen vor einer Handvoll von Rebellen fallen, wenn Du an meiner Seite biſt? Gebt mir meine Lanze! Nun hört, Du⸗ bois. Die Brücke iſt ſchmal; nicht mehr als Zwei können neben einander reiten. Ihr führt den rechten, Courboix den linken Zug an. Valentin muß mit den letzten acht Mann die Sänfte und dieſe Damen gelei⸗ ten. Der Zweck iſt, einen freien Uebergang für meine Mutter und ihre Begleiterinnen zu ſichern. Wir müſſen die Rebellen von der Brücke zurückſchla⸗ gen und ſie dann jenſeits auf der Ebene zerſtreuen. Kehre an die Seite der Sänfte zurück, liebe Agnes. Es wäre beſſer, wenn Du abſtiegeſt und zu meiner Mutter in die Sänfte gingeſt. Kehre zurück, liebes Mädchen; wir dürfen keine Zeit verlieren. Nun, Ihr Herren, wendet Eure Sporen an. Sie haben uns zurückgewieſen— ich aber ſage vorwärts!“ — 1 8³ Agnes war unruhig, aber weniger um ihrer ſelbſt willen, als um ſeinetwillen; und ungeachtet ſei⸗ nes ausgeſprochenen Wunſches blieb ſie auf dem Pferde ſitzen, blickte voraus und ſah de Brecy's blau und weißen Helmbuſch in der Luft tanzen, als ſein Pferd vorwärts eilte. Weiter ſtürmte der kleine Trupp; es wurden Worte gewechſelt zwiſchen den Vorangehenden und Nachfolgenden; raſcher und raſcher eilten ſie weiter, bis ihnen eine kurze Wendung des Weges die Brücke über den Avon zeigte, die zum Theile mit Reitern be⸗ ſetzt war, wovon mehrere abgeſtiegen waren und nach⸗ läſſig zu den Mauern von Bourges hinaufblickten. Jean Charoſt ließ ihnen keine Zeit, zu fragen oder ſich vorzubereiten; denn er kannte ſie ſehr wohl und wußte, warum ſie an der Stelle waren. Agnes ſah, wie er ſich im Sattel umwendete, und hörte ihn ein Wort rufen, welches ſie nicht deutlich verſtand. Im nächſten Augenblicke galoppirte er mit wüthender Eile auf die Brücke los, legte ſeine Lanze ein und neigte ſich über den Sattelknopf; ſogleich folgte ihm der größte Theil ſeines Trupps und entzog ihn ihren Blicken. Es fand ein augenblicklicher Aufenthalt in der raſenden Eile auf der Brücke ſtatt und ſie konnte deutlich ſehen, daß Jemand über die Barrière in's Waſſer ſtürzte. Alles Uebrige war in wilder Verwir⸗ 6* 84 rung: eine Maſſe kämpfender Männer, ſich bäumender Pferde, gekreuzter Lanzen und geſchwungener Schwer⸗ ter oder Streitäpte. O! wie ſchlug ihr junges Herz! Aber als ſie noch hinblickte, kaum im Stande zu begreifen, was ſie vor ſich ſah, faßte plötzlich einer von den Soldaten den Zügel ihres Pferdes und ſagten „Kommt, kommt, liebes Fräulein. Unſer Herx. hat den Weg geräumt. Die Brücke wird in der nächſten Minute frei ſein. De Brecy weicht ſelten der Uebermacht.“ Agnes hätte ihn küſſen mögen; aber weiter ging es und ſie ſah bald, daß er Recht hatte. Auf den freien Platz jenſeits der Brücke zurückgedrängt, ſetzten die Leute des Grafen de la Marche den Kampf noch fort; doch waren ſie offenbar im Nachtheile, denn einige wurden zur Rechten, andere zur Linken zurückgeſchla⸗ gen, und noch andere geriethen in den Sumpf und ſchienen nicht im Stande, ihre Pferde wieder frei zu machen. Agnes ſah zu ihrer großen Freude den blau und weißen Federbuſch zur Rechten wehen und einen freien Raum vor ihm bis zu den Mauern del Stadt. Vorwärts drängte der Mann, der den Zügll ihres Pferdes gefaßt hielt; die Sänfte kam nach, ſ ſchnell die Pferde gehen konnten; drei oder vie Diener folgten in großer Unordnung, aber an jeden Seite ritten zwei oder drei rüſtige Reiſige. Dies war aber noch nicht Alles, was Agnes ſah, als ſie zurückblickte, um ſich zu überzeugen, ob Frau von Brecy in Sicherheit ſei. Auf der andern Seite der Brücke und jenſeits des Sumpfes auf der öſtlichen Seite bemerkte ſie eine große Schaar von Reiſigen, die raſch herbeikam, und als ſie ſich den Mauern der Stadt näherten, vernahm man einen lau⸗ ten Zuruf aus dem Innern derſelben. „Beim Himmel! ich glaube, ſie haben die Stadt eingenommen,“ rief der Soldat, der ſie führte, und faſt in demſelben Augenblicke rief ein Mann von den Zinnen ihrem Führer Etwas zu, worauf dieſer ant⸗ wortete: „Der Seigneur de Brecy. Geraden Weges von Poitiers. Es lebe König Karl!“ „Reitet ſchnell zum Thore des Schloſſes,“ rief der Mann von oben.„Der Graf von Richmond iſt in der Stadt. Sie fechten in den Straßen; aber wir ſind nicht genug, um die Stadt zu halten. In's Schloß— in's Schloß!“ Und er ſelber lief auf den Zinnen weiter nach Weſten zu. Agneſens Führer wendete ſich nach derſelben Richtung; aber de Brecy kam ſeinen Leuten ein wenig voraus, die jetzt in guter Ordnung bei einander waren und ſich dem Thore näherten, welches Agnes und ihr Begleiter verlaſſen hatten. Jean Charoſt hörte die Nachricht mit Beſorgniß 86 und Schrecken; aber es war keine Zeit zur Berathung übrig, und mit einem beruhigenden Worte zu Agnes lenkte er ſein Pferd herum und galoppirte zu einem anderen Thore in der Nähe, bei welchem ſich der große runde Thurm und der kleinere viereckige Thurm der alten Citadelle erhob. Starke Feſtungswerke nach dem Syſtem der damaligen Zeit verbanden das Schloß mit dem Thore, und der Raum zwiſchen der Mauer und dem Sumpfe war ſehr ſchmal, ſo daß der Ort von jener Seite faſt für uneinnehmbar gehalten wurde. Als Agnes weiterritt, waren mehrere Per⸗ ſonen auf den Thürmen zu ſehen, und als ſie die Zugbrücke des Schloſſes erreichte, fand ſie de Brecy, der mit einer kleinen Gruppe bewaffneter Männer auf einer Gallerie über dem Thore verhandelte, die aber wenig geneigt ſchienen, ihn einzulaſſen. „Sagt Herrn von Royans,“ rief er,„daß es ſein alter Freund de Brecy iſt; und um des Himmels⸗ willen, beeilt Euch. Sie ſammeln ſich in unſerem Rücken und die andern Schwadronen kommen nach. Ihr könnt nicht denken, daß ich meine eigenen Freunde angreifen und ſchlagen würde. Ihr habt ja ſelber geſehen, daß wir auf der Wieſe mit einander kämpf⸗ ten. Führt die Leute dort hinter der Sänfte herum, Dubois,“ fuhr er fort, indem er ſeinem Lieutenant zurief:„Laßt ſie ihre Lanzen einlegen und jene Kerle in den Sumpf treiben, wenn ſie nahe genug kommen.“ 87 Während er aber ſprach, wurde die Zugbrücke heruntergelaſſen und das Fallgatter aufgezogen. „Vorwärts, Agnes, vorwärts!“ rief de Brecy zurückreitend, um die Sänfte zu ſchützen; und während er und einige von ſeinen Begleitern den Feind zu⸗ rückhielten, zogen die übrigen über die Brücke, bis ſie alle in den engen Raum zwiſchen dem Fallgatter und dem Thore eingeſperrt waren. Endlich wurde dieſes geöffnet, und weiterreitend befand ſich Agnes auf einem Hofe, von hohen Mauern umgeben, zwiſchen dem inneren und dem äußeren Thore. Da waren ſteinerne Treppen, die in verſchiedenen Richtungen zu den Mauern hinaufführten, und auf einer derſelben kam ein Herr in ſtählerner Rüſtung langſam herun⸗ ter, als der Trupp eintrat. „Wo iſt de Brecy?“ rief er, auf die Gruppe hinunterblickend.„Ich ſehe ihn nicht. Ihr habt ihn doch nicht ausgeſchloſſen?“ „Nein, nein, hier bin ich,“ rief de Brecy unter dem Thorwege hervorreitend, während das Fallgatter niederfiel und die Zugbrücke hinter ihm aufgezogen wurde. „Ei, de Brecy!“ rief der Mann von oben her⸗ unter.„Ihr bringt uns eine Schaar Weiber. Männer bedürfen wir. Wir haben nur Lebensmittel auf eine Woche, und wir werden hart bedrängt werden, ſo viel kann ich Euch ſagen.“ 88 „Hier ſind ſiebenundvierzig Pferde,“ antwortete de Brecy,„davon kann ſich das ganze Schloß im Nothfalle einen Monat nähren. Aber giebt es kein Mittel, durch die Stadt zu kommen?“ „Unmöglich,“ rief der Andere.„Sie fechten gerade jetzt in der Schloßſtraße, um das Getraide ſicher von dem Kornmarkte hereinzubringen.“ Agnes wurde ſich jetzt erſt ihrer Lage völlig bewußt und erfuhr, daß ſie beſtimmt ſei, auf eine Weile die Bewohnerin jener kleinen belagerten und ſchlecht zum Widerſtande gerüſteten Citadelle zu ſein. Die Macht des Geiſtes, ſich in alle Umſtände zu fügen, zeigt ſich auffallend in dem Genuſſe und der Sorgloſigkeit, ſchäftigen Zeiten des Krieges aller kurzen Zwiſchen⸗ der Ruhe erfreuen. Der ganze Morgen war mit Scharmützeln auf den Straßen von Bour⸗ mit der Verſtärkung aller Vertheidigungswerke mitteln, die man in den benachbarten Häuſern fand, ſo lange die Kleinheit der Macht in der Stadt er⸗ laubte, daß Abtheilungen aus der Citadelle gehen konnten, hingebracht worden. Aber im Verlaufe des Tages zogen die Truppen des Grafen de la Marche und des Grafen von Clermont in Bourges ein und ſchloſ⸗ ſen ſich dem Grafen von Richmond an. Eine ſtarke Abtheilung wurde auf der andern Seite des Fluſſes, dem Schloßthore gegenüber, aufgeſtellt;, eine andere Sechſtes Kapitel. womit die Soldaten ſich in den ge⸗ s und mit der Herbeiſchaffung von Lebens⸗ 90 nahm die Brücke ein, und die Blockade der Citadelle war vollſtändig. Von dem weiten Marſche und dem Gefechte des Morgens ermüdet, ſetzten die Truppen der aufrühreri⸗ ſchen Grafen die Belagerung während des übrigen Theiles des Tages nicht thätig fort. Die Vertheidi⸗ ger der Citadelle hatten auch wenig Gelegenheit, den Feind zu beläſtigen, oder ſich ſelber zu dienen; und von drei Uhr bis Anbruch der Nacht geſchah Nichts weiter, als daß von Zeit zu Zeit eine Kanone auf eine feindliche Gruppe in der Schloßſtraße oder an der entgegengeſetzten Seite des Fluſſes abgefeuert wurde. Freilich war die Citadelle auf allen Seiten von einer ſtarken Macht eingeſchloſſen— freilich ließ ſich mit Wahrſcheinlichkeit erwarten, daß die Belage⸗ rung am folgenden Tage mit Kraft und Entſchloſſen⸗ heit beginnen werde; dennoch war zur Zeit ein ſchwei⸗ gender Waffenſtillſtand eingetreten, und wer die kleine Geſellſchaft höherer Offiziere im Schloſſe von Bour⸗ ges hätte ſitzen ſehen, würde ſie vielleicht für eine Verſammlung gedankenloſer Männer gehalten haben, die zuſammengekommen, um ſich zu beluſtigen. Sie lachten, ſie plauderten und einige von ihnen tranken viel; aber Keiner von ihnen ſchien an ihre gefährliche Lage zu denken, und alle vertrauten mit Zuverſicht⸗ den Vorſichtsmaßregeln, die ſie zu ihrer Vertheidi⸗ gung angewendet, ſo wie der Sorgfalt und der Zu⸗ 91 verläſſigkeit Derjenigen, welchen ſie die Wachen über⸗ tragen. Jean Charoſt, obgleich vielleicht der Ernſteſte von der Geſellſchaft, ſchien zur Zeit ebenſo gleichgiltig hinſichtlich des Schickſals der Citadelle, wie die Uebri⸗ gen. Neben Juvenel de Royans ſitzend, unterhielt er ſich über jeden Gegenſtand auf Erden, nur nicht über die Lage von Bourges, verweilte bei früheren Zeiten und Ereigniſſen, ſo wie bei den Tagen, die ſie mit einander in dem Haushalte des Herzogs von Orleans zugebracht, bei ihrem ſpäteren Zuſammen⸗ treffen und dem unheilvollen Ereigniſſe zu Monterreau. „Wie ſeltſam das Leben iſt, de Brecy!“ rief ſein Gefährte.„Wir Beide trafen zuerſt als Feinde zuſammen und waren bereit, einander die Kehlen ab⸗ zuſchneiden, dann als junge Freunde und Waffenbrü⸗ der, bereit, unſer Leben für einander zu opfern, und dann ſind wir hier belagert in dieſem alten Schloſſe von Bourges, und Richmond, der nie einen Feind ver⸗ ſchont, und de la Marche, der ſelten einen Freund verſchont, bereit, uns aus unſerer Höhle herauszugra⸗ ben, wie ſie einen Dachs an der Seite des Hügels ausgraben würden. Ich vergaß unſere kurze Zuſam⸗ menkunft in Monterreau zu erwähnen, denn, meiner Treu! ich war zu jener Zeit zu krank, um in meinem Quartier die Honneurs zu machen.“ „Euer Geſundheitszuſtand ſcheint ſich ſehr ver⸗ 4 9² beſſert zu haben, de Royans,“ ſagte Jean Charoſt. „Ihr ſeht um vier oder fünf Jahre jünger aus, als damals.“ „Ich bin am Ende nur ein alter Invalide,“ entgegnete de Royans, eine von ſeinen Locken zwiſchen den Fingern emporhebend, die ihm im Nacken hing. „Ihr ſeht, ich bin ſo grau, wie eine wilde Gans. Indeſſen befinde ich mich viel beſſer. Ein Jahr des Müßigganges an den Ufern der Garonne, ein wenig Muſik und viel Arzenei heilte meine Wunden, machte meine ſteifen Gelenke geſchmeidig und ſetzte mich in den Stand, mich faſt ſo wie ſonſt auf meinem Pferde zu halten. Ich bin auch in der Welt weiter gekom⸗ men, de Brecy, habe hie und da einen hübſchen Fang gethan, meine alten Schulden bezahlt, und habe zwei Kompagnien Arkebuſire unter meinem Kommando, an⸗ ſtatt einer. Ich wünſchte nur, ich hätte ſie alle hier. Wären ſie in der Stadt geweſen, ſo würde Richmond nimmermehr durch das nordweſtliche Thor hereinge⸗ kommen ſein.“ 3 „Es wundert mich ſehr, daß er überhaupt herein⸗ gekommen,“ verſetzte Jean Charoſt.„Vor zwei Ta⸗ gen ſchickte ich Herrn von Blondel die Nachricht, daß Bourges in Gefahr ſei. Ich hielt es freilich für gut, ihm die Quelle zu nennen, aus welcher ich die Nach⸗ richt hatte; aber dennoch hätte er auf ſeiner Hut ſein ſollen.“ 9³ „Ah! ich hörte die ganze Geſchichte,“ ſagte de Royans lachend,„und wir hatten Alle mehr oder weniger Schuld. Als Blondel Euren Brief bekam, hielt er ihn in der Hand, nachdem er ihn geleſen, und rief in ſpöttiſchem Tone:„„Was iſt ein Eremit? Und was verſteht ein Eremit vom Kriege?““ Dann ſagte Gaucourt:„„Eben ſo viel, wie das Schwein von der Sackpfeife; und warum ſollte er Nichts davon verſtehen?““ Und dann lachten ſie Alle, und die Sache war beſeitigt. Wer iſt aber dieſer Eremit, der eine ſo gute Nachricht erhalten hat? Bei meinem Leben, de Brecy, es wäre gut, ihn im Solde zu haben.“ „Das würde ſchwerlich gelingen,“ verſetzte de Brecy.„Er war einſt ein berühmter Krieger, mein Freund, doch iſt ihm manches Mißgeſchick im Leben begegnet. Ich ging aus einer anderen Veranlaſſung zu ihm; aber die Nachricht, die er mir mittheilte, war von Chatellerault nach St. Florent gelangt, und ſchien mir ſo wichtig, daß ich ihn verließ, ohne meinen Zweck zu erwähnen. Er wird in der ganzen Umge⸗ gend als ein Heiliger betrachtet, und die Landleute ſagen ihm Alles, was ſie hören.“ „Aber was, im Namen des Glücks! führt Euch zu einem Heiligen?“ fragte Juvenel de Royans la⸗ chend.„Wolltet Ihr Abſolution haben, weil Ihr mit jenem liebenswürdigen Weſen, welches Ihr hieherge⸗ bracht, durch's Land wandert?“ Jean Charoſt ſah ernſthaft aus, antwortete aber uhig: „Das war hoffentlich keine Sünde, de Royans; denn ich darf ſie meine Adoptivtochter nennen. Sie hatte freilich etwas damit zu thun, daß ich zu ihm ging, denn er ſcheint mit ihrem Schickſal und ihrer Geſchichte bekannt zu ſein, und ich wünſche mehr zu erfahren, als er mir bis jetzt geſagt. Es wird Zeit, daß ſie ſelber Alles erfahre. Freilich wird ſie mein ganzes Vermögen erben, wenn ich ſterbe; aber den⸗ noch wünſchte ich, das Geheimniß ihrer Geburt möchte aufgeklärt werden.“ „Ei, dies iſt doch nicht das Kind, welches Ihr bei Beauté an der Marne aus dem Walde gebracht?“ rief de Royans.„Das Kind⸗ über welches wir ſo viel geſcherzt?“ „Daſſelbe,“ verſetzte Jean Charoſt.„Ich habe ſie immer als mein Kind betrachtet.“ „Wir dachten damals, ſie wäre wirklich Euer Kind,“ bemerkte de Royans.„Der Himmel helfe uns! Ich habe ſeitdem von vielen Dingen anders den⸗ ken gelernt und würde Euch freudig zu Eurem Kinde Glück gewünſcht haben, wenn Ihr ſie anerkannt hät⸗ tet. Aber ſo behaupteten wir Alle, ſie wäre Euer Kind, und wir nannten Euch nur den heiligen Sünder. Zwei⸗ oder dreimal ging ich zur Frau Moulinet hin⸗ unter, um zu ſehen, ob ich nicht die Wahrheit von ihr 9⁵ herausbringen könne; aber obgleich ſie viel zu wiſſen ſchien, wollte ſie doch wenig ſprechen.“ „Wißt Ihr nicht, ob ſie noch lebt, und wo ſie iſt?“ fragte Jean Charoſt. „Vor einem Jahre lebte ſie noch und wohnte keine zehn Meilen von Bourges,“ antwortete de Royans,„in dem Dorfe Solier, dicht am Cher. Ich hatte einen von ihren Söhnen in meinem Truppe. Sie und ihr Mann ſind jetzt ſehr wohlhabend, denn ſie haben die Erbſchaft ihres Vaters erhalten. Sie waren die Pächter jenes alten Herrn von Solier, deſſen Tochter unſer theurer Herr, der Herzog von Orleans, mit Gewalt von ihrem Gatten entführte.“ Jean Charoſt ſtutzte und rief: „Gütiger Himmel!“ „Ja, es war ſchlimm genug,“ ſagte de Royans. „Unſer edler Herzog hatte ſeine kleinen und großen Fehler, und einige derſelben verbitterten, wie ich weiß, ſeine letzten Stunden. Dieſe Sache machte, wie ich glaube, den größten Eindruck auf ihn, denn ſie nahm ein ſchreckliches Ende, wie Ihr Euch ohne Zweifel er⸗ innert.“ „Nein— nein,“ antwortete Jean Charoſt;„ich hörte nie vorher davon. Wie endete es?“ „Nun, die Dame ſtarb,“ ſagte de Royans ernſt. „Niemand von dem Haushalte wußte, wie es geſchah — wenn nicht vielleicht Lomelini. Einige ſagen, ſie —— 96 ſei vergiftet— Andere, ſie ſei im Schlafe ermordet worden.“ „Doch nicht von dem Herzoge?“ rief Jean Charoſt mit einem Blicke des Entſetzens. „Verhüte Gott!“ rief Juvenel de Royans leb⸗ haft.„Er liebte ſie nur zu ſehr. Nein, es waren ſeltſame Geſchichten im Umlauf; aber ſo viel iſt ge⸗ wiß, daß ſie ſtarb, und daß ihr Tod den Herzog bei⸗ nahe des Verſtandes beraubte. Jetzt erinnere ich mich, daß Ihr gerade um die Zeit ankamet. Die Dame war ſeit einigen Monaten krank; als aber ein Kind im Hauſe ſchrie— was man vom Garten aus hören konnte— da hielten wir ihre Krankheit für natürlich genug. Ihr Tod aber überraſchte uns Alle. Der heuchleriſche Lomelini wollte uns zu dem Glauben bringen, die Reue habe ſie getödtet; aber gerade zu der Zeit geſchahen viele ſeltſame Ereigniſſe. Einer von den Richtern des Chatelet wurde in den Palaſt gebracht— es fanden geheime Unterſuchungen ſtatt, und ich weiß nicht, was Alles. Eure Ankunft zu der Zeit brachte uns zu dem Glauben, daß Ihr Etwas mit der Sache zu thun hättet. Einige ſagten, Ihr wäret der jüngere Bruder der Dame. Aber was macht, daß Ihr ſo traurig ausſehet, de Brecy?“ „Der Gegenſtand iſt ein trauriger,“ antwortete Jean Charoſt;„und überdies geht mir ein neues Licht auf, de Royans. Glaubt Ihr, daß Lomelini, wenn 97 er noch lebt, mir Auskunft über dieſe Ereigniſſe ge⸗ ben könnte?“ „Er könnte es, wenn er wollte,“ entgegnete ſein Gefährte.„Er lebt noch als Abt von Briare und iſt ſo glatt, wie immer; aber ich denke, ich kann Euch Alles ſagen, was noch zu ſagen übrig iſt. Der arme alte Herr von Solier ſtarb vor Kummer. Ich werde nie vergeſſen, wie er in das Palais d'Orleans kam, um den Herzog zu überreden, ſeine Tochter herauszu⸗ geben, noch die Verzweiflung ſeines Geſichts, als der Herzog ihn nicht ſehen wollte. Der Gemahl tödtete ſich, glaube ich, und das war Schade; denn man ſagt, dieſer Vicomte de St. Florent war ein ſo guter Soldat, wie nur einer in ſeinen Tagen, und focht manche Schlacht unter Karl V. Indeſſen hörte man Nichts weiter von ihm, ſeitdem der Herzog ſeine Frau während ſeiner Abweſenheit entführte. Das iſt Alles, was zu erzählen iſt. Drei Perſonen kamen elend um und des Herzogs Herz wurde von Reue zerriſſen, und das iſt mehr, als man von den meiſten Fürſten ſagen kann. Die Geſchichte iſt kurz, aber traurig.“ „Und das Kind?“ ſagte de Brecy. Juvenel de Royans blickte plötzlich mit fragen⸗ dem Blicke auf. „Ich weiß nicht,“ ſagte er.„Aber glaubt Ihr wirklich?“ „Ich weiß Nichts,“ verſetzte Jean Charoſt.„Der Agnes Sorel, V. 7 98 Herzoͤg ſagte mir Nichts von dem Allen. Ich dachte, er würde mir etwas Wichtiges mitzutheilen haben, und es wurde auch davon geſprochen, mir einige Pa⸗ piere zu geben— aber er wurde ermordet, und—“ „Erhieltet Ihr nicht das Packet, welches Lome⸗ lini für Euch hatte?“ fragte de Royans. Ehe Jean Charoſt antworten konnte, kam ein Soldat in die Halle und ſagte: „Iſt ein Herr von Brecy hier?“ „Hier iſt er, junger Mann. Was willſt Du?“ fragte de Brecy. „Ich habe einen Brief, der an Euch überſchrie⸗ ben iſt, mein Herr,“ antwortete der Soldat, ſich ihm nähernd. Die Augen Aller richteten ſich auf den Ueber⸗ bringer des Briefes, ſowie auf den, an welchen er ge⸗ richtet war, und de Blondel, der das Kommando führte, rief: „Ein Brief, beim Himmel! Wenn wir Briefe aneinander ſchreiben, müſſen die Thore des alten Schloſſes offener ſein, als wir dachten.“ ' Ich fand ihn innerhalb der erſten Barrikade um einen Pfeil gewickelt,“ verſetzte der Soldat. „Nun, nun, was enthält er?“ fragte der An⸗ dere ungeduldig.„Nachrichten oder keine, gute oder ſchlechte, Seigneur de Brecy?“ „Nachrichten, und zwar gute,“ verſetzte Jean 99 Charoſt, der jetzt den Brief empfangen und geöffnet hatte.„Hört, was er ſagt.“ Und er las von den ziemlich unregelmäßigen und verzwickten Zeilen folgende Worte: „Ehrenfeſter und Getreuer! Hierdurch ſetze ich Euch in Kenntniß, daß König Karl bereits zu Eurer Befreiung auf dem Marſche iſt. Haltet Euch gut, und in zwei Tagen wird das königliche Banner vor Bourges wehen. Eure Kameraden mögen dieſe Nachricht nicht gering achten, wie ſie es mit der letzten gethan; denn der ſchmachvolle Verluſt von Bourges kann nur durch die tapfere Vertheidigung des Schloſſes wieder gut gemacht werden.