deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. 4 3 von.. Eduard Okkmann in Gießen, ff . Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . ede eee,r, Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Mückäabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 jedem Tag 5 Pf. bezählt, Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3 8 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Vinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet e wird. z 45 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſl. eträgt: 3 für uöochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Ff. 1 Nk. 50 Sf. 2 Nt. Sf. L. 3 5. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung F der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 1 der eeſer lum Erſatz des Ganzen verp flichtet. . Aus eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 4. der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 Delaverei. Ein amerikaniſcher Roman von G. P. R. James. Aus dPr Engliſchen übertragen von „Pr. Ernſt Suſemihl. 5 een Dritter Band. Leipzig, 1856. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Dritter Band. Erſtes Kapitel. Ich kenne keine ängſtlichere und ärgerlichere Be⸗ ſchäftigung auf der Welt, als, wenn wir wegen des Schickſals einer Perſon, die wir lieben, zweifelhaft und beſorgt ſind, unter einer großen, verwirrten und mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchäftigten Menge nach Spuren von der Verlorenen ſuchen. Es iſt zweimal im Leben mein Schickſal geweſen zu helfen, nach einem verirrten Kinde zu ſuchen, und die Angſt des Vaters theilte ſich mir wenigſtens einigermaßen mit und ſetzte mich in den Stand, einen Theil jener Folterqual zu empfinden, welche die Einbildungskraft ihm in jedem Augenblick verurſachte. Jeder, mit dem wir ſprechen, ſcheint ſo ſelbſtſüchtig, ſo flüchtig, ſo verhärtet zu ſein, daß wir zweifeln könnten, ob über⸗ haupt Gefühl oder Sympathie in der menſchlichen Bruſt vorhanden iſt, während, wenn wir genau un⸗ terſuchen wollten, unſere eigenen Empfindungen ſich vielleicht als ſelbſtſüchtig zeigen und unſere Beſchuldi⸗ gungen auf unſer eigenes Haupt zurückfallen würden. Wer unter jener gemiſchten Menge konnte wiſſen, wel⸗ ches die Beweggründe, Gefühle, Zweifel und Be⸗ fürchtungen waren, welche die lebhafte Aengſtlichkeit in meinem Herzen erregten! Wer konnte in meinem Blicke ſehen oder in meiner Stimme mehr als einen geringen Theil jener Aengſtlichkeit bemerken, aber ich empfand einen ſehr unverſtändigen Zorn und Aerger bei der Gleichgültigkeit meiner ganzen Umgebung ge⸗ gen Alles, was in meiner Bruſt vorging. Ich drängte mich indeſſen zu der Thür des Gaſt⸗ hauſes; aber ehe ich ſie erreichte, trat eine neue Ab⸗ theilung in die Stadt ein, ſchnitt mir den Weg ab und zeigte jene ſeltſame Miſchung des Lüächerlichen und Entſetzlichen, welches vielleicht noch ſchrecklicher iſt, als das rein Tragiſche. 1 4 Doctor Blunt nebſt Allen, die in ſeinem Hauſe geweſen waren und zwei oder drei berittene Dragoner, die ſich ihnen unterwegs irgendwo angeſchloſſen hat⸗ ten, brachten die Gefangenen herbei, deren jetzt durch die Heesiiann eines der verwundeten Männer, der ſo⸗ weit hergeſtellt war, um zu der Hauptſtadt der Graf⸗ ſchaft gehen zu können, drei geworden waren. Zu⸗ erſt kamen zwei oder drei Reiter, und den Schluß bil⸗ — 27— deten noch mehr Bewaffnete; aber zwiſchen den beiden Abtheilungen der Weißen marſchirten die armen Schwarzen, die man gefangen genommen hatte, faſt in demſelben Aufzuge, wie ſie das Haus angegriffen, nur daß ſie keine Muskete mehr hatten. Der erſte von den Negern— denn ſie marſchir⸗ ten hinter einander,— war der Mann, den ich ſel⸗ ber gefangen genommen hatte, und der eine bunte Schärpe und einen hübſchen militairiſchen Säbel an der Seite trug, welchen ich ihm abzunehmen nicht der Mühe werth gehalten. Er trug Etwas in ſeinen Händen, was ich nicht eher deutlich unterſcheiden konnte, als bis er in den hellen Schein der Fackeln kam, und jetzt ſah ich zu meinem Ekel und Entſetzen, daß es das blutige Haupt eines ſeiner ehemaligen Kameraden war— daſſelbe Haupt, welches die wiſ⸗ ſenſchaftliche Begeiſterung des Phrenologen ſo lebhaft erregt hatte, der es ohne Zweifel abgeſchnitten, ehe er den Kampfplatz verlaſſen, um den Schädel in ſei⸗ ner Sammlung aufzuſtellen. Der Trupp machte gerade vor der Thür des Gaſthauſes Halt und mehrere von den Officieren, die ſich dort verſammelt hatten, traten näher, um die Gefangenen in Augenſchein zu nehmen. Einer von ihnen ſchien den Mann mit dem Kopfe zu erkennen, doch er war wenig intereſſant für ihn. Die Schärpe und der Säbel übten eine größere Anziehungskraft, und den Griff des letzteren berührend, ſagte er: „Ei, Nelſon, wo haſt Du dies her?“ Der Neger erhob ſogleich den ſchwarzen Kopf, den er in ſeinen Händen trug in dem vollen Fackel⸗ lichte, und entgegnete: „Dieſer Gentleman hier gab ihn mir.“ Die Umſtehenden brachen in ein lautes Gelächter aus bei dem Gedanken, daß der Mann den Kopf eines todten Negers„dieſer Gentleman hier“ nannte, und ich muß hinzufügen, daß die gefangenen Neger, obgleich ſie gewiß waren, einige Tage ſpäter hinge⸗ richtet zu werden, ebenſo herzlich wie die Uebrigen in das Lachen einſtimmten. Ich war nicht dazu im Stande, und mich durch die Menge drängend, trat ich in das Gaſthaus. Der Gang war zum Erdrücken angefüllt; die Schenke, die ſich zur Rechten befand, war von einem Pöbelhaufen umgeben, der größtentheils betrunken war, und die Uebrigen konnte man auch nicht nüch⸗ tern nennen; und ehe ich zehn Schritte durch das Gedränge gegangen war, wurde ich ebenſo oft von Perſonen, die ich nie in meinem Leben geſehen hatte, zum Trinken aufgefordert. Ich bemerkte, daß es ih⸗ nen durchaus nicht angenehm war, wenn ihre Ein⸗ ladung abgelehnt wurde; aber ich befand mich in kei⸗ ner ſehr höflichen Stimmung, auch wenn ich mich je geneigt gefühlt hätte, mich fremden Leuten zu Ge⸗ fallen zu betrinken; ich ging daher gerade auf den Fuß der Treppe zu, wo die Menge nicht ſo dicht war. Vier oder fünf Stufen hinauf, von zwei rüſtigen Mulattenmädchen unterſtützt, befand ſich eine wohlbe⸗ leibte ſfette weiße Frau, die ich nach ihrer Kleidung für die Herrin des Hauſes hielt. Sobald ich aber meinen Fuß auf die Treppe ſetzte, ſchrie ſie mich in einem Tone an, der wohl geeignet war, alles übrige Geräuſch zu übertäuben: „Sie können nicht hinaufgehen, Herr. Der ganze obere Stock iſt mit Damen angefüllt; und da einige derſelben nur ihre Nachtkleider anhaben, ſo wünſchen ſie keine Geſellſchaft.“ „Aber, meine gute Madame,“ ſagte ich,„ich ſah zwei oder drei Herren unter den Damen auf dem Balkon.“ „Das geht mich Nichts an,“ antwortete die Amazone.„Dieſe Herren brachten Verwandte hierher, und ſie haben ein Recht bei ihnen zu bleiben.“ „Aber ich habe auch eine Verwandte hier,“ ant⸗ wortete ich,„und die wünſche ich zu ſehen. Ja, ich will ſie ſehen. Ich denke, Sie verwechſeln mich mit einem von den Leuten, die an Ihrer Schenke ge⸗ trunken haben; aber da ſind Sie im Irrthum. Mein Name iſt Sir Richard Conway— 4 — 10— „Sir Richard hier, Sir Richard da!“ rief die Frau;„das iſt mir einerlei. Sie können nicht hin⸗ aufgehen, das iſt genug, und ſollten es nicht, wenn Sie auch der Lord Dunmore wären.“ „Ich wünſche Miß Davenport zu ſprechen,“ verſetzte ich,„zu ſehen, ob ſie gerettet und wohl iſt und mich zu erkundigen, ob ich ihr auf irgend eine Weiſe dienen kann.“ „Miß Davenport!“ rief die Wirthin in etwas beſänftigtem Tone.„Ei, ich wußte nicht, daß Beſſy Davenport da wäre! Haſt Du ſie geſehen, Imoinda? Ei, ich glaubte, ſie wäre in Stringers Hauſe getödtet worden.“ „Das iſt ſie freilich nicht,“ antwortete ich, in⸗ dem ich das große, fette, grobe Weib aus der Tiefe meines Herzens haßte.„Wir Beide entflohen zuſam⸗ men aus Mr. Stringers Hauſe, und Sie müſſen wiſſen, daß ich ein naher Verwandter bin.“ „Ei, ja!“ rief die Frau, die noch ihre Stimme erhob, ſo daß ſie bei dem lauten Geräuſch gehört wurde.„Sie ſind ihr engliſcher Vetter, der ſich mit Bob Thornton duellirte. Aber Sie können dennoch nicht hinaufgehen.“ Ich fühlte mich ſehr geneigt, ſie in dem Nacken zu faſſen und ſie zu dem Pöbel hinunter zu ſchleu⸗ dern. Aber mich mäßigend, ſo viel ich konnte, ſagte ich: — 14— „Ich habe jeden Grund zu glauben, daß Miß Davenport vor kurzer Zeit von dem Oberſten Halliday hierhergebracht wurde; aber ich weiß es nicht gewiß und bin entſchloſſen, mich zu überzeugen, ob ſie ge⸗ rettet iſt oder nicht. Darum, gute Frau, ſollen Sie mich entweder in dieſer Hinſicht zufriedenſtellen, oder ich bringe den Sheriff herbei, um Sie dazu zu be⸗ wegen.“ „Gute Frau!“ rief die Wirthin mit glühendem Geſichte.„Sie unverſchämter Menſch! wie können Sie ſich herausnehmen, mich gute Frau zu nennen? Mein Mann, der Oberſt, ſoll Ihnen ſeine Meinung ſagen wegen der guten Frau. Denken Sie, daß die Engländer noch die Herrſchaft im Lande haben? Nein, nein! Ich denke, wir haben ſie eines Beſſern belehrt, als wir ſie Alle durchs Land peitſchten. Und der nennt mich gute Frau!“ „Ei! wollten Sie denn lieber, daß ich Sie böſe Fran nennen ſollte?“ entgegnete ich ſehr aufgebracht. „Aber ich ſehe wohl, ich muß Jemand herbeibringen, der beſſer als ich im Stande iſt, Sie zu überreden.“ 3 Und die Stufen wieder herunterſteigend, drängte ich mich nochmals durch die Menge, um den Sheriff aufzuſuchen. Jener Herr war indeſſen unter den verſchiedenen Gruppen vor dem Hauſe nicht mehr zu ſehen. Ge⸗ rade als ich aus dem Gaſthauſe ging, erblickte ich Billy Byles; aber er ſprach mit einer Dame auf dem Balkon, und ich ging weiter, ohne ihn zu ſtören. Ich begab mich von einer Gruppe zur anderen, und vielleicht hätte zu einer anderen Zeit, wo mein Geiſt frei von Unruhe geweſen wäre, die ſeltſame Miſchung von Reichen und Armen, Gebildeten und Ungebildeten, ſo wie die vollkommene Vertraulichkeit, die unter ihnen herrſchte, mir als Engländer viel Veranlaſſung zur Beobachtung gegeben. Aber ich war zu ſehr mit der einen vorherrſchenden Idee beſchäftigt, um an irgend etwas anderes zu denken, und ich brachte beinahe eine halbe Stunde vergebens zu, um den Sheriff zu ſuchen. Ich kehrte gerade zu dem Gaſthauſe zurück, als mir Jemand zurief, und mich umwendend, bemerkte ich Mr. Byles, der von der Seite des Marktplatzes herkam, die ich eben verlaſſen hatte. „Ich habe mich überall nach Ihnen umgeſehen,“ ſagte er.„Louiſe Thornton wünſcht mit Ihnen zu ſprechen. Sie ſind Alle hier, außer Mr. Henry Thornton ſelber. Gleich Doctor Blunt beſchloß er mit einigen Freunden ſein Haus zu vertheidigen. Mrs. Thornton iſt vor Schrecken faſt von Sinnen und zu Bette gegangen, aber Lou ſagte, ſie wolle auf dem Balkon bleiben, bis ich Sie herbeigebracht hätte.“ Ich erklärte ihm, als wir dort hingingen, meine Aengſtlichkeit wegen Beſſy Davenport und die hart⸗ näckige Weigerung der Wirthin, mich die Treppe hinaufzulaſſen, um ſie zu ſuchen. „O, die Alte iſt ein wahrer Türke!“ ſagte Billy Byles.„Man ſollte ſie zum Oberſten ernennen anſtatt ihres Mannes, der ſo ſanft iſt wie Moſes, der arme Mann! Sie wollte mich auch nicht vorüberlaſſen, ob⸗ gleich ich ſchmeichelte und drohte und alle mögliche Dinge that. Aber wegen Beſſy Davenport wünſcht Louiſe mit Ihnen zu reden. Sie ſagt, ſie iſt gewiß nicht in dem Gaſthauſe.“ Ich wurde wieder muthlos, eilte aber dennoch weiter und ſtand bald unter der Stelle, wo Miß Thornton ſich über den Balkon lehnte. „Ich wünſchte, Ihnen zu ſagen, Sir Richard,“ ſagte Miß Thornton nach einigen Worten der gewöhn⸗ lichen Höflichkeit,„daß Beſſy gewiß nicht hier iſt. Wo verließen Sie ſie?“ Ich erklärte ihr Alles, was geſchehen war, ſo wie auch meine Gründe, zu glauben, daß ſie von dem Oberſten Halliday und ſeinem Trupp in die Stadt gebracht worden. „Vielleicht mag ſie in einem von den anderen Häuſern ſein,“ ſagte Miß Thornton,„denn ſie ſind alle voll und Jedermann in dem ganzen Orte ſcheint irgend eine Perſon zu ſuchen, die in der Verwirrung dieſes ſchrecklichen Tages verloren gegangen. Aber ich hege die feſte Hoffnung, daß ihr Nichts zu Leide ge⸗ ſchehen iſt, da Sie ſie bei der alten Jenny zurückge⸗ laſſen haben.“ Während wir ſprachen, verſammelte ſich ein Ge⸗ dränge um Mr. Byles und mich; denn ich muß be⸗ merken, daß in den vereinigten Staaten Niemand zu begreifen ſcheint, daß irgend eine andere Perſon ein Privatgeſchäft haben kann, womit er Nichts zu thun hat; und man muß ſeine Thüre feſt verſchließen, wenn man nicht will, daß Andere kommen und zuhören ſollen, was man zu ſagen hat. Hier miſchte ſich einer von den umſtehenden Herren in unſere Unterredung und ſagte:. „Oberſt Halliday brachte leider Miß Davenport nicht mit. Ich ſah ihn vor einer Stunde ankommen. Er hatte zwei Neger, die er gefangen genommen und drei junge Damen bei ſich, die er aus den Häuſern am Wege mitgebracht— Miß Corwin und die bei⸗ den Miſſes Jones— aber ich weiß, daß Miß Da⸗ venport nicht dabei war, denn ich hielt die Ankom⸗ menden an und ſprach eine Minute mit mit ihnen.“ Hier wurde plötzlich die letzte Stütze weggenom⸗ men, worauf ich meine Hoffnungen und Erwartungen gegründet. Die Hoffnung wurde freilich nicht gänzlich aufgehoben, denn die Hoffnung iſt unſterblich; ſie reicht bis an das Grab und über das Grab hinaus; doch konnte ſie nicht ſicher Fuß faſſen, und wenn auch nicht erloſchen, flackerte ſie wie ein blaſſes Irr⸗ licht über einen wilden und unſicheren Boden dahin, wo kein Pfad war, um zu leiten, keine feſte Grund⸗ lage, um zu ſtützen. Wo war ſie? Was war aus ihr geworden? Wer konnte es ſagen? Das ſchim⸗ mernde Licht ruhte beſonders auf einem Punkte. Man hatte keine Leiche im Walde gefunden— keine Spur von den blutigen Handlungen, welche ſchreckliche Zeu⸗ gen zurückgelaſſen hatten, wo man ſie begangen. Aber eine matte Hoffnung, wenn auch nicht ſo voll Kummer, iſt vielleicht aufregender und erſchütternder, als eine ſchmerzliche Gewißheit. Billy Byles und der Herr, welcher eben geſpro⸗ chen hatte, ſetzten die Unterredung noch einige Minu⸗ ten fort, ohne daß ich hörte oder beachtete, was zwi⸗ ſchen ihnen vorging. Ich glaube, Louiſe Thornton ſprach von dem Balkon aus mit mir, aber ich denke, ich habe ihr nicht geantwortet. Meine Augen auf den Boden gerichtet und mit bitteren Gedanken beſchäftigt, ſah und hörte ich Nichts, und erſt als Mr. Byles meinen Arm berührte und ſagte:„Das iſt ein guter Einfall; wir wollen ſogleich den Verſuch machen,“ er⸗ wachte ich aus dieſer ſchrecklichen Träumerei. „Was iſt?“ fragte ich;„ich hörte nicht.“ „Nun,“ antwortete Billy Byles,„Kapitain Wilſon macht den Vorſchlag, zu dem Blockhauſe hin⸗ unter zu gehen, welches man in den Revolutionszeiten 4— 16— errichtet, um den Fluß zu vertheidigen, und wo die Gefangenen eingeſchloſſen ſind, und ſie zu befragen, was aus Miß Beſſy geworden iſt. Die, welche wir bei dem Hauſe des Doctor Blunt gefangen nahmen, müſſen dieſelben ſein, welche über den Platz gegangen, wo Sie ſie verlaſſen, und die Teufel werden es auf die erſte Frage ſagen; denn ſie haben Alle eine ſo leichte Zunge, die ſie verhindert, etwas zurückzuhalten. Das iſt der Unterſchied zwiſchen einem Irländer und einem Neger. Der Eine behauptet Alles zu ſagen, ſagt aber Nichts, aus Furcht, ſich ſelber oder ſeinem hundertundfunfzigſten Vetter zu ſchaden; der Andere ſagt Alles, ohne ſich darum zu kümmern, ob er ſein eigenes Leben oder das von einem Dutzend Anderer aufs Spiel ſetzt.“ „Laſſen Sie uns gehen!“ rief ich, lebhaft auf den Vorſchlag eingehend; denn ich glich einem Er⸗ trinkenden, der nach einem Strohhalme greift.„Wo iſt dieſer Ort?“. Billy Byles ſagte Miß Thornton in Tönen und Ausdrücken Lebewohl, welche andeuteten, daß ſein Antrag angenommen worden ſei, und dann führte er mich über den Marktplatz zu den Ufern des kleinen Fluſſes, der an der Stadt vorüberfließt. Hier kamen wir zu einem kleinen eingezäunten Hauſe, welches in früheren Zeiten dazu gedient hatte, den Fluß zu ver⸗ theidigen und vor welchem zwei Schildwachen mit Musketen auf den Schultern ruhig auf und ab gingen. Nur noch eine Perſon war ſichtbar, die ich wenig beachtete, wenn ſie gleich die Aufmerkſamkeit meines Freundes Billy Byles in hohem Grade erregte.— „Ich will des Henkers ſein, wenn das nicht Oberſt M. iſt,“ ſagte er.„Was mag er dort mit dem Spaten in der Hand am Ufer des Fluſſes thun? Ei, er hat ja auch einen Korb da.“ „Laſſen Sie ihn nur,“ antwortete ich;„wir haben etwas Wichtigeres zu bedenken.“ Dann ging er weiter auf das Blockhaus zu, doch nicht, ohne mehrmals ſeinen Kopf umzuwenden, und bat um Einlaß, der ihm ſogleich gewährt wurde. Wir hatten kein anderes Licht, als den Mond, und die ſchwarzen Geſichter der gefeſſelten Gefangenen waren nicht leicht von einander zu unterſcheiden. „Welcher iſt Nelſon?“ fragte Billy Byles. „Ich bin er,“ antwortete einer von den Män⸗ nern vortretend. „Nun, Nel,“ ſagte mein Begleiter,„wir haben Dir eine oder zwei Fragen vorzulegen; und was Du ſagſt, wenn Du die Wahrheit redeſt, ſoll nicht gegen Dich, ſondern zu Deinem Vortheil angewendet wer⸗ den. Wenn Du uns aber Lügen ſagſt, ſo will ich des Henkers ſein, wenn ich Dir nicht mit eigener Hand die Kehle abſchneide.“ „Ich rede die Wahrheit, Mr. Byles, deſſen Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 2 können Sie gewiß ſein,“ antwortete der Mann in kühnem Tone.„Jeder weiß, was ich gethan habe, und hier bin ich; es iſt unnütz, jetzt zu lügen.“ „Nun, ſo ſage uns ausführlich Alles, was nach fünf Uhr dieſen Morgen geſchah, bis zu der Zeit, wo Du den Angriff auf Doctor Blunt's Haus mit⸗ machteſt,“ ſagte Billy Byles Ich kann den Dialeet des Negers bei der langen Geſchichte nicht wiedergeben, als er die Ereigniſſe je⸗ ner wenigen Stunden erzählte. Der Inhalt war fol⸗ gender: Nachdem Nat Turners Trupp auf Jeruſalem angerückt war und von einer Abtheilung weißer Män⸗ ner auf dem Wege ein heftiges Feuer hatte aushalten müſſen, hatte er ſich in guter Ordnung über die Fuß⸗ wege des Waldes, die außer ihnen nur Wenigen be⸗ kannt waren, zurückgezogen. Als ſie zu der erwähn⸗ ten Stelle kamen, wo die beiden Wege zuſammentra⸗ fen, fanden ſie, daß ihnen ein Reitertrupp, der ſie verfolgte, zuvorgekommen war. Er ſagte, ſie hätten deutlich genug einen Rauch aus dem Walde aufſteigen ſehen, obgleich ſie nicht ſagen konnten, ob das Feuer von ihren eigenen Leuten oder von einem Feinde an⸗ gezündet worden. Da ſie indeſſen wußten, daß der Rauch die Aufmerkſamkeit der weißen Männer auf ſich ziehen würde, beſchloſſen ſie, ihn links zu laſſen und in dem dichteren Theile des Waldes unter den Büſchen Schutz zu ſuchen, da ſie gewiß waren, daß — 19— ſie ihren Verfolgern nicht eher vorauskommen könnten, als bis ſie auf dem freien Boden wären. Es wur⸗ den Zeichen verabredet; Nat Turner, der nach ſeinem Berichte vollkommen ruhig und zuverſichtlich war, legte ſich am Fuße des Baumes nieder, wo ich ihn gefunden, und die Uebrigen verbargen ſich in den dichten Büſchen. Da lagen ſie, bis ich herbeige⸗ kommen war. Nelſon leugnete entſchloſſen, auf ihrem ganzen Rückzuge irgend ein Frauenzimmer geſehen zu haben. Nichts konnte ihn bewegen, von dieſer Be⸗ hauptung abzuweichen. Dann erinnerte ich mich der beiden Fußwege, die ich in dem dichten Lorbeergebüſch geſehen, wovon der eine rechts und der andere links führte, und fragte, ob ſich dort ſein Trupp nicht ge⸗ theilt habe. Dies leugnete er und ſagte, ſie hätten eine einzige Richtung verfolgt und ſich erſt um ihren Führer vertheilt, als ſie einen ſicheren Verſteck ge⸗ funden. Endlich legte ich ihm geradezu die Frage vor, ob er Miß Davenport kenne, und ob er ſie während des vergangenen Tages geſehen habe? Er anwortete, er habe ſie von Kind auf gekannt und behauptete ausdrücklich, er habe ſie nicht geſehen. „Wir ſuchten ſie in Mr. Stringers Hauſe auf,“ ſagte er,„denn wir hatten gehört, daß ſie dort ſei, und Will wollte ſie tödten, wenn auch Nat es nicht 2* — 20— woollte. Aber wir konnten ſie nicht finden und ſahen ſie gar nicht.“ Nach einer Pauſe, während welcher ich und mein Begleiter ſchwiegen, blickte der Mann zu mei⸗ nem Geſichte auf und ſagte: „Ich denke, wenn Sie ſie ſinden wollen, ſo können Ihnen einige von den Dienern der alten Miß Beb dazu verhelfen. Sie können ſich darauf verlaſſen, daß ſie darum wiſſen.“ Dies war nicht nur eine erneuerte Hoffnung, ſondern auch ein Fingerzeig, der mich leiten konnte. Aber das Licht war ſchwach und die Andeutung matt. Zweites Kapitel. Ich habe mich bisher ſo ſtrenge auf das be⸗ ſchränkt, was ich ſelber gethan und geſehen, als wenn ich vor einem Gerichtshofe ſtände und durch das Ge⸗ ſetz des Zeugenverhörs gebunden wäre. Aber Du, liebe Schweſter, die Du in der Ferne weilſt, magſt vielleicht einer weiteren Erklärung bedürfen, um Dich in den Stand zu ſetzen, die Lage der Dinge um mich her deutlich zu verſtehen. Ich denke, das Gerücht ſollte nicht nur mit hundert Zungen, ſondern auch mit einem mächtigen Vergrößerungsglaſe dargeſtellt werden; und es verfehlte nicht, daſſelbe bei gegenwär⸗ tiger Gelegenheit anzuwenden, obgleich ich gewiß Er⸗ eigniſſe von geringerer Wichtigkeit viel mehr habe ver⸗ größern ſehen, ehe ſie weit von dem Schauplatze, wo ſie geſchehen, hinweggetragen wurden. Die vorzüg⸗ — 22— lichſte Aufregung und Uebertreibung herrſchte in der Nähe der Stelle ſelbſt, wo der Aufſtand geſchehen war. Hier war Alles in Verwirrung, wenn auch nicht unter dem Militair, ſo doch unter den Einwohnern. Niemand ſchien die Anzahl der Inſurgenten zu kennen und zu wiſſen, ob ihrer viele oder wenige wären, welche Richtung ſie genommen und ob die Verſchwö⸗ rung ſich auch über andere Grafſchaften und Staaten ausgebreitet hatte. Jeruſalem und die ganze Umge⸗ gend war daher in einem Zuſtande der größten Un⸗ ruhe, und ſelbſt die am beſten benachrichtigten und ruhigſten Behörden der Grafſchaft hegten ſehr düſtere Befürchtungen. Jedem kam es vor, als ſtehe er ganz nahe bei einem Pulvermagazine, worin eine Lunte brenne; und ich hege keinen Zweifel, wenn die em⸗ pörten Neger irgend einen günſtigen Erfolg gehabt hätten, ſo würde noch eine beträchtliche Anzahl von Selaven aufgeſtanden ſein und ſich eine entſchloſſene Schaar von Bewaffneten verſammelt haben, obgleich ich mir keineswegs vorſtellen kann, daß eine allgemeine Empörung würde ſtattgefunden haben. In der That zeigte die Handlungsweiſe vieler Neger bei dieſer Ge⸗ legenheit die ſtärkſte Anhänglichkeit an ihre Herren und einen feſten Entſchluß, allen Verſuchungen zu wider⸗ ſtehen, ſich den Empörern anzuſchließen. Durch das ganze Land verbreitete ſich indeſſen ein Gefühl der Unruhe und Ungewißheit. Aber kräf⸗ 2 tige Maßregeln wurden ſogleich angewendet, um den Aufſtand an der Stelle, wo er entſtanden war, zu unterdrücken und ſich vor der weiteren Ausbreitung deſſelben zu ſchützen. Augenblicklich wurden Truppen und Seeleute von Norfolk und von dem Fort Mon⸗ roe herbeigeſchickt. Abtheilungen von Freiwilligen und Miliz wurden von Petersburg und Richmond herbei⸗ geſchickt und Waffen und Munition mit aller mög⸗ lichen Eile herbeigeſchafft. Die öffentlichen Blätter warnten wiederholt ihre Leſer vor übertriebenen Berichten und unnöthigem Lärm; aber ſie halfen ſehr durch ſolche Berichte die Furcht zu vermehren, als zum Beiſpiel, daß die aufrühreri⸗ ſchen Neger vier⸗ bis fünfhundert Köpfe zählten, daß, obgleich in einem oder zwei Scharmützeln mit der Miliz zurückgeſchlagen, ſie ſich zu Oberſt Allen's Pflan⸗ zung zurückzogen, wo ſie wahrſcheinlich eine große Verſtärkung erhalten würden. Andere Berichte ſagten, ſie zögen ſich zu dem großen Sumpfe zurück, der bereits als der Zufluchts⸗ ort einiger Sclaven bekannt war; und überdies wären ſie alle wohlbewaffnet und mit Munition verſehen. Die Angaben der Anzahl der getödteten und ver⸗ mißten Weißen war auch ſehr übertrieben und ver⸗ ſetzte viele, ſowie mich, in Angſt und Schrecken. Obgleich der Bericht, den die Gefangenen in dem Blockhauſe ertheilten, gewiß meinem Geiſte einige Be⸗ ruhigung gewährte und die Hoffnung wieder belebte, ſo konnte ich doch die Furcht nicht verbannen, und ich würde mich gern in derſelben Stunde auf den Weg gemacht haben, um mich zu verſichern, ob die arme Beſſy wirklich unter den alten Dienern der Tante Beb einen Zufluchtsort gefunden. Ich fand indeſſen, daß das unmöglich ſei, und nachdem alle meine Vor⸗ ſchläge beſeitigt worden waren, fügte Billy Byles hinzu: „Verlaſſen Sie ſich darauf, Sir Richard, Sie können dieſe Nacht Nichts weiter thun, als eſſen und ſchlafen. Mit dem erſten Lichtſtrahl werde ich bereit ſein, mich mit Ihnen auf den Weg zu machen, und dieſe Nacht ſollen Sie eine kleine Hundehütte von ei⸗ nem Zimmer mit mir theilen, welches ich mir in der Mitte aller dieſer Verwirrung und Unruhe geſichert habe. Was die Speiſen betrifft, ſo wird das eine ſchwierigere Sache ſein, denn ich glaube nicht, daß Lebensmittel genug in Jeruſalem ſind, um die Hälfte der Leute zu ſpeiſen, die ſich hier befinden. Guter Whiskey und ſchlechter Branntwein iſt hier reichlich zu haben, aber alles Andere, ſoviel ich erfahren kann, iſt erſchöpft. Kommen Sie erſt und laſſen Sie uns zuſehen, was unſer guter Freund der Oberſt hier macht. Ich kann mir nicht vorſtellen, was er vor⸗ haben mag, da er an der Ecke der Brücke ſo eifrig beſchäftigt iſt.“ 1 — 25— Billy Byles war einer von den Männern, die für das Glück geſchaffen ſind; deren Geiſt vielleicht für ſtarke Eindrücke empfänglich iſt, deren Eindrücke aber nur vorübergehend ſind. Nun habe ich gehört, daß Leute ſeines Charakters eben ſo viel Verminderung ihrer Vergnügungen in ihren Schmerzen erleiden. Aber ich denke nicht ſo. Fürs Erſte, glaube ich, werden wenige behaupten, daß in dieſer Welt der Prüfung die Freuden überhaupt den Schmerzen gleich ſind, und dann ſehe ich nicht ein, daß es eine nothwendige Folge iſt, daß der Menſch für Qualen wenig em⸗ pfänglich ſein müſſe, weil er wenig für Genüſſe em⸗ pfänglich iſt. In dem Augenblick wenigſtens benei⸗ dete ich ihm die Fähigkeit, womit er den Gedanken an alle die ſchrecklichen Dinge verbannen konnte, die um uns her vorgegangen waren, und ganz unbeküm⸗ mert zu dem Fluſſe hinunterzugehen vermochte, um zu ſehen, was ein Mann dort that, an dem er kein be⸗ ſonderes Intereſſe nahm. Die Entfernung konnte nicht über zwanzig bis dreißig Schritte betragen. Ich blieb, wo ich war; aber im nächſten Augenblick rief er: „Hurrah! Ein ſeltener Schatz! Und ich nehme ihn in Beſchlag im Namen des Staats und William's Byle's, Esg., von Dunmore in der Grafſchaft Sout⸗ hampton im Staate Virginien.“ — 26— Und herbei kam er und trug in jeder Hand eine große, kurzhalſige, ſchwarze Flaſche. „Was haben Sie da?“ fragte ich. „Londoner Porter, ſo wahr ich lebe!“ antwor⸗ tete Billy.„Dieſer Burſche weiß, was gutes Leben iſt. Ol er iſt ſo ſcharfſichtig, wie eine Seemöve, und ich ſehe, was er vorgehabt hat. Er hat irgend woher Londoner Porter bekommen, und da er findet, daß Speiſen und Getränke in dieſer großen Stadt ein wenig ſpärlich ſind, gute Freunde aber reichlich vor⸗ handen, die ihm dabei helfen würden, ſo hat er ſeine Schätze hier im Sande verborgen und geht hinunter, um ſeine eigene Geſundheit zu trinken, wenn Nie⸗ mand dabei iſt. Es ſind noch mehr Flaſchen hier. Gehen Sie lieber und holen ſich auch eine Flaſche. Londoner Porter iſt Speiſe und Trank zugleich.“ Ich lehnte es indeſſen ab, mich von dem Vor⸗ rathe eines Anderen ohne ſeine Erlaubniß zu bedienen; aber Billy Byles lachte nur über meine Bedenklich⸗ keiten, und wir kehrten in das Innere der Stadt zu⸗ rück, und hier führte er mich in die ſogenannte Hunde⸗ hütte, welche ein hübſches, kleines Zimmer in einem hübſchen, kleinen Hauſe war, und welches einem freien Mulatten und ſeiner Frau gehörte. Sie waren ſehr aufmerkſam und ſelbſt zärtlich gegen Mr. Byles, welcher mich benachrichtigte, ſie wären Sclaven ſeines Vaters geweſen, aber bei ſeinem Tode freigelaſſen — 27— worden. Sobald Billy die Porterflaſchen zeigte, be⸗ eilte ſich der alte Mann, ein Paar Gläſer zu holen, und während er fort war, verſank mein Begleiter in eine ungewohnte Träumerei, die ſich erklärte, ſobald ſein farbiger Freund zurückkehrte. „Jacobus,“ ſagte er,„ich wünſche, daß Du Etwas für mich thun mögeſt, und Du mußt es ge⸗ ſchickt thun— ſchneide den Drath über dem Korke ab. Du kennſt doch Miß Davenport, nicht wahr? — Hier, nimm dieſe Gabel, ſtecke ſie durch den Drath und drehe ſie um.— Nun, ſie iſt mit dieſem Herrn, meinem Freunde Sir Richard Conway, aus Mr. Stringer's Hauſe entflohen, aber im Walde ver⸗ lor er ſie etwa um ſechs oder ſieben Uhr dieſen Abend. Nun wünſche ich— ſchneide die Schnur ab, hier iſt ein Meſſer— nun wünſche ich, daß Du hinaus⸗ gehſt und Dich überall und bei Jedermann erkun⸗ digeſt— zum Henker, Du läſſeſt allen Porter aus der Flaſche ſpringen. Gieße ihn raſch in die beiden Gläſer.— Du ſiehſt, Jacobus, wir müſſen und wollen noch dieſe Nacht ausfindig machen, was aus Miß Davenport geworden iſt; und Du weißt ſehr wohl, daß jede Nachricht im ganzen Lande von einer Hand zur anderen, wie ein Ball unter Kindern ge⸗ worfen wird. So mußt Du gehen und zuſehen, ob nicht irgend ein Menſch im ganzen Orte iſt, der Dir ſagen kann, wo ſie ſich befindet. Frage die Leute, — 28— als wäre es ein großes Geheimniß, verſprich ihnen, es Niemandem zu ſagen, und komm' dann und ſage es uns.“ „Ich will mein Möglichſtes thun, Maſter Billy,“ ſagte der Mann;„aber Sie wiſſen, es hat hier in den letzten Tagen eine ſolche Verwirrung geherrſcht, daß wir Alle ſehr beſtürzt ſind, und Niemand Zeit gehabt hat, Etwas zu erfahren. Sie ſagen, ſie ging um ſechs oder ſieben Uhr dieſen Abend verloren?“ Mr. Byles fügte alle die nöthigen Nachrichten hinzu, und dann entfernte ſich ſein Abgeſandter, Et⸗ was ſtolz, wie es ſchien, auf ſeinen Auftrag. „Er wird dieſe Nacht Nichts mehr erfahren,“ ſagte Billy Byles, ſobald der Mann fort war;„denn höchſt wahrſcheinlich weiß Niemand in dem Orte Et⸗ was von der Sache, aber er wird gehen und mit al⸗ len den farbigen Leuten ſprechen, und dann werden ſie alle ſchnattern und fragen. Die Frage wird auf allen Landſtraßen und Nebenwegen weiterziehen, und morgen werden wir Nachrichten genug erhalten. Halloh! Das tönt ja, als wenn Kanonen hereinkämen!“ Und zum Fenſter gehend, fügte er hinzu: „So iſt es, beim Jupiter! Zwei Geſchütze und ein Trupp Artilleriſten. Es ſoll mich wundern, ob ſie wohl morgen ins Feld ziehen werden. Laſſen Sie uns zuſehen, was vorgeht.“ 3 Ich begleitete ihn bis an die Thüre; aber kaum hatten wir die Schwelle erreicht, als Mr. Henry Thornton uns begegnete, und ſeine ſchöne, hohe Ge⸗ ſtalt erſchien ſehr gebieteriſch in der Uniform eines Oberſten der Miliz. Er drückte mir mit Wärme die Hand, aber ich konnte viel ernſte Beſorgniß in ſeinem Geſichte bemerken. „Ich dachte dieſe Nacht noch nicht in die Stadt zu kommen; aber ich hörte von Ihrem Kampfe in Doctor Blunt's Hauſe, und wie die armen Teufel ſich mit großem Verluſte zurückgezogen. Ein ernſt⸗ licher Schlag iſt genug, um ſie gänzlich zu entmu⸗ thigen. Ich denke, wir werden Nichts mehr davon er⸗ leben, und auf jeden Fall iſt es für dieſe Nacht zu Ende. Aber was höre ich da von der armen Beſſy Davenport?“ Ich erzählte ihm Alles, was ſich ereignet hatte, und beobachtete dabei lebhaft ſein Geſicht, um, wenn möglich, zu errathen, welches die Schlüſſe waren, zu welchen ſein Geiſt gekommen. Er ſah ſehr ernſt aus, beſonders als er hörte, daß Oberſt Halliday Beſſy nicht mitgebracht habe. „Nicht, als wenn er der Mann wäre,“ ſagte Mr. Thornton, nachdem er eine ſchmerzliche Täuſchung bei der Vernichtung dieſer Hoffnung auf ihre Sicherheit ausgeſprochen;„nicht, als wenn er ein Mann wäre, den irgend Jemand von uns unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden zu ihrem Begleiter wählen würde. Aber er — 36— wird nicht wagen, ſeinen Vortheil zu benutzen,“ fügte Mr. Thornton ein wenig ſtreng hinzu. „Wer iſt dieſer Oberſt Halliday?“ fragte ich. „Sie ſcheinen Alle Zweifel gegen ihn zu hegen.“ „Ei, wiſſen Sie es nicht?“ rief Billy Byles. „Er war Bob Thornton's Secundant bei dem Duell mit Ihnen.“ „Er benahm ſich dort ſehr ehrenvoll,“ ſagte ich. „Ja, das mochte ſein,“ antwortete Mr. Thorn⸗ ton.„Aber er iſt ein wilder, gewiſſenloſer Menſch. Er war mit Robert Thornton verbündet, als dieſer Beſſy um ihre ganze Erbſchaft betrügen wollte. Viel⸗ leicht wiſſen Sie nicht, daß er den Vorſchlag machte, ſie zu heirathen, als ſie noch nicht ſechzehn Jahre alt war, und wir hatten ſpäter jeden Grund zu glauben, daß ein Einverſtändniß zwiſchen ihm und Robert herrſche, und daß ſie die Beute theilen wollten. Beſſy aber beſeitigte ſelber die Sache, denn ſie ſagte ihm, ſie wolle lieber eine Klapperſchlange heirathen, und ich glaube, er hat ihr nie die Verachtung verziehen — ja, den Ekel und Widerwillen, den er ihr ein⸗ flößte. Sie war damals noch ein ganz junges und wildes Mädchen, und ſie ſprach ihre Mei⸗ nung freier aus, als ſie es vielleicht gethan hätte, wenn ſie älter geweſen wäre. Es iſt unnöthig, ſich Feinde in dieſer Welt zu machen, und ſelbſt die Leute zu erzürnen, die man nicht als Freunde wünſcht.“ Mr. Thornton verſank in eine etwas düſtere und ſchwermüthige Träumerei, und man kann ſich leicht vorſtellen, daß meine Gedanken nicht beſonders angenehm waren. Nach einigen Augenblicken ſagte er: „Nun, Sir Richard, jetzt iſt es beinahe ein Uhr. Gehen Sie lieber zu Bette und verſuchen Sie zu ruhen. Ich werde daſſelbe thun. Wir wollen morgen Beide früh aufſtehen, und wenn wir ge⸗ ſchlafen haben, werden wir vielleicht im Stande ſein, einen Plan zu entwerfen, die arme Beſſy zu ent⸗ decken.“ 8 Er wendete ſich ab, dann aber ſtreckte er mir auf ſeine biedere und freundliche Weiſe die Hand hin und ſagte: „Beunruhigen Sie ſich nicht, mein lieber Herr. Ich hege keinen Zweifel, daß unſer liebes Mädchen in Sicherheit iſt. Wenn ihr von dieſen armen, irregeleiteten Weſen etwas zu Leide geſchehen wäre, ſo hätte ihr Körper gefunden werden müſſen, wo man ſie ermordet. Sie haben ſich keine Mühe ge⸗ nommen, ihre Handlungen zu verbergen. Alles, wo⸗ von ich mich zu befreien wünſche, iſt dies entſetz⸗ liche Gefühl der Ungewißheit, obgleich wir mit hun⸗ dert Anderen in dieſer Stadt in gleicher Lage ſind, denn es iſt kaum eine Familie, die nicht zweifel⸗ haft und furchtſam wegen eines ihrer Mitglieder iſt. Ich bin nicht gewohnt, den Namen Gottes bei jeder Gelegenheit zu nennen; aber Vertrauen auf ihn iſt unter ſolchen Umſtänden unſer beſter und ein⸗ ziger Troſt.“ Mit dieſen Worten verließ er mich, und ſeine letzten Worte erinnerten mich an die beſſeren und ſicherern Quellen der Hoffnung und des Troſtes, die bei der Aufregung und Aengſtlichkeit der letzten we⸗ nigen Stunden zu ſehr vergeſſen worden. Eine Matratze und eine wollene Decke wur⸗ den für mich in das Zimmer des Mr. Byles ge⸗ bracht; und obgleich er bei ſeiner allgemeinen Gut⸗ müthigkeit mir gern ſein Bett eingeräumt hätte, warf ich mich doch auf mein niedriges Lager und verſuchte entſchloſſen zu ſchlafen. Ich hatte noch keineswegs meine volle Stärke wieder erlangt. Ich war ſehr ermüdet und ſehr erſchöpft von den An⸗ ſtrengungen des Tages und aus Mangel an Nah⸗ rung. Bei einem ſolchen Zuſtande der Ermattung hatte das Glas Porter, welches ich getrunken, viel⸗ leicht mehr Wirkung gehabt, als es ſonſt würde hervorgebracht haben; und obgleich ich halb zornig auf mich ſelber war, als ich die bleierne Laſt auf — 33— meinen Augenlidern fühlte, ſo lag ich doch bald in tiefem Schlummer. Ich glaube nicht, daß ich mich wach hätte erhalten können, und hätte ein Beil über meinem Kopfe gehangen, oder hätte man eine Piſtole vor mein Ohr gehalten. Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 3 Drittes Kapitel. Ocgleich mein Schlaf ſchwer und traumlos war, währte er doch nicht lange. Ich erwachte plötzlich mit einem Gefühl der ſchrecklichſten Furcht. Ich bin frei⸗ lich gewiß, daß ſelbſt, wenn während des Schlum⸗ mers keine Viſionen die Gedanken auf unbeſtimmte Weiſe fortſetzen, die uns wachend beſchäftigt haben, die Empfindungen des Herzens fortdauern, während alle gewöhnlichen Fähigkeiten in Vergeſſenheit verſenkt ſind und an die Thüren des Gehirns anklopfen, bis ſie uns erwecken. Ich ließ meine Uhr repetiren und fand, daß es ein Viertel auf drei war; und wenn ich gleich wußte, daß unter dieſer Breite noch eine oder zwei Stunden der Dunkelheit der erſten Dämmerung des Morgens vorangehen müßten, ſo konnte ich doch keine Zuflucht — 35— im Schlummer finden. Ich lag da und überlegte die Umſtände, worin ich mich befand, und wie ich mir vorſtellte, alle Wahrſcheinlichkeiten und ſelbſt Mög⸗ lichkeiten der Sache. Aber ich machte keine Fort⸗ ſchritte in meinen Schlüſſen. Die Ausſicht war eben⸗ ſo dunkel und träumeriſch, wie immer— ja ſie war es vielleicht noch mehr! wenigſtens ſchien es mir ſo; denn ich kenne keine unangenehmere Stunde, um mit Gefühlen der Furcht zu erwachen, als drei Uhr Mor⸗ gens. Es ſcheint, als wenn alle gräßlichen Phan⸗ tome der Einbildungskraft und der Furcht ſich um un⸗ ſer Bett ſammeln; und die dunkle Empfindung jener düſteren Nemeſis, die immerdar brütend über dem menſchlichen Glücke hängt, iſt mächtiger, als zu je⸗ der anderen Zeit. Ich kämpfte heftig dagegen an. Ich verſuchte, mein Vertrauen auf Gott zu ſetzen; aber es gibt Au⸗ genblicke, wo Glaube und Hoffnung verdunkelt ſchei⸗ nen, wo Gottes begeiſternde Gnade ſich uns entzogen zu haben ſcheint, wo die Macht des Fürſten der Fin⸗ ſterniß mächtig über uns iſt, und jedes Bild, wel⸗ ches unſer Vertrauen erſchüttern kann, ſich mit mäch⸗ tiger Gewalt darſtellt. „Wie viele,“ dachte ich,„ſind in dieſer Nacht von ihren Knicen aufgeſtanden, um ſich niederzulegen mit Hoffnung und Vertrauen auf den, auf welchen ich jetzt meine Zuverſicht zu ſetzen im Begriff bin, 3* 4 1 aber nur aufgeſtanden, um den Todesſchlag des Mör⸗ ders zu empfangen oder den Tod ihrer Geliebten zu beweinen. O Menſchen! Hier liegt unſere Schuld. Unſere Hoffnungen, unſere Wünſche, unſer Vertrauen, unſere Zuverſicht gehen nicht über dieſe Welt hinaus. Die dunkle Kluft des Grabes hält die menſchlichen Gedanken und Gefühle zurück und weiter hoffen und glauben wir Nichts.“— Dies war wenigſtens zu der Zeit mit mir der Fall und die nächſten anderthalb Stunden, bis der graue Schimmer der Dämmerung zu zeigen ſich be⸗ gann, gehörten zu den ſchwermüthigſten, die ich je erlebte. O Beſſy! wenn Du damals mein Herz hät⸗ teſt ſehen können, ſo hätteſt Du mehr erfahren, als Worte Dir je mittheilen können. Ehe die Sonne völlig aufgegangen war, hatten Mr. Bpyles und ich ſchon einen kleinen Morgenbeſuch vor unſerer Thüre. Der Erſte, welcher erſchien, war Zed, der entdeckt hatte, wo ich mich einquartiert; und bei dem erſten Schimmer der Dämmerung kom⸗ mend, hatte er unſere würdigen Wirthsleute aus ih⸗ rem kurzen Schlummer erweckt. Der Zweite war der gute Mr. Jacobus ſelber, welcher berichtete, er ſei nicht im Stande geweſen, ungeachtet der lebhafteſten Bemühungen, viel zu erfahren. Kurz, Alles, was er wußte, war das unbeſtimmte Gerücht, daß Miß Davenport irgendwo mit der alten Jenny, der Köchin — 37— der Tante Beb, geſehen worden, und daß man ſie wahrſcheinlich nebſt den anderen Dienern der Familie auf der Pflanzung des Sheriff, etwa ſieben oder acht Meilen entfernt, finden würde. Zunächſt nach ihm kam Mr. Thornton, der ſeine Unterſuchungen beſſer geleitet hatte und verſtändigere Vorſchläge, als irgend Einer von uns, zu machen hatte. Er ſchickte die anderen Beiden aus dem Zimmer, ſetzte ſich dann in den allein noch leeren Winkel und ſagte: „Ich habe dieſen Morgen Nachforſchungen ange⸗ ſtellt, ob Halliday in der letzten Nacht in die Stadt zurückgekehrt iſt oder nicht. Ich erfahre, daß er ſeit acht oder neun Uhr nicht hier geweſen iſt, und ich kann nicht entdecken, wohin er gegangen. Dies iſt mir ſehr auffallend, und ich möchte vorſchlagen, die drei jungen Damen, die er mitgebracht hat, ſobald ſie wach und aufgeſtanden ſind, zu fragen, ob ſie ir⸗ gend etwas von Beſſy und ihrer Begleiterin geſehen. Ich denke, wir werden bald Gelegenheit haben, mit ihnen zu ſprechen, denn die Gemüther ſind zu ſehr aufgeregt, als daß ſie in der letzten Nacht viel hät⸗ ten ſchlafen können.“ „Mittlerweile aber,“ ſagte ich,„will ich zu der Pflanzung des Sheriff hinüberreiten und mich erkundi⸗ gen, ob man dort Etwas von dem lieben Mädchen gehört hat.“ — 38— „Warten Sie lieber, bis dieſe jungen Damen aufgeſtanden ſind,“ verſetzte Mr. Thornton.„Ich denke, es kann nicht ſehr lange währen, und ſie könn⸗ ten uns eine Auskunft ertheilen, die nach einer ganz verſchiedenen Richtung führen möchte.“ Ich war zu ungeduldig, um zu warten, und Billy Byles unterſtützte mick „Ol ſie werden jetzt beſſer ſchlafen, da das Ta⸗ geslicht gekommen iſt,“ ſagte er.