4 Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 ÜUhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ f den angenommen.. 5 ,3.(aution. Unbekannte Perſonen. müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende de hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— 1 M. Pf. 1 Rk. 50 Pf. 2 Mk.—Pf. Ein hiſtorilcher Roman von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Dritter Band. Leipzig, 1853. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Dritter Band. „ Erſtes Kapitel. Es war eine große Verſammlung von Lakaien, Pagen und Reiſigen auf dem Hofplatze des Hotel d⸗Anjou; aber der Hofplatz war ſehr groß, mit bedeck⸗ ten Gallerien auf beiden Seiten, und die Anzahl der gegenwärtigen Dienerſchaft kaum zu ſehen. Von Zeit zu Zeit kam ein großer Herr des Hofes an, ging ſo⸗ gleich in den Palaſt und ließ ſeine Begleiter zurück, um die Anzahl der bereits verſammelten noch zu ver⸗ mehren. Häufig richteten ſich die Augen Aller auf einen beſonderen Punkt, und nur wenn einer von den Prinzen des königlichen Hauſes— der Herzog von Berri, der Herzog von Bourbon oder der König von Navarra— ankam, lenkten die Zuſchauer der Scene ihre Augen von einer Stelle ab, wo ein ſchöner Jüngling, der noch nicht zwanzig Jahre alt war, in der Mitte der Gruppe der Wache des Oberrichters gefeſſelt ſtand. Um halb vier Uhr kamen mehrere von den Für⸗ 6 ſten und dem königlichen Rathe an und wurden ſogleich in eine große Halle im untern Stocke geführt, wo Alles düſter und unheimlich war, wie es die Veran⸗ laſſung ihrer Zuſammenkunft erforderte. Die Decke war viel niedriger, als man es bei einem ſo großen Zimmer hätte erwarten ſollen; aber die Dekorationen waren koſtbar und zeigten die Roſe— ein altes Emblem des Hauſes Anjou— in Roth, Grün und Gold in der Ecke jeder Füllung, denn die Decke war, wie das ganze Zimmer, mit dunklem Eichenholz getäfelt. Die Wände waren reich verziert, aber bei dem Mangel an Licht war der größte Theil des zierlichen Schnitzwerks unſichtbar, und kaum konnte der Sekretair, der am Tiſche ſaß, die Buchſtaben auf dem Papier ſehen, worauf er ſchrieb. Die meiſten Mitglieder des Raths waren ange⸗ kommen; der Herzog von Berri ſelber war zugegen, aber zwei ſehr wichtige Perſonen, nämlich der Herzog von Anjou— Titularkönig von Sieilien— und der Herzog von Burgund fehlten noch. Der Herzog von Berri gab dennoch Befehl, das Verhör zu begin⸗ nen, während er einen Lakai abſchickte, um den Herzog von Anjou herbei zu rufen, und bald darauf trat jener Fürſt in's Zimmer und fragte, als er ſich dem Tiſche näherte, ob der Oberrichter bereits angekom⸗ men ſei. 8 „Nein, mein guter Vetter,“ verſetzte der Herzog von Berri;„aber wir können eben ſo gut mit der vorläufigen Verhandlung beginnen. Das Protokoll über die Auffindung der Leiche muß zuerſt voleſen werden.“ „Ich habe das Ganze bereits geleſen,“ ſagte der König von Sieilien.„Beginnt nur damit, ich werde ſogleich zurück ſein.“ Dem Herzoge von Berri ſchien es nicht zu ge⸗ fallen, daß ſein Vetter die Halle wieder verließ; aber die Unterſuchung begann; alle Thatſachen in Betreff der Ermordung des Herzogs von Orleans wurden von dem Sekretair aus den vor ihm liegenden Papieren verleſen, und als er dies gethan, fügte er hinzu: „Ich höre, gnädigſte Herren, daß ein junger Mann, der Sekretair des ermordeten Herzogs, der nicht mit ihm im Hotel Barbette war, von einem Diener Ihrer Majeſtät unter ſehr verdächtigen Um⸗ ſtänden, gleich nachdem das Verbrechen verübt war, auf dem Schauplatze des Mordes gefangen genommen worden. Iſt es Euer Wille, daß vor Euch ge⸗ bracht werde?“ „Gewiß,“ verſetzte der Herzog von Berri.„Ich habe den jungen Mann geſehen und hege eine gute Meinung von ihm. Ich kann mir nicht denken, daß er irgend einen Antheil an dieſer entſetzlichen That ſollte gehabt haben. Iſt Jemand von dem Haus⸗ halte meines armen Neffen hier, um Zeugniß über ihn abzulegen?“ „Mehrere Perſonen, Eure Hoheit,“ antwortete der Sekretair.„Sie ſind im Vorzimmer.“ „Laßt ſie auch herein rufen,“ ſagte der Herzog von Berri, und in einigen Minuten wurde Jean Charoſt ſchwer gefeſſelt an das Ende des Tiſches ge⸗ führt und einige von den Officianten des Herzogs von Orleans, unter dieſen der Narr und der Kaplan, zeigten ſich hinter ihm. Der Herzog von Berri ſah den jungen Mann ein wenig ſtreng an; aber bei Jean Charoſt waren die erſten Gefühle des Kummers und Entſetzens einer Empfindung des Unwillens über den gegen ihn ge⸗ hegten Verdacht gewichen, und er erwiederte den Blick des Herzogs feſt und ohne Beben mit einem Ausdruck männlicher Zuverſicht, der ſelbſt ſeinen jugendlichen Zügen ſehr gut ſtand.. „Nun, junger Herr,“ ſagte der Herzog von Berri endlich,„was habt Ihr für Euch zu ſagen?“ „In welcher Hinſicht, gnädigſter Herr?“ fragte Jean Charoſt, ſeine Augen noch auf den Herzog rich⸗ tend, denn das Anſtarren der Umgebung war ſchmerz⸗ lich für ihn. „Als Antwort auf die gegen Euch vorgebrachte Anklage,“ antwortete der Herzog von Berri. „Ich weiß von keiner Anklage, Eure Hoheit,“ 9 entgegnete Jean Charoſt.„Ich weiß nur, daß ich, als ich in Folge der Befehle meines dahingeſchiedenen, geliebten Herrn zu ihm in das Hotel Barbette reiten wollte, von einigen Männern an der Ecke der Rue Barbette ergriffen wurde, gerade als ich anhielt, um nach einem in Flammen ſtehenden Hauſe und einer Menſchenmenge zu ſehen, die ſich weiter unten in der Straße verſammelt hatte. Ich wurde faſt ohne alle Erklärung in's Gefängniß geführt und dieſen Morgen mit dieſen Feſſeln an meinen Gliedern, die gewiß einem unſchuldigen franzöſiſchen Edelmanne nicht ge⸗ ziemen, hieher gebracht.“ „Es iſt recht, daß Ihr die Anklage höret,“ ſagte der Herzog.„Iſt der Mann, der ihn zuerſt ergriffen, hier gegenwärtig?“ Der große und rüſtige Lakai der Königin, der zuerſt den Zügel des jungen Sekretairs ergriffen, drängte ſich jetzt im Gefühle ſeiner Wichtigkeit durch die Menge und erzählte nicht ohne Verſchönerung ſeine Thaten vom vergangenen Abende. Er ſagte, er habe von den fliehenden Dienern des Herzogs von Orleans gehört, daß ihr Herr auf der Straße von bewaff⸗ neten Männern überfallen worden, worauf er eine Hellebarde ergriffen habe und ihm zu Hilfe geeilt ſei, wie er aber zu ſpät gekommen und ſich dann bemüht habe, die Mörder zu verhaften. Er ſagte, Jean Charoſt ſei nach keiner Richtung hingeritten, ſondern 10 1 habe ganz ſtill auf ſeinem Pferde geſeſſen, als hätte er aus der Ferne die eben geſchehene That beobachtet; auch habe ein Edelmann von gutem Rufe, der gleich ihm herbeigeeilt, um Beiſtand zu leiſten, den jungen Sekretair als einen von den Mördern bezeichnet und ſogar geholfen, ihn zu verhaften. Er fügte noch meh⸗ rere Einzelnheiten von keiner großen Bedeutung in Betreff des Benehmens und der Worte Jean Charoſt's hinzu, um einen ſtarken Verdacht gegen ihn zu er⸗ heben. „Ihr hört die Anklage,“ ſagte der Herzog von Berri, als der Mann geendet hatte.„Was habt Ihr zu ſagen?“ „Ich könnte wohl ſagen, Nichts, Eure Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt;„denn ſo weit ich ſehe, liegt keine Anklage gegen mich vor, als daß ich mein Pferd einen Augenblick anhielt, um eine Menſchenmenge und ein in Flammen ſtehendes Haus anzuſehen. Dennoch will ich mit Eurer Erlaubniß dieſem Manne einige Fragen vorlegen, die vielleicht dazu dienen werden, einiges Licht in dieſe dunkle Sache zu bringen.“ 1 „Fragt, was Ihr wollt,“ antwortete der Herzog. Jean Charoſt wendete ſich dann zu dem Diener und fragte in heftigem Tone: „War der Mann, der Euch auf mich ufmerkſann machte, gerüſtet oder nicht?“ 11 „Völlig gerüſtet, mit Ausnahme des Kopfes,“ verſetzte der Lakai, ein wenig verwirrt werdend. „Was hatte er in der Hand?“ fragte Jean Charoſt. „Einen Streitkolben, meine ich,“ antwortete der Mann;„einen eiſernen Streitkolben.“ „Sagte er Euch, wie es kam, daß er ſich zu jener Nachtſtunde völlig bewaffnet in den Straßen von Paris befand?“ fragte Jean Charoſt. „Er ſagte, er ſei auf das Geſchrei zeransge⸗ kommen,“ antwortete der Diener. „Wie lange mag es währen, um einen Mann vollſtändig zu rüſten, mit Ausnahme des Kopfes?“ fragte der junge Herr. „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Diener. „Ich trage keine Waffen.“ „Ich aber,“ verſetzte Jean Charoſt,„und ſo auch dieſe hohen Herren. Iſt es wahrſcheinlich, daß ein Mann ſeine Rüſtung angelegt haben und ſobald auf dem Platze geweſen ſein kann? Er muß ſchon gerüſtet geweſen ſein. Nun ſagt mir, wie war der Name dieſes Mannes?“ Der Diener zauderte; aber der Herzog von Berri rief mit Donnerſtimme vom oberen Ende des Zim⸗ mers her: „Antwortet mir ſogleich! Ihr ſagtet, er ſei ein 2 12 Edelmann von gutem Rufe. Ihr müßt ihn alſo ken⸗ nen: wie war ſein Name?“ „Wilhelm von Courthoſe,“ antwortete der Mann; „der Bruder des Kammerdieners Seiner Majeſtät des Königs.“ „Wo iſt er?“ fragte der Herzog von Berri ſo ſtrenge, daß der Mann immer unruhiger wurde und faſt ſchon zu der Ueberzeugung kam, daß ſeine thörichte Dienſtfertigkeit nicht ſo vortheilhaft für ihn ausfallen werde, wie er gedacht. „Ich weiß es nicht genau, Hoheit,“ erwiederte er.„Sein Bruder ſagte mir heute, er ſei nach Artois gegangen.“ Bei dieſer Ankündigung trat ein allgemeines Schweigen ein. Jean Charoſt that weiter keine Fra⸗ gen. Mehrere von den Räthen ſahen einander bedeu⸗ tungsvoll an und der Herzog von Berri blickte ge⸗ dankenvoll auf den Tiſch nieder. Der Kaplan des verſtorhenen Herzogs von Orleans und Seigneur André, der Hofnarr, gingen indeſſen herum und traten hinter. den Stuhl des Fürſten. Der Erſtere neigte ſein Haupt und ſprach einige Worte in leiſem Tone. Der Herzog blickte ſogleich auf und ſagte: „Wie ich höre, Herr von Brecy, fand ein Streit zwiſchen Euch und meinem unglücklichen Neffen ſtatt. Man hörte Euch in ſeinen Zimmern laut und zornig reden. Ihr verließet ihn auf halbem Wege zum Hotel Barbette. Erklärt dies Alles.“ „Es war kein Streit, gnaͤdigſter Herr,“ verſetzte Jean Charoſt.„Es konnte kein Streit zwiſchen einem beſcheidenen Manne, wie ich, und einem Prinzen von königlichem Blute ſtattfinden. Seine Hoheit tadelte mich wegen eines Verſehens und ſeine Stimme war gewiß laut genug, als er dies that. Er verzieh mir indeſſen in Folge meiner Entſchuldigung, nahm mich mit ſich auf den Weg zum Hotel Barbette, ſchickte mich ab, um einen Brief abzugeben und eine Antwort zu empfangen, und befahl mir zu ihm zu kommen in den Palaſt Ihrer Majeſtät, wohin er eben ritt, als ich verhaftet wurde.“ „Welches war die Urſache, weshalb er Euch tadelte?“ fragte der Herzog von Berri.„An wen ſchickte er Euch mit dem Briefe? Und wo brachtet Ihr die Zeit von dem Augenblicke, wo Ihr ihn ver⸗ tießet, bis zu dem Augenblicke Eurer Verhaftung zu? Es wird beſſer ſein, Herr von Brecy, wenn Ihr uns einen vollſtändigen Bericht über alle Eure Handlungen ſeit Eurer Ankunft in Paris bis zu der Zeit Eurer Verhaftung ertheilet.“ Jean Charoſt blickte gedankenvoll vor ſich nie⸗ der und ſein Geſicht veränderte ſich. Die Geheimniſſe des Todten zu verrathen, einen neuen Dorn in das Herz der Herzogin von Orleans zu drücken, welches 14 ſchon ſo ſehr zerriſſen war, zu erklären, wie und warum er gezaudert, den Befehlen ſeines Herrn zu ge⸗ horchen, dem hätte er ſich auf jede Gefahr gern ent⸗ zogen, und ſein Vertrauen auf ſeine eigene Unſchuld brachte ihn zu dem Glauben, daß ſeine Weigerung ihm keinen weſentlichen Nachtheil bringen würde. „Es würde beſſer für Euch ſelber ſein, junger Mann, Euch offen und aufrichtig auszuſprechen,“ ſagte der Herzog von Berri.„Einige Worte können Euch von allem Verdachte befreien.“ „Ich bezweifle es nicht, Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt,„denn bis jetzt ſehe ich noch keinen Grund dazu. Wäre ich allein betheiligt, ſo würde ich gern und augenblicklich jede meiner Handlungen und Worte mittheilen; aber dadurch würde ich genöthigt ſein, auch die Handlungen und Worte meines edlen Herrn mitzutheilen. Sie wurden im Vertrauen zu mir ge⸗ ſprochen, wie ein edler und hochherziger Fürſt zu ſeinem Sekretair zu reden pflegt. Er iſt todt; aber das befreit mich nicht von der treuen Erfüllung einer Pflicht gegen ihn. Was er mir anvertraute— wo⸗ hin er mich ſchickte— ja auch die Urſache, weshalb er mich tadelte, die ſich auf ſeine Privatangelegenhei⸗ ten bezog— werde ich nimmermehr mittheilen, es mögen die Folgen ſein, welche ſie wollen; und ich hege das Vertrauen, daß die hohen Fürſten und edlen Herren nicht verlangen werden, daß ein demüthiger 15 Sekretair, wie ich, die Geheimniſſe ſeines Herrn ver⸗ rathe.“ „Ihr ſeid nach dem Geſetze verbunden, Herr, alle Fragen, die der geheime Rath des Königs Euch vorlegen mag, der Wahrheit gemäß zu beantworten,“ ſagte der König von Navarra ſtrenge.„Wenn nicht, können wir Euch zwingen.“ „Ich denke nicht, gnädigſter Herr,“ verſetzte Jean Charoſt.„Ich weiß von keinem Mittel, welches einen ehrenvollen Mann zwingen kann, eine geheiligte Pflicht zu verletzen.“ „Ha, ha!“ rief Seigneur Andre.„Er weiß nicht, daß wir gewiſſe Käfige in Frankreich haben, um widerſpenſtige Vögel zum Singen zu bringen. MNich dünkt, eine Schraube der Folterbank würde das hübſche Geſchöpf ſchon bewegen, ſeinen Schnabel zu sffnen.“ „Ich denke auch ſo,“ ſagte der König von Na⸗ varra, der ſeine Zähne zuſammenbiß und durchaus nicht mit Jean Charoſt's Antwort zufrieden war. „Wir wollen Euch noch eine Gelegenheit geben. Wollt Ihr die Fragen des Herzogs von Berri beant⸗ worten oder nicht? Wenn nicht, ſo müſſen wir ver⸗ ſuchen, wie weit Eure Widerſetzlichkeit geht.“ Während er ſprach, winkte er dem Oberrichter von Paris, welcher eben eingetreten war, und that eine leiſe Frage an ihn, worauf der Andere antwortete: 16 „O ja, gnädigſter Herr, in dem anderen Zim⸗ mer. Die Schraube wird ſchon genügen— ſie rich⸗ tet oft mehr aus, als die Folterbank.“ Inzwiſchen war in Jean Charoſt's Bruſt ein Kampf vorgegangen. Es iſt oft gefährlich, ſich durch Worte zu einer beſtimmten Handlungsweiſe verbindlich zu machen. So lange wir in den geheimen Räumen unſerer Bruſt mit uns ſelber zu Rathe gehen, tragen wir kein Be⸗ denken, eine übereilte Anſicht oder einen raſchen Ent⸗ ſchluß zurückzunehmen; wenn wir aber unſere Mitge⸗ ſchöpfe zu Zeugen unſerer Gedanken oder Entſchlüſſe aufgerufen haben, da ſtellt die große urſprüngliche Sünde des Stolzes uns eine Schranke in den Weg und verhindert uns zurückzutreten, auch wenn wir es mit Ehre thun könnten. Jean Charoſt war ſo fehler⸗ haft, wie die Uebrigen unſeres Geſchlechts, und viel⸗ leicht würde es zu viel behauptet ſein, wenn wir ſa⸗ gen wollten, der Stolz habe keinen Antheil an ſeinem Entſchluſſe gehabt. Nach einer kurzen Pauſe aber ſagte er: „Gnädigſte Herren, ich bitte, mir zu verzeihen, wenn ich ſage, daß ich alle Fragen, welche mich be⸗ treffen, ſogleich und der Wahrheit gemäß beantworten werde, nicht aber die, welche ſich auf die Privatan⸗ gelegenheiten meines verſtorbenen königlichen Herrn beziehen.“ 17 „Wir können nicht zugeben, daß unſerem Anſehen Trotz geboten werde,“ ſagte der Herzog von Berri ernſthaft. Der König von Navarra wendete ſich mit finſterem Blicke zu dem Oberrichter und rief: „Entfernt ihn, Herr Tignonville, und bringt ihn zum Reden.“ Jean Charoſt wurde ſehr blaß, aber er ſagte Nichts, und zwei von den Leuten des Oberrichters ergriffen ihn und ſchleppten ihn von dem Ende des Tiſches hinweg. In demſelben Augenblicke aber eilte ein anderer junger Mann mit glühendem Geſichte herbei und rief: „O, gnädigſte Herren! um Gotteswillen— um Eurer eigenen Ehre willen— haltet ein! Er iſt ein ſo edler und getreuer Jüngling, wie nur je einer lebte— und der Herzog, den wir Alle betrauern, liebte ihn ſehr. Denkt Ihr, daß er, der lieber die Folter aushalten, als ſeines Herrn Geheimniſſe ver⸗ rathen wird, an ſeinem Tode ſollte Antheil gehabt haben?“ „Es können auch ſeine eigenen Geheimniſſe ſein, die er nicht entdecken will,“ ſagte der Herzog von Berri. „Miſcht Euch nicht in das, was Euch nicht an⸗ geht,“ rief der König von Navarra ſtrenge. Aber Jean Charoſt wendete ſich um, ehe man 3 ihn aus dem Zimmer führte, und viafz Agnes Sorel. III. 2 V 18 „Ich danke Euch, de Royans— ich danke Euch! Das iſt edel und gerecht.“ Kaum hatte man ihn hinausgeführt, als der Herzog von Burgund durch den großen Eingang ein⸗ trat und der König von Sicilien durch eine kleine Thür hinter dem Herzoge von Berri hereinkam. Der Erſtere war allein; dem Letzteren aber folgten mehrere Officianten ſeines Haushalts, und in ihrer Mitte be⸗ fand ſich ein junges Mädchen, auf den Arm eines ältlichen Frauenzimmers geſtützt, welches wie eine Dienerin höheren Ranges gekleidet war. „Ich hörte, daß Herr von Brecy verhört werde,“ ſagte Louis von Anjou ſich umſehend,„der Theil⸗ nahme an dem Morde angeklagt. Iſt er nicht hier?“ „Er hat ſich mit einem Freunde entfernt,“ ſagte Seigneur André, welcher das Vorrecht zu haben glaubte, ſich in jede Unterredung zu miſchen. „Die Wahrheit iſt, mein edler Vetter“ antwor⸗ tete der König von Navarra,„wir haben ihn ſehr widerſetzlich gefunden— er bietet dem Anſehen des geheimen Rathes Trotz und weigert ſich, die ihm vor⸗ gelegten Fragen zu beantworten. Wir ſind daher ge⸗ nöthigt geweſen, Mittel anzuwenden, welche gewöhn⸗ lich die Widerſpenſtigen zum Reden bringen.“ „Guter Gott! das will ich nicht hoffen!“ rief der König von Sicilien.„Hier iſt eine junge Dame, die etwas zu ſeinen Gunſten ausſagen kann.“ 19 Während er ſprach, wendete er ſich zu der jun⸗ gen Dame, die ihm in die Halle gefolgt war, und die wir dem Leſer ſchon mehrmals vorgeführt haben. Sie war jetzt todtenblaß; aber jene Energie, welche ſpäter Frankreich rettete, fehlte ihr auch jetzt nicht. Sie ließ den Arm der bejahrten Dienerin los, trat einen Schritt vor, ſchlug ihre Hände zuſammen und rief: „Um Gotteswillen, mächtige Fürſten, haltet ein! Schickt einen Boten ab, wenn Ihr Euren Frieden retten wollt, und beſtellt dieſen ſchrecklichen Befehl ab. Ich weiß nicht, warum Ihr einen unſchuldigen Mann zur Folter verurtheilt habt; aber ich bin gewiß, daß er ſich dies durch Redlichkeit und nicht durch Verbrechen zugezogen hat— indem er ſein Wort gehalten und nicht, weil er es gebrochen.“ 4 „Sie ſind für einander geſchaffen,“ ſagte der König von Navarra kalt.„Beide reden aus demſel⸗ ben Tone. Wer iſt ſie, Vetter von Sicilien?“ „Mademoiſelle de St. Geran— Agnes Sorel,“ antwortete der Herzog von Anjou in leiſem Tone. „Eine von den Hofdamen meiner Gemahlin.“ Aber Agnes achtete nicht auf dieſe halb gehörte Unterredung, und ſich ſogleich mit raſcher Entſchloſ⸗ ſenheit und unendlicher Anmuth zum Herzog von Bur⸗ gund wendend, der, ſeinen Kopf auf die Hand ge⸗ ſtützt und ſeine Augen auf den Tiſch gerichtet, daſaß, rief ſie: 2* — 20 „Ich bitte Eure Hoheit, einzuſchreiten. Ihr kennt dieſen jungen Mann— Ihr wißt, daß er ge⸗ treu und redlich iſt— Ihr wißt, daß er ſelbſt auf Euren Befehl ſich weigerte, die Geheimniſſe ſeines Herrn zu verrathen, und Eurem höchſten Zorne Trotz bot— Ihr wißt, daß er nicht ſchuldig iſt.“ „Ich weiß es,“ ſagte der Herzog von Burgund aufſtehend und in hohlem, heiſerem Tone redend. „Meine Herren, er iſt nicht ſchuldig— ich bin deſſen gewiß. Nehmt Euren Befehl zurück, ich bitte Euch. Schickt in das Chatelet und laßt—“ Ein tiefes Stöhnen, welches einem unterdrückten Schreie glich, ſchien aus einer Thür an der Seite der Halle hervorzudringen und gleich dem Tone einer Or⸗ gel anzuſchmellen. „Er iſt nicht weit entfernt, wie Ihr hört,“ ſagte der König von Navarra in gleichgültigem Tone. „Sagt ihnen, daß ſie inne halten, wenn Ihr wollt, edler Vetter.“ Der Herzog von Burgund wartete nicht auf die Erlaubniß, ſondern ſchritt bereits auf die Thür zu. Er öffnete ſie heftig und trat in ein kleines Gemach, welches keinen andern Ausgang hatte, als durch die Halle; aber er blieb einen Augenblick ſprachlos ſtehen, obgleich der arme Jean Charoſt auf einer Vorrichtung gleich einer eiſernen Bettſtelle ausgeſpannt lag und einer von den Leuten des Oberrichters am Kopfende 21 ein Rad umdrehte, welches ſeinen ganzen Körper aus⸗ ſtreckte und den Unglücklichen in Stücke zu zerreißen drohte. Einen Augenblick ſtand der Herzog ſchweigend da, als wollte er ſehen, wie viel der unglückliche junge Mann würde ertragen können. Aber Jean Charoſt ſprach kein Wort. Jenes Stöhnen war das Einzige, was ihm der heftige Schmerz auszupreſſen vermochte. Aber jetzt ſchien ſeine Entſchloſſenheit über die menſchliche Schwäche zu triumphiren, und mit zuſammengebiſſenen Zähnen und geſchloſſenen Augen lag er da und litt ohne einen Schrei. „Halt!“ rief der Herzog endlich.„Halt! Herr Oberrichter, bindet den Mann los. Er iſt nicht ſchuldig.“ Dann ging der Herzog langſam zur Thür und ſchloß dieſelbe, während Jean Charoſt von ſeinem ſchrecklichen Lager befreit wurde und man ihm ein wenig Waſſer zu trinken gab. Er ſaß aufrecht da, ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand, hielt die Augen noch ge⸗ ſchloſſen und ſchien nicht zu ſehen, wer gekommen war, um ihn zu befreien. Die Leute des Oberrichters näherten ſich ihm und verſuchten ihm ein wenig rauh ſeine Kleider wieder anzuziehen, die er vor der Tortur hatte ablegen müſſen. „Geduld— Geduld einen Augenblick!“ rief er matt. Inzwiſchen näherte ſich ihm der Herzog von Bur⸗ 22 gund, ſtand da, ſeine Arme über die breite Bruſt ge⸗ kreuzt, und ſah ihn an. „Könnt Ihr reden, junger Mann?“ ſagte er endlich. Jean Charoſt neigte ſein Haupt ein wenig mehr. „Was war es, was Ihr dem geheimen Rathe nicht ſagen wolltet?“ fragte der Herzog. „Wohin mich der Herzog von Orleans am letzten Abend geſchickt,“ antwortete der junge Mann mit kaum hörbarer Stimme. „Treu und redlich in der That!“ rief der Her zog von Burgund. Dann legte er ſeine Hand auf des Jünglings ſchmerzende Schulter und ſagte in leiſem Tone: „Wenn Ihr einen neuen Dienſt ſuchet, de Brecy, ſo kommt in einer Woche zu mir nach Mons. Ich will Euch zu einer hohen Würde erheben; und Ihr müßt wiſſen, daß das, was Ihr gelitten, nicht mein Werk war. Ich kam, um Euch zu befreien. Nun führt ihn hinein, Oberrichter, ſobald er es ertragen kann.“ Als der Herzog in die Halle zurückkehrte, fand er Agnes Sorel an der Seite des Herzogs von Berri ſtehend, obgleich einer von den Herren, die ſich in der Nähe befanden, ihr einen Stuhl hingeſtellt hatte; denn in jenen Tagen hatten alle franzöſiſchen Edel⸗ leute, in äußeren Dingen wenigſtens, den glänzenden 1 23 Stempel der ritterlichen Höflichkeit, der ſeitdem frei⸗ lich von dem Blute Lamballe's und Marie Antoinet⸗ tens befleckt wurde. „Euer Zeugniß, hinſichtlich ſeines allgemeinen Charakters und ſeiner Redlichkeit, meine ſchöne junge Dame,“ ſagte der Herzog von Berri in freundlichem Tone,„wird von dem geheimen Rathe nach Verdienſt gewürdigt werden; aber hier müſſen wir etwas Be⸗ ſtimmteres haben. Wir hören, daß er länger als eine Stunde von dem Gefolge des Herzogs entfernt war, obgleich mein armer Neffe ihm befohlen hatte, ſogleich nachzukommen, und daß der entſetzliche Mord während dieſer Zeit geſchah. Er weigert ſich, zu ſagen, wo er während jener Zeit geweſen und was er gethan. Wir wollen ihm die Frage noch einmal vorlegen,“ fuhr er fort, indem er nach der Thür hinblickte, in welcher Jean Charoſt jetzt, von zwei Dienern des Ober⸗ richters unterſtützt und von dieſem Beamten ſelber be⸗ gleitet, erſchien.„Hat er geantwortet, Herr von Tignonville?“ „Kein Wort, Eure Hoheit,“ verſetzte der Ober⸗ richter. „Edler Jüngling!“ rief Agnes Sorel in leiſem Tone, wie mit ſich ſelber redend. Dann fuhr ſie laut fort:„Ich will Eurer Hoheit ſagen, wo er war und was er that.“ 24 Der Herzog von Burgund ſtutzte und blickte plöͤtzlich auf, aber Agnes fuhr fort: „Obgleich es Männer giebt, für deren Charakter gewiſſe Handlungen ſo abſtoßend ſind, daß es eine Unmöglichkeit ſein würde, ſie derſelben ſchuldig zu halten, und obgleich der mächtige Fürſt dort und ich Beide bezeugen können, daß dies ſelbſt hier der Fall iſt, will ich Euch ſagen, was er nicht ausſprechen will, damit er durch ſeine Treue nicht in Gefahr ge⸗ rathen möge, denn ich bin nicht durch Pflicht gebun⸗ den, zu ſchweigen. Er war im Hauſe der Frau von Giac, wohin ihn der Herzog von Orleans mit einem Bridfe ſchickte. Sie ſagte es mir dieſen Morgen ſel⸗ ber und beklagte, daß ein thörichter Streich, den ſie ihm durch ihre Diener habe ſpielen laſſen, nur um zu ſehen, wie er in ſeiner Unerfahrenheit einer Schwie⸗ rigkeit entgehen würde, ihn verhindert habe, zu ſeinem königlichen Herrn zu kommen, obgleich, wie ſie rich⸗ tig bemerkte, ihr thörichter Scherz dem jungen Manne wahrſcheinlich das Leben gerettet habe.“ „Geſchickt gewendet,“ murmelte der Herzog von Burgund zwiſchen ſeinen Zähnen und blickte dann mit beruhigtem Geſichte auf. „Wenn die hohen Herrn an meinem Worte zwei⸗ feln,“ fuhr das junge Mädchen fort,„ſo mag man Frau von Giae ſelber rufen laſſen.“ „Nein, nein, wir hegen keinen Zweifel gegen Euch,“ ſagte der Herzog von Burgund;„und ſo feſt bin ich von der Unſchuld des Jünglings überzeugt— obgleich er mich in Pithiviers faſt beleidigte— daß ich den Vorſchlag mache, ihn ſogleich in Freiheit zu ſetzen und ihm zu erlauben, ſich zu entfernen.“ „Oeffnet die Thür, aber vorher beſchneidet dem Vogel die Flügel,“ ſagte Seigneur André.„Ich denke, er wird nicht weit fliegen, nachdem man ihn ſo gelähmt hat.“ Der Vorſchlag des Herzogs von Burgund wurde indeſſen ſogleich angenommen, und Louis von Anjou, der ungeachtet ſeiner Fehler ein freundliches Herz hatte, neigte ſich über den Tiſch zu Agnes Sorel hin und ſagte: „Nehmt ihn mit Euch, mein hübſches Mädchen, und verſucht, was Ihr thun könnt, ihn zu tröſten, bis ich komme.“. Agnes reichte Jean Charoſt unbefangen die Hand und ſagte: 1 „Kommt, Herr von Brecy, Ihr bedürft der Ruhe und der Erfriſchung. Kommt! Die lieblichſte Muſik, die Ihr je gehört, ſoll Euch erheitern!“ Mit matten und ſchwankenden Schritten folgte ihr der junge Herr aus dem Zimmer, und ſobald die Thür hinter ihnen geſchloſſen war, wendete ſich der König von Sicilien zu dem Oberrichter und ſagte: 26 „Dieſer junge Mann iſt offenbar unſchuldig, Herr von Tignonville. Meint Ihr nicht auch?“ „Ich hielt ihn immer dafür, gnädigſter Herr,“ verſetzte der Oberrichter. 1 „Nun gut, Herr,“ ſagte der Herzog vofk Berri, „Ihr habt ohne Zweifel, wie ich Euch dieſen Morgen befahl, allen Fleiß angewendet, um Diejenigen auf⸗ zuſpüren, die ein ſo entſetzliches Verbrechen, wie die Ermordung des einzigen Bruders des Königs, be⸗ gangen haben.“ „Allen Fleiß habe ich angewendet, edle Herren und mächtige Fürſten,“ ſagte de Tignonville, an die Ecke des Tiſches tretend und in beſonders ſtrengem und entſchloſſenem Tone redend;„aber ich habe noch keinen von den Mördern oder ihren Mitſchuldigen in meiner Gewalt. Dennoch habe ich genügende Anzeige erhalten, um überzeugt zu ſein, daß ich ſie in weni⸗ zen Stunden werde vor Gericht ſtellen können, wenn Ihr mir die Vollmacht des geheimen Raths geben wollt, in den Häuſern aller Diener des Königs und der königlichen Prinzen Nachſuchung anzuſtellen, was, wie Ihr wißt, ohne beſondere Erlaubniß nicht in mei⸗ ner Macht ſteht.“ „Gewiß,“ verſetzte der König von Sicilien. „Beginnt mit dem meinigen, wenn Ihr wollt. Durch⸗ ſucht es von oben bis unten. Keiner von uns wird 1 1 27 ein Vorrecht geltend machen wollen, um den Mörder unſeres Vetters von Orleans zu ſchützen.“ „Es kann keine Einwendung dagegen ſein,“ ſagte der Herzog von Berri.„Durchſucht mein Haus, wann es Euch beliebt, Herr Oberrichter.“ „Und das meine,“ ſagte der Herzog von Bourbon. „Und das meine— und das meine,“ ſagten mehrere von den Herren des Raths. Der Herzog von Burgund ſprach Nichts, ſondern ſaß mit blaßem Geſichte, ſeine rauhen Züge noch mehr verfinſtert, bewegungslos am Tiſche. Endlich fuhr er den ſeinem Sitze auf und rief in heftigem und raſchem Tone: „Kommt hieher, Sicilien— kommt hieher, mein lieber Oheim von Berri. Ich möchte ein Wort mit Euch reden.“ Und er ſchritt auf die große Thüre zu, wohin ihm die beiden Fürſten, die er ausgewählt, folgten. Zwiſchen der großen Thür und der äußeren Halle befand ſich ein kleiner Vorſaal mit einer ſchmalen Treppe an der einen Seite, auf deren unteren Stufen einige Diener ſaßen, als der Herzog plötzlich unter ihnen erſchien. „Hinweg!“ rief er in ſo lautem und rauhem Tone, daß ſie wie eine erſchrockene Schafheerde davon⸗ eilten. Dann machte er beide Thüren zu, verſchloß 28 die Thür an der Treppe, zog den Herzog von Berri zu ſich hin und flüſterte ihm leiſe etwas in's Ohr. Der ehrwürdige Fürſt ſah ihn mit einem Blicke des Entſetzens an. „Es war eine Verſuchung des großen Feindes, und ich gab nach,“ ſagte Burgund. „Was ſagt er— was ſagt er?“ rief der König von Siecilien. 4 „Er habe die Ermordung anbefohlen,“ antwor⸗ tete der Herzog von Berri in traurigem und feierlichen Tone.„Ich habe zwei Neffen in einer Nacht ver⸗ loren!“ Der Herzog von Anjou zog ſich mit nicht ge⸗ ringerem Entſetzen zurück, als der Herzog von Berri gezeigt hatte, ja er ſprach ſeinen Kummer und Un⸗ willen noch deutlicher und heftiger aus. Im nächſten Augenblicke aber griff er nach dem Thürſchloſſe, um wieder in das Rathszimmer zu treten. „Halt, halt, Louis!“ rief der Herzog von Berri. „Laßt uns Nichts von dieſer ſchrecklichen Wahrheit ſagen, bis wir wohl überlegt haben, was zu thun iſt.” „Zu thun iſt?“ wiederholte der Herzog von Burgund, Beide mit einem Blicke finſterer Ueber⸗ raſchung anſehend, als hätte er feſt erwartet, daß ſeine Ankündigung der That hinreichend ſein würde, um ſie ohne Unterſuchung und Beſtrafung vorüber gehen zu laſſen. Dann näherte er ſich der Thür des Raths⸗ 29 zimmers, als wollte er hineingehen; aber der Herzog von Berri trat ihm in den Weg. „Geht nicht in das Rathszimmer, mein Neffe,“ ſagte er.„Es würde weder mir, noch auch irgend einer dort gegenwärtigen Perſon gefallen, Euch jetzt unter uns zu haben.“ Der Herzog von Burgund warf ihm einen Blick zu, antwortete aber Nichts; und durch die entgegen⸗ geſetzte Thür und die äußere Halle gehend, beſtieg er ſein Pferd und ritt, von ſeinem Gefolge begleitet, davon. „Laßt uns die Sitzung aufheben, Louis,“ ſagte der Herzog von Berri,„und ſie auf morgen wieder zuſammen berufen. Ich will nach Hauſe eilen und die nächſten Stunden dem ſchweigenden Nachdenken und dem Gebete widmen. Thut Ihr daſſelbe und laßt. uns morgen zuſammenkommen, ehe ſich der Rath wieder verſammelt.“ „Alle meine Gedanken ſind verwirrt,“ ſagte der König von Sicilien.„Iſt es ein Traum, edler Oheim? Ein blutiger und ſchrecklicher Traum? Geht Ihr hinein— ich wage nicht mit Euch zu gehen— ich würde Alles entdecken. Sagt, ich ſei krank— Gott weiß, es iſt wahr— krank, ſehr krank am Herzen.“ So redend ging er auf die Treppe zu; und während der Herzog von Berri zu Denen zurückkehrte, 30 die er verlaſſen hatte, und plötzlich die Sitzung auf⸗ hob, begab ſich der andere Fürſt langſam und düſter in die Zimmer ſeiner Gemahlin. Als er aber das obere Ende der Treppe erreichte und die dort befind⸗ liche Thür öffnete, vernahm er eine ſehr liebliche Muſik, langſam und klagend, aber doch nicht durch⸗ aus ſchwermüthig. O! wie unharmoniſch kann die Muſik zuweilen ſelbſt für diejenigen Geiſter klingen, welche ſie am meiſten lieben! — Zweites Kapitel. Es giebt Augenblicke im Leben, wo ſelbſt Freund⸗ lichkeit und Zärtlichkeit nicht als Balſam wirken— wo alle Ströme bitter ſind, weil die Bitterkeit in uns iſt— wo das Herz von dem Gorgonenblicke der Ver⸗ zweiflung hart gemacht wird, wie ein Mühlſtein— wo das Glück ſo gänzlich verloren gegangen iſt, daß das Unglück keine Stufen hat. Es giebt ſolche Augen⸗ blicke; aber, Gott ſei Dank, nur wenige. Schweren Herzens und Geiſtes, unwillig über die Behandlung, die ihm widerfahren, voll Kummer und Entſetzen über den ſchrecklichen Tod eines Für⸗ ſten, den er ſo ſehr geliebt, und bei ſeinem ermatteten und von der Folterung verrenkten Körper, fand Jean Charoſt dennoch Troſt und Beruhigung in der be⸗ ſänftigenden Zärtlichkeit Agnes Sorel's und der bei⸗ den etwas älteren Mädchen, die ihre Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit an ihn verſchwendeten, ſobald ſie erfahren hatten, was ihm begegnet war. Es wurde Wein gebracht; ſchöne Hände reichten ihm denſelben, und Alles, was das weibliche Mitleid thun konnte, wurde gethan; aber Agnes hatte an jenem Morgen die Macht der Muſik kennen gelernt, und in das Vor⸗ zimmer laufend, rief ſie: „Wo iſt unſer lieber Muſiker? Hier, Knabe— hier! Bringe Dein Inſtrument und verſuche ihn zu tröſten, für den Du eben ſo dringend gebeten. Er bedarf deſſen ſehr.