Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ von.. K Eduard Olfkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und ICeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4⁴ —— —————— auf 1 Monat: 1 Ter— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Jeder Sinn, den wir beſitzen, jede Fähigkeit des Geiſtes dient nur dazu, uns in einigen Fällen vollkommen, in andern theilweiſe zu täuſchen. Doch entkleiden wir die Natur und das Leben von die⸗ ſen Täuſchungen, was würde die Erde, was unſer Da⸗ ſein hienieden werden? Sehen wir eine kleine Fliege über die Unregelmäßigkeiten eines Spiegels dahinſchreiten und denken uns die polirte Oberfläche als eine unebene und rauhe Fläche, ſo haben wir einen Begriff, was die Welt ſein würde, wenn wir ſie ſähen, wie ſie wirklich iſt. Zu den füßeſten und freundlichſten von allen den vielen Täuſchungen gehört die Landſchaftsmalerei der Phantaſie. Die Liebe ſelber, glaube ich, täuſcht uns nicht häufiger und angenehmer. Jeder Reiſende mag ſich ſelbſt fragen, wenn er eine Scene vor Augen hat, die er ſogleich für ſehr ſchön erklären muß, wie viel die Phantaſie zu der Lieblichkeit hinzufügt. Es mag eine großartige, umfaſſende Ausſicht auf eine weite und wech⸗ ſelnde Landſchaft ſein; aber was thut der Geiſt, wäh⸗ rend das Auge ſie betrachtet? Er bevölkert ſie mit Dör⸗ fern— vertheilt ſie in Kornfelder und Weingärten— erfüllt ſie mit geſchäftigem Leben und heiterer Freude; nicht deutlich, nicht fühlbar; aber immer erheben ſich die Ideenverbindungen in einem goldenen Nebel und verbrei⸗ ten einen Glanz über Alles. Oder es iſt auch eine enger begrenzte Scene, eine Hütte in einer tiefen Schlucht, von alten Eichen überſchattet, durch deren grüne Blätter ſich der leichte blaue Rauch zum Himmel erhebt. Auch dort iſt die Phantaſie geſchäftig mit den Gedanken ruhiger Zurückgezogenheit von einer ſtürmiſchen Welt, mit ſtil⸗ ler, einſamer Betrachtung— des Arbeiters Ruhe nach ſeiner Arbeit— der ſüßen Heimath— der zärtlichen Freude liebender und geliebter Töne und Geſichter. Es iſt nur noch ein Zauberer auf der Erde übrig, und das iſt die Phantaſie. Leſer, ich ſchildere ſehr oft nach meinem eigenen Herzen und ſeiner Erfahrung— öfter, als die Welt es weiß, und ſelbſt jetzt kann ich mir die Empfindungen jener beiden Reiter denken, die im Schritt über den Rand 8 — — 27— 4 des Hügels daherkommen, wo das glänzende Thal des Neckar mit ſeiner Stadt, ſeinem Schloſſe, ſeinen alten Wäldern und ſeinen rieſenhaften Bergen zuerſt dem Auge erſcheinen. Seht, wie der Sonnenſchein des Sommer⸗ abends, gemildert durch den leichten Rauch der Stadt, ſich durch die langen, hohen Straßen und über die ho⸗ hen Mauern und Thürme von maſſiven Steinen ergießt; ſeht, wie jeder Felsvorſprung, jede vorragende Klippe der Granitmaſſe des Kaiſerſtuhls den nach Weſten ſich neigenden Strahl auffängt und die Häupter ſeiner Pairs mit goldenen Kronen ſchmückt; und ſeht, wie ſich dort hoch über der Stadt auf ſeiner ſteinernen Platform in hellem Licht und Schatten das fürſtliche Schloß erhebt. Der grüne, grüne Neckar, der in der Mitte dahinfließt, windet ſich durch das lange, ausgeſchweifte Thal und zeigt im Sonnenſchein, wo der Wind ihn aufregt oder die Felſen ihn hemmen, goldene Wellen, dient an jeder ru⸗ higeren Stelle als Spiegel für die Lieblichkeit umher und ſtrahlt die helle Färbung der Hügel und Wälder, der Stadt und Brücke mit einer glänzenden Klarheit zurück, der kein anderer Strom gleichkommt. Selbſt jenes Boot mit ſeiner vielfarbigen Mannſchaft von Landleuten zeigt ſich auf der Oberfläche des Fluſſes roth und blau, weiß und braun, als ob die Farben ſelbſt von dem Waſſer, welches ſie zurückſtrahlt, einen ſchöneren Ton erhielten, und der Fiſchadler, der auf ſeine ſchuppige Beute nieder⸗ ſchießt, packt ſie nur um ſo grimmiger an, wenn er ſein Bild auch von unten darauf los ſchießen ſieht. An einem ſchönen Sommerabend, im Jahre 1619, kamen zwei Reiter die Bergſtraße daher, hielten plötzlich ihre Pferde an, als ſie den kleinen Felsvorſprung, der Heiligenberg genannt, erreichten, auf welchem das Dorf Neunheim ſteht, und ſahen dann mit Ueberraſchung und Bewunderung die Scene an, die ſich ihren Augen dar⸗ ſtellte. In den erſten Augenblicken ſprach Keiner von Beiden, denn die höchſte Aufregung iſt ſtumm; und ehe noch ein Wort geſprochen war, kam ein kleines Gefolge näher und nahm ſeinen Platz hinter ihnen ein. In jenen Tagen entlehnten die Großen ihre Bedeu⸗ tung von der Anzahl ihres Gefolges. Es iſt noch jetzt 1 eben ſo, doch die Schauſtellung findet auf einer andern Bühne ſtatt. Die Reiter, welche zuerſt erſchienen, waren indeß nur von zwei gewöhnlichen Dienern, zwei Reitknechten oder Pferdejungen(wovon Jeder ein ſchwer beladenes Bagagepferd am Zügel leitete), und einem Pagen be⸗ gleitet; ein geringes Gefolge für einen Mann von Stande in jenen Zeiten. Dennoch hatten Beide Etwas in ihrer Erſcheinung, was die Landleute, die in zahlreichen Ab⸗ theilungen und in ihren Sonntagskleidern an ihnen vor⸗ überkamen, ihre breitkrämpigen Hüte abzunehmen und die Fremden zwei Mal anzuſehen bewog, ehe ſie weiter gingen. Der Grund, weshalb ſie dies thaten, war nicht gerade einleuchtend, denn die Perſonen, welche die Auf⸗ merkſamkeit der guten Bauern auf ſich zogen, hatten Nichts in ihrer Kleidung, was die Aufmerkſamkeit erre⸗ gen konnte. Freilich zeichneten ſich die Edelleute damals ebenſo wenig, wie jetzt, durch ihre Pluderhoſen aus; dennoch aber war der Anzug Beider mehr einfach als auffallend, denn er beſtand in einem gewöhnlichen Reit⸗ rwock von dunklem Tuch mit einem ſchmalen Goldſtreifen und Stiefeln und Beinkleider von ungegerbtem Leder. Ihre Pferde waren freilich ſo ſchöne, kräftige und mu⸗ thige Thiere, wie man nur je geritten; und obgleich der Staub, der ihr glänzendes Fell bedeckte, zeigte, daß ſie eine weite Reiſe an einem heißen Tage zurückgelegt hat⸗ ten, ſo war doch kein Zeichen der Ermüdung ſichtbar, und die ausgeſtreckten Beine, bereit vorwärts zu eilen, der hoch erhobene Kopf und die ausgedehnten Rüſtern, als ſie die Luft des Fluſſes witterten, bewieſen, daß ſie nicht erwarteten, ihre Tagereiſe werde ſchon zu Ende ſein. Es ließe ſich freilich ein Grund angeben, warum die Landmädchen noch einen zweiten Blick auf die Rei⸗ ſenden warfen, ehe ſie weiter gingen, denn die beiden Reiſenden waren junge und ſchöne Männer; der eine ſehr dunkel und drei oder vier Jahre älter als der an⸗ dere, der etwa einundzwanzig Jahre alt ſein moate — 10— und deſſen Geſicht, obgleich von der Sonne und dem Wetter gebräunt, urſprünglich weiß geweſen zu ſein ſchien, wenn man nach dem klaren, tiefblanen Auge und dem üppigen, braunen Haar und dem Schnurrbart von der eigenthümlichen Farbe, welche einen goldenen Glanz zeigt, wenn die Sonne darauf ſcheint, urtheilen konnte. Er war groß und wohlgebildet, lang von Armen, breit in der Bruſt und ſchlank in der Taille und den Seiten. Der Kopf und das Geſicht waren klein und die Züge zart, obgleich nicht weibiſch, das Kinn etwas vorſprin⸗ ggend, die Augen groß und voll mit dichten und ſtark bezeichneten Augenbrauen. In der Ruhe hatte das ganze Geſicht einen Ausdruck von Ernſt und Entſchiedenheit, der über ſeine Jahre hinausging, und es lag Etwas in ſeinem Weſen, wie er auf ſeinem Pferde ſaß, ein Aus⸗ druck des Befehls und der freien, gedankenvollen Kraft, der einen Mann anzudeuten ſchien, der ungeachtet ſeiner Jugend lange gewohnt geweſen war, ſeine Handlungen ſelber zu leiten und nach ſeinen eigenen Anſichten zu handeln. 4 Der Andere war ſehr verſchieden, doch immer ein ſchöner Mann, viel dunkler von Geſichtsfarbe, nicht ganz ſo groß, mit lebhaften ſchwarzen Augen unter einer weiten und etwas zu weit vorſpringenden Stirn, anmu⸗ thig von einer dunklen, bogenförmigen und etwas erho⸗ benen Linie der Augenbrauen bezeichnet. Die Lippen — 11— waren ſchmal und die Linie von dem Naſenflügel bis zu dem Mundwinkel ſtark bezeichnet; ſo daß der gewöhnliche Ausdruck des Geſichts einen leichten, ſehr leichten Anflug von Sarkasmus hatte; und doch umſchwebte eine ſchim⸗ mernde Freudigkeit ſeine Lippen, wenn er ſprach, die wir eben ſo gut ein für alle Mal erwähnen könnten, da ſie der hervorſtechende Ausdruck und ſehr einnehmend war, obgleich die Form der Züge ſtrenge und entſchloſ⸗ ſen zu nennen war. Als ſie anhielten und um ſich blickten, war das Geſicht des jüngeren und weißeren von den Beiden voll reiner, einfacher und hoher Bewunderung; zu tief em⸗ pfunden, um nur ein Lächeln zuzulaſſen. Der Andere überſchaute die Landſchaft, wendete aber dann ſeine Au⸗ gen mit halb lachendem Blicke, den er eben ſo bald zu⸗ rückzog, zu dem Geſichte ſeines Begleiters, als ob er und ſeine Gefühle ebenſo viel Stoff zum Nachdenken und zur Prüfung gewährten, wie die ſchöne Scene, die ſich eben dargeſtellt hatte. Endlich rief der Jüngere nach einer Pauſe von etwa zwei Minuten: „Wie ſchön, wie entzückend! Und ſo plötzlich, wie ein Zauber!“ „Sehr lieblich, in der That!“ verſetzte ſein Gefährte lächelnd.„Und ich zweifle nicht, wir werden noch lieb⸗ lichere Dinge in dieſen alten, grauen Mauern finden— wenigſtens wollen wir es uns vorſtellen; denn die Phan⸗ taſie iſt die Göttin, die alle Dinge verſchönert, und eben jetzt, Algernon, thut ſie in Deinem Geiſte Wunder für die ſchöne Stadt Heidelberg.“ „Ich weiß nicht, was die Phantaſie damit zu thun hat,“ verſetzte der Andere ernſthaft,„mich dünkt, es zeigte ſich nie eine Vereinigung ſchönerer Gegenſtände dem Auge der Menſchen. Die Natur thut Alles hier, William, wir bedürfen nicht der Phantaſie. Sieh nur jene Stadt, jenes Schloß, jene fürſtlichen Berge, jene grünen,„wellenfürigen Wälder, den dahingleitenden Fluß—— 1 „Gleich einer goldenen Eidechſe unter den Steinen, würdeſt Du ſagen,“ verſetzte ſein Begleiter ihn unter⸗ brechend.„Um Alles, gieb uns eine Redefigur zum Be⸗ ſten, um zu zeigen, daß Deine Bewunderung wenigſtens nicht Deine Einbildungskraft betäubt hat. Ein Gleich⸗ niß, eine Trope, ein Metapher, ſelbſt eine Hyperbel wird den Zweck erfüllen. Kannſt Du ſie nicht göttergleiche Thürme nennen? oder mir die Berge als rieſenhafte Titanen darſtellen mit buſchigem Bart von Eichen und Buchen? Was iſt aus allen Deinen rhetoriſchen Blu⸗ men geworden? Du wirſt nimmer im Stande ſein, mit den Doktoren und Poeten der Univerſität Schritt zu halten, wenn Du in dieſem unbeholfenen Style fortfährſt. Oder haſt Du alle Reichthümer Deiner Poeſie an die — 13— ſchönen Damen verſchwendet, die Du in Italien zurück⸗ gelaſſen, und haſt nicht ein ärmliches Kopfſtück von ſchö⸗ nen Worten für die ſchöne Stadt Heidelberg übrig? Oder fürchteſt Du, daß eine Ebbe in der Schatzkammer einge⸗ treten iſt, und hältſt mit karger Sparſamkeit Deine zier⸗ lichen Redensarten zuſammen, damit die Liebe, gleich dem Sohne des Geizigen, ſie bei Gelegenheit an die ſchönen Damen am kurfürſtlichen Hofe verſchwende?“ „Wahrlich,“ verſetzte der Andere,„ich zweifle ſehr, mein Freund, ob ich an irgend einem Hofe etwas ſo Liebliches für meine Augen ſehen werde, als jene ſchöne Hügelkette dort zur Rechten, die gleich Saphyren neben dem goldenen Himmel erſcheint.“ „Er beſſert ſich,“ rief ſein Begleiter ſeinen Zügel ſinken laſſend und in die Hände klatſchend,„dieſe Sa⸗ phyre und dieſes Gold machen ſich ſehr glänzend. Die arme Haardt mit ihren rauhen Felſen würde Dir ohne Zweifel dankbar ſein, daß Du ſie ſo bereicherſt; aber laß uns weiter reiten, ich halte es mit der lebendigen Schönheit. Von allen Landſchaften, die ich je geſehen, war die ſchönſte eine roſige Wange und ein alabaſterner Hals; die hellſten Waſſer in der Welt liegen in dem tie⸗ fen Quell eines dunkelblauen Auges; und in allen Son⸗ nenaufgaͤngen und allen Sonnenuntergängen, die je den Himmel mit Purpur bekleideten, iſt Nichts, was dem warmen Erröthen eines jungen Geſichts gleicht, oder dem — 14— aufdämmernden Lächeln auf einer roſigen Lippe. Laß uns weiter reiten, ſage ich; Vergnügen iſt die Verfolgung des Lebens; mögen ernſte Gedanken uns folgen, ſie wer⸗ den uns bald genug erreichen, wenn wir nicht eilen, und ihnen zuvorkommen.“ „Es wäre eine gute Philoſophie, wenn ſie nur von Dauer ſein könnte,“ antwortete ſein Begleiter lächelnd, indem er ſein Pferd leiſe mit den Sporen berührte, und im nächſten Augenblicke eilten ſie auf dem gewundenen Wege zur Seite des Neckar dahin auf die alte Brücke zu, die, gleich manchem andern Gebäude dort, nicht be⸗ ſtimmt war, den gegenwärtigen Tag zu ſehen. Vielleicht fühlte der jüngere von den beiden Reiſen⸗ den, daß ſein Begleiter Recht haße in dem, was er von der ausſchmückenden Macht der Phantaſie geſagt, als ſie durch die Thore von Heidelberg kamen, und in die Stadt ſelbſt eintraten. Der ſonnige Glanz des Thales verlor ſich in den engen Straßen und zwiſchen den hohen dunk⸗ len Häuſern; aber doch war der Schatten angenehm, denn der Abend war heiß; und es lag auch Etwas in den langen Reihen zierlicher, vielſtöckiger Gebäude mit ihren verzierten Giebeln nach der Straße zugekehrt, wo hie und da ein Sonnenſtrahl durch eine Oeffnung brach — es lag Etwas in der muntern Volksmenge, in dem hellen Lachen und dem heitern Geplauder, ſelbſt in den Körben mit Früchten und Blumen, die jede Nebenſtraße 5 verſperrten, was bei einem jungen und enthuſiaſtiſchen Gemüthe Viel dazu beitrug, für die maleriſche Schönheit des Thales zu entſchädigen, welches ſie nicht mehr ſahen; und doch waren am Ende mancher Straßen noch immer die Mauern und Thürme des Schloſſes zu ſehen, welches von ſeinem ſtolzen Felſen niederblickte mit den grünen Zweigen und den rauhen Felsſpitzen, die ſich jenſeits deſſelben erheben. „Im Namen Alles deſſen, was ſüß und wohlſchmek⸗ kend iſt, laß uns ſo ſchnell wir können zu unſerm Gaſt⸗ hauſe eilen,“ ſagte der ältere von den jungen Männern. „Meine Ohren gellen von der rauhen Fröhlichkeit dieſer übermäßig luſtigen Deutſchen Kehlen, und meine Naſe verſpürt eine fieberhafte Empfindung von all dem Ge⸗ ruch von Knoblauch und Sauerkraut, den ſie eingeſogen, ſeit wir das Thor paſſirt haben.— Wie iſt der Name des Gaſthauſes, Tony?“ fuhr er fort, ſeinen Kopf zu einem von den hinter ihm reitenden Dienern wendend, einem luſtig ausſehenden Kerl mit viel Schlauheit und guter Laune in ſeinem Geſichte. „Etwas Goldenes war dabei, Sir William,“ ver⸗ ſetzte der Mann,„aber meiner Treu, ich vergaß, was es war. Wir haben ſeit dem letzten Monat ſo Viel mit goldenen und ſilbernen Dingen zu thun gehabt, daß ich ganz verwirrt bin. In der letzten Nacht ritten wir auf einer goldenen Gans; am Tage vorher war es ein ſil⸗ — 16— berner Mond; vorher waren wir im goldenen Hahn, im goldenen Kruge, in der goldenen Krone, im ſilbernen Kreuz, im ſilbernen Stab und im ſilbernen Stern. Wir haben alle Arten von Fiſchen gehabt, die je in der See ſchwammen, und alle Thiere, die in der Arche wa⸗ ren, und außerdem noch einige Ungeheuer.“ „Still, Mann, ſtill; gieb mir eine vernünftige und kurze Antwort,“ verſetzte der Cavalier,„und erinnere Dich, daß Dein Herr Dir geſagt, Du ſolleſt unſere Na⸗ men vergeſſen, bis er Dir erlaube, Dich derſelben zu er⸗ innern.— Welches war der Name des Gaſthauſes, ſage ich?“. „Der goldene—, Herr,“ verſetzte der Mann uner⸗ ſchrocken,„und wenn ich dem Dinge einen Namen geben G muß, ſo will ich der goldene Hirſch ſagen, bis ich mich des rechten Namens erinnere. Wir waren wenigſtens ſeit einer Woche in keinem goldenen Hirſch.“ 4 Der andere Cavalier lächelte, denn ſobald dieſer Name genannt wurde, erinnerte er ſich, daß der ihm em⸗ pfohlene Gaſthof in der That der goldene Hirſch heiße, und er zweifelte auch, daß ſein Diener wirklich den Na⸗ 4 men vergeſſen habe. „Nun iſt es unſere Aufgabe, das Haus zu finden, William,“ ſagte er,„denn dieſe Stadt ſcheint voll vo Wirthshausſchildern zu ſein. Aber hier kommt ein Mann zu Pferde— nach ſeinen beſtäubten Stiefeln zu urtheile ——— ein Reiſender, wie wir— überdies ein Deutſcher nach dem Schnitt ſeines Mantels und der Feder auf der lin⸗ ken Seite ſeines Hutes. Wir wollen ihn fragen.“ 4— Und ſein Pferd ein wenig weiter ſpornend, traf er an der Straßenecke mit einem wohlgekleideten Manne von etwa dreißig Jahren zuſammen, der in dem Augen⸗ blick raſch ritt, aber ſein Pferd anhielt, als der Andere ihn höflich begrüßte, und in ganz erträglichem Deutſch nach dem Wege zu dem goldenen Hirſch fragte. „Folgt mir,“ verſetzte der Fremde,„ich will Euch den Weg zeigen; ich gehe ſelbſt dorthin.“ Und weiter reitend, ohne zu erwarten und zu ſehen, ob die Fremden ihn begleiteten oder nicht, nahm er ſei⸗ nen Weg um die große Kirche, und ſprang vor den Stu⸗ feen eines weitläuftigen Hauſes vom Pferde, welches auf einer Tafel am zweiten Stock in halberhobener Arbeit die groteske Figur eines geſchwollenen und vergoldeten Hirſches führte, der mit einem Halsbande und einer 3 Kette verziert war. In der Mitte des Hauſes war ein roßer Thorweg mit Stufen zu beiden Seiten, die ſich auch um die Ecke erſtreckten, an der Fronte zu beiden Seiten des Einganges hinliefen, und eine Art von Grund⸗ lage für das ganze Haus bildeten. Eine kleine Thüre — die, vor welcher der Reiſende anhielt— befand ſich oberhalb der Stufen, und dieſe wurde geöffnet, ſobald nan ſeine Ankunft von den Fenſtern des untern Stock⸗ Heidelberg. Erſter Band. 2 — — 18— werks aus bemerkte. Wenigſtens ein Duzend Kellner und Pferdejungen eilte aus verſchiedenen Höhlen und. Winkeln des Gebäudes hervor. Sein Pferd wurde ihm mit allen Zeichen des Reſpekts abgenommen, und die tiefen Verbeugungen des Wirths, der ſeine Schlafmütze in der Hand hielt, die dienſtfertige Bereitwilligkeit allet Diener des Hauſes, und die ehrerbietigen Grüße zweier Männer, deren Schilder und Bänder ſie als Livreebedien⸗ ten einer vornehmen Familie bezeichneten, überzeugten die Reiſenden, die dicht hinter ihm folgten, daß ihr Füh⸗ rer zum goldenen Hirſch eine Perſon von einiger Be⸗ deutung in der Stadt Heidelberg ſei. Der Eine wendete ſich zu dem Andern und lächelte, vielleicht etwas übermüthig, denn die ſtolze Verachtung gegen die Sitten und Gewohnheiten anderer Leute, und der Nationalſtolz, der die Auszeichnungen und Klaſſen fremder Länder herunterſetzt, um die in ihrem Lande zu erheben, waren in jenen Tagen den Eingebornen einet gewiſſen Inſel eben ſo ſehr eigen, wie gegenwärtig. Ji⸗ nes übermüthige Lächeln deutete ſogleich den Engländet an. Es würde ſehr ſchwer ſein, die Empfindungen phi loſophiſch zu analyſiren, aus welchen daſſelbe entſprang d und vielleicht entſtand es ganz einfach aus der Verace ſ tung gegen die Rückſicht, die man einem Manne gezeigt, 1 der es wagte, eine Feder an einer andern Stelle des b Hutes zu tragen, als wo die Engländer ſie anzubringen — 19— pflegten. Ich will nicht behaupten, daß es ſo war, aber nach dem, was ich von meinen Landsleuten weiß, halte ich es für ſehr wahrſcheinlich. Auch iſt es ſeltſam, daß dieſes Lächeln ſich gerade im Geſichte des älteren von Beiden zeigte, der allem Anſcheine nach der erfahrenſte und weltlichſte von Beiden war. Der Andere lächelte nicht, ſondern ließ ſein Pferd im Schritt gehen; ſobald er ſich von der Lage des goldnen Hirſches überzeugt 1 8 n hatte, ritt langſam zu dem Hauſe hin, und ſtieg mit ruhiger und bedächtiger Miene ab. Jetzt war der Fremde verſchwunden, ſowie auch der Wirth und die meiſten von den Dienern. Dennoch aber begann das Geräuſch der neuen Ankunft bald wieder, und in noch fünf oder zehn Minuten waren die beiden Reiſenden in großen bequemen, aber etwas düſteren Zim⸗ mern untergebracht, und hatten die zuverläſſigſte Verſiche⸗ rung des Wirths, daß ihnen ein vortreffliches Mahl vor⸗ geſetzt werden ſolle, ſobald es ihnen gefällig ſein würde, in das allgemeine Gaſtzimmer hinunterzuſteigen, und ſich zur Tafel zu ſetzen. Die Diener und der Page beſchäftigten ſich damit, die Mantelſäcke und Satteltaſchen zu öffnen. Halskrau⸗ ſen, Halsketten, Sammetmäntel und beſetzte Wämſer wurden auf den großen alten bequemen Betten ausge⸗ breitet. Eine reichliche Quantität kalten Waſſers, vereint nit Italieniſchen Eſſenzen und Parfümerien entfernten 2* — 20— alle Spuren des Reiſens von ihrem Aeußern; und als nach Verlauf einer halben Stunde der jüngere von Bei⸗ den mit dem Pagen, der ihm den Weg zeigte, in das Gaſtzimmer hinunterſtieg, wäre es ſchwer geweſen, inner⸗ halb der Grenzen Europas einen ausgezeichneter aus⸗ ſehenden Mann zu finden. Er war offenbar ſehr jung⸗ — die Jugend ließ ſich in jeder ſanft dahinfließenden Lime, in der glatten und abgerundeten Wange, in der ebenen, furchenloſen Stirn entdecken; doch lag eine ſtatt liche Würde in ſeinem Benehmen; eine ruhige, faſt kalte Feſtigkeit in dem Ausdruck ſeines Geſichts, welche zeigte daß aus irgend einer Urſache— entweder, weil er zu 8 früh in das Leben und die traurigen Erfahrungen der Welt eingeweiht worden, oder weil er zu früh die Wirk⸗ lichkeit hatte ſchätzen gelernt— der Geiſt älter war, als der Menſch. Dies geſchieht nicht ſelten, und bringt oft ſeltſame Wirkungen hervor; aber noch auffallender iſt d.. Erfolg, wenn eine dreifache Vereinigung Statt fin det, wie es in gewiſſer Hinſicht mit ihm der Fall wan und wenn das Herz auch jung bleibt, nachdem das theil reif geworden, ſo daß ſeine Leidenſchaften, di die Energie der körperlichen Geſtalt unterſtützt, mmit dem kräftigen und herrſchenden Verſtande in gerathen. Der Page öffnete die Thüre eines großen unten Zimmers, welches etwas düſter und unerfreulich ausſat * ſchämten Anſtarren auf den Ankomme — 21— denn die Fenſter waren klein, das Täfelwerk von dunk⸗ lem Eichenholz und die Sonne ſtand auf der andern Seite des Hauſes. Es war indeſſen nicht leer, denn in einem Stuhle mit hoher Rücklehne, ſeine Füße von den ſchweren Reiterſtiefeln befreit, ſaß der Herr, den ſie auf der Straße getroffen, und der ihnen dorthin als Führer gedient. Sein Hut lag auf einem kleinen Tiſche, ſein Schwerdt neben demfelben; wie ſchon erwähnt, hatte er ſeine Reiterſtiefeln abgelegt und ebenfalls einige Zeit auf ſeine Toilette gewendet; denn er hatte ſein Wamms und ſeinen Mantel mit einem andern vertauſcht; aber die da⸗ durch hervorgebrachte Verſchiedenheit des Ausſehens er⸗ ſchien einem Auge nicht auffallend, welches an die glän⸗ zendſten Höfe Europas gewöhnt war. Um die Wahrheit zu ſagen, war der junge Englän⸗ der nicht ſehr zu Gunſten des Fremden eingenommen. Die kurze, trotzige Antwort, die er gegeben, als man ihn angeredet, die Art, wie er weiter geritten, ohne ſich um⸗ zuſehen, ob ſie folgten oder nicht, ſchien einen Mangel an Höflichkeit anzudeuten, weshalb er freilich nicht ge⸗ neigt war, Zank anzufangen, die er aber auch nicht ſehr bewundern konnte. Der Andere bewegte ſich auch nicht, als er eintrat, obgleich er ſich gewiß ſeiner Gegenwart nicht unbewußt war; denn die großen, klaren, grauen Au⸗ gen waren mit einem feſten, forſchenden und faſt unver⸗ nden gerichtet. Es war dem jungen Engländer unangenehm; doch er kam nicht dorthin, um Streit zu ſuchen; und indem er ſich an den Pagen wendete, der, um Befehle zu empfangen, an der Thüre wartete, gebot er ihm, dem Wirthe zu ſa⸗ gen, er möge das Abendeſſen ſo ſchnell als möglich auf⸗ tragen laſſen, und ging dann zum Fenſter und blickte auf die wechſelnde Scene hinaus, die die Straßen dar⸗ ſtellten. In zwei Minuten war er in eine Träumerei ver⸗ ſunken, vergaß gänzlich, daß noch ein anderrs Weſen außer ihm im Zimmer ſei, und obgleich der andere Gaſt aufſtand, Hut und Schwerdt vom Tiſche nahm, und mit ſchwerem Schritte im Zimmer auf und abging, ſo berührte doch das Geräuſch, welches dieſe Bewegungen hervorbrachten, ein unbewußtes Ohr, welches nicht die Macht hatte, es zu dem zerſtreuten und mit anderen Dingen beſchäftigten Geiſte zu tragen.— In etwa fünf Minuten öffnete ſich die Thüre wie⸗ der, ein raſcher Schritt wurde gehört, der andere Eng⸗ liſche Reiſende trat ein, näherte ſich ſeinem Freunde, legte ſeine Hand auf ſeine Schulter und rief in heiterem Ton: „Was, ſchon wieder in Gedanken verſunken, Alge non! Bei meinem Leben, die Natur muß Dich zu einer Auſter beſtimmt haben. Verläßt man Dich nur anan Augenblick, ſo verſinkſt Du in einen Ocean des Nach⸗ denkens, hängſt Dich an den Grund feſt, und würdeſt’ 1 glaube ich, immer dort bleiben, und mit halbgeöffneter Schale warten, was die Vorſehung Dir ſenden würde, um Deinen Mund zu füllen. Aber, meiner Treu, ich habe keine ſolche Geduld; ich gleiche dem Patriarchen Iſaak, und habe ein Verlangen nach ſchmackhaften Ge⸗ richten— ebenfalls auch nach einiger Ergötzlichkeit. Dies ſcheint ein wilder Eber des Waldes zu ſein. Wir müſſen ihn aus ſeinem Lager treiben; das wird uns eini⸗ gen Spaß machen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ Bisher hatte er Engliſch geſprochen; jetzt aber wen⸗ dete er ſich mit tiefer und etwas übertriebener Verbeu⸗ gung und doch mit einer Miene hofmänniſcher Gewandt⸗ heit an den Fremden, und ſagte in Franzöſiſcher Sprache: „Wir haben Euch zu danken, mein Herr, daß Ihr uns zu dieſem Gaſthauſe führtet. Ich hoffe, der Wirth wird uns bald weitere Gelegenheit zur Dankbarkeit ge⸗ ben, indem er uns ein vortreffliches Abendeſſen vorſetzt. — Ich ſehe, er hat für drei Perſonen gedeckt, woraus ich ſchließe, daß der Genuß des Mahles durch Eure Theilnahme noch wird erhöht werden.“ „Es iſt meine Abſicht, zu Abend zu ſpeiſen, ehe ich gehe,“ verſetzte der Fremde in ganz gutem Franzöſiſch, doch mit hochmüthigem Tone; aber der Andere ließ ſich nicht zurückweiſen, und fuhr dem Anſcheine nach in ſehr guter Laune, aber mit jener Uebertreibung der Höflich⸗ keit fort, die ſelten ohne einen Anflug von Sarkasmus iſt, veranlaßte ſeinen deutſchen Geſellſchafter zu einer ver⸗ trauteren Unterhaltung, und brach das Eis der Zurück⸗ haltung, womit derſelbe ſich anfangs umgeben hatte. Seine Antworten, als dieſelben freier und offener wur⸗ den, zeigten einen nicht ungebildeten Geiſt, ein umfang⸗ reiches Wiſſen, und im Allgemeinen richtige und kräftige Anſichten, obgleich er einen ſtolzen Dünkel und eine et⸗ was reizbare Selbſtachtung zeigte, die um ſo deutlicher, wenn gleich nicht beleidigender wurde, ſo wie ſeine Zu⸗ rückhaltung ſich verlor. 8* ¹ In der Mitte ihrer Unterhaltung trat der Wirth nebſt ſeinen Trabanten mit dem Abendeſſen ein. Zwei von den Dienern der Reiſenden kamen herein, um ihren Herren aufzuwarten; einer von den Livreebedienten, die den Deutſchen an der Thüre begrüßt hatten, nahm, mit Bändern und Quaſten überladen, hinter ſeinem Stuhle Platz, und dann beſchäftigten ſich die drei Herren damit, einen zudringlichen Appetit zu befriedigen. Nach weni⸗ gen Minuten ſchien der jüngere von den beiden Englän⸗ dern ſeine gedankenvolle Stimmung von ſich zu werfen, gab ſich der heiteren Anleitung ſeines Freundes him und lachte und ſcherzte gleichfalls. Der Wein, decf dem Tiſche ſtand, ſchien durchaus nicht nach ſeinem ſchmack zu ſein, und indem er ihn mit einem Schauder von ſich ſchob, naadenn die erſten Tropfen über ſan Lippen gekommen waren, erklärte er ihn für Eſſig in anderer Form. „Ei, ei, Herr Wirth,“ ſagte er, indem er dieſen würdigen Mann über die Schulter anſah, der vielleicht wegen gehöriger Berechnung der Vortrefflichkeit des Ge⸗ tränks, welches er aufgetragen, in Beziehung zu der Be⸗ ſchaffenheit ſeiner Gäſte im Zimmer geblieben war, denn die Gaſtwirthe pflegten ſchon damals nicht ſelten ihren Wein als Maßſtab für die Beſchaffenheit ihrer Gäſte zu betrachten,„ei, ei, Herr Wirth, dies iſt ohne Zweifel ein guter Wein in ſeiner Art für den, dem er ſchmeckt; aber wir ſind weit geritten, und bedürfen eines etwas edleren Getränks. Gebt uns etwas ganz Vortreffliches, den beſten in Eurem Keller; und bedenkt, daß er wenigſtens Hundert und funfzig Mal beſſer ſein muß, als dieſer, ſonſt wird er uns nicht munden.“ „Ihr ſprecht ſehr gut Deutſch,“ ſagte der Fremde, „und ſcheint unſere Sitten und Gewohnheiten gut zu kennen, ſelbſt bis auf die Ränke der Gaſtwirthe. Waret Ihr ſchon früher hier?“ „Nicht in dieſer guten Stadt Heidelberg,“ verſetzte der junge Edelmann,„doch vor drei Jahren kam ich auf meiner Reiſe nach dem Süden durch andere Theile von Deutſchland. Der Grund, weshalb ich Franzöſiſch mit Euch rede, iſt nur, weil mein Freund die Sprache dieſes Landes nicht verſteht.“ — 26— „Es iſt Schade,“ entgegnete der Andere,„die Spra⸗ che iſt ſchön, und ich denke, die Fremden müſſen auch das Land ſchön finden. Ich bin ſelber auch gereiſt, ſah aber nie etwas Schöneres, als dieſes Neckarthal.“ „Sehr ſchön, in der That,“ verſetzte der junge Eng⸗ länder,„ſo ſchön, daß ich denke, man könnte ſich wohl eein oder zwei Jahre hier die Zeit vertreiben.“ 6„Mich dünkt, man könnte wohl auch ein Leben hier zubringen,“ entgegnete ihr Genoſſe mit etwas hochmüthi⸗ ger und beleidigter Miene.„Der Hof des Kurfürſten, denke ich, ſteht wenigen Höfen in Europa nach.“ „Was iſt das, Algernon, was iſt das?“ rief der andere Engländer, der nur einen Theil von dem, was man geſprochen, verſtanden hatte.„Es iſt ein Verrath an der Freundſchaft, in meiner Gegenwart eine Sprache zu reden, die meinen armen Ohren unverſtändlich iſt.“ Der andere Cavalier erklärte es ihm auf Franzö⸗ 4 b ſiſch, und der erſtere wendete ſich mit ſarkaſtiſchem Lächeln zu ihren Tiſchgenoſſen und rief:. „Iſt dieſer Hof denn in der That ſo prachtvoll? Wir ſind in dieſem Theile Europas unbekannt, mein Herr, da wir uns lange in ſüdlichen Ländern aufgehal⸗ ten, zu Neapel unter Fürſten und Lazaroni geſcherzt, in— Rom mit Prieſtern, Cardinälen und Päpſten verkehrt, Florenz über Bilder, Statuen und theologiſche Lehrſätze mit Malern, Philoſophen und Atheiſten verhandelt, und 1 . 1 b — 27— mit den ſchönen Damen und den ehrwürdigen Senioren in der Stadt der Wogen uns maskirt und muſicirt ha⸗ ben. Wir haben einen Vorrath von Laſtern und Neuig⸗ keiten mitgebracht, der, wie ich hoffe, jeden Hof der Chri⸗ ſtenheit ſchmücken würde; und in der That, wenn der Eure ein ſolcher iſt, wie Ihr ihn beſchreibt, und Pracht und Fröhlichkeit, Sammet und Geſelligkeit lieht, ſo müſ⸗ ſen wir hinaufgehen und ihn beſuchen; und ohne Zweifel wird man uns nach unſerm Verdienſt behandeln.“ „Der Zugang iſi nicht ſo leicht, wie Ihr denken mögt, mein Herr,“ antwortete der Andere finſter,„es iſt noch etwas Weiteres erforderlich, als eines Mannes eigener Bericht über ſich ſelber, um dort Eintritt und Achtung zu erlangen.“ „Ha, da kommt unſer Wirth mit einer ſehr weiſe ausſehenden Flaſche!“ rief der jüngere Reiſende, der viel⸗ leicht glaubte, ſein Freund treibe ſeine Scherze etwas zu weit.„Wenn dieſe Spinngewebe um den Hals der Fla⸗ ſche von dünneren Beinen, als Eure Finger, ſind geſpon⸗ nen worden, Herr Wirth, ſo muß der Wein entweder ſo ſauer wie Eſſig, oder von unſterblicher Beſchaffenheit ſein.“ „Ich ſtehe Euch dafür,“ antwortete der Wirth, in⸗ dem er die hohen Gläſer niederſetzte,„wenn Ihr je in Eurem Leben beſſeren getrunken, ſo will ich nicht Rein⸗ hard heißen.“ — 28— Und er füllte das Glas des jungen Reiſenden und das ſeines Begleiters bis an den Rand. Ehe aber der Erſtere den Wein koſtete, bat er ihren Tiſchgenoſſen, mit ihnen zu trinken und ſeine Meinung über den Wein abzugeben; und als dieſer einiges Wi⸗ derſtreben zeigte, fügte er hinzu: „Nein, nein, wenn Ihr es ausſchlagt, ſo werde ich denken, daß die leichtfertige Rede meines ſcherzhaften Freundes Euch beleidigt hat. Ihr müßt Geduld mit ihm haben, mein Herr, denn es iſt eine eingewurzelte Gewohnheit bei ihm; und er könnte eher ſein Mittag⸗ eſſen als ſeinen Scherz entbehren, auf weſſen Koſten er denſelben auch anwenden mag. Es iſt die Sitte des Landes, aus dem wir zuletzt kommen; denn dort iſt es ſo gefährlich, ernſthaft über irgend einen Gegenſtand zu reden, daß man in einem Sch herz wie in einer Redoute Zuflucht ſucht.“ Der Fremde ſchien mit dieſer Erklärung zufrieden, koſtete ihren Wein, erklärte ihn für vortrefflich und ver⸗ gaß ſeine hochmüthige Miene. Dann kehrte er zu dem früheren Gegenſtande zurück, und verbreitete ſich noch mals über die Schönheit, den Glanz, die Ritterlichkeit und den Witz des Hofes des Kurfürſten Friedrich des Fünften, als plötzlich eine laute Exploſion, welche de feſten Mauern des alten Gebäudes zu erſchüttern ſchien, und mehrere Secunden lang von den Felſen und Bergen 2* ——— umher wiederhallte, ſeine Declamation unterbrach, und machte, daß die beiden Engländer einander ins Geſicht ſahen. Ehe ſie weiter fragen konnten, wurde noch eine Exploſion und dann wieder eine gehört. Der ältere Reiſende wendete ſich zu ihrem Deutſchen Gefährten und rief: „Im Namen des Glücks, was hat dies zu bedeu⸗ ten? Wird die Stadt von dem Schloſſe, oder das Schloß von der Stadt beſchoſſen? Oder habt Ihr den Berg Veſuv hierher gebracht, um Euch von Zeit zu Zeit durch einen Ausbruch zu erwärmen, und die Alter⸗ thümer des Ortes in Aſche, Bimsſtein und Schwefel aufzubewahren?“ „Keins von Beiden, mein guter Herr,“ antwortete ihr Tiſchgenoſſe, der gänzlich unbewegt geblieben war;„es ſind nur die Kanonen des Schloſſes, die zur Feier des Geburtstages des Kurfürſten heute am 19. Auguſt gelöſt werden; denn an dieſem Tage und zu dieſer Stunde vor drei und zwanzig Jahren wurde unſer edler Fürſt in der guten Stadt Amberg geboren. Es iſt heute ein großes Banket im Schloſſe; aber ich mogte reiten ſo raſch ich wollte, ich kam zu ſpät dazu, und ſo muß ich mich da⸗ mit begnügen, dieſen Abend zur Audienz zu gehen, die, wie man ſagt, von ungewöhnlicher Pracht ſein wird.“ „Wahrhaftig, da denke ich, wollen wir auch dorthin — 30— gehen,“ ſagte der ältere von den beiden Engländern, „ohne Zweifel werden wir die ganze Schönheit des Hofes der Pfalz verſammelt ſehen.“ „Wenn Ihr Zutritt erhaltet,“ verſetzte der Anderr trocken. „O, daran iſt nicht zu zweifeln,“ war die prahleri⸗ ſche Antwort,„Euer Fürſt kann doch kein ſolcher Barbar ſein, zwei ſo hübſchen jungen Männern, wie wir ſind, beſonders da wir die Ehre und den Vortheil Eurer Be⸗ kanntſchaft haben, die Freuden ſeines Hofes zu verwei⸗ gern.“. „Ich denke, Ihr werdet ihn hinlänglich civiliſirt finden, um dies zu thun,“ ſagte der Andere in ſcharfem Tone,„und meine Bekanntſchaft, mein Herr, kann nur für die wohlthätig ſein, mit deren Namen und Rang ich bekannt bin. Ich kann Euch wohl eben ſo gut gleich zu verſtehen geben, da ich dieſen Hof kenne, und mit ihm in Verbindung ſtehe, daß Ihr nicht werdet zugelaſſen werden, wenn Ihr Euch nicht gehörig vorſtellen laßt.“ Es lag ein Grad von Stolz mehr in ſeinem Ton als in ſeinen Worten, der den Jüngern von den beiden Herren zugleich ergötzte und beleidigte; und nachdem ſein 3 gte; 5 Begleiter gerufen hatte: „Dann müſſen wir ohne die Wohlthat der Geiſt⸗ lichkeit ſterben,“ wendete er ſich zu dem anderen Herrn, und ſagte mit ernſtem Lächeln: 4 6 — 31— „Wir haben eine üble Gewohnheit in England, die Stärke unſerer Ueberzeugung dadurch zu beweiſen, daß wir über den beſtrittenen Gegenſtand Wetten anſtellen. Wenn es hier auch Sitte wäre, ſo würde ich fragen, was Ihr wetten wollt, daß ich und mein Freund dieſen Abend zu dem Schloſſe hinaufgehen und ohne die ge⸗ ringſte Einführung, ohne unſere Namen zu nennen, ohne unſern Rang oder unſern Stand anzugeben, gaſtliche Aufnahme bei dem Kurfürſten finden und den Abend an ſeinem Hofe zubringen werden.“ Die Perſon, die er anredete, erwiderte zuerſt mit einem Lachen und ſagte dann: „Vielleicht werdet Ihr eingelaſſen werden, denn es iſt nicht wahrſcheinlich, daß die Dienerſchaft einen wohl⸗ gekleideten Mann zurücktreiben wird; aber wenn des Kur⸗ fürſten Auge, das ſeines Kämmerers oder irgend eines der hohen Beamten auf Euch fällt, ſo werdet Ihr hin⸗ ausgebracht werden, wenn Ihr nicht Eure Namen nennt, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“. „Nicht ſo,“ verſetzte der Andere,„ich will gerade zu dem Kurfürſten gehen; will mich weigern, meinen Namen zu nennen und doch den Abend dort zubringen; darauf wette ich Hundert Kronen. Ihr ſelber ſollt Zeuge davon ſein, da Ihr ſagt, Ihr werdet hingehen; aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß Ihr Nichts thut oder ſagt, um meine Abſicht zu verhindern.“ „ „Es iſt ein Wort,“ ſagte der Andere, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend;„ich nehme Eure Wette an. Mich dünkt, ich ſollte dieſen Hof beſſer kennen, als Ihr ihn kennen könnt.“ „Ich habe viele Höfe kennen gelernt,“ antwortete der junge Mann mit gutmüthigem Lachen,„und noch nie einen gefunden, an welchem Unverſchämtheit und ein kaltes Geſicht nicht durchkommen konnten. So laßt uns jetzt Freunde ſein, und einander zu unſerer Wette die Hände drücken, welche entſchieden werden ſoll, ſobald Ihr bereit ſeid.“ Der Fremde nahm ſeine Hand, freilich nicht ſehr herzlich, und erwiderle: „Wir müſſen noch ein Wenig warten; das Banket wird kaum vorüber ſein. Ich mögte auch gern wiſſen, 2 fügte er hinzu,„wer meine Begleiter an den kurfürſtli⸗ chen Hof ſind.“ „O, beruhigt Euch vollkommen darüber,“ verſetzte der Aeltere von den beiden jungen Männern;„end. Ihr durchs Thor gegangen ſeid, könnt Ihr Euch ſtellen, als hättet Ihr uns nie geſehen; ja, mit der Unzuver⸗ läſſigkeit der lieben Welt mögt Ihr denen kalt den Rü⸗ cken wenden, mit denen Ihr hinaufgekommen ſeid, bald Ihr den Gipfel erreicht habt. Die Sache iſt dieſe, ehrenwerther Herr, mein Freund und ich haben beſchloſ ſen, während wir in dieſen fremden Ländern reiſen, n — 33— ſere wahren Namen nicht zu entdecken. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir in unſern Satteltaſchen und Man— telſacken einen friſchen und wohlerhaltenen Namen für den Nothfall eingepackt haben. Er nennt ſich Algernon Grey, und ich habe mich in den letzten Monaten Wil⸗ liam Lovet genannt. Wir verlangen nicht, daß Ihr glauben ſollt, unſere Gevattern und Gevatterinnen bei unſerer Taufe haben das Geringſte mit dieſen Vor⸗ oder Zunamen zu thun gehabt; dennoch iſt es eine Grille von uns, und wir bitten unſere vortrefflichen Freunde, darin nachſichtig gegen uns zu ſein. Die, welche uns ehren wollen, hängen Esquire an das Ende jedes Na⸗ mens, als den niedrigſten Rang der Edelleute in Eng⸗ land, welche befähigt ſind, Waffen zu tragen; aber wir halten nicht beſonders darauf, und ſelbſt, wenn dieſer Titel ausgelaſſen wird, iſt der bloße Name ebenſo gut.“ „So ſei es denn,“ ſagte ihr Tiſchgenoſſe ernſthaft. „Ihr werdet reiten müſſen, Herr Lovet, wie Ihr viel⸗ leicht wißt, denn es iſt etwas ſchwierig, hier Wagen zu finden die Euch jenen Hügel hinaufſchleppen würden! Aber Ihr tragt große Stiefel,“ fuhr er fort, indem er einen damals in Deutſchland üblichen Ausdruck anwen⸗ dete, um einen Mann zu bezeichnen, der wenig Um⸗ ſtände macht—„aber Ihr tragt große Stiefel und wer⸗ det daher Eure Strümpfe nicht beſchmutzen. Ich gehe um die meinigen anzuziehen.“ Heidelberg. Erſter Band. 3 — 34— Hierauf ſtand er auf und verließ das Zimmer. Der jüngere Reiſende, den wir von jetzt an bei dem Namen nennen wollen, den er anzunehmen für gut ge⸗ funden, ſchien geneigt, wieder in Nachdenken zu verſin⸗ ken, doch der andere lehnte ſich über den Tiſch und ſagte: „Frage nach dem Namen des Kerls, Algernon. Es ſcheint ein mürriſcher und unhöflicher Burſche zu ſein, unfähig oder nicht Willens, einen Scherz zu verſtehen.“ „Wahrlich, Du beginnſt auch wie ein junger Falke William„“ verſetzte ſein Begleiter,„Du ſtürzeſt gerade auf Dein Wild zu, ohne zu ſehen, wohin es fliegt Nicht alle Leute ſind bereit, mit jedem Fremden zu ſther zen. Er mag gute Eigenſchaften haben, obgleich er auch ziemlich hochmuthig zu ſein ſcheint.“ Hierauf wendete er ſich an einen der Diener des Gaſthauſes und fragte in Deutſcher Sprache nach dem Namen des Herrn, der eben das Zimmer verlaſſen. „Das iſt der Baron Oberntraut,“ verſetzte der Mann mit tiefer Verbeugung;„er iſt der einzige So des Stallmeiſters des Kurfürſten und Kapitain der Ki⸗ raſſiere.“ „Was, derſelbe, der ſich in dem Feldzuge nach J Ji⸗ lich ſo ſehr ausgezeichnet?“ rief der junge Herr. „Derſelbe, mein Herr,“ antwortete der Mann.„Er war damals ſehr jung; doch hat er große Dinge gethan wie ich höre.“ . non. Ich bin ſehr begierig, — 35— „Bei meiner Ehre, er hat Grund, ſtolz zu ſein,“ ſagte Algernon Grey,„aber komm, William, wir wol⸗ len uns auch bereit halten. Laß die Pferde vorführen, Tony.— Ich vermuthe, ſie ſind nicht ermüdet von un⸗ ſerem kurzen Marſch.“ „Ermüdet, Herr,“ verſetzte der Mann.„Gott ſegne Sie! Bei dem Hafer, den ſie ſeitdem gefreſſen haben, als Ihr angekommen ſeid, werden ſie dort zu dem Schloſſe hinaufrennen, als ſollten ſie über ein hohes Thor ſetzen. Ich hörte Hob ſagen, Barbary habe an⸗ derthalb Viertel Hafer gefreſſen, wäͤhrend Ihr Euren Mantel gewechſelt.“ „Wenn das die erſte Lüge iſt, die Du je ausgeſpro⸗ chen, ſo iſt es wohl der Mühe werth, ſie zu wiederho⸗ len,“ ſagte William Lovet;„aber laß uns gehen, Alger⸗ die Schönen am Hofe der ſchönen Eliſabeth zu ſehen; und wenn ich ausfindig ma⸗ chen kann, welches die Geliebte dieſes Oberntraut iſt, bei meiner Seele, ſo will ich ihn plagen.“ Zweites Kapitel. „Wer iſt das, wer iſt das?“ rief die durchdrin⸗ gende Stimme eines kleinen verwachſenen Knaben, der ſo nahe am Thore des Schloſſes ſtand, als die Solda⸗ ten es ihm nur geſtatten wollten— und um die Wahr⸗ heit zu ſagen, hatten ſie ihn etwas näher kommen n ſen, als ihr Befehl es erlaubte, aus Rückſicht für ein großes, ſchönes und wohlgebildetes Mädchen, ſein Schweſter, die ihn an der Hand hielt.. „Wen meinſt Du, Hans?“ fragte ſeine ſchöne T gkeiterin.„Der in dem ſchwarzen Wamms mit Goh und dem Mantel mit rothem Tuch beſetzt, iſt der jung Baron von Sberntraut, der große Hauptmann, der d Deſttreicher auf der andern Seite des Rheins ſchlug.“ 5„Er ſieht mir nicht wie ein großer Hauptm aus,“ ſagte die ſchwache und ſcharfe Stimme, di der ſchmalen und vorragenden Bruſt kam.„Ich das „* weißen?“ — 37— er würde ganz gerüſtet ſein, wie die Soldaten, die ich einſt durch die Straßen reiten ſah.“ „Iſt das ein Franzoſe?“ fragte einer von den Stu⸗ denten niederer Klaſſe, der mit ſtudirter, um nicht zu ſagen affektirter Nachläſſigkeit auf der Schulter ſeines Kameraden lehnte und ſeinen Arm um deſſen Nacken ſchlang. Seht Ihr wohl, wie er ſeinen Hut trägt? Und wie geziert er ſeinen Mantel ganz auf die linke Schulter geworfen hat, als wollte er den Griff ſeines Degens warm halten.“ „O, er kann ihn in Heidelberg warm genug halten, wenn er will,“ verſetzte der andere Student, mit dem er ſprach;„wir wollen ihm zu thun geben, wenn er deſſen bedarf; aber welchen meinſt Du, Friedrich? Denn es ſind ihrer zwei— den ſchwarzen Hahn oder den „Den blonden,“ verſetzte der erſte Redner,„der in dem braungelben Mantel mit Gold beſetzt; es iſt ein hübſcher Mann, Karl, und ich ſollte d ſein Schwert zu gebrauchen Blicke urtheilen darf.“ „O, Blicke ſind Nichts,“ verſetzte der Andere;„aber ich ſollte denken, es wäre kein Franzoſe. Wahrſcheinli⸗ cher ein Engländer, der gekommen iſt, um an unſerm Hofe zu ſchmeicheln.“ „Komm, Weib, komm,“ ſagte ein luſtiger, fetter enken bereit genug, „ wenn man nach ſeinem — 38— Bürger mit einer Kreuzaßnaſe und einem ziemlich grau geſprenkelten Barte zu einer hübſchen Frau, die einige zwanzig Jahre juͤnger war, als er, neben ihm ſtand und einen kleinen Knaben von etwa vier oder fünf Jahren an der Hand hielt—„es iſt vollkommen Zeit für uns nach Hauſe zu gehen; ſiehſt Du nicht, daß die Sonne beinahe unter iſt? Schon zur Hälfte dort hinter den Bergen, und es wird dunkel werden, ehe wir die Thüre erreichen. Nun komm, ich weiß wohl, Du ſiehſt die ſchönen Männer gern, aber mich dünkt, Du ſollteſt heute genug davon haben; darum laß uns heimgehen, wenn Du nicht willſt, daß jener Cavalier Dir einen Handkuß zuwerfe, als Belohnung für Dein Anſtarren.