— — 4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 von 3 Eduard Otftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 ÜUhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Nücküale eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterleden, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und A beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1„ 1— 17„—„ 1„ 5. Auswüärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wirt beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Heidelb erg. WM Ein Roman von G. P. K. James. a Aus dem Engliſchen ü berſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Dritter Band. Meeee Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. „„ 1 347. Heidelberg. Dritter Band. Erſtes Kapitel. Algernon Grey ſprach einige leiſe Worte an der Thüre des großen Zimmers, wo er gewartet, um den Willen der Königin von Böhmen zu erfahren, er drückte ihr ſanft die Hand und zog dann mit nnwiderſtehlichem Antriebe, der Vorbedacht, Vernunft und Entſchluß be⸗ meiſterte das liebenswürdige Mädchen, welches neben ihm ſtand, ſanft an ſeine Bruſt und drückte ſeine Lippen auf die ihrigen. Kein menſchliches Weſen war im Corridor zu ſehen, der nur von einer matten Lampe erhellt war, und doch machte ſein Herz ihm Vorwürfe, und er ſagte: „Verzeiht mir, Agnes, verzeiht mir, Theuerſte! Ein ſolcher Augenblick und folche Ereigniſſe dürfen wohl ein Zeichen ewiger Zärtlichkeit, da Ihr mir ſo theuer ſeid, entſchuldigen.“ „Ich verzeihe Euch, Algernon,“ ſagte Agnes, ſehr blaß werdend.„Aber o, thut es nicht, thut es nicht wieder!“ . — 6— „Ich will Euch ſpäter, wenn ich Euch mein ganzes Herz offen darlegen kann, noch ein Mal um Verzeihung 9 zeihung bitten,“ antwortete Algernon;„dann, denke ich, werdet Ihr mir verzeihen, wenn Ihr den ſchrecklichen Kampf ſeht, der mich ſo lange aufgeregt hat.“ „Ja,— ich bin gewiß, ich werde Nichts zu verzeihen haben,“ erwiderte ſie.„Aber doch dürft Ihr dies nicht wieder thun; denn wenn Ihr es thut, werde ich Zweifel und Furcht empfinden.“ „Fürchtet Nichts,“ antwortete Algernon Grey, ihre Hand zu ſeinen Lippen erhebend.„Bei meiner Ehre, bei meiner Treue, ich will Euch keine Veranlaſſung zum Zweifel oder zur Furcht gewähren.— Nein, nein, Agnes, Ihr könnt nicht an mir zweifeln.“ „Ich zweifle auch nicht,“ ſagte ſte, ihre Hand auf die ſeine legend.„O nein, ich bin gewiß, Ihr ſeid edel und gut.— Lebt wohl, lebt wohl!— Wir ſcheiden in einem ſchrecklichen Augenblick. Setzt Euch nicht zu unbe⸗ ſonnen der Gefahr aus, ſondern kehrt ſiegreich zurück, wenn es möglich iſt, und wenn nicht, ſo kehrt dennoch zurück, um die arme Agnes Herbert im Augenblick der Gefahr und Noth zu beſchützen.“ Er antwortete nicht, ſondern küßte wiederholt ihre Hand, wendete ſich dann von ihr weg und ſchritt durch den weiten Corridor zu der großen Treppe hin. Er glaubte ein leiſes Lachen vom andern Ende des 1 Ganges her zu hören, aber ſein Geiſt war nicht in dem Zuſtande, auf Kleinigkeiten zu achten, und indem er raſch hinunterſtieg, befand er ſich im nächſten Augen⸗ blicke unten in dem weiten Vorſaale. Alle Diener und Hofbeamten waren abweſend. Die beiden großen Stühle, worin die Thürhüter zu ſitzen pflegten, waren leer; der große Tiſch, woran die Pagen und die Lakaien ihre Bechahe Spiele ſpielten, zeigte nicht ein einzi⸗ ges Geſicht, welches den kürzeſten Weg zum Laſter und zur Thorheit lernte. Algernon Grey ging raſch vorüber, als er hörte, wie in einer Seitenthüre eine wohlbekannte Stimme ſeinen Namen ausſprach. „Ei, Algernon!“ rief William Lovet, und als der junge Engländer ſich umwendete, konnte er deutlich den Fuß einer ſchmalen Treppe durch die Thüre ſehen, in welcher Lovet ſtand.„Ei, Algernon, Du hier? Du, ein Mann der Fehden und Schlachtfelder, ein Verächter der Liebe und aller ſüßen Genüſſe— Du, innerhalb der ſeidenen Schranken eines Hofes, wo der Stern der Schön⸗ heit vor allen andern herrſcht; wo Eros die eine Seite des Hauſes und Bacchus die andere Seite bewohnt! Die Wunder werden nicht aufhören! Ich werde noch erleben, daß der alte Chriſtian von Anhalt in einem geſchmück⸗ ten Ballſaal mit Amalie von Solms tanzt, oder der Prinz von Hohenlohe ſich mit ſanftem Lächeln auf ſei⸗ ner kriegeriſchen Lippe mit unbeſpornten Füßen auf ſei⸗ = 8— nen Zehen herumdreht. Im Namen des Glücks! Was führt Dich hieher?“ 5„Geſchäfte, mein guter Vetter,“ antwortete Alger⸗ non Grey;„und da es nicht meine Geſchäfte ſind, ſo muß das Geheimniß in meiner Bruſt verſchloſſen bleiben.“ „Gut,“ antwortete Lovet,„außerordentlich gut. Ich mögte keine Unze zu meiner Rüſtung hinzufügen, für alle Geheimniſſe, die je geſponnen worden. Ich bin weder ein großer General, noch ein großer Diplomat, 4 dem Himmel und ſeinen Sternen ſei Dank! Ich kann feechten und den Hof machen, ein Kartenſpiel mit einem betrügeriſchen Gegner ſpielen, ſtark mit dem Würfelbe⸗ Wher raſſeln und doch Sechſen werfen; aber ich weiß Nichts von dem Geſchäfte der Unterhandlungen, Gott ſei Dank! Deeine ſchweigſame Tugend, Dein Hut auf dem linken 1 Ohr, der aufwärts gedrehte Schnurrbart, die Feder, die Dein rechtes Auge halb verbirgt, die Stiefeln von loh⸗ farbigem Leder, ein ungeſchmücktes Wamms und ein Schwert, lang genug für Don Pedro von Spanien, verleihen Dir alle erforderlichen Eigenſchaften zu einem unerforſchlichen Geſandten; und die Götter wollen ver⸗ hüten, daß ich mich in die Sache miſche oder die grüne Deecke auf dem ſtehenden Pfuhl Deiner Diplomatie auf⸗ rühre.— Aber wohin ſo raſch? Du ſcheinſt es eilig zu zu haben, da dieſe Nacht Jeder ſeine Zeit müßig hin⸗ bringt, bei Weinbechern, bei Ochſenbraten, bei glänzen⸗ den Augen und lieblichem Lächeln, indem er denkt, daß dieſe vergängliche Zeit in der Börſe der Zukunft nur ſparſam ſein mögte und daß es nur weiſe iſt, das Geld zu benutzen, ehe alles ausgegeben iſt.“ „Ich kehre in aller Eile ins Lager zurück,“ ant⸗ wortete Algernon Grey.„Es geht dort nicht ſo gut, wie man wohl wünſchen könnte, und überdies iſt es ſpät.“ „Nicht zu ſpät, um einen Gang um die Wälle zu machen,“ ſagte Lovet in ernſterem Tone, als er bisher angewendet.„Es iſt wohl der Mühe werth, mein edler Vetter, nachzuſehen, was dort vorgeht.“ „Es wird viel Zeit koſten,“ antwortete ſein Ge⸗ fährte, etwas betroffen von ſeinem veränderten Weſen; „und bei gegenwärtiger Lage der Dinge werden wir von jeder Schildwache, der wir begegnen, angerufen und an⸗ gehalten werden.“ „Fürchte Nichts,“ antwortete Lovet mit leichtem Lächeln,„ich bin genau bekannt mit jeder Wache, die Du auf den Wällen treffen wirſt; und ich wiederhole Dir, guter Vetter, daß es wohl der Mühe werth iſt, wenigſtens für Dich, der Du Deinem Freunde, dem General, Bericht erſtatten kannſt, mit dem Auge eines Soldaten die Vorbereitungen zu ſehen, die man auf der ſogenannten kleinen Seite der Stadt Prag getroffen; denn, da wir morgen oder übermorgen eine Schlacht zu erwarten haben, und der Chriſtian von Anhalt es im Nothfall für gut halten dürfte, ſich in die Stadt zurück⸗ zuziehen, ſo iſt es nicht mehr als recht zu wiſſen, wie es in der Stadt ausſieht. Prag iſt ein wunderbarer Ort und ſehr ruhig.— Aber komm und laß Deine Pferde ans Thor bringen, die meinen ſind ſchon dort.“ Während er geſprochen hatte, war er mit ſeinem Vetter eine zweite Treppe hinuntergeſtiegen und trat in die Halle dicht neben der großen Thüre des erſten Ho⸗ fes. Alles war ſtill und leer und die beiden Herren mußten ſich das Nebenpförtchen ſelbſt öffnen, ohne daß ihnen Jemand beiſtand. „Es iſt Schade, daß Maximilian von Baiern nicht weiß, wie es hier zugeht,“ ſagte William Lovet,„ſonſt könnte er den Krieg ſogleich enden und den Kurfürſten bei ſeinem ſchwelgeriſchen Mahle gefangen nehmen, gleich einem fetten Karpfen, der in ſeinem Behälter mit Malz gemäſtet wird.“ Algernon fühlte, daß nur zu viel Wahres in dem lag, was ſein Vetter ſagte, und da er nicht abgeneigt war, ſich mit der Stimmung in Prag bekannt zu ma⸗ chen, ſo rief er ſeinen Diener Tony zu ſich, ſobald er aus dem Schloßhofe trat, und befahl ihm ſein Pferd den Hügel hinunter zu dem Thore zu leiten, durch wel⸗ ches er eingetreten war, und ihn dort zu erwarten. „Seht Euch vor, Mylord,“ ſagte der Mann,„die 1 * * — — 11— Leute ſind alle ſo betrunken wie Schweine, und ſehr zän⸗ kiſch dazu. Frill hat drei Zänkereien gehabt, ſeit Ihr fort geweſen und eine förmliche Prügelei, wobei man ihm den Schädel würde zerſchlagen haben, hätte ich mich nicht ins Mittel gelegt und in einer Sprache zu ihnen geſprochen, wovon ſie kein Wort verſtanden, ſo daß die armen Leute ſich überzeugen ließen und Nichts weiter zu erwidern hatten. Ich zeigte ihnen mit meiner Hand, wie groß er ſei und wie groß ſie wären, klopfte mir auf den Magen, zuckte die Achſeln und ſchlug dann einem dieſer Herren auf den Rücken, ſo daß ſeine lederne Jacke ſtäubte, wie eine Landſtraße im Sommer; und da ſie ſahen, daß ich kein Deutſcher ſei, welche hier in Böh⸗ men die Eiſenfreſſer ſind, ſo gingen ſie fort und ließen Frill in ſeiner heilen Haut zurück, und ich war ſehr froh ihre Geſellſchaft los zu ſein.— Darum bitte ich Euch, mein guter Herr, ſeid vorſichtig. „Ich will vorſichtig ſein,“ antwortete Algernon Grey kurz.„Geh hinunter, wie ich Dir geſagt.“ Hierauf faßte er Lovets Arm und ging durch zwei oder drei Straßen, bis ſie in einen engen Gang kamen, der am Fuß der inneren Mauer fortlief. Nachdem ſie etwa Hundert Schritte in demſelben fortgegangen waren, fanden ſie eine rauhe ſteinerne Treppe ohne Geländer, die zu der Platform hinaufführte; ſie ſtiegen hinauf, gingen weiter und ſahen über die Bruſtwehr hinunter. Von Zeit zu Zeit kamen ſie zu einer Kanone, aber es war kein Soldat dabei; ſie gingen an mehreren Seiten⸗ thürmen vorbei, aber man erblickte keine Schildwache; ſie überſchauten die Außenwerke der Feſtung, aber vom Hradſchin bis zur Moldau zeigte weder ein Feuer noch ein Licht, noch eine ſich bewegende Geſtalt ein Zeichen der Vorbereitung auf einen Angriff⸗ „Nun mögen die Leute fagen, was ſie wollen,“ ſagte Lovet in ſeinem gewohnten ſcharfen und farkaſtiſchen Tone,„dieſe Stadt Prag iſt ein ſtarker und wohlbefe⸗ ſtigter Ort, und ſo bewacht, wie er iſt, ſo harmoniſch und getren im Innern, mit einer wohlgeordneten und begeiſterten Armee draußen, muß der Feind hohen Muth haben und mit einer überlegenen Macht kommen, wenn er ihn überwinden will. Du kannſt thun, was Du willſt, Algernon; aber wenn Du meinen Rath befolgen willſt, ſo mußt Du eins von zwei Dingen thun; gehe zum alten Chriſtian von Anhalt und ſage ihm, Prag ſei im vollkommenſten Vertheidigungsſtande, wohl ver⸗ proviantirt, wohl bewacht und wohl beſetzt und im Fall einer Niederlage könne er ſich mit völliger Sicherheit dort⸗ hin zurückziehen; oder ſonſt führe Deine Leuke zum Thor, kehre in den Palaſt zurück und ſage der ſchönen Agnes Herbert, Du ſeieſt gekommen, ſie ſicher nach Heidelberg zu geleiten, und dann auf und davon! Du verſtehſt, was ich meine; was mich betrifft, mein Vorſatz iſt gefaßt.“ — — 13— Algernon Grey faßte ſeinen Arm und ſah ihm beim Lichte des Mondes ins Geſicht. „Du willſt doch nicht damit ſagen,“ rief er,„daß dies die Handlungsweiſe iſt, die Du zu befolgen beab⸗ ſichtigſt?“ „O nein, Vetter,“ antwortete Lovet,„zwei oder drei Urſachen vereinigen ſich, mich daran zu verhindern; fürs Erſte weißt Du, daß ich eine große Neigung zum Fechten habe, nur um des Fechtens willen; und ich würde ebenſo lieb daran denken, ein gutes Mittageſſen unberührt zu laſſen, als fortzugehen, wenn eine Schlacht bevorſteht. Dann habe ich Niemand, den ich mitnehmen könnte, denn die liebe, ſüße, einfältige, langweilige Frau von Lauſſitz iſt mit ihrem fetten Gemahl zurückgekehrt, um in ihren eigenen angeſtammten Hallen ein Muſter der Tugend und Würde aufzuſtellen. Drittens und letz⸗ tens, da ich anderswo keinen Zweck habe, ſo kann ich ebenſo gut hier ſein, wie an einem andern Orte. Das Leben wird mir ſchrecklich langweilig, Algernon, und ich finde nicht einmal mehr daſſelbe Vergnügen an einer Schlacht, wie ehemals. Indeſſen iſt es ein wenig un⸗ terhaltender als ſonſt, und daher werde ich dableiben und das Ding mit anſehen. Wenn ich getödtet werde, ſo iſt meine Rechnung mit der Zukunft abgeſchloſſen. Wenn ich am Leben bleibe und die Oeſterreicher ſiegen, was ich für gewiß halte, ſo will ich meinem Pferde die Spo⸗ ren geben und ſo ſchnell mit ihm davon galoppiren, als es noch nie gelaufen iſt, ſeit es zuerſt aufgezäumt wurde. Wenn die Böhmen durch irgend einen Zufall ſiegen ſoll⸗ ten, ſo gehe ich mit ihnen und helfe ihnen Wien plün⸗ dern. Ich ſah noch nie, wie eine Hauptſtadt geplün⸗ dert wurde; es muß ſehr unterhaltend ſein.“ Er ſprach in ſeinem gewöhnlichſten Tone, worin ſtets eine gewiſſe Affektation lagz aber Algernon Grey, der die Dinge nicht ſo leichtfertig betrachten, noch ſie ſo be⸗ handeln konnte, wenn er ſie anders betrachtete, über⸗ dachte ſeine Worte und fragte nach augenblicklichem Schweigen: 4 „Was bringt Dich zu der feſten Anſicht, daß die Oeſtreiche ſiegen werden? Es iſt oft eine Schlacht bei noch größerer Ungleichheit der Anzahl gewonnen worden.“ „Komm mit mir, und ich will es Dir zeigen, Al⸗ gernon,“ antwortete William Lovet, dann gingen ſie wei⸗ ter bis zu dem dritten Thurme, kamen an der einzigen Schildwache vorüber, die ſie bis jetzt noch geſehen, gaben die Parole ab, als ſie angerufen wurden, gingen aus der Stadt, beſtiegen ihre Pferde und ritten zum Stern. „Nun laß uns die Pferde zurückſchicken,“ ſagte Lo⸗ vet, als ſie den Fuß des weißen Berges erreicht hatten, nund laß uns dieſen kleinen Weg zu Fuß hinaufgehen, wo wir dieſe große Armee überſehen können, die morgen ſo müchtige Thaten thun ſoll.“ — 15— Algernon Grey folgte ihm ſchweigend, nachdem er dem Pagen befohlen hatte, den jungen Chriſtian von Anhalt zu benachrichtigen, daß er in einer halben Stunde zurück ſein werde. Als ſie bereits drei bis vier Hundert Schritte hinaufgeſtiegen waren, konnten ſie noch immer die Armee wegen der hohen Bäume und Büſche nicht ſehen, doch bemerkten ſie den Schein der Wachtfeuer und hörten das laute Gemurmel vieler Stimmen, denn der Wein und die Lebensmittel hatten den Muth der Solda⸗ ten auf eine Zeitlang entflammt, und ſie brachten die Nacht lachend und ſingend zu. Keine Schildwache ver⸗ ſperrte ihnen den Weg oder forderte das Paßwortz; denn obgleich der General ſtrenge Befehle ertheilt hatte, außerordentliche Vorſichtsmaßregeln anzuwenden, ſo war doch die Zügelloſigkeit der Soldaten, die man zuſam⸗ mengebracht, um die Truppen Chriſtians von Anhalt auf dem weißen Berge zu unterſtützen, ſchon vor ſeiner Ankunft ſo groß geworden, daß kein Befehl befolgt wurde, außer von den Soldaten, die unter ſeinem un⸗ mittelbaren Commando ſtanden, und die Schildwachen, die man aufgeſtellt hatte, zogen ſich leiſe zu ihren Kame⸗ raden zurück, die ſich um die Wachtfeuer verſammelt hatten, ſobald ſie nicht mehr von den Offizieren beauf⸗ ſichtigt wurden. ½ Als Algernon Greh und Lovet um die Ecke des kleinen Pfades bogen, der durch das Unterholz führte⸗ kamen ſie plötzlich zu einer Gruppe von acht Maͤnnern, die ſich um einen brennenden Holzſtoß gelagert hatten, und ſich mit Singen und wilden Scherzen die Zeit ver⸗ trieben. Ihre wilden Geſichter, ihr langes Haar und ihre ſtruppigen Bärte, ihre fremde Kleidung und ihre verſchiedenen Waffen deuteten an, daß ſie zu den trans⸗ ſylvaniſchen Horden Bethlem Gabors gehörten. Sie fuh⸗ ren mit einem Blicke wilder Neugierde auf, als die bei⸗ den ſchönen und zierlich gekleideten Männer ſich ihnen näherten, achteten aber nicht weiter auf ſie und der Mann, welcher gerade ſang, unterbrach ſein Lied nicht. Es war eine wilde und rauhe Melodie, doch nicht ohne klagenden Ausdruck; denn obgleich es ein Trinklied zu ſein ſchien, ſo war doch der allgemeine Ton ſchwermüͤ⸗ thig oder ſchien Algernon Grey wenigſtens ſo. „Rede mit ihnen, Algernon, rede mit ihnen,“ ſagte Lovet, nachdem ſie ſie einen Augenblick beobachtet hatten, „Sie würden kein Wort verſtehen,“ antwortete ſein Vetter.„Siehſt Du nicht? Dies ſind die Transſylva⸗ nier.“ „O,“ antwortete Lovet und ging weiter. Ohne weiter ein Wort zu ſagen, führte er ihn den Hügel hinauf, wo die Hülfstruppen ſich ausgebreitet hatten, und kam endlich zu einem kleinen freien Platze, wo einige Schildwachen von den eigenen Soldaten Chri⸗ ſtians von Anhalt ſtanden, um jeden Tumult oder Streit 6 — —-— 17— zwiſchen den Böhmen und den Transſylvaniern zu ver⸗ hindern. Hier wurden die beiden Herren angerufen; als ſie aber die Parole abgegeben, ließ man ſie durch die Böhmiſchen Wachtfeuer weiter gehen, wo etwas mehr Ordnung und Disciplin zu bemerken war. Von Zeit zu Zeit ſtellte ſich freilich eine geräuſchvolle und lärmende Scene dar, und ein oder zwei Mal wurden Schläge aus⸗ getheilt und ſelbſt Meſſer gezogen, ſo daß die beſtändige Aufſicht der Offiziere nöthig war, um unter einem ge⸗ waltthätigen und leicht aufgeregten Volke Frieden zu hal⸗ ten. An andern Stellen aber lagen die Leute ſchlafend um ihre Feuer und hie und da ſprachen ſie ruhig, ob⸗ gleich mit etwas düſtern und mißvergnügten Blicken. „Nun frage einige von dieſen Leuten, Algernon, was ſie von dem morgenden Tage erwarten!“ ſagte Lovet. „Ich ſpreche nicht Böhmiſch,“ antwortete Algernon Grey. „Verſtehen ſie denn nicht Deutſch?“ fragte ſein Vetter. „Kein Wort,“ ſagte Algernon ihm ins Geſicht blik⸗ kend.„Du willſt mich doch nicht überreden, Lovet, daß Du ſo lange unter ihnen geweſen biſt, ohne dies zu ent⸗ decken?“ „Nein,“ verſetzte Lovet,„aber ich habe noch Etwas mehr entdeckt, Algernon, nämlich, daß die Verſchieden⸗ Heidelberg. Dritter Band. 2 heit nicht nur in den Sprachen dieſes Heeres liegt, ob⸗ gleich Babel ihm kaum an Verwirrung der Sprachen gleichkommen könnte, ſondern in dem Geiſte, dem Cha⸗ rakter, den Gewohnheiten, den Anſichten und Gefühlen derjenigen, woraus es beſteht. Es iſt in der That nur der Pöbel von verſchiedenen Nationen; da ſind Englän⸗ der, Schotten, Deutſche, Böhmen, Transſylvanier, Schleſier, Mähren und Holländer, ohne daß ein gemein⸗ ſchaftliches Band unter ihnen iſt, da Keiner die Sprache des Andern verſteht, Keiner das Gefühl eines Kamera⸗ den für ſeinen Nachbar hat; keinen Eifer, keinen Ge⸗ meingeiſt, und die Hälfte von ihnen nicht weiß, warum man ſie überhaupt hieher gebracht hat. Nun ſage ich, wenn dieſes Heer die regulären und wohldisciplinirten Oeſtreichiſchen und Bairiſchen Truppen ſchlägt, ſo muß durch ein Wunder des Himmels geſchehen; denn kein menſchliches Mittel wird je zu dieſem Reſultat gelangen. — Nun alſo gute Nacht, Vetter; ich will in mein Zalt gehen und ſchlafen, denn da dies möglicherweiſe der lehte Abend meines Lebens iſt, ſo habe ich mich ſo gut als möglich zu unterhalten geſucht und bin von Ergötlichkii⸗ ten verſchiedener Art ermüdet.“ „Gute Nacht,“ ſagte Algernon Grey, und ſie trenn⸗ ten ſich. An der Thüre ſeines Zeltes fand der junge Sdel⸗ mann ſeinen Diener Tony und ſeinen Pagen Frill, die - 1— ſich in leiſen Tönen mit einander unterredeten; und als er fragte, ob ſie ſeinen Auftrag ausgerichtet, wurde er benachrichtigt, Chriſtian ſei ausgegangen, um eine Runde durch das Lager zu machen, und noch nicht wieder zu⸗ rück. Algernon Grey bemerkte, daß Beide eine gewiſſe Bedenktichkeit in ihrem Weſen zeigten, daß Frill den älte⸗ ren Diener anſah und der Mann ſeine Augen auf den Pagen richtete. Da er vermuthete, daß ſie Beſorgniſſe wegen des folgenden Tages hegten, ſo wollte er ſie nicht zu Fragen veranlaſſen und trat ſogleich in ſein Zelt. „Gib ihm den Brief ſelber, Frill,“ ſagte Tony laut genug, ſo daß ſein Herr es hören konnte.„Hat der Teufel der Unverſchämtheit Dich verlaſſen, daß Du nicht zu thun wagſt, was Deine Pflicht iſt, da Du doch ſo viel thuſt, was Du nicht thun ſollteſt?“ Algernon Grey hatte ſich an den kleinen Tiſch ge⸗ ſetzt, und im nächſten Augenblick trat Frill in das Zelt, näherte ſich mit einem Papier in der Hand und ſagte: „Dies iſt Euch aus der Taſche gefallen, Mylord, als Ihr am Fuß des Hügels abſtieget. Ich fand es un⸗ ter den Füßen des Pferdes.“ Algernon Grey nahm ihm das Papier aus der Hand und ſah es einen Augenblick an, ehe er es öffnete. Er erinnerte ſich der Geſtalt und des Ausſehens deſſelben gar nicht. Es war zuſammengefaltet, als hätte es in der Form eines gewöhnlichen Briefes in einem Couvert . 2* gelegen, doch war es ohne Adreſſe und ohne Siegel. Es war die Spur von dem Hufeiſen eines Pferdes dar⸗ auf, ſo daß die Geſchichte des Knaben, wo er es gefun⸗ den, vollkommen beſtätigt wurde. Algernon entfaltete es und näherte es der Lampe. Die Handſchrift war ihm nicht unbekannt, denn er hatte ſchon zwei Mal in ſei⸗ nem Leben einen Brief in derſelben Handſchrift empfan⸗ gen; aber der Ton war ſehr verſchieden von dem, worin man ihn angeredet, obgleich ſeine Beziehung zu der Schreiberin die wärmſte Sprache hätte rechtfertigen kön⸗ nen, die das Weib gegen den Mann anwenden kann. „Ein ganzes Jahr und mehr iſt vergangen,“ ſo hieß es in dem Briefe,„und doch biſt Du nicht zurückgekehrt, noch erfüllſt Du, was Du unternommen. Es dürſtet mich nach Dir— mich wieder in Deine Arme zu wer⸗ fen.— Es dürſtet mich unter all dieſen Leuten, ſo lang⸗ weilig und unbedeutend für mich, nach dem Anblick deſ⸗ ſen, den ich liebe, wie es den Wanderer in der Wüſte nach der kühlen Quelle dürſtet. Aber komm nicht, bis es vollendet iſt, ſondern bemühe Dich, wenn Du mich liebſt, es bald auszuführen. Wende jedes Mittel an— wende alle Mittel an. Sage ihm, daß ich ihn haſſe daß ich ihn immer haſſen werde, daß ſeine kalte und ab⸗ gemeſſene Natur ſich nie meiner feurigen und ungeſtümen Gemüthsart aneignen kann; daß die, welche uns an ein⸗ ander ketteten, Flamme und Eis haben vereinen wollen. X8₰ 2 △ — 21— Sage ihm, ich haſſe ihn. Sage ihm, wenn Du willſt, daß ich Dich liebe. Fordere ihn auf, das Band zu zer⸗ reißen, wie ſchon oft vorher geſchehen iſt; und mache ihm bemerklich, wenn er darauf beſtehe, ſo würde es nur zu ſeinem eigenen Elend geſchehen; jede Stunde ſei— ner Verbindung mit mir ſolle eine Stunde der Todes⸗ qual ſein, jede Minute ihm Schmerz bringen, oder der Witz eines Weibes müßte mir gänzlich fehlen. Wenn dies Alles ihn nicht beſtimmt, ſo mußt Du andere Mit⸗ tel ſuchen.— Ich überlaſſe ſie Dir, aber dieſes Mannes Leben kann doch nicht bezaubert ſein; auf jeden Fall thue raſch, was Du zu thun haſt, mein William, und dann eile in meine Arme. Ich will meinen Namen nicht darunter ſetzen, doch wirſt Du nicht zwei Mal rathen dürfen.— Lebe wohl!“ Algernon Grey legte den Brief auf den Tiſch und ſah ihn einen Augenblick düſter an; dann erhob er ſeine Augen zu dem Pagen, der ſich auf die andere Seite des Zeltes in die NRähe des Einganges zurückgezogen hatte. „Komm her, Knabe,“ ſagte er, und fügte dann hinzu, als der Page ſich mit langſamen und unentſchloſ⸗ ſenen Schritten näherte,„Du haſt dieſen Brief gele⸗ ſen?“ „Einen Theil davon, Mylord,“ verſetzte Frill mit bebenden Knieen.„Tony meinte, es wäre beſſer, wenn ich ihn läſe, um ausfindig zu machen, wem er gehöre.“ — 22— „Du willſt doch nicht behaupten,“ fuhr Algernon Grey fort,„daß Du noch geglaubt, er gehöre mir, als Du ihn geleſen?“ Der Knabe zauderte, wurde roth und murmelte dann: „Tony meinte, er müſſe Euch gehören, von wem er auch abgeſchickt ſei.“ „Rufe ihn herein und komm ſelber mit zurück,“ ſagte Algernon Grey; aber der Knabe hatte nicht weit zu gehen, denn der alte Diener wartete noch draußen. Als er aber eintrat, war ſeine Miene und ſein Beneh⸗ men ſehr verſchieden von dem des Pagen. Er erſchien ſehr ernſt, aber ruhig und feſtz und während der Knabe hinter ihm zurückwich, näherte er ſich kühn dem Tiſche, an welchem ſein Herr ſaß. „Wie kommt es,“ ſagte Algernon Grey,„daß Du, ein alter und getreuer Diener, ich mögte faſt ſagen ein Freund meines Hauſes, dieſen Knaben bewogen haſt, mich hinſichtlich eines Briefes zu täuſchen, der nie für mein Auge beſtimmt war?“ „Weil Dinge darin ſind, die freilich nicht für Euer Auge beſtimmt waren, die Ihr aber nothwendig ſehen mußtet,“ verſetzte Tony.„So gibt es viele Dinge, die durchaus nicht für Euer Ohr beſtimmt ſind, die Ihr aber dennoch hören ſolltet.“ „Wirklich?“ ſagte Algernon Grey.„Hierin haſt Du aber Unrecht gethan, obgleich ich nicht zweifle, daß Deine Abſicht gut war. Du ſollteſt nie den Verſuch machen zu täuſchen. Du hätteſt offen und gerade mit mir reden ſollen und dann hätte ich Dir vielleicht für eine Nachricht gedankt, die jetzt läͤſtig für mich iſt.“ „Ihr verbotet mir ja, Mylord, jemals wieder Et⸗ was gegen Euren Vetter Sir William zu ſagen,“ ent⸗ gegnete der Diener.„Ihr glaubtet, ich ſei gegen ihn eingenommen, ich haſſe ihn, und daher entſchloß ich mich, wenn ſich ein Mittel zeige, Euch die Augen zu öffnen, es auf jede Gefahr hin anzuwenden; ſonſt hätte ich Euch ſchon lange Viel von dieſer Sache erzählen können.“ „Aus welcher Quelle hatteſt Du die Nachricht?“ fragte Algernon Grey. „Zuerſt von dem alten Paul Watſon,“ antwortete Tony,„der bei Rakonitz getödtet wurde. Als wir von Heidelberg abmarſchirten, erzählte er mir gerade vor dem Ungewitter, daß Euer Vetter, ehe er England verlaſſen, ſeine ganze Zeit damit zugebracht, der Lady Katharina den Hof zu machen, obgleich er gewußt, daß ſie Eure angetraute Gattin ſei.— Dann, mein guter Lord, als wir zuerſt an dieſen Ort kamen und des Königs Cou⸗ rier nach England ging, gab ich ihm einen Brief an meinen Bruder mit, der mir bald viel mehr Nachrichten zuskickſendete, die ich Euch zeigen will, wenn wir den morgenden Tag überleben.“ „Welches Inhalts?“ fragte ſein Herr in leiſem und tiefem Tone. „Des Inhalts, daß dieſes Verhältniß ſchon ſeit Jahren beſtanden hat,“ antwortete Tony,„und daß manche ſeltſame und ſkandalöſe Geſchichte im Lande ver⸗ breitet iſt, welche beweiſt, daß dieſes Frauenzimmer kein Weib für Euch iſt, Mylord.“ „Und doch iſt ſie mein Weib,“ murmelte Algernon Grey bei ſich ſelber, machte eine Bewegung mit der Hand und ſagte:„Verlaß mich!“ Der Page entfernte ſich ſogleich; aber Tony blieb noch einige Augenblicke zurück und ſagte dann: „Ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen, Mylord, denn ich ſehe, daß Euch dies ſehr unglücklich gemacht hat. Ich kann indeſſen nicht umhin zu denken, daß es nicht der Mühe werth iſt, ſich wegen eines ſolchen Weibes Unruhe zu machen, da es mehr als eine von den Liebenswürdig⸗ ſten und Beſten gibt, welche ſehr glücklich ſein würde, Euer Weib zu ſein.“ Ein mattes Lächeln verbreitete ſich über Algernon Grey's Geſicht. 8 „Nicht ihr Betragen macht mich unglücklich, mein uter Freund,“ antwortete er.„Was ſie auch thun 2⁵ 1 mag, bringt längſt nicht mehr dieſe Wirkung auf mich hervor. Ich kenne ſie ſeit einiger Zeit genau; aber daß ein Mann, mein naher Verwandter, mein vorgeblicher Freund und alter Kamerad dazu beiträgt, Schande über meinen Namen zu bringen und ſich auf ein ſo ſchwarzes Komplott einläßt, das ſetzt mich in Erſtaunen und ver⸗ urſacht mir Kummer, erſchüttert mein Vertrauen zu der menſchlichen Tugend und Ehre und bringt mich zu der Frage, ob nicht Freundſchaft oft nur ein Schatten und Redlichkeit nur ein eitler Name iſt.“ „Nein, nein, Mylord,“ rief der Diener.„Alles kommt daher, weil Ihr ſchon von Euren Knabenjahren an Eure Augen bei den Handlungen Eures Vetters ge⸗ ſchloſſen. Ihr glaubtet, Jeder ſei gegen ihn eingenom⸗ men— wir haßten ihn ohne Urſache. Aber, mein gu⸗ ter Herr, wir kannten ihn von ſeiner Jugend an, und hatten viele Gelegenheiten zu ſehen, was Ihr niemals ſahet. Ihr großen Herren ſeid ohne Zweifel talentvoller und gelehrter als wir; aber wir armen Leute haben auch unſere Augen und können nicht umhin, ſie anzuwenden. Ich ſah noch nie, daß Sir William Etwas aus gutem Beweggrunde that; ich ſah nie, daß er Etwas offen und ohne Heimlichkeit that; ich hörte nie von einer guten Handlung, und Ihr könnt beurtheilen, was wir denken müſſen, die wir ihn das ganze letzte Jahr Tag und Nacht beobachtet haben, aus Furcht, daß Ihr einen Schuß durch den Kopf oder einen Dolchſtich ins Herz bekommen mögtet, der nicht von den Händen eines ehr⸗ lichen Feindes käme.“ — 26— „Nein, nein,“ rief Algernon Grey mit Wärme, indem er eine Bewegung mit der Hand machte.„Darin wenigſtens thut Ihr ihm Unrecht. Die Leidenſchaft mogte ihn irre leiten, aber zu ſolchen Handlungen iſt er unfähig; und wäre er dazu geneigt geweſen, ſo hätte er häufig Gelegenheit dazu gehabt.“ „Nicht ſo häufig, wie Eure Herrlichkeit denkt,“ ant⸗ wortete Tony;„denn es iſt immer Jemand in der Nähe geweſen. Indeſſen denke ich auch, daß es Unſinn iſt, denn hätte er Euch getödtet, ſo würde er mehr dadurch verloren als gewonnen haben; aber andere Leute mögten es glauben, und es kann nie ſchaden zu vorſichtig zu ſein. Er wird einen hübſchen Schreck bekommen, wenn er den Brief nicht mehr findet, denn ich zweifle nicht, daß er ihn hat fallen laſſen, obgleich der Knabe ihn un⸗ ter den Füßen Eures Pferdes gefunden.“ „Gib mir etwas Papier von jener Rolle,“ ſagte Algernon Grey,„und das gelbe Siegellack dort.— Es kommt Jemand.— Geh jetzt, mein guter Freund, und erwähne hiervon kein Wort zu irgend Jemand, bis ich ſelber wohl überlegt habe, wie ich handeln ſoll.“. Als er noch ſprach, trat Chriſtian von Anhalt in das Zelt und der alte Diener entfernte ſich mit einer Verbeugung. Zweites Kapitel. Vor Tagesanbruch war Algernon Grey auf und angekleidet; aber um die Wahrheit zu ſagen, machte es ihm keine Mühe, aufzuſtehen, denn er hatte die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen, und war ermüdeter da⸗ durch, daß er ſich auf einem ſchlafloſen Lager herumge⸗ worfen, als hätte er die Stunden an einem Wachtfeuer zugebracht. Sobald er ſeinen ledernen Waffenrock ange⸗ zogen und ſein Wehrgehänge über die Schulter geworfen hatte, zündete er ſeine Lampe an und las nochmals den Brief, den man ihm den Abend zuvor eingehändigt hatte. Ein bitteres Lächeln verbreitete ſich über ſein Geſicht, er faltete ihn ſorgfältig wieder zuſammen, ging aus ſeinem Zelt, erſtieg den höchſten Punkt des Hügels und über⸗ blickte die unter ihm liegende Scene. Die Sterne wur⸗ den etwas matt am Himmel, aber die Abnahme ihres Glanzes war das einzige ſichtbare Zeichen des herranna⸗ henden Tages. Unten war Alles ſtill. Die ermüdeten Truppen ſchliefen bei den faſt erloſchenen Wachtfeuern, und der Schritt einer entfernten Schildwache, welche auf⸗ und abging, unterbrach kaum das Schweigen. Das Murmeln des Fluſſes erreichte auch ſein Ohr, doch mit ruhigem und einſchlummerndem Tone. Die Arme über ſeine Bruſt zuſammengefaltet, blickte Algernon Grey über die ſchattigen Linien der Zelte und Wagen in das Thal hinunter, welches ein leichter Morgennebel bedeckte; dann wendete ſich ſein Blick zum Himmel, und ſeine Lippen mur⸗ melten ein Gebet. Einige Minuten ſpäter war ein matter grauer Streifen im Oſten zu ſehen, dann wurde er orange⸗ farbig und einige h hellgraus Wolken rötheten ſich. Bald verwandelte ſich die Orangenfarbe in feuriges Roth und Fluthen roſenfarbiger Strahlen ergoſſen ſich über den Himmel, während die graue Luft zwiſchen den Zelten mit düſterem und geheimnißvollem Purpur gemiſcht wurde, Hie und da ſah man eine einzelne Geſtalt hin⸗ und her⸗ gehen. Das Wiehern eines Pferdes unterbrach die Stille. Nach und nach folgte ein dumpfes Geſumme, dann laute und lebhafte Töne. In einem entfernten Theile des La⸗ gers wurde eine Trommel geſchlagen, und gerade als die Sonne die Hälfte ihrer Scheibe oberhalb des Horr⸗ zontes roth und feurig, als eine Vorbedeutung des blu⸗ tigen Kampfes, zeigte, hörte man den Knall einer einzel⸗ nen Kanone und Alles wurde Leben und Thätigkeit. Mit raſchem Schritte kam der junge Engländer von dem Punkte herunter, wo er geſtanden, verweilte einige Augenblicke, als er etwa zwanzig Schritte von dem Hü⸗ gel herunter gekommen war, beſchattete ſeine Augen mit der Hand und ſah nach einem entfernten Punkte hin; dann ſetzte er ſeinen Weg fort und näherte ſich William Lovets Zelte. Er fand einen von den Dienern ſeines Vetters am Eingange; und als er fragte, ob ſein Herr ſchon auf ſei, wurde ihm gemeldet, daß er ſchon ausge⸗ gangen ſei. „Dort auf jenem Wege geht er, Mylord,“ ſagte der Mann weiter den Hügel hinunterdeutend. Algernon Grey näherte ſich ihm mit raſchem Schritte und ſchnitt ihm den Weg ab, gerade als er einen kleinen freien Raum erreichte, der die Zelte der Engliſchen und Schottiſchen Freiwilligen von dem Platze trennte, den eine kleine Abtheilung der Pfälziſchen Truppen einnahm. „Ah, Algernon!“ rief Lovet ſich umwendend, als er den raſchen Schritt hörte.„Biſt Du es? Ich wollte Dich eben aufſuchen, denn es geht das Gerücht, daß der Bairiſche Vortrab bereits zu ſehen iſt.“ „Ich habe ihn geſehen,“ antwortete Algernon Grey in beſonders ruhigem und ſanftem Tone;„wenigſtens habe ich geſehen, was ich für recognoscirende Abthei⸗ lungen des Feindes halte. Eine⸗ Schlacht iſt daher ge⸗ wiß, ehe der Tag vorüber iſt; und da Niemand wiſſen — 36— kann, wer dieſen Tag überleben wird, ſo iſt es gut, wenn wir einige Worte befonders mit einander reden, ehe wir zum Kampfe gehen.“ „Ah, mein ehrbarer Vetter,“ rief Lovet lachend, „bereiteſt Du Dich auf das Schlimmſte vor? Wahrlich! Ich halte 8 Kncht der Mühe werth zu denken, daß die Kugel ſchon gegoſſen ſein ſollte, welche beſtimmt iſt, mir das Leben zu nehmen.“ „Ich verweile auch nicht bei ſolchen Gedanken,“ antwortete Algernon Grey;„dennoch aber gibt es eigen⸗ thümliche Ereigniſſe, mein guter Vetter, welche Abſchnitte im menſchlichen Leben bilden, wie andere Abſchnitte in der Geſchichte der Staaten, und es iſt eben ſo gut, dieſe Augenblicke anz zuwenden, um alte Rechnungen abzuſchlit⸗ ßen und die kommende Zeit für eine verſchiedene Hand⸗ lungsweiſe frei zu laſſen.“— Es lag etwas eigenthümlich Feſtes und faſt Stren⸗ ges in Algernon Greys Tone, was William Lovet ſehr auffiel, denn er hatte ſelten dieſen Ton gegen ihn ange⸗ wendet und er wußte, daß es ein Zeichen ſein mußte, daß das Gemüth ſeines Vetters ſehr bewegt ſei. Den⸗ noch konnte er ſein gewohntes ſcherzhaftes Benehmen nicht unterdrücken, oder er glaubte auch, daß der leichte Scherz das beſte Mittel ſei, tiefere Gedanken zu ver⸗ bergen. „Bei meinem Leben, Algernon,“ ſagte er,„wenn Du alte Rechnungen abzuſchlioßen wünſcheſt, ſo kann ich nicht einwilligen, denn ich habe mein Hauptbuch nicht zur Hand. Es iſt ein großes Buch; das Verzeichniß ſchreibt ſich von langer Zeit her und ich trage es nicht bei mir.“ „Ich aber,“ antwortete Algernon Grey;„hier iſt der letzte Poſten.“ Und er überreichte ſeinem Vetter den Brief, den wir unſern Leſern bereits vorgelegt haben. William Lovet nahm und öffnete ihn. Sobald ſein Auge auf die Handſchrift fiel, wurde ſeine Wange un⸗ geachtet ſeiner gewohnten Selbſtbeherrſchung ein wenig roth und ſeine Lippe blaß. Im nächſten Augenblick aber blickte er mit klarem Auge und ſpöttiſch, verzogener Lippe auf und ſagte: „Du haſt es geleſen?“ „Jedes Wort,“ antwortete Algernon Grey ruhig. „Es wurde mir als ein Papier gegeben, welches mir gehöre, und ich las es durch; da ich keinen Namen fand, der mir den rechtmäßigen Beſitzer nannte, als bis mir die letzten Zeilen in die Augen fielen.“ „Es iſt eine koſtbare Epiſtel,“ ſagte Lovet, den Brief mit der kälteſten Miene in die Taſche ſteckend; nnicht ganz ſo beredt, wie eine des Apoſtels Paulus— noch auch ſo erbaulich, mein guter Vetter. Aber doch iſt ſie ein herrliches Geſchöpf, und wie Du längſt mußt — 32— bemerkt haben, bin ich über Hals und Kopf in ſie ver⸗ liebt.“ „Ich habe es noch nicht lange bemerkt,“ antwortete Algernon Grey mit Bitterkeit.„Hätte ich es ſchon lange bemerkt, William, ſo mögte ich mich ganz anders benom⸗ men haben.— Du haſt mich verkannt. Es ſcheint, als haſt Du keinen Begriff von gerader und aufrichtiger Handlungsweiſe; denn wäre dies, ſo würdeſt Du mir dies Alles geſagt haben, als wir uns nach ſo langer Trennung wiederſahen. Anſtatt deſſen haſt Du mich auf krummen Wegen und durch unredliche Mittel zu Schrit⸗ ten angetrieben, die auf die Befriedigung Deiner eigenen Wünſche abzweckten. Ich will nicht dabei verweilen, alle dieſe Worte und Handlungen zu wiederholen, deren wahre Abſicht jetzt ſo klar wie der Tag iſt. Es reicht hin, daß Du dieſes Weib oder vielmehr ihren großen Reich⸗ thum liebſt, und daß Du jede Liſt angewendet haſt, mich zu den Schritten zu bewegen, die nothwendig dahin füh⸗ ren müſſen, meine unvollſtändige Heirath mit ihr aufzu⸗ heben.— Iſt es nicht ſo?“ „Gewiß,“ antwortete William Lovet mit der voll⸗ kommenſten Sicherheit;„ich habe es nach reiflicher Ue⸗ berlegung gethan und hoffe, daß Du mir ſchuldigerma⸗ ßen dankbar dafür ſein wirſt.— Mein lieber Algernon, ſieh nicht ſo zornig aus. Bedenke, daß auf mich eine finſtere Stirn keine Wirkung gusübt, aber höre ein — 33— wenig ruhige Vernunft an, obgleich ich ſagen muß, daß Du der unvernünftigſte Mann biſt, der mir je begegnet iſt. Wenn ein armer Mann eine Auſter in der Hand hat, und den delikaten Fiſch eſſen will, ſo muß er ſie mit dem Inſtrument öffnen, welches ihm das nächſte iſt. Soll er erſt zum Meſſerſchmidt oder zum Eiſenhänd⸗ ler gehen und ſich ein Auſtermeſſer kaufen? Wenn er einen Dolch hat, ſo wendet er den Dolch an; wenn nicht, ſo nimmt er einen Stein und hämmert ſie auf; wenn kein Stein zur Hand iſt, ſo ſchleudert er ſie auf den Boden und zerbricht ſie ſo. Muß er dann noch auf Weineſſig und Pfeffer, auf ein weißes Brödchen und ein Glas Sekt warten? O nein, er verſchluckt das ganze, leckt ſich die Lippen ab und dankt den Göttern für das gute Geſchenk der Auſter. Dies iſt mein Fall; ich wählte das nächſte Mittel, um meinen Zweck zu erreichen; und da ich es fuͤr Deine Ehre und Deinen Ruf für beſſer hielt, die Erfüllung eines Contrakts abzulehnen, den ein paar grauköpfige Großväter Dir aufgedrungen, als daß die Dame einen tiefen Knix machen und ſagen ſollte:„„Ich will nicht,““ ſo beſtimmte ich Dich zu all den Dingen, die ich für Dein Glück und zu gleicher Zeit zur Errei⸗ chung meiner kleinen Pläne für dienlich hielt.— Aber man ſehe nur, welch ein undankbares Geſchöpf der Menſch iſt! Da ſetzeſt Du Dich auf das Fußgeſtell der beleidigten Unſchuld und ſiehſt finſter und ſtreng aus, als Heidelberg. Dritter Band. 3 — 34— wollteſt Du dem Manne die Kehle abſchneiden, der Dir den größtmöglichſten Dienſt geleiſtet hat.“ „Dienſt?“ rief Algernon Grey.„Renneſt Du dies einen Dienſt?“ „Gewiß,“ antwortete Lovet lachend.„Ein hübſches Leben würdeſt Du mit dieſer ſchönen Dame geführt ha⸗ ben. Da, lies ihre Epiſtel noch ein Mal.“ Und er zog den Brief aus der Taſche.„Du kannſt ihn nicht ſorg⸗ fältig geleſen haben. Du hätteſt nicht nur eine liebens⸗ würdige und angenehme Lebensgefährtin voll ehelicher Zärtlichkeit und häuslicher Tugenden, ſondern auch mög⸗ licher Weiſe einen ruhigen und raſcheren Uebergang zu einem andern Zuſtande finden können, als der gewöhn⸗ liche Gang der Natur es mit ſich bringt, wenn Du Dir nicht alle Speiſen hätteſt vorkoſten laſſen und alle ſchar⸗ fen Inſtrumente unter Schloß und Riegel halten wollen.“ „Und kannſt Du Dir wirklich träumen laſſen, ein ſolches Geſchöpf zu heirathen, wie Du es beſchreibſt?“ fragte ſein Vetter. „Ei ja, ſobald ich ſie heirathen kann,“ antwortete William Lovet.„Ich bin ein ſehr furchtloſes Weſen, reite gern wilde Pferde und weiß auch, wie ſie zu bän⸗ digen ſind, aber in dieſer Sache mußt Du handeln, wie Du es für gut hältſt, mein freundlicher Vetter Algernon. Kehre zurück, wenn es Dir gefällt, und beſtätige Deine kindiſche Heirath. Die Dame wird bald Wittwe werden, dafür ſtehe ich; oder wenn Du weiſe biſt, ſo thue, wie ich Dir immer gerathen habe, unternimm den erſten Schritt, dieſe kindiſche Verbindung abzubrechen— jeden Schritt, der Dir gefällt; Du wirſt ſie ſehr bereit finden, Deinen Wünſchen zu entſprechen; und ein wenig Ein⸗ fluß bei Hofe, ein gutes Wort an die Biſchöfe, und eine demüthige Petition beim König wird die Sache in ſechs Wochen beenden. Du magſt ſie nun anſehen, wie Du willſt, ſo erwarte ich Deine aufrichtige Dankbarkeit für Alles, was ich gethan; und wenn Du mit der Dame, die Du liebſt, verheirathet biſt, und ich mit der, nach welcher ich ſtrebe, ſo wollen wir Beide unſern Haushalt auf verſchiedene Weiſe leiten, um Weihnachten und Oſtern zuſammenkommen und uns gleich einem Paar Turteltauben in ſanftem Gemurmel Glück wünſchen.“ „Meine Dankbarkeit wird ſich nach den Umſtänden richten, William,“ rief ſein Vetter;„denn ich werde Dich nicht wieder zu ſehen wünſchen. Ich finde, daß Du ſeit der Zeit, wo ich mein Vaterland verlaſſen, be⸗ müht geweſen biſt, mir die Reigung des Weides zu ent⸗ ziehen, die durch ein Band mit mir verbunden iſt, wel⸗ ches ſie für unauflöslich hätte halten ſollen.“ „Eine Neigung, die Du nie zu kultiviren bemüht geweſen,“ ſagte Lovet mürriſch. „Wie Du wohl weißt, war ich durch ein feierliches Gelübde gebunden, nicht binnen fünf Jahren zurückzu⸗ 3* —- 36— kehren,“ ſagte Algernon Grey;„aber auf jeden Fall war es nicht die Sache eines Vetters oder eines Freun⸗ des, darnach zu ſtreben, meinen häuslichen Frieden zu vergiften— ja auch nur ihn in Gefahr zu bringen, denn wer kann ſagen, ob dieſe Heirath kann aufgelöſt wer⸗ den?— Laß mich ausreden, denn die Zeit iſt kurz— wenn wir Beide dieſe Schlacht überleben, ſo bitte ich Dich, kehre ſo ſchnell als möglich nach England zurück, ſage Deiner ſchönen Geliebten, daß ich Alles weiß und augenblicklich die Mittel ergreifen werde, um ihre güti⸗ gen Wünſche zu befriedigen, damit der Contrakt zwiſchen ihr und mir aufgelöſt werde; zu gleicher Zeit bitte ſie, alle die Maßregeln anzuwenden, die ihr verſchlagener Verſtand ihr eingeben und ihr kühner Muth ausführen kann, um mein Bemühen zu unterſtützen. Ihr Beide zuſammen werdet die Sache ohne Zweifel leicht finden. So lebe wohl!“ Er drehte ſich auf der Ferſe herum und ging einige Schritte weiter, doch war er noch nicht weit gegangen, als er Lovets Stimme rufen hörte: „Algernon, Algernon „Wareſt Du je bei einer Hochzeit,“ fragte ſein Vetter, ſich ihm nähernd, als er ſtill ſtand,„wo ein rauher alter Vater durch die Schmeicheleien ſeiner Toch⸗ ter überwältigt, ſie dem Manne gab, den ſie liebte?— Haſt Du nicht geſehen, wie ſie zurückkehrte, um die Hand des alten Mannes zu küſſen und wie widerſtrebend ſie ſchien zu gehen, und von den lieblichen Ergötzlichkei⸗ ten der Heimath ſprach, und von abgedroſchener Zärt⸗ lichkeit, welche Männer und Weiber von Kindesbeinen an lernen, von kindlichen Freuden und Vergnügungen, wäh⸗ rend es ihr in ihrem Herzen war, wie einem befreiten Vogel, deſſen Käfig man ſoeben geöffnet?— Geh, mein edler Vetter! Du gleichſt eben dieſer Braut; und ſage, was Du willſt, dieſer Brief hat Dir eine Laſt der Sorge von den Schultern genommen. Und bei meinem Leben! Ich liebe Dich ſo ſehr, daß ich ihn Dir ſchon längſt würde gezeigt haben, hätte ich die balſamiſche und fried⸗ liche Wirkung deſſelben gekannt. Hier, nimm und be⸗ halte ihn als ein zärtliches Andenken an Deine theuer geliebte Katharina; und immer, wenn Du an ihre gro⸗ ßen flammenden ſchwarzen Augen, an ihre Junoſtirn und an ihre ſpöttiſche Lippe denkſt, ſo lies einige Stel⸗ len in dieſem zärtlichen Briefe, falle auf Deine Knie und danke dem Himmel, daß er Dir einen ſolchen Vet⸗ ter gegeben hat, wie ich bin.“ „Ich will ihn behalten,“ ſagte Algernon Grey, ihm den Brief aus der Hand nehmend;„aber Eins, mein guter Vetter, mußt Du um Deiner ſelbſt willen wiſſen; dies iſt nicht der erſte Beweis, den ich von der Untreue meiner ſogenannten Gattin gehabt habe, obgleich der erſte, daß Du, mein Vetter und Reiſegefährte Antheil — 23— an ihrem Treuebruch gehabt. Vielleicht verſtehſt Du nicht, was ich meine; aber Du müßteſt anders denken, als ich von Dir überzeugt bin, wollteſt Du glauben, daß das Weib, welches ſo gegen mich gehandelt, Dich beſſer behandeln würde.“ „O, Du ſprichſt von verſchiedenen kleinen Liebes⸗ verhältniſſen, womit ſich die liebenswürdige Dame in den langweiligen Stunden meiner Abweſenheit getröſtet hat,“ antwortete Lovet, deſſen Wange ſich ein wenig röthete.„Das wird leicht zu verzeihen ſein, und meine Gegenwart wird Alles wieder in Ordnung bringen.— Ich bin kein eiferſüchtiger Thor, Algernon, und kann eine vernünftige Quantität von Coquetterie an einem liebenswürdigen Weibe verzeihen, die Niemand bei ſich hat, um ihre Gedanken zu beſchäftigen.“ Nach dieſen Worten wendete ſich Lovet lachend um und ſchlug den Rückweg zu ſeinem Zelte ein. Es gibt Gemüther, für welche die Entdeckung der Gemeinheit und Verrätherei derjenigen, denen man ver⸗ traut hat, ſo ſchmerzlich iſt, daß das Glück und die Be⸗ ruhigung, welche die allgewaltige Hand des Schickſals uns zuweilen durch dieſelben Mittel gewährt, die ſie an⸗ gewendet, um unſere Erwartungen zu vereiteln und uns zu kränken, mehr als aufgehoben wird. Dies war im gegenwärtigen Augenblick mit Algernon Grey der Fall. Wir dürfen nicht läugnen, daß es eine Beruhigung für — 39— ihn war, zu fühlen, daß er Grund und eine gerechte Urſache habe, jedes Mittel anzuwenden, einen Contrakt aufzuheben, den mehr ſeine Eltern, als er ſelber geſchloſ⸗ ſen, ehe er noch die Macht gehabt, für ſich ſelbſt zu ur⸗ theilen oder zu handeln; doch der Charakter ſeines Vet⸗ ters ſtand jetzt in ſeiner nackten Häß'ichkeit vor ihm und lieferte einen ſchmerzlichen Gegenſtand der Betrachtung, den keine Ausſicht auf Glück verbannen konnte. Er hätte gern einige Augenblicke zum Nachdenken gehabt und wendete ſeine Schritte zu ſeinem Zelt, als eine große Abtheilung junger Mannſchaft auf ihn zukam und ihm den Weg abſchnitt. Im nächſten Augenblick rief ihn der jüngere Prinz von Anhalt beim Namen, was ihn veranlaßte, ſich umzuwenden. Als er bemerkte, daß der junge Engländer ihn hörte, winkte er ihm her⸗ aufzukommen, und ſobald Algernon an ſeiner Seite war, rief er: „Kommt hieher, kommt hieher, ich habe Euch Et⸗ was zu zeigen, kommt.“ „Ich denke, ich weiß, was Ihr ſagen wollt, mein Prinz; ich habe ſchon einige Abtheilungen im Walde nach Pilſen zu geſehen,“ antwortete Algernon.„Es müſſen Baiern ſein, ſollte ich denken.“ „Dann iſt die Schlacht gewiß,“ ſagte Chriſtian von kiate„Ihr werdet mit mir zum Angriff gehen, nicht wahr?“ — 40— „Gewiß,“ entgegnete Algernon Grey,„aber ich denke, es wird beſſer ſein, Eurem Vater die Nachricht mitzutheilen, denn wenn wir die Leute zur Arbeit an⸗ halten können, iſt es vielleicht noch Zeit, unſere Stellung hier ein wenig zu verſtärken.“ „So kommt denn,“ ſagte der junge Prinz.„Er wird froh ſein, Euch zu ſehen. Ich theilte ihm vor einer halben Stunde die Nachricht mit, die Ihr in der letzten Nacht von Prag gebracht; und er ſagte:„„Gott gebe, daß die Königin Macht genug habe, den König zu bewegen, hieher zu kommen; aber ich bezweifle es.““ — Um die Wahrheit zu ſagen, bezweifle ich es auch, mein Freund; doch ſeine Gegenwart in dieſem Augen⸗ blick wäre ſo gut wie zehn Tauſend Mann— Will Euer Vetter ſich unſerer Abtheilung anſchließen? Ich ſah Euch eben mit ihm ſprechen.“ „Wir ſprachen vielleicht zum letzten Mal im Leben mit einander,“ antwortete Algernon Grey;„er hat mir Unrecht gethan— ja ſchon ſeit Jahren.“ „Und Ihr habt es endlich entdeckt,“ ſagte Chriſtian von Anhalt, ihm mit einem Lächeln unterbrechend.„Wir haben ihn beſſer gekannt. Es iſt kein Mann im Lager, der ihm trauen würde.“ „Und doch iſt er ein guter Soldat und ein tapferer Mann,“ antwortete Algernon Greh.„Es wäre beſſer, wenn Ihr ihn und ſeine Leute bei Euch hättet.“ 5 — 41— „Ich denke nicht ſo,“ antwortete Chriſtian von An⸗ halt.