Agnes Sorel. Ein hiſtoriſcher Roman von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Zweiter Band. ——— Leipzig, 1853. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Agnes Sorel. Zweiter Band. Erſtes Kapitel. Laut und lebhaft waren die Fragen, die man an Jean Charoſt wegen der Abenteuer richtete, die er ſeit Martin's Entfernung erlebt; aber ihre Neugierde blieb unbefriedigt. Alles, was er zu ſagen für gut hielt, betraf nur die Thatſachen, daß er, ehe er zum Wider⸗ ſtande bereit geweſen, von einer Schaar, die er für gemeine Räuber gehalten, ergriffen worden, daß auf eine Zeit lang ſein Leben in Gefahr geſchienen, daß die Räuber ihn aber endlich, nachdem ſie ihm ſeine Börſe abgenommen, unter der Bedingung, das Kind mitzunehmen und zu verſprechen, für daſſelbe zu ſor⸗ gen, bis es ſechs Jahr alt ſei, in Freiheit geſetzt hät⸗ ten. Er ſagte auch, er habe einen Eid ablegen müſſen, die Räuber weder zu verfolgen, noch eine Beſchrei⸗ bung ihrer Perſonen zu geben; und ungeachtet der Gründe des herzoglichen Gefolges und ganz beſonders des Herrn Blaize, die ihn zu überreden ſuchten, daß 6 ein erzwungener Eid keine Gültigkeit habe, hielt er entſchloſſen ſein Wort. Der alte Stallmeiſter ſchien gekränkt und ärger⸗ lich; doch zauderte er nicht lange hinſichtlich ſeiner Handlungsweiſe, und indem er es dem jungen Sekre⸗ tair und Martin Grille überließ, in das Schloß Beauté zurückzukehren, galoppirte er mit ſeinen Be⸗ gleitern in den Wald und ſchwur, er wolle die Räu⸗ ber gefangen nehmen oder wiſſen, wer ſie wären. Seine Erwartung wurde indeſſen vereitelt. Der Ort, wo die Räuber ſich gelagert hatten, wurde bald an den Kohlen des Feuers erkannt, um welches ſie geſeſſen, aber ſie ſelber waren fort und hatten Nichts weiter, als eine leere lederne Flaſche und einige übrig⸗ gebliebene Speiſen zurückgelaſſen. Die Spuren der Hufe ihrer Pferde konnte man eine Strecke weit ver⸗ folgen; als ſie aber den kleinen Weg durch den Wald betreten hatten, wurden dieſe unter anderen Fußſpuren und Wagengeleiſen undeutlich; und obgleich Herr Blaize und ſeine Begleiter bis zu dem Dorfe ritten, konnten ſie doch von den Landleuten keine Nachricht erhalten. Niemand wollte zugeben, daß er Jemand anders, als den Pächter Matthias oder den Prieſter der Gemeinde auf ſeinem Maulthiere oder den Rich⸗ ter auf ſeinem Pferde oder einige Arbeiter mit Karren geſehen, und nach einer Nachſuchung von zwei Stun⸗ den kehrten die Leute des Herzogs, mürriſch und in ihrer Erwartung getäuſcht, auf das Schloß zurück und beſchloſſen, kein Mittel unverſucht zu laſſen, um die einzelnen Umſtände von Jean Charoſt zu erfahren. Inzwiſchen war der junge Sekretair zu dem kleinen Weiler am Fuße des Schloſſes Beauté zurück⸗ gekehrt und ließ Martin Grille, der nicht wenig be⸗ ſchämt über die Rolle war, die er in den Abenteuern des Morgens geſpielt, das Kind auf ſeinen Armen tragen, wozu er beſſer geeignet war, als Jean Charoſt ſelber, denn um die Wahrheit zu ſagen, wußte er gut mit Kindern umzugehen und hatte eine große Liebe zu ihnen. In dem Weiler hielt Jean Charoſt an, ging in eine von den Hütten und fragte nach Angeline Mou⸗ linet; doch mußte er ganz bis an den Fuß des Hügels gehen, ehe er das Haus der geſuchten Perſon fand. Es war klein, aber viel zierlicher, als die meiſten der übrigen, und als er die Thür öffnete, er⸗ blickte er eine kleine Scene häuslichen Glücks, die ſehr angenehm für das Auge war. Ein junges Ehe⸗ paar, anſcheinend wohlhabend, ſaß mit zwei jungen Kindern da, der Mann eifrig beſchäftigt, ein Paar Holzſchuhe aus einem alten Weidenſtamme zu ſchnitzen, und die Frau ſo raſch ſpinnend, wie ihre Finger es vermochten. Der Knabe ſpielte natürlich mit der Katze; das kleine Mädchen, welches noch jünger war, kroch am Boden und rollte eine große, hölzerne Kugel, ·* die wahrſcheinlich ihr Vater verfertigt hatte, vor ſich her. Das Feuer brannte hell; Alles an dem Orte war reinlich und bequem; und das Ganze bildete eine angenehmere Scene der ruhigen Mittelmäßigkeit und des ländlichen Glücks, als man je geträumt hat. Ddie Frau ſtand auf, als der wohlgekleidete Gaſt eintrat, und der Mann nickte mit dem Kopfe, ohne ſeine Beſchäftigung mit dem Holzſchuhe einzuſtellen. Aber Beide ſahen ein wenig überraſcht aus, als Martin Grille, das Kind auf den Armen tragend, ſeinem Herrn in die Hütte folgte; und Angeline Moulinet legte mit dem freundlichen Takte, der das Weib nie verläßt, ihre Spindel nieder und ging, nach dem Kinde zu ſehen, denn ſie ſtellte ſich ſogleich vor, daß ein ſeltſamer Zufall es dorthin geführt habe, und wollte zugleich die Erklärung erleichtern. „Welch ein ſchönes, kleines Mädchen!“ rief ſie. „Komm, Pierrot! ſieh nur, welch' ein ſchönes Kind!“ „Iſt es ein kleines Mädchen?“ ſagte Jean Charoſt.„Ich wußte es in der That nicht.“ „Gott ſei Euch gnädig, Herr!“ rief die gute Frau.„Sahet Ihr das nicht?“ 3 „Alles, was ich ſehe,“ entgegnete Jean Charoſt, „iſt, daß es ein Kind iſt, welches mir zufällig in die Hände gefallef; und ich wünſche zu viſſen, Frau Moulinet, ob Ihr die Sorge für daſſelbe übernehmen wollt.“. „ Die junge Frau ſah ihren Mann an; der Mann blickte mit einiger Ueberraſchung auf Jean Charoſt hin und murmelte endlich, indem er dennoch ſeiner beſſeren Hälfte die Entſcheidung überließ: „Ich denke, wir haben ſelber genug.“ „Ich erwarte nicht, daß Ihr ohne angemeſſene Vergütung für dies Kind ſorgen ſollt,“ ſagte Jean Charoſt.„Ich will mich verbindlich machen, daß Ihr gut für Eure Mühe bezahlt werdet.“ „Aber, Herr, wir kennen Euch nicht,“ ſagte der Mann. „Wer ſchickte Euch zu uns, mein Herr?“ fragte die Frau zugleich. Jean Charoſt zauderte, nahm Martin Grille das Kind ab und befahl ihm, die Hütte auf einen Augen⸗ blick zu verlaſſen. Der Diener gehorchte; da er aber die Eigen⸗ ſchaft anderer Diener beſaß, nahm er eine Stellung vor dem Hauſe ein, wo er ſein Gehör, ſo wie ſein Geſicht anwenden zu können glaubte. Dies half ihm indeſſen nicht viel, denn wenn er auch ſah, wie die gute Angeline Moulinet Jean Charoſt das Kind von den Armen nahm, ſo hörte er doch Nichts von dem, was er leiſe zu ihr und ihrem Manne ſagte, als er ſich zu ihnen neigte. Er konnte auch aus den Ge⸗ berden der redenden Perſonen Nichts entdecken. Angeline erhob, wie mit Ueberraſchung, ihre Augen 10 zum Himmel; Pierrot kreuzte ſeine Arme über die Bruſt und ſah ernſt und gedankenvoll aus. Im näch⸗ ſten Augenblicke ſah er Beide raſch mit einander reden, und das Reſultat ihrer Berathung wurde dadurch klar, daß Jean Charoſt ihnen das Kind zurückließ und aus der Hütte trat. „Nun gieb mir mein Pferd,“ ſagte Jean und fügte hinzu, während Martin die Zügel von dem eiſernen Ringe losmachte:„Merke Dir dieſes Haus, Martin. Du wirſt dieſen Abend ein wenig Geld hieher bringen müſſen.“ „Ich werde es nicht vergeſſen, Herr,“ entgegnete Martin Grille und ſetzte dann lachend hinzu:„Und ich werde das Geld richtig abgeben, was mehr iſt, als mancher andere Diener thun würde.“ Aber ehe die letzten Worte ausgeſprochen wurden, war ſein junger Herr bereits im Sattel und auf dem Wege nach dem Schloſſe. Unter dem Spitzbogen, der den Thorweg bildete, trieben ſich zwei oder drei von den Leuten des Her⸗ zogs umher, und ſobald Jean Charoſt erſchien, kam einer von ihnen an die Seite ſeines Pferdes und ſagte: „Seine Hoheit hat nach Euch gefragt, Herr.“ „Iſt es denn ſchon drei Uhr?“ fragte Charoſt ein wenig ängſtlich. „Noch nicht zwei, Herr,“ verſetzte der Mann. 11 Von ſeinem Pferde ſpringend, eikte der junge Sekretair zu den Zimmern des Herzogs. Er wurde ſogleich eingelaſſen und fand ſeinen fürſtlichen Herrn in einem leichten, mit Pelz beſetzten Schlafrocke, und ſelbſt ſeit dem vergangenen Tage ſehr verändert. Sein Geſicht war ſehr blaß, ſeine Augen ſchwer und ſeine Lippen trocken, aber dennoch lächelte er mit gut⸗ müthigem, wenn auch nicht heiterem Ausdrucke des Geſichts und ſagte: „Ich hoffe, man hat Euch nicht von einem Ver⸗ gnügen abgerufen, de Brecy; denn ich dachte nicht, daß ich Eurer früher, als um drei Uhr bedürfen würde. Aber ich fühle mich krank, mein Freund, und es ſind ſehr geſchäftige Gedanken in meinem Geiſte.“ Er ſchwieg einige Augenblicke, ſah gedankenvoll auf den Tiſch nieder und fügte dann langſam hinzu: „Wenn das Gehirn voll iſt, iſt das Herz auch vielleicht voll. Wir treiben immer gern einige von dieſen thätigen und unermüdlichen Gegnern, Gedan⸗ ken genannt, hinweg. Ach! de Brecy, wie ſelten fin⸗ ddet ein Fürſt Jemand, mit dem er ſie theilen kann!“ Er hielt wieder inne und Jean Charoſt wagte nicht zu antworten. Gern hätte er geſagt: „Theilt ſie mit mir.“ Aber er fühlte, daß es anmaßend ſein würde, und er ſchwieg. „Ihr, de Brecy,“ fuhr der Herzog fort,„ſeid verſchieden von den übrigen Leuten, die mich umgeben; 12 von irgend Jemand, den ich je um mich hatte— nicht zu erfahren in der Welt, nicht abgenutzt von der Po⸗ litur eines Hofes. Ihr habt etwas Neues und Fri⸗ ſches an Euch, gleich dem, was ich ſelber einſt war. Was bin ich jetzt? Zuweilen ein weiſer Mann, zu⸗ weilen ein Thor.“ „O nein, mein Prinz!“ rief Jean Charoſt, „das kann ich nicht glauben. Die Verſuchung führt Euch nur auf einen Augenblick von dem Pfade der Weisheit ab— es iſt gleichſam die Krankheit einer Stunde. Aber das Leben iſt geſund— das Herz iſt geſund.“ Der Prinz lächelte, doch fuhr er fort, als ver⸗ folge er den Gang ſeiner eigenen Gedanken. „Zu wiſſen, was recht iſt— zu thun, was un⸗ recht iſt,“ ſagte er,„ein mächtiges Verlangen nach dem Guten zu empfinden und beſtändig in das Böſe zu verfallen, das iſt doch gewiß Thorheit. Es iſt offenbar ärger, als wenn ich nicht wüßte, was ich zu thun hätte. Einen Blinden kann man nicht der Dummheit beſchuldigen, weil er gegen eine Wand rennt, welcher Jeder, der kein Blödſinniger iſt, aus⸗ weichen würde.“ Er ſah ſeinem Sekretair in's Geſicht, und von ſeinem Tone ermuthigt, wagte Jean Charoſt zu be⸗ merken: „Es fehlt nur an einem ſtarken Willen, gnädig⸗ 13 ſter Herr. Ich weiß, Ihr habt einen ſtarken Willen gegen Eure Feinde. Warum wolltet Ihr nicht auch gegen Euch ſelber einen ſtarken Willen haben?“ „Den habe ich, de Brecy, den habe ich,“ ver⸗ ſetzte der Herzog.„Aber mit meinem ſtarken Willen gegen mich ſelber iſt es gerade ſo wie mit meinem ſtarken Willen gegen meine Feinde— er iſt ſehr mäch⸗ tig zur Zeit, doch wird er leicht gemildert. Es wird ein Friede vorgeſchlagen— günſtige Bedingungen zu einem Vertrage angeboten— und ſiehe da, ich und mein Selbſt werden wieder Freunde und alle un⸗ ſere gegenſeitigen Beleidigungen ſind verziehen.“ Er ſprach lächelnd, denn das Bild unterhielt ihn; im nächſten Augenblicke aber ſtand er auf und ſagte:* „Es iſt Zeit, daß dies ein Ende nehme! Mein Wille iſt jetzt mächtig und meine künftige Handlungs⸗ weiſe ſoll eine verſchiedene ſein. Meine Entſchlüſſe ſollen unverbrüchlich ſein— ich will meinen Weg wählen und ihn mir vorzeichnen, wie auf einer Karte; und dann wird mich die Scham verhindern, davon abzuweichen. Setzt Euch nieder, de Breecy, ſetzt Euch nieder und ſchreibt, was ich Euch diktiren werde.“ Jean Charoſt ſetzte ſich, nahm von dem Papier, welches auf dem Tiſche lag, und tauchte ſeine Feder in die Dinte, während der Herzog ſo an ſeiner Seite ſtand, daß er das unter ſeiner Hand liegende Papier ſehen konnte, worauf er einige Minuten mit gedan⸗ kenvollem, halb zerſtreutem Blicke hinſah. Der junge Sekxetair erwartete jeden Augenblick, daß er die gefaßten Entſchlüſſe diktiren werde; aber endlich ſagte der Herzog in verändertem Tone: „Das iſt unnöthig. Es würde einen Zweifel an mir ſelber zeigen, und an mir zweifelt hoffentlich Nie⸗ mand. Nein, nein, wahre Eytſchlüſſe bedürfen keiner Feſſeln. Ich habe genug beſchloſſen: ich will zu han⸗ deln beginnen. Reicht mir jenen Pelzmantel, de Brecy; dann geht und ſeht, ob die Gemäldegallerie gewärmt iſt. Sagt einem von den Dienern an der Thür, daß er Holz genug auf's Feuer legt und dort wartet. Dann kehrt zu mir zurück.“ Ohne zu antworten, verließ Jean Charoſt das Zimmer und ſagte einem von den beiden Dienern, die draußen ſaßen, ihm den Weg zu der Gemäldegallerie zu zeigen, wovon er noch nicht gehört hatte. Der Mann führte ihn den Gang dahin zu einer nicht fer⸗ nen Thür, die er öffnete, und im nächſten Augenblicke fand ſich Jean Charoſt in einer langen, ſchmalen Halle, die ſich durch die ganze Breite des Gebäudes erſtreckte und an beiden Enden Fenſter hatte. Sie war durch Säulen in drei geſonderte Abtheilungen getheilt und die Wände waren faſt bis oben mit Gemälden bedeckt. Uns würden dieſe Bilder ärmlich und roh er⸗ 15 ſcheinen; aber für Jean Charoſt's Augen waren ſie, gleich denen, die er in dem Hotel d⸗Orleans in Paris geſehen, vollkommene Wunder der Kunſt. Ehe er verweilte, um eins davon anzuſehen, ordnete er an, mehr Holz auf's Feuer zu legen, welches in dem großen mittleren Kamin nur matt brannte, und während der Diener das Holz herbeiholte, ging er langſam zu dem weſtlichen Ende der Gallerie, wo auf einem klei⸗ nen Streifen von weißem Seidenzeug zwiſchen den beiden Saͤulen die Worte ſtanden:„Der Liebe geweiht.“ Als er in jenen Theil der Gallerie trat, fühlte er ſich nicht überraſcht, nachdem er die Inſchrift geleſen, daß ſich dort nur Portraits von Damen be⸗ fanden. Alle ſchienen ſehr ſchön; und obgleich ihre Geſichter ihm fremd waren, erkannte er doch die Na⸗ men, die in den meiſten Fällen in großen Buchſtaben auf den Rahmen ſtanden. Als er ſich umſah, empfand er Erſtaunen und faſt Beſtürzung über die kühne Leichtfertigkeit, welche unter einer ſo bedeutungsvollen Inſchrift die Portraits einiger der berühmteſten Damen Frankreichs vereint hatte. Aber er verweilte nicht lange, denn das Feuer brannte bald hell, und er kehrte, wie ihm befohlen worden, in das Zimmer des Herzog zurück. „Nun,“ ſagte der Prinz, als er eintrat,„iſt Alles bereit?“ „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete Jean Charoſt; 16 „aber die Luft iſt noch kalt, und Eure Hoheit ſehen in der That nicht wohl aus. Waͤre es nicht beſſer, noch eine Weile zu warten?“ „Nein, nein,“ verſetzte der Herzog von Orleans raſch, aber nicht heftig.„Laßt uns ſogleich gehen, mein Freund. Ich will ein ſolches Siegel auf meine Entſchlüſſe ſetzen, daß weder ich noch die Welt ſie je vergeſſen ſollen.“ Er zog den Pelzmantel feſter um ſich zu, ſtützte ſich ſchwer auf den Arm des jungen Sekretairs und ging aus dem Zimmer. Im Vorübergehen befahl er den beiden Dienern vor der Thür, ihm zu folgen, und in die Gallerie gehend, wendete er ſich ſogleich zu dem Theile derſelben, den Jean Charoſt geſehen hatte. Dort ſetzte er ſich auf einen Stuhl in der Mitte des Gemaches, während die beiden Diener eine kurze Strecke hinter ihm ſtanden, deutete auf ein Bild im ſüdweſtlichen Winkel und befahl Jean Charoſt, es ihm zu bringen. Es war das Portrait eines ganz jungen Mädchens, weniger ſchön freilich, als viele von den Uebrigen, aber mit der eigenthümlichen Schönheit der Jugend; und als der Herzog es in den Händen hatte, ließ er einige Augenblicke den Rand des Rahmens auf ſeinem Knie ruhen und blickte das Geſicht ſchwei⸗ gend an. Jean Charoſt hätte viel darum gegeben, in dem Augenblicke in das Herz des Prinzen ſchauen und die 17 Regungen entdecken zu können, welche die Betrachtung jenes Bildes erweckte. Ein zärtliches und ſchwer⸗ müthiges Lächeln ruhte auf dem Geſichte des Herzogs; aber die Schwermuth wurde immer düſterer und das Lächeln verſchwand bald. „Dieſes Eine könnte ich verſchonen,“ ſagte er. „Armes Weſen! Dieſes Eine könnte ich verſchonen. Das Grab hegt keine Eiferſucht mehr.“ Er ſchaute es noch einen Augenblick an und ſagte darauf: „Nein, nein— alle, alle! Hier, nehmt es und legt es auf das Feuer!“ Seinen Kopf umwendend, ſprach er dieſe Worte zu einem von den Dienern; aber der Mann ſchien ſo gänzlich verwirrt von dem Befehle, daß er, als er das Bild aus den Händen des Prinzen empfing, die Worte:„In's Feuer?“ noch einmal wiederholte. „Ja, in's Feuer!“ ſagte der Herzog langſam und ſtrenge; dann deutete er auf ein anderes und fügte hinzu:„Gebt mir jenes.“ Jean Charoſt brachte es ihm, worauf der Her⸗ zog es, faſt ohne es zu betrachten, zu demſelben Schickſale verurtheilte. Dann folgten noch mehrere. Endlich zeigte der Herzog auf ein größeres, als die übrigen, und der junge Sekretair blieb einen Augenblick ganz verwirrt vor demſelben ſtehen, als er darunter den Namen der Herzogin von Burgund las. Es Agnes Sorel. IlI. 2 18 4 hatte kein beſſeres Schickſal, als die übrigen, und dann wurde noch eins in die Flammen geworfen. Jetzt hielt der Herzog inne und ſagte: „Ich bin krank, mein Freund— ich bin krank. Ich kann nicht hiemit fortfahren. Ich überlaſſe Euch die Aufgabe. Bleibt hier bei dieſen Leuten und ſeht darauf, daß jedes Bild in dieſem Zimmer auf beiden Seiten bis zu jenen zwei Säulen mit einer einzigen Ausnahme vor Anbruch der Nacht verbrannt werde. Ich erwarte von Euch die Ausführung eines Aktes, der, wenn ich ſterbe, einen traurigen Makel aus mei⸗ nem Andenken auslöſchen wird. Ihr hört, was ich ſage,“ fuhr er fort, indem er ſich zu den beiden Die⸗ nern wendete. Er ging gerade auf die mittlere Thür der Gal⸗ lerie zu, als Jean Charoſt ihn mit den Worten an⸗ redete: „Eure Hoheit erwähnten eine Ausnahme, ohne aber zu ſagen welche.“ 3 Der Herzog faßte ſeinen Arm, führte ihn zu der Seite des Zimmers hin, deutete auf ein Bild und ſagte nur: 4 „Jenes!“ Auf dem Rahmen ſtanden die Worte: „Valentine, Herzogin von Orleans.“ 4 Nachdem der Prinz daſſelbe einen Augenblick ſchweigend angeſehen, verließ er das Zimmer. Als er fort war, blieb Jean Charoſt einige Minuten ſtehen, ohne einen Schritt zu thun, um ſeine Befehle auszuführen. Die beiden Diener ſtanden gleichfalls mit gekreuzten Armen in faſt eben ſo ern⸗ ſter Träumerei, wie der junge Sekretair, da; aber ihre Gedanken waren ſehr verſchieden von den ſeinigen. Er erkannte in gewiſſem Grade die Beweggründe, nach welchen der Prinz handelte, und fühlte, wie ſtark und kräftig der Entſchluß ſein müſſe, der ihn zu dieſem Befehle beſtimmt habe, und zugleich auch, welche ſchmerzliche Gefühle ihn bewegten. Ein Licht der Phantaſie umſpielte die Portraits, als er ſie anſah. Die Geiſter der Todten, der Ver⸗ nachläſſigten, der Vergeſſenen ſchienen die Züge an den Wänden zu beleben; und Jean Charoſt konnte nicht umhin, ein ſchmerzliches Bedauern zu empfinden, ſo eitel, thöricht und ſchuldig auch jene Leidenſchaft ſein mochte, welche dieſe ſprechenden Bilder hier auf⸗ geſtellt hatte, daß er ausgewählt worden, ſie jenem zerſtörenden Elemente zu übergeben, welches wohl die Bilder verzehren, aber nicht die Sünde auslöſchen konnte. Endlich fuhr er aus ſeiner ſinnenden Betrachtung auf und begann das für ihn beſtimmte Werk. Die Diener gehorchten aus Gewohnheit den Befehlen, die ſie erhielten, obgleich ſie Zweifel hegten, ob der Prinz nicht an einem zeitweiligen Wahnſinn leide, weil er 9*† 20 die Vernichtung von Gegenſtänden anbefohlen, die ſie nur als ſeltene Schätze betrachteten, ohne den ge⸗ ringſten Begriff davon zu haben, daß Dinge, die in den Augen Anderer höchſt ſchätzbar ſind, oft für den Beſitzer traurig, ſchmerzlich oder gefährlich ſein können. In etwa einer Stunde war Alles vollendet, und ich bin nicht gewiß, ob die Erfahrung jener Stunde, die Gedanken, Empfindungen und Phantaſien, nicht mehr als ein Jahr zu ſeinem geiſtigen Leben hinzu⸗ gefügt hatten. Gewiß iſt es, daß er mit kräftigerem und männlicherem Schritte und ſelbſt mit erhöhtem Ernſt des Charakters zu den Zimmern des Herzogs zurückkehrte und anklopfte, um eingelaſſen zu werden. Eine Stimme, aber nicht die des Prinzen, rief nach einem Augenblicke:„Herein!“ und er fand den Haus⸗ hofmeiſter in einer Unterredung mit ſeinem Herrn. „Kommt herein, de Brecy,“ ſagte der Herzog. „Verlaßt uns, Lomelini— ich weiß, Ihr ſeid ſein guter Freund; aber ich habe über meine eigenen An⸗ gelegenheiten und nicht über die ſeinigen mit ihm zu reden. Damit habe ich Nichts zu thun, und es wäre gut, wenn auch Andere ſich nicht darum kümmerten. Gebt ihnen dies zu verſtehen.“ Der Haushofmeiſter entfernte ſich mit tiefer Ver⸗ beugung, und nachdem der Herzog einige Augenblicke ſinnend dageſeſſen, erhob er ſeine Augen zu dem Ge⸗ ſichte des Sekretairs und ſagte in mattem Tone: „Waret Ihr je vorher in dieſem Theile des Lan⸗ des, de Brecy?“ „Niemals, Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt. „Es iſt Euch, wie ich höre, ein Abenteuer im Walde begegnet,“ ſagte der Herzog,„und doch erzähl⸗ tet Ihr mir nicht davon.“ „Ich hielt es nicht für recht, Eure Hoheit mit ſolchen Gegenſtänden zu beläſtigen,“ antwortete der junge Mann.„Hätte ich irgend eine Veranlaſſung dazu gehabt, würde ich es Euch ſogleich erzählt haben.“ „Gut, gut,“ ſagte der Herzog,„Ihr ſollt es mir ſpäter erzählen. Man hat meine Gedanken durch dieſe Erzählungen unterbrochen,“ fügte er ein wenig ärgerlich hinzu.„Ich wünſche, daß Ihr mir einen Dienſt leiſtet.“ „Eure Hoheit dürfen nur befehlen,“ ſagte Jean Charoſt. „Ich bin krank, de Brecy,“ fuhr der Herzog fort.„Ich fühle mich ſchwächer, als je zuvor— freilich war ich ſelten krank und vielleicht— doch es liegt Nichts daran. Welches auch die Urſache ſein mag, ich habe ein ſeltſames Gefühl, eine gewiſſe Ahnung, daß mein Leben nicht ſehr lange mehr währen wird. Ihr hörtet die Ankündigung, die ich im Kloſter der 22 Cöleſtiner von einem Menſchen oder einem Geiſte er— hielt. Indeſſen iſt es nicht das, was dieſen Eindruck hervorgebracht hat, denn ich vergaß jenen Umſtand in einer Stunde wieder; aber ich fühle mich krank, und ich ſehe nicht ein, warum nicht Einflüſſe in äußeren und unſichtbaren Dingen liegen ſollten, die zu der Seele reden, die Annäherung großer Veränderungen in unſerem Zuſtande ankündigen und uns zur Vorbe⸗ reitung mahnen. Das mag nun ſein, wie es will, das Gefühl iſt mächtig in mir. Ich habe befohlen, einen Reichsnotar rufen zu laſſen, damit ich mein Teſtament machen kann. Darin denke ich der Welt zu zeigen, wie ich meine Feinde behandeln kann, und meine Freunde auch, denn ich werde meine Vergeſſen⸗ heit der Beleidigungen in dem einen Falle zeigen, ohne es in dem anderen an Dankbarkeit fehlen zu laſſen.“ Er ſtützte einige Augenblicke ſeinen Kopf auf die Hand und fügte dann hinzu: „Ich hege das lebhafte Verlangen, meine Gattin zu ſehen. Doch aus Urſachen, die hier zu erwähnen nicht nöthig ſind, wünſche ich ihr keinen langen Brief zu ſchicken und ihr über meinen Zuſtand und meine Gefühle Bericht zu erſtatten. Ich habe daher einige Zeilen geſchrieben, worin ich nur ſage, daß ich hier in Beauté krank liege. Ich weiß, daß dieſe Zei⸗ len ſie bewegen werden, ſogleich aus Blois abzureiſen, ——— ᷣ wo ſie ſich jetzt befindet; und es wird die Aufgabe des Boten ſein, ihren Geiſt auf die Veränderungen vorzubereiten, die ſie hier finden muß, ſo wie auf die, welche ſie vielleicht finden dürfte. Verſteht Ihr mich?“ „Ich denke es, gnädigſter Herr— vollkommen,“ verſetzte Jean Charoſt. „Ich wünſche auch,“ ſagte der Herzog,„wenn meine eigenen Lippen nicht im Stande ſein ſollten, die Worte auszuſprechen, daß er ihr ſagen möge, welches auch meine Fehler geweſen, ſo ſehr auch Lei⸗ denſchaft, Eitelkeit oder Thorheit mich irregeleitet, ſo habe ich doch immer eine hohe und zärtliche Achtung vor ihren Tugenden, ihrer Zärtlichkeit und ihrer Milde gehegt. Ich könnte noch mehr— viel mehr ſagen; ich will mehr ſagen, wenn ich ſie je wiederſehe. Aber ſie mag ſich verſichert halten, daß mein letztes Gebet Segen von Gott erflehen und um ſeinen Schutz für ſie und unſere Kinder bitten wird.“ Während er ſprach, hielt er einen verſiegelten Brief in der Hand und ſah Jean Charoſt ſehr lebhaft an. Dennoch ſchien er zu zaudern, und als er ſchwieg, blickte er auf das Papier nieder und drehte es meh⸗ rere Minuten, ohne zu ſprechen, in den Händen herum. Dann aber blickte er plötzlich auf, als hätte er ſich endlich entſchloſſen, und ſagte: „Ich weiß Niemand, den ich ſchicken könnte, als Lomelini oder Euch. Joigni iſt ein roher Menſch, wenn auch kühn und rechtſchaffen. Blaize hat kein Herz und ſehr wenig Verſtand. Monlue würde ſie zu Tode erſchrecken; denn wenn er mich jetzt ſähe, würde er mich ſchon für todt halten. Es bleibt alſo Nie⸗ mand weiter übrig, als Ihr und Lomelini. In eini⸗ ger Hinſicht wäre es beſſer, ihn zu ſchicken. Er iſt von reifem Alter, hat viel Erfahrung, iſt pünktlich und geſchickt in ſeinen Verhandlungen und erträglich redlich— auch nicht ohne Herz— ihr zärtlich erge⸗ ben, ſo ſehr er dazu im Stande iſt, da ihr Vater ihn auferzogen und befördert hat. Aber es iſt eine Welt italieniſcher Liſt in ihm, viel feige Furchtſamkeit, und eine Alles verzehrende Sorge für ſeine eigenen In⸗ tereſſen, deren Wirkung wir nie berechnen können. Ueberdies liebt ſie ihn nicht. Ich weiß es— ich bin deſſen gewiß, obgleich ſie zu ſanft iſt, um ſich zu be⸗ klagen. Er kam als ihr Diener hierher, fand es aber vortheilhafter, in meine Dienſte zu treten. Sie kann ihn nicht lieben. Aber genug davon. Ich habe Achtung vor Euch, de Brecy. und Ihr ſollt die Be⸗ weiſe davon haben. Es iſt kein geringer Beweis, daß ich Euch in dieſem Auftrage abſende. Es liegt etwas in der Friſche Eures Charakters und in der Offenheit Eurer Natur, was Vertrauen gewinnt, und ich wünſche, daß Ihr ſogleich nach Blois abreiſet. Ueberbringet dieſen Brief der Herzogin— ſagt ihr, in welchem Zuſtande ich bin; aber freundlich und milde, und begleitet ſie hieher zurück. Wie viele Leute braucht Ihr zu Eurer Begleitung? Das Land iſt ein wenig aufgeregt; aber ich denke nicht, daß viel Gefahr vorhanden iſt.“ „Einer, der den Weg kennt, wird hinreichend ſein, gnädigſter Herr,“ verſetzte de Brecy.„Eine kleine Abtheilung wird leichter durchkommen, als eine große. Ich bitte nur Eure Hoheit um ein ſtarkes Pferd aus Euren Ställen, welches mein Diener füh⸗ ren ſoll, und welches unſer Gepäck tragen und mir dienen kann, wenn dem meinigen ein Unfall begegnen ſollte. Ich will es übernehmen, den Brief abzugeben, wenn ich das Ziel meiner Reiſe lebendig erreiche.“ „Vielleicht habt Ihr Recht, keine große Beglei⸗ tung mitnehmen zu wollen,“ ſagte der Herzog.„Ich will Euch einen rüſtigen Burſchen zur Begleitung ſchicken, der jeden Zoll von dem Wege kennt. Er iſt nur ein Courier, aber im Nothfalle auch ein guter Reiſiger; und obgleich ich nicht wünſche, daß Ihr völlig gerüſtet reiſet, ſo denke ich doch, daß es gut ſein würde, wenn Ihr einen Harniſch unter Eurer gewöhnlichen Kleidung trüget.“ „Ich habe keine anderen Waffen als Schwert und Dolch bei mir, gnädigſter Herr,“ ſagte Jean Charoſt, „und ich denke nicht, daß ich mehr bedürfen werde.“ „Ja, ja, Ihr werdet mehr bedürfen,“ verſetzte der Herzog.„Wartet, ich will einige Worte an Lo⸗ 26 melini ſchreiben. Er wird Euch Alles verſchaffen, was nöthig iſt.“ Ein Blatt Papier zu ſich ziehend, ſchrieb der Herzog mit zitternder Hand folgende Worte: „Signor Lomelini! Stellt Armand Chauvin unter den Befehl des Herrn von Brecy zu einer Reiſe, die er für mich unternimmt. Befehlt dem Waffenſchmiede, ihn mit allen Waffen zu verſehen, die er fordern wird, ſo wie dem erſten Stallmeiſter, ihm aus dem Stalle ſo viele Pferde, wie er für nöthig halten wird, auswählen zu laſſen, mit Ausnahme des arabiſchen Zelters Cliſſon und meiner drei Streitroſſe. Orleans.“ „Hier,“ ſagte der Herzog,„iſt auch eine An⸗ weiſung an den Schatzmeiſter für Eure Ausgaben. Und nun, wann werdet Ihr abreiſen?“ „In einer Stunde,“ verſetzte Jean Charoſt. „Könnt Ihr ſo bald bereit ſein?“ fragte der Prinz. „Ich denke es, Hoheit,“ verſetzte der junge Sekretair.„Ich werde eben ſo bald bereit ſein, wie die beiden Männer.“ „So ſei es denn,“ ſagte der Herzog von Or⸗ leans.„Ich will mich wieder auf mein Bett nieder⸗ legen, denn ich bin matt an Herz und Gliedern.“ Zweites Kapitel. „Keine Jahreszeit iſt ohne ihre Schönheit— keine Scene ohne ihr eigenthümliches Intereſſe. Wenn der große Berg, der ſich mit ſeiner Felſenſpitze zum Him⸗ mel erhebt, in einer Hinſicht Erhabenheit an ſich hat, ſo beſitzt eine weite Fläche von Moor und Haide mit ihrem unbegrenzten Horizonte und ihren vielfachen be⸗ ſchatteten Linien eine Erhabenheit anderer Art. Für ein Auge und ein Herz, empfänglich für die Eindrücke des Schönen und Großartigen, liegt faſt in jedem Anblicke der Natur etwas Reizendes oder Erhebendes. Der Sturm und das Ungewitter, ſo wie der Sonnen⸗ ſchein und die Ruhe gewähren Quellen des Vergnü⸗ gens; und ſo wie das Verwelken des grünen Blattes im Herbſte das Auge bezaubert durch die glänzende Färbung, die dadurch hervorgebracht wird, ſo ſchmückt der Verfall und der Untergang verſchönert. Man denke ſich zum Beiſpiel eine Winterſeene, das ganze Land mit einem weißen Mantel von Schnee bedeckt, während ſich die Bäume und Wälder braun und dunkel erheben, die Maſſen von ſchwarzen Fichten und Tannen, die gegen den weißen Boden abſtechen, von dem ſie ſich erheben. Die Ausſicht erſtreckt ſich über ein faſt ebenes Land; hie und da erhebt ſich ein abgerundeter Hügel plötzlich von der Ebene, vielleicht ununterbrochen in ſeiner einförmigen Linie, vielleicht gekrönt von den ſcharfen Winkeln und den harten Linien einer Feſtung oder Burg. Die Beſchreibung ſcheint nicht ſehr einladend; aber wir wollen zeigen, wie ſehr dieſe Scene während des Verlaufes des Abends wechſelte, als drei Reiſende raſch dahin ritten; obgleich ihre Pferde ein wenig er⸗ müdet ſchienen und ſie ohne Zweifel eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten. Gegen drei Uhr zeigte ſich eine ſchwere graue Wolke, die noch mehr Schnee verkündete. Sie er⸗ ſtreckte ſich über den größeren Theil des Himmels, ſchnitt einen Bogen ab und ſchien einen Baldachin zu bilden. Nach Südweſten blieb der Himmel klar, und dort war die Wolke mit Gold umſäumt, während un⸗ ter derſelben das horizontale Licht hervorſtrömte, die Erhöhungen erhellte und die Vertiefungen in dunkle⸗ ren Schatten ſtellte. Die ſchroffen Hügel erſchienen groß und blau und erhoben ihre Köpfe, als wollten ſie die ſchweren, grauen Wolkenmaſſen unterſtützen. 29 So wie ſich die Sonne ſenkte, nahm jener freie Raum am Himmel ein immer helleres Gelb an. Der düſtere Baldachin trennte ſich in einzelne Maſſen von Schwarz und Gold. Dieſelben warmen Farben verbreiteten ſich über jede Höhe; und als die Sonne ſich noch weiter ſenkte, berührte ein immer heller glühendes roſiges Licht die ſchneebedeckten Gipfel der Hügel, MW überfluthete die Ebene, folgte in allen ſeinen Krüm⸗ mungen dem Laufe des eisbedeckten Fluſſes und ſtrahlte zurück von der gläſernen Oberfläche, als wenn man eine Maſſe Rubinen über die Scene ausgeſtreut hätte, während der graue Wald, der den fernen Horizont umſäumte, von einer rothen Helle ſtrahlte, die ſich durch die einzelnen Zweige ergoß, als ob jenſeits der⸗ ſelben auf den Ebenen ein ungeheueres Feuer brenne. Es war die letzte Anſtrengung des ſchönheitver⸗ leihenden Tages, und jene drei Reiſenden empfanden und genoſſen dieſelbe auf verſchiedene Weiſe. Die Sonne ging unter; die Hügel wurden dunkel und blau; jede Erhöhung des Bodens ſchien ſich mehr als je zu erheben; das Grau der Dämmerung breitete ſich über die ganze Scene aus, doch am Rande des Him⸗ mels verweilte das gelbe Licht noch eine volle Stunde, nachdem die Sonne ſchon untergegangen war. Dann funkelten die glänzenden Sterne durch die zerriſſenen Wolken, gleich den helleren und beſſeren Hoffnungen, die ſchimmernd von oben kommen, wenn der Sonnen⸗ —— —“—“ 30 2 ſchein des Lebens vorüber iſt und die Wolken und Dünſte der Erde ſich zertheilen.