—————— — N — 7 1 825 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on. Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für schentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7„„— 1 3„=„„—„» 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ec.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 4 1 3 — Heidelberg. MUWWo- Ein Roman von G. P. R. James. — Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. Ernſt Suſemihl. Zweiter Band. „ —ANeeee Leipzig, 4 Verlas von Chriſtian Ernſt Kollmann. 18 47. — X 7 K„ 7 „ 19A — ———— Heidelberg.⸗ Zweiter Band. Erſtes Kapitel. In einem großen und ſtattlichen Zimmer, in einem der älteren Theile des Heidelberger Schloſſes, ſaß eine Dame von mittlerem Alter, etwa eine halbe Stunde nach der Zeit, als Algernon Grey aus dem Audienz⸗ zimmer war hinweggeführt worden. Das Zimmer bil⸗ dete ein längliches Viereck und war rings herum mit reich gewirkten Tapeten verſehen, die in glühenden Far⸗ ben und zierlicher Zeichnung die Liebe des Vertumnus und der Pomona darſtellten. Wenige Proben von die⸗ ſer jetzt ganz aufgegebenen Art der Stickerei konnten mit denen wetteifern, welche man dort ſah. Die Blumen und Früchte, die ſich im Hintergrunde zeigten, die üppi⸗ gen Weintrauben und Aepfel, die Blätter der Bäume und ſelbſt die Vögel auf den Aeſten, Alles ſchien her⸗ vorzuſpringen und gab dem Zimmer das Anſehen einer Laube, während die Geſtalten der Gartengöttin und ihres veränderlichen Liebhabers mit einer Wahrheit und Kraft dargeſtellt waren, die, wenn auch die weniger delicaten Augen jener Tage keinen Anſtoß daran fanden, doch zu unſerer Zeit für ziemlich unſchicklich würden gehalten werden. Dieſe ſchönen Tapeten waren von den Händen, die ſie befeſtigt hatten, mit nicht allzu großer Ehrerbietung behandelt worden; denn über jeder Thüte, und es waren deren drei in den Wänden, hatte man ein Stück von derſelben Größe herausgeſchnitten und mit vergoldetem Leder beſetzt— zur großen Unbequemlichkeit der Beine des Vertumnus in einem Falle und der Taille und Arme der Pomona in dem andern— um die ſo abgetrennten Stücke an die Thüre zu befeſtigen, deren Oeffnen und Schließen auf dieſe Weiſe ſehr erleichtert wurde. Die Decke beſtand aus dunklem Eichenholz, welches zierliche Fünfecke bildete, die über einander lagen, immer kleiner wurden, und in der Mitte mit einem goldenen Punkt endeten, der von unten geſehen die Geſtalt eines Ster⸗ nes annahm, ehe man Zeit hatte, die zierliche Arbeit zu entdecken; und von dem mittleren Fünfeck hing ein großer, reich vergoldeter Kronleuchter mit zwölf Lichtern herunter. Mit carmoiſinrothem Sammet überzogene Seſſel, Tiſche mit ſpiralförmigen Füßen und eingelegten Platten, ein kleiner moosartiger Fußteppich in einem Winkel des Zimmers, eine Laute, eine Anzahl Bücher, unter welchen mehrere ungeheure Folianten und eine Quantität ſehr feines und ſeltenes Porzellan, bildeten das Mobiliar des Zimmers, welches, obgleich das Licht keineswegs ſehr hell war, doch ſelbſt an einem Sommer⸗ morgen eine Behaglichkeit und ruhige Pracht zeigte, die angenehm und impoſant für das Auge war. Es liegt eine allgemeine Harmonie in allen Dingen, die wir ſelten verletzt ſehen— oder vielleicht ſollte ich ſagen, die Dinge gehen von Natur in Harmonie über, und es währt niemals lange, bis ſie ſich harmoniſch an einander anſchließen. Der Menſch und ſeine Kleidung, das Zimmer und ſein Bewohner, die Kirche und die dort vorgehende Verehrung, Alles paßt gewiſſermaßen zu einander, und ſo war es auch in dieſem Falle; denn die Dame, die dort ſaß, war gerade ſo, wie man ſie an dem Orte zu finden hätte erwarten ſollen. Sie war ein Weib von ernſtem und gedankenvollen Aus⸗ druck, der durch einen freundlichen Zug um dem Mund gemildert wurde, obgleich die Stirn feſt und gedanken⸗ voll, und die Augen klar und ſehr glänzend waren. Die Leichtigkeit der Jugend war dahin; und wenn man ſie auch nicht eigentlich graziös nennen konnte, ſo war ſie doch würdevoll; und dennoch hatte ſie die Gewandtheit und das ungezwungene Weſen der hohen Geburt und hohen Erziehung, was ſchon an ſich eine Art von Grazie bildet; und die würdevolle Haltung wurde durch eine gelegentliche Annäherung an ein demüthiges Weſen ——— gemildert, welches indeß von Rauhheit und Gemeinheit am Weiteſten entfernt war. Sie war von wohlbeleibter Geſtalt, obgleich nicht ſehr groß; und der feine Schnitt des Mundes, das Grübchen im Kinn und die kleine, aber dennoch etwas gebogene Naſe zeigten noch einige Anſpruche an jene Schönheit, welche die Hofleute in ihren jüngeren Jahren geprieſen hatten. Ihre Kleidung war ſehr eigenthümlich, denn ſie beſtand in einem Kleide von ſchwarzem Sammet, vorn herunter, und an den Aermeln mit Stickereien von derſelben dunklen Farbe bedeckt; und vom Halſe bis zum Buſen trug ſie einen⸗ Bruſtſtreifen von den koſtbarſten weißen Spitzen. Dar⸗ über hatte ſie eine große Halskrauſe von einfachem weißen Mouslin; während von den Schultern eine Art ſchwarz⸗ ſeidener Kapuze ausging, welche die Form einer Muſchel⸗ ſchaale hatte, mit Fiſchbein verſehen war und Kopf und Hals, Halskrauſe und Alles bedecken konnte. Die Haube beſtand in einem Stück ſchwarzen Sammet mit Spitzen eingefaßt, hinten am Haar befeſtigt und auf der hohen Stirn eine Spitze bildend, von wo man das Haar zurückgeſchlagen hatte, ſo daß der ganze Vorderkopf frei war. Dies war die Kleidung und das Ausſehen der verwittweten Kurfürſtin Louiſe Juliana, Schweſter des berühmten Prinzen Wilhelm von Oranien, eine der ausgezeichnetſten und ſcharfſichtigſten Frauen ihrer Zeit. Ich habe um ſo mehr bei der Beſchreibung ihrer Perſon und Kleidung verweilen zu müſſen geglaubt, da die Portraits von dieſer Fürſtin ſelten ſind, und ſo viel ich weiß, keine Beſchreibung von ihr exiſtirt. In dem Augenblick, wovon ich rede, hatte ſie gerade auf einem großen Lehnſeſſel Platz genommen und ein Buch aufgeſchlagen, waͤhrend eine von ihren Kam⸗ merfrauen, die aus ihrem Ankleidezimmer zur Linken hervorgekommen war, und noch eine große Nadei in die ſchwarze Sammethaube ſteckte, um ſie ſicher an ihr Haar zu befeſtigen, welche Vorſichtsmaßregel ſie bei ihrer Toilette verſäumt zu haben ſchien. Als ſie damit fertig war, blickte die Kurfürſtin auf und fragte: „Haſt Du meine Couſine, die Lady Agnes, rufen laſſen?“ „Eldrida iſt gegangen, Ihrer Hoheit zu Befehl,“ ſagte das Mädchen mit tiefer Verneigung und entfernte ſich. Obgleich die verwittwete Kurfürſtin der Perſon, von welcher ſie ſprach, den Namen Couſine beilegte, ſo müſ⸗ ſen wir doch hier bemerken, daß durchaus keine ſehr nahe Verwandtſchaft zwiſchen Beiden ſtatt fand, denn die Dame, die ſie rufen ließ, war keine andere, als Agnes Herbert, und in jenen Tagen war es gewöhnlich, daß hohe Perſonen Leuten von niedrigerem Range, die durchaus nicht mit ihnen verwandt waren, als Zeichen — 10— der Ehrerbietung oder Liebe, die Benennung Vetter oder Couſine beilegten. Etwa fünf Minuten fuhr Luiſe Juliana mit etwas nachläſſiger und unaufmerkſamer Miene zu leſen fort, als wollte ſie nur eine kurze Zeit mit dem Schein einer Beſchäftigung hinbringen, während ihre Gedanken in der That mit andern Dingen beſchäftigt waren. Nach Verlauf dieſer Zeit wurde leiſe an die Thüre geklopft— nicht an dem großen Eingang, der zu dem Corridor an der Treppe führte— ſondern an die Thüre des Anklei⸗ dezimmers, und im nächſten Augenblick trat Agnes Her⸗ bert ein und naͤherte ſich dem Stuhle der Fürſtin. Sie hatte ſeit ihrer Rückkehr ihre Kleidung verändert; und obgleich ihr Geſicht ein wenig bläſſer erſchien, als am vorhergehenden Tage, ehe ihr alle jene Abenteuer begeg⸗ net waren, ſo hatte ſich doch ihre außerordentliche Lie⸗ benswürdigkeit nicht vermindert, auch wenn der Charak⸗ ter ihrer Schönheit etwas verändert war. Die Kurfürſtin erhob ſich halb von ihrem Sitze, ſobald ſie ſie erblickte; und als Agnes ſich faſt kniend zu ihren Füßen niederbeugte, umſchlang ſie ſie mit ihren Armen und drückte ſie mit Wärme an ihr Herz. „Willkommen, willkommen, liebes Kind,“ rief ſie. „Ich glaubte ſchon das Schickſal, welches mir ſo Vie⸗ les und ſo Viele genommen, die ich liebte, habe mich auch meiner Agnes beraubt. O mein theures Mädchen! — 11— Du kannſt Dir die Qual meines Herzens während der langen Stunde der Nacht nicht vorſtellen. Da man geſehen, was ich gelitten, ſo kam man um ein Uhr die⸗ ſen Morgen an mein Bett, um mir zu ſagen, daß Du durch ein Wunder gerettet worden. Ich wollte die Nachricht kaum glauben, Geliebte, und bis ich jetzt eben hörte, daß Du zurückgekehrt ſeieſt, blieb noch immer ein Schatten des Unglaubens in meinem Geiſte zurück.“ „Ich wäre ſchon früher hier geweſen, Hoheit, wie ich aus Pflicht und Liebe verbunden war,“ antwortete Agnes,„häͤtte mich nicht eine wichtige Sache zum Kur⸗ fürſten gerufen. Meine Befreiung war in der That ein Wunder, obgleich man dies kaum ſagen ſollte, da ſie durch das geſchah, was eben ſo häufig ſein ſollte, wie es ſelten iſt, nämlich durch den Muth und die Aufopferung eines Cavaliers.“ „Setze Dich zu mir nieder, meine Agnes, und erzähle mir alle Deine Wunder,“ ſagte die Kurfürſtin; „denn bis jetzt habe ich noch Nichts von der Geſchichte gehört, und ich glaube, alle im Schloſſe ſind ebenſo unbekannt damit wie ich.“ „Jetzt nicht mehr,“ verſetzte Agnes.„Wie ich höre, hat ſie ſich in verſchiedenen Formen theils wahr, theils falſch, weit und fern verbreitet. Aber ich will Euch Alles erzählen, edle Dame, genau wie es geſchah; denn es iſt eine angenehme Aufgabe, wenn man von Nichts als von Dankbarkeit und Lob zu reden hat.“ Hierauf erzählte das ſchöne Mädchen ihrer hohen Freundin Alles, was ihr begegnet war, ſeit ſie ſie am vergangenen Tage verlaſſen, und zwar ausführlicher, als ſie es ſelbſt ihrem Oheim erzählt hatte. Ich habe geſagt, Alles; doch ließ ſie zwei Dinge aus, nämlich die Lob⸗ ſprüche, die William Lovet ſeinem Vetter ertheilt, und die genauen Fragen, die ihr Oheim ihr bei ihrer Rück⸗ kehr vorgelegt hatte. Aus irgend einem Grunde, ſie wußte ſelbſt nicht warum, ſprach ſie nicht von dieſen beiden Gegenſtänden, doch alles Uebrige erzählte ſie. Louiſe Juliana hörte ihr mit gedankenvoller und lebhafter Aufmerkſamkeit zu; ihr Geſicht veränderte ſich nicht ſehr, denn ſie war gewohnt, den Ausdruck deſſel⸗ ben zu beherrſchen; doch gab es gewiſſe Punkte der Geſchichte, worüber ſie mehr nachzudenken ſchien, als über die anderen. Alles, was Agnes von ihrer Rettung aus der drohenden Todesgefahr und von ihrem Retter erzählte, ſchien ſie beſonders zu beachten; aber ſeiner Gefangennahme und dem, was darauf erfolgt war, legte ſie dem Anſcheine nach keine große Wichtigkeit bei und ſagte nur? „Es wird ſich finden, daß Oberntraut den Streit veranlaßt hat.“ Als die junge Dame ausgeredet hatte, legte ſie — 13— die Hand auf ihre Schulter, küßte ihre Stirn, dankte ihr für ihre Erzählung und fügte hinzu: „Dies iſt in der That ein edler und großmüthiger Mann, meine Agnes; ich muß ihn um Deinetwillen ſprechen, liebe Couſine, und ihm ſagen, was ich denke.“ „Aber er iſt im Gefängniß,“ antwortete Agnes, „und ich fürchte, er wird noch in langer Zeit nicht frei⸗ gelaſſen werden.“ „Ich muß ihn dennoch ſprechen,“ verſetzte die Kur⸗ fürſtin gedankenvoll,„aus vielen Gründen, liebes Mäd⸗ chen!—“ Sie hielt inne, ſchien einige Augenblicke nach⸗ zudenken und fügte dann hinzu: „Ich hörte, daß er ſchon früher hier geweſen, Agnes— ja, Du ſelber erzählteſt mir von ſeinem Benehmen vor einigen Abenden; aber es iſt nicht das allein: ich habe einen Wink erhalten, daß er mehr als einen Zweck hat, und nicht blos zum Vergnügen reiſt, und dieſer ruhige und gedankenvolle Charakter eines ſo jungen Mannes deutet auf ein mit wichtigen Dingen beladenes Gehirn. Wie ich ſehe, urtheilt mein Sohn eben ſo— er leugnet nicht, daß er ihn kennt, und daß er nicht iſt, was er ſcheint.— Ich muß ihn ſprechen, Agnes, und zwar ſo bald als möglich.“ „Aber wie, theure Fürſtin?“ fragte Agnes Herbert. „O, das wird leicht zu machen ſein,“ antwortete die Kurfürſtin.„Du ſagſt, Dein Oheim hat ihn in ſei⸗ — 1— nem Gewahrſam; Du ſollſt dieſe Nacht ſeine Gefangen⸗ wärterin ſein und ihn auf die Wälle oder in die Gärten führen, um Luft zu ſchöpfen. Bringe ihn dann unter meine Fenſter, welche offen ſein ſollen; und wenn Du meine kleine ſilberne Schelle hörſt, ſo führe ihn über die kleine Treppe in dem Thurme hierher.— Ich muß mehr von ſeinen Aufträgen erfahren, Agnes; wenn es iſt, wie ich denke, ſo werde ich vielleicht Veranlaſſung zu einer langen Unterredung haben. Das Schickſal meines Sohnes und ſeines ganzen Hauſes, das Schickſal Deutſchlands, ja vielleicht Europas, iſt jetzt in der Wage, und ich mögte gern verhindern, daß ein neues Gewicht in die unrechte Schaale geworfen würde. Warte, bis die Nacht angebrochen iſt und ich will kurz vor zehn Uhr klingeln.— Sage Herbert, daß Du meine Befehle haſt.“ „Eure Befehle ſollen befolgt werden, darauf konnt Ihr Euch verlaſſen, hohe Frau, antwortete die junge Dame und ſchwieg dann, als erwarte ſie noch weitere Aufträge. „Du biſt alſo dieſem jungen Cavalier ohne Zwei⸗ fel ſehr dankbar, meine Agnes,“ ſagte die Fürſtin endlich. „Was würde ich nicht thun, um ihm meine Dank⸗ barkeit an den Tag zu legen?“ rief das ſchöne, begei⸗ ſteter Mädchen. „Alles, was vernünftig iſt, mein Kind,“ verſetzte die ältere Dame.„Aber laß Deine junge Phantaſie durch die Dankbarkeit nicht zu weit treiben. Die Ret⸗ tung des Lebens kann auch durch den Frieden des Her⸗ zens zu theuer bezahlt werden.“ Agnes lächelte heiter. „O, fürchtet deßhalb Nichts, edle Dame,“ antwor⸗ tete ſie.„Er iſt kein Curmacher; und wenn ich ihm für irgend Etwas noch lebhafter danken könnte, als für ſeine ritterliche Rettung, ſo müßte ich ihm für ſeine freund⸗ liche, ruhige und brüderliche Behandlung danken, die er mir während des letzten Abends widerfahren ließ, ohne ein Wort oder einen Blick, den das eitelſte Herz als Galanterie auslegen könnte.“ „Ein ſeltſames Benehmen für einen ſo jungen Mann! Eine ſeltſame Dankbarkeit für ein ſo ſchönes Mädchen!“ verſetzte die Kurfürſtin lachend.„Doch ſei Deiner und ſeiner nicht zu gewiß, liebes Kind. Die Liebe kann auch den Brennſtoff anhäufen, ehe ſie ihn in Flammen ſetzt. Höre mich an, meine Agnes, und laß Deine Wange nicht ſo warm erglühen. Ich ſage Dir nicht, daß Du nicht lieben ſollſt, das wäre zugleich ver⸗ geblich und gefährlich: ich ſage nur, lerne ihn erſt beſſer kennen, ehe Du ihn liebſt. Alles, was ich von ihm gehört habe, iſt zu ſeinem Vortheil, und bezeichnet ihn als einen nicht gewöhnlichen Mann; dennoch aber, — 46— wenn die Dankbarkeit ſo warm in einem jungen Herzen glüht, iſt es vernünftig, Sorge zu tragen, daß ſie nicht in eine andere Flamme übergeht, ohne daß wir ſelber es wiſſen. Unſere Phantaſie iſt reich, meine Agnes, und unſer Geiſt glühend, und mein guter Vetter Herbert nicht ſo vorſichtig wie eine Mutter.“ „O, er iſt vorſichtiger als Ihr glaubt,“ verſetzte die junge Dame mit mattem Lächeln bei der Erinnerung an ſeine Fragen.„Er verhörte mich dieſen Morgen ſo ſtrenge, wie ein Großinquiſitor, und wollte alle Worte und Handlungen meines Begleiters gegen mich bis auf die unbedeutendſte Kleinigkeit wiſſen.“ „Aber ich ſtehe dafür, er fragte nicht nach Deinen Worten und Handlungen,“ ſagte die Fürſtin;„das iſt nicht ſeine Art, mein Kind. Alle Engländer ſind theore⸗ tiſch und er hat ſein Syſtem gut, ſo weit es geht, aber oft wird es auch zu weit getrieben und iſt unanwendbar. Weil er in ſeinem Leben ein Weib gefunden, welches ein Engel war, wenn je ein Engel auf Erden weilte, und wenig andere gekannt hat, ſo ſcheint es ſeine Regel zu ſein, allen Weibern zu trauen und gegen alle Männer Zweifel zu hegen. Aber mein Rath an jedes junge Weſen, welches in einer Lage iſt, wie Du, meine Agnes, würde ſein, Zweifel gegen ſich ſelbſt zu hegen, und ſtets die Gefahr zu fliehen 44 „Und zweifelt Ihr denn an mir, theure Paßſin 2 fragte Agnes faſt traurig. Die Fürſtin umſchlang ſie mit ihrem Arme und rief: „Nein, liebes Mädchen, nein! Ich würde lieber an mir ſelber zweifeln; aber was ich geſprochen habe, iſt doch aus guter Abſicht geſprochen. Eben dieſe Dank⸗ barkeit führt oft auf einem blumenreichen Pfade in eine Wildniß. Liebliche Blüthen beſtreuen anfangs den Pfad und wenn wir ſie pflücken, gehen wir weiter als wir wiſſen, bis wir plötzlich über die Wildniß erſchrecken, die uns umgiebt; und wenn wir zurückkehren wollen, finden wir den Weg mit dichtem Gebüſch und Dornen bewachſen. Ich ſage, hüte Dich, mein liebes Kind, bis Du ihn länger und beſſer kennſt. Wenn er dann Dein Herz zu gewinnen ſucht und Du es ihm geben kannſt, ſo mag es ſein; denn es iſt nicht meine Sache, den Werth der wahren und redlichen Liebe zu verkennen. Sie mag ihre Leiden haben; doch ich glaube, daß das Leben des Weibes nicht vollſtändig iſt, ehe ſie den Ser⸗ gen der Liebe erfahren hat.“ „Aber warum ſollte er mein armes Herz zu ge⸗ winnen ſuchen?“ fragte Agnes.„Warum ſollte ich mir einbilden, daß er je darnach ſtreben werde? Er hat nie ein Wort geſagt, was mich veranlaſſen könnte, mir dergleichen träumen zu laſſen. Ohne Zweifel hat er Heidelberg. Zweiter Band. 2. 19 18 viele geiſtreichere, beſſere und ſchönere Mädchen geſehe als ich bin, und wird noch mehr ſehen. Bis jetzt hab ich Nichts gethan, um ſeine Liebe zu gewinnen, ol gleich Ihre Hoheit denken, er habe viel gethan, um die meine zu gewinnen; aber es iſt ein ungeheurer Unter⸗ ſchied zwiſchen Dankbarkeit und Liebe. Ich bin zu ſtohz um ungeſucht zu lieben, das glaubt mir, und bis e mir es entweder ſagt, oder ich Etwas gethan habe, wo durch ich ſeine Liebe verdienen kann, will ich mir nicht einbilden, daß er etwas Anderes als höfliche Freundlich⸗ keit für mich empfinden kann.“ „Armes Kind,“ ſagte die Kurfürſtin,„in dar Schule der Liebe biſt Du eine Schülerin der unterſten Klaſſe, wie ich ſehe. Du haſt nichts gethan um Liebe zu verdienen. Haſt Du Dich nicht für ihn zum Gegenſtand des lebhaften und ängſtlichen Gedankens und der Furcht gemacht, als er ſich in den Strom ſtürzte, um Dich zu retten? Haſt Du ihm nicht Veranlaſſung gegeben, ta⸗ pfere Kühnheit und edle Begeiſterung zu zeigen? Haſt Du nicht während der langen Nacht die zärtlichen und ſanften Regungen ſeines Herzens für Dich erweckt, indem er Dich beſchützte, beruhigte und unterſtützte? Was iſt das anders, als Liebe von jedem Manne zu verdienen! Du irrſt ſehr, meine Agnes, wenn Du denkſt, daß die Herzen der Männer durch daſſelbe gewonnen werden, wodurch man das Herz des Weibes gewinnt. Die Na⸗ — 19— tur des Mannes iſt verſchieden, ſein Beruf dem unſrigen ungleich: ſeine Aufgabe iſt es, mit der Gefahr für ſich und Andere zu kämpfen, den Schwachen zu ſchirmen und die zu lieben, die er beſchützt. Unſer Beruf iſt es dagegen, zu dulden und zu erbeben, Schutz zu ſuchen von einem ſtärkern Arm und mit unſerm ganzen Her⸗ zen den Preis des männlichen Schutzes zu zahlen. Ueber⸗ ſchütte ihn mit Wohlthaten, gieb ihm Reichthum, Aus⸗ zeichnung, eine Königskrone, wenn Du ſie auszutheilen haſt; rette ihm vom Tode, vom Schmerz oder Elend, dennoch ſchlingſt Du immer kein ſo ſtarkes Band um ſein Herz, wie das, welches ihn an einen Gegenſtand ſeiner Sorge oder ſeines Mitleids bindet. Doch genug davon, mein Kind, ich wollte Dich nur warnen; denn jedes Weib trägt einen Verräther in ihrem Buſen, ſtets bereit, die Citadelle zu verrathen, wenn ſie nicht wohl bewacht wird. Bringe, wie ich geſagt, heute Abend die⸗ ſen tapfern Herrn zu mir. Wenn ich ihn geſprochen habe, will ich Dir mehr ſagen.“ Agnes entfernte ſich, ging aber nicht geradezu in den Thurm ihres Oheims. Sie trat zuerſt in ihr eige⸗ nes Zimmer und blieb dort, ihr ſchönes Geſicht auf ihre Hand geſtützt, in tiefem und anſcheinend ſchmerzli⸗ chem Nachdenken zurück. Ich will nicht dabei verweilen zu fragen, welches die geſchäftigen Gedanken waren, die jenen jungen und unerfahrenen Kopf durchkreuzten; wel⸗ * 2 — 20— ches die Regungen waren, die jenes reine, warme und 6 ſanfte Herz erfüllten. Eine Zeit lang waren ihre Träu⸗ mereien offenbar bitter; dann aber ſchien ſie ſie mit ſtarker Entſchloſſenheit von ſich zu entfernen; die Wolken verſchwanden von ihrer Stirne, ihr ſchimmerndes Augt blickte auf und ſie rief, mit heiterm Lachen aufſtehend: „Nein, nein, ich will keinen Gedanken mehr daran verſchwenden!“ Und mit leichtem Schritte eilte ſie zu Herbertz Thurm. Zweites Kapitel. In Gewahrſam des Großmarſchalls wurde Alger⸗ non Grey aus dem Audienzzimmer des Kurfürſten hin⸗ weggeführt, durch die Halle, wo er Agnes hatte war⸗ ten ſehen, durch eine von jenen offenen Gallerien, die gauf der einen Seite von dem großen Hofe hinliefen, und von dort durch unzählige kleine Gänge, kaum weit genug, daß zwei Perſonen neben einander gehen konnten, zu der Thüre eines Zimmers, die auf einen Abſatz einer ziemlich breiten Treppe hinausging. Die Thüre war niedrig, ſo daß der junge Englän⸗ der kaum gerade hindurch gehen konnte, und mit Eiſen und großen Nägeln beſchlagen. Als ſie geöffnet wurde, zeigte ſie zur Rechten ein kleines Vorzimmer mit einem hohen Fenſter, welchem gegenüber ſich noch ein niedri⸗ ger Bogen mit einer Thüre befand, und als man durch dieſe gegangen war, erblickte man noch eine dritte Thüre, die eben ſo ſtark und feſt war, wie die erſte. Der Herr von Helmſtadt deutete im Vorübergehen auf den Bogen zur Linken und ſagte im höflichen Tone „Dort wird Euer Schlafzimmer ſein und hier kön⸗ nen Eure Diener ſich aufhalten, wenn es, wie ich hoff des Kurfürſten Wille iſt, daß Eure gewöhnlichen Diena zu Euch gelaſſen werden. Wäͤhrend er ſprach ging er zu der dritten Thuͤre drehte den ſchweren Schlüſſel um, der im Schloſſe war. öffnete und winkte dem jungen Engländer einzutreten. Allggernon Grey that es ſchweigend und mit nicht fehr angenehmen Erwartungen; doch war er angenehm überraſcht, als er ſich in einem Zimmer befand, welches ſehr wenig von einem Gefängniß an ſich hatte, es war an ſich wohnlich und zeigte dieſelbe unvergleichliche Aus⸗ ſicht, die er ſchon früher in den Umgebungen ds Schloß ſes geſehen. Das Zimmer hatte die Geſtalt eines Halb⸗ mondes, denn der große runde Thurm, in welchem es ſich befand, war durch eine Scheidewand getrennt, ſo daß dieſes Stück einen großen Salon bildete, während die andere Hälfte wieder in zwei Theile getheilt war, wovon der eine Theil das Schlafzimmer und der zweite und kleinere Theil das Vorzimmer bildete, mit Ausnah⸗ me eines kleinen Raumes, der von den Uebrigen getrennt war und die Treppe enthielt.— Das Mobiliar des Zimmers war koſtbar und be⸗ quem. Es fehlte nichts, was zur Bequemlichkeit des 2 — 23— Bewohners beitragen konnte, und Algernon Grey ſchloß aus dem Ausſehn der ganzen Wohnung, daß es nicht des Kurfürſten Abſicht ſei, große Strenge gegen ihn zu zeigen. Die Vorhänge, die Tiſche, die mit Sammet bedeckten Stühle zogen indeß nur wenig ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich, denn er ging zugleich zu einem von den drei großen Fenſtern, durch welches der volle Lichtſtrom ins Zimmer drang, obgleich nicht der Son⸗ nenſchein, denn es war noch Morgen und jene Seite des Thurmes hatte die Ausſicht nach Süden und Weſten. „Eine herrliche Ausſicht,“ ſagte er, ſich zu dem Marſchall wendend;„mich dünkt, ein Aufenthalt von einem oder zwei Tagen an dieſem Orte wird keine große Strafe ſein. Dennoch proteſtire ich dagegen, daß ir⸗ gend Jemand das Recht haben ſollte, mich wegen deſſen, was ich gethan, gefangen zu ſetzen. Geduld iſt indeß eine nützliche Eigenſchaft und des Kurfürſten Wille muß befolgt werden; doch hoffe ich, wird man mich nicht ſo ganz allein laſſen, daß ich nicht einen Diener rufen kann. Meine Diener und mein Gepäck müſſen von dem Gaſthauſe heraufgebracht werden, wo ich Beides zurück⸗ ließ, da ich keine Gefangenſchaft erwartete.“ „Ich will des Kurfürſten weitere Befehle einholen,“ verſetzte Herr von Helmſtadt.„Natürlich werden Leute beſtimmt werden, Euch aufzuwarten; doch, ob man nun Euxe Diener dazu wählen wird, oder nicht, kann — 24— ich nicht ſagen.— Ich muß Euch eine Zeitlang allen laſſen, und bedaure ſehr, daß einem ſo tapferen Cavn lier ein ſolches Unheil begegnet iſt. Wir Alle kennen Johann von Oberntraut ſehr wohl; und es iſt Niemand am ganzen Hofe, welcher zweifelt, daß er dieſe Sacht veranlaßt hat; doch der Kurfürſt iſt in der letzten Zeit ſehr ſtrenge in dergleichen Dingen geweſen und natürlic kann er keine Gunſt zeigen, wenn er auch dazu geneig wäre.“ Mit dieſen Worten entſernte er ſich und Algerno blieb allein. Einen Augenblick ſah er ſich im Zimma um, während der Schlüſſel in dem ſchweren Schloſſe umgedrehr wurde und ein widerwärtiges Geräuſch her⸗ vorbrachte, und lachte dann in heiterem Tone. „Hier bin ich gefangen,“ ſagte er;„gut, obgleich unerwartet, iſt es von keiner großen Bedeutung. Einige kurze Stunden, einige kurze Tage,(was iſt das von der Summe des Lebens); und indem ich vergeſſe, daß ich meine Freiheit verloren habe, will ich mich für einen gaſtlich aufgenommenen, gut logirten Prinzen halten, dem es nur nicht, gleich dem Sklaven des Harem, aus⸗ zugehen erlaubt iſt. Wie thörigt iſt es für einen Mann, ſich mit eitlem Bedauern über den Verluſt eines ſo we. ſenloſen Dinges zu quälen, wie jener Theil der Freiheit iſt, der ihm durch die Gebräuche der Welt übrig gelaß ſen wird. An Höfen und in Städten, das ſteife Gebiß des Geſetzes zwiſchen ſeinen Kinnbacken, wird er gezähmt und geſchult durch die Gewohnheiten des Landes, alle ſeine eingelernten Kunſtſtücke gleich einem zugerittenen Pferde zu zeigen, indem er hier kurbetirt und dort vol⸗ tirt, ſo daß kaum ein natürlicher Schritt in ſeinem gan⸗ zen Gange übrig bleibt. Hier, wo mich kein Auge be⸗ obachtet, wo mich keine Form der herkömmlichen Cere⸗ monie feſſelt, kann ich mehr wahre Freiheit haben, als in den Hallen eines Königs, obgleich jene Thüre ver⸗ ſchloſſen und verriegelt iſt. Was macht denn die Ge⸗ fangenſchaft ſchmerzlich? Entweder die Erwartung noch weiteren Uebels, oder die Ausſicht auf ihre unendliche Ausdehnung. In wenigen Tagen werde ich frei ſein. Man wird nicht wagen, mir Unrecht zu thun. Weiter habe ich Nichts zu fürchten. Warum tönt das Verſchlie⸗ ßen jener Thüre widerwärtig in mein Ohr, da die Hand, die den Schlüſſel umdreht, draußen iſt? Wäre es meine eigene Hand geweſen, ebe ich mich zum Schlafen gelegt, ſo hätte ich nicht darauf geachtet— nein, nein, ich will es leicht ertragen. Der Menſch verdoppelt alle Uebel ſeines Schickſals, indem er ſie überdenkt; eine leichte Hautverletzung wird eine Wunde, ein unbedachtes Wort eine Beleidigung, ein Scherz eine Schmähung, eine kleine Gefahr eine große; und eine unbedeutende Krankheit en⸗ det oft mit dem Tode durch die bruͤtende Furcht des Kranken.— Welch eine herrliche Scene! Es iſt mir, als könnte ich jene Ausſicht immerdar betrachten, ale Welt vergeſſen, hier in der Mitte einer großen Stadt als Einſiedler leben und Gott in dem erhabenen Tem pel ſeiner ſchönſten Werke verehren!“ O wie eitel iſt es, wenn der Menſch durch die bloße Kraft des Verſtandes die natürlichen Neigungen des Herzens unterdrücken oder beherrſchen will. Die Stoiſche Philoſophie wäre ſogleich zuſammengeſtürzt, hät⸗ ten nicht die Lehrer derſelben auf geſchickte Weiſe Linde rungsmittel für die rauhe Strenge derſelben angewendet, und nicht nur gelehrt, die Uebel zu ertragen, die daß Schickſal auferlegt, ſondern oft auch ihnen zu entfliehen — ja, zu entfliehen, wenn auch der Zufluchtsort das Grab war: Denn am Ende war das majeſtätiſch aus⸗ ſehende Verbrechen des Selbſtmordes nur eine feige Flucht vor einer ſiegreichen Armee der Uebel der Welt. Eitel und vergeblich waren die Vernunftgründe, welche Algernon Grey anwendete; und ſchweigend und langſam unterhöhlten die einſamen Augenblicke im Vorüberziehen den Grund des hohen Gebäudes erhabe⸗ ner Gedanken, welches er ſo vertrauensvoll aufgebaut. Zuerſt begann er zu finden, daß die Zeit ſehr langſam vorüberging; er fand freilich Freude an der ſchönen Scene, aber das war Alles: Nichts regte ſich, der Wind hatte ſich gelegt, ſo daß die Blätter auf den Bäumen ſich nicht einmal bewegten; und der grüne Neckar erſchien — 27— wie ein klarer Spiegel. Er konnte nicht in die Straßen der Stadt ſehen; die dicken Mauern benahmen ihm die Ausſicht in die Gärten. Der Himmel droben war ohne Wolken; die glühende Tageshitze hielt die Vögel ruhig, und das Licht veränderte ſich ſo langſam, daß das Fort⸗ ſchreiten des Lichts und Schattens für das Auge un⸗ merklich war. Die Ausſicht war ſchön; doch wurde ſie einförmig, und ein Ungewitter oder nur eine Wolke wäre eine Erleichterung geweſen. b — Er begann ſeine Augen auf die Thüre zu richten, und wünſchte, es mögte Jemand kommen. Das Be⸗ wußtſein, daß ſie geſchloſſen war, wurde drückend für ihn; er fühlte, wie ſeine Philoſophie ihren Haltpunkt verlor, und beſchloß eine Beſchäftigung zu ſuchen. Er hatte das Schlafzimmer noch nicht geſehen; er ging durch die Thüre und unterſuchte die Hausgeräthe, die es ent⸗ hielt, ſah aus dem hohen Fenſter über die Dächer einiger von den Gebäuden, und an den Wänden anderer hin. Eine Taube, die auf einem der Gibel ſaß, flog in dem Augenblick davon und erhob ſich in die Luft. Algernon Grey wußte jetzt, wie ſehr er den Verluſt der Freiheit empfunden; denn die Flucht des Vogels zu ſehen, war eine Freude für ihn, und doch erweckte dieſelbe ſchwer⸗ müthige Empfindungen. Als er ſah wie die Taube ihre Flügel leicht in der heitern Luft ausbreitete, muntere Kreiſe zog und dann zu einer Wieſe oder zu einem Korn⸗ — 28— felde flog, da dachte er darüber nach, wie ſchön d Freiheit iſt und wie ſchrecklich der Verluſt derſelben. Der Vogel verſchwand und langſam in das anden Zimmer zurückkehrend, ſetzte er ſich ans Fenſter und 1 blickte hinaus. Aber bittere Gedanken bemächtigten ſih ſeiner und der Geiſt wanderte weiter von einer traurige Bilderreihe zur anderen. Er dachte an das menſchlich Leben, an fehnen Kummer, ſeine Sorgen, ſeine Wechſel Er ſah Alles dunkel an, ſowohl das Mißgeſchick, wi den gewöhnlichen Gang deſſelben. „Was iſt es anders,“ ſagte er,„als eine allmi lige Entwicklung, mit manchem Uebel und mancher Ge fahr erfüllt, eine kurze Reiſe und ein langer und trau riger Vorfall? Kaum haben wir unſere Blüthe erreicht wenn uns ſchon eine mangelnde Kraft, eine nachlaſſend Energie, eine körperliche oder geiſtige Schwäche mahnt daß wir dem Verfalle entgegengehen, und daß es jetz bergab geht, bergab zum Grabe. Von jetzt an iſt das Spiel des Lebens nur ein Verluſt. Wiederholt werfet wir die Würfel um einen neuen Einſatz und das Schith⸗ ſal gewinnt ſtets gegen uns, bis wir bankerott an Kör⸗ per und Geiſt zu Bette gehen und ſchlafen— und ver geſſen werden. Wie oft ſelbſt in den Tagen unſeru höchſten Thatkräfte kommt Etwas, was zwiſchen uns und die Schätze tritt, nach denen wir ſtreben, irgend ein kla⸗ nes, aber unheilvolles Hinderniß, über welches alle un⸗ — 29.— ſere Hoffnungen dahinſtürzen; der ewige Stein des An⸗ ſtoßes der Umſtände, der dem ewig fliehenden Guten Zeit läßt, uns zu entwiſchen. Oft, ja, ich hätte ſagen ſollen, immer, denn jene dunkle, unerforſchliche Hand des Schickſals miſcht beſtändig in den Becher der Freude, ſelbſt wenn er am Hellſten funkelt in der Jugend Hand, den bitteren Tropfen, der bald Alles durchdringt.“ Er wendete ſeinen Geiſt zu andern Dingen. „Nun, es liegt Nichts daran,“ dachte er,„auf je⸗ den Fall gibt es doch eine unverkümmerte Freude— Gutes zu thun, zu retten, zu tröſten, zu beſchützen.“ Dann verweilte ſeine Phantaſie einen Augenblick bei den Ereigniſſen der vergangenen Nacht. Er dachte an Agnes Herbert— wie er ſie vom Untergange errettet — wie er ſie aus den dunklen Waſſern jenes wilden Stromes gezogen— wie er jenes Geſchöpf ſo voll Le⸗ ben und Begeiſterung dem Leben wiedergegeben— und auf einen Augenblick war er glücklich. Sie ſtand vor ihm in ihrer jungen Schönheit, ſtrahlend in Anmuth; wie das Herz ſich in ihren Augen, Liebe und Glück auf ihren Lippen zeigte; ihre klare, reine Stirn, gleich dem heiteren Himmelsraume, und die Seele der Lieblichkeit in jedem Blick und in jeder Bewegung. Die Ausſicht war zu glänzend und ſeine Hände zuſammenfaltend, rich⸗ tete er ſeine Augen auf den Boden und murmelte bit⸗ ter durch ſein geſchloſſenen Zähne: — 30— „Doch ſie kann nimmer die Meine werden!“ Tief und düſter waren ſeine ſpäteren Betrachtungen und mehr als eine Stunde verging, ehe er eine einzige Muskel bewegte; bis er endlich einen Schritt und eine Stimme draußen hörte. Er fuhr empor, bemühte ſich ſein Geſicht zu er⸗ heitern, ſtrich das Haar aus ſeiner Stirn und ſah ernſt⸗ haft aber nicht traurig aus. Der Schlüſſel wurde in der Thüre umgedreht und im nächſten Augenblick zeigten ſich ihm zwei bekannte Geſichter, und Herbert und Wil⸗ liam Lovet traten ein. Herbert blieb nicht lange. „Zum erſten Mal in meinem Leben, Herr Grey, habe ich darauf angetragen ein Gefangenwärter zu wer⸗ den; doch ich habe Euch ſo viel zu danken, daß ich wohl um Euretwillen dieſes Amt übernehmen muß, um ſo viel als möglich Eure Gefangenſchaft zu mildern, die, wie ich hoffe, nicht lange währen wird. Zu aneinen Dank und zu meinen Plänen bedarf ich mehr Zeit, als ich jetzt darauf verwenden kann, da Euer Vetter hier iſt um mit Euch zu reden; doch ich will Euch wieder be⸗ ſuchen, ehe der Tag zu Ende iſt, und inzwiſchen ſoviel als möglich für Eure Bequemlichkeit ſorgen. So bn wohl für jetzt.“ Und indem er ihm mit Wärme die Hand drüie, wendete er ſich zu Lovet und ſagte: — 31— „Die Wache draußen iſt mit Eurer Perſon bekannt und wird Euch hinaus laſſen, wenn Ihr es fordert. Ihr könnt während des Tages, ſo oft Ihr wollt, hie⸗ herkommen; doch nach Sonnenuntergang müſſen die Pforten dieſes Thurmes auf Befehl des Kurfürſten für alle Beſucher geſchloſſen werden.“ „Ich danke Euch, Oberſt,“ antwortete Lovet und ſah ihm nach, bis er hinaus war, ehe er mit ſeinem Vetter ſprach. Die Eröffnung ſeiner Unterhaltung war ſo ſeltſam, wie gewöhnlich, denn er begann mit einem lauten Ausbruch des Lachens. „Eingeſperrt, Algernon, eingeſperrt!“ rief er.„Nun, bei meinem Leben, ein ganz hübſcher und bequemer Ker⸗ ker! Sammetſtühle, bei meinem Leben; eine entzückende Ausſicht wie die Dichter ſagen würden. Gute Suppe, eine Flaſche alten Wein und nicht zu ſchwarzes Brod und mich dünkt, Du biſt ganz gut verſorgt. Bei mei⸗ nem Leben, ich bin dem Kurfürſten vielen Dank ſchuldig!“ „Du ſcheinſt Dich über ſeine Güte gegen mich zu freuen,“ antwortete Algernon Grey mit einem leichten Anfluge von Bitterkeit;„darf ich wiſſen, William, ob Deine Heiterkeit aus freundlicher Theilnahme an meinem Vergnügen oder aus perſönlicher Befriedigung entſpringt?“ „O, perſönlich, perſönlich!“ rief Lovet.„Jener berühmte Cardinal, der Sohn eines Mezgers und der Herr vom Monarchen, der geiſtreiche Wolſeh, war ein 8 offener und aufrichtiger Mann; und wenn er ſchrieb: ego et rex meus, ſo that er nur, was jeder andere Mann auch thun würde, wenn er nicht ein Heuchler wäre; nämlich er ſetzte ſeinen Namen an den Platz, den er in ſeiner eigenen Schätzung einnahm. Ich liebe Dich zunächſt nach mir, Algernon.— Sage das nicht der liebenswürdigen Frau von Lauſſitz, oder ihre tiefen ſchmachtenden Augen würden von Unwillen ſtrahlen, wenn ſie denken müßte, daß ich außer ihrer ſchönen Per⸗ ſon noch Jemand oder Etwas liebe.— Doch kannſt Du läugnen, daß ich dem Kurfürſten vielen Dank ſchul⸗ dig bin? Hier hat er meinen Vogel eingeſperrt, gerade als ich glaubte, er ſei im Begriff, davon zu fliegen, und ich würde genöthigt ſein ihm zu folgen. Es ent⸗ ſpricht meinem Vorſatze gerade eben ſo, als hätteſt Du Dich in alle Damen des Hofes zugleich verliebt und wäreſt zurückgeblieben, um allen den Hof zu machen. So weit ich Dich kenne, wird das Gefängniß des Kur⸗ fürſten viel angenehmer für Dich ſein, als Cupido's Kette und bei meinem Leben, er hat das Juwel in ein ſehr zierliches Käſtchen gelegt. Hier biſt Du, gleich dem neuen Crueifix eines armen einfältigen katholiſchen Mädchens, in Baumwolle gewickelt und ſicher und wohlbehalten in einen Schrank eingeſchloſſen; wahrend ich, gleich dem⸗ ſelben armen Mäͤdchen, meinen weltlichen Eitelkeiten nach⸗ „Sieh Dich vor, William,“ antwortete Algernon Grey,„daß deine Eitelkeiten Dich nicht in noch ſchlimmere Lagen bringen, als dieſe iſt.“ „Himmel und Erde mögen auf dieſen Mann hor⸗ chen!“ rief William Lovet lachend.„Man denke nur an den Predigerton, den er gegen mich annimmt. Sagte ich Dir nicht ſchon lange, Algernon, daß Deine Fehler viel ernſthafter wären, als die meinigen? Anſtatt Dich zu bücken und den geſtickten Saum des Unterrocks einer ſchönen Dame zu verehren, haſt Du nichts Heiligeres in einem fremden Lande zu thun, als einem armen Manne die Kehle abzuſchneiden. Nun frage ich Dich offen und ehrlich, was das Schlimmſte iſt, wenn man ſich eine oder zwei Stunden damit unterhält, Vergnügen zu gewähren und zu empfangen, oder ſeine Zeit damit zu vertreiben, gleich einer wilden Katze im Hollunderbuſch ſeinem Nach⸗ bar das Herz herauszukratzen?— die Sache iſt nicht zu beſtreiten, lieber Vetter. Ich bin der moraliſche und geordnete junge Mann und Du biſt der verlorene Sohn.“ „Ich ſchneide nur zur Vertheidigung meines Lebens einem anderen Mann die Kehle ab, wie Du es nennſt, William,“ verſetzte Algernon Grey;„aber vor allen Menſchen ſollteſt Du der Letzte ſein, der dieſe Handlung tadelnswerth findet. Mich dünkt, ich habe gehört, daß Du ſchon ſechs oder ſieben Mal in demſelben Falle ge⸗ weſen.“ Heidelberg. Zweiter Band. 3 8 „Ja, aber ich beginne nie mit dem Fechten, wenn ich zu ſolchen äußerſten Maßregeln getrieben werde, ſobald ich es irgend vermeiden kann. Ich beginne immer mit Liebe und Zärtlichkeit; und wenn es mit Haß und bloßen Schwertern endet, ſo iſt es nicht meine Schuld. So haſt Du alſo dieſem Oberntraut einen kleinen Stich bei⸗ gebracht! Nun, Du verdienſt auch dafür Dank. In der That, es iſt ein Dienſt, den Du dem Publikum geleiſtet; wenn er ſtirbt, ſo iſt eine Schaumblaſe wenige auf dem Strome der Welt; und wenn er geneſen ſollte ſo wird ihm das Aderlaſſen und die Lektion ſehr wohl thun. Es iſt Schade, daß es nicht im Frühling geſchah denn wie die Aerzte ſagen, iſt das die rechte Zeit zum Aderlaſſen.“ „Bitte, ſcherze nicht über dieſen Gegenſtand, mein guter Vetter,“ antwortete Algernon Grey.„Ich liecz mich wider meinen Willen auf einen Zweikampf ein, den ich nicht herbeigeführt hatte; ich that, was ich kaum für Recht hielt, um meine Ehre zu retten, und bedaut bitter, daß ich genöthigt war, einen Mann zu verwun den, der ein zu geſchickter Fechter war, um ſich entwaff nen zu laſſen.— Laß uns jetzt von andern Dingen reden.“ b „Pah!“ ſagte Lovet,„er iſt ein Thor und verdient ſeine Strafe. Wenn Du es nicht gethan hätteſt, ſo hätte ich es für Dich gethan.— Aber um von andert Dingen zu reden, wie Du ſagſt: Der Kurfürſt kann es gewiß nicht böſe mit Dir meinen, da er Dir einen ſo angenehmen Ort zur Gefangenſchaft anweiſt. Wenn Du Deine Kleider und einige Bücher hier haſt, ſo wirſt Du Dich hier ebenſo behaglich befinden, als wäreſt Du im Gaſthauſe und hätteſt Dir den Knöchel verrenkt— Ja noch beſſer, denn Du wirſt keinen Schmerz empfinden. Dann, mein lieber Algernon, wirſt Du außer aller Verſuchung ſein, und das iſt ſchon Viel in Deinem Falle. Hier kannſt Du weder trinken, noch fluchen, noch ſpielen, noch den Hof machen; kurz, Du biſt jetzt phyſiſch in einem Zuſtande, in dem Du Dich freiwillig moraliſch verſetzeſt und von allen kleinen Vergnügungen des Lebens durch jene Thüre anſtatt durch einen purita⸗ niſchen Geiſt abgeſchnitten.— Ich ſelbſt würde mich hier ſehr gemächlich befinden, wäre nur Eins nicht. Ich habe oft gedacht, da ich jede Art der Aufregung in dieſer Welt zu erproben bemüht bin, ich mögte mich wohl auf einige Tage freiwillig zum Gefangenen machen, nur konnte ich mich immer nicht über die Wahl des Gefängniſſes entſchließen.“ „Und ſage mir doch, welches iſt das Eine, was an dieſem lieblichen Orte fehlt?“ fragte Algernon Grey. „Das Einzige, was mir fehlt, iſt Freiheit; doch das meinſt Du vermuthlich nicht?“ „d nein,“ rief Lovet,„ich meine die Geſellſchaft A 3* — 36— der Weiber, es würde mir Etwas fehlen, womit ick ſpir⸗ len, was ich reizen und mit dem ich mich unterhalten könnte, wie ich mit einem hübſchen Kinde thun würde, das ich durch ſanfte Liebkoſungen beſänftigen und deſſen klare Augen ich halb voll Thränen und halb voll Licht ſchauen könnte. Freiheit! Pah! Freiheit iſt Nichts. Ich würde mich für eine Sequine an einen Türken verkau⸗ fen, wenn er ſich nur verbindlich machte, mich in ſeinen Harem einzuſperren. Aber bei meinem Leben! Wäre ich im Gefängniß wegen irgend eines kleinen Vergehens, ſo müßte irgend ein ſchönes Mädchen zu mir kommen und mich um jeden Preis unterhalten, und wäre es auch nur des Gefangenwärters fette Tochter.“ So fuhr er beinahe eine Stunde fort, leichtſinnit und heiter zu reden; doch war Alles berechnet, um eina gewiſſen Eindruck hervorzubringen, und wir dürfen nich läugnen, daß er in gewiſſer Hinſicht ſeinen Zweck an reichte. Er nannte nie Agnes Herberts Namen; n machte nicht die entfernteſte Anſpielung auf ſie; er ſprat nicht von der muthigen Handlung ſeines Vetters an vergangenen Abend; er ſchien von dem Vergangengn weiter Nichts zu wiſſen, als das Duell und die Verha tung. Doch ſeine Unterhaltung wendete Algernons G. danken zu Agnes und machte, daß er ſich nach ihre Geſellſchaft ſehnte. Seine Worte erregten den angenel men Traum, wie ſie die Stunden ſeiner Gefangenſchat — 37— erheitern könne, wie ſie unter andern Verhältniſſen den traurigen und langweiligen Tag zu dem lieblichſten und glänzendſten ſeines Lebens machen könne. Algernon gab ſich auch dem Traume hin. Da er keine weſentliche Quelle des Vergnügens hatte, ſo bildete er ſich ein, er könne ſich eben ſo gut mit den Schätzen der Einbildungs⸗ kraft tröſten, und bei Agnes verweilten ſeine Gedanken ſanft und zärtlich, während noch ſein Vetter bei ihm war. Lovet bemerkte wohl die Wirkung, die er hervorge⸗ bracht; den nachdenkenden Blick, die Zerſtreutheit, die unpaſſende Antwort, ſowie den Seufzer, der ſich ein Mal Luft machte; und als er glaubte, es ſei ihm hin⸗ länglich gelungen, ſtand er auf um zu gehen. „Nun, Algernon,“ ſagte er,„was ſoll ich Dir heraufſenden?— Kleider, Bücher, und ein muſikaliſches Inſtrument durch die Hände eines hübſchen Mädchens, wenn ich ein ſolches finden kann? Man ſagt mir, Du darfſt Deinen Diener nicht bei Dir haben; aber in dieſes Verbot iſt das ſchöne Geſchlecht nicht mit eingeſchloſſen; und wenn ſie nicht Barbaren ſind, ſo werden ſie Dir eine Kammerjungfer geſtatten, wenn ſie auch einen Kammerdiener ausſchließen.— Komm, komm, ſieh nicht ſo ernſthaft aus. Ich muß gehen und meine Hul⸗ digung darbringen, aber vorher will ich Dir Alles ſen⸗ den, was Du bedarfſt.— Ueberlaß es mir, ich werde — 38— eine gute Wahl treffen, fürchte Nichts; und Dein kleiner Narr Frill ſoll Alles hieher bringen und ſehen, ob man ihm erlaubt, da zu bleiben und Dir aufzuwarten. Wel⸗ ches auch ihre Regeln und Anordnungen ſein mögen, ſo kann er doch unter keine derſelben begriffen ſein, wenn ſie ſie recht auslegen; denn nur der Himmel weiß, zu welcher Klaſſe der kleine Teufel gehört; ich bin nur ge⸗ wiß, daß er weder Mann, Weib noch Kind iſt.“ „Gut, ſchicke ihn auf alle Fälle,“ antwortete Alger⸗ non Grey.„Es würde anpaſſend ſein, wenn ſie ihn daließen. Schicke mir auch eine Laute, wenn Du eine in der Stadt auftreiben kannſt.“ „Eine Laute!“ rief Lovet.„Bei meinem Leben! Der Mann wird ſich endlich verlieben, und geſchähe es nur dadurch, daß er Darmſaiten zu ſeiner eigenen liebli⸗ chen Stimme anſchlägt. Daß zwei weiße Bretter mit den Eingeweiden eines zahmen Tigers beſpannt, einem vernünftigen Weſen voll tiefer Intelligenz, wie es ſelber wähnt, den beſten Troſt im Unglück gewähren können, iſt eine Art Wunder— eine Laute! Der Himmel ſchütze das Ziel!— Nun, Du ſollſt eine Laute haben und wäre es auch nur, um Dich zu veranlaſſen, ein Mal in Deinem Leben eine Thorheit zu begehen und Liebeslie⸗ der an eine gewiſſe Stelle an der Decke zu richten.— Lebe wohl, Vetter, lebe wohl! ich werde Dich morgen wieder beſuchen.