„Freilich, mein Freund, können wir die Herzen derjenigen, die uns umgeben, nicht durchſchauen und ihre Abſichten und Gedanken ſehen; aber bei meinem Leben, wenn es möglich wäre, würde ich keinen Mann mit mir nehmen, wenn ich den Angriff auf die Glieder des Fein⸗ des mache, deſſen Herz nicht rein und erhaben iſt, deſ⸗ ſen Gedanken und Vorſätze, ſowie ſie vor den Augen Gottes offen daliegen, ſich nicht auch den Augen der Menſchen zeigen dürfen. Und ſoll ich in der Nähe eines Menſchen ſein, den ich als einen Schurken kenne? Ich denke mir immer, daß es ſolche Menſchen ſind, die uns den dichteſten Kugelregen zuziehen.“ Algernon Grehy ſchüttelte ſeufzend den Kopf, denn er wußte wohl, daß nach den weiſen aber geheimnißvol⸗ len Beſchlüſſen des Himmels Blei und Stahl eben ſo oft die Edlen und Guten„ als die Gemeinen und Ver⸗ worfenen treffen. Während ſie ſich ſo unterredeten, näherten ſie ſich dem Zelte des Generals, den ſie nebſt mehreren andern Offizieren bei einer haſtigen Mahlzeit fanden. Die Nach⸗ richten, die ſie mittheilten, machte dieſer Mahlzeit bald ein Ende, und mehrere Stunden lang wurde jedes Be⸗ e mühen angewendet, um die Leute zu bewegen die Poſi⸗ tion der Böhmiſchen Armee auf dem Hügel zu verſtär⸗ ken. Der Geiſt des Ungehorſams trotzte aber jedem An⸗ 4 ſehen. Einige wollten gar nicht arbeiten und ſagten, ſie wären Soldaten und keine Todtengräber. Einige ſchlichen ſich davon, nachdem ſie den Anfang gemacht hatten, und nur einige Engländer und Deutſche arbeite⸗ ten mit Anſtrengung und Beharrlichkeit. Es wurde ſehr wenig ausgerichtet und inzwiſchen brachten die Leute, die man auf Kundſchaft ausgeſendet, die Nachricht von dem raſen Anmarſch der Oeſtreichi⸗ ſchen und Baierſchen Armee. Einige hatten eine Ab⸗ theilung derſelben, Andere eine andere geſehen, aber im⸗ mer vergingen die Stunden, ehe ſi ſie ſich zeigten, und der Prinz von Hohenlohe und mehrere andere von den Stabsoffizieren zweifelten ſchon, daß die Schlacht an dem Tage Statt finden werde. Der alte Chriſtian von Anhalt ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Maximilian von Baiern wird fechten, ſobald er näher kommt, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen; ſeine Leute müſſen entweder fechten oder verhungern, und eine Nacht iſt für ihn von größerer Wichtigkeit als ſelbſt für uns.“ Alles, was die perſönlichen Anſtrengungen eines Mannes ausrichten konnten, wurde von dem alten Für⸗ ſten ſelber gethan. Er bemühete ſich nach beſten Kräf⸗ ten, die Truppen zu ordnen und zu ermuthigen. Er agte ihnen, der König werde in einer Stunde bei ihnen „ 9 . . 4 2 ſein. Er deutete auf die Mauern und Kanonen von Prag und ſagte, bei ſolcher Unterſtützung und bei ſtar⸗ ken Händen und tapfern Herzen hätten ſie keine Armee zu fürchten, und wenn ſie auch zehn Mal ſo ſtark wäre. Sein Geſicht war heiter und freudig, als er von Reihe zu Reihe ritt, welche Zweifel auch in ſeinem Herzen ſein mogten; aber es gelang ihm nicht, den Muth des grö⸗ ßern Theiles der Truppen zu ſtärken; und Alle, mit Ausnahme der Cavalerie unter dem Commando ſeines Sohnes, hörten ihn mit düſterer Stirn und zweifelhaf⸗ tem Ausdruck an. Als er und ſeine kleine Begleitung die Mitte der Li⸗ nie erreicht hatten, kam ein Reiter von Prag angerit⸗ ten und ſprach einige Worte in leiſem Ton mit ihm. Die Wange des alten Mannes wurde roth und er mur⸗ melte zwiſchen den Zähnen:„In der Kirche! Sünde und Tod! Was thut er in der Kirche? Warum be⸗ tet er nicht hier vor dem Auge des Gottes der Schlach⸗ ten und in Gegenwart ſeiner Soldaten?“ „Ich werde gehen müſſen und Schultetus die Kehle abſchneiden, um ſeinen langen Predigten ein Ende zu machen,“ ſagte der junge Prinz, der in der Nähe war. „Still,“ rief der alte General und fügte dann laut hinzu:„Der König wird ſogleich hier ſein, meine Freunde und vor ſeinen Augen werdet Ihr für ſeine Krone und Eure eigenen Rechte kämpfen.“ = 44— „Die vorderſten Colonnen zeigen ſich zur Rechten, Hoheit,“ ſagte Algernon Grey mit leiſem Geflüſter. „Es iſt mir lieb,“ antwortete Chriſtian von An⸗ halt.„Je früher es vorüber iſt, deſto beſſer.— Es reite Jemand zu dieſen Ungarn hinunter und ſage ih⸗ nen, ſie ſollen ſich zurück gegen den Hügel wenden. So weit vorgerückt, zeigen ſie dem Feinde unſere Flanke. Ihre rechte Flanke ſoll nur bis zu jenem kleinen Som⸗ merhauſe gehen; dort ſind ſie weit genug vorgerückt. Geht Ihr, Lenepp.“ Hierauf ritt er weiter, ſetzte ſeine Ermahnungen an die Soldaten fort, und ſchickte von Zeit zu Zeit einen Offizier mit Befohlen nach dieſer und jener Richtung ab. Als er das Ende erreicht hatte, lenkte er ſein Pferd herum und ritt, von dem Fürſten von Hohenlohe und den Uebrigen begleitet, mit raſchem Schritte zu dem höchſten Punkte des Hügels hinauf und winkte dem Manne, der die Nachricht von Prag gebracht hatte, ihm zu folgen. Seine erſte Aufmerkſamkeit war auf die Be⸗ wegungen des Feindes gerichtet, deſſen Regimenter ſich jetzt auf der Ebene ſammelten⸗ Eine Schaar leichter Truppen, die wie zum Scher hier und dorthin manövrirte, verbarg gewiſſermaßen was im Centrum der Armee vorging; aber das erfahrm Auge des alten Commandeurs ließ ſich nicht täuſchen und mehr als ein Mal murmelte er bei ſich ſelbern ¹ —-— 45— „Wenn er das thut, und wir weiſe ſind, ſo iſt er ver— loren. Wir werden bald ſehen! Nun, Herr, was geht in Prag vor?“ Und er wendete ſich zu dem Offizier, „ der eben aus der Stadt gekommen war:„Man betet, ſagt Ihr, und predigt auch vermuthlich. Was weiter?“ „Und ſchwelgt auch, Hoheit,“ antwortete der junge Mann trocken;„nach dem Norgengottesdienſte findet ein großes Banket bei Hofe ſtatt.“ „Ein Banket!“ rief der alte Fürſt wüthend.„Gott's Leben! Wer wird da ſein, um es zu verzehren? — Ja, er will verſuchen herüberzukommen— nein, er geht wei⸗ ter.— Beten, predigen und ſchwelgen, mit funfzig Tau⸗ ſend Mann vor den Thoren!— Hat Jemand eine Bibel bei ſich?“ „Ich habe eine,“ antwortete ein junger bleicher Nann, der dabei ſtand und dem alten General ein klei⸗ nes Buch hinreichte. 1„Laßt mich ſehen,“ fuhr Chriſtian von Anhalt fort, „dies iſt heute der dreiundzwanzigſte Sonntag nach Tri⸗ nitatis, nicht wahr? Und das Evangelium ſteht im zweiundzwanzigſten Kapitel des Matthäus.“ Hierauf ſuchte er das erwähnte Kapitel und über⸗ las es einige Minuten lang ſchweigend.— „Ah!“ ſagte er endlich, aus dem Buche leſend: „Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt, und Gott was Gottes iſt— aber bei meinem grauen Haar! Hier — 46— kommt der Kaiſer, um ſelber zu nehmen, was ſein iſt und noch mehr, als ſein iſt; daher müſſen wir verſu⸗ chen, ihn daran zu verhindern.— Nun, mein guter Vetter von Hohenlohe, ſeht, ob Ihr ausfindig machen, könnt, was Maximilian von Baiern und jener verdammte Wallone Bucquoy vorhaben.“ „Ich glaube, ſie wollen die Stadt auf der andern Seite angreifen,“ antwortete der Fürſt von Hohenlohe, der während des Rückzuges des alten Anhalt die auf dem weißen Berge verſammelten Truppen kommandirt hatte. „Nein,“ antwortete der Andere,„ſie ſehen ſich nach einer Brücke um. Sie wollen uns ihre Flanken nicht zeigen, das wird es ſein. Das wäre auch ein größerer Fehler, als der, den ſie zu begehen im Begriff ſind. Reite zu Deinen Leuten hinunter, mein Sohn Chriſtian. Daß ſie ſich ein Wenig rechts ſchwenken und ſich fertig halten, wenn ſie aufgefordert werden. Ich will die Eng⸗ länder zu Dir hinunterſchicken, wenn ich mehr ſehe.“ Etwa eine Viertelſtunde verging, während welcher die Bewegungen des Feindes ſchwankend und ungewiß ſchienen; nach Verlauf dieſer Zeit zeigten ſich Schaare von Plänklern, Croaten und Albaneſer, wie ſie genanm wurden, auf der näheren Seite des Fluſſes. „Es kann noch zum Schein geſchehen,“ ſagte Chri⸗ ſtian von Anhalt.„Dort kommen ſie auf ſumpfigen Boden. Noch fünf Minuten und ſie können ſich nicht mehr helfen. Beim Himmel! Ihre Colonnen ſind ge⸗ brochen. Was hat Maximilian von Baiern vor?— Er ſucht den Marſch zu wenden— die Oeſtreicher rük⸗ ken noch immer näher— ſeht, ſeht, ſie trennen ſich; ſie werden nimmermehr ihre Artillerie über jene kleine Brücke bringen!— Nun, Vetter von Hohenlohe, nun, edle Herren, der Augenblick des Sieges iſt vor uns, wenn wir uns ſeiner nur bemächtigen wollen. In einer Viertelſtunde wird der Sumpf, der Fluß und eine kleine Brücke zwiſchen Bucquoy und dem Herzog ſein. Laßt uns auf die Baiern anrücken, die ſchon in Verwirrung ſind. Wir ſind ihnen mehr als zweifach überlegen; ſie können keine Unterſtützung von den Oeſtreichern erhal⸗ ten; und wenn Tauſend tapfere Mäͤnner in unſerer Ar⸗ mee find, ſo find ſie unwiederbrin glich verloren. Mit derſelben Bewegung können wir Bucquoy in die Flanke fallen und er ſteht zwiſchen uns und den Kanonen von Prag.— Ich ſage, laßt uns Alle zugleich angreifen und der Sieg iſt unſer.“ „Aber Ihr bedenkt nicht, Anhalt,“ ſagte der Fürſt von Hohenlohe,„daß wir den Vortheil unſerer Stellung verlieren würden; hier müſſen ſie erſt dieſen Hügel hin⸗ aufklimmen und beim Anrücken unſer ganzes Feuer aus⸗ halten.“ „Gott des Himmels!“ rief Chriſtian von Anhalt. „Ich denke,“ ſagte ein anderer Stabsoffizier in der Nähe,„es würde Schade ſein, wenn wir den großen Vortheil dieſer Stellung aufgeben wollten, die wir mit ſo vieler Mühe erlangt haben.“ „Ueberdies,“ ſagte ein Dritter,„wenn wir dort zu⸗ rückgeſchlagen werden ſellten, verlieren wir die Unter⸗ ſtützung Prags und werden gänzlich von der Stadt ab⸗ geſchnitten; wir würden ſehr im Nachtheil ſein und kei⸗ nen Platz zum Rückzuge haben.“ „Wenn wir auf den Eifer und die Beſtändigkeit unſerer Leute rechnen könnten,“ rief ein Anderer,„ſo würde ich dem Fürſten von Anhalt beiſtimmen; aber daran zweifle ich ſehr. Ich glaube, die Hälfte würde ſich zerſtreuen, ehe wir mit dem Feinde zuſammen⸗ träfen.“ Der alte Commandeur ſaß ſchweigend auf ſeinem Pferde, biß die Zähne zuſammen und faltete ſeine blo⸗ ßen Hände ſo krampfhaft über einander, daß ein Theil ſeiner braunen Finger ganz weiß wurde. „Ihr verliert die einzige Gelegenheit des Sieges,“ ſagte er endlich.„Ja, ſie iſt ſchon verloren. Die Baiern haben den Sumpf umgangen. Die Oeſtreicher mar⸗ ſchiren uͤber die Brücke und ehe wir ſie erreichen können, werden ſie wieder vereinigt ſein. Jetzt iſt Nichts weiter zu thun, als ſo gut zu fechten, wie wir können. Ihr, Hohenlohe, commandirt auf der linken, ich auf der rech⸗ ten Seite. Laßt unſere Artillerie jetzt das Feuer begin⸗ 1 * 7 nen. Wir können ihren Marſch noch aufhalten, indem ſie anrücken. Jeder gehe an ſeinen Poſten und thue in Gottes Namen ſein Mögliches.“— Mit dieſen Worten wendete er ſein Pferd herum; doch als er zwanzig bis dreißig Schritte weiter geritten war, rief er einen von ſeiner Begleitung zu ſich und ſagte leiſe zu ihm: „Reitet zu den Commandeurs der Regimenter und ſagt ihnen insgeheim, im Falle eines Mißgeſchicks, wel⸗ ches Gott verhüte, ſollen ſie ſich mit ihren Leuten nach Brandeis zurückziehen. Der Feldzug iſt noch nicht zu Ende, wenn auch eine Schlacht verloren geht, und wenn Prag ſeine Pflicht thut, ſo können wir mit Mansfeld's Hülfe noch immer den Feind ſchlagen und die Krone retten.— Hier, mein junger Freund,“ fuhr er forr, in⸗ dem er Algernon Grey winkte,„geht zu meinem Sohn und ſagt ihm, er ſoll ſich mit ſeiner Cavalerie auf ſei⸗ nen früheren Platz zurückziehen. Sagt ihm, man habe mich überſtimmt und daher ſei jene Bewegung unnütz geworden. So weit ich ſehen kann, wird er die Baier⸗ ſche Cavalerie vor ſich haben. Wir müſſſen bald verſu⸗ chen, was ein Angriff auf ſie ausrichten kann; aber wenn es ihm gelingt, ſo ſagt ihm, ſoll er ſie nicht zu weit verfolgen, ſondern ſich zu der Flanke der Infante⸗ rie wenden und den Angriff erneuern. Ich will ihm den Befehl ſenden, wenn es Zeit iſt.“ Heidelberg. Dritter Band. 4 Nach dieſen Worten ſetzte er ſeinen Weg fort. Al⸗ gernon Grey galoppirte zu der Cavalerie hinunter, die unter dem Befehl des jüngern Prinzen Chriſtian ſtand, und überlieferte die Botſchaft ſeines Vaters. „So geht es, wenn ſich Thoren mit weiſen Män⸗ nern vereinen,“ ſagte der junge Chriſtian von Anhalt in leiſem und bitterem Tone.„Sie haben uns zu Grunde gerichtet.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Algernon Grey;„und derſelbe furchtſame Geiſt, wenn er ſich noch weiter zeigt, wird die Schlacht zu einer kurzen machen. Ich will meinen Leuten nur auf den ſchlimmſten Fall einige Be⸗ fehle geben und dann meinen Platz einnehmen, denn ſie rücken raſch vor.“ Mit dieſen Worten wendete er ſein Pferd um und galoppirte raſch zu einer Stelle herum, wo die Bagage zuſammengebracht war und unter der Obhut der ge⸗ wöhnlichen Diener der Offiziere und einer kleinen Wache ſtand. „Hier, Frill,“ rief er, ſobald er ſeine Leute fand, „ſage den Leuten die Pferde geſattelt in Bereitſchaft zu halten und die leichtere Bagage aufzuladen. Den Grauen und den Rothſchimmel ſollen ſie zum Stadtthore hinun⸗ terführen, nebſt einem von den Laſtpferden und den Braunen hinter jenen Baum ſtellen, im Fall, daß dieſes Pferd getödtet werden ſollte. Halte dicht hinter dem Gipfel des Hügels, um außer dem Bereiche des Feuers zu ſein. Es iſt nicht nöthig, Dein Leben aufs Spiel zu ſetzen, mein armer Junge.“ „Ich mögte wohl die Schlacht mit anſehen, My⸗ lord,“ ſagte der Knabe.„Bei Rakonitz wurde ich nicht verwundet, obgleich mein Hut durchſchoſſen wurde.“ uunſinn,“ antwortete ſein Herr;„thue, wie ich Dir befohlen und laß Dich nicht auf der andern Seite des Hügels ſehen. Du wirſt für den Nothfall Geld bei Dir haben?“ Der Knabe bejahte es und Algernon Grey wendete ſein Pferd herum, ritt zu der Cavalerie unter dem Prin⸗ zen Chriſtian von Anhalt zurück und nahm ſeine Stel⸗ lung an der Spitze ſeiner eigenen Leute ein. Die Oeſt⸗ reicher waren jetzt nur noch drei Hundert Schritte vom Fuß des Hügels entfernt und ihre Artillerie feuerte mit ſehr geringer Wirkung auf die Truppen, die den Hügel beſetzten. Die Kanonen der Böhmiſchen Armee, obgleich nur zehn an der Zahl, waren beſſer aufgeſtellt und beſ⸗ ſer bedient, und in dem Augenblick, als Algernon Grey zu der Scene des beginnenden Kampfes zurückkehrte, richteten die Kugeln von vier großen Kanonen in der feindlichen Cavalerie eine ungeheure Verwirrung und Unordnung an. Er war noch nicht drei Minuten bei ſeinem Trupp geweſen, als er einen deutſchen Offizier auf den Prinzen von Anhalt zugaloppiren ſah, der ihm 4* 1 laut zurief, obgleich ſeine Worte bei dem Brüllen des Geſchützes nicht gehört wurden. Im nächſten Augenblick aber ſchwang der junge Prinz ſein Schwert hoch in der Luft und rief:„Zum Angriff!“ Das Wort ging von Mund zu Mund, und ſogleich wurden den Pferden die Sporen in die Seite geſetzt. Die Thiere ſprangen vorwärts und die ganze Cavalerie auf dem linken Flügel ſtürmte wie ein Don⸗ nerkeil auf den rechten Flügel des Feindes los. Alles wich vor ihnen. Männer und Pferde wälzten ſich am Boden; die Fahne der Wallonen fiel; die Cavalerie wurde auf die Infanterie zurückgedrängt und die Infan⸗ terie wurde in Verwirrung gebracht. Eine Abtheilung Oeſtreichiſcher Reiter, die den Wallonen zu Hülfe kam, wurde im Augenblick geſprengt und in jedem Theile des Schlachtfeldes wendete ſich zehn bis funfzehn Minuten lang der Sieg auf die Seite der Böhmen; aber als Alles günſtig ſchien, ſchwenkte ein hagerer Mann mit harten Geſichtszügen, der ein ſchwarzes Pferd ritt, eine große Schaar Bairiſcher Pikenmänner, von einem Regi⸗ ment Arkebuſire unterſtützt, herum, und trat der trium⸗ phirenden Cavalerie des jungen Prinzen in den Weg. Ein heftiges Gewehrfeuer erfolgte, als Chriſtian von Anhalt unter die Pikenmänner ſtürmte und der junge Anführer fiel augenblicklich ganz nahe zu Tilly's Füßen nieder. Algernon Gret's Pferd ſtürzte in demſelben Augenblick, doch ſprang er ſogleich wieder auf und ver⸗ ſuchte ſeinen Freund unter den Piken hervorzuziehen; dabei erhielt er eine leichte Wunde in die Schulter, und als dieſer Schlag ihn nöthigte, ihn auf einen Augen⸗ blick loszulaſſen, ergriffen zwei ſtarke Baiern den Prin⸗ zen bei den Riemen ſeines Küraſſes und ſchleppten ihn in ihre Reihen. Ein Anderer ſuchte den Engländer zu ergreifen, doch Algernon verſetzte ihm einen heftigen Schlag mit ſeinem Schwerte über den Kopf, machte ſich ſo von ihm los, ſprang zurück, ergriff ein herrenloſes Pferd, welches in ſeiner Nähe umherlief, und ſchwang ſich in den Sattel. Die Trompeten der Böhmiſchen Cavalerie blieſen zum Rückzug. Algernon Grey galoppirte mit zweien von ſeinen Leuten, die ihm zu Hülfe geeilt waren, nach, erreichte den Hügel wieder und ſtellte einige Ordnung unter ſeinen Trupps wieder her. Das ganze uüͤbrige Schlachtfeld aber bildete eine wilde Scene der Verwir⸗ rung. Rauch und Staubwolken rollten zwiſchen den verſchiedenen Maſſen der Armee, wobei man kaum zu unterſcheiden vermogte, welche Abtheilungen ihren Platz behaupteten und welche flohen; aber Eins war klar, nämlich daß der Feind mit Sicherheit den Hügel her⸗ aufkam und daß die Baierſche Cavalerie, die ſich wieder geſammelt hatte und in guter Ordnung war, über die Boöhmiſche Linie hinausragte und ſich vorbereitete, ihre ehemals ſiegreichen Feinde anzugreifen. Die Deutſche Infanterie im Centrum der Böhmiſchen Linie ſchien ſich gut genug zu halten; aber die Tranſylvanier, die zu An⸗ fang des Gefechts auf der rechten Seite geweſen, waren nicht mehr zu ſehen, und da ein Regiment nach dem andern von den Oeſtreichiſchen Truppen auf jene Rich⸗ tung zueilte, ſo war dies ein Beweis, daß dort kein Widerſtand geleiſtet wurde. „Mylord, Mylord,“ ſagte eine jugendliche Stimme, als Algernon Grey um ſich blickte,„die Schlacht iſt verloren. Alle dieſe Wilden ſind entflohen, und auf der ganzen rechten Seite iſt Nichts als Verwirrung und Un⸗ ordnung; die Leute fliehen hier⸗ und dorthin und ſtürzen ſich in die Moldau.“ „Kehre an den Ort zurück, den ich Dir bezeichnete,“ verſetzte Algernon Grey,„und warte dort auf mich; aber ſage den Leuten, ſie ſollen das Gepäck ſo nahe als möglich ans Thor bringen.— Herr Graf,“ fuhr er zu einem alten Offizier redend fort, welcher ſich näherte, „noch einen Angriff zur Ehre unſerer Waffen!“ „Von Herzen gern,“ ſagte der alte Graf Schlick. „Wo iſt der Junge, der Chriſtian? Er machte einen wackern Angriff.“ „Er iſt verwundet und gefangen, Herr Graf,“ ant⸗ wortete Algernon Grey. „Dann will ich die Leute anführen,“ ſagte der — 55— Graf;„ſie werden dem grauen Haar ebenſo gut folgen, wie dem braunen, dafür ſtehe ich.— Laßt uns fort⸗ reiten.“ Hierauf eilte der alte Böhmiſche Edelmann zu der Abtheilung der Cavalerie, die ſich wieder geſammelt hatte, und ſtellte ſich an ihre Spitze. Es wurde Befehl zum Angriff gegeben und noch ein Mal, obgleich mit we⸗ niger Muth und in geringerer Anzahl, ſtürmten ſie auf den vorrückenden Feind hinunter. Der rechte Flügel ihrer Abtheilung traf auf einen Walloniſchen Reitertrupp und brachte denſelben zum Weichen. Dort wurden die Böhmiſchen Reiter bald mit dem Feinde handgemein. Aber auf der linken Seite wurde ihr Vorrücken durch das entſchloſſene Regiment der Baierſchen Pikenmänner, welchen die Arkebuſire zur Seite ſtanden, gehemmt. Die erſte Linie zauderte und zog beim Anblick des Pikenwal⸗ des vor ihnen die Zügel an. Ein heftiges Musketen⸗ feuer wurde auf ihre Flanke gerichtet und im Augen⸗ blick war Alles Verwirrung, Unordnung und Flucht. Etwa vier Hundert Reiter nebſt dem alten Grafen und Algernon Grey blieben in der Mitte der kaiſerlichen Ar⸗ mee, nicht mehr vereinigt, wie eine einzige Maſſe, ſon⸗ dern in kleine Abtheilungen getheilt, und bald wurde es kaie daß der Kampf nicht länger fortgeſetzt werden onnte. „Fort, fort!“ rief der Graf an dem jungen Eng⸗ — 56— länder vorüberreitend.„Ich habe den Trompetern be⸗ fohlen zum Rückzug zu blaſen; aber um des Himmels⸗ willen, laßt uns unſere Fahne retten.“ Während er ſprach, deutete er auf eine Stelle, wo eine Fahne in der Mitte einer großen feindlichen Abthei⸗ lung noch flatterte, und indem Algernon Grey ſo viel von ſeinen Leuten ſammelte, als er konnte, machte er mit dem alten Böhmen an ſeiner Seite einen Angriff, um wo möglich die Fahne zu retten. Aber das Bemü⸗ hen war vergebens; als ſie auf den Feind hinunter⸗ ſtürmten, wurde der Fahnenträger durch einen Piſtolen⸗ ſchuß vom Pferde geworfen und indem die Wallonen den kleinen Trupp der Engländer und Böhmen eng ein⸗ geſchloſſen, ſtreckten ſie bald manchen tapfern Mann zu Boden. Algernon Grey dachte an Agnes Herbert: er ſah Nichts als Tod oder Gefangenſchaft vor ſich, wenn er dablieb, um noch einen Schlag zu thun. Es war offenbar Alles verloren; kein Zweck war zu erreichen, und indem er ſein Pferd herumlenkte, machte er ſich mit ſeinem Schwerte Bahn und galoppirte unter einem heftigen Musketenfeuer den Hügel hinauf. Als er den Gipfel erreichte, bemerkte er, wie ver⸗ geblich die letzte Anſtrengung geweſen. Die Cavalerie und Infanterie der Böhmiſchen Armee floh zugleich. Das Schlachtfeld ſtellte eine vollkommene Niederlage dar, außer wo ſich an verſchiedenen Stellen ein Oeſtrei⸗ — 57— chiſches oder Baierſches Regiment zeigte, welches ſchon im Beſitz des Hügels war. Die Artillerie, der größte Theil der Bagage und alle Zelte waren in Händen des Feindes, und wie der Blitz durch die ihn umgebenden Gefahren dahingaloppirend, erreichte der junge Englän⸗ der endlich den Baum, wo der Page mit ſeinem eigenen Pferde und einem friſchen Pferde für ſeinen Herrn war⸗ tete. Algernon ſprang auf den Boden, riß die Piſtolen aus den Satteltaſchen und ſchwang ſich auf den Rücken des andern Pferdes. „Sitze auf und folge,“ rief er dem Pagen zu,„und galoppire dann auf die Thore von Prag zu.“ Als er ſich näherte, ſah er ſich lebhaft nach ſeinen Dienern und ſeinem Gepäcke an der Stelle um, wohin er Beides beordert hatte; doch war Nichts zu ſehen, ob⸗ gleich die Fläche und der Weg vor den Thoren verhält⸗ nißmäßig leer war, denn der Strom der Flüchtlinge hatte eine andere Richtung genommen. Als er aber vor⸗ ausblickte, ſah er einige Soldaten vor der Stadt im Begriff, die Zugbrücke aufzuziehen; und da er errieth, was geſchehen ſollte, ſo ſetzte er ſeinem Pferde die Spo⸗ ren in die Seite und galoppirte über die Zugbrücke. Eine Schildwache ſetzte ihm eine Partiſane vor die Bruſt und rief:. „Zurück! Wir haben Befehl!“ Algernon Grey ſchlug die Waffe mit ſeinem Schwerte —— auf die Seite, das Pferd galoppirte wüthend weiter und ſchleuderte den Mann zu Boden, und ehe ſich ihm noch ſonſt Jemand widerſetzen konnte, befand ſich der junge Cavalier mit ſeinem Pagen innerhalb der Mauern von Prag. — 59— Drittes Kapitel. In der ſchönen, alten Domkirche zu Prag ſaß Frie⸗ drich König von Böhmen mit vielen der vorzüglichſten Perſonen ſeines Hofes. Der matte Sonnenſchein eines kalten Novembertages ſchien durch die hohen Fenſter und einer von den bleichen kalten Strahlen fiel auf das kahle Haupt und das weiße Haar eines alten Mannes, der auf einer hohen Kanzel ſtand und mit ausgeſtrecktem Arme und heftigen Geberden gegen das Weib der ſieben Hügel und gegen Alle ſprach, die das Merkmal des wil⸗ den Thieres an ſich trügen. Seine Frömmigkeit war in der That ein Wenig gottesläſterlich und ſeine Erklärungen in zu übertriebener Weiſe und zu gemeiner Sprache aus⸗ gedruckt, ſo daß ſie faſt lächerlich wurde; aber dennoch hatte er eine gewiſſe rauhe und wilde Beredtſamkeit an ſich, die ſeine Zuhörer einnahm und ihre Aufmerkſam⸗ keit feſſelte. Jedes Auge war auf ihn gerichtet, jedes — 60— Ohr zu ihm geneigt, als plötzlich ein dumpfer und ſchwerer Knall das Gebäude erſchütterte und machte, daß die Fenſter in ihren Rahmen klapperten. Der Prediger ſchwieg; die Verſammelten wendeten ſich um und ſahen einander an; und dann kam Knall auf Knall der Donner des Geſchützes von dem Schlacht⸗ felde, wo Friedrichs ſämmtliche Hoffnungen ihren end⸗ lichen Untergang finden ſollten. Der junge Monarch ſprang mit einem Blicke der Beſtürzung auf; die Verſammlung folgte und Alle ſchie⸗ nen von Ueberraſchung ergriffen und wie vom Donner getroffen von einem Ereigniß, welches ſie ſelber hätten vorausſehen können und welches Andere ſchon wochen⸗ lang vorausgeſehen hatten. Aber es gibt Zuſtände mo⸗ raliſcher Gefühlloſigkeit— einen Stumpfſinn des Gei⸗ ſtes, den das Schickſal zu ſenden ſcheint, um zu ver⸗ hindern, daß der nahe bevorſtehende Untergang den Ver⸗ urtheilten eine Warnung gebe, bei ihrer Annäherung zu entfliehen. Oft hatten Vorſtellungen Friedrich's Ohr erreicht; man hatte ſich dringend an ſein Urtheil gewen⸗ det; jede Nachricht von den Bewegungen des Feindes war ihm mitgetheilt worden— aber in achtloſen Müſ⸗ ſiggang verſunken, von der Verfolgung des Vergnügens fortgeriſſen, oder mit den Viſionen einer fanatiſchen Re⸗ ligion beſchäftigt, wollte er nicht hören und nicht glauben, bis die Kanonen auf dem Schlachtfelde bei Prag ihn — 61— plötzlich mit Entſetzen und Verwunderung aus der langen Erſtarrung erweckten, in die er verſunken war. Die Schlacht hatte begonnen und er war abwe⸗ ſend; ſeine Unterthanen und Freunde vergoſſen ihr Blut zu ſeiner Vertheidigung und er war nicht da, ihre Gefahr zu theilen und ihre Anſtrengungen zu leiten. Aber er meinte, es ſei noch nicht zu ſpät. Er wollte auf das Schlacht⸗ feld eilen, er wollte ſeine Soldaten durch ſeine Gegen⸗ wart ermuthigen; er wollte ſich an die Spize ſeines Heeres ſtellen; er wollte umkommen oder die Krone ret⸗ ten, die er gewonnen. Er hörte nicht auf den Prediger, obgleich Schulterus Alle mit lauter Stimme aufforderte, zu warten und noch ein Schlußgebet anzuhören. Er hörte nicht die lebhaften aber vernunftloſen Fragen der ihn umgebenden Hofleute; er bemerkte nicht einmal das bleiche Geſicht des Raths Camerarius, ſondern machte eine Bewegung mit ſeiner rechten Hand, ergriff ſeine Degenſcheide mit der Linken und rief laut: „Aufs Schlachtfeld! Aufs Schlachtfeld! Unſere Freunde und Brüder ſterben unter den Waffen und in unſerer Sache! Aufs Schlachtfeld! Aufs Schlachtfeld! Und Gott ſchütze das Recht!“ Mit dieſen Worten ſchritt er ſogleich aus der Kir⸗ che, eilte auf ſeinen Palaſt zu und rief laut, ihm ein Pferd zu bringen. Ein Page eilte, ihm ein Pferd her⸗ auszuführen und viele Andere folgten, um Waffen zu ſuchen, wie ſie ſagten; aber Wenige wurden wieder an der Seite des jungen Monarchen geſehen. „Wo iſt mein Pferd?“ rief Friedrich heftig, als er die Thore des Schloſſes erreichte.„Schnell, ſchnell! Verliert keinen Augenblick. Sagt der Königin, ich ſei gegangen, um die Truppen anzuführen; fagt ihr—“ „Welches Pferd wollen Eure Majeſtät reiten?“ fragte ein Stallmeiſter, der herbeigelaufen kam. „Irgend eins, Du Narr!“ rief der König.„Hörſt Du nicht die Kanonen?— Irgend eins, welches mich zu meinen Freunden draußen tragen wird— fort! Zau⸗ dere nicht!— Bring es im Augenblick herbei!“ „Wollt Ihr Eunch nicht bewaffnen, Majeſtät?“ ſagte ein alter Offizier in überredendem Tone. „Nein!“ rief Friedrich ſtrenge.„So wie ich bin, mit meiner unbeſchützten Bruſt will ich ihnen entgegen⸗ treten. Schnelligkeit iſt die einzige Rüſtung, die ich an⸗ wenden mögte— aber dieſe Leute werden mich wahn⸗ ſinnig machen.— Wo iſt mein Pferd?— Um des. Himmels Willen, ſehe Jemand nach, was ſie thun! Die Leute werden mich einen Feigling nennen— mein Na⸗ me wird zum Spott werden! Man wird noch nach Jahrhunderten ſagen, während ſeine tapfern Soldaten vor Prag geblutet, habe Friedrich von Böhmen das Schlachtfeld gemieden, wo ſeine Krone auf dem Spiele geſtanden.“ — 63— „Hier kommt Euer königliches Schlachtroß,“ rief eine Stimme, und vorwärts eilend, ſetzte der Monarch ſeinen Fuß in den Steigbügel und ſchwang ſich auf den Rücken des Pferdes.. „Folgt mir! Folgt mir Alle, die Ihr mich liebt!“ rief er; und ohne auf Jemand zu warten, galoppirte er in raſender Eile auf das Thor zu. Der Weg war weit, die Straßen eng und ſteil; aber vorwärts, vor⸗ wärts eilte der unglückliche Fürſt, bis er den kleinen, dreieckigen Platz vor dem innern Thore erreichte. Da kam eine halb bewaffnete Wache angelaufen, näherte ſich dicht der Seite ſeines Pferdes und ſagte mit leiſer Stimme: „Sie fliehen, ſie fliehen, Eure Majeſtät.“ Sein Blick und ſein Ton waren bedeutungsvoll, denn er ſprach, als ob er fürchte, daß ſeine Worte von Jemand in der Nähe gehört werden mögten; aber Friedrich fragte dennoch mit ſinkendem Muthe: „Wer flieht?“ „Unſere Leute, Majeſtät,“ antwortete der Soldat. .„Dann will ich ſie wieder ſammeln,“ rief der Kö⸗ nig,„oder ſterben mit denen, die noch ſtehen.“ „Das hätte vor einer Stunde gehen können,“ ſagte der Soldat;„aber jetzt iſt es zu ſpät.“ Es iſt das Schickſal des Unglücks, harte Wahrhei⸗ ten hören zu müſſen; und dies war der erſte bittere Sta⸗ chel von den vielen, die Friedrich ſpäter empfinden mußte. Er blieb indeſſen nicht da, um zu antworten, ſondern galoppirte an dem Manne vorüber und erblickte zu glei⸗ cher Zeit mehrere von ſeinem Gefolge, die ihm nacheil⸗ ten. Die Soldaten auf der Wache ſahen kaum ſeine Ankunft, denn ſie blickten Alle lebhaft aus dem äußern Thore; aber gerade jenſeits der Zugbrücke bemerkte er einen rauhen Böhmen, der aus mehreren Wunden blu⸗ tete und ſich an das Mauerwerk ſtützte. „Ah, Herr, die Schlacht iſt verloren,“ rief der Mann, als der Monarch an ihm vorüberritt.„Die Truppen fliehen alle auf Brandeis zu; die Hälfte der Ungarn iſt im Fluſſe ertrunken. Die Infanterie iſt gänz⸗ lich geſchlagen, die Kanonen genommen— 1 Mehr hörte Friedrich nicht, ſondern ſpornte ſein Pferd weiter, ſprengte durch die Wachen am äußern Thor und blickte lebhaft zu dem Hügel hin. Wer kam ſo raſch auf ihn zu, von einem halben Duzend Soldaten und einem einzigen Banner begleitet? Der alte Chriſtian von Anhalt, blutig und beſtäubt von der Schlacht, worin er im Handgemenge gefochten; er hatte keinen Hut auf dem Kopfe, ſein graues Haar flat⸗ terte im Winde, er ließ den Kopf faſt bis auf den Hals des Pferdes hängen und ſeine Hände griffen langſam in die Mähnen. „Anhalt!“ rief der König. — 865— „Alles iſt verloren, Majeſtät, wie ich vorher wußte,“ ſagte der alte Krieger mit leiſer und tiefer Stimme. „Zurück mit uns nach Prag, ſo ſchnell als möglich. Die Baiern ſind uns auf den Ferſen.— Laßt die Mauern gut beſetzen und die Kanonen auf den Feind abfeuern, wenn er zu nahe kommt. Laßt die Thore ſchließen, die Flüchtlinge nehmen einen andern Weg.— Eure Sicher⸗ heit und die Vertheidigung von Prag iſt jetzt Alles, was wir zu bedenken haben. Wir müſſen uns eiligſt berathen. — Ihr, meine Herren,“ fuhr er zu denen fort, welche folgten,„zum Rathhauſe der Altſtadt, ſo ſchnell Ihr reiten könnt; berathet Euch mit dem Magiſtrat wegen der ſichern Beſetzung der Wälle; und Ihr, Dillingen, zieht Kundſchaft ein über die Stimmung des Volks und laßt den König im Hradſchin hören, was Ihr erfahrt. Ihr werdet mich dort finden, wenn Ihr meiner bedürft. — Kommt, Majeſtät, kommt, es iſt vergebens an das zu denken, was nicht wieder gut zu machen iſt. Die Zukunft, die Zukunft! Immer die Zukunft! Wir können uns noch gut halten, wenn Mannsfeld uns nur helfen will— nicht um unter mir zu dienen! Ich will ſein Pferdejunge ſein, wenn er nur fechten will wie ein Mann.— Kommt— kommt Majeſtät.— Nein, nein ſeid nicht ſo niedergeſchlagen! Dies iſt am Ende Nichts weiter als eine verlorene Schlacht. Ich hoffe, wir wer⸗ Heidelberg. Dritter Band. 5 — 66— den viele ſolche erleben, ehe wir ſterben, und auch manche gewinnen!“ Hierauf ergriff er freundlich Friedrichs Hand, führte ihn in die Stadt zurück und ertheilte in den Thoren Befehle, ſie zu ſchließen und zu vertheidigen. Schon hatte ſich die Nachricht in Prag verbreitet, daß die königliche Armee geſchlagen worden. Es waren Leute auf einem Kirchthurm geweſen, welche die Nieder⸗ lage geſehen hatten; die Nachricht hatte ſich von Mund zu Mund, von Haus zu Haus verbreitet; jedes Kind wußte es und wiederheolte es; und als Friedrich mit ſei⸗ ner Begleitung vorüberkam, ſtand vor jeder Thüre eine Gruppe von Mäͤnnern und Weibern, die ihn angafften, Einige traurig, Andere mürriſch, doch ohne daß Jemand ein Zeichen der Ehrerbietung zu erkennen gab. Einige, beſonders da, wo ein Krug über der Thüre war, zeig⸗ ten ein halb unterdrücktes Grinſen, als der unglückliche Fürſt vorüberritt, ſprachen leiſe mit ihren Nachbarn und deuteten dann bedeutungsvoll über die Schulter auf die königliche Gruppe. Alles, was er ſah, machte das Herz des jungen Monarchen trauriger; und als er den Palaſt erreichte, ging er gerade auf das Vorzimmer ſeiner Ge⸗ mahlin zu. Die erſte Perſon, die ihm dort begegnete, war Ag⸗ nes Herbert; aber ſie ſah, daß Mißgeſchick und Unter⸗ gang in ſeinen Augen war und wagte keine Fragen zu — 67— thun. Kein Diener war im Hofe, auf der Treppe oder in der untern Halle zu finden, und Friedrich wendete ſich zu ihr und ſagte in ſanftem aber traurigem Tone: „Ich bitte Euch, Fräulein, ſucht einige von den Leuten auf und ſagt ihnen, ſie ſollen ſo viel Räthe zu uns ſchicken, als ſie finden können, vor allen Dingen Dohna und Camerarius.“ „Camerarius!“ rief Chriſtian von Anhalt mit Hef⸗ tigkeit.„Wir bedürfen des Rathes von Männern, nicht von einem ſchwachen, ſpitzfindigen Menſchen, wie der.— Schickt uns die Königin und Dohna.— Der alte Schlick, glaube ich, iſt todt; denn ich ſah ihn verzweiflungsvoll angreifen, um meinen armen Jungen zu retten, der, wie ich höre, verwundet und gefangen iſt.“ „Gut, gut,“ ſagte Friedrich,„ſchickt Jemand zu Dohna, liebes Fräulein, und ich will die Königin rufen. — Iſt Euer tapferer Sohn alſo wirklich gefangen?“ fuhr er fort, indem er die Hand des alten Anhalt ergriff. „Denkt nicht an ihn,“ verſetzte der Krieger.„Gott wird für ihn ſorgen.— Führt uns die Königin hieher, gnädigſter Herr. Ihr Muth und ihre Weisheit ſind mehr werth, als die von einem Dutzend anderer Rathgeber.“ Inzwiſchen verließ Agnes mit todtenblaſſer Wange und eiskaltem Herzen das Vorzimmer. Sie hätte gern eine Frage gethan, doch wagte ſie ſie nicht auszuſprechen — eine Frage, die ihren Buſen beſchwerte und ihre Glie⸗ 5* der erzittern machte, während ſie ſie bei ſich ſelbſt aus⸗ ſprach: „Wo iſt Algernon Grey?“ O, wenn ſie in jener Stunde an ihn dachte, wie ſtark und mächtig fühlte ſie die Liebe, die ſie ſo lange vor ihren eigenen Augen verborgen hatte. Sie ergriff das Treppengeländer, um ſich darauf zu ſtützen; und obgleich ſie wußte, daß jeder Augenblick koſtbar ſei, ſo blieb ſie doch bei jedem Schritte ſtehen. Wäre ſie wei⸗ ter gegangen, ſo würde ſie hingefallen ſein. Plötzlich, als ſie hinunterſtieg, hörte ſie das Klirren eines bewaffneten Mannes, der vor der Thüre des zwei⸗ ren Hofes, die ſich unterhalb dieſer Treppe befand, vom Pferde ſprang. Dann kam ein Schritt durch die gepfle⸗ ſterte Halle am Fuß der Treppe. O, wie ſchl hr Herz, denn das raſche und ſichere Ohr der Liebe er ute ſogleich den Schritt. Sie ſprang die noch übrigen Stu⸗ fen hinunter. Im nächſten Augenblick ſtand er vor ihr. Sie eilte auf ihn zu, und ehe ſie wußten, was ſie tha⸗ ten, wurde ſie an ſeine bewaffnete Bruſt gedrückt. „Ich komme, mein Verſprechen zu halten, Theuerſte/ ſagte Algernon Grey;„Euch zu helfen, zu ſchützen, z vertheidigen mit meinem Leben, wenn es ſein muß.— Wo iſt die Königin, wo iſt der König? Ich muß wt Beiden ſprechen, wenn es möglich iſt.“ „Der König iſt oben,“ antwortete Agnes, ſich ſaͦ — 69.— ner Umarmung entziehend.„Er iſt mit dem Fürſten von Anhalt im Vorzimmer der Königin, gerade über dem Hofe des heiligen Georg. Er ſchickte mich ab, einem von den Dienern zu ſagen, den Grafen von Dohna herbeizurufen; aber ich kann Niemand finden.— Guter Himmel, ſie können doch nicht Alle ſchon ihren König und Herrn verlaſſen haben!“ „Nein, nein,“ antwortete Algernon Grey,„ſie ſind auf die Dächer gegangen, um Etwas von der Schlacht zu ſehen, oder auch hinaus, um Nachrichten zu erfah⸗ ren. Eile zurück, liebe Agnes, und ſage ihm, daß ich da bin. Ich will Dohna aufſuchen, wenn er noch wohnt, wo er früher wohnte. Auf jeden Fall werde ich Jemand finden, der ihn rufen kann. Fort, liebes Mädchen, denn ich mögte ſo bald als möglich den König ſprechen.“ Agnes eilte mit freudigem Herzen fort, denn das Entzücken über ſeine Ankunft hatte die Bitterkeit wegen alles andern Mißgeſchicks hinweggenommen. Was war für ſie eine verlorne Schlacht, wenn Algernon Grey ge⸗ rettet war? Als ſie in das Vorzimmer trat, ſah ſie die Königin zwiſchen ihrem Gemahl und Chriſtian von An⸗ halt ſitzen, ihr Geſicht aufgerichtet und abwechſelnd von dem Einen zu dem Andern gewendet; ihr Geſicht war lebhaft und ernſt, aber keineswegs niedergeſchlagen. „Dies iſt das beſte Mittel,“ ſagte ſie, als Agnes eintrat;„dadurch werden wir wenigſtens Zeit zur Vor⸗ bereitung und zur Handlung gewinnen.— Ohne Zwei⸗ fel wird er es gewähren, er iſt ja unſer Vetter.“ „Und ſeine Truppen haben genug zu thun gehabt,“ antwortete Chriſtian von Anhalt,„das iſt die beſte Si⸗ cherheit. Er bedarf eben ſo ſehr der Ruhe, wie wir. Prag iſt ein harter Knochen zum Abnagen.“ „Aber wen ſollen wir ſenden?“ fragte Friedrich. „Es muß ein Mann von hohem Range ſein und es herrſcht ein alter Groll zwiſchen ihm und Dohna. Kommt der Graf, ſchöne Dame?“ „Ich kann Niemand von den Dienern finden, Eure Majeſtät,“ antwortete Agnes,„aber in dehe. Riid he⸗ gegnete mir Herr Algernon Grey, der eben vohrt s a ſtieg; er übernahm es, den Grafen aufzußichen, und bat mich, Euren Majeſtäten zu ſagen, doßtit ihssch mit Euch zu reden wünſche.“ „So iſt er alſo gerettet,“ rief die Königin.„Gott ſei Dank!“ „Wenn er gerettet iſt, ſo iſt es nicht ſeine Schuld,“ rief Chriſtian von Anhalt,„denn er focht wie ein Wahn⸗ ſinniger, als alle Hoffnung vorüber war. Ich ſah nie einen ſo kalten Kopf im Rath und einen ſo hitzigen in der Schlacht. Laßt uns auf jeden Fall mit ihm reden.“ „Können wir nicht den Grafen ſenden, Friedrich?“ fragte die Königin, ihre Hand auf den Arm ihres Gat⸗ ten legend und ihn in der Stunde der Noth bei dem — 7— theuren Familiennamen nennend, den ſie nur im Prisat⸗ umgange gegen ihn anwendete.„Er muß jetzt ſein thö⸗ rigtes Incognito ablegen, und wird gewiß in ſeinem eige⸗ nen Namen und Charakter als unſer Abgeſandter zu die⸗ ſem ſtolzen Sieger gehen. Sieh nach ihm, liebe Cou⸗ ſine, ſieh nach ihm und bringe ihn in aller Eile hieher“ Agnes eilte ohne zu antworten hinaus und traf Algernon Grey ſchon auf der Treppe. Er folgte ihr raſch, ohne ſich ſo viel Zeit zu laſſen, die Worte der Zärtlichkeit auszuſprechen, die in ſeinem Herzen waren; und ei ablick ſpäter ſtand er vor dem König und der Me azs die noch faſt in derſelben Stellung waren, Ddrfe s verlaſſen, nur daß Eliſabeth mit geläu⸗ figer⸗Hund nach dem Diktate ihres Gemahls ſchrieb. auſt rerundzwanzig Stunden, mein gnädigſter König, ruf Chriſtian von Anhalt, ihn unterbrechend; „mehr wird er nicht geſtatten, wenn überhaupt ſo viel.“ „Nun, alſo vierundzwanzig Stunden,“ antwortete Friedrich.„Wir können in jener Zeit Streitkräfte genug ſammeln, um ihm die Spitze zu bieten.“ Eliſabeth beendete den Brief raſch und ſchob dann das Papier ihrem Gemahl zu, der die Feder nahm und ſeinen Namen unterzeichnete. „Dieſe ſchöne Dame ſagt mir, Ihr wünſcht mit mir zu dcheg. Mylord,“ ſagte Friedrich, ſobald er dies gethan. „Ich wünſche Eurer Majeſtät nur vorzuſtellen,“ verſetzte Algernon Grey,„daß, wenn die Stadtthore ſo bald geſchloſſen werden, ehe noch feindliche Abtheilun⸗ gen in der Nähe ſind, mancher tapfere Mann, der red⸗ lich ſeine Pflicht gethan, verhindert werden wird, inner⸗ halb dieſer Mauern Zuflucht zu finden, wo er gute Dienſte leiſten könnte. Ich ſelber wäre beinahe aus⸗ geſchloſſen worden, und ohne Zweifel wird viel von der Bagage verloren gehen, was noch könnte gerettet werden.“ „Es war ein Befehl, den ich in der Haſt gab, mein junger Freund,“ entgegnete Chriſtian von Anhalt,„den die erſchrockenen Leute nicht recht verſtanden haben und der ſogleich wieder kann verbeſſert werden. Sie ſollten nur unſere Feinde ausſchließen, nicht unſere Freunde. Aber jetzt hört, was ſeine Majeſtät Euch zu ſagen hat.“ „Es iſt Folgendes, Graf von Hillingdon,“ ſagte Friedrich:„Wollt Ihr in unſerer gegenwärtigen Noth eine Friedensfahne von unſeren Thoren zu unſerem Vet⸗ ter Maximilian von Baiern tragen und ihm dieſen Brief überliefern, worin wir um einen Waffenſtillſtand von vierundzwanzig Stunden bitten?— Ihr müßt aber un⸗ ter Eurem eigenen Namen dorthin gehen, denn wir kön⸗ nen in der Stunde ſeines Sieges keinen untergeordneten Mann zu einem ſolchen Fürſten ſenden.“ -— 73— „Ich will mit Vergnügen der Botſchafter Eurer Majeſtät ſein,“ antwortete Algernon Grey,„und für dieſen Abend meinen Namen und Titel wieder annehmen 3 doch muß ich alle hier Gegenwärtigen bitten, ihn ſpäter zu vergeſſen, da ich aus eigenen Gründen, die jetzt ſtär⸗ ker ſind, als je, nicht wünſche, daß mein Aufenhalt in jedem Theile Europas bekannt werde.“ „Es ſei, wie Ihr wollt,“ antwortete Friedrich; „und vielen Dank, Mylord, für dieſen Dienſt, ſo wie für viele andere. Theure Gattin, ſetze noch auf den Brief: Durch unſern Vetter, den Grafen von Hillingdon!“ Eliſabeth ſchrieb, übergab Algernon Grey den Brief, erhob ihre Augen zu ſeinem Geſichte und ſagte: „Bei Eurer Rückkehr, welche Antwort Ihr auch bringt, muß ich Euch einige Augenblicke ſprechen, My⸗ lord. Ihr gabt mir ein Verſprechen, welches Ihr, wie ich gewiß bin, mit ritterlicher Ergebenheit erfüllen wer⸗ det.“ „Ich vergaß es nicht, Ihre Majeſtät,“ antwortete Algernon Grey, ſich mit mattem Lächeln zu Agnes um⸗ ſehend;„und ſobald dieſer Auftrag beendet iſt, will ich zurückkehren, um es zu erfüllen. Ich werde ohne Zwei— fel am Thor eine Fahne finden. Und ſo nehme ich mei⸗ nen Urlaub.“ „Wartet, ich will mit Euch gehen, um beſſere Be⸗ fehle zu ertheilen,“ ſagte Chriſtian von Anhalt,„und -— 4— den Wachen eine neue Parole zu geben, denn ich hege einige Furcht vor dieſen guten Bürgern. Ha, hier kommt Dohna— ich will ſogleich zurückkehren.“ Und mit dieſen Worten entfernte er ſich mit Alger⸗ non Grey. Viertes Kapitel. Mues war Verwirrung und Unordnung in den Straßen der kleinen Seite der Stadt Prag, als der äl⸗ tere Chriſtian von Anhalt von den Thoren zurückkehrte. Die niedern Klaſſen der Bürger eilten hin und her, oder verſammelten ſich in Haufen, wo ein freierer Platz zu finden war, und verhandelten dort laut und eifrig die vergangenen Ereigniſſe und die künftigen Ausſichten. Ueberall ſah man düſtere Stirnen, zornige Blicke und heftige Geberden; aber Niemand wagte auf irgend eine Weiſe den alten Commandeur zu beleidigen, als er durch die Menge ritt; denn nicht nur ſein offenes und gerades Benehmen und ſeine Tapferkeit im Felde geboten Ach⸗ tung, ſondern er hatte auch vor den Thoren der Stadt einige dreißig bis vierzig Cavaliere gefunden, die das Schlachtfeld zuletzt verlaſſen hatten, unter den Kanonen der Feſtung Schutz ſuchten und ihn jetzt auf ſeinem Wege zum Palaſte begleiteten. Dort fand man die Diener und Schloßbeamten des Königs wieder verſammelt, die ſich ſtellten, als ob ſie ihre gewöhnlichen Pflichten ver⸗ richteten; doch ihre erſchrockenen Blicke, ihre unſtete Haſt und ihr zerſtreutes Weſen zeigten Beſtürzung, und indem der Fürſt zu den Zimmern der Königin hinaufſtieg, fand er, daß der Schrecken nicht auf die untergeordneten Be⸗ wohner der Reſidenz beſchränkt war. Eine Anzahl von Friedrichs Räthen hatte ſich jetzt verſammelt, und mit Ausnahme Dohnas ſchien der Eine immer noch erſchrockener als der Andere. Weder die Gegenwart ihres Monarchen, noch die Nothwendigkeit der ruhigen Berathung, noch ſelbſt der heroiſche Muth, den die Königin zeigte, konnte ſie verhindern, Alle zue gleich zu ſprechen. Einige riethen zu augenblikllicher Flucht, Einige zur Uebergabe auf Gnade oder Ungnade und die Kühnſten von ihnen wagten nur zu dem Ver⸗ ſuch zu rathen, durch liſtige Unterhandlungen von dem Feinde Zeit zu erlangen. Friedrich ſelbſt war ruhig und entſchloſſen in ſeiner Miene und ſeinem Ton; aber in ſei⸗ ner Anſicht ſchien er ſchwankend und unentſchloſſen. Das Anſehen des alten Kriegers, ſeine einfache und rauhe Rede, ſein geſunder Sinn und ſeine entſchlof⸗ ſene Feſtigkeit in der Stunde der Gefahr machte einigen Eindruck; aber Chriſtian von Anhalt ſah bald, daß der größere Theil der Gegenwärtigen die Rathſchläge durch thörigte Berechnungen, durch unnütze Wiederholun⸗ gen und gänzlich unanwendbare Vorſchläge nur verwir⸗ ren würden. „Wir müſſen uns von dieſen Leuten befreien, Maje⸗ ſtät,“ ſagte er, indem er Friedrich auf die Seite zog; „die Hälfte von ihnen ſind Feiglinge und faſt alle Uebri⸗ gen Thoren, nur zu den Affenpoſſen der Diplomatie geeignet. Wir bedürfen Maͤnner von Muth und That⸗ kraft. Laßt uns Dohna als einen gewandten und feſten Rathgeber da behalten und laßt den jungen Thurn kom⸗ men. Wo ſein Vater iſt, weiß ich nicht. Ich ſah ihn noch ſehr ſpät auf dem Schlachtfelde.“ „Er iſt in ſeinem Hauſe,“ ſagte Friedrich;„er ließ mir ſagen, er wolle zu Mittag ſpeiſen und dann her⸗ kommen.“ „Das ſieht ihm ähnlich,“ rief Anhalt,„das Gefecht hat ihm Appetit gemacht. Aber habe ich Eure Erlaub⸗ niß, dieſe Leute fortzuſchicken?“ „Ja, aber auf höfliche Weiſe, mein Freund, auf höfliche Weiſe,“ entgegnete Friedrich. „O, natürlich, ſehr höflich,“ antwortete der alte Mann mit grimmigem Lächeln.„Meine Herren,“ fuhr er fort,„es iſt ein Botſchafter in das Hauptquartier des Feindes geſchickt worden. In weniger als einer Stunde werden wir mehr hören, und können uns bis dahin zu Nichts entſchließen. Vielleicht müſſen wir morgen Prag verlaſſen, daher mögte ich Allen rathen, da Jeder einige Privatpapiere und die Meiſten ein kleines Beſitzthum ha⸗ ben, die nächſten wenigen Minuten zur Vorbereitung anzuwenden, welches auch der Ausgang ſein mag. Seine Majeſtät will geſtatten, daß Ihr Euch auf eine Stunde entfernt.— Bleibt da, Dohna, bleibt da!“ fügte er in leiſem Tone hinzu,„wir werden Eurer bedürfen. Wir wollen die beiden Thurns kommen laſſen und eine ruhige Berathung anſtatt dieſes furchtſamen Geſchwätzes halten.“ Begierig ihre Papiere und Effekten zu retten, eilten die andern Räthe fort, und ſobald ſie ſich entfernt hat⸗ ten, wurde ein Bote an den alten Grafen Thurn und ſeinen Sohn den Grafen Bernhard abgeſchickt; aber ehe dieſer zwei Minuten das Zimmer verlaſſen hatte, wurde an die Thüre geklopft und der jüngere Graf trat haſtig mit dem Baron von Dillingen ein, den Anhalt aufs Rathhaus geſchickt hatte. „Was gibts, meine Herren?“ rief die Königin, ſo⸗ balo ſie ſie erblickte.„Es zeigt ſich Unruhe in Euren Geſichtern. Hat ſich ein neues Unglück ereignet?“ „Nein, Ihre Majeſtät,“ verſetzte der junge Graf, „aber Dillingen hat wichtige Nachrichten, die ich leider beſtätigen muß.“ „Redet, redet!“ rief Friedrich, ſich an den Baron wendend.„Welche Nachrichten bringt Ihr, Herr“?“ — Rückt der Feind vor?“ 1 g „Nein, Majeſtät,“ antwortete der Baron von Dil⸗ lingen,„aber der Fürſt von Anhalt befahl mir, über die Stimmung des Volks und der Obrigkeiten Nachrich⸗ ten einzuziehen und leider muß ich ſagen, daß es nicht gut damit ſteht. Sie zeigen ſich nicht bereitwillig, die untere Stadt zu vertheidigen— ſie erklären, ſie ſei un⸗ haltbar und bei dem bloßen Gedanken erheben ſie ein lautes Murren.“ „Was iſt zu thun?“ rief Friedrich, ſich mit einem Blick der Beſtuͤrzung an den Fürſten von Anhalt wen⸗ dend. „Geht zum Wyſchehrad hinauf,“ antwortete An⸗ halt;„wir können ihn eine lange Weile halten, bis wir im Stande ſind, Männer genug zuſammen zu bringen, um dieſe Bürger im Zaum zu halten und ihnen die Vertheidigung aus den Händen zu nehmen.“ „Gnäͤdigſter Herr, ich fürchte, ſie ſind nicht im Zaum zu halten,“ entgegnete Dillingen;„mit einem Wort, es iſt Verrätherei unter ihnen.“ „Ja ſelbſt am Hofe und im Palaſte Eurer Maje⸗ ſtaͤt,“ fügte Bernhard von Thurn hinzu. „Das weiß ich,“ antwortete Friedrich in traurigem und bitterem Tone.„Erinnert Ihr Euch meines Brie⸗ fes von Rakonitz?— Aber dennoch hielt ich die Bür⸗ ger für treu.