“ Der kleine Jean ſtand ſogleich auf, verweilte einen Augenblick, um die eine Saite ſeiner Violine ein wenig herauf zu ſchrauben, folgte dann in das innere Zimmer und warf einen furchtſamen Blick auf die ſchönen, jungen Geſichter, die Jean Charoſt um⸗ gaben. Aber ſeine Augen richteten ſich bald mit fra⸗ gendem Blicke auf den Leidenden und drückten ſo deut⸗ lich, wie in Worten, die Frage aus: „Was iſt mit ihm vorgegangen?“ „Man hat ihn auf die Folter gebracht, 7 ſlüſterte Agnes. Nach einer augenblicklichen Pauſe erhob der Knabe das Inſtrument z ſeiner Schulter und ent⸗ lockte demſelben die lieblichen Töne, die der Herzog von Anjou gehört hatte. Eine kurze Zeit vorher hatte er in Gegenwart der Königin von Sicilien eine Trauermelodie auf den Tod des Herzogs von Orleans 3 33 geſpielt. Ich kann kaum ſagen, daß es eine ſeiner eigenen Compoſitionen war; ich muß ſie vielmehr eine ſeiner Inſpirationen nennen. Sie war tief, feierlich, faſt ſchrecklich geweſen: aber jetzt war die Muſik ſehr verſchieden— lieblich, klagend und doch hin und wie⸗ der mit einem Gemiſch von Heiterkeit, als wäre ſie gern fröhlich geweſen, wäre ſie nicht von einer Erinne⸗ rung gedämpft worden. Sie glich einem Frühlings⸗ tage auf dem Lande— einem Tage zu Anfang des Frühlings, wo der Winter uns noch umſchwebt, wenn gleich der Sommer vor uns liegt. Um ſchöne und ausgezeichnete Muſik richtig zu genießen, bedürfen wir einiger Kenntniß, eines discip⸗ linirten und geübten Ohres; aber die, glaube ich, welche am wenigſten Muſik gehört haben, werden von einfachen Melodien am tiefſten ergriffen. Jean Charoſt's Empfindungen ſind kaum zu beſchreiben; und als der Knabe aufhörte, reichte er ihm die Hand und ſagte: „Ich danke Dir, ich danke Dir, mein junger Freund! Du haſt mir mehr genützt, als je ein Arzt einem Kranken.“ „Ihr habt ihm mehr zu verdanken, als das,“ ſagte Agnes mit einem Lächeln, welches ihrem damals nicht beſonders ſchönen Geſichte alle die verborgene, reizende Schönheit verlieh, die ſpäter ihre Gefahr unnd ihre Macht wurde.„Wäre er nicht geweſen, ſo 3 Agnes Sorel. III. 34 hätte weder die Königin von Sieilien noch ich jemals von Eurer Gefahr gehört.“ 3 „Wie kann das ſein?“ fragte Jean Charoſt. „Ich kenne ihn nicht— ich ſah ihn nie.“ 4 „Ich kenne Euch auch nicht,“ verſetzte der Knabe; „aber dies iſt die Geſchichte von dem Löwen und der Maus, die meine Großmutter mir erzählt hat. Ihr habt einen Lakai, Namens Martin Grille. Er iſt mein Vetter. Ihr ſeid gütig gegen ihn, er gütig gegen mich geweſen, und ſo iſt das Ganze herum gekommen. Er ſchenkte mir die erſte Krone, die er entbehren konnte, und dafür kaufte ich mir dieſes Inſtrument, welches ſo lieblich redet, wenn ich es in Bewegung ſetze. Es ſagte dieſer jungen Dame und der Königin, Mitleid zu haben, und ſie hatten Mitleid mit Euch; und ſo kam das auch zu Stande. Aber ich muß jetzt gehen, denn ich habe Martin beſtellt, und ich möchte ſonſt zu ſpät kommen.“ „Warte einen Augenblick,“ ſagte Agnes;„Du haſt noch keine Belohnung erhalten.“ „Ei ja,“ verſetzte der Knabe,„Belohnung genug, ihn in Freiheit geſetzt zu haben.“ „Das war nicht mehr, als gerecht,“ antwortete ſie.„Warte einen Augenblick, ich will der Königin ſagen, daß Du gehſt.“ Eins von den andern Mädchen begleitete ſie und noch zwei entfernten ſich, ehe ſie zurückkehrte. Eine 35 andere, welche älter war, blieb zurück, unterredete ſich mit dem kleinen Jean und fragte ihn, wie er ſo große Geſchicklichkeit in der Muſik erworben habe. Der Knabe ſagte, Gott habe ſie ihm verliehen. Von ſeiner Kindheit an habe er immer auf jedem Inſtrumente ge⸗ ſpielt, welches er habhaft werden können; einer von den Sängern von Notre⸗Dame habe ihn ein wenig unterrichtet, ſo wie auch ein blinder Mann, der die Sackpfeife geſpielt. Das war Alles, was er ſagen konnte; aber obgleich er keine Gelehrſamkeit zeigte, ſprach er doch von ſeiner ſchönen Kunſt mit einem lebhaften Vertrauen und einer Begeiſterung, welche die junge Bewohnerin eines künſtlichen Hofes durch⸗ aus nicht begreifen konnte. Endlich kehrte Agnes allein zurück und hielt eine kleine, ſeidene Börſe in der Hand, die ſie dem Kna⸗ ben gab. „Die Königin läßt Dir danken, kleiner Jean,“ ſagte ſie,„und Dich bitten, am Sonntag Abend wie⸗ der zu kommen. Heute kann ſie Nichts hören, was nicht traurig iſt; aber ſie möchte gern einige von Deinen heiteren Tönen hören.“ „Sage Martin, ich werde bald zu Hauſe ſein,“ ſagte Jean Charoſt.„Ich ſehe in der That nicht ein, warum ich nicht jetzt mit Dir gehen ſollte. Ich denke, ich könnte wohl zu Fuß in das Hotel gehen.“ „Nein, das ſollt Ihr noch nicht,“ ſagte Agnes 3* 5 36 freundlich.„Der König hat Euch mir übergeben, und ich verlange Gehorſam. Es wird beſſer ſein, wenn er Eurem Diener ſagt, hieher zu kommen und nach unſerer Vorſteherin, der Frau von Buſſerole, zu fragen. Dann, wenn Ihr Jemand bei Euch habt, köngnt Ihr mit mehr Sicherheit gehen. Sage ihm das, kleiner Jean. Ich muß aber Frau von Buſſerole davon in Kenntniß ſetzen, damit der junge Mann nicht fortgeſchickt werde.“ „Ich will es ihr ſagen,“ ſagte das andere Fräu⸗ lein.„Bleibt Ihr bei unſerem Freunde, Agnes; denn ich muß noch die eine Roſe in meiner Stickerei vollenden. Lebt wohl, Herr von Brecy. Wenn ich ein König wäre, ließe ich alle Folterknechte hängen und alle Folterbänke verbrennen, und den Mann, der ſie erfunden, in ihrer Mitte.“ Und ſie trippelte heiter aus dem Zimmer. Der Knabe entfernte ſich zu gleicher Zeit und Jean Charoſt blieb beinahe eine Stunde faſt allein mit Agnes, ob⸗ gleich mehrere Perſonen ab und zu gingen. Bald trat die Dämmerung ein und der größte Theil ihrer Unterredung wurde während derſelben geführt; aber ſie war nicht von der Art, daß ſie der Hilfe der Blicke bedurfte. Sie war ſehr ruhig und geſetzt. Wir wol⸗ len nicht behaupten, daß ſie kein Intereſſe für einan⸗ der empfanden. Aber Beide waren ſehr jung, und e 5 giebt verſchiedene Arten, jung zu ſein. Einige ſind 37 jung an Jahren— Einige jung an Geiſt— Andere jung an Herzen. Agnes und Jean Charoſt waren Beide älter, als ihre Jahre, an Geiſt, aber vielleicht jünger, als ihre Jahre, an Herzen, und kein Gedanke an Liebe kam ihnen in den Sinn. Sie ſprachen viel von dem verſtorbenen Herzoge von Orleans und Jean Charoſt erzählte ihr viel von der Herzogin. Sie ſprachen auch von Frau von Giac nd Agnes erzählte Jean alle einzelnen Umſtände des Beſuchs jener Dame an dem Morgen. „Warum ſie kam, kann ich in der That nicht ſagen,“ ſagte das junge Mädchen.„Obgleich ſie eine entfernte Verwandte meines verſtorbenen Vaters iſt, herrſchte doch nie beſonders große Liebe zwiſchen uns, und wir trennten uns zwei Tage, nachdem ich Euch in Pithiviers traf, mit nicht beſonders großer Zärt⸗ lichkeit. Ihr Hauptzweck ſchien zu ſein, mir zu er⸗ zählen, daß Ihr ſie geſtern Abend beſucht, und den thörichten Streich zu erwähnen, den ſie Euch geſpielt. Sie ſchien ſehr begierig, die Sache zu erklären, ob⸗ gleich ich nicht weiß warum.“ Jean Charoſt ſann ein wenig finſter nach. Es war ein Verdacht in ſeiner Bruſt, den er nicht gerne ausſprechen wollte, und das Benehmen der Frau von Giac gegen ihn war nicht von der Art geweſen, daß er mit dem jungen Mädchen darüber reden konnte. 38 „Ich liebe dieſe Frau von Giac nicht,“ ſagte er endlich. „Ich iebte ſie nie,“ antwortete Agnes.„Ich erinnere mich ihrer noch vor ihrer Verheirathung, und ich liebte ſie auch damals nicht; aber ich achte ſie jetzt noch weniger, nachdem ich länger als zehn Tage in ihrer Geſellſchaft geweſen bin. Iſt es nicht ſelt⸗ ſam, Herr von Brecy, daß Kinder ein ſolches Gefühl von den Charakteren der Menſchen haben, noch ehe ſie eine wahre Kenntniß von ihnen haben können? Sie war immer ſehr freundlich gegen mich, ſelbſt als Kind; aber ich dachte damals gerade wie jetzt von ihr, ob⸗ gleich ich jetzt vielleicht noch ſchlimmer von ihr den⸗ ken ſollte; denn ſeitdem hat ſie Manches zu mir ge⸗ ſagt, was ich nie gehört zu haben wünſchen möchte.“ „Wie ſo?“ fragte Jean Charoſt lebhaft.„Was hat ſie geſagt?“ „O! Vieles, was ich nicht ſagen kann— was ich vergeſſen will,“ antwortete Agnes mit gerötheter Wange.„Aber ihre allgemeine Unterredung mit mir gefällt mir nicht. Sie ſpricht von Recht und Unrecht, Redlichkeit und Unredlichkeit, als wäre kein anderer Unterſchied zwiſchen ihnen, als den die Prieſter und Rechtsgelehrten gemacht. Nach ihrer Meinung hängt Alles davon ab, was am Ende das Vortheilhafteſte iſt; und das iſt nach ihrer Anſicht das Vortheilhafteſte, was am meiſten Vergnügen gewährt.“ 8 39 „Sie mag Recht haben,“ entgegnete Jean Charoſt, „wenn ſie die künftige Welt und die gegenwärtige in Anſchlag bringt. Aber dennoch halte ich ihre Lehren für gefährlich und ich wünſchte nicht, daß eine Perſon, die ich achte, darauf hören möchte.. „Ich höre nicht darauf,“ verſetzte Agnes;„aber ſie lacht über mich, wenn ich ihr ſage, ich möchte es lieber nicht hören, und ſagt mir, die ganze Welt würde mir in zehn Jahren ganz verſchieden erſcheinen und meine Anſichten ſich ändern. Ich glaube es nicht. Glaubt Ihr es?“ „Ich kann es nicht ſagen,“ verſetzte Jean Charoſt; „aber ich hoffe es nicht; denn ich glaube, es würde beſſer für uns Alle ſein, wenn wir die Welt immer mit den Augen der Kindheit anſehen könnten. Es iſt wahr, es hat ſich in den letzten wenigen Monaten Vieles für mich geändert; aber es hat ſich traurig verändert, und ich wünſchte, ich könnte es anſehen, wie ich es vorher angeſehen. Das kann indeſſen nicht ſein, und ich vermuthe, wir ſind Alle beſtimmt, ob⸗ gleich die Männer mehr als die Frauen, Veränderun⸗ gen zu erleben.“ „Die Männer können ſie beſſer ertragen,“ ent⸗ gegnete Agnes.„Ein Sturm, der eine Blume knickt oder einen Schmetterling tödtet, vermag noch keine Eiche zu beugen oder einen Adler aufzuſcheuchen. Wir müſſen dulden, welches auch unſer Loos ſein möge; aber 40 ich denke oft, Herr von Brecy, wenn ich die Wahl ge⸗ habt hätte, wäre ich lieber ein Landmädchen— nicht eine Leibeigene, ſondern die Tochter eines Freigutsbe⸗ ſitzers geweſen, eine hohe, weiße Haube auf dem Kopfe und einen Milcheimer am Arme, als eine Hofdame mit all' dieſem Tande und allen dieſen Juwelen an mir. Wenn meine arme Mutter am Leben geblieben wäre, würde ich nie hieher gekommen ſein.“ So ſprachen ſie eine Zeitlang weiter, bis end⸗ lich angekündigt wurde, daß Martin Grille draußen warte. Jean Charoſt nahm von ſeiner ſchönen Ge⸗ ſellſchafterin Abſchied und ſprach im letzten Augen⸗ blicke ſeinen Dank aus für Alles, was ſie gethan, ihm zu dienen und ihn zu retten. Er war noch ſteif und ſchwach, und es war ihm, als wäre jeder Knochen in ſeinem Körper zerquetſcht und jede Muskel zerriſſen; aber mit Martin Grille's Hilfe gelang es ihm, das Hotel d'Orleans zu erreichen. —— Es war jetzt ganz dunkel, aber in dem oft er⸗ wähnten Vorſaale waren mehrere von den Dienern und Officianten des unglücklichen Herzogs verſammelt, unter welchen Jean Charoſt ſogleich bei dem trüben Lichte der Laternen die Geſichter des Kaplans und des Seeigneur André erkannte. Sobald der Letztere ihn, matt auf ſeinen Diener geſtützt, erblickte, rief er mit frohlockendem Lachen: 41 „Ah! hier kommt der lahme Sperling, der ſonſt ſo munter war!“ „Still, Narr!“ rief eine laute Stimme,„oder ich zerſchlage Dir den Schädel.“ Und Juvenel de Royans trat vor und reichte Jean Charoſt die Hand. „Laßt uns Freunde ſein, de Brecy,“ ſagte er. „Ich habe Euch Unrecht gethan. Ich habe thöricht— wie ein Knabe gehandelt— aber dieſe letzte, unglück⸗ liche Nacht und dieſer Tag haben einen Mann aus mir gemacht, und ich hoffe, ich bin klüger geworden, als ich mich je vorher gezeigt. Vergeßt das Vergan⸗ gene und laßt uns Freunde ſein.“ „Sehr gern,“ verſetzte Jean Charoſt;„aber ich muß auf mein Zimmer gehen, de Royans, denn um die Wahrheit zu ſagen, kann ich kaum meine Glieder fortſchleppen.“ „Fluch über die Kerle!“ rief de Royans.„Die grauſamen Ungeheuer! Einen Mann zu foltern wegen ſeiner Treue gegen ſeinen Herrn! Laßt Euch führen, de Brecy.“ Seinen ſtarken Arm durch Jean Charoſt's Arm ziehend, half er ihm beim Erſteigen der Treppe und legte ihn dann ſo ſanft, wie er es vermochte, auf ſein Bett nieder. Hier erhielt der junge Sekretair während des Abends Beſuch von verſchiedenen Mitgliedern des 7 Charoſt nicht umhin konnte, von der Anhänglichkeit 42 Haushalts, obgleich er in Wahrheit nicht in dem Zu⸗ ſtande war, ſie zu unterhalten. Lomelini kam mit ſeiner ſanften und etwas liſtigen Höflichkeit, um zu fragen, was er für den jungen Herrn thun könne— indem er nicht zweifelte, er werde einen hohen Rang in der Gunſt der Herzogin einnehmen. Der Kaplan kam, ſich zu entſchuldigen, daß er dem geheimen Rathe den Vorſchlag zu gewiſſen Fragen gemacht, und that es auf etwas lahme Weiſe. Monſieur Blaize beſuchte ihn, um der Handlungs⸗ weiſe des jungen Mannes in jeder Hinſicht ſeinen Beifall zu geben. „Thut Eure Pflicht ſo ritterlich im Felde, mein junger Freund, wie Ihr ſie heute vor dem geheimen Rathe gethan habt,“ ſagte er,„ſo werdet Ihr in der erſten Schlacht, die gefochten wird, Eure goldenen Sporen verdienen.“.. Mehrere von den Rittern des gemordeten Her⸗ zogs, mit welchen Jean Charoſt keine Bekanntſchaft gemacht hatte, kamen auch, um ihre Billigung auszu⸗ ſprechen; aber das Lob fiel in ein mattes und taubes Obr, denn Alles, was er in der letzten Zeit erlebt hatte, war von ernſtlicheren Folgen, als es anfangs ſchien. Martin Grille empfand ſo lebhafte und aufrich⸗ tige Freude über die Rettung ſeines Herrn, daß Jean 43 des guten Dieners gerührt zu werden. Aber als wahrer Franzoſe war er voll von ſeinem eigenen An⸗ theile an der Rettung des jungen Herrn, indem er ſich und ſeiner eigenen Geſchicklichkeit alle Ehre und alles Lob wegen des günſtigen Erfolges zuſchrieb. Anfangs bemerkte er in ſeiner Freude nicht, daß Jean Charoſt weder lächeln, noch ihm zuhören konnte, daß ſich ein rother Fleck auf ſeiner Wange zeigte und daß ſeine Augen blutroth und ſeine Lippen trocken wurden. End⸗ lich aber wurde Martin Grille von einigen unzuſam⸗ menhängenden Worten beunruhigt und er beſchloß, am Bette ſeines Herrn ſitzen zu bleiben und ihn zu über⸗ wachen. Vor dem Morgen mußte er einen Arzt rufen und darauf begannen alle damals in der Heilkunde gewöhnlichen Thorheiten. Vierzehn Tage lang war Jean Charoſt ſich völ⸗ lig unbewußt, ob er gut oder ſchlecht, freundlich oder unfreundlich behandelt werde, und nach Verlauf die⸗ ſer Zeit war das zurückkehrende Licht der Vernunft ſchwach und matt. Als er ſich ſeiner ſelbſt zuerſt völ⸗ lig bewußt wurde, lag er in einem kleinen Zöͤnmer, deſſen er ſich zu erinnern glaubte. Das Licht eines Frühlingstages ſtrömte durch ein offenes Fenſter mit der friſchen und balſamiſchen Luft herein, und die Ge⸗ ſtalt eines Mannes im mittleren Alter, der einen ſchwarzen Sammetrock trug, ging eben zur Thüre hinaus. 44 Die Augen des jungen Mannes richteten ſich von einem Gegenſtande zum andern. Da war ein kleiner Schreibtiſch, zwei oder drei hölzerne Stühle, ein meſſingener Wandleuchter, ein reinlicher Fußboden von Ziegelſteinen und ein elfenbeinernes Crucifix mit einem kleinen Gefäß mit Weihwaſſer darunter— lau⸗ ter Gegenſtände, an die ſeine Augen vor fünf oder ſechs Monaten gewöhnt geweſen. Auch der Geſtalt, die er hinausgehen ſah, mit ihrer ruhigen, ſicheren Haltung und ihrer unbefangenen Würde, erinnerte er ſich ſehr wohl, und er fragte ſich: „Bin ich wirklich noch in Jacques Coeur's Hauſe, und iſt die ganze Epiſode von Agnes und Juvenel de Royans, von der Gefangenſchaft und der Tortur und von dem Herzoge von Orleans Nichts als ein Traum?“ Drittes Kapitel. Eine Woche, vierzehn Tage, ein Monat— was iſt das in dem langen, unbegränzten Verlaufe der Zeit? Ein Punkt, ein bloßer Punkt, wobei das Auge der Erinnerung beim Rückblicke auf die Lebenszeit kaum verweilt, wenn nicht eine von jenen bezeichnenden That⸗ ſachen, welche beſondere Perioden dem Herzen unaus⸗ löſchlich einprägen, demſelben eine dauernde Bedeu⸗ tung verleihen. Doch wie viel läßt ſich ſelbſt in einem ſo kurzen Zeitraume thun! Man beſchränke ihn, wie man will— man mache eine einzige Stunde daraus — man feſſele dieſe Stunde an einen beſonderen Ort — und in jener Stunde und an jenem Orte können Thaten für die Ewigkeit aufgezeichnet werden, welche zur Zeit auf die ganze Erde Einfluß äußern und auf immerdar die Richtung, des ganzen Menſchenge⸗ ſchlechts beſtimmen. Niemand kann den Werth der Handlungen einer Stunde überſchätzen. 46 Während Jean Charoſt's Krankheit und Gene⸗ ſung bis zu der Zeit, wo er vollkommen ſein Be⸗ wußtſein wieder erlangte, waren Ereigniſſe um ihn her vorgegangen, die nicht nur auf ſein Schickſal, ſondern auch auf das Schickſal mächtiger Nationen Einfluß äußerten. Die Wirkung war indeſſen nicht unmittelbar, wohl aber klar und unabwendbar; und wir müſſen einen Augenblick in der häuslichen Ge⸗ verſtanden werden. 4 In Verwirrung und Schrecken, nur von weni⸗ gen Dienern begleitet, entfloh Johann von Burgund auf verſtohlene Weiſe aus Paris, nachdem er ſein auffallendes und kühnes Geſtändniß abgelegt, daß er ſeinen nahen Verwandten, den Bruder des Königs, habe ermorden laſſen.. Von dem Geſtändniſſe benachrichtigt, ſprachen der Herzog von Bourbon, ſein Oheim, und viele von den Mitgliedern des königlichen Rathes ihr hohes Mißfallen aus, daß der Herzog von Berri und der König von Sicilien ihn hatten hinausgehen laſſen, ſie begangen. Hätten ſie kühn und entſchieden nach Recht und Gerechtigkeit gehandelt, ſo würden ſie ſchichte, die wir erzählen, inne halten, um bei Er⸗ eigniſſen von allgemeiner Wichtigkeit zu verweilen, ohne deren Kenntniß unſere Geſchichte nur kaum würde ohne ihn gefangen zu nehmen, und vielleicht ſahen auch dieſe beiden Fürſten ſelber den Irrthum ein, den 47 Frankreich manche blutige Stunde, eine ſchwere Nie⸗ derlage und eine lange Unterjochung erſpart haben. Als aber die Zeit der Reue kam, war die Reue zu ſpät. Der Herzog von Burgund war fort und die Werkzeuge ſeiner Rache, obgleich er ſie kühn namhaft gemacht, waren ihrem Herrn gefolgt. Alle waren wie Verbrecher der Gerechtigkeit ent⸗ flohen, und ſo groß war ihr Schrecken und ihre Furcht vor der Verfolgung, daß ſie mit Zacken verſehene Ku⸗ geln hinter ſich in den Schnee warfen, um die Pferde ihrer Verfolger zu lähmen. Bei dieſer Flucht aber erlangte der Herzog von Burgund einigermaßen ſeinen Muth und das Bewußtſein ſeiner Würde wieder. Seine Lage war freilich noch immer gefährlich, denn er hatte Feindſchaft und Unwillen in den Herzen aller Prin⸗ zen von königlichem Blute und vieler der edelſten Männer Frankreichs erregt. Ja noch mehr, er hatte ſich die aufrichtigſten und ehrenvollſten ſeiner Anhän⸗ ger entfremdet, während der König ſelber, der eben von einem Anfalle des Wahnſinns hergeſtellt war, von jedem Gefühle der Zärtlichkeit, der Gerechtigkeit und Ehre beſtimmt wurde, den ſchamloſen Mörder ſeines Bruders zu beſtrafen. Es war keine Vorbereitung von irgend einer Wichtigkeit getroffen worden, um dieſer Gefahr zu begegnen, und der Herzog von Burgund wurde allein durch die zaudernden Berathungen alter und furcht⸗ 48 ſamer Männer gerettet, die ſo lange zögerten, bis es zu ſpät war, zu handeln. Inzwiſchen entſchloß ſich der Mörder zu ſeiner Handlungsweiſe. Er erkannte die That nicht nur an, ſondern verſuchte ſie auch aus ſo unvernünftigen und unweſentlichen Gründen zu rechtfertigen, daß ſie kein Kind täuſchen konnten und Niemand ſich ſtellte, als ob er ſich täuſchen laſſe. Er beſchuldigte ſein unglück⸗ liches Schlachtopfer verſchiedener Verbrechen, woran Louis von Orleans nie gedacht hatte— nach der Krone geſtrebt, der Geſundheit und dem Leben des Königs, ſeines Bruders, durch Zauberkünſte geſchadet zu haben. Kurz, er that Alles, um ſein Andenken zu ſchmähen und ſeine Ermordung als eine nothwen⸗ dige Handlung für die Sicherheit der Krone und des Landes darzuſtellen. Zu gleicher Zeit ſchickte er Boten an ſeine guten Bürger von Flandern, an ſeine Vaſallen von Artois, an alle ſeine nahen Verwandten, ſo wie an Alle, die er überreden oder denen er gebieten konnte, ihm Hülfe und Beiſtand zu leiſten gegen das rächende Schwert, von welchem er glaubte, daß es ihn verfolge; und bald ſah er ſich an der Spitze eines Heeres, mit wel⸗ chem er der Macht ſeines Königs Trotz bieten konnte. Lille, Gent und Amiens waren mit Bewaffneten an⸗ gefüllt, und Johann von Burgund fühlte bald, daß 49 die Ermordung ſeines Vetters das Geſchick Frankreichs in ſeine Hände legte. Während dies im Norden und Weſten geſchah, wurde eine verſchiedene Scene in Paris geſpielt— eine Scene, welche die ſämmtlichen Bürger hätte in Trauer verſetzen und zum Unwillen gegen den kühnen Mörder hätte aufregen ſollen. Die Herzogin von Orleans kam in tiefer Trauer, von ihrem jüngſten Sohne begleitet, nach Paris, warf ſich zu den Füßen ihres Schwagers, des Königs, und bat um Gerech⸗ tigkeit. Das Teſtament des gemordeten Fürſten wurde geöffnet, und wenn er gleich viele und auffallende Fehler an ſich gehabt hatte, ſo zeigte doch dieſes Pa⸗ pier den offenen und edlen Charakter des Mannes und war eine hinreichende Widerlegung der in Umlauf ge⸗ ſetzten ſchmachvollen Verleumdungen. So feſt und ſtark war ſein Vertrauen, ſo deutlich ſeine Abſicht, in jeder Hinſicht den zwiſchen ihm und dem Herzoge von Burgund geſchloſſenen Vertrag zu halten, daß er die Vormundſchaft ſeiner Kinder demſelben Manne übertrug, der auf ſo verrätheriſche Weiſe ſeine Er⸗ mordung veranlaßt hatte. Keiner von ſeinen Freun⸗ den, Keiner, der ihm je gedient hatte, war vergeſſen worden, und er zeigte die Ausdauer ſeiner Neigung, indem er ſich Vieler erinnerte, die er ſeit Jahren nicht geſehen hatte. Es war daher nicht wunderbar, daß Die, welche ihn kannten und liebten, mit ſtarker An⸗ Agnes Sorel. III. 4 50 hänglichkeit und Verehrung die Erinnerung an ihn feſthielten, wenn auch manche ſeiner Handlungen dies nicht verdienen mochten. Es wäre nicht zu verwun⸗ dern geweſen, wenn die Pariſer nach dem edlen Schluß⸗ acte ſeines Lebens ſeine Fehler vergeſſen und ſeinen Charakter verehrt hätten. Aber die Volksmenge in allen großen Städten gleicht den Jagdhunden, wel⸗ chen die Stimme des Jägers zurufen muß, damit ſie nicht Alles, was ihnen vor Augen kommt, als gute Beute anſehen; und die große Maſſe in Paris iſt ge⸗ wiſſenloſer in ihrer Wuth, als irgend eine auf Erden. Das Glück war auf Seiten des Herzogs von Burgund, und leider auch Kühnheit, Entſchiedenheit und Geiſt. Er hielt eine Conferenz mit dem Herzoge von Berri und dem Könige von Sietllien in ſeiner eigenen Stadt Amiens, die mit ſeinen Reiſigen an⸗ gefüllt war. Er ließ über der Thür des beſcheidenen Hauſes, worin er wohnte, zwei über einander gekreuzte Lanzen anbringen, die eine mit ſtählerner Spitze ver⸗ ſehen, die andere ohne dieſelbe und mit einer Guir⸗ lande umwunden— ein bedeutungsvolles Zeichen, daß er zum Frieden oder zum Kriege bereit ſei. Die Vor⸗ würfe der Fürſten wies er mit Frechheit zurück und behandelte ihre Rathſchläge und Vorſtellungen mit Ver⸗ achtung. Anſtatt nach Paris zu kommen und ſich demüthig dem Könige zu unterwerfen, wie ſie ihm anriethen, marſchirte er mit einer großen Macht nach St. Denis und zog dann nach einem Bedenken von drei Tagen, vom Kopfe bis zu den Füßen gerüſtet, unter dem Beifalle des Volks in die Hauptſtadt ein. Das Hotel d'Artois, welches ſchon ein beträcht⸗ lich feſter Ort war, erhielt noch mehr Feſtungswerke, und alle Häuſer, die es umgaben, waren mit Bewaff⸗ neten angefüllt. Aber beſondere Sorgfalt wurde an⸗ gewendet, daß die Soldaten keine Execeſſe gegen die Bürger begingen; und obgleich er ſeinem Könige auf⸗ dem Throne Trotz bot und den königlichen Rath in Schrecken ſetzte, ſo zeigte er ſich doch mit der wahren Kunſt eines Demagogen demüthig und höflich gegen den niedrigſten Bürger, ſchmeichelte Denen, die er verachtete, und ſuchte ſich unter jeder Klaſſe der Ge⸗ ſellſchaft, theils durch Beſtechung, theils durch Schre⸗ cken, Anhänger zu verſchaffen. Ueberall folgte ihm das Volk und rief ſeinen Namen, und nach und nach ſank der unglückliche König, unterdrückt von ſeinem eigenen Vaſallen, wenn auch verehrt von ſeinem Volke, in jenen beklagenswerthen Zuſtand zurück, von wel⸗ chem er erſt kürzlich hergeſtellt war. Dies war der Zuſtand von Paris, als Jean Charoſt ſeinen Kopf erhob und ſich in dem Zimmer umſah, in welchem er lag. Sein Blick war trübe, ſein Gehirn ein wenig ſchwindlig; er fühlte ſich ſo ſchwach, wie in der Kindheit; doch war es ein Ver⸗ guügen, ſich wieder in jenem kleinen Zimmer zu fin⸗ . 4* 5² den, ſich einzubilden, als lebe er wieder im Mittel⸗ ſtande, und zu glauben, daß ſeine Erfahrung vom Hofleben nur ein Traum ſei. Welch' eine Satire auf alle jene Gegenſtände, die ſo manchen Mannes eitles Streben bilden! Als er das Fenſter, die Thür und alle die klei⸗ nen Gegenſtände vor ſeinen Augen angeblickt hatte, wendete er ſich matt um und ſah die näheren Gegen⸗ ſtände an. Er glaubte einen Seufzer dicht neben ſeinem Bette zu hören; aber ein Vorhang umgab den oberen Theil des Bettes, ſo daß er nur etwas von einem ſchwarzen Damenkleide ſehen konnte, welches in weiten Falten niederfiel. 1 Das geringe Geräuſch, welches er beim Um⸗ wenden machte, ſchien die Aufmerkſamkeit der Dame zu erregen. Der Vorhang wurde leiſe zurückgezogen und er erblickte das Geſicht ſeiner Mutter, die ihn lebhaft anſah. O! es war ein lieblicher Anblick und er lächelte ſie an mit der Liebe, die nur ein Sohn für eine Mutter empfinden kann.. „Mein Sohn— mein lieber Sohn!“ rief ſie, „Du biſt beſſer. O ja, Du biſt beſſer!“ Zur Thüre eilend, rief ſie dem Manne zu, der eben hinausgegangen war: „Maitre Jacques, Maitre Jacques! Er iſt jetzt wach und er erkennt mich!“ „Leiſe, leiſe, liebe Dame,“ ſagte Jacques Coeur, in das Zimmer zurückkehrend.„Wir müſſen vollkom⸗ mene Stille haben und Alles wird gut gehen.“ Die Wittwe ſetzte ſich nieder und weinte; der gute Kaufmann nahm an der Seite des jungen Man⸗ nes Platz, blickte mit väterlichem Lächeln auf ihn nie⸗ der, umfaßte ſein Handgelenk und ſagte: „Ja, der ſyriſche Trank hat Wunder gethan. Kannſt Du reden, mein Sohn?“. Jean Charoſt antwortete mit viel ſtärkerer Stimme, als man hätte erwarten ſollen; aber Jacques Coeur verſank, während er ſprach, in Nachdenken, welches zwei bis drei Minuten währte, und der junge Mann wendete ſich wieder zu ſeiner Mutter, als der gute Kaufmann, wie mit ſich ſelber redend, murmelte: „Ich weiß nicht recht, wie ich handeln ſoll. Es ſind Gefahren auf allen Seiten. Höre mich an, mein Sohn, aber mit vollkommener Ruhe; und gieb mir ſelber eine Antwort, die ich dem großen Manne ſen⸗ den kann, deſſen Bote unten wartet. Vor zwei Ta⸗ gen hörten wir, daß der Herzog von Burgund ſich nach Dir erkundigt habe, wo Du zu finden wäreſt und wann Du das Hotel d'Orleans verlaſſen. Heute hat er einen Herrn hergeſchickt, um zu fragen, ob Du in ſeine Dienſte treten wolleſt. Er bietet Dir die Stelle ſeines zweiten Leibknappen an und verſpricht Dir bei erſter Gelegenheit die Ritterw ürde. Was ant⸗ worteſt Du darauf, Jean?“ 54 Jean Charoſt dachte einen Augenblick nach, fuhr dann mit der Hand über die Stirn und ſagte endlich: „Es wird am beſten ſein, ihm zu ſagen, daß ich zu krank bin, um zu antworten oder auch nur zu denken, ihm aber in wenigen Tagen entweder ſelber aufwarten oder ihm meine Antwort ſenden werde.“— „Weiſe entſchieden,“ ſagte Jacques Coeur auf⸗ ſtehend.„Dieſe Antwort wird genügen.“ Und das Zimmer verlaſſend, ließ er die Thür hinter ſich offen, ſo daß der junge Mann wörtlich hören konnte, wie er die Botſchaft ausrichtete und nur hinzuſetzte: 5 „Er ſendet Seiner Hoheit ſeinen ſchuldigen Re⸗ ſpect und läßt ſagen—“ Eine rauhe Stimme entgegnete in etwas hoch⸗ müthigem Tone:. „Iſt er denn ſo ſehr krank, Herr Kaufmann? Seine Hoheit der Herzog wünſcht in allen Fällen zu wiſſen, wer für ihn und wer gegen ihn iſt. Ich hoffe daher, daß Ihr mir die Wahrheit ſagt.“ „Ihr könnt hinaufgehen und zuſehen,“ antwor⸗ tete Jacques Coeur;„aber ich muß Euch bitten, nicht mit ihm zu reden, um ihn nicht zu ſtören.“ Die andere Stimme gab keine Antwort, aber im nächſten Augenblicke hörte Jean Charoſt einen ſchwe⸗ ren Fußtritt die Treppe heraufkommen und ein gut. ausſehender Mann mit etwas ſtrengem Geſichte zeigte 2 5 ſich, völlig gerüſtet und mit aufgeſchlagenem Viſir, im Thüreingange. Er ſah indeſſen nur hinein, denn das blaſſe Geſicht und die abgemagerte Geſtalt des jungen Herrn ſchienen ſogleich ſeine Zweifel zu beſeitigen. „Es iſt gut,“ ſagte er.„Ich kann jetzt ſagen, was ich geſehen habe. Der Herzog wird in einigen Tagen eine Antwort erwarten. Wenn er ſtirbt, wer⸗ det Ihr Seine Hoheit davon in Kenntniß ſetzen, denn ich kann Euch ſagen, es ſind Viele begierig, den Po⸗ ſten zu erhalten.“ So redend, wendete er ſich um und ſchloß die Thür, und die Baroneſſe de Brecy rief: „Gott verhüte, daß Du ſterben oder jenem böſen Manne dienen ſollteſt, mein Sohn!“ „So ſage ich auch,“ entgegnete Jean Charoſt. „Ich weiß freilich nicht, warum Ihr ſo von ihm denkt, liebe Mutter; aber ich kann mich nicht von dem Verdachte frei machen, daß er die Ermor⸗ dung des Herzogs von Orleans begünſtigt, wenn nicht veranlaßt hat.“ „Weißt Du nicht, daß er es eingeſtanden hat?“ rief Frau von Brecy. Aber ihres Sohnes Geſicht wurde todtenblaß und Jacques Coeur fiel in mildem Tone ein: „Haltet ein, liebe Dame! Er kann ſolche Nach⸗ richten jetzt noch nicht ertragen. Er wird bald wohl genug ſein, um Alles hören zu können.“ 56 Dieſes Urtheil beſtätigte ſich. Von jenem Augen⸗ blicke an verlieh jede Stunde Jean Charoſt mehr Kräfte, und an dem Tage vor Anbruch der Nacht hörte er Manches, was von großer Wichtigkeit für ihn war. 4 Jetzt erfuhr er, daß die Herzogin von Orleans nach einem kurzen Beſuche in der Hauptſtadt, um die Beſtrafung der Mörder ihres Gemahls zu verlangen, es für gerathen gehalten, ſich nach Blois zurückzu⸗ ziehen und alle Diener des verſtorbenen Herzogs mit⸗ zunehmen. Da Jean Charoſt nicht in der Lage war, eine ſo weite Reiſe zu ertragen, ſo hatte ſie ihn Jacques Coeur's beſonderer Fürſorge empfohlen, der* auf die Nachricht von der Ermordung haſtig nach Paris geeilt war. Jean erfuhr auch jetzt, daß eine der letzten Handlungen des Herzogs geweſen, ihm eine Penſion von dreihundert Kronen— damals eine große Summe— auszuſetzen, und daß man ein an ihn adreſſirtes, mit dem Privatſiegel des Herzogs verſie⸗ geltes und mit der Aufſchrift:„Eigenhändig zu öff⸗ nen und allein zu leſen!“ verſehenes Packet unter den Papieren auf dem Schloſſe Beauté gefunden. Er hätte gern noch mehr gehört und die Unter⸗ redung über ſo intereſſante Gegenſtände verlängert; aber Jacques wollte ihm darin nicht willfahren, ſon⸗ dern theilte ihm die Nachrichten einzeln mit und vermied es ſo viel wie möglich, ihn aufzuregen. 