“ Während ſolche und ähnliche Unterhaltungen unter den zahlreichen Gruppen geführt wurden, die ſich um das äußere Burgthor des ſchönen alten Schloſſes der Kurfürſten der Pfalz verſammelt, hatten drei Herren und ſieben Diener, die langſam den weiten und ſteilen Weg vo der Stadt zum Schloſſe hinaufgeritten waren, die Fläche des Gipfels erreicht, paſſirten die Zugbrücke, die ſich damals am Burgthor befand, und gelangten auf den weiten Raum, der von der großen Mauer der Fe⸗ ſtung eingeſchloſſen war. Ob ihnen Oberntrauts Ge⸗ genwart, der den Soldaten wohlbekannt war, freien Eintritt verſchaffte, oder oh die Wache nur Befehl hatte, die gemeineren Bürger des Orts zurückzuhalten, können . — 39— wir nicht entſcheiden, doch iſt ſo viel gewiß, daß man die ganze Geſellſchaft ohne Widerſtand durchließ. Sie ritten zu dem Brückenhauſe weiter, während ſchöne krie⸗ geriſche Muſik aus dem Schloßhofe vom Winde daher⸗ getragen wurde, und viele heitere und muſikaliſche Stim⸗ men aus den Gärten umher verkündeten, daß die Luſt⸗ barkeiten wegen des. Geburtsfeſtes des Kurfürſten noch mit unverminderter Heiterkeit fortdauerten. Unter dem Bogen der Brücke kreuzten zwei Schild⸗ wachen ihre Partiſanen vor den Pferden, und Obern⸗ traut, welcher zeigen wollte, daß er ſein Wort halte, den beiden Engländern kein Hinderniß in den Weg zu legen, wendete ſeinen Kopf um und ſagte in Deutſcher Sprache: „Ihr müßt hier abſteigen, da Ihr Gaͤſte ſeid; ich reite in den Hof, da ich zum Haushalt des Kurfürſten gehöre.“ Die Soldaten erhoben augenblicklich ihre Partiſanen und ließen ihn mit den zwei Dienern durch, die ihn von dem Gaſthauſe aus begleitet hatten. In demſelben Au⸗ genblick eilte einer von Algernon Greys Begleitern zu ſeinem Steigbügel, um ihn beim Abſteigen zu unterſtüz⸗ zen. Der junge Herr gab ſeinem Pagen ſein Schwert zu tragen, dann befreiten ſich Beide von den großen Reiterſtiefeln jener Zeit— die, wie wir hier bemerken wollen, leicht Schuhe und Alles bedeckten, gingen mit — 40— zuverſichtlicher Miene zwiſchen den Wachen durch, als ob nicht der geringſte Zweifel obwalten könne, daß man ſie einlaſſen werde, paſſirten den Thorweg unter dem großen viereckigen Thurme und traten auf den weiten Hofplatz. Die Scene war ſehr glänzend, die ſich jetzt ihren Augen darſtellte. Schaaren von Dienern, die entweder zu dem Haushalte des Kurfürſten ſelber oder der gro⸗ ßen Edelleute ſeines Hofes gehörten, waren dicht über den weiten Raum zerſtreut; zuweilen ſtanden ſie in Grup⸗ pen von acht oder neun Perſonen beiſammen; zuweilen bewegten ſie ſich mit raſchen oder ſchlendernden Schritten hier⸗ oder dorthin, und jede Farbe des. Regenbogens, in ihren glänzendſten Tinten, war in dem prächtigen Ko⸗ ſtüm jener Tage zu entdecken. Auch fehlte es nicht an Treſſen und Stickerei, an Federn, Degengehängen und flatternden Schärpen; und um dieſes bunte Blumenbeet erhoben ſich im matten Abendlichte die unzähligen und unregelmäßigen Maſſen der Gebäude aus jeder Zeit und von, jedem Styl, deren Ueberbleibſel noch jetzt aufzufin⸗ den ſind, langſam modernd unter der Hand der Zeit, und dem gedankenvollen Auge ein trauriges Bild von dem Ende aller großen Pläne darſtellend; eine bittere Lehre für des Menſchen voreilige Hoffnungen, eine dd⸗ ſtere und ſtrafende Mahnung für die Freude, für das Glück und die Macht. 8 1 bedeckt— mit Statuen, Arabesken und Zimmer zum andern gehen, Steinmaſſen im Weſten ruht — 21— Zur rechten Hand, unter einem weiten Bogengange, von zierlichen Säulen unterſtützt, war ein großes und geſchicktes Chor von Muſikern aufgeſtellt, welche die Luft mit den Tönen ihrer Inſtrumente erfüllten. Zur Linken befand ſich in der Dunkelheit, welche die Zeit über die Thaten aller Menſchen verbreitet, ein Bauwerk, deſſen leichte und anmuthige Linien auf eine ſehr frühe Zeit deuteten. Faſt im Mittelpunkte des Hofes erhob ſich ein Springbrunnen, deſſen ſchimmernde Strahlen das roſige Licht auffingen und zurückwarfen, welches ſich über den weſtlichen Himmel verbreitete. Weiter zur Rechten zeigte ſich eine ungeheure Maſſe von Mauerwerk im Italieni⸗ ſchen Geſchmack, mit reichen und glänzenden Zierrathen Pilaſtern, von unzähligen Fenſtern durchbrochen, durch die helle Lichter ſchimmerten, welche zeigten, daß man den Untergang der Sonne bereits im Innern bemerkte. An mehr als einer Stelle zu beiden Seiten und in der Fronte ſah man auch eine Kerze oder eine Lampe langſam von einem was einem phantaſiereichen Gemüthe ein gewiſſes geheimnißvolles Intereſſe gewährte, ſo wie des jungen Engländers Auge auf den dunkeln e, von welchen der Sonnen⸗ ſchein ſich ſchon ſeit mehreren Stunden entfernt hatte. Zuſammengruppirt in der Nähe des Springbrun⸗ nens und von Stallknechten und Pferdejungen gehalten, — 472— befand ſich eine Anzahl reichgeſchirrter Pferde, und ne⸗ ben denſelben bemerkte man die Geſtalt des Barons von Oberntraut, der langſam abſtieg und mit ſeinen beiden Dienern ſprach, als wollte er ſeinen Begleitern Zeit laſ⸗ ſen nachzukommen. „Das iſt ehrenwerth und höflich von ihm,“ ſagte Algernon Grey, als ſie ſich ihm näherten. „Es liegt viel Selbſtvertrauen darin,“ antwortete: der Andere;„er hält ſich ſo feſt überzeugt ſeine Wette? zu gewinnen, daß er uns zu beweiſen wünſcht, es ge⸗ ſchehe durch keinen unredlichen Vortheil! 1 „Immer die ſchlimmſte Seite von Allem!“ entgegen nnete ſein Freund mit ernſtem Lächeln und ging weiter Aber ſobald Oberntraut bemerkte, daß ſie ſich ihm cje auf wenige Schritte genähert hatten, ging er ſelber au he eine Treppe vor einem der Hauptgebäude zu, wo einſtt offene Thüre und ein heller Lichtſchein eine niedrige giſo wölbte Halle, mit Dienern angefüllt, zeigte. Sü Schritt war langſam und ſtattlich; aber obgleich, ehe öben auf der Treppe angekommen war, die beiden Engtlt länder dicht hinter ihm waren, ſo achtete er doch nüder im Geringſten auf ſie, ſondern ging weiter. r In demſelben Augenblick gingen mehrere Perſt nach derſelben Nichtung und Lovet flüſterte ſeinem Y. gleiter zu: 1 — 43— e⸗„Folge dem Strome, folge dem Strome!“ on Algernon Grey that es und ſah ſich von den Uebri⸗ en gen zu der großen Treppe des Schloſſes geführt. Es aſe war freilich nicht ſo prächtig, weder hinſichtlich der Pro⸗ portionen noch der Ausſchmückung, wie der Reiſende nach dem Glanze des Aeußern hätte vermuthen ſollen; 1 aber was ihm an architectoniſcher Schönheit fehlte, wurde durch eine höchſt geſchmackvolle Decoration erſetzt, die in ete Blumen, Laub und Zweigen beſtand, die auf ſolche tt Weiſe angeordnet waren, daß ſie die harten Linien des I/ grauen Steins angenehm und ſymmetriſch mit den an⸗ muthigen Bogen des grünen Laubwerks vereinten. Et⸗ g was, was in jenen Tagen ſehr vernachläſſigt wurde, e hatte man erreicht, nämlich die vollkommene Erleuchtung i der Treppe; denn obgleich der Tag ſich kaum geneigt hatte, ſo ſchienen doch ſchon die Lampen an den Ballu⸗ mſtraden hin nicht mit harter und blendender Gluth, iſondern mit gemäßigtem Scheine, welcher Alles zeigte, uwwas das Auge beſtechen und feſſeln konnte, und eine duftige aber nicht unangenehme Undeutlichkeit über alles Uebrige verbreitete. Fünf oder ſechs Perſonen gingen den jungen Engländern beim Hinaufſteigen voran, einige prachen mit einander, Andere gingen ſtill und allein; aber Alle wendeten ſich zur Linken, als ſie eben anka⸗ men, und gingen durch eine bewachte Thüre, um welche ine Anzahl von Dienern ſtand, in ein kleines Vorzim⸗ — a— mer, wo ein einziger Hofbeamter ſtand, der ſeine Han auf einen Tiſch ſtützte. Keine Fragen wurden gethan von denen, die Ä gernon Grey und ſeinem Freunde vorangingen, und folgte mit ruhiger und ernſter Ueberlegung, ſah wed zur Rechten noch zur Linken, noch nahm er die geringſ Notiz von einer leiſen Frage, die ſich unter den D. nern verbreitete, wer und was er ſein möge. William Lovet war ſich bei ſeiner Unbekanntſche mit der Sprache aller Gefahren ſeines Unternehme unbewußt und folgte mit heiterm und ſicherm Blicke d Schritten ſeines Begleiters, ordnete ſein ſchimmerm Degengehänge und ſchob ſeinen Degen weiter zurück. In dem Augenblick, als ſie in das Vorzimn traten, bemerkte Algernon Grey, daß der Baron h Oberntraut eine Secunde an der entgegengeſetzten Th ſtillſtand, als wollte er ſehen, ob dienſthabende beamte ihn aufhalten oder nach ihren Namen fraa werde. Der Letztere trat ſogleich einen oder zwei Schi vor, doch dann machte er zum Erſtaunen aller Ge wärtigen den beiden Herren eine tiefe Verbeugung! zog ſich wieder zu dem Tiſche zurück. Ein leichtes cheln verzog Algernons ſchöne Lippe und in würde lem Tone ſagts zu dem Hofbeamten: „Ihr werdet die Gefälligkeit haben, mein 6 den Kurfürſten, wenn Ihr auf einen Augenblick 6 — K0”, e.—— — A—. & „.* — 45— Ham bei ihm erlangen könnt, perſönlich zu benachrichtigen, daß Azwei Engliſche Herren von angemeſſenem Range, die ſich ld aus eigenen Gründen weigern, ihre Namen zu nennen, ved um ſeine gnädige Erlaubniß bitten, dieſen Abend die ngf Feſtlichkeiten ſeiues Hofes theilen und einen Tanz mit D' den ſchönen Damen unſerer ſchönen Prinzeſſin tanzen zu dürfen. Wir bitten mit loyalen und treuen Herzen dar⸗ ch um, indem wir wohl wiſſen, was wir thun, und nicht na wagen, um Etwas zu bitten, was für ihn zu gewähren, 2d und für uns zu empfangen unpaſſend wäre.“ nd Der Hofmann verbeugte ſich, wendete ſich an die Leute draußen, und ſagte:„Bewacht die Thüre!“ Dann un ging er in das innere Zimmer, ſchien raſch eine Frage Qberntrauts zu beantworten, der ſich am Eingange ver⸗ j weilte, und ging dann weiter. 5„Jetzt ſind Deine Hundert Kronen in Gefahr, Al⸗ a gernon,“ ſagte William Lovet;„eine ſchöne neue Sattel⸗ n decke mit Gold geſtickt, ein ſilbernes Gebiß und goldene 9 Steigbügel, nebſt einem Paar Ohrringe von neunzehn Karat mit Rubinen, um von dem neuen Halstuch für Madge, Mariane oder Margaretha zu ſchweigen, Alles hängt von der guten Ausrichtung einer einfachen Bot⸗ ſchaft von einem Vorzimmerbeamten an den Pfalzgrafen ab. Der Himmel ſchütze das Ziel! Wenn das hübſche Naͤdchen mit den braunen Augen, welches im Verlaufe der Zeit und vermöge der Verkettung der Umſtände die⸗ — 46— ſes Halstuch aus Deinen Händen würde erhalten haben, und wüßte, auf welchen raſchen Wurf Du es geſetzt würde ſie nicht ungeduldig werden, und zanken über den wahrſcheinlichen Erfolg der Wette im goldenen Hirſch?“ „Sie müßte ſehr einfältig ſein, wenn ſie das thäte,“ entgegnete Algernon Grey.„Ich habe keine Furcht, die⸗ ſen Abend Geld zu verlieren; der gute Mann wird ſeine Botſchaft gut genug ausrichten, deſſen bin ich gewiß und die Botſchaft, wovon Du kein Wort verſtanden haſt, war gerade ein paſſender Köder, um den jungen Kurfür⸗ ſten bei ſeinen Anſichten von ritterlicher Galanterie zu fangen. Horch, welch ein Geräuſch kommt durch dieſe Thüre. Man ſollte glauben, die ganze Pfalz wäre hier verſammelt, und ſieh nur, wie die Geſtalten herüber und hinübergleiten, bald in Blau und Silber, bald in Grün und Gold, bald in Schwarz und Perlen, gleich bunten Schatten in des Taſchenſpielers Bude. Aber hier kommt unſer Bote und mit ihm eine ſehr ernſte und ehrwürdige Perſon mit ellenlangem Barte. Wir wollen ihm entge⸗ gengehen, als erkennten wir ſeine innere Würde ſogleich an ſeiner äußeren Geſtalt.“ 8 Mit derſelben ſtattlichen Haltung, die er in der leh ten Zeit angenommen, trat Algernon Greh einige Schriete einem etwas korpulenten Manne entgegen, deſſen Haat und Geſichtsfarbe ein haſtiges und choleriſches Tempera⸗ ment anzudeuten ſchienen, und machte ihm dann ein 1 k ſt 5 — 1 dung oder größere Schö als man am Hofe des 1 — 47— tiefe Verbeugung. Der Hofbeamte, den ſie im Vorzim⸗ mer getroffen hatten, deutete mit der Hand auf die bei⸗ den Engländer und ſagte: „Dies ſind die beiden Herren.“ Der Andere, welcher folgte, erwiderte ihren Gruß, und ſah ſie einen Augenblick mit prüfendem Blicke an, ehe er ſprach. „Es iſt des Kurfürſten Wille, meine Herren,“ ſagte er endlich,„daß ich Euch zu ihm führe.“ Und er ſah ſie noch ein Mal vom Kopf bis zu den Füßen mit etwas ſtolzem und übermüthigem Weſen an. Aber Algernon Grey ließ ſich nicht durch Aerger von ſeiner ruhigen Vorſicht abhringen, ſondern erwiderte mit leichter Verneigung des Kopfes: „Der Kurfürſt iſt ſehr gnädig; wir ſtehen zu ſeinem Befehl.“ Es wurde Nichts weiter geſprochen, und daher ſchwenkte der Kurfürſtliche Hofbeamte ſeine große Perſon herum, und führte mit etwas höflicherer Geberde, als er vorher angewendet, die beiden Fremden in das innere Zimmer. Es war mit vielen Perſonen beiderlei Ge⸗ ſchlechts, nach dem prachtvollen Coſtüme jener Tage ge⸗ ekleidet, angefüllt, und gewiß hätte der Hof des mächtig⸗ ſten Monar hen Europas nicht größeren Glanz der Klei⸗ nheit der Perſonen zeigen können, Pfalzgrafen ſah. Dort waren 4 — 48— Leute von allen Nationen und allen Sprachen, und un⸗ ter der geſchäftigen Menge, die ſich hin und her bewegte, ſah man jede Farbe des Haars, jede Schattirung der Geſichtsfarbe, von den blondhaarigen, blauäugigen Kin⸗ dern des Nordens bis zu den dunklen Transſylvaniern und den ſchwarzen Mohren. Durch all' dieſes Gedränge bahnte der Kämmerer einen Weg für ſich und die Bei⸗ den, die ihm folgten; und manches Geſicht wendete ſich um, die jungen Fremden anzuſehen; wir müſſen nämlich bemerken, daß ſie weder zur Rechten, noch zur Linken blickten, als wünſchten ſie Niemand zu erkennen, oder von Niemand erkannt zu werden, ſollte ſich unter der bunten Menge zufällig ein Bekannter finden. 1 Obgleich die ungeheuren Maſſen des Schloſſes, von außen geſehen, ihm einen Begriff von der Größe deſſel⸗ ben beigebracht hatten, ſo erwartete doch Algernon Grf aus irgend einem Grunde den Kurfürſten und ſeine ſchön Gemahlin in dem auf das Vorzimmer folgenden Ge mache zu finden. In der That war der Umfang deſſe ben ſo groß, die Decorationen ſo prachtvoll und d Gruppen, die es enthielt, ſo zahlreich, daß man es wo für den Audienzſaal eines großen Fürſten hätte halh können. Aber zu jener Zeit war Alles in dem Heid berger Schloſſe nach einem ſo prachtvollen Maßſta eingerichtet, daß die Bekanntſchaft mit andern na den Fremden nicht in den Stand ſetze, zu beurtheil wo hier ſein Empfang Statt finden werde. Es enthielt in jenen Tagen eine Reihe von zehn glänzenden Salons, die in einander gingen und alle verſchwenderiſch mit Zier⸗ rathen überladen waren, und durch dieſe alle wurden die beiden jungen Engländer geführt, ehe ſie den Gegenſtand ihres Suchens erreichten. Zwei Pagen, einer zu jeder Seite der breiten Thüre, hielten die Vorhänge von weißem Sammet und Silber, die oben an großen Ringen befeſtigt waren; und als Algernon eintrat, ſtellte ſich ſeinen Augen eine ſtillere Scene dar, als die, durch welche er ſoeben gegangen, die aber dennoch nicht weniger impoſant war. Am äußerſten Ende des Zimmers, in einer Entfernung von vielleicht vierzig oder funfzig Fuß, ein wenig vor zwei Staatsſeſ⸗ ſeln ſtehend, erblickten ſie Friedrich und den Kurfürſton, Beide in der Blüthe der Jugend und Schönheit. Die Züge Beider waren nicht vollkommen ſchön, aber jedes Geſicht hatte ſeinen eigenthümlichen Reiz des Ausdrucks, das eine ſtrahlte von gnädiger Güte und würdevoller Laune, das andere ſchimmerte von Witz, Phantaſie und Gemüth. Schön waren ſie gewiß, wenn gleich nicht re⸗ gelmäßig; und als man ſie dort ſtehen ſah, Beide in ähnliche Farben gekleidet, von demſelben Alter, von faſt gleicher Geſichtsfarbe, mit dem einzigen Unterſchiede in der Größe, hätte man denken ſollen, es könne kein paſ⸗ ſenderes Paar geben, khätte nur Friedrichs Geſicht mehr Heidelberg. Erſter Banp. 4 — 50— Energie und Entſchloſſenheit des Charakters beſeſſen. Eli⸗ ſabeth ſtand zur Rechten ihres Gatten, und zu ſeiner Lin⸗ ken ſah man zuerſt einen Pagen, der ſein Schwert hielt, und dann eine Gruppe von glänzenden Edlen ſeines Ho⸗ fes; aber zur Rechten der Kurfürſtin waren zwölf bis dreizehn der ſchönſten Blumen der Chriſtenheit verſam⸗ melt, alle faſt gleich gekleidet in Weiß und Silber; ihre marmornen Stirnen und ihr glänzendes Haar mit Dia⸗ manten⸗ und Perlenſchnüren umwunden. An andern Stellen des Zimmers in der Nähe der Thüren unter den Bogen zu jeder Seite befanden ſich mehrere andere Gruppen, die in leiſem Tone ſprachen; aber die Mitte war leer, wenigſtens als Algernon Grey eintrat, und er ging feinem Führer nach, auf den jungen Fürſten zu, als plötzlich aus einer Gruppe zur Rechten ein ſchimmern⸗ der Hofmann, etwa von ſeinem Alter, hervoreilts und ihm die Hand hinreichte. Der Fremde aber erhob den Finger zu ſeiner Lippe, und ſagte in leiſem Tone: „Kein Wort, Craven, wir ſind als Fremde hier.“ Der Andere zog ſich ſogleich mit einem Lächeln wieder zurück; aber William Lovet nickte ihm heiter zu, und folgte dann ſeinem Freunde. Dieſes kleine Zwiſchenſpiel hatte der Kurfürſt nicht bemerkt, denn in dem Augenblicke ging der Baron⸗ von Oberntraut an ihm vorüber, verbeugte ſich tief, und — 51— nahm feinen Platz unter den Cavalieren zur Linken ein. Eliſabeth aber ſah es, lächelte und flüſterte dann ihrem Gemahl ein Wort ins Ohr. Friedrichs Augen waren ſogleich auf die jungen Engländer gerichtet, die jetzt nur wenige Schritte entfernt waren, und es zeigte ſich ein Ausdruck der Freude in ſeinem Geſichte, während er in leiſem Tone auf das antwortete, was ſeine Ge⸗ mahlin ſagte. Im nächſten Augenblicke trat der Kämmerer mit tiefer und förmlicher Verbeugung vor, und ſagte: „Dies ſind die Herren, Eure Hoheit; ich weiß nicht, wie ich ſie Euch anders vorſtellen ſoll, da ſie mir ihre Namen nicht nennen wollen; da es aber Euer Wille iſt, daß ſie eingelaſſen werden, ſo habe ich Euch gehorcht, und ſie vor Euch gebracht.“ Nachdem er dies in ernſtem und förmlichem Tone geſagt hatte, trat er auf die linke Seite des Fürſten. „Ihr ſeid willkommen„ meine Herren,“ ſagte Frie⸗ drich,„obgleich Ihr uns Eure Namen vorenthaltet. Darnach wollen wir alſo nicht fragen; aber als Fürſt dieſes Landes müſſen wir wegen der Sicherheit unſerer Unterthanen uns erkundigen, was Euch hierherführt, da Ihr dem ſchöneren Theile derſelben gefährlich werden könntet.“ Während er ſprach, umſpielte ein ſcherzhaftes und 4* 4 — 52— gutmüthiges Lächeln ſeine Lippe, und Algernon Grey erwiderte in reſpectvollem, aber doch heiterm Tone: „Ich muß Eurer Hoheit mit einem unſerer Engli⸗ ſchen Schauſpieler antworten: „Die Luſt zum Wandern, guter Herr.“ 1 „Dies war die Urſache, die uns in die ſchöne Pfalz führte, und als wir einmal da waren, hörten wir, daß Eure Hoheit eine hohe Feſtlichkeit begingen, und da wir das Verlangen hegten, die Wunder dieſes Hofes zu ſehen, ſo wagten wir uns hierher, und bitten jetzt um die Erlaubniß, einen Tanz mit irgend einer ſchönen Dame tanzen zu dürfen, die uns dieſe Ehre erweiſen will.“ „Ich fürchte ſehr,“ ſagte Friedrich in demſelben Tone höflichen Scherzes,„daß Ihr zwei gefährliche junge Männer ſeid.“ „Er iſt gefährlich genug,“ verſetzte Lovet auf ſeinen Begleiter deutend;„Gott gebe, daß ich in den nächſten zwanzig Jahren einen guten Anſpruch an daſſelbe Prä⸗ dikat haben möge; aber ich fürchte ſehr, daß ich daſſelbe mehr und mehr verliere.“ „Wir ſind alle auf einem Wege, wo es keine Gaſt⸗ häuſer giebt,“ antwortete der Kurfürſt etwas ernſter, „aber was ich fürchte, iſt, daß Ihr Gefahr mitbringt, und ich denke, ich werde Euch in Gewahrſam bringen laſſen müſſen, wenn Ihr keinen Bürgen ſtellen könnt.“ „Nein, mein guter Herr, ich will ihr Bürge ſe n,“ * 4 rief Eliſabeth von England heiter,„und um Alles ſicher zu machen, will ich ſie in ſanftes Gewahrſam geben, ſo daß ſie ſich kein Vergehen zu Schulden kommen laſſen, während ſie in Eurem Gebiete ſind. Hier, Angnes,“ fuhr ſie fort,„und Ihr, meine ſchöne Gräfin von Lauſ⸗ ſitz, Ihr ſollt ihre Hüterinnen ſein, und bedenkt wohl, daß Ihr ſie während dieſer ganzen Nacht weder beim Tanze, noch bei Tiſche, weder in den Sälen, noch in den Gärten einen Augenblick aus dem Geſichte verlieren dürft. Obgleich mein guter Gemahl geneigt iſt, ſie ſo ſtrenge zu behandeln, ſo will ich doch ſanft ſein, wie es einer Dame zukommt, und jeden wählen laſſen, in weſſen Gefangenſchaft er fallen will. Was ſagt Ihr, Herr?“ „Mit Eurer Hoheit gnädiger Erlaubniß,“ verſetzte Algernon Grey, an den ihre Worte gerichtet waren,„da kein Mangel an Galanterie in einer Wahl liegen kann, wo ich keine von Beiden kenne, ſo will ich mich der Dame übergeben, die Ihr zuerſt genannt.“ „Das ſeid Ihr, Agnes,“ ſagte die Kurfürſtin;„tretet vor und nehmt von Eurem Gefangenen Beſitz.“ Während die Prinzeſſin ſprach, trat eine junge Dame, die ein wenig weiter zurück ſtand, mit leichtem Schritte vor, aber mit einiger Schüchternheit in ihrem Weſen, und einer Wange, die ein wenig mehr geröthet war, als einen Augenblick vorher. Die Schüchternheit fügte nur noch neuen Reiz zu der Schönheit hinzu, die ſchon vorher — 54— als vollkommen erſchien, und Algernon Grey ſah ſie mit unverkennbarer Ueberraſchung und Bewunderung an, in⸗ dem er ſich in ſeiner Wahl ſehr glücklich fühlte. Es iſt ſehr ſchwierig, in der Sprache eine Schilde⸗ rung der verſchiedenen Unterſcheidungen und Schattirun⸗ gen der Schönheit zu liefern, die das Auge im Moment erfaßt, aber die den Worten entſchlüpfen; und wir wür⸗ den dem ſchönen Mädchen, welches ſich jetzt der Fürſtin näherte, faſt nur Gerechtigkeit anthun, wenn wir eine genaue Beſchreibung verſuchten. Um wenigſtens einen Begriff von ihrer Perſon zu geben, wie die noch vor⸗ handenen Portraits ſie darſtellen, mag es genug ſein, zu ſagen, daß ſie die mittlere Größe nicht überſchritt, doch waren alle ihre Glieder ſo außerordentlich ſchön gebildet, daß ſie größer ausſah, als ſie wirklich war. Ihr glän⸗ zendes, dunkelbraunes Haar, welches an den Lichtſtellen kaſtanienbraun erſchien, fiel in üppiger Fülle nach der Mode jener Tage um ihren Hals nieder. Ihre Augen waren weder blau, noch dunkelbraun, noch grau, ſondern von jener ſeelenvollen, nußbraunen Farbe, die ſo ſelten gefunden wird, und doch ſo außerordentlich ſchön iſt, während die langen dunklen Augenwimpern und die bo⸗ genförmigen Augenbrauen bei jeder Schattirung des Ausdrucks, von dem tiefen und ſinnenden Gedanken bis 3 zu der leichten und ſchimmernden Heiterkeit, mitwirkten. Alle Züge waren klein und zart, die Haut rein wie Ala⸗ — 55— baſter, mit der Glut des Sonnenunterganges auf den Wangen. Die wenig geöffneten Lippen, welche die Per⸗ lenzähne zeigten, ſchienen zur Liebe zu reizen und Erwi⸗ derung zu verſprechen. Die kleine, zarte Hand, der zier⸗ lich gebildete Fuß und Knöchel, der anmuthige Hals und der ſchwellende Buſen, ſchon die Haltung des Kopfes, Alles ſchien gleich dem Traume eines Bildhauers im Au⸗ genblick der Begeiſterung. Und das Höchſte von Allem war der Hauch der Seele, der jeden Theil durchdrang, und jeder Bewegung einen neuen Reiz verlieh. Algernon Grey ſah ſie, wie geſagt, mit einem Blicke der Bewunderung an, und auch das lebhaftere und welt⸗ lichere Auge William Lovets überſchaute ihr Geſicht und ihre Geſtalt, doch mit ſehr verſchiedenem Blicke. Es währte nur einen Augenblick und dann wendete er ſeinen Blick zu ſeinem Freunde, und beachtete das Vergnügen, welches in ſeinem Geſichte funkelte. Ein leichtes Lächeln verzog ſeine Lippe, und als Algernon Grey ſich auf den Befehl der Fürſtin näherte, da bewegten ſich Lovets Lip⸗ pen; und wäre irgend Jemand in der Nähe geweſen, ſo hätte er ihn ſagen hören können: „So iſt's recht!“ . Noch ein anderes Auge beachtete den ganzen Vor⸗ gang, und in dem Augenblicke, als des jungen Englän⸗ ders Hand die der ſchönen Dame berührte, wurde die Stirn des Barons von Oberntraut umwölkt, er biß in — 56— ſeine Unterlippe, und wendete ſeinen Kopf ab, um ſeine Unzufriedenheit nicht zu zeigen, die nur zu deutlich in ſeinem Geſichte geſchrieben ſtand. „Ich bin bereit, Ihre Hoheit,“ ſagte William Lovet vortretend, ſobald ſich Algernon und die ſchöne Dame zurückgezogen hatten,„mich gänzlich Euren hohen Be⸗ fehlen zu unterwerfen; doch bitte ich meine Ketten zu er⸗ leichtern, indem ihr ſie aus Roſen flechtet und meiner ſchönen Kerkermeiſterin gebietet, ihre Befehle in Franzö⸗ ſiſcher, Engliſcher oder Italieniſcher Sprache zu erlaſſen, da ſich in meiner Börſe leider ſehr wenig Deutſche Mün⸗ zen vorfinden; und wenn ſie keine andere hat, ſo wuͤrde die Auswechſelung ſehr zu meinem Nachtheile aus⸗ fallen.“ „Fürchtet Nichts, füͤrchtet Nichts,“ entgegnete die Fürſtin,„wir Alle reden hier Franzöſiſch. Kommt, ſchöne Gräfin, nehmt Euren Gefangenen, behandelt ihn gut, aber bewacht ihn ſorgfältig. Und um die traurigen Stunden ſeiner Gefangenſchaft zu verkürzen, zeigt ihm Alles, was an unſerm demüthigen Hofe des Sehens werth iſt.“ Die Dame, mit der ſie ſprach, war in der erſten Reihe derjenigen zur Rechten, und William Lovet hatte keinen Grund, an dem Abend mit ſeinem Schickſal unzu⸗ frieden zu ſein. Die Dame war groß und blond, und ſtrahlend von Schönheit und Jugend; ein heiterer Nund, 9 * 8 244 ein ſchlaͤfriges und ſchmachtendes Auge zeigten ſeiner Einbildungskraft alle jene Eigenſchaften, die am Meiſten nach ſeinem Geſchmack waren. Er hatte bald mit ſeiner ſchönen Begleiterin eine Unterhaltung voll Scherz und Galanterie begonnen, und ſchien anfangs mehr Fort⸗ ſchritte bei ihr zu machen, als Algernon Greh ſich bei ſeiner Tänzerin rühmen konnte. Nach einer Pauſe von wenigen Augenblicken wen⸗ dete ſich der Kurfürſt zu ſeinem Hofmarſchall und fragte, ob noch mehr Gäſte angekommen frien, oder erwartet würden. Als dies verneint wurde, machte er eine Be⸗ wegung mit der Hand, und ſagte in heiterem Tone: „Nun, ſo laßt uns unſere Audienz aufheben, und uns auf eine oder zwei Stunden mit den Uebrigen un⸗ terhalten. Herren und Damen, zu Eurem verſchiedenen Zeitvertreibe; und nach einem Sprichwort, welches ich in England lernte, laßt uns fröhlich und weiſe ſein.“ Mit dieſen Worten zog er den Arm der Kurfürſtin durch den ſeinigen, und ging auf die Thüren der Halle zu. Dieſe Entfernung war das Signal für den Hof auseinanderzugehen, da der ceremoniöſe Theil der Be⸗ ſchäftigungen des Abends zu Ende war; und durch die lange Zimmerreihe gehend, welche geöffnet war, begaben ſich Einige in die Gärten und auf die Terraſ⸗ ſen, die größtentheils von bemalten Laternen erleuchtet — 58— waren, Andere ſuchten den Tanz, Andere die Unter⸗ haltung, und Jeder verſuchte ſich in jener Nacht der Feſtlichkeit und der Freude ſo gut zu unterhalten, als er konnte. ſt n. u 8 mmm—ꝝnn Drittes Kapitel. Das Schickſal, welches über dem zum Tode be⸗ ſtimmten Geſchlechte der Menſchen ſchwebt, erſchreckt uns nicht. Wir wandern, wo Generationen aufgewachſen und aufgeblüht ſind, Früchte getragen haben und dahin⸗ geſchwunden ſind, ohne daß dies unſern Herzen eine Lehre iſt; wir treten auf die Gräber von Tauſend Ge⸗ ſchlechtern, wir ſchreiten über den ungeheuren Begräbniß⸗ platz der Welt und denken nicht an den verwandten Staub, der unten ſchlummert. Seltſame und wunder⸗ bare Unempfindlichkeit! Woraus entſpringſt Du? Ge⸗ ſchieht es aus bloßem Leichtſinn, daß wir uns über den tiefen Gedanken unſerer unvermeidlichen Beſtimmung er⸗ heben? Oder geſchieht es in dem hohen Bewußtſein einer erhabeneren Beſtimmung, aus einer einzigen Ueberzeu⸗ gung von der unvergänglichen Erhebung eines Theils umſerer gemiſchten Natur? Oder bemaͤchtigt ſich in der — 60— That— und das iſt am Wahrſcheinlichſten— währen wir den Frühling des Lebens noch fließen und eine Strom nach dem andern ergießen ſehen, bis jeder Bat ausgetrocknet iſt, ein Bewußtſein unſerer, daß wir m die Theile eines ſchönen Ganzen und einem ewigen Wet ſel unterworfen ſind, bis wir uns der Glorie deſſen n hern, der Alles erſchaffen hat? Wir erblicken die Sch pfung voll Leben: das Gras, die Blume, das klopfen Herz, die biegſame Floßfeder, der ſich aufſchwingen Flügel, das mit Gedanken erfüllte Gehirn, Alles red von jenem geheimnißvollen Feuer, welches das Welt erwärmt, hervorbricht, wohin das Auge nur reichen od die Phantaſie dringen kann, unerloſchen und unerlöſt lich, als nur durch den Willen deſſen, der es ins Nl ſein rief. Wir ſahen und wiſſen es, und von dem gö? lichen Weſen erfüllt, freuen wir uns in dem Licht, mſ ches uns gewährt wird, ſo lange wir uns deſſelben f freuen können, während die Verheißung ſeiner Dal t und die Hoffnung ſeines Wachsthums den dunkeln 9 genblick mit einem goldenen Schleier bedecken. k Unter Gebäuden, welche jetzt Ruinen ſind, du n Scenen, die größtentheils verödet ſind, über Terri h und unter Blumenbeeten, die man nicht mehr ſt n herrſchte die ganze Nacht Heiterkeit und Freude, un daß man an die verſchwundenen Zeitalter dachte H an die, welche ſeit zahlloſen Jahrhunderten Bewol d — 9 1 — 61— der Erde und Theilnehmer der Freuden der Erde an demſelben Platze geweſen waren. Die gegenwärtige Stunde, die gegenwärtige Stunde! Die Freude des vor⸗ handenen kurzen Augenblicks! Der Geſchmack der reifen Frucht ohne die Wolke der Vergangenheit oder die Sonne der Zukunft! waren damals, ſind noch und mögen auch künftig immerdar die einzige Beſchäftigung der heitern und glücklichen Geiſter ſein, gleich den Gäſten, die dort verſammelt waren. Dies war nur zu ſehr der Fall; denn in jenen jun⸗ gen Tagen des unbewölkten häuslichen Glücks leerten Eliſabeth von England und ihr heiterer, leichtherziger Gemahl den Freudenbecher des Glücks und der Macht bis auf die Hefen; und in den Ideen der Gemahlin Jakobs des Erſten erzogen, wenn gleich von ihren An⸗ ſichten abweichend, hatte die Kurfürſtin einen ſtarken An⸗ flug von jenen Anſichten von Freiheit, die an Leichtfer⸗ tigkeit grenzten, und welche Anna von Daͤnemark hegte. Nicht als wollte ich nur auf einen Augenblick einen Ma— kel auf einen Namen werfen, mit dem die Geſchichte, wie ich glaube, gerecht verfuhr, indem ſie ihn zart be⸗ handelte; aber es iſt unzweifelhaft, daß die Kurfürſtin, wenn auch hinlänglich zurückhaltend in ihrem eigenen Be⸗ nehmen und vollkommen rein in ihrem Handeln, am Hofe ihres Gemahls viel zur Aufhebung des gewöhnli⸗ chen und herkömmlichen Zwanges beigetragen, was nur — 62— unter hochgeſinnten und ritterlichen Perſonen anwendba iſt, und ſelbſt da nicht immer. Sie war gleich Anm von Dänemark der Anſicht, daß die Frauen eben ſo oit Recht haben, wie die Männer, und daß man ihnn. eben ſo ſicher die vollkommene und unbewachte Leitun ihrer eigenen Handlungen anvertrauen könne; daß jen rauhe Beſchränkung und argwöhniſche Beaufſichtigung die aus einem verwickelten und künſtlichen Zuſtande des Geſellſchaft entſtanden ſind, ſehr wohl und weislich en behrt werden könnten, und daß die einzige Urſache, daß: für das Weib oder für die Welt im Allgemeinen Gefaht! vorhanden ſei, ihr dieſelbe Freiheit einzuräumen, die daſ Mann allein in Anſpruch nehme, der frühe Zwang ſein der die Erfahrung als die Führerin der Vernunft um? die Darlegung der Grundſätze ausſchließe. o Es herrſchte alſo eine gewiſſe Freiheit am kurfürſe C lichen Hofe, und obgleich mehr als ſieben Hundert Gäſtv⸗ an dem Abend, wovon wir reden, dort verſammelt woſin ren, wozu noch der adlige Theil des Haushalts kam der ſich beſtändig auf mehr als Tauſend Mitglieder bode lief, ſo hielt es doch Niemand, wenn nicht aus einalein beſondern perſönlichen Grunde, für nöthig, das Thun vo Anderer ſowohl männlicher als weiblicher Perſonen— beobachten. Ohne Zweifel hatte die Kurfürſtin in manche chen ihrer Anſichten Recht; doch unglücklicherweiſe ſtellenuf ſich jeder Theorie, ſo richtig ſie auch an ſich ſein m — 63— ba gewiſſe kleine praktiſche Umſtände entgegen, welche augen⸗ nm blicklich auf die Anwendung einwirkan. Ich will einiger⸗ vif maßen erklären, was ich meine. Früher wurde in den nn. Silberminen Spaniens, ſo wie gegenwärtig in Illyrien, un ein gewiſſes Mineral gefunden, welches dem Silber an len Farbe glich, ſchwer, hell und flüſſig war. In ſeinem ing gewöhnlichen Zuſtande iſt es unſchädlich und ſehr un⸗ da wirkſam; doch fügt man einige Tropfen von einer faſt ent farbloſen Säure hinzu, ſo wird es eine ſchätzbare Arze⸗ daf nei; fügt man einige Tropfen von einer andern Säure ahr hinzu, ſo wird es das ſtärkſte Gift. Die kleinen prakti⸗ det ſchen Umſtände, auf die man niemals rechnet, ſind die ſei wenigen Tropfen Säure, die in dem Schmelzofen der n Wekt die unſchuldigſte Theorie entiweder ſehr wohlthäͤtig oder ſehr ſchädlich machen. Ich rede natürlich nicht von ſGrundſätzen, denn die ſind feſt beſtimmt, ſondern nur ſivon Theorien, die auf den erſten Anblick gleichgültig oſind. 4 So wie ich angegeben habe, war indeß der Hof des Kurfürſten im Monat Auguſt des Jahres 4619: geine Periode, die mit großen Erxeigniſſen wo das Schickſal der Pfalz— das — ja, noch unendlich mehr, daft und der Fortſchrit nuf der Waage ſchweb Heitern, die Leichther ſchwanger war, Schichſal Europas der Fortſchritt der Geſell⸗ des menſchlichen Geiſtes zitternd ten, und doch waren ſie dort, die zigen, die Enthuſiaſtiſchen, die Be⸗ — 64— weglichen, alle ſcheinbar Geſchöpfe des Impulſes, d ſich mit weniger Zwang, als die Welt oft vorher geſ hen, des Glückes der gegenwärtigen Stunde erfreun Muſik und Tanz, heitere Unterhaltung, leichter Sche und ſpielender Witz hatten die Köpfe und Herzen g. gleiche Weiſe aufgeregt. Die Hitze in den Sälen w. drückend geworden; der Schein der Lampen und Kerz hatte die Augen geblendet und ermattet; die ſich ben genden Gegenſtände, die glänzenden Kleider, die ſtri lenden Juwelen, die anſtrengende Jagd nach dem W gnügen war für Viele ermüdend geweſen, und einige vie zig oder funfzig Paare waren Arm in Arm oder Ha in Hand hinausgewandert, um die erfriſchende Kühled Gärten zu ſuchen, den Geiſt auszuruhen und den K per in der friſchen Nachtluft des Auguſt zu ſtärt oder unter dem breiten grünen Laubwerk der Bäun oder bei den funkelnden Augen des tiefblauen Nachthi mels das Geſtändniß der Liebe abzulegen und die Ern derung zu ſuchen. e Algernon Grey und ſeine ſchöne Tänzerin ſtam neben einander in dem tiefen Fenſter des Zimmers, 1 ſie getanzt hatten, und er bemerkte, daß Viele, die t d her in demſelben Zimmer geweſen waren, ſich d Thüren entfernten, von denen er nicht wußte, we ſie führten. Waͤre die Dame ſo ſchüchtern und zun hattend geblieben, als da ſie einander zuerſt bege ir — 65— d waren, ſo hätte er vielleicht wegen eines Gegenſtandes keine Fragen gethan, der nur eine unbedeutende und vorübergehende Neugierde erregte; aber es war eine Veranderung mit ihnen Beiden vorgegangen. 1 Selten empfand Algernon Grey Verlegenheit oder Bedenklichkeit, die Schönſte und Liebenswürdigſte auf der Welt anzureden. Seit einer Zeit, die gewöhnlich noch u zu den Knabenjahren gerechnet wird, hatte er, außer ain einigen Dingen von hoher Wichtigkeit, unabhängig 3 gehandelt; und hinſichtlich dieſer hatten die Anordnun⸗ i gen, die ſeine Freunde für ihn getroffen, indem ſie in a mehreren höchſt wichtigen Punkten ſein Schickſal beſtimm⸗ ten, ihn unwiderruflich außer den Kreis mancher Ereig⸗ P niſſe geſtellt, die für das Herz der Jugend die höchſte Aufregung veranlaßt. 9 Die hohe Schönheſt, beſonders bei ihrem erſten ü Aufdämmern, macht einen tiefen Eindruck. Das ausge⸗ 8 bildete Weib öffnet vermöge ihrer Erfahrung Tauſend Zugänge, auf welchen man ſich ihr furchtlos, wenn auf redliche Weiſe, nähern kann. Aber der Geiſt eines ſehr lungen Maͤdchens iſt gleich der erſten Knospe einer Roſe von Dornen eingezäunt, durch die man ſich einen Weg bahnen muß. In einem Deutſchen Feenmährchen,„die 1 ſchlafende Schöne im Walde“ genannt, muß der Ritter, welcher beſtimmt iſt, die Dame zu befreien, ſich vorher einen Weg durch den Wald bahnen, ehe er ſich nur dem Heidelberg. Erſter Band. 5 — — 66— Schloſſe nähern kann, worin ſie ſchlummernd liegt; um es würde ihm nimmer gelungen ſein, hätte ihm nich ein gütiger Freund ein bezaubertes Schwert gegeba Ich kann nicht umhin zu denken, daß in der Allegot die ſchlafende Schöne das Vertrauen eines jungen u unerfahrenen Herzens bedeuten ſollte, und das Schwu dem keiner von den Bäumen widerſtehen konnte, eim! hohen und edlen Geiſt, den Einer beſitzt, der ſich der ſelben zu nähern ſucht. Mit einem ſolchen Schwerte war Algernon Gua bewaffnet; und obgleich er einige Schwierigkeit fan ſeinen Weg zu wählen, ſo begünſtigte ihn doch ende das Glück. Nach zwei vergeblichen Bemühungen, ue auf er nur eine Antwort in gewöhnlichen Redensarfe erhielt, welche zeigten, daß die Dame mehr, als ſhe Jahre ihn zu erwarten veranlaͤßt haben würden, an mn Leben am Hofe und in der großen Welt gewöhnt traf er ein glücklicheres Thema, welches eine läng, Antwort zur Folge hatte und tiefere Gefühle Er hatte von dem kurfürſtlichen Hofe, von der Pfalz und von dem Kurfürſten und der Kurfürſtin ſprochen. Ihre Antworten waren höflich, aber oh 4 flächlich. Dann ſprach er von England, von ſeifn Vaterlande, von den Eigenſchaften der Bewohner, i ihrer Zuverläſſigkeit, von der Energie ihres Charatts und da zeigte ſie ein wärmeres Intereſſe. Sie ſa te — 67— un habe ſie oft verlangt, es zu ſehen. Sie ſagte ihm, es nih ſei die Lieblingsausſicht ihrer einſamen Augenblicke, die bn Hoffnung ihres Herzens, der einzige lebhafte und innige on Wunſch, den ſie habe; und als er ſein Erſtaunen aus⸗ u ſprach, daß die entfernte Inſel, von welcher er komme, u ein ſolches Intereſſe könne erregt haben, da fragte ſie in mit einem Lächeln: du„Wißt Ihr denn nicht, daß ich eine Engländerin bin? Ich habe England nie geſehen und kenne es nicht; Gaber doch bin ich eine Engländerin.“ 1„Ei wirklich,“ ſagte er, indem er ſogleich in ſeiner Mutterſprache redete;„von Engliſchen Aeltern, meint Ihr? Ich kann mir wohl denken, daß das Land unſe⸗ unger Vorältern ein lebhaftes Intereſſe für den haben muß, ber in der Ferne geboren iſt; aber doch, ſchöne Dame, nüßt Ihr ein wenig enthuſiaſtiſch ſein, wenn Ihr ſagt, taß es die einzige Hoffnung Eures Herzens iſt.“ 1„Bielleicht bin ich es,“ antwortete ſie lächelnd,„doch giegt noch Etwas mehr in dem Gedanken an England, dols die bloße Anhänglichkeit des Herzens an dem Lande nſerer Vorfahren. Schon die abgeſonderte Lage der nf ſcheint es ihren Kindern als eine Pflicht aufzuerle⸗ en, ihre Wünſche und Gefühle in gewiſſem Grade auf Grenzen ihrer meerbeſpülten Ufer zu beſchränken. liegt ein Intereſſe in ihrer einſamen Größe unter n Wogen. Dann auch iſt ſie ſtets der Eilandsthron . 5 † — 68— geweſen, von dem herunter eine lange Reihe mächtin Könige das Geſchick aller andern Länder erſchüttert u eine Welt beherrſcht oder verändert hat. Die Geſchit iſt voll von England; es ſcheint meinen Augen, als Englands Geiſt alle früheren Chroniken durchdringe als ob Englands Bild ſtets gegenwärtig war unter Feſtlichkeiten und Fehden anderer Staaten. Ruhig, g und erhaben betritt England die Waſſer des irdiſt 3 Kampfes; und während Andere unter ſich um gerin gige Kleinigkeiten ſtreiten, einen Tag verlieren und andern gewinnen, ſo ſchreitet doch die Macht und Ruhm Englands weiter, wenn auch nicht ungehen doch nur um ſo größer wegen jedes zeitlichen Mif ſchicks. Freiheit iſt Englands Geburtsrecht, haͤute Freuden und ländlicher Friede ihr Schmuck; Küſi Waffen und Poeſie die Krone auf Englands E O, es iſt in der That ein ruhmvolles Land, und G mag uns ſtolz nennen, wenn man will. Gott ſei Dfe wir haben Etwas, worauf wir ſtolz ſein können!“ Ihre Augen funkelten, ihre Farbe erhöhte ſiches ganzes Geſicht ſtrahlte von Lebhaftigkeit, währas⸗ ſprach, und Algernon Grey ſah ſie mit bewunderje Lächeln an. Vielleicht fürchtete er, daß unter dem archen, der damals auf dem Engliſchen Thronin ihr Vaterland auf eine Zeitlang die hohe Stellun lieren mögte, zu welcher ihre Phantaſie es erhobſ —(9— auf alle Fälle riſſen die eben geſprochenen wenigen Worte ſogleich alle kalten Schranken der Zurückhaltung zwiſchen i ihnen nieder, und von dem Augenblick an theilten ſie 3 einander die Gedanken ihrer Herzen mit, als haͤtten e lange Jahre des vertrauten Umganges ihre Geiſter mit 1 einander verkettet. 1 4„Wohin gehen alle dieſe Leute, die ich ſich entfernen 8 ſehe?“ fragte Algernon Grey endlich, als er bemerkte, ſ wie die Zimmer nach und nach leer wurden.„Ich hoffe, 6 dieſe unterhaltende Abendgeſellſchaft iſt noch nicht zu 2 Ende?“ „O, nein,“ antwortete ſie,„noch in mehreren „ Stunden nicht. Sie gehen in die Gärten oder wohin Niſte wollen. Dies iſt ein freier und ungezwungener Ort, dedler Herr, wo Jeder thut, was ihm beliebt, und Andere ſich nicht um ihn kümmern.“ 4 „Ich mögte gern dieſe Gärten ſehen,“ ſagte ihr Gefährte,„wenn ſie innerhalb der Grenzen meiner Ge⸗ Lfangenſchaft liegen.“ „So kommt denn,“ ſagte ſie,„warum ſollten wir es nicht? Dieſe Säle ſind auch ſehr warm, und wir werden friſchere Luft draußen finden. Wenn wir durch ijene Thüre, dann die Treppe hinunter und dann durch den Bibliothekthurm gehen, kommen wir unter die Blu⸗ men und grünen Bäume.“ Während ſie ſprach, gingen ſie auf die Thüre zu, und kaum hatten ſie dieſelbe erreicht, t ihnen über den Weg auf die ſie deutete, als der Baron von Oberntrau ging und plötzlich vor ihnen ſtehen blieb. „Ich habe meine Wette verloren, mein Herr,“ ſagte er in etwas ſcharfem Tone,„und will Euch den Betrag morgen in Euer Gaſthaus ſenden.“ 4 „O, es liegt Nichts daran„“ entgegnete Algernon Grey;„es war eine thörigte Wette von mir und ich kan kaum ſagen, daß ich ſie auf ehrliche Weiſe gewonnen habe, denn nach dem Lächeln Eures Fürſten vermutht ich, daß er ſich erinnert, mich in meinem Vaterlande geſe⸗ hen zu haben, obgleich ich damals noch ein Knabe war „Ich zahle ſtets meine Schulden jeder Art, mei: Herr,“ verſetzte der Andere. Dann wendete er ſich z der Dame und bat ſie, einen Tanz mit ihm zu tanza wenn die Muſik wieder beginnen werde. „Ich kann es nicht, edler Herr,“ verſetzte ſie kalt „es iſt mir eine Aufgabe angewieſen worden, die it vollführen muß. Ihr hörtet ſelber den Befehl, den i empfing.“ „Welcher Befehl ſehr gern erfüllt wird,“ antworte Oberntraut. Dann wendete er ſich raſch um und d ließ ſie. 2 „Er iſt in übler Laune,“ ſagte Algernon Grey, ſie durch zwei oder drei beinahe verlaſſene Zimmer g d zu einer kleinen Treppe kamen, die in den — ſ 2 gen un — 71— ten hinunterführte.„Er bot mir auf vernünftige Weiſe g eine Wette an, daß ich hier keinen Zutritt erhalten werde, ohne meinen Namen oder Rang zu nennen. Ich nahm e dieſelbe auf unvernünftige Weiſe an und gen ann ſie ge⸗ 9 gen alle Wahrſcheinlichkeit.“ „Er fühlt ſich mehr dadurch verletzt, daß ſein Ur⸗ n theil ſich nicht beſtätigt hat, als durch den Verluſt ſeiner n. Wette, mag auch der Betrag ſein ſo hoch er will,“ u antwortete Eliſe.„Er iſt ein freigebiger, offenherziger h Cavalier, den glücklicher Erfolg, hohe Geburt und ſ. Schmeichelei etwas eitel gemacht haben; aber nach Al⸗ lem, was ich höre und nach Allem, was ich je von ihm i geſehen, ſchließe ich, daß es von Herzen wenig edlere z und beſſere Männer auf der Welt gibt.