“ „Der ſagt uns eine bittere Wahrheit,“ ſagte Blondel.„So ſchwöre ich denn bei dieſer Flaſche Wein, und wenn ich mein Gelübde nicht halte, möge ich nie einen Tropfen mehr trinken, daß ich mich eher unter den Ruinen des Schloſſes begraben, als es über⸗ geben will. Was ſagt Ihr, meine Herren? Wollt Ihr Alle die Hand an die Weinflaſche legen und daſſelbe Gelübde thun?“ 6 Alle legten das feierliche Gelübde ab; denn die ritterliche Gewohnheit, auf ſo unbeſonnene Weiſe ſein Wort zu geben, war noch nicht abgekommen, obgleich Chandos, der ſich beſonders hierin ausgezeichnet hatte, 7* 100 bereits vor einem halben Jahrhunderte zu Grabe ge⸗ gangen war. Wir müſſen indeß bekennen, daß Jean Charoſt das Verſprechen ſehr wider Willen ablegte; denn es waren Perſonen im Schloſſe, deren Leben ihm theurer war, als ſein eigenes. Siebentes Kapitel. Dies iſt kein Buch von Schlachten und Belagerungen — von jenen Feuerwerken der Geſchichte, die mit einem kurzen glänzenden Lichte explodiren und Nichts als Staub, Aſche und Dunkelheit zurücklaſſen. Der Mann, der einen Bericht von den drei großen Schlach⸗ ten der Welt erſtattete, und erklärte, daß er die meine, welche dauernd auf das Geſchick des Menſchengeſchlechts eingewirkt, nannte wahrſcheinlich drei zu viel. Es giebt Nichts ſo Unbedeutendes, wie eine Schlacht. Die Erfindung der Dampfmaſchine war tauſend Mal mehr werth, als die größten Siege, die man je er⸗ rungen. Dies iſt kein Buch von Schlachten und Belage⸗ rungen; und darum will ich die Ereigniſſe der beiden folgenden Tage leicht übergehen. Es mag hinreichen, zu ſagen, daß die Grafen von Richmond, Clermont und la Marche, mit allen Mitteln und Streit⸗ 10² kräften, die ihnen zu Gebote ſtanden, auf das Schloß von Bourges anrückten. Sie griffen es von der Land⸗ ſeite— von der Stadt aus an, ſie ſtürmten, das Schwert in der Hand, auf die Thore und Barrièren an, ſie verſuchten ſogar, die Mauern zu erklimmen, aber auf jedem Punkte begegnete ihnen ein feſter und entſchloſſener Widerſtand, und wenn gleich keineswegs wohl auf die Vertheidigung vorbereitet, hielt ſich das Schloß, die Belagerer verloren viele Leute, gewannen aber Nichts. In der Mitte dieſer Scenen war Jean Charoſt nicht unthätig. Bald auf den Mauern, bald auf den Barrikaden beſchäftigt, ſaß er dann wieder in dem hohen Zimmer des runden Thurmes bei Agnes und ſeiner Mutter und ihren Mädchen, die mit zitternden Händen ihre Handarbeiten machten; bald verſuchte er, die Soldaten zu ermuthigen, bald den Frauen Ruhe und Vertrauen zu gewähren. Es lag Etwas in ſeinem Anblicke, in der vollkommenen Heiterkeit ſeines Aus-⸗ drucks und Weſens, in der Abweſenheit jedes Zeichens der Aufregung und Aengſtlichkeit aus ſeinem Geſichte, was nicht ohne Wirkung war; und die Nachricht von der baldigen Ankunft des Königs von Frankreich, die er ſeinen getreuen, in Bourges belagerten Vaſallen über⸗ brachte, gewährte dieſen glänzende Hoffnungen und Erwartungen. Seine eigenen Dienſte, ſowie die ſei⸗ ner Leute waren von großer Wichtigkeit für die Ver⸗ 103 theidiger der Citadelle, die zu groß für die Anzahl war, die ſie enthielt; und ſeine ruhige anſpruchsloſe Tapferkeit, ſeine Thätigkeit und ſeine Geiſtesgegen⸗ wart gewann ihm jenen Reſpekt, den ſelbſt die wohl⸗ begründete Anmaßung hätte gewinnen können. „Ich ſagte immer, daß er ein guter Soldat werden würde,“ ſagte Juvenel de Royans, ein wenig ſtolz auf ſeine Freundſchaft und lange Bekanntſchaft. Blondel ſelber, der einer der erſten Ritter Frankreichs war, gab zu, daß er nie einen klareren Kopf oder eine ſtärkere Hand in der Stunde der Gefahr habe anwenden ſehen. Auf den erſten Anblick dürfte es ſeltſam erſchei⸗ nen, daß die Nachricht von dem Marſche des Königs, die der Garniſon, und in gewiſſem Sinne auch Jean Charoſt, Hoffnung und Beruhigung brachte, ihn mit Kummer und Unruhe erfüllte, wenn er ſie aus einem anderen Geſichtspunkte betrachtete. Wenn er aber be⸗ dachte, welches die nothwendige Folge in dem Augen⸗ blicke ſein müſſe, wo mehr als die Hälfte von Frank⸗ reich im Beſitze eines fremden Feindes und der erſte Vaſall der Krone in Waffen gegen ſeinen Monarchen ſei, da ſank ihm der Muth, wenn er bedachte, welches das Schickſal Frankreichs ſein werde. Während des erſten und zweiten Tages dachte er, wenn eine Pauſe in dem Angriffe ſtattfand, traurig über dieſe Dinge nach; aber er war kein Mann, der 104 nachdachte, ohne zu handeln, und gegen Abend führte er Blondel auf die Seite, um mit ihm zu berathen, was zu thun ſei. Wenige Worte ſtellten den Gegen⸗ ſtand dem Geiſte des Andern in dem Lichte dar, worin er ihm erſchien, und dann ſagte er: „Ich wünſche, daß Ihr dies reiflich überlegen möget, Herr von Blondel, da ich glaube, daß ſich Euch eine Gelegenheit darbietet, Frankreich einen großen Dienſt zu leiſten. An Eurer Stelle würde ich ſogleich Verhandlungen mit dem Connetable eröffnen und ihm die Folgen vorſtellen, die wahrſcheinlich ein⸗ treten werden. Es würde keine geringe Ehre für Euch ſein, wenn Ihr ihn bewegen könntet, den Angriff ein⸗ zuſtellen und mit ſeinen Truppen abzuziehen, noch ehe der König erſcheint, und noch mehr, wenn Ihr eine Verhandlung anzuknüpfen vermöchtet, die nach der An⸗ kunft Seiner Majeſtät fortgeſetzt werden und dieſe un⸗ glücklichen Zwiſtigkeiten beſeitigen könnte.“ 4„Beim Himmel!“ rief Blondel,„wenn ich der König wäre, würde ich allen Denen den Kopf abhauen laſſen, die durch ihren frechen Ehrgeiz und ihren re⸗ belliſchen Geiſt den Arm unſeres fremden Gegners ſtär⸗ ken und die Kraft Frankreichs ſchwächen. Dennoch, denke ich, wird er genöthigt ſein, zu warten. Aber es ſtehen viele Schwierigkeiten im Wege, mein guter Freund. Man ſagt mir, Ihr verſteht Euch nicht weniger auf die Unterhandlungen, wie auf den Kriegsdienſt. Ich verſtehe Nichts von ſolchen Dingen und würde nur ein Verſehen machen. Ich wüßte nicht, wie ich die Kenntniß von der Ankunft des Königs benutzen ſollte, ohne dem Feinde das Geheimniß zu verrathen.“ „Nun, ſo überlaßt es mir,“ ſagte de Brecy. „Ich will in Eurem Namen handeln.“ Blondel dachte eine Minute nach. „Unter der Bedingung,“ ſagte er endlich,„daß nicht davon die Rede iſt, das Schloß zu übergeben, und auch, daß Ihr Nichts von des Königs Bewegun⸗ gen ſagt, bis man ihn kommen ſieht. Bei meinem Leben! die Aufgabe iſt ſchwierig und gefährlich, denn Richmond iſt im Stande, Jeden, der ſich ſeinem Willen zu widerſetzen wagt, aufzuknüpfen oder ihn in einem Sacke zu ertränken, wie er es mit Giac gethan.“ „Ich will dennoch gehen,“ verſetzte de Brecy. „Ich hege keine Furcht. Der Connetable iſt heftig, hochmüthig und herrſchſüchtig; aber in ſeinem Herzen hegt er eine aufrichtige Liebe für Frankreich, einen bittern Haß gegen die Engländer und eine große Er⸗ gebenheit für die königliche Sache. Giac verachtete und haßte er, und überdies ſtand ihm Giac im Wege. Mich verachtet oder haßt er nicht und wünſcht mich auch nicht aus dem Wege zu ſchaffen. Mit Eurer Erlaubniß will ich hinausſchicken und um ſicheres Ge⸗ leit bitten laſſen, und Ihr ſollt mir eine allgemeine 106 Vollmacht ertheilen, zu unterhandeln, wenn auch na⸗ türlich nicht abzuſchließen.“ Blondel war in ſolchen Dingen leicht zu leiten. Als guter Soldat und tapferer Mann kommandirte er geſchickt und focht gut; aber ſein politiſcher Blick war nicht weitſehend, und er gehörte zu Denen, die ſich einbilden, ſie erſparen ſich die Hälfte der Mühe der Entſcheidung, indem ſie nur die eine Seite der Frage betrachten. Die Vollmacht wurde in ſolchem Umfange ertheilt, wie Jean Charoſt es nur wünſchen konnte. Es wurde eine Parlamentairflagge ausgeſchickt, um für den Seig⸗ neur de Brecy ſicheres Geleit zu einer Konferenz mit dem Connetable zu verlangen; der Soldat kehrte bald mit dem geforderten Papiere zurück und berichtete, er. habe viel Freude unter den Anführern der Rebellen bemerkt über die Botſchaft, die er ihnen gebracht, worin ſie ohne Zweifel die Abſicht zu kapituliren ent⸗ deckten. Eine geringe Aufregung war in Blondel's Ge⸗ ſichte zu bemerken, als Jean Charoſt ohne Rüſtung, nur mit Schwert und Dolch bewaffnet, ſich zu dem Unternehmen bereit darſtellte. „Ich laſſe Euch nicht gern ziehen, Herr Ritter,“ ſagte er.„Dieſer Richmond iſt ein wüthender Kerl. Man kann nicht wiſſen, was er thun wird.“ „Ich fürchte Nichts,“ wiederholte Jean Charoſt. 1 2 107 „Wenn mir aber ein Unfall begegnen ſollte, ſo ver⸗ laſſe ich mich auf Eure Ehre und Freundlichkeit, daß Ihr die Damen beſchützen werdet, die ich hier bei Euch zurücklaſſe. Sie haben dreißig oder vierzig MNaänner bei ſich, wovon jeder ſein Blut zu ihrer Ver⸗ theidigung vergießen würde; aber die Ehre eines Rit⸗ ters, und noch dazu eines Ritters wie de Blondel, iſt ein beſſerer Schutz, als tauſend Schwerter.“ Bald hatte er die Thore des Schloſſes hinter ſich gelaſſen und die erſte Barrikade, welche die Angrei⸗ fenden in der Schloßſtraße errichtet hatten, ohne ge⸗ fragt zu werden, paſſirt. Etwa ein halbes Dutzend Männer lag auf einem Haufen Stroh bei dem Scheine einer einzelnen Laterne hinter derſelben. Zwei von ihnen ſprangen ſogleich auf, und obgleich Keiner von ihnen ein Wort von dem Paſſe leſen konnte, ſchienen ſie doch vorher Befehle erhalten zu haben, wie ſie handeln ſollten; denn ſie beſtanden darauf, de Breey die Augen zu verbinden, als wollten ſie ihn durch die Werke einer regelmäßigen Feſtung führen. Er fügte ſich lächelnd, denn er kannte von Kindheit an jeden Schritt von der Stadt Bourges und hätte faſt jedes Haus nennen können, an welchem ſie ihn vorüber⸗ führten. Die breiten ſteinernen Stufen des Eingan⸗ ges waren ihm ſehr bekannt, und als ihm die Binde abgenommen wurde, ſah er ſich ohne Ueberraſchung auf dem Hofplatze ſeines alten Freundes Jacques Coeur. 108 Man führte ihn in einem der viereckigen Thürme eine ſchmale Treppe hinauf und dann in ein ſehr en⸗ ges, aber hohes Kabinet mit vergoldeten ledernen Ta⸗ peten. In der Nitte ſtand ein kleiner Tiſch, an dem rei Herren ſaßen. Eine darüber hängende Lampe be⸗ leuchtete eine Maſſe Papiere auf dem Tiſche, ſowie das ſtrenge, viereckig gebildete Geſicht des Connetable, welches ſich darüber neigte— den milden und etwas ſchwächlichen Ausdruck des Grafen de la Marche und das ſcharf markirte Geſicht des Grafen von Clermont. „Dies iſt vermuthlich der Herr von Brecy,“ ſagte der Letztere, ſich an Richmond wendend. Der Connetable fuhr empor, ſtreckte ihm unbe⸗ fangen die Hand hin und ſagte: „Willkommen, willkommen, de Brecy! Setzt Euch nieder, hier iſt ein Stuhl. Nun,“ fuhr er fort, ſobald die Wache ſich entfernt hatte und die Thür ge⸗ ſchloſſen war,„wie geht's im Schloſſe?“ „Sehr gut, gnädigſter Herr,“ verſetzte de Brecy. „Wir haben die jungen Hühner noch nicht verzehrt und ſind noch lange nicht bis zum Pferdefleiſch.“ Der Graf de la Marche lachte, aber Richmond rief ein wenig ungeduldig: „Kommt zur Sache, wenn's gefällig iſt. Ihr redet gewöhnlich offen und unumwunden, de Brecy. „Sagt, welche Bedingungen zur Kapitulation Ihr ver⸗ langt, und Ihr ſollt ſogleich Eure Antwort haben.“ 109 „Ihr verkennt meinen Zweck gänzlich', gnädig⸗ ſter Herr,“ verſetzte de Brecy.„Es iſt geringere Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß das Schloß kapitu⸗ liren werde, als da Ihr es zuerſt belagertet. Es ſind jetzt Männer genug darin, um es noch Monat gegen eine fünfmal ſtärkere Macht, als bie Eurige, zu vertheidigen, Ihr müßtet denn beſſer ſchie⸗ ßen, als Ihr in den letzten beiden Tagen gethan, und wir haben Munition für unſere Kanonen und Le⸗ bensmittel genug auf einige Monate.“ „In des Teufels Namen! warum kamet Ihr denn hieher?“ rief Richmond zornig. „In einem Geſchäfte, gnädigſter Herr,“ ver⸗ ſetzte de Brecy,„welches ich Euch allein mitzutheilen wünſche.“ „Nein, nein, keine Geheimniſſe vor dieſen Her⸗ ren,“ ſagte der Connetable und fügte dann mit tro⸗ ckenem Lachen hinzu:„Wir ſind alle Hähne in einem Korbe und theilen die Körner, ſo wie auch das Schick⸗ ſal. Sprecht vor ihnen aus, was Ihr zu ſagen habt.“ „So ſei es, wenn Ihr es wünſcht, gnädigſter Herr,“ verſetzte de Brecy.„Ich komme hieher, um Euch eine beſcheidene Vorſtellung zu machen, ſo wie einige Punkte in Betreff Eurer eigenen Lage und der Citadelle anzudeuten— welche Umſtände vermuthlich Eurer Aufmerkſamkeit entgangen ſind.“ 110 Richmond rückte ungeduldig auf ſeinem Stuhle hin und her und ſagte dann: „Ja, ja, redet von der Citadelle. Davon möchte ich hören.“ „Ich habe Euch geſagt, gnädigſter Herr,“ fuhr de Brecy fort,„daß die Citadelle ſich länger als einen Monat halten kann und wird, Ihr mögt unternehmen, was Ihr wollt. Lange vorher, ehe dieſer Monat zu Ende iſt, wird der König hier ſein und uns zu Hülfe kommen.“ „Nun gut, ſo mag er kommen,“ rief Richmond ungeduldig.„Wir werden dennoch vielleicht die Cita⸗ delle einnehmen, Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt.“ „Ich denke nicht, gnädigſter Herr,“ antwortete de Brecy;„und wenn Ihr ſo viel von der Sache wüßtet, wie ich, würdet Ihr auch ſo ſagen. Aber wir wollen einmal annehmen, das Schloß hielte ſich und der König käme, ehe Ihr es einnehmen könntet—“ „Vielleicht können wir mit beiden fertig werden,“ fiel Richmond ein. „Und Frankreich zu Grunde richten,“ antwortete de Brecy.„Ich will nimmermehr glauben, daß der Graf von Richmond— der getreue und loyale Graf von Richmond— daß der Graf de la Marche, der mit dem königlichen Geſchlechte verwandt iſt, oder der Graf von Clermont, wohl bekannt durch ſeine An⸗ hänglichkeit an den Thron— in demſelben Augen⸗ 111 blicke gegen ſeinen Monarchen kämpfen würde, wo er, von fremden Feinden umgeben, die letzte verzweifelte Anſtrengung zur Rettung ſeines und Eures Vaterlan⸗ des unternimmt.“ Er wendete ſich ein wenig zu dem Grafen de la Marche, während er ſprach, und Richmond rief in wüthendem Tone: „Redet mit mir, Herr. Ich bin hier der Kom⸗ mandeur. Beim Himmel! wenn Ihr meine Verbün⸗ deten zu beſtechen ſucht, laſſe ich Euch den Kopf ab⸗ hauen.“ „Ihr nöthigtet mich, in ihrer Gegenwart zu reden, gnädigſter Herr,“ verſetzte Jean Charoſt kalt,„und was ich zu ſagen habe, muß eben ſo kühn ausgeſpro⸗ chen werden, als wenn ſie nicht hier wären.“ „Nein, nein, laßt ihn reden, guter Vetter,“ ſagte der Graf de la Marche.„Es iſt nicht mehr als recht und billig, daß wir hören, was er zu ſagen hat.“ „Der edle Herr Connetable kann Herrn von Brecy nicht tadeln, wenn er nach ſeinen eigenen Befehlen handelt,“ ſagte Clermont.„Wir waren noch vor einem Augenblicke ſeine theuren Verbündeten und Theil⸗ nehmer aller ſeiner Geheimniſſe. Warum ſollten wir nicht die Beredtſamkeit des Herrn anhören?“ „Ich wollte, ich wäre beredt!“ rief de Brecy. „Dann würde ich den Herren zeigen, welch' ein Schau⸗ ſpiel es für die Welt ſei, einen der erſten Kronbe⸗ 112 amten Frankreichs und zwei der erſten Edelleute des Landes aus perſönlichem Widerwillen gegen den erſten Miniſter des Königs ihre Religion verletzen, alle An⸗- ſtrengungen ihres Monarchen, ſein Land zu retten, vereiteln und den Staat, der ſchon die Beute der Feinde iſt, durch Parteiſucht in noch größere Gefahr und Verwirrung ſtürzen und die letzte Hoffnung auf die Sicherheit Frankreichs vernichten zu ſehen.“ Richmond rollte ſeine Augen von dem Redenden auf die beiden Grafen und dann wieder auf de Brecy, während ſeine Finger einen verdächtigen Griff nach ſeinem Dolche thaten.. „Er mag uns Gerechtigkeit widerfahren laſſen,“ rief er.„Er mag uns Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, und wir wollen unſer Schwert wieder einſtecken.“ „Auch wenn er Euch nicht Gerechtigkeit ange⸗ than,“ ſagte de Brecy kühn;„iſt dies ein Augenblick, das Schwert gegen Euren König zu ziehen— jenes Schwert, welches er ſelbſt in Eure Hände gegeben? Iſt dies eine Zeit, die Schwierigkeiten des Monarchen zu benutzen, um ihm durch Gewalt der Waffen Zuge⸗ ſtändniſſe abzunöthigen, während jeder ächte Franzoſe alle perſönlichen Rückſichten aufopfern und den letzten Blutstropfen zur Rettung ſeines Vaterlandes vergießen ſollte? Aber hat er Euch nicht Gerechtigkeit gethan, Herr Connetable? Zweimal hat er ſeine Miniſter Eurer Feindſchaft geopfert. Jetzt zankt Ihr mit dem 113 Miniſter, den Ihr ihm ſelber aufgedrungen, und ſtürzt Euer unglückliches Vaterland, welches ſchon von Frem⸗ den halb eingenommen iſt, in Bürgerkrieg, weil der König ſich diesmal Eurem Willen nicht fügen will. Sind ſeine Miniſter denn nur Kegel, die Ihr nach Eurem Gefallen aufſtellen und umwerfen könnt? Sind ſie nur Werkzeuge, die Ihr anwenden könnt, wie Ihr wollt? Und ſeid Ihr ein Offizier des Königs, oder ſein Herrſcher?“ Der Connetable ſprang mit bloßem Dolche in der Hand auf und würde ſich ohne Zweifel auf de Brecy geſtürzt haben, hätte ſich nicht der Graf de la Marche ihm in den Weg geſtellt. „Halt! halt!“ rief er.„Keine Gewaltthätigkeit, Richmond. Bei meinem Leben! er redet recht und wahr. Wir ſind zum öffentlichen Wohle hier.“ „Wenigſtens behaupten wir es,“ fiel der Graf von Clermont ein.„Es iſt in der That beſſer, Herr Connetable, wenn Ihr Herrn von Brecy ruhig weiter reden laßt. Vermuthlich kann er Nichts ſagen, von dem Ihr wünſchen möchtet, daß wir es nicht hören, da wir doch Hähne in einem Korbe ſind, wie Ihr ſelber geſagt; und die ſcharfen Gründe, die Ihr an⸗ zuwenden geneigt ſchienet, würden wohl ihn, aber nicht uns überzeugen.“ Richmond warf ſich wieder auf ſeinen Sitz nieder und ſtieß ſeinen Dolch in die Scheide. Agnes Sorel. IV. 8 114 „Laßt uns ruhig überlegen,“ ſagte der Graf de⸗ la Marche,„welches die Folgen ſein werden, wenn der König dieſem Schloſſe zu Hülfe käme, ehe wir es eingenommen.“ „Nur, daß wir in der guten Stadt Bourges belagert werden,“ ſagte der Graf von Clermont,„und drei oder vier Monate ſehr angenehm bei ſolcher Diät und Bewegung hinbringen müſſen, wie ſie eine bela⸗ gerte Stadt gewöhnlich gewährt.“ „Nur, um la Trimouille los zu werden,“ fügte der Graf de la Marche hinzu. Die Thür öffnete ſich plötzlich, als er ſprach, und ein Herr in voller Rüſtung, aber mit bloßem Kopfe, trat haſtig ein. „Ich bitte um Verzeihung, meine Herren,“ ſagte er;„aber ich glaubte Euch augenblicklich die Nachricht bringen zu müſſen, daß man in der Richtung nach Preſſavois Trompeten gehört, und Landleute berich⸗ ten, daß der König mit einer großen Macht von dort anrücke.“ „So bald!“ rief Richmond. „Zwiſchen uns und Paris!“ ſagte der Graf von Clermont. „Schon die Bewegung iſt ein Vorwurf, meine Herren,“ entgegnete de Brecy.„Sie zeigt, daß der König in Folge der Ueberrumplung von Bourges zu dem Schluſſe gekommen iſt, daß drei der edelſten — 115 Männer in Frankreich mit dem allgemeinen Gegner im Bunde ſind. O! ich bitte Euch, entfernt einen ſolchen Makel von Eurem Namen! Schickt Jemand zum Könige, um ihm Vorſtellungen zu machen, wenn auch Nichts weiter; und laßt nicht die Engländer ſehen, daß getreue Franzoſen einander gegenſeitig töd⸗ ten, während ſie ſelber triumphirend durch das Land ziehen. Ich ſetze mein Leben zum Pfande, daß Eure Klagen, wenn ſie begründet ſind, Abhülfe finden werden.“ „Es iſt falſch!“ rief Richmond heftig, ſich an einige von de Brecy's Worten haltend und die übri⸗ gen nicht beachtend.„Wir haben keinen Bund mit dem Feinde geſchloſſen. Wir ſind getreue Vaſallen der Krone von Frankreich; aber wir können dem Kö⸗ nige getreu ſein, ohne uns ſeinem Miniſter knechtiſch zu unterwerfen.“ „Ich hege nicht den geringſten Zweifel gegen Euch, gnädigſter Herr,“ verſetzte de Brecy.„Hätte ich Euch für treulos gehalten, ſo wäre ich nie hieher gekommen. Ich wünſchte Euch nur zu zeigen, welche Sprache Eure Handlungen reden, ohne die Treue und Ergebenheit in Eurem Herzen in Frage zu ziehen. Alles, worum ich Euch bitte, iſt, ſogleich Jemand an den König zu ſchicken, um über die Bedingungen der Ausgleichung zu verhandeln und die Ergebenheit 8* 116 zu zeigen, die Ihr empfindet, ehe die Leidenſchaft Euch zum vollſtändigen Hochverrathe führt.“ „Ich denke, der Vorſchlag iſt ſehr gut,“ ſagte der Graf de la Marche.„Das Unterhandeln kann auf keinen Fall ſchaden.“ „Auf jeden Fall wird es zeigen, daß unſere Geg⸗ ner im Unrechte ſind,“ ſagte Clermont.„Was ſagt Ihr, Richmond?