“ „Weit entfernt, Najeſtät,“ ſagte Bernhard von — 80— Thurn,„und ſo dringend iſt die Gefahr, daß ich kühn genug war, ehe ich heraufkam, zu befehlen den Waga der Königin in aller Eile bereit zu halten. Wenn Ihr Beide ſicher auf der andern Seite des Waſſers ſeid, w ich mich auf meine Garniſon verlaſſen kann, ſo könne dieſe unruhigen Bürger zur Vernunft gebracht werden Jetzt würde ich keine Zeit verlieren, ſondern augenblit lich abfahren.— Eure Diener können folgen mit Ä lem, was Euch aus dem Palaſte nöthig iſt.— J. würde keinen Augenblick verlieren, denn da dieſe Verr ther wiſſen, daß Ihr in ihrer Macht ſeid, ſo nehmen ſ eine kühne Stirn an.“ „Ich muß Einige von meinen armen Frauen we nehmen,“ rief Eliſabeth,„die arme Anna Dudley m Amalia von Solms und meine liebe Agnes; aber i werde ſogleich zurück ſein.“ Als die Königin die Thüre öffnete, um ſich in it Schlafzimmer zurückzuziehen, hörte man eine klagen! Stimme aus dem innern Gemache und Chriſtian vr Anhalt rief: „Wollte Gott, daß dieſe Weiber von ihrer hochl zigen Gebieterin Standhaftigkeit lernten. Aber wi nützt das Heulen, um die Gefahr abzuwenden?“ „Seid nicht hart, mein Freund,“ ſagte Fr. drich,„das iſt die Stimme der armen Anna Du ley. Die Leiche ihres Gatten liegt draußen auf nem blutigen Schlachtfelde. Die Nachricht kam gerade, ehe Ihr zurückkehrtet. Aber hier iſt die Königin wie⸗ der. Nun laßt uns gehen. Ich will ſpäter Befehle ſenden zu Allem, was nöthig iſt. Komm, liebe Freun⸗ din— wenn Du bei mir biſt, denke ich, kann ich nie in Verzweiflung gerathen.“ Hierauf faßte er Eliſabeths Hand, zog ſie durch ſeinen Arm und führte ſie langſam hinunter, denn ſie war gerade guter Hoffnung. Der glänzende Wagen mit blauem Sammet ausge⸗ ſchlogen und mit Silber geſtickt, ſtand im Hofe bereit, und als Eliſabeths Augen auf die prachtvollen Zierrathen deſſelben fielen, zeigte ſich ein mattes Lächeln auf ihren Lippen und ſie ſchüttelte traurig den Kopf. O wie ſehr empfindet das Herz in der bittern Stunde des Kum⸗ mers und des Mißgeſchicks die Leerheit des Pomps und der königlichen Pracht; und während die Schätze der Seele, Liebe, Freundſchaft, Vertrauen und Zärtlichkeit einen hohen Werth erlangen, ſinken die ſchmuzigen Ge⸗ genſtände des irdiſchen Ehrgeizes und Stolzes tief. Eine weinende Begleitung folgte der Königin bis an den Wagen; Einige traten mit ihr ein, Andere folgten in andern Wagen oder zu Fuß, und nur zwei von all den glänzenden Schönen, die Eliſabeth's Tage der Freude und des Glücks getheilt hatten, ſchienen jetzt in der Lage, ihr Troſt und Unterſtützung zu gewähren. Heidelberg. Dritter Band. 6 — 82— 4 Amalie von Solms war traurig, aber ſie weinte nicht; Agnes Herbert war ernſt aber feſt und ſanft in ihrem ganzen Benehmen. Mit freundlicher Sorge flüſterte ſie der armen Anna Dudley von Zeit zu Zeit ein Wort des Troſtes ins Ohr; und obgleich ihre ſchönen Augen voll Schwermuth waren, wenn ſie die Königin anblickte, ſo lag doch etwas Hoffnungsvolles in ihren Worten, was die Seelenſtärke noch vermehrte, womit Eliſabeth den Kummer und die Gefahren der Stunde ertrug. Es ſchien ein weiter und ermüdender Weg bis zu der alten Citadelle von Prag, als die Pferde die Wa⸗ gen mit langſamen Schritten die Anhöhe hinaufzogen; aber endlich erreichte man die Thore und Friedrich nahm ſeine ſchöne Gattin auf ſeine Arme und trug ſie in die geräumige Halle. Er konnte nicht umhin, mit einem Seufzer zu ſagen:„Ich weiß jetzt, wo ich bin. Für⸗ ſten lernen ſelten die Wahrheit, bis ſie dieſelbe vom Mißgeſchick lernen.“ Eine Stunde verging und mancher Bote kam von der untern Stadt herauf, jeder mit unheilvollen Nach⸗ richten beladen. Die Pferde und Wagen wurden ſämmt lich aus den Ställen des Hradſchin heraufgebracht, ſo⸗ wie auch kleine Geldſummen nebſt Kleidern und Papie⸗ ren; aber bald fand es ſich, daß die Stadtobrigkeit das Gebäude in Beſitz genommen; und obgleich ſie nicht ei⸗ gentlich die Diener des Königs verhinderten, ſein Ei⸗ — 83— genthum wegzubringen, ſo wurden doch Fragen gethan und Einwendungen gemacht, wodurch die Sache lang⸗ ſam und ſchwierig vor ſich ging. Die Nacht brach an und die Verwirrung in der Stadt nahm zu. Das Licht zahlreicher Fackeln brachte einen rothen und unheim⸗ lichen Schimmer hervor, den man von dem Wyſchehrad ſah; es erhob ſich ein lautes Gemurmel gleich dem Brül⸗ len der fernen See und erfüllte die Herzen oben mit düſterer und unbeſtimmter Furcht. Der alte Graf Thurn hatte ſich ſogleich der könig⸗ lichen Geſellſchaft angeſchloſſen, und eine Anzahl getreuer Freunde umgab Friedrich und ſeine Königin; aber die, welche die Böhmiſche Hauptſtadt am Beſten kannten, trugen durch ihre Warnungen nicht dazu bei, Hoffnun⸗ gen zu erregen oder die Angſt zu ſtillen. Sie ſtellten die Wahrſcheinlichkeit des Tumultes und der Gewaltthätigkeit dar, und Alle ſchienen überzeugt, daß die Verrätherei längſt den Gemüthszuſtand, den das Volk jetzt zeigte, vorbereitet habe. Endlich hörte man lautes Rufen in der Ferne und dann den Hufſchlag eines Pferdes auf dem gepflaſterten Wege, und wenige Minuten ſpäter wurde Algernon Greh in das Zimmer geführt, wo der König und die Königin von den meiſten derjenigen Perſonen umgaben, ſaßen, die ſie zu der Citadelle begleitet hatten. 6* —— „Was hat dieſes Rufen zu bedeuten, Mhylord?“ war Friedrichs erſte Frage. „Ich hoffe, es iſt ein gutes Zeichen, Majeſtät,“ verſetzte der junge Engländer;„die Menge umringte mich und meine Leute, als ich zurückkehrte, und rief mir laut zu, welche Nachrichten ich bringe. Ich antwortete kurz, es ſei ein Waffenſtillſtand abgeſchloſſen worden, um über den Frieden zu verhandeln. Die, welche Deutſch verſtanden, überſetzten es den Andern und dann ſchwan⸗ gen ſie ihre Hüte und ſtießen ein Freudengeſchrei aus. Daher hoffe ich, daß ſie jetzt in ihre Häuſer zurückkeh⸗ ren werden, denn ſie ſchienen in ſehr aufgeregtem Zu⸗ ſtande zu ſein.— Hier, Eure Majeſtät, iſt die von dem Kurfürſten und Bucquoy unterzeichnete Uebereinkunft. Mehr konnte ich nicht durch alle Gründe, die ich ange⸗ ben mogte, erlangen, obgleich ich mich eine Stunde lang mit ihnen ſtritt.“ „Nur ein Waffenſtillſtand von acht Stunden!“ rief Friedrich, das Papier anſehend; dann blickte er Anhalt und Thurn an und fügte hinzu:„Unſere Entſcheidung muß raſch geſchehen.“ „Wenn wir nur Mannsfeld's gewiß wären,“ ſagte Anhalt gedankenvoll,„und nur noch zwei Tauſend Mann mehr innerhalb der Mauern hätten.“ „Es iſt vergebens, alter Freund,“ rief Graf Thurn. „Ich kenne dieſe Leute beſſer, als ſonſt Jemand, und — 85.— nehme es auf mich, dem Könige zu ſagen: Flieht ſo⸗ gleich. Verliert nicht die koſtbaren Augenblicke. Es ſind Verräther in der Stadt, am Hofe und in der Ar⸗ mee. Das Volk iſt nicht für uns; wir haben keine Macht, um uns zu halten, keine Hoffnung auf Unter⸗ ſtützung von Außen. Ihr habt acht Stunden Zeit, Ma⸗ jeſtät, um Euch einem ſchlimmeren Schickſal zu entzie⸗ hen, als Ihr Euch vielleicht träumen laßt; und was noch mehr iſt, dieſe theure Dame, unſere Königin zu retten. Verliert keinen Augenblick, ſondern macht Euch auf den Weg!“ „Es wird gut ſein, mein königlicher Freund,“ ſagte Anhalt.„Hätten wir die Leute bei uns— hätten wir Truppen, um den Ort ohne ihre Hülfe zu ſichern; könnten wir auch nur die Ueberbleibſel der Armee in Prag verſammeln, ſo würde ich ſagen: Bleibt da; fechtet den Kampf hier zu Ende, ſpielt das Spiel zu Ende, ſo verzweiflungsvoll es auch ſein mag! Aber in dieſem Augenblick iſt Alles gegen uns. Das Einzige, was wir in unſerer Macht haben, ſind acht Stunden Zeit. Ich ſehe nicht, wozu ſie beſſer angewendet wer⸗ den könnten, als zu Eurer ſchnellen Flucht. Wenn Ihr dableibt mit einer Armee von funfzig Tauſend Mann vor Euren Thoren, mit einem aufrühreriſchen und miß⸗ vergnügten Volke im Innern der Stadt, mit einer Macht, die nicht hinreichend iſt, um die ſämmtlichen -— 386— Wälle zu beſetzen, mit Lebensmitteln, die nicht für zehn Tage ausreichen und bei nicht zulänglicher Munition, um eine regelmäßige Belagerung auszuhalten, wette ich Tauſend gegen Eins, daß das Volk morgen die Thore öffnen und Euch als Gefangenen in die Hände des Feindes liefern wird.“ „Und noch dazu da der Reichsbann auf Eurem Haupte ruht,“ rief Graf Thurn,„und zwei erbitterte Feinde bereit ſind, ihn auszuführen.“ „Laßt uns fliehen,“ rief Eliſabeth aufſtehend.„Man kann niemals ſagen, daß ich ſchwache Rathſchläge unter⸗ ſtützt habe, aber jetzt liegt unſere Stärke im Nachgeben. Laßt uns nicht länger zaudern. In einer halben Stunde werde ich bereit ſein. Wir werden dem Feinde wenig⸗ ſtens ſieben Stunden abgewinnen und die werden uns gewiß in Sicherheit bringen.“ „Majeſtät,“ ſagte der junge Bernhard von Thurn, „mit Eurer Erlaubniß ſollt Ihr eine längere Friſt ha⸗ ben. Seine Majeſtät der König hat mich zum Gou⸗ verneur dieſer Citadelle ernannt. Ich habe fünf Hun⸗ dert Mann, auf die ich vertrauen kann. Mit dieſen will ich es unternehmen, ſie drei volle Tage gegen den fal⸗ ſchen Maximilian von Baiern und ſeine funfzig Tau⸗ ſend Mann zu halten. Dieſer Jeſuitenſoldat ſoll Arbeit genug vor dieſen Mauern finden, die ihn wenigſtens ſo lange aufhält, den Verwandten zu verfolgen, den er — 87— verrathen hat, und ihn vielleicht an die verletzte Ge⸗ lübde erinnert.“ „Nimmermehr!“ rief Eliſabeth mit Wärme, indem ſie des jungen Mannes Hand faßte;„ich will keine ſol⸗ chen Opfer. Nimmer ſoll der Sohn unſeres beſten Freun⸗ des ſein Leben wagen, um meine Flucht zu decken. Auch würde ich dieſe Stadt, ſo verrätheriſch ſie ſich gezeigt hat, um meiner armen Rettung willen nicht einem wü⸗ thenden Feinde preisgeben. Lieber will ich ſogleich um⸗ kommen, als daß man mir fluchen ſollte.“ Mit dieſen Warten verließ ſie das Zimmer und rief ihren Damen zu, ihr zu folgen. Hierauf folgte eine Scene unbeſchreiblicher Verwirrung, während haſtige Vorbereitungen zur augenblicklichen Abreiſe getroffen wur⸗ den. Diener eilten hier⸗ und dorthin; Wagen und Pfer⸗ de wurden in der Eile herbeigeſchafft. So viel Geld, als man aufbringen konnte, die nothwendigſten Klei⸗ dungsſtücke, Papiere von großer Wichtigkeit, die koſtba⸗ rin Erinnerungszeichen an die Tage des Glücks und ein kleiner Vorrath von Munition für die Leute des Trupps wurden in der Eile eingepackt, und es fand eine raſche Berathung zwiſchen Friedrich und ſeinen vorzüglichſten Rathgebern ſtatt, nach welcher Richtung man entfliehen und welche Wege man einſchlagen wolle. Alle kamen darin überein, daß Breßlau zu ihrem erſten Ruhepunkte am Paſſendſten ſei, da es ihn in die Nähe der Beſitzun⸗ — 88— gen ſeiner Freunde und Verwandten führte; und man ſuchte lebhaft unter den Dienern Jemand, der den Flücht⸗ lingen durch die verlaſſenen und ungaſtlichen Gegenden, die ſie zu durchwandern hatten, als Führer dienen konnte. Algernon Grey, wegen ſeiner Unbekanntſchaft mit dem Lande unfähig, zu rathen und ungewiß, welche Rolle er in dieſem traurigen Schauſpiel der Flucht und des Mißgeſchicks werde zu ſpielen haben, erwartete die Entſcheidung Anderer, bis endlich ein Page eintrat und ihn zu der Königin rief. Er fand Eliſabeth in einem kleinen Zimmer ſtehend und Agnes Herbert an der Hand haltend. Es war ſonſt Niemand im Zimmer; eine einzelne Kerze gewährte das einzige Licht und zeigte ihm die bleichen Geſichter der Tochter ſeines Königs und ihrer jungen Beglei⸗ terin. „Mylord,“ ſagte Eliſabeth raſch, ſobald er eintrat, „Ihr verſprachet mir, dieſes theure Mädchen zu retten und zu beſchützen. Ich bin gewiß, Ihr werdet Euch Eures Verſprechens erinnern und ich muß mich eben⸗ falls eines andern Verſprechens erinnern, welches ich vor einem Jahre ihrem Oheim geleiſtet, nämlich: wenn ich durch die Wechſel des Krieges genöthigt ſein ſollte, Prag zu verlaſſen, ſie unter ſicherer Begleitung zu ihm zurückzuſenden. Sie mögte mich jetzt gern begleiten, aber — 89.— ich kann ihre Wünſche nicht erfüllen. Ihr werdet ohne Zweifel im Stande ſein, die Oberpfalz ſicher zu errei⸗ chen; man wird keinen Zweck dabei haben, Euch auf⸗ zuhalten. Ehe der nächſte Morgen anbricht, werden die wüthenden Verfolger höchſt wahrſcheinlich gleich Hun⸗ den auf meiner Spur ſein. Ich will ſie daher unter Euren Schutz ſtellen und ſie Eurer Ehre als Cavalier und Eurem Gewiſſen als Chriſt anvertrauen. Sie iſt rein und gut, edel und treu, der Liebe des Höchſten in dieſem oder jedem andern Lande werth, verdient Hoch⸗ achtung, die man der fleckenloſen Unſchuld des Weibes ſchuldig iſt. Haltet Euch nicht auf, um in herkömmli⸗ cher Weiſe Abſchied zu nehmen, ſondern lebt wohl! Ihr werdet unten ein Pferd für ſie bereit finden und Gott ſegne und beſchütze Euch, ſowie Ihr ſie beſchützt.“ „Noch einen Augenblick, Ihre Majeſtät,“ ſagte Al⸗ gernon Grey.„Etwa zehn von meinen rüſtigen Eng⸗ ländern ſind ſicher in die Stadt gelangt. Jeder, dafür ſtehe ich, iſt bereit, um Euretwillen den letzten Tropfen ſeines Blutes zu vergießen. Jeder iſt wohl bewaffnet und beritten und mit Geld verſehen, um ſeinen eigenen Unterhalt zu beſtreiten. Ihr ſelber gebt mir eine andere Beſtimmung und ich will Euren Befehlen gehorchen; aber laßt dieſe Leute als eine Art von Leibgarde bei Euch bleiben. Ich will ſie unter den Befehl des jungen Hopeton, eines Cavaliers von angeſehener Familie und — 99— des Sohnes eines Freundes ſtellen. Mein Page und ein einziger Diener werden für uns genug ſein und in der That werden wir ſo leichter durchkommen, als wenn wir unſerer Viele wären. Die übrigen Leute können, wenn Ihr ſicher ſeid, wieder zu mir nach Heidelberg kommen, wo ich Ihrer Majeſtät, wenn es Gott gefällt, nach beſten Kräften dienen werde.“ „So ſei es,“ antwortete die Königin.„Nun lebt wohl! Und der Himmel belohne Euch, Mylord, für Alles, was Ihr für mich und die Meinigen gethan habt, Lebe wohl, theuerſte Agnes, lebe wohl!“ Die Königin öffnete ihre Arme während ſie ſprachz Agnes Herbert warf ſich an ihre Bruſt und gab ſich einen Augenblick ihren Thränen hin; aber endlich ent fernte ſie Eliſabeth ſanft von ſich und ſagte: „Wir haben nicht Zeit zu langem Abſchiednehmen, liebe Couſine; wir werden uns wiederſehen, wenn es Gottes Wille iſt.— Hier, Mylord,“ und ſie legte Agneſens Hand in die ſeine, ſah ihn einen Augenblic feſt an, während ex dies that, und erhob dann ihre Auf gen zum Himmel. Algernon Grey verſtand, was ſie meinte, und ſagte in leiſem Tone: „Bei meinem Leben! Bei meiner Ehre!“ Dann führte er Agnes aus dem Gemache und ohnt durch das Zimmer zu gehen, wo er Friedrich perlaſſen, näherte er ſich der großen Treppe. Dort blieb er einen Augenblick ſtehen, zog Agneſens Arm durch den ſeini⸗ gen, ſah ihr zärtlich ins Geſicht und fragte in leiſem Tone: „Seid Ihr furchtſam, Agnes?“ Sie erhob ihre Augen, lächelte durch ihre Thränen und antwortete in leiſem Tone: „Nicht im Geringſten— kummervoll, aber nicht furchtſam.“ Als ſie den Hofplatz erreichten, ſtellte ſich eine ſeltſame und wilde Scene dar: Wagen, Pferde, Män⸗ ner zu Pferde und zu Fuß waren um einige Fackeln verſammelt, und es währte einige Minuten, ehe Algernon Greh entdecken konnte, welches das für ſeine ſchöne Be⸗ gleiterin beſtimmte Pferd ſei. Endlich aber fand er ei⸗ nen ſtarken aber leichten Zelter mit einem Damenſattel und einem hinten aufgeſchnallten Mantelſack. Ein Page hielt denſelben und ſagte, man habe ihn auf Befehl der Königin bereit gehalten. Algernon Grey hob das lie⸗ benswürdige Mädchen leicht in den Sattel, beſtieg ſein eignes Pferd, befahl den Pagen Frill, welcher dort wartete, ihm zu folgen, ritt hinaus und wendete ſich zu den großen Thoren der Citadelle. Dort fand er ſeinen klei⸗ nen Trupp verſammelt, der nach dem Blutbade auf dem weißen Berge in die Stadt geflohen war. Er ſprach einige Minuten mit einem ſchönen jungen Manne und — 92— befahl dann ſeinem alten Diener Tony, der auch bei ihnen war, aufzuſitzen und ihm zu folgen. Dann ritt er raſch durch die Straßen, erreichte die Thore der al⸗ ten Stadt und ritt in den unteren Theil von Prag hin⸗ unter. Die Stadt war jetzt verhältnißmäßig ruhig. Die Nachricht von dem Waffenſtillſtande, die er ſelbſt über⸗ bracht, hatte ſich unter das Volk verbreitet, ihre Furcht beruhigt und ihre erhitzten Leidenſchaften abgekühlt. Schaaren hatten ſich in ihre Häuſer zurückgezogen; Au⸗ dere waren aufs Rathhaus gegangen, um ſich über ihre künftige Handlungsweiſe zu berathen, und man ſah Richt weiter, als hie und da einige Nachzügler, als der jung, Engländer mit ſeiner ſchönen Begleiterin durch die dun len und unerleuchteten Straßen ritt. Ein kalter N vemberwind pfiff durch die hohen Häuſer; der Himm wechſelte jeden Augenblick, war bald mit ſchweren Wol⸗ ken beladen und zeigte dann wieder einige Sterne Alles ſchien denſelben traurigen und unerfreulichen Am⸗ blick zu zeigen, den das Schickſal der königlichen Perſon darſtellte, die er ſo eben verlaſſen. Der Sommer wi vorüber und der lange, kalte, troſtloſe Winter ſtand nah bevor. Eine brennende Laterne auf einem Pfahl verbreitee einen hellen Glanz über den freien Platz vor der Wach am innern Thor, wohin er ſeine Schritte richtete; aber außer einer auf⸗ und abgehenden Schildwache war Niu mand zu ſehen, und Algernon Grey befahl ſeinem Die⸗ ner den Zügel des Bagagepferdes, welches er führte, dem Pagen zu geben und den Thorhüter aufzufordern, die Thore zu öffnen. Dieſer kam mit einigen Soldaten heraus und ſchien geneigt, Schwierigkeiten zu machen; aber der junge Engländer zeigte einen Paß vor, den er einige Stunden früher erhalten hatte, als er in das Baierſche Lager gegangen war; und mit mürriſcher und unzufriedener Miene ſchloß der Wächter die ſchweren Thore auf und ließ ihn hinaus. Die Zugbrücke wurde langſam niedergelaſſen und nach einer ſorgfältigen Unter⸗ ſuchung durch das Nebenpförtchen, um zu ſehen, ob auch ein Feind in der Nähe ſei, öffnete der Thorhüter die eiſernen Thore, ließ die ganze Geſellſchaft hinaus und murmelte: „Je weniger Leute in Prag ſind, die eſſen wollen, deſto beſſer!“ Alles war dunkel, außer wo auf dem Gipfel des weißen Berges hie und da ein Wachtfeuer das Lager eines kaiſerlichen Regiments bezeichnete, wo die Böhmi⸗ ſche Arme in der Nacht vorher geſtanden hatte. Alger⸗ non Grey ſchlug einen ſchmalen Weg zur Rechten ein, obgleich er nicht genau wußte, wohin er führte, ritt eine Strecke über einen ſandigen Boden und dann über eine ſchmale Brücke, kaum ſo breit, daß zwei Pferde neben einander gehen konnten, und welche über einen kleinen — 94— Fluß führte. Im nächſten Augenblick ſah man einen helleren Schein zur Linken und unzählige Flammen, wel⸗ che die Rauchwolken umſpielten, die ſich von dem Holy feuer erhoben, zeigten, wo das ganze Heer des Fei⸗ des lag. Algernon Grey legte ſanft ſeine Hand auf Agneh Herbert's Arm und ſagte in leiſem Tone: „Für jetzt ſind wir ſicher, theure Agnes. Auf un⸗ ſerer Reiſe wollen wir Bruder und Schweſter ſein. Gott gebe, daß die Zeit kommen möge, wo wir einander thei⸗ rere Namen beilegen!“ Dies waren die erſten Worte, die er zu ihr geſpre⸗ chen, doch ſie machten Agnes erbeben. Im nächſten Au genblick trieb Algernon Grey ſein Pferd zu einem im ſcheren Schritte an und führte die Geſellſchaft durch u dunklen Wälder weiter, die ſich vor ihnen erſtreckten. Fünftes Kapitel. „Ich fürchte, es ſteht uns ein Sturm bevor, theure Agnes,“ ſagte Algernon Grey, als die Sterne verſchwun⸗ den und ſchwere Wolken über dem Himmel dahinrollten. „Wie kalt der Nachtwind bläſt!— Empfindet Ihr keine Kälte, liebe Schweſter?“. „Nein,“ antwortete ſie,„ich bin warm gekleidet; aber die arme Königin! Wenn ich denke, daß ſie eine ſolche Reiſe machen ſoll. Es iſt in der That ein Glück, daß alle die königlichen Kinder ſchon vorausgeſendet ſind!“ „Das iſt wahr,“ ſagte ihr Begleiter,„denn ihre Gegenwart würde die Furcht und das Leiden einer ſol⸗ chen Zeit noch ſchrecklich vermehrt haben. Die Dunkel⸗ heit der Nacht aber iſt gleich manchen andern dunkeln Dingen nicht ſo übel, wie ſie ſcheint. Sie wird ihre Flucht verbergen; denn ich fürchte ſehr, Maximilian von Baiern würde ſich gerechtfertigt halten, den König und — 96— die Königin ungeachtet des Waffenſtillſtandes zu verhaften und gefangen zu halten, wenn er entdeckte, daß ſie Prag verlaſſen haben.“ „Er würde nimmermehr ſo verworfen ſein!“ rif Agnes mit Wärme. „Ich weiß nicht,“ verſetzte ihr Geliebter,„die Po⸗ litik iſt ein böſes Ding, und es gab nie eine ſo verwor⸗ fene Handlung, für die man nicht eine Entſchuldigung finden konnte. Er iſt überdies in einer Schule aufgezo⸗ gen worden, wo einleuchtende Vorwände für böſe Hande⸗ lungen mit zur Erziehung gehören; und Friedrich gefan⸗ gen zu halten, wäre, fürchte ich, eine zu große Verſi⸗ chung, als daß ſein jeſuitiſcher Geiſt ihr widerſtehe könnte.“ „Dann wollen wir der Dunkelheit danken,“ am wortete ſeine ſchöne Begleiterin,„und wäre ſie auch ſ ſchwarz wie die Aegyptiſche Finſterniß.“ „Sie könnte uns aber ſehr hinderlich ſein,“ verſetz Algernon Grey.„Erinnert Ihr Euch, Agnes, als wij das letzte Mal zuſammen den größten Theil der Nat im Freien umherwanderten? Ich dachte nicht, daß noch ein Mal unſer Schickſal ſein würde. Aber welchi verſchiedener Abend war das!— Freilich gingen Gefah ren und Miühſeligkeiten vorher, aber es folgten viel hellere Tage. O, mögte es jetzt auch ſo ſein!“ „Gott gebe es!“ rief Agnes.„Ich erinnere mit — 97— deſſelben ſehr wohl.— Ich kann es nie vergeſſen. O nein, es iſt auf mein Gedächtniß gemalt gleich den Fres⸗ cobildern der Italieniſchen Künſtler in Farben, die ſich mit dem Grunde miſchen, auf den ſie aufgetragen wer⸗ den— und es kann nur mit dem Gedächtniſſe ſelbſt zu Grunde gehen! Mir erſcheint dieſer Tag gleich dem Be⸗ ginn des Lebens— ein neues Leben war es gewiß, denn welche wechſelnde Scenen, welche veränderliche Ereigniſſe habe ich nicht ſeitdem erlebt! Wie verſchieden iſt nicht jeder Anblick meines Schickſals geweſen! Wie verändert ſind alle meine Gedanken und Gefühle, meine Hoffnun⸗ gen und ſelbſt meine Furcht.“ „Auch ich werde mich ſtets jenes Abends erinnern,“ antwortete Algernon Grey,„obgleich mein Schickſal keine ſolche Veränderungen erfahren hat. Es iſt auf dem⸗ ſelben Wege fortgegangen, der hoffentlich zum Glücke führt, obgleich es ein dorniger war. Die Männer haben weniger Abſchnitte in ihrem Leben, als die Frauen, Ag⸗ nes— wenigſtens in gewöhnlichen Fällen. Sie gehen allmälig von einem Zuſtande zum andern über; wenn auch der Gang der äußern Dinge nicht ſolchen Verände⸗ rungen unterworfen iſt, ſo finden doch die, welche füh⸗ len, in der Welt des Herzens Augenblicke, die in der Geſchichte des Lebens unauslöſchlich bezeichnet ſind. Jene Nacht war für mich eine ſolche. Laßt uns etwas ſchnel⸗ ler reiten, Agnes, und ich will Euch erzählen, was Euch Heidelberg. Dritter Band. 7 — 98— von meinem früheren Leben intereſſant ſein dürfte.— Ihr müßt es doch einmal erfahren. Wer kann ſagen, wann ſich wieder die Gelegenheit dazu findet?“ „O, nicht dieſe Nacht, nicht dieſe Nacht!“ antwor⸗ tete Agnes, vor neuen Aufregungen an einem Tage zu⸗ rückbebend, der ſchon ſo voll Unruhe und Angſt gewe⸗ ſen.„Vielleicht bin ich ſehr ſchwach, mein Freund; aber ich habe ſeit zwölf. Stunden ſchon ſo viel gelitten, daß, wenn ich meinen Muth für andere Gefahren aufſparen ſoll, die uns noch bevorſtehen mögen, Ihr mir jetzt Nichts erzählen müßt, was mich noch mehr aufregen kann. Und wie kann ich Etwas anhören,“ fügte ſie hinzu, indem ſie fühlte, daß ſie die Gefühle ihres Her⸗ zens deutlicher zeige, als das Weib ſie je zu zeigen wünſcht,„wie kann ich Etwas anhören, was einen Mann, der mich gerettet, getröſtet und unterſtützt hat, tief verletzt, ohne ſelbſt ſehr bewegt zu werden? An einem andern Tage, Algernon, wenn unſere Gedanken ruhiger ſind.“ „Nun, ſo ſei es,“ verſetzte ihr Geliebter,„id wünſchte nur von dieſen nicht ſehr heitern Gegenſtände zu reden, damit Agnes Herbert nicht ſpäter denken möge, ich habe ihr abſichtlich Etwas verſchwiegen, was ſie zi wiſſen ein Recht hat.“ „Ich werde niemals übel von Euch denken, Alger⸗ non,“ ſagte ſie in feſtem und ruhigem Tone,„ich würdt — 99.,— eher Zweifel gegen mich ſelbſt hegen, als gegen Euch. Horch, hört Ihr keine Stimmen reden— dort zur Rechten?“ 1 Algernon Grehy horchte, doch Alles war ſtill, und indem ſie ihren Schritt ein wenig beſchleunigten, ritten ſie durch den tiefen Wald, der ſich damals an dem Ufer der Moldau dahin erſtreckte. Wenige Minuten ſpäter wurde der Himmel heller, als die Wolkenmaſſen von dem Winde weiter geſchoben wurden, und Algernon Grey ſagte in leiſem Tone: „Der Mond geht auf, glaube ich. Die Dunkelheit wäre unſere beſte Freundin, theure Agnes, doch hoffe ich, haben wir jetzt keine Gefahr vom Feinde zu befürch⸗ ten. Der Wald ſcheint ſich ſeinem Ende zu nähern.“ Es war, wie er vermuthet hatte; denn ehe ſie noch eine Viertelmeile weiter gekommen waren, hörten die Baume plötzlich auf und ſie befanden ſich auf einer brei⸗ ten Straße, dicht am Ufer des Fluſſes. Der Mond ſchien auf das Waſſer und machte es zu einer Fläche flüſſigen Silbers; aber als ſie eine oder zwei Minuten weiter geritten waren, wich Algernons Pferd heftig vor einem Gegenſtand zurück, der ſich am Ufer des Fluſſes befand. Er lenkte es herum und blickte nach dem Fluſſe hin. Es lag eine Leiche am Ufer, die ſchon ihrer Waf⸗ fen und Kleider beraubt war, und ein großer dunkler Gegenſtand, was es war, konnte man nicht entdecken, 7* — 100— trieb raſch den Strom hinunter. Alles war ſtill und ruhig umher, außer dem Rauſchen der Moldau, die zwiſchen ihren niedrigen Ufern dahinfloß, und es machte einen ſeltſamen und ſchauerlichen Eindruck, als Algernon Grey die Scene überblickte, den nackten Körper dort im hellen Mondlicht liegen zu ſehen, wie der ſchimmernde Fluß vorüberſtrömte, und die dunklen Thürme von Prag weit den Strom hinauf ſich in ihrem Halbkreiſe von Hügeln hoch und unregelmäßig erhoben, ſo daß Felſen und Stadt kaum von einander zu unterſcheiden waren, während man auf der andern Seite des Fluſſes noch matt und undeutlich den Schimmer der Bairiſchen Wacht⸗ feuer ſah. „Hier ſind ſchon Plünderer beſchäftigt geweſen,“ ſagte Algernon Grey weiter redend; aber Agnes hatte denſelben Gegenſtand geſehen, der ihm in die Augen ge⸗ fallen war, und ſie ſchwieg, indem ſie ihre Augen mit der Hand bedeckte. Dann erhob ſich der Weg wieder ein wenig und ſenkte ſich dann in eine bewaldete Schlucht. Als ſie in dieſelbe hinunterritten, rief plötzlich eine Stimme: „Halt! Wer da?“ Und in demſelben Augenblick zeigte ſich ein bewaff⸗ neter Mann mit der Pike in der Hand, während noch zwei oder drei andere aus den Büſchen hervorkamen. Agnes ſank der Muth, aber Algernon Grey ant⸗ — 101— wortete in ruhigem Tone:„Wir ſind friedliche Reiſende, wenn wir nicht beläſtigt werden. Aber wir wollen uns nicht aufhalten laſſen.“ Er blickte über ſeine Schulter, während er ſprach, denn er hörte das Galoppiren eines Pferdes, und zu ſeinem Erſtaunen ſah er, daß, während der Page Frill feſt blieb und ſchon ſein Schwerdt gezogen hatte, ſein alter und geprüfter Diener Tonh raſch fortritt. „Friedliche Reiſende,“ ſagte der Mann.„Ihr reitet ſpät und zwar mit Helm und Küraß. Kommt, kommt, meine Leute, dieſe friedlichen Reiſenden müſſen dem Ge⸗ neral Tilly über ihr Thun Rechenſchaft ablegen.“ Algernon Greys Auge überblickte die Umgebung. Es waren nur vier Männer ſichtbar und alle ſchienen wie Pikenmänner bewaffnet. „Bleibt zurück, Agnes,“ ſagte er in leiſem Tone, „ſie haben keine Feuerwaffen, aber ich und der Page haben welche.“ „Als er ſprach, näherte ſich Einer von den Leuten, um den Zügel ſeines Pferdes zu faſſen. „Zurück!“ rief der junge Engländer in ſtrengem Tone, indem er eine Piſtole aus ſeiner Satteltaſche zog und ſie anlegte.„Platz da!— Ihr ſeid bloße Maro⸗ deurs, das iſt klar, welche die Todten ausplündern. Ich halte nicht auf den Ruf eines ſolchen.“ Der Mann wich einige Schritte zurück, nach augen⸗ — 102— blicklichem Bedenken aber ſprang er wieder vor und ſtieß mit ſeiner Pike nach der Bruſt des Pferdes. Der junge Engländer drückte ſeine Piſtole ab; es folgte ein lauter Knall; ſein Gegner taumelte und fiel auf den Raſen zuruͤck. „Nun noch Einer,“ rief Algernon Grey in Deut⸗ ſcher Sprache.„Wer von Euch will der Rächſte ſein? Und in demſelben Augenblick zog er eine zweite Piſtole aus der Satteltaſche.„Halte die andern Waffen bereit, Frill,“ rief er dem Pagen zu, ohne aber ſeine Augen von der Gruppe zu entfernen.„Wer will der Rächſte ſein, frage ich?“ Keiner regte ſich, doch blieben ſie noch auf dem Wege ſtehen und ſchienen leiſe mit einander zu reden. Es war Algernon Grehy klar, daß der Feind keine größere Macht bei ſich hatte, zu welcher er ſich zurückziehen konnte, und daß die Bande entweder nur aus Leuten beſtand, die man über den Fluß geſchickt, um die einzelnen Soldaten der Böhmiſchen Armee aufzufangen oder aus Plünderern, die ſtets den großen Heeren folgen, und häufig davon leben, die Verwundeten zu ermorden und die Todten zi berauben. Da ſie indeſſen Drei gegen Zwei waren und Agnes Herberts Gegenwart ihn mit Furcht erfüllte, wie er ſie für ſich ſelber nie empfunden, ſo wollte er ſich nicht auf weitern Kampf einlaſſen, ſo lange es noch möglich war, daß die Leute ſich zurückziehen und den Weg frei — 103— laſſen konnten. Er hielt daher an, ehe er zum Angriff ſchritt, hielt die Piſtole geſpannt in der Hand und war auf jeden plötzlichen Angriff vorbereitet. Nach einer kurzen Berathung unter ſich trennten ſich aber die Leute; Einer blieb dicht am Wege und ſtellte ſich nur hinter einen Baum an der Seite; die andern Beiden liefen zur Rechten und Linken in die Gebüſche, offenbar in der Abſicht, im Vorüberreiten auf ihn und ſeine Begleitung loszuſpringen. Die Lage des jungen Engländers war gefährlich; doch er ſchien keine Wahl zu haben. Wenn er ſich zürückzog, ſo konnte er andern und ſtarkeren Ban⸗ den von Marodeurs in die Hände fallen. Mit dem Geg⸗ ner zu verhandeln, konnte zu keinem guten Reſultate führen, und indem er raſch ſeine Handlungsweiſe wählte, wendete er ſich raſch zu Agnes und ſagte: „Haltet Euch dicht zu mir, liebes Fräulein; Du, Knabe, nimm Deinen Platz zur Linken, ſtecke Dein Schwert ein und reite langſam mit der Piſtole in der Hand weiter; ziele ſicher und in der Näͤhe, wenn Dich Jemand angreift, und halte nicht an.“ Dann zog er ſein Schwert, nahm es zwiſchen die Zaͤhne, hielt die Piſtole in der Rechten und ritt im Schritt weiter, ſobald Agnes an ſeine Seite gekommen war.— Es ſchien, als wären ſeine Gegner durch dieſe An⸗ ordnung ein wenig eingeſchüchtert worden, denn ſie mach⸗ — 104— ten ihren Angriff nicht ſogleich, wie er erwartet hatte, und der Aufſchub brachte unerwartete Hülfe; denn als der junge Engländer langſam auf dem Wege fortritt, hörte er plötzlich ein Pferd hinter ihm galoppiren und fürchtete im erſten Augenblick, daß er verloren ſei. Er wagte nicht, ſeinen Kopf umzuwenden, indem er auf— merkſam vor ſich und zu beiden Seiten blickte; aber Frill war weniger vorſichtig, ſah ſich beim Mondlicht um und rief dann laut: 3 „Hurrah, hier kommt Freund Tony mit Hülfe!“ Entweder das Freudengeſchrei oder ihre eigene Beol⸗ achtung zeigte den Marodeurs, daß ſie wahrſcheinlich würden übermannt werden. Der Mann hinter dem Baume eilte fort und lief den Weg hinunter, wurde von Algernon Greys Kugel getroffen, ſtürzte nieder, er⸗ hob ſich wieder und ſchwankte unter die Büſche. Die andern Beiden hörte man durch die trockenen Aeſte lau⸗ fen; aber ehe ſie noch weit ſein konnten, war der alte Diener an der Seite ſeines Herrn. „Ich bitte um Verzeihung, Mylord, daß ich davon gelaufen,“ ſagte Tony.„Es iſt nicht meine Gewohnheit aber ich hörte Engliſch ſprechen und erblickte den Schim⸗ mer eines Feuers, als wir durch den Wald ritten, und dachte ich könne Euch beſſer im Hintertreffen als in der V Flanke dienen.“ „Wen haſt Du da bei Dir?“ fragte Algernon Grey, ſich zu den andern Leuten umſehend, die näher gekom⸗ men waren, und wovon der Eine ſein Schwert ſinken ließ und den Körper des erſchoſſenen Mannes anſah, während zwei Andere dicht hinter Tony gefolgt waren und ein Vierter einen verſteckten Feind im Gebüſch zu ſuchen ſchien. „Es ſind vier Leute von Herrn Digbys Trupp,“ antwortete Tony.„Ich hätte ſchwören wollen, daß es Engliſche Stimmen wären, die ich hörte, darum hatte ich keine Furcht zurückzukehren, und ſie können uns un⸗ terwegs ſehr gute Hülfe leiſten.“ Algernon Grey dachte einen Augenblick nach, wen⸗ dete ſich zu den Leuten und legte ihnen einige Fragen vor, worauf er erfuhr, daß es ihnen nach dem letzten Angriff der Böhmiſchen Macht gelungen ſei, über die Moldau zu kommen und ſich im Walde zu verbergen. Sie hätten mehrere Banden von Plünderern über den Fluß kommen ſehen und ganz ſtill gelegen, bis es ganz dunkel geweſen, wo ſie dann ein Feuer angezündet und Einen von ihren Kameraden in ein benachbartes Dorf geſchickt, um Lebensmittel zu holen. Der Vorrath ſei nur gering geweſen, doch hätten ſie ſich eben damit ge⸗ tröſtet als Tonys Erſcheinen ſie in den Sattel gerufen; und ohne Furcht oder Bedenken wären ſie einem Lands⸗ manne in der Noth zu Hülfe gekommen. Sie verlang⸗ ten nichts Beſſeres, als den jungen Engländer und ſeine — 166— Geſellſchaft zu begleiten; aber Algernon Greh erinnerte ſich, daß Digbys Trupp nur wenig gelitten habe, und daß Brandeis als der Platz beſtimmt worden, wo man ſich wieder ſammeln ſolle. Daher wollte er nicht geſtat ten, daß ſie ihm weiter als eine Stunde den Fluß hin⸗ unter begleiteten. Dann bezahlte er ſie freigebig für ihr Geleit und zeigte ihnen, ſo gut er ihn ſelber wußte, den Weg zu dem beſtimmten Verſammlungsorte. Ein kleines Dorf lag gerade vor ihm, als er ſich von ſeinen neun Begleitern trennte; doch es war Alles dunkel und einſam, und obgleich die Wolken dicht den Himmel bedeckten und der Nordoſtwind ſcharf blies, ſo⸗ fragte er doch Agnes, ob ſie noch weiter könne, und als ſie es bejahte, ritt er auf der breiten und ebena Straße fort und erblickte von Zeit zu Zeit ein kleines Stück von der ſchimmernden Moldau zur Linken, obgleich in größerer Entfernung als vorher. „Wenn ich mich recht beſinne, theure Agnes,“ ſagte er,„ſo liegt zwei bis drei Stunden von uns die kleime Stadt Veltrus, wo ein Fährboot über den Fluß gelt Dort können wir entdecken, ob auf der andern Sa Gefahr zu erwarten iſt, und wenn nicht, können wi ohne Schwierigkeit Waldſachſen erreichen, wo wir ſchon in Freundeslande ſind, können dann unſern Weg durch die Oberpfalz nach Heilbronn und Heidelberg fortſetzen.“ Agnes willigte in all dieſe Vorſchläge; aber die ——————— — 107— Entfernung war etwas weiter, als er vermuthet hatte. Sein eigenes Pferd zeigte große Ermüdung. Es wurde nothwendig, langſamer fortzuſchreiten, und die Kirchen⸗ glocke ſchlug drei, als ſie in die enge Straße einritten. Alles war dunkel und ſtill, als ſie weiter kamen, bis ſie die Mitte des kleinen Ortes erreichten und hörten, wie der Nachtwächter, wie es damals in jedem Deutſchen Dorfe und noch jetzt in abgelegenen Orten üblich iſt, an die Thüren der vorzüglichſten Häuſer klopfte, die ſchla⸗ fenden Einwohner weckte und ihnen verſicherte, daß Alles ruhig ſei. Mit Hülfe dieſes Offizianten der Nacht wurde der Wirth des kleinen Gaſthauſes geweckt und ſogleich Zim⸗ mer für die Reiſenden bexeitet. Er hätte ſie gern Alle in einem Zimmer untergebracht, denn die Sitten jenes Theils des Landes waren etwas roh in ihrer Einfalt, und der gute Mann konnte die Delikateſſe eines verfei⸗ nerten Zuſtandes nicht begreifen. Endlich wurde Alles zur Zufriedenheit angeordnet und Agnes legte ſich zur Ruhe nieder. Ihr Geliebter erhielt ein Zimmer in der Nähe und ſeine beiden Diener lagen auf einem Rollbette quer vor der Thüre der Dame. Nach dem ruhigen Benehmen des Wirths war es klar, daß er noch Nichts von der Niederlage bei Prag erfahren hatte; aber Algernon Grey war begierig abzu⸗ reiſen, ehe das Gerücht ſich durchs Land verbreitete, und — 108— mit dem erſten Morgenſtrahl war er auf. Von dem Fährmann erfuhr er, daß die letzten Nachrichten, die man dort von dem Kriegsſchauplatze erhalten hatte, bei nahe vier Tage alt waren. Die Leute ſprachen von den Gefecht bei Rakonitz, als von der letzten großen Begr⸗ benheit; und da er ſich überzeugt hielt, daß er auf den Wege vor ſich keine von den gewöhnlichen Gefahren trif fen werde, die in jenen Tagen alle Reiſenden erwarteten ſo kehrte er zurück und erweckte Agnes aus dem tiefen Schlummer, in den ſie geſunken war. In wenigen Minuten war ſie an ſeiner Seite und ſagte: „Welch ein ſeltſames Ding iſt doch der Schlaf, A gernon! Ich hatte Alles vergeſſen und in dem einzign Traume, den ich hatte, war ich wieder Kind in dar glücklichen Thale an den Ufern der Maas.“ Algernon Grey lächelte traurig. „Oft weiß ich kaum,“ fagte er,„was Traum un was Wirklichkeit iſt; die lebhaften Bilder des Schlaft oder die, welche an unſern wachenden Augen vorüberg hen. Vielleicht wird eine Zeit kommen, wo wir zu we reren Dingen erwachen und finden, daß dieſes Lebu und Alles, was es enthält, nur ein Traum war.“, „Nein,“ ſagte ſeine ſchöne Begleiterin nach auger — blicklichem Nachdenken,„es gibt einige Dinge, welch wirklich ſein müſſen. Die mäͤchtigen Neigungen, die un — 109— . 3 1. ¹ bis zum Tode begleiten; die guten Handlungen und lei⸗ z der auch die böſen.— Aber ich bin bereit; wir können unſern Weg fortſetzen. Algernon Grey wollte nicht, daß ſie ohne Erfri⸗ ſchung ihre ermüdende Reiſe wieder beginnen ſollte, und nach einem leichten Mahl, welches er bereits beſtellt hatte, fuhren ſie in dem Fährboot über den Fluß. „Wichtige Nachrichten, wichtige Nachrichten!“ rief ein Fremder, der herangeritten kam, um von der andern Seite herüberzukommen, gerade als ſie nach der Landung 8 4— 4 ihre Pferde wieder beſtiegen.„Der gute Herzog von Baiern und der General Bucquoh haben den ketzeriſchen Pfalzgrafen unter den Mauern von Prag geſchlagen und ihn und ſein Engliſches Weib gefangen genommen!“ „Seid Ihr dieſer Nachricht gewiß?“ fragte Alger⸗ non Grey ernſthaft. „Vollkommen,“ ſagte der Reiter heftig,„zweifelt Ihr daran, junger Herr?“ „Nun, wartet nur, bis Ihr auf die andere Seite des Waſſers kommt und fragt dann weiter,“ antwortete Algernon;„von mancher Schlacht wird berichtet, daß ſie gewonnen ſei, welche wirklich verloren iſt— guten Tag!“ Hierauf ritt er mit Agnes weiter und ließ den Rei⸗ ſenden in Zweifel und Beſtürzung zurück. „Wir dürfen keine Zeit verlieren, theure Agnes,“ 5 — 110— ſagte er,„ſondern müſſen eilen, uns von der feindlichen Armee zu entfernen, ehe ſich dieſe Nachricht ausbreitet, Wenn wir nur Laun erreichen können, ſo denke ich, ent⸗ gehen wir dem Verdacht, daß wir Flüchtlinge von Prng ſind, und es gibt noch immer Garniſonen in jener Ge⸗ gend, die ſich den Oeſtreichern noch nicht unterworfm haben.“ Doch wie gewöhnlich bei allen Berechnungen von Entfernungen, hatte man den Zuſtand der Wege nicht berückſichigt. Das Wetter war trübe, der Wind blicz heftig über die kahlen Hügel zwiſchen der Moldau und Eger, und obgleich die Entfernung von dem einen Punkt zum andern in gerader Linie nicht mehr als ſechs Deutſch Meilen beträgt, ſo wurde doch die Entfernung vermög⸗ der krummen Wege beinahe verdoppelt. Endlich, als die Nacht anbrach, hob Algernon Gri ſeine ſchöne ermüdete Gefährtin vor der Thüre eine kleinen Dorfſchenke, etwas weſtlich von Teinitz von Pferde und ſetzte ſich freudig mit ihr an den Ofen eina guten verwittweten Wirthin, die mit ihrer Tochter alla im Hauſe war. Die Bewirthung war einfach und ſpärlih doch wurden ihnen die Speiſen durch die heitere Gutmü⸗ thigkeit, mit welcher ſie aufgetragen wurden, gewürzt, und 13 die Bewohner eines abgelegenen Ortes, in deſſen Näͤhe ſich weder eine Feſtung noch ein Schloß befand, ſchienen ſich wenig um den Krieg zu kümmern, deſſen rauher Strom weit an ihnen vorübergegangen war. Die Frau ſprach auch Deutſch, und nachdem ſie die ermüdeten Nei⸗ ſenden mit allen Speiſen verſehen hatte, welche ihr Haus zu liefern vermogte, warf ſie ihren grauen Mantelkragen über den Kopf und ſagte mit heiterem Lachen zu Agnes: „Ich gehe ins Doef, um Eier, Geflügel und Fleiſch zu holen, denn es wird vor morgen früh ſchneien, und dann mögten wir nicht im Stande ſein, ſie zu bekommen.“ Agnes ſah Algernon mit einem Blicke der Beſorg⸗ niß ins Geſicht, doch er lächelte heiter und erwiderte auf ihren Blick:— „Laß es ſchneien, wenn es will,theure Agnes. Dann werden wir eine eiſige Feſtung zu unſerer Verthei⸗ digung haben, die kein Feind zu paſſiren begierig' ſein wird. Es wird uns Zeit zur Ruhe, zum Nachdenken und zur Vorbereitung gewähren.“. Die Prophezeiung der Frau beſtätigte ſich, denn am nächſten Morgen bei Tagesanbruch war der Boden mehrere Fuß hoch mit Schnee bedeckt, und drei Tage lang waren die Wege in der Gegend nicht zu paſſiren. Sie ſchienen indeß Agnes Herbert und Algernon Grey ſehr raſch vorüberzugehen, obgleich ihre Lage eine ſelt⸗ ſame war. Aber die milde Freundlichkeit ihres Begleiters entfernte jedes ſchmerzliche Gefühl. Die reichen Schätze ſeines Geiſtes wurden geöffnet, um ſie zu erheitern und zu unterhalten; und wenn ſie einander ſchon geliebt hat⸗ — 112— ten, ehe ſie dorthin gekommen waren, o wie ſehr liebten ſie einander, als ſie ſich am vierten Morgen aus dem ärmlichen, aber bequemen Obdache wieder entfernten. Das Wetter war heiter und faſt ſo warm wie in Sommer; ſie und ihre Pferde waren auch geſtärkt und erheitert, und eine weite Tagreiſe brachte ſie bis noch an die Grenze der Oberpfalz. Indem ſie alle große Städte vermieden, ruhten ſie die Nacht über in einer kleinen Stadt aus und über⸗ ſchritten am folgenden Tage froh die Grenze von Böh⸗ men, um niemals wieder zurückzukehren. Der übrige Theil ihrer Reiſe, bis zu den Ufern des Rhein, geſchah ohne Schwierigkeit, obgleich nicht ohne Ermüdung; die Erinnerung an die beſtandenen Gefahren machte die ge⸗ genwärtige Sicherheit nur um ſo lieblicher, das Wetter blieb heiter und ſchön und ſie wanderten ſechs Tage lang durch Gebirge, Thäler und Wälder, faſt eben ſo heiter als wenn ſie im erſten Frühling der jungen Liebe zuſam⸗ men hinausgegangen wären, um alles Schöne und Herr⸗ liche in dem liebliche Buche der Natur anzuſchauen. Sechſtes Kapitel. „Shlimme Nachrichten, Oberntraut, ſchlimme Nach⸗ richten!“ rief Oberſt Herbert, als er mit einem offenen Briefe in der Hand in ſeinem Thurme auf dem Schloſſe zu Heidelberg ſaß.„Anhalt iſt unter den Mauern von Prag geſchlagen— gänzlich geſchlagen! Wie konnte es auch anders ſein? Funfzig Tauſend geübte Oeſtreicher und Baiern gegen fünfunddreißig Tauſend ungeübte Re⸗ kruten— eine Schaar von Bürgern und Pöbel und Transſilvaniſchen Reitern!“ „Was weiter?“ fragte Oberntraut, der mit ſtren⸗ ger, aber ruhiger Stirn vor ihm ſtand.„Es müſſen noch mehr Nachrichten folgen, und wenn Ihr ſie noch nicht erhalten habt, ſo müſſen ſie in wenigen Tagen kommen.“ „Da ſind noch viel mehr Nachrichten,“ ſagte Her⸗ bert traurig;„Friedrich und die Königin ſind mit ihrem Heidelberg. Dritter Band. 8 ganzen Hofe entflohen, Niemand weiß, wohin, und Pry hat ſich am folgenden Tage ergeben.“ ½ „Ich dachte es mir,“ antwöoͤrtete Oberntraut, oß ſeinen Ton zu verändern;„man konnte es ſo klar kar⸗ men ſehen, wie man den Neckar von der Brücke ſie Aber von wem iſt der Brief? Von Eurer Nichte? A. iſ ſie?— Wie geht es ihr?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete der alte Offizier, i dem er das Papier auf den Tiſch legte und feine Häͤn zuſammenſchlug,„der Brief iſt von Lodun— aber! ſagt kein Wort von Agnes— Gott helfe uns! Abg ich will nicht furchtſam ſein; wo ihre königliche G⸗ bieterin paſſiren konnte, konnte ſie auch paſſira Wenn ſie auch in Prag geblieben iſt, ſo werden del dieſe Männer nimmermehr einem Weibe Etwas zu Lei thun.“ 3 „Ich weiß nicht,“ entgegnete Oberntraut mit ſih düſterer Stirn.„Tilly iſt nicht zart und ſeines Glt chen haben in den letzten Zeiten ſeltſame Dinge in d Pfalz gethan, wie Bensheim, Heppenheim und Otm berg beweiſen. Herbert, ich liebe Eure Nichte zu 6 um mich dabei zu beruhigen. Ich muß weitere Nat richten haben und gehe, ſie zu ſuchen.“ Herbert ſtand auf, ergriff ſeine Hand und ſah ih traurig ins Geſicht. „Ach, Oberntraut,“ ſagte er nach augenblickliche T Schweigen.„Ich fürchte, Ihr bereitet Euch eine Täu⸗ ſchung.— Das Weiberherz iſt unbeſtändig und—“ ¹ Oberntraut machte eine Bewegung mit der Hand. „Ihr mißverſteht mich, mein Freund,“ ſagte er. „Jede Täuſchung, die ich erfahren konnte, habe ich ſchon bis auf die Hefen ausgeleert. Agnes liebt mich nicht, wie ich fordern würde, geliebt zu werden, und ich ſtrebe nicht nach einem Herzen, welches nicht ganz mir ange⸗ hören kann. Ich habe meine Lektion erhalten. Ich liebe ſie noch, aber meine Liebe iſt von meiner früheren verſchieden; kalt, aber nicht weniger ſtark; und als Er⸗ widerung ſoll ſie mir Achtung gewähren. Die kann ſie mir nicht abſchlagen, denn dies hängt von mir ab, nicht von ihr. Aber laßt uns von andern Dingen reden. Ich will Nachricht von ihr haben, ehe viele Tage um ſind. Ich kann freilich meinen Poſten nicht verlaſſen, noch auch Ihr den Eurigen; aber dennoch kann Keiner von uns ſich zufrieden geben, ohne einige Nachrichten von ihrem Schickſal zu haben. Ihr habt keine Andeu⸗ tung erhalten, wohin ſie ihre Schritte gewendet hat?— Noch auch wohin die Königin gegangen iſt?“ „Keine,“ antwortete Herbert.„Lodun ſagt Nichts, was den geringſten Aufſchluß geben könnte. Es ſcheint, er fürchtete, daß ſein Brief in die Hande des Feindes fallen könnte, und als ob er ſich deshalb vorſah.— Aber halt, ich erinnere mich, daß die Königin mir bei 8* — 116— ihrer Abreiſe ein feierliches Verſprechen gegeben, ſie hie⸗ her zurückzuſenden, wenn Friedrichs Hof durch das Schickſal des Krieges aus Prag vertrieben werden ſolle — auch wird ſie ein ſolches Verſprechen nicht vergeſſn haben.“ „Hieher!“ ſagte Oberntraut.„Dies iſt ein unſiche rer Zufluchtsort. Hier, wo wir den Krieg vor dear Thoren haben; Heidelberg ſelbſt täglich bedroht, wil⸗ rend ſchwache und unentſchloſſene Fürſten die edelſte Se⸗ che und die beſte Armee zu Grunde richten, die Spani ſche Macht uns täglich näher rückt und das ganze Rhei thal die Beute eines fremden Feindes iſt.— Aber da iſt nicht abzuhelfen. Höchſt wahrſcheinlich iſt ſie ſche jetzt auf dem Wege, und wir müſſen verſuchen, ſie we der Gefahr zu ſchirmen, wenn ſie in die Mitte dieſt Blutbades kommt.“ Während er ſprach, hörte man einen ſchwern Schritt auf der Treppe; ein bewaffneter Mann ſtrech ſeinen Kopf ins Zimmer und ſagte: „Die Stadt iſt in einem ſeltſamen Zuſtande, Obu denn die Nachricht hat die Leute aus Furcht ihrer Siu beraubt.“ „Erwarten denn die Thoren, daß Maximilian d rekt hieher marſchiren wird?“ rief Oberntraut. Der Mann ſchüttelte den Kopf, als verſtehe er ien nicht, und Herbert fragte: „Was gibts denn Neues, Alter?“ „Nun, der Spinola hat Weinheim eingenommen und marſchirt hieher,“ verſetzte der Soldat.„Die Pro⸗ feſſoren und die Hälfte der Studenten fliehen nach Nek⸗ kargmund und alle die reichen Bürger ſteben erſchrocken und mit langen Geſichtern auf dem Marktplatze, wäh⸗ rend die Weiber in den Kirchen ſind und ſo heftig beten, wie ſie nur können.“ „Darnach muß man ſehen,“ ſagte der Baron von Oberntraut.„Geht Ihr und beruhigt das Volk und bereitet Euch zur Vertheidigung. Ich will mit meinem Trupp hinausreiten und zu entdecken ſuchen, was an dieſer Nachricht Wahres iſt.“ „Ich miſche mich nicht gern in die Sache,“ ſagte Herbert,„denn als Merven über mich geſetzt wurde, ge⸗ lobte ich, ich wollte kein Commando übernehmen. Den⸗ noch denke ich, muß ich mein Möglichſtes thun, und wenn die Stunde zum Fechten kommt, ſollen ſie finden, daß ich jung und thätig genug bin, um den Ort zu ver⸗ theidigen, wenn auch nicht, um die Garniſon zu com⸗ mandiren.“ „Nein, nein, entfernt die Eiferſucht von Euch,“ ſagte Oberntraut;„diene ich nicht unter Knaben, wenn die Umſtände es fordern?