“— — 39— i i i Zuſtande dieſes „Bringe mir Nachricht von dem uſ d 3 3 jungen Barons, wenn Du ſie erhalten kannſt, g Algernon Grey. „Ein Glück für ihn, daß ich nicht ſein Arzt bin,“ antwortete Lovet, und mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Als er fort war, verſank der Gefangene wieder in ſein Nachdenken, denn er hatte eine neue Quelle des angenehmen Nachdenkens gefunden, oder vielmehr hatten die Worte ſeines Vetters ihm dieſelbe gezeigt. Sie waren gefährlich, dieſe lieblichen und lockenden Phanta⸗ ſien, die uns weit, viel weiter als wir wiſſen, mit ſo leichten Schritten hinwegführen, als ob der Fuß auf Wolken ruhte. Es war eine Schwäche, aber dennoch war es natürlich, ſich derſelben hinzugeben. Seit lan⸗ gen, langen Stunden hatte er keine Beſchäftigung für ſeinen Geiſt. Er hatte die Wahl, wenn man es eine Wahl nennen konnte, zwiſchen einem düſteren Brüten über einen bitteren Punkt in ſeinem Schickſal, nebſt trau⸗ rigen Erwartungen von der Zukunft auf der einen Seite und einen weſenloſen Traume von der andern, deſſen Verwirklichung kaum möglich war, der ſich aber dennoch immer jeden Augenblick der Phantaſie darſtellte, wenn der Gedanke frei und uneingeſchränkt durch einen mächti⸗ gen Willen umherſchreiten konnte. Iſt es wunderbar, — 40— daß er des Kampfes müde wurde? Iſt es überraſchend, daß er ſich mehr und mehr den glänzenden Täuſchungen eines warmen und lebhaften Herzens und einer aufge regten Einbildungskraft hingab? Iſt es zu verwundern, daß er ſich in den trüben Stunden der Einſamkeit von den düſteren Bildern abwendete, die Vernunft und Erinnerung ihm darſtellten, um das brillante Schauge pränge der Phantaſie und Hoffnung zu betrachten? Ach nein! Und geiſtig und körperlich ſo gebildet, bei einen ſolchen Vergangenheit und Gegenwart würde es wenig ſehr wenig Menſchen auf Erden geben, welche meht Widerſtand geleiſtet, um anders zu handeln als er. E. gab ſein Herz dem einzigen Troſte hin, deſſen es fähit war; er überließ ſeinen Geiſt dem einzigen glänzenden Gedanken, und obgleich ſein feſter Entſchluß, Alles zu thun, was recht ſei, ſeinen Platz behauptete, ſo unten gruben doch die Verräther des Friedens geſchäftig und geheim die Feſtungswerke des Schloſſes, worauf er ver⸗ traute. Er machte Agnes Herbert zu der Begleiterin ſeinen Gedanken. Er ſah ſie in den Augen des Geiſtes; die Töne ihrer lieblichen Stimme kamen wieder melodiſch in ſein Ohr zurück; der Blick ihres klaren, ſanften Auges mit all ſeiner gemilderten Helle erſchien ihm wieder; die Erinnerung ihrer Anmuth und Schönheit führte Son⸗ nenſchein mit ſich, ſowie zuweilen, wenn wir unſen — 41— 2₰ Augen in der Dunkelheit der Nacht ſchließen, ſich unſe⸗ rem Geſichte glänzende Scenen zeigen, lebendig und deutlich, als wären ſie lichthell auf unſere geſchloſſenen Augenlider gemalt. Er erſchuf ſich ein Glück, wo kein anderes zu finden war; und wenn es eine Schwäche war, ſo müſſen wir uns erinnern, daß er nur ein Menſch war. Nichts fehlte zu ſeiner körperlichen Bequemlichkeit, als die Freiheit. Er ſah eine wohlbeſetzte Tafel vor ſich, und einer von den Lakaien des Kurfürſten ſorgte für Alles, was ſeine Gefangenſchaft erleichtern konnte; ſeine Kleider, einige Bücher und eine Laute wurden ihm während des Tages gebracht, und eine kleine Glocke auf den Tiſch geſtellt, damit er im Stande ſein mögte, den Diener herbeizurufen, wenn er ſeiner bedürfe. Sein Page wurde freilich nicht eingelaſſen und Niemand be⸗ ſuchte ſein Zimmer nach der Stunde des MNittageſſens, mit Ausnahme des Dieners, welcher einmal auf ſein Klingeln erſchien. Seine Gedanken hatten indeſſen jetzt ihre Richtung gewählt. Er las wenig; er berührte nicht das muſikaliſche Inſtrument, ſondern ſetzte ſich an's Fenſter, blickte hinaus und dachte nach, während die helle Morgenſonne, langſam von Oſten nach Weſten wandernd, die unter ihm liegende Scene in demſelben warmen Lichte des Abends darſtellte, welches Thal und Ebene überfluthet und Hügel und Schloß vergoldet, als er dieſelbe mit Agnes Herbert von dem Altan aus geſe⸗ hen. Ihr Bild miſchte ſich mit dem Ganzen und die Ausſicht war nicht weniger lieblich wegen der Ideenver⸗ bindungen, womit das Gedächtniß die Ausſicht berei⸗ cherte. 3 — 43— Drittes Kapitel. Die Sonne ging unter; die Strahlen des ſchei⸗ denden Weltkörpers verbreiteten ſich, hinter den Bergen der Haardt her, über die ganze weite Fläche des wol⸗ kenloſen Himmels; und von dem goldenen Rande des Horizontes bis zu dem glühenden Carmoiſinroth des Scheidelpunktes erſtreckte ſich die verſchiedenfarbige ununterbrochene Wölbung, wo Farbe in Farbe überging, ſo daß das Auge nicht entdecken konnte, wo eine Farbe in die andere überging. Sie veränderte ſich auch mit jeder Minute; der goldene Rand wurde roth; miſchte ſich mit dem Carmoiſinroth in der Höhe; dann kam eine graue Färbung und dann blickte ein Stern hervor, gleich der Hoffnung, um das Herz zu erheitern bei der Entfernung einer ſcheidenden Freude. Endlich folgte das Zwielicht auf den warmen Sonnenuntergang, und Strom und Thal und Berg und Ebene wurden matt — 44— und ſanft vor des Gefangenen Geſicht, während ſein Zimmer ſich mit Schatten anfüllte und manche von der glänzenden Phantaſien, die ihn am Tage erheitert hau ten, zogen vorüber mit dem ſinkenden Licht, als wären ſie nur die Geſchöpfe des Sonnenſcheins geweſen. Seine Gedanken wurden düſter, als er plötzlich den Schüſſel umdrehen und leiſe an die Thüre klopfen hörte. „Herein!“ rief er, und im nächſten Augenblitz wurde die Thüre geöffnet. Aber Algernon Greh konnt, kaum ſeinen Augen trauen, denn bei dem trüben Lichte ſah er die Geſtalt und Kleider einer Dame, und mehr das Herz, als das Geſicht, ſagte ihm wer es ſei. Mit raſcher und freudiger Bewegung aufſpringend, ging er ihr entgegen, aber Agnes trat nur wenig Schritte vor und auch dieſe that ſie mit einer Miem ſchüchterner Unentſchloſſenheit. „Mein Oheim hat mich zu Euch geſchickt,“ ſagt ſie, ihm ihre Hand reichend, als er ihr nahe war,„und es iſt mir in der That ſehr lieb, ein Mittel zu haben, meine Dankbarkeit zu zeigen für Alles, was Ihr fur mich gethan habt. Nur wenig kann ich thun; aber ein Gang in der ſtillen Abendluft wird Euch erfriſchen und beruhigen; und ich hoffe,“ fügte ſie hinzu, indem ſi ſeinen Arm mit ihren zierlichen Fingerſpitzen berührte, „daß er dazu dienen wird, den Unwillen zu verſcheu⸗ — 45— chen, den Ihr gewiß über eine ſolche Behandlung empfin⸗ den werdet.“ „In der That, theures Fräulein,“ antwortete Algernon Grey,„ich empfinde keinen Unwillen.“ „Da empfinde ich ihn für Euch,“ antwortete Agnes mit Wärme.„Ich würde noch mehr Unwillen empſin⸗ den, wenn ich nicht wüßte, daß es mehr Schwäche als Ungerechtigkeit iſt. Man fürchtet jenen heftigen Mann und ſeinen unbeſonnenen Sohn, ſonſt würde dies nicht geſchehen ſein; und dies iſt auch der Grund, weshalb ich genöthigt bin, dieſe unpaſſende Stunde zu wählen, um Euch die wenige Freiheit zu gewähren.— Aber Ihr müßt mir verſprechen,“ fügte ſie in ſchüchternem und flehendem Tone hinzu,„zurück zu kehren, wenn es Zeit iſt. Mein Oheim ſagte mir ausdrücklich, ich ſolle Euch dieſe Bedingung auferlegen. Er konnte nicht ſelber kom⸗ men, denn er iſt ſchon den ganzen Abend in wichtigen Geſchäften bei dem Kurfürſten und macht den Plan zu einem neuen Feſtungswerk für dieſen Ort. So machte er mich zu Eurer Gefangenwärterin— eine traurige und doch angenehme Aufgabe. Aber Ihr werdet zurück⸗ kehren, nicht wahr?“ Algernon Grey faßte wieder ihre Hand und drückte ſie in der ſeinigen. „Sobald Ihr es wünſcht,“ antwortete er. „Nun, nicht wenn ich es wünſche,“ antwortete — 46— Agnes, das würde nie der Fall ſein; denn vermögten meine Wünſche Etwas, ſo würdet Ihr überhaupt nicht hier ſein.“ „Nun alſo, wenn Ihr es fordert,“ ſagte der junge Cavalier. 3 „Nein, auch das nicht,“ verſetzte ſie.„Ich würd nimmermehr das Herz haben es zu fordern. Selbſt nicht in meinen jüngſten und gedankenloſeſten Tagen habe it je einen armen Vogel gefangen halten können. Wie vit weniger alſo einen Mann, der mir das Leben gerettat. Dazu ſchätze ich die Freiheit hoch. Ihr müßt ſelba entſcheiden. Ihr ſollt zurückkehren, wenn es recht iſt und ſollt ſelber der Richter darüber ſein.“ „Nun, ſo geſchehe es, wie Ihr wollt,“ entgegnet Algernon Grey;„und nun laßt uns gehen, denn ich bekenne, die Luft der Gefangenſchaft iſt drückend für mich und das Schloß an jener Thüre, welches mein ſchöne Schließerin unbedachtſam offen gelaſſen, iſt ein Kette für meinen Geiſt.“ „Nein, nicht unbedachtſam,“ verſetzte Agnes;„denn ich war völlig gewiß, daß Ihr, wenn ich Euch beſuchte um meinetwillen keinen Schritt ohne Erlaubniß thu würdet. O, ich kenne Euch ſehr wohl, edler Herr. Euer Betragen gegen mich am letzten Abend war ein ganze Geſchichte; ich bedarf keiner weiteren Einſicht.“ „Wirklich,“ ſagte Algernon Grey, indem er ſeing — 47— Hut vom Tiſche nahm und einige Schritte auf die Thüre zuging.„Wenn Ihr meine ſeltſame Geſchichte wüßtet— aber dennoch glaube ich, daß Ihr mich rich⸗ tig beurtheilt, indem Ihr Euch überzeugt haltet, ich werde in keiner Hinſicht Euer Vertrauen mißbrauchen.“ „Ich bin deſſen gewiß,“ ſagte ſie, indem ſie in das Vorzimmer trat.. Zwei Wächter ſaßen dort; aber die Gegenwart der Dame ſchien ſo gut, wie ein Paß zu ſein, und ſie widerſetzten ſich dem Hinausgehen des Gefangenen nicht und ſtanden nur auf, als Agnes vorüberging. Sobald ſie die Treppe erreichten, ſchien eine Ver⸗ änderung in dem Benehmen des ſchönen Mädchens vor⸗ zugehen. So lange ſie in dem Zimmer des Gefangenen geweſen, hatte ſie eine gewiſſe Schüchternheit gezeigt und ihren Worten und ſelbſt ihren Bewegungen Zwang ange⸗ than; aber ſobald ſie durch die Thüre des Gefängniſſes gekommen war, wurde ihr Herz und Geiſt wieder ent⸗ feſſelt. „Nicht dort hinunter, nicht dort hinunter,“ rief ſie. „Ihr ſeid mit dem Schloſſe und mit den vielfachen Wen⸗ dungen und Krümmungen deſſelben unbekannt. Ich will Euch hindurchführen und verſuchen, Euch unterwegs aufzuheitern. Hier wendet Euch links.“ Und indem ſie einen engen Gang einſchlug, durch deſſen hohe Fenſter ein blaſſes und unſicheres Licht ſtrömte, Weſen gegeben; und ſo dieſen Theil zu genießen, daß — 48— ging ſie weiter, bis eine kleine Treppe von fünf oder ſechs Stufen ſie auf den geräumigen Balkon hinunter führte, der an der Facade des weſtlichen Flügels des Gebäudes dahin lief und die Ausſicht auf den Hofplatz gewährte. Hier blieb ſie einen Augenblick ſtehen. Alger⸗ non Grey nahm ſeinen Platz an ihrer Seite ein und ſah gedankenvoll eine Anzahl von Dienern und Hofbe⸗ amten an, die noch immer über den offenen Platz hin und her gingen, gleich Ameiſen bei ihren geſchäftigen Arbeiten. „Dieſes Schloß und die Anſichten, die es gewährt,“ ſagte Agnes nach augenblicklichem Nachdenken,„machen mich jeden Augenblick mehr oder weniger gedankenvoll, wenn ich Zeit dazu habe. Dort zur Rechten iſt das ſogenannte Rupertsgebäude, der älteſte Theil des Schloſ⸗ ſes, wie man ſagt; und ich weiß nicht warum, aber ich kann die zierlichen Fenſter und die ſchönen Bogen nicht anſehen, ohne an alle die Veränderungen zu denken, die an dieſem kleinen Orte Statt gefunden, ſeit ſie erbaut wor⸗ den. Seht, wie geſchäftig und munter ſie hin und her gehen, als ob nie Andere vor ihnen da geweſen wären, oder nach ihnen kommen würden.“ „Und ſie haben Recht,“ antwortete Algernon Greh. „Warum ſollte der Menſch das Glück des Augenblicks verlieren, indem er über ihre kurze Dauer nachdenkt? Nur ein gewiſſer Theil des Lebens iſt jedem menſchlichen — 49— unſere Handlungen uns nicht mit Reue erfüllen und keine Rache für die Zukunft gegen uns erwecken, iſt, dünkt mich, die weiſeſte Klugheit, ſowie die wahreſte Reli⸗ gion.“ „Denkt Ihr auch ſo?“ rief Agnes, ſich plötzlich mit heiterem Lächeln zu ihm wendend.„Es iſt mir lieb; denn zuweilen bin ich geneigt, wenn ich eine ernſte Unterredung über die weltlichen Eitelkeiten und irdiſchen Vergnügungen angehört habe, mich nicht für beſſer zu halten, als einen Schmetterling oder einen Vogel, weil ich ſo glücklich bin in dem kurzen Tage meines Sonnen⸗ ſcheins. Wir haben Männer hier, die ſo hart von der Kürze des menſchlichen Daſeins reden, daß ich nicht umhin kann zu denken, ſie ſeien unzufrieden mit dem kurzen Zeitraum, der ihnen zu Theil geworden.“ „Wenn ich ſolche Männer höre,“ antwortete Alger⸗ non Grey,„und es giebt deren viele in der ganzen Welt, ſo bringen ſie einen ſehr verſchiedenen Eindruck auf meinen Geiſt hervor, als den ſie hervorzubringen erwarten. Sie können ſehr wenig Vertrauen zu einer ewigen Zukunft hegen, die ſo ſchmerzlich bei der Kürze der Gegenwart verweilen. Gottes Segnungen zu ge⸗ nießen und ihm von ganzen Herzen für Alles zu danken, heißt ihn durch das beſte Opfer ehren, welches wir ihm darbringen können— wenigſtens ſcheint es mir ſo; und wir können völlig gewiß ſein, wenn wir ihm ſo von Heidelberg. Zweiter Band. 4 — 50— Herzen gedankt haben, daß unſer Genuß nicht ſündlich geweſen iſt.“ „Ich denke auch ſo,“ antwortete Agnes,„wenig⸗ ſtens weiß ich Eins, daß, wenn ich mich auch beſtreben würde, alles Unglück ohne Klage zu erdulden, ich doch, wenn ich glücklich bin, ſtets die dankbarſte Empfindung für die Güte und Gnade Gottes fühle. Aber laßt uns weiter gehen und beobachtet jenes Gebäude dort, jenes, welches mit dem ſteinernen Wappen verſehen iſt; Ihr könnt es kaum ſehen, denke ich, bei dieſem trüben Lichte; doch einſt will ich Euch eine Geſchichte davon erzählen. Sie iſt zu traurig für dieſen Abend. Laßt uns hier hinunter gehen, und indem wir uns dann wieder links wenden, will ich Euch durch die Kapelle führen.“ Da der Weg jetzt breiter war, als vorher, ſo zog Algernon Grey den Arm ſeiner ſchönen Begleiterin durch den ſeinigen und folgte ihrer Leitung; und ohne jene leichte Berührung und jene angenehme Begleitung mögte ſein Gang düſter genug geweſen ſein; denn das Licht nahm raſch ab, als ſie weitergingen. Die langen dun⸗ keln Gänge ſchienen feucht und kalt, ſelbſt an jenem Sommerabend. Der Mond war noch nicht aufgegan⸗ gen, aber es war Licht genug am Himmel, um tiefen Schatten von den Säulen des Mauerwerks auf den matten grauen Schimmer zu werfen, der noch eine — 51— Seite der Hallen und Gänge in der Nähe der weſtlichen Fenſter erleuchtete. Aber Agnes war in ſeiner Nähe, ihre Hand ruhte ſanft auf ſeinem Arm; ihre Augen waren von Zeit zu Zeit auf die ſeinigen gerichtet, als ſuche ſie den Aus⸗ druck, der ſeine Worte um ſo eindringlicher machte. Und Algernon Grey war glücklich; denn es war ihm, als wären die Träume verwirklicht, denen er ſich hinge⸗ geben; und doch wußte er in ſeinem Herzen, daß die Verwirklichung ein wenig beſſer war, als ſelber ein Traum. Doch wollte er ſich keinen traurigen Gedanken hingeben; denn er erinnerte ſich, daß er in ſeiner Ge⸗ fangenſchaft reichlich Zeit dazu haben würde, und die neue Philoſophie, der er ſich hingegeben, rieth ihm, den Augenblick zu genießen. „Werden wir unſern Weg durch die Kapelle fin⸗ den?“ ſagte Agnes endlich, indem ſie eine kleine Thüre am Ende eines langen Ganges öffnete, einige Stufen hinunter ſtieg und in das weite und prachtvolle Schiff hinunterblickte. „O ja,“ rief Algernon Grehy,„es iſt Licht genug da.“ Dann trat er einen Schritt vor und führte ſie hinein. Die Luft war ſehr trübe; doch konnte er ſehen, daß das Gebäude außer den architektoniſchen Zierrathen ohne allen Schmuck war. 4* Es liegt indeſſen ſchon Etwas in der bloßen At⸗ moſphäre eines Ortes, der zum Gebet beſtimmt iſt, was dem Herzen ein Gefühl der Ehrfurcht und der fei⸗ erlichen Betrachtung mittheilt. Hier iſt das Flehen von Tauſenden Tag für Tag zum Throne der Gnade auf⸗ geſtiegen. Hier hat. der Allmächtige verſprochen, wo Zwei oder Drei in ſeinem Namen verſammelt ſeien, wolle er mitten unter ihnen ſein; hier ſind alle die Käm⸗ pfe vorgegangen, die ſich dem Auge des Allmächtigen zeigen; hier iſt Troſt und Hoffnung aus der reinen Quell⸗ der allmächtigen Güte abgeleitet worden. Eine Menge großartiger Ideenverbindungen, der Gedanke an die ge⸗ ſuchte Gnade und die bewilligte Wohlthat drängen ſich dem Geiſte auf und erfüllen ihn mit Andacht. Dies empfand Algernon Grey mächtig, als er mit dem ſchönen Weſen an ſeiner Seite, welches er beſchützt, getröſtet und gerettet— welches er liebte, ungeachttt der Vernunft, ungeachtet ſeines Entſchluſſes, ungeachtet jedes Strebens— langſam das Schiff hinaufging, bis er mit ihr am Altar ſtand. Welches waren jetzt die Gedanken, die ſich ihm auf⸗ drängten? Welche Erinnerungen, welche Viſionen— dunkel und hell gemiſcht, ſchwarz wie die Nacht und glänzend wie der Sonne Aufgang? Welches auch die Regungen in Agneſens Herzen waren, ihre Hand ſank langſam von ſeinem Arme nieder und er ließ ſie ſinken. — 53— Wie oder warum, wußte er nicht; aber mit einem ſanf⸗ ten, doch unwiderſtehlichen Antriebe faßte er ſie und da ſtanden ſte einen Augenblick Hand in Hand vor dem Altar. Er fühlte, wie ſein Finger die ihrigen feſter drückte, und ſich ſelbſt, ſein Herz und ſein Schickſal fürchtend, zog er ihren Arm wieder durch den ſeinigen und führte ſie mit tiefem und ſchwerem Seufzer zu einer offenen Thüre, durch welche ein matter Schimmer ein⸗ drang. Es war eine Lampe in dem Gange und bei dem Lichte derſelben gelangten ſie durch die Maſſe der Ge⸗ bäude auf der nördlichen Seite und ſtiegen die Stufen zum Altan hinauf. Die Sterne ſchienen jetzt in lebhaf⸗ tem Glanze; jeder glänzende Punkt funkelte gleich einem lebendigen Diamanten an dem tiefblauen Himmel; der kleine Polarſtern ſchimmerte hoch droben, feſt und un⸗ beweglich, gleich einem beſtändigen Geiſte, während die andern in nie endendem Wechſel um ihn hes kreiſten. „Ja, dies gleicht in der That der Freiheit,“ ſagte Algernon Grey.„Ich weiß nicht, wie es kommt, theu⸗ res Fräulein, aber das Gefühl der Freiheit war nie ſo ſtark in mir, wie in einer von dieſen heiteren und ſtern⸗ hellen Nächte. Während des Tages liegt eine Art von drückender Knechtſchaft in der Welt und in dem Denken und Thun der Welt— in der geſchäftigen Menge, die uns umfluthet— in dem Geſumme der Redenden und in dem Anblick der ſich bewegenden Menſchenmaſſe, die den Geiſt krampfhaft zuſammenzuziehen und zu beſchränken ſcheint; aber hier bei dieſem tiefen, unbegrenzten Ge⸗ wölbe droben, dem weiten Luftkreiſe um uns her und den weit entfernten Sternen, die in unermeßlichen Zwiſchen, räumen durch den Himmelsraum funkeln, hier hat das Herz Raum zu ſchlagen und die Seele wandert auf den Schwingen des Gedankens ungefeſſelt durch die unend⸗ liche Schöpfung.“ „Ich liebe das Gedränge auch nicht,“ antworten Agnes;„und doch iſt es angenehm für mich, mein Mitgeſchöpfe in der Nähe zu haben— vielleicht iſt 8 das Gefühl eines Weibes, welches aus der Schwäche entſpringt; aber doch mögte ich lieber nicht hier ſein „wenn ich ganz allein auf der Erde ſein ſollte. Nicht als liebte ich die Einſamkeit nicht und wäre nicht gern oft von der Menge entfernt; dennoch aber iſt ein Spe⸗ ziergang über den Gipfel eines Berges oder ein NRitt über eine weite freie Fläche genug für meinen kleinen Ge⸗ ſichtskreis; und gleich der Lerche, nachdem ich aufgeflo⸗ gen bin und mein Lied geſungen habe, bin ich ſtets be⸗ reit, meine Flügel einzuziehen und wieder auf die Erdt zu ſinken.“ Dieſes Bild gefiel ihrem Begleiter; er glaubte, 3 ſei ihr ſehr ähnlich; und bei ſolcher Unterhaltung vei⸗ ging mehr als eine Stunde, bis man die runde gelbe Scheibe des Mondes über den waldbegrenzten Hügel aufgehen und neuen Glanz über den Himmel verbreiten ſah.. „Hier kommt unſer ſchöner und milder Begleiter in der letzten Nacht,“ ſagte Algernon Grey;„ich will ihn aufgehn ſehen, ehe ich mich entferne; dann aber, um zu zeigen wie gemäßigt und beſcheiden ich bin und um Euch zu ermuthigen, mir ſpäter noch mehr Stunden der Frei⸗ heit zu gewähren, will ich meiner ſchönen Gefangenwär⸗ terin ſagen, daß ich bereit bin, in mein Gefüngniß zu⸗ rückzukehren.“ „Seltſam genug,“ ſagte Agnes, lächelnd zu ſeinem Geſichte aufblickend und ſich etwas ſchwerer auf ſeinen Arm lehnend,„ſeltſam genug, daß ich den Gefangenen bitten muß, noch etwas länger frei zu bleiben; aber Ihr wißt nicht, daß Ihr dieſen Abend noch einen Be⸗ ſuch zu machen habt bei einer Perſon, die Euch in Ag⸗ nes Herberts Namen danken wird für Alles, was Ihr in der letzten Nacht gethan.“ „Bei Eurem Oheim?“ fragte Algernon Grey. „Nein,“ verſetzte Agnes,„es iſt eine Dame, eine gütige und edle Dame. Die Kurfürſtin Luiſe iſt begie⸗ rig, Euch zu ſprechen, und ſie befahl mir, Euch zu ihr zu führen, ſobald ich ihre Klingel hören würde. Es wird nicht mehr lange währen; dort in jenem Zimmer ſitzt ſie, wo das Licht durch das offene Fenſter ſcheint; und wenn ſie glaubt, daß das Geräuſch des Tages im Schloſſe ganz vorüber iſt, wird ſie uns ein Zeichrn geben.“ „Sie liebt Euch ohne Zweifel ſehr,“ antwortet Algernon Grey.„Es iſt ſeltſam, hier eine von meinen ſchönen Landsmänninnen in einem fremden Lande und mit einem fremden Geſchlechte ſo nahe verbunden zu finden. Es kann doch keine Verwandtſchaft zwiſchen Euch und dieſem pfalzgräflichen Hauſe beſtehen?“ „Die Kurfürſtin nennt mich Couſine,“ antwortete Angnes lächelnd über die halbe Frage.„Aber es iſt eine weitläufige und nicht leicht zu eruntttelnde Verwandtſchaft. Meine Geſchichte iſt ſeltſam, mein edler Retter; aber ohne Zweifel iſt die Geſchichte jedes Menſchen ſeltſam, wenn man ſie nur ganz wüßte— die Eure wie die meine!“ „Sehr ſeltſam,“ antwortete Algernon Grey;„und wenn wir öfter zuſammenkommen, muß ich ſie Euch erzählen— ja, das will ich,“ wiederholte er leiſe, als ob er mit ſich ſelber rede; aber dann ſetzte er hinzu. „Nicht jetzt, nicht jetzt, jetzt kann ich ſie nicht erzählen.“ „Von welcher Art ſie auch iſt,“ ſagte Agnes,„ſo bin ich gewiß, daß ſie Nichts als ehrenvolle und hohe Thaten von Eurer Seite zeigen wird, wovon ich den Beweis gehabt habe; und da Ihr Euch wie andere Männer unter die Welt gemiſcht habt, ſo wird Eure — 57— Geſchichte ohne Zweifel eine Geſchichte der Handlung ſein; während die meine mehr die Geſchichte meines Ge⸗ ſchlechts, als meine eigene iſt, denn ich habe in dieſem Leben wenig gethan und wenig gelitten. Von gütigen Freunden erzogen, unterſtützt, beſchützt und frei, mei⸗ nem eigenen Willen zu folgen, der oft ein wenig aben⸗ teuerlich war, habe ich bis jetzt noch kein Mißgeſchick erfahren, keine ſtarken Aufregungen weder des Kummers, noch der Freude haben meine Bruſt beſucht; und der Theil des Lebens, der bereits dahingeſchwunden, iſt gleich einem Morgentraum in angenehmen aber matten Bil⸗ dern, kaum der Erinnerung werth vorübergeſchwebt. Ihr ſollt mir Eure Geſchichte erzählen wenn Ihr wollt, doch. ich kann Euch nicht verſprechen, ganz aufrichtig zu ſein, da, wie ſchon erwähnt, meine Geſchichte mehr die Ande⸗ rer als meine eigene iſt.“ „Ich will dennoch die meinige erzählen,“ antwor⸗ tete Algernon Grey;„es iſt beſſer, wenn wenigſtens eine Perſon ſie erfährt.“ Während er ſprach, hörten ſie eine Klingel und Agnes rief: „Das iſt das Signal der Kurfuͤrſtin. Nun kommt mit mir!“ Und ihn wieder in das Schloß führend ſtieg ſie eine hohe Wendeltreppe in einem von den kleinen Thür⸗ men hinauf, ging dann in einem wohlerleuchteten Gange dahin und an einer breiten Treppe vorbei, die ſich einn großen Thüre gegenüber befand, über welcher eine ver⸗ goldete Krone angebracht war. Einige Schritte weiten trat ſie in ein kleines Zimmer zur Rechten, wo man wieder zur Rechten noch eine Thüre ſah, die dem Am ſcheine nach in das Zimmer führte, an deſſen anderen Eingange ſie bereits vorüber gekommen waren. Hitt blieb Agnes ſtehen und klopfte an. Eine liebliche Stim me antwortete ſogleich von innen: „Herein, mein liebes Kind!“ Die Dame öffnete die Thüre und winkte Algernon Grey ihr zu folgen und trat in das Zimmer, welches ich bereits als den Schauplatz von Agneſens Unterr⸗ dung mit der verwittweten Kurfürſtin an jenem Mor⸗ gen beſchrieben habe. Mit ruhigem und ſtattlichem Schritte ſeine ſchönen gedankenvollen Augen auf das Geſicht der Kurfürſtin gerichtet, folgte Algernon Grey ſeiner ſchönen Führerin in einer Entfernung von wenigen Schritten. Luiſe Ju⸗ liana ſah ihn einen Augenblick feſt an und beugte dann mit würdevoller Miene ihren Kopf iisder⸗ als Agnes ihn ihr vorſtellte. „Setzt Euch, mein Herr,“ ſagte ſtt, auf einen na⸗ hen Stuhl deutend;„und Du, liebe Couſine, komm an meine Seite. Hier iſt Dein gewohnter Platz.“ Algernon Grey nahm den ihm angewieſenen Sitz — 59— ein und indem er ſeinen Arm mit ungezwungener An⸗ muth über die Rücklehne ſchlug, wendete er ſich zu der Kurfürſtin, während ſie zu reden fortfuhr: „Ich habe Euch zuerſt meinen Dank für Euer ritter⸗ liches, ich mögte faſt ſagen, heroiſches Benehmen am letzten Abend darzubringen, mein Herr, indem Ihr meiner lieben Couſine hier, die mir ſo theuer iſt, als wenn ſie mein Kind wäre, das Leben gerettet. Ver⸗ ſchmäht dieſen Dank nicht, ich bitte Euch, und glaubt mir, daß ich mit Schmerz gehört habe, wie mein Sohn ſich veranlaßt gefunden, Euch wegen eines weniger glück⸗ lichen Ereigniſſes Eurer Freiheit zu berauben.“ „Ich verdiene keinen Dank, Hoheit,“ antwortete Algernon Grey;„ich habe nur gethan, was jeder Mann von guter Erziehung, der kein Feigling iſt, unter ähn⸗ lichen Umſtänden thun würde; auch kann ich nicht ein⸗ mal die Dankbarkeit der Dame annehmen, denn als ich ihr zu Hülfe eilte, wußte ich in der That nicht, wer ſie war. Ich will freilich nicht leugnen, daß das Ver⸗ gnügen über die Handlung mehr als verdoppelt wurde, als ich fand, wer der Gegenſtand deſſelben war; aber was dem Geber ſo große Freude verurſacht, verdient doch gewiß keinen Dank von dem Empfänger. Dies iſt zu ſeinem eigenen Vergnügen geſchehen und ſein eigenes Vergnügen ſei ſeine Belohnung.“ „Es würde eine harte Lehre ſein von andern Lippen . als von den Eurigen,“ ſagte die verwittwete Kurfürſtin, während Agnes lächelnd den Kopf ſchüttelte;„auch kam ich nicht zugeben,“ fuhr Luiſe Juliana fort,„daß jeder Mann von guter Erziehung, der nicht ein Feigling iſt daſſelbe thun würde. Ich fürchte ſehr, mein edler jun ger Freund, daß Ihr die ganze Welt durchſuchen könn tet und keine zehn ſolche finden wurdet. Wir habet einen traurigen Beweis davon— Ihr waret der ein. zige, der ihr zu Hülfe eilte.“ „Ich war ihr naͤher, als alle Andern,“ antworten Algernon Grey;„darum iſt auch dies kein Anſpruch hohe Frau; obgleich es mir ſehr angenehm iſt, daß ſo geſchehen.“ „Die Männer, welche die beſten Dienſte leiſten, antwortete die Kurfürſtin,„ſind ſtets die, welche au wenigſten Dank verlangen. So habe ich es im Leba gefunden.— Aber jetzt habe ich von andern Dinge zu reden.“ Agnes ſtand auf, als wollte ſie ſich entfernen; abn die Kurfürſtin hielt ſie zurück und ſagte: „Warte, warte, mein Kind; Du follſt an unſeren Rathe Theil nehmen, ich weiß, daß ich Dir traus darf.“ Agnes ſetzte ſich ſchweigend wieder nieder, ſah abtt Algernon Grey etwas ängſtlich ins Geſicht, mit Go fülzen, wobei wir für den Augenblick nicht verweilen — 61— wollen. Sie war eine ſehr junge Diplomatin. Sie hatte die Staatskunſt noch nicht gelernt, wie ſie in je⸗ nen Tagen ausgeübt wurde— ich hoffe weniger jetzt — und ſie wußte, daß einen Freund oder Wohlthäter zu täuſchen, einen Mann, der uns unterſtützt und bei⸗ geſtanden, in eine gefährliche und ſchwierige Lage zu führen, eine Handlung der Geſchicklichkeit und kein Zei⸗ chen der Niedrigkeit iſt. Ein plötzlicher Zweifel bemäch⸗ b tigte ſich ihrer, daß die Fragen, welche die Kurfürſtin thun wollte— ja ſelbſt der Beſuch in ihren Zimmern ſchmerzlich und unangenehm für den ſein werde, der ſein Leben aufs Spiel geſetzt, um ſie zu retten; und obgleich ſie nicht einſah, wie ſie dem hätte entgehen ſollen, ſo war es ihr doch ſehr leid, daß ſie die Aufgabe übernom⸗ men. Nach einem kurzen Blicke, wendete ſie alſo ihre Augen wieder ab und ſah einige Gegenſtände auf dem Tiſche an, bis die Stimme der Kurfürſtin, die nach ei⸗ ner ziemlich langen Pauſe ſprach, ſie erweckte, und daͤnn hörte ſie zu. „Ihr ſeid kürzlich von England gekommen, mein Herr, denke ich,“ ſagte Louiſe Juliane, ihre Augen auf Algernon Grey richtend. „Nicht ſo, Hoheit,“ verſetzte der junge Cavalier; „ich bin ſeit langer Zeit von meinem Geburtslande ab⸗ weſend, habe die verſchiedenen Höfe Europa's beſucht und die Sitten anderer Nationen ſtudirt. Auf meinem „ — 62— Rückwege erhielt ich in Genua Briefe, die mich zu dem Entſchluß brachten, noch länger außerhalb Englands zu verweilen; und ſo habe ich ſeit länger als fünf Jahren mein Vaterland nicht geſehen.“ „Mich dünkt, Ihr ſeid fehr jung,“ ſagte die Kur⸗ fürſtin,„um ſchon ſo weite Reiſen zu machen. Ohn Zweifel habt Ihr alle Angelegenheiten des Engliſchen Hofes vergeſſen.“ „O nein,“ verſetzte Algernon Greh;„bielleicht bin ich älter, als ich ſcheine; aber auf jeden Fall war ich nicht ſo jung als ich abreiſte, um Etwas zu vergeſſen was der Erinnerung werth war.“ „Es iſt ein ſeltſamer Hof,“ fuhr Louiſe Julian fort;„und doch, um die Wahrheit zu fagen, ſind all Höfe ſeltſam. Kennt Ihr den König?“ Die Frage geſchah etwas plötzlich; aber der jung. Engländer erwiderte ſogleich: „O ja, ich kenne ihn gut, ohne indeß Einer vol ſeinen Günſtlingen oder von ſeinen Hofſchranzen zu ſein/ „Und ohne Zweifel hat er Euch ſein Vertraus geſchenkt?“ fuhr die Kurfürſtin in katechiſirendem Tom fort.„Er iſt ein weiſer und witziger Monarch.“ „Ich weiß von keinem Zeichen des Vertrauens, wi ches er mir hat zu Theil werden laſſen,“ verſetzte A gernon Grey,„und ſeine Hofleute geben ihm gute Ver' anlaſſung witzig und eitel zu ſein. Ich habe immer be⸗ ein Mal geſehen.“ — 63— merkt, wo viel von dieſem Lippendienſt herrſcht, da iſt ſehr wenig wahre Anhänglichkeit, und häufig geht ſkla⸗ viſche Verehrung der Macht dem Sturze voran. Ich hoffe, wir werden nicht dergleichen erleben.“ „Ihr ahnt es,“ entgegnete die Kurfürſtin;„und ich denke, es kann ſo geſchehen, denn ich ahne es auch. Dieſer Hof iſt voll von Schmeichlern ſowie der Eurige. Sie mögten meinen Sohn überreden, daß er ein Gott iſt, ſowie Sie Euren Monarchen überreden, daß er ein Salomo iſt. Zum Glück bietet das Schickſal König Jakob keine andere Krone an; und wenn es wäre, ſo würde er nie die Hand ausſtrecken, um ſie zu ergreifen. Wir fſind hier in einer verſchiedenen Lage. Das Diadem von Böhmen, welches ohne Zweifel dem Kurfürſten in wenigen Tagen wird angeboten werden, wird, fürchte ich, einen ehrgeizigeren Bewerber finden, der nicht ſo gut die Mittel zum Zweck berechnet.“ Algernon Grey ſchwieg; denn er fühlte, daß dies ein ſchwieriger Gegenſtand ſei; als er aber einige Augen⸗ blicke gewartet, fügte die Kurfürſtin hinzu: 5 „Was ſagt Ihr, iſt es nicht ſo?“ „Wirklich, Hoheit, ich kann nicht antworten,“ ver⸗ ſetzte der Engländer;„ich habe nie mit dem Kurfürſten über den Gegenſtand geſprochen und ihn überhaupt nur — 64— Louiſe Juliana ſah ihn feſt an und ſagte dann mit einem Lächeln: „Ei, Herr Grey, laßt uns offen gegen einande ſein. Die Sache ſteht ſo: der Kurfürſt iſt reich, mät tig in ſeinen eigenen Beſitzungen und ohne Zweifel aä weiſer und kriegeriſcher Fürſt; aber nach einer Krone greifen, erfordert zugleich Zeit, Verwegenheit und G. wiſſenloſigkeit, die er nicht beſitzt. Was iſt die Pfc gegen das Kaiſerreich? Was kann einem ſolchen Kamff anders den Schein des glücklichen Erfolges gewähren als mächtige und unmittelbare fremde Hülfe?— W Euer König ſie gewähren, Herr Grehy?“ „Ich kann es in der That nicht ſagen, Hoheit antwortete Algernon, nicht wenig überraſcht bei der Tone der Dame. „Ich denke nicht,“ fuhr Louiſe Juliana fort.„6 iſt ein weiſer, aber ſehr friedliebender König; er de ſchwendet die Kraft des Geiſtes an Spitzfindigkeitn. und an Gelage und Schauſtellungen, die ungeheut materiellen Hülfsquellen, welche höchſt nöthig ſind, i ſtürmiſches und kräftiges Volk unter heilſamer Herrſchyt zu halten, welche weiſe angewendet, erfolgreich ſein win den, die aber auf thörigte Weiſe verſchwendet, 3 Schuld zurücklaſſen werden, die nur das beſte Blut in Lande zahlen kann.— Verzeiht mir, Herr Grey, d ich ſo von Eurem Monarchen rede; aber ſeht, was th er für meinen Sohn? Welche Thätigkeit wendet er an für ſein eigenes Kind?“ „Nur wenig, fürchte ich, hohe Frau,“ antwortete Algernon Grey;„aber vielleicht wird er mehr thun, wenn er die dyohende Gefahr ſieht.— Indeſſen kenne ich ſo wenig von dem Engliſchen Hofe, daß ich kein Recht habe, ein Urtheil auszuſprechen.“ Louiſe Juliana ſchüttelte den Kopf. „Ihr ſeid ein Diplomat,“ ſagte ſie,„und zwar ein weiſer, obgleich Ihr ſo jung ſeid, denn ich habe immer gehört, daß die größte Geſchicklichkeit in jener verwickel⸗ ten Kunſt in drei Vexneinungen beſteht: nicht mehr zu wiſſen, als nöthig iſt; nicht mehr zu ſagen, als nöthig iſt; nicht mehr zu ſehen, als nöthig iſt.“ „In der That, Eure Hoheit thun mir Unrecht,“ verſetzte der junge Engländer;„ich wende keine ſo ge⸗ meine Liſt an; denn ich kann die Aufgabe zu täuſchen nur für unehrenvoll, die Aufgabe zu verheimlichen nur für kläglich halten. Ich bin kein Diplomat, das ver⸗ ſichere ich Euch; nicht einmal von jener beſſeren Art, die, gleich dem großen Herzog von Sully, ſich ruhmen kön⸗ nen, die unredliche Liſt durch weiſe Redlichkeit zu ver⸗ eiteln.“ „Da werdet Ihr hier ſehr verkannt,“ entgegnete die verwittwete Kurfürſtin;„denn Jedermann glaubt, Ihr ſeid vom König Jakob herübergeſchickt worden, um Heddelberg. Zunei er Band. 5 zu ſehen, wie es im Lande ſteht, Rath zu ertheilen ode Verſprechungen des Beiſtandes zu gewähren.“ Algernon Grey lachte. „Ihre Hoheit werden mir verzeihen,“ ſagte er „aber ich bitte Euch zu glauben, wenn ich Ihnen ſag⸗ daß ich noch faſt als Knabe England verließ, und da Freunde und Feinde, Könige und Staatsmänner ſie meiner nur als eines Knaben erinnern.“ „Still,“ rief die Kurfürſtin ihre Hand erhebend „es klopft Jemand. Sieh, wer iſt es, liebe Agne Ich dachte, wir würden frei von Störung ſein.“ Agnes Herbert eilte raſch zu der großen Thüre, if nete ſie ein wenig, ſprach einige Worte mit Jeman draußen, machte ſie wieder zu, kehrte zurück und ſagt in leiſem Tone: „Der Kurfürſt, gnädigſte Frau, kommt mit dan Rath Camerarius herauf, und hat ſeinen Pagen vorau⸗ geſchickt, um zu ſagen, daß er eine Unterredung ui Euch wünſcht.“ 3 „Er darf nicht hier gefunden werden,“ rief de Kurfürſtin Algernon anſehend;„bringe ihn raſch in man Ankleidezimmer und wenn du hörſt, daß Alle angekone men ſind, ſo führe ihn die große Treppe hinunter und auf den Altan hinaus.— Schnell, Agnes, ſchnell!— Lebt wohl, Herr Grey; wir wollen ein ander Mal wei⸗ ter reden.“ 4 67— Indem Agnes ihrem Geliebten, wie wir ihn jetzt nennen dürfen, ein Zeichen gab, eilte ſie zu der kleinen Thuͤre zur Linken der Kurfürſtin, derjenigen gerade gegenüber, durch die ſie eingetreten war, und öffnete ſie. Es war völlig dunkel darin, aber obgleich Algernon Grey ein ſolches Geheimniß nicht liebte, folgte er doch dem ſchö⸗ nen Mädchen mit einer Verbeugung gegen die Kurfürſtin. Agnes ſchloß die Thüre leiſe hinter ſich, faßte ſeine Hand und ſagte: „Ich will Euch führen; aber wir müſſen dieſe an⸗ dere Thüre ein wenig öffnen, um zu erfahren, wenn ſie vorüber ſind.“ Hierauf näherte ſie ſich der Thüre, welche zu dem großen Corridor oben an der Treppe zu führen ſchien, und ſah durch die Spalte. Wenige Augenblicke ſpäter vernahm ſie Fußtritte und eine Stimme, welche Algernon Grey für die des Kurfürſten erkannte. Sie hörten, wie die große Thüre geöffnet und wieder geſchloſſen wurde; und dann flüſterte der junge Engländer: T „Wir können jetzt gehen, denke ich.“ „Still!“ verſetzte Agnes.„Es geht Jemand die Treppe hinunter.“ Im nächſten Augenblick hörte man eine volle, aber etwas gebrochene Stimme rufen: „So haſt Du alſo die Vögel eingeſperrt, Joachim. 5* = 68— — Run laß uns warten und beobachten, bis ſie wieder davon fliegen, und ich will Dich in den Wiſſenſchaften der Barfe unterrichten.“ Wahrſcheinlicher iſt es, daß Ihr mich in der Wiſ⸗ fenſauft der Krüge und Fäſſer unterrichten werdet,“ ant⸗ wortete eine jungere Stimtne. „Der Hofnarr und der Page,“ flüſterte Agnes, „ſie warten fünf bis ſechs Stufen weiter unten. Wie wollen wir hina uskommen?“ „Können wir nicht auf der Treppe zurückkehren, auf vrſcher wir hiehergekommen?“ entgegnete Algernon Grey. „Wir müffen an der großen Treppe vorbei,“ ant⸗ wortete Agnes,„und ſie können bis an dieſe Thürt hinaufſehen. Es iſt beſſer, wir warten wo wir ſind! Sie reden im andern Zimmer; wir müſſen uns ganz ſtill verhalten.“ Algernon Grey antwortete nicht, ſondern blieb dicht neben ihr ſtehen, und während des Schweigens hörte das junge Paar deutlich einen großen Theil der beiden Unterredungen, die in dem Zimmer der Kurfürſtin, ſo⸗ wie auf dem Treppenabſatze vorgingen. Ein Theil, der von keiner großen Bedeutung war, ging feeilich verlo⸗ len; aber was gehört wurde, bildete eine Zeitlang eine ſeltſame Miſchung ceremoniöſer Höflichkeit mit platter Gemeinheit, politiſcher Fragen mit thörigten Scherzen. — 69— Zuweiken gab dieſe ſeltene Miſchung einen Sinn, zuweilen aber kam gerade das Gegentheil heraus, und ſtets war es ſchwierig ſich zu überzeugen, woher die Stimmen ka⸗ men, ſowie auch zu wiſſen, ob die Antwort zu dem eben gehörten Satze paſſe oder zu einem, den man nicht vernommen. „Ich weiß ſehr wohl, Rath Camerariüls, welches Eure Anſichten, und worauf ſie gegründet ſind,“ waren die erſten hörbaren Worte. Aber gleich darauf ſagte eine heitete aber rauhe Stimme: „Elf Flaͤſchen Sekt täglich, eine goldene Kette und eine Narrenkappe ſind Dinge, die man wohl reſpektiren muß, Junker Joachim.“ „Aber hörk mich an, Hoheit,“ ſagte eine andere Stimme,„ich weiß, daß Ihr ſtets für die Vernunft zugänglich ſeid; Ihr müßt mich nicht unrichtig beurthei⸗ len und annehmen, daß ich von gewöhnlichen Beweg⸗ gründen geleiket werde.“ 5 „Wenn, was ein Thor denkt, Männer von Ver⸗ nunft leiten ſollte,“ ſagte eine andere Stimme,„ſo wäre eine Narrenkappe mit Schellen ebenſo gut, wie die Krone von Böhmen.“ „Wir müſſen dieſe Frage shne Leidenſchaft oder Vorurtheil verhandeln, theuerſte Mutter,“ war der näͤchſte Satz;„große Intereſſen ſtehen auf dem Spiel, das In⸗ tereſſe Eures Sohnes, der proteſtantiſchen Religion, der Freihei Deutſchlands— Das große Heidelberger Faß voll Wein,“ rief die etwas ſawere Zunge des Narren,„würde das Geplau⸗ der eines Pagen nicht erſäufen; er würde noch immen aus der Tiefe des Faſſes rufen und leere Schaumblaſen auf der Oberfläche hervorbringen, ſo lärmend wie eine Petarde.“ „Es iſt Nichts weiter nöthig, dieſes ganze Reich zu erſchüttern,“ hörte man Camerarius ſagen,„als Uneinig⸗ keit unter den proteſtantiſchen Fürſten, der Fall jenes Königreichs, welches zuerſt ſeine Stimme gegen die Thy⸗ rannei, gegen den Druck und den Aberglauben erhoben hat, und das Zurückweiſen einer angebotenen Krone von dem einzigen ſouveränen Fürſten, der befähigt iſt, durch Macht, Talent und Einfluß den Gang der Ereigniſſe zu leiten.“ „Gebt mir Vernunft und ein gutes Abendeſſen,“ ſagte der Page. „Aber haſt Du das Anerbieten?“ fragte die Kur⸗ fürſtin. „Hätte ich die Herrſchaft, ſo ſollteſt Du keins ha⸗ ben,“ ſagte der Narr,„ſondern durchgepeitſcht werden, und ein Buch zum Leſen haben.“ Das Scepter von Böhmen.“ „Eine Feige für Euer Pritſchholz.“ „Eine Narrenkappe gegen eines Pagen Feder.“ „Zu den Füßen des Sohnes Ihrer Hoheit nebſt allen Vortheilen, welche—“ „Der Kaiſerſtuhl und der Heiligenberg auf Deinen Kopf, Du toller Affe; Du haſt mein Wamms aufge⸗ knüpft und mein Fett herausgelaſſen.“ 3 „Keine Gründe für den perſönlichen Ehrgeiz, keine Hoffnung oder Erwartung des Ruhmes, ja nicht einmal die Stimme eines unterdrückten Volkes würde mich be⸗ wegen, theuerſte Mutter.“ „Und wenn die Götter und Göttinnen auf die Erde herunterkämen, um ſich in den Quellen im Garten zu baden, ſo würdeſt Du doch immer ein Eſel bleiben und tief trinken, um Deinen Leichnam zu vergrößern und Deine Seele ins Verderben zu ſtürzen.“ „Dennoch aber iſt die Stimme des Böhmiſchen Volks nicht zu verachten; und wenn noch die Aufrechthaltung der proteſtantiſchen Religion in ihren Richten und Frei⸗ heiten hinzu kommt—“ 2 „Ein Baſtard mit Beinen gleich der Zange eines Grobſchmieds, und Füßen gleich dem Carreau⸗Aß und ſo großen Schultern, daß ſie mit ſeinen Ohren harmo niren.“ „Die, welche dem Fürſten rathen könnten, dieſes Anerbieten entſchieden auszuſchlagen—“ Aber hier lenkte Algernon Grey die Aufmerkſam⸗ keit ſeiner ſchönen Begleiterin von der ſelkſamen Unter⸗ redung ab, die ſie anhörten, indem er leiſe ihre Hand berührte und ſagte: „Mich dünkt, wir dürfen dies nicht länger anhören, liebes Fräulein.“ „Wie können wir es vermeiden?“ entgegnete Agnch leiſe.„Jetzt eine von beiden Thüren zu ſchließen, wäre ſchlimmer, als kühn die Treppe hinunter zu gehen.“ „So laßt uns dies wagen,“ antwortete Algernon Grey.„Mich dünkt, es iſt beſſer, uns einer perſönlichen Gefahr auszuſetzen, als zu behorchen, was offenbar nicht für unſere Ohren geſtimmt iſt.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte Agnes,„Ihr habt Recht — ich fürchtete nur— aber wus liegt an der perfön⸗ ichen Furcht; ſie ſollen mich nicht zurückhalten, zu thun, was ich mußte. So kommt denn.“ Hierauf ging ſie einen Schritt weiter, öffnete die Thüre, die in den Corridor führte und ging hinaus. Der Thüre der Kurfürſtin gegenüber hing eine große Lampe, die ein helles Licht auf die Treppe warf. Im Winkel des Treppenabſatzes lehnte, ein Bein über das andere geſchlagen, ein fetter kleiner Mann mit rothem Geſicht, der die bunte Tracht der Narren jener Zeit trug, während ein junger Burſche von ſechzehn bis ſieb⸗ zehn Jahren in der glänzenden Tracht der kurfürſtlichen Pagen ſich an das Treppengeländer lehnte. Gerade auf ſie zugehend und mik ruhigem Geſichte die Treppe bin⸗ unterſteigend, ging Algernon Greh neben Agnes Her⸗ bert weiter. Der Page richteke ſich auf und nahm ſeine Mütze ab, als ſie vorübergingen; aber der Hofnarr blieb vermöge der gewöhnlichen Freiheit ſeines Berufs unbe⸗ weglich in ſeinem Winkel ſitzen, ſchloß ein Auge und richtete das andere mit forfchendem Starren auf die Dame. In dem Augenblick, als ſie und ihr Begleiter vorüber waren, drückte er ſeine Zunge gegen ſeine Wange und winkte dem Pagen bedeutungsvoll zu, der nur mit einem leiſen Lachen erwiderte. „Was wird davon herauskommen, Junker Joachim?“ fragte der Narr nach einer Paufe. „Nun, ich weiß nicht,“ verſetzte der Jungkeg; „Liebe und Ehe vermuthlich.“ „Nein, die Liebe wird nicht kommen,“ ſagte der Narr,„denn ſie iſt ſchon da; und die Ehe kann kom⸗ men oder nicht, wie die Götter es wollen; aber wenn ich an der Stelle des hübſchen Fräuleins Agnes Herbert wäre, ſo würde ich den langen Jungen in die Speiſe⸗ kammer führen und ihm ein Stück geröſtetes Brod und zwei oder drei Flaſchen Burgunder geben. Sie fürchtet, dies zu thun, aus Furcht, daß man ſie entdeckt; aber mich dünkt, es wäre das Siegel der Ehe, welches der Himmel ihr bald ſenden wird; denn wenn ſie noch lange in den Gängen dieſes alten Schloſſes mit ihm umher⸗ 1 — wandelt, ſo wird ſich der kleine Gott, Cupido's Bruder⸗ der ſo leicht am Fieber leidet, erkälten und entfliehen.“ Inzwiſchen gingen Agnes und Algernon durch da unteren Theil des Schloſſes weiter und gelangten wiede auf den Altan. Dort blieb ſie mit einem augenblicklichen Zaudern ſtehen; denn ſie fühlte, wie lieblich die Freihiü für ihren Begleiter ſein müſſe, und ſie konnte es nich über's Herz bringen zu ſagen, daß es Zeit ſei, in ſei Gefängniß zurückzukehren. Miſchte ſich irgend ein pa ſönliches Gefühl in ihr Widerſtreben? Wollte ſie ſit nicht gerne ſo bald von ihm trennen? Wer empfand eine Freude und war nicht bekümmert, ſie zu verlieren Und Agnes Herbert war an Algernon Grey's Sei ſehr glücklich geweſen. Er erſparte ihr indeß die Mühe zu reden, inden er ihre Gedanken errieth, ehe ſie ausgeſprochen waren. „Mich dünkt, theuerſtes Fräulein,“ ſagte er, muß Zeit ſein, daß ich zurückkehre und daß Ihr Eui zu andern Beſchäftigungen wendet, obgleich Euer gütigs Herz es mir nicht ſagen will. Laßt uns indeß zu mn nem Thurm gehen. Ich bin Euch meinen aufrichtigſte Dank für die mir verſchaffte Erleichterung ſchuldig, und mögte um die Welt nicht den geringſten Schmerz mi dem Vergnügen miſchen, welches Ihr über eine ſolch Handlung empfinden müßt.“ „Mein einziger Schmerz iſt,“ verſetzte Agnes, di — an ſeiner Seite ging,„daß Ihr zurückkehren müßt. Ich denke, die verwittwete Kurfürſtin wird mich wieder rufen laſſen, ſonſt würde ich Euch bitten, noch länger da zu bleiben.“ Es währte nicht lange, bis ſie den Fuß der Treppe erreichten, die zu Algernons Gefängniß führte. Der Weg erſchien ihm außerordentlich kurz und hier blieb er ſtehen, um ihr Lebewohl zu ſagen, freilich hätte er es auch eben ſo gut oben thun können, aber dort ſtanden Wachen im Vorzimmer; und Gefühle, die er ſich ſelber nicht eingeſtehen wollte, machten, daß er keine Zeugen bei ſeinem Abſchiede von ihr wünſchte. „Lebt wohl, theures Fräulein,“ ſagte er, indem er ihre Hand drückte.