„Sie werden ſie in drei Stunden noch nicht zu ſehen bekommen, und bis zu der Zeit werden Sir Richard und ich wieder zurück ſein.“ Indeſſen ſtellte ſich mir eine Schwierigkeit dar, woran ich vorher noch nicht gedacht hatte. Ich hatte keine andern Pferde, als die, welche ich von Doctor Blunt geborgt hatte, um nach Jeruſalem zu reiten, und ich hielt mich nicht für berechtigt, ſie zu einem weiteren Zwecke anzuwenden. Dieſe Verlegenheit wurde indeſſen leicht von Billy Byles beſeitigt, welcher rief: „O! es ſind hier Pferde genug da, die Allen und Niemand gehören. Kommen Sie in den Stall und Sie werden bald im Stande ſein, ſich mit ei⸗ nem Pferde zu verſehen.“ Es gelang mir früher, als ſelbſt er es erwar⸗ tet hatte; denn, als ich in den Stall trat, erblickte ich in dem dritten Raume zur Linken mein eigenes Pferd, welches ich in Norfolk gekauft, und ein we⸗ — 39— nig weiter das, welches für Zed beſtimmt ge⸗ weſen. Natürlich trug ich kein Bedenken, mein Eigen⸗ thum in Beſitz zu nehmen, obgleich der Hausknecht geneigt war, einige Einwendungen zu machen. Aber das Wort meines Freundes Billy Byles war allmäch⸗ tig bei Allen denen, welche in dieſem Theile von Virginien mit Pferden zu thun hatten, und er er⸗ klärte, er erkenne meine Pferde unter Zehntauſenden. Der Hausknecht geſtand, er wiſſe nicht, wer die Pferde gebracht habe, und die einzige weitere Frage betraf die Sättel und Zäume. „O! nehmen Sie, welchen Sie wollen,“ ſagte der Hausknecht grinſend.„Wir ſind in einem ſol⸗ chen Zuſtande der Verwirrung geweſen, daß Niemand weiß, ob der Sattel auf dem rechten Pferde iſt oder nicht.“ „Hier iſt er, Herr, hier iſt er!“ rief Zed, der uns in den Stall gefolgt war.„Aber wo der meine iſt, kann ich nicht ſagen. So will ich lieber den be⸗ ſten nehmen, den ich finden kann.“ Als dies endlich angeordnet war, ſahen wir nach der Ladung unſerer Waffen und machten uns auf den Weg; aber Zed näherte ſich meinem Pferde und fragte, was er mit Doctor Blunt's Pferden anfangen ſolle. „Würdeſt Du Dich fürchten, ſie allein zu Doc⸗ tor Blunt zurückzubringen, Zed?“ fragte ich. — 40— „O nein, Herr,“ antwortete er;„Niemand thut dem alten Zed etwas zu Leide; und überdies glaube ich, die Kerle haben genug bekommen.“ Hierauf gab ich ihm Geld, um für die Füt⸗ terung der Pferde zu zahlen und ertheilte ihm den Be⸗ fehl, ſie ſogleich in das Haus ihres Herrn zurückzu⸗ bringen. Billy Byles und ich machten uns raſch auf den Weg; aber ich konnte leicht entdecken, daß mein Pferd, obgleich es in den letzten zwei Monaten faſt Nichts gethan, während der letzten vierundzwanzig Stunden ſo ſtark geritten worden, daß ſeine Stärke und ſein Muth beträchtlich nachgelaſſen. Später er⸗ fuhr ich, daß die Aufrührer es in der Nacht des Blut⸗ bades aus dem Hauſe des Mr. Stringer geſtohlen und es beſtändig und ohne es zu füttern, geritten, bis der Mann, der darauf ſaß, von einer Abtheilung der Miliz gefangen genommen worden. So währte es beinahe eine Stunde, ehe wir den ſchmalen Weg erreichten, der zu der Pflanzung des Sheriff hinunter führte, wo, wie man uns ſagte, die alten Diener meiner Tante Beb untergebracht wa⸗ ren. Wir waren nicht im Stande geweſen, dieſen würdigen Mann zu finden, ehe wir uns auf den Weg machten, und folglich waren wir ohne beſondere Aus⸗ kunft, wo die armen Neger zu finden waren. Wir ritten indeß gerade auf das Haus zu, und als wir — uns näherten, ſahen wir einen würdigen Herrn, der ein wenig Negerblut in ſeinen Adern hatte, ein ſtar⸗ kes, kräftiges Pferd beſteigen. „Dies iſt der Verwalter,“ ſagte Billy Byles. „Wir wollen ihn fragen, wo wir die armen Leute finden können.“ Hierauf ritt er zu ihm und legte ihm ſeine Fra⸗ gen vor. Der gute Verwalter verbeugte ſich höflich und ſagte: „Ich will es Ihnen zeigen, meine Herren. Sie ſind in den ſogenannten alten Negerwohnungen, zwei Meilen von hier, gerade am Rande des Sumpfes. Mr. M. meinte, es wäre beſſer, ſie dort unterzubrin⸗ gen, da die Hütten bequem ſind und gerade leer ſtan⸗ den, und Niemand dorthin kann, um ſie wegzuſteh⸗ len, ohne über die Pflanzung zu gehen. Ich habe ihnen eine kleine Arbeit aufgegeben,“ fügte er hinzu, „damit ſie etwas zu thun haben. Aber es wird Rech⸗ nung gehalten über das, was ſie verdienen, und man wird es herauszahlen, wenn das Gericht entſcheidet, wem ſie gehören.“. Während er ſprach, ſah er mich an, als wiſſe er, daß ich einer von denen ſei, welche an die Neger Anſpruch machten, und ich glaubte ihn als einen von denen zu erkennen, welche den Sclavenhändler bis zur Grenze von Nord⸗Carolina verfolgt hatten. „Ich vermuthe, die Neger ſind ſehr zufrieden, — 12— hier zu bleiben und nicht nach Neu⸗Orleans zu gehen.“ „Das ſind ſie,“ antwortete der Mann,„und Ihnen ſehr verbunden, daß Sie ſie gerade zur rech⸗ ten Zeit wieder zurückgebracht. Ich glaube, die Hälfte von ihnen wäre geſtorben, wenn man ſie weggebracht hätte. Sie ſind hier geboren und erzogen und alle haben ſich hier glücklich gefühlt; auch werden Sie ſehr wenige finden, welche Virginien zu verlaſſen wün⸗ ſchen, wohin ſie auch gehen ſollen.“ Ich konnte nicht umhin, über den Patriotismus des Mannes zu lachen, obgleich ich nicht zweifelte, daß er Recht hatte; denn ſo weit ich zu beobachten Gelegenheit gehabt habe, wird die Selaverei, ſo groß das Uebel auch in jeder Form iſt, in jenem Staate ſo gemildert, daß ich nicht zweifle, die Selaven ſel⸗ ber würden lieber die Uebel tragen, die ſie haben, als zu anderen fliehen, die ſie nicht kennen. „Da wir von Tagesarbeiten ſprechen,“ fragte ich, als wir weitergingen,„was betrachten Sie als eine angemeſſene Tagesarbeit?“ „Das iſt von der Beſchaffenheit der Arbeit ſel⸗ ber abhängig, mein Herr,“ antwortete er.„Aber wenn wir weiter kommen, kann ich Ihnen zeigen, was wir in verſchiedenen Arten der Feldarbeit für eine angemeſſene Tagesarbeit halten würden.“ 4 Er that es, und ich fand, daß es noch niſſt r — 43— halb ſo viel war, wie ein engliſcher Arbeiter bequem in einem Tage verrichten kann. „Wollen Sie damit ſagen,“ fragte ich,„daß einer von Ihren Arbeitern nicht mehr in einem Tage verrichten kann?“ „O nein, mein Herr,“ verſetzte er,„ſie kön⸗ nen bei gewöhnlichem Wetter zweimal ſo viel fertig bringen. Zuweilen iſt es ſchrecklich heiß, und dann können ſie freilich nicht ſo viel thun; aber im Allge⸗ meinen haben ſie viele Stunden, die ſie für ſich an⸗ wenden können, wenn ſie fleißig ſind, oder wenn nicht, die ſie verſchlafen können, wie einige von ih⸗ nen thun. Ich denke, beſtimmte Arbeit iſt der beſte Plan für ſie; der Herr bekommt ſeine Arbeit gethan, und je, nachdem der Arbeiter thätig und willig iſt, erhält er ſeinen Vortheil davon, was auch eine Er⸗ muthigung iſt.“ Der Mann hatte etwas Redliches und Biederes in ſeinem Weſen und in ſeiner Sprache, was mir ſehr geſiel, und ich bemerkte auch, daß die Neger ihm nicht nur jenen Reſpect, der aus Furcht vor ſei⸗ ner Gewalt hervorgeht, ſondern auch eine gewiſſe zärtliche Vertraulichkeit zeigten, welche von ſeiner Seite nur aus Freundlichkeit hervorgehen konnte. Ein gro⸗ ßer Burſche in einer leichten, baumwollenen Jacke lief eine Viertelmeile an der Seite ſeines Pferdes her, in⸗ dem er die Hand auf die Mähne legte, und mit dem er von Dingen redete, die er gethan zu haben wünſchte. Die Frauen lachten und zeigten ihre weißen Zähne, während ſie ihn mit einem Knixe begrüßten, als wä⸗ ren ſie froh und nicht furchtſam bei ſeinem Anblick. Billy Byles, welchem ſolche Dinge zu bekannt waren, um für ihn intereſſant zu ſein, pfiff ſein Lied, während wir weiter ritten, und nur als meine Fragen ſich auf das Schickſal Beſſy Davenport's rich⸗ teten, wurde er zu einiger Aufmerkſamkeit erweckt. „Ich habe ſelber Nichts von der jungen Dame gehört, mein Herr,“ ſagte der Verwalter;„aber was das betrifft, ſo wollen wir bald Auskunft erhal⸗ ten. Sie iſt in dieſem ganzen Theile des Landes ſehr beliebt, und was auch ſonſt dieſe ſchwarzen Teufel gethan haben mögen, ſo denke ich doch, daß ſie nicht gewagt haben würden, ihr etwas zu Leide zu thun.“ „Ich fürchte, Sie rechnen zu viel auf die Rück⸗ ſicht der Neger,“ ſagte ich.„Haben Sie nicht ge⸗ hört, daß ihre Wuth keinen Unterſchied gemacht hat?“ „O ja, mein Herr,“ entgegnete er,„wir ha⸗ ben viel von ihnen gehört, obgleich wir hier ein we⸗ nig abgelegen wohnen. Wie ich höre, gingen einige in der letzten Nacht über einen Theil der Pflanzung auf ihrem Wege zu dem Sumpfe; aber ſie ſchienen 3 in großer Haſt zu entfliehen und ſo hielten ſie ſich nicht auf, um mit irgend Jemand zu reden.“ „Sie waren der Wohnung des Sheriff zu nahe⸗”“ ſagte Billy Byles.„Seine⸗ Leute ſind alle treu ge⸗ blieben, nicht wahr?“ 4 „O ja, Mr. Byles,“ antwortete der Verwal⸗ ter.„Keiner von ihnen regte ſich oder dachte daran, ſich zu regen. Ich blieb die ganze Nacht auf; aber ich hätte ebenſo gut zu Bette gehen können, denn mein Herr iſt immer gerecht gegen ſie. Er beſteht darauf, daß die Tagesarbeit gethan wird, aber er verlangt nicht mehr, als was recht iſt. Er beſtraft b nie ein Verſehen oder ſelbſt eine Thorheit, wenn er auch einen Tadel deshalb austheilt; aber er beſtraft einen Fehler, wenn er ſieht, daß derſelbe abſichtlich iſt, aber immer etwas gelinder, als das Geſetz es vorſchreibt und niemals eher, als bis er ſich volle vierundzwanzig Stunden zur Ueberlegung Zeit gelaſ⸗ ſen. Die, welche zu hart oder auch zu gelinde ge⸗ gen ſie geweſen ſind, werden bei einem Aufſtande immer am meiſten leiden.“ So redend, ritten wir theilweiſe durch die Wäl⸗ der, theilweiſe über die freien Felder dahin, bis wir eine Stelle erreichten, wo ſich, von einem kleinen Amphitheater umgeben, dreißig oder vierzig zierliche Hütten zeigten. Vor den Thüren mehrerer derſelben befanden ſich Gruppen von Frauen und Kindern, und eine Anzahl von Männern mit verſchiedenen Acker⸗ geräthen in den Händen, die eben an ihre Arbeit gingen. — 46— . Für ein europäiſches Auge, welches nur an weiße Geſichter gewöhnt iſt, bildet der Anblick einer Anzahl von Negern ein auffallendes Schauſpiel, woran man ſich nicht ſo leicht gewöhnt. Aber ſehr bald, als wir herbeigeritten kamen, führten mich andere Ge⸗ fühle von dem Intereſſe hinweg, welches ich an dem Anblicke ſo vieler Menſchen fand, die der alte Fuller „Gottes Ebenbilder aus Ebenholz geſchnitzt,“ genannt hat. Die Männer blieben beim Anblick des Verwal⸗ ters ſtehen, die Frauen ſtanden auf, aber nach einigen Augenblicken erkannten mich einige von ihnen als Tante Beb's Neffen und als Den, welcher verhin⸗ dert hatte, daß ſie in einen anderen Staat verkauft worden. Groß und laut war die Aufregung und der Zu⸗ ruf. Das Wort ging von Munde zu Munde. Die Frauen und Männer umringten mich; die kleinen Knaben und Mädchen kamen herbeigelaufen, und ob⸗ gleich ich glaube, daß die virginiſchen Neger nicht ſehr lärmend ſind, ſo erfolgte doch eine laute und aufgeregte Scene, welche machte, daß Billy Byles lachte, daß der Verwalter lächelte und daß ich eine Zeitlang verhindert wurde, den Zweck meines Kom⸗ mens zu erklären. Bei dem erſten Worte von Beſſy Davenport's wahrſcheinlicher Gefahr war Alles ſtill. Die Geber⸗ den, das Singen und Lachen hörte auf; die ſchwar⸗ . — 47— zen, ſchimmernden Augen wendeten ſich im Kreiſe, als wenn man ihnen ein entſetzliches Wunder mitge⸗ theilt hätte. „Was! Unſere Miſſie?“ rief eine alte Frau endlich in tieſem Tone des Entſetzens.„Unſere Beſſy! Hat man ihr Etwas zu Leide gethan? O! ich will ihnen die Herzen herausreißen! Aber es kann nicht ſein! Sie würden es nicht wagen!“ Ich erklärte ihr und ihrer ganzen Umgebung, daß Alles ungewiß ſei— daß Beſſy und ich aus dem Hauſe des Mr. Stringer entflohen wären, daß ich ſie aber im Walde verloren und noch nicht wieder⸗ gefunden habe. Ein neues Schweigen trat ein, und es rührte offenbar von dem Erſtaunen her, womit die Nachricht aufgenommen wurde, daß Beſſy dort kein Obdach gefunden habe. Endlich trat ein großer Mann von etwa vierzig Jahren vor und fragte in lebhaftem Tone: „Wie war ſie gekleidet, Maſſa? Hatte ſie etwas Weißes an ſich?“ „Ja,“ antwortete ich,„ſie hatte einen weißen Shawl um und ein Kleid an, welches man aus der Ferne wohl für weiß halten konnte.“ Der Mann ſprach einige Augenblicke in leiſem Tone mit einer Frau, die ein Kind auf den Armen hatte. — 28— Mittlerweile trat ein Jüngling von etwa nenun⸗ zehn oder zwanzig Jahren vor und ſagte: „Erwähnten Sie nicht, Herr, daß Tante Jenny bei ihr war— die Köchin unſerer verſtorbenen Herrin?“ Ich nickte mit dem Kopfe.„Ich muß ſie finden; ſie iſt meine Tante, Herr, und iſt ſo gut wie eine Mut⸗ ter gegen mich geweſen.“ „Wir wollen ſie Beide auffinden,“ ſagte der große Mann, indem er ſich wieder umwendete.„Wir wollen ſie Beide lebendig oder todt finden. Nehmen Sie es nicht übel, Herr Verwalter, heute können wir nicht arbeiten, denn wir müſſen Miß Beſſy und Tante Jenny aufſuchen. Sie wiſſen, Sie können uns trauen. Wir werden Alle vor Sonnenuntergang zu⸗ rück ſein; aber finden müſſen und wollen wir ſie. Ich denke, ich weiß, wo wir ſie zu ſuchen haben.“ „Wo? wo?“ fragte ich lebhaft. „Für jetzt kommt Nichts darauf an,“ antwor⸗ tete der Mann.„Vielleicht irre ich mich, aber wir wollen ſie finden, Maſſa, wenn wir noch einen le⸗ bendigen Mann übrig haben.“ „Nun,“ antwortete ich,„wer mir zwiſchen jetzt und morgen früh die Nachricht in die Stadt bringt, wo Miß Beſſy zu finden iſt, ſoll eine Belohnung von hundert Dollars haben. Ich hoffe, Sie haben Nichts dagegen, daß dieſe guten Leute nach der jungen Dame ſuchen?“ ſagte ich zu dem Aufſeher gewendet. — 49— „Durchaus Nichts,“ verſetzte er.„Ich bin völ⸗ lig gewiß, daß Alle zurückkehren werden; denn ich denke, keiner von ihnen hat ſich während ſeines ganzen Lebens über irgend Etwas zu beklagen.“ „Keiner, mein Herr, bis unſere alte Herrin ſtarb,“ ſagte ein großer Mann;„und über Nichts, ſeitdem wir hierhergekommen, ſo viel muß ich ſagen. In Robert Thornton's Zeit war es freilich anders. Der ſchmutzige Neger! Er ſollte ausgepeitſcht werden.“ Dann wendete er ſich um, um mit ſeinen Be⸗ gleitern zu reden, und ſo lebhaft waren ſie Alle, daß ſie wenig weiter auf uns achteten und kaum unſere Entfernung zu bemerken ſchienen. Der Auſſeher blieb freilich bei ihnen und wünſchte uns höflich einen gu⸗ ten Tag. Obgleich ich viel auf ihren Eifer gab, war es mir doch nicht leid, daß ſie Jemand hatten, der ſie richtig leitete und der mehr Erfahrung hatte, als ſie. „Sie ſind ein phantaſtiſcher Mann, Sir Ri⸗ chard,“ ſagte Billy Byles, als wir zu der Stadt zurückritten.„Ihr Verſprechen der hundert Dollars wird nicht im Geringſten dazu helfen, daß man die arme Beſſy auffindet.“ „Ich darf kein Mittel und keinen Antrieb unver⸗ ſucht laſſen,“ ſagte ich in ſo ruhigem Tone, wie ich nur annehmen konnte;„Sie ſehen, Miß Davenport war unter meinem Schutze, und ich kann nicht um⸗ Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 4 hin, mich zu tadeln, daß ich ſie überhaupt verlaſſen, Jeder wird gerechte Urſache haben, mich ſchwer zu ta⸗ deln, wenn ich irgend ein Mittel verſäume, zu ent⸗ decken, was aus ihr geworden iſt.“ Billy Byles lachte laut. „Mein lieber Sir Richard,“ ſagte er,„ich denke, Sie haben tauſend gute Gründe zu Ihrem lebhaften Eifer, aber ich errathe noch einen kleinen Grund, den Sie nicht erwähnen, und das iſt gerade derſelbe, wel⸗ cher mich veranlaſſen würde, Louiſe Thornton auf die ſelbe Weiſe aufzuſuchen, wenn ſie in einer ähnlichen Lage wäre.— Kommen Sie, hier iſt ein Ort, wo wir galoppiren können, und obgleich es ein harter Weg iſt, müſſen wir doch ſehen, daß wir ſo bald wie möglich nach Jeruſalem zurückkehren.“ 1. Viertes Kapitel. Ich konnte nicht umhin zu denken, als wir bald durch tiefe Wälder, bald über kleine Stücke cultivirten Bodens dahin ritten, welch ein günſtiges Land dies für einen Guerillakrieg ſein würde; und ich ſah leicht ein, wie die Indianer in früheren Jahren ihre Wald⸗ feſtungen gegen alle Vortheile der europäiſchen Dis⸗ eiplin behauptet hatten. Hätten die Inſurgenten bei gegenwärtiger Gelegenheit nur gewußt, wie ſie das günſtige Terrain benutzen ſollten— hätten ſie ihre Hände vom Blutbade freigehalten und ſich damit be⸗ gnügt, ihre Gegner von dem Schirm der Wälder aus anzugreifen, ſo möchten und würden ſie gewiß endlich geſchlagen worden ſein, aber ſie hätten zu Anfang mehr Erfolg haben und den Kampf viel länger fort⸗ ſetzen können. 4* Ich hielt mich durchaus nicht überzeugt, daß ſie nicht aus den dichteren Theilen des Waldes einen Schuß auf uns richten würden, als wir über die ſchmäleren Pfade daherkamen, die wir zu betreten hatten, um die Landſtraße zu erreichen, und ich be⸗ hielt meine Flinte auf meinem Knie, um den Schuß im Nothfalle erwiedern zu können. Aber endlich erreichten wir die Landſtraße von Suffolk und ritten dann in größerer Sicherheit weiter. Ein großer, ſchwerfälliger Poſtwagen begegnete uns, ungleich den zierlichen Wagen, die mit außerordent⸗ licher Schnelligkeit über die ebenen engliſchen Wege dahinrollen. Er hielt einen Augenblick an, um den Paſſagieren und dem Poſtillon Zeit zu laſſen, uns zu fragen:„Was gibts Neues?“ Und dann rollte er wieder weiter durch den Sand und die Wa⸗ gengleiſe, gleich einem Wallfiſch auf der ſtürmiſchen See. Etwa zwei Meilen weiter, gerade als wir zu der Oeffnung eines anderen Weges kamen, der links abging, hörte ich eine wohlbekannte Stimme rufen: „Hi, Maſſa, hi!“ Als ich mich umſah, erblickte ich Zed, der eben von einem großen Klotze aufſprang, wo er geſeſſen. Er lief ſo ſchnell auf uns zu, wie ſein gekrümmtes Bein es geſtattete, und nahe zu meinem Pferde kom⸗ 1 mend, ſagte er mit leiſer, geheimnißvoller und wichti⸗ ger Stimme: „Gute Nachricht von Miß Beſſy, Herr. Ich beſuchte eine alte Frau in ihrer Hütte zwiſchen dem Hauſe des Doctor Blunt und des Mr. Hiram Shield's, und ſie ſagt mir, ſie habe vier Männer und zwei Frauenzimmer in der letzten Nacht, gerade als es dunkel geworden, zu Pferde vorüber kommen ſehen. Es wären lauter weiße Männer und ein wei⸗ ßes Frauenzimmer geweſen und ſie ſagt, ſie könne beſchwören, daß es Miß Beſſy war. Das Geſicht des anderen Frauenzimmers konnte ſie nicht ſehen; aber ſie ſagt, ſie wäre ſehr fett geweſen, und das mußte Tante Jenny ſein.“ „Ol ſie ſind natürlich nach Jeruſalem gegan⸗ gen,“ rief Billy Byles.„Verlaſſen Sie ſich darauf, ſie gehörten zu Hallidays Abtheilung. Höchſt wahr⸗ ſcheinlich trennten ſie ſich; aber ſie ſind gewiß alle nach Jeruſalem gegangen. Sie ſehen, in dem Ge⸗ dränge und der Verwirrung dieſer Nacht konnte man Niemanden finden, und die Nachforſchung nach Beſſy war faſt ſo, als wenn man eine Nadel in einem Bund Heu ſucht.“ „Die alte Frau glaubte, ſie hätten den andern Weg eingeſchlagen,“ ſagte Zed;„aber ſehen Sie, Herr, ihre Hütte ſteht gerade an der Ecke, wo ſie nichts ſehen konnte, und ſie konnten ſich ebenſo gut — 54— rechts wie links wenden, als ſie einige hundert Schritte weiter kamen, und ſie konnte nur nach den Hufſchlägen ihrer Pferde urtheilen.“ „O! ſie ſind nach Jeruſalem gegangen,“ ſagte Billy Byles, und zu Zed gewendet, fügte er hinzu: „Sie war doch ganz gewiß, daß es weiße Männer waren?“ „O! ſie hat es beſchworen, daß es weiße Männer waren,“ antwortete Zed;„daran iſt nicht zu zweifeln.“ „Dann iſt ſie auf jeden Fall ſicher,“ antwortete Billy Byles,„und es wäre beſſer, wenn wir auf die Stadt zugingen und uns nach ihr umſähen. Wenn ſie nicht in die Hände dieſer Teufel gefallen iſt, ha⸗ ben wir keinen Grund etwas für ſie zu fürchten.“ Zeds verſtändiges Benehmen war offenbar eine große Beruhigung für mich; doch fühlte ich mich nicht ganz ruhig, denn verſchiedene Punkte ſchienen mir ſeltſam, und ich konnte mich nicht eher zufrieden ge⸗ ben, als bis ſie erklärt waren. Dennoch ſchien Bil⸗ ly's Plan der einzige, der für den Augenblick aus⸗ führbar war. Daher ſagte ich Zed, er möge uns ſo ſchnell wie möglich folgen und ritt auf Jeruſalem zu. Wir fanden die Stadt ein wenig ruhiger, als am vergangenen Tage, obgleich mehrere Abtheilungen Militair während der Nacht und des Morgens ange⸗ kommen waren und man zwei Geſchütze auf dem — 55— Marktplatze aufgeſtellt hatte. Lebensmittel waren auch angekommen, und das Frühſtück ging in dem Gaſt⸗ hauſe und in verſchiedenen anderen Häuſern, welche die Flüchtlinge geſchützt hatten, vor ſich. In dem Gaſthauſe fanden wir Mr. Thornton und ſeine ganze Familie; aber ſeine erſte Frage zeigte mir, daß er keine genügende Auskunft erhalten hatte. „Welche Nachrichten bringen Sie?“ ſagte er. „Wiſſen Tante Beb's Leute etwas von unſerem armen Mädchen?“ „Nein, durchaus Nichts,“ verſetzte ich;„aber wir haben ſeitdem eine wichtige Nachricht erhalten.“ Und ich erzählte ihm Alles, was ich von Zed gehört. „Das iſt freilich beruhigend. Wir werden bald mehr hören, und ſie höchſt wahrſcheinlich während des Tages hereintraben ſehen. Ich denke, ſie iſt zu einer Pflanzung gegangen, wo die Leute auf ihrer Hut ſind und ſich ſicher fühlen. Auf jeden Fall iſt ſie ſicher und unſere ſchlimmſte Furcht iſt beſeitigt.“ Dann benachrichtigte er mich, er habe mit den jungen Damen geſprochen, die der Oberſt Halliday mitgebracht, und erfahren, daß Beſſy gewiß nie bei ihnen geweſen. Er habe ſie indeſſen aus einem Hauſe ganz nahe an der Landſtraße mitgebracht, nachdem er mit ſeiner Abtheilung einen Weg durch den Wald ge⸗ macht, um die Empörer aufzuſuchen. Er wäle gleich, nachdem er ſie in Sicherheit gebracht, zurück⸗ gekehrt, um ſeine Nachſuchung fortzuſetzen, und er möchte Beſſy entweder vorher oder nachher gefunden haben. „Das einzig Seltſame dabei iſt,“ fuhr Mr, Thornton fort,„daß Halliday ſelber nicht zurück⸗ gekehrt iſt; aber ich hoffe, er wird ſehr bald er⸗ ſcheinen.“ Mrs. Thornton, die faſt immer leicht verzwei⸗ felte, ſprach hier die Hoffnung aus, daß Oberſt Hal⸗ liday keinen überlegenen Trupp von Negern möchte getroffen haben und geſchlagen worden ſein. 1 Ein Freund von mir, der von etwas empfindli⸗ lichen und furchtſamen Charakter war, aber ſich beſon⸗ ders hütete, düſſtere Vorbedeutungen auszuſprechen, pflegte zu erklären, er vermeide immer die Geſellſchaft furchtſamer Leute, denn wenn er ſelber in einer Be⸗ ſorgniß ſei, brächten ſie ihn durch alle möglichen Wahrſcheinlichkeiten faſt zum Wahnſinn. Obgleich ich meine vortreffliche Freundin, Mrs. Thornton, nicht zu denjenigen Perſonen rechnen möchte, die man zu vermeiden hat, ſo wünſchte ich doch, ſie hätte mir dieſe Muthmaßung erſpart. Ich hatte mich zu dem Glauben gebracht, daß kein Zweifel an Beſſy's Sicherheit ſei, obgleich ich nicht ganz ruhig ſein konnte, bis ich ſie wieder geſehen hatte; und wenn gleich das Geſpenſt, welches Mrs. Thornton herauf⸗ beſchworen hatte, von nicht gerade handgreiflicher Ge⸗ ſtalt war, ſo verurſachte es mir doch eine unange⸗ nehme Empfindung. Wenn es nicht wahrſcheinlich war, ſo lag es doch in dem Reiche der Möglichkeit und mein Geiſt verweilte dabei mit ſehr widerwärtigen Gefühlen. „Pah! Unſinn, Mama!“ ſagte Louiſe Thorn⸗ ton.„Mr. Halliday hatte zu viele Leute bei ſich, als daß etwas dergleichen hätte geſchehen können. Hör⸗ ten Sie nicht, wie vor Doctor Blunt's Hauſe alle zerſtreut und auseinander geſprengt wurden? Mittler⸗ weile ißt Sir Richard ſein Frühſtück nicht und er muß doch halb verhungert ſein.“ „Und ich ebenfalls,“ ſagte Billy Byles;„aber Sie kümmern ſich nicht darum, ob ich verhungere oder nicht, Miß Louiſe.“ „O! Ihretwegen habe ich keine Furcht,“ ant⸗ wortete ſie.„Sie werden nie hungern, wenn irgend etwas zu eſſen zu haben iſt. Beeilen Sie ſich indeſ⸗ ſen lieber und gehen Sie in das Speiſezimmer hin⸗ unter, denn es iſt eine ausgehungerte Menge da, die keinen Biſſen übrig laſſen wird, wenn Sie nicht dar⸗ um kämpfen.“ Was ſie ſagte, war buchſtäblich wahr. Das Frühſtück, welches wir bekamen, war ſehr ſpärlich, obgleich Billy Byles faſt darum focht. Aber auf je⸗ den Fall diente es dazu, unſeren Hunger einigermaßen zu ſtillen; und was vielleicht von größerer Wichtig⸗ keit für mich war, einen kurzen Zeitraum auszufüllen, wo ich ſonſt Nichts zu thun hatte. Thätige Anſtren⸗ gung war in der That höchſt nothwendig für mich; aber für jetzt fehlte die Gelegenheit dazu. Zed war noch nicht in die Stadt zurückgekehrt, und mein Pferd war zu ſehr ermüdet von dem Mor⸗ genritte und der Anſtrengung, welcher es während des vergangenen Tages und der Nacht ausgeſetzt geweſen, um weiter zu gehen, ohne ſich vorher ausgeruht zu haben. Es war alſo nichts weiter zu thun, als un⸗ ter den verſchiedenen Gruppen in der Stadt umherzu⸗ wandern, mich mit denen zu unterreden, die ich kannte, und die zerſtreuten Nachrichten zu ſammeln, die vom Lande hereingebracht wurden. Alle ſchienen darin übereinzuſtimmen, daß die Neger in der Nacht zuvor völlig zerſtreut und ausein⸗ der geſprengt worden waren, daß ſie Muth und Hoff⸗ nung verloren hatten, und daß der Aufſtand zu Ende ſei. Mehrere Familien, die in der Stadt Zuflucht geſucht hatten, kehrten in ihre Wohnungen zurück und einige Abtheilungen der Miliz und der Freiwilligen marſchirten ebenfalls hinaus, um nach Hauſe zu gehen. Noch immer erſchien Oberſt Halliday nicht wieder und wir erhielten keine weitere Nachricht von Beſſy Davenport. Zed kehrte etwa zwei Stunden ſpäter zurück, nachdem Billy Byles und ich die Stadt erreicht hat⸗ ten, obgleich die Strecke, die er zurückgelegt hatte, nicht über vier Meilen betrug; aber er gab mir die Verſtcherung, er habe alle mögliche Nachforſchungen angeſtellt, und ich zweifele nicht, daß er mir die Wahrheit ſagte, denn wo iſt der Neger, der an ei⸗ nem Anderen vorübergehen kann, ohne ihn anzuhal⸗ ten und einige Fragen an ihn zu richten? Nachdem ich ſeine Entſchuldigung wegen des Aufſchubes gehört hatte, ſagte ich ihm, er ſolle das Pferd, welches er ſonſt geritten, für mich ſatteln, und fügte hinzu: „Es muß ſich jetzt ausgeruht haben; und wenn Oberſt Halliday nicht in einer Stunde nach Hauſe kommt, will ich mich auf den Weg machen, um mit der alten Frau zu reden, die Du erwähnſt.“ „Nehmen Sie mich lieber mit, mein Herr,“ ſagte Zed.„Allein werden Sie nicht viel finden. Die Leute ſagen mir Manches, was ſie Ihnen nicht ſagen. Aber hier iſt der freie gelbe Mann, bei dem Sie die letzte Nacht geſchlafen und der Sie zu ſprechen wünſcht.“ Ich ſah mich in der Richtung um, wohin ſeine Augen gewendet waren, und ſah den guten alten Ja⸗ cobus in einiger Entfernung ſtehen, wo er reſpectvoll warkete, bis meine Unterredung mit Zed vorüber ſein möchte. „Was gibts, Jacobus?“ ſagte ich, indem ich mich ihm näherte.„Haben Sie mir irgend etwas zu ſagen?“ „Ja, Herr,“ ſagte der Mann in leiſem und ge⸗ heimnißvollem Tone;„da iſt ein Burſche auf der Brücke, der mit Ihnen zu ſprechen wünſcht. Er will nicht in die Stadt kommen, denn er ſcheint ſich vor den Soldaten und den Kanonen zu fürchten; aber er ſagt, er habe eine Botſchaft an Sie.“ Ich eilte haſtig fort und ging zu der Brücke. Es befanden ſich zwei oder drei Leute auf dieſer Seite derſelben, aber keiner weiter auf derſelben, als ein Mann mit einem Karren und ein junger Burſche von etwa dreizehn Jahren, der auf dem Geländer ſaß und ſich über dem Waſſer hin und her ſchaukelte. Er war ſo ſchwarz, wie Ebenholz, und ich hatte keine Erinnerung, daß ich ihn je zuvor geſehen. Aber er grinſte von einem Ohre bis zum anderen, als ich näͤ⸗ her kam, denn er erkannte mich offenbar, und von dem Geländer herunterſteigend, kam er herbei gelaufen und ſagte: „Hereules ſagt, er habe ſchon Nachricht von Miß Beſſy, Herr. Verlaſſen Sie die Stadt nicht eher, als bis Sie weiter von ihm hören.“ „Und wer iſt Hercules, mein guter Freund?“ fragte ich. „O! unſer Hereules,“ antwortete der Burſche 64— mit einem Blicke der Verwunderung über meine Un⸗ wiſſenheit.„Der große ſtarke Neger. Sie ſahen ihn dieſen Morgen.“ „Und hat er ſchon Nachricht?“ fragte ich.„Er muß ſehr ſchnell zu Werke gegangen ſein. Es ſind kaum vier Stunden vergangen, ſeitdem ich ihn ge⸗ ehen.“ in„Ich bin den ganzen Weg gelaufen,“ ſagte der Burſche;„gerade durch den Wald und habe mich kei⸗ nen Augenblick aufgehalten.“ „Dann mußt Du etwas bedürfen, mein guter Burſche,“ verſetzte ich.„Komm in die Stadt mit mir, und ich will ſehen, ob ich Dir ein Frühſtück verſchaffen kann.“ „O nein, Herr,“ antwortete der Knabe.„Ich habe hier draußen ſchon getrunken.“ Und er deutete auf den Fluß.„Aber warten Sie, bis Hercules kommt. Er möchte Ihrer in einer Minute bedürfen,“ ſagte er.„Er iſt ſehr wild wegen Etwas, brachte alle Neger zuſammen und ging wieder fort, ſobald er mich abgeſchickt hatte.“ Ich verſuchte, weitere Auskunft von dem Kna⸗ ben zu erhalten, aber es war vergebens. Er wußte offenbar nichts weiter, als die Botſchaft, die man ihm aufgetragen. Ich gab ihm einige Silberſtücke für ſeine Mühe, worüber er ſehr erfreut war, und entließ ihn dann. Als ich zu dem Gaſthauſe zurückkehrte, fand ich in dem Speiſeſaale eine Geſellſchaft von Herren, die ihre Pläne zu einer ſehr traurigen Pflicht verabrede⸗ ten. Dies war, den Diſtrict, wo das Blutbad ſtatt⸗ gefunden, in Abtheilungen zu theilen und die Häuſer, welche auf dieſe Weiſe gelitten, mit hinreichender Be⸗ gleitung zu beſuchen, um die nöthigen Schritte zu thun, die Körper der Schlachtopfer anſtändig zu be⸗ graben. Eine Militairperſon mit ruhigem und verſtän⸗ digem Gefühle führte den Vorſitz, und ich hörte ſpäter, daß es General Eppes, der Commandant des Diſtriets, ſei. Er richtete gerade einige Worte des Rathes und der Ermahnung an diejenigen, welche im Begriff waren, ſich auf den Weg zu machen. „Ich glaube, meine Herren,“ ſagte er,„daß man alle Gefahr als beſeitigt betrachten kann. Man kann wohl ſagen, daß der Aufſtand zu Ende iſt, obgleich uns noch mehrere von den Anführern entgangen ſind. Ich möchte Ihnen indeß rathen, wohlbewaffnet und fünf pder ſechs in einem Trupp auszuziehen, ſonſt möchten Sie mit einer zerſtreuten Abtheilung von die⸗ ſen unglücklichen Leuten zuſammentreffen. Ich bitte Sie aber, wenn Sie mit einigen derſelben zuſammen⸗ kommen ſollten, ruhig zu bleiben und ſich aller Ge⸗ waltthätigkeit oder Grauſamkeit zu enthalten. Laſſen Sie ſie hereinbringen, um das geſetzliche Urtheil zu erwarten; aber laſſen Sie ſich nicht durch Zorn und — 63— Unwillen zu ebenſo barbariſchen Handlungen, wie ihre eigenen, bewegen. Sie mögen es vielleicht für ſelt⸗ ſam und unangemeſſen halten, daß ich Ihnen über⸗ haupt einen ſolchen Rath ertheile; aber ich habe eben die Nachricht von einer höchſt brutalen Grauſamkeit erhalten, welche Perſonen, die doch beſſer hätten wiſ⸗ ſen ſollen, was ſie zu thun haben, gegen harmloſe Neger begangen. Mein guter Freund, der Sheriff, hat ſich eben auf den Weg gemacht, um die ganze Sache zu unterſuchen, und ich hoffe, er wird die Ue⸗ bertreter zur Strafe ziehen; denn es iſt gefährlich und nicht zu dulden, bei einer Gelegenheit, wie dieſe, wo die Herſtellung der Ruhe ſo ſehr von der Gerechtig⸗ keit und Mäßigung, wie vom Muthe und von der Thätigkeit abhängt, daß die Friedlichen und Wohlge⸗ ſinnten gleich den Mißvergnügten und Schuldigen be⸗ handelt werden, ganz beſonders,“ fügte er in ſehr ausdruckvollem Tone hinzu,„wo man vermuthet, daß Privatrache der Beweggrund zu einer grauſamen und nicht zu rechtfertigenden Handlung iſt. Dies iſt Al⸗ les, was ich zu ſagen wünſche. Aber ich denke, es iſt Ihrer Aufmerkſamkeit würdig, denn ich weiß, daß viele, die mich hören, ſich mit ſehr aufgeregten Ge⸗ fühlen auf den Weg machen, was natürlich noch mehr der Fall ſein muß bei dem traurigen Schau⸗ ſpiel, wovon ſie Zeugen ſein werden.“ Sein Ton war ruhig, feſt und würdevoll, und man hörte ihm mit offenbarer Aufmerkſamkeit und Reſpeet zu. Einige wünſchten freilich, daß er weitere Erklärungen von dem erwähnten Vergehen geben möge. Aber er erwiederte nach augenblicklichem Nachdenken „Meine Herren, meine Nachricht iſt unbeſtimmt, und ich möchte keine Gerüchte in Umlauf ſetzen, die den Cha⸗ rakter und die Handlungsweiſe irgend eines Herrn in dieſer Nachbarſchaft in ein ungünſtiges Licht ſtellen würden. Wir haben ſchon zu viele Gerüchte gehabt, und ehe die Einzelheiten wohl bekannt ſind, will ich nicht mehr ſagen. Die Sache iſt in den Händen des Sheriff, deſſen Energie und Thätigkeit Sie alle kennen, und ſie wird gründlich unterſucht werden.“ Darauf begann die Verſammlung aufzubrechen und ſie organiſirte ſich zu verſchiedenen Abtheilungen, um die traurige Pflicht zu erfüllen, die ſie übernom⸗ men hatte. Jeder beſtimmte ſeinen beſonderen klei⸗ nen Diſtrict, um darin zu handeln, und Jeder wählte ſeinen Führer, um das Verfahren zu leiten. Dieſer Geiſt der Organiſation iſt einer der eigen⸗ thümlichſten und nützlichſten Züge des amerikaniſchen Charakters. In anderen Ländern ſtrebt jeder nach der Anführung und Jeder verſucht, auch Anderen ſeine Meinung mitzutheilen. Aber ſobald eine Anzahl Ame⸗ rikaner zu irgend einem Zwecke zuſammenkommt, iſt es das Erſte, ſich zu organiſiren; ſie wählen ihre Führer und Officierez und ſo werden ſehr oft die un⸗ — 65— ſordentlichſten Handlungen auf die ordentlichſte Weiſe vverrichtet. Dies iſt einer von den Charakterzügen der ſalten Angelſachſen, der ſich unter ihren ſpäteſten Nach⸗ kommen zeigt. Unſere heidniſchen, ſeeräuberiſchen, bar⸗ ariſchen, blutdürſtigen Vorfahren hatten nicht ſobald Großbritanien in Beſitz genommen, als ſie eins der ſchhönſten Syſteme der Organiſation, welches man je eerdacht, aufſtellten und in Ausführung brachten; und wenn Engländer und Amerikaner, wie ich fürchte, daß ſes der Fall iſt, einige von den ſeeräuberiſchen Eigen⸗ ſchaften und Neigungen unſerer würdigen Vorfahren geerbt, ſo haben ſie auch ihren Antheil an den beſſe⸗ ren Eigenſchaften. Mr. Henry Thornton wurde an die Spitze der einen, und Billy Byles an die Spitze einer anderen Abtheilung geſtellt, und es wurden etwa ſieben kleine Trupps von Männern gebildet, um die verſchiedenen Däuſer zu beſuchen, wo die Ermordungen ſtattgefun⸗ den hatten. Ich wurde von Mr. Thornton aufgefor⸗ dert, mich ſeiner Abtheilung anzuſchließen; aber ich erklärte ihm, daß ich in der Stadt zu bleiben wünſche is Oberſt Halliday erſcheine; und ich bat ihn, wenn ier irgend etwas von Beſſy erfahren, mich ſogleich da⸗ von in Kenntniß zu ſetzen. —„Halliday's Abweſenheit iſt ſehr ſeltſam,“ ſagte Mr. Thornton;„aber ich will Ihnen rathen, Sir Richard, wenn ich dies ohne anſcheinende Dreiſtigkeit Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 5 — 66— thun kann, ruhig mit ihm zu verfahren, wenn er kommt. Es gibt verſchiedene Umſtände, die ihn är⸗ gerlich machen können, wenn von Beſſy die Rede iſt; und ich dächte, wir hätten auf einige Zeit von Piſto⸗ len und Kugeln genug gehabt.“ So endete unſere Unterredung, und als die ver⸗ ſchiedenen Abtheilungen ſich auf den Weg machten, begab ich mich auf den freien Platz vor dem Gaſt⸗ hauſe, nicht nur, um zu Allem bereit zu ſein, was geſchehen möchte, ſondern um meine Ungeduld auf eine Weiſe, die Anderen nicht läſtig ſein konnte, zu beſchäftigen. Aus Höflichkeit hätte ich vielleicht auf den Balkon gehen und mich zu Mrs. Thornton und ihren Töchtern ſetzen ſollen; aber ich fühlte, daß ich nicht paſſend für die Geſellſchaft ſei, und daß meine Gegenwart in der Stimmung, worin ich mich damals befand, für Niemanden beſonders wünſchenswerth ſein könne. Fünftes Kapitel⸗ Ewa eine halbe Stunde war vergangen, wäh⸗ rend welcher ich auf und abging und von Zeit zu Zeit einige Worte mit verſchiedenen Herren auf der Straße wechſelte, als ich einen Negerknaben mit ra⸗ ſchem Schritte von der Brücke herkommen ſah. Ich glaubte mich ſeines Geſicht's zu erinnern, obgleich ich es immer ſehr ſchwer gefunden habe, den einen ſeines Geſchlechts von dem anderen an den Zügen zu un⸗ terſcheiden, wenn keine Miſchung von Weiß darin iſt. Ich ging daher auf ihn zu und ſah ſogleich, daß er mich ſuchte. „Kommen Sie ſo ſchnell wie möglich, Herr,“ ſagte er.„Man bedarf Ihrer gar ſehr dort unten. Der Sheriff iſt dorthin gegangen; aber Ihrer bedarf man auch. Der Sheriff begegnete mir auf dem Wege. 5* — 68— Der arme Hereules und zwei Andere wurden verwun⸗ det; man meint, er werde ſterben und er wünſcht mit Ihnen zu ſprechen.“ „Verwundet!“ rief ich.„Guter Himmel, von wem?“ Der Knabe hatte leiſe geſprochen, aber jetzt ging er in ein Geflüſter über, während er erwie⸗ derte: 3 „Mr. William Thornton, ſein Sohn Bob und jener irländiſche Fuhrmann waren es.“ Ich blieb ſtehen, um noch weitere Fragen zu thun, aber vorher rief ich Zed zu, die Pferde ſo ſchnell wie möglich herauszuführen, was er auch mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit that. Mein eigenes Pferd ſah noch immer ſehr ermüdet aus und ſtand mit ge⸗ ſenktem Kopfe da. Ich beſchloß daher, das Pferd zu nehmen, welches Zed gewöhnlich ritt, und mich allein auf den Weg zu machen, obgleich mein guter Die⸗ ner, der immer eine beſchützende Miene annahm, als ob er dächte, als weißer Mann und Engländer wäre ich durchaus nicht fähig, in Virginien für mich zu ſorgen, mich dringend bat, ihn mit mir zu nehmen. Ich ritt indeſſen ohne ihn fort und langſam wei⸗ ter, bis ich außer der Stadt war, während der Ne⸗ gerknabe an meiner Seite herging. Aber wir waren kaum an der Brücke vorüber, als er ſagte: — 69— „Sie wiſſen den Weg, Herr, nicht wahr?“ Ich nickte mit dem Kopfe und er fügte hinzu:„Da reiten Sie lieber ſchnell weiter, denn der arme Her⸗ cules könnte vorher ſterben. Ich werde ſchon nach⸗ kommen.“ Ich hatte mir den Weg zu gut gemerkt, um ihn zu verfehlen, und mein Pferd in ſo raſchen Schritt wie möglich ſetzend, eilte ich vorwärts, bis ich die Wendung erreichte, die zu der Pflanzung des Sheriff hinunterführte. Das raſche Reiten befördert das raſche Denken; aber ich hatte ſehr wenig Thatſachen, worauf ich im gegenwärtigen Falle Schlüſſe bauen konnte. Dieſes Ereigniß, welches der Knabe mir mitgetheilt hatte, war offenbar das Vergehen, welches der General Ep⸗ pes kurz vorher erwähnt hatte; aber ich bemühte mich vergebens, einen Beweggrund zu einer ſolchen Hand⸗ lung für Robert Thornton zu finden. Sollte es bloße Bosheit ſein, weil man die Selaven aus ſei⸗ nen Händen genommen? Ich konnte an eine ſolche Brutalität nicht glauben. Doch welchen anderen An⸗ trieb konnte er haben? Es war Alles vergebens, und indem ich meinen Weg durch die Wälder nahm, be⸗ fand ich mich bald in der Nähe des Hauſes. Ich fand indeſſen Niemand dort, außer einigen Frauen und Kindern, welche mir ſagten, daß ihr Herr zu dem alten Negerquartier hinuntergegangen. — 70— Eine Frau weinte bitterlich, und ich fragte ſie, ob der arme Herceules todt ſei. Sie ſagte, ſie glaube es nicht; aber Jedermann ſage, er würde ſter⸗ ben. Weitere Auskunft konnte ich nicht erhalten, denn die armen Geſchöpfe ſchienen mit Allem unbekannt zu ſein, außer daß einige von ihren Freunden oder Ver⸗ wandten gefährlich verwundet worden. Ich ritt hierauf, ſo ſchnell wie möglich, weiter, bis ich die Gruppe von Hütten erreichte, die ich vor⸗ her beſchrieben habe. Vor der Thür einer derſelben ſchien ſich der größere Theil der Neger verſammelt zu haben, und dorthin ritt ich, indem ich vermuthete, daß der Verwundete dort liege. Ein Knabe ſprang herbei, um mein Pferd zu halten. Ein Anderer flü⸗ ſterte mir zu, als ich abſtieg: „Der Doctor iſt bei ihm, mein Herr.„ Aber ich ging dennoch hinein, und dort auf ei⸗ nem niedrigen Lager ſah ich die große Geſtalt des Negers ausgeſtreckt, den ich an dem Morgen noch voll Leben und Thätigkeit geſehen hatte, aber jetzt ſo ſchwach, wie ein Kind. Doctor Chriſty, der mich behandelt hatte, als ich an einer viel leichteren Wunde gelitten, neigte ſich über ihn und ſuchte mit einer Zange die Kugel aus der Wunde in ſeiner rechten Seite zu ziehen. Die Augen des armen Negers wa⸗ ren geſchloſſen und er öffnete ſie nicht eher, als bis die Kugel herausgezogen war; als er ſie aber öffnete und ſein Blick auf mich fiel, ſtützte er ſich auf ſeinen ElUlnbogen und richtete ſich ein wenig empor, als wäre er im Begriff zu reden. „Sol liege ſtill, mein guter Mann, liege ſtill,“ ſagte der Arzt.„Wir haben die Kugel heraus; ver⸗ halte Dich ruhig und Alles wird gut gehen.“ „Ich wünſche mit dieſen Herrn zu ſprechen— ich muß mit ihm reden, und wenn ich ſterben ſollte. Ich werde doch ſterben, ich weiß es, und ich will mit ihm ſprechen, ſo lange ich noch dazu im Stande bin.“ „Ich hoffe, er wird wieder hergeſtellt werden, Mr. Chriſty,“ ſagte ich vortretend. „Ich hoffe es auch,“ antwortete der Arzt in etwas zweifelhaftem Tone.„Aber er muß ſich ruhig verhalten und nicht viel ſprechen, denn ich bin nicht gewiß, ob nicht der untere Theil der Lunge berührt iſt.“ . Während er ſprach, war er thätig beſchäftigt, ihm eine Binde anzulegen; aber der Neger winkte mir lebhaft, näher zu kommen, und indem ich glaubte, daß er nicht eher ruhig ſein würde, bis er geſagt, was er mir mittheilen wollte, ging ich zu ihm, neig⸗ te mich über ihn und bat ihn langſam und ruhig zu ſprechen. „Ich bin gewiß, daß Miß Beſſy dort war,“ 72— ſagte der arme Mann.