“— 1 Algernon Grey ſann einen Augenblick nach; er wußte nicht warum, aber ihre Worte verurſachten ihm t Schmerz; und ſie gingen ſchweigend in den Garten, den ii damals erſt kürzlich der berühmte Salomon de Caux i angelegt hatte. Nichts, was verſchwenderiſche Koſten und der Geſchmack und die Wiſſenſchaft jener Tage be⸗ t werkſtelligen konnten, war ungeſchehen geblieben, um die⸗ d ſen Garten einem Wunderwerke der Kunſt zu machen. Berge warh abgetragen, Thäler ausgefüllt worden, man hatte Bächen einen andern Lauf gegeben und Ter⸗ g raſſe über Terraſſe, Blumenbeet hinter Blumenbeet, Fon⸗ 1 tainen, Grotten, Statuen, Arkaden ſtellten eine Scene — 72—. dar, die freilich etwas ſteif und förmlich war, aber von einem prächtigen und glänzenden Charakter, während rings umher die Berge und Wälder des Neckarthales das Ganze in einen grünen Mantel hüllten. Es waren Lampen an verſchiedenen Stellen, doch dieſes künſtliche, Licht war wenig noͤthig, denn der Mond war in weni⸗ gen Tagen voll und ergoß eine Fluth von Glanz über die Scene, wobei man ſelbſt die kleinſten Gegenſtände umher ſah. So hell und ſchön war es, ſo weiß war der Widerſchein der Blätter, der Kiesgänge und des fri ſchen Steinwerks im Garten, daß Algernon Grey, hätt ihm nicht die warme Luft die Gegenwart des Sommert verkündet, ſich hätte vorſtellen mögen, es ſei Schnue gefallen, ſeit er im Schloſſe geweſen.. Zahlreiche Gruppen wanderten hin und her, um bei dem hellen Mondſchein konnte man ſelbſt die Farbn ihrer Kleider unterſcheiden. Unter den erſten dieſer h— tern Gruppen, die dem jungen Engländer und ſein Begleiterin begegneten, als ſie auf der obern Terraſ zu der breiten Treppe hingingen, die in den untern Ga ten hinunterführte, war ſein luſtiger Freund Williat Lovet, der mit der Dame ging, die ihm als Führen war angewieſen worden. Beide ſchienen c. heiter ſein, und wir können ihnen wohl auch einige Augenbli folgen, um den Contraſt zwiſchen Lovet und ſeim Reiſegefährten zu zeigen. 3 73 — 7232— „Liebe und Beſtändigkeit,“ rief Lovet lachend, ge⸗ rade als ſie an Algernon Grey vorübergingen,„zwei vollkommen unverträgliche Dinge. Das wahre Weſen der Liebe iſt Veränderung; und Ihr wißt in Eurem Herzen, daß Ihr es fühlt. Ihr wünſcht nur alle Eure Sclaven mit eiſernen Ketten an Euch zu feſſeln, wäh⸗ rend Ihr ſelber frei umherſchwärmt.“ „Ketten von Meſſing würden beſſer für einen ſo un⸗ verſchämten Mann paſſen, wie Ihr ſeid,“ antwortete die Dame in demſelben heitern Tone;„aber ich kann Euch ſagen, ich will keine Liebhaber, die mir nicht ewige Beſtändigkeit geloben wollen.“ „O, ich will geloben ſo viel Ihr wollt,“ antwor⸗ tete Lovet;„ich habe einen ganzen Vorrath von Gelüb⸗ den, der, gleich der Quelle des Nil, unerſchöpflich iſt, und im Sommer beſtändig anſchwillt. Ich werde von Geluͤbden überfließen, wenn das Alles iſt; ich will be⸗ ſchwören, betheuern, geloben, knien, ſeufzen, weinen und wieder geloben, ſo viel wie irgend ein treuer Ritter in der Chriſtenheit. Ihr ſollt mich für eben ſo beſtändig halten, wie der Mond, die See oder den Wind, oder irgend ein anderes feſtes und beſtimmtes Ding— nein, der Moſl iſt doch am Ende das beſte Bild, denn er iſt, wie ich, beſtändig in ſeiner Unbeſtändigkeit. Er um⸗ kreiſt beſtändig die Erde, ſeine Geliebte, obgleich er jede Stunde wechſelt und ſo wird es auch mit mir ſein. — 12— Ich will Euch ſtets glühend lieben, wenn ich gleich wechsle mit jedem wechſelnden Tage.“ „Und jeden Tag ein Duzend Andere lieben,“ ant⸗ wortete die Dame lachend, „Gewiß,“ rief er,„mein Herz iſt groß und viel⸗ umfaſſend; nicht das enge Herz eines Bauern, welches nur für Eine Platz hat. Pfui über ſolche Kargheit! Ich mögte kein ſo armes, klägliches Geſchöpf ſein, nur für eine ſchöne Freundin in meinem Buſen Platz zu haben, für alle Reichthümer Salomons, jeues großen Königs der unzähligen Weiber und der unübertrefflichen Weisheit. Was mich angeht, ich mache es zu einer offe⸗ nen Profeſſion; ich liebe das ganze Geſchlecht, beſonders wenn es jung und ſchön iſt.“ „Ihr lacht auf meine Koſten und verſucht Euch über mich luſtig zu machen,“ rief die Dame verletzt und ge⸗ ſchmeichelt zugleich,„aber es gelingt Euch nicht und wird Euch nie gelingen. Ihr mögt Euch für eine ſehr einnehmende Perſon halten, aber ich ſetze keinen Werth auf die Liebe, die, gleich dem Kleide des Bettlers, zu ſeiner Zeit ſchon Tauſenden gedient hat und geflickt und ausgebeſſert werden muß.“ „So gut wie neu, ſo gut wie neu,“ ef Lovet, „ohne Riß und ohne Fleck! Die Proben, die ſie beſtan⸗ den hat, beweiſen nur ihre Vortrefflichkeit. Die Liebe iſt ein Diamant, der durch den Gebrauch nicht gebrochen, — — 75— ſondern nur polirt wird. Aber Ihr bietet mir Trotz, wie es ſcheint, theure Dame. Das iſt in der That eine kühne und verwegene Handlung, und wir wollen den Erfolg ſehen. Keine Feſtung iſt ſo ſtark, die nicht irgend einen ſchwachen Punkt hat, und die Burg, die beim erſten Anblick des Feindes ihre Kanonen abfeuert, iſt gewöhnlich ſehr furchtſam überfallen zu werden. Der kleine Verräther iſt ſelbſt jetzt geſchäftig in Eurem Her⸗ zen und flüſtert Euch zu, daß Gefahr vorhanden iſt, denn er weiß ſehr wohl, daß es das beſte Mittel iſt, einen Ort zu beſiegen, einen paniſchen Schrecken unter der Garniſon zu verbreiten.“ Indeſſen war zwiſchen Agnes und Algernon das Wort Liebe nur ein Mal ausgeſprochen worden. Ihre Gemüther waren, beſonders anfangs, mit allem An⸗ dern, nur nicht damit beſchäftigt. Er hielt ſie gewiß für ſehr ſchön, ſchöner vielleicht als irgend Eine, die er je geſehen: doch war es mehr ein bloßer Eindruck, als ein Gegenſtand der Ueberlegung. Er fühlte es, er konnte nicht umhin es zu fühlen, doch verweilte er bei dem Gedanken nicht. Sie ihrerſeits dachte auch nicht an ſein perſönliches Ausſehen. Sein Geſicht war ein ſol⸗ ches, welches ihr gefiel; es ſchien ein edles Herz und einen hohen Geiſt anzudeuten; ſie wuͤrde ihn aus der ganzen Welt wiedererkannt haben, hätte ſie ihn nach Jahren wiedergeſehen, obgleich ſie ihn zum erſten Mal ſah. Doch wäre ſie ausgefordert worden, ſeine Perſon zu be⸗ ſchreiben, ſo hätte ſie keinen Zug ſeines Geſichts ſchildern können. Als ſie am Fuß der Treppe ankamen, blieben ſie ſtehen und blickten zum Schloſſe auf, wie es oben auf ſeinem Felſen daſtand, und die ungeheuren Maſſen und Thürme dunkel und unregelmäßig am mondhellen Himmel abſtachen, während die Hügel ſich in großartiger Abwechſelung im Halbkreiſe erhoben, das Thal ſich jen⸗ feits öffnete, und die vom Mondlicht übergoſſene Fläche des Reckar zeigte⸗ „Dies iſt in der That ſchön und prachtvoll,“ fagte Algernon Grey.„Ich habe manche Länder geſehen und gewiß dachte ich nicht in dieſem abgelegenen und unbe⸗ reiſten Theile eine Scene zu finden, die Alles verdunkelt, was ich je vorher geſehen.“ „Es iſt ſehr ſchön,“ antwortete Agnes,„und ob⸗ gleich ich ſchon ſeit manchen Jahren in dieſem Schloſſe wohne, ſo finde ich doch, daß das ſchöne Land, worin es liegt, gleich der Geſellſchaft der Guten und Edlen, nur durch lange Bekanntſchaft gewinnt. Für mich hat es indeſſen Reize, die es für Euch nicht haben kann. Dort wohnen Alle, die ich am Meiſten im Leben liebe, Alle, die gütig gegen mich geweſen ſind: die Beſchützer meiner Kindheit, die Freunde meiner Jugend. Es hat mehr für mich, als die Scene und ſeine Schönheiten; und wenn ich das Schloß anſehe, oder meine Augen über — 77— das Thal dahinſchweifen laſſe, ſo ſehe ich in dem Gan⸗ zen die glückliche Heimath, den angenehmen Ruheplatz. Befreundete Geſichter ſehen mich an aus jedem Fenſter und aus jeder Schlucht, und geliebte Stimmen trägt je⸗ der Windhauch herbei. Es ſind ihrer nicht Viele, aber ſie ſind ſüß für mein Herz.“ „Und ich auch,“ antwortete Algernon Grey,„ob⸗ gleich ich Nichts von dieſen Dingen ſehe, die Ihr ſehen könnt, ſo ſehe ich doch vielmehr, als die bloßen Linien und Farben. Als ich erſt vor einer Stunde auf den Hofplatz trat, und die verſchiedenen Gebäude anſah, die ſich umher erhoben, einige in der Friſche eines Jüng⸗ lings, der in ſeinen Sonntagskleidern von der Schule heimkehrt, einige in der röthlichen Livrée des Alters, und einige wieder zuſammenbröckelnd und mit der Erde ſich miſchend, da konnte ich nicht umhin, mir die vielfachen Scenen vorzuſtellen, welche dieſe Mauern erlebt haben; die Liebe, die Hoffnung, das Vergnügen, den Kummer, die Täuſchung, die Verzweiflung, die ſtürmiſchen Leiden⸗ ſchaften, die ruhigen, häuslichen Freuden— ſelbſt die an⸗ genehmen Augenblicke des träumeriſchen Müſſigganges, und die Phantasmen bildenden Stunden der Dämme⸗ rung— Alles, was die Vergangenheit auf dieſem Platze geſehen, ſchien ſich vor wir in fühlbarer Form zu erhe⸗ ben, und in langer Proceſſion, abwechſelnd mit Lächeln und Thränen auf den Wangen, an mir vorüberzuziehen; * 3 * 3 und während der ganzen Zeit ſchienen die Muſikanten unter dem ſteinernen Muſiktempel in ihren heitern und geiſtaufregenden Tönen einen ſeltſamen Kommentar zu dem Ganzen zu liefern.“ „Welches mogte dieſer Kommentar ſein?“ fragte die Dame mit dem Ausdruck der Theilnahme zu ſeinem Geſichte aufblickend. „Sie ſchienen zu ſagen,“ antwortete er,„freue Dich auch, junges Herz! Alles iſt vorübergehend, Alle ſind nur Schatten. Erfreue Dich Deines frühen Morgens. Deein Mittag ſei feſt und ſtark, beſtreue mit Blumen Deinen Abendpfad, erfaſſe das Recht, meide das Unrecht und fürchte Nichts, wenn die kommenden Stunden Dich auffordern, dem Zuge, der vorüberſchwebt, Dich anzu⸗ ſchließen.“ werte „Ei, das ſind ja Verſe!“ rief Agnes lächelnd. „Nicht ganz,“ antwortete er,„aber ſo machte die Phantaſie ihre Töne zu Worten, und der Tonfall der Muſik fügte eine Art von Takt hinzu.“ „Es war ein lieblicher und guter Rath von der gu⸗ ten Dame Phantaſie,“ verſetzte das ſchöne Mädchen, „und doch, obgleich der Befehl war, heiter zu ſein, ſo ſind doch Eure Worte etwas traurig, edler Herr.“ „So laßt uns denn heiter ſein,“ verſetzte er. „Von ganzem Herzen,“ rief ſie;„aber worüber wol⸗ 59 len wir heiter ſein?“ — 359— „Nun, wenn wir erſt ein Thema ſuchen müſſen, ſo iſt es beſſer ſo, wie wir ſind,“ antwortete der junge Engländer,„natürlich zu ſein, iſt ſtets das Beſte; die Stimmung des Augenblicks iſt die einzige, die Etwas werth iſt, weil ſie allein wahr iſt. Sie wird wechſeln, wenn die Zeit kommt. Aber Ihr ſeid von Natur heiter, nicht wahr?“ „O ja,“ antwortete ſie,„ich bin heiter, wie ein freier Vogel. Der gute Doktor Schultetus, der Hofkap⸗ lan, wollte mir oft ſagen, ich ſei flatterhaft— aber ich glaube es nicht; denn ich habe manche Dinge lange und tief gefühlt.“ „Und unter dieſen die Liebe?“ fragte ihr Begleiter. „O ja,“ verſetzte ſie in freiem und ſcherzhaftem Tone,„ich habe treu und aufrichtig geliebt.“ Algernon Grey ſchwieg einen Augenblick. Er hätte gern gefragt:„Wen?“ aber er wagte es nicht, und im nächſten Augenblick fuhr das ſchöne Mädchen in einem Tone fort, der ihm einen Vorwurf aus der Frage machte. „Ich habe meine Eltern geliebt,“ ſagte ſie,„aufrich⸗ tig und innig— obgleich ich mich nur meiner Mutter erinnere— ich habe meine Freunde geliebt— ich liebe meine Prinzeſſin.“. „Von ſolcher Liebe ſprach ich nicht,“ antwortete er, indem er mit lebhaftem Ausdrucke zu ihr niederblickte. — 80— „Ich kenne keine andere,“ verſetzte ſie lächelnd; „kennt Ihr?“ „O ja,“ ſagte er lachend,„es giebt eine wärmere, eine glänzendere, ich mögte faſt ſagen glühendere Art der Liebe, die jeder, der eine gute Weile in der Welt gelebt hat, in ihren Wirkungen muß geſehen haben, wenn er ſie auch nicht an ſeiner eigenen Perſon erfahren hat.— Aber ich bin nicht in der Beichte,“ fuhr er fort,„und ſo will ich Nichts weiter ſagen.“ „Und doch wolltet Ihr eine Beichte mit mir anſtel⸗ len,“ antwortete ſie heiter,„aber wenn ich zur Beichte gehe, ſo will ich einen ehrwürdigeren Beichtvater haben, denn wie es ſcheint, ſeid Ihr ſehr geneigt Fragen zu thun, die ich zu beantworten keine Neigung fühlen mögte.“ Ivhr Begleiter ſchwieg Augenblicke, denn ihre Worte erregten einen Zweifel in ſeinem Gemüthe, ob ſie der proteſtantiſchen oder der ka⸗ tholiſchen Partei angehöre, die zu jener Zeit in den ver⸗ ſchiedenen Städten Deutſchlands zuſammen exiſtirten und einander nur ſchwer duldeten. Es ſchien aber ein Abend der Freiheit, wo man leicht Fragen thun konnte, die in einem ernſteren Augenblicke unverſchämt ſein mußten, und endlich fragte er in leichtem Tone: „Sagt mir doch noch Etwas, ich bitte Euch, ſeid Ihr eine von Denen, die alle Proteſtanten hier und in nachdenkend einen oder zwei der andern Welt zum Feuer und zum Scheiterhaufen — — 81— verdammen, oder von denen, welche die Macht des Pap⸗ ſtes für eine unerträgliche Laſt, und die Lehrſätze jener Kirche für ketzeriſch halten?“ „O, ich verſtehe Euch,“ ſagte ſie nach augenblickli⸗ chem Nachdenken,„Ihr wollt fragen, von welcher Reli⸗ gion ich bin, und lacht ein Wenig über beide, da Ihr Eure Frage in einer Form ausſprecht, die für keine von beiden unhöflich iſt. Aber wenn Ihr es durchaus wiſſen müßt, ſo will ich Euch ſo viel ſagen—. ich wurde als Proteſtantin geboren.“ „Als Proteſtantin geboren!“ rief Algernon Grey. „Das ſcheint mir eine neue Art, es zu werden.“ „Nun, das weiß ich nicht,“ antwortete ſie,„ich glaube, es iſt die Art, wie die Hälfte der Welt ihre Re⸗ ligion empfängt, von welcher Art ſie auch ſein mag.“ „Richtig,“ ſagte er,„richtig! Ihr habt ganz Recht, und ich hatte Unrecht— nicht nur ihre Religion, ſon⸗ dern auch die Hälfte ihrer Anſichten. Ihr wurdet als Proteſtantin geboren, und ſo ich auch; aber ich muß ſa⸗ gen, glücklich ſind die, deren Vernunft, wenn ſie reif wird, die Grundſätze beſtätigt, die ſie in ihrer Jugend empfangen. So iſt es mit mir der Pal geweſen; und ich hoffe, auch mit Euch“ „Nun, ich weiß nicht, ob meine Vernunft ſchon zur Reife gelangt iſt,“ entgegnete die Dame lächelnd,„aber Alles, was ich gedacht und geleſen, führt mich zu der Heidelberg. Erſter Band. 6 Ueberzeugung, daß ich nicht auf unrechtem Wege ſein kann. Es ſcheint mir, daß die Religion, welche der gött⸗ liche Urheber derſelben den Fiſchern lehrte, um ſie aller Welt zu predigen, wohl von den Nachkommen der da⸗ mals lebenden Welt kann geleſen und ſtudirt werden, ohne Zuſätze zu machen; es ſcheint mir, daß, wenn Prie⸗ ſter ſich verheirathen, ſie wahrſcheinlich eben ſo gute Prie⸗ ſter und beſſere Menſchen werden; es ſcheint mir, wenn unſere Religion es lehrt, unſere Fehler einem Andern zu bekennen, ſo war damit nicht gemeint, daß eine beſondere Klaſſe von Menſchen die Aufzeichner unſerer Schlechtig⸗ keit werden, ſondern daß ſie uns vielmehr von jenem halsſtarrigen Stolze heilen ſollte, der uns im Böſen ver⸗ härtet, indem uns derſelbe bewegt, unſere Schuld zu leugnen. Ueberdies denke ich, daß die Gewohnheit, uns vor Steinen und Holz zu beugen, zu Sündern, wie wir, zu beten, wenn ſie todt ſind, und feierlich ein Stück El⸗ fenbein auf einem Kreuze zu küſſen, gar ſehr der Abgöt⸗ terei gleicht.— Aber ich weiß Wenig von allen dieſen Dingen. Ich leſe die Bibel, und bin ſelber überzeugt; und doch kann ich mich nicht entſchließen, zu denken, daß gute Menſchen mit dem Glauben an einen Erlöſer auf ewig verloren ſein ſollten, weil ſie anders darüber urtheilen. Jetzt habt Ihr ein Glaubensbekenntniß von mir herausgebracht; aber ich bitte Euch, ſagt es Nit⸗ mand wieder, denn die Hälfte unſerer Geiſtlichkeit würde — 83— mich für eine halbe Papiſtin und eine halbe Närrin halten.“ „Ihr habt auf jeden Fall tief über dieſe Gegen⸗ ſtände nachgedacht,“ verſetzte Algernon Grey,„und das iſt ſchon Etwas, wo ſo Wenige überhaupt denken.“ „O, man kann nicht umhin, hier über dieſe Dinge nachzudenken, wo man vom Morgen bis zum Abend we⸗ nig Anderes hört; aber ich habe auch aus andern Grün⸗ den darüber nachgedacht,“ ſagte ſie ernſter.„Man be⸗ darf zu Zeiten in dieſer Welt des Troſtes. Es giebt nur eine wahre Quelle, aus der er fließt; und ehe wir aus dieſer Quelle trinken, iſt es nöthig, uns zu verſichern, ob der Strom auch rein iſt.— Doch wir ſind ſehr ernſt,“ fuhr ſie fort,„der Himmel helfe uns, wenn ſie in jenen feſtlichen Sälen wüßten, wovon wir hier im Garten re⸗ den, ſo würden ſie vor Verwunderung die Augen und vielleicht ihre Lippen vor Lachen öffnen.“ „Nun, wir wollen unſern Ton verändern,“ fuhr Al⸗ gernon fort;„kommt, laßt uns auf jenen höheren Ter⸗ raſſen dahingehen, wo ich eine lange Reihe von Bogen ſehe, hoch und ſchlank, und einen hinter dem andern, gleich den Trümmern einer Römiſchen Waſſerleitung, die über das Thal dahingeht.“ „Sehr gern,“ antwortete ſie,„die Luft wird dort kühler ſein, denn es iſt dort höher, und wir werden den atz ganz für uns haben, denn die muntere Welt des 6* — 82— Hofes wird dort unten bleiben, bis die Trompete zum Abendeſſen bläſt. Ich liebe die hohe frrie Luft und die Einſamkeit. Man athmet freier auf den Bergen, und ich wünſche oft, ich wäre ein Adler, um über dieſe aus⸗ gezackten Gipfel dahinzuſchweben, und den Hauch des Himmels ſelber zu trinken. Aber da kommt Euer mun⸗ terer Reiſegefährte und die ſchöne Gräfin von Lauſſitz.“ „Wer mag ſie ſein?“ fragte der junge Engländer. „Eine ſehr hübſche Dame und etwas munter,“ ver⸗ ſetzte ſeine Begleiterin,„aber Ihr müßt mir verzeihen, mein guter Gefangener, wenn ich Euch Nichts von den Damen dieſes Hofes ſage. In der That, ich kenne ſie ſehr wenig; denn ich höre Vieles, was ich nicht glaube, Vieles, was ich nicht gewiß wiſſen kann; und obgleich ich zuweilen Etwas ſehe, was ich nicht ſehen mögte, ſt mögte ich doch gern Alles liebevoll beurtheilen, und au⸗ derer Leute Handlungen nicht hart auslegen.“ Während ſie ſprach, ging Lovet und die ſchöne Gräfin in geringer Entfernung vorüber, und dem Anſcheine nach hatte er in wunderbar kurzer Zeit große Fortſchritte in der Vertraulichkeit gemacht. Sie mogte ermüdet ſein— es mogte eine nachläſſige Gewohnheit ſein, die ſie ange nommen— aber der Arm, der durch den ſeinigen ge⸗ ſchlungen war, ließ die ſchöne Hand ſinken, bis ſie mi ihrer linken Hand zuſammenkam, welche ſie erhoben hatte und die ſchlanken Finger waren verſchlungen. Der ein 3 wenig auf die linke Schulter ſinkende Kopf neigte ſich vorwärts, als ob die Augen auf den Boden gerichtet waren, während das Ohr ſich erhob, um ſeine Worte aufzufangen. Es lag ein Schmachten in ihrer Geſtalt und in ihrer Miene, ſie hatte einen unſichern Schritt, und zeigte eine gewiſſe Schwäche, als ob es ihr an Kraft des Geiſtes oder des Körpers fehle. Als ſie vorübergin⸗ gen, ſagte er: „Unſinn, dies Alles iſt ein leeres Nichts, ein Po⸗ panz, um die erwachſenen Kinder zum Gehorſam zu brin⸗ gen. Kommt, meine Schöne, kommt; zeigt keinen Aer⸗ ger, den Ihr nicht fühlt. Die Liebe iſt da für ein ſol⸗ ches Herz, wie das Eure, und eine ſolche Stunde für die Liebe.“ Und ſeinen Kopf niederbeugend, fügte er noch mehr hinzu. „Wie könnt Ihr es wagen?“ ſagte die Dame mit leiſer Stimme.„Bei meinem Leben, Ihr ſeid zu kühn; ich will Euch verlaſſen, ja, ich will es,“ Aber ſie verließ ihn nicht, und länger noch als eine Stunde ſpäter konnte man ſie Arm in Arm in den Gär⸗ ten umherwandern und einſame Plätze aufſuchen ſehen. Es iſt ſeltſam, wie oft das Gute und das Böſe faſt dieſelbe Form annimmt— wie das, was hell und rein iſt, dieſelben Scenen aufſucht, wie das Entgegenge⸗ ſetzte, aber einen verſchiedenen Schatz dort findet; ſo wie — 86— die Biene aus dem Wolfswurz Honig zieht, woraus An⸗ dere das tödtliche Gift bereiten. In der reinen Unſchuld ihres Herzens führte das liebenswürdige Weſen an Al⸗ gernon Greys Seit: ihn zu den einſamſten Theilen des Gartens, wanderte mit ihm, wo kein Auge war, ſie zu beobachten, ſtieg eine hohe Treppe nach der andern hin⸗ auf, und ging der ganzen Länge nach über die großartige Terraſſe dahin, die auf ungeheuren Bogen ruhte, wovon noch die Trümmer über das Thal des Reckar hinausra⸗ gen. Aber dort am Nande blieben ſie ſtehen, und über⸗ blickten die mondhelle Scene; beachteten die vielfachen Abſtufungen von Schatten und Licht, ſo wie eine Maſſe nach der andern von Wald und Schloß, Berg und Fel⸗ ſen, Stadt und Ebene in eine milde Färbung von Grau mit Gold gemiſcht verſchwamm. Tauſende von Bildern wurden von den Gegenſtänden, die ſie ſahen, in ihren Geiſtern angeregt; zu Tauſenden von Ideenverbindungen und An⸗ ſpielungen gaben ſie Veranlaſſung. So weit und unre⸗ gelmäßig auch der Flug der Phantaſie iſt, die zu den Höhen des höchſten Himmels aufſteigt, und in die tiefſten Tiefen taucht, ſo hatte doch ihr Flügel faſt nie unermüd⸗ licher, wilder und excentriſcher geſchienen, als in dieſen beiden jungen Herzen an jenem ereignißreichen Abend— ereignißreich in jeder Hinſicht für ſie ſelber, für ihre Um⸗ gebung, für Europa, für die Welt, für den Fortſchritt der Geſellſchaft, für die Aufklärung des menſchlichen — 8— Geiſtes, für die ewige Beſtimmung des ganzen Menſchen⸗ geſchlechts. 4 Zu welchen weſentlichen Veränderungen in Allem, was des Menſchen höchſte Intereſſen betraf, gab nicht jener neunzehnte Auguſt Veranlaſſung!. Das Geſchick, welches ohne ihr Wiſſen über ihnen ſchwebte, ſchien einen geheimnißvollen Einfluß auf den Geiſt und Charakter Beider auszuüben. Die Schranke der kalten Förmlichkeit war zwiſchen ihnen niedergeriſſen; ſie ſprachen ihre Gedanken gegen einander aus, wie alte vertraute Freunde; Agnes fühlte ſich unwiderſtehlich an⸗ getrieben und fortgezogen, zu ihrem Begleiter zu reden, wie ſie noch nie zu einem Manne geredet hatte. Sie bildete ſich ein, es ſei deshalb, weil ſie zum erſten Mal in ihrem Leben einen dem ihrigen entſprechenden Geiſt gefunden, und gewiß iſt es, daß in der erſten Berührung der Sympathie ein Zauber liegt, der ſchlummernde Kräfte des Herzens erweckt, unentdeckte Vorräthe des Gedankens und Gefühls entwickelt, und die glänzenden Eigenſchaften der Seele ans Licht bringt. Aber gewiß lag noch Etwas mehr darin, als das. An dieſer Stunde, an dieſem Augenblick hing das Geſchick Beider, obgleich ſie nicht daran dachten, daß dies der Fall ſein könne, obgleich es von allen Dingen am Unwahrſcheinlichſten erſchien, ob⸗ gleich er ein wandernder Fremder war, der nur wenige Tage an dem Orte zu bleiben beabſichtigte, an welchen — 38— ſie durch ihre Verbindungen lebenslänglich gefeſſelt ſchien. Doch ſo war es; und wäre es anders zwiſchen ihnen geweſen, wäre ſie bei der Schüchternheit eines jungen Mädchens geblieben, oder bei der kalten Höflichkeit einer neuen Bekanntſchaft; hätte er die gewöhnliche ſtolze und vornehme Miene behauptet, die er im Allgemeinen gegen Frauen annahm, wie verſchieden hätte ſich Beider Loos geſtaltet! Die wechſelnden Scenen, durch die Beide gehen, die fernen Länder, die ſie beſuchen ſollten, würden ſie nimmer beiſammen geſehen haben, und jener Abend wärt nur ein angenehmer Traum geweſen, deſſen ſie ſich viel⸗ leicht unter den öden Wirklichkeiten des Lebens erinnert hätten. Doch die Sache war anders. Sie war ſo jung, ſe ſanft, ſo liebenswürdig, ſo ſchön, daß ihre Geſellſchaft wie ein Zauber wirkte, und ihn wie aus einer dumpfen und ſchweren Erſtarrung erweckte, die ein Ereigniß über ſein Herz verbreitet hatte, welches in ſeinen Knabenjah⸗ ren geſchehen war, als ein Gegenzauber wirkte, und den Strom ſeines jugendlichen Bluts in kalten und eiſigen Feſſeln hielt. Er gab ſich Allem hin, was er fühlte— aller Freude des Augenblicks. Ihre Unterhaltung befreitz ſich von allen herkömmlichen Feſſeln; Beide ſchienen zu fühlen, daß ſie einander vollkommen vertrauen könnten, und ſprachen, wie das Gefühl es ihnen vorſchrieb, ohne Rückhalt und ohne Mißverſtändniß. Der Aufſchwung — 89— der Gedanken wurde heiterer, natürlicher und leichter; und als Agnes ſich dem hohen und kräftigen Geiſte der Ju⸗ gend hingab, erhob ſich ihre junge Phantaſie gleich einer Lerche im Sonnenſchein, während Algernon Grey mit feſterm und ſichererem Fluge wie ein Geiſt neben ihrem Geiſte erſchien, und ſie höher und höher führte in die Welt des Raumes, die dem menſchlichen Geiſte geöffnet iſt. Plötzlich, als ſie ſo mit einander durch die entfern⸗ ten Theile des Gartens wandelten, hörten ſie entfernte Trompetentöne, und Agnes wendete ſich raſch zu ihrem Begleiter und ſagte: „Das iſt der Ruf zum Abendeſſen. Unſer Abend geht zu Ende; haltet es nicht für auffallend und zu frei, wenn ich ſage, daß es mir leid iſt.“ „Nein,“ antwortete er,„warum ſollte ich Euch dafür halten, da ich mit viel mehr Grund daſſelbe auf's Tiefſte fühle? Wir mögen uns vielleicht nie wieder ſehen, ſchöne Dame; doch ich werde mich ſtets dieſes Abends als eines Zeitraums ungetrübten Glücks, ohne irgend einen Schat⸗ ten oder ein Bedauern erinnern. Ich halte Euch in der That für frei und unbefangen, mehr vielleicht, als ich er⸗ wartete, mehr als viele Andere es geweſen wären, die mehr Welterfahrung haben, als Ihr— aber nicht für zu frei; und ich kann wohl begreifen, daß der lange Auf⸗ enthalt an einem Hofek, wie dieſer, Euer Benehmen von allem kalten Zwange befreit hat.“ — 99— „O nein,“ ſagte ſie,„das iſt es nicht! Ich miſche mich nie unter den Hof, wenn ich es vermeiden kann. Die Unbefangenheit, die ich gezeigt, hat theils ihren Grund in mir, theils in Euch gehabt.“ „Laßt mich noch mehr hören,“ antwortete er,„ich verſtehe Euch nicht klar.“ „Nun alſo,“ ſagte ſie,„ich bin aus Gewohnheit frei und unbefangen, weil ich meiner gewiß bin— weil ich fühle, daß ich nie etwas Unrechtes beabſichtige, und weiß, daß ich keine Gedanken habe, die ich zu verbergen wün⸗ ſchen muß. Die, welche an ſich ſelber zweifeln, mögen fürchten, ihr Herz zu zeigen wie es iſt; weiſen Freunden und ſorgfältiger Leitung habe ich es zu danken, daß Nichts in meinem Herzen iſt, was ich nicht offen darle⸗ gen könnte. Was dann Euren Antheil betrifft, ſo habt Ihr mich auf ganz verſchiedene Weiſe behandelt, wie die meiſten Männer die meiſten Frauen behandeln würden. Ich könnte kaum an dem ganzen Hofe Einen herausfin⸗ den, der, wäre er mein Begleiter für den ganzen Abend geweſen, mein Ohr nicht mit thörichten Liebesanträgen und langweiligen Lobſprüchen auf meine Schönheit be⸗ läſtigt hätte. Wenn Ihr es auch gethan, mögte mein Benehmen ſehr verſchieden geweſen ſein.“ Ihr Begleiter antwortete einige Augenblicke nicht; aber dann ſagte er lächelnd: 1 N —————„ „Es muß etwas ſehr Eitles und Beleidigendes darin ſ — 91— eliegen, zu vern ein Frauenzimmer gern eine Liebeserklärung von einem Manne hören wird, den ſie 14 erſt ſeit wenigen Stunden kennt— er muß ſie für ſehr leichtfertig, und ſich für ſehr einnehmend halten.“ „Wir armen Weiber müſſen Eurem Geſchlechte ſchon wegen der Zurückhaltung dankbar ſein,“ entgegnete ſie, „und daher danke ich Euch, daß Ihr mich nicht für ſo leicht gehalten habt.“ „Ich bin mehr als belohnt,“ verſetzte er, als ſie ihn die Treppen hinunter in den tiefer liegenden Garten führte, indem ſie ſagte, ſie müßten eilen, und das ſei der kürzeſte Weg. Indem ſie an dem hohen Ufer fortgingen, welches durch das Abtragen eines großen Theils des Hügels, der Frieſenberg genannt, gebildet wurde, legten ſie bald die Hälfte des Weges zurück, und näherten ſich einer Stelle, wo der dunkle Schatten eines der großen Thürme auf den grünen Raſen fiel, als plötzlich dicht neben ihnen eine hohe Geſtalt wie aus der Erde aufzuſteigen ſchien, an ihnen vorüberging und verſchwand. Im erſten Au⸗ genblicke hing die Dame erſchrocken an dem Arme ihres Begleiters; dann aber lachte ſie heiter, und ſagte: „Von dieſem Orte werden ſo viele abergläubiſche Dinge erzählt, daß ſie unſerer Phantaſie ankleben, man mag wollen oder nicht. Wenn ich Euch je wieder ſehen ſollte, will ich Euch eine Sage von dieſem Orte erzäh⸗ — 92— len, aber jetzt haben wir tin zehn Minuten nach dem Signal mit der Trompete ſetzt ſich der Kur⸗ fürſt zu Tiſche.“ Wir wollen das jetzt folgende Banket nicht beſuchen, nicht den Glanz deſſelbensſchildern, noch die dabei beob⸗ achteten Ceremonien beurtheilen. Es wäre eine leichte Sache, es zu beſchreiben, denn wir beſitzen manche lang⸗ weilige Erzählung von heitern Feſten aus jener Zeit; aber in dieſem Werke beabſichtige ich die Sitten und Ge⸗ bräuche des Zeitalters nur bei Gelegenheit zu ſchildern, und das Herz und die Gefühle der Menſchen unverſtelt zu zeigen, und, von dem prächtigen aber entſtellenden Ge⸗ wande der Ceremonie entkleidet, ihre wahren Verhältniſſe darzulegen. — 93— Viertes Kapitel. Wie oft folgt Kopfſchmerz oder Herzweh auf eine fröhliche Nacht, wie die des neunzehnten Auguſt. Im Verkehr des Lebens ſind wir nur zu ſehr geneigt, den gewöhnlichen Gang alles vernünftigen Handels umzukeh⸗ ren und um das kurze gegenwärtige Vergnügen einen ungeheuren Betrag künftigen Kummers und Sorge ein⸗ zukaufen. Der Handel iſt ein ſchlechter, doch wird er alle Tage geſchloſſen; und ſelbſt bei Tafel, im Ballſaal und in mancher andern Scene geht derſelbe ſchlechte Handel vor ſich, und morgen iſt der bittere Tag der Abrechnung. Wie iſt es mit Algernon Grey, als er in dem großen düſtern Zimmer daſitzt, den Kopf auf die Hand geſtützt und die Augen mit leerem Blicke durch das ſchmale Fenſter gerichtet? Die Diener kommen und gehen und er beachtet ſie nicht. Das Frühſtück iſt aufgetragen, 4 — 94— doch das Mahl bleibt unangerührt ſtehen. Geſchäftige Töne erheben ſich von außen und dringen durch das halb offene Fenſter herein; das heitere und herzliche Lachen, der fröhliche Geſang, das lebhafte Geplauder, das Ge⸗ ſchrei der Verkäufer früher Trauben, das knarrende Ge⸗ räuſch der Räder, oder der Hufſchlag der Pferde, und durch das Ganze ein lebhaftes Geſumme, undeutlich aber erheiternd zu hören. Dennoch vernimmt er, in die tie⸗ fen Gedanken ſeines eigenen Herzens verſenkt, nicht das Geringſte davon. Schmerzt ſein Kopf? Oder herrſcht eine Mattigkeit und fieberhafte Hitze in jenen ſtarken und zierlichen Glie⸗ dern? O nein! Der ganze Körper iſt frei von Schmerz, friſch, kräftig und zur augenblicklichen Handlung bereit. Hat er am letzten Abend irgend ein Wort geſprochen oder eine Handlung begangen, die er widerrufen mögte, und nicht kann? Nicht ſo. Er hat ſich Nichts vorzu⸗ werfen; das Gewiſſen hat keine anklagende Stimme! Was iſt es denn? Er verkehrt mit ſeinem eigenen t Herzen und eine dunkle ſchattige Wolke tritt alaa ihn und die Sonne des Glücks. Es iſt ein Schatten k aus der Vergangenheit, aber er breitet ſich über nn ganze Gegenwart und weit und unbeſtimmt über die Zukunft aus. Das Erſte, was ihn aus ſeiner Träuumeref erweck hn al m war der Eintritt ſeines muntern Freundes William Lo⸗ an 1 1 vet, welcher kam, das Frühſtück mit ihm zu theilen Dennoch bemerkte Algernon ſeine Annäherung erſt, als er dicht bei ihm war, die Hand auf ſeine Schulter legte und ſagte: „Himmel und Erde, Algernon! Was hat Dich ſo mißmuthig gemacht? Es muß Etwas in der Luft dieſer garſtigen Stadt liegen, daß ungeachtet einer ſo glänzen⸗ den Erſcheinung, wie die am letzten Abend, noch eine Wolke der Sorge auf Deiner Stirn zu ſehen iſt.“ Sein Freund richtete ſich plötzlich auf und antwor⸗ t tete heiter, wenn gleich nicht ohne Anſtrengung: „Ich muß zuweilen nachdenken, William; es iſt ein Theil meiner Natur. Ein kleiner Tropfen Nachdenken fiel in den Thon, woraus ich geknetet wurde. Danke Deinen Sternen, daß es bei Dir nicht der Fall war!— Aber laß uns zum Frühſtück; mein Appetit ſagt mir, daß die Stunde ſchon vorüber iſt.“ 3 „Appetit,“ rief Lovet, indem er ſeinen Sitz ein⸗ nahm,„ſage nicht der klaräugigen Agnes, daß Du eine ſo grobe und gemeine Eigenſchaft an Dir haſt. Sie wird nicht an Deine Liebe und Treue glauben, wenn Du mehr als eine Schnitte von der Bruſt jenes Reb⸗ huhns iſſeſt oder den ganzen Tag etwas Anderes trinkſt, als ſauren Rheinwein. Aber ernſthaft geſprochen, bei meinem Leben! Nie wurde uns ein ſo glänzendes Loos zu Theil, wiß am letzten Abend. Hätten wir den gan⸗ zen Hof durchſucht, ſo hätten wir doch nichts Reizende⸗ res finden können, denke ich; und wir müſſen wenigſtens einen Monat dableiben, um die Gunſt der Frau Fortung zu benutzen.“ „Ich hatte eine ſehr liebenswürdige Begleiterin⸗ antwortete Algernon Grey kalt;„aber ich legte keim Gelübde ab und ſchwur keine Treue, mein guter Freund“ „Himmel und Erde!“ rief Lovet.„Hörte man jo daß ein Mann mit dem andern auf gleiche Koſten reiſt und ihm doch alle ſchwere Arbeit allein überließ? Schwi⸗ ren! Ei, ich ſchwur, bis meine Gelenke ſchmerzten un meine Zähne beſchädigt wurden; und was die Gelübd betrifft, ſo würden zwei Holländiſche Barker mit breiten Vordertheil und breitem Spiegel, und tief genug, m zehn Holländer auf einem Elephanten zu bergen, nith die Hälfte der Ladung faſſen, die ich am letzten Aben ſicher zu den Füßen jener Dame gelandet. Nun, l mich ſehen, welches war ihr Name? Ich habe ihn i gendwo geſchrieben, wie ſie ihn mit ihren eigenen ſüßt Lippen ausgeſprochen— Gräfin von Lauſſit!— Un Mathilde dazu, beim Schützen! Ein guter Name, vortrefflicher Name, nicht wahr, Algernon? Nuſikaliſt 1 hübſch, ſanft, lieblich und liebenswürdig. Aber e 8 i ohne Schreibtafel aus! Sieh nur, welchen Dienſt n die meinige geleiſtet hat! Manche ſchöne Ausſicht wi 1 durch ein Verſehen in den Namen zerſtört. Nenne Me zer Theil daran hatten.“ 1 alleen,“ antwortete Lovet la leiſen Stimmen nicht etwas Wärmeres — 97— thilde Johanna oder Louiſe Debora, und Du biſt rui⸗ nirt auf immer— Mathilde, Gräfin von Lauſſitz! Rei⸗ zend, lieblich! Der Himmel ſegne ihre ſanften Au und ihre ſüßen Lippen; ſie ſind den beſten Diamant des Moguls Turban werth. Und nicht mit Beſtimmtheit Treue und ah? Die Dame mu haben.“ Während er ſprach, verfehlte er nicht den guten Speiſen auf dem Tiſche zuzuſprechen. Auch Algernon zeigte keinen Mangel an Appetit, denn er beſchäftigte ſich angelegentlicher damit, ſein Frühſtück zu eſſen, als ſeines Kameraden leichten Scherz zu beantworten, End⸗ lich aber erwiderte er: „Sie ſchien nicht ſo zu denken, ſie zu höflich, um es guszudrücken; aber auf jeden Fall war mein Abend, den ich mit ihr zubrachte, ein ſehr angenehmer, obgleich weder Liebe, Gelübde, noch Seuf⸗ igen an ſo ſchwurſt Du alſo legteſt keine Gelübde 5 Dich für ſehr einfältig gehalten oder vielleicht war „Und doch, dünkt mich, wä 7 ausdrückten, als eine Declamation 7 einen Prolog zu einem Schauſpiel oder Heidelberg. Erſter Band. über den Mond, ſo mußt Du ſchlimmer geweeſen ſein, als der Hekla, denn obgleich er ganz von Eis iſt, wie man ſagt, ſo iſt doch Feuer im Herzen; und jenes Mädchens Augen und Lippen waren genug, um das Blut eines Jeden in Flammen zu ſetzen, auch wenn es von Natur ſo kalt wäre, wie das einer Kröte. Geh mir, Algernon, keine ſolche Zurückhaltung zwiſchen uns laß uns frei von unſerer Liebe reden, und vielleicht kön⸗ nen wir einander helfen.“ „Bei meinem Leben, William, ich kann von keiner Liebe reden,“ antwortete ſein Gefährte mit Wärme „Du kannſt den Hof machen, wenn Du willſt, demn Du biſt frei; aber mit mir iſt es anders.“ „Unſinn,“ rief der Andere,„die Verhältniſſe ſin in beiden Fällen gleich, nur die Lage iſt umgekehr Wenn ich frei bin, ſo iſt ſie verheirathet. Sahſt D nicht ihren Gemahl dort?— Ein fetter Mann mit wi ßem Geſicht, nicht ſo hoch wie eine Muskete. Aber wat geht das mich an? Die Liebe eines Monats beunruhig ſich nicht wegen der Ehe; und meiner Urgroßmutter g n ſtärkte Halskrauſe iſt vor allen Dingen das Emblen r welches ich haſſe; denn ſie wagte nicht einmal ihre Toch n ter zu küſſen, aus Furcht, dieſelbe zu zerdrücken. Wa d um ſollteſt Du Dich auch darum kümmern? Ein wenn iv verzeihliche Vielweiberei iſt ein vortreffliches Recept, durd al beſtändige Abwechſelung den Geſchmack friſch zu erhaltan in — 99— n, Der Himmel helfe mir! Wenn alle meine Weiber in allen ie Steaͤdten des civiliſirten Europa aufgezählt würden, ſo e fürchte ich, würde ich in die Türkei gehen und mich zu⸗ as nächſt neben der erhabenen Pforte einquartieren müſſen.“ Algernon Grey lächelte unwillkürlich uͤber ſeines eh Freundes Bericht von ihm ſelber, doch antwortete er 8 ernſthaft: 1„Die Sache iſt dieſe, William; wozu ich auch ein Raecht zu haben glauben mag, ſo gibt es doch e ich gewiß kein Recht habe, nämlich ein junges, heiteres, glückliches Herz unglücklich, traurig und alt zu machen — ja, alt, denn die Berührung der getäuſchten Liebe übt einen eben ſo verwelkenden Einfluß, wie die Hand n der Zeit. Nein, nein, ich habe kein Recht das zu thun!“ 1„Wahrlich, Du haſt ſehr Unrecht, mein edler Vet⸗ u ter,“ antwortete Lovet,„und biſt ungerecht gegen Dich i und Andere. Mann und Weib wurden zum Vergnügen geboren, zum Vergnügen, welches wechſelt bei jedem „Schritte, den wir thun. Es iſt meinen Augen gewiſſer⸗ maßen eine Pflicht, jedem menſchlichen Weſen, welches mit uns in Berührung kommt, ſo viel Freude zu ge⸗ 1 währen, als wir können; und ich würde eben ſo wenig daran denken, einen armen Kerl ein Mittageſſen zu ver⸗ weigern, aus Furcht, daß er morgen keins haben werde, als mich weigern, einer hübſchen Dame den Hof zu⸗ machen, die es erwartet, weil ich ſie nicht mein Lebelang 3— L* 4 Eins, wozu — 100,— lieben kann. Jedes Frauenzimmer findet Vergnügen daran, wenn man ihr den Hof macht, und ich ſage, pfui über den kargen Wicht, der ihr keinen Theil davon geben will, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Doch Jeder nach ſeiner Grille; denn dies ſind am Ende Nichts als Grillen, oder die Wirkungen der bedächtigſten Erzie⸗ hung. Aber folge Deinen eigenen Anſichten, fahre fort an dem bloßen Knochen einer ſchimmeligen Moralität zu nagen, und ſtelle Dir vor, daß es Wildpret und Ka⸗ paunen ſind. Vielleicht biſt Du am Ende Nichts weiter, als ein treuer und ergebener Ritter und Liebhaber, und der Gedanke an die ſeltene Schönheit, die Du vor vien oder fünf Jahren in England zurückgelaſſen, mag Dich vielleicht, gleich einer gewiſſen Compoſition von Sal und Salpetex in einem Pöckelfaſſe, unverdorben wie ein Ochſenzunge, aber etwas hart und verſchrumpft, erhal ten. Nun, ſie iſt ein herrliches Geſchöpf, das muß it geſtehen; und da ich Dein Vetter bin und der ihre auc ſo darf ich wohl ohne einen Verdacht der Schmeichil bekennen, daß ich ſelten eine Schönheit gleich der ihrige geſehen habe. Die Knospe iſt zur Roſe geworden, ſß Du ſie verlaſſen, und wenn ſich gleich hie und dat Dorn findet, ſo iſt doch die Blume wohl des Pflücke werth.“ 8 Algernon Grey dachte nach und antwortete in d 4 kenvollem Tone, als ob er mit ſich ſelber zu Rathe g fort,„die, welche mehr gewim 2 — 101— „Der Geſchmack iſt ein ſeltſames Ding! Wer kann einen Grund für ſein Gefallen und ſein Mißfallen an⸗ geben? Und doch muß ein Grund in dem Allen liegen. Oder iſt es der Inſtinct, William, der uns lehrt, ſo⸗ gleich das zu ſchätzen und aufzuſuchen, was für uns paſſend iſt? Es gibt mehrere Arten der Schönheit—“ „Wahr, edler Vetter,“ antwortete Lovet in ſcherz⸗ haftem Tone.* „Ja, aber zwei ſehr beſtimmte Klaſſen, welchen alle kleineren Unterſchiede können untergeordnet werden,“ fuhr ſein Freund fort.— „Vielleicht,“ verſetzte der Andere;„laß uns mehr von dieſen beiden Klaſſen hören.“ „Nun,“ verſetzte Algernon Grey,„da iſt zuerſt die Art der Schönheit, welche blendet und überraſcht— glänzend und gebietend, meine ich, nennt man ſie— das kühne, feſte Auge, die Hoheit der Juno, der Blick der feurigen Leidenſchaft, aber eben ſo hart, glänzend auch eben ſo bereit zu verwun heit beunruhigt mich mehr funkelnd wie ein Diamant, wie ein Schwert, aber oft iden. Dieſe Art der Schön⸗ „ als ſie mich anzieht, regt mich zum Widerſtande auf, anſtatt mich zu überwinden.“ „Fahre fort,“ ſagte Lovet in ruhigem aber bedeu⸗ tungsvollem Tone,„ich verſtehe.“ „Dann gibt es die andere Art,“ fuhr ſein Freund at als triumphirt, mehr 8 ſanft und heiter, als brillant iſt; die ſich mehr der Liebe hingibt, als Liebe fordert; es iſt mehr der vertrauende als der gebietende Blick; die Lippe, wo das Lächeln ſeine urſprüngliche Heimath zu finden ſcheint, das ſanfte, halb beſchattete Auge, voll von gedämpftem Licht, welches zu Zeiten die Scherzhaftigkeit des unſchuldigen Gedankens ausſpricht, unter welchem für den Nothfall höhere und ſtärkere Kräfte des Herzens und Geiſtes verborgen liegen.“ Lovet wurde ernſter, als ſein Gefährte fortfuhr, und als er endete, erwiderte er mit einiger Wärme: „Ja, in der That, eine ſolche Schönheit, wie die, darf wohl lebenslängliche Liebe gewinnen, und der müßte ein Thor ſein, der ſie fände und ſich durch irgend ein thörigtes Hinderniß abhalten ließe, ein ſo ſeltenes Juwel zu kaufen; aber es iſt ein Traum Deiner Phantaſie, Algernon. Die Einbildungskraft hat dieſe zarten Far⸗ ben angewendet und Du wirſt nie das Original des Bildes ſehen. Jeder Menſch hat in ſeinem Herzen ſein eigenes Bild der Vortrefflichkeit, welches er ſtets ſucht, aber ſelten findet. Wenn es ihm aber einmal begegnet, ſo mag er ſich wohl hüten, daß es ihm nicht wieder entgeht. Er wird nie etwas Gleiches wiederſehen. Ich bin kein Enthuſiaſt, wie Du wohl weißt— ich habe zu viel vom Leben geſehen; aber, für ſo leichtſinnig Du mich auch hältſt, Algernon, ſo kann ich Dir doch verſichern, wenn ich einmal das Weſen fände, welches mir die Phan⸗ — 103— taſte als meine Lebensgefährtin ſchon in meiner Kindheit vor Augen ſtellte, und die Hoffnung hätte, ihre Liebe zu gewinnen, ſo gäbe es Nichts auf Erden, was ich nicht hinter mich werfen würde, um die große Freude zu haben, ſie auf immer die Meine zu nennen, ja Alles — Rang, Stand, Reichthum, Achtung der Welt, alle kalten und förmlichen Lehrſätze, erfunden von Schurken und von Thoren befolgt. Ich würde Alles aufopfern. Meine eigene gewohnte Leichtfertigkeit, der Spott und Scherz heiterer Kameraden, der Tadel der Ernſten und Ehrwürdigen, die Furcht vor dem Geſchrei und dem Sgpotte und all dem eitlen Geſchwätz der Welt würde nicht mehr als eine Feder in der Wagſchaale wägen ge⸗ gen den lebenslänglichen Traum des Glücks, den eine ſolche Verbindung hervorrufen würde.“ 3 Als er ausgeredet hatte— und er ſprach mit Feuer und Lebhaftigkeit, die ihm ganz ungewohnt waren— ſtützte er ſeinen Kopf auf die Hand und verſank mehrere Ninuten lang in tiefes Nachdenken. Algernon dachte aauch nach und ſeine Betrachtung währte länger, als die ſeines Freundes, denn er war noch in tiefer Traͤumerei, als Lovet auffuhr und rief: „Aber es iſt Alles vergebens!— Komm, Algernon, laß uns nicht nachdenken— es iſt die unvernünftigſte Zeitverſchwendung, die man ſich nur denken kann. Wir ſind nur die Affen des Schickſals. Es hält uns hier in dieſem Käfig von Erde und wirft uns nabh Gefallen einige Krumen zu. Glücklich iſt, wer ſie am Schnellſten erhaſcht. Was haſt Du heute vor? Ich gehe ins Schloß, um meine Huldigung an meinem kleinen Altar darzubrin⸗ gen, wenn ich nicht vor elf Uhr von meiner Heiligen eine andere Nachricht erhalte.“ „Ich muß heute auch noch einmal hinauf,“ entgeg⸗ nete ſein Freund,„wir müſſen Beide aus Höflichkeit hinauf, um wegen des uns wiederfahrenen gnädigen Em⸗ pfanges unſern Dank darzubringen; aber vorher muß ich in die Stadt und den würdigen Doctor Heinrich Alting, dieſen berühmten Profeſſor aufſuchen, der ein alter Freund von meinem Oheim iſt, und an den er mir durch Dich einen Brief ſendete.“ „Dann kannſt Du eben ſo gut Deinen Namen am Kreuz auf dem Marktplatze ausrufen, wenn es dort eins gibt,“ antwortete Lovet;„er wird dieſen Morgen vom Katheder des Philoſophen publicirt und vor Mittag in der ganzen Stadt bekannt werden.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Andere lächelnd,„mein Oheim geht auf meine Grille ein— er liebt das Aben⸗ teuerliche. In ſeinem Briefe nennt er mich nur ſei⸗ nen jungen Verwandten Junker Algernon Grey, nd der gute Doector wird mit allem Uebrigen unbekannt bleiben.“ — 105— n„Gut, gut, mir liegt Nichts daran,“ entgegnete n Lovet;„es iſt nicht meine Sache. Ich verwandelte mich , Dir zu Gefallen in William Lovet, und obgleich der ⸗ Plan gewiß ſeine Bequemlichkeit hat für jeden, außer n für den Herrn nach der Regel und Schnur, der ihn erfunden, ſo bin ich doch bereit, morgen in meinen „ eigenen Federn zu erſcheinen, wenn es nöthig ſein ſollte.