Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliotiek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: für wbehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3———— 2 Sf 1M. 8 f Ff Agnes Sorel. Ein hiſtoriſcher Roman von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Erſter Band. —õÿ— Agues Sorel. Erſter Band. Erſtes Kapitel. Es gab ein kleines, viereckiges Zimmer von ſehr einfachem und beſcheidenem Anſehen in dem Thürmchen eines alten Hauſes in der Stadt Paris. Die Mauern waren von behauenen Steinen ohne alle Verzierung, außer wo an den vier Seiten ſich ein langer, eiſerner Arm mit einem kleinen Leuchter zeigte, der ehemals vergoldet geweſen zu ſein ſchien. Die Decke war mehr geſchmückt, als die Wände, und beſtand aus zwei ſteinernen Bogen, die einander in der Mitte durchkreuzten und ſo gleichſam zwei Spitzbogen bilde⸗ ten, indem, die Zwiſchenräume zwiſchen je zwei Maſſen von Mauerwerk mit dunkelfarbigem Eichenholz gleich einer Krone ausgefüllt waren. Die Stelle, wo die Bogen ſich durchkreuzten, bildete ein zierlich gearbei⸗ tetes Körbchen und in der Mitte derſelben war ein maſſiver eiſerner Ring eingemauert, wahrſcheinlich um eine große Lampe daran zu befeſtigen, während die eiſernen Leuchter an den Wänden beſtimmt waren, Wachskerzen oder Laternen darauf zu ſtellen. Deer Fußboden war von Steinen und eine Bin⸗ ſenmatte in der Mitte des Zimmers ausgebreitet, wo ein Tiſch von nicht großem Umfange ſtand, der mit einem großen Haufen Papiere und einigen Büchern bedeckt war. Es hing keine Lampe an der Decke, keine Laterne oder Wachskerze warf ihr Licht von den Wänden her, wie ohne Zweifel in frühern Zeiten der Fall geweſen. Das hohe, zierlich ausgearbeitete Fen⸗ ſter ließ nicht einmal die Mondesſtrahlen durch den dichten Staub herein, womit die Scheiben bedeckt waren; und das einzige Licht im Zimmer ging von einer trüben Oellampe aus, die ohne Glas oder Schirm auf dem Tiſche ſtand. Das ganze Mobiliar war alt und trocken und zeigte nicht den geringſten Schmuck, obgleich es aus ſtarkem Eichenholz beſtand. Kurz, es war ein un⸗ wohnliches, unbequem ausſehendes Zimmer, welches ein verfallenes Anſehen hatte, ohne aber einen male⸗ riſchen Eindruck zu machen. Unter dem Tiſche lag ein großer, rauhhaariger Jagdhund, dem man aber auf grauſame Weiſe den Schwanz abgehackt hatte, was in Folge der damals in verſchiedenen Theilen Frankreichs herrſchenden Jagd⸗ geſetze ſehr häufig war. Er ſchien ſo feſt zu ſchla⸗ fen, wie ein Hund es nur kann; aber wir Alle wiſſen, —,.— —— daß der Schlaf eines Hundes nicht ſo tief iſt, wie der Traum eines Metaphyſikers, und von Zeit zu Zeit erhob er ſeinen Kopf ein wenig von ſeinen ge⸗ kreuzten Pfoten und blickte zu den Beinen einer Per⸗ ſon auf, die an dem Tiſche ſaß. Dieſe Beine— um von einem ungewöhnlichen Ende eines Portraits anzufangen— waren außer⸗ ordentlich ſchön und wohlgebildet, und gehörten offen⸗ bar einem jungen Manne in jugendlichem Alter an. Sie hatten nicht die ſchwächliche und unſymmetriſche Geradheit eines Knaben, oder den übermäßig ſtarken baluſtradenartigen Umriß des rüſtigen Mannes vom mittleren Alter. Auch ſtrafte die übrige Figur ihre Verheißung nicht Lügen, denn es war in jeder Hin⸗ ſicht eine gute und ſchlank gebaute Geſtalt, mit Aus⸗ nahme der Schultern, welche breit und kräftig, und der Bruſt, welche weit und gewölbt war. Das Ge⸗ ſicht war gut, wenn auch nicht gerade ſchön zu nennen, und der Ausdruck offen und hell, doch mit einer ge⸗ wiſſen Miene der Entſchloſſenheit, welche gewöhnlich erſt die Erfahrung zahlreicherer Jahre liefert, als über jene junge und runzelloſe Stirn dahingegangen zu ſein ſchienen. Die Kleidung des jungen Schreibers— denn er war eifrig mit Schreiben beſchäftigt— war an ſich einfach, wenn auch nicht ohne deutliche Spuren der Sorgfalt und Aufmerkſamkeit in Schnitt und —————QCQOꝗ——— 81 8 9 4 Anordnung. Die Schuhe waren außerordentlich lang und endeten mit einer ſcharfen Spitze, und der graue 1 Mantel mit den kurzen Aermeln, den er über ſeinem gewöhnlichen Wamms und Beinkleidern trug, war am Kragen und am Ende der Aermel mit einem Streifen Pelz beſetzt, was wahrſcheinlich ein Zeichen edler Ge⸗ burt war, denn es wurden von Zeit zu Zeit während der früheren Perioden der franzöſiſchen Monarchie Kleiderordnungen erlaſſen, die freilich ſehr häufig übertreten wurden. An dem Kinn war keine Spur eines Bartes zu ſehen. Auch der Oberlippe fehlte der männliche * Schnurrbart, und das Haar, welches aus der Stirn zurückgekämmt war und im Nacken in glänzenden Locken niederfiel, verlieh dem Kopfe, der ſo ſchön auf den Schultern ſaß, ein faſt weibliches Anſehen. Die breite Bruſt aber, die wir erwähnt haben, ſowie die langen, kräftigen Arme und die ſtarke, braune Hand, welche die Feder hielt, beſeitigte den Verdacht, daß der junge Schreiber eine verkleidete, ſchöne Dame ſei, obgleich die franzöſiſchen Damen zu jener Zeit nicht ſehr bedenklich waren, irgend einen Charakter anzu⸗ nehmen, der ihren Zwecken entſprechen mochte. Es war viel Geräuſch und lebhafte Bewegung auf den Straßen von Paris, wenn Männer mit⸗ 6 Fackeln in den Händen vor einem großen Herrn des Hofes einhergingen und:„Platz! Platz!“ riefen, um 9 ihrem Herrn den Weg zu bahnen; oder wenn eine muntere Geſellſchaft von Bürgern lachend und ſcher⸗ zend von einer Beluſtigung zurückkehrte; oder wenn eine Gruppe von Nachtſchwärmern das Ohr der Nacht mit Geſchrei und oft mit Schmähungen beleidigte; oder wenn an den Straßenecken Lieder geſungen wur⸗ den von Perſonen, die wahrſcheinlich kein Obdach hatten und ſich um Feuer verſammelten, die man an⸗ gezündet hatte, um die vor Froſt zitternden Armen zu wärmen— denn es war im kalten Winter des Jahres 1407, und das Elend des Landes war groß. Dennoch waren die vorherrſchenden Töne die der Freude und Heiterkeit, denn das Volk von Paris war daſſelbe in jenen Tagen, welches es jetzt iſt; und Freude, Feſtlichkeit und Frohlocken rollte und jodelte damals, wie in unſeren Tagen, durch die Straßen dahin, während der Staub noch naß vom Blute war und Elend, Dürftigkeit und Druck ungeſehen hinter den Mauern lauerten. Kein Geräuſch aber ſchien den Jüngling bei ſeiner Arbeit zu ſtören, oder ſeine Gedanken nur auf einen Augenblick ſeinem Gegenſtande zu entziehen. Bald erſchütterte ein lautes Gelächter das Fenſter; aber er ſchrieb dennoch weiter. Bald ertönte ein Schrei, wie des Schmerzes, von außen durch’s Zim⸗ mer; aber ſolches Geſchrei war gewöhnlich in jenen Tagen, und er erhob ſeinen Kopf nicht. Dann Jahren noch nicht überſchritten hatte. 10 ſchwebte wieder ein klagender Geſang durch die Luft daher, unterbrochen nur von dem Schlagen einer Uhr, welches einen widerwärtigen Mißklang zu den melo⸗ diſchen Tönen bildete, die durch die Luft daherſchwebten. Noch immer eilte die Feder raſch über das Papier dahin, bis einige Minuten, nachdem die Glocke neun geſchlagen hatte, wo der Schreiber ſie mit tiefem Athemzuge niederlegte, als wenn er eine vorgeſchrie⸗ bene Aufgabe vollendet habe. Endlich erhob der Hund, der zu ſeinen Füßen lag, plötzlich ſeinen Kopf und ſah nach der Thür. Der Jüngling las, was er geſchrieben hatte, und ver⸗ nahm kein Geräuſch, welches ſeine Aufmerkſamkeit zer⸗ ſtreute; aber hier hatte Recht. Es ließ ſich ein Schritt— annter Schritt— auf der Treppe hören; der gute Hund ſtand auf und ging auf den Eingang des Zimmers zu, gerade als die Thür ſich öffnete und eine andere Perſon auftrat. Es war ein ernſter Mann im mittleren Alter, groß, wohlgebildet und von edler und gebieteriſcher Geſtalt. Er war größtentheils in ſchwarzen Sammt gekleidet, und trug ein Gewand von demſelben Stoffe, welches mit Pelz gefüttert war, obgleich man es von außen nicht ſah. Auf dem Kopfe trug er ein kleines Sammtbarett ohne Feder, und ſein Haar war mit Grau gemiſcht, obgleich er das Alter von vierzig 11 „Nun, Jean,“ ſagte er in bedächtigem Tone, als er mit feſtem und ruhigem Schritte in's Zimmer trat.„Wie viele haſt Du fertig, mein Sohn?“ „Alle, Herr,“ entgegnete der junge Mann.„Ich las eben dieſen Brief an Signor Bernardo Baldi noch einmal, um zu ſehen, ob ich kein Verſehen gemacht habe.“ „Du irrſt niemals, Jean,“ ſagte der ältere Mann in freundlichem Tone und fügte dann gedan⸗ kenvoll hinzu:„Alle! Du mußt ſchnell und fleißig geſchrieben haben.“ „Ihr ſagtet mir, ich müſſe ſie bis zu Eurer Rückkehr fertig haben, mein Herr,“ ſagte der Jüngling. „Ja, aber ich bin eine Stunde vor der Zeit zu⸗ rückgekehrt,“ verſetzte der Aeltere. 3 Während der junge Mann den Stuhl verließ, den er eingenommen hatte, um ſeinem Gönner Platz zu machen, näherte ſich dieſer dem Tiſche und über⸗ blickte, noch ſtehend, ſechs oder ſieben Briefe, die friſch geſchrieben und noch nicht zuſammengefaltet da⸗ lagen. Es war indeſſen einleuchtend, daß ſeine Ge⸗ danken größtentheils mit anderen Gegenſtänden be⸗ ſchäftigt waren, und daß höhere Intereſſen die Auf⸗ merkſamkeit des Leſers in Anſpruch nahmen. „Hier ſollte ein Komma ſtehen,“ ſagte er, mit 12 dem Finger deutend und ſich zu gleicher Zeit auf den Stuhl niederſetzend. Der junge Mann nahm den Brief und fügte das Komma hinzu; als er aber aufblickte, waren die Au⸗ gen ſeines Gefährten auf die Fußdecke gerichtet und es war einleuchtend, daß er die Briefe und Alles, was ſie enthielten, vergeſſen hatte. älteren Mannes, der ihn ruhig ſtreichelte und in ſin⸗ „Es iſt angenehm, Jemand zu haben, dem wir vertrauen können. Meinſt Du nicht auch, Jean?“ „Das iſt in der That der Fall, mein Herr,“ verſetzte der junge Mann,„und angenehm, Vertrauen „Und doch müſſen wir uns zuweilen von denen trennen, welchen wir am meiſten vertrauen,“ fuhr der Andere fort.„Es iſt traurig, aber zuweilen noth⸗ wendig.“ Des jungen Mannes Geſicht verfinſterte ſich ein wenig, aber er antwortete nicht und der Andere ſagte, indem er nach dem weiten Kamin blickte: „Du haſt das Feuer ausgehen laſſen, Jean, und in dieſen Tagen kann man der Wärme nicht ent⸗ behren.“ Der junge Mann ſchürte die Kohlen zufammen, 13 warf einige Stücke Holz darauf und dann ſaßen Beide mehrere Minuten ſinnend da, ohne ein Wort zu ſprechen. Endlich ſchien der Jüngling Muth zu faſſen und ſagte plötzlich: „Ich hoffe, Ihr denkt nicht daran, Euch von mir zu trennen, mein Herr. Ich habe mich auf's Aeußerſte bemüht, meine Pflicht gegen Euch zu erfül⸗ len, und Ihr tadeltet mich nie— obgleich Eure Güte Euch verhinderte, es zu thun, wenn Veranlaſſung da⸗ zu vorhanden war.“ „Nicht ſo— nicht ſo, mein Sohn,“ verſetzte der Andere mit Wärme.„Es iſt kein Fehler vorge⸗ gangen, und folglich konnte ich Dich nicht tadeln. Ja noch mehr, ich verſprach Dir, wenn Du die Auf⸗ gaben erfüllteſt, die ich Dir ſtellen würde, mich nie anders von Dir zu trennen, als wenn es zu Deinem Vortheile gereichte. Die Zeit iſt indeſſen gekommen, wo es nothwendig iſt, mich von Dir zu trennen, und ich muß es um Deinetwillen thun.“ Es trat ein tiefes Schweigen ein und dann legte der ältere Mann ruhig ſeinen Finger auf den ſchma⸗ len Pelzſtreifen, womit das Gewand des Jünglings beſetzt war, und ſagte lächelnd: „Du biſt von edlem Blut, Jean, und ich bin nur ein Bürgerlicher.“ „Das kann ich leicht ablegen, wenn es Euch ver⸗ 14 letzt, mein Herr,“ verſetzte der junge Mann, das Lächeln erwiedernd.„Das iſt bald beſeitigt.“ „Aber nicht das edle Blut,“ antwortete der Aeltere,„und dieſe Beſchäftigung iſt nicht paſſend für Dich.“ Ein Ausdruck des tiefen Kummers verbreitete ſich über das Geſicht des jungen Mannes, und er antwor⸗ tete lebhaft: „Es liegt nichts Herabwürdigendes darin, mein Herr, Eure Briefe zu ſchreiben; jedes ehrenvolle Ge⸗ ſchäft, welches Ihr mir auftragt, auszurichten, kann mich in keiner Weiſe herabwürdigen, und Ihr wißt ſehr wohl, daß ich die Aufgabe aus keinem niedrigen meiner Mutter iſt kein Makel für unſer ehrenvolles Blut, auch ſind ihres Sohnes Anſtrengungen nicht im Stande, dieſe Armuth in Wohlſtand zu ver⸗ wandeln.“ Der Andere lächelte ihn freundlich an und ſagte: „Weit entfernt, Jean, aber wenn eine Gelegen⸗ greifen. wenigſtens — denn in dieſen ſeltſamen ungeordneten Zeiten ha⸗ ben die, welche am höchſten ſtehen, am meiſten einen Fall zu befürchten— wenn das Umgekehrte eintreten ſollte, ſage ich, ſo wirſt Du immer bei Jacques Coeur eine Zuflucht finden: ſein Haus, ſeine Börſe, ſein Vertrauen ſollen Dir immer geöffnet ſein. Setze alſo Deine Kappe auf und komm mit mir; denn das Glück, wie die Zeit, muß man immer gleich beherzt beim Schopfe faſſen.“ Der junge Mann nahm eine von den großen Kapuzen herunter, womit die Bürger, nach der Mode der damaligen Zeit, ihre Köpfe zu umhüllen pflegten, wenn ſie durch die Straßen von Paris gingen. Darunter hatte er indeſſen eine kleine Mütze, die nur den oberen Theil des Kopfes bedeckte, und über die Tunika, die er trug, warf er einen langen Mantel, denn das Wetter war ſehr kalt. Als er völlig gerüſtet war, wagte er zu fragen, wohin Maitre Coeur ihn führen wolle; aber der gute Kaufmann antwortete lächelnd: „Noch nicht, mein Sohn— noch nicht. Wenn es uns gelingt, wie ich es erwarte, ſo wirſt Du es bald erfahren. Wenn nicht, ſo iſt es nicht nöthig. Komm mit mir, Jean, und verlaſſe Dich auf mich.“ „Sehr gern,“ verſetzte der junge Mann und folgte ihm. Das Haus war groß und ſchön für die damalige Nm Zeit; aber die Treppe war eine von jenen Wendel⸗ treppen, die wir in gegenwärtiger Zeit nur noch in Kirchen oder verfallenen Schlöſſern ſehen. Fenſter waren nicht da, und bei Tage erhielten die zahlreichen Stufen nur hie und da durch eine Oeffnung Licht; denn in jenen Tagen war es nicht unbequem für den Beſitzer ſelbſt eines ſehr beſcheidenen Hauſes, von einem Stockwerk in das andere zu gelangen, ohne der Gefahr ausgeſetzt zu ſein, von den Pfeilen getroffen zu werden, die ein wenig zu häufig in den Straßen von Paris flogen. Bei Nacht verbreitete eine Laterne, die durch Hornplatten vor der Zugluft geſchützt war, einen mat⸗ ten Schimmer in Zwiſchenräumen von zehn oder zwölf Ellen über die unzähligen Stufen. 3 t 6 Aber Jacques Coeur und ſein junger Begleiter waren Beide wohl mit dem Wege bekannt, und be⸗ fanden ſich bald in der kleinen Thür, die auf den Hofplatz führte. Jean Charoſt ſah ſich nach dem d Maulthiere des Kaufmanns um, als ſie herauskamen; 1 aber es war kein Maulthier da und auch kein Diener, 4 der ſeiner wartete, und Jacques Coeur zog ſeinen Mantel feſter um ſich zu und ging gerade zum Thore 2 hinaus, die enge Straße dahin, die nur von den g blaſſen Sternen beleuchtet war, die krübe an dem e winterlichen Himmel ſchimmerten. 1 Der Kaufmann ging raſch und Jean Charoſt u folgte einen Schritt hinter ihm— nicht ohne einige d l⸗ 17 Neugierde— nicht ohne jene ängſtliche Erwartung, womit die Jugend gewöhnlich einem plötzlichen Wech⸗ ſel des Lebens entgegen geht, doch mit einer äußer⸗ lichen Ruhe, die nur die frühe Disciplin in der har⸗ ten Schule der Welt gewähren konnte. Es ſchien ihm in der That, als beabſichtige ſein Begleiter die ganze Stadt Paris zu durchſchreiten; denn indem er ſeine Richtung zu dem Stadtviertel St. Antoine nahm, ſtand er zwanzig Minuten nicht ſtill, außer bei einer Gelegenheit, wo, gerade als ſie in eine der Haupt⸗ ſtraßen eintraten, ein halbes Dutzend Männer mit Fackeln raſch daherkam, welchen zwei oder drei zu Pferde und mehrere zu Fuß folgten. Jacques Coeur zog ſich in den Schatten zurück und hüllte ſich dichter in ſeinen Mantel; als aber die Reiter vorüber waren, ging er weiter und flüſterte ſeinem Begleiter zu: „Das iſt der Marquis de Giac, ein Günſtling des Herzogs von Burgund— oder vielmehr der Ge⸗ mahl der Favoritin des Herzogs. Er iſt mir tauſend Kronen ſchuldig, und begegnet mir daher nicht gern.“ Noch fünf Minuten, und ſie kamen zu einer hohen Mauer, die zwei Thürme an jedem Ende hatte, faſt gleich denen einer Kirche, und ein großes Thor mit einem Pförtchen in der Mitte. In jenen Tagen wa⸗ ren die Klöſter in Paris häufiger, als die Bienenſtöcke, und Jean Charoſt würde auf die Mauer eines großen, düſter ausſehenden Gebäudes, welches ſich hinter dem⸗ Agnes Sorel. J. 2 ——— ſelben erhob, nicht geachtet haben, wäre nicht ein großer Mann in einem langen, grauen Gewande plötzlich, als die Beiden vorübergingen, zu dem Thore geeilt und hätte heftig an der Glocke gezogen. Er ſchien Etwas vorſichtig auf ſeinem linken Arme zu halten; aber ſeine Miene war wild und haſtig und Jaques Coeur murmelte, als ſie vorübergingen: „Ach! ach! es iſt doch noch immer ſo auf der ganzen Welt!“ Jean Charoſt wagte nicht nach der Bedeutung dieſer Bemerkung zu fragen, ſondern blickte nur auf, betrachtete das Gebäude genau und folgte den raſchen Schritten des Kaufmannes. Ein wenig weiter hin zeigten ſich die großen Thürme der Baſtille, die über die niedrigen Gebäude hinwegblickten. Ehe ſie aber den freien Raum erreichten, der die Feſtung umgiebt, erweiterte ſich die Straße beträchtlich und an ihrer breiteſten Stelle zur Linken zeigte ſich ein großes maſſives Gebäude, von feſten Mauern umgeben und mit Zinncn, ſowie mit vier kleinen Thürmen an den Ecken verſehen. In der Mitte dieſer Mauer be⸗ fand ſich ebenfalls ein großes Thor; aber dieſer Ein⸗ gang war ſehr verſchieden von dem eines Kloſters. Hier war ein Thorweg mit Zinnen darüber und Fenſtern in dem Mauerwerk, die auf die Straße hinausblick⸗ ten. Gerade über dem Bogen befand ſich eine ſtei⸗ nerne Gallerie, von welcher ein Portier oder Wächter mit Jemand, welcher Einlaß begehrte, reden konnte, ohne das Thor öffnen zu dürfen. In dem Augenblicke, als Jaeques Coeur ſich näherte, ſchienen keine großen Vorſichtsmaßregeln an⸗ gewendet zu werden. Das Thor war offen, wenn gleich nicht unbewacht; denn zwei Männer trieben ſich, theilweiſe bewaffnet, ungeachtet der Kälte der Nach⸗ vor dem Eingange umher. Hinter den ſchweren Ket⸗ ten, die ſich an der ganzen Fronte der Mauer dahint zogen, an ſtarke ſteinerne Pfoſten befeſtigt waren und einen etwa fünf Fuß breiten Weg von der Straße abſchnitten, befanden ſich acht oder neun Männer und junge Burſchen, wovon einige wie zum Kriege ge⸗ rüſtet, andere aber bunt und ſchimmernd in leichtere Stoffe gekleidet waren. Die Nacht war, wie geſagt, ſehr kalt, doch die Luft vor dem Gebäude empfing einige künſtliche Wärme von einer langen Fackelreihe, die auf hohen, von der Wand vorſpringenden, eiſernen Leuchtern brannten. Vor dieſem Thore blieb Jacques Coeur ſtehen und ließ ſeinen Mantel ein wenig fallen, ſo daß ſein Geſicht zu ſehen war. Einer von den Männern unter dem Thorwege ſtarrte ihn an und trat einen Schritt vor, als wollte er nach ſeinem Anliegen fragen; aber der andere nickte mit dem Kopfe und ſagte „Nochmals guten Abend, Maitre Jacques. Tre⸗ tet ein. Ihr werdet Guillot vor der Thür finden.“ 2* 20 „Komm, Jean,“ ſagte Jacques Coeur, ſich zu ſeinem jungen Begleiter wendend. Durch den Bogen gehend, kamen ſie zu einem kleinen Platze, der als Garten angelegt zu ſein ſchien, denn das Licht einer Laterne zeigte eine Anzahl Bäume, die gleichmäßig gepflanzt waren, und in deren Mitte ſich ein Palaſt in leichterem und graziöſerem Bau⸗ ſtile erhob, als die ſtrenge und ſchwerfällig ausſehen⸗ den Vertheidigungswerke nach der Straße hin erwar⸗ ten ließen. Von dem Garten aus führte eine Treppe zu einer offenen Eingangshalle, wo ein Licht brannte, welches eine nicht ſehr große, von zahlloſen ſteiner⸗ nen Zierrathen umgebene Thür zeigte. An die Thür war vermöge einer Kette ein großer, ſchwerer, eiſer⸗ ner Ring befeſtigt, in dem inneren Kreiſe tief einge⸗ kerbt, und an der Seite hing eine kleine ſtählerne Steange, die, wenn man damit über dieſe Kerben da⸗ hinfuhr, ein lautes, nicht unmuſikaliſches Geräuſch hervorbrachte. 4 Dieſes Inſtrument wendete Jacques Coeur an, und ſogleich wurde die Thür von innen geöffnet. „Kommt herein, Maitre Jacques,“ ſagte ein Mann von faſt rieſenhafter Größe.„Kommt herein; der Herzog wartet in der kleinen Halle auf Euch.“ Zweites Kapitel. Durch einen engen Gang gehend, ſtiegen Jacques Coeur und ſein Begleiter ſechs oder ſieben Stufen hinauf und traten durch eine größere Thür in einen glänzenden Vorſaal. Wir müſſen uns erinnern, daß die Künſte in Europa zu jener Zeit ihre zweite Geburt feierten; das berühmte fünfzehnte Jahrhundert hatte eben be⸗ gonnen, und ein richtiger Geſchmack für das Schöne in allen Dingen, mit Ausnahme der Baukunſt, war— auf Wenige beſchränkt. Ciambue, Giotto, Hubert van Eyk und Johann von Brügge waren bereits er⸗ ſchienen; aber die Tage Leonardo's, Raphael's, Mi⸗ chael Angelo's, Giorgione's und Correggio's ſollten noch kommen. Dennoch breitete ſich der Geſchmack für Malerei und Skulptur raſch über alle Länder, be⸗ ſonders über Frankreich aus, welches zwar nicht viele große Maler und kaum einen ausgezeichneten Bild⸗ — —ͤͤn“— 22 hauer hervorbrachte, aber immer die bedeutenden Leiſtungen Anderer mit Bewunderung betrachtete. Mit Erſtaunen und Entzücken ſah daher Jean Charoſt, dem noch nie in ſeinem Leben etwas vor Au⸗ die es enthielt, zu prüfen; denn Jacques Coeur, der anderen Gedanken beſchäftigt war, eilte gerade auf eine breite Treppe von ſchwarzem Eichenholz zu, die ſich am anderen Ende des Vorſaales befand, und ſtieg Der Jüngling folgte ihm durch einen langen Gang, bis ſein Führer vor einer Thür zur Rechten ſtehen blieb und anklopfte. Eine Stimme von innen rief:„Herein!“ und als Jacques Coeur die Thür öffnete, befand ſich Jean Charoſt im Eingange eines Zimmers und in Gegenwart einer Perſon, welche Beide eine Beſchreibung erfordern. Die kleine Halle, wie ſie genannt wurde, war 23 ein großes gewölbtes Zimmer, etwa vierzig Fuß lang und ſechsundzwanzig oder achtundzwanzig Fuß breit. Es war ganz mit dunkelfarbigem Holze getäfelt, und die gewölbte Decke war von demſelben Material. An den Wänden aber hingen an ſilbernen Ringen alter⸗ thümliche gewirkte Tapeten, deren Farben aber noch ſehr lebhaft waren. An den Wänden, etwa ſechs Fuß vom Boden, befanden ſich ſilberne Wandleuchter mit Blenden von demſelben Metall. Hohe Stühle mit geraden Lehnen ſtanden ringsum an den Wänden und berührten die Tapeten; aber es befand ſich nur ein Tiſch im Zimmer, auf welchem ein hoher Leuchter mit zwei Armen ſtand, jeder mit einer Wachskerze verſehen. An dieſem Tiſche ſaß ein Mann im mittleren Alter, von ſehr auffallendem und intereſſantem Aus⸗ ſehen, Papier, Feder und Dinte vor ſich und ſelbſt in dieſem Augenblick nicht unbeſchäftigt. Da die Wandleuchter nicht angezündet waren und der Arm⸗ leuchter das einzige Licht im Zimmer gewährte, ſo ſaß er in der Mitte eines hellen Scheines, ſonſt faſt von Dunkelheit umgeben, und erſchien, obgleich gewiß kein Heiliger, gleich dem Bilde eines Heiligen in ſeiner Glorie. Sein Geſicht und ſeine Geſtalt hätten wohl einen Gegenſtand für den Pinſel gewähren können; denn er war nicht nur von ſchönen Zügen und ſchö⸗ ner Geſtalt, ſondern es lag auch ein unbeſchreiblicher Zauber des Ausdrucks in ſeinem Geſichte und eine wunderbare Grazie in ſeiner Perſon, wodurch ſich beide ſelbſt in tiefer Ruhe auszeichneten. Wir ſind geneigt, die Idee der Grazie auf die Handlung zu beſchränken. Es iſt eine irrthümliche Anſicht, daß die Grazie in vollkommener Ruhe nicht vorhanden iſt. Vielleicht iſt ſie nie in ihrer Vollkom⸗ menheit, als in der Ruhe. Dies beweiſ't ein ſchlum⸗ merndes Kind— dies beweiſ't die mediceiſche Venus — dies beweiſ't Dannecker's Sappho. Zu allen an⸗ deren Zeiten iſt ſie vorübergehend, dahinſchwindend, wechſelnd, gleich den Ausſtrahlungen des Nordlichts; aber in der Stille kann der Gedanke dabei verweilen, der Geiſt ſie auffaſſen, ſie leſen und ihre Bedeutung ergründen, gleich einem ſtets lebendigen Buche und nicht gleich dem geſprochenen Worte eines vorüber⸗ gehenden Fremden. Der Mann war, wie geſagt, eifrig mit Schrei⸗ ben beſchäftigt und ſchien das Wort:„Herein!“ ohne aufzublicken ausgeſprochen zu haben. Als aber Jacques Coeur und ſein junger Begleiter eingetreten waren, erhob der Prinz— den er konnte nichts Anderes ſein, als ein Prinz, mögen auch die Republikaner ſagen, was ſie wollen— ſeine ſprechenden Augen und blickte vorwärts. „Ah! mein Freund,“ ſagte er, als er den großen 8 — 20 -———,———. ͤ Sſ 25 Kaufmann ſah,„kommt hierher. Ich habe peinlich auf Euch gewartet.“ Jacques Coeur näherte ſich ihm bis auf wenige Schritte, während der Andere ſeinen Sitz behielt, und Jean Charoſt folgte einen oder zwei Schritte hin⸗ ter ihm. „Nun, welche Nachricht bringt Ihr mir?“ fragte der Prinz mit leiſer Stimme.„Gute, hoffe ich. Sagt mir, daß Ihr Euren Entſchluß geändert habt! Warum ſollten die Entſchlüſſe eines Kaufmanns von zäherem Stoffe ſein, als die des Weibes oder des Mondes, oder als irgend eines anderen von den leich⸗ ten Geſchöpfen, welche die Erde bewohnen, oder die⸗ ſelbe umkreiſen? Wahrlich, mein guter Freund, die wohlthätigſten Dinge wechſeln immer. Wenn die Sonne unverrückt auf einem Punkte ſtehen bliebe, ſo würden wir von der Sonnenhitze verſengt und von zu vielem Lichte geblendet werden. Aber laßt uns ernſthaft reden, dies iſt mir durchaus nothwendig. Ihr ſeid ein Freund— ein guter Freund— der es mit ſeinem Vaterlande und mit mir gut meint. Sagt, daß Ihr Euren Sinn geändert habt.“ Die ganze Zeit über blieb er ſitzen, während Jacques Coeur, ohne etwas von ſeiner würdevollen Haltung, wodurch er ſich auszeichnete, zu verlieren, in der Nähe ſtand und mit einer Miene der Ehrerbie⸗ tung und des Reſpekts ſeine Sammetmütze in der Hand hielt. „Ich ſagte Eurer Hohheit,“ verſetzte er, ſich ehr⸗ erbietig verneigend,„daß ich es nicht könne, daß es unmöglich ſei.“ Der Andere fuhr mit einigem Ungeſtüm vom Tiſche auf und rief: „Unmöglich! Was! ſoll ich glauben, daß Ihr, der für den reichſten Kaufmann in dieſem Reiche ge⸗ halten wird, nicht ſelber oder bei Euren Freunden die kleine Summe aufbringen könnt, deren ich in einem Augenblick der großen Noth bedarf? Nein, nein, ſagt lieber, daß Eure Liebe zu Louis von Orleans kalt ge⸗ worden iſt, oder daß Ihr ihn nicht im Stande haltet, Euch das Geld zurückzuzahlen— daß Ihr glaubt, das Glück ſei gegen ihn— daß Ihr meint, ein Ge⸗ ſchick beherrſche das ſeine. Aber ſagt nicht, daß es unmöglich iſt.“ „Ich wiederhole, Hoheit,“ verſetzte Jacques Coeur in einem Tone, der einen Anflug von Kum⸗ mer hatte,„ich wiederhole, es iſt unmöglich! Nicht als wäre meine Bereitwilligkeit, Euch zu dienen, kalt geworden— nicht als glaubte ich, daß irgend Je⸗ mandes Geſchick in dieſem Reiche das Geſchick des Bruders meines Königs beherrſchen könnte— nicht als hätte ich das Geld nicht, oder könnte es nicht in einer Stunde in Paris erhalten.— Ja, ich will geſtehen, daß ich es habe, da Ihr mich durch Eure faſt un⸗ freundlichen Worte treibt, mächtiger Prinz, Euch zu ſagen, warum es unmöglich iſt. Ich würde gern in reſpektvollem Schweigen meine Gründe für mich be⸗ halten haben; aber am Ende mögen dieſe Gründe beſſer für Euch ſein, als mein Gold.“ „Wahrhaftig! aber nicht ſo weſenhaft,“ verſetzte der Herzog von Orleans, indem er ſich lächelnd wieder niederſetzte und dann hinzufügte:„Heraus mit der Sprache! heraus mit der Sprache! denn wenn man das Eine nicht haben kann, muß man mit dem An⸗ dern zufrieden ſein; und ich weiß, daß Cure Gründe vortrefflich ſind, Maitre Jacques.“ „Geſetzt, Hoheit,“ entgegnete Jacques Coeur, „dieſer mein Reichthum befände ſich in feſt verſchloſ⸗ ſenen, eiſernen Kiſten, wovon ich den Schlüſſel ver⸗ loren?“ „Königin des Himmels! ſo laßt einen Schmied kommen und die Kiſten in Stücke zerſchlagen,“ ſagte der Herzog von Orleans lachend. „So würde vielleicht Seine Hoheit von Burgund mit ihnen verfahren,“ verſetzte Jacques Coeur;„aber ich glaube, Ihr denkt anders, gnädigſter Herr. Aber ich muß Euch erklären, jene Kiſten— jene eiſernen Kiſten— ſind das Gewiſſen, die Schlöſſer ſind Pflicht und Unterthanentreue, und der einzige Schlüſſel, der ——y—. — ſie öffnen kann, iſt die Ueberzeugung. Um aber alle Allegorien bei Seite zu laſſen, ſage ich Eurer Hoheit offen heraus, wenn Ihr dieſe Summe zu Eurem eige⸗ nen Gebrauche von mir verlangtet, ſo würde die Zu⸗ neigung und Liebe zu Eurer Perſon mir gebieten, Euch mein ganzes Vermögen zur Verfügung zu ſtellen und zu ſagen: Nehmt, was Ihr wollt!— Wenn Ihr mir aber ſagt, und ich weiß, daß es Euer Zweck iſt, mit dieſem meinem Reichthume Krieg gegen dieſes Königreich zu führen, und das Land durch den Streit der Parteien zu verwüſten, ſo ſage ich Euch, daß ich keinen Schlüſſel habe, und daß es unmöglich iſt— ich ſage, es iſt mir bei meinen Ueberzeugungen unmöglich, Euch dieſes Geld zu ſolchen Zwecken zu geben.“ „Da ſehe man nur, wie dieſe guten Leute Dinge beurtheilen, die ſie nicht verſtehen und mit Gegen⸗ ſtänden verfahren, die über ihre Begriffe gehen!“ rief der Herzog von Orleans.„Hier, mein guter Freund, werft Ihr Euch zum Richter über meine Pläne, meine Vorſätze und ihre Erfolge auf; Ihr legt Zeugniß gegen mich ab und ſprecht zugleich das Arthxil aus.“ „Nein, Hoheit, nicht ſo,“ verſetzte Jacques Gaenr. „Ihr verlangt, daß ich etwas thun ſoll, was von mir ſelber abhängt, und mancher Mann würde ver⸗ ſchiedene Rückſichten zu Rathe ziehen, ehe er ja oder nein ſagte— würde ſich fragen, ob es angemeſſen— ob eine Wahrſcheinlichkeit des Gewinnes— ob eine Wahrſcheinlichkeit des Verluſtes vorhanden ſei— ob es auf Eure oder Burgund's Seite Einfluß äußern würde. Aber ſo wahr mir der Himmel helfe, keine dieſer Rückſichten hat mich auch nur einen Augenblick beſtimmt. Ich habe mir nur eine Frage vorgelegt: Gereicht dies zum Wohle meines Vaterlandes? Ge⸗ reicht es zum Dienſte meines Königs?— Ihr lacht, Hoheit, aber es iſt wahr, und die Antwort iſt ge⸗ weſen— nein!“ „Jacques Coeur, Ihr ſeid ein guter und recht⸗ ſchaffener Mann,“ entgegnete der Herzog, ſeine Hand auf den Aermel des Anderen legend und ihm ernſt⸗ haft in's Geſicht blickend.