„Wenn Ihr die Erleichterung und das Vergnügen kenntet, welches Ihr dem armen Gefan⸗ genen gewährt, ſo bin ich gewiß, daß Euer Herz ſich erfreuen würde.— Ja, ich fühle, daß es ſo iſt, obgleich Ihr nicht aus Erfahrung wiſſen könnt, wie langweilig die Stunden der Gefangenſchaft ſind. Dank— Tauſend Dank für den Troſt der freien Luft, der durch Eure angenehme Geſellſchaft um das Dreifache erhöht wurde.“ „Ihr habt für Nichts zu danken,“ antwortete ſie, ihre Hand in der ſeinen laſſend.„Bin ich Euch nicht Alles ſchuldig? Und gewiß, einige wenige Stunden ven dem Leben, welches Ihr gerettet habt, ſind nur ein armliches Anerbieten für ein dankbares Herz. Ich weiß, ich kann Euch verſprechen, morgen Abend unm die elhe Stunde wieder zu kommen, und vielleicht wird mich dayn mein Oheim begleiten, Bis dahin muß ich Euch Lebewohl ſagen. Schlaft wohl; und mögen Euch ange nehme Traume zu Theil werden.“ Er hielt noch einen Augenblick ihre Hand=— blickte bei dem bleichen Lichte der Lampe, die auf der Treppe hing, in jenes ſchöne und ſtrahlende Geſicht, umd Empfindungen, die er kaum bemeiſtern konnte, erhobu fich in ſeiner Bruſt. Sie erſchreckten ihn, und plötzlit den Zauber brechend, der ihn gefeſſelt hielt, wendete d ſich um und ſtieg zu dem Zimmer hinauf, wo die Wäch ter ſaßen. Dort kam noch ein Lebewohl, kälter den Anſcheine nach, aber in Wahrheit, nicht weniger warm dann trat er ein und machte die Thüre zu. Er hör wie ſie den Schlüſſel anfaßte, doch drehte er ſich nict um, und im nächſten Augenblicke erreichte ihre liebliche Stimme in etwas bebendem Tone ſein Ohr, als ſie zu Einem von den Wächtern ſagte: „Hier, kommt und verſchließt die Thüre— ic kann es nicht.“ 4 „Das Schloß geht doch ſo leicht wie ein Uhrwerk, antwortete der Mann in ſihweren Schritten näher ti tend; und im nächſten Augenblick wurde die Thüre ge ſchloſſen.. Mit langſamen und gedankenvollen Schritten kehrt Agnes zu dem Corridor vor den Gemächern der ver⸗ wittweten Kurfürſtin zurück; aber am Fuß der Treppe begegnete ſie ihrem Oheim Herbert, und das lebhafte Auge der Zärtlichkeit entdeckte bald, daß er aus irgend einem Grunde aufgeregt ſei, obgleich er ſeine gewohnte ruhige Miene zu behaupten ſuchte. „Was iſt geſchehen?“ ſagte ſie, ſich an ſeinen Arm hängend.„Ihr ſeid unruhig— ich ſehe es in Euren Augen.“. „Es iſt Nichts, meine Agnes,“ ſagte er,„Nichts. So haſt Du alſo Deinem Gefangenen ſeinen kurzen Feiertag gewährt? Wie betrug er ſich?“. „Er erfreute ſich auf ſeine ruhige und ernſte Weiſe ſehr ſeiner kurzen Freiheit,“ antwortete Agnes.„Er zeigte ſo viel Freude, als ich von ihm erwartete.“ „Aber gegen Dich, mein Kind?“ fragte Herbext. „War dieſen Abend ein Unterſchied zu bemexken?“ „Es war gerade wie immer,“ entgegnete das ſchöne Mädchen mit heiterem Lächeln.„Verbannt alle Furcht und allen Zweifel;, das könnt Ihr in der That. Ich glaubte, Beides wäre verſchwunden; denn ich weiß, daß dergleichen Dinge nicht in Eurem Herzen verweilen; und wenn Ihr einmal vertraut, ſo vertraut Ihr unbedillgt. Hier könnt Ihr ihm und mir trauen, denn es iſt nicht ein Wort von unſern Lippen gekommen, welches nicht die ganze Welt anhören lönnte.“ „Es iſt gut,“ ſagte ihr Oheim gedankenvoll,„ iſt gut— ich will vertrauen.“ „Nein, aber es iſt nicht Alles gut, deſſen bin iſ gewiß,“ entgegnete Agnes;„denn es hat Euch Etwat beunruhigt.“ „Nichts, als die Worte eines Narren,“ antworten Herbert,„und ich bin ſelber ein Thor, daß ich mich durch ſie beunruhigen laſſe. Doch es muß Etwas geſche⸗ hen, um dieſe Sache in Ordnung zu bringen. Hötz mich an, Geliebte: eben begegnete mir der boshafte Nau des Kurfürſten.— Wie können doch Männer von Ver⸗ ſtand an dem boshaften Geſchwätz eines witzloſen Schur ken, wie dieſer iſt, Gefallen finden? Er ſprach mit Spott von meiner Agnes— ſagte, er habe geſehen wie ſie auf krummen Liebespfaden gewandelt, aus dem Schlafzimmer neben dem Saale der verwittweten Kur fürſtin heraus gekommen und in den Garten hinunter⸗ gegangen ſei und bat mich, wohl nach meinem hübſchel Vogel zu ſehen, wie er Dich nannte. Was er weittt ſagte, will ich nicht wiederholen. Man kann einen Wahnſinnigen nicht ſchlagen, ſonſt hätte ich ihn zu Bo⸗ den geſchmettert.“ Agnes lächelte heiter. „Nein, nein,“ ſagte ſie;„er hat ſich nur heute mehr als je wie einen Narren gezeigt!“ „Lache nicht, Agnes, in Deiner Unſchuld,“ antwol⸗ tete Herbert.„Es darf mit dem Rufe eines Weibes nicht leichtſinnig geſcherzt werden. Du weißt noch nicht, daß der leichteſte Fleck an einem guten Ruf auf immer bleibt und Zweifel und Verdacht erzeugt, die unmöglich zu entfernen ſind. Ich will Dir Etwas ſagen, mein Kind, und dies muß das letzte Wort ſein; denn es ſoll nimmer geſagt werden, daß Du mit meinem Willen Etwas gethan, welches anzuerkennen Du Dich ſchämen müßteſt.— Ich weiß, daß die Fürſtin Dir befohlen, ihn zu ihr zu bringen, obgleich ich nicht errathen kann, warum Du durch jenes Zimmer gegangen; aber jetzt ſollſt Du zu der verwittweten Kurfürſtin gehen und ihr die Geſchichte erzählen; Du ſollſt um die Erlaubniß bitten, die reine Wahrheit reden zu dürfen, wie es geſchehen iſt, daß man Dich mit dem Gefangenen aus jenem Zimmer hat kommen ſehen. Ich zweifle nicht, daß Du die Erlaubniß erhalten wirſt; doch wenn ſie ſich weigern ſollte, ſo muß ich ſelber mit ihr reden; denn dies könnte ein ewiger Mackel für Dich ſein, mein Kind, und das darf nicht geſchehen. Ich kenne Dich ſo gut, Agnes, daß ich kühn und furchtlos ſage: Thue Alles, was Du willſt, vorausgeſetzt, daß es Etwas iſt, was Du im Nothfall der ganzen Welt erklären kannſt! Aber zu gleicher Zeit warne ich Dich, liebes Kind, niemals Etwas zu thun, was Du nicht erklären kannſt; denn Diplomatie iſt nicht das Geſchäft einer Dame; und — 80— wenn ſie ſchon gefährlich in den Haͤnden eines Mannes iſt, ſo iſt ſie ſtets unheilbringend in denen eines Weibes.“ „Ich will ſogleich zu der Kurfürſtin gehen,“ ant⸗ wortete Agnes;„denn obgleich ich, ſoweit ich perſönlich dabei betheiligt bin, über alle thörigten Gerüchte ſpot⸗ ten würde, ſo iſt es doch keine Sache, über die man ſpotten kann, wenn ſie Ench Kummer verurſacht.“ „Geh, Agues, geh,“ entgegnete Herbert.„Es iſt für Dich und für mich beſſer. Wenn es nur in Deiner Macht ſteht, Alles zu erklären, ſo kümmere ich mich um weiter Nichts. An thörigten Gerüchten liegt mir Nichts, Agnes; und die Thoren mögen ſchwatzen und plappern was ſie wollen, aber zweifelhafte und unerklärte Um⸗ ſtände dürfen nicht ihre nachtheilige Wirkung auf Dich ausüben, mein Kind.“ „Ich gehe,“ verſetzte Agnes, ſtieg die Treppe hiu⸗ auf und eilte in die Gemächer der verwittweten Kur⸗ fürſtin. Viertes Kapitel. Es brannte eine Lampe in dem Zimmer, in wel⸗ ches Algernon Grey zurückkehrte. Er fand das Zimmer zierlich geordnet und aufgeräumt, als hätte man Auf⸗ merkſamkeit darauf verwendet, und wenige Minuten nach ſeiner Rückkehr trat ein Diener ein, welcher Speiſen auftrug, wie ſie ein Gefangener ſelten bekommt. Der Mann ſetzte die Speiſen nieder und entfernte ſich ſchwei⸗ gend; aber Algernon Grey ließ das Eſſen unberührt. Beinahe eine Viertelſtunde ging er in tiefem Nachden⸗ ken im Zimmer auf und ab brach dann plötzlich ab und ſagte: „Ich will zu Bette gehen und ſchlafen. Warum ſoll ich meinen Geiſt mit Dingen beunruhigen, die nie⸗ mals geſchehen können? Soll ich jede Freude dieſes irdi⸗ ſchen Lebens von mir werfen, aus Furcht vor ihren Heidelberg. Zweiter Band. 6 3 entfernten Folgen? Nein, ich will mein Herz ſtählen ich will meine Handlungen ſtrenge regeln; aber ich will mich nicht von dem einzigen Troſte ausſchließen, aus Furcht, daß derſelbe zu ſüß werden möge. Ich will mich ſchlafen legen und dieſe düſtern Viſionen werden vor dem Morgen entfliehen.“ Hierauf ging er in das andere Zimmer, entkleidete ſich und legte ſich zu Bette. Auch währte es nicht lange, bis der Schlaf ſeine Augenlider beſuchte; denn wenig Dinge ſind ermüdender, als das langſame und träge Vorübergehen einſamer Stunden für einen thätigen und kräftigen Geiſt; aber dieſer Schlummer war nicht ruhig er war nicht von jener ſanften und balſamiſchen Art, welcher das Kiſſen der ſorgloſen Kindheit beſucht, noch war er durch jene leichten und lieblichen Träume erhei⸗ tert, die das Bett der hoffnungsvollen Jugend umſchwe⸗ ben. Traumbilder hatte er viele; doch waren alle meht oder weniger düſter, alle mehr oder weniger beunruht⸗ gend, und alle hatten dieſelben Züge und Formen. Zwei weibliche Geſtalten waren ſtets gegenwärtig und eine davon war Agnes Herbert. Doch da ich ſchon ein Mal dieſes Thema berührt habe, ſo will ich jetzt nicht bei dem Allen verweilen, was die Einbildungskraft und das Gedächtniß dem ſchlummernden Gehirn darſtellten. Es mag hinreichen zu ſagen, daß er ruhelos ſchlief und daß die aufgeregten Gefühle, die in dem unvernunftigen — 83— Schlummer herrenlos waren, ſelbſt während der Stun⸗ den der Ruhe Körper und Geiſt ermüdeten. Er erwachte am folgenden Morgen matt und unge⸗ ſtärkt; und wenn er ſich in etwas düſtern Gedanken niedergelegt hatte, ſo fand ihn der nächſte Morgen noch trauriger und unruhiger. Die ſchweren Stunden rollten langſam vorüber und Nichts geſchah während des Morgens, was die dumpfe Einförmigkeit ſeiner Gefangenſchaft unterbrach. Der Diener brachte zu beſtimmten Zeiten das Eſſen, räumte die Zimmer auf und zeigte ihm jede Art der Höflichkeit und Aufmerkſamkeit. Aber dies war auch keine Unter⸗ haltung für Algernon Grey, und es wurden nur wenige Worte gewechſelt, indem der junge Herr ſtets zuerſt ſprach und nur kurze und unbedeutende Antworten erhielt. Freilich war ihm ſchon der Anblick eines menſchlichen Geſichts angenehm; doch ſchien es jedes Mal, wenn der Diener kam und ging, als ob ſeine augenblickliche Ge⸗ genwart und ſeine raſche Entfernung nur die Schwere ſeines Herzens vermehrte. Es verlangte ihn nach Jemand, mit dem er ſich unterreden konnte— einerlei, wer es war, und er er⸗ wartete mit Ungeduld den verſprochenen Beſuch ſeines Vetters, aber an dem Tage kam William Lovet nicht. Frreilich hatte ſeine Unterhaltung Vieles an ſich, was für Algernon Gret's Ohren mehr widerwärtig als ange⸗ 6* nehm war; doch lag Etwas in dem Umgange, in alten Ideenverbindungen und wechſelſeitigen Gewohnheiten des Denkens, was, wie er glaubte, eine Erleichterung ſein müſſe; und er empfand eine kränkende Täuſchung, als die Augenblicke entflohen und er ihn nicht ſah. Vielleicht hegte er auch den Wunſch, andern Gedan⸗ ken zu entfliehen— ſeinen Geiſt von dem Nachdenken über Gegenſtände zu befreien, bei welchen er nicht zu verweilen wünſchte; doch als der Abend näher kam und mit ihm jener Wechſel des Lichts, der, ohne den Glanz des Tages zu vermindern, ihn nur ſanfter und trauriger macht, da wollte das Nachdenken ſeinen freien Spiel⸗ raum haben; Agnes Herbert war wieder der Gegen⸗ ſtand, der Entſchluß ſtritt mit der Neigung und ein ehrenvoller Geiſt mit einem warmen und glühenden Herzen. „Was empfinde ich? Was thue ch 24 fragte er ſich ſelbſt, und auf beide, anſcheinend ſehr einfache Fragm wußte er nur ſchwer zu antworten. Die Schwierigkei beſtand in der Sophiſterei des menſchlichen Herzens, denn geſchickt in der That muß der ſein, und wohlerfat⸗ ren in den Wegen jenes dunkeln und verwickelten Laby⸗ rinths, der ſogleich die richtige Löſung des Geheimniſſes findet. Und doch erinnerte er ſich ſeiner Gefühle für Agnes, als er mit ihr in dem Nebenzimmer der Kurfir⸗ ſtin geſtanden; als ihre Hand die ſeine berührt; als er ſeinen Kopf niedergebeugt, um ihre leiſen Worte zu hören, und gefühlt, wie ihr warmer duftiger Athem ſeine Wange gleich dem Frühlingswinde gefächelt. Hätte er ſie nicht mit ſeinen Armen umſchlungen, ſie an ſeine klopfende Bruſt preſſen, warme Küſſe auf dieſe ſüßen Lippen drücken und ſie bitten können, die Seine zu wer⸗ den— die Seine auf immer? Hätte er nicht in dem Augenblick die volle Fluth der erſten und leidenſchaftli⸗ chen Liebe ergießen können, die in ihrem heftigen und ſtürmiſchen Laufe Alles mit ſich fortgenommen? Er fühlte, daß er es hätte thun können; er fühlte, daß er einer großen Gefahr entgangen ſei, und legte ſich ſelber die Frage vor: Sollte er daſſelbe noch ein Mal wagen? Sollte er ſich noch ein Mal auf wahnſinnige Weiſe der⸗ ſelben mächtigen und ſchrecklichen Verſuchung ausſetzen? Wenn er es thäte, wäre es nicht unwahrſcheinlich, daß ſich neue Umſtände ereignen würden, ihn zu ſtärken und zu unterſtützen— daß ſich ihm ein Mittel zur Flucht, daß ſich ihm irgend ein glücklicher Zufall dar⸗ bieten werde, ihn in den Stand zu ſetzen, der drohenden Gefahr zu entfliehen? „Es wäre Wahnſinn, mich der Gefahr auszuſetzen,“ dachte er.„Rein, ich will nicht gehen!— Ich will irgend eine Entſchuldigung vorbringen, um ihr ſanftes, edles Herz nicht zu kränken; und ſelbſt wenn ich ihr * — 86— Mangel an Höflichkeit zeige, iſt es beſſer, als Mangel an Ehrgefühl.“. Er ſchwieg und dachte lange nach. Er bedachte, was er thun und was er ſagen ſolle; er bedachte, wie er am Beſten handeln könne, um die gefährliche Geſell⸗ ſchaft zu meiden, ohne eine Perſon zu verwunden, deren einziger Wunſch darin beſtand, ihm Vergnügen zu gewähren. Eitler Gedanke! Eitle Rückſichten! Wie ſie ſtets bei den Menſchen ſind. Wir erheben in unſerer Phantaſie ein Gerüſte und bauen dann darauf. Kommt dann die ſtarre Wirklichkeit und ſchlägt es unter unſern Füßen nieder, ſo fällt das ganze Gebäude zuſammen, und es muß glücklich gehen, wenn unſere beſten Hoffnun⸗ gen und unſer glänzendſtes Glück nicht unter den Truüm⸗ mern begraben werden. Die letzten beiden Stunden— es waren Stunden des Nachdenkens— gingen raſch vorüber— viel raſcher, als er es gedacht. Er hatte den Ton der Glocke nicht gehört; er hatte das raſche Sinken der Sonne und die ſchnelle Annäherung der Nacht nicht bemerkt. Er ſah in der That, oder viel⸗ mehr, er fühlte, daß ſich die Dunkelheit durch das Zimmer verbreitete, in welchem er ſaßz dennoch aber hatte er nicht geklingelt, daß man ihm Licht bringen möge und veränderte ſeine Stellung nicht. Er blieb ſitzen, ſeine Augen ſtarr auf den Boden gerichtet, ſeinen Arm über die Rücklehne des Stuhles gelehnt, während — 85— ſeine Linke mit ſeinem leeren Degengehänge ſpielte, ohne einen Blick zu dem Fenſter zu erheben, wo der glühende Himmel von dem letzten Lächeln des Tages ſtrahlte. Etwa eine Viertelſtunde ſpäter wurde der Schlüſſel im Schloſſe umgedreht und es klopfte Jemand leiſe an die Thüre. Er wußte, daß es Agneſens Hand war, er hielt ſich davon überzeugt, ehe er ſie ſah, und indem er raſch auf die Thüre zuging, ließ er ſie ein und ſagte in einem Tone, in dem Freude und Traurigkeit gemiſcht waren: „Willkommen, willkommen, theures Fräulein, Ihr kommt pünktlich zur beſtimmten Stunde.“ „Nicht ganz,“ antwortete Agnes,„doch ich wurde ein wenig aufgehalten. Eure Zeit der Freiheit ſoll in⸗ deſſen nicht abgekürzt werden, denn wir können länger ausbleiben— nun, wollt Ihr kommen?“ Es war ein Kampf in Algernon Grey's Herzen; ſeine Lippen konnten kaum die Worte ausſprechen, zu welchen er ſich entſchloſſen hatte; und vielleicht, hätte er nicht geſehen, als ſie zuſammen in der Thüre geſtan⸗ den, daß das Vorzimmer für den Augenblick leer ſei, ſo würde der Zwang, den die Gegenwart Anderer ſtets mehr oder weniger auferlegt, ſogleich die Waagſchaale gegen ſeinen Entſchluß gewendet haben. So wie die Sache aber ſtand, antwortete er nach einer Pauſe: „Nun, liebes Fräulein, ich fürchte, Ihr werdet — 88— mich für mürriſch und unhöflich halten, wenn ich ſage, daß es beſſer für mich iſt, nicht zu gehen, und wenn ich mit dem aufrichtigſten und herzlichſten Danke Eun freundliches Anerbieten ablehne.“ „Aber warum?“ rief Agnes, ihn mit Ueberraſchung anſehend.„Ich ſollte doch denken, es müßte eine Erleich⸗ terung für Euch ſein.“ „Das iſt es auch,“ antwortete er,„eine lieblicht und freudige Erleichterung; aber wegen jener augenblich lichen Befreiung, liebes Fräulein, fühle ich die Bitter keit der Gefangenſchaft nur um ſo ſchmerzlicher. Glaubt mir, es iſt beſſer, wenn ich dableibe.“ Seine Worte, wie es ſo häufig mit Worten geſchieht die nicht vollkommen ausdrücken, was der Redner denkt. hatten ganz die entgegengeſetzte Wirkung, die er beab⸗ ſichtigt hatte. Sie machten Agnes Herbert nur um ſ mehr geneigt, ihn zu tröſten und zu beſänftigen, die Stunden ſeiner Einſamkeit zu erleichtern, die düſter Gedanken zu verbannen, die ihn niederzudrücken ſchit nen, und ſie antwortete: „Nein, kommt! Gebt Euch nicht ſolchen düſteren Phantaſien hin. Ich nehme keine Weigerung an. Inn könnt es doch einer Dame nicht abſchlagen, wenn ſie auf einem Spaziergange in der freien Luft Eure Ge⸗ ſellſchaft fordert. Ich fürchte, Ihr achtet meine Dank⸗ barkeit gering; doch dies iſt das einzige Mittel, welches — 89— ich habe, um ſie zu zeigen. Ich würde gern zu Euch kommen, während des Tages bei Euch ſitzen und Euch erheitern, wenn mein Oheim nur auch kommen könnte; aber der Kurfürſt hat ihn gebeten, die neuen Feſtungs⸗ werke für das Schloß und die Stadt zu beſchleunigen und er hat keinen Augenblick von ſeiner Zeit übrig. Uebrigens müßt Ihr dieſen Abend kommen, denn ich habe verſchiedene Nachrichten für Euch und ich kann nicht ſo lange dableiben, um ſie Euch zu erzählen.“ Algernon Grey lächelte matt; doch ſein Entſchluß mußte weichen, er faßte Agneſens Hand, drückte ſeine Lippen darauf und antwortete: „Ihr ſeid ſehr gütig— zu gütig; aber ich darf nicht machen, daß Ihr mich für undankbar haltet, und daher komme ich.“ In demſelben Augenblick trat die Wache wieder in das Vorzimmer, Algernon Grey folgte der Dame durch daſſelbe und ſtieg mit ihr die Treppen hinunter. Durch die Gewohnheit etwas kühner geworden führte ihn die Dame ſogleich über den großen Boſhlad und von dort in den Schloßgarten. „Wenn Ihr nun den Willen hättet, zu entfliehen, 4 ſagte ſie mit heiterem Lachen,„wer könnte Euch daran verhindern, Euch Eurer Haft zu entziehen? Gewiß nicht dieſe ſchwache Hand.“ „Aber dieſe Gärten ſind mit Mauern umgeben,“ — 90— antwortete Algernon Grey,„und von Feſtungswerken, Außenwerken eingeſchloſſen. Mich dünkt, es wäre keine leichte Aufgabe zu entfliehen.“ „Eben ſo leicht wie auf einem See bei leichtem Winde und ſommerlichem Himmel zu ſegeln,“ antwor⸗ tete Agnes heiter.„Der ganze Boden, über den wir gehen, iſt von unterirdiſchen Gängen durchbrochen, die hier und dorthin führen, einige zu den Bergen hinauf, andere in die Stadt hinunter.— Seht Ihr nicht die beiden Obelisken mit den halb geöffneten Thüren? Die führen gerade in die Stadt hinunter, und am erſten Abend, als ich mit Euch durch dieſe Gärten wanderte, müßt Ihr auch einen Mann bemerkt haben, der ſo plötz⸗ lich erſchien, daß er mich erſchreckte. Es war Einer, der zum Schloſſe gehörte, und durch die Gewölbe heraufge⸗ kommen war.— Aber ich darf Euch nicht alle dieſe Geheimniſſe mittheilen, ſonſt könnte der gefangene Vogeh wenn er ſo viele Thüren ſeines Käfigs offen findet, ſeine Flügel anwenden und davon fliegen.. Sie ſprach leicht und heiter und Algernon Gre erwiederte: „Keine Furcht, keine Furcht, theures Fräulein; Ihr haltet den armen Vogel feſter, als mit Draht oder Stangen— durch die Ketten der Ehre. Kein Cavalier könnte ſo Euer Vertrauen mißbrauchen. Doch Ihr ſcheint ſelber mit dieſen geheimen Wegen bekannt, ob⸗ — 91— gleich ſie wohl nicht häufig von Damenfüßen betreten verdens „O, ich habe ſie alle in meinem kleinen Kopfe wie auf einer Karte. Mein Oheim hat mir alle gezeigt; denn er hegt einen ſeltſamen Aberglauben, daß die Kennt⸗ niß derfelben einſt nöthig ſein dürfte. Ich weiß nicht, was er fürchtet oder ſich einbildet, aber ſo iſt es, denn häufig bemächtigen ſich ſeiner düſtere Gedanken, und ich wundere mich nicht darüber. Aber jetzt will ich Euch meine Nachrichten mittheilen, und die erſte iſt eine ein⸗ fältige Geſchichte, die mich ſelbſt betrifft; denn wie man ſagt, reden die Weiber am liebſten zuerſt von ſich. Wißt Ihr auch, daß unſer Abenteuer von geſtern Abend meinen Oheim wegen des guten Rufes ſeines armen Kindes beunruhigt hat?“ „Wie ſo?“ rief Algernon erſchrocken und zeigte mehr Beſorgniß als die Worte der Dame hervorzubrin⸗ gen beabſichtigten„Welches Abenteuer, liebes Fräu⸗ e 3 8 „O, unſer Abenteutr, als wir aus den Gemächern der verwittweten Kurfürſtin entflohen,“ erwiederte Agnes. „Erinnert Ihr Euch nicht, daß wir auf der Treppe an dem Narren und dem Pagen vorbei mußten? Sie ſahen uns aus dem Zimmer zur Linken hervorkommen, und jener Narr iſt boshaft und unverſchämt, ſowie auch ſtets betrunken. Er begegnete meinem Oheim einige Minu⸗ — 92— ten ſpäter und hielt es für gut über meinem armen N men zu ſcherzen. Doch ich lachte nur, als er esn zählte; denn mich dünkt, wenn die Bruſt frei und d Herz ruhig iſt, kann man wohl das Geſchwütz ein Narren mit Verachtung anhören. Aber mein Ohei nahm die Sache ernſter und beſtand darauf, daß ich? Fürſtin um die Erlaubniß bitten ſollte, im Nothfi das Ganze erzählen zu dürfen. Ich ſagte Ihr d Alles, was uns begegnet war, wie wir im benachbart Zimmer einen Theil ihrer Unterredung mit ihrem Soh behorcht und uns entſchloſſen hätten, lieber dem Nan und dem Pagen auf der Treppe zu begegnen, als m mehr zu hören. Sie ſagte wir hätten wohlgethan u ertheilte mir die Erlaubniß um die ich bat.“ „War es damit zu Ende,“ fragte Algernon Gr. „oder iſt dieſer Schurke beſchäftigt geweſen, ſein Scandal noch weiter auszubreiten?“ „O ja, das hat er gethan,“ antwortete Agut „und vielleicht iſt es ein Glück geweſen, daß ich die 6 laubniß erhalten habe zu reden. Denn dieſen Morg in der Frühe ließ mich der Kurfürſt rufen und ſin mir mit ernſter Stirne, man habe mich am letzt Abend geſehen, wie ich den Engliſchen Gefangenen ul der Wohnung ſeiner Mutter heruntergeführt. Ich al wortete ganz einfach: Ich weiß, daß man mich geſeh hat, Hoheit. Der Narr und der Page ſahen mi Beide. Dann fragte er mich, was ich damit ſagen wolle und ich erwiderte, ich habe Ihrer Hoheit Erlaubniß, ihm zu ſagen, wenn er frage, daß ich Euch auf Ihren Ve⸗ ſe bl dorthin und wieder zurückgeführt.“ „Was weiter, was weiter?“ ſagte Algernon Grey, als die Dame ſchwieg. „Nun, bei dieſer Nachricht ſchien er in Nachdenken zu verſinken,“ fuhr Agnes fort,„und endlich ſagte er: So hat ſie ihn und ſeinen Auftrag alſo entdeckt? Und dann fragte er mich, ob ich wüßte, wer Ihr wäret. Ich antwortete, man habe mir geſagt, Euer Name ſei Algernon Grey. Darauf lachte er, ſchüttelte den Kopf, fragte aber nicht weiter und ſagte, wenn es auf ſeiner Mutter Befehl geſchehen ſei, ſo ſei es gut. Dennoch konnte ich bemerken, daß er Euch für einen großen Mann hält und daß Ihr in einem geheimen und hoͤchſt wichtigen Auftrage hieher gekommen. Daher werde ich Euch von jetzt an Mylord nennen und ſehr ceremoniös gegen Euch ſein.“ „Nein, nein, nicht ſo,“ antwortete Algernon Grey, der ſeine Vorſicht vergaß,„legt mir keine ſolchen förm⸗ lichen Titel bei, theure Lady, von Euren Lippen wür⸗ den ſie mir ſehr rauh tönen.“ „Dann nennt mich auch nicht mehr Lady,“ antwor⸗ nete ſie,„Niemand anders thut es als die Diener! Ich bin das Kind des Schloſſes und für die, welche mit kennen und lieben, bin ich nur Agnes.“ Algernon Grey fühlte, wie ſein Herz heftig ſchlut doch beſaß er die Gewohnheit, ſolchen Regungen entfliehen und nach einer augenblicklichen Pauſe ſag er: „Ich muß Euern Geiſt von einem Eindruck h. freien. Der Kurfürſt irrt gänzlich und ſo auch die ve wittwete Kurfürſtin, glaube ich. Weil mein Vetter un ich aus einer thörigten Laune uns verabredet haben ein Jahr lang unter falſchen Namen Europa zu durt reiſen, ſo glaubt man hier, wie ich bemerke, daß wi einen verborgenen Zweck haben und daß ich, der i mich noch nie in die Intriguen des Hofes miſchte, m. einer geheimen Botſchaft beauftragt bin. Ich gebe Eu mein Ehrenwort— und jetzt hoffe ich, werdet Ihr wi ſen, daß Ihr demſelben vertrauen könnt— daß ich kein ſolche Aufgabe auszuführen habe; daß ich keine Staatz geheimniſſe irgend einer Art beſitze, kurz, daß ich nu ein einfacher Engliſcher Cavalier bin, der hier und dotz hin reiſt, um einen gewiſſen Theil ſeiner langweilign Zeit zu vertreiben.—“ „Die Ihr von Herzen vorüber wünſcht,“ antwor⸗ tete Agnes heiter. „Nicht ſo, bei meinem Leben,“ antwortete Alger⸗ non;„obgleich ich mein Vaterland ſehr liebe, ſo Jehen — 95— doch dort Dinge vor, die früher oder ſpäter zum Schluß gebracht werden müſſen und die das Verlangen in mir erregen, noch eine Weile auf dieſe Weiſe zu wandern, bis das Leben und die Reiſe zuſammen ihren Schluß finden, und nie einen Fuß wieder an die Britiſchen Kü⸗ ſten zu ſetzen. Aber hier kommen wieder traurige Ge⸗ danken, und ich will ihnen nicht nachhängen. Ihr machtet die Anſpielung, daß Ihr mir noch mehr zu er⸗ m zählen hättet. Ich hoffe, daß der Reſt der Nachricht a weniger bitter iſt; denn es iſt ſchmerzlich für mich, Ag⸗ nes, daß Eure große Güte Euch und Eurem Oheim 9 Unbequemlichkeiten verurſacht hat.“ 1„O, für mich iſt es keine und für ihn iſt ſie be⸗ n reits vorüber. Aber der Reſt meiner Nachricht wird u Euch gewiß angenehm ſein. Ihr habt von einem unglück⸗ t lichen Duell zwiſchen einem Engliſchen Cavalier und dem Baron von Oberntraut gehört,“ ſagte ſie, indem ſie t ihm mit einem Lächeln ins Geſicht blickte, welches die in Dämmerung nicht verbergen konnte.„Ohne Zweifel iſt u es Euch leid um den jungen Baron und Ihr werdet in mit Freuden hören, daß es heute viel beſſer mit ihm ſteht. Seine Wunden ſcheinen nicht tödtlich zu ſein, wie e, man Anfangs glaubte, und jene ſchrecklichen Ohnmach⸗ ten, von denen man fürchtete, er werde nicht wieder er⸗ s rührten nur von dem ſtarken Blutverluſt her.“ * Dies iſt in der That eine gute Nachricht,“ ant⸗ wortete Algernon Greh.„Glaubt mir, es war nicht meine Abſicht, ihn zu verwunden, und ich ſetzte mein eigenes Leben aufs Spiel, um es zu verhindern, bis ich endlich im Halbdunkel genöthigt war, ſeinen Angriff zu erwidern, obgleich ich ihn nur leicht berühren wollte. E. glitt indeſſen aus und wurde dadurch nur um ſo ſchwe⸗ rer verwundet. Wenn ich richtig urtheile, iſt Euch dies angenehm,“ fügte er hinzu, indem er ſie mit forſchendem Blicke anſah;„denn mich dünkt, ein Theil der Wut des jungen Barons gegen mich iſt eine Art von Wit dervergeltung für einen angenehmen Abend, den ich in dieſem Garten mit Euch zubrachte.“ „Ich hoffe es nicht,“ ſagte Agnes lebhaft;„ic hoffe es nicht. Er ſollte die Sache beſſer beurtheilt ho ben. Er iſt ein edler, tapferer und gerader Mann großmüthig und freundlich in vielen Dingen; abu dennoch— Hier hielt ſie plötzlich inne, als wage ſie nich weiter zu reden. Zwei oder drei Minuten lang währte dieſes Schiwei gen und Algernon Grey und Agnes Herberts Herzen waren vielleicht beide mit ziemlich ähnlichen Gefühlen beſchäftigt. Endlich erhob ſich eine wilde Muſik aut der Stadt herauf und ſie blieben an der Ecke der gro ßen Terraſſe ſtehen, um darauf zu horchen.„1 * —— —-—— „Es ſingt eine Geſellſchaft von jungen Studenten,“ ſagte die Dame.„Liebt Ihr die Muſik?“ „Ich darf nicht ſagen, mehr als alles Andere auf Erden,“ verſetzte Algernon Grey;„doch wenn ich eine Art des Troſtes in den Stunden des Kummers und Trüb⸗ ſinns fordern dürfte, ſo würde ich eine liebliche Stimme wählen, um meine Sorgen hinweg zu ſingen. Mein Vetter hat mir ein Inſtrument heraufſenden müſſen; aber ich weiß nicht wie es kommt, ich habe noch nicht das Herz gehabt, es anzuwenden.“ „O, ich will Euch zuweilen vorſingen,“ antwortete Agnes;„ich lernte die Muſik von einem berühmten Italieniſchen Muſiker, der ſich hier aufhielt und ſagte, ich ſei keine üble Schülerin.“ „Es würde in der That ein hoher Genuß für mich ſein,“ ſagte Algernon Grey,„aber ich fürchte, ich werde auf dieſen Troſt während meiner Gefangen⸗ ſchaft nicht hoffen können, wenn Euer Oheim ſo ſehr beſchäftigt iſt.“ Agnes ſah einen Augenblick gedankenvoll vor ſich nieder und lachte dann. 3 „Ich weiß nicht, erwiederte ſie, ich weiß nicht; wir werden ſehen. Ich hoffe, Eure Gefangenſchaft wird nicht lange währen und Ibr ſagtet mir einſt, Ihr würdet ſehr bald fortgehen. Ich darf keine Gelegenheit verſäu⸗ men, Euch die innige Dankbarkeit für das zu beweiſen, Heidelberg. Zweiter Band. 7 — 98— was Ihr für mich gethan. Freilich iſt es wenig, was ich Euch anbieten kann. Einige Menſchen beſitzen Berg⸗ werke von Gold und Edelſteinen und Einige nur einen Garten mit armen Blumen; aber wäre ich ein Fürſt, ſe würde ich die Blumen, die der Arme als Tribut dar bringt, wenn er ſie mit willigem Herzen gibt, nicht geringer ſchätzen, als das Metall des großen Vaſallen. Ich hoffe, Ihr werdet eben ſo fuͤhlen, und Alles, was ich thun kann, obgleich es nur wenig iſt, als ein Zeug⸗ niß deſſen annehmen, was ich thun würde, wenn ich größere Mittel hätte.“ 1 Wir wollen ihre Unterredung nicht weiter verfolgen, die beinahe eine Stunde auf ähnliche Weiſe fortge ſetzt wurde; und wenn Algernon Grey's Entſchluß von Zeit zu Zeit auf einen Augenblick ſchwankte— wenn ein zärtlicheres Wort ſeinen Lippen entfuhr,— ſo übte er dennoch immer in Betracht der Gefühle, die in ſeinem Herzen waren, eine große Macht über ſich ſelbſt aus Ich weiß nicht, ob es beſſer oder ſchlimmer für Agnes war, daß er dies that; denn die Ruhe ſeines Benehmens und der ſorgfältige Ton, den er in ſeiner Spracht anwendete, trug dazu bei, ſie über das zu täuſchen, was in ihrer eigenen Bruſt vorging. Sie lachte über den Gedanken an ein Liebesverhältniß zwiſchen ihnen. Sie war dankbar, aufrichtig dankbar; und wenn noch etwas mehr in ihrem Buſen war, ſo hielt ſie es nur fuͤr ein — 99— Gefühl des Mirleids für einen Mann, der auf ungerechte Weiſe eingekerkert war. Sie ſagte bei ſich ſelber, ſie könne ihn eben ſo ruhig von ſeiner Abreiſe reden hören, wie ſie einer Predigt oder einer Vorleſung zuhöre. Sie konnte ſelbſt ohne Bewegung davon reden. Glich dies der Liebe? O nein! Sie empfand lebhafte Freundſchaft für ihn; das durfte ſie wohl; aber dies, nebſt der Dank⸗ barkeit und dem Mitleid war Alles. Agnes wußte nicht, was ſie würde gefühlt haben, wäre ſie aufgefordert wor— den, ſich in dem Augenblick von ihm zu trennen. So ging ſie fröhlich weiter, gleich einem Kinde, welches den Rand eines Abgrundes betritt und auf der ſchroffen Höhe Blumen pflückt. Und als die Zeit ſeiner kurzen Freiheit zu Ende ging, war es ihr leid, denn es war eine liebliche und angenehme Zeit für ſie geweſen. Sie trennten ſich an der Thüre ſeines Zimmers, Beide mit einem Seufzer, und Algernon Grey ging in ſeinem ein⸗ ſamen Gemache auf und ab, und als der Mond ſich feierlich über die Hügel erhob, öffnete er ſein Fenſter und blickte hinaus, als ob ſeine Gedanken beim Anblick des weiten Himmelsraumes und der Erde freier ſein würden. Im nächſten Augenblick hörte er den Ton eines Inſtruments; und als er ſich raſch zur Rechten wendete, ſah er aus einem offenen Fenſter Licht hervor⸗ ſtrömen, welches ſeiner Berechnung nach in der Nähe der Gemächer der verwittweten Kurfürſtin ſein mußte. 7* Er konnte nicht in das Zimmer ſehen, aber liebliche Töne drangen in die Nachtluft hinaus, als eine geſchickte Hand die Saiten anſchlug; und im nächſten Augenblick ergoß eine Stimme, deren liebliche, klare und abgerun⸗ dete Töne er kannte, eine Fluth der Melodie, die gleich den Tönen der Nachtigall an einem Frühlingsabend bald ſtieg, bald ſank. Die Muſik war nicht vollkommen heiter; doch belebte von Zeit zu Zeit ein heiterer Ton die ernſte Melodie, die theils vermöge ſeines Gedächtniſ⸗ ſes— denn er hatte das Lied ſchon früher gehört— theils wegen der außerordentlichen Klarheit, womit jedes Wort ausgeſprochen wurde, verſtand er jeden Vers, der geſungen wurde. Fünftes Kapitel. Noch eine Nacht voll aufgeregter Gedanken, mit wenig Schlummer und vielen ſtürmiſchen Träumen ver⸗ ging; und mehr als eine lange Stunde blieb Algernon Grey in tiefem und angeſtrengtem Nachdenken, indem er über die Gegenwart und die Zukunft Betrachtungen anſtellte. Ich weiß nicht wie oder warum, denn es gibt viele Geheimniſſe in der menſchlichen Natur, die die Philoſophie noch nicht hat löſen können— aber gewiß iſt es, daß in einem beſtimmten Theile der Nacht, wenn der Schlaf nicht das Nachdenken tödtet, die Einbildungs⸗ kraft zur Ruhe bringt, oder eine thätige Anſtrengung die Gedanken mit materiellen Dingen beſchäftigt, ſich düſtere und unheimliche Bilder dem Geiſte aufdrängen, über die Macht der Vernunft zu triumphiren ſcheinen und einen übernatürlichen Einfluß ausüben, gleich dem, welchen man den Geſpenſtern aus den Gräbern zuge⸗ ſchrieben hat. Alles was traurig und ſchrecklich iſt in dem allgemeinen Schickſal des Menſchen, Alles, was ſchauerlich oder gefährlich oder des Bedauerns würdig iſt in der Geſchichte der Vergangenheit, in dem Anblick der Gegenwart und in der Ausſicht in die Zukunft, ſchreitet in langen und ſchwarzen Zuge vorüber; und das zuſam⸗ mengepreßte Herz mögte ausrufen bei dieſem Anbiick der menſchlichen Leiden: Wie! Wird die Reihe währen bis zum jüngſten Tage?“ Algernon Grey's Lager war nicht ohne ſolche Er⸗ ſcheinungen; und ach, daß ich es ſagen muß— der Gedanke an die, welche ihn eben in all ihrer Schönheit, in all ihrer Lieblichkeit und Anmuth verlaſſen, machte die wilden Phantome der Phantaſie nur noch um ſo ſchrecklicher. Er fühlte, er konnte es nicht leugnen, in jener Stunde, wo die Geheimniſſe des Herzens ſich öffneten, daß er ſie liebe, lebhaft, glühend, mit der erſten leidenſchaftlichen Liebe der begeiſterten Jugend; daß, um ſie zu gewinnen, er gern Rang, Namen, Stand und Alles auf Erden, nur nicht ſein gutes Bewußtſein aufgeopfert hätte. Aber immer kam zugleich eine Stimme aus ſeiner eigenen Bruſt, gleich der des Schickſals, welche wiederholte: „Sie kann nicht die Deine werden!“ Was ſollte er thun? fragte er ſich ſelbſt. Wie ſollte — 1903— er handeln? Er konnte ihre freundliche Güte nicht zurück⸗ weiſen, die ſie ihm in der einfachen Unſchuld und dank⸗ baren Herzens anbot. Flucht war ſein einziges Rettungs⸗ mittel; doch er war gefangen und es ſtand nicht in ſei⸗ ner Macht, zu entfliehen. An die einzige Geſellſchaft gefeſſelt, die für ſeinen Frieden am Gefährlichſten war, ſchien es ihm, als ſei er an einen Pfahl gebunden, um den feurigen Kampf der Prüfung zu erdulden. Dann bemühte er ſich wieder, die Gedanken von ſich zu entfer⸗ nen und ſchlief auf eine kurze Zeit ein; doch Viſionen, alle in dieſelben düſtern Farben gekleidet, ſtörten entwe⸗ der die Ruhe, oder machten, daß er entweder auffuhr, um an dieſelben Gegenſtände zu denken und mit denſel⸗ ben unheilvollen Gegnern zu ringen. Endlich dämmerte der Morgen; er erhob ſich raſch aus ſeinem Bette, eilte zum Fenſter, öffnete es und blickte hinaus. O wie lieblich war der friſche Anblick des Morgens für ſeine ermüdeten Augen, ſo ruhig und ſtärkend für den Geiſt, wie der ſanfte Hauch des früh⸗ Sommertages für die erhitzte Wange, die er ubltes Das goldene Licht verbreitete ſich durch das Thal, und über die Hügel ſenkte ſich in die tiefen Wälder und hob die Maſſen der dunklen Bäume von dem ſanften, mit hellem Nebel angefüllten Hintergrunde hervor; während hie und da das Feuer eines Köhlers, oder der Schorn⸗ ſtein einer Hütte eine blaßblaue Rauchſäule emporſendete, — 104— die in anmuthigen Linien ſich durch die Blätter und Zweige verbreitete. Der Tag ging auf gewöhnliche Weiſe vorüber, viele Stunden der Einſamkeit, die nur durch den Ein⸗ tritt eines Dieners, oder der Wache unterbrochen wur⸗ den. Algernon Greh fand kein Mittel, die langweilige Zeit zu verkürzen. Er verſuchte zu leſen, aber er konnte es nicht. Er wendete ſich von dem Inſtrumente, welches er gefor⸗ dert, mit dem Gefühl des Widerwillens ab, als ob liebliche Töne nur die Bitterkeit des Nachdenkens vermehren würden. Nachdenken, verzehrendes Nachdenken ver⸗ ſchlang die Augenblicke, bis gegen Abend die Wache die Thüre öffnete und er zu ſeiner Ueberraſchung ſeinen alten getreuen Diener Anton eintreten und ſich ihm nähern ſah. Das Geſicht des Mannes zeigte einen gemiſchten Ausdruck, als wolle er ſein gewöhnliches heiteres Ausſe⸗ hen behaupten, da doch in Wahrheit ſein Herz traurig war; und ſein Herr wollte nicht zugeben, daß der Mann, der ihn, wie er wußte, aufrichtig liebte, ſehen ſolle, wie bitter ihm die Umſtände ſeine Gefangenſchaft machten. „Nun, Tony,“ ſagte er in heiterem Tone.„So hat man Dich alſo endlich eingelaſſen?“ „Ja, Mylord,“ verſetzte der Mann.„Sie ſind von ihrem hohen Fluge herunter gekommen, da ſie ſehen, daß ihr ungeſchickter Bandit nicht ſterben wird.— Ich hoffe, Eure Herrlichkeit werden mich nicht für nachläſſig gehalten haben; denn ich bin zwei Mal täglich hier gewe⸗ ſen und der Page eben ſo oft. Ich glaube, der kleine Teufel hätte die Wache erſtochen, um Einlaß zu erhal⸗ ten, hätte ich ihn nicht daran verhindert; aber wir zwei ſind nicht genug, um das Schloß zu ſtürmen und wir würden ſelber nur auch in die Klemme gekommen ſein. Indeſſen läßt man mich heute Abend herein, um Euch dieſe Briefe zu überreichen, die ein Courier eben von England gebracht. So ſind wir nun alſo unſerer Vier, und wenn Ihr wollt, denke ich, können wir ſchon Eure Befreiung bewerkſtelligen.“ Algernon Grey ſchüttelte lächelnd den Kopf, nahm die Briefe und las die Aufſchriften mit nachläſſigem und gleichgültigem Blicke. „Nein, nein, Tony,“ ſagte er.„Sie würden uns nur wieder einholen, ehe wir weit gekommen wären.— Aber was ſagteſt Du von dem Baron von, Obern⸗ traut?“ „Nun, der Kerl, mit dem Ihr Euch duellirt, Herr,“ antwortete der Bediente,„wenn Ihr den meint, mit dem wird es ſtündlich beſſer. Er war dieſen Abend dort in dem Garten am Ufer des Fluſſes und ſaß in einem Lehnſeſſel. Ihr habt ihn nicht ſchwer verletzt, wie es ſcheint. Es iſt ſchade, daß Ihr ihm Euren Degen nicht völlig durch den Leib bohrtet. Das Bluten wird ihm indeß wohl thun; denn er iſt ſehr blaß und wird einem Engliſchen Edelmann nicht wieder Trotz bieten, dafür ſtehe ich. Ich ſah ihn ſelber, als ich heraufritt um Nachrichten einzuholen. Dort ſaß er weiß und farb⸗ los in einem großen vergoldeten Stuhle an der Mauer des Hauſes, gleich einem Wachslicht auf einem Wand⸗ leuchter.“ Während der Mann ſprach, nüäherte ſich ſein Herr langſam dem Fenſter, öffnete einen von den Briefen und las die erſten Zeilen, als der Diener ſeine Rede beendete. Im erſten Augenblick ſchien der Inhalt des Briefes keine große Wirkung auf ihn hervorzubringen. Er lächelte ein wenig, überlief ihn mit dem Auge bis an's Ende und verſuchte auf nachläſſige Weiſe den Inhalt zu errathen. Dann begann er von Anfang an zu leſen; doch im nächſten Augenblick ſchien er heftig aufgeregt zu werden; ſeine Stirn zog ſich zuſammen, ſein Auge flammte, ſeine Lippe bebte und das heiße zor⸗ nige Blut ſtieg im Augenblick in ſeine Wange und überbreitete glühend ſeine Stirn. Das Blatt mit ſtarren Blicken anſehend, las er weiter; und als er ihn beendet hatte, hielt er den Brief mehrere Minuten offen in der Hand und blickte finſter in die Luft hinaus. Er ſprach kein Wort; aber der Diener konnte ſehen, wie ſein Herz ſchlug und das Papier in ſeiner Hand zitterte. Dann warf er ihn auf den Tiſch nieder, riß auch den — 107— andern haſtig auf und las ihn gleichfalls. Der Inhalt ſchien ſeine Aufregung nicht zu mildern, obgleich der Ausdruck ſeines Geſichts in Verachtung überging. Dies⸗ mal ſprach ſich ein Theil ſeiner Aufregung in wenigen kurzen Worten aus: „So, ſo!“ rief er.„So frech und ſchamlos— und ſoll ich mich von ſolchen Bedenklichkeiten beſtimmen laſſen?— Nein, nein, dies iſt zu arg— England lebe wohl! Du ſollſt noch manchen Tag meinen Fuß nicht wieder fühlen!“ „Ei, ja, Mylord,“ ſagte der Mann.„Es ſcheint dort in der That ganz hübſch herzugehen; mich dünkt, wenn der Eine ſo kühn ſeine Rolle wählt, ſo darf der Andere auch die ſeine wählen. Wahrhaftig, ich würde mir lange genug nachpfeifen laſſen, ehe ich käme.“ „Was meinſt Du damit?“ rief Algernon Grnh, ſich heftig zu ihm umwendend. „Nun, mein edler Herr, ich habe auch einen Brief durch den Courier Hob erhalten und ich denke, die Nach⸗ richten in Eurem und meinen Briefe werden dieſelben ſein.“ „Und iſt es denn allgemein bekannt geworden?“ ſagte Algernon gedankenvoll.„So jung, ſo ſchön, ſo ſtolz und doch ſo ſchamlos! Verlaß mich, Tony, verlaß mich und komm morgen in der Frühe herauf. Ohne Zweifel wird man Dich einlaſſen, wenn Alles gut geht — 108— — ich bedarf dieſen Abend Nichts mehr— verlaß mich, ſage ich.“ „Nun, Mylord, wenn ich in Eurer Stelle wär ſo würde ich mir das Ding nicht ſo ſehr zu Herzen neh men,“ verſetzte der Mann, der noch einen Augenblit verweilte, ehe er ging.„Es iſt nicht viel Liebe verlorn auf beiden Seiten, glaube ich, und Ihr ſeid eben ſt gut einen ſchlechten Handel los.“ Algernon Grey machte eine Bewegung mit de Hand, daß er das Zimmer verlaſſen ſolle, aber antwor tete nicht; und als der Mann fort war, ging er mi raſchen und aufgeregten Schritten eine volle halbe Stuu de in dem weitem Zimmer auf und ab. Dann wan er ſich auf einen Stuhl, lachte laut und rief: 1„Ich bin ein Thor! Warum ſollte ich mich quälen Warum ſollte ich mich durch eine ſo thörigte Leidenſchmf beunruhigen laſſen?— Ich liebe ſie nicht— ich ha ſie nie geliebt— ich verachte und verabſcheue ſie ⸗ habe ſtets ihren kläglichen Stolz verſpottet und bemüht mich nur gegen meine Natur, meine Neigung meine Pflicht unterzuordnen. Sie mag ihren Weg wählen.- Ja, in der That, ſie hat ihn gewählt.“ Die Thüre öffnete ſich plötzlich und erſt jetzt 6 merkte er, daß es dunkel geworden war, als das Lich vom Vorzimmer hereinſtrömte, und ſah Agneſens Geſta 8 — 109— gleich einem anmuthigen Schatten, ohne ihre Züge zu unterſcheiden, in der Thüre ſtehen. „Wollt Ihr dieſen Abend kommen?“ ſagte die lieb⸗ liche, muſikaliſche Stimme. Algernon Grey ſprang auf, nahm ſeinen Hut vom Tiſch und erwiederte: „Sehr gern, ſchöne Agnes.“ Als ſie durch die Höfe, über den Altan durch den Garten und über die Terraſſe gingen, ſah Agnes, daß eine große Veränderung mit ihrem Begleiter vorgegan⸗ gen ſei. Anſtatt, daß man hätte erwarten ſollen, er habe eine ſchlimme Nachricht aus ſeinem Vaterlande erhalten, ſchien es, als ſei eine ſchwere Laſt von ihm genommen. Sein Benehmen war leicht und heiter; ſeine Worte froͤhlich und voll ungewöhnlichen Feuer— zu Zeiten freilich etwas wild und zerſtreut; doch war der ganze Ton heiter und ſonnig und der düſtern Stimmung des letzten Abends ſehr ungleich. Dieſer Wechſel machte Agnes gedankenvoll und ſie fragte ſich: „Liegt es in ſeiner Natur, ſo wankelmüthig zu ſein?“ Doch ſie wollte es nicht glauben. Es war Etwas in ihrer Bruſt, was ihr nicht geſtattete, das geringſte Böſe von dem zu denken, der an ihrer Seite ging. Das 1 Bild ſeines Charakters war mit der Hand der Zärtlich⸗ — — 110— keit in ein weibliches Herz gezeichnet; und wenn dies dar Fall iſt, ſo muß die Kraft ſtark und mächtig ſein, welcht je die Linien auslöſchen ſoll. Ein neues Licht ſchin ihr anzubrechen, und endlich ſagte ſie: „Jch denke, Ihr habt wahrſcheinlich gehört, wi viel beſſer ſich Euer Gegner befindet. Wie man ſagt wird man ihn morgen nach Heidelberg bringen.“ „Ja, ich habe es gehört,“ antwortete Algernon Grey,„und bin außerordentlich erfreut zu hören, daj ſeine Wunden nicht gefährlich ſind.