— Noch immer ritten die Drei weiter. Eine Stunde vorher hatten ſich am entfernten Rande des Himmels ein hoher Thurm, gleich dem einer Kathe⸗ drale, und einige kleine Thürme umher gezeigt. Jene Gegenſtände verkündeten ihnen, daß eine Stadt in der Richtung liege— die Stadt, zu welcher ſie ihre Schritte lenkten; aber jetzt war Alles dunkel, und ſie ſahen ſie nicht mehr. Der Weg aber war gut und deutlich bezeichnet; und obgleich es den größten Theil des Tages ſehr kalt geweſen, ſo war doch der Abend milder geworden, als ob Thauwetter eingetreten wäre. Ein leichter Nebel erhob ſich vom Boden, als ſie in den Wald traten, nicht ſo dicht, um den Weg zu gerdunkeln, ſondern nur um die Gegenſtände in der Ferne ein wenig undeutlicher zu machen. Als ſie unter den größeren Bäumen hervorkamen und eine ſumpfige Fläche betraten, die mit verkrüppelten Wei⸗ ddenſtämmen bedeckt war, glaubte Jean Charoſt— denn er befand ſich an der Spitze der kleinen Reiter⸗ gruppe— in geringer Entfernung zur Linken ein Licht ſich bewegen zu ſehen. „Dort iſt Jemand mit einer Laterne,“ ſagte er, ſich zu einem rüſtigen Manne wendend, der neben ihm ritt. „Es iſt ein Irrlicht,“ verſetzte der Andere. „Wir dürfen ihm nicht folgen, gnädiger Herr, ſonſt gerathen wir bis an den Hals in den Sumpf.“ „Ei, ſolche Ausdünſtungen ſind in dieſer Jahres⸗ zeit nicht gewöhnlich, Chauvin,“ bemerkte der junge Mann. „Mögen es nun Ausdünſtungen ſein oder nicht,“ verſetzte der Andere,„ich weiß nur, daß ſie zu allen Zeiten kommen, um arme Reiſende irre zu führen. Der kürzere Weg nach Pithiviers geht erſt eine Vier⸗ telſtunde weiter ab.“ „Ausdünſtungen!“ wiederholte Martin Gillle. „Ich hörte ſie nie ſo nennen. Gewöhnlich ſagt man, daß es boshafte Geiſter ſind, die Menſchen und Pferde in den Tod führen. Folgt dieſem Lichte nicht, Herr, ich bitte Euch. Das wäre noch ſchlimmer, als das Abenteuer mit dem Kinde.“ Jean Charoſt lachte, als er entgegnete: „Ich werde nur der Leitung des Herrn Chauvin folgen. Er wird mich beſſer führen, als eine Laterne. Aber es ſcheint mir in der That, als wenn das Licht ſich an unſerer Seite fortbewegte. Es kann nicht weiter, als zwei⸗ oder dreihundert Schritte entfernt ſein.“ „Das iſt eben der Spaß, Herr,“ ſagte Chauvin. „Sie bewegen ſich immer weiter und ſcheinen ganz nahe zu ſein; wenn Ihr ſie aber verfolgtet, würdet Ihr ſie nimmermehr einholen, ſo viel kann ich 32 Euch ſagen. Ich that es einſt als Knabe, und wäre beinahe für meine Mühe ertrunken. Horch! ich glaubte Jemand rufen zu hören. Das iſt vermuth⸗ lich eine neue Erfindung, welche dieſe Teufel in die⸗ ſen ſchlimmen Zeiten gelernt haben.“ Alle hielten ihre Pferde an und horchten; als ſie aber Nichts weiter hörten, ritten ſie wieder weiter, bis ſie eine kleine Anhöhe hinauf zu ſteigen begannen, wo der Schnee vom Wege weggetrieben worden und die Hufſchläge der Pferde auf dem harten Boden deutlich zu hören waren, als plötzlich zur Linken ein lauter Ruf ertönte. „Halloh! halloh! Wer reitet dort?“ rief eine Stimme, die etwa funfzig oder ſechszig Schritte ent⸗ fernt war.„Kommt uns hier zu Hilfe! Wir ſind in einen Sumpf gerathen und wiſſen nicht, wohin wir uns wenden ſollen.“ „Um des Himmelsyillen, geht nicht, Herr!“ rief Martin Grille.„Es iſt eine neue Erfindung des Teufels, wie Herr Chauvin ſagt, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen!“ „Pah, Unſinn!“ rief Jean Charoſt; dann erhob er ſeine Stimme und ſagte:„Wer iſt es, der da ruft?“ „Was liegt daran?“ rief eine gebieteriſche Stimme.„Wenn Ihr Chriſten ſeid, ſo kommt und 33 helft uns. Wenn nicht, ſo trabt Eures Weges weiter und der Teufel hinter Euch her.“ „Ruft noch einmal, wenn wir näher kommen, damit wir uns darnach richten können,“ ſagte Jean Charoſt;„denn es iſt unnütz, daß wir auch in den Sumpf gerathen.“ „Laßt mich voran reiten und nach dem Wege ſehen,“ ſagte der Courier. „Halloh! halloh!“ riefen zwei oder drei Stim⸗ men als Signal; und dem Rufe folgend, ritten Jeau Charoſt und der Courier, indem Martin Grille eine gute Strecke zurückblieb, langſam und vorſichtig auf die unglücklichen Reiſenden zu, bis ſie endlich in der Entfernung von etwa zwanzig Schritten eine Gruppe von Menſchen und Pferden unter den Weidenbäumen bemerkten. Einige von den Pferden ſchienen freilich keine Beine zu haben oder am Boden zu liegen. Ein Mann ſtand auf den Füßen und hielt ſich an einem Baumſtamme feſt. „Wir kommen zu Euch— wir kommen zu Euch!“ rief Jean Charoſt.„Es iſt feſt genug hier, wenn Ihr uns nur erreichen könnt.“ Der Führer, welcher voran ritt, rief plötzlich: „Haltet an dort!“ Und in demſelben Augenblicke begannen die Füße ſeines Pferdes in den Boden zu ſinken. „Hier, faßt meinen Zügel, Chauvin!“ rief der Agnes Sorel. 1I. 3 34 junge Sekretair, auf den Boden ſpringend.„Ich glaube, ich ſehe einen Weg zu ihnen.“ „Seht Euch vor, Herr, ſeht Euch vor!“ rief der Courier. „Fürchtet Nichts,“ antwortete Jean Charoſt; „man muß von Baum zu Baum weiter kommen können. Es erheben ſich auch einige alte Wurzeln über den Boden. Bleibt hier, Chauvin, um uns zurück zu führen.“ Vorſichtig weiter gehend, die Sicherheit jedes Schrittes prüfend und zuweilen von einem Baume zum andern ſpringend, näherte er ſich dem Manne, welcher abgeſtiegen war, bis auf ſechs Fuß, und ihm zurufend, ihm die Hand zu reichen, lehnte er ſich, ſo weit er konnte, über und faßte mit der linken Hand das Geſträuch an, in deſſen Nähe er ſtand. Mit dieſem Beiſtande ſprang der Fremde herüber; aber weder er noch ſeine Begleiter wollten ihre Pferde zurücklaſſen, und es war eine viel ſchwierigere Sache, die Pferde heraus zu bringen, denn einige waren tief eingeſunken und ſchienen weder die Kraft, noch die Neigung zu haben, ſich anzuſtrengen. Beinahe eine Stunde verging bei dieſen Be⸗ mühungen, die Thiere heraus zu bringen und Jean Charoſt fand ſeine kleine Geſellſchaft durch ſechs Rei⸗ ter in etwas kläglichem Zuſtande vermehrt. Der Mann, den er zuerſt gerettet hatte, und 35 welcher der Vornehmſte von dem Trupp zu ſein ſchien, dankte ihm für ſeinen Beiſtand in kurzem und hoch⸗ müthigem Tone, der nicht ganz angenehm war. „Wohin geht Ihr, junger Mann?“ fragte er endlich, als ſie ihre Pferde wieder beſtiegen hatten. „Nach Pithiviers,“ antwortete Jean Charoſt eben ſo kurz. „Dann wollen wir mit Euch reiten,“ entgegnete der Andere,„und Ihr ſollt uns führen, denn das iſt auch unſere Beſtimmung.“ „Es wird darauf ankommen, ob Eure Pferde mit den meinigen Schritt halten können,“ verſetzte Jean Charoſt;„denn ich habe hier mehr Zeit zuge⸗ bracht, als ich entbehren kann.“ „Wir wollen ſehen,“ entgegnete der Andere lachend.„Ihr habt uns einen Dienſt geleiſtet, jetzt ſollt Ihr uns noch einen leiſten, und dann wollen wir Euch am Ende der Reiſe für beide danken.“ „Sehr gut,“ verſetzte Jean Charoſt und ritt weiter.— Der Andere hielt ſich indeſſen an ſeiner Seite, denn das große und kräftige Pferd, welches ihn trug, ſchien durch den Unfall nicht gelitten zu haben. Armand Chauvin und Martin Grille folgten dicht hinter ihrem jungen Führer und die andern fünf Fremden bildeten den Nachtrab. Die übrige Reiſe, die noch beinahe zwei Stun⸗ 3* 36 den betrug, ging ohne Unfall vorüber und die beiden vorderſten Reiter begannen nach und nach eine allge⸗ meine Unterhaltung, wobei der Fremde, wenn man gleich nicht ſagen konnte, daß er ſich beſonders ange⸗ nehm machte, eine große Kenntniß von der Welt, vom Leben, von den Höfen und von fremden Ländern zeigte, wobei er einen rauhen, wenn gleich ſchar⸗ fen und beißenden Witz an den Tag legte, der ſeinen jungen Reiſegefährten zu dem Schluſſe führte, daß er kein gewöhnlicher Mann ſei. Die letzte halbe Stunde der Reiſe wurde beim Mondlichte zurückgelegt, und Jean Charoſt hatte jetzt eine Gelegenheit, die äußere Erſcheinung ſeines Be⸗ gleiters zu unterſcheiden, welche vielleicht einnehmender war, als ſeine Rede. Er war ein Mann von mittle⸗ rem Alter, nicht ſehr groß, aber von ſehr breiter Bruſt und Schultern, und ſein Geſicht hatte, ohne ſchön zu ſein, etwas Feines und Gebieteriſches an ſich. Er ritt ſein Pferd mit mehr Stärke, als An⸗ muth, und lenkte es mit einer Leichtigkeit, die dem Thiere keinen eigenen Willen zu laſſen ſchien; jede Bewegung gab eine außerordentliche Kraft, mit eini⸗ ger Würde vereint, zu erkennen. Seine Kleidung ſchien reich und koſtbar, obgleich die Farben nicht deutlich zu unterſcheiden waren. Aber der kurze Mantel mit den langen mit Pelz beſetzten Aermeln, die faſt bis zu dem Bauche des Pferdes niederhingen, 37 bezeichneten in jenen Tagen ſogleich den Mann von hohem Range. Obgleich der junge Sekretair ihn gewiß ſehr genau beobachtete, ſo erwiederte er doch dieſe Prüfung nicht, ſondern warf nur einen zufälligen Blick auf ihn, wenn das Mondlicht auf ſeine Geſtalt fiel, und ſetzte dann ſeine Unterhaltung fort, bis ſie die Stadt Pithiviers erreichten. „In welches Gaſthaus gehen wir, Chauvin?“ fragte Jean Charoſt, als ſie zu den Häuſern kamen. Aber ehe der Andere antworten konnte, rief der Fremde: „Laßt nur— Ihr ſollt mit in mein Gaſthaus kommen. Ihr ſollt wenigſtens dieſen Abend mein Gaſt ſein. Es iſt in der That nur ein Gaſthof in dem Orte, der den Namen verdient, und meine Leute haben ihn in Beſitz genommen. Wir werden indeß noch Platz für Euch und Eure Leute finden, und Ihr ſollt mit mir zu Abend ſpeiſen— wenn Ihr von Adel ſeid.“ 2. Das bin ich, Herr,“ verſetzte Jean Charoſt, ihm folgend, wohin er ihn führte. Als ſie in die Hauptſtraße kamen, welche ſtill und ruhig genug war, hielt der Fremde ſein Pferd an, rief einen von ſeinen Begleitern herbei und redete in einer Sprache mit ihm, die Jean Charoſt nicht ver⸗ ſtand. Dann wendete er ſich zu dem Letzteren und ſagte: 38 „Laßt uns abſteigen, hier iſt ein kürzerer Weg zu Fuß zu dem Gaſthauſe. Eure Leute können mit den meinigen weiter reiten.“ Jean Charoſt zauderte; da er aber keinen Zwei⸗ fel zeigen wollte, ſo ſprang er von ſeinem Pferde, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, gab Martin Grille den Zügel und ging mit ſeinem Begleiter eine ſehr enge Straße dahin, welche hinter den Gebäuden, an welchen ſie eben vorübergekommen, herumzuführen ſchien. Der Fremde ging langſam, und als ſie ſich dem Gaſthofe näherten, ſagte er: „Darf ich Euren Namen wiſſen, junger Herr?“ „Jean Charoſt de Brecy,“ verſetzte des Herzogs Sekretair; und obgleich er große Neigung dazu hatte, ſo enthielt er ſich doch, nach dem Namens ſeines Be⸗ gleiters zu fragen. Er hatte etwas an ſich, was un⸗ willkürlich Reſpekt einflößte, eine Ehrerbietung ohne Liebe; und der junge Sekretair wagte keine Frage zu thun. Einige Augenblicke ſpäter zeigte ſich ein kleines Haus, welches freilich von Stein gebaut war, woge⸗ gen die anderen größtentheils aus Holz beſtanden; aber immer war es viel zu klein und von zu unbe⸗ deutendem Anſehen nach dem Begriffe, den ſich Jean Charoſt von dem erſten Gaſthofe der guten Stadt Pithiviers gebildet hatte. Vor der Thür dieſes Hau⸗ ſes aber ſtand der altere Herr ſtill, als wollte er ein⸗ n demſelben Augenblicke, treten. Die Thür wurde i Mann erſchien mit wie verabredet, geöffnet und ein einer Fackel in der Hand. Jean Charoſt zauderte und hielt ſich zurück; aber der Andere wendete ſich um, nachdem er die drei Stufen hinaufgeſtiegen war, die zu der Thür führten, und ſagte: n. Was fürchtet Ihr?“ „Kommt herei Der geringſte Verdacht der Furcht hat zu allen Zeiten einen großen Einfluß auf die Jugend, und Jean Charoſt war keineswegs ohne die Gefühle der Jugend, obgleich frühes Mißgeſchick und Erfahrung ihn älter gemacht hatten, als ſeine Jahre. „Ich fürchte Nichts,“ verſetzte er, indem er dem Fremden folgte.„Aber dies ſieht nicht wie ein Gaſt⸗ hof aus.“ „Es iſt die Hinterthür, „und Ihr werdet bald finden, haus iſt.“ Mit dieſen Worten ging er durch einen engen. Gang, der ſie bald auf einen großen Hofplatz führte. Der Mann mit der Fackel ging voran und zeigte vermöge des Lichts, welches er trug, eine Menge Gegenſtände, welche dem jungen Sekretair zu erkennen gaben, daß ſein Begleiter Nichts als die Wahrheit geſprochen, und daß ſie in der That auf dem Hofplatze eines gro⸗ ßen und ſchönen Gaſthauſes waren. "n verſetzte der Andere; daß es das Gaſt⸗ 40 Mehrmals kamen verſchiedene Leute, einige in der Kleidung der Anhänger eines edlen Hauſes, in prunkende Farben gekleidet, andere in den gewöhn⸗ lichen Anzügen der Diener eines Gaſthauſes, aus verſchiedenen Theilen des Hofes auf den Mann zu, der die Fackel trug; aber jedesmal veranlaßte ſie ein Wink mit der Hand, denen aus dem Wege zu gehen, welchen er leuchtete. Gerade vor ihnen befand ſich eine große Thür und ein weiter Gang, aus welchem ein helles Licht hervorſtrömte und eine Anzahl Menſchen zeigte, die dort hin⸗ und hergingen. Zur Linken aber befanden 3 ſich etwa ſechs Stufen, die zu einer kleineren, jetzt geeſchloſſenen Thür führten. Auf dieſe ging der Fackel⸗ träger zu, öffnete ſie und trat dann ehrerbietig zurück, um die, welche folgten, eintreten zu laſſen. Ein ein⸗ zelner Mann mit einem Federbarett erſchien in gerin⸗ . ger Entfernung zur Linken und öffnete die Thür eines kleinen Zimmers, in welches der Fremde eintrat und wohin ihm ſein junger Begleiter folgte. Jean Charoſt warf einen raſchen Blick auf die Kleidung des Man⸗ nes, der die Thür öffnete, und ſie war ſo deutlich, 4. wie bei Tage. Da bemerkte er in Gold geſtickt an ſeinem Barett, gerade unter der Feder die Worte: „Ich Houd.“ Er wußte nicht, was es bedeuten ſollte, obgleich er ſich dunkel erinnerte, daß es das Motto eines großen Mannes oder einer großen Partei ſei. 41 Der Fremde näherte ſich ruhig einem Stuhle, ſetzte ſich nieder, wendete ſich zu dem Manne an der Thür, der ihn eingelaſſen hatte, und ſprach nur das Wort„Abendeſſen“ aus. „Für wie—“ ſagte der Aufwartende in fragen⸗ dem Tone, und wahrſcheinlich wollte er das Wort „Viele“ nebſt einem Titel hinzufügen; aber der Andere unterbrach ihn ſogleich und ſagte: „Für zwei. Redet mit Herrn d'⸗Ipres und empfangt ſeine Befehle. Seht darauf, daß ſie genau befolgt werden.“ Dann wendete er ſich zu Jean Charoſt und ſagte in gutmüthigem Tone: „Setzt Euch nieder, mein junger Freund. Und nun laßt Euch danken. Ihr habt mir einen beträcht⸗ lichen Dienſt geleiſtet, wenn auch vielleicht nicht ſo groß, wie Ihr denken mögt, denn ich würde auf irgend eine Weiſe herausgekommen ſein. Dieſe Abenteuer nehmen immer ein Ende, und ich bin ſchon in ſchlimmeren Sümpfen verſchiedener Art geweſen. Aber Ihr habt mir einen beträchtlichen Dienſt gelei⸗ ſtet, und was noch mehr iſt, Ihr thatet es auf kühne, geſchickte und raſche Weiſe. Ihr gefallet mir, und während des Abendeſſens ſollt Ihr mir mehr von Euch ſelber erzählen; vielleicht kann ich Euch wieder dienen.“. „Ich denke nicht, Herr,“ bemerkte Jean Charoſt, „denn für den Augenblick wünſche ich keine Verände⸗ rung meiner Lage. Was mich betrifft, ſo iſt Alles, was ich zu ſagen habe, und was ich zu ſagen beab⸗ ſichtige, daß mein Name, wie ich ſchon geſagt, Jean Charoſt, Seigneur de Brecy iſt, daß mein Vater im Dienſte ſeines Vaterlandes gefochten und geſtorben, und daß ich ſein einziges Kind bin, aber mich immer⸗ hin ſehr glücklich fühle, Euch einen Dienſt geleiſtet zu haben, ſo unbedeutend derſelbe auch ſein mag.“ Der Andere hörte ihn in tiefem Schweigen an und richtete ſeine Augen auf den Tiſch, ohne daß der Ausdruck ſeines Geſichts ſich im geringſten veränderte. „Ihr ſprecht gut, junger Herr, und ſeid ver⸗ ſchwiegen, wie ich ſehe,“ ſagte er.„Errathet Ihr vielleicht, mit wem Ihr redet?“ „Nicht im geringſten,“ verſetzte Jean Charoſt. „Ich kann freilich leicht beurtheilen, gnädigſter Herr, daß ich mit keinem gewöhnlichen Manne rede— mit einem Manne, welcher gewohnt iſt, zu befehlen und Gehorſam zu finden, der ſich vielleicht beleidigt fühlt durch mein einfaches Benehmen und einen Mangel an Ehrerbietung darin findet, daß ich nicht reſpektvoller mit ihm rede. Dies aber iſt nicht der Fall, und ge⸗ wiß kann ich nicht errathen, wer Ihr ſeid. Ihr mögt der König von Sicilien ſein, der, wie man mir ſagt, in dieſer Gegend reiſt. Daß Ihr der Herzog von Berri nicht ſeid, weiß ich, denn ich habe ihn ſehr 43 kürzlich geſehen. Nach der Beſchreibung ſeiner Per⸗ ſon bin ich aber geneigt zu glauben, daß Ihr der Graf von Saint Paul ſeid.“ Der Andere lächelte ernſthaft und entgegnete dann: „Die erſten zehn Schritte, die Ihr nach dem Abendeſſen aus dieſer Thür thut, werden es Euch ſagen; denn die größte Thorheit, die ein Menſch be⸗ gehen kann, iſt, zu glauben, daß ein Geheimniß, wel⸗ ches mehr als einer Perſon bekannt iſt, bewahrt blei⸗ ben wird. Aber für die nächſte Stunde wollen wir alle ſolche Dinge vergeſſen. Beruhigt Euch: Unbe⸗ fangenheit mißfällt mir nie, Verſchwiegenheit, ſelbſt gegen mich angewendet, gefällt mir immer. Nun laßt uns von anderen Dingen reden. Der weite Weg hat mir Appetit gemacht, und es ſoll mich wun⸗ dern, was man mir zum Abendeſſen geben wird. Ich will ein Glied von dieſer goldenen Kette gegen den kleinen Ring an Eurem Finger wetten, daß wir Lerchenpaſteten und Gatinoiswein haben werden; denn bei meinem Leben und meiner Seele, ich kenne ſonſt Nichts, wodurch ſich Pithiviers auszeichnet— mit Ausnahme der wollenen Decken— die hätte ich bei⸗ nahe vergeſſen, und dies iſt kein Wetter, die wollenen Decken zu vergeſſen. Ich bitte Euch, werft noch einen Klotz auf's Feuer und laßt es uns hier ſo warm machen, wie zwei alte, flämiſche Frauen am Martins⸗ abend.— aber hier kommt das Abendeſſen.“ — Er hatte ſich indeſſen geirrt. Es war derſelbe Diener, den Jean Charoſt vorher geſehen hatte, wel⸗ cher jetzt zurückkehrte und ſeinem Herrn einige Worte in's Ohr flüſterte. „Ha!“ ſagte der Fremde aufſpringend.„Wer iſt bei ihr?— Unſer guter Freund?“ „Nein,“ verſetzte der Diener.„Er iſt auf einige Tage nach Blois gereiſt, und ſie hat weiter Niemand bei ſich, als eine junge Dame und die Dienerſchaft.“ „Bittet ſie hereinzukommen und an unſerer be⸗ ſcheidenen Mahlzeit Theil zu nehmen,“ rief der Fremde in heiterem Tone.„Sagt ihr, ich habe einen jungen Gaſt zum Abendeſſen bei mir, der ihre junge Beglei⸗ terin unterhalten werde, während ich meine Pllicht gegen ſie erfülle. Aber bittet ſie, alle Ceremonien zu beſeitigen und ſich herabzulaſſen, mit dem einfachen Johann von Valois zu Abend zu ſpeiſen. Ah! mein junger Freund, jetzt habt Ihr es entdeckt?“ fuhr er fort, indem er Jean Charoſt ſchlau anſah, welcher in tiefes Nachdenken verſunken war.„Nun gut, laßt dadurch Eure Heiterkeit nicht ſtören. Wir wollen dieſen Abend froh ſein, was auch morgen kommen mag.“ Als er noch ſprach, wurde die Thür wieder geöffnet und die ſchöne Frau von Giac trat ein, welcher das junge Mädchen folgte, die Jean Charoſt in Juviſy geſehen hatte. Drittes Kapitel. Zwei Diener— der eine ein ältlicher, ernſter und ſchweigſamer Mann, mit der Miene, als wiſſe er viel und ſpreche wenig, welche das eigenthümliche Merk⸗ mal eines erfahrenen Dienſtmannes iſt— der andere ein ſchlauer junger Lakai, mit Augen voll Bedeutung und Scherz, die einen Kommentar über Alles, was er hörte und ſah, zu liefern ſchienen— warteten beim Abendeſſen den Gäſten auf. Mit einfachem Verſtande nahm Jean Charoſt die Dinge, wie er ſie fand, ohne ſich nach Gegenſtänden zu erkundigen, die ihn nicht unmittelbar angingen. Welchen Rang und welchen Stand er auch ſeinem Wirthe zuſchreiben mochte, be⸗ handelte er ihn nur nach dem Range, den er ſelber angenommen hatte, mit vollkommener Höflichkeit und Reſpekt, aber ohne die unterwürfige Demuth eines Hofmannes. Frau von Giac ihrerſeits benutzte den Wink, den er ihr hatte geben laſſen, und warf allen Zwang 46 ab, mehr als Jean Charoſt in Gegenwart ihrer jun⸗ gen Begleiterin für ſchicklich hielt; aber ſie begrüßte ihn beſonders mit einem heiteren Lächeln und einem Kopfnicken, und er ſah, daß ſie ſpäter leiſe mit ihrem Wirthe ſprach. Das junge Mädchen begrüßte ihn auch freundlich und das Mahl ging bei heiterem und lebhaftem Geſpräche vorüber, nicht ohne von einer ge⸗ hörigen Quantität Wein gewürzt zu werden. Der Gatinoiswein hat, ſelbſt in kleinen Quan⸗ titäten genoſſen, eine erheiternde, belebende Wir⸗ kung, ohne jedoch bald Trunkenheit hervorzubringen. Die Wirkung iſt freilich bald vorüber; aber die Folgen ſind nicht ſo unangenehm, wie die von be⸗ rauſchenderen Getränken, und die Heiterkeit gleicht der ſchimmernden Schaumblaſe auf dem Becher, die bald verſchwunden iſt und nur Ruhe zurückläßt. „Wie befindet ſich unſer Freund Louis von Valois?“ fragte Frau von Giac lachend, als das Mahl beinahe beendet war.„Er war in ungewöhn⸗ lich heiterer Stimmung, Monſieur de Charoſt, als wir Euch und ihn in der Abtei zu Juviſy trafen.“ „Seine Stimmnng war gleich dem Schaume auf Eurem Glaſe,“ verſetzte Jean Charoſt,„zu ſchim⸗ mernd, um lange zu währen. Er iſt ſeitdem ſehr krank geweſen.“ „Ha!“ rief der Wirth ſtutzend.„Krank!— iſt er krank geweſen? Iſt er beſſer?“ 1 „Ich hoffe es, Herr,“ antwortete Jean Charoſt ein wenig trocken.„Beſſer in einiger Hinſicht iſt er gewiß.“ Ein Inſtinkt ſagte dem jungen Herrn, daß die Nachricht von der Krankheit des Herzogs dem Fremden nicht ganz unangenehm ſei; und um die Wahrheit zu ſagen, wollte Jean ihn nicht mit einem umſtändlichen Berichte erfreuen. Der Andere aber ſtellte ſich, als nehme er kein großes Intereſſe an der Sache, und bald ſprach man von etwas Anderem. Frau von Giac unterredete ſich in leiſem Tone mit dem Frem⸗ den, zuweilen heiter lachend, zuweilen lebhaft ſprechend, wobei ſie die Gegenwart der beiden jungen Perſonen gänzlich zu vergeſſen ſchienen. Zwiſchen Jean Charoſt und ſeiner ſchönen Ge⸗ fährtin war, ſeltſam genug, die Unterredung viel ern⸗ ſter, als zwiſchen den beiden älteren Perſonen. Sie wurde indeß in leiſem Tone geführt, und ſo war die Geſellſchaft zur Zeit völlig getheilt. „Ich wünſchte, ich wäre aus dieſer Geſellſchaft befreit,“ ſagte die ſchöne Agnes endlich.„Frau von Giac iſt ein viel zu kluges Weib für mich. Welter⸗ fahrung muß freilich kommen; aber ich möchte ſie gern Stück für Stück haben, und nicht auf einmal.“ „Haltet Ihr denn die Welt für etwas ſo Schlim⸗ mes?“ fragte Jean Charoſt. „Ich kenne ſie nicht,“ antwortete das Mädchen, 4 „und wir fürchten uns oft vor dem, was wir nicht kennen. Standet Ihr je eine Minute zaudernd am Ufer eines Sees oder Fluſſes, ehe Ihr Euch hinein⸗ ſtürztet, und wünſchtet, Ihr möchtet wiſſen, wie kalt das Waſſer ſein würde? Nun, ſo iſt es mit mir— ich ſtehe am Rande der Welt, in die ich mich ſtürzen ſoll. Ich bin völlig gewiß, daß das Waſſer nicht ſo warm ſein wird, wie mein eigenes Herz; aber ich möchte gern wiſſen, wie kalt es iſt— ob nur ſo kalt, um mich zu erfriſchen, oder kalt genug, um mich zu erkälten.“ Es iſt unnöthig, die Unterredung über dieſe Ge⸗ genſtände weiter fortzuſetzen. Das Mahl war beendet und der Tiſch wurde abgeräumt. Der Wirth ſagte etwas in leiſem Tone zu ſeiner ſchönen Gefährtin, und ſie antwortete in coquetter Weiſe: „Noch nicht— noch nicht. Erdenkt Etwas, um uns noch eine Stunde zu unterhalten. Habt Ihr keinen Narren— keinen Jongleur— keinen Sänger — Nichts, um uns die Zeit zu vertreiben?“ „Ich bin in der That ſchlecht verſehen,“ verſetzte der Andere,„da ich nicht wußte, welches gute Glück mir bevorſtehe. Aber ich will ſehen, was ſich thun läßt. Die Leute werden uns ohne Zweifel das Deſſert bringen, und ich will fragen, was die Stadt gewäh⸗ ren kann.“ Einige Minuten ſpäter kehrten die Diener, wie er 8 49 erwartet hatte, mit getrockneten Früchten und feineren Weinen zurück, und der Fremde richtete einige leiſe Fragen an einen von den Dienern, worauf dieſer in demſelben Tone antwortete. „Ein Aſtrolog!“ wiederholte der Fremde,„ein Aſtrolog! Das iſt ja wundervoll. Wir wollen uns Allen wahrſagen laſſen. Holt ihn ſchnell herbei; aber verrathet keine Geheimniſſe. Ich hoffe, alle hier ge⸗ genwärtigen Perſonen wiſſen den Tag, die Stunde und die Minute ihrer Geburt auswendig. Eure Ge⸗ vattern und Gevatterinnen haben ihre Pflicht ſehr ver⸗ nachläſſigt, wenn ſie es verſäumt haben, Euch dieſe nothwendige Nachricht mitzutheilen. Ich meines Theils habe mir ſo oft das Horoſkop ſtellen laſſen, daß ich, wenn ich alle die Schickſale erleben ſollte, die mir prophezeit worden, Methuſalah's Alter erreichen müßte, um davon zu ſchweigen, daß ich auf fünf verſchiedene Arten getödet werden ſoll.“ Alle lächelten, ohne ſich aber überzeugt zu halten, daß der Redende an den Prophezeiungen zweifle, über die er ſpottete; denn es war eine Gewohnheit jener, ſowie auch der meiſten anderen Zeiten, ſich zu ſtellen, als glaube man das nicht, wovon man am feſteſten überzeugt war; und der Glaube an Aſtrologie ſchien faſt eben ſo weſentlich, wie der Glaube an eine von den vielen heiligen Jungfrauen, die über die ver⸗ ſchiedenen Städte Europa's zerſtreut waren. Bei die⸗ Agnes Sorel. II.. 4 ſer Gelegenheit leugnete Niemand, mit den Daten be⸗ kannt zu ſein, um ſich aus den Geſtirnen wahrſagen zu laſſen; und nur eine Perſon zeigte einiges Wider⸗ ſtreben, die Worte des Schickſals von den Lippen des Aſtrologen zu hören. Seltſam genug, daß es gerade die muntere, kühne und verwegene Frau von Giac war, welche ſich in der That fürchtete, die Geheimniſſe der Zukunft zu erfahren. In allen leeren Herzen giebt es dunkle Winkel, wo Geheimniſſe mit Furcht bewacht werden, damit kein Auge ſie ſehe und an's Licht bringe. Sie machte ihre Einwenduugen freilich in ſcher⸗ zendem Tone, aber mit wanderndem und irrem Blicke, indem ſie zuweilen ärgerlich erklärte, ſie wolle nicht alles Mißgeſchick des Lebens vor der Zeit an den Tag bringen laſſen, und zuweilen lachend behauptete, ihr edler Gemahl haſſe die Aſtrologen, und darum ſei ſie verbunden, Nichts mit ihnen zu thun zu haben. Das Benehmen ihres Wirths aber überraſchte Jean Charoſt mehr, als ihr Widerſtreben. Sie wa⸗ ren offenbar alte Freunde, und während des ganzen Abends hatte er ihr jede Art der zärtlichen Aufmerk⸗ ſamkeit mit zu offener und unverhüllter Galanterie gewidmet. Jetzt aber lachte und ſcherzte er anfangs und ſprach dann dringender, wenn gleich in lebhaften und heiteren Tönen, wobei er aber ſeine Augen ſcharf und faſt ſtrenge auf ſie richtete. Dann beſeitigte er den bittenden Ton und wendete ſehr ungalante Worte des Befehls an. Ein röthlicher Fleck zeigte ſich auf ſeiner Wange, ein finſterer Ausdruck auf ſeiner Stirn, und gerade, als ſich Fußtritte im Gange hören ließen, ſprach er in dumpfem und rauhem Tone, der aus den Tiefen ſeiner Bruſt zu kommen ſchien, die Worte aus: „Ihr müßt und ſollt!“ Im nächſten Augenblick trat der Diener mit einem eigenthümlich gekleideten Manne ein. Er war klein, bejahrt, von unbedeutendem und abgemagertem Aus⸗ ſehen, mit ſchneeweißem Barte und ſchwarzen Augen⸗ brauen. Alle Züge waren zuſammengezogen, die verſchrumpfte Haut blaß und leichenhaft; aber das Geſicht war von zwei lebhaften, ſehr ſchwarzen Augen erhellt, die wie der Blitz über jeden Gegenſtand da⸗ hinfuhren und Alles, was ſie ſahen, zu benutzen ſchie⸗ nen. Er trug ein vorn offenes ſchwarzes Gewand, mit einer ſilbernen Schnur um die Taille zugebunden. An ſeinen bloßen Füßen trug er Sandalen und eine ſchwarze Mütze auf dem Kopfe, von deren rechter Seite eine Art von Schärpe niederfiel, über die rechte Schul⸗ ter herunterhing und an der linken Hüfte durch den Gürtel geſchlungen war. Ein kleiner Dolch in einer ſilbernen Scheide, ein Triangel und ein Kreis von demſelben Metall, und ein Inſtrument, welches in einer Röhre mit einem Glaſe an jedem Ende beſtand 4* — der Urſprung des künftigen Teleſkops— hingen an ſeinem Gürtel und eine große lederne Taſche vol⸗ lendete ſeinen Aufzug. Als der Aſtrolog in's Zimmer trat, grüßte er Niemand und nahm ſeine Mütze nicht vom Kopfe, ſon⸗ dern ſchritt ruhig und mit einer Miene, die ſelbſt ſei⸗ ner kleinen und unbedeutenden Geſtalt Würde verlieh, in den kleinen Kreis, ſah ringsum von einem Geſichte zum anderen und ſagte in durchdringendem Tone: „Hier bin ich— was wollt Ihr von mir?“ Es lag ſehr wenig Ehrerbietung in ſeinem Tone, und Jean Charoſt's Reiſegefährte antwortete mit hoch⸗ müthiger Miene: „Weiſer Mann, Ihr kennt uns nicht, ſonſt wür⸗ det Ihr warten, bis wir Euch anreden. Ihr ſollt indeſſen ſehr bald erfahren, was wir von Euch wollen.“ „Ich bitte um Verzeihung, Hoheit!“ rief der Aſtrolog.„Ich kenne Euch Alle. Aber Eure Leute hätten wohl ein wenig mehr Ehrerbietung für die Wiſſenſchaft zeigen und mich nicht wie einen Verbrecher von meinen Studien hinwegſchleppen ſollen, und wäre es auch auf Befehl des Herzogs Johann von Burgund.“ „Ah! die Thoren haben geplaudert,“ ſagte der Herzog lachend.. Aber der Aſtrolog antwortete raſch: „Die Sterne haben geplaudert, wenn auch Eure Leute geſchwiegen. Ehe Ihr Euren Fuß in dieſe Stadt geſetzt, wußte ich und ſagte vielen Perſonen, daß Ihr heute hieher kommen, daß Euch auf dem Wege ein Unfall begegnen, und daß Ihr von dem Diener eines Feindes gerettet werden würdet. Fragt nach und überzeugt Euch ſelber. Es ſind Leute in dieſem Hauſe, die es von mir gehört haben.“ „Der Diener eines Feindes!“ wiederholte der Herzog von Burgund gedankenvoll und richtete ſeine Augen mit argwöhniſchem Blicke auf Jean Charoſt. „Der Diener eines Feindes! Aber es liegt Nichts daran: wir haben Salz mit einander gegeſſen.“ „Ich ſagte nicht, ein Feind, ſondern der Diener eines Feindes,“ verſetzte der Aſtrolog.„Ihr und er wißt am beſten, ob ich Recht habe oder nicht.“ „Ich denke nicht,“ ſagte Jean Charoſt.„Der Herzog von Orleans hat Seiner Hoheit von Burgund die Hand gereicht und er iſt nicht ein Mann, der mit irgend Jemand ein falſches Spiel ſpielen ſollte.“ „Wohl geſprochen, guter Jüngling,“ verſetzte der Herzog.„Ich glaube Euch von ganzem Herzen.“ Seine Stirn blieb indeſſen finſter, und als wollte er verbergen, was er fühlte, wendete er ſich wieder zu dem Aſtrologen und befahl ihm, mit ſeiner Pro⸗ phezeiung zu beginnen. „Gnädigſter Herzog,“ bemerkte der Aſtrolog,„die Stunde und der Augenblick Eurer Geburt ſind mir wohlbekannt; aber es iſt ſehr nutzlos, zu wiederholen, was Andere Euch ſchon früher geſagt haben. Ich könnte eine kleine Veränderung hervorbringen durch genauere oder ungenauere Beobachtung der Sterne; aber die Verſchiedenheit könnte nur gering ſein und warum ſollte ich Euch unangenehme Wahrheiten wie⸗ derholen? Ihr werdet über die meiſten Eurer Feinde und viele Eurer Freunde triumphiren. Ihr werdet der Schiedsrichter des Schickſals von Frankreich ſein und Einfluß auf das Geſchick von England äußern. Ihr werdet mehr einen großen, als einen guten Namen hinterlaſſen und eines blutigen Todes ſterben.