4 Gegen Abend gewährte Martin Grille's Eintritt ein angenehmes Zwiſchenſpiel, deſſen Freude, ſeinen jungen Heern aus dem bewußtloſen Zuſtande erwacht zu ſehen, von dem er glaubte, daß er nur mit dem Tode enden würde, an ſich rührend war, obgleich ſie eine lächerliche Form annahm. Er tanzte im Zimmer umher, als hätte ihn eine Tarantel geſtochen; und während ſeines Tanzes fiel er auf ſeine Kniee und dankte Gott und der heiligen Jungfrau für die wun⸗ derbare Heilung ſeines jungen Herrn, die er allein dem Umſtande zuſchrieb, daß er für den Fall der Ge⸗ neſung Jean Charoſt's der Kirche Notre⸗Dame ein Wachslicht von drei Pfund gelobt. Seit der Ankunft der Frau von Brecy in Paris hatte ſie die Nacht⸗ wache bei ihrem Sohne mit Martin Grille gleich ge⸗ theilt, und wohl hatte der getreue Diener ſeine Auf⸗ gabe ausgeführt, denn ohne ſich darum zu bemühen, oder es nur zu wiſſen, hatte Jean Charoſt die be⸗ geiſterte Liebe und die Achtung eines Mannes gewon⸗ nen, der mit hoher Verachtung ſeiner geringen Erfah⸗ rung und vielleicht mit der Abſicht, eine gute Stelle ſo gut wie möglich zu benutzen, in ſeinen Dienſt ge⸗ treten war. Mit Recht hat man geſagt, daß Stärke des Cha⸗ rakters die kräftigſte aller moraliſchen Maſchinen iſt; denn ſie wirkt ſchweigend auf Alles, was ſich ihr nähert, und ſelbſt ohne das Bewußtſein Derjenigen, 58 die den Einflüſſen derſelben unterworfen ſind. Wie oft geſchieht es, daß wir einen Mann von nicht be⸗ ſonders glänzenden Gedanken, Weſen und Ausdruck in die Mitte ſtürmiſcher und unruhiger Geiſter kommen und ſie wie Binſen nach ſeinem Willen beugen ſehen! Einige meinen, es ſei die Beſtimmtheit, womit ſeine Gedanken ausgedrückt, oder die Klarheit, womit ſie aufgefaßt werden, die Sicherheit ſeiner Entſcheidungen, was ihm dieſe Macht verleiht; wenn wir aber genauer hinblicken, werden wir finden, daß es die Stärke des Charakters iſt— eine Eigenſchaft des Geiſtes, welche die Menſchen in Anderen mehr fühlen, als bemerken, und der ſie ſich oft fügen, ohne zu wiſſen, wie und warum. Der folgende Morgen glich einem unartigen Kinde, welches finſter ausſieht und Thränen vergießt; aber Jean Charoſt erwachte erfriſcht und geſtärkt nach einem langen natürlichen Schlummer. Seine Mutter war wieder an ſeinem Bette und fand Vergnügen daran, ihm zu erzählen, wie ſorgfältig Martin Grille alle ſeine kleinen Schätze im Hotel d'Orleans aufbe⸗ wahrt habe, zu einer Zeit, wo die Ermordung des Herzogs alle beſſeren Mitglieder des Haushalts in Schrecken und Verwirrung geſetzt und das Haus ſelber eine beträchtliche Zeit den Schurken und Gaunern überlaſſen habe, die in einer großen Hofhal tung nie⸗ mals fehlen. 59 Sie wurde in ihrem Berichte durch den Eintritt deſſelben Mannes, von dem ſie ſprach, geſtört, und zu gleicher Zeit erhob ſich ein lautes Geſchrei und Hurrahrufen auf der Straße, was Jean Charoſt ver⸗ anlaßte zu fragen, ob der König vielleicht vor⸗ überziehe. „Nein, edler Herr,“ antwortete Martin Grille. „Es iſt des Königs König. Aber, bei meinem Leben, der Herzog von Burgund fürchtet nicht ſehr, ſeine Rüſtung zu verderben, ſonſt würde er nicht bei ſolchem Wetter durch die Straßen reiten.“ „Iſt er denn gerüſtet?“ fragte Jean Charoſt. „Vom Kopfe bis zu den Füßen,“ antwortete ſeine Mutter. „Er hat faſt immer vier bis fünf Hundert Reiſige bei ſich,“ fügte Martin Grille hinzu.„Einen ſolchen Anblick ſah man nie in Paris. Aber ich muß gehen und Nachrichten einziehen; denn in dieſen Zeiten ſollte Jeder wiſſen, was ſein Nachbar thut.“ „Ich denke, ſo viel wirſt Du nicht erfahren,“ ſagte Jean Charoſt. 4 3 „Ich werde ſo viel Nachrichten erhalten, wie ich bedarf,“ fuhr der Diener mit weiſem Kopfnicken fort. „Ich habe einen Singvogel bei Hofe, der mir immer die Wahrheit ſingt.“ Und fort eilte er, um Nachrichten einzuziehen. Während ſeiner Abweſenheit wurde eine Bera⸗ thung zwiſchen Frau von Brecy, ihrem Sohne und Jacques Coeur gehalten, was in Betreff der Votſchaft des Herzogs von Burgund zu thun ſei. „Wir haben den üblen Tag nur aufgeſchoben,“ ſagte Jacques Coeur,„und eine Antwort muß bald gegeben werden.“ „Meine Antwort kann nur eine ſein,“ entgeg⸗ nete Jean Charoſt,„daß ich niemals einem Mörder dienen will, noch viel weniger dem Mörder meines theuren Herrn.“ Frau von Brecy ſah unruhig aus und Jacques Coeur's Geſicht wurde ſehr ernſt. „Ihr würdet es doch nicht wollen, liebe Mut⸗ ter?“ ſagte Jean, ſich aufrichtend und ihr in's Ge⸗ ſicht ſehend.„Und Ihr werdet es auch nicht wün⸗ ſchen, mein guter und ehrenwerther Freund?“ „Nein, Jean, nein,“ antwortete Jaeques Coeur; „aber eine ſolche Antwort iſt gefährlich, und ehe ſie ertheilt wird, müſſen wir außer dem Bereiche des ſtar⸗ ken Armes ſein, der in dieſer Hauptſtadt Alles be⸗ herrſcht. Du haſt erfahren, mein Sohn, wie die großen Männer gegen Diejenigen handeln, die es wa⸗ gen, ſich ſelbſt ihren ungerechteſten Befehlen zu wider⸗ ſetzen. Verlaſſe Dich darauf, der Herzog von Bur⸗ gund wird kein Bedenken tragen, zu Handlungen zu ſchreiten, die ſelbſt der geheime Rath des Kö gut zu heißen wagen würde. Warum er Dich in ſei⸗ 61 nen Dienſt zu nehmen wünſcht, kann ich nicht ſagen, aber daß er es lebhaft wünſcht, iſt einleuchtend, und die Weigerung wird ſelbſt in der mildeſten Form ſehr gefährlich ſein.“ „Es ſagte ihm einſt ein Aſtrolog, daß eine ge⸗ geheimnißvolle Verbindung zwiſchen ſeinem und mei⸗ nem Sidſate nh efn ſei,“ ſagte Jean Charoſt. „Das iſt der einzige Beweggrund, den er haben kann.“ „Vielleicht,“ verſetzte Jacques Coeur gedanken⸗ voll, und fügte dann hinzu:„Und doch weiß ich es nicht. Seine Hoheit läßt ſich nicht durch geheimniß⸗ volle Vorbedeutungen leiten. Sie mögen Einfluß auf ſeine Gedanken haben, aber nicht auf ſeine Handlun⸗ gen. Wenn man ihm geſagt hätte, daß ſein Tod auf den Tod des armen Herzogs folgen werde, ſo würde er ihn dennoch getödtet haben. Er muß etwas an Dir bemerkt haben, mein junger Freund, was ihm gefällt und wovon er denkt, daß es ſeinen Zwecken entſprechen wird.“ „Er hat wenig von mir geſehen, was ihm hätte gefallen können,“ antwortete Jean Charoſt.„Er hat geſehen, wie ich mich ausdrücklich weigerte, ſeinem eigenen Befehle zu gehorchen, und dann dem gehei⸗ men Rathe die verlangte Auskunft nicht ertheilen wollte, obgleich man verſuchte, ſie mir durch die Fol⸗ ter abzunöthigen.“ —„Wahrſcheinlich aus derſelben Urſache,“ bemerkte 6² Jacques Coeur.„Er liebt Männer von u Entichloſen heit. Aber laßt uns zur Sache zurückkehren, mein jun⸗ ger Freund. Deine Antwort muß ein wenig bemben werden. Wir müſſen ſagen, Du wäreſt noch nicht ſo weit wieder hergeſtellt, um in Dienſte zu treten— Du müßteſt einige Monate Ruhe haben, und dann würdeſt Du gern allen gerechten Beſehlen gehorchen.“ „Nimmermehr! nimmermehr!“ antworrete Jean Charoſt mit Wärme.„Ich will nimmermehr mit meiner Treue und Pflicht gegen den Todten mein Spiel treiben. Wenn ich je eine Lanze gegen die Bruſt dieſes Herzogs einlegen kann, ſo will ich gut zielen, und die Erinnerung an meinen Herrn wird meinen Arm ſicher machen; aber dienen will ich ihm nimmer, noch ihn veranlaſſen, es zu erwarten.“ Jaecques Coeur und Frau von Brecy ſahen ein⸗ ander ſchweigend an; aber ſie drangen nicht weiter in ihn, und die einzige Frage, die ſie beſchäftigte, war, was zu thun ſei, um die Sicherheit des jungen Mannes in Folge eines Entſchluſſes, den ſie nicht zu mißbilligen wagten, nicht zu gefährden. Während ihrer Berathung kehrte Martin Grille mit Nachrichten zurück, die nicht ganz angenehmer un waren. „Was zu thun iſt, weiß ich nicht,“ gte er mit einigem Zaudern.„Ich kann und will Euch nicht 63 verlaſſen, mein Herr, was auch daraus werden möge.“ „Was giebt's, Martin?“ fragte Jacques Coeur. „Sei ruhig, ſei ruhig, junger Mann, und erzähle uns deutlich, was geſchehen iſt.“ „So hört denn,“ ſagte Martin Grille leiſe redend.„Es iſt ein geheimer Befehl ertheilt worden, dieſe Nacht um zwölf Uhr alle Orleaniſten, die noch in Paris ſind, zu verhaften. Es iſt wahr— es iſt außer allem Zweifel. Ich weiß es von dem kleinen Jean, und der hat es von ſeinem Vater, dem alten Caboche, gehört, der jetzt einer der eifrigſten Anhänger des Herzogs von Burgund in Paris iſt.“ „Daßmüſſen wir uns ſogleich auf den Weg machen,“ ſagte Jacques Coeur.„Wie groß auch die Gefahr ſei, wir müſſen verſuchen, ob Du die Bewe⸗ gung der Sänfte ertragen kannſt, Jean.“ „Aber alle Thore ſind geſchloſſen, außer zweien,“ ſagte Martin Grille,„und man läßt Niemand hinaus, ohne einen Paß. Die Nachricht iſt überall bekannt. Die Königin iſt geſtern nach Melun abgereiſ't. Der König von Sicilien, der Herzog von Berri und der Herzog von der Bretagne ſind dieſen Morgen ent⸗ flohen. Der Herzog von Bourbon iſt längſt fort, und die Burgunder ſind entſchloſſen, daß nicht mehr ent⸗ fliehen ſollen.“ Jacques Coeur blickte finſter auf den Boden 64 nieder und Frau von Brecy rang verzweiflungsvoll die Hände. „Geht, geht, mein Freund,“ ſagte Jean Charoſt. „Ihr ſeid nicht als Orleaniſt bezeichnet. Nehmt meine Mutter mit Euch. Gott kann mich ſelbſt hier be⸗ ſchützen. Wenn es nicht ſein ſoll, ſo geſchehe ſein Wille.“ „Halt, halt!“ rief Martin Grille.„Mir iſt ein Mittel eingefallen, welches vielleicht gelingen wird. Viele von den burgundiſchen Edelleuten ſind arm. Könnt Ihr nicht einem von ihnen tauſend Kronen borgen, Herr Jacques, und dafür einen Paß für Euch und Eure Familie bekommen? Er wird ihn Euch gewiß gern geben, um einen Gläubiger den Rücken wenden zu ſehen. Ich bin gewiß, mein junger Herr wird Euch das Geld zurückzahlen.“ „Mir zurückzahlen!“ wiederholte Jacques Coeur unwillig.„Aber Euer Wink iſt gut, und ich will darnach handeln, wenn auch nicht gerade ſo, wie Ihr vorſchlagt. Einige von ihnen ſind mir ſchon genug ſchuldig, um zu wünſchen, daß ich aus Paris entfernt ſein möge. Sage allen meinen Leuten, daß ſie ſich zur augenblicklichen Abreiſe bereit halten und eine Sänfte für zwei Perſonen anſchaffen. Ich will ſo⸗ gleich fort und zuſehen, was ſich thun läßt.“ „Nehmt Leute mit Euch, die fechten können, Herr Jacques,“ ſagte Martin Grille lebhaft,„denn bur⸗ 65 gundiſche Soldaten ziehen durch die Straßen. Ich verſtehe mich nicht auf's Fechten, und mein junger Herr iſt jetzt eben ſo übel daran, wie ich.“ „Wir müſſen ſehen, wie es uns ergeht,“ ſagte Jacques Coeur und verließ das Zimmer. Agnes Sorel. III. 5 Viertes Kapitel. Es war nach zehn Uhr Abends, als eine Sänfte, von vier Männern zu Pferde begleitet, die Thore von Paris paſſirte. Es fand ein kurzer Aufenthalt ſtatt, ehe die Wachen an den Thoren die Geſellſchaft vorüber⸗ laſſen wollten, und Einer von den Leuten ging in das Wachthaus und brachte eine Laterne heraus, um das Innere der Sänfte und die Geſichter der Reiter in Augenſchein zu nehmen. Er wendete ſie auch an, um den Paß anzuſehen, wovon er freilich, obgleich er ein Officier von einiger Bedeutung war, kein Wort leſen konnte. In dieſer Hinſicht war keiner ſeiner Kameraden in einer beſſeren Lage, als er, und alle erklärten, die Handſchrift ſei ſo ſchlecht, daß ſie kein Menſch leſen könne. Anfangs ſchien es, als ob dieſe Unlesbarkeit der Handſchrift, oder die fehlende Leſe⸗ fähigkeit von Seiten der Wache zu einer Entſchul⸗ digung würde benutzt werden, die ganze Geſellſchaft zurückzuhalten, bis Jemand mit beſſeren Augen oder 67 mit beſſeren Fähigkeiten herbeikommen würde. Aber einer von den Reitern ſtieg ab und ſagte: „Ich will es Euch vorleſen.“ Dann ſah er dem Officier über die Schulter und begann folgendermaßen zu leſen: „Ich, Wilhelm, Marquis von Giac, befehle Euch hiemit, im Namen des hohen und mächtigen Fürſten Johann, Herzog von Burgund, ungehindert durch die Thore von Paris paſſiren zu laſſen: Maitre Jacques Coeur, Kaufmann, nebſt Frau, Sohn und drei Dienſt⸗ leuten, und ihnen im Nothfall Schutz und Beiſtand angedeihen zu laſſen. Unterzeichnet: de Giac.“ „Heißt es ſo?“ fragte der Officier, auf das Pa⸗ pier ſtarrend. „Ja, ſeht Ihr nicht?“ antwortete Jacques Coeur, mit dem Finger deutend:„Die Thore der Stadt Paris paſſiren zu laſſen.“ „Nun gut, ſo paſſirt,“ ſagte der Mann. Und ſein Pferd wieder beſteigend, ritt der Kaufmann wei⸗ ter und die Sänfte folgte. Seltſam genug, Martin Grille ſchwieg die ganze Zeit über; aber noch waren ſie nicht weit gekommen, da näherte er ſich der Sänfte, ſtreckte ſeinen Kopf hinein und fragte, wie ſein junger Herr ſich befinde. „Beſſer, Martin, beſſer,“ verſetzte Jean Charoſt. „Ich befinde mich jede Stunde beſſer.“ „Nun, Gott ſei Dank, wir ſind aus der Stadt!“ 5* — 68 ſagte Martin Grille.„Mein Herz iſt mir in dieſer letzten Stunde ſo oft im Munde geweſen, daß ich glaubte, ich müßte darauf beißen, wenn ich nur ein Wort ſagte. Und es ſoll mich wundern, welchen Weg wir jetzt nehmen werden.“ „Nach Bourges, Martin,“ verſetzte Jacques Coeur, der in der Nähe ritt. „Nach Bourges!“ wiederholte Martin Grille. „Was ſoll da aus dem Kinde werden?“ „Dem Kinde!“ wiederholte Frau von Breey im Tone eben ſo großer Ueberraſchung, wie Martin die Worte:„Nach Bourges,“ wiederholt hatte.„Um des Himmelswillen, welches Kind?“ 3 Jean Charoſt legte ſeine Hand ſanft auf die ſeiner Mutter und ſagte: „Es iſt ſehr wahr, liebe Mutter. Ein Kind, ein kleines Kind, iſt meiner Fürſorge anvertraut wor⸗ den, und ich habe verſprochen, es zu beſchützen und zu erziehen.“ „Aber weſſen Kind iſt es?“ fragte Frau von Brecy mit einiger Unruhe und Beſtürzung. „Ich kann es nicht ſagen,“ verſetzte ihr Sohn. „Ich glaube, ſie iſt eine Waiſe, aber ich bin mit den Thatſachen unbekannt.“ „Sie iſt eine Waiſe in doppeltem Sinne,“ ſagte Jaeques Coeur, ſich in die Unterredung miſchend; „wenigſtens glaube ich es. Es iſt freilich nur eine 69 Vermuthung, aber die Vermuthung iſt ſtark. Ja, ja, mein junger Freund— Du biſt überraſcht, daß ich etwas von dieſer Sache weiß; aber eines Freundes Auge iſt oft ebenſo wachſam, wie das eines Vaters. Ich ſah das Kind einige Tage, nachdem es Deiner Fürſorge übergeben worden war, und es iſt eine große Aehnlichkeit— ſo groß, wie ſie nur zwiſchen einem Kinde und einer erwachſenen Perſon ſein kann— zwiſchen dieſem armen Kinde und Einer, die nicht mehr iſt.“ „Und wem?“ fragte Jean lebhaft. „Einer, die Du nie geſehen,“ verſetzte Jacques Coeur. Jean Charoſt ſchwieg, denn obgleich er ſelber Vermuthungen hegte, waren ſeines Freundes Worte denſelben doch völlig zuwider. „Das war ein guter Einfall, Martin,“ fuhr Jacques Coeur nach einer kurzen Pauſe fort.„Es wird beſſer ſein, über Beauté zu reiſen. Es iſt kein großer Umweg, und wir werden nur um ſo eher zu den Poſten der Partei Orleans kommen, denn ſie rüſten ſich bereits zum Kriege. Wir können das Kind nicht mit uns nehmen, denn es iſt noch zu klein, um ohne Wärterin zu reiſen; aber wir können Anordnun⸗ gen treffen, daß es uns ſpäter nachkommt; denn natür⸗ lich muß das buchſtäblich erfüllt werden, was Ihr ver⸗ ſprochen, mein junger Freund, und wäre auch Euer 70 hättet.“ Leben in Gefahr geweſen, wenn Ihr Euch geweigert „Gewiß,“ verſetzte Jean Charoſt.„Können wir Beauté dieſe Nacht noch erreichen?“ „Ich fürchte nicht,“ antwortete der Kaufmann. „Aber wir müſſen weiterziehen, bis wir die Gefahr hinter uns haben. Nun ziehe die Vorhänge der Sänfte wieder zu und verſuche zu ſchlafen, mein Sohn. Im Schlafe vergehen die langweiligen Stunden am ſchnellſten.“ Aber obgleich die Sänfte langſam genug weiter⸗ ging, währte es doch lange, ehe der Schlummer ſich Jean Charoſt's Augen näherte, und er hatte ſie eben geſchloſſen, als die Worte:„Halt! Halt! wer Ihr auch ſein mögt!“ nebſt Pferdehufſchlägen und Waffen⸗ geklirr von allen Seiten gehört wurden. Frau von Brecy und ihr Sohn zogen augenblicklich die Vor⸗ hänge zurück und dann fanden ſie, daß ſie von einer großen Schaar von Reiſigen umringt waren, wovon zwei oder drei ein wenig voraus ſich mit Jacques Coeur unterredeten. 3 Der Mond hatte ſich geſenkt, doch beſchien er die Geſichter mehrerer von der Gruppe, und nachdem Jean Charoſt einige Augenblicke hinausgeſehen hatte, rief er: 4 „De Royans— Monſieur de Royans!“ Anfangs wurde ſeine ſchwache Stimme nicht be⸗ achtet; als er aber den Ruf wiederholte, wendete ſich einer von den Reitern raſch um und ritt an die Seite der Sänfte. „Ah! de Breey, ſeid Ihr es?“ rief der junge Mann, ihm ſeine Hand reichend.„Hier, Herr Soundſo, jetzt wollen wir Euch glauben; denn es iſt Einer unter Euch, der genug für ſeine Treue gegen den guten Her⸗ zog gelitten hat. Nun, wie iſt dies, de Brecy? In einer Sänfte, während wir eines Mannes im Sattel bedürfen? Aber ich hörte, daß Ihr ſehr krank waret. Ihr müßt bald beſſer werden und an meiner Seite männlich fechten, zum Andenken an unſeren guten Herrn, den man vor ſeiner Zeit zum Himmel geſen⸗ det. O! wenn ich nur einen Schlag auf die Bruſt jenes Burgund führen dürfte, würde ich beſſer zielen, als damals auf die Quintane. Ihr ſollt mit uns nach Juviſy kommen, dort wollen wir Euch unter⸗ bringen und bewirthen.“ Mit dieſen Worten wendete ſich Juvenel de Royans ab, ritt zu ſeinen Begleitern zurück und er⸗ theilte ihnen Erklärungen, welche genügend ſchienen; denn man ließ den Kaufmann und ſeine Geſellſchaft nicht nur ruhig weiter ziehen, ſondern begleitete ſie auch mit vierzig oder funfzig Reiſigen nach Juviſy. Keins von den vielen moraliſchen Räthſeln, wo⸗ von wir umgeben ſind, iſt ſchwerer zu begreifen für einen Mann von feſtem und entſchloſſenem Charakter, 72 als die plötzlichen Veränderungen, die mit flatterhaften und von Impulſen getriebenen Perſonen vorgehen. Das Benehmen des jungen Juvenel de Royans war während der Reiſe ein Gegenſtand des Nachdenkens für Jean Charoſt. Er ſchien gänzlich verändert nicht nur in ſeinen Gefühlen gegen den jungen Mann ſel⸗ ber, ſondern auch in ſeiner ganzen Gemüthsart. Un⸗ befangen, thätig und ungeſtüm wie immer, hatte er im Verlaufe einiger ſchrecklichen Wochen die knabenhafte Geziertheit des Benehmens verloren und ſogleich den männlichen Charakter angenommen. Jean Charoſt konnte es durchaus nicht verſtehen, und es ſchien ihm ſehr ſeltſam, daß ein junger Mann, der ihm noch vor einem Monate gern die Kehle abge⸗ ſchnitten hätte, ihn jetzt, nachdem ein ſehr ſchwaches Band zwiſchen ihnen geknüpft worden, wie einen alten und theuren Freund behandelte. De Brecy war von Geburt und Erziehung weniger Franzoſe, als Juvenel de Royans; denn der Letztere war in dem lieblichen und ſorgloſen Süden geboren, und man hatte ihm in ſeinem früheren Leben Vieles nachge⸗ ſehen und ihn ſogar verzogen, während der Erſtere das Licht der Welt in nördlicheren Regionen erblickt und ſehr frühe und ſtrenge Lektionen im Unglücke erhalten hatte. Keiner von Beiden hatte vielleicht einen be⸗ ſtimmten Begriff von den wahren Urſachen ihrer frü⸗ heren Feindſchaft; aber Jean Charoſt war wenigſtens — ſehr zufrieden, daß die Sache ein ſolches Ende ge⸗ nommen, und da er von keiner rachſüchtigen Gemüths⸗ art war, nahm er die angebotene Freundſchaft ſeines früheren Gegners freudig an, obgleich er ſie wegen ihrer Plötzlichkeit unter ihrem Werthe anſchlug. Er wußte nicht, daß einige Bäume ſehr raſch wachſen, aber dennoch höchſt ſchätzbar ſind. Fünftes Kapitel. Wir wollen die franzöſiſche Geſchichte abkürzen und verbeſſern. So wie ſie gewöhnlich geſchrieben wird, iſt ſie der Abkürzung und Verbeſſerung fähig. Die Macht des Herzogs von Burgund war unbe⸗ ſchränkt in der Stadt Paris und ſeine Kühnheit und Grauſamkeit waren grenzenlos. Er erinnerte ſich alter Beleidigungen ebenſo beharrlich, wie der Herzog von Orleans früherer Dienſte; und Jeder, der zu irgend einer Zeit Feindſchaft gegen ihn gezeigt, ſuchte ent⸗ weder Rettung in der Flucht oder mußte reichliche Be⸗ weiſe ſeiner Rachſucht erfahren. Aber er beſaß Ge⸗ ſchicklichkeit ſo wie Kühnheit, und beſonders jene liſtige und politiſche Geſchicklichkeit, die den Demago⸗ gen lehrt, die beſten und weiſeſten Handlungen eines Gegners in den Augen des Volks zu ſeinem Nachtheile zu wenden und ſeine eigenen ſchlimmſten Thaten zum Dienſte ſeines eigenen Ehrgeizes zu benutzen. 75 O wie thöricht iſt das Volk! Stets läßt es ſich hintergehen durch Heuchelei und Lügen; ſtets wird es getäuſcht durch Verſprechungen und Vorſpiegelungen; ſtets liebt und unterſtützte es die, welche in ihrem Her⸗ zen das Volk am meiſten verachten. Jener große, vielköpfige Thor folgt dem Wege des Herzogs überall, wo er erſchien, mit Beifallruf, wenn gleich die Uebel, woran die Maſſen litten, ungeachtet aller ſeiner Ver⸗ ſprechungen, durch ſeine Herrſchaft eher vermehrt, als ver⸗ mindert wurden. Ein gedungener Sophiſt vertheidigte die Ermordung des Herzogs von Orleans in Gegen⸗ wart des Hofes und der Univerſität, und das Volk rief ihm laut Beifall zu, obgleich die Entſchuldigung zu leer war, um ein Kind zu täuſchen. Der Herzog erklärte, daß die ſchlechte Verwaltung des Herzogs von Orleans die Fortdauer der Steuern nöthig mache, deren Abſchaffung man verſprochen, und das Volk war noch immer laut in ſeinem Beifalle. Der Oberrichter de Tignonville wurde beſtraft und degradirt, weil er zwei Näuber vor Gericht gezogen, obgleich Jedermann wußte, daß ſein eigentliches Vergehen darin beſtanden, daß er in den Häuſern der Prinzen nach den Mördern des Herzogs von Orleans geſucht; und noch immer brüllte das Volk lauten Beifall. Dennoch war das Glück nicht ganz beſtändig; und während die Macht des Herzogs in der Haupt⸗ ſtadt zunahm, er mochte thun, was er wollte, ſam⸗ 76 melte ſich eine Wolke um ihn, vor welcher er es nöthig fand zu fliehen. Die Herzogin von Orleaus rief laut um Rache— die Herzoge von Bourbon, Bretagne und Berri ergriffen die Waffen zu ihrer Unterſtützung und zur Befreiung des Thrones. Die Königin, die den Dauphin bei ſich hatte, gewährte der Partei Anſehen und Gewicht und nach und nach nahmen die Streitkräfte der Verbündeten ſo ſehr zu, daß Paris für den Gegenſtand ihres gerechten Un⸗ willens kein ſicherer Zufluchtsort mehr war. Jetzt fand in Lüttich, wo der Schwager des Her⸗ zogs die widerſprechende Stellung eines Fürſtbiſchof einnahm, ein Aufruhr ſtatt und Burgund eilte von Paris hinweg, um ſeinem Verwandten beizuſtehen und das Vorrücken der orleaniſtiſchen Armee zu verhindern, ohne Ehre und Macht an eine ungleiche Schlacht zu wagen. Eine Zeitlang war ſeine Stellung ſehr gefährlich. Die entſchloſſenen und unruhigen Bürger von Lüttich waren kühne und abgehärtete Krieger und boten der ganzen Macht Burgund's Trotz. Eine feindliche Armee befand ſich hinter ihm; alle Prinzen des königlichen Hauſes, der geheime Rath und die meiſten großen Vaſallen Frankreichs waren gegen ihn; aber er focht und gewann eine Schlacht, nahm Lüttich ein und kehrte wieder zurück, um nochmals ſeine Feinde in Schrecken zu ſetzen. Die verbündeten Prinzen hatten Zeit genug zur 77 Uneinigkeit gehabt. Wilhelm, Graf von Holland, ſchritt ein, um die Königin für die burgundiſche Par⸗ tei zu gewinnen; es wurde ein Friede geſchloſſen, der als der Friede von Chartres bekannt iſt, und welcher mit dem Uebergewichte des Herzogs von Burgund und der zeitweiligen Erniedrigung ſeiner Feinde endete. Wieder fiel die Rache des Herzogs auf die Häup⸗ ter aller ausgezeichneten Perſonen, die ſich auch nur gleichgültig gegen ſeine Sache gezeigt; aber er vergaß ſeine Politik in ſeinem Zorne nicht, und mit der ſei⸗ nen Schlachtopfern abgenommenen Beute verſchaffte er ſich neue Anhänger. Mehrere Jahre lang folgte eine Intrigue der an⸗ dern, und in der Mitte der Trübſale und Täuſchun⸗ gen ſchied Valentine, Herzogin von Orleans, von die⸗ ſer Erde, auf welcher ſie wenig mehr als Sorgen und Kummer kennen gelernt hatte, noch um Gerech⸗ tigkeit rufend an den Mördern ihres Gemahls. Ihre Kinder aber waren zu jener Zeit machtlos, und erſt bei der Vermählung ihres älteſten Sohnes mit der Tochter des Grafen von Armagnac ſchien ihnen die Hoffnung wieder zu leuchten. Darauf begann der erbitterte Kampf zwiſchen den Parteien, die in der Geſchichte unter den Namen der Burgunder und der Armagnacs bekannt ſind. Paris wurde der große Gegenſtand des Streites und war während der Abweſenheit des Herzogs von Bur⸗ 78 gund von den Truppen der Armagnaecs unzingelt, wenn auch nicht gerade blockirt. Viele von der orleaniſtiſchen Partei waren innerhalb der Mauern, und unter dieſen die edelſten und aufgeklärteſten Män⸗ ner in Frankreich, aber die unteren Klaſſen des Volks waren ſämmtlich Burgunder; und indem ſie unter der Anführung des Wundarztes Johann von Troyes und des Meſſerſchmieds Simon Caboche Corps bildeten, empfingen ſie den Namen Cabochier und übten alle jene wilden Grauſamkeiten, wodurch ſich die unwiſſende Menge auszuzeichnen ſucht. Es war ſowohl im funf⸗ zehnten, wie im achtzehnten Jahrhundert eine Schre⸗ ckensherrſchaft in Paris, und Viele bemerkten, daß die rothen Schärpen der Burgunder in Blut getaucht waren. Anarchie und Verwirrung herrſchten noch innerhalb der Mauern, auch war der Zuſtand des Landes außerhalb der Stadt nicht viel beſſer, als der Herzog von Burgund, nicht im Stande, ohne Unter⸗ ſtützung ſeinen Feinden im Felde zu begegnen, den Bei⸗ ſtand von ſechstauſend engliſchen Bogenſchützen ſuchte und erhielt und triumphirend in Paris einzog. Bald ſchritten die Burgunder zum Angriff— der Herzog von Berri wurde in Bourges belagert; aber die Franzoſen waren nicht geneigt, gegen die Franzoſen zu fechten, und es wurde ein eben ſo hoh⸗ ler Friedensvertrag, wie die übrigen, unter den Mauern der Stadt geſchloſſen. Selbſt während die Verhand⸗ lungen gepflogen wurden, wendete man Mittel an, dem Dauphin die Augen für den Ehrgeiz des bur⸗ gundiſchen Fürſten zu öffnen, und Johann ohne Furcht mußte ſehen, wie ſich ihm Einer im Staatsrathe wider⸗ ſetzte, der ſo lange ſeinem Willen gehorſam gewe⸗ ſen war. Aber der Herzog fand leicht Mittel, dieſen Wider⸗ ſtand zu unterdrücken. Das Volk von Paris wurde in ſeinem Rücken zum Aufruhr angeregt, die Baſtille von den Bewaffneten Caboche's belagert, der Palaſt des Dauphin eingenommen und er ſelber verhaftet. Es folgte noch mehr Blutvergießen; endlich aber fand Burgund, daß eine aufgeregte Menge nicht ſo leicht zu beruhigen iſt, wie er ſich geſchmeichelt hatte, und ſeine Lage wurde ein wenig ſchwierig. Obgleich der Dauphin im Hotel St. Pol ein⸗ geſchloſſen war, fand er doch Mittel, mit den Prin⸗ zen vom königlichen Blute, die ſich draußen befanden, zu korreſpondiren, und es ſchien dem Herzoge von Burgund Nichts weiter übrig zu bleiben, als den Ver⸗ trag von Bourges in einen allgemeinen Frieden mit allen ſeinen Gegnern zu verwandeln. Dieſer Friede wurde zu Pontoiſe ſehr gegen den Willen der Pariſer geſchloſſen. Der Dauphin wurde in Freiheit geſetzt, und die Anhänger der Partei Armagnac erhielten die Erlaubniß nach Paris zu kommen. Burgund fand jetzt, daß er ein Verſehen gemacht— daß ſeine Be⸗ 80 liebtheit beim Volke erſchüttert und ſeine Macht über daſſelbe dahin ſei. Er fürchtete ſogar für ſeine Per⸗ ſon und wohl mochte er das. Aber bald hatte er ſeine Handlungsweiſe gewählt, und nachdem ihm der Verſuch mißlungen war, den Dauphin bei einer Luſtpartie in Vincennes zu ent⸗ führen, begab er ſich haſtig nach Flandern. Jetzt ging eine völlige Veränderung vor; die Kreaturen des Her⸗ zogs von Burgund wurden aus der Macht verdrängt und eine blutige Wiedervergeltung bezeichnete das Uebergewicht der Partei Armagnac. Die leichteſte Arbeit des Hercules war ohne Zweifel die Tödtung der Hydra, denn Geſchöpfe mit vielen Köpfen ſind immer ſchwächer, als die mit einem Kopfe. Uneinigkeiten verbreiteten ſich unter der Par⸗ tei Armagnac. Die Königin und der Dauphin ent⸗ zweiten ſich, und der Prinz, der die Tyrannei der Armagnac's eben ſo ſchwer zu ertragen fand, wie die der Burgunder, forderte den Herzog auf, nach Paris zurückzukehren. Johann, obgleich ohne Furcht, hatte keine genügende Macht, um einen großen Zweck zu er⸗ reichen, und nach einem unwirkſamen Verſuche, die Hauptſtadt zu belagern, zog er ſich vor einer großen Armee zurück, die man aus allen Theilen Frankreichs zuſammengebracht hatte, und an deren Spitze ſich der König mit allen Prinzen des königlichen Hauſes be⸗ fand. Compiegne kapitulirte; Soiſſons wurde mit 81 Sturm genommen; aber Arras hielt ſich, und wieder begannen Friedensunterhandlungen unter den Mauern dieſer Stadt. Es wurde ein Vertrag durch den Einfluß des Dauphin geſchloſſen, der nicht mehr das Weberſchiff zwiſchen zwei Parteien ſein wollte und beſchloß, ſich zum Herrn der Hauptſtadt zu machen. Seine erſte Bemühung wurde indeſſen vereitelt und er ſah ſich ge⸗ nöthigt, nach Bourges zu fliehen, aber mit großer Geſchicklichkeit benutzte er eine vorgeſchlagene Konferenz in Corbeil zwiſchen ihm und den verbündeten Prinzen. Er willigte in die Zuſammenkunft, und während ſie ihn in Corbeil erwarteten, ging er insgeheim nach Paris, bemächtigte ſich der Hauptſtadt und der Schätze, die ſeine Mutter dort angehäuft hatte. Jetzt erſchienen drei Parteien in Frankreich: die des Herzogs von Burgund, die der verbündeten Prin⸗ zen und die des Dauphin. Inzwiſchen wartete ein ſchlauer Feind mit gewiſſen Rechten an einige Theile Frankreichs und ungegründeten Anſprüchen an die Krone ſelbſt von den Küſten Englands aus auf einen günſtigen Augenblick, den längſt gewünſchten Beſitz zu ergreifen. Von der Zeit des Vertrages von Bretigny folgten Kriege und Friedensſchlüſſe, Feindſeligkeiten und Unterhandlungen in ununterbrochener Reihe; und während der letzten Uneinigkeiten hatten beide Par⸗ teien eine engliſche Allianz geſucht und SLefünden, Agnes Sorel III. aber zu gleicher Zeit fanden lange Verhandlungen zwiſchen den Höfen von England und Frankreich zu dem vorgeblichen Zwecke ſtatt, einen allgemeinen und endgültigen Frieden abzuſchließen. Heinrich verlangte indeſſen viel; Frankreich wollte wenig gewähren. Be⸗ leidigende Worte wurden zu der Verwerfung der Vor⸗ ſchläge hinzugefügt, und plötzlich verbreitete ſich wie der Blitz die Nachricht durch das Land, daß Heinrich der Fünfte von England mit Hexrresmacht an der Küſte von Frankreich gelandet ſei. Sechſtes Kapitel. Einige Stunden von der wohlbefeſtigten Stadt Bour⸗ ges ſtand auf dem Gipfel einer Erhöhung ein Schloß, welches ſchon damals einige Spuren des Alterthums zeigte. Es war veder eine ſehr große, noch eine prächtige Wohnung, denn ſie beſtand nur in den äußeren Mauern mit ihren Eckthürmen, einem hohen viereckigen Thurme und einem großen Gebäude, wel⸗ ches ſich in den Hof hinaus erſtreckte und ſich zu der Höhe von zwei Stockwerken erhob. In einem kleinen einfachen Zimmer, welches alles Nützliche und Bequeme, aber keine Zierrathen enthielt, ſaß ein Herr von drei⸗ oder vierundzwanzig Jahren, mit Bruſtharniſch und Rückenſchild bedeckt, aber Kopf und Glieder noch ohne Rüſtung. Zwei Männer aber waren eifrig beſchäftigt, ihm die eiſerne Kriegsrüſtung anzuſchnallen. Der Eine kniete zu ſeinen Füßen und befeſtigte die Beinſchienen; der Andere ſtand hinter 6* 84 ihm und ſchnallte die übrigen Waffenſtücke feſt. Auf dem Tiſche ſtand ein befiederter Helm, neben demſel⸗ ben lagen die Panzerhandſchuhe, der Schild und das Schwert, und neben dem Tiſche ſtand eine Dame, die das mittlere Alter bereits überſchritten hatte, und ſah dem jungen Manne ernſt und ängſtlich in's Geſicht. Aber es war noch eine Perſon im Zimmer. Ein junges Mädchen von ſechs oder ſieben Jahren war auf das Knie des Herrn geklettert, umſchlang ſeinen Hals mit ihren Armen, während ſie ihn von Zeit zu Zeit zärtlich küßte. 8 „Du mußt zurückkommen, Jean, Du mußt zu⸗ rückkommen,“ ſagte ſie,„wenn auch die liebe Mutter ſagt, Du möchteſt vielleicht nie zurückkehren. Du mußt Deine kleine Agnes nicht verlaſſen. Was ſollte ſie ohne Dich anfangen?“ Jean Charoſt umarmte ſie mit Wärme, aber er ſprach nicht; denn es waren ſo viele Regungen in ſeinem Herzen, daß er fürchtete, ſeine Stimme möchte beben.