“ „Ja, Ihr ſeid mächtig verändert, mein guter Freund,“ ſagte Herbert. — 118— „Ich danke Gott dafür,“ antwortete Oberntraut; „ich habe Nichts verloren, was ich lieber hätte behalten ſollen, und Vieles, was beſſer weggeworfen wurde. Aber die Minuten ſind koſtbar, laßt uns hinausgehen. Ich denke, die Leute werden fechten, wenn die Zeit der Noth kommt; denn dieſe Bürger fürchten ſich oft mehr vor einem entfernten Gerücht, als vor einer gegenwärtigen Gefahr.“ „Laßt fliehen, wer fliehen will,“ antwortete Herbert, ſein Schwertgehänge über die Schulter werfend und ſei⸗ nen Hut aufſetzend.„Wenn uns eine Belagerung be⸗ vorſteht, ſo iſt es um ſo beſſer, je weniger Feiglinge wir haben und je weniger Leute wir füttern müſſen.“ Die Stadt Heidelberg ſtellte eine ſeltſame Scent dar, als die beiden Offiziere durch die Straßen gingen, nachdem ſie auf dem kürzeſten Wege von dem Schloſſ heruntergeſtiegen waren. Die Beſtürzung war aufs Höchſte geſtiegen und die einzigen Vorbereitungen, die man ſah, bezweckten die Flucht und nicht die Vertheidi gung. Männer zu Pferde und zu Fuß— Weiber auf Wagen und Viele mit Kindern auf den Armen— v ladene Laſtwagen— kurz jede Art von Fuhrwerken, d man in der Eile hatte finden können, verſperrte faſt den Weg, der zum öſtlichen Thore der Stadt, jetzt das Karlsthor genannt, führte; und auf allen freien Plätzen der Stadt ſah man Schaaren von Bürgern, Einige — 119— Ferdch kühn in ihren Worten, aber faſt Alle mit Schrek⸗ ken erfüllt, und an künftige Flucht denkend. Herbert miſchte ſich unter die verſchiedenen Gruppn der Bevölkerung, unter welchen er wohl bekannt war und fragte in ruhigem und etwas verächtlichem Tone: „Nun, wovor fürchtet Ihr Euch, meine guten Leute?“ Dann ſetzte er gewöhnlich hinzu:„Es iſt keine Gefahr, ſage ich Euch, wenn Ihr nur ein wenig Muth habt. Fürs Erſte glaube ich, iſt die Nachricht nicht wahr, und zweitens hat Spinola nicht zur Hälfte Mannſchaft genug, wenn die Schulknaben und die Büt⸗ tel nur die Thore gegen ihn beſetzen wollen. Nun, geht heim und haltet Euch ruhig. In ſechs Monaten mag es vielleicht anders ſein; aber jetzt habt Ihr keine Urſache zur Furcht.“ In vielen Fällen dienten ſeine Worte und noch mehr ſein ruhiger Ton und ſein unbefangenes Weſen dazu, das Volk wieder zu beruhigen. Sie ſchämten ſich ihrer Furcht und Einige von den vornehmſten Bürgern kehrten nach Hauſe zurück, um ihren Frauen und Fami⸗ lien zu ſagen, daß man die Gefahr vergrößert habe. Da kein weiterer Bericht über Spinola's Anrücken wäh⸗ rend des Tages die Stadt erreichte, ſo wurde Heidel⸗ berg gegen Abend viel ruhiger, obgleich wir geſtehen mſſen. daß die Bevölkerung ſich beträchtlich vermindert hatte, 1 Inzwiſchen ritt Oberntraut an der Spitze einer Al— theilung von etwa zwei Hundert Reitern aus dem Mannheimer Thor und näherte ſich raſch der Ebene, Eiine Zeitlang war kein Feind zu entdecken; aber endlih ſah der junge Offizier den Rauch einer brennenden Muͤhle in einiger Entfernung und ſchloß daraus, daß Spinoln, — nachdem er Weinheim geplündert, ſich zurückgezogen um den Bürgern von Heidelberg nur habe Schrecken einje⸗ gen wollen, ohne die Abſicht zu haben, einen für ſeim kleine Macht zu ſtark beſetzten Ort anzugreifen. Bald darauf konnte man von einer kleinen Anhöhe den Nac⸗ trab einer Armee entdecken, die nach Ladenburg mar⸗ ſchirte; aber zu gleicher Zeit ſah man große Abtheilun⸗ gen von Spaniſchen Reitern auf der ſüdlichen Seite des Neckar und zwei oder drei kleinere Abtheilungen, die mit raſchem Schritte auf der Bergſtraße nach Wiesloch ritten. 4 „Bei meinem Leben, ſie ſind kühn!“ ſagte Obern⸗ traut bei ſich ſelber.„Es ſoll mich wundern, wohin ſie jetzt marſchiren. Wir müſſen ſehen.“ Er hielt mehrere Minuten an, um den Feind. beobachten; dann rief er einen von den jungen Offizie ren ſeines Trupps zu ſich und ertheilte ihm den Befehl mit funfzig Mann nach Mosbach zu reiten und ſich ge⸗ nau nach Nachrichten von Prag zu erkundigen und wenn ſie Damen von Eliſabeths Hofe träfen, ſie ſicher nach — 121— Heidelberg zu geleiten. Drei einzelne Reiter ſchickte er auf verſchiedenen Wegen aus, um die Bewegungen der Abtheilung zu beobachten, die er auf Wiesloch hatte an⸗ rücken ſehen. Dann marſchirte der Deutſche Offizier langſam unter den Bäumen fort, um ſo viel als mög⸗ lich ſeine Anzahl zu verbergen, und hielt nicht eher an, als bis er das Dorf Hockenheim erreicht hatte, von wo er eine kleine Abtheilung nach Walddorf ſchickte. Bald darauf brach die Nacht an und Oberntraut ſetzte ſich zu ſeinem frugalen Abendeſſen, als Einer von den Leuten in der Eile zurückkehrte, um ihm zu ſagen, daß die Spaniſchen Reiter durch Wiesloch geritten und gerade bei Anbruch der Nacht Langenbrücken angegriffen hätten. „Ehe ich mich entfernte,“ fügte der Mann hinzu, „glaube ich, hatten ſie ſich eines Theils der Stadt be⸗ mächtigt; aber die Leute hatten die Brücke geſperrt und ſchienen entſchloſſen, ſich in dem andern Theile der Stadt zu halten.“ „Wir müſſen ihnen zu Hülfe kommen,“ ſagte Obern⸗ traut.„Wie viele Spanier waren dort?“ „Einer von den Leuten, den ich halb betrunken auf der Straße fand 7* verſetzte der Soldat,„ſagte mir, es wäre Jeronimo Valetto's Trupp und noch ein anderer; im Ganzen beinahe drei Hundert Mann.“ „Nun, wir ſind Hundert und funfzig,“ antwortete — 122— Oberntraut.„Gehe hinunter und rufe die Leute zum Aufſitzen.— Aber laß keine Trompeten blaſen, denn wir müſſen ganz in der Stille marſchiren.“ Sobald der Soldat fort war, füllte er einen gro⸗ ßen Hornbecher mit Wein und trank ihn aus; dann ſetzte er ſeinen Helm wieder auf, ſchnallte ſeinen Küraß um, ging hinaus und war fünf Minuten ſpäter im Sattel. Auf den wohlbekannten Wegen durch die Ebene ſtill und ruhig fortreitend, näherte er ſich Langenbrücken und glaubte einmal in jener Richtung ein Schießen zu lö⸗ ren. Als er aber näher kam, war Allees ſtill, und in dem langen, unregelmäßigen Dorfe hörte und ſah er kein Zeichen des Kampfes. Als der junge Baron nur noch eine Viertelſtunde entfernt war, ritt er mit vier oder fünf von ſeinen Leuten ſeinem Trupp voran und hörte bald darauf mehrere lachende, redende und ſingende Stimmen. Sie ſprachen nicht Deutſch; und obgleich ihre Sprache harmoniſcher war, als ſeine eigene, ſo klang ſie doch Oberntraut's Ohren nicht lieblich. In tiefem Schweigen abſteigend, näherte er ſich mit vier von ſeinen Leuten zu Fuß, bis er am Ende der engen Straßen ein Feuer ſah, wo drei Italieniſche Soldaten ſaßen und ſich die Zeit ihrer Wache mit Trinken und Singen vertrie⸗ ben. Als Oberntraut ſich ſo weit als möglich genähert hatte, ohne geſehen zu werden, flüſterte er ſeinen Be⸗ gleitern ein Wort zu und ſtürmte dann auf die kleine — 123— Abtheilung des Feindes los. Einen derſelben hatte er im Augenblick unter ſeinen Füßen; die Andern ſpran⸗ gen auf, wurden aber ſogleich von den Deutſchen Rei⸗ tern ergriffen und zugleich überwunden. Einer von ih⸗ nen legte ſeinen Karabiner auf Oberntraut an, und war im Begriff, zu feuern; aber ein großer rüſtiger Deut⸗ ſcher legte ſeine Hand auf das Schloß des Gewehres und verhinderte noch zur rechten Zeit, daß die Stadt durch den Schuß beunruhigt wurde. „Wer das geringſte Geräuſch macht, iſt des Todes, 4 ſagte Oberntraut in ſo gutem Spaniſch, als er es ver⸗ ſtand.„Wo iſt Valetto?“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte der Mann, mit dem er ſprach. „Ich bin der, den Ihr den Teufel Oberntraut nennt,“ antwortete der junge Baron;„ſo antwortet mir ſchnell oder ich ſtoße Euch meinen Dolch in die Kehle.“ „Er iſt in jenem Hauſe, vor welchem das Schild hängt,“ antwortete der Mann mürriſch, indem er die Straße hinaufdeutete. „Und die übrigen Leute?“ fragte der Oberſt. „O, in den verſchiedenen Häuſern, wo Ihr Lichter ſeht und reden hört,“ antwortete der Italieniſche Sol⸗ dat in ſchlechtem Spaniſch; und indem er zu gleicher Zeit über ſeine Schulter blickte, ſah er den Trupp des —— 8 jungen Barons ganz leiſe auf dem ſandigen Wege in die Stadt reiten. „Laßt funfzehn Mann abſteigen und mit mir kom⸗ men,“ ſagte Oberntraut mit leiſer Stimme, ſobald die Vorderſten des Trupps nahe waren;„die Uebrigen ſol⸗ len die Häuſer durchſuchen, wo ſie Licht ſehen; aber laßt eine Abtheilung an jeder Thüre zurück, ehe der ge⸗ ringſte Lärm gemacht wird; dann tödtet den Feind, wo Ihr ihn findet. Dieſen Leuten ſchenke ich das Leben; doch bewacht ſie gut.“ Hierauf ging er mit den Leuten weiter, welchen er befohlen hatte zu folgen, und näherte ſich mit raſchem Schritte dem Hauſe, welches der Italiener als das Quartier ſeines Offiziers bezeichnet hatte. Es war eine kleine Stufe vor der Thüre, und als Oberntraut ſeinen Fuß darauf ſetzte, hörte er im Zimmer zur Linken Stim⸗ men reden. Die eine war die laute, lärmende und fröh⸗ liche Stimme eines Mannes, die andere der ſanfte und liebliche Ton eines Frauenzimmers, die aber klagend und bittend erſchien. Dieſe Stimme machte das Herz des jungen Baron erbeben; er ſpannte die Piſtole, die er in der Hand hielt, öffnete die äußere Thüre, wendete ſich plötzlich zur Linken und trat in das Zimmer, woher die Töne kamen. Vor ihm ſaß an einem mit Fleiſchſpeiſen und Wein beladenen Tiſche ein großer, rüſtiger Mann mit vom Trinken erhitztem Geſichte, während etwas weiter nach vorn, von einem rauhen Soldaten gehalten, die unver⸗ geßliche Geſtalt Agnes Herbert's ſtand. Ihr Geſicht ſchwamm in Thränen; ihre Glieder ſchienen kaum ſtark genug zu ſein, ſie aufrecht zu erhalten, und doch flammte ihr Auge, als ſie ſagte: „Ihr ſeid grauſam, unedel— unhöflich.“ Valetto ſprang plötzlich ven ſeinem Sitze auf, als er Oberntraut's Geſicht erblickte, und der Soldat, der Agnes hielt, wendete ſich wüthend um und zog ſein Schwert. Aber der junge Baron zielte ſogleich mit ſei⸗ ner Piſtole nach ſeinem Kopfe; die Waffe ging los und er ſtürzte todt zu Boden. Agnes ſprang an Oberntraut's Seite und Valetto ſank wieder todtenblaß auf ſeinen Stuhl nieder, denn er erblickte fünf oder ſechs Köpfe von Deutſchen Reitern hinter ihrem Anführer, und ein heftiger aber kurzer Streit— Piſtolenſchüſſe, klirrende Schwerter, Klagen und Flüche in Spaniſcher, Italieniſcher und Deutſcher Sprache ertönten aus andern Theilen des Hauſes. „Bemächtigt Euch jenes Mannes und bindet ihn!“ ſagte der junge Baron zu ſeinen Soldaten.„Zwei ſind genug, die Uebrigen gehen um dieſen Lärm zu beruhi⸗ gen! Ich will nachkommen.— Fürchtet Nichts, fürch⸗ tet Nichts, Fräulein! Die Stadt iſt in meinen Händen — Ihr ſeid jetzt völlig ſicher!— Hier ſetzt Euch einen — 126— Augenblick nieder und ich will ſogleich wieder zur Ench kommen.“ Während er ſprach, führte er Agnes ſanft zu einem Sitze und wollte ſie dann verlaſſen, als ſie rief: „O, mein gütiger Freund— es iſt Jemand im Hinterzimmer, der Eurer Hülfe bedarf, wenn ſie ihn nicht ermordet haben.— Wir waren auf unſerm Wege nach Heidelberg, als—“ „Ich will ſogleich zurückkehren,“ ſagte Obertraut, als man noch eine Piſtole abfeuern hörte,„fürchtet Nichts— es ſoll Alles geſchehen, was Ihr wünſchen könnt.“ Mit dieſen Worten verlließ er ſie. Agnes ſetzte ſich nieder, bedeckte ihre Augen mit den Händen und weinte, Inzwiſchen hatten die beiden Deutſchen Soldaten Valetto's Arme gebunden, und er ſaß da und ſah das ſchöne Mädchen, welches er einen Angenblick vorher ſo ſchwer beleidigt hatte, mit einem Blicke ängſtlicher Un⸗ entſchloſſenheit an. „Sprecht für mich, Fräulein,“ ſagte er endlich in Italieniſcher Sprache;„dieſer eingefleiſchte Teufel wird mich tödten, wenn Ihr nicht für mich bittet. Ich kenne ſein Geſicht nur zu gut.“ „Was verdient Ihr?“ fragte Agnes Herbert, ihre Augen mit einem Blicke des Vorwurfs zu ihm erhebend. „Nicht für dus, was Ihr zu mir geſagt, denn das kann ich verzeihen, obgleich es niedrig und feig war, ſondern für das, was Ihr denen gethan, die mich vertheidigten und nur ihre Pflicht thaten gegen den Fürſten, dem ſie dienen.“ „Was hat er gethan?“ rief Oberntraut, der die letzten Worte hörte, als er in das Zimmer zurückkehrte. „Herr Algernon Grey,“ antwortete Agnes, indem ihre blaſſe Wange ſich wieder röthete,„begleitete mich auf Befehl der Königin von Prag hieher. Er half den Leuten dieſe Stadt zu vertheidigen und wurde ſchwer verwundet hereingebracht. Sie riſſen mich von ihm weg, als ich das Blut ſtillen wollte, und ich hörte, wie dieſer Mann befahl, ihn zu tödten.“ „Führt ihn zur Thüre hinaus,“ ſagte Oberntraut, „und hängt ihn an den Pfahl vor der Thüre.“ „Ich ſcherzte nur! Ich ſcherzte nur!“ rief Valet⸗ to, der ein wenig Deutſch gelernt hatte.„Dem Cavalier iſt Nichts geſchehen— Ihr werdet ihn am Leben finden — ich weiß— ich glaube, er lebt— wenn er nicht an ſeinen Wunden geſtorben— ich ſcherzte nur— die Soldaten wiſſen es.“ „Rein, nein, ich bitte Euch,“ ſagte Agnes in beben⸗ dem Tone; indem ſie Oberntraut’ss Arm faßte,„ich ſuche keine Rache— ich muß und darf kein ſolches Ge⸗ fühl empfinden.— O, verſchonet ihn!“ „Wenn unſer edler Freund am Leben iſt, gut,“ — 128— 6 ſagte Oberntraut in ſtrengem Tone;„aber wenn er todt iſt, ſo will ich ihn rächen, was Ihr auch ſagen mögt, Fräulein.— Die Handlung ſoll die meine ſein— kommt, und zeigt mir, wo er war!— Und Ihr, Freund, macht Frieden mit dem Himmel, ſo gut es gehen mag, und zwar ſo ſchnell als möglich; denn wenn ich ihn nicht am Leben finde, ſo werder Ihr nur noch fünf Minuten zu leben haben. Kommt, liebes Fräulein, wo war un⸗ ſer Freund, als Ihr ihn zuletzt ſahet? Ich hoffe, daß die Worte dieſes Mannes wahr ſind, denn es wird doch kein Soldat wagen, einen Gefangenen zu tödten, es ſei denn auf Befehl ſeines Commandeurs.“ „Kommt,“ ſagte Agnes,„hieher!“ Und ſie führte ihn zur Thüre hinaus. Da lag ein Mann mit einer gräßlichen Wunde in ſeiner linken Schläfe, aus welcher das Blut über die vom Rauch geſchwärzte Haut dahinfloß, welches in den Unebenheiten des Lehmbodens einen kleinen Pfuhl bildete. Die Dame wich einen Augenblick vor dieſem ſchrecklichen Gegenſtand zurück; aber Algernon Grey's Leben ſtand auf dem Spiel, und indem ſie all ihre Entſchloſſenheit ſammelte, ſchritt ſie über die Leiche weg und ſetzte ihren Weg zu dem Hinterhauſe fort. Es ſchien, als ob die Deutſchen Soldaten noch nicht dorthin gedrungen waren, und wahrſcheinlich iſt es, daß viele von Valettos Leuten bereits durch den kleinen — Garten, deſſen Thuͤre offen ſtand, entflohen waren. Das ſchöne Mädchen blieb ſtehen, legte ihre Hand auf das Schloß der Thüre zur Rechten und zauderte bei dem ſchrecklichen Kampfe der Hoffnung und Furcht, wovon die menſchliche Bruſt in der einen oder der andern Ge⸗ ſtalt ſelten frei iſt. Im nächſten Augenblick konnte ſie ihren Geliebten als Leiche vor ſich liegen ſehen, ſie konnte aber auch den größten Theil ihrer Befürchtungen unge⸗ gründet finden; dennoch aber war die Furcht vorherr⸗ ſchend und ſie bedurfte einer großen Anſtrengung, um die Thüre zu öffnen und hineinzuſehen. Es brannte ein Licht im Zimmer und ſobald Algernon Grey einen Fuß⸗ tritt hörte, wendete er ſich raſch auf dem Bette um, auf welches man ihn in den Kleidern gelegt, die er auf der Reiſe getragen. Er ſah ſich mit mattem Lächeln um und ſagte mit leiſer und matter Stimme: „Es iſt mir beſſer, liebe Agnes— das Bluten hat aufgehört.— Was hat dieſer Mann gethan?— Was hatte all dieſer Lärm zu bedeuten?“ Wäre auch die ganze Welt zugegen geweſen, ſo hätte doch Agnes den Gefühlen ihres Herzens nicht wi⸗ derſtehen können: ſie näherte ſich dem Bette, ſank auf ihre Kniee nieder, ließ ihre Hände auf den ſeinen ruhen und rief: „Gott ſei Dank!— O, Gott ſei Dank!“ „Ah, Oberntraut auch,“ ſagte Algernon Grey;„da Heidelberg. Dritter Band. 9 4½ darf ich nicht fragen, was dieſe Piſtolenſchüſſe bedeute ten. Willkommen, mein guter Freund, willkommen!“ „Still!“ ſagte Oberntraut ernſt, indem er die Hand erhob.„Die Aerzte legten mir Schweigen auf, als it verwundet war, und daſſelbe will ich mit Euch thun.— Seid Ihr gewiß, daß die Blutung geſtillt iſt?— Laſ mich ſehen.“ Hierauf näherte er ſich dem jungen Engländer, zo ſein Wamms und ſeinen Hemdkragen zurück, der ſchot von Blut ſteif war, und ſah eine große Wunde auf da rechten Seite der Bruſt und noch eine gerade unter d Schulter, die von einem Piſtolenſchuſſe herzurührn ſchien. „Iſt dies Alles?“ fragte er in heiterem Ton „Daran werdet Ihr nicht ſterben, mein guter Freund“, „Ich habe noch eine, gerade unter dem Knie,“ en gegnete Algernon Grey;„aber das iſt Nichts.“ „Laßt mich ſehen,“ ſagte Oberntraut,„laßt mi ſehen!“ Und er unterſuchte die Wunde. „Es iſt nicht viel,“ ſagte er nachläſſig,„aber blutet und die Blutung muß geſtillt werden; auch mi! ſen wir Sorge tragen, daß die andern Wunden nit wieder aufbrechen. Es ſoll mich wundern, ob hier wo ein Wundarzt an dieſem Orte iſt— es muß aber; d ——,,— Barbier da ſein und den wollen wir kommen laſſ Barkbiere fliehen nie, denn Feinde müſſen ſich ſo g raſiren laſſen wie Freunde. Bleibt bei ihm, liebes Fraͤu⸗ lein, und thut, was Ihr könnt, um dieſes Blut zu ſtil⸗ n len. Ich will Jemand ſchicken, der mehr von dieſen t Dingen verſteht, als ich; mein Handwerk iſt, Blut zu ꝛvergießen, und nicht, es zu ſtillen.“ Mehr ſprach er nicht, ſondern eilte hinaus; ertheilte den Soldaten im Hauſe einige haſtige Befehle, ging — weiter die Straße hinunter, blickte in mehrere Häuſer, Iin welchen er Licht ſah und vor deren Thüren Pferde ſtanden, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß aller Widerſtand an dem Orte vorüber ſei, fragte er einen Landmann, den er in einem von den Zimmern fand, wo der Barbier des Ortes zu finden ſei. „O, der wohnt noch weit weg,“ ſagte der Mann; „Ihr werdet das Becken vor der Thüre hängen ſehen.“ Und indem Oberntraut zweien oder dreien von ſei⸗ nen Leuten zurief, ihm zu folgen, ging er weiter, nach⸗ dem er verſchiedene Befehle wegen der Sicherheit ſeiner Leute ertheilt hatte. Das Handwerk des Barbiers und das Geſchäft des Wundarztes waren damals auf ſeltſame Weiſe in der ganzen Welt vereint, mit Ausnahme einiger großen Städte in einigen Königreichen, wo man den Wundarzt zu einer höheren und ehrenvolleren Klaſſe als den Bart⸗ ſcheerer rechnete. In jeder Landſtadt aber übte dieſer das Geſchäft des Einrichtens der Beinbrüche und des 9* Verbindens der Wunden, und ſo war auch der gelehrte Praktikant zu Langenbrücken durchaus nicht überraſcht als er von dem Baron von Oberntraut aufgefordert wurde, einem Verwundeten ſeinen Beiſtand zu leiſten. „Ihr habt weiter Nichts zu thun,“ ſagte der Barou in befehlendem Tone,„als die Blutung zu ſtillen und zu verhindern, daß die Wunden wieder aufbrechen, ehe wir nach Heidelberg kommen. Dieſer Fall geht übn Eure Geſchicklichkeit, mein Freund, und ich verlang Nichts weiter, als was ich geſagt habe: keine Salbe und ſympathetiſche Mittel, wenns gefällig iſt; und wemt ich finde, daß Ihr weiter geht, als Eure Geſchicklichke reicht, ſo ſchneide ich Euch die Ohren ab.“ „Aber wie iſt der Herr verwundet worden?“ fragt der Barbier.„Sagt mir das wenigſtens, damit ich mit nehmen kann, was nöthig iſt.“ „Wie er verwundet iſt?“ rief Oberntraut.„Welt eine Frage! Fürs Erſte iſt er ſchwer verwundet, un da ich zweifle, daß er geneſen wird, ſo bedarf ich Eur⸗ nicht, um es gewiß zu machen, daß er nicht wieder al kommt. Ferner iſt er mit Degenſtößen und Piſttole kugeln verwundet. Alles, was Ihr zu thun habt, i ſeine Wunden zu verbinden. Daher folgt mir ſogleich. Hierauf führte er ihn zu der Thüre des Hauſt wo Algernon Grey lag, und ging dann, ſich nach de — 133— Anzahl der Gefangenen ſowie der Todten und Verwun⸗ deten auf beiden Seiten zu erkundigen. Als der Barbier in das Zimmer trat, in welches Agnes Oberntraut geführt hatte, fand er ſie noch neben dem Bette ihres Geliebten knieend und ihre Hand in der ſeinigen; aber die Wunde, aus welcher das Blut gefloſſen, war jetzt feſt mit einer Schärpe verbunden, ſo daß nur wenige Tropfen hindurchfloſſen. Die Dame zog ihre Hand zurück, ſodald die Thüre geöffnet wurde und der Barbier begann die Unterſuchung. Da er aus langer Erfahrung nicht ohne Geſchicklichkeit war, ſo that er Alles, was in jenem Augenblick in jeder Hinſicht, nur in einer nicht, das Beſte war. Sein Blick und ſeine Worte dienten nicht dazu, den Verwundeten zu beruhigen, denn gleich den meiſten ſeiner Collegen war er geneigt, den Fall als gefährlich darzuſtellen, um ſeinen Ruf zu vermehren, wenn die Geneſung Statt findet, und um ſich ſicher zu ſtellen, wenn ein unheilvoller Ausgang erfolgen ſollte. Das Herz der armen Agnes ſank bei dem zweifel⸗ haften Kopfſchütteln und den noch beunruhigenderen Worten:. „Eine ſehr ſchlimme Wunde, in der That— es ſoll mich wundern, wohin die Spitze der Waffe gedrungen iſt.“ Und ſelbſt Oberntraut's heiterer Ton, als er zu⸗ rückkehrte, konnte ihre Furcht nicht entfernen. — 134— „Geht, Ihr Mollkengeſicht,“ ſagte der Baron zu dem Barbier.„Hier iſt eine Krone für Eure Bemi⸗ hung. Eure troſtloſen Blicke ſind genug, um einen kran⸗ ken Mann ins Grab zu ſtoßen, und wäre er eine Meil davon entfernt. Nun, mein guter Freund,“ fuhr er zu Algernon Grey gewendet fort,„ich hoffe, Ihr werde eben ſo ſchnell, wie ich, wieder auf den Füßen ſein. Ich will Euch indeß noch dieſe Nacht nach Heidelberg bringen, denn dies iſt ein offener Platz und ohne Vertheidigung. Ihr ſollt ein wenig Wein haben, ehe wir gehen, damit Ihr bei Kräften ſeid, und ich habe den Leuten geſagt, ſie ſollen eine Art von Sänfte machen, um Euch dahin zu tragen.— Sprecht nicht, denn mir ſagte man, das Sprechen ſei das Schlimmſte, was man thun könne. Ich will alle Fragen beantworten, ohne daß Ihr ſie ausſprecht. Ich fand einen Mann und einen Knaben im nächſten Hauſe; der Mann war gerade wie Ihr durchs Bein geſchoſſen und der Knabe hatte eine Wunde quer über die Wange und hatte zwei oder drei Zähne verloren; doch fehlt ihm weiter Nichts und ſie können ſo weit reiſen, als es nöthig iſt. Kamt Ihr im Wagen oder zu Pferde, liebes Fräulein? Ich finde keinen Wagen an dem Orte, aber Pferde genug, um ein Regiment beritten zu machen.“ „Zu Pferde,“ antwortete Agnes.„Wir hatten keine Zeit, einen Wagen mitzunehmen, als wir Prag verließen.“ — 135— „Ja, ja, das iſt eine traurige Geſchichte!“ ſagte der junge Baron.„Aber ſagt mir, was iſt aus dem Kö⸗ nige und der Königin geworden, denn hier ſind wir dar⸗ über gänzlich im Dunkeln.“ Agnes ertheilte ihm einen kurzen Bericht von Al⸗ lem, was bis zu der Zeit geſchehen war, wo ſie Prag verlaſſen hatte. Sie war freilich in einiger Verlegenheit, denn das lebhafte Auge des jungen Barons von Obern⸗ traut war während der ganzen Zeit feſt, obgleich nicht roh, auf ſie gerichtet. Bald darauf war ihr Bericht beendet, und ehe er weiter fragen konnte, kam ein Mann herein und ſagte, Alles ſei bereit, und der Knabe habe das Pferd der Dame bezeichnet. Man verſchaffte ſich dann ein wenig Wein und Oberntraut beſtand darauf, daß nicht nur Algernon Grey, ſondern auch Agnes ein Wenig davon trinken ſollte, in⸗ dem er mit bedeutungsvollem Lächeln und nicht ohne Traurigkeit den Becher von dem Einen zu der Andern hinüberreichte. Dann wurde die haſtig zuſammenge⸗ ſchlagene Sänfte hereingebracht, der Verwundete darauf gelegt und hinausgetragen. Vor der Thüre des kleinen Gaſthauſes hatte ſich auf das Gerücht von der Nieder⸗ lage des Feindes eine Anzahl von den Dorfleuten ver⸗ ſammelt und Oberntraut redete ſie auf kurze und nach⸗ drückliche Weiſe folgendermaßen an:— „Ich habe große Luſt, Euren Ort niederzubrennen, — 136— Ihr Schurken, und Euch zu beſtrafen, daß Ihr ihn nicht beſſer vertheidigt habt; aber ſeht wohl nach den Verwundeten und ich will Euch verzeihen. Bewacht die Fremden gut und ſchickt ſie nach Heidelberg, wenn ſie beſſer werden. Ich habe nur Einen von meinen Leuten bei Euch zurückgelaſſen, und wenn Ihr ihn nicht gut be⸗ handelt, ſo ziehe ich Euch lebendig das Fell ab. Nun führt die Gefangenen fort.“ Hierauf ſetzte er Agnes auf ihr Pferd, ſchwang ſich in den Sattel und ritt fort. ———y— Siebentes Kapitel. Die langweiligen Stunden der Krankheit fielen ſchwer auf Algernon Greh. Noch nie in ſeinem Leben hatte er auch nur einen Tag die ſchwere Laſt der Krankheit erfahren, wenigſtens ſo lange er ſich erinnern konnte. Von kräftiger Geſtalt und ſtarker Conſtitntion, von ge⸗ mäßigten Gewohnheiken und von früher Jugend auf in körperlichen Uebungen erfahren, war ſein Leben bisher in leichter Thätigkeit vergangen, und wenn ihm auch Kummer und Sorgen berührten, ſo hatten ſie doch keine Macht auf ſeine körperliche Geſtalt. Nie hatte er den Kopfſchmerz, das trübe und geblendete Auge, das matte Herz, die ſchweren und kraftloſen Glieder des kränklichen oder durch übertriebenes Studiren geſchwächten Mannes empfunden. Er hatte bisher nur wollen und handeln dürfen; der Körper war keine Laſt für den Geiſt gewe⸗ ſen, und die thätige Kraft Beider ſchien einander gegen⸗ ſeitig zu unterſtützen. 6 Jetzt aber mußte er Tage⸗ und Wochenlang im Hei⸗ delberger Schloſſe auf dem Krankenbette liegen. Schwach, matt, voll Schmerz, jeden Augenblick unruhig, mit un⸗ terbrochenem Schlummer bei Nacht und ſchläfriger Schwere bei Tage, mit bleicher Wange und trüben Augen mußte er die Zeit unter den ungeſchickten Händen unwiſſender Wundärzte zubringen, die nach den verkehrten Begriffen jener Zeit ſeine Krankheit durch die Mittel, die ſie an⸗ wendeten, um ſeine Wunden zu heilen, nur verlängerten. Die ihn umgebenden Perſonen thaten freilich Alles, um ſein Leiden zu erleichtern, und ihm die Zeit zu ver⸗ treiben. Herbert war jeden Tag lange bei ihm und Ag⸗ nes ſaß mit einem Mädchen manche Stunde an ſeinem Bette. Sie las ihm aus den Büchern vor, die er liebte, ſie ſang ihm die Lieder vor, von denen ſie glaubte, daß ſie die Hoffnung erwecken und die Troſtloſigkeit verban⸗ nen könnten. Sie ſprach in milden und heitern Tönen mit ihm und der liebliche Klang ihrer muſikaliſchen Stimme war die einzige Arzenei, die ſeine Heilung zu befördern ſchien. Niemand widerſetzte ſich ihren Wünſchen. Sie kam und ging, wenn ſie wollte, und doch war zwiſchen ilr und dem Oberſten Herbert kein Wort über ihr Verhält niß zu Algernon Grey geſprochen worden. Er ſchim Alles zu verſtehen; zu ſehen, daß ſie einander wahrhaff liebten, zu wiſſen, daß er ihn zu Grunde richten werde — 139— wenn er ihm ihre Gegenwart vorenthalten wollte; und daß er das ſanfte Herz, welches glücklich zu machen der Gedanke und das Geſchäft ſeines Lebens war, verwun⸗ den würde, wenn er ihr den Troſt verweigern wollte, ihn in ſeiner Krankheit zu verpflegen. Er war auch ein Mann von eigenthümlichem Charakter, wie es deren noch Manche in der Welt gibt; anfangs war er zweifelhaft und vorſichtig; ja vielleicht etwas argwöhniſch; aber wenn man ſein Vertrauen einmal gewonnen hatte, ſo war es unbegrenzt und kein Gedanke an kalte Schicklichkeit, keine Frage, was die Welt ſagen würde, feſſelte je ſeine edlen Antriebe. Er hatte ſich ſchon ſeit Jahren von allen Feſ⸗ ſeln der Etiquette befreit, er hatte geſehen, wie eine Andere es aus Liebe zu ihm gethan. Dies hatte, wie es ſelten geſchieht, Beiden vollkommenes Glück gebracht; und er ſah keinen Grund ein, warum dieſelbe Hand⸗ lungsweiſe für zwei reine und hochgeſtimmte Weſen nicht denſelben Erfolg haben ſollte. Hätte er den Charakter eines von Beiden im Geringſten verkannt, ſo hätte es ein unheilvoller Irrthum ſein können. Aber er hatte noch andere Urſachen, unbedenklich in Alles zu willigen, was Agnes wünſchte. Bis zu der Stunde ihrer Abreiſe nach Prag hatte er ſie von Kindheit an mit zärtlicher Sorgfalt und Aengſtlichkeit bewacht; alle ihre Handlun⸗ gen waren vor ſeinen Augen geſchehen; ſelbſt ihr Herz und ihre Seele ſchienen offen vor ihm darzuliegen und — 140— er hatte ihrem Geiſte in vielen Dingen die Richtung ſei⸗ nes eigenen gegeben. Obgleich er den freien, wilden Geiſt liebte, der ſie zu Zeiten belebte, ſo hatte er ſie doch ge⸗ leitet und ihr gerathen; aber jetzt hatte ſie länger als ein Jahr gänzlich für ſich gehandelt. Er hatte ſich voll⸗ kommen daran gewöhnt, ſie von ſeinem Rath und ſeiner Leitung als unabhängig zu betrachten; und in keinem ihrer Briefe hatte er ein Wort gefunden, welches ihn zu dem Wunſche beſtimmte, daß ſeine Leitung ſich noch über ſie erſtrecken mögte. Sie war überdies in ſtürmi⸗ ſchen Zeiten und unter ſchwierigen Verhältniſfen manchen langen Tag mit Algernon Grey allein geweſen; ſie hatte ihn verſichert, daß während jener Zeit kein Bruder ſie mit mehr Freundlichkeit und Rückſicht hätte behandeln können, und er wußte, daß Agnes es nicht ſagen würde, wenn in der ganzen Erinnerung ihres Umganges nur ein einziger dunkler Fleck geweſen wäre. Sie gegen die Liebe zu ſchützen, ſah er wohl, war zu ſpät, und wegen alles Uebrigen hegte er das vollſte Vertrauen. Aber es war noch ein Anderer da, der auch von Zeit zu Zeit mit freundlichen Gefühlen das Zimmer des Kranken beſuchte. Der junge Baron von Oberntraut kam, ſobald er ſeinen Fuß in das Schloß ſetzte, um ſeinen früheren Gegner zu beſuchen. Er unterhielt ſich heiter und doch rückſichtsvoll mit ihm, er erzählte ihm Geſchichten von allen jenen wilden und kühnen Thaten, — 141— die er und ſein tapferer Trupp bei Tage und Nacht gegen den Feind ausgeführt, der jetzt die Pfalz nach jeder Rich⸗ tung hin überſchwemmte— Thaten, wovon die Blätter der alten Chroniken voll ſind; denn wenn es je einen Namen gab, der wegen ſeiner Aufopferung, ſeiner Ta⸗ pferkeit, ſeiner unaufhörlichen Thätigkeit und wegen ſei⸗ nes glänzenden Erfolgs mit geringen Mitteln auf das Verzeichniß der Helden geſetzt zu werden verdient, ſo iſt es der Name Johann von Oberntraut. Aber von den traurigen Schlägen, welche die Truppen der prote⸗ ſtantiſchen Fürſten in Folge der Schwäche, der Unent⸗ ſchloſſenheit und Uneinigkeit ihrer Anführer erlebten, ſprach Oberntraut nicht, denn er wußte wohl, den Muth ſeines Zuhörers niederzudrücken, heiße nur, jedes zu ſeiner Heilung angewendete Mittel vereiteln. Doch zuweilen ſah er ihn an, als er mit bleicher Wange, trübem Auge und muthloſer Lippe da lag, und ein gedankenvoller und trauriger Ausdruck zeigte ſich in dem Geſichte des tapfern Kriegers. Worüber ſann er nach? Was berechnete er? Der Himmel weiß es! Ich kann es nicht ſagen. Dann wendete er ſich gewöhnlich haſtig ab, ſagte dem Kranken Lebewohl und verließ das Zimmer. Eines Tages, als er nach einem ſolchen träumeri⸗ ſchen Nachdenken auf den Altan hinunterging, um das Reckarthal zu überblicken, traf er Agnes, die friſche Luft ſchöpfte, ehe ſie ihren Poſten in dem Krankenzimmer ih⸗ — 142— res Geliebten einnahm. Sie ſprach einen Augenblick freundlich und unbefangen mit ihm und er erwiderte ihr mit gedankenvoller und zerſtreuter Miene; doch hatten ſie erſt wenige Worte gewechſelt, bis ſie ihm Lebewohl ſagte und ſich umwendete, um zu gehen. „Wartet, Agnes,“ rief er,„ich wünſche mit Euch zu reden.“ Sie wendete ſich mir etwas bleicherer Wange und unruhigem Blicke um; denn jetzt, da ſie die Liebe beſſer kannte, ſah ſie ein, daß Oberntraut ſie gelieht habe und fürchtete, er mögte ſie noch lieben. „Ihr vermeidet mich, Agnes,“ ſagte er,„nein, hört mich an— ich ſehe es wohl— oder wenn Ihr mich nicht vermeidet, ſo empfindet Ihr einen Zwang, eine Furcht, wenn ich in der Nähe bin. Es gibt nur ein Mittel, dies zu verbannen, und um unſerer ſelbſt willen muß es geſchehen; nämlich durch eine offene Er⸗ klärung von meiner Seite. Es gab eine Zeit, wo ich Euch mehr als mein Leben liebte— wo ich hoffte, wie⸗ der geliebt zu werden, und damals würde ich in meiner unbeſonnenen Eitelkeit und in meiner aufgeregten Leiden⸗ ſchaft Jedem das Leben genommen haben, der es gewagt hätte, mir in den Weg zu treten.— Kommt, ſetzt Euch hier nieder, liebe Agnes, denn Ihr zittert unnöthiger⸗ weiſe; und wenn Ihr mich angehört habt, werdet Ihr mich nicht mehr fürchten noch ſcheuen. Ich will Euch — 143— ſagen, was geſchehen iſt, nicht was jetzt iſt. Ich ſah wie Ihr mit einem Andern zuſammenkamt; ich ſah, wie Eure Herzen einander begegneten, ich ſah, wie Eure Augen wechſelſeitig von derſelben Flamme erhellt wur⸗ den.— Warum werdet Ihr ſo roth, liebes Fräulein? Es iſt wahr und natürlich. Ich war halb wahnſin⸗ nig, ich that ihm Unrecht, ich trachtete nach ſeinem Leben; ich brachte ihn in eine gefährliche Gefahr und Schwierigkeit, ja, ich hätte ihn auch möglicherweiſe in Schande bringen können. Ich wurde beſiegt, über⸗ wunden und mein Plan vereitelt. Von der Stunde an wußte ich, daß Ihr nie die meine werden könntet; ich fühlte, ich müßte Viel von Eurer Achtung verloren ha⸗ ben, und erkannte, daß ich nie Eure Liebe beſeſſen. Ich entſchloß mich, daß ich wenigſtens Eure Achtung wieder⸗ erlangen wollte— ja, und auch Eure Freundſchaft. Ge⸗ ſchwächt, gezähmt, beſänftigt, brachte ich die Stunden der Krankheit damit zu, mit meinem eigenen Herzen zu Rathe zu gehen, und meinen eigenen Geiſt zu überwinden; und dieſer Kampf iſt mir wenigſtens gelungen. Ich entfernte den Gedanken an Liebe von mir. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, daß Ihr die Seinige werden ſolltet. Ich konnte es mir nicht abläugnen, daß er großmüthig gegen mich gehandelt, und entſchloß mich, es ihm nach beſten Kräf⸗ ten zu vergelten. Ich wußte endlich, daß der, welcher dort oben krank liegt, mir den beſten Dienſt geleiſtet, und — 144— mit ſchrecklichem aber erfolgreichem Kampfe warf ich Ei ferſucht, Zorn, gekränkte Eitelkeit und gereizten Stolz von mir, indem ich mich entſchloß, daß er mein Freund ſein ſolle und daß ich der ſeine ſein wolle. So Vill von dem, was zwiſchen ihm und mir geſchehen, Agnes, nun, was uns betrifft. Ich liebte Euch damals leiden⸗ ſchaftlich. Jetzt liebe ich Euch ruhig, kalt, wie ein Bru⸗ der, Agnes— wie ein Freund, nicht mehr mit Hoff nung, nicht mehr mit Leidenſchaft. Es iſt noch ein Ue⸗ berbleibſel von Stolz in meiner Natur; aber dieſer Stolz hat ſich zum Guten und nicht zum Uebel gewendet, denn er hat mich gelehrt, mich ſelbſt zu ſtudiren und kennen zu lernen. Ich weiß, daß ich nur mit der erſten friſchen Neigung eines freien und unberührten Herzens zufrieden ſein könnte; daß ich bei jedem Gedanken an den Leben⸗ den ſo wie bei jeder Erinnerung an den Todten eifer⸗ ſüchtig ſein, daß ich von der Dame, welche eingewilligt, die meine zu werden, die volle Neigung ihres Herzens fordern werde. Ich wollte nicht, daß in ihrer ganzen Ver⸗ gangenheit ein Punkt wäre, auf welchem ihre Erinnerung mit Bedauern verweilte. Ich wollte ihr Glück ſein und ſie ſollte nie von anderer Liebe, als der meinigen, geträumt haben. Mit einem Wort alſo, Agnes, wenn der, wel cher Eure Liebe beſitzt, und ſie, wie ich glaube, verdient, an den erhaltenen Wunden ſterben ſollte, was Gott ver⸗ hüte!— ſo würde ich doch nie nach dieſer Hand ſtreben, die mir einſt ſo theuer war. Ich bitte Euch alſo, Eu⸗ ren Geiſt zu beruhigen, damit wir das ſein können, was wir je einander werden können, nämlich, treue Freunde. Weicht alſo von jetzt an nicht vor mir zurück— fürch⸗ tet nicht meine Gegenwart, noch meine Worte. Seht Johann von Oberntraut als Euren Bruder an, wenn Ihr wollt; und glaubt auf alle Fälle, daß ich zu jeder Zeit für Euch thun werde, was nur die Liebe eines Bruders für eine Schweſter thun kann, und daß ich es an Nichts fehlen laſſen werde, was die wärmſte Freund⸗ ſchaft für Euren Geliebten zu thun vermag.“ „O, ich danke Euch, ich danke Euch!“ antwortete Agnes, ihm ihre Hand reichend.„Dies iſt in der That gütig von Euch. Aber ſagt mir, waren dieſe Worte, die Ihr über ſeinen Zuſtand geäußert, nur zufällig ausge⸗ ſprochen, um Eure Meinung zu zeigen, oder ſollten ſie als Warnung dienen, um mich vorzubereiten?“ Sie bedeckte ihre Augen mit den Händen und fügte dann in feſterem Tone hinzu: „Ihr ſagtet, wenn er an ſeinen Wunden ſterben ſollte. O, ſagt mir, ſagt mir, iſt es wahrſcheinlich? Er ſcheint ſich nicht zu beſſern, oder wenigſtens ſehr lang⸗ ſam, und dieſe Männer, die ihn beſuchen, erſchrecken mich mit ihren ernſten Geſichtern und ihren ſparſamen Worten mehr, als ſie mich beruhigen. Mein Muth ſinkt, wenn ich ſie ſehe.“ Heidelberg. Dritter Band. 10 — 146— „Nein, er wird genefen,“ ſagte Oberntraut in freund⸗ lichem Tone.„Freilich iſt man den Aerzten dafür kei⸗ nen Dank ſchuldig. Er wird trotz ihrer Kunſt und nicht durch ihre Kunſt geheilt werden; vermöge ſeiner kräftigen Conſtitution und nicht durch ihre Getränke und Salben. Er wird geneſen. Schon heute iſt es beſſer mit ihm. Es iſt mehr Licht in ſeinen Augen; ſeine Lippen ſind nicht ſo blaß; ſeine Stimme war etwas ſtärker.— Aber noch eine Frage mögte ich thun, Agnes. Wißt Ihr, wer er iſt?— Wißt Ihr, daß der Name Algernon Grey—“ „O ja,“ antwortete ſie lächelnd, durch die Hoffnun⸗ gen erheitert, die er ihr mitgetheilt hatte.„Ich habe längſt Alles gewußt; aber Ihr ſolltet in keiner Hinſicht an ſeiner Ehre zweifeln. Er hegt keinen Gedanken, der nicht erhaben und treu iſt.“ „Ich zweifle nicht daran,“ antwortete er.„Ich bin gewiß, daß er redlich und edel iſt; aber manche Er⸗ zählung hält man oft lange zurück in Zeiten der Unruhe und Krankheit. Ich hörte dies, wovon ich geſprochen, von einem ſeiner Leute, der von Breslau gekommen, und der ihn ſehr zu lieben ſchien. Es kamen mehrere von ihnen und fragten nach dem Grafen und Niemand wußte, wen ſie meinten, bis ich ſie befragte.— Aber ich muß noch einige Worte ſagen, ehe wir uns trennen, liebes Fräulein. Ich mögte rathen, die Arzeneien weg⸗ zuſchütten, welche dieſe Leute ihm geben. Ich glaube 2 σ —— — 147— feſt, daß ſie ihn krank erhalten, und daß er ſchon laͤngſt wieder hergeſtellt wäre, wenn man ihn ſich ſelbſt über⸗ laſſen hätte. Es iſt ſehr nöthig, daß er bald wieder hergeſtellt werde. Der Himmel verdüſtert ſich, Fräu⸗ lein; Tilly, dieſer wüthende Schlächter, ſteht ſchon am Rhein und unſere ſchwachen Generäle haben einen Poſten nach dem andern verloren. Frankenthal hält ſich noch, doch dieſes und Heidelberg und Mannheim ſind die ein⸗ zigen feſten Plätze, die wir beſitzen, und was kann ich mit wenigen Hundert Mann anfangen? Oder Horace Vere in Mannheim mit ſeiner Hand voll Engländer? Es wird nicht lange währen, bis die Baiern vor den Mauern Heidelbergs ſtehen. Herbert wird dieſes Schloß nicht verlaſſen, ſo lange noch Athem in ihm iſt. Ich mag vielleicht fort oder todt ſein— wer kann es ſagen? — Es muß Jemand da ſein, Euch zu beſchützen und zu leiten. Er muß ſobaͤld als möglich wieder hergeſtellt ſein, wenn er nur dieſe Getränke wegſchütten wollte.— Die Aerzte halten ſein Zimmer viel zu heiß. Reines, kaltes Waſſer und friſche Luft würden mehr thun, als alle dieſe Tränke.“ „Iſt nicht ein berühmter Mann in Heilbronn, den wir kommen laſſen könnten?“ fragte Agnes. „Dies iſt ein guter Einfall,“ antwortete Oberntraut, „aber hier iſt auch ein Mann, der, zwar kein Arzt, die Ratur und ihre Geheimniſſe tiefer ſtudirt hat, als alle 10 † — 148— die Andern— nämlich der Doctor Alting. Ich will hinuntergehen und ihn heraufholen; und wenn er meinen Plan billigt, ſo wollen wir ihn ohne Weiteres ausfüh⸗ ren. Lebt wohl für jetzt, erheitert ihn, liebes Fräulein.“ Und mit dieſen Worten eilte er fort. Indem er den Weg unter dem alten Arſenal ein⸗ ſchlug, welches vor dem großen achteckigen Thurme ſtand, eilte Oberntraut in die Stadt hinunter und erreichte bald das Haus des Doctors Alting. Er ließ ſich von Nia⸗ mand anmelden, ſondern öffnete mit ſeinem gewöhnlichen Ungeſtüm die Thüre des äußeren Zimmers und ging gerade auf des Profeſſors Bibliothek zu, als plötzlich ſeine Dienerin erſchien, ſich ihm in den Weg ſtellte und ſagte: „Der Herr Profeſſor iſt beſchäftigt, gnädiger Herr, und will von Niemand geſtört ſein.“ „Ich muß ihn dennoch ſtören,“ antwortete Obern⸗ traut, ſie ohne Weiteres auf die Seite ſchiebend und auf eine Thüre zugehend, durch die er Stimmen vernahm. Im nächſten Augenblick faßte er den Drücker und zog mit ſeinem ſtarken Arme daran. Er empfand einen ge⸗ ringen Widerſtand, doch der kleine Riegel gab nach, ehe er Zeit hatte, nachzudenken und ſeine Hand zurückzuzie⸗ hen, und die Thüre öffnete ſich weit: Alting, der ſeine ſchwarze Mütze abgenommen hatte und deſſen weißes Haar auf ſeine Schultern niederfiel, — 149— eilte ſogleich auf ihn zu, als wollte er ihm den Eintritt verwehren, aber zu gleicher Zeit ſah Oberntraut deutlich die Geſtalt eines Mannes in einem weiten faltigen Man⸗ tel durch die entgegengeſetzte Thüre gehen. „Nun, Herr Profeſſor, ſeid Ihr mit Eurem Haus⸗ geiſt beſchäftigt?“ rief er.„Ich bitte Seine Hoheit um Verzelhung, daß ich die Unterredung mit ſeinem Herrn ſtöre, und Euch ebenfalls. Aber Ihr müßt mich ent⸗ ſchuldigen, denn ein Freund von mir liegt im Schloſſe an drei ſchlimmen Wunden und an zwei noch ſchlimme⸗ ren Wundärzten krank, und ich mögte gern, daß Ihr mir ſagtet, was Ihr von dem Falle haltet.“ Der alte Mann ſchien ſehr außer Faſſung und in ärgerlicher Stimmung zu ſein. „Bin ich denn ein Arzt, oder ein Wundarzt!“ rief er.„In Wahrheit, Herr Baron von Oberntraut, ich will mich nicht auf dieſe Weiſe ſtören laſſen, wenn ich tinen Zögling bei mir habe. Ich will Nichts mit Eurem Freunde zu thun haben. Er mag beſſer werden, wie er es kann. Es iſt nicht mein Geſchäft, verwundete Leute zu heilen, die verletzt werden, indem ſie mit ihren Nach⸗ baren zanken und Gottes Gebote brechen.“ „Nein, nein, mein guter Doctor,“ rief Oberntraut, der arme Algernon Grey hat Nichts der Art gethan. Er vertheidigte die ſchöne Nichte Eures Freundes Her⸗ bert, das war Alles.“ — 150— „Algernon Grey!“ rief Doctor Alting.„Iſt es Algernon Grey? Ei, ich wußte nicht, daß er zurückge⸗ kehrt ſei. Er hat mich niemals beſucht.— Das war nicht recht; aber ich will kommen— ich will kommen.“ „Er konnte Euch nicht beſuchen, mein guter Freund,“ entgegnete Oberntraut,„wenn man ihn nicht auf den Schultern hergetragen hätte, denn er wurde vor länger als zwei Monaten in Langenbrücken faſt in Stücke zer⸗ hauen, und ſeitdem hat er beſtändig im Schloſſe gelegen und zwei Aerzte haben verſucht, ſeine Wunden noch ge⸗ fährlicher zu machen.“ „Ich will zu ihm kommen,“ ſagte Alting ruhiger „obgleich Ihr ein roher Beſucher ſeid, mein guter jun⸗ ger Herr.— Wartet einen Augenblick, und ich will mit Euch gehen— wenn ich kann.“ 3 Mit dieſen Worten verließ er Oberntraut, der bei ſich ſelber murmelte: „Wenn er kann? Was ſollte ihn verhindern, wenn er will?“ Ich nächſten Augenblick hörte er im innern Zimmer Stimmen reden und ging zu dem Fenſter, um die Worte nicht zu hören. Nach Verlauf von etwa zehn Minuten kehrte der alte Mann zurück, hatte aber jetzt einen breiten Hut auf dem Kopfe und einen Mantel um ſeine Schultern. Ihm folgte ein anderer ſchwarz gekleideter Mann, deſſen Hals und Kinn in einer breiten Halskrauſe verborgen war, die durch den Kragen eines großen Mantels noch weiter in die Höhe gedrängt wurde. Auf dem Kopfe trug er ei⸗ nen ungeheuren ſchwarzen Hut, den er bis über die Au⸗ genbrauen niedergedrückt hatte, und ſein Geſicht wurde noch mehr— nicht durch den gewöhnlichen Schnurrbart und den kleinen Spitzbart, wie er zu jener Zeit Mode war, verborgen, ſondern durch einen ungeheuren Bart, der ſein ganzes Kinn und ſeine Wangen bedeckte. Oberntraut ſah ihn einen Augenblick feſt an, und da Doctor Alting zu glauben ſchien, der forſchende Blick des jungen Barons mögte ſeinen Gefährten in Verlegen⸗ heit ſetzen, ſo ſagte er in raſchem und eiligem Tone: „Dies iſt ein gelehrter Zögling von mir, den ich lange nicht geſehen, der viele Länder bereiſt und eine große Menge intereſſanter und ſchätzbarer Geheimniſſe gelernt hat. Er will mit uns gehen und uns mit ſeinem Rathe unterſtützen.“ „Ich danke ihm herzlich,“ ſagte Oberntraut ernſt. „Es wird beſſer ſein, wir machen uns ſogleich auf den Weg, mein guter Freund; wir wollen den kürzeſten Weg wählen, durch die Gartenpforte gehen und dann durch die unterirdiſchen Gänge hinauf. Ich habe die Schlüſ⸗ ſel.“ Mit dieſen Worten ging er auf die Thüre zu, blieb aber aus Höflichkeit einen Augenblick ſtehen, um den Fremden zuerſt hinausgehen zu laſſen. Sobald ſie auf der Straße waren, ging er voran und führte ſie zu ei⸗ ner engen Gaſſe, die ſie zu der alten Mauer unter je⸗ nem Theil des Gartens brachte, wo das Thal mit Fel⸗ ſen und Erde ausgefüllt war, um Terraſſen zu bilden. Einige Hundert Schritte von dem Eingange der Gaſe ſah man eine kleine Thüre in der Mauer und Obern⸗ traut brachte einen Schlüſſel zum Vorſchein und litß ſeine beiden Begleiter ein. Sobald ſie drinn waren, ver⸗ ſchloß er die ſchwere, mit Eiſen beſchlagene Thüre, ſah ſich um, bemerkte einige Arbeiter, die auf einem Wege zur Rechten arbeiteten, und ſchlug den gewundenen Weg zur Linken ein. Dieſer Weg war eine gute Streecke wei⸗ ter, wie Doctor Alting und er ſelber ſehr wohl wußten doch der würdige Profeſſor machte keine Bemerkung dar über und folgte ſchweigend. Eine Strecke, die Anhöhe hinauf zeigte ſich ein kleiner offener Bogen mit einer eiſernen Pforte, aber auch dieſe oͤffnete der Schlüſſel des Barons und er führte ſeine Begleiter über verſchieden Treppen und Gänge, bis ſie unter den Stufen heraus⸗ kamen, die von dem Altan zu einem der kleineren Ein⸗ gänge des Schloſſes führte. Dann beeilte Oberntrau ſeine Schritte, als wenn ein plötzlicher Ungeſtüm ſich ſei⸗ ner bemächtigte, und ſtieg ſo raſch zu dem höheren Theile des Gebäudes hinauf, daß der alte Profeſſor genöthigt war, um Gnade zu bitten. „Gut,“ murmelte Oberntraut bei ſich ſelber,„das Schloß iſt jetzt beinahe verlaſſen und es iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich daß uns Jemand begegnen wird. Hieher, mein ehrwürdiger Freund— im obern Zimmer liegt mein junger Gefährte.“ Hierauf ging er langſamer weiter und öffnete die Thüre des Zimmers, wo Algernon Grey ſeit ſeiner An⸗ kunft beſtändig geblieben war. Agnes Herbert ſaß mit einem Buche in der Hand neben ſeinem Bette, und ihr Mädchen, mit einer Sticke⸗ rei beſchäftigt, im Fenſter. Aber die junge Dame ſchlug ſogleich das Buch zu, als Oberntraut und ſeine Beglei⸗ ter eintraten. Der junge Baron winkte ihr auf die Seite zu treten und ſagte laut genug, ſo daß Alle es hörten: „Ich habe Doctor Alting mitgebracht, um unſern Freund Algernon zu ſehen; aber ich wünſche, liebes Fräu⸗ lein, daß Ihr Euren Oheim in ſeine Wohnung rufen laßt. Er iſt jetzt auf dem Trutzkaiſer. Sagt ihm, ich habe ihm Etwas Wichtiges zu ſagen und werde in we⸗ nigen Minuten zu ihm kommen.“ Agnes ſchien etwas überraſcht bei dieſer Bitte, denn die Botſchaft hätte auch durch einen gewöhnlichen Diener überliefert werden können; aber Oberntraut's Geſicht zeigte einen eigenthümlichen Ausdruck, und indem ſie nur durch ein Kopfnicken einwilligte, verließ ſie mit ihrem Mädchen das Zimmer. — 454— Inzwiſchen hatte ſich Algernon Grey unruhig auj ſeinem Bette umgewendet und begrüßte Doctor Altin mit mattem Lächeln. „Liegt ſtill, liegt ſtill,“ ſagte der alte Mann vor tretend und ſeine Hand ergreifend;„ich bin gekommen, um zu ſehen, was man fuür Euch thun kann. Ihr ſei alſo verwundet und ſchon ſeit zwei Monaten krank? Das müſſen ſeltſame Aerzte ſein, die Euch in dieſer Zeit nicht entweder getödtet ober geheilt haben!“ Und er drückte ſeinen Finger auf den Puls des jungen Mannes. „Ich ſage, Alles was er bedarf, iſt friſche Luft und kaltes Waſſer,“ ſagte Oberntraut;„wenn er das bekommt wird er in einer Woche wieder hergeſtellt ſein.“ „Was die friſche Luft betrifft, da habt Ihr Recht,“ antwortete Doctor Alting.