“ „Daran liegt Nichts,“ verſetzte der Herzog. „Jeder tapfere Mann würde lieber auf dem Schlacht⸗ felde fallen, als gleich einem Hunde in ſeiner Hütte eines zögernden Todes im Krankenzimmer ſterben.“ „Ich ſagte nicht auf dem Schlachtfelde,“ entgeg⸗ nete der Aſtrolog.„Das will ich nicht behaupten, und nach dem Zeichen glaube ich es nicht.“ „Nun, nun, es liegt Nichts daran,“ fiel unge⸗ duldig der Herzog ein.„Es iſt genug, daß ich meine Feinde überleben werde.“ „Nicht alle,“ ſagte der Aſtrolog in warnendem Tone,„nicht alle!“ * Der Herzog winkte ihm mit der Hand, zu ſchwei⸗ gen, deutete auf Frau von Giae und rief in rauhem und unhöflichem Tone: „Hier ſagt dieſer Dame ihr Geſchick. Sie iſt vor Schreck faſt von Sinnen bei dem Gedanken, es zu hören; aber beim Himmel! ich wünſche es ſelber zu wiſſen, denn ſie beſitzt eine ſeltſame Kunſt, das Schick⸗ ſal anderer Leute mit ihrem eigenen zu verknüpfen.“ „So iſt es in der That,“ ſagte der Aſtrolog. „Mich dünkt, als ſie geboren wurde,“ ſagte der Herzog lachend,„muß Venus in dem Hauſe des Mars geweſen ſein.“ „Eure Hoheit verſtehen die Wiſſenſchaft nicht,“ ſagte der Aſtrolog trocken.„Madame, darf ich nach dem Tage und der Stunde Eurer Geburt fragen?“ In bebendem Tone gab Frau von Giae die ge⸗ forderten Daten an; dann nahm er eine beſchriebene Tafel aus ſeiner ledernen Taſche und prüfte dieſelbe aufmerkſam. „Es iſt ein glückliches Geſchick,“ ſagte er,„von Vielen geliebt zu werden— ihre Liebe zu bewahren — und zu finden, daß die meiſten Unternehmungen gelingen. Seid damit zufrieden, Madame, und fragt nicht weiter.“ „O! ich frage nicht,“ verſetzte Frau von Giac. „Es geſchah nur dem Herzoge zu Gefallen.“ „Aber ich muß etwas fragen,“ ſagte der Herzog; und den Aſtrologen auf die Seite ziehend, flüſterte er ihm eine Frage in's Ohr, während Frau von Giac's helle Augen ſich lebhaft auf Beide richteten. Welches auch des Herzogs Frage ſein mochte, der Aſtrolog antwortete darauf laut: „So viel ſie nur möglicher Weiſe kann.“ Die ſchöne Dame ſank mit einem Blicke der Be⸗ ruhigung auf ihren Stuhl zurück, obgleich die Ant⸗ wort ſehr wohl zwei Bedeutungen haben konnte. Des Herzogs Geſicht war indeſſen heiterer, als er ſich umwendete, und auf Frau von Giac's junge Begleiterin deutend, ſagte er: „Nun laßt uns eine glückliche Wahrſagung zu ihren Gunſten hören.“ Der Aſtrolog ſah ſie mit einem Blicke lebhaften Intereſſes an, und ſo aufmerkſam, daß ihre Wange ſich röthete und eine gewiſſe Grazie des Ausdrucks über ihr Geſicht dahinflatterte, welcher machte, daß ſie zum erſtenmal in Jean Charoſt's Augen völlig ſchön erſchien und andeutete, was ſie ſpäter werden ſollte. Sie trug indeſſen kein Bedenken, den Tag, die Stunde und die Minute ihrer Geburt zu nennen, und der Aſtrolog befragte ſeine Tafel— ſah ihr in's Geſicht — befragte ſeine Tafel wieder, ſchwieg aber noch einige Augenblicke, obgleich der Herzog von Burgund mehr als einmal rief: „Redet— redet!. „Meine Viſſenſchaft irrt entweder oder Euer Ge⸗ 57 ſchick iſt ein ſehr außerordentliches,“ ſagte der Aſtrolog endlich.„Bis neunzehn Jahre über Euer Haupt dahin⸗ gegangen ſind, iſt Alles ruhig und friedlich. Dann kommen andere Einwirkungen— nicht bösartig, aber drohend. Ein Unheil wird Euch treffen, welches für Andere verderblich ſein würde; aber Euer Stern trium⸗ phirt noch immer und erhebt ſich aus den Wolken des ſiebenten Hauſes in Verbindung mit Mars, der auch im Aufſteigen iſt. Von der Stunde an iſt das Ge⸗ ſchick Frankreichs mit dem Eurigen vereint. Nächtige Monarchen und große Krieger werden ſich vor Euch neigen. Königinnen werden Euren Rath ſuchen und ſelbſt die, welche Ihr gekränkt habt, Euch um Bei⸗ ſtand und Unterſtützung anflehen.“ „O nein, nein!“ rief Agnes, ihre ſchönen Hände mit einem Blicke und einer Geberde unausſprechlicher Grazie ausſtreckend,„ich will Niemanden Unrecht thun. Sagt mir nicht, daß ich Jemanden beleidigen werde. Es liegt nicht in meiner Natur; kann es denn in meinem Geſchicke liegen?“ „Ein Unrecht, wieder gut gemacht durch manche edle That,“ verſetzte der Aſtrolog.„Aber ich ſehe noch mehr: Frankreich wird Urſache haben, Euch zu ſegnen. Ein Komet— ein feuriger Komet— ſchießt durch den Himmel dahin und bedeutet Unheil; aber Euer Stern beherrſcht es und die Uebel fallen auf die Feinde Frankreichs. Der Komet verſchwindet in * Feuer und Euer Stern ſcheint hell, ruhig und trium⸗ phirend bis an's Ende; aber das Ende kommt zu früh — leider zu früh!“ „So ſei es,“ ſagte das junge Mädchen in ruhigem Tone.„Das Leben, denke ich, muß Gefühl ſein. Ich möchte nicht eine einzige Freude, eine Kraft oder Hoffnung überleben. So ſei es, ſage ich. Der Tod iſt nicht, was ich fürchte. Aber Unrecht— o! ich will nie ein Unrecht begehen.“ „Dann, ſchönes Mädchen, werdet Ihr mehr als eine Sterbliche ſein,“ ſagte der Herzog von Burgund; „denn wir Alle thun zuweilen Unrecht und ſind oft dazu genöthigt, damit viel Gutes aus kleinem Un⸗ heile entſtehe.“ Agnes ſchwieg und der Aſtrolog wendete ſich zu Jean Charoſt, der ihm ſogleich Alles ſagte, was er zu wiſſen wünſchte; denn zu jener Zeit war der Glaube an Aſtrologie in Frankreich ſo allgemein, daß Nie⸗ mand von ſeinen Eltern über die Stunde und Minute ſeiner Geburt in Ungewißheit gelaſſen wurde, damit im Nothfalle zu jeder Zeit die Sterne könnten befragt werden. Der Aſtrolog lächelte ihn freundlich an, aber Johann von Burgund fragte ungeduldig: „Was ſagt Ihr, Mann der Sterne? Iſt dieſes Jünglings Geſchick in irgend einer Weiſe mit dem meinigen in Verbindung?“ 59 „Das iſt es, Fürſt,“ verſetzte der Aſtrolog.„Es iſt einmal damit in Verbindung geweſen und wird es wieder werden. Ich finde es geſchrieben, daß er Euch aus einer Gefahr retten— daß er für Eure Hand⸗ lungen leiden, daß er Allen, die ihm vertrauen, treu ſein— daß er bei Eurem Tode zugegen ſein und verſuchen, aber vergeblich verſuchen wird, Euch zu retten.“ „Gut!“ ſagte der Herzog in ſinnendem Tone; dann fügte er leiſer, als ob er mit ſich ſelber rede, hinzu:„Dann will ich ihn ziehen laſſen.“ Dieſe Worte erreichten Jean Charoſt's Ohr, und jetzt erſt ſah er ein, daß er an jenem Abend in eini⸗ ger Gefahr geweſen. Obgleich unerfahren in der Welt, wußte er doch ſehr wohl, daß die Launen der Fürſten und der Begünſtigten der Erde nicht leicht zu berechnen ſind; und ungeachtet des angenehmen Abends, den er dort zugebracht, hätte er viel darum gegeben, aus dem Zimmer zu ſein. Er wußte ſehr wohl, daß es ſeinen eigenen Zweck würde vereitelt haben, wenn er Unruhe oder Haſt gezeigt hätte; und ſich ſo ruhig wie möglich ſtellend, ſprach er mit der jungen Dame und dem Aſtrologen, während der Herzog von Burgund der Frau von Giac einige Worte zuflüſterte. Was das verrätheriſche Weib ihm anrieth, dürfte ſchwer zu ſagen ſein; aber nur wenige Augenblicke waren vergangen, 60 als der ältere Diener, der vorh wieder eintrat und ſagte:“es „Der Diener dieſes jungen dringend zu ſprechen und will ſich nicht abweiſen laſſen.“ Jean Charoſt ſtand augenblicklich auf und ſagte: „Da iſt es Zeit, Hoheit, daß ich mich in aller Ergebenheit beurlaube. Ich wußte nicht, daß es ſchon ſo ſpät ſei.“ „Nein, wartet noch ein wenig,“ ſagte der Her⸗ zog von Burgund mit ſehr zweifelhaftem Lächeln. „Dieſe ſchöne Dame ſagt mir, daß Ihr ein Vertrau⸗ ter meines Vetters, des Herzogs von Orleans, ſeid, und daß Ihr wahrſcheinlich in ſeinem Auftrage reiſet. Ehe Ihr Euch entfernt, werdet Ihr mir ſagen müſſen, wohin Ihr geht und zu welchem Zwecke.“ „Ich bin gewiß, Eure Hoheit werden Beides nicht verlangen,“ verſetzte Jean Charoſt.„Gaſtfreund⸗ ſchaft iſt eine fürſtliche Eigenſchaft, aber ſie hat ihre Geſetze; Dankbarkeit für kleine Dienſte ziemt dem Her⸗ zoge von Burgund viel mehr, als einen beſcheidenen Diener ſeines Vetters, des Herzogs von Orleans, zu⸗ rückzuhalten oder zu befragen. Die Dame hat ein kleines Verſehen gemacht, ich bin nur Seiner Hoheit Diener, nicht ſein Vertrauter; und wenn ich nach dem Scheine urtheilen darf, iſt ihre Vertraulichkeit mit ihm viel größer, als die meine.“ 3 — 4 Herrn wünſcht ihn er im Zimmer geweſen, 61 Der Herzog von Burgund richtete einen raſchen und zornigen Blick auf Frau von Giac; aber Jean Charoſt hatte einen großen Fehler begangen. Wir leiſten uns ſelber nie einen Dienſt, indem wir denen ſchaden, die ein Anderer liebt. Es war der Fehler eines jungen Mannes; aber er errieth ſehr wohl, daß die ſchöne Marquiſin den Herzog beſtimmt habe, ihn zurückzuhalten; und indem er ſie durch einen Wink von dem, was er in Juviſy geſehen, zu beunruhigen dachte, hatte er die richtige Grenze überſchritten und ſich eine gefährliche Feindin gemacht. Nachdem der junge Sekretair geſprochen, ging er einen Schritt auf die Thür zu; aber ſogleich ſagte der Lerdg von Burgund in kaltem und despotiſchem one: „Nicht ſo ſchnell, junger Mann. Bleibt, wo Ihr ſeid, wenn's gefällig iſt.“ Dann fuhr er mit der Hand über die Stirn, ſann noch einen Augenblick nach und ſagte ge⸗ dankenvoll: „Wir müſſen Euren Auftrag wiſſen.“ „Von mir werdet Ihr ihn nimmermehr erfahren, Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt. „Ihr ſeid verwegen, Burſche!“ donnerte der Herzog mit ſprühenden Augen. „Das bin ich, Hoheit,“ erklärte Jean Charoſt mit vollkommener Feſtigkeit, aber mit reſpektvollem Benehmen;„weil ich vor einem Fürſten ſtehe, der einen hohen Namen führt. Ich weiß, daß Ihr einen Freundſchaftsvertrag und Bündniß mit meinem könig⸗ lichen Herrn von Orleans geſchloſſen, und ich hege die Zuverſicht, daß Ihr nimmermehr daran denken werdet, von dem Diener Eures Vetters ein Wort herauszu⸗ bringen, was ſeinen pflichtſchuldigen und ehrenvollen Dienſt betrifft. Ihr habt gehört, was dieſer gute Mann geſagt, daß ich denen treu bin, welchen ich diene. Waͤre ich Euer Diener, ſo würde ich eher mein Leben aufopfern, als einem Andern Eure mir anvertraute Geheimniſſe entdecken; und obgleich mein Geſchäft jetzt in Wahrheit ſehr einfach iſt, will ich es doch Niemanden entdecken, weil ich keine Erlaub⸗ niß dazu habe. Auch glaube ich nicht, daß Ihr es verlangen werdet. Ich weiß, daß der Herzog von Orleans es nicht verlangen würde, und ich bin ge⸗ wiß, Ihr werdet auch ſo gegen ihn handeln.“ „Thor! Ihr ſeid kein Richter über die Hand⸗ lungsweiſe der Fürſten,“ verſetzte der Herzog. Dann blieb er einige Augenblicke mit gefalteter Stirn und niedergeſchlagenen Augen ſitzen und nagte an ſeiner Lippe. Eine leiſe, liebliche Stimme flüſterte Jean Charoſt furchtſam zu: 89 „Reizt ihn nicht weiter. Er wird wüthend, wenn Ihr ihm zu viel widerſprecht.“ 63 „Gut, ich will Euch nicht zwingen, junger Mann,“ ſagte der Herzog endlich.„Ohne Zweifel macht Ihr ein Geheimniß aus einer Sache, die keins iſt; und indem Ihr Euch weigert, eine ſehr einfache Frage zu beantworten, die jeder Fürſt dem Boten eines anderen vorlegen dürfte— beſonders,“ fügte er mit grimmigem Lächeln hinzu,„wo ſo viel Liebe herrſcht, wie zwiſchen meinem Vetter von Orleans und mir— hättet Ihr mich beinahe zu dem Glauben gebracht, daß geheime Ränke gegen mich im Werke ſind. Geht Eurer Wege und dankt Euren guten Sternen, die Euch zu mir ſendeten, um mir aus dem Sumpfe zu helfen, ſonſt möchten Eure Ohren ein wenig kürzer geworden ſein, ehe Ihr dieſes Zimmer verlaſſen.“ Des jungen Mannes Wange glühte und ſeine Lippe bebte; aber dieſelbe liebliche Stimme flüſterte: „Antwortet nicht; aber verlaßt die Stadt dieſen Abend nicht mehr. Verbergt Euch irgendwo bis mor⸗ gen. Man wird Euch folgen, wenn Ihr geht.“ Jean Charoſt ſtellte ſich, als achte er nicht auf die Worte, ſondern verneigte ſich tief gegen den Her⸗ zog von Burgund, welcher mit ſtolzer Kälte ſeine Au⸗ gen abwendete, und dann vor der Frau von Giac, die ihn mit ihrem lieblichen Schlangenlächeln anſah, und verließ dann mit ruhigem und feſtem Schritte das Zimmer, deſſen Thür der Diener hinter ihm ſchloß. * Sobald er fort war, rief der Herzog mit leiſem und bitterem Lachen: „Bei meinem Leben! er benimmt ſich, als wäre er von königlichem Blute.“ „Redlichkeit iſt beſſer, als königliches Blut,“ ſagte der Aſtrolog. „Ha! Charlatan!“ rief der Herzog, ſich heftig zu ihm wendend; aber plötzlich nahmen ſeine Gedan⸗ ken eine andere Richtung, und die junge Dame finſter anſehend, ſagte er:. „Was flüſtertet Ihr ihm zu, ſchönes Mädchen?“ „Nur vorſichtig zu ſein und Eure Hoheit nicht auf unnöthige Weiſe zu reizen,“ verſetzte Agnes, in⸗ dem ihre Wange ſich ein wenig röthete. „Meiner Treu! er bedurfte einer ſolchen War⸗ nung,“ verſetzte der Fürſt. Dann wendete er ſich zu dem Aſtrologen und fragte: „Sagtet Ihr nicht, daß er bei meinem Tode zu⸗ gegen ſein würde?“ „Ich ſagte, gnädigſter Herr,“ verſetzte der Aſtro⸗ log,„in künftigen Jahren— in ſpäten Jahren, hoffe ich— werde dieſer Jüngling bei Eurem Tode zuge⸗ gen ſein und ihn abzuwenden verſuchen.“ Der Herzog von Burgund ſann einen Augen⸗ blick nach und murmelte dann mit leiſem Lachen: „Nun, es mag ſo ſein; aber ſagt uns, guter Mann, welchen Beweis haben wir, daß Eure Aus⸗ * 65 ſprüche wahr ſind? Seid Ihr ein berühmter Mann un⸗ ter Eurer Klaſſe?“ „Mein Ruhm iſt nicht groß, Herr,“ antwortete der Aſtrolog;„doch bin ich auch nicht ganz unbe⸗ kannt. Ich war einſt der Aſtrolog der Stadt Tours; aber man beleidigte mich dort und ich verließ ſie. Ich bin indeſſen einer von den Aſtrologen des franzöſiſchen Hofes— ich habe meine Beſtallung in gehöriger Form und beziehe meinen Gehalt von hundertundzwanzig Livres. Dies beweiſt, daß ich kein Anfänger in meiner Kunſt bin. Aber wir verlaſſen uns auf keinen gegenwärtigen Ruhm, unſere Weiſſagun⸗ gen erſtrecken ſich über lange Jahre und unſer Ruhm iſt das Spielzeug von tauſend Zufälligkeiten. Die Menſchen vergeſſen die erſteren, ehe ſie erfüllt werden, oder ſetzen die Erfüllung nicht mit der Ankündigung in Verbindung. Oft ſcheiden wir von dieſer Erde und man erinnert ſich kaum unſerer Namen, wenn die Ereigniſſe, die wir vorher geſagt haben, erfüllt wer⸗ den. Ich habe Euch indeſſen die Wahrheit geſagt und Ihr werdet meine Worte beſtätigt finden. Wenn es geſchieht, erinnert Euch meiner.“ „Gut, gut,“ ſagte der Herzog in ſeiner raſchen und ungeduldigen Weiſe, und fügte dann zu ſeinem Diener gewendet hinzu: „Führt ihn weg. Sagt Herrn von Villon, er ſoll ihm vier Goldkronen geben. Sagt Peter und Agnes Sorel. II.. 5 23 66 Godet und Jaillou, ihre Pferde in Bereitſchaft zu halten. Ich habe ein Geſchäft für ſie. Dann kehrt zu mir zurück. Ich werde mich früh zur Ruhe bege⸗ ben und möchte, daß Alles im Hauſe ſtill wäre.“ Während der Diener den Aſtrologen aus dem Zimmer führte, ſprach der Herzog einige Augenblicke in leiſem und vertrautem Tone mit Frau von Giaec, nahm dann ſein ſtattliches Weſen wieder an, verneigte ſich höflich vor ihr, aber viel kälter vor ihrer Beglei⸗ terin, öffnete ihnen mit eigenen Händen die Thür und ließ ſie hinaus. 1 Viertes Kapitel. Als Jean Charoſt aus den Zimmern des Herzogs von Burgund kam, fand er Martin Grille in einem kläglichen Zuſtande der Angſt um ſeinetwillen, und zwar nicht ohne Grund. Vergebens verſuchte der arme Mann, ſeinen Herrn in einen geheimen Winkel zu ziehen, um ſich mit ihm zu unterreden. Das ganze Haus war mit dem Gefolge des Herzogs von Burgund und der Frau von Giac angefüllt, und ob⸗ gleich der junge Sekretair die Nothwendigkeit des Nachdenkens und der Berathung fühlte, ſo ſah er doch bald, daß der einzige Plan, den er zu wählen habe, darin beſtehe, ſein Pferd ſo ſchnell wie möglich zu beſteigen und das Gaſthaus zu verlaſſen. Armand Chauvin, der Courier des Herzogs von Orleans, ſaß in der weiten Halle des Gaſthofes, hatte einen Krng Wein vor ſich und ſchien auf Nichts zu achten, ob⸗ gleich er auf Alles horchte und genau Alles beobachtete, 5* 68 was um ihn her vorging. Jean Charoſt näherte ſich ihm, nachdem er ein Wort mit Martin Grille ge⸗ ſprochen hatte. „Die Pferde müſſen ſich jetzt ausgeruht haben, Armand,“ ſagte Jean laut.„Es wird beſſer ſein, wenn Ihr ſie bereit haltet, damit wir weiter reiten können.“ „Gewiß, Herr,“ verſetzte der Mann, ſogleich auf⸗ ſtehend. Als er dann ſchnell an dem jungen Herrn vorüberging, fügte er leiſe hinzu:„Sie ſind ge⸗ ſattelt und aufgezäumt— folgt mir ſchnell. Die Stallknechte ſind bezahlt.“ Jean Charoſt verweilte einen Augenblick, ſprach einige Worte mit Martin Grille, während die Augen mehrerer Männer in verſchiedenen Kleidungen auf ſie gerichtet waren, und ging dann gemächlich zur Thür des Gaſthauſes hinaus. Der Stall war bald erreicht, die Pferde beſtie⸗ gen, und in weniger als fünf Minuten, nachdem er die Gegenwart des Herzogs von Burgund verlaſſen hatte, befand ſich Jean Charoſt wieder auf dem Wege nach Blois. Zweimal ſah ſich der Sekretair um und blickte im hellen Mondlichte die Straße dahin. Er ſah Nie⸗ mand folgen; aber er konnte ein lautes Rufen aus den Ställen des Gaſthofes hören, und er ſagte, in⸗ dem er ſich zu dem Courier wendete: 69 „Ich fürchte, unſere Pferde ſind dieſen Abend nicht zum Wettrennen geeignet.“ „Ich denke auch nicht, Herr,“ verſetzte der Mann kurz. 1„Es wird am beſten ſein, wenn wir uns aus der Stadt machen und dann in den Wald wenden.“ „Ich weiß noch einen beſſeren Plan,“ rief Mar⸗ tin Grille.„Laßt uns hier hinter der Stadt herum reiten und im Hauſe des Aſtrologen Zuflucht ſuchen. Er wird uns für die Nacht Obdach gewähren, und der Herzog reiſt morgen mit Sonnenaufgang ab.“ „Kennſt Du ihn?“ fragte Jean Charoſt.„Ich dachte, Du wareſt nie vorher in Pithiviers.“ „Das war ich auch nicht,“ verſetzte der Mann. „Aber ich will Euch bei gelegener Zeit das Ganze erzählen. Er wird uns bei ſich aufnehmen, dafür ſtehe ich, und uns in ſeinem Sphärenkabinet unter ſeinen anderen Seltenheiten verbergen, und die, welche uns ſuchen, werden uns nicht finden. Aber es iſt keine Zeit zu verlieren. Mein Plan iſt der beſte, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „Vielleicht iſt es ſo,“ entgegnete Jean Charoſt, den Kopf ſeines Pferdes herumwendend.„Wir möch⸗ ten eingeholt werden, ehe wir einen andern Schlupf⸗ winkel erreichen könnten. Mein Pferd bewegt ſich, als ob ſeine Gelenke gefroren wären. Kommt, Mon⸗ ſieur Chauvin. Weißt Du das Haus, Martin?“ . 70 „Gewiß, Herr— gewiß,“ verſetzte der Diener. „Horch! ich höre Hufſchläge von Pferden.“ Eine Nebengaſſe hinunterreitend, wendete er ſich öſtlich und gelangte zwiſchen der alten verfallenen Mauer und den Häuſern der Vorſtadt durch.. Wenig wurde geſprochen, während ſie weiter ritten, denn jedes Ohr horchte auf das Geräuſch von der Hauptſtraße her, ob man auch vielleicht ihre Richtung entdeckt habe und ihnen folge. Gegenwärtig iſt es kaum möglich— wenigſtens für den, der in civiliſirten Theilen der Erde wohnt, wo Ordnung die Regel und Unordnung die Ausnahme iſt— ſich eine richtige Idee von jenen Zeiten in Frankreich zu bilden, wo Ordnung die Ausnahme und Unordnung die Regel war; wo kein Menſch eine Reiſe antrat, ohne auf Angriff und Vertheidigung vor⸗ bereitet zu ſein, wo die Straßen einer großen Stadt ſchon gefährliche Orte waren, wo das eigene Haus, mochte es auch ein Schloß ſein, ſo ſorgfältig wie eine Feſtung beſetzt und bewacht werden mußte, und wo das Leben jedes Tages voller Gefahr war; kurz, wo es keinen Frieden auf Erden und keinen guten Willen unter den Menſchen gab. Doch iſt es wun⸗ derbar, wie ruhig das Volk es ertrug, wie ſehr man es als eine natürliche Sache betrachtete, wie wenig Aengſtlichkeit oder Beläſtigung es verurſachte. Gerade ſo wie ein Leichenbeſorger mit den Bildern des Todes nn 71 4 vertraut wird, mit ſeinen Gehilfen in Gegenwart der Todten ſcherzt und ſeinen Krug Bier oder ſein Glas Branntwein auf einem Sarge ſitzend trinkt, indem das Band der Gedankenverbindung durch die Gewohnheit gänzlich zerriſſen iſt und keine Beziehung herrſcht zwiſchen ſeinem Schickſale und dem Schickſale deſſen, den er beſtattet; ſo beſtanden die Menſchen in jenen Zeiten vermöge der Wirkung der Gewohnheit ſtündliche Gefahren, ſahen Anderen jede Art des Kummers und der Ungerechtigkeit zufügen und erduldeten ſie oft ſel⸗ ber, nur als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſteht oder als einen Theil des Tagesgeſchäfts. Ich will darum nicht behaupten, daß Jean Charoſt nur zur Hälfte ſo viel Furcht und Unruhe empfand, wie irgend Jemand aus unſerer Zeit empfin⸗ den möchte, wenn er vier oder fünf Jahrhunderte zurückverſetzt würde; aber er empfand dennoch be⸗ trächtliche Aengſtlichkeit, nicht ſo ſehr, daß man ihm die Kehle abſchneiden werde, obgleich das völlig in der Wahrſcheinlichkeit lag, als vielmehr, daß man ſich ſeiner Perſon bemächtigen und ihm die Briefe des Herzogs von Orleans, die er bei ſich führte, abnehmen werde. Jene Aengſtlichkeit wurde beträchtlich erhöht, als er weiter ritt und viel Geräuſch auf den Straßen zur Rechten, Befehle und Anweiſungen in lautem Tone, Waffengeklirr und die dumpfen Hufſchläge auf dem feſten, mit gefrorenem Schnee bedeckten Boden vernahm. Auf einige Augenblicke war es zweifelhaft, ob die Verfolger— wenn es Verfolger waren— ent⸗ decken würden, daß er die Landſtraße verlaſſen habe, und ſeine Spur verfolgen möchten; endlich aber ſagte Armand Chauvin, der kaum ein Wort geſprochen hatte, in beruhigtem Tone: „Sie ſind an der Wendung vorüber. Sie wer⸗ den einen weiten Ritt machen müſſen. Der Himmel gebe ihnen ein Schneegeſtöber und laſſe ſie an ihre Sättel feſt frieren!“ „Hier iſt das Haus, Herr— hier iſt das Haus!“ rief Martin Grille, auf ein Gebäude von beträcht⸗ licher Größe deutend, deſſen hintere Seite ein wenig vor den übrigen hervorragte, einen Thurm im Hin⸗ tergrunde und ein brennendes Licht in einem der Fen⸗ ſter zeigte. „Ich möchte wiſſen, wie Du dieſen Ort entdeckt haſt, Martin,“ ſagte ſein Herr,„und ob Du mir wirklich eine gute Aufnahme verſprechen kannſt.“ „Dafür will ich einſtehen— dafür will ich ein⸗ ſtehen,“ rief Martin Grille heiter.„O, Ihr Männer der Schlacht vermögt nicht Alles zu bewerkſtelligen. Wir Leute des Friedens und der Weltklugheit haben auch zuweilen unſern Antheil an den Angelegenheiten des Lebens. Hierher, mein Herr— hierher. Die Hinterthür, die über den Hof führt, iſt die beſte. Bei meinem Leben, wenn ich irgendwo Aſtrolog würde, möchte ich es in Pithiviers ſein. Er ſcheint ſein gutes Brod zu haben. Jeder Mann unter ſechzig und jedes Frauenzimmer über ſechzehn muß ſich drei⸗ mal täglich das Horoſkop ſtellen laſſen, damit unſer Freund vom Aſtrolabium auf ſolche Weiſe leben kann.“ Während er ſprach, ritt er zu einem großen, hölzernen Thor in der Mauer, ſtieg vom Pferde ab und öffnete es. Ihre Köpfe ein wenig niederbeugend, denn der Bogen war nicht ſehr hoch, ritten Jean Charoſt und der Courier auf einen ſehr hübſchen Hof⸗ platz, der auf drei Seiten von Gebäuden umgeben war und in der einen Ecke den erwähnten Thurm hatte. Martin Grille folgte, machte das Thor ſorg⸗ fältig wieder zu und verriegelte es mit einer hölzer⸗ nen Stange, um zu verhindern, daß auch Andere eben ſo leicht Eintritt finden möchten. Dann ging er zu einer kleinen Thür, klopfte leiſe mit der Hand an, und gleich darauf erſchien ein hübſches Dienſt⸗ mädchen mit einem Lichte in der Hand. „Ah! meine reizende Demoiſelle! hier bin ich wieder und habe dieſen edlen, jungen Herrn mitge⸗ bracht, der den gelehrten Doktor zu befragen wünſcht,“ ſagte Martin Grille, ſobald er ſie erblickte.„Iſt er jetzt zu Hauſe?“ „Nein, mein ſchöner Herr,“ antwortete das Mäd⸗ chen, einen coquetten Blick auf Jean Charoſt und ſei⸗ nen Begleiter werfend.„Es kamen zwei rohe Männer 74 und ſchleppten ihn faſt mit Gewalt von ſeinem Abend⸗ eſſen fort; aber ich denke, er wird nicht lange aus⸗ bleiben.“ „Dann wollen wir hineingehen und warten,“ ſagte Martin Grille.„Wo können wir in dieſer kal⸗ ten Nacht unſere Pferde unterbringen?“ Das NMädchen ſchien zu zaudern, obgleich ihre eigenen Worte Martin's Vorſchlag zu veranlaſſen ſchienen. „Ich weiß nicht, wo ich Euch oder Eure Pferde unterbringen ſoll,“ ſagte ſie endlich;„denn es wartet ein Herr dort, und wer den Doktor befragen will, wünſcht gewöhnlich nicht geſehen zu werden. Der Mohr Pedro iſt auch aus, um in der Stadt Erkun⸗ digungen einzuziehen, und ſo habe ich Niemand, den ich fragen kann, was ich thun ſoll.“ „Nun, wir wollen auch nicht geſehen werden,“ ſagte Martin Grille;„darum wollen wir unſere Pferde unter jenen Schuppen bringen und in das kteine Zimmer gehen, wo der Doktor ſeine Horoſkope ſtellt.“ „Aber er iſt darin— er iſt darin,“ rief das Mädchen.„Ich meine, der große, magere Marr mit dem wilden Blick. Ich brachte ihn dort hinein, weil dort Nichts zu verderben iſt. Nein, nein, bindet Eure Pferde an und kommt dann in die große Halle. Ich denke, der Mann iſt ſo toll wie ein Märzhaſe. Ihr könnt ihn ganz deutlich in der Halle hören— er iſt keinen Augenblick ſtill.“ Des Mädchens Vorſchlag wurde natürlich befolgt; durch eine niedrige und ſchmale Thür gehend, die nach der damaligen Bauart einen ſteinernen Bogen hatte, wurden Jean Charoſt und ſeine beiden Begleiter in ein großes Zimmer geführt, von deſſen Ende man durch zwei andere Thüren zu verſchiedenen Theilen des Gebäudes gelangte. Das Mädchen ließ die Lampe zurück, die ſie trug, um den Fremden einiges Licht zu gewähren; aber der größere Theil des Zimmers blieb in Dun⸗ kelheit, auch würde es nichts ſehr Intereſſantes für Jean Charoſt's Augen gezeigt haben, denn alle Wände ſchienen mit illuminirten Stücken Pergament bedeckt, wovon jedes das Horoſkop irgend eines längſt ver⸗ ſtorbenen, ausgezeichneten Mannes darſtellte. Das Horoſkop Karl des Großen, des Papſtes Benedikt des Achten, Julius Cäſars, Alexander des Großen, Homer's und des Duns Scotus war von den Strah⸗ len der Lampe beleuchtet. Der junge Sekretair ſah ſich nicht weiter um, ſondern wendete ſich zu Martin Grille und fragte, wie er ſo genau mit dem Hauſe und den Gewohnheiten des Aſtrologen bekannt ge⸗ worden. „Ei, Herr,“ verſetzte der Diener,„als ich Euch von einem Manne entführen ſah, den ich nicht kannte, . 76 und mich in einem Gaſthauſe befand, wo mir ſelbſt der Wirth nicht ſagen wollte, wer ſeine Gäſte wären, empfand ich Furcht; und da es zu meinem Geſchäfte gehört, mich von Allem in Kenntniß zu ſetzen, was Euch nützen kann, ſo bedachte ich mich, wie ich am beſten Auskunft erhalten könne. Da jede Stadt in Frankreich ihren Aſtrologen hat, ſo beſchloß ich, ihn aufzuſuchen und bewog einen von den Küchenjungen, mir für die Belohnung von zwei Sous den Weg hie⸗ her zu zeigen. Ich hatte wenig Geld in meiner Taſche, um einen Aſtrologen zu befragen; aber wir Pariſer verſtehen uns darauf, eine Nachricht gegen die andere zu vertauſchen, und da die Aſtrologen immer Auskunft über alle Perſonen und Gegenſtände wün⸗ ſchen, ſo wendete ich die Nachricht von Eurer An⸗ kunft in dem Gaſthofe dazu an, um den Namen des großen Mannes zu erfahren, deſſen Diener das Haus in Beſitz hatten. Dies erſchreckte mich noch mehr; aber der gelehrte Doktor erkaufte den Bericht von Allem, was uns unterwegs begegnet, mit einer leder⸗ nen Flaſche mit dem feinſten Weine gefüllt, der je aus Trauben gepreßt worden, und fügte überdies hin⸗ zu, daß Frau von Giac, des Herzogs Geliebte, die ihren Gemahl nach Blois geſendet, im Gaſthofe er⸗ wartet werde. Das erſchreckte mich mehr, als je.“ „Warum das?“ fragte Jean Charoſt.„Warum erſchreckte Dich eine von dieſen Nachrichten? Die Herzöge von Burgund und Orleans ſtehen, wie ich höre, in durchaus freundſchaftlichen Verhältniſſen, und als ich Frau von Giac früher ſah, ſchien ſie keines⸗ wegs feindſelig gegen meinen königlichen Herrn ge⸗ ſinnt.“ „Ach, Herr!“ verſetzte Martin Grille,„der Freund⸗ ſchaft der Fürſten darf man nicht trauen, und die Zu⸗ neigung einer Dame, die viele Liebhaber hat, gleicht ſehr der Zärtlichkeit einer Spinne. Gott gebe, daß der Herzog von Burgund ſo gut gegen den Herzog von Orleans geſinnt ſein möge, wie Ihr denkt, und daß Frau von Giac kein Unheil zwiſchen ihnen anſtiften wolle; denn ich halte den Einen für ebenſo wenig aufrichtig, wie die Andere, und ich würde ihnen nicht meinen kleinen Finger anvertrauen, wenn es in ihrem Vortheile läge, ihn abzuhacken.“ „Nun,“ antwortete Jean Charoſt,„ich glaube jetzt nicht mehr, daß der Herzog von Burgund gegen Seine Hoheit von Orleans freundſchaftlich geſinnt iſt, denn ich habe guten Grund gehabt, das Gegentheil zu glauben.“ „Niemand glaubt es, als der Herzog ſelber,“ ſagte Armand Chauvin.„Seine Hoheit iſt zu offen. Er reitet in einem Pelzmantel aus, um einem völlig bewaffneten Manne zu begegnen. Aber horch! wie der Mann umhergeht! Er ſcheint. einen unruhigen Geiſt zu haben.“ Alle horchten ſchweigend einige Minuten und man hörte einen langſamen und ſchweren Fußtritt im anſtoßenden Zimmer, welches von der Halle nur durch eine von den erwähnten Thüren getrennt war. Jean Charoſt glaubte auch einen tiefen Seufzer zu hören; und es lag etwas in dem dumpfen und feierlichen Fußtritte, unaufhörlich und unveränderlich, wie er war, was einen düſteren und drückenden Eindruck machte. Alle ſchwiegen mehrere Minuten und der Aſtro⸗ log ſchien lange auszubleiben. Endlich hörten die Fußtritte im anſtoßenden Zimmer auf, die Thür wurde aufgeriſſen und eine tiefe Stimme rief: „Wenn Ihr zurück ſeid, warum laßt Ihr mich denn warten? Ha! Fremde!“ Der Redende, der einen Schritt in das Zimmer gethan hatte, war, wie das Mädchen ihn beſchrieben, ein großer, hagerer Mann im mittleren Alter, von ſtrengem und wildem Geſichtsausdrucke. Sein graues Haar und ſein grauer Bart ſchienen ſeit Wochen nicht ausgekämmt zu ſein, und ſein Anzug, wenn gleich koſtbar, war ſehr vernachläſſigt. Es war eine ſo tiefe Falte zwiſchen ſeinen Augenbrauen, daß man einen Finger hätte hineinlegen können, ſo ſtarr und unbe⸗ weglich, als wäre ſie ſeit Jahren dort geweſen und mit der Zeit tiefer geworden. Aber die finſteren Augenbrauen ſchienen allein ruhig zu bleiben, denn die Augen ſprühten und wanderten, die Lippe bebte und die Naſenflügel erweiterten ſich, als ob unendlich verſchiedene Regungen durch ſein Herz dahinzögen und ihre vorübergehenden Züge auf das Geſicht ſchrieben. Er blieb einen Augenblick in der Thür ſtehen, hielt die Lampe hoch in der Hand und blickte von Martin Grille, der ihm zunächſt ſtand, auf Armand Chauvin und dann auf Jean Charoſt hin. Als er aber den Letzteren anſah, zeigte ſich ein Blick des Zweifels und dann des Erkennens in ſeinen Augen; und einen Schritt weitergehend, rief er: „Ha! junger Mann— ſeid Ihr es? Etwas Seltſames vereint unſer Geſchick mit einander. Ich kam hieher, um Euretwegen das Schickſal zu befragen, und hier treffen wir uns.“ „Es iſt mir lieb, Euch ohne Eure früheren Be⸗ gleiter zu ſehen, Herr,“ entgegnete Jean Charoſt. „Ich fürchtete damals, Ihr moͤchtet in Gefahr ſein.“ „In keiner Gefahr!“ erklärte der Andere.