— Wenige, die ihn vor ſechs oder ſieben Jahren geſehen, würden in dem großen, kräftigen jungen Manne den ſchmächtigen graziöſen Jüngling wiederer⸗ kannt haben, der der Sekretair des unglücklichen Her⸗ zogs von Orleans geweſen; auch war die Verände⸗ rung ſeines Geiſtes nicht geringer, als ſeiner Perſon; denn wenn er gleich von dem Charakter war, der ſich 85⁵ langſam verändert, ſo verändern ſich doch alle Cha⸗ raktere. Die Eiche bedarf hundert Jahre zu ihrem Wachsthume, die Weide kaum zwanzig, und wie ein Kreis im Herzen des Baumes über den andern wächſt, ſo kommen dem Geiſte des Menſchen neue Gefühle, ſo wie er von der Jugend zum Alter fortſchreitet. Jede Epoche im menſchlichen Leben hat das, was ihr an⸗ gemeſſen iſt. Der Knabe kann nimmermehr errathen, was der Mann fühlen wird; der Mann erinnert ſich zu wenig, welches die Gefühle des Knaben waren. Die mit Jean Charoſt vorgegangene Verände⸗ rung war anders, als man nach den Umſtänden, wor⸗ in er ſich befunden, hätte erwarten ſollen. Er war in den letzten ſieben Jahren mehr zarter, als härter geworden, mehr biegſamer, als ſtrenger. Bis zu dem Alter von ſiebzehn oder achtzehn Jahren hatte die ſtrenge Nothwendigkeit, die beſtändige Beſchäftigung mit materiellen Dingen, die Herrſchaft, die er immer über ſich ausüben mußte, dazu gedient, ihm eine nicht jugendliche Strenge der Grundſätze und des Beneh⸗ mens zu gewähren, die ihm vielleicht mehrere Uebel erſpart, ihn aber auch manches unſchuldigen Genuſſes beraubt hatte. Seit dem Tode des Herzogs von Orleans aber hatte er mehr als ſein eigner Herr gehandelt, mehr von der Welt geſehen und ſich von den Sorgen und Be⸗ kümmerniſſen befreit, die ſeine Jugend erſtarrt hatten, 86 und alle ſanften Gefühle des Herzens waren zur Blüthe gekommen. Ich weiß nicht, ob die Liebe je⸗ nes ſchönen Kindes nicht ſehr zu dieſer Veränderung beigetragen— ob ſeine Zärtlichkeit zu ihr und ihre Verehrung für ihn nicht natürliche, aber verborgene Regungen und Neigungen erweckt hatte, die nur eines Gegenſtandes bedurften. Wenn er von einer jener Scenen des Kampfes und der Unruhen zurückkehrte, in die er ſich gleich Anderen gemiſcht, ſo war einer ſeiner erſten Gedanken immer auf Agnes gerichtet. Wenn er ſich den Thoren des alten Schloſſes näherte, erhob er ſeine Augen, um ſie ihm entgegenkommen zu ſehen. Wenn er eine Zeit der Ruhe in den ein⸗ fachen und ungeſchmückten Hallen ſeiner Väter zu⸗, brachte, hätten keine prächtigen Tapeten, keine Ver⸗ goldung der Decken, keine bemalten Gallerien die Woh⸗ nung ſo ſchmücken können, wie das Lächeln jenes lieb⸗ lichen jungen Geſichts. Er fühlte mächtig den balſa⸗ miſchen Einfluß der unſchuldigen Kindheit. Er war ſehr nachſichtig gegen ſie. Seine Mut⸗ ter ſagte, er verziehe ſie. Aber er lachte dann heiter und erklärte, Nichts könne ſeine kleine Agnes verzie⸗ hen; auch war ſie in Wahrheit bei ihm immer ſanft und fügſam und ſchien gern ſeinen leiſeſten Worten zu gehorchen. Und nun war er im Begriffe, ſie zu verlaſſen — Alles zu verlaſſen, was ihm theuer war, um in 87 einen entſcheidenden Kampf zu gehen, von dem das Schickſal Frankreichs abhing. Er war nicht ohne Hoffnung— nicht ohne Vertrauen. Aber wenn faſt alle Menſchen einen Schatten von Furcht empfinden, wenn ſie bei einer gewöhnlichen Gelegenheit von einer geliebten Heimath ſcheiden— wenn eine erkältende Ueberzeugung von der Ungewißheit aller irdiſchen Dinge ſich ihrer bemächtigt— welches mußten ſeine Empfin⸗ dungen ſein, wenn er an Alles dachte, was zwiſchen den Stunden des Scheidens und der Rückkehr ge⸗ ſchehen konnte? Die Trompete aber ertönte durch das ganze Land. Jeder, der es mit ſeinem Vaterlande gut meinte, wurde aufgefordert, die häuslichen Bande, die eigenen In⸗ tereſſen und die Privatſtreitigkeiten zu vergeſſen, und ſich zu rüſten, um den eindringenden Feind zurückzu⸗ treiben. Die Aufforderung ging an die Herzen aller Franzoſen, und er mußte mitziehen. Ja noch mehr, er hatte alle ſeine Mittel angewendet, er hatte das Vermächtniß des Herzogs von Orleans verpfändet, er hatte Alles gethan, was er konnte, ohne ſeine Mut⸗ ter arm zu machen, um ſo viele Leute, wie möͤglich, mit ſich zu nehmen, um das franzöſiſche Heer zu ver⸗ ſtärken. 3 Das letzte Waffenſtück wurde angeſchnallt; Mar⸗ tin Grille nahm den Helm; es wurde ein Becher 88 Wein gebracht und Jean Charoſt umarmte ſeine Mut⸗ ter und das Kind. „Wie hart Deine Bruſt iſt, Jean,“ ſagte das kleine Mädchen. „Nicht zu hart,“ ſagte die Mutter.„Gott ſei Dein Schild, mein Sohn! Er iſt beſſer, als Schwert oder Helm.“ 3 „Amen!“ rief Jean Charoſt und verließ ſie. Jetzt müſſen wir die Seene wieder verändern, denn dies iſt ein Kapitel der Wechſel. Wir wollen dieſen kleinen Hügel erſteigen, an die Seite der gro⸗ ßen Eiche treten und bei Anbruch des Tages die ſchöne Scene überſchauen. Wie lieblich das Land ſich nach Norden hin abſenkt mit ſeinen bewaldeten Höhen in der Nähe von Blangy, und ſiehe dort den Kirchthurm auf dem Gipfel des Hügels und das alte Schloß dicht daneben. Wie das Licht darauf fällt, ehe der Tag noch völlig angebrochen! Selbſt jener ſumpfige Bo⸗ den, der ſich zu einer Wieſe erhebt, die hie und da von einem Graben durchſchnitten iſt, empfängt Schön⸗ heit von dem purpurnen Lichte der aufgehenden Sonne. Dort nach Weſten hin ſteht ein kleines Gehölz mit einer Windmühle, ähnlich der bei Crecy, die ihre Flügel in dem ſanften Morgenwinde langſam bewegt. Wie friedlich und ruhig Alles ausſieht! Kann dieſer enge Raum, dieſe ruhige Scene die Stelle ſein, wo 89 in einer Stunde das Geſchick eines großen Königrei⸗ ches entſchieden werden ſoll? So vielleicht dachte ein Mann, der auf dem Hügel in der Nähe von Blangy ſtand, als er in der Richtung von Azincourt hinblickte, von deſſen Kirch⸗ thurm er die Hälfte über die Anhöhe ſich erheben ſah. Bald aber wurde jene ruhige Scene voll Leben. Er ſah eine kleine Abtheilung von etwa hundert Mann unter dem Schutze des Gehölzes mit geſenkten Köpfen und ohne ſichtbare Waffen, mit Ausnahme einer Axrt, die Jeder um die Schulter geſchlungen, raſch dahin⸗ eilen. Freilich trugen ſie lange Stäbe in ihren Hän⸗ den, aber dieſe Waffen ſchienen von geringem Nutzen zu ſein. Sie erreichten den Rand eines Grabens auf der Wieſe und verſchwanden dort. Ein lauter Aus⸗ bruch kriegeriſcher Muſik folgte und bald darauf kam hinter dem Walde in ſtattlichem Aufzuge eine kleine Abtheilung Krieger hervor. Sie konnten höchſtens zweitauſend Mann betragen und ſie ſahen faſt nicht wie Soldaten aus, obgleich ſie ſich in geraden Glie⸗ dern hielten. Kein ſchimmernder Stahl war zu ſehen — kein Helm, Bruſtharniſch, Lanze oder Fahne. Nicht einmal die Jacke und die Pickelhaube des Infanteriſten konnte man unter ihnen bemerken, und zerlumpt und beſchmutzt vom Marſche, und Viele ſogar im bloßen Kopfe, rückten ſie mit ſchweren Schritten und uner⸗ ſchrockenen Geſichtern in derſelben Richtung vor, welche „ 90 die Andern genommen hatten. Sie trugen ebenfalls lange Stäbe in den Händen und Jeder hatte eine ſchwere Stange mit ſtählerner Spitze auf der Schulter, während ein kurzes Schwert oder eine Axrt an ihrer Seite hing und ein wohlgefüllter Köcher im Bereiche der rechten Hand war. Vor ihnen ritt ein Ritter, der einen Kommandoſtab in der Hand hielt, und hin⸗ ter ihnen ertönte noch immer die zum Kampfe auffor⸗ dernde Trompete. Das Geſicht des Mannes, der dort beobachtend ſtand, wahr ſehr blaß, entweder aus Furcht oder ir⸗ gend einer andern Gemüthsbewegung, und von Zeit zu Zeit näherte er ſich einem Baume, an welchen drei Pferde gebunden waren, eines derſelben völlig zum Kriege gerüſtet, prüfte die Zügel und ſah nach, ob Alles in Ordnung ſei, als wünſchte er Alles zum Kampfe oder zur Flucht bereit zu halten. Während er ſo beſchäftigt war, kamen zwei andere Männer langſam von der öſtlichen Seite den Hügel herauf; aber ſie hatten Nichts in ihrem Aeußern, was den Wächter auf dem Hügel beunruhigen konnte. Der Eine war von runder, kurzer Geſtalt, mit einem Ge⸗ ſichte, dem die Natur den Stempel der heitern Laune aufgedrückt hatte, obgleich ſeine Augen jetzt einen Aus⸗ druck wilder Aengſtlichkeit an ſich hatten, wodurch er zu erkennen gab, daß er wußte, welches Schauſpiel dort unten vorgehen ſollte. Der Andere war ein gro⸗ 91 ßer, hagerer⸗Mann, der das mittlere Lebensalter be⸗ reits überſchritten hatte; aber ſein Geſicht verrieth keine Gemüthsbewegung. Es war ſtill und blaß wie das eines Todten und veränderte ſich auch nicht, nach⸗ dem ſie den Punkt erreicht hatten, von wo man das ganze Feld überſehen konnte. Seine Stirn war in⸗ deſſen ſehr finſter, aber dieſer Ausdruck ſchien ihm ge⸗ wöhnlich zu ſein und nicht von einem vorübergehenden Gefühle hervorgebracht zu werden. Die beiden Fremden trugen lange graue Mönchs⸗ gewänder mit einem Gürtel von einer einfachen Schnur, woran ein Roſenkranz hing, außer welchem der ältere Mann noch einen Stab und ein großes elfenbeinernes Crucifix in der Hand trug. In dem Augenblicke, als ihre Köpfe ſich über den Abhang erhoben, ſo daß ſie die Ebene überſehen konnten, blieb der jüngere und ſtärkere Mann plötz⸗ lich ſtehen und rief mit einem Blicke des Schreckens, als wären die Kriegerſchaaren dicht bei ihm geweſen: „Jeſus Maria! ſind dies die Engländer, Bruder Franz? Ich wußte nicht, daß ſie nur halb ſo nahe wären.“ Der Andere antwortete nicht und ſein Geſicht veränderte ſich auch nicht, während er die ganze Gegend mit dem ruhigen und bedächtigen Blicke eines Mannes überſchaute, der ſolche Scenen ſchon früher geſehen hat. gipfel eine dichte Rauchwolke, die hie und da eine dunkelrothe Färbung annahm und mit Feuerfunken untermiſcht war. „Was iſt das— was iſt das?“ rief der jün⸗ gere Mönch.„Es muß ein Ort in Flammen ſtehen. Vielleicht iſt es Aubin.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Andere, der jetzt zum erſten Male redete.„Es iſt viel näher. Es iſt entweder Teneur oder der Meierhof unſerer Priorei von St. Georg. Sollte der engliſche König ſeinen rechten Flügel ſo weit ausgebreitet haben, um unſerer Armee in die Flanke zu fallen? Wenn das wäre, würde ihn ein Angriff zu Grunde richten. Nein, nein, dazu iſt er zu weiſe. Es muß eine Liſt ſein, um den Connetable zu täuſchen.“ Während er ſprach, entfernte ſich der Mann, der zuerſt an dem Orte geweſen, von den Pferden, kam 4 zu ihnen und rief: Plötzlich erhob ſich zur Rechten über die Baum⸗ 1 „Gott ſei uns gnädig! Dies iſt eine ſhrealice Scene, meine guten Väter!“ Der ältere Mönch ſah ihn mit ſeinem bewegungs⸗ loſen Geſichte an, antwortete aber Nichts, und er jüngere erwiederte: „Eine ſchreckliche Scene in der That, mein ohn. eine ſchreckliche Scene! Ich weiß nicht, ob es reck⸗ licher iſt, als bloßer Zuſchauer da zu kehin und Zeuge 9³ eines ſolchen Anblicks zu ſein, wie wir bald vor uns haben werden, oder ſich in den Kampf zu miſchen und einen Theil des Entſetzens zu verlieren, indem man die Wuth deſſelben theilt.“ „O! ich hege deshalb keinen Zweifel. Ich bin darüber völlig entſchloſſen.“ „Vielleicht ſeid Ihr ein Kriegsmann,“ bemerkte der Andere.„In der That ſcheinen dieſe gerüſteten Pferde darauf zu deuten.“ „Nein, nein, ich bin ein Mann des Friedens,“ verſetzte der, welcher zuerſt gekommen war.„Jene Pferde gehören meinem Herrn, und er kämpft allein. Aber er kennt meine Schwäche und läßt mich hier außer dem Bereiche der Pfeile. Der Knabe, der bei mir war, iſt den Hügel hinuntergelaufen, um unſerem Herrn näher zu ſein; aber ich bleibe pflichtſchuldigſt, wo er mich hingeſtellt. Ich möchte indeſſen gerne den Namen jenes Meierhofes und der zwei oder drei Häus⸗ chen dort am Saume der Wieſe wiſſen, durch die der tiefe Graben geht.“ „Der Ort heißt Framecourt,“ verſetzte der jün⸗ gere Mönch.„Es iſt nur ein kleiner Weiler, und ich hörte dieſen Morgen, daß unſere undisciplinirten Soldaten die Leute hinausgetrieben und alle ihre Vorräthe verzehrt haben.— Warum fragt Ihr, mein Sohn?“ „Weil ich eben jetzt zwei bis drei Hundert Mann von Blangy herkommen und in dem Graben verſchwin⸗ den ſah.“ „Das iſt eine Wiedervergeltung Gottes!“ rief der ältere Mönch ernſt.„Hätten die Soldaten die Landleute nicht hinausgetrieben, ſo wären Männer da geweſen, um die Nachricht von dem Hinterhalte zu überbringen.“ „So meint Ihr alſo, daß es ein Hinterhalt iſt?“ fragte der jüngere Mönch.— „Ohne Zweifel,“ verſetzte der Andere;„und wer der franzöſiſchen Armee einen guten Dienſt leiſten wollte, ſollte jenes Pferd beſteigen, nach Azincourt reiten und dem Connetable die Nachricht überbringen.“ Während er ſprach, richtete er ſeine Augen auf den Laien, der bei ſeinem Blicke ein wenig unruhig zu werden ſchien. Er bewegte ſich hin und her, zupfte an ſeinem Wamms und ſagte dann entſchloſſen: „Ich kann nicht gehen. Ich muß bei den Pfer⸗ den bleiben.“— „Seid Ihr ein Feigling?“ fragte der ältere Mönch in leiſem und bitterem Tone. „Ja,“ verſetzte der Mann ſorglos.„Ich bin ein verzweifelter Feigling, und bin es mein Lebenlang geweſen. Ich habe eine ehrerbietige Achtung vor mei⸗ nem eigenen Felle, und wünſche nicht das Fell anderer Leute zu zerhacken. Wenn die Menſchen ſo große Luſt haben, einander Löcher in den Leib zu hacken, ſo 95 zanke ich nicht mit ihnen darum. In der That zanke ich mit Niemand um irgend Etwas. Es iſt nicht mein Geſchmack und auch nicht mein Handwerk. Warum ſollte ich Gucklöcher in die Jacke der Natur machen, oder mich wie ein Stück Bauholz durchbohren laſſen?“ „Nun, mein Sohn,“ ſagte der jüngere Mönch, „wollt Ihr mir eins von den Pferden geben, damit ich hinunter reiten und es dem Connetable ſagen kann?“ „Es iſt kaum noch Zeit dazu,“ ſagte der ältere Mönch.„Seht, dort kommt eine größere Abtheilung Bogenſchützen von Blangy her, und ich ſehe Lanzen⸗ ſpitzen und Fahnen bei Azincourt ſich erheben. Das blutige Werk wird bald beginnen.“ „Ich möchte es auf jeden Fall verſuchen,“ rief ſein Begleiter.„Mann, wollt Ihr mir ein Pferd geben? Ich will es Euch in einer halben Stunde wieder zurück bringen, wenn ich je ſelber lebendig wieder komme.“ „Nehmt es— nehmt es!“ antwortete der An⸗ dere.„Ich will Euch nicht zurückhalten. Wie könnte ich zwei Mönchen und drei Pferden widerſtehen? Aber das Handpferd— nicht das Schlachtroß. Das ge⸗ hört meinem Herrn. Hier, nehmt des Pagen Pferd. Laßt Euch helfen, Vater! Ihr ſeid ſo fett und ſchwer, daß Ihr nicht ohne Leiter hinaufkommen wer⸗ 96 det. Einſt war ich ein eben ſo ſchlechter Reiter, wie Ihr, und darum habe ich Mitleid mit Euren Schwä⸗ chen. Habt Ihr auch Mitleid mit den meinigen.“ Der Mönch war bald im Sattel, ritt den Hügel hinunter und zeigte, als er ſich erſt im Sattel be⸗ fand, daß er ein beſſerer Reiter ſei, als der Andere geglaubt hatte. Sobald er fort war, richtete der ältere Mönch ſeine Augen wieder auf den Mann und ſagte mit lei⸗ ſer Stimme: „Habe ich Euch nicht ſchon früher geſehen?“ „Ich kann es nicht ſagen,“ antwortete der An⸗ dere.„Ich glaube, ich habe Euch geſehen; wenn es aber der Fall iſt, ſo gabet Ihr mir weder durch Blick noch Wort ein Zeichen, daß Ihr mich geſehen. In⸗ deſſen bin ich Martin Grille, der Diener des Barons von Brecy. Vielleicht mag Euch das als Stufe für Euer Gedächtniß dienen.“. „Es bedarf keiner Stufe,“ entgegnete der Mönch. „Ich bin ganz Gedächtniß. Wollte Gott, es wäre nicht ſo!“ „Ja, jetzt ſeht Ihr mehr wie damals aus, ob⸗ gleich nicht halb ſo wahnſinnig,“ ſagte Martin Grille. „Ihr ſeid auch älter geworden, und Euer Gewand macht einen Unterſchied.“ „Es iſt auch ein Unterſchied vorhanden,“ ver⸗ ſetzte der Mönch im Tone tiefer Traurigkeit.„Buße 8 und Gebet, Reue und Seelenqual— geſättigte Rache vielleicht— gelöſchter Durſt— ein Durſt, wie ihn ein Wanderer in der Wüſte niemals kannte, gelöſcht in Blut und Thränen— dies Alles hat mich verän⸗ dert. Das Feuer iſt ausgegangen. Ich bin nur noch die Aſche meines früheren Selbſt.“ „Noch immer heiße Aſche,“ bemerkte Martin Grille,„wenn ich nach dem urtheilen darf, was Ihr eben von meiner Feigheit geſagt. Aber ſeht, ſeht, guter Vater! Was wird aus unſerem fetten Bruder dort werden? Er reitet ja gerade vor jener ſtarken Abtheilung von Reiſigen, die dort von Blangy her⸗ aufkommt!“ „Er ſieht ſie nicht,“ antwortete der Andere ernſt. „Er kann den Connetable ſelbſt jetzt noch erreichen; denn ſeht, da kommt die franzöſiſche Macht über den Hügel und England ihr entgegen. Ha! welch' eine See von Bogenſchützen und Reiſigen iſt hier mit zahl⸗ loſen Federbüſchen und Fahnen, Lanzen und Schilden! „Ich habe manche Schlacht geſehen, und nie anders, als bei Poitiers, ſah ich einen herrlicheren Anblick.“ „Sie werden die Engländer von der Erde ver⸗ tilgen,“ ſagte Martin Grille,„wenn das König Hein⸗ richs ganze Macht iſt. Es iſt nur ein Mund voll für jenes Ungeheuer, welches dort von Azincourt herunterkommt.“ Agnes Sorel. III. 7 98 Der Mönch wendete ſich zu ihm und ſchüttelte den Kopf. „Ihr kennt dieſe Engländer nicht,“ ſagte er mit einem Seufzer.„Sie fechten wie die Wölfe. Ich habe meinen Vater von Crecy erzählen hören, und bei Poitiers war ich ſelber als Page zugegen. In jeder Schlacht waren wir ihnen an Zahl überlegen, und bei Poitiers hätten wir ſie Alle gefangen nehmen können, wenn es dem Könige gefallen hätte. Aber wir zwangen ſie zum Fechten, und ſie fochten auch, bis die Menge vor einer Hand voll floh, und Ord⸗ nung und Disciplin thaten, was weder die Menge noch der Muth vermochte. Seht nur jetzt, wie ge⸗ ſchickt dieſer engliſche König ſeine Stellung in der Schlacht gewählt hat. Er iſt in beiden Flanken nicht anzugreifen, und er zeigt dem Feinde eine ſchmale Fronte, ſo daß die überlegene Anzahl von keinem Nutzen iſt. Gott gebe, daß die Sache keinen unglücklichen Ausgang nehme!“ „Ah! er kommt zu ſpät!“ rief Martin Grille, der dem anderen Mönche mit den Augen gefolgt war, welcher gerade auf das Ende des Grabens zuritt, wo er die Bogenſchützen ſich verbergen geſehen.„Ich fürchte, er kommt zu ſpät.“ Sein Ausruf wurde durch plötzliche Bewegungen beider Armeen veranlaßt. Die engliſche Macht war langſam in drei Abtheilungen vorgerückt, und jede 99 erſchien nur wie eine Hand voll im Vergleiche zu den zahlloſen Truppen Frankreichs, aber ſie marſchirten in feſten und geſchloſſenen Gliedern und zeigten wenig von jenen Zierrathen, welche die rauhe Wirklichkeit des Krieges vergolden und glätten; doch ſpielten viele Inſtrumente kriegeriſche Muſik, welche Hoffnung und Vertrauen auszuſprechen ſchien. Die Franzoſen dagegen, die den ganzen Morgen ſtill gelegen, als wollten ſie den Angriff des Feindes erwarten, hatten ſich eben an dem Abhange vor Azin⸗ court ausgebreitet, ſich ebenfalls in drei Abtheilungen getheilt, welche zu beiden Seiten die Flanken der engliſchen Macht einſchloſſen. Glänzende Waffen und ſchimmernde Rüſtungen machten, daß die ganze Linie ſchimmerte und funkelte, aber kein Laut wurde von ihnen gehört, mit Ausnahme eines von Zeit zu Zeit ertönenden Kommandorufes. In dem Augenblicke, als Martin Grille ſeinen Ausruf ausſtieß, hatte der Vortrab der Franzoſen einen raſcheren Schritt angenommen und ſtürmte auf die engliſchen Bogenſchützen an, als ſie durch einen etwas engen Raum marſchirten, der von Hecken und Sumpf eingeſchloſſen war. Dieſes enge Feld wurde nach und nach weiter nach dem Centrum des franzöſi⸗ ſchen Heeres hin, und die Engländer hatten gerade den Eingang zu demſelben erreicht, als beinahe funf⸗ zehntauſend franzöſiſche Reiſige und Bogenſchützen un⸗ 7* 100 ter dem Kommando des Connetable ſelber vor ihnen ſtanden. Langſam und ſicher rückten die Engländer bis auf einen Bogenſchuß auf die franzöſiſche Linie an. Der alte Sir Thomas von Erpingham, der, einen Pagen auf jeder Seite und einen Kommando⸗ ſtab in der Hand, etwa zwanzig Schritte vor den Bo⸗ genſchützen herritt, führte ſie an. Als ſie nahe ge⸗ nug waren, ſo daß jeder Pfeil ſein Ziel erreichen konnte, ſchwenkte der alte Ritter ſeinen Stab in der Luft, und augenblicklich machte die ganze Abtheilung Halt. Zugleich ſteckte Jeder den Stab mit der ſtäh⸗ lernen Spitze, den er trug, in den Boden und legte einen Pfeil auf ſeinen Bogen. Eine Todtenſtille herrſchte auf beiden Seiten, die nur von dem Stampfen der anrückenden Franzoſen unterbrochen wurde. Sir Thomas von Erpingham blickte rechts und links die Linie hinunter und rief mit kräftiger Stimme:„Nun ſchlagt an!“ Dann warf er ſeinen Stab hoch in die Luft und ſtieg vom Pferde ab. Augenblicklich kamen zur Linken der franzöſiſchen Schlachtreihe die verborgenen Bogenſchützen mit ſchon geſpannten Bogen aus dem Graben hervor, und wohl durfte Martin Grille ausrufen, daß der Mönch zu ſpät komme. Im nächſten Augenblicke ertönte von dem einen Ende der engliſchen Schlachtreihe bis zum anderen der laute Schlachtruf, der ſo oft der Verkün⸗ der des Sieges zu Lande wie zur See geweſen, und dann flogen die Pfeile ſo dicht wie Schloſſen in die Geſich⸗ ter des angreifenden Feindes. Ritter, Knappen und Reiſige beugten ihre Köpfe bis auf den Sattel, um den Pfeilen auszuweichen; aber vorwärts ſtürmten ſte und Jeder richtete ſein Pferd auf die ſchmale Fronte der Engländer, und indem ſie ſich näher zuſammen⸗ drängten, bildeten ſie eine dichte Maſſe, wo jeder Pfeil traf. Kaum war ein Pfeil abgeſchoſſen, als ſchon ein anderer wieder angelegt war; und wild vor Schmerz, bäumten ſich die Pferde der franzöſiſchen Kavallerie und richteten eben ſo viele Zerſtörung und Unordnung an, wie die Geſchoſſe ihrer Feinde. Dann zeigte ſich Martin Grille's Augen eine ſeltſame Verwirrung. Die beiden ſtreitenden Armeen ſchienen unter einander gemiſcht. Er glaubte zu be⸗ merkten, daß die Engländer zurückgedrängt wurden; aber ihre Ordnung ſchien ſicherer, als die der franzö⸗ ſiſchen Macht, wo Nichts als Verwirrung und wilde Bewegung herrſchte. Hier und da wurde ein kleiner Raum auf einem Theile des Feldes verhältnißmäßig frei, und dann ſah er, wie ein Ritter oder Knappe vom Pferde geriſſen wurde und wie ein Bogenſchütze die Spitze ſeines Schwertes zwiſchen die Oeffnungen ſeines Helmes ſteckte. Die Figur des Mönchs war nicht mehr zu ſehen, 10² denn er war von den verſchiedenen Maſſen leichter Kavallerie umgeben, die die Flügel der franzöſiſchen Armee umſchwärmten, in der Schlacht von geringem Nutzen waren und ſich nur bei einer Niederlage für den Feind furchtbar zeigten. Der Mönch, der neben Martin Grille ſtand, ver⸗ harrte in tiefem Schweigen, obgleich der Andere oft ſein Auge mit forſchendem Blicke auf ihn richtete, als hätte er gern gefragt:„Was haltet Ihr von dem Kampfe?“ Wenn auch keine Worte ausgeſprochen wurden, zeigten ſich doch Spuren vielfacher Gemüths⸗ bewegungen in ſeinem Geſichte. Anfangs war Alles ruhig, obgleich das Auge lebhaft unter den überhän⸗ genden Brauen hervorblickte, gleich dem des Adlers, der aus ſeinem Horſte auf dem Felſen auf die Beute niederblickt, die ſich unten über die Ebene bewegt. Dann kam ein Blick des Triumphes, als zwei oder drei Hundert franzöſiſche Reiſige ihren Begleitern vor⸗ auseilten und ſich auf die engliſche Linie ſtürzten, bei dem vergeblichen Verſuche, die feſte Reihe der Bogen⸗ ſchützen zu durchbrechen. Als er aber die Truppen handgemein werden und die franzöſiſche Kavallerie ſich ſo feſt zuſammendrängen ſah, daß nur die in der vor⸗ derſten Reihe Platz hatten, einen Streich zu führen, da wurde ſeine Stirn finſter, ſein Auge ängſtlich und ſeine Lippe bebte. Noch einen Augenblick ſchwieg er, als er aber 103 dann die Pfeile der Engländer unter ſeine Landsleute fallen, die Pferde ſich bäumen und mit ihren Reitern ſtürzen ſah, um von denen unter die Füße getreten zu werden, die ſich ringsum herzudrängten, einige wild vor Schmerz, jeden Widerſtand durchbrechend und Schrecken und Verwirrung unter die Hauptarmee ver⸗ breitend, andere von ihren furchtſamen Reitern in vol⸗ lem Galopp von einer Schlacht hinweggetrieben, die ſie für verloren hielten, weil ſie nicht augenblicklich gewonnen wurde, da konnte er es nicht mehr ertragen, ſondern rief heftig und ſtrenge: „Sie werden die Schlacht verlieren!“ „Aber die mächtige Schaar, die den Hügel her⸗ unterkommt, hat noch keinen Schlag gethan,“ rief Martin Grille. „Wo können ſie fechten?“ fragte der Mönch. „Wenn das Feld von ihren Freunden frei wäre, könn⸗ ten ſie vielleicht etwas mit ihren Feinden anfangen. Seht, die Fahne von Alençon weht nicht mehr! Und wo iſt die von Brabant? Ich ſehe ſie nicht mehr.“ Er ſah noch einen Augenblick hin und rief dann: „Bei meinem Leben, ſie fliehen! Sie fliehen gerade zu dem Centrum zurück und nehmen die An⸗ ſteckung ihrer Furcht mit.“ Während er ſprach, galoppirten in wüthender Haſt zwei oder drei Reiter den Hügel herauf, gerade auf ſie zu. Nartin Grille ſprang an die Seite der 1 11 104 Pferde, band eins derſelben los und ſetzte ſeinen Fuß in den Steigbügel. 3 „Thor! ſie werden Euch Nichts zu Leide thun,“ rief der Mönch.„Sie ſuchen nur ihr Leben zu retten.“ Und ſeine Arme über den Weg ausbreitend, auf welchem die Soldaten daherkamen, rief er heftig: „Feiglinge! Feiglinge! Schämt Euch und kehrt in die Schlacht zurück!“ 3 Aber ſie galoppirten an ihm vorüber, der Eine mit einem Pfeile durch die Schulter und der Andere mit völlig abgeſchornem Helmbuſche. Der Dritte ſchlug im Vorüberreiten mit dem Streitkolben nach dem Mönche, verfehlte ihn aber und ritt dann mit einem bitteren Fluche auf den Lippen vorüber. Jetzt war es nicht mehr zweifelhaft, welchen Aus⸗ gang der Kampf zwiſchen dem Vortrabe der franzöſi⸗ ſchen und engliſchen Armee nehmen würde. Der erſtere war in völliger Unordnung und jeden Augenblick ent⸗ fernten ſich Gruppen von demſelben, während der letz⸗ tere, von einer großen Abtheilung Pikenmänner un⸗ terſtützt, die hinter den großen Bäumen des Waldes hervorkamen, mit Sicherheit vorrückte. Gerade jetzt ſah man durch die Büſche, die über den Fuß des Hügels ausgebreitet waren, eine Gruppe ſo langſam heraufkommen, daß man ihr Fortſchreiten kaum eine Flucht nennen konnte. Anfangs konnten 105 .⁴ weder Martin Grille noch der Mönch deutlich bemer⸗ ken, was ſie vor hatten, denn die Zweige mit ihren dürren Oktoberblättern verbargen ſie zum Theil. Bald aber kamen ſie auf einen freieren Boden, und es er⸗ ſchienen drei oder vier Männer zu Fuß, die ein ge⸗ rüſtetes Pferd dicht umgaben, welches einer von ihnen am Zügel führte, während ein Anderer, der neben dem Steigbügel ging, den Reiter mit ſeinem Arme zu umſchlingen ſchien. Einen Augenblick ſpäter er⸗ ſchien ein Mann in grauem Gewande zu Pferde unter den Büſchen, verweilte bei der kleinen Abtheilung und deutete den Hügel hinauf. „Bruder Franz und ein verwundeter Ritter,“ ſagte der Mönch, einige Schritte vortretend. „Guter Himmel! ich will doch nicht hoffen, daß es mein junger Herr iſt!“ rief Martin Grille, ſeine Hände zuſammenſchlagend.„O! wenn er nur zu Hauſe bleiben und ſich ruhig verhalten wollte! Ich bin gewiß, ſeine Mutter würde den Tag ſegnen.“ Der Mönch hörte kaum auf ihn, denn er ſchaute mit lebhaftem und ängſtlichem Blicke auf die Gruppe hinunter; dann wendete er ſich plötzlich zu dem Diener und fragte in raſchem Tone: „Hat Euer Herr Kinder?“ „Keine eigenen,“ antwortete Martin Grille,„nur eins, welches er adoptirt hat— ein kleines elfenartiges Weſen, ſo ſchön, wie ein Sonnenſtrahl, die man 8 106 Agnes nennt. Er könnte ſie nicht mehr lieben, wenn ſie ſein eigenes Kind wäre.“ „Gott ſegne ihn,“ ſagte der Mönch, und dann fügte er heftig hinzu:„Warum ſteht Ihr hier? Es iſt Euer Herr. Geht und helft!“ Und er ſelber eilte den Abhang hinunter, der Gruppe entgegen. Seinen Helm von einer Streitaxt geſpalten, einen Pfeil durch ſeinen rechten Arm, einen Lanzenſtoß in ſeinem Harniſch, das Blut über ſeine Rüſtung nieder⸗ tröpfelnd, wurde Jean Charoſt, von einem ſeiner Leute unterſtützt, auf deſſen Schulter ſein Kopf ruhte, langſam den Hügel heraufgetragen. Sein Geſicht war nicht zu ſehen, denn ſein Viſir war geſchloſſen; aber es war ein Ausdruck der tiefen Traurigkeit auf den Geſichtern der zwei oder drei Männer, die ihn um⸗ gaben, welcher zeigte, daß ſie ſein Ende nahe glaubten. „Iſt er todt?“ fragte der alte Mönch, den Mann anſehend, der das Pferd führte. „Kann es nicht ſagen, Vater,“ verſetzte der Soldat trotzig.„Er hat nicht geſprochen, ſeitdem wir ihn aus dem Gedränge der Schlacht gezogen. Er hat indeß ſeine Pflicht gethan.! wenn Alle gefochten hätten, wie er!“ 4„Ich denke, er iſt nicht todt,“ ſagte der andere Mönch herbeireitend.„Ihr ſeht, ſeine Hand hält noch 107 den Zügel feſt, und einmal glaubte ich zu bemerken, daß er ſeinen Kopf zu erheben wünſchte.“ „Bringt ihn weiter— bringt ihn hinter dieſe Bäume,“ rief der ältere Mann,„und führt die Pferde weg, ſo daß ſie nicht zu ſehen ſind. Er iſt nicht todt— ſein Kopf bewegt ſich. Wie geht es mit Euch, mein Sohn? Wie geht es? Faßt Muth!“ Ein dumpfes Stöhnen war die einzige Antwort; aber das war ein hinreichendes Zeichen, daß das Le⸗ ben noch nicht erloſchen war, und Jean Charoſt wurde ſanft zu einer Stelle hinter den Bäumen getragen, die vor dem Schlachtfelde wohl geſchützt war. Der alte Mönch blieb, ehe er folgte, einen Augenblick ſtehen, um noch einen Blick auf die blutige Ebene von Azin⸗ court zu werfen. Jetzt war die franzöſiſche Haupt⸗ armee in ebenſo großer Unordnung, wie der Vortrab, während die engliſchen Truppen mit ihrem königlichen Banner vorrückten. „Alles iſt verloren!“ murmelte der Mönch. „Gott helfe ihnen! Sie haben einen großen Sieg weggeworfen!“ Als er die Stelle erreichte, wohin man Jean Charoſt gebracht hatte, hoben die Männer dieſen ſanft vom Pferde und legten ihn auf das dürre Gras nie⸗ der. Den Helm hatte man ihm bald abgenommen, aber ſeine Augen waren geſchloſſen und ſein Athemzug langſam und ungleich. Er hatte eine tiefe Wunde im 108 Kopfe, aber die gefährlichſte ſchien die Lanzenwunde in ſeiner Bruſt zu ſein, und mit eiligen Händen mach⸗ ten die beiden Mönche ſeinen Harniſch los und be⸗ mühten ſich, das Blut zu ſtillen. „Die Wunde iſt ſehr nahe bei ſeinem Herzen,“ ſagte der ältere Mönch. „Nein, nein,“ verſetzte der Andere,„ſie iſt weit davon entfernt. Ihr verſteht Euch beſſer auf das Fechten, Bruder Albert, aber ich verſtehe mehr von der Heilkunſt, als Ihr. Haltet Eure Hand hier feſt und Einer von Euch reiche mir die Schärpe dort. Ein Anderer laufe hinunter und hole Waſſer aus dem Bache. Nehmt ſeinen Helm— nehmt ſeinen Helm. Wir müſſen ihn aus dieſer Ohnmacht erwecken, ehe es zu ſpät wird.“ 4 Martin Grille ergriff den Helm ſeines Herrn und lief damit zu dem Bache, der auf halbem Wege den Hügel hinunter entſprang. Als er aber das Schlachtfeld wieder zu Geſichte bekam, kehrte alle ſeine frühere Furcht zurück, und er blieb ſtehen; im nächſten Augenblicke aber überwand die Liebe zu ſei⸗ nem jungen Herrn alle anderen Empſindungen und er eilte verzweiflungsvoll den Abhang hinunter und füllte den Helm an der Quelle. „Hilf mir, Martin! hilf mir!“ rief eine nahe Stimme. 1409 Und aufblickend, ſah er den jungen Pagen, der ſeinem Herrn den Hügel hinunter gefolgt war. „Komm hieher, Knabe,“ rief Martin Grille. „Wie? biſt Du verwundet, junger Thor?“ „Sehr ſchwer,“ verſetzte der Knabe.„Während ich den Baron zu ſchützen verſuchte, als er zuerſt von dem Pferde geworfen wurde, hackten ſie mit ihren Schwertern auf mich los. Ich werde ihn nie wieder⸗ ſehen; er iſt jetzt todt.“ „Reiche mir die Hand— reiche mir die Hand!“ rief Martin Grille.„Er iſt nicht todt; ſei gutes Muths. Aber ich muß mit dieſem Waſſer zurückeilen; darum wende alle Kraft an, die Du noch übrig haſt.“ Den Pagen mit der einen Hand fortſchleppend und mit der anderen den Helm haltend, erſtieg Mar⸗ tin den Hügel wieder und erreichte die Stelle, wo de Brecy lag. Der jüngere Mönch ſchüttete dem Verwundeten ſogleich eine Hand voll Waſſer in's Geſicht. Es überlief ihn ein Schauder; dann öffnete er ſeine Augen und ſah ſich matt um. „Nun einige Tropfen von dieſem koſtbaren Bal⸗ ſam,“ ſagte der jüngere Mönch, indem er ein Fläſch⸗ chen aus ſeiner Taſche zog.„Oeffnet Eure Lippen, mein Sohn, und laßt es mich hineinſchütten.“ Er mußte die Worte wiederholen, ehe der Ver⸗ wundete ihn verſtand; als er aber die Tropfen genom⸗ men hatte, ging eine plötzliche Veränderung mit ihm 110 vor. Das Licht kehrte in Jean Charoſt's Augen zurück und er ſagte, wenn gleich matt: „Wo bin ich? Wer hat gewonnen?“ „Wie geht es mit Euch, mein Sohn?“ fragte“ der ältere Mönch, ſich mit zurückgeworfener Kapuze über ihn neigend. 4 „Matt, Vater,“ antwortete Jean Charoſt.„Ha! ſeid Ihr es?“ „Freilich bin ich es,“ verſetzte der Mönch.„Aber faßt Muth: Ihr werdet nicht ſterben. Wir wollen Euch in unſere Priorei bringen, da werdet Ihr bald Eure Geſundheit wieder erhalten.“ „Ach!“ ſagte Jean Charoſt, indem er matt ſeine Hand erhob und ſie dann wieder ſinken ließ.„Aber wie geht es mit der Schlacht? Wenn Frankreich ver⸗ loren hat, ſo laßt mich hier ſterben.“ „Wir können es noch nicht ſagen,“ antwortete der jüngere Mönch.