„Bob Thornton würde ge⸗ wiß nicht auf uns geſchoſſen haben, weil wir nach ihr fragten, wenn ſie nicht dort geweſen wäre. Viel⸗ leicht iſt ſie jetzt nicht mehr dort, denn ich denke er hat ſie fortgeſchickt, weil ſie Alles geſehen, was er gethan.“ „So war es alſo Robert Thornton ſelber, der auf Dich ſchoß?“ fragte ich.„Ich glaubte, er wäre noch zu krank, um ſich zu bewegen.“ „Ja, er ſchoß ſelber auf mich,“ ſagte der Ne⸗ ger.„Er kam in ſeinen Schlafrock ans Fenſter und ſtützte die Flinte auf eine Stuhllehne. Der alte Bill und die beiden Irländer ſchoſſen auf die Anderen; aber er ſchoß ſelber auf mich. Wenn Sie und der Sheriff Miß Beſſy nicht finden, ſo gehen Sie ge⸗ radezu über den Sumpf. Er hat das alte Haus dort gerade drüben nach Oſten zu. Ich denke dort werden Sie ſie finden. Das iſt ein anderer Staat. Nach dem, was er gethan, wird er ſie nicht in Vir⸗ ginien haben laſſen wollen.“ „Ich kann dies in der That nicht geſtatten,“ ſagte Doctor Chriſty.„Das Leben des armen Man⸗ nes iſt davon abhängig, daß er ſich ruhig ver⸗ hält.“ „Nun, lebe wohl, Hereules,“ ſagte ich.„Ich will Dich morgen wieder beſuchen.“ „Ja, bringen Sie mir die Nachricht, daß Miß — 73— Beſſy gefunden und in Sicherheit iſt,“ antwortete der Verwundete.„Das wird mir mehr wohl thun, als irgend Etwas.“ Ich zog den Arzt zur Thür, vor welcher die an⸗ deren Neger in völliger Stille geblieben waren, und fragte ihn leiſe, ob es nicht beſſer ſein würde, die Ausſage des Mannes zu Protocoll nehmen zu laſſen, da er doch der Meinung zu ſein ſcheine, daß er ſter⸗ ben werde. „Was ſollte ſeine Ausſage nützen?“ fragte der Arzt trocken.„Wiſſen Sie nicht, daß ein Neger nicht gegen einen weißen Mann zeugen kann? Seine Stimme wird im Grabe ebenſo mächtig ſein, als wenn er lebt. Aber ich denke, er wird hergeſtellt werden. Dieſe Neger denken immer, daß ſie ſterben, wenn ih⸗ nen etwas fehlt.“ Mein Dableiben konnte keinen Nutzen brin⸗ genn und ein lebhafteres Intereſſe rief mich hin⸗ weg. „Kann mir irgend Jemand von Euch den Weg zu Mr. William Thornton's Hauſe zeigen?“ fragte ich draußen die kleine Gruppe anredend. „Hier iſt der Neger, der es kann,“ ſagte ein lebhafter, junger Mann, welcher vorwärts ſprang; „und wir werden den Sheriff bald einholen. Er iſt noch nicht lange fort. Ich will ſchon mitlaufen. Ich wollte nur, ich hätte eine Flinte,“ fuhr er fort, indem er die Waffe anſah, die auf meinen Rücken hing;„ich würde Bob Thornton herzlich gern nieder⸗ ſchießen.“ „Nun, ſo komm mit,“ ſagte ich mit Gefühlen, die den ſeinigen zu ſehr verwandt waren, um ihn wegen ſeiner blutdürſtigen Wünſche zu tadeln.„Wähle den kürzeſten Weg und achte nicht darauf, ob die Wege breit oder ſchmal ſind; wir wollen uns ſchon durchſchlagen.“. Vorwärts ſprang er, wie ein Reh, ohne Dor⸗ nen, unebene Stellen und Sümpfe zu beachten; und obgleich er zu Fuß und ich zu Pferde war, hatte ich viele Mühe mit ihm Schritt zu halten. Der Weg war ziemlich weit und die Nebenpfade, die er einſchlug, führten wenigſtens auf fünf Meilen nicht zu einem breiteren Wege; als wir aber die offe⸗ ne Straße erreichten, begegnete uns ſogleich der She⸗ riff mit einem beträchtlichen Trupp weißer Männer und mit zwei oder drei Schwarzen. Unter den Erſte⸗ ren erkannte ich augenblicklich Robert Thornton, ſehr blaß und anſcheinend noch nicht hergeſtellt. Da war auch ein älterer Mann, den ich nach der Familien⸗ ähnlichkeit für ſeinen Vater hielt, obgleich der Letztere ſehr hager war und ein fuchsartiges Geſicht mit ei⸗ nem eigenthümlichen, lebhaften und hungrigen Aus⸗ druck hatte, den ich nur an Menſchen bemerkt habe, die ihr ganzes Leben und alle ihre Fähigkeiten zu dem fruchtloſen Streben nach Reichthum durch liſtige und ſchmutzige Mittel angewendet. Hinter ihnen folgten zwei Irländer mit gefeſſelten Händen, welche ich bei Robert Thornton geſehen, als er Tante Beb's Diener zu entführen verſucht hatte. Die Uebrigen waren Männer, die ich nicht kannte. Sobald der Sheriff mich bemerkte, hielt er ſein Pferd an und ſagte: „Leider muß ich Ihnen ſagen, Sir Richard, daß Miß Davenport gewiß nicht dort iſt, obgleich wir jeden Grund hatten, es zu glauben. Ich hatte freilich nicht Zeit, meine Nachforſchungen ſo weit fortzuſetzen, wie ich es hätte wünſchen mögen, denn meine anderen Pflichten rufen mich ſo ſchnell wie mög⸗ lich nach Jeruſalem. Aber ich durchſuchte jedes Zim⸗ mer und jede Hütte in der Nähe des Hauſes, und mag ſie nun dort geweſen ſein oder nicht, ſo iſt ſie wenigſtens jetzt nicht dort.“ „Ich muß Ihnen wiederholen, Herr Sheriff,“ rief Robert Thornton, ehe ich antworten konnte,„daß ich nochmals gegen dieſes Verfahren, als völlig un⸗ geſetzlich und unberechtigt, proteſtire. Ich ſage Ihnen voraus, daß ich ohne Zweifel eine Klage wegen unge⸗ ſetzlicher Gefangennahme gegen Sie erheben werde.“ „Sie werden thun, wie Sie es für gut halten, Mr. Thornton,“ verſetzte der Sheriff kalt.„Der Diſtrict iſt gegenwärtig in einem ausnahmsweiſen Zu⸗ ſtande, und die Muthmaßungen ſprechen ſehr ſtark ge⸗ gen Sie. Aber wie ich ſchon vorher ſagte, iſt mein Geiſt hinſichtlich meiner Handlungsweiſe völlig ent⸗ ſchloſſen. Sie werden es nicht erlebt haben, daß ich häufig von meinen Beſchlüſſen abgehe, und ich will keinen von den vier Herren ſich entfernen laſſen, ehe Sie gehörige Bürgſchaft geleiſtet haben in Betreff der Anklagen, die gegen Sie vorgebracht werden mögen.“ „Ei, Sie haben ja nicht einmal einen Vor⸗ wand, mein Herr,“ ſagte der ältere Mr. Thornton, „nichts weiter als das thörichte Geſpräch einiger Neger.“ Der Sheriff lächelte ſarkaſtiſch. „Sie vergeſſen,“ ſagte er,„daß wir noch ein ſehr umſtändliches Zeugniß von dem Oberſten Halli⸗ day und einigen Herren ſeines Trupps zu erwarten! haben; und überdies,“ fuhr er langſamer und mit mehr Nachdruck fort,„einen Zeugen, der zwar jetzt noch nicht zugegen iſt und ſich vielleicht auch in die⸗ ſem Augenblick nicht einmal in dieſem Staate befin⸗ det, deſſen Ausſage aber ſpäter von Nutzen ſein wird. Auf jeden Fall will ich mich ſicher ſtellen, und Sie dieſen Abend noch nach Jeruſalem bringen.“ „Ich konnte bemerken, wie das Geſicht Robert Thornton's und das ſeines Vaters ſich beträchtlich verfinſterte bei einigen Theilen der Antwort des She⸗ riff's, die ſie beſſer als ich verſtanden, und ſie verſuch⸗ ten keine weitere Einwendung zu machen. „Sir Richard,“ ſagte der Sheriff, mir winkend, ein wenig auf die Seite zu treten,„kehren Sie lieber mit uns zurück. Sie werden die Dame nicht dort finden, und ohne Führer und weiteren Beiſtand, denke ich, werden Sie heute nichts mehr ausrichten können.“ „Ich will auf jeden Fall gehen,“ antwortete ich. „Ich habe Winke von dem armen Manne erhalten, den ſie verwundet haben, welche ich ſogleich befolgen will. Ich werde wahrſcheinlich dieſen Abend, oder ſpäteſtens morgen in der Frühe, zurück ſein.“ „Nun, ſehen Sie ſich vor, was Sie thun,“ verſetzte er.„Bedenken Sie, daß Sie nicht in Ih⸗ rem eigenen Vaterlande ſind. Aber ich werde morgen die Richtung einſchlagen, die Sie wahrſcheinlich neh⸗ men werden, und wenn irgend eine Schwierigkeit vorhanden ſein ſollte, ſo werde ich im Stande ſein, Ihnen Beiſtand zu leiſten, obgleich die Creaturen dieſes Mannes ohne Zweifel völlig eingeſchüchtert ſein werden, wenn ſie finden, daß er gefangen genommen worden. Jener Irlaͤnder dort zur Linken wird offen⸗ bar Alles ausſagen, oder ich müßte mich ſehr irren. Ich würde mit Ihnen gehen, aber ich habe dieſen Abend noch ſehr viel zu thun. Nehmen Sie ſich in dem Sumpfe in Acht, denn es ſind Leute hineinge⸗ gangen, die nie wieder herausgekommen. Nun, meine — 78— Herren, wollen wir weiter reiten, wenn es gefällig iſt. Mr. Thornton, haben Sie die Güte, Ihre Un⸗ terredung mit jenem Manne einzuſtellen. Ich wün⸗ ſche, daß er ſein Zeugniß ohne vorhergehende Verab⸗ redung ablegen möge; und da es eine Sache iſt, wo⸗ bei ſein eigenes Leben, ſo wie das von zwei oder drei anderen Perſonen auf dem Spiele ſteht, ſo wird es beſſer ſein, ihm zu geſtatten, frei zu reden. Ver⸗ muthlich iſt es Ihnen bekannt, daß dieſer Diſtrict gegenwärtig im Belagerungszuſtande iſt.“ „Dann ſind Ihre Functionen alſo aufgehoben,“ ſagte Robert Thornton heftig. 1 „Entſchuldigen Sie, mein Herr,“ ſagte der She⸗ riff,„ich handle unter gehöriger Autorität; und auf jeden Fall wird hier, wie Sie erfahren werden, die Macht zum Recht.“ So redend, ritt er weiter, und als Robert Thornton an mir vorüberkam, ſagte ſein Blick viel, obgleich ſeine Zunge ſchwieg. Der arme Hereules hatte mir geſagt, ich ſolle in öſtlicher Richtung über den Suümpf gehen, wenn ich die liebe Beſſy nicht in Mr. William Thornton's Hauſe fände, und da der Sheriff mir die Verſicherung gab, daß ſie nicht dort. ſei, ſo war ich anfangs geneigt, dem Hauſe auszu⸗ weichen, welches jetzt zu meiner Rechten ſichtbar wur⸗ de, und wozu ein guter Weg führte. Bei weiterem Nachdenken beſchloß ich aber, zum — 79— Hauſe zu gehen und weitere Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen; nicht, als hätte ich an dem Sheriff gezweifelt, oder als hätte ich die Eitelkeit gehabt, mir größere Scharfſicht beizulegen; aber ich habe oft bemerkt, wo der verſtändige Mann keine Nachricht hat erhalten oder keinen Schlüſſel zu einem Geheimniß finden können, da wird ein zweiter, der ihm vielleicht weit nachſteht, durch Zufall gerade das Fehlende fin⸗ den. In der That hat jede Hecke zwei Seiten; der eine Mann wählt die eine, der andere die andere, und wo das Lager iſt, da findet man den Haſen. Vor der Thür des Hauſes des Mr. Thornton ſtanden zwei oder drei Negerfrauen und ein Mann. Ohne Bedenken von meinem Pferde ſpringend, gab ich meinem Begleiter den Zügel und ging, als wäre ich dort völlig bekannt, auf ſie zu. Es ſchienen tro⸗ tzige, mißmuthige Leute von der niedrigſten Klaſſe der Negerbevölkerung zu ſein, die mir bisher vorgekom⸗ men. Aber die Handlungsweiſe und der Charakter des Herrn mußte ſie herabgewürdigt haben, denn ſie gehörten demſelben Geſchlechte an, wie alle Uebrigen; und in der That ſchienen die meiſten von ihnen wei⸗ ßes Blut in ihren Adern zu haben. „Wie lange iſt Miß Davenport ſchon weg?* ſagte ich, indem ich meine Uhr hervorzog. — 89— „Ich weiß nichts von ihr,“ antwortete der Mann in trotzigem Tone. „Ich fragte Euch nicht, mein guter Freund,“ ſagte ich;„ich fragte das Frauenzimmer, welches ihr aufwartete. Du wareſt das Mädchen,“ fuhr ich fort, indem ich ein junges Frauenzimmer von etwa zwei⸗ undzwanzig Jahren auswählte, welches reinlicher und zierlicher gekleidet war, als die Uebrigen.„Du biſt das Mädchen, welches ihr am letzten Abend aufwar⸗ tete, nicht wahr?“ Sie zauderte und ſtotterte bei ihrer Antwort und ſchien ſehr verwirrt bei der Beſtimmtheit meiner Be⸗ hauptung. Endlich aber brachte ſie die Worte her⸗ vor: „Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Herr.“ Mittlerweile war der Mann weggegangen, als hätte er genug von meinen Fragen, und mich zu einer alten Frau wendend, die dabei ſtand, ſagte ich: „Ihr werdet mir wenigſtens ſagen können, gute Ftau, wo Tante Jenny— die Köchin der Mrs. Beb Thornton, ſich befindet. Wie Ihr wißt, iſt ſie jetzt meine Dienerin, und ich will nicht, daß ſie übel behandelt oder vernachläſſigt werde.“ „Ich weiß von Beiden Nichts, Herr,“ verſetzte die alte Frau.„Aber ich weiß, wir müſſen unſeren erhaltenen Befehlen gehorchen; und wenn wir daſtehen 1 und mit Fremden über die Angelegenheiten unſeres Herrn reden, ſo werden wir wahrſcheinlich ausgepeitſcht werden.“ „Weder Mr. Thornton, noch ſein Sohn werden Euch je wieder auspeitſchen,“ antwortete ich;„denn ſie ſind Beide wegen deſſen, was ſie dieſen Morgen gethan, ins Gefängniß geſchickt worden.“ „Kann es nicht ſagen— weiß es nicht, Herr,“ antwortete die alte Frau. Und ſie zog ſich in das Haus zurück, wohin ihr ein etwas jüngeres Frauen⸗ zimmer folgte. Die jüngſte von den Dreien behauptete indeſſen ihren Platz, und nachdem ſie ſich raſch umgeſehen, ob ſie auch Jemand beobachte, deutete ſie raſch mit ihrem Daumen über ihre Schulter nach dem Walde hin, der ſich auf der öſtlichen Seite dem Hauſe bis auf zwei hundert Schritte näherte. Mein Auge folgte ihrer Geberde, und dieß war gewiß nicht die Richtung, die ich zu nehmen beabſichtigt hatte; und da ich kei⸗ nen Reitweg bemerkte, ſah ich vermuthlich ein wenig verlegen aus. „Gehen Sie hier ſchnell hinunter,“ ſagte das Mädchen flüſternd,„und folgen Sie der Spur, die Sie finden.“ Dann erhob ſie ihre Stimme und ſagte laut, da⸗ mit die Anderen es hören möchten: „Kann Ihnen nichts ſagen, Herr. Weiß es nicht; ſo iſt es unnütz, daß Sie warten.“ Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 6 — 32— Indem ich dem Burſchen winkte, mit meinem Pferde zu folgen, ging ich in der angedeuteten Rich⸗ tung über das Feld, von einer ſchmalen, nicht ſehr deutlichen Fußſpur geleitet, die ſich indeſſen erweiterte und mehr einem gebahnten Wege glich, als wir uns dem Walde näherten. Dort trafen noch zwei oder drei Fußwege zuſammen, und ich bemerkte, daß ich leicht zu Pferde weiter kommen könne. Wie weit ich gehen müſſe, wußte ich nicht, noch auch, was auf dem Wege geſchehen würde. Aber nach einigem Bedenken und Zweifel beſchloß ich mei⸗ nen Begleiter zurückzuſchicken und meine Reiſe allein fortzuſetzen. Sobald wir von dem Hauſe aus nicht mehr geſehen werden konnten, nahm ich ihm die Zü⸗ gel ab, und ſagte: „Ich will Dich nicht weiter mitnehmen, mein guter Burſche. Ich denke, Du gingeſt lieber auf einem anderen Wege zurück, damit ſie von dem Hauſe aus nicht ſehen, daß Du mich verlaſſen haſt.“ „O! das kann ich leicht genug, Herr,“ ant⸗ wortete der Burſche;„ich darf nur an dem Rande des Sumpfes herumgehen.“ „Vorher ſage mir, wohin führt dieſer Weg?“ ſagte ich. 1 „Zu dem alten Hauſe des alten Billy Thorn⸗ ton,“ antwortete der Jüngling. — 83— „Aber ich denke, dies iſt nicht der Weg, den mir der arme Hercules angedeutet?“ fügte ich in fra⸗ gendem Tone hinzu. „Vielleicht meinte er den Fahrweg; aber es iſt gleich,“ verſetzte der Burſche.„Sie kommen beide endlich zuſammen und das Mädchen zeigte mit ihrem Daumen hierher. Ich ſah es, ohgleich ſie es ſehr ſchnell that.“ Und er ließ das eigenthümliche Lachen ſeines Volkes hören. „So kann ich alſo meinen Weg zu dem alten Hauſe nicht verfehlen?“ fragte ich. „O nein, Herr,“ antwortete der Burſche;„fol⸗ gen Sie nur der Spur; folgen Sie immer der ſtärk⸗ ſten, und wenn Sie über die Savanna reiten, ſehen Sie zu, wo ſie beſonders grün iſt. Dorthin gehen Sie nicht, denn dort iſt der Sumpf ſehr tief, ſon⸗ dern halten Sie ſich dort, wo der Boden braun und buſchig iſt, und wo Sie Spuren von Ochſen oder Pferden ſehen.“ Seine Anweiſungen waren ſehr gut, wie ich ſpä⸗ ter fand, obgleich ich geſtehen muß, daß ich zu der Zeit keinen Begriff von dem Orte hatte, wohin ich mich wagte und der nicht ohne Grund der große und ſchrecklice Sumpf genannt wird. Man ſagt mir, daß im Frühling nichts ſchöner und trüglicher ſein kann, als der Anblick, den er zeigt. Der ganze Bo⸗ 6⸗ — 834— den, ſelbſt an den ſumpfigſten Stellen, iſt mit Blu⸗ men bedeckt. Die Bäume ſind im eigentlichſten Sinne mit Jasmin, Geisblatt und anderen Schlingpflanzen bekleidet und beladen. Cedern und Wachholder mi⸗ ſchen ihre dunklen Farben mit dem hellgrünen Laub des Frühlings, und die Schlangen ſelbſt, die über den Pfad dahingleiten oder durch die Zweige ſchlü⸗ pfen, ſehen aus, als wenn ſie Maſſen von lebendigen Edelſteinen wären. In der Mitte des Sommers, oder zu Anfang des Herbſtes, iſt die Seene eine ſehr ver⸗ ſchiedene. Immer aber hat ſie wegen ihres Düſters etwas Großartiges an ſich. Eine Seene der tiefen Einſamkeit umgab mich, als ich weiter ritt. Ich weiß nicht, was es wdar, oder wie ich das Gefühl erklären ſoll, aber die Empfin⸗ dung, die der Anblick dieſer Wälder hervorbrachte, war ſehr verſchieden von der jeder anderen Waldſeene, durch die ich in Virginien gekommen. Wo beträͤchtliche Waldſtrecken mit dem eultivirten Boden abwechſelten, fühlt man immer, daß man bald wieder friſche Luft haben und in die Nähe der Menſchen kommen werde; aber hier ſchien es, als wäre man am Ende des menſchlichen Gebiets und als wäre der Boden, den man betrat, nie cultivirt worden und könne auch nie eultivirt werden— als wäre eine Schranke, ein Ver⸗ pot oder ein Fluch da, der es verhindere— als ent⸗ ferne man ſich von der Cioiliſation und ſtrebe hin zum Nichts. Die erſte halbe Meile führte durch einen dichten, tiefen Wald mit hohen, ſchlanken Bäumen, die ſich ſo nahe bei einander erhoben, daß ſie offenbar nicht Raum zu wachſen hatten, indem jeder mit dem ande⸗ ren kämpfte und rang, wie bei einer zu dichten Be⸗ völkerung, wo jeder bei ſeinem Kampfe um ſein Le⸗ ben dem Nachbar ſchadet. Dann kam ein Strich, wo eine Kataſtrophe den Streit plötzlich beendet haben mußte. Auf drei oder vier Quadratmeilen zeigte ſich eine Scene der Ver⸗ wüſtung und des Verfalles. Umgeſtürzte Bäume, ver⸗ krüppelte Büſche, niedrige Wachholderſträuche, ſum⸗ pfige Teiche, Dickichte von Lorbeer und Epheu, der ſilberne Schimmer des klaren Waſſers, ſchmale Streifen Wieſengrund— hier ein ausgetrockneter ſchwarzer Sumpf, mit tiefen Spalten, dort eine ſchwammige Stelle, wo das Pferd bei jedem Schritte bis an die Knie ein⸗ ſank; bald ein verwachſenes Gebüſch, worin ſich hun⸗ dert Mann hätten verbergen können, und bald eine Stelle, aus deren hohem Graſe ein großer weißer Vo⸗ gel aufſprang und davonflog— dies waren die Ge⸗ genſtände, die ſich auf allen Seiten zeigten; und wenn man ſie von einer erhöhten Stelle anſah, ſo ſtellte ſich das Ganze als ein unheimlicher Moorgrund dar, hie und da mit einer Gruppe hoher Bäume, die — 36— 1 ſich über die Fläche erhoben und in der Ferne einen tiefen und düſteren Waldgürtel, der die Scene von allen Seiten einſchloß. Ich ritt indeſſen weiter, indem mein Pferd zu⸗ weilen über die Dornbüſche ſtolperte, zuweilen bis an die Gurten in den tiefen, ſchwarzen Moraſt einſank. Die Sonne neigte ſich am Himmel und der düſtere Anblick der Umgebung ſenkte ſich in mein Herz und drückte meinen Geiſt nieder. O! wie nahe verwandt in dieſem geheimnißvol⸗ len Zuſtande des Daſeins iſt das Materielle mit dem Moraliſchen— wie empfänglich iſt die Seele ſelbſt für die Einflüſſe, welche ihr durch die Kanäle der äußeren Sinne zugeführt werden! Die Erinnerungen an Alles, was während der letzten beiden Tage ge⸗ ſchehen war, ſchienen ſich mit den düſteren Zügen der mich umgebenden Scene zu vereinen. Die Hoff⸗ nung nahm ab, die Furcht nahm zu. Die Einbil⸗ dungskraft ſiegte über die Vernunft und es war mir, als wenn ich dem Kummer, der Täuſchung und dem Unglück entgegengehe. Solche düſtere Anfälle haben ſich ſchon früher meiner bemächtigt, aber es iſt das Vorrecht und die Pflicht des Menſchen, darüber zu triumphiren, und wenn ich den Schatten der Wolke fühle, ſuche ich mein Herz zum Widerſtande zu ſtählen und Glauben und Vertrauen zum Beiſtande herbeizurufen, um den menſchlichen Entſchluß zu unterſtützen. Es waltet eine beſondere Vorſehung bei dem Falle eines Sperlings. Kein Haar von unſerem Haupte fällt ungezählt auf den Boden; und wenn das der Fall, ſo iſt Gott bei uns. Vorwärts alſo! Sechstes Kapitel. Die Sonne näherte ſich ihrem Untergange und die eben noch ſo öde und troſtloſe Scene glänzte von Farben, die aller Beſchreibung Trotz bieten. Es war nicht blos der Purpur und das Gold, womit wir bei der Schwäche der Sprache die Farben zu bezeichnen genö⸗ thigt ſind, welche weder Feder noch Pinſel dem Geiſte darzuſtellen vermögen— ſondern es war die ſchim⸗ mernde Lebhaftigkeit, der durchſichtige Glanz jener Farben, die einen Zauber über die Seene verbreiteten, ihre rauhen Züge veränderten, ihr Düſter verherrlich⸗ ten und ihrer Einförmigkeit eine auffallende Verſchie⸗ denheit verliehen. Es war gleich der wunderbaren Macht der Einbildungskraft, welche die verſchiedenar⸗ tigſten Materialien wählt und ſie in dem lebendigen Lichte zur Harmonie bringt. — — 89— Der Geiſt, gleich dem Fell des Chamäleon, dem Anblick der äußeren Dinge unterworfen, nahm von den Veränderungen des Himmels eine hellere Färbung an. Plötzlich aber hörte ich in einiger Entfernung eine rufende Stimme. Anfangs konnte ich kaum un⸗ terſcheiden, ob es nicht vielleicht der Ruf eines wilden Vogels ſei; aber gleich darauf unterſchied ich deutlich die Töne einer menſchlichen Stimme und mein ermü⸗ detes Pferd anhaltend, wendete ich mich um und ſah nach der Richtung, woher ſie zu kommen ſchien. Als ich die Gegend überſchaute, konnte ich in den erſten Augenblicken nichts entdecken; aber da waren ſo viele Stämme, Büſche und umgeſtürzte Bäume, daß wohl Hunderte von Männern in jenem trüben Lichte ſich um mich her hätten aufhalten können, ohne daß ich ihre Nähe bemerkt hätte. Doch die Stimme rief noch immer und ich glaubte das Wort„Maſter“ unter⸗ ſcheiden zu können. 3 Vorſichtig wendete ich mein Pferd unter den Büſchen um und ritt auf die Stelle zu, von wo der Ruf zu kommen ſchien. Bald bemerkte ich die Um⸗ riſſe einer Geſtalt am Fuße einer hohen kegelförmigen Cypreſſe, welche faſt die Form einer jener ſchönen Cypreſſen im öſtlichen Europa annahm und auf einer dihuen Erhöhung ſtand, die ſich über den Sumpf erhob. 8 — 90— Es war nicht Beſſy's Figur; aber als ich mich weiter näherte, erkannte ich zu meiner nicht geringen Freude die Umriſſe der guten alten Tante Jenny. Keine Worte können die Freude und Wonne der guten Frau ſchildern, als ſie mich ſah, und meine eigene Freude war nicht viel geringer, denn ich wußte, daß ich jetzt einen Fingerzeig haben würde, und daß ein Licht auf das Geheimniß falle, welches meinen Geiſt feit ſo vielen Stunden in einem Zuſtande des Schreckens und der Aengſtlichkeit erhalten hatte. Die arme Jenny war indeſſen matt und er⸗ ſchöpft, ſo daß ſie kaum ſprechen konnte, um meine Fragen zu beantworten, und das Erſte war jetzt, ihre ſchwindenden Kräfte wieder zu beleben. In der Ent⸗ fernung von jeder menſchlichen Wohnung waren na⸗ türlich keine Nahrungsmittel zu erhalten; die Nacht rückte immer weiter vor und es ſchien keine andere Ausſicht vorhanden, als daß ſie im eigentlichen Sinne vor Hunger ſterben werde, bis mir plötzlich die Jagd⸗ flaſche mit Branntwein einfiel, die ich aus dem Hauſe des unglücklichen Mr. Travis mitgebracht und woran ich ſeitdem nie gedacht. Sie ſteckte noch in der Taſche meiner Jacke, und es war in der That ein ſehr gelegenes Stärkungsmittel für die arme Frau, die ſich bald ſo weit erholte, um mir in verwirrten Tönen ſagen zu können, daß etwa zwanzig Minuten, nachdem ich ſie und Beſſy im Walde verlaſſen, eine Abtheilung weißer Männer, von dem Oberſten Halli⸗ day angeführt, raſch durch die Büſche gekommen, ſie haſtig mitgenommen und ſich erhoten, ſie ſicher nach Jeruſalem zu bringen. Auf Beſſy's Bitte hatte der Anführer verſprochen, zwei Männer auf dem Platze zurückzulaſſen, um mir, wenn ich zurückkomme, Auskunft zu ertheilen, wo ſie geblieben, und die arme Jenny erklärte, ſie habe felber gehört, wie er den Befehl dazu ertheilt habe. Als ſie aber den Weg erreicht, hätten ſie noch mehr Männer und Pferde dort gefunden, und der Trupp hätte ſich in zwei Abtheilungen getheilt. Alles wäre in Verwirrung geweſen, ſagte die gute Frau, und ehe ſie noch gewußt, was vorgehe, wären ſie und Miß Davenport mit der einen Abtheilung fortgeritten, während Oberſt Halliday mit der anderen eine andere Richtung genommen. Erſt als ſie einige hundert Schritte weiter gekommen, hätten ſie und Beſſy be⸗ merkt, daß der alte William Thornton bei ihrer Ab⸗ theilung geweſen. Es iſt unnöthig, hier weiter auf die Einzelnhei⸗ ten einzugehen, da ich ſpäter ausführlicher davon werde reden müſſen, und da der Bericht der guten Frau ſehr verwirrt war. Ich erfuhr indeſſen von ihr, daß ſie und Beſſy die ganze Nacht in Mr. Thorntons Hauſe zurückgehalten worden, daß man ſie aber von einander getrennt habe, und daß ſie wenigſtens nichts — 92— zu eſſen bekommen habe. Dann wären drei oder vier von Tante Beb's Negern zum Hauſe gekommen und hätten ganz höflich gefragt, ob Miß Davenport da ſei, worauf man ohne die geringſte Veranlaſſung aus den Fenſtern auf ſie gefeuert. Gleich darauf hätte man Beſſy wieder aufs Pferd geſetzt und ſie wider ihren Willen fortgeführt. „Sobald ſie fort war, trieben ſie mich hinaus,“ ſagte Tante Jenny,„ohne mir auch nur einen Becher kaltes Waſſer zu geben; aber ich wußte ſehr wohl, wohin ſie ſie geführt, und ſo folgte ich meinem Liebling nach. Aber ich wurde ohnmächtig, Herr, und dachte ſchon, ich würde aus Mangel an Nahrung hier in dem Sumpfe ſterben müſſen.“ „Aber warum führten ſie ſie von dort weg, Jenny?“ fragte ich.„Warum ließen ſie ſie nicht, wo ſie war?“ „Nun, ſie ſah, wie ſie auf den armen Hercules und die anderen Beiden ſchoſſen,“ verſetzte die Frau; „und ſie wußten, daß ſie Zeugniß gegen ſie ablegen würde; ſo brachten ſie ſie aus dem Staate und wollen ſie dort zurückhalten, bis Alles vorüber iſt. Das denke ich, iſt der Grund.“ „Warum ſchickte man Sie nicht auch mit?“ fragte ich. „Weil ich eine farbige Frau bin und mein Eid nicht gilt,“ antwortete Tante Jenny. — 93— „Wenn man ſie aber in einen anderen Staat geführt hat, wie wollen wir ſie finden?“ rief ich faſt in Verzweiflung. „O! ſie iſt ganz in der Nähe— keine zwei Meilen entfernt,“ antwortete ſie.„Wir befinden uns jetzt in Nord⸗Carolina.“ „Nun, ſo trinken Sie noch ein wenig mehr Branntwein, Tante,“ ſagte ich.„Ich will Sie auf mein Pferd ſetzen und wir wollen weiter, wenn Sie mir den beſten Weg zeigen können, denn es beginnt dunkel zu werden.“ Sie wäre gern zu Fuß gegangen und erklärte ſie wäre völlig dazu im Stande, denn der Brannt⸗ wein habe ſie ſehr geſtärkt. Aber ich wollte meinen Willen haben und wir ſetzten unſern Weg fort, gerade als der letzte glühende Rand der Sonnenſcheibe unter den Horizont ſank. Sie ließ indeß eine ſchöne und helle Dämmerung zu⸗ rück und wir hatten keine Schwierigkeit, unſeren Weg weiter zu finden, denn bald erhob ſich der Boden Ba dem Sumpfe zu der jenſeitigen ſchöneren Umge⸗ ung. Siebentes Kapitel. Obgleich man ſagen konnte, daß es Nacht war, als wir das Haus erreichten, welches Mr. Thornton früher bewohnt hatte und welches ſeine Leute noch den alten Ort oder das alte Quartier nannten, ſo war doch Alles umher deutlich ſichtbar bei dem blaſ⸗ ſen, weißen Lichte, welches in dieſem Theile der Welt noch lange verweilt, nachdem die Sonne unter⸗ gegangen iſt. Es war eine öde und verlaſſene Scene, wo Alles Vernachläſſigung und Verfall bezeichnete. Auf den Feldern, welche einſt cultivirt geweſen und jetzt wahrſcheinlich erſchöpft waren, wuchſen Fichten, wo der Boden nicht zu dicht mit Unkraut bedeckt war. Zäune waren nicht da, mit Ausnahme einiger Ueber⸗ bleibſel, die an der Seite des Hauſes den Küchen⸗ garten umgaben, welcher der einzige Ort zu ſein ſchien, der noch cultivirt wurde. Das Haus ſelbet, wenn auch nicht im eigentlichſten Sinne eingeſtürzt, war in ſehr verfallenem Zuſtande. Einige von den Zimmern hatten nicht einmal Fenſterrahmen und aus mehreren anderen war das Glas herausgefallen oder zerbrochen. Ich konnte nie entdecken, wie es kommt, daß in einem unbewohnten Hauſe immer die Fenſter zer⸗ brochen ſind. Sollte es ſein, daß die Verfolgung, die immer das Elend auſſucht, ſich auf lebloſe Ge⸗ genſtände erſtreckt und daß derſelbe Geiſt, der einen Hund bewegt, einen Bettler unter keinem anderen Vorwande, als wegen ſeiner Lumpen, anzubellen, die Hand der Zerſtörungsluſt antreibt, das Verderben zu beſchleunigen, wo es begonnen hat? Ich ging gerade auf die Vorderthür zu und Tante Jenny glitt ſtill vom Pferde herunter, während ich die Thür anfaßte und mit meinen Knöcheln an⸗ klopfte, als ich ſie verſchloſſen fand. Der Kopf eines alten Negers, der mit weißer Wolle bedeckt war, er⸗ ſchien ſogleich in einem oberen Fenſter und ich wurde mit den etwas heftigen Worten begrüßt: „Was wollen Sie, Herr? Hier werden Sie nicht eingelaſſen!“ „Ich wünſche ein Nachtquartier und etwas zu eſſen,“ antwortete ich kühn.„Ich bin weit gereiſt und kann nicht weiter. Kommt herunter und öffnet die Thür.“ — 96— „Ich kann es nicht, Herr,“ antwortete der Mann mit leiſem Lachen.„Ich leide heftig an der Gicht. Meine alte Frau iſt aus und hat den Schlüſ⸗ ſel mitgenommen.“ Daß der Mann log, war nicht zu bezweifeln, und ich beſchloß auf irgend eine Weiſe ins Haus zu kommen, auf welche Gefahr es auch ſei. Ich ſah mich um, ob nicht ein Fenſter ſo nahe am Boden ſei, daß ich es öffnen könne, und jetzt bemerkte ich erſt, daß die gute Tante Jenny verſchwunden war. In der nächſten Minute hörte ich Fußtritte, welche die Treppe im Innern des Hauſes herunterka⸗ men, während eine Stimme rief: „Zum Henker! was machſt Du da! laß die Thür in Ruhe. Ich will Dich bald hinaustreiben, Du alter Teufel!“ Aber Tante Jenny war zu ſchnell für ihn. Ich hörte, wie der Schlüſſel im Schloſſe umgedreht wurde, und meine Schulter an die Thür ſetzend, ſtieß ich ſie auf, und es ſtellte ſich mir ein Anblick dar, worüber ich zu jeder anderen Zeit hätte lachen müſſen. Mein gichtbrüchiger Freund, der einſt ein großer und kräftiger Mann geweſen war, hatte Tante Jenny bei der Kehle gefaßt und mit dem Ausdruck eines Teufels ſchien er im Begriff, ſie zu erdroſſeln, während ſie, nicht gerade mit dem lieblichſten Ausdruck, ſeinen Kopf und ſein Geſicht mit einem großen — 97— Schlüſſel bearbeitete, den ſie aus der Thür gezogen, ſobald ſie dieſelbe aufgeſchloſſen. Ich beſeitigte den Streit indeſſen bald, indem ich den Mann beim Kragen faßte und ihn an das andere Ende des Vorſaales warf. 8 „Ha! ha!“ rief Tante Jenny lachend, aber noch außer Athem von dem Kampfe.„Ich weiß den Ein⸗ gang. Ich bin nicht umſonſt zwei Monate hier ge⸗ weſen, nachdem meine Herrin geſtorben war. Ei, alter Sambo, ſchämſt Du Dich nicht über Dich ſelber?“ „Ich bin ein alter Mann,“ ſagte der Neger, ſich mir wieder nähernd,„und ich bin ein Neger; aber ich kann Ihnen ſagen, Herr, es werden bald Andere hier ſein, die nicht ſo alt und nicht ſo ſchwarz ſind, wie ich.“ „Wer mögen die ſein?“ fragte ich ruhig. „Nun, Maſter Thornton,“ antwortete der Mann, „und die Anderen, die er hier gelaſſen, die aber jetzt gerade ausgegangen ſind.“ 3 „Was Mr. Thornton und ſeinen Sohn betrifft,“ antwortete ich,„ſo werdet Ihr ihn wahrſcheinlich ſo⸗ bald nicht wiederſehen, da Beide wegen der Verbre⸗ chen, die ſie heute begangen haben, im Gefängniſſe ſind. Was die Anderen betrifft, die Mr. Thornton zurückgelaſſen hat, ſo will ich ſchon mit ihnen fertig werden, wenn ſie wieder zurückkommen.“ Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 7 — 98— „Gefängniß!“ rief der Mann;„Sie wollen doch nicht ſagen, daß Mr. Thornton im Gefäng⸗ niſſe iſt?“ „Ja,“ antwortete ich, indem ich eine ſehr wich⸗ tige Miene annahm;„und ob ich Euch ins Gefäng⸗ niß ſchicke oder nicht, wird von Eurer Aufführung abhängig ſein. Führt mein Pferd in den Stall und gebt ihm Hafer und Heu.“ 4 „O Herr! ich habe keinen Hafer und auch kein Heu,“ antwortete der Mann. „Nun, ſo gebt ihm anderes Korn,“ verſetzte ich in gebieteriſchem Tone.„Ich werde ſogleich hinunter⸗ gehen und nachſehen, ob es davon frißt. Schnell, thut was ich Euch ſage. Kehrt bald hierher zurück; denn ich wünſche mehr mit Euch zu reden.“ Der Mann ſchien einen Augenblick zu zaudern; aber wenn die Neger nicht ſehr aufgeregt ſind, werden ſie leicht von einem gebieteriſchen Tone beherrſcht. Obgleich er auf ſeinem Wege bis zur Thür zweimal ſtillſtand, ging er doch endlich hinaus, nahm das Pferd und führte es hinter das Haus. „Nun, Jenny,“ ſagte ich,„benutzen Sie Ihre Zeit ſo gut Sie können. Verſchaffen Sie ſich etwas zu eſſen, ſehen Sie zu, wer im unteren Theile des Hauſes ſich befindet, und kommen Sie dann ſchnell zu mir zurück, denn ich muß Miß Beſſy aufſuchen.“ „Wir wollen uns erſt nach ihr umſehen, Mr. — 99— Conway,“ antwortete Jenny lebhaft.„Ich bin jetzt ſchon dazu im Stande. Dieſer Branntwein ſtärkte mich ſehr.“ „Laſſen Sie uns den unteren Theil zuerſt durch⸗ ſuchen,“ verſetzte ich. Von einem Zimmer zum anderen durch das ver⸗ fallene Haus gehend, kamen wir zu der Küche, wo wir zwei alte Frauen fanden, die an einem großen offenen Kamin ſaßen und ſich nur wenig um das zu kümmern ſchienen, was in ihrer Umgebung geſchah. Sie ſchienen freilich durch Vernachläſſigung und Ein⸗ ſamkeit verſchrumpft und verhärtet und achteten kaum auf uns, außer daß ſie über ihre Schultern ſahen, bis ich einer von ihnen befahl, meiner Begleiterin etwas zu eſſen zu verſchaffen, worauf ſie mechaniſch aufſtand, einen Schrank an der Wand öffnete und etwas geſalzenen Fiſch und grobes Brod zum Vor⸗ ſchein brachte. Jenny aber war zu lebhaft bei der Verfolgung ihrer jungen Dame, um ihre Zeit mit Eſſen zu ver⸗ ſchwenden, und die Speiſen in die Hand nehmend, folgte ſie mir die knarrende Treppe hinauf zu einem großen Fenſter, auf deſſen Schwelle der alte Samuel geſeſſen zu haben ſchien, als wir angekommen. Das Haus war nicht ſehr groß und die Thüren mehrerer von den Zimmern offen, ſo daß man das leere und 7* — 100— verlaſſene Innere ſah; aber da die Dunkelheit jeden Augenblick zunahm hielt ich es für beſſer zu verſuchen, welche Wirkung meine Stimme hervorbringen würde, um zu entdecken, ob Beſſy da wäre oder nicht, und ſo rief ich, ſo laut wie ich konnte: „Beſſy, liebe Beſſy, biſt Du hier?“ „Hier! hier!“ antwortete eine Stimme vom Ende des Ganges her. Vorwärts ſpringend, fand ich eine verſchloſſene Thüre, worin kein Schlüſſel war. „Biſt Du hier?“ rief ich. „Ja, ja,“ antwortete jene liebe, unvergeßliche Stimme.„Biſt Du es, lieber Richard?“ „Tritt zurück von der Thüre, meine Liebe, ich will ſie ſprengen,“ rief ich. Und meinen Fuß gegen das Treppengeländer und meine Schulter gegen die alte verfallene Thüre ſetzend, ſpreugte ich das Schloß, ſo daß ich faſt in das Zimmer ſtürzte. Die Fenſter hatten die Ausſicht nach Oſten, ſo daß es im Innern dunkler war, als draußen, und ich konnte eine weibliche Geſtalt an der anderen Seite in der Nähe der Fenſter erkennen. Aber Beſſy ſah mich deutlicher und im nächſten Augenblick lag ſie in meinen Armen und weinte an meiner Bruſt. Ich küßte ſie wiederholt, aber in jenem Augenblick war aller Zwang aufgehoben. Wir fühlten Beide, daß ſie die Meine war, und ich bin gewiß, daß ihre Lip⸗ pen den meinigen begegneten. Später drückte die alte Jenny ſie auch in ihre Arme, doch war ſie zu verſtändig, uns nicht zu bald zu ſtören. Aber es war keine Zeit zu verlieren, und ſobald wir uns ein wenig gefaßt hatten, ſagte ich: „Nun, theuerſte Beſſy, was iſt zu thun? Du kennſt die Lage der Dinge hier beſſer, als wir. Ro⸗ bert Thornton und ſein Vater ſind von dem Sheriff gefangen genommen worden, und ich finde nur einen alten Neger und zwei Frauen hier. Iſt es ſicher, bis morgen früh hier zu verweilen?“ „Es befindet ſich noch ein jüngerer Mann hier in der Gegend,“ antwortete ſie;„aber ich denke, ſie werden nicht wagen, eine Gewaltthätigkeit auszuüben, beſonders da ſie wiſſen, daß ihre Herren im Gefäng⸗ niß ſind. Ueberdies biſt Du gut bewaffnet, nicht wahr?“ „Ich habe dieſe Doppelflinte und eine Piſtole,“ verſetzte ich.„Du hatteſt eine, meine Liebe, und Jenny hatte auch eine.“ „Ach! man nahm mir meine Piſtole ab,“ rief Jenny, indem ſie ſo angeſtrengt, wie ſie konnte, an dem Hering und Brod käute, welches ſie aus der Küche mitgebracht;„man nahm ſie mir ab, ehe ich wußte, was ſie vorhatten.“ „ Ich habe die Piſtole, die Du mir gegeben, ſicher aufbewahrt,“ ſagte Beſſy;„und in der That war es ein großer Troſt für mich, ſie in meinem Beſitze zu haben, denn ich wußte nicht, was zunächſt geſchehen möchte, und es war mir in der That, als hätte ich Jeden von ihnen niederſchießen können.“ „Ich will Ihnen ſagen, was beſſer iſt, als hierzubleiben,“ rief Jenny.„Wir ſind hier in Nord⸗Carolina. Laſſen Sie uns bis an die Grenze des Staats zurückkehren. In Virginien werden wir ſicherer ſein und wiſſen, was wir zu thun haben.“ „Aber, meine gute Frau,“ antwortete ich,„die⸗ ſes liebe Mädchen kann nicht die ganze Nacht in dem Sumpfe bleiben, und wenn wir verſuchen wollten, zu der Pflanzung des Sheriff zurückzukehren, ſo würden wir uns gewiß in der Nacht verirren und ſie könnte umkommen.“ 4„Ja, ja,“ antwortete die alte Frau mit wohl⸗ gefälligem Kopfnicken.„Ueberlaſſen Sie das der Tante Jenny. Da iſt die hübſche Hütte, die Haba⸗ kuk ſich nach Miß Beb's Tode gerade an der Grenze gebaut hat.— Wiſſen Sie nicht, Miß Beſſy— ganz von gefällten Baumſtämmen. Dort haben Sie es ganz bequem und ich kann für Sie kochen.“ „Aber wo wollteſt Du etwas zu kochen bekom⸗ men, Jenny?“ fragte Beſſy lachend.„Ich habe hier nur kärglich geſpeiſt, ſeitdem ich hier war.“ „O! ich ſah reichliche Vorräthe in der Küche,“ — 103— ſagte Jenny;„da waren zwei oder drei Dutzend Eier, Butter und drei Brode. Wir nehmen, was wir fin⸗ den können. Wenn ſie uns wegführen, müſſen ſie uns auch zu eſſen geben. Wenn wir einmal dort ſind, werden wir ganz ſicher ſein, denn es befinden ſich dort zwei große Zimmer, und ſie konnten den alten Habakuk nie herausbringen“ Nach einiger Berathung mit Beſſy hielt ich es für beſſer, den Rath der alten Frau zu befolgen. Wir konnten nicht ſagen, wie viele von Mr. William Thornton's Leuten in unſerer Nähe waren. Wir hatten keinen Grund zu glauben, daß unſer guter Freund, der Sheriff, wagen würde, uns über die virginiſche Grenze hinaus zu Hilfe zu kommen, und es war leicht möglich, daß Mr. Thornton und ſein Sohn im Stande waren, noch in jener Nacht Bürgſchaft zu ſtellen und uns am folgenden Morgen zu überfallen. Es war auch einleuchtend, daß ſie bereits in ihrer kühnen und geſetzloſen Handlungsweiſe ſo weit gegan⸗ gen waren, daß keine geringfügige Rückſichten ſie auf⸗ halten würden; und in jenem alten und verfallenen Hauſe, wovon nur zwei Zimmer bewohnbar zu ſein ſchienen, war es nicht möglich, ſich gegen eine über⸗ legene Anzahl zu vertheidigen. Ich glaube, Beſſy's Aengſtlichkeit, ſo ſchnell wie möglich von dem Orte hinweg zu kommen, trug nicht wenig dazu bei, mei⸗ nen Entſchluß zu befeſtigen, und endlich wurde abge⸗ — 104— macht, daß wir, nachdem ich meinem Pferde ein we⸗ nig Zeit gelaſſen, ſein Futter zu verzehren, uns zu der von Jenny erwähnten Hütte auf den Weg ma⸗ chen wollten, die ſie bei Tage oder bei Nacht gleich gut finden zu können behauptete. Ehe wir vollkommen zu dieſem Entſchluſſe ka⸗ men, hörten wir die Stimme des alten Negers, der unten mit den Frauenzimmern ſprach, und er kam zweimal bis an den Fuß der Treppe, hielt einen an⸗ gezündeten Kienſpahn in der Hand und blickte hin⸗ auf; aber er zog ſich ſogleich wieder in die Küche zurück. Sobald unſer Entſchluß gefaßt war, nahm ich die Flinte von meinen Schultern, ging voran hinun⸗ ter und begab mich ſogleich in die Küche, um den Krieg, wenn es denn Krieg ſein mußte, auf das Gebiet des Feindes zu übertragen. Ich hielt es für ſehr wahrſcheinlich, daß unſere Gegner Verſtärkung erhalten haben möchten; aber ich irrte mich. Es war Niemand da, als der alte Mann und die beiden al⸗ ten Frauen und ſie ſchienen jetzt geneigt, höflicher zu ſein. Sie gingen Alle aus dem Wege, als wir uns dem Kamine näherten, von welchem ich, als von ei⸗ nem guten Poſten, meinen kleinen Trupp Beſitz er⸗ greifen ließ; und da ich den Vortheil kannte, den erſten Angriff zu machen, ſo ſagte ich zu dem alten Manne: „Wie habt Ihr wagen können, mit zu helfen, eine freie, weiße, junge Dame ihrer Freiheit zu be⸗ rauben?* Ich ſagte ihm dann, ich hätte große Luſt, ihm die Hände auf den Rücken zu binden und ihn nach Virginien zu führen. „Man ſagt mir, es ſei noch ein anderer Mann hier,“ fügte ich hinzu;„wo iſt er? Ruft ihn zu mir. Ich bin entſchloſſen, Euch Alle zu beſtrafen.“ „Er iſt nicht hier, Herr,“ ſagte der alte Mann in gedämpftem Tone.„Er iſt hinübergegangen, um zu ſehen, was dort vorgeht. Man hat ihm geſagt, daß ſein Vetter dort erſchoſſen worden ſei. Ich thue nur, was mir geheißen wird. Es iſt meines Herren Schuld, nicht die meine. Er ſagte mir, ich ſolle Miß Beſſy hier behalten und ſie unter keinen Umſtän⸗ den Jemanden ſehen laſſen. Was kann ich armer Neger da thun?“ „Euer Herr kann Euch nicht bewegen, etwas lingeſetzliches zu begehen,“ antwortete ich.„Aber kommt und gebt heraus, was Ihr zu eſſen habt; wir ſind Alle hungrig.“ „Dafür will ich ſorgen,“ rief Tante Jenny, die in der Küche völlig zu Hauſe zu ſein ſchien.„Nun, Venus, wo haſt Du die Milch hingeſtellt?“ Venus, die der griechiſchen Göttin ſo unähnlich — 106— war, wie nur möglich, erklärte, die Kühe wären nicht gemolken worden, und fügte hinzu: „Jener ſchwarze Neger Jack iſt über den Sumpf gegangen und hat es vergeſſen.