“ „Nun, nun,“ ſagte der Connetable,„ich ſage auch ja, obgleich ich erlebt habe, daß mehr große Un⸗ ternehmungen vereitelt und mehr glänzende Hoffnun⸗ gen vernichtet wurden durch kleinliche Unterhandlungen, als durch Schlacht oder Niederlage. Indeſſen mag es ſo ſein; laßt Jemand gehen, obgleich ich wahrlich nicht weiß, wer der Mann ſein ſollte; denn wenn ich Trimouille wäre und ein glattzüngiger Unterhändler mit angenehmen Worten von Richmond, la Marche oder Clermont käme, würde ich ihm meine Antwort auf die Stirn ſchreiben und ihn an den erſten beſten Baum knüpfen. Wenn man ſo weit gegangen iſt, wie wir, kann man meiner Anſicht nach nicht mehr umkehren. Indeſſen füge ich mich dem beſſeren Urtheile. Schickt Jemand, wenn Ihr Jemand dazu finden könnt.“ Clermont und la Narche beriethen ſich einige Augenblicke in leiſem Tone und ſchienen ſehr verlegen zu ſein. Endlich blickte la Marche auf und ſagte mit einigem Zaudern: 117 „Vielleicht würde Herr von Brecy die Aufgabe übernehmen?“ „Guter Himmel!“ rief der Connetable, ſeine Hände und Augen erhebend. „Ich will gern gehen,“ verſetzte de Brecy,„aber es kann nur geſchehen, um die Unterhandlung für Euch zu eröffnen, meine Herren. Weiter führen kann ich ſie nicht, da ich nicht zu Eurer Partei gehöre. Ich muß Euch um einen Brief mit Eurer Unterſchrift bitten, worin Ihr Seiner Majeſtät die Verſicherung Eurer Loyalität gebet und ihn bittet, Perſonen zu be⸗ ſtimmen, um mit Euch, oder mit Euren Bevollmächtig⸗ ten in Betreff gewiſſer Klagen zu verhandeln. Dies, denke ich, wird mir gelingen, und ich will Euch die Antwort Seiner Majeſtät bringen, aber weiter kann ich keinen Antheil an der Sache nehmen.“ „Was dann weiter?“ rief der Connetable im Tone verſtellter Ueberraſchung.„Ihr wollt Euch doch nicht durch unſeren Fall zu höherer Ehre erheben?“ „Nicht im Geringſten,“ verſetzte de Brecy.„Ich bin ſelbſt in dieſem Augenblicke nur als der Abgeſandte des Herrn von Blondel hier, der mich zu Euch ſchickte, wie dieſe Vollmacht Euch zeigen wird.“ „Pah!“ rief Richmond in verächtlichem Tone. „De Blondel hat keinen Witz zu der Erfindung oder Ausführung ſolcher Pläne. Aber Eins muß ich von Euch verlangen, Herr von Brecy, wenn wir Euch 118 zum Könige ſchicken, dürft Ihr keine Berathungen im Schloſſe halten, ehe Ihr geht.“ De Brecy dachte einen Augenblick nach und er⸗ wiederte dann: „Sprechen muß ich Herrn von Blondel, gnädig⸗ ſter Herr; denn ich kam von ihm zu Euch und muß ihm Bericht erſtatten über das, was ich ausgerichtet habe. Jener Bericht aber kann ſehr kurz ſein. Ich will ihn an die Barrière rufen laſſen und Einer von Euch kann hören, was zwiſchen uns vorgeht. Ich muß indeſſen Pferde und einige von meinen Lern haben.“ „So ſei es,“ ſagte der Connetable.„Ich will mit Euch gehen. Ihr, Clermont, verſteht Euch auf's Schreiben; ſo ſchreibt denn einen Brief an den König und haltet ihn bereit, bis wir zurückkommen. Ohne Zweifel werdet Ihr ihn unterwürfig genug einrichten, und Ihr dürft nicht gerade ſagen, wenn Ihr es nicht ausdrücklich wünſcht, daß Richmond das einzige Hin⸗ derniß iſt.“ Mit dieſem Spotte ſtand er auf, ſetzte ſeine Mütze auf den Kopf und begleitete de Breey aus dem Zim⸗ mer. Unterwegs ſprach er wenig und ſtand an der Barrière, als Jean Charoſt auf Blondel's Ankunft wartete, und während ihrer kurzen Konferenz ſtand Richmond ſchweigend und mit gekreuzten Armen da. 1 1 1 119 Der Kommandant des Schloſſes bemerkte den Con⸗ netable zuerſt und ſagte: „Guten Abend, gnädigſter Herr.“ Aber Richmond nickte nur ernſthaft mit dem Kopfe, ſprach während der ganzen Unterredung nur einmal und ſagte, als Jean Charoſt in Betreff ſeiner Leute und Pferde Befehle ertheilt hatte: „Schickt ſie in Jacques Coeur's Haus hinunter, de Blondel, und zwar ſo ſchnell, wie möglich, ſonſt möchte la Marche ſeinen Sinn ändern und Clermont ſeinen Brief ſo mit Redensarten anfüllen, daß ihn Niemand verſtehen kann.“ 3 Achtes Kapitel. In der Stadt und in dem Schloſſe war es ruhig, die Kanonen wurden nicht mehr gehört; Trommel und Trompete ertönten nicht mehr. Als Agnes nach einem Schlummer, der länger als gewöhnlich ununterbrochen von dem Geräuſche des Krieges geweſen, aus dem hohen Fenſter des großen, runden Thurmes blickte, hätte ſie faſt glauben können, daß Alles um ſie her friedlich ſei. Die Morgenſonne ſchien hell, die Luft war friſch und lieblich; es zeig⸗ ten ſich nur wenig Soldaten auf den Mauern des Schloſſes; kein Kampf war in den Straßen zu ſehen, und eine Barrikade unter dem Stadtthore der Citadelle und eine Bruſtwehr von Erde, ein wenig weiter hin⸗ unter, wo ſich an jeder derſelben etwa ein halbes Dutzend Soldaten umhertrieben, erinnerten allein noch an einen Kampf. Agnes war wohl damit zufrieden, wenn ſie gleich 121 die Urſache nicht wußte; denn die Stille ſelbſt war eine Beruhigung und gab dem Geiſte Ruhe und Hoff⸗ nung zurück. Aber Agneſens Hoffnungen hatten jetzt eine beſtimmte Richtung angenommen, und ihr erſter Gedanke war: „Da kein wirklicher Kampf vorgeht, ſo wird der liebe Jean dieſen Morgen bald bei uns ſein.“ Aber Jean Charoſt kam nicht. Eine Stunde verging— eine Stunde über die gewöhnliche Zeit, wo er ſonſt zu kommen pflegte— und ſeine Mutter und Agnes empfanden Beide einige Unruhe. Endlich ſchickten ſie hinunter, um zu fragen; aber die Ant⸗ wort war, er wäre am vergangenen Abende ausgegan⸗ gen und noch nicht zurückgekehrt. Hätten die Unruhen und Kämpfe, die im übri⸗ gen Frankreich wütheten, auch in der Nähe von Bour⸗ ges geherrſcht— hätten ſich Frau von Brecy und Agnes an die Kämpfe gewöhnt, die in den übrigen Theilen des Landes herrſchten— wären ſie mit der ſtündlichen Ungewißheit bekannt geworden, ſo möchten ſie wenig oder gar keine Unruhe empfunden haben. Aber Berri war beinahe frei von den Uebeln, die das übrige Frankreich heimſuchten, und ein wandernder Trupp von der Kavallerie der Royaliſten oder der plötzliche Einfall einer kleinen Abtheilung Engländer oder Burgunder, der ſie veranlaßte, die Zugbrücke aufzuziehen oder das Fallgatter fallen zu laſſen, 122² war Alles, was ſie von den Gefahren jener Zeit wuß⸗ ten. Selbſt während der kurzen Zeit, die ſie in der Citadelle von Bourges zugebracht, hatte Jean Charoſt immer Mittel gefunden, einen kurzen Theil jedes Ta⸗ ges bei ihnen zuzubringen; und wenn auch ſein Aus⸗ bleiben keine große Furcht erregt haben möchte, ſo beunruhigte ſie doch die Antwort, daß er aus dem Schloſſe gegangen und noch nicht zurückgekehrt ſei. Agneſens Unruhe war indeſſen viel größer, als die der Frau von Brecy. Aus vielen Urſachen em⸗ pfinden ältere Perſonen dieſe Art der Beſorgniß viel weniger, als die jungen. Sorgen und Kummer här⸗ ten den Geiſt zur Duldung ab. Jeder Kummer hat einen abhärtenden Einfluß. Ueberdies ſind wir ge⸗ neigt, wenn wir uns der äußerſten Grenze des Lebens nähern, es weniger hoch zu achten und es mehr nach ſeinem wahren Werthe zu ſchätzen. Wenn wir es von dem blumenreichen Anfange unſerer Tage betrachten, o! welch' ein reicher Schatz goldener Stunden ſcheint es da, und wir denken, Jeder habe, wie wir, dieſelbe Mitgift erhalten. Aber wenn wir auf daſſelbe zurück⸗ blicken, wenn unſer Antheil beinahe ausgegeben iſt, ſehen wir, wie wenig wirklich nützliches Glück es uns verſchafft hat, und wir urtheilen von Anderen, wie von uns ſelber. Ein Freund ſtirbt⸗ und wenn wir auch Kummer empfinden, denken wir, wir werden einander bald wieder ſehen. Ein Freund iſt in Ge⸗ 123 fahr und wir empfinden um ſo weniger Unruhe, weil wir wiſſen, daß er wenig verliert, wenn er das Leben verliert— daß einige Jahre mehr oder weniger kaum wie Staub auf der Wagſchaale ſind, und daß er, wenn er von uns genommen wird, nur von einer nahen Herberge in ſeine ferne Heimath geht. Agnes war ſehr ängſtlich, ihre Einbildungskraft war ſehr lebhaft, ſowohl im Dienſte der Freude, als des Kummers, und ſie ſtellte ſich Alles vor, was ihm hätte begegnen können, und Vieles, was unwahrſchein⸗ lich war. Zu einer Zeit war ſie geneigt zu glauben, der Kommandant des Schloſſes täuſche Frau von Brecy und ſie, um ihnen Kummer zu erſparen— Jean Charoſt ſei getödtet worden und de Blondel wolle es ihnen nur nicht ſagen. Sie wußte nicht, wie leicht ein abgehärteter Soldat eine ſolche Sache nimmt. Dann ſuchte ſie ihre Furcht zu überwinden und dachte, de Brecy müſſe einen Ausfall mitgemacht haben und gefangen genommen ſein; und die Erinnerung führte ihr von Neuem allen Kummer vor, der auf die Schlacht bei Azincourt gefolgt war. Aber das Schlimmſte von Allem war die Unge⸗ wißheit— der ſtets wechſelnde Kampf zwiſchen Hoff⸗ nung und Furcht, worin die Furcht gewöhnlich ſiegte. Sie ſaß an dem hohen Fenſter, blickte über das ſie umgebende Land hinaus und beobachtete die verſchie⸗ denen Wege, die ſie ſehen konnte. Jetzt ſah ſie eine 124 Gruppe auf das Thor zukommen; aber als ſie eine Weile lebhaft darauf hingeblickt, bemerkte ſie, daß es nur einige Landleute waren, welche Lebensmittel für die Soldaten hereinbrachten. Dann bemerkte ſie in der Ferne eine undeutliche Maſſe; aber lange vorher, ehe dieſelbe Bourges erreichte, wendete ſie ſich nach einer verſchiedenen Richtung. Jeder Augenblick erhöhte ihre Aengſtlichkeit und ihre Unruhe. Stunden ver⸗ gingen. Wieder ſah ſie Jemand kommen und ver⸗ ſchwinden. Jetzt aber floſſen die lange unterdrückten Thränen aus ihren Augen und ſie brach in heftiges Schluchzen aus. „Agnes, Agnes, mein Kind, komm hieher,“ rief Frau von Brecy. Von ihrem Sitze aufſtehend, warf ſich Agnes neben Jean Charoſt's Mutter auf ihre Knie und ver⸗ barg ihre weinenden Augen auf ihrem Schooße. „Was iſt Dir, liebe Agnes?“ fragte Frau von Brecy ſehr bewegt.„Sage mir, mein Kind, was bewegt Dich ſo? Sage mir Deine Gefühle— alle Deine Gefühle, meine Agnes. Gewiß habe ich doch immer wie eine Mutter gegen Dich gehandelt. Ver⸗ birg mir Nichts.“ „Warum kommt er nicht?“ fragte Agnes mit kaum hörbarer Stimme.„O, liebe Mutter, ich fürchte, er iſt krank— vielleicht verwundet— vielleicht—“ „Nein, nein,“ fiel Frau von Brecy ein.„Du 125 haſt keine Urſache zu einer ſolchen Unruhe, Agnes. Ein Soldat kann nicht über ſeine Zeit gebieten, noch auch bei ſeinen wichtigen Geſchäften die Gelegenheit finden, die, welche er am meiſten liebt, von ſeinen Bewegungen in Kenntniß zu ſetzen, um ſie von ihrer ängſtlichen Beſorgniß zu befreien. Die Gattin eines Soldaten, mein Kind,“ fügte ſie hinzu, indem ſie das knieende Mädchen mit ihrem Arme umſchlang,„muß ſolche Dinge mit Geduld und Hoffnung ertragen ler⸗ nen— ja, noch mehr, ſie muß lernen, die Angſt, die ſie empfindet, zu verbergen, um den muthigen Geiſt ihres Mannes nicht niederzudrücken, ſeiner Energie nicht Feſſeln anzulegen und ſeinen Schmerz beim Schei⸗ den nicht zu erhöhen. Möchteſt Du nicht die Gattin eines Soldaten ſein, meine Agnes?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Agnes, ohne ihren Kopf zu erheben. Dann aber fügte ſie raſch hinzu, als ob ihr Herz ihr wegen ihres Mangels an Aufrichtigkeit Vorwürfe mache:„Ja, ja, ich möchte es; aber dann würde ich wünſchen, daß er kein Sol⸗ dat mehr wäre.“ Ein mattes Lächeln umſchwebte Frau von Brecy's Lippe, und ſie hatte ſich eben noch eine Frage aus⸗ gedacht, um ein weiteres Bekenntniß herbeizuführen, als der Klang einer Trompete durch das offene Fen⸗ ſter herein kam und Agnes aufſprang und zu ihrem Beobachtungsplatze zurückeilte. 126 O, wie ſchnell trocknete ſie die Thränen, die ihre Augen trübten, und dann rief ſie mit ſtrahlender Freude, die jedes weitere Bekenntniß unnöthig machte: „Er iſt es! er iſt es! Er hat eine große Menge bei ſich— zwanzig oder dreißig Mann— aber ich ſehe ihn ganz deutlich— er iſt es!“ Kaum fünf Minuten waren vergangen, und Agnes hatte eben Zeit, ihr Geſicht von den Spuren der Aufregung zu befreien, als Jean Charoſt's Schritt auf der Treppe ertönte und er im nächſten Augenblicke in's Zimmer trat. Seltſam genug— Agnes eilte ihm nicht entge⸗ gen. Agnes ſprach kein Wort des Glückwunſches aus, ſondern ſie ſtand zitternd da, denn es waren ihr durch die Entfernung eines Schleiers Wahrheiten klar ge⸗ worden, die ihr auf den erſten Blick ſchrecklich und blendend erſchienen. „Freuet Euch, liebe Mutter— freue Dich, theuerſte Agnes!“ rief de Brecy, jeder von ihnen eine Hand reichend.„Eure Gefangenſchaft iſt zu Ende. Es iſt ein Waffenſtillſtand verkündet worden, es ſind Verhandlungen zur Ausſöhnung im Gange, und Ihr habt weiter Nichts zu thun, als aufzuſitzen und mit mir davon zu reiten. Beeilt Eure Vorbereitungen, theuerſte Mutter! ſchnell, liebe Agnes!“— „Treibe ſie nicht ſo ſehr zur Eile, mein Sohn,“ ſagte Frau von Brecy freundlich;„ſie iſt wegen Dei⸗ 127 ner langen Abweſenheit in großem Schrecken geweſen und hat ſich kaum erſt erholt. Sie ſoll mit mir in der Sänfte reiſen, und ich will Suzette ſagen, daß ſie Alles für ſie in Bereitſchaft hält!“ „Du biſt um meinetwillen in Schrecken geweſen, theuerſte Agnes!“ rief Jean Charoſt, als ſeine Mut⸗ ter das Zimmer verlaſſen hatte, und er ihre Hand faßte und ihr in's Geſicht blickte.„Hat man denn nicht ausgerichtet, was ich Euch geſtern Abend ſagen ließ?“ „Nein,“ antwortete Agnes in leiſem Tone. „Sie ſagten uns nur dieſen Morgen, als wir fragen ließen, Du wäreſt hinausgegangen und noch nicht zu⸗ rückgekehrt. Wie konnte man ſo grauſam ſein? Ein Wort von Dir würde uns ſtundenlangen Schmerz er⸗ ſpart haben.“ 7 „Du zitterſt noch jetzt,“ ſagte Jean Charoſt, der noch immer ihre Hand feſt hielt.„Was würdeſt Du thun, liebe Agnes, wenn Du die Gattin eines Sol⸗ daten wäreſt?“ „Deine Mutter hat eben daſſelbe gefragt,“ ant⸗ wortete Agnes mit mattem Lächeln,„und ich ſagte ihr, ich wiſſe es nicht. Ich kann Dir nur dieſelbe Antwort geben, Jean. Ich denke, Alles, was ein Weib thun kann, iſt, zu lieben und zu zittern.“ „Und könnteſt Du einen Soldaten lieben?“ fragte de Brecy in ſehr dringendem Tone. —— 128 „O! das könnte ich wohl,“ flüſterte Agnes, mehr als je zitternd. Jean Charoſt führte ſie zu einem Sitze, und als ſie noch zitterte und er fürchtete, ſie möge umſinken, umſchlang er ſie mit ſeinem Arme, um ſie aufrecht zu halten. Es war oft in früheren Jahren geſchehen, wenn ſie an ſeiner Seite geſtanden, oder auf ſeinem Knie geſeſſen; aber die Berührung war jetzt für Beide verſchieden. Sie machte ſein Herz erbeben und ſchla⸗ gen, und das ihre ſtand faſt ganz ſtill. Sie war ſo blaß, daß er glaubte, ſie würde ohnmächtig werden, und ſein Herz ſagte ihm, daß es das Sicherſte ſein würde, in Uebereinſtimmung mit dem Sprichworte, wahre Worte im Scherze zu reden. So ſagte er in heiterem Tone, als er ſich zu ihr niederſetzte und ſie noch mit ſeinem Arme umſchlungen hielt: „Nun, ich will Dir ſagen, theuerſte Agnes, wie es ſein ſoll. Wenn Du noch ein halbes Dutzend an⸗ dere Soldaten ausgeſchlagen haſt, ſollſt Du Jean Charoſt heirathen, und ich will Dir die Erlaubniß geben, ſo viel zu lieben, wie Du willſt, und ſo we⸗ nig wie möglich zu zittern.“ Agnes erhob plötzlich mit einem Blicke lebhafter Frage ihre Augen zu ſeinem Geſichte, dann wurde ihre Wange mit Roth übergoſſen, und ſie lehnte ihren Kopf an ſeine Bruſt. 129 Sie ſprach indeſſen Nichts, und er fragte in lei⸗ ſem und ſanftem Tone: „Soll es ſo ſein, theuerſte Agnes?“ „Nein,“ antwortete ſie, eine Thräne trocknend, „ich wünſche Niemand mehr auszuſchlagen.“ „Ah! da muß ich mich beeilen,“ ſagte Jean Charoſt,„ſonſt möchteſt Du einen Andern annehmen. Willſt Du mein Weib ſein, Theuerſte?“ Sie antwortete wieder nicht, aber ihre kleinen zarten Finger drückten ſanft ſeine Hand. „Nein, ich muß ein Wort hören,“ ſagte Jean Charoſt, ſie näher zu ſich hinziehend;„nur ein Wort, liebes Mädchen. Jene kleine Hand kann nicht ſo deutlich reden, wie dieſe theuren Lippen.“ „O! quäle mich nicht!“ ſagte Agnes, ihren Kopf auf einen Augenblick erhebend und ihm in's Geſicht blickend.„Ich weiß kaum, ob Du Deinen Scherz mit mir treibſt oder nicht.“ „Meinen Scherz mit Dir treiben!“ ſagte Jean Charoſt in ernſterem Tone.„Nein, nein, meine Liebe. Ich bin nicht im Stande, mit Deinem und meinem Glück Scherz zu treiben; und das meine ſteht wenig⸗ ſtens hierbei auf dem Spiele. Um Alles, was die Welt Freudiges oder Glückliches enthält, möchte ich nicht das Deine auf's Spiel ſetzen, Agnes. Als daher Herr von Brives um Deine Hand anhielt, verbarg ich meine Liebe zu Dir in meinem Herzen, damit Deine Ach⸗ Agnes Sorel. IV. 9 e 130 tung und jugendliche Zärtlichkeit für einen alten Freund Dein Urtheil nicht für einen für Dich un⸗ paſſenden Mann beſtimmen möge. Ich wünſchte auch, Du möchteſt das Leben ein wenig mehr kennen ler⸗ nen, ehe Du Dich an einen viel älteren Mann bän⸗ deſt. Aber ich kann mich nicht länger zurückhalten, Agnes, und da ich geſprochen habe, muß ich mein Schickſal wiſſen. Willſt Du die Meine ſein, Ge⸗ liebteſte?“ „Ja, ja, ja!“ flüſterte Agnes, ihm um den Hals fallend.„Ich bin die Deine— ich war immer die Deine und will auch immer die Deine ſein. Du kannſt es nicht verhindern, Du magſt thun, was Du willſt.“ „Ich will es nie verſuchen,“ verſetzte Jean Charoſt, ſie küſſend.„Liebe Mutter,“ fuhr er fort, als Frau von Brecy in's Zimmer trat;„dies iſt jetzt in der That Eure Tochter. Ich weiß, Ihr könnt ſie nicht mehr lieben, als Ihr ſie jetzt ſchon liebt; aber Ihr werdet ſie jetzt auch um meinetwillen und nicht blos um ihrer ſelbſt willen lieben.“ Frau von Brecy öffnete ihre Arme und Agnes eilte an ihre Bruſt. „Mein Kind! mein liebes Kind!“ rief die alte Dame.„Aber beruhige Dich, Agnes. Da kommt Martin Grille, um uns zu ſagen, daß die Sänfte be⸗ reit iſt. Laßt uns gehen.“ 131 „Ah! ich dachte mir ſchon, wie es werden würde,“ ſagte Martin bei ſich ſelber.„Ich erlebte nie, daß Freundſchaft zwiſchen einem Manne unter vierzig und einem Mädchen unter ſechzig anders endete.— Mein Herr, die Sänfte iſt bereit, ſo wie auch alle Reiſigen, die Ihr beſtimmtet,“ fuhr er laut fort.„Den Uebri⸗ gen ſcheint es aber nicht zu gefallen, daß ſie hier bleiben ſollen; denn ich glaube, ſie haben genug von der Belagerung. Ich wenigſtens habe genug davon, und werde die große Kanone in ſechs Monaten nicht aus dem Kopfe bringen.“ „Sage ihnen, es ſei ein Waffenſtillſtand auf drei Tage geſchloſſen,“ ſagte Jean Charoſt;„und wenn der Krieg bis dahin nicht zu Ende iſt, kehre ich zu ihnen zurück. Wir dürfen nicht alle Vertheidiger aus dem Schloſſe nehmen.“ In wenigen Minuten waren Jean Charoſt und ſein kleiner Zug außerhalb der Mauern von Bourges; aber Frau von Brecy bemerkte, daß ſie nicht den Weg zu ihrer eigenen vielgeliebten Heimath einſchlugen, ſondern den Fluß Langis paſſirten und ihren Weg nach Preſſavois richteten. „Wohin führſt Du uns, Jean?“ ſagte ſie zu ihrem Sohne, der neben der Sänfte ritt. „In das Schloß Felard, liebe Mutter,“ verſetzte Jean Charoſt.„Ich verſprach der Königin, Euch und Agnes auf einen Tag dorthin zu bringen. Ich ſtehe . 9* — 132 jetzt in großer Gunſt bei Hofe,“ fügte er heiter hin⸗ zu,„weil ich einigen Antheil gehabt, dieſe Verhand⸗ lung herbeizuführen. Der König ſcheint freilich ein wenig verſtimmt und ärgerlich; aber nicht auf mich, und er beſteht darauf, daß ich an den Konferenzen, die dieſen Abend in Preſſavois gehalten werden ſollen, Antheil haben ſoll. Nein, theuerſte Mutter— macht keine Einwendungen wegen des Aufzuges und der Kleidung; denn ich muß Euch ſagen, der Hof iſt ebenſo, wie wir, auf der Reiſe, und Ihr werdet dort noch mehr beſtäubte und beſchmutzte Kleider finden, als wir mitbringen.“— 1 Frau von Brecy empfand einige Aengſtlichkeit, denn ſie hatte ſich ſehr lange nicht an Höfen bewegt, und das zurückgezogene und ruhige Leben, welches ſie ſeit Jahren geführt, machte ſie für ſolche Scenen unfähig. Sie widerſetzte ſich indeſſen nicht, und in einer hal⸗ ben Stunde traf man einen Vorpoſten der königlichen Armee. Es hatte indeß keine Schwierigkeit, vorüber⸗ gelaſſen zu werden; denn von dem Augenblicke an, als der Waffenſtillſtand verkündet worden, kamen die Soldaten auf beiden Seiten zu dem Schluſſe, daß man zu einer Uebereinkunft zwiſchen den beiden Par⸗ teien kommen werde, und begannen ſich mit ſolcher Heiterkeit und Gutmüthigkeit mit einander zu unter⸗ halten, als hätten ſie nie das Schwert gegen einan⸗ der gezogen. Man ſah Gruppen nach verſchiedenen 133 Richtungen über die Felder galoppiren, auf dem Wege ſtehen und ſich mit einander unterreden, und die Scene zeigte allen Glanz und alle Heiterkeit des Krieges ohne ſeinen Schrecken. Bald nachdem ſie an der zweiten Poſtenlinie vorübergekommen waren, ſchlug Jean Charoſt einen engen Hohlweg ein, der in einen tiefen Wald hinun⸗ ter zu führen ſchien. Alles war jetzt ſtill und einſam und man ſah ringsumher Nichts weiter, als die Aeſte großer alter Bäume. Die wellenförmigen Erhöhungen des Bodens waren gering, ſo daß ſie nirgends die Aus⸗ ſicht überſchauen konnten, und nur die ſtark markirten Linien von Licht und Schatten, die über den Weg fielen, gewährten einige Abwechſelung. Endlich aber nahm der Weg eine plötzliche Wen⸗ dung, es zeigte ſich ein freier Raum und das alte Schloß Felard, welches längſt einem modernen Ge⸗ bäude Platz gemacht, erhob ſich in der Mitte deſſel⸗ ben. Es hatte Thürme, Mauern, Gräben und Zug⸗ brücke, gleich den meiſten großen Landhäuſern zu jener Zeit; aber es war keineswegs gegen eine regelmäßige MNacht zu vertheidigen, und nur vom Hofe wegen ſeiner bequemen Lage als Reſidenz gewählt worden. Karl VII. hatte die Annäherung ſeiner Unterthanen noch nicht fürchten gelernt, noch vermuthete er kein Gift in ſeinen Speiſen und ſah keinen Feind in jedem Fremden. Die Thore ſtanden weit offen, es waren ——— 134 keine Wachen da, und nur wenige Pagen hielten ſich vor denſelben auf. Im äußeren Hofe abſteigend, half Jean Charoſt ſeiner Mutter und Agnes beim Ausſteigen und führte ſie dann zu dem Haupteingange des Gebäudes, wo man ſie in ein leeres Zimmer führte, um dort zu war⸗ ten, bis die Königin ſie rufen laſſen werde. „Seid ſo gefällig,“ ſagte Jean Charoſt zu dem Pagen,„Herrn Jacques Coeur in Kenntniß zu ſetzen, daß ich hier bin, nachdem Ihr die Königin davon be⸗ nachrichtigt habt.