„Die Schlacht wüthet noch im⸗ mer. Haltet dieſes Crucifix in der Hand und laßt mich Eure Wunde unterſuchen. Sie blutet nicht ſo ſchnell,“ fuhr er fort.„Nehmt noch ein wenig mehr von dieſen Tropfen; ſie werden Euch wieder Kraft geben.“ „Ah, Perot, armer Junge!“ rief Jean Charoſt, deſſen Augen matt auf den Pagen fielen, der ſich an einen Baum lehnte.„Sorgt für ihn, guter Vater. Er muß ſchwer verwundet ſein. Er rettete mir das —— ihnen. 111 Leben, als ich zuerſt von dem Schlage auf den Kopf zu Boden geſchmettert wurde.“ „Nehmt ſelber erſt noch einige Tropfen,“ verſetzte der Mönch,„ſonſt möchte der Herr hingehen, wohin ihm der Page nicht gern folgen würde.“ Jean Charoſt leiſtete keinen Widerſtand und der Mönch wendete ſich dann zu dem Knaben, unterſuchte und verband ſeine Wunden und gab ihm ebenfalls von dem Elixir, worauf er großes Vertrauen zu ſetzen ſchien. Auch war es nicht ohne Grund, denn die Wirkung war ſehr groß und Jean Charoſt ſagte mit ſtärkerer Stimme: „Ich denke, ich werde am Leben bleiben.“ „Könnten wir nicht eine Sänfte machen?“ fragte der ältere Mönch, indem er die Männer anſah, die ihren jungen Herrn den Hügel heraufgeführt hatten. „Wir wollen es verſuchen,“ verſetzte Einer von Und eine Axt nehmend, die er auf der Schulter hatte, begann er einige junge Bäume abzuhauen. Ehe aber noch ſo viele Materialien geſammelt waren, um die Sänfte machen zu können, hörte man Hufſchläge von Pferden herbeikommen, und im nächſten Augenblicke erſchien eine kleine Reiterabtheilung. „Ha! wer iſt das?“ rief der Mann, der die Abtheilung kommandirte.„Ein verwundeter, fran⸗ zöſiſcher Ritter. Gott erhalte Euch, Herr. Ich hoffe, 1¹² Ihr werdet wieder hergeſtellt werden; aber Ihr müßt Euch auf Gnade oder Ungnade ergeben, und ich ver⸗ lange Euren Handſchlag darauf.“ Während er ſprach, ſtieg er ab, näherte ſich der kleinen Gruppe und reichte Jean Charoſt ſeine Hand hin. „Es iſt nicht anders,“ antwortete der Verwun⸗ dete, ihm die Hand reichend.„Ich ergebe mich auf Gnade oder Ungnade.“ „Nun noch Euren Namen,“ ſagte der engliſche Officier. „Jean Charoſt, Baron von Brecy,“ verſetzte der junge Mann.„Ich bitte Euch, ſagt mir, wie geht die Schlacht?“. „Sie iſt vorüber,“ antwortete der Engländer. „Es hat Gott gefallen, unſern Waffen Sieg zu ver⸗ leihen. Eure Leute werden ſich natürlich ergeben.“ Auch da war keine Hilfe, da ſie von zwanzig oder dreißig Reiſigen umringt waren; und als ſie ihr Wort gegeben hatten, wendete ſich der Offizier, der ein ältlicher Mann war, wieder zu Jean Charoſt und ſagte in freundlichem Tone: „Ihr ſeid ſchwer verwundet, Herr, und ich bin ewiß, Ihr habt ritterlich Eure Pflicht gegen Euren 9 König und Euer Vaterland gethan. Ich kann nicht dableiben, um für Euch zu ſorgen; aber dieſe guten Väter werden ſich gewiß freundlich Eurer annehmen. 113 Wenn Ihr wieder wohl ſeid, fragt nach Lord Wil⸗ loughby. Ihr werdet ihn nicht hart finden. Das Wort eines Edelmannes bei ſolchen Wunden, wie dieſe, iſt beſſer, als drei Zoll dicke Gitterſtangen.“ So redend, beſtieg er ſein Pferd wieder und ritt davon. Agnes Sorel. III. 8 Siebentes Kapitel. Noch einige ruhige, ſtille und kühle Blicke, gleich dem frühen Sonnenſcheine eines klaren Herbſttages, um eini⸗ ges Licht auf den Verlauf von einigen Jahren zu werfen. Man wird fragen, warum werden nicht die Er⸗ eigniſſe jener Jahre berichtet? Warum werden uns nicht die Einzelheiten einer Geſchichte mitgetheilt, woran der Verfaſſer wenigſtens einiges Intereſſe nehmen muß? Aus folgendem Grunde: Im Jugendleben, ſo wie in jedem Lande giebt es einförmige Stellen, wo das Waſſer auf den Flächen ſtehen bleibt, und unter denſelben zu verweilen, iſt gefährlich für das thätige Daſein. Ich ſage, in jedem Leben giebt es ſolche Flächen, denn ich erinnere mich keines aus der Ge⸗ ſchichte oder dem Gedächtniſſe, wo ſie nicht gefunden wer⸗ den ſollten. Keines, wo es nur Berge oder Thäler gebe. Man nehme das thätigſte Leben, welches je exi⸗ ſtirte, das Leben Napoleon Bonaparte's; man begleite 115 ihn von der Militairſchule zu dem Kommando von Armeen; man verfolge ſeine kometenartige Laufbahn von Sieg zu Sieg bis zu dem Höhepunkte ſei⸗ ner Macht und dann bei ſeinem raſchen Falle bis man zu dem Felſen im atlantiſchen Meere und zu der ohnmächtigen Gefangenſchaft kommt! In einer Zelle in der kleinen Priorei von St. Georg zu Hesdin lag Jean Charoſt auf dem harten Lager eines der Mönche, bleich und abgemagert, aber noch das Licht des wiederkehrenden Lebens in ſeinen Augen. An ſeiner Seite ſaß ein großer, hagerer Greis, nicht gerade ſehr alt an Jahren, aber doch alt an Erfahrung des Kummers. Dies iſt ein ſeltſames Leben, und Alles, was da⸗ mit in Verbindung ſteht. Zeit, Freude und Kummer, Furcht und Hoffnung, Appetit und Sättigung! Sehr ſeltſam! Das weiſe, orientaliſche Volk hat geſagt, an der Wurzel des Lebensbaumes nagen beſtändig zwei Würmer, der eine ſchwarz, der andere weiß. Aber ach! manche andere Made durchbohrt die Rinde, frißt ſich in das Innere, vertrocknet den Saft und führt Untergang und Zerſtörung herbei. Eine der geſegnetſten Ideen der Seele iſt, daß in ihrer Unſterblichkeit keins dieſer Dinge ſie berühren kann. De Brecy's Geſellſchafter ſchien ein alter Mann zu ſein, obgleich er wahrſcheinlich noch keine ſechzig Jahre gelebt hatte; aber auf ſeinem Geſichte waren 3 8* 1 —88oooſſſ 116 viele tiefe Furchen— nicht ſolche, wie ſie die nagen⸗ den Sorgen ziehen— nicht ſolche, wie ſie die Klauen der habſüchtigen Selbſtſucht eingraben, ſondern die tiefen, ſtarken Brandmale glühender Leidenſchaften, des heftigen Kummers, der wilden Freuden, ſowie der ſtarken und unruhigen Gedanken. Doch das Auge war gemildert. Es war nicht daſſelbe Licht darin, wie früher— das wilde, lebhafte Licht, zu hell, um völlig geſunden Verſtand anzudeuten. Da war Trau⸗ rigkeit genug, aber wenig Feuer. 3 Die Beiden, welche allein in der Zelle waren, hatten einige Zeit miteinander geſprochen, und es war eine jener Pauſen eingetreten, in welcher Jeder für ſich ſelbſt den durch das Vorhergegangene herbeigeführten Gedankengang fortſetzt. Der Greis blickte auf den Boden nieder, indem ſeine ſtruppigen Brauen über ſeine Augen niederhingen. Jean Charoſt ſchaute auf, als erhalte er eine Inſpiration von oben. Es war Hoffnung und Erinnerung. Endlich ſprach der Greis: „Wenn man auf den Pfad des Lebens zurück⸗ blickt,“ ſagte er,„verliert man in dem Nebel der Ferne tauſend Gegenſtände, die auf daſſelbe einge⸗ wirkt haben. Wir ſehen, wie es ſich hierhin und dorthin wendet, und wundern uns, daß wir nicht eine geradere Richtung zu unſerem Ziele gewählt. Wir bemerken, daß wir einen weiten Umweg gemacht haben; aber die Hinderniſſe ſind nicht zu ſehen, die 117 unüberſteiglich waren oder zu ſein ſchienen— der Strom zu tief, um ihn zu durchwaten— der Felſen zu hoch, um ihn zu erklimmen— das Dickicht zu dicht, um es zu durchdringen— und die Nebel und Dunkelheit auch— die Nebel und Dunkelheit des Geiſtes, die uns blenden. O mein Sohn! hütet Euch vor dem blendenden Scheine der Leidenſchaft; denn Ihr wißt nicht, wie falſch und täuſchend er iſt. Dinge, die ſo klar ſind, wie der Tag, werden trübe und dunkel, falſche Lichter ſchimmern um uns und Nichts iſt wirklich, als unſere eigenen Empfindungen.“ Jean Charoſt lächelte. „Noch bin ich ſo davon gekommen, Vater,“ ſagte er.„Wenn ich auf einige Perioden meines Lebens zurückblicke— auf die Handlungen anderer Menſchen und meine eigenen— da wundere ich mich freilich zuweilen, wie ich die Dinge um mich her an⸗ ſehen konnte, wie ich es damals that, und Alles er⸗ ſcheint mir wie ein Traum.“ „Es iſt der Traum der Leidenſchaft!“ fiel der Mönch ein. „Glücklicherweiſe habe ich keine Urſache gehabt, zu bedauern, daß ich nicht klarer ſah,“ fuhr Jean Charoſt fort.„Aber wir wollen uns zu andern Ge⸗ genſtänden wenden, guter Vater. Ich möchte Euch um Vieles befragen— um Vieles, was ich nothwen⸗ dig wiſſen muß.“ 118 „Befragt mich um Nichts,“ verſetzte der Mönch raſch. Dann legte er ſeine Hand auf Jean Charoſt's Arm und fügte langſam und ſtrenge hinzu:„Es giebt eine Periode in meinem Leben, an die ich mich nicht zu erinnern wage. Durch Anſtrengung und Arbeit habe ich feſten Boden gefunden und kann auf dem Felſen meiner Erlöſung ſtehen; aber hinter mir iſt ein Abgrund des Wahnſinns. Ihr wollt mich doch nicht in denſelben zurückſchleppen, junger Mann?“ „Verhüte Gott!“ rief Jean Charoſt.„Aber doch—“ Der Mönch machte eine Bewegung mit der Hand; einen Augenblick ſpäter wurde die Thür der Zelle ge⸗ öffnet und Martin Grille erſchien geſtiefelt und be⸗ ſpornt, ſeine Kleidung mit Staub bedeckt, und mit jedem Zeichen eines weiten Rittes auf trockenen und ſandigen Wegen. 3 „Nun, Martin,“ rief ſein Herr, ſobald er ihn erblickte,„was ſagt Lord Willoughby?“ „Nur wenig und nichts beſonders Angenehmes,“ verſetzte Martin Grille.„Indeſſen hat er geſchrieben. Hier iſt ſein Brief.“ 4— Jean Charoſt nahm das Papier, welches der Mann ihm hinreichte, und riß es lebhaft auf; aber ſein Writ wurde blaß, als er den Inhalt las, und er rief: 119 „Funfzehntauſend Kronen als Löſegeld für einen Baron! Dies iſt mein Untergang!“. „Ich denke, er kann nicht anders,“ ſagte Mar⸗ tin Grille;„denn er ſchien ſehr unruhig, als er ſchrieb. Er ſagte mir, die Löſegelder wären von einer höheren Macht beſtimmt worden.“ „Ja, ja! eine leere Entſchuldigung,“ entgegnete Jean Charoſt.„Dieſer habgierige Engländer iſt ent⸗ ſchloſſen, die Gefangennahme eines Verwundeten ſo gut wie möglich zu benutzen.“ „Leidenſchaft, mein Sohn, Leidenſchaft!“ fiel der Mönch ein.„Was der gute Lord ſagt, glaube ich. Es iſt der Ehrgeiz und die Politik ſeines Herrn, nicht ſeine eigene Habgier. Ich habe ſchon Etwas davon gehört und fürchtete den Erfolg. König Hein⸗ rich iſt entſchloſſen, daß alle Die, welche Frankreich am beſten gegen ihn dienen können, entweder die Ko⸗ ſten des nächſten Feldzuges durch ihre Löſegelder zah⸗ len oder ihre Zeit in engliſchen Gefängniſſen hinbrin⸗ gen ſollen, während er auszieht, um Frankreich zu erobern.“ „Schande über ihn!“ rief Jean Charoſt. „Würdet Ihr nicht Daſſelbe thun, wenn Ihr der König von England wäret?“ fragte der Mönch. Jean Charoſt ſann mehrere Minuten nach, ohne die Frage des Mönchs zu beantworten. Endlich aber ſagte er: 120 „Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als ein Gefängniß. Ich will meine gute Mutter und meine liebe kleine Agnes nicht arm machen. Es hat ſchon genug gekoſtet, mich zu dieſer unglücklichen Schlacht auszurüſten. O, wenn die Franzoſen Kälte und Dis⸗ ciplin hätten, ſo wie ſie Muth und Thätigkeit be⸗ ſitzen! Wenn ſie den Sieg gewonnen hätten, würde ich meine Gefangenen nicht ſo behandelt haben. Nun, Gottes Wille geſchehe! Ich will über die See gehen und mich der Gefangenſchaft ausliefern. Verſchaffe mir Schreibmaterialien, Martin Grille.“ „Nein, mein Sohn, Ihr ſeid nicht fähig dazu,“ ſagte der Mönch. „Es muß geſchehen,“ entgegnete Jean Charoſt. „Was liegt daran, wenn ich ſterbe? Er kann keine Goldſtücke aus mir münzen. Ich will dieſes Löſegeld nicht zahlen, ſo lange meine Mutter lebt. Laßt mich Dinte und Feder haben.“ 5 Jean Charoſt begann zu ſchreiben, doch war er bald genöthigt, den Verſuch aufzugeben, denn er war noch zu ſchwach. Am nächſten Tage ſchrieb er indeſ⸗ ſen noch einmal, und es wurden zwei Briefe vollen⸗ det. Der eine wurde an ſeine Mutter, der andere an Lord Willoughby abgeſendet. Von dem Letzteren erhielt er eine höfliche und freundliche Antwort, worin er gebeten wurde, ſeine Abreiſe nach England nicht zu übereilen, ſondern zu warten, bis er wohl 121 genug ſei, um die Reiſe ertragen zu können. Ein Satz, der ein wenig verwirrt war, ſchien ein Be⸗ dauern ausdrücken zu ſollen, daß das für Gefan⸗ gene ſeines Ranges beſtimmte Löſegeld ſo hoch ſei; aber Jean Charoſt war ärgerlich und er warf den Brief von ſich. Der andere Brief, den er geſchrieben, führte ſeine Mutter und Agnes in aller Eile an ſeine Seite; denn ſie hatte geglaubt, daß die Gegenwart des Kindes ihn erheitern würde. Wir wollen ihre Vorſtellungen übergehen und wie dringend ſie ihn bat, Alles zu verkaufen und ſein Löſegeld zu zahlen. Um ihretwillen war er feſt. Er wollte ſeine Mutter nicht arm machen, und obgleich bittere Thränen floſſen, reiste er doch aus ſeinem Vaterlande ab. Jetzt müſſen wir die Scene verändern. Beinahe vier Jahre waren vergangen, ſeitdem das Schlachtfeld von Azincourt einiges von dem beſten Blute Frankreichs empfangen und die Reihen der fran⸗ zöſiſchen Ritterſchaft gelichtet hatte. Jede Stadt, je⸗ des Dorf, faſt jede Familie war voll Unruhe, und der Ort, der an dem einen Tage in den Händen Eng⸗ lands war, war am zweiten Tage in den Händen Frankreichs und am dritten in den Händen Burgunds. Alle regelmäßige Kriegführung war zu Ende. Jeder mächtige Edelmann führte auf ſeine eigene Hand Krieg 122 α‿ und vereiute ſich durch ſehr ſchwache Bande mit die⸗ ſer oder jener Partei. Seine Unternehmungen waren ſeine eigenen, obgleich ſie in gewiſſem Grade auf das Wohl ſeiner Partei abzielten; wenn er irgend Je⸗* manden ein Recht zugeſtand, ihm zu befehlen, ſo war es nur mit dem Vorbehalte, daß er gehorchen dürfe oder nicht, je nachdem es ihm gefalle. Bewaffnete Schaaren durchzogen das Land nach allen Richtungen. Es gab faſt kein Feld bis zur Loire, welches nicht zu einer Zeit der Schauplatz eines Kampfes war. Niemand wußte, wenn er den Boden beſäte, wer die Ernte bekommen würde, und die Waaren des Kauf⸗ manns waren eben ſo oft der Plünderung ausgeſetzt, wie die Ernte des Landmannes. Doch iſt es außerordentlich, wie bald ſich der Geiſt des Menſchen, und ganz beſonders der leichte und flatterhafte Geiſt des Franzoſen in die Umſtände fügt. Hier herrſchte ein Zuſtand, der für Alle, als für Wilde, unerträglich war; doch in Frankreich übte der geſchickte Koch ſein thätiges Geſchäft aus, und die dampfende Küche verbreitete liebliche Gerüche. Die Gaſthöfe, die Herbergen und Schenken waren beſtän⸗ dig mit munteren Gäſten angefüllt. Die Nadel des Schneiders war niemals geſchäftiger, und es wurde eben ſo viel Sorgfalt auf den Schmuck Derjenigen verwendet, welche in wenigen Tagen einen blutigen Tod finden konnten. Die Dorfglocken riefen die Leute 123 wie gewöhnlich zum Gebete und zur Dankſagung und läuteten fröhlich zur Hochzeit, ſelbſt während feindliche Lanzen von dem Thurme zu ſehen waren. Dies war der Zuſtand des Landes, als eines Tages gegen Ende des Sommers 1419 ein junger Mann in der Kleidung eines Mönchs in ein Dorf in der Nähe der Stadt Bourges trat. Er trug Sanda⸗ len an den Füßen, einen Pilgerſtab in der Hand und war offenbar von einer weiten Wanderung ermüdet. Der größere Theil des Landvolks war auf den Fel⸗ dern und die Straße des kleinen Orts, welche ſich an der Seite eines Hügels dahinzog, lag faſt einſam im hellen Sonnenſcheine da. Der Wirth der Herberge ſaß indeſſen mit einem alten ſchwachen Gefährten mit weißem Barte vor ſeiner Thüre und ſie machten ihre Bemerkungen über den jungen Fremden, als er ſich näherte, die für die Mönche im Allgemeinen nicht ſehr günſtig waren. „O! er geht gewiß zu dem grauen Kloſter,“ ſagte der Wirth zu ſeinem Geſellſchafter,„und ohne Zweifel leben ſie dort herrlich und in Freuden. Er wird einen heiteren Abend nach ſeiner Reiſe haben, beſonders da es heute Donnerſtag iſt.“ „Ja, das iſt die Zeit, wo die Weiber zur Beichte kommen müſſen,“ ſagte der Andere;„und ich denke, ſie unterhalten ſich angenehm genug über alle die Sün⸗ —— 1 ‿ 4 den, die ihnen gebeichtet werden. Seht nur, er ſcheint hieher zu kommen.“ „Das glaube ich nicht,“ ſagte der Wirth.„Wir haben nur wenig Zuſpruch von den Brüdern, obgleich* ſie gut bezahlen können, wenn ſie wollen. Bei mei⸗ nem Leben, er ſcheint doch hieher zu kommen; aber vielleicht will er nur nach dem Wege fragen.“ Der Fremde ging indeſſen gerade auf den Wirth zu und fragte, anſtatt ſich nach dem Wege zu erkun⸗ digen, ob er die Nacht dort logiren könne. „Gewiß, guter Vater,“ verſetzte der Wirth in ſehr verändertem Tone.„Dies iſt eine öffentliche Her⸗ berge, obgleich die Preiſe jetzt höher ſind, als früher, weil das Land ſo herunter gekommen iſt.“ „Das thut Nichts,“ entgegnete der Fremde. „Wann kann ich zu Abend ſpeiſen?“ „In einer Stunde wird das Abendeſſen auf dem Tiſche ſein, Vater,“ antwortete der Wirth.„Möch⸗ tet Ihr nicht vorher Eure Füße waſchen? Sie ſind ſehr beſtäubt.“) „Noch nicht,“ verſetzte der Fremde.„Wenn ich wüßte, wo ich mein Felleiſen ſicher unterbringen könnte, möchte ich noch ein wenig weiter gehen, um von je⸗ nem Hügel die Sonne untergehen zu ſehen.“ „Kommt mit mir— kommt mit mir,“ ſagte der⸗ Wirth.„Ich will Euch Euer Zimmer zeigen, wo Ihr ein ſo gutes Bett haben werdet, wie ein Baron 4 125 es nur wünſchen könnte, obgleich das Zimmer nicht viel größer iſt, als eine Zelle; aber daran wird Euch Nichts liegen, denn es iſt friſch und luftig, und über⸗ dies hat es ein gutes Schloß, und das iſt mehr, als bei anderen der Fall iſt.“ Der Fremde folgte ſchweigend, wurde in ſein Zimmer geführt und legte ſein Felleiſen dort ab. Dann nahm er den Schlüſſel, der faſt ſo groß war, wie heutiges Tages der Schlüſſel zu einer Kirchen⸗ thüre, ging wieder aus dem Hauſe und ſagte, er würde bald zurück ſein. Dann ſchritt er bis an das Ende der Straße, wo der Weg zu dem Hügel hinauf⸗ führte. Als er an allen Häuſern vorüber war, ſtand der junge Fremde auf der Höhe da, kreuzte ſeine Arme über die Bruſt und blickte die Scene mehr mit der Miene eines Kriegers, als eines Mönches an. Er hielt ſeinen Kopf hoch, ſeine Bruſt erweiterte ſich, um die friſche Abendluft aufzunehmen, und er glich einem ſchönen Pferde, welches zuerſt aus einem engen Stalle gelaſſen wird und die freie Luft einathmet, ehe es ſeinen wilden Lauf auf der Wieſe beginnt. Aber der Ausdruck veränderte ſich bald. Seine Augen öſtlich richtend, erblickte er die Thürme und Zinnen von Bourges, welche über die Seite des Hü⸗ gels hinweg ragten, und ein wenig weiter, aber mehr nördlich an der andern Seite des Fluſſes Angis, be⸗ 126 merkte er einen bewaldeten Hügel mit einem großen viereckigen Thurme und einigen anderen Gebäuden auf dem Gipfel. Ein Blick tiefer Schwermuth zeigte ſich auf ſei⸗ nem Geſichte. Nachdem er mehrere Minuten dorthin geſchaut hatte, richtete er ſeine Augen auf den Boden und verſank in tiefes Nachdenken, als ob er eine wich⸗ tige Frage mit ſich ſelber verhandle. „Es wird eine ſchmerzliche Freude ſein,“ ſagte er endlich,„aber ich will gehen, es mag koſten, was es will.“ Er überſchaute die Ausſicht noch einmal von allen Seiten und kehrte dann in das Gaſthaus zuruück, wo er den Wirth noch vor der Thüre ſitzend fand. „Könnt Ihr mir ſagen, ob Herr Jacques Coeur gegenwärtig in Bourges iſt?“ fragte er. „Nein, das iſt er nicht, Herr,“ antwortete der Wirth, indem er den Titel„Vater“ wegließ, den er vorher ſeinem Gaſte wegen ſeines grauen Gewandes beigelegt hatte.„Er iſt bei Seiner Hoheit dem Dau⸗ phin in der Gegend von Monterreau.“ 1 „Das trifft ſich unglücklich,“ ſagte der Andere, welcher nur eben bemerkte, daß der Wirth ſein Be⸗ nehmen gegen ihn verändert hatte und ihn Herr an⸗ ſtatt Vater nannte.„Nun, da will ich zu Abend, ſpeiſen und dann meine Wanderung fortſetzen.“ „Wäre es nicht beſſer, hier zu ſchlafen, Herr?“ fragte der Wirth, der wieder das Wort Vater ver⸗ mied.„Vielleicht ſind ſie nicht auf Eure Ankunft vorbereitet, und ich denke, Ihr müßt weit gereist ſein.“ Der Andere blieb indeſſen bei ſeinem Entſchluſſe, ohne von der großen Veränderung in dem Benehmen des Wirths Notiz zu nehmen; als er ſich aber in ſein Zimmer begab, um vor dem Abendeſſen ſeine Füße zu waſchen, fand er die Beſtätigung ſeines Verdach⸗ tes, daß das gerühmte Schloß an ſeiner Thüre mehr als einen Schlüſſel habe. Es fehlte freilich Nichts in ſeinem Felleiſen; aber der Inhalt war offenbar ſorgfältig durchſucht worden, ſeitdem er das Haus ver⸗ laſſen hatte. So gering der Vorrath an Gepäck war, den es enthielt, ſo ſtand doch auf mehreren Gegen⸗ ſtänden der Name Jean Charoſt de Brecy. Als das Abendeſſen beendet war, hatte ſich die Nacht eingeſtellt und die Sterne ſchienen hell und klar, als der junge Wanderer wieder ſeine Reiſe antrat und gerade auf das Schloß zuging, welches er auf dem Hügel geſehen hatte. Er ging mit unermüdlichem Schritte weiter, ſtieg von der Anhöhe in das Thal hinunter, überſchritt den kleinen Fluß vermöge einer ſteinernen Brücke und näherte ſich dem Fuße der An⸗ höhe, wo der Thurm ſtand. Große Hunde bellten laut, als er ſich dem Eingange des Schloſſes näherte, 128 und einige Männer ſaßen unter dem Bogen des erſten Thores. Aber Jean Charoſt's Ungeduld hatte mit jedem Schritte zugenommen; und ohne ſich aufzuhalten, um Fragen zu thun oder um Erlaubniß zu bitten, ging er über die Zugbrücke, über den kleinen Hofplatz und ſtieg dann die Stufen hinauf, die zu der großen Halle führten. Einer von den Männern folgte ihm von dem erſten Thore aus, verſuchte ihn aber nicht auf⸗ zuhalten. Zwei von den Hunden liefen an ſeiner Seite und blickten zu ſeinem Geſichte auf, während ein dritter wild vor ihm herſprang und vor Freude wimmerte. Obgleich die große Halle ganz dunkel war, fand er ſeinen Weg doch leicht genug, ſtieg eine kleine Treppe von fünf Stufen hinauf und öffnete die Thür gerade über denſelben. Es brannte Licht im Zimmer und Frau von Brecy ſaß dort, mit einer Stickerei beſchäftigt, während die kleine Agnes, jetzt ſehr ent⸗ wickelt an Form und Schönheit, neben Jean's Mut⸗ ter ſaß und die verſchiedenen Arten Seide auswählte. Jean's Füße waren mit Sandalen bedeckt, aber ſeine Mutter kannte dennoch ſeinen Schritt. Sie ſtutzte und blickte ihn an. Im nächſten Augenblicke umſchlang ſie ſeinen Hals, während Agnes ſeine Hand faßte und mit Küſſen bedeckte. „Willkommen, willkommen zu Hauſe, mein Sohn!“ 129 rief Frau von Brecy.„Iſt der Sinn Deines harten Herrn erweicht worden? Wir hörten, daß Du krank, ſehr krank wäreſt, und in drei Tagen hätten Agnes und ich uns auf den Weg zu Dir nach England ge⸗ macht. Wir warteten nur auf ſicheres Geleit, um ab⸗ zureiſen.“ „Ich war freilich krank, liebe Mutter,“ verſetzte der junge Mann,„und deshalb erhielt ich Erlaub⸗ niß, auf eine Zeit lang nach Hauſe zurückzukehren; aber täuſcht Euch nicht. Ich bin nicht gekommen, um da zu bleiben. So kurz iſt meine Abweſenheit aus dem Gefängniſſe, ſo hoffnungslos der Zweck mei⸗ nes Kommens, daß ich unentſchloſſen war, ob ich Euch beſuchen ſollte, nur um Euch den Schmerz zu verurſachen, Euch wieder von mir zu trennen. Ich habe nur auf Ehrenwort die Erlaubniß erhalten, mich auf drei Monate von London zu entfernen, um zu verſuchen, mein Löſegeld aufzubringen. Meine ein⸗ zige Hoffnung iſt auf Jacques Coeur gerichtet. Viel⸗ leicht hilft er uns unter leichteren Bedingungen, als jeder Andere es thun würde. Ich höre indeſſen, daß er nicht in Bourges iſt, und ich muß morgen nach Monterreau gehen, um ihn aufzuſuchen, denn es ſind beinahe drei Wochen von meiner Zeit vorüber. Es iſt eine weite Fußreiſe von England hieher.“ „Ach, mein armer Sohn!“ rief Frau von Brecy. „Unſer Schickſal iſt in der That ein trauriges. Doch Agnes Sorel. III. 9 1³⁰ warum ſollten wir uns beklagen? Wir theilen nur das unglückliche Schickſal Frankreichs; und der Him⸗ mel weiß, es hat Strafe verdient, und wenn auch nur wegen der blutigen und unchriſtlichen Fehden, die Unheil über das Land gebracht haben.“ „Laßt uns dennoch hoffen, Mutter, laßt uns dennoch hoffen,“ ſagte Jean Charoſt.„Schon das Gefühl, wieder zu Hauſe— in dieſer lieben Heimath zu ſein, wo ich ſo viele ſonnige Tage erlebt habe, entzündet das beinahe erloſchene Feuer wieder und macht, daß ich trotz der Unwahrſcheinlichkeit hoffe.“ „Aber warum kommſt Du zu Fuß, Jean?“ rief Agnes, an ihm hängend.„Es war doch nicht aus Mangel an Geld? O! ich hätte gern alle die hüb⸗ ſchen kleinen Sachen verkauft, die Du mir vor lan⸗ ger Zeit geſchenkt, um Dir ein Pferd dafür zu kan⸗ fen, obgleich unſere liebe Mutter ſagt, wir müſſen Alles ſparen, was wir können, um Dein Löſegeld zu zahlen.“—— „Nein, nein, liebes Kind,“ verſetzte Jean Cha⸗ roſt.„Es waren andere Gründe, weßhalb ich zu Fuße kam. Ich konnte nicht mit der Lanze in der Hand, mit meinem Fähnchen und meine Leute hinter mir hieber kommen, und für einen wohlgekleideten einſamen Reiſenden auf einem guten Pferde iſt es ge⸗ fährlich, von Harfleur nach Bourges durch's Land zu ziehen. Aber es iſt vergebens, daran zu denken, ſo 131 viel zu erſparen, um mein Löſegeld zu zahlen. Meine einzige Hoffnung iſt, daß es herabgeſetzt werde, und dann die Mittel zu erhalten, es zu zahlen— und zwar Beides durch Jacques Coeur.“ „Herabgeſetzt!“ ſagte Frau von Brecy lebhaft. „Iſt dazu eine Ausſicht vorhanden?“ Ihr Sohn erklärte ihr hierauf, daß bereits eine Conferenz zwiſchen dem Dauphin und dem Herzoge von Burgund ſtattgefunden habe, um die Bedingun⸗ gen des Friedens zu berathen. „Jacques Coeur hat großen Einfluß bei unſerem Kronprinzen,“ fügte er hinzu,„und ich glaube ſelber nicht übel bei Seiner Hoheit von Burgund angeſchrie⸗ ben zu ſein, obgleich ich, weiß der Himmel, nie ſeine Gunſt geſucht habe. Wenn der Dauphin, was er vielleicht thun ſollte, die Freilaſſung mehrerer bei Azincourt gefangen genommener Edelleute gegen ein mäßiges Löſegeld zu einer Bedingung macht, ſo denke ich unter dieſen einen genügenden Anſpruch zu haben. Ich höre, es ſoll in wenigen Tagen noch eine Zu⸗ ſammenkunft ſtattfinden, und ich darf die Gelegenheit nicht verfehlen. Ich überbringe Seiner Hoheit Briefe von ſeinem Vetter, dem jungen Herzoge von Orleans, und von mehreren anderen Herren von gutem Rufe. Laßt uns alſo hoffen, liebe Mutter, wenigſtens bis die Hoffnung ſich als eitel erweist. Hier will ich dieſe Nacht ausruhen und morgen wieder weiter eilen. 9 13² Vielleicht wird meine Mühe vergebens ſein und ich wieder nach England und in die Gefangenſchaft zu⸗ rückreiſen müſſen.“ „Dann wollen wir mit Dir gehen, Jean,“ ſagte Frau von Brecy.„Du ſollſt nicht länger allein im Gefängniſſe bleiben.“ „Ja, ja, laß uns mit Dir gehen,“ rief Agnes lebhaft, indem ſie für Jean Charoſt antwortete;„wir können dort eben ſo glücklich ſein, wie hier. Nicht die Mauern oder die Erde bilden eine angenehme Hei⸗ math, ſondern der Geiſt, der darin weht.“ „Du biſt eine junge Philoſophin,“ ſagte Jean Charoſt lächelnd,„aber wir wollen ſehen.“ Am nächſten Morgen war Jean Charoſt auf dem Wege nach Monterreau und trug noch ſeine Mönchs⸗ kleidung; doch ritt er jetzt ein altes Maulthier, das⸗ ſelbe, welches den Herzog von Orleans in der Nacht ſeiner Ermordung getragen hatte. Die Herzogin hatte ihm daſſelbe geſchenkt, als er ſie zuletzt geſehen und ſie dem Tode nahe geweſen. Die Reiſe betrug drei und zwanzig Stunden und war zu weit für einen Tag, aber Jean Charoſt war entſchloſſen, ſein Ziel ſo bald wie möglich zu erreichen, und am Abend des zweiten Tages kam er in der kleinen Stadt Moret an, von wo ihn ein kur⸗ zer Ritt am folgenden Morgen nach Monterreau brin⸗ gen konnte.. 133 Es war dunkel, als er in Moret ankam; aber der kleine Ort war mit bewaffneten Männern ange⸗ füllt, und vor den Thüren vieler Häuſer waren hei⸗ tere Gruppen verſammelt, wovon einige am Boden, andere auf Bänken und noch andere auf leeren Fäſſern lachend, trinkend und ſingend ſaßen, und alle die ſorg⸗ loſe Heiterkeit der Soldaten in einer Stunde des Friedens zeigten. Lichter brannten in den Fenſtern; Laternen oder Fackeln ſtanden vor den Thüren und der gelbe Herbſtmond rollte durch den Himmel dahin und ergoß eine Fluth von Licht über die Erde. Ohne Zweifel lag viel Ausgelaſſenheit in den Worten und in den Herzen Aller, doch zeigte ſich eine freudige Fülle des Lebens, eine ſorgloſe, glückliche, gedankenloſe Zuverſicht, eine anſteckende Heiterkeit, welcher ſchwer zu widerſtehen war. Das ſchallende Gelächter, das leichtfertige Lied, der heitere Scherz, die munteren Geſichter, Alles ſchien Jean Charoſt, als er vorüberging, zu fragen: „Warum ſollteſt Du an den morgenden Tag denken, da Du nicht weißt, ob Du den morgenden Tag erleben wirſt? warum ſollteſt Du für die Zukunft ſorgen, während eine unſichtbare Macht über die Zu⸗ kunft verfügt? Erfreue Dich des gegenwärtigen Ta⸗ ges! Iß, trink und ſei gutes Muths, denn morgen mußt Du ſterben.“ Mancher Scherz wurde über den anſcheinenden 134 Charoſt war nicht in der Stimmung, ſich durch einen Scherz beläſtigen zu laſſen. Seine Hoffnungen hat⸗ ten zugenommen, als er ſich dem Orte näherte, wo dieſelben erfüllt oder vereitelt werden ſollten, und die Scene um ihn her war gewiß nicht darauf berechnet, ſie zu bald zu verbannen. Vor der Thür eines kleinen Gaſthauſes blieb er ſtehen und fragte, ob er dort Aufnahme finden könne. „Nein,“ ſagte der fette Wirth lachend,„Ihr müßtet Euch denn ſo klein machen können, wie des Connetables Zwerg. Wir ſind hier bis zum Ueber⸗ laufen voll von des Dauphins Reiſigen; ich zweifle, daß Ihr an dem ganzen Orte den vierten Theil eines Bettes finden werdet. Vielleicht iſt es möglich, daß Ihr in der großen Herberge, die ſo düſter und ſchwer⸗ müthig ausſieht, Aufnahme findet; denn Naitre Langrin hat ſeine Preiſe erhöht, weil er erwartet, daß die Officiere dort ihr Ouartier aufſchlagen werden; aber ich denke nicht, daß ſie ſeinen ſchlechten Wein meinem guten vorziehen und noch dazu mehr dafür bezahlen werden.“ Dorthin lenkte Jean Charoſt indeß ſein Maul⸗ thier; aber hier war die Antwort faſt dieſelbe, und es wurde noch die unverſchämte Bemerkung hinzuge⸗ fügt, daß man in dem Hauſe keiner Mönche bedürfe. Darauf wendete ſich der Reiſende ab und dachte mit Mönch und ſein Maulthier ausgeſprochen; aber Jean — 135 einiger Aengſtlichkeit daran, wie er ſein Maulthier füttern und unterbringen ſolle, als er einen Mann ſah, der wie ein Officier gekleidet war und das an einen Pfoſten gebundene Maulthier ſehr genau beob⸗ achtete. Er war nicht völlig gerüſtet, obgleich er einen Bruſtharniſch trug, und ſein Kopf war nur mit einem Federbarett bedeckt. Obgleich groß und wohl⸗ gebildet, hielt er ſich ein wenig gebückt, und als er bei der Annäherung des Fremden einige Schritle zu⸗ rücktrat, ſchien er ſich mit einiger Schwierigkeit zu bewegen und hinkte beim Gehen. Jean Charoſt ſetzte ſeinen Fuß in den Steig⸗ bügel, ſtieg auf und war im Begriff davonzureiten, als der Andere ihm in etwas rauhem Tone zurief: „Wo habt Ihr das Maulthier her, Mönch?“ „Es iſt ein Geſchenk,“ verſetzte Jean Charoſt in ruhigem Tone, indem er ſein Geſicht voll zu dem Redenden wendete. „Ein Geſchenk— nicht von einem Pilger an ein Kloſter,“ entgegnete der Andere;„ſondern von einer Dame an einen Soldaten.“ Im nächſten Augenblick umſchlang er Jean Charoſt mit ſeinen Armen, während er lachend rief: „Ei! kennt Ihr mich nicht, de Brecy? Ich bin doch nicht ſo ſehr verwandelt, wie Ihr in Eurem Mönchsgewande. Im Namen des Himmels, was wollt Ihr in dieſer Kleidung und an dieſem Orte? 136 Woher kommt Ihr? Vas treibt Ihr? Einige ſag⸗ ten, Ihr wäret bei Azincourt getödtet worden. Ein Mann ſchwur mir zu, er hätte Euch ſterben ſehen. Ein Anderer ſagte mir, Ihr wäret in England gefangen, und ich habe das Letztere immer für richtig gehalten, denn ich habe es ſelber erfahren, wie ſchwer es iſt, getödtet zu werden. Sie haben mich faſt zu Ragout zerhackt; aber hier bin ich— das heißt, ſo viel noch von mir übrig iſt.“ Jean Charoſt ertheilte ſeinem alten Kameraden alle gewünſchte Auskunft, indem er ihm überdies, mit einiger Hoffnung auf Beiſtand, die Schwierigkeiten mittheilte, an welchen er gerade jetzt litt. „O! kommt mit mir— kommt mit mir,“ ſagte Juvenel de Royans.„Ich bin Kapitain einer Kom⸗ pagnie Bogenſchützen zu Pferde, und hier beugt ſich Jeder in Ehrfurcht vor mir. Ihr ſollt mein Zimmer theilen, wenn man Euch kein anderes geben will.“ Dann führte er ihn in das Gaſthaus und rief laut den Wirth herbei. „Hier, Herr Langrin!“ rief er, als der unhöf⸗ liche Mann, den Jean Charoſt ſchon vorhin geſprochen, wieder erſchien.„Dieſer Herr iſt ein Freund von mir. Ihr müßt ihn aufnehmen— ich weiß, was Ihr ſa⸗ gen wollt— aber Ihr müßt Platz machen.