„Aber Ihr treibt mich da⸗ hin, Euch Erklärungen zu geben, die Ihr mir als mein wohlwollender Freund hättet erſparen können. Der Verſchwender giebt ſolche Erklärungen, führt wahrſcheinliche Entſchuldigungen an und erzählt eine einleuchtende Geſchichte, wie er in dieſe Verlegenheit gekommen, wenn er von einem Wucherer Geld borgen will; aber mich dünkt, dergleichen ſollte zwiſchen Louis von Orleans, des Königs einzigem Bruder, und ſeinem Freunde Jacques Coeur nicht ſtattfinden.“ „Ach, edler Prinz!“ rief der Kaufmann ſehr ge⸗ rührt. Aber der Herzog achtete nicht auf ſeine Worte, und von ſeinem Sitze aufſtehend, erhob er ſeinen ſchönen und ſtattlichen Kopf und ſagte:. „Die Erklärung ſoll indeſſen gegeben werden. Ich will keinen Heller von dieſem Gelde für mich. Meine Einkünfte ſind beträchtlich— beträchtlicher, als ich es wünſche. Meine Hofhaltung iſt ſehr ein⸗ fach, im Vergleich mit der Burgund's. Aber ich ſuche dieſe Summe, um mich in den Stand zu ſetzen, Gefahren von Frankreich abzuwenden, die ich ſchnell daherkommen ſehe, wie Wolken vor dem Winde. Ich darf Euch nicht erſt auf meines Bruders unglücklichen Zuſtand aufmerkſam machen, Jacques Coeur, noch auch, wie er, der ſtets die Liebe aller ſeiner Unter⸗ thanen beſeſſen und verdient hat, mit ſeltenen Unter⸗ brechungen ſeiner königlichen Pflichten unbewußt iſt. Die Hand Gottes hat ihm während des größten Theils ſeines Lebens die Macht genommen, das Scep⸗ ter zu führen, welches er ihm verliehen.“ „Ich weiß es ſehr wohl, Hoheit,“ verſetzte der Kaufmann. „Alle ſeine Kinder ſind noch jung, Jacques Coeur,“ fuhr der Herzog fort,„und es giebt nur zwei Perſonen, die dem Blute nahe genug und dem Range nach hoch genug ſtehen, um die Autorität im Lande auszuüben, die den Händen des Monarchen entgeht, nämlich der Herzog von Burgund und der Herzog von Orleans. Der eine, obgleich Pair von Frankreich 31 und Prinz von königlichem Blute, hat Beſitzungen, die ihn gewiſſermaßen zu einem Fremden machen. Nun wolle Gott verhüten, daß ich von meinem edlen Vetter von Burgund übel reden ſollte; aber er iſt ein Mann von großer Macht und nicht ohne Ehrgeiz, der ohne Zweifel ehrenvoll iſt; aber immer greift er weit um ſich. Burgund und Flandern, nebſt mancher ſchönen Beſitzung außerdem, bilden faſt einen königlichen Staat; und ich möchte Euch fragen, ob er nicht auch beinahe in Frankreich herrſcht. Hört mich zu Ende— hört mich zu Ende. Ihr werdet ſagen, er habe ein Recht, hier einigen Einfluß auszuüben, und ſo iſt es. Aber ich möchte nicht, daß es ein vollſtändiger Einfluß werde. Ich gebe Euch mein Wort, daß es mein einziger Zweck iſt, eine ſolche Macht aufzuſtellen, um meinen guten Vetter von zu großen und zu gefahrvollen Un⸗ ternehmungen abzuſchrecken. Handelte es ſich hier um das bloße Recht— wer hat das Recht hier Autori⸗ tät auszuüben, bis des Königs Kinder volljährig ſind, als des Königs Bruder? Handelte es ſich hier um Staatsklugheit— auf wem ſollte das Volk ver⸗ trauen, als auf ihn, deſſen ſämmtliche Intereſſen mit dieſer Monarchie vereint ſind? Handelte es ſich hier um ein verſtändiges Urtheil— wer wird die Kinder des Königs beſſer beſchützen und richtiger leiten, als der Oheim, der ſie auferzogen, und ſie immer wie ſeine eigenen geliebt hat? Es giebt Niemand in ganz 3 3² Frankreich, der den Verdacht gegen mich hegte, als wiünſchte ich nicht ihr Wohl. Ich fürchte den Herzog von Burgund nicht ſo ſehr, um ihn von aller Macht und allem Anſehen in dieſem Reiche verbannen zu wollen. Aber ich wünſche nur, daß dieſes Anſehen ein Gegengewicht habe, damit ſeine Macht niemals gefährlich werden möge. Und nun ſagt mir, Jacques Coeur, ob meine Zwecke von der Art ſind, daß Ihr Euch in redlicher Abſicht weigern könnt, ſie zu unter⸗ ſtützen, indem Ihr Euch erinnert, daß ich jedes Be⸗ mühen angewendet habe, meinen Vetter von Burgund auf friedliche Weiſe zu bewegen, ſich mit einem geſetz⸗ lichen und harmloſen Antheile an dem Einfluſſe zu begnügen.“ „Ich ſtehe beſchämt vor Eurer Hoheit,“ entgeg⸗ nete Jacques Coeur.„Wenn Eure Hoheit mir aber erlauben wollen, möchte ich Euch aufmerkſam machen, daß Andere vielleicht Mittel erdacht haben, um den glücklichen Zweck, den Ihr erſtrebt, zu erreichen, die vielleicht Eurer Aufmerkſamkeit entgangen ſind.“ „Nennt ſie— nennt ſie,“ rief der Herzog von Orleans mit einiger Wärme.„Bei der Königin des Himmels! ich denke, ich habe Alles angewendet, was ein ſterblicher Menſch nur erdenken konnte. Nennt ſie, mein guter Freund,“ fügte er in milderem Tone hinzu. 33 „Es iſt nicht die Sache einer ſo demüthigen Per⸗ ſon, wie ich bin, Hoheit, in einem ſo ernſten Falle Mittel zur Abhilfe vorzuſchlagen,“ verſetzte Jacques Coeur;„aber ich zweifle nicht, daß Eure Verwand⸗ ten, die Herzoge von Valengon und Berri und der gute König von Sicilien Euch in ihrer Weisheit mit Rath unterſtützen könnten, der Eure Ehre ſichern, die Beruhigung des Reiches befördern und zu der Er⸗ reichung des großen Zweckes, den Ihr im Auge habt, hinwirken wuͤrde.“ Der Herzog von Orleans antwortete nicht, ſon⸗ dern ging, ſeine Arme über die Bruſt gefaltet, ein⸗ oder zweimal anſcheinend in tiefem Nachdenken in der Halle auf und ab. Endlich aber blieb er vor Jacques Coeur ſtehen, legte ſeinen Finger auf ſeine Bruſt und ſagte in ernſtem und forſchendem Tone: „Was würde man von mir denken, mein Freund, wenn Louis von Orleans in einem Privatſtreite mit Johann von Burgund die ſanften Rathſchläge Valen⸗ Con's, Berri's und Anjou's in Anſpruch nehmen wollte? Würde man nicht ſagen, er ſei furchtſam?“ Einen Augenblick umſchwebte ein faſt unmerkliches Lächeln Jacques Coeur's Lippe; aber er erwiederte ernſt und reſpektvoll: „Für's Erſte möchte ich Eurer Hoheit bemerklich machen, daß dies, wie ich es verſtehe, kein Privat⸗ Agnes Sorel, 1. 3 5 —————— 34 ſtreit iſt, ſondern nur eine Sache, die das Wohl des Reiches betrifft.“ Der Herzog von Orleans lächelte ebenfalls mit heiterem und bewußtem Lächeln; aber Jacques Coeu⸗ fuhr ungeſtört fort: „Zweitens würde ich kühn antworten, daß man nicht wagen würde, etwas zu ſagen. Den Prinzen, welcher Heinrich den Vierten von Lancaſter auf ſeinem angemaßten Throne in der Stunde ſeines höchſten Triumphs und glücklichſten Erfolges zum Zweikampfe herausforderte, würde kein ſterblicher Menſch für furcht⸗ ſam halten können. Glaubt mir, Hoheit, das Wor Furcht kann nie mit dem Louis von Orleans ir Verbindung geſetzt werden.“ „Ach! Jacques Coeur, Jacques Coeur,“ ver ſetzte der Prinz lachend,„ſeid Ihr auch ein Schmeich ler geworden?“ „Wenn das iſt, bin ich wenigſtens ein redlicher⸗ mein Fürſt,“ antwortete der Kaufmann;„und ohne Eurer Hoheit Bedingungen vorſchreiben zu wollen⸗ erlaubt mir hinzuzufügen, daß ich, nachdem Ihr den⸗ noch vielleicht die Rathſchläge der erwähnten Fürſten angewendet und Ihr Euch überzeugt habt, daß das letzte Mittel zum Frieden angewendet worden und fehlgeſchlagen, es für meine Pflicht halten werde, der letzten Livre, den ich beſitze, zu Eurer gerechten Sach 3⁵ anzubieten, und müßte ich mein Brod auf den Straßen betteln.“ Es lag eine Wärme, eine Wahrheit und Auf⸗ richtigkeit in den Worten des großen Kaufmanns, die ſeinen edlen Zuhörer tief rührte. Der Herzog warf ſich wieder in ſeinen Lehnſeſſel und bedeckte einige Sekunden ſeine Augen; dann faßte er Jacques Coeur's Hand, drückte ſie mit Wärme und ſagte: „Ich danke Euch, mein Freund! Ich habe Euch vielleicht ein wenig zu dringend zugeredet; aber ich weiß, Ihr meint es gut mit mir. Ich glaube, Euer Rath iſt gut: Stolz und Eitelkeit, Alles ſoll aufgeopfert werden. Ich will meine edlen Vettern rufen laſſen und mich mit ihnen berathen; und wenn die blutige und unheil⸗ volle Entſcheidung des Krieges zu vermeiden iſt, mag es ſein. Viele werden vielleicht den Mann ſegnen, der dieſelbe verhindert hat; und wenn ſie gleich in ihrer Unwiſſenheit nicht den Namen Jacques Coeur zu ihren Gebeten hinzufügen mögen, ſo giebt es doch ein Weſen, welches Euch zwiſchen die Fürſten und ihren Zorn hat einſchreiten ſehen und welches ſelber geſagt hat: Geſegnet ſind die Friedensſtifter!“ Dann ſtützte der Herzog ſeinen Kopf auf die Hand und verſank wieder in Nachdenken. 4 Während dieſer ganzen langen und intereſſanten Unterredung ſtand Jean Charoſt einige Schritte hin⸗ ter Jacques Coeur, ohne ein Glied zu bewegen und 3* 36 mit ſo lebhaftem Intereſſe an Allem, was vorging, daß er kaum zu athmen wagte. Die ganze Scene war indeſſen eine Lehre für ihn— eine Lehre, die er nie vergaß. Er ſah die Herablaſſung und vertraute Freundſchaft, die der Bruder des Königs von Frank⸗ reich gegen den einfachen Kaufmann zeigte; aber er ſah auch, daß keine Vertraulichkeit Jacques Coeur be⸗ wog, auch nur auf einen Augenblick den Reſpekt zu vergeſſen oder es an der Ehrerbietung fehlen zu laſſen, die er dem Range des Herzogs ſchuldig war. Er ſah ein, daß es möglich ſei, ſelbſt gegen eine königliche Perſon kühn und feſt zu ſein und ſie doch nicht zu beleidigen, wenn ihr Herz eben ſo edel war, wie ihr Name. Die beiden Hauptperſonen im Zimmer ſchienen bei ihrer intereſſanten Unterredung Jean's Gegenwart ganz vergeſſen zu haben— ja der Herzog hatte ihn vielleicht noch nicht einmal bemerkt. Endlich aber erwachte der Herzog gleichſam aus ſeiner Zerſtreuung, nachdem er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte und erhob ſeine Augen zu Jacques Coeur, als wollte er die Un⸗ terredung mit einer weiteren Ankündigung ſeiner Ab⸗ ſichten fortſetzen. Als er dies that, ſchien er plötzlich Jean Charoſt's Geſtalt zu bemerken, der im Halb⸗ dunkel ſtand, und rief raſch und lebhaft: „Hal wer iſt das? Wer iſt dieſer junge Mann? Woher kam er? Was will er?“ Jacques Coeur ſtutzte auch, denn er hatte ganz vergeſſen, daß er Jean Charoſt dorthin gebracht. Einen Augenblick ſchien er verwirrt und aufgeregt; dann aber faßte er ſich und erwiederte: „Dies iſt der junge Herr, den ich Eurer Hoheit empfohlen habe. Bei den wichtigen Fragen, die Ihr mir gleich anfangs vorlegtet, vergaß ich gänzlich, ihn Euch vorzuſtellen.“ Der Herzog blickte Jean Charoſt in's Geſicht, als er einige Schritte vortrat, und ſchien ihn ſorg⸗ fältig zu prüfen, und auf einen Augenblick war ein Ausdruck des Aergers und der Beſorgniß an ihm zu bemerken, der Jacques Coeur's Augen nicht entging⸗ „Hoheit, ich habe einen großen Fehler began⸗ gen,“ ſagte er,„aber er hätte noch größer ſein können; denn obgleich dieſer junge Herr Alles gehört hat, was wir geſprochen, bin ich doch bereit, mit meinem Leben für ſeine Zuverläſſigkeit, Redlichkeit und Verſchwiegen⸗ heit einzuſtehen!“ Ehe die Worte noch ausgeſprochen waren, hatte ſich der Herzog von Orleans vollkommen gefaßt, blickte Jacques Coeur unbefangen in's Geſicht und ant⸗ wortete: „So weit ich mich unſerer Unterredung erinnere, mein guter Freund, enthielt ſie kein Wort, welches nicht durch ganz Frankreich auspoſaunt werden dürfte. 38 Kommt hierher, junger Herr. Seid Ihr willig und bereit, mir zu dienen?“ „Wäre ich vorher nicht dazu willig geweſen, Hoheit,“ antwortete Jean Charoſt,„ſo würde das, was ich dieſen Abend gehört, mich bereit machen, den letzten Blutstropfen für Eure Hoheit zu vergießen.“ Der Herzog lächelte ihn freundlich an. „Gut, gut,“ ſagte er.„Ihr ſeid von edler Herkunft, wie mein Freund mir ſagt.“ „Ich ſtamme auf allen Seiten von dem Adel des Schwertes ab,“ antwortete Jean Charoſ. „Nun gut,“ ſagte der Herzog,„wir wollen ſchon ein Amt für Euch finden. Laßt mich einen Augen⸗ blick nachdenken.“ 3 Aber ehe er noch die Worte ausgeſprochen hatte, wurde ſtark an die Thür geklopft und ohne auf Er⸗ laubniß zu warten, eilte ein wie ein Diener höheren Ranges gekleideter Mann herein, dem eine ältliche Frau mit einem ſehr hohen Kopfputze folgte— Beide Lebhaftigkeit und Unruhe in ihren Geſichtern zeigend. „Leider muß ich Eurer Hoheit ſagen,“ rief der Mann. Aber der Herzog unterbrach ihn und rief mit einem Blicke der Aengſtlichkeit und Unruhe:„Still!“ Dann näherte er ſich den zuletzt Gekommenen und ſprach einige Augenblicke in lebhaftem Geflüſter mit ihnen. Darauf ging er raſch auf die Thür zu, blieb 4 3 3 39 aber ſtehen, ehe er dieſelbe erreichte, wendete ſich um und rief: „Morgen, mein junger Freund. Kommt morgen um neun Uhr zu mir— ich werde am Abend nach Euch ſchicken, Maitre Jacques— ich hoffe dann Nachrichten für Euch zu haben— entſchuldigt mich jetzt— es iſt etwas geſchehen.“ Drittes Kapitel. Sinen Augenblick, nachdem der Herzog von Orleans die Halle verlaſſen hatte, blieben Jaques Coeur und ſein junger Begleiter ſtehen, und ſahen einander ſchwei⸗ gend an, denn die Aufregung des Prinzen war viel größer, als Perſonen ſeines Ranges gewöhnlich zu er⸗ fennen zu geben pflegen. Dies waren die Tage, wo mächtige Leidenſchaften unter ruhigem Aeußeren ver⸗ borgen lagen, und ſchreckliche Thaten unter dem Deck⸗ mantel des ruhigſten Anblicks beabſichtigt und ſogar ausgeführt wurden. 3 „Komm, Jean,“ ſagte der Kaufmann endlich, „laß uns gehen. Wir dürfen hier nicht verweilen, während dieſe Papiere hier auf dem Tiſche liegen.“ Während er ſprach, ging er auf die Thür zu; aber ehe er das Haus verließ, ſuchte er in dem äuße⸗ ren Vorſaale und in den anſtoßenden Zimmern nach einem Diener. Alles ſchien aber in Verwirrung, und 41 „. obgleich man in verſchiedenen Richtungen Fußtritte vernahm, als ob eine allgemeine Nachſuchung ange⸗ ſtellt würde, ſo vergingen doch mehrere Minuten, ehe man nur einen Pagen oder Portier finden konnte. Endlich zeigte ſich ein Knabe von etwa zwölf Jahren, und Jacques Coeur befahl ihm in gebiete⸗ riſchem Tone, ſich an der Thür der kleinen Halle auf⸗ zuſtellen und weder ſelber hineinzugehen, noch irgend Jemand hineingehen zu laſſen, bis er Gelegenheit habe, dem Herzoge mitzutheilen, er habe die Papiere, woran er geſchrieben, auf dem Tiſche liegen laſſen. „Es hat Seine Hohheit etwas ſehr aufgeregt,“ ſagte Jacques Coeur, als er mit ſeinem jungen Be⸗ gleiter durch die Straßen ging.„Er iſt gewöhnlich nicht ſo nachläſſig mit dem, was er ſchreibt.“ „Ich habe ihn immer den munteren Herzog von Orleans nennen hören,“ ſagte Jean Charoſt,„und ich war gewiß überraſcht, ihn ſo ernſt und gedanken⸗ voll zu finden.“ E „Man kann auf verſchiedene Weiſe gedankenvoll ſein, mein junger Freund,“ verſetzte der Kaufmann, „und eine leichte und lächelnde Miene, eine ſcherzende Phantaſie und eine glückliche Wahl der Worte kann bei manchen Perſonen— wie es bei dem Herzoge der Fall iſt— einen tiefen Sinn und große Geiſtesſtärke verbergen. Er iſt in der That einer der denkendſten Männer in Frankreich; aber ſeine Phantaſie iſt ein 42 * wenig ſtark und ſeine Leidenſchaften ſind leider noch ſtärker. Er iſt indeſſen aufrichtig, edel und großmü⸗ thig— gütig und verſöhnlich, und ich glaube in der That, daß er ſeine Fehler bitter bereut. Er faßt häu⸗ fig den Entſchluß, ſich zu beſſern; aber ein glühendes Temperament, eine heitere Laune und freudiger Geiſt reißen ihn fort, und es werden Handlungen begangen, ehe er noch recht weiß, daß er ſie unternommen, welche er ſpäter bitter bereut.“ Jacques Coeur ſchwieg bedenklich, als glaube er, er wäre ſmit ſeinem jungen Begleiter zu weit gegan⸗ gen; aber es drängten ſich in dem Augenblick ſeinem Geiſte ernſtere Betrachtungen auf, als Jean Charoſt oder ſelbſt der Herzog von Orleans einſahen. Jacques war einer der merkwürdigſten Männner ſeines Zeit⸗ alters; und obgleich er ſich zu jener Zeit noch nicht zu der Stufe der Ehre und des Reichthums er⸗ hoben hatte, die er ſpäter erreichte, ſo war er doch auf dem Wege zur Auszeichnung und zum Glück— ein Weg, der durch nicht ungewöhnliche Mittel für ihn geöffnet wurde. Sein umfaſſender Geiſt bemerkte Gelegenheiten, die dem Menſchen von beſchränkterem Verſtande entgingen; ſein kräftiger und ausdauernder Charakter ſetzte ihn in den Stand, ſie zu ergreifen und feſt zu halten; und außer dieſen im Handel wie in der Politik ſo nützlichen Fähigkeiten beſaß er noch einige ſeltenere Eigenſchaften: einen liebreichen und edlen 43 Geiſt, der ihn, beſtändig unter der Leitung der Klug⸗ heit und Weisheit, zu guten und großen Handlungen beſtimmte. Er beſaß überdies die Eigenſchaft, allen Menſchen ſogleich den Eindruck von der Wahrhaftigkeit ſeines Charakters mitzutheilen. Wenige, mit welchen er in Berührung kam, zweifelten an ſeinem Urtheile oder an ſeiner Aufrichtigkeit, und ſeine wahre Herzens⸗ güte hatte die Macht, Andere ſo ſtark an ihn zu feſ⸗ ſeln, daß ſelbſt Verfolgung, Kummer und Mißgeſchick das Band nicht zerreißen konnten. Im gegenwärtigen Falle hatte er einen doppelten Zweck, indem er Jean Charoſt in den Dienſt des Herzogs von Orleans brachte— oder er ſah vielmehr ſogleich, daß durch jene gütige Handlung möglicher Weiſe ein doppelter Zweck zu erreichen ſei. Er hatte anſcheinend gut für einen Jüngling geſorgt, dem er aufrichtig ergeben war, und dem er vollkommen ver⸗ trauen konnte; und er brachte in die Nähe eines Fürſten, vor dem er, trotz ſeiner Fehler, eine hohe Achtung hegte, einen jungen Mann, deſſen Charakter wahrſcheinlich nicht ohne Einfluß auf eine Perſon von höherem Range ſein würde. Obgleich er volles Vertrauen zu Jean Charoſt hegte, wußte er doch, daß wenigſtens einige Kenntniß von den Umſtänden, in die er verſetzt werden ſollte, ihm nützlich ſein und dem Einfluſſe, den er wahr⸗ ſcheinlich bei dem Herzoge erlangen würde, eine wohl⸗ thätige Richtung geben dürfte. Dieſe mitzutheilen, war ſein Zweck, als er die Unterhaltung wieder auf den Charakter des Herzogs von Orleans lenkte; doch die angeborne Delikateſſe ſeines Geiſtes machte, daß er zauderte, als er die Fehler ſeines fürſtlichen Freun⸗ des berührte. Der höhere Zweck gewann indeſſen end⸗ lich die Oberhand, und er fuhr kühn fort: „Es iſt nöthig, Jean,“ ſagte er,„Dich einiger⸗ maßen auf die Scenen vorzubereiten, in die Du Dich miſchen wirſt, und beſonders, Dir einige Kenntniß von dem Charakter des Fürſten zu verſchaffen, dem Du zu dienen im Begriff biſt. Ich will keine Namen nennen, da gerade viele Menſchen auf den Straßen gehen; aber Du wirſt wiſſen, von wem ich rede. Er iſt aus Gewohnheit ausſchweifend. Die Höfe der Könige ſind allgemein ſehr verderbt, und Eindrücke, die man in früher Jugend empfangen, ſo ſehr auch Vernunft und Religion in ſpäteren Zeiten dagegen ankämpfen mögen, laſſen immer einen ſchwachen Punkt im Charakter zurück, der durch Widerſtand nicht leicht geſtärkt wird. Des Menſchen Herz gleicht einer Feſtung, mein junger Freund, und eine Breche in den Mauern wird nie mit der früheren Feſtigkeit wieder ausgebeſſert. Ich will ſeine Fehler nicht beſchöni⸗ gen, denn ſie ſind ſehr groß, ſondern nur erklären, daß ich gute Rathgeber in ſeiner Nähe zu haben wünſche.“ 45 „Es iſt freilich ſehr nothwendig, Herr,“ verſetzte Jean Charoſt, der ſich nicht einfallen ließ, daß Jacques Coeur ihn damit meinte.„Ich habe viel von dem Herzog gehört, ſeitdem wir hier in Paris ſind: und obgleich Alle ſeine großen und edlen Eigenſchaften bewundern, iſt es doch traurig, die Geſchichten zu hören, die man von ihm erzäͤhlt.“ „Alter und Erfahrung mögen einige Wirkung ausüben,“ verſetzte Jaeques Coeur,„ja ſie haben ſchon Einfluß geäußert, indem ſie die guten Entſchlüſſe mehr befeſtigten und machen, daß er ſich weniger häufig der Verſuchung hingiebt. Es iſt jetzt nur er⸗ forderlich, daß eine Perſon, die einigen Einfluß bei ihm hat, beſtändig in ſeiner Nähe iſt und jenen Ein⸗ fluß zu dem rechten Zwecke anwendet. Ich weiß nicht, mein lieber Junge, ob Du Einfluß bei ihm erlangen wirſt, oder nicht. Er hat mir verſprochen, Dich mit aller Gunſt zu behandeln und Dich ſo nahe wie mög⸗ lich bei ſeiner Perſon zu behalten; und ich halte mich überzeugt, daß Du die Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen wirſt, wenn ſich eine ſolche zeigt, der Tugend und der guten Aufführung das Wort zu reden und Dich dem Laſter und der Ausſchweifung zu wider⸗ ſetzen. Ich ſage damit nicht, daß Du Dich in die Angelegenheiten dieſes Fürſten miſchen oder ihm Deine Rathſchläge aufdringen ſollſt. Dies würde unverſchämt und unpaſſend für einen jungen Mann in Deiner Stellung ſein; aber er ſelber mag Dir vielleicht Ge⸗ legenheit dazu bieten. Um Rath fragen wird er Dich nicht, wahrſcheinlich aber ſich oft mit Dir unterreden, und es iſt ſehr wohl möglich, ihm in ruhiger, nicht aufdringlicher Weiſe jeden Rath zu ertheilen, ohne den Schein anzunehmen, als wolle man ſich in ſeine Angelegenheiten miſchen.“ „Ich fürchte,“ verſetzte Jean Charoſt,„er wird ſich wenig mit einem Knaben, wie ich bin, unter⸗ reden, und gewiß nicht viel auf meine Meinungen achten.“ „Das hängt ſehr von der Stellung ab, die Du in ſeiner Hofhaltung einnimmſt,“ verſetzte Jacques Coeur.„Wenn Du ſeiner Perſon ſehr nahe biſt, zweifle ich nicht, daß er es thun wird. Die, welche ſich ihren Leidenſchaften hingeben, Jean, und ſich in eine See der Intrigue ſtürzen, ſind oft in ſchwierigen und bedenklichen Lagen, wo ſie keinen Rath oder Troſt in ihrer eigenen Bruſt finden können. Dann ſuchen ſie Hülfe und Rath bei denen, die zufällig in ihrer Nähe ſind. Ich ſage nur, daß dergleichen geſchehen kann, nicht, daß es geſchehen wird; wenn es aber geſchieht, Jean Charoſt, ſo hoffe ich, daß Du die Gelegenheit gut anwenden wirſt.“ In dieſer Weiſe wurde die Unterredung weiter geführt, bis ſie die Wohnung des Kaufmannes erreich⸗ ten und wieder zu dem kleinen Zimmer hinaufſtiegen, 47 wo Jean Charoſt geſchrieben hatte. Jetzt war es nach Jacques Coeur's Anſichten zu ſpät, um außer dem Bette zu ſein, und er und ſein junger Begleiter trenn⸗ ten ſich für die Nacht. Am folgenden Morgen aber, als Jean zu einer frühen Stunde in das Geſchäftslokal hinunter ſtieg, fand er Jacques Coeur bereits mit einigen von ſeinen Dienern dort. Er ertheilte Befehle, Pferde und Rüſtungen verſchiedener Art anzuſchaffen und beachtete ſeine Gegenwart nicht ſogleich. Als aber die Diener in ihren verſchiedenen Aufträgen abgeſchickt worden waren, wendete ſich Jacques um und begrüßte ihn freundlich. „Laß uns ein wenig von Geſchäften reden, mein Sohn,“ ſagte er,„denn in einer Stunde werden wir uns trennen müſſen. Du gehſt in das Hotel d'Orleans und ich kehre nach Bourges zurück, denn ich bin die⸗ ſer großen Stadt müde, Jean, und überdies rufen mich Geſchäfte dorthin. Nun wollen wir als gute Kaufleute berechnen, wie viel ich Dir ſchuldig bin.“ „Nein, Herr,“ antwortete Jean Charoſt,„ich bin durchaus in Eurer Schuld— ich meine nicht blos wegen Eurer Güte, ſondern auch hinſichtlich des Geldes. Ich glaube, ich habe bereits mehr von Euch erhalten, als Ihr mir zu geben ver⸗ ſprochen.“ „Mehr als feſtgeſetzt wurde, Jean,“ entgegnete Jacques Coeur,„aber nicht mehr, als gemeint war. Ich verſprach Deiner vortrefflichen Mutter, Dir jähr⸗ lich hundert Kronen zu geben, und außerdem noch mehr, nach Verhältniß Deiner Dienſte. Ich betrachte dies nur als eine Geſchäftsſache, Jean, und finde, daß ich in meinen Geſchäften mit Genua, die Du im letzten Jahre größtentheils allein geführt, von meinem angelegten Gelde einen Vortheil von ſechszehn Procent gehabt habe; von dem Geſchäft mit Amalfi, welches Du allein geführt, neunzehn Procent; von anderen Geſchäften ähnlicher Art, die ich und meine gewöhn⸗ lichen Gehülfen allein beſorgten, hatte ich dagegen nur durchſchnittlich funfzehn Procent. In allen Ge⸗ ſchäften, die Du beſorgt haſt, habe ich einen höheren Gewinn von drei bis vier Procent gehabt. Dieſer höhere Gewinn ſollte daher, nach meiner Anſicht von der Sache, zwiſchen uns Beiden gleich getheilt werden. Ich habe es genau berechnet, um uns Beiden Gerechtigkeit zu thun, und ich finde, daß, da der Geſchäftsverkehr in dieſem Jahre ziemlich groß geweſen iſt, ich Dir die Summe von zweitauſend ſiebenhundert und dreiund⸗ vierzig Kronen, zwei Livres und einem Denier ſchul⸗ dig bin. Hier habe ich die Rechnung aufgeſetzt, und ich denke, Du wirſt ſie richtig finden.“ Der arme Jean Charoſt war erſtaunt und über⸗ ſchüttet. Das geringe Gut, welches ſein Vater ihm hinterlaſſen hatte, war gerade hinreichend, um einen 49 Mann von edler Abkunft dürftig zu erhalten. Dieſe kleine Beſitzung war mit einer Schuld von dreitauſend Kronen belaſtet, um ſeinen Vater in den Stand zu ſetzen, ſeinem Monarchen zu dienen und auf dem Schlachtfelde zu ſterben; und der erſte große Zweck Jean Charoſt's war geweſen, ſeine arme Mutter in den Stand zu ſetzen, eine Schuld abzubezahlen, die mit ihren Zinſen die Beſitzung aufzehrte. Bisher hatte die Erreichung dieſes Zweckes weit entfernt geſchienen — er hatte dieſelbe in weiter Ferne zu ſehen geglaubt; aber er hatte gezweifelt und gefürchtet und die weite Reiſe ſchien ſelbſt den Sonnenſchein der Hoffnung zu trüben. Aber jetzt war der Fall umgekehrt; die Aus⸗ ſicht ſchien nahe— der Zweck war beinahe erreicht, und im erſten Augenblick konnte er kaum ſeinen Ohren trauen. „O, Herr!“ rief er, nachdem er ſeinen Dank hervorgeſtottert hatte,„bringt es meiner Mutter— bringt Alles meiner Mutter. Ihr Herz wird vor Freude ſchlagen. Ich werde kein Geld bedürfen, wo⸗ hin ich gehe.“ Jacques Coeur ſah ihn an und lächelte über ſeine Unerfahrenheit. „Du wirſt mehr bedürfen, als Du denkſt, mein guter Sohn,“ antwortete er.„Höfe ſind ſehr ver⸗ ſchieden von Kaufmannshäuſern; und man braucht dort viel Geld. Aber ich kenne Deinen Zweck, mein lie⸗ Agnes Sorel. I. 4 50 ber Sohn. Es iſt ein würdiger, und Du kannſt ihn in gewiſſem Grade erfüllen, während Du noch die Mittel behältſt, in dem Haushalte des Herzogs von Orleank, anſtändig zu erſcheinen. Ich will Deiner Mutter zweitauſend Kronen bringen. Die übrigen tauſend Kronen will ich auszahlen, und Du ſollſt ſie mir zurückgeben, wenn es Dir vermöge Dei⸗ ner Sparſanmkeit und Deines glücklichen Erfol⸗ ges, zu welchen beiden ich großes Vertrauen habe, leicht iſt.“ Dies war der gütige Plan, den der Kaufmann vorſchlug, und den Jean Charoſt freudig annahm. Wir dürfen nicht leugnen, daß er ſich, im Beſitz von ſiebenhundert Kronen, ſeiner unerfahrenen Anſicht nach, unter die Reichen des Landes rechnete. Wir dürfen auch nicht leugnen, daß ihm das Bedürfniß vieler Gegenſtände einfiel, deren Mangel er nie vorher gefühlt hatte. Unter dieſen ſchien ihm ein Pferd un⸗ entbehrlich; aber die Freundlichkeit des guten Jacques Coeur hatte ihm ſchon im Voraus jede Entſchuldigung zu dieſer nicht unverſtändigen Ausgabe genommen. Er erfuhr, daß der große Kaufmann als Zahlung einer Schuld aus Spanien ein ſchönes Pferd ange⸗ nommen und es, mit Sattel und Zaum verſehen, zu ſeinem Gebrauche beſtimmt habe. Wohl beritten und, wie er glaubte, mit allem Röthigen wohl verſehen, machte ſich daher Jean Charoſt um halb neun Uhr auf den Weg zum Hotel d⸗Orleans und überbrachte eine Botſchaft von Jacques Coeur an den Herzog, um als Entſchuldigung und Erklärung der plötzlichen Abreiſe des Kaufmanns zu dienen. 4 Viertes Kapitel. Es iſt immer ſchwierig, ſeine Schritte wieder zurück zu thun, und es mag eben ſo gut ſein, wenn der Drang der Handlung es geſtattet, im Leben, ſo wie in einer Erzählung ein wenig bei der Gegenwart zu verweilen, und nicht zu raſch zu der Zukunft hinzu⸗ eilen, damit das Unwiderrufliche uns nicht zu nahe auf den Ferſen folgen möge. Ich kenne nichts Schwierigeres oder Nothwendigeres, was dem Geiſte der Jugend ein⸗ zuprägen iſt, als die große und wichtige Thatſache, daß Alles, was einmal gethan iſt, unwiderruflich iſt — daß das Schickſal der That und dem Worte ſein Siegel aufdrückt— daß es ein Band iſt, welches uns mit dem Guten oder Böſen verbindet— daß, wenn wir auch zuweilen in gewiſſem Grade die Be⸗ dingungen verändern können, die wichtigeren Ver⸗ pflichtungen jenes Bandes nimmermehr zu verändern ſind— daß Etwas aufgezeichnet iſt in dem großen Buche gegen uns, was uns leicht weiter führt oder alle unſere ſpäteren Anſtrengungen hemmt. 3 Nein, nein— es iſt kein Zurückſchreiten mög⸗ lich. Wie in dem Feenmärchen ſchließt ſich der Wald hinter uns, ſo wie wir hindurch gehen, und in dem großen Abenteuer des Lebens liegt unſer einziger Weg vor uns. 1 Das Leben ſollte in einigen ſeiner Wandlungen beſtändig das Muſter eines Buches ſein; und um die Nothwendigkeit zu vermeiden, je den Verſuch zu machen, wieder zurückzugehen, mag es eben ſo gut ſein, hier zu verweilen und einige Ereigniſſe mitzutheilen, die bereits während des Verlaufes unſerer Erzählung geſchehen ſind. In einem mit phantaſtiſchem Glanze ausgeſchmück⸗ ten Zimmer in einem Hauſe nicht weit von dem Pa⸗ laſte des Herzogs von Orleans ſtand ein reich verzier⸗ tes Bett. Es war keine jener ſpärlichen, kärglichen, modernen Vorrichtungen, worin man faſt keinen Raum hat, ſich umzuwenden; ſondern ein großes, ſtattliches, zierliches Bauwerk, faſt an ſich ein Zimmer. Die vier Pfoſten waren vergoldet und mit Elfenbein ver⸗ ziert. Gruppen von Liebesgöttern oder Cherubim, ich weiß nicht, welche von Beiden, trugen die Säu⸗ len und traten auf Blumen; und da man in jenen Tagen nicht beſonders auf Harmonie achtete, ſo hatte der Künſtler, der dieſes Bett verfertigt, korinthiſche 4 54 Kapitäler zu den Pfoſten hinzugefügt und ſie mit großen, wirklichen Straußfedern verſehen. An ver⸗ ſchiedenen Stellen der Draperien, die von karmoiſin⸗ rothem Sammet waren, zeigten ſich zahlreiche In⸗ ſchriften in Gold geſtickt. Einige waren Verſe aus Dichtern jener Tage oder aus den alten Heldenge⸗ dichten in der ſüd⸗ oder nordfranzöſiſchen Sprache, und ſeltſam genug auch Verſe aus den Pſalmen Davids. Auf dieſem Bette lag in lieblichem Schlummer eine ſchöne, aber blaſſe Dame, welche die Spuren kürzlich überſtandener Krankheit in ihrem Geſichte trug, und neben ihr lag ein Kind, welches zehn oder vierzehn Tage alt zu ſein ſchien und nach der Sitte jener Tage eingewickelt war. Eine Lampe ſtand auf einem nahen Tiſche und ein leerer Stuhl am Bette, von welchem eine achtloſe Wärterin eben aufgeſtan⸗ den war, um ſich während des Schlummers ihrer Dame eine kleine Erholung zu verſchaffen. 