“ Aber Jenny, welche kräftig auftreten konnte, wenn ſie wollte, trieb den alten Mann ſelber hinaus, um die Kühe zu melken. Unſer Mahl wurde uns offenbar ungern gegeben; aber darum ſchmeckte es uns hungrigen Leuten doch ſehr gut, und ich muß ſagen, ich benutzte die Vor⸗ räthe in Mr. Thorntons Hauſe ohne die geringſten Gewiſſensbiſſe. Nachdem wir zu Abend geſpeiſt hatten, brachte Tante Jenny alle eßbaren Gegenſtände zuſammen, be⸗ diente ſich eines Korbes und füllte ihn bis oben; auch legte ſie einige Kerzen und einige Kienſpähne dazu, deren man ſich in dieſem Lande oft als Fackeln bedient. „Nun, komm, Samuel,“ ſagte ſie,„ich werde Dich nicht hier laſſen, um Deine Ränke zu ſchmie⸗ den. Ich hoffe, Du haſt die Pferde gut gefüttert, denn wir haben einen weiten Weg zu gehen, und vielleicht kann es Morgen werden, ehe wir zu dem Sheriff kommen. Darum nehme ich alle dieſe Le⸗ bensmittel mit; und wenn Mr. Thornton ſagt, ich habe ſie geſtohlen, ſo ſage ihm nur, Sir Richard Conway werde ſie bezahlen, wenn er ihm ſeine Rech⸗ nung ſchicke.“ Der alte Mann brummte; doch ſie trieb ihn vor uns her zu dem Stalle, wo wir mein Pferd fanden, ſo wie auch das, welches Beſſy dorthin gebracht hatte. Es befand ſich auch ein Maulthier in dem Stalle, und ich hatte große Luſt, daſſelbe für Jenny in An⸗ ſpruch zu nehmen; aber die gute Frau lehnte die Ehre ab und ſagte, ſie wolle lieber gehen— ſie reite nicht gern, ſie werde unwohl davon. Mit einiger Mühe brachten wir Alles in Ord⸗ nung und machten uns auf den Weg, und der Mond gewährte uns hinlängliches Licht, wenn er ſich auch nicht über die Bäume erhoben hatte. Wir kamen ſehr langſam weiter, und mehr als einmal wendete ich meinen Kopf, um mich zu überzeugen, ob uns der alte Neger nicht vielleicht folge, um uns zu beob⸗ achten. Jenny ſchien meinen Verdacht zu errathen und ſagte endlich lachend: „Fürchten Sie nichts, Herr, er wird uns nicht nachkommen. Er iſt ein träger alter Teufel; er würde keine zehn Schritte weit gehen und könnte er ſeine Seele dadurch erretten, wenn er nicht dazu ge⸗ zwungen wird. Ich kenne ihn ſchon lange und habe zwei Monate mit ihm in demſelben Hauſe zugebracht. Und ol er ſagt ſolche grobe Lügen. Er wird Mr. Thornton ſagen, Sie wären mit zehn Mann gekom⸗ 4 2 — 108— men, hätten Miß Beſſy mit fortgenommen und er habe es nicht verhindern können; und er wird ihnen allen Namen beilegen, gerade als wenn er ſie mit ſei⸗ nen eigenen Augen geſehen hätte.“ „Dies ſind Lügen, die uns nicht im Geringſten ſchaden können, Jenny,“ antwortete ich;„denn wenn dieſe beiden Thornton's dieſe Nacht herauskämen, wür⸗ den ſie uns wahrſcheinlich nicht verfolgen, wenn ſie glaubten, daß wir eine große Begleitung bei uns hätten.“ Beſſy war ſehr ſtill, während wir weiter ritten ohne Zweifel, weil ſie ſich erſchöpft und ermüdet fühlte; aber wir hatten guten Grund, dem Himmel zu dan⸗ ken für die abgehärtete Erziehung, die ſie von Tante Beb erhalten, denn die eine Hälfte deſſen, was ſie während der beiden letzten Tage erlebt hatte, würde ein gewöhnliches virginiſches Mädchen getödtet haben. Als wir etwa zwanzig Minuten weiter geritten waren, kamen wir an einem ſehr großen Baume vor⸗ über, der faſt allein ſtand, und Tante Jenny ſagte in ernſtem Tone: „Die Grenze von Nord⸗Carolina. Jetzt ſind wir in Virginien. Gott ſei Dank dafür!“ Hier wendete ſie ſich zur Linken und blieb, wie ich vermuthete, auf der Grenze der beiden Staaten, und in weniger als einer Viertelſtunde kamen wir zu einem freien Raume gerade am Rande des Sumpfes, — 109— wo, obgleich der Mond aufgegangen war, und ich mich nach allen Seiten umſehen konnte, ich doch Nichts erblickte, was der erwähnten Hütte glich. Sie ging indeſſen noch hundert Schritte entſchloſſen weiter und wendete ſich dann um ein kleines Gebüſch, wel⸗ ches bisher eine niedrige Hütte von roh behauenen Baumſtämmen, die man übereinander gelegt, um die Wände zu bilden, vollſtändig verborgen hatte. Sie ſchien mit Baumzweigen und Rohr gut gedeckt zu ſein und hatte zwei Fenſter oder vielmehr Oeffnungen und eine Thüre, wodurch ſie faſt das Anſehen eines Hauſes erhielt, welches man den Kindern zur Unter⸗ haltung vorzuzeichnen pflegt. „Ahl hier iſt es!“ rief Tante Jenny.„Dies iſt der Ort, wo der alte Habakuk ſo lange gewohnt, denn er wollte nicht unter Mr. Thornton ſtehen, als die alte Dame ſtarb. Maſter Thornton konnte ihn nie finden, und wir ſagten kein Wort. Der alte Mann bauete die Hütte ſelber mit ſeinen eigenen Hän⸗ den. Ein ſehr hübſcher Mann war er und machte ſich Alles ſehr bequem hier. Ich denke, er hat ſein altes Bettgeſtell noch hier, ſo daß Sie und Miß Beſſy ſich niederlegen und ſich ausruhen können.“ Jetzt waren wir vor der Thüre angekommen und Jenny war im Begriff, ſie zu öffnen, als ich den Vorſchlag that, daß es beſſer ſein würde, ein wenig — 110— Licht zu haben, ehe wir hinein gingen, wenn ſie im Stande wäre, es anzuzünden. „O ja,“ ſagte Jenny,„ich habe Feuerſtein und Stahl mitgebracht. Geben Sie mir ein wenig Pul⸗ ver, Herr, auf den Docht dieſer Kerze, und wir wer⸗ den bald Licht haben.“ Ich that, was ſie wünſchte, und nachdem ich Beſſy vom Pferde gehoben, nahm ich das Licht, wel⸗ ches jetzt angezündet war, und ging in die Hütte. Ich muß ſagen, ſie hatte ein viel weniger troſtloſes und ver⸗ laſſenes Ausſehen, als das Haus des Mr. Thornton. Der Mann, der die Hütte erbaut hatte, mußte viel Geſchicklichkeit, Geſchmack und Ausdauer beſeſſen ha⸗ ben. Er hatte ſie in zwei Zimmer getheilt, alle Spalten zwiſchen den Holzblöcken mit Moos und Lehm verſtopft, zwei Fenſterläden für die Fenſter und eine dichtſchließende Thüre verfertigt. Aus den Zwei⸗ gen der Bäume und der umgefallenen Stämme in der Nähe hatte er vier Sitze und einen Tiſch für das äußere, und ein Bettgeſtell für das innere Gemach ver⸗ fertigt.. Obgleich dem Sumpfe ſo nahe, ſah man doch keinen Nebel oder Feuchtigkeit in der Nähe der Hütte, und ich freute mich herzlich, daß Beſſy, ungeachtet der Aermlichkeit des Ortes, ein Obdach für die Nacht erhalte. Sie und Tante Jenny waren mir jetzt in die Hütte gefolgt, und indem ich das liebe Mädchen auf einen von den rohen Stühlen niederſitzen ließ, ſtrich ich ihr das Haar aus der Stirn und ſah ihr ins Geſicht, um zu beobachten, welche Veränderungen alle die Mühſeligkeiten und Anſtrengungen, welchen ſie ausgeſetzt geweſen, bei ihr hervorgebracht. Sie ſah freilich blaß und ermüdet, aber nicht krank aus, und meine ängſtliche Beſorgniß begreifend, nahm ſie meine beiden Hände ſanft in die ihrigen und ſagte: „Ol ich werde bald wieder ganz wohl ſein, lie⸗ ber Richard. Die Ruhe und Stille von einigen Ta⸗ gen iſt Alles, was ich bedarf, und dann werde ich wieder eben ſo wohl und naſeweis ſein, wie immer. Aber ſieh lieber nach den Pferden, damit ſie nicht weglaufen.“ Aber dazu hatten ſie in der letzten Zeit zu viel Anſtrengung gehabt und da ſtanden ſie noch mit nie⸗ derhängenden Köpfen vor der Thüre der Hütte, als ich hinausging. Die Sättel und Zäume abnehmend, band ich ihre Füße mit den Steigbügelriemen nicht allzu feſt zuſammen, überließ es ihnen dann, wäh⸗ rend der Nacht für ſich ſelber zu ſorgen, kehrte in die Hütte zurück und machte die Thüre zu. Ungluͤcklicher⸗ weiſe war kein Schloß oder Riegel daran; aber ich hatte mich bereits entſchloſſen, aufzubleiben und zu wachen, ſo daß der Mangel der Befeſtigung nicht viel ſchadete. Mittlerweile hatte ſich Tante Jenny umher be⸗ ſchäftigt und dem Orte in der That ein etwas wohn⸗ licheres Anſehen verliehen. Sie hatte einiges Reiſig vor der Thüre aufgehoben und ein kleines Feuer auf dem flachen Steine, der als Heerd diente, angezündet, die Kerze in eine Oeffnung im Tiſche, welche ſchon früher als Leuchter gedient, geſteckt und einen von den Kienſpähnen an der Wand befeſtigt, wodurch das Licht in dem Gemache noch vermehrt und ein für mich aromatiſcher Geruch von dem brennenden Harze hinzugefügt wurde. Mich an Beſſys Seite ſetzend, nahm ich ihre Hand in die meine und ſagte: „Noch eine Nacht, Theuerſte, noch eine unbe⸗ queme Nacht, und dann, hoffe ich, werden alle unſere ſtürmiſchen Stunden vorüber ſein, und die Erinnerun⸗ gen daran werden nur einem beunruhigenden Traume gleichen. Wäre es nicht beſſer, wenn Du Dich nie⸗ derlegteſt, um ein wenig zu ſchlafen? Wir können leicht einige Blätter und trockenes Gras herbeiſchaffen, um ein ziemlich gutes Lager für Dich zu bereiten.“ „Ja, thun Sie es, Miß Beſſy,“ ſagte die alte Jenny.„Es wird dieſe Nacht ein Ungewitter kom⸗ men. Schlafen Sie lieber, ehe der Donner ſich hö⸗ ren läßt, und dann werden Sie nicht davon er⸗ wachen.“ „Gehen Sie mit hinein und ſchlafen Sie auch, — 113— Jenny,“ ſagte ich.„Sie müſſen auch ermüdet ſein, arme Frau! Ich will hier bleiben und bis zum Morgen wachen. Dann will ich Sie wecken und Sie ſollen uns ein Frühſtück machen, ehe wir unſern Weg antreten.“ „Ich bin in der That nicht im Geringſten ſchläf⸗ rig* ſagte Beſſy lächelnd.„So betäubt und gefühl⸗ los bin ich geworden von Allem, was geſchehen iſt, daß ich dieſen Morgen, als man mich zu dem alten Hauſe brachte, und ich bemerkte, daß ich nicht heraus⸗ kommen könne, feſt einſchlief und wahrſcheinlich noch nicht wach war, als Du ankamſt. Ich will eine oder zwei Stunden aufbleiben und mit Dir wachen; Jenny aber ſollte ſich lieber niederlegen und ſchlafen, denn ich bin gewiß, ſie muß deſſen bedürfen.“) „Ich denke es auch,“ antwortete die gute Frau. „Rufen Sie mich nur und ſchlafen Sie dann ſel⸗ ber auch, mein Liebling; aber wir wollen uns auf jeden Fall bei Tagesanbruch auf den Weg ma⸗ chen.“ Jenny war etwas delicater in Hinſicht ihres Bettes, als die meiſten Leute ihrer Farbe. Indem ſie zweimal bis an den Rand des Sumpfes ging, brachte ſie mehrere Bündel trockene Binſen herbei. Je⸗ desmal, wenn ſie zurückkehrte, ſchüttelte ſie ihren Kopf und ſagte: „Das Gewitter wird ſehr bald losbrechen. Es Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 8 — 114— ziehen mächtige Wolken herauf; ich hoffe nur, daß das Waſſer nicht hereindringen wird.“ Endlich waren alle ihre Vorbereitungen vollendet, und ſich mit einem angezündeten Kienſpahne in der Hand in die innere Zelle zurückziehend, machte ſie die Zwiſchenthüre zu und ließ Beſſy und mich allein. Ich zog meinen Stuhl nahe zu dem ihrigen hin, ſchlang meinen Arm um ſie und ließ ihren Kopf an meiner Bruſt ruhen, wie ich es ſchon ſeit zwei Näch⸗ ten gethan hatte. Ich drückte auch meine Lippen auf die ihrigen und zog ſie näher an mein Herz. Ich ſagte ihr, wie ängſtlich und voll Schrecken ich geweſen, als ich gefunden, daß ſie ſich von dem Orte entfernt, wo ich ſie verlaſſen— welch' eine Nacht und welch' einen Tag der Beſtürzung und Un⸗ ruhe ich erlebt, und wie ich gewünſcht, Alles, was ihr begegnet, von ihren eigenen lieblichen Lippen zu hören. „Ol ich will Dir Alles erzählen,“ ſagte Beſſy. „Ich wollte, ich könnte es einen Sommernachtstraum nennen, lieber Richard; aber dazu iſt es zu wirklich und zu ſchrecklich. Indeſſen wird eine halbe Stunde von der Nacht darüber vergehen und ſo ſollſt Du es hören.“ Achtes Kapitel. Beſſy's Erzählung. Du erinnerſt Dich, als Du mich verließeſt, verſprach ich, wenn mich Etwas bewegen ſollte, den Ort zu verlaſſen, einige Stücke Papier oder Fetzen von meinem Taſchentuche auf den Boden zu werfen, um Dir eine Andeutung zu geben, welchen Weg ich eingeſchlagen. Etwa eine Viertelſtunde war Alles ruhig und ſtill, und ich und Jenny und das Mädchen Mi⸗ nerva, ſaßen da und plauderten und horchten von Zeit zu Zeit auf Deine Rückkehr. Endlich kam eine von den anderen Mulattenfrauen von dem Orte her, wo ſie das Feuer angezündet hatten, um uns zu ſagen, daß ihre Mahlzeit fertig ſei. Als ſie mich und Jenny ſah, lud ſie uns ein, auch daran Theil zu nehmen. Wir lehnten es indeſſen ab und Minerva ging und verließ uns. 8* — 116— Aber eine oder zwei Minuten waren kaum ver⸗ gangen, als wir ein entferntes Geräuſch von Pferde⸗ hufſchlägen vernahmen und dann mehrere Leute in nicht weiter Entfernung laut reden hörten. Ich fuhr empor und bereitete mich zu fliehen;z aber Jennys ſcharfe Ohren hatten die Stimmen beſſer vernommen, als ich, und ſie ſagte: „Dies ſind weiße Männer!“ Ich horchte und überzeugte mich, daß ſie Recht hatte, und nach einiger weiteren Unterredung zwiſchen den Angekommenen und den Mulattenfrauen, ſahen wir ſieben oder acht weiße Männer herbeikommen, die von Minerva geführt wurden. Ein Mann ging voran, den ich kannte, der mir aber nie beſonders gefiel; und lieber hätte ich irgend eine andere Begleitung gehabt. Bei dieſer Gelegenheit aber benahm er ſich ganz ruhig und ſagte mir, ſein Trupp würde mich an einen ſicheren Ort bringen; ſie hätten mehrere Pferde mit Damenſätteln bei ſich; aber da es ſpät werde, müſſe ich ihn ſogleich begleiten. Ich benachrichtigte ihn dagegen, daß Du gegan⸗ gen wäͤreſt, um zu ſehen, ob der Weg nach Jeruſalem frei ſei, und daß ich mich nicht eher entfernen könne, als bis Du zurückkämeſt. Er ſagte, er könne nicht ſo lange warten, da er mehrere andere junge Damen aus verſchiedenen Häuſern an der Straße abzuholen habe; aber er müſſe darauf beſtehen, daß ich nicht — 117— länger der Gefahr von den geſetzloſen Schurken aus⸗ geſetzt bleibe, die ſich hier umhertrieben; zu gleicher Zeit verſprach er mir, daß Du Nachricht von meiner Abreiſe und meiner Sicherheit haben ſollteſt, und daß er zu dem Zwecke einen oder zwei von ſeinen Leuten auf dem Platze zurücklaſſen wolle. Ich hörte ſelber, wie er den Befehl ertheilte und ich glaube, eer hatte zu der Zeit eine redliche Abſicht, obgleich er ſich ſpä⸗ ter nicht mehr redlich benahm. Wenn ich unrecht handelte, ſo verzeihe mir, lie⸗ ber Richard, obgleich ich mir ſelber kaum habe ver⸗ zeihen können, da ich wußte und fühlte, was Du mußteſt gelitten haben. Iſt nicht das eine thörichte Rede, Richard? Aber Du ſiehſt, wie ich auf Deine Liebe rechne und nicht darauf achte, daß Du es ſiehſt. Ich hielt mich überzeugt, daß Du es bald er⸗ fahren und Dich beruhigen würdeſt; und ſo gingen ich und Jenny mit dem Oberſten Halliday und ſeinem Trupp zu dem Wege zur Rechten, wo wir alle die Pferde und noch ein halbes Dutzend Männer fan⸗ den. Als wir dort ankamen, ſaßen wir ſogleich auf; aber die Männer warteten noch einige Minuten und ſchienen eine Anordnung zu beſprechen. Endlich ſchwan⸗ gen ſie ſich auf ihre Pferde und Halliday und fünf von den Leuten ritten nach der einen Richtung, wäh⸗ — 1418— rend die Uebrigen eine andere einſchlugen, und mich und Jenny mit ſich nahmen. Wir waren noch keine Viertelmeile weiter gekom⸗ men, als der alte William Thornton, Robert's Vater, an meine Seite geritten kam. „Nun, Couſine Beſſy,“ ſagte er,„wir wollen für Ihre Sicherheit ſorgen. Wir wollen Sie an ei⸗ men ſichern Ort bringen. Welch ein Glück, daß Sie aus Beavors entkamen! Alle Uebrigen wurden ja er⸗ mordet.“ .„Ich verſtand von Oberſt Halliday, er wolle mich nach Jeruſalem bringen,“ verſetzte ich,„und dies iſt gerade die entgegengeſetzte Richtung, Mr. Thornton.“ „Ol Sie mißverſtanden ihn,“ verſetzte der alte Mann;„Sie können nicht nach Jeruſalem kommen und er auch nicht. Der Weg iſt im Beſitz der Ne⸗ ger. Es ſind über vierhundert von ihnen dort.“ Anfangs bekam ich einen Schreck, Richard, und dachte an Dich, wie Du durchkommen würdeſt; dann aber ſagte mir Etwas in meinem Herzen, daß die An⸗ gabe falſch ſei. Ich kannte den Mann. Ich wußte, welch ein Schurke er war und wie er ſich bemüht hatte, mich als Kind in ſeine Gewalt zu bekommen, und dann bemächtigte ſich meiner eine große Furcht. Ich war jetzt in ſeiner Gewalt. Ich zweifelte nicht, daß die Leute, die ſich bei ihm befanden, ſämmtlich — 1419— ſeine Creaturen waren; und nach einigen Minuten glaubte ich, es würde am beſten ſein, ihm ruhig zu folgen, wohin er mich bringen wolle, denn ich glaubte in dieſem geſetzlichen Lande würde er keine Gewalt⸗ thätigkeit wagen, oder mir etwas zu Leide thun. Ich hatte auf jeden Fall die Piſtole, die Du mir gegeben, und in dem Augenblick betrachtete ich ſie in der That als einen Schatz. 1 Er fuͤhrte mich in ſein eigenes Haus, brachte mich dort in ein ganz hübſches Zimmer und ſagte, er wolle mir etwas zum Abendeſſen hinaufſchicken. Er war die ganze Zeit über außerordentlich höflich und entſchuldigte ſich, daß er mich nicht in das Beſuch⸗ zimmer bringe, weil ſein Sohn Robert ſich dort be⸗ finde, der noch nicht ganz hergeſtellt ſei. Gleich darauf brachte mir ein Negermädchen Licht herein, denn jetzt war es völlig dunkel. Dann kam das Abendeſſen und Wein, wovon ich ziemlich viel trank, denn ich war ſchwach und matt und fühlte die Nothwendigkeit, meinen Muth zu ſtärken. Kaum war das Abendeſſen vorüber, als William Thornton und ſein Sohn hereinkamen. Der Vater hielt einige Pa⸗ piere in der Hand und der Sohn ſetzte ſich, nachdem er einige höfliche Worte geſprochen, in geringer Ent⸗ fernung von mir und der Thüre nieder. „Nun, Conſine Beſſy,“ ſagte der Vater,„ich denke, nach allen Ihren Anſtrengungen und Ihrem Schrecken werden Sie dieſe Nacht gut ſchlafen. Sie ſind ganz ſicher hier, denn wir haben drei weiße Män⸗ ner im Hauſe, Irländer, die jeden niederſchießen wer⸗ den, wenn ich es ihnen befehle; ſo dürfen Sie alſo nicht im Geringſten unruhig ſein.“ „Ich bin durchaus nicht beunruhigt,“ antwortete ich, obgleich ich geſtehen muß, daß es eine große Unwahrheit war.„Wiſſen Sie nicht, Mr. Thornton, daß ſehr viel dazu gehört, mich zu beunruhigen?“ Der Greis ſah ein wenig verlegen aus bei mei⸗ ner Antwort; aber er ſagte: „Nun, nun, wir wollen Sie bald verlaſſen, da⸗ mit Sie ſchlafen können, nur ſind noch einige alte Rechnungen zwiſchen Ihnen und mir abzuſchließen, Couſine Beſſy, noch von der Zeit her, als ich die Verwaltung Ihres Vermögens hatte, und ich denke, es wäre beſſer, jetzt damit zu Ende zu kommen. Ich wünſche nur, daß Sie dieſe Quittungen unterzeichnen mögen. Sie ſind alle richtig, wie Sie ſehen können. Gib mir die Dinte, Robert; hier iſt eine Feder.“ Robert Thornton brachte die Dinte von dem Ka⸗ mingeſims herbei und ſein Vater legte mir die Pa⸗ piere vor. Ich achtete nicht viel darauf; aber an ei⸗ ner Stelle bemerkte ich die Worte:„Für die Summe von dreißigtauſend Dollars, deren Empfang hierdurch beſcheinigt wird.“ Ich ſchob die Papiere ſogleich zu der anderen Seite des Tiſches hinüber und ſagte: „Mr. Thornton, ich will durchaus keine Papiere, als in Gegenwart des Mr. Hubbard und des Mr. Henry Thornton, unterzeichnen; und wenn dieſe Pa⸗ piere richtig ſind, ſo kann ich nicht einſehen, warum Sie mir gerade in dieſem Augenblick und unter ſol⸗ chen Umſtäͤnden ſie vorlegen.“ „Der Grund, weshalb ſie Ihnen jetzt vorgelegt werden, Miß Davenport,“ ſagte Robert Thornton mit ſeinem kalten Spotte,„und der Grund, warum ich darauf beſtehen werde, daß Sie ſie ſogleich unterzeich⸗ nen, liegt in denſelben Umſtänden, die Sie nicht er⸗ wähnen, nämlich, daß Sie im Begriff ſind, einen Mann zu heirathen, deſſen Vater Sie Ihres Vaters beraubte und der ſelber mir beinahe das Leben nahm. Wenn dies nicht vor Ihrer Trauung unterzeichnet wird, ſo müſſen und werden ſich Schwierigkeiten er⸗ heben, die, wie ich entſchloſſen bin—“ „Halt, halt, Beſſy!“ rief ich, ihre Erzählung unterbrechend;„laß mich das noch einmal hören.“ „Nicht jetzt, Richard, nicht jetzt,“ ſagte ſie leb⸗ haft,„er erwähnte Deines Vaters, des Sir Richard Conway, aber die Erwähnung machte mich faſt wild, und ich fürchte, ich zeigte mich als einen ſolchen Dra⸗ chen, daß Du nie wünſchen würdeſt, mich zu heirathen, wenn Du mich damals geſehen hätteſt.“ — 122— 22 Ich nahm die Papiere und zerriß ſie in tauſend Stücke und ſagte dann mit ſo zornigen Blicken, wie ich nur anzunehmen vermochte, obgleich ich kaum, ohne zu lächeln, daran denken kann: „Verlaſſen Sie das Zimmer, meine Herren, und wagen Sie nicht wiederzukommen!“ Der alte Mann ſtand auf und zöog ſich zurück; aber der jüngere behauptete ſeinen Stuhl und ſagte kalt: „Die Papiere ſind bald wieder geſchrieben; und obgleich es mir leid iſt, Sie am Schlaſen zu verhin⸗ dern, werden wir ſie doch in einer Viertelſtunde wie⸗ der zurückbringen.“ „Dann hören Sie mich an, Mr. Robert Thorn⸗ ton,“ antwortete ich, die Piſtole hervorziehend;„den erſten Mann, der es wagt, ſich wieder in dieſes Zim⸗ mer einzudrängen, werde ich niederſchießen, ehe er ſei⸗ nen Fuß über die Schwelle ſetzt, und dies zerriſſene Papier wird den Grund zeigen, warum. Verlaſſen Sie augenblicklich das Zimmer, meine Herren.“ Sie verließen das Zimmer— der ältere Herr zeigte einige Furcht. Aber, mein lieber Richard, ich prahlte nur während dieſer Zeit; und wenn ich auch zweimal ſo groß ausſah, als ich wirklich bin, und zweimal ſo laut ſprach, als ich es je in meinem Leben gethan, ſo war ich die ganze Zeit über ſo erſchrocken, daß ich faſt von Sinnen war. Das nächſte Unange⸗ — 123— nehme war, ſie die Thür verſchließen zu hören; aber, dem Himmel ſei Dankl es befand ſich ein großer Rie⸗ gel an der innern Seite, und wenn ſie mich drinnen zurückhielten, war ich entſchloſſen, ſie draußen zu hal⸗ ten, oder ich glaubte wenigſtens, daß bald Hilfe kommen müſſe, da zu viele Leute wußten, daß ich dort war, um mich lange verbergen zu können. Es iſt unnöthig, Dir alle die kleinen Ereigniſſe jener Nacht mitzutheilen. Ich wollte Niemand, als die Dienerin, ins Zimmer laſſen, und ich mußte im⸗ mer gewiß ſein, daß nur Eine Perſon die Treppe heraufgekommen war, ehe ich die Thüre öffnen wollte. Aber die Unbequemlichkeiten jenes Abends waren Nichts gegen das Entſetzen des nächſten Morgens. Wie ſpät es war, weiß ich nicht, denn ich hatte meine Uhr bei den armen Stringers zurückgelaſſen, aber ich vermuthe, es muß um neun oder zehn Uhr geweſen ſein, als ich hinter den Jalouſieladen am offenen Fenſter ſaß, und fünf oder ſechs Neger auf das Haus zukommen ſah. Als ſie ſich näherten, er⸗ kannte ich ſogleich mehrere von ihnen als die Diener der armen Tante Beb, und ich ſah einen großen Mann, den ich ſehr wohl kannte, vortreten und an die Thüre klopfen, worauf er ſich fünf oder ſechs Schritte weit vom Hauſe entfernte, und ich hörte die Stimme des alten William Thornton aus einem Fenſter deſſelben Stock's, wo ich mich befand, mit ihm reden. „Geht fort— geht dieſen Augenblick fort,“ rief der alte Mann,„oder ich ſchieße auf Euch! Keiner von Euch Schurken ſoll in mein Haus kommen. Hier, Pat Maerea, bringe meine Flinte und hole Deine eigene herbei. Bob, Bob,“ fuhr er fort, über den Gang rufend,„hier iſt eine ganze Bande von den Negern aus Beavors, um ſie zu befreien.“. „Feure auf ſie— feure auf ſie!“ rief mein würdiger Vetter Robert mit einem Fluche.„Du kannſt ſagen, Du hätteſt geglaubt, ſie wollten das Haus angreifen. Ich werde in einer Minute bei Dir ſein.“ Du kannſt Dir vorſtellen, wie ſehr ich erſchrak, Richard, aber ich ſteckte meinen Kopf heraus und ſah den alten Mr. Thornton und einen von den Irlän⸗ dern ſich mit Flinten in den Händen aus den beiden Fenſtern lehnen. Gerade in dem Augenblick rief der arme Herecules: „Um des Himmelswillen, ſchießen Sie nicht auf uns, Mr. Thornton! Wir wünſchen nur mit Miß Beſſy zu ſprechen.“ „Geht fort!“ rief der Greis.„Sie iſt nicht hier, ſage ich Euch.“ „Eil ich ſehe ſie ja jetzt dort!“ rief der Neger. In demſelben Augenblick kam Robert Thornton an das Fenſter und rief: — 125— „Fort mit Euch, Ihr Schurken!“ Dann ſagte er etwas mit leiſer Stimme zu ſeinem Vater und legte die Flinte an. „Schämen Sie ſich, Mr. Thornton— ſchämen Sie ſich!“ rief ich ſo laut ich konnte. Aber es hatte keine Wirkung; Alle Flinten wur⸗ den faſt zugleich abgefeuert, aber der arme Hercules blieb auf dem Platze, bis die Uebrigen ihn forttru⸗ gen. Ich glaubte ohnmächtig zu werden und die entſetzliche That, die ſie gethan, ſchien die anderen Leute im Hauſe erſchreckt zu haben. Ich hörte ſie laut und lebhaft reden und aus den einzelnen Worten ihrer Unterredung erkannte ich, wie es ſie am meiſten in Schrecken ſetzte, daß ich Zeugin ihres Verfahrens geweſen. „O! der alte Teufel kann keinen Schaden an⸗ richten,“ ſagte Robert Thornton.„Sie iſt eine Ne⸗ gerin und Selavin und ihr Zeugniß iſt ungültig. Aber dieſes Mädchen müſſen wir über die Grenze ſchicken, und ſie dort laſſen, bis die Sache beendet iſt. Das Gericht ſitzt am Donnerſtag über acht Tage.“ „Aber, wie ſollen wir ſie bewegen zu gehen?“ fragte der alte Mr. Thornton. „Ich will ſie ſchon dazu bewegen,“ ſagte Ro⸗ bert Thornton mit Bitterkeit.„Hier, Pat,“ fuhr er fort.„Du und Dan werdet Euch nicht fürchten, — 126— mir in das Zimmer des Mädchens zu ſolgen, ob⸗ gleich ſie eine Piſtole hat. Ich will zuerſt hinein⸗ gehen und ſie kann nur auf einen von uns ſchießen.“ „Ich fürchte mich nicht im Geringſten,“ ant⸗ wortete der Mann.„Wir wollen ſie bald überwälti⸗ gen, welcher Teufel auch in ihr ſein möge. Aber Sie werden ihr nichts zu Leide thun, Mr. Thorn⸗ ton; ich kann es nicht mit anſehen, wenn einem Frauenzimmer etwas zu Leide geſchieht.“ Dieſe Unterredung wurde ganz nahe vor meiner Thüre geführt, und ich muß geſtehen, Richard, ich empfand große Furcht. „Mr. Thornton!“ rief ich,„Mr. Thornton, reden Sie mit mir durch die Thüre. Ich weiß, was Sie fürchten und was Sie wollen, und ich will friedlich gehen, wohin Sie es wünſchen, denn ich will nicht das Blut eines Vetters vergießen.“ „Nun, ſo öffnen Sie den Riegel,“ ſagte Ro⸗ bert Thornton,„und laſſen Sie uns eintreten.“ „Nein, nein,“ antwortete ich,„ich will meine Bedingungen machen. Niemand ſoll hereinkommen und Niemand mich anrühren. Laſſen Sie die Pferde vor das Haus bringen, und ich will ganz ruhig die Treppe hinuntergehen und aufſitzen, wenn Sie mir verſprechen wollen, daß ſich mir Niemand bis auf zwei Schritte nähern ſoll. Verſprechen Sie mir das?“ „Ja,“ antwortete Robert Thornton,„Niemand wird in Ihre Nähe kommen, Miß Beſſy, oder Ih⸗ nen etwas zu Leide thun.“ „Sehr gut,“ antwortete ich,„ich will Ihrem Verſprechen trauen. Aber bedenken Sie, wenn mir Jemand nahe kommt, ſchieße ich ihn nieder, ſo wahr mein Name Davenport iſt, und die Folgen kommen über Ihr Haupt. Nun, bringen Sie die Pferde und entfernen Sie ſich von der Thüre.“ Drei Pferde wurden ſogleich gebracht, und es kam Jemand und ſchloß die Thüre auf. Ich hörte ihn wieder die Treppe hinuntergehen, dann öffnete ich die Thüre und ging, die Piſtole in der Hand, hinun⸗ ter. Ich war bemüht, nicht zu zittern, Richard, und ich glanbe keiner von ühnen ſah, wie ſehr ich erſchrocken war, denn ich hörte den alten Mann ſagen, als ich vor dem Hauſe ankam: „Welch' ein Teufel ſie iſt!“ Er wußte nicht, wie muthlos ich in dem Au⸗ genblick war. Als ich mich dem Pferde näherte, worauf man den Damenſattel gelegt hatte, erbot ſich Robert Thornton, mir zu helfen; doch fürchtete ich noch immer, er würde mir die Piſtole wegnehmen, und ich ſagte ihm, er ſolle zurücktreten. Ohne weitere Unterredung machten wir uns auf den Weg, ſobald ich aufgeſtiegen war; ein Neger ritt voran und ein zweiter folgte nahe hinter mir. Kei⸗ 1 ner von den weißen Männern begleitete uns, aber ich hörte, wie der alte Mr. Thornton dem Manne, wel⸗ cher folgte, ſtrenge Befehle ertheilte, als wenn ich wegen eines Verbrechens gefangen gehalten werden ſollte. Er endete mit den Worten: „Bedenke wohl, wenn ſie davonkommt, haue ich Dich in Stücke; darum ſieh Dich gut vor.“ Auf dieſe Weiſe wurde ich zu dem Hauſe ge⸗ bracht, wo Du mich gefunden und dort in das elende Zimmer eingeſchloſſen, von dem alten Samuel und einem jüngeren Neger, den ich ſeitdem nicht wiederge⸗ ſehen, bewacht. „Und nun, mein lieber Richard,“ ſagte Beſſy, nachdem ſie ihre Erzählung beendet hatte,„halte mich nicht für eine große Prahlerin. Wenn ich an Alles denke, was ich geſagt und gethan, fühle ich mich faſt beſchämt, und wenn ich ſpäter daran denke, werde ich ohne Zweifel dabei erröthen.“ „Ei, theuerſte Beſſy,“ antwortete ich, indem ich ſie an mich drückte,„was konnteſt Du thun? Die ſanfteſten Herzen ſind nicht immer ohne Muth.“ „Aber haſt Du nicht zuweilen mein Herz für kalt gehalten, Richard?“ fragte Beſſy;„ſo kalt, daß ich Dir ohne Veranlaſſung Schmerz verurſachen konnte. O! Du weißt nicht, wenn ich Dir Schmerz bereitete, — 129— welche Qual ich mir ſelber dadurch auferlegte! Ich drückte ſie feſter an meine Bruſt und küßte ſie wieder⸗ holt, bis ſie ſich faſt fürchtete, und rief: „O Richard, erinnere Dich, daß nichts verän⸗ dert iſt!“. „Ja, Theuerſte, antwortete ich, Alles iſt ver⸗ ändert. Ein kleines Wort, welches Du geſprochen, gibt mir die Verſicherung, daß es nie nöthig ſein wird oder daß Du nie glauben wirſt, daß es nöthig iſt, mir oder Dir ſelber Schmerz zu verurſachen.“ Ich wollte zu reden fortfahren, aber ein ſo hef⸗ tiger Donnerſchlag brach über unſeren Köpfen los, daß ſie wie ein ſchuldiges Weſen aus meinen Armen fuhr, und dann verhinderte ein Ereigniß nach dem anderen jede weitere Erklärung. . Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 9 Neuntes Kapitel. Es nat eine augenblicklich Pauſe ein. Mit ein⸗ ander beſchäftigt, wie wir es waren, hatten wir den Blitz nicht geſehen, der dem Donner voranging, oder zugleich mit ihm erſchien; aber ehe ich Beſſy überre⸗ den konnte, ſich wieder zu mir niderzuſegen, blendete ein Blitz, der durch jede Spalte der Hütte ſchimmerte, unſere Augen, und es folgte ein Schlag, gerade über unſeren Köpfen, als wenn ein Felſengebirge umge⸗ ſtürzt wäre, welcher rings umher im Walde wieder⸗ hallte und deſſen betäubendes Krachen Alles übertraf, was ich je auf dem indiſchen Ocean gehört hatte. Dann kam das Rauſchen des Regens, der zuerſt ſchwer auf das Dach niederplätſcherte und dann mit einem anhaltenden Geräuſch, gleich einem Waſſerfall, nieder⸗ ſtrömte. Die ſchwache Decke über uns konnte der Fluth nicht widerſtehen, und hier und da begann das Waſſer, beſonders in der Nähe der Wände, auf den Boden niederzufließen. Der Raum um den Tiſch blieb freilich frei; aber da ich fürchtete, daß unſere arme braune Begleiterin in dem anſtoßenden Zimmer leiden möchte, ehe ſie es gewahr würde— denn Neger und Mulatten erwachen nicht leicht— wagte ich hin⸗ einzublicken. Jenny hatte den Donner nicht gehört; ebenſo⸗ wenig hatte der Blitz auf ihre Augen Eindruck ge⸗ macht. Sie ſchlief ſo feſt, als ob kein Kampf der Elemente vorgehe, und als wären keine anderen Ge⸗ fahren in der Nähe. Aber das Dach über jenem Zimmer war feſter gebaut und der Regen nicht ein⸗ gedrungen. Als ich mich darüber beruhigt hatte, kehrte ich in das andere Zimmer zurück, ſetzte mich wieder zu Beſſy und legte meine Flinte, ſowie die Piſtole, auf den Tiſch, wo ich darauf ſehen konnte, daß ſie nicht naß wurden. Ich war keinen Augenblick zu früh zurückgekehrt, denn ich hatte noch keine Zeit gehabt, ein Wort aus⸗ zuſprechen, als die Thüre der Hütte aufgeriſſen wurde und eine dunkle Geſtalt ſich in der Oeffnung zeigte. Bei dem erſten Impulſe ergriff ich meine Flinte, richtete ſie auf die Thüre und rief:„Halt!“ wäh⸗ rend Beſſy ſich mit erſchrockenem Blicke auf ihrem 9* — 132— Stuhle niederbückte, aber ohne zu ſprechen oder ſich zu bewegen. „Halt!“ rief ich wieder, als der Mann einen Schritt vorwärts that,„halt! oder ich feuere! Was wollt Ihr?“ „Obdach— Nahrung!“ antwortete der Neger. „Feuern Sie, wenn Sie wollen! Es liegt mir wenig daran!“ Während er ſprach, bemerkte ich bei dem trüben Lichte, daß es der Anführer der blutdürſtigen Bande ſei, der über ſo manche glückliche Familie Trauer und Elend gebracht hatte. „Bleibt einen Augenblick zurück,“ ſagte er, ſich zu Jemand draußen wendend. Dann trat er mir wieder gegenüber und fügte hinzu:„Ich bin dem Verhungern nahe, und ſo auch Die, welche bei mir ſind. Gottes Stürme toben durch den Wald. Wollen Sie mir Etwas zu eſſen geben? Wollen Sie mir und den Meinigen hier ein Obdach geſtatten, bis dieſe Sündfluth vorüber iſt? Bei meinem Leben, es ſoll Ihnen Nichts zu Leide geſchehen. Wenn nicht, ſo feuern Sie, und Sie werden finden, daß Sie den Einzigen getödtet haben, der Sie beſchützen konnte.“ „Wollt Ihr ſchwören bei dem Gott, den Ihr anbetet, und der Euch, wie Ihr Euch einbildet, ge⸗ führt hat,“ ſagte ich,„daß weder Ihr, noch Euere Begleiter, Gewalt gegen uns anwenden und daß Ihr * — 133— die Hütte verlaſſen wollt, ſobald der Sturm vorüber iſt— ja, daß Ihr Euch nicht von jener Seite der Hütte entfernen wollt, während Ihr hier ſeid?“ „Ich ſchwöre es,“ antwortete er.„Aber auch Sie müſſen verſprechen, daß Sie mich nicht verrathen wollen.“ Ich dachte einen Augenblick nach; aber die Rück⸗ ſicht für Beſſy's Sicherheit gewann die Oberhand, und ich legte das Verſprechen ab. „Wer iſt in dem anderen Zimmer?“ fragte er, indem er das Licht durch die Spalte in der Thüre ſchimmern ſah. „ Nur eine Perſon,“ antwortete ich,„die unter meinem Befehle ſteht. Ihr ſeid völlig ſicher, wenn Ihr Euren Eid haltet. Wenn aber nicht, ſo habe ich wenigſtens drei Leben in meiner Gewalt.“ „Ich habe bei dem Allmächtigen geſchworen,“ ſagte der Mann jin faſt unwilligem Tone. Dann wendete er ſich wieder zu der Thüre und rief:„Kommt herein!“. Zwei andere Neger erſchienen ſogleich hinter ihm; da alle drei bewaffnet waren, ſo hatte ich im Fall eines Kampfes einen ſchlimmen Stand. Ich vertraute indeß meiner Anſicht von dem Charakter des Mannes; denn obgleich er von allen Klaſſen in der Stadt mit Schmähungen überſchüttet worden war und ſeine Thaten während der letzten Tage gewiß von der rohe⸗ — 134— ſten und grauſamſten Art geweſen waren, ſo war ich doch zu einem Schluſſe gekommen, den Nichts er⸗ ſchüttern konnte, daß allen ſeinen guten und böſen Handlungen ein abergläubiſcher Fanatismus zu Grunde liege. Auch hatte ich keinen Grund, nach ſeinem Be⸗ nehmen gegen aniih meine Meinung zu verändern. Er ſchwur bei dem Weſen, welches er wahnſinniger⸗ weiſe für den Anſtifter und Führer bei allen ſeinen böſen Handlungen hielt, und ich glaubte mit Recht, er würde ſein Wort halten. Er und ſeine beiden Be⸗ gleiter ſahen erſchöpft und ausgehungert aus, und ich halte mich überzeugt, wenn ich ihnen Nahrung und Obdach, deſſen ſie in ihrer verzweifelten Lage bedurf⸗ ten, verweigert hätte, ſo würden ſie ſich nicht nur Beides genommen haben, ſondern auch das Leben Aller in der Hütte dazu. „Hier in dieſem Korbe befinden ſich die einzigen Nahrungsmittel, die ich Euch zu geben habe,“ ſagte⸗ ich.„Nehmt ſie und theilt ſie unter Euch. Wir ſind ſelber nicht gut verſehen, aber Ihr bedürft deſſen mehr, als wir.“ Einer von den Männern ſprang vorwärts, um den Korb zu ergreifen; aber Nat Turner wies ihn ſtrenge zurück und ſagte: „Ich habe verſprochen, daß Ihr keinen Schritt von jener Seite der Hütte vortreten ſollt. Mit Ihrer Erlaubniß, mein Herr, will ich die Speiſen nehmen, denn wir bedürfen derſelben in der That ſehr.“ „Laßt uns auch Etwas übrig— nehmt nicht Alles!“ rief eine Stimme hinter mirz und mich um⸗ wendend, erblickte ich die alte Jenny, die den Donner überhört hatte, aber bei den Lauten der menſchlichen Stimmen erwacht zu ſein ſchien.„Der alte Thornton hätte mich heute beinahe verhungern laſſen, und ich will auch morgen nicht verhungern, ebenſowenig, wie Miß Beſſy oder Mr. Conway.“ Ein grinſendes Lächeln zeigte ſich in Nat Tur⸗ ner's dunklem Geſichte, als er die Kienſpähne aus dem Korbe auf den Boden warf und ſeinen Begleitern mit eigenen Händen das grobe Brod und die geſalzenen Fiſche reichte, die darunter lagen. Er nahm ſelber auch einen kleinen Theil davon, aber weniger, als er ihnen gab; und zuerſt mich und dann Beſſy anſehend, ſagte er: „Ich denke, Sie haben gefunden, daß die weißen Männer eben ſo hart und grauſam ſein können, wie die Neger— aber ohne dieſelbe Urſache.“ Wiaährend er ſprach, rollte er ſeine Augen mit faſt wahnſinnigem Blicke, und fügte dann plötzlich hinzu: „Dieſe Hütte wurde von einem alten Neger als ein Zufluchtsort vor der Grauſamkeit eines Ihrer weißen Männer erbaut. Wenn wir es nicht länger ertragen können, brechen wir auf einen Augenblick los, — 136— zerſtören, tödten und morden, wenn Sie wollen; aber hat Jemand von uns ſo viel Elend verurſacht, ſo viel Unrecht gethan, wie dieſer Mann in ſeinem lan⸗ gen Leben? Wenn wir recht gehandelt, hätte er das erſte Opfer ſein müſſen, welches wir dem Gott der Rache dargebracht. Wir hätten unſere Opfer nach der Gerechtigkeit auswählen ſollen, und vielleicht hat uns darum der Allmächtige ſeine Gunſt entzogen; aber es wird die Zeit kommen, wo er ſie uns wiedergeben wird.“. „Ach, Nat, Nat,“ ſagte Jenny,„ich dachte nicht, daß Du ſo ſchreckliche Dinge thun würdeſt, wie Du gethan— Du, der Du immer ein guter und gottesfürchtiger Mann zu ſein ſchieneſt.“ „Weib! Ich that Gottes Befehl!“ antwortete Nat Turner mit einem wilden und zornigen Blicke; „und ich will ihn noch thun, aber mit mehr Weis⸗ heit.“ Dann verſank er in ein tiefes Nachdenken, rich⸗ tete ſeine Augen auf den Boden und blieb ſtehen, ob⸗ gleich ſeine beiden Begleiter ſich auf den Boden nie⸗ dergeſetzt hatten. 1 8 Alle zwei oder drei Minuten leuchtete der Blitz, der Donner rollte und beſtändig ſtrömte der Regen herab. „Ich wünſchte, theuerſte Beſſy,“ ſagte ich mit leiſer Stimme,„Du möchteſt in das andere Zimmer 1 —-— 137— gehen und Dich ausruhen. Dieſer Mann wird uns ſein Wort halten. Es iſt keine Gefahr.“ „Ich will an Deiner Seite bleiben, Richard,“ antwortete ſie leiſe;„dies iſt mein Platz.“ Es trat eine lange Pauſe ein, und es erhoben ſich in mir ſeltſame und nicht ſehr angenehme Em⸗ pfindungen, wenn ich bedachte, daß drei Männer vor mir ſtanden, die in den letzten achtundvierzig Stunden ihre Hände in das Blut von beinahe achtzig menſch⸗ lichen Weſen getaucht hatten, wovon die meiſten Frauen und Kinder geweſen. Endlich brach Nat Turner das Schweigen und ſagte plötzlich und in düſterem Tone: „Was ſagten Sie mir von dem Zeichen an der Sonne— was Sie eine Sonnenfinſterniß nannten?“ Ich gab ihm dieſelbe Erklärung, wie vorher, in⸗ dem ich ihm ſagte, es wäre eine bloße Naturerſchei⸗ nung, welche zu Zeiten, wie man leicht berechng könne, und in Folge der regelmäßigen Bewegungen der Planeten, geſchehe. „Sollte ich mich geirrt haben?“ murmelte er zwiſchen ſeinen Zähnen.„Nein, nein!“ fügte er in lauterem Tone hinzu;„„die Sonne ſoll ſich in Fin⸗ ſterniß verwandeln und der Mond in Blut vor dem großen und ſchrecklichen Tage des Herrn!““ Es war das Zeichen! Es war das Zeichen! Die Erſcheinung⸗ — 138— und die Prophezeiung können kein Irrthum ſein. Ich ſah ihn, einen Stab in der Hand, zu meiner Rechten ſtehen, und er deutete auf den Himmel und ſagte mir, ich ſolle aufſtehen und handeln. Es ſoll noch erfüllt werden. Aber der Weizen muß vorher von der Spreu gereinigt und das Unkraut ausgerottet werden, und das iſt das Werk des Arbeiters. Wenn auch wenige übrig ſind, die Anderen werden hinzukommen. Thä⸗ tigere Hände, muthigere Herzen, um das mächtige und ſchreckliche Werk des Herrn zu verrichten.“ Seine beiden Begleiter richteten ihre Augen auf ſein Geſicht und betrachteten ihn als einen Be⸗ geiſterten, und ich ſah ſie mit einiger Beſorgniß an, da ich wohl wußte, daß man nie darauf rechnen kann, welche Wendung der Aberglaube nehmen wird. Aber er ging ruhig in eine andere Träumerei über, die beinahe eine halbe Stunde währte, und ſeine Stimmung ſchien durch ſeine eigenen Betrachtungen boſäuftigt zu werden. Ich denke, es hatten ſich ihm ärgerliche Zweifel an der Wahrheit ſeiner Offenba⸗ rungen dargeſtellt; aber jetzt hatte er ſeinen Geiſt durch ſeine eigenen Gründe wieder beruhigt, und ſein Herz fühlte ſich demnach leichter. Das Gewitter, wenn auch ſehr heftig, war von kurzer Dauer. Ehe Nat Turner ſeine Betrachtungen zu Ende gebracht hatte, wurde der Donner ſchwächer und folgte dem Blitze in längeren Zeiträumen. Der — 139— Regen fiel nicht mehr plätſchernd auf das Dach, und der Neger ſagte aufblickend, obgleich ich nicht entdecken konnte, in welcher Verbindung: „War nicht der Mond ſehr roth, als er in die⸗ ſer Nacht aufging?“ „Er war ſchon roth genug in der letzten Nacht,“ antwortete Tante Jenny,„und ich denke, er war in dieſer Nacht noch röther. Aber ich ſah ihn nicht an, Nat; er war um dieſe Zeit ſo roth, wie Blut.“ „Ja, ja,“ entgegnete der Mann in beruhigtem Tone. Dann fügte er nach einem Schweigen von ei⸗ nigen Minuten hinzu:„Es hat aufgehört zu regnen, denke ich, und ich will mein Wort halten.“ Er öffnete die Thüre der Hütte und blickte hin⸗ aus, und wir konnten den Mond über den Sumpf dahinſcheinen ſehen, als er mit den ſich trennenden Wolken kämpfte. Nachdem er eine oder zwei Minuten hinausgeſehen, kehrte er zurück, näherte ſich dem Tiſche und ſagte: „Ich wünſchte, Sie möchten mir ein wenig Pul⸗ ver geben, Sir Richard Conway; ich habe keines mehr.“ „Nicht, und wenn ich mein Leben und Alles, was mir am theuerſten iſt, dadurch retten könnte,“ antwor⸗ tete ich.„Kein Körnchen bekommt Ihr von mir. Ich habe Euch Nahrung und Obdach gegeben, aber Ihr ſollt von mir nicht die Mittel erhalten, Anderen Leid zuzufügen.“ — 140— „So ſei es,“ verſetzte er ruhig.