„Es waren Räuber— aber was bin ich? Es befand ſich kein Mann unter ihnen, der nicht unter meinem Fähn⸗ chen in ehrenvollem Kampfe gefochten hatte. Belei⸗ digung, Ungerechtigkeit, Bosheit, Undankbarkeit haben tapfere Soldaten zu niedrigen Straßenräubern ge⸗ macht. Was haben dieſelben Uebel aus mir gemacht? Einen Dämon, Hölle im Herzen, Hölle hinter mir, Hölle vor mir!“ 80 Er ſchwieg einen Augenblick und drückte ſeine Hand vor die Stirn, dann erhob er ſeine Augen wie⸗ der zu Jean Charoſt's Geſichte und ſagte in ruhigerem Tone, wenn gleich ſtrenge und gebietend: „Kommt mit mir, Jüngling. Ich wünſche mit Euch allein zu reden.“ Und er kehrte in das andere Zimmer zurück. „Um der heiligen Jungfrau willen, Herr, geht nicht mit ihm,“ rief Martin Grille. „Geht lieber nicht, Herr von Brecy,“ ſagte Armand Chauvin.„Der Mann ſcheint wahnſinnig zu ſein.“ „Fürchtet Nichts, fürchtet Nichts,“ antwortete Jean Charoſt, auf die Thür zugehend. 4 „Nun gut, ruft Halloh! und Ihr ſollt Hilfe haben,“ ſagte Chauvin. Der Sekretair ging hinaus und machte die Thür hinter ſich zu. Martin Grille ſah Armand Chauvin und Armand ſchweigſam und der Andere, obgleich er in Gegenwart des Couriers nicht wagte, ſein Ohr an das Schlüſſel⸗ loch zu legen, blieb doch ſo nahe wie möglich, mit großer Furcht, aber noch mehr Neugierde, an der und dem Fren daß man in d hören konnte. Jean Charoſt ſelber ſprach zornig; aber eine andere Stimme übertäubte die ſeine mit einem Strome von Schmähungen, die aber ihm nicht zu gelten ſchie⸗ nen, denn der einzige Satz, den man vollſtändig Agnes Sorel. II. 6 Fünftes Kapitel. Martin Grille an, aber keiner von Bei⸗ denn Armand war von Natur ein wenig Die Unterredung zwiſchen Jean Charoſt nden begann indeß in leiſem Tone, ſo er Halle nur ein undeutliches Gemurmel Sehr bald aber wurden die Töne lau⸗ daß von einer anderen Perſon die 8² „Es giebt viele Arten von Schurken in der Welt,“ rief die Stimme,„und er iſt einer der ſchwär⸗ zeſten und verworfenſten. Der Mörder und der Dieb, der Betrüger und der Verräther ſind alle Schurken in ihrer Art; aber was iſt der, welcher—“ 4 Die Stimme wurde wieder leiſer und Martin Grille wendete ſich zu ſeinem Kameraden, faßte ſeinen Arm und ſagte: „Geht hinein— geht hinein. Ich fürchte ſehr, er wird ihm etwas zu Leide thun!“ „Ich bin nicht ſo ſehr an Furcht gewöhnt, we⸗ der für mich, noch für Andere,“ antwortete Chauvin. Faſt in demſelben Augenblick trat der Aſtrolog, ohne daß eine Thür von der Straße geöffnet wurde, mit eiligem Schritte und verſtörtem Blicke in die Halle. „Ha! mein Freund,“ ſagte er, als ſeine Augen auf Martin Grille ftelen.„Wo iſt Euer junger Herr?“ „Da drinnen,“ verſetzte Martin,„bei dem an⸗ dern Teufelskerl. Hört Ihr nicht, wie laut ſie reden?“ Ohne Weiteres öffnete der Aſtrolog die Thür, die in das andere Zimmer führte, trat ein und ſchloß ſie wieder; aber während des Augenblicks, als er eintrat, erblickten Martin und Chauvin die Geſtalten im In⸗ „Der junge Herr wird rufen, wenn er meiner bedarf.“ 4 83 nern.“Jean Charoſt ſtand, ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt, in einer Stellung ſtrenger und männlicher Würde da, welche keiner von Beiden ſeine jugendliche Geſtalt hatten annehmen ſehen, während der Fremde, erſchöpft von dem Ausbruche der Leidenſchaft, dem er ſich hingegeben, ſich nachläſſig auf einen Sitz nieder⸗ geworfen hatte, indem ſeine Arme auf dem Tiſch ruh⸗ ten und ſeine grauen Locken über ſeine Stirn nieder⸗ fielen. Martin Grille glaubte auch große Thränen über ſeine Wangen niederrollen zu ſehen; aber die Thür wurde im Augenblicke wieder geſchloſſen und mehr ſah er nicht. Nachdem der Aſtrolog eingetreten war, wurde die Unterredung in leiſem Tone fortgeſetzt; aber ſie währte beinahe drei Viertelſtunden und dann wurde die Thür wieder geöffnet und die Drei kamen aus dem inneren Zimmer in die Halle. „Jetzt bin ich bereit zu gehen,“ ſagte Jean Charoſt.„Macht die Pferde los, Martin Grille.“ „Ich dachte, wir würden die Nacht hier bleiben, Herr,“ verſetzte Chauvin;„und ich denke, Herr, es iſt beſſer, wenn Ihr bedenkt, was Ihr thut. Ich kann Euch jetzt ſagen, daß das Wappen an meiner Mütze ſehr bald verrieth, daß ich dem Herzoge von Orleans angehörte, und ich hörte Wetten unter den Leuten von Burgund, daß man uns zurückbringen werde, ehe wir zwei Stunden weg geweſen. Es wurde viel 6* 84 darüber geſprochen, ob Seine Hoheit Euch zurückhal⸗ ten würde oder nicht; aber Alle ſtimmten darin überein, daß Ihr bald angehalten und durchſucht werden wür⸗ det, wenn er Euch ziehen laſſe. Ich achtete nicht weiter darauf und ſtellte mich, als höre ich es nicht, aber ich ſchlich leiſe hinaus und ſattelte die Pferde.“ „Ihr thatet recht, Chauvin,“ ſagte der junge Sekretair.„Aber ich darf nicht zögern, wenn die Möglichkeit, weiter zu kommen, vorhanden iſt. Die⸗ ſer Herr will uns einen weniger gefährlichen Weg zei⸗ gen, als die Landſtraße, und ich bin entſchloſſen, mich ſeiner Führung anzuvertrauen. Die Verantwortlich⸗ keit übernehme ich.“ „Gut, Herr, ich habe weiter Nichts zu thun, als zu gehorchen,“ verſetzte der Courier und ging einen Schritt auf die Thür zu. „Wartet einen Augenblick,“ ſagte der Aſtrolog. „Ich habe einige Erfriſchungen beſtellt und muß einige Worte an den edlen Herzog ſchreiben. Sagt ihm, ich ſei ſein getreuer Diener und bedaure ſehr, ihn vor einer drohenden Gefahr warnen zu müſſen.“ „Sendet Eure Warnung lieber durch einen an⸗ deren Boten, mein guter Freund,“ verſetzte Jean Charoſt,„erſtens, weil ich vielleicht lange unterwegs ſein werde und Nachrichten von ſolcher Wichtigkeit bald zu Seiner Hoheit gelangen ſollten; zweitens, weil ich nicht gern ein Unglücksvogel ſein möchte. Große 8⁵ Männer lieben die nicht, welche üble Nachrichten brin⸗ gen. Aber der erſte Grund iſt der beſte. Ich will Euren Brief, wenn auch ungern, abgeben, aber es werden achtundvierzig Stunden vergehen, ehe ich Blois erreichen kann. Dort werde ich auf die Herzogin warten müſſen und dann wahrſcheinlich in langſamen Tagereiſen zurückkehren; dadurch würde viel koſtbare Zeit verloren gehen und Eure Nachricht könnte zu ſpät kommen.“ „So ſei es,“ ſagte der Aſtrolog,„obgleich—“ Ehe er aber den Satz beendet hatte, trat ein brauner Mann, in einer weißen Tunika und einen großen Turban auf dem Kopfe, mit Flaſchen und fil⸗ bernen Bechern in's Zimmer. „Ihr habt ſelten ſolchen Wein gekoſtet,“ ſagte der Aſtrolog, dem großen hageren Fremden den erſten Becher, den er einſchenkte, anbietend.„Nehmt ihn, gnädiger Herr. Ihr ſeid mein früheſter Freund und Patron; und Ihr dürft nicht abreiſen, ohne Wein in meinem Hauſe zu trinken. Es wird Euch wohlthun und Eure Lebensgeiſter aufregen.“ „Ich will ſie nicht aufregen,“ entgegnete der Fremde, den Becher zurückſchiebend.„Falſche Hoff⸗ nung iſt es nicht, was ich wünſche. Davon habe ich bereits genug gehabt. Mein Elend iſt rein, wenn auch bitter. Ich wünſche es nicht mit ſchmutzigeren Dingen zu vermiſchen.“ 86 Dies waren die einzigen Worte, die er von jetzt an bis zu dem Augenblicke ſprach, wo die ganze Ge⸗ ſellſchaft in die Nähe von Chilleurs aux Rois kam. Martin Grille trank ſeinen Becher Wein und be⸗ eilte ſich dann, die Pferde herauszubringen. Armand Chauvin ging ebenfalls und folgte ihm ſchweigend; und als der Aſtrolog ſeine beiden edlen Gäſte auf den Hofplatz begleitete, fanden ſie ein großes, kräftiges, graues Pferd, welches der Mohr bereit hielt. Jean Charoſt nahm mit wenigen höflichen Wor⸗ ten von ſeinem Wirthe Abſchied; aber der Fremde be⸗ ſtieg ſchweigend ſein Pferd, ritt hinaus, ſobald das Thor offen war, und wendete ſich ſogleich rechts. Dann führte er ſie ganz um die Stadt, durch einen kleinen Fluß und galoppirte auf Wegen, mit welchen er vollkommen bekannt zu ſein ſchien, in weſtlicher Richtung weiter und überließ es den Anderen, ihm, ſo gut ſie konnten, zu folgen, was dem armen Martin Grille große Unbequemlichkeit verurſachte, da ſein Pferd beſtändig ſtolperte, was die Pferde gewöhnlich bei ſchlechten Reitern thun. Jean Charoſt hielt ſich meiſtens an der Seite des Fremden und ſprach einige Worte zu ihm. Aber er erhielt keine Antwort, und ſo ritten ſie die lange Nacht durch, nachdem der Mond ſchon untergegangen war, ohne den Zügel anzuziehen, bis ſie in der Entfernung von einer Viertelſtunde zu ihrer Rechten einen Kirch⸗ 87 thurm erblickten. Dort hielt plötzlich der Fremde ſein Pferd an und ſagte: „Chilleurs aux Rois.“ „Hier, denke ich, ſind wir ſicher,“ ſagte Jean Charoſt. „Völlig ſicher,“ war die kurze Antwort.„Lebt wohl!— Vergeßt nicht!“ „Ich vergeſſe nie mein gegebenes Wort,“ ent⸗ gegnete Jean Charoſt.„Wo kann ich Euch wieder⸗ ſehen oder von Euch hören?“ Der Fremde ſah ihn mit grimmigem Lächeln an, lenkte ſein Pferd herum und galoppirte davon. Sechſtes Kapitel. Martin Grille's Neugierde war ſehr angeregt und ließ ihm keine Ruhe. Er hatte keinen Begriff davon, daß ein Herr ein Geheimniß vor einem Diener haben könne. Wozu wären denn die Diener da, meinte er. Was könnten ſie denn in der Welt thun, wenn ihnen irgend ein Geheimniß vorenthalten würde? Er be⸗ ſchloß, das Geheimniß ſeines Herrn zu entdecken, und wendete jede Bemühung an, Jean Charoſt zu irgend einem Zugeſtändniß oder einem unüberlegten Worte zu bewegen, hinſichtlich des Fremden, den ſie in Pithi⸗ viers getroffen, indem er ſich auf ſeine eigene Klug⸗ heit verließ, es mit dem in Verbindung zu ſetzen, was er bereits beobachtet, um einige Fortſchritte auf dem Wege zur Erkenntniß zu machen. Aber Jean Charoſt wich allen ſeinen Bemühungen aus und ge⸗ währte ihm nicht den gerinſten Wink, wodurch er ſei⸗ nem würdigen Diener eine höhere Meinung von ſeinem 89 Verſtande beibrachte, aber Martin's Neugierde noch mehr aufregte. „Wenn kein wichtiges Geheimniß vorhanden wäre,“ dachte der Mann,„warum ſollte er es ſo ängſtlich zu verbergen ſuchen?“ Hierauf bemühte er ſich, mit Armand Chauvin ein Bündniß zu ſchließen, um den verborgenen Schatz zu entdecken. Armand aber verwarf nicht nur alle ſeine Vor⸗ ſchläge, ſondern tadelte ihn auch wegen ſeiner Neugierde. „Ich weiß nicht, welches das Geſchäft der La⸗ kaien iſt, Monſieur Martin,“ ſagte er,„aber ich kenne mein eigenes Geſchäft. Der Courier muß ſel⸗ ber ſo verſchwiegen ſein, wie das Grab; er muß Nichts wiſſen, Nichts ſehen, Nichts hören, als ſeinen Weg, ſein Geſchäft und was ihm geſagt wird. Wenn man ihm einen geheimen Auftrag ertheilt hat, ſo muß er ihn gänzlich vergeſſen, bis er die Perſon vor ſich ſieht, an die er ihn ausrichten ſoll, und ihn dann wieder vergeſſen, ſobald dies geſchehen iſt. Nehmt meinen Rath an, Monſieur Martin, und mengt Euch nicht in die Geheimniſſe Eures Herrn. Mancher fin⸗ det ſeine eigenen zu ſchwer zu tragen, und Mancher iſt ſchon gehängt worden, weil er die Geheimniſſe anderer Leute wußte.“ 1 Martin Grille gefiel der Gedanke, gehängt zu werden, durchaus nicht, und die Warnung machte ihn . ——— 90 ſtill von Orleans, wo dieſelbe ertheilt wurde, bis zur guten Stadt Blois, dennoch beſchloß er, in ſpäte⸗ ren Tagen genau zu beobachten und ſich zu bemühen, das Geheimniß von Jean Charoſt herauszubringen. Die drei Reiter kamen gegen Abend, gerade als die Sonne unterging, in der Stadt Blois an, und nach den erhaltenen Anweiſungen begab ſich Jean Charoſt geradezu in das alte Schloß, welches zum Schauplatze mancher tragiſchen Ereigniſſe in der franzöſiſchen Ge⸗ ſchichte beſtimmt war. Obgleich die Oberfläche der Welt dieſelbe geblie⸗ ben iſt, obgleich Berg und Thal ſtehen, wo ſie da⸗ mals ſtanden, obgleich Städte und Feſtungen noch jetzt zu finden ſind, wo ſie damals waren, ſo ſind doch die Veränderungen der Geſellſchaft ſo groß geweſen und die Beziehungen der Menſchen zu einander und zu den Außendingen haben ſich ſo ſehr geändert, daß wir nur mit Schwierigkeit begreifen, wie gewiſſe Dinge, die doch unbeſtrittene Thatſachen ſind, in früheren Ta⸗ gen können exiſtirt haben— und die verſchiedenen Verhältniſſe beobachten können, die auf dieſe Weiſe entſtanden, und die uns alle fremd und regelwidrig erſcheinen. 4 Es iſt wahrſcheinlich, daß der Herzog von Or⸗ leans keinen Quadratfuß Land, außer dem alten Schloſſe, in der Stadt Blois beſaß; und ſelbſt dies war kein reiner Beſitz. In den mittleren und ſüd⸗ 91 5* weſtlichen Theilen Frankreichs hatte er als Apanage große Territorien im Beſitz, die ihm beträchtliche Ein⸗ künfte in Geſtalt von Gefällen, Zöllen und Steuern gewährten, ihm das Kommando über viele wichtige Städte verliehen, und während ſeines Lebens eine An⸗ zahl prächtiger Reſidenzen zu ſeiner Verfügung ſtellten. Kurz vor dieſer Zeit war ihm das Herzogthum Aqui⸗ tanien zugefallen, und Orleans, Blois und eine Anzahl kleiner Städte waren längſt in ſeinem Beſitze geweſen. Auf dieſe Weiſe beſaß er auch das Schloß zu Blois, welches einen ruhigen, wenn auch nicht gerade glück⸗ lichen Aufenthalt für eine Gattin gewährte, die er auf⸗ richtig, wenn auch ohne Leidenſchaft, liebte, und die⸗ er achtete, während er ſie vernachläſſigte. Entfernt von den Scenen des Streites, der täg⸗ lich in der Nähe der Hauptſtadt vorging— welchen Streit man oft mit dem Namen des Krieges beehrte, den man aber lieber Anarchie hätte nennen ſollen— hatte ſich die Stadt Blois ſeit vielen Jahren einer friedlichen und ſelbſt trägen Ruhe erfreut; denn die Unordnungen in vielen anderen Theilen von Frankreich hemmten jedes geiſtige oder phyſiſche Unternehmen. Es ſchien keine Energie an dem Orte vorhanden zu ſein, und der kleine Hof, den die Herzogin von Or⸗ leans hielt, ſo wie die Anzahl Perſonen, die ſich ge⸗ wöhnlich der Sicherheit wegen in der Stadt aufhielt, gewährte den einzigen Antrieb zu thätiger Induſtrie. 9² Als Jean Charoſt und ſeine Begleiter durch die Straßen ritten, bemerkten ſie mehrere Kaufläden, die nach damaligen Begriffen reich ausgeſtattet waren. Wohlhabende Perſonen wanderten in glänzenden Klei⸗ dern umher und einige von der unteren Klaſſe machten ſich vor dem Ende des Tages Bewegung im Freien. Aber es war Nichts von der Lebendigkeit einer ge⸗ ſchäftsthätigen Stadt, und das vergnügungsſüchtige franzöſiſche Volk ſchien in Blois nur mit ſeiner Un⸗ terhaltung beſchäftigt zu ſein. Die Zugbrücke des alten Schloſſes war nieder⸗ gelaſſen und das Fallgatter aufgezogen, und zwei läſſige Wächter warfen Steine in eine Grube, die ſie in der Mitte des Weges gegraben, und ſtritten mit einander wegen ihres Spiels. Beide fuhren indeſſen empor, als die drei Reiter langſam über die Brücke kamen, und einer von ihnen ſtellte ſich mit militairi⸗ ſcher Heftigkeit in den Weg, als er einen Fremden an der Spitze des kleinen Trupps erblickte. Im nächſten Augenblicke aber rief er: 8 „Ah! Chauvin, biſt Du es? Wer iſt dieſer junge Herr?“ „Ich bin der Sekretair des Herzogs von Or⸗ leans,“ verſetzte Jean Charoſt;„und ich überbringe einen Brief an die Herzogin, den ich eigenhändig abgeben ſoll.“ Es war nicht ſchwierig, Zutritt zu erhalten, und Jean Charoſt wurde von Einem zum Anderen geführt, bis er ſich im Inneren eines düſteren Gebäudes be⸗ fand, welches dem Beſucher der neueren Zeiten blu⸗ tige und geheimnißvolle Thaten verkündet. Endlich führte ein ernſter und ehrwürdig aus⸗ ſehender Mann Jean Charoſt in ein ſchön ausmöblir⸗ tes Zimmer in einem der Thürme, welches eine Ausſicht nach Tours hin gewährte; und ſich auf einen Sitz am Fenſter niederlaſſend, den eine Kiſte zur Aufbewahrung von Brennholz bildete, blickte er auf die Secene hin⸗ unter und ſah die Sonne über einer Welt von Bäu⸗ men untergehen. Bald trat die Dunkelheit ein. Noch immer ließ man ihn allein, und an dem ganzen Orte herrſchte Stille, die nicht einmal von einem vorüber⸗ gehenden Fußtritte unterbrochen wurde. Alles war ſo ſtill, daß er hätte glauben können, es wäre Je⸗ mand an dem Orte geſtorben und die Uebrigen trauer⸗ ten in der Stille. Endlich ließ ſich ein langſamer und ſchläfriger Fußtritt hören; derſelbe Greis trat ein und führte ihn durch viele Gänge und leere Zimmer zu der Her⸗ zogin von Orleans. Sie ſaß in einem großen Lehnſeſſel und war faſt ganz ſchwarz gekleidet; aber in Jean Charoſt's Augen erſchien ſie außerordentlich ſchön, denn ſie hatte fein gebildete Züge, helle Augen und einen Ausdruck der Schwermuth, welcher ſehr gut zu ihrem Geſichte ſtand. . 94 Sie ſah Jean Charoſt aufmerkſam an, als er ſich ihr näherte, und ſagte, ſobald ſie dachte, daß er nahe genug ſei: „Man ſagt mir, Ihr kommt von Seiner könig⸗ lichen Hoheit. Wie befindet ſich mein theurer Ge⸗ mahl?“ „Nicht ſo wohl, wie ich es wünſchen möchte, Madame,“ verſetzte Jean Charoſt;„aber dieſer Brief, den ich Euch zu überreichen die Ehre habe, wird Euch mehr ſagen.“ Die Herzogin ſtreckte ihre ſchöne Hand nach dem Briefe aus, aber ſie zitterte ſehr, als ſie ihn nahm. Der junge Sekretair wollte nicht wagen, ihr in's Ge⸗ ſicht zu blicken, als ſie ihn las, denn er wußte, daß ſie ſehr aufgeregt ſein würde. Sie war es in der That auch, aber ſie faßte ſich bald und fragte in etwas fremdartigem Accente nach den einzelnen Um⸗ ſtänden. „ Er ſagt nur, er iſt krank,“ begann ſie.„Sagt mir, Herr— ſagt mir, wie iſt es mit ihm? Sahet Ihr ihn? Ja, Ihr müßt ihn geſehen haben, denn er ſagt hier, daß Ihr ſein Sekretair ſeid. Hat er in dieſem Briefe etwas verheimlicht? Iſt es nothwendig, daß ich noch dieſen Abend abreiſe? Ich bin völlig bereit dazu. Er muß ſehr krank ſein,“ fügte ſie in leiſem und ſchwermüthigem Tone hinzu,„ſonſt würde er nicht nach mir ſchicken.“ „Seine Hoheit iſt freilich ſehr krank, Madame,“ verſetzte Jean Charoſt,„aber ich hoffe, nicht gefähr⸗ lich. Die Streitigkeiten mit dem Herzoge von Bur⸗ gund, die jetzt glücklicherweiſe vorüber ſind—“ „O, das Haus Burgund— das Haus Bur⸗ gund!“ rief die Herzogin in leiſem und traurigem Tone. „Dieſe und viele andere Unruhen,“ fuhr Jean Charoſt fort,„haben nebſt großer Anſtrengung ein Fieber und große Niedergeſchlagenheit des Geiſtes— eine Schwermuth hervorgebracht, welche wahrſchein⸗ lich die Urſache iſt, daß Seine Hoheit ſich die Krank⸗ heit größer vorſtellt, als ſie iſt. Ich denke indeſſen, Madame, daß Ihr Eure Reiſe nicht ſehr beſchleuni⸗ gen würdet, wenn Ihr auch dieſen Abend noch ab⸗ reiſen wolltet. Die Wege ſind ſchlecht und auch einigermaßen gefährlich.“ „Dennoch will ich abreiſen,“ verſetzte die Herzogin. Und ihre Hand vor die Augen haltend, ſchien ſie einige Augenblicke in Nachdenken zu verſinken. Jean Charoſt ſah einige Thränen durch ihre Finger tröpfeln, und der junge Mann fühlte, ſo unerfahren er war, welche mäͤchtige Gemüthsbewegungen mit dieſen Thrä⸗ nen vereint waren. Er wendete ſeine Augen ab und richtete ſie auf den Boden, und endlich ſagte die Her⸗ zogin: 96 „Wollt Ihr meine Diener aus dem Vorzimmer rufen, Herr? Ich muß meine Vorbereitungen machen.“ Während ſie ſprach, deutete ſie auf eine andere Thür, als durch welche der Sekretair hereingeführt worden. Jean Charoſt ging darauf zu und verneigte ſich gegen die Fürſtin, als wollte er ſich beurlauben. Sie hielt ihn indeſſen zurück, bat ihn, in wenigen Minuten zurückzukehren, und ſagte mit traurigem Lächeln: „Meine Gedanken ſind zu ſehr beſchäftigt, Herr von Brecy, um auf Höflichkeiten zu achten; aber ich bitte Euch, für Euch ſelber zu ſorgen, als wenn Ihr zum Hauſe gehörtet. Mein Gemahl ſcheint viel Ver⸗ trauen zu Euch zu haben und wünſcht, daß Ihr mich begleiten möget. Wenn Ihr zu ſehr ermüdet ſeid, um gleich dieſen Abend mit mir zu reiſen, ſo könnt Ihr mir morgen folgen und werdet mich ohne Zwei⸗ fel noch zur rechten Zeit einholen.“ „Ich ſelber bin nicht zu ſehr ermüdet, Madame,“ verſetzte Jean Charoſt;„aber ich fürchte, meine Pferde würden nicht weit gehen können. Wenn ſo viel Zeit da iſt, will ich mich mit anderen verſehen.“ „Ol das wird leicht geſchehen ſein,“ antwortete ſie.„Es ſind hier immer Pferde genug zu haben. Ich will dafür ſorgen, daß Ihr welche erhaltet.“ Darauf begab ſich de Brecy in das Vorzimmer, wo er eine Anzahl ſchöner, junger Mädchen unter der 97 Aufſicht einer ältlichen Dame an ihren Stickrahmen ſitzen ſah. Schlaue Blicke wurden von allen Seiten auf ihn geworfen; aber er begnügte ſich damit, die Befehle der Herzogin anzukündigen, und ſuchte dann ſeine Reiſegefährten auf. Er fand, daß Armand Chauvin im Schloſſe zu Blois vollkommen zu Hauſe war und Martin Grille mit dem Orte ſchon völlig bekannt gemacht hatte. Auch empfand Jean ſelber nicht die ſcheue Furcht⸗ ſamkeit, womit er zuerſt, als Fremder und Allen un⸗ bekannt, in das Hotel d⸗Orleans eingetreten war. Es herrſchte auch ein ſtiller und gedämpfter Ton in dem Schloſſe der Herzogin, ſehr verſchieden von dem hei⸗ teren und faſt frechen Benehmen der jüngeren Diener⸗ ſchaft ihres Gemahls; und der Sekretair, jetzt als ſolcher bekannt, wurde mit aller Höflichkeit behandelt und man ſorgte ſo gut wie möglich für ihn und ſeine Pferde. Nach und nach aber verbreitete ſich die Geſchäf⸗ tigkeit der Vorbereitungen von den Gemächern der Herzogin durch die übrigen Theile des Schloſſes, be⸗ gleitet von dem Gerüchte, daß ſie noch an dem Abend abreiſen wolle, um zu ihrem Gemahle zu gelangen, der ſich auf dem Schloſſe Beauté befinde. Alle waren begierig, die Urſache und die einzelnen Umſtände zu erfahren, und der alte Haushofmeiſter ging in die Halle, wo Jean Charoſt, Wein und Speiſen vor ſich, Agnes Sorel. II. 7. 98 ſaß, um einige Nachricht über den Gegenſtand von ihm zu erfahren. Er erhielt indeſſen ſehr vorſichtige Antworten, und ehe er noch viele Fragen gethan hatte, wurde er dadurch unterbrochen, daß der Courier in einiger Haſt und mit ſichtbarer Unruhe eintrat. „Man ſagt mir, Herr von Brecy,“ ſagte er in ſeiner raſchen Weiſe,„daß die Herzogin noch dieſen Abend abreiſt.“ Jean Charoſt nickte mit dem Kopfe. „Habt Ihr ihr geſagt,“ fragte Chauvin,„daß der Herzog von Burgund auf dem Wege zwiſchen hier und der Seine iſt?“ „Nein,“ antwortete Jean Charoſt aufſpringend, indem er erſt jetzt die Gefahr in beſtimmter Geſtalt vor ſich ſah.„Gewiß würde er doch nicht wagen—“ „Hm!“ fiel Armand Chauvin ein.„Man kann nicht wiſſen, was er thun würde.“ „Das iſt freilich wahr,“ ſagte der alte Haus⸗ hofmeiſter;„und mich dünkt, die Herzogin ſollte eine Abtheilung Piqueurs ausſenden, um ihn gefangen zu nehmen, oder den Weg von ihm zu befreien.“ „Es wird beſſer ſein, es ihr zu ſagen,“ bemerkte Jean Charoſt gedankenvoll.„Sie wird beſſer be⸗ urtheilen können, als ich, ob Gefahr vorhanden iſt, oder nicht.“ „Ich will Euch den Weg zeigen, Herr, ich will —— Euch den Weg zeigen,“ ſagte der alte Haushofmeiſter mit dienſtfertiger Höflichkeit.„Hierher, wenn's gefällig iſt.“ Als Jean Charoſt wieder zur Herzogin kam, be⸗ nachrichtigte er ſie, daß er den Herzo in Pithiviers getroffen, nicht ſchon früher erwähn führte, er habe wegen der kür Verſöhnung der Häuſer B Gefahr gefürchtet. Es ſei tend geworden, daß alle Herzogs von Orleans, obg i„die jüngſt 2„ gemeine Anſicht, den⸗ rſten Abſicht zu blei⸗ cht an, ihre Beglei⸗ noch aber beſchloß ſie, bei ihrer e ben, und wendete nur die Vorſi tung zu verdoppeln. „Ich glaube, kein Mann ſich weigern, ſeinen letzten Blutstropfen zu meiner Vertheidigung zu vergießen. Und auch Ihr, Herr von Brecy, werdet daſſelbe thu nem theuren Gemahl.“ „Sehr gern, Madame,“ verſetzte Jean naber ich hoffe, daß Ihr aller werdet.“ n, aus Liebe zu mei⸗ Charoſt; Gefahr entgehen 7* 100 Die Herzogin entließ ihn bald wieder, indem ſie ihm ſagte, er würde noch Zeit genug haben, ſich ein wenig auszuruhen, denn ihre Vorbereitungen würden erſt um Mitternacht beendet ſein; aber Jean Charoſt begnügte ſich mit einem kurzen Schlummer in einem großen Lehnſeſſel in der Halle und erwachte dann aus dem traumloſen Schlummer der Jugend erfriſcht und zu neuer Anſtrengung bereit. Etwa eine Stunde ſpäter begann der mitternächt⸗ liche Marſch. Die Sänfte der Herzogin, worin ſie mit ihrem jüngſten Sohne ſaß, wurde von vier weißen Maulthieren gezogen, aber voran ritten acht bis zehn Reiſige in vollſtändiger Rüſtung und ihre Lanzen in der Hand. Eine größere Abtheilung folgte der Sänfte und zu beiden Seiten ritten mehrere adlige Anhänger des Hauſes Orleans, die leichter bewaffnet waren, und unter dieſen Jean Charoſt. Der Mond ſchien hell, und als ſeine blaſſen Strahlen auf die Sänfte der Herzogin mit ihren weißen Vorhängen, ſo wie auf eine andere fielen, die ihre Begleiterinnen ent⸗ hielt, und auf den ſtählernen Helmen und Bruſtharni⸗ ſchen der Reiſigen ſchimmerten, als ſie ſich an den Ufern des Fluſſes dahinwanden, bildete das Ganze eine ſeltſam aufregende Scene für Jean Charoſt's Einbildungskraft, der ſeit Jahren keinen militairiſchen Aufzug geſehen hatte. Der Marſch ging ruhig genug weiter, und in den 101 erſten drei oder vier Tagen geſchah kein erwähnenswerthes Ereigniß. Mehrmals hatte der junge Sekretair Ge⸗ legenheit, ſich mit der Herzogin zu unterreden, und ihre ruhige Milde, die mächtige, unerſchütterliche Zärtlichkeit, die ſie, bei allen ſeinen Fehlern, für ihren Gemahl zeigte, ſo wie ihre perſönliche Schön⸗ heit, die kaum von der Zeit gelitten hatte, machte, daß Jean Charoſt ſich ſehr wunderte über die Unbe⸗ ſtändigkeit der Männer und ſich mit Zweifel und faſt mit Furcht fragte, ob er ſelber je könne dahin ge⸗ bracht werden, mit der Neigung eines ſolchen Weſens ſein Spiel zu treiben. In der Gegend von Pithiviers erfuhr man, daß der Herzog von Burgund ſich vor zwei Tagen aus jenem Theile des Landes entfernt und ſeine Schritte nach Paris gewendet habe. Die Herzogin von Or⸗ leans, die ſich jetzt von aller Furcht befreit fühlte, ſchickte die Reiſigen, die ſie begleitet hatten, nach Blois zurück, und ſagte lächelnd zu Jean Charoſt: „Ich darf nur im Nothfalle mit einer ſolchen Anzahl Bewaffneter zu meinem Gemahl gehen, als wollte ich ſein Schloß mit Sturm nehmen.“ „Ich kann Euch verſichern, Madame,“ verſetzte der junge Sekretair mit Nachdruck,„Ihr werdet finden, daß es ſich Euch auf Gnade oder Ungnade er⸗ geben hat.“ 8 In dem nächſten Orte hielt die Sänfte etwa 102 eine Stunde vor Sonnenuntergang an. Es waren Wenige von dem Gefolge in der Nähe; es währte ein wenig lange, ehe der alte Haushofmeiſter abgeſtiegen war, und Jean Charoſt, der früher auf dem Boden war, zog die Vorhänge zurück, um die Herzogin aus⸗ ſteigen zu laſſen. Kaum aber hatte ſie ihren Fuß auf den Boden geſetzt, als eine harte und kräftige Hand auf des jungen Sekretairs Schulter gelegt wurde und eine hohle Stimme ſagte: „Junger Mann, Gott wird Euch ſegnen. Ich finde Euch treu und wahr unter den Falſchen und Trügeriſchen.“ Die Herzogin und Jean Charoſt wendeten ſich plötzlich um und ſahen den Redenden an. Der Letz⸗ tere erkannte ſogleich den Fremden, den er in Pithi⸗ viers geſehen; aber die Herzogin zog ſich ein wenig zurück und flüſterte mit einem Ausdruck der Unruhe: „Wer iſt dieſer Mann?“ „Ich weiß es in der That nicht, Madame,“ ver⸗ ſetzte Jean.„Ich ſah ihn zweimal unter ſeltſamen Verhältniſſen; aber ſeinen Namen weiß ich nicht.“ Sobald der Fremde die oben angeführten Worte ausgeſprochen hatte, kreuzte er ſeine Arme über die Bruſt und ging, von den Umſtehenden bei der geſchäf⸗ tigen Bewegung der Ankunft kaum beachtet. Aber die Herzogin folgte ihm noch mit den Augen und als ſie weiterging, wiederholte ſie zweimal des Fremden Worte: — N 103 „Ich finde Euch treu und wahr unter den Fal⸗ ſchen und Trügeriſchen.“ Dann blickte ſie Jean Charoſt lebhaft in's Ge⸗ ſicht und fügte hinzu: „Wollt Ihr auch gegen mich treu und wahr ſein, junger Herr?“ „Das wird er gewiß, Mutter,“ ſagte der junge Prinz, den ſie an der Hand führte. „Gegen Alle, die mir vertrauen, werde ich es ſein, Madame,“ verſetzte Jean Charoſt.„Wenn ich es nicht bin, bitte ich Gott, daß ich ſterben möge.“ Siebentes Kapitel. Als ſie nur noch eine kurze Strecke von dem Schloſſe Beauté entfernt waren, wurde Armand Chauvin vor⸗ ausgeſchickt, um die Ankunft der Herzogin anzumel⸗ den. Sie ſelber ließ, obgleich es noch immer ſehr kalt war, die Vorhänge zurückſchlagen, um das Schloß ſehen zu können, ehe ſie es erreichte. Ihre ängſtliche Erwartung nahm offenbar zu, als ſie ſich der Woh⸗ nung ihres Gatten näherte; und wer empfindet nicht eine ſeltſame Aengſtlichkeit hinſichtlich deſſen, was die Zeit gethan haben mag, nachdem man lange von de⸗ nen, die wir lieben, abweſend geweſen? In jenem Augenblicke ſcheint ſich uns die Ungewißheit des menſch⸗ lichen Schickſals, die ſtündliche Gefahr jedes Glücks, die dunkle Möglichkeit jedes Augenblicks des Daſeins auf einmal dem Geiſte aufzudrängen. Ich habe oft gedacht, wenn der Menſch nur wüßte, auf welcher ſchwindligen Höhe ſein Glück beſtändig ſteht, die Ab⸗ 105 gründe, die ihn von allen Seiten umgeben, ſo würde das Leben unerträglich ſein. Aber er befindet ſich in der Mitte eines freundlichen Nebels, der ſeinem Auge die Abgründe verbirgt, und er wird von einer in jenem Nebel gleichfalls unſichtbaren Hand weiterge⸗ führt, die ſeine Schritte richtig leitet und ihn endlich in die Heimath bringt. Nur die lebhafte Aengſtlich⸗ keit für die, welche wir lieben, zerſtreut auf einen Augenblick die Dünſte und gewährt uns einen kurzen Anblick von den Gefahren, die unſer ſterbliches Daſein umgeben, während die Hand des allmächtigen Führers verborgen und nur zu oft unerkannt bleibt. Als ſie noch eine Stunde von dem Schloſſe ent⸗ fernt waren, ſah man die Thürme und Zinnen über die Seite des bewaldeten Hügels hinwegragen, dann verſchwanden ſie wieder, zeigten ſich nochmals und wurden wieder unſichtbar. Die Herzogin winkte Jean Charoſt, an die Seite der Sänfte zu kommen, unter⸗ hielt ſich eine Zeitlang mit ihm und fragte ihn, wie lange er ſchon in des Herzogs Dienſten ſei, wer ihn ihrem Gemahl empfohlen habe, ſo wie auch nach ſei⸗ ner Familie und ſeinem Geburtsorte. Sie fragte auch genauer nach dem Geſundheitszuſtande ihres Gemahls, und ob ſeine Krankheit plötzlich geweſen, oder ob ſich früher Symptome der abnehmenden Geſundheit ge⸗ zeigt; aber ſie that nicht eine einzige Frage hinſicht⸗ lich ſeiner Lebensweiſe, ſeiner Gewohnheiten und Hand⸗ . 106 lungen. Eine ſolche Frage war freilich unnöthig; aber auch wenn ſie es nicht ſchon zu gut gewußt hätte, würde ſie dieſelbe nicht ausgeſprochen haben. Endlich hatte man den Gipfel des Hügels er⸗ reicht, den Wald hinter ſich gelaſſen und das Thor des Schloſſes Beauté war zu ſehen, wo bereits zu beiden Seiten der Zugbrücke die Dienerſchaft aufge⸗ ſtellt war, um die Herzogin feierlich zu empfangen. Sobald der kleine Zug auf dem Wege zu ſehen war, lief ein Page in die Wachſtube im Thurme des Thores, und im nächſten Augenblicke kam eine andere Geſtalt mit dem Knaben heraus und ging auf der Brücke weiter. Zu Jean Charoſt's großer Freude und Be⸗ ruhigung erkannte er die Figur des Herzogs; und als er die Herzogin anblickte, ſah er eine helle und dant⸗ bare Thräne in ihren Augen funkeln, die über ihre Wange niederrollte, obgleich ſie ſich bemühte, ſie zu⸗ rückzuhalten.