8 Alles war ſtill und ruhig im Zimmer und im gan⸗ zen Hauſe. Die langen, ſchmalen Gänge waren leer und die Zimmer der Dienerſchaft weit entfernt im unteren Stock. Die ſilberne Schelle, die in der Nähe ſtand, hätte lange und laut klingeln können, ohne Jemand an jenes Bett zu rufen; aber die Wärterin verließ ſich auf den erſten ruhigen Schlummer der Nacht und be⸗ abſichtigte ohne Zweifel nicht lange auszubleiben. Es währte aber lange— ja zu lange. Die Thür öffnete ſich kaum hörbar und eine hohe graue Geſtalt trat ein, die man in der Dämmerung, die auf jener Seite des Zimmers herrſchte, von dem Bette aus kaum hätte ſehen können, wenn dort auch Jemand gewacht hätte. Der Fremde näherte ſich ver⸗ ſtohlen dem Bette und verbarg die rechte Hand in ſeiner Bruſt; aber da blieb er ſtehen, was auch ſeine Abſicht ſein mochte, und ſeine Augen blickten auf das ſchlummernde Weib und das Kind an ihrer Seite nieder. O! welche Wechſel des Ausdrucks zogen gleich ſturmgetriebenen Wolken über jenes Geſicht da⸗ hin, und welchen Gegenſatz bildete es zu dem des ſchlummernden Weibes. Vielleicht waren hier Belei⸗ digerin und Beleidigter einander gegenüber und es herrſchte ruhiger, friedlicher Schlummer, wo Reue und Seelenqual hätten ſein ſollen, während Wuth und Rache in dem Herzen geſchäftig waren, welches kein Unrecht gethan hatte. Ob es Zweifel, Bedenken oder Mitleid war, was die Pauſe hervorbrachte, kann ich nicht ſagen; aber was auch des Mannes Abſicht ſein mochte— und ſchwerlich konnte es eine gute ſein— er blieb länger als eine Minute ſtehen, ehe er den Verſuch machte, die That zu vollführen. Endlich aber zog er —yy-ʒ 56 die Hand aus dem Buſen und es ſchimmerte Etwas im Lampenlicht. Es war ſeltſam, die Dame beyegte ſich ein wenig in ihrem Schlummer, als wenn der Schimmer des Dolches ſich ihr fühlbar gemacht hätte, und ſie flüſterte einen Namen. Ihr Arm lag nachläſſig auf der Bettdecke; ihre linke Seite und Bruſt waren frei. 2 Der Name, den ſie flüſterte, ſchien das Kommando⸗ wort zu ſein, denn augenblicklich wurde die eine Hand auf ihre Lippen gedrückt und die andere führte einen heftigen Stoß in die Seite. Der Schrei wurde er⸗ ſtickt; die Hände griffen in die leere Luft; eine leichte krampfhafte Anſtrengung aufzuſtehen, ein Fieberſchau⸗ der und Alles war ſtill. Der Mörder zog ſeine Hand zurück, ließ aber den Dolch in der Wunde. O! mit welcher furcht⸗ baren Geſchicklichkeit hatte er die That vollführt! Der Stahl hatte ihr Herz durchbohrt! Da ſtand er einen Augenblick und betrachtete ſein Werk. Was in ſeiner Bruſt vorging, wer kann es ſagen? Aber plötzlich nahm er die Hand, die er leblos gemacht, in die ſeine und zog einen Trauring von dem unwiderſtrebenden Finger. Obgleich die Leidenſchaft das Selbſtgeſpräch liebt, ſo ſprach er doch nur wenige Worte aus. „Nun mag er kommen und ſehen!“ murmelte er; dann ging er raſch zu der andern Seite des Bettes herum, ergriff das Kind, hüllte es in ſein Gewand und entfernte ſich. O! welch eine furchtbare Stille herrſchte in jenem entſetzlichen Zimmer, als der Mörder ſich entfernt hatte. Es war, als herrſche dort noch etwas mehr als Stille— eine ſchwüle, drückende, bewegungsloſe Atmoſphäre des Todes und der Schuld. Es währte eine lange Zeit— länger, als eine halbe Stunde, und dann kam die Wärterin auf den Zehen zurückge⸗ ſchlichen. Anfangs bemerkte ſie nicht, daß etwas vor⸗ gegangen war. Alles war ſo ſtill und faſt ſo, wie ſie es verlaſſen hatte, daß ſie glaubte, es ſei keine Ver⸗ änderung vorgegangen. Sie bewegte ſich leiſe umher, ordnete einige ſilberne Kannen und Becher auf einem Seitentiſche und glättete die feine Damaſtdecke mit den zierlichen Franzen. Gleich darauf wurde leiſe an die Thür geklopft, und als ſie auf den Zehen dorthin ging, bemerkte ſie, daß es einer der vornehmſten Diener des Herzogs von Orleans war, welcher kam, um nach dem Befinden der Dame zu fragen. „Still!“ ſagte die Wärterin, ihren Finger er⸗ hebend;„ſie ſchläft wie ein Engel.“ „Und die Kleine?“ fragte der Mann. „Sie ſchläft auch,“ verſetzte die Wärterin;„ſie hat ſeit einer Stunde keinen Schrei hören laſſen.“ 58 „Das iſt ſeltſam,“ ſagte der Mann.„Ich glaubte, kleine Kinder ſchrien alle fünf Minuten.“ Bei weiterem Nachdenken hielt es die Wärterin auch für ſeltſam, und es überlief ſie eine kalte Furcht, als ſie ſich ihrer langen Abweſenheit erinnerte und dieſelbe mit der vollkommenen Stille in Verbindung ſetzte. 1. „Wartet einen Augenblick! Ich will nur eben zuſehen und Euch dann mehr ſagen.“ Und ſie näherte ſich geräuſchlos dem Bette. So wie ſie darauf hinblickte, ſtieß ſie einen furchtbaren Schrei aus. Die Natur war ſtärker, als die Kunſt und Klugheit. Da lag die Mutter todt, das Kind war fort und das Weib ſchrie laut, obgleich ſie wußte, daß das Ganze entdeckt werden und ihre eigene Nach⸗ läſſigkeit an den Tag kommen müßte. Der Mann ſtürzte in's Zimmer und eilte an das Bett. Das blutige Zeugniß der That war deutlich vor ihm, und die Wärterin beim Arme faſſend, be⸗ fragte er ſie heftig. Sie war indeſſen eine Freundin, und ich glaube, gar eine Verwandte von ihm. Zuerſt kam das Geſtändniß und dann die Berathung. Sie er⸗ klärte, ſie wäre noch keine fünf Minuten abweſend ge⸗ weſen und die That müſſe in jener kurzen Zeit ge⸗ ſchehen ſein— ja, es müſſe ſich ſchon vorher Jemand im Zimmer verborgen haben, ehe ſie das Zimmer 59 verlaſſen, denn ſie waͤre ſo nahe geweſen, daß ſie es hätte ſehen müſſen, wenn Jemand vorübergegangen. Sie erklärte ſogar, ſie glaube, es müſſe durch Zaube⸗ rei geſchehen ſein; und da die Zauberei zu jener Zeit in großem Rufe ſtand, ſo wäre der Mann vielleicht auch ihrer Meinung geweſen, hätte nicht das Blut und die Wunden deutlich gezeigt, daß hier ein Menſch gehandelt habe. Dann kam die Frage, was jetzt zu thun ſei. Dem Herzog mußte man es ſagen, das war klar, und der Mann und die Frau kamen darin überein, daß es beſſer ſein würde, ihm die Sache ſelber mitzutheilen. „Wir wollen es ihm nicht ſogleich ſagen,“ meinte die Wärterin, denn Kummer und Entſetzen waren jetzt von perſönlicheren Rückſichten verbannt worden.„Er würde uns Beide auf der Stelle töd⸗ ten, glaube ich. Wir wollen ihm zuerſt ſagen, daß ſie ſehr krank iſt; wenn er dann zu ihr geht, ſagen wir, daß ſie im Sterben liegt— dann, daß ſie todt iſt— und dann mag er ſelber finden, daß ſie ermor⸗ det worden iſt.— Guter Himmel! es ſollte mich nicht wundern, wenn der Mörder noch im Zimmer wäre.— Seht Ihr nicht auch, daß der Vorhang ſich bewegte?“ Und ſie ſah mit furchtſamen Blicke nach dem Bette hin. Der Diener zog ſein Schwert und jetzt 8 60 durchſuchten ſie das Zimmer, woran ſie vorher noch nicht gedacht hatten. 4 Es war aber Nichts zu finden— keine Spur von dem Mörder— ſelbſt der Dolch, der die That gethan, war verſchwunden und nach einiger weiteren Berathung und Ausdrücken des Entſetzens und Be⸗ dauerns machten ſie ſich auf den Weg, um dem Her⸗ zog von Orleans die Nachricht zu überbringen, indem ſie bei der Furcht, daß ihnen Jemand zuvorkommen möchte, den Mörder verfolgen zu laſſen, vergaßen. Das Haus befand ſich dicht neben dem Palaſte des Herzogs und hatte einen Eingang von dem Garten des Letzteren. Durch dieſe Thür gingen ſie, durch⸗ ſchritten einen Baumgang und traten dann durch eine Seitenthür in den Palaſt. Der Mann ging gerade auf die kleine Halle zu, indem die Frau dicht hinter ihm folgte, und fand den Herzog, wie ich gezeigt, in der Unterredung mit Jaeques Coeur und Jean Charoſt. Wie man verab⸗ redet hatte, wurde der Prinz anfangs nur benach⸗ richtigt, daß die Dame ſehr krank ſei, und ſchon dieſe Nachricht brachte die Aufregung hervor, die ich ge⸗ ſchildert habe; aber wie kann ich ſeinen Gemüthszu⸗ ſtand beſchreiben, als ihm die ganze Wahrheit bekannt wurde— das Feuer ſeiner Wuth, den Abgrund ſeines Kummers und mehr als Alles, die tiefe Qual ſeiner Neue? Als er jenes ſchöne, Aiebliche Geſicht, in dem 1 d 8 * 8 8 kalten Todesſchlummer daliegend, anblickte— als er den ſchönen Buſen mit rothem Blute überfluthet ſah — als er ſich erinnerte, daß er ſie zur Befriedigung ſeiner leichtfertigen Liebe aus den Armen eines lie⸗ benden Gatten, von dem friedlichen Glück und der ſtillen Unſchuld hinweggeriſſen— als er daran dachte, daß er ſie zur Ehebrecherin gemacht, daß er Schande über ihren Namen gebracht und ſelbſt, wie er in die⸗ ſem Augenblicke fühlte, an ihrem Tode mitſchuldig ſei— da ſchien der Wurm, der nie ſtirbt, ſich ſeines Herzens zu bemächtigen, und ſich neben dem Bette niederwerfend, verwünſchte er den Tag ſeiner Geburt und rief ſchwerere Flüche auf ſein Haupt herab, als ſein ärgſter Feind auf daſſelbe zu ſchleudern gewagt hätte. Freilich vergaß er in ſeiner Qual ſeine Energie nicht ganz. Es wurden augenblickliche Befehle er⸗ theilt, den Mörder aufzuſuchen und zu verfolgen— und alle Thüren eines kleinen Hotels in der Nähe des Tempel zu beſetzen und wohl zu beachten, wer aus⸗ und eingehe. Als dies aber geſchehen war, verſank er wieder in die düſtere Gefühlloſigkeit der Verzweif⸗ lung, und ſaß die ganze lange Nacht in dem Sterbe⸗ zimmer, ohne zu ſchlafen oder Erfriſchungen einzu⸗ nehmen. Prieſter kamen herein, es wurden Kerzen in Reihen aufgeſtellt und Gefäße mit Weihwaſſer und ſilberne Räucherpfannen. Dann erhoben ſich feier⸗ liche Stimmen in geheiligten Geſängen. —— Aber der Herzog ſaß unbewegt da; ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt— ſeine Augen ſtarr auf den Boden gerichtet. Niemand wagte mit ihm zu reden oder ihn zu ſtören, und die lange Winternacht ver⸗ ging und das graue Morgenlicht ſchien in's Fenſter, ehe er die Seite Derjenigen verließ, die er geliebt und in’s Verderben geführt hatte. Fünftes Kapitel. Die Hoffnung iſt Nichts weiter, als ein Stückchen Kork, welches auf der See des Lebens treibt, bald zum Himmel emporgeworfen wird, und bald in den Abgrund hinabſinkt; doch hebt es ſich immer über den Kamm der ſchäumenden Woge. Freudig und hoffnungsvoll ſtellte ſich Jean Cha⸗ roſt an den Thoren des Hotel d'Orleans ein; aber das ſchwere Thor unter dem großen Thorwege war geſchloſſen, und es vergingen einige Minuten, ehe er eingelaſſen wurde. Der große Mann, der ihm end⸗ lich das Thor öffnete, ſchien ſehr zweifelhaft, ob er ihn einlaſſen ſolle, und erſt als Jean ihm erklärt hatte, daß der Herzog ihn angeſtellt habe, und daß er die Perſon ſei, welche Jacques Coeur am vergan⸗ genen Abend begleitet, wollte ihn der Mann durch das Pförtchen eintreten laſſen. Dann ſagte er ihm aber, er möge auf das Haus zugehen und nach dem Vorgeſetzten der Pagen fragen. 24 Jean Charoſt war mit dieſer Antwort nicht wohl zufrieden; denn es ſchien ihm anzudeuten, daß der Herzog die Abſicht habe, ihn unter ſeine Pagen auf⸗ zunehmen und deshalb Befehle ertheilt habe. Die Stellung eines Pagen in einer großen Hofhaltung war in Jean Charoſt's Augen nicht ſehr wünſchens⸗ werth. Ueberdies glaubte er das für einen ſolchen Poſten angemeſſene Alter überſchritten zu haben. Er hatte ſein ſiebzehntes Jahr vollendet und ſah älter aus, als er wirklich war. Er ging indeſſen weiter; doch als er Fußtritte hinter ſich hörte, ſah er ſich um und erblickte einen Mann, der ihm folgte. Darin lag nichts Auffallendes, und er ging weiter, bis er in den oben beſchriebenen Vorſaal kam, und fragte nach dem Vorgeſetzten der Pagen. Der Mann, an den er ſich wendete, ſagte: „Ich will Euch zu ihm ſchicken. Ihr waret geſtern Abend hier, nicht wahr, junger Herr?“ Jean Charoſt bejahte es und die angeredete Per⸗ ſon gab dem Manne, der ihm durch den Garten ge⸗ folgt und mit ihm in den Vorſaal getreten war, ein Zeichen. Sogleich wurde Jean's Arm von dieſem ziemlich rauh ergriffen, und ehe er noch wußte, was mit ihm vorging, wurde er in ein kleines Zimmer an der Seite des Vorſaales gezogen und die Thür hinter ihm geſchloſſen. In dem Zimmer befanden ſich ſchon drei oder vier Männer von verſchiedenem Stande. Einer ſchien ein alter Soldat zu ſein, der eine Narbe über die Stirn und einen ſehr weißen Bart hatte. Ein Zweiter war wie ein Bettelmönch gekleidet, und ein Dritter, der eine Jacke, Kniehoſen, blaue Strümpfe, breite Schuhe und eine kleine viereckige Mütze trug, war offenbar ein Handwerker. Der alte Soldat ging mit ſehr ärgerlicher Miene im Zimmer auf und ab. Der Bettelmönch betete mit großer Schnelligkeit ſeinen Roſenkranz; der Handwerker ſaß in einem Winkel, drehte die Daumen um einander und ſah mit leerem Blicke vor ſich hin. Die Scene erklärte ſich nicht von ſelber, und Jean ſtand einige Minuten da, ohne zu begreifen, warum man ihn dorthin gebracht, oder was zunächſt erfolgen werde. „Beim heiligen Hubert, dies iſt zu arg!“ rief der alte Soldat endlich, und ſich der Thür nähernd, verſuchte er ſie zu öffnen, aber ſie war verſchloſſen. „Sagt mir doch, was iſt geſchehen?“ fragte Jean Charoſt unbefangen. „Nun, wißt Ihr es denn nicht?“ rief der alte Mann.„Bei meinem Leben, ich glaube, der Herzog iſt eben ſo toll, wie ſein Bruder.“ 3 „Die Sache iſt dieſe, mein Sohn,“ ſagte der Mönch,„es iſt hier geſtern Abend ein Raub oder Mord begangen worden, und der Herzog hat den Befehl ertheilt, daß Jeder, der nach ſieben Uhr im Agnes Sorel. I. 5 — Hauſe geweſen, feſtgehalten werden ſoll, bis man die Sache unterſucht hat.“ 3 „Er wird doch nicht glauben, daß ich einen Mord begangen habe!“ rief der alte Soldat im Tone großen Unwillens. „Das kann ich nicht ſagen,“ verſetzte der Mönch. mit ruhigem Lächeln.„Herren von Eurem Berufe thun es zuweilen.“ „Ich ermordete in meinem Leben Niemand,“ wimmerte der Handwerker. 4 „Ein Glück für Euch,“ ſagte der Mönch;„und noch glücklicher ſeid Ihr, wenn Ihr die Leute zu dem Glauben bringen könnt.“ Dann wendete er ſich wieder zu ſeinem Roſen⸗ kranze, und beinahe eine Stunde war Alles ſtill im Zimmer mit Ausnahme der gemurmelten Gebete des Mönchs. Aber Jean Charoſt's glänzende Hoffnungen wichen ſehr unter dem Einfluſſe der Zögerung und der Ungewißheit, obgleich er natürlich in ſeiner Lage keine Unruhe empfand. 3 Endlich wurde ein Mann in ſchwarzem Gewande und mit viereckiger ſchwarzer Mütze hereingeführt, der ſich gegen die Leute wehrte, die ihn hineinſchoben, und ſagte: „Wohl gemerkt, ich widerſetze mich! Es ge⸗ ſchieht nicht mit meiner Zuſtimmung. Dieſe Verhaf⸗ tung iſt ungeſetzlich. Der Herzog iſt hier nicht Ober⸗ richter, und für jede Minute will ich meine Entſchä⸗ digung haben, wenn noch Gerechtigkeit in Frankreich zu finden iſt.“ Die Thür wurde indeß ohne Weiteres hinter ihm geſchloſſen, denn die Diener der Großen waren in jenen Tagen nicht ſehr gewöhnt, auf die Spitzfindig⸗ keiten der Geſetze zu achten. Der Advokat, denn das ſchien er zu ſein, wendete ſich zu ſeinen Mitgefange⸗ nen und ſagte ihnen in unwilligen Ausdrücken, er ſei aufgefordert worden, den Hofmeiſter des Herzogs we⸗ gen eines Skandals, in den er verwickelt geweſen, zu vertheidigen; darum habe er ihn am Abend vorher beſucht, um ſich mit ihm zu berathen, und als er heute wiedergekommen, habe man ihn unter einem un⸗ genügenden Vorwande dort hineingeworfen. „Ich glaubte, Ihr Männer mit den langen Ge⸗ wändern könntet für Alles einen Vorwand finden,“ ſagte der alte Soldat mit Bitterkeit.„Ich weiß wohl⸗ Ihr habt mich um mein ganzes Vermögen ge⸗ racht.“ Der kleine ungeſtüme Mann des Geſetzes hatte nicht Zeit zu antworten, als die Thür aufging und alle Gefangenen, von einem halben Dutzend Krieger begleitet, zum Herzog von Orleans geführt wurden. Der Herzog ſaß in der kleinen Halle, wo Jean Charoſt ihn am vergangenen Abend geſehen hatte. Sein Haar war rauh und verwirrt, und ſein Anzug ver⸗ 5* nachläſſigt. Seine Augen waren auf den Tiſch vor ihm gerichtet und er erhob ſie während der folgenden Scene nur ſelten; aber ein ehrwürdig ausſehender Mann, der neben ihm ſaß und einer von den Richtern des Cha- telet war, richtete einen kalten und durchdringenden Blick auf die kleine Gruppe, die mit Jean Charoſt s eintrat. „Ah! Maitre Pierrot le Brun!“ ſagte er, indem er den Advokaten anſah.„Ich will zuerſt mit Euch reden, Kollege. Was führte Euch geſtern Abend und dieſen Morgen hieher?“ Der Advokat antwortete in ſehr gedämpftem Tone, und die Sache war bald beſeitigt, worauf er ſehr unterwürfig ſeinen Dank für ſeine ſchleunige Ent⸗ laſſung ausſprach. Der alte Soldat behielt aber ſeinen mürriſchen Ton bei, und als er gefragt wurde, was ihn am Abend vorher und an dem Tage dorthin geführt, entgegnete er kühn: 4 „Ich kam, um zu ſehen, ob der Herzog von Orleans etwas für einen Kriegsmann Karl des Fünf⸗ ten thun wolle. Ich focht für ſeinen Vater und wurde theils durch die Dienſte, die ich dem Könige leiſtete, theils durch ſolche Kerle wie der, welcher eben fortge⸗ gangen, zu Grunde gerichtet. Ich kann noch eben ſo gut wie immer eine Lanze einlegen und ein Schwert ſchwingen, und ich ſehe nicht ein, warum ich, da ich b ein Edelmann von Namen und Wappen bin, wie ein roſtiger Bruſtharniſch auf die Seite geworfen werden ſollte.“ Der Herzog von Orleans erhob plötzlich ſeinen Kopf, fragte nach dem Namen des alten Kriegers, ſchrieb etwas auf ein Stück Papier und gab es ihm, wodurch er nicht geringe Freude und Zufriedenheit zu erregen ſchien, denn der alte Soldat ergriff ſeine Hand und küßte ſie mit Wärme, als wären ſeine höchſten Wünſche dadurch erfüllt worden. Der Richter wollte noch einige Fragen thun, aber der Herzog unterbrach ihn und ſagte: „Ich kenne ihn— laßt ihn gehen. Er hat kei⸗ nen Antheil daran.“ Dann wurde der Bettelmönch verhört, und ſeine Ausſage ſchien Jean Charoſt wenigſtens nicht völlig befriedigend. Seine einzige Entſchuldigung, in vier⸗ undzwanzig Stunden zweimal in den Palaſt des Her⸗ zogs zu kommen, war, daß er um Almoſen für ſein Kloſter habe bitten wollen; und während er antwor⸗ tete, zeigte ſich ein ſchlauer und bedeutungsvoller Aus⸗ druck in ſeinem Geſichte, der dem, welcher mit allen Beſchäftigungen der Herren ſeines Standes nicht be⸗ kannt war, ſehr verdächtig erſcheinen mußte. Der Herzog und der Richter ſchienen indeſſen zufriedenge⸗ ſtellt zu ſein, und der Erſtere richtete dann ſeine Au⸗ gen auf Jean Charoſt, während der Richter den Hand⸗ werker aufrief und ihm einige Fragen vorlegte. „Wer ſeid Ihr, junger Herr?“ ſagte der Herzog von Orleans, Jean winkend, ſich zu nähern.„Ich habe Euer Geſicht ſchon irgendwo geſehen— wer ſeid Ihr?“ „Ich wartete Eurer Hoheit geſtern Abend auf,“ verſetzte Jean Charoſt, deſſen letzte Hoffnungen bei der Entdeckung dahinſchwanden, daß der Herzog ſich ſeiner nicht einmal erinnerte.„Herr Jacques Coeur brachte mich hieher, und auf Euren Befehl kehrte ich dieſen Morgen um neun Uhr hieher zurück.“ „Ich erinnere mich— ich erinnere mich,“ ſagte der Herzog. Und ſeine Augen niederſchlagend, ver⸗ ſank er wieder in tiefes Nachdenken, und hatte daſſelbe noch nicht beendet, als der Richter das Verhör des armen Handwerkers bereits beendet hatte. Dieſes Verhör hatte länger gewährt, als die vorhergehenden, denn der Mann hatte bis zu einer ſpäten Stunde an den Riegeln der Fenſter eines benachbarten Hauſes ge⸗ arbeitet, von wo man in den Garten des Hotel d'Orleans ſah, und kurz vor der Stunde, wo der Mord be⸗ gangen worden, einen großen Mann raſch den Gang dahingehen ſehen, in deſſen Nähe er beſchäftigt gewe⸗ ſen. Er konnte ſeine Kleidung nicht beſchreiben, denn die Dunkelheit hatte ihn verhindert, die Farbe zu be⸗ achten; aber er behauptete, ſein Koſtüm habe dem eines Prieſters oder Mönches geglichen, gewiß aber habe er eine Kapuze getragen. Dies war Alles, was von ihm herauszubringen war, und in der That war es einleuchtend, daß er nicht mehr wußte, und ſo ließ man ihn endlich fortgehen. Dann wendete ſich der Richter zu Jean Charoſt, der in der ängſtlichen Erwartung, was zunächſt kom⸗ men werde, vor dem Herzog von Orleans ſtehen blieb. Der Herzog war noch immer in Gedanken verſunken, denn die Antwort des jungen Mannes hatte wahrſchein⸗ lich in ſeinem Geiſte die ſchmerzlichen Gefühle wie⸗ der erweckt, die durch die Nachricht verurſacht worden, welche ſeine Unterredung mit Jacques Coeur unter⸗ brochen hatte. „Welches iſt Euer Name und Euer Stand, und was führte Euch am letzten Abend in den Palaſt des Herzogs von Orleans, junger Mann?“ fragte der Richter in ernſtem, aber nicht ſtrengem Tone. „Mein Name iſt Jean Charoſt de Brecy,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann,„ein Edelmann von Namen und Wappen, und ich kam am letzten Abend hieher—“ Aber der Herzog von Orleans erwachte aus ſei⸗ ner Träumerei, machte eine Bewegung mit der Hand und ſagte: „Genug— genug, mein guter Freund. Ich weiß Alles, was dieſen jungen Mann betrifft. Er konnte keinen Antheil an der ſchwarzen That haben; denn er war bei mir, als ſie geſchah. Ich vergaß ſein Geſicht nur auf den Augenblick; aber ich erinnere mich ſeiner jetzt ſehr wohl, und was ich ihm ver⸗ ſprochen habe.“ „Geſtattet mir dennoch ihn zu verhören, Hoheit,“ ſagte der Richter.„Wir wiſſen nicht, was er ge⸗ ſehen haben mag, als er hieher gekommen oder weg⸗ gegangen. Dinge, welche unbedeutend ſcheinen, ſind oft von großer Wichtigkeit. Um welche Zeit kamt Ihr hierher, junger Herr? Waret Ihr allein? Und wenn nicht, wer war bei Euch?“ Jean Charoſt beantwortete die Fragen kurz und deutlich, und der Richter fragte dann: „Begegnete Euch Jemand, als Ihr in dieſes Haus eintratet, der es zu verlaſſen ſchien?“ „Nein,“ verſetzte Jean Charoſt.„Mehrere Per⸗ ſonen hielten ſich vor dem Thore auf; aber Niemand ſchien den Ort zu verlaſſen.“ „Niemand in der Kleidung eines Prieſters oder Mönchs, in einem langen, ſtatternden Gewande und einer Kapuze?“ fragte der Richter. „Nein,“ verſetzte Jean Charoſt;„aber einige Augenblicke vorher ſahen wir einen Mann, wie Ihr ihn beſchreibt, welcher in ein großes Haus, gleich einem Kloſter, eintrat. Nach der Art, wie er die Glocke anzog, zu urtheilen, ſchien er in großer Haſt zu ſein.“ 73 Der Richter befragte ihn genau über die Lage des beſchriebenen Hauſes, und als er ſeine Antwort ertheilt hatte, wendete er ſich zu dem Herzoge und ſagte: „Die Cöleſtiner.“ „Die haben Nichts damit zu thun gehabt,“ ver⸗ ſetzte der Herzog ſogleich.„Die guten Brüder lieben mich zu ſehr, um mir ein ſolches Leid zuzufügen.“ „Sie haben Urſache dazu, gnädigſter Herr,“ ver⸗ ſetzte der Richter;„aber wir finden, daß Dankbar⸗ keit nicht immer von guten Dienſten begleitet iſt. Mit Eurer Erlaubniß will ich Nachforſchungen an⸗ ſtellen, wer die Perſon war, die am letzten Abend um die genannte Stunde in jenes Kloſter eingetreten.“ „Wie Ihr wollt,“ verſetzte der Herzog kopf⸗ ſchüttelnd;„aber ich wiederhole, es iſt etwas in mir, was mir beſſer, als das klarſte Zeugniß ſagt, wer der Mann war, der dieſe entſetzliche That beging, und er iſt nicht bei den Cöleſtinern. Stellt Nach⸗ forſchungen an, wenn Ihr wollt; aber ich weiß, es iſt vergebens. Er und ich werden indeſſen zuſammen⸗ treffen, ehe unſer Leben endet. Mein Geviſſen ſagt mir, daß ich ihm Unrecht gethan, aber er hat die Schuld völlig gleich gemacht; und wenn wir uns wiederſehen—“ Mehr fügte er nicht hinzu, aber ballte die Hände und biß die Zähne zuſammen. „Dennoch will ich Nachforſchungen anſtellen,“ ſagte der Richter, der ein wenig beharrlich in ſeinen eigenen Anſichten zu ſein ſſchien.„Es iſt nöthig, dieſe Sache von Grund aus zu prüfen. Solche Verbrechen werden zu häufig.“ Als er ſprach, ſtand er auf, empfahl ſich und gebot dem Handwerker, ihm zu folgen. Jean Charoſt blieb allein vor dem Herzog von Orleans ſtehen, ob⸗ gleich zwei oder drei Diener und Bewaffnete von Zeit zu Zeit am anderen Ende durch die Halle gingen. Einige Minuten blieb der Herzog gedankenvoll ſitzen; endlich aber erhob er ſeine Augen zu Jean Charoſt's Geſichte und ſah ihn eine kurze Zeit mit zerſtreuter Miene an. Dann ſtand er auf, winkte dem jungen Manne, ihm zu folgen und ſagte: „Kommt mit mir. Dieſe Luft drückt mich nie⸗ der. Sie iſt ſchwer von Kummer.“ b Als er dieſe Worte ausſprach, ging er durch eine kleine Thür am Ende der Halle voran, derjeni⸗ gen gegenüber, durch welche der junge Herr einge⸗ treten war, und gelangte zu einem großen, viereckigen, inneren Hofe des Palaſtes, der auf drei Seiten von einem Säulengange umgeben war. „Reicht mir Euren Arm,“ ſagte der Herzog, als ſie hinausgingen, und ſich ein wenig ſchwer auf ſeinen jungen Begleiter lehnend, ging er länger als eine Stunde in dem Säulengange auf und ab, zuweilen chweigend, zuweilen einige Worte redend oder die — 75 Gefühle ſeines Herzens in Ausdrücken ausſprechend, die Jean Charoſt nicht halb verſtand. Von Zeit zu Zeit kam ein Page, ein Diener oder ein Bewaffneter, um eine Frage zu thun und entfernte ſich, nachdem er des Herzogs Antwort er⸗ halten. Aber in allen Fällen war die Antwort kurz und wurde ertheilt, ohne daß der Prinz ſtillſtand. Es war offenbar einer jener Augenblicke des Kampfes, wo der Geiſt den Druck eines großen und ſchweren Kummers abzuwerfen ſucht und ſich wieder aufrafft, um ſich zum Widerſtande zu rüſten, nach einem jener betäubenden Schläge, die Jeder auf dieſer ſterblichen Laufbahn aushalten muß. Und es iſt wunderbar, wie, verſchieden der Grad der Elaſticität, die Kraft der Gegenwirkung iſt, welche die Geiſter der verſchie⸗ denen Menſchen unter denſelben Umſtänden zeigen. Die Kleinen und Schwachen, die Zarten und Sanf⸗ ten fallen zu Boden geſchmettert hin, wahrſcheinlich um ſich nie wieder zu erholen, oder ſie ſchleichen von dem Schlachtfelde hinweg, für welches ſie nicht geeignet ſind und ſuchen in der Einſamkeit dem Kampfe des Lebens zu entgehen. Der ſtrenge, abgehärtete Krie⸗ ger, an Widerſtand gewöhnt, mag wohl auf einen Augenblick von der Gewalt des Schlages niederge⸗ worfen werden, aber er ſpringt wieder auf und iſt im nächſten Augenblicke wieder zum Kampfe bereit; der Leichte und Elaſtiſche fährt empor von der Heftigkeit des Falles und miſcht ſich wieder in den Streit, als ſcherze er nur mit den Uebeln der Welt. In dem Charakter des Herzogs von Orleans lag etwas von den beiden letzteren Klaſſen. Von ſeiner Kindheit an war er aufgefordert worden, mit den Mühſeligkeiten des Lebens zu kämpfen. Streit, Uebel, Kummer, Sorge, Gefahr hatte ſeine Wiege und ſeine Jugend umgeben, und ſein Mannesalter hatte er mit Kämpfen hingebracht, die er oft ſelber hervorgerufen oder die ihm Andere bereitet. 8 In dieſem Falle hatte der Prinz offenbar viel gelitten, und wir haben geſehen, daß er ſich mehr, als vielleicht je vorher, der Laſt ſeines Kummers hinge⸗ geben; aber er machte jetzt eine große Anſtrengung, den Eindruck von ſich abzuwerfen und, als eine Mil⸗ derung der bitteren Erinnerung, ſeinen Geiſt auf neue Gegenſtände zu richten. Es gelang ihm einigermaßen, olbgleich ſeine Gedanken von Zeit zu Zeit zu den ſchmerzlichen Ge⸗ genſtänden zurückkehrten, von welchen er ſie zu ent⸗ fernen ſuchte; aber jeden Augenblick faßte er ſich mehr und mehr. Anfangs beſtand ſeine Unterredung mit Jean Charoſt größtentheils in Fragen, wovon er die Antworten kaum hörte oder beachtete; nach und nach aber begann er ein größeres Intereſſe an den beſpro⸗ chenen Gegenſtänden zu zeigen, und er befragte den jungen Mann viel über Jacques Coeur, ſo wie über 77 ſein eigenes Schickſal und ſeine Geſchichte; und wenn er gleich zuweilen über die Antworten nachſann, ſo kehrte er doch bald zu dem Hauptgegenſtande zurück und ſchien wohl zufrieden mit ſeinen Antworten. In der That waren die Umſtände, welche die erſte Einführung und die zweite Unterredung Jean Charoſt's mit dem Herzoge begleiteten, an ſich ſehr glücklich. Er wurde in dem Geiſte des Prinzen mit Augenblicken in Verbindung geſetzt, die durch Kum⸗ mer geheiligt und von tiefen Gemüthsbewegungen er⸗ füllt waren. Ein Band der Sympathie ſchien ſich zwiſchen ihnen zu knüpfen, welches nichts Anderes hätte hervorbringen können, und der ruhige, graziöſe, gedankenvolle Ton des Geiſtes des jungen Mannes ſtimmte ſo gut zu den damaligen Gefühlen des Prin⸗ zen, daß er in einer Stunde mehr Fortſchritte in ſeiner Achtung machte, als ein leichterer und glänzen⸗ derer Geiſt in viel längerer Zeit würde gemacht haben. Noch immer aber war Nichts von der Stellung geſprochen worden, die Jean Charoſt in der Hofhal⸗ tung des Prinzen einnehmen ſollte, als ein Mann, der einen langen weißen Stab in der Hand trug, ein⸗ trat und den Herzog benachrichtigte, daß der Herzog von Berri ihn zu beſuchen komme. Orleans wen⸗ dete ſich um und näherte ſich einige Schritte der Thür, die von dem Hofplatze in das Innere des Gebäudes 78 führte, als wollte er ſeinem edlen Verwandten entge⸗ gen gehen. Aber ehe er den Säulengang halb hin⸗ unter war, wurde der Herzog von Berri von den Officianten des Prinzen mit einiger Feierlichkeit her⸗ eingeführt. „Verlaßt uns!“ ſagte der Herzog von Orleans zu ſeinen Leuten, ſobald er ſeinen Verwandten umarmt hatte. Jean Charoſt hielt den Befehl für allgemein und war im Begriff, zu folgen; aber der Prinz winkte ihm, näher zu kommen, ſtellte ihn dem Herzoge von Berri vor und ſagte: „Dies iſt mein junger Sekretair, edler Oheim, den mein guter Freund Jacques Coeur mir empfohlen. Ich habe Euch viel zu ſagen und Einiges davon wird niedergeſchrieben werden müſſen. Es wird beſſer ſein, wenn wir ihn bei uns behalten.“ Der Herzog von Berri nickte nur mit dem Kopfe und ſah Jean Charoſt gedankenvoll an, während der Prinz hinzufügte: „Aber die Luft iſt ſelbſt hier rauh und ſcharf, ungeachtet des Sonnenſcheins. Laßt uns in das acht⸗ eckige Zimmer gehen. Nein, nicht dorthin. Von dort ſteht man jenes ſchreckliche Zimmer. Hierher, mein Oheim.