“ Agnes war beruhigt, ſie wußte einen Grund fin ſeine jetzige Heiterkeit, und als ſie weiter gingen, ſprat ſie frei alle ihre Gedanken aus, die aus der tiefu Quelle ihres Herzens entſprangen. Ein Mal erſchrak ſie auch ein wenig über ihre eige nen Gefühle und ſein Benehmen. Nicht als hätte a Etwas geſagt, was ſie hätte beunruhigen oder aufregu können; doch es war eine Zärtlichkeit mit dem freim und raſchen Erguſſe aller Ideen verbunden, die ſeinen Kopf zu durchkreuzen ſchienen, die ſie bewegte und ſtutz machte. Aber die Frauen haben ſtets einen Schleitt bereit, um aufregende Wahrheiten vor ihren eigene, Augen zu verbergen, und Agnes entfernte den Gedanken von ſich, ehe ſie ſich ihres Geiſtes bemächtigt hatte. Von dem raſchen und ſchimmernden Strome ſeiner Unterhal⸗ tung fortgetragen, ſchien ihr Gehirn zu ſchwindeln, als — 111— ihr Geiſt ihm folgte; und er ließ ſich in den ſtürmiſchen Bewegungen, welche die eben erhaltenen Nachrichten und die in ſeiner Bruſt kämpfende Liebe hervorbrachte, raſch forttreiben, er wußte nicht wohin, und küm⸗ merte ſich nicht darum. Ihre gefahrvolle Fahrt vor wenigen Tagen auf dem wilden Strome des wilden Neckar war nur ein Sinnbild der Reiſe, die ihre Herzen auf dem aufgeregten Strome der Liebe an jenem Abend machten. Die Zeit floh raſcher dahin, als Beide wuß⸗ ten; die Schloßuhr, welche zehn ſchlug, erweckte ſie wie aus einem Traume, und Algernon Grey, der, wie früher, in ſein Gefängniß zurückkehrte, trennte ſich im Vorzimmer von Agnes. Sobald er in ſein Zimmer getreten und die Thüre verſchloſſen war, warf er ſich auf einen Seſſel, lehnte ſeine übereinander geſchlagenen Arme auf den Tiſch und ließ ſeinen Kopf, als ſei er gänzlich erſchöpft, auf den Tiſch ſinken. Und dort blieb er drei lange Stunden in einem Chaos von wilden, ungeformten und ungeregelten Gedanken, ohne ſeine Stellung zu verändern, ſitzen. Ein Diener kam herein, doch er achtete nicht auf ihn. Er ſetzte das Abendeſſen auf den Tiſch und lud ihn höflich dazu ein. Er antwortete nicht, denn er hörte nicht; und da der Diener glaubte er ſchlafe, ſo zog er ſich zurück. Nach Verlauf der erwähnten Zeit fuhr der Gefau⸗ gene auf, ſtrich mit verwirrtem Blick ſeine vollen braunen Locken aus ſeiner Stirn, nahm ein Licht, ging zu Bett und ſchlummerte tief. Die Sonne ſtand ſchon hoch; der Diener war ſchon zwei Mal in das große Zimmer getreten und alle Wel mit den gewöhnlichen Geſchäften des Lebens beſchäftigt ehe Algernon Grey aus jenem tiefen, traumloſen Schlummer erwachte, der zuweilen dem erſchöpfenden Kampfe der Leidenſchaften in der menſchlichen Bruft folgt. In den erſten Augenblicken konnte er ſich kaum beſinnen wo er war; nur mit Schwierigkeit erinnerte ei ſich der Umſtände, in welchen er ſich befand, und der Ereigniſſe des vergangenen Tages. Doch als ſie ſich endlich ſeiner Erinnerung darſtellten, verbreitete ſich ein Schatten über ſein Geſicht; und nochmals kehrte ihm die Frage zurück:„Was thue ich? Wohin eile ich?“ Das Düſter des vergangenen Tages laſtete noch ſchwerer auf ihm, und er brachte eine volle Stunde in ängſtlichem Nachdenken zu. „Nein, nein!“ rief er endlich.„Wie groß auch die Verſuchung ſein möge, ich will ihrem jungen und un, ſchuldigen Herzen kein ſolches Unrecht thun, nach ihret Liebe zu ſtreben, während keine Wahrſcheinlichkeit, kein Hoffnung zu unſerer endlichen Verbindung vorhanden iſt Ich will lieber ſehen, daß ſie einem Andern ihre Hand reicht, und ſelber in liebeloſer, unerfreulicher Einſamkeit — 13— leben. Doch wenn ich hier zurückgehalten werde, wenn ich in dieſem beſtändigen Umgange bleiben, immer ihre Schönheit und Anmuth vor Augen, ihre liebliche Stimme in meinen Ohren haben muß, während ihre hohen und doch ſanften Gedanken ſich mit den meinigen miſchen und 1 ſie mildern, wie kann ich ſo auf meiner Hut ſein, um nie das Geheimniß meiner Bruſt zu verrathen?— Wie kann ich mich ſo zurückhalten, um ihr nicht meine Liebe zu offenbaren und Erwiderung bei ihr zu ſuchen? Schon vor mir haben dies viele Männer verſucht und es iſt mihnen nicht gelungen. Ich habe kein ſolches Vertrauen zu meiner Kraft und will es nicht haben; ich will flie⸗ mhen, was es mich auch koſten möge, mich loszureißen, mich will fliehen.“ So vergingen die Stunden und etwas vor Mittag erhielt der Gefangene einen kurzen Beſuch von Herbert. Die Nachricht, die er überbrachte, war in ſoweit befrie⸗ digend, daß ſie Algernon die Ausſicht auf eine baldige Befreiung zeigte. Sein Gegner war am Tage zuvor nach Heidelberg gebracht worden, hatte durch die An⸗ a ſtrengung nicht im Geringſten gelitten, eine gute Nacht u zugebracht und erklärt, daß er völlig wohl ſei. Aber t. der Beſuch des alten Offiziers war ſo kurz, daß keine n andern Nachrichten mitgetheilt werden konnten. Nach dem NMittageſſen erſchien Algernons Diener wieder, doch brachte er keine Nachricht; und als ſein Heidelberg. Zweiter Band. 8 — 114— Herr mit einiger Ueberraſchung fragte, was aus ſeinem Vetter geworden ſei, da er ihn nicht wiederſehe, da ant⸗ wortete der biedere Bediente lachend: „O Herr, er iſt auf der Weiberjagd; eine ſchön Dame hat ihn ſtets an ihren Ferſen; obgleich der Him mel verhüte, daß ich ſagen ſollte, ich liebe ihn ſehr, ſt glaube ich doch, daß er wenigſtens in dieſer Sache be müht geweſen iſt, Euch zu dienen; denn ich weiß, er ij Euretwegen zwei Mal beim Kurfürſten und ein Mal be der Kurfürſtin geweſen.“ „Und warum liebſt Du ihn nicht, Tony?“ fragt ſein Herr.„Ich habe freilich geſehen, daß Du wenige Ehrerbietung gegen ihn zeigſt, als mir lieb iſt; don mögte ich gern die Urſache wiſſen.“ „Ich kenne ihn von ſeinen Knabenjahren an,“ der ſetzte der Mann trocken;„und obgleich er nie Stur gethan, was mich beleidigen oder verletzen konnte, ſe gibt es doch gewiſſe Dinge, die man ſieht, hört un weiß, die, man mag thun, was man will, im Verlauff der Zeit eine Summe der Liebe oder des Mißfallent ausmachen, die ſchwer zu verändern iſt. Ich geſteh! ich liebe ihn nicht; und um die Wahrheit zu ſagen, hab⸗ ich Wenige gefunden, die ihn liebten, wenn ſie ihn T gut kannten; doch es iſt nicht meine Sache, und went Ihr ihn liebt, ſo habe ich Nichts weiter zu thun, al Sein ergebener Diener zu ſein.“ „Ich hoffe, Du wirſt Dich ſo zeigen,“ verſetzte ſein Herr;„fürs Erſte, da er mein Verwandter, und fürs Zweite, da er mein Freund iſt.“ , Ich will es thun, Mylord,“ verſetzte der Mann, „bis ich Euch einſt zeigen kann, daß er nicht Euer Freund iſt; denn das iſt ein Punkt, den ich be⸗ zweifle.“ „Du hegſt Vorurtheile,“ antwortete Algernon Grey; „und ich erwartete nicht, daß ein Mann, dem es nicht an Verſtand fehlt, ſich noch nach vielen, vielen Jahren der Thorheiten eines Knaben erinnern ſollte.— Jetzt verlaß mich.“. „Ich erinnere mich nicht der Thorheiten, mein gu⸗ ter Lord,“ verſetzte der Diener ernſthaft;„ich beſchul⸗ digte ihn nie der Thorheiten. Es fehlt ihm nicht an Kopf, ſondern am Herzen. Ich ſah ihn zehn Jahre lang im Hauſe Eures Vaters, als Kind, als Jüngling, faſt als Mann, und kenne ihn gut.“ E „Verlaß mich,“ ſagte Algernon Grey ſtrenge, und der Diener entfernte ſich. Aber um die Wahrheit zu ſagen, war ſein junger Herr mehr geneigt, ſeine Anſich⸗ ten zu theilen, als er zugeſtehen wollte. Er hatte 1 ſeinen Vetter ſeit mehreren Jahren nicht geſehen, Gſeit er auf dem Feſtlande ſich ihm angeſchloſſen. Er ninnerte ſich ſeiner nur als des Kameraden ſeiner Kind⸗ 8* — 116— heit, der um mehrere Jahre älter war, aber ſich ſtets herabließ, ſeine Spiele und ſeinen Zeitvertreib zu thei⸗ len; der Vergnügungen für ihn ausgedacht, und die langweilige Ceremonie eines ſtattlichen Haushalts unter brochen. Als er ihn aber wieder getroffen, hatte er Vie⸗ les geſehen, was ihn gekränkt und ihm mißfällig gewe⸗ ſen; und nicht ohne Grund war es ihm leid, daß er ſich auf die romantiſche Verbindlichkeit mit ihm eingela ſen, eine gewiſſe Zeit unter angenommenen Namen mit einander zu reiſen; welche zu jener Zeit durch den ſeht beliebten, aber zugleich ſehr ſinnloſen Roman„Aſtrea“ ſehr gewöhnlich geworden. Sobald der Diener ihn verlaſſen, wendete er ſeint Gedanken zu andern Dingen, verſuchte zu leſen und ſein Zeit mit andern Gedanken als an Agnes Herbert hin zubringen. Alle, die ſolche Verſuche gemacht haben, wiſſn wie eitel ſie ſind. Sie war ſtels vor ſeinen Augen, ſtets ſeiner Phantaſie gegenwärtig, und er gab den Ver ſuch auf, indem er ſich fragte, wenn ſie an dem Abend wiederkomme, ob er wieder mit ihr gehen oder ſtandhaf einen ſo gefährlichen Umgang verweigern ſolle. Dieſer Kampf wurde ihm indeſſen erſpart; denn um fünf Uhr kam Herbert, von einer Wache begleitet wieder, drückte mit Wärme Algernon's Hand um ſagte: — 117— „Kommt, mein junger Freund, Eure Gefangenſchaft naht ſich ihrem Ende. Der Kurfürſt läßt Euch zu ſich rufen, und ohne Zweifel geſchieht es, um Euch Freiheit zu gewähren, denn mit der Geneſung dieſes jungen Oberntraut geht es ſchnell. Kommt mit mir, und wir werden bald mehr hören.“ Algernon Grey folgte ihm willig genug, und der Engliſche Offizier führte ihn über mehrere von jenen Gängen und Treppen, die er am erſten Abend ſeiner Gefangenſchaft bereits mit Agnes betreten, zu dem öſt⸗ lichen Theile des Schloſſes, wo Friedrichs eigene Zim⸗ mer ſich befanden. Endlich gingen ſie durch ein Vorzimmer, welches mit Wachen und Hofbeamten angefüllt war, und traten in einen Saal, wo der Kurfürſt mit ſeinem Hofe war⸗ tete. Es waren nur etwa funfzehn bis zwanzig Per⸗ ſonen von dem Adel des Landes zugegen; aber Algernon Grey ſah mehrere, die den Fürſten am erſten Abend ſeiner Vorſtellung umringt hatten, und unter dieſen auch den alten Baron von Oberntraut. Das Geſicht des würdigen Kämmerers ſchien unge⸗ achtet der guten Nachrichten von dem Befinden ſeines Sohnes nicht verſöhnlicher, als da der junge Engländer es zuletzt geſehen; und das Geſicht des Kurfürſten zeigte einen etwas ernſten und verlegenen Ausdruck. Da die ganze Geſellſchaft nicht weit von der Thüre entfernt war, — 118— 10 hatte Algernon nicht viel Zeit zur Beobachtung, ehe er auf einen Schritt vor dem Kurfürſten ſtand und mit Ueberraſchung ſah, daß Friedrich ſeine Hand gegen ihr ausſtreckte. Er faßte ſie ſogleich und beugte ſeinen Kop darüber, worauf der Fürſt in ſehr freundlichem Tom die Unterredung begann und ſagte: „Ich bin leider durch die Geſetze und Gewohnheiten meines Landes genöthigt geweſen, mein Herr, Euch dar Unbequemlichkeiten der Gefangenſchaft zu unterwerfen, bis der Erfolg Eures Duells mit einem meiner Offiziern dem Baron von Oberntraut, genau bekannt geworden Wir zaben ein Edikt gegeben, vermöge deſſen ſolch Zweikämpfe hier unterdrückt werden ſollen. Doch di Euch unſere Geſetze fremd ſind, obgleich Ihr denſelben unterworfen ſeid, ſo lange Ihr Euch auf meinen Be ſitzungen aufhaltet, ſo muß ich ſagen, daß die Schuld mehr auf ſeiner, als auf Eurer Seite war. Der Ba⸗ ron kann jetzt indeſſen als wiederhergeſtellt betrachtet werden; und ich bin bereit, Beiden das Vergehen zu verzeihen, indem ich in Eurem Falle Eure Unbekannt⸗ ſchaft mit unſern Geſetzen, und in dem ſeinen das bre rückſichtige, was er bereits gelitten. Ich habe Euch da⸗ her kommen laſſen, um Euch zu ſagen, daß Eure Ge⸗ fangenſchaft zu Ende iſt, und Euch mit der Familie 6u res ehemaligen Gegners auszuſöhnen. Ich hoffe, Iht werdet von jetzt an Freunde und nicht Feinde ſein.“ 1 3 3 3 7 — 119— Algernon Grey war im Begriff zu antworten, daß er nie die geringſte Feindſchaft gegen ſeinen Gegner gehegt habe, als der alte Herr von Oberntraut einen Schritt vortrat und in heftigem Tone ſagte: „Ich kam hieher, edler Fürſt, um Genugthuung und nicht Freundſchaft zu ſuchen, und 10 bitte Eure Hoheit— Doch in demſelben Augenblick wurde er von einer leiſen Stimme aus dem Hintergrunde unterbrochen, wel⸗ che ſagte: „Wollt Ihr mich gefälligſt durchlaſſen, Herr Graf?“ Der ſo angeredete Herr machte Platz und im näch⸗ ſten Augenblick trat der Baron von Oberntraut ſelber vor, todtenblaß und dem Anſcheine nach ſehr ſchwach, doch mit feſtem Schritte und aufgerichtetem Haupte ge⸗ hend. Sobald er vor dem Kurfürſten ſtand, ſtreckte er Algernon Grey mit ungezwungener Bewegung die Hand hin und ſagte: „Ich wenigſtens hege keine ſolchen Gefühle, mein Herr; ich komme hieher, um Eure Freundſchaft zu bit⸗ ten und Euch für eine Lehre zu danken, die Ihr mir gegeben, und die mich bis ans Ende meines Lebens zu einem weiſeren Manne machen wird. Ich bin durch Glück und Schmeichelei ein wenig verzogen worden, mein — Herr, und bedurfte eines Mißgeſchicks, wie dieſe Wunde war, um zu lernen, daß Keiner ſtets ſeinen Willen in der Welt haben kann. Ihr ſeid der geſchickteſte Fechter, den ich je geſehen. Ihr handeltet edel und ehrenvoll ge⸗ gen mich, und in dieſer Verſammlung erkläre ich, daß von Anfang bis zu Ende die ganze Schuld auf meiner Seite war. Ich ſuchte den Streit und trieb ihn dazu an, führte ihn auf den Platz, wo der Zweikampf vor⸗ ging, und ich glaube durch meinen raſchen Zorn und ſeine kältere Geſchicklichkeit war mein Leben häufig in ſeiner Gewalt, wenn er die Gelegenheit nur hätte benutzen wollen. Ich danke Euch daher für die Wunde, die Ihr mir beigebracht habt, und hoffe, Ihr werdet das Ver⸗ gangene vergeſſen, und meine angebotene Hand anneh men.“ „Von ganzem Herzen,“ antwortete Algernon Grey, ſeine Hand mit Wärme drückend;„und ich verſicher: Euch, Baron, daß nur die Vertheidigung meines eige⸗ nen Lebens mich bewegen konnte, Euch zu verletzen. Ich konnte es indeß nicht verhindern, denn Ihr ſeid ein Geg⸗ ner, mit dem man nicht ſcherzen kann. In der That war es mehr Zufall, als ſonſt Etwas, was mir einen augenblicklichen Vortheil verlieh. Wäre nicht Euer Fuß auf dem naſſen Raſen ausgeglitten, ſo hätte das Glück auch gegen mich ſein können und ich würde jetzt vielleiht ſtill genug daliegen.“ Der junge Baron lächelte mit freudigem Blicke ur dieſes Zeugniß ſeiner Geſchicklichkeit. Der Kurfürſt rief den alten Herrn von Oberntraut in eine Fenſtervertiefung und ſagte: „Baron, ich bitte— ja ich befehle Euch, Euren Zorn zu mäßigen und jedes eitle Streben nach Rache aufzugeben. Dies iſt kein gewöhnlicher Mann, mit dem Ihr zu thun habt. Ich kenne ihn, obgleich er es nicht glaubt, und weiß nicht nur, daß er dem hohen Adel Englands. angehört, ſondern auch, daß er in einem ge⸗ heimen Auftrage, der für meine Wohlfahrt von der größten Wichtigkeit iſt, hieher geſendet worden.“ „Ein Spion, wolltet Ihr ſagen, Hoheit?“ mur⸗ melte der alte Baron in leifem und bitterem Tone. „Still, Herr!“ rief der Kurfürſt mit düſterer Stirn. Nicht mehr davon, wenn Ihr die Fortdauer meiner Gunſt verdienen wollt. Ich bin nicht ſo machtlos, daß ich mei⸗ ne Befehle an meinem Hofe nicht durchſetzen könnte. Ihr hört, was Euer Sohn geſagt hat. Er ſpricht ihn von aller Schuld frei. Er iſt nicht ſchwer verletzt wor⸗ den, und ich beſtehe darauf, daß Ihr auf die Verſöh⸗ nung eingeht.“ 8 „Da mein Sohn zufrieden iſt,“ entgegnete der Käm⸗ merer mürriſch,„und aus Gehorſam gegen Eure Hoheit unterwerfe ich mich.“ Dann wendete er ſich zu Algernon Grey und fügte hinzu:— „Auf Befehl meines Fürſten bin ich bereit, dieſe — 122— Sache ruhen zu laſſen, Herr, doch muß ich Euch ra⸗ then, dergleichen Dinge nicht wieder zu verſuchen—“ „Still, ſtill, mein Vater!“ rief der Sohn.„Ich will in der ganzen Welt bekannt machen, daß es nie einen edleren Cavalier gab, als dieſer Herr, der jetzt vor Euch ſteht, und da Ihr ihn nur als meinen Gegner haßt, ſo bitte ich Euch, ihn jetzt wie meinen Freund zu ben!“ 4 „Gut, Herr, gut,“ verſetzte der alte Baron,„id habe Nichts weiter zu ſagen; laßt die Sache vergangen und vergeſſen ſein.“ 3 Doch es war klar, daß ſein Haß nicht vermindert und ſein verletzter Stolz nicht befriedigt war. „Nun,“ ſagte der Kurfürſt mit höflichem Lächeln, „da dies beſeitigt und die Feindſchaft aufgehoben iſt, ſo wollen wir uns für den Abend trennen— und Ihr, edler Herr,“ fuhr er zu Algernon Grey gewendet fort, „obgleich ich Euch noch bei dem Namen nenne, den Ihr anzunehmen für gut gefunden, werdet, hoffe ich, unſeren Hof morgen um elf Uhr mit Eurer Gegenwart beehren. Wir haben dann einige wichtige Dinge mitzutheilen, von denen wir wünſchen, daß ſie allen Freunden und Gön⸗ nern des Pfalzgrafen und ſeiner Gemahlin, der Perle von England, bekannt ſein mögen, und wir hoffen, daß Ihr beiden Klaſſen angehören werdet.“ „Ich werde nicht verfehlen, Hoheit,“ antwortete — 123— 8 Algernon Grey;„doch leider wird es die Audien zum Abſchiednehmen ſein.“ „Nicht ſo, nicht ſo,“ verſetzte der Kurfürſt;„ich zweifle nicht, wir werden Mittel finden, Euch bei uns zu behalten. Doch für jetzt lebt wohl!“ Hierauf ging er mit dem größten Theil ſeiner Be⸗ gleitung, unter welcher ſich auch der alte Baron von Oberntraut befand, durch die entgegengeſetzte Thüre, und verließ den Saal. Sobald er fort war, ergriff Algernon Grey's ehe⸗ maliger Gegner wieder ſeine Hand und ſagte: „Ihr dürft nicht gehen, mein Freund, der Kurfürſt bedarf ſolcher Schwerter, wie das Eure; ja, und auch ſolcher Herzen und Köpfe, wie Ihr habt. Wenn Ritter⸗ lichkeit, hoher Muth und edle Begeiſterung in Eurer Natur liegt— und ich weiß, daß es der Fall iſt— ſo werdet Ihr ihm Hülfe leiſten in der Stunde der Noth. Ich kann durch manche Dinge von dieſem Orte zurück⸗ gehalten werden; und doch, wenn Ihr mit ihm geht, ſo weiß ich, daß er einen beſſern Arm und einen beſſern Kopf bei ſich hat, als ich ihm liefern könnte.“ „Nein, keinen beſſern, obgleich einer guten Sache ebenſo zugethan.— Aber ich weiß nicht, was Ihr meint, welchen Feldzug oder welches Unternehmen er ſich vor⸗ geſetzt hat.“ „Ich kann es nicht ſagen,“ antwortete Oberntraut 1 — 124— in leiſem Tone,„und ich kann Euch wegen dieſer Krank⸗ heit in meiner Wohnung nicht aufnehmen, wie ich es wünſchte; wenn Ihr aber morgen nach mir fragen wollt, ehe Ihr hieherkommt, ſo will ich Euch mehr ſagen.— Nun muß ich zurückkehren; denn um die Wahrheit zu ſagen, ich bin ermüdet. Ich glaubte nie den Tag zu erleben, wo ich ſagen würde, daß ein kurzer Gang oder eine kurze Unterredung zu viel für meine Kräfte ſeiz aber ſo iſt es, und ich muß gehen, mich wieder nieder⸗ legen und ausruhen.“ Die Geſellſchaft ging bald auseinander; aber ehe Algernon Grey die Halle verließ, um an den Ort ſeiner Gefangenſchaft zuruckzukehren, und zu ſehen, daß alle ſeine Sachen in das Gaſthaus hinuntergebracht wurden, näherte ſich ihm ein Herr, der ihm die Hand drückte und Etwas in leiſem Tone zu ihm ſagte. „Dieſen Abend, wenn es gefällig iſt,“ antwortete Algernon Grey,„aber was iſt es, Craven?“ Sein Freund erwiderte leiſe, und zugleich zog eine Wolke über Algernon Grey's Geſicht. „Ich weiß Alles,“ antwortete er;„Alles, was Ihr mir ſagen könnt, Craven. Kommt und beſucht mich, wenn Ihr wollt Sehr angenehm wird es mir ſein, eine Stunde mit Euch zuzubringen; aber nennt dieſen Namen nicht wieder. Vieles iſt ohne Zweifel falſch, Vieles übertrieben; aber Vieles muß wahr ſein, was nicht — 125— ſein ſollte, und ich habe mich zu meiner Handlungsweiſe entſchloſſen.“. Mit dieſen Worten wendete er ſich zu Herbert und kehrte nach wenigen Worten mit ihm in den Thurm zu⸗ rück, wo er eingeſchloſſen geweſen war. Sechstes Kapitel. 2₰ Die ſchöne Prinzeſſin von England, die ſich jetzt in der Jugend und Schönheit, in dem vollen Sonnem⸗ ſchein des Glückes und der Macht befand, die einen der ſchönſten Theile der Erde, Bewunderung, Schmeichelii Achtung und Liebe, ja faſt Verehrung beſaß, die ſich wie Weihrauch vor ihr erhob, der aber ein trauriges und finſteres Schickſal für die Zukunft zu Theil wurde, ſaß in ihrem Silberzimmer, von allen Schönheiten um⸗ geben, die ſie auf den Beſitzungen ihres Gemahls zu⸗ ſammenbringen konnte. Es waren nur drei Männer 36 genwärtig. Zwei alte deutſche Edelleute, und aufe fallend genug, unſer Bekannter William Lovet. Es war faſt um dieſelbe Stunde, als Algernon Grey vor ſeiner Freilaſſung zum Kurfürſten gerufen wurde, und jedes Geſicht war heiter, als die Prinzeſſin und ihr Landsmann in Franzöſiſcher Sprache etwas leicht⸗ fertig von der Gefangenſchaft Algernon's und ſeinen Ausſichten ſprachen. Der Engländer ſtand, ſeinen Federhut in der Hand und ſeinen Kopf ein Wenig gebeugt, um die Worte der Kurfürſtin zu hören, vor ihrem Stuhle und zeigte ein etwas ſarkaſtiſches Lächeln auf ſeiner ſchön gebildeten Lippe. „Wahrlich, Hoheit,“ ſagte er, als Antwort auf Etwas, was die Prinzeſſin ihm mittheilte,„ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder traurig ſein ſoll über die Nachricht, die Ihr mir mittheilt.“ „Traurig! Traurig!“ rief Eliſabeth mit einem Ausdruck der Ueberraſchung.„Habt Ihr nicht um ſeine Freilaſſung gebeten?“ „Das war eine Pflicht,“ antwortete Lovet mit dem⸗ ſelben bedeutungsvollen Lächeln;„aber es kann auch un⸗ angenehme Pflichten geben, hohe Frau.“ „Seid Ihr ſein Freund, ſein Verwandter?“ rief die Kurfürſtin. 4 „Beides,“ antwortete Lovet;„doch die Freundſchaft kann auch unangenehme Pflichten haben. Ich bat für ſeine Freilaſſung, nicht weil ich es für das Beſte für ihn hielt, ſondern weil er ein Recht hatte, es zu for⸗ dern.“ „Iſt er denn ſo wild und unbeſonnen, daß er wie ein Löwe im Kerker gehalten werden muß?“ frazte Eliſabeth.„Aber Ihr ſcherzt; ich ſehe es an Eurem Geſichte.“ „Nicht ſo, hohe Fürſtin,“ antwortete der Englän⸗ der,„nicht alle Menſchen wiſſen, was das Beſte für ſie iſt; und mein Vetter iſt einer von dieſen— ein ſehr guter Richter für Andere, aber nicht für ſich.— Nun ſeht um Euch, Hoheit. Was ſeht Ihr?⸗ „Zu viele Dinge, zu einem Verzeichniß,“ antwor⸗ tete die Prinzeſſin,„Vaſen, Statuen, blau und ſilberne Vorhänge, viele ſchöne Damen und—“ „Hier haltet inne, ich bitte,“ ſagte Lovet.„All dieſe glänzenden Dinge bringen mich zu dem Urtheil, daß es weiſe wäre, für jeden feinen und gebildeten Herrn unter ihnen zu verweilen; ja eben dieſe Dinge— jg, eben ihre Schönheit—“ und er überſchaute den Kreis, der die Kurfürſtim umgab, und erregte auf mancher der⸗ ſelben ein ſelbſtgefälliges Lächeln—„haben gerade die entgegengeſetzte Wirkung auf meinen Vetter, denn ſie machen, daß er ſolche ſüße Verſuchungen flieht, und wie ein wandernder Mönch, oder wie unſer guter Freund, der heilige Antonius dem Teufel, der Liebe, dem Hh⸗ men und allen Uebrigen durch Einſamkeit und Kaſteiun⸗ gen widerſteht.“ Die Kurfürſtin lachte und er fuhr fort: 4 „Er und ich ſind verſchiedener Meinung; ich ver⸗ weile freiwillig, wo ich bin; er dagegen wird entfliehen, ſobald er die Freiheit wieder erlangt hat, darauf dürft Ihr Euch verlaſſen.— Aber wenn ich ein beſonderes Wort mit Ihrer Hoheit reden dürfte, ſo könnte ich Euch mehr ſa⸗ gen, und zwar Dinge, die Eures Ohres würdig wären.“ Eliſabeth ſah ſich einen Augenblick im Kreiſe um und ſagte dann in Engliſcher Sprache: „Es iſt Niemand da, der unſere Mutterſprache verſteht.“ Eine Unentſchloſſenheit ſchien ſich William Lovet's zu bemächtigen, und er ſchwieg einen Augenblick, ehe er antwortete. Es war ſelten, daß ihm dies begegnete; denn er war gewöhnlich raſch mit der Antwort bereit und hatte die Gewohnheit, gleich manchem verſchlagenen und ränkevollen Manne, ſeine direkte Meintig in Figuren ‚zu kleiden, welche mehr andeuteten, als er eigentlich ſagte. Er fand es ſelten ſchwierig, ſeinen Hörern be⸗ greiflich zu machen, was er meinte, während er einen 2 genauen Bericht von Dem vermied, wozu er gerathen e oder was er gewünſcht, indem er an ſich unbedeutend „ ſcheinende Ausdrücke wählte, die, wenn ſie einem unvor⸗ hdreiren Ohr vorgetragen wurden, einen ganz verſchie⸗ „ denen Sinn zu haben ſchienen, als die Umſtände ihm in dem Augenblick verliehen. Im gegenwärtigen Falle aber war ſeine Aufgabe nicht ohne Schwierigkeit; denn „ er ſuchte einem von Natur verſchlagenen und ſcharfſinni⸗ n, gen Geiſte, der gewöhnt war, ſehr viel mit Hyperbeln Heidelberg. Zweiter Band. 9 — 130— und Metaphern zu thun zu haben, im Allgemeinen eine falſchen Begriff beizubringen, während alle Einzelnheiten an ſich wahr ſein mogten. Er blieb ſo lange ſtumm, bis die Kurfürſtin end lich in ungeduldigem Tone ſagte: „Nun, Herr, was wolltet Ihr ſagen?“ „Wahrlich, Hoheit,“ antwortete er in freinthigen Tone,„ich weiß nicht recht, wie ich beginnen ſoll. Ich darf nicht vergeſſen, daß es mein Vetter iſt, von dem ich rede; doch wünſche ich Euch eine Einſicht in die Sa⸗ che zu verſchaffen, ſo daß Ihr ſie ſelber richtig beur⸗ theilen könnt. Aus verſchiedenen Gründen, von welchen zu reden nicht der Mühe werth iſt, hat mein guter Vetter einen Abſcheu und eine Furcht vor der Liebe.“ „Ich kann die Gründe begreifen,“ antwortete die Kurfürſtin,„denn ſeine Geſchichte iſt mir nicht ganz un⸗ bekannt, Herr Lovet.“ „Dann habt Ihr die ganze Sache,“ antwortete die⸗ ſer erfreut über dieſes Zugeſtändniß, und ich darf Nichts weiter ſagen. Ihr habt mit Euren eigenen Augen ge⸗ ſehen und müßt bemerkt haben, welche Reize Euer Hof für meinen armen Vetter Algernon beſitzt. Schon nach zwei Tagen begann er über ſeine eigenen Empfindungen zu erſchrecken und wollte fliehen, ſo ſchnell er konnteſ aber ein Duell, ein ritterliches Abenteuer, Gefangenſchaft und der Teufel ſelbſt, glaube ich, haben ihn bis jebt — 131— zurückgehalten und ich zweifle nicht, daß jetzt die Kette der Liebe ſein Herz feſt umſchlingt. Dennoch wird er ſeine Feſſeln zerreißen, ſo bald ſeine Glieder frei ſind; und da ich ihm durch einen Eid, noch bindender als das Ehrgelübde, verſprochen habe, ihn im nächſten Jahr überall zu begleiten, wohin er geht, ſo könnt Ihr wohl beurtheilen, daß ich ſeine Freilaſſung nicht zu ſehr zu beſchleunigen wünſche.“ Eliſabeth dachte eine oder zwei Minuten nach und antwortete dann: „Ich hätte gedacht, der Auftrag, welcher ihn hie⸗ her geführt, würde ihn etwas länger an unſerem Hofe zurückhalten.“ „Es ſind zwei Gründe gegen dieſe Annahme anzu⸗ führen,“ verfetzte Lovet;„erſtens, welcher Zweck ihn auch hieherführte, wovon ich Nichts weiß, denn er hat eben ſo gut wie ich ſeine Geheimniſſe— ſo muß der⸗ ſelbe jetzt bereits erreicht ſein. Verlaßt Euch darauf, Hoheit, wenn er überhaupt einen Zweck hatte, ſo wollte er nur prüfen, ſehen, nachforſchen und Richts weiter. Er muß genug von Eurem Hofe geſehen haben, muß genug gehört haben von künftigen Ereigniſſen, um ſeine eigenen Schlüſſe daraus zu ziehen.“ „Das iſt eine Einwendung,“ verſetzte die Kurfür⸗ ſtin;„welches iſt die zweite?“ „Eine ſehr einfache,“ ſagte William Lovet,„näm⸗ 9* — 132— lich, daß der Hof des Pfalzgrafen, wenn es wahr iſt, was die Leute ſagen, ſehr bald der Hof eines großen Königs werden ſoll. Heidelberg iſt im Begriff, ſeinen Glanz zu verlieren, und die, we lche ſich dort aufhalten, mögen ſtudiren oder ſingen unter Nachtigallen oder Pro⸗ feſſoren mit lieblichen Stimmen und tiefer Gelehrſamkeit, aber es wird kein Hof mehr da ſein und nur wenig Geſellſchaft.“ Die Kurfürſtin lächelte. „Dergleichen könnte geſchehen,“ ſagte ſie in ernſtem und nachdenkendem Tone, indem ſie jedes Wort zu überlegen ſchien;„aber doch, mein guter Herr, da alle Dinge ein Ende nehmen, ſo muß dies auch mit dem Beſuche dieſes Herrn geſchehen. Nur wäre es mir lie⸗ ber— welches auch die Entſcheidung meines Gemahls über Gegenſtände ſein möge, die bereits etwas zu weit verbreitet worden— ich mögte lieber, ſage ich, wenn ein edler Herr aus meinem Vaterlande, von dem man glaubt, daß mein Vater ihn ausdrücklich hiehergeſendet, nicht ſogleich abreiſte, ſo bald der Entſchluß des Kurfürſten bekannt geworden.“ Lovet ſah, daß er einen Vortheil erlangt habe und rief ſogleich:. „Der Himmel verhüte es, das würde ſehr nach⸗ theilig ſein!“ 3 „Gewiß,“ verſetzte die Kurfürſtin.„Das Gerücht, — 133— mag es nun wahr oder falſch ſein, ſchreibt dieſem jungen Herrn einen hohen Platz in der Achtung der Welt zu, ſo wie das Vertrauen ſeines Monarchen, der ihm den Auftrag gegeben, die Verhandlungen in Betreff der Böh⸗ miſchen Krone hier zu beobachten, und in Folge Deſſen zu handeln, wie es die Umſtände erfordern. Gewiß würde es ſehr nachtheilig ſein, wie Ihr ſagt, wenn er ſich, gleich nachdem der Kurfürſt ſeine Entſcheidung be⸗ kannt gemacht, augenblicklich von unſerem Hofe ent⸗ fernte, mögte es nun auch aus irgend einem Privatgrunde geſchehen. Man würde ſogleich ſagen, daß der Schritt, den wir gethan, von der Krone gemißbilligt werde, von welcher wir das beſte Recht haben, Beiſtand und Unter⸗ ſtützung zu fordern. Freilich iſt uns bisher wenig zu Theil geworden; aber eine ſolche Handlung von Eurem Freunde wuͤrde unheilvoll ſein. Wir wiſſen Alle, welches die Wirkung hoher Begünſtigung beim Beginn eines gro⸗ ßen Unternehmens iſt; und ich darf Euch nicht erſt ſagen, daß meines Vaters Lauheit in dieſer Sache bereits Schwie⸗ rigkeiten erregt und unſere Anhänger entmuthigt hat.“ Lovet legte ſeinen Finger an ſeine Schläfe und ſchien die ihm vorgetragenen Dinge tief zu überdenken. Doch wenn die Wahrheit geſagt werden muß, ſo war ſein gedankenvolles Ausſehen nur angenommen und er antwortete im nächſten Augenblick mit einem plötzlichen Ausruf, als wäre ihm ein glänzender Gedanke eingefallen: „Wäre es nicht beſſer, wenn Ihr ihn mit nach Böhmen nähmet? Sein Erſcheinen in Prag nebſt all den Gerüchten, die ihm, wie Ihre Hoheit erwähnt, vor⸗ ausgehen, würden Hoffnung und Vertrauen erregen, —— den Muth des Volkes entflammen, die Gegenpartei im Zaum halten und niederdrücken, und endlich die Verbin⸗ dung verſtärken, was allein an dem völligen Gelingen fehlt.“ „Aber wird er gehen?“ rief Eliſabeth.„Dieſelben Gründe, die ihn beſtimmen Heidelberg zu verlaſſen, wür⸗ den ihn gewiß auch von Prag fern halten.“ „Wenn wir einem Hänfling eine Falle ſtellen,“ ſagte Lovet,„ſo tragen wir Sorge, den Draht zu verbergen. Es iſt nutzlos, daß Ihre Hoheit ſagen, daß die Lady Agnes oder die ſchöne Gräfin von Lauſſitz mit Euch geht.“ Die Prinzeſſin lächelte; denn ſie miſchte ſich nicht ungern in die untergeordnete Politik des Hofes ihres Gatten und fand Vergnügen an den Verwicklungen der diplomatiſchen Intrigue. Sie gab indeß keine Antwort, und Lovet fuhr fort: „Wenn es je einen muthigen und ritterlicher Geiſt in dieſer Welt gab, ſo iſt es mein Vetter Algernon. Einer Dame mit ſeinem Schwerte oder ſeinem beſten Herzblut zu dienen, würde der Stolz ſeines Leben ſein, vor⸗ ausgeſetzt, daß er nicht fürchtete, ſich durch eine zu ſtarke —— Kette zu binden. Bei Eurem erſten Ruf wird der Geiſt ſeines Geſchlechts und ſeines Namens ſich erheben, um Eure Sache vor der Welt zu vertheidigen.— Eine Da⸗ me, ſeine Prinzeſſin, die Liebe aller Herzen, die Be⸗ wunderung aller Augen, würde einen ſehr bereitwilligen Diener finden, der im Lager, am Hofe, im Rath große Thaten thun könnte. Ich ſtehe dafür, daß er dies ſein würde, wenn der Name einer gewiſſen ſchönen Dame nicht in Eurer Begleitung genannt würde.“ Die Prinzeſſin ſann nach und ſchien etwas ver⸗ legen. 4 „Ich habe ſtets beabſichtigt, wenn ich gehe,— wo⸗ von ich bis jetzt noch Nichts weiß— Agnes mit mir zu nehmen, und dies habe ich ihr ſchon geſagt. Sie würde es als eine Beleidigung anſehen, wenn ich ſie nicht mit⸗ nähme. Sie hat faſt wie eine Schweſter gegen mich ge⸗ handelt, ſeit ich hier bin— aber dennoch will ich mit ihr reden; denn wegen eines großen Zweckes muß man Vieles aufopfern.“ 4 „Nein, Hoheit, redet nicht mit ihr,“ antwortete Lovet lachend,„und laßt ſie nicht zurück. Wenn er Euch einmal den Dienſt ſeines Schwertes verſprochen hat, ſo wird er ſein Wort nicht brechen, noch den Kon⸗ trakt zurücknehmen; doch es iſt nicht nöthig, Alle zu nennen, die Euch begleiten werden. Laßt einige Namen aus, die ſpäter nach Gefallen können hinzugeſetzt werden. — 136— Verhüte der Himmel, daß eine hohe Fürſtin nicht das Recht haben ſollte, täglich ſieben Mal ihren Sinn zu ändern, ſo gut wie die Tochter einer Wäſcherin!“ „Ich verſtehe,“ antwortete Eliſabeth lachend,„ich verſtehe; aber meint Ihr nicht, daß er die Flucht ergrei⸗ fen wird, wenn meine ſchöne gefährliche kleine Freundin doch in der Begleitung iſt?“ „Fürchtet Nichts, fürchtet Nichts,“ verſetzte Lovet; „wenn er einmal das Verſprechen geleiſtet, iſt er der Eure im Leben und im Tode. Und um die Wahrheit zu ſagen, iſt es nicht mehr als billig, dieſe ſchöne Dame mitzunehmen. Wenn er findet, daß er ihrer angenehmen Geſellſchaft nicht entgehen kann, ſo wird er ſich ganz heiter in ſein Schickſal finden, die Rolle des Seladon ſpielen und ein wenig menſchlicher werden, und das iſt Alles, was ihm zu ſeiner Vollkommenheit fehlt. Nie gab es eine Statue, oder einen behauenen Steinblock von Loth's Weibe an bis zu dem Werke des Praxiteles, der kälter und weniger umgänglich war, als mein gu⸗ ter Vetter Algernon, einzig und allein wegen ſeiner kläg⸗ lichen Furcht, dem Feuer ſeines eigenen Herzens Raum zu geben. Ich meines Theils denke, ein wenig ehrliche Liebe ſetzt aller Vortrefflichkeit die Krone auf. Mit der Eigenſchaft, welche die alten Römer den ſchönen Künſten zuſchrieben, mildert ſie die Sitten, läutert das Herz und den Geiſt, erhebt den Charakter und nimmt uns — 137— das, was wir von den wilden Thieren an uns haben und was ſich, wie meine Urgroßmutter zu ſagen pflegte, die eine Puritanerin war— der Himmel ſchütze uns vor dem Fegfeuer!— in dem natürlichen Menſchen . findet.“ V „Ich glaube es auch, Herr,“ antwortete die Kur⸗ fürſtin, die ſich an ſeiner Unterhaltung ergötzte und nicht wußte, daß Alles, was gut ſchien, nur hereinge⸗ worfen war, um das Gericht für den Gaumen der Per⸗ ſon ſchmackhaft zu machen, welcher es dargereicht wur⸗ de—„ich glaube es auch; doch muß es, wie Ihr ſagt, ehrliche Liebe ſein, um dieſe Wirkung hervorzubrin⸗ gen.“ „Nun, ſchöne Fürſtin,“ verſetzte Lovet mit leiſem Lachen, welches er nicht unterdrücken konnte— mit jenem leichtfertigen demoraliſirenden, ſataniſchen Lachen, welches tugendhafte Grundſätze angreift, die durch keine⸗ Beweisgründe umzuſtürzen ſind—„ich rede nur von ehrlicher Liebe. Der Gedanke an etwas Anderes konnte meinem guten Vetter nie in den Sinn kommen; er iſt ſo rein und unſchuldig als ein ſaugendes Täubchen, wie Will Shakſpeare ſagt, und dieſe Liebe wird, wenn er findet, daß er ihr nicht ausweichen kann, ſeine Ritter⸗ lichkeit auf immer an Euren Hof und Euren Dienſt binden.“ „Und Eure eigene Liebe, Herr Lovet?“ fragte die Prinzeſſin.„Ihr werdet doch nicht glauben, daß ich blind geweſen bin für Eure Neigung zu einer gewiſſen ſchönen Dame? Wie iſt es mit Eurer eigenen Liebe?“ „O, die iſt makellos und erhaben,“ antwortete Lovet mit ſpöttiſchem Lächeln;„der reine Inbegriff begeiſterter Verehrung— eine Leidenſchaft, gleich der Flamme auf Veſta's Altar, die auf ewig mit heiligem Lichte brennt — kein Rauch, hohe Prinzeſſin, kein rother und feuri⸗ ger Schein, ſondern blau, leicht und kalt, gleich der Flamme des Spiritus— ja völlig geiſtig, das kann ich Euch verſichern!“ 4 Und er lachte wieder in bitterem Spotte über den romantiſchen Charakter des Zeitalters, wo man ſich ein bildete, daß die Liebe von dem Feuer ſrei ſein könne, welches ihr Leben ausmacht. „Gewiß, gewiß, ſchöne Dame,“ fuhr er fort, nich werde ſtets den Seladon ſpielen, wenn gleich die ſchmach⸗ tenden Augen der Gräffin von Lauſſitz ausſehen, als wollten ſie eher den irdiſchen Eros als den himmliſchen erwecken.—.s 1. Die Peinzeſ kön 7 ute nicht umhin, unwillkürlich zu lächeln; d ächſten Augenblick nahm ſie einen ern⸗ ſten Blick an und erwiderte: „Gut, gut! Fern ſei es von mir, der edlen und galanten Neigung für die Schönen irgend einen Zwang aufzuerlegen; es iſt die bewegende Kraft für alle große V — 139— Handlungen; und ick bin bereit davon Unterſtützung zu erwarten, wenn es nöthig ſein ſollte; aber bedenkt wohl, Herr Lovet, ich will keinen Scandal an meinem Hofe, das iſt eine unerläßliche Bedingung für Euren Aufent⸗ halt an demſelben.“ „Scandal, Hoheit! Verhüte der Himmel!“ rief Lovet.„Ich würde um alle Welt keinen Scandal erregen. Bedenkt nur, was dieſes Worrt in ſich ſchließt; ich be⸗ haupte, der bloße Gedanke daran würde mir das Früh⸗ ſtück verderben, hätte ich nicht ſchon vor meinem Aus⸗ gehen eine gute Mahlzeit zu mir genommen. Die Fol⸗ gen würden ſchrecklich ſein: zuerſt würde ich Ihrer Ho⸗ heit Gunſt verlieren und dann müßte ich einem fetten, zwerghaften, kleinäugigem Gemahl die Kehle abſchneiden — ein Werk für einen Schweinemetzger, aber nicht für einen Cavalier mit reinen Händen— und zuletzt würde 1 7 1 1 ich die ſchöne Dame ſelbſt heirathen müſſen, was gewiß allen ſchönen platoniſchen Ideen ein Ende machen würde. Nein, nein, bei dieſer ſchönen Hand ſchwöre ich, durch keine Handlung William Lovet's ſoll ſolcher Scandal ge⸗ ſchehen.“ „Nun, Sir William,“ antwortete die Kurfürſtin, „Ihr werdet Euch erinnern, daß falſche Namen keine wohltekannten Geſichter bedecken; daß Euer Ruf nicht zanz ſo klar und rein iſt, wie ein neuer carmoiſinrother Nantel mit goldenen Treſſen beſetzt, und daß, da ich 8 die Perſon und ihre Handlungsweiſe kenne, ich en Auge auf ſie haben werde. Was die andere Sache be⸗ trifft, ſo will ich über das nachdenken, was Ihr über Euren edlen Vetter geſagt habt, und nach gehörige Ueberlegung handeln. Wir dürfen ihn auf keinen Fal verlieren, wenn es möglich iſt, ihn zu behalten; abet ehe ich mich zu Etwas entſcheide, muß ich mit Seiner Hoheit reden; denn dieß ſind Dinge, in Betreff welche ein Weiberurtheil nicht viel werth iſt.“ „O, das Weiberurtheil geht über Alles!“ rief Wi⸗ liam Lovet.„In der Liebe, im Kriege, beim Wein und in der Politik geht Nichts über ein Weiberurtheil!— Aber jetzt will ich meinen Urlaub nehmen; denn ih ſehe, daß die ſchönen Damen um uns her ſich ſehr über unſere lange Unterhaltung in einer unbekannten Sprache wundern; obgleich ich nicht wüßte, was wir bei man chen großen Gelegenheiten hätten thun ſollen, hätten nicht gewiſſe weiſe Herren des Alterthums einen hoha und ſehr gottloſen Thurm von Babel gebaut und fremde Sprachen erfunden, die der Nachwelt ſehr nützlich ge⸗ worden. Doch wenn wir von dieſen ſchönen Damel weiter reden in einem unſerer Dialekte von Babel, ſt wird ihr Witz etwas Verrätheriſches darin wittern und ich bin bei dem Kurfürſten angeklagt worden, daß ich mit ſeiner liebenswürdigen Gemahlin eine lieblichere Spracht als die Deutſche, geſprochen. So nehme ich alſo n — 141— aller Demuth und Unterwürfigkeit meinen Abſchied und wenn Ihr meinen weiſen Rath in Betreff meines guten Vetters befolgt, ſo will ich meine Rolle ſo ſpielen, um mich zu verſichern, daß er Eure großen und ruhmvollen Unternehmungen zu befördern helfen ſoll.“ „ ſ 1 1 1 Siebentes Kapitel. (twa eine Stunde nach ſeiner Freilaſſung faß Y gernon Grey allein in ſeinem Zimmer im goldenen Hirſt und war in tiefe Betrachtungen verſunken. Die Dieng aus und ein und brachten das Gepäck von. gingen Schloſſe herunter, welches man während ſeiner Gefa genſchaft hinaufgetragen, doch, er achtete nicht auf ſ noch auf ſeinen Pagen Frill, welcher durch bered Worte und anmuthiges Benehmen ſeine Aufmerkſamke auf ſich zu ziehen ſuchte. Die große Frage, um die ſi ſo haͤufig im Leben das Schickſal des Menſchen dreh „Wie ſoll ich bei dieſem nächſten Schritte handeln?“ ue jetzt vor ſeinen Augen; aber ſein Geiſt wanderte in die V gangenh eit zurück, und indem Algernon Grey prüfte, we während der letzten drei Tage geſchehen war, konnte erſt nicht von den Vorwürfen ſeines eigenen Herzens befreien „Ich bin ſchwach geweſen,“ ſagte er,„ich ha Unrecht gehabt; ich habe den Umſtänden nacht 1 ¹ 1 1 8 1 1 0 1 — 143— geben, wo ich ihnen hätte widerſtehen ſollen, ich bin zärtlich im Ton und Benehmen geweſen, wo ich hätte kalt ſein ſollen, wie Eis. Beſſer, viel beſſer wäre es geweſen, ſie hätte mich für roh, unhöflich, unfreundlich gehalten, als daß ſie ſpäter ſagen ſollte, ich habe ihr Unrecht gethan und insgeheim ihre Liebe geſucht, da ich mich nicht auf ehrenvolle Weiſe um dieſelbe habe bewer⸗ ben können. Selbſt jetzt iſt es viel weiſer, ſich jedem Vorwurfe auszuſetzen, als Grund zu einer ſchweren und wohlgegründeten Beſchuldigung zu geben. Ich will gehen — das iſt beſchloſſen. Morgen bei Sonnenuntergang werde ich nicht mehr in Heidelberg ſein.“ Von dieſem Ausgangspunkte eilten ſeine Gedanken in die Zukunft, und er fragte ſich, was ihm bevorſtehe, welchen Weg er einſchlagen ſolle und zu weichem Ziele es führen werde? Die Ausſicht war dunkel und trübe; kein Licht ſchien auf dieſelbe, kune Abwechſelung erhei⸗ terte ſie, ſondern nur eine einzige wilde Emöde des Le⸗ bens breitete ſich vor ihm aus, von dunkeln Wolken bedeckt und ohne ein Obdach oder einen Troſt zu ge⸗ währen. Es war ihm wie einem jener Einſiedler des Mittelalters, die freiwillig den Sonnenſchein und die eultivirten Gegenden verließen, um ſich in die Oede und Unfruchtbarkeit der Wüſte zu ſtürzen. Er fühlte, daß in dem Augenblick Schönheit und Helle um ihn ſei, ſo wie Alles, was das Auge ent⸗ — 144— zücken und das Herz gefangen nehmen könne; daß Hei⸗ terkeit und Vergnügen, Uebung des Geiſtes, Spielraum für die Phantaſie, glühende Leidenſchaft, Begeiſterung der Liebe, das Entzücken eines freien Herzens, welches un⸗ geſtört die beſten Gaben des Himmels genieße, in ſeinem Bereiche ſeien, wenn er nur darnach greifen wolle, wenn ihm ein einziges Hinderniß nicht im Wege ſtehe— aber dieſes Hinderniß erſchien ihm unüberſteiglich. Er fühlte, er ſei im Begriff Alles zu fliehen, freiwillig Allem zu entſagen, wornach ſein Herz verlangte, mit trockenem Munde und durſtigen Lippen dem kühlenden Trunke aus der tiefen Quelle des Glücks zu entſagen, die vor ihm geöffnet ſei, und ohne Unterſtützung oder Aufheiterung, ohne einen Tropfen von dem lieblichen Waſſer des Tro⸗ ſtes, um ihm Hoffnug zu geben auf ſeinen einſamen Weg durch die öde Wüſte des Daſeins zu eilen. Troſt⸗ los und unfruchtbar breiteten ſich die Jahre vor ihm aus⸗ Als er die weiten, von der Sonne nicht beſchienenen Ausſichten überblickte, ſchien es ihm, als ſchließe ein offenes Grad die weite Perſpektive, und ſei bereit, ihn am Ende ſeiner ermüdenden Reiſe aufzunehmen und ihn den ſchweren Schlaf des Todes und der Verweſung 3 gewähren. „Möge es bald kommen,“ dachte er,„möge 4 bald kommen!“ Und indem er die Hände auf die Augen drücktz — 145— blieb er ſitzen und dachte mit Bitterkeit über ſein trau⸗ tiges und ſeltſames Schickſal nach. „Ah, Algernon,“ rief eine Stimme, indem die Thüre ſich öffnete,„Du ſcheinſt ſehr erfreut über Deine — T Vefreiung. Man ſollte denken, Du wäreſt ein ganzes Jahr im Kerker geweſen, wenn man Deine ungemäßigte eiterkeit über Deine wiedererlangte Freiheit ſähe. Aber ich wußte was geſchehen würde und ſagte der Kurfürſtin den Erfolg vorher. Ich bat ſie dringend, Dich in Dei⸗ ner Gefangenſchaft zu laſſen, indem ich hinzufügte, Dir die Freiheit wiederzugeben, heiße nur, Dich der Scla⸗ verei einer höchſt verkehrten Erziehung wieder hinzugeben. — Aber wie geht es Dir, mein guter Vetter?“ „Gut, ich danke Dir, William,“ antwortete Al⸗ gernon Grey aufſtehend und ſeinen Trübſinn ablegend, indem er entſchloſſen war, Lovet's Scherze in nachläſſi⸗ gem Tone zu erwidern.„In Wahrheit, Du haſt ganz Recht, Vetter. Die heitere Geſellſchaft, die Du mir jeden Tag im Gefängniß gewährt, machte meine Ge⸗ fangenſchaft ſo angenehm, daß ich auf immer darin hätte bleiben können.“ „Man ſehe nur die Undankbarkeit der Menſchen!“ rief Lovet lachend.„Ich habe ihm den dritten Theil meiner ganzen Zeit gewidmet und doch iſt er nicht zu⸗ frieden, obgleich er aus dem Geſetzbuche der Liebe und „Galanterie weiß, daß ich die andern zwei Drittel nicht V Heidelberg. Zweiter Band. 1⁰ — 146— zu vergeben hatte; ſie waren verpfändet und verſprochn und ich hätte eben ſo gut ein Juwel aus dem Ohr de Frau von Lauſſitz ſtehlen, oder jeden Ring, mit Au nahme eines einzigen, von ihrem Finger ziehen kö nen, als ihr noch eine Minute mehr nehmen um auf die Angelegenheiten meines Vetters zu verwenden Sprach ich nicht drei Mal mit dem Kurfürſten? Spra ich nicht zwei Mal mit der Kurfürſtin? Machte ich nitſ ſieben von ihren Damen den Hof? Verbeugte ich mit nicht neun Mal gegen neun alte Herren? Bezahlte in nicht einen Pagen, um mir Audienz zu verſchaffen, Umarmte ich nicht einen Kämmerer— was noch daß Widerwärtigſte von Allem war— um ſeine völlit Freilaſſung zu erwirken? Obgleich ich wußte, daß de erſte Gebrauch, den er davon machen werde, darin be ſtehen müſſe, ſein eigenes Unglück und meine Täuſchun zu bewirken.“ „Nein, William, Nichts der Art,“ verſetzte Algu non Grey.„Wir ſuchen alle das Glück, Du und ich und Jeder muß es auf ſeine Art ſuchen. Ich danke De für alle Mühe, die Du Dir gegeben; aber wenn di Vögel frei ſind, wollen ſie ihre Flügel anwenden, un daſſelbe will ich morgen thun. Ich bin nicht ſo lang an meinen Käfig gewöhnt, um ihn zu lieben.“ „Halt, halt,“ rief Lovet.„Verzeihe mir, mein guter Vetter! Ich ſuche nicht das Glück; das iſt ein A — 147— Wildegänſejagd, die ſtets von Neuem beginnt und nie endet; ſtets vereitelt und nirgend einen Ertrag liefert. Vergnügen, Vergnügen iſt es, was ich ſuche— den Honig, der in jeder Blume iſt. Wenn wir eine erſchö⸗ tfen, ſo laß uns zu einer andern fliehen. Es lebe die iene, Algernon! Jenes fleißige Inſekt iſt mein Vor⸗ ild. Wahrlich! Ich will die Herolde fragen, ob ich ſie nicht in mein Wappen aufnehmen darf. Gleich dieſer (uche ich die Süßigkeiten des Lebens, wo ſie nur zu finden ſind; und der wilde Thymian oder die cultivirte Noſe gilt mir gleich.“ „Das muß aber eine verſchwenderiſche Biene ſein,“ antwoxtete Algernon Grey;„denn Du ſammelſt keinen „Vorrath für die Zukunft, verzehrſt allen Honig, den du findeſt, und baueſt keine wächſernen Zellen für künf⸗ tige Jahre. Am Ende iſt das Sinnbild auch kein ange⸗ nehmes; denn wäreſt Du auch ſo fleißig und ſparſam, wie die beſte Biene, ſo würde doch unſer Herr, das Schickſal, kommen und Dich aus dem Bienenſtock räu⸗ cern.