“ Dann wendete er ſich zu ſeiner Mutter, deren Geſicht ſich bei dem Namen ihres alten Freundes erheiterte, und fügte hinzu:„Ich ſah ihn geſtern Abend nur auf einen Augenblick, aber ſeine Gegenwart war mir nützlich, um mir ſogleich Audienz zu verſchaffen.“ Nach Verlauf von etwa fünf Minuten öffnete ſich die Thür, und es trat eine Dame allein in's Zimmer, deren reiche Kleidung und glänzende Schönheit Frau von Brecy zu der Vermuthung führte, daß ſie die Königin vor ſich ſehe. Jean Charoſt aber redete ſie als Mademoiſelle de St. Geran an, und ſtellte ihr ſeine Mutter und Agnes nicht ohne Verlegenheit vor. Agnes Sorel ſchien es indeſſen nicht zu bemer⸗ ken, ſprach unbefangen und freundlich mit Frau von Brecy, wendete ſich dann zu Agnes und ſah ſie mit lebhaftem Intereſſe an. 135 „So, dies iſt alſo Eure Agnes,“ ſagte ſie, ſich zu Jean Charoſt wendend.„O, de Brecy, bringt ſie nicht an den Hof. Das iſt kein Ort für ſolche Blu⸗ men, wie dieſe. Iſt das nicht eine harte Rede, meine liebe junge Dame? Ohne Zweifel hat Eure junge Phantaſie Euch die Höfe als ſehr glänzende Orte dar⸗ geſtellt; ich aber ſelber weiß aus ſehr trauriger Erfah⸗ rung, daß es Felder ſind, wo wenig mehr als Kum⸗ mer, Täuſchung und Reue wächſt.“ „Ich habe in der That keine Neigung, mein Fräulein, an einem Hofe zu leben,“ verſetzte Agnes. Aber Agnes Sorel war jetzt in tiefes Nachden⸗ ken verſunken, und ſchien die Antwort des ſchönen Mädchens nicht zu hören. Nach einem minutenlangen Schweigen aber wendete ſie ſich ſchnell zu Jean Charoſt und ſagte: „Warum nanntet Ihr ſie Agnes?“ „Jugendliche Achtung vor Euch, glaube ich, war der Hauptgrund,“ antwortete er offen.„Ich hatte Euch, liebe Dame, in mancher ſchwierigen Lage ge⸗ ſehen. Ihr handeltet ſelbſt damals edel und freund⸗ lich gegen mich, und ich wünſchte, daß dieſes liebe Mädchen Euch gleichen möge.“ Agnes Sorel ſchüttelte langſam und kummervoll den Kopf, mit einer Miene, welche ſo deutlich wie Worte ſagte:„Ihr wünſcht es jetzt nicht mehr.“ 136 Plötzlich aber faßte ſie ſich und ſagte mit lieblichem Lächeln: „Ich hätte beinabe meine Pflicht vergeſſen. Ihre Majeſtät befahl mir, Euch in ihre Zimmer zu führen. Wenn Ihr mir folgen wollt, Frau von Brecy, ſo will Wohnung führen.“ ich Euch den Weg zeigen und Euch ſpäter in Eure * * Neuntes Kapitel. Gerade hinter dem alten ſteinernen Kreuze auf dem Raſenplatze des kleinen Dorfes St. Privé, etwa eine halbe Stunde ſüdlich von Preſſavois, hatte man, nicht weit von dem Ufer des Fluſſes, einen großen Pavillon errichtet. Zwiſchen den Stäben, die ihn trugen, ſtand ein großer Tiſch, mit Schreibmaterialien bedeckt und zwei oder drei Leuchtern in nicht beſonders guter Ord⸗ nung, aufgeſtellt. Zwei Männer, welche Schreiber zu ſein ſchienen, ſaßen an dem Tiſche, ſchnitten ihre Fe⸗ dern und ſchleuderten trockne Scherze gegen einander. Rings um den Pavillon in der Entfernung von etwa funfzig Schritten zu beiden Seiten gingen königliche Bogenſchützen auf und ab, um neugierige Augen und Ohren fern zu halten. Etwa eine Viertelſtunde war Niemand als die Schreiber in dem Zelte; nach Ver⸗ lauf derſelben aber trat eine Gruppe von Herren ein, . die ihren Platz an der nördlichen Seite des Tiſches 138 einnahmen, ſich nicht niederſetzten, ſondern lebhaft und leiſe mit einander ſprachen. Bald darauf erſchienen Jean Charoſt und Herr von Blondel, traten zu den Erſteren und nahmen an ihrer Unterredung Theil. Dann kamen Richmond, la Marche und Clermont nebſt mehreren anderen Herren von ihrer Partei; aber dieſe blieben auf der ſüdlichen Seite des Tiſches, obgleich einige Worte von beiden Seiten gewechſelt wurden. „Kommt Seine Majeſtät in Perſon?“ ſagte Richmond endlich mit ſeiner tiefen Stimme. „Bei meinem Leben, ich weiß es nicht,“ verſetzte Blondel;„aber ich glaube es nicht, Herr Connetable.“ „Worauf warten wir denn?“ fragte Richmond wieder. „Herr la Trimouille iſt, glaube ich, vom Könige mit der Unterhandlung beauftragt,“ antwortete Jean Charoſt.„Wenigſtens hörte ich es, als ich auf dem Schloſſe Felard war.“ „Beim Himmel! da muß er bald kommen,“ rief Richmond mit unzufriedener Miene;„oder es findet gar keine Unterhandlung ſtatt; denn ich will nicht an einen Trimouille warten.“ Es vergingen einige Minuten in düſterem Schwei⸗ gen, und dann hörte man durch die leinenen Wände des Zeltes raſche Hufſchläge von Pferden auf dem Wege daherkommen. Im nächſten Augenblicke trat la Trimouille ſelber, ein großer, kräftiger und ſchöner 139 Mann, in den Pavillon. Er ſtützte ſich auf den Arm Juvenel's de Royans, der ſein Landsmann und Verwandter war, und Dunois und mehrere Andere folgten ihm. „Ich bitte um Verzeihung, meine Herren, daß ich Euch habe warten laſſen,“ ſagte er mit dem ein⸗ ſchmeichelndſten Lächeln;„aber ich mußte erſt den Willen Seiner Majeſtät hören, damit kein Zweifel oder Bedenken auf unſerer Seite ſein möge. Laßt uns niederſitzen und dieſe Sache verhandeln.“ Jeder nahm ohne beſondere Ordnung ſeinen Platz am Tiſche ein— die Partei des Königs auf der einen und die Partei der drei Grafen auf der anderen Seite. Es trat eine Pauſe ein, die Richmond ungeduldig machte; denn endlich rief er mit einem Schnarchen, gleich einem wilden Pferde: „Es rede Jemand, im Namen des Himmels! Weshalb ſind wir hier? Nicht um ſchweigend hier zu ſitzen, vermuthlich. Redet, Trimouille!“ „Sehr gern, Herr Connetable,“ verſetzte la Tri⸗ mouille.„Ihr wißt ohne Zweifel, daß Ihr gegen den König, Euren Oberherrn, in Waffen ſeid?“ „Das iſt gleich von vorn herein falſch!“ rief Richmond.„Ich bin in Waffen gegen Günſtlinge und Schmeichler des Hofes— in Waffen, um dem Könige das Recht wiederzugeben, ſein eigenes Anſehen 4 140 zum Wohle der Nation und zur Sicherheit des Lan⸗ des anzuwenden.“ „In Waffen gegen mich, wollt Ihr ſagen,“ ent⸗ gegnete Trimouille mit finſterer Stirn, die das Lächeln auf ſeinen Lippen Lügen ſtrafte.„Aber laßt uns hören, worüber Ihr Euch beklagt. Ich wüßte nicht, daß ich Etwas gethan hätte, was ſolche Handlungen von Eurer Seite rechtfertigen könnte. Wenn Ihr in⸗ deſſen Gründe dazu habt, ſo nennt ſie vor dieſen Her⸗ ren, die außer mir von Seiner Majeſtät beauftragt ſind, dieſe Sache zu unterſuchen, und die ihm jedes Wort, welches Ihr ausſprecht, ohne Bemerkungen oder Veränderungen, wie Ihr mich zu machen beſchuldigt, mittheilen werden. Welches ſind Eure Klagen, meine Herren?“ „Sie ſind ſchwer genug,“ verſetzte Richmond fin⸗ ſter.„Eure Undankbarkeit, Trimouille, könnte ich über⸗ gehen, aber—“ „Meine Undankbarkeit!“ rief der Miniſter des Königs.„Ich weiß nicht, daß Ihr mir je Veran⸗ laſſung gegeben, dankbar oder undankbar zu ſein.“ „Brachte ich Euch nicht in Eure jetzige Stellung?“ fragte Richmond.„Entfernte ich nicht beſſere Männer, als Ihr ſeid, um Euch Platz zu machen? Nöthigte ich nicht Louvet abzutreten, und wurde nicht Beau⸗ lieu's Verwegenheit beſtraft—“ „Und Giac ertränkt,“ fiel der Graf von Cler⸗ 141 mont mit ſarkaſtiſchem Lächeln ein, und Alle am Tiſche lachten, mit Ausnahme Trimouille's ſelber, der die gefährliche Wittwe des zuletzt erwähnten Herrn gehei⸗ rathet hatte. Er machte indeſſen eine Bewegung mit der Hand und ſagte: „Dies iſt Alles von keiner Bedeutung. Ich be⸗ haupte die Stelle, die ich einnehme, vermöge der Gunſt und Billigung des Königs, und durch die Handlung keines anderen Menſchen. Aber Ihr ſagt, Ihr ſeid für das öffentliche Wohl in den Waffen. Was hat man Euch gethan, um dieſe Behauptung zu unterſtützen?“ „Ich will es Euch ſagen,“ verſetzte Richmond mit Bitterkeit.„Ihr habt alle meine Pläne zum Dienſte des Staates vereitelt. Während dieſes letzten Feld⸗ zuges in der Bretagne hieltet Ihr mich aus Mangel an Truppen und Geld vor Pontorſon müſſig, ſonſt hätte der Ort ſchon eine Woche früher ſich ergeben müſſen. Daſſelbe war vor St. Janes der Fall, und ſeit den letzten vier Monaten habe ich keinen Livre von Euch herausbringen können, ſowohl für meinen eigenen Sold, als um meine Leute zu unterhalten.“ „Ihr ſeid doch im Stande geweſen, ſie zu unter⸗ halten, um Krieg gegen Euren Monarchen zu führen,“ ſagte Trimouille mit Bitterkeit.„Aber ich will mit Offenheit auf die Beſchuldigung eingehen. Ich ſchickte Euch kein Geld, als Ihr es verlangtet, aus demſelben Grunde, weshalb ich keins an den Grafen la Marche 144 verſetzte der Graf von Clermont,„iſt ſo unangenehm auszuſprechen, daß ſie dem Grafen de la Marche in der Kehle ſtecken bleibt— es iſt nämlich einfach Eure Entfernung aus dem Rathe des Königs, Herr la Trimouille.“ „Ich will nicht im Wege ſtehen,“ entgegnete der Miniſter mit der äußerſten Offenheit.„Kein perſön⸗ liches Intereſſe von meiner Seite ſoll eine Ausglei⸗ chung verhindern. Aber über dieſen Punkt kann der König natürlich allein entſcheiden. Die Sache ſoll ihm gerade ſo vorgetragen werden. Laßt uns zu an⸗ deren Dingen übergehen. Was verlangt Ihr weiter?“ „Nun, wir möchten lieber hören, was Ihr vor⸗ zuſchlagen habt,“ ſagte der Graf von Clermont, der zu zweifeln begann, wie ſich die Verhandlungen wen⸗ den würden. „Ich will gern den Anfang machen,“ ſagte la Trimouille;„denn die Abſichten Seiner Majeſtät ſind gütig und großmüthig. Zuerſt aber iſt es nothwen⸗ dig anzugeben, wie die Sache ſteht, um zu zeigen, daß der König nicht aus Zwang handelt, ſondern nur in Folge ſeiner gnädigen Gemüthsart. Hier ſind drei edle Herren, wovon zwei mit der königlichen Familie nahe verwandt ſind, welche zu einer Zeit, wo die Un⸗ einigkeit dem Staate höchſt theilig werden kann, gegen ihren Monarchen die ken ergreifen. Seine Majeſtät glaubt, daß die beiden erwähnten Perſonen 145 von dem Dritten, einem herrſchſüchtigen Manne, ver⸗ leitet worden, welcher ſeine Dienſte, ſo wie ſeine Fähigkeiten überſchätzt—“ „Nein, nein,“ fiel der Graf la Marche ein. „Hört mich zu Ende,“ fuhr la Trimoutlle fort. „Er iſt ein Mann, welcher dem Könige vorſchreiben will, wer ſeine Miniſter ſein ſollen, und ſich öffent⸗ lich rühmt, ſie nach ſeinem Gefallen anſtellen und ab⸗ ſetzen zu können. Dieſe drei Edelleute überfallen eine königliche Stadt und belagern die königliche Garniſon in der Citadelle. Um einer ſolchen Handlungsweiſe ſogleich Einhalt zu thun, hält der König es für nöthig, mit großer Heeresmacht gegen ſie als Rebel⸗ len zu marſchiren. Um offen zu reden, meine Herren, Ihr habt fünftauſend Mann in und um Bourges. Er hat zehntauſend Mann zwiſchen Euch und Paris, noch fünftauſend kamen vor einer Stunde in la Valleée an und eine große Macht marſchirt unter la Hire von Chateauroux herbei.“ Er hielt inne und die Geſichter der Partei des Connetable verlängerten ſich ſehr. Indeſſen erwiederte der Graf von Clermont mit ſeinem gewohnten ſarka⸗ ſtiſchen Lächeln: „Eine gefährliche Lage, wie Ihr ſie darſtellt, mein guter Herr; aber mich dünkt, ich habe eine alte Fabel gehört, welche zeigt, daß Menſchen und Löwen zuweilen ihre Bilder verſchieden malen.“ Agnes Sorel IV. 10 ſchickte, dem ich es ſehr gern würde geſchickt haben— nur weil ich keins zu ſchicken hatte.“ „Ein eitler Vorwand!“ rief Richmond, mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlagend und zugleich aufſtehend. „Wir haben in Jacques Coeur's Papieren, die wir in Bourges mit Beſchlag belegten, den beſtimmten Be⸗ weis gefunden, daß zu derſelben Zeit, als Ihr meine Forderung verweigertet, eine beträchtliche Summe nach Chinon geſchickt wurde.“ „Die war ſchon verausgabt, ehe ſie ankam,“ ent⸗ gegnete la Trimoutille. Aber ſeine Stimme wurde von den zornigen Tö⸗ nen des Connetable übertäubt, welcher rief: „Wenn wir wieder mit ſolchen kläglichen Ent⸗ ſchuldigungen abgeſpeist werden ſollen, kann die Un⸗ terhandlung keinen Nutzen ſchaffen.“ Und er wendete ſich um, das Zelt zu verlaſſen. Die Grafen la Marche und Clermont ſtanden auch auf; aber Jean Charoſt rief: „Ich bitte Euch, wartet, meine Herren. Bedenkt, was Ihr thut, indem Ihr die Sicherheit Frankreichs aufopfert und es dem Feinde preis gebt, indem Ihr nicht nur Eure Treue gegen den König, ſondern auch Eure Pflicht gegen Euer Vaterland verletzt. Wenn der geringſte Patriotismus, hrr oder Großmuth in Euch iſt, ſo bleibt, und hört auf das, was Herr la Trimouille Euch vorzuſchlagen hat.“ 143 Das Wort„vorzuſchlagen“ war glücklich gewählt und erregte den Gedanken an Vortheile, die man er⸗ langen könne, welche auf Clermont und la Marche Eindruck machten. „Was ſollen wir thun, Richmond?“ ſagte der Letztere in zauderndem Tone. „Bleibt, wenn Ihr wollt,“ entgegnete der Conne⸗ table trotzig.„Ihr könnt für mich handeln, wenn Ihr dableiben wollt. Ich werde gehen, denn ich würde nur meine Faſſung verlieren.“ Mit dieſen Worten ging er aus dem Zelte. La Marche und Clermont waren einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen und kehrten dann zu ihren Sitzen zurück, in⸗ dem der Letztere mit ruhigem Spotte bemerkte, der Connetable habe ihnen in der letzten Zeit mehr Feuer als Licht gewährt. „Nun, meine Herren,“ ſagte la Trimouille in ſei⸗ nen einſchmeichelndſten Tönen,„da dieſer hitzige Geiſt fort iſt, werden wir wahrſcheinlicher zu einem Reſul⸗ tate kommen. Bitte, laßt uns Eure Forderungen hören.“ Der Graf de la Marche wendete ſich mit etwas verlegenem Blicke zu dem Grafen von Clermont und der Letztere lachte. „Redet, ich bitte Euch,“ ſagte la Trimoullle. „Welches ſind Eure Folderungen?“ „Nun, die erſte, wozu wir uns entſchloſſen haben,“ 146 „Ihr werdet mein Bild treu und wahr finden, Clermont,“ ſagte la Trimouille kalt.„Ich habe Sorge getragen, es nicht im Geringſten zu übertrei⸗ ben; und ſowohl die Großmuth, womit der König Euch behandelt, als die Feſtigkeit, womit Seine Ma⸗ jeſtät bei den einmal gefaßten Entſchlüſſen bleiben wird, werden Euch zeigen, daß er ebenfalls von die⸗ ſen Thatſachen überzeugt iſt. Er wünſcht indeſſen, daß nie ein Franzoſe eines Franzoſen Blut vergieße, und daher macht er den Vorſchlag, zur Beſeitigung aller wahren und vermeintlichen Klagen, ſo wie auch als ein Zeichen ſeiner Liebe und Achtung für ſeinen guten Vetter, den Grafen de la Marche, ihm das Lehen von Beſançon zu gewähren. Euch, Herr von Clermont, will er die kleine Stadt Montbriſon oder eine andere von gleichem Werthe nach Eurer eigenen Wahl geben. Die anderen Herren, die Euch um⸗ geben, und deren Namen mir dieſen Morgen ſind an⸗ gegeben worden, ſollen ſämmtlich ein Geſchenk erhal⸗ ten, wovon ich hier das Verzeichniß habe; und dies Alles unter der einzigen Bedingung, daß ſie zu ihrer Pflicht zurückkehren und der Krone mit Eifer, Treue und Gehorſam gegen den allgemeinen Feind dienen.“ „Und der Graf von Richmond?“ fragte la Marche. 4— „Was ſoll aus dem Connetable werden?“ fragte der Graf von Clermont. 147 La Trimouille's Stirn wurde ſehr finſter. Er hatte die Wirkung bemerkt, welche die Anerbietungen auf die Gefährten des Connetable hervorbrachten; und ſah, daß die Partei in der That geſprengt ſei, und er erwiederte langſam und in ſtrengem Tone: „Er ſoll die Erlaubniß erhalten, ſich unbeläſtigt nach Parthenay zurückzuziehen und dort in Frieden und Einſamkeit zu leben.“ Eine Todtenſtille herrſchte in dem ganzen Zelte, die zuerſt von Jean Charoſt unterbrochen wurde, wel⸗ cher Gefahr und Ungerechtigkeit in dieſer Parteilich⸗ keit ſah und ſie mit Recht der perſönlichen Feindſchaft la Trimouille's gegen ſeinen früheren Freund zuſchrieb. „Nein, mein guter Herr,“ rief er,„Seine Ma⸗ jeſtät wird ſich gewiß zu einem weniger ſtrengen Ver⸗ fahren gegen den Connetable bewegen laſſen.“ „Was! Ihr, Herr?“ rief la Trimouille in hefti⸗ gem und zornigem Tone. .„Ja, mein guter Herr,“ verſetzte de Brecy. „Ich erhielt Seiner Majeſtät eigenen Befehl, hier zu⸗ gegen zu ſein, um, wie er ſelber ſagte, zwiſchen ſtrei⸗ tenden Anſprüchen zu vermitteln; und ich werde es für meine Pflicht halten, ihn dringend zu bitten, die Sache des Grafen von Richmond in Erwägung zu ziehen. Ich will die Sache zwar durchaus nicht ver⸗ theidigen, daß er mit dieſen beiden edlen Grafen 10* Partei gemacht; aber er hat früher der Krone gut gedient, und theilt nur dieſelben Fehler mit ihnen.“ „Es wäre beſſer, wenn Ihr ſchwieget, Herr von Brecy,“ ſagte la Trimouille mit finſterer Stirn. „Mein Herr, ich wurde nicht hieher geſchickt, um zu ſchweigen,“ ſagte de Brecy;„und indem ich rede, gehorche ich nur des Königs eigenen Befehlen.“ „Dann geht zum Könige und hört, was er jetzt ſagt,“ entgegnete la Trimouille, eine freundlichere Miene annehmend.„Ich habe ihn ſpäter geſprochen, als Ihr, und ſeine letzten Befehle empfangen. Geht zu ihm, ſage ich, es iſt mir ganz recht.“ De Breey ging in die Falle. „Ich will es thun,“ ſagte er aufſtehend.„Wenn Ihr mit allen anderen Punkten fortfahren wollt, werde ich zurück ſein, ehe Ihr ſie beendet habt.“ La Trimouille ſah ihm lächelnd nach, als er ſich entfernte; aber ſobald er die Hufſchläge ſeines Pfer⸗ des hörte, benutzte er ſeinen Vortheil, indem er die Konferenz ſo ſchnell wie möglich beendete, hie und da einen größeren Vortheil verſprach, alle Mittel anwen⸗ dete, auf den Eigennutz der früheren Verbündeten des Connetable zu wirken, und in weniger als zwanzig Minuten triumphirte er über alle Treue und Freund⸗ ſchaft gegen Richmond. Er machte den Uebergang dadurch leichter, daß er alle Fragen in Betreff des Connetable der ſpäteren Erörterung überließ, und erhielt dagegen von la Marche und Clermont das ſchriftliche Verſprechen, zu ihrer Pflicht zurückzu⸗ kehren und ſich dem Willen des Königs zu unterwer⸗ fen, ohne eine Bedingung zu Gunſten Richmond'’s hinzuzufügen. Sobald dies geſchehen war, nahm er haſtig Ab⸗ ſchied, beſtieg ſein Pferd und galoppirte ſo ſchnell wie möglich nach Felard zurück. Durch eine Seitenthür eintretend, eilte er zu den Zimmern des Königs und fragte lebhaft, ob Herr von Brecy Audienz erhalten habe. 4 „Nein, gnädigſter Herr,“ verſetzte der Diener. „Seine Majeſtät war ermüdet und legte ſich nieder, um eine Stunde zu ruhen. Darum verweigerten wir Herrn von Brecy den Eintritt.“ „Mir dürft Ihr ihn nicht verweigern,“ ſagte la Trimouille. Der Mann zanderte; aber der Miniſter ging kühn an ihm vorbei und klopfte an eine Thür an der entgegengeſetzten Seite des Vorzimmers. Einen Augenblick ſpäter verſchwand er und dann hörte man das Gemurmel einer lebhaften, aber nicht lauten Un⸗ terredung. Nach Verlauf von etwa fünf Minuten blickte la Trimouille heraus und ſagte zu den Dienern: „Wenn Herr von Brecy wiederkommt, um eine 150 Audienz zu bitten, ſo ſagt ihm, Seine Majeſtät wolle bei dem allgemeinen Empfange dieſen Abend, wozu er eingeladen ſei, mit ihm reden.