— Im nächſten Augenblicke ſtand der Herzog neben der Sänfte; die Maulthiere hielten an, und ſich vor⸗ wärts neigend, umarmte er ſeine Gattin. Sie ließ ihren Kopf auf ſeine Schulter ſinken und vergoß Thränen, aber ſie wurden bald verbannt und Alle zeig⸗ ten freudige Blicke. Jean Charoſt konnte indeß nicht umhin, zu bemerken, daß der Herzog ſehr blaß war, und um einige Jahre älter ausſah, als da er ihn zu⸗ letzt geſehen. Eins aber war ſehr befriedigend für die Augen des jungen Mannes. Er zeigte eine Hei⸗ terkeit und Zärtlichkeit des Ausdrucks, als er die Her⸗ zogin begrüßte, die er, nach Allem, was er gehört hatte und wußte, nicht erwartet hatte. Alle die älte⸗ ren Diener zeigten große Zufriedenheit in ihren Ge⸗ ſichtern. Lomelini ſtrahlte vor Freude, und ſelbſt Monſieur Blaize vergaß ſeine gewohnte Förmlichkeit und geſtattete ſeinem Geſichte, ein wohlgefälliges Lächeln anzunehmen. Er faßte auch freundlich Jean Charoſt's Arm, als der Herzog und die Herzogin in das Schloß gingen, führte ihn über den Hofplatz und ſagte in leiſem Tone: „Ihr habt einen guten Dienſt geleiſtet, mein junger Freund, indem Ihr die Dame in dieſes Haus geführt— es iſt ein Dienſt, der wohl eine große Menge Fehler wieder gut machen kann. Sie war ſeit vier Jahren nicht hier.“ „Ich hoffe, ich habe nicht ſehr viele Fehler wie⸗ der gut zu machen, mein guter Herr,“ antwortete Jean Charoſt lächelnd.„Wenn es iſt, muß es ohne mein Wiſſen geſchehen ſein.“ „O! das iſt natürlich eine Sache, die Ihr mit Eurem eigenen Gewiſſen abzumachen habt,“ entgegnete Monſieur Blaize mit linkiſchem Benehmen.„Es iſt meine Sache nicht.“ „Es iſt mir lieb zu hören, daß ich Euch wenig⸗ ſtens nicht beleidigt habe,“ ſagte Jean Charoſt. 108 „Ihr waret mein erſter Freund im Haushalte, Mon⸗ ſieur Blaize, und es würde mir ſehr leid ſein, Euch eine Veranlaſſung zum Vorwurfe zu geben.“ „D nein, nein,“ verſetzte der alte Stallmeiſter. „Gegen mich habt Ihr durchaus nicht gefehlt. Aber die Herzogin, wie hat ſie die Reiſe überſtanden? Be⸗ gegnete ihr irgend eine Schwierigkeit oder ein Mißge⸗ ſchick auf dem Wege?“ „Durchaus keins,“ antwortete der junge Sekre⸗ tair.„Das fürchtete man vermuthlich nicht.“ Dann fügte er mit ſcharfſichtigerer. Beurtbeimug des Herrn Blaize, als man von einem ſo jungen Manne hätte erwarten ſollen, hinzu:„Wäre irgend eine Gefahr vorhanden geweſen, ſo würde der Herzog natürlich Euch oder irgend einen anderen Herrn von militai⸗ riſcher Erfahrung geſchickt haben.“ Monſieur Blaize war offenbar wohl zufrieden mit der Antwort, dennoch aber antwortete er: „Vielleicht konnte ich während der Krankheit Seiner Hoheit an dieſem Orte nicht entbehrt werden. Wir waren hier in großer Beſtürzung, ſo viel kann ich Euch ſagen, mein junger Freund.“ „Iſt er denn ſehr krank geweſen?“ fragte der Sekretair. „Zwei Tage nach Eurer Abreiſe glaubte ihn Nie⸗ mand von ſeinem Bette aufſtehen zu ſehen,“ verſetzte Monſieur Blaize,„und er ſelber dachte offenbar, daß 109 ſeine letzte Stunde gekommen ſei. Er ließ einen No⸗ tar kommen, machte ſein Teſtament und ſah ſich end⸗ lich genöthigt, einen Arzt aus Paris kommen zu laſſen— einen ſehr geſchickten Mann freilich, der den Mond und die Sterne befragte, den günſtigen Augen⸗ blick wählte, ihm Benzoe und Honig, ſowie einen Trank gegen das Fieber und Tropfen gab, wovon er das Geheimniß nicht ſagen wollte, die wir aber für trinkbares Gold hielten. Sie übten eine wunderbare Wirkung. Er kündigte zuverſichtlich an, daß der Herzog am dritten Tage beim Mondwechſel beſſer ſein würde, und ſo war es. Seine Hoheit beobachtete ängſtlich die Minute, und ſo wie die Glocke ſchlug, ſagte er zu unſerer großen Freude, er fühle Erleich⸗ terung. Seit jener Zeit iſt es immer beſſer mit ihm ggeworden; doch kann man noch nicht ſagen, daß er ganz hergeſtellt iſt. Und nun, wenn Ihr meinen Rath annehmen wollt, ſo geht in die Speiſekammer und laßt Euch etwas zu eſſen geben, dann legt Euch nie⸗ der, um Euch auszuruhen, denn Ihr ſeht ſo hohl⸗ äugig und angegriffen aus, wie ein alter Hofmann. Es war eine zu ſchwere Aufgabe für einen Knaben, wie Ihr ſeid.“ Während der ganzen Unterredung hatte Jean Charoſt darüber nachgedacht, welche Fehler der gute Monſieur Blaize ihm wohl zur Laſt legen möge, und er kam natürlich zu Schlüſſen, die nicht weit von der 110 Wahrheit entfernt waren. Es war nur ein Punkt in ſeiner ganzen Geſchichte, hinſichtlich deſſen das ge⸗ ringſte Geheimniß obwalten konnte, und er urtheilte mit Recht, wenn man ihm eine böſe Handlung zu⸗ ſchreiben wolle, ſo müſſe man davon ausgehen. Er war indeſſen entſchloſſen, wenn möglich mehr zu er⸗ fahren, und als Antwort auf Herrn Blaize's Rath, ſich Speiſen und Ruhe zu verſchaffen, ſagte er lachend: „O nein, Monſieur Blaize, ſchlafe, muß ich zu dem Weiler hit mein Kind beſuchen.“ „Ei, Ihr ſprecht kalt genug davon,“ bemerkte Blaize. „Warum ſollte ich es nicht?“ entgegnete Jean Charoſt raſch; aber der ältere Herr wendete ſich plötz⸗ lich ab und verließ ihn. Dies bewies Jean Charoſt, daß in dem Haushalte eine Verläumdung in Betreff des Kindes, welches auf ſo ſeltſame Weiſe in ſeine Hände gerathen, in Umlauf geſetzt worden. Aber durch frühes Mißgeſchick und ſchwierige Verhältniſſe hatte er raſch und kräftig zu entſcheiden gelernt, und im gegenwärtigen Falle entſchloß er ſich bald, die erſte Gelegenheit zu benutzen, dem Herzoge von Orleans ſeine eigene Geſchichte zu erzählen und Alles zu er⸗ ehe ich eſſe oder nunter gehen und klären, ſo weit er dazu im Stande war. n Nartin Grille einige Befehle Sobald er indeſſe 111 ertheilt hatte, ſchlenderte er zu dem Weiler hinunter und ſuchte das Haus der Frau Moulinet auf. An⸗ fangs klopfte er mit der Hand an, als er aber keine Antwort erhielt, obgleich er Jemand im Innern reden zu hören glaubte, öffnete er die Thür und trat ſogleich in das Wohnzimmer. Frau Moulinet ſaß dort, das Kind auf ihrem Knie; aber die Thür an der entgegen⸗ geſetzten Seite des Zimmers ſchloß ſich gerade, als Jean Charoſt eintrat, und er erblickte einen ſchwarzen Sammetmantel, ehe die Thür völlig geſchloſſen wurde. „Wie gedeiht das Kind, Frau Moulinet?“ fragte Jean Charoſt, mit Intereſſe auf das Kind nieder⸗ blickend, aber nicht mit jener eigenthümlichen Bewun⸗ derung, welche erwachſene Frauenzimmer für ein ſehr junges Kind empfinden und erwachſene Männer oft affektiren. Die gute Frau gab ihm die Verſicherung, das Kind gedeihe vortrefflich, und dann fragte Jean Charoſt, ob während ſeiner Abweſenheit Jemand da⸗ geweſen ſei und nach dem Kinde gefragt habe. „O! eine Menge Leute vom Schloſſe, mein Herr,“ antwortete die gute Frau;„unter dieſen der unverſchämte junge Burſche de Royans und der alte Herr Blaize, der Kaplan und der Narr. Aber außer dieſen,“ fuhr ſie mit leiſerer Stimme fort,„kam eines Abends, gerade als wir zu Bette gehen wollten, ein fremder, wildausſehender Herr mit langem grauem 112 Haar, welcher wahnſinnig ſchien und mich und mei⸗ nen Mann ſehr erſchreckte. Er that viele Fragen. Dann ſtarrte er das Kind volle fünf Minuten an und rief endlich:„„Ja gewiß, ſie ſah einſt ſo aus!““ Und dann warf er eine Börſe auf den Tiſch nieder, worin ſich funfzig Goldkronen befanden. So hat das Kind alſo ſchon ein kleines Vermögen.“ „Kanntet Ihr ihn nicht?“ fragte Jean Charoſt. „Ich ſah ihn nie vorher in meinem Leben,“ ver⸗ ſetzte die Frau;„und in Wahrheit wußte ich nicht, was ich Denen antworten ſollte, die mich wegen des Kindes befragten, da Ihr fort waret und mir nicht geſagt hattet, was ich ſagen ſollte. Alles, was ich den Leuten mittheilen konnte, war daher, daß Ihr das Kind hieher gebracht, gut für die Verpflegung deſſelben bezahlt und mir im Namen des alten Herrn meines Vaters anbefohlen, gut für daſſelbe zu ſorgen.“ „Und war denn jener wildausſehende Mann nicht der alte Herr Eures Vaters?“ fragte Jean Charoſt mit einiger Ueberraſchung. „O nein, Herr!“ verſetzte Frau Moulinet. „Eine Handbreit größer war dieſer und nicht halb ſo ſtark— ein ganz anderer Mann.“ Jean Charoſt ſann ſchweigend nach; doch that er keine weiteren Fragen und kehrte bald darauf in das Schloß zurück. Als er über den Vaſpla ging, war die erſte 113 Perſon, die dem jungen Sekretair begegnete, Seig⸗ neur André, der Narr, welcher ſogleich mit viel Bos⸗ heit von dem Kinde zu reden begann. „Aha! Herr Sekretair,“ ſagte er,„ich wünſche mit Euch durch die Wälder zu ſtreifen, um den Kin⸗ derbaum zu finden, der lebendige Eicheln trägt. Bei meinem Glauben, der Herzog ſollte Euch mit eigener Hand zum Ritter ſchlagen, als den Führer der Damen und den Beſchützer der Waiſen, als den Vertheidiger der Frauen und Kinder.“ „Mein guter Freund,“ verſetzte Jean Charoſt, „ich denke, er ſollte Euch auch befördern. Ich habe von vielen Herren Eurer Profeſſion gehört; aber alle ſind im Vergleich mit Euch nur Narren zum Schein. Die Anderen nennen ſich nur Narren— Ihr ſeid es in Wirklichkeit.“ Mit dieſen beißenden Worten, mehr aufgeregt vielleicht durch ein neues Gefühl des Zweifels und der Verlegenheit, als durch die offenbare Bosheit des Narren gegen ihn, ging er weiter und begab ſich auf ſein Zimmer. Der Reſt des Tages verging ohne ein bemerkens⸗ werthes Ereigniß, mit Ausnahme der deutlich gegen ihn an den Tag gelegten Abneigung Derjenigen, die länger im Dienſte des Herzogs geweſen waren, als er. Er war ſich freilich nicht bewußt, dieſelbe zu verdie⸗ nen; aber er mußte eine von den ſchmerzlichen Lektionen Agnes Sorel. II. 8 „ 114 der Welt lernen— nänlich, daß glücklicher Erfolg und Gunſt beſtändig bittere Feinde machen; und er hatte bereits einige Fortſchritte in dieſem Studium ge⸗ macht. Er achtete daher auf keine Winke, Scherze und Andeutungen, ſondern begab ſich auf ſein Zimmer und las beinahe eine Stunde. Nach Verlauf dieſer Zeit trat einer von den vor⸗ züglichſten Dienern des Herzogs ein und ſagte kurz: „Herr von Brecy, Seine Hoheit wünſcht Euch in ſeinem Toilettenzimmer zu ſprechen.“ Jean Charoſt folgte ſogleich und fand den Her⸗ zog in ſeinem mit Pelz beſetzten Schlafrocke daſitzend, als wollte er ſich zur Ruhe begeben. Sein Geſicht war ernſt und hatte eine gewiſſe Strenge an ſich, die Jean Charoſt noch nie vorher bemerkt hatte. Er ſprach indeſſen freundlich und bat den jungen Herrn, ſich zu ſetzen. „Ich höre von der Herzogin, mein Freund,“ ſagte er,„daß Ihr die Aufgabe, die ich Euch über⸗ tragen, gut und mit Eifer erfüllt habt, und ich danke Euch dafür. Ich wünſche indeſſen einen umſtändliche⸗ ren Bericht über Eure Reiſe von Euren eigenen Lip⸗ pen. Ihr kamet früher in Blois an, als ich es für möglich hielt. Ihr müßt ſtark geritten ſein.“ „ Ich verlor keine Zeit, Hoheit,“ antwortete Jean Charoſt;„aber es geſchah unterwegs ein Ereig⸗ niß, welches mich veranlaßte, eine ganze Nacht durch zu reiten, ohne anzuhalten, obgleich die Pferde ſehr ermüdet waren. Wenn Eure Hoheit Muße haben, iſt es durchaus nöthig, daß ich Euch alle Abenteuer jener Nacht erzähle, da ſie vielleicht von Wichtigkeit ſein mögen.“ Der Herzog lächelte wohlgefällig und ſagte: „Erzählt mir jetzt Alles. Ich werde erſt in einer Stunde zu Bette gehen; darum werden wir Zeit ge⸗ enug haben.“ In der Kürze, aber ſo klar und ſo deutlich, wie möglich, erzählte Jean Charoſt dem Prinzen Alles, was zwiſchen ihm und dem Herzog von Burgund vor⸗ gegangen, und trug beſonders Sorge, den Beſuch im Hauſe des Aſtrologen zu erwähnen, ſo wie auch, daß er von einem Fremden auf dem Wege nach Blois ge⸗ leitet worden. Des Herzogs Geſicht wechſelte ſehr, während er zuhörte, zuweilen nahm es einen Ausdruck des ernſten, tiefen Nachdenkens und dann wieder den der ſarkaſtiſchen Heiterkeit an. Endlich lachte er laut. „Was doch die Menſchen aus kleinen Umſtänden machen können!“ ſagte er.„Aber Wahrheit und Redlichkeit werden Alles überwinden. Es iſt mir lieb, daß Ihr mir dies ſo offen erzählt habt, de Brecy.“ Dann ſchwieg er einige Minuten und fügte plötz⸗ lich hinzu: 8* „Mein guter Vetter von Burgund war immer ſehr neugierig. Ich glaube, dies Alles war nur Neu⸗ gierde, mein Freund. Ich glaube nicht, daß er etwas Böſes gegen Euch oder gegen mich im Sinne hatte. Er wollte Alles wiſſen, denn er iſt ein ſehr argwöh⸗ niſcher Mann.“ „Ich denke, gnädigſter Herr, er iſt einer der un⸗ angenehmſten Männer, die ich je geſehen habe,“ ent⸗ gegnete Jean Charoſt.„Selbſt ſeine Herablaſſung hat etwas Verächtliches an ſich.“ „Und doch giebt es Leute, de Brecy,“ verſetzte der Herzog,„die aus Eurer Zuſammenkunft mit Jo⸗ hann von Burgund gern eine Anklage gegen Euch machen möchten.“ Jean Charoſt blickte dem Herzoge mit einiger Ueberraſchung in's Geſicht, indem er ſich nicht hatte träumen laſſen, daß er ſo bald Nachricht von dem, was auf dem Wege geſchehen, ſollte erhalten haben. „Es wundert mich, daß Armand ſich gegen mich ausgeſprochen, gnädigſter Herr,“ ſagte er,„denn er muß geſehen haben, wie ſehr ich zu entkommen wünſchte.“ „Der arme Armand hat keine Schuld,“ ſagte der Herzog.„Er hatte Nichts mit der Sache zu thun; aber Ihr habt Feinde in dieſem Hauſe, de Brecy, welche finden werden, daß ich mich auf Höfe und Hofleute verſtehe und nie meine gute Meinung von Euch erſchüttern laſſen werde, ſo lange Ihr red⸗ lich und offen gegen mich ſeid. Sie ſchickten den boshaften Narren André ab, um etwas von Armand Chauvin herauszubringen. Er bewog ihn, Alles zu erzählen, was geſchehen war; und als ich den Nar⸗ ren rufen ließ, um mich auf eine halbe Stunde zu zerſtreuen, ſagte er mir mit ſeiner weiſen Miene, Ihr hättet eine Unterredung mit dem Herzoge von Bur⸗ gund gehabt, die mehrere Stunden gewährt. Es iſt ſeltſam, wie nahe eine halbe Wahrheit zuweilen einer ganzen Lüge kommt! Man hat es während Eurer Abweſenheit nicht an übler Nachrede fehlen laſſen.“ Dennoch bezweifle ich nicht, daß Ihr alle ihre Erzäh⸗ lungen ebenſo leicht widerlegen könnt, wie dieſe. Selbſt, wenn Ihr eine Unbeſonnenheit begangen, habe ich deshalb kein Recht, Euch zu tadeln. Nun gute Nacht! Nächſtens will ich mehr mit Euch reden— als Euer Freund, der mehr Erfahrung beſitzt— der gelitten, wenn auch geſündigt hat.“ „Ich danke Eurer Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt, „und ich will Euch dieſen Abend nicht weiter beläſti⸗ gen; aber über eine Sache, die für mich— nicht für Eure Hoheit— von Wichtigkeit iſt, möchte ich gern mit Euch reden, um mir in meiner Unerfahrenheit Rath und Belehrung zu erbitten, wenn Ihr mir auf einige Minuten Audienz geben könnt.“ „Ha!“ ſagte der Herzog, aber in dem Augen⸗ blicke ſchlug die Schloßuhr elf, und er fügte hin⸗ zu:„Morgen Vormittag will ich Euch rufen laſſen.“ Hiemit entließ er den jungen Sekretair. Achtes Kapitel. Auf dem Hofplatze des Schloſſes Beauté, der ein langes und ziemlich ſchmales Viereck bildete, waren die meiſten männlichen Mitglieder des Haushalts des Herzogs von Orleans am zweiten Tage nach Jean Charoſt's Rückkehr aus Blois verſammelt. Einige waren zu Pferde und einige zu Fuß; neun oder zehn von den jüngeren Männern waren mit langen, eſche⸗ nen Stäben, gleich Lanzen, bewaffnet, während die Uebrigen ihre gewöhnlichen Reitkleider und keine an⸗ dere Waffen, als Schwert und Dolch, trugen. Alle dieſe ſtanden an dem einen Ende des Hofes, während ein Trompeter, der ſeine Trompete auf ſeiner Hüfte ruhen ließ, ein wenig weit voraus ſtand. Am anderen Ende des Hofes ſtand ein hoher, hölzerner Pfoſten und darauf eine grotesk ausgehauene Figur, die das Bruſtbild eines Mannes vorſtellte, der. beide Arme ausſtreckte und in jeder Hand einen lan⸗ 120 gen, ſchweren Prügel hielt. Nach einer augenblick⸗ lichen Pauſe und einer Berathung unter den älteren Perſonen wurde einer von den untergeordneten Die⸗ nern abgeſchickt, um als Meiſter der Quintane zu fungiren; aber er ſtellte ſich außer den Bereich des Prügels, den die Figur in der Hand hielt.. Das Spiel, welches beginnen ſollte, war von ſehr altem Urſprunge und meiſtentheils von graziöſe⸗ ren Uebungen verdrängt worden. Aber der Herzog von Orleans liebte die alten Sitten ſehr und hatte manche ritterliche Spiele, welche außer Gebrauch ge⸗ kommen waren, wieder eingeführt. Auf ein Signal des Monſieur Blaize, welcher zu Fuß war, ſetzte der Trompeter ſein Inſtrument an ſeine Lippen und blies, worauf ſich die jungen Kava⸗ liere in einer Reihe aufſtellten und den Ruf zum An⸗ griffe erwarteten. Einer von der Geſellſchaft ſprengte ſogleich mit eingelegter Lanze vorwärts auf die Quin⸗ tane zu und zielte gerade auf die Mitte des Kopfes der Figur. Es war noch ein ſehr junger Menſch und ſein Arm nicht ſehr feſt; ſo verfehlte er ſein Ziel und traf die Wange der Figur. Die Quintane drehte ſich von dem Stoße mit ausgeſtreckten Armen herum, und da das Pferd den Jüngling weiter trug, ſo hätte er einen furchtbaren Schlag mit dem hölzernen Prü⸗ gel auf den Rücken erhalten müſſen, hätte er ſich nicht auf den Hals des Pferdes niedergebeugt, ſo daß der 121 4 Schlag über ihn hinwegging. Einige lachten, aber n Juvenel de Royans, welcher zunächſt folgte, rief laut: 3„Das gilt nicht.“ 1„Freilich gilt es,“ verſetzte Jean Charoſt, der 3 in der Nähe ſtand. „Was wißt Ihr davon?“ rief der Andere un⸗ 1 geſtüm.„Bleibt bei Euren Federn und bei Dingen, — die Ihr verſteht.“ „Vielleicht verſtehe ich es beſſer, als Ihr, Herr von Royans,“ verſetzte Jean Charoſt völlig ruhig. „Es iſt das Lieblingsſpiel zu Bourges, und wir hal⸗ ten es für eine faſt ebenſo große Kunſt, dem Schlage auszuweichen, als die Quintane gerade zu treffen.“ „Das iſt vermuthlich die Kunſt eines Feiglings,“ ſagte Juvenel de Royans. „Still, ſtill!“ rief Monſieur Blaize.„Still, Herr! Blaſet wieder, Trompeter!“. Ein Anderer machte den Verſuch, traf die Quin⸗ tane beſſer, ohne ſie aber herunter zu werfen. De Royans folgte, traf die Figur gerade vor die Stirn und erſchütterte den ganzen Pfoſten, doch blieb das hölzerne Bild noch ſtehen. Die große Kunſt des Spieles beſtand darin, nicht nur die Figur ſo genau zu treffen, daß ſie ſich nicht im Geringſten drehte, ſondern ſo niedrig, daß die Erhebung der Spitze ſie von dem Zapfen herunter⸗ werfen mußte. Aber dies war ein etwas gefährliches 4 „ ————jü’ 1 122 Manoeuvre, denn da die Bruſt der Figur ganz eben und kein Mittelpunkt darauf bezeichnet war, ſo mußte die geringſte Abweichung zur Rechten oder Linken einen von den Prügeln mit furchtbarer Gewalt her⸗ umtreiben, und de Royans wagte dies nicht zu ver⸗ ſuchen. Jean Charoſt aber, den ſein Vater ſchon als Knabe in dieſem Spiele geübt hatte, zielte gerade auf die Bruſt: aber er zahlte ſeine Verwegenheit mit einem heftigen Schlage, worüber de Royans und ſeine Kameraden in ein lautes Gelächter ausbrachen. Andere folgten, welchen es, ohne ſo viel zu wagen, eben ſo übel erging. Jedesmal, wenn die Quintane bewegt wurde, ſtellte der Diener die Figur mit der größten Sorgfalt wieder zurecht; und als alle jungen Männer ihr Glück verſucht hatten, begannen ſie die Reihe von Neuem. Der Wetteifer zwiſchen de Royans und de Brecy war jetzt bereits im Schloſſe allgemein be⸗ kannt und es wurde wenig auf das Spiel geachtet, ehe der Erſtere an die Reihe kam. Dann bat er Jean Charoſt mit verſtellter Höflichkeit, zuerſt ſein Glück zu verſuchen, und ſagte: „Ihr bekleidet einen höheren Rang im Haus⸗ halte, Herr; und um die Wahrheit zu ſagen, möchte ich gern Euer Kunſtſtück lernen, wenn Ihr es noch einmal verſuchen wollt.“ —O——ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—x—————— 123 „Gewiß will ich das,“ entgegnete Jean Charoſt, „und es wird mich glücklich machen, Euch das, ſo wie viele andere Dinge zu lehren. Ich will zuerſt ren⸗ nen. Die Figur ſteht nicht gerade,“ fuhr er fort, indem er dem Meiſter der Quintane zurief:„Dreht den rechten Arm noch einen Zoll weit herum.“ Es erfolgte ein kurzer Streit, ob die Figur gerade ſtehe oder nicht; endlich aber ertönte die Trom⸗ pete wieder. Jean Charoſt zielte ſicherer, traf die Geſtalt vor die Bruſt, erhob zugleich ſeinen Arm ein wenig und warf ſie auf den Boden. Dann ſchwenkte er ſein Pferd herum, während der Diener die Figur wieder aufſtellte, und kehrte auf ſeinen Poſten zurück. Aber Niemand rief:„Bravo!“ als Monſieur Blaize; Juvenel de Royans biß ſich in die Lippe und es zeigte ſich ein rother Fleck auf ſeiner Wange. Raſch, zuverſichtlich und zornig, gab er ſich nicht die Mühe, darauf zu ſehen, ob die Figur auch gerade ſtehe, ſondern galoppirte darauf los, ſobald die Trom⸗ pete ertönte, entſchloſſen, ſich nicht übertreffen zu laſ⸗ ſen und zielte gerade auf die Bruſt. Ob ſein Pferd von der geraden Linie abwich oder ob die Geſtalt nicht richtig aufgeſtellt war, weiß ich nicht, aber er traf beträchtlich rechts von dem Mittelpunkte, und als er weiter geführt wurde, verſetzte ihm der uner⸗ bittliche Prügel einen Schlag in den Nacken, der ihn aus dem Sattel und auf den Boden warf. 124 Jean Charoſt lachte nicht; doch konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken, welches de Royans be⸗ merkte, als er ſein Pferd wieder zurückführte. Der Letztere war indeſſen ſchwindlig und verwirrt, und nachdem er ſein Pferd an einen Diener abgegeben hatte, ſtand er an ſeiner Lippe nagend da, ohne ein Wort mit irgend Jemand zu reden. Endlich, als die Andern das Spiel fortſetzten, ging er zu Jean Charoſt, der ſich jetzt ein wenig von den Uebrigen entfernt hielt, und es wurden einige raſche Worte und be⸗ deutungsvolle Blicke zwiſchen ihnen gewechſelt. Ihre Stimmen wurden lauter; de Royans berührte den Griff ſeines Schwertes; Jean Charoſt nickte mit dem Kopfe und ſagte etwas in leiſem Tone. „Pfui! pfui!“ rief Monſieur Blaize ſich nähernd; aber ehe er noch mehr hinzufügen konnte, wurde ein Fenſter gerade über ihnen geöffnet und die Stimme des Herzogs von Orleans rief: „Juvenel de Royans, habt Ihr Luſt, mit dem Gefängniſſe Bekanntſchaft zu machen? Es ſind Zellen für Euch unter dem Schloſſe; und ſo wahr ich lebe, ſollt Ihr eine davon kennen lernen, wenn Ihr in meinem Haushalte Streit anfangt. Ich kenne Euch, Herr; darum laßt Euch warnen. De Brecy, kommt hier herauf, ich bedarf Eurer.“ Jean Charoſt ſtieg ſogleich ab, gab ſein Pferd an Martin Grille und ſtieg zu der Gallerie hinauf, 125 von welcher der Herzog von Orleans dem Spiele zu⸗ geſehen hatte. Es war ein großes Zimmer, welches vermöge einer Thür in der Mitte und eines kleinen Vorſaales mit der erwähnten berühmten Gemälde⸗ gallerie in Verbindung ſtand. Man hörte Stimmen in dem anderen Zimmer, aber der Herzog ging noch einige Minuten nach der Ankunft des jungen Sekre⸗ tairs in demſelben Zimmer, wo er ihn gefunden, auf und ab, indem er ſich leicht auf Jean Charoſt's Arm ſtützte. „Ich weiß nicht, wie es iſt, mein junger Freund,“ ſagte er in ſinnendem Tone;„aber die Leute hier ſind offenbar nicht freundſchaftlich geſinnt gegen Euch. Indeſſen muß ich darauf beſtehen, daß Ihr durchaus nicht auf jenen zänkiſchen Jungen de Royans achtet.“ „Ich bin ſehr willig und bereit, Herr,“ ſagte Jean Charoſt,„mit ihm und mit Jedermann in Frie⸗ den zu leben, wenn man mich gleichfalls in Frieden läßt. Ich habe keinen von ihnen beleidigt; und doch muß iſt geſtehen, daß mir, ſeit ich in den Haushalt Eurer Hoheit eingetreten bin, nur Feindſchaft zu Theil geworden iſt, außer von dem guten Monſieur Blaize und Signor Lomelini, die, wie ich glaube, Beide meine Freunde ſind.“ Der Herzog ſann ſehr ernſthaft nach und erwie⸗ derte dann: „Ich weiß nicht, wie es iſt. Mir ſcheint Nichts in Eurem Benehmen und Eurer Aufführung zu lie⸗ gen, was etwas Anderes als Freundlichkeit und ſelbſt Achtung einflößen ſollte. Und doch,“ fuhr er mit be⸗ deutungsvollem Lächeln fort,„kann ich nicht ſagen, daß ich es nicht weiß. Ich weiß es ſehr wohl, mein junger Freund. Männer von Rang und Macht be⸗ denken nicht genug, daß Alle, welche ſie umgeben, mehr oder weniger an einem Wettlaufe Theil nehmen, wo der Wetteifer nothwendig in Feindſchaft ausartet, und daß den einzigen Beſitzer ihrer Gunſt leicht Neid und Bosheit verfolgt. Die gerechteren und edleren Mitbewerber begnügen ſich mit dem, was ſie erlangen können, oder beſtreiten wenigſtens einem glücklicheren Nebenbuhler nicht einen Theil des Verdienſtes; aber die niedrigeren und gemeineren Geiſter, und dieſe ſind am zahlreichſten, beneiden nicht nur, ſondern haſſen und verläumden auch.“ „Ich bin ſehr dankbar für alle Eure Güte gegen mich,“ entgegnete Jean Charoſt;„aber ich kann die Feindſchaft des Herrn von Royans und der Uebrigen nicht der Eiferſucht auf Eure Gunſt zuſchreiben, denn es war gleich vom erſten Augenblicke ſo, als ich in Euren Haushalt eintrat.“ „Oel und Waſſer miſchen ſich nicht leicht,“ ant⸗ wortete der Herzog.„Die Eigenſchaften, wegen wel⸗ cher ich Euch achte, machen, daß ſie Euch haſſen. Nicht als wären unſere Charaktere völlig gleich— im 127 Gegentheile ſind ſie ſehr verſchieden. Eure Gefühle, ſind nicht meine Gefühle, Eure Gedanken ſind nicht meine Gedanken; doch kann ich Euch begreifen und ſchätzen. Dieſe Leute können es aber nicht.“ „Ich fürchte, gnädigſter Herr,“ ſagte Jean Charoſt,„daß ich Eure gute Meinung mehr der un⸗ verdienten Gunſt, als meinen eigenen verdienſtlichen Handlungen verdanke— denn in der That habe ich noch keine Gelegenheit gehabt, Euch zu dienen.“ „Ja, Ihr habt mir große Dienſte geleiſtet,“ entgegnete der Herzog.„Vielleicht nicht durch Hand⸗ lungen, wohl aber durch Worte, die oft am wirkſam⸗ ſten ſind. Wer auf eines Menſchen Geiſt Einfluß äußert, wirkt mehr auf ihn, als der, welcher ſein irdiſches Glück befördert. Ich habe oft gedacht,“ fuhr er in ſinnendem Tone fort,„daß wir Denen nie gehörig dankbar ſind, durch deren Schriften, durch deren Bei⸗ ſpiel oder Rede unſer Herz, unſere Vernunft oder unſere Gefühle gebildet und vervollkommnet werden. Aber beruhigt Euch— Eure Tadler können meine gute Meinung von Euch nicht verändern. Nur Eins hat mich ein wenig in Verlegenheit geſetzt— nämlich dieſes Kind, welches Ihr, wie man mir ſagt, in einer Hütte in der Nähe untergebracht habt. Ich möchte gern wiſſen, wer die Eltern des Kindes ſind.“ „Darüber kann ich Eurer Hoheit keine Auskunft ertheilen,“ verſetzte Jean Charoſt;„doch will ich Euch die ganze Geſchichte mittheilen, ſo weit ich dazu im Stande bin.“ „Still!“ rief der Herzog, nach der Gemälde⸗ gallerie blickend, deren Thür in dem Augenblicke von der Herzogin geöffnet wurde. „Ich fürchte oder ſchäme mich nicht, Alles in Gegenwart der Herzogin zu erzählen,“ verſicherte Jean Charoſt.„Die Sache mag auffallend genug ſein, aber ſo weit ſie mich betrifft, iſt ſie ſehr ein⸗ fach.“ „Nun gut,“ ſagte der Herzog, ſich zur Herzogin wendend, die ſich langſam und ein wenig furchtſam näherte,„Ihr ſollt weiter erzählen, und Euer Bericht ſoll unſere Morgenunterhaltung ſein.“ Sein ganzes Weſen veränderte ſich im Augen⸗ blicke, und mit heiterem und funkelndem Blicke ſagte er zu der Herzogin: „Komm hieher, meine liebe Gattin, und ſei bei dem Verhöre dieſes jungen Uebertreters zugegen. Er wird bei mir beſchuldigt, mehr in Worten, als in Handlungen fromm zu ſein— finſter zu blicken, wie ein Franziskaner, auf alle die leichten Vergehungen der Liebe— und doch, denke nur! ſagt man mir, iſt ihm eine junge Dame hieher gefolgt, die er in einer von den Hütten unterhalb des Schloſſes untergebracht. Wenn ich dagegen einem hübſchen Mädchen einen Blick 129 zuwerfen wollte, würde er mich ſo ſauer anſehen, wie eine alte Aebtiſſin eine junge, weltlich geſinnte Nonne.“ Die Herzogin ſah Jean Charoſt in's Geſicht und ſagte dann: 4 „Ich will mich für ihn verbürgen, daß dieſe Ge⸗ ſchichte falſch iſt.“ „Nicht ſo, Ihre Hoheit,“ fiel Jean Charoſt ein. „Die Geſchichte iſt größtentheils wahr; aber Seine Hoheit der Herzog hätte hinzufügen ſollen, daß die⸗ ſes ſchöne Mädchen keine drei Monate alt ſein kann.“ „Das wird ja immer ſchlimmer!“ rief der Her⸗ zog.„Ihr könnt der Strafe für eine Sünde nicht entgehen, mein Freund, indem Ihr eine noch größere vorſchützt. Aber erzählt uns, wie das Alles geſchehen iſt. Laßt uns Eure Vertheidigung hören.“ „Es iſt eine einfache und wahre Geſchichte,“ ſagte Jean Charoſt.„An demſelben Morgen nach unſerer Ankunft ritt ich in Begleitung meines Die⸗ ners Martin Grille aus, um mir Bewegung zu machen. In einem etwa anderthalb Stunden entfernten Gehölze ſahen wir nicht weit vom Wege den Rauch eines Feuers aufſtkigen. Mein Diener glaubte, hinter jedem Baume ſei ein Räuber verborgen, und obgleich er mir ſeine Furcht nicht mittheilte, erregte er doch meine Neugierde wegen dieſes Feuers. Daher—“ „In der Meinung, daß, wo ein Feuer brenne, Agnes Sorel. II. 9 13 auch Jemand ſein müſſe, der es angezündet, ginget Ihr darauf zu,“ fiel der Herzog ein.„Das iſt ſchon in jedem Winkel des Hauſes, von den Bodenkammern vis zu den Gaſtzimmern, erzählt worden. Was ge⸗ ſhhah zunäͤchſt?“ „Ich entdeckte Pferdeſpuren,“ fuhr Jean Charoſt fort,„die einige hundert Schritte weit durch die Büſche führten, und ſah noch immer den Rauch durch die Bäume aufſteigen. Auch hörte ich Männer laut reden und glaubte daher ihnen näher kommen zu können, ohne geſehen zu werden. Aber plötzlich ſprangen zwei Männer aus dem Dickichte hervor, wo ſie verborgen gelegen, ergriffen mich und riefen:„„Hier iſt ein Spion— ein Spion!““ Mehrere Andere eilten rufend und fluchend herbei, und bald darauf wurde ich zu einem kleinen, freien Raume unter einer alten Buche geſchleppt, wo das Feuer brannte. Dort fand ich noch drei oder vier Männer auf dem Schnee lie⸗ gend, die alle, bis auf einen, völlig bewaffnet waren. Pferde ſtanden rings umher angebunden. Hie und da lehnte eine Lanze an den Bäumen und Streitäxte und Streitkolben hingen an den Sättein; aber die Harniſche waren roſtig und die Geſichter meiner neuen Bekannten waren nicht beſonders rein. Der Mann, welcher unbewaffnet war und den ich für einen Ge⸗ fangenen hielt, wie mich, ſtand, ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt, vor dem Feuer. Er war ein großer 13¹ Mann in mittlerem Alter, ſein Haar war grau und ſeine Kleidung einfach, doch hatte er eine Miene ſtren⸗ ger Würde, die nicht leicht zu vergeſſen war.“ „Hatte er gar keine Waffen?“ fragte der Herzog. „Keine, nicht einmal Schwert oder Dolch,“ ver⸗ ſetzte Jean Charoſt.„Ein großer, ſtarker Mann, der auf dem Schnee lag, als wäre es ein Federbett ge⸗ weſen, ſtreckte ſeine Füße gegen das Feuer aus, und zu meiner Ueberraſchung ſah ich ein kleines Kind neben ihm liegen, welches ganz eingewickelt war, ſo daß man nur das Geſicht ſah, und auf einem Bette von Tannenzweigen lag. Anfangs ſchienen ſie mir das Leben nehmen zu wollen und behaupteten, ich wäre gekommen, um ihre Bewegungen auszuſpioniren. Dann ſtellten ſie mir die Wahl, ob ich mit ihnen gehen und ein Mitglied ihrer Bande werden oder ob ich ſterben wolle. Als ich das Letztere wählte, waren ſie im Begriff, mich ohne Weiteres zu tödten, als der unbewaffnete Mann wider meine Erwartung in ge⸗ bieteriſchem Tone dagegen ſprach. Kurz, er befahl ihnen, davon abzuſtehen, und nachdem er dem ſtarken Manne einige Worte zugeflüſtert, deutete er auf das Kind und ſagte zu mir, wenn ich einen feierlichen Eid ablegen wolle, es zu überwachen und zu beſchützen, als Vater für daſſelbe zu ſorgen und darauf zu ſehen, daß es in Unſchuld und Wahrheit erzogen und unter⸗ richtet werde, ſo wollten ſie mich ziehen laſſen.“ 9* 13²2 „Kanntet Ihr den Mann?“ fragte der Herzog von Orleans mit mehr Intereſſe, als er vorher ge⸗ zeigt. „Nein, gnädigſter Herr,“ verſetzte der junge Se⸗ kretair.