„Der Froſt iſt vorüber, der Wind iſt milde— öffnet ſogleich jenes Fenſter. Was das kalte Waſſer betrifft, ſo müſſen wir vorher weiter Unterſuchungen anſtellen. Hierauf prüfte er die Wun⸗ den in der Bruſt und der Schulter des jungen Mannes⸗ „Zwei Monate,“ ſagte er endlich. „Ja, beinahe zehn Wochen,“ antwortete Algernon Grey matt. „Dann iſt kaltes Waſſer nicht das rechte Mittel ſagte Doctor Alting;„guter Rheinwein— eine mäßze Quantität zur Zeit, aber häufig wiederholt— und ge⸗ ſunde nährende Speiſen iſt Alles, was nöthig iſt. Nehmt — 155— Nichts mehr von dieſen Arzeneien, mein junger Freund,“ und er deutete auf die Tränke, die auf dem Tiſche ſtan⸗ den;„ſie mogten zu einer Zeit gut genug ſein, aber die Krankheit iſt vorüber, und Alles, was Ihr bedürft, iſt Stärke, um Eure Wunden zu heilen. Iſt es nicht auch Eure Meinung, mein gelehrter Freund?“ fuhr er zu dem Herrn gewendet fort, der ihn begleitete. „Gewiß!“ ſagte der Andere.„Aber ich will ein Mittel hinzufügen, welches ſeine Heilung ſehr beſchleuni⸗ gen wird. Es iſt indeß ein Geheimniß, welches Nie⸗ mand hören darf. Wenn Ihr beiden Herren Euch auf einen Augenblick entfernen wollt, ſo will ich ſogleich wie⸗ der an der Thüre zu Euch kommen.“ Oberntraut entfernte ſich ſogleich ohne zu antwor⸗ ten und Doctor Alting folgte ihm langſamer. Aber ſobald ſie im Gange waren, und die Thüre geſchloſſen hatten, ergriff Oberntraut den Arm des alten Mannes und ſagte in leiſem Tone und mit aufgeregtem Aus⸗ druck: „Dies iſt ein ſchreckliches Wagniß! Wir haben keine Nacht, die Stadt zu vertheidigen im Fall eines ploͤtz⸗ lichen Angriffs. Es wäre beſſer, ſogleich Vere und ſeine Leute herbeikommen zu laſſen und Mannheim ſei⸗ nem Schickſal Preis zu geben, als daß die Perſon des Königs einer ſolchen Gefahr ausgeſetzt werde.“ Hierauf ging er einen Schritt auf die Trap⸗ pe zu. „Wartet, wartet,“ rief Doctor Alting, ſeincn Aermel faſſend,„laßt uns erſt mehr hören, ehe Inn handelt.“ Achtes Kapitel. Die Sonne war unter, der Mond aufgegangen und der Frühlingshimmel voll von Sternen. Es war viel Lärm im Schloſſe, obgleich es jetzt nicht mehr von einem Heer von Dienern bewohnt war, und die glän⸗ zende Scene der Hofpracht, die es früher gezeigt,— die hin⸗ und hereilende Menge, die glänzenden Kleider, die tönenden Trompeten und die rollenden Trommeln waren verſtummt und hatten ſich in dumpfe Stille und faſt in Einſamkeit verwandelt. Das untergegangene Glück des pfalzgräflichen Hauſes zeigte ſich in der troſt⸗ loſen Veränderung, die mit ihrer Wohnung vorgegangen war. Doch, wie geſagt, zeigte ſich während der letzten bei⸗ un Stunden vor Sonnenuntergang eine ungewöhnliche Thätigkeit im Schloſſe. Sieben bis acht berittene Män⸗ ner waren nach verſchiedenen Richtungen ausgeſendet — 158— worden, ohne daß die gewöhnlichen Bewohner des Orts wußten, wohin. Der junge Baron von Oberntraut ſelber ritt, von einem einzigen Soldaten begleitet, aus, aber anſtatt auf die Ebene hinunterzugehen, welche Richtung er gewöhnlich einſc=hlug, und wo ſeine Leute einquartirt waren, ritt er auf ſteilen und abſchüſſigen Wegen fort, die vielleicht noch nie vorher der Huf eines Pferdes be⸗ treten hatte, um die Hügel, welche eine Ausſicht auf! den Rhein gewährten und von Höhe zu Höhe, indem er d ſich oft umſah, ſeine Augen mit der Hand beſchattete i und jeden Weg und jede Straße in der weiten Gegend unter ihm genau zu beobachten ſchien. t Endlich, gerade bei Sonnenuntergang war er in das Schloß zurückgekehrt, und fragte, ob irgend einer f von den Boten zurückgekehrt ſei Drei waren bereits n angekommen und er befragte ſie genau über die Ent⸗ deckungen, die ſie hinſichtlich der Bewegungen der feind⸗ lichen Truppen gemacht. Alle ſtimmten darin überein, d daß Tilly und ſeine Truppen die Brücke paſſirt hätten,n die er über den Neckar geſchlagen, ſich dann zum Rhein b gewendet und dieſen Fluß in der Nähe von Oppenheim n uͤberſchritten. d Dieſe Nachricht ſchien dem jungen Offizier große Freude zu gewähren und er ging von dem Hofe zu der b Wohnung des Oberſten Herbert, wo er die Thure nach3 ſeinem Eintritt ſorgfältig verſchloß⸗ Eine Stunde ſpien — 159— ter wurde ein ſo gutes Mahl, wie man es im Schloſſe zubereiten konnte, zu den Zimmern des Engliſchen Offi⸗ ziers hinaufgetragen; aber ſein eigener Diener und Agnes Herbert empfingen die Schüſſeln an der Thüre und man ließ die gewöhnlichen Diener nicht eintreten. Noch eine Stunde verging und dann kamen Herbert und Doctor Alttng zuſammen die Treppe herunter, ſahen ſich überall um, als ſie die Thüre des Thurmes erreichten, gingen dann langſam weiter und nahmen ihren Weg an dem innern Walle hin zu dem Bibliothekthurme und von dort durch die kleinen Thüren und Stufen in den Gar⸗ ten. Dort wendeten ſie ſich zu dem Gitterthor, durch welches Doctor Alting an dem Morgen ins Schloß ge⸗ fhrt worden. Herbert öffnete dieſes Thor und blieb neben demſelben ſtehen, indem er ſich mit ſeinem alten Freunde unterhielt. „Eine Strecke waren ihnen noch Andere gefolgt; denn während ſie an dem Walle hingingen, ſtieg Agnes „mit dem Herrn, der den alten Profeſſor am Morgen bggleitet hatte, die Treppe hinunter, und auch ſie nah⸗ inen ihren Weg in den Garten. Der junge Baron von Derntraut und Oberſt Herbert's Diener, mit einem darken Stoßdegen bewaffnet, folgten in der Entfernung koen etwa funfzig Schritten, ſo daß ſie Agnes und ihren Begleiter beſtändig im Auge behielten, wohin ſie ſich nuch wenden mogten. 6 —-— 160— Die ſchöne Dame ſchien einige Umwege zu machen bald wendete ſie ſich zu dem untern Garten, dann ſtiex ſie auf ein Wort, welches ihr Begleiter zu ihr ſagte, di Stufen hinauf und ging durch die Bäume auf die groß Terraſſe zu, dann zu den Blumenbeeten hinunter mi ihren ſeltſamen Arabesken, dann auf einer andern Trephe wieder zu der Terraſſe hinauf, während der Mond di ganze Zeit uͤber ihren Weg beſchien. „Ich weiß, es iſt eine Schwäche,“ ſagte ihr Begle⸗ ter,„ſo an beſonderen Scenen zu hängen, die mich um mit ſchwermüthigem Bedauern erfüllen; aber hier, ſchön Dame, habe ich ſo viel glückliche Stunden erlebt, diſ es mir ſchwer wird, mich davon loszureißen, obgleit dieſe unbelebten Gegenſtände meinem Geiſte Nichts al Erinnerungen an vergangene, vielleicht auf immer ver gangene Freuden darſtellen.“ „Die Vergangenheit hat einen Geiſt, Eure Neit ſtät,“ antwortete Agnes,„der die düſtere Form de Gegenwart belebt. Die Seele des dahingeſchieden Glücks, das kann ich wohl begreifen, verleiht die wechſelnden Scene Leben; und für Eure königlichen N gen erheben ſich mit jedem Gegenſtande, an dem ü vorübergehen, beſondere Stunden oder Tage, die nie f die zärtliche Erinnerung des Herzens ſterben könne Aber laßt mich hoffen, daß eine Zukunft bevorſteht, u unter dieſen Scenen, mit Allem, was Ihr am Meiſt 8 — 161— auf Erden liebt, die alten Tage wieder erneuert werden ſollen, wo Ihr Euch dieſer dunkeln Augenblicke nur als z einer Wetterwolke erinnert, die der Wind längſt vor⸗ übergetrieben.“ Friedrich ſchüttelte traurig den Kopf. t„Ich weiß nicht,“ ſagte er,„Gott gebe es! Aber mes iſt eine düſtere Vorbedeutung in meinem Herzen, daß der Fluch des Ehrgeizes mich getroffen, und die Freu⸗ den, die ich nicht gehörig ſchätzte, als ſie mein waren, " mir auf immer entriſſen werden ſollen.“ 1„O nein!“ ſagte Agnes traurig.„Ich mögte gern n denken, daß Ehre, Tugend und hohe Vorſätze nie von j dem Betruge, von der Gewaltthätigkeit und dem Unrecht können überwältigt werden.“ „Doch dies iſt nur zu oft der Gang der Dinge hie⸗ mnieden,“ verſetzte Friedrich.„Es wird nicht auf immer ſein. Aber die Welt hat ein Leben ſo gut, wie wir, ¹ liebes Fräulein, und unſer Leben iſt nur ein Theil von dem Leben der Welt. Die Zeit wird kommen, wo in dem langen Daſein des Weltalls alle Dinge ausgeglichen werden und die Redlichkeit triumphirt. Aber ach! Ich fürchte keines Menſchen Zeit iſt lang genug, um der Hoffnung Raum zu geben, daß das erlittene Unrecht ier Entſchädigung finden wird. Ich könnte hinzuſetzen, kin Menſch iſt gut genug, um ſich zu beklagen, ſelbſt wenn ſeine beſten Vorſätze die Stufen ſind, die zu der Seidelberg. Dritter Band. 11 Strafe führen, welche ſeine Fehler verdienen. Ach, ſchi nes Heidelberg, du Ort ſo mancher Erinnerungen umnn ſo mancher Träume, ich muß dich noch ein Mal vet laſſen— auf immer— ja, ich fühle es— auf immer! Und ſein Haupt geſenkt, ſeine Augen mit Thränen ang füllt, ſtieg er die Stufen hinunter und eilte zu d Stelle, wo Herbert und Doctor Alting ſeiner warteten, „Herbert,“ ſagte der unglückliche Fürſt,„ich geht aber Ihr müßt dableiben, und wenn es möglich iſt, ſ vertheidigt dieſen Ort, den wir Beide ſo zärtlich lieben vor den rauhen und zerſtörenden Händen des Feinde Es wäre in der That eine bittere Nachricht für mit wenn ich erführe, daß der Baier in dieſen Hallen wän daß ſeine rohen Soldaten Alles das zerſtörten und de wüſteten, was eine lange Reihe von Fürſten mit Son falt und Geſchicklichkeit zur Vollendung gebracht, die die Scenen der Liebe und des Friedens— die Wohnm gen der Kunſt und Poeſie und Viſſenſchaft von Mar ſchen entweiht wurden, die weder Gefühl noch Ehre bietung vor ſolchen hohen Dingen haben. Ich bit Euch, mein lieber Freund, helft nach beſten Kräften d ſen Ort zu vertheidigen, obgleich Euch von Anderg wenn auch nicht von mir, einiges Unrecht geſchehen ſſ „Mit dem letzten Tropfen meines Bluts, Majeſtit antwortete Herbert;„aber in Wahrheit, es iſt Zeit, d Ihr geht. Ihr habt eine weite und gefährliche Ri vor Euch, ehe Ihr Euch mit Mannsfeld vereinigen könnt, n doch hoffe ich, wird ſie ſicher vorübergehen und Ihr zu⸗ a fammen dem Feinde einen ſolchen Schlag verſetzen, der ihn von dieſen Mauern fern halten wird. Habt Ihr alle Papiere, die Ihr geſucht?“ d„Alle, alle,“ antwortete der König;„aber es muß „ Jemand mit mir gehen, um die Pforte zu verſchließen, ſ nachdem ich und der gute Doctor hinausgegangen ſind.“ „Das will ich thun, Majeſtät,“ ſagte Oberntraut, a der ſich jetzt den Uebrigen angeſchloſſen hatte. Aber Friedrich erwiderte: t„Nein, nein, es wird beſſer ſein, wenn Ihr gleich u wieder hinaufgeht und zu Euren Leuten hinunterſteiget, n wie wir verabredet haben. Herbert, Ihr müßt darauf uſehen, daß Niemand innerhalb zwei Stunden das Schloß d verläßt. Kennt dieſe junge Dame den Weg?“ ”„Sehr gut,“ entgegnete Herbert,„ich zeigte ihr den⸗ e ſelben ſchon vor langer Zeit.“ 1„Und wird ſie ſich nicht fürchten, allein durch dieſe Gänge zurückzukehren?“ fragte der König. t„Nein, gnädigſter Herr,“ antwortete Agnes lä⸗ chelnd;„ich bin an wirkliche Gefahren gewöhnt worden und fürchte keine eingebildeten.“ 3„Nun alſo— lebt wohl, meine Freunde,“ ſagte a Friedrich, Herbert und Oberntraut die Hände drückend; „wenn wir uns hienieden nicht wiederſehen, ſo ſegne Euch 11* Gott! Und wir werden uns jenſeits wiederſehen, ſo hoffe ich.“— So redend, ging er mit Doctor Alting durch die offene Pforte. Agnes empfing von ihrem Oheim einer großen Schlüſſel, während Oberntraut dem Diener ein Blendlaterne abnahm, ſie öffnete und ſie ihr überreichte Damit verſehen, folgte ſie raſch dem Könige und leuth tete ihm durch den langen gewundenen Gang, der zi jener Zeit von dem Schloſſe in die Stadt hinunten führte. Kein Wort wurde geſprochen, als ſie zwiſchen den rauhen Mauern hindurchgingen, die dicht mit gri⸗ nem Moder bedeckt waren und durch die das Waſſer an manchen Stellen hindurchſickerte; aber an der Thüre, de in die Stadt führte, blieb Friedrich ſtehen, drückte Agn ſens Hand und ſagte: „Lebt wohl, meine liebe Couſine! Tragt dieſen Ring zum Andenken an mich und die Königin. Beſucht noc dieſen Abend unſern jungen Freund Algernon, und it denke, Ihr werdet finden, daß die Nachricht, die ich ilm gebracht, eine beſſere Arzenei für ſeine Wunden ſein wird, als irgend eine, welche die Aerzte ihm verſchni⸗ ben haben. Es war der Becher der Hoffnung, ſchön Agnes; aber es wird gut ſein, wenn er ſich, ſobald n den Schritt eines Pferdes ertragen kann,— 5 auf den Weg nach England macht. Noch ein Mal, l wohl!“ 3 — 165— Agnes öffnete mit Hülfe des Schlüſſels die Thüre, um den Fürſten und ſeinen alten Begleiter hinauszu⸗ laſſen, und ſagte dann: „Gott geleite Eure Majeſtät!“ Und ſie ſah den König zum letzten Mal aus der Wohnung ſeiner Ahnen ſich entfernen. Mit langſamen, gedankenvollen Schritten und Au⸗ gen, die ſich mehrmals mit Thränen füllten, kehrte das ſchöne Mädchen ins Schloß zurück. Sie ſchlug indeß nicht denſelben Weg ein, den Oberntraut verfolgt hatte, als er Friedeich einige Stunden früher hinaufgeführt hatte; ſondern ſie wendete ſich, als ſie die Höhe erreicht hatte, rechts, wo eine lange Gallerie ſich eine Strecke an der Seite des Hügels fortzog, und kam dann zu einer Thüre, die innerhalb des Thores ins Freie führte, nämlich in der Nähe der großen Batterie, welche die Feſtungswerke des Schloſſes mit der alten, jetzt längſt zerſtörten Stadtmauer verband. Der Ausgang führte in einen engen Gang und dort fand ſie Oberſt Herbert, der langſam auf⸗ und abging, und ihre Rückkehr er⸗ wartete. „Ich bin bei Algernon geweſen, meine Liebe,“ ſagte er,„und der arme junge Mann ſcheint dieſen Abend biel beſſer zu ſein. Er fragte, ob Du dieſen Abend nicht zu ihm kommen würdeſt, Agnes; ich verſprach es ihm in Deinem Namen und ließ Dein Mädchen am Fuß — 166— der Treppe zurück, um auf Dich zu warten. Gebe dert Himmel, daß er bald beſſer werde! Denn jeder Berict von den Bewegungen des Feindes macht mich zitterg bis Jemand da iſt, der Dich im Nothfall beſchütze! kann, wenn ich ſollte hinweggenommen werden.“ Agnes Herberts Wange röthete ſich; denn dits waren die erſten Worte, welche Herbert ausgeſprochen und die auf eine wahrſcheinliche Verbindung zwiſchen Algernon Grey und ihr Bezug hatten. „Ich bin gewiß, daß er mich beſchützen würde, ſagte ſie mit jener furchtſamen Heuchelei, die die Fraumn ſtets ſelbſt gegen ihre eigenen Herzen anwenden; in nächſten Augenblick aber fügte ſie mit mehr Offenheit hinzu:„Der König hat mir eben geſagt, daß es für Algernon durchaus nöthig ſein wird, ſobald er reiſen kann, auf eine Zeit lang nach England zu gehen.“ „Das trifft ſich in der That unglücklich,“ ſagte Herbert gedankenvoll.„Aber was weiß der König von ſeinen Angelegenheiten?“ „Ich kann es nicht ſagen,“ verſetzte Agnes ſchüch⸗ tern.„Seine Majeſtät brachte ihm dieſen Abend froht Nachrichten, wie es ſchien, und dies hat ihm ohm Zweifel wohl gethan. Es iſt auch ſehr wahrſcheinlich, daß er von ſeinem Geſandten in England Viel gehött hat, was nicht zu uns gedrungen iſt.“ „Es iſt wahr,“ entgegnete Herbert.„Ein Mann — 167— weines Ranges liebt ſtets geſchäftige Zungen.— Aber „Eins, mein Kind, darf nicht lange anfgeſchoben werden. „Er muß alle Verhältniſſe Derjenigen wiſſen, die er mgewählt hat.“ „O ſtill!“ rief Agnes in großer Aufregung.„Ich weiß nicht, daß er mich gewählt hat— ich kann nicht n ſagen, daß—“ „So hat er alſo noch nicht um Deine Hand ange⸗ halten?“ ſagte Herbert raſch. 1„Nein,“ verſetzte Agnes und hielt mit einiger Aengſtlichkeit inne, da ſie nicht wußte, welche Wirkung dieſe Nachricht auf Herbert hervorbringen werde, dann aber erinnerte ſie ſich eines zufälligen Ausdrucks von Algernon Grey, der ihm am Tage vorher entfallen, mals er ſo ſchwer verwundet worden, und ſie fügte hinzu:„Ich weiß, daß er mich liebt— das verbirgt, er nicht; aber er ſagte mir, er wolle mit Euch reden, ſobald er angekommen ſei— Alles ſagen— Alles erklären.“ Herbert ſann einen Augenblick nach. „Das iſt recht,“ ſagte er endlich,„das iſt ganz recht, und ich kann mir leicht denken, Agnes, daß er nicht gerade die Stunden der Krankheit und Troſtloſig⸗ keit gewählt hat, um ſeine Abſicht auszuführen. Den⸗ noch laß die Erklärungen zuerſt von Dir ausgehen, meine Liebe. Es iſt eben ſo gut, wenn er, ehe er ein — 168— Wort ſagt, vollkommen weiß, was er thut. Ich zweifl nicht an ihm, Agnes, zweifelſt Du?“⸗ „Weniger als ich an mir ſelber zweifeln würde, antwortete Agnes mit Wärme.„Ich will thun, wie Ihr mir ſagt; ich würde es ſchon vorher gethan haben doch ich hatte nicht Eure Erlaubniß. Doch gewiß kann es nicht geſchehen, ſo lange er noch ſo krank iſt.“ „O nein,“ antwortete Herbert;„dazu iſt Zeit genug. Laß ſeine Geſundheit zurückkehren, wenigſtens einigermaßen; und dann, wenn er zum erſten Mal mit Dir im Garten ſpazieren geht, erzähle ihm die Geſchichte. Es iſt angenehm im Sonnenſchein und in der freien Luft unter grünen Bäumen und lieblichen Blumen eim ſolche Geſchichte von vergangenen Zeiten zu erzählen. Der Geiſt verweilt dabei ungefeſſelt von den weltlichen Gedanken der Städte und Höfe; das Herz oͤffnet ſich, nicht zuſammengedrückt von der ſchweren Luft des engen Zimmers. In der Gegenwart des Himmels und der Werke Gottes erheben ſich die reinen hohen Gefühl le, welche die Natur anfangs gab, die aber in der Menge gleich kränklichen Stadtblumen ihre Köpfe hängen laſſen; und wir verſtehen und hegen Mitgefühl mit den Leiden und Hoffnungen Anderer und fühlen das Band der Verwandtſchaft zwiſchen uns und dem ganzen Menſchen⸗ geſchlecht. Wähle einen ſolchen Augenblick, mein gutes Kind, es iſt nicht mehr als recht gehandelt gegen ihn und Dich ſelbſt.“ Mit dieſen Worten führte er ſie in's Schloß zurück und bis an den Fuß der Treppe, die zu Algernon Grey's Zimmer ging. Ihr Mädchen erwartete ſie, und in ihrer Begleitung ging ſie hinauf und wurde für ihre Mühe belohnt, als ſie den helleren und heiterern Blick bemerkte, welcher auf die zurückkehrende Geſundheit deu⸗ tete. Auch irrte ſie nicht; denn jeden Tag von der Stunde an wurde es mit Algernon Grey beſſer. Seine Wunden heilten ſchnell. Die Mattigkeit und Schwäche, die ſie zurückgelaſſen hatten, verſchwanden, und nach Verlauf von wenig mehr als einer Woche war er im Stande aufzuſtehen und am offenen Fenſter zu ſitzen und Agneſens Geſange zuzuhören. Der Frühling rückte auch immer weiter und es verſchwanden verſchiedene Urſachen zur Unruhe für die Bewohner des Schloſſes. Es kam die Nachricht, daß Friedrich nicht nur ſicher über den Rhein zurückgegangen und ſich mit ſeiner Armee auf der andern Seite vereint, ſondern auch daß er von ſeinem kühnen Freunde, dem Grafen Mannsfeld unterſtützt, die kaiſerliche Armee geſchlagen und Tillhy zum Rückzuge gezwungen habe. Es war daher noch nicht ſobald ein Angriff auf Heidelberg zu erwarten und Herbert wendete dieſe Friſt an, die Feſtungswerke des Ortes noch zu verſtärken. Es iſt unnöthig zu ſagen, daß Agnes Herberts Herz von Stunde zu Stunde leichter und heiterer wurde. Wie bald vergeſſen wir in der Jugend die Stürme und Ungewitter, die über uns dahinziehen! Die Tropfen ſind kaum trocken auf dem Graſe und der Sonnenſchein ſtellt ſich uns ſchon glänzender dar; der ferne Himmel iſt heiterer als je; und ſo war es mit Agnes Herbert— ja, und mit ihrem Geliebten auch, obgleich er eine grö⸗ ßere Weltkenntniß beſaß. Die dunklen Ereigniſſe, welche in Böhmen geſchehen waren, machten die gegenwärtige Freude nur noch glänzender; und als Agnes eines Tages durch die Gärten oberhalb des ſchimmernden Nekars ging und Algernon wieder an ihrer Seite hatte, da ſchien ihr dies die lieblichſte Stunde ihres Lebens zu ſein, und ſie konnte kaum ihr Herz dahin bringen, zu fürch⸗ ten, daß die künftige Zeit eben ſo düſtere Tage liefern könne, wie die, welche vorübergegangen waren. Länger als eine Stunde gingen ſie ſpazieren, langſam freilich, denn ſeine Kräfte waren noch nicht vollkommen zurück⸗ gekehrt; aber ihre Unterhaltung glich einem glänzenden Bergſtrome, der ſchimmernd von einem Punkte zum andern ſprang. Sie ſetzten ſich nieder, um auszuruhen! ſie ſtanden auf und gingen weiter; und ſo hätten ſie noch weit gehen können, hätte nicht ein raſcher Schritt hinter ihnen Agnes veranlaßt, ſich plötzlich umzuwenden. Die Perſon, welche folgte, war der Page ihres Geliebten, der mit lebhafter Haſt in ſeinem Blicke näher kam, ſeinen Herrn einen Brief hinreichte und rief: „Ein Bote von Eurem Oheim, Mylord, hat dies in großer Eile von England gebracht.“ Algernon Grey nahm den Brief ruhig, öffnete und las ihn. Aber Agnes konnte bemerken, wie ſein Geſicht ſich veränderte, ſeine Stirn ſich zuſi uenäeg⸗ ſeine Lippe bebte und ſeine Wange roth wurd „Dies iſt eine ſchleihie und gute Rachricht zugleich, meine Agnes,“ ſagte er.„Die ſchlechte Nachricht beſteht darin, daß ich, ohne eine Stunde zu zaudern, nach England abreiſen muß; aber zu einigem Troſt erfahre ich, daß alle jene Schwierigkeiten und Hinderniſſe, mſich gleich einer Schranke zwiſchen mir und meinem Glück zu erheben ſchienen, jetzt zu weichen beginnen, und ehe ein Monat vorüber iſt, gewiß gänzlich ver⸗ ſchwinden müſſen.“ „Nach England, ohne eine Stunde zu verweilen?“ „rief Agnes.„O, Ihr könnt nicht reiſen! Ihr ſeid nicht a im Stande zu einer ſolchen Reiſe.“ 1„Nein, nicht ſo,“ verſetzte ihr Geliebter.„Der 1 Weg von hier nach Mannheim wird der ſchlimmſte Theil e der Sache ſein. Eine Fahrt in einem leichten Boot den t Rhein hinunter wird mich nur erfriſchen, müßte ich mich nicht von hier trennen, meine Agnes; aber der freudige 6 Gedanke an meine Rückkehr muß mich aufheitern; und — 172— obgleich die Stunden mir lang erſcheinen werden, ſo können deren doch nicht viele ſein, dbis ich zurückkehre, um dieſe Hand zu fordern, die mir noch nicht verſpro⸗ chen, die aber dennoch mein iſt, wie ich weiß.“ „O, die ſchreckliche Ungewißheit der Zukunft!“ ſagte Agnes mit tiefem Seufzer und thränenvollen Augen. „Sätte mir Jemand vor wenigen kurzen Monaten geſagt, Algernon, als ich Euch zuerſt hier traf und mit Euch durch dieſe Gärten wanderte, daß ich ſolche Anblicke erleben und ſolches Mißgeſchick erfahren würde, hätte ich es glauben können?— Hätte ich glauben können, daß meine Gedanken, meine Gefühle, ja, ich mögte ſagen, mein Geiſt ſo verändert werden würde? Und was werden nicht noch die kommenden Monate bringen? Ich hielt es ſchon für bitter genug, als ich mich in Prag von denen trennte, die ich aufrichtig liebte, die durch das Band der Verwandtſchaft mit mir vereint waren, während ſie und ich Beide ein ungewiſſes Schia⸗ ſal vor uns hatten! Aber jetzt ſoll ich mich ſogar von Euch trennen!“ „Laßt uns nicht den Augenblick verdüſtern, thenuiſ Agnes,“ ſagte Algernon Grey,„der an ſich ſchon trau rig genug iſt. Ich geſtehe, ich gehe voll Hoffnung denn der Gedanke, von einer verhaßten Feſſel befreit zu ſein, die meine Verbindung mit der, die ich liebe, vei⸗ hindert, iſt zu freudig, um nicht ſelbſt die Quglen des — 173— Scheidens zu erleichtern. Aber Ihr ſagt, meine Agnes, daß Ihr zu Prag Perſonen zurückgelaſſen, die durch das Band der Verwandtſchaft mit Euch verbunden gewe⸗ ſen; ich wußte nicht, daß Ihr Verwandte dort hattet.“ Agnes ſchüttelte traurig und gedankenvoll den Kopf; denn die Stimmung des Geiſtes bewirkt, daß man aus jedem Ereigniſſe Betrachtungen von derſelben Färbung zieht. „Es zeigt, wie wenig wir ſelbſt auf eine Stunde rechnen können,“ ſagte ſie.„Ich hatte heute gedacht, Euch unter dieſen ſchönen Scenen eine ſchwermüthige Geſchichte von längſt vergangenen Tagen zu erzählen— dabei zu verweilen und Euch jeden einzelnen Umſtand zu berichten, denn ohne Ausführlichkeit gleicht eine Ge⸗ ſchichte wie dieſe einem lebloſen Aſte, einem Weinſtocke, der zur Winterzeit ſeiner Blätter beraubt iſt. Aber jetzt, da wir zurückkehren, muß ich kurz und trocken meinen Bericht erſtatten.— Meine Mutter war die Aebtiſſin eines adeligen Kloſters in Frankreich, von der vorneh⸗ men Familie Latour d'Auverne und folglich von väter⸗ licher Seite Couſine im dritten Gliede und von mütter⸗ licher Seite Couſine im zweiten Gliede zu der verwitt⸗ weten Kurfürſtin Louiſe Juliana. Im Kriege wurde ein Engliſcher Cavalier von hoher Familie, aber gerin⸗ gem Vermögen, ſchwer verwundet, während er unter Heinrich dem Vierten von Frankreich diente, in die kleine — 174— Stadt Mouſſon gebracht, wo die Abtei ſich befand, und von den guten Schweſtern freundlich gepflegt. Der größte Theil der Familie Latour beſtand aus eifrigen Proteſtanten, wie Ihr wißt; aber dieſe Branche war der katholiſchen Religion ergeben und die junge Aehtiſſm war folglich in dieſem Glauben erzogen worden. Ihr wißt, welche Freiheit die Nonnen aus hohem Stande in Frankreich haben, ſo daß ihr Gelübde nur wenig Zwang auf ihren Umgang mit der Welt ausübt. Die Aebtiſſin ſah meinen Vater oft; die Bekanntſchaft ver⸗ wandelte ſich bei zärtlicher Sorgfalt auf der einen und Dankbarkeit auf der andern Seite bald in Freundſchaft und Liebe. Meine Mutter erſchrak über ihre Gefühle, und als mein Vater zuerſt wagte von ſeiner Zärtlichkeit zu reden, entfloh ſie ihm in Beſtürzung und Zorn. Aber ſie ſahen einander wieder, und da fand er Mittel, ihren Glauben an die Lehrſätze der Kirche zu erſchüttern, welcher ſie bisher angehört. Er brachte ſie mit einem proteſtantiſchen Prediger in Verbindung. Die Bibel wurde ihr in ihrer einfachen Reinheit vorgelegt. Ihre Augen wurden geöffnet und ſie entſagte der abergläubi ſchen Lehre! Sie wagte es indeß nicht öffentlich zu thun denn ſie war von mächtigen und gewiſſenloſen Verwand ten umgeben, die kein Mittel würden geſcheut haben zu beſtrafen, wo ſie nicht mehr zügeln konnten. Sie wurz de insgeheim mit meinem Vater getraut und man erwar⸗ V tete die Gelegenheit, ſie in ein proteſtantiſches Land zu bringen. Es wurde nöthig, das Kloſter zu verlaſſen, und mein Vater brachte ſie zu einem kleinen abgelegenen Orte in den Vogeſen, wo ich geboren wurde. Verſchie⸗ dene Ereigniſſe hielten ſie vier bis fünf Jahre dort zurück, wo ſie in der tiefſten Verborgenheit lebten; doch man ſuchte ſie überall auf und mein Vater fand endlich, daß es nöthig fein würde, zu entfliehen, da man ihren Zufluchtsort entdeckt habe und die Verfolgung nahe ſei. Sie machten ſich daher an einem Herbſtabend auf den Weg zum Rhein, mein Vater und meine Mutter, in einem Wagen, von einigen Dienern zu Pferde begleitet, die meines Vaters Pferd führten. Aber ſie waren beob⸗ achter worden. Als ſie durch einen Wald kamen, wurde auf den Wagen gefeuert, und meine Muttar ſowie einer von den Leuten verwundet. Sie ſagte anfangs, die Wunde ſei nur unbedeutend, und mein Vater ſprang aus dem Wagen, beſtieg ſein Pferd und griff die Mörder an. Sie wurden bald in die Flucht geſchlagen und einen von ihnen tödtete mein Vater mit eigener Hand. Bei nähe⸗ rer Unterſuchung fanden ſie, daß der Gefallene der Vet⸗ ter meiner Mutter fei— doch das erfuhr ſie nie. Sie ſetzten raſch ihre Reiſe fort und erreichten die Pfalz, wo in der Stadt Frankenthal erſt die Wunde verbunden wurde, die meine Mutter erhalten hatte. Jetzt entdeckte man, daß ſie viel gefährlicher war, als man anfangs — 176= vermuthet hatte. Sie lebte noch eine Woche, und ſtarb dann in meines Vaters Armen.“. Agnes ſchwieg und Algernon Grey fragte lebhaft: „Aber was wurde aus Eurem Vater 27 „Er eilte hieher,“ fuhr Agnes fort,„erzählte der Kurfürſtin ſeine Geſchichte, die ſchon einen Theil davon wußte, und bat ſie dringend um ihren Schutz für mich. Sie verſprach, ſie wolle eine Mutter für mich ſein, und ſie hat ihr Wort gehalten, wie Ihr wißt. Aber der Bruder meiner Mutter, ein ſtrenger und graufamer Mann, ſtand in hoher Gunſt bei der Königin von Frankreich, und ſobald es bekannt wurde, daß mein Vater hier Zuflucht gefunden habe, wurde der Kurfürſt aufgefordert, ihn auszuliefern, um über meines Vetters Tod Rechenſchaft abzulegen. Hätte er ein gerechtes Ver⸗ fahren erwarten können, ſo würde er ſich freiwillig aus⸗ geliefert haben; doch es war bekannt, daß dies nicht zu erlangen ſei; und er war genöthigt zu fliehen. Er diente mehrere Jahre in entfernten Ländern, und als er ver⸗ muthete, daß die Leidenſchaften der Menſchen ruhiger geworden ſeien, kehrte er zurück, um ſeinem Kinde nahe zu ſein. Ihr habt ihn oft geſehen— Ihr kennt in gut, Algernon. Aber der Herzog, Johann von Zwii⸗ brücken, der zur Zeit ſeiner Rückkehr Vormund des Kurfürſten Friedrich war, behauptete, daß noch einiges Geheimniß nöthig ſei; mein Vater nahm alſo den ie — 177— rakter ſeines Bruders an, der ein Jahr vorher geſtorben war, und hat ſeitdem immer für meinen Oheim gegolten, um dem Franzöſiſchen Hofe kein Aergerniß zu geben. „ Ich hegte ſchon eine ſolche Vermuthung,“ ſagte Algernon Grehy,„denn es liegt eine ſolche Zärtlichkeit in ſeinem Benehmen gegen Euch, theure Agnes, die nur die väterliche Liebe gewähren kann.— Und jetzt, Theu⸗ erſte, kommen wir in die Nähe des Schloſſes. Auch ich ſolte Eurem Vater mein ganzes Herz öffnen. Ich fürchte indeß, daß die Zeit dazu noch nicht da iſt; denn als wir gingen, ſagte er, geh hinunter, um nach den Brückenſchanzen zu ſehen. Schickt Jemand hinunter, liees Mädchen, und laßt ihn bitten, zurückzukehren. Ich will bis zum letzten Augenblick warten, um ihn noch zu ſprechen; aber ich ſollte Mannheim erreichen, ehe es dun⸗ ſel wird.“„ 1 Der Bote konnte aber den Oberſten Herbert nicht inden. Zwei Stunden vergingen, ohne daß er kam, und nachdem er mit ſeinen berittenen Leuten im Hofe gewar⸗ et, bis nur noch eine halbe Stunde vom Tageslicht ibrig war, riß ſich Algernon Grey los und ritt auf Nannheim zu. b b Heidelberg. Dritter Band. 1² Neuntes Kapitel⸗ In allen Zeitaltern, wovon wir Berichte haben, 3 England jedem anderen Lande der Welt ungleich gewe ſen; auch hat es nicht allein in dem Charakter des Volks in ihren politiſchen Einrichtungen und religiöſen Gefül⸗ len gelegen, daß es ſich von allen anderen unterſchieden hat; aber ſchon der Anblick des Landes iſt gänzlich vetz ſchieden und ſtellt in ſeinem Ausſehenein Abbild des Vol kes dar. Wir ſehen Wälder und Gebirge, Felfen, Flüſt und Waſſerfälle, weite Aecker und wogende Kornfelde in andern Ländern; aber wo ſonſt ſieht man einen grü nen Baumgang, von Zweigen überwölbt und mit Blö then geſchmückt gleich dem, auf welchem jetzt zwei 3 ſtalten langſam hinuntergehen? Es iſt überall England das liebliche, friedliche, heiter ausſehende England. A gleich das Zeitalter von dem entfernt iſt, in welchen wir leben; obgleich die Kleidung der Männer und Waj V — 479— ber von der gegenwärtigen ſehr verſchieden iſt; obgleich der Federhut, der niederhängende Mantel und der auf⸗ geſchlitzte Aermel zu der Vermuthung führen, als befinde man ſich unter Spaniern; aber man ſehe nur die von Epheu umſchlungenen Bäume, die gelben Ufer, die ſchma⸗ len Felder, die zierlichen Heckenreihen an, und es bleibt kein Zweifel übrig, daß die Scene in England liegt. Aber wir muſſen auch auf ihr Geſpräch horchen; und das iſt leider ſehr unengliſch. Wir müſſen uns in⸗ deß erinnern, daß das Zeitalter ein ſolches war, wo viele Begebenheiten dazu beigetragen hatten, die Geſell⸗ ſchaft im Allgemeinen und insbeſondere den Hof zu ver⸗ derben; wo der Ton des menſchlichen Geiſtes ſowohl in England als in Frankreich durch das Betragen und das g Beiſpiel der höchſten Perſonen im Reiche war herabge⸗ ſtimmt und verdorben worden; wo der Monarch auf dem Engliſchen Throne, obgleich gelehrt und witzig, ſei⸗ nem Volke das Muſter alles Verächtlichen, Gemeinen und Laſterhaften in dem Menſchen und alles Verworfe⸗ nen und Verhaßten in dem Monarchen darſtellte. Er war ein Tyrann ohne Kraft, oder Muth, ein Wüſtling ohne Feuer und Leidenſchaft, ein ſchlauer Politiker ohne Scarfſict, oder Urtheil, eitel auf ſeine Religion, aber ooch ſchwankend in ſeinen Glaubensſätzen, iereligiös im mndemn und gottesläſterlich in ſeiner Rede, ſtolz auf ſeine Liſt und doch ſtets hintergangen und getäuſcht; er 12* — 180— nahm den Ton des Befehls an, ließ ſich aber dennoch am Gängelbande leiten wie ein Kind, oder ein Thor, wurde von Andern beherrſcht, obgleich er ſelbſt ein De ſpot war, und zeigte ſich nur vollkommen in der Groh⸗ heit der Selbſtſucht und Verrätherei. Können wir und wundern, daß bei einem ſolchen Monarchen, bei Günſt⸗ lingen, die ihm nachahmten und ihn verachteten, bit einem Hofe, der nach Gold dürſtete, und nach Laſtar begierig war, wo das Schaffot und das Gefängniß ald Belohnungen für die Tugend, für die Anſtrengung und das Genie angeboten wurde— können wir uns wundern, daß das Gift ſich mehr oder weniger durch alle Klaſſen verbreitete und daß die Adeligen, die mit der peſtilenzie liſchen Atmoſphäre des Hofes in näherer Berührung ſtun⸗ den, ganz beſonders von der moraliſchen Krankheit jene Zeit angeſteckt waren? Können wir uns wundern, daß jede Art der Verworfenheit, die das verkehrte Herz des Menſchen hervorzubringen vermag, zur Reife gediehen war, daß die Verdorbenheit jeder Art zu allgemein wan um Aufmerkſamkeit zu erregen; daß man jeden Tag vo Kampf und Mord hörte, daß der Feind oder der 3 benbuhler, den das Meſſer nicht erreichen konnte, ſäim Tod in der Schüſſel oder im Becher fand? Können 3 uns wundern, daß das Ohr der Luft Unterredungen w die folgende anhören mußte? 8 „Er muß aus dem Wege geſchafft werden,“ ſagt — 181— . der Herr zu einer außerordentlich ſchönen Dame, die an ſeiner Seite ging,„er muß aus dem Wege geſchafft wer⸗ den, das iſt ſehr klar.“ „Ja, aber wie iſt das zu machen?“ fragte die Dame.„Du haſt gut rathen, aber Du leiſteſt mir keinen Beiſtand.“ „Doch, liebenswürdigſtes Käthchen,“ verſetzte ihr Begleiter,„ich bin bereit, Dir jede Hülfe auf der Welt zu leiſten; aber ich hörte, daß Du während meiner lan⸗ gen Abweſenheit von Deiner ſchönen Seite Du nicht verfehlteſt, Dich durch vernünftige Zärtlichkeit für eben dieſen Gegenſtand Deines gegenwärtigen Haſſes zu trö⸗ ſten.“ „Und glaubſt Du ſolche Erzählungen?“ rief ſie, in⸗ dem ſie ihre ſprühenden Augen zu ihm wendete.„Nein, Du glaubſt ſie nicht, William. Ich bin das Geſchöpf Deiner Hände; Du haſt aus mir gemacht, was ich bin. Von Kindheit an bis jetzt haſt Du mich unterrichtet und geführt, geleitet und beherrſcht— nein, nicht beherrſcht, ſondern nur geleitet; und Du ſollteſt wiſſen—“ „Aus demſelben Grunde weiß ich, liebes Käthchen,“ verſetzte er,„daß es das Natürlichſte und Wahrſchein⸗ lichſte von der Welt iſt, wenn Du ein wenig Troſt für die Abweſenheit Deines Geliebten geſucht. Mehr ſage ich nicht und deute auch nicht mehr an; denn ich weiß, wenn wirkliche Liebe vorhanden wäre, ſo würde der kühne — 182— und muthige Geiſt in Deinem Herzen, von mir unter⸗ richtet und geleitet, wie Du ſagſt, die Thatſache kühn ſelbſt gegen mich behauptet und meiner Wuth und Eifer⸗ ſucht getrotzt haben. Iſt es nicht ſo, liebes Käthchen?“ „Ja, es iſt ſo,“ antwortete ſie lächelnd. „Nun alſo,“ fuhr er fort,„da Du ſiehſt, daß ich Dich vollkommen verſtehe und weder Zweifel noch Ver⸗ dacht hege, ſondern nur denke, daß Du in einer unbe⸗ ſchäftigten Stunde aus bloßer Langweile mit entſtehender Leidenſchaft dieſes großen Lords geſcherzt haſt, bis ſie zu einer Flamme aufgelodert iſt, woran die Entzünderin ſich ein wenig die Finger verbrannt hat— ich ſage, ſie muß auf irgend eine Weiſe ausgelöſcht werden. Die ein⸗ zige Frage iſt, wie es geſchehen kann und darüber müſß⸗ ſen wir nachdenken. Aber um das beſte Mittel zu beur⸗ theilen, muß ich genau die Beleidigung wiſſen, die er meiner ſchönen Geliebten hat zu Theil werden laſſen.— Nein, falte nicht Deine weiße Stirn, liebes Käthchen, und zeige einen ſo verwirrten Blick; ich will Dir zu Deinen Erklärungen behülflich ſein.“ „Das kannſt Du nicht,“ ſagte ſie.„Es können keine Erklärungen Satt finden, William Ifford. Es iſt mir hinreichend und ſollte auch für Dich hinreichend ſein, daß er die, von der Du ſagſt, daß Du ſie liebſt, ge⸗ ſchmäht und beleidigt hat.“ „Ja, ich liebe Dich,“ antwortete der, den wir bis⸗ — 183— her mit dem Namen Lovet bezeichnet haben,„ja, mehr als alle die Tauſende, die ich früher geliebt und von denen ich bin geliebt worden. Aber es liegt viel daran, liebes Käthchen, denn wenn die Beleidigung und Schmä⸗ hung, wie ich nach dem vermuthe, was Du vor einigen Tagen angedeutet, mich nur im Geringſten betrifft, ſo iſt meine Handlungsweiſe klar und ich will ihm die Kehle abſchneiden, ehe der Mond noch um einen Zoll breiter iſt. Aber wenn es ſich auf Dich allein bezieht, ſo könnte es gefährlich ſein, deshalb ein Duell anzufangen, indem dadurch gewiſſe Gerüchte über unſere zärtliche Freund⸗ ſchaft beſtätigt würden, wodurch alle unſere Pläne könn⸗ ten zernichtet werden.“ Die Dame blickte vor ſich nieder und richtete ihre großen, dunklen und ſtolzen Augen finſter auf den Bo⸗ den; doch ſie murmelte in leiſem Tone: „Er behandelte mich wie eine gemeine Dirne; und als ich ihn kalt abwies und dadurch ſeine Eitelkeit kränkte, ſprach er von Dir, nannte Dich meinen Geliebten und behauptete, er könne die Sache beweiſen und meine Schande vor aller Welt bekannt machen. Obgleich ich nun auf jeden Fall und auf jede Gefahr dieſe dumme Verbindung mit Deinem kalten und heuchleriſchen Vetter Hillingdon abbrechen will, ſo mögte ich es doch gern ſo thun, ohne daß alle zimperlichen, wohl verſtellten und tugendhaft ſcheinenden Weiber des Hofes mit Fingern auf mich deuten. Er ſagte, er könne es beweiſen, ſage ich Dir.— Du erſchrickſt, William, und wirſt blaßz Dein Blut ſcheint nicht wie das meine zu ſieden.“ „Mein Blut hat etwas Anderes zu thun, liebes Käthchen,“ antwortete ihr Vetter.„Ich erſchrak, weil Deine Erzählung einen ſeltſamen Verdacht in mir erweckt. Als ich England verließ, befand ſich wohlverwahrt in meinem Hauſe ein kleines Käſtchen von Agat mit einem geheimen Schloß, worin alle Deine lieben Briefe ſeit langer Zeit aufbewahrt waren.— Hier habe ich den Schlüſſel am Halſe hängen; aber als ich geſtern das Käſtchen ſuchte, konnte ich es nicht finden; doch da ich glaubte, ich habe es vielleicht verlegt, ſo hörte ich auf zu ſuchen und hoffte es an einem andern Tage zu fin⸗ den. Sollte Jemand dieſe Briefe geſtohlen haben?— Dieſer Mann wenigſtens darf nicht länger leben; aber liebes Käthchen, es geht nicht an, ſich wegen einer ſol⸗ chen Sache zu duelliren. Wenn ich überdies Händel mit ihm ſuche, wird er gleich die Urſache errathen und ſeine ſcandalöſe Geſchichte in der Welt verbreiten und vielleicht die Beweiſe vorlegen, wenn er deren wirklich hat. Wir müſſen ruhigere Mittel anwenden, ein glattes Geſicht gegen ihn annehmen und ihn wie ein wildes Thier in eine Falle locken. Wie trenntet Ihr Euch— in Feind⸗ ſchaft oder ruhig?“ 8 Die Dame war ſehr blaß geworden, als er von — dem Verluſt des Käſtchens geſprochen, und es verging einige Zeit, ehe ſie ſeine Frage beantwortete. Er wie⸗ derholte ſie indeß in ruhigem und zärtlichem Tone. Dann blickte ſie auf und ſagte: „Er erſchreckte mich— die Wuth wich der Furcht und ich glättete meine Stirn— ja, ich lächelte ſogar, um Zeit zu gewinnen und mit Dir darüber reden zu können. Aber es währte lange, bis Du ankamſt, und jetzt iſt es zu ſpät, um meine Pläne auszuführen. Er kommt morgen Abend und hat verſprochen, die erwähn⸗ ten Beweiſe mitzubringen.“ „Nicht zu ſpät, nicht zu ſpät,“ antwortete ihr Be⸗ gleiter.„Ich will wie der Blitz nach Hauſe eilen, nach dieſen Briefen ſuchen, morgen in der Frühe wieder bei Dir ſein, und dann, wenn Du Muth und Entſchloſſen⸗ heit beſitzeſt, werden wir ſchon Mittel finden, einen Menſchen aus dem Wege zu ſchaffen, mit dem wir nicht offen verfahren können. Ich will Alles bereit halten, wenn Du mir nur beiſtehen willſt. Wo wird Dein Oheim morgen ſein?“ „Hundert Meilen und weiter von hier,“ verſetzte die Dame.„Er und meine gute Tante kehren in zwei Ta⸗ gen noch nicht zurück.“ „Dann wird Alles leicht gehen,“ verſetzte ihr Be⸗ gleiter.„Der Mann muß ſterben.— Er darf Rohyſton nicht lebendig erreichen.“ — 186— „Aber Blut iſt bald aufgeſpürt,“ ſagte ſie in zau⸗ derndem Tone. ü8 „Wir wollen kein Blut vergießen,“ entgegnete ihr Geliebter lächelnd.„Die Menſchen ſterben zuweilen an ſehr ſchnellen Krankheiten. Ich will den Plan entwer⸗ fen— Du mußt ihn ausführen.“— „Aber wie ſollen wir die Papiere von ihm erhalten,“ 44 antwortete die Dame,„ohne— „Dafür muß man ſorgen,“ antwortete Lovet.„Du mußt zärtlich ſein, ſchönes Käthchen, bis Du ihn bewo⸗ gen haſt, Beweiſe aufzuzeigen; mache ihm Hoffnung und führe ihn weiter. Er wird natürlich hier zu Abend ſpei⸗ ſen und nach dem Abendeſſen, wenn er einige nicht ganz unſchuldige Speiſen zu ſich genommen, bitte ihn, den mächtigen Beweis zu zeigen, von dem er geſprochen. Wenn alle Beweiſe auf dem Tiſche ausgebreitet ſind, will ich zu ſeiner und Deiner Ueberraſchung eintreten und mein Eigenthum zurücknehmen. Wenn er dann geneigt iſt, zu zanken, wird ein haſtiger Stoß, den er erhalten ſoll, ehe er noch Jemand ſeine Erzählung mittheilen kann, Alles richtig machell und ich werde tadellos ausge⸗ hen, weil ich einen Menſchen aus der Welt geſchafft, der meine ſchöne Couſine beleidigt. Es wird auch ein An⸗ ſpruch ſein auf ihre Liebe— ein guter Grund in den Augen der Welt, mir aus Dankbarkeit ihre ſchöne Hand zu reichen.“ 1 — 187— Die Dame lächelte mit bedeutungsvollem Blicke. Sie zeigte keine Ueberraſchung, ſie zeigte keinen Abſcheu, und kaum ſchien ſie einige Furcht zu empfinden. War ihr Geiſt ſchon früher mit dieſem Gedanken beſchäftigt geweſen? Wer kann es ſagen? Solche Thaten waren gewiß ſehr gewöhnlich in jenen Tagen; und wenigſtens berichtet man ſie allgemein. Das Gerücht von Verbre⸗ chen trieb ſtets neue von derſelben Art hervor. Es liegt eine Anſteckung in dem Ton, womit man von ſolchen Thaten ſpricht, und der Geiſt wird oft von der morali⸗ ſchen Peſt angeſteckt und verfällt dem Tode. Während ſie nachdachte, zeigte ſich ein Blick des Triumphes in ihren funkelnden Augen. „Ja,“ wiederholte ſie,„ja, er ſoll es bereuen!— William, Du haſt Recht. Es würde nicht paſſend ſein, über den Tod dieſes Mannes ein Geſchrei zu erheben und Deine gewöhnliche Art anzuwenden, dergleichen Dinge abzuſchließen; aber vor einer Sache mußt Du Dich ſorg⸗ fältig hüten, nämlich, daß uns dieſer Tod nicht zur Laſt gelegt werden könne— es ſei denn, daß er in dieſem haſtigen Streite geſchehen, wo die Waffen bald entblößt ſind und die Ausführung eher geſchehen iſt, als man zum Nachdenken Zeit hat. Ich meine, wenn er mein Haus verläßt, ſo muß man nicht im Stande ſein, nach⸗ zuweiſen, daß er in der Speiſe oder in dem Getränk, welches er bei mir genoſſen, ſeinen Tod gefunden.“ — 188— „Ich will Sorge tragen,“ ſagte ihr Vetter bedeu⸗ tungsvoll,„aber Du mußt bereit und entſchloſſen ſein, liebes Käthchen— kein Zweifel— kein Zaudern— keine ſchwache Reue.“ „Ich habe keine,“ verſetzte die Dame, ihre Hand erhebend.„Man tödtet ja einen Wolf, einen Tiger, eine Schlange, oder einen Haifiſch. Es iſt der erſte Grund⸗ ſatz der Natur und des Rechts, das zu vernichten, was uns vernichten wollte. Sein Tod iſt nothwendig zu mei⸗ nem Leben. Er ſtirbt entweder, oder ich.— Ja, noch mehr, ich fühle des Jägers Geiſt in mir, und Leben um Leben mögte ich lieber ſelbſt mit ihm ſterben, als ihn nicht ſterben ſehen.“ „Seine Beleidigung muß in der That bitter gewe⸗ ſen ſein,“ antwortete ihr Vetter;„denn obgleich es ſehr nöthig zu unſerem Glück war, daß Hillingdon aus dem Wege geſchafft wurde, ſo dachteſt Du doch nie daran, ſolche Mittel gegen ihn anzuwenden.“ „Vielleicht habe ich daran gedacht,“ antwortete die Dame nachdenkend,„doch würde ich es nicht gethan ha⸗ ben, William. In Augenblicken lebhafter Ungeduld habe ich vielleicht gewünſcht, daß er todt ſein mögte— ja, ich glaube, ich habe es auch zu Dir geſagt; dennoch aber würde ich Nichts gegen ſein Leben unternommen ha⸗ ben. Hillingdon beleidigte mich nie. Er liebte mich nicht; aber da ich ihn nicht liebte, ſo war das keine — 189— Beleidigung. Sein Ton war überdies höflich, wenn er an mich oder an meinen Oheim ſchrieb. Er ſagte offen und kühn, er wünſche den Contract aufgelöſt zu ſehen; aber ich wünſchte es auch, und daher war es eine Freund⸗ lichkeit und keine Beleidigung. Selbſt ſeine Abweſenheit iſt aus Höflichkeit geſchehen, wie er es wenigſtens drehte und vielleicht auch fühlte. Ja, Hillingdon, obgleich kalt und ſteif, und in allen Dingen meiner Natur und mei⸗ nen Wünſchen entgegen, iſt immer ein Mann von hohem und edlem Geiſte, ein Gentleman an Herz und Gemüth.“ Ihr Begleiter biß ſich in die Lippe, denn er hörte nicht gern das Lob ſeines Vetters aus dem Munde die⸗ ſer Dame. Er ſchwieg indeß und ſie fuhr fort: „Aber dieſer Mann hat mich in der That bitter be⸗ leidigt, wie Du ſagſt. Durch ein leichtfertiges Lächeln und vielleicht auch durch eine thörigte Freiheit ermuthigt — ich will es nicht läugnen— dachte er, ich ſei ſeine Sclavin geworden, nahm eine triumphirende Miene an, rühmte ſich, wie ich nicht zweifle, unter ſeinen betrunke⸗ nen Kameraden ſeiner Eroberung und glaubte, mein Herz werde den unverſchämten Ton, die rauhe Anma⸗ ßung des glücklichen Erfolges, die Miene und die Worte der Eroberung erdulden. Der Thor! Ich belehrte ihn eines Beſſern; und dann drohte er, meine kühne Ver⸗ achtung in glühende Schaam zu verwandeln— ja, er that noch mehr, als drohen, William. Er allein iſt es, — 190— der die Auflöſung meiner kindiſchen Verbindung mit Hib⸗ lingdon verhindert hat.— Die Richter ſtimmten alle über⸗ ein— der König ſelber war gewonnen, als dieſer Mann einſchritt. Der kriechende Schmeichler uͤberredete den König durch ſeine ſchlauen Kunſtgriffe, nicht weiter zu gehen.— Nein, ſieh nicht zweifelhaft aus! Er ſagte es mir ſelber, behauptete mit ſpöttiſchem Triumphe, mein Schickſal ſei in ſeinen Händen und ſagte, wenn ich ihn nicht ſo verächrlich behandelt hätte, würde ich jetzt ſo frei ſein, wie die Luft. Stimmen nicht die Thatſachen mit der Behauptung überein? Alles, was gefordert wurde, war Hillingdons Eid vor dem Gerichtshofe, daß er mich nicht geſehen habe, ſeit ich zehn Jahre alt geweſen. Er kam und legte ihn ab. Dann plötzlich hielt der König inne und machte Ausflüchte, ſo daß Algernon mit Wi⸗ derwillen und in Verzweiflung zurückkehrte. Habe ich nicht Grund zu ſagen, daß dieſer Mann eine Schlange auf meinem Wege iſt? Habe ich nicht Recht, meine Ferſe auf ſeinen Kopf zu ſetzen?“ „Gewiß,“ verſetzte William Ifford,„und je früher es geſchieht, deſto beſſer, liebes Käthchen Ich ſehe, daß Dein Geiſt entſchloſſen und Dein Muth der Aufgabe ge— wachſen iſt. Er ſpeiſt hier zu Abend; er wird in dem Gaſthauſe zu Hertford zu Mittag ſpeiſen. Ich will Sorge tragen, obgleich die That nicht dort geſchehen kann, wegen der vielen Augen, die dort auf uns gerich⸗ ket ſind, daß ſich zu Hertford ein verdächtiger Umſtand ereignet, um ſpäter den Verdacht der Menſchen von Deinem Hauſe abzuleiten. Ich habe ein Pulver von Italien mitgebracht, welches, wie ich höre, im großen Hauſe der Medici ſehr nützlich geweſen. Möge es auch uns ebenſo nützlich werden! Und nun lebe wohl, mein Käthchen. Ich will nicht mit Dir ins Haus gehen, da ich morgen früh zurückkehren muß. Denke nicht zu viel über unſere Pläne nach, ſonſt mögte Dein Entſchluß ſchwankend werden.“ „Fürchte Nichts!“ antwortete ſie mit ruhigem Blick.„Mein Muth iſt feſter, als Du denkſt, William. Lebe wohl!“ Sir laseltar Ifford verließ ſie und kehrte in das Dorf zurück, welches etwa eine halbe Meile entfernt war und wo er ſein Pferd zuruͤckgelaſſen hatte. Anfangs ging er raſch, als ob er es ſo ſehr eilig habe; als er ſich aber aus dem Gange entfernt hatte, wurde ſein Schritt langſamer und er ſann nach, indem er einen Theil ſeiner Gedanken vor ſich hinmurmelte. „Eine gefährliche Haushäl lerin e ſagte er.„Und doch ein herrliches Geſchöpf— nicht allzu getreu in ih⸗ rer Liebe, fürchte ich— doch wie kann ich ſie tadeln? Ich bin ſelber nicht allzu getreu geweſen— und ſie war allein. Wir wollen uns Beide beſſern, wenn wir verhei⸗ rathet ſind.— Es muß noch Etwas mehr in dieſer Sa⸗ — 192— che liegen, als ſie geſtehen will— ſie könnte nicht ſ heftig haſſen, wenn ſie nicht ein Wenig geliebt hätte. Nun gut, wenn er todt iſt, ſo wird das Alles auswetzen; ihre eigene Hand wird ſich und mich rächen. Doch iſt es nicht politiſch, ſie in Kunſtſtücken zu unterrichten, die ſie ſpäter gegen mich ſelbſt anwenden könnte.— Ich bin überhaupt ein kühner Mann, mich mit einer Perſon zu verbinden, die ſo gut unterrichtet iſt. Doch wer ſollte nicht kühn ſein, um ein ſolches Weib und ein ſolches Vermögen zu gewinnen? Es iſt Nichts weiter nöthig als Vorſicht fuͤr die Zukunft— und ein ſicheres Ge⸗ gengift in meiner Taſche.