“ „Ich hielt den Herrn für einen Mönch, Herr,“ ſagte der Wirth in aller Unterwürfigkeit. 137 „Ein Mönch!“ wiederholte de Royans.„Das Gewand macht keinen Mönch. Wo hattet Ihr Eure Augen? Ich ſtehe dafür, er hat einen ſtählernen Harniſch unter ſeinem Gewande. Aber er muß auf jeden Fall ein Zimmer haben.“ „Es ſind keine leer, als die, welche für Frau von Giac beſtimmt ſind,“ ſagte der Wirth;„und alle die Männer müſſen zu Vieren oder Fünfen in einem Bette ſchlafen.“ „Nun, ſo bringt ihn in eins von Frau von Giac's Zimmern,“ rief de Royans lachend.„Ich denke, Beide werden Nichts dagegen haben. Auf jeden Fall müßt Ihr Platz für ihn finden; ich beſtehe darauf. Wenn Ihr es nicht thut, ſchicke ich Euch alle meine Bogenſchützen über den Hals, damit ſie Alles aufeſſen, was im Hauſe iſt, und allen Euren Wein austrinken. Nehmt Euch zehn Minuten Bedenkzeit und kommt dann in die Höhle, wo Ihr mich untergebracht habt, und ſagt es mir. Sagt meinen Leuten, daß ſie nach Herrn von Brecy's Maulthier ſehen und gut dafür ſorgen; denn ehe es ihn getragen, trug es einen ſo edlen Für⸗ ſten, wie Frankreich nur je geſehen, oder je ſehen wird. Kommt, alter Freund, ich will Euch den Weg zeigen.“ Als Jean Charoſt in dem Zimmer Juvenel's de Royans ſaß, wo eine Lampe brannte und ſein Kamerad ſich theilweiſe auf ſeinem Bette, theilweiſe auf einem 138 Seſſel ausſtreckte, nahm der Letztere einen ernſteren Ton an und de Brecy bemerkte mit Schmerz, daß er nicht uur niedergeſchlagenen Geiſtes war, ſondern auch körperlich ſehr gelitten hatte. Zwölf Jahre faſt un⸗ aufhörlicher Feldzüge hatten ſeine Kräfte aufgerieben, und die vielen Wunden, die er erhalten, hatten ihn leidend und geſchwächt zurückgelaſſen. „Gott helfe mir!“ ſagte er.„Ich verſuche mein Leiden zu tragen, de Brecy, und kann mich nicht ent⸗ ſchließen, das alte Kriegshandwerk zu verlaſſen. Ich muß vermuthlich im Harniſch ſterben, obgleich ich denke, ich ſollte mich in mein Schloß an der Garonne begeben, den Sohn meiner Schweſter adoptiren— ihr Gatte fiel bei Azincourt— und mich die übrige Zeit mei⸗ nes Lebens von Bouillon und Medoc nähren, denn ich bin nie ohne Schmerzen. Aber jetzt ſagt mir, welches ſind Eure Pläne; denn da ich immer an Ort und Stelle bin, kann ich Euch eine Karte von dem ganzen Lande entwerfen.“ Jean Charoſt erklärte ihm offen ſeine Lage, und de Royans dachte eine Zeit lang ſchweigend nach. „Ihr müßt mächtige Freunde ſuchen,“ ſagte er endlich.„Kennt Ihr Frau von Giac nicht? Jeder⸗ mann vermuthete, daß Ihr in jener unheilvollen Nacht von unſerem Herrn, dem Herzoge, zu ihr geſchickt worden, und wenn das iſt, muß ſie Euch Dank ſchul⸗ dig ſein für Eure Verſchwiegenheit.“ 139 „Ich habe bemerkt, de Royans,“ verſetzte der Andere,„daß die Damen gewöhnlich Diejenigen haſſen, welche im Stande ſind, verſchwiegen zu ſein.“ „Das wird ſich zeigen,“ ſagte de Royans;„wir können bald die Probe machen.“ „Ich ſehe den Nutzen nicht ein,“ bemerkte de Brecy.„Sie iſt die anerkannte Geliebte des Herzogs von Burgund, und von ihm will ich mir keine Gunſt erbitten.“ „Sie kann ſeine anerkannte Geliebte und dennoch die theure Freundin Seiner Hoheit des Dauphin ſein,“ antwortete de Royans.„Sie war des Herzogs an⸗ erkannte Geliebte und nicht weniger die theure Freun⸗ din Seiner Hoheit von Orleans.“ Jean Charoſt empfand einen Schauder. „Der Himmel verzeihe mir, wenn es mir e Menſchenliebe fehlt,“ ſagte er;„aber es iſt ein ſchwa zer Verdacht in meinem Geiſte, welcher macht, da ich lieber vom Teufel eine Gunſt erbitten würde, als von jenem Weibe.“ „Ha!“ rief de Royans, ſich halb vom Bette erhebend.„Wenn ich das denken könnte— aber es thut Nichts, wir wollen nicht mehr von ihr reden.“ „Was thut ſie hier?“ fragte Jean Charoſt. „Ich will Euch Alles erzählen,“ verſetzte der An⸗ dere.„Es fand vor einiger Zeit eine Konferenz in Betreff des allgemeinen Friedens ſtatt. Der Herzog 140 von Burgund verſprach große Dinge, die er nie er⸗ füllt hat, noch erfüllen wird, und nun hat ihn Seine Hoheit der Dauphin zu einer anderen Konferenz nach Monterreau berufen. Der Herzog hat länger als einen Monat gezaudert. Zuweilen wollte er kommen, zuwei⸗ len nicht, und oft drang er darauf, der Dauphin ſolle ſelber nach Troyes kommen, wo er ſich mit ſeinen Truppen, ſowie mit dem armen Könige und der Kö⸗ nigin befand. Der Dauphin ſchlug es ab, verſprach aber jede Sicherheit, wenn er hieher kommen wolle. Johann ohne Furcht hat ſich indeß als Johann mit großer Furcht gezeigt, da er wohl weiß, daß der Dauphin in und um Monterreau zwanzigtauſend Mann Nichts konnte ihn bewegen, und man mußte ihm Sicherheit das Schloß überliefern, und darum e ich es mit meinen Leuten räumen, die wir es ür Seine Hoheit den Dauphin beſetzt hielten, um Platz zu machen— für wen denkt Ihr?“ „Ich kann es nicht ſagen,“ verſetzte Jean Charoſt. „Vielleicht für Jakob de la Line, Anführer der Bogen⸗ ſchützen, der bei dem Herzoge iſt, wie ich höre.“ „Nichts dergleichen,“ erklärte de Royans,„ſon⸗ dern für Frau von Giac mit ihrer Begleitung und ihrer Dienerſchaft— worunter kein einziget Bewaff⸗ neter iſt. Sie kommt dieſen Abend hier an, reiſ't morgen in aller Frühe weiter und der Herzog ſelber wird Nachmittags ankommen. Vor fünf oder ſechs 141 Tagen kam er in Bray ſur Seine an, dort hielt er aber wieder an, und man kann nicht ſagen, ob er am Ende kommen wird, oder nicht. Wenn er kommt, wird er in guter Begleitung kommen, denn es iſt ge⸗ wiß, daß ſein Muth weicht.“ „Iſt irgend ein Grund zu ſeiner Furcht vorhan⸗ den, außer jenem allgemeinen Zweifel, den die Böſen an ihrem eigenen Herzen hegen?“ fragte Jean Charoſt. Juvenel de Royans richtete ſich völlig auf, ſaß auf dem Rande des Bettes, neigte ſich ein wenig vor⸗ wärts und ſagte in leiſem und gedankenvollem Tone: „Ich kann es nicht ſagen, aber es herrſcht die allgemeine Anſicht— Niemand weiß, warum— daß wenn morgen die Konferenz ſtattfindet, etwas Außer⸗ ordentliches geſchehen wird. Es iſt Alles unbeſtimmt und verwirrt— Niemand weiß, was er erwartet; aber Jedermann erwartet Etwas. Wir haben keine Befehle zur außerordentlichen Vorbereitung. Die Seite des Schloſſes nach den Feldern zu ſoll für den Her⸗ zog und ſeine Leute frei gelaſſen werden, damit ſie nach Gefallen ab und zu gehen können; und Alles ſcheint anzudeuten, daß Seine Hoheit Nichts weiter, als eine friedliche Konferenz beabſichtigt; doch ſo viel weiß ich, daß ich, ſobald ich höre, daß der Herzog im Schloſſe zu Monterreau iſt, alle Pferde aus dem Stalle führen und meine Leute aufſitzen laſſen werde, um im Nothfalle zum Handeln bereit zu ſein.“ 142 „Aber Ihr müßt doch einigen Grund zu einer ſolchen Furcht haben,“ ſagte Jean Charoſt. „Keinen— keinen, auf mein Wort,“ verſetzte Juvenel de Royans.„Ich kann das allgemeine Ge⸗ fühl nur dadurch erklären, daß Jeder unſerer Partei weiß, daß Johann von Burgund ein Feind Frank⸗ reichs iſt— daß ſein Ehrgeiz das große Hinderniß der Vereinigung aller Franzoſen gegen unſere engli⸗ ſchen Feinde iſt— und daß es gut für das ganze Land ſein würde, wenn er todt oder im Gefängniſſe wäre. Vielleicht denkt Jeder, daß das geſchehen werde, was er wünſcht. Aber nun wieder zu Euren Ange⸗ legenheiten, de Brecy. Euer Plan iſt gut. Wenn Seine Hoheit in einen Frieden willigt, ſollte er ſich die Freilaſſung ſeiner Freunde gegen billiges Löſegeld aus⸗ bedingen— und das Eurige iſt offenbar zu hoch. Aber wie man zu ihm gelangen kann, iſt die Frage, damit Euer Name mit auf die Liſte geſetzt werde. Ihr wollt ja Frau von Giac nicht dazu anwenden.“ „Nein, aber ich habe zwei Zugangsmittel,“ antwortete Jean Charoſt.„Ich habe einen Brief an Seine Hoheit von dem jungen Herzoge von Orleans, meinem Mitgefangenen, und ich höre, daß mein guter Freund Jacques Coeur ſehr großen Einfluß bei dem Kronprinzen hat.“ Juvenel de Royans dachte nach, ehe er ant⸗ wortete. — 143 „Der Brief wird vielleicht nicht bewirken, was Ihr wünſcht,“ ſagte er endlich;„denn Ihr müßt den Kronprin⸗ zen ſprechen, ehe dieſe Konferenz ſtattfindet; und wenn Ihr den Brief überreicht, kann ein entfernter Tag zu Eurer Audienz beſtimmt werden. Jaeques Coeur kann Euch freilich ſogleich Zutritt verſchaffen, wenn er in Monterreau iſt. Es war freilich vor drei Tagen dort und verſah Seine Hoheit, zu ſeiner großen Freude, reichlich mit Geld, denn er war faſt ohne Geld. Aber das Gerücht ging, daß er am geſtrigen Tage nach Italien abreiſen würde.“ „Dann iſt die Sache hoffnungslos,“ ſagte Jean Charoſt mit einem Seufzer. Es trat ein Schweigen von einigen Minuten ein, aber dann blickte de Royans lächelnd auf. „ Nicht hoffnungslos,“ ſagte er,„nicht hoffnungs⸗ los. Es iſt mir eben ein Mittel eingefallen, welches beſſer iſt, als alle anderen. Für's Erſte will ich Euch einen Brief an meinen Freund und Vetter Tanneguy du Chatel mitgeben, der des Dauphins Vertrauter iſt. Dort möchtet Ihr vielleicht abgewieſen werden; aber Ihr habt noch andere Mittel in Händen. Er⸗ innert Ihr Euch der Mademoiſelle de St. Geran— der ſchönen Agnes? Man glaubte früher, daß Ihr in ſie verliebt wäret, und ſie in Euch, obgleich ſie in jenen Tagen noch ein ſehr junges Mädchen und Ihr faſt noch ein Knabe waret.“ „Ich erinnere mich ihrer ſehr wohl,“ verſetzte Jean Charoſt,„und habe eine hohe Achtung vor ihr.“ „Daſſelbe iſt mit dem Dauphin der Fall,“ ent⸗ gegnete Juvenel de Royans mit bedeutungsvollem Lächeln. „Ihr wollt doch nicht damit ſagen—“ rief Jean Charoſt; aber der Andere unterbrach ihn. „Ich will Nichts damit ſagen,“ verſetzte de Royans.„In der That wiſſen die Menſchen Nichts weiter, als was ich geſagt habe. Es iſt klar, daß Seine Hoheit eine hohe Achtung vor ihr hat, ihren Rath hoch anſchlägt und ihn ſelbſt in Angelegenheiten des Krieges und der Politik befolgt. Wenn ſeine Gemahlin ſie nicht ebenſo ſehr liebte und verehrte, würde man keinen Zweifel in der Sache hegen, denn ihre außerordentliche Schönheit—“ „Ich hielt ſie nie für ſehr ſchön,“ fiel Jean Charoſt ein.„Ihre Formen waren elegant und ihr Geſicht geiſtreich, aber das war Alles.“ „O! aber ſie hat ſich verändert,“ antwortete de Royans.„Sie iſt dieſelbe und doch eine Andere. Es iſt unmöglich zu beſchreiben, wie ſchön ſie jetzt gewor⸗ den iſt. Jede Linie ihres Geſichts iſt jetzt ſchön und delikat. Die Farben ſind klar und rein geworden— die Roſen blühen auf ihren Wangen— der Morgen⸗ ſtern ſchimmert in ihren Augen, warm wie der Som⸗ mer und doch thauig, wie der Anbruch des Tages. 145 Aber das iſt noch nicht Alles. Es liegt eine unbegreif⸗ liche Anmuth in ihren Bewegungen, ungleich Allem, was ich je geſehen. Ihre raſcheſte Bewegung iſt ſo leicht, daß ſie langſam erſcheint, und die geringſte Veränderung der Stellung zeigt eine neue Vollkommenheit in ihrer Sym⸗ metrie; und in Allem leuchtet eine Seele und ſchimmert ein Geiſt, der über Alles umher Licht verbreitet. Ja, der alte Biſchof von Langres ſelber ſagte vor einiger Zeit, von dem Scheitel ihres Haares bis zur Sohle ihrer Füße wäre ſie ganz Schönheit. Der gute Mann ſagte freilich, er wiſſe nicht, ob es die Schönheit der Heiligkeit ſei, aber er hoffe es.“ „Ei! Ihr ſcheint ſelber in ſie verliebt zu ſein, de Royans,“ ſagte Jean Charoſt. „Geht und ſeht ſie— geht und ſeht ſie,“ ver⸗ ſetzte ſein Gefährte.„Sie wird Euch freudig begrü⸗ ßen, denn ſie iſt milde und beſcheiden, und ſtets er⸗ freut, einen alten Bekannten wieder zu ſehen.“ „Aber wo kann ich ſie finden?“ fragte Jean Charoſt. „O! Ihr werdet ſie in der Fremdenwohnung in der Abtei finden,“ antwortete de Royans.„Der Dauphin hat mit ſeiner Gemahlin und zwei oder drei ihrer Damen ſein Hauptquartier dort aufgeſchlagen. An Eurer Stelle würde ich zuerſt zu ihr gehen, denn ihr Einfluß iſt ſicher. Aber Ihr müßt Eure Mönchs⸗ kleidung ablegen, Mann; denn obgleich ſie in der Agnes Sorel. III. 10 —ÿ—ᷣ—ͦ—ͦ—:——— 146 Abtei wohnen, liebt man bei Hofe die Mönche nicht ſehr.— Ah! da kommt unſer Wirth. Nun, Herr Langrin, was hat Euch ſo lange aufgehalten?“ „Die Ankunft der Frau von Giac, mein Herr,“ verſetzte der Wirth.„Ich kann dem Herrn nur eine Schlafkammer geben, die ich für einen Andern be⸗ „ ſtimmt hatte; aber als Euer Freund muß er ſie natür⸗ lich haben. Das Abendeſſen ſteht auf dem Tiſche und guter Wein dazu.“ Achtes Kapitel. Städte haben ihre wechſelnden Ausdrücke, wie menſch⸗ liche Geſichter, und der Anblick von Monterreau am 10. September 1419 war ein auffallender, aber ein ſolcher, den die, welche lange auf der Erde gelebt haben, zuweilen in Augenblicken großer Aufregung und Erwartung müſſen geſehen haben. Die Stadt gewährte einen heiteren Anblick, denn ſie war mit Menſchen angefüllt; und das glanzliebende Militär, welches man nach allen Richtungen in ſeinen Waffen erblickte, gewährte den Straßen eine Lebhaftigkeit, die ſie zu gewöhnlichen Zeiten nicht beſaßen. Das Wetter war auch heiter und ſchön, denn es war einer jener klaren warmen Septembertage, und die Bäume auf den Weinbergen der Höhen von Surville fingen die Strahlen an ihren Blättern auf, die einen leichten herbſtlichen Anflug hatten. Die Glocken der Kirchen ertönten, denn es war Sonntag, und manche ſchöne 10* —⸗—C—õjÿ44——õꝛẽẽͤͤͤͤſ —mõõõ 148 Dame in ſchimmerndem Anzuge, den Roſenkranz um das Handgelenk geſchlungen, ſtolzirte in ihrem Sonn⸗ tagsſtaate durch die Straßen oder trat in das dunkle Portal, um an dem Gottesdienſte Theil zu nehmen. Es herrſchte eine feierliche Stille und eine un⸗ ruhige Ruhe, wenn ich den Ausdruck anwenden darf, der einen Widerſpruch zu enthalten ſcheint, eine drü⸗ ckende Erwartung an dem Orte. Wenn die Glocke verſtummte, wurde kein anderer Laut gehört. Die Männer gingen in Gruppen und ſprachen nicht; ſelbſt die Frauen unterredeten ſich in leiſeren Tönen. Früh am Morgen war ein ſtattlicher Zug im Schloſſe angekommen, nachdem er den Umweg um die Stadt bis zum Thore gemacht, welches jenſeits der Mauern auf die Felder führte. Da waren Damen und Dienerinnen, mehrere Herren von vornehmem An⸗ ſehen und ein kleiner Trupp Bogenſchützen. Aber die Thore des Schloſſes nahmen ſie Alle auf und mehrere Stunden lang war Nichts weiter von ihnen zu ſehen. Von Zeit zu Zeit ritten zwei oder drei Reiter aus der Stadt und zuweilen kehrte eine kleine Abtheilung zurück. Dies waren indeſſen die einzigen Vorfälle, die der Scene bis nach der Mittagsſtunde einige Be⸗ wegung verliehen. Um neun Uhr Morgens kam freilich ein junger Mann in der Kleidung eines Mönchs auf einem Maul⸗ thiere hereingeritten, brachte ſein Pferd in einem Stalle unter, wo er genöthigt war, den Namen des Marquis de Royans zu nennen, um Aufmerkſamkeit zu erlan⸗ gen, und dann begab er ſich zu Fuß zu einem gro⸗ ßen Hauſe, welches in der Nähe der Brücke über die Yonne ſtand. Eine Anzahl Leute befand ſich vor der Thüre und er that einige Fragen, indem er einen Brief in der Hand hielt. Die Antwort ſchien unge⸗ nügend, denn er entfernte ſich wieder, ging durch die Stadt und fragte nach der Abtei, die an der andern Seite lag. Es war kein Zeichen von der Nähe eines Hofes zu bemerken, als Jean Charoſt den ihm angedeuteten Weg einſchlug. Die beiden Straßen, durch die er ging, waren beinahe verlaſſen und erſchienen kalt und öde, da ſie von der Sonne abgewendet waren. Er glaubte faſt ſchon, ſich geirrt zu haben, als er an der entgegengeſetzten Seite eines kleinen Platzes ein großes und ſehr ſchönes Gebäude mit einer Kirche am Ende und vorn eine Reihe ſteinerne Pfoſten erblickte. Alles, was ich 1821 davon geſehen zu haben mich erinnere, war ein ſchöner Thorweg mit einem Bogen darüber, der ſich tief einſenkte, bis er eine Niſche bildete, wo der Wanderer vor der Sonne oder dem Regen Schutz finden konnte. Er diente damals als Eingang zu einem Kornſpeicher; aber jetzt gingen zwei Wachen mit Hellebarden auf ihren Schultern langſam davor auf und ab, und drei oder vier Diener trieben ſich umher oder ſaßen auf den Stufen und zeigten, daß der Eingang im Jahre 1419 zu keinen ſo alltäglichen Zwecken angewendet wurde. Gerade zu dieſer Thür nahm Jean Charoſt ſeinen Weg, ſah ſich um, als er um die Ecke des entgegen⸗ geſetzten Hauſes bog, und erblickte eine kurze Straße hinunter die ſanft fließende Seine mit ihrer alten Brücke und den Mauern des alten Schloſſes. Es ſchienen einige ſeltſame Gebäude auf der Brücke er⸗ richtet zu ſein: ein kleiner Pavillon, an deſſen Spitze eine Flagge wehte, und mehrere große hölzerne Bar⸗ rikaden; aber de Brecy verweilte nicht, um zu fra⸗ gen, was es bedeute, ſondern ging gerade auf einen von den Dienern zu und fragte, ob der Seigneur du Chatel dort wäre, indem er hinzufügte, man habe ihn von ſeinem Quartiere aus dorthin gewieſen. Dies wurde in gebieteriſchem Tone geſprochen, was ihm wahrſcheinlich, nebſt dem militäriſchen Kra⸗ gen, der aus dem Mönchsgewande hervorragte, eine höfliche Antwort verſchaffte. „Er iſt nicht hier, mein Herr,“ antwortete der Diener,„ſondern in lebhafter Berathung mit Seiner Hoheit dem Dauphin und mehreren anderen Herren. Er darf durchaus nicht geſtört werden.“ „Gebt ihm unfehlbar dieſen Brief, wenn er aus der Berathung kommt. Ueberdies muß ich Euch bit⸗ ten, mich ſogleich zu dem erſten Offizianten Seiner 151 Hoheit zu führen und ihn zu benachrichtigen, daß der Baron von Brecy, Gefangener in der Schlacht bei Azincourt, von England angekommen iſt und einen Brief an den Dauphin von Seiner Hoheit dem Her⸗ zoge von Orleans überbringt und um die Erlaubniß bittet, ihn zu ſeinen Füßen niederlegen zu dürfen, ſo⸗ bald es ihm genehm ſein würde.“ „Ich fürchte, mein Herr, das wird nicht ſo bald geſchehen können,“ ſagte der Diener.„Wo ſeid Ihr zu finden, wenn es Seiner Hoheit genehm iſt, Euch zu ſehen?“ „Wenn Mademoiſelle de St. Geran am Hofe iſt, möchte ich um eine Unterredung mit ihr bitten,“ verſetzte Jean Charoſt, der durch die vielfachen Hin⸗ derniſſe, die ſich ihm entgegenſtellten, entmuthigt war. „Ihr könnt ihr ſagen,“ fügte er hinzu, als er ſah, daß der Mann einen Schritt zurücktrat, als wollte er in das Gebäude zurückkehren,„daß Jean Charoſt de Brecy, ein Bekannter aus ihrer Kindheit, deſſen ſie ſich hoffentlich erinnern werde, hier warte.“ „Folgt mir gefälligſt, mein Herr,“ ſagte der Diener.„Sie iſt hier und war vor einer halben Stunde noch allein.“ Jean Charoſt folgte dem Manne in die Abtei, wovon man einen ganzen Flügel dem Dauphin und ſeiner Begleitung eingeräumt hatte. Es waren keine Mönche ſichtbar; aber dennoch ſchien das feierliche 15² Dunkel, welches in den langen Gängen und gewölb⸗ ten Säulenhallen herrſchte, in auffallendem Gegenſatze zu den wilden Beluſtigungen des Hofes zu ſtehen, wo⸗ mit die wüthenden Kämpfe und die feurigen Leiden⸗ ſchaften des Jahrhunderts abwechſelten. An einer Anzahl kleiner Thüren vorübergehend, die zu den Zellen in dem Säulengange führten, wo wahrſcheinlich die untergeordneten Begleiter des Hofes einquartirt waren, wurde de Brecy zu dem Fuße einer ſehr künſtlich verzierten Treppe geführt, die ſo zierlich ausgearbeitet und mit ſolcher Geſchicklichkeit und Leich⸗ tigkeit unterſtützt war, daß ſie im eigentlichen Sinne in der Luft zu ſchweben ſchien. Dieſe Treppe ſtand in der Mitte einer weiten, reichlich erhellten Halle und oben befand ſich eine Gallerie von künſtlich aus⸗ gearbeitetem Steinwerk, und über dem Bogen eines Einganges zeigte ſich eine Mitra, welche andeutete, daß dies früher das Zimmer des Abtes geweſen. Der Diener ging bis zu dem nächſten Gange und führte den Gaſt bis an das Ende deſſelben, wo er an eine Thür klopfte, eintrat, einige Worte ſprach und dann die Thür für Jean Charoſt weiter öffnete. Das Zimmer, in welches er eintrat, war klein, aber reich verziert; es hatte eine Thür, welche zu einem inneren Zimmer zu führen ſchien; und an einem Tiſche, worauf vielfarbige Seide lag, die ſie nach ihren ver⸗ ſchiedenen Schattirungen zu ordnen ſchien, ſaß eine 153 prächtig gekleidete Dame. Sie erhob ihre ſchönen und hellen Augen ohne einen Blick des Erkennens und anfangs glaubte de Brecy, es müßte eine Verſehen vorgegangen ſein. Eine gewiſſe unbeſtimmte, ſchatten⸗ hafte Aehnlichkeit mit der Agnes Sorel, die er früher gekannt, war ſichtbar, aber mit einer ſeltſamen Ver⸗ ſchiedenheit vereint. Es war der geſchliffene Diamant, im Vergleiche mit dem, der erſt roh aus der Mine ge⸗ kommen. Im nächſten Augenblicke aber wurde die Aehn⸗ lichkeit plötzlich ſtärker. Die Erinnerung ſchien das Geſicht des lieblichen Weſens vor ihm zu erhellen. Sie warf die Seide nieder, ſtand haſtig vom Tiſche auf und rief mit ſtrahlendem Lächeln: „Ah, Herr von Brecy! Der Mann gab Euren Namen nicht richtig an.“ Sie war gerade im Begriffe, ihm entgegen zu gehen, aber plötzlich blieb ſie ſtehen und aus irgend einer unerklärten Urſache verbreitete ſich ein lebhaf⸗ tes Erröthen über ihre Wange und ihre Stirn, und im nächſten Augenblicke wurde ſie todtenblaß. Sie faßte ſich indeſſen bald, begrüßte ihn ſehr freundlich, ließ ihn neben ſich niederſitzen und horchte auf Alles, was er ihr zu ſagen hatte. Sie antwortete ihm auch mit jedem Zeichen der Theilnahme; aber von Zeit zu Zeit verſank ſie in tiefes und ſchweigendes Nachdenken, während deſſen ihr Geiſt davon zu fliegen ſchien. — o— ꝗſ¶(-ͤoõ*————— 154 „Verzeiht mir, Herr von Breey,“ ſagte ſie end⸗ lich,„wenn ich zuweilen unaufmerkſam und zerſtreut zu ſein ſcheine. Eure plöͤtzliche und unerwartete An⸗ kunft führt mich beſtändig zu anderen Tagen zurück, ohne mir die Macht des Widerſtandes zu laſſen— ich weiß nicht, ob ich ſie glücklichere Tage nennen ſoll, obgleich ſie in einem Sinne freilich glücklicher waren. Es waren Tage der Hoffnungen und Vorſätze, die leider nicht erfüllt werden ſollten. Aber wir ler⸗ nen harte Lehren in dieſer ſtrengen Schule des Lebens, Herr von Brecy. Wir lernen Vieles, wovon wir glaubten, es nimmermehr ertragen zu können; und in⸗ dem wir beſtändig Veränderungen und Wechſel ſehen, und Alles, was Andere erleben, lernen wir uns ohne Widerſtand unſerem Schickſale ergeben mit der trau⸗ rigen Philoſophie, den Tag zu genießen, da wir wiſ⸗ ſen, daß wir nicht die Macht über den morgenden Tag haben. O, welche ſeltſamen Dinge haben ſich zu⸗ getragen, ſeitdem wir Beide uns zuletzt ſahen! Der ſchreckliche Mord des armen Herzogs von Orleans und Euer eigenes unverdientes Leiden bezeichnen jene ferne Zeit wie mit einem Monumente. Zwiſchen jenem Punkte und dieſem iſt uns Beiden ohne Zweifel Vie⸗ les begegnet, was niemals kann vergeſſen werden. Aber es iſt gut, das Gedächtniß mit ſtarker Hand zu zügeln, damit es nicht zu vergangenen Dingen zurück⸗ eilen möge, denn vorwärts liegt der Weg des Men⸗ 155. ſchengeſchlechts. Nun laßt uns davon reden, was ſich für Eure Befreiung thun läßt. Ihr müßt natürlich Seine Hoheit den Dauphin vor ſeiner Zuſammen⸗ kunft mit dem Herzoge von Burgund ſehen, und ich denke, ich kann dafür einſtehen, daß er ſich lebhaft für Eure Befreiung bemühen wird. Er iſt ein edler und großmüthiger Fürſt und wird viel für ſeine Freunde thun— obgleich er, der Himmel weiß, üble Erfah⸗ rungen genug gemacht hat, um ihm den Muth zu be⸗ nehmen. Nur von Selbſtſucht umgeben, die alle Ge⸗ ſtalten des böſen Feindes annimmt, der beſtändig mit der menſchlichen Natur Krieg führt, als Ehrgeiz, Hab⸗ ſucht, Bosheit, Verläumdung, Neid, Undankbarkeit— ſtarrt ihm einer von den verhaßten Hydraköpfen mit weitem Rachen entgegen. Ja, Ihr müßt ihn aller⸗ dings vor dieſer Konferenz ſprechen; denn der Him⸗ mel weiß, wann wieder eine andere geſchehen wird. Man kommt zuſammen! Aber wie werden ſie ausein⸗ andergehen?“. Sie verſank wieder in Nachdenken, aber es währte nicht lange; und aufblickend fügte ſie hinzu: „Ich weiß nicht, wie es iſt, Herr von Brecy; aber eine gewiſſe Furcht wegen dieſer Konferenz hat ſich meiner bemächtigt, und Alle, die ſich mir nähern, ſcheinen ſie ebenfalls zu empfinden. Ich kann nicht umhin, mich zu erinnern, daß dieſer Mann, der heute hieher kommt, ſeinen eigenen Vetter ermordet hat, 156 während er die äußerſte Zärtlichkeit für ihn zeigte und Frieden und Freundſchaft am Altare gelobte, und ich würde für die Sicherheit des Dauphin beſorgt ſein, wenn ich nicht wüßte, daß er zwanzigtauſend Mann an dieſem Orte und in der Nachbarſchaft hat, und daß man alle möglichen Vorſichtsmaßregeln getroffen hat. Ich weiß nicht, was mich ſo traurig macht. Glaubt Ihr, daß irgend eine Gefahr vorhanden iſt?“ „Ich hoffe nicht,“ verſetzte Jean Charoſt.„Man ſagt mir, die beiden Fürſten kommen innerhalb der Barrièren, von einigen ihrer erfahrenſten Räthe unter⸗ ſtützt, zuſammen, und wenn man gleich dem Herzoge das Schloß überliefert hat, ſo iſt doch die Macht des Dauphin der burgundiſchen ſo weit überlegen, daß es Wahnſinn ſein würde, einen Ueberfall zu wagen.“ „Könnte er nicht insgeheim eine große Macht in das Schloß einführen, die Brücke überfallen und den Dauphin gefangen nehmen?“ fragte Agnes. „MNan würde ihn in der Flanke und im Rücken angreifen,“ verſetzte de Brecy,„und ihn ſehr bald für ſeine Verwegenheit beſtrafen. Nein, liebes Fräu⸗ lein, ſo weit ich urtheilen kann, wird der Dauphin völlig ſicher ſein. Wenn Ihr es aber wünſcht, will ich gehen und weitere Nachforſchungen anſtellen.“ t „Nein, nein,“ entgegnete ſie.„Ihr müßt hier bleiben. Die Berathung kann jeden Augenblick zu Ende ſein und dann will ich Euch zu Seiner Hoheit 157 führen, wenn die Sitzung nicht bis nach der Mittags⸗ ſtunde währt, wo es dann beſſer wäre, wenn Ihr fortginget und ſpäter wiederkämet. Der Herzog, ſagt man, wird erſt um zwei oder drei Uhr hier ſein, aber er hat von Bray aus die Nachricht geſchickt, daß er gewiß kommen wird. Ja, iſt nicht Frau von Giac im Schloſſe? Das iſt ein gewiſſes Zeichen, daß er kommen wird. Nun laßt uns von anderen Dingen reden und unſere Augen wieder zu anderen Tagen wenden. Ich liebe eine ruhige und träumeriſche Unter⸗ haltung mit der Erinnerung, wenn man Abends am Feuer ſitzt und träumeriſche Schauſpiele in leichtem Nebel ſich vor den halb geſchloſſenen Augen im Geiſte erheben. Erinnert Ihr Euch jenes Knaben, welcher die Violine ſo ſchön ſpielte? Er iſt jetzt der erſte Muſiker Ihrer Hoheit der Dauphine. Ich wollte, er wäre hier! Er würde mit ſeiner lieblichen Muſik bald alle Furcht und allen Zweifel entfernen.“ Jean Charoſt ging auf ihren Ton ein und die Unterredung wurde länger, als eine Stunde, ruhig und heiter geführt, in dem Agnes Sorel zuweilen zu der gegen⸗ wärtigen Lage ihres Gefährten zurückkehrte, aber noch häufiger ihre Gedanken bei der Vergangenheit verwei⸗ len ließ, wie Diejenigen es zu thun geneigt ſind, die über die Gegenwart oder Zukunft ungewiß ſind. Zweimal wendete ſie das kleine Stundenglas um, welches auf dem Tiſche ſtand; endlich aber ſagte ſie: „Es iſt vergebens, länger zu warten, Herr von Brecy. Die Mittagsſtunde Seiner Hoheit naht ſich jetzt. Kommt um zwei Uhr wieder zu mir, und wenn es möglich iſt, ſucht inzwiſchen mit Tanneguy du Chatel zu fprechen. Er kann Euch ſehr nützlich ſein, denn er ſteht in hoher Gunſt bei ſeinem Prinzen, und überdies iſt er redlich und treu, obgleich von etwas heftiger und rauher Rede und unverſöhnlich. Aber er iſt treu und eifrig für ſeinen Fürſten, und ſeltſam genug, er beneidet andere Männer nicht, die ſich mit geringerer Treue und Verdienſt, als er, zur Macht erheben. Ich will Euch noch nicht Lebewohl ſagen, denn wir werden uns bald wieder ſehen. Ver⸗ geßt nicht, um zwei Uhr wieder zu kommen.“ Jean Charoſt entfernte ſich ſogleich; als er aber die Treppe hinunter ging, hörte er unten plötzlich eine Thür aufgehen, aus welcher mehrere Perſonen redend und lachend heraus kamen. In der Halle am Fuße der Treppe fand er zwölf bis funfzehn Perſonen, die im Begriff waren, auseinander zu gehen. Einige blieben einen Augenblick ſtehen, um ein Wort zu dem hinzu zu fügen, was vorhergegangen war, Andere eilten auf die Thür zu, durch welche er in das Ge⸗ bäude eingetreten war. Unter den Erſteren befand ſich ein großer, kräftiger Mann, außerordentlich breit in den Schultern, mit einer langen Pfauenfeder an ſeinem Barett, welcher einen Augenblick am Fuße der Treppe ſtehen blieb, um mit einem hageren, alten Manne in ſchwarzem Gewande zu reden. Jean Charoſt war gerade an ihm vorüber ge⸗ kommen, als er den Diener, mit dem er vorher ge⸗ ſprochen, auf den größeren Mann zugehen ſah, als wollte er mit ihm reden; und ehe Jean noch zehn Schritte gethan hatte, hörte er laut ſeinen Namen ausſprechen. „Herr von Brecy— Herr von Brecy!“ ſagte die Stimme, und als Jean ſich umwendete, bemerkte er, daß der Mann mit der Pfauenfeder ihm folge. Sein Weſen war raſch und entſchieden und nicht ganz angenehm; doch hatte er eine Offenheit an ſich, die man häufig bei Männern von kühnem und entſchloſ⸗ ſenem Geiſte findet, während ſie keine große Zartheit oder Delikateſſe des Gefühls beſitzen. „Dieſer Brief von de Royans kommt in einem ſehr geſchäftigen Augenblicke,“ ſagte er;„doch Euer Geſchäft fordert unmittelbare Aufmerkſamkeit. Ich bin der Seigneur du Chatel. Kommt in mein Haus und ſpeiſt mit mir zu Mittag. Wir wollen die Sache beim Eſſen beſprechen. Wir haben keine Zeit zu Ceremonien.“ Während er ſprach, faßte er Jean Charoſt's Arm, als wäre er ein alter Freund geweſen, und zog ihn mit ſtarken Schritten zu dem Hauſe fort, wo er an dem Morgen ſchon einmal nach ihm gefragt. 160 Unterwegs fragte er, was er in der Angelegenheit in Betreff ſeines Löſegeldes gethan habe, und als er hörte, daß er Mademoiſelle de St. Geran beſucht und ſie für ſeine Sache intereſſirt habe, rief er: „Das war das Beſte, was Ihr thun konntet. Ich würde Euch nicht ſo gut dienen können, wie ſie es kann. Seid Ihr ein alter Freund von ihr?“ „Ich kannte ſie, als ſie noch ein ganz junges Mädchen war,“ antwortete Jean Charoſt. Du Chatel ſchien ſeine Antwort kaum zu hören, denn gleich Agnes Sorel verfiel er an dem Tage häu⸗ fig in tiefes Nachdenken und erwachte erſt aus der Träumerei, in die er verfallen war, als ſie die Thür ſeiner Wohnung erreichten. Als ſie dann die Stufen hinauf ſtiegen, brach er in die Worte aus: „Sie kann thun, was ſie will. Zum Glück will ſie immer, was zum Wohle Frankreichs dient.— Laßt mich ſehen—“. Dann fügte er zu einem Diener gewendet hinzu:„Das Mittageſſen— augenblicklich! Sage Marivaulx, er ſoll meine Rüſtung in Bereit⸗ ſchaft halten.— Kommt, de Brecy, ich will Alles, was ich kann, für Euch thun. Aber das iſt nur, Euch mit dem Dauphin bekannt zu machen, und es muß haſtig geſchehen. Die ſchöne Agnes muß Eure Fürſprecherin bei ihm ſein, obgleich ich denke, es wer⸗ den nicht viele Bitten nöthig ſein.“ Während er ſprach, trat er in ein kleines Zim⸗ 161 mer zur Rechten des Einganges, wo ein kleiner Tiſch gedeckt ſtand, wie zum Mittageſſen einer einzigen Per⸗ ſon; und ſich auf einen Stuhl werfend, deutete er auf einen anderen und ſagte:. „Wenn dieſe Konferenz gut endet, denke ich, kann kein Zweifel an Eurem glücklichen Erfolge ſein.“ „Ich hoffe, ſie wird gut enden,“ ſagte Jean Charoſt.„Iſt irgend ein Grund vorhanden, es an⸗ ders zu erwarten?“ „Hm!“ rief Tanneguy du Chatel.„Das wird gänzlich von dem Herzog von Burgund abhängen. Er iſt aufgeblaſen und unverſchämt, und der Dauphin hat auch einen lebhaften Geiſt. Es wäre gut für ihn, keine ſo kühnen Worte anzuwenden, wie er in der letz⸗ ten Zeit gebraucht hat. Wir alle meinen es gut und redlich mit ihm; wenn er aber ſeine Flügel ausbrei⸗ tet, wie er es in der letzten Zeit gethan, möchte er mit verſengten Federn zurückkehren, und dann, mein guter Freund, würde Euer Geſuch fehlſchlagen.— Ah! hier kommt die Suppe. Eßt, eßt; denn wir müſſen ſchnell ſein.— Es muß ſeltſam ſein,“ fuhr er fort, nachdem er die Suppe gegeſſen hatte,„es muß ſeltſam ſein, mit dem Bewußtſein in der Welt umher zu wandern, daß Jedermann im ganzen Lande glaubt, daß unſer Tod zur Rettung Frankreichs dienen würde! Mir würde der Gedanke nicht gefallen.— Hier, Wein! Burſche, gieb mir Wein.