„Ich hatte freilich eine ſehr matte Erinne⸗ rung, ſein Geſicht ſchon irgendwo anders geſehen zu haben; aber er ſchien mich offenbar zu kennen, denn er ſprach mit mir als einem Anhänger Eurer Hoheit und fragte, wie lange ich bereits Paris verlaſſen habe. Seine Worte waren wild, denn wenn auch einige Sätze zuſammen hingen, ſchienen ſie ihm mit Gewalt abgerungen zu werden, während er ſeine Augen auf das Feuer oder auf den Boden richtete. Sobald die⸗ ſelben ausgeſprochen waren, verſank er wieder in ſein früheres Schweigen. „Vielleicht war er ein Kaufmann,“ ſagte der Herzog,„der in Handelsverkehr mit unſerem Freunde Jacques Coeur ſtand.“ „Er war kein Kaufmann, gnädigſter Herr,“ ant⸗ wortete Jean Charoſt;„aber ich denke, wenn ich ihn je vorher geſehen habe, ſo muß es bei Jacques Coeur geweſen ſein, denn er hatte Verkehr mit vielen Män⸗ nern von hohem Range und ich zweifle nicht, daß die⸗ ſer Mann, ſo einfach ſeine Kleidung und ſo ſeltſam ſein Benehmen ſein mochte, von edlem Blute und hohem Namen iſt.“ Der junge Mann hielt inne, als hätte er noch 133 mehr zu ſagen, was er nicht auszuſprechen wagte, und einen ängſtlichen Blick auf die Herzogin richtend, fügte er hinzu: „Vielleicht werden mir ſpäter noch mehr Umſtände einfallen, gnädigſter Herr, und dann werde ich nicht verfehlen, ſie Euch mitzutheilen.“ „Gab er Euch kein Zeichen oder Unterpfand mit dieſem Kinde, wornach man ihre Familie und ihre Herkunft entdecken könnte?“ fragte der Herzog. „Sagte er Euch Nichts von ihren Eltern?“ „Er ſagte, er ſei nicht ſein Vater,“ verſetzte Jean Charoſt ernſt;„aber das war alle Auskunft, die er mir ertheilte. Er gab mir auch dieſen Ring,“ fuhr der junge Mann fort, indem er einen Ring vor⸗ zeigte,„und eine mit Goldſtücken gefüllte Börſe, um für ihren Unterhalt zu zahlen.“ Der Herzog nahm den Ring und unterſuchte ihn genau; aber es war nur ein einfacher Goldreif ohne unterſcheidendes Merkmal. Dennoch glaubte Jean Charoſt zu bemerken, daß die Hand ſeines Herrn, poorrin er den Ring hielt, ein wenig zitterte, und die Herzogin, die ihrem Gemahl über die Schulter blickte, ſagte: „Es iſt eine ſeltſame Geſchichte. Sagt mir doch, Herr von Brecy, war dieſer Herr derſelbe, der unter⸗ wegs vor der Thür des Gaſthauſes mit Euch ſprach?“ „Derſelbe, Ihre Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt. 13³4 „Was ſagte er? Sahet Ihr ihn je vorher?“ fragte der Herzog, indem er ſich mit lebhaftem Blicke zu ſeiner Gemahlin wendete. „Niemals,“ antwortete die Herzogin.„Aber er war ein ſehr auffallend und ausgezeichnet ausſehender Mann. Er war offenbar ein Edelmann und wahr⸗ ſcheinlich ein Krieger, denn er hatte eine tiefe Narbe vor der Stirn, die ſeine rechte Augenbraue durch⸗ ſchnitt.“ Der Herzog gab Jean Charoſt ſchweigend den Ring zurück; im nächſten Augenblicke aber wurde er ſo blaß, daß die Herzogin rief: „Ihr ſeid krank, mein Gemahl. Ihr habt Euch heute zu ſehr angeſtrengt. Ihr vergeßt Eure Krank⸗ heit und wie ſchwach Ihr ſeid.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Herzog.„Ich fühle mich ein wenig matt— es wird im Augenblicke vor⸗ über ſein. Laßt uns in die Gemäldegallerie gehen. Ich will mich dort im Sonnenſcheine niederſetzen.“ Ohne ein Wort zu ſagen, zog die Herzogin ihren Arm durch den ſeinigen und führte ihn dorthin, indem ſie Jean Charoſt ein Zeichen gab, zu folgen. Der Herzog ſetzte ſich auf einen großen Stuhl und überblickte die Wände, wo noch die Stellen der Bil⸗ der an der helleren Farbe zu erkennen waren. „Dieſe Wände müſſen gereinigt werden,“ ſagte 135 er endlich;„obgleich ich zweifle, daß die Spuren je können ausgelöſcht werden.“ „O ja,“ antwortete die Herzogin im Tone ſcherzhafter Zärtlichkeit,„jede Spur der Handlungen eines Menſchen kann durch ſeine eigenen Thaten, durch die Bemühungen ſeiner Freunde oder durch Gottes Vergebung ausgelöſcht werden.“ Sie ſprach mehr als Antwort auf ſeine Gedan⸗ ken, als auf ſeine Worte, und der Herzog faßte ihre Hand und drückte ſeine Lippen darauf. Dann wendete er ſich zu Jean Charoſt, deutete auf das Bit der Herzogin und ſagte: „Iſt nicht dieſes eine würdig, hier zu bleiben, während alle übrigen vernichtet worden find?“ „Höchſt würdig, Herr,“ verſetzte der junge Sekretair, der nicht recht wußte, was er antworten ſollte.„Die andern waren bloße Schatten gegen dieſes.“ „Wie, ſo ſaht Ihr ſie alſo?“ ſagte die Herzogin. „Seine Hände verbrannten ſie,“ entgegnete der Herzog. „Jener fremde Mann, den wir trafen,“ ſagte die Herzogin,„erklärte, er ſei treu und wahr, während alle Uebrigen falſch und trügeriſch wären; und ſo wird er auch gegen uns ſein, Louis. Vertraut ihm, mein Gemahl— vertraut ihm!“ 136 „Dies will ich,“ entgegnete der Herzog.„Aber hier kommt Lomelini.“ Die Herzogin richtete ſich empor, legte die zärt⸗ liche Freundlichkeit ihres Blicks ab und nahm ein kaltes und vornehmes Weſen an. Der Herzog nickte Jean Charoſt zu und ſagte: „Verlaßt uns jetzt, mein junger Freund. Dieſen Nachmittag oder Abend werde ich Eurer bedürfen. Dann wollen wir weiter mit einander reden. Darum entfernt Euch nicht weit.“ Jean Charoſt verneigte ünd entfernte ſich, wor⸗ auf der Herzog ſich zu dem Haushofmeiſter wendete und in leiſem Tone ſagte: „Tragt Blaize oder Jemand, dem Ihr trauen könnt, auf, dieſen jungen Mann zu überwachen. Er hat heftige Worte mit Juvenel de Royans gewechſelt. Sorgt dafür, daß Nichts daraus entſteht. Wenn Ihr irgend etwas Verdächtiges bemerkt, ſo gebt de Royans Stubenarreſt und ſtellt eine Wache vor ſeine Thür.“ „Meinen Eure Hoheit de Royans allein oder Beide?“ fragte Lomelini leiſe. „De Royans,“ antwortete der Herzog heftig, „den, welcher Schuld hat, Herr— den, welcher im⸗ mer Schuld hat. Laßt meine Befehle in Ausführung bringen und kehrt dann zurück.“ Neuntes Kapitel. Ale großen Ereigniſſe beſtehen aus kleinen Vorfällen. Die Welt iſt aus Atomen gebildet, und ſo auch das Schickſal. Der Menſch, welcher ein kleines Stück Ei⸗ ſen unter einer Flinte anzieht, verrichtet im abſtrakten Sinne eine Handlung von nicht viel größerer Wich⸗ tigkeit, als wenn eine Dame ihre Kleidung mit Steck⸗ nadeln anheftet; ſetzen wir aber dieſen kleinen Vor⸗ fall mit drei andern in Verbindung— nänlich, daß eine Patrone in der Flinte, in der Patrone eine Kugel iſt, daß zwanzig tauſend Mann einander gegenüber ſtehen, die alle in demſelben Augenblicke die Stecher ihrer Gewehre anziehen, ſo hat man das großartige Ereigniß einer Schlacht mit ihren langen Folgen von Elend und Freude, Ruhm und Schande, welche vielleicht bis an das Ende der Welt Einfluß äußern. Zwei kleine Vorfälle geſchahen auf dem Schloſſe Beauté während des Tages, deſſen Anfang wir eben 138 erwähnt haben, die kaum der Erwähnung werth ſchei⸗ nen, die aber in dieſer umſtändlichen Erzählung den⸗ noch berichtet werden müſſen. Der erſte war die An⸗ kunft eines Couriers, deſſen Geſicht Jean Charoſt kannte, da er ihn in Pithiviers nicht in den Farben des Hauſes von Burgund, ſondern in denen der ſchö⸗ nen Frau von Giac geſehen hatte. Der Brief, den er überbrachte, war an den Herzog von Orleans adreſ⸗ ſirt, und er beunruhigte ihn offenbar und machte ihn ſo nachdenkend, daß die Herzogin fürchtete, ihr Ge⸗ mahl möchte eine ſchlimme Nachricht erhalten haben. Er ſagte ihr den Inhalt des Briefes indeſſen nicht, ſchickte auch nicht ſogleich eine Antwort zurück, ſondern entlteß den Mann mit einem Geſchenke und ſagte, er wolle ſchreiben. Der nächſte Vorfall war die Ankunft von drei oder vier Herren aus Paris, die man eingeladen hatte, um die Nacht, auf dem Schloſſe Beauté zuzubringen, und welche mit dem Herzoge und der Herzogin in der großen Halle zu Abend ſpeiſten. Des Herzogs Geſicht war außerordentlich heiter und ſeine Geſundheit hatte ſich ſeit dem Morgen ſehr verbeſſert, wo ihn eine ge⸗ heime Urſache ſehr niederzudrücken ſchien. Die Unterhaltung drehte ſich größtentheils um die Ereigniſſe, die in der letzten Zeit in Paris ge⸗ ſchehen waren. Im Allgemeinen hatten dieſelben keine große Wichtigkeit; aber eine Nachricht, welche die N 139 Fremden mitbrachten, war, für den Herzog wenigſtens, von größerer Wichtigkeit, als die übrigen. Die Gäſte berichteten im Vertrauen, daß der unglückliche König Karl VI. die Rückkehr der von Zeit zu Zeit eintreten⸗ den hellen Augenblicke gezeigt. Der Herzog ſchien darüber ſehr erfreut, ſann über die Nachricht nach und befragte den Berichterſtatter genau; aber er ſprach ſeine eigenen Gedanken, von welcher Art dieſelben auch ſein mochten, nicht aus und begab ſich früh zur Ruhe. Während des ganzen Tages wanderte Jean Charoſt, ohne ſich auf längere Zeit aus ſeinen Zimmern zu ent⸗ fernen, viel im Schloſſe umher, und ſah ſich, um die Wahrheit zu ſagen, überall ungeduldig nach Juvenel de Royans um. Er ſah ihn indeſſen nirgends, und als er Signor Lomelini fragte, wo er jenen jungen Herrn finden würde, benachrichtigte ihn dieſer trocken, Monſieur de Royans habe einen beſonderen Auftrag für den Herzog auszurichten und wunſche zu ſein.. Der Abend verging Jean Charoſt ſehr langwei⸗ lig, denn er beſchränkte ſich faſt gänzlich auf ſeine Zimmer, indem er jeden Augenblick erwartete, der Herzog werde ihn rufen laſſen; aber darin wurde er getäuſcht. Er wagte erſt um Mitternacht zu Bette zu gehen, dann aber ſchlief er ſo feſt, wie in den glück⸗ lichſten Tagen ſeines Lebens, und erwachte erſt am Morgen durch das Blaſen einer Trompete, die, wie 1 140 er richtig urtheilte, die Abreiſe der Gäſte an⸗ kündigte. Er kleidete ſich langſam und ruhig an, als Martin Grille in's Zimmer gelaufen kam und rief: „Schnell, ſchnell, Herr! oder Ihr bekommt kein Frühſtück. Habt Ihr die Nachricht nicht gehört? Der Herzog reiſt in einer halben Stunde nach Paris ab und wird natürlich Eurer bedürfen. Die Hälfte des Haushalts bleibt hier bei der Herzogin zurück. Wir werden von zwanzig Reiſigen begleitet, zu wel⸗ chen wir uns, Gott ſei Dank, nicht rechnen können.“ „Ich habe keine Befehle erhalten,“ verſetzte Jean Charoſt;„aber ich will auf jeden Fall bereit ſein.“ In wenigen Minuten erhielt er indeſſen die Nach⸗ richt, daß er den Herzog in die Hauptſtadt begleiten ſolle. Es wurde alle mögliche Eile angewendet und haſtig gefrühſtückt; aber die Eile war unnöthig, denn es vergingen beinahe zwei Stunden, ehe ſich der Zug in Bewegung ſetzte, und man erreichte Paris erſt bei Anbruch des Abends. Der Herzog ſah ermüdet aus, und als er auf dem Hofplatze ſeines Hotels aus der Sänfte ſtieg, rief er Lomelini zu und ſagte: „Laßt mir einige Erfriſchungen auf mein Zimmer bringen, Lomelini, und dem Prior der Cöleſtiner ſa⸗ gen, ich wünſche ihn morgen um Mittag bei mir zu ſehen. Es wird auch am Abend ein Bankett ſtatt⸗ finden. Es werden zwölf Perſonen von hohem Range eingeladen werden. De Brecy, ich habe Euch etwas zu ſagen.“ Dann ging er die Stufen hinauf, während Jean Charoſt ihm folgte, und nach einigen Augenblicken wendete er ſich um und ſagte in leiſem Tone: „Kommt zu mir, wenn die Glocke neun ſchlägt — kommt, ohne daß es Jemand ſieht, durch die Thür des Toilettenzimmers. Tretet ein, ohne anzu⸗ klopfen.“ Mehrere von den andern Officianten folgten in einiger Entfernung; aber der Herzog ſprach leiſe, und ſeine Worte wurden nicht gehört. Jean Charoſt ver⸗ neigte ſich und blieb zurück; aber Lomelini, der jetzt außerordentlich freundlich gegen den jungen Sekretair geworden war, ſagte ihm in's Ohr: „Kommt in einer halben Stunde zum Abend⸗ eſſen in mein Zimmer. In der Halle werden ſie die⸗ ſen Abend nur ſchlecht bewirthet werden, denn man hat ſich hier auf Nichts vorbereitet; aber ich denke, uns wird es beſſer ergehen.“ Einige Minuten ſpäter, nachdem man den Her⸗ zog bis an die Thür ſeines Zimmers begleitet hatte, gingen alle auseinander und Jean Charoſt begab ſich auf ſeine Zimmer, wo Martin Giille bereits thätig beſchäftigt war, ſeine Kleider in die großen Koffer zu packen, womit das Zimmer verſehen war. Es war 14² eine gewiſſe nervöſe Aengſtlichkeit in dem Benehmen des guten Mannes, die ſeinem Herrn ſogleich auffiel; aber ſein Schwert auf den Tiſch legend, ſetzte ſich Jean Charoſt neben demſelben nieder und verſank in ein träumeriſches Sinnen, welches ihn kaum ſo wach ließ, um zu bemerken, daß Martin von Zeit zu Zeit ſeine Beſchäftigung einſtellte und einen raſchen Blick auf ſein Geſicht richtete. Endlich ſtand Jean auf, machte eine geringe Veränderung in ſeinem An⸗ zuge, entfernte die Spuren, welche die Reiſe an ihm zurückgelaſſen, und ſchnallte ſein Schwert wieder an. „Ich bitte Euch, mein Herr,“ ſagte Martin Grille in bebendem Tone,„geht nicht durch die kleine Halle, denn jener lärmende, nichtsnutzige Eiſenfreſſer Juvenel de Royans hält ſich dort ganz allein auf und wartet ohne Zweifel auf Euch. Er wurde dieſen Morgen aus ſeinem Arreſte befreit, und würde ohne Zweifel unterwegs über Euch hergefallen ſein, wäret Ihr nicht von ſo vielen Perſonen umgeben geweſen.“ „Arreſt!“ wiederholte Jean Charoſt.„Wie kam er in Arreſt?“ „Wegen ſeines Streites mit Euch von geſtern Morgen, Herr von Brecy,“ entgegnete Martin Grille. „Wußtet Ihr es nicht? Es war im ganzen Schloſſe bekannt.“ „Man hat mich getäuſcht,“ antwortete Jean Charoſt.„Signor Lomelini ſagte mir, als ich nach — —— ⏑————. 143 ihm fragte, er habe einen beſonderen Auftrag vom Herzoge. Aber Du irrſt, Martin: einige heftige Worte bilden noch keinen Streit und es war unnöthig, de Royans in Arreſt zu bringen. Es war eine ſehr nutzloſe Vorſichtsmaßregel, ſo daß ich in der That glaube, Du mußt Dich geirrt haben. Er muß den Herzog beleidigt haben; mich beleidigte er nicht ſo, daß die Sache nicht leicht wieder auszugleichen wäre.“ Dann ſchwieg er einige Augenblicke nachdenkend und fügte hinzu: „Warte hier, bis ich zurückkehre, und wenn de Royans kommen ſollte, ſage ihm, ich ſpeiſe mit Sig⸗ nor Lomelini zu Abend, werde aber bald zurück ſein. Thue, wie ich Dir befehle, und füge Nichts hinzu.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer und richtete ſeine Schritte ſogleich zu der kleinen Halle, indem er den großen Speiſeſaal rechts ließ, aus wel⸗ chem Töne der Heiterkeit hervordrangen. Er erwar⸗ tete kaum, Juvenel de Royans noch an demſelben Orte zu finden, wo Martin Grille ihn geſehen hatte, denn die Töne heiterer Stimmen waren immer fähig, ihn wegzulocken. Als er aber die Thür öffnete, zeigte ihm das matte Licht eine Geſtalt am anderen Ende, die an jener Seite des Zimmers mißmuthig auf⸗ und abging; und Jean Charoſt bedurfte keines zweiten Blickes, um zu ſehen, wer es war. Er ging gerade . 144 er wolle nur hindurchgehen. Der junge Mann blieb augenblicklich ſtehen und wendete ſich zu ihm; aber Jean Charoſt ſprach zuerſt und ſagte: „Mein Diener ſagte mir, daß Ihr allein hier wäret, Monſieur de Royans; und da ich Euch geſtern nicht finden konnte, als ich Euch aufſuchte, ſo bin ich froh über die Gelegenheit, einige Worte mit Euch zu reden.“ „Ihr ſucht mich auf?“ rief de Royans.„Mich auf ihn zu, ſo daß de Royans nicht glauben konnte, dünkt, Niemand hätte beſſer wiſſen ſollen, wo ich war, als Ihr.“ „Ihr irrt,“ verſetzte Jean Charoſt.„Ich fragte Signor Lomelini, wo ich Euch finden könnte, und er ſagte mir, Ihr wäret den ganzen Tag mit einem be⸗ ſonderen Auftrage vom Herzoge beſchäftigt.“ „Der lügenhafte alte Kuppler!“ rief de Royans bitter.„Aber unſer Geſchäft wird bald abgemacht ſein, de Brecy. Wenn Ihr geneigt ſeid, hier einen Gang mit mir zu machen, ſo ſtehe ich Euch zu Dien⸗ ſten. In meinen Augen macht der Ort keinen Un⸗ terſchied.“ f d den meinen aber,“ verſetzte Jean Charoſt ehr ruhig. „Ich dachte, Ihr wäret kein Feigling,“ rief der junge Mann ungeſtüm. V ———— —2 21—— 145 „Ich glaube auch nicht, daß ich es bin,“ ver⸗ eetzte Jean Charoſt;„und Nichts würde ich weniger ürchten, als mit Euch an dem rechten Orte und unter geeigneten Umſtänden einen Gang zu machen. Ihr wißt ſehr wohl, daß wir uns hier in einem königlichen Hauſe durch Streit einer ſchmachvollen Strafe aus⸗ ſetzen; und wir können wohl auf eine paſſendere Ge⸗ legenheit warten, die ich Euch zu gewähren nicht ver⸗ fehlen werde, wenn Ihr es wünſchet.“ „Natürlich wünſche ich es,“ verſetzte Juvenel de Royans. „Ich ſehe nicht ein, warum das natürlich ſein ſollte,“ verſetzte Jean Charoſt.„Ich habe Euch nie etwas zu Leide gethan, Euch nie in irgend einer Art beleidigt— habe vielleicht zu geduldig Unrecht und Beleidigungen von Euch ertragen und hätte gewiß die meiſte Urſache, mich zu beklagen.“. „Nun, ich bin bereit, Euch Genugthuung zu geben zu Pferde oder zu Fuß, mit Lanze und Schild, oder mit Schwert und Dolch. Laßt uns einen guten Streit nicht durch thörichte Erklärungen verderben. Es ſcheint mir, wir ſind Beide eines Sinnes; daher können wir gleich die nöthigen Verabredungen treffene „Ich habe keine Zeit, jetzt alle Verabredungent zu treffen,“ verſetzte Jean Charoſt;„denn ich werde an einem anderen Orte erwartet. Aber ſo weit kön⸗ nen wir unſeren Plan verabreden: übermorgen will Agnes Sorel. II. 10 146 ich den Herzog um die Erlaubniß bitten, auf drei Tage nach Mantes zu gehen. Ich will ſogleich nach Meudon zurückkehren. Ihr könnt leicht auf eine oder zwei Stunden aus Paris gelangen und mich dort im Gaſthofe treffen. Zehn Minuten werden uns an einen Ort bringen, wo wir ohne Gefahr für den Ueberle⸗ benden unſeren Streit ausgleichen können.“ „Bei meinem Leben, das iſt wacker!“ rief de Royans mit beträchtlicher Veränderung des Ausdrucks. „Ihr ſeid am Ende doch ein Jüngling von Geiſt und Muth, de Brecy.“ „Ihr habt das Andenken meines Vaters belei⸗ digt, wenn Ihr es anders geglaubt,“ verſetzte Jean Charoſt.„Aber laßt uns keine Bitterkeit in unſeren Streit miſchen. Wir verſtehen einander. Wenn Ihr hört, daß ich nach Mantes gegangen bin, ſo erinnert Euch, daß Ihr mich am nächſten Tage in Meudon treffen werdet— und ſo gute Nacht!“ Mit dieſen Worten verließ er ihn und eilte in das Speiſezimmer Lomelini's, welcher gern von ihm herausgebracht hätte, was der Herzog zu ihm geſagt, als er mit ihm in's Haus gegangen; aber Jean Charoſt war auf ſeiner Hut, und ſobald das Abendeſſen vor⸗ über war, kehrte er auf ſein Zimmer zurück. Obgleich Martin Grille ſehr ſcharfſichtig war, ſo konnte er doch keine Spur von Aufregung in dem Ge⸗ ſichte ſeines jungen Herrn bemerken, und ſeines ein⸗ ſamen Wachens ſehr überdrüßig, war er ſehr erfreut, als er für die Nacht entlaſſen wurde. Einige Minu⸗ ten ſpäter verließ Jean Charoſt ſein Zimmer wieder und ging mit leiſem Schritte zu der Thür des Toi⸗ lettenzimmers ſeines Herrn. Es waren keine Diener dort aufgeſtellt; und der erhaltenen Anweiſung Folge leiſtend, öffnete er die Thür und trat ein. Er war überraſcht, den Herzog in Mantel und Kaputze zum Ausgehen bereit zu finden; aber vor ihm auf dem Tiſche lagen zwei zierliche parfümirte Briefe, der eine offen, der andere mit roſafarbiger Seide zugebunden und verſiegelt. „Willkommen, de Brecy!“ ſagte der Herzog mit heiterer und lächelnder Miene.„Ich wünſche, daß Ihr mir einen Dienſt leiſtet, mein Freund. Ihr müßt dieſen Brief noch heute Abend in das Haus der Frau von Giac bringen, ihn eigenhändig an ſie abgeben, hören, was ſie ſagt, und mir eine Antwort von ihr zurückbringen. Ich werde im Palaſte der Königin in der Nähe der Porte Barbette ſein.“ Das Blut ſtieg in Jean Charoſt's Geſicht und bedeckte ſeine Wange mit faſt weiblichem Erröthen. Es war der ſchmerzlichſte Augenblick, den er je erlebt hatte. Sein Geiſt kam augenblicklich zu einem Schluſſe von Vorausſetzungen, die er ſich ſelber kaum, viel weniger dem Herzoge von Orleans erklären konnte. Er glaubte zu dem niedrigſten Dienſte— zu dem 105* verächtlichſten Zwecke angewendet zu werden; und doch war Nichts geſprochen worden, was ſeine Weigerung, zu gehorchen, rechtfertigen konnte. „O, gnädigſter Herr!“ rief er, ehe er die Worte weiter überlegen konnte, und ſein Geſicht ſprach deut⸗ lich genug das Uebrige aus. Der Herzog von Orleans ſah ihn mit finſterer Stirn und ſprühenden Blicken an und fragte darauf in lautem und ſtrengem Tone: „Was meint Ihr, Herr?“ Jean Charoſt ſchwieg einen Augenblick und er⸗ wiederte in ſchmerzlicher Verlegenheit: „Ich weiß kaum, was Eure Hoheit meinen— vielleicht habe ich Unrecht, ja, ohne Zweifel habe ich Unrecht— aber ich fürchtete, daß der Auftrag, den Eure Hoheit mir ertheilen, ſich nicht für mich ſchicken würde, und daß Eure Hoheit ſpäter bedauern möchten, denſelben ertheilt zu haben.“ Der Herzog gerieth in heftigen Zorn. Er ſprach laut und ſtark, warf ſeinem Sekretair vor, daß er ſeine Freundlichkeit und Herablaſſung mißbrauche, und tadelte ihn in nicht ſehr gemeſſenen Ausdrücken, daß er ſich in ſeine Angelegenheiten zu miſchen gewagt. Jean Charoſt, welcher in ſeinem Herzen fühlte, daß er allerdings die Schranken des ſchuldigen Reſpekts überſchritten habe, und zu Schlüſſen gekommen ſei, wozu kein ſichtbarer Grund vorhanden war, und ſeinen 149 Argwohn zu deutlich gezeigt habe, ſtand völlig beſchämt vor dem Herzoge.. Als dieſer endlich ſchwieg, antwortete er im Tone des aufrichtigen Bedauerns: „Ich fühle, daß ich geirrt habe, gnädigſter Herr — ſchwer geirrt— und daß ich Eure Befehle hätte befolgen ſollen, ohne darüber zu urtheilen. Ich bitte indeſſen zu bedenken, daß ich ſehr jung bin— viel⸗ leicht zu jung für den wichtigen Poſten, den ich be⸗ kleide. Wenn Eure Hoheit mich aus Ihren Dienſten kantlaſſen, kann es mich nicht überraſchen. Aber glaubt mir, gnädigſter Herr, wenn ich gehe, nehme ich die⸗ ſelben Gefühle der Achtung und Dankbarkeit mit mir, ſ die keinen geringen Antheil hatten, mich zu der Hand⸗ lungsweiſe zu beſtimmen, wodurch ich Euch belei⸗ digt habe.“ „Achtung und Dankbarkeit!“ ſagte der Herzog noch immer in zornigem Tone.„Was können Achtung und Dankbarkeit mit Ungehorſam gegen meine Befehle und mit unverſchämtem Einmiſchen in meine Angele⸗ genheiten zu thun haben?“ 1„Das könnten ſie freilich, gnädigſter Herr,“ ant⸗ wortete Jean Charoſt;„denn Ihr theiltet mir bei leeiner früheren Gelegenheit Euer Bedauern mit und ich war Zeuge des Glücks und der Geiſtesruhe, welche den dadurch veranlaßten Impulſen folgte. Dankbar⸗ keit und Achtung machten, daß ich Kummer empfand —I 2* —ſ 8 150 bei dem Gedanken, eben dieſer Brief, den ich in der Hand halte, möchte zu neuem Bedauern oder vielleicht zu ernſtlichen Gefahren Veranlaſſung geben; denn ich fühle mich verbunden zu ſagen, daß ich großes Miß⸗ trauen gegen dieſe Dame hege— daß ich ihre Nei⸗ gung oder Freundſchaft für Eure Hoheit bezweifle— und feſt überzeugt bin, daß ſie eng mit Euren Fein⸗ den verbunden iſt.“ „Ihr hättet meine Handlungen durchaus nicht beurtheilen ſollen,“ verſetzte der Herzog von Orleans. „Was ich Euch nicht mittheile, habt Ihr nicht zu unter⸗ ſuchen. Euer Urtheil von der Dame mag wahr oder falſch ſein; aber in Eurem Urtheile über meine Hand⸗ lungsweiſe irrt Ihr völlig. Es iſt Nichts in dieſem Briefe, was ich je bedauern kann, und wenn Ihr den Inhalt ſehen könntet, würdet Ihr ſogleich die Gefahr und die Anmaßung einſehen, Euch in das einzudrän⸗ gen, was Euch nicht angeht. Um Euch eine Lektion zu geben, darf ich meine eigene Würde nicht aufopfern; und obgleich ich in Betracht Eurer Jugend, Eurer Unerfahrenheit und Eurer guten Abſichten Euren Feh⸗ ler in dieſem Falle überſehen will, ſo darf er doch nicht wiederholt werden.“ Jean Charoſt ging auf die Thür zu, während der Herzog gedankenvoll zurückblieb; aber ehe er die Thür erreichte, rief ihm der Prinz in milderem Tone zu: 151 „De Brecy, de Brecy! wißt Ihr den Weg?“ „Eben ſo wenig in dieſem Falle, wie in dem letzten,“ verſetzte Jean Charoſt mit mattem Lächeln. „Kommt her, kommt her, armer Junge,“ rief der Herzog, ihm gutmüthig die Hand reichend.„So, denkt nicht mehr daran. Alle jungen Männer ſind von Zeit zu Zeit Thoren. Nun geht und holt Euch ein Pferd. Ihr werdet mein Maulthier geſattelt im Hofe finden. Wartet dort, bis ich komme. Ich gehe, meine ſchöne Schweſter, die Königin, zu beſuchen, die im Hotel Barbette krank liegt, und wir kommen nicht weit von der Stelle vorüber, wohin Ihr geht. Ich will es Euch ſo deutlich machen, daß Ihr nicht fehlen könnt.“ Jean Charoſt eilte fort und war in wenigen Mi⸗ nuten bereit. Auf dem Hofplatze fand er ein rahm⸗ farbiges, reichgezäumtes Maulthier und zwei geſattelte Pferde nebſt einigen Dienern, welche umherſtanden; aber der Herzog war noch nicht erſchienen. Als er kam, ſetzten ſich vier von den Dienern zu Pferde, nebſt gwei oder drei Reitknechten, welche unangezündete Fackeln trugen, und ſo ritt man langſam durch die vom Mondlicht erhellten Straßen von Paris, die jetzt ſtill und faſt verlaſſen waren. Nachdem man eine be⸗ trächtliche Strecke zurückgelegt hatte, hielt der Herzog ſein Maulthier an und deutete auf eine andere Straße hinunter, die rechts abging, befahl Jean Charoſt, ———xõ 15² dieſe Straße zu verfolgen und die zweite Gaſſe zur Linken einzuſchlagen. „Das erſte Hotel zur Rechten iſt das Haus, wo⸗ von wir geſprochen,“ fügte er hinzu.„Dann kehrt in dieſe Straße zurück, verfolgt ſie bis zu Ende, und Ihr werdet das Hotel Barbette vor Euch ſehen. Bringt mir einen Bericht von Eurem Empfange.“ Sein Ton war ernſt und ſelbſt ſchwermüthig, und Jean Charoſt nickte nur ſchweigend mit dem Kopfe. Er warf einen Blick auf das Geſicht des Herzogs, von dem jede Spur des Zornes verſchwunden war, und dann trennten ſie ſich, um einander nie wieder⸗ zuſehen. Zehntes Kapitel. Wor der Thür des Hauſes, in welches er gehen wollte, fand Jean Charoſt einen gewöhnlich ausſehen⸗ den Mann, deſſen Rang oder Stand an ſeiner Klei⸗ dung ſchwer zu erkennen war, und ſein Pferd anhal⸗ tend, fragte er ihn, ob Frau von Giac dort wohne. „Ja,“ ſagte der Mann.„Was wollt Ihr bei ihr?“ „Ich habe einen Brief an ſie abzugeben,“ ant⸗ wortete Jean Charoſt kurz. „Gebt ihn mir,“ ſagte der Mann. „Das kann nicht geſchehen,“ verſetzte der junge Sekretair.„Ich muß ihn eigenhändig abliefern.“ „Von wem iſt er?“ fragte der Andere.„Sie nimmt in dieſer ſpäten Stunde keinen Beſuch von Fremden an.“ Jean war in großer Verlegenheit, was er ant⸗ worten ſollte, denn ein gewiſſer Verdacht machte, daß — 154 er den Namen des Herzogs ungern nannte; indeſſen hatte er keinen Auftrag, ihn zu verſchweigen, und da er kein anderes Mittel ſah, Einlaß zu erhalten, ſo antwortete er nach augenblicklicher Ueberlegung: „Er iſt von Seiner Hoheit dem Herzoge von Orleans, und ich muß Euch bitten, Eile anzuwenden.“ „Ich will zuſehen, ob ſie Euch einlaſſen wird,“ entgegnete der Mann;„aber kommt auf jeden Fall⸗ auf den Hofplatz. Ihr ſollt bald Eure Antwort haben.“ Mit dieſen Worten öffnete er das große Hofthor, und ſobald Jean Charoſt eingetreten war, verriegelte er es ſorgfältig. Das Ganze ging mit einer gewiſ⸗ ſen Heimlichkeit vor ſich und es fehlte gänzlich das geräuſchvolle Treiben, welches in den großen Häuſern zu Paris gewöhnlich war, was Jean Charoſt's Ver⸗ dacht zu beſtätigen ſchien, daß eine galante Dame den Beſuch eines Fürſten erwarte, deſſen Neigung zu ihrem Geſchlechte nur zu wohl bekannt war. Von ſeinem Pferde abſteigend, ſtand er an der Seite deſſelben, während der Mann leiſe durch die Thür eintrat, die in einem dunkeln Winkel des Hofes kaum ſichtbar war. Der Mond war bereits tief ge⸗ ſunken und hohe Häuſer beſchatteten den ganzen, freien Platz, auf welchem der junge Sekretair ſtand, ſo daß er nur wenig von dem Anblicke des Ortes ſehen konnte, obgleich er reichliche Zeit zur Beobachtung hatte. * 155 Beinahe zehn Minuten vergingen, ehe der Bote zurückkehrte; dann aber kam er in Begleitung eines Pagen, der eine Fackel trug und in höflichen Aus⸗ drücken den jungen Herrn bat, ihm zu ſeiner Gebie⸗ terin zu folgen. Durch enge und krumme Wege wurde Jean Charoſt zu einem kleinen Zimmer geführt, welches man heutigen Tages wahrſcheinlich ein Boudoir nennen würde, und wo im Gegenſatze zu den ärmlichen und kahlen, ſteinernen Gängen, durch die er gekommen, Alles im höchſten Grade glänzend und luxuriös er⸗ ſchien. Das Gerücht ſchrieb der ſchönen Dame, die er beſuchen wollte, einen fürſtlichen Liebhaber zu, der einige Jahre vorher eine Armee gegen die Ottomanen kommandirt und eine nderlge erlitten hatte, die ihn für ſein übriges Leben rauh und verſtimmt machte, der aber während ſeiner leichten Gefangenſchaft bei den Muſelmännern einen Geſchmack für orientaliſchen Luxus angenommen hatte, der ihn nie verließ. Alles in dem Zimmer, in welches Jean Charoſt jetzt einge⸗ führt wurde, verkündete, daß die Gewohnheiten ihres Liebhabers nicht ohne Wirkung geweſen. Man ſah Möbeln, die in Frankreich wenig bekannt waren, auf⸗ einandergelegte Polſter, Teppiche von zahlloſen Farben und niedrige Sophas oder Ottomanen, während das ganze Zimmer, wenn gleich im Winter, von Roſen⸗ duft erfüllt war. 156 Frau von Giac ſelber ruhte, nachläſſig gekleidet, aber wunderbar ſchön ausſehend, auf Kiſſen, während ein Licht auf einem niedrigen Tiſche an ihrer Seite ſtand; und als Jean Charoſt ſich näherte, empfing ſie ihn mehr wie einen alten und lieben Freund, als wie einen zufälligen Bekannten. Ein ſtrahlendes Lächeln umſchwebte ihre Lippen; er mußte ſich zu ihr ſetzen und es lag eine ſchmeichelnde Milde in ihrem Tone, die ſehr bezaubernd war. Ein oder zwei Minuten lang hielt ſie den Brief des Herzogs von Orleans unerbrochen in der Hand, während ſie ihm über ſeine Reiſe von Pithiviers nach Blois und ſeine Rückkehr Fragen vorlegte. Endlich aber öffnete ſie das Billet und las es, nicht ſo wenig beobachtet, wie ſie dachte, denn Jean Charoſt's Augen waren f ſie gerichtet und bemerk⸗ ten die wechſelnden Ausdrücke des Geſichts. Anfangs ſah ſie den Brief nachläſſig an, aber gleich darauf richteten ſich ihre Augen mit lebhaftem Blicke auf die Zeilen. Ihre Augenbrauen zogen ſich zuſammen, ihre Naſenflügel erweiterten ſich, ihre ſchöne Oberlippe bebte und jenes reizende Geſicht nahm auf einen Augenblick den Ausdruck eines Teufels an. Plötzlich aber beſann ſie ſich, glättete ihre Stirn, nahm den früheren Ausdruck ihrer Augen wieder an, faltete den Brief zwiſchen ihren Fingern und ſagte: „Ich muß eine Antwort ſchreiben, mein junger Freund. Ich werde nicht lange ausbleiben— wartet hier auf mich.“ Und mit Grazie aufſtehend, zog ſie ihre flattern⸗ den Gewänder um ſich zuſammen und ging durch eine Thür hinter den Kiſſen hinaus. Die Thür wurde ſorgfältig geſchloſſen, aber Jean Charoſt hatte guten Grund zu glauben, daß Frau von Giac ihre Zeit nicht mit Schreiben hinbrachte. Es wurde ein Gemurmel von Stimmen gehört, und ihre lieblichen Töne miſchten ſich mit einer rauheren und lauteren Stimme. Die Worte waren nicht zu unter⸗ ſcheiden, aber die Unterredung ſchien ſehr lebhaft zu ſein, wurde bald lauter, bald ſchwächer, als ließen ſich die redenden Perſonen zuweilen von ihrem Gegen⸗ ſtande hinreißen und als ſü hteten ſie dann wieder behorcht zu werden. Jean Charoſt würde ſich gewiß in allen gewöhn⸗ lichen Fällen geſchämt haben, eine Unterredung zu be⸗ horchen, die nicht für ſeine Ohren beſtimmt war. Auch horchte er bei gegenwärtiger Gelegenheit nicht eigent⸗ lich. Er entfernte ſich nicht von ſeinem Sitze— er nahm ſogar einen ſchönen Dolch mit goldener Scheide und juwelenbeſetztem Griffe von dem Tiſche, wo das Licht ſtand, und betrachtete ihn. Aber es war ein Zweifel, ein Verdacht, eine Furcht, er wußte nicht vor was, in ſeinem Geiſte, die ihn, wenn begründet, viel⸗ leicht in ſeinen eigenen Augen hätte rechtfertigen . 