„Vielleicht wird Gott mir geben, was Sie mir verweigern.“ Und indem er ruhig das naſſe Pulver aus der Pfanne ſeiner Flinte warf, ſchüttete er trockenes Pul⸗ ver auf und ließ ſich die Flinten ſeiner beiden Beglei⸗ ter geben, um daſſelbe Verfahren damit vorzunehmen. Dann ſchüttelte er das Pulverhorn vor ſeinem Ohre und ſagte: „Noch kann man jede Flinte einmal laden, und ehe das zu Ende iſt, müſſen wir noch mehr finden. Nun, Ihr Jungen, verlaßt die Hütte!“ Sie ſchienen ſeinem leiſeſten Worte zu gehorchen, und als ſie fort waren, wendete er ſich zu mir und ſagte:„Ich danke Ihnen nicht, denn ich habe hier eben ſo viel Recht, wie Sie, und auch eben ſo viel Recht an die Spei⸗ ſen. Doch will ich Ihnen mein Wort halten— ich will mein Gelübde halten, und noch mehr, Sie können in Ruhe und Frieden ſchlafen. Ich werde in der Nähe ſein und Niemand ſoll Sie beläſtigen. Gute Nacht! Vielleicht werden wir uns wiederſehen, wo ich Sie um Nichts bitten und Sie mir Nichts verweigern werden.“ Hierauf verließ er die Hütte und machte die Thüre hinter ſich zu. Zehntes Kapitel. „Nun, theuerſte Beſſy,“ ſagte ich, ſobald der Mann fort war,„geh' lieber jetzt in das andere Zimmer, und lege Dich zur Ruhe. Nimm Jenny mit Dir, und ich will hier bleiben. Jener Mann wird uns Wort halten, darauf können wir uns ver⸗ laſſen, und wir werden die Leute nicht mehr ſehen. Aber der Vorſicht wegen will ich dieſen Tiſch vor die Thüre ſtellen, ſo daß uns Niemand überraſchen kann.“ „Aber Du bedarfſt ſelber des Schlafes,“ ſagte ſie., „Ich will hier in dieſem Winkel ſchlafen, wo es trocken iſt,“ antwortete ich.. Und nach einigem Zureden verließ ſie mich. Ich ſchlief freilich nicht. Nicht nur die Noth⸗ wendigkeit zu wachen, daß Niemand hereindringe, hielt mich wach, ſondern ich hatte auch angenehme — 142— und freudige Gedanken zu verfolgen. Ich hatte ein Geheimniß entdeckt, wenigſtens glaubte ich es, wo⸗ von mein künftiges Glück abhängig war, und die glücklichen Träumereien, welche folgten, konnten mich wohl während der noch übrigen zwei oder drei Stun⸗ den der Nacht beſchäftigen. Nach Verlauf dieſer Zeit konnte ich ein mattes graues Licht bemerken, welches durch die Spalten der Fenſterladen ſchimmerte, und ich glaubte, ich könnte mich ebenſo gut in der Umgebung umſehen. Ich war nicht gewiß, ob die Neger die Nachbarſchaft verlaſſen hatten, und obgleich ich geneigt war zu glauben, daß ſie uns ſelbſt, wenn wir ihnen begegnen ſollten, Nichts zu Leide thun würden, ſo liegt doch ſo viel Ungewißheit und Verrätherei in dem Charakter jedes barbariſchen Volks, welches ich je geſehen, daß ich Beſſy nicht eher aus dem Schutze der Hütte entfernen⸗ wollte, als bis ich gewiß war, daß der Mann ſich entfernt hatte. Ich öffnete daher den Fenſterladen ein wenig, und blickte auf die wilde und verlaſſene Scene hin⸗ aus, die der Sumpf darſtellte, und die in dem dü⸗ ſteren und ungewiſſen Lichte noch wilder und verlaſ⸗ ſener ausſah, als je. Alles war ſtill und ruhig und auf einige Augenblicke bemorkte ich keinen ſich bewe⸗ genden Gegenſtand, bis ich ſah, daß das Gras ſich einige Schritie vor der Hütte ein wenig regte. Ei⸗ — 143— nen Augenblick ſpäter kam eine große Klapperſchlange langſam aus dem trocknen Graſe hervor und ſchleppte ſich träge zu einer kleinen Erhöhung hin, wo das Licht ſtärker auf ſie fiel. Es ſchien, als ob ſie ihren Morgenſpaziergang mache, ehe ihre menſchlichen Feinde zum Vorſchein kamen. Im nächſten Augenblick bemerkte ich eins von je⸗ nen ſchönen Geſchöpfen, Königsſchlange genannt, nicht halb ſo groß, wie die andere, die in ihrem ſchwarz und weiß geſprenkeltem Kleide aus dem Graſe hervor⸗ kam und auf die träge Schlange zu ſchoß. Es er⸗ folgte ein verzweifelter Kampf. Sie rangen mit ein⸗ ander, ſie biſſen und ſtießen mit den Köpfen auf einander, und ich konnte mir nicht vorſtellen, daß die große Klapperſchlange ihre kleine Gegnerin nicht leicht ſollte vernichten können. Aber ich irrte. Nach drei Minuten lag die Klap⸗ perſchlange am Boden und wand ſich in den letzten Zügen; die Königsſchlange, anſcheinend unverletzt, ſchlüpfte mehrmals um ſie herum, als berechne ſie, ob irgend eine Möglichkeit vorhanden ſei, ſie zu ver⸗ ſchlingen. Dies war indeſſen nicht möglich wegen der Größe ihrer beſiegten Gegnerin, und mit ihrem Siege zufrieden, ſchlüpfte die glänzende kleine Siegerin davon. Wie glücklich wäre es, wenn im menſchlichen Leben das Gewürm ſich auch auf dieſe Weiſe vernich⸗ tete— ja, und es geſchieht auch zuweilen. — 144— Ich wußte nicht, wie bald mein Einfall ſich be⸗ ſtätigen würde. Während ich ſo nachdachte, glaubte ich ein mat⸗ tes und entferntes Geräuſch zu hören, aber es ſchien mir, als wären menſchliche Stimmen und Hufſchläge mehrerer Pferde damit vereint. Wie bereits bemerkt, war die Hütte von einem Gebüſch umgeben, aus welchem ſich einige hohe Ce⸗ dern erhoben, welche die Hütte einigermaßen verbar⸗ gen. Bei der Verwirrung der Gegenſtände, der Bäume, der Büſche, der grünen und gelben Blätter, der um⸗ geſtürzten Baumſtämme, welche jede wilde Verſchie⸗ denheit der Stellung annahmen und dem ſandigen Ufer mit der grauen und gelben Oberfläche, konnten wohl tauſend Leute auf dem Wege vorübergehen, ohne auf die Vermuthung zu gerathen, daß eine Hütte in der Nähe ſei. Dennoch war ſie nicht gänzlich verborgen, und als ich ſpäter auf dem Wege vorüberging, und wußte, wo ſie lag, konnte ich deutlich die Umriſſe des kleinen Giebels und des Strohdaches unterſcheiden. Ich horchte lebhaft und die Töne wurden deut⸗ licher, und ich hörte Hufſchläge von Pferden und menſchliche Stimmen. Eine Minute ſpäter konnte ich einen Trupp durch die Zweige unterſcheiden— es wa⸗ ren drei weiße Männer zu Pferde und ein rüſtiger, junger Neger. Sie verſchwanden dann, aber im näch⸗ ſten Augenblick ſah ich ſie deutlicher wieder und er⸗ kannte Robert Thornton und ſeinen Vater. Des an⸗ deren weißen Mannes Ausſehen war mir auch bekannt, aber ich konnte mich nicht erinnern, wo ich ihn vor⸗ her geſehen hatte. Es war Matthias Leary, der Ro⸗ bert Thornton begleitete, als ich ihm zuerſt begegnete und den Billy Byles als einen Mann beſchrieb, der ſeinen eigenen Vater verkaufen würde, wenn er einen Käufer finden könnte. Sie zogen hinter dem Gebüſch weiter, und in⸗ dem ich glaubte, daß ſie fort wären, ging ich um Beſſy zu wecken und wollte dann die Pferde aufſu⸗ chen, die ich nirgends in der Gegend bemerken konnte, um dann ſo ſchnell wie möglich durch den Sumpf zu reiten. Plötzlich aber vernahm ich Stimmen ganz in der Nähe und hielt mein Auge vor die Spalte des Fenſterladen, den ich beinahe geſchloſſen hatte, und zu meiner nicht geringen Beſtürzung erblickte ich den ganzen Trupp vor der Hütte. „Ich ſagte es Dir ja,“ rief der alte Mr. Thorn⸗ ton;„es iſt freilich eine Hütte. Wer zum Teufel mag ſie hierher gebaut haben?“ „Komm nur, komm nur, Vater,“ rief Ro⸗ bert Thornton in ungeduldigem und zornigem Tone, „wenn Du Dich auf dieſe Weiſe verweilſt, werden wir unſern Zweck gänzlich verfehlen. Du kannſt zu⸗ rückkehren und darnach ſehen, wenn wir ſie wegge⸗ Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 10 — 146— ſchafft haben. Ich ſage Dir, wenn ſie ſie in ihre V Gewalt bekommen und ſie zurückbringen, ſind wir zu Grunde gerichtet.“ Er murmelte etwas von einem alten Thoren, und ſein zärtlicher Vater nannte Jemanden einen ver⸗ dammten Affen. Aber der alte Mann ſchien gewohnt zu ſein, ſeinem Sohne zu gehorchen, und endlich ritt er weiter, wenn auch offenbar ſehr ungern. Als ſie weiter ritten, kam ein Neger ein wenig aus den Büſchen hervor; er hielt eine Flinte in der Hand, die er auf einige Augenblicke anlegte, aber dann wieder ſinken ließ, als ob er zweifelte, in die⸗ ſer Entfernung richtig zielen zu können. Im nächſten Augenblick ſchlüpfte er leiſe wieder unter die Büſche zurück, und verſchwand gänzlich. Ich blickte noch ei⸗ nige Minuten hinaus, und einmal glaubte ich ein dunkles Geſicht nach der Richtung gewendet zu ſehen, die Mr. Thornton's Trupp eingeſchlagen hatte; aber es war nur auf einen Augenblick zu ſehen, und ich wendete mich um und dachte nach, was zunächſt zu thun ſei.— Es war jetzt die Frage, womit die größte Ge⸗ fahr verbunden ſei? Es war zu erwarten, daß Mr. Thornton zurückkehren werde, ſobald er finde, daß Beſſy befreit ſei; aber welche Gewaltthätigkeit er ſich gegen die verhältnißmäßig unbeſchützten Neger erlau⸗ ben mochte, ſo hielt ich mich doch überzeugt, daß V — 147— er ſich bedenken würde, ehe er ſich auf einen Kampf mit weißen Perſonen einlaſſe, da er wiſſen mußte, daß es auf Leben und Tod gehen werde. Andererſeits hatten ſich Nat Turner und ſeine Be⸗ gleiter nur durch ſehr allgemeine Verpflichtungen ver⸗ bunden. Sie hatten uns während der Nacht Sicher⸗ heit verſprochen; aber ſie konnten das Verſprechen jetzt ebenſo gut für erloſchen betrachten; und überdies war die große moraliſche Verbindlichkeit von ihnen genom⸗ men. Sie hatten ſich der äußerſten Strafe ausgeſetzt, welche die menſchlichen Geſetze nur auszuſprechen ver⸗ mögen; keine Gnade, die ſie uns erwieſen, konnte ihre frühere Schuld wieder gut machen, kein neuer Mord, keine neue Grauſamkeit konnte das Geringſte der Strafe hinzufügen, die ſie mit Beſtimmtheit in dieſer Welt erwarten konnten. Wenn ſie dort nicht warteten, bis wir herauskamen, warum hielten ſie ſich dort, gerade der Hütte gegenüber, verſteckt? Ich konnte nicht umhin zu vermuthen, daß die Pferde, denen ich die Beine zuſammengebunden hatte, nicht von ſelber ſich hätten entfernen können. Zu dieſen Gedanken kamen noch die Rüekſichten, daß wir, wenn wir aus der Hütte gingen, angegrif⸗ fen werden konnten, ohne von der einen oder anderen Partei geſchützt zu werden; aber ſo lange ich in der⸗ ſelben blieb, konnte ich die Thüre mit ſehr geringer Schwierigkeit gegen eine größere Macht, als ich bis⸗ . 10. her geſehen, vertheidigen; und dazu kam noch die Erwartung, daß der Sheriff, wenn er nach Hauſe zurückkehre und weder mich noch Beſſy dort finde, das Land an der Grenze des Staates durchſuchen und dabei vielleicht an uns vorüberkommen werde. Beſſy ſchlief allem Anſcheine nach noch feſt, und endlich beſchloß ich nach einigem Bedenken, ſie zu wecken. Ich wendete meine Zeit an, mit der alten Säge, die ich im Winkel fand, mehrere ſtarke Pflöcke und Riegel zurecht zu ſägen, und damit die Thüre zu befeſtigen. Zu dieſem Zwecke nahm ich einen Theil des Tiſches, und in kurzer Zeit gelang es mir, den Eingang zu ſichern. Die Fenſterladen konnten hin und her geſchoben werden, und das Holzwerk derſelben ſo wie das der Thüre, war faſt anderthalb Zoll ſtark, welches zwar von einer Musketenkugel durchbohrt wer⸗ den konnte, wodurch aber der Schuß ſehr geſchwächt werden mußte. An der Hinterſeite des Haufes waren keine Oeffnungen; die viereckige Oeffnung, die als Fenſter diente, war hinreichend, den einzigen Zugang zu überblicken, und überzeugt, daß meine kleine Burg ſo gut wie möglich befeſtigt ſei, wartete ich, um zu ſehen, ob die Neger das Dickicht verlaſſen würden, obgleich ich einige Furcht hegte, daß ſie an der ent⸗ gegengeſetzten Seite herauskommen möchten. Kaum hatte ich meinen Poſten am Fenſter eine Minute eingenommen, als Beſſy an meine Seite — 149— kam. Das Geräuſch der Art und der Säge hatte ſie erweckt, und ich mußte ihr Alles erzählen, was ge⸗ ſchehen war, und ihr alle Gründe wiederholen, die mich bewogen zu bleiben, wo ich war. Sie ſchien ein großes Vertrauen in meine Entſchlüſſe zu ſetzen, und während ich das Fenſter in dem anderen Zimmer, wo ſie geſchlafen, feſt verſchloß, hielt ſie Wache in dem erſten Zimmer, ohne ſich von der Stelle zu bewegen, wo ich ſie hatte niederſetzen heißen.“ „Nichts hat ſich bewegt,“ ſagte ſie, als ich wieder zu ihr kam,„kein Zweig hat gezittert, kein Regentropfen iſt von einem Blatte heruntergefallen.“ „Dann ſind die Leute wahrſcheinlich noch dort,” antwortete ich,„denn ich vermuthe, ſie haben Pferde bei ſich und die Büſche ſind zu eng, als daß ein gro⸗ ßer Trupp unbemerkt herauskommen könnte.“ „Ich denke nicht,“ ſagte Beſſy, nachdem ſie ei⸗ nige Augenblicke nachgedacht,„daß wir irgend eine Gewaltthätigkeit von Mr. Thornton oder ſeinen Be⸗ gleitern zu fürchten haben. Robert iſt ein Feigling, deſſen bin ich gewiß. Er mag ſich zu irgend einem Grade der Entſchloſſenheit hinaufſchrauben, wenn er durch Furcht vor der Welt dazu gezwungen wird; auch mag er ſchreckliche und grauſame Handlungen begehen, wenn es ſich um arme Neger oder Frauen handelt. Aber er wird immer mehr oder weniger furchtſam, wie ich geſehen habe, wenn ihm ein freier Mann und — — 150— beſonders ein Gentleman gegenüber ſteht. Er ſcheint nicht zu wiſſen, wie er handeln ſoll, und bei ſeinem Zaudern wird er unruhig.“ „Ich ſtimme Dir bei,“ verſetzte ich;„denn ob⸗ gleich er bei der unglücklichen Angelegenheit zwiſchen ihm und mir gerade keinen Mangel an Muth zeigte, konnte ich doch deutlich bemerken, daß er viel lieber das Duell vermieden hätte, wenn es irgend möglich geweſen wäre. Aber ſieh', da bewegt ſich Etwas in den Büſchen.“ Es war allerdings ſo, und die Bewegung war nach der Seite hin, wo wir ſtanden; aber Niemand kam heraus, und nachdem wir noch einige Minuten gewartet, verließ mich Beſſy, um Jenny zu rufen, die bei Allem, was geſchehen war, ohne Unterbrechung geſchlafen hatte. Die gute, alte Köchin begann das Feuer wieder anzuzünden, und ich hielt es nicht der Mühe werth, ſie daran zu verhindern, denn die Neger wußten be⸗ reits, daß wir dort waren, und wenn Mr. Thorn⸗ ton überhaupt kam, um den Ort zu durchſuchen, ſo konnte das verrätheriſche Signal des Rauches uns nicht ſchaden; ja, im gegenwärtigen Falle nützte er nur. Unſer Frühſtück ſollte ein ſehr ſpärliches ſein. Brod war nicht viel da, die Fiſche waren ſämmtlich ver⸗ zehrt und einige Eier, die Tante Jenny in die heiße Aſche legte, waren Alles, was von den Speiſen übrig — blieb. Was das Schlimmſte war, wir hatten kein Waſſer, und ich bemerkte mit nicht geringer Beſorg⸗ niß, wenn unſere Feinde die Hütte nicht mit Sturm nehmen könnten, würden ſie uns bald durch eine Be⸗ lagerung aushungern können. Wir ließen die alte Jenny zuerſt frühſtücken und wechſelten dann mit der Wache und dem Eſſen ab; aber ſie hatte ihren Poſten am Fenſter noch keine drei Minuten eingenommen, als ſie rief: „Hier kommen ſie, Herr, hier kommen ſie!“ Ich ſprang auf und eilte an ihre Seite. Ich ſah ſogleich den Trupp und erkannte, wer es war. Mr. William Thornton und ſein Sohn hatten den alten Ort beſucht, wie ſie ihn nannten, und als ſie bemerkten, daß ich Miß Davenport weggeführt hatte, verfielen ſie ſogleich auf die Hütte, die ſie im Walde geſehen, und verfolgten uns dorthin. Sie waren in geringer Entfernung abgeſtiegen, hatten die Pferde dem Negerknaben übergeben und näherten ſich der Hütte zu Fuß, als ich ſie ſah. Ich legte das Pulver und die Kugeln nebſt den bei⸗ den geladenen Piſtolen, auf den Tiſch. 3 „Beſſy,“ ſagte ich,„kannſt Du im Nothfall ſchnell laden, ſobald ich gefeuert habe?“ „Ja, ja,“ antwortete ſie,„ich habe es oft ge⸗ ſehen, und ich bin gewiß, daß ich es kann.“ „Dann ſteht Ihr zwiſchen mir und dem Tiſche,— à — 152— Jenny,“ ſagte ich,„und reicht die Waffen hin und her. Sobald ich gefeuert, wenn ich Veranlaſſung da⸗ zu haben ſollte, geben Sie mir eine andere Waffe. Ein Mann hier,“ fügte ich lächelnd hinzu, um ſie zu ermuthigen,„iſt ſo viel, wie fünf oder ſechs draußen.“ Dann ſchob ich den Fenſterladen ein wenig wei⸗ ter zurück, ließ die Mündung der Flinte auf der Fen⸗ ſterſchwelle ruhen und blickte hinaus, ohne mich wei⸗ ter verbergen zu wollen. Mr. Thornton's Trupp, das heißt, die drei weißen Männer waren in der Entfer⸗ nung von hundert und funßzig Schritten von der Hütte, anſcheinend zur Berathung, ſtehen geblieben, aber im nächſten Augenblick wendeten ſie ſich um und mar⸗ ſchirten weiter, doch bemerkten ſie mich ſogleich im Fenſter. Elftes Kapitel. Ich blieb völlig ſtill und ruhig im Fenſter der Hütte ſtehen und richtete meine Augen auf die andere Partei, indem ich glaubte, daß ſie einige Verlegenheit wegen ihres nächſten Schrittes empfinden würden, wenn ich ihnen keine Veranlaſſung zur Gewaltthätig⸗ keit gäbe. Ich habe oft bemerkt, daß die kühnſten und ge⸗ wiſſenloſeſten Männer es vorziehen, einen Streit Schritt für Schritt hervorzurufen, anſtatt ſich auf ein⸗ mal hineinzuſtürzen. Ich irrte auch in dieſem Falle nicht.. Mr. Thornton und ſein Sohn blieben Beide wieder ſtehen, als ſie mich erblickten, und ihre Be⸗ rathung wurde erneuert. Sie verabredeten indeſſen bald ihren Plan und thaten ihr Möglichſtes, um ih⸗ ren Zweck zu erreichen und die Verantwortlichkeit auf mich zu werfen. Ohne ein Wort zu reden, näherten ſie ſich Alle zugleich der Thüre der Hütte bis auf zwölf oder vier⸗ zehn Schritte; dann fand ich, daß es durchaus noth⸗ wendig ſei zu handeln und rief: „Treten Sie zurück, meine Herren. Rücken Sie nicht weiter vor.“ „Und warum ſollten wir zurücktreten, Sir Ri⸗ chard?“ fragte Robert Thornton in wunderbar ruhigem Tone. 1 „Nun, weil ich Sie niederſchießen werde, wenn Sie noch einen Schritt weiter vortreten,“ verſetzte ich mit gleicher Kälte. „Unter welchem Vorwande, mein Herr?“ fragte der ältere Mr. Thornton, ſeinen Sohn zurückhaltend. „Wir wiſſen, daß Sie das Schießen lieben; aber ge⸗ wöhnlich ſuchen Sie eine Entſchuldigung dazu. Er⸗ innern Sie ſich, mein Herr, daß Sie in einem eivi⸗ liſirten Lande ſind, daß die Hütte, worin Sie ſich be⸗ finden, mein Eigenthum iſt, und daß ich nur eben in mein eigenes Haus eintreten will.“ 1 „Es iſt nicht Deines, alter Dieb,“ rief Iynny aus dem Hintergrunde.„Es ſteht nicht auf Deinem Gebiet und ebenſowenig haſt Du es aufgebaut.“ „Mein Herr,“ verſetzte ich,„ich weiß vollkom⸗ men, was ich vorhabe. Die Hütte kann, ſoviel ich weiß, Ihnen gehören oder auch nicht; aber ſoviel weiß ich gewiß, daß Sie und Ihr Sohn und jener würdige Mann mit dem rothen Haar, jetzt mit einem ungeſetzlichen Unternehmen beſchäftigt ſind— „Und welches wäre das?“ ſagte Robert Thorn⸗ ton ſpöttiſch. „Die Entführung eines Zeugen wegen Meuchel⸗ mordes, den Sie geſtern begangen, um ſich vor der Strafe nach dem Geſetze zu ſchützen. Man hat Ihre Berathungen gehört, Ihre Beweggründe ſind bekannt und die Ausführung Ihres Planes unterliegt dem Beweiſe. Sie kommen jetzt mit überlegener Macht hierher, um jenen Zeugen von dem virginiſchen Bo⸗ den und aus meinem Schutze zu entfernen. Folglich fühle ich mich gerechtfertigt, Sie Alle nach einander niederzuſchießen, und ich will es thun, wenn Sie noch einen Schritt in der Ausführung Ihrer Ab⸗ ſicht weiter gehen. Sie kennen mich, Mr. Robert Thornton.“ „Aber, Herr, wir hegen keine ſolchen Abſichten,“ rief der alte Mr. Thornton, deſſen Geſicht noch röther wurde, als vorher, obgleich es zu allen Zeiten ſchon roth genug war, 1 „Ich beurtheile Ihre gegenwärtigen Beweggründe und Abſichten nach Ihren früheren Handlungen, Herr,“ antwortete ich;„nach Dem, was Sie geſtern gethan, und nach den Beweggründen dazu, die Sie im Bei⸗ — 156— ſein eines competenten Zeugen ausgeſprochen. Darum treten Sie zurück, ſage ich!“ Die letzteren Worte wurden in lauterem Tone ausgeſprochen, als die übrigen, und während ich ſprach, legte ich die Flinte an, denn der Irländer ſchien der Verhandlung müde und trat einen Schritt vor. Der alte Mr. Thornton zog ihn haſtig zurück, da er vermuthlich keinen Schuß unter ſeinen Trupp wollte abfeuern laſſen, beſonders da er der Richtung deſſelben nicht gewiß war. „Dies iſt zu arg!“ rief er;„beim Teufel, dies iſt zu arg!“ Hierauf hielt er wieder eine leiſe Unterredung mit ſeinem Sohne; ſie wurde indeß plötzlich unterbrochen durch ein Geräuſch, welches ich nicht hörte. „Laufe um das Gebüſch herum, Mat,“ rief Ro⸗ bert Thornton dem Irländer zu,„und ſieh, welche Reiter daherkommen. Laß Dich nicht ſehen— laß Dich nicht ſehen!“ Der Andere gehorchte und eilte um die Baum⸗ gruppe, wo die Neger ſich verborgen hatten, und Va⸗ ter und Sohn waren bald in einer leiſen und haſtigen Berathung, während ſie ihre Geſichter noch zu der Hütte und ihren Rücken zu dem Gebüſch wendeten. Meine Augen waren noch einige Secunden auf ſie gerichtet; aber dann machte ein Geräuſch, aber ich weiß nicht, welches es war, daß ich aufblickte. Die Geſträuche, keine zwanzig Schritte hinter ihnen, wur⸗ den bewegt, als wenn ein großer Trupp zwiſchen den Zweigen durchgehe, und im nächſten Augenblick ka⸗ men nicht weniger als vier Neger mit ruhigem und verſtohlenem Schritte aus den Büſchen hervor. Von den beiden Erſten hatte jeder eine Flinte angelegt und zielte auf Mr. Thornton und ſeinen Sohn, als woll⸗ ten ſie ſich ihren Schlachtopfern noch weiter nähern, aber vorbereitet zu feuern, ſobald ſie die geringſte Be⸗ wegung ſähen. Die anderen beiden Neger waren auch bewaffnet, befanden ſich aber noch in etwas weiterer Entfernung und führten zwei oder drei Pferde durch eine Oeffnung, wo die Füße der Pferde kein ſo lau⸗ tes Geräuſch machten. Obgleich Vater und Sohn jedes Schickſal, wel⸗ ches ihnen begegnen mochte, wohl verdienten, ſo konnte ich doch nicht geduldig zuſehen, wie zwei menſchliche Weſen, gleich wilden Thieren, niedergeſchoſſen wurden, und ich rief unwillkürlich: „Nehmen Sie ſich in Acht! Nehmen Sie ſich in Acht!“ Beide ſtutzten und wendeten ſich um. Bei ihrer erſten Bewegung wurde auf ſie gefeuert, und Robert Thornton fiel auf ſein Geſicht nieder. Sein Vater ſchwankte und lief dann auf ſein Pferd zu, wahr⸗ ſcheinlich, um ſich hinter demſelben zu verbergen; aber — 158— der junge Neger, der dieſelben hielt, erſchrak offenbar über das, was geſchehen war, ließ die Zügel los und lief, ſo ſchnell er konnte, davon. Nat Turner, der vor dem Gebüſch ſtand, folgte dem fliehenden Manne mit ſeinem zweiten Schuſſe ſo bedächtig, wie ein Jäger einem davonfliegenden Vogel folgt. Ehe er zu einem von den Pferden gelangen konnte, wurde die Flinte abgedrückt, und mit einem wilden Schrei des Schmerzes fiel der alte Mann auf ſeine Kniee und ſank dann allmälig nieder. In demſelben Augenblick kam Matthias Leary mit lebhafter Furcht in ſeinem Geſichte herumgelaufen und rief: „Es iſt der Sheriff! Es iſt der Sheriff mit ei⸗ nem großen Trupp!“ Sobald er ſeine beiden Herren am Boden liegen ſah, blieb er, wie vom Donner gerührt, ſtehen, und blickte, ohne ein Wort zu ſprechen, auf die Hütte hin, aber ein Schuß von einem der Neger, welche die Pferde herbeiführten, ſchlug ihm den Hut herunter und zeigte ihm bald, woher die mörderiſchen Schüſſe gekommen waren. „Bringt ſie ſchnell herbei! Bringt ſie ſchnell herbei!“ rief Nat Turner, den anderen Leuten zu⸗ winkend. 3 Er hatte offenbar dieſe Ankündigung von der Annäherung des Sheriffs gehört, und er und zwei — 159— von ſeinen Begleitern beſtiegen in wenigen Secunden die Pferde. Der Vierte ſchien kein Pferd zu haben, und lief, um eins von denen einzufangen, die mit Mr. Thornton's Trupp gekommen waren. Dies ver⸗ urſachte einige Zögerung, und ehe ſie entfliehen konn⸗ ten, erſchien des Sheriff's Trupp, der aus neun oder zehn Perſonen beſtand, theils auf der einen, theils auf der anderen Seite des Dickichts. „Nun,“ dachte ich,„werden dieſe blutdürſtigen Menſchen endlich gefangen genommen werden.“ Aber ich hatte mich in einiger Hinſicht getäuſcht und konnte nicht umhin, die Geiſtesgegenwart und Geſchicklichkeit zu bewundern, welche Nat Turner in dieſem gefährlichen Augenblick zeigte. Der anrückende Trupp kam in Folge der Schüſſe ſchnell und mit ei⸗ nigem Schrecken herbei; auch ſchienen ſie durchaus nicht vorbereitet zu ſein, mit den aufrühreriſchen Ne⸗ gern zu kämpfen. In einem Angenblick ſchien Nat Turner zu merken, wo ſie am ſchwächſten waren, und wo er am leichteſten den Sumpf erreichen könne, und den Lauf ſeiner Flinte faſſend, galoppirte er auf den Punkt zu und rief ſeinen Leuten, ihm zu folgen. Er mußte an Matthias Leary vorüber, und der Mann verſuchte ſeinen Zügel zu faſſen; aber ein Schlag mit dem Kolben ſeiner Flinte warf den Irländer zu Bo⸗ den; und wäre es nicht ein irländiſcher Schädel ge⸗ weſen, ſo würde er nie wieder aufgeſtanden ſein. 8 — 160— Der Neger verweilte keinen Augenblick, obgleich ein kräftiger Landmann ihn ebenfalls aufzuhalten ſuchte; aber er wurde ſogleich vom Pferde geſchlagen. Die anderen Neger folgten durch die Oeffnung, die er in der Linie der Weißen gemacht, und die drei Erſten kamen glücklich durch. Der Vierte wurde auf der Stelle gefangen genommen. 1 „Folgt mir raſch!“ rief der Sheriff.„Nehmt ſie gefangen, lebendig oder todt.“ Aber Nat Turner und ſeine Begleiter galoppirten weiter und zerſtreuten ſich, ſobald ſie auf den freieren Boden kamen. Piſtolenkugeln wurden ihnen nachge⸗ ſendet; aber ſie galoppirten weiter durch den Moraſt, ſetzten über die umgefallenen Bäume und benutzten je⸗ des Hinderniß des Bodens, um ihren Verfolgern vor⸗ aus zu kommen. Einer hatte ſogar die Kühnheit, ſich umzuwenden und auf den Mann zu feuern, der ihn verfolgte, und Einer von dem Trupp des Sheriff's kehrte bald mit einer Wunde in der Schulter zurück. Mittlerweile hatte ich die Thüre der Hütte ge⸗ öffnet und ſchloß mich dem Sheriff und den vier oder fünf Herren an, die bei ihm geblieben waren. Beſſy 1: und Tante Jenny kamen auch zur Thüre, und es fand eine von jenen verwirrten Scenen der Fragen und Erklärungen ſtatt, die kaum zu beſchreiben ſind. „Ei, wie kommt dies?“ fragte der Sheriff in ſeiner trockenen und kurzen Weiſe, ſobald er uns er⸗ —— blickte.„Hier ſind ja Vögel von den verſchiedenſten Federn verſammelt! Miß Davenport, es iſt mir lieb, Sie endlich wohlbehalten wiederzuſehen. Ihr Onkel Henry und Billy Byles ſind über die Grenze ge⸗ gangen, um Sie dort zu ſuchen. Aber dies iſt eine Sache, die wir ſogleich unterſuchen müſſen. Hier, Kerl, hier, Leary—“ „Nennen Sie mich nicht, Kerl, Herr,“ ſagte Leary in verſchämtem Tone.„Ich bin ein freier, amerikaniſcher Bürger, und zwar ein eben ſo guter, wie Sie.“ Ein verächtliches Lächeln verzog des Sheriff's Lippe.. „Ich möchte nicht ſo ſchlecht ſein, wie Sie, Maſter Leary,“ ſagte er;„denn ich weiß, ich würde ſehr oft an das Zuchthaus denken. Aber iſt Ihr Herr todt oder lebendig?“ „Ich weiß Nichts von ihm, und er iſt auch nicht mein Herr,“ antwortete Leary;„aber ich will ihn umwenden und zuſehen.“ Mittlerweile waren der Sheriff und die meiſten von den anderen Herren abgeſtiegen, und wir Alle umringten Robert Thornton's Körper, der völlig ſtill mit ſeinem Geſichte auf dem Boden lag. Matthias Leary wendete ihn um, und dann ſahen wir einen großen Blutpfuhl, der aus einer Wunde in ſeiner Bruſt gefloſſen war, durch welche die Kugel hindurch⸗ Freiheit u. Selaverei. 3. Bb. 11 — 162— gegangen. Die Wunde befand ſich an der linken Seite, und es konnte wenig Zweifel ſein, daß der Schuß gerade ſein Herz getroffen. Seine Laufbahn der Gottloſigkeit war beendet, ſeine Rechnung ge⸗ ſchloſſen, Alles auf das große Schuldbuch übertragen, auf den großen Tag des Gericht's. Dies iſt einer von jenen Fällen der vergeltenden Gerechtigkeit, die von Zeit zu Zeit eintreten, um Alle, die ſich überzeugen laſſen wollen, von der moraliſchen Regierung Gottes zu überzeugen, während die zahl⸗ reichen Ausnahmen einen ſtarken Beweis für die Un⸗ ſterblichkeit der Seele, für die Beſtrafung des Laſters und die Belohnung der Tugend an jenem großen Tage liefern, wo jeder nach ſeinen Thaten beurtheilt werden wird. Robert Thornton und ſein Vater waren nach weltlichen Begriffen wohlhabend geweſen, doch warfen ſie bedächtig den Zwang der Gerechtigkeit und der Ehre, der religiöſen und moraliſchen Grundſätze von ſich, vertrauten der Schlauheit und dem Betruge, un⸗ geachtet des wiederholten Mißlingens und der War⸗ nungen, verhärteten ſich gegen die Folgen ihrer ei⸗ genen Handlungen, bis ſie ſich ſelber des guten Ru⸗ fes und der Ehre, der Mittel und der Hilfsquellen beraubt hatten— bis jede Nothwendigkeit ihrer Lage ſie zu ſchlimmeren Hilfsmitteln trieb, während der Weg der Schande und des Unterganges bei jedem — 163— Schritte ſchmäler und unvermeidlicher wurde, und bis endlich einer von den Beiden ſich auf einen ſchänd⸗ lichen Plan einließ, um ein Vergehen durch das an⸗ dere zu decken. „Hier, laſſen Sie ihn hier,“ ſagte der Sheriff, nachdem wir einen Augenblick die blaſſen und lebloſen Züge angeſehen hatten.„Es iſt Nichts für ihn zu thun. Wer iſt der Andere, der dort liegt?“ „Das iſt Mr. William Thornton,“ antwortete Matthias Leary;„aber was aus dem ſchwarzen Bur⸗ ſchen geworden iſt, kann ich nicht ſagen, wenn er nicht vielleicht mit den anderen Negern die Flucht er⸗ griffen hat. Ich wette, der alte Mann iſt todt, wie ein Thürnagel, denn ſein Blut war ſeiner Haut ſo nahe, daß es durch die geringſte Oeffnung heraus⸗ laufen mußte.“ „Schweigt!“ ſagte der Sheriff;„dies iſt keine Zeit zu ſcherzen.“ „Zum Teufel, ich ſcherze nicht,“ antwortete Mat Leary,„wie der Prieſter neulich bemerkte, als er uns ſagte, wir würden gewiß Alle in die Hölle fahren. Ich denke, er hatte auch Recht.“ Der Sheriff wendete ſich finſter ab und näherte ſich mit den Uebrigen der Stelle, wo Mr. William Thornton lag. Der Verwundete lag auf ſeiner Seite, ſowie er gefallen war, und als man ſein Geſicht ſah, wurde es klar, daß er weder todt noch ſterbend, wenn 11 — 164— gleich ſchwer verwundet war. Er ſagte kein Wort zu irgend Jemand, obgleich er viele von den Umſtehenden kennen mußte; aber er ſah uns ſchweigend und mit ungetrübtem Auge ins Geſicht, wie ich es oft von ei⸗ nem verwundeten Vogel geſehen habe. Der erſte Schuß, der auf ihn abgefeuert worden war, ſchien nur ſeine Schulter geſtreift zu haben; aber der zweite Schuß hatte ihm eine ſchwerere Wunde in der Hüfte verurſacht, und er blutete heftig. „Es wird beſſer ſein, wenn wir ihn in die Hütte tragen und das Blut zu ſtillen ſuchen,“ ſagte der Sheriff, ſich über ihn neigend;„wir können ihn ſpä⸗ ter in ſein eigenes Haus bringen.“ Der Greis antwortete nicht, und einige von dem Trupp nahmen ihn, ſo ſanft ſie konnten, auf und trugen ihn in die Hütte, vor deren Thüre Beſſy noch mit ſehr blaſſem Geſichte ſtand. Auf dem Wege dort⸗ hin mußten ſie an Robert Thornton's Leiche vorüber, und unachtſamerweiſe gingen ſie ſo, daß die Augen des alten Mannes ſich dorthin richten konnten; aber er blickte die Leiche mit Faſſung an, ohne ein Wort oder eine Frage, und in der That konnte ich nicht die geringſte Veränderung in ſeinem Geſichte bemerken. Wenn menſchliche Neigungen bei dem Egoismus des Schmerzes oder bei der Gefühlloſigkeit des Alters verloren gehen, ſo war doch die menſchliche Rache nicht erloſchen. Man legte ihn auf den Tiſch und „ — 165— ich flüſterte Beſſy Etwas zu, die ſo viel Geſchicklichkeit gezeigt hatte, die Blutung meines Armes zu ſtilleen. Ich bemerkte einen leichten Schauder, aber ſie ant⸗ wortete ſogleich: „Gewiß, Richard— ich vergaß— ich dachte nicht daran. Aber ich bin erſchrocken und tief er⸗ griffen. Ich will es ſogleich verſuchen.“ Und ſich dem Tiſche nähernd, ſagte ſie:„Laſſen Sie es mich verſuchen, meine Herren. Ich habe ſchon einige Er⸗ fahrung darin. Mr. Thornton, ich denke, ich kann die Blutung ſtillen.“ Der Greis erhob ſich plötzlich auf ſeinen Elln⸗ bogen und rief mit dem Blicke eines Teufels: „Geh, Mädchen! Du biſt mein und der Mei⸗ nigen Untergang geweſen. Wir haben Dich nie ge⸗ ſehen, nie mit Dir geſprochen, ja, ich glaube, nie an Dich gedacht, ohne daß uns ein Uebel begegnete. Rühre mich nicht an. Schon Dein Name iſt wie eine Peſt für uns geweſen.“ „Das mag wohl ſein, Billy Thornton,“ ſagte ein biederer, alter Herr, der mit dem Sheriff gekom⸗ men war;„denn Sie wollten Niemand in Ruhe laſſen, der dieſen Namen führte. Sie begannen alles Unheil, und Ihr Sohn ſetzte es fort. Wer ſchürte den Streit zwiſchen ihrem Vater, dem armen Daven⸗ port und Richard Conway an, während Conway durchaus keinen Streit wollte? Wer hielt den Brief — 166— zurück, der zur Erklärung diente, und machte, daß Davenport getödtet wurde, und wer war mehr oder— weniger die Veranlaſſung, daß Conway ertrank?“ „Still! ſtill!“ ſagte der Sheriff.„Dies iſt keine Zeit und kein Ort zu Vorwürfen! Wir müſſen unſer Möglichſtes thun, die Blutung ſelber zu ſtillen, da er die freundliche Hilfe der Hände zurückweiſt, die es beſſer, als wir, würden thun können. Sir Richard, führen Sie Miß Beſſy lieber aus der Hütte und ver⸗ ſchaffen Sie ihr ein wenig Waſſer, denn ſie ſieht ohn⸗ mächtig aus. Schicken Sie gefälligſt einen von den Leuten zu Thornton's alter Wohnung und laſſen Sie eine Matratze und einen Karren bringen. Laſſen Sie auch Mr. Henry Thornton und Billy Byles wiſſen, daß Sie hier ſind, und reiten Sie dann mit ihnen zu meinem Hauſe. Es iſt das nächſte, und wenn auch nur die Wohnung eines alten Junggeſellen, ſo werden Sie doch meine gute Schweſter dort finden, die für Ihre Bequemlichkeit ſorgen und dieſe junge Dame erheitern wird. Kommen Sie, Miß Beſſy, ſehen Sie nicht ſo traurig aus. Alles wird noch gut werden, und wir, die wir heute lebend hier ſtehen, ohne unſere nächſten und theuerſten Verwandten ver⸗ loren zu haben, ſind Gott viel Dank ſchuldig.“ „Ja, das ſind wir in der That,“ ſagte Beſſy, „und ich danke Gott von ganzem Herzen!“ Ich führte ſie hinaus und wendete mich von — 167— der Stelle ab, wo noch mehrere von dem Trupp um Robert Thornton's Leiche verſammelt waren. Dann ließ ich ſie auf einer kleinen Erhöhung am anderen Ende der Hütte niederſetzen und theilte den Leuten vor der Hütte die Wünſche des Sheriff's mit. Ich verließ ſie nicht gern auch nur auf einen Augenblick, denn ich hatte ein abergläubiſches Gefühl nach Allem, was mir begegnet war, daß ich ſie nie wiederſehen werde, wenn ich ſie jetzt aus den Augen verliere. Zwei Männer zu Pferde machten ſich ſogleich auf den Weg zur alten Wohnung, und an Beſſy's Seite zurückkehrend, bemühte ich mich, ſie zu erheitern und ihre Gedanken von allen den ſchrecklichen und traurigen Ereigniſſen abzulenken, die ſich in einen ſo wunderbar kurzen Zeitraum zuſammengedrängt hatten. Es war in der That außerordentlich, wie drei Tage in der Mitte eines Jahres und in einem ſo friedlichen und glücklichen Lande ſo viele und ſchreckliche That⸗ ſachen aufzeigen konnten, wie das Blutbad von South⸗ ampton darſtellte. Es war uns indeſſen ſehr wenig Zeit zur ruhigen Unterhaltung gegönnt. Zuerſt kam einer von den Leuten zurück, die Nat Turner und ſeine Begleiter ver⸗ folgt hatten, und dann ein anderer. Von ſeinem Pferde abſteigend, kam der erſte zu uns und unterbrach meine Unterredung mit Beſſy mit den Worten: „Es iſt unnütz zu verſuchen, ihn fangen zu wol⸗ — 168— len. Ich glaube, dieſer Mann hat den Teufel in ſich, und iſt durch Stellen gegangen, wohin ich mit meinem Pferde um alle Neger in der Welt nicht reiten würde. Iſt meine Maggie nicht ein hübſches Thier? Haben Sie auch ſolche Pferde in England? Ich denke nicht.“ Der nächſte, welcher kam, war der arme Kerl, der bei der Verfolgung verwundet worden, und er ge⸗ währte mir und Beſſy eine Zeitlang Beſchäftigung, ſeine Wunde zu verbinden, obgleich es keine ſehr ge⸗ fährliche zu ſein ſchien. Dieſe Operation war noch nicht ganz vorüber, als der Sheriff aus der Hütte kam und ſich uns anſchloß. Er ſah ſtrenge und ärger⸗ lich aus. „Dieſer alte Mann ſcheint wirklich vom Satan beſeſſen zu ſein,“ ſagte er.„Er ſchilt auf Jedermann und auf Alles, und er wird ſeine Wunde tödtlich ma⸗ chen durch ſeine bittere Reizbarkeit, wenn er ſich nicht vorſieht. Welche Veränderungen bringen die Um⸗ ſtände in dem Menſchen hervor! Ich erinnere mich ſeiner noch vor nicht vielen Jahren, als eines jo⸗ vialen und gutmüthigen Mannes— freilich war er immer liſtig und geneigt, ſeinen Vortheil zu be⸗ nutzen, aber er that Alles auf ſo gutmüthige Weiſe, daß man eher geneigt war zu lachen, als zornig zu ſein.“ „Denken Sie nicht,“ fragte ich,„daß die Um⸗ ſtände nur den wahren Charakter des Mannes, den — 169— die Liſt verborgen hatte, ans Licht gebracht? Wir haben ein Sprichwort, daß der Teufel gutmüthig iſt, wenn er ſich gut unterhält. Ich habe mehr als einmal einen Mann, welcher ſehr liſtige Pläne unter dem Scheine der ſorgloſen Heiterkeit ausführte, wild, boshaft und rachſüchtig werden ſehen, wenn dieſe Pläne endlich vereitelt wurden.“ „Vielleicht haben Sie Recht,“ antwortete der Sheriff.„Ich habe gehört, daß er in früheren Jahren zuweilen eine boshafte Handlung begangen. Aber hier kommt unſer Freund Henry Thornton, glaube ich— dieſer Mann iſt in jeder Hinſicht das gerade Gegentheil von ihm. Iſt er das nicht, deſſen Kopf dort über den Büſchen des Sumpfes zu ſehen iſt, und der ſo ſchnell auf uns zukommt? Nun, meine liebe, junge Dame, wie iſt Ihnen jetzt?“ „Ein wenig ruhiger,“ antwortete Beſſy;„aber es wird mir nicht eher beſſer werden, mein guter Freund, als bis ich zweierlei gethan habe.“ „Und was iſt das?“ fragte der Sheriff. „Bis ich gut geſchlafen und mich recht ausge⸗ weint habe,“ antwortele Beſſy.„Während der letz⸗ ten drei Tage iſt der Strom ſo vieler Thränen ge⸗ hemmt worden, ſo daß ich fühle, ſie müſſen bald überfließen.“ „Nun,“ antwortete der Sheriff mit heiterem — — 170— „Lächeln,„einen guten und ſicheren Schlaf werden Sie hoffentlich bald haben können; aber was das Weinen betrifft, ſo kann ich nicht umhin zu denken, daß ein guter Minzjulep beſſer ſein würde. Ich wünſchte, ich könnte Ihnen einen geben oder auch ſelber trinken, denn ich bin ſehr ermüdet und durſtig.“ Zwölftes Kapitel. Waäͤhrend der Sheriff ſprach, kamen Mr. Henry Thornton, Billy Byles und ein anderer Herr, deſſen Geſicht mir bekannt ſchien, zu der Hütte geritten, aber ſie hielten plötzlich ihre Pferde an, als ſie Ro⸗ bert Thornton's Leiche erblickten, die noch da lag, wo ſie hingefallen war. Sie hatten offenbar keine voll⸗ ſtändige Nachricht von dem erhalten, was geſchehen war, denn es zeigte ſich Ueberraſchung und Entſetzen in ihren Geſichtern. Alle drei ſprangen vom Pferde und ſahen die Leiche einen Augenblick ſchweigend an, während ich und der Sheriff uns ihnen näherten. „Dies iſt ein ſchreckliches Ende!“ ſagte Mr. Henry Thornton, mir mit Wärme die Hand drückend. „Wie geſchah dies?“ „Es iſt wieder Nat Turners Werk,“ ſagte der Sheriff, ehe ich antworten konnte,„und das Schlimm⸗ — 172— ſte davon iſt, daß er uns wieder entkommen. Er ſchlug ſich durch und gelangte in den Sumpf, obgleich wir ihn überfielen, ehe noch der Rauch aus ſeiner Flinte war. Der alte William Thornton iſt auch ſchwer getroffen, aber er lebt noch und würde am Le⸗ ben bleiben, wenn er ſich ruhig verhalten, nicht flu⸗ chen und Jedermann ſchelten wollte.“ „Ich denke, da muß ich mich wohl beruhigen,“ ſagte der Fremde, der mit den beiden anderen Herren gekommen war;„denn ich ſtand eben im Begriff, dieſen unglücklichen Mann zur Rechenſchaft zu ziehen, da ich finde, daß er Argwohn und Mißceredit über mich gebracht hat; und mein Riücken iſt nicht breit genug, um Alles zu tragen, was die Leute darauf legen wollen.“ „Gut, gut,“ ſagte Billy Byles,„es iſt nicht nöthig, mehr davon zu reden, Halliday. Alles iſt erklärt und wird erklärt werden; und da liegt Bob Thornton, der Anſtifter alles Unheils in dieſer Graf⸗ ſchaft, und ich denke es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er noch mehr Unheil anrichten wird.“ „Sir Richard Conway erinnert ſich meiner ver⸗ muthlich nicht,“ ſagte Oberſt Halliday mit etwas ſtei⸗ fem und förmlichem Weſen. „Anfangs nicht, Oberſt Halliday,“ verſetzte ich; 1 „aber jetzt; und ich bin erfreut, Sie zu ſehen.“ „Ich ebenfalls,“ antwortete er,„denn ich habe ſehr gewünſcht, Ihnen zu erklären, daß dieſe beiden Männer, obgleich von meiner Jugend an meine Freunde, von mir weder unterſtützt noch begünſtigt wurden bei ihren Unternehmungen gegen Miß Daven⸗ port. Sie und zwei oder drei Andere, die bei ihnen waren, verſprachen mir, ſie wohlbehalten nach Jeru⸗ ſalem zu bringen, während ich weiterritt, um einige andere junge Damen aus einer etwas gefährlicheren Lage zu befreien. Vielleicht hätte ich ihren Worten nicht trauen ſollen, denn leider habe ich es ſchon frü⸗ her oft erlebt, daß ſie es gebrochen; aber zu jener Zeit hatte ich keinen Verdacht, daß hier ein falſches Spiel vorgehen könne, und ich befahl zwei Männern, hier zu warten, um Ihnen zu ſagen, wo Miß Da⸗ venport geblieben. Sie wurden indeß durch die An⸗ kunft der Neger hinweggeſcheucht. Ich hoffe, dieſe Erklärung wird Ihnen genügend ſein, mein Herr, wenn aber nicht, ſo kann ich nur ſagen, daß ich be⸗ reit bin.“ „Still! ſtill! Unſinn!“ ſagte Mr. Henry Thorn⸗ ton. Ich erwiederte ſogleich: „Sie iſt völlig genügend, Oberſt Halliday, ob⸗ gleich ſie unnöthig war. Miß Davenport hat Ihnen bereits volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ich ſchrieb Alles bereits den richtigen Perſonen und den wahren Beweggründen zu.“ — 174— „Nun, das iſt Alles richtig,“ ſagte Billy Byles auf ſeine unbefangene und unbekümmerte Weiſe.