“ „Ich will ihm keine Veranlaſſung dazu geben,“ wantwortete Lovet heiter;„denn ich will meinen Honig iſen, während ich ihn ſammle, und keinen aufhäufen um ſine habgierigen Hände zu locken. Aber zum Henker I nit dem Geſchwätz, Algernon; ich habe in der That eſhwer gearbeitet, um Dich in Freiheit zu ſetzen, indem 10* —— — 148— ich es für beſſer hielt, meine Zeit zu verſchwenden, als Dir im Gefängniß vorzupfeifen, wie Blondel dem gutn König Richard. Aber was beabſichtigſt Du jetzt„ thun? Ich habe vertraut und gehofft, das ruhige Natz denken einiger Stunden in einem drei Treppen hohn luftigen Zimmer werde den friſchen Moſt in guten Wät verwandeln und Dich lehren, daß, wo Du Alles be Dir haſt, was das Leben glücklich machen kann, nutzlos iſt, gleich einem Betrunkenen mit einer voll Goldbörſe davon zu gehen und die Dukaten mit Deins Daumennagel in den Bach zu ſchleudern.“ „Was meinſt Du damit?“ fragte ſein Vetter.„3 beabſichtige Nichts wegzuwerfen. Schlechte Münze lit eben ſo gut im Bach, als anderswo.“ „Nein, nein, ſei aufrichtig,“ rief Lovet;„ich as Du wirſt doch nicht beabſichtigen, dieſen Ort ſobald verlaſſen, wie Du gedroht haſt.“ „Ich ſehe keinen Grund, warum ich dableiben te,“ antwortete Algernon Grey. „Was, nicht die Liebe?“ rief der Andere. 24 mein guter Vetter, ſieh nicht aus, als wäreſt Du u deckt! Kannſt Du glauben, daß ich nicht geſehen haf und daß ich nicht weiß? An jedem Zeichen und Merkm von einem unzugebundenen Halskragen bis zu eint verkehrt aufgeſetzten Hute— von einem Seufzer in d Mitte einer wohlgeſetzten Rede bis zu einer ſo unpaſſt b — 149— i den Antwort, wie die Bemerkung einer alten Jungfer nüber die Predigt am letzten Sonntage, ſehe ich, daß du über Hals und Kopf verliebt biſt, Mann. Und vahrlich, ich muß auch geſtehen, daß in Betracht Deiner n Unerfahrenheit in ſolchen Dingen und des Widerſtandes deiner Natur gegen alle lieblichen Einflüſſe Du nicht wübel gewählt haſt— glänzende Augen, ſüße Lippen, eine Wange, gleich einem reifen Pfirſich, helles und glän⸗ zendes Haar, wie der Sonnenſchein auf einem Moos⸗ mufer, und eine Geſtalt, die Helena eiferſüchtig und den falſchen Paris doppelt falſch machen könnte. 1 Algernon Grey fetzte ſich wieder an den Tiſch, ſützte ſeinen Kopf auf die Hand und ſchlug gedankenvoll die Augen nieder, während ſich ein rother Fleck auf ſäiner Wange zeigte. Er wollte und konnte nicht ſagen daß er nicht liebte; doch es kränkte ihn, daß ſein ſcharf⸗ ſichtiger Vetter die Wahrheit errathen hatte. 1 Inzwiſchen fuhr Lovet fort, indem er deutlich ſah, Algernon nicht auf ihn hörte, aber dennoch hoffte, daß einige Worte durchdringen und eine dauerndere Wir⸗ lung hervorbringen würden, als hätte er darauf gehorcht und ſie beantwortet. „Bleib, Algernon, bleib,“ rief er;„bleib und ſei glücklich. Wirf nicht um eitler Phantaſien willen die reude von Dir, die dem Menſchen ſelten öfter als ein „Nal im Leben gewährt wird— Gelegenheiten, die nie — 150— zurückkehren, wenn man ſie vernachläſſigt, und ein Mal verloren, unaufhörliches Bedauern zurücklaſſen. Blah und mache ſie zu der Deinigen.“ „Sie zu der Meinigen machen!“ rief Algerns Grey.„Aber wie?“ „O, dazu ſind Tauſend Wege offen,“ antworte ſein Vetter.„Soll ich ſie Dir andeuten?“ Algernon machte eine Bewegung mit der Hand um ſchüttelte den Kopf mit bitterem Lächeln. „Ich ſehe keinen,“ antwortete er. „Nun, ſo höre,“ verſetzte Lovet.„Dieſer Herben dieſer Oheim, iſt ein Soldat des Glücks— ein Mam ohne Rang oder Stellung, um einem Manne von Do nem Namen und Stande den Weg zu verſperren. Stin miſche Zeiten ſtehen bevor und über dieſe ſchöne Pfal wird ſich bald ein See von Mißgeſchick ergießen, welch Bande zerreißen und in dem wilden Chaos der Verwir rung Gelegenheiten gewähren wird, die ein weiſer L⸗ bender benutzen würde.“ „Nein, nein,“ rief Algernon Grey aufſpringemn und ſich zu ſeiner vollen Höhe erhebend,„nicht met davon; Du verſtehſt mich, William.“ „Ich verſtehe Dich ſehr gut, mein Vetter,“ vei ſetzte Lovet mit ſarkaſtiſchem Lächeln;„doch hielt in es für das Beſte, den ſchlimmſten Fall zuerſt zu erwäͤt nen und Deinen wilden Puritanismus in Harniſch 3. 1 beingen, i indem ich Dir den Weg andeutete, den andere 1 1 böſe Weltlinge wählen würden. Das Herz der ſchönen Dame iſt ohne Zweifel ſchon mehr als zur Hälfte gewon⸗ nen; und obgleich vielleicht alle dieſe ſtolzen Schönheiten anfangs bei dem Gedanken an eine Uebergabe ohne Be⸗ dingungen ein wenig ſtutzen mögten, ſo würde doch Cupido, dieſer kleine Tyrann, Gehorſam für ſeine Be⸗ fahle erzwingen. Dann aber iſt noch ein Weg offen. Ein ſteiler Weg, der in jeder Hinſicht für Deine ſteifen und hochfahrenden Ideen paßt.“ „Und welcher iſt das?“ rief Algernon Grey, ſich raſch zu ihm wendend und ſich durch einen plötzli⸗ chen Hoffnungsſtrahl zu einer weitern Entdeckung ſeiner Gefühle verleiten laſſend, als er hätte wünſchen können. Lovet unterdrückte das Lächeln, welches ſeine Lippe verzog, ehe ſein Vetter es ſah; obgleich er wohl wußte, daß er dadurch Viel für ſeine Pläne gewonnen habe, daß er ſeinem Vetter auf einen Augenblick ein Bild des Glücks vor Augen geſtellt. „Mich dünkt, die Sache iſt ſehr leicht,“ antwortete er.„Du haſt weiter Nichts zu thun, als ſie zuerſt ohne Widerruf zu der Deinigen zu machen; und da Du dann viel zu tugendhaft biſt, um in einer ungeheiligten Verbin⸗ dung zu leben, ihr den ſtärkſten Beweis von Deiner Zärtlichkeit und Liebe zu geben, indem Du dieſe knaben⸗ hafte Heirath mit der Lady Catharina abbrichſt. Wel⸗ her ſchon hundert Mal geſchehen. Der arme Eſſer und widerruflich mit einer Andern verkettet biſt, ſo wird ſi ches Recht haben Väter und Mütter, Oheime und Tanu⸗ ten, oder Großväter und Vormünder, einen Knaben von funfzehn Jahren durch ein Gelübde am Altar 5 einer lebenslänglichen Verbindung zu nöthigen, dera Natur er ſelbſt nicht einmal verſteht? Es iſt nicht nu thörigt, ſondern auch böſe; es können viele Zweifel auf kommen, ob die Verbindung überhaupt geſetzlich iſt— „Keine, keine,“ rief Algernon Grey;„es iſt fri⸗ ich ſind in demſelben traurigen Falle.“ „Ja, aber er iſt ſchlimmer daran als Du,“ ant wortete Lovet;„denn er kehrte thörigterweiſe zurück umd führte ſie heim, während Du wohlweislich ausgeblieba biſt, und die weite See zwiſchen Euch gelaſſen haſt Obgleich die Dame und ihre guten Freunde, wie di Sache jetzt ſteht, an einer Verbindung feſthalten wer den, die ihr, als Deiner Gattin hohen Rang und große Beſitzungen ſichert; doch wenn ſie findet, daß Du un bald in das willigen, was Du wünſcheſt, und vermögt einer vereinten Petition an die Pairs wird dieſe kno benhafte Heirath bald für nichtig erklärt werden.“ „Sie wird nicht einwilligen,“ ſagte Algernon Greh mit Bitterkeit;„wenigſtens ihre Freunde nicht! Und dann,“ fügte er hinzu, indem er ſeine Augen auf Lo⸗ vet richtete,„kannſt Du wünſchen, William, daß ich ſo Deine ſchöne Couſine behandeln ſollte?“ 41 „O,“ antwortete Lovet lachend,„ihr Herz wird nicht darüber brechen. Ich kenne ſie gut— beſſer als Du, Algernon, und ich rathe Dir zum Glück Beider. Dies iſt keine gewöhnliche Treuloſigkeit. Was weiß ſie von Dir um Dich zu lieben, oder zu ſeufzen, weil Du eine Andere liebſt? Glaubſt Du, mein ſchöner Vetter, daß Deine großen Eigenſchaften ſo einleuchtend ſind, oder daß Deine ſchöne Perſon ſo anziehend iſt, daß ein kurzer Anblick von Dir im Alter von funfzehn Jahren am Altar in weißſeidenem Wamms mit Blau und gol⸗ denen Treſſen beſetzt, vollkommen hinreichend iſt, um zu machen, daß ſie aus Liebe zu Dir ſtirbt, oder was noch wunderbarer wäre, eine heilige Beſtändigkeit mäd⸗ chenhafter Neigung während der ſieben langen Jahre Deiner Abweſenheit bewahrt? Pah, ſie iſt durchaus nicht von der Gemüthsart, das kann ich Dir ſagen. Wenn ſie überhaupt an Dich dachte, wie ſie Dich zu⸗ letzt geſehen, ſo war es nur wie an eine hübſche, wohl⸗ gekleidete Puppe; und ohne Zweifel, wenn man Dich damals mit ihr allein gelaſſen, ſo hätte ſie Dir einen neuen Reifrock, der beſſer nach Ihrem Geſchmack ge⸗ weſen, um den Hals gethan, Dich in eine Wiege ge⸗ legt und verſucht, Dich in Schlaf zu wiegen. Sie hat jetzt andere Neigungen, doch ſo viel ich weiß, biſt Du nicht der Gegenſtand derſelben.“ „Vielleicht nicht,“ verſetzte Algernon Grey die Zähne zuſammenbeißend;„vielleicht nicht, Lovet; ich habe Grund ſo zu denken!— Aber jetzt höre mich an, mein lieber Vetter, denn Du weißt, daß ich feſt in meinen Entſchlüſſen bin; ich habe hier ein liebenswürdiges We⸗ ſen geſehen, ſchön, ſanft, unſchuldig und hochgeſtimmt. Ich würde eben ſo wenig daran denken, dieſen edlen Geiſt zu entweihen, wenn ich es könnte, als die Schön⸗ heit ihres Geſichts zu zerſtören; ich würde eben ſo we⸗ nig Elend in ihr Herz bringen, als dieſe liebenswürdi⸗ gen Glieder auf der Folter zerbrechen— darum ein für alle Mal Nichts mehr davon. Morgen werde ich Heidel⸗ berg verlaſſen.“ Lovet ſchwieg, dachte einen Augenblick nach und legte mit ſtudirter Miene des Nachdenkens ſeine Hand an die Stirn. „, Ich meine, am nächſten Sonnabend wollte der Kurfürſt gehen,“ ſagte er. „Der Kurfürſt wollte gehen!“ wiederholte Alger⸗ non Grey.„Ich weiß nicht, was Du meinſt, Wil⸗ liam.“ „Pah, mein guter Vetter,“ antwortete Lovet.„Du wirſt doch nicht glauben, daß ich nicht weiß, daß Frie⸗ drich Dich gebeten hat, ihn auf dieſer Expedition nach Böhmen zu begleiten. Ich will damit nicht ſagen, daß Du Deine Liebe zu Agnes Herbert bei mir zu einer Entſchuldigung für Deine raſche Einwilligung zu dem wilden und unvortheilhaften Plane des Kurfürſten ma⸗ chen willſt; aber Du wirſt nicht läugnen, daß Du, durch die Ausſicht auf Waffenruhm und ſeltſame Aben⸗ teuer in fremdem Lande gereizt, dieſes Anerbieten an⸗ genommen haſt, indem Du zugleich Deinen Geiſt von dem abzubringen ſuchſt, was Du für ein gefährliches Nachdenken hältſt, und eine Geſellſchaft zu vermeiden ſuchſt, die Du zu ſehr liebſt.“ „Ich läugne es gänzlich,“ antwortete Algernon Grey ruhig.„Der Kurfürſt hat in meinem Beiſein niemals den Namen Böhmen genannt, ich wußte nicht, daß er dieſe Dornenkrone angenommen, noch auch, daß er bald abreiſen werde.“ „Nun, es iſt im Schloß und in der Stadt bekannt,“ rief Lovet;„und wenn er Dich noch nicht gebeten hat, ſo wird er es noch thun, davon kannſt Du Dich über⸗ zeugt halten. Craven geht mit ihm—“.s „Und die Prinzeſſin?“ fragte Algernon. „Sie geht auch mit, oder folgt ihm unmittelbar,“ ſagte ſein Vetter,„gleich einer wahren Ritterdame, nur mit zwei Damen und zwei Dienerinnen, einem halben Duzend alter Herren und einem Reitertrupp.“ Algernon Grey ſann nach und ſuchte zu berechnen, — 156— ob Agnes wohl eine von dieſen für die Geſellſchaft der Kurfürſtin ausgewählten Damen ſein mögte. End⸗ lich fragte er mit einigem Zaudern: „Hörteſt Du die Namen der Hofdamen, die ſie begleiten?“ „O ja,“ antwortete Lovet.„Die eine iſt die Baro⸗ neſſe von Löwenſtein, die Du vor wenigen Abenden ſahſt, die andere eine Gräfin mit einem harten Namen, deſſen ich mich nicht erinnere und den ich nicht ausſpre⸗ chen würde, wenn ich mich auch ſeiner erinnerte; doch weiß ich ſo viel, daß es nicht der Name Lauſſitz iſt.— Aber bereite Dich vor, mein lieber Vetter, denn Du kannſt Dich darauf verlaſſen, der Kurfürſt wird Dich dazu auffordern, und wenn Du nicht wahnſinnig biſt, ſo wirſt Du irgend eine andere Beſchäftigung vorſchützen; denn bei dieſem unbeſonnenen Unternehmen wird Nichts weiter herauskommen, als Mißgeſchick und harte Schläge. Er iſt freilich ein tapferer Fürſt und er wird ohne Zweifel von einer tapfern Ritterſchaft unterſtuͤtzt werden; aber er iſt in zu großem Nachtheil. Spanien und Savoyen und Burgund, die kaiſerliche Macht und drei Viertel des Kaiſerreiches, päpſtliches Gold und Intrigue und Italieniſche Söldlinge genug, um eine neue Welt zu erobern, während Frankreich unterhandelt, England zau⸗ dert und Holland für ſich ſelber ſorgt. Es iſt beſſer, Du ſchützeſt irgend eine Entſchuldigung vor; mit dieſer — 157— Warnung will ich Dich verlaſſen, denn ein paar ſanfte Veilchenaugen ſehen nach mir aus, während ich den Hügel hinaufreite.“ Algernon Grey lächelte; nicht über die Anſpielung ſeines Vetters auf die Gräfin von Lauſſitz, ſondern viel⸗ mehr darüber, daß Lovet meinte, er könnte durch ſolche Gründe abgeſchreckt werden, die er anwendete. Der Leſer wird fragen, ob denn Loyet wirklich beabſichtigte, ihn abzuſchrecken. Es ſcheint nicht ſo, und ſelbſt Alger⸗ non Grey hegte Verdacht deshalb, als er darüber nach⸗ ſann. „Ich will mich überzeugen,“ ſagte er, nachdem er eine Zeit lang nachgedacht.„Es iſt mehr als wahr⸗ ſcheinlich, daß ſie bei der Kurfürſtin Mutter zurückbleiben wird; und wenn dies der Fall iſt, ſo iſt jenes Aben⸗ teuer eben ſo gut, wie jedes andere, um einige Zeit auszufüllen.— Ich will dieſen Abend auf’s Schloß gehen und von ihr und ihrem Oheim Abſchied nehmen; denn vielleicht werde ich ſie morgen nicht bei Hofe ſehen.“ Sein Herz ſank in ihm, als er an dieſen Abſchied dachte, und er bebte vor der Aufgabe zurück, die er doch, ohne unglücklich zu ſein, nicht unterlaſſen konnte. Minuten und Stunden vergingen, und es war ſchon ſpät Abends, ehe er ausging; endlich aber machte er ſich auf den Weg, ſchlug den ſogenannten Burgweg ein, erreichte die Thore des Schloſſes und erhielt Einlaß. Wie — 158— gewöhnlich waren die Höfe und Gänge mit einer lebhaf⸗ ten Menge angefüllt; aber Algernon Grey ging gerade aus und beachtete Niemand, bis er den Thurm erreicht hatte, worin ſich die Wohnung des Oberſten Herbert befand, ſtieg die Treppen hinauf, und klopfte an die ſchwere eichene Thüre. Eine Stimme ſagte:„Herein 14 aber es war nicht die des Engliſchen Offiziers und im nächſten Augenblick ſtand er vor Agnes Herbert, die allein an einem Tiſche ſaß und ſchrieb. Sie fuhr mit freudigem Lächeln auf, als ſie ihn erblickte, reichte ihm ihre Hand und wünſchte ihm Glück zu ſeiner Befreiung. Doch nachdem einige Sätze geſprochen worden, wurde ſie ernſter und ſagte: „Ihr ſucht meinen Oheim; aber er iſt eben ausge⸗ gangen und hat mich zuruͤck gelaſſen, um ihm dieſes Papier abzuſchreiben.“ „Ich kam,“ ſagte Algernon Grey in ruhigem und feſtem, aber unwillkührlich ſehr traurigem Tone,„um ihm Lebewohl zu ſagen, da ich es für mehr als wahr⸗ ſcheinlich hielt, daß ich ihn wegen ſeiner vielfachen Be⸗ ſchäftigungen morgen nicht bei Hofe treffen würde.“ „Lebewohl zu ſagen!“ ſagte Agnes.„Ihr geht alſo bald fort?“ Und während ſie ſprach, wurde ihr Geſicht todten⸗ blaß. „Ich muß leider morgen abreiſen,“ entgegnete Alger⸗ — 159— non Grey,„ſobald ich von dem Kurfürſten und der Kurfürſtin Abſchied genommen. Die zu meinem Empfange beſtimmte Stunde iſt elf Uhr. Werdet Ihr zugegen ſein?“ „Ich denke nicht,“ antwortete Agnes mit bebender Stimme. „Dann, liebes Fräulein, will ich Euch jetzt Lebe⸗ wohl ſagen,“ ſprach Algernon Grey, indem er jedes Wort und jeden Ton beherrſchte.„Glaubt mir, ich bin Euch ſehr dankbar für alle die Güte, die Ihr mir erwie⸗ ſen, und werde mich der Tage, die ich hier zugebracht, obgleich mehrere derſelben Tage der Gefangenſchaft gewe⸗ ſen, unter den glücklichſten meines Lebens erinnern.“ Als er dort hingegangen war, hatte er beabſichtigt, ihr ſeine Lage zu erklären; und hätte Agnes nur ein Wort geſprochen, welche dahin führen können, ſo hätte er es ſogleich gethan. Aber ſie ſchwieg eine Zeit lang und er fühlte, wenn er ohne Weiteres mit dem Gegen⸗ ſtand beginnen wolle, ſo würde er dadurch nur zu deut⸗ lich die Gefühle ſeines Herzens für ſie andeuten. Als ſie antwortete, ſagte ſie nur: „Ihr ſeid großmüthig, von Dankbarkeit gegen mich zu reden. Ich habe nur allgemeine Höflichkeit gegen Euch gezeigt, während alle Verpflichtung auf meiner Seite iſt. Auch ich werde mich dieſe Stunden mit Vergnügen erinnern, da ſie mich in den Stand geſetzt — 160— haben, wenn gleich auf ärmliche Weiſe die Dankbarkeit für Eure edle und kühne Rettung von einem ſchrecklichen Tode an den Tag zu legen. Ich denke, mein Oheim wird morgen auch nicht gegenwärtig ſein; aber ich weiß, es wird ihn ſehr betrüben, Euch nicht zu ſehen, ehe Ihr abreiſt; und wenn Ihr ihm dieſe Freude gewähren wollt, ſo werdet Ihr ihn in dem Feſtungswerk, welches man den Trutzkaiſer nennt, finden, wo er einige Verbeſ⸗ ſerungen vornehmen läßt.“ Sie ſprach ganz ruhig, obgleich ihre Wange noch farblos blieb. Bei einem oder zwei Worten erbebte freilich ihre Stimme; doch weiter war keine Bewegung ſichtbar. Algernon Grey faßte ihre Hand, drückte ſeine Lip⸗ pen darauf und ſagte: „Lebt wohl, Agnes, lebt wohl!“ „Lebt wohl!“ antwortete ſie.„Mögt Ihr ſtets 71 glücklich ſein, wie Ihr es gewiß verdient!“ Er ſchüttelte traurig den Kopf, entfernte ſich und machte die Thüre zu. Sobald er fort war, ſank Agnes auf den Stuhl zurück, wo ſie vorher geſeſſen, bedeckte ihre Augen mit der Hand, und ſchien nach Athem zu ſchnappen. Im nächſten Augenblick aber erhob ſie ihren Kopf, ſtrich ihr glänzendes Haar aus der Stirn und rief: „Dies iſt Unſinn, dies iſt Thorheit! Die Leute haben mir mit ihren thörigten Warnungen ſolche einfäl⸗ tige Einbildungen in den Kopf geſetzt. Doch ſie ſind fort, und dies iſt vorüber.“ Dann zog ſie das Papier wieder zu ſich und ver⸗ ſuchte, weiter zu ſchreiben. Heidelberg. Zweiter Band. 11 Achtes Kapitel. Wieder waren die Höfe des Heidelberger Schloß ſes mit Pferden und Dienern angefüllt; wieder kam eit Gaſt nach dem andern an, jetzt nicht zur Heiterkeit und zu Luſtbarkeiten, ſondern zu dem ernſteren Zwecke, di Entſcheidung des Fürſten über eine Frage zu hören, 1 auf das ganze Schickſal ſeines Lebens einwirken ſollte. Unter den Uebrigen, die von ihren Dienern begleite hereinritten, waren auch die beiden jungen Englända mit welchen ſich dieſe Geſchichte faſt unabläſſig beſchäftin hat. Jetzt zeigte man kein Bedenken, ſie einzulaſſen, 1 von einigen Herren begleitet, die in der Eile vor ühn abgeſtiegen waren, gelangten ſie bald in die Halle, ue der Kurfürſt ſeinen Hof hielt. Keine Damen warg zugegen, aber auf der linken Seite war eine Thuüt offen, durch die man die lieblichen Töne weiblicher Stim men vernahm, und Algernon Grey bemerkte, daß Mehl b — 163— rere von den Gegenwärtigen, obgleich nicht Alle, nach⸗ dem ſie einen Augenblick mit dem Fürſten geſprochen, weiter gingen, und in das Zimmer traten, zu welchem jene Thüre führte. Unter dem größern Theil der Menge— denn die Halle war jetzt beinahe voll— ſchien eine Art freudi⸗ ger Begeiſterung zu herrſchen. Jedes Geſicht ſtrahlte von hohen Gedanken; jede Stimme ſprach in heiteren Tönen und die Nachricht ſchien nur Zufriedenheit umher zu verbreiten, die jetzt allgemein war. Wenn einer oder zwei von den Herren, die in der unmittelbaren Nähe des Fürſten ſtanden, ein ernſteres und geſetzteres Ausſe⸗ hen zeigten, ſo durfte man es wohl der Ceremonie des Hofes zuſchreiben, und Friedrichs eigenes Geſicht, obgleich ſich Nichts von gedankenloſer Fröhlichkeit darin zeigte, war wolkenlos und heiter, als ſei er vollkommen mit ſeinem Entſchluſſe zufrieden. Nachdem ſie einige Minuten gewartet, bis mehrere Andere vorübergegangen waren, näherten ſich auch Algernon Grey und ſein Vetter und begrüßten den Fürſten. „Ihr ſeit etwas ſpät gekommen, meine Herren,“ ſagte er;„aber dennoch bin ich ſehr froh, Euch hier zu ſehen; und ich hoffe, Ihr, mein Herr,“ fuhr er, auf Algernon deutend, fort,„werdet die Beweggründe begreifen, nach welchen ich gegen Euch gehandelt und 11* 4 — 164— vermöge Eurer edlen Natur jeden Schmerz verzeihen und vergeſſen, den ich Euch aufzuerlegen genöthigt geweſen bin“ „Vollkommen,“ verſetzte der junge Engländerz „und ich verſichere Eurer Hoheit, daß ich mit einem Herzen ohne Groll an Euren Hof komme, um Abſchied von Euch zu nehmen.“ „Ehe ich Euer Lebewohl empfange, mein Herr, verſetzte Friedrich,„will ich Euch freundlich bitten, in das Zimmer der Königin zu treten, wo Eure vin ſchöne Prinzeſſin Euch vielleicht Etwas zu ſagen hat.“ Und er deutete mit der Hand auf die erwähn Thüre zur Linken. Algernon Greh verbeugte ſich und ging weiter, 1 Lovet begleitet, der ihm zuflüſterte, ehe er das Empfang zimmer der Prinzeſſin erreichte. „Hörſt Du wohl! Es heißt jetzt Königin. Vergi nicht, ſie Majeſtät zu nennen.. 4 Im nächſten Augenblick hatten ſie die ganze Oe m Eliſabeths Salon vor ſich, und obgleich es ſchien, alt hätte man eine gewiſſe Vorbereitung getroffen, um einen größeren Eindruck hervorzubringen, ſo war doch gewiſ genug da, um ſelbſt kalte Herzen zur Begeiſterung auf zuregen. Dort ſaß die junge Prinzeſſin von England, noch in der erſten Friſche ihrer Jugend, ohne daß ein Reiz geſchwächt oder eine Anmuth verloren war. Ihr⸗ Augen ſtrahlten von dem Feuer des Unternehmungsgei — 165— 3 ſtes und Muthes— ihre Lippe lächelte mit warmen Hoffnungen— ihre ganze Geſtalt athmete Energie und 3 Muth. Selbſt die Hand, die, über einen kleinen Tiſch n ausgeſtreckt, eine Papierrolle umfaßte, konnte den feſten, d unbeſiegbaren und doch milden Geiſt in ihr zeigen. Um 4 ſie her und hinter ihr ſtand eine Anzahl von den Damen ihres Hofes— alle ſchön, alle ſtrahlend von demſelben begeiſterten Lichte, welches das Geſicht ihrer Fürſtin u beſtrahlte. Im Zimmer zerſtreut, Einige etwas näher und Einer vor dem Tiſche, an welchem die Kurfürſtin ſaß, befanden ſich, jung und alt, die erſten Männer der Pfalz: Einige mit weißem Haar und benarbten Geſich⸗ tern; Andere in der Blüthe des kräftigen Mannesalters 1 und wieder Andere, deren Bart kaum erſt zu keimen begann, wodurch der erſte Uebergang zum männlichen Alter bezeichnet wurde; und mit dieſen miſchten ſich Edle und Fürſten aus verſchiedenen andern Ländern, die bereit waren, Leben und Glück für das ſchöne Weſen, welches ſie vor ſich ſahen, auf's Spiel zu ſetzen. Die Unterredung wurde allgemein; heiteres Lächeln zeigte ſich auf jedem Geſichte, die Erwartung großer Ereigniſſe war in jeder Bruſt; und die koſtbaren carmoi⸗ ſinrothen Vorhänge des Zimmers; die farbigen Kleider, das Gold, die koſtbaren Stoffe, die Treſſen und Juwe⸗ len, die wie die Sonne funkelten, machten die Scene ſo glänzend und impoſant, wie die Kenntniß der Veran⸗ — 166— laſſung und die Erwartung der Reſultate dieſer Zuſam⸗ menkunft ſie zu einem Gegenſtande des lebhaften Inter⸗ eſſes für den gedankenvollen Geiſt und das gefühlvolle Herz machten. Algernon Grey blieb einige Minuten in der Nähe der Thüre ſtehen, überblickte die verſchiedenen Gruppen und ſtellte ſeine Betrachtungen an über Alles, was er ſah, während die Prinzeſſin an ihrem Tiſche mit einem Herrn in leiſem Tone ſprach. Es war ein ſchöner alter Mann mit lebhaftem Auge und von kräftiger Geſtalt, der von Zeit zu Zeit mit ernſtem Lächeln den Kopf neigte und auf das, was die Kurfürſtin ſagte, bejahend antwortete. Endlich ſah der junge Engländer, wie ihr Auge auf ihm und Lovet ruhte; und ſobald ihre Unterredung mit den Andern zu Ende war, wollte er einen Schritt vor⸗ treten, als Eliſabeth ihre Stimme erhob, um ſich blickte und laut und in eigenthümlichem, klarem und ſilberhellem Tone ſagte: „Fürſten und edle Herren, Ihr habt von meinem Herrn und Gemahl die Entſcheidung gehört, zu der er auf die Bitte der gedrückten Böhmiſchen Stände gekom⸗ men iſt, daß er die Krone jenes Landes übernehmen will, deren ſeine eigenen Handlungen Ferdinand von Grätz, den jetzigen Kaiſer, beraubt haben. Ich habe keine Stimme, um Euch die vielen mächtigen Gründe V V mitzutheilen, die ihn bewogen, ohne perſönlichen Ehrgeiz die Wünſche einer tapfern und unbeugſamen Nation zu gewähren, die zugleich einen Herrſcher und Vertheidiger in ihm ſucht. Auch halte ich dies nicht für nöthig. Ich will nur fragen, wer dieſe Aufgabe ausſchlagen würde? Wer vor dem Geſchrei der Unterdrückten ſein Ohr ver⸗ ſchließen würde? Wer nicht der Vertheidiger einer ta⸗ pfern Nation werden würde, die nur für ihre billigen Rechte kämpft? Indeſſen iſt es nicht zu läugnen, daß Gefahren und Schwiexrigkeiten im Wege ſtehen, daß ſtarke Mächte uns entgegen ſind, daß jede Anſtrengung des Unterdrückers, jedes Mittel, welches der Liſt und dem Despotismus zu Gebote ſteht, wird angewendet werden, um die Bemühungen zur Aufrechthaltung der Privilegien der Deutſchen Fürſten, zur Begründung der religiöſen und politiſchen Freiheit unter den Mitgliedern dieſer großen Verbindung zu vereiteln. Ich rede von dieſen Dingen als Weib, und ohne Zweifel hat mein Gemahl ſie Euch als Mann erklärt. Er hat um Euren Beiſtand gebeten, und wenn es nöthig ſein ſollte, um Eure Schwerter, ihn zu unterſtützen, und dadurch zu⸗ gleich die Freiheit des ganzen Deutſchen Reiches, die Für⸗ ſten ſowie das Volk, die Rechte jeder Klaſſe, die Glau⸗ bensfreiheit ſowie das Geburtsrecht unſerer Bürger auf⸗ recht zu erhalten. Ich fordere Euch auf als ein Weib; ich kann keine ſo ſtarken Beweggründe anwenden; ich . 1 frage Euch nur, wer will mit Rath und mit den Waf⸗ fen Eliſabeth Stuart unterſtützen? Ich vertraue Eurer Ritterlichkeit, Eurer Galanterie und Eurer Anhänglichkeit. Ich will meinen Thron auf ſolche Schwerter bauen, die mich hier umgeben; und wenn die Hände, velche dieſe Schwerter tragen, willig ſind, wie ich glaube, ſo iſt das Banner noch nicht auf Erden erhoben worden, welches gegen ſie ſiegen kann.“ Sie ſprach lebhaft, warm, aber ohne Anſtrengung. Es ſchien, als ob die Worte aus dem Herzen kamen, und ohne beſonders Nachdenken ausgeſprochen wurden. Ihre Wange glühte; ihre Lippe bebte vor Aufregung; ihr Auge flammte; und als es endlich von Thränen getrübt wurde, als die letzten Töne im Ohr verhallten, da ſtieß die Menge ein begeiſtertes Gemurmel aus; und faſt Jeder trat einen Schritt vor, um ſeine Anhänglich⸗ keit an ihre Sache auszuſprechen. Doch Allen zuvor kam ein ſtarker und tapfer aus⸗ ſehender Mann von ſieben⸗ oder achtundzwanzig Jahren, deſſen Haar und Bart ungeachtet ſeiner Jugend hie und da eine graue Linie zeigte. „Wer iſt das?“ fragte Algernon einen Herrn in ſeiner Nähe, als der Andere gerade auf den Tiſch zuging. „Das iſt Chriſtian von Anhalt, Chriſtian der Jün⸗; * ——‚ꝑ — — 169— 1 gere; ſein Vater ſteht dort hinten— was mag er thun wollen?“ „Ich bitte Ihre Majeſtät um einen Handſchuh,“ ſagte Chriſtian von Anhalt, ſich tief verbeugend. Mit einen Blicke der Ueberraſchung zog Eliſabeth den Handſchuh von ihrer Hand und gab ihm denſelben. Vorſichtig aber raſch befeſtigte er denſelben unter der mit Juwelen verzierten Agraffe, welche die Feder an ſeinem Hute hielt, deutete mit ſtolzem Lächeln darauf und rief: „Am Hofe, im Lager und auf dem Schlachtfelde will ich dieſes Zeichen des Ihrer Majeſtät geweihten Dienſtes tragen, bis der Tod mein Haupt unter den Raſen legt— ſo wahr mir Gott helfe!“ Craven, der in der Rähe ſtand, berührte nur den Griff ſeines Degens mit ſeinem Finger und ſagte: „Ihre Majeſtät, dies iſt Euer, ſowie mein ganzes Herz.“ „Und unſere Schwerter auch,“ rief eine Anzahl Stimmen in jedem Tone der Begeiſterung. Eliſabethe ſtreckte ihre Hand aus, als ſei ſie von dem Ausdruck kräftiger Liebe, den Ihre Worte hervor⸗ gerufen, überwältigt worden; drückte dann ihre Finger auf ihre Augen und ſchwieg. 1 Im nächſten Augenblick erhob ſie den Kopf und zeigte die Spuren von Thränen. 8 „Dank, Dank!“ rief ſie.„Jetzt bin ich verſichert; doch will ich keinen edlen Cavalier entbehren, der ein tapferes Herz hat, um im Dienſte einer Dame zu fech⸗ ten; denn ſie können im Nothfall Schwerter ſchwingen und wir werden an marſchirende Armeen und rauhe Erſchütterungen des Krieges denken müſſen, wo die Männer an ihrem Platze ſind. Vor dieſem und vor dem, was noch ſchlimmer iſt, will ich nicht zurückbe⸗ ben, ſondern an der Seite meines Gemahls Wohl und Weh ertragen bis zuletzt. Damen werde ich aber ſo wenig als möglich mit nehmen; denn ich habe kein Recht, ſie von ihren ſanfteren Pflichten zu entfernen, um jenen Beruf zu theilen, den das Schickſal mir angewieſen hat. Die Gräfin von Löwenſtein hat die Erlaubniß ihres Gatten, ihm in den Krieg zu folgen, da uns vielleicht Krieg bevorſteht, und meine liebe Freundin Amalie von Solms folgt mir aus Liebe. Obgleich meine Begleitung ſo klein ſein wird, ſo wird es mir doch, von ſo vielen fürſtlichen Edlen umgeben, an keiner freundle chen Behandlung fehlen; und wie auf Freunde und Brüder, will ich auf ſie mein Vertrauen und mein höchſte Hoffnung ſetzen. Am nächſten Sonnabend wird unſere Abreiſe Statt finden. Ich bitte Alle, die bis dahin ihre Vorbereitungen beenden können, dann bereit zu ſein und alle Andern, uns zu folgen. Mich dünkt, ich kam aller Landsleute meines Gatten gewiß ſein. Ich ſeht * ſen, auf die Ihr wollt; und ich ſtehe dafür, daß wir mehrere von meinen eigenen gegenwärtig. Einer hat mir ſogleich ſeinen Beiſtand verſprochen. Was ſagen die Andern?— Wollt Ihr nicht gehen, Mylord?“ Und ſie richtete ihre Augen auf Algernon Grey.„Wollt Ihr nicht Eliſabeth Stuart mit Eurem noch jungen, aber oft geprüften Schwerdt unterſtützen? Wollt Ihr nicht dorthin folgen, wo große Thaten geſchehen ſollen?“ „Ich ſage, gleich meinem Freunde Craven, dieſes Schwert gehört Ihrer Majeſtät und mit ihm mein gan⸗ zes Herz,“ antwortete Algernon Grey, den Griff ſeines Degens leicht berührend.„Ich gehe natürlich mit Euch; denn es ſoll nie von mir geſagt werden, daß die Ehre mich gerufen, und ich mich geweigert, zu folgen.“ „Und Ihr, Herr,“ fuhr Eliſabeth zu Lovet gewen⸗ det fort.„Wir kennen Euren Ruf; Ihr ſeid ein tapfe⸗ rer und erfahrener Ritter, obgleich phantaſtiſch, wie wir gehört. Was ſagt Eure Phantaſie von unſerer Expe⸗ dition?“ „Nun, Ihrer Majeſtät zu Befehl,“ antwortete Lovet lächelnd,„meine Phantaſie iſt gleich einem jungen und ſchwachen Kinde in dem Gängelbande meines edlen Vetters. Wir haben eine Verabredung getroffen, ver⸗ möge deren wir uns eben ſo wenig trennen können wie zwei Koppelhunde. Von jetzt an iſt das Leitſeil in Euren Händen. Ihr könnt uns auf jede Beute loslaſ⸗ eben ſo weit, oder noch weiter vordringen werden, als die Uebrigen. Ich hätte freilich Einiges anders gewünſcht, wodurch der Zuſtand Böhmens und die Ausſichten Ihrer Majeſtät ſehr würden verbeſſert worden ſein.“ „Nun,“ rief Eliſabeth,„was mag das ſein?“ „Fürs Erſte und vorzüglich— denn die andern Punkte ſind nicht des Namens werth,“ antwortete Lovet, „müßten mehr Frauen am Hofe Ihrer Majeſtät ſein. Verlaßt Euch darauf, glänzende Augen ſind mächtige Antriebe zu großen Thaten— eine Art ſanfter Schleifſteine für ſcharfe Schwerter; und überdies bedenkt Ihr nicht, die Einigkeit, welche eine Anzahl von Damen jedem Rathſchlage bewährt.“ „Ich glaube, Ihr ſcherzt,“ antwortete die Prinzeſ⸗ ſin.„Auf jeden Fall haben verläumderiſche Männer geſagt, daß Damen mehr Uneinigkeit als Einigkeit bringen.“ „Uneinigkeit unter ſich,“ ſagte Lovet;„aber wenn ihrer genug ſind, Einigkeit unter Männern. Es hängt Alles von der Anzahl ab. Wenn Ihr nur zwei Damen an Eurem ganzen Hofe habt und fünf bis ſechs Hundert Cavaliere, die alle zugleich im ſie verliebr ſind, wie unſere Pflicht es fordert, ſo wird der Wind unſerer Seufzer Eure Fahnen auf ſelkſame Weiſe hin⸗ und her⸗ treiben, auch wenn wir unſere Schwerter nicht dazu anwenden, einander die Kohlen abzuſchneiden, damit 5 zunſere Anzahl der Anzahl Schönen gleich werde. Ich bitte Ihre Majeſtät, uns etwas reichlicher mit Gegen⸗ ſtänden der Verehrung zu verſehen. Ich bekenne offen, daß ich ein Götzendiener bin und meinen Antheil an den Goͤttern und Göttinnen haben muß.“ „Gut, gut,“ verſetzte Eliſabeth.„Das iſt ein Fehler, der ſich verbeſſern läßt. Fordert Ihr noch ſonſt Etwas, Sir William?“ „Nichts, Ihre Majeſtät,“ antwortete der Engländer, „nur glaube ich, Ihr werdet ſo viele tapfere Herzen haben, die alle zu Eurer Vertheidigung bewaffnet ſind, daß die Aufgabe zu leicht iſt und jedes Mannes Antheil an der Ehre faſt zu gering wird.“ „Der Ruhm hat die Eigenſchaft, daß er ſich über Alle erſtreckt, die wahrhaft nach ihm ſtreben,“ entgeg⸗ nete die Engliſche Prinzeſſin.„Das Herz und der Wille ſind es, die große Thaten thun und welche wahrhaft Ehre verdienen. Es wäre kläglich, wenn Alles der Ge⸗ legenheit zufiele. Die Welt mag den glücklichen Mann preiſen; ſelbſt Fürſten mögen ſich erheben und Höfe Beifall klatſchen; aber wahre Ehre iſt der Diamant, der obgleich nur bewundert, wenn er geſchliffen, von eben ſo hohem Werthe iſt im dunklen Bergwerk, wie an der Krone eines Kaiſers. Glücklich oder unglücklich, mit oder ohne Gelegenheit, wird der Mann, der ſich mit tapferem Herzen in unſerer gerechten Sache bewaffnet, — 174— ſtets Ruhm zu ſeinem Antheile haben; und künftige Zei⸗ ten, wenn ſein Name geſchrieben wird, ſei es nun in der Erzählung oder in der Geſchichte, oder in dem ein⸗ fachen Berichte des Familienbuchs, ſollen als ein Zeichen der ſtets lebenden Ehre hinzufügen: er war Einer von denen, der ſein Schwert für Friedrich von Böhmen und Eliſabeth ſeine Königin zog; er war Einer von denen, die für die Befreiung einer Nation von der Unterdrückung gefochten; er war Einer von denen, welche das Recht begründen und das menſchliche Herz und Gewiſſen befreien halfen.“ Eliſabeth ſchwieg, indem ſich die Zeichen mächtiger und begeiſterter Regungen auf ihrem Geſichte zu erkennen gaben, und ein Gemurmel des Beifalls durchlief die Verſammlung der Edlen, während der Eine ſich zum Andern wendete; und wenn gleich Jeder eine verſchiedene Art des Ausdrucks anwendete, ſo kann doch wenig oder gar kein Zweifel obwalten, daß ſich nur eine einzige Geſinnung ausſprach:„Wer wollte nicht für ein ſol⸗ ches Weſen wie dieſes kämpfen?“ Nach einem kurzen Schweigen fuhr die Kurfürſtin fort: 1 „Tauſend Dank, edle Herren. Wäre ein Zweifel oder eine ſchlimme Ahnung in meinem Herzen geweſen, ſo würden Eure Worte ſie entfernt haben; und nun will ich Euch bitten, ehe Ihr Euch von hier entfernt, redet noch ein Mal mit meinem edlen Gatten und gebt ihm oder vielmehr ſeinem General Eure Namen und die Anzahl der Leute an, die Ihr mitbringen werdet: nicht damit wir unſere Stärke berechnen, denn in dieſer Hin⸗ ſicht hegen wir keine Furcht, ſondern damit wir auf dem Marſche für Quartier und Unterhalt unſerer Truppen ſorgen können. Lebt wohl! Noch ein Mal meinen Dank, meinen innigen, herzlichen Dank!“ Bei dieſen Worten ſtand ſie auf, ging durch die Thüre, die ſich hinter ihr befand, und ihre Damen folgten ihr. Langſam und ſich mit einander unterredend, kehrten die dort verſammelten Herren in die Halle zurück, wo ſie den Kurfürſten und ſeinen Hof verlaſſen hatten, und indem ſie Alle an ihm vorüber gingen, ſprach Jeder einen Augenblick mit ihm. Als Algernon Grey ſich endlich näherte, redete ihn der Kurfürſt lächelnd an, da er ſich völlig überzeugt hielt, daß er ſeinen Vorſatz ver⸗ ändert habe. „Nun, Herr,“ ſagte er,„ſeid Ihr noch entſchloſ⸗ ſen, uns Lebewohl zu ſagen?“ 3 „Ja, auf eine kurze Zeit, Hoheit,“ verſetzte Alger⸗ non Grey.„Ich höre, Ihr werdet erſt bis zum näch⸗ ſten Sonnabend abmarſchiren.“ „Erſt am Sonnabend in der nächſten Woche,“ ſagte der Kurfürſt;„aber dann hoffe ich, werdet Ihr mir Geſellſchaft leiſten; denn meine ſchöne Gattin, die ſehr — 176— auf ihre Beredtſamkeit rechnet, hielt ſich völlig überzeugt, Euch für unſere Sache zu gewinnen.“ „Ich will mit Eurer Majeſtät gehen,“ verſetzte Algernon Grey,„und nur auf eine kurze Zeit Abſchied nehmen, um Vorbereitungen zu treffen, Euch noch wirk⸗ ſamer zu dienen. Ich habe jetzt nur wenige Diener bei mir; doch denke ich, werde ich bald im Stande ſein, Eure Armee durch einen kleinen Trupp nicht unerfahre⸗ ner Kriegern zu vermehren. Einige haben mit mir in dieſer Venetianiſchen Sache gedient; und obgleich ſie nach England zurückgekehrt ſind, da keine Beſchäftigung mehr für ihre Schwerter war, ſo werden ſie ſich doch gern in einer ſolchen Sache, wie dieſe, mir anſchließen.“ „Doch wenn Ihr in Euer Vaterland zurückkehren wollt, ſo werdet Ihr nimmermehr zur rechten Zeit kom⸗ men können,“ ſagte der Kurfürſt.„Bedenkt, daß wir nur zehn Tage Zeit haben.“ „England wird mich noch in manchen Jahren nicht wiederſehen, Hoheit,“ antwortete Algernon Grey;„doch kann ich anderswo beſſer meine Anordnungen treffen, als hier. Ich werde bereit ſein, Eure Majeſtät an dem genannten Tage zu begleiten. Meine Leute können in Prag zu mir kommen; und wenn Ihr mich bis zu dem genannten Tage nicht wieder ſeht, ſo bitte ich Euch, nicht zu zweifeln, daß ich kommen werde.“ „Ich werde nicht zweifeln,“ ſagte der Kurfürſt lebhaft;„ich werde nicht zweifeln. Wenn ein ſolcher Mann ſein Wort gegeben hat, ſo iſt es beſſer, als das ſchriftliche Verſprechen anderer Leute. Wie viele Krieger denkt Ihr mitzubringen? Wir werden für ihr Quar⸗ tier und ihren Unterhalt ſorgen.“ „Nicht ſo, Majeſtät,“ verſetzte Algernon Grey. „Ich zahle für meine Begleiter, wo ich auch ſein mag. Für Quartier werdet Ihr freilich ſorgen müſſen, denn die Landleute und auch die bürgerlichen Städte ſind ſehr abgeneigt, wie es ſcheint, Fremde in ihre Häuſer aufzu⸗ nehmen, beſonders wenn es Soldaten ſind; und in die⸗ ſer Hinſicht werden ſich die Offiziere Eurer Majeſtät vielleicht für mich bemühen müſſen; ſonſt würde es mir vielleicht ſchwer werden, ſogleich Quartier zu erhalten. Die Anzahl wird vierzig bis funfzig betragen. Für ihre Waffen, ihre Kleider und ihren Unterhalt ſorge ich und das Uebrige werden Eure Majeſtät ihnen verſchaffen.“ „Ihr überlaßt uns wenig mehr, als unſern Dank auszuſprechen,“ antwortete Friedrich.„Indeſſen ſei es wie Ihr wollt, mein edler Freund; ich bin weer ſo arm noch auch ſo reich, um ein ſo großmüthiges Aner⸗ bieten übel zu nehmen. Lebt wohl für jetzt, und wenn Ihr in irgend einem Falle des Beiſtandes bedürfen ſoll⸗ tet, ſo werden zwei Worte an unſern Kanzler genug ſein, Euch denſelben zu gewähren.“ — Heidelberg. Geſter Band. 12 Neuntes Kapitel⸗ Die nächſten zehn Tage in der Geſchichte der Welt gleichen jenen Minuten der Nacht, wo die Stunde ſchlägt, gerade wenn die Augen im Schlaf geſchloſſen ſind und ein Zeitraum unbeachtet vergeht, außer von doh nen, welche träumen. Es gibt viele ſolche Pauſen in alten Jahrbüchern der Geſchichte, wo kein Ereigniß die vorübergehende Zeit auf den Blättern der Erinnerung bezeichnet; und doch wie voll Intereſſe für Viele ſind dieſe Uebergänge in demn Verlaufe der Zeit. Wie viele heitere, wie viele traurige Scenen, wie viele, die der Komödie, wie viele, die der Tragödie angehören, ſind in jenen nicht beſchriebenen Tagen geſpielt worden? Wie viele Ereigniſſe haben in den engen häuslichen Kreiſen Statt gefunden, die, gleid den Kreiſen, die ein Stein verurſacht, den man in einen klaren See wirft, ihre Einflüſſe weiter verbreitet und 1 d — 179— faſt unmerklich die ſchwimmenden Trümmer großer Dinge an das Ufer des Schickſals getragen? Ich habe geſagt, daß dieſe zehn Tage unbeachtet vorübergegangen, außer von denen, welche träumten; aber Einer von dieſen war Algernon Grey, der in der kleinen Stadt Mannheim die Zwiſchenzeit zwiſchen ſeinem Abſchied von dem Könige von Böhmen und ſeiner Rück⸗ kehr nach Heidelberg zubrachte und ſich, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, mehr mit tiefen Gedanken als wichtigen Anordnungen beſchäftigte. Seine Briefe waren bald ge⸗ ſchrieben, ſein Courier bald abgefertigt und alle jene Maßregeln getroffen, welche nothwendig waren, um ein anſtändiges Gefolge zuſammenzubringen, welches ihn bei ſeiner Expedition begleiten ſollte, und ſich das nöthige Geld zu ſichern, um ſeine waͤhrſcheinlichen Ausgaben reichlich zu decken. Seine übrige Zeit wendete er zum Nachdenken an, denn er hatte Lovet zu Heidelberg zu⸗ rückgelaſſen, indem ſie übereingekommen waren, daß die kurze Entfernung, die ſie trennte, nicht als ein Bruch der Verbindlichkeit angeſehen werden könne, auf die ſie ſich eingelaſſen. Enge Zimmer in engen Gaſthäuſern ſind nie ein beſonders geſunder oder ein beſonders angenehmer Aufent⸗ halt. Mehr konnte die kleine Feſtung, welche Mannheim in jenen Tagen war, nicht gewähren, und bot keinen großen Reiz zu Hauſe zu bleiben. Daher brachte Alger⸗ 12* — 189— non den größten Theil ſeiner Zeit damit zu, an dem ſchimmernden Waſſer des Rheins zu wandern, und wäh⸗ rend der Strom raſch voruͤbereilte, Bilder des Lebens und des menſchlichen Schickſals aus den glänzenden Wir⸗ beln zu entnehmen, die vor ſeinen Augen tanzten und dahinflohen. Vermöge dieſer Bilder führte ihn der Zug ſeiner Gedanken zu dem Orte, den er jüngſt verlaſſen, und eine ſchöne, traumartige Geſtalt erhob ſich gleich ei⸗ nem entzückenden Traumbilde vor ſeinen Augen. Alles, was unmittelbar vor jener Stunde geſchehen war, alle die Freuden und Sorgen, die er gekannt, wären wie Phantasmen verſchwunden, hätte nicht die dauernde und unſterbliche Leidenſchaft dem Ganzen den Stempel der Wirklichkeit aufgedrückt und ihm geſagt, die Bitterkeit ſei wahr und nur der Traum des Glücks ſei falſch. Wenige Scenen hätte er wählen können, welche un⸗ paſſender geweſen wären, um ſolche düſtere Gedanken zu verſcheuchen und ihn aus jenen Träumen des Herzens zu erwecken, welchen er ſich ſchon zu lange hingegeben zu haben glaubte. Die fröhliche Menge, die ihn lebhaft und heiter umgab, die ſtets ſich verändernden Scenen des geſchäftigen Lebens hätten wohl jede Stunde aus⸗ füllen und die eitle Sehnſucht verbannen können. Die großartigeren Naturſcenen das hohe Gebirge, das tiej Thal, der düſtere Landſee, das Ungewitter und der Sturm, der Wald mit ſeinen feierlichen Gängen un — 181— ſeinen unzähligen Bäumen hätte ihm wohl andere Bil⸗ der liefern und ihn von dem Gegenſtande entwöhnen können, der jetzt ſeinen ganzen Geiſt beſchäftigte. Aber ‚jener ruhige, großartige Fluß, der in ſeiner ſinnenden „ Majeſtät dahinfloß, Sonnenſchein und Helle auf ſeinen friedlichen Waſſern, wo Nichts auf einen Augenblick die Einförmigkeit der Einſamkeit unterbrach, ſchien Gedan⸗ ken des Friedens, der Freude und Liebe zu erregen und 1 verbreitete gleich einem Zauber über den jungen Wande⸗ rer die mächtige, leidenſchaftliche Ruhe, in welcher er ſelber dahinfließt. Agnes Herbert, die er liebte, ſo daß der ſie nimmer vergeſſen konnte, war ſeinem Herzen und r Geiſte ſtets gegenwärtig. Er dachte an ſie in ihrer glän⸗ zenden Schönheit, wie er ſie zuerſt bei Luſtbarkeiten und Freuden geſehen: Er dachte an ſie in Qual und Hülflo⸗ ſigkeit, als er ſie auf den wirbelnden Waſſern des Neckar n hatte forttreiben ſehen: Er dachte an ſie in ruhiger Hei⸗ terkeit und hochgeſtimmter Betrachtung, wie ſie mit ein⸗ n ander über die mondhellen Terraſſen, durch Gärten, Luſtwälder und Blumen gewandelt. Und er liebte ſie, „o, wie liebte er ſie! Wie ſehnte ſich ſein Herz, welches Verlangen erfüllte ſeine Bruſt, zurückzukehren und ſie in e ſeine Arme zu drücken; aber jene düſtere und unwider⸗ 1 rufliche Schranke ſtand ihm im Wege und ſpottete des 1 lebhaften Verlangens der Liebe. d Die alltäglichen Dinge des Lebens erſchienen ihm als Nichts; die gewöhnlichen Ereigniſſe des Tages, die Stunde der Mahlzeiten und des Schlafengehens unter⸗ brachen kaum dieſen langen und einzigen Traum. Stets war Agnes gegenwärtig, und wenn ſeine Augen aus Er⸗ müdung ſich für die wachen Dinge ſchloſſen, ſo kam ſie auf den Fluͤgeln der Nacht und beſuchte ſeinen Geiſt in ſeinem Schlummer. Er fühlte— er konnte nicht um⸗ hin zu fuͤhlen, daß für ſeinen Frieden wenigſtens ihre Gegenwart weniger gefährlich war, als ihre Abweſen⸗ heit. So verging ein Tag nach dem anderen, bis der letzte ſeines Aufenthalts in Mannheim kam, und dann zeigten ſich ihm zu ſeinem Erſtaunen acht bis zehn von ſeinen alten Begleitern an dem Landungsplatz, die ſich in einem Boot den Rhein hatten hinaufziehen laſſen, die er in einigen Wochen erſt erwartet hatte. Sein Bote war raſch und vorſichtig geweſen, und Alle, die er in London gefunden hatte, waren veranlaßt worden, ſchnell nach Deutſchland zu gehen. Die Thätigkeit der Vorbereitung, welche jetzt folgte, gewährte dem Geiſte des jungen Lord einige Erleichte⸗ rung; und an demſelben Abend machte er ſich auf den Rückweg nach Heidelberg, wo er etwa zwei Stunden nach Anbruch der Dunkelheit ankam und ſeinen Weg gerade zu dem Gaſthofe nahm, wo er früher logirt, und wo er ſeinen Vetter zurückgelaſſen hatte. — 183— Die Stadt, durch die er eilte, zeigte eine heitere und belebte Scene; denn die Einförmigkeit, welche frü⸗ her darin geherrſcht hatte, während die Straßen Nichts weiter als ihre gewöhnliche Bevölkerung von Bürgern und Studenten gezeigt hatte, war jetzt verſchwunden, denn zahlreiche Abtheilungen von Soldaten, deren Waf⸗ fen hie und da funkelten, wenn ſie an den offenen Fen⸗ ſtern vorüberkamen, aus welchen die Strahlen von Ker⸗ zen oder Lampen hervorſtrömten, zogen durch die Stadt. Alle die Erfindungen, welche unſern gegenwärtigen Stra⸗ ßen ein faſt ebenſo kräftiges Licht als das des Tages verleihen, waren damals unbekannt. Kein Gas zeigte die Fronte der Häuſer in langer Perſpektive, keine Lampe an jedem Winkel der Straße zeigte dem Wanderer ſei⸗ nen Wegz ſelbſt nicht einmal eine Laterne, an widerwär⸗ tigen Ketten hängend, gewährte dem Reiter oder dem Fuhrmann ein trübes Licht, wenn er langſam durch die Mitte der hohen und engen Straßen weiter zog. Den⸗ noch aber fiel hie und da ein matter Schein durch die trüben, kleinen, grünlichen Scheiben der Fenſter ohne Vorhänge auf den farbigen, mit Treſſen beſetzten Mantel, oder auf den glänzenden Bruſtharniſch, der ſich auf einen Augenblick in der Mitte einer Reiterabtheilung zeigte, im nächſten Augenblick wieder verloren ging und das Licht ſeinem Nachfolger in der Reihe hinterließ. Vor der Thüre des goldenen Hirſches war eine große — 184— Anzahl von Perſonen verſchiedener Klaſſen verſammel, und Einige ſchienen damit beſchäftigt, mit dem Wirthe oder ſeinen Dienern wegen ihres Unterkommens für die Nacht zu zanken. Zu jener Zeit hatte man noch nicht den vergeblichen und lächerlichen Verſuch gemacht, den gewöhnlichen Verkehr eines Menſchen mit dem andern durch das beſtändige Einſchreiten der Polizei zu ordnen, wodurch zu jeder Zeit die Verwirrung vergrößert wird, obgleich man behauptet, daß die Polizei dazu da ſei ſie zu vermindern. Damals mußten ſich die Intereſſen je⸗ des Einzelnen mit denen anderer Leute auf natürliche Weiſe ausgleichen, wobei ſtets raſch Gerechtigkeit zu er⸗ langen war, wenn Ungerechtigkeit oder Unrecht begangen wurde; doch bemühte man ſich nicht, die Menſchen zu zwingen, gerade aus zu gehen, wenn ſie die krumme Linie liebten, vorausgeſetzt, daß die krumme Linie kein Eingriff in die Bequemlichkeit oder die Rechte anderer Leute war. Es konnten und mogten wohl einige Strei⸗ tigkeiten vorkommen, wie es an der Thüre des goldenen Hirſches der Fall war; doch ſie nahmen bald ein Ende; denn da die Leute wußten, daß der Gaſtwirth eben ſo ſehr der Herr ſeines eigenen Gaſthauſes ſei, wie der Baron der Herr ſeines eigenen Schloſſes, ſo begnügten ſie ſich mit Murren, wenn man ihnen ſagte, es ſei kein Raum für ſie, und ſuchten mit um ſo mehr Haſt eine andere Wohnung, weil das Unterkommen ſchwer hielt. Sobald der würdige Gaſtwirth aber Algernon Grey erblickte, verbeugte er ſo wie ſeine Diener ſich bis auf den Boden. Der junge Casvalier hielt ſich verſichert, daß ſeine alte Wohnung ſeinem Befehl gemäß für ihn in Bereitſchaft gehalten werde; und obgleich der Wirth ſeine größere Begleitung mit einiger Furcht anſah, ſo trug er doch Sorge, vor der Menge Nichts zu ſagen, damit kein abgewieſener Herr Urſache habe zu vermuthen, daß eine ſo große Geſellſchaft ohne vorherige Anzeige ihrer Anzahl aufgenommen werde. Als man die Pferde den Hausknechten und Stall⸗ jungen unter der Oberaufſicht der Diener des jungen Engländers überliefert hatte und Algernon Grey und ſein Wirth zu den obern Zimmern hinaufſtieg, ſprach ſich der Letztere über die Schwierigkeiten aus, wo er die Begleitung unterbringen, wie er ſie bewirthen, wo er für ſo Viele Platz finden, und Betten, wenn auch nicht von der beſten Art, auftreiben ſollte— dies waren Fragen die den würdigen Wirth in große Verlegenheit ſetzten, da er ſein Haus faſt ganz voll hatte. Dennoch wurde endlich Alles zur Zufriedenheit angeordnet. Im Vorzimmer wurden Matratzen und Rollbetten am Boden ausgebreitet; in dem Zimmer neben Algernon's eigenem Schlafzimmer fanden fünf von ſeinen Begleitern Platz und noch zwei andere in dem früher für ſeine Diener beſtimmten Zimmer. ——ÿ—᷑—ÿ—ꝛ—;&YB˖— — 186— Als dies angeordnet war, ſtieg er in das große Gaſtzimmer hinunter, wo, wie man ihm ſagte, Lovet mit ſeinem Abendeſſen beſchäftigt ſei. Er fand ihn von einem halben Duzend Deutſcher Herren umgeben, mit welchen er Bekanntſchaft gemacht und mit welchen er ſehr gutes Franzöſiſch ſprach, wovon ſie nur einen Theil verſtanden, oder auch ſehr ſchlechtes Deutſch, wovon ſie noch nicht einmal ſo viel verſtanden. Sie begriffen in⸗ deß ſo Viel, daß er über Alles und Jedes ſpottete und über ſich ſelbſt ebenfalls— ſie ſtrichen ihre Bärte, dreh⸗ ten ihre Schnurrbärte und ſchienen viel ernſte Ergötzlich⸗ keit an ſeiner Heiterkeit zu finden, die, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, auch verſchiedene Pfeile auf ſie richtete, deren Spitze ſie aber durchaus nicht fühlten. „Ah, Algernon,“ rief Lovet aufſpringend und ſein Meſſer niederlegend;„ich glaubte Du wäreſt eben ſo un⸗ treu wie Chloe und mit irgend einem Schwane des Rheins fortgezogen. Willkommen in Heidelberg! Aber haſt Du die Neuigkeit gehört?