— Gott gebe, Agnes Sorel. III. 11 162 daß dies Alles endet! Wenn der Herzog von Bur⸗ gund nur vernünftig ſein, einen kleinen Theil ſeines Ehrgeizes dem Wohle ſeines Vaterlandes aufopfern, ſeine Verſprechungen erfüllen und ſich erinnern will, daß er ein Unterthan und ein Franzoſe iſt, ſo können wir vielleicht wieder glänzende und glückliche Tage ſehen und dieſe Inſulaner aus dem Lande vertreiben. Wenn nicht, ſo ſtehen wir noch immer auf dem alten Punkte.“ „Ich hoffe, er wird nachgeben,“ antwortete Jean Charoſt;„doch er iſt ein ſtrenger, unbeugſamer Geiſt, wie ich ſelber erfahren habe.“ „Ha! hat er ſich auch als Euer Feind gezeigt?“ fragte du Chatel. „Das nicht gerade,“ antwortete Jean Charoſt. „Vor langer Zeit machte er mir glänzende Anerbie⸗ tungen, wenn ich in ſeine Dienſte treten wollte; aber es war mehr eine Beleidigung, als ein Kompliment, denn er hatte eben meinen edlen Herrn, den Herzog von Orleans, ermorden laſſen.“ Du Chatel biß ſeine Zähne zuſammen. „Ah! der Schurke!“ rief er.„Das iſt eine Rechnung, die noch abzuſchließen iſt.— Aber Ihr müßt ihm vorher auf irgend eine Weiſe gedient haben. Johann von Burgund iſt kein Mann, der ſich ohne ſelbſtſüchtige Beweggründe um die Gunſt irgend eines Menſchen bemühen ſollte.“ 163 „Ich habe ſelber oft darüber nachgedacht, wel⸗ ches wohl ſein Beweggrund ſein mochte,“ verſetzte Jean Charoſt lächelnd,„doch habe ich nie eine Ver⸗ anlaſſung entdecken können, außer den Worten eines Aſtrologen in Pithiviers, der ihm ſagte, ich würde bei ſeinem Tode zugegen ſein und verſuchen, ihn zu verhindern.“ „Der Himmel gebe, daß die Prophezeiung bald erfüllt werden möge!“ rief Tanneguy du Chatel lachend.„Neulich in Troyes hätte ich ihn gern mit meinem Schwerte durchbohrt; aber ich dachte, es würde kaum höflich ſein, in ſeinem eigenen Hauſe, wo wir zuſammen aßen. Wenn ich ihn aber Lanze gegen Lanze im Felde treffe, denke ich, würde der Eine oder der Andere von uns ſpäter nicht weit mehr reiten.“ „Soll ich Euch noch mehr Wein geben, gnädiger Herr?“ fragte ein Page, mit der Flaſche ſich nähernd. „Nein,“ verſetzte ſein Herr;„ich bin ſchon er⸗ hitzt genug.— Trage die Schüſſel weg. Was giebt's weiter zum Mittageſſen?“ Ein Mann trat ein, während er ſprach, und ſagte in leiſem Tone: „Der Herzog iſt auf dem Wege, gnädiger Herr.“ „Laßt ihn kommen,“ verſetzte du Chatel.„Wir ſind bereit für ihn.“ „Vielleicht wird er nicht weiter kommen,“ ſagte der Mann,„denn Antoine de Thoulongeon und Jean 11* 164 d'Ermay haben die Barrikaden auf der Brücke mit etwas finſteren Geſichtern unterſucht und ſind dann ihrem Herrn, dem Herzoge, entgegengeritten.“ „Dann mag er wegbleiben,“ antwortete du Chatel plötzlich.„Wir meinen es nicht böſe mit ihm. Man hat ihm genug gute Worte gegeben. Sein eigenes Gewiſſen macht ihn furchtſam, hieher zu kommen.— Hier iſt der Haſe, de Brecy. Trinkt ein wenig Wein, trinkt ein wenig Wein— Ihr könnt ſchon eher trin⸗ ken, als ich. Bei meinem Leben! bei Azincourt ver⸗ loret Ihr Blut genug, um Euch ſtill und ruhig zu machen.“ Als das kurze, frugale Mittagsmahl zu Ende war, ſprang Tanneguy du Chatel auf und ſagte: „Ich muß gehen und meine Rüſtung anlegen. Eilt Ihr zu der bewußten ſchönen Dame zurück und wartet bei ihr, bis Ihr von mir höret, wenn nicht vielleicht der Dauphin herein kommt und Eure Sache entſchieden wird. Wenn nicht, will ich Euch ihm vor dieſer Konferenz vorſtellen, in der Hoffnung, daß die Sache gut ausfallen und günſtige Bedingungen zum Wohle Frankreichs feſtgeſetzt werden mögen. Ich weiß nicht, was mir heute iſt, ich fühle mich wie von einem neuen Geiſte belebt.— Nun, ich will meine Rüſtung anlegen.“ Hierauf verließ er das Zimmer und Jean Charoſt kehrte in die Abtei zurück, wo er eine Zeit 165 lang aufgehalten wurde, ehe er bei Agnes Sorel Audienz erhielt. Als er endlich eingelaſſen wurde, fand er ſie mit verſchlungenen Armen neben einer anderen Dame fitzend, die etwas jünger als ſie und auch ſehr ſchön war. Keine von Beiden ſtand auf, als Jean Charoſt eintrat; aber Agnes nickte mit dem Kopfe und ſagte: „Dies iſt Herr von Brecy, von dem ich mit Ihrer Hoheit geſprochen. Herr von Breey, ich ſtelle Euch der Dauphine vor.“ Es iſt kaum nöthig zu erwähnen, daß Jean Charoſt ſehr überraſcht und verlegen war; denn der Verdacht Anderer hatte auch in ihm Verdacht erregt, den er jetzt für irrthümlich hielt. Er zollte indeſſen der Dauphine alle ſchuldige Ehrerbietung und unter⸗ hielt ſich beinahe eine Stunde mit ihr und der ſchönen Agnes, die Beide die Ankunft des Dauphin angſtlich zu erwarten ſchienen. Der Theil des Hauſes, wo ſie ſich befanden, war ſehr ruhig; aber man hörte dort deutlicher, was draußen, als was in der Stadt ge⸗ ſchah. Man vernahm ein Geräuſch, gleich den Huf⸗ ſchlägen vieler Pferde, und die Dauphine ſah Agnes ängſtlich an. „Was iſt es? Könnt Ihr es ſehen, Herr von Brecy?“ fragte die Letztere, und Jean Charoſt eilte zum Fenſter. 166. „Eine große Reiterabtheilung,“ antwortete er. „Ich denke, es ſind vier⸗ bis fünfhundert Mann.“ „Es iſt der Herzog!“ rief die Dauphine. „Theuerſte Agnes, ſeid Ihr gewiß, daß keine Gefahr vorhanden iſt? Erinnert Euch des Herzogs von Orleans.“ „Wohl wahr, Ihre Hoheit,“ verſetzte Agnes; „aber er war beinahe allein. Seine Hoheit hat zwanzigtauſend Mann um ſich.“ Die Dauphine ſchlug gedankenvoll die Augen nieder und im nächſten Augenblicke trat einer von den Offizianten des Hofes herein und ſagte:. „Herr von Brecy, der Seigneur du Chatel wünſcht unten mit Euch zu reden.“ 1 Neuntes Kapitel. Als Jean Charoſt am Fuße der großen Treppe ankam, fand er unten Alles im Zuſtande großer Eile und Verwirrung. Eine Menge Perſonen ging hinaus und ſtattliche Geſtalten, glänzende Waffen und ſchwankende Federbüſche zogen wie ein Strom durch den Korridor dahin. Am Fuße der Treppe ſtand Tanneguy du Chatel in vollſtändiger Rüſtung, ſeinen rechten Fuß auf die erſte Stufe geſtellt, das Ende einer kleinen Streitaxt auf ſeinem Knie und ſeine Hand auf der Klinge der Waffe ruhend, ſein Viſir war aufgeſchla⸗ gen und der Ausdruck ſeines Geſichts lebhaft und un⸗ geduldig. „Schnell, ſchnell, de Brecy!“ ſagte er.„Der Prinz iſt ſchon vorausgegangen. Wir müſſen ihn ein⸗ holen, ehe die Konferenz beginnt, wenn es Euch ge⸗ lingen ſoll.“ „Ich bin bereit,“ ſagte der junge Mann. Und 168 weiter eilten ſie, ein wenig verhindert durch die An⸗ zahl von Dienern und Edelleuten des Hofes, die dem Dauphin bereits zu der Brücke über die Seine folg⸗ ten. Endlich kamen ſie aus der Abtei und machten dann ſchnellere Fortſchritte auf der offenen Straße. Dennoch holten ſie den Prinzen und die umgebende Gruppe nicht eher ein, als bis er das Ende der hohen Brücke erreichte, wo man die Barrièren errichtet hatte. Auf dem freien Raume zu beiden Seiten der Brücke zwiſchen den Häuſern und dem Waſſer waren eine ſtarke Reiterabtheilung und zwei große Kompagnien Bogenſchützen aufgeſtellt. Ein Herold und ein Mar⸗ ſchall hielten den Weg für den Prinzen und ſeinen Zug frei, und Niemand zeigte ſich auf der Brücke ſelbſt, als zwei Männer, die an jeder der vier Bar⸗ rièren aufgeſtellt waren, um die Thore für die ver⸗ ſchiedenen Abtheilungen zu öffnen und zu ſchließen. An der entgegengeſetzten Seite des Fluſſes ſah man das alte Schloß mit ſeinen Außenwerken, die ganz bis zu der Brücke hinuntergingen; aber Niemand war dort zu ſehen, als einige Soldaten auf den Wällen. „Hier iſt Herr von Brecy, königlicher Herr,“ ſagte Tanneguy du Chatel, ſich dem Dauphin nähernd, der ein großer, graziöſer und ſchmächtig gebauter jun⸗ ger Mann war,„der bei der Schlacht von Azincourt gefangen genommen worden, von dem ich mit Eurer Hoheit geſprochen, ſowie auch Eure königliche Ge⸗ 169 mahlin und das Fräulein von St. Geran ge⸗ than.“ 3 Der Dauphin wendete ſich halb um, warf einen Blick auf Jean Charoſt und ſagte: „Bringt ihn mit Euch, du Chatel. Wir wollen innerhalb der Barrièren mit ihm reden; denn nach Allem, was ich ſehe, ſcheint mein edler Vetter von Burgund mich warten laſſen zu wollen.“ So redend ging der Dauphin mit zwei oder drei Perſonen vorüber, nachdem man die Barrièére erho⸗ ben, um ihn einzulaſſen. Der Mann, der den Ein⸗ gang bewachte, ſchien zu zaudern, als er Jean Charoſt in ſeinem Mönchsgewande erblickte, aber du Chatel rief heftig: „Der Baron von Brecy. Laßt ihn durch— ich bürge für ihn.“ Die zweite Barriére wurde von dem Dauphin und ſeinen unmittelbaren Begleitern eben ſo wie die erſte überſchritten, aber eine Anzahl von dem Gefolge blieb nach den früher erhaltenen Befehlen zwiſchen den beiden Barrièren zurück. Der Wächter an der zweiten Barriére machte noch größere Schwierigkeiten, als der erſte, Jean Charoſt durchzulaſſen, und erſt als der Dauphin ſelber ſeinen Kopf umwendete und ſagte: „Laßt ihn eintreten,“ wurde der Schlagbaum geöffnet. Quer über die Mitte der Brücke war eine leichte Barrière gezogen und auf dem Raume zwiſchen dieſer 170 und der zweiten ſtand ein kleiner Pavillon, mit rothem Seidenzeuge geſchmückt und mit einem Stuhle für den Prinzen verſehen. Er näherte ſich ſogleich demſelben und ſetzte ſich nieder; die, welche ihn begleitet hatten und etwa zwei⸗ oder dreiundzwanzig betrugen, ſammelten ſich um ihn und es ſchien eine lebhafte Un⸗ terredung vorzugehen. Tanneguy du Chatel miſchte ſich unter die Uebrigen und näherte ſich dem Dauphin; aber Jean Charoſt blieb am äußerſten Rande der Gruppe unbeachtet und ſcheinbar vergeſſen ſtehen. Einer von den Gegenwärtigen ſprach etwas von der Unverſchämtheit, Seine Hoheit warten zu laſſen, und darauf antwortete du Chatel in unbefangenem Tone: „Keine Unverſchämtheit vielleicht, ſondern wahr⸗ ſcheinlich nur Argwohn und Furcht.“ „Wir haben nichts Böſes gegen ihn im Sinne,“ ſagte der Dauphin.„Wir wollen ihn mit aller Freund⸗ ſchaft umarmen, mag er nur ſeine Verſprechungen hal⸗ ten. Vielleicht weiß er nicht, daß wir hier ſind. Geht und ruft ihn, du Chatel.“. Ohne zu antworten, eilte Tanneguy du Chatel fort, ſprang, gerüſtet wie er war, über die Barriére in der Mitte der Brücke, ging durch die anderen bei⸗ den Barrièren nach dem Schloſſe zu und verſchwand unter dem Bogen des Thores. Die Augen der meiſten Gegenwärtigen waren nach jener Richtung gewendet; aber der Dauphin ſah 171 ſich mit nachläſſiger Miene um, als ſuche er Etwas, womit er ſich die Zeit vertreiben könne; und als er Jean Charoſt erblickte, winkte er ihm, näher zu kommen. „Es iſt mir lieb, Euch zu ſehen, Herr von Brecy,“ ſagte er.„Man ſagt mir, Ihr habt einen Brief von meinem Vetter von Orleans an mich. Wenn ich mich recht erinnere, waret Ihr der Sekretair ſeines Vaters, meines Oheims, der ſo ſchmachvoll gemordet wurde?“ „Das war ich, Eure Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt.„Erlaubt mir, Euch den Brief des jungen Herzogs zu überreichen.“ Der Dauphin nahm ihn, erbrach aber das Sie⸗ gel nicht, und ſagte: „Ich bin tief bekümmert wegen der langen Ge⸗ fangenſchaft meines guten Vetters; und wenn wir die⸗ ſen trotzigen Herzog von Burgund irgend zu vernünf⸗ tigen Bedingungen der Uebereinkunft bewegen können, zweifle ich nicht, daß wir im Stande ſein werden, einen ehrenvollen Frieden mit England zu ſchließen, in welchem Falle ſeine und Eure Freilaſſung ausbe⸗ dungen werden ſoll; denn man ſagt mir, Herr von Brecy, daß Ihr uns gut gedient und bei Azincourt viel gelitten habt, daß aber Eure edle Aufopferung für meinen gemordeten Oheim Euch beinahe Euer eigenes Leben gekoſtet hätte. Ihr könnt Euch ver⸗ ſichert halten, daß Ihr erwähnt werden ſollt.“ 172 Jean Charoſt urtheilte richtig, von wem der Prinz ſeine Nachricht habe, und er ſprach ſeinen Dank aus, als einige von denen, die umherſtanden, ausriefen: „Der Herzog kommt, Eure Hoheit!“ „Ein wenig ſpät,“ ſagte der junge Prinz mit finſterem Blicke;„aber es iſt beſſer, als wenn er gar nicht gekommen wäre.— Nun, es gehe Jemand von Euch und mache die Honneurs.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, näherte ſich langſam der Barriore auf der Brücke, lehnte ſich dar⸗ auf und kreuzte ſeine Arme über die Bruſt. Inzwiſchen ſah man eine kleine Gruppe, die aus zehn oder zwölf Perſonen beſtand, von den Thoren des Schloſſes herkommen. Bei der erſten Barrière hielten ſie an und es ſchien eine kurze Berathung ſtattzuſinden, in deren Verlauf ſechs oder ſieben Edel⸗ leute zu ihnen kamen, die den Dauphin auf ſeinen Befehl verlaſſen hatten. Dann gingen ſie wieder wei⸗ ter, aber ein wenig voraus kam Tanneguy du Chatel mit raſchem Schritte und geröthetem Geſichte. „Dieſer Mann iſt ſehr kühn, mein Prinz,“ ſagte er in leiſem Tone.„Gebe Gott, daß ſeine Blicke und Worte hier demüthiger ſein mögen; denn ich weiß nicht, wie irgend Einer von uns es ertragen wird.“ „Kehrt zurück und führt ihn weiter,“ ſagte der Dauphin.„Er ſoll einige Wahrheiten hören, die er vielleicht lange nicht gehört hat. Seid ruhig, du — 173 Chatel, und laßt mich mit ihm verhandeln. Ich werde ſeiner nicht ſchonen.“ Die Begierde, die auffallende Scene mit anzu⸗ ſehen, hatte Jean Charoſt zu der Zeit, als Tanneguy du Chatel wieder dem Herzoge von Burgund entge⸗ genging, faſt dicht an die Barrière geführt. Jener Fürſt war jetzt, ſeiner Begleitung ein wenig voraus, leicht zu unterſcheiden, und Jean Charoſt bemerkte, daß er ſich ſehr verändert hatte, ſeitdem er ihn zu⸗ letzt geſehen. Obgleich noch immer ein ſtarker und thätiger Mann, ſah er. viel älter aus und tiefe Linien waren auf ſeiner Wange und ſeiner Stirn. Anfangs waren ſeine Augen auf den Dauphin gerichtet, der ſich noch, ohne die geringſte Bewegung, über die Bar⸗ rière lehnte; als er aber näher kam, blickte der Her⸗ zog zur Rechten und zur Linken, überſchaute die Be⸗ gleiter des Dauphin und ließ, als er etwa zehn Schritte von der Barrière entfernt war, ſeine Augen feſt und forſchend auf Jean Charoſt's Geſichte ruhen. Im erſten Augenblicke ſchien ihn der Anblick bedenklich zu machen; dann aber zeigte er einen Ausdruck des Erkennens in ſeinem Geſichte und im nächſten Augen⸗ blicke wurde er todtenblaß. Sein Schritt und ſeine Miene verriethen ein kur⸗ zes Zaudern; aber er faßte ſich ſogleich, ging gerade auf den Dauphin zu, beugte ein Knie vor ihm und warf ſein gewichtiges Schwert mit der linken Hand zurück. 174 Einen Augenblick bewegte ſich der Dauphin nicht und ſprach nicht, ſondern ſah den Herzog mit finſterer und drohender Stirn an. „Nun, Vetter von Burgund,“ ſagte er endlich, ohne ihn aufzufordern aufzuſtehen,„ſeid Ihr endlich gekommen? Ich dachte, Ihr würdet jetzt, wie in an⸗ deren Fällen, Euer Verſprechen verletzen.“ „Ich habe keine Verſprechungen verletzt, Karl von Frankreich,“ verſetzte der Herzog in gleich heftigem Tone. „Der Himmel iſt Zeuge, daß Ihr es gethan,“ antwortete der Dauphin.„Verſprachet Ihr nicht, den Krieg einzuſtellen? Verſprachet Ihr nicht, Eure Beſatzungen aus fünf Städten zurückzuziehen, wo ſie noch find?“ Des Herzogs Geſicht wurde roth, ſeine Au⸗ gen funkelten und ſeine Brauen zogen ſich zuſammen. Was er antwortete, konnte Jean Charoſt nicht hören; als er aber einen Herrn dicht neben dem Dauphin mit der Hand nach dem Dolche greifen ſah, faßte er deſſen Arm und flüſterte ihm zu: „Haltet ein! haltet ein!“ In demſelben Augenblicke faßte einer von den Leuten des Dauphin, der dem Herzog von Burgund entgegengegangen war, dieſen beim Arme und ſagte: „Steht auf, Herr! ſteht auf! Ihr ſeid zu ehrenvoll, um hier zu knieen.“ Ob der Herzog ihn hörte und mißverſtand, weiß 175 ich nicht; aber er wendete ſich haſtig und mit wildem Blicke zu ihm um, und entweder von hochmüthigem Geiſte bewegt, oder um leichter aufzuſtehen, fuhr er mit der rechten Hand nach dem Griffe ſeines Schwer⸗ tes, und Robert de Loire rief mit Donnerſtimme: „Wagt Ihr in Gegenwart unſeres Herrn, des Dauphin, die Hand an Euer Schwert zu legen?“ „Es iſt Zeit, daß dies aufhöre,“ rief Tanneguy du Chatel, indem ſein ganzes Geſicht ſich entflammte und ſeine Augen Feuer ſprühten. In demſelben Au⸗ genblicke verſetzte er dem Herzoge einen Schlag mit der Axt, die er in der Hand hielt. Burgund fuhr empor und zog ſein Schwert halb aus der Scheide; aber ein zweiter Schlag machte, daß er wieder auf die Knie ſaͤnk, und ein dritter warf ihn der Länge nach zu Boden. Oliver de Bayet ſprang auf ihn und ſtieß ihm ſein Schwert durch den Leib. In demſelben Augenblicke fand in einiger Ent⸗ fernung ein Kampf zwiſchen einem der Begleiter des Herzogs und einigen von den Leuten des Dauphin ſtatt, und Jean Charoſt ſah einen Mann fallen, aber Alles war verwirrt und undeutlich. Entſetzen, Ueberraſchung und die Anſtrengung, alle Folgen zu überdenken, welche dieſe entſetzliche That für Frankreich, für England und für ihn ſelber haben könne, verwirrte und betäubte ihn. Alles ging wie in einem Traume in raſcher Undeutlichkeit vor ſich, 176 und daß der Herzog von Burgund zu den Füßen des Dauphin getödtet worden, war Alles, wofür ſein Geiſt in dem Augenblicke Raum hatte. Im nächſten Augenblicke rief eine Stimme: „Seht nach dem Dauphin! Seht nach dem Dauphin!“ Und Jean Charoſt ſah ihn todtenblaß und mit halb geſchloſſenen Augen von der Barrière zurückſchwanken. Ohne Zweifel hatten viele der Gegenwärtigen ein ſolches Ereigniß, wie dort ſtattgefunden hatte, für möglich gehalten, ohne die beſtimmte Abſicht zu haben, es herbeizuführen, oder Antheil daran zu neh⸗ men. Die allgemeine Erwartung hat zuweilen etwas Prophetiſches, und die warnende Stimme, die Viele während des ganzen Morgens ſo ernſt und gedanken⸗ voll gemacht hatte, mußte auch von den Theilnehmern an der ſchrecklichen Scene gehört worden ſein. Aber Eins iſt gewiß, denn die ganze Geſchichte jener Zeit läßt keinen Zweifel an der Thatſache übrig, daß der Dauphin ſelber weder thätigen Antheil an dem Tode ſeines Vetters genommen, noch ſich auf eine Verſchwö⸗ rung zu dieſem Zwecke eingelaſſen. Man trug ihn ohnmächtig zu dem kleinen Pavillon zurück, welcher für ihn errichtet worden, und führte ihn von dort in tiefem Schweigen zu der Abtei, während ſein Gefolge ſich der unmittelbaren Begleiter des Herzogs von Burgund verſicherte und die Soldaten, die ſich auf 1 177 die Brücke drängten, das Schloß ſelber mit einem An⸗ griffe bedrohten. Jean Charoſt zog ſich mit traurigem Herzen von der Scene zurück. Seine Hoffnungen waren vereitelt — ſein Schickſal ſchien beſiegelt; aber obgleich er alle dieſe Bitterkeit empfand, fühlte er doch mehr Troſt⸗ loſigkeit bei dem Gedanken an das Schickſal ſeines unglücklichen Vaterlandes. Perſönlicher Wetteifer, ſelbſtſüchtiger Ehrgeiz, Gier nach Macht und Reich⸗ thum, undisciplinirte Tapferkeit, ungebändigter Trotz, Alles drängte es bis an den Rand des Abgrundes, von welchem es nur ein Wunder erretten zu können ſchien. Die Gefühle, die ſeine Bruſt in dem Augen⸗ blicke erfüllten, waren ſehr ähnlich denen, die ein gleichzeitiger Geſchichtsſchreiber ausſpricht, wenn er ſagt: „Nur dieſes Ereigniß erzählen zu hören, iſt ſo traurig und kläglich, wie man es ſich nur denken kann, und ganz beſonders müſſen die Herzen aller edlen und getreuen Männer, die in dem Königreiche Frankreich geboren ſind, von Traurigkeit und Schaam erfüllt werden, wenn ſie die von ſo edlem Blute, wie das der Lilien, und ſo nahe verwandt, einander ver⸗ nichten und eben jenes Königreich, in Folge der eben erwähnten und anderer vorhergegangener Thatſachen, in die Gefahr verſetzt ſehen, unter einen neuen Herrn zu gerathen und gänzlich dem Untergange zu verfallen.“ Agnes Sorel. III. 12 Zehntes Kapitel. Bei einem Zeitraume ohne Handlung, nur bezeichnet durch den Wechſel von Tag und Nacht, ſelbſt in dem Leben einer Perſon, an der wir einiges Intereſſe neh⸗ men, zu verweilen, würde faſt eben ſo einförmig ſein, wie die genaue Beſchreibung des Umdrehens eines Schleifſteines. Wir haben es nicht mit den bedeu⸗ tungsloſen Ereigniſſen der Geſchichte— nicht mit den Flächen auf dem Wege des Lebens zu thun. Wir ſetzen uns nicht hin, um einen Schlummer zu beſchrei⸗ ben oder einen Fiſchteich zu ſchildern. Es begegnete Jean Charoſt während ſeines noch übrigen Aufenthalts in Frankreich wenig, was des Erzählens werth wäre und was nicht ſpäter erwähnt werden wird. Wir wollen daher die Scene verändern, die Phantaſie ihre Flügel entfalten laſſen und drei Jahre voraus zu einem Orte in einem anderen König⸗ reiche eilen. 179 Ein altes Haus oder Palaſt ſtand in der Nähe der City von London dicht an den Ufern der Themſe. Jetzt lebende Menſchen erinnern ſich eines Theils des⸗ ſelben, der von kleineren Wohnungen dicht umgeben war. Zu der Zeit unſerer Geſchichte war es ganz von Gärten umgeben, die ſich weit und angenehm bis an's Waſſer erſtreckten, obgleich nur ſchmal zwiſchen dem Palaſte ſelber und der Mauer, welche ihn von der großen Strandſtraße trennte, die von dem Temple⸗ thore der City zu dem Dorfe Charing führte. An einigen Theilen mit zierlicher Bildhauer⸗ arbeit verſehen, an anderen einfach und ſtrenge, ver⸗ einte der alte Savoyenpalaſt die Baukunſt verſchiede⸗ ner Jahrhunderte. Er diente zu vielfachen Zwecken — zuweilen als Schauplatz heiterer Beluſtigungen, zuweilen als Zeugen der Thränen der Gefangenen. Ein halbes Jahrhundert vorher hatte der König Jo⸗ hann von Frankreich während ſeiner Gefangenſchaft in England dort gewohnt, und ſeit jener Zeit hatte man es größtentheils als ein ehrenvolles Gefängniß für fremde Feinde benutzt, welche das wechſelnde Kriegs⸗ glück in Feſſeln nach England geführt. In der Mitte der erwähnten Mauer ſtand ein großes Thor, welches längſt abgebrochen worden oder vielleicht ohne die Hilfe der Menſchen eingeſtürzt iſt. Dieſes Thor hatte zwei große Thürme, jeder von drei Stockwerken, welche ihren Bewohnern für die dama⸗ 12* 180 lige Zeit bequeme Zimmer gewährten. Sie waren geräumig und von ganz angenehmem Ausſehen. Der eine dieſer Thürme war für die Wächter des Palaſtes und ihre Familien beſtimmt, während der andere zu verſchiedenen Zeiten eine große Menge verſchiedener Bewohner, zuweilen Fürſten, zuweilen Gefangene, zuweilen Flüchtlinge enthielt, wovon einige nur we⸗ nige Tage, andere ihre halbe Lebenszeit dort zubrach⸗ ten. Die ſteinernen Mauern waren dicht mit Namen bedeckt, einige mit Kreide, andere mit Dinte geſchrie⸗ ben, und unter dieſen befanden ſich die Namen eini⸗ ger Perſonen von der Begleitung des unglücklichen Königs Johann, welche mehrere Jahre dort zuge⸗ bracht. Es war in jenen Tagen ein heiteres Gebäude. Nichts verdunkelte die Ausſicht oder verbarg den Son⸗ nenſchein, und der lächelnde Garten, der ſchimmernde Fluß oder die lebhafte Straße war aus den Fenſtern des Palaſtes zu ſehen. In einem Zimmer im erſten Stocke des öſtlichen Thurmes ſehen wir Jean Charoſt wieder vor uns. Monterreau's blutbefleckte Brücke, der Dauphin, die Mörder und der ſterbende Herzog von Burgund ſind vom Schauplatze verſchwunden und es ſind nur zwei Frauen bei ihm— ja, ich kann ſie Frauen nennen, obgleich ſie an Alter ſehr verſchieden ſind. Die eine iſt im ſilberhaarigen Greiſenalter des Lebens, die an⸗ dere in der erſten Blüthe— die verwelkte Blume und die Knospe. Sie ſaßen um einen kleinen Tiſch und hatten offenbar lebhaft geſprochen. Frau von Brecy's Augen zeigten Thränenſpuren und die des jungen Mädchens waren auf Jean Charoſt'’s Geſicht gerichtet und ſchie⸗ nen ihn lebhaft anzuflehen. „Vergebens, liebe Mutter, vergebens!“ ſagte Jean Charoſt.„Mein Entſchluß iſt ſo feſt wie im⸗ mer. Jacques Coeur iſt großmüthig, aber ich kann mir keine ſolche Verbindlichkeit auferlegen, und bei dem gegenwärtigen Zuſtande Frankreichs eine ſolche Summe ſelbſt unter den günſtigſten Bedingungen auf⸗ zunehmen, würde Euch nur den dritten Theil Eures ganzen Einkommens laſſen. Dieſe Gefangenſchaft iſt freilich ſehr läſtig für mich, und hier ein Jahr nach dem andern hinzubringen, während Frankreich zer⸗ ſtückelt und verwüſtet wird und man ſeine Städte zu Schlachthäuſern macht, verdoppelt die Laſt der Zeit, drückt meinen leichten Geiſt nieder und nimmt mir faſt alle Hoffnung und Erwartung. Dennoch will ich das Schickſal zweier ſo theuren Weſen wie Ihr nicht dem Zufalle überlaſſen. Ihr ſagt, ich ſoll mich an Lord Willoughby wenden. Ich habe es gethan, aber vergebens. Er läßt mir, wie Ihr wißt, alle mögliche Freiheit— er läßt es nicht an Freundlichkeit oder Höflichkeit fehlen. Aber in einem Punkte iſt er un⸗ 182 beugſam und wir Alle fühlen und wiſſen, daß er von einer Macht beherrſcht wird, welcher er gehorchen muß. Es iſt eben ſo mit Anderen, welche Gefangene von Bedeutung haben. Sie können ſie nicht gegen mäßi⸗ ges Löſegeld freilaſſen, wenn gleich die Regeln der Ritterſchaft es ſo beſtimmen.“ „Lord Willoughby ſcheint ein gütiger Mann zu ſein, Jean,“ ſagte das junge Mädchen, ihm noch in's Geſicht blickend.„Er ſprach milde und gutmüthig mit mir.“ „Ja, aber Milde und Gutmüthigkeit, liebe Ag⸗ nes,“ entgegnete Jean Charoſt,„werden einen Mann noch nicht bewegen, den Befehlen ſeines Monarchen ungehorſam zu ſein. Noch ein Monat und ich bin ſieben lange Jahre gefangen geweſen. Ja, Agnes, mein Haar wird grau, während das Deine jede Stunde dunkler wird. Ich erinnere mich noch, wie Deine Locken dem Sonnenſcheine auf dem Hügel glichen, und jetzt iſt ein Rabenflügel kaum ſchwärzer.“ „Ahl ich ſah kürzlich ein graues Haar in der Locke an Deiner Schläfe,“ ſagte das Mädchen lachend. „Du wirſt bald ein weißköpfiger alter Mann ſein, Jean, wenn Du niderſetzlich hier bleibſt, während un⸗ ſere liebe Mutter Alles verkaufen will, um Dich in Freiheit zu ſetzen— obgleich ich denke, daß Du ein wenig jünger geworden biſt, ſeitdem wir hier ſind.. Wir ſind jetzt ein Jahr bei Dir in dieſem entſetzlichen —— —— 183 Lande, und ich denke, Du ſiehſt um ein Jahr jün⸗ ger aus.“ Jean Charoſt lächelte und ſagte: „Gewiß iſt das der Fall, ſonſt müßte mir ja die Sonne vergebens ſcheinen.“ „Nun, ich will ausgehen, um noch mehr Son⸗ nenſchein zu ſuchen,“ ſagte das Mädchen.„Ich will am Ufer des Fluſſes dahin wandern und in der Black⸗ friarskirche ein Ave beten. Dann werde ich vielleicht in die Kirche der Templer gehen und die Gräber der alten Ritter mit ihren gekreuzten Füßen und ihren halbgezogenen Schwertern beſuchen; und dann werde ich wieder zurückkommen, denn die Zeit des Mittag⸗ eſſens wird da ſein. Lebe wohl bis dahin.“ Sie ging mit leichtem Schritte die Treppe hinab und dann langſam und gedankenvoll die Straße hin⸗ unter, während Jean Charoſt ihr aus dem Fenſter nachſah. Agnes ging aber nicht weit mit ſo langſamen Schritten. Sobald ſie von dem Thurme des Pala⸗ ſtes aus nicht mehr zu ſehen war, eilte ſie mit gro⸗ ßer Schnelligkeit weiter, auf einem ſchmalen Wege zwiſchen zwei Feldern und an dem Hauſe des Biſchofs von Lincoln vorüber, ohne bei der duftenden Roſen⸗ hecke zu verweilen, und blieb dann vor einem da⸗ mals neuen Hauſe ſtehen, welches mit vielen Thürm⸗ 184 chen verſehen war, und über deſſen Thor das Wappen des Hauſes Willoughby an einer Lanze hing. Ein weißhaariger Greis ſaß auf der ſteinernen Bank unter dem Thorwege und ein Soldat ſchritt auf einer vorſpringenden Gallerie vor dem Gebäude auf und ab. Ein Page, der mit einer Katze ſpielte, war weiterhin unter dem Bogen in dem blauen Schatten zu ſehen und zwei oder drei Männer trieben ſich auf dem Hofplatze auf der Seite umher, wo die warme Sommerſonne ſie nicht erreichen konnte. Agnes blieb vor dem Portier ſtehen und fragte, ob ſie mit dem Lord Willoughby ſprechen könne. „Ohne Zweifel,“ ſagte der Mann,„wenn er nicht gerade ſeinen Vormittagsſchlaf hält, und das kann kaum ſein, denn der alte Thomas von Er⸗ pingham war bei ihm und die liebliche Stimme des würdigen, ſchwerhörigen Ritters hätte faſt die Todten erwecken können, beſonders als er von Azincourt ſprach. Geh⸗ zu unſerem Herrn, Knabe, und ſage ihm, ein junges Mädchen wünſche ihn zu ſprechen. Ach! ich erinnere mich der Zeit, wo dieſe Nachricht eine ſchnelle Antwort verſchafft haben würde; aber ach! ſchöne Dame, wir werden langſam, ſo wie wir alt werden. Setzt Euch zu mir nieder, bis der Page zurückkehrt, die frechen Burſchen im Hofe werden nicht darüber zu ſpötteln wagen.“ Agnes ſetzte ſich nieder; doch hatte ſie noch nicht — ——— lange gewartet, als der Knabe zurückkehrte und ſie durch einen langen Gang zu einem Zimmer im unte⸗ ren Stocke führte, wo ſie den alten Herrn beſchäftigt fand, mit einiger Schwierigkeit einen Brief zu ſchrei⸗ ben. Er ſah ſich kaum um, ſetzte ſeine Beſchäftigung fort und ſagte: „Was gibt's, mein Kind? Der Knabe ſagt mir, Ihr wünſcht mit mir zu reden.“ „Ich werde warten, bis Ihr Zeit habt, mein guter Lord,“ verſetzte Agnes, ein wenig hinter ihm ſtehend. Aber der Greis ſtutzte bei der Stimme und ſah ſich nach ihr um. „Ah!“ rief er,„meine kleine franzöſiſche Dame, ſeid Ihr es? Es iſt ſeltſam, Euer Geſicht erinnert mich immer an eine andere Perſon und ſo auch Eure Sprache. Indeſſen hat man keine Zeit im Leben, an ſolche Dinge zu denken. Setzt Euch nieder— ſetzt Euch einen Augenblick nieder. Ich werde bald dieſen Brief vollendet haben. Ich wollte, er wäre im Feuer! Ich habe nur noch eine Zeile hinzuzufügen.“ Er brauchte aber beinahe eine Viertelſtunde, um dieſe Zeile zu ſchreiben. Agnes ſaß ſtumm und ge⸗ dankenvoll da, ſah ihm in's Geſicht und ſuchte aus jeder Linie deſſelben Folgerungen zu ziehen. Es war ein redliches altengliſches Geſicht mit einem Ausdrucke biederer Gutmüthigkeit, einiger Wunderlichkeit und 186 vieler Höflichkeit, und das junge Mädchen zog günſtige Schlüſſe daraus, ehe ſie ihre Träumerei beendete. Endlich war der Brief vollendet, zuſammengelegt, verſiegelt und abgeſchickt. Dann wendete ſich der alte Krieger zu Agnes, faßte ihre Hände und ſagte: „Es iſt mir lieb, Euch bei mir zu ſehen, meine Liebe. Was wünſcht Ihr von mir? Euer Freund im Savoyenpalaſte— Euer Vater, Bruder oder Gatte, was er ſein mag— iſt doch hoffentlich nicht krank?“ „Sehr krank,“ verſetzte Agnes in ruhigem und mildem Tone. „Ha!“ rief der alte Lord.„Wie ſo? Was iſt ihm denn?“ „Er iſt krank am Herzen, Mylord, unruhig und fieberhaft vor Verlangen, in ſein Vaterland zurückzu⸗ kehren.“ „Kleine Täuſcherin!“ rief Lord Willoughby lachend.„Ihr machtet mich ſchon ängſtlich wegen des guten jungen Barons, und jetzt iſt es nur die alte Geſchichte. Aber warum ſollte er ſo großes Verlangen hegen, nach Frankreich zurückzukehren? Dies iſt ein ſchönes Land— eine ſchöne Stadt— und Gott iſt mein Zeuge, ich thue Alles, um ihn glücklich zu ma⸗ chen. Er iſt ja faſt nur dem Namen nach ein Ge⸗ fangener.“ 1 „Aber immer ein Gefangener, Mylord,“ verſetzte Agnes mit rührendem Ernſt.„Schon der Name iſt 187 eine Kette. Glaubt Ihr nicht, daß für einen Edel⸗ mann, für einen Mann von freiem Geiſte das Ge⸗ fühl, ein Gefangener zu ſein, ſchwerer iſt, als eiſerne Feſſeln für einen Leibeigenen? Ihr könnt einen Sing⸗ vogel in einen Käfig ſperren, Mylord, aber ein Adler ſchlägt ſich an den Gitterſtangen zu Tode. Würdet Ihr Euch zufrieden geben, wenn Ihr in Frankreich gefangen wäret, ſo gut man Euch auch behandeln möchte? Würdet Ihr zufrieden ſein, zu wiſſen, daß Ihr Euer liebes Vaterland nicht wieder beſuchen, die Scenen Eurer Jugend nicht wiederſehen, Eure Freunde und Verwandte nicht umarmen, noch die Luft Eurer Heimath athmen könntet? Würdet Ihr zufrieden ſein, Abends in einem einſamen Zimmer, nicht in Eurem eigenen Schloſſe, zu ſitzen und Euch ſagen zu müſſen, wenn Ihr Eure Handgelenke anblicktet, obgleich Ihr keine Feſſeln dort ſähet:„„Ich bin dennoch ein Ge⸗ fangener— ich kann nicht gehen, wohin ich will, nicht thun, was ich will. Ich bin an Zeiten und Orte gebunden— ich bin immer ein Gefangener, wenn ich gleich mein Gefängniß mit mir nehmen kann?““ Würde irgend ein Menſch damit zufrieden ſein? Wie viel weniger kann ein Ritter und Edel⸗ mann ſich zufrieden geben, ein Gefangener in einem fremden Lande zu ſein, wenn ſein Vaterland ſeiner Dienſte bedarf, wenn jeder Edelmann Frankreichs nö⸗ thig iſt zur Unterſtützung Franfreichs, wenn ſein König ———— 188 ſeinen Dienſt fordert, wenn er in den Schlachten ſei⸗ nes Vaterlandes, ſelbſt gegen Euch, Mylord, zu kämpfen und ſeine eigene Ehre und ſeinen Ruhm auf⸗ recht zu halten hat!“ „Ja, da habt Ihr den rechten Fleck getroffen, junge Dame,“ ſagte der alte Herr.