“ Sechſtes Kapitel. —— 8 „Das iſt eine ſchöne Handſchrift,“ ſagte der Herzog von Orleans, indem er die eine Hand auf Jean Charoſt's Schulter legte und ſich über ihn neigte, als er die letzten Worte zu dem vorgeſchlagenen Vertrage 8 zwiſchen ihm und dem Herzog von Burgund hinzu⸗ fügte.„Kann die Hand, welche die Feder ſo gut führt, auch ein Schwert ſchwingen und eine Lanze einlegen?““ „Vielleicht iſt ſie ein wenig aus der Uebung, gnädigſter Herr,“ verſetzte Jean Charoſt,„denn es ſind Monate vergangen, ſeit ich mich in Beiden nicht geübt habe; aber während mein Vater lebte, war es mein Zeitvertreib, und er ſagte, ich würde ein Sol⸗ dat werden.“ 4 „Er war ſelber ein guter Soldat, und daher ein guter Richter,“ verſetzte der Herzog.„Aber wir wollen Euch auf die Probe ſtellen, Jean— wir 80 wollen Euch auf die Probe ſtellen. Nun gebt mir die Feder. Ich kann wenigſtens meinen Namen ſchreiben, und das iſt mehr, als einige andere große Männer können.“ Jean Charoſt ſtand auf, der Herzog ſetzte ſich nieder, unterzeichnete in einer guten und geläufigen Handſchrift ſeinen Namen und faltete dann das Papier zuſammen. „Hier, mein Oheim,“ fuhr er fort,„ſeid Ihr der Bote des Friedens zum Hotel d'Artois. Ich muß nach St. Pol, um meinen armen Bruder zu beſuchen. Er war geſtern in einer traurigen Lage, aber ich habe immer bemerkt, daß ſeine Wuth am größten iſt, wenn er ſich der Beſſerung nähert. Wenn er nur ſo lange vernünftig wäre, um dieſe widerwärtigen Angelegen⸗ heiten ſelber zu ordnen und die Regierung des Reiches auf eine ſicherere Grundlage zu ſtellen; gern würde ich mich von allen dieſen Sorgen und Mühen zurück⸗ ziehen und den Reſt meiner Tage—“ „Dem Vergnügen weihen?“ fragte der Herzog von Berri mit mattem Lächeln. Augenblicklich zog eine Wolke über das Geſicht des Herzogs von Orleans. „Nein, nicht ſo,“ verſetzte er im Tone tiefer Schwermuth.„Das Vergnügen iſt vorüber, guter Oheim. Ich wollte ſagen: und den Reſt meiner 81 Tage dem Nachdenken, dem Kummer und vielleicht der Büßung weihen.“ „Ich wollte es wäre ſo,“ verſetzte der Greis, und er ſchüttelte ſeufzend und mit zweifelhaftem Blicke den Kopf. „Ihr wißt nicht, was hier geſchehen iſt,“ ſagte der Herzog von Orleans, indem er mit düſterem Blicke ſeine Hand auf den Arm ſeines Oheims legte; „ein Ereigniß, furchtbar genug, jeden nicht gänzlich fühlloſen Geiſt zu erwecken. Ich kann es Euch nicht erzählen— ich wage nicht, mich daran zu erinnern. Aber Ihr werdet es bald hören. Laßt uns hinaus⸗ gehen.“ Und ſeine Augen auf den Boden gerichtet, ging er langſam, von dem Herzog von Berri begleitet, weiter, ohne auf Jean Charoſt zu achten, der einige Schritte hinter Beiden folgte, bis er den äußeren Hof erreichte, wo die Pferde und Diener der beiden Fürſten warteten. Jean Charoſt erwartete, er werde einen Wiuk erhalten, was er thun ſolle, aber dies geſchah nicht. In düſteren und kummervollen Betrachtungen beſtieg der Herzog ſein Pferd und ritt langſam weiter, ohne auch nur den Diener zu bemerken, der ihm den Steig⸗ bügel hielt; und der junge Mann blieb auf dem Hof⸗ platze zurück, völlig fremd unter einer Anzahl von Jünglingen und Männern, wovon jeder ſeinen Platz Agnes Sorel. I. 6 3 kannte und ſeine Beſchäftigung hatte. Sein Herz war nicht erleichtert, ſein Geiſt nicht erheitert durch alle Ereigniſſe des Morgens; und die düſteren und geheimnißvollen Winke, die er gehört, daß ein ſchreck⸗ liches Verbrechen in dieſen Mauern begangen worden, laſtete düſter und ſchwer auf der Scene. Aber die, welche Jean umgaben, ſchienen nicht im geringſten ſolche Empfindungen zu theilen. In einem nahen Zimmer lag eine Leiche: die verdunkelten Fenſter des Hauſes, welches an den Garten ſtieß, waren von der Stelle, wo ſie ſtanden, zu ſehen; und doch ſchien kein ſchweres Herz unter ihnen zu ſein. Nie⸗ mand trauerte— Niemand ſah betrübt aus. Ein ältlicher Mann wendete ſich pfeifend um und trat wieder in den Palaſt. Zwei Knappen in der Blüthe des Lebens begannen, ſobald ihr Herr den Rücken gewendet hatte, mit rauher Ausgelaſſenheit zu ringen und mit der Fauſt zu kämpfen, die jungen Pagen ſpielten manche Streiche, und drei oder vier Burſchen, einige älter, andere jünger, als Jean Charoſt, ſtanden lachend und plaudernd an der einen Seite des Hofes und richteten ihre Augen auf ihn. Seine Lage wurde ſehr unangenehm, und nach einiger Ueberlegung entſchloß er ſich, in's Haus zu⸗ rückzukehren und nach dem Vorgeſetzten der Pagen zu fragen, an den man ihn zuerſt verwieſen hatte; aber gerade, als er dieſe Abſicht ausführen wollte, trat ein 83 großer, zierlich gekleideter, junger Mann mit knos⸗ pendem Schnurrbarte, Schwert und Dolch an der Seite, aus der erwähnten kleinen Gruppe hervor und verneigte ſich tief und mit hochmüthiger Miene vor dem jungen Fremden.— „Darf ich fragen, Beau Sire,“ ſagte er mit verſtellter Höflichkeit, indem er einen damals ſchon veralteten Ausdruck anwendete,„darf ich fragen, wer der Beau Sire iſt und welches ſein Geſchäft hier ſein mag?“ Jean Charoſt wurde nicht leicht beleidigt; und obgleich der Ton und das Benehmen unverſchamt war und ſeine Gefühle nicht für Scherze geſtimmt waren, erwiederte er doch ruhig genug: „Mein Name iſt Jean Charoſt de Brecy, und mit Euch habe ich gewiß kein Geſchäft.“ „Wie kann der Beau Sire das ſagen, da er meinen Namen nicht weiß?“ fragte der Andere, während ſich noch zwei oder drei von der jugendlichen Gruppe um ſie verſammelten.„Aber darüber will ich ihm Aufklärung geben: mein Name iſt Juvenel de Royans.“— „Dann, Herr Juvenel de Royans,“ verſetzte der junge Mann, ein wenig ärgerlich werdend,„will ich Euch dagegen benachrichtigen, daß ich kein Geſchäft mit Euch habe. Mein Geſchäft geht nur Seine Hoheit den Herzog von Orleans und ſonſt Niemand an.“ 6* „Oho!“ rief der junge Mann,„da haben wir es mit einer großen Perſon zu thun, die ſich nicht mit Pagen und Dienſtleuten einlaſſen will,— mit einem Hahne, der aus einem hohen Tone kräht! Wenn Ihr Euch nicht zu uns geſellen wollt, Herr, ſo iſt es vielleicht beſſer, wenn Ihr den Ort meidet.“ „Ich weiß in der That nicht, was Ihr meint, junger Herr,“ antwortete Jean Charoſt.„Ihr ſcheint mich beleidigen zu wollen; aber ich werde Euch keine Veranlaſſung dazu geben. Ihr werdet ſie ſelber ſuchen müſſen, wenn Ihr eine wollt, und ich will Euch nur ſagen, daß Seine Hoheit mich geſtern Abend in ſeine Dienſte genommen hat—“ „Als was? als was?“ riefen mehrere Stimmen um ihn.. Jean Charoſt zauderte, und Juvenel de Royans, welcher ſah, daß er einen Vortheil erlangt habe, ob⸗ gleich er nicht recht wußte, worin derſelbe beſtand, rief in feierlichem und tadelndem Tone: „Still, meine Herren! Ihr irrt Alle. Ihr glaubt, daß jeder Poſten in dieſer Hofhaltung beſetzt, und da⸗ her keiner für dieſen jungen Herrn erledigt iſt. Aber es iſt ein Poſten frei, wofür er ſich ohne Zweifel aus⸗ gezeichnet eignet, nämlich das ehrenvolle Amt des Inſtruktors der Affen.“ „Der Erſte, mit dem ich wahrſcheinlich beginnen werde, ſeid Ihr,“ antwortete Jean Charoſt bei dem 8⁵ lauten Lachen der Uebrigen,„und ich werde Euch bald die erſte Lektion geben, wenn Ihr mir nicht aus dem Wege geht.“ „Ich bin ſtets zur Inſtruktion bereit,“ verſetzte der Andere, ihm den Eingang zum Hauſe verſperrend. Jean Charoſt faßte ihn augenblicklich beim Kra⸗ gen, aber der Andere war eben ſo ſtark, wie er ſelber, und es ſtand ein heftiger Kampf bevor, als ein Mann im mittleren Alter, der im Haupteingange des Palaſtes geſtanden, herauskam, ſich zwiſchen die beiden Jünglinge warf und rief: „Pfui, Junker Juvenel! dies iſt wieder eine von Euern alten Poſſen. Ihr wißt, ſie haben Euch die Gunſt des Herzogs gekoſtet. Nehmt Euch in Acht, daß ſie Euch nicht noch mehr koſten.“ „Der junge Herr bot mir eine Lektion an,“ ſagte Juvenel de Royans im Tone verſtellter Demuth. „Ihr werdet doch nicht wollen, daß ich ein ſolches Anerbieten ausſchlagen ſoll, obgleich ich nicht weiß, wer er iſt oder in welchem Grade er dazu befähigt ſein mag.“ „Er iſt des Herzogs Sekretair,“ ſagte der ältere Mann,„und er mag Euch auf mehrere Art Inſtruk⸗ tion zu ertheilen haben, als Ihr denkt.“ „Ich bitte den hochgelahrten Herrn um Verzei⸗ hung und küſſe die Spitze ſeines Pantoffels,“ ſagte der Andere unerſchrocken und fügte hinzu, indem er Jean Charoſt's Schuhe anſah, die nicht ganz nach der übertriebenen und unbequemen Mode von Paris zugeſchnitten waren.„Sein Schuhmacher iſt ein wenig kärglich mit eben dieſen Pantoffelſpitzen umge⸗ gangen; aber meine Demuth iſt um ſo größer.“ „Kommt mit mir, Herr, und kümmert Euch nicht um den thörichten Jungen,“ ſagte der ältere Herr, Jean Charoſt's Arm faſſend und ihn mit ſich fort⸗ ziehend.„Ich will Euch zu dem Haushofmeiſter führen, der Euch Eure Zimmer anweiſen wird. Der Herzog wird nicht lange ausbleiben; und wenn ſein Geiſt ein wenig mehr beruhigt iſt, wird er bald alle dieſe Angelegenheiten für Euch ordnen.“ „Vielleicht waltet hier ein Irrthum ob,“ ſagte Jean Charoſt ein wenig zaudernd.„Ich glaube, Ihr ſeid der Herr, der vor einer halben Stunde den Her⸗ zog von Berri hereinführte; aber wenn auch Seine Hoheit mich damals, mit dem Herzoge redend, ſeinen Sekretair nannte, ſo hat er mir doch durchaus nicht perſönlich angedeutet, daß ich dieſe Stelle bekleiden ſoll, und vielleicht iſt es beſſer, nicht anzunehmen, daß es ſo iſt, bis ich Weiteres von ihm höre.“ „Nicht ſo— nicht ſo,“ rief der Herr lächelnd; „Ihr kennt den Herzog noch nicht; er iſt ein Mann von wenig Worten, offen und redlich in allen ſeinen Handlungen. Was er ſagt, meint er auch ſo. Er thut oft mehr, aber niemals weniger; man würde ihn 87 beleidigen, wenn man an Etwas zweifeln wollte, was er ſagt. Er nannte Euch in Eurer Gegenwart ſeinen Sekretair; ich hörte es— und Ihr ſeid es eben ſo gut, als wenn Eure Beſtallung ſchon ausgefertigt wäre. Ueberdies ertheilte er geſtern Abend, als Maitre Jacques Coeur allein hier geweſen war, hinſichtlich Eurer Befehle. Ich bin nur ein armer Stallmeiſter, aber ich ſtehe ziemlich gut mit Seiner Hoheit. Der Haushofmeiſter weiß Alles.“ Jetzt hatten ſie den Vorſaal des Palaſtes er⸗ reicht und Jean Charoſt wurde von ſeinem neuen Freunde durch eine Anzahl gewundener Gänge ge⸗ führt, welche ihm zeigten, daß das Haus viel größer ſei, als er anfangs geglaubt, bis ſie zu einem großen Zimmer kamen, wo ſie einen alten Mann in ſchwarzer Kleidung mit geſchorenem Kopfe unter einer Maſſe mit Bindfaden zuſammengebundener Papiere fanden. „Dies iſt der junge Herr, von dem der Herzog mit Euch ſprach, Signor,“ ſagte Jean's Führer, „der neue Sekretair Seiner Hoheit. Zeigt ihm doch ſeine Zimmer und tragt Sorge für ihn, bis der Her⸗ zog kommt; denn eben fing ſchon der junge Juvenel de Royans im äußeren Hofe Streit mit ihm an.“ „Ach! dieſer Junge!“ rief der Haushofmeiſter in ſehr fremdartigem Accent.„Er wird ſich noch in Verlegenheit bringen; und welche Unruhe hat er mir nicht ſchon verurſacht. Aber Herr Blaize, könnt Ihr nicht dem jungen Herrn ſeine Zimmer zeigen. Hier ſind die Schlüſſel. Ich weiß wohl, es iſt nicht Euer Amt; aber ich bin gerade jetzt ſo beſchäftigt und ſo traurig, daß Ihr mir eine Gefälligkeit erweiſen wür⸗ det. Dann führt ihn zurück, ſobald er ſeinen Weg weiß, und wir Drei wollen dann ganz in der Stille im andern Zimmer mit einander zu Mittag ſpeiſen. Es iſt zwei Stunden über die Zeit; aber an dieſem Unglückstage iſt Alles in Unordnung und der Herzog iſt ohne Mittageſſen ausgegangen.— Wollt Ihr mir die Gefälligkeit erweiſen, Herr Blaize?“ „Mit Vergnügen— mit Vergnügen, mein guter Freund,“ verſetzte der alte Stallmeiſter, die beiden Schlüſſel nehmend, die der Andere ihm reichte, und fügte dann hinzu:„Die beiden Zimmer neben dem Schlafzimmer des Herzogs, nicht wahr?“ „Nein, nein. Die beiden auf dieſer Seite neben dem Toilettenzimmer,“ antwortete der Andere.„Ihr werdet dort ein Feuer angezündet finden, denn es iſt entſetzlich kalt in dieſem Klima.“ Monſieur Blaize nickte mit dem Kopfe und führte den Jüngling zu einem anderen Theile des Palaſtes. Man kam an unzähligen kleinen Zimmern in einem langen Gange vorüber, und Jean Charoſt begann ſich zu wundern, wann ſie an das Ziel ihrer Wanderung gelangen würden, als eine raſche Wendung ſie zu einem ganz anderen Theile des Hauſes führte. Es 89 zeigte ſich eine breite, zierlich gebaute, doppelte Treppe, die ſich von dem Vorſaale in zwei Flügeln erhob, die einander bei jedem Abſatze begegnen zu wollen ſchienen, aber ſich immer wieder trennten, während ſie durch alle fünf Stockwerke führten und ohne daß eine Verbindung zwiſchen ihnen vorhanden war. Die Baluſtraden und Treppengeländer waren mit ſelt⸗ ſamen Verzierungen verſehen: mit Teufelsköpfen und Engeln, Cherubim mit ausgebreiteten Flügeln, Affen, welche die Violine ſpielten, Drachen, die ihre Schlan⸗ genſchwänze um die Gebeine eines grinſenden Skeletts wanden, und der Liebesgott auf einer Gans reitend. Jede dieſer kleinen Gruppen hatte wahrſcheinlich eine moraliſche oder ſatyriſche Bedeutung; aber obgleich Jean Charoſt ſehr dazu geneigt war, ſo konnte er doch nicht darnach fragen, denn ſein Begleiter führte ihn mit raſchen Schritten die Treppe hinauf und dann einen breiten Gang dahin, wo ſich nur wenige und große Thüren befanden, die mit künſtlichem Schnitz⸗ werk verziert waren, welches man in dem ſchlecht er⸗ leuchteten Korridor aber nur undeutlich ſah. Am Ende deſſelben gelangten ſie auf ſechs breiten Stufen zu einem andern Stock des Hauſes, der einen helleren und freundlicheren Anblick gewährte, und hier erreich⸗ ten ſie einen großen Eingang, vor welchem eine Laterne hing und über welcher ſich einige Verſe als Inſchrift auf dem Holzwerk befanden. j 90 ſtehen, ſah über ſeine Schulter und ſagte: „Dies iſt das Schlafzimmer des Herzogs; dann kommt ſein Toilettenzimmer, wo er während des An⸗ kleidens die Bittſteller empfängt. Und nun das Zim⸗ mer des Sekretairs.“ Während er ſprach, näherte er ſich einer kleinen Thür, denn man hatte keine große Symmetrie beob⸗ achtet, und die Thür aufſchließend, ließ er ſeinen jun⸗ gen Begleiter in die Zimmer ein, die ſeine künftige Wohnung ſein ſollten. Das erſte Gemach war eine Art von Vorzimmer zu dem zweiten und als Schreibe⸗ zimmer eingerichtet, mit Tiſchen und Stühlen, Din⸗ tenfäſſern und Aktenſchränken verſehen, während ein großer Kamin noch die Kohlen eines Feuers zeigte, welches groß genug geweſen, um das Zimmer zu wärmen. Von dieſem Zimmer gelangte man zu einem anderen, welches eine Scheidewand von Eichen⸗ holz von dem erſteren trennte, hier und da mit einer Tapete bedeckt, welche auf groteske und nicht allzu anſtändige Weiſe die Liebe des Jupiter und der Leda darſtellte. Die beiden Zimmer, die einen Winkel des Gebäudes bildeten und von zwei verſchiedenen Seiten ihr Licht empfingen, waren in früheren Zeiten wahr⸗ ſcheinlich eins geweſen; aber jedes an ſich war groß genug, und ſie hatten ein wohnliches Anſehen, und Hier blieb Monſieur Blaize einen Augenblick 91 dies war das erſte Angenehme, was Jean Charoſt ſeit ſeinem Eintritte in den Palaſt vorgekommen war. Auf dem Tiſche in dem Schreibezimmer befanden ſich nicht ſehr alte Dintenkleckſe, und ein Gegenſtand, der dem früheren Bewohner gehört hatte, war zurück⸗ geblieben in Geſtalt eines Schwertes, welches ver⸗ möge eines Ringes des Gehänges an einem Nagel hing, den man in die eichene Scheidewand geſchlagen: Jean Charoſt blieb dabei ſtehen, um es anzuſehen, und der alte Stallmeiſter rief: „Ach! der arme Kerl! Er wird es nie wieder anwenden! Es gehörte Monſieur de Gray, dem letz⸗ ten Sekretair des Herzogs, der in einem Gefechte bei Corbeil fiel. Monſieur Juvenel de Royans dachte den Poſten zu bekommen; aber er hatte durch ſeine Haſtigkeit und Unbeſonnenheit ſo völlig die Gunſt des Herzogs verloren, daß er ihm denſelben geradezu abſchlug.“ „Dann wird er wahrſcheinlich kein großer Freund von mir werden,“ ſagte Jean Charoſt mit mattem Lächeln;„und vielleicht lag mehr Bosheit, als Thor⸗ heit in ſeinem Benehmen gegen mich.“ Monſieur Blaize ſchwieg und ſann einen Augen⸗ blick nach. Er war in dem Alter, wo die Poſſen und Thorheiten der munteren Jugend am beläſtigend⸗ ſten ſind: nicht alt genug, um für das Abbild der beklagten eigenen Jugend zu ſchwärmen; nicht jung 92 genug, um Sympathie für die Thorheiten eines an⸗ deren Lebensalters zu empfinden. Dennoch war er ein ſehr gerechter Mann, und, wie Jean Charoſt ſpäter fand, gerecht in kleinen wie in großen Dingen, in Worten wie in Handlungen. „Nein,“ ſagte er gedankenvoll,„nein, ich glaube nicht, daß er Bosheit hegt, wenigſtens nicht lange. Seine Natur iſt offen und edel, wenn gleich mit Ein⸗ bildung und Eitelkeit überladen; auch wird er immer von einem ungebändigten Geiſte fortgeriſſen. Wahr⸗ ſcheinlich wußte er nicht, wer Ihr waret, und wollte ſich nur einen Spaß mit einem Fremden machen, da⸗ mit die thörichten Jungen um ihm her lachen möchten, ohne zu bedenken, wie viel Schmerz er verurſachen möchte, und wie der eitle Scherz enden könne. Es giebt viele ſolche Menſchen in der Welt, und leider gewinnen ſie den Ruf tapferer und kühner Geiſter, weil ſie ſich ſelber und Andere beſtändig in Gefahr bringen, als wäre es das Zeichen eines tapferen Mannes, einen harten Kopf immerwährender Gefahr auszuſetzen. Aber wir dürfen den Signor nicht mit dem Mittageſſen auf uns warten laſſen. Es iſt eine von ſeinen kleinen Schwächen, immer gut zubereitete Speiſen zu eſſen und niemals ſchlechten Wein zu trin⸗ ken. Eure Augen ſcheinen etwas zu ſuchen. Was wünſcht Ihr?“ „Ich dachte nur, mein Gepäck möchte vielleicht — 93 »§ſhieher gebracht worden ſein,“ verſetzte Jean Charoſt, „da dieſe Zimmer für mich eingerichtet zu ſein ſchei⸗ nen. Es muß jetzt angekommen ſein, denke ich. Auch ließ ich mein Pferd am Thore zurück, und der Him⸗ mel weiß, was daraus geworden ſein mag.“ „Wir wollen nachfragen— wir wollen nachfra⸗ gen,“ ſagte der Stallmeiſter;„aber zur Mittagstafel iſt keine große Toilette erforderlich. Zum Abendeſſen legen wir freilich zuweilen unſere beſſeren Kleider an; aber in dieſen gefahrvollen Zeiten kann man niemals wiſſen, wie bald das Mittagsmahl beendet werden wird.“ So redend, ging er auf die Thür zu, führte Jean Charoſt auf einem verſchiedenen Wege zurück, verweilte in einer kleinen Höhle, die von einer der unteren Hallen durch eine halbe Thür getrennt war, und ſprach einige Worte mit einer unſichtbaren Per⸗ ſon im Innern. „Stall Nr. 19,“ brummte eine Stimme aus der Höhle hervor.„Aber wer ſoll es füttern und putzen? Kein Reitknecht— nicht einmal ein Pferdejunge!“ „Dafür ſoll ſogleich geſorgt werden,“ verſetzte der Stallmeiſter. Dann ſprach er einige Worte mit einem vorübergehenden Manne und benachrichtigte Jean Charoſt, daß ſein Gepäck angekommen, und ehe das Mittageſſen beendet ſei, vor die Thür ſeines Zim⸗ mers geſtellt werden ſolle. — 94 Als ſie in das Zimmer des Haushofmeiſters zu⸗ rückkehrten, fanden ſie dieſen hohen Beamten mit ſei⸗ nen Arbeiten fertig und bereit, ſie in ſein Privat⸗ ſpeiſezimmer zu führen, wo er, vermöge eines beſon⸗ deren Vorrechts, ſeine Mahlzeiten mit wenigen Aus⸗ erwählten einnahm, und gewiß nicht weniger gut ſpeiſ'te, als ſein Herr. Es mochte mehr Gold auf der Tafel des Herzogs von Orleans zu ſehen ſein, aber die Speiſen waren gewiß nicht ſo gut. Der Haushofmeiſter ſelber war ein ſchlauer und geſchmeidiger Italiener, ſtets überall von Geſchäften, ſehr pünktlich und ſogar ſehr zuverläſſig; von Geburt ein Edelmann, dem Namen nach ein Geiſtlicher, der die Ruhe und Bequemlichkeit, ſo wie auch die guten Dinge dieſer Welt liebte und nichts gegen einen Scherz einzuwenden hatte, wenn derſelbe auch den Anſtand, die Moral oder Religion ein wenig verletzte. Er war dennoch ein außerordentlich guter Mann, der allen Streit und Zank haßte, obgleich ſein Leben in dieſer Hinſicht in ſchlimme Tage gefallen war. Seine äußere Erſcheinung, ſein ſchwarzer Bakt, ſeine Tonſur, ſeine halb geiſtliche Kleidung und ſeine Miene der ernſten Milde ſicherte ihm im Allgemeinen die Achtung aller Mitglieder der herzoglichen Hofhaltung. Noch zwei andere Officianten nahmen an ſeiner Tafel Theil, und Alles ging mit großem Anſtande vor ſich: Alle ſchienen zu ſehr mit fetten Kapaunen, 3 95 Schnepfen und altem Burgunder, ſowie mit anderen Leckerbiſſen beſchäftigt, um die koſtbaren Augenblicke an eine eitle Unterhaltung zu verſchwenden. Jean Charoſt hielt die Mittagsgeſellſchaft in der That für ſehr langweilig und wunderte ſich, ob er ſeine Mahlzeiten wohl immer unter einer ſo feierlichen Verſammlung einnehmen werde. Ein lautes Lachen, welches von Zeit zu Zeit aus einer nahen Halle er⸗ ſcholl, bildete einen ſtarken Gegenſatz zu dem Ernſte ſeiner Umgebung. Aber der junge Herr fand bald, daß ſeine Tiſchgenoſſen ein wenig in ihrer Feierlichkeit nachließen, ſobald die ernſte Leidenſchaft des Hungers geſtillt war. Bei dem zweiten Gerichte begannen einige ruhige Scherze, die freilich immer noch förm⸗ lich und gefetzt genug waren; aber der Ernſt der Ge⸗ ſellſchaft wurde bald dadurch wieder hergeſtellt, daß Monſieur Blaize einen Gegenſtand von Wichtigkeit berührte, wobei Jean Charoſt lebhaft intereſſirt war. Er kündigte dem Haushofmeiſter an, daß ihr junger Tiſchgenoſſe, da er die Gewohnheiten in der Hofhal⸗ tung des Herzogs nicht gekannt, keinen Diener mitge⸗ bracht habe; und es wurde demnach beſchloſſen, die⸗ ſem Mangel ſogleich abzuhelfen. Jean wurde ein wenig verlegen und unruhig bei dem Gedanken an die Koſten, die ihm dies verur⸗ ſachen müſſe; denn er hatte ſeine Jugend in erzwun⸗ und es war ihm nie gener Sparſamkeit hingebracht, 96 eingefallen, zu ſeinen eigenen Bedürfniſſen einen Die⸗ ner zu halten. Er konnte indeſſen nur in gedämpf⸗ tem und ängſtlichem Tone proteſtiren, er wiſſe nicht, wie oder wo er ſich die geeignete Perſon verſchaffen ſolle; aber in dieſer Hinſicht bot ihm der Haushof⸗ meiſter ſelber ſogleich ſeinen Beiſtand an. „Ich habe in meinen Büchern mehr als hundert⸗ undfunfzig Namen von jungen Burſchen, welche be⸗ gierig ſind, in welcher Eigenſchaft es auch ſei, in die Hofhaltung des Herzogs einzutreten,“ ſagte er.„Ich will gelegentlich die Liſte anſehen.“ Aber ohne ihm Zeit dazu zu laſſen, nannte jeder von den gegenwärtigen Herren Jemand, den er zu empfehlen wünſchte, ſo daß Jean Charoſt bei ſich ſel⸗ ber ſagte: „Wenn der Poſten eines Dieners bei dem Sekre⸗ tair des Herzogs ſo wünſchenswerth iſt, wie viel mehr muß es nicht der Poſten des Sekretairs ſelber ſein!“ Die Verhandlung dauerte während des ganzen zweiten Ganges fort, da Jeder etwas Günſtiges für ſeinen Schützling zu ſagen wußte und Jeder einen Scherz über die von einem Anderen empfohlene Perſon zu machen hatte. „Da iſt Pierre Crouton,“ ſagte ein ältlicher Herr.„Er wurde auf meiner Beſitzung in der Nähe von Charenton geboren, und nie gab es einen ge⸗ wandteren, thätigeren Burſchen. Er hat auch eine gute Schule durchgemacht und kennt jeden Winkel von Paris und der Baſtille bis zum Tour de Nesle.“ „Dabei iſt er auch ſehr gut in dem kleinen Cha⸗ telet bekannt,“ ſagte Monſieur Blaize.„Ich habe gehört, daß die Hunde des Kerkermeiſters ihn nicht einmal mehr anbellen. Aber da iſt Mathias Borne, der Sohn des alten Jakob Borne, der ſchon vor lan⸗ ger Zeit im Dienſte des Herzogs ſtarb.“ „Ah, der arme Jakob! Als er alt und hinfällig war, heirathete er die hübſche junge Griſette, und dies iſt ihr Sohn. Das iſt ein kluger Sohn, der ſeinen eigenen Vater kennt! Was iſt aus ihr gewor⸗ den, Monſieur Blaize? Ihr ſolltet es doch wiſſen!“ „Ich weiß Nichts von ihr,“ ſagte der Stall⸗ meiſter ein wenig heftig.„Ihr Sohn kam zu mir und bat um eine Empfehlung. Die habe ich ihm ge⸗ geben, und das iſt Alles, was ich weiß.“ „Verlaßt Euch auf mich, mein junger Freund,“ ſagte der Haushofmeiſter leiſe zu Jean Charoſt.„Ich will ſchon Jemand für Euch finden, ehe es Abend wird. Kommt in einer halben Stunde zu mir, und Ihr ſollt die Auswahl haben.“ Jean Charoſt verſprach ſeinen Rath zu befolgen, und bald darauf machte ſich die kleine Geſellſchaft auf den Weg. Seltſam iſt die Empfindung, womit ein junger Mann die erſte halbe Stunde des einſamen Nachden⸗ Agnes Sorel. I. 7 98 kens in einer neuen Stellung hinbringt. Haſt Du es vergeſſen, lieber Leſer? Und doch mußt Du es zu einer Zeit erfahren haben. Als Du zuerſt zum Re⸗ gimente kameſt, als Du nach dem Geräuſche und der Thätigkeit, nach der Verlegenheit und der Unruhe und nach allen Ereigniſſen der erſten Mahlzeit in der Ka⸗ ſerne Dich in Deinen Zimmern niederſetzteſt, nicht ſowohl, um die Ereigniſſe des Tages zu überdenken, als um Deinen Geiſt Ordnung in das Chaos bringen zu laſſen, mußt Du es gefühlt haben; oder als Du der Schreiber eines Rechtsgelehrten wurdeſt, in das Comptoir eines Kaufmannes eintrateſt, in eine fremde Stadt oder auf eine neue Univerſität kameſt und Dich am Abend oder in der Stille der Nacht niederſetzteſt und Dich allein fandeſt— getrennt, nicht nur von alten bekannten Geſichtern und früheren Erinnerungen, ſondern auch von allen gewohnten Gedanken und Em⸗ pfindungen, ſo wie von allen häuslichen Verhältniſſen — damals mußt Du es gefühlt und eine Einſamkeit wie in der Wüſte empfunden haben. In ſeinem Schreibezimmer ſitzend, ohne ſich nach ſeinem Gepäck umzuſehen, welches man vor ſeine Thür gelegt hatte, um es ſelber hineinzuziehen, gab ſich Jean Charoſt dem Nachdenken, ich könnte wohl beſſer ſagen, der Empfindung hin. Er empfand ſeine Ein⸗ ſamkeit mehr, als er daran dachte, und mit einer jener ſeltſamen Abſchweifungen, woran es ſich ebenſo ſehr wie die Phantaſie ergötzt, überhüpfte das Ge⸗ dächtniß auf einmal eine Periode von vierzehn oder fünfzehn Monaten und führte ihn zu dem kleinen Schloſſe Brecy und zu der frugalen Tafel in der Halle ſeiner Mutter zurück. Die zierlichen hohen Fenſter, mit den Spitzbogen und den Kriegern auf dem bemalten Glaſe, welche die entfärbten Strahlen auf den Boden warfen— der Seſſel mit der hohen Lehne, der niemals benutzt worden ſeit dem Tode ſei⸗ in dem ſonnigſten Winkel— dies Alles trat ihm ſo deutlich vor die Augen, wie er es vor anderthalb Jah⸗ ren geſehen hatte. Er hörte den Hund auf dem Hofe heulen und den Geſang des Milchmädchens, welches ihren Eimer auf dem Kopfe nach Hauſe brachte, und der ein wenig vernachläſſigt und verfallen war, Wur⸗ zel gefaßt hatte. Auf einige Augenblicke war er wie⸗ der zu Hauſe. Seine heimathliche Wohnung bildete ein kleines geſondertes Bild in ſeinem Zimmer in⸗ dem Pariſer Palaſte, und der heitere Sonnenſchein bildete einen ſeltſamen und auffallenden Gegenſatz zu der düſteren Einſamkeit, wovon er ſich umgeben fühlte. Der Gegenſatz möchte vielleicht eben ſo groß ge⸗ 7 2.— 100 weſen ſein, wenn er die Gegenwart mit den jüngſt vergangenen Tagen verglichen hätte, denn bei Jacques Coeur hatte er ſich von Anfang an zu Hauſe gefühlt; aber dennoch verweilte ſein Geiſt nicht bei jener Zeit. Er kehrte zu jenen früheren Tagen zurück, und er ſaß da und wünſchte ſich— ungeachtet der Lebhaftig⸗ keit der jugendlichen Hoffnung und des Ungeſtüms ſeiner Wünſche— wieder zurück in den ruhigen, glück⸗ lichen Schooß des häuslichen Lebens und fort von glänzenden Scenen, leer von allen warmen und lieb⸗ lichen Gefühlen, wo wohl Gold und Juwelen glänz⸗ ten und ſchimmerten, wo aber Alles kalt war, wie das Metall und hart, wie der Stein. Es war eine knabenhafte Phantaſie. Es war die Phantaſie einer Stunde. Er wußte, daß das Fremde bald vorübergehen werde. So jung er war, wußte er doch, daß der Geiſt ſpinnenartig Fäden an alle ihn umgebende Gegenſtände anſpinnt, ſo ver⸗ ſchieden ſie auch von denen ſein mögen, an die er ge⸗ wöhnt iſt. Endlich fuhr er empor und ſagte bei ſich ſelber: „Ha! die halbe Stunde muß vorüber ſein.“ Und das Zimmer verlaſſend, ohne die Thür hinter ſich zu verſchließen, ging er durch die langen Gänge in das Bureau des Haushofmeiſters. Der Italiener ſchien die Arbeiten des Tages be⸗ endet zu haben, ſaß auf einem großen Lehnſeſſel, ſeine 101 Füße in Sammetpantoffeln gegen das Feuer ausge⸗ ſtreckt, und gab ſich nach der beſten Methode dem Ver⸗ dauungsproceſſe hin. Er war weder ganz wach, noch ganz im Schlafe, ſondern in jenem halb ſchlummern⸗ den Zuſtande, der auf eine gute Mahlzeit zu folgen pflegt. Die fünf oder zehn Minuten, welche Jean Charoſt zu ſpät kam, waren günſtig geweſen, denn ſie ſetzten ihn in den Stand, ſeine bequeme Ruhe zu verlängern. Er empfing den jungen Herrn mit dem äußerſten Wohlwollen, ließ ihn neben ſich niederſitzen und ſprach in ruhigem, leiſem, faſt vertraulichem Tone mit ihm, aber nicht ſogleich von dem Gegen⸗ ſtande, der den jungen Mann zu ihm geführt. Im Gegentheil ſchien der Zweck der Einladung zu ſein, ihm einen allgemeinen Begriff von dem Charakter Derjenigen zu geben, von welchen er umgeben war, ſo wie, was der Herzog von ihm erwarten würde, als ihm einen Diener zu empfehlen. Von dem Herzoge ſprach er pflichtſchuldigſt in ſehr hohen Ausdrücken, aber in noch höheren von der Herzogin, indem er ſeine Lobſprüche indeß mit Aus⸗ drücken des Mitleids miſchte, was Jean Charoſt zu dem Glauben führte, daß ihre Ehe nicht ſo glücklich ſei, wie ihre Tugenden es verdienten. Der junge Zuhörer erfuhr, daß der gute Signor die Herzogin von dem Hofe ihres Vaters in Mailand begleitet und 10² folglich ein erbliches Recht habe, ſie zu lieben und zu achten. Der gute Haushofmeiſter ließ alle die vorzüg⸗ lichſten Beamten der Hofhaltung des Herzogs die Re⸗ vue paſſiren, und wenn gleich von dem Prinzen und ſeiner Gemahlin mit tiefem Reſpekt geſprochen wurde, ſo kam doch keiner von den Uebrigen ohne eine ſaty⸗ riſche Bemerkung davon, die in etwas ſcharfen, wenn auch keineswegs bitteren Ausdrücken ausgeſprochen wurde. Selbſt Monſieur Blaize war nicht davon aus⸗ 4 genommen. „Er iſt der beſte, der aufrichtigſte und klügſte Mann im ganzen Haushalte,“ ſagte der Signor, „gerecht in all' ſeinem Verfahren, mit ein wenig welt⸗ licher Weisheit, nicht dem geringſten Anflug von wiſ⸗ ſenſchaftlicher Bildung und ſehr viel redlicher Einfalt. Dennoch iſt er, was wir in Italien einen Eſel nennen.