„Es iſt gut, Alles nach einander abzumachen. Und nun, da dies geſchehen iſt, was ſollen wir mit der Leiche dieſes armen Kerls anfangen, Herr Sheriſſ? Sie kann doch nicht hier liegen bleiben. Wäre es nicht beſſer, ſie an den alten Ort zu tragen 8 „Wir dürfen ſie nicht aus dem Staate entfer⸗ nen,“ verſetzte der Sheriff.„Es wird beſſer ſein, ſie dort unter die Büſche zu bringen, ſo daß wir ſie nicht mehr vor Augen haben, bis der Karren kommt, um den alten Mann nach Hauſe zu bringen. Wir können ſie dann in die Hütte tragen und ſie dort laſ⸗ ſen, bis der Leichenbeſchauer ſein Amt verrichtet hat. Inzwiſchen, Mr. Thornton, ſollte es nicht beſſer ſein, wenn Sie und Sir Richard mit Miß Beſſy zu mei⸗ nem Hauſe hinüberritten? Sie werden meine Schwe⸗ ſter dort finden, die für die junge Dame Sorge tra⸗ gen wird, und wenn ich ihr rathen darf, ſo geht Miß Beſſy heute nicht weiter, denn ſie muß ſehr er⸗ müdet ſein von Allem, was ſie erlebt hat, und in der That ſieht ſie auch zum Tode ermattet aus.“ „Ein ſehr guter Plan,“ antwortete Mr. Thorn⸗ ton;„und auf jeden Fall wollen wir in Ihrem Hauſe warten, bis Sie zurückkehren, Herr Sheriff.“ Es wurde indeſſen eine Veränderung des Planes nöthig. Die Pferde, die mich und Beſſy dorthin ge⸗ bracht hatten, wurden eine halbe Stunde lang nicht gefunden, denn ſie hatten ſich drei Viertelmeilen weit in den Sumpf fortgeſchleppt, und als man ſie fand und zurückbrachte, mußten ſie zu unſerer Reiſe geſat⸗ telt werden. Jetzt war auch der Karren mit der Matratze angekommen. Der alte Mr. Thornton wurde vorſichtig aus der Hütte getragen und darauf gelegt; und obgleich ſehr geſchwächt durch den Blut⸗ verluſt, ſchien er doch in einer ſehr ärgerlichen und aufgeregten Stimmung zu ſein und verwünſchte die Leute, die ihn trugen, wegen des Schmerzes, den ſie ihm aufzulegen nicht umhin konnten. Drei von den Männern, die zugegen waren, erboten ſich, ihn zu dem alten Hauſe zu begleiten, und nachdem der She⸗ riff angeordnet hatte, einen Wundarzt herbeizurufen, bereitete er ſich vor, mit den Uebrigen den Sumpf zu überſchreiten. „Wo iſt die alte Jenny?“ rief der Sheriff, als wir unſern Weg antreten wollten;„wo iſt die alte Jenny? Wir dürfen nicht ohne ſie gehen. Sie iſt in der That ein gutes Geſchöpf und ſorgte ſehr freundlich für den unglücklichen Mann, ungeachtet ſei⸗ nes Scheltens.“ „Hier bin ich, Herr!“ rief Jenny, aus der Hütte kommeud.„Gehen Sie nur, ich komme nach. Nie⸗ mand thut mir etwas zu Leide, und ich wünſche vor⸗ her für Maſter Roberts Leiche zu ſorgen.“ — 176— „Nein, nein, Jenny, kommt nur mit,“ ſagte der Sheriff.„Laßt nur die Leiche, der Leichenbe⸗ ſchauer muß ſie ſehen, wie ſie iſt. Einer von Euch Burſchen fange jenes Pferd ein— oder auch das andere dort; ich vermuthe, ſie gehören William Thorn⸗ ton; aber wir müſſen eins davon in Beſchlag neh⸗ men, um die alte Frau zu tragen.“ „Nein, nein, ich gehe lieber,“ ſagte Jenny leb⸗ haft.„Ich will nicht reiten. Es erſchüttert mich zu ſehr— ich bin ſo fett. Wenn Miß Beſſy und Maſter Richard bei mir bleiben, will ich neben ihnen hergehen.“ Mr. Thornton und mehrere Andere beſchloſſen aber, uns Geſellſchaft zu leiſten und im Schritt durch den Sumpf zu reiten; aber wir nahmen ein übriges Pferd mit, im Fall, daß Jenny, wie ich wußte, daß es geſchehen würde, zu ſehr ermüdet werden ſollte, ehe wir das Haus des Sheriff's erreichten. Es wäre mir lieber geweſen, wenn man den guten Plan der alten Tante Jenny befolgt hätte, denn ich wünſchte ein ruhiges Geſpräch mit der lieben Beſſy zu führen, und die gute alte Dame wäre keine Störung für unſere Unterredung geweſen. Da aber Mr. Thornton den ganzen Weg über mit uns ſprach und nach Allem fragte, was geſchehen war, und uns ſelber einige Nachrichten mittheilte— während Billy Byles zu unſerer Rechten ſein Lied pfiff, und ein — 1277— junger Landmann hinter uns ein ähnliches ſummte, ſo konnte von einer beſonderen Unterredung zwiſchen mir und dem lieben Mädchen durchaus nicht die Rede ſein. Vielleicht war es ſo beſſer, denn Beſſy war gewiß nicht in der Lage, noch mehr Aufregung zu ertragen, und hätte ſich mir eine Gelegenheit dazu dargeboten, ſo möchte ich, gleich den meiſten anderen Männern, nicht ganz ſo rückſichtsvoll geweſen ſein, wie ich es hätte ſein ſollen. Unſere Reiſe ging natürlich ſehr langſam vor ſich; aber ſie gewährte Mr. Thornton eine Gelegen⸗ heit uns Alles zu erzählen, was geſchehen war, ſeit⸗ dem ich die Hauptſtadt der Grafſchaft verlaſſen. Der Aufſtand, ſagte er, werde jetzt als völlig beendet an⸗ geſehen; die Truppen kehrten zu ihren verſchiedenen Stationen zurück, und es befinde ſich nur noch eine kleine Abtheilung in Jeruſalem, mehr um als Poli⸗ zei zu dienen und die flüchtigen Uebelthäter zu ergrei⸗ fen, als den Ort gegen eine Erneuerung der Gewalt⸗ thätigkeit zu ſchützen. Die Grauſamkeit William Thornton's und ſeines Sohnes gegen die armen, harm⸗ loſen Reger hatte den größten Unwillen in der Stadt erregt, als der Sheriff Beide gefangen dorthin ge⸗ bracht. General Eppes hatte eine kräftige Proclama⸗ tion über dieſen Gegenſtand erlaſſen, worin er die Leute warnte, ſich aller barbariſchen Handlungen zu enthalten, und nur mit der größten Mühe hatten ſie Freiheit u. Sclaverei 3. Bd. 12 Bürgſchaft erhalten, ſich dem Gerichte zu ſtellen. Sie behaupteten entſchloſſen, ſie wüßten nicht, was aus Miß Davenport geworden ſei; obgleich ſie zugaben, daß Oberſt Halliday ſie unter ihren Schutz geſtellt, erklärten ſie, ſie habe an jenem Morgen ihr Haus verlaſſen und mehr wüßten ſie nicht, von ihr. Eine Berathung erfolgte zwiſchen Mr. Thornton und dem Sheriff, gleich nachdem ſie die Bürgſchaft geſtellt und die Stadt verlaſſen hatten. Ihr Verdacht richtete ſich ſogleich auf den Ort, wohin ſie die arme Beſſy ge⸗ ſchickt hatten, und ſie brachten einen ſtarken Trupp zuſammen, um ihre Nachſuchung bis Nord⸗Carolina fortzuſetzen. Sie kamen früh am Morgen im Hauſe des Sheriff zuſammen und zur Ueberraſchung des Mr. Thornton und des Mr. Byles fanden ſie den Oberſt Halliday auch dabei. Jener Herr war, wie Mr. Thornton weiter erzählte, bei der Rückkehr von ſeiner Expedition außerordentlich aufgebracht, als er hörte, daß Mr. William Thornton ihm ſein Wort gebrochen und daß in ihm ſowohl, wie in Anderen, ein Verdacht er⸗ regt worden ſei, daß er bei Beſſys Verſchwinden be⸗ theiligt geweſen. „So zornig war er,“ fuhr Mr. Thornton fort, „daß ich es für nöthig hielt, ihm ein Verſprechen ab⸗ zunehmen, ehe ich ihm geſtattete, uns zu begleiten, daß er keine Gewaltthätigkeit gegen Robert Thornton unternehmen wolle, wenn wir mit ihm zuſammentteſ⸗ — 179— fen ſollten, da er der Wahrheit gemäß behauptete, daß Robert ſeinen Vater völlig beherrſche.“ Faſt Alles, was nach ihrer Abreiſe geſchehen war, wußten wir ſchon, denn wir hatten von dem Sheriff erfahren, daß weder er noch irgend Einer von ſeinem Trupp den geringſten Begriff davon ge⸗ habt hatte, daß in der Nähe des Weges ſich eine Hütte befinde, und daß nur der Anblick Matthias Leary's und der Knall von zwei oder drei Flinten ſie zu der Stelle geführt, wo William Thornton und ſein Sohn gefallen. „Ich, Byles und Halliday,“ fuhr Mr. Thorn⸗ ton fort,„verließen hier den Sheriff und die Uebrigen etwa eine Meile von der Stelle, wo wir Sie ſpäter fanden, und ritten zu dem alten Orte weiter, welchen Mr. William Thornton und ſein Sohn erſt vor we⸗ nigen Minuten verlaſſen hatten. Ein alter Neger, Namens Samuel, benachrichtigte uns, als Halliday drohte, ihm lebendig die Haut abzuziehen, wenn er uns nicht die Wahrheit ſage, daß Sie in der Nacht zuvor mit fünf oder ſechs Mann dageweſen und Beſſy mitgenommen hätten. Seine beiden Herren, ſagte er, wären gegangen, um ſich nach Ihnen umzuſehen; aber nur mit der größten Schwierigkeit brachten wir ihn zu dem Geſtändniß, daß eine von den alten Frauen des Ortes um eine kleine Hütte wiſſe, die auf der Grenze ſtehe und Sie nach jener Richtung habe reiten 12. — 180— ſehen. Wir nöthigten ſie, uns weitere Erklärungen zu geben, wo der Ort liege, und als uns bald darauf die Leute des Sheriſſ's auf dem Wege begegneten, er⸗ hielten wir weitere Auskunft. Als wir Robert Thorn⸗ ton todt am Boden liegen ſahen, mein lieber Sir Richard, kamen wir natürlich auf den Schluß, daß ein Kampf ſtattgefunden habe, und daß Sie ihn er⸗ ſchoſſen. Ich bin in der That froh, daß es nicht ſo iſt, denn es iſt eine ſehr traurige Angelegenheit ge⸗ weſen.“ „Freilich,“ ſagte Beſſy Davenport,„dies war die traurigſte Woche, die Virginien je erlebt hat.“ „Nun, meine Liebe, wir müſſen uns dem fügen, was Gott über uns verhängt,“ antwortete Mr. Thorn⸗ ton.„Das Erſte, was Du zu thun haſt, liebe Beſſy, iſt, für Dich ſelber zu ſorgen, denn Du ſiehſt ganz abgefallen und alt aus, und wenn Du nicht wieder hübſcher wirſt, bekommſt Du nie einen Mann.“ Beſſy ſah mir ruhig ins Geſicht und ein mattes Lächeln umſpielte ihre Lippe; aber Mr. Henry Thorn⸗ ton fuhr fort, ohne daſſelbe zu beachten: „Du mußt morgen nach Hauſe kommen, Beſſy, und unter der Pflege Deiner guten Tante wirſt Du bald wieder ſo rund werden, wie ein kleines Reb⸗ huhn.“ 4 „Schlagen Sie nicht dieſen Weg ein, Maſter Thornton,“ rief Tante Jenny, die uns mit Anſtren⸗ — gung folgte.„Der andere Weg iſt keine Viertelmeile weiter, und ich wünſche zu ſehen, was aus dem ar⸗ men Hercules geworden iſt.“ „Ein guter Einfall, Tante,“ ſagte Mr. Thon⸗ ton;„Ihr ſeid eine gute, freundliche Frau; aber wir müſſen Euch wirklich aufs Pferd ſetzen, ſonſt werden wir vor der Nacht unſere Heimath nicht mehr errei⸗ chen. Ich muß dieſen Abend noch nach Hauſe, Jenny, denn meine Frau würde denken, daß wir Alle umgekommen.“ 4 Die arme Jenny, die jetzt wirklich ermüdet war, wurde mit einiger Schwierigkeit auf den unbequemen Sattel geſetzt, und obgleich wir aus Rückſicht für ſie nicht ſchnell ritten, ſo kamen wir doch ſchneller wei⸗ ter, als da ſie zu Fuß gegangen. Nach einer Stunde erreichten wir Mr. William Thornton's Wohnung und hier hatten wir ein neues ſehr intereſſantes Beiſpiel, wie raſch ſich die Nach⸗ richten unter den Negern in dieſem Lande verbreiten. Wir wußten nicht, daß irgend Jemand anders, als wir, ſeit jenen unheilvollen Ereigniſſen, die ſich auf der Grenze zugetragen, in jener Richtung über den Sumpf gekommen, denn der Sheriff hatte den ande⸗ ren Weg gewählt; doch die Neger waren jetzt vor Mr. Thornton's Hauſe verſammelt und gaben eine mächtige Aufregung der Gefühle zu erkennen. „Sehen Sie dieſe armen Leute,“ ſagte ich zu — 182— Mr. Henry Thornton;„iſt es möglich, daß irgend ein Gerücht von dem, was ihren Herrn betroffen hat, zu ihnen gelangt ſein ſollte?“ „Mehr als wahrſcheinlich,“ antwortete mein Freund;„die ſchnelle Verbreitung der Nachrichten un⸗ ter den Negern iſt faſt unerklärlich. Ich bin zuwei⸗ len faſt in Verſuchung gerathen, zu glauben, daß ein Vogel in der Luft ihnen die Nachrichten überbracht habe. Sehen Sie, da kommt ſchon Jemand, um uns eine Frage vorzulegen.“. Während er ſprach, kam das Mädchen, welches mir am Tage zuvor die einzige Nachricht über die Richtung ertheilt hatte, welche Beſſy genommen, her⸗ beigeeilt, als wir in geringer Entfernung an dem Hauſe vorüberritten, und fragte in bebendem Tone: „Ol Maſter Henry, kann es wahr ſein, daß da drüben ein Gefecht ſtattgefunden hat und daß Leute dabei getödtet worden ſind?“ „Kein Gefecht, Mädchen,“ antwortete Mr. Thornton;„aber leider haben Nat Turner und ſeine Bande noch mehr Unheil angerichtet und Dein Herr hat dabei gelitten.“ Das Mädchen rang ihre Hände und ſagte dann in leiſem Tone: „Und Maſter Robert?“ „Der Eine iſt getödtet und der Andere ſchwer verwundet,“ verſetzte Mr. Thornton.„Du wirſt 8 — 183— ohne Zweifel bald mehr von ihm hören und die ein⸗ zelnen Umſtände ausführlicher erfahren, als ich ſie Dir mittheilen kann. Wer ſagte Dir, daß irgend eetwas Wichtiges geſchehen?“ Ueber dieſen Punkt aber konnten wir, wie ge⸗ wöhnlich, keine Auskunſt erhalten. Der eine Neger hatte es von dem anderen gehört, der auch zugegen war, dieſer von einem Dritten und dann beſchrieb der Gang der Nachricht einen vollſtändigen Kreis und machte dann wieder die Runde. Es war einleuchtend, daß Einige oder Alle logen; und die Frage aufgebend, erkundigte ſich Mr. Thornton, ob ſie etwas von dem Zuſtande des armen Hereules wüßten. „Er war dieſen Morgen ſehr übel daran,“ ſagte einer von den Männern, wobei das Mädchen den Kopf ſchüttelte und ſehr traurig ausſah. „ Laſſen Sie uns weiterreiten, Onkel Henry,“ ſagte Beſſy.„Ich muß den armen Mann ſelber ſehen. Er wurde verwundet, während er bemüht war, mir zu dienen und ich muß ihn beſuchen.“ „Ich will Dich nicht daran verhindern, Beſſy,“ ſagte ihr Onkel;„obgleich ich ſehr fürchte, mein lie⸗ bes Kind, daß Du Dich zu ſehr anſtrengſt und daß es Dir ſchaden wird. Laß uns indeſſen weiterreiten.“ Dreizehntes Kapitel. Als wir uns dem kleinen Halbkreiſe von Hüt⸗ ten näherten, den ich oben beſchrieben habe, und wo Tante Beb's Neger wohnten, zeigten ſich keine von ihnen vor den Thüren, wie bei meinem früheren Be⸗ ſuche. Im Gegentheil war jetzt Alles ſtill und ruhig, und ich konnte nicht umhin zu fürchten, daß der Ver⸗ wundete todt ſei. Mr. Thornton war indeſſen anderer Meinung. „O nein!“ antwortete er, als ich meine Be⸗ fürchtung ausſprach;„ſie ſind höchſt wahrſcheinlich auf dem Felde. Wenn er todt wäre, würden Sie Geräuſch genug hören. Nur bei gebildeten und wohl⸗ erzogenen Menſchen, die gewöhnt ſind ihre Gefühle zu beherrſchen, iſt der Kummer ſtumm. Bei dieſen armen, kindlichen Geſchöpfen iſt er immer lärmend. Aber dort ſehe ich den Kopf eines Pferdes zwiſchen den Hütten. Vielleicht iſt Chriſty bei ihm.“ „So war es auch. Der gute Arzt war da und ſaß auf einem kleinen Stuhle an der Seite des Kran⸗ ken; er hielt ſeine Finger auf dem Pulſe deſſelben und ſeine Augen waren halb geſchloſſen, faſt, als wenn er ſchlummerte. Eine Frau und ein Kind be⸗ fanden ſich auch in der Hütte und ſtanden in gerin⸗ ger Entfernung hinter dem Arzte. Die Frau des Mannes war noch ein ganz junges Weſen— faſt ſelber noch ein Kind— und ſah von Kummer und Furcht ganz verwirrt aus. Wir hatten die Thüre geöffnet, ohne daß Doctor Chriſty ſich bewegte oder ſeine Augen öffnete; aber ſobald Beſſy Davenport eintrat, ſtutzte er und blickte auf. „Ich wußte es!“ rief er.„Ich fühlte es an dem Pulſe des armen Mannes. Miß Beſſy, Sie haben kein Recht, den Puls irgend eines Menſchen ſo in Bewegung zu ſetzen, nicht wahr, Sir Richard?2 Mr. Thornton, ich bin Ihr ergebener Diener. Sie ſind Alle zur rechten Zeit gekommen, denn ich bedarf hier des Beiſtandes. Alle Leute ſind auf dem Felde und dieſes arme junge Geſchöpf iſt kaum im Stande für ſich ſelber zu ſorgen.“ „Ol liebe Miß Beſſy, ich bin ſo froh Sie zu ſehen, und noch dazu bei Ihren eigenen Leuten!“ rief — 186— der arme Mann.„Sie ſind ſehr freundlich zu kom⸗ men und den armen Hereules zu beſuchen.“ „Still!“ ſagte der Doctor,„kein Wort, wenn Ihr wollt, daß ich Euer Leben erhalten ſoll.“ „O! ich weiß, ich werde doch ſterben, Maſter Chriſty,“ ſagte der Mann. „Ihr werdet ſterben, wenn Ihr ſprecht, und dann will ich nicht verſuchen, Euch zu retten,“ ant⸗ wortete der Doctor. „Wie heiß ſeine Hand iſt!“ ſagte Beſſy, die ſich näherte und ſeine rieſenhafte ſchwarze Hand an⸗ faßte. „Ja,“ ſagte der Arzt mit wichtiger Miene,„er hat die ganze Nacht Fieber gehabt und iſt jetzt ein wenig herabgeſtimmt. Aber ich habe mich von zwei Dingen überzeugt, ſeitdem ich hier geſeſſen, in der Hoffnung, daß eine verſtändige Perſon komme, um mir zu helfen. Erſtens, daß kein Lebensorgan be⸗ rührt iſt, obgleich, wie es oft bei Wunden der Fall iſt, viele tödtliche Stellen in der Nähe ſind; zweitens, daß zwei Kugeln in der Flinte waren, die ſich nicht ausbreiteten, und daß die eine noch in der Wunde ſteckt.“ „Ich fühle, wie ſie brennt, ganz nahe an mei⸗ nem Rücken, Herr,“ ſagte Hercules. „Ich glaube es wohl,“ antwortete der Arzt; „nichts Anderes könnte die Symptome herbeiführen, — 187— die ich bemerke. Nun muß ich dieſe Kugel heraus⸗ ziehen, und ich wünſche, daß ihm Jemand ſeinen rechten Arm feſthält, während ich operire, denn ge⸗ ſtern bewegte er ihn. Der arme Kerl konnte nicht anders— es war unwillkürlich, als er den Schmerz fühlte.“ „Kann ich es thun?“ fragte Beſſy in leiſem und furchtſamem Tone. „Nein, ich danke Ihnen, Miß Davenport,“ verſetzte der Doetor lächelnd.„Wenn ich ein Roth⸗ kehlchen zu operiren habe, will ich Sie bitten, es zu halten; aber nicht dieſen Goliath von Gath. Sir Richard oder Mr. Thornton werden vielleicht den Arm halten, und ich will Ihnen eine leichtere Aufgabe er⸗ theilen. Hier, Miß Beſſy, nehmen Sie die zweite Flaſche aus der kleinen ſchwarzledernen Kapſel dort und ſchütten einen Theelöffel voll in etwas Waſſer. Dann ſtehen Sie hier, während ich nach der Kugel ſuche und geben ihm den Trank, wenn Sie glauben, daß er nahe daran iſt, ohnmächtig zu werden. Nun, Hereules, wenn Ihr ganz ruhig ſein wollt, ſollt Ihr in einer oder zwei Minuten Erleichterung haben; und wenn Ihr Euch ganz ruhig verhaltet, werdet Ihr wieder hergeſtellt werden. Ei, Jenny, ich ſah Euch nicht. Ihr könnt auch das Hirſchhorn und Waſſer halten.“ „Nein, ich will es thun, Doctor Chriſty, ich — 188— will es thun. Ich will nie vor dem zurückbeben, was nöthig iſt, um meinen Mitmenſchen zu helfen,“ ſagte Beſſy. „Ich weiß es wohl,“ antwortete der Arzt; und ſeinen Arm entblößend, begann er ſeinen Patienten in die rechte Lage zu bringen und die Binden von der Wunde zu entfernen. Beſſy wendete Anfangs ihre Augen ab und ich konnte bemerken, wie ihre Lippe bei der Aufregung ein wenig bebte; aber ich konnte nicht einſchreiten. Mr. Thornton, der ihr Geſicht ebenfalls beobachtete, ging herum und ſtellte ſich hin⸗ ter ſie, indem er offenbar glaubte, ſie möchte früher ohnmächtig werden, als der Patient. Sobald aber die Operation begann, richtete ſie ihre Augen auf das Geſicht des armen Negers und ſchien jede Veränderung zu beobachten. Nach etwa zwei Minuten— denn die Operation währte ein we⸗ nig lange— ſetzte ſie plötzlich den kleinen Becher an die Lippen des Mannes und ſagte: „Trinkt etwas davon, Hercules.“ Er trank und faſt in demſelben Augrnblick rief Doctor Chriſty: „Ich habe ſie! ich habe ſie gefaßt!“ „O!l Das iſt angenehm— das iſt kühlend!“ rief der arme Mann, als der Arzt die Kugel mit der Zange herauszog. „Ja, jetzt wird es beſſer mit Euch werden, 1 — 189— Hereules,“ ſagte der Arzt.„Das munß ein blutdür⸗ ſtiger Schurke geweſen ſein, daß er zwei Kugeln in die Flinte gethan. Ich ſage Euch, jetzt wird es beſſer mit Euch werden.“ „Ich denke auch, Maſter Chriſty,“ antwortete der Neger;„ich fühle mich ganz leicht, und ich denke, ich könnte einſchlafen, wenn Miß Beſſy mir nur ein wenig vorſingen wollte. Oft habe ich in Beavors unter dem Fenſter geſtanden und Ihnen zugehört, wenn Sie geſungen.“ 4 „Das will ich, Hercules, wenn es irgend wohl⸗ thätig auf Euch wirkt,“ antwortete Beſſy. Hierauf ſetzte ſie ſich auf den kleinen Stuhl nie⸗ der und ſang mit bebender, aber dennoch außerordent⸗ lich lieblicher Stimme ein beliebtes Negerlied. Die junge Frau des armen Mannes ſchlich zu ihr herum, als ſie ſang, kniete zu ihren Füßen nieder und küßte ihre Hand. Des Negers Augen ſchloſſen ſich ſchläfrig, öffneten ſich und ſchloſſen ſich dann wie⸗ der zu dem Schlummer der Erſchöpfung und der Er⸗ leichterung. Beſſy ſang allmälig leiſer und beendete das Lied mit der dritten Strophe. Der Arzt trocknete eine Thräne aus ſeinem Auge und wir Alle ſchlichen uns leiſe aus der Hütte. —„Nun, ich denke am Ende doch, Sie ſind ein Engel,“ ſagte der gute Arzt zu Beſſy, als wir ins Freie kamen. 7 — 190— „Still, Doctor, ſtill!“ antwortete ſie faſt trau⸗ rig.„Ich fühlte mich nie mehr ſterblich, ſchwach und werthlos, als in dieſem Augenblick.“ „Nun denn, was vielleich beſſer iſt, als ein Engel,“ fügte der begeiſterte alte Herr hinzu,„Sie ſind das beſte Muſter von einem ächten, treuherzigen, virginiſchen Mädchen. Gott ſegne ſie Alle! Ich konnte nie eine bewegen, mich zu heirathen; aber es war nicht meine Schuld.“ „Aber erzählen Sie uns von den anderen Leu⸗ ten,“ ſagte Mr. Thornton.„Ich hörte, es wären drei verwundet.“ „Ol! es ſind bloße Fleiſchwunden,“ antwortete der Arzt;„Neger oder Arbeiter werden ohne den Bei⸗ ſtand des Arztes hergeſtellt. Dieſe Wunden ſind na⸗ türlich ernſtlicher,“ fügte er mit komiſchem Lächeln hinzu,„wenn reiche Herren und Baronets aus fremden Ländern unter unſeren Händen ſind. Bei ihnen iſt der Fall ganz anders, und wir erwerben uns bei ih⸗ nen viel Ruhm und ſuchen ſo viel Honorar von ih⸗ nen zu bekommen, wie wir nur können. Ich bin indeſſen ſehr aufgebracht über Robert Thornton,“ fuhr er fort,„daß er zwei Kugeln in ſeine Flinte that, um einen armen NReger niederzuſchießen. Es iſt mir leid, daß ich den blutdürſtigen Schurken wieder her⸗ geſtellt habe; ich werde es ihm ſagen, wenn ich ihn wiederſehe.“ „Sie werden ihn nie wiederſehen, Doctor Chriſty,“ verſetzte Mr. Henry Thornton.„Er wurde dieſen Morgen auf der Grenze des Staats von Nat Turner erſchoſſen.“ Der gute Arzt athmete tief vor Ueberraſchung; doch erlangte er bald ſeine heitere Stimmung wieder, denn zuweilen werden Aerzte, gleich den Leichenbeſor⸗ gern, ſo vertraut mit dem Tode, daß ſie mit dem Ungeheuer ſcherzen können, als wäre er ein Kamerad. „Nat Turner! ſchon wieder Nat Turner!“ rief er.„Ei, dieſer Kerl iſt ja überall. Aber ich denke, es wird ihm nützlich ſein, daß er Bob Thornton ge⸗ tödtet hat; denn wenn die Geſchworenen ihn auch wegen ſeiner anderen Mordthaten verurtheilen, ſo wird ihm doch der Gouverneur natürlich zur Belohnung für dieſe begnadigen. Es iſt mir indeſſen leid um den alten Mann; er wird nicht wiſſen, was er ohne ſeinen Sohn anfangen ſoll. Durch ſeine Hilfe hat er bereits den größten Theil des Weges zum Verder⸗ ben zurückgelegt, und nun hat er Niemand, der ihn vollends dorthin führt.“ „Er wird ſeinen Weg leicht genug finden,“ ſagte Mr. Thornton trocken. Als wir unſere Pferde beſtiegen und im Begriff waren, zu dem Hauſe des Sheriff zu reiten, bemerkte Beſſy, daß Jenny nicht bei uns war. Als wir uns erkundigten, erfuhren wir, daß ſie in der Hütte ge⸗ blieben ſei, und als der Arzt ihr winkte, herauszu⸗ kommen, näherte ſie ſich dem Pferde des Mr. Thorn⸗ ton und ſagte: „Ich denke, Maſter Henry, ich will hier bleiben, wenn Sie nichts dagegen haben.“ „Weshalb, Jenny?“ fragte Mr. Thornton; „ſeid Ihr zu ermüdet, um uns zu begleiten?“ „Nein, das iſt nicht Alles,“ antwortete die gute Frau;„aber ich wünſche Pheme beizuſtehen, um den armen Hereules zu verpflegen. Sie ſehen, Maſter Henry, Pheme iſt nicht viel mehr, als ein Kind in ſolchen Dingen, und ſie weiß nicht, wie ſie für ihren Mann ſorgen ſoll. Darum iſt es beſſer, wenn ich dableibe.“ „Ein vortrefflicher Einfall, Tante,“ ſagte der Arztz„wir Beide haben ſchon manchen Kranken ver⸗ pflegt und Ihr ſeid ſehr geſchickt dazu.“ „Dann ſind wir auch ganz nahe bei dem Hauſe des alten Will,“ ſagte Jenny,„und dies Pferd hier gehört ihm. Wenn Sie es nur von dem Haken los⸗ machen wollen, wird es allein nach Hauſe gehen.“ „Ich will dafür ſorgen,“ ſagte Doctor Chriſty. „Reiten Sie zu dem Hauſe des Sheriff,“ fuhr er fort, indem er ſich zu Mr. Thornton, Beſſy und mir wendete,„und überlaſſen Sie es mir und Jenny, für den kranken Mann zu ſorgen.“ Die Wohnung des Sheriff war von jedem an⸗ deren Hauſe in Virginien verſchieden, ſowohl hinſicht⸗ 4 — 193— lich der Bauart, als auch des ganzen Ausſehens. Sie war niedrig und nahm einen beträchtlichen Raum ein, hatte rings herum eine hübſche Veranda und lag nicht wie gewöhnlich an dem äußerſten Rande des freien Theils der Pflanzung, ſondern war noch von dem Urwalde geſchützt. Sie lag auf einer kleinen Erhöhung im Walde, die etwa zweihundert Schritte breit war, und dieſer Raum war in der Nähe des Hauſes ganz vom Walde frei. Das Haus erſchien trocken und bequem, aber kühl und ſchattig, indem die großen Bäume ohne Unterholz rings umher einen Luſtwald bildeten und dem Gebäude das Anſehen eines engliſchen Förſterhauſes gewährten. Der Sheriff ſelber kam heraus, um uns zu em⸗ pfangen, und ihm folgte ſeine Schweſter, von der er geſprochen. Sie war in vieler Hinſicht das gerade Gegentheil von ihm, denn während er volle ſechs Fuß zwei oder drei Zoll hoch war, zeigte ſie eine ſehr kleine Statur und entſchädigte für die Schweig⸗ ſamkeit des Sheriff’s durch ihre eigene gutmüthige Zungengeläufigkeit. In ihrer Kleidung war ſie ein vollkommenes Muſter für ältliche unverheirathete Da⸗ men. Sie war das Muſter der Zierlichkeit von der hübſchen, kleinen weißen Schürze bis zu der kleinen quäkerartigen Haube. Kein überflüſſiges Band— keine prunkende Farbe— kein phantaſtiſcher Schmuck war da zu ſehen; aber ſie erinnerte mich an jene klei⸗ Freiheit u. Selaverei. 3. Bd. 13 — 194— nen braunen Vögel, die im Allgemeinen die lieblich⸗ ſten Sänger ſind. Wir wurden Alle herzlich begrüßt und es fand eine gaſtfreundliche Aufregung und Thätigkeit an dem Orte ſtatt, um paſſendere Kleider für Beſſy und mich herbeizuſchaffen, denn die kleine Dame bemerkte richtig, daß wir mehr Flüchtlingen aus dem Zuchthauſe, als irgend etwas Anderem, glichen. Mr. Thornton beruhigte ſie aber bald über die⸗ ſen Punkt. „Ich will nur ein Mittageſſen bei Ihnen ein⸗ nehmen,“ ſagte er,„und dann zu meinem Hauſe hinüberreiten. Sobald ich dort ankomme, will ich einige von meinen Leuten nebſt Beſſy's Mädchen mit ihren eigenen Kleidern herüberſchicken, denn dieſe hat ſie offenbar irgendwo geſtohlen. Ich nahm mir die Freiheit, Sir Richard, Ihren Diener Zed mit mir in mein Haus zu nehmen, und als ich geſtern das traurige Amt hatte, die Anordnungen in Beavors zu treffen, ſo nahmen ich und Zed alle Ihre Sachen aus Ihrem Zimmer mit. Vielleicht wird es beſſer ſein, Zed mit denjenigen Kleidungsſtücken und der⸗ gleichen mehr, was er nach ſeinem Geſchmack und Urtheil auswählen wird, hieher zu ſchicken. Er wird dann die Gelegenheit haben, ſich mit ſeinen eigenen Augen zu überzeugen, daß Sie gerettet und wohl ſind, denn der arme Mann ging geſtern den ganzen Abend traurig umher und ließ eine ſchwermüthige Stimme hören, gleich einem Whip⸗poor⸗will.“ „Aber, mein lieber Herr,“ antwortete ich,„Sie nehmen es als ausgemacht an, daß ich hier bleiben werde, während man mich noch nicht einmal eingela⸗ den hat.“ „Das verſteht ſich von ſelber,“ rief der Sheriff. „In dieſem Lande denkt Niemand daran, ſeine Freunde einzuladen; ſie kommen immer, wenn es ihnen ge⸗ fällt, und die Einladung wird vorausgeſetzt.“ „Bitte, bleibe da, Richard,“ ſagte Beſſy, ihren Kopf an meinen Arm lehnend.„Ich habe morgen viel mit Dir zu beſprechen. Jetzt bin ich ſo ermüdet und fühle mich ſo ſchwach, daß ich dieſen Abend ſehr bald zu Bette gehen werde— darum bleibe da.“ „Gewiß,“ verſetzte ich.„Ich nahm nur zum Scherz wegen der Einladung eine verſtellte Beſcheiden⸗ heit an, Beſſy.“ „Nun, ſo gehen Sie und waſchen Ihre Hände und Geſichter,“ ſagte der Sheriff.„Wir werden Ihnen zu einer weiteren Toilette keine Zeit geſtatten, denn Sie haben ſich unterwegs ſo lange aufgehalten, daß ich fürchte, das Mittageſſen wird nicht mehr zu eſſen ſein, und ich höre aus dem Hinterhauſe ein Geräuſch, welches mir andeutet, daß gebratene Hüh⸗ ner auf dem Wege zum Speiſezimmer ſind. Sie werden ſogleich ein ſchreckliches Krachen hören, welches 13* — 196— ankündigt, daß eine große Schüſſel auf das Stein⸗ pflaſter im Gange niedergefallen iſt, was in den vir⸗ giniſchen Häuſern täglich vorkommt, Sir Richard.“ „Nein, Bruder Harriſſon, dagegen muß ich pro⸗ teſtiren,“ rief ſeine Schweſter;„es geſchah nie in dieſem Hauſe. Kommen Sie, Beſſy, er iſt ein Tadler. Kommen Sie, Sir Richard, ich will Ihnen Beiden Ihre Zimmer zeigen, ſie ſind ganz hübſch neben einander.“ „Und eine Spalte in der Wand, gleich Pyra⸗ mus und Thisbe?“ fragte der Sheriff mit ſchalkhaf⸗ tem Lächeln. Beſſy erröthete und drohte ihm mit dem Fin⸗ ger, dann folgten wir Beide ſeiner Schweſter zu zwei ſehr hübſchen kleinen Zimmern, die ſehr reizend und bequem ausſahen nach den ſeltſam wilden Scenen, un⸗ ter welchen wir in der letzten Zeit einige unſerer Nächte zugebracht hatten. Als ich in das Beſuchzimmer zurückkehrte, fand ich Mr. Thornton und den Sheriff in lebhafter Un⸗ terredung. „Wir werden Ihrer morgen in meinem Hauſe und vielleicht auch in Jeruſalem bedürfen,“ ſagte Mr. Thornton, als ich eintrat.„Wir möchten frei⸗ lich nicht gern eine ſo angenehme Anordnung, wie Beſſy ſie für Sie gemacht hat, ſtören; aber das Ge⸗ ſchäft will zuerſt beſeitigt ſein, Sir Richard.“ 7 — 197— „Was, in Virginien?“ fragte ich lächelnd, in⸗ dem ich mich ſeiner eigenen Beſchreibungen der ge⸗ ſchäftlichen Gewohnheiten dieſes Volks erinnerte.„In⸗ deſſen, mein lieber Herr, will ich nicht verſprechen vor zwei Uhr dort zu ſein; denn Beſſy und ich haben in der That ſehr Vieles zu beſprechen. Sie wiſſen, Herr Sheriff, ſie iſt meine Vermächtnißerbin, und natürlich iſt unſer Geſchäft ſehr wichtig— ob⸗ gleich ich vermuthe, mein guter Freund,“ fuhr ich zu Mr. Thornton gewendet fort,„daß die geſchickte An⸗ ordnung, meine Rechte, Anſprüche und Intereſſen auf eine gewiſſe ledige Beſſy Davenport zu übertragen, abgeändert werden muß.“ „Wir werden ſehen,“ antwortete Mr. Thornton ganz ernſthaft.— „Auf jeden Fall iſt unſer Geſchäft wichtig,“ ſagte ich. „Nicht halb ſo wichtig, wie das, welches unſer im nächſten Zimmer wartet,“ rief der Sheriff unge⸗ duldig,„wenn dieſe beiden Frauenzimmer nur kommen wollten. Ich ſtehe dafür, meine vortreffliche Schwe⸗ ſter veranlaßt unſere liebe kleine Freundin, ihr einen wahren, umſtändlichen und ſpeciellen Bericht von Al⸗ lem zu ertheilen, was ihr während der letzten Woche begegnet iſt, wobei ſie dieſe gebratenen Hühner, wo⸗ von wir ſprachen, gänzlich vergißt. Jack!“ rief er laut zur Thür hinaus,„geh' und wirf eine große — 198— Porzellanſchüſſel vor der Thür Deiner Herrin nieder, damit ſie weiß, daß das Mittageſſen bereit iſt. Es muß ſo geſchehen, daß es einen tüchtigen Lärm macht.“ 5 „Bruder, Bruder, ich komme!“ rief ſeine Schwe⸗ ſter, welche natürlich Alles gehört hatte.„Sei nicht ſo thöricht; der Mann könnte Dich mißverſtehn. Komm, liebe Beſſy, dieſe hungrigen Männer wollen ihr Mittageſſen.“ Ich muß geſtehen, daß ich gewiß ſehr hungrig war. Die arme Beſſy hatte auch jedes Recht hungrig zu ſein, denn wir hatten ſeit dem vergangenen Abend Nichts genoſſen. Es iſt in der That wunderbar, wie Aufregung, Unruhe und lebhafte Thätigkeit des Gei⸗ ſtes die Anforderungen des Appetits beſeitigen; und auf jeden Fall muß ein gewiſſer Punkt erreicht ſein, ehe der Hunger überhaupt gefühlt wird, wenn wir lebhaft und kräftig beſchäftigt ſind. O! dieſe beiden wunderbaren Zwillinge der Leda, Geiſt und Körper, der göttliche und der irdiſche! Obgleich der eine auf⸗ geht, wenn der andere untergeht, kann doch die Kraft des einen immer die des anderen beherrſchen. Aus Beſorgniß für ihr Porzellangeſchirr trat die Dame des Hauſes ſehr bald in das Beſuchzimmerz Beſſy folgte ihr und bald ſaßen wir an einer wohl⸗ beſetzten ländlichen Tafel, wo man Alles in reichlicher Fülle fand, was die Landwirthſchaft, die Gärtnerei, — 199— die Fiſcherei und die Jagd liefern konnten. Unſerem durch Faſten erhöhten Appetit ſchien Nichts zu ſehr ge⸗ kocht zu ſein, obgleich der Sheriff mit geringerem Tacte, als gewöhnlich, manche Gerichte tadelte. „Wir müſſen uns bei Ihrer Schweſter entſchul⸗ digen, mein guter Freund,“ verſetzte Mr. Thornton, „denn wir haben Ihr Mittagsmahl dadurch verdor⸗ ben, daß wir in einer wohlthätigen Abſicht ein wenig von unſerem geraden Wege abgewichen. Wir beſuch⸗ ten den großen Neger Hercules, der geſtern Morgen von Robert Thornton verwundet wurde, und als wir einmal dort waren, hielt uns Doctor Chriſty auf, um ihm bei allen möglichen Operationen behilflich zu ſein.“ „Wie geht es mit ihm?“ fragte der Sheriff. „Hätte ich daran gedacht, ſo wäre ich ſelber dorthin gekommen; aber ſo viele Dinge drängen ſich gerade jetzt in meinem Kopf zuſammen, daß die eine Hälfte⸗ darüber vergeſſen wird.“ „Ich hoffe, der Mann wird hergeſtellt werden,“ ſagte Mr. Thornton.„Der gute Doctor zog eben jetzt eine zweite Kugel heraus; aber ich denke, Beſſy war der beſte Arzt von beiden, denn ſie ſang ihn in Schlummer, obgleich er nicht im Stande geweſen in den letzten vierundzwanzig Stunden ein Auge zu ſchließen. Es war nicht das beſte Compliment für — 200— Deinen Geſang, liebe Nichte, daß er dabei einſchlief; doch ich denke, er wird ihm ſehr wohl thun.“ .„Es war das beſte Compliment, welches ich nur wünſchen konnte,“ verſetzte Beſſy,„denn das war es, was der Geſang bezweckte. Aber, mein guter Onkel, die Herren denken oft, daß wir nach Complimenten ſtreben, wenn nichts weiter von unſeren Gedanken entfernt iſt. Ueberdies würde ich nie in Ihrer Gegen⸗ wart daran denken darnach zu ſtreben, denn ich könnte gewiß ſein, daß Sie es verderben würden, ehe es zu mir gelangte.“ Bei ſolcher Unterhaltung, nebſt der angenehmen Beſchäftigung des Eſſens und Trinkens und dem er⸗ heiternden Bewußtſein, wieder auf einem bequemen Stuhle in einem gaſtlichen Hauſe zu ſitzen und ſicher zu ſein in der reizenden Umgebung der Luxusartikel des civilifirten Lebens, vergingen drei Viertelſtunden ſehr ruhig und dann ſtand Mr. Henry Thornton auf, um ſich zu entfernen. Ich ging eine Strecke Weges neben ſeinem Pferde her und ſuchte mir einzubilden, daß ich zu wiſſen wünſche, welche Gegenſtände er am folgenden Tage mit mir zu beſprechen habe, aber in der That viel mehr, um zu erfahren, welches die Urſache eines ge⸗ wiſſen Ernſtes in ſeinem Benehmen war, als ich die Möglichkeit angedeutet, daß Beſſy Davenport meine Gattin werden könne. Anfangs wollte er meine — 201— Winke nicht verſtehen; endlich aber kam ich der Frage ſo nahe, daß er ſie nicht verkennen oder ſich ſtellen konnte, als mißverſtehe er die Bedeutung. „Die Wahrheit iſt, mein Freund,“ ſagte er, „Beſſy glaubt, daß unüberſteigliche Hinderniſſe vor⸗ handen ſind; und verlaſſen Sie ſich darauf, ſie denkt es nicht ohne Urſache. Sie iſt ſehr beharrlich in ih⸗ ren Entſchlüſſen; doch glaubt ſie immer, daß ſie we⸗ nigſtens auf guten Gründen beruhen; denn ſo lebhaft und ſcherzend ihr Benehmen iſt, kenne ich doch kein Frauenzimmer, welches in ihrem Herzen weniger eine Coquette iſt, als Beſſy Davenport. Ehe ſie in dieſer Sache eine Entſcheidung faßte, legte ſie mir brieflich mehrere Fragen vor, worauf ich ihr die Wahrheit zu ſagen genöthigt war, obgleich ſie mir nicht verbarg, daß von der Antwort, die ich ihr ge⸗ ben werde, im hohen Grade ihr Glück abhängig ſei.“ „Würden Sie etwas dagegen haben, mir die Fragen mitzutheilen, die ſie Ihnen vorgelegt?“ fragte ich. „Ich denke, das würde kaum redlich ſein, mein guter Freund,“ antwortete mein Begleiter.„Aber es ſcheint, Sie werden morgen eine Unterredung mit ihr haben, und dann wird ſie Ihnen ohne Zweifel ſelber Alles erklären. Alles, was ich ſagen kann, iſt, ich wünſche Ihnen von ganzem Herzen glücklichen Erfolg und hoffe, daß die verſchiedenen Seenen, die Sie — 202— in der letzten Zeit mit einander erlebt und die Dienſte, die Sie ihr geleiſtet haben, alle Einwendun⸗ gen aufwägen werden. Dennoch will ich Ihnen of⸗ fen ſagen, Sir Richard, daß ich beträchtliche Befürch⸗ tungen hege, in Hinſicht des Erfolges für die Geſund⸗ heit der lieben Beſſy, mag ſie Sie nun heirathen oder nicht.“ „Was Sie mir da ſagen, bringt mich in mei⸗ nen Vermuthungen wieder weiter zurück,“ verſetzte ich, „denn Sie wenigſtens müſſen mit den Ereigniſſen vergangener Jahre wohl bekannt ſein, und bis zu die⸗ ſem Augenblick gab ich mich der Hoffnung hin, daß ſie in einem großen Irrthume ſei, den ich leicht be⸗ ſeitigen könne. Indeſſen möchte ich die ſämmtlichen Thatſachen lieber von ihren eigenen Lippen, als von irgend einer anderen Perſon hören; und da ſie bereits verſprochen hat, mir die Entſcheidung zu überlaſſen, ſo gebe ich Ihnen die Verſicherung, Mr. Thornton, daß ich verſuchen will, ſo zu entſcheiden, wie es mehr ihrem Glücke, als dem meinigen angemeſſen iſt.“ „Thun Sie es, ich bitte Sie, Sir Richard,“ verſetzte Mr. Thornton.„Ein ſolches Herz, wie das ihre, zu brechen, wäre ſchlimmer, als ein Mord.“ Hier trennten wir uns, und in das Haus des Sheriff zurückkehrend, fand ich Beſſy noch bei ihm und ſeiner Schweſter im Beſuchzimmer, obgleich es jetzt bereits dunkel wurde. „Ich habe gewartet um Dir eine gute Nacht zu wünſchen, Richard,“ ſagte ſie;„aber jetzt muß ich wirklich zu Bette gehen, denn ich bin ganz ermüdet. Wann ſoll morgen unſere Berathung ſtattfinden, Ri⸗ chard? Wäre es nicht beſſer vor dem Frühſtück? Du weißt, daß ich früh aufſtehe und nach fünf Uhr kann ich nie mehr ſchlafen, wenn ich es auch verſuche.“ „Da werde ich vorher unten ſein,“ antwortete ich,„und wir wollen die Verabredung treffen, liebe Beſſy, hier zuſammenzukommen, wenn wir dadurch nicht das Zartgefühl unſeres freundlichen Wirths und unſerer Wirthin verletzen.“ „O nein, thun Sie wie Sie wollen,“ rief der Sheriff.„Sie ſind außer dem Bereiche meiner Gewalt.“ Beſſy hatte mit vollkommener Ruhe und Sicher⸗ heit geſprochen und keine Spur von Zweifel oder Aufregung gezeigt. Als ſie dem Sheriff und ſeiner Schweſter eine gute Nacht gewünſcht hatte, ging ich mit ihr bis an die Thür und in den Gang. „Ich wünſche, ich könnte ſo ruhig ſein, wie Du es biſt, Beſſy,“ ſagte ich mit einem Seufzer. Sie ſah zu meinem Geſichte auf, legte ihre Hand auf die meinige und ſah mich mit ernſtem und feſtem Blicke an. „Ich bin ruhig, Richard,“ antwortete ſie,„weil die Entſcheidung meines Schickſals und deſſen, den * — 204— ich am meiſten auf Erden liebe, gänzlich in ſeinen ei⸗ genen Händen iſt, und weil ich ein ſolches Vertrauen zu ſeinem Urtheile habe, daß ich faſt zu dem Glau⸗ ben gekommen bin, ſeine Entſcheidung wird meinem Gewiſſen genügen, welche vorgefaßten Meinungen ich auch jetzt hegen mag. Aber laß uns jetzt nicht dar⸗ auf eingehen; morgen laß uns Alles entſcheiden. Gute Nacht, lieber Richard, gute Nacht!“ „Warte einen Augenblick,“ ſagte ich, ihre Hand feſthaltend,„ich habe etwas an Dich abzugeben. Dieſe Papiere wurden von Nat Turner auf Deinem Tiſche in Beavors gefunden, und er gab ſie mir. Glaube mir, liebe Beſſy, obgleich ich wußte, daß ſie das ſchmerzliche Geheimniß enthalten, welches in der letzten Woche Zweifel und Beſorgniß, anſtatt der Freude und Hoffnung, in unſer Verhältniß gebracht, ſo habe ich doch kein Wort davon geleſen.“ „O! Du hütteſt ſie leſen können,“ ſagte ſie; naber Du ſollſt ſie morgen leſen und mir dann ſagen, was ich zu thun habe. Du biſt der Herr meines Geſchick's, und ich will Dir gehorchen, wie— wie meinem—“ „Gatten,“ fügte ich hinzu, indem die Hoffnung ſich wieder belebte.„Nach ſolchen Scenen muß ich noch einen Kuß haben, ehe wir uns trennen. Wenn ich morgen finde, daß es unrecht geweſen iſt, ihn zu nehmen, will ich ihn Dir wiedergeben.“ — 205— Sie gab ihn bereitwillig und flüſterte: „O! Richard, wenn Du ſo handelſt, weiß ich ſchon, wie Du entſcheiden wirſt.“ Dann machte ſie ſich aus meinen Armen los, lief davon und verließ mich. Eine Stunde ſpäter erſchienen Zed und Julie, Beſſy's Mädchen, mit vielen Kiſten und Schachteln, womit der Karren, worauf ſie kamen, faſt angefüllt war. Bald nach ihrer Ankunft ging ich auch zu Bette und bei der ungewohnten Weichheit meines Lagers fürchtete ich nur, ich möchte am folgenden Morgen meine Zeit verſchlafen. Vierzehntes Kapitel. Was es war, was mich erweckte, weiß ich nicht. Gewiß war es nicht die Lerche, denn auf die⸗ ſer Seite des atlantiſchen Meeres gibt es keinen ſol⸗ chen himmliſchen Segen der Morgendämmerung. Vielleicht mochte es eine Schaar von jenen großen Vögeln ſein, die dem Schwalbengeſchlechte angehören, und die ſich um die Fenſter verſammelt hatten und die einander zu muthwilligen zweckloſen Flügen auffor⸗ derte. Aber ich denke viel mehr, es war Etwas in meinem Inneren, eine von jenen ſeltſamen, ſtillen Operationen, bei welchen der Geiſt noch lebt und handelt, wenn er anſcheinend in tiefem Schlummer liegt— eine von den Schildwachen des Herzens, welche die Zeit der Nacht verkündete. Ich ſollte früh am Morgen aufſtehen, um mit Beſſy zuſammenzukommen. Ich lag nicht wachend da, um die Stunden zu zählen— dazu war ich zu ſehr ermüdet. Ich ſchlief und ſchlief feſt die mir zugemeſſene Zeit, und dann erwachte ich, als hätte eine Stimme geſagt:„Stehe auf!