“ „Nein,“ antwortete Algernon Grey;„iſt eine Ver⸗ änderung vorgegangen?“ „Nein,“ antwortete Lovet,„keine, daß ich wüßte, Der Kurfürſt und ſein Trupp, der, uns mit einbegrif⸗ fen, etwa ſechs Hundert Reiter zählt, marſchiren morgen eine Viertelſtunde nach Tagesanbruch ab. Die Kurfür⸗ ſtin folgt etwas ſpäter mit einer Abtheilung auserwähl⸗ — 187— ter Cavaliere, um ſie zu begleiten und zu beſchützen. Die ganze Welt iſt ſo voll Begeiſterung, daß wenn Einer ſagte: Kommt mit mir, die Türkei zu erobern, kommt und laßt uns Ungarn oder Rußland plündern! ſo wür⸗ den ſie, ohne zu fragen, Alle mitgehen, mögte nun der Weg ſie nach Süden oder Norden führen. Wahrlich ich bin ſo begeiſtert, wie die Andern; und wie unter ei⸗ ner Schaafheerde in einer dunklen Nacht bin ich bereit neben meinen fetten Begleitern herzugehen, auf welchen Weg uns der Leithammel führen mag.“ „Und welcher Weg mag das ſein?“ fragte Alger⸗ non Grey. „Der Himmel mag es wiſſen,“ rief Lovet, ſich wie⸗ der an den Tiſch ſetzend;„ich habe nicht darnach gefragt. Alles, was ich weiß, iſt, daß wir gerade auf einen Ort zugehen, der einen unbegreiflichen Namen hat und unge⸗ fähr wie Waldſachſen klingt, welches eine Stadt in der obern Pfalz iſt. Ich habe alle Deine überflüſſigen Pferde vorausgeſchickt, ſo wie ſie ankamen, nebſt zweien oder dreien, die ich für mich ſelber gekauft, indem ich den Pferdejungen ſagte, ſie ſollten ihren Weg ſuchen ſo gut ſie könnten, ſo daß ſie jetzt bereits im Herzen von Oeſt⸗ reich ſein werden.“ „Unſinn, Unſinn, Lovet,“ rief ſein Vetter.„Wohin ſind die Leute gegangen? Wenn wir einen raſchen Marſch machen ſollen, wie ohne Zweifel der Fall ſein wird, ſo * — 188— müſſen wir doch im Stande ſein, unſere Pferde zu wech⸗ ſeln, und ein Verſehen wäre kein Scherz.“ E „Gewiß nicht,“ antwortete Lovet;„und da ich kaum Zeit habe, mein Abendeſſen zu beenden, ehe mich der Frauendienſt abruft, ſo ſetze Dich nieder und theile mein Mahl, und ich will Dir Alles erzählen, ſehr edler Vet⸗ ter.— Hier, Kellner, bringe Teller und Meſſer; mehr Wein, mehr Speiſen, kurz mehr von Allem!— Nun, lieber Vetter, ich ſchickte die Leute halbwegs zu einem Orte Namens Altdorf, wo ich ihnen befahl, auf unſere Ankunft zu warten, und es ihre angelegentlichſte Sorge ſein zu laſſen, ſich toll und voll zu trinken, wenn es in den drei Tagen nach ihrer Ankunft irgend möglich ſei. Du wirſt die Klugheit in dieſem Rathſchlage nicht ver⸗ kennen, weiſer Algernon; denn da ein Diener ſich zu⸗ weilen betrinken und dies ſtets in der Abweſenheit ſeines Herrn geſchehen muß, ſo iſt es viel beſſer, wenn er es auf Befehl, als aus Ungehorſamkeit thut; und indem ich Dienſtag, Mittwoch und Donnerſtag zu dieſer Ope⸗ ration beſtimmte, ließ ich ihnen den Freitag zum Katzen⸗ jammer und den Sonnabend zur Erfriſchung; ſo daß zu der Zeit, wo wir ankommen, ſie ſo munter ſein wer⸗ den, wie Lerchen, und die Pferde gleichfalls, wenn ſie ſich auch betrunken haben ſollten.— Dieſe Rebhühner in Sauerkraut gedämpft, ſind die einzige gute Speiſt die ich in Deutſchland gefunden— mit einer einzigen — 189— Ausnahme, Vetter Algernon, mit einer einzigen Aus⸗ nahme. Ich bitte Dich, verſuche einen Flügel davon; denn ich mögte gern ſoviel als möglich mit Dir thei⸗ len; doch von dem andern Guten, was das Glück mir ſendet, kann ich nicht einmal einen Seufzer entbeh⸗ ren, viel weniger noch einen freudigen Gedanken.— Von welchem Wein willſt Du? Hier iſt Burgunder, den ich ausdrücklich aus dem Innern Frankreichs holen ließ; und hier iſt der Rebenſaft vom Rheingau, nebſt einigen Tropfen aus dem Keller des Biſchofs von Bamberg, deſſen er beraubt wurde, als die zänkiſchen Männer die⸗ ſes Landes zuletzt fochten, ohne zu wiſſen um was.“ Algernon Grehy ſetzte ſich nieder, und nachdem er eine oder zwei Minuten nachgedacht, nahm er Theil an der Mahlzeit ſeines Gefährten. Die Unterhaltung ging in demſelben Tone fort, in welchem ſie begonnen, indem Lovet durch ſeine gewohnten Scherze jeder direkten Ant⸗ wort auf unangenehme Fragen auswich. Ueber einige Punkte fragte Algernon Grey indeſſen ſehr beſtimmt, zum Beiſpiel, ob die Kurfürſtin irgend eine Veränderung in ih⸗ ren Anordnungen getroffen, und als Lovet lachend ſagte: „Ich gehöre nicht zu ihrem geheimen Rath, lieber Vetter,“ da ſetzte er ſein Verhör noch weiter fort und fragte: „Hat ſie denn irgend eine Veränderung getroffen, ſoviel Du weißt, William?“ — 190— „O, Hunderte,“ antwortete Lovet;„ſie reift im Wa⸗ gen anſtatt zu Pferde, wie man mir ſagt: ſie wird ein grünes Kleid anſtatt eines rothen tragen— aber wahr⸗ lich, ich muß fort. Ich werde Dich ohne Zweifel wie⸗ derſehen, ehe Du ſchlafen gehſt, obgleich die Ruhe für dieſe Nacht ſehr nöthig ſein wird; denn wir werden ge⸗ ſchäftige Tage vor uns haben; und wenn der Teufel nicht alt und müde geworden iſt, ſo wird es Arbeit ge⸗ nug geben um in den nächſten zwei Jahren jede Minute auszufüllen. Welch ein Glück, Algernon, daß es einen Teufel gibt; wäre er nicht, ſo würde alles Waſſer in der Welt ſtehen bleiben und faul werden und ſich mit einem grünen Mantel überziehen, wie ein ſtehender Pfuhl. Nein, ſieh nicht ſo ernſthaft aus, grimmiger Vetter! Lebe wohl! Lebe wohl!“ Und fort ging eer und überließ es Algernon Grey, für den folgenden Morgen ſeine Anordnungen zu treffen, wie er es für das Beſte halten mogte. Da der jnnge Engländer aber von ſeinen Knaben⸗ jahren an gewöhnt geweſen war zu leiten und zu befeh⸗ len, ſo hatte dies keine große Schwierigkeit. Er hörte, daß der große Schloßhof zum Verſammlungsplatze aller Cavaliere beſtimmt ſei, die den Kurfürſten nach Prag begleiten wollten, und daß Alle, welche Begleiter mit⸗ brächten, dieſen den Befehl ertheilen ſollten, auf dem Marktplatze zuſammenzukommen und ſich dem königlichen — 491— Zuge anzuſchließen, wenn derſelbe vom Schloſſe herun⸗ terkäme. Alle ſeine Befehle waren bald ertheilt. Drei von ſeinen Dienern waren jetzt mit der Stadt Heidelberg wohl bekannt. Alles war während der Nacht vorberei⸗ tet worden, und nachdem Algernon auf ſeinen Vetter gewartet hatte, bis die Glocke elf geſchlagen, begab er ſich zur Ruhe. Er hatte den Befehl ertheilt, ihn am folgenden Morgen um halb ſechs Uhr zu wecken; doch ein wenig vor dieſer Stunde ſuchte Lovet ſeinen Weg durch die Betten im Vorzimmer, klopfte hart an ſeine Thüre und rief. „Auf, Algernon, auf! Die Leute ſchwärmen zum Schloſſe hinauf, gleich Bienen zum Bienenſtock. Laß uns mit ihnen gehen, oder wir mögten geſtochen wer⸗ den!“ 8 Und er ging wieder fort, um ſeine Vorbereitungen zu beenden. Etwa drei Viertelſtunden ſpäter ritten die beiden Vettern den Hügel hinauf, nur von den Dienern begleitet, welche nöthig waren, um ihre Pferde zu hal⸗ ten. Indem ſie an einer Anzahl Herren vorüberkamen, die nicht ſo gut beritten waren, wie ſie, erreichten ſie die Thore, wo man ſie nach ihrem Namen fragte, die der Thorwächter mit einer Liſte verglich, die er in der Hand hielt. Als die beiden Herren ihre angenommenen Namen angaben, wurden ſie ſogleich eingelaſſen, doch es klar, daß, wie es häufig im Leben geſchieht, der mußten ihre Diener und Pferde bei einer Anzahl Ande⸗ rer draußen bleiben. Im Hofe fanden ſie vierzig bis funfzig Perſonen verſammelt, und gewiß zeigte ſich un⸗ ter ihnen kein Mangel an begeiſterter Hoffnung. Alle waren heiter und voll geſchäftiger Thätigkeit; jeder er⸗ murhigte ſeinen Nachbar, jeder bemühte ſich, in Andern dieſelben freudigen Erwartungen zu erregen, die wild in ſeiner Bruſt ſich bewegten. Lovet ſchien während der Abweſenheit ſeines Verters mit den vorzüglichſten Per⸗ ſonen vom kurfürſtlichen Hofe Bekanntſchaft gemacht zu haben. Kaum zeigte ſich im grauen Lichte des frühen Morgens ein Geſicht, mit dem er nicht einigermaßen be⸗ kannt war, und er ſprach mit jedem dritten oder vierten Manne, oder gab ihm ein Zeichen des Erkennens. Er ſchien in der That ſehr beliebt geworden zu ſein; ſeim Witze, die er entweder in ſehr ſchlechtem Deutſch, oder in gutem Franzöſiſch ausſprach, erregten allgemeine Hei⸗ terkeit; und als die beiden Vettern weiter gingen, war Würdige und Hochgeſtimmte mit kaltem Zweifel betrach⸗ tet wurde, während man den gewiß weniger Schätzbarc mit Vergnügen und Achtung empfing. Offenbar fühlte Algernon Grey einigermaßen dieſen Unterſchied, obgleich nicht beſonders ſchmerzlich; dennoch aber dachte er: „Dies iſt in einiger Hinſicht meine eigene Schuld. Ich habe mein Benehmen gegen die Welt durch Umſtände — 193— beſtimmen laſſen, womit die Welt Nichts zu thun hatte — ich muß dies verändern und wieder Ich ſelber ſein. Es gab eine Zeit, wo ich eben ſo heiter ſein konnte, wie „ob dieſe Tage nicht zurückkehren können.“ Als er ſo dachte, ſah er die kräftige Geſtalt des Barons von Oberntraut über den Hofplatz ſchreiten, und „Ah, mein guter Freund,“ ſagte der junge Eng⸗ länder,„es freut mich, daß Ihr wieder ſo weit herge⸗ ſtellt ſeid, daß Ihr mit uns reiten könnt.“ Aber Oberntraut ſchüttelte den Kopf. „Ach,“ ſagte er,„ich werde Euch nicht begleiten. Nan hält es für gefährlich für mich, eine ſo weite Reiſe zu unternehmen; und wenn ich nicht nach Böhmen ge⸗ rufen werde, ſo ſcheint es die Abſicht meines Fürſten zu ſein, mir hier einen freilich ehrenvollen aber etwas un⸗ thätigen Poſten zu übertragen; und doch, wenn ich be⸗ denke, wie wahrſcheinlich es iſt, daß ſich dunkle Wolken am Horizonte zuſammenziehen und die Politik, wenn nicht die Ehre die katholiſche Union zum Kriege bewegen wird, ſo werde ich auch wieder Arbeit genug finden. Dennoch beneide ich Euch, die Ihr ſogleich zu geſchäfti⸗ gen Scenen geht, und hoffe, es wird mir erlaubt ſein, Euch bald zu folgen; aber ehe Ihr Euch auf den Weg Heidelberg. Zweiter Band. 13 — griff mit Wärme ſeine Hand. Lovet, obgleich auf verſchiedene Art. Ich will ſehen, auf ſie zukommen; er ging ihm ſogleich entgegen und er⸗ ſeinem edlen Herzen und ſeinem verſtändigen Geiſte fühlte für ihn wegen der beſſern Gefühle, die er hervorgebracht, — 194— macht, erlaubt mir, Euch mit Einem oder Zweien von denen Eurer Begleiter bekannt zu machen, die am Mei⸗ ſten Eure Achtung verdienen. Folgt mir einen Augen⸗ blick: hier ſteht Chriſtian von Anhalt und bei ihm Ei⸗ nige von den Vornehmſten.“ Wie der Leſer bemerkt haben wird, war mit dem Tone des jungen Barons eine völlige Veränderung vor⸗ gegangen. Der raſche und feurige Geiſt, der kühne und kräftige Charakter blieben unverändert wie ſein ganzes übriges Leben es bewies; doch das erſte Mißgeſchick, wel⸗ ches ihm im Leben widerfahren, war höchſt wohlthätig geweſen, den Stolz zu überwinden, den er ſich durch dauernden glücklichen Erfolg und das Bewußtſein des Vorzuges vor ſeiner Umgebung angeeignet hatte. Bil er ſelbſt gegen Algernon Grey ſehr verſchiedene Empfin⸗ dungen von denen, welche jeder gewöhnliche Menſch würde erfahren haben. Er empfand eine Art von Dankbarkeit und hegte ein edles Beſtreben zu zeigen, daß er das Betragen des jungen Engländers mit Bewunderung und Achtung, anſtatt mit zurückgebliebenem Groll betrachte. Indem Algernon ihm über den Hofplatz folgte wurde er bald mit mehreren der ausgezeichnetſten Freund des jungen Königs von Böhmen bekannt gemacht; aba während er mit dem älteren Fürſten von Anhalt ſprach rief eine Stimme von der Treppe zwei oder drei von den vornehmſten Cavalieren mit Namen zu dem Kur⸗ fürſten, und einige Minuten ſpäter forderte dieſelbe Stimme Algernon Grey und mehrere andere fremde Herren auf, ſich dem Kurfürſten auf einen Augenblick vorzuſtellen. Algernon, der ſich jetzt mit ſeinem Freunde Craven unterhielt, wurde in eine der großen Hallen in dem Gebäude Otto Heinrichs geführt, wo er von viel Ge⸗ räuſch und Verwirrung umgeben Friedrich den Fünften geſtiefelt und geſpornt zu ſeiner Abreiſe von einer Anzahl Herren umgeben fand, während ſich die Kurfürſtin Mut⸗ ter mit einigen Damen ihres Hofes in geringer Entfer⸗ nung aufhielt. Eliſabeth von England war nicht zuge⸗ gen und das Auge des jungen Engländers ſchwebte über die Gruppe hin, welche Louiſe Juliana umgab, und ſuchte vergebens Agnes Herbert's Geſtalt. In dieſem Augen⸗ blicke des Schweigens ſehnte ſich ſein Herz nach einigen Abſchiedsworten, nach einem letzten Anblick dieſes ſchö⸗ nen Geſichts und nach dem Tone dieſer melodiſchen Stimme. Als er ſich näherte, wendete ſich Friedrich um, als wollte er mit ſeiner Mutter reden, doch ſein Auge fiel auf Lord Craven und die Uebrigen, und er verweilte einen Augenblick, um mit ihnen allein zu reden. Sein Hauptzweck, ſie zu ſich zu rufen, war, ſie durch eine 13* — 196— Handlung der Höflichkeit an ſich zu feſſeln, und Jedem hatte er etwas Freundliches und Angenehmes mit jenem einnehmenden Weſen zu ſagen, welches ſtets Zuneigung gewinnt, wenn auch nicht immer Gehorſam gebietet. „Ah, mein unbekannter Freund,“ ſagte er, als Al⸗ gernon an die Reihe kam,„ich war gewiß, daß Ihr mich nicht im Stiche laſſen würdet; und als ich geſtern Abend von Eurer Ankunft hörte, freute es mich, ohne mich jedoch zu überraſchen. Auf wie viele Leute könnt Ihr von England rechnen?“ „Ich habe gegenwärtig nur funfzehn bei mir, Eure Majeſtät,“ antwortete Algernon Grey;„doch kann ich Euch verſprechen, daß, ehe ein Monat um iſt, wenig⸗ ſtens funfzig in Prag ankommen werden; und zwar nicht nur Leute, die im Stande ſind, Waffen zu tragen, ſon⸗ dern auch Andere einzuüben, wenn es nöthig ſein ſollte; denn ſie ſind in einer guten Schule geübt, und haben einige ſcharfe Treffen erlebt.“ 1 „Meinen Dank,“ verſetzte der König von Böhmen; „das iſt eine nützliche Vermehrung unſerer Macht— war⸗ tet, wir wollen mit Euch hinuntergehen. Reitet in un⸗ ſerer Nähe, damit wir uns unterwegs mit Euch unter⸗ reden können.“ Dann wendete er ſich zu ſeiner Mutter und um⸗ armte ſie mit jedem Zeichen aufrichtiger Zärtlichkeit. „Lebt wohl, theuerſte Mutter!“ ſagte er, während Thränen in ſeine Augen traten:„Gott beſchütze Euch und mich! Unter ſeinem Schutze erwarte ich von Euch die Sicherheit dieſes ſchönen Landes, welches ich ver⸗ laſſe.“ Die Kurfürſtin antwortete nicht, ſondern drückte ihren Sohn mit Wärme an ihr Herz, hielt ſeine Hand feſt und lehnte ſich mit ihren überfließenden Augen an ſeine Schulter. Nach wenigen Augenblicken machte ſich Friedrich ſanft von ihr los, entfernte ſich einen Schritt von ihr, kehrte um und umarmte ſie noch ein Mal, ging dann heftig von ihr fort und ſchritt, von ſeiner Umge⸗ bung begleitet, durch die Halle. Die Kurfürſtin ſah ihm mit traurigem und feier⸗ lichem Blicke nach, ſchlug dann ihre Hände zuſammen ohne ihren gebeugten Kopf zu erheben und rief: „Da geht die Pfalz nach Böhmen.“ Der Kurfürſt verweilte nicht, um auf ihre Worte zu horchen, denn er fühlte wie ſeine Bewegungen ihn überwältigten, und ohne Zweifel erreichten die Worte bei den vielen Fußtritten umher ſein Ohr nicht. Sobald er im Hofe erſchien, begrüßte ihn ein Zuruf, der deut⸗ lich genug einen Glückwunſch ausdrückte, und eine An⸗ zahl Stimmen ſprachen die Worte aus: „Es lebe Friedrich, König von Böhmen!“ Der Kurfürſt erhob ſeinen Federhut, verbeugte ſich und rief im nächſten Augenblick: 1 — 198— „Zu Roß, meine Herren! Es ſind hier zu viele liebliche Bande und theure Erinnerungen. Wir müſſen uns losreißen!“ Hierauf ging er zu Fuß über den Hofplatz und zum letzten Mal durch den tiefen Thorweg ſeines Erb⸗ ſchloſſes, von der Menge edler und begeiſterter Herren begleitet, die ſich dort verſammelt, um ihm zu folgen. Außerhalb des Thores ſchwang er ſich auf das herrliche Pferd, welches zwei Reitknechte, neben demſelben her⸗ laufend, auf die andere Seite der Zugbrücke führten. Seine Begleiter beſtiegen ebenfalls raſch ihre Pferde und im nächſten Augenblick ging der Reiterzug den Hü⸗ gel hinunter. Die muthigen Renner waren begierig fort⸗ zueilen; einige bäumten ſich, einige ſchüttelten den Zaum; aber ſeltſam genug, das Pferd des jungen Königs ob⸗ gleich unbedenklich das ſchönſte und kräftigſte Thier von der ganzen Gruppe, voll Leben, Kraft und Thätigkeit, ſtrauchelte bei dem erſten Schritt und wäre beinahe ge⸗ ſtürzt. Selbſt nicht in den Tagen der alten Römer achtete man lebhafter auf Vorbedeutungen jeder Art, und nie brachten ſie einen tieferen Eindruck auf die Ge⸗ müther der Menſchen hervor, als damals; und es war leicht zu bemerken, wie ſich ein ernſter und bekümmerter Ausdruck über die Geſichter Vieler von den Begleitern des jungen Monarchen verbreiteten, indem ſie dieſen un⸗ gelegenen Zufall beobachteten. — — 199— „Das iſt unglücklich,“ ſagte der jüngere Chriſtian von Anhalt, der neben Algernon Grey ritt. „Glücklich vielmehr, daß das Pferd nicht fiel,“ ent⸗ gegnete der Engländer;„aber ſetzt Ihr wirklich Glauben in ſolche Anzeichen?“ „Ich nicht,“ entgegnete der Prinz;„aber Vorbe⸗ deutungen bringen oft Unheil hervor, wenn ſie es auch nicht andeuten. Der Muth von einem Duzend unter uns iſt bereits abgekühlt durch das Stolpern dieſes Pfer⸗ des; und ich habe gehört, daß beim erſten Anblick eines Cometenſchweifes eine Schlacht verloren gegangen. Der Himmel ſende uns keine ſolche Vorbedeutungen mehr, ſonſt werden wir Prag mit kaltem Herzen erreichen.“ „Das meine iſt ſchon kalt genug,“ antwortete Al⸗ gernon Grey, der ſich entſchloſſen hatte, während der bevorſtehenden Expedition die Zurückhaltung von ſich zu werfen, die ihn ſo lange umſchattet hatte, und durch Offenheit die Achtung Derjenigen zu cultiviren, die auf mehrere Monate ſeine Gefährten ſein ſollten—„das meine iſt ſchon kalt genug, obgleich, der Himmel weiß, nicht kalt in der Sache dieſes edlen Fürſten.“ 1 „Nun, und wodurch iſt es denn erkältet worden?“ fragte Chriſtian von Anhalt. „Durch viele Dinge,“ antwortete Algernon Grey mit mattem Lächeln;„durch Verrätherei, durch vereitelte Hoffnung, durch läſtige Bande, die gute, aber unver⸗ — 200— ſtändige Freunde geſchloſſen, und die weder zerriſſen, noch abgeſchüttelt werden können.“ „Ein ſchlimmer Fall,“ antwortete Chriſtian von Anhalt;„aber mich dünkt, wenn ich in Eurer Stelle wäre, würde ich mein leichtes freies Herz nicht durch Dinge niederdrücken laſſen, die nicht können gebeſſert werden, ſondern ſie dem Schickſal anheim ſtellen und fröhlich und heiter ſein.“ „Eine gute Philoſophie,“ antwortete Algernon Grey, „und ich bin entſchloſſen, ſie anzuwenden. Doch glaube ich, dürftet Ihr es einſt ſchwierig ſinden⸗ auszuüben, was Ihr lehrt.“ „Nein, nicht im Geringſten,“ verſetzte ſein Beglei⸗ ter.„Wir können ſogar von den unvernünftigen Thieren Philoſophie lernen; ſie ſeufzen nicht über das Morgen oder das Geſtern. Es iſt nur, weil wir Kräfte, die uns zum Segen gegeben wurden, in Flüche verwandeln, und unſer Gedächtniß und unſere Vorausſicht nicht zur Warnung und Vorſicht, ſondern zum Bedauern und zur Verzweiflung anwenden.“ „Das iſt vortrefflich,“ rief Lovet, der nur einen Schritt weiter zurücktritt;„das iſt dieſelbe Lehre, die ich ihm ſeit den letzten zwei Monaten beſtändig vorge⸗ predigt habe! Mich wollte er nicht anhören; jetzt wird er ganz gelehrig ſein, denn ein Prophet gilt Nichts in ſeinem Vaterlande, und die Rathſchläge eines Beiters — 2091— ſowie das Bier im Bedientenzimmer wollen dem Herrn des Hauſes niemals ſchmecken.„ „Es iſt einiger Unterſchied zwiſchen Deinem weiſen Rathe, William, und dem unſeres weiſen Begleiters,“ antwortete Algernon Grey. „Nicht der geringſte,“ rief Lovet.„Genieße die Gegenwart, vergiß die Vergangenheit, laß die Zukunft für ſich ſelbſt ſorgen. Dies iſt die Moral in beiden Rathſchlägen und Du hältſt ſie nur für verſchieden, weil eine aufgewärmte Paſtete auf einem reinen Tiſchtuch friſch ſchmeckt.— Aber hier kommen wir zu dem Marktplatz — bei meinem Leben! eine mächtige Schaar und auch in guter Ordnung. Es muß ein ſchlauer Kopf geweſen ſein, der ſie gemuſtert hat.“ Zehntes Kapitel. Der Moegen war ſchön, aber ſchwül, mehrere Stunden weit ging der Marſch der Reiterſchaar raſch vorwärts. Die aufheiternde Wirkung der raſchen Bewe⸗ gung würde wahrſcheinlich den Muth Aller wieder geſtärkt haben hätte nicht ein gewiſſes drückendes Gefühl in der Luft gelegen, welches nach zwei Stunden ſelbſt bei den ſtarken und muthigen Pferden die Anwendung der Spo⸗ ren nothwendig machte. Algernon Grey fühlte den Einfluß der Atmoſphäre ſo gut wie ein Anderer. Ver⸗ gebens ſuchte er den Trübſinn von ſich zu werfen, der ihn niederdrückte, mit ſeiner Umgebung zu reden und zu lachen und Lovets Scherze zu erwidern; die Gedan⸗ ken, die er zu verbannen wünſchte, kehrten zurück und bemächtigten ſich ſeiner gänzlich. Wir müſſen Alle den Einfluß der verſchiedenen Luftbeſchaffenheit empfunden haben, nicht nur auf den Körper, ſondern auch auf die — 203— Geiſtesthätigkeit, wenn wir, ohne im Geringſten unſere Macht über den Verſtand zu verlieren, nicht über jenes feinere und zartere Element unſerer verwickelten Natur gebieten können, welches die Gefühle des Augenblicks hervorbringt. Die Vernunft iſt nutzlos dagegen, die Entſchloſſenheit vergeblich; wir können den äußern Schein beherrſchen, aber nicht die innere Empfindung vermeiden; und eine glänzende Helle oder eine düſtere Wolke ver⸗ breitet ſich über jeden Gegenſtand der Betrachtung aus irgend einer verborgenen Quelle des Lichts und Schat⸗ tens in uns. Wer kann ſagen:„Fch will heute fröh⸗ ich ſein?“ Wer dies thut, iſt ein Narr; denn weder die glän⸗ zendſten Gaben des Glücks, noch der Sonnenſchein aller äußern Dinge, noch jede Anſtrengung des ſtarken Ent⸗ ſchluſſes, noch die Ausübung des Witzes, der Weisheit und der Philoſophie wird ihn dazu in den Stand ſetzen, wenn der Geiſt der Heiterkeit nicht in ſeinem eigenen Herzen iſt. Er kann freilich ſagen:„Ich will ruhig ſein!“ Und mancher Menſch iſt es bei dem ſchwerſten Leiden für die Augen der Welt geweſen. Mancher Menſch iſt es viel⸗ leicht auch in ſeiner eigenen Meinung; aber ich zweifle ſehr, ob nicht irgend eine von den verſchiedenen Arten der Eitelkeit ihm einen Streich geſpielt hat. V — 204— Für Algernon Grey war die Bemühung vergebens; er fühlte ſich niedergedrückt und kämpfte gegen den Druck an; aber der Feind ſiegte und gewann immer mehr die Oberhand über ihn. Anfangs gab er ſoweit nach, daß er an Agnes Herbert dachte und bei der Erinnerung an ihre Schönheit und Vortrefflichkeit verweilte. Dann bemühte er ſich, ſeine Blicke in die Zukunft zu werfen und nur an die bevorſtehenden Ereigniſſe zu denken; aber welchen traurigen Gegenſatz bildeten ſie zu den eben ver⸗ bannten Bildern! Krieg und Kampf, die ſtürmiſche Aufregung des Ehrgeizes, die niedrigen und gemeinen Intriguen der Höfe, kalte Pracht und müßige Schwel⸗ gerei anſtatt der Schönheit, der Liebe, der Hoffnung und des lieblichen, häuslichen Friedens! Es war zu ſchmerzlich, dabei zu verweilen, und ſein Geiſt wendete ſich wieder zu der, die er liebte; aber dieſelben glänzen⸗ den Bilder, deren er ſich einen Augenblick vorher erfreut hatte, wollten auf ſeinen Befehl nicht zurückkehren. Er dachte freilich an Agnes; aber zu gleicher Zeit erinnerte er ſich, daß er ſie auf immer verlaſſe; daß er freiwillig die Wonne der erſten Liebe, die einzige Zu⸗ flucht, worin ſein Herz jetzt Frieden finden konnte, das lieblichſte Licht, welches je ſeinem Daſein angebrochen; war, Alles, was die Einbildungskraft ihm von Glücl und Zufriedenheit vor Augen ſtellen konnte, von ſich werfe. Tief, tief empfand er dieſes Opfer und ſein . Geiſt wand ſich unter der Folterqual, die er ſich ſelbſt auferlegte. Sollte er ſie wirklich nicht wiederſehen? Sollte er ſie nur als das Weib eines Andern wiederſehen? Schon in dem Gedanken lag Qual und Verzweiflung. Und doch, was konnte er thun? Wie konnte er handeln, um es zu verhindern? Wie konnte er jene ſchreckliche, aber nur zu feſte Ueberzeugung ausſchließen? Es war unmög⸗ lich, ſein hartes Schickſal zu verändern. Es war un⸗ möglich, nur davon zu träumen, daß es würde verän⸗ dert werden; und endlich gab er ſich der düſtern und ſchweren Troſtloſigkeit hin. Schon als er nach Heidelberg gekommen, waren ſeine Gefühle ernſt und traurig geweſen. Er hatte geglaubt, er ſei beſtimmt, ohne zu lieben und ungeliebt durchs Leben zu gehen, an ein Weſen gefeſſelt, dem der Ruf ein leichtfertiges Betragen beilegte, deſſen er ſich nur als eines ſtolzen und hochmüthigen Kindes erinnerte, und welches er nur aus den üblen Gerüchten kannte, die zu ihm gelangt waren. Aber ſeit jener Zeit war ein Licht in der Dunkelheit ſolcher Gefühle angebrochen, wel⸗ ches aber eben ſo plötzlich wieder ausgehen ſollte, wie es entzündet worden, und eine zehn Mal dunklere Nacht zurücklaſſen ſollte. Er hatte gelernt zu lieben, aber ohne Hoffnung; und welcher Zuſtand kann ſchrecklicher ſein für ein junges und leidenſchaftliches Herz? ſitzen. Da biſt Du wieder ganz Du ſelber auf dem Bei ſolchen Dingen verweilte er, als ſie weiter ritten, und bald nahmen ſien ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Er beachtete nicht mehr genau den Weg, den ſie einſchlugen; er ſah kaum die Häuſer, die Bäume, oder die Berge, an denen ſie vorüber kamen. Er beach⸗ tete nicht die fliehenden Stunden, oder die Veränderun⸗ gen des Lichts und Schattens. Doch waren Andere in dem Zuge, deren Augen lebhafter beſchäftigt waren, und unter dieſen befanden ſich die ſeiner eigenen Diener, die bei geringerer Beſchäftigung ihrer Gedanken die Ermi⸗ dung der Reiſe und den Druck der ſchwülen Luft weit mehr fühlten oder zu fühlen ſchienen, als ihr Herr. „Es iſt mächtig heiß, Tony,“ ſagte Frill, indem er ſich mit einem zierlichen Taſchentuche die Stirn ab⸗ trocknete;„und mich dünkt, die Leute reiten außerordent⸗ lich ſchnell, wenn man die ſchwüle Luft bedenkt, und wir leicht die Vierfüßer gänzlich ermüden können.“ „Ja, gewiß, es iſt heiß,“ antwortete der Diener, „aber, Junker Frill, die Vierfüßer können es eben ſo gut ertragen, wie die Zweifüßer, die auf ihren Rücken großen Rothſchimmel, da die rothen Abſätze Deiner Reiterſtiefeln unter Deinem Mantel hervorragen, gleich einer kleinen Waliſiſchen Krähe auf dem Rücken eines fetten Schaafes; und Du verlierſt viel Näſſe von Deint Stirn und Deinen Schläfen, während das gute Thier — 207— kaum ein Haar umgedrehet hat. Nun ſtehe ich Dir da⸗ für, Frill, Du denkſt im Sinne eines Geizhalſes daran, wie viel Eſſenzen und wohlriechende Seife es koſten wird, Dich von all dieſem Staub zu reinigen; doch ich will Dich ſtröſten, Frill, ich will Deinen Geiſt beruhigen, ich will Deinem Gewiſſen die kleine Sünde erſparen, Dei⸗ nem Herrn Wohlgerüche aus ſeinen Satteltaſchen zu ſtehlen.“ „Ich habe nicht nöthig zu ſtehlen, Tony,“ ant⸗ wortete der Knabe;„das überlaſſe ich Dir. Ich habe Alles, was ich bedarf in meinen eigenen Satteltaſchen und verlange Nichts weiter, als ein wenig reines Waſ⸗ ſer.“ „Das ſollſt Du reichlich haben, Frill,“ verſetzte ſein Begleiter,„und eher vielleicht, als Du es denkſt; denn wenn jene große bleifarbige Wolke nicht lügt, ſo wirſt Du in einer Stunde Waſſer genug haben, um Dir auf einen Tag das Waſchen zu erſparen, und zu machen, daß Du ſolche Flüſſigkeiten auf einen Monat im Voraus abſchwörſt.“ „Es hat ganz das Anſehen,“ antwortete Frill mit kläglichem Blicke zum Himmel hinaufſehend. „Es iſt nichts Wunderbares dabei, Freund Frill,“ antwortete Tony,„Gewitter gibt es in den meiſten Gegenden der Welt; der Regen fällt, der Wind weht, das Gras ſproßt überall und Pagen ſagen unbedeutende — 208— Dinge in lieblichen Tönen und halten ſich für ſehr weiſe in ihrer Art.“ „Denkſt Du, daß es donnern wird, Tony?“ ſagte der Jüngling in einem Tone, woraus der ältere Diener ſchloß, daß er ein wenig furchtſam ſei. „Ja, das wird es,“ verſetzte Tony,„es wird don⸗ nern zur Zufriedenheit Deines Herzens. Es ſollte mich nicht wundern, wenn ein halbes Duzend von dieſen feinen Herren vom Blitz erſchlagen würde. Ich habe ſel⸗ ten eine Wolke geſehen ſo voll von Donnerkeilen, wie die dort oben.“ „Wenn es donnern ſollte, guter Tony, ſo faſſe den Zügel meines Pferdes, denn ich zweifle, daß ich ſtark genug ſein werde, es zu halten. Sahſt Du nicht, wie es ſich bäumte, als wir eben fortritten? Ich habe mir beinahe beide Arme abgedreht, um es feſtzuhalten.“ „O, ich will im Nothfall einen ſtärkeren Arm anwenden,“ antwortete Tony.„Ich glaubte ſchon, Du würdeſt mit Deinem Pferde in das Thal hinunterſtürzen, worüber ich mich mit aufrichtiger Freundſchaft würde gefreut haben, wie über einen ehrenvollen und ausgezeich⸗ neten Tod für einen ſo jungen Menſchen. Aber hier muß ich Sorge tragen, daß Du nicht auf einem Neben⸗ wege ſtirbſt gleich dem Eſel eines Pilgers, und ſo will ich Dein Pferd an ſeinen Capriolen verhindern, wenn es wild werden ſollte. Aber bemerkſt Du wohl, Junker — 209— Frill, wie unſer Freund mit den Falkenaugen unſern Herrn ſeinen Vetter mit lieblichen Redensarten unter⸗ hält? Ich gäbe nicht ein Gänſeei für Alles, was er ſagt; aber halte Dich überzeugt, guter Frill, daß er Nichts ohne Zweck ſagt. Es wäre ſchon der Mühe werth, die⸗ ſen Zweck zu erfahren, denn da könnte man ſeine Hand⸗ lungen beſſer beobachten und verſtehen.“ „Sollte er wünſchen, daß unſer Herr getödtet werde, da er ihn zu ſolchen Expeditionen, wie dieſe, veran⸗ laßt?“ fragte Frill. „Nicht ſo, Herr Page,“ antwortete Tony.„Erſtens weil er ihn nicht zu dieſer Expedition veranlaßt hat, denn ich hörte eines Tages, wie er ganz vernünftig dagegen ſprach.“ 3 „Ja,“ antwortete Frill;„aber ich ſah auf der Straße von Heidelberg einen Knaben, der einen großen alten Eber trieb, und wenn er wollte, daß er weiter gehen ſollte, ſo zog er ihn an einem Strange am Hin⸗ terbein zurück.“ „Ein ſehr hübſcher Vergleich für unſern edlen Herrn,“ ſagte Tony;„aber doch liegt vielleicht etwas Wahres darin.“ Und er dachte einige Augenblicke nach, während er mit einem Finger unter ſeinen breiten Hut fuhr und ſei⸗ nen Kopf kratzte. „Nein, nein,“ fuhr er endlich fort,„er könnte Heidelberg. Zweiter Band. 14 — 210— Nichts dabei gewinnen; das iſt alſo nicht ſein Zweck. Er iſt nur ſein Vetter von weiblicher Seite. Der Titel ſtirbt mit unſerem Herrn aus, wenn er keine Kinder hat, und die Beſitzungen fallen an die Howards. Es wäre eher ſchlimmer als beſſer für ihn, wenn er ſtürbe⸗ denn ich weiß, daß er von Zeit zu Zeit Geld von ihm borgt. Das kann es nicht ſein, Junker Frill.“ „Ich will Dir was ſagen, Tony,“ verſetzte der Knabe.„Ich denke, Du könnteſt Etwas von dem alten Paul Watſon erfahren, der mit den Uebrigen in Mann⸗ heim zu uns kam. Er war unter der Dienerſchaft der Lady Katharina, und wie ich höre, hielt ſich Sir William beſtändig dort auf.“ „Etwas von Paul Watſon erfahren!“ rief Tony. „Da könnte man eben ſo gut Wein aus einem Steine preſſen! Ich glaube er hat keine zehn Worte für irgend einen Menſchen übrig; aber ich will es dennoch verſu⸗ chen. Ich bin gewiß, er weiß Viel, wenn er nur reden will, denn dieſe ſchweigſamen Leute wenden ihre Augen an, wenn auch nicht ihre Zungen.— Laß uns zu ihm reiten und ſehen, was er ſagen wird. Bei meinem Leben, ich wollte das Gewitter käme herauf, denn dir Hitze iſt unerträglich.“ 1 Mit dieſen Worten ritt er neben dem Zuge fort, 1 V bis er eine Stelle erreichte, wo eine wohlequipirte Ab⸗ theilung bewaffneter Männer unter den Truppen des — — Kurfürſten marſchirte. Die Verſchiedenheit ihrer Rüſtung „iund die Geſtalt ihrer Pferde, welche große Knochen und Stärke mit Schnelligkeit vereinten, bezeichneten ſie als Engliſche Soldaten. Tonh hielt neben einem Manne von nſänigen funfzig Jahren, mit grauem Haar und Schnurr⸗ bart, an und begann eine Unterhaltung mit ihm. „Nun, Paul,“ ſagte er,„ich habe Euch ſeit länger als neun Monaten nicht geſehen, wie iſt es Euch ſeitdem segangen?“ 4„Gut,“ antwortete der Mann, ſich kaum um⸗ ſeh hend. „Und was habt Ihr wäßrend der Zeit getrieben?“ fragte Tony. Vieles,“ verſetzte Watſon. „Ich höre, Ihr waret im Hauſe der Lady Katha⸗ rina,“ fuhr Tony fort,„wo Ihr Euch auch ſonſt auf⸗ gehalten„ Herr Watſon. Ohne Zweifel hat es Euch dort ſehr gut gefallen.“ „Ja,“ antwortete der Andere. „War Sir William damals dort unten?“ fuhr Tony nachläſſig fort. Paul Watſon nickte mit dem Kopfe. „Es ſoll mich wundern, welchen Zweck er hat, jetzt nit unſerm Herrn zu reiſen, da er ihn ſo viele Jahre Ulein hat reiſen laſſen,“ ſagte Tony nachdenkend. „Weiß nicht,“ verſetzte Paul Watſon. 14* — 212— „Was machte er ſo lange dort unten 29 war Ton nächſte Frage, und darauf erhielt er die einzige geniſ gende Antwort, die er bisher erhalten. „Er machte der Dame den Hof,“ antwortete ſei Begleiter mit grimmigem Ausdruck, als ob die vielg Worte ihn faſt erſtickten. „Oho!“ rief Tony, deſſen Augen ſich erhellten doch er hatte keine Gelegenheit, weiter zu fragen, den einer von den Offizieren des Kurfürſten, der an de Linie dahinritt, winkte ihm zurück zu bleiben un ſagte: „In Ordnung! In Ordnung!“ Tony gehorchte; denn obgleich er noch gern weit gefragt hätte, ſo gaben ihm doch die wenigen Won des Mannes den Schlüſſel zu manchem Geheimniß. Frill, der ungeachtet der den Pagen eigenen Affe tation ein ſchlauer und gewandter Burſche war, blieb ſeinem Platze und hielt es für weit beſſer, Tony allt gehen zu laſſen, indem er hoffte, bei ſeiner Rückke auf die eine oder die andere Weiſe Nachrichten von it zu erhalten. „Ich wollte Dich nicht begleiten, Tony,“ ſagte „denn wenn Paul vor Einem ſchon wenig redet, wird er vor Zweien Nichts ſagen. Was hat er 2 mitgetheilt?“ „Wenig genug,“ antwortete Tonh.„Aber ji — 213— nimm Dein Pferd in Acht, Junker Frill, denn da kommt ndas Ungewitter.“ Während er ſprach, fielen einige große Tropfen und eibeſprengten das beſtäubte Fell der Pferde; im nächſten (Augenblick fuhr ein heller Lichtſtrahl über den ganzen Himmel, der die bleierne Wolkenmaſſe, die jetzt herauf⸗ ungezogen war, in eine einzige Flamme verwandelte. nAnfangs folgte der Donner langſam und in langen d Zwiſchenraum auf den Blitz; aber nach einigen Minuten wurde das Brüllen des Donners faſt unaufhörlich. Kaum einen Augenblick war der Himmel von Blitzen frei; das Krachen des Donners, welches von Bergen mund Wäldern widerhallte, war in der That ſchrecklich, nund jenes Ungewitter, welches Friedrich auf ſeinem Wege, um den Böhmiſchen Thron in Beſitz zu nehmen, 1 begleitete, wird von allen Geſchichtſchreibern als das ſchrecklichſte erwähnt, welches je die Pfalz heimgeſucht. (Es zu beſchreiben iſt unmöglich, aber wir können die Seftigkeit deſſelben beurtheilen, wenn wir erfahren, daß MNänner, die an jede Art der Gefahr gewöhnt waren, ſich durch das ſeltſame und ſchreckliche Phänomen erſchüt⸗ tert fühlten und, um die Worte des Chroniſten zu gebrauchen, glaubten, daß das Ende der Welt gekom⸗ men ſei. Die hellen Blitze blendeten Pferde und Männer; die bläulichen Feuerſtreifen ſchoſſen beſtändig vom Him⸗ 214— mel, ſchlugen in die Waͤlder und zerſchmetterten die ſtärkſten Bäume. Feuerkugeln ziſchten durch die Luf und zerſprangen mit einem Knall, der dem einer großu Kanone glich. Das fortdauernde Rollen des Donnen betäubte das Ohr, und von Zeit zu Zeit ließ ſich ei Krachen hören, als würden mächtige Felſen in eif widerhallendes Gewölbe geſtürzt, wovon die Erde; erbeben ſchien. Der Regen fiel in Strömen nieder un war von Zeit zu Zeit mit Schloßen gemiſcht; aber wii entfernt, die Wuth des Ungewitters zu mäßigen, ſchimn dieſelbe nur dadurch erhöht zu werden. Anfangs bäumten ſich die Pferde, eilten hier und dorthin und es fand eine unbeſchreibliche Verwirrung unter der Reiterſchaar ſtatt; doch nach einiger Zeit ſchit nen ſie durch Schrecken zur Ruhe gebracht zu werden und gingen mit niederhängenden Köpfen und Ohre ſchwerfällig weiter, während Regenſtröme an ihnen ni derfloſſen. Sieben Stunden lang, von neun bis vier Uhrn währte der Krieg der Elemente, ohne daß er im Gerin, ſten nachließ; dann rollte der Donner noch eine Stund lang in weiterer Entfernung, die Blitze wurden ſchwi cher und dann folgte ein trüber und ſchwerer Regen Dennoch ſetzte der junge König von Böhmen ſeinen W fort, ſpornte ſein Pferd weiter, wo es irgend möglit war, und wo die ermuͤdeten und entmuthigten Pferde — 215— gehen konnten. Nur ein Mal hielt er in einer kleinen Stadt an, um ſich und ſeinen Trupp zu erfriſchen und auszuruhen; aber in drei Viertelſtunden war er wieder auf dem Wege und zog nicht eher den Zügel an, als bis es dunkel wurde und ein matter gelber Lichtſtreif am weſtlichen Himmel unter einer ſchweren Wolkendecke zu ſehen war. Gerade in dem Augenblick ſah man in der Entfernung von einer halben Stunde einige Thürme. Chriſtian von Anhalt deutete darauf hin und rief Alger⸗ non Grey zu: „Gott ſei Dank! Dort iſt unſer Ruheplatz. Dies iſt in der That ein ſehr unglücklicher Anfang.“ „Es iſt freilich wahr,“ antwortete der junge Eng⸗ länder,„und um ſo mehr, wenn Ihr eine richtige Anſicht von den abergläubiſchen Gefühlen Eurer Lands⸗ leute habt.“ „Davon allein rede ich,“ antwortete der Prinz; „denn wem liegt Etwas an einem ſchweren Regenſchauer oder an einem Gewitter, wobei er ſelber betheiligt iſt? Aber die Hälfte der Leute hier nimmt das Stolpern eines Pferdes oder ein ſchweres Gewitter, welches die natürliche Folge eines heißen Monats iſt, für üble Vor⸗ bedeutungen. Wenn die Prieſter und die Damen ankom⸗ men, wird es noch ſchlimmer ſein; denn wenn die Män⸗ ner dem Aberglauben ergeben ſind, ſo wiſſen Weiber und Geiſtliche kein Ende davon— ſtets mit Ausnahme A unſerer ſchönen Königin, deren eigene hohe Seele ihr eine Vorbedeutung des glücklichen Erfolges iſt. Es ſoll mich wundern, wo wir unſer Quartier erhalten werden. Wie ich höre, werdet Ihr mit mir in demſelben Gaſt⸗ hauſe ſein. Mein Vater logirt mit dem Könige im Rathhauſe. Wie man uns Alle in dem kleinen Orte unterbringen will, weiß ich nicht— beſonders nachdem die Königin und die Uebrigen angekommen ſind.“ „Kommt ſie noch dieſen Abend hieher?“ fragte Algernon Grey mit einiger Ueberraſchung. „Ja, aber es wird ſpät werden,“ verſetzte ſein Begleiter.„Sie kommt auf dem andern Wege, der weiter, aber weniger bergig iſt, und wo man die Pferde wechſeln kann. Hier! Herr von Alfeld,“ fuhr er z einem Herrn gewendet fort, der in der Nähe ritt.„Wißt Ihr, wo ich mein Quartier haben werde?“ 5 „In einem der Gaſthäuſer am Marktplatze,“ ver ſetzte der Offizier, mit dem er ſprach.„Es iſt für Euch, Lord Craven und zwei andere Engliſche Herrn nebſt ihrer Begleitung beſtimmt. Ich will Euch den Namen ſagen.“ Er ſah ein Papier an, welches er in der Han hielt, doch das Licht war zu ſchwach, um ihn in des Stand zu ſetzen, es zu ſehen, und nach augenblicklichen Nachdenken ſagte er: „Es iſt der Stern, edler Herr— jetzt erinnere i mich, es iſt der Stern, auf der linken Seite des Markt⸗ platzes.“ 3 Dann ritt er weiter, und in wenigen Minuten begann die Scene der Eile und Verwirrung, die unver⸗ meidlich durch den Einzug einer großen und lange erwar⸗ teten Schaar in eine kleine Stadt, ungeachtet jeder Vor⸗ kehrung, um für ihr Unterkommen zu ſorgen, hervorgebracht wird. Der Regen hatte eben aufgehört; alle Einwohner waren an ihren Thüren und Fenſtern; die unzähligen Wirthshausſchilder, die von Haus zu Haus in die engen Straßen gingen, und größtentheils mit Guirlanden bekränzt waren, ergoſſen große Regentropfen auf Alle, die unten vorübergingen; Kuaben und Mädchen liefen ſchreiend und rufend neben den Häuſern her; Pferdejun⸗ 3 gen und Kellner eilten aus den Gaſthaͤuſern und Schen⸗ ken; hie und da brannten Fackeln und Laternen, und die Quartiermeiſter des jungen Königs, die den Tag zuvor vorausgeſchickt waren, kamen heraus, um die ver⸗ ſchiedenen Abtheilungen in die für ſie bereiteten Quar⸗ tiere zu führen, und trugen dazu bei, daß jede Ordnung in dem Zuge aufgehoben wurde. Friedrich ſelber und ſeine nächſte Begleitung fanden freilich keine Schwierig⸗ keit; doch alle andern Herren zerſtreuten ſich, ſuchten ihre Quartiere und riefen lant ihren Leuten zu, ihnen zu folgen, während jeder Gaſtwirth, der nur noch ein einziges unbeſetztes Zimmer hatte, die Nachzügler in ſein Haus zu locken ſuchte, indem er ihnen verſicherte, daß dies das für ſie beſtimmte Quartier ſei. „Kommt mit mir, Grey,“ ſagte Chriſtian von Anhalt, der ein freundſchaftliches Verhältniß mit Alger⸗ non geſchloſſen, welches bis an's Ende ſeines Lebens fortdauerte.