“ Eine ſolche Charakteriſtik, wenn man ſich auf die Richtigkeit derſelben verlaſſen kann, iſt ſehr nütz⸗ lich für einen jungen Mann beim Eintritt in einen fremden Haushalt. Dennoch beſchloß Jean Charoſt, obgleich dankbar für die erhaltene Nachricht, ſeine eigenen Augen anzuwenden und ſelber zu urtheilen. Um die Wahrheit zu ſagen, war es ihm durchaus nicht leid, den guten Haushofmeiſter in ſo mittheilender Stim⸗ mung zu finden, denn die Neugierde des Jünglings war durch manche Ereigniſſe des Morgens und beſon⸗ ders durch ſeine Verhaftung und ſein Verhör gleich nach ſeiner Ankunft erregt worden. Daß ein auffal⸗ lendes und ſchreckliches Ereigniß geſchehen, war ſehr einleuchtend; aber Alle hatten hinſichtlich der Umſtände ein tiefes und geheimnißvolles Schweigen behauptet. Der Gegenſtand war ſorgfältig gemieden worden und Niemand hatte ſelbſt in einem unbewachten Augenblicke auch nur eine Anſpielung darauf gewagt. Mit ein⸗ facher Geſchicklichkeit verſuchte er die Unterredung auf den gewünſchten Punkt zu lenken und fragte endlich geradezu, was geſchehen ſei, um die Officianten des Herzogs zu bewegen, ihn nebſt mehreren anderen Per⸗ ſonen zu verhaften, ſobald er an dem Morgen in die Thore eingetreten. Er erreichte indeſſen Nichts durch den Verſuch. „Ach! die arme Dame! die liebe Dame!“ rief der Haushofmeiſter in traurigem Tone.„Aber wir ſprachen von einem Diener für Euch. Ich habe einen gerade für Euch paſſenden Burſchen gefunden. Er iſt ſo geſchäftig, wie ein Eichhörnchen, ſo heiter wie eine Lerche, verſteht den Dienſt für Pferd und Mann und thut nie Fragen, die ihn Nichts angehen— eine höchſt ſchätzbare Eigenſchaft für die Hofhaltung eines Prinzen. Sein Lohn beträgt drei Kronen monatlich und Eure abgelegten Kleider, nebſt den kleinen Ge⸗ ſchenken, die Ihr ihm noch außerdem für ſeine guten —— Dienſte zu Theil werden laſſen mögt. Er wird zu dem Haushalt des Herzogs gerechnet und auf ſeine Koſten erhalten; aber Ihr werdet ein Pferd für ihn bedürfen, welches Ihr lieber ſobald wie möglich an⸗ ſchaffen werdet. Ich rathe Euch dringend, ihn anzu⸗ nehmen; aber dennoch ſeht ihn vorher und urtheilt ſelber. Er wird noch heute zu Euch kommen. Und nun muß ich wieder an meine Arbeit. Ach! dies iſt ein mühſames Leben. Guten Tag, mein Sohn, guten Tag!“ 3 Jean Charoſt nahm Abſchied und ging; aber er konnte nicht umhin zu denken, daß ſeine belehrende Unterredung mit dem Haushofmeiſter durch ſeine zu⸗ dringliche Frage zu einem etwas plötzlichen Schluſſe geführt worden ſei. Siebentes Kapitel. Während des Tages herrſchte tiefe Stille in dem Palaſte des Herzogs, wenigſtens in dem Theile deſ⸗ ſelben, wo Jean Charoſt's Zimmer ſich befanden. Eine halbe Stunde, nachdem er den Haushofmeiſter verlaſſen, glaubte er freilich entfernte Töne und das Blaſen einer Trompete zu hören; ob aber das Letztere von der Straße oder dem äußeren Hofe herkam, konnte er nicht ſagen. In dem Gange aber war Alles ſtill. Er hörte Niemand zu den Zimmern des Her⸗ zogs gehen und der junge Mann war in der That ein wenig unruhig wegen der langen Abweſenheit des Prinzen. Er wußte noch nicht, welches die Beſchäf⸗ tigungen waren, die man ihm übertragen würde; und obgleich er gern in Uebereinſtimmung mit der Andeu⸗ tung des Signor Lomelini noch ein Pferd gekauft hätte, ſo wagte er doch nicht auszugehen, weil er fürchtete, ſein Herr möchte nach Hauſe kommen und ſeiner bedürfen. 106 Das Auspacken und Anordnen ſeiner Effekten gewährte ihm einige Beſchäftigung, und als das ge⸗ ſchehen war, nahm er ein Buch— ein ſeltener Schatz, den in jenen Tagen Wenige beſaßen— und las, bis die Schnörkel des Abſchreibers auf dem Pergamente undeutlich zu werden begannen. Eben ſchloß er das Buch, als an die Thür geklopft wurde und ſich ihm ein kleiner, ſchlanker junger Mann darſtellte, der etwa fünfundzwanzig Jahre alt, aber nicht viel größer war, als ein Jüngling von vierzehn oder fünfzehn. Er war ſehr einfach gekleidet, trug einen Rock von grauem Tuch, und mehr war in der Dämmerung nicht zu ſehen; dennoch hatte ſein ganzer Aufzug etwas Ver⸗ wegenes und Unternehmendes, und ſeine Mütze, die er in der Hand hielt, hatte eine ſchräge Richtung, ſo daß ſie unmöglich gerade auf dem Kopfe halten konnte. Es war unnöthig, ihn um ſeinen Namen oder ſein Geſchäft zu befragen, denn er ſagte Beides gleich bei ſeinem Eintritt in den kürzeſten Worten. „Ich bin Martin Grille,“ ſagte er,„und komme, um in Euer Gnaden Dienſte zu treten.“ „So hältſt Du es vermuthlich für ausgemacht. daß ich Dich annehmen werde?“ ſagte Jean Charoſt lächelnd.— „Signor Lomelini ſchickt mich,“ verſetzte der junge Mann in zuverſichtlichem Tone. 8 107 „Er ſchickte Dich, um zu ſehen, ob Du mir paſſen würdeſt,“ verſetzte Jean Charoſt. „Natürlich,“ entgegnete der junge Mann,„paſſe ich Euch nicht?“* Jean Charoſt lachte und antwortete: „Ich kann es nicht ſagen. Ich muß vorher wiſſen, was Du thun kannſt.“ „Alles,“ verſetzte der Andere. Jean Charoſt ſann nach und dachte bei ſich ſelber, eine Perſon, die Alles thun könne, ſei gerade die, welche für ihn in einer Lage paſſen würde, wo er nicht wiſſe, was er thun ſolle. Er ſagte indeſſen noch halb nachſinnend: „Da denke ich, mein guter Freund Martin, biſt Du gerade der rechte Mann für mich.“ „Ich danke Euer Gnaden,“ entgegnete Martin Grille, ohne das Ende des Satzes abzuwarten. Ehe Jean Charoſt noch eine einzige Klauſel hin⸗ zufügen oder eine Frage thun konnte, wurde die Thür geöffnet und vermöge des Lichts, welches durch das Fenſter im Gange fiel, ſah er eine große, dunkle Ge⸗ ſtalt in's Zimmer treten. Die Züge konnte er nicht unterſcheiden; aber es lag etwas in der Haltung und dem Weſen des Eintretenden, was ihn bewog, ſich augenblicklich von ſeinem Sitze zu erheben, und im nächſten Augenblicke ſagte die Stimme des Herzogs von Orleans: 108 „Was, in der Dunkelheit, mein junger Freund! Meine Leute haben nicht gehörig für Euch geſorgt. Wer iſt das?“ Die Frage galt Martin Grille, der ſich ſo ſchnell, wie ihn ſeine Füße nur tragen wollten, aus dem Zimmer entfernte, und Jean Charoſt erwiederte, indem er dem Herzoge einen Stuhl hinſtellte: „Nur ein Diener, Hoheit, den ich gedungen— denn da ich aus einer beſcheideneren Wohnung komme, vergaß ich, mich damit zu verſehen, bis ich hier war.“ „Ah! dieſe Leute! dieſe Leute!“ ſagte der Her⸗ zog.„So haben ſie Euch alſo ſchon einen Diener aufgedrungen, obgleich Hände genug in dieſem Hauſe ſind, um doppelt ſo viel Arbeit zu thun, als ihnen zugewieſen iſt. Indeſſen iſt es wielleicht eben ſo gut. Aber ich will künftig dieſe Dinge ſelber für Euch be⸗ ſorgen. Thut keinen ſolchen Schritt, ohne mich zu befragen, und das dürft Ihr unbedenklich, denn Jaeques Coeur hat mir Intereſſe für Euch eingeflößt, und ich betrachte es mehr, als hätte er Euch meiner Fürſorge übergeben, als Euch in meinen Dienſt gebracht. Kommt mit mir an einen Ort, wo mehr Licht iſt. Der Himmel weiß, meine Gedanken ſind düſter genug.“ So redend ging er auf die Thür zu und Jean Charoſt folgte Seiner Hoheit den Gang dahin, bis ſie ſein Toilettenzimmer erreichten, an deſſen Eingang zwei von den Dienern des Herzogs ſtanden, welche 109 bei ſeiner Annäherung die Thür öffneten. Er ging von Jean Charoſt gefolgt in ein großes, wohlerleuch⸗ tetes Zimmer, ſetzte ſich nieder und verſank in tiefes Nachdenken, welches mehrere Minuten währte. Endlich erhob er ſeinen Kopf, blickte dem jun⸗ gen Manne in's Geſicht und ſagte dann: „Dieſen Abend kann ich es nicht. Ich wollte Euch einige Anweiſungen über Euer Benehmen und Eure Beſchäftigungen an dieſem Orte ertheilen, aber mein Geiſt iſt ſehr ſchwer und kann ſich nur mit ſehr wichtigen Dingen beſchäftigen. Kommt morgen nach der Meſſe zu mir, dann ſollt Ihr einige Winke haben, die Euch vielleicht nützlich ſein werden. Für jetzt nehmt an dieſem Tiſche Platz und ſetzt mir ein Papier auf, dem ähnlich, welches ich Euch dieſen Morgen diktirte, aber ausführlicher. Ueber die allgemeinen Bedingungen haben wir uns bereits verſtändigt: aber mehrere Umſtände bedürfen der weiteren Erklärung. Ihr werdet die Aufzeichnungen auf jenem Papiere dort finden. Seht, ob Ihr ſie in die rechte Form bringen könnt, ohne mich zu fragen.“ Jean Charoſt ſetzte ſich nieder und nahm die Feder; als er aber die Aufzeichnungen las, fand er ſeine Aufgabe ein wenig ſchwierig. Wäre es nur ein Brief in einem kaufmänniſchen Geſchäfte an einen Bürger von Genua oder Amalfi geweſen, ſo hätte die Sache keine Schwierigkeit gehabt; da es aber eine 110 förmliche Propoſition an den hohen und mächtigen Fürſten Johann Herzog von Burgund war, ſo befand er ſich mehrmals in großer Verlegenheit. Zweimal blickte er zu dem Herzoge von Orleans auf; dieſer aber blieb in tiefem Nachdenken, ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt und ſeine Augen auf eine entfernte Stelle des Fußbodens gerichtet, ſitzen. Jean Charoſt ſchrieb weiter und bemühte ſich nach beſten Kräften, ſein Möglichſtes zu thun, doch war er durchaus nicht gewiß, ob es recht oder unrecht ſei. Länger als eine halbe Stunde fuhr der junge Mann zu ſchreiben fort und ſagte dann in leiſem Tone: „Ich habe es fertig, Hoheit.“ Der Herzog ſtutzte und ſtreckte ſeine Hand nach dem Papiere aus, welches er aufmerkſam zweimal las. Es ſchien ihm zu gefallen, denn er nickte dem jungen Manne lächelnd zu und ſagte: „Sehr gut— beſſer als ich erwartete— aber Ihr müßt dies und das Wort verändern; wählt mir etwas kräftigere Ausdrücke. Sagt unmöglich ſtatt ſchwierig und ausdrücklich ſtatt wahrſchein⸗ lich. Ueber dieſe Punkte darf kein Zweifel mehr herrſchen. Dann macht mir eine ſaubere Abſchrift davon. Es ſoll noch dieſen Abend abgehen.“ Jean Charoſt nahm ſeinen Sitz wieder ein und führte ſeine Aufgabe ebenfalls zur vollen Zufrieden⸗ heit des Herzogs von Orleans aus. 111 Als Alles vollendet und der Brief verſiegelt und überſchrieben war, klingelte der Herzog mit einer ſil⸗ bernen Schelle, die auf dem Tiſche ſtand, und einer von den Dienern trat ſogleich ein. Ihm übergab er den Brief mit dem Befehle, ihn an den geeigneten Offieianten zur Beſorgung abzugeben und der Mann entfernte ſich ſchweigend. Einige Augenblicke ſchwieg der Herzog und ſah Jean Charoſt ſinnend in's Ge⸗ ſicht. Nach einiger Zeit ſagte er, wie bei ſich ſelber: „Ja, es iſt eben ſo gut. Holt Euren Mantel, Herr von Brecy,“ fuhr er fort.„Ich wünſche, daß Ihr einige Schritte mit mir gehet. Bringt auch Schwert und Dolch mit. Hier, nehmt ein Licht, da Ihr keins in Eurem Zimmer habt.“ Der junge Sekretair eilte fort und kehrte in zwei Minuten zu der⸗ Thür des Herzogs zurück; aber der Diener wollte ihn nicht eher einlaſſen, als bis er angeklopft, und um Erlaubniß gefragt hatte. Als er eingelaſſen wurde, fand er den Herzog zum Ausgehen gerüſtet, in einen weiten, einfachen Mantel gehüllt und ſeinen Kopf mit einer Kapuze bedeckt, die den größten Theil ſeines Geſichts verbarg. „Nun folgt mir,“ ſagte er. An dem Diener vorübergehend, dem er mit leiſer Stimme einige Befehle ertheilte, ſchritt er durch meh⸗ rere Gänge, ſtieg eine Treppe hinunter und gelangte durch eine kleine Thür in den Garten. In einem „ 11² Baumgange dahingehend, näherte er ſich der entgegen⸗ geſetzten Mauer, öffnete eine Thür in derſelben mit einem Schlüſſel, den er bei ſich führte, und im näch⸗ ſten Augenblick befand ſich Jean Charoſt in einer engen Straße, durch welche eine Anzahl Perſonen gingen. „Haltet Euch dicht hinter mir,“ ſagte der Her⸗ zog von Orleans, nachdem er die Thür geſchloſſen hatte. Darauf ging er mit raſchem Schritte auf die Rue Saint Antoine zu. Die Nacht war klar und heiter, wenn gleich außerordentlich kalt und die ganze Pariſer Welt befand ſich auf den Straßen; aber der Herzog und ſein junger Begleiter gingen unbeachtet durch die Menge. Endlich erreichten ſie das Thor jenes großen Gebäudes, in welches der junge Sekretair am ver⸗ gangenen Abend den Mann hatte eintreten ſehen, und dort blieb der Herzog ſtehen und klingelte an derſelben Glocke. Ein Pförtchen wurde ſogleich von einem Manne geöffnet, der ein Mönchsgewand trug und eine Laterne in der Hand hielt. Der Herzog erhob ſeine Kappe ein wenig und trat, ohne zu reden, von ſeinem jungen Sekretair begleitet, ein. Nachdem er ſeinen Weg über einen langen, gepflaſterten Hof zu dem Hauptgebäude genommen, trat er in einen großer Vor⸗ ſaal, wo ein Licht brannte und ein alter Mann beſchäf⸗ tigt war, die großen Anfangsbuchſtaben eines großen 113 Pergamentbuches mit Blau, Roth und Gold zu be⸗ malen. Mit ihm ſprach der Herzog einige Augen⸗ blicke in leiſem Tone und der Mönch nahm ſogleich eine Laterne und ging in das Innere des Kloſters voran, welches viel ruhiger war, als man ſolche Wohnungen gewöhnlich hält. Am Ende des zweiten Ganges kam die kleine Geſellſchaft in einen langen Säulengang, welcher die eine Seite eines Vierecks bildete und von dem mittleren Hofe durch einen offe⸗ nen Schirm von zierlich ausgehauenen Steinwerk ge⸗ trennt war. Hier warf der alte Mönch einen Seiten⸗ blick auf Jean Charoſt und erhob ſeine Laterne ein wenig, als wollte er ihn deutlicher ſehen. Der Her⸗ zog von Orleans ſchien dieſen Wink zu verſtehen, denn er verweilte einen Augenblick und ſagte: „Wartet hier auf mich, Herr von Brecy. Ich werde nicht lange ausbleiben.“ Darauf ging er weiter und es blieb Jean Charoſt überlaſſen, in Einſamkeit und faſt gänzlicher Dunkelheit in dem Kloſtergange auf und ab zu ſchrei⸗ ten. Die Sterne ſchienen freilich und der aufgehende Mond warf ſeine ſilbernen Strahlen auf den oberen Stock der entgegengeſetzten Seite des Vierecks, blickte zu den zierlichen, alten Fenſtern herein und erleuchtete die zierlichen, ſteinernen Gebilde. Es ſchien etwas Feierliches und doch Phantaſtiſches in dem Anblicke zu liegen. Die kalten Schatten der hohen und Agnes Sorel, I. 8 114 ſchönen Pfeiler und ihre unendlich wechſelnden Kapi⸗ täler, die Dachrinnen, die in ſeltſamen Formen von Thieren und Drachen, von Engels⸗ und Teufels⸗ köpfen in den verſchiedenen Winkeln hervorragten, die Körbchen in der Mitte der hohen Bogen in der einen Ecke des Hofes gewährten der Phantaſie reichlichen Stoff, während der Anblick des Ganzen düſter, wenn nicht traurig war. Die Maſſe von Gebäuden umher und die Entfernung jenes abgelegenen Vierecks von der Straße dämpfte das Geräuſch der großen Stadt, ſo daß man eine Zeitlang Nichts weiter hörte, als ein undeutliches Gemurmel gleich Wellenſchlage der See. In dem Gebäude ſelber war es ſtill wie der Tod, bis der leiſe Tritt einer Sandale von der Seite daherkam, nach welcher der Herzog verſchwunden war. Einige Augenblicke ſpäter kehrte der alte Mönch mit einer Laterne zurück und verweilte, um mit dem jun⸗ gen Manne einige Worte von der Außenwelt zu reden. „Es iſt eine bitterlich kalte Nacht, mein Sohn,“ ſagte er;„und der Herzog ſagt mir, er ſei mit Euch allein hiehergekommen. Mich dünkt, er wagt zu viel in dieſen üblen Zeiten.“ „Ich hoffe nicht,“ verſetzte Jean Charoſt.„Ein guter Prinz ſollte in den Straßen der Hauptſtadt ſeines Bruders Nichts zu fürchten haben.“ „Ach! alle Menſchen haben Feinde, entweder drinnen oder draußen,“ entgegnete der Mönch;„und kein Menſch iſt gut zu nennen, als bis er im Himmel iſt. Seid Ihr ſchon lange bei dem Herzoge, mein Sohn? Er ſagt, Ihr ſeid ſein Sekretair.“ „Ich bin erſt wenige Stunden im Dienſte Seiner Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt. „Er ſchenkt Euch großes Vertrauen,“ antwortete der alte Mann.„Ihr ſolltet dankbar ſein für ſein großes Vertrauen.“ „Das bin ich in der That, Vater,“ ſagte Jean Charoſt;„aber ich verdanke ſein Vertrauen der freund⸗ lichen Empfehlung eines Anderen, mehr als meinen eigenen Verdienſten.“ „Beſcheiden geantwortet für einen ſo jungen Mann,“ verſetzte der Mönch.„Ich denke, Ihr ſeid noch nicht lange am Hofe, mein Sohn. Man ſagt mir, daß dort die Beſcheidenheit, ſo wie die Wahrheitsliebe bald verloren gehen.“ „Ich hoffe, daß ich dort keine von beiden ver⸗ lieren werde,“ verſetzte Jean Charoſt,„ſonſt würde ich mich ſobald wie möglich von ſolchen üblen Einflüſſen entfernen. Ich denke nicht, daß irgend etwas, was ein Hof gewähren kann, einem Menſchen den Verluſt der Redlichkeit erſetzen könnte.“ „Nun, ich weiß wenig von Höfen,“ antwortete der alte Mann;„und vielleicht iſt es Verläumdung, was man davon erzählt. Aber Eins iſt gewiß— 8 82 116 daß es ſehr kalt iſt; und ich will mich wieder zu meinen Büchern begeben. Gute Nacht, mein Sohn.“ Und er ging weiter. Jean Charoſt ging wieder in dem Kloſtergange auf und ab, indem er das Ge⸗ murmel von Stimmen in der Richtung zu hören glaubte, in welcher der Mönch ſich entfernt hatte. Gleich darauf ſah er eine große, graue Geſtalt durch das Mondlicht dahinflattern, welches jetzt den Grasplatz in der Mitte des Vierecks erhellte. Sie verſchwand, ſobald er ſie geſehen hatte, und der junge Mann ver⸗ nahm keine Fußtritte. Er ſah ſie indeſſen deutlich, und doch bemächtigte ſich ſeiner eine gewiſſe aber⸗ gläubiſche Furcht, als gehöre das Weſen, welches er geſehen, nicht derſelben Natur an, wie er. Er ging nach der Richtung hin, die ſie genommen zu haben ſchien, und ehe er den Winkel des Vierecks erreicht hatte, ſah er eine andere Geſtalt aus einem von den Gängen hervorkommen, der von dem Säulengange hinwegführte, und er erkannte ſogleich den Gang und die Haltung des Herzogs von Orleans. Aber plötz⸗ lich trat jene graue Geſtalt zwiſchen ihn und den Her⸗ zog, und er hörte eine tiefe und hohle Stimme ſagen: „Böſer Mann, bereue ſo lange Du noch Zeit haſt. Deine Tage ſind gezählt. Die letzten Sand⸗ körner beben in dem Stundenglaſe; ehe der Mond dreimal wechſelt, wirſt Du nicht mehr unter den Lebenden ſein!“ 117 Der Herzog ſchien zurück zu taumeln und Jean Charoſt eilte vorwärts; aber ehe er die Stelle er⸗ reichte, war der Fremde fort. „Folgt ihm nicht— folgt ihm nicht!“ rief der Herzog von Orleans, den Arm ſeines jungen Sekre⸗ tairs faſſend, der den Mann verfolgen wollte, welcher eine ſo verwegene Drohung gegen den Bruder ſeines Königs ausgeſtoßen.„Folgt ihm nicht, ſondern kommt hieher.“ Jean Charoſt's Arm faſſend, verfolgte er ſeinen Weg durch die langen Gänge des Kloſters bis zu dem Vorſaale, wo der Mönch ſich damit beſchäftigte, ſeine Handſchrift zu illuminiren. Bis ſie jenes Zimmer erreichten, ſprach der Her⸗ zog weiter kein Wort, ſondern ſetzte ſich mit ſehr blaſſem Geſichte auf eine Bank nieder, winkte dem alten Manne und ſprach mehrere Augenblicke in leiſem Tone mit ihm. „Ich kann es in der That nicht ſagen,“ ſagte der Mönch laut.„Wir haben keinen ſolchen Bruder, wie Ihr ihn beſchreibt. Niemand iſt hier vorüber gekommen.“ „Ich ſollte doch denken, er müßte hier hereinge⸗ kommen ſein,“ bemerkte Jean Charoſt, der nicht wider⸗ ſtehen konnte, ein Wort einzumiſchen.„Er kam den Gang herunter, durch den Ihr gegangen, ſobald Ihr 118 mich verlaſſen, und ich glaubte, ich hörte ihn mit Euch reden.“ „Nicht ſo, mein Sohn,“ verſetzte der Mönch lebhaft.„Ich ſah Niemand, als Euch und ſprach mit Niemand, als mit Euch.“ Der Herzog von Orleans ſaß da und ſann einige Augenblicke nach, endlich aber erhob er ſich zu ſeiner vollen Höhe und zog ſeine Schultern zurück, als werfe er eine Laſt von ſich ab; darauf faßte er Jean Charoſt's Arm, verließ das Kloſter und ſagte nur: „Dies iſt ſehr ſeltſam.“ Sie erreichten bald das kleine Pförtchen i in der Gartenmauer und betraten das Bereich des Palaſtes; als ſie ſich aber dem Gebäude ſelber näherten, blieb der Herzog einen Augenblick ſtehen und ſagte zu ſeinem jungen Begleiter: „Kein Wort von dieſem ſeltſamen Vorfall zu irgend einem Menſchen. Speiſt in Eurem Zimmer zu Abend und ſeid morgen um die beſtimmte Stunde bei mir.“ 1 Sein Ton war ein wenig ſtrenge und Jean Charoſt antwortete nicht, denn er dachte, er würde wahrſcheinlich kein Abendeſſen bekommen, da er Nie⸗ mand darnach zu ſchicken hatte. Als er aber in ſein Zimmer trat, fand er dort, wahrſcheinlich in Folge der Befehle, die der Herzog im Hinausgehen ertheilt hatte, eine beträchtliche Veränderung. Es war ein 119 Wandleuchter angezündet und eine Lampe hing an einer eiſernen Kette gerade über dem Tiſche von der Decke nieder. Ein großes Feuer brannte im Kamin und einige Augenblicke ſpäter trat ein Diener der niederen Klaſſe ein, um zu fragen, ob er ihm Be⸗ fehle zu ertheilen habe. „Euer eigener Diener wird morgen hier ſein, Herr,“ ſagte er;„und inzwiſchen habe ich von Seiner Hoheit den Befehl, Euch aufzuwarten.“ Jean Charoſt begnügte ſich damit, ſich das Abendeſſen bringen zu laſſen und einige Fragen in Betreff der Stunden und Gewohnheiten des Haushalts zu thun. Dann begab er ſich zur Ruhe, ohne ſein Zimmer wieder zu verlaſſen, indem er glaubte, der Herzog habe ihm befohlen, auf ſeinem Zimmer zu Abend zu ſpei⸗ ſen, um jede Unbeſonnenheit von ſeiner Seite, ſo wie auch die Möglichkeit zu verhindern, ſich an dem Abend unter die übrigen Hausgenoſſen zu miſchen. Er wußte nicht, welche Stunde es war, obgleich es nicht ſehr ſpät ſein konnte. Aber es war Nichts vorhan⸗ den, was ihn wach erhalten konnte, mit Ausnahme der Erinnerung an die ſeltſamen Ereigniſſe des Tages; und da das leichte Herz der Jugend ſolche Eindrücke bald von ſich entfernt, ſo ſchlummerte er leicht und gut. Achtes Kapitel. Lange vor der beſtimmten Stunde, wo er dem Her⸗ zoge aufwarten ſollte, war Jean Charoſt auf und an⸗ gekleidet, indem er jeden Augenblick erwartete, daß der Diener, den er gedungen, ſich ihm vorſtellen würde; aber es erſchien kein Martin Grille. Der Diener des Herzogs, der ihm am vergangenen Abend aufgewartet, brachte ihm ein Frühſtück, welches nicht zu verachten war, denn es beſtand in Delikateſſen aus verſchiedenen Theilen Frankreichs und einer Flaſche nicht üblen Weins; aber der Mann konnte ihm Nichts von Martin Grille ſagen, und als er ſein Mahl be⸗ endet hatte, war die vom Herzoge beſtimmte Stunde da. Als er in das Toilettenzimmer des Prinzen ein⸗ gelaſſen wurde, fand Jean Charoſt ihn in ſeinem Schlafrocke am Tiſche ſitzend und ſchreibend. Der junge Mann konnte nicht umhin zu denken, daß ſein Geſicht noch ernſter und trauriger ſei, als am ver⸗ 121 gangenen Abend; aber er erhob ſeine Augen beim Ein⸗ tritte des jungen Sekretairs nicht und fuhr fort, lang⸗ ſam zu ſchreiben, indem er oft inne hielt, um Ver⸗ beſſerungen oder Veränderungen anzubringen, bis er die eine Seite des vor ihm liegenden Papiers be⸗ ſchrieben hatte. Als dies geſchehen war, händigte er dem jungen Sekretair das Blatt ein und ſagte: „Hier, ſchreibt mir dies ab.“ Als Jean Charoſt das Papier nahm, war er überraſcht zu bemerken, daß Verſe darauf ſtanden, denn her wußte nicht, daß der Herzog ein Talent beſaß, welches ſich ſpäter in ſeinem Sohne ſo glänzend ent⸗ wickelte. Er ſetzte ſich indeſſen an den Tiſch und be⸗ gann den Befehl, wenn gleich mit einiger Schwierig⸗ keit, zu erfüllen, denn des Herzogs Handſchrift, wenn gleich groß und geläufig, war nicht ſehr deutlich. Als Jean alle Strophen abgeſchrieben hatte, überreichte er Seiner Hoheit die Abſchrift. „Leſ't es vor, leſ't es vor,“ ſagte der Herzog von Orleans. Der junge Sekretair gehorchte mit einiger Schüchternheit, denn er fühlte, wie ſchwierig es ſei, beim Vorleſen den rechten Ausdruck zu treffen, den der Dichter den Worten habe mittheilen wollen. Aber es gelang ihm dennoch. Der Herzog war vielleicht ebenſo ſehr mit ſeinen eigenen Verſen, wie mit dem Vortrage derſelben zufrieden. Nach einigen lobenden Worten 12² verſank er indeſſen in düſteres Nachdenken, woraus er endlich durch das langſame Geläute einer benach⸗ barten Kirche aufgeſchreckt wurde. Plötzlich erhob er ſeine Augen zu Jean Charoſt's Geſichte, als die Töne in ſein Ohr drangen, und ſah ihn mit einem ſeltſamen, fragenden, aber kummervollen Ausdrucke an, als hätte er gern gefragt: „Wißt Ihr, was jene Glocke bedeutet?— Könnt Ihr die Gefühle begreifen, die ſie in mir anregt?“ Der junge Mann richtete ſeine Augen ernſt auf den Boden; und jene Ehrfurcht, die wir Alle für den tiefen Kummer empfinden, verlieh ſeinem Geſichte einen Ausdruck der Sympathie und des Kummers. Einen Augenblick ſpäter fuhr der Herzog auf und rief: „Ich kann ſie nicht ohne einen Blick oder eine Thräne dahin gehen laſſen! Kommt mit mir, mein Freund. Kommt mit mir. Gott weiß, ich bedarf einer Unterſtützung, ſelbſt bei meinem Unrechte, bei meiner Schwäche und meiner Strafe!“ 4„O! wenn ich ſie Euch doch gewähren könnte, gnädigſter Herr!“ ſagte Jean Charoſt in leiſem Tone. Aber der Herzog ergriff nur ſeinen Arm, ſtützte ſich ſchwer auf ihn und verließ das Zimmer vermöge einer Thür, durch die Jean Charoſt bisher noch nicht ge⸗ gangen war. Sie führte zu dem Schlafzimmer des 123 Herzogs und von dort durch einen beſonderen Gang zu einer entfernten Zimmerreihe in einem anderen Theile des Hauſes. Der Herzog ging mit raſchen und unregelmäßigen Schritten, während die Glocke noch läutete und das Dach mit ihren langſamen und ſchweren Schlägen zu erſchüttern ſchien, durch fünf oder ſechs leere Zimmer, die koſtbar dekorirt waren, aber lange nicht bewohnt zu ſein ſchienen, bis er jene Seite des Hauſes erreichte, von wo man über die Gartenmauer in die Rue Saint Antoine ſah; aber dort blieb er vor einem Fenſter ſtehen und blickte hinaus. Es war Nichts zu ſehen. Die Straße war faſt verlaſſen. Ein Burſche in wollener Jacke und weiten Beinkleidern, und eine runde Mütze auf dem Kopfe, ging auf die Baſtille zu, blickte mit großer Lebhaftig⸗ keit vor ſich hin und lief dann weiter, damit ihm ein Anblick nicht entgehen möge, den er zu ſehen wünſchte. Noch immer ertönte die Glocke langſam und feierlich und erfüllte die Luft mit ſchwermüthigem Beben. Einen Augenblick ſpäter erhob ſich ein langſamer und feierlicher Geſang; zuweilen waren nur zwei Stimmen zu hören und dann fiel der ganze Chor ein; aber Alles war traurig und feierlich und drückend für den Geiſt. Der Herzog ließ Jean Charoſt los, kreuzte ſeine Arme über die Bruſt und biß ſeine Zähne zuſammen, 124 als ob ein heftiger Kampf in ihm vorgehe, in wel⸗ chem er zu ſiegen beſchloſſen. Endlich erſchien ein Mann, der ein Banner trug und dann zwei oder drei Paare Bettelmönche, dann ein kleiner Zug Cöleſtinermönche in ihren langen flatternden Gewändern und dann einige weißgekleidete Knaben mit Rauchfäſſern, welchen Prieſter in ihren Gewändern folgten, und dann zwei weiße Pferde, die einen Leichenwagen zogen, worauf ein Sarg ſtand— ein geſchloſſener Sarg, was damals bei den Beerdigun⸗ gen der Großen nicht gewöhnlich war. Männer zu Pferde und Fuß folgten; aber Jean Charoſt erkannte nicht genau, wer oder was ſie waren. Er ſah nur undeutlich die Prieſter, die Knaben mit ihren Räucher⸗ fäſſern und die Cöleſtiner in ihren weißen Gewändern und mit ihren ſchwarzen Scapulieren, den Sarg und die Blumen, womit derſelbe, ſelbſt in der Mitte des Winters, beſtreut war, denn ſeine Aufmerkſamkeit wurde nach einer andern Richtung gelenkt, obgleich er ſich nicht umzuſehen wagte. Sobald die Proceſſion hinter einem der Thürme der Gartenmauer hervorkam, faßte der Herzog von Orleans ſeine Schulter, als wollte er ſich darauf ſtützen. Immer ſchwerer drückte die Hand, und dann fühlte der junge Mann, wie der Herzog ſeinen Kopf ſenkte und auf ihm ruhen ließ, während der tiefe und ſchwere Athemzug ihm die entſetzliche QAual ſeines Geiſtes verkündigte. Feierlich und langſam erhoben 1 die Töne des Geſanges, als die Proceſſion an dem Thore des Palaſtes vorüberzog, und die Worte des büßenden Königs von Israel erhoben ſich zum Himmel, ſo wie das Flehen zu dem Gott der Gnade und der Macht um Vergebung und Beiſtand. Die Hand faßte ihn weniger ſicher, aber die Laſt ſeines Körpers wurde ſchwerer, und ſich plötzlich um⸗ wendend, umſchlang Jean Charoſt den Herzog mit ſeinem Arme, denn er fühlte, daß er im Begriff ſei, zu Boden zu fallen. Sein Geſicht war todtenblaß und ſeine ſtarken Glieder zitterten wie vom Fieber. Thränen waren auf ſeinen Wangen und ſeine Lippen bebten. „Holt mir einen Stuhl,“ ſagte er matt, indem er den Pfeiler zwiſchen den Fenſtern anfaßte.„Ich fühle mich krank— holt mir einen Stuhl.“ Faſt fürchtend, daß er umfallen möchte, eilte Jean Charoſt ihm zu gehorchen, brachte einen von den großen Lehnſeſſeln herbei, faßte des Herzogs Arm und war ihm behülflich, ſich darauf niederzuſetzen. Dann ſah er ihm ängſtlich in's Geſicht und erblickte einen Ausdruck des tiefen und bittern Kummers, wie er ihn nie zuvor geſehen— ſelbſt nicht in dem Ge⸗ ſichte ſeiner Mutter, als ſeines Vaters Leiche in ſeine 126 heimathliche Halle zurückgebracht worden. Das Herz des jungen Mannes war gerührt— der Unterſchied des Ranges und Standes war zum Theil verſchwun⸗ den— die Sympathie knüpfte ein Band zwiſchen ihm und einem Manne, der ihm verhältnißmäßig fremd war, und an des Herzogs Seite niederkniend, küßte er ſeine Hand und ſagte: „O! gnädigſter Herr, tröſtet Euch. Der Tod trifft immer die Theuerſten und Geliebteſten. Es iſt das Loos der Menſchheit, das, was wir am meiſten ſchätzen, nur eine kurze Zeit zu beſitzen. Es iſt eine Prüfung unſeres Glaubens, den Verluſt deſſen, was uns genommen worden, ohne laute Klage zu tragen. Vertraut auf Gott— er wird Euch Troſt und Erſatz gewähren!“ „Auf Gott vertrauen!“ wiederholte der Herzog, traurig den Kopf ſchüttelnd.