“ Dann zog er ſich zurück und ſchloß die Thür wieder. Zehntes Kapitel. Vielfach ſind die Gefahren der Größe; aber unter ihnen allen ſind wenige unheilvoller als die, beſtän⸗ dig den Einflüſſen der Verdorbenſten, welche den Strom der menſchlichen Handlung ſchon faſt an der Quelle vergiften, ausgeſetzt zu ſein. Falſche Darſtel⸗ lungen, ſpöttiſche Bemerkungen, unrichtige Auslegun⸗ gen umſchweben beſtändig die Häupter der Fürſten, ſie mögen ſich dagegen ſchützen, wie ſie wollen, und ich habe den Verräther, den Feigling, den Thoren zu Aemtern und Würden erheben, den Guten, den Wei⸗ ſen, den Gerechten und Treuen vernachläſſigt und ver⸗ achtet geſehen von den Menſchen, nicht von den ſchwachköpfigen und verderbten, ſondern von denen mit ſtarkem Verſtande, klarem Blicke und den höchſten und edelſten Zwecken. Fürſten und mächtige Männer kön⸗ nen gleich Anderen nur nach dem urtheilen, was ſie ſehen und hören, und die Atmoſphäre um ſie her iſt 152 von Unwahrheit erfüllt und das Zimmer, worin ſie ſich befinden, iſt ein Echo, welches faſt nichts Anderes als Lügen wiederholt. Es war eine große Halle in dem Schloſſe Felard, und dort waren um neun Uhr Viele von dem erſten Adel Frankreichs verſammelt. Glänzende Trachten und ſchöne Formen waren dort zu ſehen, und da die Geſellſchaft ſo zahlreich war, ſo enthielt die Geſell⸗ ſchaft natürlich auch einige gute und weiſe Perſonen. Sie beſtand größtentheils aus Männern; aber Damen waren auch zugegen— die Königin ſelber, Agnes Sorel, mehrere vornehme Damen aus Berri und die Damen des Hofes. Der junge König, graziös und ſchön, ſtand am oberen Ende der Halle an der Seite ſeiner Gemahlin. Von Zeit zu Zeit näherten ſich verſchiedene Gäſte, ſprachen einige Worte mit ihm und gingen dann vor⸗ über. Alle ſchienen heiter und lächeluͤd. Es hatte ſich die Nachricht ausgebreitet, daß die Hauptbedin⸗ gungen eines Vertrages mit den Rebellen unterzeichnet worden, und Freude und Zufriedenheit über ein ſo er⸗ wünſchtes, aber ſo wenig erwartetes Reſultat verbrei⸗ tete überall Heiterkeit, gleich dem Sonnenſcheine. Wenig ließ ſich der, welcher zuerſt die Schritte angegeben, die zu einem ſolchen Abſchluſſe geführt, und der beſonders zu ihrer Annahme beigetragen, in dem Augenblicke träumen, welches Uebel ſeiner warte. Nachdem mehrere Perſonen von höherem Range an dem Könige vorübergegangen, näherte ſich Jean Charoſt mit ernſter Miene von dem Ende des Kreiſes, in deſſen Nähe er ſtand. Sein Geſicht war ruhig und ſicher, wenn gleich gedankenvoll, und ſeine Augen gerade auf den Monarchen gerichtet. Er konnte be⸗ merken, wie ſich Karl's Geſicht plötzlich verfinſterte und la Trimouille, der in einiger Entfernung vom Könige geſtanden, ſich ihm näherte. Der König nickte auf de Brecy's Gruß ein wenig ungnädig mit dem Kopfe, und als er ihn ſtillſtehen ſah, ſagte er in ſtren⸗ gem Tone: „Was giebt's, de Brecy? Redet, wenn Ihr Etwas zu ſagen habt.“ De Breey errieth ſogleich, daß man den König gegen ihn eingenommen habe; aber jener Geiſt, der ihn ſchon als Knabe angetrieben, ſeine Meinung ge⸗ gen den Herzog von Orleans deutlich auszuſprechen, hatte ihn ſelbſt bei allen harten Schlägen der Welt nicht verlaſſen, und er erwiederte mit einem Blicke auf ſeine Mutter und Agnes, die in geringer Entfer⸗ nung von der Königin ſtand, von der er aber ge⸗ wünſcht hätte, ſie möchte nicht zugegen ſein: „Ich habe Etwas zu ſagen, Sire, was ich jetzt nicht auszuſprechen wagen würde, hättet Ihr dieſe Stunde nicht ſelber zu meiner Audienz beſtimmt.“ Der König nickte langſam mit dem Kopfe, als . 154 fordere er ihn auf, fortzufahren, und Jean Charoſt ſagte: „Heute nahm ich auf Euren Befehl an der Kon⸗ ferenz zu Preſſavois Theil und fand zu meiner großen Freude, daß Eure Majeſtät geneigt ſind, gegen eine Anzahl von Euren Vaſallen und Unterthanen, welche gewagt, unter nichtigen Vorwänden gegen Euer An⸗ ſehen die Waffen zu ergreifen, gnädig zu ſein. Ob⸗ gleich kein Beweggrund nöthig war, um Eure Milde zu erklären, ſo ſprach doch Herr la Trimouille Eure Abſicht dahin aus, alle Franzoſen wieder im Dienſte des Vaterlandes zu vereinen. Eine einzige Aus⸗ nahme wurde in dieſem Akte der Gnade und Güte gemacht, und dieſe Ausnahme betraf einen Edelmann, der, welches auch ſeine gegenwärtigen Vergehungen ſein mögen, in früheren Zeiten der Krone mit Eifer, Geſchicklichkeit und Muth gedient hat.“ Karl's Stirn wurde jeden Augenblick finſterer, aber er ſprach nicht, und Jean Charoſt fuhr kühn fort: „Ich wagte zu glauben, Sire, daß Ihr Euch be⸗ wegen laſſen würdet, die Strenge Eures gerechten Zornes gegen den Connetable zu mildern, frühere Dienſte, ſo wie gegenwärtige Fehler in Erwägung zu ziehen, Euch zu erinnern, wie nützlich er für Frank⸗ reich geweſen und noch ſein kann, wenn Ihr die⸗ ſelbe Gnade und Gunſt, die Ihr den Theilnehmern ſei⸗ nes Vergehens gewährt habt, auch auf ihn erſtreckt.“ 1⁵5⁵ „Hörtet Ihr meinen Willen von Herrn la Tri⸗ mouille ausſprechen?“ fragte der König ſtrenge und in lautem Tone. 4 „Ich hörte, was er als Euren Willen ausſprach, Sire,“ verſetzte de Brecy;„aber ich nahm mir die Freiheit, anderer Meinung zu ſein, als Herr la Tri⸗ mouille, und zu glauben, bei richtiger Darſtellung der Sache möchte Eure Majeſtät ſich bewegen laſſen, Eure Entſcheidung noch einmal zu überlegen und gegen Alle gnädig zu ſein.“ „Und Ihr ſpracht dieſe verſchiedene Meinung bei der Berathung aus?“ fragte Karl. „Das that ich, Sire,“ verſetzte de Brecy,„in⸗ dem ich es für das Wohl Frankreichs angemeſſen hielt.“ „Dafür,“ ſagte der König laut, indem er die ge⸗ bieteriſche Mehrzahl anwendete, welche die verſchiede⸗ nen in einem Könige vereinten Gewalten darſtellt, „dafür, Herr, verbannen wir Euch von unſerem Hofe und aus unſerer Gegenwart und laſſen Euch die Strafe für das Vergehen theilen, welches Ihr vertheidigt habt. Ihr thatet Euer Möglichſtes, unſere Zwecke zu vereiteln, die wir zur Ausführung unſerem Miniſter anvertraut— Ihr vereiteltet beinahe ſeine Bemühun⸗ gen, den zur Wohlfahrt des Landes nöthigen Ver⸗ trag abzuſchließen; und es iſt wahrſcheinlich, daß der Vertrag gar nicht zu Stande gekommen, wenn Ihr am Orte geblieben wäret. Ihr und Alle ſollen wiſſen, 156 daß wir Gehorſam verlangen. Wir haben die Rebel⸗ lion des Grafen von Richmond gelinder beſtraft, als ſein Vergehen es erforderte, indem wir ſeine früheren Dienſte in Betracht zogen, aber auch den Umſtand be⸗ rückſichtigten, daß er das Oberhaupt und der Anfüh⸗ rer der Verſchwörung war, wozu ſich die Uebrigen nur durch Täuſchung hatten verleiten laſſen. Ungewarnt durch ſein Beiſpiel hieltet Ihr es für gut, Euch un⸗ ſerem Willen in unſerem Rathe zu widerſetzen, und wir legen Euch daher dieſelbe Strafe wie ihm auf. Die einzige Gnade, die wir Euch gewähren können, iſt, Euch die Wahl Eures Aufenthaltes zu überlaſſen, von welchem Ihr Euch indeſſen nicht weiter als vier Stunden entfernen dürft. Sagt, wohin wollt Ihr gehen?“ Der erſte Theil der Rede des Königs hatte de Brecy überraſcht und verwirrt; aber er faßte ſich nach und nach, als der Monarch fortfuhr. Er hatte lange geſehen, daß la Trimouille eine despotiſche Herrſchaft über den franzöſiſchen Hof auszuüben ſuchte, und er errieth leicht, daß Karl nicht ſeine eigenen Ge⸗ ſinnungen, ſondern die ſeines Miniſters ausſprach. Dies war einiger Troſt und er hatte ſich völlig ge⸗ faßt, ehe der König geendet. Bei der Wahl ſeines Verbannungsortes wirkte indeſſen größtentheils der Zufall. „Mit Erlaubniß Eurer Majeſtät will ich mich 157 nach Briare zurückziehen,“ entgegnete er.„Ich habe indeſſen noch einige wichtige Geſchäfte abzuſchließen, denn da ich beſtändig im Dienſte Eurer Majeſtät be⸗ ſchäftigt war, konnte ich Brecy ſeit mehreren Jahren nicht beſuchen. Darf ich um die Erlaubniß bitten, mich einige Tage in jenem Theile des Landes aufhal⸗ ten zu dürfen?“ „Wir geben Euch drei Tage Zeit,“ ſagte der König, kalt mit dem Kopfe nickend. „Ich werde alle mögliche Eile anwenden müſſen, um das, was ich zu thun habe, in der Zeit zu voll⸗ enden,“ antwortete Jean Charoſt mit großer Krän⸗ kung in ſeinem Tone.„Ich bitte daher um die Er⸗ laubniß, mich noch dieſe Nacht nach Brecy begeben zu dürfen. Kommt, liebe Mutter— komm, Agnes,“ fuhr er fort, indem er einen Schritt zurücktrat. „Halt!“ rief der König.„Frau von Brecy, wir haben natürlich Nichts dagegen, daß Ihr Euch mit Eurem Sohne entfernt; aber was dieſe junge Dame betrifft, haben wir jetzt Grund zu glauben, daß das Recht der Vormundſchaft eher auf unſerer Seite, als auf der des Herrn von Breey iſt. Sie muß am Hofe und unter dem Schutze der Königin wenigſtens ſo lange bleiben, bis die Sache unterſucht iſt.“ Eine dunkle Gluth des Zornes verbreitete ſich über de Brecy's Geſicht, und Agnes ſelber eilte vor⸗ wärts, als wollte ſie ihn in jenem Augenblicke der 158 Qual und des Unwillens umfaſſen; aber Agnes Sorel hielt ſie zurück und flüſterte ihm lebhaft zu: „Widerſetzt Euch dem Könige jetzt nicht. Wenn Ihr Euch mäßigt, kann noch Alles gut werden. Ihr könnt Euch nicht widerſetzen, und der Widerſtand wird Euer Untergang ſein.“ „Er hat ſie von ihrer Kindheit an auferzogen, Eure Majeſtät,“ ſagte Frau von Brecy in flehendem Tone.„Ich weiß Niemand, der ein ſo gutes Recht zu ihrer Vormundſchaft haben ſollte, wie er.“ „Wagt er zu behaupten, irgend ein Recht zu ihrer Vormundſchaft zu haben?“ fragte der König; „daß ihm die Vormundſchaft vermöge der Verwandt⸗ ſchaft zukomme oder daß er ſie von Jemand empfan⸗ gen, der ein Recht gehabt, ſie ihm zu geben?“ „Vielleicht nicht, Sire,“ verſetzte de Brecy kühn; „aber ich kenne Niemand, der ein beſſeres Recht hat, als ich.“ Seine Augen ſprühten, ſein Geſicht glühte, ſeine ganze Geſtalt zitterte vor Aufregung, und bei ſeiner freien und raſchen Gewohnheit, ſeine Gedanken auszu⸗ drücken, kann man nicht wiſſen, was er möchte geſagt haben; aber Dunois und Juvenel de Royans faßten ihn bei den Armen und zogen ihn gewaltſam aus der Nähe des Königs hinweg auf die Thür zu, die ſich am Ende der Herren und Damen zur Rechten des Königs befand. 159 Während dieſer ſchmerzlichen und aufregenden Seene hatte ſich der freie Platz vor dem Monarchen mehr angefüllt und der Kreis war enger geworden, ſo daß de Brecy bald unter den umſtehenden Per⸗ ſonen verſchwand. Dunois blieb einen Augenblick ſtehen und ſprach Etwas, worauf Jean Charoſt nicht achtete; aber faſt in demſelben Augenblicke berührte eine kleine Hand ſeinen Arm und Agnes Sorel's Stimme ſagte in leiſem und lebhaftem Tone: „Ueberlaßt ſie mir, de Brecy— vertraut ſie mir an. Ich weiß Alles, was Ihr fürchtet; aber bei mei⸗ nem Glauben! ich will ſie beſchützen und vor allem Uebel bewahren. Hier— hier, reicht Eurer Mutter den Arm, und um des Himmelswillen, um Eurer ſelbſt und um ihretwillen, reizt den König nicht.“ De Brecy hörte Nichts weiter, ſondern ließ ſich mit ſchwerem Herzen von Dunois aus der Halle führen. Juvenel de Royans folgte, und als ſie den Vorſaal erreichten, drückte er heftig de Brecy's Hand und ſagte: „ Dies iſt meine Schuld. Mein thörichtes Ge⸗ plauder hat dies Alles angerichtet. Aber beim Him⸗ mel! ich will es wieder gut machen oder meinem Vetter Trimouille das Herz aus der Bruſt herausſchneiden.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich heftig um und trat wieder in die Halle. 3 Elftes Kapitel. Ein düſterer und ſchwerer Traum, eine Erſtarrung des Geiſtes, ſo wie des Körpers, folgte für Jean Charoſt auf die zuletzt beſchriebene Scene. Der Menſch von vielen Gemüthsbewegungen empfindet nicht gerade die mächtigſten, ſondern der, welcher vermöge des Tem⸗ peraments oder der Charakterſtärke die Kraft hat, den⸗ ſelben zu widerſtehen. Sein Geiſt iſt nicht von den Gemüthsbewegungen geſchwächt, ſein Herz nicht von ihnen verunreinigt worden; und wenn ſie ſich endlich ſeiner bemächtigen und ihn beſiegen, ſo haben ſie Etwas, was ſie ergreifen können. So war es mit de Brecy. Er hatte nie die Liebe gekannt. Die Umſtände, in welchen er ſich be⸗ funden, die beſtändige Bewegung von einem Orte zum anderen und die Abweſenheit aller jener kleinen Ereig⸗ niſſe, welche die Leidenſchaft erregen und nähren, hat⸗ ten gemacht, daß er nur eine vorübergehende Neigung 161 gehegt; als aber die Liebe kam, bemächtigte ſie ſeiner völlig, erfüllte ihn auf einige Tage mit H nung und Freude, und verſenkte ihn jetzt in jene tiefe Troſtloſigkeit. Die Ereigniſſe, die um ihn her in Frankreich vorgingen, erſchienen ihm wie ein Traum⸗ bild— gleich dem alten Propheten ſah er Dinge in einer Verzückung, aber mit offenen Augen; und ſie müſſen dem Leſer in derſelben Weiſe dargeſtellt wer⸗ den, wie ſie ihm erſchienen. Eine große ſchöne Stadt an einem ſchönen Fluſſe wird von einer großen Armee belagert. Die Feſtungs⸗ werke ſind alt und unzureichend, die Truppen im In⸗ nern nicht zahlreich, die Vorbereitungen gering. Die Kanonen donnern, es werden Minen unter den Wällen geſprengt, der Feind marſchirt zum Angriffe, aber er wird zurückgetrieben und Orleans bleibt uneingenom⸗ men. Da iſt eine Brücke— gleichſam der Schlüſſel zu der Stadt. Sie wird angegriffen, vertheidigt und wieder angegriffen. Ein altes Schloß ſcheint ihr ein⸗ ziger Schutz. Das Schloß wird angegriffen und vom Feinde genommen. Ein Mann von majeſtätiſchem An⸗ ſehen, ruhig, ernſt und milde, erſteigt den höchſten Thurm des Schloſſes, um den Angriff ſeiner Leute gegen die Stadt zu lenken. Plötzlich trifft die ſtei⸗ nerne Kugel einer großen Kanone das Fenſter, an welchem er ſteht, und Salisbury wird fortgetragen, um einige Stunden ſpäter an ſeinen Wunden zu ſterben. Agnes Sorel. IV. 11 162 Ddie Stadt hält ſich noch— die Angriffe haben an Heftigkeit abgenommen; aber die engliſchen Trup⸗ pen ziehen ſich enger um den Ort zuſammen, bis der Hunger innerhalb der Mauern zu herrſchen beginnt. Einige Stunden von dem belagerten Orte findet auf den freien Feldern eine Schlacht ſtatt. Laſtwagen und Schuttkarren befinden ſich in der Mitte, und tapfere Männer mit dem Lilienbanner fechten wacker, aber ver⸗ gebens. Sie fliehen— endlich fliehen ſie. Die tapferſten Herzen Frankreichs wenden ſich von dem unheilvollen Schlachtfelde ab, und überall herrſcht Niederlage und Todtſchlag. Gewiß muß Orleans fallen und das ganze freie Land jenſeits der Loire ſich dem Feinde unterwerfen. Wir wollen unſere Blicke von dieſer Scene ab zu einer anderen wenden. Des Königs Rath hat ſich in Chinon verſam⸗ melt; die Nachricht von der Niederlage iſt angekom⸗ men. Hoffnung, Muth und Standhaftigkeit ſind da⸗ hin. Man räth dem Könige, Orleans ſeinem Schick⸗ ſale zu überlaſſen, Berri und Touraine hinter ſich zu laſſen und ſeinen letzten Kampf in den Gebirgen von Auvergne zu wagen. Die Rathſchläge der Verzweif⸗ lung waren ausgeſprochen worden; und es iſt nicht wunderbar, daß ein junger Mann, der das Vergnügen liebte, von Günſtlingen beherrſcht wurde, des Streites und der Kabale überdrüſſig, mit einem Verlangen — 1 „ 163 nach Ruhe und Genuß auf dieſelben horchte. O! wie oft geſchieht es in dieſer arbeitenden Welt, daß die Thätigſten, die Kräftigſten, die Ausdauerndſten einen glühenden Durſt, wie ihn der Wanderer in der Wüſte kaum kennt, nach der kühlen Erfriſchung des Friedens empfinden. Der Monarch ſteht in ſeinem Kabinet— nicht ganz allein, denn eine ſchöne Ge⸗ ſtalt kniet zu ſeinen Füßen. Sie erhebt ihre Augen mit Blicken der Liebe und Zärtlichkeit, doch voll Energie und Feuer, zu ſeinem Geſichte. „Niemals, mein Karl!“ rief ſie.„Niemals, mein König und Herr! o, niemals laßt es geſagt wer⸗ den, daß der König von Frankreich mehr die Rath⸗ ſchläge der Furcht, als des Muthes angenommen— ohne Noth geflohen und dem Feinde den Rücken ge⸗ wendet, ehe er ihn geſchlagen! Gottes Wille iſt es, der den Sieg verleiht; aber es iſt an Euch, darum zu kämpfen. Wie, wenn der Muth der Bewohner von Orleans nachließe— wenn eine Schlacht verloren würde— wenn die Engländer über die Loire gingen?“ „Dies Alles iſt wahr, oder wird doch in einem Monate wahr ſein, Agnes,“ verſetzte der König in einem Tone tiefer Troſtloſigkeit.„Ich kann es nicht verhindern. Geſetzt, es geſchähe— was könnte ich da thun?“ „Euer Pferd beſteigen— Eure Lanze ergreifen — Eure Fahne im Winde flattern laſſen e— ganz 11 164 Frankreich um Euch verſammeln— gegen den Feind marſchiren— fechten— fechten— und, wenn es nöthig iſt, ſterben! Ich will mit Euch gehen— mit Euch ſterben, wenn es ſein muß! Mir iſt Nichts wei⸗ ter auf Erden übrig, als Ihr und Frankreich. Gott verzeihe uns, daß es ſo iſt; aber ich habe Euch alles Andere gegeben.“ Karl ſchüttelte traurig den Kopf, und Agnes So⸗ rel ſtand langſam auf und zog ſich einen Schritt zurück. „Dann verzeiht mir, gnädigſter Herr,“ ſagte ſie, „wenn ich mich von Eurem königlichen Hofe zurück⸗ ziehe und zu ſeiner Hoheit dem Herzoge von Bedford gehe. Es wurde mir vor langer Zeit von einem ge⸗ lehrten Aſtrologen prophezeit, daß ich dem größten Fürſten meiner Zeit angehören ſolle. Ich bildete mir thörichterweiſe ein, ihn gefunden zu haben; aber ich muß mich doch geirrt haben.“ Und ſie zog ſich einige Schritte zurück, als wollte ſie das Zimmer verlaſſen. „Bleibt, Agnes, bleibt!“ rief Karl.„Bleibt, wenn Ihr mich liebt!“ Agnes eilte wieder zurück und umſchlang ſeinen Hals mit ihren Armen. „Wenn ich Euch liebe!“ wiederholte ſie.„Gott weiß, ich liebe Euch nur zu ſehr; und obgleich unſere Liebe mich herabgewürdigt hat, muß ſie doch Euch er⸗ heben und ermuthigen, wenn ſie fortdauern ſoll. Um meinetwillen, Karl, wenn auch nicht um Eurer ſelbſt willen, entfernt die niedrigen Gedanken von Euch, die Andere Euch eingegeben haben. Thut, wozu Euer eigenes Herz Euch treiben möchte; wagt Alles, trotzt Allem, und rettet Frankreich, Euch ſelbſt und Agnes. Manches edle Herz ſchlägt noch in Frankreich— man⸗ cher ſtarke Arm iſt noch bereit, für Euch das Schwert zu führen; und es iſt nur nöthig, daß der König im Felde erſcheint und Beweiſe der Entſchloſſenheit liefert, um die Parteien zu unterdrücken, und jeden edlen Geiſt um ſeinen König zu verſammeln. Laßt meine Liebe Euch zur Sicherheit, zur Ehre und zum Ruhme führen.“ „Nun, ſo ſei es!“ rief Karl, der jetzt ihre Be⸗ geiſterung theilte.„Ich ſchwöre bei Allem, was ich am heiligſten halte, ich will nicht vor dem Feinde zu⸗ rückweichen. Mag er über die Loire gehen— mag Orleans fallen— mag jeder Verräther mich verlaſſen — mag jedes feige Herz zur Flucht rathen— ich will ihm im Felde begegnen, Alles auf einen letzten Schlag ankommen laſſen und Frankreich befreien oder ſterben!