„Ruft Eure Leute zuſammen, da ſie Fremde ſind, und befehlt ihnen, dicht hinter Eurem Vetter zu folgen. Meine Leute können für ſich ſelber ſorgen, da ſie gute breite deutſche Zungen in ihren Köpfen haben. Ich weiß den Weg zum Stern, denn ich bin ſchon früher dort geweſen. Der Marktplatz iſt gerade vor uns, wohin der König geht.“ Algernons Befehle waren bald ertheilt; Lovet ritt an ſeiner Seite, die Diener und ſein kleiner Trupp kamen dicht hinter ihm her, drängten ſich mit ruhiger Regelmäßigkeit, welche die Bewunderung des jungen Prinzen von Anhalt erregte, durch die Menge und befan⸗ den ſich in wenigen Minuten in der Mitte des Markt⸗ platzes, welcher im Verhältniß zu der Kleinheit der Stadt groß und bequem war. Das Rathhaus befand ſich gerade gegenüber und man ſah unzählige Lichter von einem Fenſter zum andern ſich bewegen, welche zeig⸗ ten, daß der Fürſt ſchon darin war. Als Chriſtian von Anhalt ſich umſah, um das Zeichen des Sterns zu ent⸗ decken, kam ein Mann mit langem, grauem Barte unde — 219— s in der Kleidung eines Bürgers an die Seite ſeines Pferdes und ſagte: „Hierher, Hoheit. Hier iſt Euer Quartier in mei⸗ n nem Gaſthauſe.“ 4„Wie heißt es?“ fragte der Prinz.„Iſt es der 3 Stern“ 4„Nein, Herr, der goldene Becher,“ antwortete der u Wirth. 42„Da iſt es nicht das rechte,“ antwortete Chriſtian; nunſeres iſt der Stern. Es muß dort zur Nechten ſein. — Kommt, Grey!“ Und ohne die Gegenvorſtellungen des Wirths vom gooldenen Becher zu erwarten, trieb er ſein Pferd weiter und erblickte bald einen goldenen Stern, der vor einem mit grotesken Frescobildern bedeckten Hauſe hing. V„Nun, edle Herren, was ſteht zu Eurem Befehl?“ fragte der Wirth, der mit zwei Aufwärtern vor der Thüre ſtand. „Zu eſſen, zu trinken, Nachtquartier und ein Feuer um unſere naſſen Mäntel zu notenen ſientwortete Chri⸗ ſtian von Anhalt, von ſeinem Pferde ſpringend und in den Gang tretend, während Algernon Grey und Lovet ihm folgten. „Speiſen, Getränke und Feuer ſollt Ihr haben, edle Herren,“ verſetzte der gute Mann;„aber Quartier V Skann ich Euch nicht geben, denn das ganze Haus 8- iſt von den Vorboten des Königs in Beſchlag genom⸗ men für—“ „Für uns,“ fügte der junge Prinz hinzu, ihn un⸗ terbrechend und in ein Gaſtzimmer zur Rechten eintre⸗ tend, aus welcher ein anmuthiger Schimmer hervordrang. „Schnell, mein guter Werth, ſetzt uns vor, was Ihr habt und beſonders guten Wein und ſchickt einen von Euren Burſchen ab, um für unſere Leute draußen zu ſorgen. Hier, Grey, laßt uns trocknen was Schultetus den äußern Menſchen nennt, während man uns Etwas bringt, um den innern zu wärmen.— Warum in des Teufels Namen, ſteht Ihr da, Wirth? Sollen wir kal⸗ tes Eiſen anwenden, um Euch das Gaffen zu vertrei⸗ ben?“ Der Wirth eilte beſtürzt hinaus und einige Augen⸗ blicke ſpäter brachten einige von den Dienern mehrere Schüſſeln mit dampfenden Flriſchſpeiſen nebſt drei Fla⸗ ſchen Wein herein. Aber als die Reiſenden ſich nieder⸗ ſetzten, besbachtete Algernon Grey die verſtoͤrten Blicke der Aufwärter und flüſterte dem P inzen zu: „Ich denke, hier muß ein Irrthum obwalten. Seid Ihr gewiß, daß man ſich auf Herrn von Alfeld ver⸗ laſſen kann?“ „Bei meinem Leben, das weiß ich nicht,“ antwor⸗ tete Chriſtian von Anhalt;„aber es mag nun recht oder unrecht ſein, ich will zu Abend ſpeiſen ehe ich von der Stelle gehe. Heda! Kellner, wo iſt Dein Herr? Schicke ihn her!“ „Er iſt gagangen um einen von den Quartiermei⸗ ſtern zu ſuchen, edler Herr,“ verſetzte der Burſche in unterwürfigem Tone:„er denkt, es muß hier ein Irr⸗ thum obwalten.“ „Es kann kein Irrthum obwalten über dieſen ge⸗ bratenen Haſen,“ rief Lovet,„wenn es nicht vielleicht eine verkleidete Katze iſt, und ſelbſt dann riecht er zu ſchmackhaft, als daß man die Sache noch weiter unter⸗ ſuchen ſollte. Soll ich Eurer Hoheit vorlegen?“ „Ich nehme es gern an,“ verſetzte Chriſtian von Anhalt;„Katze oder Teufel, ich will es eſſen, wenn es zart iſt. Heraus mit dieſen Korken, Burſche! Nun, glücklicher Lfal für unſere Expedition, und es lebe Friedrich, König von Böhmen! Dieſes Gaſthaus iſt ſehr ſtill, das muj ich geſtehen. Ich glaubte, wenigſtens einige Duzend in der Halle zu finden. Ich fürchte, wir ſind in ein verbotenes Jagdgehäge gekommen, und trei⸗ ben Wilddiebſtahl in einer Privatſpeiſekammer; aber es thut Nichts, wenn der Hunger nur befriedigt wird und die naſſen Kleider getrocknet werden.“ Bei ſolchem Geſpräche verging etwa eine halbe Stunde und nach Verlauf dieſer Zeit kehrte der Wirth mit einem großen Maune zurück, dan der Prinz von c Anhalt ſogleich als einen von Friedrichs Leuten erkannte. Er begrüßte ihn mit heiterem Lachen und rief: „Nun, Withelm von Waldhof, wenn wir in dem unrechten Neſte ſind, ſo iſt es Alfelds Schuld: er fagte mir, unſer Quartier ſei im Stern, wie unſere Engliſchen Freunde bezeugen können.“ „Er irrte, edler Herr,“ antwortete der Andere; ner hätte der goldene Becher ſagen ſollen. Aber es thut Nichts für jetzt, mein Prinz. Dieſes Gaſthaus iſt für die Damen der Königin, die im Rathhauſe keinen Platz finden; aber ſie werden erſt in mehreren Stunden erwartet, darum beendet Euer Abendeſſen in des Him⸗ mels Namen und begebt Euch dann nach Eurer Bequemt⸗ lichkeit in das Gaſthaus gegenüber. Ich wilt gehen und geg geh beordern, daß Alles für Euch in Bereitſchaft gehalten wird, und Eure Leute in den Beſitz Eures Quartiers ſetzen; denn als ich hereinkam, traf ich einige vierzig von ihnen vor der Thüre.“ „Donner und Teufel!“ rief Chriſtian von Anhalt, ſich zu dem Wirthe wendend.„Warum ließet Ihr ſie vor der Thüre ſtehen?“ „Ich hatte keinen Platz für ſie, Hoheit,“ antwor⸗ tete der Wirth in demüthigem Tone. Wilhelm von Waldhof bemühte ſich, den Zorn des Prinzen zu be⸗ ſänftigen, welcher ſich dann wieder an den Tiſch ſetzte, von welchem er aufgeſprungen war, und ſein Mahl mit 8¹ — — hem Hunger fortſetzte, der nicht leicht zu befriedigen war. Wein, Fleiſch und Wildpret verſchwanden mit be⸗ wundernswürdiger Schnelligkeit; denn weder Lovet noch Algernon Grey hatten Etwas zu ſich genommen, ſeit ſie Heidelberg verlaſſen, und die Entfernung betrug mehr als acht Deutſche Meilen: bei den ſchlechten und krum⸗ men Wegen in jenen Tagen eine weite Reiſe. Chriſtian von Anhalt trank viel und Lovet ſcheute ſich nicht, ſei⸗ nem Beiſpiel zu folgen, denn er liebte den Becher, ob⸗ gleich der Wein wenig Wirkung auf ihn ausübte. Auf den jungen Prinzen wirkte er mächtiger: nicht als wäre er betrunken geworden, denn er ſprach noch vernünftig genug, und ſelbſt ſeine körperlichen Fähigkeiten, die bei Männern, die an vieles Trinken gewöhnt ſind, früher als die geiſtigen weichen, wurden durchaus nicht geſchwächt. (Er ging feſt durchs Zimmer, um Etwas, deſſen er be⸗ durfte, aus einer kleinen Taſche in ſeinem Mantel zu holen; und obgleich er gegen Ende der Mahlzeit eine Neigung zeigte, in Schlummer zu ſinken, ſo gab er doch durch kein anderes Zeichen zu erkennen, daß er getrun⸗ ken. Endlich aber, als er die zweite Flaſche ſtarken al⸗ * Wein geleert hatte, ſtand er auf und ſagte: „Ich muß ein Schläfchen thun, ehe ich weiter gehe. Wer wach iſt, wecke mich in einer Stunde. Wenn wir Alle zuſammen in das Land der Träume gehen, ſo wird ohne Zweifel Jemand kommen, um uns hinauszuwerfen, — 224— wenn die Damen anlangen. So, gute Nacht für jetzi.“ Hierauf legte er ſich auf eine Bank am Ende der Halle und war bald eingeſchlummert. Hätte Algernon Grey ſich der mächtigen Verſuchung hingegeben, die Erinnerung an ſo viele Sorgen in dem funkelnden Rebenſaft zu ertränken, der die Lebensgeiſter erhebt, um ſie ſpäter nur um ſo mächtiger niederzudrük⸗ ken, ſo hätte er vielleicht dieſelbe gedankenloſe Ruhe ge⸗ funden; aber er hatte den Wein gemieden, wie es ſeine Gewohnheit war; und als er den jungen Prinzen in Schlummer ſinken ſah, wendete er ſich zu Lovet und ſagte: „Wir müſſen nach dieſen Pferden ſehen, die Du vorausgeſendet, William. Ohne Zweifel werden ſie mor⸗ gen nöthig ſein. Weißt Du, wo ſie zu finden ſind?“ „Ich nicht,“ antwortete William Lovet.„Wie könnte ich die Namen von Gaſthäuſern an einem Orte wiſſen, der aus Nichts als aus Gaſthäuſern zu beſtehen ſcheint? Ich befahl dem Deutſchen Kerl, den Du mit ihnen ſchick⸗ teſt, ſo gut er könne, für ſie zu ſorgen; und bei mei nem Leben, ich denke, es iſt beſſer, Du warteſt, bis wit zu dem andern Orte kommen, und ſchickſt dann Jemand aus, um ſie aufzuſpüren. Hier ſind noch anderthall Flaſchen zu trinken, wovon ich meinen Antheil habe will, denn wir mögten leicht keinen ſo guten finden, ud wir hinkommen.“ — 225— „Nein, nein,“ antwortete Algernon Grey;„ich will mich lieber vorbereiten. Bleibe Du da, und beobachte unſern jungen Freund dort, während Du den Wein teinkſt; und ich will gehen und zuſehen was ſich thun läßt, um morgen für uns Alle friſche Pferde zu bekom⸗ men. Bei ſolchen Wegen wird mein Pferd nicht lange aushalten.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich um, ging aus dem Gaſthauſe und ließ ſeinen Mantel an dem großen Feuer zurück, um zu trocknen. Und indem er durch die Straßen wanderte, hatte er in etwa drei Viertelſtunden das kleine Gaſthaus mit der langen Reihe von Ställen entdeckt, wo man ſeine friſchen Pferde untergebracht; und nachdem er die nöthigen Befehle ertheilt hatte, kehrte er langſam in den Stern zurück. In der ganzen Stadt war es noch ſehr lebhaft; Leute gingen nach allen Rich⸗ tungen, Fackeln und Laternen ſchimmerten von Haus zu Haus, und als Algernon Grey aus den Ställen hervor⸗ kam, glaubte er ein rollendes Geräuſch zu hören, wel⸗ ches einer entfernten Tromme! glich. Als er ſich dem Rathhauſe näherte, ſah er mehrere große ſchwere Wagen vor demſelben halten, ſowie eine Anzahl Pferde und zehn bis funfzehn Diener, welche eifrig beſchäftigt wa⸗ ren, eine Menge Gepäck abzuladen. Indem er ſogleich auf den Schluß kam, daß die Königin angekommen ſei, eilte er in den Stern, deſſen Eingang verlaſſen war, Heidelberg. Zweiter Band. 15 3 = 226— wendete ſich zur Rechten, öffnete die Thüre des Speiſe⸗ ſaals und trat ein. Es befand ſich jetzt in dem Zimmer nur eine ein⸗ zige Perſon und zwar eine Dame, die ihm den Rücken zuwendete, ins Feuer blickte und ihre linke Hand auf, ſeinen eigenen Mantel ſtützte, den er zum Trocknen über die hohe Lehne eines Stuhls geworfen. Algernon Grey's Herz ſchlug; denn obgleich die Dame in Mäͤntel gehüllt war, einen Schleier uͤber ihren Kopf geworfen hatte und die Umriſſe ihrer Geſtalt ſchwer zu unterſcheiden waren, ſo lag doch Etwas in der anmuthigen Stellung, die ſie angenommen, indem ſie den einen Fuß über den andern geſchlagen und die Hand ſo leicht auf die Stuhllehne ſtützte, daß ſie ihn kaum zu berühren ſchien, was ihm ſogleich zeigte, wer ſie war. Beim erſten Geräuſch eines Fußtrittes im Zimmer wendete Agnes ſich um, und mit unwiderſtehlicher Freude in ſeinem Herzen und in ſeinem Geſichte eilte ihr Geliebter auf ſie zu und faßte ihre Hand. Gleiche Freude zeigte ſich in Agnes Herberts Ge⸗ ſichte und ſie dankte ihm mit ſtrahlendem Lächeln, daß er ſo bald zu ihr gekommen ſei, daß Algernon es ſchwer fand, ihr zu erklären, er habe nicht gewußt, daß ſie die junge Königin begleiten werde, aber dennoch that er es. „Ich glaubte, Ihr hättet das längſt gewußt,“ ver⸗ ſetzte die Dame.„Eine Zeitlang war man zweifelhaft, ob ich ſie begleiten ſollte oder nicht; und da mein Oheim nicht den Wunſch ausſprach, daß ich da bleiben ſolle, ſo trieb mich die Kurfürſtin Mutter an, mitzugehen, und natürlich konnte ich mich nicht weigern.“ „Es iſt Beſtimmung des Schickſals,“ dachte Alger⸗ non Grey,„wozu nützt es, gegen ſolche Ereigniſſe an⸗ zukämpfen? Ich will Nichts thun, was ich bedauern oder deſſen ich mich ſchämen muß, doch will ich mich nicht mehr durch einen beſtändigen Kampf mit meinem eigenen Herzen unglücklich machen.“. Er blieb länger als eine Stunde bei Agnes— bei⸗ nahe eine halbe Stunde mit ihr allein; und als die Grä⸗ fin von Löwenſtein und zwei andere Damen zu ihnen kamen, blieb er noch zurück, half ihnen bei allen ihren Anordnungen, horchte auf ihre lebhaften Erzählungen von den Gefahren und Unbequemlichkeiten des Weges, und erheiterte ſie mit froher und lebhafter Unterhaltung voll Hoffnung und Erwartung für die Zukunft. Nur eine von den vier gegenwärtigen Damen hatte je vorher mit ihm geſprochen; doch auch ihr war ſein gegenwär⸗ tiges Benehmen und ſeine Unterhaltung völlig neu und fremd; es war verſchieden von Allem, was ſie früher von ihm gehört oder geſehen hatte, aber nicht weniger angenehm. Ihr Gemüth bedurfte der Beruhigung und Aufheiterung; es ſuchte die Hoffnung zu beleben und die 4 1⁵* — 228— Erwartung zu entflammen, fand aber in ſich ſelber keine Hülfsquellen um einen ſolchen Zweck zu erreichen, und als er mit anmuthiger Leichtigkeit und hohem Talent die künftigen Zeiten in den glänzendſten Farben malte und die künftige Ausſicht von der ſchönſten Seite zeigte, da horchte ſie, halb überzeugt, daß ihres Oheims düſtere Prophezeihungen vergebens ſeien, und daß, wenn ein ſolcher Mann, wie der, welcher vor ihr ſtand, eine edle und heilige Sache unterſtütze und leite, der Erfolg nicht fehlen könne und Alles mit Sieg und Frieden enden werde. Endlich wurde angemeldet, daß die oberen Zimmer bereit ſeien; denn mit dem eigenthümlichen Geiſte des Aufſchubes hatte man nur wenige Vorbereitungen getrof⸗ fen, indem man vorausgeſetzt, daß die Königin nicht vor Mitternacht ankommen werde, Algernon Grey warf den Mantel über ſeine Schultern um ſich zu entfernen und ſagte: „Die Ruhe iſt Euch gewiß Allen ſehr nöthig, ſchöne Damen; denn es muß eine beſchwerliche Reiſe für Euch geweſen ſein.“ „Viel beſchwerlicher und langweiliger für uns Alle,“ antwortete Agnes,„als wenn wir zu Pferde geweſen wären, wie wir vor fünf oder zehn Jahren gereiſt ſein würden. Ich haſſe dieſe Wagen zum Reiſen; ſie ſind gut genug in einer Prozeſſion oder durch um eine Stadt 8. zu kommen; aber auf der Landſtraße halte ich das alte Mittel für das Beſte.“ „Wären wir nach der alten Mode gereiſt,“ ſagte die Gräfin von Löwenſtein,„ſo wären wir bei all die⸗ ſem Regen, der gefallen iſt, wie Candiszucker geſchmol⸗ zen.“ 1„Verhüte der Himmel,“ rief Algernon Grey lachend; „denn da wäre eine Welt voll Süßigkeit über die Land⸗ ſtraße ausgeſchüttet worden.“ Hierauf begleitete er ſie bis an den Fuß der Treppe, entfernte ſich und ließ bei Allen keinen ungünſtigen Ein⸗ druck zurück. Elftes Kapitel. Jch muß jetzt auf eine kurze Zeit den Gang meiner Erzählung, den ich bis jetzt verfolgt habe, verlaſſen und anſtatt Tag für Tag die Handlungen und Gefühle der Perſonen zu ſchildern, für welche ich den Leſer zu inter⸗ eſſiren verſucht habe, einen kurzen Abriß der Ereigniſſe eines ganzen Jahres liefern und beſonders bei den Be⸗ gebenheiten der allgemeinen Geſchichte verweilen. Am Ende aber will ich verſuchen, in ſehr wenigen Worten alle jene Veränderungen aufzuzählen, die in Algernon Grey's und Agnes Herbert's gegenſeitiger Stellung Statt gefunden. Wie Jeder weiß, der mit der Deutſchen Geſchichte bekannt iſt, ſetzte Friedrich, König von Böhmen, am fol⸗ genden Morgen ſeine Reiſe zu der kleinen Stadt Altdor fort, indem er von Heidelberg bis zu dieſem Orte nur ein einziges Pferd ritt. Briefe von einer Perſon, dire ſich für einen Augenzeugen ausgibt, behaupten, daß Friedrich die Königin und den übrigen Hof von Heidel⸗ berg bis Amberg in einem Zuge von achtzehn Wagen begleitet habe; doch iſt es außer Zweifel, daß er und die Herren, die ihn begleiteten, den ganzen Weg ritten. Wie ſchon erwähnt, legte der Koͤnig den ganzen Weg bis Altdorf, der beinahe vierzig Deutſche Meilen beträgt, auf einem Pferde zurück; dort aber fiel das arme Thier todt nieder und das ausgeſtopfte Fell deſſelben wurde noch viele Jahre ſpäter in der Bibliothek dieſes Ortes gezeigt. Von Altdorf kam er nach Amberg und von dort nach Waldſachſen, traf unterwegs viele Freunde, und in der letztern Stadt, welche die letzte in der Oberpfalz iſt, empfingen ihn die Deputirten der Böhmiſchen Stände. In Waldſachſen und Amberg wurden einige Tage zuge⸗ bracht; aber endlich in der Mitte Oktobers überſchritt der junge König mit einem Gefolge, welches faſt einer Armee glich, die Böhmiſche Grenze und hielt ſeinen Ein⸗ zug in der Stadt Eger. Von Eger wurde er im Tri⸗ umphzuge unter dem Zuruf und den Glückwünſchen des Volkes, bei der lärmenden Freude des rohen Reichsadels und der wilden Begeiſterung der proteſtantiſchen Partei zu den Thoren der ſchönen alten Stadt Prag geführt. In der unmittelbaren Nähe der Stadt erhebt ſich ein Sigel, der weiße Berg genannt, und unterhalb deſſelben 232— befindet ſich eine ſchöne Promenade, der Stern genannt. Am Fuße dieſes Berges, welcher zum Schauplatz beſtimmt war, wo alle damals gehegten glänzenden Hoffnungen ſollten zerſtört werden, und auf dem ſchönen Spazier⸗ gange, der Stern genannt, welcher bald mit dem Blute Vieler ſollte getränkt werden, die ihn in Freude, Geſund⸗ heit und hochgeſtimmter Erwartung umgaben, machte der Zug des jungen Monarchen Halt, und ihm kam eine ungeheure Schaar von Bürgern, die Stände und Magiſtratsperſonen an ihrer Spitze, entgegen. Zwei Tauſend Reiter begleiteten Friedrich in die Stadt, Ge⸗ ſandte von vielen andern Staaten waren zugegen; der Adel des ganzen Landes hatte ſich verſammelt, um ſeinen Monarchen zu empfangen, und vier Hundert von den alten Huſſiten, nach alter Sitte mit Maſchenpanzern bekleidet, Lanzen in den Händen und zweihändige Schwer⸗ ter auf dem Rücken, bildeten eine Art von Leibgarde und trugen in ihrer Mitte das berühmte Banner des unbeſiegbaren Ziska, auf welchem ſich ein Kelch befand, beſtäubt und beſchmuzt von den vielen Feldzügen, wo es die grimmigen Krieger zum Blutbade geführt, welches aber jetzt, vermöge der Erinnerung an vergangene Siege und unüberwindlichen Widerſtand hohe Hoffnungen auf Eroberungen und glücklichen Erfoig erregte. Die Luſt erfüllte ſich mit Beifallruf, Trommeln und Trompeten ertönten umher, Vertrauen, Entſchloſſenheit, Begeiſte⸗ rung waren in jedem Herzen und ſo wurde Friedrich in die Hauptſtadt ſeines Königreiches geführt, welches er nur ein einziges Jahr regieren ſollte. Die Krönung des Königs und der Königin folgte bald darauf und eine kurze Zeit lang herrſchte Nichts als Freude, Pomp und glücklicher Erfolg; aber bald kam das Mißgeſchick; der kurze Traum war bald zu Ende und alle die Uebel, welche die Mutter des Mon⸗ archen vorher geſehen, ſammelten ſich wie eine Donner⸗ wolke um ihn. Anfangs kam Nichts der Beliebtheit des Königs und der Königin gleich, ihre Schönheit, ihre Anmuth, ihre Freundlichkeit gewann alle Herzen, und die Einwoh⸗ nerſchaft vom Hohen bis zum Niedrigen verehrte ſie faſt, wenn ſie vorüber kam. Auch der König erwarb ſich Achtung durch ſein mildes Benehmen. Sein leichter und glücklicher Geiſt verbreitete Sonnenſchein umher; ſeine würdevolle Miene und ſeine ſchöne Geſtalt verbar⸗ gen die Schwächen eines unentſchloſſenen, obgleich per⸗ ſönlich tapfern Charakters; und ſeine gewählte Sprache und ſeine leichte Beredtſamkeit verhüllten, wie ſo häufig der Fall iſt, den Mangel höherer Geiſteskräfte, des Urtheils, der Vorausſicht und der Beſonnenheit. Nach und nach aber, als ſchwierige Ereigniſſe richtige und unmittelbare Handlung forderten, wurden die ſcheinbaren Eigenſchaften in den Geiſtern der Menſchen zu ihrem — 234— wahrn Werthe angeſchlagen und der große Mangel an ächten Fähigkeiten wurde ſichtbar. Dann folgte Zweifel und Bedauern über die Wahl, die man getroffen. Selbſt⸗ ſüchtige Intereſſen erhoben ſich, um unter dieſem ſchwachen und leicht zugänglichen Fürſten um zeitliche Vortheile zu kämpfen. Düſtere Unzufriedenheit folgte der Täuſchung und Gefühlloſigkeit der Begeiſterung. Wenn dies der Fall iſt, bleibt der Verrath auch nicht leicht zurück. Noch häͤtte Alles gut werden können, wäre der ſchwache König nur von weiſen Freunden umgeben geweſen; hätten ſeine Rathgeber, feſt gegen ſeine Feinde, gemäßigt gegen ſeine Verbündeten, ſeinen Handlungen jene Kraft und Beſon⸗ Unglücklicherweiſe war gerade das Gegentheil der Fall. Camerarius war zwar ſchlau aber ſchwach, ſelbſtſüchtig und eigennützig; der ältere Chriſtian von Anhalt, ob⸗ gleich ein tapferer und geſchickter Krieger, war indeſſen wenig mehr als ein Krieger; Dohna ließ man wenig Antheil an der Leitung der Angelegenheiten, und der Fürſt von Solms war den großen Anforderungen der Zeit nicht gewachſen. Der Mann aber, der mehr als alle Uebrigen zu der Vereitelung der Ausſichten ſeines Monarchen beitrug, war der, welcher ihn am Lebhafteſten aufgefordert hatte, die gefährliche Stellung zu überneh⸗ men, die er jetzt behauptete. Von dem wildeſten Fana⸗ tismus erfüllt und ſich für den Propheten einer neuen nenheit mitgetheilt, die ſeinem eigenen Charakter fehlten. — 235— Reformation haltend, kam Abraham Schultetus mit dem Könige nach Böhmen, gänzlich unbekannt mit den Sitten und Gebräuchen des Volks, ja ſelbſt mit den Beziehun⸗ gen der verſchiedenen religiöſen Parteien, in die ſich das Volk getheilt hatte. Der Druck der Oeſterreichiſchen Fürſten hatte die Katholiſchen des Königreichs veranlaßt, ſich mit ihren proteſtantiſchen Ständen zu vereinen, die wone von dem Haupte eines Fürſten zu reißen, deſſen eigene Handlungen die Stände rechtfertigten, unter den ausdrücklichen Bedingungen, welche bei Uebernahme des Scepters gemacht worden, ihn des Thrones von Böhmen für verluſtig zu erklären. Aber dennoch hatten ſie eine natürliche Vorliebe für einen Monarchen ihres eigenen Glaubens. Dieſe Katholiken bildeten einen gro⸗ ßen Theil der Bevölkerung, beſonders in Prag; der übrige Theil des Volks beſtand aus den alten Huſſiten, deren verhältnißmäßig wenige, und aus Lutheranern, deren viele waren. Die Zahl der Calviniſten war außer⸗ ordentlich klein. Aber Schultetus war einer von den heftigſten Anhängern des unduldſamen Apoſtels von Genf. Mit dem blindeſten Geiſte der religiöſen Bigotte⸗ rie begabt, hatte er ſelbſt in der Pfalz, wo ſeine Sekte vorherrſchend war, viel Unheil angerichtet, und er brachte dieſelben feurigen Elemente des Kampfes und der Verwir⸗ rung mit ſich in das neue Königreich, welches unter die Herrſchaft ſeines Herrn gekommen war. Seine Predigten 5 7 — 236— waren Verletzungen des Glaubens faſt Aller, die ihn umgaben; ſeine Rathſchläge waren verderblich für den Fürſten, dem er diente; und nachdem er ſich einigerma⸗ ßen mit den Gewohnheiten der Bürger von Prag bekannt gemacht hatte, ſchritt er zu offenen Handlungen der Unduldſamkeit, welche bald bittere Früchte trugen. Die Kathedrale wurde ihrer Bilder und Statuen beraubtz der große Altar ſelbſt weggenommen, und Reliquien und Bilder, welche viele von den Bürgern Prag's ver⸗ ehrten, nicht nur als Erinnerungszeichen an heilige Männer, ſondern auch als einen Theil der Beſitzungen ihrer Stadt, wurden auf ſeinen Antrieb in der Nacht zerſtört. Das große Crueifix auf der Prager Brücke war auch der Zerſtörung geweiht, aber mehrere von den vornehmſten Böhmiſchen Edelleuten legten ſich in's Mittel, um dieſe raſche Handlung des Königs zu verhindern, und ſo wurde das Kreuz und die Statue verſchont. Das Ge⸗ Prag, und unglücklicherweife hatte die junge Königin rücht von der Abſicht verbreitete ſich aber durch f einige Zeit vorher ihren Entſchluß ausgeſprochen, nicht eher wieder dieſe Brücke zu paſſiren, als bis die unans ſtändige Gewohnheit abgeſchafft worden, daß beide Ge⸗ ſchlechter ohne Unterſchied in der Nähe dieſer Stelle im Fluſſe badeten. Der wahre Grund, den ſie offen ange⸗ geben, wurde von dem aufgebrachten und rohen Volke als eine bloße Entſchuldigung angeſehen. Jeſuiten bezeich⸗ mneten das Kreuz als den wahren Gegenſtand ihres Ab⸗ ſcheues, und es wurde ein Geſchrei gegen die unglückliche „Königin erhoben, welches ſich unter der ganzen katholi⸗ ſchen Bevölkerung verbreitete. 1 Als die Jeſuiten einmal Veranlaſſung zu Klagen hefunden hatten, hörten ſie nicht auf, den Monarchen zu läſtern, dem Volke alle ſeine Handlungen verkehrt darzuſtellen, die niedrigſten Beweggründe und ſelbſt das ſausſchweifendſte Betragen einem Manne zuzuſchreiben, der ſich offen für einen Feind ihrer Kirche erklärt hatte. Nit der ſchlangenartigen Schlauheit ihres Ordens ver⸗ reiteten ſie giftige Gerüchte und verläumderiſche Behaup⸗ ungen durch Tauſend verſchiedene Kanäle unter das öhmiſche Volk. Zuweilen war es eine offene und ſüͤhne, aber verkehrte Angabe, ſowie die Beſchreibung der Beraubung der Kathedralkirche zu Prag von den Lalviniſten; zuweilen war es ein bloßes Gerücht, wie es ich unter den Lutheranern verbreitete, es ſei der Ent⸗ ſtluß des Königs und der Königin, jede Form der ottesverehrung in Böhmen aufzuheben, außer derjeni⸗ en, der ſie ſelber anhingen. Zweifel, Furcht und keindſchaften bemächtigten ſich der Geiſter der Bevölke⸗ ung; und als die Stürme des Krieges ſich zu erheben gannen und der junge Monarch aller Unterſtützung = nes vereinten Volks bedurfte, da fand er wenig mehr ſs Uneinigkeit, Abneigung und Argwohn. — 238— Inzwiſchen waren die Beziehungen des neuen Mon⸗ 5 ziehung archen von Böhmen zu fremden Mächten keineswegs befriedigend. Freilich erkannten ihn der Oheim ſeiner Gemahlin, der König von Dänemark, der kriegeriſte König von Schweden, die Venetianiſche Republik und viele Fürſten Deutſchlands ſogleich als König von Böhmen an; aber Jakob der Erſte von England, auf deſſen Bii⸗ ſtand er ſeine vorzüglichſten Hoffnungen gegründet hatte wollte ihm nicht einmal den Titel eines Königs zuerken nen, behandelte ihn wie einen Uſurpator und wollte fir die Erhaltung des Königreichs Böhmen keinen Beiſtand leiſten. Er verſprach indeß einzuſchreiten, wenn die Pfah ſollte angegriffen werden; aber Friedrich hatte bald Er legenheit zu erfahren, daß ſein Schwiegervater eben ſeſ falſch und nuzuverläſſig als eitel und ſchwankend ſei; und der einzige Beiſtand, den er je von England empfing wurde ihm durch die kriegeriſche Begeiſterung des jungn Adels für die Sache ihrer Prinzeſſin gewährt, die ſ mit ritterlicher Anhänglichkeit liebten. Frankreich zan derte; denn es war Franzöſiſche Politik, die Proteſtan ten unter dem eigenen Volk zu verfolgen, und die Zui ſtigkeiten Deutſchlands zu nähren, ſo daß in allen Fil len die Dazwiſchenkunft Frankreichs in den Angelegenhi⸗ 1 ten des Reichs nur dazu diente, die proteſtantiſche Uni ¹ zu ſchwächen und den Katholiken jeden Vortheil zu g währen. Täglich und ſtündlich zog das Ungewitter nahy 98 d 1 — 239— „ heran, bedrohte auf der einen Seite Böhmen und auf z der andern die Pfalz. Große Truppenabtheilungen wur⸗ tden in den Spaniſchen Niederlanden, in Burgund und Lorraine unter den Bannern des Königs von Spanien ausgehoben; an ihre Spitze wurde der kriegserfahrene, entſchloſſene und geſchickte, aber ſchonungsloſe Spinola geſtellt, und auf der Oeſterreichiſchen Seite brachten meh⸗ rere berühmte Generäle Armeen zuſammen, welche bereit waren, auf den erſten Trommelſchlag in Böhmen einzu⸗ fallen.. — Inzwiſchen gab ſich Friedrich in ſeiner Hauptſtadt Prag abwechſelnd der Schwelgerei und der Andacht hin. Die galanten Sitten eines verfeinerten Hofes, der roman⸗ htiſche Ton, den derſelbe in der Pfalz angenommen, und der mit der rauhen Biederkeit der Böhmen in vollkom⸗ menem Widerſpruch ſtand, grenzten, wie man faſt all⸗ gemein glaubte, an grobe Ausſchweifung; und ohne Zweifel verbrachte Friedrich viel Zeit mit Luſtbarkeiten, die er weiſer zu Vorbereitungen zur Vertheidigung oder ium thätigen Angriffe auf einen Feind hätte anwenden ſſollen, der nicht einmal mehr den Schein der Freund⸗ ſchaft zeigte. Seine Handlungen waren ſchwach und unzeitig, ſeine Verhandlungen langweilig und ungeſchickt. Won Frankreich, Dänemark und Venedig erhielt er Nichts weiter, als unbeſtimmte Verſicherungen der Freundſchaft. Von dem König von Großbritanien erhielt er nur den Tadel eines Schulmeiſters, anſtatt der freund⸗ lichen Unterſtützung eines Vaters, und ſeine Geſandt⸗ ſchaft in die Türkei diente nur dazu, unter ſeinen Fein⸗ den das Gerücht in Umlauf zu bringen, er wolle ſich mit den Ungläubigen gegen den katholiſchen Kaiſer ver⸗ binden. Bethlen Gabor, Fürſt der Transſylvanier, verſprach nicht nur, ſich ſeiner Sache anzunehmen, ſon⸗ dern rüſtete ſich auch; doch die Geſchichte zeigt, daß die Operationen der Transſylvanier und Böhmen ſo ſchlecht übereinſtimmten daß die Oeſterreichiſchen Truppen Gele genheit hatten, gegen jede Abtheilung beſonders zu han⸗ deln und die eine Macht zu lähmen, ehe ſie von der andern konnte unterſtützt werden. Nur bei einer Gele⸗ genheit nach der Thronbeſteigung Friedrichs handelten die Böhmen und die Transſylvanier gemeinſchaftlih und hätten ſich damals Beharrlichkeit und Entſchloſ ſenheit mit der Heftigkeit und Thätigkeit vereint, ſo würde man wahrſcheinlich dem Hauſe Oeſterreich die Kaiſerkrone genommen haben und der Kaiſer in den Händen ſeiner Feinde gefangen geblieben ſein. Friedrichs Stern war nicht beſtimmt, hoch zu ſti⸗ gen. Er beſaß freilich mehr liebenswürdige Eigenſchif ten, als ſein Nebenbuhler; aber Ferdinand zeigte nitzſ nur ſelber ausgezeichnete Geſchicklichkeit, Klugheit un Thätigkeit, ſondern hatte auch eben ſo ſchlaue, vorurthels freie und thätige Rathgeber und Diener. Der Kurfürj — 241— von Baiern, der nahe mit dem Pfalzgrafen verwandt war, hatte ſeinem Vetter Grund gegeben zu glauben, daß ſeine Annahme der Böhmiſchen Krone von ſeiner Seite von keiner Handlung der Feindſchaft begleitet ſein werde; doch er war mit Ferdinand in derſelben Schule erzogen, war ein bigotter Anhänger der katholi⸗ ſchen Religion, das Oberhaupt der Deutſchen Katholiken und machte auf unbegründete Weiſe Anſpruch an einen großen Theil der Rheiniſchen Beſitzungen des jungen Königs. Dies Alles hielt in dem Geiſte eines von den Jeſuiten erzogenen Fürſten der Dankbarkeit und der Verwandtſchaft die Wage. Bald war er mit Herz und Seele für die Sache des Kaiſers eingenommen und wen⸗ dete alle gerechte und ungerechte Mittel an, um die katholiſchen Fürſten zu bewegen, gegen Böhmen und die Pfalz zu handeln. Georg Friedrich, Kurfürſt von Sachſen, ſtellte ſich eine Zeit lang, als wollte er ſich neutral halten, doch dieſer unwürdige Fürſt neigte ſich, wie es ſchien, von Anfang an zu dem Hauſe Oeſterreich und war bald gänz⸗ lich für Ferdinands Intereſſen gewonnen. Aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach hatte die Eiferſucht über die Erhebung des Pfalzgrafen auf den Thron von Böhmen einen beträchtlichen Antheil an dieſer Entſcheidung; doch zu gleicher Zeit ſchien es, als würden andere Mittel ange⸗ wendet, um jede Bedenklichkeit zu entfernen. Gleich Heidelberg. Zweiter Band. 16 — 242— vielen Menſchen von ausſchweifenden Sitten war er ſehr unter der Herrſchaft fanatiſcher Prieſter, die ſeine Laſter unter der Bedingung duldeten, daß ſie feine Politik lei⸗ teten. Das Oberhaupt dieſer intereſſirten Männer war Matthias von Hoenegg, ein geborener Oeſtreichiſcher Unten⸗ than, der erbittertſte Nebenbuhler und eiferſüchtigſte Feind des Abraham Schultetus, der von geringer Her⸗ kunft aber aufſtrebendem Ehrgeize war. Wie er dieſelbe erlangte, iſt nicht bekannt, aber eine große Geldſumme war der Preis fur feine Bemühungen, und der Kurfürſt von Sachſen erktärte ſich für das Haus Oeſterreich. Der Papſt lieferte beträchtliche Geldmittel; der König von Spanien ſtellte ſeine kriegeriſchen Rüſtungen nicht ein; der Pfalzgraf wurde in der Bann gethan und die Fürſten der proteſtantiſchen Union handelten nicht weiter für Friedrich, als daß ſie den katholiſchen Fürſten einen guten Vorwand gaben, Krieg zu erklären. Die Armeen der beiden ſtreitenden Religionen ſtanden zu Donauwörth und Ulm, als Frankreich einſchritt, um einen Friedens⸗ vorſchlag zu Stande zu bringen, wodurch Böhmen ſchutzlos blieb. Die proteſtantiſchen Fürſten kamen über⸗ ein, den neuerwählten König in dem Beſitze der Pfalz zu erhalten, während die Kämpfe in Böhmen und Oeſterreich vorgingen, und der unglückliche Friedrich ſah ſich dem An⸗ griffe der kaiſerlichen Truppen und der Armee der Verbünde⸗ ien in einem Augenblick ausgeſetzt, wo fein neues Königreich abgeneigt, Mähren und Niederöſtreich in Schrecken gehalten, und die Lauſitz, von wo er beträchtliche Ver⸗ ſtärkungen erwartete, von dem Kurfürſten von Sachſen beſetzt war. Die Dänen blieben neutral, Bethlen Ga⸗ bor war unthätig, die Schweden mit den Polen in Krieg verwickelt; Jakob von England leiſtete keinen Bei⸗ ſtand, und Frankreich hatte eben durch den ſchmachvollen Vertrag von Ulm die beſten Hoffnungen des jungen Monarchen vernichtet. Das Geld, welches nöthig war, um die Armeen zuſammenzubringen und aufrecht zu erhalten, war an Gelage und mit unvernünftiger Freigebigkeit verſchwendet worden. Die Neigung des Volks war durch Unfähigkeit und unbeſonnenen Fanatismus des Königs und ſeines Hofes entfremdet worden. Der hohe Adel von Böhmen fand ſich dadurch beleidigt, daß man Fremde zu den höchſten Stellen in der Armee und im Staate erhoben hatte. Befürchtungen und ſchlimme Gerüchte herrſchten in der Stadt Prag. Die Verrätherei war nicht unthätig. Es war keine hinlängliche Armee in der Nähe, um die Hauptſtadt zu vertheidigen, und die kleine Macht unter dem Oberbefehl des tapfern Chriſtian von Anhalt, die das Vorrücken des Feindes verhendern ſollte, war von der Hauptſtadt fern und gänzlich unfähig, gegen die ungeheure Truppenmaſſe zu kämpfen, die unter Mari⸗ milian von Baiern und dem Oeſterreichiſchen General Bue⸗ 16 qouy auf Böhmen anrückte. In Eile und in großer Furcht brachte Friedrich überall her Truppen zuſammen, wo er ſie finden konnte, ſobald er hörte, daß die Ar⸗ meen des Deutſchen Reiches und der übrigen katholiſchen Fürſten in Niederöſterreich eingefallen waren, und daß eine Stadt nach der anderen dem Feinde unterworfen wurde, während Chriſtian von Anhalt, mit weniger als zehn Tauſend Mann zu ſeiner Verfügung, ſich vor einer Armee von beinahe ſechzig Tauſend Mann zurückzog. Eine beträchtliche Truppenmaſſe wurde fruͤher zuſammen⸗ gebracht, als man bei dem Zuſtande des Landes hätte erwarten ſollen; aber die Grafen Thurn und Schlick waren in dieſer Noth großmüthig bemüht, ihren jungen König zu unterſtützen, ungeachtet der Kränkung, den Fürſten von Hohenlohe auf einem hohen Poſten zu ſehen. Graf Mannsfeld im Gegentheil, der ſchon thätig beſchäftigt war, ſich Oeſterreich zu widerſetzen, wollte ſich dieſer Unwürdigkeit nicht unterwerfen und blieb unthätig mit ſeinen Truppen in Pilſen ſtehen, während das Schickſal Böhmens unter den Mauern von Prag ent⸗ ſchieden werden ſollte. Inzwiſcheg wurden eiligſt Boten an Bethlen Gabor geſchickt, und er gebeten, ſeinen Bundesgenoſſen zu Hülfe zu kommen, worauf man die Verſicherungen erhielt, daß er Friedrich mit einer großen Truppenmaſſe zu Hülfe reiten wolle. Dieſer Monarch blieb aber lange in Ungewißheit über das raſche Vor⸗ — 245— rücken der Oeſterreichiſchen und Bairiſchen Truppen, bis endlich gegen Ende des Octobers die Depechen des älteren Fürſten von Anhalt Friedrich mit ſeiner gefährlichen Lage bekannt machten. Er hörte jetzt, daß keine Städte Widerſtand leiſteten, ſo ſtark auch ihre Feſtungswerke waren; daß das ſtrenge Verfahren, welches man an allen mit Sturm genommenen Plätzen angewendet, überall Beſtürzung verbreitet habe und daß dem Erſcheinen der Bairiſchen Fahnen unter den Mauren der Böhmiſchen Städte augenblickliche Unterwerfung gefolgt ſei. Pilſen verſprach freilich Widerſtand zu leiſten, und die von Mannsfeld verſtärkten Feſtungswerke konnten wohl dem Feinde Trotz bieten. Chriſtian von Anhalt mit ſeiner kleinen Macht trat den Rückzug an vor den ſiegreichen Armeen, ſicherte durch die geſchickteſten Bewegungen nicht nur ſeine eigene Macht, ſondern hielt auch den Feind zurück, und gewährte dadurch dem Hofe zu Prag Zeit, ſich zu rüſten. Eine kleine Abtheilung von Ungarn rückte raſch auf die Hauptſtadt an und es zeigte ſich unter den Bürgern von Prag ein Zeichen von Einigkeit und Eifer, obgleich es nur leerer Schein war. Unter ſolchen Umſtänden verließ Friedrich am 2. November ſeine Hauptſtadt, um mit eigenen Augen den Zuſtand ſeiner Armee unter dem Prinzen von Anhalt zu ſehen; und nicht ſobald war er angekommen, gls auch der General die augenblickliche Begeiſterung, 4 welche die Gegenwart des Königs erregt hatte, benutzte, um den Poſten von Rakonitz gegen die Oeſterreichiſchen Truppen unter Bucquoy zu vertheidigen. Das Erſchei⸗ nen des Monarchen im Felde und der unerſchrockene Muth, den er im Augenblick der Gefahr zeigte, flößte ſeinen Truppen neuen Murh ein und erhob ihn auch in der Zuneigung der Soldaten. Mehrmals wurde es nöthig, ihn zu bitten, ſeine Perſon nicht ſo unbeſonnen der Gefahr auszuſetzen; aber Friedrich blieb, ungeachtet aller Vorſtellungen, im heißeſten Feuer und trug ohne Zweifel ſehr dazu bei, die Kaiſerlichen bei Rakonitz zu ſchla⸗ gen. Chriſtian von Anhalt ſah wohl ein, daß dieſes Scharmützel keinen bedeutenden Erfolg haben könne. Aber Friedrich ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, daß es ihm eine günſtige Gelegenheit zu wichtigen Verhand⸗ lungen geben werde; und nachdem er Botſchaften abge⸗ ſendet hatte, um mit dem Herzog von Baiern zu ver⸗ handeln, kehrte er in ſeine Hauptſtadt zurück und hoffte, daß wenigſtens Zeit gewonnen werde und daß mit einem Friedensvorſchlage vor ſich und Pilſen mit Mannsfelds ſtarker Armee zur Linken, Maximilian auf jeden Fall anhalten werde, um ſeine Stellung zu bedenken, wenn er ſich nicht gänzlich zurückzöge. Der Kurfürſt von Baiern behandelte den Vorſchlag mit Verachtung. Anhalt wurde genöthigt, ſich zurückzu⸗ ziehen, ſobald die Baiern mit den Oeſterreichern zuſammen — 247— wirken konnten und der einzige Vortheil, der durch das Scharmützel bei Rakonitz erlangt worden war, beſtand darin, daß man der verbündeten Armee einen oder zwei Tagemärſche abgewonnen hatte, ſo daß die Böhmiſche Armee unter den Mauern von Prag ankam, ihre Poſi⸗ tion auf dem weißen Berge einnahm, und noch Zeit gehabt hätte, ſich zu verſchanzen, wenn die Disciplin der Soldaten der Geſchicklichkeit und der Aufopferung ihres Anführers gleich geweſen wäre. Die ſtürmiſche Menge war ſchon im Beſitze des weißen Berges, als Chriſtian von Anhalt gleichfalls dort erſchien. Lebensmittel waren nur mit Schwierigkeit zu haben; es konnte keine Disciplin erhalten werden und die Bürger murrten über das unordentliche Beneh⸗ men der Soldaten. Niemand in der Stadt ſchien zu wiſſen, daß der Feind den Thoren ſo nahe war, und vergebens verſuchte Chriſtian von Anhalt den Hof des Monarchen, die Obrigkeit der Stadt und die Offiziere der Armee von der wahren Gefahr und der Nothwendig⸗ keit in Kenntniß zu ſetzen, alle Mittel zum Widerſtande anzuwenden. Dies war noch d⸗ Fall am Abend des 19. November, und hier will ich die kurze Skizze der politiſchen Ereigniſſe ſchließen, die den allgemeinen Gang meiner Erzählung nothwendig hat unterbrechen müſſen. Man wird fragen, was während all dieſer Zeit aus Algernon Grey und Agnes Herbert geworden? — 248— Dieſe Frage kann mit ſehr wenigen Worten beantwortet werden. Algernon hatte den Hof nach Prag begleitet— war Zeuge des Schaugepränges bei dem triumphirenden Einzuge des jungen Monarchen in ſeine Hauptſtadt geweſen— hatte an den Feſtlichkeiten Theil genommen und war durch Tauſend Verwicklungen der Umſtände häufig in die Nähe ſeiner Geliebten gekommen. Auch war es ihm nicht möglich geweſen, Agnes die Leiden⸗ ſchaft zu verbergen, die ſie ihm eingeflößt. Er hatte Nichts geſagt— nein, nicht ein Wort— er hatte Nichts gethan, ſo weit er ſelber urtheilen konnte, um ihr zu zeigen, daß er ſie liebe: und doch bezweifelte ſie es nicht. Es war keine Frage mehr für ſie— ſie ſah es, ſie fühlte es; und als ſie endlich genöthigt war, ſich ſelber zu geſtehen, daß ſie ihn wieder liebe, da ging eine Zeit lang ein ſeltſamer und ſtürmiſcher Kampf in ihrer Bruſt vor. Aber Agnes urtheilte und handelte anders, als die meiſten Frauenzimmer; an einem ſchönen Herbſtabend ſetzte ſie ſich nieder, um den Charakter und das Betragen Algernon Greys zu beurtheilen und aus dem, was ſie wußte, auf das, was ihr zweifelhaft war, zu ſchließen. Ich will nur das Reſultat mit⸗ theilen. „Er liebt mich,“ ſagte ſie,„und weiß, daß ich ihn liebe. Aber es findet ein Hinderniß, eine vielleicht unüberwindliche Schwierigkeit Statt. Er iſt zu ehrenvoll um mit meinem Herzen ſein Spiel zu treiben; er hat nicht geſucht, mich zu täuſchen. Ich kann nicht ſagen, daß er geſucht hat, meine Neigung zu gewinnen, um mich ſpäter zu vernachläſſigen, wie andere Männer zuwei⸗ len thun. O nein! Er hat redlich gehandelt— er hat mit ſich ſelber gekämpft. Ich ſehe jetzt Alles ein; aber ich will ſeiner Ehre vertrauen, und während ich ſoviel als möglich meine Gefühle verberge, will ich glauben, daß Alles, was er thut, recht und edel iſt. Ich kann in der Einſamkeit leben und ihn dennoch lieben und ehren.“ * Noch waren nicht viele Wochen vergangen, als Algernon Grey von Agnes Herbert Abſchied nahm um den jüngeren Prinzen Chriſtian nach Mähren zu beglei⸗ ten. Er kehrte nicht eher nach Prag zurück, als bis er ſich in jedem Scharmützel und jedem Gefecht, welches Statt fand, hohen Ruhm erworben, und dann Chriſtian von Anhalt von Rakonitz auf ſeinem Rückzuge zu dem weißen Berge begleitete. Zwölftes Kapitel. Die Nacht des 19. November 1620, die dem drei⸗ undzwanzigſten Sonntage nach Trinitatis vorherging, war dunkel und ſtürmiſch. Die Wolken rollten ſchwer über den Himmel dahin, und wurden von einem heftigen Winde fortgetrieben, der um die alten Feſtungswerke von Prag heulte und pfiff und die Scheiben in den langen Fenſtern erſchütterte. Nicht ein Stern war zu ſehen; der Mond gewährte nicht einmal jenes bleiche und un⸗ ſichere Licht, welches er zuweilen über den ganzen Him⸗ mel verbreitet, wenn auch ſeine Scheibe ſelbſt hinter düſterem Nebel verborgen iſt; und das Einzige, was die Dunkelheit der Scene verminderte, war hie und da ein Licht in den Fenſtern der unregelmäßigen Straßen, oder eine Laterne, die ſich von der unteren zu der obe⸗ ren Stadt fortbewegte.. Dies war der Anblick auf der Seite nach Prag zu; —— — 251— aber auf dem weißen Berge zeigte ſich eine verſchiedene Scene. Auf der Höhe deſſelben befand ſich das Lager der Böhmiſchen Armee und zwiſchen den Zelten und Laſt⸗ wagen glühte manches Wachtfeuer, um die Soldaten zu wärmen, die kein Obdach gefunden hatten, während die Laternen, die in einiger Entfernung von einander vor beſondern Zelten hingen, die Quartiere der Anführer jener ungeordneten Macht bezeichneten. So war der ganze Gipfel des Berges erhellt, und eine lange Linie von Wachtfeuern zog ſich von dem Gipfel zu der geräu⸗ migen und ſchönen Promenade, der Stern genannt, hin⸗ unter und bezeichnete den Platz, den die wilden trans⸗ lernßeh Reiter einnahmen. Auf der entgegengeſetzten Seite nach Pilſen zu erſtreckte ſich ein dunkler und öder Raum, denn Chriſtian von Anhalt hatte ſtrenge ver⸗ boten, nach jener Seite hin Zelte aufzuſchlagen. Dieſer Befehl war wenigſtens befolgt worden, was mit andern, die er ertheilt hatte, nicht der Fall war; denn in der That war der ganze Nachmittag in ſtürmiſcher Unord⸗ nung vergangen, die man nur durch die thätigſte An⸗ wendung des militäriſchen Anſehens zu unterdrücken ver⸗ mogte, um wenigſtens bis zum Anbruch der Nacht ei⸗ nige Ordnung herzuſtellen. Um ſechs Uhr Abends war ein Ereigniß geſchehen, welches dazu beigetragen hatte, einigermaßen ſeine Bemühungen zu unterſtützen. Die Truppen waren bisher faſt gänzlich ohne Lebensmittel V und ganz ohne Wein geweſen; aber die lebhaften Vor⸗ ſtellungen des Generals bei dem Prager Hofe und die freigebige Anwendung ſeiner eigenen Börſe unter den Marketendern in der Stadt hatten ihnen endlich eine ge⸗ nügende Zufuhr von Fleiſch und Brod und eine mäßige Quantität Wein verſchafft. Die Vertheilung geſchah ſe gleich, und während die Soldaten mit Eſſen und Trim ken beſchäftigt waren, wendeten die Offiziere Maßregeln an, um die Disciplin wieder herzuſtellen, ſo daß man um neun Uhr eine größere Ordnung im Lager bemerkk und erwarten konnte, daß dieſe Nacht ruhig vorüberge hen werde.