„Ihn habe ich beleidigt — ſeine Geſetze habe ich gebrochen. Junger Mann, junger Mann, Ihr wißt nicht, was es iſt, die bittere Erfüllung deſſen zu ſehen, was man ſelber gethan — von dem Untergange des Glücks, von der völligen Vernichtung eines einſt reinen, glücklichen und ſchönen Lebens Zeuge zu ſein, die man ſelber herbeigeführt. Ja, ja!“ fügte er faſt wild hinzu,„ich that dies Alles! Was liegt an dem Werkzeuge— was thut's, daß der Dolch nicht in meiner Hand war?— Ich war die Urſache von Allem. Ich entriß ſie einer friedlichen Heimath, wo ſie Ruhe, wenn auch nicht Liebe hatte— ich raubte ihr ihren guten Namen— ich vernichtete ihren häuslichen Frieden— ich nahm ihr das Glück und gab ihr dafür Reue und Gewiſſens⸗ qual— ich bewaffnete die Hand, die ſie ermordete. Mein, mein iſt das ganze Verbrechen, obgleich ſie das Leiden und die Strafe getheilt hat.“ „Aber es iſt Gnade vorhanden für Alle, welche Buße thun, gnädigſter Herr,“ fuhr Jean Charoſt fort. „Gewiß iſt Jeſus nicht umſonſt geſtorben. Gewiß litt er nicht für Wenige, ſondern für Viele. Gewiß iſt ſein Wort nicht falſch, ſeine Verheißungen nicht leer! Kommet her zu mir Alle, die ihr mühſelig und be⸗ laden ſeid, ihr ſollt Ruhe finden für eure Seelen. Er ſprach von der Ermüdung des Herzens und von Laſten des Geiſtes. Er ſprach zu allen Menſchen. Er ſprach zu dem Bauer in ſeiner Hütte, zu dem Kö⸗ nige auf ſeinem Throne, zu dem Heiligen in ſeiner Zelle, zu dem Verbrecher in ſeinem Kerker, zu den Kummervollen auf der ganzen Erde und zu allen Zei⸗ ten, und zu Euch auch, o Fürſt— er ſprach auch zu Euch! Mühſelig und beladen ſeid Ihr mit Eurem Kummer und Eurer Reue; wendet Euch zu ihm, er wird Euch Ruhe geben!“ Es lag etwas in dieſem Ausbruche des glühen⸗ den Gefühls von Seiten Jean Charoſt's, aufgeregt, wie er war, durch Alles, was er geſehen und gehört, 128 was geradezu ſeinen Weg zu dem Herzen des Herzogs von Orleans fand, und ſeinen Arm um ihn ſchlingend, ließ er ſeinen Kopf wieder auf ſeine Schulter ſinken und vergoß reichliche Thränen. Aber jetzt ſchienen es Thränen des ruhigeren Kummers und nicht der völligen Verzweiflung zu ſein, und als er ſeinen Kopf wieder erhob, war der Ausdruck der tiefen hoff⸗ nungsloſen Bitterkeit aus ſeinem Geſichte verſchwun⸗ den. Auch der Geſang auf der Straße hatte aufge⸗ hört, obgleich man noch ein leiſes Gemurmel davon in der Ferne hörte. „Ihr habt mir Troſt gewährt, Jean,“ ſagte er. „Ihr habt mir Troſt gewährt, wo vielleicht kein An⸗ derer es vermocht hätte. Ihr ſeid kein Hofmann, lieber Sohn. Ihr habt geſprochen, wo Andere in kaltem und ehrerbietigem Schweigen ſtehen geblieben. Pfui über die herzloſen Formen, die uns von unſeren Mitmenſchen ſelbſt in dem Augenblicke trennen, wo die Heftigkeit unſeres menſchlichen Leidens macht, daß wir uns mit den Niedrigſten auf gleicher Stufe fühlen! Pfui über die herzloſen Formen, die uns dahin trei⸗ ben, die Schranke zu der Sphäre der Leidenſchaft zu durchbrechen, um ſowohl menſchliche Sympathie, als augenblickliche Genüſſe zu ſuchen!— Kommet mit mir, Jean. Der ſchreckliche Augenblick iſt vorüber. Ich will ihn aufſuchen, an den Ihr mich verwieſen; dort will ich Troſt ſuchen. Aber auf dieſer Erde hat die 129 eben vergangene Stunde ein Band zwiſchen Euch und mir geknüpft, welches nimmer zerriſſen werden kann. Jetzt begreife ich, wie Ihr ſo viel Liebe und Vertrauen ge⸗ wonnen habt. Es iſt, weil Ihr ein Herz habt, wäh⸗ rend alle, oder doch faſt alle Anderen herzlos ſind.“ So redend erhob er ſich mit Hülfe des Armes des jungen Mannes und ging langſam auf demſelben Wege wieder in ſeine Zimmer zurück. Als ſie in das Toilettenzimmer eingetreten wa⸗ ren, warf ſich der Herzog auf einen Seſſel nieder und ſagte: „Nun verlaßt mich, de Brecy; entfernt Euch aber nicht weit. Ich darf Euch nicht erſt ſagen, mit 7 Niemand über das zu ſprechen, was Ihr geſehen habt. Ich weiß, Ihr werdet es nicht thun. Ich werde Euch bald rufen laſſen; aber ich muß Zeit zum Nachdenken haben.“ Jean Charoſt entfernte ſich und ſuchte ſein Zim⸗ mer auf; aber es iſt nicht zu leugnen, daß der Augen⸗ blick ein gefährlicher war für ſeine Gunſt bei dem Herzog von Orleans. Es iſt höchſt bedenklich, Zeuge von der Schwäche oder von jenen Gemüthsbewegungen großer Männer zu ſein, welche ſie als Schwächen be⸗ trachten. Stolz, Eitelkeit, Zweifel, Furcht, Argwohn, Alles flüſtert Haß gegen die, welche bezeugen können, daß Fürſten nicht ſo ſtark ſind, wie die Welt gewöhn⸗ lich glaubt. Leider iſt es ſo! und nur vermöge einer Agnes Sorel, I. 9 130 glücklichen Eigenſchaft in dem Geiſte des Herzogs von Orleans, der edlen Aufrichtigkeit ſeiner Gemüthsart, entging Jean Charoſt dem Schickſal ſo Vieler, welche Zeugen der geheimen Gemüthsbewegungen der Fürſten geweſen ſind. Zum Glück für ihn ſelber wußte er nicht, daß irgend eine Gefahr vorhanden ſei, und fühlte, wenn gleich in verſchiedenem Sinne, daß, wie der Herzog geſagt, ein neues Band zwiſchen ihm und ſeinem königlichen Herrn geknüpft ſei. Neuntes Kapitel. An der Ecke einer Straße in dem Viertel, welches den erſten Kern bildete, um den ſich die große Stadt Paris herumlagerte, befand ſich eine kleine Bude vor einem kleinen häßlichen Hauſe, etwa drei⸗ oder vier⸗ hundert Schritte von der Kirche Notre Dame entfernt. Dieſe Bude beſtand nur aus einem roh gezimmerten Schuppen, vorn offen und nur mit unabgehobelten Planken bedeckt, während auf einem roh gearbeiteten Ladentiſche verſchiedene große Ringe, Meſſer und an⸗ dere Eiſenwaaren lagen, ſo wie auch Dolche, die von den niedrigen Klaſſen oft zu blutigen„Zwecken ange⸗ wendet wurden; denn wenn auch der Beſitzer der Bude kein Waffenſchmied von Profeſſion war, ſo hielt er es doch nicht für verboten, mit den Waffen zu han⸗ deln, welche ſeine eigene Klaſſe anwendete. Auf⸗ einem Bret über der Bude ſtanden mit Kreide die Worte geſchrieben: 9* 13²2 „Simon, genannt Caboche, Meſſerſchmied.“ Hinter dem Tiſche, worauf ſich dieſe Waaren be⸗ fanden, zeigte ſich die Perſon, auf welche ſich die obige Inſchrift bezog. Es war ein Mann von fünf⸗ oder ſechsundvierzig Jahren, groß, braun und kräftig, ſeine ungeheuren Arme, ungeachtet des kalten Wetters, bis an die Ellenbogen entblößt. Sein Geſicht war keineswegs einnehmend, und doch lag eine gewiſſe ge⸗ bieteriſche Energie in der breiten eckigen Stirn und dem maſſiven Unterkiefer, welche deutlich genug den Charakter ausſprach und ihm beträchtlichen Einfluß bei den Leuten ſeiner Klaſſe verſchaffte. Dabei war er ſehr häßlich, ſeine Backenknochen hoch und vor⸗ ragend, ſeine Augen klein, lebhaft und funkelnd und ſeine Naſe aufwärts gerichtet, als verachte ſie Alles unter ihr. Seine Haut war ſo beſchmutzt, daß die urſprüngliche Farbe nur mit Schwierigkeit zu unter⸗ ſcheiden war; aber ſie hatte ohne Zweifel jene dunkel⸗ braune Farbe an ſich, die ſelten völlig rein ausſieht, denn ſein Haar war von jener borſtigen Beſchaffenheit, die gewöhnlich Rit jener Geſichtsfarbe vereint iſt. In demſelben Laden hinkte ein Geſchöpf umher, welches ſelbſt die Jugend, die ſonſt gewöhnlich ſo voll von ihr eigenthümlichen Reizen iſt, nicht ſchön oder anmuthig machen konnte. Die Natur ſchien dem⸗ ſelben von der Geburt an die abſtoßendſten Zeichen aufgedrückt zu haben. Es war ein Knabe von zehn 133 oder zwölf Jahren, obgleich ſeine Augen kaum über den Tiſch reichten, worauf die Eiſenwaaren lagen; dabei aber waren ſeine Schultern, Rippen und Hüften ſo breit, wie die eines erwachſenen Mannes. Der Rücken war ein wenig gekrümmt, die Beine kurz und das eine kürzer, als das andere, und das eine Auge von Geburt an fehlerhaft. So kurz und eckig war der kleine Körper, daß er mehr wie ein Würfel mit einem großen Kopfe und ſehr kurzen Beinen, als wie eine menſchliche Geſtalt ausſah; doch obgleich der Gang linkiſch und widerwärtig anzuſehen war, ſo beſaß die kleine Figur doch ungeachtet ihrer Formloſigkeit auf⸗ fallende Stärke und Schnelligkeit. Es war ein ſeltſamer Anblick, Vater und Sohn neben einander ſtehen zu ſehen, den einen mit ſeinen großen, kräftigen, wohl entwickelten Gliedern, und den andern mit ſeiner verkrüppelten Geſtalt. Man konnte kaum glauben, daß der eine der Sohn des andern ſei. Und doch war es ſo. Meiſter Simon war der Vater jenes verwachſenen Zwerges, deſſen Er⸗ ſcheinung hinreichend geweſen für die Gaſſenbuben von Paris, ihm ſchreiend nachzulaufen, wenn er ſich auf den Straßen zeigte, hätte nicht die Kraft und uner⸗ bittliche Strenge ſeines Vaters ſelbſt die kleinen Va⸗ gabunden der unruhigſten Stadt in der Welt im Zaume gehalten. Was am ſeltſamſten ſcheint, war die Zärtlichkeit des ſtrengen, kräftigen Vaters für jenes mißgeſtaltete Kind. Es ſcheint ein Naturgeſetz zu ſein, daß da, wo die perſönlichen Reize fehlen, eine um ſo ſtärkere Neigung in der Bruſt eines verwandten Weſens herrſcht. Vater und Sohn hatten zuerſt von den Gaſſen⸗ buben und dann von älteren Perſonen die Beinamen der große Caboche und der kleine Caboche erhalten; und mit der in Frankreich gewöhnlichen guten Laune hatten ſie die Beinamen willig angenommen, ſo daß der Meſſerſchmied von ſeinen Bekannten immer Ca⸗ boche genannt wurde, und endlich hatte er auch den Namen auf ſein Schild geſetzt. Während der Stun⸗ den, wo er im Laden oder mit den Arbeiten ſeines Handwerks beſchäftigt war, hatte er den Knaben be⸗ ſtändig bei ſich, wo er denn immer um ihn herum hinkte, über Alles ſeine Bemerkungen machte und ſei⸗ nen Vater bei ſeinen Beſchäftigungen mit ſeinem ſtechenden Witze erheiterte, der vielleicht einen Beige⸗ ſchmack von Poſſenhaftigkeit hatte, die, wenn ſie keine natürliche Anlage war, nirgends ſo gut erworben werden konnte, als in den Straßen von Paris, und woran ſich der Meſſerſchmied ſehr ergötzte. Dennoch waren die Charaktere des Vaters und Sohnes nicht weniger verſchieden, als ihre Geſtalten. Ungeachtet ſeines mürriſchen und herben Weſens, wel⸗ ches vielleicht durch den traurigen Vergleich ſeiner 13⁵ phyſiſchen Beſchaffenheit mit der anderer Knaben ſei⸗ nes Alters erzeugt wurde, lag in der Natur des Kna⸗ ben ein Schatz freundlicher Sympathien und zärtlicher Neigungen, der ſich mehr in ſeinen Handlungen, als in ſeinen Worten zeigte; und da wir Alle die Gegen⸗ ſätze lieben, ſo lag das Geheimniß der Zärtlichkeit des Vaters vielleicht zum Theil in dem Kontraſte zwi⸗ ſchen ihrer beiderſeitigen Gemüthsart. Die Zeit, wo wir dieſe beiden Perſonen dem Leſer vorſtellen, war um drei Uhr Nachmittags, zu der Stunde, wo ſich die Pariſer am meiſten auf den Straßen umhertrieben. Aber das kalte Wetter hielt viele zu Hauſe, und Niemand kam an die Bude, um Etwas zu kaufen. „Der Handel iſt ruinirt,“ ſagte der große Ca⸗ boche in brummendem Tone.„Es geht kein Geſchäft mehr. Des Königs Krankheit und ſeines Bruders Einfluß haben den Handel der Stadt gänzlich zer⸗ ſtört. Waffenſchmiede, Sticker und Händler mit Goldwaaren können ſich ein Vermögen erwerben; aber ſonſt kann Niemand ſeinen Unterhalt verdie⸗ nen. Es iſt den ganzen Morgen noch keine Seele im Laden geweſen mit Ausnahme einer alten Frau, die ein Beil wollte, um ihr Fleiſch damit zu zerhauen, weil es gefroren war.“. „Mein Vater,“ verſetzte der Knabe,„es iſt nicht der König oder der Herzog von Orleans, der 136 die Seine gefrieren macht, des alten Joaquim's Naſe röthet, der alten Jeanette Flanellrock verbrennt oder die Leute zu Hauſe hält, die ſonſt ausgehen würden, wenn es nicht ſo kalt wäre. Seht Ihr nicht, es iſt Niemand auf der Straße, als die, welche nur einen dünnen Rock haben? Sie kommen heraus, weil der Sonnenſchein beſſer iſt, als gar kein Schein; und wenn ſie gleich ihre Hände in die Taſchen ſtecken, wollen ſie ſie doch nicht herausziehen, weil Ihr ihnen Eure Waaren nicht umſonſt geben wollt und ſie kein Geld haben, um ſie zu kaufen. Aber da kommt Vet⸗ ter Martin, ſo fein wie ein Papagei. Es muß Federn geſchneit haben, daß er ſo fein gekleidet iſt.“ „Ah! der Taugenichts!“ rief Caboche.„Ich denke, er muß irgend einen hohlköpfigen Herrn ge⸗ plündert haben, wenn ich nicht wüßte, daß er ſeit drei Monaten keinen Herrn gehabt, den er hätte plün⸗ dern können. Nun, Herr Thunichtgut, was führt Dich in ſo glänzenden Federn hieher? Violett und gelb mit ſilbernen Treſſen. Bei meinem Leben! wenn Du ſo völlig flügge biſt, denke ich, kannſt Du ſelber Deine Körner picken, ohne zu mir zu kommen.“ „Das kann und will ich auch, Onkel,“ verſetzte unſer Freund Martin Grille, vor dem Eingange der Bude ſtehen bleibend, um ſich ſelber vom Rogf bis zu den Füßen mit lebhafter Bewunderung zu betrach⸗ ten.„Saht Ihr je Etwas, was beſſer paßte. Bei 137 meinem Leben, es iſt ein vollkommenes Wunder, daß ein anderer Mann gerade ſo gebaut iſt, wie ich, ſo daß ich dieſe Kleider ohne die geringſte Veränderung tragen kann! Niemand würde es glauben.“ „Niemand wird glauben, daß ſie Dir gehören, Vetter Martin,“ ſagte der verwachſene Knabe grinſend. „Aber ſie ſind mein Eigenthum, kleiner Jean,“ antwortete Martin Grille mit ſehr großartiger Miene; „denn ich habe ſie gekauft und bezahlt; und mögen ſie nun auch vorher geſtohlen worden ſein, ſo habe ich doch mit dem Stehlen Nichts zu thun gehabt— auf Lakaienehre!“ „Ah!“ ſagte Caboche trocken;„man ſchrieb Dir immer mehr Genie zu, als Du beſitzeſt, und das wird man auch in dieſem Falle thun. Ich ſagte immer, Du wäreſt ein gutmüthiger, thörichter, grillenhafter Junge, der nicht Witz genug beſitzt, um ein Vogel⸗ neſt auszunehmen oder eine Gans abzuwehren. Aber die Leute würden mir nicht glauben, auch wenn Du grau gekleidet wäreſt. Was werden ſie aber jetzt denken, da Du in Seide und Sammet einherſtolzirſt!“ „Nun, ſie werden denken, guter Onkel, daß ich all' den Witz und all' die Ehrlichkeit beſitze, die ſie mir zugeſchrieben haben. Aber ich will Euch Alles erzählen, wie ſich die Sache verhält, damit meine eigenen Verwandten wenigſtens Urſache haben, ſich zu rühmen.“ 138 „Geh— geh!“ rief der Meſſerſchmied in rau⸗ hem, aber doch gutmüthigem Tone;„ich will nicht wiſſen, wie Du zu den Kleidern gekommen biſt.“ „Erzähle es mir, Martin, erzähle es mir,“ ſagte der Knabe.„Ich möchte es ſehr gerne hören. Vielleicht könnte ich auch einſt welche auf dieſelbe Art bekommen.“ „Vielleicht,“ antwortete Martin Grille, ſich auf eine Bank niederſetzend und ſeinen Arm freundlich um den Hals des verwachſenen Knaben legend:„Nun, kleiner Jean, Du mußt wiſſen, daß es einen gewiſſen Signor Lomelini giebt, der Haushofmeiſter Seiner Hoheit des Herzogs von Orleans iſt—“ Der große Caboche brummte einen Fluch zwiſchen ſeinen Zähnen, denn während er ſich ſtellte, als ob er ſich mit anderen Dingen beſchäftige, horchte er aufmerkſam auf die Erzählung, und der Herzog von Orleans war für ihn der Gegenſtand eines ſeltſamen und grundloſen Haſſes, wie ihn oft Menſchen von niederer Klaſſe, ohne die geringſte Urſache gegen höhere Perſonen faſſen. „Nun, dieſer Signor Lomelini—“ „Ja, ja,“ rief Caboche,„das wiſſen wir ſchon lange. Wie ſein Maulthier auf der Straße mit dem Fuße in ein Loch trat und ihn kopfüber in den Rinn⸗ ſtein warf, und wie Du ihn aufhobſt, abkratzteſt und abwiſchteſt und ihn ſauber und geſund, obgleich ſehr erſchrocken, nach Hauſe brachteſt. Wir wiſſen das Alles 139 noch ſehr wohl, und welche Luftſchlöſſer Du darauf bauteſt, und glaubteſt, Dein Glück wäre gemacht. Hat er ſich endlich Deiner erinnert und Dir einen ab⸗ gelegten Anzug gegeben? Seine Dankbarkeit kommt ein wenig ſpät und iſt überdies ein wenig kärglich.“ „Alles unrecht, Onkel— Alles unrecht!“ ver⸗ ſetzte Martin Grille lachend.„Es iſt ſeitdem kein Tag vergangen, wo ich ihn nicht geſehen, und wenn ich nicht bei Euch ſpeiſte, habe ich im Hotel d'Orleans zu Mittag geſpeiſt. Er machte ausfindig, was Ihr nie an mir entdeckt, daß ich gewandt, anſtellig und verſchwiegen ſei, und manchen kleinen Auftrag, der Schnelligkeit und Verſchwiegenheit erforderte, habe ich für ihn ausgerichtet.“ „Ja, ſchmutzige Arbeit, dafür ſtehe ich,“ brummte Caboche; aber Martin Grille fuhr in ſeiner Erzählung fort, ohne auf ſeines Onkels gewohnte Unterbrechun⸗ gen zu achten. „Signor Lomelini verſprach mir immer, mir eine Anſtellung im Haushalte des Herzogs zu ver⸗ ſchaffen,“ ſagte er.„Das war eine Ausſicht für einen armen Jungen.“ „Eben ſo gut hätte man Dich in des Teufels Küche anſtellen und Dich zu des Satans Bratenwen⸗ der machen können,“ ſagte Caboche. „Aber biſt Du angeſtellt— biſt Du wirklich angeſtellt?“ rief der verwachſene Knabe lebhaft. 1 14⁴⁰0 „Du ſollſt Alles hören,“ antwortete Martin Grille.„Er verſprach mir, mich anzuſtellen, ſobald eine Vakanz da ſei; aber der Teufel ſchien in allen den Leuten zu ſein. Keiner wollte ſterben, als der alte Angelo, der Steigbügelknappe, und Monſieur de Gray, des Herzogs Sekretair. Aber dieſe Stellen waren viel zu hoch für mi „Ich ſehe nicht ein, warum das ſein ſollte,“ be⸗ merkte der verwachſene Knabe,„außer daß der Knappe an der Seite ſeines Herrn fechten und der Sekretair für ihn ſchreiben muß; und ich denke, Du verſtehſt das Eine ſo wenig wie das Andere.“ „Ha! ha! ha!“ lachte Caboche;„da hat er Dir Eins verſetzt, Martin.“ „Bei meinem Leben, ich weiß es nicht,“ ſagte Martin Grille,„denn ich verſuchte keins von Beiden. Geſtern Nachmittag aber ließ mich der Signor rufen und ſagte mir, der Herzog habe einen neuen Sekre⸗ tair bekommen— einen ganz jungen Mann, der ſehr wenig vom Leben, noch weniger von Paris und Nichts vom Hofe kenne; dieſer junge Mann habe keinen Diener und bedürfe eines ſolchen; er habe mich empfohlen, und ich würde angenommen werden, wenn ich dem jungen Herrn gefalle. Ich ging alſo in der Abenddämmerung zu ihm, damit ſich meine Kleidung beſſer ausnehmen möge; aber ich fand den Jüngling Uicht ganz ſo unerfahren, wie ich erwartet hatte, und er begann mir Fragen vorzulegen. Fragen ſind ſehr läſtig, und Antworten noch läſtiger, und da machte ich die meinen ſo kurz wie möglich.“ „Und er hat Dich angenommen?“ fragte der Knabe lebhaft. „Bei meinem Leben, das kann ich kaum ſagen,“ verſetzte Martin Grille.„Aber der Herzog von Orleans kam gerade in dem Augenblicke herein, als ich ein wenig verlegen wurde. So hielt ich es für das Beſte, es als ausgemacht anzuſehen, daß ich an⸗ genommen worden; und indem ich mich ſo ſchnell wie möglich aus der erhabenen Gegenwart meines Herrn und des Herrn meines Herrn entfernte, ging ich zu Signor Lomelini und ſagte ihm, ich ſei durch ſeinen Einfluß angenommen worden. Da klopfte er mir auf die Schulter und nannte mich einen wackeren Jungen. Er ſagte mir iierdies ich ſolle mir einen anſtändigen Anzug anſchaffen und dem jungen Herrn früh am fol⸗ genden Morgen aufwarten.“ „Ja, das iſt die Frage,“ rief Caboche.„Wo nahmſt Du die Kleider her? Stahlſt Du ſie Deinem neuen Herrn gleich am erſten Tage? Denn Du wirſt doch nicht ſagen wollen, daß Lomelini ſie Dir gab. Wenn das iſt, hat man ihn verläumdet.“ „Nein, nein,“ ſagte Martin in ſehr zweifelhaftem Tone,„ich kann nicht ſagen, daß er ſein Geld zur Schau trägt. Ich weiß nicht, wovon es gemacht iſt — ich ſah nie etwas davon, ſo viel ich weiß. Er zahlt indeſſen aus anderer Leute Taſchen, und mir hat er Wort gehalten.“ 3 „Wie ſo? wie ſo?“ fragte der Meſſerſchmied. „Nun, Ihr müßt wiſſen,“ antwortete Martin mit wichtiger Miene,„daß jeder Diener im Palaſte des Herzogs auf herzogliche Koſten unterhalten wird. Jeder Edelmann, bis zu dem Pagen hinunter, hat einen oder mehr Diener, und ſie ſtehen alle im Haus⸗ haltungsbuche. Um aber die Uebertriebenheit zu ver⸗ hindern und ſie von Schulden frei zu halten, über⸗ nimmt es der Haushofmeiſter, alle Diener auszuzah⸗ len und ſendet regelmäßig eine Rechnung an den Zahlmeiſter ein, um von dem Gehalte eines Jeden abgezogen zu werden; und da es Sitte iſt, jedem Diener, wenn er gedungen wird, ein Handgeld zu geben, ſo überredete ich den Signor, mir eine ge⸗ nügende Anzahl Kronen vorzuſtrecken, um mich auf ſilbernen Flügeln zu einem Kleiderladen zu tragen.“ „Dort gabſt Du wohl Alles bis auf den letzten Pfennig aus, Vetter Martin?“ ſagte der verwachſene Knabe mit ſchlauem Lächeln. „Nein, das that ich nicht, kleiner Jean,“ verſetzte Martin Grille,„denn ich habe Dir eine ganze Krone mitgebracht. Hier, mein Sohn. Du biſt ein guter Junge, und ich liebe Dich ſehr, wenn Du auch zu⸗ weilen die Pfeile Deines ſcharfen Witzes an meinen harten Schädel ſchleuderſt. Nimm ſie, nimm ſie!“ Der Knabe ſah aus, als wollte er die Krone gerne nehmen, doch ſchob er ſie von ſich, obgleich ihn die Finger juckten, ſie zu ergreifen. „Nimm ſie,“ wiederholte Martin Grille;„ich bin Deinem Vater viel mehr ſchuldig.“ „Du biſt mir nichts ſchuldig,“ fiel Caboche brummend ein und fügte dann in gemildertem Tone hinzu, als er ſah, wie begierig der Knabe nach dem Gelde blickte.„Du kannſt es nehmen, mein Sohn. Das wird Nartin zeigen, daß ich denke, er ſei mir nichts ſchuldig. Was ich ihm gegeben, habe ich ihm aus Blutsverwandtſchaft gegeben, und was er Dir giebt, geſchieht auf dieſelbe Weiſe.“ Der Knabe nahm es und rief: „Ich danke Dir, Martin— ich danke Dir. Nun will ich mir eine eigene Geige kaufen; denn Nachbar Pierrot ſagt, ich verderbe die ſeine, weil ich Töne darauf hervorbringe, die er nicht hervorbringen kann.“ „Ja, Du hatteſt immer Neigung zur Muſik,“ ſagte Martin Grille.„Uebe Dich fleißig, kleiner Jean, und ſpiele mir ein hübſches Stück auf Deiner Geige, wenn ich wiederkomme, denn wir ziehen mor⸗ gen Alle mit dem Hahnenſchrei ab.“ „Wohin? wohin?“ rief Caboche lebhaft.„Es 144. ſteht noch mehr Streit bevor, denke ich. Ich werde auch wohl noch Helm und Bruſtharniſch anlegen müſſen, denn dieſer Streit richtet Frankreich zu Grunde; und wenn der Herzog von Orleans ſeinen edlen Vet⸗ ter von Burgund nicht das Land retten laſſen will, ſo müſſen ſich alle guten Männer vereinigen, um ihn dazu zu zwingen.“ „Ja, ja, Onkel, Ihr tappt immer im Dunklen, wenn der Name des Herzogs von Orleans erwähnt wird. Es geht kein Streit oder Kampf vor. Es iſt Alles Friede und Freundſchaft zwiſchen den beiden Her⸗ zögen, und dies iſt kein Flickwerk, ſondern ein regel⸗ mäßiger Vertrag, welcher dauern wird, bis Ihr im Grabe liegt und der kleine Jean ein alter Mann iſt. Wir werden noch glückliche Tage erleben nach Allem, was geſchehen iſt. Aber die Wahrheit iſt, der Herzog iſt krank, und nachdem dieſes Geſchäft glücklich beendet worden, geht er morgen auf ſein Schloß Beauté, um ein wenig Ruhe und Frieden zu haben.“ „Krank! was macht ihn krank?“ fragte der Meſſerſchmied.„Wenn er vom Morgen bis in die Nacht arbeiten müßte, um einige Sous zu verdienen, oder den ganzen Tag in dieſer kalten Bude ſtehen, wo Niemand kommt, um Etwas zu kaufen, da hätte er ein Recht krank zu ſein. Aber er hat Alles, was er bedarf, und mehr als er haben ſollte. Was macht ihn denn krank?“ „Ah, das kann ich nicht ſagen,“ antwortete Martin Grille.„Es iſt etwas in der Haushaltung vorgegangen, und er iſt ſehr traurig geweſen; aber wenn die Diener der Großen auch ihre Augen anwen⸗ den dürfen, müſſen ſie doch den Mund halten. Gott beſſere uns Alle!“ „Das iſt ſehr nöthig,“ bemerkte Caboche,„und ihn zuerſt. Ich möchte lieber die Lumpen aus dem Rinnſteine hervorziehen, als einer von Euren ver⸗ ſchwiegenen, Alles ſehenden, Nichts ſagenden Dienſt⸗ leuten, von Euren Gunſtjägern, von Euren ſtillen und verſchwiegenen Aufbewahrern der Schlechtigkeiten anderer Menſchen zu ſein. Was ich ſehe, muß ich ausſprechen, und was ich denke, auch. Es iſt das ſchlechteſte Handwerk, dabei zu ſtehen und Nichts zu ſagen. Pfui über ein ſolches Geſchäft!“ „Nun, Oheim, Jedem gefällt das ſeine am beſten,“ verſetzte Martin Grille.„Ich zum Beiſpiel möchte keine Meſſer machen, womit die Menſchen ſich die Kehlen abſchneiden. Ich denke, es iſt das Beſte, wenn Jeder an ſein eigenes Geſchäft denkt und ſich nicht darum kümmert, was andere Leute thun. Ich habe nicht mehr mit den Geheimniſſen meines Herrn, als mit ſeiner Börſe zu thun, und wenn er mir eins davon anvertraut, iſt es meine Pflicht, es ſicher auf⸗ zubewahren.“ Nach ſeinem Tone zu urtheilen, fühlte ſich Mar⸗ Agnes Sorel. I. 10 146 tin Grille ein wenig beleidigt; aber der rauhe Meſſer⸗ ſchmied lachte nur über ihn und ſagte: „Thue das, Neffe, und Du wirſt der Fürſt der Lakaien werden. Ich kannte nie einen, der ſich nicht mit der Börſe zu thun machte oder ein Geheimniß verrieth, wenn ſich die Gelegenheit dazu darbot. Aber Du biſt ein Phönix in Deiner Art; ſo geleite Dich Gott und halte Dich redlich.“ „Ich ſage Amen!“ rief Martin Grille, ſich um⸗ wendend, um die Bude zu verlaſſen.„Ich kam nur, um Euch Beiden Lebewohl zu ſagen; denn wenn man einmal aus Paris abreiſt, kann man nicht wiſſen, wann man zurückkehren wird.“ „O! er wird gewiß einmal zurückkehren,“ ent⸗ gegnete der Meſſerſchmied;„Paris iſt der Mittel⸗ punkt der ganzen Welt und Alles wird mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt dorthin gezogen. So lebe wohl, mein guter Neffe, und laß Dich bei uns ſehen, wenn Du zurückkehrſt.“ Martin verſprach, den Meſſerſchmied und ſeinen Sohn zu beſuchen, ſobald er zurückkehre; dann ſchlen⸗ derte er fort und fühlte ſich ſo fein in ſeinen neuen Kleidern, wie ein Schulknabe in ſeinem Sonntags⸗ anzuge. Der Meſſerſchmied ſetzte ſeine Arbeit fort, konnte aber einige brummende Bemerkungen über Bedienten und Bedientenwirthſchaft nicht unterdrücken, die er ſich hätte erſparen können, wenn er den Charakter ſeines Neffen recht gekannt hätte. Etwa eine Viertelſtunde, nachdem der junge Mann die Bude verlaſſen hatte, wurde von einem jungen Burſchen, der ein Chorknabe einer großen Kirche oder Kathedrale zu ſein ſchien, ein zierlich zuſammengebun⸗ dener und verſiegelter Brief gebracht. Er war über⸗ ſchrieben:„An Martin Grille.“ So groß auch ſeine Neugierde ſein mochte, wagte doch Caboche nicht, den Brief zu öffnen, ſondern ſchickte den Knaben zum Palaſte des Herzogs von Orleans und ſagte, er würde ſeinen Neffen dort finden. Zehntes Kapitel. Ich kenne wenig Dinge, die angenehmer ſind, als ein Spaziergang durch Paris, wie ich mich deſſelben an einem ſchönen, frühen Wintermorgen erinnere. Das Volk, welches man zu jener Tageszeit ſieht, hat eine Originalität, eine heitere und liebliche Origina⸗ lität an ſich, die ich bei keiner anderen Nation ge⸗ funden habe. Zugegeben, daß das Aeußere nur dem glatten, geſtreiften Felle des Tigers gleicht und daß darunter eine Welt der ungezähmten Wildheit liegt, welche es gefährlich macht, mit dem katzenartigen Ge⸗ ſchöpfe zu ſpielen— ſo iſt doch der Eindruck ein an⸗ genehmer, wobei das Auge des Geiſtes mit Empfin⸗ dungen des Vergnügens verweilt. Der Anblick hatte gewöhnlich auch etwas Intereſſantes oder Unterhalten⸗ des an ſich— ſehr oft Etwas, was Eindruck auf die Gefühle machte, aber häufiger noch etwas Burleskes, was ein Lächeln, wenn auch ſelten ein Lachen erregte. Ohne Zweifel war daſſelbe an dem Morgen der Fall, als der Herzog von Orleans mit ſeinem Haus⸗ halte aus der Hauptſtadt ſeines Bruders abreiſte; denn die Pariſer waren immer Pariſer, und die Welt, ſo weit uns die Geſchichte dieſelbe zeigt, hat immer daſſelbe bedeutet. Es war überdies ſehr früh am Morgen. Die Sonne röthete eben die Thürme von Notre⸗Dame oder vergoldete die dunkleren Maſſen des Chatelet. Die früheſten Klaſſen— die Lumpenſammler, die Landleute, die auf den Markt kamen, die Arbeiter, die mit Axt und Schaufel aus⸗ gingen, die Kaſtanienröſter— Kaffee kannte man damals nicht— waren alle in Bewegung, und man⸗ cher muntere Ruf, um die ſchlummernden Köchinnen und Diener zu wecken, wurde in den Straßen der Hauptſtadt gehört. Alles war heiter, wenn auch zu⸗ weilen wild. Die Bevölkerung von Paris war an dem Tage heiterer als gewöhnlich geſtimmt, denn die Nachricht, daß eine Verſöhnung zwiſchen den Herzögen von Bur⸗ gund und Orleans ſtattgefunden, deren Fehden läſtig und nachtheilig geworden, hatte ſich während des ver⸗ gangenen Abends durch die Stadt verbreitet, und man erwartete glückliche und ruhige Zeiten nach einer lan⸗ gen Periode des Mißgeſchicks und der Unruhe. Selten war der Herzog von Orleans in friedlichem Aufzuge aus der Hauptſtadt abgereiſt. Zuweilen war er in der Haſt hinausgaloppirt, nur von einer kleinen Diener⸗ 150 ſchaar begleitet, kaum hinreichend, um ſeine Perſon zu beſchützen. Zuweilen war er in kriegeriſchem Auf⸗ zuge hinausmarſchirt, um mit dem Feinde zu kämpfen. Jetzt aber ſaß er in einer von Pferden getragenen Sänfte und fühlte ſich nicht ganz wohl, wenn auch nicht gerade krank. Sein geſatteltes Pferd, einige Pagen, Knappen und Reiſige folgten dicht hinter ihm, während die übrigen Begleiter, die er zu dieſem Zwecke ausgewählt hatte, in kleinen Gruppen von Zweien oder Dreien nachkamen. Der ganze Zug be⸗ ſtand nur etwa aus funfzig Perſonen— kein großes Gefolge für einen Fürſten in jenen Tagen— da ſie aber nicht in einer Reihe folgten, ſo bildeten ſie eine ziemlich lange Linie in den Straßen und erregten viel Aufmerkſamkeit unter der Menge. Aber die Entfer⸗ nung bis zum Thore war nicht weit und der ganze Zug gelangte bald durch die ſehr engen Vorſtädte, die damals die Stadt umgaben, auf das freie Feld. Obgleich das ganze Land mit dem weißen Win⸗ tergewande bedeckt war, ſo gewährte es Jean Charoſt doch eine Erleichterung, ſeinen Geſichtskreis nicht mehr von ſteinernen Mauern begrenzt und ſeine Lungen nicht mehr von der drückenden Luft der großen Stadt be⸗ läſtigt zu finden. Die auf dem Schnee ſchimmernde Sonne, die mit Reif bedeckten Baumzweige, der klare, wolkenloſe, blaue Himmel, der mit Eis bedeckte Fluß, Alles erinnerte ihn an frühere Tage und glücklichere Stunden und erfüllte ſeinen Geiſt mit der Erinnerung an die Freuden der Kindheit. Einige von den älteren und höheren Beamten der herzoglichen Hofhaltung hatten mit ihm zugleich ihre Pferde beſtiegen und ritten neben ihm. Aber es herrſchte kein Band der Sympathie zwiſchen ihnen. Sie waren alt und er war jung. Sie hatten ihr Leben an Höfen hingebracht und er war unerfahren. Sie waren an alle Vorgänge des Haushalts, worin er ſich befand, gewöhnt, und für ihn war Alles friſch und neu. Alle waren vollkommen höflich gegen den neuen Sekretair des Herzogs, denn jetzt war er dem ganzen Haushalte in dieſer Eigenſchaft bekannt und die politiſcheren Köpfe berechneten im Voraus, daß er früher oder ſpäter beträchtlichen Einfluß bei ihrem fürſtlichen Herren erlangen werde. Aber ſie ſprachen unter ſich von Dingen, die ſie wuͤßten und verſtanden, und womit er gänzlich unbekannt war; ſo ließ man ihn alſo mit ungeſtörten Gedanken weiter reiten und ſich an der winterlichen Schönheit der Landſchaft er⸗ freuen, während ſie von dem ſprachen, was zu Saint Denis geſchehen, oder von dem Scharmützel bei Toul oder von dem Marſche nach Aaguitanien oder einige kleine Läſterungen gegen Frau von B. und Herrn von M. erhoben. Nach und nach blieb der junge Mann ein wenig zurück und ritt ganz allein, als ein ältlicher Mann 15² in der Kleidung eines Prieſters auf einem glatten, wohlgenährten Maulthiere an ſeine Seite trabte. Sein Haar war ſehr weiß und ſein Geſicht ruhig und wohlwollend; aber er hatte keinen ſehr verſtändigen Ausdruck in ſeinem Geſichte, und man hätte ſich ge⸗ neigt fühlen können, ihn auf den erſten Blick für einen ſehr einfachen, guten Mann, mit mehr Recht⸗ ſchaffenheit, als Witz, mit mehr Frömmigkeit, als Ge⸗ lehrſamkeit, zu erklären. Dies wäre indeſſen ein Irr⸗ thum geweſen, denn Jean Charoſt fand bald, daß er viel geleſen und ſtudirt und durch Beharrlichkeit und Anſtrengung erſetzt hatte, was ihm an Scharfſinn fehlte. „Guten Morgen, mein Sohn,“ ſagte der Greis iin unbefangenem und vertrautem Tone.