“ Laßt uns wieder in die belagerte Stadt zurück⸗ kehren. Der grimmige Hunger ſchreitet durch die Straßen; abgezehrte Männer und hohläugige Frauen gehen umher und ſuchen vergebens nach Nahrung. Enger und enger ziehen ſich die Linien um den Ort 166 zuſammen; endlich wird, als ein letztes Mittel, die Brücke abgebrochen; aber noch immer donnern die feindlichen Kanonen, und die Hände ſind ſchwach, welche die auf den Wällen liegenden Geſchütze bedienen ſollen. Plötzlich erhebt ſich der Ruf, daß Hülfe nahe iſt, daß Proviant unterwegs iſt, Proviant und eine Armee, um ſich einen Eingang zu bahnen. Es iſt ein ſchwacher Schindmer der Freude und Hoffnung; aber er verſchwindet bald. Man fragt, wer das Heer anführt— wer die verſprochene Unterſtützung bringt? Ein Weib— ein junges Mädchen von ſiebzehn Jah⸗ ren. Einige ſagen, eine Heilige— Andere, eine Thörin, und Viele weinen aus bitterer Täuſchung. Dennoch ſind an dem genannten Tage die Wälle mit Menſchen angefüllt und viele ſteigen auf die Thürme. Was ſehen ſie? Böte, die den Fluß her⸗ aufkommen, eine Armee, die am Ufer daher marſchirt, Lanzen und Fahnen, Fähnchen und glänzende Waffen; doch kaum wagen ſich die Bewohner der Hoffnung hinzugeben, obgleich ihre Herzen vor Erwartung ſchla⸗ gen. Sie haben eben ſo glänzend gerüſtete franzöſiſche Armeen vor jenen abgehärteten Inſulanern fliehen ſehen, die jetzt aus ihren Linien marſchiren, um die beglei⸗ tende Macht anzugreifen— ſie haben ſchon früher die Zufuhr eben ſo nahe und doch unterwegs auffangen ſehen. Aber gerade auf ſie zu marſchirt das franzö-⸗ ſiſche Heer. Schneller, ſchneller, im Trabe und end⸗ 167 lich im Galoppe. Eine Schaar greift die andere an, die Lanzen kreuzen ſich, die franzöſiſche Fahne rückt noch immer vor, die Böte ziehen weiter und erreichen die Stadt; Freudengeſchrei erfüllt die Luft, aber nicht ſo laut, ſo warm und triumphirend, wie das, welches jenes junge Mädchen begrüßt, während ſie durch die Straßen der Stadt reitet, die ſie gerettet hat; aber damit noch nicht zufrieden, geht ſie wieder hinaus, um ihr Banner zwiſchen den Mauern und den Linien der Belagernden aufzupflanzen, und dort ſchläft ſie, eingelullt von dem Donner der Artillerie. . Wieder iſt Johanna d'Are im Felde— wieder iſt die Fahne Frankreichs in ihrer Hand und vorwärts trägt ſie ſie von Sieg zu Sieg. Die feindlichen Feſtungen werden genommen, die Schanzen hinwegge⸗ räumt, das Schloß wieder genommen, Orleans befreit und ſie zum ewigen Andenken daran die Jungfrau von Orleans genannt. Freude, Hoffnung und Vertrauen kehrte nach Frankreich zurück und die Herzen der Menſchen waren offen für einander, nachdem ſie ſo lange geſchloſſen geweſen. Gergeau, Beaugency und manche andere klelhe Stadt wurde genommen, und durch ein von ſeinen Feinden befreites Land marſchirte der König von Frank⸗ reich nach Rheims, um ſich krönen zu laſſen. Zwölftes Kapitel. Gleich Schatten im Nebel kamen viele große Ereig⸗ niſſe in der Geſchichte Frankreichs gerade um jene Zeit vor, die nur denen, welche unmittelbar dabei bethei⸗ ligt waren, bekannt oder von ihnen geſchätzt wurden; aber bei Allem, was geſchah, blieb Jean Charoſt mit ſchwerem Herzen und niedergeſchlagenem Geiſte in der Verbannung zu Briare. Warum er jene kleine Stadt zu ſeinem Aufenthalte gewählt, wußte er ſelber kaum, denn wenn gleich keine menſchliche Handlung wahr⸗ ſcheinlich ohne ihren Beweggrund iſt, ſo giebt es doch Beweggründe, die ſo ſchnell und blitzartig ſind, daß alle Spuren von ihnen ſelbſt in der Wolke, aus wel⸗ cher ſie kommen, augenblicklich verloren gehen. Es iſt möglich, daß Jean Charoſt von dem zwei⸗ ten Abende der Belagerung der Citadelle von Bour⸗ ges bis zu dem Augenblicke, wo ſein Verbannungsur⸗ theil ausgeſprochen worden, tief über die Worte ſeines 169 Freundes Juvenel de Royans nachgedacht und ſich ent⸗ ſchloſſen hatte, früher oder ſpäter dorthin zu gehen, um ſich mit dem Abt Lomelini zu unterreden. Kein anderer Beweggrund ließ ſich denken, denn Briare war damals, wie jetzt, ein ſehr langweiliger kleiner Ort mit ſeiner einzigen Straße und ſeinen kaum zu ver⸗ theidigenden Mauern, und hatte nichts Empfehlens⸗ werthes, als die lächelnden Ufer der Loire und die ſchöne alte Abtei auf dem höchſten Punkte der ganzen Stadt. Langweilig genug war der Aufenthalt in der That für Jean Charoſt, ohne ein Intereſſe oder eine Quelle der Beſchäftigung zu haben. Die kindliche Liebe hatte ihn überdies des Troſtes der Geſellſchaft ſeiner Mutter beraubt. Die Reiſe von Brecy bis Briare hielt er für zu weit und die Schwierigkeiten und Ge⸗ fahren des Weges für zu zahlreich, als daß ſie ſich denſelben ohne großen Nachtheil für ihre Geſundheit hätte ausſetzen können. Er hatte ſie daher überredet, zu Hauſe zu bleiben und die Verwaltung ſeiner Be⸗ ſitzungen zu übernehmen. So blieb er mit einigen Dienern, ſchlecht logirt und ſchlecht bewirthet, in dem erſten Gaſthofe des Or⸗ tes; aber bei der dumpfen und ſchweren Qual des Herzens achtete er wenig auf die Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit des Körpers. Sein Geiſt war ſehr unruhig in ihm; aber dennoch wagte er ſich dem Ur⸗ zu widerſetzen. Frankreich war damals in einem ſeltſamen Zu⸗ ſtande. Die Edelleute ergriffen in dem einen Augen⸗ blicke die Waffen gegen das königliche Anſehen und unterwarfen ſich dann wieder den willkürlichſten Be⸗ ſchlüſſen. So blieben de Brecy und Richmond Mo⸗ V nate lang an ihren Verbannungsorten. Einige Tage nach ſeiner Ankunft in Briare be⸗ ſchäftigte ſich Jean Charoſt mit anderen Gedanken und vergaß Lomelini gänzlich; und als er ſich ſeiner erinnerte und ihm die Worte einfielen, die de Noyans geſprochen hatte, fragte er ſich: „Warum ſollte ich eine Auskunft ſuchen, die wahrſcheinlich nur des Königs Anſpruch, über meine Geliebte zu verfügen, beſtätigen wird?“ Der menſchliche Geiſt aber empfindet Widerwillen gegen die Ungewißheit. Jener Durſt nach Kenntniß, der ſchon im Paradieſe entzündet wurde, quält uns noch. Wir wünſchen lieber das Uebel, als Nichts zu wiſſen. Am vierten Tage gegen Abend machte er ſich auf den Weg zu der Abtei, verweilte in der grauen Dämmerung und ſah das graue Thor an. Einer von den Brüdern fragte ihn, ob er nicht eintreten und die Kirche anſehen wolle, worauf de Breey ſich nach dem Abte erkundigte und fragte, ob er nicht Lomelini heiße. Der Mönch bejahte es, ſagte aber, der Abt em⸗ theile des Königs, ſo ungerecht es ſein mochte, nicht 171 pfange ſelten Jemand nach Sonnenuntergang, wenn er nicht vielleicht in einem wichtigen Geſchafte komme oder ein alter Freund ſei. „Ich bin ein alter Freund,“ verſetzte Jean Charoſt. „Sagt ihm, Herr von Brecy ſei da. Ich will war⸗ ten, bis Ihr zurückkehrt.“ Er wurde ſogleich eingelaſſen und Lomelini ſchien in der That erfreut, ihn wiederzuſehen. Er war in der That ein alter Mann geworden und ſein Haar ſil⸗ berweiß. Er war gebückt und korpulent und dabei ein wenig wunderlich. Er klagte über viele Dinge: über die Undankbarkeit der Menſchen, über die Lang⸗ weiligkeit ſeines Aufenthaltsortes, über die Vergeßlich⸗ keit ſeiner Freunde, über die Gefahren des Landes, ſo wie über alle jene Gegenſtände, die der kräftige Geiſt der Jugend leicht erträgt, die das Alter aber zu uner⸗ träglichen Laſten vergrößert. Dennoch ſchien er ſich über Jean Charoſt's Beſuch zu freuen und bat ihn, dazubleiben und an ſeinem einfachen und frugalen Abendeſſen, welches nur in ärmlicher Kloſterkoſt beſtehe, Theil zu nehmen. Aber während des Abends fand der Gaſt, daß ſein alter Bekannter Nichts von ſeiner ruhigen Schlau⸗ heit, wodurch er ſich in früheren Tagen ausgezeichnet, verloren habe, und daß ſein Geſchmack an guten Speiſen nicht im geringſten abgenommen, ſondern 172 vielmehr zugenommen habe. Wie bei reinem alten Hunde war das Eſſen ſein einziges Vergnügen. Ehe de Brecy ſich entfernte, fragte er offen und unbefangen nach den Papieren, welche de Royans er⸗ wähnt hatte. Lomelini ſah überraſcht und verwirrt aus und verſicherte ihm,„Herr von Royans habe ſich 9 geirrt. „Ich weiß Nichts davon,“ ſagte er mit ſo auf⸗ richtiger Miene, daß Jean Charoſt keinen Zweifel ge⸗ gen ihn hegte, obgleich er jetzt mehr Menſchenkenntniß erlangt hatte. Er beſuchte den alten Mann von Zeit zu Zeit, der ſich immer an ſeiner Geſellſchaft zu erfreuen ſchien, und Jean Charoſt konnte nicht umhin, zu glauben, daß Geſellſchaft irgend einer Art eine Erheiterung für einen Mann ſein müſſe, der gewiß von der Natur nicht beſtimmt ſchien, ſeine Tage in einem Kloſter hin⸗ zubringen. Er bemerkte indeſſen, daß Lomelini ihn von Zeit zu Zeit unter ſeinen ſtruppigen weißen Augen⸗ brauen hervor mit einem liſtigen Blicke anſah, als erwarte er Etwas oder als ſuche er Etwas zu entdecken; aber in dem Augenblicke, wenn ihre Augen einander begegneten, wendete der Abt ſeinen Blick ab und ſprach nie ein Wort, welches zeigen konnte, was in ſolchen Augenblicken in ihm vorging. So ſchwand die Zeit nicht ganz ohne Unterhal⸗ tung dahin. Einige haſtige Zeilen, zuweilen von ſei⸗ 173 ner Mutter, zuweilen von Agnes Sorel, zuweilen von ſeiner eigenen Agnes, gaben ihm Nachricht über das Befinden der Letzteren und erheiterten ſeinen Geiſt auf einen Tag. Aber oft wurde der augenblickliche Son⸗ nenſchein von düſteren Befürchtungen umwölkt. Er hatte ſeit einigen Wochen Nichts gehört, und nach einem weiten Ritte durch die Umgegend war er im Begriffe, ſich zur Ruhe zu begeben, als raſche Fußtritte durch die lange Gallerie des Gaſthauſes da⸗ herkamen und vor der Thür ſeines Zimmers anhielten. Ein junger Mönch kam, ihm zu ſagen, der Abt ſei nach dem Abendeſſen von einer plötzlichen und gefähr⸗ lichen Krankheit befallen worden und wünſche dringend, ihn ſogleich zu ſprechen. Jean Charoſt eilte mit dem Boten in die Abtei, und als man ihn in das Zimmer des alten Mannes führte, bemerkte er ſogleich, daß die Hand des Todes ihn berührt habe— ſeine Augen ſagten es, ſeine Schläfen gaben es zu erkennen, es war in jedem Zuge geſchrieben. Lomelini begrüßte ihn matt, und als Jean Charoſt ſich freundlich über ihn neigte, ſagte er faſt flüſternd: „Sagt allen Andern, daß ſie das Zimmer ver⸗ laſſen.“ Sobald ſie allein waren, fuhr der Greis fort: „Greift mit der Hand unter mein Kiſſen. Ihr veerdet dort Etwas finden.“ 174 Jean Charoſt gehorchte und zog ein gelbes und beſchmutztes Paket hervor. Sein eigener Name ſtand darauf in einer Handſchrift, die er ſogleich erkannte. „Noch mehr— noch mehr,“ ſagte Lomelini. Noch einmal ſuchend, fand de Brecy noch ein anderes Paket, welches ebenfalls an ihn überſchrieben war. Aber die Siegel dieſes Pakets hatte man offen⸗ bar erbrochen, während man die des andern ungeſtört gelaſſen. Ohne Weiteres entfaltete er das Papier und fand darin ein mit Gold ausgelegtes Käſtchen, worauf die verſchlungenen Buchſtaben M. S. F. ſtan⸗ den. Es öffnete ſich mit zwei kleinen Klammern, und darin waren zwei Reihen großer und glänzender Diamanten. 4 De Brecy's Unterſuchung war raſch und lebhaft, und während er dieſelbe anſtellte, waren die Augen des Sterbenden auf ſein Geſicht gerichtet. Als er das Käſtchen wieder ſchloß, erhob Lomelini ſeine Stimme und ſagte: 8 „Hört, Seigneur de Brecy.“ Jean Charoſt ſteckte die Pakete ein und ſetzte ſich an die Seite des Greiſes. Er konnte es in dem Augenblicke nicht über's Herz bringen, rauh mit ihm zu reden, obgleich er jetzt leicht errieth, warum man ihm die Pakete ſo lange vorenthalten habe. 4 „Was wolltet Ihr ſagen, Vater?“ ſagte er, ſich zu ihm neigend. 175 „Was! kein zorniges Wort?“ rief Lomelini. „Keins,“ verſetzte Jean Charoſt.„Ich habe ſelber zu viel Kummer, um den Eurigen jetzt noch zu vermehren.“ „Nun gut, ſo will ich Euch Alles ſagen,“ ſagte Lomelini.„Ihr denkt, ich behielt dieſe Pakete wegen der Diamanten. Die hatten Etwas damit zu thun, aber das war noch nicht Alles. Nachdem Ihr in das Palais d⸗Orleans gekommen waret, wurde Euch mehr getraut, als mir. Ich war der Bewahrer aller Ge⸗ heimniſſe geweſen, was Ihr dann wurdet. Des Her⸗ zogs Tochter wurde, ungeachtet Eurer Jugend, unter Eure Obhut geſtellt, und ich beſchloß, Ihr ſolltet nie im Stande ſein, zu beweiſen, daß ſie ſeine Tochter ſei.“ „Ich wußte nicht, daß ſie es ſei,“ verſetzte Jean Charoſt.„Der Herzog ſelber wußte es nicht.“ „Nein, nein, lügt nicht,“ ſagte Lomelini ein we⸗ nig bitter.„Ich beobachtete Euch— ich beobachtete Euch Beide— ich folgte Euch zu dem Kloſter der Cöleſtiner, wo der Mörder Zuflucht gefunden, und ich weiß, daß das Kind Euch damals übergeben wurde, obgleich Ihr vorgabet, es im Walde gefunden zu haben.“ „Bei meinem Glauben und meiner Ehre als Rit⸗ ter,“ verſetzte de Brecy,„ich hörte in dem Kloſter der Cöleſtiner weder Etwas von dem Morde, noch von dem Kinde. Das liebe Kind wurde mir in der hat im Walde von einem großen, fremden, wild ausſehenden Manne gegeben, der halb wahnſinnig ſchien.“ „St. Florent ſelber,“ murmelte Lomelini. „Ich rufe den Himmel zum Zeugen an,“ fuhr Jean Charoſt fort,„daß ich erſt viel ſpäter irgend eine Verbindung zwiſchen dem Herzoge und dieſem Kinde vermuthete— auch bin ich jetzt deſſen nicht gewiß.“ „So will ich Euch die Sache mittheilen,“ ſagte Lomelini matt.„Der Herzog nahm die Mutter dem Gatten weg und entführte ſie in einer Nacht mit Ge⸗ walt, als ſie, mit eben dieſen Diamanten um den Hals, von einem großen Feſte zurückkehrte.“ „Mit Gewalt!“ murmelte de Brecy, und fügte dann mit einem Gefühle hinzu, welches er ſich nicht erklären konnte:„Gott ſei Dank dafür!“ „Wofür?“ ſagte Lomelini.„Ohne Zweifel ging ſie willig genug. Weiber pflegen zu ſchreien und zu behaupten, man habe ſie auf ihr Lebenlang unglücklich gemacht. Auf jeden Fall blieb ſie, wo ſie war, und das war ihre Tochter; denn ich erkannte das Kind, ſobald ich es in der Hütte ſah, an einem Zeichen wieder, welches ſie an der Schläfe hatte. Der alte Vater ſtarb aus Kummer und der wahnſinnige Gatte ſchlich ſich eines Abends herein, ermordete die Frau und entführte das Kind; und das iſt Alles.“ ——— 177 Er ſchien irre zu reden und ein leichter Krampf zeigte ſich in ſeinem Geſichte. „Ich weiß Alles, denn ich hatte mit Allem zu thun,“ fügte er hinzu. Es folgte ein tiefes Röcheln. „Laßt mich den Prieſter rufen,“ ſagte de Brecy. „Ihr bedürft der Tröſtungen der Kirche.“ „Ja, ja, ruft einen Prieſter,“ antwortete Lome⸗ lini, ſich auf ſeinen Ellenbogen ſtützend und halb er⸗ hebend.„Ich möchte meine Leiche nicht wie die eines Hundes auf der Straße umherſtoßen laſſen; aber denkt nicht, junger Mann, daß ich an die Mährchen der Prieſter glaube. Wenn das Leben ausgeht, iſt Alles zu Ende. Ich habe dieſes Leben genoſſen. Ich be⸗ darf keines anderen— ich erwarte kein anderes— ich— ich fürchte kein anderes. Gewiß giebt es kein anderes. Nun ruft einen Prieſter. Beeilt Euch, oder es iſt zu ſpät. Iſt dies Ohnmacht oder der Tod?“ Jean Charoſt ſprang zur Thür, in deren Nähe er mehrere von den Mönchen fand. Der Beichtvater wurde haſtig herbeigerufen; aber es war, wie Lomelini ge⸗ ſagt hatte, zu ſpät. Der Abt war verſchieden. Der Geiſt war dahingegangen, um die Leerheit der irdiſchen Träume zu erfahren. Mit langſamen Schritten und ſchwerem Herzen kehrte Jean Charoſt in ſeine Wohnung zurück. Un⸗ terwegs beſchäftigten ſich ſeine Gedanken viel mit den Agnes Sorel. IV. 12 178 düſteren, traurigen, materiellen Lehrſätzen, die damals unter den italieniſchen Geiſtlichen nur zu gewöhnlich waren. Als er ſich aber wieder in ſeinem Zimmer befand, zog er die Pakete hervor, die er von Lomelini erhal⸗ ten hatte, und öffnete das, deſſen Siegel unerbrochen waren. Es enthielt einen kurzen und traurigen Brief von dem Herzoge von Orleans, worin er von dem Kinde, welches de Brecy adoptirt hatte, von ihrer Mutter und den Juwelen ſprach, die in dem andern Pakete enthalten waren. Der Herzog erkannte ſie als ſein Kind an und ſchrieb weiter: „Ich erkannte ſie ſogleich an dem Ringe, den Ihr mir zeigtet, als die Tochter Derjenigen, welcher ich ſo großes Unrecht gethan und die ich verloren habe. Der Ring wurde meiner armen Marie zugleich mit ihrem Leben genommen; denn wie Ihr ohne Zwei⸗ fel wißt, wurde ſie unter meinem Dache ermordet— ja, ermordet, ſage ich. Hätte der Dolch mein Herz, anſtatt das ihrige durchbohrt, ſo wäre ein anderes Wort vielleicht paſſender geweſen; denn meine Sünde verdiente den Tod. Ich that ihr und ihrem Mörder Unrecht.“ Dann bat er Jean Charoſt, die Aufgabe, die er übernommen, getreu zu erfüllen, was er gewiß auch ohne Ermahnung gethan, und endete mit den Worten: „Ich habe Euch in ſo weit geprüft, Herr von ————— 179 Brecy, daß ich Euch vollkommen trauen kann. Ich weiß, daß Ihr die Aufgabe getreulich erfüllen werdet; und ſo weit ich die Macht habe, Euch Autorität über mein Kind zu geben, gewähre ich ſie Euch hiermit.“ Dies waren freudige Worte für Jean Charoſt, und auf einen Augenblick gab er ſich kühnen Hoff⸗ nungen hin. Er dachte, er wolle dieſes Recht gegen den König ſelber in Anſpruch nehmen; aber ein kurzes Bedenken trübte alle ſeine Erwartungen, da er die franzöſiſchen Geſetze kannte. Die anderen Papiere, die das Paket enthielt, waren Nichts weiter als Briefe von einer Frauenhand, Marie de St. Florent unterzeichnet; aber ſie waren angenehm für Jean Charoſt's Augen, denn ſie zeigten, wie das unglückliche Weib gegen ihr unheilvolles Schickſal angekämpft. In mehr als einem derſelben bat ſie den Herzog, ſie ziehen zu laſſen, ſie in ein Kloſter zu bringen, wo ſie, aller Welt unbekannt, ihr übriges Leben in Buße und Gebet hinbringen könne. Es ſprach ſich ein gänzlich niedergeſchlagener Geiſt, aber ein unverdorbenes Herz darin aus. Mehrere Stunden vergingen, nicht ſo wohl beim Leſen dieſer Papiere, als bei den dadurch veranlaßten Gedanken, und es war zwiſchen Mitternacht und Mor⸗ gen, als Jean Charoſt ſich endlich zu Bette legte. 12* 2* Dreizehntes Kapitel. De Brecy erwachte plötzlich, während der erſten Mor⸗ gendämmerung. Seine Gedanken waren verwirrt. Er hatte unruhige Träume gehabt. Er glaubte wie⸗ der im Kriege und Gefechte zu ſein und die wohlbe⸗ kannten Worte:„Auf! auf! zu den Waffen! zu den Waffen!“ ſchienen ihm in die Ohren zu tönen, In einem Augenblicke hatte er das Pelzgewand umgeworfen, welches neben ihm lag, und ſein Schwert ergriffen; aber das Einzige, was er jetzt hörte, war ein lautes Klopfen an die Thür, und eine Stimme, welche ſagte: „Herr von Brecy, Herr von Brecy! laßt mich ein; ich wünſche in aller Eile mit Euch zu reden.“ Jean Charoſt öffnete die Thür und erblickte zu ſeiner Ueberraſchung das Geſicht ſeines guten Dieners Martin Grille, den er bei Agnes am Hofe zurückge⸗ laſſen, um ihr zu dienen und ſie zu überwachen. Ein 181 unbeſtimmtes Gefühl des Schreckens bemächtigte ſich ſogleich ſeines Herzens, und er rief, ehe der Mann ſeinen Auftrag ausrichten konnte: „Wie geht es Deiner Dame? Iſt ſie krank?“ „Nein, Herr— nicht krank,“ verſetzte Martin, „wenn auch ſehr unruhig; aber ich bin in ſolcher Eile hieher galoppirt, daß mein Pferd faſt keine Lungen mehr hat, und ich auch nicht. Ich komme, Euch vor einer Gefahr zu warnen, gnädiger Herr. Ich bitte Euch daher, ehe ich Euch mittheile, was ich zu ſagen habe, alle Eure Leute aufſitzen zu laſſen und Euch ſelber zur Abreiſe bereit zu halten, denn es iſt nicht viel Zeit zu verlieren.“ „Nein, ich muß es erſt hören,“ entgegnete Jean Charoſt.„Was iſt geſchehen, mein gnter Freund?“ „Nun, ſo laßt die Leute ſich wenigſtens bereit halten,“ ſagte Martin dringend;„dann könnt Ihr noch immer thun, was Ihr wollt. Es währt zuweilen lange, Geſchichten zu erzählen, Fragen zu thun und zu beantworten. Es iſt immer beſſer, zum Handeln bereit zu ſein, ehe man eine Nachricht erhält, als ſich ſpäter erſt bereit machen zu müſſen.“ Es lag einige Wahrheit in dem, was er ſagte, und Jean Charoſt ſchickte durch ihn die gewünſchten Befehle ab. „Nun erzähle mir Alles, während ich mich an⸗ kleide,“ ſagte ſein Herr, ſobald er zurückgekehrt war. 182² „Ich wüßte nicht, was ich zu fürchten hätte; aber es i*ſt eine unſichere Welt, guter Martin, und ungeſehene Gefahren umgeben uns auf jedem Schritte.“ „Dieſe Gefahr iſt deutlich genug zu ſehen,“ ant⸗ wortete Martin Grille.„Notre⸗Dame iſt nicht deut⸗ licher. Die Sache iſt einfach dieſe: der König hat einen ſeiner Sergeanten mit einem langen Zuge von Bogenſchützen abgeſchickt, um Euch zu verhaften und vor ihn zu bringen. Er iſt jetzt in Bourges im Hauſe des guten Meſſire Jacques Coeur, welches er ſo ziem⸗ lich ausfüllt, und da die Entfernung von Bourges nach Briare nicht groß iſt, ſo könnt Ihr unſeren Freund, den Sergeanten, jede Stunde erwarten. Es war in⸗ deſſen ſpät Abends, als der Befehl ertheilt wurde, und der Sergeant gelobte, er wolle vorher ein Schläfchen halten, möge es dem Könige gefallen, oder nicht. Ich aber gelobte, ich wolle kein Schläfchen halten, und ſo machte ich mich gleich auf den Weg; ſo ſind wir ihm drei gute Stunden und vielleicht noch einige Minuten voraus.“. De Brecy ſann nach und fragte dann: „Weißt Du irgend einen Grund zu dieſem Befehle?“ „Durchaus keinen,“ verſetzte Martin Grille,„auch kann ich keinen muthmaßen. Aber ich will Euch Alles ſagen, was geſchehen iſt, denn ich weiß es von Je⸗ mand, der Alles geſehen hat. Es iſt eine gewiſſe 183 Johanna von Vendome am Hofe. Man nennt ſie auch die Marquiſe von Mortaigne.“ „Ich habe ſie geſehen,“ ſagte Jean Charoſt. „Was iſt mit Ihr? Fahre fort.“ „Nun, ſie hat einen Neffen, Herr, einen ge⸗ wiſſen Pierre de Vendome,“ verſetzte Martin Grille, „auf den ſie große Stücke hält; aber er iſt ein Feind von Euch.“ „Ich ſah ihn nie,“ bemerkte de Brecy. „Nun, Herr, man hat den König gegen Euch ſingenommen,“ ſagte Martin Grille,„das iſt klar genug, und ich weiß nicht, welchen Grund ich ſonſt angeben ſollte. Aber auf mein Wort, Herr, es wäre beſſer, wenn Ihr Euer Pferd beſtieget und davonrit⸗ tet. Ich kann Euch die übrige Geſchichte unterwegs erzählen. Ich war nie ein beſonders guter Reiter, und wenn dieſer Sergeant beſſer reitet, als ich, ſo kann er hier ſein, ehe wir im Sattel ſind.“ „Nun, wir wollen uns auf den Weg machen,“ ſagte Jean Charoſt gedankenvoll.„Packe Du alle dieſe Sachen ein, während ich mit meinem Wirthe rechne. Ich möchte lieber nicht als Gefangener nach Bourges geführt werden, und ich denke, ich will es ver⸗ hindern.“ Er ſprach mit leichtem Lächeln, und doch mit einiger Bitterkeit in ſeinem Tone. Martin Giille be⸗ ſchäftigte ſich ſogleich damit, Alles einzupacken, was 184 das Zimmer enthielt, und in einer halben Stunde waren Jean Charoſt und ſeine Begleiter im Sattel. „Wäre es nicht beſſer, den Weg nach Buſſiere einzuſchlagen, gnädiger Herr?“ fragte Martin Grille, der in der Nähe ſeines Herrn ritt.„Es ſcheint mir, als hättet Ihr den Weg nach Auſſin eingeſchlagen.“ „Nein, mich dünkt, wir werden auf dieſer Seite ſicherer ſein,“ verſetzte Jean Charoſt.„Nun erzähle mir Alles, was am Hofe geſchehen iſt. Vielleicht werde ich eine Urſache für dieſe plötzliche Ungnade entdecken.“ „Nun, Herr, es thut mir leid, dies Alles ſagen zu müſſen, was ich zu ſagen habe,“ antwortete Mar⸗ tin Grille.„Aber der König hat Euch ſehr ſchlecht behandelt. Dieſer Pierre de Vendome, von dem ich rede, iſt an Allem ſchuld, obgleich ſeine Tante, die noch ſchlimmer iſt, als er, das Ganze für ihn leitet. Sie hat es ſich in den Kopf geſetzt, daß ſie mit der königlichen Familie verwandt ſein will. Nun geht überall am Hofe das Gerücht, daß Mademoiſelle Agnes die Tochter des armen Herzogs von Orleans iſt, der in der Nähe der Porte Barbette getödtet wurde; daß er ſie Eurer Fürſorge anvertraute, daß Ihr ſie aus Ehrgeiz heirathen und dann der Welt ſa⸗ gen wollt, wer ſie iſt.