158 können, zu verſuchen, das Vorgehende zu behorchen; denn gewiß würde er es nicht für ehrlos gehalten haben, ſo die Ränke eines Feindes zu entdecken. Die Stimme der Frau von Giac war nicht leicht zu ver⸗ geſſen, wenn man ſie einmal gehört hatte, und die rauheren und ſtrengeren Töne, die ſich in die Unter⸗ haltung miſchten, waren dem Ohre des jungen Sekre⸗ tairs gleichfalls bekannt. Die beiden redenden Per⸗ ſonen ſchienen ſeinem königlichen Herrn feindlich zu ſein. Er hörte indeß Nichts deutlich, als die letzten wenigen Worte, die geſprochen wurden. Es ſchien, als hätte Frau von Giac ſich der Thür ſchon genähert und den Drücker angefaßt, als der Andere noch folgende Worte in gebieteriſchem Tone hinzufügte:. „Bedenkt, auf jeden Fall ſo lange wie möglich.“ Frau von Giac's leiſe Antwort konnte der junge Sekretair nicht hören; aber dann kam ein lautes Lachen und die tiefere Stimme antwortete: „Nein, nein, das meine ich nicht, ſondern mit Gewalt, wenn es nöthig iſt.“ „Gut, ſo ſagt ihnen—“ entgegnete die ſchöne Dame. Aber was geſagt werden ſollte, hörte Jean Charoſt nicht, denn ſie ſprach leiſer, als je, und trat im nächſten Augenblicke wieder in's Zimmer. Ihr Geſicht war lächelnd und lieblich, und ehe 159 ſie ſprach, ſetzte ſie ſich wieder auf die Kiſſen nieder, ſchwieg gedankenvoll, ſah den Dolch an, den der junge Herr wieder hinlegte, als ſie eintrat, und ſagte ſcherzend: „Spielt nicht mit ſcharfen Waffen. Ich hoffe, Ihr habt den Dolch nicht aus der Scheide gezogen. Er iſt aus Italien— aus dem Geburtsorte der lie⸗ ben Herzogin von Orleans; und man ſagt mir, daß die Spitze vergiftet iſt, ſo daß die leichteſte Verwun⸗ dung einen raſchen Tod herbeiführen würde. So lange ich ihn beſitze, iſt er nie aus der Scheide ge⸗ zogen worden, und es ſoll auch mit meinem Willen nie geſchehen.“ „Ich nahm mir nicht heraus, ihn zu ziehen,“ ſagte Jean Charoſt.„Darf ich um Eure Antwort auf den Brief Seiner Hoheit bitten?“ „Wie wunderbar förmlich wir ſind!“ ſagte Frau von Giac mit heiterem Lachen.„Dieſe ritterliche Ehrerbietung vor den Schönen, welche die Knaben ſchon in ihren Schuljahren lernen, iſt Nichts, als eine traurige Erfindung alter Weiber und eiferſüchtiger Ehemänner. Die Pracht, der Anzug und die ernſte Umgebung iſt es, de Brecy, was uns zu Gottheiten macht. Eine Prinzeſſin und ein Page in einem klei⸗ nen Kabinet, wie dieſes, ſind nur ein Weib und ein Mann. Paſſende Scicklichkeit iſt natürlich ange⸗ 160 meſſen; aber die Formen und die Ehrerbietung ſind Nichts als Unfinn.“ „Schönheit und Rang finden beide ihre ſchuldige Ehrerbietung, Madame,“ verſetzte Jean Charoſt; „aber im gegenwärtigen Augenblicke ſehe ich mich ge⸗ nöthigt, alles Uebrige bei Seite zu ſetzen und nur an das Geſchäft Seiner Hoheit zu denken; denn er war⸗ tet jetzt im Hotel Barbette auf mich und iſt gewiß ſehr begierig, Eure Antwort zu erhalten.“ Die Unterredung, welche jetzt folgte, bedarf keiner ausführlichen Mittheilung. Frau von Giac war ver⸗ ſchwenderiſch in Schmeicheleien und erfahren in jeder weiblichen Kunſt, und ſo gelang es ihr, zwanzig Minuten hinzubringen, ohne dem jungen Sekretair eine Antwort an ſeinen Herrn zu geben. Als ſie fand, daß ſie ihn nicht länger ohne eine beſtimmte Antwort zurückhalten könne, ſprach ſie end⸗ lich von dem Briefe, und es gelang ihr, noch mehr koſtbare Zeit zu verſchwenden. 4„Wie, wenn ich dem Herzoge eine ſehr zornige Botſchaft ſendete?“ fragte ſie. „Ich würde ſie mit Beſtimmtheit ausrichten,“ verſetzte Jean Charoſt.„Aber ich möchte lieber, wenn Ihr ſie mir ſchriftlich ertheiltet.“ „Nein, darüber habe ich meinen Sinn geändert. Ich will nicht ſchreiben. Ihr könnt ihm ſagen, daß ich ihn für einen ſehr undankbaren Mann halte, der 161 des Briefes einer Dame unwürdig iſt. Wollt Ihr ihm das ſagen?“ „Gewiß, Madame, Wort für Wort,“ verſetzte Jean Charoſt. „Dann ſeid Ihr kühner gegen Männer, als gegen Frauen,“ entgegnete die Dame mit ſarkaſtiſchem Lachen. „Wartet, wartet! ich bin noch nicht halb zu Ende. Sagt dem Herzoge, ich ſei von verzeihlicher Natur, und wenn er gehörige Buße thue und komme, um Verzeihung zu bitten, ſo möchte er vielleicht Gnade finden. Wohin ſo ſchnell? Ihr könnt nicht ſo leicht aus dieſem bezauberten Schloſſe kommen, wie Ihr denkt, guter Jüngling— wenigſtens nicht ohne meine Einwilligung.“ „So bitte ich, ſie mir zu geben, Madame,“ ſagte Jean Charoſt;„denn ich fürchte in der That, daß Seine Hoheit über mein langes Ausbleiben ungehal⸗ ten ſein wird.“ „Armer Jüngling! in welchem Schrecken er iſt!“ rief die Dame.„Nun gut, Ihr ſollt gehen; aber laßt mich den Brief des Herzogs noch einmal an⸗ ſehen, im Falle ich noch etwas hinzuzuſetzen hätte.“ Und ſie entfaltete den Brief, den ſie in der Hand hielt, und ſah ihn beim Lichte wieder an. Jean Charoſt bemerkte nochmals den teufliſchen Ausdruck in ihrem Geſichte, und diesmal fanden die Gefühle in Vorten ihren Ausdruck. Agnes Sorel. II. 11 162 „Entweder Ihr oder ſein Prieſter macht einen Mönch aus ihm,“ ſagte ſie mit Bitterkeit;„aber es H liegt Nichts daran: ſagt ihm, was ich Euch aufgetra⸗ of gen habe.“ w. Einige undeutliche Worte murmelnd, klingelte ſie hi mit einer kleinen, ſilbernen Glocke, die auf den Kiſſen neben ihr lag, und der Mann, der Jean Charoſt ein⸗ oh gelaſſen hatte, trat raſch ein. ſei Die Dame ſah ihn einen Augenblick genau an, und der Sekretair glaubte zu bemerken, daß ein Blick Fü des Einverſtändniſſes zwiſchen ihnen gewechſelt wurde. ſc —„Leuchtet dieſem Herrn hinaus,“ ſagte Frau von Giac.„Ihr ſeid ein junger Thor, de Brecy,“ fügte an ſie lachend hinzu;„aber das iſt nicht Eure oder meine fei Schuld. Die Natur machte Euch dazu, und ich kann 5 Euch nicht beſſern: und ſo gute Nacht!“ ne Jean Charoſt verneigte ſich und folgte dem un Manne aus dem Zimmer; aber als er dies that, zog wi er den Griff ſeines Schwertes nach vorn, da er nicht d. wußte, was zunächſt folgen würde. Frau von Giac en ſah ihn mit ſarkaſtiſchem Lächeln an und die Thür ſtu ſchloß ſich hinter ihm. T. Der Mann leuchtete ihm ſchweigend und vorſich⸗ ab tig den engen, krummen Gang dahin und die ſteile me Treppe hinunter, durch die er eingetreten war, indem Iu er das Licht niedrig hielt, damit er ſeinen Weg ſehen e möge. Als ſie die kleine Thür erreichten, die auf den wo 163 8 Hofplatz führte, öffnete er den Riegel und hielt ſie a⸗ offen, damit Jean Charoſt hinausgehen möge. So wie der junge Sekretair draußen war, wurde die Thür ſie hinter ihm verſchloſſen und verriegelt. en„Nicht ſehr höflich,“ dachte Jean Charoſt.„Aber n⸗ ohne Zweifel richtet er ſich nach den letzten Worten ſeiner Dame. Welch eine dunkle Nacht dies iſt⸗⸗ n, Eine Minute lang konnte er bei der plötzlichen ck Finſterniß, die ihn umgab, keinen Gegenſtand unter⸗ e. ſcheiden, und erſt als ſein Auge ſich mehr an die n Dunkelheit gewöhnt hatte, entdeckte er, daß ſein Pferd te an einen Ring, der ſich an dem Gebäude befand, be⸗ ie feſtigt war. Er machte es ſogleich los und führte es in zu dem großen Thore, aber hier ſtellte ſich ihm eine neue Schwierigkeit entgegen. Die große Querſtange n und die Riegel waren leicht weggezogen, aber dennoch g wollte ſich das Thor nicht öffnen. Jean befühlte das zt Thor, konnte aber weiter keinen Riegel. oder Schloß ee entdecken; dann wendete er ſich zu einer kleinen Wach⸗ r ſtube zur Rechten des Einganges, die ſich in jenen Tagen in allen großen Häuſern in Paris befand, die . aber in ſpäteren und friedlicheren Zeiten in das Zim⸗ 3 mer des Portiers verwandelt worden iſt. Alles im u Innern war indeſſen dunkel und ſtill; die Thür blieb n geſchloſſen und der junge Sekretair erhielt keine Ant⸗ vort auf ſein Klopfen. Dann verſuchte er es mit einer anderen Thür in der Mitte der großen Fronte 11* 1 4 2 3 des Gebäudes; aber auch dieſe war geſchloſſen und er konnte ſich nicht hörbar machen. Seine einzige Zuflucht war dann das klein Nebenpförtchen, durch welches er war eingelaſſen wor⸗ den; aber auch hier wurde ſeine Erwartung vereitelt, und er ſah jetzt deutlich, daß er abſichtlich zurückge⸗ halten werde. Deshalb war er um ſo begieriger zu entkommen, und er klopfte ohne Weiteres mit dem Griffe ſeines Dolches an mehreren Thüren. Aber Alles war vergebens. Es gingen Ereig⸗ niſſe vor, die ſeine Ungeduld von geringer Bedeutung machten. Mit zornigem und ungeduldigem Herzen, und alle möglichen Vermuthungen anſtellend, ſteckte er ſei⸗ nen Dolch endlich wieder in die Scheide und ſtand in der Nähe des großen Thores da und horchte, ob nicht Jemand auf der Straße vorübergehe, den er um Beiſtand anrufen könne. Alles war indeſſen beinahe zehn Minuten ſtill, und dann vernahm er laute Stim⸗ men und Geſchrei, was einen Tumult in einiger Ent⸗ fernung andeutete. Jean Charoſt's Herz ſchlug raſch, obgleich keine Verbindung zwiſchen ſeinem eigenen Schickſale und den Tönen, die er hörte, vorhanden zu ſein ſchien. Eine oder zwei Minuten ſpäter vernahm er indeſſen ein näheres, raſſelndes Geräuſch, und noch gerade zur rechten Zeit zog er ſein Pferd zurück, als das Thor ſi 2 i b d 165 1 Augenblicke tönte ein rauhes und widerwärtiges Lachen ine in Jean Charoſt's Ohr; und auf die Straße hinaus⸗ or, blickend, ſah er zwei oder drei dunkle Geſtalten nach elt, derſelben Richtung forteilen. ge⸗ z— em 8 el ſich plötzlich wie von ſelber öffnete. In demſelben 6 . 1 — ig— ng 2—— — △ᷣ Elftes Kapitel. Zu einer Zeit, als die franzöſiſche Hauptſtadt von viel geringerem Umfange war, als unter der Regie⸗ rung Karl VI., führte eine unregelmäßige Straße, die alte Tempelſtraße genannt, zu der Porte Barbette. Man hatte keine Ordnung oder Regelmäßigkeit beob⸗ achtet, obgleich die eine Seite der Straße eine Strecke in gerader Linie gehalten wurde von einer alten Mauer, die, wie man ſagt, durch die freiwilligen Beiträge oder die perſönlichen Arbeiten verſchiedener Mitglieder des berühmten Tempelherrenordens errichtet worden— deſſen Brüder, obgleich ſie das Gelübde der Armuth abgelegt hatten, oft mehr mit dem reichen Manne, als mit Lazarus verwandt waren. Die d13 dere Seite der Straße beſtand indeſſen in den Häu⸗ ſern und Gärten verſchiedener Perſonen, die ihre eigene Willkür als ihr höchſtes Geſetz angeſehen hatten. Wenn alſo die Sonne oder der Mond die Straße „———., 167 hinunter ſchien, wurde dieſelbe von zahlreichen ma⸗ leriſchen Schatten durchkreuzt, ſo daß ſie ein ſeltſames Muſter von Licht und Schatten bildete, welches jede Stunde wechſelte. In jenen Tagen herrſchte eine ſeltſame Gewohn⸗ heit, die ſich, ſo viel ich weiß, nur noch in einigen Städten Tyrol's findet, nämlich jedem Hauſe ſein be⸗ ſonderes Zeichen anzuheften, welches dazu diente, es, anſtatt der gegenwärtigen Nummern, von allen übri⸗ gen in derſelben Straße zu unterſcheiden. Zuweilen ragten dieſe Zeichen in Geſtalt eines Banners über die Straße hinaus und zeigten Jedem, der dieſelbe hinunterritt, das goldene oder ſilberne Kreuz, den rothen Ochſen, den Löwen, den Schwan oder den Hirſch. Zuweilen war das Zeichen, mit beſſerem Ge⸗ ſchmacke, aber zu geringerer Bequemlichkeit für den Vorübergehenden, welcher ein Haus ſuchte, in feſtem Mauerwerke ausgeführt oder in einer zu dem Zwecke errichteten kleinen gothiſchen Niſche aufgeſtellt. Das Letztere war gewöhnlich der Fall, wo das gewählte Zeichen ein Engel, ein Schutzheiliger, ein Prophet oder ein frommer Mann war, und ganz beſonders, wenn eine Perſon der heiligen Dreieinigkeit, für welche die Pariſer mehr Liebe als Ehrfurcht zu hegen ſchienen, dem Gebäude einen Namen gab. 3 An der Ecke der alten Tempelſtraße und einer anderen, die von derſelben abführte, befand ſich eine 168 ſchöne, zierlich gearbeitete Niſche, die den Augen der Vorübergehenden ein gut ausgeführtes Bild der heiligen Jungfrau zeigte, die das Jeſuskind in ihren Armen hielt, und von dieſem Bilde erhielt das Haus, woran es ſich befand, den Namen Hotel de Notre Dame. Ungeachtet der Heiligkeit des Zeichens und der Schönheit des Gebäudes— denn es war im ſchönſten Style der damals im Verfalle begriffenen franzöſiſchen Baukunſt errichtet— war das Haus ſeit zwanzig oder dreißig Jahren ſehr wenig bewohnt wor⸗ den. NMan fand es nach dem neueren Geſchmacke zu klein und unbequem. Die Menſchen hatten ſich größere Wohnungen gebaut; und wenn man dieſes gleich nicht hatte gänzlich verfallen laſſen, ſo waren doch deutliche Spuren der Vernachläſſigung daran ſichtbar; die Fen⸗ ſter waren zerbrochen und verſchoben; in die Thüren und Thore hatten die Gaſſenbuben groteske Geſichter und nicht weniger phantaſtiſche Buchſtaben eingeſchnitzt; die Karnieße waren abgefallen und die Wände mit Moos und Flechten bedeckt. Die Fronte des Hauſes war völlig dunkel. Keine Fackeln brannten vor demſelben, aus keinem Fenſter kam ein Strahl und der ſinkende Mond warf einen ſchwarzen Schatten über die Straße und auf der an⸗ deren Seite halb die Mauer hinauf. Dennoch waren in einem Zimmer dieſes Hauſes ſchimmernde Lampen und ein helles Feuer. Es ſtand 3 169 auch auserleſener Wein im Ueberfluſſe auf dem Tiſche, aber er wurde kaum gekoſtet, denn Leidenſchaften, kräftiger als Wein, herrſchten in jenem Zimmer. Die Decke war niedrig, die Wände mit ledernen Ta⸗ peten bedeckt, die früher vergoldet und mit verſchiede⸗ nen Figuren bemalt geweſen, von welchen aber faſt alle Spuren der menſchlichen Kunſt verſchwunden waren, und welche die Strahlen mehr einſogen, als zurückwarfen. Das Zimmer war indeſſen groß und wohl proportionirt. Die maſſiven Querbalken, die man mit der Hand erreichen konnte, waren von vier ſtarken ſteinernen Pfeilern unterſtützt; das ganze Licht concentrirte ſich in der Mitte und ließ die Wände dunkel. Wenn eine zahlreiche Geſellſchaft einen Ort ver⸗ ſchönern könnte, ſo würde jenes Zimmer oder Halle lieblich genug geweſen ſein; denn nicht weniger als ſiebzehn oder achtzehn Perſonen waren dort verſammelt und viele derſelben ſchienen von nicht niedrigem Range zu ſein. Alle waren mehr oder weniger bewaffnet, und Streitärte, Streitkolben und gewichtige Schwerter lagen umher. Aber es laſtete eine feierliche und düſtere Stille auf der ganzen Geſellſchaft. Es war offenbar keine feſtliche Gelegenheit, die ſie zuſammengeführt. Der Wein hatte, wie geſagt, keinen Reiz für ſie und die Unterhaltung eben ſo wenig. Ein großer kräftiger Mann ſaß vor dem Kamine, ſeine gepanzerten Arme über die Bruſt gekreuzt und ſeine Augen auf die flackernde Flamme gerichtet. Ein Anderer ſaß am Tiſche und zeichnete mit dem Ende eines Strohhalms phantaſtiſche Figuren vermöge des verſchütteten Weines auf den Tiſch. Einige ſchläfrige Männer nickten in einiger Entfernung und andere ſtütz⸗ ten ihre Köpfe und ſchlugen in tiefem Nachdenken die Augen nieder. Endlich ſprach einer von ihnen. „Dies iſt eine langweilige Arbeit,“ ſagte er. „Das Handeln gefällt mir am beſten. Ich liege nicht gern wie eine Spinne in der Tiefe ihres Gewebes, wo ſie wartet, bis eine Fliege in's Netz ſummt. Hier ſind wir nun ſchon fünf oder ſechs lange Tage, ohne etwas zu thun. Ich warte nicht länger, als bis morgen früh, was Ihr auch ſagen mögt, Ralph.“ Der Andere, der in's Feuer blickte, wendete ſei⸗ nen Kopf ein wenig herum und antwortete in brum⸗ mendem Tone: „Ich ſage Euch, er iſt jetzt in Paris. Er kam dieſen Abend an. Wir werden ſogleich mehr hören.“ Die Unterredung verſtummte, denn Niemand ſetzte ſie fort und Alle verſanken wieder in ihr voriges Schweigen. Etwa eine Viertelſtunde verging, und dann ſtutzte der, welcher am Tiſche ſaß, und ſchien zu horchen. Es ließ ſich draußen im Gange ein Fußtritt hören und im nächſten Augenblicke wurde an die Thür 171 geklopft. Einer von den Verſammelten näherte ſich dem Eingange und fragte, wer da ſei. „Ich Houd!“ antwortete die Stimme. Sogleich wurde die Thür aufgeſchloſſen und der gewichtige Riegel geöffnet. Die Augen Aller waren jetzt mit einem Blicke, den ich nicht anders zu beſchreiben weiß, als daß er einen Ausdruck der grimmigen Erwartung hatte, auf den Eingang gerichtet. Anfangs verhinderte die Dun⸗ kelheit Diejenigen, welche in der Helle ſaßen, zu ſehen, wer eintrat. Aber ein kräftiger Mann, der einen rothen Mantel trug, eine ſehr große Kaputze über ſeine Schultern zurückgeworfen hatte und ein ein⸗ faches braunes Barett mit einer Reiherfeder trug, näherte ſich ſchnell dem Tiſche und fragte: „Wo iſt Actonville?“ Sein Geſicht war todtenblaß und ſelbſt ſeine Lip⸗ pen hatten ihre Farbe verloren; aber keine Gemüths⸗ bewegung verrieth ſich in den Zügen. Alle waren ſtrenge und entſchloſſen. „Hier,“ ſagte der Mann, der am Feuer ſaß, in⸗ dem er aufſtand.— Der Andere näherte ſich ihm und flüſterte ihm Etwas zu. Actonville erwiederte in demſelben leiſen Tone, und dann antwortete der Andere lauter: „Für das Alles habe ich geſorgt. Thomas von 172 Courthoſe wird ihm eine Botſchaft vom Könige über⸗ bringen. Seid raſch, denn er wird bald dort ſein.“ „Wie erhieltet Ihr die Nachricht, Herr?“ fragte Actonville. „Durch den Narren— natürlich durch den Nar⸗ ren,“ verſetzte der Andere.„Es iſt völlig gewiß, ob⸗ gleich ein Narr es geſagt.“ „Der Mond muß erſt aufgegangen ſein,“ ſagte Actonville.„Wäre es nicht beſſer, es zu thun, wenn er zurückkehrt?“ 4 „Dann wird er Viele bei ſich haben,“ antwortete der Mann, welcher eben eingetreten war,„und der Mond iſt untergegangen.“ „Mond oder nicht Mond, Viele oder Wenige,“ rief der Mann, der am Tiſche geſeſſen,„laßt uns ſo⸗ gleich zum Werke ſchreiten. Tapfere Männer fürchten die Menge nicht, und nur Hunde erſchrecken vor dem MNonde.“ Noch drei Minuten wurden mit einer kurzen und beftigen Unterredung hingebracht, die man zuweilen laut, zuweilen leiſe führte, und dann gerieth Alles in thätige Bewegung. Schyerter, Streitäxte und Kolben wurden genommen, und einige Fragen gethan und beantwortet. „Sind alle Pferde bereit?“ fragte Einer. „Man darf ſie nur los machen,“ verſetzte ein Anderer.. 1 173 „Das Stroh iſt in beiden Zimmern aufgehäuft,“ ſagte ein Dritter.„Soll ich es jetzt anzünden?“ „Nein, nein— ſeid Ihr toll?“ verſetzte Acton⸗ ville,„nicht eher, als bis es geſchehen iſt.“ „Dann will ich die Laterne in Bereitſchaft hal⸗ ten,“ verſetzte der Andere. „Wo werdet Ihr ſein, Herr?“ fragte Actonville. 6 „Ganz in der Nähe,“ verſetzte der Mann in dem rothen Mantel.„Aber wir verlieren Zeit. Geht ein⸗ zeln hinaus und laßt die Thür offen, löſcht die Lich⸗ ter aus, Wilhelm von Courthoſe. Ich habe hier eine Laterne unter meinem Mantel.“ Die Lichter wurden ſogleich ausgelöſcht und bei dem flackernden Feuer ſah man achtzehn ſchattige Fi⸗ guren wie Geiſter aus dem Zimmer gehen. Durch den langen Gang, der durch das Haus führte, ſchrit⸗ ten ſie ſo leiſe, wie ihre Waffen es nur geſtatteten, dann gingen ſie an der unregelmäßigen Seite der Straße einzeln weiter, um nicht geſehen zu werden. Der Mann, der zuletzt eingetreten war, blieb allein vor dem Feuer ſtehen, ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt, eine Laterne, die er mitgebracht, am Boden ſtehend, ſeine Augen auf einen Klotz gerichtet, aus welchem ſich eine kleine ſchmale Flamme erhob, die unten gelb und oben blau war und zitternd hin⸗ und herſchwankte. Er beobachtete dieſelbe fünf oder ſechs Minuten. Plötzlich fuhr ſie empor und verſchwand. —— ͤnn 174 „Ha!“ rief der düſtere ſtrenge Mann und wen⸗ dete ſich zur Thür. Ehe er ſie erreichte, hörte er draußen einen lauten Schrei des Schmerzes und Kampfes. Er blieb ſtehen und erbebte. Was ging da in ſeiner Bruſt vor? Nur Gott weiß es. Kein Menſch erfuhr es je. Zwölftes Kapitel. Die Thore des Hotel Barbette, des früheren Hotel Montaign, öffneten ſich augenblicklich vor dem Her⸗ zoge von Orleans und man ließ ihn nur einen Augen⸗ blick in der großen Halle warten, ehe die Königin den Befehl gab, ihn eintreten zu laſſen, obgleich ſie noch krank war. Er fand die ſchöne, aber rachſüchtige Iſabella im Bette; aber dies war in jenen Tagen kein Hinderniß für eine Dame, ſelbſt von königlichem Range, Beſuch zu empfangen; und nachdem er ſeine ſchöne Schwägerin begrüßt hatte, ſetzte er ſich an ihrem Bette nieder, und das Zimmer wurde bald von den Dienerinnen geräumt. „Ihr habt meinen Brief empfangen, Louis?“ ſagte ſie, ihre Hand zärtlich auf die ſeinige legend; denn es iſt jeder Grund vorhanden, zu glauben, daß der Herzog von Orleans der Einzige war, für den ſie je eine aufrichtige Neigung hegte. „Ja, liebe Iſabella,“ antwortete der Herzog; „und ich kam ſogleich, um zu hören, was Euer Wille ſei.“ „Wie viele Begleiter habt Ihr mitgebracht?“ fragte die Königin.„Ich hoffe, Ihr habt keine Toll⸗ kühnheit begangen, Orleans.“ „O! in Paris habe ich viele,“ verſetzte der Her⸗ zog;„nahe an fünfhundert. Die übrigen ließ ich bei Valentinen in Beauté zurück, denn ſie geht nach Chateau Thierry, um alle ihre Kinder zuſammenzu⸗ bringen. Wenn Ihr aber meint, wie viele ich dieſen Abend hiehergebracht habe, ſo muß ich ſagen, nicht viele, liebe Iſabella— zwei Männer zu Pferde und ein halbes Dutzend zu Fuß.“ „Unbeſonnener Mann!“ rief die Königin. „Wißt Ihr nicht, daß Burgund hier iſt?“ „O ja,“ antwortete der Herzog von Orleans. „Er ſpeiſte eben ganz ruhig mit mir zu Abend.“ „Laßt Euch nicht täuſchen— laßt Euch nicht täuſchen, Louis von Orleans,“ fuhr die Königin fort. „Wer kann ſo gut wie Johann von Burgund Freund⸗ ſchaft heucheln und doch Feindſchaft hegen? Ich ſage Euch, ich weiß gewiß, daß er gerade jetzt Ränke gegen Euch ſchmiedet. Euer Leben iſt niemals ſicher, wenn er in Eurer Nähe iſt, es ſei denn, daß Ihr von Euren Reiſigen umgeben ſeid.“ „Da ſpielen wir kein gleiches Spiel,“ bemerkte 177 der Herzog;„denn ſein Leben iſt bei mir ſo ſicher, wie bei ſeinem theuerſten Freunde.“ „Wußte er, daß Ihr hieher kommen wolltet?“ fragte die Königin mit ängſtlichem Blicke. „Gewiß,“ verſetzte der Herzog; aber dann fügte er mit heiterem Lachen hinzu:„Nach ſeinen Fragen zu urtheilen, vermuthete er, daß ich vorher anders wohin gehen würde, obgleich ich ihm ſagte, daß es nicht der Fall ſei.“ „Wohin? wohin?“ fragte die Königin. „Zur Frau von Giac,“ verſetzte der Herzog von Orleans mit ſchlauem Blicke. „Die Schlange!“ murmelte Iſabella.„Und Ihr waret nicht dort?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte ihr Schwager. „So weiß er alſo, daß Ihr hieher gegangen ſeid,“ ſagte Iſabella gedankenvoll;„und der Rückweg wird gefährlich ſein. Ihr ſollt nicht gehen, Orleans, bis Ihr eine ſtärkere Begleitung habt kommen laſſen.“ „Gut, liebe Schweſter, wenn es Euch Beruhigurg gewährt, ſoll es geſchehen,“ verſetzte der Herzog.„Ich will einem von meinen Leuten ſagen, daß er eine Reitterabtheilung aus dem Hotel herbeibringt!“ „Laßt die Abtheilung groß genug ſein,“ ſagte die Königin mit Nachdruck. Der Herzog lächelte und verließ das Zimmer, um ſeine Begleiter aufzuſuchen; aber es war keiner Agnes Sorel. II. 12 — aooſſ—— 178 von ſeinen beiden Knappen zu finden. Der Himmel weiß, wo ſie waren oder was ſie thaten; aber die Königin hatte ſehr hübſche Hofdamen in dem Hotel Barbette, die nicht ſehr bedenklich waren, ſich mit muntern, jungen Herrn zu unterhalten. Ein junger, deutſcher Page, blondhaarig und ſanft, hing nachläſſig auf einem von den Seſſeln in der großen Halle, aber er wußte wenig von Paris, und der Herzog von Orleans ließ einen von ſeinen Dienern rufen und befahl ihm, das Pferd eines der Knappen zu nehmen, in das Hotel d'Orleans zu reiten und in einer Stunde zwanzig Reiſige herbeizubringen. Dann kehrte er in das Zimmer der Koͤnigin zurück und unterredete ſich noch etwa zehn Minuten mit ihr, als eine von ihren Damen eintrat und die Nachricht brachte, daß ein Bote vom Hotel St. Pol angekommen ſei, welcher augen⸗ blickliche Audienz bzim Herzoge verlange. „Wer iſt es?“ fragte Iſabella, die Dame an⸗ ſehend, indem ihr Argwohn rege wurde.„Wie wußte man im Hotel St. Pol, daß Seine Hoheit hier ſei?“ „Es iſt Thomas von Courthoſe, Ihre Majeſtät,“ verſetzte die Dame,„und er ſagt, er ſei ſchon im Hotel d'Orleans geweſen, von wo man ihn hieher geſchickt.“ „Mit Eurer Erlaubniß, ſchöne Schweſter, wollen mir ihn alſo einlaſſen,“ ſagte der Herzog; und in der nächſten Minute wurde Thomas Courthoſe, er 179 der ein Amt in der nächſten Umgebung des Königs bekleidete, in's Zimmer geführt. Er hatte kein an⸗ genehmes Ausſehen, denn er hatte ſchwarzes Haar, blickte auf den Boden nieder und ſeine Augen waren ſo nahe zuſammen, daß es faſt ausſah, als ob er ſchiele; aber der Herzog und die Königin kannten ihn ſehr wohl und der Verdacht wurde eingeſchläfert. Sich mit einer Verbeugung, zuerſt gegen die Königin und dann gegen den Herzog, nähernd, ſagte der Mann: „Ich habe Befehl von Seiner Majeſtät dem Könige, Eure Hoheit zu benachrichtigen, daß er Euch augenblicklich in einem Geſchäfte zu ſprechen wünſcht, welches Euch Beide nahe berührt.“ „Ich werde ſogleich gehorchen,“ verſetzte der Herzog. „Sagt meinen Leuten, daß ſie ſich bereit halten, bis ich komme. Ich werde in fünf Minuten im Hofe ſein.“ „Bleibt, Orleans, bleibt!“ rief die Königin, als der Mann das Zimmer verließ.„Wartet, bis Eure Begleitung kommt, lieber Bruder.“ Der Herzog lachte nur über ihre Furcht, ſtellte ihr vor, daß ſeine Pflicht gegen den König unmittel⸗ baren Gehorſam fordere, und fügte hinzu: 11 „Ich werde auf jenem Wege ſicherer ſein, als auf irgend einem anderen. Sie wiſſen, daß ich ſpät hieher gegangen bin, und werden daraus ſchließen, daß ich auf demſelben Wege zurückkehren werde. Wenn . 12 180 Burgund mir einen ſchlechten Streich zu ſpielen, mich gefangen zu nehmen, mich einzukerkern oder ſonſt zu mißhandeln beabſichtigt, ſo wird er ſeine Reiter in jener Richtung aufſtellen, und indem ich den Um⸗ weg mache, werde ich ihnen ausweichen. Nein, nein, Iſabella, Louis von Orleans wird nie ein Beiſpiel des Ungehorſams gegen den König geben.“ Die Königin ſah ihn mit einem Seufzer ſich entfernen, aber der Herzog ſtieg ohne Furcht auf den Hofplatz hinunter und ſprach heiter mit ſeinen Be⸗ gleitern, die er verſammelt fand.. „Wir wiſſen nicht, was wir anfangen ſollen, mein Herr,“ ſagte einer von den Knappen vortretend. „Leonhard hat eins von den Pferden genommen, und jetzt kommen zwei Knappen auf ein Pferd.“ „Der Herr des Pferdes mag es beſteigen und den Andern hinter ſich aufnehmen,“ ſagte der Herzog lachend.„Saht Ihr nie zwei Männer auf einem Pferde?“ Inzwiſchen wurde ſein Maulthier herbeigebracht; und ſeinen Fuß in den Steigbügel ſetzend, beſtieg es der Herzog ein wenig langſam. Dann blickte er zum Himmel auf und ſagte:. „Der Mond iſt untergegangen und es iſt ſehr dunkel geworden. Wenn Ihr Fackeln habt, ſo zündet ſie an.“ Etwa fünf Minuten wurden damit hingebracht, — ——————— O— 1.2— ↄꝑ 181 die Fackeln anzuzünden, und dann wurden die Thore des Hotel Barbette geöffnet. Die beiden Knappen auf einem Pferde ritten voran, darauf kam der Her⸗ zog auf ſeinem Maulthiere, dicht hinter ihm folgte der deutſche Page, der ſeine Hand auf dem Kreuz des Pferdes ruhen ließ, während zwei Männer mit bren⸗ nenden Fackeln zu beiden Seiten gingen. Der Por⸗ tier ſah ihnen einen Augenblick nach, als ſie die alte Tempelſtraße hinunterzogen, und verriegelte dann die Thore für die Nacht. Alles war ſtill und einſam in der Straße und der kleine Zug ging etwa zweihundert Schritte lang⸗ ſam weiter. Dann fiel das Fackellicht plötzlich auf einen Gegenſtand, den das Pferd, welches die beiden Knappen trug, vorher nicht geſehen hatte, denn das Thier fuhr heftig auf die Seite und galoppirte dann die Straße hinunter. Der Herzog ſpornte ſein Maul⸗ thier an und eilte nach; aber er war noch keine zwölf Schritte weiter gekommen, als ein Bewaffneter hinter dem dunklen Winkel eines Hauſes hervorſtürzte. Faſt in demſelben Augenblicke kam ein anderer aus einem tiefen, bogenförmigen Eingange hervor und dann eilten noch mehrere herbei, indem das Fackellicht auf ihre Harniſche, ihre Streitäxte und Kolben ſchien. Zwei von den Fackelträgern warfen ihre Fackeln nieder und ent⸗ flohen; ein dritter wurde von den anrückenden Be⸗ waffneten zu Boden geworfen, und in demſelben Augen⸗ 182 blicke faßte eine ſtarke, gepanzerte Hand den Zügel des Herzogs von Orleans. Der unerſchrockene Prinz trieb ſein Maulthier gegen den Mann, der es hielt, ohne zu verſuchen, es herumzuwenden, und er ſchien noch zu zweifeln, daß er der wahre Gegenſtand des Angriffes ſei, denn wäh⸗ rend der Mörder rief:„Tödtet ihn! tödtet ihn!“ ſagte er mit lauter Stimme: „Was giebt's? Ich bin der Herzog von Orleans!“ V „Den ſuchen wir gerade!“ rief eine tiefe Stimme ganz in ſeiner Nähe, und als der Herzog ſeine Hand nach dem Griffe ſeines Schwertes aus⸗ ſtreckte, wurde ein gewaltiger Schlag mit einer Streit⸗ axt auf ſein Handgelenk geführt, welcher die Hand vom Arme trennte. Dann erhielt er einen ſchweren Schlag mit einem Streitkolben auf den Kopf und wurde rücklings aus dem Sattel geworfen. Aber ſelbſt da blieb ihm Einer getreu. Der deutſche Page, welcher ihm folgte, warf ſich augenblicklich auf ſeinen Herrn, um ihn vor den Schlägen zu ſchützen, die auf ihn niederfielen. Aber Alles war vergebens. Die Streitaxt und der Kolben endeten das Daſein des armen Jünglings in einem Augenblicke, ſein Körper wurde von dem des Herzogs hinweggeriſſen, und ein Schlag mit einer mit Stacheln verſehenen Keule zerſchmetterte den ——— S ———, 183 Schädel des tapferen und eleganten Louis von Orleans. Während des Kampfes hatte ſich ein verwirrtes Ge⸗ ſchrei erhoben, als aber dieſer letzte Schlag gefallen war, wurde plötzlich Alles ſtill. Drei von den Fackeln waren erloſchen und die Träger entflohen. Ein mat⸗ tes Licht flackerte noch am Boden und warf einen rothen und wechſelnden Schimmer auf die blutigen Körper der Todten und die wilden und grimmigen Geſichter der Mörder. Während dieſes Schweigens kam ein Mann in rothem Mantel und Kapuze, der eine Laterne in der Hand hielt, raſch herbei. Der Mörder zeigte keine Furcht bei ſeiner Gegenwart; der Neuangekommene näherte die Laterne dem Geſichte des Todten, ſah ihn einen Augenblick mit ſtrengem und unverändertem Aus⸗ drucke an und ſagte: „Er iſt es!“ Vielleicht zeigte jenes Geſicht noch eine letzte, zuckende Bewegung, obgleich das Leben ſchon dahin⸗ geſchwunden war, denn jener finſtere, ſtrenge Mann entriß einem der Mörder den Streitkolben, verſetzte der Leiche noch einen ſchweren Schlag auf den Kopf und ſagte: „Aus mit dem letzten Funken.“ Acht oder zehn Perſonen waren in der Nähe der Stelle, wo der Herzog gefallen war; aber andere ſtanden in geringen Entfernungen auf der Straße 184 zerſtreut. Plötzlich rief eine Stimme:„Horch!“ und man hörte einen Reiter herbeigaloppiren. „Fort!“ rief der Mann in dem rothen Mantel. „Zündet das Haus an und zerſtreut Euch. Ihr wißt Eure Wege. Fort!