“ Mit ſolchen Betrachtungen beſchäftigt, erreichte er das Dorf, beſtieg ſein Pferd und ritt zu einem Hauſe, welches er nebſt einer kleinen Beſitzung, die daſſelbe um⸗ gab, von ſeiner Mutter geerbt hatte. Sein väterliches Vermögen hatte er längſt verſchwendet und ſelbſt dieſes war mit Schulden belaſtet. Er ſprang vom Pferde, ſtieg die ſechs Stufen hinauf, die zu einem mit Epheu bewachſenen bogenförmigen Eingange führten, öffnete die Thüxe und trat ein. Ein Diener wurde gerufen und ihm der Befehl ertheilt, ein friſches Pferd zu bringen dann blieb William Ifford einen Augenblick im Vi ſaale ſtehen und richtete ſeine Augen in tiefem Nachden⸗ ken auf den gepflaſterten Fußboden. Sein Nachdenken ſchien düſterer Art. Vielleicht war es Reue, die ihn be⸗ 1 — 193— wegte; denn das Herz, ſo ſehr es auch in Laſter und Thorheit verſunken iſt, bebt vor einem neuen Verbrechen zurück. Selten iſt es ſo verdorben, daß nicht irgendwo noch eine geſunde Stelle übrig ſein werde; und ſo lange dies der Fall iſt, erbebt dieſe Stelle bei der erſten Be⸗ rihrung des nagenden Giftes, welches alles Uebrige zer⸗ ſtort hat. Seine Augenbrauen zogen ſich dicht über ſei⸗ nen tiefen, lebhaften Augen zuſammen; ſeine Lippe bebte und die Finger der Hand, die an ſeiner Seite niederge⸗ ſunken war, bewegten ſich langſam, bis ſie ſich feſt zu⸗ ſammenballten. Die leichtfertigen und ſpöttiſchen Men⸗ ſhen haben ihre Augenblicke des Nachdenkens, des Zwei⸗ fls und der Niedergeſchlagenheit, ſowie die Laſterhaften die des Bedauerns. Ueber uns Alle kommt wider un⸗ ſern Willen, wir wiſſen nicht wie, wir wiſſen nicht wo⸗ her, ein Schatten des duͤſtern, unvermeidlichen Felſens vor uns, der den ſonnigen Pfad umwölkt, auf welchem vir ſcherzten, die lieblichen Träume und die klare Zu⸗ tunft verdüſtert. Es iſt Zeit, uns zu fragen, wohin jener Pfad führt, und wo dieſe Spiele enden mögen. Aber die gegenwirkende Kraft des Uebels, die ihren wigen Krieg gegen alles Gute führt, gibt einen Grund in, liefert eine Entſchuldigung, dem Antriebe des eige⸗ nen willigen Herzens auf dem Wege des Irrthums zu folgen, bis endlich, wenn alle Warnungen ertheilt ſind und jede Gelegenheit vernachläſſigt iſt, die Schlingen Heidelberg. Dritter Band. 13 — 194— I unſerer eigenen Thaten ſich dicht um uns zuziehen, um wir uns vergebens von dem unzerreißbaren Netze zu ba⸗ freien ſuchen, welches wir ſelbſt haben verfertigen helfen, bis der Tod uns dahinnimmt und ein unbekannter Zu⸗ ſtand beginnt. Langſam und traurig erhob Sir William Iffond die Augen und ſah ſich mit ſchwermüthigem Blicke in der düſtern alten Halle um. Sie hatte ein vernachlaf ſigtes und verlaſſenes Ausſehen und war ſehr verſchie⸗ den von den heiteren und glänzenden Scenen, in welchen er ſich zu bewegen gewohnt war. Sie hatte ein aͤrm⸗ liches Ausſehen und in dem Augenblick ſtellte ſich im die Ausſicht auf eine lange Zukunft der Sorge und Dürftigkeit, der gezwungenen Selbſtverleugnung und dar kargen Einſchränkung dar. „Es muß— es muß geſchehen,“ rief er, eilte zu einem alten eichenen Schranke, den er mit einem von den Schlüſſeln öffnete, die er bei ſich trug, und nahm ein außerordentlich kleines Fläſchchen heraus, welchen mit einer weißen Subſtanz angefüllt war, und betrachten daſſelbe einen Augenblick aufmerkſam; dann ſteckte er a in die Taſche, trat in ſein Schlafzimmer und zog ans einem großen Kaſten einen beinah weißen Bart, wie mu bei Verkleidungen anwendet, und verſchiedene einzun Locken von ſilberweißem Haar. Mit dieſen, die er ſorg fältig zu ſich ſteckte, ritt er zu der Stadt Hertford, wü — 495— che er bald nach Anbruch der Nacht erreichte; aber ehe er in die Stadt eintrat, befeſtigte er die falſchen Locken an das Unterfutter ſeines Hutes und legte ſie über ſeine Stirn und ſeinen Nacken. Der Bart vervollſtändigte ſeine Verkleidung, ſo daß ihn nur die zu erkennen ver⸗ mogten, die ihn ſehr genau kannten. Dann ritt er in die Stadt, ſtieg vor einem kleinen Gaſthauſe ab und ging zu Fuß zu dem erſten Gaſthauſe in der großen Straße. Etwa eine Stunde ſpäter konnte man ihn auf dem Hofe mit einem Manne reden ſehen, der eine weiße Nachtmütze und Schürze trug. Ihre Unterredung ſchien heiter zu ſein, denn Wenige verſtanden beſſer, als Wil⸗ liam Ifford, ſich gegen die niedern Klaſſen freundlich zu zeigen. „Ihr dummer Kerl,“ rief er endlich,„wollt Ihr aus Eitelkeit auf Eure Kunſt ein gutes Goldſtück verlie⸗ ren? Ich ſage Euch, es iſt wegen einer Wette mit ihm. Ich wettete, er ſolle bittere Suppe eſſen, ehe eine Woche vorüber wäre, und ich verlange Nichts von Euch, was ihm etwas zu Leide thun könnte. Es gibt manches un⸗ ſchuldiges und heilſames Kraut, welches wie Ruß ſchmeckt. Trefft alſo Eure Wahl, und thut davon an ſeine Suppe und die erſten beiden Gerichte. Geht in den Garten und holt bittere Endivien oder ein anderes blutreinigen⸗ des Mittel. So werdet Ihr gewiß ſein, daß es ihm Nichts ſchaden kann. Ich muß mich indeß darauf ver⸗ 13* — 196— laſſen können, und hier iſt ein Goldſtuͤck für Eure Mühe.“ Der Nann ſchien noch zu zaudern, aber William Ifford verdoppelte die angebotene Beſtechung und die Tugend des Kochs konnte der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen. „Haltet reinen Mund,“ fügte Ifford hinzu, als er ihn verließ,„und Alles iſt gut. Ich werde morgen Abend herzlich lachen; wenn ich höre, wie er die bittere Suppe verflucht, die er in Hertford bekommen.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich um, beſtieg wie⸗ der ſein Pferd und ritt zurück. Am folgenden Morgen war er wieder an Lady Katharinens Seite und ſprach zwei lange Stunden lebhaft und mit bedeutungsvollen Blicken, aber mit leiſen Tönen mit ihr, als ob ſie fürch⸗ teten, behorcht zu werden, obgleich ſie wohl wußten, daß kein Ohr in der Nähe war, um ſie zu hören. Aber es liegt ein Bewußtſein im Verbrechen, daß es ein Auge gibt, welches ſtets wacht, und ein Ohr, welches ſich nie ſchließt. Zehntes Kapitel. „Ja, Herr, ja,“ ſagte der König von England, auf dem linken Fuße ſtehend, und ſeinen rechten Schen⸗ kel ſchüttelnd, als ob er ihn verrenkt hätte, indem er zugleich die eine Hand in die offene Taſche ſeiner ſchwar⸗ zen Sammthoſen ſteckte,„ja, Herr, es wäre beſſer, Ihr ginget Eurer Wege. Da Ihr ſo lange weggeblieben ſeid, ſo denke ich, könnt Ihr auch noch länger wegblei⸗ ben. Wir wollen die Sache überlegen— haltet den Mund, Steenie, Nichts von Eurem Geſchwätz; ich habe meine Sache geſagt!“ Der Herzog von Buckingham, welcher vorgetreten war, als ob er reden wollte, zog ſich mit ſehr bedeu⸗ tungsvollem und unhofmänniſchem Ausdruck des Wider⸗ willens und der Ungeduld zurück; aber Buckingham ſtützte zu jener Zeit die Leiter ſeines Ehrgeizes mehr auf die Gunſt des Prinzen als des Königs, und fürchtete nicht von Zeit zu Zeit etwas kühn ſeine Abweichung von den Anſichten des Monarchen auszuſprechen. Jakob's Worte waren an Algernon, Grafen von Hillingdon gerichtet, der vor ihm ſtand in der Mitte des Kreiſes von Hofleuten und Schmeichlern, die ein Wenig überraſcht waren, von dem kalten, ſorgloſen und entſchloſſenen Weſen des jungen Pairs. Der Monarch beendete ſeinen Satz, als er aber dann ſah, daß der junge Lord ſich noch nicht entfernte, fügte er etwas heftig hinzu: „Gotts Leben, Mann! Ihr ſollt unſeren Willen er⸗ fahren, wenn es Zeit iſt.“ „Ich hoffe, es wird der Wille Eurer Majeſtät ſein, mir Gerechtigkeit zu thun,“ antwortete Algernon Greyz „aber mit Eurer gnädigen Erlaubniß muß ich noch ei⸗ nige Worte hinzufügen, ehe ich gehe. Berühmte Rechts⸗ gelehrte, die hohe Stellen an Eurem königlichen Hofe bekleiden, haben dieſe Heirath wegen des Alters der beiden betheiligten Perſonen für nichtig erklärt. Von Euch ſelber beſtimmte geiſtliche Richter ſind zu demſelben Schluſſe gekommen. Eure Majeſtät zaudern aus irgend einer Bedenklichkeit das Urtheil ausſprechen zu laſſen; aber erlaubt mir hinzuzufügen, daß ich bald auf irgend eine Weiſe erfahren muß, ob dieſer Contract, der in meiner Kindheit geſchloſſen worden, eine Ehe iſt oder nicht. Wenn nicht, ſo habe Nichts zu ſagen, denn da - 499— ſind beide Theile frei. Aber wenn das Geſetz ihn für eine Ehe erklärt, ſo muß ich ohne Zeitverluſt bei meinen Pairs auf Eheſcheidung antragen wegen des Ehebruchs der Dame mit einer Perſon, welche hoch in Eurer kö⸗ niglichen Gunſt ſteht.“ „Unſinn!“ rief der König, deſſen unbedeutendes Geſicht ſich röthete und deſſen dicke Lippen bebten, wäh⸗ rend ſeine große Zunge ſich in ſeinem Munde herum⸗ rollte, als hätte er eine Pflaume oder einen ähnlichen Ge⸗ genſtand darin.„Bei Gott! Ihr ſollt weder das Eine, noch das Andere haben. Was! Sind wir nicht ſelbſt das höchſte Oberhaupt der Kirche und des Geſetzes, Gottes Viceregent in dieſem armen Königreich England! Fort mit Euch, Herr, und laßt mich nicht mehr hören. Führt den Mann hinaus!“ rief er, und fügte dann mit einem gottesläſterlichen Fluche hinzu:„Ihr werdet mich noch toll machen.“ Prinz Karl trat an ſeines Vaters Seite und ver⸗ ſuchte ihn zu beruhigen, während der Herzog von Buk⸗ kingham des Grafen Arm faßte und ihn ſanft aus dem Audienzzimmer des Königs führte. „Kommt, Hillingdon, kommt,“ ſagte er,„und bringt ihn nicht noch mehr auf Wir wollen unſer Möglich⸗ ſtes für Euch thun.— Ihr habt ſchon zu viel geſagt, Mylord.“ „Nicht mehr, als nöthig war, zu ſagen, Herzog,“ — 200— verſetzte Algernon Grey etwas heftig; dann aber fühlte er, daß ſeine Aufregung ihn unfreundlich gegen einen Mann mache, der ſich lebhaft für ihn bemüht hatte, reichte Buckingham die Hand und fügte hinzu:„Ver⸗ zeiht mir, Durchlaucht, ich danke Euch tauſend Mal für Alles, was Ihr für mich gethan; aber ich muß ge⸗ ſtehen, es empört mich zu ſehen, wie ein kläglicher, un⸗ würdiger, ungebildeter Emporkömmling, wie dieſer Lord Marſton, vermag, den Gang der Gerechtigkeit umzukeh⸗ ren und die Wirkungen des Geſetzes zu verhindern. Dies iſt eine bittere Täuſchung für mich, und Eure Durchlaucht müſſen einem Manne in meiner Lage ver⸗ zeihen.“ „Ich thue es,“ antwortete Buckingham,„und ich rathe Euch nur zu Eurem eigenen Vortheil. Verlaßt das Königreich ſo bald als möglich und vertraut mir und dem Prinzen.“ Er ſchwieg einen Augenblick, faßte dann Algernon's Arm und fügte dann mit ſtolzer und bedeutungsvoller Miene hinzu:„Dieſer Mann iſt mein Feind, ſowie der Eure! Iſt das nicht hinreichend?“ „Mich dünkt, es ſollte wohl ſein,“ ſagte Algernon Grey;„aber in dieſer ſeltſamen Welt, wo Verdienſt und Unwürdigkeit, Weisheit und Thorheit auf einander zu folgen ſcheinen, wie beim Wechſel des Würfelſpiels, darf es ſtets erlaubt ſein, zu zweifeln, was zunächſt kommen wird. Indeß will ich den Rath Eurer Durchlaucht be⸗ folgen, Euch nochmals meinen Dank ausſprechen und mich entfernen.“ „Je eher, deſto beſſer,“ entgegnete Buckingham; ndenn der Tower iſt nahe und Eure beſten Freunde mögten es ſchwierig finden, Euch von demſelben fern zu halten, wenn der König es ſich in den Kopf geſetzt hat, oder Euch herauszubringen, wenn Ihr einmal drinn ſeid.“ Mit dieſen Worten ging er fort und Algernon ent⸗ fernte ſich aus dem Palaſte, und begab ſich in ſein Haus am Ufer des Fluſſes, welches ſchon damals der Strand genannt wurde. „Packe Alles zur augenblicklichen Abreiſe ein, To⸗ ny,“ ſagte er zu ſeinem alten Diener, der ihm die Thüre ſeines Schlafzimmers öffnete.„Laß die Barke in einer halben Stunde bereit ſein und rufe ein Boot zu der Treppe am Ende des Gartens. Gib allen Leuten Nach⸗ richt, daß ſie ſich dieſen Abend an Bord der Maria Anna nach Rotterdam einzuſchiffen haben.“ Der gute Mann ſah ſeinem Herrn ins Geſicht und war im erſten Augenblick geneigt zu fragen:„Iſt Alles zu Eurer Zufriedenheit ausgefallen?“ Aber der Aus⸗ druck in Algernon's Geſichte war eine hinlängliche Ant⸗ wort; und ohne ein weiteres Wort entfernte er ſich, um die aufgetragenen Anordnungen zu treffen. Der Charak⸗ ter des Herrn hat einen ſeltſamen Einfluß auf ſeine Diener und Untergebenen. Es gibt Leute, die ohne das Bemühen, Achtung zu gewinnen, ſie zu gebieten ſchei⸗ nen; ihre Freuden und ihr Kummer ergießen ſich in Krei⸗ ſen um ſie her, bis an die äußerſten Grenzen derjenigen, die ſie kennen. Wenige Worte von dem alten Diener, als er der übrigen Dienerſchaft die Befehle ſeines Herrn mittheilte, verbreiteten Düſterkeit über Alle und die Dir⸗ ner beſorgten ihre Vorbereitungen mit trauriger und kum⸗ mervoller Miene, als hätte Jeder eine perſönliche Kränu⸗ kung erfahren. Nach Verlauf einer halben Stunde kam Algernen Grey mit mehreren Papieren in der Hand aus ſeinem Zimmer. Es waren nur Befehle, die er nur ſchriftlich mittheilen wollte. Der größte Theil ſeiner Diener ſollte ihn nach Deutſchland begleiten, aber eine oder zwei Stunden auf die Rückkehr ſeiner Backe warten, welche jetzt bereit war, ihn mit ſechs oder ſieben von ſei⸗ nen auserwählten Leuten zu einem Fahrzeug zu bringen, welches zu der Mündung des Rheins abſegeln ſollte. Die Uebrigen ſollten in London bleiben bis ſie Weiteres hör⸗ ten. Einige Waffenvorräthe, die noch nicht in Bereit⸗ ſchaft waren, ſollten ihm in einem andern Fahrzeuge nach Deutſchland nachgeſchickt werden. Beſonders ſollte man für ſeine Pächter und für zwei oder drei penſionirte alte Diener ſeiner Familie ſorgen, und nach einer löblichen Sitte jener Zeit, welches das Geſetz der Eliſabeth nicht 8 — 2903— gänzlich hatte abſchaffen können, ſollte eine gewiſſe Sum⸗ me als wöchentliches Almoſen an Arme, die es verdien⸗ ten, vertheilt werden. Mehrere ſeiner vorzüglichſten Diener verzögerten ſeine „Abreiſe noch um eine kurze Zeit, indem ſie über ver⸗ ſhiedene Gegenſtände ſich Inſtruktionen erbaten, die er bergeſſen; aber noch waren keine anderthalb Stunden bergangen, nachdem er den Palaſt verlaſſen, als er ſchon zuf der Themſe dahintrieb und ſich eine halbe Stunde ſäter nach Rotterdam einſchiffte. Seine Begleiter ſigten ſich pünktlich und kamen ohne Verzug zu ihm. Bagage und Waffen wurden ſicher eingeſchifft und mit der erſten Fluth in jener Nacht fuhr das Schiff den Fluß hinunter. Die Ueberfahrt konnte nicht gerade gün⸗ fig genannt werden, denn es blies ein ſtarker Wind, doch er war nicht ungünſtig und Eile war Alles, was ir wünſchte. Oft fragte er ſich ſelbſt, warum es ihn ſo eilig fort⸗ reibe, da doch nur Schmerz und Kummer vor ihm ſlige. Was konnte er ſeiner Geliebten mittheilen, als zweifel, Ungewißheit und Täuſchung? Und doch zog ihn der Gedanke, ſie wiederzuſehen, ihre Hand in der ſeinen in halten, in dieſe ſchönen und ſprechenden Augen zu licken, Liebe, Hoffnung und Vertrauen darin zu leſen — aus ihrem Blicke neues Vertrauen auf die Zukunft in ſchöpfen, vorwärts, und bildete wenigſtens einen glänzenden Punkt in der Zukunft, der alle Sorgen un⸗ alle Bekümmerniſſe, die ihn umgaben, nicht zu umwöltke vermogten. Zu Zeiten überlegte er wieder Alles, wal, in England geſchehen war, ſeit er ſein Vaterland wie der beſucht hatte, und er fragte ſich mit einigem Zweift, ob das Betragen Derjenigen, die ſich für ſeine Freunde ausgegeben und ſeine Sache zu unterſtützen behaupte, durchaus redlich wären. War Buckingham aufrichtig! Hatte Prinz Carl ihn nicht getäuſcht? Und dann klagt er ſich ſelbſt niedrigen Verdachtes an und verſuchte ihn, aus ſeinem Geiſte zu entfernen. Ueber einen Gegenſtand hegte er freilich um ſo mehr Zweifel, je mehr er dar über nachdachte. Hatte die Familie der Lady Katharing, obgleich ſie ſich geſtellt, ſie wolle die Aufhebung der Ehe bewirken, ſich wirklich aufs Aeußerſte angeſtrengt? Diſ Familie war mächtig, ſtand in hoher Gunſt bei Hoft üt und er konnte nicht umhin, ſich zu erinnern, daß der Kontrakt zwiſchen der Dame und ihm, als Beide noch 6 — 1 Kinder geweſen, zuerſt von eben dem Oheim in Vor⸗ ſchlag gebracht wurde, bei dem ſie jetzt lebte— von einem Manne von nicht ſehr reinen moraliſchen Grund⸗ ſätzen und ehrgeizigem Charakter. Ehe er die Küſten von Holland erreichte, beſchloß er noch einen Schritt zu thun an die Lady Katharina ſelbſt zu ſchreiben und ihr zu h gen, er habe Ales gethan, was er könne, um ſie n einer Verbindung zu befreien, die ſie verabſcheue 1m G 6 tz ihr überlaſſen, ihre eigenen Verwandten zu bewegen, ſcch eifriger darum zu bemühen als bisher. Den Brief a tetraute er dem alten Diener und dem Pagen an, denn ider Eine hatte viele Freunde in dem Haushalt, zu wel⸗ 3 hem er geſendet wurde und wo er ohne Zweifel Viel bon der Vergangenheit erfahren konnte; der Zweite war ör zu Beobachtungen geneigt und im Stande, ſich eine ſer ſichere Anſicht von der gegenwärtigen Stimmung ſaler Parteien zu bilden, Er ertheilte ihnen freilich keine d Refehle, nachzuforſchen oder zu beobachten, ſondern ſchickte h ſi nur mit den Briefen nach England zurück, ſobald er de Fuß an das Ufer ſetzte, trug ihnen auf, eine Ant⸗ wort mitzubringen, und zu ihm nach Heidelberg zurück⸗ emueilen. Die Reiſe den Rhein hinauf war in jenen Tagen langſam und ſchwierig; doch eine Strecke weit hielt ihn der Kampf, der in den Niederlanden vorging, vom Lan⸗ d ab, und erſt als er den erſten Staat der proteſtan⸗ iſchen Union erreichte, ging er mit ſeinen Begleitern ans Land und ſetzte ſeinen Weg zu Pferde fort. Manche Schwierigkeiten und Hinderniſſe verzögerten ſeine Reiſe und beſtändig erreichten ihn Gerüchte von den Bewegun⸗ nen der ſtreitenden Armeen in der Pfalz, wovon einige rahr, andere falſch waren. Aus allen dieſen Berichten utnahm er aber ſo viel, daß das kurze Glück, welches die Waffen des Königs von Böhmen erfahren hatten, — 206.— jetzt verſchwunden ſei, daß Mannsfeld ſich in den Elſa zurückgezogen, daß der Prinz von Oranien nach Hollam zurückgerufen worden, daß größere Uneinigkeit als ji unter den vereinigten Fürſten herrſche, und daß Horau Vere und ſeine Truppen, faſt gänzlich auf die Stadt Mannheim und die unmittelbare Umgebung beſchränkt wenig oder Nichts gegen eine überlegene Macht ausrichten könne, die von einem der erſten Generäle jener Zeit ge führt werde. Tiry durchzog und verwüſtete die Pfah ohne Aufhören mit den vereinigten Baieriſchen, Deſter⸗ reichiſchen und Spaniſchen Armeen. Frankenthal wider⸗ ſetzte ſich freilich noch, aber es ſtand keine Macht im offenen Felde, um die Dörfer vor dem Trupp zu ſchützm oder von den kleinen Städten einen feindlichen Einfall abzuwehren. Jeder Bericht, den er erhielt, war meht oder weniger unheilvoll, und Einige behaupteten ſogar, daß Heidelberg ſelbſt bedroht werde„während Ander⸗ angaben, daß die Stadt ſchon eingeſchloſſen ſei. Alle dieſe Berichte dienten nur dazu, den jungm Engländer zu noch größerer Eile anzutreiben. Die Leut, ſowohl wie die Pferde waren von der ſchnellen Reiſ ermüdet; doch Keiner beklagte ſich, denn Alle begriffm die Gefühle in der Bruſt ihres Herrn, und es war noch Ritterlichkeit genug ſelbſt in den niedern Klaſſen jener Zeit, um ihnen begreiflich zu machen, daß es hart ſein würde, ihn blos darum, weil ſie ermüdet ſeien, noch lünger von der Dame, die er liebte, zurückzuhalten. So betraten ſie am neunten Tage, nachdem ſie Rotterdam erreicht, die Beſitzungen des Pfalzgrafen, und es erfolgte ein ermüdender Marſch durch die Ebenen am Rhein. NMan konnte keine andere Nachricht erhalten als die un⸗ beſtimmten Gerüchte, die ſich unter dem Landvolk ver⸗ breitet hatten, und gegen Anbruch der Nacht näherten ſie ſich einem großen Dorfe, welches etwa acht Meilen von Mannheim, und noch etwas weiter von Heidelberg entfernt war. Während der letzten Tagereiſe hatten ſich guf jedem Schritte traurige Spuren der Verwüſtungen des Krieges gezeigt. Niedergebrannte Dörfer, zerſtörte Haͤuſer und Kirchen und hie und da eine Leiche, die nur wenige Schritte vom Wege lag, hatten den verwüſten⸗ den Gang bezeichnet; aber das Dorf, dem ſie ſich jetzt näherten, ſchien beſſer als die übrigen davon gekommen zu ſein, und eine Barrikade, die quer über das Ende der kleinen Straße gezogen zu ſein ſchien, zeigte nicht, von welcher Partei ſie errichtet worden. Eine Anzahl mit ſchweren Büchſen bewaffneter Bauern zeigte ſich den lugen Algernon Grey's gerade hinter der Barrikade und zuf einen lauten Ruf, anzuhalten und zurückzubleiben, folgten augenblicklich und ohne Weiteres zwei oder drei Schüſſe, die glücklicherweiſe keine Wirkung hatten. Der junge Engländer befahl ſeinen Leuten ſich ein wenig zu⸗ rückzuzichen, ritt allein weiter und wurde ungehindert . — 208— bis an die Barrisre gelaſſen; doch obgleich er mit den Bauern Deutſch ſprach und wenigſtens auf einige Stun⸗ den um Obdach und einen Ruheplatz bat, ſo erregte doch ſeine fremdartige Ausſprache Verdacht, und mit wei⸗ ſem Kopfſchütteln ſagte ihm der Anführer der Bauern, ſie würden ſich wohl hüten. „Nun, meine tapfern Leute,“ antwortete Algernon Grey,„Ihr ſcheint Euch vor einer ſehr kleinen Anzahl zu fürchten; ich habe im Ganzen keine dreißig Mann bei mir, und wenn ich ein Feind wäre, würde es viel ge⸗ fährlicher für mich ſein, mich in Euern Ort zu werfen, als für Euch, mich einzulaſſen. Wenn ich indeß mit meinen ermüdeten Leuten und Pferden nach Heidelberg weiter reiten muß, ſo iſt dem nicht abzuhelfen; aber Ihr erweiſt Eurem Fürſten dadurch keinen Dienſt, das kann ich Euch ſagen, denn ich bin einer von den Offi⸗ zieren des Königs und war mit ihm in Prag.“ „Heidelberg,“ ſagte der Bauer;„ich zweifle, daß man Euch einlaſſen wird. Zu wem wollt Ihr in Hei⸗ delberg?“ „Entweder zu dem Oberſten Herbert oder zu dem Baron von Oberntraut,“ antwortete der junge Engläͤn⸗ der. „Zum Baron von Oberntraut!“ ſagte der Mann, ihn vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.„Ihr könnt ihn finden, ohne nach Heidelberg zu gehen— vielleicht früher als es Euch lieb iſt, wenn Ihr ſeid, wofür ich Euch halte.“ „Wofür Ihr mich auch halten mögt,“ antwortete Algernon Grey,„ſo kann ich ihn doch nicht früher fin⸗ den, als es mir lieb iſt.“ „Nun gut, ich will Jemand rufen laſſen, der Euch zeigen ſoll, wo er iſt,“ verſetzte der Bauer.„Er iſt nicht weit und hat zwei Hundert gute Reiter bei ſich.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich zu den Leuten, die ihn umgaben, und flüſterte einem raſchen und lebhaf⸗ ten Burſchen einige Worte zu. Der Letztere legte ſogleich ſeine Büchſe nieder und lief raſch ins Dorf. „Der Baron iſt im Orte, mein guter Freund,“ ſagte Algernon Grey ſogleich.„Ich errathe es, und da⸗ her könnt Ihr Nichts dagegen haben, mir Eure Bar⸗ risre zu öffnen und mich allein mit ihm reden zu laſſen.“ Aber der würdige Bauer war ein ſehr vorſichtiger Mann und wollte dieſen Schritt nicht wagen, bis nach etwa fünf Minuten Oberntraut ſelber zu Fuß die Straße herunterkam, und im nächſten Augenblick Algernons Hand ergriff. Die Leute wurden ins Dorf gebracht, und erhielten einige Erfriſchungen, während die Nacht anbrach und die beiden Herren in lebhaftem Geſpräche vor der Kirche auf⸗ und ab gingen. Algernon erfuhr jetzt, daß Tilly, von einer großen Abtheilung der Armee des Erzherzogs verſtärkt, ſich in den letzten drei Tagen Heidelberg. Dritter Band. 44 8 — 210— Heidelberg immer mehr genähert habe, offenbar in der Abſicht, die Stadt zu belagern. „Er hat nicht Leute genug, um es gänrzlich einzu⸗ ſchließen,“ ſagte Oberntraut;„aber ach, es ſind zu Wenige in dem Orte, um ihn lange gegen eine ſolche Macht zu vertheidigen.“— „Dann will ich noch dieſen Abend weitergehen,“ antwortete Algernon Grey.„Unter ſolchen Umſtänden iſt jeder Mann nützlich.“ „Eure Leute können in der That Beiſtand leiſten,“ ſagte der junge Mann;„die meinigen ſind nur an das freie Feld und an ihre Pferde gewöhnt, daher können ſie draußen mehr nützen als drinnen. Ich will Euch indeß bis Neunheim geleiten laſſen, denn der Weg iſt nicht ohne Gefahr.“ „Wo ſteht Tillh?“ fragte Algernon Grey.„Er muß eine große Macht haben, um allen Verkehr mit der Stadt abzuſchneiden.“ „Nach den letzten Nachrichten ſteht ſeine ganze Infanterie bei Rohrbach,“ antwortete Oberntraut,„und ſeine Reiterei iſt bei Wiesloch, Rußloch und Waiblingen zerſtreut. Es ſind wenige oder gar keine Abtheilungen auf dieſer Seite des Neckar, aber ſie kommen von Zeit zu Zeit herüber, beſonders bei Nacht, darum wird es beſſer ſein, wenn ich und meine Leute Euch begleiten. Wir koͤnnen vielleicht unterwegs einige Vorheile gewinnen.“ — 211— In der letzteren Erwartung aber wurde Oberntraut getäuſcht. Die ſämmtlichen Truppen des Batriſchen Generals blieben auf der andern Seite des Neckar und Algernon und Oberntraut erreichten mit ihren Truppen Neunheim, ohne irgend ein menſchliches Weſen zu ſehen, außer einigen von den unglücklichen Bauern, die über die Felder entflohen, ſobald ſie den Hufſchlag von Pfer⸗ den hörten. Mit der Parole bekannt, zeigte ſich Algernon Grey am Brückenthor und wurde ſogleich von dem wachha⸗ benden Offizier erkannt, der ihn früher in Prag geſehen hatte. Die Nachricht von einer Verſtärkung verbreitete ſich unter den Soldaten; die Nachricht ging von Mund zu Mund über die Brücke und in die Stadt. Einige Knaben und Studenten, die ſich auf den Straßen umher⸗ trieben, verbreiteten das Gerücht noch weiter und es ſammelte ſich eine kleine Schaar, welche den Engliſchen Trupp mit lautem Freudengeſchrei bis zu den Thoren des Schloſſes begleitete. Der Ruf drang zu Agnes Herbert, als ſie traurig und einſam in ihrem Zimmer ſaß. Das Vorgefühl der Liebe machte, daß ſich eine Gluth über ihre Wange ver⸗ breitete und ihre ganze Geſtalt erbebte. Sie ſtützte ihren Kopf auf die Hand und weinte bei dem Kampfe der Hoffnung und Furcht. Es verging aber einige Zeit und Alles blieb ſtill und traurig; denn Algernon Grey war 14* zuerſt zu dem Gouverneur Merven geführt worden, der in einem entfernten Theile des Schloſſes wohnte. Die Hoffnung wich der Furcht. „Ich habe mich getäuſcht,“ dachte ſie,„er iſt es nicht! Der Ort wird eingeſchloſſen werden und er nicht im Stande ſein, hereinzukommen.“ Aber nach Verlauf einer halben Stunde hörte ſie raſche Schritte den Gang daherkommen. Sie erkannte den Schritt ihres Vaters; aber da war noch ein ande⸗ rer, der ihrem Ohr nicht weniger bekannt war. Die Freude überwältigte ſie mehr als der Kummer je gethan. Sie konnte nicht aufſtehen— ſie konnte ſich nicht von ihrem Stuhl aufrichten; aber ihre Augen erhoben ſich, ihre Hände waren gefaltet und ihr Buſen hob ſich mit dem raſchen und kurzen Athemzuge der Erwartung, als ſie nach der Thüre blickte. Im nächſten Augenblic hörte ſie ein leiſes Klopfen; ſie hatte kaum ſo viel Kraft, herein zu rufen, und Herbert öffnete die Thüre, moßte er nun das Wort hören oder nicht, und ließ ihren Ge⸗ liebten zuerſt ein. Wie ſchmerzlich iſt der Kampf zwiſchen den natürli⸗ chen Gefühlen des Herzens und den herkömmlichen Si⸗ ten des Lebens! Hätte Agnes ſich ihren Gefühlen him gegeben, ſo hätte ſie ſich in Algernors Arm geſtürzt und ihre Liebe ausgeſprochen; aber ſie wagte es nicht, ſondern ſtand mit ſchüchterner Anmuth auf, ihre Wange ⸗ 213— von Aufregung geröthet und ihre Augen von Thraͤnen umfloſſen, die ſie nicht zurückhalten konnte, ging auf ihn zu und reichte ihm ihre ſchöne Hand. Er faßte und drückte ſie mit lebhafter Wärme und Zärtlichkeit, aber ſie bemerkte ſogleich einen ſchwermüthi⸗ gen Schatten auf ſeiner Stirn und einen Ausdruck der Traurigkeit in ſeinen Augen. Sie fragte ſich, was es bedeuten könne. Ein Brief, den ſie zehn Tage vorher empfangen, hatte Nichts als Hoffnung und freudige Erwartung geathmet, hatte von überwundenen Schwie⸗ rigkeiten, von entfernten Hinderniſſen und von dem freien Wege zur Liebe, zur Verbindung und zum Glück geſprochen. Woher konnte alſo dieſe Traurigkeit kom⸗ men? Sie mußte von der gefährlichen Lage der Stadt, von der bevorſtehenden Belagerung, von der Bekannt⸗ ſchaft mit der Schwäche der Garniſen, von der Gefahr, die er für ſeine Geliebte fürchtete, oder von irgend etwas Anderem herrühren, und nicht von Hinderniſſen und Schwierigkeiten, die ſich zwiſchen ihm und ihr erho⸗ ben. Alles war leicht für ſie, nur dieſes Letztere nicht. Gefahren fürchtete ſie nicht; Beraubungen war ſie zu erdulden bereit, doch wagte ſie nicht, ihren Geiſt einen Augenblick bei dem Gedanken an vereitelte Liebe verwei⸗ len zu laſſen. Es blieb indeſſen keine Zeit zu einer Erklärung, 1 — 214— denn nachdem ſie ſehr wenige Worrte geſprochen, faßte Herbert ihres Geliebten Arm und ſagte: „Hier, mein liebes Kind, ich war entſchloſſen, daß Du unſern Freund wohl und geſund wiederſehen ſollteſt, jetzt muß ich gehen und die neue Redoute beſuchen, die wir hinter dem alten Schloſſe aufführen laſſen, denn die Arbeit geht Tag und Nacht fort und er hat mir verſprochen, mich zu begleiten.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich zur Thüre, aber Algernon Grey zögerte noch einen Augenblick und ſagte leiſe zu ihr: „Ich muß einen Augenblick wählen, um morgen mit Euch allein zu reden, theuerſte Agnes. Die Sache geht nicht ſo raſch, wie ich es wünſchen mögte, doch hoffe ich, wird Alles gut enden.“ Die Thüre ſchloß ſich hinter ihnen, Agnes Herbert ſank wieder auf ihren Seſſel nieder und bedeckte traurig ihre Augen mit den Händen. O, wie oft im Leben iſt der längſt erwartete Augenblick der Freude mit bitterer Täuſchung gemiſcht! Elftes Kapitel. Der Wind wehte von Weſten her, der graue Mor⸗ gen dämmerte ruhig und etwas nebelig herauf. Wenige Augen waren im Heidelberger Schloſſe geöffnet, außer denen der Schildwachen auf den Wällen, und ſeltſam genug, unter dieſen ſchliefen die Algernon Grey's am Feſteſten und Tiefſten. Er war durch lange Anſtrengung ermüdet, ſo wie durch ängſtliches Nachdenken und einen Kampf zwiſchen Hoffnung und Furcht, der mehrere Mo⸗ nate gewährt hatte; und jetzt, da eine kurze Periode der Ruhe eingetreten war, da eine Pauſe in ſeinem Schickſal zu kommen ſchien, da keine Anſtrengung von ſeiner Seite die Ereigniſſe beſchleunigen oder verzögern konnte, die das Schickſal ihm für die Zukunft aufbe⸗ wahrte, ſo ſchlief er viele traumloſe Stunden tief und feſt, bis gegen Morgen ſich ihm matte und ſchnell vor⸗ überſchwebende Traumbilder darſtellten, die ihm Agnes Herbert in Gefahr und Ungemach zeigte, die aber wech⸗ ſelten, gleich den Formen der Wolken, die über den Sonnenhimmel dahinziehen. Plötzlich erweckte ihn Etwas aus ſeinem Schlafe und er ſah verwirrt um ſich. Im erſten Augenblick wußte er nicht wo er war; dann aber hörte er ein mattes und entferntes Geräuſch, wie von einer langſam geſchlagenen Trommel, und er murmelte bei ſich ſelber: „Gewiß ſind das Feuerwaffen.“ Er ſprang aus ſeinem Bette auf, warf einen weiten mit Pelz beſetzten Schlaf⸗ rock um und öffnete die Thüre des Vorzimmers. Seine Diener waren ſchon auf; die äußere Thuüre war offen und ein Mann blickte hinaus. „Was bedeutet das Geräuſch, Stephan Graves?“ fragte der junge Graf lebhaft.„Eile und bringe mir Nachricht.“ „Man ſagt, es ſei der Feind, Mylord,“ verſetzte der Mann,„der die Redoute und den neuen Laufgraben angegriffen, den Ihr noch geſtern Abend angeſehen. Oberſt Herbert iſt ſchon hinaufgeeilt— aber ich will bald weitere Nachrichten bringen.“ Und fort eilte er. Es war der erſte Akt der Belagerung, und wäh⸗ rend Algernon Grey ſich eiligſt rüſtete, fühlte er jenen ſeltſamen Eindruck, der ſtets beim Beginn einer großen und entſcheidenden Handlung hervorgebracht wird, die lange verzögert und erwartet worden und worin wir ine Rolle zu ſpielen beſtimmt ſind. Die Belagerung von Heidelberg hatte begonnen. Wie mogte ſie enden? fragte er ſich. Welches Schickſal mogte ihm und denen zu Theil werden, die ihm die Theuerſten waren, bis das Ende der Tragödie kam, die jetzt begann? Aber öbgleich tiefe Betrachtung und mächtige Gefühle ſeinem Charakter eigen waren, ſo war doch kräftige Thätigkeit die vorherrſchende Eigenſchaft ſeiner Natur. Das Nach⸗ denken bewog ihn nie, ſtill zu ſtehen, oder zu zaudern und da ihm noch kein beſonderer Poſten angewieſen war, o beſchloß er ſogleich, als Freiwilliger zu dem angegrif⸗ fenen Punkte zu eilen und alle in ſeiner Macht ſtehenden Dienſte zu leiſten. Seine Leute waren bald zuſammengebracht und bewaffnet, und eben, als ſie in den Hof hinunterſtiegen, hörte man den lauten und dumpfen Knall eines Ge⸗ ſchlützes. Eine Kanonenkugel traf hoch oben die Mauer des Gebäudes und einige ſchwere Steine fielen an den Fenſtern herunter. „Sie haben die Redonte genommen, Mylord,“ ſagte Einer von den Leuten ſtillſtehend und ſich zu Alger⸗ non Grey wendend. „Es thut Nichts,“ antwortete der junge Edelmann, nſie kann wiedergenommen werden. Weiter!“ Hierauf trat er an die Spitze ſeines Trupps und führte ſie in den Hof hinunter, dann durch einen Gan der an dem Bibliothekthurme vorbei zu der obern Caſ matte, von dort durch den Küchengarten und den Faſi⸗ nengarten zu der Katze, wo der neue Laufgraben begam. Wahrend ſie dort hingingen, hörten ſie wiederholt Kanonenſchüſſe, aber die Kugeln pfiffen hoch über ihr Köpfe weg auf das Schloß und die Stadt zu. Es be gegneten ihnen mehrere Soldaten, die in die Feſtung zurückeilten, und zwei von ihnen trugen einen Verwunde⸗ ten in ihren Armen, ſtanden einen Augenblick ſtill, um ſich auszuruhen und ihren vorrückenden Kameraden zu ſagen, daß der Feind eben die Radoute und den neuen Laufgraben genommen. Algernon Grey hielt ſich indeß nicht lange auf, ſondern eilte zu dem Eingange des kleinen achteckigen Feſtungswerkes, wo er Oberſt Herbert fand, welcher ein heftiges Feuer von zwei kleinen Kanonen und etwa funfzig Büchſen auf den Laufgraben richtete, der zu der halb vollendeten Redoute führte. „Ah, mein edler Freund!“ rief er, ſobald er den Grafen erblickte.„Dies iſt eine freundliche und ſ nöthige Hülfe. Sie haben uns früher angegriffen, a wir dachten, und die Maurer und die wenigen Van ten, die dort arbeiteten, hinausgetrieben. Ueberdits haben ſie, was noch das Schlimmſte iſt, alles Rindvich 88 — 219— weggenommen, welches die Bauern zur Verprovianti⸗ Jrung des Schloſſes hichergebracht hatten.“ 1„Ich denke, wir können den Laufgraben und die Kedoute wieder nehmen,“ ſagte Algernon Grey hinaus⸗ blickend und ſeine Augen vor der öſtlichen Sonne mit eder Hand bedeckend,„und vielleicht auch das Rindvieh „ wieder erlangen, denn das iſt ein ſchwerer Verluſt. Deckt luns mit Eurem Feuer, und ich will es mit meinen eige⸗ „nen Leuten verſuchen, die Werke wieder zu nehmen, vor⸗ n ausgeſetzt, daß keine bedeutende Verſtärkungen hinter u jenem Walde ſtehen.“ 3„Keine,“ verſetzte Herbert;„ſie haͤben keine drei Compagnien auf dem Platze.“ .„Zum Angriff denn!“ rief Algernon Grey.„Ste⸗ „phan Graves, ſtelle die Leute unten in der kleinen n Schanze auf— raſch! Denn ſie kommen in dem Lauf⸗ r graben daher. Nun, mein tapferer Freund, richtet r Euer Feuer jenſeits jenes Erdhügels in den Laufgraben, bis wir ihn erreichen, und hört dann auf. Ihr könnt auch eine Abtheilung ausſenden, um uns zu unterſtützen, wenn Ihr die Nothwendigkeit ſeht und Leute genug r habt. Wenn Ihr einige kleine Kugeln in jenes Falco⸗ net thätet und es den Laufgraben beſtreichen ließet, ſo ſvürde es uns Alle decken.— Stoßt ſie feſt nieder, ſonſt 3 wird die Kanone platzen.“ 3 MNiit dieſen Worten eilte der junge Lord zu ſeinen 8 Leuten hinunter, und ehe man noch die von ihm bezeich⸗ neten Kanone laden konnte, ſah man ihn ſchon mit ſeinen Leuten in den Laufgraben ſtürmen. Die Spanier und Baiern ſammelten ſich jetzt außer der Schußweite der Gewehre in dem andern, bereiteten ſich zum Angriff des achteckigen Feſtungswerks vor, zeigten eine feſte Fronte in dem Laufgraben und drängten ſich an einan⸗ der, während ihre Waffen und ihre Stahlhauben in der Sonne funkelten. Außer dem Falconet hatte man zwei Kanonen von oben zu dem Laufgraben gewendet und Herbert richtete ſelber mit erfahrenem Auge das Falco⸗ net und die eine Kanone auf den Feind. Er hatte keine Zeit mehr, um ſeine Aufmerkſamkeit auf das dritte Geſchütz zu richten, denn Algernon Grey führte ſeine Leute zum Angriff, und indem ſie ihre ſcharfen Piken niederſenkten, ſtürmten die rüſtigen Engländer vorwärts. Sie waren jetzt keine zwei Hundert Schritte mehr von ihren Gegnern entfernt. Die Baieriſche Infanterie hatte Befehl erhalten, in demſelben Schritte vorzurücken, als man den Knall von drei Kanonen hörte, die raſch nach einander von dem Feſtungswerk abgefeuert wurden. Eine Kugel durchbrach die dichten Reihen der Soldaten Tillys, gleich einem Orkan, der durch einen Wald weht, und warf im Augenblick eine Anzahl ſtarker Männer zu Boden; die zweite Kugel traf die Ecke des Laufgrabens neben ihnen und bedeckte die Baiern mit Erde und Schutt, und bei der darauf folgenden Beſtürzung wurde die Verwirrung durch einen Schauer halbpfündiger Kugeln noch vermehrt. Dann kam der feſte Angriff der Engländer und in einer oder zwei Minuten war der Laufgraben von einem Ende bis zum andern frei, und Algernon Grey ſtürzte ſich mit dem zerſtreuten Feinde in die Redoute, die man erſt vor einer Stunde genom⸗ men. Hier aber wurde der Kampf heftiger, denn es rückte eine Compagnie ſpaniſcher Infanterie friſch und in guter Ordnung vor, um die Flucht ihrer Bundesgenoſ⸗ ſen zu decken. Die Baiern ſammelten ſich hinter ihnen wieder und einige Minuten lang mußte Algernon Grey mit dreißig Mann gegen eine fünf Mal ſo ſtarke Macht kämpfen. Die Engländer waren aber im Feuer des Angriffs und glücklichen Erfolges, die halbvollendeten Wälle der Redoute gewährten dem Feinde keinen Schutz, der erſte Angriff trieb die Spanier, obgleich in guter Ordnung, zurück, und ehe ſie ihren Platz wieder gewin⸗ nen konnten, ſtürzte ſich Herbert mit einer Abtheilung der pfälziſchen Truppen herein und vollendete den Sieg. In Verwirrung und Beſtürzung wurden die feind⸗ lichen Truppen die abſchüſſigen Wälle hinuntergetrieben, und da jetzt friſche Truppen von dem Schloſſe und dem Feſtungswerk herunterkamen, wurde die Verfolgung ſo heftig fortgeſetzt, daß weder Spanier noch Baiern Zeit hatten ſich zu ſammeln. Indem Einige in Verwirrung nach Wolfswell, Andere auf den Kaiſerſtuhl flohen, wurde eine Anzahl von denen getödtet, die ihnen folgten. In geringer Entfernung hinter dem kleinen Walde, den man damals den Kammerwald nannte, nahm man die am Morgen fortgeführten Ochſen und befreite die armen Hirten wie⸗ der, die man gefangen genommen. Dann wurde den Pfälziſchen Truppen Halt geboten, denn Niemand wußte, wo Tilly's Hauptarmee ſtand, und Herbert und Algernon Grey konnten nicht begrei⸗ fen, wie ein ſo erfahrener Anführer eine ſo kleine Ab⸗ theilung, wie die, welche die Redoute angegriffen, ſo weit ohne Unterſtützung hatte vorrücken laſſen können. „Ihr kehrt mit den Leuten zu dem Feſtungswerk zurück,“ ſagte der junge Cavalier nach einiger Bera⸗ thung;„ich will mit einer kleinen Abtheilung auf Kund⸗ ſchaft gehen und Euch bald Nachricht bringen.“ Algernon Greh ſchickte Nachricht, brachte ſie aber nicht ſelbſt; denn bei Anſtrengungen des Geiſtes, ſowie bei denen des Körpers iſt es nicht immer möglich, ſogleich inne zu halten. Wenn ein Menſch auf ein beſtimmtes Ziel zuläuft, kann er gewiß ſein, darüber hinauszulau⸗ fen. Da der junge Engländer keine große Abtheilung des Feindes fand, nachdem er weiter als eine halbe Stunde gegangen war, ſo wurde er zu weiterer Nach⸗ forſchung veranlaßt. Von einem Sold ten des Schloß⸗ „Ang ſess geführt, den Herbert ihm mitgegeben, und von acht dder zehn Mann begleitet, ſchlich er ſich durch den Wald zuf dem Kaiſerſtuhl und benutzte jeden Fels, um die Niederungen zu überſchauen. Mit der ſo erlangten Kennt⸗ niß noch nicht zufrieden, beſchloß er hinunterzuſteigen und ſch Rohrbach und Wiesloch ſo weit als möglich zu nä⸗ hern, wo, wie man glaubte, die Hauptabtheilung der feindlichen Infanterie einquartirt war. Der Boden, der jetzt halbwegs den Hügel hinauf nit Weinbergen bedeckt iſt, war damals von dichten Wäldern beſchattet, und unter dem Schutz ihrer Zweige, die damals dicht belaubt waren, näherte ſich der junge ngländer Rohrbach bis auf eine halbe Viertelſtunde ſwo die Obſtgärten bis an den Rand des Waldes gingen. Auf einem kleinen Hügelvorſprunge verweilend, den der Führer den Dachsfang nannte, lehnte ſich Algernon Grey an eine von den großen Eichen und blickte hinun⸗ ter, da er Stimmen reden hörte, die, wie es ſchien, nicht weit entfernt waren. Die Sonne war mit Wol⸗ in bedeckt, und im erſten Augenblick konnte er die re⸗ denden Perſonen nicht entdecken; als er ſich aber ein we⸗ gnig auf eine Seite wendete, erblickte er eine ſchimmernde Stahlhaube und den weißen Kopfputz eines Landmäd⸗ hens. Noch eine geringe Veränderung ſeiner Stellung zeigte ihnm eine Baierſche Schildwache, die mit einem jungen Pfälziſchen Frauenzimmer ſprach und ihr etwas wäͤrmer den Hof machte, als es heutiges Tages bei ſei k nen Landsleuten gewöhnlich iſt. 1 Algernon Grey wendete ſich lächelnd zu ſeinen Bed gleitern um und machte den ſehr hartherzigen Vorſchlag, die arme Schildwache in ihrer angenehmen Erholung zu t ſtören, um von ihr alle Nachrichten zu erlangen, die ſie gewähren könne. f Dieſem Unternehmen ſtellten ſich keine großen Schwie r rigkeiten in den Weg, denn der Mann war in einen! kleinen Hohlwege als Schildwache aufgeſtellt und hatte ſich einige Schritte von ſeinem Poſten entfernt, um ſich! der Unterhaltung mit ſeiner ſchönen Freundin unbeob⸗ 1 achtet erfreuen zu können. Auf der andern Seite war ein Pflaumengarten, den eine Mauer umgab, welche eine ſchadhafte Stelle hatte. Algernon Grey theilte ſeine Leute in zwei Abtheilungen und ſchlich ſich leiſe den Hohlweg hinunter, während die andere Abtheilung untet den Pflaumenbäumen fortging, bis ſie die ſchadhaftt Stelle in der Mauer erreichte. Der Soldat hatte auf einige Augenblicke ſeine Büchſe niedergelegt, und ehe er ſie erreichen konnte, was er beim erſten Geräuſch eines Fußtrittes zu thun verſuchte, wurde er ergriffen. Dar auf ſetzte man ihm eine Piſtole an den Kopf, gebot ihn zu ſchweigen und ſchleppte ihn in den Wald Ohne ihn für jetzt zu befragen, da das Frauenzim⸗ mer, welches man zurückgelaſſen, vielleicht Lärm machen nne, kehrte der junge Engländer auf verſchiedenen egen ins Schloß zurück; aber der ganze Tag war bei dieſen Beſchäftigungen vergangen, und eben ging die Sonne unter, als ſie die kleine Redoute erreichten. Her⸗ bert war nicht mehr dort. Die Soldaten in der Redoute agten, der Tag ſei ganz ruhig vorübergegangen, und Algernon begab ſich mit ſeinen Leuten in der Dämme⸗ uung ins Schloß, wo ihre lange Abweſenheit ſchon einige Unruhe erregt hatte, obgleich man um Mittag einen Boten abgeſendet hatte, um zu berichten, daß man keine große Bewegung unter den feindlichen Truppen bemerkt habe. — Das Verhör des Gefangenen fand ſogleich Statt und man erfuhr, daß am folgenden Tage die regelmäßige Belagerung des Ortes beginnen werde und daß man als den vorzüglichſten Angriffspunkt die Redoute und die rErhöhungen umher bezeichnet habe. Der Mann ſagte, man habe ſchon einen Weg gebahnt, um die Artillerie fu transportiren, und mehrere große Geſchütze habe man ran dem Tage ſchon eine beträchtliche Strecke den Berg inaufgebracht, und es ſei mit geringerer Schwierigkeit geſchehen, als man erwartete. So verging der erſte Tag nach Algernon Greys Rückkehr nach Heidelberg, und im Verlaufe deſſelben brachte er nicht länger als eine Stunde in der Geſeell⸗ ſchaft ſeiner Geliebten zu, auch wurde dieſelbe noch durch Heidelberg. Dritter Band. 15 6 4 die Gegenwart vieler Andern unterbrochen, als ſie in Oberſt Herberts Thurme beim Abendeſſen ſaßen. Zehn Perſonen waren bis zu einer ſpäten Stunde um den Tiſch verſammelt, die in dem Gouverneur Mer⸗ ven und den vorzüglichſten Offizieren der Deutſchen, Engliſchen und Holländiſchen Truppen beſtanden. Ob⸗ gleich Algernon neben Agnes ſaß, ſo konnten ſie doch wenige Worte ſprechen, die nicht Alle hörten. Aber Al⸗ gernon Greh verlor die Gelegenheit nicht, ſondern flü⸗ ſterte ihr in leiſem Tone zu, während um ihn her die Unterhaltung laut geführt wurde: „Kommt morgen früh hieher, theures Mädchen, ehe Euer⸗ Vater ausgeht; ich wünſche mit Euch Beiden zu reden, denn bei den herannahenden Gefahren ſollte auf keiner Seite ein Zweifel ſein— Nichts unerklärt und keine Unentſchloſſenheit oder Furcht zurückbleiben.“ Agnes verneigte ſich nur, denn ſobald Al gernon dieſe Worte ausgeſprochen hatte, redete der Gouverneur ſie wegen eines gewöhnlichen Gegenſtandes an, und alle Privatmittheilung zwiſchen ihr und ihrem Geliebten war für den Abend beendet. Um elf Uhr brach die Geſellſchaft auf und die mei⸗ ſten Gäſte entfernten ſich, aber Merven faßte, ehe er ging, Herberts Hände und ſagte:* „Ich habe Etwas auf dem Herzen, mein edler Freund, und da wir bald mit dem Feinde hundgemein — 227— vwerden, ſo kann ich nicht in den Streit gehen, ohne es zu ſagen. Dem Rechte nach ſolltet Ihr hier das Com⸗ mando haben, und ich bin gewiß, Horace Vere wußte nicht, daß Ihr dieſe Belagerung aushalten wolltet, nach⸗ dem Ihr an andern Orten ſo gut gefochten, ſonſt würde „her Euch gewiß das Commando angeboten haben. Aber hlaßt uns die Arbeiten und die Macht theilen. Wählt das Schloß oder die Stadt zu Eurem Poſten, und wir kön⸗ nen uns über alle wichtigen Gegenſtaͤnde berathen.“ Herbert wendete einen Augenblick ſein Geſicht ab, ließ aber ſeine Hand in Mervens Hand, erwiderte den freundſchaftlichen Druck und ſagte: „Das Schloß für mich. Es iſt ſeit vielen Jahren meine Wohnung geweſen. Ich habe meine Mühe darauf verwendet, es zu befeſtigen. Es iſt eine Art von Spielzeug für mich geworden, und ich mögte gern in demſelben bleiben, ſo lange es ſteht, oder mit demſelben umkom⸗ men.“ — - ———— „So ſei es denn,“ antwortete der Andere.„Ich will die Stadt vertheidigen und nicht daran denken, ſie dem Feinde zu überlaſſen. Keine düſteren Erwartungen, Herbert. Wir wollen wenigſtens verſuchen, den Feind müerzätiritdi: und ich zweifle nicht, daß es uns gelin⸗ ſgen wird und daß wir Alle leben werden, um uns unſe⸗ er vereinten Anſtrengungen mit Stolz und Freude zu erinnern.“ 3 15*⁸ Herbert ſchüttelte ernſthaft, wenn auch nicht traurig den Kopf. „Es ſteht Alles in Gottes Hand, guter Freund,“ ſagte er.„Der Tod trifft nie, ohne Vollmacht dazu zu haben.“ „Und Gott ſchützt das Recht,“ antwortete Merven, „daher wollen wir nicht zweifeln. Vermuthlich werdet Ihr mit Euren Leuten im Schloſſe bleiben, Mylord; aber kommt einen Augenblick in meine Wohnung, ehe Ihr zu Bette geht. Ich habe Nachrichten für Euch aus England, die ich durch einen beſondern Boten in einem Briefe aus Mannheim erhielt, ſeit Ihr Euer Vaterland verlaſſen.“ 1 Algernon Greys Auge erhellte ſich von neuer Hoff⸗ nung, denn die Liebe hatte eine Veränderung in ihm hervorgebracht; und wenn er ſich früher der Troſtloſig⸗ keit hingegeben, hatte jetzt ſein Geiſt eine hoffnungsvolle Richtung angenommen. Sobald ſie die Wohnung des Gouverneurs erreichten, übergab ihm Merven einen Brief, der Horace Vere unterzeichnet war, und deutete auf eine beſtimmte Stelle, wo es hieß: „Sagt dem Grafen von Hillingdon, daß ich vom dritten dieſes Monats Nachrichten vom Herzog von Bu⸗ ckingham habe; er ſagt, es ſei gute Hoffnung für die Sache des Grafen. Der neue Günſtling iſt nahe daran, ſeine Gunſt zu verlieren, hat ſich ohne Erlaubniß des Königs von Rohſton entfernt und iſt ſehr rauh behandelt worden. Wenn dieſe Vortheile gehörig benutzt werden, können ſie leicht wieder gut machen, was in der Sache des Grafen verdorben werden, und Buckingham erklärt, er und der Prinz wollen ihm für den glücklichen Aus⸗ gang ſtehen.