“ Jean Charoſt ſah Martin Grille einige Augen⸗ 185 blicke ſchweigend in's Geſicht; aber jetzt nickte er lang⸗ ſam mit dem Kopfe und ſagte: „Fahre fort. Ich ſehe jetzt, wie es iſt.“ „Nun, Herr, etwa vor einem Monate machte dieſe Johanna Vendome dem Könige den Vorſchlag, daß ihr Neffe unſere junge Dame heirathen ſolle, und der König ſchien willig genug dazu zu ſein; aber eine gewiſſe ſchöne Dame, die Ihr kennt, widerſetzte ſich dem; und da ſie beinahe Alles thun kann, was ſie will, ſo neigte ſich eine Zeit lang der Sieg auf ihre Seite. Dann ſuchte ſich Johanna von Vendome bei Herrn la Trimouille in Gunſt zu ſetzen, der auf der andern Seite faſt Alles thun kann, was er will, und dann wendete ſich die Sache eine Zeit lang gegen uns. Der König war ſehr heftig und ſchwur, wenn er ir⸗ gend eine Macht oder Anſehen über Mademoiſelle Agnes habe, ſo ſolle ſie Pierre de Vendome hei⸗ rathen; obgleich ſie ihm die ganze Zeit über ſagte, ſie wolle es nicht, und ihn dringend bat, ſie in ein Nonnenkloſter gehen zu laſſen. Könige wollen indeß ihren eigenen Willen haben, Herr, und die Sache hatte ein ſehr übles Anſehen, als plötzlich vor drei Tagen unſere junge Dame verſchwand.“ „Wohin ging ſie? wo iſt ſie?“ fragte Jean Charoſt heftig. „Das kann ich nicht ſagen, mein Herr,“ ant⸗ wortete Martin Grille;„aber ſie iſt ſicher genug, da⸗ 186 von bin ich überzeugt; denn als ich mit Mademoiſelle de St. Geran davon ſprach, ſagte ſie mit ihrem be⸗ zaubernden Lächeln:„„Iſt ſie in der That verſchwun⸗ den, mein guter Mann? Nun, ich hoffe, Gott wird ſie beſchützen.““ Aber der König nahm es nicht ſo ruhig auf. Er war völlig wüthend, und weder Pierre de Vendome noch ſeine Tante konnten ſeine Leidenſchaft beruhigen.“ „Ohne Zweifel ſchrieben ſie es Alle mir zu,“ ſagte Jean Charoſt, deſſen Geſicht ſich während der letzten wenigen Minuten ſehr erheitert hatte. Aber Martin Giille antwortete zu ſeiner Ueber⸗ raſchung: „Ich denke es nicht, Herr. Das bemalte alte Weib deutete an, obgleich ſie es nicht zu ſagen wagte, die bewußte ſchöne Dame, die Ihr kennt, habe ihrer Namensgenannten zur Flucht verholfen; und der Neffe ſagte, wenn der König nur die Papiere unterzeichnen wolle, würde er bald den Flüchtling finden, denn er habe eine ſtarke Vermuthung, wo er wäre.“ „Er unterzeichnete ſie doch nicht?“ rief Jean Charoſt, mit einem Blicke des Schreckens. „fEr hätte es beinahe gethan, gnädiger Herr,“ verſetzte Martin Grille.„Geſtern Abend ſaß der Kö⸗ nig mit der Königin in dem großen ſchwarzen Zimmer im zweiten Stock, deſſen Ihr Euch erinnert. Er war ſehr ſchwermüthig, denn es war eine Kälte zwiſchen — ☛—— 2 u ð 187 ihm und Derjenigen, die er am meiſten liebt und ohne die er nicht leben kann, eingetreten, und da brachten ſie ihm die Papiere, um ſie zu unterzeichnen— das heißt, Pierre de Vendome und ſeine Tante, die ſtrah⸗ lend und triumphirend ausſahen. Es beobachtete ihn aber Jemand; denn gerade in dem Augenblicke kam der Kanzler mit zwei oder drei anderen Herren herein, ſowie auch ein Page, der ein an den König gerich⸗ tetes Papier in der Hand hielt. Der König nahm es, ſah es flüchtig an, reichte es dem Kanzler und war im Begriff, zu unterzeichnen, was Pierre de Vendome verlangte, als Herr des Urſins— nämlich der Kanzler— rief:„„Halt, Eure Majeſtät! Dies iſt wichtig— es muß Alles in gehöriger Form ge⸗ ſchehen, und es verlangt Eure königliche Aufmerkſam⸗ keit.““ Dann las er es zu Ende; aber ich kann nicht Alles ſagen, was es enthielt. Indeſſen war es ein Verbot in gehöriger Form, daß irgend Jemand über die Hand, die Perſon und das Eigenthum un⸗ ſerer jungen Dame Mademoiſelle Agnes, hinſichtlich der Ehe, der Vormundſchaft, oder auf andere Weiſe verfügen dürfe, mit der Angabe, daß der Schreiber jenes Papiers nach den franzöſiſchen Geſetzen ihr wah⸗ rer und in aller Form eingeſetzter Vormund ſei. Es war St. Florent unterzeichnet; und wenn gleich der König ſehr zornig war, überredete ihn der Kanzler, die Papiere nicht eher zu unterzeichnen, als bis das 188 Recht des Appellanten, wie er ſich ausdrückte, von einem kompetenten Tribunale geprüft worden ſei.“ „Wie weißt Du denn dies Alles ſo genau?“ fragte Jean Charoſt, nachdem er mehrere Minuten über das, was er gehört, nachgedacht. „Theils auf die eine, theils auf die andere Weiſe, mein edler Herr,“ verſetzte Martin Grille. „Die Hauptſachen aber erfuhr ich von meinem jungen Vetter, der jetzt erſter Violinſpieler der Königin iſt. Als ſie ihren Gemahl an dem Abende ſo verſtimmt ſah, ließ ſie den kleinen Jean kommen, um ihn zu tröſten; da ſie nicht wohl zu der Perſon ſchicken konnte, die ihn am beſten hätte tröſten können. Mein Vetter hörte Alles, beachtete Alles und ſagte mir Alles, denn Ihr ſeid ſehr gut bei ihm angeſchrieben. In⸗ deſſen hatte ich ſelber ſpäter Etwas damit zu thun; denn da der König wußte, daß ich im Hauſe ſei, ließ er mich rufen und fragte, ob Ihr, als Ihr zuletzt in Berri geweſen, Euch nicht St. Florent unterzeichnet hättet. Ich war ſehr erſchrocken und ſagte, ich glaube, daß Ihr es gethan. In der nächſten Minute ſagte der König, indem er den Sergeanten, welcher in der Nähe ſtand, ſcharf anſah:„„Bringt ihn ſogleich von Briare herbei! Verliert keine Zeit!““ Dann wendete er ſich mit wildem Blicke zu mir und ſagte: „„Geht!““ Ich glaubte, er würde hinzufügen: n„zum Teufel!““ aber er that es nicht, und ich 189 ſchlich mich aus dem Zimmer. Der Sergeant ging zugleich mit hinaus, lachte und ſagte:„„Im Schlafe verſchwendet man keine Zeit! Er wird doch nicht den⸗ ken, daß ich um Mitternacht nach Briare abreiſen werde?““ So reiste ich anſtatt ſeiner abz denn da ich Unheil angerichtet zu haben glaubte, wollte ich ſehen, ob ich es nicht wieder gut machen könne.“ Jean Charoſt lächelte und zeigte eine größere Verlegenheit, als während des ganzen Rittes; aber er gab keine Antwort, und in der nächſten halben Stunde ſchien er Nichts von dem zu hören, was Nartin Grille ſagte, obgleich wir nicht behaupten wollen, daß Martin Grille nicht ſprach. Wir wollen nicht unterſuchen, ob die Ungerechtigkeit, die er erfahren, das Unrecht, welches man gegen ihn im Sinne hatte, und die Undankbarkeit für die Dienſte, die er in der königlichen Sache geleiſtet, ſo wie die Leiden, die er erduldet, ſeine Liebe zu dem Könige erſchüttert hatten. Es mag hinreichen, zu ſagen, daß ſeine Treue gegen ſein Vaterland nicht erſchüttert worden war; wenn er auch beabſichtigte, mit Agnes dem Arme des Unter⸗ drückers zu entfliehen, ſo dachte er doch nie daran, ſein Schwert gegen ſein Vaterland zu ziehen, oder irgend Etwas zu thun, um den Thron eines Fürſten zu untergraben, dem er Treue geſchworen hatte. Endlich aber zupfte ihn Martin Grille am Aer⸗ mel und ſagte: 190 „Ich kann nicht umhin, zu denken, gnädiger Herr, daß Ihr einen unrichtigen Weg eingeſchlagen. Ihr ſeid auf dem geraden Wege nach Bourges, und an der Wendung dort kann Euch der Sergeant mit ſeinen Leuten begegnen. In der That ſah ich eben jetzt einen Reitertrupp dort auf dem Hügel. Sie ſind in das Thal hinunter gekommen. Aber dies iſt der Weg nach Bourges, auf welchem wir ſind.“ „Mein guter Freund, ich reite auch nach Bour⸗ ges,“ verſetzte Jean Charoſt;„da ich aber nicht als Gefangener dort einziehen möchte, ſo wollen wir uns ein wenig auf die Seite wenden und über den Wei⸗ ler les Barres reiten. Wir können dann einige Stun⸗ den weit auf den Feldwegen weiter kommen und bei Cosne über den Fluß ſetzen. Ich kenne dieſe Gegend ſehr gut; denn während des letzten Jahres habe ich Nichts zu thun gehabt, als nachzudenken und hier umherzureiten.“ — — Vierzehntes Kapitel. Es verurſacht eine ſeltſame Empfindung, an einer Stelle zu ſtehen, wo große Thaten geſchehen ſind— die Hallen zu betreten, wo wahre Tragödien aufge⸗ führt worden ſind— ſich vorzuſtellen, als ſehe man die blutigen Flecken am Boden, die grimmigen Ge⸗ ſichter der handelnden Perſonen in der Luft— ſich zu denken, als ſei man umgeben von den wüthenden Leidenſchaften früherer Tage, gleich den mitternächt⸗ lichen Geiſtern, die aus den Gräbern kommen. Ich habe in dem kleinen Zimmer geſtanden, wo der ent⸗ ſetzlicte Mord, der je den Namen einer großen Na⸗ tion herabgewürdigt, von den Rathgebern Johann's von Bedford ausgedacht und anbefohlen worden. Ich habe geſtanden, wo ein Akt der Gerechtigkeit die Form des Mordes gegen Heinrich von Guiſe annahm; ich habe das Gefängniß der ſchuldigen und unglück⸗ lichen Maria und das Sterbezimmer der unſchul⸗ 192 digen und vom Schickſal verfolgten Arabella Stuart geſehen. Aber obgleich dies Alles voll lebhaften Intereſſes war, ſo war doch der Eindruck nicht ſo auffallend, als wenn ich an Orten von mehr häuslichem Intereſſe verweilte, wo Höfe und Könige— tapfere und ſchöne, gute und weiſe Perſonen, oder das Gegentheil von ihnen— vor langen, langen Zeiten gelebt und ge⸗ liebt, genoſſen und gelitten, geſchwelgt und geweint. Oft, wenn ich eine glühende Beſchreibung von einer Maske, einem Schauſpiele oder irgend einer Scene des Glanzes las, und den Ort beſuchte, wo dieſelbe ſtattgefunden, fragte ich mich mit Verwunderung: „Konnte es hier an dieſem unbedeutend und ärmlich ausſehenden Orte ſein?“ Und ich wurde von einem Vergleiche der wirklichen Scene mit der beſchriebenen zu einem Schluſſe geführt, daß die Menſchen in jenen Tagen mit viel Geringerem zufrieden waren, und daß der Glanz jener Zeiten kein Glanz für uns ſein würde. Die große Halle Jacques Coeur's, des reichſten Kaufmanns in Frankreich, der jetzt als königlicher Schatzmeiſter ein hohes Amt am Hofe bekleidete— eine in ganz Berri berühmte Halle— war in der That ein großes wohlgeformtes Gemach, aber doch immer ſehr einfach in allen ſeinen Verzierungen. Sie war vielleicht mehr als vierzig Fuß lang und vier⸗ bis ————.— —— ——— t fünfundzwanzig tief, die Decke gewölbt und mit dunk⸗ zwanz 9 193 lem, unpolirtem Holze ausgelegt. Die ganze Halle war mit demſelben Material getäfelt: an den Wänden aber war das Holz polirt. Vier Pilaſter im italie⸗ niſchen Geſchmacke verzierten jeden Winkel und ſchie⸗ nen die Decke zu tragen. Viele Kerzen waren nöthig, um das große, dunkle Zimmer zu erhellen; und es war nur ſehr ungenügend erleuchtet. Das Licht, welches da war, fiel größten⸗ theils auf die Geſtalt des jungen Königs, der an einem kleinen Tiſche in der Mitte ſaß, in ſchwermüthi⸗ ger Stellung ſeinen Kopf auf die Hand ſtützte und ſeine Augen auf den Boden richtete. „Wird ſie kommen?“ ſagte er bei ſich ſelber. „Wird ſie kommen? Und wie ſoll ich handeln, wenn ſie nicht kommt? Dieſer gute Kaufmann ſagt, ſie wird kommen, aber ich bezweifle es— ich bezweifle es ſehr. Sie beſitzt einen entſchloſſenen Geiſt, und wenn ſie einmal ihre Handlungsweiſe gewählt hat, bleibt ſie feſt dabei. Es iſt unnöthig, mich zu fragen, ob ſie kommen wird, oder daran zu denken, was ich thun will, wenn ſie ſich weigern ſollte. Die Könige ſind da, um den Männern zu befehlen, denke ich, und die Weiber, um den Königen zu befehlen.“ Und bei dieſer witzigen Bemerkung umſchwebte ein Lächeln ſeine Lippen. In dem Augenblicke wurde eine nahe Thür geöffnet— nicht die große Thür der Agnes Sorel. IV. 13 — 194 Halle, ſondern eine kleinere zur Rechten— und eine liebliche Stimme ſagte: „Eure Majeſtät haben mich rufen laſſen.“ „Agnes!“ rief der König, aufſtehend und ihre Hand faſſend.„Agnes, warum haſt Du mich ſo lange verlaſſen?“ „Weil ich krank und elend geweſen,“ antwortete ſie, und es traten Thränen in ihre ſchönen Augen. „Ich bin auch krank und elend geweſen,“ ſagte Karl, ſie zu einem nahen Sitze führend.„Wißt Ihr nicht,“ fuhr er in lebhaftem und traurigem Tone fort,„daß ſich meiner von Zeit zu Zeit ein ſchwer⸗ müthiger, böſer Geiſt zu bemächtigen ſcheint, der mit alle Mühen und allen Pomp der Königswürde und ſelbſt allen Glanz und alle Luſtbarkeiten des Hofen verleidet? Er beſuchte mich jetzt häufiger und län⸗ ger, als gewöhnlich. Niemand kann ihn von mir ver⸗ treiben, als Ihr, Agnes.“ „Kann ich ihn immer von Euch vertreiben?“ fragte ſie.„Hat er ſich mir nicht kürzlich noch widern ſetzt, bis ich Hoffnung und Muth verlor und mich ge⸗ nöthigt ſah, mit meinem eigenen Herzen zu Rathe zu gehen und alle ſeine bitteren Vorwürfe anzuhören Karl— Karl! o mein König und Herr! Nichts kam mich tröſten und beruhigen bei der Laſt meiner Geſ⸗ danken, als zu glauben und zu wiſſen, daß Ihr einen beſſeren Liebe, als der meinigen, würdig ſeid— da ne —————— mÿmÿm 195 Liebe Eures ganzen Volks. Nehmt mir dieſen Troſt nicht. Laßt mich, laßt mich glauben, daß weder Lei⸗ denſchaft noch Verſtimmung Euch bewegen können, eine Handlung der Ungerechtigkeit gegen irgend einen Eurer Unterthanen zu begehen.“ „Nun, nun,“ ſagte Karl, ihre Hand küſſend,„es ſoll ſein, wie Ihr wollt, meine Agnes. Ihr ſollt ſel⸗ ber über de Brecy's Schickſal entſcheiden. So rebel⸗ liſch auch ſein Geiſt—— ſo frech ſein Ton ſein mag — will ich ihm doch um Euretwillen verzeihen. Es ſoll ſein, wie Ihr wollt.“ „Nein, nicht ſo,“ antwortete Agnes milde.„Ich verlange nicht, daß Ihr Frechheit und Rebellion ver⸗ zeihen ſollt. Alles, um was ich bitte, iſt, ohne Vor⸗ urtheil zu unterſuchen, und ohne Gunſt zu richten. De Brecy iſt gewohnt, kühn und frei zu reden— er that es ſchon von ſeinen Knabenjahren an; aber er iſt treu und wahr in allen Dingen. Ich ſah, wie er lieber ſein Leben der Gefahr ausſetzte, als dem Herzoge von Burgund einen Brief zu überliefern. Ich ſah, wie er ſich der Folter unterwarf, um dem Rathe die Geheimniſſe Eures Oheims, des Herzogs von Orleans, nicht zu verrathen. Es liegt in ſeiner Natur, furcht⸗ los zu reden; aber es liegt auch in ſeiner Natur, wahr zu reden; und Alles, um was ich bitte, iſt, ihn zu beurtheilen, wie er iſt, ohne auf die eiferſüchtigen Nathſchläge eines Trimouille oder die ſchwarzen Lügen 13* 196 einer Vendome zu hören. Man ſagt mir, ein Papier, welches er Euch geſchickt, hätte Euren Zorn erregt und Ihr ſeine Verhaftung befohlen. Unterſucht, ehe Ihr urtheilt, mein theurer Herr. Erinnert Euch, daß er viele Feinde hat— daß er ſo unglücklich geweſen, Trimouille zu beleidigen, welcher nie verzeiht— und daß die Liebe meiner kleinen, gleichnamigen Freundin zu ihm ein Hinderniß auf dem Wege Johannens von Vendome iſt, und daß keine giftigere Viper, als dieſe Letztere, auf dem Erdboden kriecht.“ „Ich will unterſuchen,“ antwortete Karl.„Ich will ohne Vorurtheil richten; und mein beſſerer Engel ſoll an meiner Seite ſtehen, um zu ſehen, ob ich Wort halte.“ „Nicht allein, nicht allein,“ ſagte Agnes,„ſonſt werden ſie in ihrer Bosheit ſagen, Gunſt und nicht Gerechtigkeit habe den König beſtimmt. Laßt Euren Kanzler kommen. Er iſt ein edler und getreuer Mann. Ja, ich wünſche, daß Alle, welche wollen, zugegen ſein mögen, um Euch handeln zu ſehen, wie ich weiß, daß Ihr handeln werdet— gerecht und edel— ſtrenge, wenn Ihr wollt— denn ich möchte nicht einmal, daß Liebe, die für die Liebe ſpricht, in dieſer Sache Ein⸗ fluß äußern möge. O! denkt nur, mein edler Karl, wie man Euch hinſichtlich dieſes Herrn getäuſcht, wie Trimouille's Feindſchaft ſeine Handlungen entſtellt, wie Johanna von Vendome und ihr falſcher Neffe die — -——— 1N 7 197 Wahrheit können entſtellt haben. Nehmt ſein ganzes Leben zum Zeugen, und wenn Ihr ihn von aller Schuld freigeſprochen, dann mag Agnes vielleicht um eine Gunſt für ihn bitten.“ „Sie ſoll nicht vergebens bitten,“ ſagte Karl, ſie umarmend.„Morgen wahrſcheinlich wird der Sergeant zurückkehren, und dann will ich de Brech's Sache ſogleich unterſuchen; denn wir halten uns ſchon zu lange in Bourges auf. Es muß auch noch eine andere Sache ſehr bald entſchieden werden,“ fügte er hinzu, indem er noch ihre Hand in der ſeinen hielt und ihr lächelnd in die Augen blickte.„Bis dies ge⸗ ſchehen, iſt das Anſehen des Königs der Verachtung preisgegeben. Es iſt eine kühne That gegen unſere Würde begangen worden, und wir haben Winke er⸗ halten, daß der Verräther zu hoch ſteht, als daß wir ihn erreichen könnten. Es iſt daher in einem ſolchen Falle politiſch, nicht zu genau zu unterſuchen, ſondern ſo bald wie möglich alle Urſache zum Streite zu ent⸗ fernen.“ Agnes ſank mit glühender Wange auf ihre Kniee nieder, neigte ihre ſchöne Stirn auf ſeine Hand und flüſterte: „Verzeiht mir! O! verzeiht mir!“ Karl umſchlang ſie zärtlich mit ſeinem Arme und ſagte 198 „Ich danke Euch, meine Agnes! Ich danke Euch, daß Ihr mir geſtattet, Euch etwas zu verzeihen.“ Sie lag noch zu ſeinen Füßen, als Jemand an die Thür klopfte, und ſie ſanft vom Boden erhebend, ſagte Karl laut: „Herein!“ „Eure Majeſtät,“ ſagte ein eintretender Page, „Herr von Brecy iſt unten und wünſcht Eure Befehle rückſichtlich ſeiner zu erfahren.“ Des Königs Wange wurde ein wenig roth. „Das iſt in der That ſchnell gegangen!“ rief Karl.„Warum kommt der Sergeant, den wir ab⸗ ſchickten, nicht ſelber?“ „Es iſt kein Sergeant da, Eure Majeſtät. Herr von Brecy kam eben mit einigen Dienern an und iſt unten im Vorſaale mit Herrn Jacques Coeur.“ „Laßt ihn warten,“ ſagte Karl;„und inzwiſchen ruft Herrn des Urſins hieher. Wartet, ich will Euch ein Verzeichniß von den Namen geben.“. „Nun, Agnes,“ fuhr der König fort, als er den Knaben abgeſchickt hatte,„ich will handeln, wie Ihr es wünſcht. Wir müſſen auch noch andere Damen hier haben. Geht, meine Liebe, und ruft Einige her⸗ bei, die Euch am beſten unterſtützen werden.“ Etwa eine Stunde ſpäter ſaß Karl, ſein Barret auf dem Kopfe und einige Papiere vor ſich an dem Tiſche in der Mitte derſelben Halle. Die Königin „ 199 ſaß in der Nähe und etwa funfzehn oder ſechzehn Damen und Herren des Hofes bildeten einen Halb⸗ kreis um ſie. Die Thür öffnete ſich und Jean Charoſt wurde, von Jacques Coeur begleitet, von einem der Diener hereingeführt und näherte ſich mit kühnem und lunbefangenem Schritte. Als er nur noch zwei Schritte von dem Tiſche entfernt war, verneigte er ſich vor dem Könige und blieb dann ſtehen, ohne zu reden. „Herr von Brecy,“ ſagte Karl,„ich ſchickte einen von den Sergeanten unſeres Hofes ab, um Euch hie⸗ her zu bringen.“ „So hörte ich, Sire,“ verſetzte de Brecy.„Da ich aber vorher vernommen, daß Eure Majeſtät meine Gegenwart gefordert, ſo machte ich mich ſogleich auf den Weg, um mich zu Eurer Verfügung zu ſtellen.“ „Ihr habt wohlgethan,“ ſagte der König,„und wir möchten gerne glauben, daß keine Verachtung un⸗ ſeres Anſehens und keine Untreue gegen unſere Per⸗ ſon in Eurem Herzen iſt.“ „Ich habe meine Treue und Ehrerbietung bewie⸗ ſen, Sire,“ verſetzte de Brecy,„indem ich zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten mein Blut im Felde gegen Eure Feinde vergoß, und indem ich lange Monate, in Uebereinſtimmung mit Euren Befehlen, zu Briare in Unthätigkeit verweilte.“ „Gut,“ ſagte der König;„es iſt gut. Aber es giebt beſondere Umſtände, wo des Menſchen eigene 200 Intereſſen oder Leidenſchaften ihn dahin führen, ſeine Pflicht zu vergeſſen und alle guten Dienſte durch große Fehler zu vernichten. Beſchuldigungen dieſer Art ſind gegen Euch vorgebracht worden.“ „Sie ſind falſch, Eure Majeſtät,“ verſetzte de Brecy.„Und ich will es entweder vor Eurem könig⸗ lichen Hofe durch wahres und glaubwürdiges Zeugniß oder in den Schranken gegen meinen Ankläger bewei⸗ ſen, wo Gott zwiſchen uns entſcheiden möge.“ Während er ſprach, ſah er einen ſchmächtigen, jungen Mann an, der neben la Trimouille ſtand; und ſeinen Blick verkennend, ſagte der König lachend: „Unſere Miniſter werden wegen ihrer Handlun⸗ gen nicht zum Zweikampfe gefordert, Herr von Brecy. La Trimouille ſteht zu weit über Euch.“ „Ich meinte Herrn la Trimouille nicht, Sire,“ verſetzte de Brecy.„Ich weiß nicht, daß ich ihn be⸗ leidigt habe, und überdies halte ich ihn für den beſten Miniſter, den Ihr je gehabt, weil er Eurem Anſehen die meiſte Achtung verſchafft hat. Ich ſprach im All⸗ gemeinen von jedem Ankläger.“ „Nun gut,“ ſagte der König.„Für's Erſte ſagt mir mit jener Wahrheit und Freiheit der Rede, wo⸗ durch Ihr Euch bekannt gemacht: habt Ihr guten Grund zu glauben oder nicht, daß eine gewiſſe junge Dame,; die von Kindheit an unter Eurer Beaufſich⸗ tigung erzogen worden und ſich in der letzten Zeit an 201 unſerem Hofe aufgehalten hat, die Tochter unſeres verſtorbenen Oheims, des Herzogs von Orleans, iſt?