“ Dann kam ein entferntes Geſchrei, wie von den Thoren des Palaſtes der Königin:„Hilfe! Hilfe! Mord— Mord!“ Aber im nächſten Augenblicke wurde noch lauter:„Feuer— Feuer!“ gerufen. Dunkle Rauchmaſſen drangen aus dem Fenſtern des Hotel Notre⸗Dame, dann brachen die Flammen her⸗ vor und Funken flogen in die Luft. Der ganze Schauplatz des Mordes wurde in Rauch und Dunkel⸗ heit gehüllt, während das dunkelrothe Licht die dich⸗ ten Rauchwolken färbte und nur dazu diente, die ab⸗ und zugehenden Figuren zu zeigen, die beſtändig zu⸗ nahmen und ſich um den unheilvollen Ort ver⸗ ſammelten. Aber die handelnden Perſonen in dieſer Tragö⸗ die hatten ſich zerſtreut. Von Zeit zu Zeit ſah man wohl einen derſelben durch die von Rauch erfüllte Luft zu den verſchiedenen Straßen hineilen, die von dem Schauplatze des Mordes hinwegführten, bis endlich alle verſchwunden waren und nur die erſchrockenen Zuſchauer der entſetzlichen That übrig waren. Wenige verweilten bei dem brennenden Hauſe und Niemand verſuchte die Flammen zu löſchen, denn 185 dd ſchon hatte ſich das Gerücht verbreitet, daß der Her⸗ zog von Orleans ermordet worden ſei, und die Menge l. eilte zu dem Platze, wo er lag. Die, welche einen st Augenblick vor dem Hotel Notre⸗Dame verweilten, bemerkten, daß durch die Heftigkeit des Feuers eine in Quantität brennendes Stroh zu den Thüren und 2! Fenſtern herausgeworfen wurde, und Einige hörten ke auch raſche Hufſchläge in geringer Entfernung, als ob n. eine kleine Reiterabtheilung von der Hinterſeite des 1 Gebäudes fortgaloppire. ⸗ Wenige aber hielten es für nöthig, Erkundigun⸗ e gen anzuſtellen oder die Mörder zu verfolgen. Eine Betäubung ſchien ſich Aller, welche zuerſt kamen, mit Ausnahme eines Einzigen zu bemächtigen. Dies war ein armer Handwerker; und als er einen Bewaffneten, einen Streitkolben in der Hand, durch die Straße ſchleichen ſah, folgte er ihm mit raſchem Schritte, ſpürte ihm durch mehrere Straßen nach, blieb furcht⸗ ⸗ ſam ſtehen, wenn der Andere ſtillſtand, wendete ſich n ſum, wenn der Andere ſich umwendete, und ſah ihn ft endlich in die Thore des Hotel d'Artois, der Reſidenz n des Herzogs von Burgund, eintreten. h Inzwiſchen wurde die Leiche des unglücklichen n Herzogs, ſo wie die des armen Pagen, der ſein Leben für ihn geopfert hatte, in die nahe Kirche der weißen ſe Brüder getragen. Die Nachricht verbreitete ſich wie n ein Blitz durch die ganze Stadt— ein Nachbar er⸗ XN d F ðR X 186 zählte es dem anderen— viele wurden aus dem Schlafe aufgeweckt, um die Nachricht zu hören, und Auf⸗ regung und Tumult verbreitete ſich durch ganz Paris. Die ſeltſamſten Gerüchte wurden geglaubt und noch vergrößert. Die Königin Iſabella von Baiern ließ ſich, er⸗ ſchrocken und furchtſam, in eine Sänfte ſetzen und in das Hotel St. Pol tragen. Eine Anzahl getreuer Edelleute, welche glaubten, daß des Königs Leben in Gefahr ſei, bewaffneten ſich und ihre Leute und ver⸗ wandelten den Hof des Palaſtes in eine Feſtung; aber die Anhänger des gemordeten Herzogs blieben einige Stunden faſt betäubt von Entſetzen und faßten ſich nur, um ſich der Wuth und dem Unwillen hinzu⸗ geben, wodurch in ſpäteren Tagen manche unheilvolle Folgen hervorgebracht wurden.— Inzwiſchen blieb die Kirche der weißen Brüder nicht leer. Die Mönche ſelber verſammelten ſich um die Leichen und ſangen die ganze Nacht Grablieder bei angezündeten Kerzen und bei feierlichem Orgelſpiele. Fürſten und Edelleute drängten ſich mit ſchwerem Her⸗ zen und aufgeregtem Geiſte in die Kirche. Der Her⸗ zog von Bourbon und der ehrwürdige Herzog von Berri waren die erſten. Dann kam der König von Sicilien, der erſt am vergangenen Morgen in Paris angekommen war. Alle erſchöpften ſich in Wehklagen und ſtießen 187 Flüche über die Mörder aus; aber Niemand mehr, als der Herzog von Burgund, welcher erklärte, nie ſei in der Stadt Paris ein ſo entſetzlicher und trauriger Mord verübt worden. Es gelang ihm ſogar, Thränen auszupreſſen; aber während die Worte noch auf ſeinen Lippen und die Thränen in ſeinen Augen waren, zupfte ihn Je⸗ mand am Mantel, und ſich umwendend, erblickte er einen von ſeinen vertrauteſten Dienern. Es wurde Nichts geſprochen; aber es war ein Blick in den Augen des Mannes, welcher Aufmerkſamkeit forderte, und nach einigen Augenblicken begab ſich der Herzog mit ihm in eine Kapelle. „Man hat Einen gefangen genommen, von dem man glaubt, daß er an dem Morde Antheil gehabt,“ flüſterte der Mann. „Wer— wer iſt es?“ fragte der Herzog lebhaft. „Niemand, den Eure Hoheit kennt,“ verſetzte der Mann, in des Herzogs Geſicht blickend, obgleich die Kapelle ſehr dunkel war.„Es iſt ein junger Herr, der des Herzogs Sekretair geweſen ſein ſoll, ein gewiſſer Charoſt de Brecy.“ Der Herzog ſtampfte mit dem Fuße auf den Bo⸗ den und ſagte mit einem Fluche:. „Das kann Alles zu Grunde richten. Sorgt, daß er ſo bald wie möglich in Freiheit geſetzt werde, ehe man ihn verhört.“ 188 „Ich fürchte, es kann nicht geſchehen,“ verſetzte der Mann in demſelben leiſen Tone.„Er iſt in den Händen des Oberrichters Wilhelm von Tignonville. Aber könnte man den Mord nicht auf ihn ſchieben, gnädigſter Herr? Man ſagt mir, er habe dieſe Nacht laut mit dem Herzoge gezankt und ſei auf dem Wege zu dem Hotel Barbette plötzlich von ſeinem königlichen Herrn weggeritten.“ „Thorheit und Unſinn!“ ſagte der Herzog un⸗ geduldig. Dann verſank er in tiefes Nachdenken und fügte in ſinnendem Tone hinzu: „Dafür muß geſorgt werden. Aber nicht ſo— nicht ſo. Gut, wir wollen ſehen. Laßt ihn, wo er iſt. Er muß Schweigen lernen, wenn er gerettet ſein will.“ Dreizehntes Kapitel. Wir müſſen uns jetzt wieder zu Jean Charoſt wenden. Wir haben bereits geſagt, daß das Thor des Hauſes der Frau von Giac, vermöge einer damals in Paris ſehr gewöhnlichen Vorrichtung, um dem Por⸗ tier Mühe und dem Gaſte Zeit zu erſparen, womit er aber unbekannt war, ſich ohne die Vermittlung eines menſchlichen Weſens öffnete und er mehrere Perſonen in derſelben Richtung dahinlaufen ſah, die er einzu⸗ ſchlagen beabſichtigte. Der Menſch hat gewöhnlich eine Neigung, nach derſelben Richtung mit Anderen fortzueilen, und ſich in den Sattel ſchwingend, ſpornte Jean Charoſt ſein Pferd eein wenig raſcher,an, als er ſonſt gethan haben möchte, wenn er Niemand hätte laufen ſehen. Als er weiter kam, ſah er in der Rich⸗ tung der Porte Barbette einen dunkelrothen Schein über die Häuſer ſich erheben und die großen, ſchweren Rauchwirbel beleuchten. Im nächſten Augenblicke hörte 190 er laute Stimmen„Feuer! Feuer!“ rufen und glaubte auch„Mord! Mord!“ zu hören. Er eilte weiter und befand ſich bald an der Ecke der alten Tempelſtraße, aber er konnte ſich die Scene, die ihm vor Augen kam, nicht erklären. Das Haus vor ihm brannte an verſchiedenen Stellen und mußte bald ganz niedergebrannt ſein; aber obgleich eine An⸗ zahl Menſchen in der Straße waren, die in wilder Unordnung hin⸗ und herliefen, ſo blieben doch wenige nur einen Augenblick vor dem brennenden Gebäude ſtehen und die meiſten liefen zu einer anderen Stelle weiter die Straße hinunter. Alle, die ſich bis jetzt verſammelt hatten, waren zu Fuß, obgleich er weiter nach dem Stadtthore hin ein Pferd ſehen konnte; aber während er ſich mit eini⸗ ger Verwunderung umſah und unentſchloſſen war, ob er in dem Gedränge fragen ſolle, was geſchehen ſei, oder ob er ſogleich zu dem Hotel Barbette reiten ſolle, kam ein Mann in der königlichen Livree, der eine Hellebarde in der Hand hielt, an ihm vorüber und ſah ihn aufmerkſam an.— Plötzlich kam ein zweiter Mann die Straße her⸗ auf gelaufen, der mit Ausnahme des Kopfes völlig gerüſtet war. Der Mann mit der Hellebarde hielt ſogleich den Anderen auf und ſchien ihm eine Frage vorzulegen, und Jean Charoſt ſah, wie der Bewaff⸗ nete auf zhn deutete und rief: —„——„— 191 „Er muß Einer von ihnen ſein— er muß Einer von ihnen ſein!“ Im nächſten Augenblicke ergriffen Beide ſeinen Zügel, doch ließen ſie ihn bald wieder los; denn wahrend der Hellebardierer nach Jean's Namen und Geſchäft fragte und drohte, ihm den Kopf zu ſpalten, wenn er nicht augenblicklich antworte, ſchlich ſich der bewaffnete Mann an der anderen Seite des Pferdes vorüber, bog dann um die Straßenecke und war nicht mehr zu ſehen. Jean Charoſt's Name und Geſchäft war bald er⸗ klärt, aber der Mann hielt noch immer den Zügel feſt. Zwei oder drei Perſonen verſammelten ſich um ihn, welche alle mit ihm übereinſtimmten, daß er eine große Heelldenthat ausgeführt, indem er einen Mann gefan⸗ gen genommen, der durch weiter Nichts verdächtig war, als daß er zu Pferde ſaß, während alle Uebri⸗ gen zu Fuß waren. Sie verhandelten noch, was mit ihm anzufangen ſei, bis eine große Menſchenmenge von dem Hotel Barbette herkam, unter welcher der junge Sekretair einen von den Knappen und zwei von den Lakaien des Herzogs von Orleans erkannte. Jean Charoſt rief dieſen ſogleich zu: „Es iſt hier irgend ein Unheil geſchehen. Bitte, erklärt dieſen Leuten, wer ich bin, denn ſie halten mich ohne Urſache an, und ich kann nicht weiter, um zu Seiner Hoheit dem Herzoge zu gelangen.“ 19²2 „Warum verließet Ihr ihn vor einer Stunde ſo plötzlich?“ rief der junge Knappe in heftigem Tone. „Ihr kamet ja mit uns von dem Hotel d'Orleans und verſchwandet unterwegs. Haltet ihn lieber feſt, meine Freunde, bis dieſe blutige That unterſucht worden iſt.“ Dann wendete er ſich wieder zu Jean Charoſt und fügte hinzu:„Wißt Ihr denn nicht, daß der Herzog auf ſchmachvolle Weiſe ermordet worden iſt?“ Dieſe Nachricht war ein Donnerſchlag für den jungen Mann. Er ſaß bewegungslos auf ſeinem Pferde, während die, welche von dem Hotel Barbette kamen, vorüberzogen; und er erwachte erſt aus ſeiner Betäubung, als ſein Pferd von zwei oder drei Männern durch eine dunkle und enge Straße geführt wurde, er wußte nicht wohin. Seine erſten deutlichen Gedanken galten mehr dem Herzoge, als ihm ſelber, und er fragte die Männer lebhaft, wo und wie die ſchreckliche That vollführt worden ſei. Es waren indeſſen außerordentlich weiſe Leute nach ihrer eigenen Meinung. Der Diener der Köni⸗ gin lachte höhniſch und ſagte: „Nein, nein, wir wollen Euch Nichts ſagen, um Euch auf Euer Verhör vor dem Oberrichter vorzube⸗ reiten. Er wird Euch Fragen vorlegen und Ihr müßt ihm antworten, ſonſt wird er Mittel finden, Euch dazu zu bewegen. Wir ſind nicht hier, um Eure Fragen zu beantworten.“ ——— B[———————— —( 1—— 193 Der weiſe Officiant hörte auf keine Vorſtellungen, und als Jean Charoſt ſeine Bemühungen vergebens fand, ritt er ſchweigend weiter. Zuweilen gerieth er freilich in Verſuchung, ſein Schwert zu ziehen und den Mann mit der Hellebarde damit zu durchbohren; doch widerſtand er der Verſuchung. 6 Endlich kamen ſie aus der engen Straße auf einen kleinen viereckigen Platz, an deſſen entgegenge⸗ ſetzter Seite ſich ein hohes und düſteres Gebäude er⸗ hob, welches an der Außenſeite keine anderen Fenſter zu haben ſchien, als in den oberen Stockwerken von zwei hohen Thürmen neben dem niedrigen und düſte⸗ ren bogenförmigen Eingange. Alles war ſtill und einſam auf dem Platze— kein Licht ſchien aus den Fenſtern jenes düſteren Gebäudes; aber ſie gingen gerade auf das große Thor zu und einer von den Männern zog den Glockenzug an, der an einem von den Thürmen hing. Sogleich hörte man ein lautes und wildes Bellen der Hunde, aber im Augenblicke wurde das Thor von einem breitſchulterigen, ſäbelbei⸗ nigen Manne geöffnet, der die Gäſte finſter anſah, obgleich er Nichts ſprach. Jean Charoſt's Pferd wurde hineingeführt, während der Portier vier wilde Hunde, die auf den Gefangenen losſpringen wollten, zurücktrieb und ſogleich das Thor ſchloß. Der Thorweg, unter welchem man jetzt ſtand, er⸗ ſtreckte ſich etwa dreißig Fuß durch die ſtarken Mauern Agnes Sorel. II. 13 194 und am anderen Ende zeigte ſich ein zweites Thor, dem erſten völlig gleich; aber der Portier machte keine Bewegung, daſſelbe zu öffnen, und that keine Fragen, ſondern ließ die Diener der Königin weitergehen und noch eine Glocke anziehen. Auch dieſes Thor öffnete ſich, aber nicht ſo raſch, wie das erſtere, und es zeigte ſich ein Mann, der eine Laterne in der Hand hielt, und hinter dieſem noch ein anderer Mann in geſtreif⸗ ter, vielfarbiger Kleidung, welche Jean Charoſt faſt zu dem Glauben brachte, daß man auch hier einen Narren halte. Aus den erſten Worten des Dieners der Königin erfuhr er indeſſen, daß es der Kerker⸗ meiſter ſei, und ſein hartes, ſtrenges und bitteres Ge⸗ ſicht verkündete ſchon ſein Amt. Dennoch machte er einige Schwierigkeiten, einen Gefangenen aus nicht autoriſirten Händen anzunehmen; endlich aber willigte er ein, den jungen Sekretair da zu behalten, bis er von dem Oberrichter verhört wer⸗ den könne. Dann entfernten ſich die Diener und die Gefangenwärter ließen ihren Gefangenen abſteigen und in ein kleines Zimmer in der Nähe eintreten, wo ein ſchwarzgekleideter Mann ſchreibend ſaß. Name, Stand und Beſchäftigung des Gefangenen wurden ſogleich niedergeſchrieben und dann wurde ein Diener gerufen, der ſogleich Jean Charoſt's Taſchen auszuleeren be⸗ gann, ihm Schwert und Dolch abnahm und ſich ſelbſt 195 einer kleinen mit Juwelen beſetzten Spange an ſeiner Kapuze bemächtigte. Der junge Mann leiſtete natürlich keinen Wider⸗ ſtand; als man ihn aber alles Geldes und aller Schmuckſachen beraubt hatte, war er überraſcht, als man eine Forderung von zehn Livres an ihn ſtellte. „Dies iſt eine ſehr außerordentliche Forderung,“ ſagte er, dem Kerkermeiſter in's Geſicht blickend, wel⸗ cher dabei ſtand, obgleich der Diener die Forderung geſtellt hatte.— „Wie ſo, Burſche?“ fragte der Mann trotzig. „Es iſt die herkömmliche Abgabe. Ihr ſagiet, Euer Name ſei Jean Charoſt, Baron von Brecy. Ein Baron zahlt daſſelbe, wie ein Graf oder eine Gräfin.“ „Aber wie kann ich etwas zahlen, wenn Ihr mir Alles abgenommen habt?“ fragte der junge Sekretair. „O! Ihr ſeid im Irrthume,“ ſagte der Kerker⸗ meiſter mit rauhem Lachen.„Ich ſehe, Ihr ſeid noch ein junger Vogel. Alles, was man Euch abgenom⸗ men hat, wird Euch, mit Ausnahme der Gefängniß⸗ gebühren, zurückgegeben werden, wenn Ihr heraus⸗ kommt, wenn das je der Fall iſt. Aber Ihr müßt ſelber einwilligen, daß ich das Geld nehmen darf, ſonſt müßt Ihr im Graben ſchlafen, wo Ihr nur die Hälfte zahlt, und die nehme ich, ohne zu fragen.“ 13* „Nehmt— nehmt,“ ſagte Jean Charoſt mit einem Gefühle des Entſetzens und Schreckens, welches machte, daß er ſich krank und matt fühlte.„Behan⸗ delt mich ſo gut, wie Ihr könnt, und nehmt, was Euch zukommt. Wenn mehr nöthig iſt, könnt Ihr es auch haben.“ 1 Der Kerkermeiſter nickte dem Diener zu, der den Gefangenen angrinſte, und ſagte: „Wir werden Euch ſehr gut behandeln, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Ihr ſollt eine reine Zelle mit einem Bette haben, vier Fuß breit, welches Ihr nur mitz wei anderen Herren theilen dürft, die beide von guter Geburt ſind, obgleich der Eine hier iſt, weil er ein junges Marktweib getödtet. In drei Tagen wird ihm der Kopf abgeſchlagen werden, und dann habt Ihr nur einen Kameraden.“ „Kann ich nicht allein ſein?“ fragte Jean Charoſt. „Das Geſetz iſt, drei Gefangene für ein Bett,“ entgegnete der Diener des Kerkermeiſters,„und wir können das Herkommen nicht ändern— es müßte denn ſein, daß Ihr vier Deniers die Nacht für ein einzelnes Bett und zwei für die Stelle, wo es ſteht, zahlen wolltet.“ „Sehr gern,“ rief der junge Mann, welcher ſah, daß in einem Gefängniſſe, ſowie anderswo, mit Geld viel zu erreichen ſei.„Kann ich eine Zelle für mich haben?“ „Gewiß— es iſt Platz genug da. Wenn Ihr die Gebühr für zwei andere Barone zahlt, ſo könnt Ihr den Raum haben, den ſie einnehmen würden.“ Jean Charoſt willigte in Alles, was verlangt wurde; der Kerkermeiſter nahm die ihm ſchuldige Ge⸗ bühr; das übrige bei ihm gefundene Geld wurde von dem ſchwarzgekleideten Manne, der nur ein Automat zu ſein ſchien, eingetragen, und dann führte ihn der Diener des Kerkermeiſters in ein kleines, nicht weit ent⸗ ferntes Zimmer. Unterwegs, ſowie eine oder zwei Minuten nach 8 ſeiner Ankunft in der Zelle, gab ihm der Diener raſche und deutliche Auskunft über die Gewohnheiten und Regeln des Ortes. Er erfuhr, wenn er zu ent⸗ fliehen verſuche, ſo würde ihn das Geſetz jedes Ver⸗ brechens, deſſen er angeklagt worden, für ſchuldig hal⸗ ten; er könne weder Schreibmaterialien haben, noch 4 mit irgend einem Freunde verkehren, ohne ſich an einen der Richter des Chatelet zu wenden; Alles, was das Geſetz einem Gefangenen geſtattete, ſei Waſſer und Brod, und endlich, man könne ſich Alles durch Geld verſchaffen— nur nicht die Freiheit.. Jean Eharoſt trug kein Bedenken, Alles zu ver⸗ langen, was er bedurfte, und als der Wärter zu dem Kerkermeiſter zurückkehrte, nachdem er die Thür drei Mal verſchloſſen und drei Mal verriegelt hatte, be⸗ nachrichtigte er ſeinen Herrn, daß der junge Gefan⸗ gene eine gute Orange ſei, womit er wahrſchein⸗ lich ſagen wollte, daß man ihn leicht ausſaugen könne. Vierzehntes Kapitel. Der Leſer wird ſich noch erinnern, daß wir zuſammen die Bude des Meſſerſchmieds Caboche beſucht haben. In eben jener Bude konnte man am Tage nach Jean Charoſt's Verhaftung das verſtändige Geſicht des ver⸗ wachſenen Knaben, des kleinen Jean, über den brei⸗ ten Tiſch, worauf die Waaren lagen, hinwegblicken und die Vorübergehenden mit ſchlauem Lächeln be⸗ grüßen ſehen, worauf gewöhnlich die Aufforderung folgte, einige von den Fabrikaten ſeines Vaters zu kaufen. Die Gaſſenbuben finden ſich in Paris ſchon in ſehr alten Zeiten und es waren witzige und boshafte kleine Kerle vorhanden, ſo weit die Geſchichte reicht. Wir müſſen auch geſtehen, daß der arme kleine Jean etwas von dem Gaſſenbuben hatte, obgleich ſeine körperlichen Schwächen ihn verhinderten, ſein Genie in den vielfachen Poſſen und Schwänken zu zeigen, womit ſich andere Knaben ſeines Alters beluſtigten. ————ꝛ— 200 Bei gegenwärtiger Gelegenheit, da er die ſeiner Sorge anvertrauten Waaren zu verkaufen wünſchte, enthielt er ſich, ſo weit wie möglich, aller beleidigenden Be⸗ merkungen, ſo lange noch eine Wahrſcheinlichkeit vor⸗ handen war, einen vorübergehenden Kunden zu ge⸗ winnen, aber eine mürriſche Antwort oder eine kalte Unaufmerkſamkeit brachte gewöhnlich einen beißenden Spott zum Vorſcheine, der ihm Schläge würde zuge⸗ zogen haben, hätten ihm ſeine Schwächen nicht als Schutz gedient. „Was wünſcht Ihr, Meſſire Behue?“ rief er, als ſich ein wohlgenährter Bürger an ſeiner Bude vor⸗ überrollte.„Gewiß, bei ſolcher Kundſchaft, wie Ihr habt, müſſen alle Eure Meſſer abgenutzt ſein. Hier kauft eins von dieſen, es erſpart Euch täglich eine Krone an der Zeit, und Eure Kunden werden nicht warten müſſen, wie die Leute beim Schauſpiele.“ Der gutmüthige Gerber blieb ſtehen und handelte um ein Meſſer, denn Schmeichelei erweicht ſelbſt wohl⸗ gegerbte Häute, und der kleine Jean, wohl zufrieden mit ſeinem Erfolge, machte einen ähnlichen Angriff auf einen hageren, blaſſen, heilig ausſehenden Mann, der nach ihm kam. Aber dieſer blickte ihn finſter an und ſagte: „Nein, nein, Junge. Ich will keine Meſſer mehr aus Deiner Bude. Das letzte, welches ich kaufte, bog ſich ganz krumm, ehe zwei Tage um waren.“ 201 „Die Schuld liegt an Eurem Käſe, Peter Giump,“ antwortete der Knabe heftig.„Es erging dem Dom Joachim, Kanonikus von St. Laurent, noch ärger, als Eurem Meſſer; denn er biß ſich an Eurem Käſe alle Zähne aus. Fragt ihn ſelber.“ „Du lügſt, kleines Ungeheuer,“ ſagte der Käſe⸗ händler zornig.„Es war ſo ſchlechtes Eiſen, wie nur je geſchärft worden.“, „Vielleicht nicht ſo hart, wie Euer Herz,“ ant⸗ wortete der kleine Jean,„aber viel ſchärfer, als Euer Verſtand; und wenn Euer Käſe nicht wie ein Mühl⸗ ſtein geweſen wäre, würde es ihn ſchon durchſchnitten haben.“ Der Käſehändler ging ſchnell fort, denn es wa⸗ ren zwei oder drei Frauen herbeigekommen, die mit Ausnahme einer einzigen, welche ſeine intime Freun⸗ din war, über die witzigen Entgegnungen des Kna⸗ ben lachten. „Ach! liebe Frau Mathurine!“ rief der kleine Jean, die ernſte Dame anredend;„kauft eine neue Nadel für Euren Mantel. Er bedarf derſelben ſehr, um ihn ſo zuſammenzuſtecken, daß die Falten gut fallen.“ „Laß mich in Ruhe, Affe!“ rief die alte Frau, dem Käſehändler folgend. Der Knabe winkte den an⸗ deren Frauen mit den Augen zu und rief laut: „Nun ja, Ihr ſeid weiſe. Eine neue Nadel würde nur ein Loch in den alten Fetzen reißen. „ 202 Sie trug dieſen Mantel bei der Beerdigung ihrer Ur⸗ großmutter, als ſie zehn Jahre alt war, und das ſind jetzt ſechszig Jahre her; ſo darf er wohl die Berüh⸗ rung des jüngeren Metalls fürchten.“ „Nun, Du Schelm! was haſt Du zu mir zu ſagen?“ ſagte ein junges und hübſches Weib, welches mit Vergnügen zugehört hatte. „Nur, daß ich Nichts habe, was gut genug für Eure ſchönen Augen iſt,“ antwortete der Knabe ſo⸗ gleich;„obgleich Ihr die Sachen nur anſehen dürft, um zu machen, daß ſie ſchimmern, als ob die Sonne darauf ſchiene.“ Dies war nicht ohne Wirkung, und die hübſche Bürgerfrau kaufte ſogleich zwei oder drei Gegenſtände aus der Bude. Eben hatte ſie ihr Geld bezahlt, als Martin Grille mit wilder, verſtörter Miene in die Bude trat und den Knaben, ohne ihn vorher zu begrüßen, fragte, wo ſein Vater ſei. „Ei, was iſt Dir begegnet, Martin?“ fragte der kleine Jean zärtlich.„Du kommſt ja wie ein Frem⸗ der herein und ſagſt kein Wort von mir oder Dir und ſiehſt ſo wild aus, wie der Teufel im Schauſpiele. Was willſt Du denn in ſolcher Eile von meinem Vater?“ „Ich bin erſchrocken und unruhig, kleiner Jean,“ && X 203 verſetzte der arme Martin mit einem Seufzer.„Mein Verſtand ſteht ſtill, was ſonſt nie der Fall war. Dein Vater kann mir vielleicht helfen; aber Du kannſt es nicht, mein Junge.“ „O! das weißt Du nicht,“ antwortete der An⸗ dere.„Ich kann mehr helfen, als man nur weiß. Denke nur, ich habe, während mein Vater zu den Cöleſtinern gegangen, um die Leiche des Herzogs von Orleans zu ſehen, in drei Stunden mehr Waaren ver⸗ kauft, als er vorher in drei Tagen.“ „Ahl der arme Herzog— der arme Herzog!“ rief Martin mit tiefem Seufzer. „Nun, komm und ſetze Dich nieder,“ ſagte der kleine Jaan.„Mein Vater wird ſogleich hier ſein, und inzwiſchen will ich Dir ein Stück auf meiner neuen Geige vorſpielen, und Du ſollſt hören, wie ich jetzt ſpielen kann.“ Martin Grille ſetzte ſich mit zerſtreutem Blicke nieder, ſtützte ſeinen Kopf auf ſeine Hände und ſchien bei ſeinen lebhaften Gedanken Alles um ihn her gänz⸗ lich zu vergeſſen. Der Knabe kroch unter den Tiſch, auf welchem ſeine Waaren ausgebreitet lagen, brachte ein Inſtrument zum Vorſchein, welches ſeinem Aeuße⸗ ren nach nicht viel verſprach, prüfte die Stimmung deſſelben mit dem Daumen, als wenn er auf einer Guitarre ſpiele, ſetzte ſich auf Martin Grille's Knie „ V —— 1 204 und legte das Inſtrument an ſeine mißgeſtaltete Schulter. 4 Es giebt Einige, welchen die Muſik wie durch Eingebung kommt. Alle anderen Künſte werden mehr oder weniger erworben. Aber die, welchen die Natur ein feines Gefühl für Harmonie eingepflanzt hat, überſpringen ſelbſt mechaniſche Schwierigkeiten und tragen ſogleich ihre muſikaliſchen Gedanken vor. Die Muſik muß ohne Kindheit aus dem Herzen Apollo's hervorgegangen ſein, ſo wie die Weisheit aus dem Haupte Jupiters. Der arme, verwachſene Knabe hatte nur wenig Unterricht bei einem unbedeutenden Lehrer gehabt; aber wenn er jetzt mit dem Bogen die Saiten berührte, brachte er Töne hervor, um deren Kraft ihn Beriot oder Rode möchten beneidet haben. Seine großen, hellen Augen auf das Geſicht ſeines Vetters richtend, ſchien er in Muſik aus ſeinem eigenen Geiſte zu dem Geiſte ſeines Zuhörers zu reden. Ob er irgend einen Plan hatte, und wenn das der Fall war, worin dieſer Plan beſtand, kann ich nicht ſagen— vielleicht wußte er es ſelber nicht; aber ſo viel iſt gewiß, daß die ſeltſame Phantaſie, die er in dem Augenblicke vortrug, eine auffallende Beziehung zu Martin's Gefühlen zu haben ſchien. Zuerſt ſtrich er auf einmal über alle Saiten und brachte einen ſtarken und kühnen Mißton hervor— dann kam eine tiefere und düſtere Stelle, die ſich gänzlich in den tie⸗ ——,,——,————,,-——, —,„—„—.= — ; V— —— 205 feren Tönen des Inſtruments hielt, einfach und melo⸗ diſch, aber ohne einen Verſuch zur vollſtändigeren Harmonie; dann wurden die Töne voller und mannig⸗ faltiger, gingen in Moll über und wurden ſo aus⸗ drucksvoll, daß Martin Grille endlich die Stimmen der Leidtragenden zu hören glaubte und rief: „Höre auf, Jean! Höre auf! Ich kann es nicht ertragen!“ Der Knabe aber fuhr fort, als triumphire er in der Herrſchaft der Muſik über den Geiſt, und nach und nach wurden die Töne ſeines Inſtruments heiterer— nicht leicht und fröhlich, denn von Zeit zu Zeit brachte eine gedämpfte Terz einen Anflug von Traurigkeit in die Melodie; aber dennoch hätte man denken ſollen, als höre man ferne Engelſtimmen den Menſchen Hoff⸗ nung und Frieden ſingen— Hoffnung, nicht weniger troſtreich, weil etwas Gedämpftes, ſelbſt Klagendes darin verborgen lag, und Frieden, der um ſo fried⸗ licher wurde durch einen Ton der milden Betrachtung. Die großen Meiſter zeigen nie ſo bewundernswürdig die Glorie ihrer Kunſt, als wenn ſie ſich dieſer Stim⸗ mung hingeben, und der arme, kleine Caboche war von der Natur belehrt worden, ſich darin auszu⸗ zeichnen. Der Eindruck, den Martin Grille empfand, war auffallend; die Muſik erheiterte ihn, aber dennoch 206 weinte er, und der Knabe ſah ihm lebhaft in's Ge⸗ ſicht und ſagte mit ſeltſamer Vertraulichkeit: „Sage mir nicht mehr, daß ich keine Macht habe, Martin. Niedrig, verkrüppelt und elend, wie ich bin, habe ich entdeckt, daß ich die Geiſter beſſer beherrſchen kann, als die Könige es vermögen, und ein Glück in mir habe, über welches ſie keine Herrſchaft üben. Du biſt nicht der Erſte, den ich zum Weinen gebracht habe. So ſage mir denn jetzt, was Du von meinem Vater willſt. Vielleicht kann ich Dir beſſer helfen, als er.“ „Du haſt mich nicht zum Weinen gebracht, thörichter Knabe,“ ſagte Martin Grille,„ſondern es war der Gedanke an den blutigen Tod des armen Herzogs von Orleans— eines ſo guten und edlen Herrn! Dann dachte ich, wie ſein ſchreckliches Schick⸗ ſal durch die Gnade der heiligen Jungfrau alle ſeine kleinen Sünden ausſühnen könne, und wie die Heili⸗ gen und die Engeln ihn begrüßen würden. Ich glaubte faſt, ich könne ſie ſingen hören, und das war es, was mich zum Weinen brachte. Aber was ich von Deinem Vater wollte, betraf meinen armen Herrn, Monſieur de Brecy— der ein ſo freundlicher und tapferer junger Mann iſt. Die Thoren haben ihn verhaftet und in's Gefängniß geworfen, weil ſie ihn beſchuldigen, an der Ermordung des Prinzen Theil gehabt zu haben, obgleich er zu jeder Zeit ſein Leben ——.,— 207 für ihn gelaſſen hätte. Aber alle Leute im Hotel ſind gegen ihn, denn er iſt viel zu gut für ſie, und ich möchte Jemand haben, der kräftig für ihn reden könnte; ſonſt möchten ſie ihn auf die Folter bringen und ihn auf ſein Leben lang zum Krüppel machen, um ihn dahin zu bringen, eine Lüge zu bekennen, gerade wie ſie es mit Paul Laroche machten, der ſpäter nur an zwei Stöcken gehen konnte. Nun weiß ich, daß Dein Vater ein Anhänger des Herzogs von Burgund iſt, und ich denke, dieſer Herzog wird jetzt Alles regieren.“ „Starke Geiſter ſuchen ſtarke Geiſter,“ ſagte der Knabe gedankenvoll;„und vielleicht könnte mein Vater etwas bei dem Herzog ausrichten. Aber, Martin,“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe fort,„ich rathe Dir, habe Nichts mit dem Herzoge von Burgund zu thun. Er wird Dir nicht helfen. Ich weiß nicht, was mir ſolche Gedanken in den Kopf ſetzt, aber des Königs Bruder hatte einen Feind— des Königs Bruder iſt ſchmachvoll ermordet worden— ſein Feind lebt noch, und gerade ihn würde ich nicht bitten, einem fälſchlich angeklagten Manne zu helfen. Warte ein wenig. Vor drei Tagen mußte ich vor dem Könige von Navarra ſpielen, und heute ſoll ich mit meinemt Inſtrumente zu der Königin von Sicilien kommen. Ich denke, ich kann Dir helfen, Martin, wenn ſie mich nur anhören will. Aber über dieſen Mord mag es abbeſtellt werden, denn ſie war ſehr für den Herzog eingenommen, wie man mir ſagt; aber wenn ich gehe, will ich ihr durch einen ihrer Leute ſagen laſſen, daß ich eine Trauermelodie für Seine Hoheit zu ſpielen habe. Vielleicht wird ſie die hören wollen. Nun er⸗ zähle mir Alles.“ 1 Martin Grille's Geſchichte währte ziemlich lange; da aber der Leſer bereits Vieles von dem weiß, was er auf unzuſammenhängende Weiſe ſeinem jungen Vet⸗ ter erzählte und das Uebrige von keiner großen Wich⸗ tigkeit iſt, ſo wollen wir ſeinen Bericht übergehen, welcher etwa zwanzig Minuten währte und kaum be⸗ endet war, als Caboche ſelber in ſeinem Sonntagsan⸗ zuge in die Bude trat. Seine erſten Worte zeigten Martin Grille die Richtigkeit des Rathes, den ihm der kleine Jean ertheilt hatte, nicht mit ſeinem Vater zu Jean Charoſt's Gunſten zu reden. „O!o! Martin!“ rief Caboche in rauhem, faſt wildem Tone,„ſo hat man alſo endlich Deinen hübſchen Herzoge für ſeine ſchönen Thaten den Kopf geſpalten!“ „Für welche Thaten iſt er ſo ſchmachvoll gemor⸗ det worden?“ ſragte Martin Grille mit ſo viel Zorn in ſeinem Tone, als er zu zeigen wagte. „Was! weißt Du es nicht?“ rief Caboche.„Es weiß ja Jedermann, daß Albert de Chauny, deſſen Fran er entführt, ihn getödtet hat. Ich ſage, wohl . gethan, Albert de Chauny, und ich würde daſſelbe gethan haben, wenn ich an ſeiner Stelle geweſen wäre.“ 8 „So iſt es alſo bewieſen, daß Herr von Brecy unſchuldig iſt?“ fiel Martin Grille lebhaft ein. „Davon weiß ich Nichts,“ entgegnete Caboche. „Er mag ein Mitſchuldiger geweſen ſein; aber das iſt nicht meine Sache. Ich ging zu den Cöleſtinern, um den Herzog dort liegen zu ſehen. Es was ein mäch⸗ tiges Gedränge dort von Männern und Frauen; aber ſie machten alle Platz für Caboche. Er nimmt ſich ſehr hübſch aus als Leiche, obgleich ſein Kopf ſehr verwettert iſt; aber er wird den Ehemännern nicht mehr ihre Weiber ſtehlen. Und nun, denke ich, wer⸗ den wir ruhige Tage haben, obgleich ich nicht ſehe, was die Ruhe nützt; denn mag die Stadt friedlich ſein oder nicht, ſo kaufen oder verkaufen die Menſchen nicht mehr halb ſo viel, wie ſonſt.“ Es lag eine gewiſſe Eitelkeit in ſeinem Tone, als er die Worte:„Alle machten Platz für Caboche“ ausſprach, welche ſehr bezeichnend war, und ſeine Beſchreibung von dem Ausſehen des Herzogs von Orleans machte Martin Grille ſchaudern. Er blieb indeſſen nicht lange bei ſeinem rauhem Oheim, ſon⸗ dern, nachdem er einige Fragen gethan und beant⸗ wortet, benutzte er einen Augenblick, wo Hahoihe be⸗ Agnes Sorel. II. 14 210 ſchäftigt war, ſeine Waaren wieder zu ordnen und ſein Geld zu zählen, um dem kleinen Jean wegen einer Zuſammenkunft an dem Abende einige Worte zuzu⸗ flüſtern, und als er ging, ſagte er nur: „Vergiß nicht!“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Oswald Kollmann in Rochlis. ———yyj—— anrnnfffsffnfffffffſnffn 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1 5 1