“ Dies waren die Nachrichten, welche Algernon Grey geſtatteten, ſich mit etwas erleichtertem Herzen zur Ruhe zu legen; aber dennoch beſchäftigte ihn manche ängſtliche Beſorgniß und hielt ihn länger als eine Stunde wach. Er beſchloß indeß, keine Zeit zu verlieren, dem Ober⸗ ſten Herbert genau ſein Verhältniß mitzutheilen. Gegen ihren Oheim mögte er nicht dieſelbe Verpflichtung em⸗ pfunden haben, wie gegen ihren Vater; doch jetzt beſchloß er, welches auch der Erfolg ſein mögte, den Vater ſei⸗ ner Geliebten über ſeine ſchmerzliche Lage nicht in Unge⸗ wißheit zu laſſen. Alle ſolche Entſchlüſſe— und überhaupt alle menſch⸗ lichen Entſchlüſſe— ſind das Spiel der Umſtände, und in dieſem Falle konnte er nicht ausführen, was er ſich vorgenommen hatte. Früh am folgenden Morgen klopfte es an die Thüre des Engliſchen Offiziers. Agneſens liebliche Stimme rief herein, und ihre erſte Nachricht war, daß ihr Vater bereits zu den Außenwerken gegan⸗ gen ſei. „Ich ſagte ihm, Ihr wünſchtet ihn zu ſprechen,“ ſie,„denn Ihr hättet ihm etwas Wichtiges mitzu⸗ theilen, ja, daß es ſich auf mich und mein Glück beziehe, aber er wollte dennoch nicht dableiben. Er erwiderte, die Vertheidigung des Ortes ſei das Erſte, woran er zu denken habe, und er wolle ſich nicht durch andere Rück⸗ ſichten von ſeiner Pflicht abbringen laſſen. Er verlaſſe ſich vollkommen auf mein eigenes Urtheil und meine Ge⸗ fühle, und was ich verſpreche, wolle er beſtätigen. Ich glaube, er verkannte die Art der Mittheilung, die Ihr zu machen habt, Algernon, er hielt es blos für eine Form; dennoch aber konnte ich mich nicht entſchließen, ihn dringend dazu aufzufordern, denn wenn er von ſol⸗ chen Ereigniſſen, wie jetzt geſchehen, aufgeregt iſt, kann er keinen Widerſpruch ertragen und gibt Herz und Seele gänzlich dem hin, was er für ſeine Pflicht als Soldat hält. Was Ihr auch zu ſagen habt, denke ich, wird am Beſten aufgeſchoben, bis dieſe Belagerung vorüber iſt, oder bis wir durch andere Verhältniſſe zu der Mit⸗ theilung genöthigt werden.“ „Hört erſt, was es iſt, und dann urtheilt,“ ver⸗ ſetzte Algernon Grey,„denn er darf nicht ſpäter ſagen, daß ich unehrenvoll gegen ihn gehandelt.“ Hierauf erzählte er Alles, was ihm begegnet war, ſo lange er in England geweſen. Er ſagte ihr, wie er ſich ſchon früher um die Aufhebung der Ehe bemüht, die er in ſeinen Knabenjahren faſt unbewußt geſchloſſen, daß — 231— man ſich nicht widerſetzt, ſondern daß die Lady Katha⸗ nina eine ähnliche Petition bei dem Gerichtshofe einge⸗ reicht habe, daß nach einigen Schwierigkeiten alle Hin⸗ derniſſe entfernt worden, und daß man Nichts weiter gefordert, als ſeinen Eid, daß er die Dame nicht geſe⸗ jen, ſeit ſie zehn Jahre alt geweſen, daß, als er nach England gegangen, um die Thatſache zu beweiſen, die Richter zu einem einmüthigen Entſchluß gekommen und daß ſeine Erwartungen und Hoffnungen aufs Höchſte geſteigert geweſen, als ſich plötzlich der König ins Mit⸗ tel gelegt und verboten habe, das Urtheil auszuſprechen. Die Urſachen, die Jakob zu dieſer thranniſchen Hand⸗ lungsweiſe ſollten bewogen haben, konnte er ſo reinen Ohren nicht mittheilen, doch deutete er an, daß ein neuer Günſtling des Monarchen aus eigenen verworfe⸗ nen Abſichten die Veranlaſſung dazu gegeben, und daß er Hoffnung habe, auch dieſes neue und ſchmerzliche Hinderniß werde bald hinweggeräumt werden. Agnes hörte aufmerkſam und in tiefem und trauri⸗ gem Nachdenken zu. Sie that keine Fragen, denn ſie fürchtete dadurch die bittere Täuſchung, die ſie empfand, zu deutlich zu zeigen. Als er aber ausgeredet hatte, er⸗ viderte ſie nach einer kurzen Pauſe, um ſich von ihrer Sälbſteberrſchun zu verſichern: 3 „Ich danke, Algernon, es wird noch beſſer ſein, ihm den Gegenſtand nicht aufzudrängen. Er kann nicht ſagen, daß Ihr ihn getäuſcht habt, da Ihr ihm Alles mitzutheilen gewünſcht und er es abgelehnt, Euch anzu⸗ hören; und ich weiß, daß eine ſolche Nachricht und der Zweifel, den ihm dieſelbe hinſichtlich meines Schickſals und meines Glücks einflößen könnte, ihn ſehr aufregen und bekümmern würde.“ „Es gibt noch ein anderes Mittel, theure Agnes, „und dieſes will ich wählen. Ich will die ſämmtlichen Thatſachen niederſchreiben und ihm das Papier geben. Er mag es dann leſen oder nicht, wie er will; aber ich darf es an Nichts fehlen laſſen, theures Mädchen, wo⸗ bei Ihr betheiligt ſind. Ich will es ſogleich thun und den erſten Augenblick benutzen, ihm die Angabe zu über⸗ reichen.“ Sobald er fort war, gab ſich Agnes den Thränen hin, doch währten ſie nicht lange und ihr Gemüth wurde ſpäter ruhiger. Algernon Grey kehrte raſch in ſein Zim⸗ mer zurück, ſchrieb die Thatſachen einfach und der Wahr⸗ heit gemäß nieder und deutete darauf hin, daß die ein⸗ ſtimmige Entſcheidung der Richter protokollirt, obgleich nicht publicirt ſei, und daher die Verbindung früher oder ſpäter für ungültig erklärt werden müſſe. Dann faltete er das Papier zuſammen, verſiegelte es und eilte zu den Außenwerken, um Herbert aufzuſuchen. Er be⸗ gegnete ihm, ehe er noch Hundert Schritte weit gegan⸗ gen war. Der gute alte Krieger ergriff bieder ſeine Hand und ſagte mit heiterer Miene: „Ich bin dieſen Morgen von Euch weggelaufen, mein guter Freund. Agnes ſagte mir, Ihr wünſchtet mit mir zu reden; aber ich wußte, daß von Liebe die Rede ſei, und während dieſer Belagerung will ich an weiter Nichts denken, als an das Fechten. Ich verlaſſe mich vollkommen auf ſie und Euch, mein edler Freund, und da Ihr nicht verheirathet werden könnt, bis dieſe ganze Sache vorüber iſt, ſo können wir ſpäter davon reden, wenn wir am Leben blriben. Wenn ich ſterbe, müßt Ihr meinen Platz unter einem andern Namen er⸗ ſetzen— iſt es nicht ſo?“ „Ich will es,“ antwortete Algernon ſeine Hand drückend, und Herbert fuhr mit ernſter Stimme fort: „Wenn Ihr fallet, wißt Ihr wohl, daß Agneſens Herz ein verwittwetes werden und es bis ans Grab blei⸗ ben würde. Dies iſt Alles, was für jetzt zu ſagen nö⸗ thig iſt.“ „Obgleich ich Euch den Gegenſtand nicht aufdrän⸗ gen will, da Euch derſelbe zuwider iſt,“ antwortete Al⸗ gernon Grey,„ſo muß ich Euch doch über jeden Punkt Auskunft ertheilen, wenn Ihr ſie wünſcht. Ich habe in dieſem verſiegelten Papier einige Thatſachen niederge⸗ ſchrieben, die Ihr wiſſen müßt. Nehmt es und leſ't es, wenn Ihr dazu geſtimmt ſeid und Zeit dazu habt. Ich mögte nicht, daß Ihr glaubtet, mein tapferer Freund, ich habe nicht in allen Dingen aufrichtig gegen Euch ge⸗ handelt.“ „Das werde ich nie,“ antwortete Herbert den Brief nehmend und ihn lächelnd anſehend.„Ich will ihn ſicher zu mir ſtecken, wo er einen Monat lang ungeſtört blei⸗ ben ſoll, wenn dieſer Baier ſeine Operationen nicht eifri⸗ ger fortſetzt, als er es gegenwärtig thut. Es iſt kein neuer Angriff geſchehen; wir haben die Redoute vollen⸗ det und dort einige Kanonen aufgepflanzt; doch es ſind Fehler in der ganzen Lage des Schloſſes und der Stadt, die er hoffentlich nicht entdecken wird. Horch, es bläſt eine Trompete vor dem Thor— eine Aufforderung ver⸗ muthlich; laßt uns gehen und zuſehen.“ Es war nicht gerade ſo, wie er vermuthete, denn als Tilly's Bote zu Merven und Herbert gelaſſen wur⸗ de, forderte er nicht ausdrücklich die Uebergabe des Ortes. Der Inhalt der Botſchaft war, daß der Baier⸗ ſche General mit dem Gouverneur von Heidelberg an irgend einem Orte, den er beſtimmen möge, zu verhan⸗ deln wünſche, nachdem man zur Zeit einen Waffenſtill⸗ ſtand abgeſchloſſen. Es wurde ihm die beſtimmte Ant⸗ wort ertheilt, daß der Vorſchlag unzuläſſig ſei und jede andere Verhandlung mit Sir Horace Vere, dem Ober⸗ befehlshaber der Pfälziſchen Truppen, geſchehen müſſe. Kaum hatte ſich der Trompeter mit den beiden — 235— BVotſchaftern, von welchen er begleitet war, entfernt, als man eine heftige Kanonade von Nordoſten her ver⸗ nahm; und als Herbert und ſein Begleiter in den Fa⸗ ſanengarten eilten, fanden ſie, daß die neuerrichtete Re⸗ doute im Beſitze des Feindes ſei und daß die Stärke der angreifenden Partei nicht die entfernteſte Vermuthung übrig laſſe, die verlorne Stellung wieder zu erlangen. Dies war das erſte wichtige Ereigniß bei der Belagerung von Heidelberg. Zwölftes Kapitel. Die Kanonen donnerten vom Geisberg und raſch und dicht fielen die Kugeln in die Stadt und das Schloß aber die Entfernung war weit und die Kriegswiſſenſchaff noch nicht zur Vollkommenheit gelangt, ſo daß in meh reren Tagen kein beträchtlicher Schaden angerichtet wurde Aber der Baierſche General rückte näher und näher het an, und faſt ſtündlich kamen Nachrichten in die Stadl daß neue Verſtärkungen im Lager des Feindes angekon men ſeien, daß ein anderer Punkt angegriffen oder en anderes Thor blockirt worden. Doch war ohne eineln heftigen und entſchloſſenen Kampf kein Vortheil zu„n langen. Sobald ein neuer Laufgraben gegraben wat wurde der Feind auch ſchon daraus vertrieben; ſobal eine neue Batterie errichtet war, wurde ein heftiger An griff gemacht und ſie den Feinden wieder entriſſen. Abu immer rückten ſie langſam und mit Feſtigkeit vor. Wem ſie an einem Tage zurückgetrieben wurden, gewannen ſie am folgenden etwas Mehr wieder, als ſie verloren hatten, und indem beſtändig friſche Truppen an den an⸗ gegriffenen Ort eilten, ſetzten ſie den Kampf unaufhör⸗ lich fort, während die Garniſon von Heidelberg von zu geringer Anzahl war, um einen wirkſamen Widerſtand u leiſten, und ſich jeden Abend gänzlich erſchöpft von den Anſtrengungen des Tages zurückzog. Wo der Kampf am heftigſten wüthete, da waren Oberſt Herbert und Algernon Grey; wo das Feuer am Heißeſten und die Gefahr am Drohendſten war, da konnte Vman ſie beſtändig finden. Das Vertrauen der Soldaten uu dieſen beiden Offizieren, beſonders zu dem erſteren, war unbegrenzt, denn er begeiſterte ſie durch ſein Bei⸗ ſpiel und leitete ſie durch ſeine Erfahrung. Obgleich ſie ſahen, daß die Baierſche Armee täglich mehr Fortſchritte 1 machte, ſo bemerkten ſie doch auch, daß der Widerſtand 1 mit ſolcher Kraft geſchah, daß Monate vergehen mußten, the die Stadt konnte eingenommen werden, und die nie⸗ Rmals ſchweigende Stimme der Hoffnung verſicherte ih⸗ 1 nen, daß ſchon früher Hülfe kommen werde. — Am 19. Auguſt wurde bei einem ſchrecklichen Feuer ider Art ein Angriff auf den Trutzkaiſer, eins der vor⸗ ſaäglichſten Feſtungswerke der Stadt, gemacht, und bei⸗ nahe anderthalb Stunden drangen die Abtheilungen der Stuürmenden vor und löſten beſtändig einander ab, aber — 238— alle wurden mit einer Kraft und Entſchloſſenheit em⸗ pfangen und zurückgetrieben, die der Baierſche General nicht von dem Schrecken und der Beſtürzung erwartete, die ſich, wie er wußte, bei ſeiner erſten Annäherung in der Stadt verbreitet hatten. Die Bürger halfen den Soldaten; die Soldaten ermuthigten die Bürger und die Angreifenden wurden nicht nur zurückgeſchlagen, ſon⸗ dern auch bis über die Feſtungswerke hinaus verfolgt und Viele zwiſchen den Mauern und der Baierſchen Hauptarmee erſchlagen. Die Gewohnheit iſt ein munderhares Ding; ſie macht uns vertraut mit Allem, was unſerer Natur am Meiſten widerſtrebt. Anfangs verbreitete der Fall jeder Kanonenkugel in die Straßen der Stadt, die Zerſtörung eines Schornſteins oder eines Strebepfeilers einen Schrek⸗ ken durch den ganzen Ort. Die Einwohner bedeckten die engen Straßen mit großen Leintüchern, um ſich vor den Augen derjenigen zu verbergen, die, wie ſie ſich einbildeten, die Boten des Todes auf jeden richteten, der ſich auf den Straßen der Stadt ſehen ließ. Der Fall des Orts wurde als unvermeidlich betrachtet, und viele Bürger verfluchten in ihren Herzen die Garniſon, deren Widerſtand ſie einer Belagerung preisgab. In⸗ deſſen gab es auch Andere, und dies war in der That der größere Theil derjenigen, die in der Stadt geblieben waren, deren Treue und Anhäͤnglichkeit von feſterer Art — 23³39— war, und der Geiſt, der dieſe belebte, verbreitete ſich auch über die Andern, ſobald ſie ſich erſt an das Brül⸗ len der Kanonen gewöhnt hatten. Von dem Tode eines Bürgers, der von oben erſchoſſen worden, ſprach man nur wie von einem unglücklichen Ereigniß, und der NMann, der einige Tage vorher bei dem Knall einer Ka⸗ none eine halbe Meite weit gelaufen wäre, ſprang jetzt nur ein Wenig auf die Seite, um dem fallenden Mauer⸗ werk auszuweichen, wenn eine Kugel eins von den Ge⸗ bäuden der Stadt in ſeiner Nähe traf. Eine Perſon in dem Orte aber konnte ſich nicht mit den Gefahren der Belagerung ausſöhnen. Perſön⸗ liche Furcht empfand ſie nicht; ſie ging in die Stadt, beſuchte die Verwundeten und Kranken in den Hoſpitä⸗ lern, ging auf den Straßen hin, die am Meiſten dem Feuer des Feindes ausgeſetzt waren; ſie tröſtete und un⸗ terſtützte die Furchtſamen; ſie ermuthigte die Entſchloſſe⸗ nen und Starken; ſie ſprach von Widerſtand bis zum Tode und von Treue, die nur im Grabe ende. Ueber⸗ all, wohin ſie kam, war ihre Gegenwart für den ent⸗ ſchloſſenen Mann, wie für das furchtſame Weib, die ei⸗ nes ſtärkenden Engels, und die Leute ſagten: „Wer hätte gedacht, daß das ſchöne Fräulein Agnes, 0 ſanft und zart, ſolchen Muth und ſolche Entſchloſſen⸗ heit zeigen werde?“ Aber in der Einſamkeit ihres Zimmers ſank Agne⸗ — 240— ſens! Herz bei dem Donner der Kanonen, als ſie an die Theuren dachte, die der ſtündlichen Gefahr ausgeſetzt waren, und wenn eine Gruppe von Männern einen ver⸗ wundeten oder ſterbenden Kameraden aus der Gegend hinwegtrugen, wo ihr Vater oder ihr Geliebter beſchäf⸗ tigt war, da bemächtigte ſich ihrer ein Gefühl der Muth⸗ loſigkeit, und oft eilte ſie mit ſchwankenden Schritten hinzu, um das Geſicht des Sterbenden zu ſehen. Dann warf ſie ſich ihre Schwäche vor und beſchloß künftig den Unglückstag nicht herbeizurufen, ſondern ſich vorzu⸗ bereiten, die ermüdeten Freunde bei ihrer Rückkehr aus dem Kampfe und von der Wache mit heiterm Lä⸗ cheln zu empfangen. Sie bedurften Alles, was man thun konnte, um ihren Muth aufrecht zu erhalten, denn ungeachtet der Entſchloſſenheit der Bürger, die Niemand erwartet hatte, und ungeachtet jeder Anſtrengung der Garniſon rückte der Feind doch täglich und ſtündlich näher. Für Her⸗ bert war es eine bittere Täuſchung und ein ſchwerer Kummer, denn mit der Erfahrung langer Jahre des Krieges rechnend, hielt er ſich zu Anfang der Belage⸗ rung überzeugt, daß die Truppen des Baierſchen Gene⸗ rals der Aufgabe nicht gewachſen ſeien und daß Heidel⸗ berg ſich Monate lang halten könne, wenn es vertheidigt werde, wie er zu thun beſchloſſen. Aber zwei oder drei Tage nach dem Beginn der Belagerung erſchienen friſche — 241— Truppen an Stellen, wo man ſie nicht erwartet; eine größere Anzahl ſchwerer Geſchütze, als am vierzehnten Auguſt im kaiſerlichen Lager geweſen war, eröffnete am neunzehnten ein Feuer auf die Stadt und das Schloß, und das Gerücht verbreitete ſich, daß der General der feindlichen Armee durch zehn Tauſend Mann von den Truppen des Erzherzogs verſtärkt worden. Der Engli⸗ ſche Offizier wurde mißmuthig und troſtlos, und ob⸗ gleich er in der Stunde der Gefahr und des Kampfes voll Feuer und Thätigkeit war und die Soldaten ſchon durch ſeinen Blick mit Muth und Entſchloſſenheit er⸗ füllte, ſo verſank er doch, wenn er in ſeine Wohnung im Schloſſe zurückkehrte, oft in ein langes Schweigen, ſah mit düſterem Blicke auf den Boden, überdachte ei⸗ nen Plan zur Vertheidigung und ſchüttelte traurig den Kopf. Die Operationen der Belagerung waren anfangs auf das linke Neckarufer beſchränkt und der Verkehr zwiſchen der Stadt und dem Lande am rechten Ufer, bermöge der bedeckten Brücke, ungehindert, außer von Zeit zu Zeit von Reiterabtheilungen, welche die Land⸗ leute ausplünderten. Die Verproviantirung der Stadt wurde durch die Bemühungen des Baron von Obern⸗ traut und ſeiner kleinen Schaar ſehr erleichtert, und ſchon ſenn bloßer Name war bei den kaiſerlichen Truppen ſo gefürchtet, daß die feindliche Cavalerie ſich haſtig zurück⸗ Heidelberg. Dritter Band. 16 — 242— zog, ſobald man von ſeiner Annäherung hörte. Oſt überfiel er ſie unvermuthet wie ein Ungewitter; und faſt täglich kamen Nachrichten, daß Oberntraut dieſes Regi⸗ ment von Croaten oder jene Abtheilung von Koſaken überwunden und in Schrecken und Verwirrung über den Fluß zurückgetrieben habe. Er ſelber aber erſchien nie innerhalb der Mauern, außer an einem Abend im Monat September. Von den Batterien oberhalb des Faſa⸗ nengartens wurde den größten Theil des Tages ein ſchreckliches Feuer auf die Feſtungswerke der Stadt und des Schloſſes unterhalten. Auch die Elemente ſchienen für den Feind mitzukämpfen. Eins der ſchrecklicſſten Gewitter ſuchte das Neckarthal heim, welches ſo e an Gewittern iſt. Blitze und Hagel erfüllten die Luft. Der Donner übertönte faſt die Kanonade, um vier Uhr ſtieg der Wind, der ſchon ſeit einiger Zeit zugenommen, zu einem Orkan. Schornſteine ſtürzten ein, Häuſer wur⸗ den abgedeckt, Männer und Frauen von den herabfallen⸗ den Steinen in den Straßen getödtet, und während des Schreckens und der Verwirrung, die dieſes furchtbare Phänomen erregte, befahl der Baierſche Commandeur einen allgemeinen Angriff auf die Feſtungswerke der Stadt und des Schloſſes zu machen. Merven ſtellte ſich mit zwei Drittheilen der Garniſon und einer großen Ab⸗ theilung bewaffneter Bürger von dem damaligen Thurm⸗ thore bis zu einer Stelle auf, wo die Mauern der Stadt ſich mit denen des Schloſſes vereinten, um die Stadt zu vertheidigen. Herbert und Algernon Grey unternah⸗ men es mit den Holländiſchen Truppen und den Eng⸗ liſchen Freiwilligen, nebſt zwei Hundert Pfälziſchen In⸗ fanteriſten, den Feind zu verhindern, das Schloß zu ſtürmen. Die Kanonade von beiden Seiten war ſchrecklich, als die Kaiſerlichen Truppen mit Sicherheit anſtürmten, und von der Höhe des runden Thurmes an dem Winkel der großen Caſematte beobachtete Oberſt Herbert ihr Anrücken, indem er ängſtlich berechnete, auf welchen Punkt ſie ihre Anſtrengungen richten würden, während mehrere ſubalterne Offiziere neben ihm ſtanden, um Al⸗ gernon Grey und Andern, welche die Truppen in den Außenwerken commandirten, ſeine Befehle zu überbrin⸗ gen. Plötzlich, als er daſtand und hinausſah, bemerkte er, daß das Feuer von mehreren der größten Kanonen des Feindes auf den untern Theil der Stadt und, wie es ihm ſchien, auf die Brücke gerichtet waren; aber von der Stelle, wo er ſtand, konnte er nicht ſehen, was in jenem Theile der Stadt vorging. Nach augenblicklichem Bedenken deutete er mit der Hand auf die Außenwerke, die den Faſanengarten durchkreuzten, und auf die kleine Batterie auf der Erhöhung im Winkel, welche den Lauf⸗ graben bis zu der verlornen Redoute beſtrich. „Dort wird der hauptſächlichſte Angriff Statt fin⸗ 16*½ — 244— den,“ ſagte er zu den Offizieren in ſeiner Nähe.„Eilt zu den Truppen in der Nähe des Badehauſes, Worm⸗ ſer, und befehlt ihnen, funfzig Mann abzuſchicken, um die Batterie zu verſtärken. Ich muß fort, um zu ſehen, was dort unten vorgeht, aber ich will in wenigen Mi⸗ nuten im Faſanengarten zu ihnen kommen.“ „Ihr werdet es am Beſten von dem Blockhauſe ſe⸗ hen, wo die Engliſchen Freiwilligen aufgeſtellt ſind,“ ſagte Einer von den Offizieren, der das Feuer beobach⸗ tet hatte, welches auf den untern Theil der Stadt ge⸗ richtet war,„ich wette, der Graf kann Euch ſagen, was dort vorgeht.“ Herbert antwortete nicht, ſondern eilte ſo ſchnell er konnte zum Fluſſe, da er ſah, daß noch zwei Kano⸗ nen auf die Stadt gerichtet wurden. Als er durch die große Caſematte und von dort durch den Garten eilte, fielen die Kugeln von den kleinen Geſchützen der Baier⸗ ſchen Batterie dicht um ihn her. In dem Augenblick krachte einer von den ſchönen und ſeltenen Bäumen, die man mit ungeheuren Koſten aus allen Welttheilen her⸗ beigeholt hatte, unter einem Schuſſe oder fiel zerſpalten nieder und beſtreute den Boden mit Früchten und Blü⸗ then, wie ſie in Europa ſelten geſehen werden. Das Verbrechen und die Thorheit des unnöthigen Krieges wird vielleicht am Stärkſten empfunden, wenn man die zerſtörenden Wirkungen deſſelben unter den ſchönen und lieblichen Gegenſtänden ſieht, welche die friedlichen Künſte geſammelt oder hervorgebracht haben. Aber Herbert's Gedanken und Gefühle waren in dem Augenblick allein die des Kriegers: der gedankenvolle und ſinnende Mann, der er in ruhigeren Tagen geweſen, war verſchwunden und der Löwe in ihm erweckt. Die Bäume, an deren Schatten und Ausſehen er ſich erfreut hatte, verfluchte er jetzt, weil ſie einigermaßen das Anrücken des Feindes deckten, und er hätte gern befohlen, alle abzuhauen. Indem er ſich um die Ecke des Faſanengartens bog, erreichte er bald das Blockhaus, wo Algernon Grey mit ſeiner Abtheilung von Engländern, von einer Compagnie Holländiſcher Infanterie unterſtützt, aufgeſtellt worden war, ſobald man die Vorbereitungen zum Angriff be⸗ merkt hatte. Als er den Fuß des Walles erreichte, kam ihm der junge Graf entgegen und fragte: „Habt Ihr meinen Boten geſprochen?“ „Nein,“ antwortete Herbert raſch.„Welche Nach⸗ richten habt Ihr von dort unten?— Sie ſcheinen auf die Brücke zu feuern.“ „‚Der Wind hat das Dach abgeriſſen,“ ſagte Alger⸗ non Grey,„und es iſt ein heftiges Feuern in der Nähe des Thores auf der andern Seite. Man kann wegen des Rauches und des Thurmes nicht wohl ſehen, was dort vorgeht; aber es ſcheinen friſche Truppen von Neun⸗ heim und den Ebenen herzukommen.“ — 246— Herbert biß die Zähne zuſammen, aber antwortete nicht; ſtieg auf das Blockhaus, ſah ſich um und hielt ſich an einer eiſernen Stütze feſt, denn bei der Gewalt des Orkans war es unmöglich zu ſtehen. Nach augenblick⸗ lichem Nachdenken wendete er ſich zu ſeinem jungen Landsmann und ſagte mit leiſer Stimme: „Es iſt Niemand dort, dem wir trauen können. Der Kerl dort iſt ein Feigling und hat jenen Poſten verloren, weil er ihn vor jedem Angriff ſicher hielt. Ihr könnt hier entbehrt werden, Algernon. Nehmt zwanzig Mann mit und eilt dort hinunter. Uebernehmt ſogleich das Commando; wenn er ſich widerſetzt, ſo ſchießt ihm eine Kugel durch den Kopf, und auf jeden Fall haltet das Thor. Wenn wir die Brücke verlieren, werden ſie nicht lange außer der Stadt bleiben.“ Ohne ein Wort zu ſagen, gehorchte der junge Ca⸗ valier, eilte auf den kürzeſten Wegen hinunter, und ging durch die verlaſſenen Straßen der Stadt, wo kein menſch⸗ liches Weſen zu ſehen war, als ein verwundeter Soldat, der langſam von den Mauern zurückkroch, und ein Of⸗ fizier, der noch ſchwerer verwundet war und von drei oder vier Krankenwärtern des Hoſpitals in den Armen fortgetragen wurde. Bald erreichte er die Heidelberger Seite der Brücke, wo er die Thore offen und den Thor⸗ weg unter dem Thurme mit Soldaten angefüllt fand. Von der andern Seite des Neckar wurde auf die Brücke und den Thurm am andern Ende von einer beträcht⸗ lichen Abtheilung Baieriſcher Infanterie nebſt zwei klei⸗ nen Kanonen ein ſchreckliches Feuer unterhalten, und von Zeit zu Zeit fuhren die Kugeln von der Batterie auf dem Geisberg über die Brücke weg und fielen in den Fluß, ohne viel Schaden anzurichten, außer an einem der nächſten Brückenpfeiler und den Häuſern in der un⸗ tern Stadt, denn wie es ſchien, waren die Baiieriſchen Officiere durch die Stellung ihrer eigenen Leute am rech⸗ ten Ufer ein wenig beengt. „Macht Platz,“ rief Algernon Grey,„und in des Himmels Namen, ſtellt einige Ordnung her! Hier, Lanz⸗ priſade, ſtellt Eure Leute hinter den Thoren auf und haltet Euch bereit, ſie zu ſchließen und zu vertheidigen wenn es nöthig iſt. Wo iſt Euer Officier?“ „Gott weiß es,“ rief der Mann lachend;„wir ‚ha⸗ ben ihn ſeit einer Stunde nicht geſehen, und Waſſerſtein und die Uebrigen fechten ſo gut ſie können ohne Com⸗ mando!“ „Nun, ſo will ich ſie commandiren,“ antwortete Algernon Grey, rückte an der Spitze ſeiner Leute vor, über die Brücke, und näherte ſich dem entgegengeſetzten Thore. Gerade in der Mitte der Brücke fuhr eine Ku⸗ gel durchs Fenſter, ſtreifte ſeinen Harniſch und verwun⸗ dete einen Mann, der hinter ihm ging. Der junge Graf eilte weiter, drängte ſich durch die Leute, die das Thor — 248— umringten, und ſtieg die ſteinernen Treppen zu dem Thurme hinauf, der mit tapfern Leuten beſetzt war, die aus jedem Fenſter und aus jeder Oeffnung das Feuer des Feindes erwiderten. Ein Mann beſonders, ein kräf⸗ tiger Deutſcher, der den Rang eines Sergeanten beklei⸗ dete, ſtand mit ſeinem ganzen Körper vor der größten Oeffnung, während zwei junge Burſchen hinter ihm die Büchſen wieder luden, womit er die vorzüglichſten An⸗ greifenden niederſchoß, ohne auf die Schüſſe zu achten, die zuweilen dicht neben ihm durch das Fenſter fuhren, zuweilen das Mauerwerk trafen oder in dem Holze und zwiſchen den Ziegeln des kegelförmigen Daches ſtecken blieben. „Ihr ſeid Waſſerſtein,“ ſagte Algernon Grey, ſeine Hand auf des Mannes Schulter legend.„Ich erkenne Euch an Eurer Tapferkeit— laßt mich einen Augen⸗ blick hinausſchauen, ich will ſehen, was vorgeht.“ „Noch einen Schuß, Herr, auf jenen Mann mit dem grünen Federbuſch,“ verſetzte der Soldat, der ihn ſogleich erkannte.„Wir müſſen uns ſo gut halten, wie wir können; aber ich denke, ſie bringen neue Kanonen heran, wenigſtens ſehe ich dort Pferde in raſchem Schritte herankommen.“ Während er noch ſprach, zielte er ruhig und ſicher. Im nächſten Augenblick ging die Büchſe los und ein Baieriſcher Officier fiel. 8 — 249— „So, jetzt iſt’s gut,“ ſagte Waſſerſtein.„Nun, Herr — aber bleibt nicht lange.“ Algernon Grey näherte ſich der Oeffnung und ſah hinaus. Im nächſten Augenblick ſtreifle eine Kugel ſein Geſicht, zerſchmetterte einen Theil ſeiner Stahlhaube und glitt dann ab; doch er wich keinen Zoll zurück, und er konnte hören, wie der Mann hinter ihm murmelte: „Ah, das laß ich gelten!“ „Gute Nachrichten, mein Freund,“ ſagte Algernon Grey,„dort fällt ihnen Oberntraut in den Rücken. Ich kenne ſein Fähnchen. Ich muß ihm entgegengehen. Geht Ihr lieber hinunter und commandirt an der Zugbrücke, wenn ſie niedergelaſſen wird, um mich hinauszu⸗ laſſen.“ „Ich mögte lieber mit Euch gehen,“ ſagte der Mann. „Es iſt außer Euch Niemand da, auf den ich mich verlaſſen kann,“ ſagte Algernon Grey, indem er ſeinen Arm faßte.„Ihr müßt dableiben, um mich im Noth⸗ fall zu unterſtützen.“ „Gut, gut, ich will es thun,“ antwortete Waſſer⸗ ſtein.„Feuert nur immer, meine Leute! Laßt ihnen kei⸗ nen Augenblick Ruhe; der junge Engländer geht hinaus, um ihnen die Kehlen abzuſchneiden.“ Algernon Grey ſtieg zum Thor hinunter, redete ſeine Leute mit wenigen Worten an und ſtellte ſie in ſo breiter Fronte auf, als der Raum es geſtattete, und 2* — 250— nachdem er einen oder zwei Augenblicke mit Vorbereitun⸗ gen zugebracht hatte, um den Feind unverſehens zu über⸗ fallen, wurden die Thore geöffnet und die Zugbrücke im Augenblick aufgezogen. Schulter an Schulter gedrängt und ihre Piken kürzer anfaſſend, eilte der Engliſche Trupp ihren jungen Anführer an ihrer Spitze hinüber, wäl⸗ rend aus jeder Oeffnung des Thurmes auf den Feind gefeuert wurde. Eine Anzahl Baieriſcher Soldaten mit langen Planken, um eine Brücke aufzuſchlagen, ſtand ihnen gerade im Wege, als ſie aber eine beträchtliche Abtheilung der Garniſon zum Angriff eilen ſahen, ſo ließen ſie das Holz fallen und eilten in ihre Reihen zu⸗ rück und brachten die erſte Linie in Verwirrung. Der enge Weg geſtattete keiner Partei eine breite Fronte, und un⸗ geſtüm von den Engliſchen Pikenmännern angegriffen, wich die erſte Linie der Baiern und drängte die zweite zurück. Eine Anzahl fiel, und Einige, die auf der linken Seite ſtan⸗ den, ſprangen in den Neckar hinunter. Eine Hand voll Leute hatte einen paniſchen Schrecken unter eine Ab⸗ theilung von mehreren Hundert Mann verbreitet, als man jenſeits der Wendung des Weges einen Reitertrupp herangaloppiren hörte und ein lauter Commandoruf aus dem Hintergrunde ertönte. Ein junger Officier von der Baieriſchen Infanterie machte eine heftige Anſtrengung, ſeine fliehenden Soldaten zu ſammeln, doch es war vergebens, und Algernon Grehy rief, ſein Schwert in der Luft ſchwingend: d V 1„Vorwärts, vorwärts, meine tapfern Herzen! Dberntraut fällt ihnen in den Rücken. Nehmt jene Ka⸗ one. Wir müſſen wenigſtens ein Siegeszeichen haben.“ Die Leute antworteten mit einem heitern Zuruf, und im nächſten Augenblick war die Kanone in ihren Händen. Die Baieriſchen Truppen flohen in großer Un⸗ ordnung die Anhöhen binauf, unter die Felſen und Obſtgärten, bis zur Mitte des Leibes im Waſſer den Fluß hinunter, und im nächſten Augenblick konnte der junge Graf ſehen, wie die Pfälziſchen Reiter unter ſie ſſüürzten, ſie verfolgten, wo der Boden es geſtattete, und ſie ohne Gnade niedermetzelten. Es war eine wilde und ſchreckliche Scene, und in ihrer Mitte ſah man Obern⸗ raut ſelber ohne Rüſtung, ſondern nur mit einem Feder⸗ hute, einem Waffenrock von ungegerbtem Leder und dicken Handſchuhen und Reiterſtiefeln bekleidet. „Oberntraut! Oberntraut!“ rief Algernon Grey, als er in die Nähe kam, aber Oberntraut achtete nicht auf ihn, ſondern theilte hie und da einen Schlag mit ſinem Schwerte aus und ritt auf die Brücke zu. Doch war es klar, daß er die Engliſche Abtheilung mußte er⸗ unnt haben, denn ſie hatten eine Böhmiſche Fahne bei ſich, trugen die pfälziſchen Schärpen, und es wurde kein Schlag auf ſie geführt, obgleich der Weg ſo eng war, daß der junge Graf ſich genöthigt ſah, ſeine Leute hal⸗ im zu laſſen, und ihnen eine verſchiedene Stellung um ———æ————— ⏑ — die erbeutete Kanone zu geben, um die Cavalerie vonſ über zu laſſen. „Er iſt erhitzt und ungeduldig vom Gefecht,“ dacht Algernon Grey. Und ohne weitere Bemerkung befallt er ſeinen Leuten, die Kanone und die bei derſelben befin lichen Vorräthe von Munition in die Stadt zu bringens und kehrte zur Brücke zurück, da er wußte, daß jedaß Mann, der anderswo konnte entbehrt werden, auf der Feſtungswerken nothwendig ſei. Die Zugbrücke war jetz wieder niedergelaſſen, und die Thore offen, und inden er die Kanone in Waſſerſteins Händen ließ, eilte dar junge Engländer mit ſeinen Leuten auf das Blockhaus zu, wo er zuerſt aufgeſtellt geweſen, da er ein ſchrechf liches Feuer zur Rechten des Faſanengartens bemerkt und unter einem erſt kürzlich errichteten Feſtungswerk noch weiter rechts einen dichten Rauch aufſteigen ſah. Als a ſich näherte, zeigte ihm die verhältnißmäßige Stille in da Nähe des Blockhauſes und in dem Park auf dem Frie ſenberg, daß der Angriff in der Nähe des neuen Feſtungs werkes gemacht worden, und indem er rechts über die ſchmalen und gewundenen Wege und die halbvollendeten Terraſſen des Salomon de Caus ging, ſah er ſich bald am Eingange des Faſanengartens und hatte das Außen werk vor ſich, welches beſonders angegriffen wurde Das Feuer ſchien etwas nachgelaſſen zu haben, aber die Pfälziſchen Truppen waren noch innerhalb des eings auſchloſſenen Raumes aufgeſtellt, und eine Gruppe von dfficieren ſtand im Mittelpunkte der Plattform, unter uwelchen Algernon Grey Herbert und zu ſeinem Erſtau⸗ lgen auch Oberntraut erblickte. Herbert's Geſicht war dzon den Baieriſchen Batterien weggewendet und ſeine enStellung machte, daß der junge Engländer zu ſich ſelber aſggte: „Der Feind iſt zurückgeſchlagen.“ Im nächſten Augenblick ſah er, wie Oberntraut mit Wärme Oberſt Herbert's Hand drückte und dann die eStufen hexunterſtieg. Der junge Baron näherte ſich mit 1 nſterer Stirn und niedergeſchlagenen Augen, wie in tie⸗ him Nachdenken, indem er kaum die herankommende Ab⸗ i teilung mit dem Grafen an ihrer Spitze bemerkte. Al⸗ Gzernon hielt ihn aber auf, faßte ſeine Hand und ſagte: „Was iſt geſchehen, mein Freund?“ Oberntraut vſah ihm ernſt ins Geſich, erwiderte w ann plötzlich ſeinen Druck und ſagte: ³„Vieles, was ich nicht begreife; aber ich bin gewiß, iaß Ihr redlich ſeid— ja, ich bin deſſen gewiß, und ich injabe es auch geſagt.“ d Ohne eine Antwort abzuwarten, wendete ſich Obern⸗ mtaut um, ging den Hügel hinunter und murmelte bei döſch ſelber: „„Dies iſt ſehr ſeltſam.“ „ Sierauf ging der junge Graf weiter und ſtieg die — 254— Stufen zu dem Feſtungswerk hinauf. Dort ſah er der Feind in voller Flucht, wie er eine Anzahl von Todten und Verwundeten mit ſich nahm. Herbert war jetzt an der äußern Seite des Feſtungswerks, doch obgleich er den jungen Engländer bereits mußte geſehen haben, ſo wendete er ſich doch nicht zu ihm um, und als Algernor mit ihm ſprach, war ſeine Antwort zurückhaltend im kalt, obgleich nicht unhöflich. „Der Angriff iſt zurückgeſchlagen, Mylord,“ ſagt er,„und wird dieſen Abend nicht erneuert werden. Dem⸗ noch wird es gut ſein, ſich bereit zu halten, und daher will ich Euch bitten, in meiner Abweſenheit hier das Commando zu übernehmen, während ich auf eine Zeir⸗ lang in das Schloß zurückkehre, wohin ich in Geſchaͤß ten gerufen werde.“ Algernon Grey fühlte ſich gekränkt und überraſcht doch war dies kein Augenblick und keine Scene, wo e eine Erklärung fordern konnte, und indem er Richtz weiter ſagte, als:„Sehr gut, ich will es thun,“ bo obachtete er noch ein Mal die ſich zurückziehenden Trup⸗ pen des Feindes. Inzwiſchen ſtieg Herbert in den Faſanengarten hin⸗ unter, beſchleunigte ſeinen Schritt und ging auf 14 geradeſten Wege in ſeine eigene Wohnung. Als er die Thüre öffnete, fand er Agnes, die Rückkehr erwartete, und ihr Geſicht verklärte ſich vo — 2952— Freude, ſobald ſie ihn erblickte; aber im nächſten Au⸗ genblick verbreitete ſich eine Wolke über ihr Geſicht, als m ſie ihn allein zurückkehren ſah, was in der letzten Zeit r ſelten geſchehen war. 3„O, mein theurer Vater,“ rief ſie;„ich bin froh, „ Euch unverletzt wiederzuſehen. Dies iſt ein ſchrecklicher Tag geweſen— Aber wo iſt Algernon? Iſt er verwun⸗ det?“ fügte ſie ganz leiſe hinzu. 1„Nein, mein Kind,“ antwortete Herbert ernſthaft;„er iſt wohl und unverletzt und hat tapfer ſeine Pflicht gethan.“ ) 1 1 3 getha 1 Hierauf ſchob er ſie auf die Seite, ging auf einen kleinen Schrank in dem runden Zimmer zu, ſchloß ihn „auf und nahm einen verſiegelten Brief heraus, den er 3 ſogleich erbrach und zu leſen begann. Agnes bemerkte, daß ſeine Hand zitterte, was ſie noch nie vorher geſe⸗ tben hatte. Als er das Papier zu Ende geleſen, ſetzte aMer ſich nieder und ſtützte ſeinen Kopf nachdenkend auf die Hand. 3„Liebe Agnes,“ ſagte er endlich,„dieſer Ort iſt „ nicht paſſend für Dich. Die Gefahren ſind zu groß, die Scenen ſind zu ſchrecklich. Ich muß Dich zu Louiſe „ Juliana ſenden, bis die Belagerung vorüber iſt.“ m„O nein, nein,“ rief Agnes;„ich kann und will Euch nicht verlaſſen.“ 1„Still!“ ſagte Herbert,„Du mußt gehen, Deine Gegenwart entnervt mich. Ich will morgen in aller — 2564— Frühe einen Boten an die Kurfürſtin ſchicken und fra⸗ gen laſſen, ob Du ſicher bei ihr ſein kannſt. Er wird in zwei Tagen zurück ſein, und dann mußt Du gehen, Dein Aufenthalt hier bei all den Gefahren, welchen Du ausgeſetzt biſt, würde mich wahnſinnig machen.“ Agnes beugte ihren Kopf nieder und weinte, aber Herbert's Entſchluß kam zu ſpät. Vor dem folgenden Abend paſſirte eine große Aotheilung kaiſerlicher Infan⸗ terie nebſt mehreren Kanonen über die Brücke bei Laden⸗ burg und wurde auf der entgegengeſetzten Seite in der Nähe der Brücke aufgeſtellt. So war die Stadt völlig eingeſchloſſen, und obgleich nicht gänzlich von allem Ver⸗ kehr mit dem Lande abgeſchnitten, waren doch die Hin⸗ derniſſe und Gefahren ſo groß, daß Herbert ſeine Toch⸗ ter nicht freiwillig denſelben ausſetzen wollte. Dreizehntes Kapitel. An einem Abend gegen Ende des Sommers, als die Blätter noch grün und der Himmel voll Sonnen⸗ ſchein war, obgleich die Tage ſchon um eine Stunde ab⸗ genommen hatten und Dunkelheit und Winter langſam in der Ferne heranrückten, zeigte ein kleines aber zierli⸗ ches Zimmer, reichlich verſehen mit Allem, was der Geſchmack jener Tage zu gewähren vermogte, mit vortrefflichem Schnitzwerk von altem Eichenholz, mit ſchönen Gemälden, ſammtnen Vorhängen, ja mit ſelte⸗ nen und ſchönen Blumen und Geſträuchen, Vorbereitun⸗ gen zu einem Abendeſſen, wobei nur zwei Perſonen er⸗ wartet wurden. Der Tiſch war mit großem Geſchmack angeordnet; reiche Früchte in ſilbernen Gefäßen bildeten in der Mitte eine Pyramide und zwei oder drei Schüſ⸗ ſeln von der ſchönſten Arbeit zeigten verſchiedene Confi⸗ türen, die mit zierlichen kleinen Blumen beſtreut waren. Heidelberg. Dritter Band. 17 Zur Rechten des Haupttiſches ſtand in geringer Entfer⸗ nung ein Schenktiſch von geſchnitztem Eichenholz, mit carmoiſinrothem Sammet bedeckt, der nur ein wenig unter einem damaſtenen Tiſchtuche zu ſehen war und worauf einige große ſilberne Kannen von ſchöner Form, zwei goldene Becher und mehrere hohe, unten vergoldete Gläſer aufgeſtellt waren. Die Fenſter des Zimmers wa⸗ ren offen, aber von Bäumen und blühenden Geſträu⸗ chen bedeckt, und es verbreitete ſich ein ſanftes grünes Licht durch das Innere, als die Strahlen der unterge⸗ henden Sonne durch den Schleier von Blättern ſich er⸗ goſſen. Das Licht nahm eine purpurrothe Farbe an und zeigte, daß die Sonne den Rand des Horizonts berührt habe, als eine Dame durch die Thüre vom Garten her in einer prächtigen Abendkleidung eintrat, die etwas mehr von ihrer ſchönen Perſon zeigte, als es nach den Sitten des Engliſchen Volks für anſtändig galt. Wir ſehen dieſelbe Mode der Kleidung auf den Bildern von Rubens, beſonders ſolchen, wo er den Franzöſiſchen Hof in jener Zeit darſtellt. Aber das Koſtüm war in Grof⸗ britannien noch nicht allgemein geworden, und nach Eng⸗ liſchem Geſchmack hätte das Kleid höher und der flügel⸗ artige Kragen enger anſchließend ſein müſſen. Die Dame machte die Thüre zu und verſchloß ſie, ſah ſich lebhaft um, näherte ſich der andern Thüre und that daſſelbe. Dann nahm ſie ein kleines Fläſchchen aus ihrem ſchönen Buſen, einen Teller vom Tiſche und ſchüt⸗ tete ein weißes Pulver aus dem kleinen Fläſchchen auf die Mitte des Tellers. In der Rähe ſtand ein kleines ſilbernes Gefäß mit geſtoßenem Zucker angefüllt; ſie nahm ein wenig mit einem kleinen Löffel davon, miſchte dann den Zucker mit dem weißem Pulver auf dem Tel⸗ ler und beſtreute das Confect mit der Miſchung. Als ſie dies gethan hatte, ſah ſie ſich wieder um, blickte durch beide Fenſter hinaus, ſteckte das Fläſchchen wieder in ihren Buſen, ſchloß beide Thüren wieder auf und ging hinaus. Das Zimmer blieb etwa eine halbe Stunde leer, die Dämmerung folgte auf den hellen Tag und die Nacht auf die Dämmerung, aber es trat keine ſchwere Dunkel⸗ heit ein, ſondern ein ſanfter, durchſichtiger Schatten mit dem Sternenlicht und dem aufgehenden Mond. Die Fen⸗ ſter blieben offen; die ſanfte Luft ſeufzte durch die Zweige und ein einſamer Vogel ſang ſein Lied unter den Zweigen. Plötzlich hörte man raſche Hufſchläge in der Rähe, eine Anzahl Reiter hielten im Hofe an und ſprachen dann in heitern Tönen im Hauſe. Zwei Diener traten in das eben beſchriebene Zimmer und zündeten die Ker⸗ zen und Wandleuchter an. Einen Augenblick ſpäter folgte ein Mann mit weißer Mütze und weißer Schürze, über⸗ ſah den ganzen Tiſch, ordnete die Blumen etwas anders⸗ . 17* * — 260— ſchien aber nicht zu bemerken, daß man etwas mit ſeinen Confitüren vorgenommen. „Zum Henker, es kommen noch mehrere von ihnen,“ rief er den andern beiden Dienern zu, als man wieder Hufſchläge von Pferden hörte.„Ich wollte, ſie hielten ihre hungrigen Kehlen fern. Lauf hinaus, Cloyd, und ſieh zu, wer dieſe neuen Gäſte ſind.“ Das Zimmer blieb wieder einige Minuten leer und dann wurde die Thuüre von einem der Diener geöffnet. Die Dame trat ein und lehnte ſich etwas ſchmachtend auf den Arm eines großen, ſchönen, jungen Mannes, der glänzend gekleidet war, dem aber dennoch jene Miene hoher Geburt und vornehmer Sitten fehlte, die an ſei⸗ ner ſchönen Begleiterin ſehr ſichtbar wurde. Eine leichte Bläſſe verbreitete ſich über das Geſicht der Dame, als ſie die Schwelle überſchritt, und die dunklen Wimpern ſenkten ſich über ihre großen ſchwarzen Augen. Der Blick des Herrn war in dem Augenblick auf ſie gerichtet und ſeine Stirn zog ſich ein wenig zu⸗ ſammenz ſein Geſicht nahm einen bittern und bedeutungs⸗ vollen Ausdruck an. Er ſagte aber Nichts, und die Dame, die ſich im Augenblick wieder faßte, wendete ih⸗ ren Kopf um und ſagte zu dem Diener, der hinter ihr ging: „Laß die Leute warten— ſage dem Pagen, ich werde nach dem Abendeſſen mit ihm ſprechen und den Brief ſeines Herrn in Empfang nehmen.“ — 261— „Wer ſind dieſe Leute?“ fragte der Herr, ſich mit ihr dem Tiſche nähernd. „Der Page des Grafen von Hillingdon, mein gu⸗ ter Lord,“ verſetzte ſie mit ſarkaſtiſchem Lächeln, indem ſie ſich auf den nächſten Stuhl ſetzte.„Sein Page und ein Diener, die einen Brief von jenem edlen Herrn an mich arme Verlaſſene bringen.“ „Nun, nicht ſo ſehr verlaſſen, da mein Herz und das ſo vieler Andern zu Euren Füßen liegen.“ „Still,“ ſagte ſie heftig, aber in leiſem Tone, „Nichts dergleichen in Gegenwart der Diener.“ Während ſie ſprach, wurde eine Schüſſel hereinge⸗ bracht und zuerſt ihrem Gaſte gereicht: doch er war an dem Abend außerordentlich höflich und befahl ihr dieſelbe zu bringen. Sie nahm ſogleich Etwas davon und aß, ohne ſeine Aufmerkſamkeit zu beachten, ſagte aber laut, während er ſich nahm: „Ich bin nur eine ſchlechte Wirthin, mein guter Lord, und es thut mir leid, daß mein edler Oheim nicht da iſt, um Euch beſſer zu bewirthen; aber ich ſagte dem Koch, er ſolle ſein Möglichſtes thun, ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen.“ „O, dies iſt vortrefflich,“ verſetzte der Cavalier, „und wird mich für meine ſchlechte Bewirthung entſchã⸗ digen, die ich geſtern in Hertford fand, wo Alles ſo 8 bitter war, daß es mir vorkam, als ſei ich vergiftet. Ich habe den Geſchmack noch im Munde.“ „Nun, ſo müſſen wir ihn mit beſſern Dingen ver⸗ treiben,“ ſagte die Dame.„Ich wollte mir das Ver⸗ gnügen nicht verſagen, Euch zu empfangen, als Ihr Euch anmeldetet, obgleich mein Oheim abweſend war, und ich muß Euch durch gute Bewirthung für die Täu⸗ ſchung entſchädigen, daß Ihr ihn nicht gefunden— Wollt Ihr keinen Wein trinken?“ „Laßt uns aus demſelben Becher trinken,“ ſagte der Herr ungeachtet ihrer Warnung mit ſanftem und leiden⸗ ſchaftlichem Blicke,„der Wein wird mir nur ſüß ſchmecken, wenn Eure Lippen auch davon nippen.“ Die Augen der Dame funkelten plötlich und ihre Stirn wurde düſter, doch antwortete ſie, indem ſie ihren ſtolzen Kopf drehte: „Ich trinke nach Niemandem, Mylord. Wenn Ihr nach mir trinken wollt, ſo mögt Ihr es thun.— Gib mir Wein.“ „O, in Eurem Becher wird der Wein für mich zu Nectar werden,“ ſagte der Gaſt, während der Diener, mit dem ſie geſprochen, etwas Wein in den einen gol⸗ denen Becher goß. Sie trank ein wenig davon, ſagte dann dem Manne, ihn ihrem Gaſte zu bringen und fügte mit nicht ganz natürlichem Lachen hinzu: „Was für thörigte Geſchöpfe die Männer ſind.“ 9 — Das Abendeſſen wurde fortgeſetzt und eine Schüſ⸗ ſel nach der andern hereingetragen; aber der Herr wollte Nichts eſſen, wovon die Dame nicht vorher genommen hatte, bis ſein Benehmen etwas auffallend wurde. Ihre Stirn wunde auf einen Augenblick dunkel wie die Nacht, klärte ſich dann aber wieder auf und es blieb nur ein hochrother Fleck auf ihrer Wange übrig. Man hörte ein leiſes Rauſchen in der Nähe des offenen Fenſtirs, als das Abendeſſen ſich ſeinem Ende näherte und die Dame machte die Bemerkung: „Mich dünkt, der Wind fängt an ſich zu bewegen.“ Zwei oder drei Mal blickte ſie nach dem Fenſter hin und es zeigte ſich ein ängſtlicher und ungewiſſer Aus⸗ druck in ihrem Geſichte. Sie nöthigte ihren Gaſt, mehr Wein zu trinken und er that es, doch bediente er ſich ſtets deſſelben Bechers und behielt ihn bei ſich; aber end⸗ lich ſchien der Wein ſeine Wirkung auszuüben. Sein Geſicht wurde geröthet, ſeine Augen funkelten, ſeine Sprache wurde warm und leidenſchaftlich, dabei etwas grob und mit einer Bitterkeit gemiſcht, wenn es ſich von dem weiblichen Geiſt und Herzen handelte, die in Ge⸗ genwart einer Dame wohl als beleidigend konnte angeſe⸗ hen werden. Ihr Auge war feſt auf ihn gerichtet und ſchimmerte klar und hell, wie ein Diamant unter den zuſammenge⸗ 0 zogenen Augenbrauen hervor. Der rothe Fleck verſchwand von der Wange und ſie war jetzt todtenblaß. „Warum ſeht Ihr mich ſo ſtrenge an, liebmswür⸗ diges Käthchen?“ fragte ihr Gaſt. „Weil ich glaube, daß Ihr die Weiber noch nicht recht kennt,“ antwortete die Dame ſogleich.„Doch Ihr werdet ſie einſt beſſer kennen lernen.— Ihr dürft nicht länger warten,“ fuhr ſie zu den Dienern gewendet fort. „Wir wollen uns ſelber aufwarten.— Nun, mein guter Lord, um das Abendeſſen zu beſchließen, koſtet eine von dieſen Flandriſchen Rahmtorten. Ich habe wohl bemerkt, daß ſie Euch ſchmeckten, als Ihr das latzte Mal hier waret, und habe ſie daher ausdrücklich für Euch bereiten laſſen.“ Einer von den Dienern reichte, ehe er ging, dem Gaſte den ſilbernen Teller, aber dieſer blieb bei ſeiner Regel.. „Wollt Ihr eine mit mir theilen, liebenswürdiges Käthchen?“ fragte er. „Nein, ich liebe ſie nicht,“ antwortete ſie nach dem Fenſter blickend. „Dann nehme ich auch keine,“ ſagte ihr Gaſt. „Was Ihr liebt, liebe ich auch— was Ihr eßt— eſſe ich auch.“ Die Dame biß ihre Zähne zuſammen, und als der Bediente den Teller niederſetzte und ſich entfernte, ſtreckte ſie plötzlich ihre Hand nach einer andern Schüſſel aus und ſagte in leiſem aber feſtem Tone und mit ſchmeichel⸗ haftem Lächeln: „Nun, ich will eine von dieſer Damengunſt, wie man ſie nennt, mit Euch theilen.“ „Das iſt freundlich von Euch, liebenswürdiges Käth⸗ chen,“ rief der Gaſt, ſeinen Stuhl näher rückend,„und von aller Damengunſt auf Erden laßt mich die Eure haben.“ Die Dame lächelte wieder, theilte den Käſekuchen zu gleichen Theilen mit ihm und gab ihm die Hälfte. Er wartete einen Augenblick und ſie begann zu eſſen⸗ Dann aß er auch und ſagte: „Dies iſt vortrefflich.“ „Es iſt nicht übel,“ antwortete ſie, fuhr fort von dem Kuchen zu eſſen und ſah ihn dabei feſt an. „Nun, da ich meiner Dame Gunſt habe—“ ſagte er, indem er ihr noch näher rückte und ſie mit ſeinem Arm zu umſchlingen verſuchte. Aber da ſprang ſie ſo⸗ gleich mit verächtlichem Blicke auf und in demſelben Au⸗ genblick ſtürzte William Ifford durch die offene Glas⸗ thüre herein. „Was iſt dies, Mylord!“ rief er.„Ihr beleidigt meine liebenswürdige Couſine? Gemeiner Schurke, wenn ein Tropfen edlen Blutes in Euren Adern wäre—“ „Es iſt vergebens, William, es iſt vergebens,“ — 266— ſagte die Dame in leiſem Tone.„Du biſt zu ſpaͤt ge⸗ kommen. Ich habe auch davon gegeſſen.— Mein edler Lord, Ihr ſeht ſehr blaß. Ich ſagte Euch, Ihr kenntet die Weiber nicht. Jetzt kennt Ihr ſie ſo gut, wie Ihr ſie je kennen werdet.— Himmel, wie matt ich mich fühle!— Aber ſeine Augen rollen in ſeinem Kopfe.— Halte ihn von der Thüre zurück, William.— Es iſt Euch nicht wohl, Mylord!— Wollt Ihr eine flandri⸗ ſche Rahmtorte verſuchen oder noch mehr von der Da⸗ mengunſt verſuchen?— Mich dünkt, für dies Mal habt Ihr genug davon.“ „Ich wurde gewarnt, ich wurde gewarnt,“ mur⸗ melte der unglückliche Mann, indem er ſich auf den Tiſch ſtützte. „ Ja, aber man ſagte Euch nicht, daß der Haß eines Herzens, wie das meine, ſich ſelbſt für die Rache aufopfert,“ antwortete die Dame auf einen Stuhl nie⸗ derſinkend. „Ich will auch Rache haben,“ ſagte der Gaſt auf⸗ ſpringend und mit einer heftigen Anſtrengung auf die Thüre zueilend. Aber William Ifford faßte ihn an der Bruſt und warf ihn zurück. Er ſchwankte— fiel— wälzte ſich einige Augenblicke mit furchtbaren Verzerrun⸗ gen am Boden und gab mit einem Schrei gleich dem eines Seevogels ſeinen Geiſt auf. — 267— William Ifford war in dem Augenblick an der Seite ſeiner Geliebten. „Katharina, Katharina,“ rief er,„haſt Du Viel genommen?“ Sie antwortete nicht; ein heftiger Schauder erſchut⸗ terte ihren ganzen Körper und ein erſtickendes Schluch⸗ zen zog ihre Kehle zuſammen. Eine Minute ſpäter ſank ihr Kopf auf den Stuhl zurück und dann fiel ſie mit einem leiſen aber durchdringenden Tone auf den Boden. Ihr ſchuldiger Vetter ſah mit wildem und unentſchloſ⸗ ſenem Blicke von der einen Leiche zur andern. Dann aber glaubte er ein Geräuſch zu hören. Es kamen Schritte und Stimmen näher; da ſprang er durch die Glasthüre und verſchwand. Er konnte noch nicht funfzig Schritte weit gegangen ſein, als die Thüre des Zimmers haſtig aufgeriſſen wurde und die Diener des Hauſes, den Pagen Frill und den Diener Tony in ihrer Mitte, her⸗ einſtürzten. 