— Um dieſe Stunde trat Algernon Grey einen Auf genblick aus ſeinen Zelt und überſchaute die intereſſam Scene, welche ſtets das nächtliche Lager einer Arm gewährt. Als er hinausblickte, ſchweifte ſein Auge übn die verſchiedenen Gruppen dahin— ruhte auf den Wacht feuern,— eilte weiter zu den Urngariſchen Zelten umd dann zu den hinter denſelben befindlichen Quartiern und beobachtete die verſchiedenen Linien mit wachſamen und ernſtem Ausdruck. Von Zeit zu Zeit wendete i ſeinen Kopf um, und ſprach mit Jemand in abgebroch nen Sätzen in dem Zelt, welches etwa in folgender A geſchah: „Es müffen zwanzig Tauſend ſein, denke ich; das heißt, ohne die Ungarn zu rechnen. Wie hoch belaͤuft ſich ihre Anzahl?“ 1„Auf zwölf Tauſend,“ ſagte eine tiefe Stimme von innen. „Nicht ſo hoch ſollte ich denken,“ fuhr Algernon Grey fort.„Laßt ſehen,— ich rechne zehn Mann auf ein Feuer— es können nicht mehr ſein als höchſtens macht Tauſend. Mit einer ſolchen Armee könnte man viel ausrichten, wenn nur ein gemeinſames Band zwiſchen ihnen wäre und man einige Disciplin aufrecht zu halten vermögte; und doch zweifle ich ſehr an dem Erfolge.“ „Wo iſt Euer Vetter? Wo iſt Lovet?“ fragte die Stimme wieder. „Er iſt in die Stadt gegangen,“ antwortete Alger⸗ non Grey, indem er in das Zelt zurückkehrte und ſich gen Prinzen von Anhalt niederſetzte.„Um die Wahr⸗ heit zu ſagen,“ fuhr er fort,„iſt es mir nicht unlieb, von ſeiner Gegenwart befreit zu ſein: Lovet's Geiſt iſt zu leicht, um in einem ſolchen Augenblick, wie dieſer, mit dem meinigen übereinzuſtimmen. Ich kann nicht um⸗ hin, dieſe Dinge tief zu empfinden, Chriſtian. Ich kann die Scene nicht vergeſſen, die wir hier gerade vor einem Jahre erlebten, und muß ſie mit der vergleichen, welche Prag jetzt darſtellt: von einer überlegenen Armee be⸗ droht, ohne gehörige Vorbereitungen zur Vertheidigung, an einen kleinen unförmlichen Tiſch zur Seite des jun⸗ wo Eures Vaters bedeutende Kriegserfahrung fruchtlos wird, um die Fehler Anderer wieder gut zu machen, und wo Euer kühner Muth und der vieler Anderer, wie Ihr, im Dienſte eines Fürſten vergeblich ſein muß, der der übernommenen Aufgabe nicht gewachſen, und wie ich hinzufügen muß, der Krone unwürdig iſt, die man ihm zugetheilt hat.“ „Es iſt freilich eine trauxige Verändorung vorge⸗ gangen,“ ſagte der junge Prinz von Anhalt in düſterem Tone,„und ich muß geſtehen, Friedrich hat ſich nicht für die Krone, die er trägt, geeignet gezeigt; dennoch hat er nicht viele wirkliche Fehler an ſich, und wenig⸗ ſtens gibt es eine Perſon, die der ritterlichen Anſtren⸗ gung jedes Mannes von edlem Herzen würdig iſt. Ich rede von Eurer eigenen ſchönen Prinzeſſin, die ebenſo fehlerlos als ſchön und ebenſo muthig, als gut iſt. Wollte Gott, ſie wäre unſer König! Dennoch müſſen wir Alle geſtehen, daß Friedrich ein ſchwieriges Spiel e hat.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Algernon Grey;„und er hat es ſchlecht genug geſpielt. Es gab vielleicht nie eine einigere Nation, als dieſe Böhmen, da ſie den Kur⸗ fürſten auf ihren Thron erhoben. Ich meine, ſie wa⸗ ren einig mit Herz und Seele bei dieſer großen Hand⸗ lung. Friedrich verdankte ſeine Erhebung nicht einer Partei im Staat, ſondern das ganze Land war ſeine Partei. Ihr erinnert Euch der Begeiſterung, die überall ſeiner wartete, wo er erſchien: in den Schlöſſern des Adels, in den Straßen der Stadt, in den Hütten des Dorfes. Kein Mann war abgeneigt und unvorbereitet, das Schwert in ſeiner Sache zu ziehen. Aber jetzt, wie ſehr hat ſich Alles in einem kurzen Jahre geändert: das Band der Einigkeit iſt zerriſſen; das vereinte Volk iſt in Tauſend Parteien zerfallen, und wem haben wir dies zuzuſchreiben? Vorzüglich ſeiner eigenen Schwäche, fürchte ich, und ſeinen Mißgriffen. Es iſt eine intereſſante Be⸗ trachtung, wie die Zerſtörung großer Parteien vor ſich geht, und ich denke, es iſt eine Frage, worüber Frie⸗ drich niemals nachgedacht, obgleich die Begründung ſeiner Macht davon abhing. Der Mann, der ſich den Vor⸗ urtheilen einer Partei hingibt, die ihn zu einem hohen Range erhebt, wird denſelben freilich nicht lange behaup⸗ ten; aber der Mann, der ſich den rechtmäßigen Anſprü⸗ chen jener Partei widerſoht, wird gewiß bald fallen, denn die Vereitelung vernünftiger Hoffnungen iſt die Saat der Feindſchaft, die eine bittere Ernte hervorbringt. Wenn es gehäſſig iſt, Freunde in ihren gerechten Forde⸗ rungen zu täuſchen, ſo iſt es zehn Mal gefährlicher, Feinde zu ermuthigen, indem man verſucht, ſie durch die Aufopferung eines Grundſatzes zu verſöhnen. Nun hat ſich Friedrich mehr oder weniger allen dieſen Ge⸗ fahren ausgeſetzt: in vieler Hinſicht vat er ſich den Vor ——— urtheilen des Böhmiſchen Volks gefügt und dennoch die vernünftigen Hoffnungen Vielerz getauſcht. Er hat Feinde ermuthigt, durch ſchwache Anſtrengungen ſie zu beruhi⸗ gen und zu verſöhnen; kurz, er hat den Grundſatz eines alten Anführers ſeines Landes vergeſſen: Ich bin ein Freund meiner Freunde, ein Feind meiner Feinde, ich liebe den Frieden, fürchte aber nicht den Krieg.“ „Ja, in der That, er hat einen großen Mißgriff gethan,“ verſetzte ſein Gefährte,„er hätte den Angriff wählen ſollen, ſobald ein einziges Schwert gegen ihn gezogen worden; es war keine Zeit zu zaudern, da er die Krone vom Haupte eines Kaiſers genommen und dieſer Kaiſer bewaffnet war, ſie wieder zu erobern. Al Anführer des ganzen Böhmiſchen Volks, welches ih wie eine Schaar von Wölfen gefolgt wäre, hätte er ge⸗. rade vor die Thore von Wien marſchiren und dem, der in ſeiner Strafloſigkeit ſtark geworden, und deſſen ein⸗ ziges Recht die Thrannei iſt, in den Hallen des kaiſer⸗ lichen Palaſtes die Friedensbedingungen vorſchreiben ſol⸗ len. Wenn er Ferdinand von Grätz zur Ruhe gebracht, hätte er ſich zu Maximilian von Baiern wenden ſollen, und ehe der Vertrag von Ulm Zeit gehabt zu trocknen hätte das katholiſche Bündniß vernichtet werden können⸗ Der größte Mißgriff, den die Menſchen machen, beſtehe darin, daß ſie nicht beurtheilen, ob es Zeit zur Thätig, keit oder zur Ruhe iſt. Aber ich ſehe nicht, wie er die — — 257— vernünftigen Hoffnungen und Anſprüche des Böhmiſchen Volks getäuſcht hat.“ Algernon Grey lächelte, als der junge Prinz die Augen erhob, als erwarte er eine Antwort. „Wir ſind jetzt alte und geprüfte Freunde, Chriſti⸗ an,“ ſagte er,„ſonſt würde ich nicht wagen, Euch zu ſagen, was ich jetzt auszuſprechen im Begriff bin. Die Böhmen hatten ein Recht zu erwarten, daß die höchſten Poſten im Staat und in der Armee ihnen und nicht Fremden zugetheilt würden; aber hier iſt das Gegentheil geſchehen. Was ſeht Ihr zum Beiſpiel in der Armee?“ „Nun, im Namen des Himmels,“ rief Chriſtian von Anhalt,„ich ſehe, daß kei Mann unter Allen ſo geeignet iſt, eine Armee zu commandiren, wie mein Vater.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Algernon Grey;„aber dennoch haben die Böhmen ein Recht, ſich zu beklagen, daß keiner von ihren eigenen Edelleuten dazu gewählt worden iſt. Thurn und Schlick ſind Beide alte und erfahrene Krieger, haben einen hohen Ruf unter ihren Landsleuten, und obgleich in jeder Eigenſchaft eines Ge⸗ ſee Eurem Vater eben ſo ſehr untergeordnet, wie der gemeinſte Soldat ihnen untergeordnet iſt, ſo könnt Ihr Euch doch darauf verlaſſen, daß nicht nur ſie, ſondern auch das ganze Böhmiſche Volk, es als eine Beleidigung nicht nur für die beiden Grafen, ſondern auch für ganz Böhmen anſehen.“ 4 Heidelberg. Zweiter Band. 17 — 258— „Sehr wahr und richtig, mein junger Freund,“ ſagte eine Stimme im Eingange des Zeltes, und ein ältlicher Mann von ſtarker und kräftiger Geſtalt, mit grauem Spitzbart und breitem Hute auf dem Kopfe trat ein und faßte vertraut Algernon Grey's Schulter.„Mich über dieſe Männer zu ſtellen, iſt einer der größten Miß⸗ griffe des Königs geweſen. Der Himmel weiß, ich ſtrebte nicht darnach; hätte er mir nur ein Corps von zehn Tauſend Mann aus der Pfalz gegeben, ſo hätte ich ihm beſſere Dienſte leiſten können, als da ich jetzt den gan⸗ zen Pöbel von Böhmen anführen muß. Doch ich ſuche Euch jetzt wegen anderer Dinge auf— wegen Fehler, die wieder gut gemacht werden können, was mit dieſen nicht geſchehen kann.“ „Ich hoffe, es iſt kein Fehler von meiner Seite, edler Fürſt?“ „Nein, nein,“ ſagte der alte Krieger,„Ihr thut Eure Pflicht getreu, und ich will Euch nur bitten, 9 dieſe Nacht zehn von Euren rüſtigen Leuten zu geben um ſie eine kurze Strecke voraus auf die Landſtraße zu ſchicken. Man kann nicht wiſſen, wie bald uns der Bai überfällt, er wird kein Gras wachſen laſſen zwiſchen der Hufen ſeines Pferdes, denn er weiß eben ſo gut, wie ich, wenn er nicht bald eine Schlacht liefert und einen Sieg gewinnt, ſo müſſen ſeine Leute verhungern. Hät⸗ ten wir ihn nur bei Pilſen aufhalten können, ſo wãre das Spiel in unſern Händen geweſen; aber es konnte nicht ohne Mannsfeld geſchehen, und Mannsfeld war eiferſüchtig und wollte nicht handeln.— Nur drei Tage, nur drei Tage— das iſt Alles, was ich wünſche.“ Und der alte General ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand und verſank in tiefes Nachdenken. „Er kann nicht vor Montag hier ſein,“ ſagte Al⸗ gernon Grey;„wir haben ihm zwei Tagemärſche abge⸗ wonnen.“ „Morgen wird die Sonne nicht untergehen, ohne daß wir ihn am Fuße dieſes Hügels ſehen,“ antwortete der Fürſt;„und wenn ich nur die Leute dahin bringen könnte, ihre Pflicht zu thun, ſo könnten wir ihm noch Trotz bieten und ſein Heer zu unſern Füßen verhungern laſſen, bis ſie dahin ſchwinden wie Frühlingsſchnee. Aber dieſe Leute wollen Nichts thun; dieſer ganze Nach⸗ mittag iſt verſchwendek worden, daſſelbe wird morgen geſchehen ohne daß eine Redoute oder eine Linie fertig iſt. Indeß dürfen wir ſie nicht ſo ſehr tadeln; ſie ſind entmuthigt; ſie hören von Nichts, als von Mißgeſchick; ſie haben ſelbſt wenig Lebensmittel und verlangen die Gegenwart ihres Fürſten. Er zeigt ſich ſelten bei der Armee; ſeine Zeit vergeht abwechſelnd mit Andacht, Luſt⸗ barkeiten und Predigten: bald hört er die fanatiſchen Reden dieſes Schultetus an, bald blickt er Amalia von Solms in die Augen, bald tanzt er oder hört dem läp⸗ - 11⸗ — — 260— piſchen Geſchwätz ſeines Narren zu. Wir müſſen ihn unter uns haben, mein junger Freund, und zwar dieſe Nacht noch, wenn es möglich iſt; wenn nicht, wenig⸗ ſtens morgen in aller Frühe. Ich ſage nicht, daß wir die Schlacht verlieren werden— das verhüte Gott!— aber ich ſage, die Gegenwart ihres Fürſten iſt das ein⸗ zige Mittel, ſie bei ihren Fahnen zu erhalten. Die Dinge haben ein düſterrs Anſehen und wir dürfen keine Gele⸗ genheit verlieren. Friedrich kämpft für ſeine Krone und die Arbeit eines blutigen Tages darf ihm nicht zu ſchwer ſein.“ „Es fehlt ihm gewiß nicht an Muth,“ verſetzte Al⸗ gernon Grey;„und ich zweifle nicht, daß er in der Stunde der Gefahr hier ſein wird.“ „Auch ich nicht,“ antwortete der alte Fürſt;„aber um eine moraliſche Wirkung hervorzubringen, muß er vorher hier ſein. Er muß den Leuten zeigen, daß er mit ihnen leben oder ſterben will: dann habe ich keine Furcht; denn wenn er ſich einmal kräftig zeigt, ſo wer⸗ den die Mißvergnügten in jener Stadt ſich fürchten, ihre Köpfe zu zeigen; denn ſollten wir von unſerer Stellung auf dieſen Hügel vertrieben werden, ſo werden uns im⸗ mer die Kanonen von Prag beſchützen oder die Mauern von Prag uns decken.— Aber jetzt zu der Sache, die mich herführt. Ich habe gedacht, wir müſſen die Köni⸗ gin bewegen, ihren Gemahl hieher zu ſchicken, und da iſt ——— — 261— mir eingefallen, wie dies am Beſten geſchehen kann. Bei dem Könige habe ich alle Mittel verſucht. Dieſes Ge⸗ ſchäft wird Euch zufallen, mein junger Freund; Ihr ſeid ihr Landsmann, von hohem Range und Stande in Eurem Vaterlande, habt Euch im Dienſte ihres Ge⸗ mahls ausgezeichnet und ſeit einem Jahre Euch jeder Gefahr ausgeſetzt und Eure Mittel angewendet, um ſei⸗ nen Thron aufrecht zu erhalten, ohne dafür irgend eine Belohnung oder Ehre zu verlangen. Ihr müßt zu ihr gehen— müßt mit ihr reden— und ihr die Nothwen⸗ digkeit des Falles vorſtellen. Er iſt jetzt bei einem fröh⸗ lichen Gelage und wird bis zwölf Uhr damit beſchäftigt ſein; beſteigt alſo ſogleich Euer Pferd und ſeht, was ſich thun läßt.“ „Aber in der That, Generak, ich muß eine Voll⸗ macht dazu haben,“ ſagte Algernon Grey;„ſonſt würde ich fürs Erſte keinen Zutritt zu der Königin erhalten, und wenn das auch wäre, könnte ſie mein Einſchreiten als eine grobe Unverſchämtheit betrachten.“ „Vollmacht!“ ſagte der biedere alte Fürſt.„Hier iſt ſie. Ich wußte ſchon, was Ihr ſagen würdet, und daher habe ich ſchon dieſe Worte niedergeſchrieben, näm⸗ lich:„„Ihre Majeſtät werden gebeten zu glauben, daß Alles, was Algernon Grey Euch ſagt, im Namen Eu⸗ res unterthänigſten Dieners, Chriſtian von Anhalt, ge⸗ ſchieht.““ Das Uebrige will ich Eurer Beredtſamkeit 262— überlaſſen. Und nun, wenn Ihr die Armee retten wollt, ſo macht Euch eiligſt auf den Weg und wendet Euer thätigſtes Bemühen an.“ Algernon Grey ſchlug die Augen nieder und dachte mehrere Sekunden nach. „Es iſt eine delikate Aufgabe,“ ſagte er endlich, „eine ſehr delikate Aufgabe, General; fürs Erſte mit einer Frau von der Handlungsweiſe ihres Gemahls zu reden; dann zu einer Unterthanin über die Handlungs⸗ weiſe ihres Königs zu reden; denn obgleich ſie Königin iſt, iſt ſie doch immer Unterthanin; und vor allen Din⸗ gen gegen eine Perſon in ihrer Stellung die Fehler deſ⸗ ſen zu erwähnen, den ſie zu ehren verbunden iſt und den ſie liebt.— Mein edler Fürſt, ich mögte es lieber nicht übernehmen. Wenn Jemand in Eurem ganzen Lager iſt, dem Ihr dieſen traurigen und gefährlichen Auftrag ertheilen könnt, ſo bitte ich, mir denſelben zu erſparen.“ Der alte Fürſt von Anhalt faßte ſeine beiden Hände und drückte ſie kräftig. „Euer Gefühl von der Schwierigkeit und Wichtig⸗ keit des bittern Auftrages iſt ein hinlänglicher Beweis, daß Niemand mehr zu der Ausführung geeignet iſt, als Ihr. Ich bitte Euch, mein Freund, übernehmt ihn. Wenn Ihr dieſes Reich retten, wenn Ihr dem Kurfürſten Friedrich die Krone erhalten, wenn Ihr die liebenswür⸗ V V V dige Dame, die wir Alle lieben, und der wir dienen, vom Untergange erretten, wenn Ihr unzählige Uebel, Blutbad, Folter, Verfolgung, Umſturz des reinen Glau⸗ bens in dieſem Königreich abwenden wollt, ſo übernehmt die Aufgabe ſogleich, macht eine letzte Anſtrengung für unſere einzige Hoffnung des Sieges; und dann mag das Reſultat ſein, welches es will, Ihr könnt Euer Haupt im Frieden niederlegen, da Ihr wißt, daß Ihr wenig⸗ ſtens Euer Möglichſtes gethan.“ Algernon Grey drückte kräftig ſeine Hand. „Ich will gehen, edler alter Mann,“ ſagte er,„ich will gehen, obgleich es mir eine der bitterſten Qualen verurſacht, die mein Herz je empfunden; obgleich es die Urſache manches ſpäteren Kummers ſein mag— ich will gehen. Es ſoll nicht geſagt werden, daß ich es an irgend Etwas habe fehlen laſſen, um die Sache zu unterſtützen, der ich mich angeſchloſſen.“ „Meinen Dank!“ rief der ältere Prinz von Anhalt. „Heda, draußen! Führt Herrn Algernon Grey's Pferd vor, raſch!— Mein Herr,“ fuhr er fort,„Gott weiß, ob Einer von uns das Ende des morgenden Tages er⸗ leben wird. Ehe Ihr zurückkehrt, will ich mich nieder⸗ legen, um ein wenig zu ſchlafen, welcher Schlaf vor morgen Abend vielleicht in einen andern Schlaf wird verwandelt werden. Wenn wir uns nicht wiederſehen, ſo erinnert Euch, daß ich in dankbarem Gefühl für dieſe und manche andere Handlung ſterbe. Es lebte nie ein beſſerer Soldat, als Ihr Euch unter mir gezeigt habt; und der alte Chriſtian von Anhalt, der in ſeinen Tagen manche Schlacht mitgemacht hat, wird ein eben ſo guter Richter über dieſe Dinge ſein, wie andere Leute. Aber vor allen Dingen danke ich Euch für das, was Ihr jetzt zu thun im Begriff ſeid. Ich weiß, wie bitter es iſt, und daß Ihr lieber Hundert Feinden mit der Lanze in der Hand begegnen würdet, als dieſer ſchönen Dame in einem ſolchen Auftrage. Aber es geſchieht zur Beförde⸗ rung, ja zur Rettung dieſer Sache; und ich weiß, das iſt genug für Euch. Bringt mir keine Botſchaft zurück. Es würde mich kränken, wenn es in höflichen Worten abgeſchlagen würde, und wenn er kommt, ſo iſt das eine genügende Antwort.“ „Welches iſt das Paßwort an den Thoren, Gene⸗ ral?“ fragte Algernon Grey, als er ein Pferd herbei⸗ führen hörte. „Die Krone!“ antwortete der alte General.„Nun fort, fort! Warum hältſt Du ihn auf, mein Sohn?“ „Sagt der Königin,“ begann der jüngere Chriſtian von Anhalt, der ſeines Freundes Arm faßte,„ſagt der Königin, wenn morgen eine Schlacht vorfiele, würde ich ihren Handſchuh in die Mitte des feindlichen Heeres tragen und ihr Siegesnachrichten zurückbringen, oder überhaupt nicht zurückkehren.“ „Sie wird Euch glauben, Chriſtian,“ entgegnete Algernon Grey.„Lebt wohl, für jetzt: ich werde Euch wiederſehen.“ Hierauf verließ er das Zelt und beſtieg ſein Pferd. „Ich und Frill wollen nebenher laufen, edler Herr,“ ſagte der Diener des jungen Herrn, ſeinen Steigbügel haltend;„ich wollte nicht mehr Pferde herausführen laſ⸗ ſen, denn die armen Thiere ſind ermüdet und ich hege die ſtarke Vermuthung, daß man ſie morgen wieder ge⸗ brauchen wird. Wohin eilt Ihr, Herr?“ „In die Stadt und in den Palaſt,“ antwortete ſein Herr kurz;„und ſeinen rüſtigen Diener auf der einen und den Pagen auf der andern Seite des Pferdes, er⸗ reichte er etwa in einer Viertelſtunde die Thore von Prag. Düſter und unheimlich war die Scene unter dem Thorwege, wo nur ein kleines Pförtchen offen war und ein halbes Duzend mit Bruſtharniſchen, Helmen und Partiſanen bewaffnete Männer bei einem großen Feuer Wache hielten, welches einen dunkelrothen Schein auf die ſchweren Maſſen des Mauerwerks warf. Die Thürme des Thors erhoben ſich hoch zu beiden Seiten, und durch die Oeffnung des Thores ſah man Richts weiter, als einen kleinen unregelmäßigen Platz und eine lange, ſchwarz ausſehende Straße, die in die Stadt führte. „Wer da?“ rief ein Soldat, als Algernon Grey — 266— ſich näherte, und zugleich wurde eine Partiſane auf die Bruſt des Pferdes gerichtet. „Ein Freund,“ verſetzte der junge Cavalier—„die Krone!“ „Willkommen, Freund! Laßt die Krone paſſiren,“ antwortete der Soldat und die Thore wurden ſogleich geöffnet, um ihn einzulaſſen. Langſam auf den düſtern Straßen fortreitend, ge⸗ langte Algernon Grey zu dem Palaſte und erreichte end⸗ lich den freien Platz vor dem ungeheuren alten Gebäude, der Hradſchin genannt, wo der Hof von Böhmen da⸗ mals reſidirte. In vielen Fenſtern war Licht; doch be⸗ ſonders aus einer langen Fenſterreihe ſtrömte ein heller Glanz in die Nacht hinaus, und er konnte nicht umhin, ein bitteres Gefühl zu empfinden, als er dachte, daß Friedrich dort auf ſinnloſe Weiſe ſchwelgte, während ſeine Freunde und Soldaten draußen im Lager, faſt von al⸗ len Lebensmitteln entblößt, den Angriff eines überlegenen Feindes erwarteten. Indem er ſein Pferd dem Diener mit dem Befehl dort zu warten, bis er zurückkehre, und ſein Schwert dem Pagen, mit der Anweiſung ihm zu folgen, über⸗ gab, näherte ſich der junge Cavalier den Thoren des Palaſtes, trat in den erſten Hof und ſtieg die Stufen zur Linken hinauf. Die Wachen vor den Thoren fragten ihn nach dem Paßwort und die Diener im Innern des Ge⸗ — 267— bäudes machten viele Schwierigkeiten, als ſie hörten, daß er eine Audienz bei der Königin ſuche. Endlich wendete ſich einer von ihnen achſelzuckend ab, und ſagte, die Köni⸗ gin ſei krank im Bette. Ohne ärgerlich zu werden, ver⸗ langte Algernon Grey eine von ihren Damen zu ſprechen. „Die Prinzeſſin Amalie von Solms,“ ſagte er, „die Gräfin von Löwenſtein oder irgend eine Andere.“ „Ich will gehen und zuſehen,“ antwortete der Mann, der den jungen Cavalier nicht zu kennen ſchien, und Al⸗ gernon Grey wurde volle zehn Minuten im Vorſaale aufgehalten, ehe er eine Antwort auf ſein Anliegen er⸗ hielt. Während dieſer Zeit ging eine Anzahl reich ge⸗ kleideter Diener hin und her, die große ſilberne Schüſſeln, vergoldete Weinflaſchen und Teller mit Confitüren tru⸗ gen; endlich aber kehrte der Diener, mit dem er geſpro⸗ chen, zurück, und bat ihn in reſpektvollem Tone zu fol⸗ gen. Indem er den Pagen unten ließ, folgte er ſeinem Führer einige von den vielen Treppen des Gebäudes hinauf, durch einen langen Gang, zwei oder drei Stu⸗ fen hinunter, noch durch einen andern engen Gang und dann über einen großen Vorſaal, der von ſchweren ſtei⸗ nernen Pfeilern unterſtützt war. Am andern Ende die⸗ ſer Halle öffnete der Diener eine Thüre, bat Algernon Grey einzutreten und ſagte: „Eine von den Damen wird ſogleich zu Euch kom⸗ men, mein Herr.“ — 268— 4 Algernon Grey ſah ſich um. Der Anblick des Zim⸗ mers war gewiß nicht geeignet, ſehr angenehme Gedan⸗ ken zu erregen. Es waren freilich koſtbare Draperien und Vorhänge da, aber von trüben und matten Farben. Das übrige Mobiliar, obgleich reich vergoldet, war von plumpen Formen und nach alterthümlicher Mode. Nur ein einziger Wandleuchter war angezündet, der an einer langen, vergoldeten eiſernen Stange befeſtigt war; und als er das matte Licht bemerkte, welches die Dunkelheit zu durchdringen ſtrebte, und die Lichtſtrahlen, welche ſich in den dunkeln Farben der Draperie verloren, da dachtt er: „So matt ſchimmern die Hoffnungen Böhmens.“ 1 Im nächſten Augenblick hörte er eine Thüre auf der rechten Seite des Zimmers krachen, und als er ſich umwendete, ſah er, wie der Vorhang raſch zurückge ſchlagen wurde. Dreizehntes Kapitel. „Agnes ¹“ rief Algernon Grey, und eilte ihr ent⸗ gegen, die er ſeit ſo vielen Monaten nicht geſehen hatte. „Dies iſt in der That eine Freude!“ Die Farbe wechſelte auf der Wange des ſchönen Mädchens; ein lebhaftes Roth überflog ihr Geſicht und verſchwand dann wieder gleich dem Lichte des Sonnen⸗ unterganges im Sommer; doch ohne Zurückhaltung oder Kälte näherte ſie ſich ihm und reichte ihm die Hand mit freudigem Lächeln. „Lange iſt es, daß wir einander nicht geſehen haben,“ rief ſie,„und nun müſſen wir einander in einem ſo ſeltſamen Augenblick treffen.“ „Ein ſeltſamer Augenblick iſt es in der That und auch ein ſchrecklicher, fürchte ich, denn wir ſind am Vor⸗ abend einer großen Schlacht, Agnes,“ verſetzte er.„Der Ausgang ſteht allein bei Gott, doch, ſo weit die menſch⸗ — 2570— liche Vorausſicht ungewiſſe Dinge berechnen kann, iſt viel Grund vorhanden zu fürchten, daß das Ereigniß kein glückliches ſein wird.“ „Wirklich?“ rief Agnes, ihn mit traurigem, aber lebhaftem Blicke anſehend.„Es iſt ſchrecklich genug zu denken, daß ſo viele unſerer Mitgeſchöpfe zuſammentref⸗ fen, um ihr Blut zu vergießen, ohne noch zugleich eime Niederlage zu erwarten. Aber man ſagt mir, es ſind dort fünfunddreißig Tauſend Mann, von den Prage Kanonen beſchützt, und unter einem großen und geſchick⸗ ten General.“ „Die Anzahl kann ich nicht genau ſchätzen,“ ver⸗ ſetzte Algernon Grey;„aber die Kanonen von Prag, liebe Agnes, können nur im Fall einer Niederlage zum Schutz dienen. Der General iſt freilich ſehr geſchickt, aber ſeine Soldaten gehorchen ihm nicht; ſeine Armer beſteht aus unzuſammenhängenden Theilen; ſeine Offi⸗ ziere ſind in ihren Anſichten getheilt und Jeder glaubt richtiger zu urtheilen, als ſein Anführer; die Truppen ſelber ſind durch Mangel und Ermüdung, ſowie durch einen weiten Rückzug entmuthigt. Die kleine Abtheilung, die bereits mit dem Feinde gefochten hat, hegt kein Ver⸗ trauen zu den neuausgehobenen Truppeg, es iſt kein Ver⸗ einigungsband da und ſie ſcheinen mir fremdartige Maß ſen von verſchiedener Disciplin und verſchiedenem Cha⸗ rakter. Dies Alles macht, daß ich den Ausgang fürchte. — 271— Aber ich bin an die Königin geſendet, theure Agnes, um ihr gewiſſe Punkte vorzutragen, die für ihr eigenes Wohl und das ihres Gemahls von der höchſten Wichtig⸗ keit ſind. Der gute alte Fürſt Chriſtian von Anhalt wählte mich zu dieſem Auftrage, weil ich ihr Landsmann bin, und obgleich er ſchmerzlich für mich iſt, ſo muß ich ihn doch ausführen.“ „Sie weiß, daß Jemand von dem Prinzen von Anhalt da iſt,“ verſetzte Agnes Herbert;„aber ſie iſt unpäßlich und im Bette. Sie hat mich herunter geſchickt, um zu ſagen, ſie könne Niemand ſprechen, wenn es ſich nicht um Tod und Leben handle, und ich kam hieher, ohne zu wiſſen, wen ich hier finden würde.“ „Es handelt ſich in der That um Tod und Leben, liebe Freundin,“ verſetzte Algernon Grey;„und wenn es möglich iſt, muß ich ſie ſprechen. Der König, fürchte ich, iſt bei einem ſchwelgeriſchen Mahle, und überdies muß man ſich jetzt an die Königin ſelbſt wenden.“ „Er hält dieſe Nacht ein großes Banket,“ verſetzte Agnes Herbert, deren Wange ſich ein wenig röthete. „Ich denke, er hält die Gefahr für nicht ſo drohend.“ „Er irrt,“ antwortete Algernon Grey,„doch er hat Warnungen genug gehabt. Aber eilt zur Königin zurück, theures Fräulein; ſagt ihr, ich komme in hoch⸗ wichtigen Angelegenheiten; zeigt ihr dieſen Brief von dem Fürſten, und wenn es möglich iſt, verſchafft mir eine Audienz. Auf jeden Fall kehrt einen Augenblick wieder zu mir zurück, Agnes, denn ich mögte gern einige Worte mit Euch reden, ehe ein Ereigniß geſchieht, welches das Geſchick jedes Mannes in der Armee und am Hofe verändern kann.“ „O ja! Ich will zurückkehren,“ verſetzte Agnes Herbert mit bebender Lippe und ſinkenden Augenlidern; „aber ich will jetzt gehen und mein Mögliches thun, um das zu erreichen, was Ihr wünſcht.“ Er faßte ihre Hand und küßte ſie; dann ließ er ſie los und im nächſten Augenblick war er wieder allein. Sie war indeß nicht lange abweſend, denn in zwei oder drei Minuten öffnete ſich der Thürvorhang wieder; Agnes trat mit heiterem Lächeln ein und ſagte: „Die Königin will aufſtehen und mit Euch reden. Sobald ſie auf iſt, will ſie Jemand ſchicken und es uns ſagen laſſen.“ „Dann laßt mich den gegenwärtigen Augenblick nicht verlieren,“ ſagte Algernon Grey.„In gewiſſer Hinſicht muß mein Benehmen Euch ſeltſam erſchienen ſein, Agnes.“ Agnes ſchlug mit bleicher Wange die Augen nieder und antwortete nicht. „Es ſind Geheimniſſe in der Geſchichte der meiſten Menſchen,“ fuhr Algernon Grey fort,„und es ſind traurige Geheimniſſe e in der meinigen, liebe Prrman —— Es ſind Ereigniſſe geſchehen, die meinen Geiſt und mein Herz feſter gebunden haben, als eiſerne Feſſeln meine Glieder hätten binden können. Es iſt jetzt keine Zeit, um Euch die ganze Geſchichte zu erzählen; aber wenn ich dieſe bevorſtehende Schlacht überlebe, ſo ſoll Alles erklärt werden.“*. „Ich ſuche keine Erklärung,“ ſagte Agnes Herbert, ſanft ſeinen Arm berührend,„Ich habe Euch oft geſe⸗ hen, Algernon, und ich denke, ich kenne Euch bis in Euer tiefſtes Herz. Mein Vertrauen auf Eure Ehre und Redlichkeit iſt unbegrenzt, und Nichts ſoll mich je zu dem Glauben bringen, daß Ihr unrecht handelt, wenn Ihr auch unglücklich ſein mögt. Ich bin mit dieſer Ueberzeugung zufrieden und verlange Nichts mehr.“ „Dennoch,“ antwortete Algernon Grey, ſeine Lip⸗ pen wiederholt auf ihre Hand drückend,„dennoch will ich Euch, wenn ich lebe, Alles ſagen, welches auch der Erfolg ſein möge. Aber Eins müßt Ihr mir ver⸗ ſprechen, theure Agnes, wenn Ihr wirklich Vertrauen zu mir hegt, wie Ihr ſagt.“ „Gewiß hege ich Vertrauen,“ antwortete ſie lebhaft, nund will Alles thun, was recht iſt, um es Euch zu beweiſen. Sagt nur, was Ihr fordert.“ Ihr Geliebter faßte ihre Hand und ſah ihr mit lebhafter Zärtlichkeit, traurig, doch nicht ohne Wonne, in's Geſicht; denn es liegt ein hoher Troſt in dem Heidelberg. Zweiter Band. 18 — 274— gegenſeitigen Vertrauen, welches die dunkelſte Stunde des Lebens mit einem Schimmer gleich dem Sonnenſchein auf einer Wolke erleuchtet. „Was ich von Euch fordere, theuerſte Agnes, iſt dieſes,“ ſagte er.„Der Ausgang der Slacht iſt natürlich zweifelhaft und ich denke nur mit Schrecken an die Fol⸗ gen. Die Armee, oder ein Theil derſelben, kann gezwun⸗ gen werden, ſich in die Stadt Prag zurückzuziehen, und hier von einer überlegenen Macht belagert werden. Was dann folgen wird, iſt ſchwer vorauszuſehen. Die Stadt wird natürlich in einem Zuſtande der Unruhe und Auf⸗ regung ſein. Sie wird vielleicht capituliren müſſen; ſie kann auch mit Sturm eingenommen werden, aber Ihr müßt mir verſprechen, wenn ich die Schlacht überlebe, was meiner Ahnung nach geſchehen wird, mir vollkom⸗ men vertrauen zu wollen, als wäre ich Euer Bruder; meinem Rathe zu folgen und im Augenblick bereit zu ſein, wenn ich Eure Flucht für möglich halte. Ich bitte Euch, mir vollkommen und unbedingt zu vertrauen, und bei meinem Ehrenwort als Mann, als Chriſt, als Cavalier verſichere ich Euch, Ihr dürft es ohne Zweifel oder Bedenken thun, in welche Verhältniſſe wir auch dadurch zu einander gerathen mögen. Wenn ich meine Pflicht als Soldat gethan habe, ſo ſollt Ihr in der Stunde der Gefahr und Schwierigkeit mein einziger Gedanke ſein.“ „Ich will es, Algernon, ich will es,“ antwortete — 275— Agnes Herbert.„Unter ſolchen Umſtänden wird unſere arme Prinzeſſin genug zu bedenken und zu thun haben, ohne ſich um mich zu kümmern; und ich will Euch nicht nur vertrauen, ſondern Euch auch zeigen, wie ich Euch vertraue, indem ich Euren Rath, Euren Beiſtand und Schutz ſuche, überall wo es nöthig iſt.— Aber denkt nicht, daß ich mich der ſchwachen Furcht hingeben werde. Was Ihr ſagt, beunruhigt mich freilich. Ich weiß, daß man hier nicht an drohende Gefahr glaubt; und dies iſt das erſte Mal, wo ich es klar ausſprechen höre, daß die Gefahr vor der Thüre iſt. Es überraſcht mich daher, aber dennoch erſchreckt es mich nicht ſo ſehr, wie man erwarten könnte. Ich hege ein Vertrauen, welches nicht zu erſchüttern iſt, einen Felſen der Zuverſicht, wel⸗ cher feſt gegründet iſt; und obgleich ich nicht ſo Viel von ſolchen Dingen rede, wie manche Andere an dieſem Hofe, ſo erhält mich doch mein Vertrauen auf die Gnade und Güte Gottes ſelbſt jetzt ruhig und wird es auch ſpäter thun, ſollte das Uebel, welches wir erwar⸗ ten, wirklich eintreffen. Ich bin nicht ſo leicht und gedankenlos, wie man geglaubt hat, oder wie ich viel⸗ leicht ſelbſt geglaubt habe; denn ich fühle, wie mein Muth ſich gegen das erhedt, von dem ich vor einiger Zeit geglaubt, daß es mich überwältigen würde. Ich kann dulden, wenn auch nicht widerſtehen, und ich fühle das vollkommene Vertrauen, daß Hülfe kommen wird 18* — 276— wenn es nöthig iſt, daß es mir nicht an Entſchloſſenheit fehlen wird, und daß, wenn ich Unterſtützung und Lei⸗ tung von Euch erwarten kann, kein eitler Schrecken von meiner Seite Eure Thätigkeit feſſeln, kein ſchwaches Zaudern Eure Handlungen ſtören und Eure Abſichten vereiteln ſoll.“ „Edles, edles Mädchen,“ rief Algernon Grey ihre Hand drückend.„Mich dünkt, mit Euch an meiner Seite könnte ich einer Welt Trotz bieten.“ Während er ſprach, öffnete ſich dieſelbe Thuͤre, durch die Agnes eingetreten war, und es kam eine Kam⸗ merfrau herein. Sie wendete ſich ſogleich an Agnes und ſagte: „Ihre Majeſtät ſchickt mich zu Euch, mein Fräu⸗ lein, um Euch zu ſagen, daß ſie jetzt bereit iſt, den Herrn zu empfangen, den Ihr erwähnt habt.“ „So kommt denn,“ ſagte Agnes, ſich zu Algernon Grey wendend;„ich will Euch den Weg zeigen.“ Hierauf ging ſie durch dieſelbe Thüre, durch ein kleines Vorzimmer und ſtieg dann eine Treppe von zehn ſchmalen Stufen hinauf, die zu einem kleinen Zimmer mit einer halb offenen Thüre fuͤhrte, und trat dann in ein größeres. Alles war völlig ſtill, aber ein helles Licht ſtrömte aus dem innern Zimmer. Hier gab Agnes Algernon Greh ein Zeichen, einen Augenblick zu warten, und ging dann hinein. Im nächſten Augenblick erſchien — 22— ſie wieder in der Thüre und winkte ihm auch einzutre⸗ ten. Drei Schritte brachten ihn in ein großes Zimmer, welches ein Bett unter einem Baldachin von Carmoiſin und Gold nebſt einem reichen Mobiliar enthielt, worauf häufig das Böhmiſche Wappen zu ſehen war. Ein gro⸗ ßes Feuer brannte in dem weiten Kamin und eine einzige Lampe auf dem Tiſche verbreitete ein mattes Licht durch das Zimmer und zeigte einen großen mit Sammet über⸗ zogenen Lehnfeſſel vor dem Kamin, worin Eliſabeth von Böhmen, in einem weiten ſeidenen mit Pelz beſetzten Schlafrock gehüllt, ſaß. Algernon Grey näherte ſich der jungen Königin, hinter welcher zwei Deutſche Dienerinnen ſtanden; und indem er ſich ehrerbietig verneigte, nahm er die Hand, die ſie ihm reichte, und neigte ſeinen Kopf über dieſelbe. Einige Augenblicke vergingen mit den ceremoniöſen Höflichkeiten jener Zeit, indem Eliſabeth nach ſeinem Be⸗ finden fragte, und wie es ihm im Lager ergangen ſei, worauf der junge Engländer mit vielen Betheurungen der Anhaͤnglichkeit an ihre Perſon antwortete. Dann aber begann der ſchwierige aber wichtigere Theil ihrer Unterredung, indem die Königin endlich etwas ungeduldig abbrach, als könne ſie ihre Neugierde nicht mehr bändi⸗ gen, und fragte: „Nun, welche Nachricht ſendet uns unſer guter Vet⸗ ter, der Prinz Chriſtian von Anhalt, Mylord?— Ohne Zweifel iſt es etwas Wichtiges, denn ſonſt würde er gewiß eine andere Stunde und einen weniger vornehmen Boten gewählt haben.“ „Meine Botſchaft iſt nur für das Ohr Ihrer Ma⸗ jeſtät beſtimmt,“ antwortete Algernon Grey,„und hier ſind mehrere Perſonen gegenwärtig, die uns zuhören.“ „Nur unſere liebe Agnes verſteht die Engliſche Sprache, Mylord,“ verſetzte die Königin.„Ich habe keine Geheimniſſe vor ihr und auch vielleicht Ihr nicht.“ „Es iſt nicht von meinen Geheimniſſen die Rede, Ihre Majeſtät,“ ſagte er;„aber dennoch zweifle ich nicht, daß ſie wohl eine Theilnehmerin meiner Mitthei⸗ lung ſein darf, wenn Ihr gewiß ſeid, daß dieſe beiden Damen den Inhalt nicht errathen.“ „Kein Wort,“ rief die Königin.„Redet— redet offen.“ Algernon Grey hätte eine Erleichterung empfunden, wenn die Königliche Dame nur ein Wort ausgeſprochen hätte, was zu dem ſchmerzlichen Gegenſtande, den er zu verhandeln hatte, hätte führen können. Eliſabeth aber, deren hoher Muth nur mit Schwierigkeit den Gedanken an Gefahr faſſen konnte, ſelbſt wenn er ihr vorgeſtellt wurde, war nicht im Stande, ſie vorauszuſehen, wenn ſie noch fern und ungewiß war, und da ſie Nichts ſagte, was die Unterredung über den Gegenſtand eröff⸗ nen konnte, ſo ſah er ſich genöthigt, ohne Vorbereitung damit zu beginnen. „Ihre Majeſtät haben den Brief des Fürſten von Anhalt geleſen,“ ſagte er. Eliſabeth nickte mit dem Kopfe.„Dieſer Brief muß Euch die Ueberzeugung ver⸗ ſchafft haben, daß nur die dringendſte Nothwendigkeit, nur die drohendſte. Gefahr, mögte ich ſagen, ihn hat bewegen können, mich zu einer ſolchen Zeit hieher zu ſenden. Aber, Majeſtät, die Gefahr iſt drohend, die Nothwendigkeit groß; und obgleich ich mit tiefem Schmerz die Aufgabe übernahm, ſo wollte ich doch Nichts verſäumen, was Ihrer Majeſtät nützlich ſein könnte.“ Als er zuerſt zu reden begann, ſaß Eliſabeth mit geneigtem Haupte da und blickte in's Feuer; als er aber die letzten Worte ausſprach, wendete ſie ſich raſch um und ſah ihn mit gerötheter Wange und bebender Lippe an. „Was ſagt Ihr mir da, Mylord?“ rief ſie in großer Ueberraſchung.„Man muß mich in Unwiſſenheit erhalten haben— und doch kann ich nicht glauben, daß ſo große Gefahr vorhanden iſt, wie Eure Worte andeu⸗ ten, noch auch, daß ſie ſo nahe iſt. Indem man zu weit nach Gefahren ausſieht, macht man ſie oft ſelber und ſtört und beunruhigt ſich unnöthig. Der Seemann, der nach jeder entfernten Welle ausſieht und ſie zu ver⸗ meiden ſucht, indem er denkt, daß ſie ihn im Meere begraben wird, kann das Steuerruder nicht mit feſter Hand halten und wird höchſt wahrſcheinlich auf einen Felſen rennen, um das Uebel zu vermeiden, welches Gottes Wille und Tauſend Zufälligkeiten weit fortführen können und vielleicht nie in die Nähe bringen werden.“ „Ich bitte Ihre Majeſtät, mir die zuverläſſige aber demüthige Verſicherung zu erlauben, daß dieſe Gefahr nicht fern iſt,“ ſagte Algernon Grey.„Dieſe Welle, dieſe dunkle und ſchreckliche Welle erhebt bereits ihren Kamm über das Vordertheil Eurer königlichen Barke. Sie iſt nahe und die, welche Euch lieben und dienen, haben Nichts weiter zu thun, als zu bedenken, wie man ihr begegnen, oder ſie vermeiden kann. Der Feind marſchirt raſch auf Prag zu, eine ungeheure Schlacht muß erfolgen und—“ „Haben wir keine Truppen?“ rief Eliſabeth.„Steht nicht eine königliche Armee auf jenem Hügel? Sind denn keine Mauern, keine Kanonen um Prag?“. Dann beugte ſie plötzlich ihren Kopf nieder, drückte die Hand auf ihre Augen, fuhr aber fort, ehe Algernon Grey antworten konnte: „Was wolltet Ihr ſagen, Mylord? Ich glaube, Ihr liebt mich; ich weiß, es gibt kein kühneres Herz in Europa. Es muß ſich Etwas ereignet haben, daß Ihr mit ſo unheilvollen Vorbedeutungen kommt. Der Feind iſt gewiß in der Nähe? Als ich zuletzt von ihm hörte, war er ſechs Tagemärſche entfernt. Oder ſollten die Truppen ungetreu ſein? Tapfer haben ſie ſich ſtets gezeigt. Sollte ſich die ſchmachvolle Verrätherei, die hier in der Stadt ausgeheckt wird, außerhalb der Thore verbreitet haben?“ „Nein, hohe Frau, ich hoffe nicht,“ antwortete Algernon Grey;„aber man hat Euch hinſichtlich der Entfernung des Feindes getäuſcht. Durch die geſchick⸗ teſte Kriegsliſt hat der Fürſt von Anhalt dem Feinde einen oder höchſtens zwei Tagemärſche abgewonnen, die letzten Nachrichten aber zeigen, daß die Oeſterreicher und Baiern in vollem Marſche auf Prag anrücken, und mor⸗ gen werden ſie gewiß vor den Thoren ſein. Eine Schlacht kann nicht länger als einen Tag aufgeſchoben werden,— vielleicht nicht ſo lange. Nun laßt uns ſehen, worauf wir in dieſer Schlacht rechnen können. Unter Bucquoy und Maximilian von Baiern marſchiren funfzig Tauſend Mann, lauter ausgediente, wohdlisci⸗ plinirte Soldaten, ohne die Abtheilung zu rechnen, die unter Wallenſtein und andern Anführern ausgeſendet iſt, um Pilſen die Stange zu halten. Vierzig Stücke ſchwe⸗ res Geſchütz begleiten dieſe Macht und die Cavalerie iſt ſtark und zahlreich. Unter den Mauern von Prag liegen jetzt zur Vertheidigung höchſtens fünfunddreißig Tauſend Mann mit zehn kleinen Kanonen. Dies iſt an ſich ſchon eine traurige Ungleichheit; doch unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden würde die Sache keineswegs hoffnungslos ſein. — 282— Eine Hand voll Leute hat oft ein ganzes Heer geſchla⸗ gen; aber dann muß der Geiſt unter ihnen ſein, der beſ⸗ ſer iſt, als all das Geſchütz, welches je den Tod auf den Feind ſchleuderte. Iſt dieſer Geiſt unter den Trup⸗ pen Ihrer Majeſtät?“ Er hielt einen Augenblick inne, denn Eliſabeth machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte ſie ihn bitten zu ſchweigen und ſie nachdenken zu laſſen; aber nach einer kurzen Pauſe ſagte ſie in leiſem Tone: „Fahrt fort, fahrt fort! Ich muß Alles hören— verſchweigt mir Nichts, Mylord; ſagt mir jedes Wort!“ „Es thut mir leid, hohe Frau, aber es iſt meine Pflicht gegen Eure Majeſtät,“ antwortete Algernon Grey.„Die Ungleichheit zwiſchen der Anzahl der beiden Armeen wird durch den moraliſchen Zuſtand Beider noch größer. Eure Truppen ſind getreu, ich glaube es; aber ſeht nur, welch eine Verſchiedenheit zwiſchen ihnen und dem Feinde herrſcht. Der Letztere kommt mit der Kraft und Gewalt des Angriffes und mit der Ahnung des Sieges heran; Eure Truppen dagegen haben größten⸗ theils lange warten müſſen, haben von Niederlagen gehört, von eingenommenen Städten und von der Nie⸗ dermetzlung ihrer Kameraden; ſie haben retirirende Trup⸗ pen unter ſich aufgenommen und den Angriff mit Be⸗ ſorgniß zu erwarten gelernt, anſtatt dem Feinde mit Kraft und Muth entgegenzuſtürmen. So iſt ihr Muth 283— geſchwächt, ihre Begeiſterung erſtickt und ihre Entſchloſ⸗ ſenheit erſchüttert.“ „Aber wie hätte das vermieden werden können?“ rief die Königin.„Ihr ſcheint die Maßregeln zu tadeln, die man angewendet.“ „Darauf muß ich Ihrer Majeſtät antworten, daß wir es mit der Zukunft, nicht mit der Vergangenheit zu thun haben,“ antwortete Algernon Greh;„aber aus der Vergangenheit können wir beurtheilen, was für den gegenwärtigen Augenblick nothwendig iſt. Freilich muß ich die Maßregeln tadeln, die man angewendet, denn ſie ſind Seiner Majeſtät von Civiliſten angerathen worden, die eben ſo unbekannt mit dem ſind, was zur Verthei⸗ digung eines Königreichs nothwendig iſt, wie ein Land⸗ prediger. Es war durchaus unpaſſend für Böhmen, die Defenſive zu ergreifen. Vielmehr hätte man den Angriff beginnen müſſen, ſobald der Kaiſer den Krieg anfing — um die Vereinigung ſeiner Streitkräfte zu verhindern —. um ſeine Verbindungen abzuſchneiden— Freunde zu gewinnen und die Gegner zu erſchrecken, dadurch, daß man die erſten Siege erlangte. Dieſe Zeit iſt vorüber⸗ gegangen, aber es iſt noch Viel wieder gut zu machen, wenn wir nur dieſe Schlacht gewinnen können, und das erſte Mittel dazu iſt, eine geeignete Stimmung unter den Soldaten herzuſtellen. Die Armee iſt treu; aber es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen Treue und Eifer. Die — 284— Truppen ſind nicht eifrig. Zeit— Aufſchub— Un⸗ glücksfälle— Vernachläſſigung— Ermüdung— Man⸗ gel an den nothwendigen Lebensbedürfniſſen haben ſie abgekühlt. Die fortdauernde Abweſenheit Seiner Maje⸗ ſtät von der Armee hat ſie noch kälter gemacht. Ver⸗ zeiht mir, hohe Frau, wenn ich unehrerbietig und ſelbſt gefühllos zu reden ſcheine; aber ich will Euch ſogleich einen Grund dafür zeigen. Dieſe Leute, die beſtändig gegen eine überlegene Macht haben kämpfen müſſen, die von Lager zu Lager getrieben worden und nur Stand halten konnten, wo das Terrain ſie ſehr begünſtigte, haben, jeder Art des Mangels unterworfen, durch ihre Eilmärſche bis zum Tode ermüdet, gehört, daß feſtliche Gelage und Luſtbarkeiten in Prag gehalten werden, ohne daß man an Vorbereitungen zu ihrer Unterſtützung denkt, ſie haben von Predigten und langen Gebeten gehört, aber von keinen Rüſtungen und Aushebungen, um ihnen zu Hülfe zu kommen. Sie haben den Feind täglich geſehen, aber ihren König nur ein Mal.“ „O! Haltet inne!“ rief Eliſabeth, ihre Haͤnde zuſammenſchlagend.„Ich habe es geſehen, ich habe es gefühlt. Ich weiß ſehr wohl, daß dies nicht der rechte Weg iſt, eine Krone zu gewinnen oder zu behaupten. Es iſt traurig, es iſt— aber nein, nein, ich darf ſolche Dinge nicht ausſprechen, ich darf ſie nicht einmal denken. Er iſt mein Gemahl— gut, edel, und tapfer, — 285— aber zu leicht und läßt ſich zu bald überreden. Ich bin ſelber auch unpäßlich geweſen— bin ſelbſt jetzt wenig geeignet zu thätiger Anſtrengung; aber doch ſagt mir, was Ihr wünſcht— ſagt mir, was Chriſtian von Anhalt im gegenwärtigen Augenblick zur Sicherheit für nöthig hält.“ „Die unmittelbare Gegenwart des Königs im Lager,“ antwortete Algernon Grey.„Laßt ihn ſich ſeinen Sol⸗ daten zeigen— laßt ihn an ihren Anſtrengungen und Gefahren Theil nehmen— laßt ihn kommandiren, anfüh⸗ ren, ermuthigen, wie er bei Rakonitz that. Ihre Begei⸗ ſterung für ſeine Sache wird ſich wieder beleben. Ihr Muth und ihr Eifer werden ſich zugleich erneuern. Wenn wir jenen Hügel beſetzen und dieſe Kanonen zur Unter⸗ ſtützung haben, ſo wollen wir den Sieg gewinnen oder bis auf den letzten Mann ſterben.“ Eliſabeth fuhr empor und ergriff ſeine Hand.„Er ſoll kommen,“ ſagte ſie;„ſo wahr ich eines Königs Tochter und eines Königs Gemahlin bin, ſoll er kom⸗ men. Früh am Morgen ſoll er bei ſeinen Truppen ſein, wenn meine Stimme noch nicht alle Macht über ihn ver⸗ loren hat. Und nun geht, mein Freund. Agnes, führt ihn hinunter. Doch wartet noch einen Augenblick. Man kann niemals wiſſen, was in dieſem veränderlichen Leben geſchehen wird. Sollte das ſchreckliche Mißgeſchick, wel⸗ ches unſere ſchlimmſte Furcht uns ausmalt, uns treffen, „ ſo wird hier Nichts als Verwirrung herrſchen. Mylord, ich zittere für einige von dieſen armen Weſen, die mich nach Prag begleitet haben. Ich will einem derſelben wenigſtens Schutz verſchaffen. Ihr werdet für meine arme Agnes Sorge tragen— nicht wahr? Ihr ſeid Ihres Vaters Freund, Ihr liebt ſie aufrichtig, das weiß ich. Wollt Ihr ſie beſchützen in der Stunde der Noth?“ „Wenn ich am Leben bleibe,“ antwortete Algernon Grey,„will ich ſie wie ein Bruder beſchützen, bis ich ſie der Obhut ihres guten Oheims in Heidelberg über⸗ liefert habe.“ „Genug, genug,“ ſagte die Königin.„Jetzt geht. Ihr habt hart geredet, Mylord, aber aus gütigem An⸗ triebe, glaube ich, und ich danke Euch von Herzen, daß Ihr mir die Augen geöffnet habt, die zu lange geſchloſ⸗ ſen geweſen. Führt ihn hinunter, liebe Agnes.“ Algernon Grey verbeugte ſich tiof und ging. Ende des zweiten Bandes. Gedruckt bei C. Schumann in Schneeberg. Tſnſätnſſſiſnſiiſſſſiſſniſſiſſnſnſſnſnſſin 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 233EIſſ