“. L„Vielleicht denkſt Du vortheilhafter zu erſcheinen, 1 Will,“ verfetzte Algernon Grey mit einer Anſtrengung heiter zu ſein.„Doch ſei deshalb ohne Furcht. Unſer geborgtes Gefieder wird aushalten, ſo lange wir deſſen bedürfen, wenn wir nur Sorge tragen, es nicht von unten zu beſchmuzen.“ „Capo di Baccho t“ rief Lobet,„ich muß Dich wie⸗ der bewundern. Der letzte moraliſch metaphoriſche Satz war eines Heiligen in braungelbem Sammet oder meiner ſchönen Couſine würdig, Algernon. Ich hege Hoffnun⸗ gen von Dir, wenn Du mit Tropen und Figuren zu verkehren beginnſt. Wenigſtens biſt Du dann nicht lang⸗ weilig, und das iſt ſchon Etwas. Jenes ruhmvolle Klee⸗ blatt Witz, Weisheit und Leichtſinn kann dann ſeinen Antheil an Dir anſprechen, und es iſt noch Hoffnung vorhanden, daß der Mann, der ſeine Jugend und die Kräfte ſeiner Jugend in kalten Büßungen verſchwendet — 196— hat, ſein Alter mit dem Feuer der Ausſchweifung zu erwärmen verſuchen wird. Es iſt ein allgemeiner Noth⸗ behelf, Algernon, und wird der Deine ſein, denn der Mann, der keine jngendlichen Thorheiten begeht, wird ſich gewiß am Ende durch ehrwürdige Laſter entſchädigen. — Aber ſtimmſt Du meinem Plane bei? Einen Monat hier— nur einen armſeligen Monat; und wenn ich meine ſchöne Dame in der Zeit nicht gewinne, ſo werde ich bereit ſein, mich fortzuſchleichen wie ein Hund, den man hinausgejagt, weil er verſucht, ein Markbein zu ſtehlen. Du kannſt mittlerweile Vorleſungen hören und von dem kahlkopfigen alten Schultetus lernen, über ſchlüpfrige Stellen hinwegzukommen.“ „Gut, bleib Du ſo lange Du willſt,“ verſetzte Al⸗ gernon Grey.„Wenn ich Veranlaſſunz dazu finde, ſo will ich eine oder zwei Tagereiſen weitergehen und Dich erwarten. Jetzt will ich gehen und dieſen berühmten Pro⸗ feſſor aufſuchen. Sollteſt Du fort ſein, bis ich zurück⸗ kehre, ſo laß Nachricht zurück, wornach ich mich richten kann.“ Mit dieſen Worten verließ er ihn, und als er ging, folgte ihm William Lovet mit den Augen, bis die Thüre geſchloſſen war. Dann verzog ein etwas bitteres Lächeln ſeine Lippe, und nach augenblicktichem Nachdenken mur⸗ melte er: „Gefangen, gefangen, oder ich müßte mich ſehr irren.— Ja, ja, ich kenne die Art der Schönheit, die Du ſo zärtlich geſchildert haſt.— Einen Monat! Bleib nur einen Monat, und wenn ich ſie richtig beurtheile, und das männliche Herz kenne, ſo biſt Du gefangen ohne Widerruf.“ Fünftes Kapitel⸗ Indem ihm ein Knecht des Gaſthauſes, wie er ge⸗ nannt wurde, in eng anſchließender Jacke, weiten, brau⸗ nen Beinkleidern und blauen Strümpfen voranging, ſchritt Algernon Grey durch die engen und gewundenen Stra⸗ ßen Heidelbergs zu der Wohnung eines Mannes, der damals durch ſeinen Witz und ſeine Weisheit berühmt war, wenn wir gleich heutiges Tages nicht mehr wiſſen, worauf ſich ſein Ruhm gründete. Obgleich es in jenen Zeiten Sitte war, daß die jungen Cavaliere mit einem langen Gefolge von Dienern, mit Schildern, Livreen und Waffen verſehen, durch die Straßen zogen, ſo begleitete den jungen Engländer doch Niemand außer dem Manne, der ihm den Weg zeigte. Zu jener Stunde des Morgens— es war jetzt beinahe elf Uhr— waren wenige Leute draußen zu ſehen; denn der Student war mit ſeinen Büchern und der Kaufmann in ſeinem Beruft pflegten, ging Algernon Grey etwa fünf Minuten fort, — 109— beſchäftigt. Die, welche ſich zeigten, waren alle in ihrem eigenthümlichen Koſtüm, welches ihre Klaſſe und ihren Rang bezeichnete. Man hätte auf jeden in der ganzen Stadt mit dem Finger deuten und ſogleich nach ſeiner Kleidung ſeine Beſchäftigung beſtimmen können. Auch war dieſes Koſtüm, welches jeder beſondern Klaſſe ſeine beſondern Kleider anwies, außer dem maleriſchen Effect, nicht ohne viele große Vortheile. Aber es iſt vergebens zu bedauern, daß dieſe Dinge verſchwunden ſind; ſie ge⸗ hörten dem Geiſte jenes Zeitalters an, einem Zeitalter, welches die Unterſcheidungen liebte; und jetzt würde bei der Verwirrung aller Klaſſen, wo keine Unterſcheidungen übrig geblieben ſind, als die des Reichthums, die Auf⸗ rechthaltung eigenthümlicher Koſtüme ein eitler Schatten eines Dinges ſein, welches nicht mehr exiſtirt. Zwiſchen engen Reihen hoher Häuſer— deren ſchmale Fenſter keine koſtbaxe Vorhänge zeigten— und hie und da durch die vor den Thüren errichteten Buden, worin die Handelsleute ihre Waaren zum Verkauf auszuſtellen und that zuweilen eine Frage an ſeinen Führer, der nie⸗ mals antwortete, ohne ſeine kleine Mütze abzunehmen und bei jedem Satze„gnädiger Herr“ oder„Euer Gna⸗ den“ hinzuzuſetzen. Es war ein neuer Zug jener Zeit und jenes Landes. 4 Endlich blieb der Mann vor der offenen Thüre eines — 110— hohen, düſter ausſohenden Hauſes ſtehen, und benachrich⸗ tigte ſeinen Begleiter, er werde den Herrn Doctor Alting im zweiten Stock finden, und indem Algernon Greh die breiten und kalten ſteinernen Stufen hinaufſtieg, fand er die Zimmer deſſen, den er ſuchte. Eine friſche, ſtämmige Hausmagd, die ſogleich ſeine fremdartige Ausſprache er⸗ kannte, und ſich demnach entſchloß, kein Wort zu ver⸗ ſtehen, was er ſagte, ließ ſich endlich bewegen, ihn zu ihrem Herrn zu führen. Der junge Engländer folgte ihr durch einen engen Gang, und wurde in ein Zimmer geführt, wie es das allgemeine Ausſehen des Hauſes ſchwerlich erwarten ließ. Es war geräumig, ſchön, mit zierlich ausgeſchnitzter Decke verſehen, und rings herum mit großen zierlich gearbeiteten Bücherſchränken umgeben, welche die koſtbare Sammlung eines langen Lebens in jeder Form und Geſtalt, von dem größten Folio⸗ bis zu dem kleinſten Duodezbande enthielt. An einem ſchweren eichenen Tiſche in der Nähe ns der Fenſter ſaßen zwei Herren von verſchiedenem Alter und Ausſehen. Der Eine war ein Mann mit weißem Haar und Bart, deſſen ſechzigſter Sommer nicht wieder⸗ kehrte. Er trug ein langes, weites Gewand von ſchwar⸗ zem Zeuge, und auf dem Kopfe, der wahrſcheinlich kahl war, eine kleine, zuſammengedrückte Sammetmütze. Sein Geſicht war ſchän und verſtändig, und unter den dichten, * 5 3 — 111— überhängenden Augenbrauen ſchien ein klares und fun⸗ kelndes Auge hervor. Der Andere trug einen Rock von Büffelleder, nicht ſehr neu, aber mit goldenen Treſſen beſetzt. Sein Mantel war einfach, von braunem Tuch, und viel neuer, als ſein Nock; und an den Füßen trug er ein Paar von jenen trichterförmigen Stiefeln, welche dazu beſtimmt zu ſein ſchienen, allen Regen oder Staub aufzufangen, welcher niederfallen oder umherfliegen mogte. Sein gewichtiges Schwert lag an ſeinem Schenkel, aber außerdem war er unbewaffnet; und ſein Hut mit einer einzigen Feder ruhte neben ihm. Er mogte etwa funfzig Jahre alt ſein. Sein ſtarkes, ſchwarzes Haar und ſein Spitzbart waren ein wenig graugeſprenkelt, doch war kein Zeichen des Verfalls an ſeiner Geſtalt oder an ſeinem Geſichte⸗ zu bemerken. Seine Zähne waren ſchön und weiß; ſein Ge⸗ ſicht rauh vom Wetter, aber nicht runzelig; ſein Körper war ſtark, groß und kräftig, und man konnte den kühnen Umriß der ſchwellenden Muskeln durch die engen Aermel ſeines Rockes ſehen. Sein Geſicht war ſehr angenehm, ernſt, aber nicht ſtrenge, gedankenvoll, aber nicht traurig; und als er ſich beim Oeffnen der Thüre raſch in ſeinem Stuhle umwendete, kam dem jungen Englaͤnder eine matte Erinnerung ſeiner Züge in den Sinn, als hätte er dieſelben, oder ſehr ähnliche, ſchon früher geſehen. Mit ſeiner gewohnten ruhigen Faſſung ging Algernon —;—;—— — 112— Grey gerade auf den Sitz des ſchwarzgekleideten Herrn zu, und überreichte ihm nach einigen Worten der Ein⸗ führung einen Brief. Doctor Alting ſtand auf, ihn zu empfangen, und richtete ſeine lebhaften grauen Augen mit forſchendem Blicke auf das Geſicht des Fremden. Er zog aber ſeinen Blick eben ſo raſch wieder zurück, ſtellte höflich einen Stuhl hin, öffnete dann den Brief, und las: 1 Im nächſten Augenblicke faßte er Algernon's Hand, drückte ſie herzlich, und rief: „So, mein Herr, Ihr ſeid alſo ein Verwandter von dieſem guten Lord, meinem alten und ſehr geachteten Freunde. Ihn je wieder zu ſehen, geht über meine Hoff⸗ nung; aber es iſt ſchon etwas, Einen ſeines Geſchlechts vor mir zu haben. Wenn ich fragen darf, was führt Euch nach Heidelberg? Wenn Ihr kommt, Gelehrſam⸗ keit zu ſuchen, ſo könnt Ihr ſie hier unter meinen ehr⸗ würdigen Collegen an der Univerſität finden. Wenn Iht Heiterkeit und Vergnügen ſucht, ſo könnt Ihr dort oben im Schloſſe gewiß zur Genüge haben; denn eine fröh⸗ lichere Schaar leichter, junger Herzen war ſelten verſam melt— wahrlich,“ fuhr er fort, indem er ſich zu den Herrn wendete, der bei ihm geſeſſen, als Algernon ein getreten war,„ſie trieben ihre Feſtlichkeit lange in de letzten Nacht. Als ich hier bei meinen Studien ſaß- es muß nach Mitternacht geweſen ſein— da führte de — 113— Wind die Muſik daher, ſo daß ſelbſt meine alten nuͤch⸗ ternen Glieder der Kitzel ankam, mich wie in meinen Knabenjahren in den Tanz zu miſchen. Es muß eine glänzende Scene geweſen ſein.“ „Dieſer Herr war auch dort,“ verſetzte der Andere, nich ſah ihn auf einen Augenblick, doch blieb ich nicht lange, denn die Muſik übt eine andere Wirkung auf mich, mein guter alter Freund, und ich begab mich wieder auf meinen Thurm, mehr in dem Geiſte eines düſtern Ein⸗ ſiedlers, als Ihr, wie es ſcheint.“ „Ich brachte die Nacht dort zu, und auch einen Theil des Morgens,“ ſagte Algernon Grey,„denn es war zwei Uhr, ehe wir unſer Gaſthaus erreichten.“ „Ich hoffe, da habt Ihr eine glückliche Nacht dort verlebt,“ antwortete Doctor Alting;„ſolche Scenen ſind das Eigenthum der Jugend; und es würde hart ſein, dem jungen Herzen alle die kurzen Vergnügungen zu verweigern, wovon das Leben ſo wenige hat.“ „Eine viel glücklichere Nacht, als viele von denen geweſen ſind, die ich an mächtigeren Höfen und unter eben ſo heitern Scenen verlebte,“ antwortete Algernon Grey.„Dort begegnete mir, was unter den Zufällig⸗ keiten der Welt ſelten geſchieht, nämlich eine Tänzerin zu haben, deren Gedanken und Gefühle vollkommen den meinigen entſprachen, eine Dame, deren Schönheit ſo blen⸗ dend wie ſie iſt, auf ein kalte Herz gefallen ſein würde, Heidelberg. Erſter Band. 3 — 114—. gleich einem Strahl des winterlichen Sonnenſcheins auf die froſterſtarrte Welt, hätte nicht ein hoher und reiner Geiſt und eine reiche und glänzende Phantaſie ihre Schön⸗ heit ſelber in ihrem vorübergehenden Glanze vergeſſen laſſen.“ „Ihr ſeid ein Enthuſiaſt, mein junger Freund,“ ſagte Doctor Alting, während der Fremde ſeine Augen mit heiterm Lächeln auf Algernon Grey richtete;„wie mogte der Name dieſes Muſters ſein?“ „Die Kurfürſtin nannte ſie Agnes,“ antwortete der junge Engländer;„und weiter fragte ich nicht.“ Der gute Profeſſor und der Fremde wechſelten einen heitern Blick und der Letztere rief: „Ihr fragtet nicht? Das ſcheint mir ſeltſam, da Ihr ſo verliebt in ſie waret.“ „Da liegt der Irrthum,“ ſagte Algernon Grey lachend,„ich war nicht verliebt; ich bewunderte, ich ach⸗ tete, ich billigte, aber das war Alles. Höchſt wehrſcheir lich werden wir einander nicht wieder ſehen, denn ich werde noch ein Jahr wandern, und dann zu meinen Pflichten in mein Vaterland zurückkehren. Der Name Annes iſt Alles, was ich bedarf, um mich an einen glück⸗ 3 lichen Abend von den wenigen, die ich je erlebte, undſt an ein Weſen voll Anmuth und Güte zu erxinnern, wel⸗ f ches ich nicht wiederſehen werde.“„ 1 1 3 d 88 — 115— „Eine ſeltſame Philoſophie,“ rief Doctor Alting, „beſonders für einen ſo jungen Mann.“ „So wandert Ihr alſo noch ein Jahr,“ ſagte der Fremde,„wenn es keine unbeſcheidene Frage wäre, mögte ich wohl wiſſen, da Ihr keine Abenteuer in der Liebe ſucht, ob Ihr denn hohe Waffenthaten zu verrichten wünſcht, wie die alten Ritter?“ „Auch das nicht,“ antwortete Algernon Grey,„ob⸗ gleich ich bereit genug bin, ſollte ſich die Gelegenheit da⸗ zu zeigen, unter irgend einer ehrenvollen Fahne zu die⸗ nen, wo meine Religion kein Hinderniß iſt, wie ich ſchon mehr als ein Mal zuvor gethan.“ „Ah!“ ſagte Doctor Alting.„So ſeid Ihr alſo Ei⸗ ner von denen— von den Wenigen— für welche die Religion ein Hinderniß bei irgend einem ihrer Pläne iſt?" „Gewiß,“ antwortete Algernon Grey.„Der Streit in ganz Europa hat mehr oder weniger die Aufrechthal⸗ tung der wahren und unverfälſchten Religion des Evan⸗ geliums gegen den barbariſchen Aberglauben der Römt⸗ ſchen Kirche zum Zweck; und welches auch der Vorwand zum Kriege ſein mag, wer in einer papiſtiſchen Armee das Schwert zieht—“ „Ficht für das Weib von Babylon,“ rief Doctor Alting lebhaft,„empört ſich gegen das Kreuz Chriſti, rägt das Banner des Drachen, früher oder ſpäͤter be⸗ ſtimmt in die tiefſte Hülle geworfen zu werden.“ 8* — 116— Bei dieſen Worten ergriff er des jungen Engländers Hand, drückte ſie herzlich, und rief: „Es iſt mir lieb, ſolche Geſinnungen von dem Ver⸗ wandten meines alten Freundes nhaſdrechen zu hören.“ „Er hegt ſie eben ſo feſt wie Ihr, wißt Ihr wohl,“ antwwortets Algernon Grey,„ſie ſind ſeiner ganzen Fa⸗ milie gemein; und ich meines Theils, ſo niedrig ich auch bin, werde ſtets bereit ſein, mein Schwert zur Vertheidi⸗ gung des Rechts zu ziehen, ſobald ſich mir die Gelegen⸗ heit dazu darbietet.“ „Die Zeit wird kommen, mein lieber Herr,“ rief der glie Mann.„Große Ereigniſſe ſtehen uns bevor und ich ſehe zum erſten Mal die Ausſicht, daß der wahre Glaube in Deutſchland wird herrſchend werden; von dort, hoffe ich, wird ſich der heilige und wohlthätige Ein⸗ fluß deſſelben über die Welt verbreiten. Ihr habt ohnme Zweifel gehört, daß in dieſem großen Reiche das Böhmi⸗ ſche Volk die Fahne der Gewiſſensfreiheit erhoben hat, Eben jetzt halten ſie eine Berathung darüber, ſich einen neuen König zu wählen, anſtatt des papiſtiſchen Tyrannen, der alle die feierlichen Gelübde verletzte, vermöge welcher allein er die Krone erhalten hatte. Wenn ihre Wahl eine weiſe und gute wird, wie ich hoffe, wenn man das Oberhaupt der Proteſtanten— mit einem Wort, weng man den Pfalzgrafen zum König von Böhmen erwäͤhl ſo wird ohne Zweifel der Geiſt des wahren Glaubent ₰ — 4117— von dem Augenblicke an ſich mit unwiderſtehlicher Macht ausbreiten und die abgöttiſche Kirche der Siebenhügel⸗ ſtadt bis in den Grund erſchüttern. Ich ſehe dieſer Wahl mit Vertrauen und Zuverſicht entgegen; ich erwarte von jedem muthigen Geiſte und jedem getreuen Herzen, daß ſie ſich zeigen, und Theil an dem guten Werke nehmen, und wenn der Name des Herrn auf unſerer Seite iſt, dürfen wir den Ausgang nicht fürchten.“ Die Unterhaltung ging eine Zeit lang auf dieſelbe Weiſe fort. Mit lebhaftem Feuer, und zuweilen nicht beſonders ehrerbietiger Anwendung der Worte der heili⸗ gen Schrift, fuhr Doctor Alting fort, ſeine eigenen Mei⸗ nungen auszuſprechen, und wurde jeden Augenblick leb⸗ hafter, beſonders wenn man die Wahrſcheinlichkeit ver⸗ handelte, daß der Pfalzgraf von den Böhmiſchen Stän⸗ den zum König könne erwählt werden. Der Herr, welcher bei ihm war, als Algernon Grey eintrat, nahm wenig Antheil an der Verhandlung, und behielt einen ernſten und etwas ſtrengen Ausdruck bei, obgleich aus den wenigen Worten, die er ſprach, hervor⸗ ging, daß ſeine religiöſen Anſichten dieſelben waren, wie die ſeiner beiden Gefährten. Er lächelte freilich über den verſchiedenen Enthuſiasmus des alten und des jun⸗ gen Mannes, und ein Mal drohte ihm Doctor Alting gutmüthig mit dem Finger, und ſagte: „Ah, Herbert! Ihr wollt, daß die Leute Euch für — 118— kalt und ſtoiſch halten, und darum handelt Ihr in kei⸗ nem Falle des Lebens wie ein anderer Mann; aber ich kenne das Feuer, welches unter dem Allen verborgen liegt.“— 2 „Feuer genug, wenn es nöthig iſt,“ antwortete Her⸗ bert,„aber nur wenn es nöthig iſt, mein guter Freund. Wenn die Truppen all ihr Pulver damit verſchwenden, zur Begrüßung zu feuern, ſo werden ſie keins mehr haben, um ihre Kanonen am Tage der Schlacht zu la⸗ den; doch da man nicht von Euch erwartet, daß Ihr den Küraß anzieht, ſo iſt es eben ſo gut, wenn ihr den Muth der Männer anfeuert, und ihre Entſchlüſſe durch Eure Beredrſamkeit befeſtigt. Nun laßt mich ruhig ſein. Es ſoll an mir nicht fehlen, wenn die Zeit kommt.“ „Ich hoffe, es wird an Niemandem fehlen,“ ſagte Algernon Grey,„doch kann ich nicht umhin, zu fuͤhlen, daß in dieſer leichtfertigen Welt Viele, auf die wir unbe⸗ dachtſam rechneten, eben ſo raſch von uns abfallen werden.“ „Nur zu wahr, zu wahr,“ ſagte Herbert kopfſchüt⸗ telnd. „Ich will es nicht glauben,“ rief Doctor Alting, „bei einem ſolchen Fürſten, einer ſolchen Sache und ei⸗ nen ſolchen Zwecke wird Jeder, der nur die geringſte Treue in ſich hat, ſeine Pflicht thun, deſſen bin ich ge⸗ —— — 119— wiß; und mögen die Falſchen gehen— wir bedürfen ihrer nicht.“ „Ihr müßt auch die Schwachen hinzufügen, mein ehrwürdiger Freund,“ ſagte Algernon Grey aufſtehend, um ſich zu entfernen;„doch ich hege das feſte Vertrauen, daß es genug Feſte und Treue in Europa giebt, um dieſe große Aufgabe zu vollenden, wenn nicht irgend ein trauriger Unfall begegnet oder ein großer Fehler began⸗ gen wird. Wir werden indeſſen ſehen, und inzwiſchen lebt wohl.“ Doctor Alting drückte ihm herzlich die Hand, fragte, wo er ihn finden könne, wie lange er in Heidelberg blei⸗ ben werde, und that alle Fragen, welche ihm die Höf⸗ lichkeit vorſchrieb; aber vielleicht empfand der ehrwürdige Doctor es nicht ganz angenehm, daß ſein junger Freund, wenn gleich nicht beleſen in Büchern und Handſchriften, eine andere Art von Gelehrſamkeit beſaß— nämlich Welterfahrung— die ihm ſelber abging. Der Herr, den er Herbert genannt hatte, ſchien anders zu denken, denn als der junge Mann ſich entfer⸗ nen wollte, ſtand er auch auf, und ſagte: „Ich will mit Euch gehen, und kann Euch vielleicht etwas Intereſſantes zeigen.“ 8 Darauf ſagte er dem Doctor Alting Lebewohl, folgte Algernon Grey aus dem Zimmer, und ſtieg ſchweigend mit ihm die Treppe hinunter. Im Schatten des Einganges fanden ſie den Knecht wartend, der den jungen Herrn dorthin geführt hatte; aber Herbert entließ ihn, und ſagte zu ſeinem Begleiter: „Ich will Euch wieder zurückführen. Wollen wir zu der Kirche hinſchlendern, oder einige von den Feſtungs⸗ werken beſuchen? Beide liegen auf unſerm Wege.“ „Nun, mit der Kirche habe ich wenig zu thun, außer wenn meine Anſichten von einem ſolchen Manne heraus⸗ gelockt werden, wie unſer gelehrter Freund; aber ich will gehen, wohin Ihr mich führen werdet.“ „Nun, ſo wollen wir langſam weiter gehen, und die Dinge mitnehmen, wie ſie kommen,“ antwortete Herbert. „Wir können kaum fehl gehen in dieſer Stadt und Um⸗ gegend, denn jeder Schritt hat ſein beſonderes Intereſſe, oder ſeine beſondere Schönheit. Es iſt ein Ort, deſſen ich nie überdrüſſig werde.“ Während er ſprach, bogen ſie in eine von den engen Straßen ein, die zu den Hügeln hinaufführte, und gin⸗ gen eben über den Schloßweg, um einen Fußweg durch den Wald einzuſchlagen, als Algernon Grey hörte, wie ihn Jemand rief. Als er ſich umwendete, erblickte er einen Herrn, der, von zwei oder drei Dienern beglei⸗ tet, mit haſtigen Schritten herunterkam, und er⸗ kannte augenblicklich den Baron von Oberntraut. Ein Gefühl— ich mögte es faſt ein Vorgefühl nennen, eine von jenen ſeltſamen und unerklärlichen Ahnungen bevor⸗ —+— — 121— ſtehender Ereigniſſe machte, daß er zu ſeinem Begleiter ſagte: „O, dies iſt der Herr, mit dem ich am letzten Abend eine Wette ſchloß. Ich werde im Augenblick wieder bei Euch ſein.“ Und er ging einige Schritte voraus den Hügel hinauf. Im nächſten Augenblick war Oberntraut an ſeiner Seite. „Ich wünſche einen Augenblick mit Euch zu reden, mein Herr,“ ſagte er. Algeron verneigte ſich, und ſchwieg. „Wir ſchloſſen am letzten Abend eine Wette,“ fuhr der Baron mit gerötheter Wange und etwas verlegener Miene fort,„meine Diener tragen eben jetzt den Betrag in Euer Gaſthaus hinunter.“ „Meinen Dank,“ antwortete Algernon Grey,„ſie werden einige von meinen Leuten dort finden, an die ſie das Geld abgeben können.“ „Ich bezahle ſtets meine Schulden, Herr,“ ſagte Oberntraut,„aber ich denke, es iſt noch eine Rechnung zwiſchen uns abzuſchließen.“ „i,“ entgegnete Algernon ruhig,„davon wußte ich Nichts. Welche mag das ſein?„ „d Herr, Ihr ſtellt Euch unwiſſend!“ entgegnete der Andere in beleidigendem Tone.„Mit einem Worte alſo, wir geſtatten nicht fremden Herren hierher zu kom⸗ men, uns unſer Geld abzugewinnen, und unſern Damen den Hof zu machen, ohne daß ſie einen Kampf beſtehen müſſen. Verſteht Ihr mich jetzt?“ „ Vollkommen,“ antwortete der junge Engländer la⸗ chend,„ſolche Worte ſind wohl zu verſtehen, und da ich wünſche, daß Jedem ſein Wille geſchehe, ſo kann ich Euch verſichern, daß ich Eure Erwartung nicht vereiteln will. Aber zugleich können wir eine Sache dieſer Art ohne Wärme und mit allen Höflichkeiten ausführen. Ich weiß nicht, wie ich Euch beleidigt habe; aber darnach frage ich nicht, es iſt vollkommen hinreichend, daß Ihr Euch beleidigt fühlt, und ich will Euch eine ſolche Genug⸗ thuung geben, als Ihr nur wünſchen mögt.“ „„Ich danke Euch, Herr,“ verſetzte der Andere in gemäßigterem Tone.„Wann und wo wird es geſchehen?“ „Nun, das muß ich Euch überlaſſen,“ antwortete der junge Engländer,„ich will nur zwei Bedingungen machen: daß es bald geſchehe, und daß wir keine andern Perſonen in unſern Streit verwickeln. Ich habe nur einen Freund hier, und da ſich derſelbe in unſerm Va⸗ terlande etwas zu ſehr bei Zweikämpfen ausgezeichnet hat, ſo mögte ich ihm gern jeden Antheil an meiner An⸗ gelegenheit erſparen.“ 4 31. „Es geſchehe, wie Ihr wollt,“ verſetzte der Baron, nauf jeden Fall wird es beſſer ſein, Pem wir gllein ſind * — 123— und einen Platz wählen, wo wir nicht geſtört werden.— Laßt mich nachdenken.— Ja, ſo iſt's recht.— Wollt Ihr mich morgen auf der Brücke treffen, jeder von ei⸗ nem einzigen Pagen begleitet, den wir nach unſerem Ge⸗ fallen zurücklaſſen können? Ich will Euch an einen ſichern und verborgenen Platz führen, wo wir guten Ra⸗ ſen und Raum genug haben werden.“ „Ich bin damit einverſtanden,“ antwortete Algernon, Grey.„Aber warum nicht heute? Ich bin völlig dazu bereit.“ „Ich habe aber noch vorher eine Reiſe von einigen Stunden zu machen,“ verſetzte der Baron;„nein, mit Eurer gütigen Zuſtimmung laßt es morgen geſchehen, und die ſicherſte Stunde wird kurz vor Anbruch der Nacht ſein. Kommt etwas früher zur Brücke, denn wir haben noch eine kleine Strecke zu gehen— bloß mit un⸗ ſern Schwertern, nicht wahr?“ „Wie Ihr wollt,“ ſagte der Andere.„So ſei es alſo— ich werde nicht verfehlen, mich in der Dämme⸗ rung einzuſtellen— guten Morgen, Herr.“ Hierauf wendete er ſich um und näherte ſich wieder ſeinem neuen Bekannten Herbert mit unbefangener Miene. Herbert ließ ſich aber nicht gänzlich täuſchen. Er war in der Entfernung von etwa fünf Schritten ſtehen geblieben, wo ihn der junge Engländer verlaſſen hatte, und wo der größte Theil der Unterredung unhoͤrbar war; — — 124— aber er kannte den Charakter Eines von Beiden genau, und errieth den des Andern. Auch hatte Algernon Grey ſeine letzten Worte, die ihm als unbedeutend erſchienen, in lauterem Tone geſprochen, und Herbert hatte ihn deutz lich ſagen hören:„Ich werde nicht verfehlen, mich in der Dämmerung einzuſtellen— guten Morgen, Herr.“ Die Ausdrücke waren an ſick unbedeutend und konnten ſich auf irgend eine zufällige Verabredung beziehen; aber Herberts Augen waren auf Oberntrauts Geſicht gerichtet geweſen, der ihm gegenüberſtand, und er deutete den Aus⸗ druck deſſelben, wenn nicht mit Zuverläſſigkeit, doch gu wiß nicht unrichtig. Als die Beiden ſich trennten, nahm der Baron ſei⸗ nen Federhut vor Herbert ab, welcher ſeinen Gruß kalt erwiderte. Als Algernon und ſein Begleiter den Hügel hinaufgingen, wurde einige Secunden kein Wort geſpro⸗ chen, und dann begann der junge Herr von gleichgülti⸗ gen Dingen zu reden, indem er glaubte, ein längeres Schweigen könne verdächtig werden. Herbert antwortete nicht, ſondern fuhr fort nachzudenken, bis er endlich, als ob er nicht im Geringſten auf die Worte geachtet habe, die in den letzten zwei oder drei Minuten geſprochen wor⸗ den, plötzlich in ein trockenes Lachen ausbrach, und ſagte: 8 „So iſt es Euch alſo bereits gelungen, einen Streit zu bekommen.“ — 125— „Nein, nicht ſo,“ antwortete Algernon Grey,„wenn du,.; A 9 Ihr meint mit dem Baron von Oberntraut, ſo kann n, ich Euch verſichern, daß kein Streit zwiſchen uns obwal⸗ tet. Ich weiß von keiner Beleidigung, die ich ihm ange⸗ than, und ich meines Theils kann mit Wahrheit ſagen, daß mir auch keine widerfahren iſt. Wir hatten eine Wette gemacht, die ich gewann, und er ſcheint vielleicht ein wenig ärgerlichz doch was geht das mich an?“ Herbert blickte gedankenvoll auf den Boden, indem er weiter ging; nach einer Weile aber blieb er ſtehen und fragte eben ſo plötzlich wie vorher: „Habt Ihr viele Freunde an dieſem Orte?“ „Nein, ich bin erſt achtzehn Stunden hier,“ ant⸗ wortete der Andere;„glücklich iſt der Mann, der ſich vieler Freunde rühmen kann, müßte er auch über die ganze Erde reiſen und ſie aus allen vier Welttheilen aus⸗ leſen. Ich habe Niemand innerhalb dieſer Mauern, der den Namen verdient, außer dem, der mit mir gekom⸗ men iſt.“ „Nun,“ verſetzte der Andere,„ſollter Ihr bei einer wichtigen Gelegenheit eines Freundes bedürfen, ſo wißt Ihr, wo einer zu finden iſt, der zu ſeiner Zeit einige harte Schlaͤge hat austheilen ſehen.“ „Ich danke Euch ſehr und verſtehe Euch recht,“ ſagte Algernon Grey;„ſollte ich ſolcher Hülfe bedürfen, ſo könnt Ihr Euch darauf veriagſſen, ich werde mich an 4 Euch und an keinen Andern wenden. Aber für jetzt, glaubt mir, habe ich keinen Streit.“ „Was? Nicht in der dämmer ung?“ fragte Her⸗ bert lachend, pfiff dann eine Stelle aus einer Engliſchen Arie und fügte hinzu:„Wollt Ihr dieſen Abend eine oder zwei Stunden mit einem alten Soldaten zubringen, mein junger Freund?“ „Sehr gern,“ verſetzte Algernon Grey über den Verdacht lächelnd, der, wie zer ſah zu der Einladung veranlaßte.„Wann ſoll ich kommen? Meine Zeit iſt ganz frei.“ „O, ſo kommt eine Stunde vor der Dämmerung,“ antwortete Herbert,„und bleibt da, bis die Schloßuhr zehn ſchlägt, iſt Euch das genehm?“ „Ohne Zweifel,“ ſagte der junge Engländer,„ich werde keinen Augenbliek zu lange ausbleiben, obgleich ich ſehe, daß Ihr Argwohn gegen mich hegt. Aber wo ſoll ich Euch finden? Und nach wem ſoll ich fragen?“ „Ich habe mich getäuſcht oder Ihr betrügt mich,“ antwortete Herbert mit biederm Ausdruck und in Eng⸗ liſcher Sprache;„aber kommt auf jeden Fall. Ihr wer⸗ det mich im Schloſſe finden— fragt nach Oberſt Her⸗ bert oder nach dem Engliſchen Ritter. Man wird Euch ſchon zeigen, wo ich wohne.“— „Gewiß werde ich mich einſtellen,“ entgegnete Alger⸗ non;„ich wußte nicht, daß Ihr ein Landsmann wäret; 1 — 127— doch da wird der Abend nur um ſo angenehmer verge⸗ hen, denn wir werden gemeinſchaftliche Gedanken, ſo wie eine gemeinſchaftliche Sprache haben; und um die Wahrheit zu ſagen, obgleich dieſes Deutſch eine ſchöne Sprache iſt, ſo iſt es mir doch, da ich ſie ſchlecht ſpreche, wie einem von den Taſchenſpielern, die wir auf den Jahrmärkten eine Sarabande in Feſſeln tanzen ſehen.“ „Ihr ſprecht ſie gut genug,“ antwortete ſein Be⸗ gleiter,„und es iſt eine ſchöne reiche Sprache; doch bei Hofe, bei der gewohnten Leichtfertigkeit ſo leichter Orte, ſchätzen ſie nicht ihre eigene geſunde Sprache. Sie müſ⸗ ſen wahrlich ein Gericht Franzöſiſch haben, und wenden eine Sprache an, die ſie nicht zur Hälfte verſtehen, und die, wenn ſie ſie auch verſtänden, nicht halb ſo gut iſt, wie ihre eigene— eine arme, klägliche, lispelnde Sprache gleich dem Winde, der durch ein Schlüſſelloch bläſt, ohne die Melodie des Italieniſchen, ohne die Größe des Spaniſchen, ohne die Fülle des Deutſchen oder die Kraft des Engliſchen.“ „Es iſt aber immer eine gute Sprache für die Con⸗ verſation,“ verſetzte Algernon Grey, der gern jeder Spur folgte, die ihn von dem vorher beſprochenen Gegenſtande intfernte. „Dinge in doppeltem Sinne zu ſagen, die Ohren leichtfertiger Weiber zu kitzeln und ſchlechte Scherze über Lute Gegenſtär-. e A.e“ Herſekzto Herbert. deſſen John Bull⸗Vorurtheile etwas ſtark zu ſein ſchienen,„das iſt Alles, wozu es gut iſt.— Nun, ſeht hier,“ fuhr er fort, als ſie einen hohen Punkt des Hügels erreichten, „ſaht Ihr je einen ſo ſchlecht befeſtigten Ort, wie die⸗ ſen? Es iſt freilich nicht viel damit zu thun, denn es ſind rings umher ſo viele zugängliche Punkte, daß 6 ein Königreich koſten würde, wollte man eine Feſtung daraus machen. Doch wenn der Kurfürſt nur die Hälfte von dem, was er wegwirft, um jenen dummen Garten da anzulegen, zur Verſtärkung ſeiner Reſidenz gegen ſeine Feinde anwenden wollte, ſo mögte ich es unternehmen, ſie Jahr und Tag gegen jede Macht zu halten, womit König oder Kaiſer anrücken würde.“ „Etwas könnte freilich geſchehen,“ antwortete der junge Engländer;„aber es würde nie ein ſtarker Plat werden, da er von allen dieſen Bergen kann beſtrichen werden. Wenn man ſie bis zum GiWpfel befeſtigte, würde man einer Armee bedürfen, um ſie zu beſetzen.“ „Ja, das iſt der Fehler, den die Ingenieure bit zum letzten Tage begehen werden, glaube ich,“ antwot tete Herbert, der ſeine eigenthümlichen Anſichten von allen Dingen hatte.„Sie denken, ſie müſſen jeden he⸗ hen Punkt befeſtigen. Aber es gibt noch eine anden und ſichrere Art ſie zu decken. Man mache ſie unzugäng lich für die Artillerie; das iſt Alles, was erforderlich iſt, und dann bedürfen ſie keiner weiteren Vertheidigung .— 429 Im Gegentheil werden ſie zu Waͤllen, die, von keinen Kugeln zerſtört werden. Es gibt keine ſo gute Schutz⸗ wehr, als eine Felswand. Dieſer unſinnige Gartenknecht, dieſer Salomon de Caux, der dort arbeitet, hat ein halbes Thal ausgefuͤllt, einen halben Berg herunterge⸗ worfen, und dieſelbe Arbeit und daſſelbe Geld, auf an⸗ dere Weiſe angewendet, würde jeden Punkt unzugänglich gemacht haben, von wo man ein Feuer auf das Schloß hätte eröffnen können.— Aber ſeht dort, Pferde ſind vor dem Thor verſammelt und Männer in goldbetreßten Wämſern. Der Fürſt und ſeine ſchöne Dame und alle die wilden Jungen und Maͤdchen des Hofes gehen auf eine Expedition— ich muß ſo ſchnell ich kann hinunter⸗ eilen, denn ich muß mit Jemand dort reden, ehe ſie gehen.— Erinnert Euch der Stunde und bleibt nicht aus. Könnt Ihr den Weg zurückfinden?“ „Ja, fürchtet Nichts,“ antwortete Algernon Grey, nich werde dieſen Abend bei Euch ſein.“ Und die Hand gegen ihn ſchwenkend, eilte Herbert zum Schloſſe hinunter Sechstes Kapitel. „Tony,“ rief der Page im Thorwege des goldenen Hirſches ſtehend und ſich halb umwendend zu einer Art von bedecktem, halb eingeſchloſſenem Schuppen oder Bude auf dem Hofplatze, wo der Engliſche Bediente, der die beiden Reifenden auf ihrer Reiſe nach Heidelberg beglei⸗ tet hatte, ein Paar von den ſilbernen Steigbügeln putzte, „hier iſt ein Mann, der nach Mylord fragt, und ich kann kein Wort von dem herausbringen, was er ſagt.“ „Was will er?“ rief Tony aus dem Schuppen, indem er ſo ſtark rieb, als wenn ſein Leben davon ab⸗ hing, die Steigbügel noch glänzender zu machen, als der Reitknecht ſie hatte machen können.“ „Ich kann es nicht ſagen,“ verſetzte der Knabe; „doch es ſcheint, als will er mir Hundert Kronen geben.“ „Nimm ſie, nimm ſie,“ verſetzte der Mann mit wei⸗ ſem Blicke,„nimm ſie und thue keine Fragen. Ich will — Dir was ſagen, Frill, nimm ſtets Geld, wenn Du Etwas bekommen kannſt. Es kommt langſam, geht raſch wieder fort und nennt keinen Menſchen lange Herr; ein ſehr veränderlicher Diener, aber ein ſehr nützlicher, ſo lange wir ihn haben; und es iſt nicht zu fürchten, daß er in unſerm Dienſte alt werde. Sage dem Manne nicht, daß Du Franzöſiſch ſprichſt, ſonſt mögte er Dir unangenehme Fragen vorlegen. Stecke ein und ſchweig; das iſt die Art, wie mancher Mann in der Welt groß wird.“ Der Rath wurde in ſo ſcherzhaftem Tone ertheilt, daß man wohl ſah, es ſei nicht die Abſicht, daß der⸗ ſelbe genau ſolle befolgt werden. Der Page nahm die Kronen, hielt ſie vor den Augen des Mannes empor, der ſie brachte, und ſagte: „Für Algernon Grey? „Ja, ja,“ ſagte der deutſche Bediente,„für Al⸗ gernon Grey.“ Dann fügte er noch einige Worle hinzu, die, ſo viel der Page wußte, eben ſo gut Shriſch ſein konnten, entfernte ſich dann und ließ das Geld in den Händen des Knaben. Sobald er fort war, kehrte Freville oder Frill, wie er in vertrautem Geſpräche von der Dienerſchaft genannt wurde, zu ſeinem Kameraden zurück und zählte ganz 9.* „ 433— ruhig das Geld auf dem Bret, welches den einzigen Tiſch in dem Schuppen bildete. „Ich muß dies Jemandem aufzuheben geben, bis mein Herr zurückkehrt,“ ſagte er.„Willſt Du dafür Sorge tragen, Tony?“ „Nicht ich,“ verſetzte der Bediente; nich ſpreche das Vaterunſer loden Morgen und jeden Abend; zuerſt, mich am Tage vor Verſuchung zu bewahren, und zum zwei⸗ ten Mal, mich bei Nacht davor zu ſchützen. Ich will Nichts davon, Jungherr Frill; es iſt eine gute Summe und zu viel für eines armen Mannes Taſche, beſonders wenn die Oeffnung weit und der Boden etwas durchlö⸗ chert iſt.“ „Dann will ich es zu Sir William hinaufbringen,“ ſagte der Knabe;„denn ich will es nicht ſelber behalten. Da würde ich meines Herren Geld in zu große Gefahr bringen. Selbſt jetzt ſchon werden meine Finger etwas klebrig, als hätte ich die Naſen der Kaſtanienblüthen an⸗ gefaßt.“ 3 „Geh, Du biſt ein nichtsnütziger junger Schurke,“ antwortete Tonh;„was haſt Du mit den Naſen von anderer Leute Kindern zu thun; Du wirſt genug mit Deiner eigenen zu thun haben, wenn ich mich nicht irre; was aber das Geld betrifft, ſo glaube ich, iſt es in Deiner Taſche eben ſo ſicher, wie in Sir Williams Taſche.“ 3 „Du denkſt doch nicht, daß er es behalten würde, Tony?“ ſagte der Page in fragendem Tone. „Was das Behalten betrifft,“ antwortete Tony, „das hängt von den Umſtänden ab. Er konnte nie das Seine behalten, warum ſollte er denn das anderer Leute behalten? Aber unter uns, Frill—“ und er dämpfte ſeine Stimme, als wollte er nicht gehört werden— „unſer junger Lord wird nicht viel durch Sir Williams Geſellſchaft gewinnen. Wir befanden uns ſehr gut ohne ihn; und wenn er ſich vielleicht nicht herablaſſen wird, meines Mylords Taſche von hartem Golde zu befreien, ſo kann er ihm doch nehmen, was man nicht für Gold kaufen kann. Ich habe eine ſtarke Vermuthung, daß er nicht allein aus Liebe zu ihm kam. Wenn das wäre, warum kam er da nicht ſchon lange vorher? Aber ich erinnere mich ſeiner noch recht wohl als Knabe, welch ein liſtiger Teufel er damals warz ſo voll von Ränken wie eine Piſtaziennuß. So behängte er die Speiſekam⸗ merluke mit Draht, gleich einer Vogelfalle, und als der alte Jonas ſeine Hand herausſtreckte, fiel ſie nieder und ſchlug ihm beinahe die Finger ab.“ Dies war ein Spaß, der gerade dem Verſtändniß des Knaben entſprach, und er brach über dieſe Anekdote in ein lautes Lachen aus. „Ja, ja,“ fuhr Tony fort,„man hätte es als einen wilden Bubenſtreich hingehen laſſen, doch wußten — 434— wir, daß er einen Groll auf Jonas hatte, der ihm einſt, als er durſtig geweſen, ein Glas Glühwein verweigert und ihn nur einen Krug Bier geben wollen.— Aber Seide und Atlas! Wer iſt das, der da auf den Zehen angetrippelt kommt, mit Roſetten und Degengehänge ſo groß, daß ſie ihn verſchlingen könnten? Es iſt ein Page vom Hofe, glaube ich. Geh zu ihm, Frill, geh zu ihm! Rede Franzöſiſch mit dieſem, denn er ſieht aus, als nähre er ſich von Confect und Gewürzwein; und Nichts geht bei ihm hinunter, darauf kannſt Du Dich verlaſ⸗ ſen, was nicht mit Franzöſiſch gewürzt iſt.“ Den Rath ſeines Kameraden befolgend, trat Frill vor und die beiden Pagen trafen in der Mitte des Hof⸗ platzes zuſammen, wo ſie ſtehen blieben und einander Verbeugungen und Complimente machten, mit einer Ue⸗ bertreibung der Höflichkeit, wohei der gute Tony faſt vor Lachen erſtickt wäre.“ „Mein Himmel, welch ein paar Affen!“ rief er. „Man nehme ihnen nur die Mäntel ab und ſtecke einen Schweif durch ihre ſeidenen Beinkleider, ſo hat man das Thier ſo gut, wie im Puppenſpiel. Man ſehe nur das kleine Ungeheuer Frill, hat er ſich nicht zu einer Stel⸗ lung zuſammengewickelt, in der er ſich nicht behaupten kann, ſo lange ich vier zähle. Nun iſts auch zu Ende, und er dreht ſich nach der andern Seite.— Was will er, Frill?“ fuhr er mit lauterer Stimme fort.„Rede b — 4135— mit ihm, Junge, und ſchneide keine Fratzen wie ein Affe.“ „Er kommt vom Schloſſe,“ antwortete Frill ſich umwendend, ſehr zufrieden mit der Grazie, die er ge⸗ zeigt,„um Mylord und Sir William zu bitten, ſich dem Hofe bei der Luſtfahrt nach Schönau anzuſchließen.“ „Sage ihm, Herr Algernon Grey ſei aus und der Himmel wiſſe, wann er zurückkehren werde,“ rief Tony, dem die hofmänniſche Miene der Pagen läſtig wurde.„Was ſchwatzt der Teufelsbraten jetzt?“ fuhr er fort, als Frill die vorgeſchriebene Antwort ertheilt hatte und eine Erwiderung und tiefe Verbeugung dage⸗ gen erhielt. „Er ſagt, da muß ich es Herrn William Lovet ſa⸗ gen,“ verſetzte der Page, und indem er den andern Jüngling mit vielen Verbeugungen bis zu der Schwelle des Thorweges zurückführte, nahm er Abſchied von ihm nach einigen weiteren höflichen Reden von der einen und Inſtruktionen von der andern Seite. „So,, jetzt geh und ſag es Sir William,“ ſagte Tony, als der Knabe wieder zu ihm kam,„und lege das Geld im Zimmer unſeres Herrn auf den Tiſch.— Und horch, Frill, Du darfſt auch wohl eben ſo gut ein Auge auf Sir Williams Handlungen haben. Ich hege Zweifel, Frill, ich hege Zweifel, und ich mögte wohl wiſſen, wornach er ſtrebt, denn ich kann nicht umhin zu 7 - denken, daß Etwas mehr unter ſeinem Wamms iſt, als Gottes Wille und ein gutes Gewiſſen.“— „Wenn ich denken könnte, daß er Mylord Etwas zu Leide thun wolle,“ antwortete der Knabe kühn,„ſo würde ich ihm meinen Dolch in die Rippen ſtoßen.“ „Pah, Unſinn, ſtich ihn mit einer Nadel oder einem Pfriemen,“ antwortete Tony,„Du würdeſt ihm Blut abzapfen und ihn gegen die Frühlingszeit nur noch fie⸗ berhafter machen. Nein, nein, mein Junge, er wird Dir keine Veranlaſſung dazu geben; aber ein Menſch kann zuweilen durch ein einfaches Wort mehr ſchaden, als mit einem bloßen Schwerte— doch ich will ihn beobachten; thue Du es auch, und wenn Du Etwas ent⸗ deckſt, ſo theile es mir mit.— Nun fort mit Dir, fort mit Dir, und ſage es dem guten Manne droben; denn wenn er ſich nicht beeilt, ſo wird er nicht zur rechten Zeit kommen und dann werden Deine jungen Knochen wahrſcheinlich leiden müſſen.“. Der Page ging um zu gehorchen, doch hatte er kaum den Thorweg erreicht, als William Lovet die Treppe herunterkam und laut nach ſeinem Pferde rief: Die Mittheilung des Pagen ſchien aber eine Verän⸗ derung in ſeiner Abſicht hervorzubringen, und nachdem er einige Augenblicke ſtehen geblieben war, um nachzu⸗ denken, trat er wieder ins Haus, befahl Alles für ihn bereit zu halten, damit er ſich der Begleitung Friedrichs und Eliſabeths anſchließen könne, ſobald er ſie den Hü⸗ gel herunterkommen höre. William Lovet war in der Einſamkeit ſeines eigenen Zimmers ein ganz verſchiedener Mann, als in der Ge— ſellſchaft ſeines Vetters. Er wartete jetzt einige zwanzig Minuten und dachte jeden Augenblick die Annäherung der Cavalcade zu hören, die an den Fenſtern vorüber⸗ kommen ſollte; aber er gab keine Ungeduld zu erkennen, keine verliebte Haſt, zu der Dame zu kommen, auf de⸗ ren Vorſchlag er, wie er nicht zweifelte, die Einladung erhalten. Er ſaß am Tiſche, ſein Hut lag vor ihm, er hatte ſeinen Degen aus der Degenkoppel genommen, ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. Seine Augenbrauen waren zu⸗ ſammengezogen und dem Anſcheine nach ſchwer von dü⸗ ſtern Gedanken, und ſeine Hand ſpielte unbewußt mit den Locken ſeines langen dunklen Haares. Gleich vielen Männern mit ſtarken Leidenſchaften, die ihre Zunge ſorg⸗ fältig bewachen, wenn irgend ein anderes menſchliches Weſen zugegen iſt, um ihre Worte zu hören und ihre Bemerkungen darüber zu machen, die aber ſchmerzlich den ihnen auferlegten Zwang fühlen, war er gewohnt, wie zur Erleichterung, die Geheimniſſe ſeines Herzens zu Zeiten frei zu laſſen, wenn er vollkommen gewiß zu ſein glaubte, daß ſie kein anderes Ohr, als das ſeine, erreichen würden. Und dies war einer von den Augen⸗ — 138— blicken, wo die Wirkungen ſeiner kräftigen Vorſätze ihn nöthigten, ſich der gefährlichen Gewohnheit hinzugeben. Es war kein langes und zuſammenhängendes Selbſtge⸗ ſpräch, kein lauter und heftiger Ausbruch der Leiden⸗ ſchaft, ſondern abgeriſſene Sätze— als ob ein Theil ſeiner Gedanken ſich in Worte kleiden wollte und plötzlich unterbrochen wurde, ehe ſie vollſtändig waren— kamen getrennt und in murmelnden Tönen von ſeinen Lippen. „Dies Mal muß es gelingen,“ ſagte er, verſank dann wieder in Nachdenken und fuhr etwa eine Minute ſpäter fort:„Wenn es nicht geſchieht, ſo muß man Mittel finden, daß es geſchieht— die Zeit iſt ſehr kurz — in einem Jahre kehrt er zurück! Man denke nur, daß er volle vier Jahre unter Allem, was einen Mann in Verſuchung führen könnte, zugebracht hat!— Er muß von Stein ſein— aber jetzt iſt er getroffen, oder ich müßte mich ſehr irren— ich muß dieſes Weib bewe⸗ gen, mir zu helfen— ſie zum Werkzeuge machen, wo ſie zu erobern glaubt! Ha, ha, ha!“ Und er lachte laut. „Ich will es nimmer aufgeben, bis es vollendet iſt.— Es kann noch Viel koſten, denn er iſt nicht leicht zu lei⸗ ten, das iſt klar.— Beiſpiel, Beiſpiel! Daran hat es ihm immer gefehlt. Wir wollen ſeinen Geiſt daran ge⸗ wöhnen— ihn zähmen, wie ein junges Füllen, welches ſich anfangs von der Hand losreißt, ſich aber bald von jedem Kinde ſtreicheln läßt.— Ja, er iſt auf gutem 1 Wege, wenn er nicht pkötzlich einen Schrecken bekommt und davoneilt; aber gewiß werden wir in der weiten Welt der Zufälligkeiten Etwas finden, was, durch ge⸗ ſchickte Handhabung verbeſſert, ihn hier zurückhalten wird, bis jenes ſchimmernde Gewebe von Goldfaden, das Lic⸗ besnetz genannt, um ihn zugezogen iſt— dann mag der arme Hirſch kämpfen, ſchnauben und umherfahren, er wird es nicht ſo leicht durchbrechen, und der Preis iſt mein.“ Seine weiteren Gedanken wurden durch ein Klopfen an die Thuͤre unterbrochen. „Herein,“ ſagte er und rief dann erſtaunt, als der Gegenſtand ſeiner Betrachtung vor ihm ſtand.„Ei, Algernon, Du biſt ſehr ceremoniös geworden.“ ich glaubte, Du wäreſt nicht allein,“ ant⸗ h Algernon Grey lachend,„denn ich hörte wenig⸗ ſtens. Stimme reden; und bei einem Herrn von Deiner Lebensweiſe kann man niemals ſagen, wie läſtig ein Beſuch ſein kann.“ „Pah,“ rief Lovet,„es iſt eine ſchlechte Gewohn⸗ heit, die ich von meiner Mutter angenommen habe. Wir raſchen und gedankenloſen Leute, ungleich Euch ru— higen und vorſichtigen, können die Geheimniſſe unſerer Bruſt nicht in der ſichern Kapſel unſeres Herzens ver⸗ ſchließen. Wir müſſen unſere Gedanken ausſprechen, von welcher Art ſie auch ſein mögen; und wenn wir Nie⸗ mand finden, dem wir ſie erzählen können, ſo erzählen wir ſie uns ſelbſt.“ „Auf jeden Fall der ſicherſte Vertraute,“ antwor tete Algernon Grey.„Was gibts, Knabe?“ fuhr er zi dem Pagen gewendet fort, der ihm ins Zimmer gefolg war und auf eine Gelegenheit mit ihm zu reden wartete „Zu Befehl, edler Herr,“ verſeßtt der Page,„ein Mann mit einem Schilde auf dem Arm brachte Hundert Kronen hieher, woher oder warum konnte ich nicht her— ausbringen, denn er verſtand weder Franzöſiſch noch Engliſch; doch ſagte er ganz deutlich Algernon Grey, und ſo legte ich das Geld in Eurem Zimmer auf de Tiſch. „Ich verſtehe,“ verſetzte ſein Herr.