5 „Vergiftet, Knabe!— vergiftet!“ rief der Bediente Namens Cloyd.„Himmel und Erde, es iſt nur zu wahr!“ Alle blieben einen Augenblick ſtehen, als der Anblick, den jenes ſchreckliche Zimmer zeigte, vor ihren Augen lag, und mehrere Augenblicke wurde kein Wort geſpro⸗ chen, während Alle die beiden Leichen anſtarrten. Dann brache Alle auf ein Mal los, umringten den Pagen des Grafen von Hillingdon und befragten ihn lebhaft und — 268— laut. Aber Frill war vorſichtiger in ſeinen Antworten, als man hätte erwarten ſollen. Er ſagte ihnen, da er jeden ſchönen Anblick liebe, ſo habe er ſich damit unter⸗ halten, die Lady Katharina und ihren Gaſt beim Abend⸗ eſſen durch das Fenſter zu beobachten, in deſſen Nähe ein dichter Baum geſtanden. Darauf erzählte er Alles ausfuͤhrlich, was geſchehen war bis zu dem Eintritt Sir William Iffords, wie er Schritte über den Grasplatz habe kommen hören und dann plötzlich Jemand ins Zim⸗ mer treten ſehen, der wahrſcheinlich durch das andere Zimmer hereingekommen ſei. Er läugnete entſchloſſen, das Geſicht des Fremden geſehen zu haben; zugleich aber bemerkte er, daß die Vergiftung nicht von ihm herrüh⸗ ren könne, denn es ſei nicht mehr gegeſſen worden, ſon⸗ dern während des heftigen Wortwechſels ſei erſt das eine und dann das andere Schlachtopfer gefallen und er da⸗ vongelaufen, um Beiſtand zu holen. Wäre das Gift von der Art geweſen, daß ein Ge⸗ gengift hätte wirkſam ſein können, ſo wäre es doch jetzt zu ſpaͤt geweſen. Es war kein Funke von Leben mehr zu bemerken, als man endlich die Leichen unterſuchte. Das einzige Zeichen, wie das unglückliche Ereigniß konnte geſchehen ſein, war ein kleines Fläſchchen im Buſen der Dame, welches eine ſehr kleine Portion von einem wei⸗ ßen Pulver enthielt. Als man dieſes bei einem Hunde anwendete, bewirkte es faſt augenblicklichen Tod. — 269— Die Verwunderung währte ihre neun Tage und wurde dann von der großen Welt vergeſſen; aber das plötzliche Verſchwinden des eleganten, witzigen und aus⸗ ſchweifenden Sir William Ifford erregte einige Wochen länger Nachforſchungen und Bemerkungen. Niemand er⸗ fuhr je den Schluß ſeiner Geſchichte. Einige ſagten, er ſei in ein Barfüßerkloſter gegangen und im Geruch der Heiligkeit geſtorben; Andere behaupteten mit größerer Wahrſcheinlichkeit, daß er Türke geworden und bis an ſeinen Tod einer der unverſöhnlichſten Verfolger der Chri⸗ ſten geweſen. Wir wiſſen nur, daß in der Nacht, wo dieſe beiden Todesfälle vorkamen, ein Reiter aus einem Dorfe in der Nähe fortgaloppirte, ſeinen Weg ſo raſch als möglich zur See nahm und dann weiter keine Spu⸗ ren zurückließ. Drei Tage lang wurden der Page und der alte Diener des Grafen von Hillingdon in Huntingdonſhire zurückgehalten, um Zeugniß über den plötzlichen Tod zweier Perſonen von hohem Range abzulegen; aber die Leichenbeſchauer waren ſo weiſe und die Geſchwornen der Leichengerichte eben ſo aufgeklärt in jenen Tagen, wie in den unſrigen, und es kam ein komiſches Verdict in einer tragiſchen Sache zum Vorſchein. Der rüſtige alte Diener und ſein jugendlicher Begleiter machten ſich dann auf den Weg zu ihrem Herrn, kamen wohlbehalten in Deutſchland an und gelangten bis auf wenige Stunden — 270— von Heidelberg mit geringeren Schwierigkeiten, als wahr⸗ ſcheinlich beſſer unterrichteten Perſonen würden begegnet ſein. Die Antworten, die ſie in ihrem ſogenannten Deutſch gaben, verwirrten die Frager vollkommen, und die Runde, die ſie machten, um zur Stadt zu gelangen, brachte ſie an den entgegengeſetzten Punkt, von wo man einen Bo⸗ ten von England hätte erwarten ſollen. Es war ſpät in der Nacht, als ſie das kleine Dorf Ziegelhauſen er⸗ reichten; aber dort hörten ſie von den Bauern die Be⸗ ſtätigung des Gerüchtes, welches ſchon früher zu ihnen gelangt war, nämlich daß Heidelberg nach dem Ausdruch der Leute ſo dicht eingeſchloſſen ſei, daß keine Feldmaus hindurch könne.“ „Ich will es doch wenigſtens verſuchen,“ ſagte Frill, „denn ich weiß, Mylord würde ſeine rechte Hand für die Nachrichten geben, die ich bringe. Und wenn ich meine Ohren dabei verlieren ſollte, will ich es dennoch ver⸗ ſuchen.“ Und mit dieſem hochherzigen Entſchluſſe legte er ſich zur Ruhe. — 271— Vierzehntes Kapitel. Es war am frühen Morgen: Alles war ſtill und feierlich. Die belagerte Stadt lag in ihrer kurzen Ruhe; die Kanonen auf den Hügeln und an den Tho⸗ ren waren verſtummt; das Lager der Angreifenden ſchlummerte, außer wo die ermüdete Schildwache auf und abging und nach der Ablöſung verlangte, oder wo die Verwundeten fieberhaft in den Betten der angefüll⸗ ten Hospitäler lagen. Der Diener und der Page, nach⸗ dem ſie ihre Pferde im Dorfe zurückgelaſſen, gingen ruhig und ſtill in der Kleidung pfälziſcher Bauern wei⸗ ter, als wollten ſie von Ziegelhauſen nach Neunheim. Ehe ſie noch weir gekommen waren, erblickten ſie die Zelte, welche jetzt dicht die Anhöhen auf den Heiligen⸗ berg zu bedeckten, die Hütten der Croaten und die neu aufgeworfenen Bruſtwehren, während ſechs Kanonen in einer Reihe ſich etwa drei Hundert Schritte weit den — 22— Hügel hinauf zeigten. Noch immer gingen ſie weiter, indem ſie den ſchweren Schritt und den ſchwankenden Gang der Bauern annahmen. Sie waren etwa hundert Schritte von der Brücke, als ſie plötzlich von dem benachbarten Felde angerufen wurden, und im nächſten Augenblick mehrere Oeſterreichi⸗ ſche Soldaten in ihren weißen Uniformen auf den Weg herunterſprangen. Einer ergriff Tony's Arm, während die Andern herbeigelaufen kamen; der Page aber warf einen Blick auf den Reckar und ſprang dann vom Ufer herunter. Zum Glück war das Waſſer flach und das Herz des Knaben muthig. „Hinein, Frill!“ rief Tonh, und ohne Weiteres ſtürzte ſich der Jüngling in den Strom. Augenblicklich wurden zwei Schüſſe auf ihn abge⸗ feuert, aber in der Haſt und ſchlecht gezielt. Er wurde auch von der Brücke geſehen und mehrere Büchſen unter die Oeſterreicher abgeſchoſſen, mit ſehr wenig Rückſicht für den armen Tony, der, in der Nitte des Feindes, beinahe verwundet worden wäre. Durch das Feuer auf der Brücke geſchützt, eilte der Knabe eine Strecke, bis an die Mitte des Leibes im Waſſers, weiter. Dann klomm er an einem Felſen hin⸗ auf und ſtürzte ſich endlich kühn in's Waſſer, wo der Strom tief und heftig war. Er war ein guter Schwim⸗ mer, aber die Gewalt des Stromes war groß und das Laſſer ſehr kalt. Er wurde mit fortgeriſſen und unge⸗ nchtet jeder Anſtrengung durch einen Bogen der Brücke ortgetragen, und obgleich er mit Anſtrengung auf das gier zu ſchwamm, ſo zeigte ſich ihm doch Nichts als ie Stadtmauer, die bis in den Fluß hinunter ging Seine Kräfte begannen zu ſchwinden, als ſich ihm end⸗ ich eine kleine Ausfallspforte und ein Landungsplatz eigte; aber der Muth des armen Knaben ſank, denn eides war noch fern und er fühlte, daß er nicht die raft hatte, dorthin zu gelangen. Das Letzte, was er ſah, war ein Mann, der raſch auf der Mauer fortlief; ann wurde Alles trübe und grün, dann kamen verwirrte Gedanken und endlich war er ſich ſeiner nicht mehr bewußt. Als der Page wieder ſeine Augen öffnete, befand ir ſich in einem kleinen Zimmer und lag ausgekleidet auf einem Bette. Ein alter Mann von mildem und ihrwürdigem Ausſehen ſtand neben ihm und ſah ihn an. Am ganzen Körper empfand er ein Jucken und Kitzeln; ſein Athemzug war ſchwer, es ſchien ihm, als ob eine kaſt auf ſeiner Bruſt liege, und mehrere Minuten lang konnte er ſich nicht erinnern, was mit ihm vorgegangen war. Er vernahm aber ein Geräuſch, welches ihn bald wieder zum Bewußtſein brachte und ihm zeigte, wo er war. Faſt jede Minute machte eine Exploſion das Haus erbeben und die Fenſter klirren, als ob das ganze Ge⸗ Seidelberg. Dritter Band. 18 4 bäude einſtürzen wollte. Er ſtützte ſich auf ſeinen Arne und verſuchte zu reden; doch der alte Mann gab ihnt ein Zeichen zu ſchweigen, ging zu einem nahen Tiſch und brachte ihm ein wenig Wein. Es währte lange, bis der Fremde ihm zu redai und noch länger, bis er ihm aufzuſtehen geſtattetne obgleich der Page ſagte, er bringe ſeinem Herrn, demßt Grafen von Hillingdon, eine Nachricht von Wichtigkeit. „Euer Herr iſt wohl und geſund,“ verſetzte daß alte Doctor Alting, in deſſen Haus man den Paga gebracht hatte, als Antwort auf ſeine lebhaften Fragenf „und Ihr könnt bald zu ihm gehen. Jetzt ſeid Iln noch nicht dazu im Stande. Heute wird kein Angrif Statt finden, denn es war erſt geſtern einer; daher wers det Ihr Zeit genug haben. Aber Frill war ungeduldig und um drei Uh wurde es ihm erlaubt auszugehen, nachdem man ihn geſagt, wo er ſeinen Herrn wahrſcheinlich finden werden Der arme Knabe aber hatte ſeine Kräfte nicht berechna es wurde ihm ſchwer, den Hügel hinaufzuklimmen; und als er Einlaß in's Schloß erhalten hatte, wurde er von; einem Orte zum andern geſchickt, um Algernon aufzun ſuchen, bis er ſich endlich am Fuß der zweiten Caſematt niederſetzte und vor Ermüdung weinte. Als er dort ſaß, kam ein junger Officier mit ver bundenem Kopfe vorüber und fragte, was ihm fehle — 275— Die Sache war bald erklärt und er wurde mit beſtimm⸗ unterer Nachricht weiter geſchickt. „Der Graf iſt in dem Blockhauſe, welches Ihr dort hervorragen ſeht,“ ſagte der Officier;„ich verließ ihn dort vor fünf Minuten; aber ſchlagt die untern „Wege ein, denn das Feuer iſt ein wenig heiß und Ihr önntet leicht noch ärger verwundet werden, als ich.“ Der Page ſtand wieder auf und ging weiter, durch den Park und näherte ſich dem Saum des Carmeliter⸗ waldes. Als er weiter ging, wurde die Kanonade hijeden Augenblick heftiger und die Kugeln pfiffen mehr lals ein Mal über ſeinen Kopf dahin, während das Brüllen der Artillerie mit dem Gewehrfeuer gemiſcht ·d ar. Rings umher von den Mauern und in weiterer Ferne von den kaiſerlichen Batterien hörte man den Donner des Geſchützes und die Felſen, die das enge Neckarthal umgaben, wiederholten das furchtbare Ge⸗ daibſe. 4 Frill war ein tapferer Knabe, aber dennoch wurden ſine Nerven erſchüttert, und er ſah ſich von Zeit zu u Zeit in der Erwartung um, daß der Feind hereinſtür⸗ men werde. Endlich aber erreichte er den Fuß des kleinen Hü⸗ zels, worauf das Blockhaus ſtand, und indem er hin⸗ zufblickte, ſah er zwei oder drei Leute, die er kannte, ben vor einer kleinen Bruſtwehr ſtehen. 18* 6 — —. 276— „Iſt Mylord hier, Halford?“ rief er.„Iſt Mh lord hier?“ „Ja, ja!“ rief der Mann.„Komm herauf, Frill! Mit erleichtertem Herzen eilte der Page die Stufun! hinauf. Ehe er oben ankam, trat Algernon Greh ſelber vor und ſagte zu dem Mann, mit dem Frill geſprochen! „Geh ſo ſchnell als möglich zum Oberſten Herbert herum, Halford. Sage ihm, es ſei hier Nichts 3” thun und wir hätten hier zu viel Leute.— Ah, Frill Biſt Du es? Willkommen, mein guter Junge. Wie im Namen des Himmels biſt Du hereingekommen. Wo iſt Tony?“ „In den Händen des Feindes,“ verſetzte der Knabe, „Ich ſchwamm über den Neckar und waͤre beinahe ertrun⸗ ken.“ „Welche Nachrichten von England?“ fragte Alger non Grey lebhaft.„Gab die Lady Katharina Dir ode Tonh einen Brief mit?“— „Nein, Mylord,“ antwortete der Page.„Si beabſichtigte es, glaube ich, wurde aber daran ver: hindert.“ „Das iſt ein Unglück!“ rief ſein Herr mit Bitter keit.„Hier geht nicht Alles wie es ſollte, und ein än ziges Wort könnte von großer Wichtigkeit ſein—“ „Ich habe Euch Etwas zu ſagen, Mylord,“ n Frill in leiſem Tone,„wenn Ihr ein wenig herunter 277— anden wollt, denn es iſt nicht für alle Ohren paſ⸗ end.“ — Algernon ging einige Schritte weiter den Hügel „hinunter und ſagte: „Sprich, ſprich!“ Sierrauf erzählte ihm der Page in leiſem Tone Alles was ihm begegnet war. ſeit er ſeinen Herrn ver⸗ 1 laſſen hatte. Als er zu der Kataſtrophe kam, wurde Algernon Grey todtenblaß. Mehrere Minuten lang ſprach er kein Wort, ſondern blickte in traurigem und bitterem Schweigen auf den Boden. Er war frei— die ſchwere Kette, die ihn ſeit ſo vielen Jahren gebunden, war zerriſſen— er hatte ſeine „Freiheit wieder erlangt, aber wie ſchrecklich war das uTiitel! Und damit beſchäftigte ſich ſein Geiſt in düſtern „ Gedanken, ehe er bei etwas Anderm verweilen konnte. 1„Wer war der Mann?“ fragte er endlich—„Der Nann, den Du durch die Glasthüre hereinkommen ſaheſt?“ i„Ich ſah ſein Geſicht nicht, Mylord,“ verſetzte der r Knabe;„aber ich hörte die Stimme Sir William Ifford's!“ „„Mylord, Mylord!“ rief der Soldat Halford, der ſo ſchnell er laufen konnte, zurückkehrte.„Oberſt Herbert wünſcht, Ihr mögt, ohne einen Augenblick zu verlieren, nin d den Faſanengarten vorrücken und nur eine Wache ier zurücklaſſen.“ Algernon Greh eilte hinauf, rief die Engliſchen und s Holländiſchen Truppen aus dem Blockhauſe und einems kleinen Laufgraben, ſtellte ſie auf der Anhöhe in Orde nung, ſagte dem Pagen, er ſolle bei der Wache zuruͤcket bleiben, und befahl den Leuten auf dem Wege durch deng Wald vorzurücken. Jetzt hörte man heftiges Gewehr⸗ feuer mit Trommelſchlag gemiſcht in der Nähe. Dann 6 4 l trat der junge Graf an die Seite des Soldaten Hal ford und fragte, was er geſehen und gehört habe. „Volle zwei Tauſend Mann rücken vor, um die Feſtungswerke im Faſanengarten zu ſtürmen, Herr⸗ verſetzte der Mann.„Ich zählte ſelber zehn Oeſterreichi⸗ ſche Fahnen, und im Nachtrabe war eine Anzahl Bai⸗ riſcher Truppen.“ W „Waren ſie nahe?“ fragte Algernon Grehy. „Hal bwegs zwiſchen dem Kranichsneſt und der! Schanzt,“ entgegnete der Soldat. Der junge Graf eilte wieder weiter, um ſich an d Spitze zu ſtellen, und murmelte: „Es iſt in der That keine Zeit zu verlieren.“ Der Weg war krumm und ſchwer zu paſſiren und häufig von Stufen unterbrochen, wodurch die Leute ſehr aufgehalten wurden; aber es gab keinen kürzeren Weg, denn die Bäume und Felſen auf dem Frieſenberg, die zum Theil noch nicht geebnet waren, unterbrachen die gerade Richtung, die man ſonſt hätte nehmen konnen. — 279— Das Feuer kam immer näher, und die Trommeln und Tromperen forderten zum tödtlichen Kampfe auf. Das 6 Herz des jungen Grafen ſchlug heftig und er war begie⸗ rig vorwärts zu eilen, doch eine volle Viertelſtunde ver⸗ nging, ehe er den Angriffspunkt zu Geſichte bekam. Die „Terraſſe, über die man dorthin gehen mußte, war viel⸗ mleicht der ſchwächſte Punkt von allen Feſtungswerken ddes Schloſſes und obgleich von den Kanonen der höhe⸗ ren Schanze beſtrichen, bildete ſie nur eine Stufe zu dem Angriff eines ſtärkeren Werkes. Die Bruſtwehren „waren durch das feindliche Feuer auch ſehr erſchüttert, hund als der junge Engländer ſie zuerſt zu Geſichte bekam, ſtellte ſich ihm eine ſchreckliche und beunruhigende Scene dar. Eine Oeſterreichiſche Fahne wehte ſchon auf der Terraſſe, an verſchiedenen Stellen waren die t Truppen handgemein und am äußerſten Winkel, faſt bis unter die Kanonen der obern Schanze getrieben, erblickte er den Oberſten Herbert mit einer Böhmiſchen Nhue in der Hand, der ſeine Leute zum Angriff ſammelte, ir der Hoffnung, die Platform vom Feinde zu befreien. d Es war kein Nachdenken nöthig, es gab nur einen e Ausweg, und auf die Gefahr, dem Feuer von Freund n und Feind zu begegnen, ſprang Algernon Greh die Stu⸗ efen zur Terraſſe hinauf, ſtellte ſeine Leute in weiter 1 Ferne auf und gab den Befehl zum Angriff. Die . Engländer und Holländer zauderten nicht. Alle ſahen, — 280— 1 daß ohne eine große Anſtrengung das Feſtungswerk ver⸗ loren ſei, und indem ſie in dicht gedrängten Reizen vor⸗ wärts eilten, zogen ſie über die ganze Terraſe hin und trieben den Feind vor ihren Piken her. Von vorn und im Rücken angegriffen, wichen die Kaiſerlichen Truppen, Viele warfen die Waffen nieder und Viele ſprangen über die Bruſtwehr zu ihren Kameraden hinunter, oder eilten zu den Leitern und warfen ſich auf die, welche herauf⸗ kletterten, um ſie zu unterſtützen. Das Außenwerk war wieder gewonnen, und Her⸗ bert mit der Hand winkend, den er in geringer Ent⸗ fernung vor ſich ſah, wendete der junge Graf den Kopf, um einem Theile ſeiner Leute den Befehl zu geben, zurückzukehren und die Bruſtwehr wieder zu beſetzen, als er plötzlich Agneſens Vater ſchwanken und mit der Fahne auf die Platform niederfallen ſah. Nachdem Algernon Grey in kurzen Worten ſeine Ball ertheilt hatte, ſprang er an Herberts Seite. Zwei von ſeinen Leuten hatten ihn ſchon in ihren Armen erhoben; aber ſein Kopf hing ſchwer auf ſeine Schulter nieder, und eine tiefe Wunde in der rechten Schläfe, die an der ganzen Seite des Kopfes dahinging und eine Beſchädigung des Schädels zeigte, bot jeder Hoffnung Trotz. „Er iſt todt, Herr, er iſt todt!“ ſagte Einer bm den Leuten, die ihn in ihren Armen hielten. „Ich denke nicht,“ verſetzte Algernon, traurig ſein Geſicht beobachtend;„vielleicht iſt das Gehirn nicht beſchädigt. Werft ihm einen Mantel um und tragt ihn in den Garten hinunter; ich will in einer Minute nach⸗ kommen, wenn ich mit dem Kapitain auf der Schanze geſprochen habe.— Holt ihm etwas Waſſer.“ Die Männer hoben ihn auf und trugen ihn die Stufen hinunter; aber die Nachricht hatte ſich ſchon unter die Leute verbreitet und ſie waren offenbar ſehr entmuthigt. Obgleich Algernon Grey und der Officier, der jetzt auf dem Außenwerk commandirte, raſche Maß⸗ regeln zur Vertheidigung deſſelben anwendeten, ſo würde es doch wahrſcheinlich ſchon an dem Abend genommen worden ſein, was am nächſten Morgen geſchah, hätten nicht die Kaiſerlichen Officiere, durch einen ſchweren Verluſt in demſelben Augenblick entmuthigt, wo ſie ſich ſchon für ſiegreich gehalten, die Trommeln sm Fücan ſchlagen laſſen. Eine wüthende Kanonade folgte dem Feinde, als er ſich zurückzog, und da Algernon Grey ſah, daß in jener Gegend Alles richtig ſei, ließ er ſeine Leute unter dem Commando des Holländiſchen Officiers zurück und ging, ſich von dem Schickſal ſeines Freundes zu über⸗ zeugen. Als er auf die Höhe der Stufen ankam, über⸗ flog ſein Blick die Stadt Heidelberg, und zu ſeiner Be⸗ ſtürzung ſah er an drei verſchiedenen Theilen der Stadt — 282— Feuer und große Rauchſäulen aufſteigen. Mit raſchen Schritten eilte er zu der Stelle, wo er einen Mann un⸗ ter den Bäumen liegen ſah, den mehrere Andere um⸗ ringten; und als er ſich näherte, kam ihm ein junger Deutſcher Offizier entgegen und ſagte: „Er lebt, Mylord. Er hat geſprochen und Euren Namen genannt.“ Im nächſten Augenblick war Algernon an Herbert's Seite und ſah mit einem Schimmer der Hoffnung, daß ſeine Augen noch offen waren und das Licht des Lebens und des Verſtandes noch darin ſchimmerte. Die Augen wendeten ſich mit mattem und traurigem Blicke zu ihm und die Lippen bewegten ſich einen Augenblick, ehe ſie einen Laut hervorbrachten. „Mein Kind!“ ſagte er endlich.„Mein Kind!“ „Soll ich ſie rufen laſſen?“ fragte Algernon Grey an ſeiner Seite niederknieend. „Nein, nein!“ antwortete der Verwundete raſch. „Aber ihr Schickſal, junger Mann— ihr Schickſal?“ „Fürchtet Nichts, fürchtet Nichts,“ antwortete der Graf;„ich will ſie mit meinem Leben vertheidigen und beſchützen— ja, für ſie ſterben, wenn es nöthig ſein ſollte.“ „Ich glaube Euch,“ ſagte Herbert;„ich will Ench vertrauen!— O Gott! Aber ſchwört mir, daß Ihr redlich mit ihr verfahren wollt; ſchwört bei Allem, was —b DD— — 283—* Ihr heilig haltet— bei Eurem Glauben an Chriſtum — bei Eurer Ehre als Engliſcher Gentleman, daß Ihr als Bruder gegen ſie handeln wollt.“ „Ich will noch mehr ſein,“ antwortete Algernon in leiſem aber feſtem Tone,„ich will ihr Gemahl ſein. V Ich ſchwöre Euch bei Allem, was mir das Heiligſte iſt, daß ſie mein Weib ſein ſoll, ſobald ſie ſelber einwilligt — bis dahin meine Schweſter.“ „Euer Weib!“ ſagte Herbert ſtrenge.„Habt Ihr naicht ein anderes Weib, junger Lord?“ „Nein,“ antwortete Algernon Grey ſeine Hand drückend,„dieſes Hinderniß iſt hinweggeräumt— jenes Band iſt zerriſſen. Wenn Ihr den Brief geleſen hättet, den ich Euch geſchrieben, ſo würdet Ihr geſehen haben, daß die Heirath nur der Form nach Statt gefunden. Ich habe heute— ja in dieſer Stunde die Nachricht er⸗ halten. Sie, welche die Menſchen mein Weib nannten, ſſt todt.“ 3 „Todt!“ rief Herbert mit ſtärkerer Stimme.„Der Tod iſt jetzt geſchäftig.“ Hierauf ſchwieg er, erhob ſeine Hand matt zum Kopfe. Aber die Finger blieben auf dem blutigen Haar rruhen, und er zog ſie zurück und drückte Algernon's Hand. „Ich vertraue Euch,“ ſagte er endlich,„ich vertraue Euch, Algernon. Oberntraut's Nachricht, daß Ihr be⸗ — 284— reits verheirathet wäret, erſchreckte mich. Ich fand die Beſtätigung in Eurem Briefe und bin ſeitdem immer ſehr traurig geweſen. Aber ich vertraue Euch. Liebt ſie — o, liebt ſie und macht ſie glücklich, denn ſie verdient es wohl. Noch eine Stunde und ihres Vaters Arm wird kalt und kraftlos ſein. Seid Ihr Alles.— Was will der Mann? Fragt ihn, woher er kommt.— Ich mögte gern in Ruhe ſterben.“ „Die Stadt iſt erſtürmt, Herr,“ ſagte ein Offizier, der haſtig herbeigekommen war.„An zwei Stellen iſt der Feind eingedrungen und der Gouverneur Merven hat ſich mit der Garniſon ins Schloß zurückgezogen. Er hat mich heraufgeſchickt, um Oberſt Herbert zu au⸗ genblicklicher Berathung zu rufen.“ „Sagt ihm,“ entgegnete Herbert ſeinen Kopf ſchüt⸗ telnd,„daß Oberſt Herbert von einer höheren Macht, als irgend eine auf Erden, von ſeinem Commando iſt abgerufen worden. Sagt ihm, was Ihr geſehen und was ich ſage. Gott ſchütze ihn und ſegne ſeine Waffen in einer gerechten Sache! Nun, Algernon, noch ein Wort— ich habe nicht Viel mehr zu ſagen: die Stadt iſt eingenommen— das Schloß muß fallen. Wir ha⸗ ben keine Vorräthe, keine Mittel! Guter Gott! Laßt mein Kind nicht an dieſem Orte, wenn er erſtürmt wer⸗ den muß! Himmel und Erde!— Dieſes arme zer⸗ ſchmetterte Gehirn dreht ſich bei dem Gedanken. Schwört. 9 — ſchwört, daß Ihr ſie von hier wegbringen wollt. Da ſind die unterirdiſchen Gänge; ſie kennt ſie alle. Dort iſt der Weg— dort!“ Und er deutete mit der Hand. „Ich will es thun, wenn es möglich iſt,“ antwor⸗ tete Algernon Grey. „Möglich, möglich!“ ſagte Herbert, der offenbar ſeiner Gedanken nicht mehr völlig mächtig war,„O ja, es iſt ſehr wohl möglich. Ihr hört es, er ſchwört, daß er ſie von hier wegbringen will,“ fuhr der Sterbende fort, indem ſeine matten Augen die Umſtehenden über⸗ ſchauten;„er ſchwört— erinnert Euch deſſen— und ſeht darauf, daß er ſeinen Schwur hält.“ „Was, mein tapferer Freund,“ ſagte eine Engliſche Stimme hinter Algernon Grey,„iſt es dahin gekommen mit Euch?“ 3 „Ja, Merven, ſo iſt es,“ antwortete Herbert;„es muß mit uns Allen dahin kommen.— Bringt mir et⸗ was Waſſer. Ich will mit Euch reden, Merven. Er ſchwört, er will ſie von hier wegbringen, ehe ſie den Ort ſtürmen. Schickt ihn hinaus, denn ich kenne ihn — ich kenne ihn gut. Er wird dableiben wollen, um zu fechten, und dann iſt ſie ohne Vater, Gatten und Freund.— O Gott! Sei mir gnädig! Wie mein Kopf ſchwindelt!“ „Faßt Jemand eine Sänfte holen,“ ſagte Merven an ſeiner Seite niederknieend;„wir müſſen ihn nach Hauſe tragen.“ „Ich habe ſchon nach einer geſchickt,“ ſagte Alger⸗ non Grey;„dort kommt ſie, glaube ich.“ „Mein Kind, mein liebes Kind!“ ſagte Herbert noch in Merven's Geſicht ſehend.„Sie kann meine Augen ſchließen— und dann fort— Ihr werdet nicht geſtat⸗ ten, daß er länger zurückbleibt?“ „Nein,“ antwortete der Gouverneur,„ich will ihn fortſchicken, auf mein Wort. Wenn mein Befehl einige Macht hat, ſo ſoll er gehen. Er kann hier Wenig mehr nützen, fürchte ich.“ „Dank, Dank!“ ſagte Herbert, verſank in Schwei⸗ gen und ſchloß die Augen. Wenige Minuten ſpäter wurde eine Sänfte aus dem Schloſſe gebracht; es war eine, welche die Prinzeſ⸗ ſin Eliſabeth oft benutzt hatte. Herbert wurde hinein⸗ gelegt und die Vorhänge zugezogen. Vier rüſtige Sol⸗ daten nahmen ſie auf ihre Schultern, trugen ſie hinunter und Algernon Greh folgte, unterredete ſich traurig mit Merven und benachrichtigte ihn vor Allem, was bei dem Angriffe auf ihrer Seite vorgefallen ſei. „Ihr ſeid glücklicher geweſen, als wir,“ antwortete der Gouverneur.„Der Trutzkaiſer iſt früh am Tage genommen worden; die Dummköpfe vergaßen die Thore zu ſchließen, und als unſere Soldaten hereineilten, kam 297— der Feind mit ihnen herein. Ich ſammelte ſie wieder, zog eine Barricade in der Straße am Thurmthor und bot ihnen die Spitze bis vier Uhr, als die Nachricht kam, daß die Brücke auch genommen ſei. Da wurde es nöthig, uns ins Schloß zurückzuziehen, damit ich nicht von vorn und im Rücken zugleich angegriffen werde. Aber hier,“ fuhr er mit leiſer Stimme fort,„iſt man nur auf drei Tage mit Lebensmitteln und Muni⸗ tion verſehen. Tilly hat bereits Bedingungen angebo⸗ ten, aber ich habe ihn an Vere in Mannheim verwie⸗ ſen; und hoͤchſt wahrſcheinlich wird morgen noch ein Angriff Statt finden.— Horch! Hört Ihr dieſes Ge⸗ ſchrei? Es kommt von der Stadt her. Die Bluthunde ſind bei ihrem Werk!“ Und er blickte finſter und mit zuſammengebiſſenen Zähnen auf den Boden. Algernon Grey antwortete nicht und Merven fuhr fort: 2. „Ihr habt verſprochen zu gehen, mein Freund, und das ſchöne Mädchen mitzunehmen; aber wie iſt es zu machen?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete der junge Graf, „aber mein Verſprechen war nur bedingungsweiſe. Wenn wir ſie mit Sicherheit hinausſchicken könnten, ſo wäre Alles dun. aber ich kann und darf den Ort nicht ver⸗ laſſen, ſo lange Ihr dableibt, um ihn zu vertheidigen.“ „Er kannte Euch, wie Ihr ſeht,“ ſagte Merven; „aber wenn es möglich iſt, will ich Euch fortſchicken, denn ich habe es ohne Bedingungen verſprochen, und Ihr müßt mir gehorchen, mein junger Lord— wie es geſchehen kann, iſt die einzige Frage.“ 6 „Herbert meinte, ſie wüßte ein Mittel,“ ſagte Al⸗ gernon Grey;„aber—“ „Kein Aber, Mylord,“ verſetzte Merven.„Wenn es ein Mittel gibt, ſo muͤßt Ihr es anwenden, wann und wie Ihr könnt. Ich bitte, ja ich befehle Euch es zu thun. Es werden dann zwei Perſonen weniger im Schloſſe ſein, welche eſſen wollen, und das iſt ſchon Etwas.— Wartet, ich will ihn fragen, was er meinte.* Vielleicht könnten wir ſie als Pagen verkleiden und Euch mit einer Friedensfahne abſchicken, um mit Vere über die Bedingungen der Capitulation zu verhandeln— aber nein, das würde nicht angehen. Tilly iſt ein wil⸗ 5 des Thier; Ihr würdet innerhalb der Mauern faſt eben⸗ ſo ſicher ſein, und ſeine Leute haben ſich nie beſonders dadurch ausgezeichnet, daß ſie ihre Bedingungen gehal⸗ ten, ſelbſt wenn ſie ſie feierlich beſchworen. Es ſollte mich nicht wundern, wenn wir beim Ausmarſchiren Alle niedergemetzelt würden. Aber ich will Herbert fragen, ob er irgend ein anderes Mittel weiß.“ Hierauf näherte er ſich der Sänfte und ſchlug den Vorhang zurück. Im naäͤchſten Augenblick wendete 5 2 1— 289— ſein Geſicht traurig zu Algernon Grey, ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Er kann jetzt keine Antwort geben.“ Herbert's Augen waren offen, aber ſtarr und aus⸗ druckslos. Der Unterkiefer war niedergeſunken; die Hand faßte die Seite der Sänfte, doch war ſie ſchon kalt wie Eis. „Halt, meine Leute,“ ſagte Merven,„es iſt nutzlos, ihn weiter zu tragen. Bringt ihn dort in das Haus des Gärtners.“ Und er deutete auf ein kleines, ſteinernes Gebäude, welches zwiſchen den äußern und innern Feſtungswerken etwa funfzig Schritte zur Linken lag. Dann ergriff er ddie Hand des Grafen und fügte hinzu: „Eilt zu ihr hinunter und theilt ihr die Nachricht mit. Fragt ſie, ob ſie ein Mittel weiß, aus dieſem Orte au entfliehen, und wenn es der Fall iſt, ſo erinnert Euch, daß es mein ausdrücklicher Befehl iſt, daß Ihr ſie ſicher geleitet. Man ſagt mir, es ſei geſtern Jemand von aͤaußen in die Stadt gekommen, und wenn das iſt, muß es auch einen Ausweg geben.“ „Es war mein armer Page, der durch den Neckar ſchwamm,“ antwortete Algernon mit traurigem Lächeln; „aber ich will gehen und der armen Agnes dieſes Un⸗ glück mittheilen.“ „Thut es, thut es,“ ſagte Merven,„ich will Heidelberg. Dritter Band. 19— in das Schloß zurückeilen und einen Boten an Tilly und ihn als Menſch und Chriſt beſchwören, dieſe Grau⸗ ſamkeiten in der Stadt einzuſtellen. Dieſes Schreien zerreißt mir das Herz.“ Die gefühlloſe Antwort auf Merven's Botſchaft iſt wohl bekannt, und jeder Geſchichtskundige weiß, daß die Stadt Heidelberg drei Tage lang den rohen Soldaten preisgegeben wurde. Algernon Grey ging traurig und langſam weiter, denn er bebte vor der ſchrecklichen Aufgabe zurück. Er that unrecht, obgleich abſichtslos, denn er berechnete nicht, wie raſch ſich das Gerücht verbreitet, und wußte nicht, daß die äußerſte Eile nöthig ſei, um die raſchen Boten übler Nachrichten zu überflügeln. Er blieb ei⸗ nen Augenblick am Fuß der Treppe ſtehen, die zu Agne⸗ ſens Zimmer führte, die man noch die Wohnung der Kurfürſtin nannte. Als er ſich dann entſchloſſen, wie er handeln ſollte, und eitle Pläne entworfen hatte, ihr die Nachricht vorſichtig mitzutheilen, ſtieg er mit raſchen Schritten hinauf und öffnete die Thüre. Agnes ſaß an einem Tiſche, ihre Hände vor ihre Augen gedrückt und ihren Buſen von ſchweren Seufzern gehoben; aber ſobald er eintrat, erhob ſie ihren Kopf, ſprang auf, warf ſich an ſeine Bruſt und murmelte: „O, Algernon, Algernon!“ — 291— Er ſah, daß ſie bereits Alles wußte, und ſtatt al⸗ ler Antwort drückte er ſie ſchweigend an ſein Herz. „Wo haben ſie ihn hingebracht?“ fragte ſie endlich ihre Thränen trocknend, die eben ſo ſchnell wieder hervor⸗ ſtrömten. „In das Haus des Gärtners,“ antwortete er,„zur Rechten der großen Caſematte.“ „Ich muß dorthin,“ ſagte ſie,„ich muß dorthin. Kommt mit mir, lieber Algernon. Ich habe jetzt Nie⸗ mand, als Euch, um mich zu beſchützen.“ Und ſie eilte auf die Thüre zu, wie ſie war. „Werft einen Schleier um, meine Liebe,“ ſagte er, einen Schleier nehmend, der in der Nähe lag, und ihn über ihren Kopf werfend. Dann zog er ihren Arm durch den ſeinigen, führte ſie hinunter, wählte die am wenig⸗ ſten beſuchten Wege und ging in das Haus des Gärt⸗ ners. Die Sonne eines milden Herbſtabends ging eben unter; der Himmel war klar und heiter; der Anblick der ganzen Natur war ſchön und glänzend. Die unbe⸗ lebten Dinge athmeten Frieden und Ruhe, während der Tiger im menſchlichen Herzen das edelſte Werk des Schö⸗ pfers durch Blut entweihte. Der Contraſt machte jenen Tag noch düſterer, trauriger und ſchrecklicher, als hätten ſchwere Donnerwolken über der dem Untergange geweih⸗ ten Stadt gelagert, oder Sturm und Ungewitter das 19* Thal heimgeſucht, wo Nichts als Blutbad und Verbre⸗ chen herrſchten. Es begegneten ihnen mehrere Soldaten, aber mit der inſtinctmäßigen Ehrerbietung vor dem Kummer gin⸗ gen ſie ihnen weit aus dem Wege, und Agnes näherte ſich mit bebenden Schritten und weinenden Augen dem Hauſe, wo ihres Vaters Leiche lag und trat in das Sterbezimmer. Einen Augenblick hing ſie faſt krampf⸗ haft an der Bruſt ihres Geliebten, als der ſchreckliche Anblick des unbelebten Staubes, mit dem dunklen Blut aus der Todeswunde überſtrömt, ſich ihr zeigte. Dann ließ ſie ihn los, näherte ſich tief athmend und leiſe dem Bette, als fürchtete ſie ihn zu wecken, knieete dann nie⸗ der und küßte ſeine kalte Hand und Wange. Sie knieete lange dort, bis es dunkel zu werden begann; jetzt aber faßte Algernon ſanft ihren Arm und ſagte: „Steh auf, theuerſte Agnes! Wir müſſen ſeinen letzten Befehlen gehorchen. Er hat Dich mir auf immer gegeben, aber mir aufgetragen, Dich wenn möglich hin⸗ wegzuführen, ehe ein neuer Angriff auf den Ort gemacht wird, indem er andeutete, Du könnteſt mir ein Mittel zur Flucht ſagen. So komm in ein anderes Zimmer und laß uns von dieſen Dingen reden.“ Agnes ſtand ruhiger auf, als er erwartet hatte, faßte ſeine Hand und antwortete: „Was Du forderſt, will ich thun, Algernon; aber V V V — 293— ich muß dieſe Nacht hier wachen. Ich komme jetzt, doch nur, um bald zurückzukehren. Ich will verſuchen, meine Gedanken zu ſammeln und Dir ſagen, welches die Wünſche und Abſichten deſſen waren, der ſo traurig und ſtill dort liegt.“ Sie wendete ihr Geſicht von dem Bette ab und ging mit niedergeſchlagenen Blicken in das äußere Zimmer, wo Niemand war, als ein alter Diener, denn der Gärt⸗ ner hatte ſchon vor einigen Wochen einen ſicherern Auf⸗ enthaltsort aufgeſucht. Dort ſetzte ſie ſich ans Fenſter und ſchien mit überfließenden Augen die letzten matten Lichtſtreifen zu beobachten, die noch am weſtlichen Him⸗ mel hingen. „Er fühlte, daß es ſo enden werde, Algernon,“ ſagte ſie endlich;, und er ſprach oft mit mehr von einem ‚„ſolchen unglücklichen Ausgange, als wollte er meinen Geiſt darauf vorbereiten. Aber in der letzten Zeit wurde es ſchlimmer mit ihm, denn es ſchien ihn Etwas zu be⸗ kümmern. Dann ſprach er davon, mich zu der Kur⸗ fürſtin Matter zu ſchicken und ſchien ängſtlich und zwei⸗ felhaft, da er doch ſonſt immer das Vertrauen hegte, daß Du mich vertheidigen und beſchützen würdeſt, wenn es Gottes Wille ſei, daß er fallen ſollte.“ „Es kam daher, daß er plötzlich von einem Manne, der nicht mit allen Einzelnheiten bekannt war, die Sache erfuhr, die er nicht von mir anhören wollte,“ verſetzte Algernon. hen, und es war keine einzelne Perſon, der er mich an⸗ vertrauen wollte. Wenn mich Viele begleiteten, ſo konn⸗ ten wir gewiß ſein, entdeckt und aufgehalten zu werden, und die Gefahr ſchien zu groß zu ſein.“ „Jetzt iſt die Sache anders,“ antwortete Algernon, dem jetzt die Bedeutung von Herbert's Worten einleuch⸗ tete.„Du biſt hier in viel größerer Gefahr, als irgend⸗ wo auf dem freien Felde. Dort wuͤrde man uns nur gefangen nehmen. Aber das Erſtürmen einer Feſtung iſt etwas Schreckliches, Agnes, und es gibt ein Schick⸗ ſal, welches noch ſchlimmer iſt, als der Tod. Indeſſen iſt es gut auf jedes Ereigniß vorbereitet zu ſein,“ fuhr er fort, als ſie mit bleicher Wange ihren Kopf nieder⸗ beugte.„Kennſt Du den Weg, Theuerſte? Haſt Du die Schlüſſel?“ „Nur dieſer eine iſt nöthig,“ antwortete Agnes, einen Schlüſſel aus ihrem Buſen ziehend.„Seit die Be⸗ lagerung begann, habe ich dieſen Schlüſſel ſtets bei mir ragen müſſen; und ſchon vor langer Zeit hat er mir alle die Wege gezeigt, mit einer prophetiſchen War⸗ nung, daß ich derſelben einſt bedürfen würde.“ „Ich erinnere mich, daß Ihr es mir geſagt, als wir uns zuerſt ſahen,“ antwortete ihr Geliebter. Hierauf ſprachen ſie von verſchiedenen Gegenſtänden, die mit ihrem vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Schickſal in Verbindung ſtanden, und zwar auf unzu⸗ 4 — 294— „Ich fürchte ſeine letzte Stunde iſt dadurch verbit⸗ tert worden,“ ſagte Agnes traurig;„denn er verließ mich dieſen Morgen niedergeſchlagener und ſorgenvoller, als je. Ich fürchte, Zweifel und Beſorgniſſe wegen ſei⸗ nes Kindes haben ihn in ſeiner Todesſtunde beunruhigt.“ „Nicht ſo, Theuerſte,“ verſetzte ihr Geliebter;„durch einen glücklichen Zufall gelang es meinem Pagen, den ich nach England geſchickt, dieſen Morgen ſich durchzu⸗ ſchlagen und in die Stadt zu kommen. So war ich im Stande, ihm die Verſicherung zu geben, daß jedes Hin⸗ derniß zwiſchen Dir und mir hinweggeräumt worden. Es iſt eine traurige und ſchreckliche Geſchichte, liebe Agnes, und nicht für ein ſo reines Weſen geeignet, wie Du biſt. Aber davon wenigſtens halte Dich überzeugt, daß Dei⸗ nes Vaters Herz beruhigt wurde, und daß er unſerer Verbindung ſeinen Segen ertheilt hat.“ „O, Gott ſei Dank!“ ſagte Agnes mit tiefem Athemzuge, als ſei der bitterſte Theil ihres Kummers entfernt worden.„Dies iſt in der That eine tröſtliche Nachricht, Algernon. Aber ich weiß nicht mehr, was ich ſagen wollte— nun ja, er wünſchte, ich möge zur Kurfürſtin Louiſe gehen; aber ehe der Bote zurückkehren konnte, war der Zugang von der andern Seite abgeſchnit⸗ ten, und dann wollte er mich durch die Gänge ſchicken, die durch die Felſen zu der Wolfsquelle jenſeits der feind⸗ lichen Poſten führen. Aber ich konnte nicht allein ge⸗ —— — 296— ſammenhängende Weiſe, wie es in Augenblicken tiefen Kummers gewöhnlich iſt. Der alte Diener des Gärtners kam herein, um eine Lampe anzuzünden, und erinnerte ſie dadurch an die Gegenwart. Dann wurde die Nacht⸗ trommel geſchlagen und es fiel Algernon ein, daß ſeine Leute vielleicht noch in den Außenwerken wären. Er wollte Agnes nicht gern dort allein laſſen, doch ſie machte zuerſt den Vorſchlag. „Ich muß gehen und meinen Platz in jenem Zim⸗ mer einnehmen,“ ſagte ſie,„und dort die Nacht im Ge⸗ bete zubringen. Du wirſt mich verlaſſen, lieber Alger⸗ non, denn Du mußt ſehr ermüdet ſein. Ich weiß, daß Du die ganze vorige Nacht unter Waffen geweſen.“ „Ich will Dich auf eine Stunde verlaſſen, Agnes, denn ich muß die Poſten beſuchen,“ antwortete er;„aber dann will ich zurückkehren und neben Dir oder in die⸗ ſem Zimmer wachen— wenn Du allein ſein willſt, ob⸗ gleich keine Gefühle zwiſchen Dir und mir herrſchen, welche die Augen deſſen, den wir im Tode bewachen, nicht mit Billigung würden geſehen haben.“ „Nein, nein,“ ſagte ſie,„Du ſollſt hier bleiben, wenn Du zurückkehrſt. Ich geſtehe, daß es ein Troſt und eine Beruhigung für mich ſein wird, Dich bei mir zu haben; aber jetzt mögte ich gern allein dort ſein. Aber komm mit mir bis an die Thüre. Ich bin ſehr ſchwach und thörigt; aber der erſte Anblick der kalten und leb⸗ — 297— loſen Geſtalt derjenigen, die wir geliebt, entnervt das Herz.“ Algernon Grey nahm die Lampe und geleitete ſie bis an die Thüre. Dort blieb ſie einen Augenblick zau⸗ dernd ſtehen, dann nahm ſie ihm die Lampe ab und ging mit Feſtigkeit hinein, während er die Thüre zumachte, ſie verließ und dem alten Manne ſagte, er ſolle in dem aͤußeren Zimmer bleiben, bis er zurückkehre. Mit raſchem Schritte eilte der junge Engländer zu⸗ erſt zu dem Blockhauſe hinauf und von dort auf den⸗ ſelben Wegen, die er am Morgen eingeſchlagen, zu der Terraſſe und der Schanze. Ueberall fand er die Solda⸗ ten verſtimmt und entmuthigt. Sie ſchienen um Herbert zu trauern, als wäre er ihr Vater geweſen, und die Vertheidignng des Schloſſes als hoffnungslos zu be⸗ trachten, da er ſie nicht mehr leiten und anführen konnte. In kurzen Worten theilte der in der Schanze comman⸗ dirende Officier ihm die Gegenſtände mit, die er ſelber beobachtet hatte, und bat Algernon ins Schloß zurück⸗ zukehren und den Gouverneur von dem Inſtande der Dinge in den Außenwerken in Kenntniß zu ſetzen. „Es würde beſſer ſein, die Leute ſogleich abzulöſen,“ ſagte er,„und Truppen zu ſenden, welche nicht gewöhnt ſind, unter dem Commando des guten Oberſten zu fech⸗ ten. Wenn es nöthig iſt, können wir anderswo dienen, aber die Leute ſind ſehr ermüdet.“ Es lag viel Wahres in dem, was er ſagte, und Alger⸗ non eilt ein das Schloß zurück und ſtattete dem Gouver⸗ neur perſönlich Bericht ab. Merven ſah ſogleich die Nothwendigkeit der vorgeſchlagenen Maßregeln ein, ver⸗ ſprach ſie zu befolgen und fügte hinzu: „Tilly hat mir geſtattet, einen Offizier an Horace Vere zu ſenden, ihm genau unſere Lage zu berichten und uns ſeine Befehle einzuholen; aber dieſer wüthende Baier will uns nicht einmal ſo lange Waffenſtillſtand gewähren, bis unſer Bote zurückkehrt, indem er uns durch Wachen und Angſt zu ermüden ſucht, ohne die Abſicht zu haben, auf einige Tage den Angriff zu erneu⸗ ern. Dennoch bitte ich Euch, die Dame ſogleich hinaus⸗ zugeleiten, wenn Ihr es irgend möglich findet.“ In dieſem Augenblick kamen einige Officiere mit Berichten heran und Algernon entfernte ſich, um in das Haus des Gärtners zurückzukehren. Alles war ſtill und ruhig drinnen, und indem er ſich der Thüre des Zim⸗ mers näherte, wo er Agnes Herbert zurückgelaſſen hatte, öffnete er ſie ein wenig und ſagte: „Ich bin zurückgekehrt, liebes Mädchen.“ Er ſah, daß ſie kniete und betete, und indem er die Thüre wieder ſchloß, entließ er den alten Mann, um zu Bette zu gehen, hüllte ſich in ſeinen Mantel und ſetzte ſich nieder, um nachzudenken. Länger als eine Stunde blieb er in Nachdenken ver⸗ * — 8299 ſunken; doch war er von dem langen Wachen und der großen Anſtrengung der letzten Tage ermüdet. Seine Augen wurden ſchwer, und ehe er noch im Stande war, ſich mit Gewalt wach zu erhalten, ſchlief er ein. Er wurde von raſchen und gemeſſenen Fußtritten erweckt und horchte. „Es gehen friſche Truppen hinunter, um die Leute auf den Außenwerken abzulöſen,“ ſagte er.„Ich kann nicht lange geſchlafen haben.“ Hierauf ſetzte er ſich wieder auf den Stuhl nieder, von dem er aufgeſtanden war und begann wieder über ſeine Lage nachzudenken. Kaum aber waren drei Minu⸗ ten vergangen, als er bei dem Knall einer Kanone wie⸗ der auffuhr. Dann kam das raſſelnde Feuer des kleinen Geſchützes und dann ein heftiger Kanonendonner von den innern Feſtungswerken des Schloſſes. Er eilte zur Thüre hinaus, ſtieg eine äußere Treppe hinauf, die zu einem hohen Balkon führte. Dort konnte er über die jungen Bäume zum Schloſſe hinſehen; und obgleich die Nacht ein wenig dunkel war, ſo wurde ſie doch bald durch eine lange Feuerlinie erhellt, die zwiſchen ihm und der großen Caſemaatte dahinlief. In demſelben Augen⸗ blick hörte er von der äußeren Schanze Schüſſe und ein lautes Rufen, und es drängte ſich ihm die ſchreckliche Wahrheit auf, daß er dort mit ſeiner Geliebten zwiſchen zwei großen Abtheilungen feindlicher Truppen allein — 300— ſei. Die Kaiſerlichen hatten auf irgend eine Weiße die Außenwerke überſchritten und den Fuß der innern Fe⸗ ſtungsmauern erreicht. Die Rückkehr zum Schloſſe war abgeſchnitten, und es war vergebens zu hoffen, daß der Feind von ſeiner vortheilhaften Siellung wieder könne vertrieben werden. Das Nachdenken war vergebens. Es war kein Raum zur Anſtrengung. Durch Muth und Kühnheit war Nichts auszurichten, und es blieb Nichts weiter übrig, als Agnes durch die Flucht zu retten, wenn die Flucht noch möglich war. Indem er ſo ſchnell als möglich wieder herunter⸗ eilte, trat er wieder in das Haus und fand ſeine Gr⸗ liebte im äußern Zimmer. 3 „Was iſt?“ rief ſie mit ſchreckenvollen Blicken. „Der Feind hat die innern Gärten eingenommen,“ antwortete Algernon Grey;„er ſteht zwiſchen uns und dem Schloſſe auf der einen und in dem Faſanengarten auf der andern Seite. Unſere einzige Rettung, theure lgnes, beſteht in augenblicklicher Flucht.— Du darfſt nicht zaudern, liebes Mädchen— das Leben iſt nur eine geringe Rückſicht im Vergleich zu dem, was geſche⸗ hen kann, wenn wir da bleiben— Du darfſt nicht zaudern.“ „Keinen Augenblick,“ antwortete ſie.„Es war ſein Befehl, es iſt Dein Wunſch, und ich bin bereit— noch einen letzten Blick und ich gehe.“ * — 301— Sie kehrte in das Zimmer zurück, wo ihres Vaters Leiche lag, und nachdem ſie ihre Lippn auf die ſeinigen gedrüͤckt, kam ſie wieder zu ihren Geliebten heraus. Sie weinte nicht, ſie bebte nicht— ſie war ruhig und feſt. Sie gingen zuſammen hinaus und blickten in die Dun⸗ kelheit hin. „Hierher,“ ſagte Agnes in leiſem Tone,„es iſt nicht weit.— Horch, wie heftig ſie feuern; ſie werden nicht auf uns achten. Laß uns durch die Irrgänge von beſchnittenem Hagedorn gehen. Dort werden wir allen Blicken entgehen.“ Durch die engen, mit Geſträuchen überwachſenen Gänge gehend, gelangten ſie ohne ihren Weg zu verfeh⸗ len, zu dem obern Ende einer großen Treppe, wo ſich die prächtige Scene eines nächtlichen Angriffs auf die Feſtung ihren Augen zeigte. Die Kanonen blitzten von den Baſtionen herunter und die feindlichen Regimenter feuerten von unten mit Büchſen hinauf. Von Zeit zu Zeit traten die ungeheuren Maſſen des Schloſſes aus der Dunkelheit hervor und hüllten ſich dann wieder in einen ſchwarzen Schleier, während der Donner des Geſchützes die Stille der Nacht unterbrach. Die Flücht⸗ linge verweilten nur einen Augenblick, aber Agnes flü⸗ ſterte: „Laß uns eilen— der Tag wird gleich anbrechen.“ Faſt in demſelben Augenblick ſchlug die Schloß⸗ — 302— glocke vier. Algernon Grey zählte nur drei Schläge, denn der Kanonendonner machte den letzten Schlag unhör⸗ bar. Hierauf eilten ſie die Stufen hinunter und gingen in der Richtung der großen Terraſſe fort, bis ſie zu einer Niſche kamen, vor welcher die Statue eines Waſſer⸗ gottes in der Mitte eines marmornen Baſſins ſtand. „Hier iſt der Ort,“ ſagte Agnes.„Laß mich füh⸗ len, wo das Schloß iſt.“ Und ſie fuhr mit der Hand über die Oberfläche der Niſche. Faſt eine Minute lang konnte ſie das 4 Schlüſſelloch nicht finden, endlich aber gelang es ihr. 4 Die ſteinerne Thüre öffnete ſich und zeigte den Eingang eines engen Ganges. „Nimm den Schlüſſel und verſchließe die Thüre wieder,“ ſagte ſie vorangehend. Algernon Grey folgte und verſchloß die Thüre. 3„Du biſt gerettet! Ich hoffe, Du biſt gerettet, Ge⸗ 8 liebte!“ rief er, ſie in ſeine Arme ſchließend. Agnes antwortete nicht, doch fühlte er, wie ſie heftig an ſeiner Bruſt ſchluchzte, jetzt, da die äußerſte Gefahr vorüber war, die alle ihre Thätigkeit in Bewe⸗ gung geſetzt hatte. Er beruhigte und tröſtete ſie nach beſten Kräften, und um ihre Gedanken mit etwas An⸗ derm zu beſchäftigen, ſagte er: „Wohin führt dieſer Weg, liebes Mädchen?“ „Zu den Hügeln hinauf oberhalb der Wolfsquelle,“ — — 303— antwortete ſie.„Es ſollte eine Vaſſerleitung werden, glaube ich, um das Waſſer der Quelle in das Schloß hinunterzubringen; aber es iſt nie dazu angewendet wor⸗ den.— Laß uns weitergehen, Algernon, das bittere Scheiden iſt vorüber.“ Sanft und freundlich führte er ſie vorwärts und fühlte den Weg mit ſeinem Schwert in der Scheide wei⸗ ter, indem er den linken Arm um ſie ſchlang. Der Weg war ſteil und an einigen Stellen rauh. Eine volle halbe Stunde gingen ſie langſam weiter, indem ſie von Zeit zu Zeit die Soldaten über ihren Köpfen marſchiren hörten, und der fortdauernde Kanonendonner ihnen zeigte, daß das Schloß noch nicht gefallen ſei. Zuwei⸗ len war die Luft drückend, aber häufig ſahen ſie auf der linken Seite, gerade ſo hoch wie ihre Köpfe, eine Stelle, wo das trübe Licht durchſchimmerte und die kühle Luft hereinblies. Endlich ſah man die graue Däm⸗ merung durch die Oeffnungen ſchimmern, welche ange⸗ bracht waren, um der Waſſerleitung friſche Luft zu gewähren. Eine Viertelſtunde ſpäter zeigte ſich vor ihnen eine Thüre. Sie war leicht aufgeſchloſſen— und Agnes und ihr Geliebter ſtanden am Abhange des Gebirges und Heidelberg war aus ihren Augen entſchwunden. „Der friſche graue Morgen ruhte nüchtern auf den Hügeln. Die Kanonade hatte aufgehört. Kein Ge⸗ räuſch unterbrach die Stille der einſamen Scene. Der grüne Neckar floß unten ſchimmernd weiter. Alles zeigte den Ausdruck des Friedens und der Ruhe. Hier ſanken ſie einander in die Arme und dankten Gott für ihre Rettung. — 394— Brief. von Agnes Gräfin von Hillingdon an die Prinzeſſin Amglie von Solms. Durchlauchtige Prinzeſſin, 3 Da ich nicht weiß, wohin ich mich an Ihre Mai ſtät wenden ſoll, ſo ſchließe ich den Bericht über die Ereigniſſe bei, die mir am letzten 23 Auguſt begegne: ſind, und bitte Ihre Durchlaucht, ihn Ihrer Majeſté⸗ mit meinem unterthänigſten Reſpect zu überreichen, ſob ſich die Gelegenheit dazu bietet. Die Unterſchrift wird Ihrer Durchlaucht zeigen, daß ich nicht verfehlt habe, den Befehl Ihrer Majeſtät, der mir durch Herrn Carleton überbracht wurde, zu erfüllen, nämlich dem Grafen von Hillingdon früher, als ich es ſelber beabſichtigte, meine Hand zu reichen. Ich hoffe, Ihre Durchlaucht werden die Verſiche⸗ rung der unveränderlichen Anhänglichkeit genehmigen, womit ich verharre, als Ihrer Durchlaucht Haag treu gehorſamſte Dienerin den 29 October 1622. Agnes Hillingdon. Nachſchrift. Ich habe in dem Eingeſchloſſenen zu erwähnen vergeſſen, daß der Page vor drei Tagen mit dem Packetboot von Rotterdam zu uns gekommen und daß man das Löſegeld des alten Dieners, der ge⸗ fangen genommen worden, auf zwei Hundert Franzoͤſi⸗ ſche Kronen feſtgeſetzt hat. Ende. Gedruckt bei C. Schumann in Schneeberg. Tnnſnffffſfſſſſe ſffſſiſſſſſtn 8 9 10 11 1 3 14 15 16 17 2 1 .—.—