„Ich glaube mit Herrn von Brecſ, dens Eekretair Seiner Hoheit, zu reden— iſt es icht ſo?“ „Der bin ich, mein„Herr,“ entgegnete Jean Charoſt;„obgleich ich noch nicht lange dieſes Amt bekleidet habe.“. 8 „Ich weiß, ich weiß,“ veiſetzte der Prieſter;„Ihr wurdet ihm von meinem Feunde Jacques Coeur empfohlen. Ich war zbis geſteen Abend vom Palaſte abweſend, ſonſt würde ich Eph ſchon früher geſehen haben. Ich bin der Kaplan und Beichtvater Seiner Hoheit— wollte der Himmel, daß ich ihn richtig leiten könnte! Aber dieſe Großen—“ 1 153 Hier hielt er inne, als fühle er, daß er einen gefährlichen Boden betrete, und es erfolgte eine Pauſe, denn Jean Charoſt gab ihm keine Veranlaſſung, in der Beſprechung der Handlungen des Herzogs fortzu⸗ fahren, wovon er wahrſcheinlich eben ſo viel wie ſein Beichtvater wußte. Der Prieſter ritt indeſſen an ſeiner Seite weiter, indem er häufig ſeinen Kopf umwendete, als fürchte er verfolgt zu werden. Einmal murmelte er bei ſich ſelber: „Ich glaube er kommt.“ Im nächſten Augen⸗ blick aber fügte er in beruhigtem Tone hinzu:„Nein, es iſt Lomelini.“ Nach dieſem Ausrufe waren ſie noch nicht weit geritten, als der Haushofmeiſter zu ihnen kam, der in ſehr gutem Vernehmen mit dem Kaplan zu ſtehen und in ſehr heiterer Stimmung zu ſein ſchien. „Ah! Pater Pierre!“ rief er,„Ihr rittet in ſolcher Haſt an mir vorüber, daß Ihr mich weder hören noch ſehen wolltet. Was war es, was Eurem Maulthiere Flügel lieh?“ „O, jener Narr, jener Narr!“ rief der gute Pater;„er hat einen ſchwarzen Mantel an, wie Ihr, Signor— den er wahrſcheinlich Jemand geſtohlen hat— und er erklärt, er iſt ein Doktor der Univer⸗ ſität und will durchaus mit mir disputiren.“ „Welches war ſeine Theſis— welches war ſeine 8 * 8 3 3 4 154 Theſis?“ fragte Lomelini lachend.„Ich weiß, er iſt ſehr groß im Streit, und ich habe ihn oft erklären hören, er möchte wohl einen Doktor der Theologie im Streite ſchlagen.“ „Es war gar keine Theſis,“ antwortete Pater Pierre.„Er ſchlug eine Frage zur Debatte vor, und fragte mich, welche von den ſieben Todſünden die tödtlichſte ſei. Ich ſagte ihm, ſie wären alle gleich böſe; aber er behauptete, das könne nicht ſein, und er wolle es durch einen Satz beweiſen, der drei Theile habe, wovon jeder wieder in drei Glieder und jedes Glied in ſechs Punkte zerfalle.“ „Laßt uns hören,“ rief Lomelini.„Seine Theile, Glieder und Punkte waren ohne Zweifel ſehr unterhaltend. Laßt ſie uns auf jeden Fall hören.“ „Ich blieb nicht ſo lange da, um ſie zu Ende zu hören,“ verſetzte Pater Pierre.„Er begann damit, die ſieben Todſünden zu definiren und zu erklären; da ich aber einen größeren Skandal fürchtete— denn alle die Jungen brüllten vor Lachen— ſo ritt ich weiter und verließ ihn.“ „Ah, guter Pater! er wird behaupten, er habe Euch in der Disputation geſchlagen,“ fagte Lomelini und fügte dann mit ſchlauem Blicke zu Jean Charoſt hinzu:„Die ſchärfſte Waffe im Streite mit einem ernſten Manne iſt ein Scherz.“ Der gute Pater ſah ſehr troſtlos aus, als wäre * 155 es eine große Schande, ſelbſt von einem Narren ge⸗ ſchlagen zu werden. Mit der natürlichen Freundlich⸗ keit der Jugend empfand Jean Charoſt Theilnahme für ihn, und der Unterredung eine andere Wendung gebend, fragte er den Haushofmeiſter, wer und was die Perſon ſei, die den Kaplan ſo raſch aus dem Felde geſchlagen. „O! Ihr werdet bald mit ihm bekannt werden, mein Sohn,“ antwortete Lomelini, der immer eine väterliche und beſchützende Miene gegen den jungen Sekretair annahm.„Man nennt ihn Seigneur André im Haushalte, und er macht ſich ſehr bald, und oft nicht auf angenehme Weiſe mit Jedermann bekannt. Er iſt nur des Herzogs Hofnarr, den er mehr zur Un⸗ terhaltung, als zum Dienſte hält, und mehr der Mode wegen als zur Unterhaltung, denn im Grunde iſt er ein ſehr einfältiger Kerl; aber er bringt den alten Herrn zuweilen in Zorn, und wenn der Herzog bei guter Laune iſt, muß er über den Aerger des Pater Pierre lachen.“ „Mich dünkt, wer über einen Narren zornig wird, zeigt, daß er wenig beſſer iſt, als ein Narr,“ bemerkte Jean Charoſt. Aber Lomelini ſchüttelte den Kopf und ſagte mit ſeinem gewohnten ruhigen Lächeln: „Seid nicht zu gewiß, daß er Euch nicht auch zum Zorne reizen wird, Herr von Brecy. Er hat einen großen Vorrath von Bosheit, wenn auch nicht 156 von Witz; und wie Ihr ſehen werdet, gelingt es ihm, ſehr ernſte und ehrwürdige Perſonen zu quälen. Ich verſprach Euch von Zeit zu Zeit einen Wink, und es dürfte nicht überflüſſig ſein, Euch in Betreff des Seig⸗ neur André ebenfalls einen zu geben. Es giebt zwei oder drei Arten, mit ihm zu verfahren und ihn ſicher zu ſchlagen. Die erſte, die unſer guter Freund Herr Blaize anwendet, iſt, nie mit ihm zu reden. Wenn er eins ſeiner Witzworte an unſeren Freund richtet, ſtarrt der Herr Blaize ihm in's Geſicht, als ob er in einer unbekannten Sprache zu ihm redete. Die zweite Art iſt, ihm einen Schlag auf den Kopf zu verſetzen, wenn er zu übermüthig wird; denn er nimmt ſeine Perſon ſehr in Acht und hat den jungen Juvenel de Royans nie wieder angegriffen, ſeitdem dieſer ihn eines Morgens nach Herzensluſt durchgebläut. Er hat Ehrfurcht vor Nichts als vor Strafen und Fauſtſchlä⸗ gen. Anfangs wagte er, auch gegen mich ſeine Poſſen auszulaſſen, vor dem, obgleich eine ſehr demüthige Perſon, die Officianten Seiner Hoheit im Allgemei⸗ nen einigen Reſpekt haben.“ „Darf ich fragen, wie Ihr ſeiner Frechheit ein Ende machtet?“ fragte Jean Charoſt. „O! das war eine leichte Sache,“ verſetzte der Haushofmeiſter.„Ich hörte ruhig Alles an, was er zu ſagen hatte, antwortete ihm ſo gut ich konnte, worüber ſich die Umſtehenden ein wenig beluſtigten, 157 und es erging mir nicht übel in dem Streite; aber Seigneur André fand ſein Abendeſſen an jenem Abend ein wenig ſchlecht und ſpärlich. Er bekam ein kleines ſchwarzes Brod, einen geſalzenen Häring und ein wenig ſehr ſauren Wein. Obgleich Alles in der Ord⸗ nung war, und er Wein, Fiſch und Brod nach den Regeln des Haushalts hatte, hielt er es doch für gut, ſich bei dem Küchenmeiſter zu beklagen. Der Küchen⸗ meiſter ſagte ihm, er habe alle ſeine Befehle von mir erhalten. Er wußte nicht, was er daraus machen ſollte und war einen oder zwei Tage ſehr friedlich ge⸗ ſinnt, dann aber vergaß er ſeine Lektion und wurde wieder unverſchämt. An dem Abend bekam er wieder ſchwarzes Brod, einen geſalzenen Häring und Wein⸗ eſſig. Und dies machte einen ſo tiefen Eindruck auf ſeinen Geiſt, daß er es noch nicht vergeſſen hat.“ „Ich denke, es iſt gottlos,“ ſagte Pater Pierre in ſchwermüthigem Tone;„ja, in der That, daß denke ich.“ „Was! einem Narren einen geſalzenen Häring für ſeine ſchlechten Einfälle zu geben?“ fragte Lomelini. „Nein, nein,“ verſetzte der Kaplan ärgerlich; „ſondern ſolche arme umnachtete Geſchöpfe in großen Häuſern zu halten, um ſich an ihren Schwächen zu beluſtigen. Man macht dadurch die Strafe Gottes zu einem Spotte.“ 158 „Pah!“ rief Lomelini,„was kann man mit ihnen anfangen? Wenn man ſie nicht in großen Häuſern hielte, wäre man genöthigt, ſie in kleinen einzuſperren; und ich ſtehe dafür, Seigneur André würde es vorziehen, ſich als Narr im Palaſte des Herzogs von Orleans aufzuhalten, als in einem Hoſpi⸗ tal als Wahnſinniger behandelt zu werden. Aber hier kommt er, um für ſich ſelber zu antworten.“ „Da will ich ihn nicht erwarten,“ rief der Kaplan, ſetzte ſein Maulthier in raſcheren Schritt und trabte der Sänfte des Herzogs von Orleans nach, die nicht über zweihundert Schritte entfernt war. „Da eilt er hin, der arme Mann!“ rief Signor Lomelini.„Dieſer Narr iſt eine vollkommene Vogel⸗ ſcheuche für ihn. Für Pater Pierre gleicht er einer Fliege oder Mücke, die uns die ganze Nacht um die Ohren ſummt und uns keine Ruhe läßt.“ Während er ſprach, kam der Mann, der ſo lange der Gegenſtand ihrer Unterredung geweſen war, her⸗ beigeritten und ſtellte Jean Charoſt's Augen eine ſehr verſchiedene Perſon dar, als er zu ſehen erwartet hatte, und in Wahrheit ſehr verſchieden von dem poe⸗ tiſchen Begriffe, den Shakſpeare und Andere uns von den Hofnarren vor.Augen geſtellt haben. Seigneur André war keiner der berühmteſten ſeiner Klaſſe, und er iſt weder in der Dichtung, noch in der Geſchichte verewigt worden. Ich glaube, die Ausnahmen ſind „ 159 im Allgemeinen als Wahrheit angenommen worden; und wenn wir die Reden und Thaten aller Hofnarren von den Tagen Karl des Großen an verfolgen könnten, würden wir finden, daß unter zehn neun ſehr lang⸗ weilige und einfältige Perſonen waren. Der gegen⸗ wärtige Hofnarr war ein Mann von nmittlerem Alter, mit einem Geſichte, welches viel Sinnlichkeit aus⸗ drückte und ſchwer und geiſtlos ausſah, mit einer von Wein glühenden Naſe, buſchigen, überhängenden Au⸗ genbrauen und einer ſtarken Unterlippe. Er hatte einen vorragenden Bauch und kurze Beine; doch ſaß er gut und feſt auf ſeinem Pferde, obgleich, wie es Jean Charoſt ſchien, mit affektirt linkiſchem Weſen. Sein Geſicht hatte freilich einen drolligen und jovialen Ausdruck, der ein ſehr guter Vorläufer eines Scher⸗ zes war und machte, daß mancher einfältige Spaß für einen Witz galt, gleich der Sauce eines franzöſiſchen Kochs, die einen ſehr unſchmackhaften Biſſen würzt. Seine Laune hatte ein wildes, wanderndes, geheim⸗ nißvolles Feuer, welches plötzlich aufloderte und wie⸗ der erloſch, und welches einem Arzte wahrſcheinlich das Vorhandenſein eines gewiſſen Grades von Geiſtes⸗ zerrüttung angedeutet haben würde, welches bei ge⸗ wöhnlichen Perſonen dazu diente, die Neugierde an⸗ zuregen und zu verwirren. „Ah! ehrwürdiger Signor,“ rief er, als er ſein Pferd an Lomelini's Seite anhielt.„Es iſt mir lieb, Euch ſo weit voraus zu ſehen. Es deutet an, daß für alle guten Dinge des Lebens wird geſorgt werden— daß wir in Juviſy nicht drei Stunden auf das Mittagseſſen warten dürfen oder zu erwarten ha⸗ ben, mit Ziegenfleiſch und Haferbrod, mit ſaurem Wein und abgeſtandenem Salat bewirthet zu werden.“ „Das hangt von Umſtänden ab, Seigneur André,“ entgegnete Lomelini.„Daß Seine Hoheit ein gutes Mittagseſſen bekommt, dafür habe ich geſorgt; aber der Haushalt muß in der That für ſich ſelber ſorgen. Bei jedem anderen Wetter würdet Ihr Eier genug finden, und das Waſſer iſt gewöhnlich vortrefflich, aber jetzt iſt es gefroren. Erlaubt mir, Euch mit Herrn von Brecy, dem Sekretair Seiner Hoheit, be⸗ kannt zu machen.“ 3 „Ach! ich küſſe ſeine Finger,“ rief der Hofnarr. „Ich fragte geſtern den ganzen Tag nach ihm, da ich von ſeiner Ankunft gehört, doch wurde ich nicht mit ſeiner Gegenwart beglückt. Man ſagte mir, ich würde ihn in der Kinderſtube finden, und er iſt auch wahr⸗ lich ein beglückter Balg. Darf ich fragen, wie alt Ihr ſeid, Herr von Brecy?“ „Gleich Euch ſelber, Seigneur André, alt genug, um klüger zu ſein,“ entgegnete Jean Charoſt lächelnd. „Wunderbar gut geantwortet,“ rief der Hofnarr. „Das liebe Kind iſt ein Wunderbalg. Saht Ihr je etwas Aehnliches?“ fuhr er fort, indem er ſeinen 3 161 ſchwarzen Mantel zurückwarf und ſeinen umfangreichen Bauch zeigte, der beinahe auf dem Sattel ruhte. „Ja, oft genug,“ antwortete Jean Charoſt. „Ich habe ihn bei Männern geſehen, die zu träge waren, um zu verhindern, daß das Fleiſch überhand nehme, die das Eſſen zu ſehr liebten, um ſich deſſen zu enthalten, was ſie tödtete, und zu ſchwach am Gehirn, um je den Körper von dem Witz abnutzen zu laſſen.“ Ein wildes, zorniges Feuer zeigte ſich in dem Geſichte des Narren, und er entgegnete: „Laßt Euch ſagen, es iſt mehr Witz in dieſem Bauche, als Ihr je verdauen könnt.“ „Vielleicht,“ verſetzte Jean Charoſt;„ich zweifle nicht im Geringſten, daß Ihr mehr Witz unter Eurem Degengehänge, als unter Eurer Mütze habt; aber er iſt an beiden Stellen ein wenig ſchwach, ſollte ich denken.“ Signor Lomelini lachte; aber zugleich gab er ſeinem jungen Begleiter ein Zeichen, nicht weiter zu gehen, indem er in leiſem Tone ſagte: „Er wird Euch ſchon ſo nicht leicht verzeihen. Hier kommen wir zu jenem verdammten Hügel von Juviſy, Seigneur André. Seht Ihr nicht die Stadt dort unten liegen, wie ein Ei in dem Neſte einer langgeſchwänzten Bachſtelze?“ „Oder wie ein Stück Zucker am Boden einer Agnes Sorel. I. 11 Bowle Glühwein,“ fügte der Narr hinzu.„Aber mag es nun ein Ei oder ein Stück Zucker ſein, ſo ſcheinen doch die Pferde Seiner Hoheit ſehr geneigt, darauf zuzueilen.“ 4 Seine Worte lenkten Lomelini's und Jean Charoſt's Aufmerkſamkeit auf das, was vor ihnen geſchah, und der Letztere bemerkte mit Schrecken, daß die Pferde vor der Sänfte, die ſehr langſam gegangen waren, bis ſie den Gipfel des Hügels erreicht hatten, zu traben und endlich zu galoppiren begannen. Der Mann, der ſie führte und ſonſt neben ihnen hergegangen war, lief, ſo ſchnell er konnte, hinter ihnen her und rief ihnen zu, obgleich die Pferde ſeine Worte nicht beachteten und Jean Charoſt ſie nicht hörte. „Wäre es nicht beſſer, weiter zu reiten und Bei⸗ ſtand zu leiſten?“ fragte der Sekretair lebhaft. Lomelini zuckte die Achſeln und erwiederte nach dem Begriffe, der den Italienern eben ſo gewöhnlich iſt, wie den Türken: „Was geſchehen wird, wird geſchehen.“ Der Narr entgegnete: „Wahrlich, wenn man nich auch einen Narren nennt, ſo habe ich doch eben ſo viel Achtung vor meiner eigenen Haut, wie einer von ihnen; darum werde ich nicht den Hügel hinuntertraben.“ Jean Charoſt hörte kaum das Ende des Satzes, denn er ſah, wie die Pferde vor der Sänfte jeden 163 Augenblick ihren Schritt mehr beſchleunigten, und er fürchtete, daß ein ernſtlicher Unfall geſchehen werde. In demſelben Augenblick ſah man, wie der Herzog den Kopf aus der Sänfte ſteckte und dem Treiber zu⸗ rief. Der junge Sekretair trieb ſein Pferd an, mit Gefahr, den Hals zu brechen, machte einen kleinen Umweg und verſuchte das Vorderpferd der Sänfte zu erreichen, ohne es zu größerer Eile anzutreiben. Er kam an zwei Gruppen von Begleitern des Herzogs vorüber, ehe er die Säͤnfte erreichte; aber Alle ſchie⸗ nen eben ſo wenig Intereſſe an dem Wohl ihres Herrn zu nehmen, wie Lomelini und der Narr, indem ſie, als der junge Mann vorüber kam, einen wilden Aus⸗ ruf des Schreckens wegen der Gefahr des Herzogs ausſtießen, aber kein Mittel anwendeten, dieſelbe zu vermeiden. Jean Charoſt verweilte nicht, um zu fragen, ſon⸗ dern eilte weiter, an der Sänfte vorüber und ge⸗ langte gerade vor die Pferde, als eins derſelben ſtol⸗ perte und fiel. Ganz in der Nähe war ein ſteiler Abhang und die Sänfte befand ſich in der größten Gefahr, hinun⸗ ter zu ſtürzen; aber glücklicher Weiſe brach eine von den Stangen ab und Jean Charoſt kam noch gerade zur rechten Zeit, das Pferd zu verhindern, weiteren Schaden anzurichten, als es mit blutenden Knieen wieder aufſprang. 11*+ Während der junge Mann auf den Boden ſprang und das Pferd feſt am Zügel hielt, kam der Treiber nebſt einem halben Dutzend von der Begleitung her⸗ beigeeilt, um dem Prinzen beim Ausſteigen behülflich zu ſein. Ihre Geſichter waren blaß und ängſtlich ge⸗ nug, aber der Herzog zeigte ſich ſo ruhig, als wäre er in gar keiner Gefahr geweſen. Lomelini und der Narr fanden ſich auch bald ein, und der Letztere machte die Bemerkung, daß übergroße Haſt die Eile nicht be⸗ fördere. „Eure Hoheit reiſ'te ſchnell,“ ſagte er, und dieſer junge Herr noch ſchneller. Ihr hättet leicht früher am Fuße des Hügels ſein können, als Ihr es gewünſcht, und er hätte Euch beinahe früher dorthin geſendet, indem er Euch aufzuhalten verſuchte.“ „Ihr irrt, Seigneur André,“ ſagte der Herzog ernſt.„Das Pferd fiel, ehe er es anrührte; und wäre es auch nicht ſo geweſen, ſo ſehe ich immer lie⸗ ber zu viel Eifer, als zu wenig. Er kam indeſſen zur rechten Zeit, um die Sänfte am unſchlagen zu verhindern.“ Zwei von den Knappen führten ſogleich ihre Pferde herbei, damit der Prinz eins davon beſteigen möge, denn die Sänfte war unbrauchbar geworden. Aber der Herzog ſagte: „Nein, ich will zu Fuß gehen. Reicht mir Euren Arm, de Brecy. Es ſind jetzt nur noch wenige Schritte.“ Der kleine Unfall diente ohne Zweifel dazu, Jean Charoſt in der Gunſt des Herzogs von Orleans zu er⸗ heben; aber zu gleicher Zeit erhielt er dadurch eine Menge Feinde. Die Bewohner eines Wespenneſts ſind wahr⸗ ſcheinlich nicht halb ſo boshaft wie der Haushalt eines großen Mannes. Die Worte des Narren hatten die Veranlaſſung dazu gegeben und bald darauf ver⸗ breite ſich durch den kleinen Zug die Nachricht, Jean Charoſt habe das Pferd niedergeworfen, indem er es anzuhalten verſucht. Elftes Kapitel. Es giebt Perioden im Leben des Menſchen, wo Un⸗ fälle und Widerwärtigkeiten, wenn ſie nicht groß ſind, nützlich für ihn werden. Der Unfall und die Rettung aus der Gefahr erweckten den Herzog von Orleans aus einer ſchweren Gefühlloſigkeit, die ihn während der zwei oder drei letzten Tage niedergedrückt. In dem großen Gaſthofe zu Juviſy war das Mittageſſen für ihn bereitet worden; aber vermöge einer jener Grillen, welchen ſich die mächtigen Fürſten in jenen Tagen ſehr häufig hingaben, hielt er vor den Thoren der alten Abtei an, die an der linken Seite der Straße lag, und ſagte in leiſem Tone, aber mit heiterem Lächeln zu Jean Charoſt: „Wir wollen hineingehen und mit den guten Vätern zu Mittag ſpeiſen. Sie ſind berühmt wegen ihrer guten Mahlzeiten, und es muß jetzt um die Mittagsſtunde ſein.“ 167 Die Mealeitund. folgte langſam hinter ihrem fürſtlichen Herrn und blieb aus Ehrerbietung einige Schritte zurück; jetzt aber winkte er Lomelini zu ſich und ſagte ihm, er möge weiterziehen und die Beglei⸗ tung zu Mittag ſpeiſen laſſen, indem er hinzufügte: „Wir wollen in der Abtei ſpeiſen.“ „Wie Viele ſollen bei Eurer Hoheit bleiben?“ fragte Lomelini mit tiefer Verbeugung. „Keiner als Herr von Brecy, Signor,“ entgeg⸗ nete der Herzog.„Zieht weiter— ich möchte uner⸗ kannt bleiben.“ Dann ging er den Weg d dahin und ſchlug die Glocke am Thor mit dem eiſernen Hammer an, der dabei hing. „Nun, de Brecy,“ ſagte er in leichtem und nachläſſigem Tone, wie ſein junger Begleiter ihn noch nicht hatte anwenden hören;„hier vergeſſen wir un⸗ ſere Namen und Würden. Ich bin Louis von Va⸗ lois und Ihr Jean Charoſt, und es gelten keine Eh⸗ rentitel zwiſchen uns. Einige von den guten Brüdern mögen mich geſehen haben und kennen mich vielleicht; aber ſie werden einen Wink verſtehen und Alles ver⸗ geſſen, bis ich fort bin. Ich möchte ſie gern auf eine Weile ohne ihre Gewänder ſehen. Es wird dazu dienen, meine Gedanken von traurigen Dingen abzu⸗ lenken.“ Mit langſamen und zaudernden Schritten und etwas nicht ganz Angenehmes murmelnd, kam ein alter Mönch an das Gitter oder das eiſerne Thor des Kloſters. Er hielt zwar die Schlüſſel in der Hand, doch mit gem Entſchluſſe, ſie nur im äußerſten Nothfalle anzu⸗ wenden. Als er zwei Fremde am Thore ſah, ſprach er durch die Gitter mit ihnen und es bedurfte einiger Ueberredung, ihn zu bewegen, zu öffnen und ſie ein⸗ zulaſſen, obgleich des Herzogs Ankündigung, daß er komme, die Gaſtfreundſchaft des Kloſters in Anſpruch zu nehmen, mehr im Tone des Befehls als der Bitte ausgeſprochen wurde und er eine vertrauliche Miene dabei annahm. „Nun, nun, ſo kommt herein,“ ſagte der Mönch endlich.„Ich habe Nichts damit zu thun, und es iſt nur mein Geſchäft, die Thür zu öffnen und zu ſchließen. Die Leute drinnen werden Euch ſagen, ob Ihr mit ihnen eſſen könnt oder nicht. Sie eſſen, weiß Gott, ſelber genug und trinken ebenfalls genug; aber ſie theilen nicht gern mit Anderen, außer durch ddie Oeffnung in der Speiſekammer oder das öſtliche Pförtchen, und dort vertheilen ſie nur, was ſie nicht ſelber eſſen können. Ach! es waren andere Zeiten, als der Abt Jerome noch lebte.“ Ehe dieſes lange Gemurmel vorüber war, befan⸗ den ſich der Herzog und ſein junger Begleiter vor der inneren Thür des Gebäudes, und eine kleine Glocke, in die einem entfernten Winkel geläutet wurde, ver⸗ 169 kündete, daß die Mahlzeit der Mönche beginnen ſollte. 3 „Kommt— kommt, Jean,“ ſagte der Herzog, der die Lebhaftigkeit zu theilen ſchien, womit mehrere Mönche nach einer Richtung hineilten.„Man ſagt, das Ende einer Mahlzeit iſt beſſer, als der Anfang eeiines Kampfes; doch um die Wahrheit zu ſagen, iſt der Anfang das Beſte von beiden.“ Sie gingen weiter; Niemand hielt ſie auf und Niemand ſagte ein Wort zu ihnen. Der Impuls eines ſtarken Appetits trieb die Mönche fort und beraubte ſie aller Neigung, die Fremden zu befragen, bis ſie vor der Thür des Refektoriums waren, wo ihnen ein barfüßiger, ſtämmiger Kerl den Weg verſperrte und fragte, was ſie wollten. „Ein Mittageſſen,“ antwortete der Herzog von Orleans lachend.„Ihr ſeid gaſtfreie Brüder, nicht wahr?“ Der Mann ſah ihn einige Augenblicke, ohne zu antworten, an und überſchaute den Anzug des Herzogs, der keineswegs glänzend war, aber doch den zierlichen Schnitt ſeines Standes hatte, mit ſehr neugierigem Ausdruck, richtete dann einen Blick auf Jean Charoſt und entgegnete in ſehr verändertem Tone: „Das ſind wir, Herr. Aber zufällig hat der Herr Abt gerade heute Gäſte zum Mittagseſſen. Ohne Zweifel wird er Euch die Gaſtfreundſchaft nicht ver⸗ weigern, wenn Ihr ihm ſagen laßt, wer es iſt, der dieſelbe in Anſpruch nimmt. Er hat Herrn und Frau von Giac nebſt ihrer Begleitung bei ſich, welches hohe Perſonen ſind am Hofe von Burgund. Unter welchem Namen ſoll ich Euch anmelden?“ „Als zwei arme, einfache Kavaliere, die wegen eines Mittageſſens in Verlegenheit ſind,“ verſetzte der Herzog in nachläſſigem Tone,„Louis Valois und Jean Charoſt mit Namen. Aber beeilt Euch, guter Bru⸗ der, ſonſt wird die Suppe kalt.“ Der Mann ging in das Refektorium, deſſen Thür ſich beſtändig öffnete und ſchloß, als die Mönche ein⸗ traten, und Jean Charoſt, der ein wenig zur Nechten des Herzogs ſtand, konnte den Mönch zu einer vor⸗ nehmen Geſellſchaft hineilen ſehen, die, den Abt in ihrer Mitte, an dem Ende eines der großen Tiſche ſaß. Er kehrte bald mit einem anderen Mönch zurück und führte den Herzog und ſeinen jungen Begleiter gerade zu dem Tiſche des Abtes, eines ältlichen Man⸗ nes von jovialem Anſehen, der ein wenig verwirrt und⸗ verlegen ſchien. Er ſtand auf, ſetzte ſich wieder nie⸗ der, ſtand noch einmal auf und näherte ſich einige Schritte. Der Herzog von Orleans begegnete ihm mit be⸗ deutungsvollem Lächeln auf halbem Wege, und es wurden einige Worte in leiſem Tone gewechſelt, die Jean Charoſt nicht hörte. Der Herzog ging gleich 171 darauf zu einem leeren Sitze in der Mitte des Tiſches und winkte Jean Charoſt, neben ihm Platz zu nehmen. Der junge Sekretair hatte genügende Gelegenheit, während des langen Tiſchgebets die Geſichter der am oberen Ende ſitzenden Gäſte zu beobachten. Zur Rech⸗ ten des Abtes ſaß ein Herr von etwa vierzig Jahren, glänzend gekleidet, aber mit keineswegs einnehmendem Geſichte, denn es war kalt, berechnend und hart, und ihm zunächſt ein junges Mädchen von dreizehn oder vierzehn Jahren, welches ſich zu jener Zeit nicht ge⸗ rade durch Schönheit auszeichnete, aber einen Aus⸗ druck des Geſichts hatte, den man nicht leicht ver⸗ geſſen Fonnte, wenn man ihn einmal geſehen. Jener Ausdruck iſt ſchwer zu beſchreiben, aber er beſaß einen Charakter, der, ſoweit wir nach ſehr mangelhaften und nicht ſehr zuverläſſigen Portraits urtheilen können, in den Geſichtern der meiſten franzüſiſchen Frauen jener Tage fehlte. Es war Seele darin, eine Verſchmel⸗ zug des Nachdenkens und Gefühls, viel Feſtigkeit und Entſchiedenheit um den kleinen Mund, aber eine Welt ſanfter Zärtlichkeit in den Augen. Auf der anderen Seite des Abtes ſaß eine ge⸗ putzte ſchöne Dame in der Blüthe des Lebens, deren Geſicht von bezauberndem Lächeln ſtrahlte, und Jean Charoſt konnte nicht umhin, zu bemerken, daß ſie einen bedeutungsvollen Blick mit dem Herzoge von Orleans wechſelte. Freilich gab Niemand am Tiſche offen kund, 172 daß er den Prinzen erkenne; und wenn gleich der junge Sekretair wenig Zweifel hegte, daß ſein könig⸗ licher Herr mehreren der Gegenwärtigen bekannt ſei, ſo war es doch klar, daß die meiſten Mönche nicht wußten, daß Seine Hoheit unter ihnen ſei. Die Bewirthung machte dem Rufe des Kloſters Ehre. Gut gekochtes und gebratenes Fleiſch, Fiſche in Ueberfluß und von verſchiedener Art, eine große Auswahl von Wild und köſtliche Weine zeigten, wie vollſtändig die Mönche von Juviſy Feld, Wald, Teich und Weinberg ausgebeutet hatten. Auch hielten die Brüder ihre Zungen nicht ſehr im Zaume. Heitere, witzige, poſſenhafte, und oft ſelbſt profane und käſternde Reden wurden am Tiſche ohne Ehrerbietung geäußert, welche Ohren ſie hören mochten. 2 Der junge Mann hatte von ſolchen Dingen ge⸗ hört, ſie aber kaum geglaubt, und in ſeiner Einfalt empörte ihn das, was er ſah und hörte. Was ihm aber unerklärlicher war, als alles Uebrige, war das Beuehmen des Herzogs von Orleans. Er wußte nicht, wie oft ſchmerzliche Gefühle und Empfindungen zu dem Gegentheile ihre Zuflucht nehmen— wie der Kum⸗ mer ſich bemüht, ſich durch Schwelgerei zu betäuben — wie die Menſchen den Becher des Kummers mit den Honigtropfen des Vergnügens zu verſüßen ſuchen. Von dem erſten Augenblick an, wo er dem Herzoge vorgeſtellt worden, bis zu dem Augenblicke hatte ihn * 173 Jean Charoſt nur ernſt, traurig, gedankenvoll und düſter geſehen. Selbſt ſeine Geſundheit ſchien durch einen geheimen Kummer zu leiden, und jetzt war Alles in einem Augenblicke verändert. Er miſchte ſich leicht und heiter in die Unterhaltung, erwiederte Scherz mit Scherz, ermuthigte und theilte die Heiterkeit um ihn her und trank reichlich, obgleich ein glühender Fleck an der Wange anzudeuten ſchien, daß ein Feuer in ſeinem Innern glühe, welches einer ſolchen Nahrung nicht bedürfe. Die Charaktere umher würden eine lange Be⸗ ſchreibung zulaſſen; denn das Kloſterleben, welches gewöhnlich begonnen wurde, wenn die Gewohnheiten des Denkens bereits feſt beſtimmt waren, hatte nicht die Macht, die ein großer Redner der Erziehung zu⸗ ſchreibt, die urſprünglichen Charaktere der Menſchen aufzulöſen und ſie in verſchiedenen Formen wieder zu kryſtalliſiren. An einem Ende des Tiſches bewegte der rohe ungehobelte Spaßmacher ſeinen fetten Körper in ſeinem weiten Gewande und lachte ausgelaſſen über ſeine eigenen Scherze. In geringer Entfernung ſaß der ſpöttiſche Satiriker, voll Witz und Sarkasmen, aber ſo eingenommen, wie die Uebrigen, für irdiſche Freuden; und ein wenig näher ſaß ein Mann von ſchlauem, ruhigem Humor, ſo ernſt wie ein Richter, der ſeine Umgebung zu brüllendem Gelächter veran⸗ laßte. Der Abt, der ſich der Güter dieſes Lebens 174 mit unverminderter Kraft erfreute, ungeachtet der ſech⸗ zig Jahre, die über ſein Haupt dahingegangen waren, hatte ſich offenbar an das unehrerbietige Benehmen ſeines Refektoriums gewöhnt und wuürde ſein Mittag⸗ eſſen ohne die Würze dieſer Scherze nicht ſo ſchmack⸗ haft gefunden haben. Gewiß iſt es auf jeden Fall, daß er, wenn ſein eigenes Wohnzimmer gleich beque⸗ mer war und allein zu ſpeiſen im Allgemeinen gerecht⸗ fertigt wurde, ſelten zur Mittagsſtunde abweſend war und nur darum nicht zum Abendeſſen kam, um nicht mehr zu ſehen und zu hören, als er mit Schweigen übergehen konnte. Als das Mahl beendet war, ſtand der Abt auf und lud ſeine weltlichen Gäſte ein, ihn in ſeine Zim⸗ mer zu begleiten und überließ es ſeinen Mönchen, es mit den Andachtsübungen des Nachmittags zu halten, wie ſie es für gut finden möchten. Seinen Kreuzträger voran, nahm er den Vortritt und die Uebrigen folg⸗ ten in der Ordnung, welche die Enge des Ganges ſie F einzunehmen nöthigte, und ſo ging Jean Charoſt eine Zeitlang neben dem jungen Mädchen her, welches er an der entgegengeſetzten Seite des Tiſches geſehen hatte. Er war zu ſehr Franzoſe, um ſich einen Au⸗ genblick zu bedenken, ſie anzureden; denn in jenem Lande wird das Schweigen in Geſellſchaft einer Dame für einfältig oder unhöflich gehalten. Sie antwortete mit eben ſo wenig Zwang und ſchon war ihre Unter⸗ f 75 haltung in vollem Gange, als ſie in ein wohl tape⸗ zirtes Zimmer traten, welches, wenn auch an ſich groß, nach der großen Halle des Refektoriums klein erſchien. Der Abt und der Edelmann, der an ſeiner Seite geſeſſen, und in welchem Jean Charoſt den Herrn von Giac erkannte, den er bei Fackellicht in den Straßen von Paris geſehen, ſprachen bereits lebhaft miteinander, während der Herzog von Orleans, der einige Schritte weiter zurück folgte, ſich in leiſen Tönen mit der ſchönen Dame unterhielt, die auf der andern Seite des Abtes geſeſſen. Heiter und leicht ſchien ihre Unterhaltung, und Beide lachten, Beide lächelten und flüſterten, wenn auch nicht aus Ehrfurcht vor den Perſonen oder dem Orte, wo ſie ſich befanden. Aber Niemand achtete darauf. Herr von Giac war ſehr blind für die Co⸗ quetterie ſeiner Frau, und der Abt war wohl daran gewöhnt, ſeine Augen zu ſchließen, ohne die Augen⸗ lider zufallen zu laſſen. Ja er ſchien die Heiterkeit für die Gelegenheit kaum genügend zu halten, denn er ließ noch mehr Wein bringen, und zwar die aus⸗ erleſenſten köſtlichſten ſeines Kellers, nebſt verſchiedenen eingemachten Früchten, um den Gaunen mehr zum Trinken zu reizen. „Nicht ſehr ehrerbietig,“ ſagte Jean Charoſt, als Antwort auf eine Bemerkung der jungen Dame, bald nachdem ſie eingetreten waren, während die Uebrigen ſich in verſchiedenen Gruppen zerſtreut hatten.