„Was veiter „Ein Page vom Hofe, Herr,“ antwortete der Knabe,„ein ſehr galanter junger Mann, voll feiner Eſſenzen und ſchöner Redensarten, in Seide gekleidet und mit einem großen Ueberfluß von Bändern—„) „Bei meinem Leben, da muß er das wahre Eben⸗ bild von Dir geweſen ſein, Frill,“ rief ſein Herr la⸗ chend. Dann wendete er ſich zu ſeinem Gefährten und fügte hinzu:„Dieſer Knabe hat Sydney und Lillh oder irgend einen ondern hochtrabenden S Schriftſteller ſtudirt. Nun, zierlichſter Frill, was ſagte Dein zierlicher Freund?“ „Er überbrachte eine Botſchaft vom Hofe und lud die Herren Algernon Grey und William Lovet ein, ſich der Luſtpartie nach Schünau anzuſchließen,“ antwortete der Page.„Sie wollten in einer halben Stunde am Gaſthofe vorüberkommen.“ „Und wie benahm ſich dieſer geniereiche Jüngling?“ fragte Algernon Grey. „O, mit wunderbarer Feinheit, Mylord,“ verſetzte der Page;„er wendete jede Erfindung der Höflichkeit an, die ſein Genie ihm eingeben konnte.“ „Aber die Sprache, Junker Frill, die Sprache?“ rief Algernon.„Wenn Du den Einen nicht verſtehen konnteſt, wie konnteſt Du denn den Andern verſtehen?“ „Er ſprach mit der äußerſten Fertigkeit Franz zöſiſch,“ verſetzte der Knabe. „Komm, Algernon, Du verſchwendeſt nur Zeit,“ rief Lovet,„rufe Deine Pferde und Deine Leute herbei, oder Du wirſt zu ſpät kommen.“ Algernon Grey dachte einen Augenblick nach, und erwiderte dann: „Ich gehe nicht, William.“ „Du gehſt nicite⸗ rief ſein Freund.„Ei, Du kannſt nicht umhin, wenn Du nicht der große Bär von Eng⸗ land willſt genannt werden. In jedem Lande der Welt wird eine ſolche Einladung von einem Fürſten als ein Befehl betrachtet.“ „Welche Antwort ertheilteſt Du, Frill?“ fragte ar⸗ gernon Grey. „Ich ſagte, was Tony mir ſagte,“ verſetzte der pe ge,„nämlich: Herr Algernon Grey iſt aus, und der Himmel weiß, wenn er zurückkehren wird.“ „Ich werde nicht gehen, William,“ wiederholte der junge Herr in nachdenkendem Tone,„ich habe meine ei⸗ genen Gründe und werde gewiß heute nicht ausreiten.“ „Da willſt Du Dich entweder duelliren, einer Dame den Hof machen, oder in der ſtillen, und zarten Einſam⸗ keit Deines Zimmers im Gaſthauſe Dich der ſüßen Be⸗ trachtung der Knöchel Deiner Dame hingeben,“ verſetzte William Lovet ſeinen gewohnten ſcherzhaften Ton wieder annehmend.„Mich dunkt, ich ſehe Dich da ſitzen, den Zeigefinger Deiner rechten Hand ſanft an die zarte ju⸗ gendliche⸗Wange gedrückt, die Augenbrauen erhoben, das eine Auge zum Himmel, das andere mit einem leichten poetiſchen Schielen zur Erde gerichtet, während ſich Deine Bruſt von Seufzern hebt, wie ein Topf mit ſiedender Fleiſchbrühe. Ei, Algernon, wirf dieſe Launen von Dir, oder werde ſogleich ein Einſiedler: Lebe wie andere Män⸗ ner, und gehe nicht auf der Welt umher, als ob Deiner Großmutter brocatner Unterrock immerdar über Deinem Kopfe hinge, gleich einem Lichtlöſcher, der die Flammef der Jugend, der Geſundheit, der Stärke, der Liebe und des Lebens ausgelöſcht. Blicke um Dich, und ſieh, ob Du einen einzigen Mann Deines Alters finden kannſt, der freiwillig auf ſeinen Schultern ſo viel Scrupeln um⸗ — 14 herträgt, als nöthig ſind, den Packen eines Hauſierers — 143— mit Waaren anzufüllen, ſo locker und werthlos, wie er deren nur je enthalten. Sei ein Mann, ſei ein Mann! Deine Knabenjahre ſind doch wahrhaftig vorüber, und Du haſt die Ruthe des Schulmeiſters nicht mehr zu fürchten, wenn Du Dich etwas über das Spannſeil des Schürzenbandes Deiner Mutter entfernſt.“ Algernon Grey lächelte ruhig, nickte aber blos mit dem Kopfe, und ſagte dann: „Ich werde nicht gehen, Lovet, Du magſt lachen, ſo viel Du willſt. Wenn ich durch einen Scherz von meinem Vorhaben könnte abgebracht werden, ſo würde ich mich in der That für einen Knaben halten. Das wirſt Du endlich finden, guter Freund. Aber horch! Da kommen die Trompeten; geh, und das Glück, begleite Dich. Laß ſein Pferd herausführen, Frill, damit er nicht mein bäuriſches Weſen nachahme und die fürſtliche Ge⸗ ſellſchaft warten laſſe.“ „Run, ehrwürdigſter Vetter, will ich Dir einen gu⸗ ten Morgen wünſchen,“ rief Lovet achſelzuckend.„In Deinen feierlichen Gebeten und dem andächtigen Ergießen des Herzens erinnere Dich Deines armen ſündigen Vet⸗ ters, und erflehe beſonders, daß er das Böſe ſeiner Wege nicht ſehen, und kein Vergnügen, welches das Glück ſei⸗ nen Lippen darbietet, ihm entgehen möge. Es iſt ein andächtiges Gebet, denn wenn ich nicht dem Vergnügen — 144— nachjagte, würde ich etwas noch viel Schlimmeres thun, und der Teufel würde mich nicht erſt am Ende, ſondern ſchon zu Anfang bekommen. Lebe wohl, lebe wohl! Da kommen ſie; ich höre das Stampfen der Roſſe.“ Mit dieſen Worten eilte er aus dem Zimmer, und ſchlug die Thüre heftig zu, waͤhrend Algernon Greh, ohne dem Fenſter zu nahe zu treten, auf den Marktplat hinausblickte. Im nächſten Augenblick kam ein glänzender Zun heran, dem zwei Trompeter in prächtigen Livreen vor⸗ an ritten. Herrliche Pferde, vielfarbige Anzüge, Gol und Stickerei, graziöſe Geſtalten und freudiges Benehmen machten die Geſellſchaft zu einer ſolchen, der ſich jedes junge Herz mit Freuden angeſchloſſen hätte; aber Alger non Greys Auge überlief die verſchiedenen Gruppen, woraus dieſelbe beſtand, und ſchien mit forſchendem Blilkt einen beſondern Gegenſtand zu ſuchen. Er ruhte beſon⸗ ders auf den verſchiedenen weiblichen Geſtalten im Ge folge der Kurfürſtin: doch faſt alle Damen trugen die kleine ſchwarze Maske, die damals am Franzöſiſchen Hof und auch zuweilen, aber nicht ſo häufig, in England geſ⸗ tragen wurde. Die Hitze des Wetters und die un der Sonne gaben ihnen eine gute Entſchuldignng, aus Fürſorge für ihren Teint eine Mode nachzuahmen, di für die Intrigue ſehr günſtig iſt; und welche Dame das Auge des jungen Cavaliers auch ſuchen mogte, ſo konnte 9 39 2 7,. — 145— er ſich doch nicht mit Gewißheit überzeugen, welche ſie war. 1. a6. Die Hofetiquette verhinderte den Zug wegen irgend einer erwarteten Perſon anzuhalten, ehe derſelbe aber auf die Bruͤcke zuging, eilte William Lovets Pferd aus dem Thor, und nach einer tiefen Verbeugung gegen den Kur⸗ fürſten zog er ſich zurück und ritt an der Seite einer der Damen des Gefolges, die ihn mit ſcherzhaftem Kopf⸗ nicken begrüßte. Algernon Grey ſetzte ſich am Tiſche nieder, ſtützte ſeinen Kopf gedankenvoll auf die Hand, und blieb bei⸗ telſtunde in dieſer Stellung. „Nein,“ ſagte er endlich,„ich will weder ihr noch mein Glück aufs Spiel ſetzen— ich will es nicht wieder thun— ein Mal war ſchon zu viel.“ Er ſtand auf während er ſprach, und nachdem er ſeinen Dienern einige Befehle ertheilt hatte, ſchlenderte er zum Ufer des Fluſſes hinunter, miethete dort eine Barke, deren viele am Ufer lagen, und befahl dem Bootsmanne, langſam den Strom hinunter zu fahren. Die Stunden vergingen langſam, obgleich er keiner von denen war, für welche der ſchweigende Verkehr mit dem eigenen Herzen langweilig iſt. Aber es war ein Grund vorhanden, war⸗ um jenes ruhige Nachdenken, woran er oft wahres Ver⸗ gnügen gefunden, jetzt nicht als Mittel der Unterhaltung diente. Er verſuchte, ſich davon⸗ zu befreien, ſeinen Geiſt Heidelberg. Erſter Band. 19 — 146— auf andere Gegenſtände zu richten, als die, wobei ſein Herz zu verweilen entſchloſſen war, und der Kampf, einem ſtets zurückkehrenden Gegenſtande des Nachdenkens zu entfliehen, iſt immer eine ſchwere Arbeit. Doch die Stunden flogen immer vorüber, obgleich mit matterem Flügel, und als er berechnete, daß die Zeit des dem Oberſten Herbert im Schloſſe verſprochenen Beſuches her⸗ annahe, kehrte er in die Stadt zurück, veränderte ſeine Kleidung ein wenig, und ging langſam den Hügel hinauf. Die Sonne neigte ſich freilich zum Untergange, doch als er die Thore des Schloſſes erreichte, welche offen ſtanden, ſchlug die Glocke auf dem Brückenthurme ſieben, und er ſah, daß er früher gekommen ſei, als er beab⸗ ſichtigt hatte. „Nun, es liegt Nichts daran,“ dachte er.„Die Großen und die Fröhlichen ſind abweſend, und ich kann in den Gärten und auf den Höfen umherwandern, bis die Stunde kommt. Ohne Zweifel wird man mich ein⸗ laſſen.“ Er fand keine Schwierigkeit, Eintritt zu erhalten, und ein Diener, den er nach der Wohnung des Oberſten Herbert fragte, begleitete ihn höflich über den Hofplatz, und ſagte, er wolle ihm dieſelbe zeigen. Indem ſie am äußerſten Winkel des Hofes in das Gebäude traten, gin⸗ gen ſie unter dem Bogengange von drei Etagen in der Nähe der Ritterhalle fort, und dann durch einen langen 1 — 17— gepflaſterten Gang zum Fuß einer im Freien ſtehenden Treppe, und über der höchſten Stufe derſelben, die mit ſeiner Bruſt in gleicher Höhe war, ſah Algernon Grey eine geräumige, ſteinerne Plattform, gleich der eines un⸗ geheuren Feſtungswerkes, von einer Baluſtrade umgeben, und zu beiden Seiten mit einem kleinen achteckigen Thürm⸗ chen verſehen. Die Gipfel der Berge auf der andern Seite des Reckar zeigten ſich über der Baluſtrade; oben ſah man den klaren blauen Himmel, der Abendgeſang eines Vogels machte ſich im Schloßgarten hörbar, und erhob ſich klar und melodiſch über das dumpfe Geſumme, welches von der Stadt hinaufſtieg. „Ich bin um eine halbe Stunde zu früh gekom⸗ men,“ ſagte der junge Herr zu dem Diener,„und wenn Ihr mir die Wohnung des Oberſten Herbert andeuten wollt, ſo will ich hier bis zu der beſtimmten Stunde warten. Ich kann die Minuten eben ſo gut an dieſem angenehmen Orte, als anderswo zubringen.“ „Dies iſt der Altan, mein Herr,“ verſetzte der Mann, „die Ausſicht von demſelben wird allgemein bewundert, und wenn Ihr Euch am Ende deſſelben rechts wendet, ſo gelangt Ihr vermöge des einzigen Ganges zu einer Thüre in dem erſten Thurme, den Ihr dort ſeht. Darin iſt die Wohnung des Engliſchen Ritters, und Ihr könnt Euren Weg nicht verfehlen. Ihr könntet freilich am 4 10,* Arſenal vorbeigehen; doch die Schildwache wird Euch nicht paſſiren laſſen, wenn ich nicht bei Euch bin.“ „O, ich werde ihn oͤhne Zweifel bald finden,“ ant⸗ wortete der junge Mann, fügte zu ſeinem Dank noch einen handgreiflichen Beweis deſſelben hinzu, ſtieg dis Stufen hinauf, und ging langſam auf die Bruſtwehr zu, während eine Menge der ſchönen Gegenſtände, welche nur die Schatzlammer der Natur aufzuweiſen vermag, in traumähnlichem Glanze ihm vor Augen trat. Kaum hatte er indeß das erſte Gefühl der Bewunderung em⸗ pfunden, als ein leiſer Ausruf der Ueberraſchung ganz in ſeiner Nähe ausgeſtoßen wurde, und ihn veranlaßte, ſei⸗ nen Kopf zu einem von den kleinen achteckigen Thürm⸗ chen umzuwenden, die am äußerſten Ende des Altans ſtanden.— Die Thüre war offen, und er ſah eine weibliche Ge⸗ ſtalt herauskommen, die er auf den erſten Blick erkannte. Es zeigte ſich ein freudiges Lächeln auf ihrem Geſichte, denn ſie ſah ihren angenehmen Geſellſchafter vom letzten Abend vor ſich. Sie erinnerte ſich mit Vergnügen und ohne einen aufregenden Gedanken der angenehmen Stun⸗ den, die ſie mit ihm verlebt hatte, ging ihm heiter und freudig entgegen, und war ſich nur der Freundſchaft und Achtung bewußt. 33 Algernon Grey war beſſer beleſen in dem Buche der Welt, als ſein Reiſegefährte Lovet glaubte, ja ſelbſt — 149— in den dunkelſten und ſchwierigſten Bläͤttern deſſelben, in dem weiblichen Herzen; dennoch aber, als er das Be⸗ nehmen der Dame beobachtete, und ſogleich ſeine Schlüſſe daraus zog, waren dieſe Schlüſſe nicht ganz richtig. Er ſah jenen offenen freudigen Blick— die freie und unbe⸗ fangene Miene, und ſagte bei ſich ſelber: „Sie wenigſtens iſt in keiner Grfahr. Vor mir ſel⸗ ber muß ich mich hüten.“— Die Höflichkeit des gewöhnlichen Lebens war indeß nicht zu vermeiden, und er ging ſeiner ſchönen Gefäͤhrtin mit den gebräuchlichen Begrüßungen, obgleich mit ernſtem Blicke entgegen, indem er ſich vornahm, nur wenige Worte zu reden, und ſich dann zu entfernen. Aber es giebt eben ſo ſtarke Anziehungen, wie die der Magnetnadel, und als er einmal an ihrer Seite war, wurde ſein Entſchluß ſchwankend. „Ich bin ſehr froh, Euch zu ſehen,“ ſugte ſie mit demſelben ſtrahlenden Blicke;„ich kam hierher, am einen einſamen Gang auf dem Altan zu machen, während der Hof abweſend iſt, und ließ mir nicht träumen, daß ich einen Begleiter haben würde, der ſich dieſer Scene eben ſo ſehr erfreuen. könne, wie ich.“ 8 „Wie kommt es, daß Ihr die fröhliche Geſellſchaft nicht begleitet habt?“ fragte Algernon Grey,„Ich glaubte alle Welt wäre dabei.“ „Nur Ihr und ich nicht,“ antwortete die Dame, „und Eine, die Ihr noch nicht geſehen, die Ihr aber kennen lernen müßt, ehe Ihr dieſen Ort verlaßt: denn es lebt kein weiſeres oder gütigeres Weſen, als die ver⸗ wittwete Kurfürſtin Louiſe Juliana. Ich blieb zurück, um ihr vorzuleſen und ſie zu unterhalten, denn ſie iſt kürzlich krank geweſen— was aus Beſorgniß und Sorge geſchah. Sie wollte nicht, daß ich länger bei ihr bleiben ſollte, was ich mit Freuden gethan hätte, denn ſie war wie eine Mutter gegen mich, als ich die Sorgfalt einer Mutter am Meiſten bedurfte— und was kann ich je thun, um ihr zu vergelten?“ „Sie lieben,“ antwortete der junge Engländer,„das iſt die Vergeltung, die ein edles Herz einem edlen Her⸗ zen zu Theil werden läßt. Aber dies iſt in der That eine herrliche Ausſicht! Welch eine Maſſe von majeſtäti⸗ ſchen Gegenſtänden ſtellt ſich zugleich dem Auge dar, in⸗ dem die Sonne über jener weiten Ebene und jenſeits jener goldenen Hügel untergeht.“ „Ja,“ antwortete Agnes, mit den Augen der ange⸗ deuteten Richtung folgend,„und jene goldenen Hügel ber⸗ gen in ihrem Buſen, wie in einem goldenen Schmutk⸗ käſtchen, tauſend Juwelen. Es iſt kein Thal zwiſchen ihnen, welches nicht reich an Lieblichkeit iſt, kein Hügel, keine Felsklippe, worauf nicht ein Schloß oder eine Abtei ſteht, an die ſich nicht eine Sage aus alter Zeit, oder irgend eine tiefe Geſchichte knüpft. Seht Ihr nicht auch — 151— den herrlichen Rhein, den König von Europas Flüſſen, wie der dort dahinſtrömt?— Nein, jenſeits jener Thür⸗ me bemerkt Ihr das ſchimmernde Waſſer, wie es in ſei⸗ ner Pracht dahinfließt.“ „Ich ſehe,“ antwortete Algernon Grey.„Ich liebe den Rhein ſtets mit ſeinen weinbedeckten Hügeln, ſeinen Felſenburgen und ſeinen aufgehäuften Erinnerungen. Sein Lauf erſcheint mir gleich einem ſchönen alten Gedichte, wo in ununterbrochenem Strome und unter ſchönen Bil⸗ dern der Geiſt mit ſtets wechſelndem Entzücken fortge⸗ führt wird, bis er ſich endlich in die ſtille, feierliche Ruhe der Betrachtung verſenkt.“ „Ich weiß wenig von Dichtkunſt und von Dichtern,“ verſetzte Agnes.„Einige habe ich wohl geleſen, beſon⸗ ders einige von den Italieniſchen Dichtern, und ſie ſind freilich ſehr ſchön; aber ich denke, es iſt beſſer das Ge⸗ dicht zu kennen, als den Dichter, lieber das Werk, als den Schriftſteller, wenigſtens iſt es ſo mit allen geweſen, die ich geſehen habe.“ „Ich glaube, es iſt wahr,“ ſagte Algernon Grey, „unſere Gedanken ſind gewöhnlich poetiſcher, als unſere Handlungen oder unſer Benehmen, ja beſtändig poeti⸗ cher, als unſere Perſon; und wenn wir uns erinnern, daß die höchſte Eigenſchaft des menſchlichen Geiſtes uns in einem Gedicht ſtets nur das vor Augen ſtellt, was das reife und beſonnene Urtheil für die beſte ſeiner 1 Früchte erklärt, ſo iſt es nicht wunderbar, daß der Nau geringer erſcheint, wenn wir ihn in der Nähe ſehen, als das Gedicht uns erwarten ließ.“ Bei einer ſolchen Unterhaltung, die einen etwas ge⸗ ſuchten und belehrenden Anſtrich hatte, glaubte ſich der junge Engländer vollkommen ſicher. Er meinte, er euue über Poeſie und Gedichte, über ſchöne Scenen und über die großartigen Werke der Natur und Kunſt mit dem liebenswürdigſten Weſen reden, welches je ſein Auge er⸗ blickt, ohne die geringſte Gefahr für ſich oder Andere fürchten zu müſſen. Ungewarnt durch das Schickſal Beatricens und ihres Geliebten, oder Abälards und ſei⸗ ner Schülerin, glaubte er felbſt mit dem ſchönſten Weſen über ſo kalte und allgemeine Gegenſtändr reden zu kön⸗ nen; aber er vergaß, daß durch die ganze Welt des Schönen und Vortrefflichen, in der Natur wie in der Kunſt, ein großartiges Band ſich hindurchzieht, welches das Herz des Menſchen mit dem Uebrigen verkettet. Jene Sympathie iſt die Liebe in höherem oder niederem Grade. Und er vergaß überdies, daß der Uebergang durch die ſtets offenen Thüren der Ideenverbindungen, von den kälteſten und gleichgültigſten Dingen zu den wärmſten und theuerſten, ſo leicht iſt, daß das Herz wohl geſchützt ſein muß, der Geiſt wohl bewahrt, ehe man wa gen darf, mit einer Perſon, die bereits einigen Einfluß V—— —yy ◻ 2ͤ—,.,— ⏑ᷣ—— — — — 153— auf die Phantaſie hat, von Etwas zu reden, was die letz⸗ tere aufzuregen vermag.“ Unmerklich, ſie wußten nicht wie, ſchweifte ihre Un⸗ terhaltung von den blos ſinnlichen Gegenſtänden zu den von dieſen Gegenſtänden auf den Geiſt hervorgebrachten Wirkungen hinüber. Von dem Geiſte wendeten ſie ſich zu dem Herzen; und Agnes fuhr eine Zeitlang fort mit glühender Beredtſamkeit von allen, jenen Gefühlen und Regungen zu reden, von denen ſie, wie es ihrem Gefähr⸗ ten klar genug war, mehr von Hörenſagen, als aus Er⸗ fahrung ſprach. Ihre Worte waren ſorglos, brillant, ja vielleicht könnten wir ſagen, leicht, im beſſern Sinne, denn nach einiger Zeit nahm ihre Unterredung dieſe Wendung. Sie ſcherzte mit dem Gegenſtande, ſie ſpielte damit, wie ein Kind, welches ein glänzendes Stück Stahl gefunden hat und ein Spielzeug daraus macht, ohne zu wiſſen, daß es ein Dolch iſt, der mit einem leichten Stoße den Lebensfaden abſchneiden kann. Plötzlich aber hielt ſie aus irgend einem Gefühl, welches ihr ſelber unerklär⸗ lich war, im vollen Gange inne, wurde gedankenvoll, ernſthaft, ja wortkarg. Ein tieferer Ton durchdrang ihre Worte, und ſie ſchien unerwartet entdeckt zu haben, daß ſie ſich auf Dinge einlaſſe, die einſt ein mächtigeres und innigeres Intereſſe für ſie haben könnten, und daß es beſſey ſei, ſolchen Gegenſtänden auszuweichen und ſie ernſthaft zu behandeln, wenn ſie genöthigt ſei, überhaupt davan zu reden. Kurz, ihre Unterhaltung war gleich einem zierlichen Vergnügungsboot, welches das Ufer im Sonnenſchein und unter Fröhlichkeit verläßt, aber ſobald es vom Lande entfernt iſt, ſo ſchnell als möglich zurück⸗ kehrt, ſobald man eine Wolke am Himmel heraufziehen ſieht. Ihr verändertes Weſen brachte Algernon Grey zu ſich ſelbſt; und als ſie wieder auf dem Altan umkehrten, ſagte er, indem er einer Gefahr zu entfliehen ſuchte, die, wie er fühlte, auch ihren Zauber hatte, aber doch mit den Abſchiedsworten, die er auszuſprechen im Begriff war, ſo viel Gefühl miſchte, als für gewöhnliche Galan⸗ terie gelten konnte: „Ich muß Euch jetzt verlaſſen, glaube ich, denn die Sonne ſteht bereits niedrig, und erinnert mich an mein Verſprechen, den Abend bei einem Landsmanne von uns, dem Oberſten Herbert zuzubringen, deſſen Bekanntſchaft ich dieſen Morgen gemacht— in der That, die Stunde iſt ſchon vorüber.“ „O, ich will Euch den Weg zeigen,“ antwortete Agnes lächelnd,„ich gehe auch dorthin; aber wartet nur noch einen Augenblick, um jenen Stern über dem Oden⸗ wald aufgehen zu ſehen. Wie klar und ruhig er ſcheintl Wie rund und voll und unveränderlich! Es muß ein Planet ſein, und ich kann nicht umhin, oft zu denken, daß des Weibes wahre Sphäre der jenes Sternes gleicht. — 155— e mögen noch hellere Dinge am Himmel ſein, ſchim⸗ 1z mernd und funkelnd von ſtrahlendem Licht; aber des Weibes Schickſal iſt gleich dem des Planeten, um einen einzigen Gegenſtand herumzuwandern, von dem ſie alle ihre Helle empfängt, in beſtändiger, ruhiger, friedlicher Wachſamkeit, ruhig, aber nicht langweilig, und hell, aber nicht allein— nun kommt.“ „ t f Un efrIthie. IKIITr Lalar. b 9 e 4 1 4 Siebentes Kapitel. In einem großen runden Zimmer mit einer maſſe ven Säule in der Mitte, von welcher die Rippen da 6 zahlreichen Bogen ausgingen, die das Gewölbe bildeten,( ſaß der rüſtige Krieger Herbert mit ſeinen beiden Gäſta Algernon Grey und der ſchönen Agnes. Das Zimmer ſelbſt war, ungeachtet ſeiner unge⸗ a wöhnlichen Form, bequem eingerichtet und zierlich detoe rirt. Der Fußboden war, was in jenen Zeiten und in a jenem Lande ungewöhnlich war, von Holz, die ſtit! nerne Säule in der Mitte mit einem Sitze von zierlihh t geſchnitztem Eichenholz umgeben, der mit Kiſſen von ror n them Sammet bedeckt war. Die ſchwere Maſſe des b Pfeilers, der ſich in der Mitte erhob, war auf vie Seiten mit Waffen geſchmücke, die man nach Art der 4 Trophäen zuſammengeſtellt hatte. Seſſel und Bücher“ i ſchränke und alle übrigen Möbeln waren gleichfalls von ——— Eichenholz, mit Sammet und Franzen von rother Farbe geſchmückt, und nahmen die Räume zwiſchen den Fenſtern ein. Auf der andern Seite, in der Mitte zwiſchen dem Pfeiler und der Wand, ſtand ein Tiſch, der mit weißer Leinwand bedeckt war und worauf verſchiedene Körbe mit koſtbarem frühen Obſt ſtanden, ſo wie Wein und Brod, aber keine andern Gerichte. Auf der andern Seite war auch ein Tiſch, auf dem nachläſſig einige Bücher, ein Paar Panzerhandſchuhe, zwei oder drei Dolche aus verſchiedenen Ländern und ſi eine Menge Gegenſtände lagen, die entweder wegen ihrer a Seltenheit oder ihrer ſchönen Arbeit ſchätzbar waren. „ Ein ſchönes Gemälde ſtand am Boden und war an einen g Stuhl gelehnt; an einer andern Stelle befand ſich eine ſierlich gearbeitete antike Marmorvaſe; eine Lanze ruhte w an der Schulter einer Statue, und die Maske eines „ Satyrs von irgend einem Römiſchen Gebäude füllte das h offene Viſir eines offenen Helmes aus, der am Fuße eines t Bücherſchrankes ſtand. Das Ganze war von Wandleuch⸗ h tern erhellt, die an der Säule hingen und einen ſanften v und angenehmen Glanz durch das weite Zimmer ver⸗ 3 breiteten. 3 Der Wirth und ſeine Gäſte ſaßen an dem Tiſche, —r auf welchem die Früchte ſtanden, und ſie ſchienen ſich⸗ v ihres einfachen und unſchuldigen Mahles ſehr zu erfreuen. Selbſt Herbert war heiterer in ſeinem Weſen, als er — 158— am Morgen geweſen war. Agnes gab ſich ihrer jugend lichen Phantaſie mit eben ſo wenig oder vielleicht ſe löf noch weniger Zwang hin, als wenn ſie mit Algernon Grey allein geweſen wäre; und da der junge Engländn fühlte, daß es wenigſtens für den Abend unnütz ſi gegen das Schickſal anzukämpfen, welches ſie zuſammas gebracht, ſo gab er ſich dem Vergnuͤgen des Augenblich hin und entſchloß ſich, den Becher zu koſten, nach dem er nicht geſtrebt hatte. Man darf freilich nicht annehmen, daß die Unter haltung durchaus heitern und angenehmen Charakterz war, denn ſie nahm ihren natürlichen Gang von einen: Gegenſtande zum andern und glich einem ſchönen Herbſt tage, wo der glühende Sonnenſchein und die düſten Wolkenmaſſen nach einander über die Ausſicht dahinzi hen und der Scene ein wechſelndes Intereſſe verleihen. Herbert's Unterhaltung hatte im Allgemeinen keing ſehr heitern Ton; er war zuweilen ſcharf und beißem in ſeinen Bemerkungen, doch waren es die eines Man⸗ nes, der viel mit der Welt verkehrt, die Freuden der ſelben genoſſen, den Kampf getheilt, den Kummer kennen delernt, ſich ſeit mehreren Jahren von der thätigen Theilnahme an dem Treiben anderer Männer zurückge zogen hatte und noch immer als Zuſchauer die Scenen lebhaft beobachtete, worin er einſt mitgehandelt. ſ Die Verbindung zwiſchen ihm und Agnes hatte Ab 1 — 159— gernon Grey bei ſeinem Eintritt in einige Verlegenheit bſ geſetzt Ihre unverkennbare Vertraulichkeit und ihre Zärt⸗ 3 lichkeit für einander hatten ihm auf einen Augenblick ſ Schmerz verurſacht, doch war es nur auf einen Augen⸗ b blick geweſen; denn obgleich ſie dem alten Krieger ihre beiden Hände reichte und mit ihren glühenden Lippen 1 ſeine gebräunte Wange küßte, ſo geſchah doch Alles frei und offen, ſo daß der junge Engländer fühlte, es müßte 4 ein Grund dazu vorhanden ſein, und daß man Nichts 1 zu verbergen habe. Dann fragte er ſich mehr als ein 1 Mal, welches wohl das Band der Verwandtſchaft ſein möge? Doch erſt als er ſchon beinahe eine Stunde dort 16 geweſen war, ridets das ſchöne Mädchen Herbert„mein theurer Oheim“ an. 3 Algernon Grey fragte ſich, warum die Vertraulich⸗ 3 keit mit irgend einem Manne, mogte er nun ihr Ver⸗ n wandter ſein oder nicht, ihn hätte kränken können? Aber 6 es war eine Frage, die er nicht beantworten konnte oder 9 wollte, und er eilte zu andern Dingen. „Ich wußte nicht, daß dieſe ſchöne Dame Eure Ver⸗ wandte ſei, Herr Oberſt,“ ſagte er,„obgleich wir die⸗ ſen Morgen bei dem guten Doctor Alting von ihr e rrachen.“ 1„Ihr gabt mir keinen Grund mit Beſtimmtheit an⸗ zunehmen, daß Ihr von ihr ſprachet,“ entgegnete Her⸗ bert lächelnd. .— 160— 4„ mich dünkt doch,“ ſagte der Andere mit hei⸗ term aun.„Ich ſagte Euch, ich ſei am letzten Abend b; m Hoffeſte zugegen geweſen und habe die Stunden iiner Dame zugebracht, die ich Euch ſehr genau beſchh* „O, la, ich hören, lieber Oheim, laßt mich hö⸗ ren!“ rief Ag.„Ich mögte ſo gern die Beſchreibung eines Fremden mir wiſſen— Ihr müßt mir Alles wiederholen, wa ſagte.“ „Das iſt, w. Du eitel biſt, mein Kind,“ antwor⸗ tete der alte Kriege„Du würdeſt es nicht gern hören wollen, wenn Du de ſt, er habe D Dich getadelt. Nein, ich will Dir kein Wo agen.“ „Dann will ich e eellber errathen,“ rief Agnes, „und Ihr ſollt ſehen, ob eitel bin oder nicht. Er ſagte, er habe ein wildes, roma hes Mädchen getroffen, nicht ſehr höflich in ihrem Ben nen, die den ganzen Abend mit ihm von Gegenſtänd⸗ geſprochen, die beſſer für einm Maler oder einen Kaple gepaßt hätten, als für eine Hofdame; ſie habe beſſ getanzt, als geſprochen— ihr Anzug ſei beſſer geweſ, als ihr Tanz— und ſie habe einen großen Widerw n gegen verliebte Reden gehabt.“ Algernon Grey cchelte und Herbert erwiderte, in⸗ dem er ihre Wange mit ſeinen Fingern berührte, ſich aber zu ſeinem jungen Gaſte umſah „Ihr ſeht, mein Herr, worin dieſe weibliche Eite⸗ — 161— ii keit beſteht, im Tanz und im Anzug! Aber Du haſt en ganz Unrecht, Agnes. Er ſagte kein Wort von Deinem die Anzuge— er achtete nicht auf Deinen Tanz— er hatte er Nichts von Deinem Geplauder zu erwähnen— auch ſagte er mir nicht, daß er Dir Liebeserklärungen ge⸗ d macht.“ 3„Auch that er es nicht,“ rief Agnes, deren Wange bei dem Schluſſe erglühte, den ihr Verwandter machte; „wir hörten viele um uns her an, machten aber ſelber keine. Das war der Grund, weshalb mir ſeine Unter⸗ en haltung gefiel, und ich ſagte es ihm auch.“ 1„Du ſagſt zu raſch, was in Deinem Herzen vor⸗ geht, mein Kind,“ ſagte Herbert;„und doch mögte ich 3 wahrlich nicht, daß es anders wäre. Aber von einer „ Sache kannſt Du Dich überzeugt halten, nämlich daß t der Mann, den ich nach Dir fragte, zu ſehr Cavalier d war, um Etwas von einer Dame zu ſagen, was mei⸗ n nem Ohr nicht angenehm war. Was er ſagte, lief auf e Folgendes hinaus, daß Du ein gutes Mädchen ſeieſt und den meiſten ſehr unähnlich, die er je geſehen. War es nicht ſo, Herr Grey?“ „Etwas verſchieden ausgedrückt und colorirt,“ ant⸗ woortete Algernon Grey;„aber auf jeden Fall war der h vweeſentliche Inhalt nicht ſchlimmer.“ S 4 Und indem er von etwas Anderem zu reden wünſchte, fiuhr er fort: Heidelberg. Erſter Band. 11 — 162— „Dieſer gute Doctor Alting ſcheint ein eifriger un enthuſiaſtiſcher Mann zu ſein. Es iſt ſeltſam, daß erji ſeinem langen Leben beim Umgange mit der Welt nich mehr von dem Feuer verloren hat, welches gewöhnlic nur in der Jugend hell brennt.“ „Er hat wenig vom Leben geſehen,“ antworten Herbert,„und kennt wenig von der Welt, ſonſt würdt er keine ſo hohe Hoffnungen von ſo zweifelhaften Anzä⸗ chen erwarten.“ „So denkt Ihr alſo, daß ſeine Erwartungen in Betreff des Erfolges dieſer Wahl werden vereitelt wir den?“ fragte der junge Engländer. Herbert ſann ernſthaft nach und erwiderte dann: „Ich weiß nicht, welchen Theil ſeiner Erwartungn Ihr meint, oder ob Ihr von allen redet. Wenn dar Letztere der Fall iſt, ſo ſage ich, daß einige gewiß wer den verwirklicht werden. Friedrich wird erwählt wer⸗ den, daran zweifle ich nicht. Dieſe ſtrengen Böhme werden nimmermehr einen Trunkenbold oder einen Schur⸗ ken wählen, und mit dieſer Ausnahme iſt kein andertt Mitbewerber von Bedeutung da. Daß dann ferner die große, vielleicht die einzige Gelegenheit da ſein wird, dem reinen proteſtantiſchen Glauben in Deutſchland die Oberhand zu verſchaffen, ja, noch mehr, die Oeſterrei⸗ chiſche Kette von dem Halſe des gefangenen Kaiſerreiches zu reißen; daß die Gelegenheit da ſein wird, laͤugne ich nicht. Aber werden ſich auch Männer finden, ſie zu be⸗ nutzen? Das iſt es, woran ich zweifle. Werden Män⸗ ner da ſein, die, wenn ſie die Hand nach der goldenen Gelegenheit ausgeſtreckt haben, ſie nicht wieder loslaſſen, wenn ſie ſie einmal gefaßt haben? Das iſt die große Frage; denn das Mißlingen iſt ſchlimmer, als wenn man es gar nicht unternimmt. Das Haupt, auf wel⸗ ches die Krone von Böhmen jetzt fällt, ſollte mit ſelte⸗ ner Energie begabt ſein, keine Gelegenheit verlieren und den Erfolg beherrſchen; da iſt Erfahrung oder Genie und vor allen Dingen unbeſiegbare Feſtigkeit des Cha⸗ rakters und Thätigkeit des Geiſtes erforderlich. Er ſollte ein Mann von großartigem Vorſatze, vorſichtig und ent⸗ ſchloſſen, wachſam und unternehmend ſein, ſollte leiten und nicht geleitet werden, lieber halsſtarrig ſein, als ſchwankend— mit den vollen Kräften des Herzens und Geiſtes nach der Erreichung eines einzigen Gegenſtandes ſtrebend— ohne für irgend etwas Anderes Augen, Oh⸗ ren, oder Gedanken zu haben. Der Weg führt einen Gletſcher hinauf und unten iſt ein Abgrund; ein einziger Fehltritt bringt den Untergang. Nun, ſo gut, tapfer, einſichtsvoll, edel, aufrichtig und treu er ſein mag, iſt der Kurfürſt mit ſolchen Kräften ausgeſtattet, die ihn in Gefahren und Schwierigkeiten aufrecht halten künnan. wie die Welt ſie ſelten geſehen hat!“ „Wo Fürſten mit ihren Fähigkeiten nicht ausreichen, 11* — 164— ſichern oft weiſe Rathgeber und große Generäͤle den glück⸗ lichen Erfolg,“ antwortete Algernon Grey. „Um weiſe Rathgeber zu wählen, muß man ein weiſer Fürſt ſein,“ ſagte Herbert.„Gibt es ſolche hier? — Ueberdies, wenn Ihr den Ausgang eines bevorſte⸗ henden Kampfes berechnen wollt, ſo müßt Ihr die Be⸗ ſtandtheile der beiden Partheien betrachten. Dies iſt in der That ein Kampf zwiſchen den Proteſtanten und Ka⸗ tholiken in Deutſchland. Nun liegt Etwas in der Na⸗ tur der beiden Religionen, was in der einen Parthil Uneinigkeit und in der andern feſtes Zuſammenhalten hervorbringt. Die Katholiken ſind Alle über jeden we ſentlichen Punkt einverſtanden; ſie ſind Alle in derſelbn Schule gebildet, haben dieſelben Zwecke und in den wich⸗ tigſten Dingen dieſelben Intereſſen. Der geringſte Am griff auf ihre Religion iſt ein Ruf zur Schlacht fuͤr Alle; ihr Wille beugt ſich ihren Vorſchriften, ihre Fah⸗ nen entfalten ſich auf ihren Ruf, ihre Schwerter ſprin⸗ gen aus der Scheide zu ihrer Vertheidigung. Sie ſin eine Nation, ein Stamm durch ein ſtärkeres Band, als das gemeinſchaftliche Vaterland oder der gemeinſchaftliche Urſprung bildet. Sie ſind Eins in der Religion, und die Religion iſt Eins. Aber was iſt der Fall bei den Proteſtanten? Zerſplittert in Secten, getheilt in Par theien, erkennen ſie kein anderes Anſehen an, als ihr eigenes Urtheil, ſie haſſen einander mit einem Haſſe, der — 165— vielleicht ſtärker iſt, als der, den ſie gegen die Katho⸗ liken empfinden; oder ſind kalt gegen einander, was noch ſchlimmer iſt. Es iſt kein anderes Band zwiſchen ihnen, als die gemeinſchaftliche Feindſchaft gegen einen andern Glauben. Nein, nein, das ganze Streben der einen Parthei geht auf Trennung, das ganze Streben der andern auf Einigkeit, und Einigkeit iſt Stärke.“ „Ei, mein lieber Oheim,“ rief Agnes,„wenn man Eure Gründe hört, ſollte man Euch für einen Papiſten halten.“ „Halte den Mund, Du unverſtändiges Kind,“ ant⸗ wortete Herbert gut gelaunt;„meine Gründe ſind auf ein entgegengeſetztes Ziel gerichtet. Wäre nicht unbeſtreit⸗ bare Wahrheit in den Lehrſätzen der Proteſtanten, ſo würde jetzt keine einzige Secte von ihnen mehr 4 ſein, ſo mächtig ſind die gegen ſie angewende⸗ 3 ſo ſchwach die irdiſchen Bande, die ſie Wäre nicht die Macht der Wahre ſo würde der erſte Windſto ſen; aber groß iſt die ſo ſchwach auch* ſtark die Ar drücken.“ „hr Sache,“ immer d — 166— Sache zu unterſtützen. Ohne Zweifel werden Viele in der Stunde der Noth abfallen. Das ſehe ich vorher; aber wenn ſie nur ihre eigene Schwäche und Partheizwiſte mit ſich nehmen, ſo wird ihre Abweſenheit der proteſtan⸗ tiſchen Sache nur Stärke verleihen.“ „Gut, laßt uns nicht mehr davon reden,“ antwor⸗ tete Herbert,„das Buch des Schickſals hat ſo viele un⸗ geöffnete Blätter, daß Keiner ſagen kann, was auf der nächſten Seite geſchrieben ſteht. Den Helm, den Ihr dort über den Waffen am Pfeiler ſeht, trug der gute und große Coligni. Dachte er, als er ihn zuletzt trug, daß er und ſeine Gefährten in der damals ſo nahe be⸗ ſenenden St. Bartholomäusnacht würden gemordet Dachte er, daß der König, der ſich auf ſeine * und verſprach, in allen Dingen nach ſei⸗ deln, ſeine Ermordung anbefehlen tapfere junge Prinz, den er in hätzte, den Glauben ver⸗ vergoſſen, und von der er ſich an⸗ ein Wahn⸗ Thaten ophe⸗ Al⸗ nd, — 167— „ohne Zweifel eines der größten Männer, die je gelebt, deſſen Geiſt ſich im Unglück zu erheben ſchien, und deſ⸗ ſen Genie ſelbſt ſeinen Feinden bei der Niederlage nur um ſo glänzender erſchien.“ „Ja, das Glück war nur beſtändig, indem es ſich ihm widerſetzte,“ antwortete Herbert mit Agnes folgend; „er ging weiter mit zunehmendem Ruhm und Mißge⸗ ſhick, bis ſein Ruhm und ſein Unglück mit ſeiner Er⸗ mordung ſchloß.“ „Der Leib ſank in den Staub,“ ſagte Agnes in ſanftem und leiſem Tone,„und mit ihm Alles, was vergänglich war. Das Unſterbliche, der Ruhm, den die Verläumdung nie beflecken konnte, blieb auf dieſer Erde zurück; der Geiſt, der über jedes Mißgeſchick triumphirte, kehrte zum Himmel zurück, von wo er gekommen war.“ Herbert legte ſeine Hand auf ihre Schulter und ſah ſie mit wohlgefälligem Lächeln an. „Du darfſt wohl mit Stolz von ihm reden, mein Kind,“ ſagte er,„denn Dein edler Verwandter hat einen Namen zurückgelaſſen, dem die Welt keinen gleichen an die Seite ſtellen kann. Es ſind noch einige intereſſante Dinge hier,“ fuhr er plötzlich fort, indem er ſich zu Al⸗ gernon Grey wendete.„Seht Ihr dieſen alten Küraß, der faſt wie eine Kugel geſtaltet iſt?“ 4 „Ja, und die gräßliche Oeffnung in der linken Bruſt,“ rief Agnes,„welch eine traurige Geſchichte er⸗ zählt nicht dieſe! Ohne ein Wort lieſt man darin, daß die Wunde, die durch den Lanzenſtoß verurſacht wurde der das ſtarke Eiſen durchbrach, einen muthigen Geiſ auf die weite dunkle Reiſe ſendete. Welche Thränen wur⸗ den damals vergoſſen! Wie weinte die Braut oder die junge Wittwe in untröſtlichem Kummer! Wie trauerte Brüder oder Eltern! Welche Bande wurden zerriſſen welche langgehegte Hoffnungen vernichtet, welche glän⸗ zende Pläne und liebliche Vorſätze verſchwanden wie ein Traum.“. Algernon Grey richtete, während ſie ſprach, mit einem Blicke voll traurigen und feierlichen Ernſtes ſein Augen auf ſie. Der Blick war lebhaft und nachdenken doch voll Bewunderung, und währte ſo lange, bis ſie zu reden aufhörte; aber Agnes ſah denſelben nicht, dem ihre Blicke waren zu dem Geſichte ihres Oheims erho⸗ ben und ihr ganzer Geiſt lag in den Worten, die ſie ſprach. „Ich fürchte, es iſt der angenehme Theil des Lo bens, der wie ein Traum vergeht,“ ſagte er endlich. „Die ſchmerzlichen Dinge bleiben zurück, ja, und nehmen auch zu. Mit den hellen Tagen vergehen auch die hellen Gedanken; mit der heitern Jahreszeit entflieht auch das heitere Herz. Der Menſch hat nur einen Sommer; wenn er umwölkt wird, darf er nicht mehr auf Sonnenſcheit hoffen. Der Winter wird gewiß kommen.“ — 169— „Ja, auf dieſer Erde,“ antwortete Herbert;„aber es gibt ſpäter noch einen andern Himmelsſtrich, wo kein Winter iſt. Dennoch aber habt Ihr in gewiſſer Hinſicht Unrecht. Jede Jahreszeit hat ihre ſonnigen Stunden für die, welche ſie ſuchen. Die Jugend ſieht dem Alter und das Alter dem künftigen Zuſtande mit Furcht entgegen. Keins von Beiden weiß eigentlich, was ihm bevorſteht. Alles, was ſie mit Gewißheit wiſſen, iſt, daß ihnen Beraubungen von Dingen bevorſtehen, die ſie für Schätze halten; dennoch aber zeigt jeder Schritt des Lebens, daß die geſchätzteſten Juwelen des früheren Zuſtandes nur Flittergold und falſche Steine waren. Was wird die letzte Stufe uns von allem Uebrigen zei⸗ gen?— Jener Küraß gehörte dem jungen Talbot, der in den Franzöſiſchen Kriegen erſchlagen wurde; jene Oeff⸗ nung ließ die Todeswunde ein. Ein edler Geiſt ging zu einer edleren Welt hinüber; ein liebendes junges Herz trauerte und folgte ihm. Dies ſind nur kurze Geſchich⸗ ten, die bald erzählt ſind. Warum ſollten wir mehr an eines Menſchen Leben und Tod denken, als an das Ent⸗ falten und Verwelken einer Blume. Seine Unſterblichkeit ſelbſt macht ſein Leben um ſo weniger des Nachdenkens werth, es kommt nur darauf an, wie er es anwendet.“ „Dieſe Panzerhandſchuhe ſcheinen weniger alt, als der Küraß,“ ſagte Algernon Grey,„aber dennoch ſind ſie nicht aus unſerer Zeit.“ 4 — 8 „Es ſind die eines Königs,“ antwortete Herbert, „den die Menſchen als groß ſchätzen; aber gleich den heiten an ſich— ich rede von Franz dem Erſten von Frankreich.“ „Alles, was groß an ihm war,“ verſetzte Algernon Grey,„gehörte dem Geiſte einer früheren Zeit an. Er hatte einen Anflug von dem alten ritterlichen Ehrgefühl, und im Vergleich mit ſeinen Zeitgenoſſen, mit unſerm d Heinrich und ſelbſt mit ſeinem berühmteren Nebenbuhler dem Kaiſer Karl, ſteht er als Ritter und Cavalier, wenn nicht als Monarch, glänzend da.“ „Vergleicht ihn nicht mit Heinrich,“ ſagte Herbert, „dieſer König war ein brutaler Tyrann. Er wäre frei⸗ lich beſſer geweſen, hätten die Menſchen nicht thörigter⸗ weiſe die Vielweiberei abgeſchafft, denn ich mögte behaup⸗ ten, er wäre zufrieden geweſen, ſeine Weiber leben zu laſſen, hätten die Geſetze der Geſellſchaft ſie nicht für ihn zu einer Laſt gemacht; und ſo beging er, gleich den meiſten Menſchen, große Verbrechen unter einem Vor⸗ wande, um kleineren Fehlern zu entgehen, die weniger leicht zu entſchuldigen waren.“ Er ſprach lachend und fügte dann hinzu:„Aber immer war er ein verworfener, blutiger Tyrann, ein undankbarer Freund und ein uned⸗ ler Herr. Nein, nein, Franz war zu gut, um mit ihm verglichen zu werden. Nein, vergleicht ihn mit dem, b kl meiſten großen Männern der Welt hatte er viele Klein⸗ — 171— deſſen Schwert dort hängt— mit Bayard, und wie tein wird dann der König, wie groß der einfache Ca⸗ valier!“ „Er war in der That edel,“ rief Agnes,„und es iſt auch ein Troſt zu ſehen, daß die Menſchen ihn mehr wegen ſeiner ſanfteren, als wegen ſeiner kriegeriſchen Ei⸗ genſchaften bewundern. Ich wollte, ſie nähmen ſeine behre mehr zu Herzen; denn von den großen Männern dieſer Welt, wie ſie genannt werden, gibt es wenige, deren Ruhm ſich nicht auf Thaten des Blutes und Rau⸗ bes gründen, ſehr wenige, deren Monument nicht auf Verletzungen aller Gerechtigkeit und Billigkeit errichtet iſt, deſſen Grundlage aus den Körpern ihrer Mitgeſchöpfe beſteht, die mit Blut und Thränen benetzt ſind.“ Algernon Grey ſah ſie wieder mit demſelben ſchwer⸗ müthigen und gedankenvollen Blicke an, und Herbert er⸗ widerte: „Nur zu wahr, mein Kind; und doch,“ fügte er mit ſarkaſtiſchem Lächeln hinzu,„habe ich ſelten eine Dame gekannt, die dieſe blutdürſtigen Herren nicht mehr liebte, als den einfachen Mann des Friedens. Die Damen ſind es, die uns zum Krieg anſpornen.“ ö„Ich fürchte, es muß Krieg ſein,“ antwortete Agnes; „und der Himmel verhüte, daß irgend ein Cavalier ein Feigling ſei, der für ein ſo leichtes Ding zittert, wie das Leben iſt; aber wenn die Männer, wider Willen zum Kampfe getrieben, gleich jenem großen Helden, den Ih erwähnt, das rauhe Handwerk durch die Tugenden de Chriſten und Ritters mildern, mehr beſchützen, verthei digen und unterſtützen wollten, als unterdrücken, beli⸗ digen und mit Füßen treten, ſo würde der Krieger allt Liebe würdig ſein, und die großen Männer wahrhaſ groß werden. So wie die Sache jetzt iſt, wendet mu ſich mit Abſcheu von den blutbefleckten Blättern der Geſchichte ab, wo der um ſich raffende Ehrgeiz auf di mit Flittergold beklebten Wagen des falſchen Ruhm über die krachenden Gebeine erſchlagener Generationn dahinfährt. Die Größe der Welt iſt nicht für mich und ſo ſehr ich Weib bin, lieber Oheim, mögte ich dot lieber eine Nonne ſein, in ein Kloſter eingemauert, al das Weib eines dieſer großen Männer!“ Sie ſprach mit einem Feuer und einer Energi wie Algernon Grey noch nie an ihr bemerkt hatte; abn einige ihrer Worte ergriffen Herbert mehr, als man hätt erwarten ſollen. Er ging plötzlich zu dem Tiſche zuruͤt und ſetzte ſich, ſtützte ſeinen Kopf auf die Hand und nahm einen ſchwermüthigen und düſtern Ausdruck an Agnes hielt einen Augenblick inne und näherte ſich dam leiſe, legte ihre Hand auf die ſeinige, küßte ſeine ge⸗ furchte Stirn und flüſterte ihm zu: „Verzeiht mir, ich wollte Euch nicht kränken; i bedachte nicht, was ich ſagte: 1„Es iſt Nichts, es iſt Nichts,“ antwortete Herbert; e„es wird vergehen, liebes Kind.“ 3 Und als er noch ſprach, trat ein Diener in einer andern Livree, als die des Hofes, ein und ſagte: „Die Kurfürſtin Mutter läßt Euch ſagen, mein j Fräulein, daß ſie bereit iſt, wenn es Euch gefällig ſei u zu kommen.“ 8 6„Ich werde ſogleich bei ihr ſein,“ antwortete das u ſchöne Mädchen, wendete ſich wieder zu Herbert und 4 fügte in ſchwermüthigem Tone hinzu: 1„Ich habe hier wenigſtens für einen Abend Schmerz ¹ genug verurſacht.— Lebt wohl, Landsmann,“ fuhr ſie in unbefangenem Tone fort, indem ſie Algernon Grey ihre ſanfte weiße Hand reichte,„ich weiß nicht, ob wir uns je wiederſehen werden; aber ich denke, Ihr werdet Euch dieſes Abends erinnern, der jedem andern, den „ Ihr je verlebt habt, ſo unähnlich iſt.”. 1 Ihre Worte waren frei und ohne Verlegenheit; aber t Algernon Grey hatte tiefere Gefühle in ſeinem Herzen, und erwiderte nur: 1„Das werde ich.“ 1 Zu gleicher Zeit aber beugte er ſeinen Kopf nieder e und drückte ſeine Lippen auf die Hand, die ſie ihm reichte. Es war eine gewöhnliche Handlung der Höflich⸗ d keit in jenen Tagen, die nur ein Gefühl der Freund⸗ ſchaft oder der Achtung ausdrücken ſollte. Agnes nahm — 174— es ſo, zog dann den leichten Schleier, der über ihn Schultern zurückgefallen war, über ihren Kopf und va ließ das Zimmer. Herbert blieb einen Augenblick in derſelben ſchwer müthigen Stellung ſitzen. Dann raffte er ſich auf, wen dete ſich zu ſeinem Gaſte und ſagte: „Nun, koſtet dieſen Wein noch ein Mal. Dieſer Rheinwein iſt nur ſaures Zeug, wenn er am Beſten iſt doch dieſer iſt ſo gut, wie nur irgend einer.“ „Er iſt beſſer als irgend einer, den ich hier je geke⸗ ſtet,“ antwortete Algernon.„Und mir mißfallen dieſt Weine nicht. Es iſt nicht, als ob man geſchmolzene Feuer tränke, wie beim Burgunder, nach welchem das Blut fieberhaft in den Fingerſpitzen zuckt. Noch ein Glas alſo auf die Geſundheit der ſchönen Dame, die uns eben verlaſſen hat.“ 3 „Ja, ſie iſt ſchön,“ antwortete Herbert gedanken⸗ voll, nachdem er ſeinen Wein getrunken—„ſchön wie ihre Mutter und eben ſo gut— heiterer, aber nicht we⸗ niger gedankenvoll.