“ Das Licht war noch trübe; die Farben im Oſten noch mehr röthlich, als roth; aber als ich mich an⸗ kleidete, muß das Roſa und Gold am Himmel ſtär⸗ ker geworden ſein, denn manche zauberiſche Farbe er⸗ goß ſich wechſelnd durch die Fußpfade unter den Stämmen der alten Bäume und ſtrömte über den Raſen dahin, der die kleine Erhöhung bedeckte, worauf das Haus ſtand und ſchien einen vielfarbigen Teppich 8 vor den Fenſtern auszubreiten. Ich verwendete einige Sorgfalt auf meine Toi⸗ lette; aber ich war im Beſuchzimmer und am Fenſter, ehe es fünf ſchlug. Ich unterhielt mich damit, hinauszublicken, und die ruhige und angenehme Seene, als die Sonne endlich Alles mit ihrem Lichte übergoß, ſenkte ſich in meinen Geiſt und erfriſchte ihn. 4 Aber der Geiſt war die ganze Zeit über mit an⸗ deren Dingen beſchäftigt. Es glich dem Denken bei der Muſik— eins der angenehmſten Dinge, die ich im Leben kenne, wenn das Herz in Ruhe iſt— wenn wir jene Harmonie empfinden, ſelber dadurch harmoniſch geſtimmt werden und doch keinen Fa⸗ den von dem goldenen Gewebe verlieren, welches wir weben. Es war etwas Unſtetes in meiner Stimmung, welches vielleicht von jener Morgenſonne begünſtigt wurde, obgleich ich nicht weiß, woher es eigentlich kam— ein Gefühl der Stärke, womit ich zu ſcherzen geneigt war. Soll ich es geſtehen? Ich empfand vermuthlich einige von den Empfindungen des Despoten, wenn er ſich erinnert, wie ſehr Glück oder Elend, von ſeinem Willen abhängig ſind. Sollte das verrätheriſche Herz ſich zu ſehr der Macht bewußt ſein, welche Beſſy mir verliehen hatte, ihr und mein Schickſal zu entſcheiden? Nein, nein, ich will es nicht glauben; und auf jeden Fall, wenn ich geneigt war mit der Macht zu ſcherzen, fühlte ich mich nicht geneigt ſie zu mißbrauchen. Aber während des ruhi⸗ gen und erfriſchenden Schlummers der vergangenen Nacht war das Vertrauen zurückgekehrt, und es war mir, als ob mir etwas beſtändig ins Ohr flüſterte, daß kein möglicher Umſtand in der Vergangenheit oder Gegenwart ſei, der zwiſchen mich und meine Geliebte eine Schranke ſtellen könne. Beſſy ließ mich nicht lange warten, denn ſie war an meiner Seite, ehe die Glocke ausgeſchlagen hatte; und ol ſie erſchien ſehr liebenswürdig, obgleich ihre Wangen bläſſer waren, als gewöhnlich, und ihre Augen ein wenig matt. Die Augenwimpern erſchie⸗ — 209— nen länger und dunkler, als je, die Iris voller, wenn gleich von dem überhängenden Augenlide beſchattet. Das ſchöne dunkle, ſeidenartige Haar war vielleicht nicht mit der zierlichen Sorgfalt früherer Tage geord⸗ net, aber die Wellenlinien waren deutlicher zu ſehen und bildeten, wie ein alter Dichter ſich ausdrückt, Schlingen für die Sonnenſtrahlen. Ich konnte ſehen, daß ſie ſich während der Nacht entſchloſſen hatte, ſich in ihr Schickſal zu fügen— daß ſie ſich im voraus meine Entſcheidung vorgeſtellt — oder fühlte, daß wir nach Allem, was uns be⸗ gegnet war, nicht getrennt werden konnten; denn als ſie mir ihre Hand reichte, hielt ſie ihre Lippen auch zum Morgenkuſſe empor, als hätte ſie ſagen wollen: „Ich weiß, wie es ſein muß.“ Beſſy hatte das Packet mit den Briefen in der Hand und ich führte ſie zu dem Sopha, aber ſie hielt mich zurück und ſagte: „Laß uns unter die Bäume gehen, lieber Ri⸗ chard. Du weißt, welch' ein ſeltſames und phantaſti⸗ ſches Mädchen ich bin; und wenn mir Etwas bevor⸗ ſteht, was mich aufregen könnte, ſo möchte ich lieber freien Raum in der friſchen Luft, Bäume, Blumen und Vögel um mich haben, als Tiſche und Stühle.“ „Und denkſt Du denn, daß dieſen Morgen Et⸗ was geſchehen wird, was Dich aufregen könnte, meine Liebe?“ fragte ich ein wenig boshaft. Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 14 — 2410— „O ja,“ antwortete ſie.„Wie kann es anders ſein? Obgleich ich ſehr wohl weiß, Richard, wie Du entſcheiden und was Du ſagen wirſt. Ich werde bei meinem Verſprechen bleiben; aber ſchon von dieſen Gegenſtänden zu reden, muß mich ſehr aufregen.“ „Ich denke nicht, daß Du weißt, was ich ſa⸗ gen werde, Theuerſte“ verſetzte ich, an ihrer Seite auf die Thür zugehend.„Vielleicht werde ich viel mehr zu ſagen haben, als Du je errathen kannſt. Aber laß uns hinausgehen; ich ziehe die freie Luft auch vor, Geliebte. Unter dem klaren Himmel fühlt man ſich in der Gegenwart einer reineren Macht, und bei dem großen Vertrauen, welches Du in mich ge⸗ ſetzt haſt, wünſche ich zu handeln, als wenn das Auge Gottes die ganze Zeit über ſichtbar auf mich ge⸗ richtet wäre.“ 1 Wir gingen zuſammen hinaus, überſchritten den kleinen freiin Raum und wanderten eine kurze Strecke in den Wald zu einer Stelle, wo wir den abgeräum⸗ ten Theil der Pflanzung ſehen konnten, ohne von dem Hauſe ganz entfernt zu ſein. Dort ſetzten wir uns im Schatten nieder, obgleich ein Strahl der frü⸗ hen Sonne durch die Stämme der alten Rieſenbäume hereinſiel und Beſſy's zierlichen Fuß und Knöchel mit goldenem Lichte beſchien. Sie legte das Packet mit den alten Briefen auf mein Knie und war offenbar im Begriff, mit mir davon zu reden; aber ich kam ihr zuvor, indem ich ihre liebe Hand in die meine nahm und ſagte: „Beſſy, dies waren vier ereignißreiche Tage— ja, und vier ereignißreiche Monate für Dich und mich.“ „Das waren ſie in der That!“ antwortete ſie mit einem Seufzer. „Haſt Du bemerkt,“ fuhr ich fort,„wie das Schickſal Vergnügen daran zu finden ſchien und unſere Looſe, Glied für Glied, zu einer Kette, die nicht zu zerreißen iſt, zu verſchlingen ſuchte? Wie von Anfang an ein Ereigniß nach dem anderen uns näher und näher zu einander hinzog, gleichſam um zu ſcherzen mit Deinen kalten Entſchlüſſen und mit meinen un⸗ verſtändigen Erwartungen?“ „Es ſcheint in Wahrheit ſo,“ antwortete ſie ge⸗ dankenvoll auf das Gras niederblickend. „Laß uns die Vergangenheit überſchauen,“ ſagte ich,„ehe wir weſtergehen. Hier, um mit mir ſelber zu beginnen, in dem wahren egoiſtiſchen Geiſte des Mannes, wie Du vor nicht langer Zeit geſagt haben würdeſt, kam ich in dieſes Land, ohne mir je träumen zu laſſen, daß cc Jemand finden würde, ein anderes Gefühl, außer der vorübergehenden Bewunderung, in meinem Herzen zu erregen. Ich hatte keine Ent⸗ ſchlüſſe gefaßt, aber ich hatte viele Jahre und Seenen erlebt, ohne je ein Frauenzimmer zu ſehen, welches 14* ich zu meiner Gattin hätte wünſchen mögen— kurz, ohne eine zu ſehen, die ich lieben konnte.“ „Und endlich mußteſt Du Dich in ein wildes virginiſches Mädchen verlieben, welches Deiner ganz unwürdig war!“ ſagte Beſſy mit ihrem heiteren Lä⸗ cheln aufblickend. „Nein,“ antwortete ich,„ich fand einen Schatz, wo ich ihn am wenigſten erwartete. Aber laß uns fortfahren—“ „Ja, aber Du haſt noch nicht hinzugefügt, lie⸗ ber Richard,“ ſagte ſie noch immer lächelnd,„daß Du mich für einen Schatz gehalten, als Du mich zuerſt gefunden.“ „Vielleicht erkannte ich ihn nicht in ſeinem vol⸗ len Werthe,“ verſetzte ich.„Aber ich erkannte den⸗ ſelben bald, als ich mich ihm weiter näherte.“ „Es wundert mich nicht, daß Du Anfangs nichts in mir geſehen, was Du liebenswürdig hätteſt finden ſollen,“ verſetzte Beſſy.„Wenn Du mich gehaßt und verachtet hätteſt, könnte ich Dich nicht tadeln; denn wenn ich an meine Schelmerei und Thorheit an jenem Abend und am nächſten Morgen denke, ſo fühle ich mich ſelbſt jetzt noch beſchämt. Aber man muß einem wilden und etwas verzogenen Mädchen Manches nachſehen, Richard, die nie die Liebe ge⸗ kannt hat oder weiß, was ſie iſt oder bedeutet. Sie ſagt und thut tauſend Dinge, woran ſie nie denken würde, wenn ſie ein wenig mehr Erfahrung hätte. Aber nun ſage mir, wenn war es, als Du ein we⸗ nig günſtiger über mich zu urtheilen anfingeſt? Denn dies Alles iſt ſo unmerklich gekommen, daß ich in der That nicht weiß, wo es begonnen hat.“ „Es begann von meiner Seite an dem Morgen, als wir zuerſt nach Beavors hinüberritten,“ antwor⸗ tete ich,„und als wir Beide die Portraits in dem Speiſeſaale anſahen. Da ließ Beſſy mich einen klei⸗ nen Blick in ihr Herz thun, und das war völlig ge⸗ nug, liebes Mädchen. Ich war mehr als zur Hälfte in Dich verliebt, Beſſy, als wir unſere Pferde beſtie⸗ gen, um nach dem Gewitter zurückzukehren. Es war hohe Zeit dazu, Beſſy, denn ich glaube, wenn nicht noch Etwas mehr, als einfache Menſchenliebe in mei⸗ ner Bruſt geweſen wäre, um mich aufrecht zu erhal⸗ ten, ſo würden wir nie aus dem Fluſſe gekommen ſein.“ „Ich fürchte, Richard,“ ſagte Beſſy,„um jene Zeit war auch in meiner Bruſt Etwas mehr vorhan⸗ den. Ich darf Dir jetzt wohl ſagen, daß ich an je⸗ nem Nachmittage in Beavors hinſichtlich Deiner ein ſehr ſeltſames Gefühl hatte, und nicht halb ſo naſe⸗ weis ſein konnte, wie ich es wünſchte. Ich glaube, ich wäre ebenſo gern ertrunken, als daß Du es hätteſt wiſſen ſollen; aber damals gefiel mir der Gedanke durchaus nicht.“ — 214— „Nun, meine Liebe,“ antwortete ich,„jenes Abenteuer war das erſte Band zwiſchen uns— wir hatten eine große Gefahr mit einander getheilt.“ „Ja!“ rief Beſſy lebhaft,„erwieſene Wohltha⸗ ten— Rettung des Lebens— kühne und edle An⸗ ſtrengung, um es zu retten— o, Richard, wie konnte ich je daran denken, Dich, nachdem dies ge⸗ ſchehen war, unglücklich zu machen?“ „Gewiß band uns dies feſter an einander,“ ant⸗ wortete ich.„Nachdem wir ſolche Empfindungen der Theilnahme und der ängſtlichen Beſorgniß für einan⸗ der gehegt hatten, konnten wir nie wieder, wie frü⸗ her, für einander fühlen.“ 3„Dann hieß es bald„„Richard““ und„„Beſ⸗ ſy,““ antwortete ſie gedankenvoll, und fügte hinzu, indem ſie ihre Augen mit ſonnigem Lächeln zu den meinigen erhob:„und ich glaube, in unſeren Herzen hieß es„„theurer Richard““ und„„theure Beſſy 7 4⸗ „In dem meinigen gewiß, liebes Mädchen,“ verſetzte ich;„aber es ſollte noch ein anderes Band hinzukommen, Beſſy: Das Intereſſe, welches Du für mich zeigteſt— Deine ängſtliche Beſorgniß meinet⸗ wegen vor dem Duell mit Robert Thornton und Deine milde Fürſorge und Pflege ſpäter, aber mehr, als Alles, Deine unbeſangene Freundlichkeit und der Muth Deiner Zärtlichkeit war nie zu vergeſſen. Beſſy, ich glaube, wenn auch nichts weiter geſchehen wäre, —-;— — 215— um uns feſter aneinander zu binden, hätten wir uns nie entſchließen können, uns von einander zu trennen. Aber mehr, viel mehr iſt in den letzten drei Tagen geſchehen! Unſere Flucht vor einem entſetzlichen Schick⸗ ſale—* „Und wie Du mich zum zweiten Mal vom Todt errettet!“ fügte ſie hinzu. „Und die vertrauliche Nähe, während wir uns auf unſeren traurigen Wanderungen befanden— eine Vertraulichkeit, wie ſie vielleicht nie zwiſchen zwei un⸗ verheiratheten Perſonen vorgekommen.“ „Und wobei Du Dich ſo edel benahmſt,“ ſigte ſie hinzu.„O Richard, wenn auch nichts weiter wäre, als Deine edle und delicate Freundlichkeit wäh⸗ rend jener Nacht und jenes Tages— eine Freund⸗ lichkeit, die, während ich Dich als Weib liebte, mich veranlaßte Dir als Bruder zu vertrauen— wäre auch nichts weiter als das, ſo glaube ich, würde ich mich gerechtfertigt fühlen, Schranken zu beſeitigen, die un⸗ ter anderen Verhältniſſen unüberſteiglich ſein würden, und nur das zu bedenken, was ich Dir ſchuldig bin.“ „Aber mein Glück iſt nicht allein zu berückſichti⸗ gen,“ verſetzte ich.„Was wir thun, muß auch zu Deinem Gluͤck gereichen. Theure Beſſy, Du haſt in dieſen Armen gelegen und geſchlummert, Dein Haupt hat an dieſer Bruſt geruht, Dein Herz hat zärtlich — 216— an dem meinigen geſchlagen. Nun, ſage mir, wür⸗ deſt Du Dich gern dieſem Ruheplatze entziehen?“ „O, nein, nein, nein, nein!“ rief ſie,„nim⸗ mermehr! Ich kann nie auf Erden einen anderen Ruheplatz haben.“ Und weinend ließ ſie ihren Kopf wieder an mei⸗ ner Bruſt ruhen. „Und wirſt Du hier vollkommen glücklich ſein?“ ſagte ich, meinen Arm um ſie ſchlingend. „So, jetzt iſt es unnöthig dieſe Papiere zu le⸗ ſen, Richard,“ ſagte ſie, plötzlich ihren Kopf erhe⸗ bend, ohne meine Frage zu beantworten.„Es be⸗ darf keiner weiteren Ueberlegung. Ich bin gern und bereitwillig und ohne allen Zweifel die Deine. Gib mir die Briefe. Ich will ſie wegwerfen, und mit ihnen will ich verſuchen jede Erinnerung an den In⸗ halt derſelben zu verbannen. Aber Eins mußt Du mir verſprechen, Richard. Wenn Du in ſpäteren Zeiten, wenn ich Dein Weib bin, einen Schatten der Traurigkeit, ein leichtes Düſter, wie, wenn eine Wol⸗ ke über einen Sommerhimmel dahinzöge, in meinem Geſichte ſehen ſollteſt, darfſt Du keinen Augenblick denken, daß Beſſy bedauert, was ſie gethan hat— daß auch nur ein Schatten von Reue vorhanden iſt, denn Du haſt meine Augen geöffnet. Ich ſehe, was recht iſt zu thun, und ich will es thun, ſowohl we⸗ gen Deines, als meines Glüchs. Indeſſen dürfte von Zeit zu Zeit eine Erinnerung an den Inhalt die⸗ ſer Blätter zurückkehren und mich wider meinen Wil⸗ len traurig machen. Aber es iſt gut, daß es ſo iſt — daß die Süßigkeit des Bechers ein wenig gemil⸗ dert wird. Sonſt möchte ich zu glücklich ſein. Das Leben würde zu hell und heiter ſein und ich kaum wiſſen, wie ich es ertragen ſollte. Gib mir die Papiere, Richard, wir wollen nicht mehr an ſie denken.“ „Darf ich ſie nicht leſen?“ fragte ich. „Ja, wenn Du willſt,“ antwortete ſie,„ob⸗ gleich ich den Nutzen davon nicht einſehe. Sie möch⸗ ten auch Dich traurig machen, und es iſt jetzt ent⸗ ſchieden, was ich zu thun habe. Wenn Du es noch wünſcheſt, ſo gehört dieſe Hand Dir, und nur der Tod ſoll ſie von Dir nehmen. Es kann zu keinem guten Zwecke dienen, dieſe traurigen Worte zu leſen.“ Ich zog ſie näher zu mir hin, küßte ihre Wange und ſagte: .„Es kann zu einem ſehr guten Zwecke dienen, Beſſy. Wenn ich nicht irre, wird das Leſen derſel⸗ ben dazu dienen, einen Irrthum aus Deinem Geiſte zu verbannen, der, wie Du geſagt, zu einer traurigen Erinnerung werden könnte, der unſer wechſelſeitiges Glück überſchatten möchte, wenn wir zuſammen am Altar ſtänden, und oft, gleich einer dunklen Wolke, zu⸗ — 218— rückkehren könnte, um die Helle unſeres künftigen Schickſals zu verfinſtern.“ „Ich ſehe in der That nicht ein, wie das ſein könnte!“ rief ſie mit zweifelhaftem und verwirrtem Blicke. „Darf ich die Briefe leſen, Beſſy?“ fragte ich wieder. „Gewiß,“ antwortete ſie;„thue es, wenn Du es wünſcheſt. Aber es iſt nur einer da, der zu leſen nö⸗ thig iſt, und der iſt nicht lang. Hier iſt er.“ Und ſchnell die Papiere durchſuchend deutete ſie auf einen mit dem Poſtzeichen„Yorktown.“ Dann be⸗ deckte ſie ihre Augen mit der Hand, als wollte ſie die Briefe nicht mehr ſehen, ließ aber noch ihren Kopf an meiner Schulter ruhen, und ſchwieg während ich las. Der Brief lautete folgendermaßen, denn da ich ihn zur Hand habe, während ich ſchreibe, kann ich ihn ebenſo gut vollſtändig mittheilen. „Meine liebe Madame, „Mr. Winthorp brachte mir geſtern Ihren Brief und auch einen von Mr. Hubbard. Aber es war ſpät in der Nacht, als ich ſie erhielt; und obgleich ich ſogleich den Sheriff und die Magiſtratsperſonen davon in Kenntniß ſetzte, hielt man es doch für zu ſpät, in jener Nacht noch Etwas zu thun. Leider muß ich ſagen, daß es überhaupt ſchon zu ſpät war. — 219— „Früh an dieſem Morgen— einer der traurigſten Morgen war es, die ich je erlebt habe— ging ich aus dem Dorfe und erfuhr, als ich mich erkundigte, daß der Conſtabler mit ſeinen Leuten nach der einen Richtung gegangen, während Grund zu glauben vor⸗ handen war, daß Oberſt Davenport nach einer ande⸗ ren gegangen, das heißt zu dem Ufer des Fluſſes, ſo daß Beide im Stande waren, aus dem Staate zu entfliehen. Ich ritt, wohin dieſe Winke mich führ⸗ ten, ſo ſchnell wie möglich, obgleich ich leider keine Macht oder Recht hatte, einzuſchreiten. Hätte ich auch Beides gehabt, ſo war es doch zu ſpät, denn die Sache war beendet und vorüber, und die That gethan, ehe ich auf der Wieſe ankam. „Es iſt ſehr traurig, Ihnen mittheilen zu müſſen, daß ich von zwei lieben Freunden, den einen todt und den anderen faſt im Zuſtande der Verzweiflung fand. Davenport war auf den erſten Schuß getödtet worden und Sir Richard Conway faſt wahnſinnig wegen der That, die er gethan. Sein Haar zerraufend und ſeine Hände ringend, ging er zuweilen auf dem Platze auf und ab, zuweilen blieb er ſtehen, um die Leiche an⸗ zuſehen, und rief, er habe ſeinen beſten Freund ge⸗ tödtet, ſeinen Bruder, den Mann, den er auf Erden am meiſten achte. Er ſprach ſehr harte Worte von ſich ſelber aus, aber noch härtere von einem Anderen, der ungenannt bleiben ſoll, den er aber anklagte, ei⸗ nen Scherz in einen Streit, und einen Streit in einen Mord verwandelt zu haben, und der einen Brief un⸗ erſchlagen habe, worin er jede Erklärung ertheilt, die ein ehrenvoller Mann nur geben könne. „Der Mann, von dem er ſprach, war auf dem Platze gegenwärtig, aber er hielt ſich fern, und da er ein Verwandter von Ihnen iſt, halte ich es für beſſer, ihn nicht beſonders zu erwähnen, obgleich alle Gegenwärtigen, die in großer Anzahl zugegen waren, ihn ſehr tadelten, und ich fürchtete, daß man Gewalt gegen ihn anwenden werde. „Davenport war todt und da war keine Hilfe; aber Richard Conway's Kummer ſchien ſie ſehr zu rühren, und als das Gerücht ſich verbreitete, daß die Polizei komme, führten ſie Ihren Bruder, ſo ſchnell wie möglich, in ein Boot, welches bereit lag. Einer von ihnen ſtieg nebſt zwei Matroſen ein, um ihn zu dem öſtlichen Ufer von Maryland hinüberzuſteuern. „Ich hoffe, liebe Madame, daß ſie dieſe traurigen Thatſachen ſo ſanft und vorſichtig, wie möglich, der⸗ jenigen mittheilen werden, die das tiefſte und trau⸗ rigſte Intereſſe daran hat— wenn nicht vielleicht das Gerücht, welches tauſend Flügel, ſo wie tauſend Zun⸗ gen hat, die Nachricht früher zu ihr getragen hat, ehe dieſer Brief zu Ihnen gelangt. „ Ich kann hinzufügen, und ich thue es mit Wi⸗ derſtreben— obgleich ich Ihnen offen ſagen muß, daß ich dem Gerüchte keinen Glauben ſchenke, denn wenn etwas Trauriges oder Unheilvolles geſchieht, gibt es immer Veranlaſſung zu tauſend anderen un⸗ heilvollen Berichten— daß die Nachricht hieher ge⸗ langt iſt, daß ſeit dem unheilvollen Ereigniſſe dieſes Morgens ein Boot in der Bucht umgeſchlagen, wel⸗ ches vier Perſonen an Bord hatte, welche ſämmtlich ertrunken, und leichtgläubige Leute wollen behaupten, daß es das geweſen, worin Ihr Bruder ſich befunden. Indeſſen können Sie ſich daüber beruhigen, derglei⸗ chen geſchieht auf der Cheſapeakbucht ſehr ſelten, und ich denke, die ganze Geſchichte iſt eine Erfindung. Indeſſen kann ich nicht umhin, Ihnen meine aufrich⸗ tige Theilnahme an dem wirklich geſchehenen Unglück auszuſprechen. Das iſt genug, ohne daß noch Etwas hinzukommen dürfte, um Sie mit tiefen Kummer zu erfüllen; denn ſo nahe Verwandte im Zweikampfe fallen und dadurch alle Familienverbindungen zerreißen zu ſehen, iſt in der That ſehr ſchrecklich, obgleich ich zu denken geneigt bin, daß weder Davenport noch Conway ſo ſehr zu tadeln waren, wie die, welche als ihre Freunde zu handeln vorgaben. „Ich verbleibe mit aufrichtiger Theilnahme und Achtung 8 Ihr getreuer Freund und Diener Agar Harcourt.“ — 222— „Nachſchrift.— Ich bin wahrhaft bekümmert, Sie benachrichtigen zu müſſen, daß das Gerücht von dem untergegangenen Boot ſich leider vollkommen be⸗ ſtätigt. Beunruhigen Sie ſich noch nicht, denn wir wiſſen die einzelnen Umſtände nicht, ſondern nur, daß um zehn Uhr an dieſem Morgen ein kleines Boot über die Bucht ſegelte, welches durch einen plötzlichen Unfall, Niemand weiß, was es war, in großer Ent⸗ fernung vom Ufer umſchlug. Es konnte kein Bei⸗ ſtand geleiſtet werden, denn alle Fahrzeuge, die es ſahen, waren weit entfernt, und es wehte zur Zeit ein ſtarker Wind. Laſſen Sie uns indeſſen das Beſte hoffen und unſer Vertrauen auf Gott ſetzen.—“ Ich las den Brief aufmerkſam. Ich prüfte und unterſuchte jedes Wort. Es konnte kein Zweifel ſein, daß es ein ächter Brief eines Herrn, von dem ich nie gehört hatte, an die gute Tante Beb war. Aber da war etwas Unrichtiges darin. Es mußte ein Miß⸗ verſtändniß obwalten. Das Poſtzeichen war da— die Adreſſe von derſelben Hand, wie der Brief ſelber, geſchrieben; aber es lag doch ein Irrthum oder ein Betrug darin. Endlich wendete ich mich zu der Inhaltsangabe, die in einer zierlich, geläufigen Handſchrift und mit ſehr friſcher Dinte geſchrieben war, und dadurch er⸗ hielt ich einen Fingerzeig. Dieſer Mr. Agar Harcourt, der den Brief geſchrieben hatte, war offenbar genau d mit beiden Parteien bekannt und konnte kein Verſehen gemacht haben. Der Brief enthielt Alles, was er als wahr anſah, und es war keine Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß er Etwas glauben ſollte, was nicht mit der Wahrheit übereinſtimmte. Dennoch lag ir⸗ gendwo eine Unwahrheit. Der angegebene Inhalt lautete indeſſen folgendermaßen: „Brief von dem ehrwürdigen Mr. Agar Har⸗ court an Mrs. Barbara Thornton in Betreff des Todes des Oberſten Edward Davenport von den Händen des Sir Richard Conway, Baronet, Vater des gegenwärtigen Sir Richard Coönway, der gegen⸗ wärtig im vierzehnten Dragonerregiment in der Prä⸗ ſidentſchaft Bombay dient.“ Ich konnte mir leicht vorſtellen, welchen Ein⸗ druck ein ſolcher und ſo überſchriebener Brief, als ſie ihn zuerſt geſehen, auf meine liebe Beſſy mußte gemacht haben. Welche Gefühle des Schreckens, der Seelenqual und der Bedenklichkeit mußte er in ih⸗ rem Geiſte hervorgebracht haben, als ſie glauben mußte, daß ſie im Begriff ſei, ſich mit Herz und Seele dem Sohne des Mannes hinzugeben, der ihren eigenen Vater getödtet. Mein Geiſt, wenn auch nicht erleichtert, fühlte ſich beruhigt, denn ich wußte, daß ich ihr durch andere Beweiſe leicht den Irrthum zei⸗ gen könne; doch wünſchte ich es ihr aus dem Briefe ſelber zu beweiſen— ihr die Schurkerei zu zeigen, die man angewendet und die ſich bei genauer Unter⸗ ſuchung an irgend einer Stelle des Briefes zeigen mußte.. Ich wendete mich demnach wieder zu dem An⸗ fange, las ihn noch einmal und prüfte jedes Wort. Mittlerweile entfernte Beſſy ihre Hand von den Augen, denn ſie wurde der langen Prüfung müde. Sie richtete ſie indeſſen auf mein Geſicht und nicht auf den Brief; und endlich ſagte ſie in leiſem und furchtſamem Tone: „Nun, Richard, war das nicht genug, mich zu erſchüttern und zu erſchrecken und mich faſt zum Wahn⸗ ſinn zu treiben?“ „Freilich, meine Liebe,“ antwortete ich, indem ich ſie an mich drückte;„und es thut mir leid, daß ein Schurke die Macht hatte, ſolchen Schmerz zu verurſachen. Du ſollſt deshalb nicht mehr leiden, Beſſy; aber laß mich fortfahren, dieſes Papier zu unterſuchen.“ „Ol es iſt gewiß Mr. Harcourts Hand,“ verſetzte Beſſy.„Es ſind noch mehrere von ſeinen Briefen da, und ich habe noch zwei oder drei andere. Ich kenne ſeine Handſchrift ganz gut.“ 2 „Ich zweifle nicht daran,“ antwortete ich;„doch irgendwo liegt eine Unwahrheit. Laß mich weiter ſu⸗ chen, mein liebes Mädchen.“ Ich las die erſte Seite und einen Theil der — 223— zweiten, und dann fiel mir Etwas auf, wobei ich inne hielt. „Sieh hier, Theuerſte,“ ſagte ich;„dieſe Auf⸗ ſchrift auf der Rückſeite ſagt, dieſer Brief beſchreibe den Tod des Oberſten Davenport— Deines Vaters vermuthlich— von den Händen des Sir Richard Conway, der als mein Vater bezeichnet wird. Die Aufſchrift will geſchrieben ſein, als ich bei meinem Regimente in der Präſidentſchaft Bombay diente; das ſind acht Jahre her, Beſſy, denn gleich nach jener Zeit, als ich noch Cornet war, ging ich zu dem Re⸗ giment in Bengalen über. Doch die Dinte ſcheint mir außerordentlich friſch zu ſein, und ich vermuthe, ſie iſt noch keine zehn Tage auf dem Papier geweſen. Aber nun beachte noch Etwas. Sieh dieſe Zeile an, welche lautet:„„Davenport war auf den erſten Schuß getödtet worden und—“. Die Zeile iſt beinahe voll mit dem Worte„„und““, dennoch aber hat man am Ende der Zeile das kleine Wort„„Sir““ hinzugefügt, und dann heißt es ſpäter nur Richard Conway. Wenn Du die Handſchrift und die Dinte des kleinen Wortes„„Sir““ genau beachteſt, wirſt Du finden, daß die Handſchrift verſchieden und die Dinte blauer iſt, als die in dem Briefe.“ 3„Ich ſehe, ich ſehe!“ rief Beſſy lebhaft.„Bei⸗ des iſt verſchieden; aber was konnte dadurch erreicht werden, dieſes Wort hinzuzufügen?“ Freiheit u. Stlaverei. 3. Bd. 15 „Die Aufſchrift zu beſtätigen, die Robert Thorn⸗ ton geſchrieben,“ antwortete ich,„und die Liebe und das Verlöbniß zwiſchen uns zu trennen, indem er Dich zu dem Glauben brachte, daß mein Vater Dei⸗ nen Vater getödtet, und daß vatermörderiſche Bluts⸗ tropfen die Hand befleckten, in die Du am Altar die Deine legen wollteſt. So glaubteſt Du es alſo, Beſſy?“ „Freilich glaubte ich es,“ antwortete ſie.„Aber da Du mir zweimal das Leben gerettet, Richard, da Du Dein eigenes Leben aufs Spiel ſetzteſt— da Du ſo freundlich, ſo edel und großmüthig geweſen, iſt freilich die Schranke gefallen und der Makel hinweg⸗ genommen, und mein Vater ſelber kann vom Himmel niederblicken und uns ſegnen.— Ol ſieh mich nicht ſo an! Sage mir, ſage mir, was Du meinſt— was Deine Blicke bedeuten? Iſt es nicht ſo? Iſt dieſer Brief nicht ächt?“ „Nein, nein, nein, Beſſy!“ antwortete ich. „Nach der Auslegung, die man davon gemacht, und nachdem man das kleine Wort„„Sir““ hinzugefügt, iſt er freilich nicht ächt! Mein Vater, Sir Henry Conway, war nie in ſeinem Leben in Amerika, wohl aber mein Onkel, der Major Richard Conway. Mein Vater ſtarb erſt vor dreizehn Jahren. Mein Onkel Richard Conway ertrank vor neunzehn oder zwanzig Jahren in der Cheſepeakebucht. Richard Conway war der jüngſte Sohn und erbte nie die Baronetwürde. — 227— f Jenes Wort„Sir“ wurde nur hinzugefügt, um zu dem Glauben zu veranlaſſen, daß es mein Vater war. Entferne alle Gefühle des Zweifels und Bedenkens aus Deinem Geiſte, Geliebte. Mein Onkel mag frei⸗ lich Deinen Vater getödtet haben, doch hörte ich nie vorher davon; aber glaube mir, mein Vater war eben ſo unſchuldig an dem Tode Deines Vaters, wie ich; und nach Dem, was ich heute gehört, habe ich allen Grund zu glauben, daß mein Onkel auch ebenſo un⸗ ſchuldig daran geweſen wäre, hätte nicht der alte William Thornton, der Deines Vaters Secundant war, jede ehrenvolle Erklärung verhindert. Und nun, geliebte Beſſy, habe ich Dir nicht mein Wort ge⸗ halten? Habe ich nicht aus dieſem Briefe— der Deinen Frieden vergiften, Dich von dem Manne, der Dich wahrhaft liebte, trennen follte, oder beſtimmt war, unſere Verbindung zu einer unglücklichen zu machen— das Gegengift für ſeine eigenen giftigen Einflüſterungen gezogen?“ 3 Beſſy antwortete nicht. Einige Minuten vorher, während ich eine Wolke nach der anderen aus ihrem Geiſte entfernte und ſie ihr Geſicht an meiner Bruſt verborgen hatte, glaubte ich zu fühlen, wie ihr Herz heftig ſchlug; aber jetzt war ſie ganz ruhig und ſtill — ſo ſtill, daß ich im erſten Angenblick glaubte, ſie wäre ohnmächtig geworden. Sie erhob jetzt ſanft ih⸗ ren Kopf und ich ſah, daß die Thränen ſchnell aus 15* ihren Augen floſſen. Sie trocknete ſie haſtig ab, und durch die Tropfen ſtrahlte ein helles Lächeln, welches mir ſagte, daß es keine Tropfen des Kummers wa⸗ ren. Sie verbarg wieder ihr Geſicht, aber ich hörte ſie flüſtern: „Sie kommen endlich, Richard— ſie kommen endlich und bringen mir Erleichterung— wünſche nicht, daß ich ſie zurückhalte, ſie ſind voll Freude und Troſt.“ „So weine denn, Theuerſte,“ ſagte ich,„und mögeſt Du nie andere, als ſolche Thränen ver⸗ gießen.“ Nach und nach wurde ſie gefaßter und ſagte auf⸗ blickend: „O! Dies iſt eine glückliche Stunde! Es iſt, als wenn ein dunkler Nebel ſich aufklärt, und nicht nur kehrt der Sonnenſchein zu der Stelle zurück, wo wir ſtehen, ſondern er eröffnet um uns her helle Aus⸗ ſichten.“ „So darf ich alſo Deinem Onkel ſagen, daß Du ohne Zweifel und ohne Bedenken die Meine biſt?“ ſagte ich. „Die Deine gern und freudig,“ antwortete ſie. „Richard, wenn Du mich je für eine Coquette hiel⸗ teſt, ſo ſollſt Du mich jetzt nicht dafür halten, denn Du ſollſt mich ebenſo bereit finden, meine Liebe zu geſtehen, wie früher zu erklären, daß ich nie lieben — 229— könne. Wie Du je dazu kamſt, mich zu lieben, kann ich nicht ſagen; aber ich weiß ſehr gut, wie ich dazu kam, Dich zu lieben; und ich würde mich ſelber haſſen und verachten müſſen, wenn ich es nicht thäte.“ „Ich kam ſehr leicht dazu, Dich zu lieben, liebe Beſſy,“ antwortete ich.„Es war nur nöthig einen Blick in Dein Herz zu thun.“ „Ich glaubte Dir nicht,“ verſetzte ſie;„aber kein Wunder, denn damals kannte ich mein Herz ſelber nicht. Aber Eins iſt mir noch unerklärlich, nämlich warum und aus welchem Grunde Mr. William Thorn⸗ ton mich und die Meinigen ſo verfolgt hat. Ich kann mir leicht vorſtellen, daß Robert nur von dem Ver⸗ langen nach Geld und von der Gewohnheit des Be⸗ truges bewegt wurde; denn das ganze Land weiß, was er iſt; aber von ſeinem Vater habe ich ſagen hören von Leuten, die ihn in ſeiner Jugend gekannt, daß er ein heiterer, gedankenloſer, offenherziger Mann ge⸗ weſen, der Alles, was er beſeſſen, eher verſchwendet, als freigebig ausgetheilt habe; doch ſelbſt zur Zeit des Todes meines Vaters ſchien er dieſelben böſen Gefühle gegen uns zu hegen, obgleich er ſie nur ver⸗ barg.“ „Es iſt in der That ſeltſam,“ verſetzte ich, in⸗ dem ich mich des außerordentlichen Haſſes erinnerte, den der Greis gegen Beſſy ſelber gezeigt hatte.„Es mag ein Geheimniß in der Sache liegen; aber es wäre ebenſo gut, es nicht weiter zu unterſuchen, liebe Beſſy. Laß uns damit zufrieden ſein, daß wir alle ihre Pläne gegen uns vereitelt haben, ohne ihre Be⸗ weggründe weiter zu unterſuchen. Man ſagt, in je⸗ dem Hauſe iſt ein Skelett, und es iſt ebenſo gut, die Thüre des Schrankes nicht zu öffnen. Noch Etwas iſt mir nicht erklärlich,“ fügte ich hinzu,„doch iſt es von keiner ſehr gefährlichen Beſchaffenheit, nämlich, daß Dein Onkel Henry nicht alle Umſtände dieſer traurigen Sache zwiſchen Deinem Vater und meinem Onkel wußte, denn noch geſtern ſchien er zu glauben, daß Du guten Grund hatteſt, Dich zu weigern, Dein Schickſal mit dem meinen zu vereinen.“ „Ich denke, er wußte nicht mehr, als was ich ihm ſchrieb,“ verſetzte Beſſy.„Zu der Zeit, wo das Duell vor ſich ging, muß er in Europa geweſen ſein, denn damals reiſte er drei Jahre mit meiner Tante, und ſeitdem iſt es immer ſorgfältig vermieden worden, von dem Gegenſtande zu reden. Selbſt die liebe Tante Beb theilte uns Nichts darüber mit. Eines Tages freilich, als ſie mich vor der Liebe zu einem Duellan⸗ ten warnte, ſagte ſie mir, mein Vater wäre im Duell umgekommen. Aber das war die einzige Erwähnung der Umſtände, die ich je hörte, bis ich dieſe Briefe erhielt. Selbſt Mr. William Thornton ſprach nie von V dem Gegenſtande, wenn er mich, wie er es nannte, in Geſchäften beſuchte.“ „Es muß zu ſchmerzlich und ſchrecklich für ihn geweſen ſein,“ antwortete ich.„Es wundert mich nicht, daß er davon ſchwieg.“ „Beſſy, Beſſy!“ rief die Stimme unſerer guten Wirthin.„Sir Richard, wenn Sie Ihr Geſpräch be⸗ endet haben, wollen Sie zum Frühſtück kommen? Wir haben einen Gaſt hier, der Sie kennt.“ Beſſy und ich, glaube ich, hätten Beide das Frühſtück und den Gaſt entbehren können, denn an dem Morgen, wie ein perſiſcher Dichter ſagt, indem er von der Unterhaltung der glücklich Liebenden ſpricht, nährten wir uns offenbar von Roſen und wünſchten keine andere Geſellſchaft. Indeſſen waren wir genöthigt zu gehen, und nachdem ich Beſſy die Verſicherung gegeben, daß ihre Augen nicht beſonders roth wären, kehrten wir in das Haus zurück. Fünfzehntes Kapitel. Der Sheriff ſtand mit ſeiner Schweſter vor der Thüre und ſein erſter Ausruf war: „Ei, Beſſy, meine junge Freundin, es ſieht ja aus, als wenn Sie geweint hätten.“ „Wenn ich geweint habe, ſo waren es nicht un⸗ glückliche Thränen, Herr Sheriff,“ antwortete Beſſy, „und Sie wiſſen, glückliche Thränen liegen außer Ih⸗ rem Bereiche. Ich zweifle nicht, daß Sie genug mit unglücklichen zu thun haben.“ „Gehen Sie, Sie ſind ein naſeweiſes Mädchen,“ ſagte der Sheriff lachend;„waſchen Sie Ihre Augen und kommen Sie dann zum Frühſtück zurück, denn wir haben hier einen großen Kritiker der weiblichen Schönheit, und Sie könnten eine gute Gelegenheit verlieren, wenn Sie nicht ſo gut wie möglich aus⸗ ſähen.“ — 233— „Ich bin nicht auf dem Markte,“ antwortete Beſſy in's Haus laufend. „Und wer iſt Ihr Gaſt, Herr Sheriff?“ fragte ich.„Sie ſagen, es iſt ein Freund von mir, und darum iſt meine Frage nicht unverſchämt.“ „O! wir haben keine Geheimniſſe in Virginien,“ antwortete der Sheriff.„Es iſt Mr. Wheatley aus Norfolk. Er ſagt, da wir einander hier die Kehlen abgeſchnitten, müſſe er geradezu hinaufgehen, um ſeine todten Freunde zu ſehen; denn ich denke, Sie haben gefunden, daß Wheatley auch über den ernſt⸗ hafteſten Gegenſtand ſcherzen muß. Aber hier kommt er.“ Während der Sheriff ſprach, hatte ſeine Schwe⸗ ſter ſich in das Frühſtückszimmer begeben, und Mr. Wheatley ſchloß ſich uns an, ſo heiter, ſo lebhaft und ſo gefaßt, wie immer. „Ah! Sir Richard,“ ſagte er,„wie geht es Ihnen? Sie haben hier, ſeit ich weg geweſen, Schieß⸗ übungen in größerem Maßſtabe angeſtellt, als da ich Sie zuletzt geſehen. Aber das iſt noch Nichts gegen Indien, wo ſie Nachmittags eine Treibjagd haben und einige Dutzend Rajahs vor dem Frühſtück ſchie⸗ ßen, um von einem Sultan oder anderem Hochwild zu ſchweigen.“ Ich lachte und ſagte, nach dem, was wir kürz⸗ lich erlebt, wären die Unterhaltungen, die er erwähnt, freilich flach und geſchmacklos genug. Dann wendete er ſich zu dem Sheriff und ſagte: „Welch' ein vortrefflich organiſirtes Land dies iſt, Herr Sheriff, wo man, wenn man den Beiſtand ei⸗ nes öffentlichen Beamten in Anſpruch nimmt, anſtatt einer langen Koſtenrechnung ein gutes Frühſtück, ei⸗ nen herzlichen Willkommen, ein Handtuch und kaltes Waſſer erhält.“ „O! die Rechnung wird ſchon kommen,“ ſagte der Sheriff. „Mit dem Deſſert?“ fragte Mr. Wheatley. „Nun, wenn das iſt, müſſen wir verſuchen, ſie zu verſchlingen und zu verdauen.“ „Wenn aber kein Geheimniß dabei iſt, was hat denn dies Alles zu bedeuten, Mr. Wheatleh?“ fragte der Sheriff. „O! gar kein Geheimniß,“ verſetzte mein Freund aus Norfolk.„Es iſt eine von jenen Geſchäftsange⸗ legenheiten, die ſich jeden Tag ereignen. Ein Herr, der mir und meinen Compagnons in Boſton einige Banken Ducaten, wie jener drollige, alte Burſche Shakſpeare ſie nennen würde, ſchuldig iſt, die er zu zahlen vernachläſſigt hat, verſprach dieſelben vorgeſtern früh in der Stadt Portsmouth bei Ankunft der Poſt zu zahlen. Aber weder er, noch die Dollars zeigten ſich je. Ich hatte ihn gewarnt, daß dies das letzte Mal ſei; es war etwa das funfzigſte Mal, daß er ſein — 225— Verſprechen gebrochen hatte, und ich deutete ihm an, obgleich der gewohnte vertraute Umgang und einige Freundlichkeit, die er mir vor langer Zeit erwieſen, als er ein Mann von vierzig und ich ein Jüngling von zwei oder dreiundzwanzig geweſen, mich bewogen hätten, Rückſicht gegen ihn zu nehmen, ungeachtet ſeiner ſpäteren Handlungsweiſe, die unſere Freund⸗ ſchaft getrennt, ſo wären doch noch andere Perſonen dabei betheiligt, die ſich auf meine Bitte freundlich gegen ihn gezeigt, und ich wäre verbunden, darauf zu ſehen, daß ſie wieder zu ihrem Gelde kämen.“ „Aber wer iſt er?“ fragte der Sheriff. „O! Ihr Nachbar Mr. William Thornton,“ verſetzte Mr. Wheatley.„Er ſagte mir, er hätte dieſe Woche dreißigtauſend Dollars einzunehmen und würde ſie ſogleich auszahlen; aber er glich der Hoff⸗ nung, welche die ſchmeichelhafte Geſchichte erzählte, die ſich ganz unwahr erwies.“ „Er hat ſeine Hände in der letzten Zeit zu voll von Geſchäften gehabt,“ verſetzte der Sheriff ernſt. „Ja,“ antwortete Mr. Wheatley.„Ich denke, es hat einige Aufregung in dieſer Gegend geherrſcht; aber ich kann nicht zugeben, daß die Beluſtigungen und Zeitvertreibe einer Anzahl ſchwarzer Herren den regelmäßigen Handelsgeſchäften ſtörend in den Weg treten.“ „Sie wiſſen nicht, mein guter Freund,“ ver⸗ ſetzte der Sheriff,„daß dieſer unglückliche Herr ge⸗ ſtern von einigen der aufrühreriſchen Neger ſchwer ver⸗ wundet und ſein Sohn auf der Stelle erſchoſſen wor⸗ den. Dies ſind die letzten Opfer von Nat Turners Aufſtande, und ich hoffe, daß es dabei bleiben möge.“ Mr. Wheatley ſah erſchrocken aus. „Der arme Teufel!“ rief er.„Seinen Sohn kenne ich nicht, aber ihn ſelber ſah ich in meinen jungen Jahren viel, als dieſer Robert noch ein Knabe war.“ „Ich hoffe unter dieſen Umſtänden, Mr. Wheat⸗ „ ley,“ ſagte der Sheriff,„werden Sie es nicht für recht halten, dieſen unglücklichen Mann auf ſeinem Sterbebette zu ſtören.“ „Ich muß darauf ſehen, daß die Summe auf irgend eine Weiſe angemeſſen geſichert iſt,“ ſagte Mr. Wheatley ernſt, nachdem er einen Augenblick nachge⸗ dacht.„Wenn es ſich allein um mich handelte, würde mir Nichts daran liegen, Herr Sheriff. Ich könnte die funfzehntauſend Dollars verſchmerzen, denn ſo viel beträgt mein Antheil an der Sache; aber da iſt noch ein Herr betheiligt, der ihn nicht kannte und über ſeine Handlungsweiſe ſehr aufgebracht iſt.“ „Er iſt ſehr unglücklich geweſen, wie Sie wiſ⸗ ſen,“ ſagte der Sheriff in beſänftigendem Tone. „Ja, ja Herr,“ verſetzte Mr. Wheatley, indem — 237— er ſich aufrichtete und einen ſtrengeren Blick annahm, als ich je in ſeinem Geſichte geſehen.„Unglücklich freilich, weil es ihm zugleich an Grundſätzen, Ehre und Großmuth fehlte, aber ſonſt nicht. Die niedri⸗ gen und ſcandalöſen Ränke, welchen meinen vertrau⸗ ten Umgang mit ihm abbrachen, waren der Anfang deſſen, was Sie ſein Unglück nennen.“ „Ich verſtehe nicht, worauf Sie anſpielen,“ antwortete der Sheriff.„Was that er?“ „Es gehört hier nicht zur Sache,“ antwortete Mr. Wheatley;„ich kann nicht auf die Einzelnheiten eingehen; aber er beleidigte eine vortreffliche Dame, die Frau ſeines theuerſten Freundes, während ihr Mann auf der Jagd war. Es geſchah ſo, daß ich es hörte, obgleich er nicht wußte, daß ich in der Nähe war. Das war genug, um mir ihn verleidet zu machen; als ich aber ſpäter erfuhr, daß es ihm gelungen war, den Uria mit dem Schwerte der Phi⸗ liſter zu tödten, da, mein Herr—. Aber da kom⸗ men die Damen, um, wie ich hoffe, zum Frühſtück zu rufen, denn das iſt eine viel angenehmere Beſchäf⸗ tigung, als dieſe Sache zu verhandeln.— Miß Da⸗ venport, ich küſſe Ihre Schuhbänder!“ „Mr. Wheatley, ich trage nie Schuhbänder,“ antwortete Beſſy. „Da möge Ihr Schatten nie kleiner werden,“ verſetzte Mr. Wheatley. — 238— „Gott gebe es!“ rief Beſſy,„denn er iſt ſo ſchon klein genug.“ Wir lachten Alle und gingen dann zum Frühſtück. Es iſt wunderbar, wie leicht ſich der menſchliche Geiſt von den ſchwerſten Schlägen erholt. Er hat eine Elaſtieität, eine Federkraft an ſich, um die Nie⸗ mand weiß, oder woran Niemand glaubt, bis er bemerkt hat, was ich die Abende der ſchrecklichen Tage des menſchlichen Lebens nennen kann. Ein entſetzliches Ereigniß iſt geſchehen— eine gräßliche, verheerende Verwüſtung, Etwas, was alle Herzen mit Angſt er⸗ füllt oder durch Furcht erkältet hat. Einige Stunden ſind vergangen, das Ereigniß iſt geſchehen, die That gethan, die Folgen ſind gewiß; die ganze Sache iſt feſt beſtimmt, gewiß und unwiderruflich; und wenn gleich ein gewiſſer Theil der traurigen Erinnerung, ein trauernder Geiſt, wenn ich ihn ſo nennen darf, gleich einer Wolke zurückbleibt, ſo belebt doch von Zeit zu Zeit das Wetterleuchten eines Lächelns oder eines Scherzes das Düſter; die Thränen trocknen in dem wieder erwachenden Sonnenſchein und die letzten Ueberreſte der Wolke verziehen ſich. Wenn ich unſere kleine Frühſtücksgeſellſchaft hei⸗ ter nennen wollte, würde ich ein unrichtiges Beiwort anwenden. Doch war ſie auch nicht traurig, wie man vielleicht in Betracht der ſchrecklichen Secenen, welche vorhergegangen waren, hätte erwarten ſollen. — 239— Freilich war nicht Alles hell und glänzend, als wir um den Tiſch ſaßen. Augenblicke des düſteren Nach⸗ denkens traten ein, Eindrücke der großen Unglücksfälle, wovon wir Zeugen geweſen; Erinnerungen an Ge⸗ genſtände, die nicht mehr ſein ſollten und die Schat⸗ ten, welche die Erfahrung der Gefahr und des Kum⸗ mers immer über die Zukunft wirft. Doch dies wa⸗ ren nur die Schatten der vorübergezogenen Wolken und das Sonnenlicht des erleichterten Geiſtes ſchien hell dazwiſchen hindurch. Nach dem Frühſtück gingen Mr. Wheatley, der Sheriff und ich auf die Veranda hinaus, um den Ge⸗ genſtand weiter zu verhandeln, den wir vor einer Stunde abgebrochen hatten. Die Freundlichkeit des Herzens des guten Polizeimannes zeigte ſich in die⸗ ſem Falle deutlich. „Ich hege keine große Liebe zu William Thorn⸗ ton,“ ſagte er;„dennoch iſt es traurig, Executionen gegen einen Mann vornehmen zu müſſen, der ſich in Folge einer ſchweren Wunde in ſehr gefährlichem Zu⸗ ſtande icha⸗ wenn er vielleicht auch nicht dem Tode nahe iſt. Nun meine ich, Mr. Wheatley, Sie ſag⸗ ten, an Ihrem Antheil an dem Geſchäft liege Ihnen Nichts, wenn Sie nur Ihren Compagnon beſriedigen könnten.“ „Ein harter Fall, Herr Sheriff,“ verſetzte Mr. Wheatley mit ſeinem kurzen Lachen.„Ich habe ſeit⸗ — 240— dem gefrühſtückt und bin natürlich hartherzig gewor⸗ den. Nichts gleicht einem leeren Magen, wenn es ſich um Zärtlichkeit für irgend Etwas handelt, außer geſottenes Geflügel oder kaltes Lammfleiſch. Indeſſen will ich nicht von dem abgehen, was ich geſagt habe. Wenn er Mr. Griswald befriedigen kann, will ich ſehen, was ich von dem, was übrig bleibt, heraus⸗ bringe.