„Bei meinem Leben, ich meines Theils würde nimmermehr einen tapferen Feind im Gefängniſſe halten, ſondern ihm nur ein mäßiges Löſegeld abnehmen und ihn am folgenden Tage wieder fechten laſſen.“ „Herrn von Brecy's Vater ſiel in einer verlornen Schlacht gegen die Engländer,“ fuhr Agnes traurig fort.„Der Sohn iſt hier in engliſcher Gefangen⸗ ſchaft. Glaubt Ihr nicht, daß er ſeinen Vater be⸗ neidet?“. „Vielleicht— vielleicht,“ rief Lord Willoughby, ſich raſch von ſeinem Sitze erhebend und im Zimmer auf⸗ und abgehend.„Aber was kann ich thun?“ fuhr er fort, indem er vor Agnes ſtehen blieb und ſie mit einem Blicke aufrichtiger Betrübniß anſah.„Ich mußte dem Könige verſprechen, keinen meiner Gefan⸗ genen, ſo lange er und ich lebten, ohne ſeine beſon⸗ dere Zuſtimmung, anders als gegen das von ihm be⸗ ſtimmte hohe Löſegeld in Freiheit zu ſetzen. Mein liebes Kind, Ihr redet, wie ein verſtändiges Frauen⸗ zimmer und doch rührt Ihr mich, wie ein Kind. Aber Ihr werdet gewiß einſehen, daß es nicht in meiner 189 Nacht ſteht, ſonſt, bei meinem Glauben und meiner Ritterſchaft! würde ich thun, was Ihr wünſcht.“ Der ſchönen Agnes traten die Thränen in die Augen. „Ich wußte wohl, daß Ihr gütig ſein würdet,“ ſagte ſie.„Seine Mutter wollte Alles verkaufen, um ſein Löſegeld zu bezahlen. Er wollte es aber nicht, denn es würde ſie in Armuth verſetzen, und ich ging hieher, um zu ſehen, ob ich Euch nicht bewegen könnte.“ „Bei meinem Leben!“ rief Lord Willoughby, „ich habe große Luſt, Euch zum Könige zu ſchicken.“ „Wo iſt er?“ fragte Agnes.„Ich bin bereit, ſogleich zu ihm zu gehen.“ Der alte Lord ſchüttelte den Kopf. „Er iſt in Frankreich,“ ſagte er und wollte noch Etwas hinzufügen, als plötzlich ein Diener die Thür öffnete, eine Ankündigung begann und ſagte: „Mylord, hier iſt—“ Aber man ließ ihn ſeinen Satz nicht beenden, denn ein kräftiger Mann im mittleren Alter, unge⸗ rüſtet, aber mit Stiefeln und Sporen verſehen, drängte ſich an ihm vorüber in's Zimmer, und Lord Willoughby rief: „Ha! Dorſet! was führt Euch aus Frankreich hieher? Iſt irgend ein Unglück geſchehen?“ Die letzte Frage war nicht ohne Grund, denn es 190 lag mehr als Eile und Haſt in dem Geſichtsausdrucke des Grafen von Dorſet, und es zeigte ſich Kummer und Aengſtlichkeit darin. Mit haſtigem Schritte näherte er ſich dem Lord Willoughby, faßte ſeinen Arm und ſagte Etwas in leiſem Tone zu ihm, was Agnes nicht hörte. Der alte Lord fuhr mit einem Blicke des Kummers und der Beſtürzung zurück und rief: „Todt! ſo jung, ſo voll Lebenskraft und ſo noth⸗ wendig für ſein Volk! Dorſet! Dorſet! Um Got⸗ teswillen, ſagt mir, daß meine Ohren mich getäuſcht haben! Getödtet in der Schlacht, ha! Ein Bolzen aus der kleinen Stadt Cone, wohin er marſchirte, als ich zuletzt von ihm hörte. Es muß ſo ſein. Gleich dem großen Richard ſollte er vor einem unbedeutenden Orte von der Hand eines Bauern fallen. Er ſetzte ſich zu ſehr der Gefahr aus, Dorſet.“ „Nein,“ entgegnete Dorſet kopfſchüttelnd.„Er ſtarb in ſeinem Bette an einer Krankheit, aber den⸗ noch als Soldat und Held, muthig und ohne Furcht. Der Himmel gebe ſeiner Seele Ruhe! Wir werden nie einen größeren oder beſſeren König haben. Aber hört, Willoughby! ich muß ſogleich den Staatsrath zuſammenberufen. Kommt in aller Eile nach, denn es liegen viele wichtige Gegenſtände zur Berathung vor und wir bedürfen weiſer Köpfe und großer Er⸗ fahrung. 8 191 3 „Ich will kommen— ich will kommen!“ ent⸗ gegnete Lord Willoughby.„He! Knabe, da draußen! Laß in aller Eile meine Pferde ſatteln. Lebt wohl, Dorſet! Ich werde in einer halben Stunde bei Euch ſein. Nun— bei meinem Leben! meine liebe junge Dame, ich hatte Eure Gegenwart vergeſſen. Wovon ſprachen wir doch? O! jetzt erinnere ich mich. Der Gang der irdiſchen Ereigniſſe iſt ſehr ſeltſam. Was Thränen in einige Augen bringt, trocknet andere. Kommt hieher. Ich will einen Brief an Euren jun⸗ gen Vormund ſchreiben, und nur Ihr ſollt ihn über⸗ bringen. Meine Pflicht gegen den König iſt zu Ende und es ſteht mir frei zu handeln, wie ich will. War⸗ tet— der Brief ſoll nur kurz ſein.“ Darauf zog er ein Stück Papier zu ſich hin und ſchrieb langſam darauf: „Das Löſegeld des Barons von Brecy iſt auf die Hälfte herabgeſetzt worden. Willoughby.“ „Hier, nehmt dies, liebes Kind,“ ſagte er,„und er mag Gott danken und Euch.“ Und ſie zu ſich ziehend, drückte er einen lieb⸗ reichen und väterlichen Kuß auf ihre Stirn und führte ſie dann höflich zur Thür. Elftes Kapitel. Zuweilen führen ſehr kleine und unbedeutende Ereig⸗ niſſe, ſelbſt wenn man ſie erwartet und ſich darauf vorbereitet hat, mächtige und unvorhergeſehene Folgen herbei; zuweilen gehen große und auffallende Ereig⸗ niſſe, die man am wenigſten erwartet und auf die man ſich durchaus nicht vorbereitet hat, ruhig vorüber, ohne einen unmittelbaren Erfolg hervorzubringen. DSeeiinrich der Fünfte von England war in der beſten Geſundheit nach Frankreich zurückgekehrt, hatte über alle ſeine Feinde triumphirt und die Stürme der Leidenſchaft und Parteiſucht als Werkzeuge ſeines Willens angewendet. Alles wich vor ihm— der Ssieeg ſchien ſein Recht, Geſundheit und langes Leben ſein Loos und der glückliche Erfolg der Diener ſeines Willens zu ſein. Niemand dachte an eine Verände⸗ rung— Niemand träumte von einem Mißgeſchicke— Niemand dachte an eine Niederlage— der Tod wurde 193 nie erwähnt. Es fand keine Erwartung, keine Vor⸗ bereitung ſtatt. Aber in der Mitte des Triumphes, der Thätigkeit und Kraft wurde er von Krankheit dar⸗ nieder geworfen. Nur wenige Stunden waren ihm geſtattet, um ſein Haus zu beſtellen; und in der Blüthe des Lebens und in der Mitte des Ruhmes ſchloß der ſiegreiche Feldherr, der tapfere Ritter, der weiſe Staatsmann, der ehrgeizige König ſeine Augen für die Welt, und es blieb Nichts weiter von ihm übrig, als ein mächtiger Name. Welche Veränderungen ließen ſich nicht von die⸗ ſem plötzlichen Ereigniſſe erwarten! Doch geſchahen wenige oder gar keine. Seine letzten Stunden, wäh⸗ rend er auf ſeinem Schmerzensbette lag, reichten hin, alle Angelegenheiten von zwei großen Königreichen zu ordnen und ſeine Weisheit und Vorausſicht, ſo wie ſeine Energie und Entſchloſſenheit zeigten ſich niemals ſtärker, als auf dem Sterbebette. Alles blieb ruhig — das Seepter von England ging von der Hand eines Helden in die Hand eines Kindes über, und in Frankreich zeigte keine Volksbewegung von irgend einer Wichtigkeit, daß das Volk zu dem Bewußtſein von der Bedeutung der eingetretenen Veränderung er⸗ wacht ſei. Alles blieb ruhig— die kräftige und ſchonungsloſe Hand Bedford's ſchien nicht weniger ſtark, als die ſeines dahingeſchiedenen Bruders es ge⸗ weſen; und auf einige abgelegene Provinzen be⸗ Agnes Sorel. III. 13 194 ſchränkt, ſchien die Partei des Dauphin kraftlos und unthätig. Während dieſes Zuſtandes zogen drei Perſonen, gerade als die Sonne unterging, in die alte Halle des Schloſſes Brecy ein. Eine ältliche Dame ſtützte ſich mit ermüdeter Miene auf Jean Charoſt's Arm; Agnes faßte ſeinen andern Arm mit beiden Händen an und alle drei blieben vor der Thür ſtehen und ſahen ſich mit etwas ängſtlichem, wenn auch nicht traurigem Blicke um. Alle waren ſehr froh, wieder dort zu ſein— Alle waren ſehr erfreut, ſich wieder in Frankreich zu befinden. Aber drei Jahre machen einen großen Unterſchied in Menſchen, Ländern und Wohnplätzen; und wenn wir in eine alte Heimath zurückkehren, ſind wir uns vielleicht mehr der Wir⸗ kungen der Zeit bewußt, als zu einer anderen Periode. Wir fühlen in uns ſelber, daß wir verändert ſind, und wir erwarten auch in äußeren Gegenſtänden eine Ver⸗ änderung zu finden— wir ſehen uns um, ob auch ein Stein von der Mauer heruntergefallen, ob Moos oder Moder an dem Täfelwerk iſt, ob der mahnende Staub auf dem Fußboden ruht, ob die Zeichen der Veränderung und des Verfalles an dem Orte der ge⸗ liebten Erinnerungen ſichtbar ſind. 5 Nichts von dem Allen war in der alten Halle des Schloſſes Brecy zu ſehen. Die Abendſtrahlen des Sonnenſcheins, die durch die Fenſter hereinfielen, 195 vergoldeten lieblich die Wand. Die Halle war ge⸗ kehrt und in Ordnung gehalten. Alles war zierlich und reinlich, und dieſer kleine Umſtand allein ſchien das Licht der Hoffnung für die etwas troſtloſen Her⸗ zen der neuangekommenen Familie wieder anzuzünden. „Vielleicht ſtehen uns noch heitere Tage bevor, mein Sohn,“ ſagte Frau von Breey in ruhigem und ernſtem Tone. „O ja! wir werden noch heitere Tage erleben,“ ſagte Agnes mit Wärme und Begeiſterung.„Wir ſind wieder in Frankreich— in dem ſchönen, heiteren Frankreich. Wir ſind ſicher und wohlbehalten zu⸗ rückgekehrt und es müſſen uns noch glückliche Tage bevorſtehen.“ „Es wundert mich,“ ſagte Jean Charoſt gedan⸗ kenvoll,„wer den Ort ſo ſorgfältig in Ordnung ge⸗ halten hat. Wir ließen nur den armen, alten Augu⸗ ſtin zurück, und er iſt zu ſolcher Anſtrengung unfähig. Jacques Coeur wird uns wohl dieſen freundlichen Dienſt geleiſtet haben.“ „Er hat nicht viel dabei gethan, Herr,“ ſagte eine Stimme hinter ihm,„wenn jener ſehr vortreff⸗ liche Herr mir erlauben will, es zu ſagen.“ Jean Charoſt wendete ſich um und bemerkte Jacques Coeur ſelber, der mit einem rüſtigen, kleinen Manne in der Kleidung eines Gärtners in die Halle trat. Ich ſage in der Kleidung eines Gärtners, denn 13* 196 in jenen geſegneten Tagen, die man die guten, alten Zeiten nennt, welche ihre Mängel, ſo wie ihre guten Seiten hatten, konnte man das Geſchäft oder den Beruf eines Menſchen gewöhnlich an ſeiner Kleidung erkennen. Es war eine gute, wohlthätige und red⸗ liche Sitte. Man konnte nie einen Prieſter für einen Leibgardiſten, noch einen Ladendiener für einen Pre⸗ mierminiſter oder umgekehrt halten. In unſeren Zei⸗ ten der Freiheit, die ſich der Ungebundenheit nähert, der Gleichheit, die auf der gröbſten Täuſchung beruht, und der Brüderlichkeit, die, ſo weit wir damit bekannt geworden ſind, die Brüderlichkeit des Kain iſt, ſteht es uns leider frei, uns zu verkleiden, wie wir wollen, unter allen falſchen Farben zu ſegeln, die uns gefallen, zu täuſchen, zu lügen, und zu betrügen und dies in jeder Kleidung, die unſerem Zwecke am angemeſſen⸗ ſten erſcheint. Die Eitelkeit und Heuchelei der Menge haben nicht nur über die Kleiderordnung, ſondern auch in hohem Grade über die Mode ſelbſt triumphirt, und ich weiß Nichts, was ein Menſch nicht annehmen könnte, mit Ausnahme der Krone der Königin, und Gott erhalte ihr und ihrer Nachkommenſchaft dieſelbe auf immer. Die Gärtnerkleidung aber, mit den blauen Tuch⸗ ſtrümpfen, mit ledernen Riemen zugebunden, war im gegenwärtigen Falle ſo bezeichnend, daß Jean Charoſt, der ſich nicht bewußt war, einen Gärtner zu haben, 497 im erſten Augenblicke nicht begreifen konnte, wer die Perſon ſein mochte, bis Martin Grille's Geſicht, welches zugenommen hatte, wie der Mond im zweiten Viertel, ſeiner Erinnerung deutlich wurde. „Er ſagt die Wahrheit, mein guter Freund de Brecy,“ ſagte Jacques Coeur;„und ſehr froh bin ich, daß er Euer eigenes Haus ſo geordnet hat, daß es nach Eurer Rückkehr aus Eurer Gefangenſchaft einen angenehmen Eindruck macht. Den einzigen Antheil, den ich, als Euer Agent, an dieſer Sache gehabt, war, zu thun, was er wollte.“ „Dies iſt mit einem Worte zu erklären, mein Herr,“ ſagte Martin Grille.„Ihr ſagtet mir, Ihr könntet mich nicht im Dienſte behalten, während Ihr gefangen wäret, und ich dachte, ich könne mich wohl ſelber erhalten von den unkultivirten Aeckern, die das Schloß umgeben, und das Schloß auch in guter Ordnung erhalten. Ich zeigte ſchon als Knabe Luſt zur Gärtnerei und hatte einſt eine Menge Bohnen auf der Bodenkammer, wo meine Mutter in Paris wohnte, in eine alte Kaſſerole gepflanzt. Die erſten fünf Sous, die ich in meinem Leben hatte, erhielt ich für eine Unze Zwiebelſaamen, die ich in einem zerbroche⸗ nen Waſſerkruge gezogen. Ich wurde von der Natur beſtimmt, in der Erde zu graben und nicht andern Leuten Löcher in den Leib zu hacken; und die Stadt Bourges verdankt mir den beſten Kohl, der je ge⸗ 198 wachſen, während ich gewiß bin, daß ich keinen Ruhm geerntet hätte, wenn ich die Felder des Krieges kulti⸗ virt. Indeſſen bin ich hier und bereit, das Hand⸗ werk des Dieners wieder zu übernehmen, wenn Ihr es erlauben wollt; und um zu zeigen, daß ich mein altes Geheimniß nicht vergeſſen habe, putzte ich geſtern Abend alle Eure Waffen, bürſtete Eure Röcke, Mäntel, Wämmſer und Alles, was ich ſonſt finden konnte, aus und kehrte jedes Zimmer im Hauſe, um den unbeug⸗ ſamen Rücken des armen Auguſtin zu ſchonen.“ In mehr als einer Hinſicht war das Haus wohl vorbereitet auf die Rückkehr ſeines Herrn, und vermöge der Fürſorge des guten Martin Grille war auch ein gutes Abendeſſen nicht vergeſſen worden. Es war in⸗ deſſen eine ſeltſame Empfindung für Jean Charoſt, als die Sonne untergegangen und die Wandleuchter angebrannt waren, wieder in ſeiner eigenen Halle, von freundlichen Geſichtern umgeben, als freier Mann zu ſitzen— eine angenehme Empfindung, und doch faſt zu mächtig. Mehr als einmal während des Abends traten der Frau von Brecy Thränen in die Augen; aber Agnes, die in heiterer Stimmung war und weniger Erinnerungen hatte, war voll Freude. Jean Charoſt ſelber war ſehr ruhig; aber er dachte oft, er hätte auch weinen können, wenn er allein geweſen. So wurden perſönlichen Dingen einige Gedan⸗ 199 ken und Gefühle gewidmet; aber das Schickſal und die Geſchichte ſeines Landes während ſeiner Abweſen⸗ heit nahm keinen geringen Theil ſeiner Aufmerkſam⸗ keit in Anſpruch. In jenen Tagen verbreiteten ſich die Nachrichten langſam. Große Thatſachen wurden wahrſcheinlich genauer angegeben und bekannt, als ſelbſt jetzt; denn es gab keine verwickelte Maſchinerie zur Verbreitung der Lüge, keine öffentliche Preſſe, von dem Parteigeiſte geleitet, um das Wahre mit dem Falſchen zu miſchen. Eine gewiſſe Großmuth hatte die reinen, ritterlichen Jahrhunderte überlebt und die Menſchen konnten ſelbſt während des Lebens einem Feinde hohe und edle Eigenſchaften zuſchreiben; aber die Einzelnheiten ſind größtentheils verloren ge⸗ gangen. Jean Charoſt war ſehr begierig, dieſe ein⸗ zelnen Umſtände zu hören; und als ſie ſich um den großen Kamin verſammelt hatten— denn es war jetzt Oktober und die Nächte kalt— unternahm es Jacques Coeur, ſeinem jungen Freunde einen Bericht von Allem zu ertheilen, was in Frankreich ſeit der Schlacht bei Azincourt geſchehen. „Ihr erinnert Euch, mein Freund,“ ſagte er, „daß Johann von Burgund nach dem Falle von Harfleur nur dadurch dem Namen eines Verräthers entging, daß er ſich erbot, ſeine Truppen mit denen Frankreichs zur Vertheidigung des Reiches zu vereinen. Aber man mißtraute ihm, und wahrſcheinlich nicht ohne Urſache. 200 Ihr waret ſchon in England gefangen, als die orleani⸗ ſtiſche Partei bei Hofe das vollſtändige Uebergewicht erhielt, und da der junge Herzog in der Gefangen⸗ ſchaft war, wie Ihr, ſo übernahm ſein Schwieger⸗ vater, der Graf von Armagnac, die Leitung jener Partei. Raſch, groß und kühn war ſeine Erhebung, und furchtlos, verwegen und blutig zeigte er ſich. Das Schwert des Connetable ſtellte die ganze Mili⸗ tairmacht Frankreichs zu ſeiner Verfügung. Ein Glück für ihn wäre es geweſen, wenn er ſich mit dem militairiſchen Anſehen begnügt hätte, aber er griff auch nach den Finanzen, und bei dem unglücklichen Zuſtande der Einkünfte der Krone machten ihm die Auflagen, welche Nothwendigkeit gebot, täglich mehr Feinde. Seine rauhe und unerbittliche Strenge reizte mehr zum Zorne, als ſie beunruhigte, und es währte nicht lange, bis alle die, welche gleichgiltig geweſen waren, in die Reihen ſeiner Gegner traten. Freilich war ſeine Partei ſtark— freilich war der Haß gegen die burgundiſche Partei unter der Mehrzahl der Fran⸗ zoſen ſehr mächtig; aber die großen Herren und viele von den Fürſten, die dem Hauſe Orleans zugethan, waren in engliſchen Gefängniſſen. Durch jedes Mit⸗ tel, welches Staatsklugheit und Liſt erdenken konn⸗ ten, ſuchte Johann von Burgund die Zahl ſeiner Freunde zu vermehren. Alle, welche Armagnac's Verfolgung entflohen, wurden von ihm freudig aufge⸗ — „ 201 nommen und mit Auszeichnung behandelt. Er ver⸗ ſtärkte ſeine Streitkräfte, hielt ſich in der Nähe von Paris auf, und war ungehorſam gegen die Befehle des Hofes. Endlich aber ſchien er die Hoffnung auf⸗ zugeben, ſich zum Herrn der Hauptſtadt zu machen, und zog ſich plötzlich nach Artois zurück.“ „Der Graf von Armagnac, der ſeinen Feind nicht richtig beurtheilte, beſchloß die Gelegenheit eines offenen Weges zu ergreifen, um wieder in den Beſitz von Harfleur zu gelangen; und indem er eine ſtarke Garniſon in Paris zurückließ, trat er ſeine Expedition an. Sobald er fort war, eilte Johann von Burgund ſeine Abweſenheit zu benutzen und es fanden raſche Verhandlungen zwiſchen ihm und ſeinen Anhängern innerhalb der Mauern von Paris ſtatt. Ihr kennt die unruhige und ſtürmiſche Natur der niedern Klaſſen der Hauptſtadt. Viele waren von irrthümlichem Eifer für das Haus Burgund erfüllt— Andere waren begierig nach Beute und dürſteten nach Blut, und eins der ſchwärzeſten und abſcheulichſten Komplotte, welche je die Geſchichte der Menſchheit verunziert haben, bildete ſich zum Untergange der ganzen Partei Armagnac, und dies geſchah mit der vollen Zuſtimmung des Her⸗ zogs von Burgund. Es wurde beſchloſſen, daß die ſämmtlichen Verſchwornen zu einer beſtimmten Stunde bewaffnet in den Straßen von Paris erſcheinen, ſich der Königin, des Königs und des jungen Dauphin 202 Johann bemächtigen, die ganze Partei Armagnac er⸗ morden, den Herzog von Berri und den König von Sicilien mit Ketten beladen, ſie auf Ochſen durch die Straßen von Paris führen und ſie dann tödten ſollten.“ „Das Komplott wurde durch die Furcht oder die Reue einer Frau einige Minuten vor der Ausführung vereitelt. Es wurden Vorbereitungen getroffen, die königliche Familie in Sicherheit gebracht und Tanne⸗ guy du Chatel ging an der Spitze ſeiner Truppen aus der Baſtille und bemächtigte ſich der Häuſer, ſo wie der Perſonen der Verſchwornen. Es war keine Gnade für den, der in Waffen gefunden wurde. Einige wurden durch den Strang oder das Beil hingerichtet, einige in der Seine ertränkt, und als Armagnac zu⸗ rückkehrte, fügte er zu der über einzelne Perſonen ver⸗ hängten Strafe noch eine für die ganze Stadt Paris hinzu. Der Verdacht wurde als Beweis angenom⸗ men, die Gleichgültigkeit wurde ein Verbrechen, die Gefängniſſe füllten ſich und der Name eines Burgun⸗ ders war verhaßt. Die Truppen des Herzogs von Burgund, die ſich der Stadt Paris näherten, wur⸗ den auf dem freien Felde angegriffen und der Bür⸗ gerkrieg wüthete in ſeiner zerſtörendſten Form rings um die Hauptſtadt.“ „Jedes Uebel ſchien ſich über Frankreich zu ergie⸗ ßen, als wenn alle Quellen des Himmels ſich geöff⸗ ₰ net hätten, um Weh über das Land auszuſchütten. Noch ein Dauphin wurde uns entriſſen und es ver⸗ breitete ſich allgemein das Gerücht, daß er vergiftet worden ſei; aber der Tod des einen Prinzen war ſehr unbedeutend im Vergleiche mit dem Verrathe des an⸗ deren. Es iſt kein Zweifel, de Brecy, daß Johann von Burgund, deſſen Unternehmen gegen Paris ver⸗ eitelt war, ſich auf ein Bündniß mit den Feinden ſeines Vaterlandes einließ und insgeheim Heinrich von England als König von Frankreich anerkannte. Es erhoben ſich Uneinigkeiten zwiſchen der Königin und dem Grafen von Armagnac, in velche unſer letzter Dauphin Karl ſo weit verwickelt war, daß er ſich den ewigen Haß ſeiner Mutter zuzog. Burgund, die Kö⸗ nigin und England vereinten ſich zu dem Untergange des Dauphin und des Grafen von Armagnac, und Rache und Ehrgeiz verbanden ſich zum endlichen Ver⸗ derben des Landes. Der politiſche König von Eng⸗ land benutzte das Alles und zog von Sieg zu Sieg durch die Normandie, während der Herzog von Bur⸗ gund ſich der Hauptſtadt weiter näherte.“ „Die Gefahren, von welchen er umgeben war, ſchienen Armagnac des Urtheils zu berauben und ihn in die Wuth eines wilden Thieres zu verſetzen, ſo daß man wenig Zweifel hegen kann, er habe eine allge⸗ meine Niedermetzelung der Bürger von Paris beab⸗ ſichtigt. Die Truppen von Burgund waren im Be⸗ 4 204 ſitze von Pontoiſe. Ein wohlgeſinnter und friedlicher junger Mann, der von einem Anhänger Armagnac's beleidigt und gekränkt wurde, fand Mittel, die Feinde des Grafen in die Stadt Paris einzuführen. Auf den erſten Ruf Burgunds ſtanden Tauſende auf, um ſich von der Tyrannei zu befreien, unter welcher ſie ſeufzten, und von einem Manne Namens Caboche angeführt, vergalt man auf die furchtbarſte Weiſe der Partei Armagnac die Uebel, die ſie zugefügt hatte. Die Gefängniſſe waren gefüllt— die Straßen ſchwam⸗ men in Blut. Der Graf Armagnae ſah ſich genöthigt zu fliehen und wurde auf einige Stunden von einem Maurer verborgen, nur um endlich ausgeliefert zu werden. Die Königin und der Herzog von Burgund begünſtigten das Blutbad; es wurden Gefängniſſe er⸗ brochen und die Gefangenen mit kaltem Blute ermor⸗ det; das Chatelet wurde in Brand geſteckt, die un⸗ glücklichen Gefangenen mit Piken in die Flammen zu⸗ rückgetrieben und die Anführer der Partei Armagnac Tage lang durch die Straßen geſchleppt, ehe ſie end⸗ lich vom Volke in Stücke zerriſſen wurden.“ „Tanneguy du Chatel allein zeigte Muth und Klugheit; er rettete den Dauphin aus der Mitte des Tumults, brachte ihn ſicher nach Melun, kehrte in die Hauptſtadt zurück, focht einige Stunden tapfer gegen die Inſurgenten und die Truppen Burgunds und entfernte ſich dann, um ſeinem Fͤren Rath und 205 Beiſtand zu ertheilen. Die Königin und der Herzog von Burgund zogen triumphirend in die Stadt ein, wo man ihr auf den mit Blut befleckten Straßen Blumen ſtreute und ein Prinz vom königlichen Blute den gemeinen Mördern vertraulich die Hände drückte.“ „Aber der Herzog von Burgund fand bald, daß die Macht, die er zur Wuth angeſtachelt hatte, nicht mehr zu regieren ſei; er beſchloß daher, ſie erſt zu ſchwächen und dann zu vernichten. Die Mörderban⸗ den hielten ſich für Soldaten, weil ſie Schlächter wa⸗ ren, und verlangten gegen den Feind geführt zu wer⸗ den. Der Herzog war ſehr bereit, ihren Wunſch zu erfüllen, und ſchickte zwei Abtheilungen von mehreren Tauſenden aus. Die erſtere wurde von den Truppen Armagnac's geſchlagen und zerſtreut. Die Uebrigen ermordeten in der Wuth der getäuſchten Erwartung ihre Anführer, aber ſie benutzten die gewonnene Er⸗ fahrung nicht. Die zweite Abtheilung wurde mit furchtbarem Verluſte geſchlagen und floh in großer Haſt nach Paris; aber die Thore waren vor ihnen geſchloſſen, und ſich zerſtreuend, vereinten ſie ſich mit den mörderiſchen Räuberbanden, die das Land verheer⸗ ten, und wurden von den Truppen Burgunds verfolgt und niedergemetzelt.“ „So geſchwächt, wurden die Inſurgenten, die den Herzog von Burgund nach Paris zurückgebracht hatten, von dem Herzoge ſelber leicht unterjocht; ihre 206 Anführer kamen auf dem Schaffote um und Tauſende von den untergeordneten Schurken wurden durch ver⸗ ſchiedene indirekte Mittel aus dem Wege geſchafft.“ „Aber eine noch unerbittlichere Geißel, als Ar⸗ magnac oder Burgund, ſollte die dem Untergange geweihte Stadt heimſuchen— eine Geißel, die keine Partei verſchonte, keinen Rang oder Stand reſpektirte. Die Peſt zeigte ſich in der Hauptſtadt und raffte in wenigen Monaten mehr als hunderttauſend Perſonen jeder Klaſſe, jeden Alters und Geſchlechts hinweg. Bei dieſen Ereigniſſen kam auch Caboche, der Onkel Eures Dieners Martin Grille, um, der mit dem Muthe eines Löwen und der Wuth eines Tigers einige Talente vereinte, die, beſſer angewendet, ihm einen ehrenvollen Namen in der Geſchichte würden erworben haben.“ „Und was iſt aus ſeinem Sohne geworden?“ fragte Jean Charoſt.„Ich meine, er war am Hofe der Königin.“ „Er verließ ſie,“ antwortete Jacques Coeur, „und kam hieher nach Bourges mit Maria von An⸗ jon, der Gemahlin des Dauphin, als dieſer ſich von Melun nach Bourges begab. Ihr wißt einen Theil von dem, was ſpäter geſchah— wie jener Prinz von hier nach Poitiers getrieben wurde; wie Verhandlun⸗ gen ſtattfanden, um die königliche Familie wieder zu vereinigen; wie jede Vereinigung gegen den wahren 8 207 Feind Frankreichs durch getheilte Rathſchläge, Ehr⸗ geiz und Eiferſucht verhindert wurde; wie der eng⸗ liſche König ſich Schritt für Schritt faſt bis an die Thore von Paris zum Herrn des Landes machte. Man ſagt mir, Ihr waret bei dem Tode des Herzogs von Burgund zugegen; oder ſoll ich es Mord nen⸗ nen? Wohl hatte er Strafe verdient— wohl hatte er faſt jedes Mittel gerechtfertigt, Frankreich von dem ſchädlichen Einfluſſe ſeines Ehrgeizes zu befreien. Aber in demſelben Augenblicke, den man zur Rache gewählt, zeigte er Reue wegen ſeiner vergangenen Verbrechen — die Neigung, das Verſchuldete wieder gut zu ma⸗ chen; und vielleicht gerieth ſein Leben eben dadurch in die Hände ſeiner Gegner. Wollte Gott, jene That wäre nicht geſchehen!“ „Und was folgte darauf?“ fragte Jean Cha⸗ roſt.„Ich habe ſeitdem nur wenig gehört, außer daß zu Arras ein Vertrag geſchloſſen, wodurch die Krone Frankreichs dem Könige von England bei ſei⸗ ner Vermählung mit der Prinzeſſin Katharina über⸗ tragen wurde.“ „Die Seene iſt verwirrt und undeutlich,“ ver⸗ ſetzte Jacques Coeur,„gleich dem Heranrücken einer Wolke, die das Land überſchattet und Alles unbe⸗ ſtimmt und nebelartig zurückläßt. Weit entfernt, der Sache des Dauphin zu dienen, weit entfernt, der Sache Frankreichs zu nützen, hat der Tod des Her⸗ 208 zogs von Burgund großes Unheil für Alle⸗ hervorge⸗ bracht. Sein Sohn denkt mehr an Rache, als an Gerechtigkeit— mehr an ſeinen Vater, als an das Glück ſeines Landes. Mit der Königin und dem Könige von England verbündet, hat er nur nach dem Untergange des Dauphin geſtrebt und geſehen, wie das franzöſiſche Volk einem fremden Eroberer Treue geſchworen, der nur durch ſeinen Beiſtand zum Siege gelangt war. Von einer Eroberung zur andern iſt der König von England weiter gegangen, bis ihm faſt die ganze nördliche Hälfte Frankreichs gehört, und die Loire iſt die Grenze zwiſchen zwei geſonder⸗ ten Königreichen. Hie und da beſitzt die eine Partei freilich noch eine große Stadt oder eine ſtarke Fe⸗ ſtung in den Diſtrikten, wo die andere herrſcht, und an den Ufern des Fluſſes wird ein Grenzkrieg geführt.“ „Aber eine lange Zeit vor dem Tode König Heinrich's ſchien ihm das Glück überall zu folgen und die ganzen weſtlichen, ſo wie die nördlichen Theile Frankreichs kamen nach und nach unter ſeine Herrſchaft. Während einer kurzen Abweſenheit in England ſchien ſich das Glück für den Dauphin zu entſcheiden. Eine Verſtärkung von ſechstauſend Mann ſetzte ihn in den Stand, das Feld mit Erfolg zu behaupten, und der Sieg bei Beaugé, der Tod des Herzogs von Clarence und die Entſetzung von An⸗ gers gewährte jedem getreuen Herzen Hoffnung. Frei⸗ 1 209 lich fehlte es an Geld, und ich ſtrengte mich nach Kräften an, meinem Fürſten die Mittel zu verſchaf⸗ fen, den Krieg fortzuſetzen, als Heinrich's Rückkehr und ſein raſcher Erfolg in Saintonge und Limouſin mich von einem großen Theile meiner Hülfsquellen, worauf ich gerechnet hatte, abſchnitt und uns Alle wieder in Verzweiflung ſtürzte.“ „Die letzte Anſtrengung in den Waffen war die Belagerung von Cone an der Loire, welches die burgundiſchen Truppen beſetzt hatten. Der Dauphin ſtellte ſich in Perſon vor den Mauern dar und der junge Herzog von Burgund marſchirte dem Orte zu Hülfe und forderte ſeine engliſchen Bundesgenoſſen zum Beiſtande auf. Heinrich war nicht träge, ihm denſelben zu gewähren, und marſchirte von Senlis ab, um ſeine Bereitwilligkeit und ſeine Freundſchaft zu zeigen. Der Tod überraſchte ihn freilich unter⸗ wegs; aber ſelbſt im Tode ſchien er zu ſiegen, und Cone wurde entſetzt, als er in Vincennes ſeinen Geiſt aufgab. Ihr ſeid glücklich davon gekommen, de Brecy; denn wenn Lord Willoughby, ehe er Euch in Freiheit ſetzte, die Nachricht von den letzten Be⸗ fehlen ſeines Königs erhalten hätte, würdet Ihr noch manches Jahr im Gefängniſſe geblieben ſein. Wohl wiſſend, daß die Gefangenen von Azincourt, ſobald man ſie in Freiheit ſetze, die Partei des Dauphin beträchtlich verſtärken würden, war es immer Hein⸗ Agnes Sorel III. 3 14 210 rich's Politik, ſie in London zurückzuhalten, und faſt ſeine letzten Worte waren ein Befehl, ſie nicht eher in Freiheit zu ſetzen, als bis ſein kleiner Sohn ſeine Volljährigkeit erreicht habe. Ich glaube, Ihr ſeid der Einzige über dem Range eines Knappen, den man nach Frankreich hat zurückkehren laſſen.“ „Ich verdanke Alles dieſem lieben Mädchen,“ antwortete Jean Charoſt, die Hand der jungen Dame berührend.„Sie ging und bat in einem glücklichen Augenblicke für mich. Aber wo iſt der Dauphin jetzt? Er bedarf des Armes eines jeden Edelman⸗ nes in Frankreich, und ich will nicht lange von ſei⸗ ner Armee abweſend ſein.“ „Armee!“ wiederholte Jacques Coeur mit ſchwer⸗ müthigem Kopfſchütteln.„Ach! de Brecy, er hat keine Armee. Entmuthigt, geſchlagen, faſt ohne Geld, während die ſchönſten Beſitzungen ſeines Va⸗ ters in den Händen des Feindes ſind, während ſei⸗ nes Vaters Anſehen gegen ihn angewendet wird, während ſeine eigene Mutter ſeine bitterſte Feindin geworden iſt, während der Herzog von Burgund an der Spitze einer Armee im Felde ſteht und der Her⸗ zog von Bedford, dem großen Heinrich kaum unter⸗ geordnet, an der Spitze einer anderen, hat er ſich faſt hoffnungslos auf das einſame Schloß Polignac zurückgezogen und iſt, wie man mir ſagt, vergebens bemüht, das Mißgeſchick der Vergangenheit und die 211 Drohungen der Zukunft bei leeren Bergnügungen zu vergeſſen.“ „Es muß ein Verſuch gemacht werden, ihn aus dieſem Zuſtande zu erwecken; aber ich kann nicht eher Etwas thun, als bis ich die Mittel erlangt habe, ohne welche die Handlung hoffnungslos ſein würde. Nach Paris wage ich mich nicht ſelber; aber ich habe Agenten und Freunde dort, die mir helfen werden, und Gelder genug in verſchiedenen Unternehmungen angelegt. Ich habe mich während der letzten Monate lebhaft bemüht, alle Hülfsmittel zuſammen zu brin⸗ gen, aber ich warte noch immer in Bourges, ohne eine Antwort auf meine zahlreichen Briefe zu erhalten.“ „Könnte ich nicht nach Paris gehen?“ fragte Jean Charoſt.„Ihr wißt, mein Freund, daß es mir nicht an Fleiß fehlt und daß ich einſt einige Ge⸗ ſchicklichkeit in Geſchäften gleich den Eurigen beſaß.“ Jacques Coeur ſchwieg gedankenvoll und ant⸗ wortete dann: „Es möchte vielleicht eben ſo gut ſein. Ihr ſeid ſo lange abweſend geweſen, daß Eure Perſon un⸗ bekannt ſein würde. Wann könntet Ihr abreiſen?“ Jean Charoſt antwortete, er würde ſchon am folgenden Tage gehen können; und man ſetzte die Unterredung über dieſe Pläne fort, als man Pferde⸗ hufſchläge im Schloßhofe hörte, und in der nächſten Minute ein großer, ältlicher, vom Wetter gebräun⸗ 14* 212 ter Mann von Martin Grille hereingeführt wurde. Jean Charoſt ſah ihn an und glaubte Armand Chau⸗ vin, den Courier des ermordeten Herzogs von Orleans, in ihm zu erkennen. Der Mann ging gerade auf Jacques Coeur zu, überreichte ihm einen Brief und ſchlug dann die Augen nieder, ohne die Umgebung anzuſehen. „Dies iſt in der That eine gute Nachricht,“ ſagte Jacques Coeur, der den Brief bei dem Scheine eines Wandleuchters geleſen.„Hunderttauſend Kro⸗ nen, und in einem Monate noch zweihunderttauſend! Damit und mit dem Gelde aus Marſeille können wir noch Etwas anfangen. Dies iſt in der That eine gute Nachricht!“ „Ich habe noch mehr zu berichten,“ ſagte Chauvin ernſt.„Ein Wort in Euer Ohr, Maitre Jacques. Ich habe nicht gegeſſen, getrunken oder ge⸗ ſchlafen von Paris bis Bourges und von Bourges hieher, um Euch ſchnell dieſe Nachricht zu bringen. Hört— ich muß es Euch in's Ohr ſagen!“ Und er flüſterte Jaeques Coeur Etwas zu. Der An⸗ dere hörte ihm aufmerkſam zu, ſtutzte und ſchien bewegt. „Gott gebe ſeiner Seele Ruhe!“ ſagte er endlich. „Er hat ein unruhiges Leben geführt. Gott gebe ſei⸗ ner Seele Ruhe!“ Ende des dritten Bandes. Druck von Oswald Kollmann in Rochlitz. „ — 1 Rnnmmnnnnmmnrranunmmmnnnnnmnmnnannmmmmnmnnannnnn o u 12 13 14 15 16 1, 1s 19 20