„Ich möchte wiſſen, ob es in jedem Kloſter in Frankreich eben ſo zugeht.“ „Höchſt wahrſcheinlich,“ antwortete das ſchöne Mädchen lächelnd.„Dies iſt doch nicht das erſte Kloſter, welches Ihr beſucht habt?“ „Das erſte in ſeiner Art,“ entgegnete Jean Charoſt.„Ich war oft bei den ſchwarzen Mönchen in Bourges; aber ihre Regel iſt ein wenig ſtrenger oder wird ſtrenger ausgeübt.“ „Die armen Leute!“ rief das Mädchen.„Um ihretwillen iſt zu hoffen, daß es einen Himmel giebt. Dieſe guten Leute ſcheinen ſich ſo wohl zu befinden, woo ſie ſind, ohne weiter gehen zu dürfen. Aber alle Klöſter ſind leider, wie dieſes— wenigſtens die, welche ich geſehen habe.“ 3 „Und die Nonnenklöſter?“ fragte Jean Charoſt. „Ein wenig beſſer,“ antwortete ſie mit einem Seufzer.„Welche Fehler die Weiber auch an ſich haben mögen, ſo ſind es doch keine ſo großen Fehler, wie wir dieſen Abend geſehen haben. Aber ich weiß nicht viel von ihnen, denn ich war nur in einem lange genug, um es richtig beurtheilen zu können; und jetzt komme ich mir vor, wie ein Vogel, deſſen Käfig ge⸗ öffnet worden, weil ich an den Hof der Königin gehe. Das ſpricht für das Nonnenkloſter, denke ich. Wenn 177 es dort ſo heiter und luſtig zugegangen wäre, wie hier, möchte ich vielleicht lieber dort geblieben ſein.“ „Ich denke nicht,“ entgegnete der junge Mann, „wenn ich nach Eurem Geſichte bei der Tafel urtheilen darf. Ihr ſchienet nicht über die Beluſtigungen der Mönche zu lächeln.“ „Sie machten, daß mein Kopf ſchmerzte,“ ant⸗ wortete das Mädchen und fügte dann plötzlich hinzu: „So ſeid Ihr alſo ein Beobachter von Geſichtern? Was haltet Ihr von dem Geſichte des Mannes, der mit dem Abte ſpricht?“ „Nun, er mag vielleicht Euer Vater, Euer Bru⸗ der oder ein naher Verwandter ſein,“ ſagte Jean Charoſt.„Ich werde nicht reden, ehe ich mehr weiß.“ „O! er geht mich Nichts an,“ verſetzte das Mäd⸗ chen.„Es iſt der edle Herr von Giae, der mir nebſt ſeiner Gemahlin die große Ehre erweiſ't, mich nach Beaugency zu führen, wo wir die Königin einholen ſollen. Sein Geſicht würde keine Milch gerinnen oder Wein ſauer machen; aber doch liegt Etwas darin, was nicht ganz Honig iſt.“ „Er ſcheint allen Honig ſeiner ſchönen Dame zu überlaſſen,“ bemerkte Jean Charoſt. „Ja, um Fliegen damit zu fangen,“ entgegnete das Nädchen und fügte dann mit leiſem Tone hinzu, „und er iſt dann die Spinne, die ſie frißt.“ Agnes Sorel. I. 12 178 Jetzt waren der Wein und die eingemachten Früchte auf einen großen marmornen Tiſch in der Mitte der Halle geſtellt worden, und einen ſchönen Anblick gewährten die ſilbernen Kannen und die mit Juwelen beſetzten goldenen Becher auf der weißen Fläche unter den grauen zierlichen Bogen, welche die Decke bildeten und von mehreren Gruppen in glänzen⸗ den Kleidern umgeben, und der Abt in ſeinem Ornat am Tiſche ſtehend, einen dienenden Bruder an ſeiner Seite, während das vielfarbige Licht hell durch die bemalten Scheiben des Fenſters ſchien. „Auf Eure Geſundheit, edler Herr, den ich Louis Valois nennen ſoll, und Eures jungen Freundes Jean Charoſt,“ ſagte der Abt, ſich gegen den Herzog ver⸗ neigend und einen Becher erhebend, den er eben ge⸗ füllt hatte.„Ich bitte, mir in dieſem auserleſenen Weine von Nuits Beſcheid zu thun.“ „Ich werde ihn nur koſten, Hochwürdiger,“ ver⸗ ſetzte der Herzog, einen Becher nehmend.„Ich habe ſchon genug getrunken, ſo daß ich ein wenig erhitzt bin.“ „Nein, nein, guter Herr,“ rief die ſchöne Dame, mit welcher er geſprochen hatte.„Laßt mich für Euch den Becher füllen! Ihr werdet doch dem Herrn Abt Beſcheid thun, ſonſt ſage ich es dem Herzog von Orleans, der heute, wie man ſagt, hier durch⸗ kommt.“ Die letzten Worte wurden mit bedeutungsvollem Lächeln ausgeſprochen; aber der Herzog geſtattete ihr, ihm den Wein einzuſchenken, leerte den Becher, wen⸗ dete ſich dann mit anmuthiger Verneigung zur Geſell⸗ ſchaft, ging einen Schritt auf die Thür zu und ſagte: „Der Herzog von Orleans iſt vorübergekommen, Madame, wenigſtens begegnete uns ſeine Begleitung, als wir hier vor den Thoren waren. Herr Abt, ich ſage Euch meinen beſten Dank für Eure Gaſtfreund⸗ ſchaft. Lebt wohl, meine Damen!“ 4 Indem er an Madame de Giac vorüberging, fügte er mit leiſem Geflüſter hinzu, welches indeſſen Jean Charoſt's Ohren erreichte, welcher ihm folgte: „In Paris alſo.“ Die Dame gab keine laute Antwort, aber ihre Augen ſprachen deutlich genug und ſagten nach Jean Charoſt's Anſicht nur zu viel. Der dienende Bruber öffnete die Thür des Zim⸗ mers, um die Gäſte hinaus zu laſſen, und er hatte ſie noch nicht geſchloſſen, als der Name des Herzogs von Orleans von mehr als einer Stimme wiederholt wurde und ein heiteres Lachen erfolgte. Der Herzog eilte am Arme ſeines jungen Beglei⸗ ters fort; und obgleich das Lächeln noch eine Weile ſeine Lippen umſchwebte, ſo war es doch verſchwunden, ehe ſie die Kloſterpforten erreichten. Nach und nach verſank er in tiefes Nachdenken, welches währte, bis 12* 180 ſie beinahe Juviſy erreicht hatten. Dann aber raffte er ſich auf und ſagte mit plötzlichem Lachen: „Ich denke zuweilen, die Menſchen, die ſich dem Vergnügen hingeben, ſind wahnſinnig, de Brecy.“ „Ich denke auch ſo, Hoheit,“ verſetzte Jean Charoſt. Der Herzog ſtutzte und ſah ihm plötzlich in's Geſicht; aber Alles war ruhig und einfach dort und nach augenblicklichem Schweigen verſetzte der Prinz: „Nur zu wahr, mein junger Freund, nur zu wahr! Zuweilen haben ſie einen hellen Augenblick voll hoher Vorſätze und guter Entſchlüſſe. Sie ſehen Licht, Wahrheit und Wirklichkeit auf einige kurze Stunden, wo dann plötzlich ein Zufall, eine Kleinig⸗ keit den Wahnſinn zurückführt und Alles wieder Dun⸗ kelheit und Täuſchung iſt. Ich habe von einer Brücke von zerbrochenem Porzellan gehört— und eine ſolche iſt das Leben eines vergnügungsſüchtigen Menſchen. Die Brücke, über die ſein Weg von der Zeit zur Ewigkeit liegt, iſt von gebrochenen Entſchlüſſen ge⸗ baut, und er ſelber der Architekt.“ „Ein ſchwaches Gebäude, um damit den Himmel zu erreichen,“ entgegnete Jean Charoſt;„und mich dünkt, einige ſtarke Querbalken würden uns ſicherer zum Glück führen.“ „Wo kann man die finden?“ fragte der Herzog. — 181 „In einem ſtarken Willen,“ antwortete Jean Charoſt. Der Herzog ſann einige Augenblicke nach, ver⸗ änderte dann plötzlich die Unterredung und ſagte: „Wer war das Mädchen, mit der Ihr ſprachet?“ „Ich weiß es in der That nicht, Hoheit,“ ver⸗ ſetzte Jean Charoſt.„Sie ſagte, ſie gehe unter dem Geleit des Herrn und Frau von Giac nach Beaugeney.“ „O! dann weiß ich es,“ entgegnete der Herzog. „Es iſt die ſchöne Agnes, von welcher meine gute Tante ſprach. Sie ſagt, ſie habe einen Verſtand, der weit über ihre Jahre gehe. Fandet Ihr es ſo?“ „Ich kann es nicht ſagen,“ verſetzte Jean Charoſt, „denn ich weiß ihr Alter nicht. Sie ſchien noch ein ſehr junges Mädchen zu ſein, und doch ſprach ſie, als hätte ſie viel und tief nachgedacht.“ „Da paßtet Ihr zu einander,“ ſagte der Herzog heiter. In dieſem Augenblicke kamen einige von ſeinen Begleitern herbei und die Unterredung wurde für jetzt unterbrochen. Zwölftes Kapitel. Die Dämmerung eines ſchönen Winterabends erfüllte die Luft, als der Zug des Herzogs von Orleans ſich ſeinem Schloſſe Beauté näherte. Auf einem hohen Ufer ſtehend, an deſſen Fuße der Fluß dahinſtrömte, und die letzten roſigen Strahlen auffangend, die noch am Himmel verweilten, obgleich die Sonne unterge⸗ gangen war, ſtellte das Haus mehr einen großartigen, als angenehmen Anblick dar, obgleich es von der Verbindung ſchöner Formen und reicher Dekorationen mit den Vertheidigungswerken, die damals für alle Landhäuſer nöthig waren, den Namen Beauté (Schönheit) entlehnte. Die Sänfte war in Juviſy ausgebeſſert worden und der Herzog hatte ſie wieder eingenommen; als aber der Zug die Anhöhe zu dem Schloſſe hinauf ritt, ſtreckte der Prinz den Kopf her⸗ aus und befahl dem nächſten ſeiner Begleiter, Lomelini zu ihm zu rufen. 183 „Ich bin krank, Lomelini,“ ſagte er, als der Haushofmeiſter herbeigeritten kam.„Ich bin krank. Reitet voran und beſorgt, daß mein Schlafzimmer in Ordnung gebracht werde.“ „Wäre es nicht beſſer, Jemand zurückzuſchicken, um den Arzt Eurer Hoheit herbei zu holen?“ fragte Lomelini.„Es iſt ſchade, daß wir ihn in Paris zurückgelaſſen haben.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Prinz.„Laßt ihn bleiben, wo er iſt. Er überſchüttet mich mit ſeinem Geſpräch von allen möglichen Krankheiten, mit ſeinen Berechnungen des Mondes und ſeiner Benutzung⸗ glücklicher Stunden. Dies iſt nur eine unbedeutende Krankheit.— Ueberdies iſt der Mann in Corbeil da. Er kann auch einen Aderlaß anwenden oder ein küh⸗ lendes Getränk bereiten.“ Sobald der Zug auf dem Hofplatze des Schloſſes angekommen war, begob ſich der Herzog ſogleich, auf Lomelini's Arm geſtützt, der ganz Aufmerkſamkeit und demüthige Ergebenheit war, auf ſein Zimmer. Die Uebrigen zerſtreuten ſich nach verſchiedenen Richtungen, da die meiſten der Gegenwärtigen ſehr wohl wußten, wohin ſie gehen ſollten, und jeder den Ort auſſuchte, an den er gewöhnt war. Jean Charoſt wußte indeſſen nicht, wo er logiren ſollte; und jetzt kamen die Fähigkeiten ſeines neuen Dieners Martin Grille zum erſtenmal zur An⸗ 184 wendung. Seine Pferde waren in einer Minute im Stalle, ob an dem rechten Platze oder nicht, darnach zu fragen, ließ ſich Martin nicht Zeit, und ſobald das geſchehen war, eilte der gute Mann, die Verlegenheit eines unerfahrenen Herrn errathend, bald hier⸗, bald dorthin und erlangte von den verſchiedenen Dienern und Pagen viel Auskunft über das Schloß und die dort herrſchenden Gewohnheiten. Er fand Jean Charoſt in einer großen Halle, in die man durch den Haupteingang gelangte, auf⸗ und abgehend. Der Sekretair war in ſo tiefem Nachden⸗ ken, daß er keine von den Perſonen zu bemerken ſchien, die geſchäftig an ihm vorübergingen. Seine Träumerei war tief— ja noch mehr, ſie war auch nicht ganz angenehm. Wer verweilt nicht während der Sorgen und Bekümmerniſſe des reiferen Lebens und blickt mit Sehnſucht zu den ruhigeren Tagen der Kindheit zurück, begleitet ſie mit phantaſtiſchen Er⸗ innerungen an Freuden und Beluſtigungen und be⸗ gräbt die Mühen und Sorgen, die zur Zeit ſchwer erſchienen, in Vergeſſenheit? Die beiden Geiſter, die im Menſchen ſind, üben in der That nie ihren Ein⸗ fluß in ſtärkerem Gegenſatze aus, als indem ſie zu dem Wunſche nach Frieden und Thätigkeit beſtimmen. Jean Charoſt war in dem Augenblicke mit dem fruchtloſen Vergleiche der Lage beſchäftigt, worin er ſich in der letzten Zeit befunden. Der ruhige Gang 185 des gewöhnlichen Geſchäfts, die tägliche Beſchäftigung, freilich ein wenig einförmig, aber ohne Aengſtlichkeit oder Erwartung, die friedlichen Stunden, die er zum Studium, zum Nachdenken oder zur Bewegung an⸗ wenden konnte, wenn er von dem Dienſte eines nicht zu viel fordernden Herrn befreit war, nahmen jetzt, da ſein Ehrgeiz befriedigt war und er den Weg zur Ehre und zum Glücke betreten hatte, ein neues und außerordentliches Intereſſe in ſeinen Augen an. Nicht als wäre er des Dienſtes des Herzogs von Orleans überdrüßig geworden— nicht als hätte er die empfangenen Gunſtbezeugungen oder die Freundlichkeit, womit er behandelt worden, nicht gehörig geſchätzt. Aber der Blick zurück und der Blick vorwärts machen einen großen Unterſchied in unſerer Schätzung der Ereigniſſe und Umſtände; und er empfand jene voll⸗ ſtändige Würdigung der Vergangenheit, welche nur das Vergangene zu gewähren vermag. Wenn er aber einen Punkt aufſuchen wollte, worin er getäuſcht wor⸗ den, ſo fand er es ſchwierig. Aber es lag in dem Ganzen etwas, was in ſeiner Bruſt ein allgemeines Gefühl der Niedergeſchlagenheit erregte. Es war eine Empfindung der Aengſtlichkeit hinſichtlich Deſſen, was ihn umgab. Ein düſterer Nebel der Ungewißheit ſchwebte über dem Ganzen, der für ſeinen Geiſt, der das Tageslicht liebte, ſehr ſchmerzlich war. Die Hälfte von dem, was er ſah oder hörte, verſtand er 186 nicht. Die Menſchen ſchienen eine fremde, ihm unbe⸗ kannte Sprache zu ſprechen, und ein geheimnißvolles Drama aufzuführen, deſſen Sinn ihm erſt am Schluſſe entwickelt werden ſollte. Er ſann über alle dieſe Dinge nach und fragte ſich, wie er in ihrer Mitte handeln ſolle, als Martin Grille ſich näherte und ihm in leiſem Tone Alles mit⸗ theilte, was er entdeckt, und ſich erbot, ihm zu zeigen, wo ſich die Zimmer des Sekretairs befänden. „Aber kann ich gewiß ſein, daß dieſelben Zimmer für mich beſtimmt ſind?“ fragte Jean Charoſt. „Nehmt ſie immerhin ein, Herr,“ antwortete Martin Grille;„das heißt, wenn ſie gut ſind und für Euch paſſen. Die einzige Eigenſchaft, die bei Hofe nicht geſchätzt wird, iſt die Beſcheidenheit. Es iſt immer beſſer zu ergreifen, was man bekommen kann; und bei der Schwierigkeit, Euch aus dem Beſitze zu verdrängen, wird man Euch meiſtens gern laſſen, was Ihr in Beſchlag genommen habt. Signor Lomelini iſt noch beim Herzoge, daher könnt Ihr ihm keine Fragen vorlegen. Ihr müßt irgendwo einquartiert werden; darum iſt es beſſer, wenn Ihr Euch ſelber einquartiert.“ Jean Charoſt hielt den Rath für gut, beſonders da die Nacht jetzt angebrochen war und nur ein einzi⸗ ger Wandleuchter Licht verbreitete, außer wenn Je⸗ mand mit einer Lampe vorüberging. Er folgte Mar⸗ tin Grille daher und ging gerade hinaus, als Juvenel de Royans und ein anderer junger Mann von glei⸗ chem Alter durch dieſelbe Thür herein kamen, durch die er hinaus ging. Beim Anblick des jungen Sekretairs zog ſich de Royans mit einem Blicke affektirter Ehrerbietung zurück, verneigte ſich tief und brach dann in ein lan⸗ tes Lachen aus. Jean Charoſt ſah ihn mit kaltem, unbewegtem Blicke an, der vielleicht Ueberraſchung, aber Nichts weiter, ausdrückte, und ging dann vor⸗ über. „Dieſe Herren werden ſich noch in Verlegenheit bringen,“ ſagte Martin Grille.„Dieſer Herr von Royans iſt bereits tief im ſchwarzen Buche.“ „Nicht tiefer, als er es verdient,“ antwortete Jean Charoſt;„aber vielleicht werden ſie finden, daß ſie ein Verſehen begangen haben.“ „Ah, mein guter Herr, zankt nie mit einem Hofmanne,“ ſagte der Diener.„Sie gleichen vorſich⸗ tigen Fechtern und verſuchen, einen Mann in Leiden⸗ ſchaft zu bringen, damit er nicht auf ſeiner Hut ſein möge. Aber hier ſind Eure Zimmer am Ende dieſes Ganges. Jene Thür iſt der hintere Eingang zu den Zimmern des Herzogs; der vordere Eingang iſt in dem anderen Gange.“ Mit einigem noch übrigen Zweifel nahm Jean Charoſt von den Zimmern Beſitz, welche er noch be⸗ 188 quemer fand, als die, welche er in Paris bewohnt hatte; und mit Martin Grille's Hülfe war bald Alles in Ordnung gebracht. Die Stunde des Abendeſſens kam bald und er ging zu der allgemeinen Tafel hinunter, wo Monſieur Blaize ihm einen Platz aufbewahrt hatte; doch be⸗ merkte er eine ſeltſame Kälte in dem Benehmen Aller. Selbſt der alte Stallmeiſter war ein wenig fremd und zurückhaltend; und erſt viel ſpäter entdeckte Jean Charoſt, welche Bosheit jede Gunſtbezeigung eines Fürſten erregen und welche Lügen eine ſolche Bosheit erzeugen kann. Sein Verſuch, die Pferde vor der Sänfte anzuhalten, war als eine Handlung der unver⸗ ſchämten Zudringlichkeit von allen Denen ſchwer getadelt worden, die es ſelber zu thun bemüht geweſen; und Alle ſtimmten, ungeachtet der Behauptung des Herzogs ſelber, darin überein, daß der Verſuch nur dazu ge⸗ dient habe, eins von den Pferden umzuwerfen. Der Einzige, der bei der Tafel ſich freundlich gegen ihn zeigte, war der Pater Pierre; aber der gute Kaplan konnte ſeinem jungen Freunde nur wenig von ſeiner Unterhaltung zu Theil werden laſſen, denn er war während der ganzen Mahlzeit die Zielſcheibe der Witze des Hofnarren, worauf zu antworten er ſich nicht enthalten konnte, obgleich er in dem Kampfe be⸗ ſtändig geſchlagen wurde. Alle waren indeſſen er⸗ müdet und begaben ſich bald zur Ruhe, mit Ausnahme 189 Jean Charoſt's, der noch zwei oder drei Stunden in ſeinem Zimmer ſaß und ſich einen Plan entwarf, um ſich ſo weit wie möglich vor allen kleinen Beläſtigun⸗ gen zu ſchützen. „Ich will in dieſem Haushalte ſo viel wie mög⸗ lich für mich leben,“ dachte er.„Ich will meinen eigenen Unterhaltungen nachgehen, wenn ich nur ent⸗ decken kann, zu welcher Zeit der Herzog wahrſchein⸗ lich meiner bedürfen wird. Wer meine Geſellſchaft wünſcht, ſoll dieſelbe ſuchen, und ich will mich von jeder Vertraulichkeit fern halten. Ich will mich be⸗ mühen, jedem Streite auszuweichen, wenn ich aber dazu genöthigt werde, will ich mich bemühen, zu machen, daß mein Gegner es bereuen ſoll.“ Zu einer frühen Stunde am folgenden Morgen ging der junge Mann, um nach dem Befinden des Herzogs zu fragen, und erfuhr von einem der Die⸗ ner, die an der Thür ſtanden, daß er eine ſchlechte und ſieberhafte Nacht gehabt habe. „Ich habe Befehl, Euch zu ſagen, wenn Ihr Euch einfändet,“ ſagte der Mann,„daß Seine Hoheit Euch um drei Uhr dieſen Abend bei ſich zu ſehen wünſcht, aber nicht früher Eurer bedarf.“ Dieſe Ankündigung war eine Beruhigung für Jean Charoſt, und in ſein Zimmer zurückkehrend, wo er Martin Grille verlaſſen, ſagte er ihm, er möge beide Pferde zu einem weiten Ritte ſatteln. —— 190 „Vor dem Frühſtück, Herr?“ fragte der Diener. „Ja, ſogleich,“ entgegnete der junge Sekretair. „Wir wollen irgendwo frühſtücken, Martin, und auch irgendwo zu Mittag ſpeiſen; aber ich wünſche die Gegend in Augenſchein zu nehmen, welche ſchön genug erſchien, als wir hieher kamen.“ „Sehr weiß, Herr,“ entgegnete Martin Grille. „Indeſſen wird es beſſer ſein, wenn Ihr einige Waffen mitnehmt, denn wir möchten die Landſtraße verfehlen, da wir durchaus nicht mit der Gegend bekannt ſind, und dieſe Nachbarſchaft nicht im beſten Rufe ſteht.“ Jean Charoſt lachte nur über ſeine Furcht, und ehe eine halbe Stunde vorüber war, ſaßen ſie bereits zu Pferde und ritten davon. Der Morgen war ungeachtet des ſcharfen Froſtes heiter und angenehm. Kein Lüftchen bewegte die Bäume und die Sonne ſchien heiter, obgleich ihre Strahlen keine Wirkung auf den Schnee hervorbrach⸗ ten. Es war auch ein Schweigen über die ganze Scene ausgebreitet, ſobald ſie die unmittelbare Nähe des Schloſſes verlaſſen hatten, welches für Jean Charoſt's Gefühle ſehr angenehm war, da er ſich mehrere Monate in der drückenden Atmoſphäre einer Stadt befunden hatte. Von dem langſamen Schritte trieb er ſein Pferd zu einem raſcheren Trabe an, und als er endlich den Wald hinter ſich hatte, der das Schloß umgab und die Straße ſich auf der abgerun- 191 deten Seite des Hügels erweiterte, ſchien ſich ſein Herz wieder den Freuden der Knabenjahre zu öffnen, und er ritt in wildem Galoppe über den faſt ebenen Boden dahin. 1 Martin Grille kam ſchnaubend nach. Er war keiner der beſten Reiter, und wenn er ſich gleich ziem⸗ lich feſt auf dem Rücken ſeines Pferdes hielt, ſo war er doch ſehr erſchüttert. Jener muntere Galopp äußerte indeſſen eine mächtige Wirkung auf den guten Lakai. Schlechte Reiter haben immer eine große Ehr⸗ furcht vor guten Reitern. Martin Grille's Achtung vor den Talenten ſeines Herrn war vorher nur gering geweſen, nur weil ſeine eigene weltliche Erfahrung, ſeine vertraute Kenntniß mit allen Ränken und Schlichen und die unbefangene Unverſchämtheit und Fruchtbarkeit an Hilfsmitteln, die er als das erbliche Recht eines Pariſers der niederen Klaſſe beſaß, ihn in den Stand geſetzt hatte, ſeinen Herrn in tauſend Kleinigkeiten, die ihn in Verlegenheit ſetzten, weil er nicht daran gewöhnt war, Rath und Beiſtand zu er⸗ theilen. Aber jetzt, als er ſah, wie leicht er das ſtarke Pferd beherrſchte, wie graziös er daſaß und mit wel⸗ cher freudigen Heiterkeit er dahineilte, während er ſelber ſich nur mit aller Mühe im Sattel hielt, fühlte er ſich ihm weit untergeordnet, was bisher noch nie der Fall geweſen. 1 Endlich hielt Jean Charoſt an, ſah ſich um und 19² lächelte, und Martin Grille rief in halb kläglichem, halb lachendem Tone, als er angeritten kam: „Schonet meiner, Herr, ich bitte Euch, ſchonet meiner! Ihr vergeſſet, daß ich an einen ſo wilden Ritt nicht gewöhnt bin. Jeder Menſch benimmt ſich linkiſch in einer neuen Lage; und obgleich ich im lang⸗ ſamen Schritte gut fortkomme, wenn mein Pferd nicht ausſchlägt oder ſtolpert, ſo würde es mir doch lieb ſein, wenn es mir wenigſtens auf vierzehn Tage er⸗ ſpart wäre, über die Hügel dahin zu galoppiren, bis ich mit meinem Pferde beſſer bekannt bin.“ „Nun, nun,“ antwortete ſein Herr,„wir wollen ein wenig langſamer reiten, doch müſſen wir von Zeit zu Zeit wieder traben, damit der Schnee um uns her fliegt. Wir wollen gerade auf das Dorf zureiten, wo der Kirchthurm an der entgegengeſetzten Seite hervor⸗ ragt.“ „Es liegt ein dichter Wald zwiſchen uns und dem Dorfe,“ ſagte Martin Grille. „Ohne Zweifel führt ein Weg hindurch,“ ant⸗ wortete ſein Herr. Und ohne weitere Verhandlung ritt er vorwärts. Der Wald, der ein Theil des großen Waldes von Corbeil war, lag in der Vertiefung zwiſchen zwei Hügelreihen, und auf einer dieſer Erhöhungen hatte er und ſein Herr geſtanden. Der Wald war tiefer, größer und verwickelter als Jean Charoſt von der 193 Höhe aus geglaubt hatte, obgleich er hoch genug ge⸗ ſtanden, um darauf wie auf eine Karte hinunter zu blicken. Als er aber ſein Pferd dorthin lenkte, ſah er viele Spuren von Pferden, Ochſen und Karren auf dem Wege, welche zeigten, daß ſchon viele Perſonen und Fuhrwerke denſelben paſſirt hatten, ſeitdem der Schnee gefallen war; und hätte er bemerkt, daß ſein Diener wirklich Furcht empfand, ſo würde er nur dar⸗ über gelacht haben. Als er in den Wald trat, zeigte ihm der Schnee am Boden durch die kahlen Stämme der Bäume und die braunen Zweige des Unterholzes anfangs jeden Gegenſtand zu beiden Seiten, bis auf mehrere Schritte in das Gebüſch hinein. Selbſt die Fußſpuren der Haſen und Rehe waren zu ſehen, und Jean Charoſt, der in ſeinen Knabenjahren die Jagd fleißig getrieben hatte, hielt an einer Stelle an, wo die Büſche nie⸗ dergebrochen waren, machte ſeinen Diener auf die Spuren aufmerkſam und ſagte: „Hier iſt ein Eber hindurchgegangen.“ Eine Strecke weiter wurde der Wald dichter und jetzt kamen Buchen nach den Eichen, und unter den⸗ ſelben befand ſich ein dichtes Unterholz, in welches man kaum zwei Schritte hineinblicken konnte. Hie und da ſtand auch Immergrün, welches auf ſeinen ſtämmigen, verkrüppelten Aeſten manche ſchwere Schnee⸗ maſſe trug. An einer Stelle des Weges befand ſich 4 13. 2 Agnes Sorel. I. f eine feſte Eismaſſe, die einige Wochen vorher einen „ kleinen Bach gebildet hatte, und etwa zwanzig Schritte weiter ein größerer Bach von ſchönem, klarem Waſſer, ohne eine Eisſpur, mit Ausnahme eines ſchmalen Eis, ſaumes an beiden Ufern. Hier hielt Jean Charoſt ſein Pferd an und ließ das Pferd ſeinen Kopf herunter beugen, um zu trin⸗ ken. Martin Grille that es gleichfalls; aber im näch⸗ ſten Augenblicke vernahmen ſie Stimmen in einiger Entfernung zur Linken. „Horch, horch!“ flüſterte Martin Grille.„Es ſind Leute im Walde— recht in der Mitte des Waldes.“ „Nun, wo wollteſt Du denn anders Holzhauer finden, als im Walde?“ fragte Jean Charoſt.„Du wirſt ſogleich ihre Aexte hören.“ „Ich hoffe, wir werden ſie nicht fühlen,“ ent⸗ gegnete Martin Grille in demſelben leiſen Tone. „Ich behaupte, die einzige ſchöne Waldſeene, die ich geſehen, war am Kamin, wenn das Holz brannte.“ „Sie haben ein Feuer dort,“ ſagte Jean Charoſt vorwärts deutend.„Siehſt Du nicht den blauen Rauch, der ſich durch die Bäume in die klare Luft erhebt?“ „Ich ſehe ihn freilich,“ verſetzte Martin Grille. „Bitte, laßt uns umkehren, mein Herr. Es iſt nicht halb ſo hübſch, wie ein rauchender Schornſtein.“ „Ziſt Du ein Feigling?“ fragte Jean Charoſt, ſich heftig zu ihm umwendend. „Ja, Herr, ein verzweifelter Feigling,“ verſetzte Martin ſanft.„Ich habe einen Onkel, der für die ganze Familie ſicht.“ „Dann bleib, wo Du biſt, oder kehre um, wenn Du willſt,“ ſagte ſein Herr.„Ich werde weiter gehen und ſehen, was dieſe Leute vorhaben. Kehre Du lie⸗ ber zurück, wenn Du Dich fürchteſt.“ „Ja, Herr— nein, Herr,“ verſetzte Martin Grille,„ich fürchte mich freilich ſehr, aber ich will doch nicht zurückkehren. Ich will bei Euch bleiben und wenn mir der Kopf zerſchlagen würde, und daran iſt nicht viel gelegen.“ Jean Charoſt ritt lächelnd weiter, bemitleidete die Furcht des Mannes und hielt ſie für völlig eitel und thöricht. Sein Geburtsort war bisher den Heim⸗ ſuchungen entgangen, die ſeit Jahren die Nachbarſchaft von Paris verwüſtet hatten. Dort war zu wenig zu plündern für die Räuberbanden; und während der Diener bei den täglichen Nachrichten von den verüb⸗ ten Grauſamkeiten jeden Buſch für einen Dieb hielt, konnte ſein Herr ſich kaum vorſtellen, daß irgend eine Gefahr vorhanden ſein könne, durch einen Wald zu reiten, der weniger als eine halbe Stunde von dem Schloſſe des Herzogs von Orleans entfernt war. Er ritt daher in voller Zuverſicht funfzig oder 13* E 196 ſechszig Schritte weiter, dann aber hielt er plötzlich an und gab ſeinem Diener ein Zeichen mit der Hand, ebenfalls anzuhalten. Martin Grille wäre beinahe aus dem Sattel geſchleudert worden, weil ſein Herr ſo plötzlich Halt machte, und ſtieß einen kurzen Aus⸗ ruf aus, ſo daß Jean Charoſt mit ungeduldiger Ge⸗ berde flüſterte: „Still!“ Er hatte nämlich von der Richtung, wo der Rauch aufſtieg, Töne gehört, die ihm ein wenig be⸗ unruhigend waren. Es war ein lſterlicher Fluch, der in jenen Tagen nicht ſelten von Soldaten gehört wurde und oft den Lippen der Könige nicht fremd war; doch ſchien es nicht wahrſcheinlich, daß Bauern oder Holzhauer denſelben ausſprechen ſollten. Er horchte wieder; es wurden noch mehr Worte von ähnlicher Bedeutung ausgeſprochen. Es war ein⸗ leuchtend, daß man die Annäherung von Reitern auf dem Schnee gehört, und daß die Perſonen im Walde, wer ſie auch ſein mochten, ſich ſehr frei und in nicht ſehr gewählter Sprache unterredeten. Jean Charoſt empfand Neugierde, denn er war durchaus nicht ohne Fehler; und ſich raſch von ſeinem Pferde werfend, gab er Martin Grille den Zügel und ſagte leiſe: „Hier, halte mein Pferd; ich will mich über⸗ zeugen, was dieſe Leute vorhaben. Wenn Du Gefahr — ſiehſt— und Du haſt mir den Gedanken daran in den Kopf geſetzt— ſo kannſt Du mir entweder das Pferd wiederbringen oder ſo ſchnell Du kannſt nach dem Schloſſe Beauté reiten und ſagen, was ge⸗ ſchehen iſt.“ „Ich will Beides thun, Herr,“ ſagte Martin Grille, deſſen Kopf von Furcht ſehr verwirrt war. „Das heißt, ich will Euch das Pferd erſt bringen und dann fortreiten. Aber ich ſehe jetzt Gefahr. Wollt Ihr nicht lieber wieder aufſitzen?“ Jean Charoſt ging lachend weiter; aber nach⸗ dem er zehn oder funfzehn Schritte gegangen war, wendete er ſich zu den Büſchen und ſchritt zwiſchen zwei ungeheuren Buchen hindurch. Martin Grille ſah ihm nach und beobachtete ihn einige Augenblicke, als er ruhig und langſam auf den Rauch zuging, der noch von der Stelle, wo ſich der Diener befand, deutlich zu ſehen war. Es iſt nicht zu läugnen, daß Martin's Herz ſehr raſch und unangenehm ſchlug, ebenſo ſehr für ihn ſelber, wie für ſeinen Herrn; und als die Dornenge⸗ büſche Jean Charoſt's Geſtalt mehr und mehr ver⸗ bargen, gab er ihn verloren und fühlte, daß er eine größere Neigung für ihn empfinde, als er vorher ge⸗ glaubt. Er war ungeachtet ſeiner Furcht ſehr geneigt, ſich ein wenig weiter zu nähern, und er überlegte eben, ob er es thun ſolle oder nicht, als jeder Zwei⸗ 198 fel und Bedenken durch einen lauten Zuruf, ſowie durch heftige Flüche aus dem Walde aufgehoben wurde. Die Natur behauptete ihr Recht. Martin Grille lenkte heftig um, ſchlug ſeinem Pferde die Sporen in die Seiten und hielt nicht eher an, als bis er das Thor des Schloſſes erreichte. Auf ſeinen Bericht wurde ſogleich eine Abthei⸗ lung Bewaffneter zuſammengebracht. Der gute Herr Blaize ſtellte ſich an ihre Spitze, ohne Helm oder Bruſtharniſch zu ſuchen, und Martin Grille ſehr wider ſeinen Willen nöthigend, mit ihnen zu gehen, eilten ſie in der angedeuteten Richtung über den Hügel da⸗ hin und zu dem Saume des Waldes hinunter. Sie hatten denſelben indeß noch nicht erreicht, als ſie zu ihrer allgemeinen Ueberraſchung Jean Charoſt auf ſich zu⸗ kommen und etwas auf den Armen tragen ſahen. Als er ſich weiter näherte, ſahen ſie mit Erſtaunen, daß ſeine Laſt ein kleines Kind in koſtbaren, langen Klei⸗ dern war. Ende des erſten Bandes. Druck von Oswald Kollmann in Rochlit. anrnnfffsffnfffffffſnffn 6 7 8 9 10 11 12 13 14 1 5 1