“ „Das habe ich, Sire,“ antwortete de Brecy. „Wie konntet Ihr Euch denn herausnehmen, an ihre Vormundſchaft gegen unſer Recht Anſpruch zu machen?“ fragte der König ſtrenge.„Als unſere nächſte Couſine, mag ſie nun rechtmäßig oder unrecht⸗ mäßig ſein, iſt ſie unſere Mündel.“ 1 „Meine Antwort iſt einfach, Sire,“ verſetzte de Brecy.„Ich habe nie gethan, was Eure Majeſtät ſagen; und wenn ich es gethan, als ich zuletzt vor Euch ſtand, hätte ich es aus Unwiſſenheit gethan, denn erſt vor drei Tagen erhielt ich von einem ge⸗ wiſſen Lomelini, Abte von Briare, der damals auf ſeinem Sterbebette lag, gewiſſe Nachricht über ihre Geburt. Dieſe Pakete hätten ſchon längſt an mich abgegeben ſein ſollen, aber ſie wurden in unredlicher 3 Abſicht vorenthalten. Ich lege ſie Euch jetzt vor, um darüber zu urtheilen, wie Ihr es für gut halten möget.“ „Seht ſie an, des Urſins,“ ſagte der König, und der Kanzler nahm ſie an. „Ich kann beweiſen, Eure Majeſtät,“ ſagte Juvenel de Royans vortretend,„daß Herr von Brecy, als er zuletzt in Berri war, durchaus nicht wußte, weſſen Kind die junge Dame ſei; denn wir hatten eine lange Unterredung darüber, als er ſich auf tapfere Weiſe in 202 die Citadelte dieſes Ortes warf, um ſie für Eure Majeſtät zu vertheidigen.“ „Still! ſtill!“ rief der König, nahm ein Papier, reichte es de Brecy hin und ſagte:„Habt Ihr dieſes Papier unterzeichnet, Herr?“ „Nein, Sire,“ verſetzte de Brecy.„Ich ſah es nie vorher.“ „Weſſen Handſchrift iſt es denn?“ rief der König. „Die meine,“ verſetzte die Stimme eines Greiſes in ſehr altmodiſcher Kleidung, der einen Schritt hin⸗ ter Agnes Sorel ſtand.„Ich unterzeichnete jenes Papier von Rechtswegen.“ Und mit mattem Schritte vortretend, ſtellte er ſich dem Könige gegenüber. „Und wer ſeid Ihr, ehrwürdiger Herr?“ fragte Karl, ihn mit großer Ueberraſchung anſehend. „Der Mann, deſſen Name dort geſchrieben ſteht,“ verſetzte der Fremde,„Wilhelm, Graf von St. Florent, der einzige rechtmäßige Vormund des Mädchens, um welches Ihr ſtreitet. Ihr nahmt mir meine Beſitzung, und gabet ſie einem Andern. Ich beachtete es nicht, weil ich dergleichen nicht mehr bedarf. Als Ihr aber die Vormundſchaft dieſes armen Mädchens dem nehmen wolltet, dem ich ſie anvertraut hatte, und ihre Hand einem Schurken geben wolltet, da trat ich vor, um meine Rechte zu erklären und zu behaupten. Sie ſind ſeit langer Zeit nicht angewendet worden, aber darum 203 nicht verloſchen. Jedes Jahr habe ich das Kind be⸗ ſucht; jedes Jahr habe ich einen Akt der Herrſchaft auf meiner Beſitzung St. Florent ausgeübt, und ich nehme mein Recht vor dem königlichen Gerichtshofe in Anſpruch— mein Recht an meine Beſitzung— mein Recht an mein—“ er hielt einen Augenblick inne und ſchien zu zaudern; dann aber fügte er ſchnell und mit bebender Stimme hinzu—„mein Recht an mein Kind.“ Der König ſah verwirrt aus und wendete ſich zu dem Kanzler, der in dem Augenblicke lebhaft mit Agnes Sorel ſprach, während die boshaften Augen Johanna's von Vendome bedeutungsvoll auf Beide gerichtet waren. „Herr des Urſins,“ ſagte der König,„Ihr hört, was er ſagt.“ „Ja, Sire,“ antwortete der Kanzler vortretend. „Ihr habt Euren Antrag geſtellt, Herr,“ fuhr er zu dem Greiſe gewendet fort,„und wenn Ihr Eure An⸗ gaben beweiſen könnt, wird Seine Majeſtät vielleicht Eure Rechte gnädigſt anerkennen, ohne Eure Sache vor die Gerichtshöfe zu bringen. Ihr habt zuerſt zu beweiſen, daß Ihr wirklich der Graf von St. Florent ſeid; zweitens, daß die erwähnte junge Dame geſetzlich als die Tochter jenes Edelmannes zu betrachten iſt. Ihre Geburt iſt noch durchaus im Zweifel. Nur einer dieſer Briefe beweiſt irgend Etwas, und zwar nur die 204 unbegründete Muthmaßung eines längſt verſtorbenen Prinzen.“ Der Greis richtete ſich zu ſeiner vollen Höhe auf und ſagte mit ſtrengem Blicke: „Ihr verlangt bittere Beweiſe, Kanzler. Mich dünkt, Ihr ſolltet mich ſelber kennen; denn ich gab Euch zuerſt ein Schwert.“ „Ich kann kein Zeugniß vor meinem eigenen Gerichtshofe ablegen,“ ſagte der Kanzler;„und wenn die Sache unterſucht wird, muß ſie vor mich kommen.“ „So tretet denn vor, Jacques Coeur,“ rief der Andere.„Kennt Ihr Euren alten Freund?“ „Gewiß,“ antwortete Jaeques Coeur, hinter de Brecy zum Vorſchein kommend.„Dies, Eure Maje⸗ ſtät, iſt Wilhelm Graf von St. Florent. Ich habe ihn in Zwiſchenräumen von zwei oder drei Jahren häufig wiedergefehen, ſeitdem er vom Hofe und aus der franzöſiſchen Armee verſchwand, und die ſehr kleine Summe, die er von den Einkünften von St. Florent bezogen, für ihn in Empfang genommen und an ihn ausgezahlt. Wenn mein Zeugniß nicht genug iſt, ſo kann ich zwanzig Zeugen ſtellen, die ihn von Perſon kennen.“ Es trat ein tiefes Schweigen ein; aber dann ſagte der Kanzler zum Könige: „Dies müſſen wir wohl anerkennen, Sire. Ich ege keinen Zweifel, daß es der Graf iſt. Aber es 205 iſt keine Verbindung zwiſchen ihm und dieſer jungen Dame bewieſen, die der Herzog von Orleans in die⸗ ſem Briefe als ſeine Tochter anerkennt.“ Bei dieſen Worten ſchien ein lebhaftes Feuer die Augen des Greiſes zu erhellen; er trat einen Schritt vor und rief:— „Ja, einen ſolchen Anſpruch hatte er, wie der Räuber an das Gold des Gemordeten!“ Dann hielt er plötzlich inne, ſchlug die Hände zuſammen, ließ ſeine Augen gedankenvoll ſinken und murmelte:„Verzeihe mir, o Himmel! Sire, ich habe mich vergeſſen,“ ſagte er in milderem Tone.„Mein Recht an dieſes Kind iſt leicht zu beweiſen. Ich war der Gemahl ihrer Mutter. Sie wurde in der Ehe geboren. Ich ſelber übergab ſie den Armen dieſes jungen Mannes.“ Und er legte ſeine Hand auf de Brecy's Schulter.„Bei ihm iſt ſie immer geweſen bis zur Zeit, wo Ihr ſie von ihm genommen. Laßt ihn ſelber reden. Em⸗ pfinget Ihr ſie nicht von mir?“ „Gewiß,“ verſetzte de Brecy;„und keinen Augen⸗ blick ließ ich mir traͤumen, daß ſonſt Jemand einen Anſpruch an ſie haben könne, als Ihr.“ „Auch hatte ſonſt Niemand einen Anſpruch,“ entgegnete St. Florent ſtrenge. .„Aber es iſt ſeltſam, mein guter Herr,“ ſagte Karl,„daß Ihr Euer Kind der Vormundſchaft eines 206 Anderen anvertrautet, und noch dazu einem ſehr jun⸗ gen Manne, der Euch, nach dem, was ich höre, faſt ganz fremd war.“ „Manches Unrecht, König von Frankreich, iſt im Stande, die Menſchen wahnſinnig zu machen,“ ſagte St. Florent, ſeine Augen voll auf das Geſicht des Königs richtend.„Das mir widerfahrene Unrecht war von der Art, und ich wurde zum Wahnſinne getrieben. Bei dieſer Handlung aber, die Ihr ſeltſam nennt, war ich bei klarerem Verſtande, als bei allen anderen. Ich kannte und liebte den Vater dieſes jungen Mannes, ehe er ſich für ſeinen König zu Grunde richtete und für ſein Vaterland ſtarb. Ueber den Jüngling ſelber hatte ich von dieſem guten Kaufmanne hier viel Ed⸗ les und Vortreffliches gehört. Ich hatte ihn auch einmal im Kloſter der Cöleſtiner geſehen, und ſein Aeußeres gefiel mir. Ich wußte, daß ich ſie keinem beſſeren Manne anvertrauen könne, und da vertraute ich ſie ihm an.“ „Aber könnt Ihr beweiſen, daß ſie die Tochter Eurer Gemahlin iſt?“ fragte la Trimouille;„denn dieſe Papiere in den Händen des Kanzlers ſcheinen zu zeigen, und Herr von Brecy ſelber giebt zu, daß Grund vorhanden iſt, zu glauben, daß ſie das Kind des verſtorbenen Herzogs von Orleans und folglich eine Mündel des Königs iſt.“ Er ſprach in mildem und lieblichem Tone; aber 207 ſeine Worte ſchienen St. Florent faſt zum Wahnſinne zu treiben. Seine Geſichtszüge arbeiteten, ſeine Augen ſprühten und die Adern an ſeinen Schläfen ſchwollen an. „Mann, wollt Ihr mir das Herz herausreißen?“ rief er in furchtbarem Tone.„Wollt Ihr die Todten aus dem Grabe reißen, um ihr Andenken zu ent⸗ weihen?“ Und das andere Paket angreifend, welches de Brecy auf den Tiſch gelegt hatte, riß er die Um⸗ hüllung ab und rief:„Laßt mich ſehen, was es ent⸗ hält. Ha!“ rief er, als er das kleine Käſtchen von Sandelholz erblickte,„ha! dies iſt ihr Schmuck— des armen, verlorenen, unglücklichen Weibes!“ Mit dem Finger auf den Deckel des Käſtchens deutend, blickte er la Trimouille finſter an und ſagte: „Weſſen Wappen iſt dies? Meins. Weſſen Na⸗ menszug iſt dies? Der ihre: Marie de St. Florent.“ 4 Indem er ſprach, öffnete er das Käſtchen und blickte die Diamanten an. „O, Marie! Marie!“ rief er.„Als ich dieſe Diamanten um Deinen Hals legte, ließ ich mir nicht träumen— doch nichts mehr davon. Was ſagen Eure Majeſtät zu meinem gerechten Anſpruche? Ich übergab die Vormundſchaft dieſem jungen Manne. Ich gebe ihm jetzt ihre Hand. Ich beſtätige Eure Ver⸗ leihung der Beſitzung St. Florent. Was ſagen Eure Majeſtät?“ 208 „In Wahrheit, ich weiß nicht, was ich ſagen oder denken ſoll,“ antwortete Karl. 5 „Ich denke, ich ſehe, was hier zu thun iſt, Sire,“ ſagte der Kanzler,„obgleich die Sache ein wenig ver⸗ wickelt ſcheint. Wenn Herr von St. Florent beweiſen kann, daß dieſe junge Dame die Tochter ſeiner Ge⸗ mahlin iſt, ſo iſt er ohne Zweifel nach dem Geſetze Frankreichs ihr rechtmäßiger Vormund, und aller auf andere Thatſachen gegründeter Widerſpruch vergebens. So viel von dieſer Anſicht der Sache. Aber auch wenn er die Thatſache nicht beweiſen könnte, ſo iſt hier ein Brief von Seiner Hoheit dem Herzoge von Orleans, deſſen Handſchrift ich ſehr wohl kenne, worin derſelbe ſeine Vormundſchaft, wenn er ein Recht dazu beſitzen ſollte, dem Herrn von Brecy überträgt. In beiden Fällen können Eure Majeſtät daher nicht irren, noch auch irgend eins von Euren eigenen Edikten oder von denen Eurer Vorfahren verletzen, wenn Ihr die Vormundſchaft dem Manne zurückgebt, dem man dieſelbe in Folge eines Mißverſtändniſſes genommen. Jede andere Handlungsweiſe würde gefährlich und von ſehr üblen Folgen ſein.“ 8 La Trimouille biß ſich in die Lippe und Johanna von Vendome nickte langſam mit dem Kopfe, indem ſie Agnes Sorel mit bitterem Lächeln anſah. „So ſei es denn,“ ſagte der König, indem er 209 Jean Charoſt mit gnädigem Lächeln anſah.„Führt ſie zurück, de Brecy, wenn Ihr ſie finden könnt, was ich nicht bezweifle; und wenn Ihr ihre Hand Jemand anders als Euch ſelber gebt, ſo ſoll er unſere Gunſt um Euretwillen haben. Wenn Ihr ſie ſelber heirathet, wollen wir bei der Hochzeit tanzen, da wir ſehen, daß Ihr Euch mit Geduld und Gehorſam einem Urtheile unterworfen, welches wir ſtrenge ausgeſprochen und ſtrenge gegen Euch ausgeführt, um unſerem ganzen Hofe und unſeren Unterthanen zu zeigen, daß es ſelbſt denen, die wir am höchſten achten und die uns am beſten gedient haben, nicht geſtattet ſein kann, ſich un⸗ ſerem ausgeſprochenen Willen zu widerſetzen. Eure Verbannung von unſerem Hofe iſt aufgehoben und wir erwarten nicht nur Eure Gegenwart, ſondern auch Eure Dienſte; denn verheirathet oder nicht, kann die Sache Frankreichs kein gutes Schwert entbehren.“ Er ſprach gnädig und heiter; dann ſah er ſich lächelnd um und ſagte: „Iſt hier keine weiſe und mitleidige Perſon, die uns einige Nachricht geben kann, wo unſer ſchöner Flüchtling ſich befindet?“ „Auf meinem Schloſſe St. Florent,“ ſagte der alte Graf, der wieder mit allen Zeichen des Alters und der Hinfälligkeit daſtand;„und dort wird de Breey ſie morgen finden. Er mag ſie nehmen und ihre Erbſchaft auch; denn ich kehre in mein lebendiges Agnes Sorel. IV. 14 210 Grab zurück, um meine Buße zu vollenden für das, was ich im Wahnſinne und in der Verzweiflung ge⸗ than.“ „Mich dünkt, Sire,“ ſagte Jean Charoſt, wel⸗ cher einige Umſtände bemerkt hatte, die ſeinen Arg⸗ wohn erregten,„es wäre gut, wenn ich ſchon dieſen Abend ginge. St. Florent iſt nur ſchwach bemannt, und dies ſind gefährliche Zeiten.“. „Das iſt die Haſt eines Liebenden,“ ſagte Karl; „aber Ihr habt Recht, jetzt, da ihr Aufenthalt bekannt iſt, ſind raſche Unternehmungen von Seiten der Neben⸗ buhler zu befürchten. Wir wollen daher, um allen Skandal zu verhüten, eine ſchöne Dame bitten, da es noch nicht ſpät iſt, ſie noch dieſen Abend an den Hof zurückzubringen. Wer will es unternehmen? Sie ſoll gute Begleitung haben, die dieſer tapfere Ritter ſelber anführen wird.“ „Ich bin bereit, Sire,“ ſagte Johanna von Vendome. „Dann bitte ich Eure Majeſtät, mich auch mit⸗ gehen zu laſſen,“ rief Agnes Sorel lebhaft. Karl blickte von der Einen zu der Anderen und ſagte in faſt ſcherzhaftem Tone: „Geht Beide. Eine Sänfte ſoll ſogleich bereit ſein; und als einen Vermittler zwiſchen Euch, da die Damen nicht immer gut mit einander übereinſtimmen, 211 wenn ſie zu nahe bei einander ſind, will ich unſe⸗ ren guten Freund Meſſire Jacques Coeur bitten, ſie zu begleiten. Schnell, meine Damen, trefft Eure Vorbereitungen. De Brecy, ſeht nach Euren Pferden. Bei Eurer Rückkehr ſollt Ihr mit uns zu Abend ſpei⸗ ſen, und wir wollen von dem Traume der Vergangen⸗ heit Alles vergeſſen, was nicht angenehm iſt.“ Funfzehntes Kapitel. Ein wenig nach zehn Uhr Abends hielt ein Trupp von fünfundzwanzig Perſonen, der eine jener großen, damals üblichen, von Pferden getragenen Sänfte be⸗ gleitete, auf dem Hofplatze des alten Schloſſes St. Florent an. Einige Diener kamen ihnen entgegen und erkannten ſogleich de Brecy's Recht an, dort Ein⸗ laß zu verlangen. Es wurde Licht herbeigebracht und Jean Charoſt ſelber führte Agnes Sorel aus der Sänfte in die große Halle, während Jacques Coeur mit Johanna von Vendome folgte. „Mein Unwille über die Falſchheit des Weibes hat mich ſehr durſtig gemacht,“ flüſterte Agnes Sorel, als ſie weiter gingen.„Laßt mir ein wenig Waſſer bringen, mein Freund.“ Jean Charoſt ertheilte dem Diener, der mit Licht voranging, den gewünſchten Befehl, und dann blieben alle Vier einen Augenblick in der Halle ſtehen. Agnes 213 Sorel richtete, in Gedanken verloren, ihre Augen auf den Boden. Plötzlich aber erhob ſie ihren Kopf und ſagte: „Kommt, de Brecy, ich will Euch nicht länger von Eurer Geliebten fern halten. Ich will Euch zu ihr führen. Ich weiß, wo ſie zu finden iſt.“ „Ha!“ ſagte Johanna von Vendome, ſobald Jean Charoſt und ſeine Begleiterin das Zimmer ver⸗ laſſen hatten. „Wollt Ihr nicht auch mit ihnen gehen, Ma⸗ dame?“ fragte Jacques Coeur, der keine große Liebe zu der zurückbleibenden Dame hegte. „Ich denke nicht,“ verſetzte Johanna von Ven⸗ dome in ruhigem und gleichgültigem Tone.„Das Wiederſehen der Liebenden ſollte ſo wenig Zeugen wie möglich haben.“ Sie blieb alſo mit Jacques Coeur in der Halle, welcher an's Fenſter trat und in die Nacht hinaus⸗ blickte. Einige Minuten ſpäter kehrte der Diener mit einer Flaſche Waſſer aus dem Schloßbrunnen und einem ſilbernen Becher zurück. Beides ſtellte er auf den Tiſch und entfernte ſich dann. Johanna von Vendome ſah die Flaſche einen Augenblick an und ſagte dann laut: „Ich bin auch durſtig.“ Auf den Tiſch zugehend, ſtellte ſie ſich ſo, daß 214 Jaeques Coeur nicht genau ſehen konnte, was ſie that. Sie ſchenkte ſich ein wenig Waſſer ein, trank, ſetzte den Becher nieder, kehrte, nachdem ſie eine kurze Zeit in dieſer Stellung geblieben, zurück, wendete ſich wieder zum Fenſter und ſtellte ſich an die Seite des Kaufmannes. Inzwiſchen begleitete Jean Charoſt, mit einem Lichte in der Hand, Agnes Sorel die Treppe hinauf und durch einen langen Gang. „Ihr ſcheint das Schloß beſſer zu kennen, als ich,“ ſagte er, als ſie ihn weiter führte. „Ich bin dieſen Weg ſchon einmal gegangen,“ ſagte ſie heiter.„Jetzt habe ich einen angenehmeren Zweck, de Brecy; aber wir müſſen das Labyrinth bis zu Ende durchwandern. Ich habe Euer kleines Juwel ſo gut wie möglich verborgen.“ Wenige Augenblicke ſpäter kamen ſie zu einer Thür, welche Agnes Sorel öffnete; und dort ſtand ſeine Agnes mit einer ältlichen Dienerin der Frau von Brecy und blickte in lebhaftem Schrecken nach der Thür. Sie war ein wenig blaß und ſchmächtiger geworden, als da er ſie zuletzt geſehen; und die Huf⸗ ſchläge der Pferde unten im Hofe machten, daß ihr Herz ängſtlich ſchlug. Sobald ſie aber de Breey erblickte, ſprang ſie auf ihn zu und warf ſich in ſeine Arme. Er drückte ſie feſt an ſein Herz, aber Alles, was er ſagen konnte, war: „Meine Agnes— meine Agnes! Alles iſt gut und Du biſt die Meine!“ Agnes Sorel faßte die Arme Beider und rief: „Möget Ihr immer lieben, wie Ihr jetzt liebt, und möge Gott Euch in Eurer Liebe ſegnen! O, de Brecy, gerade vor einem Jahre verurſachtet Ihr mir den ſchmerzlichſten Augenblick, den ich je empfun⸗ den habe. Als ich Euch ſagte, ich wolle ſie beſchützen und überwachen, da kam ein Blick— ſolch' ein Blick in Euer Geſicht— ein Blick des Zweifels und der Furcht— vorwurfsvoller, mahnender, verdammender, als irgend Etwas, was, außer meinem eigenen Her⸗ zen, je zu mir geſprochen. Ich gebe ſie Euch jetzt rein und treu zurück, wie Ihr ſie mir gelaſſen. Liebt ſie und werdet geliebt, und möge Gott Euch immerdar ſegnen!“ De Brecy nahm ihre Hand und küßte ſie. „Wie viel habe ich Euch zu verdanken!“ ant⸗ wortete er.„Ich bin gewiß, daß ohne Euren Ein⸗ fluß dieſes glückliche Wiederſehen niemals ſtattgefun⸗ den hätte.“ „Das mag ſein,“ perſetzte Agnes mit glühender Wange.„Aber ich rufe den Himmel zum Zeugen an, de Brecy, daß der Einfluß, den ich unrechtmäßig be⸗ ſitze, niemals anders angewendet worden iſt, oder 216 angewendet werden ſoll, als um Gerechtigkeit zu üben, richtig zu leiten und zur Chre zu führen. Nun laßt uns gehen. Agnes, Ihr müßt mit uns, als die Braut deſſen, den Ihr liebt, an den Hof zurückkehren. Nacht keine langen Vorbereitungen und zaudert nicht. Ihr werdet uns in der Halle wartend finden. Kommt, de Brecy, kommt. Ein andermal mehr Liebesworte.“ 1 Als ſie die Halle erreichten, ging Agnes ſogleich auf den Tiſch zu, füllte den Becher und trank; dann. wendete ſie ſich heiter zu Jacques Coeur und ſagte: „Wir ſind nicht lange ausgeblieben, mein Freund. Ich ging abſichtlich mit, um die Liebkoſungen abzu⸗ kürzen. Unſere ſchöne Begleiterin wird ſogleich hier ſein. Wie hell die Sterne ſcheinen! Mich dünkt, es würde ſehr angenehm ſein, wenn man dort oben hin⸗ fliegen und in die glänzenden Augen des Himmels blicken könnte.“ Einige Minuten ſpäter wendete ſie ſich ein wenig blaß um und ſetzte ſich in einen großen Lehnſeſſel, der in der Nähe ſtand. Sie ſprach nicht, aber ein Aus⸗ druck des Schmerzes zog über ihr Geſicht dahin. Bald darauf trat de Brecy's Agnes, zur Abreiſe vor⸗ bereitet, ein. Agnes Sorel ſtützte ſich auf die Lehne des Stuhles, ſtand auf und ſagte: „Laßt uns ſchnell ſein. Ich fühle mich durchaus nicht wohl.“ 1 Sie wurde ſogleich in die Sänfte geführt und 217 dann ging es raſch auf Bourges zu; aber ein⸗ oder zweimal ſtreckte Jacques Coeur ſeinen Kopf her⸗ aus und trieb die Führer der Sänfte zu noch größerer Eile an. Als ſie auf dem Hofplatze ſeines Hauſes ankamen und die Sänfte vor der großen Thür anhielt, ſprang der gute Kaufmann ſogleich heraus und ſagte: „Helft mir, ſie hineinzutragen, Jean; ſie iſt ſehr krank.“ Sie nahmen ſie auf ihre Arme und trugen ſie blaß und zuckend in's Haus. Verwirrung und Schhrecken verbreitete ſich durch den ganzen Hof; es wurden Aerzte herbeigerufen, die ihr einige Erleichte⸗ rung verſchafften. Sie wurde ein wenig beſſer— wohl genug, um in ein entferntes Schloß zu reiſen; aber ehe ſechs Wochen um waren, ruhte das ſchöne, gütige und ſchwache Weſen im Grabe, und Niemand wußte, woran ſie geſtorben. Von dem Augenblicke an bemächtigte ſich Karl des Siebenten eine Furcht vor Gift, die das Glück ſei⸗ ner übrigen Tage verdunkelte. Der König hielt ſein Verſprechen nicht, bei der Hochzeit de Brecy's und Agneſens de St. Florent zu⸗ gegen zu ſein, und ihre eigene Freude wurde durch Kummer gedämpft. Ende. ———— ——— Druck von Oswald Kollmann in Rochlitz. — Im gleichen Verlage ſind erſchienen: Rache. Ein NRoman von S. P. R. James. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. E. Suſemihl. Octav. 3 Baͤnde. 2 Thlr. Taſchenausgabe. 6 Baͤndchen. 1 Thlr. Adriaun oder die Wolken des Geiſtes. Ein Roman von G. P. R. James und Maunſell B. Field. Aus dem Engliſſchen überſetzt 6 von Dr. E. Suſemihl. Octav. 2 Baͤnde. 1 Thlr. 10 Nr. Taſchenausg. 4 Baͤndchen. 20 Ngr. Im gleichen Verlage ſind erſchienen: Die Wechſel des Lebens. Roman aus der Revolutionszeit — von G. P. R. James. Au s dem Engliſchen Dr. G. Sufemihl. Octavausgabe. 2 Bande. 1 ½ Thlr. Taſchenausgabe. 4 Baͤndchen. 20 Ngr. 8 Die Revolutionszeit, von der hier die Rede, iſt die der erſten franzoͤſi J. oſiſchen Revolution, James ſchrieb und verlegte dies Werk in amerikaeen— Vegninilro. Ein Roman .. von G. P. N. James. em Engliſchen überſetzt 1 Dr. E. Suſemihl. Octav. 3 Baͤnde. 2 Thlr. Taſchenausg. 6 Baͤndchen. 1 Thlr. Aus d ———— 2 .— — 1 Rnnmmnnnnmmnrranunmmmnnnnnmnmnnannmmmmnmnnannnnn o u 12 13 14 15 16 1, 1s 19 20