— Nun, mein junger Freund,“ fuhr er fort,„Etwas iſt mir auffallend an Euch. Daß Ihr das Mädchen für liebenswürdig haltet, überraſcht mich nicht, denn ſie iſt es; ich weiß es und bin gewohnt, es von Andern zu hören; aber ſie ſetzt ſo wenig Werth auf ihre Schönheit, daß mir dies keine Sorge macht. Es iſt ein Unterſchied zwiſchen Bewunderung und Liebe. hi er er en. — 175— Es iſt einleuchtend genug, daß der blinde Gott Nichts in der Sache zwiſchen Euch und ihr zu thun hat; doch habt Ihr ſie mehr als ein Mal lange angeſehen, und zwar mit traurigem und ernſtem Geſichte, als ob tiefe Gedanken hinſichtlich ihrer ſchweigend in Eurem Herzen geſchäftig wären. Wenn es Euch nicht zuwider iſt, ſie auszuſprechen, ſo mögte ich gern hören, welches dieſe Gedanken waren.“ „Nicht lange vorher, ehe ſie das Zimmer verließ, überraſchte ich mich, daß ich ſie anſah,“ ſagte Algernon lächelnd.„Es war, als ſie von dem Entſetzen und den Uebeln des Krieges ſprach; und dieſer Gegenſtand verband ſich in meinem Geiſte mit dem, was vorhergegangen war. Ich fragte mich, wenn dieſe lieblichen Scenen beſtimmt ſeien, von Streit, Plünderung und Verwüſtung heimgeſucht zu werden, welches das Schickſal dieſes jun⸗ gen und ſchönen Weſens ſein werde und vieler Andern, wie ſie. Die Männer ſind von Kindheit auf an Müh⸗ ſeligkeiten und Gefahren gewöhnt; aber was kann ein Weib zu einer ſolchen Zeit thun? Sie kann nur ſtill ſitzen und weinen und ihr Geſchick erwarten, welcher Art es auch ſein mag. Der Klang der Trompete oder das Rollen der Trommel gibt ihr keine begeiſternde Gelegen⸗ heit, die Stunden der Erwartung zu kürzen; und als Beute des rauhen Eroberers in einer erſtürmten Stadt kann ihr der Tod oder noch etwas Schlimmeres als der Tod zu Theil werden.— Dies waren die Gedankeu, die mich bei dieſer letzten Gelegenheit erfüllten. Wenn ich ſie zu einer andern Zeit unhöflich anſtarrte, ſo habe ich die Urſache vergeſſen.“. „Es wird lange, ſehr lange währen, hoffe ich, ehe ſich das Ungewitter hieher wälzt, auch wenn der ſchlimmſte Fall eintritt,“ antwortete Herbert.„Und bis dahin iſt ſie hier ſicher genug. Aber doch dünkt mich, guter Freund, nehmen Eure Gedanken eine düſtere Richtung, und etwas ſeltſam für die heutige Jugend. Von neun Männern unter zehn von irgend einem Hofe Europas — aus Frankreich, England oder Deutſchland— wür⸗ den wir Nichts als galante Reden und zierliche Lobſprüche über kleine Hände, ſchöne Füße und wanderbar ſchön gewölbte Augenbrauen gehört haben, oder Vorleſungen über den Putz, welche Farben zu dieſer oder jener Ge⸗ ſichtsfarbe paſſen, welche Bänder und welche Spitzen am Beſten harmoniren, welcher Anzug den Fröhlichen und Jungen, den Großen oder den Kleinen am Beſten ſteht — mit eingemiſchten Seufzern und Lächeln und einer leichten Andeutung von Roſen und andern Blumen, un dem Ganzen eine arcadiſche Gluth zu geben. Aber hie ſeid Ihr ſo ernſt geweſen, wie ein Richter bei eine langweiligen Sache, die ihn vom Mittageſſen abhäl und habt mit der ruhigeu Feierlichkeit geſprochen, a hättet Ihr nie gelacht.— Warum ſo traurig, me ——-+— = 177— Freund? Es iſt Zeit genug zur Traurigkeit, wenn der wirkliche Kummer kommt.“ Algernon Greys Stirn wurde ernſter, als zuvor; er ſah nicht verletzt oder gekränkt aus, doch es lag ein ſtrenger Ernſt auf ſeinem Geſichte, als er in kurzen, langſamen und nachdrücklichen Worten entgegnete: „Die meiſten Menſchen haben irgend ein trauriges Geheimniß in ihrem Herzen.“ „So jung,“ ſagte Herbert nachdenkend.„Nein, ich glaube nicht, daß es bei den meiſten Menſchen der Fall iſt, wenn auch bei einigen.“ „Iſt es nicht bei Euch ſelber auch der Fall“ fragte Algernon Grey, ſeine Augen feſt auf ihn richtend.„Und Niemand kann ſagen, zu welcher Stunde alle Ströme des Lebens werden vergiftet werden.“ 1 Er ſchwieg und verſank in Nachdenken. „Ich wußte nicht, daß die Dame Eure Nichte ſei,“ fuhr er nach einiger Zeit fort.„Auch erwartete ich ge⸗ wiß nicht, ſie hier zu treffen. Ich ſuche keine gefährli⸗ chen Bekanntſchaften, und mich dünkt, ihre Geſellſchaft dürfte wohl gefährlich ſein für Jeden, deſſen Herz nicht von Stein iſt. Indeſſen iſt ſie zu unbefangen und hei⸗ ter, zu ruhig in ihren Gedanken und in ihrer Seele, um leicht gewonnen zu werden; und ich hoffe, wenn ſie ge⸗ wonnen wird, mag es eine Perſon ſein, die ihrer wür⸗ dig iſt.“.. Heidelberg. Erſter Band. 12 4 — 178— „O, ſie wird ſich vorſehen,“ antwortete Herbert. „Freilich wählen die Weiber faſt immer ſchlecht; aber ſie wird vielleicht gar nicht wählen, und ich glaube, es würde ihr das größere Glück zufallen, nach dem, wie V ich die Männer kenne.— Wir ſind ſeltſame Geſchöpfe, Herr Grey; wir bleiben Knaben bis in unſer Alter, ſtre⸗ ben mit Eifer nach jedem ſchimmernden Spielzeug, wel⸗ ches wir ſehen, und mißbrauchen es, wenn wir es be⸗ ſitzen.“ Dieſe letzten Worte gaben der Unterredung eine andere Wendung, und ſie wurde auf ähnliche Weiſe noch lange fortgeſetzt. Ehe ſie geendet war, hörte man die Trompeten der Geſellſchaft des Kurfürſten auf dem Hof⸗ platze. Herbert lächelte etwas ſpöttiſch, machte aber keine Bemerkung. Bald darauf ſchlug die Schloßuhr zehn; Algernon Grey nahm Abſchied und kehrte zu Fuß in das Gaſthaus zurück, dachte über den Charakter der Perſonen nach, die er eben verlaſſen hatte, und beenühte ſich, wie wir ſtets thun, wenn wir Jemand treffen, der der Mehrzahl unſerer Bekannten ungleich iſt, die Ober⸗ fläche zu durchdringen und die verborgenen Geheimniſſe des Geiſtes und Herzens zu entdecken.— Dieſe Träu⸗ mereien waren indeſſen nicht ſo tief, um ihn zu verhin⸗ dern, zu bemerken, daß dichte Wolken über den Himmel dahinzogen, während die Sterne zuweilen ſich zeigten und zuweilen verſchwanden, ſo wie der dichte Wolkenſchleier ſie bedeckte oder ſich zurückzog. Der Wind blies auch heftig, und die Nacht war ſehr verſchieden von der vor⸗ hergehenden. Als er endlich das Gaſthaus erreichte, fielen einige Regentropfen, und ſein Herz war nach dem eben abgeſtatteten Beſuche eher trauriger, als leichter geworden. Haus, obgleich in der Mitte der Stadt, ſchien von der Achtes Kapitel. Es war eine ſtürmiſche Gewitternacht. Wie es in bergigen Gegenden nicht ſelten iſt, wurden Donner und Regen von dem heftigen Winde herbeigeführt. Das Gewalt des Sturmes erſchüttert zu werden. Das Tafel⸗ werk krachte, der Thürvorhang ſchwankte hin und her, der Regen goß in unaufhörlichen Strömen nieder; und als Algernon Grey aus ſeinem Fenſter blickte, was er während der Nacht mehrmals that, ſah er die bläulichen Blitze die Straße hinunter flammen, und ſich in dem Waſſer auf dem Pflaſter ſpiegeln. Raſch auf den Bliz folgte der heftige Donner, als ob einer von den Granit⸗ felſen von dem Donnerkeil geſprengt ſei, und in krachen⸗ den Trümmern in's Thal hinunterrolle. Es war ſpät, ehe er ſich zur Ruhe begab, und noc länger als eine Stunde ging er in ſeinem Zimmer in 4 — 181— tiefem Nachdenken auf und ab, indem er ſich Vorwürfe machte, ſich einem Zauber hingegeben zu haben, der, wie er jetzt fühlte, bald zu ſtark werden könne, um ihm bei all ſeiner Entſchloſſenheit zu widerſtehen. Es iſt ein ſchmerzlicher Augenblick, wenn ein feſter und entſchloſſe⸗ ner Geiſt zuerſt in ſich die Schwäche entdeckt, die der ganzen Natur anhaftet, wenn er ſich anklagen muß, wenn auch nur in gewiſſem Grade ſich Verſuchungen hingegeben zu haben, welchen er ſich zu widerſetzen entſchloſſen war; wenn er ſeine eigene Kraft und Standhaftigkeit zu be⸗ zweifeln lernt, und aus Erfahrung ſich gezwungen ſieht, jeden Entſchluß für die Zukunft mit einer Bedingung zu verbinden, die von der eigenen Stärke oder Schwäche ſei⸗ nes Geiſtes abhängig iſt. Es iſt ein ſchmerzlicher Au⸗ genblick, ein Augenblick der Furcht und Beſorgniß, des Zweifels und des Kummers, und Algernon Grey ſagte mehr als ein Mal bei ſich ſelber: „Nein, ich will nicht wieder dorthin gehen— Wil⸗ liam mag dableiben oder nicht. Ich will weiter reiſen.“ Er war indeſſen müde, und als er ſich zur Ruhe legte, beſuchte der Schlummer bald ſeine Augenlider; aber die Geſtalt, die ſeine wachen Gedanken beunruhigt hatte, erſchien ihm mit beſänftigender und angenehmer Wirkung in ſeinen Träumen. Agnes wanderte mit ihm, der Him⸗ mel weiß wohin; ſie führte nicht mehr Unentſchloſſenheit und Zweifel hinſichtlich ſeiner eigenen Handlungsweiſe mit ſich, ſondern ſie lächelte mit all ihrer jugendlichen, unbewölkten Anmuth, und verbreitete Sonnenſchein um ſich her, ſelbſt bis in die Tiefen ſeines eigenen Herzens. Wie es ſelten geſchieht, erinnerte er ſich ſeines Traumes auch wachend, und es ſchien, als ob die Einbildungskraft nur ein Werkzeug des Schickſals ſei, ihn mit den Ban⸗ den zu feſſeln, gegen die er ſich vergebens ſträubte. Es war ſchon ſpät, als er ſeine Augen wieder öff⸗ nete. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, doch zeigte ſie ihr Geſicht der Erde nicht, denn das Ungewitter war in ſchweren und trüben Regen übergegangen, und die plätſchernden Ströme, die aus den Dachrinnen auf die Straße fielen, zeigten, wie viel Waſſer aus den Wol⸗ ken kam. Große und undeutliche Nebelmaſſen lagerten auf den Gipfeln der Hügel, und das Auge konnte nicht weiter als hundert Schritte durch die trübe Dämmerung dringen. William Lovet war in übler Laune; denn er hatte verabredet, an dem Morgen wieder mit dem Hofe aus⸗ zureiten, wenn das Wetter ſchön ſei. Doch ſein Aerger nahm eine heitere Form an; und obgleich ſeine Scherze etwas bitterer als gewöhnlich waren, ſo ſcherzte er doch. Oft ſah er nach dem Himmel, doch bis Mittag zeigte er dieſelde düſtere graue Farbe. Jetzt aber ſonderten ſich einzelne federartige Flocken ab; die Flocken trennten ſich weiter und weiter von einander, wurden zu deutlichen 6 5 Kioaſee — 183— Maſſen, und zeigten hie und da den blauen Himmel. Die Sonne ſchien über das Thal und die Ebene; aber die Wolken auf den höheren Hügeln ſahen nur um ſo ſchwärzer und drohender aus. Um halb ein Uhr kam ein Page in das Gaſthaus hinunter und brachte Herrn William Lovet einen verſiegelten und parfümirten Brief, der nach der damals bei zärtlichen Epiſteln üblichen Sitte mit roſenfarbiger Florettſeide zugebunden war. William Lovet nahm den Brief lebhaft; doch konnte er ſich nicht entſchließen, ihn zu öffnen, ohne ſeine ſarkaſtiſche Laune zu erkennen zu geben. Er hing die Seide über ſeinen kleinen Finger, reichte Algernon Grey mit heiterm Lä⸗ cheln den Brief hin, und erhob ihn dann zu ſeiner Naſe und ſeinen Lippen, und pigf⸗— „Mit Seufzern parfümirt, mit Küſſen gewürzt! Wahrlich, wahrlich, Algernon, Du gleichſt einem Anachoreten bei einem Feſtmahl; Du haſt köſtliche Gerichte und feine Weine vor Dir, und willſt doch nicht davon koſten.— Aber ich muß den theuren Inhalt leſen. Seid Zeugen, all Ihr Götter, daß ich keine Beſtändigkeit geſchworen. Von all den einfältigen Nationen der Welt waren die Lotaphagi*) die einfältigſte; denn nachdem ſie ein Mal ihre Lieblingsſpeiſe gekoſtet, wollte ihnen keine andere ſchmecken. Mein unverwöhnter Gaumen aber weiſt * er die Seide aufgeſchnitten und den Brief geöffnet; und — 184— kein ſüßes Gericht zurück, welches ihm angeboten wird.“ Während er dieſe letzteren Worte ausgeſprochen, hatte als er ihn durchgeleſen, wendete er ſich wieder zu ſeinem Freunde, und ſagte: „Die Luſtfahrt iſt bis nach dem Mittageſſen aufge⸗ ſchoben; aber um zwei Uhr machen wir uns auf den Weg. Gehſt Du mit, Algernon?“ „Nein,“ antwortete Algernon Grey,„ich habe keine Einladung erhalten.“ „Die wäre bald zu verſchaffen,“ verſetzte Lovet; „aber wahrlich, ich will Dich nicht dazu zwingen. Künftig ſollſt Du ganz Deinen Wilahaben, denn ich ſehe, es iſt vergebens, jugendliches Feller von Dir zu hoffen. Ich dachte in der That, als ich Dich und die ſchöne Agnes bei einander ſah, es könnte ein Funke von Dir heraus⸗ gelockt werden, beſonders da meine ſchöne Freundin mir ſagte, daß ſie eben ſo kalt ſei, wie Du; denn Du weißt, Algernon,“ fügte er hinzu, indem er mit lächelndem Blicke mit dem Finger auf ſeine Bruſt deutete,„man macht Feuer, indem man Stein und Stahl, zwei harte, kalte Dinge, zuſammenſchlägt— aber jetzt gebe ich Dich auf. Fahre fort im heiligen Anſtande zu leben, und bringe ein jungfräuliches Herz mit nach England zurück. Waͤreſt Du in dem witzigen Venedig, ſo würden Dich die Damen des Markusplatzes mit einer Koralle und einer Schelle beſchenken.“ „Und ich würde ihnen einen Schleier und ein Paar Handſchuhe dafür wiedergeben,“ antwortete Algernon Grey. „O, ſie tragen Masken,“ rief Lovet. „Ich weiß es wohl,“ ſagte ſein Ge liebe die Masken nicht.“ „Nun, ich muß ſchnell zu Mittag ſpeiſen, und zum Schloſſe hinaufreiten,“ war die Antwort.„Jeder ver⸗ folge ſeinen eigenen Weg, und jedem möge Glück auf ſeine eigene Art begegnen.“ Das Mittageſſen wurde eingenommen. William Lovet putzte ſich auf's Schönſtenheraus und ritt auf's Schloß. Algernon Grey blieb im Gaſthauſe zurück und dachte über den Zweikampf nach, der ihm bevorſtand. Für wenige Menſchen, ſelbſt nicht für die tapfern und entſchloſſenen ſind die Stunden vor einem Zuſammentref⸗ —„ fährte,„und ich efen dieſer Art beſonders angenehm. Und wenn auch viel⸗ leicht nie ein Menſch lebte, der weniger der perſönlichen Furcht unterworfen war, als Algernon Grey, ſo waren dieſe Stunden dennoch beſonders ſchmerzlich und unange⸗ nehm für ihn. Gleich allen Männern von edler Familie war er zum Kriegsdienſte erzogen, ſeit ſeinen Knabenjah⸗ ren an Gefahr gewöhnt und bereit, dem Tode in's Auge 186 zu ſchauen; aber in ſehr ſtrengen religiöſen Anſichten un⸗ terrichtet, konnte er ſeinen Geiſt nicht von dem Glauben frei machen, daß es ein Verbrechen ſei, einen Mitmen⸗ ſchen in einem ſolchen Kampfe zu tödten. Die Gewohn⸗ heiten jener Tage und die allgemeine Sitte der Geſell⸗ ſchaft hatten ihre Wirkung auf ihn, ſo wie auf alle An⸗ dere; aber dennoch blieb ein gewiſſenhaftes Widerſtreben in ſeinem Geiſte zurück, und brachte jenen Trübſinn her⸗ vor, den kein Gefühl der Furcht erregen konnte. Es war auch kein erleichternder Umſtand vorhanden— Nichts, was ihn aufregen oder fortreißen konnte. Er hatte keinen perſönlichen Streit mit einem Gegner, er wurde weder von Feindſchaft, noch von Zorn angeſtachelt; und wie ſchon geſagt, waren die dazwiſchenliegenden Stunden ſehr düſter und ſchmerzlich. Er ſchrieb indeß einige Briefe und Bemerkungen, mehr um die Zeit zu vertreiben, als aus irgend einem andern Grunde. Er befahl, ſein Pferd bereit zu halten, und ſeinem Pagen, ihn zu begleiten. Er betrachtete ſeine Degenklinge und prüfte ſie am Boden; und endlich, als ſich die Sonne dem Horizonte näherte, beſtieg er ſein Pferd, ritt lang⸗ ſam und mit ruhiger und ernſter Miene fort, und befahl ſeinen Dienern, das Abendeſſen bis zu ſeiner Rückkehr be⸗ nach, ſah ſich nach allen Gegenſtänden um, an denen er reit zu halten. Man hegte nicht den geringſten Verdacht wegen ſeines Vorhabens; der Page ritt ihm freudig ——Pp—— ———,— ——————— —— —— vorbei kam, und war begierig, zu erfahren, wohin ſein Herr wohl reiten möge. Als ſie ſich aber dem Fluſſe näherten, zeigte er einen ganz verſchiedenen Anblick als ſeit den letzten Wochen. Der grüne Neckar, ſonſt ſo klar und ſpiegelhell, war jetzt ein trüber, rother, angeſchwollener und reißender Strom. Das Waſſer war im Laufe des Tages und der vergan⸗ genen Nacht um mehrere Fuß geſtiegen, und wurde in ohnmächtiger Wuth an die Brückenpfeiler und die Mauern der alten, mit Zinnen verſehenen Häuſer, die den Fluß begrenzten, geſchleudert. Viele von den Felſen, die bei gewöhnlichem Waſſerſtande ihre Spitzen hoch über die Oberfläche erheben, waren jetzt entweder ganz bedeckt, oder wurden von Zeit zu Zeit von Wellen überſpült, die ein heftiger Südweſtwind im Kampfe mit dem reißenden Strome erregte. Als Algernon Greys Pferd den Fuß auf die Brücke ſetzte, ſagte ihm ein dumpfes und ſchwe⸗ res Rollen nach Oſten und Norden zu, welches unter den Hügeln widerhallte, daß die dunklen Wolken, die man dort noch hängen ſah, ihren mit Donner und Blitz ge⸗ miſchten Regen in die Thäler des Odenwaldes ergoſſen. Aber in dem Augenblick, als er den Abhang der Brücke hinaufgeritten war, ſah er vor ſich, was ſeine ganze Jufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Der Baron von Oberntraut wartete unter dem Thorwege des entgegen⸗ geſetzten Brückenhauſes auf ihn, obgleich die beſtimmte — 188— Zeit kaum da war. Der junge Engländer trieb ſein Pferd an, und ritt auf ihn zu. Ihre Begrüßungen wa⸗ ren vollkommen höflich, und Oberntraut ſagte in ruhigem und gleichgültigem Tone: „Wir ſind Beide ein wenig vor der beſtimmten Zeit gekommen, glaube ich; aber der Fluß ſteigt noch und auf dem Wege am Ufer iſt zuweilen Waſſer genug, um die Füße unſerer Pferde naß zu machen. Mit Eurer Erlaubniß will ich Euch den Weg zeigen. Der Strom iſt noch nicht ſo weit heraufgekommen, wie ich ſehe.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich am Fuße der Brücke rechts, und ritt am Fluſſe aufwärts; doch es wird nöthig ſein, zu ſagen, daß das rechte Ufer des Neckar zu jener Zeit einen ganz verſchiedenen Anblick darſtellte als jetzt. Zwiſchen Neunheim und dem alten Kloſter Neuburg, jetzt das Stift genannt, waren damals keine Häuſer. Der Weg war nicht erhöht, wie jetzt, ſondern nur wenige Fuß über dem gewöhnlichen Waſſerſtande des Fluſſes. Der Wald auf dem Heiligenberg und den an⸗ dern Hügeln nach Neckarſteinach zu näherte ſich dem Wege bis auf wenige Fuß; und hie und da führte ein breiter oder ſchmaler Pfad, je nach den Umſtänden, nach Norden hinauf, wo ein Dorf in irgend einer Schlucht oder auf einer Hochebene lag, der den Landleuten diß Gelegenheit gewährte, Aepfel⸗ und Pflaumenbäume z1 pflanzen. Weinberge waren nicht zu ſehen, außer au - 189— einzelnen Stellen in der Nähe von Neunheim oder bei dem Stifte Neuburg. 8 Auf dem niedrigen Fahrwege, der zugleich dazu diente, die Böte ſtromaufwärts zu ziehen, führte der Ba⸗ ron von Oberntraut den jungen Engländer mit langſa⸗ men und ruhigen Schritten weiter, bis ſie nur etwa eine Viertelſtunde von dem letzteren Orte entfernt waren. Dort traten die Hügel ein wenig zurück, und ließen eine Fläche frei, die dem Anſcheine nach ebenfalls dicht be⸗ waldet war, und an einer Stelle, wo die Hütte eines Bootsmannes ſtand, in deren Nähe zwei oder drei Böte am Ufer lagen, ſah man den Eingang eines Nebenweges, der ſich mehr und mehr verengte, ſo daß endlich nur ein einziges Pferd hindurch konnte. Am Eingange dieſes Pfades hielt der Baron ſein Pferd an, und ſagte zu ſeinem Begleiter: „Wir wollen die Pferde und die Pagen hier zurück laſſen, wenn Ihr wollt, und ein Paar Hundert Schritte zu Fuß gehen.“ Algernon Greh willigte natürlich ein, und man er⸗ theilte den beiden Jünglingen den Befehl, die Pferde ihren Herren nachzuführen, ſo weit ſie den Pfad hinauf kommen könnten, und dort zu warten. „Mit Eurer Erlaubniß will ich vorangehen,“ ſagte Oberntraut. Algernon Grey machte blos eine Bewegung mit — 190— dem Kopfe, ohne zu antworten; als aber der Andere etwa 669 oder funfzig Schritte gegangen war, ſag⸗ te er: „Die Sonne geht raſch unter, wenn ſie nicht ſchon hinter die Hügel getreten iſt; und ich denke, wenn wir unſere Schritte nicht beſchleunigen, werden wir nicht mehr Licht genug haben.“ „O, der Wald macht es hier nur ſo dunkel,“ ant⸗ wortete ſein Begleiter in heiterm und ſelbſtgenügſamem Tone;„wir werden ſogleich mehr Licht haben, und die Dämmerung währt lange hier.“ Mit dieſen Worten ſchritt er weiter, und in weniger als zwei Minuten gelangten ſie auf eine kleine grüne, kaum den vierten Theil eines Morgens umfaſſende, erſt kürzlich gemähte Wieſe, worauf daher der Raſen kurz und eben war. „Dieſer Platz ſcheint ganz zu dem Zwecke eingerich⸗ tet zu ſein,“ ſagte Algernon Grey trocken. „Er iſt oft dazu angewendet worden,“ antwortete Oberntraut in die Mitte tretend und ſeinen Mantel ab: werfend. Algernon Greh folgte ſeinem Beiſpiel, zog ſeinen Degen und legte das Degengehänge und die Scheide zu dem Mantel. „Unſere Waffen ſind vermuthlich von der gewöhn⸗ lichen Länge,“ ſagte Oberntraut durch die Zähne ſpre⸗ ——-ro:— ————, — 191— chend; denn es war mehr Bitterkeit in ſeinem Herzen, als er zeigen wollte. „Ich weiß es in der That nicht,“ antwortete Al⸗ gernon Grey;„aber es wird gut ſein, ſie zu meſſen.“ Und er legte ſeinen Degen neben den ſeines Geg⸗ ners. Der Unterſchied war indeß beträchtlich, denn die Klinge des Engländers war wenigſtens um zwei Zoll kürzer, als die des Deutſchen; und als der Baron es be⸗ merkte, röthete ſich ſeine Wange, und ſeine Augenbrauen zogen ſich zuſammen. Aber ſein Herz war edel und ge⸗ recht, obgleich etwas ungeſtüm und zornig; und nach einer augenblicklichen Pauſe ſagte er: „Ich kann bei dieſer Ungleichheit nicht mit Euch fechten; wir müſſen es bis auf einen andern Tag auf⸗ ſchieben. Es iſt überdies auch meine Schuld, denn ich hätte Euch das Maß meines Degens ſchicken oder nach der Länge des Eurigen fragen ſollen.“ „Es thut Nichts,“ antwortete der junge Engländer, „Euer Degen iſt ein wenig länger, als der meine; aber mein Arm iſt dagegen ein wenig länger, als der Eure; dadurch wird der Unterſchied ausgeglichen, und eine ſolche Sache ſollte niemals wegen unbedeutender Bedenklichkeiten aufgeſchoben werden. Ueberdies wird mein Aufenthalt in dieſem Lande kurz ſein, und vielleicht würde ich keine Ge⸗ leaenheit mehr haben, Euch zufrieden zu ſtellen. Indem ich Euch für Eure Höflichkeit danke, ſage ich, die Sade muß vor ſich gehen, wie ſie iſt.“ „Gut, gut,“ antwortete Oberntraut,„wenn das Eure Meinung iſt, ſo bin ich bereit.“ „Es wird beſſer ſein, wir nehmen die Mäntel aus dem Wege,“ antwortete Algernon Grey,„ich ſehe, es wird uns bald an Licht fehlen.“ „O, fürchtet das nicht,“ ſagte der Baron,„derglei⸗ chen Dinge währen nicht lange.“ Der junge Engländer lächelte, und als die Hinder⸗ niſſe weggeräumt waren, trat er mit ceremoniöſer Höf⸗ lichkeit vor und begrüßte ſeinen Gegner. Oberntraut er⸗ widerte das Compliment, und ſie kreuzten ihre Degen. Italien, wo Algernon Grey mehrere Jahre zuge⸗ bracht hatte, war im ſechzehnten und ſiebzehnten Jahr⸗ hundert die große Schule für die Anwendung dieſer Waffe. Hinſichtlich der Stärke waren die beiden Gegner einander faſt gleich; denn wenn der junge Engländer et⸗ was größer und geſchmeidiger war, ſo war Oberntraut mehrere Jahre älter, und hatte jene Feſtigkeit und Kraft der Muskeln erlangt, ehe noch das Geringſte von ſeiner Gewandtheit verloren gegangen war. Der Letztere war auch ſehr geſchickt in der Anwendung ſeiner Waffe, doch war ihm Algernon Grey, vermöge der guten Schule, die er durchgemacht hatte, ohne Zweifel überlegen. Auch war ſeine vollkommene Kälte ein großer Vortheil. Es — 193— war keine zornige Leidenſchaft, keine Haſt, kein Ungeſtüm in ſeiner Bruſt. Er kam, um ſich zu vertheidigen, und ſich einem Gegner zu widerſetzen, doch war er weder er⸗ bittert, noch furchtſam. Es war ihm, als ſei er in einem Fechtſaal, wo er mit ſtumpfen Waffen ſeine Geſchicklich⸗ keit erproben ſollte. Er wünſchte, ſeinen Gegner zu ent⸗ waffnen, aber ihn nicht zu verwunden, und in den erſten drei Gängen bemerkte Oberntraut, daß er es mit einem vollkommenen Meiſter in der Fechtkunſt zu thun habe⸗ Anfangs diente dieſe Entdeckung dazu, ihn vorſichtiger zu machen, und er wendete alle ſeine Geſchicklichkeit an, doch vergebens. Er konnte ſich der Bruſt ſeines Gegners nicht nähern; wohin ſich ſeine Spitze auch wendete, begeg⸗ nete ihr überall Algernons Klinge; und mehr als ein Mal bemerkte der Baron, daß er ſich eine Blöße gegeben habe, daß aber ſein Gegner aus irgend einem Grunde die Ge⸗ legenheit nicht benutzte. Wiederholte Vereitelungen ſeiner Abſicht machten ihn aufgeregt und unvorſichtig. Er be⸗ obachtete die Vertheidigung ſeines Gegners, und dachte ihm ſeinen Kunſtgriff abzulernen, und ihn durch eine an⸗ dere Art des Angriffs zu beſiegen; doch wie er auch ſei⸗ nen Angriff veränderte, Algernon begegnete ihm ſtets mit einer verſchiedenen Parade, und der Degen glitt ſtets un⸗ ſchädlich von ſeiner Schulter oder ſeiner Hüfte ab. Es wurde allmälig dunkler, und eben ſo kalt oder vielleicht noch kälter, als da er begonnen, erinnerte ſich Heidelberg. Erſter Band. 13 — 194— der junge Engländer der Worte ſeines Gegners, und dachte:— „Dieſe Dinge währen doch länger, als Ihr geglaubt, mein guter Freund, wenn man es mit einem Manne zu thun hat, welcher weiß, was er vor hat.“ Zugleich verzog ein leichtes Lächeln ſeine Lippe, und da Oberntraut glaubte, er ſpotte ſeiner, ſo erneuerte er ſeinen Angriff mit zehnfacher Wuth. Algernon Grey warf einen raſchen Blick auf den Himmel; die Abend⸗ röthe war verſchwunden, ſchwere Wolkenmaſſen zogen vorüber, ein Regentropfen fiel auf ſeine Hand, und er ſ ſah, daß es in zwei oder drei Minuten ganz dunkel ſein würde. „Ich muß ihn verwunden,“ ſagte er bei ſich ſelber, „oder ich werde in dieſer Dunkelheit ſelbſt verwundet l werden; er iſt zu geſchickt, um entwaffnet zu werden. z ———————— Ich muß ihn verwunden, aber nur unbedeutend.“ In demſelben Augenblick machte Oberntraut einen wüthenden Ausfall. Der junge Engländer parirte ihn, doch obgleich ſeines Gegners Bruſt ungedeckt war, ſo machte ihm doch ſein Herz Vorwürfe, und er wollte den Ausfall nicht erwidern, um ihm keine tödtliche Wunde beizubringen. Der Baron drang heftig auf ihn ein, und der junge Engländer wich Schritt für Schritt zurück,! ging dann plötzlich wieder zum Angriff über, trieb ſei⸗ nen Gegner vor ſich her, ſprang dann nach Italieniſcher — 195— Art zurück, und ſtand in der Parade da. Oberntraut ſel derſelben Methode, wovon er einige Kenntniß hatte, ſprang vorwärts, und machte einen Ausfall. Al⸗ gernon parirte, und gab den Ausfall zurück; aber in demſelben Augenblick glitt der Baron auf dem naſſen Graſe aus, die Spitze des Degens traf ſeine rechte Bruſt dicht an dem Schlüſſelbein und kam hinter der Schulter wieder heraus. Er taumelte, erhob ſeine Waffe, ließ ſie wieder fallen, und ſank langſam auf den Boden nieder. So kalt und ruhig ein Mann auch ſein mag, ſo ſehr er ſich auch zu dem berechtigt hält, was er gethan hat, wenn er ſich auch nur ſelbſt vertheidigt hat, und die Handlung unvermeidlich geweſen iſt, ſo kann doch „Niemand einem Andern eine wirkliche und ernſtliche Ver⸗ t letzung zufügen, ohne ein gewiſſes Bedauern oder Reue zu empfinden, wenn nicht ſein Herz ſo hart iſt, wie ein Diamant. In ſolchen Augenblicken wird uns erſt die n Kette der Verwandtſchaft bekannt, die das ganze Men⸗ ſchengeſchlecht mit einander vereint; erſt dann fühlen wir, daß wir Brüder ſind, und daß wir die Hand gegen das Leben eines Bruders erhoben haben. e In dem Augenblick, als die That geſchehen war— d und es war offenbar mehr, als er zu thun beabſichtigt k, hatte— fühlte Algernon Grey, wie ein ſtechender w Schmerz durch ſeine Bruſt fuhr, und er ſagte bei ſich er ſelber: 95 —₰—2—+— — ᷣ 13* — 196— „Wollte Gott, er hätte mich nicht dazu getrieben— wollte Gott, er hätte den Kampf nicht veranlaßt.“ Sogleich warf er ſein Schwert auf den Boden, kniete an Oberntrauts Seite nieder, legte ſeinen Kopf und ſeine Schultern auf ſein Knie, und ie in lebhaften und freundlichen Tönen: „Ich hoffe, Ihr ſeid nicht ſchwer verwundet.“ „Es iſt mir ein wenig matt,“ ſagte Oberntraut langfam,„nicht viel— es wird mir ſogleich beſſer wer⸗ den, und ich werde im Stande ſein, den Kampf fortzuſetzen.“ „Unſinn, Unſinn!“ rief Algernon Grey heftig.„Den Kampf mit einem Manne forzuſetzen, mit dem Ihr kei⸗ nen Streit habt, der Euch nie beleidigt hat, und der freundſchaftlich gegen Euch geſinnt war? Mein guter Freund, ich will den Degen nicht wieder gegen Euch zie⸗ hen; ich habe genug davon.“ „Auch ich habe genug, glaube ich,“ ſagte Obern⸗ traut matt, indem ſich ein Lächeln über ſein Geſicht ver⸗ breitete.„Ihr ſeid ein Meiſter in der Faihglunſt— die⸗ ſer Gang war köſtlich!“ „Der Raſen war ſchuld!“ rief Algernon Grey. „Wäret Ihr nicht ausgeglitten, ſo hätte ich Euch kaun berührt.“ Oberntraut drückte ſeine Hand, und ſagte: „Wenn Ihr nur die Blutung ſtillen könntet— dat — 197— Blut dringt durch mein Wamms— doch es wird beſſer ein, wenn Ihr den Pagen ruft.“ „Ich will erſt verſuchen, das Blut zu ſtillen,“ ant⸗ wortete Algernon Grey,„es iſt keine Zeit zu verlieren V— noch fünf Minuten, und man wird die Wunde nicht mehr ſehen.“ Hierauf öffnete er die Weſte und das Hemd ſeines Gegners, die jetzt beide von Blut durchnäßt waren, zer⸗ riß ſein Taſchentuch in zwei Stücke, und machte aus je⸗ dem ein Bäuſchchen, wie er es im Felde von den Wund⸗ ärzten geſehen hatte. Dann legte er das eine auf die vordere, und das andere auf die hintere Wunde, band ſie mit ſeiner und des Barons Schärpe feſt, und ſtillte ſo die Blutung wenigſtens einigermaßen. Dann ſagte er, nachdem er ihn einige Augenblicke angeſehen:. „Ich will Euch nur auf einige Augenblicke verlaſ⸗ ſen, und den Pagen nach einer Sänfte oder dergleichen ausſchicken, um Euch in die Stadt zu tragen.“ „Nein, nein,“ antwortete ſein früherer Gegner, „ſchickt zu dem Stift Neuburg hinauf, dort werden ſie mich aufnehmen und gut verpflegen. Dann kann man 9 einen Wundarzt kommen laſſen— aber erinnert Euch, was auch geſchehen mag, daß dies nicht Eure Schuld iſt; es war mein eigenes Thun— Niemand iſt zu ta⸗ deln, als ich. Mich dünkt, die Blutung hat aufge⸗ hört.“ — 198— Algernon Grey eilte weiter, fand den Fußſteig ohne Schwierigkeit, und eilte zu dem Wege hin; aber ſobald ſein Page ihn erblickte, warf er dem andern die Zügel der Pferde zu, eilte ſeinem Herrn entgegen, und rief: „Fort, Mylord, fort, oder Ihr werdet nicht mehr im Stande ſein, durchzukommen. Der Fluß ſteigt raſch; das Waſſer iſt ſchon auf dem Wege.“ „Achte nicht auf mich,“ rief Algernon Grey,„ſon⸗ dern eile ſo ſchnell als möglich zu dem Gebäude zur Linken hinauf. Eile, Knabe, eile, und ſage, es liege ein Cavalier verwundet im Walde. Bitte, daß man augen⸗ blicklich Leute herunter ſendet, um ihn dorthin zu brin⸗ gen.“ Der Knabe ſah ihn mit einem Blicke der Ueberra ſchung und Beſtürzung an, und ſchien im Begriff, eine Frage zu thun, als Algernon Grey rief: „Fort, frage nicht; ſein Leben hängt von Deiner Eile ab.“ Der Page eilte davon, um den Auftrag auszurich⸗ ten, als man plötzlich die Hufſchläge vieler Pferde ver⸗ nahm, die in raſchem Schritte um den Wald und die nahen Felſen bogen. Der Knabe hielt an, und zog ſich einen Augenblick zurück. Es kam ein Theil der glänzen⸗ den Begleitung des Kurfürſten und ſeiner Gemahlin vor⸗ über, und die Pferde plätſcherten im Waſſer, welches jetzt an dem Theile des Weges zwei bis drei Zoll hoch ſtand. Der Knabe eilte weiter, und Algernon Grey trat einige Schritte vor, um irgend einen Nachzügler von der Geſellſchaft zu erhaſchen, und ihn zu bitten, ſchnell einen Wundarzt aus der Stadt herbei zu ſenden; aber ehe er den breiten Weg erreichte, eilten zwei oder drei Reiter wie der Blitz an ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken, und im nächſten Augenblick vernahm er einen durchdrin⸗ genden Schrei. Der Hof de Neuntes Kapitel. s Kurfürſten Friedrich des Fünften war, wie ich bereits einigermaßen gezeigt habe, einer der fröh⸗ lichſten und glänzendſten in Europa. Ja, die Fröhlich⸗ keit und die Luſtbarkeiten, die dort herrſchten, ſetzten die ſtrengen calvi legenheit, wie ſie niſtiſchen Prediger nicht wenig in Ver⸗ die Leichtfertigkeit des Fürſten und der Fürſtin entſchuldigen ſollten, die ihnen an den Ober⸗ häuptern der ſtre ngen puritaniſchen Partei in Deutſch⸗ land als ſehr unpaſſend erſchien. Sie würden ohne Zweifel getadelt und Vorſtellungen gemacht haben, wenn ſie es hätten wagen dürfen; aber die Prediger einer Secte, deren religiöſe Lehrer wenig wirkliche Macht haben, au⸗ ßer der, welche gewährt, ſind eh ihnen der Fanatismus ihrer Schüler er geneigt, gegen große Perſonen, de⸗ ren Schutz und Unternehmen nöthig iſt, um ihr Anſe⸗ ſehen, wenn nicht ihre Exiſtenz aufrecht zu erhalten, die 4 6 / 8 — +— Zz. — 291— Schmeichler zu ſpielen. Daher geſchah es, daß Schul⸗ tetus und ſeine Collegen, wie des guten Mannes eigene Schriften zeigen, außerordentlich gelinde gegen den lie⸗ benswürdigen Leichtſinn des Kurfürſten waren, und ſich mit ſehr ſtrengen und drohenden Predigten vor dem Hofe begnügten, wäͤhrend ſie jede Gelegenheit benutzten, die Ausſchweifungen des Kurfürſten und ſeiner Gemah⸗ lin mit der Jugend, dem Glück und der Gewohnheit zu entſchuldigen. So beſchäftigte einen Tag nach dem andern irgend eine neue Luſtpartie, eine Jagd, oder ein fröhliches Ge⸗ lag— nur von Zeit zu Zeit durch wilde Ausbrüche des Fanatismus unterbrochen, die auch ihr Intereſſe und ihre Aufregung hatten— die gedankenloſen Geiſter des pfalz⸗ gräflichen Hofes und gewährte zuweilen auch Gelegenheit zu nicht ganz ſo unſchuldigen Handlungen. An dem Abend, von dem wir eben geredet haben, kam eine große Geſellſchaft, obgleich nicht ganz ſo zahl⸗ reich, wie die am vorhergehenden Tage, aus den Tho⸗ ren des Schloſſes hervor, nahm ihren Weg über die Brücke und auf derſelben Straße fort, welche Algernon Grey und der Baron von Oberntraut ſpäter einſchlugen. Ich will nicht bei der Beſchreibung der Unterhaltungen an dieſem Nachmittage verweilen, noch auch erzählen, wie die Cavalcade durch Wege und Nebenwege geführt wurde, die ſelten etwas ſo Prachtvolles geſehen hatten. 202— Schönau, welches man am vergangenen Tage beſucht hatte, paſſirte man jetzt nur zur erneuerten Bewunde⸗ rung der guten Bauern, und dann erreichte der ſchim⸗ mernde Trupp auf einem engen Wege, wo ſie nur paar⸗ weiſe reiten konnten, ein kleines Dorf, welches den ſelt⸗ ſam widerſprechenden Namen Alt⸗Neudorf führte. Das Ausſehen des Dorfes erſchien ſelbſt den Augen der ſchö⸗ nen Kurfürſtin, die natürlich zu jeder wilden Expedition geneigt war, etwas verlaſſen, doch die ganze Geſellſchaft war bald angenehm überraſcht, ein Haus und einen Garten in der Mitte des Ortes zu finden, die, wie zu ihrem Empfange, mit Fähnchen, Bannern und Teppi⸗ chen geſchmückt waren, während wohlbekannte Diener des Hofes in zierlichen Anzügen in den Thüren ſich zeigten, um die fürſtlichen Perſonen zu empfangen, und in einem großen Zimmer, welches wie ein königliches Zelt behängt und mit einem Teppich von trockenem Mooſe verſehen war, wurde ein reichliches Mahl aufgetragen, welches in kalten Fleiſchſpeiſen, feinen Weinen und Früchten be⸗ ſtand. Unterwegs hatte William Lovet ſeinen Platz an der Seite der ſchönen Gräfin von Lauſſitz behauptet; doch er ſchien in weniger heiterer und liebenswürdiger Laune, als am Tage zuvor, und indem er ihre Augen vermöge ſeiner Blicke auf die Perſon einer Dame lenkte, die in der Nähe ritt, ſagte er, als ſie ſich dem Dorfe näherten: — 293— „Sie ſagte mir, ſie würde nicht hieherkommen.“ „Und welchen Unterſchied macht ihre Gegenwart oder ihre Abweſenheit für Euch, Dienſtmann?“ fragte die Gräfin.„Haßt Ihr ſie ſo ſehr, daß Ihr ihren Anblick nicht ertragen könnt? Ihr ſeid ſo mürriſch und ver⸗ ſtimmt, als hätte ſie Eure Liebe zurückgewieſen.“ Lovet ſah, daß er ſeine üble Laune zu deutlich ge⸗ zeigt habe und erwiderte mit lächelnder Miene: „Ich hätte gedacht, die Frauen wären beſſere Poli⸗ tiker, meine Schöne. Könnt Ihr nicht errathen, warum ich ärgerlich bin? Es mißfällt mir nicht, daß ſie hier iſt, ſondern nur, daß ſie nicht anderswo iſt. Von mei⸗ nes guten Vetters Aufenthalt in dieſem Lande hängt meine Gegenwart an Eurer ſchönen Seite ab; denn ich habe geſchworen, ihm ein Jahr lang Geſellſchaft zu lei⸗ ſten. Wenn er geht, muß ich auch gehen, und wie könnte ich ein Jahr lang vhne Euch leben? „Aber was hat das mit Agnes Herbert zu thun?“ fragte die Dame.“. „Was? Sind dieſe klaren Augen nur gemacht, mein Herz zu durchbohren und nicht zu ſehen?“ rief Lovet. „Habt Ihr nicht bemerkt, daß die Liebe ſich ſeiner ſchon am erſten Abend bemächtigte? Und jetzt iſt er bemüht, ſich wieder frei zu machen. Wäre ſie zurück geblieben, ſo wuͤrde er ſie beſucht haben, wie am letzten Abend, und es wäre noch ein Glied zu der Kette hinzugefügt — 264— worden, welche ihn hier feſſelt und mich zu Euren klei⸗ nen Füßen zurückhält. Ihr müßt mir helfen, meine Schöne, die Kette dieſes jungen Mädchens um ſeinen Nacken zu befeſtigen. Auch ich muß noch heute während unſeres Rittes einen Augenblick finden, ſie dazu anzu⸗ treiben, auch wenn ich einen Theil meines Sonnenſcheins verlieren ſollte.“ In der Begleitung des Kurfürſten waren noch Meh⸗ rere, als Lovet, nicht ganz mit den Ereigniſſen des Ta⸗ ges zufrieden. Kritiſche Augenblicke ſtanden bevor, wo Entſcheidung nöthig war, und wo jede Entſcheidung, ſelbſt über einen kleinen und dem Anſchoine nach unbe⸗ deutenden Gegenſtand, nicht nur auf das Geſchick der Pfalz, ſondern von ganz Deutſchland, und in entfern⸗ terem Grade auf das Geſchick der ganzen Welt Einfluß haben konnte. Es waren Männer am Hofe des Kur⸗ fürſten, welche dieſe weitere und umfaſſendere Anſicht hatten, alle ſeine Handlungen wohl abgewogen und alle ſeine Gedanken auf die Berückſichtigung ſo hochwichtiger Fragen gerichtet zu ſehen wünſchten. Zugleich waren Andere von engerem Geſichtskreiſe da, die ſeine Anſich⸗ ten zu Gunſten der Partei, welcher ſie ſelber angehör⸗ ten, zu lenken wünſchten. Der leichtfertige Sinn des Hofes war natürlich den Abſichten Beider ungelegen; und bei gegenwärtiger Gelegenheit waren zwei oder drei von den Räthen des jungen Fürſten, denen es früher nicht — 295— gelungen war, Gehör zu erha ten, in der Hoffnung der Cavalcade gefolgt, daß ſich eine Gelegenheit zeigen werde, ihm ihre verſchiedenen Anſichten mitzutheilen. Die bei⸗ den als Politiker einflußreichſten gegenwärtigen Perſonen waren der berühmte Ludwig Camerarius und der Graf Achates Dohna, der erſt kürzlich kurfürſtlicher Geſand⸗ ter in Prag geweſen war. Dieſe beiden Männer waren in der That ſehr verſchieden in ihrer Perſönlichkeit, ſo wie in ihren Anſichten; aber ohne den Verſuch zu ma⸗ chen, ihre Charaktere zu ſchildern, wird es nur nöthig ſein, bei dieſer Gelegenheit zu ſagen, daß Camerarius das Ohr des Kurfürſten allein für ſich zu gewinnen ſuchte und es mit ſchmeichelhaften Ausſichten auf künf⸗ tige Größe erfüllte, während Dohna nur von Zeit zu Zeit verſuchte, ſeinem Herrn in wenigen kurzen Worten die Gefahren und Schwierigkeiten eines Unternehmens vor Augen zu ſtellen, zu welchem ſeine ſchmeichleriſchen und eigennützigen Hofleute ihn nur zu lebhaft fort⸗ trieben.. Nicht eher als das Mahl beendet war und die Ge⸗ ſellſchaft bereits das kleine Dorf Ziegelhauſen paſſirt hatte, fand Einer von ihnen Gelegenheit, ſeine beſon⸗ dern Anſichten auszuſprechen. Auf dem ſchmalen ege aber, der an einigen Stellen etwas breiter wurde, ritt der Kurfürſt einige Schritte voraus und rief Camerarius an ſeine Seite, während die Kurfürſtin Eliſabeth mit — 206— einigen Damen und Herren folgte und Dohna zu ihrer Linken zwiſchen ihr und dem Fluſſe ritt. Anfangs war ihr Schritt langſam, und der Wind, wie bereits erwähnt, blies ſtark den unruhigen Strom herauf. Da der Fürſt und ſein Rathgeber mit lauter Stimme ſprachen, ſo wurden ihre Worte deutlich zu der nachfolgenden Geſell⸗ ſchaft hingetragen. Gerade als ſie Ziegelhauſen verlie⸗ ßen, ſah man Dohnas Pferd curbettiren, als ob entwe⸗ der das Pferd oder der Reiter plötzlich ungeduldig ge⸗ worden wäre; und endlich hörte die ganze Geſellſchaft, die um die Fürſtin verſammelt war, Camerarius ſagen: „Sie können nicht behaupten, daß Eure Hohheit Etwas damit zu thun gehabt. Die ganze Sache geht von den Böhmen aus.“ Dohna gab ſeinem Pferde heftig die Sporen, war im Augenblick an des Fürſten Seite und antwortete laut: „So habt Ihr die goldene Kette gewonnen, Rath Camerarius?“ Dann zog er den Zügel an und war ſogleich wieder an der Seite der Kurfürſtin. Camerarius war ein we⸗ nig verlegen geworden, doch war er ein zu alter Hof⸗ mann, um ſeinen Aerger und ſeine Schaam zu erkennen zu geben, und ſagte blos. „Der Graf ſcheint dieſen Abend ein wenig ärgerlich zu ſein.“— — 207— Dann fuhr er in ſeiner blumenreichen Rede fort: „Sollte eine ſolche Wahl geſchehen,“ ſagte er,„ſo kann ſie nur als eine Beſtimmung des Himmels angeſe⸗ hen werden. Wenn eine gemiſchte Bevölkerung von ver⸗ ſchiedenem Glauben und Geſinnungen ſich vereint, einen Fürſten auf ihren Thron zu ſetzen, der nicht nur durch ſeine eigene Kraft und ſeine hohen Eigenſchaften ſtark, ſondern auch das Oberhaupt und die Hauptſtütze des großen proteſtantiſchen Bundes in Deutſchland iſt, ſo muß es das Reſultat einer leitenden Macht ſein, welche höher iſt, als die Weisheit der Menſchen.“ Dohna war im Augenblick wieder an der Seite des Fürſten. „Wie lange wird der Bund vereint bleiben?“ ſagte er.„Iſt er je vereint geweſen? Hat er je in Harmo⸗ nie gehandelt? Darauf dürft Ihr nicht rechnen, außer als auf ein Element der Uneinigkeit.“ Camerarius warf ihm einen wüthenden Blick zu; der Kurfürſt ſchwieg, Dohna ließ ihn wieder weiterrei⸗ ten und ſetzte ſeine Unterhaltung mit der Kurfürſtin fort. Die nächſten Worte, welche gehört wurden, kamen aus Friedrichs Mund; doch waren dazwiſchen mehrere Sätze geſprochen worden, welche die nachfolgende Ge⸗ ſellſchaft nicht hörte. „Es iſt in der That ein entſchloſſenes Geſchlecht,“ — 208— ſagte er;„eher bereit, ſein Blut zu vergießen, als ſich der Thrannei der Römiſchen Kirche zu unterwerfen.“ „Sie haben ſich ſeit Jahrhunderten entſchloſſen und kräftig, gezeigt, jede Sache zu unterſtützen, der ſie ſich angeſchloſſen, Hoheit,“ antwortete Camerarius. Dohna kam wieder näher und rief: „Ich kenne ſie beſſer, als irgend Jemand, und will nicht verbergen, daß ſie zwar halsſtarrig und widerſetz⸗ lich ſind, aber auch bereit, jeden Anführer bei dem er⸗ ſten Mißgeſchick zu verlaſſen und ihn allen kräftigen Bei⸗ ſtand zu verweigern, wenn ſich nicht ſein Gewiſſen nach ihren Vorurtheilen fügt.“ Dies Mal ſchien er nicht geneigt, ſich zurückziehen z wollen, denn der Weg war breiter; und da Came⸗ rarius dennoch hoffte, einen Eindruck hervorgebracht zu haben, ſo wollte er den Gegenſtand im Beiſein ſeines Gegners nicht weiter fortſetzen. Sie kamen jetz⸗ dem Stift Neuburg vorüber, und indem er vor ſich ſah, rief er: „Es iſt beſſer, wir beſchleunigen unſern Schritt, Hoheit;„dort ſcheint das Waſſer raſch über den Weg Hünuſäuſteigen Schnell, ſchnell,“ rief Friedrich den Nachfolgenden 3u.„Spornt Eure Pferde an, oder wir werden von dem Fluſſe abgeſchnitten werden.“ Einige Hundert Schritte weiter fand man den Weg - 20b— mit Waſſer bedeckt, und der Kurfürſt hielt ſogleich mit unentſchloſſener Miene ſein Pferd an. „Iſt das der Muth, eine Krone zu gewinnen oder zu vertheidigen 2“ murmelte Dohna bei ſich ſelber. Dann gab er ſeinem Pferde die Sporen und rief laut: „Hieher, Hoheit, hieher! Ich will Euch den Weg zeigen. Das Waſſer iſt keine zwei Zoll tief.“ Und raſch vorwärts reitend, erreichte er bald eine Stelle, die nicht vom Fluſſe beſpült wurde. Die, wel⸗ che dicht hinter dem Kurfürſten waren, folgten ſogleich; und obgleich ſich die ganze Geſellſchaft in mehrere Grup⸗ pen getheilt hatte, ſo kam doch eine nach der anderen ohne Gefahr durch. Wir müſſen uns hier indeß zu den letzten Perſo⸗ nen in dem Zuge wenden und ſie von Ziegelhauſen her⸗ begleiten. In dieſem Dorfe war Agnes ein Wenig zurückge⸗ blieben, denn ihr Pferd war lahm geworden. Sie rief Einen von den Dienern des Hofes herbei, um den Fuß des Pferdes zu unterſuchen, als ſie plötzlich den Eng⸗ länder William Lovet an ihrer Seite erblickte. Sobald er ſah, was geſchehen war, ſprang er vom Pferde und ehe der Diener noch herankam, hatte er ſchon den Huf des Pferdes unterſucht und einen kleinen Stein her⸗ ausgezogen, der ſich zwiſchen dem Huf und dem Eiſen Heidelberg. Erſter Band. 14 — 210— eingeklemmt hatte. Dann ſchwang er ſich wieder in den Sattel und ſagte mit anmuthiger Verneigung: „Dem wäre bald abgeholfen. Das Pferd wird jetzt beſſer gehen; doch treibt es nicht zu ſehr an.“ Agnes ritt weiter. Lovet blieb an ihrer Seite und ſagte: „Ich müßte mich ſehr irren, oder ich habe ſchon die Ehre gehabt, Euch früͤher zu ſehen. Mein edler Vetter Algernon Greh war Euer Gefangener während eines angenehmen Abends.“ Agnes verneigte ſich und antwortete: „Ich war genöthigt, der Kurfürſtin ſelbſt im Scherz zu gehorchen.“ 3 „Ich will ihm nicht ſagen,“ verſetzte William Lovet lächelnd,„daß Ihr nur aus Pflicht einwilligt.“ „Sein Benehmen machte die Pflicht zu einem Ver⸗ gnügen,“ antwortete Agnes. „Ah, wohl mögt Ihr das ſagen,“ antwortete Lo⸗ vet gedankenvoll vor ſich niederblickend;„er gewinnt leicht die gute Meinung. Die meiſten Männer gewin⸗ nen Andere, indem ſie das verbergen, was böſe in ihnen iſt— Algernon aber dadurch, daß er Alles zeigt, was in ſeinem Herzen iſt, indem er Nichts zu verbergen hat, was nicht edel iſt.“ Um der Unterredung auf eine Weile eine andere — 211— Richtung zu geben, deutete er das Thal hinunter und ſagte: „Welch eine ſchöne Scene dies iſt! Ich weiß nicht, ob ſie herrlicher iſt, wie ich ſie zuerſt ſah, ruhig ſchlum⸗ mernd im Abendſonnenſchein, und der Neckar ſo ruhig und ſpiegelhell, wie ein Landſee, oder jetzt mit jenem rothen und ſtürmiſchen Himmel, der ſich in Nacht ver⸗ liert, und dem tobenden Waſſer unten, ſchäumend und brauſend unter den Felsklippen.“ „Der Neckar iſt ſchrecklich angeſchwollen,“ verſetzte das ſchöne Mädchen;„ich erinnere mich nie, den Strom ſo groß geſehen zu haben, außer im Winter.“ Und als ſie auf die dunkle Maſſe des rauſchenden Waſſers hinunterblickte, welches trübe und in ſchäumen⸗ den Strudeln dahinbrauſte, empfand ſie ein Gefühl des Schreckens. 4 „Die Scene iſt in der That ſehr ſchön,“ entgegnete Lovet;„und ich kann ſie jetzt beſſer ſchätzen, als einige Zeit früher, denn die Geſellſchaft meines Vetters hat mich gelehrt, die Schönheiten der Natur mit ganz ver⸗ ſchiedenem und aufmerkſamerem Auge zu betrachten, als vorher. Es ſcheint eine großartige Harmonie zwiſchen ſeinem Herzen und Allem, was liebenswürdig iſt zu herr⸗ ſchen— die Liebenswürdigkeit Eures Geſchlechts ausge⸗ nommen, ſchöne Dame,“ fügte er hinzu,„denn ſo lange 14* — 2412— ich ihn kenne, hat er keine zehn Worte an die Schönſte unter Allen gerichtet.“ Agnes dachte:„An mich hat er mehr Worte ge⸗ richtet,“ antwortete aber nicht, und William Lovet fuhr fort: „Nicht als ob er ein Weiberhaſſer wäre,“ ſagte er, „denn er iſt höflich und freundlich gegen Alle; ſondern im Gegentheil glaube ich, daß er einen ſo hohen Begriff von der weiblichen Vortrefflichkeit hat, daß er nie ſeinen Traum erfüllt findet.“ „Wenn die Vortrefflichkeit andern ſeltenen Dingen gleicht,“ antwortete Agnes,„ſo ſollte ich denken, wäͤ⸗ ren mehr als zehn Worte nöthig, um ſie ans Licht zu bringen.“ „Ja, aber er iſt ſehr raſch in ſeinem Urtheil,“ ſagte ihr Begleiter.„Gleich manchen andern Männern glaubt er, daß die Natur Vieles auf die Geſichter geſchrieben hat, daß ſich Viel aus der Stimme und dem Benehmen erkennen läßt, und daß, wenn nicht beide durch lange Erfahrung wohl geſchult ſind, ein ſcharfer Beobachter das Buch richtig leſen und aus der erſten Seite Viel von dem Inhalt errathen wird.— Ich muß geſtehen, ich weiß ſelten, daß er ſich geirrt hat.“ „Solche Scharfſicht kann vielleicht eine gefährliche Eigenſchaft werden,“ verſetzte die Dame,„ich meine ſelbſt für ſeinen eigenen Frieden.“ — 213— „O nein, er iſt ſtets auf ſeiner Hut,“ verſetzte Lo⸗ vet in unbefangenem Tone;„er wendet nie Zeit an Eine, die er nie der Achtung werth hält, ſondern zieht ſich nach einigen nichtsſagenden, hochtrabenden Redensarten der Höflichkeit wieder in ſich ſelbſt zurück.“ Agnes überdachte raſch Alles, was zwiſchen ihr und Algeron Grey vorgegangen war, und fragte ſich: „Hat er ſo gegen mich gehandelt?“ Die Antwort war klar, und ſie wäre gern wieder in Nachdenken verſunken; doch ſie wollte nicht gern zei⸗ gen oder auch nur bei ſich ſelber zugeben, daß ſie die Sache des Nachdenkens würdig halte, und ſie fragte da⸗ her ſogleich: „Handelt er ſo gegen Männer?“ „O nein,“ antwortete Lovek;„da er weiß, daß er bei Denen ſicher iſt, ſo zeigen ſich alle ſchönen Phanta⸗ ſien ſeines Geiſtes und alle edlen Gefühle ſeines Her⸗ zens. Es wäre wohl der Mühe werth ihn zu behor⸗ chen, wenn er in Worten und leidenſchaftlicher Beredt⸗ ſamkeit Geſinnungen ausſpricht, die eines beſſeren Zeit⸗ alters würdig ſind, als das unſere iſt. Ihr würdet fin⸗ den, daß er ein ganz anderes Weſen iſt, als er ſcheint. Ihr müßt ihn freilich nicht für einen kalten und förm⸗ lichen Egoiſten halten, der ſich in die Betrachtung ſeiner eingebildeten Vortrefflichkeit hüllt. Ich weiß, daß er gegen Frauen oft dieſen Charakter annimmt, obgleich — 2414— ſeine Perſon und ſein Benehmen auch viel Einnehmen⸗ des für ſie haben.“ Agnes antwortete nicht, ſondern blickte vor ſich auf den Weg und ſagte: „Es fängt an dunkel zu werden, es iſt beſſer wir reiten ſchneller. Mein Pferd geht jetzt leichter.“ Und den Zügel ſchüttelnd, brachte ſie ihren Zelter in raſcheren Trab. Im naͤchſten Augenblick kam ein Knabe, wie ein Page gekleidet, aus dem Walde gelau⸗ fen, ergriff den Zügel von Lovet's Pferde und rief: „O, Herr, helft hier; ein Herr iſt ſchwer verwun⸗ det— ja ich fürchte dem Tode nahe.“ „Iſt es Dein Herr?“ fragte Lovet ſein Pferd an⸗ haltend, während Agnes auch ihren Zügel anzog und lebhaft horchte. „Nein, nein,“ antwortete der Knabe,„es iſt der andere Herr.“ „Da muß der andere Herr für ſich ſelber ſorgen,“ antwortete Lovet.„Laß den Zügel los, Knabe,“ fuhr er in heftigem Tone fort;„der Fluß iſt im Steigen.— Kommt, kommt, ſchöne Dame, oder wir werden bei die⸗ ſer zunehmenden Dunkelheit in Gefahr gerathen— kommt, kommt!“ Und er galoppirte auf dem Wege weiter. Agnes verweilte noch einen Augenblick und rief dann:. — 215— „Eile zu jenem großen Gebäude hinauf, mein gu⸗ ter Knabe; dort wird man Dir ſchleunige Hülfe leiſten.“ Indem ſie dann die Gefahr des weiteren Verzuges ſah, ſchlug ſie ihren Zelter mit der Peitſche und das Thier eilte durch das Waſſer auf dem Wege weiter. Lovet war jetzt einige dreißig bis vierzig Schritte vor⸗ aus, und ſie ſah, wie ſich ſein Pferd vor einem Gegen⸗ ſtande im Walde in der Rähe der Fiſcherhütte ſcheute und zurückfuhr. Er gab ihm die Sporen und hielt es dadurch in ſeiner Gewalt. Als Agnes an dieſelbe Stelle kam, ſah ſie ſich nach dem Gegenſtande um, der das Pferd erſchreckt hatte. Sie erblickte einige Pferde und einen Pagen, die bei einander am Eingange des Weges ſtanden; aber in dem Augenblick fuhr ihr Zelter bei dem unerwarteten Anblick heftig auf die Seite. Sie verſuchte ſeinen Kopf mit dem Zügel gerade aus zu hal⸗ ten, doch das Thier bäumte ſich heftig, trat über die Grenze des Weges hinaus und im Augenblick ſtürzten Pferd und Reiterin in die Mitte des rauſchenden Stro⸗ mes. Ein lauter und durchdringender Schrei ertönte durch die Luft. Lovet wendete ſich um und murmelte dann zwiſchen den Zähnen: „Ha, wir müſſen eine Andere finden!“ Darauf galoppirte er weiter bis zu der Stelle, wo der Weg vom Waſſeer frei war. ——ᷓ — 216— In demſelben Augenblick aber, als dieſer herzloſe Ausruf von ſeinen Lippen kam, trat die hohe und kräf⸗ tige Geſtalt Algernon Grey's aus dem Walde hervor. Der junge Cavalier warf einen raſchen Blick über die dunkle und ſchaͤumende Oberfläche des Stromes. Er ſah den Kopf und Hals eines Pferdes über dem Waſſer und eine weibliche Geſtalt, die noch ihren Sitz behaup⸗ tete und ſich mit großer Anſtrengung an der Mähne und dem Sattel feſthielt. Noch ein lauter Schrei traf ſein Ohr, und mit der ſchnellen Berechnung eines ra⸗ ſchen, klaren Geiſtes eilte er zu der Stelle, wo die Böte am Ufer lagen, ſprang in das erſte, welches er erreichen konnte, machte es los und ſchob es mit kräftiger An⸗ ſtrengung auf den Strom. Inzwiſchen wendete ſich das Pferd mit dem In⸗ ſtinkt der Selbſterhaltung in dem rauſchenden Waſſer um und verſuchte dem Strome entgegen zu arbeiten, ſchlug heftig mit den Vorderfüßen, um den Kopf über dem Strome zu halten und wälzte ſich furchtbar unter ſeiner ſchönen Laſt. Agnes hielt ſich noch immer feſt und ſtieß einen Schrei nach dem andern aus; doch ungeachtet ſei⸗ ner Anſtrengungen wurde das Thier im Kreiſe herumge⸗ dreht und den Strom weiter hinuntergeführt. Ein ſchwarz ausſehender Fels erhob noch zum Theil ſein ſchwarzes Haupt über dem Waſſer, und als ſie demſel⸗ ben näher kamen, brachte das arme Thier, obgleich ſo⸗ — 217— wohl der Reiterin als auch dem Pferde die Kräfte ver⸗ ſagten, die Vorderfüße mit heftiger Anſtrengung auf den Felſen und verſuchte hinaufzuklettern. Es war ein unglücklicher Verſuch für das Pferd, denn das Waſſer an der Seite war tief, die Hinterfüße hatten keinen Haltpunkt, die Vorderfüße glitten aus und es ſtürzte in den rauſchenden Strom zurück. Agnes verlor ihren Muth und ihre Kraft, ließ das Pferd los und richtete ein kurzes Gebet an den Him⸗ mel. Doch in dem Augenblick umfaßte ſie ein ſtarker Arm und ſie fühlte, wie ſie in ein Boot gehoben wurde, welches unter ihrer Laſt hin⸗ und herſchwankte. Sie ſah den Todeskampf des Pferdes, ſie ſah eine menſch⸗ liche Geſtalt und ein Boot, welches von dem Schwanken mit Waſſer angefüllt war; und mit ſchwindelndem Kopfe und muthloſem Herzen ſchloß ſie die Augen und drückte ihre Hände auf dieſelben. 3 In dem Augenblick wurde ihre Hand von einer an⸗ deren Hand mit Wärme ergriffen und eine bekannte Stimme ſagte: „Ihr ſeid gerettet, Ihr ſeid gerettet! Gottes Name ſei geprieſen!“ Zehntes Kapitel. Anes Herbert ließ ihre Hand in der ihres Retters. Länger als eine Minute antwortete ſie nicht und that keine Frage. Die Stimme war ihr genug; ſie wußte wer es war, der ſie gerettet hatte. Aber ſie kannte nicht die Gefahr, welcher ſie Beide noch ausgeſetzt waren. Endlich ließ er ihre Hand los und ſie hörte ein Geräuſch in dem ſchwachen Fahrzeuge, welches ſie veranlaßte, ſo⸗ gleich ihre Augen zu öffnen. Da bemerkte ſie die ganze Gefahr ihrer Lage. Selbſt in der grauen Dämmerung konnte ſie ſehen, daß der Rand des kleinen Bootes nur einen Zoll über der Oberfläche des ſchäumenden Stro⸗ mes und die Barke ſelbſt halb voll Waſſer war, wäh⸗ rend Algeron Grey ſich lebhaft beſchäftigte, es mit ſeinen Händen herauszuſchöpfen, als das einzige Mittel, es ei⸗ nigermaßen freier zu machen. — 219— 9 „O, ich danke Euch, ich danke Euch!“ rief ſie. „Wie vielen Dank bin ich Euch ſchuldig! „Redet nicht davon, liebes Fräulein,“ antwortete der junge Engländer;„aber um Gotteswillen, beobach⸗ tet Alles mit aufmerkſamen Blicken, denn wir werden den Strom hinuntergeführt und ich wage nicht mich dem Ufer zu naͤhern. Sagt es mir ſogleich, wenn Ihr einen Felſen ſeht, denn bei all dieſem Waſſer im Boot wür⸗ den wir bei dem geringſten Stoße unterſinken.“ „Hier, nehmt meinen Sammethut,“ rief Agnes, „er iſt beſſer als Nichts?“ Aber ehe Algernon Grehy denſelben zwei Mal an⸗ wenden konnte, um einen Theil des Waſſers herauszu⸗ ſchöpfen, rief ſeine ſchöne Gefährtin: „Ein Felſen! Ein Felſen!— Dort zur Rechten!“ Algernon richtete ſich vorſichtig auf, nahm die kurze Stange, das einzige Werkzeug, welches das Boot ent⸗ hielt, und ſtand aufmerkſam beobachtend am Vordertheil, bis ſie ſich einer Stelle näherten, wo ſich eine von den rauhen Granitmaſſen über den Strom erhob, der die⸗ ſelbe ſchäumend und brauſend umwogte. Dann berührte er den Felſen leicht mit der Stange und ſchob das Boot auf tieferes Waſſers. Im nächſten Augenblick ſah er ſich, kaum im Stande, ſich auf den Füßen zu halten, in einen Wirbel gezogen, der von dem eingeengten Stro⸗ me gebildet wurde, ſobald er frei war. — 220— O, welch eine ſchreckliche Fahrt war dies! Jeden Augenblick drohte ihnen eine andere Gefahr— bald wa⸗ ren es die Felſen— bald die ſeichten Stellen— bald die Strömung— bald die Wirbel— nirgends eine Möglichkeit, ſich dem Ufer zu nähern und die Gewiß⸗ heit, daß jeder Verſuch der Art zum unmittelbaren Un⸗ tergange führen werde! Der Himmel wurde jeden Au⸗ genblick dunkler und dunkler; und obgleich durch Agnes thätige Hülfe ein beträchtlicher Theil des Waſſers im Boot ausgeſchöpft wurde, ſo machte es doch die gebrech⸗ liche Leichtigkeit des Fahrzeuges und die Tiefe, zu wel⸗ cher es geſunken war, wenig wahrſcheinlich, daß die, welche es enthielt, je das Land in Sicherheit erreichen würden. Die anbrechende Nacht, das Brauſen des Stromes, das Heulen des Windes, der ihnen entgegen⸗ wehte, die aufgeregte Oberfläche des Stromes, die ſie bald hin⸗ und herwarf, bald im Kreiſe drehte, dies Al⸗ les hätte wohl ein an Gefahren gewöhntes ſtarkes Herz erſchrecken können, um ſo mehr alſo Agnes Herbert. Al⸗ gernon Grey hatte Mitleid mit ihrem Schrecken, ſo wie mit ihrer Gefahr, und wiederholt ſagte er: „Laßt uns auf Gott vertrauen, theures Fräulein! — Fürchtet Nichts! Fürchtet Nichts! Es iſt ein ſtär⸗ kerer Arm da, der Euch beſchützt, als der meine.— Jetzt iſt das Vertrauen auf den Himmel in der That ein Troſt.“ — 221— Aber noch immer lenkte er mit aufmerkſamen Blik⸗ ken mit feſter und geſchickter Hand das Boot ſo gut er konnte über die aufgeregte Oberfläche des Fluſſes da⸗ hin. Die Nacht brach an und es zeigte ſich ein Stern. Die Wolken zogen dicht und dunkel über den Himmel hin; aber das Wetterleuchten gewährte ihnen von Zeit zu Zeit ein augenblickliches Licht, welches einen blauen Schein durch das Neckarthal verbreitete. Die Berge zeigten ſich und verſchwanden wieder; die Felſen, die Bäume, die Wälder traten hervor und wurden dann wieder unſichtbar gleich den Phantomen in einem Trau⸗ me. Endlich zeigten ſich Mauern und Thürme auf ei⸗ nen kurzen Augenblick und dann war Alles wieder dunkel. „Wir müſſen in der Nähe der Brücke ſein,“ ſagte Agnes;„hört Ihr nicht das Waſſer heftiger rauſchen? Der Himmel helfe uns jetzt! Denn wenn wir an die Pfeiler anſtoßen, ſind wir verloren.“ „Sitzt ruhig dort,“ antwortete Algernon,„ich will mich an das Vordtheil ſtellen; und haltet Euch ver⸗ ſichert, theures Fräulein, ich will mit Euch leben oder ſterben. Nur erinnert Euch, wenn ich zu ſchwimmen genöthigt bin, ſo lehnt Euch ruhig auf meinen Arm, denn wenn Ihr mich umfaßt, ſo müſſen wir Beide un⸗ terſinken.“ — ——— — — — — 222— „Ich will mich nicht regen,“ ſagte ſie in feſtem Tone, und Algernon Greh ſteuerte vorſichtig weiter. Er hörte das Brüllen des Fluſſes, der mit heftiger Wuth gegen ein Hinderniß anſtürmte, und dann glaubte er oben menſchliche Stimmen reden zu hoͤren. Dann kam ein heftiger Blitz und er ſah die Brücke mit ihren Bogen und ihren bethürmten Thoren nahe vor ſich. Er hatte nur ſo viel Zeit, ſeinen Arm auszuſtrecken und mit ei⸗ ner heftigen Anſtrengung das Boot von dem Pfeiler entfernt zu halten, als es mit großer Heftigkeit unter dem Gewölbe hindurchſchöß und auf der andern Seite wieder hervorkam. „Wir müſſen Gott nochmals danken,“ ſagte er, in⸗ dem er das Gleichgewicht wiedererlangte, welches er bei⸗ nahe verloren hatte; dieſe Gefahr iſt vorüber, und wenn ich mich recht erinnere, ſo iſt der Strom weiter unten freier.“ „O gewiß,“ ſagte Agnes;„die Felſen hören auf, ſobald die Berge zurücktreten; aber es ſind viele Sand⸗ bänke da.“ „Wir müſſen aufmerkſam ſein,“ verſetzte ihr Ge⸗ fährte,„aber der Strom ſcheint ſchon weniger reißend zu ſein.“ Das furchtbare Rauſchen des angeſchwollenen Neckar verminderte ſich, ſobald ſie die Brücke paſſirt hatten. Sie konnten ſogar das Geſumme menſchlicher Stimmen aus dem ——— ————— —,—— — — 223— Innern der Stadt hören, oder bildeten es ſich wenigſtens ein. In verſchiedenen Fenſtern ſah man Lichter, und heitere Bilder des glücklichen Lebens ſtellten ſich ihren Augen dar, als ſie ihre gefährliche Fahrt auf dem rei⸗ ßenden Strome fortſetzten und noch manche Gefahr vor ſich ſahen. „Das muß das Boothaus zu Neunheim ſein,“ ſagte Agnes endlich nach einer langen Pauſe des Schweigens; „ſie haben dort ein Feuer angemacht, obgleich die Nacht ſo ſchwül iſt.“ „Sie werden wohl ihre Böte kalfatern,“ verſetzte Algernon;„und nach der Entfernung des Feuers ur⸗ theile ich, das wir in der Mitte des Stromes ſind. Ich will ihnen im Voruͤberfahren zurufen— vielleicht wer⸗ den ſie uns hören und uns beiſtehen.“ Einen Augenblick ſpäter erhob er ſeine Stimme und rief laut, doch Niemand antwortete ihm— keine Geſtalt verdunkelte das Licht in der Hütte, als wäre Jemand herausgekommen, um zu ſehen, von wo der Ruf komme. Das Boot eilte raſch vorüber und Alles blieb ſtill. Der Fluß war weniger unruhig, aber kaum weniger ſchnell; das Geräuſch ging in ein leiſes Flüſtern über, als die Fluth durch die erweiterten Ufer dahin⸗ ſtrömte und die undeutlich geſehenen Gegenſtände, Wei⸗ denbäume, Geſträuche und umgefallene Eichen, die kaum von den Ufern oder dem Himmel zu unterſcheiden wa⸗ ren, mit Blitzesſchnelle ſich fortzubewegen ſchienen. Nach Verlauf von etwa einer halben Stunde, wäh⸗ rend welcher Zeit Beide leiſe ſprachen, ſagte Agnes laut: „Da iſt ein Stern! Da iſt ein Stern! Der Him⸗ mel klärt ſich auf. Meint Ihr nicht auch, daß es ſchon heller iſt?“ „Gewiß, theures Fräulein,“ verſetzte Algernon Grey, „der Mond muß bald aufgehen; in der letzten Nacht war er um dieſe Zeit ſchon aufgegangen. Seht dort den röthlichen Schimmer an den Wolken um jenen Gi⸗ pfel des Hügels zur Rechten.“ „Es iſt der Heiligenberg„“ antwortete Agnes.„Ich habe einen ähnlichen Schein geſehen, als der Mond im Oſten aufging. O, gebe der Himmel, daß er die Wol⸗ ken zerſtreue und uns Licht ſende.“ Algernon Grey richtete ſeine Augen auf den 18 mel und fand Urſache zur Hoffnung. Die Wolken zer theilten ſich raſch, hie und da traten die Sterne hervot und die Ränder der noch übrigen Wolken erſchienen weiſ und flockenartig. Agnes blickte nach derſelben Richtung und fünf Minuten lang waren Beide ſtill. Da ſtich das Boot plötzlich auf einen feſten Gegenſtand und blieh in der Mitte des Stromes ſtehen. Beide wurden von 25— der Erſchütterung beinahe umgeworfen, aber Algernon rief: „Fürchtet Nichts! Fürchtet Nichts! Wir ſind auf eine Sandbank gerathen, aber es kann uns Nichts zu Leide geſchehen, denn das Waſſer muß hier ſehr flach ſein. Laßt uns ruhig ſitzen bleiben, bis der Mond auf⸗ geht; er muß gerade jetzt hinter jenen Hügeln ſein. Es wird jeden Augenblick heller.“ Sein Urtheil war richtig, und in weniger als zehn Minuten war der Himmel faſt ganz frei von Wolken. Der Mond war freilich noch nicht zu ſehen; aber ſein blaſſes, ſilberartiges Licht verbreitete ſich über den ganzen Himmel, und den ſo lange an die völlige Dunkelheit gewöhnten Augen erſchien Alles umher ſo deutlich, wie am Tage. Zur Linken war das Ufer etwas ſteil und rauh, und dort konnte man keinen Landungsplatz ent⸗ decken, aber zur Rechten zeigte ſich ein niedriger Boden, der zum Theil vom Waſſer bedeckt war. „Wißt Ihr, wo wir ſind, theures Fräulein?“ fragte Algernon.„Ich kann weder ein Haus noch ein Dorf ſehen.“ „Ich kann es nicht ſagen,“ antwortete Agnes. Doch nach der Zeit zu urtheilen, welche vergangen iſt, zenke ich, müſſen wir an Edingen vorüber ſein. Glaubt Ihr nicht, daß wir das Land erreichen könnten? O, aßt es uns verſuchen; denn wo wir auch ſein mögen Seidelberg. Erſter Band. 15 1 werden wir uns immer beſſer befinden, als auf dieſem ſt furchtbaren Strome.“ Algernon Greh lächelte ihr zu mit jenem warmen und aus dem Herzen kommenden Blicke, den wir nur denen können zu Theil werden laſſen, die wir getröſtet und beſchützt haben. 3 „Dieſer ſchöne Neckar iſt freilich jetzt ſchrecklich,“ ſagte er,„weil wir ihm zu nahe gekommen ſind, da er d gerade in einer zornigen Stimmung war. Morgen wird er eben ſo ruhig und lieblich ſein wie geſtern.“ „Und würde es ſein, wenn er auch über unſere e Gräber dahinflöſſe,“ antwortete Agnes.„Von dieſer Nacht an wird er ſtets etwas Schreckliches für mich haben.“ „Nicht für mich,“ verſetzte ihr Gefährte,„denn er hat mir ein großes Glück gewährt. Aber ich will ver⸗ ſuchen, das Boot von der Sandbank zu entfernen und es zu jenem niedrigen Ufer zur Rechten zu lenken. Es wird mit geringer Müye geſchehen können, wenn es uns gelingt, wieder flott zu werden.“ Seine Anſtrengungen waren nicht vergebens, ob⸗ gleich er alle ſeine Kräfte anwenden mußte, um das kleine Fahrzeug aus dem feſten Bett zu entfernen, in „welches der raſche Strom es getrieben hattg. Sobald n es indeſſen wieder frei war, bemerkte er, daß das Waſſer ſe im Boot zugenommen hatte, und indem er auf den ric tigen Schluß kam, daß es durch den heftigen Stoß auf die Sandbank ſehr beſchädigt ſei, ſah er zugleich ein daß kein Augenblick zu verlieren ſei. Indem er die Stange auf die Sandbank ſetzte, als das Boot ſich herumſchwenkte, ſchob er es mit Gewalt auf das Ufer zu. Es wurde mit dem Strome fortgetrieben, nahm aber eine ſchräge Richtung an, welche Algernon Grey dadurch beförderte, daß er die Stange als Ruder anzu⸗ wenden verſuchte, aber der Fluß war noch immer tief und die Strömung raſch, das Ufer noch einige Schritte entfernt und das Waſſer in der Barke nahm beſtän⸗ dig zu. „Das Boot ſcheint zu ſinken,“ ſagte Agnes in lei⸗ ſem und traurigem Tone. „Fürchtet Nichts! Fürchtet Nichts!“ verſetzte ihr (Gefährte heiter.„In einem ſo ruhigen Strome, wie die⸗ ſer hier iſt, könnte ich ohne Gefahr drei Mal mit Euch hinüber ſe hwimmien. Aber wir ſind dem Ufer nahe!“ Und indem er das Waſſer mit dem Stabe prüfte, kam er auf den Grund und ſchob das Boot ans Ufer „gerade als es unterſank. 3 Es war ein niedriger, ſumpfiger Boden, den ſie be⸗ 5 krührten, mit langen Binſen und Schilf bedeckt, die auf ddem üͤberſchwemmten Lande wuchſen. Algernon Grey 4 prang ſogleich heraus, und da ihm das Waſſer noch 4 3 15* 3 4 4 —— — 228— bis an die Kniee ging, ſo neigte er ſich über das Boot, und erhob ſeine liebenswürdige Gefährtin in ſeinen Armen. „Ich muß Euch eine kleine Strecke tragen,“ ſagte er,„und jetzt können wir in der That Gott von ganzem Herzen für unſere glückliche Rettung danken. Sobald wir den trocknen Boden erreichen, ſollt Ihr gehen, theu⸗ res Fräulein, denn Ihr ſeid naß, und empfindet wahr⸗ ſcheinlich Froſt.“ „O nein,“ antwortete ſie,„entweder d er Schrecken oder die ſchwüle Luft hat mich warm erhalten. Aber wie kann ich Euch je für Alles danken, was Ihr gethan habt?“ Sie lag in ſeinen Arm; ihr Herz ſchlug an dem ſeinen, ihr Athem fächelte ſeine Wange⸗ als ſie ſprach. Welches waren Algernons Gefühle in dem Augenblick⸗ Er wollte ſich nicht fragen, und handelte weiſe. Er be⸗ ſchäftigte alle ſeine Gedanken damit, ſie zu erheitern, zu beruhigen und zu beſchützen, nicht nur den Eindruck der vergangenen Gefahr aus ihrem Geiſte zu entfernen, ſon⸗ dern auch jedes Gefühl der Verlegenheit und Schwierig⸗ keit wegen ihrer gegenwärtigen Lage, da ſie in der Dun⸗ kelheit und Einſamkeit der Nacht mit einem jungen Mannoe, den ſie erſt ſeit wenigen Tagen kannte, wanderr mußte, ohne ſelbſt zu wiſſen, wohin. Seine Laſt war ihm freilich leicht und angenehm, — 229— als er ſie mehr denn Hundert Schritte über den ſumpfi⸗ gen Boden forttrug. Er hätte gewünſcht, ſie mögte noch länger an ſeinem Herzen ruhen— vielleicht ſein KLebenlang; aber ſobald ſie auf trocknen, ſandigen Boden ſ kamen, ſetzte er ſie ſanft nieder, und zog ihren Arm durch den ſeinigen.. „Nun, meine liebenswürdige Gefährtin,“ ſagte er, „müſſen wir uns bis zu einem Dorfe durchſchlagen, wo wir Ruhe für die Nacht finden können. Fühlt Ihr Euch nicht ermüdet? Der Schrecken nutzt ſehr die menſchlichen Kräfte ab.“ „Nicht ſo ermüdet vielleicht, wie man erwarten ſoll⸗ te,“ antwortete Agnes,„da ich bereits weit geritten, ehe dieſes ſchreckliche Ereigniß Statt fand.— Ach, mein armes Pferdchen, das mich ſo oft und ſo gut getragen, dich werde ich nie wiederſehen!— Doch ich thue Unrecht, ſo zu reden, denn die Dankbarkeit ſollte alle meine Ge⸗ danken in Anſpruch nehmen.“ „Wir haben Beide viel Urſache zur Dankbarkeit,“ verſetzte Algernon;„und ſeht nur, theures Fräulein, der ſchöne Mond erhebt ſich über den Hügel, um uns auf unſerm Wege zu leuchten, wenn er gleich noch halb von den Gipfeln der Bäume verborgen wird. Wie raſch wandert er auf ſeinem blauen Wege fort. Aber wir müſſen eine Lehre von ihm annehmen, und ebenfalls vor⸗ wärts eilen. Welchen Weg ſoll ich wählen? Denn ich habe keine Kenntniß von dieſem Lande.“ „Und ich auch ſehr wenig von dieſem Theile,“ ſagte die Dame;„aber ſo viel iſt klar, wenn wir unſern Weg wieder zu den Hügeln richten, werden wir uns auf jeden Fall der Stadt nähern.“ 1 „Die muß fern ſein,“ antwortete ihr Begleiter, „und Eure kleinen Glieder werden Euch wohl ſchwerlich noch dieſe Nacht dorthin tragen. Aber wir wollen uns auf jeden Fall rechts wenden, denn wir können dort eben ſo leicht einen Ruheplatz finden, wie auf irgend einem andern Wege.“ Und ſie bittend, ſich auf ſeinen Arm zu ſtützen, führte er ſie weiter. Es war eine ſeltſame Wanderung durch die 119 Felder und Ebenen, die ſich zwiſchen dem Fuß der Berg ſtraße und dem Rhein erſtrecken, und doch nicht ohne tie⸗ fes Intereſſe für Beide. Beide hatten ein Herz, Gefühle verſchiedener Art, um die langen Stunden des öden Le⸗ vens auszufüllen, und Beide waren abgeneigt, bei den lebhafteſten Regungen zu verweilen— doch wenn ſie gleich zu andern Gegenſtänden eilten, wenn ſie ſich aud ängſtlich bemühten, ihre Gedanken von Allem zu entfer“ nen, was ſie aufregen oder überwältigen konnte— ſtel⸗ ten ſich doch dieſe Regungen beſtändig in unbeſtimmten und undeutlichen Formen dar, ſie miſchten ſich mit dem T n Nachdenken, bemächtigten ſich der Phantaſie, und gaben Allem, was geſprochen wurde, Ton und Farbe, ohne daß ſie gewahr wurden, wie ſie von der gewöhnlichen Unterhaltung zwiſchen Perſonen ihrer Geburt und ihres Ranges abwichen. Die Seene, die Jahreszeit, die Stun⸗ de, die Atmoſphäre, die Umſtände, die Ereigniſſe, welche kurzlich Statt gefunden, die unbeſtimmten und undeut⸗ lichen Anſichten in die Zukunft, Alles hatte einen Einfluß und ſchien ſich zu vereinen, die Leidenſchaft in ihren Her⸗ zen zu nähren. Der Mond ging hell auf hinter den Bäumen und den Gipfeln der Hügel, und ſchien gleich der hellen und reinen Viſion junger und unſchuldiger Liebe. Die Wolken, die zu Anfang ihrer ſtürmiſchen und gefährlichen Fahrt gleich den Uebeln des Lebens über den ganzen Himmel dahingezogen, waren jetzt wie durch einen Zauber verſchwunden, und ließen nur hie und da Ueberbleibſel zurück, die vom Winde fortgetrieben wur⸗ den, und die funkelnden Sterne mit einem leichten Schleier bedeckten. In Südweſten, halbwegs den Him⸗ mel hinauf, ſchien ein glänzender Planet, der ruhig, feſt und heiter ſtrahlte, gleich dem ewigen Lichte der Hoff⸗ nung; und während ſich gegenüber die großen Maſſen der Hügel der Bergſtraße erſtreckten, zeigte ſich unter jenem Sterne der wellenförmige Umriß der Haardtberge, die noch in purpurrothe Farbe gehüllt waren, als wenn die Strahlen der längſt untergegangenen Sonne ſie noch nicht ganz verlaſſen hätten. Oben und gegen Süden und Oſten war Alles von dem ſilbernen Lichte des auſ⸗ gegangenen Mondes beleuchtet. Die Sterne ſelbſt waren durch dieſe Fluth des Glanzes ausgelöſcht; aber am Rande des Himmels funkelten die Lichter der Nacht gleich Edelſteinen an dem Gewande ihrer Königin; und von Zeit zu Zeit durchkreuzte ein glänzendes Meteor den Raum und erloſch, ehe es die Erde erreichte, gleich den Gedanken manches großen Geiſtes, die in dem Gehirn untergehen, in welchem ſie entſtanden. Die Luft war warm und doch von einem ſtarken Winde aufgeregt. Es lag eine gewiſſe Mattigkeit darin, eine üppige Milde, die zum ſinnenden Nachdenken auf⸗ forderte, und ein lieblicher Wohlgeruch erhob ſich von einigen Gewächſen auf dem Felde, der ſich mit der mil⸗ den Luft harmoniſch miſchte und die beſänftigende Macht derſelben noch erhöhte. Auf die weite Ebene, über die ſie dahinwanderten, fielen die Strahlen des Mondes hel, aber nicht klar; denn ein dünner Rebel, zu leicht, um die Ausſicht zu bedecken, nur dazu dienend, das Licht zu verbreiten und gleich zu vertheilen, erhob ſich aus den naſſen Feldern in die warme Luft. Vom Tode errettet und ſicher durch unzählige Ge⸗ fahren geführt von dem, auf deſſen Arm ſie ſich lehnta durfte Agnes Herberts Herz wohl zärtlich bei dem Ge⸗ danken an einen Mann verweilen, deſſen Worte, deſſen — ———— Sitten und deſſen Blick ſchon früher ihre Phantaſie ge⸗ fangen genommen, wenn nicht ihr Herz gerührt hatten. All der Schrecken, den ſie empfunden, alle die Gefahren, die ſie überſtanden, alle die Dienſte, die er ihr geleiſtet, alle die Freundlichkeit und Zärtlichkeit, die er ihr an je⸗ nem Abend erzeigt, miſchten ſich auf ſeltſame Weiſe in ihrem Gedächtniſſe mit feinen Worten und ſeinem Be⸗ nehmen an den beiden vorhergehenden Abenden, mit dem Intereſſe, welches ſie ſchon früher für ihn empfunden, und mit dem Berichte, den ihr ſein Freund und Reiſe⸗ gefährte über ihn ertheilt hatte. Aber ſie wollte, gleich ihm, nicht bei ſolchen Gegenſtänden verweilen— wenig⸗ ſtens wollte ſie ſie nicht näher prüfen; und mit Freuden ging ſie auf eine Unterhaltung über andere Gegenſtände ein, die ihren Geiſt von dem Gegenſtande hinwegführte, bei welchem er zu verweilen ſtrebte. Verſchiedener und vielfacher Art waren die Gegen⸗ ſtände, womit er ſie zu unterhalten, ihre Gedanken von ihrer Lage abzulenken, und die Minuten ihrer langen und mühevollen Wanderung zu erleichtern ſuchte, als ſie irgend eine menſchliche Wohnung ſuchten. „Wie hell die Nacht geworden iſt,“ ſagte Algernon Grey nach einer Pauſe.„So wird das Ungewitter, wel⸗ ches uͤber einem Theil der Laufbahn eines Menſchen hängt, oft wenn wir es am Wenigſten erwarten, hinweg⸗ getrieben, und Alles iſt wieder klar.“ „Und nur um ſo klarer wegen des Ungewitters,“ ſagte Agnes. „Ja,“ verſetzte er,„ich fürchte ſehr, holdes Fräulein, daß nur der Schatten uns den Sonnenſchein angenehm macht. In den Verſchiedenheiten der Schöpfung und den beſtändigen Veränderungen des Lebens der Welt be⸗ ſteht die großartige Harmonie des Ganzen. Mag der Ton eines Inſtrumentes noch ſo lieblich ſein, welche Wir⸗ kung würde es auf das Gehör hervorbringen, wenn es nur einen Ton hätte? Wie ärmlich iſt ein Concert mit nur zwei oder drei Inſtrumenten. Aber in der Folge und Verbindung vieler Töne, wie großartig, wie ſchön iſt die melodiſche Harmonie!— Ein ſtets blauer Himmel und ſtets grüne Weiden,“ fuhr er in fröhliche⸗ rem Tone fort,„würden, glaube ich, langweilig und un⸗ erfreulich werden, ungeachtet aller Verſe der Idyllen⸗ dichter.“ „So denken die Männer, habe ich mir ſagen laſſen,“ antwortete Agnes,„und daher wählen ſie ſich Weiber mit Temperamenten, die ihnen einige Abwechſelung ver⸗ ſprechen.“ „Ja, aber es kann auch angenehme Abwechſelungen geben, ſelbſt in einem und demſelben Charakter,“ ant⸗ wortete Algernon Grey.„Ein Ungewitter iſt an ſich etwas Großartiges; aber ich denke, Niemand würde das Dach von ſeinem Hauſe nehmen, um es einzulaſſen; und überdies, theures Fräulein, hat jedes Ding ſeinen beſon⸗ dern Zweck. Die Trommeln und Trompeten ſind ganz hübſch, wenn der Klang durch die freie Luft gemildert wird; doch wer würde ſich an einem vollen Chor derſel⸗ ben in einem engen Zimmer erfreuen? Am Ende kann in den meiſten Claſſen der Geſellſchaft die Heirath mehr als eine Beſtimmung des Schickſals, denn als eine Wahl angeſehen werden, denn ſie wird von Freunden angeord⸗ net oder von den Umſtänden geboten. Der Menſch weiß nicht, wie ſelten im Leben er frei handelt, beſonders in dieſer Hinſicht. Und endlich, wenn man mit Wahrheit ſagen kann, daß Mann und Weib eine Wahl treffen, wiſſen ſie je, was ſie wählen? Wir gehen mit Masken umher, liebe Freundin, ja ſelbſt bis an die Stufen des Altarsz, und das wahre Geſicht wird ſelten eher gezeigt, als bis der Ring am Finger iſt.“ Er ſprach ſehr ernſthaft, aber Agnes antwortete lachend: „Wenn es nicht ſo wäre, würde vielleicht Niemand heirathen. Und doch,“ fügte ſie in ernſterem Tone hin⸗ zu,„wenn ich dächte, ich trüge eine ſolche Maske, würde ich nicht eher ruhen, als bis ich ſie heruntergeriſſen hätte; denn ich wollte viel lieber niemals geliebt werden, als die einmal gewonnene Liebe verlieren.“ „Ein weit glücklicheres Loos!“ antwortete Algernon Grey, und fügte dann hinzu, indem er plötzlich den Ge⸗ ——— — genſtand veränderte:„Wie kommt es, daß unſere Unter⸗ haltung ſtets ſo ernſt wird? Bei dieſer ſchönen Scene, die uns umgiebt, und nach einer ſo glücklichen Rettung, die uns Beiden zu Theik geworden iſt, dünkt mich, ſoll⸗ ten wir Beide heiter ſein. Es fehlt nur der Geſang der Rachtigall, um dieſe Mondnacht vollkommen ſchön zu machen.“. „Ach, aber die liebe Nachtigall iſt hier karg mit ih⸗ rer Melodie,“ antwortete die Dame,„und im Junius oder ſpäteſtens im Julius ſind alle ihre ſüßen Töne zu Ende. Ich weiß nicht, warum die Leute der Nachtigall eine andere Blume beilegen; aber in meinem Geiſte iſt ſie ſtets mit dem Veilchen vereint. Ihr Geſang iſt ſo füß, ſo ruhig, ſo duftig, mögte ich ſagen, ſo ungleich der ſchönen und wohlriechenden Roſe, der Blume des Som⸗ mers und des Sonnenſcheins, deren erröthender Buſen den Blick aufzufordern ſcheint, vor dem ſie zurückbebt, daß ich mir nicht denken kann, ſie würde die Roſe lieben, während das ſtille Veilchen, welches im Schatten ſeinen füßen Duft aushaucht, ihr wahres Ebenbild iſt.“ Während ſie ſprach, ſchimmerte ein fernes Licht über die Ebene dahin, aber in verſchiedener Richtung, als wo⸗ hin ihre Schritte gewendet waren, und ſie blieben einen Augenblick ſtehen, um darnach zu ſehen. „Es bewegt ſich, es bewegt ſich,“ ſagte Algernon Grey;„es iſt nur ein Irrlicht. Wie viele giebt es deren — 237— in dieſer Welt. Jeder Menſch, glaube ich, hat ſein eige⸗ nes, dem er blindlings folgt. Hier Liebe, dort Ehrgeiz, anderswo Habſucht, das Streben nach weltlicher Ehre, der falſche Glanz des Pomps und der Pracht, das elende falſche Licht des Fanatismus, die trübe, garſtige Lampe es Aberglaubens, dieſe alle ſind Nichts als Irrlichter, die uns ſtets von dem breiten, geraden Wege abführen. Dies wollen wir nicht geſchehen laſſen, theure Dame ſondern mit Eurer Erlaubniß auf dieſem Wege bleiben, der uns irgend wohin führen wird. Hier ſind Spuren von Wagenrädern, wie ich ſehe, und Pfützen, die der Regen zurückgelaſſen— aber Ihr ſcheint ermüdet zu ſein. Gehe ich zu ſchnell?“ „O nein,“ antwortete ſie,„doch ich bekenne, ein wenig Ruhe, ein Dach über meinem Kopfe, und ein Glas kaltes Waſſer würden mir nicht unlieb ſein. Der Gedanke an ein Dorf und alle Bequemlichkeiten deſſel⸗ ben, wozu mich jenes Licht veranlaßte, hat gemacht, daß ich mich mehr ermüdet fühle, ſeit ich es geſehen.“ „O ja,“ antwortete Algernon Grey,„es liegt etwas ſehr Süßes in der Verbindung mit Menſchen, was wir nicht eher fühlen, als wenn wir ihrer auf eine Zeitlang ſind beraubt geweſen. Ich bin gewiß, der Geiſt des Men⸗ ſchen war nie zur Eiiſamkeit beſtimmt; denn ſelbſt die Gedanken an bäusliches Gluk und ruhigen Verkehr unſern Mitgeſchöpfen, ſchon ihre Nähe, au⸗ 8 . — 238— uns freind ſind, machen, daß das Herz ſich nach dem freundlichen Umgange der Geſellſchaft ſehnt, wenn wir derſelben beraubt ſind.“ „Aber ich habe ja Geſellſchaft, wenn Ihr bei mir ſeid,“ ſagte Agnes unſchuldig. Algernon Grey antwortete nicht, ſondern veränderte den Gegenſtand und ſprach von Höfen und Hoffeſten, miſchte das Heitere mit dem Ernſten, und verſuchte nicht ohne Erfolg ſeine ſchöne Begleiterin zu unterhalten und zu beſchäftigen. Die Künſte, welche damals auf ihrer Höhe ſtanden, oder doch nur wenig geſunken waren, bil⸗ g g deten einen Gegenſtand. Die Poeſie bildete einen andern. Krieg, Jagd, das Treiben der Männer in jenen Tagen, die Gewohnheiten der Welt, die Verſchiedenheiten zwiſchen den einzelnen Ländern, die damals noch auffallender wa⸗ ren, als jetzt, Alles mußte die Revue paſſiren, und zu⸗ weilen ernſthaft, zuweilen ſcherzhaft redend, verlieh er Allem jenen Wechſel, den er ſelbſt geprieſen hatte. Sei es nun aus Ermüdung, oder aus tiefem Nach⸗ denken, Agnes wurde immer ſchweigſamer, als ſie weiter ging. Gewiß iſt es, daß ihr William Lovets Worte be⸗ ſtändig einfielen. 4 „Er ſpricht nicht mit Jedem ſo,“ dachte ſie; und zeige, um ihr den Weg zu derkürzen, Hochachtung für ſie empfinde. Wenn das Erſtere der dann fragte ſie ſich, ob er ſau Fäͤhigkeiten nur deshalb ſe oder ob er wirklich 8 ſo Fall war, ſo ſah ſie ſich zur Dankbarkeit verbunden, ob⸗ gleich ſie, um die Wahrheit zu ſagen, lieber das Letztere geglaubt hätte. Jeder Schluß war ihr angenehm— ja ſehr angenehm— faſt zu angenehm; denn ſie wurde furchtſam.. Es währte freilich nur einen Augenblick, und dann unterdrückte ſie ihre Unruhe mit der glücklichen Sophiſte⸗ rei des weiblichen Herzens. „Gewiß kann man Jemand achten und Gefallen an ihm finden, ohne Furcht oder Gefahr,“ dachte ſie.„Bin ich denn eine ſo eitle Närrin, zu glauben, daß jeder Mann, der in mir etwas Beſſeres ſehen kann, als in den eitlen Coquetten des Hofes, mich deshalb lieben muß? Bin ich denn eine ſo ſchwache Närrin, daß ich ungebeten den erſten Mann lieben muß, der mich wie ein vernünf⸗ tiges Geſchöpf zu behandeln ſcheint? Ich bin in der That ſo einfültig, meine Gedanken bei einem ſolchen Ge⸗ genſtand verweilen zu laſſen. Ich will nicht mehr daran denken. Ich will handeln, als wäre mir nie ein ſo thö⸗ rigter Einfall gekommen, ſondern wie das Herz mich beſeimmt, und die Natur mich leitet.“ Nach dieſer Täuſchung, die ſie anzuwenden ſich vor⸗ dſnahm, wurde ſie heiterer; aber der Weg war lang und ſermüdend; die Wendungen des Weges täuſchten die Er⸗ ) wartung, und obgleich der Mond noch immer hell ſchien, ſo konnten ſie doch kein Dorf erblicken, denn die dichten — 240— Obſtgärten und kleinen Wälder, die damals einen großen Theil des Rheinthales einnahmen, ſchnitten denen, die unten wanderten, die Ausſicht ab. Die Kleider der Da⸗ me, die für ihren Spazierritt an dem Morgen eingerich⸗ tet waren, eigneten ſich durchaus nicht für eine ſo weite Nachtwanderung, und die Ermüdung bemächtigte ſich Agnes Herberts, und überwältigte ſie faſt. Zwei Mal ſetzte ſie ſich an der Seite des Weges nieder, um ſich auszuruhen, und überall, wo die Näſſe des ſumpfigen Bodens eine Entſchuldigung dafür gewährte, erhob ſie Algernon Grey in ſeinen Armen und trug ſie; aber dennoch ſank ſie faſt aus Erſchöpfung nieder, als eine Dorfglocke laut und deutlich elf ſchlug. Das Dorf konnte nicht weit ſein, und mit erneuerter Hoffnung und Stärke ließen ſie ſich von den Tönen durch die Bäume leiten, bis ſie lachende Stimmen vernahmen. „Es muß ganz in der Nähe ein Dorf ſein,“ ſagte Algernon Grey,„und zum Glück hat ein Jahrmark oder eine Luſtbarkeit die guten Bauern wach erhalten Seht, dort ſtehen Häuſer.“ Im nächſten Augenblick traten ſie in die lange Straß eines kleinen Weilers, deſſen Kirche am andern Ende ſtand, während ſich hoch über die Häuſer der Thurn eines alten, auf einem Hügel erbauten Schloſſe erhob. In den Häaͤuſern war Alles dunkel und ſtill; die fröhlichen Stimmen, die ihnen voranzugehen ſchienen, ſangen folgendes Lied: Preßt die Traube! Zapft den Wein! Frucht vom Weinſtock muß es ſein! Troſt für Noahs Waſſerfluth; Licht dem Aug' zu geben, Hoch das Herz zu heben! Wärmt die alte Welt mit neuem Blut! Dunkel war's in der Arche Raum, Schwimmend auf der Wogen Saum; Noch zurück kehrt' keine Taube; Noah träumt' in tiefer Nacht, Wie ein rother Strom mit Macht Fließt hervor aus der gepreßten Traube. Wir ſind müd', ſpricht er, und alt, Schon halb todt ſind wir und kalt; Aber Troſt liegt unter'm Waſſer! Land' ich auf des Berges Höh', Ich den Weinſtock ſproſſen ſeh', Deſſen Saft ſelbſt wärmt den Rebenhaſſer! Preßt die Traube! Zapft den Wein! Frucht vom Weinſtock muß es ſein! Troſt für jene Waſſerfluth; Heidelberg. Erſter Band. 16 Licht dem Aug' zu geben, Hoch das Herz zu heben! Wäaͤrmt die alte Welt mit neuem Blut! So ſangen die Bauern, indem ſie weiter gingen, und Algernon Greh rief lächelnd: „Ihr Lied giebt guten Rath, theures Fräulein. Ob⸗ gleich ich am letzten Abend ſah, daß Ihr keine Weintrin⸗ kerin ſeid, ſo müßt Ihr doch jetzt einwilligen, Etwas von dem Traubenſaft zu koſten, deſſen Eigenſchaften dieſe Leute ſo ſehr rühmen. Das Gaſthaus, wo ſie den⸗ en gekoſtet, kann nicht weit ſein, und Ihr werdet end⸗ lich Ruhe und Erfriſchung finden.“ .„Ruhe, Ruhe,“ ſagte Agnes,„iſt Alles, was ich be⸗ darf.“ Aber Algernon wollte nicht glauben, daß ſie nicht auch der Nahrung beduͤrfe. Endlich ſah man Licht aus einem Hauſe, nicht weit von der Kirche, hervorſcheinen, und in der Thüre zeigte ſich ein rüſtiges Landmädchen, welches verwelkte und zer⸗ knickte Blumen, die den Saal des Gaſthauſes bei einer ländlichen Feſtlichkeit geſchmückt hatten, auf die Straße warf. Es war ein freudiger Anblick für die arme Agnes Herbert, und ſie ſtieß einen tiefen Seufzer aus, während Algernon Grehy fragte, ob ſie Erfriſchungen und Herberge für die Nacht erhalten könnten. — 243— Das Nädchen ſchien ihn kaum zu verſtehen, rief aber die geſchäftige Wirthin herbei, welche die beiden gut gekleideten, aber ermüdeten, und von der Wanderung be⸗ ſchmuzten Fremden einen Augenblick mit Blicken des Zweifels und der Verwunderung anſah. Agnes aber er⸗ klärte ihr in wenigen raſchen Worten ihre Lage, wendete, ſo weit ſie ihn verſtand, den Dialekt des Landes an, und das ganze Benehmen der guten Frau veränderte ſich im Au⸗ genblick. Anſtatt, wie anfangs, Zweifel und Verdacht„ gegen ihre Gäſte zu hegen, zeigte ſie jetzt nur mütterliche Zärtlichkeit für das junge und ſchöne Weſen, obgleich ſie auch nicht ohne Verlegenheit war, wie ſie ihre unerwar⸗ teten Gäſte unterbringen ſollte. Da ſie in einem entfern⸗ ten Dorfe wohnte, wo ſehr ſelten Fremde übernachteten, ſo hatte ſie weder ein Zimmer, noch ein Bett in Bereit⸗ ſchaft, und obgleich, wie ſie ſagte, im Augenblick ein reich⸗ liches Abendeſſen zu haben ſei, und ſo guter Wein, wie man nur in dem ganzen Kreiſe finden könne, ſo ſehe ſie doch nicht ein, wie ſie zwei Betten aufbringen ſolle, wenn— auch ihre Tochter gern ihr Bett der jungen Dame über⸗ laſſen werde. Algernon Grey zog ſie aus dieſer Verle⸗ genheit, indem er ſagte, er könne ſehr gut dort ſchlafen, wo er ſei, und der Tiſch oder die Bank in dem großen Zimmer, in welches ſie ihre Gäſte geführt, würde ein ganz bequemes Bett für ihn bilden, wenn ſie nur ſobald als möglich ein Zimmer für Agnes bereiten wolle. Den 16* — 244— 8. letzteren Auftrag verſprach ſie zu erfüllen; doch fanden ſich zwei Hinderniſſe, nämlich erſtens der Entſchluß der guten Wirthin, daß ihre Gaͤſte vorher ein Abendeſſen ein⸗ nehmen ſollten, ehe ſie ſich zur Ruhe legten; und zwei⸗ tens waren die Wirthin und ihre Hausgenoſſen Landleute aus der Pfalz, die ſich nicht ſehr durch die Schnelligkeit ihrer Bewegungen auszeichnen. Vergebens trieb ſie der junge Herr zur Eile an; vergebens betheuerte Agnes, daß ſie vor allen Dingen der Ruhe bedürfe, es wurde ihnen dennoch ein halbes e den ſeltſam zubereiteter Gerichte vorgeſetzt, als ſie bei der trüben Lampe da ſaßen, indem die Herrin des Hauſes klüglich bemerkte, es könne ihnen nicht im Ge⸗ ringſten ſchaden, nach ſo vielen Abenteuern ein gutes Abendeſſen einzunehmen, und inzwiſchen könne man der Dame das Bett bereiten. Nachdem ſie die Entdeckung gemacht hatten, daß das Dorf Schriesheim hieße, wurden Agnes Herbert und Algernon Grey länger als eine halbe Stunde in dem Gaſtzimmer allein gelaſſen, und das junge Mädchen mußte ſein Benehmen während dieſer Zeit höchlich billi⸗ gen; denn obgleich er ſie mit Freundlichkeit und zarter Aufmerkſamkeit nöthigte, Etwas von den Speiſen zu eſſen, und von dem Wein zu trinken, obgleich er ſich mit freudiger Heiterkeit bemühte, ſie zu unterhalten und zu erheitern, ſo verſäumte er doch kein Zeichen des Reſpek⸗ 60 — 245— tes, um jede Verlegenheit zu vermindern oder zu entfer⸗ nen, die aus ihrer gegenſeitigen Lage entſtehen konnte. Er brachte ſie zum Lächeln; er brachte ſie ſelbſt zum Lachen; er erweckte ihre Phantaſie, um ihre Gedanken auf heitere und glücklichere Bilder zu lenken; er machte ſeine Unterhaltung leicht, ſpielend und ſonnig, wendete aber zugleich eine gewiſſe Zurückhaltung an, um die Un⸗ befangenbeit ſeiner jungen Gefährtin zu erhalten, und ſie beinahe vergeſſen zu machen, daß ſie nicht in einem der Salons des Heidelberger Schloſſes ſei. Ihre Ermüdung 3 nahm ein wenig ab, als ſie daſaß und zuhörte; und um 8 die Wahrheit zu ſagen, als die Wirthin zurückkehrte, um Agnes Herbert in ihr Schlafzimmer zu führen, war ſie mehr geneigt, zu bleiben, wo ſie war, und auf Töne zu horchen, die mit gefährlicher Lieblichkeit in ihr Ohr drangen. Dennoch ſtand ſie ſogleich auf, reichte ihrem Ge⸗ fährten die Hand, und ſagte ihm Lebewohl für die Nacht. Er nahm die Hand, drückte ſeine Lippen auf dieſelbe, und wünſchte ihr wohl zu ruhen und zu träu⸗ men. — Angnes ſah ihn lächelnd an, als er dies that, und agte: „Mich dünkt, ich ſollte Eure Hand küſſen, und Euch wiederholt danken für alle Eure gütigen Hand⸗ 4 — 246— lungen, indem Ihr mir nicht nur das Leben gerettet, ſondern auch mein Gemüth beruhigt, wofür ich die leb⸗ hafteſte Dankbarkeit empfinde, doch muß ich es Andern überlaſſen, welche fähiger ſind, die Dankbarkeit auszu⸗ ſprechen— ich habe keine Worte.“ Elftes Kapitel. Eine der erſten Sorgen Algernon Grey'’s, als Agnes ihn für die Nacht verlaſſen hatte, war, einen Boten in das Schloß zu Heidelberg abzuſchicken, um noch in jener ſpäten Stunde die Nachricht zu überbrin⸗ gen, daß die Dame gerettet ſei. Nur mit Schwierigkeit war ein Bote zu finden, der den Auftrag über⸗ nehmen wollte; denn Deutſchland iſt ein Land, wo die Leute manche Dinge nicht einmal für Geld thun. End⸗ lich aber fand man einen Mann, der ſich dazu verſtand und ſich ſogleich auf den Weg machte. Der zweite Ge⸗ danke des jungen Engländers war, wie er am nächſten Morgen Pferde erhalten ſolle; aber dies fiel ihm erſt ein, als der Bote ſchon fort war, und dann zweifelte er, daß man ſich einen Damenſattel würde verſchaffen können.. — 248— Die gute Wirthin übernahm indeſſen dieſe Aufgabe, ohne viele Schwierigkeiten zu machen, indem ſie das Pferd eines benachbarten Pachters nannte und hinzu⸗ ſetzte, die Tochter des Pfarrers habe auch ein hübſches Pferdchen, welches ſie der ſchönen Dame gewiß gern borgen werde, um ſie in das Schloß zu tragen. Als dies abgemacht war und er ſich reines Waſſer hatte bringen laſſen, um die Spuren ſeiner jüngſt erleb⸗ ten Mühſeligkeiten von ſeinem Geſichte und Halſe zu entfernen, wurde Algernon Grey im Gaſtzimmer allein gelaſſen, um, ſo gut er konnte, Ruhe zu finden. Aber er legte ſich noch lange nicht nieder, denn ſein Gehirn war zu geſchäftig und ſeine Gedanken zu ängſtlich. Während der drei oder vier letzten Stunden war ſein Geiſt völlig beſchäftigt geweſen, anfangs mit Gefahren und Schwierigkeiten und dann mit einer angenehmeren Aufgabe, die aber nicht weniger alle ſeine Fähigkeiten in Anſpruch genommen hatte. Jetzt aber kehrte er plötz⸗ lich zu noch früheren Ereigniſſen zurück und fragte ſich, was wohl aus ſeinem Gegner, mit dem er ſich im Walde duellirt, nach ſeiner plötzlichen Entfernung vom Kampfplatze mögte geworden ſein. Er empfand Beſorg⸗ niſe w egen des Schickſals des Barons von Oberntraut. 8 e konnte geſehen haben, wie er Agnes zu ülfe geeilt war, nur an ſeine Pflicht gegen ſeinen errn gedacht, und in ſeiner Aengſtlichkeit, ihn aufzuſu⸗ — 249— chen und ihm beizuſtehen, die erhaltenen Befehle vergeſ⸗ ſen haben. Der Verwundete konnte ſich auf der Wieſe verblutet haben, und obgleich er fühlte, daß er nicht zu tadeln ſei, ſo hätte doch Algernon Grey gern das Löſe⸗ geld eines Königs darum gegeben, hätte er gewiß ſein können, daß ſeinem Gegner geeignete Hülfe und paſſende Behandlung zu Theil geworden ſei. Er wußte wohl, daß das Nachdenken wenigſtens über dieſen Gegenſtand fruchtlos ſei, und doch dachte er eine Zeitlang darüber nach, bis Agnes Herberts Bild ſich mit dieſen wachen Träumen zu miſchen begann, welches zugleich eine neue Quelle der Unruhe war; ſie war ſo ſchön, ſo ſanft, mit jeder Eigenſchaft, mit jeder Grazie begabt, die ſeinen Begriff von weiblicher Voll⸗ kommenheit ausmachte, und er konnte nicht anders, als mit Zärtlichkeit an ſie denken. Er wollte nicht glauben, daß er mit Liebe an ſie denke; und doch hegte er Zweifel gegen ſeine eigenen Empfindungen. Noch ein Mal faßte er den feſten Entſchluß, Heidelberg und die Pfalz ſo⸗ gleich zu verlaſſen— ſie nicht wiederzuſehen— in die Ferne zu wandern— ſie zu vergeſſen. Der arme Jüngling! Er hatte einige Welterfahrung, aber er hatte noch nicht gelernt, wie gänzlich alle menſchlichen Ent⸗ ſchlüſſe das Spiel der Umſtände ſind; er hatte noch nicht gelernt, daß, wenn wir ſie vermöge unſerer Schwä⸗ che oder unſerer Leidenſchaften auch nicht freiwillig bre⸗ nicht im Geringſten erſchüttert, und nachdem er ſich end⸗ li wenn ſich ein ſchwerer und dichter Vorhang zwiſchen den ii chen, Tauſend kleine Vorfälle, über die wir nicht Herr do ſind, zwiſchen uns und die Ausführung derſelben ein⸗ ar ſchreiten. Sein Entſchluß war indeſſen feſt und ſtark, n ſeine Ueberzeugung, daß er auf dem rechten Wege ſei, ſi lich entſchloſſen, Agnes in das Schloß zurück zu beglei⸗ d ten, keine Veränderung in ſeinem Benehmen zu zeigen, ſi ſie aber am nächſten Tage zu verlaſſen und abzureiſen, 2 ſetzte er ſich an den Tiſch, ließ den Kopf auf ſeine Ar⸗ S me ſinken und ſchlummerte allmälig ein. 3 In jenem ſeltſamen und geheimnißvollen Zuſtande, ei körperlichen Sinnen und den äußern Gegenſtänden nie⸗ ſe derſenkt, wenn das Leben allein übrig bleibt und der Geiſt von allem Verkehr mit der übrigen Welt abge⸗é ſchnitten iſt, während die Phantaſie und das Gedächt⸗. niß zuweilen mit ſeltſamen Launen erwachen und ſich mit vergangenen und zukünftigen Dingen beſchäftigen— in jenem großen Geheimniſſe des Schlafes, welches noch p Niemand ungeachtet der vielen mühſamen und eitlen Amu ſtreygungen gelöſt hat, ſtellten ſich ihm vielleicht nicht e neue, aber doch in neue und phantaſtiſche Formen gekleidetz g Bilder dar. Auch war es nicht die Erinnerung der zusſt letzt geſchehenen Dinge, welche ihm dieſe Viſionen vorſd Augen ſtellte; er ſah nicht ſeinen Gegner blutend aufft dem Graſe liegen; er ſah nicht das ertrinkende Pferd, i ———y das unterſinkende Mädchen; kein wilder Strom rollte an ſeinen Augen vorüber; keine vom Wirbel fortgeriſſe⸗ ne Barke trug ihn durch die Dunkelheit der Nacht da⸗ hin. Doch Agnes war bei ihm in ſeinen Träumen. Lieb⸗ lich, wie in ihrer feſtlichen Schönheit, wie ſie ihn durch die Schloßhallen geführt hatte, führte ſie ihn jetzt durch liebliche Blumengärten und blieb hie und da ſtehen, um — Blumen zu pfluͤcken und Kränze daraus zu winden für ſeine Stirn. Dann kam ihnen eine andere Geſtalt über den Weg, ſchön, aber wild wie eine Tigerin, und zielte mit einem Dolche nach ſeinem Herzen; als William Lovet ihre Hand ergriff und den Dolch in ihren eigenen Bu⸗ ſen bohrte. Die Viſion ging vorüber, es folgte ein tieferer Schlaf und als Algernon Grey am folgenden Morgen erwachte, ſchien das frühe Licht durch die unbedeckten Fenſter herein. Seine Toilette währte nicht lange, doch die Landleute waren ſchon auf, ehe er dieſeibe vollendet hatte. Bald wurde ein reichliches Frühſtück fuͤr ihn und ſeine ſchöne Begleiterin aufgeſetzt; und nachdem er einige Minuten gewartet, ſchickte er hinauf und ließ fra⸗ gen, ob ſie bereit ſei. Agnes war ſchon lange auf ge⸗ weſen und kam ſogleich zu ihm in das Gaſtzimmer, durch "den Schlaf erfriſcht, obgleich etwas blaß von dem Schrek⸗ ken und der Anſtrengung des vergangenen Tages. Alle d ihre Heiterkeit war zurückgekehrt, doch iſt es ein unver⸗ g— B meidliches Geſetz der menſchlichen RNatur, daß man keine große Aufregung empfinden kann, ohne daß eine dau⸗ ernde Wirkung davon zurückbleibt. Die Scenen, die ſie erlebt, die Unruhe, die ſie erfahren, ſelbſt die Gefühle, die ſie empfunden hatte, während ſie in der Nacht mit Algernon Grey durch die Felder gewandert war, Allles ließ einen Eindruck zurück, der nicht zu vertilgen war. Ich will nicht verſuchen, in ihr Herz zu blicken, denn ſie wagte es ſelber nicht; doch waren äußere Zeichen da, die jedem erfahrnen und beobachtenden Auge die Verände⸗ rung würden angedeutet haben. Es war ein tieferer Ton in ihrem ganzen Weſen; es war mehr Seele in ihrem Blicke; es lag ſelbſt in ihrem heiterſten Lächeln etwas Sinnendes. Alles ſprach die neuerweckten Snſin aah des Herzens aus; und als ſie ſich näherte, ihre Augm voll inniger Dankbarkeit zu ſeinem Geſichte erhob und ihm die Hand reichte, ſchien es Algernon Grey, als bee ſitze ſie jetzt Alles, was ihr bisher gefehlt, um ihn Schönheit faſt zu einer göttlichen zu machen. Das Mahl ging heiter vorüiber⸗ ſie ſprachen von den Abenteuern des vergangenen Tages mit den ange nehmen Glückwünſchen wegen der überſtandenen Gefal ren. Sie ſprachen von ihrer Rückreiſe nach Aediſs mit der ſüßen Erwartung bevorſtehenden Vergnügene .es—,——-9-——4+— und als das Frühſtück beendet war, beſtiegen ſie dis beiden Pferde, die man ihnen verſchafft hatte, und in — 253— Begleitung eines Burſchen, der ein drittes Pferd ritt, 8 um jene wieder zurückzubringen, machten ſie ſich im hel⸗ ie len Morgenſonnenſchein auf den Weg. Die Wolken und * Ungewitter des vergangenen Tages waren zerſtreut, und i in einem Buſen wenigſtens ſchlug ein heiteres und 6 freudiges Herz, unbelaſtet mit ſchlimmen Ahnungen oder r mit Bedauern irgend einer geſchehenen Handlung. In⸗ dem ſie ſo ſchnell fortritten, als ihre Pferde gehen woll⸗ i ten, ſprach Agnes gegen ihren Begleiter alle die glänzen⸗ ee den und ſchimmernden Gedanken aus, von der reinſten z. Freude erhellt, welche die Erwartung, Andern Freude zu nmachen, einem edlen Geiſte gewährt. Sie ſprach von n der Freude, die ihr ⸗Oheim empfinden würde, wenn er aſie wieder an ſein Herz drücken könne, nachdem er ſie 4 ſchon auf immer verloren geglaubt, von der ruhigen, G aber faſt nicht weniger herzlichen Freude der verwittwe⸗ e ten Kurfürſtin, wenn ſie ſie wied derſehe; und obgleich ſich a in Algernon's Bruſt mancher bittere und ſchmerzliche Gedanke und mancher Kampf erhob, wenn er daran w dachte, daß die letzten Stunden ihres Umganges auf im⸗ e mer dahinſchwanden, ſo wollte er doch ſeinen Mißmuth nicht zeigen, um ihr junges Glück nicht zu trüben. 3 So floh die Zeit dahin, bis ſie am Neckar dahin⸗ ritten und die Stadt und die Hügel, das lachende Thal ie und das ſtolze Schloß wieder vor ihren Augen erſchie⸗ i nen. Dann überſchritten ſie die Brücke, ritten durch die — ¹ engen Straßen und begannen den Hügel hinaufzuſteigen. Einen Augenblick hielten ſie an, um ihre Pferde aus⸗! ruhen zu laſſen und die Scene zu überſchauen, und ehe ſie weiter ritten, ließ Agnes ihren Zügel ſinken, klatſchte in die Hände und rief: „Ich dachte nicht, dies Alles wiederzuſehen.“ t Sie erhob ihre Augen dankbar zum Himmel, wen⸗ dete ſich dann zu Algernon Grey und rief mit einem h Gefühle, dem ſie nicht widerſtehen konnte, indem ſie ihm ihre Hand reichte: 3 „Nur Euch habe ich es zu danken!“ t Sie ritten langſamer weiter, und als ſie in den e Schloßhof traten, ſagte Algernon Grey: t „Ich muß Euch hier verlaſſen, theures Fräulein; aber haltet Euch verſichert, daß, Euch im Augenblick der a Gefahr einen Dienſt leiſten zu können, ein Glück für mich geweſen iſt, welches mir manche künftige Stunde erheitern wird.“— „Aber Ihr werdet doch mit zu meinem Oheim kom⸗ a men?“ verſetzte Agnes mit erſchrockenem und 5 gem Blicke.„O, kommt, ich bitte Euch! Es iſt nich mehr als billig, daß der Retter ſeines Kindes— ſeiner Nichte, die er liebt, wie ſein Kind— ſie wieder an ſeine Bruſt zurückführe. O kommt!“ 5 „Wenn es Euch Vergnügen macht,“ entgegnete Al⸗ gernon Grey mit mattem Lächeln, denn er konnte der — 255— 7. Verſuchung nicht widerſtehen, noch einen Augenblick ne⸗ d ben ihr zu verweilen, obgleich er ſeine Schwäche de fühlte. h Im äußerſten Winkel des Hofes befand ſich eine Anzahl Herren und Hofbeamte, die ſich mit einander un terhielten, und als Agnes ſich mit ihrem Begleiter näherte, eilten mehrere von ihnen herbei, um ihr beim Abſteigen behülflich zu ſein; doch ſie blieb ſitzen, bis Algernon Grey an ihrer Seite war, und ließ ſich von ihm vom Pferde heben. Indem ſie die Glückwünſche, welche zeig⸗ ten, daß man während des vergangenen Abends ihres Schickſals wegen ſehr beſorgt geweſen, kurz beantworte⸗ te, ſah ſie ſich nach ihrem Begleiter um und ſagte: „Jetzt will ich Euch zu meinem Oheim führen. Ich weiß, er würde es mir nimmer verzeihen, wenn ich Euch nicht ſogleich zu ihm brächte.“ Aber in dem Augenblick trat ein großer, ältlicher Nann in militairiſcher Kleidung vor, legte ſeine Hand auf Algernon Grey'’s Schulter und ſagte: „Es thut mir leid, mein Herr, aber ich habe den Befehl, Euch im Namen des Kurfürſten zu arretiren, wo ich Euch finde. Ich habe Euch ſchon den ganzen MNorgen in der Stadt geſucht.— Gebt mir Euren 1 Degen.“ Algernon Grey lächelte und antwortete: „Ich habe keinen Degen, den ich Euch geben könnte. ——&☛ᷣ ———— ——— XA Darf ich wiſſen, welches Vergehens man mich beſchul digt?“ „Es handelt ſich um Euer unglückliches Duell mit dem Baron von Oberntraut,“ entgegnete der alte Of⸗ fizier.„Sein Vater hat Euch geſtern Abend förmlich der Ermordung ſeines Sohnes angeklagt und der Kur⸗ fürſt ſogleich den Befehl zu Eurer Verhaftung gegeben.“ Agnes war todtenblaß geworden; dann fuhr ſie mit der Hand über die Stirn und dachte einen Augenblick tief nach. „Wo iſt der Kurfürſt?“ rief ſie endlich.„Ich will mit Seiner Hoheit ſelber reden.— Dieſer Herr rettete mir das Leben, als alle Andern mich verließen; er ſetze ſein Leben mehr als zehn Mal aufs Spiel für eine Per⸗ ſon, die er kaum kannte— und dies ſoll ſeine Belol⸗ nung ſein?“ d „Fürchtet Nichts, theures Fräulein,“ entgegnete Al gernon Grey;„dies kann keine ſchlimmen Folgen ho ben— eine kleine Unbequemlichkeit, aber Nichts weiten Ich duellirte mich mit dem Baron von Oberntraut, wie ſich ein ehrenvoller Cavalier mit dem andern duellin nachdem er mich herausgefordert; ich duellirte mich mit ihm ohne Zorn und Feindſchaft und ohne daß ich ihn je beleidigte, an einem Orte, den er ſelbſt gewählt. J ſchonte ſeiner ſo lange ich konnte, und obgleich es mih tief betrübt zu hören, daß er todt iſt, ſo werde ich doß ſtets behaupten, daß ich ihm die Wunde nur zur Selbſt⸗ vertheidigung beigebracht.“ „Geſtern Abend kam die Nachricht, man glaube, er werde ſterben, obgleich er noch nicht todt ſei,“ verſetzte der alte Offizier.„Dieſen Morgen haben wir noch keine Nachricht.“ „Wo iſt der Kurfürſt?“ fragte Agnes wieder.„Kann mir Jemand ſagen, wo ich ihn finden werde?“ „Er war noch vor wenigen Minuten im Cabinet der Kurfürſtin, ſchönes Fräulein,“ ſagte ein junger Cava⸗ lier vortretend;„ich glaube nicht, daß er ſchon wieder herausgekommen iſt.“. Mit raſchem Schritte, gerötheter Wange und leb⸗ haften Blicken eilte Agnes fort, und in demſelben Au⸗ genblick flüſterte der alte Offizier einem Pagen zu, wel⸗ cher dabei ſtand: „Geh und ſage es Oberntraut, er mag auch ein Wort mit drein reden wollen.“ Dann wendete er ſich zu dem Gefangenen und ſagte: „Da ich den Willen des Kurfürſten hinſichtlich Eu⸗ rer nicht weiß, mein Herr, ſo wird es eben ſo gut ſein, wenn ich Euch ſo bald als möglich zu ihm bringe. Wir können in ſeinem Audienzzimmer warten, bis er aus den Gemächern der Fürſtin herauskommt. Habt die Güte mir zu folgen.“ Heidelberg. Erſter Band. 17 Mit dieſen Worten ging er auf das Schloß zu, die Treppen hinauf und durchſchritt die Gallerie; dann öff⸗ nete er die Thüre und führte den Gefangenen durch einen Vorſaal, der an jeder Seite zahlreiche Thüren hatte. An einer derſelben ſah Algernon Grey ſeine ſchöne Gefährtin mit einem Pagen an ihrer Seite ſte⸗ hen. Ihr ſchöner Kopf war niedergebeugt, ihre Augen auf den Boden gerichtet und ſie bewegte ſich nicht im Geringſten, obgleich das Geräuſch der Schritte ihr Ohr erreichen mußte. Darauf öffnete der alte Officier eine Thüxe auf der entgegengeſetzten Seite und der junge Engländer folgte in ein kleines Zimmer, wo ſich nur ein einziger Stuhl fand. Dort warteten ſie etwa zehn Minuten ganz allein, und nach Verlauf dieſer Zeit ging der alte Kämmerer, der am Abend des neunzehnten Au⸗ guſt Algernon und ſeinen Vetter ſo ſehr wider ſeinen Willen zum Kurfürſten geführt hatte, mit eiligen Schrit⸗ ten durchs Zimmer. Seine Stirn wurde ſehr finſter, als er Algernon Greh erblickte, er biß die JZäͤhne zuſam⸗ men und faßte krampfhaft die Scheide ſeines Degens. Einen Augenblick ſpäter vernahm man draußen ein Geräuſch; die Thüre wurde geöffnet und der Kurfürſt trat mit finſterer Stirn mit mehreren ſeiner Staatsbeamta herein, und Aunes Herbert und der Kaͤmmerer ſelät ihm. Ohne den jungen Eng der im Geringſten zu beachten, näherte ſich der Fürſt dem Stuhle, ſetzte 6 — 259— aber nicht nieder, ſondern wendete ſich zu der Verſamm⸗ „llung, ſobald er denſelben erreicht hatte, und ſah ſich im Kreiſe um. „Nach Eurer Hoheit Befehl habe ich den hier gegen⸗ wärtigen Herrn Algernon Grey verhaftet,“ ſagte der Cavalier an Algernon’'s Seite,„und bitte um Eure weiteren Befehle hinſichtlich ſeiner.“ Der junge Herr trat einen Schritt vor, ehe der Pfalzgraf antworten konnte, und fragte mit ruhigem und unbewegtem Geſichte faſt hochmüthig, wegen welches Vergehens man ihn der Freiheit beraubt habe? Der V ſtolze Geiſt des freien Inſulaners, die Quelle ſo vieles Guten und leider auch oft die Quelle ſo vieles Unan⸗ genehmen, zeigte ſich einen Augenblick in ſeinem Ton und Weſen, obgleich er Sorge trug, alle herkömmlichen Ausdrücke und Titel anzuwenden, am Ende ſein hoch⸗ müthiges Benehmen mäßigte, ſich bereit erklärte, ſich den Geſetzen des Landes zu fügen, wo er ſich aufhielt, und hinzuſetzte: „Da ich aber weiß, daß ich an jedem Vergehen un⸗ ſchuldig bin, ſo fordere ich unparteiiſche Gerechtigkeit und t genaue Unterſuchung, ehe ich auf irgend eine Weiſe be⸗ ſtraft werde.“ „Gerechtigkeit und Unterſuchung ſoll Euch zu Theil werden, mein Herr,“ antwortete der Kurfürſt, ein we⸗ 6 enig beleidigt durch ſeinen kühnen Ton.„Es iſt ein Glück,, 474 — 260— daß wir in England geweſen ſind und wiſſen, daß die Edelleute jenes Landes ſich den Fürſten anderer Länder gleich achten, ſonſt mögte uns Euer Benehmen etwas auffallend ſein.— Herr von Oberntraut, Ihr brachtet geſtern Abend ſpät eine Anklage gegen dieſen Herrn vor — eine höchſt ernſthafte Anklage. Wir hatten damals nicht Zeit, uns ausführlich darnach zu erkundigen; doch jetzt wollen wir Euch zu Ende anhören.“ „Ich klagte ihn der Ermordung meines Sohnes an, Hoheit,“ rief der alte Kämmerer vortretend,„der kalt⸗ blütigen und vorſätzlichen Ermordung meines einzigen Kindes.“ „Wie, ſo iſt er alſo kalt?“ fragte der Kurfürſt mit dem finſtern Ausdruck des Kummers. „Noch nicht, Hoheit,“ verſetzte der Andere,„aber er liegt im Sterben. Ich beſuchte ihn vor einer Stunde — ſeine Stimme war kaum zu hören— ſeine Augen waren matt und trübe und ſeine ſtarken Glieder, die ſo oft dem Staate gedient, ſo ſchwach, wie die eines Kin⸗ des; aber dieſer Mann, ſage ich— dieſer Fremde, der vielleicht als Spion hieherkommt, ſucht Streit mit einem Eurer beſten Diener, lauert ihm bei Anbruch der Nacht an einem entfernten Orte auf und tödtet, nachdem er die beiden Pagen zurückgelaſſen, damit kein Auge es ſehe, einen Mann, dem, wie Alle wiſſen, im ehrlichen Kampfe keiner überlegen war— ja, der kaum ſeines Gleichen hatte. Deſſen klage ich ihn an, Hoheit— und deshalb fordere ich ſeine Beſtrafung. Gerechtigkeit will ich auf die eine oder die andere Art haben, und wenn er durch honigſüße Worte, die er ſo wohl anzuwenden weiß, dem Arme des Geſetzes entgehen ſollte, ſo mag er ſich wohl vorſehen, ich und die Meinigen werden uns endlich ſelbſt Recht verſchaffen.“ „Still, ſtill!“ rief der Kurfürſt;„Ihr ſchadet einer guten Sache durch ſolche übereilte Drohungen.— Was wollt Ihr, Dame? Es iſt mir lieb, Euch gerettet zu ſehen.— Ich will ſogleich mit Euch reden; aber dies iſt keine Scene für Euch.“ „Bitte um Verzeihung, Hoheit,“ antwortete Agnes mit der Kühnheit ihrer aufgeregten Gefühle,„es iſt eine Scene, worin ich eine Rolle ſpielen muß, ich mag wol⸗ len oder nicht. Hört mich einen Augenblick an. Dieſem edlen Herrn verdanke ich die Rettung meines Lebens und ich muß meine Stimme gegen ſeine Feinde erheben. Als ich am letzten Abend Eurer erhabenen Gemahlin folgte, ſcheute ſich mein Pferd vor einem Gegenſtand im Walde und ſtürzte vom Ufer hinunter in den reißenden Strom, gegen den kein lebendes Geſchöpf ankämpfen konnte. Dort kam das arme Thier um! Die Diener Eurer Hoheit ſahen es. Sie können Euch Alles ſagen.“ „Ich hörte es, ich hörte es,“ antwortete Friedrich mit dem Kopfe nickend. — 262— „Alle verließen mich,“ fuhr Agnes fort.„Eure Begleiter, wovon einige rüſtige Krieger waren, der Herr, der an meiner Seite ritt, die, welche voraus waren und die, welche folgten— keiner von Allen wagte ſich in jenen furchtbaren Strom, um ein ertrinkendes Mädchen zu retten, als dieſer edle Mann, faſt ein Fremder für mich, in eine zerbrechliche Barke ſprang, die unterſank, ehe wir das Land erreichten, mich aus dem Waſſer zog und mich rettete. Häufig ſetzte er an jenem Abend ſein Leben für mich aufs Spiel— für eine Perſon, die kei⸗ nen Anſpruch an ſeine Güte hatte.— Ja, in demſelben Augenblick, wo dieſer alte Herr behauptet, daß er einen kaltblütigen, vorſätzlichen Mord begangen, ſetzte er bei dem erſten edlen Antriebe ſeines Herzens ſein Leben und Alles, was das Leben Schönes hat, aufs Spiel. Iſt dies wahrſcheinlich, edler Fürſt?— Iſt dies möglich? O nein! Daſſelbe hohe Herz, welches ihm gebot, ſich bei dem Geſchrei eines ſterbenden Mäͤdchens auf jenen reißenden Strom zu wagen, hat ohne Zweifel auch ſeine Handlungen geleitet, als er es mit einem hochmüthigen Gegner zu thun hatte. Glaubt es nicht, glaubt es nicht, Hoheit; oder ſonſt müßt Ihr glauben, daß Ehre nur ein leerer Name, Wahrheit Lüge und edle Selbſtaufopfe⸗ rung nur ein verkleideter Mörder iſt.“ Sie ſprach lebhaft und heftig, und ihr ſchönes Ge⸗ ſicht, durch die Energie ihres Herzens belebt, ſtrahlte — 263— gleich dem eines tadelnden Engels, bis ſie endlich von ihrer Aufregung überwältigt wurde und in Thränen aus⸗ brach. „Mein Herr und Fürſt!“ rief der alte Herr von Oberntraut, deſſen bittere Wuth die Form des gemäßig⸗ ten Spottes annahm, welchen Zwang ihm die Gegen⸗ wart eines Frauenzimmers auferlegte;„es iſt leicht zu verſtehen und zu verzeihen, wenn eine Dame für ihren Liebhaber ſpricht. Aber laßt uns nicht mehr von dieſem Unſinn hören. Liebesgeſchichten paſſen nicht für ſolche Gelegenheiten.“ „Eure Worte enthalten eine Lüge, Herr, wenn Ihr ſie auch nicht geradezu ausſprecht,“ ſagte Algernon Grey mit ſtrengem Ausdruck.„Es iſt nie zwiſchen dieſer Dame und mir von Liebe die Rede geweſen. Als ich in das Boot ſprang, um ſie zu retten, ſah ich nicht einmal, wer es war. Aber ich bitte Euch, liebes Fräulein, uns zu verlaſſen. Ich will der Gerechtigkeit dieſes edlen Für⸗ ſten vollkommen vertrauen, und wenn Ihr dableibt, ſetzt Ihr Euch nur von der Wuth eines rauhen alten Man⸗ nes falſchen Auslegungen aus.“ Der alte Herr von Oberntraut griff nach ſeinem Degen und zog ihn halb aus der Scheidez aber einer von den gegenwärtigen Herren ergriff ſeinen Arm und flüſterte ihm eine Warnung zu, und Agnes erwiderte: 3 „So will ich gehen, doch nur, um eine beſſere Stimme herbeizurufen, um dieſelbe Sache zu vertreten.“ „Nun, Herr Algernon Grey, was habt Ihr gegen dieſe Anklage zu ſagen?“ fragte der Pfalzgraf.„Redet, wenn Ihr wollt; doch wenn Ihr redet, darf ich Euch wohl nicht erſt erinnern, daß es ſtets am Beſten iſt, die Wahrheit zu ſagen, und beſonders in dieſer Sache, da ſie von Richtern muß unterſucht werden, die ſich nicht täuſchen laſſen.“ „Es iſt meine Gewohnheit, die Wahrheit zu reden, gnädigſter Herr,“ antwortete der junge Engländer.„Und wenn der Baron von Oberntraut noch am Leben iſt, ſo fordere ich, daß man ſeine Ausſage von ſeinen eigenen Lippen höre. Er iſt ein tapferer und edler Cavalier und wird ſelbſt nicht ſeinen Gegner belügen. Man mag ſeine Ausſage mit der meinigen vergleichen, und man wird finden, daß beide völlig übereinſtimmen, davon bin ich überzeugt. Ich behaupte nun hier vor dieſer Ver⸗ ſammlung, daß er mich aus einem mir unbekannten Grunde zum Zweikampf forderte, daß er mich ſelber an den Ort führte, alle Anordnungen traf und mich zuerſt angriff, während ich bis zum letzten Augenblick ſeine Stöße parirte, ohne ſie zu erwidern, und erſt zuletzt zur Selbſtvertheidigung einen Ausfall machte. Er wird Euch auch ſagen, daß ich Alles that, was in meiner Macht ſtand, um die Blutung zu ſtillen und ihm Beiſtand zu verſchaffen; auch wäͤre ich zuruͤckgekehrt, um bei ihm zu bleiben, nachdem ich meinen Pagen abgeſchickt, um Hülfe herbeizuholen, hätte mich nicht das Geſchrei der Dame zu einem andern Geſchäfte gerufen und der angeſchwol⸗ lene Neckar uns Beide weit fortgetragen. Laßt ſeinen eigenen Pagen befragen, ob er nicht gehört, wie er mir den Weg bezeichnet, den er einſchlagen wollte, wie er mich aufgefordert abzuſteigen, und geſehen, wie er ſelber vorangegangen. Dies iſt meine einfache Ausſage, und wenn ein Cavalier und Soldat ohne Schande eine ſolche Herausforderung nicht ausſchlagen darf, ſo habe ich. nicht Unrecht gethan, der ſeinigen zu folgen.“ „In dieſem Lande, Herr,“ antwortete der Kurfürſt ſtrenge,„darf ein Cavalier und Soldat nicht nur ohne Schande ſolche Herausforderungen ausſchlagen, ſondern er muß es ſogar; denn nach meinem eigenen, jetzt vor faſt vier Jahren gegebenen Geſetze ſind dergleichen Zwei⸗ kämpfe aufs Strengſte verboten.“ „Da fällt die Schuld auf ihn,“ entgegnete Alger⸗ non Grey,„da er einen Fremden, der mit den Geſetzen Eurer Hoheit unbekannt war, ſie zu verletzen verleitete. Gern hätte ich vermieden, was ich perſönlich nicht billige, was aber die Sitte nicht nur gut heißt, ſondern ſogar fordert.“ „Mein edler Fürſt, dieſe Erzählung muß falſch ſein,“ rief der alte Herr von Oberntraut.„Ihr kennt meinen — =— 266— Sohn ſehr wohl und wißt, daß er kein Mann iſt, der die Geſetze Eurer Hoheit unbedachtſam verletzt.“ Friedrich lächelte, und ungeachtet der traurigen Stimmung ließ ſich ein leiſes Murmeln, welches einem unterdrückten Lachen glich, unter den Anweſenden hören, als dem jungen Baron ein ſo friedlicher Charakter beige⸗ legt wurde. Aber der Kurfürſt rief ſogleich: „Still, meine Herren. Dies iſt unſchicklich! Es thut mir leid, mein Herr,“ fuhr er fort, ſich an Alger⸗ non Greh wendend,„daß ich mich gegen einen Englän’ der ſtrenge zeigen muß; doch bis der Zuſtand Eures Gegners näher bekannt iſt und bis wir wiſſen, welches der Ausgang ſein wird, müßt Ihr die Gefangenſchaft ſo gut ertragen, als Ihr könnt; ich ſelber will mich bei denen erkundigen, die ſeine Wunden verbunden haben, ob ſie tödtlich ſind oder nicht, und wenn ſie es für zu⸗ läſſig halten, ſeine eigene Ausſage hören. Fürchtet Nichts, Euch ſoll Gerechtigkeit zu Theil werden; aber jetzt müßt Ihr Euch entfernen. Mein guter Herr von Helmſtadt, wollt Ihr ihn in den großen Thurm in der Nähe des Engliſchen Gebäudes bringen laſſen? Führt ihn in die leeren Zimmer im dritten Stock; ſpäter will ich ihn der Bewachung eines Subalternen übergeben.“ „Laßt ihn nicht entwiſchen, Helmſtadt!“ rief der alte Herr von Oberntraut.„Denn ich rufe den Himmel zum Zeugen, daß ich Blut fordere für meines Sohnes Blut, wenn nicht von ihm, von denen, die ihn in ihrer Macht haben.“ „Still, Herr,“ ſagte der Kurfürſt,„und verlaßt uns.“ Darauf gab er dem Oberhofmarſchall von Helmſtadt einen Wink mit der Hand, den Gefangenen wegzufüb⸗ ren, wendete ſich dann zu ſeinem Kanzler und ſprach mehrere Minuten leiſe mit ihm. —— —— Zwölftes Kapitel. In dem großen runden Zimmer, welches ich ſchon in einem früheren Kapitel beſchrieben habe, mit ſeiner Säule in der Mitte, und mit Waffen und Bannern be⸗ deckt, gerade ſo wie es erſchienen war, als Algernon Grey es zuerſt geſehen, ſaß Oberſt Herbert, der Engliſche Rit⸗ ter, wie man ihn im Schloſſe nannte, um dieſelbe Stun⸗ de, als ſein Gaſt wegen der Beſchuldigung des Mordes zu dem Kurfürſten geführt wurde. Seine Stirn war ernſthaft und gedankenvoll, ſeine Augen niedergeſchlagen, als ob er irgend einen Gegenſtand tief überdachte. Den⸗ noch war er nicht mit einer unmittelbaren Beſorgniß we⸗ gen ſeiner Nichte beſchäftigt, obgleich er noch nicht um ihre Rückkehr in das Schloß wußte, denn Algernon Greys Botſchaft hatte ihn am Abend zuvor erreicht, und ihm gezeigt, daß ſie aus der großen Gefahr errettet ſei.— Nach den erſten Nachrichten vom vergangenen Abend war ſie auf immer verloren. Wie ich bereits erwähnt habe, war der größte Theil des kurfürſtlichen Gefolges raſch weiter geritten, als ihr Pferd mit ihr in den Strom geſtürzt war. William Lovet war gleich nach dem Unfall gefolgt, und die⸗ kleine Abtheilung der Diener und Be⸗ gleiter, die Agnes und dem Engländer vorausgeritten waren, hatten den Unfall eben ſo gut geſehen, wie er ſel⸗ ber; aber keiner wagte es, einen Verſuch zur Rettung der Dame zu machen. Alles, was ſie für geeignet hielten, z thun, war, ſo ſchnell als möglich weiter zu eilen, und den Kurfürſten von dem Vorfall in Kenntniß zu ſetzen, da ſie natürlich die Sache für hoffnungslos hielten, und die Dame ohne Rettung verloren glaubten. Friedrich, der in der That ein guͤtiger und freundlicher Fürſt war, ließ ſogleich den Zug anhalten, und berieth ſich lebhaft mit denen, welche folgten, über das, was zu thun ſei. Aber Alle kamen darin überein, daß die Dame längſt müſſe ertrunken ſein, ehe man ihr Beiſtand leiſten könne, wes⸗ halb es alſo vergebens ſei, Etwas zu ihrer Rettung zu unternehmen. Eliſabeth von England, obgleich ſie auch nicht mehr Hoffnung hegte, als die Uebrigen, drang auf augenblickliche Nachſuchung oder irgend eine Bemühung; aber ſie wurde von denen überſtimmt, welche glaubten, daß jede Bemühung vergebens ſei, und ein alter Mann wagte ſogar zu ſagen: — „Es iſt Alles vergebens. Der Reckar will ſeine Opfer haben; in jedem Jahr ertrinkt eine beſtimmte An⸗ zahl, und wenn er nicht dieſe mitgenommen hätte, ſo wäre es Jemand anders geweſen.“ In tiefer, düſterer und feierlicher Bitterkeit des Her⸗ zens, mit jenem Gefühl der Verzweiflung, welches nur der Verluſt eines wahrhaft und inniggeliebten Gegen⸗ ſtandes hervorbringen kann, hatte Oberſt Herbert von dem Augenblicke an, als ihm die erſte Nachricht war mitgerheilt worden, die Stunden zugebracht, bis er einen raſchen Schritt die Treppen des Thurmes heraufkommen hörte; da ſprang er auf und blickte nach der Thüre. Er hatte nicht geweint— ſeine Natur war zu kräftig, und verſchloſſen für Thränen; aber im tiefſten Herzen glühten und brannten die Gefühle, die bei andern Per⸗ ſonen, gleich den erſten Donnerwolken des Frühlings, ſich in fallende Tropfen auflöſen, bis ihm Alles troſtlos und verlaſſen erſchien, wie eine Wüſte. „Man wird die Leiche gefunden haben,“ ſagte er bei ſich ſelber, als er den Schritt hörte; aber ſein Diener kam mit freudigem Geſichte hereingelaufen, und rief: „Die Dame iſt gerettet, Sir Henrh, die Dame iſt gerettet; es iſt ein Bauer da, der die Nachricht vom Lande in's Schloß bringt.“ „Wo iſt er?“ rief Herbert.„Bringe ihn hierher— ſchnell!“ „Ach, Herr,“ rief der Mann,„der Portier hat ihn fortgehen laſſen.“ Herbert faßte ihn mit beiden Händen an, ſah ihm lebhaft ins Geſicht, und rief: 3 „Lügſt Du nicht?“ „Nein, Sir Henry, ich würde um die Welt nicht lügen bei einer ſolchen Sache, wie dieſe,“ antwortete der Diener.„Der Portier ſchickte ſeinen Knaben her, und ehe ich Euch die Nachricht bringen wollte, ging ich hin⸗ auf, um mich näher zu erkundigen; aber ich fand, daß man nicht zweifeln könne. Der Mann war drei oder vier Stunden weit aus einem Dorfe am Fluſſe gekom⸗ men, und der Herr, der die Dame gerettet, hatte ihm zwei Goldſtücke gegeben, um die Nachricht hierher zu bringen. Er habe ſich für ſo reich gehalten, wie ein Fürſt, ſagte der Portier, und ſei in die Stadt gegangen, um ſich zu trinken zu kaufen.“ „Genug, genug!“ antwortete Herbert,„Niemand wird Gold ausgeben, um ein falſches Gerücht dieſer Art zu verbreiten. Verlaß mich!“ Hierauf ſetzte er ſich wieder an den Tiſch und blieb ohne einen Ausruf der Freude, und faſt ohne eine Be⸗ wegung ſeiner Muskeln in tiefem Nachdenken ſitzen, bis die Schloßglocke zwei ſchlug; dann ging er in ſein Schlafzimmer, legte ſich nieder, und ſchlief feſt. Als er am folgenden Morgen aufſtand, bemächtigte ſich ſeiner wieder eine Folge ängſtlicher Gedanken. „Wer mag es ſein, der Agnes gerettet hat?“ fragte er ſich.„Wer hat ihr während dieſer langen Nacht Ge⸗ ſellſchaft geleiſtet? Iſt es Jemand, dem man vertrauen kann? Ein Mann, der die Reinheit ihres Geiſtes und Herzens geachtet, und ſie wie ein Kind vor Allem ge ſchützt hat, was ihr Zartgefühl verletzen konnte?“ Er war noch mit dieſem Gedanken beſchäftigt, als er einen leichten Schritt auf der Treppe hörte, den er wohl kannte. Er ſprang auf und öffnete die Thüre. Sogleich lag Agnes in ſeinen Armen und einige Augen⸗ blicke wurden der Freude und den i wünſchen gewid⸗ et. Doch die Dame wendete ſich bald zu einem andern Veeenden „Ich will Euch ſpäter Alles erzählen,“ ſagte ſie, „aber jetzt müßt Ihr zum Kurfürſten gehen, um für den Retter Eurer Agnes zu ſprechen.“ Und mit raſchen und lebhaften Worten ertheilte ſie ihm einen klaren und kurzen Bericht von Allem, was ſeit ihrer Ankunft im Schloſſe geſchehen war. BHerbert ſah ihr glühendes Geſicht während ſir ſprach mit gedankenbollem und forſchendem Blicke an, und ſagte dann in leiſem Tone: „So war es alſo dieſer Engländer, nicht wahr 2. — ————— „Ja,“ rief Agnes lebhaft,„alle Andern verließen mich; ſelbſt ſein Vetter, der an meiner Seite geritten war, galoppirte weiter und verließ mich. Wäre er nicht geweſen, ſo hätte ich unfehlbar umkommen müſſen.“ „Und er focht mit Oberntraut,“ fuhr Herbert in demſelben Tone fort,„und beſiegte ihn— das war keine leichte Aufgabe. Aber ich wußte, was zwiſchen dieſen Beiden vorgehen ſollte— ich ſah es, und täuſchte mich nur in der Zeit, ſonſt hätte ich es verhindert.“ „So kommt doch,“ ſagte Agnes ſeinen Arm faſ⸗ ſend,„wenn Ihr nicht bald kommt, wird man ihn in’'s Gefängniß ſchicken.“ „Wartet noch einen Augenblick, mein Kind,“ entgeg⸗ nete Herbert.„So war dieſer junge Mann alſo freund⸗ lich gegen Dich?“ „Sehr freundlich,“ verſetzte Agnes, etwas überraſcht von dem Benehmen ihres Oheims,„er verſäumte Nichts, was in ſeiner Macht ſtand, um für meine Bequemlichkeit zu ſorgen.“ „Er hat Viel von der Welt geſehen— iſt an Höfen und in Lagern und in ſittenloſen, frem den Ländern ge⸗ weſen,“ ſagte Herbert nachdenkend.„Wo ſchlief er an dem Orte, wo ihr übernachtet?“ „Unten im Gaſtzimmer,“ antwortete Agnes. „Und ohne Zweifel tröſtete und erheiterte er Dich unterwegs?“ fuhr ihr Oheim fort. Heidelberg. Erſter Band. 1 8 4 — 274— „Mit der höflichſten Freundlichkeit,“ verſetzte die Dame. „Und mit Betheuerungen der Liebe?“ ſagte Her⸗ bert. „Kein Wort,“ rief Agnes, indem das warme Blut in ihre Wangen ſtieg;„Nichts, was nur einen Augen⸗ blick ſo ausgelegt werden konnte. Was wünſcht Ihr denn zu wiſſen?“ fuhr ſie fort, indem ſie ſeinen Arm feſt an⸗ faßte und ihm voll in's Geſicht ſah.„Warum redet Ihr ſo ſeltſam? Ich habe Nichts zu ſagen— keine Silbe, die Euer Ohr nicht mit Wohgefallen hören würde. Wenn Ihr zu wiſſen wünſcht, wie mein Retter mich be⸗ handelte, ſo kann ich Euch nur ſagen, ſo freundlich und ſanft, wie ein Bruder eine Schweſter behandelt, die er eben aus einer Gefahr errettet— etwas kälter vielleicht, als ein Bruder geweſen wäre, aber dennoch eben ſo zärt⸗ lich, eben ſo rückſichtsvoll und gefühlvoll. Er half mir, unterſtützte mich, heiterte mich auf und tröſtete mich, und zwar mit mehr Ehrerbietung, als nöthig war; doch ich dankte ihm dafür, denn dieſes Benehmen beruhigte mich; und in jenen langen Stunden, als ich auf ſeinem Arm geſtützt, mit demſelben Vertrauen, als wäre es der Eure geweſen, durch die Felder dahinwanderte, wurde ich bis an’s Ende nicht getäuſcht; denn kein Wort, keine Hand⸗ lung— und ich bin gewiß, auch kein Gedanke— hätte mir einen Augenblick Schmerz verurſachen können.— —— V — 275— Gewiß, Ihr werdet doch keinen Zweifel gegen Eure Agnes hegen?“ „Nein, nein, mein Kind,“ rief Herbert, indem er ſie umarmte,„ich wollte nur gewiß ſein, ob dieſer junge Mann wirklich iſt, wofür ich ihn gehalten.— Nun laß uns gehen, ich bin bereit, für Dich ſeine Sache zu ver⸗ treten, und ich hoffe, es wird nicht vergebens ſein. Ich ſah, wie die Herausforderung geſchah, und wenn ich gleich nicht nahe genug war, um die Worte zu hören, ſo bin ich doch gewiß, daß ſie von Oberntraut ausging. Komm, Agnes!“ Und indem ſich die Dame an ſeinen Arm hing, gingen ſie raſch aus ſeinem Thurme zu dem Theile des Schloſſes, wo ſich die Gemächer Friedrichs und Eliſa⸗ beths befanden. Dort benachrichtigte man ihn, daß der Kuurfürſt noch in der kleinen Halle ſei, wie man ſie nannte, 6 und dorthin eilend, öffnete er die Thüre. Die Geſtalt, ddie er ſuchte, zeigte ſich ihm nicht, denn Algernon Grey war ſchon hinweggeführt worden. Aber der Kurfürſt ſtand noch am äußerſten Ende des Zimmers und unter⸗ redete ſich mit den Herren, die ihn umgaben. Herbert näherte ſich ſogleich dem Fürſten mit einer tiefen Ver⸗ beugung. „Ah, Herbert, ſeid Ihr's?“ rief Friedrich, ſobald er ihn erblickte.„Ich wünſche einen Augenblick mit Euch al⸗ 4 lein zu reden.— Meine Herren, ich will Euch nicht län⸗ 1 18 2 —— Euch auch Etwas zu ſagen.“ Auf dieſen Wink verließen Alle das Zimmer, und der Fürſt blieb mit dem Engliſchen Offiziere und ſeiner Nichte allein. Sobald die Thüre zu war, rief Friedrich: „WVas giebt's, Herbert? Es zeigt ſich ein ärgerlicher Fleck auf Eurer Stirn. Ich wette, es iſt die Sache die⸗ ſes jungen Cavaliers, die Euch ſo aufregt. Nun, die wird bald aufgeklärt ſein.“* „Ihr mißverſteht mich, edler Fürſt,“ antwortete Her⸗ bert,„wohl mag es mich tief betrüben, daß ein edler Herr, der nicht nur das Leben meiner Nichte mit Gefahr ſeines eigenen gerettet, ſondern ſie auch während einer langen Nacht, wo ſie Niemand anders hatte ſie zu be⸗ ſchützen, mit jener Achtung und Höflichkeit behandelt— mit jener Zärtlichkeit, mit Ehrerbietung vereint, die nur ein edles Herz empfinden und zeigen kann— ſich Euren Unwillen zugezogen hat; aber von Aerger gegen den Fürſten, dem ich diene, kann bei mir nie die Rede ſein.“ „Ihr habt die Urſache gehört 20 ſagte Friedrich, ihn unterbrechend.„Dieſes Duell mit dem jungen Oberntraut.“ „O ja, Hoheit, ich weiß Alles,“ verſetzte Herbert, „ich ſah, wie Oberntraut den Streit ſuchte, und ihn for⸗ derte.“ „So ſeid Ihr alſo gewiß, daß die Forderung von ihm kam?“ fragte Friedrich. ger aufhalten. Bleibt da, ſchöne Dame, denn ich hab „Ich hörte nicht die Worte, welche geſprochen wur⸗ den, gnädigſter Herr,“ antwortete Herbert,„doch giebt es Blicke und Geberden, die eben ſo gut ſind, wie Worte, und nach dieſen halte ich mich vollkommen überzeugt, daß die Forderung von dem ausging, welcher gefallen iſt. Ueberdies war er es, der meinen jungen Freund aufhielt und ihn von meiner Seite rief; und während er dies that, bemerkte ich die finſtere Stirn, das ſprühende Auge, die vor Verachtung und Zorn bebende Lippe, und die ungeduldige Bewegung der Hand. Es muß ſchwer geweſen ſein, ſein Benehmen zu ertragen, und doch war der Andere ruhig und ernſt, als widerſtehe er ſeiner Lei⸗ denſchaft. Laßt die Sache unterſuchen, mein Fürſt, und wenn es iſt, wie ich ſage, ſo werdet Ihr doch gewiß Herrn Greh nicht wegen Oberntrauts Fehler, wenn auch nur durch Gefangenſchaft, beſtrafen wollen?“ „Zu ſeiner eigenen Sicherheit muß er eine Weile die Gefangenſchaft erdulden, Herbert,“ verſetzte der Kurfürſt, den Arm des alten Mannes faſſend.„Wenn dieſer junge Baron wieder hergeſtellt wird, ſo können wir leicht alle Zwiſtigkeiten zwiſchen ihnen ſchlichten und des alten Man⸗ nes auflodernde Hitze beſänftigen; wenn er aber ſtirbt, ſo kennt Ihr den alten Oberntraut, und wißt, daß er Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, und alle geſetzli⸗ chen oder ungeſetzlichen Mittel zur Rache anwenden wird. In dieſem Falle müſſen wir den jungen Herrn ſo geheim als möglich aus der Pfalz ſchaffen. Inzwiſchen aber muß er gefangen bleiben; denn ein zufälliges Zuſammen⸗ treffen mit dem alten Manne könnte für Einen oder Beide unglücklich ausfallen.“ „Ich hoffe, Eure Hoheit werden Sorge tragen, daß Alles geſchieht, um ihm ſeine Gefangenſchaft zu erleich⸗ tern.“ „So viel als möglich,“ verſetzte der Kurfürſt.„Ich bin genöthigt geweſen, ein ſtrenges Geſicht anzunehmen und harte Worte anzuwenden, um meinem Hofe zu zei⸗ gen, daß ich einem Landsmanne meiner ſchönen Gemah⸗ lin keine ungerechte Gunſt widerfahren laſſe; aber zu gleicher Zeit fiel es mir niemals ein, hart mit ihm zu verfahren und ich dachte eben jetzt daran, ihn Eurer Obhut zu übergeben, mein guter Freund. Dann könnt Ihr alle ſeine Bedürfniſſe und Wünſche erfüllen; doch muͤßt Ihr mir für ſeine ſichere Bewachung verantwort⸗ lich ſein und mir bei Eurer Ehre ſchwören, daß er durch keine Nachſicht von Eurer Seite außerhalb der Mauern ſeines gegenwärtigen Gefängniſſes ſoll geſehen werden, wenn der alte Oberntraut im Schloſſe iſt.“ „Dann muß der Jüngling beſtändig eingeſperrt wer⸗ den,“ antwortete Herbert,„wenn man ihn nicht bei Nacht ſpazieren gehen läßt, denn der wüthende alte Wolf iſt von Sonnenaufgang bis zum Anbruch der Nacht hier.“ 1 6 46 U —-— 279— „Alles das müßt Ihr anordnen, ſo gut Ihr könnt,“ antwortete der Kurfürſt.„Ich wollte um die Hälfte meiner Beſitzungen nicht, daß die Beiden mit einander zuſammenträfen. Wollt Ihr die Bewachung übernehmen und das Verſprechen ablegen? Ich muß jetzt gehen.“ „Gut, gut, da es nicht beſſer ſein kann,“ verſetzte der Engliſche Officier mit biederm Ausdruck,„ſo muß ich wohl annehmen, was Eure Hoheit zu gewähren genei⸗ gen. Ich gebe Euch alſo mein Ehrenwort, die Befehle zu beobachten, die Ihr ertheilt habt; aber ich muß einen oder zwei Soldaten haben, um Wache zu halten, denn ich kann ihn doch vermuthlich nicht verhindern, ſeine Freunde bei ſich zu ſehen.“ „Während des Tages,“ antwortete Friedrich,„aber nicht nach Anbruch der Nacht. Ihr könnt eine Schilde wache aufſtellen, wenn Ihr es für nöthig haltet. Kommt in einer halben Stunde zu mir, und Ihr ſollt Eure In⸗ ſtruktion wegen ſeiner Gefangenſchaft haben. Wir müſ⸗ ſen die Erzählung Eurer ſeltſamen Abenteuer zu einer andern Zeit hören, ſchöne Dame— für jetzt lebt wohl!“* Mit dieſen Worten verließ der Kurfürſt das Zim⸗ mer und ging durch die Thüre zu ſeiner Rechten hinaus. Herbert nahm den Arm ſeiner Richte, näherte ſich ſeiner Wohnung, und ſagte: — — 280— „Du ſollſt ſeine kleine Gefangenwärterin ſein, Agnes, und da er edel und rechtſchaffen gegen Dich gehandelt hat, Gelegenheit haben, ihm ſeine Dienſte zu ver⸗ gelten.“ Ende des erſten Bandes. r Druck von E. Schumann in Schneeberg. — — ſſſſnſſnſnſnſnſſſn 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 „ 4 8„ 2 1 0 — 4 4