“ „Ich zweifle nicht,“ ſagte der Sheriff,„daß Miß Davenport das Geld vorſtrecken wird, um Ih⸗ ren Freund zu befriedigen.“ „Nein, nein!“ rief Mr. Wheatley mit einem Ausbruch des lebhaften Gefühls, den ich nicht von ihm erwartet hatte.„Sie ſoll es nicht thun— ich will das Geld nicht von ihr annehmen. Er beleidigte ihre Mutter, er führte den Tod ihres Vaters herbei, um zu verbergen, was er gethan; er war mehr oder weniger der Mörder Beider; der Kummer tödtete ſie und die Piſtole tödtete ihn; und die Tochter ſoll mit meiner Bewilligung nicht aufgefordert werden, ihn von den Folgen ſeiner eigenen Thorheit oder ſeiner eigenen Fehler zu befreien.“ „Nun, Mr. Wheatley,“ ſagte ich, ehe der Sheriff antworten konnte.„Vielleicht läßt ſich noch ein anderes Mittel finden. Geſetzt, ich ſtreckte das Geld vor und ſtelle mich in die Lage Ihres Freundes, der ihm urſprünglich das Geld geliehen.“ „Ol das iſt eine ganz verſchiedene Sache,“ ſagte Mr. Wheatley.„Wenn Sie das thun wollen, habe ich Nichts dagegen zu ſagen. Jeder nach ſeinem Ge⸗ ſchmack. Einige helfen gern Schurken; Andere ziehen es vor, redlichen Männern zu helfen. Das Erſtere war vor einigen Jahren eine Leidenſchaft von mir, aber ich habe ſie überwunden, und das Letztere iſt jetzt mehr nach meinem Geſchmack.“ „Dennoch,“ verſetzte ich,„möchte ich aus be⸗ ſonderen Gründen, daß Miß Davenport ihre Ver⸗ wandten zuerſt dieſe Anleihe anböte— ich muß ge⸗ ſtehen, nur um zu ſehen, was daraus erfolgen würde. Ich will das Geld vorſtrecken; aber ich möchte nur von ihr die Erlaubniß erhalten, ihm in ihrem Na⸗ men dieſes Anerbieten zu machen.“ „Ha, ha, ha!“ rief Mr. Wheatley.„Ordnen Sie Ihre kleinen Angelegenheiten, wie es Ihnen gut dünkt. Sie wird natürlich einwilligen, da ſie weiß, weſſen Taſche der Verluſt endlich treffen wird, ob Sir Richard das Geld vorſtreckt, oder Miß Beſſy. Aber gehen Sie, um ſie zu fragen— gehen Sie, um ſie zu fragen, und dann denke ich, Herr Sheriff, wollen wir zu Bill Thornton's Pflanzung hinüberrei⸗ ten und den wahren Stand der Angelegenheiten in Augenſchein nehmen.“ „Sehr gut,“ verſetzte der Sheriff;„aber Sie müſſen wiſſen, ehe Sie das förmliche Verfahren ein⸗ Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd. 16 3 leiten, nehme ich meine Leute nicht mit, und in ei⸗ nigen Stunden muß ich zurück ſein.“ Ich hielt die Herren nicht lange auf, denn ich fand Beſſy im Beſuchzimmer, und ſie gab ſogleich ihre Einwilligung. „Es wird uns keinen großen Nachtheil bringen, wenn wir das Geld verlieren,“ ſagte ſie.„Ich denke, wir haben genug zum Glück.“ „Ol vollkommen,“ antwortete ich.„Aber nun gehe ich hinüber, um dieſen unglücklichen Mann zu beſuchen, und ich hoffe, mein theures Mädchen wird die Zeit, bis ich zurückkomme, damit hinbringen zu überlegen, welches Glück ihre Zärtlichkeit dem Manne gewährt, der ſie von ganzem Herzen liebt. Wenn ich meine Beſſy recht kenne, ſo empfindet ſie kein grö⸗ ßeres Vergnügen, als Andere glücklich zu machen.“ „Es ſoll mich wundern, ob es in meinem gan⸗ zen Leben ſo ſein wird,“ ſagte Beſſy.„Jedermann hat mich verzogen— Eltern, Freunde und Ver⸗ wandte, und nun kommt ein Gemahl, um es mehr, als alle Uebrigen, zu thun! Richard, Richard, ich muß in der That eine Veranlaſſung zu einem Streite mit Dir finden, damit Du mich nicht völlig zu ei⸗ nem verzogenen Kinde machſt. Geh' jetzt, und ſage dem armen Manne, ich ſei bereit, Alles, was ich könne, für ihn zu thun. Es wundert mich, daß Mr. Wheatley ſo unfreundlich ſein kann, die Zahlung von — 243— Schulden zu verlangen, während er in einer ſolchen Lage iſt.“ Als ich zu den beiden Herren vor der Thüre kam, fand ich, daß eine Veränderung in ihren Plänen ſtattgefunden. Der Sheriff erinnerte ſich eines Ge⸗ ſchäft's, welches er an einem anderen Orte zu beſor⸗ gen hatte, und es wurde beſtimmt, daß ich und Mr. Wheatley über den Sumpf zu dem Orte reiten ſoll⸗ ten, wo Mr. William Thornton lag. „Ich will Henry Thornton ſagen, daß Sie nicht vor zwei oder drei Uhr zurück ſein werden,“ ſagte der Sheriff;„und da ich weiß, daß er ein Geſchäft mit Ihnen abzuſchließen hat, will ich ihn und ſeine ganze Geſellſchaft zu bewegen verſuchen, herüber zu kommen, und hier zu Mittag zu ſpeiſen und zu ſchla⸗ fen. Vier oder fünf Mädchen, vier oder fünf Lieb⸗ haber, vier oder fünf ältliche Leute, welche plaudern, muſiciren und einander den Hof machen— das iſt wahrlich eine hübſche Art, Geſchäfte abzuſchließen; aber es iſt die virginiſche Sitte und da müſſen wir es ſo gehen laſſen. Ich will die Pferde beſtellen, Sir Richard; gehen Sie alſo, um Ihre Stiefel an⸗ uziehen.“— „Ich begab mich jetzt in mein Zimmer, wo ich Zed fand, der nach ſeinem Frühſtück alle meine Klei⸗ dungsſtücke und dergleichen in die unbegreiflichſte Un⸗ ordnung brachte. Nur mit der größten Mühe konnte 16* man irgend einen Gegenſtand entdecken, und doch war er ſo ſtolz, wie ein Pfau auf ſein Werk. Der arme Zed ſchien indeſſen wie vom Donner getroffen zu ſein, als ich ihm ſagte, er möge mir ein Paar Stiefel und einen anderen Rock bringen. „Der Himmel ſei uns gnädig!“ rief er;„wollen Sie ſchon wieder fort? Ei, Herr, ich habe Sie ſeit ſo langer Zeit nicht mehr geſehen, und ich dachte, Sie wären im Begriff, mir Alles zu erzählen. Nun, auf jeden Fall wird es beſſer ſein, wenn Sie mich mitnehmen, denn es begegnet Ihnen nie etwas Gu⸗ tes, wenn ich nicht dabei bin.“ „Das iſt gewiß Alles ſehr wahr, Zed,“ ver⸗ ſetzte ich;„aber ich denke, dieſen Morgen muß ich allein gehen oder vielmehr nur in Geſellſchaft des Mr. Wheatley, denn ich habe unterwegs viel mit ihm zu beſprechen.“— „O Herr, was hat das zu bedeuten?“ fragte der beharrliche Neger.„Ich werde Sie nicht ſtören.“ Aber ich blieb feſt und in wenigen Minuten traten Mr. Wheatley und ich unſeren Weg an. Ich habe nie die langen Vorreden zu irgend etwas geliebt, und kaum war mir das Haus aus dem Geſichte, als ich ſogleich mit dem Gegenſtande begann, der in mei⸗ nen Gedanken obenan ſtand. „ Sie erwähnten vor dem Frühſtück zufällig einen Gegenſtand,“ ſagte ich,„der eine Frage berührt, die dieſen Morgen Miß Davenport und mich in große Verlegenheit geſetzt hat. Nun, wünſche ich, Mr. Wheatley, daß Sie mir weitere Auskunft über dieſen Mr. William Thornton und ſeine Verbindung mit dem Oberſten Davenport geben mögen. Sie waren im Begriff, es zu thun, als wir zum Frühſtück ge⸗ rufen wurden.“ „D nein, ich hatte Alles geſagt, was ich zu ſagen beabſichtigte,“ verſetzte Mr. Wheatley, wie es ſchien mit einem unwilligen Blicke;„obgleich ich faſt denken möchte, Sir Richard, daß Sie dieſen Mor⸗ gen vor dem Frühſtück nicht Alles geſagt, was Sie zu ſagen beabſichtigten, denn Sie und Miß Beſſy waren ſo tief in Ihrer Unterhaltung, daß Sie mich nicht einmal ankommen ſahen, und dieſe Unterhaltung ſchien noch lange nicht zu Ende ſein.“ Ich ließ mich indeß nicht von meinem Zwecke abbringen und antwortete: .„Wir ſprachen von derſelben Frage, die ich jetzt erwähnt habe. Geſtern Morgen hatten Beſſy und ich einen ſehr ſeltſamen Beweis von dem perſönlichen Haſſe des alten William Thornton gegen ſie. Er wollte ihr nicht einmal geſtatten, die Blutung ſeiner Wunde zu ſtillen und wendete eine Sprache an, die nicht nur wild, ſondern auch unſchicklich war. Als wir zum Frühſtück gerufen wurden, wunderten wir uns eben, welches der Beweggrund der Verfolgung — 246— ſein könne, die er während ihres ganzen Lebens ge⸗ gen ſie angewendet, und um den Umfang dieſes hef⸗ tigen Widerwillens zu prüfen, wünſchte ich lieber, daß ſie ihm das Geld anbieten ſollte, als ich ſelber. Es ſollte mich nicht überraſchen, wenn er es von ih⸗ ren Händen ausſchlüge.“ „Ich halte es für ſehr wahrſcheinlich,“ verſetzte Mr. Wheatley;„aber ſagen Sie mir, wie es kam, daß Sie und Miß Beſſy ſo nahe waren, als der alte Mann erſchoſſen wurde?“ „Ich will Ihnen Alles erzählen,“ antwortete ich,„wenn Sie mir dagegen die Erklärungen geben wollen, die ich wünſche.“ „Gut, gut,“ verſetzte er,„es iſt ein Gegen⸗ ſtand, an den ich nie gern denke und noch weniger gern davon rede. Freilich beruht ein großer Theil auf Vermuthung; denn obgleich ich von der Richtigkeit der Schlüſſe, die ich aus den Thatſachen ziehe, moraliſch überzeugt bin, ſo habe ich doch für viele derſelben keinen Beweis. Indeſſen wollen wir jetzt dieſen un⸗ glücklichen alten Mann beſuchen. Man kann nicht wiſſen, ob er Ihnen nicht ſelber Alles erzählen wird, denn ſeine Stimmung iſt ſehr ſeltſam und die Furcht vor dem Tode möchte ſtark auf ihn wirken. Wenn er es aber nicht thut, ſo will ich es thun. Und nun theilen Sie mir mit, wie Sie und Miß Da⸗ venport alle dieſe ſchrecklichen Scenen überſtanden ha⸗ ben. Alles, was ich von Ihnen erfahren konnte, war, daß Sie und die Dame aus dem Hauſe des armen Stringers entflohen und ſeitdem allein durch die Wälder gewandert wären— keine beſonders un⸗ angenehme Wallfahrt, ſollte ich denken— ha, ha, ha!“ Und hier hielt er, wie gewöhnlich, plötzlich mit ſeinem Lachen inne. „Sie war natürlich keineswegs unangenehm,“ verſetzte ich,„als ich mich erſt überzeugt hatte, daß ihr nichts zu Leide geſchehen ſei. Aber unſere Aben⸗ teuer waren zahlreich, und erſt, als ich und Mr. Henry Thornton unſere liebe junge Freundin am letz⸗ ten Abend in dieſes Haus brachten, konnte ich mich völlig überzeugt halten, daß ſie ſicher ſei.“ Dann erzählte ich ihm in der Kürze Alles, was uns begegnet war, von der Zeit, wo der gute Zed in mein Zimmer gekommen war, um mich vor der: Gefahr zu warnen, bis zu unſerer Ankunft im Hauſe des Sheriff am vergangenen Abend. Mr. Wheatley ſchien großes Intereſſe an der ganzen Sache zu nehmen und ſprach ſeinen Unwillen über Mr. William Thornton's Handlungsweiſe aus. Bei jenem Theile meiner Erzählung, wo Vater und Sohn Beſſy hatten nöthigen wollen, ein Papier zu unterſchreiben, während ſie ſie gefangen gehalten, rief er: „Verlaſſen Sie ſich darauf, das war, um die — 248— dreißigtauſend Dollars zu bezahlen. Wenn wir nur die Stücke dieſer Papiere, die ſie zerriſſen, finden könnten, ſo möchte ich tauſend Dollars gegen einen Cent wetten, daß wir einen groben Betrug finden würden — das Zugeſtändniß einer Schuld, das Verſprechen zu zahlen oder etwas dergleichen, Alles ganz hübſch und in geſetzlichen Ausdrücken und geſichert, und dop⸗ pelt geſichert durch Anſpielungen auf frühere Verhand⸗ lungen, damit die Schurkerei ehrlich erſcheinen möge. Aber eins kann ich Ihnen ſagen, Sir Richard— dies iſt keine gute Ausſicht auf die endliche Zahlung meines Geldes, und gewiß beabſichtige ich nicht, Ih⸗ nen oder Miß Davenport eine ſchlechte Schuld aufzu⸗ bürden. Wenn wir finden, daß ſo viel Vermögen da iſt, um Sie einigermaßen vor Verluſt zu ſichern, ſo iſt es mir ſehr lieb, wenn Sie die funfzehntauſend Dollars vorſtrecken, um Griswald auszuzahlen, denn er wird ungeduldig und ärgerlich. Aber es iſt mir klar, daß dieſe Leute verzweifelt weit müſſen getrie⸗ ben worden ſein, um zu ſolchen Hilfsmitteln Ihre Zuflucht zu nehmen, obgleich Robert Thornton, wie ich höre, die gewaltſamſten und unbeſonnenſten Wege der Schurkerei den ruhigen und friedlichen vorgezogen. Sechzehntes Kapitel. Ich hatte vorausgeſetzt, daß der Verwundete noch in dem Hauſe auf der anderen Seite des Sumpfes liege, wohin man ihn zuerſt gebracht, und wären wir nicht durch einen Zufall von dem Gegentheil in Kennt⸗ niß geſetzt worden, ſo hätten wir zwecklos einen wei⸗ ten Ritt machen müſſen. Gerade, als wir uns dem ſogenannten neuen Orte näherten, begann mein Pferd zu hinken, und als ich einen alten Neger vor der Thüre ſtehen ſah, winkte ich ihm, zu kommen und den Stein herauszunehmen, der ſich wahrſcheinlich zwiſchen dem Huf des Pferdes eingeklemmt hatte. Der alte Mann kam mit lang⸗ ſamen Schritten herbei, und als er ſich mir näherte, bemerkte ich zu meiner Ueberraſchung, daß es jener höchſt merkwürdige Mann war, den man Onkel Jack nannte. Wir brachten den Stein bald heraus, und ich fragte ihn zugleich, als ich wieder aufſtieg, was er dort thue. „Ich warte hier, um Mr. Thornton wieder zu beſuchen, mein Herr,“ ſagte er.„Mr. William Thornton nämlich, denn, wie Sie wiſſen, iſt ſein Sohn Robert todt.“ „Wollen Sie damit ſagen, daß der alte Mann hierher gebracht worden iſt?“ rief ich. „Ja, mein Herr; ungeachtet aller Gegenvor⸗ ſtellungen beſtand er darauf, daß man ihn geſtern Abend hierherbringe, und ich fürchte, dies wird ſeinen Tod herbeiführen,“ war Onkel Jack's Antwort. Ich rief Mr. Wheatley zurück, der bereits weiter geritten war; und während er zurückkehrte, fragte ich Onkel Jack, was er damit meine, daß er Mr. Thorn⸗ ton wieder beſuchen wolle. „Nun, ſehen Sie, mein Herr,“ antwortete der alte Negerprediger,„ich kannte den Herrn, den man jetzt den alten Mann nennt, als er noch ein kleiner Knabe war, und zu jener Zeit pflegte ich viel mit ihm zu ſprechen, ſo daß ich, als er zum Jünglinge heran⸗ wuchs, und Vieles that, was ihm Gott hoffentlich vergeben wird, großen Einfluß auf ihn hatte— ja, ſehr viel für einen armen, unwiſſenden Neger auf ei⸗ nen wohlerzogenen weißen Mann. Er hörte auf mich, wenn er auf ſonſt Niemand hörte, und hat es mehr oder weniger in ſeinem ganzen Leben gethan. So kam ich denn hierher, ſobald ich hörte, was ge⸗ ſchehen war. In der letzten Nacht hatte er ein hef⸗ tiges Fieber und phantaſirte ſehr; aber dieſen Morgen iſt er ſehr herunter an Geiſt und Körper. Aber ich ſehe es als einen Segen Gottes an, daß es ſo iſt, denn ich hoffe ſeinen Geiſt noch in eine beſſere Stim⸗ mung zu verſetzen, um vor ſeinen Schöpfer zu treten, und Sie wiſſen, mein Herr, wir müſſen nie verzwei⸗ feln. Dieſen Morgen hörte er ganz ruhig auf mich und ſchien Troſt anzunehmen, als ich zu ihm von Gnade und Vergebung ſprach. Am letzten Abend wollte er Nichts davon hören und fluchte und läſterte, ſo daß ich mich gern entfernte.“ Das Verhältniß eines ſchwarzen Lehrers zu ei⸗ nem weißen Schüler war ſeit den Tagen der Apoſtel vielleicht nie vorgekommen; dennoch war ich ſehr froh, jeden Umſtand zu benutzen, der mich in den Stand ſetzen konnte, über eine Sache Licht zu erhalten, wo⸗ bei alle Gefühle meines Herzens, ſowie die einer an⸗ deren Perſon, lebhaft intereſſirt waren. Es gibt Fälle in der Welt, wo wir, um unſeres eigenen Friedens willen, Alles deutlich ſehen müſſen, wie es iſt, ſonſt möchte, am Rande oder in einem dunklen Winkel der Höhle der Umſtände ein Kobold verſteckt ſein, der anſchwellen und wachſen und das Herz erdrücken könnte. 1 — 252— Dies ſchien bei mir der Fall zu ſein. Ich be⸗ ſchloß Alles wiſſen zu wollen, was man wiſſen könne — ich beſchloß, daß keine dunkle und wolkige Stelle, kein Sturm am Rande des Himmels vorhanden ſein ſolle, deſſen Beſchaffenheit ich nicht kenne; und ob⸗ gleich kein Menſch die Zukunft, die dunkle, vorherbe⸗ ſtimmte Zukunft, in Wahrheit errathen kann, ſo iſt doch die Vergangenheit, worauf das Siegel des Ge⸗ ſchick's gedrückt iſt, die wahre, unwiderrufliche Ver⸗ gangenheit wohl zu erforſchen, bis das ächte Gold der Wahrheit von den Schlacken des Zweifels und der Lüge getrennt iſt. „Wir wünſchen Mr. William Thornton in ei⸗ nem Geſchäfte von großer Wichtigkeit zu ſprechen,“ ſagte ich zu dem alten Neger,„in einem Geſchäfte, welches auf die Stunde des Todes Bezug hat, und welches nicht aufgeſchoben werden darf. Dieſer Herr muß Mr. Thornton ſprechen, um ihm größere Un⸗ ruhe in dieſem traurigen und gefährlichen Augenblicke zu erſparen. Ich habe vielleicht perſönlichere Abſichten, aber zu gleicher Zeit, mein guter Freund, kann ich nicht umhin zu denken, daß Der, welcher mit einem freien Bekenntniſſe ſeiner Irrthümer und dem Aus⸗ drucke der Reue und des Bedauerns aus dieſer Welt ſcheidet, mit mehr Troſt und Hoffnung der Zukunft entgegen geht.“ „Gewiß,“ verſetzte der Neger,„ich will ver⸗ ſuchen, ihn dahin zu bringen, daß er Sie ſo ruhig und gern empfängt, wie es nur möglich iſt. Aber für den Erfolg kann ich nicht einſtehen; vielleicht wird er es verweigern— vielleicht werden Sie wider ſeinen Willen zu ihm kommen müſſen, wie es am letzten Abend bei mir der Fall war; aber auf jeden Fall will ich mein Möglichſtes thun. Warten Sie hier und ich will ſogleich zu ihm zurückkehren. Er war ein wenig ermüdet, als ich ihn verließ, und ich war froh, ihm ein wenig Ruhe zu geſtatten, denn die Worte, die ich ihm von dem großen Lehrer vor⸗ geleſen, hatten ihn gequält, gleich der erſten Wirkung einer ſtarken Arznei zur Heilung einer ſchweren Krankheit.“ Der Greis ſchwieg, und nach einigen Augen⸗ blicken des ſtillen Nachdenkens kehrte er ins Haus zu⸗ rück, nachdem er einigen von ſeinen ſchwarzen Brü⸗ dern geſagt, für unſere Pferde Sorge zu tragen. Wir folgten ihm zu einem der unteren Zimmer, und der Contraſt zwiſchen dem Anblick ſeiner Wohnung und der ſeines Vetters, Mr. Henry Thornton, war gewiß ſehr traurig. Sie hatten die Laufbahn ihres Lebens mit faſt gleichem Vermögen angetreten, und vielleicht war William Thornton der reichere von Beiden ge⸗ weſen; doch der eine hatte ſich mit Familienverbin⸗ dungen umgeben, in Wohlſtand, wenn auch nicht in Glanz gelebt, und Recht und Gerechtigkeit gegen alle Menſchen geübt; er hatte ſich einen hohen und makel⸗ loſen Namen erhalten, und bei ſeiner Mäßigung war er in Frieden und Wohlſtand geblieben. Sein Haus⸗ halt zeigte vielleicht keine Verſchiedenheit von dem Zuſtande, worin ſich derſelbe vor zwanzig Jahren be⸗ funden; er hatte nichts Höheres erſtrebt und war nicht tiefer gefallen. Im Gegentheil konnten wir in dem Hauſe, worin wir jetzt ſtanden, die Spuren des unredlichen Ehrgeizes, der Täuſchung und des Verfalles entdecken. Die letztere Stadie war es beſonders, die völlig ſicht⸗ bar erſchien. Elend und Verfall— Vernachläſſigung und die Folgen der Vernachläſſigung, waren auf die Dauer in dieſe Wohnung eingezogen. Doch hie und da zeigten ſich leichte Andeutungen, wie es zu dieſer Erfüllung gekommen war. Hier ſtand ein mit Sam⸗ met überzogenes Sopha, abgenutzt, ſo daß die grobe Leinwand darunter zu ſehen war— hier lag ein durchgetretener koſtbarer Teppich— die Fenſterrahmen waren ſeit langer Zeit nicht mehr angeſtrichen worden, und das Glas klapperte in dem eingetrockneten Holz⸗ werk— manche Scheibe war zerſprungen und nicht ausgebeſſert— viele Stühle waren zerbrochen und unbrauchbar— an den Tiſchen fehlte hie und da eine Rolle, ſo daß ſie ſich wie Krüppel auf die eine Seite lehnten kurz Alles, was die ſorgloſe Theil⸗ nahmloſigkeit der Geiſter, die mit lebhaften Plänen für die Zukunft beſchäftigt, oder von der Täuſchung der Vergangenheit darniedergedrückt ſind, ausſprach, zeigte ſich hier. In dieſem traurigen Beſuchzimmer ließ uns der ſchwarze Prediger zurück und ſagte: „Ich will wieder zu ihm hinaufgehen und ver⸗ ſuchen, was ſich mit ihm anfangen läßt. Er befindet ſich in dem Zimmer gerade über dieſem, und wenn. ich mit dem Fuße ſtampfe, ſo kommen Sie hinauf zur Thüre, wo ich Ihnen ein Zeichen geben will, wenn Sie eintreten dürfen. Es iſt beſſer, wenn Sie ganz ſtill kommen, anſtatt ihn zur Wuth aufzuregen, während man doch Nichts für ihn thun kann.“ Mit dieſen Worten verließ er uns, und Mr. Wheatley und ich blieben eine Viertelſtunde oder länger in völligem Schweigen zurück. Er war ungeduldiger als ich, denn ich glaube, er hat von Natur eine reizbare Gemüthsart. Er ſaß einige Minuten da, ſtand dann auf und ging im Zimmer umher. Dann öffnete er die Fenſterblenden, um hinaus zu ſehen, und dann ſetzte er ſich auf einen anderen Stuhl, um zu horchen. Während der ganzen Zeit konnten wir ein Gemurmel von Stimmen hören; aber es war un⸗ möglich zu unterſcheiden, was geſprochen wurde. End⸗ lich war Mr. Wheatley's Geduld völlig erſchöpft, und er rief, indem er aufſprang: ¹ „Kommen Sie, wir wollen lieber hinaufgehen, um zu ſehen, was vorgeht. Man könnte uns hier den ganzen Tag warten laſſen, und wir Beide haben noch andere Geſchäfte zu beſorgen.“ Ohne eine Antwort oder Zuſtimmung abzuwar⸗ ten, öffnete er die Thüre, ging hinaus und ſtieg die Treppe hinauf; aber oben hörten wir das Gemurmel von Stimmen aus einem Zimmer zur Linken, und ſeinen Arm faſſend, hielt ich ihn zurück, gerade, als er eintreten wollte. „Warten Sie einen Augenblick,“ ſagte ich.„Es iſt grauſam, ſich bei einem Sterbenden einzudrängen. Jene Stimme tönt jetzt ſehr verſchieden.“ „Pah! Das iſt des alten Predigers Stimme,“ ſagte Mr. Wheatley, die Thüre ein wenig öffnend. Aber er blieb ſogleich ſtehen, denn die Scene, die ſich im Innern darſtellte, hatte eine einfache Feierlich⸗ keit, die ſelbſt ihn rührte. Da lag der alte William Thornton auf einem ſchlechten Bette ausgeſtreckt; ſein Geſicht war von uns abgewendet, und ſein langes, graues Haar unausgekämmt über das Kiſſen ausge⸗ breitet. Auf der anderen Seite des Bettes kniete der gute Onkel Jack. Er hatte ein offenes Buch vor ſich und las laut jenes erhabene Kapitel aus dem Evan⸗ gelium, worin der Erlöſer ſeine Jünger lehrt, wie ſie beten ſollen. Seine Stimme war gut, und unge⸗ achtet ſeines hohen Alters ungebrochen; auch lag ein beſonderer Ton des liebevollen Vertrauens darin, als er das einzig vollkommene Gebet las, der ſehr rüh⸗ rend war. Er legte einen beſonderen Nachdruck auf die Worte:„Vergib uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſeren Schuldigern.“ Als er ſchwieg, ſagte Mr. Thornton mit ſehr ſchwacher Stimme: „Nun ja, es iſt ſehr ſchön; ich habe es immer dafür gehalten; doch verſtehe ich es nicht halb, alter Mann. Laß mich hören, was Du daraus machſt.“ „Ich zweifle, ob ich geeignet bin, es zu erklären Herr, da Sie, der Sie viel beſſer belehrt ſind, al ich, es nicht verſtehen,“ antwortete Onkel Jack. „Ich weiß es nicht,“ ſagte der Sterbende;„Du haſt an Nichts weiter gedacht, als an ſolche Dinge, und ich habe vielleicht zu wenig daran gedacht.“ „Nun, ich will es verſuchen,“ ſagte der Neger. „Sehen Sie, mein Herr, nichts Geſchriebenes, was ich kenne, hat in jedem Wort ſo viel Bedeutung. Zuerſt lehrt uns dieſes Gebet, was Gott iſt.“ „Das ſehe ich nicht,“ ſagte Mr. Thornton. „Aber fahre fort— fahre fort.“ „Er ſagt uns, daß er ein Vater iſt für Die, welche aufrichtig zu ihm beten— ein Vater, der das Gefühl und die Zärtlichkeit eines Vaters hat— nicht allein das Weſen, welches uns erſchaffen hat, ſondern uns noch als ſeine Kinder betrachtet, ſo ſündlich und 7 8 verirrt wir auch ſein mögen— der bereit iſt, uns zu verſöhnen, wie ein Vater mit einem irrenden 17 Freiheit u. Sclaverei. 3. Bd 17 Kinde, und uns alles Gute zu geben, wie ein Vater ſeinen Kindern gute Gaben gibt. O! welch eine liebevolle Idee gewährt es uns von unſerem Gott, wenn wir durch ſein eigenes Wort belehrt werden, ihn als unſeren Vater anzureden! Aber dann zeigt es uns auch ſeine Größe ſeine Majeſtät und Macht. Es iſt kein irdiſcher Vater, den wir anreden, der vielleicht nicht im Stande iſt uns zu geben, um was wir bitten— der vielleicht nicht die Macht hat, uns zu ſchützen, nicht die Mittel, uns zu tröſten oder zu ſegnen— ſondern unſer Vater, der im Himmel iſt. Das will nicht ſagen, hier oder dort— an dieſem oder jenem Orte— ſondern über uns allen, Alles beherrſchend, auf dem Throne ſeiner Majeſtät und ſeiner Macht, im Mittelpunkte ſeines Weltalls und das All durchdringend, in dem Himmel ſeiner Glorie und Liebe! Wohl darf das Gebet ſagen: Geheiliget werde dein Name! Möge ſein großer Name immer geheiligt ſein; aber vor allen Dingen werde er gehei⸗ ligt, wenn es geſchrieben ſteht: Unſer Vater, der Du biſt im Himmel! die nächſten Worte ſind: Dein Reich komme!“ „Ja, das verſtehe ich nicht,“ ſagte Mr. Thorn⸗ ton matt.„Warum ſollten die Leute beten zu ſter⸗ ben, wenn ſie zu leben wünſchen? Das konnte ich nie verſtehen.“ „Es iſt keine Bitte um den Tod, mein Herr,“ — 259— ſagte der alte Neger.„Unſer Erlöſer hat geſagt: Das Reich Gottes iſt in euch, und es iſt entweder ein Gebet, daß das heilige und glückliche Reich Gottes mit all ſeinem Frieden in unſeren Herzen be⸗ gründet, oder daß es in ſeiner Reinheit und Einheit über die ganze Welt ausgebreitet werde. Dein Wille geſchehe! ſind die folgenden Worte, und dieſe lehren zuerſt jene Ergebung in den Willen Gottes, welche eine der reinſten Formen ſeiner Verehrung iſt— eine demüthige Anerkennung ſeiner Weisheit, ſeiner Gnade und Liebe, und ein Bekenntniß unſeres vollen Glau⸗ bens, unſeres Vertrauens und unſerer Zuverſicht zu ihm; und zweitens, mit den folgenden Worten in Verbindung geſetzt, ſehen wir, wie wir Gottes Willen ſelber thun und wünſchen ſollen, daß auch alle Ande⸗ ren ihn thun auf der Erde wie im Himmel! Nicht langſam, nicht ungern, nicht zweifelnd, ſondern mit Freude und Heiterkeit und vollem Vertrauen— wie er freiwillig von den heiligen Engeln erfüllt wird.“ Mr. Thornton bewegte ſich ungeduldig in ſeinem Bette, und da der Greis fürchtete, daß er ihn unter⸗ brechen werde, fuhr er raſcher fort: „Dann fährt das Gebet fort: Unſer tägliches Brod gib uns heute! Das bedeutet meiner Anſicht nach die vollſtändige Fürſorge der Gnade Gottes— Alles, was nöthig iſt für uns, während dieſes Tages, ſowohl für den Leib, wie die Seele, das Brod, welches 17* das Fleiſch erhält und das Brod des Lebens ſelbſt — kurz Alles, was wir bedürfen—“ „Nun, das iſt verſtändig,“ ſagte der Verwun⸗ dete mit etwas ſtärkerer Stimme:„Es iſt ein ſehr ſchönes Gebet; ich leugne es nicht.“ „Sie können ſich nicht vorſtellen, Herr, welch' einen Troſt es Ihnen gewähren würde, wenn Sie ſich nur entſchließen könnten, es zu wiederholen.“ „Ich denke, ich kann es wiederholen,“ ſagte Mr. Thornton.„Als ich noch klein war, ließ meine Mutter es mich ſo oft wiederholen, daß ich es nicht vergeſſen haben kann— obgleich das eine lange Zeit her iſt. Doch wir wollen ſehen.“ Und er begann das Gebet in leiſem aber den⸗ noch deutlichem Tone zu ſprechen. Er kam ſehr ge⸗ läufig bis zu den Worten:„Vergib uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſeren Schuldigern.“ Da hielt er inne und murmelte Etwas zwiſchen den Zäh⸗ nen. „Dies ſind die wichtigſten Worte von allen,“ ſagte der alte Neger ernſt.„Von dieſen Worten hängt die einzige Hoffnung der Vergebung ab. O! Mr. Thornton, ſprechen Sie ſie aus. Wenn Sie je Etwas gethan, womit Sie Gott beleidigt haben— wenn Sie ſich je gegen die Menſchen vergangen ha⸗ ben— wenn Sie irgend eine Urſache haben, das Urtheil jenſeits zu fürchten— und wer von uns — 261— hätte das nicht?— wenn es irgend eine Handlung in Ihrem ganzen Leben gibt, die Sie auszutilgen wünſchen möchten— ſo vergeben Sie, wenn Sie Vergebung zu erlangen wünſchen.“ „Davenport!“ rief Mr. Thornton in verwirrtem Tone,„Davenport! er verging ſich nicht gegen mich, wohl aber ſeine Frau. Sie ſpie mich an,— ſie nannte mich einen Schurken und Böſewicht und ſagte, ſie wolle Alles ihrem Manne ſagen. Ich erinnere mich noch ſehr wohl, wie er ausſah, als er ſtarb. Sie konnte es ihm nicht ſagen, Onkel Jack, denn dazu war keine Zeit; doch ſah er aus, als glaube er, ich habe Etwas gethan— es war ein bitterer, vorwurfsvoller Blick. Aber ich ſage, Onkel, meinſt Du, daß wir verpflichtet ſind, denen zu vergeben, die ſich nie gegen uns vergangen haben, ſo gut wie denen, die es gethan? Das iſt die Frage.“ Des Mannes Geiſt wurde offenbar verwirrt und Mr. Wheatley trat ohne Weiteres ins Zimmer. „Ah, Doctor!“ rief der Verwundete, ſich im Bette umwendend, ſobald er einen Fußtritt vernahm. Als aber ſeine Augen auf Mr. Wheatley fielen, ging eine ſeltſame und ſchreckliche Veränderung in ſeinem Geſichte vor. Als er es zuerſt umwendete, wax es nicht nur, wie gewöhnlich, vom unmäßigen Trinken, ſondern auch anſcheinend vom Fieber geröthet. Als er aber Mr. Wheatley erblickte, veränderte ſich die — 262— Farbe im Augenblick und es wurde leichenhaft, hier und da mit einem blauen Fleck; auch nahm es ſeine frühere Farbe nicht wieder anz die Wirkung war dauernd, und er glich mehr einer Leiche, als einem lebenden Menſchen. Wheatley ſah die Veränderung, welche ſtattge⸗ funden, und an ſein Bett tretend, ſprach er freundlich und in heiterem Tone mit ihm. „Ah, Mr. Thornton,“ ſagte er,„es iſt mir leid, Sie krank zu ſehen. Ich kam hier herüber, um mich nach Ihnen zu erkundigen und zu verſuchen, ob wir jenes kleine Geſchäft zwiſchen Ihnen und mir nicht friedlich abſchließen könnten.“ „Wer iſt der Mann da?“ fragte Mr. Thorn⸗ ton, mich anſtarrend, als ich ein wenig hinter mei⸗ nem Freunde ſtand.„Ich habe ihn ſchon früher ge⸗ ſehen. Es kann doch nicht Richard Conway ſein, der aus der Cheſapeakebucht gekommen iſt— er ſieht ihm ſehr ähnlich.“ „Nein, nein,“ ſagte Mr. Wheatley.„Er iſt beinahe ſeit zwanzig Jahren todt.“ „Ja,“ ſagte Mr. Thornton düſter,„jetzt iſt er gewiß vermodert.“ „Verſuchen Sie, Ihre Gedanken zu ſammeln,“ ſagte Mr. Wheatley,„und wir wollen ſehen, ob wir dieſe Sache wegen der dreißigtauſend Dollars nicht in Güte ausgleichen können. Ich denke, es wird gehen, — 263— denn mit meinem Antheil an der Sache kann ich warten und in Betreff Griswald's habe ich Ihnen ei⸗ nen Vorſchlag zu machen.“ „Onkel Jack,“ ſagte Mr. Thornton mit leiſer Stimme,„gib mir ein Glas Whiskey— beeile Dich, Mann, ich fühle mich matt. Dort ſteht die Flaſche am Bette.“ Mit entſchiedenem Widerſtreben ſuchte der alte Neger das ſtarke Getränk und der Sterbende leerte das Glas auf einen Zug. Es ſchien ihn ein wenig zu beleben, brachte aber keine Veränderung in ſeiner Farbe hervor. „ Einen Vorſchlag!“ ſagte er mit ſtärkerer Stimme;„welchen Vorſchlag? Ich kann Ihnen kei⸗ nen Cent bezahlen. Ich bin getäuſcht worden wegen und Kurze von der Sache. Die Beſitzung können Sie nicht anrühren, denn ſie iſt ſchon längſt Robert verſchrieben.“ Er hatte vergeſſen, daß ſein Sohn todt warz aber plötzlich ſchien es ihm einzufallen, denn er hielt inne, fuhr mit der Hand nach ſeinem Kopfe und ſtotterte hervor: „Ich vergaß, ich vergaß. Einen Vorſchlag! welchen Vorſchlag?“ „Nun folgender, und ich denke es iſt ein ſehr freundlicher,“ ſagte Mr. Wheatley.„Eine junge des Geldes, welches ich erwartete; das iſt das Lange — 264— Dame— eine ſehr gute und edle junge Dame— erbietet ſich, Ihnen die nöthige Summe vorzuſtrecken, um Ihre Schuld an Mr. Griswald zu zahlen. Ich für meinen Theil werde Sie nicht beläſtigen in der Lage, worin Sie ſich jetzt befinden;z aber Sie können gewiß ſein, daß er kein Bedenken tragen wird, Alles in Beſchlag zu nehmen, was er kann, wenn das Geld bis morgen Mittag nicht gezahlt wird. Es wäre daher beſſer, ſogleich den Vorſchlag dieſer Dame anzunehmen.“ „Wer iſt ſie?“ fragte Mr. Thornton.„Gib mir noch ein wenig Whiskey, Jack. Ich fühle— ich weiß ſelber nicht was— wer iſt ſie, Wheatley?“ „Niemand anders, als Miß Davenport,“ ver⸗ ſetzte Mr. Wheatley. Ein Kampf, gleich dem des Todes, zuckte über das Geſicht des Kranken dahin. „Ich will es nicht— ich will es nicht— ich will Beſſy Davenport für keinen Cent zu danken ha⸗ ben!“ rief er mit übernatürlich lauter Stimme.„Gib mir den Whiskey, Du alter ſchwarzer Kerl— gib mir den Whiskey!“ „O! Maſter Thornton,“ ſagte Onkel Jack, „vergeben Sie, wenn Sie Vergebung wünſchen! Wiſ⸗ ſen Sie nicht, fühlen Sie nicht, daß Sie ſterben? Daß Sie zu dem Gott gehen, zu dem Sie eben zu ſagen verſuchten: Vergib uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſeren Schuldigern. Vergibt Ihnen nicht die arme Beſſy Davenport? Und wollten Sie Groll gegen ſie hegen? O! nehmen Sie ihr Anerbieten an, mein Herr, und folgen Sie ihrem Beiſpiele, ehe Sie ſterben.“ „Sterben!“ ſagte der Greis matt.„Sterbe ich? Ich glaube es ſelber. Gib mir den Whiskey, Jack. Ich kann noch nicht ſterben— ich bin noch nicht bereit. O! Gott gebe mir ein wenig Zeit zum Nach⸗ denken!“ Der alte Neger ſah ſich nach Jemand um, der eben hereingekommen war und hinter mir ſtand. Es war Doctor Chriſty, welcher ſagte: „Gebt es ihm nur; das Getränk kann ihm jetzt weder nützen noch ſchaden, ſondern es kann ihn noch eine halbe Stunde erhalten, wenn noch ein Geſchäft zu beſorgen iſt. Sie ſehen,“ fuhr er in leiſem Tone zu mir fort, als ich mich zu ihm wendete,„ich be⸗ merke es an ſeinem Geſichte, er kann dem Tode nicht entgehen!“ „Sterbe ich?“ fragte Mr. Thornton, ſobald er den Whiskey getrunken;„ſterbe ich, Doctor?“ „Ja, Herr, Sie ſterben,“ verſetzte der Arzt faſt ſtrenge. „Wie lange habe ich noch zu leben?“ fragte der Andere in traurigem und gedämpftem Tone. „Lange genug, um Reue zu zeigen, wenn Sie wollen,“ antwortete Doctor Chriſty.„Lange genug, um Ihr Teſtament zu machen, wenn es nicht ſehr lang iſt.“ „Zum Teufel mit dem Teſtament!“ ſagte der Greis in ſeiner gewohnten Ausdrucksweiſe, die er ſelbſt in dieſem ſchrecklichen Augenblick nicht aufgeben konnte.„Alles iſt in Verwirrung. Ich habe keine Zeit dazu.“ „O, Herr,“ ſagte Onkel Jack,„laſſen Sie mich beten— „Still!“ rief der Sterbende.„Du ſagteſt mir, ich ſolle verzeihen— aber die Verzeihung iſt nichts, wenn ich das Unrecht nicht wieder gut mache. Machte Beſſy Davenport wirklich dieſes Anerbieten?“ fuhr er fort, indem er Mr. Wheatley anfah⸗ „Das that ſie,“ verſetzte der Andere. „Hier, Mehinen Sir die Schlüſſel aus meiner Taſche. Dieſen da, fuhr er fort, ſobald er ſie hatte.„Nun öffnen Sie jene Thür in dem Eckſchranke dort. Auf dem Bret werden Sie ein Käſtchen finden — haben Sie es?“ „Ich habe die Thür noch nicht geöffnet,“ ſagte Mr. Wheatley.„Ja, hier iſt es.“ „So bringen Sie es mir, der Schlüſſel liegt daneben.— Himmel! wie mein Kopf ſchwindelt. Hier, bringen Sie Beſſy Davenport das. Sagen Sie ihr, ich ſchicke es ihr mit meinen ſterbenden Hän⸗ den. Sagen Sie ihr, es ſei mir leid, was ich ihr — 267— gethan— ſehr leid— es wäre mir ſchon oft leid geweſen, aber ich habe mich dem Gedanken nicht hingeben wollen. Hier, nehmen Sie es. Sie wird darin finden, was alle Fragen wegen Tante Beb's Beſitzung beſeitigt.— Nun, Doctor, ſagen Sie mir auf Ihr Gewiſſen, werde ich ſterben? Kann Nichts geſchehen, um mich zu retten? Wie wäre es, wenn Sie die Kugel herauszögen?“ „Es würde von keinem Nutzen ſein,“ antwortete der Arzt:„Sie iſt zwiſchen die Knochen des Hüftge⸗ lenk's gekommen, und Ihr Geſicht zeigt mir deutlich, daß der kalte Brand begonnen hat. Geſtern war noch eine Möglichkeit vorhanden, wenn Sie ſich ruhig verhalten und das Trinken unterlaſſen hätten; heute iſt keine mehr.“ „Nun, ſo verlaſſen Sie mich Alle, um wie ein alter Fuchs in ſeiner Höhle zu ſterben!“ ſagte Mr. Thornton.„Bleib' da, Onkel Jack, und ſieh zu, was Du für meine Seele thun kannſt. An den Kör⸗ per wollen wir nicht mehr denken. Sol die Uebrigen können gehen, und ich will ſie nicht mehr reden hö⸗ ren. Meine Zeit iſt kurz, und ich muß ſie, ſo gut ich kann, benutzen.“ Siebzehntes Kapitel. —άp „So geht ein böſes Leben zu Ende,“ ſagte Mr. Wheatley, als wir unſere Pferde beſtiegen und fortritten.„Jemand hat es mit dem Ende eines Talglichts verglichen, ich weiß aber nicht wer, und in der That kann ich mich nicht erinnern, wer Dies oder Jenes geſchrieben hat. Ich erinnere mich des Gedankens, aber nie kann ich mich der Worte erin⸗ nern oder jenen Blitz des Geiſtes bis zu der Wolke zurück verfolgen. Ei, es iſt ſeltſam zu ſehen, wie die Menſchen die Gelegenheiten mißbrauchen. Dieſer Thornton hier trat mit den glänzendſten Ausſichten ins Leben; er hatte Freunde, Vermögen, Verwandte von großem Einfluß, Talente und Erziehung— es fehlte ihm nichts weiter, als die gute Aufführung.“ „Und gute Grundſätze,“ fiel ich ein. g9 „Ja, und gute Grundſätze,“ ſagte Mr. Wheat⸗ ley tief nachdenkend.„Ich bin ſelber zu dieſem Schluſſe gekommen, Sir Richard. Zu einer Zeit zweifelte ich daran, denn oft, wenn ich redlich han⸗ delte aus Zufall, natürlich aus Zufall, ha, ha, ha!— wurde ich ſchändlich betrogen. Es gelang mir nicht. Die Grundſätze nützten mir nicht. Ich ſah den Schurken triumphiren, den redlichen Mann unterliegen. Ich bemerkte, daß ich in weltlicher Weisheit wie ein Kind gehandelt, und ich ſagte bei mir ſelber: Die Handlungsweiſe iſt das Schickſal. Aber ſeitdem hat ſich mir die Frage aufgedrängt, was iſt die Handlungsweiſe? Und ich bin geneigt zu glauben, daß auch hier am Ende die Ehrlichkeit die beſte Politik iſt, und der Grundſatz der ſicherſte Füh⸗ rer— gleich dem Seemanne, welcher ſeine Barke nach dem Compaß und nach den Sternen ſteuert— daß dies die beſten und dauerndſten Führer auf unſe⸗ rer Fahrt ſind.“ Erhabene Wahrheit hatte ſich in ſeine einfache Sprache gekleidet, und wir Beide ſchwiegen mehrere Minuten.. „Es ſoll mich wundern, was ſich wohl in die⸗ ſem Behälter befinden mag?“ ſagte Mr. Wheatley, das kleine Käſtchen, welches er empfangen hatte, em⸗ porhaltend.„Ich möchte es ſehr gern öffnen und zuſehen; aber ich denke, nach dem, was wir eben ge⸗ ſprochen haben, dürfte es nicht recht ſein. Meine Finger würden zittern und Sie Ihren Kopf abwenden und erröthen. Doch könnten wir manchen guten Scheingrund finden. Wir könnten wünſchen, Miß Davenport einen unnöthigen Schreck zu erſparen— wir könnten fürchten, daß der alte Mann ihr einen ſchlechten Streich habe ſpielen wollen— es könnte eine geladene Piſtole darin ſein mit einer künſtlichen Vorrichtung, um die Perſon zu erſchießen, welche das Käſtchen öffnet. Kurz, Sir Richard, wurde je eine ſo niedrige und gemeine Handlung begangen, wofür man keinen Vorwand finden konnte, um ſie ſelbſt vor einem Gerichtshofe zu rechtfertigen? Dieſer alte Mann da geht vor das letzte Gericht, geſteht zu, daß er ein armer, elender Sünder iſt, gibt mir dieſes Käſtchen und denkt, daß das Geſtändniß und die Zurückerſtattung völlig genügend ſind, um die große Rechnung zu ſchließen, und den Ausſchlag auf der gerechten Wage zu geben.“ Wir näherten uns bis auf eine Viertelmeile dem Hauſe des Sheriff's, ohne irgend Jemanden zu be⸗ gegnen; aber dort erblickten wir Mr. Henry Thorn⸗ ton und den würdigen Polizeimann, die auf uns zu-⸗ geritten kamen. „Ich kam Ihnen nach, Sir Richard,“ ſagte der erſtere von Beiden.„Mr. Hubbard befindet ſich Wir fürchten in meinem Hauſe und erwartet Sie. — ſehr, daß die Beſitzung, wir mögen thun, was wir wollen, dennoch dem Staate verfallen wird. Robert Thornton hat ſeinen Vater ſo mit geſetzlichen Förm⸗ lichkeiten eingehegt, daß wir faſt fürchten, das Teſta⸗ ment der guten Tante Beb werde für nichtig erklärt werden, der Grundbeſitz und das perſönliche Vermögen iſt ſo gemiſcht, daß es kaum möglich iſt, es zu trennen; und wenn das Teſtament für nichtig erklärt wird, fallen ſelbſt dieſe armen Selaven in die Hände An⸗ derer.“ „Sie ſollen dennoch frei ſein,“ antwortete ich. „Gedulden Sie ſich Alle,“ ſagte Mr. Wheatley; „ich habe hier in meiner Satteltaſche Pandora's Büchſe, aus welcher, wie ich hoffe, alles Elend des menſchlichen Lebens längſt niſt hen iſt, und worin nichts weiter als die angenehme Hoffnung ſchlum⸗ mernd zurückgeblieben.“ 4 „Was meinen Sie damit?“ fragte Mr. Thorn⸗ ton faſt ungeduldig;„ich verſtehe Sie nicht.“ „Weiter nichts,“ ſagte ich,„als daß Mr. Wil⸗ liam Thornton im Sterben liegt und vielleicht jetzt ſchon todt iſt. Als er entdeckte, wie nahe ihm ſein Ende ſei, ſchien die Reue ſich ſeiner zu bemächtigen, und er gab Mr. Wheatley jenes kleine Käſtchen⸗ um es an unſere liebe Beſſy abzuliefern, mit der Andeu⸗ tung, daß dadurch alle Schwierigkeiten würden beſei⸗ tigt werden.“ — 272— „Dann wird es am Beſten ſein,“ ſagte Mr. Thornton mit heiterem Lächeln,„wenn wir es unſe⸗ rer lieben Beſſy ſogleich überbringen. Aus Ihren freundlichen Ausdrücken, Sir Richard, und aus Beſ⸗ ſy's ſtrahlendem Geſichte, als ich ſie jetzt eben ſah, ſchließe ich, daß Sie ein glücklicher Herzenseroberer ſind, und ich weiß nicht recht, ob ich Ihnen Glück wünſchen oder Sie tödten ſoll; denn wenn Sie Beſſy Davenport aus unſerer Mitte wegführen, berauben Sie unſeren kleinen Diſtrict der Hälfte ſeines Son⸗ nenſcheins.“ „Es iſt nicht mehr als recht und billig, mein guter Freund,“ antwortete ich,„daß die übrige Welt auch einigen Antheil an dieſen Strahlen habez und glauben Sie mir, auch wenn nicht ſo viele Bande der Freundlichkeit, der Freundſchaft und Zuneigung zwiſchen meinem Herzen und manchen Herzen hier herrſchten, ſo würde doch die Stelle, wo ich Beſſy Davenport gefunden, mir immer theuer ſein, und ich ſie oft beſuchen, um ſo intereſſante Erinnerungen neu zu beleben.“ „Pah!“ rief der biedere Sheriff;„wenn Sie ſie über das atlantiſche Meer führen, werden Sie ſie nicht ſo bald wieder zurückbringen; aber wir können nicht helfen und was auch geſchehen mag, wehe dem Manne, der Beſſy's Glück nur auf eine Stunde zu verzögern ſucht.“ — 273— Jetzt hatten wir des Sheriff's Haus erreicht, und da es um Mittag war, mußten wir laut rufen, damit Jemand herauskomme, um uns die Pferde ab⸗ zunehmen. Als wir endlich ins Haus traten, war keine von den Damen zu ſehen; aber die Neugierde der ganzen Geſellſchaft war ſo lebhaft angeregt, daß der Sheriff pfeifend und rufend durch die Gänge ſchritt, ohne auf den Mittagsſchlummer der virgini⸗ ſchen Damen zu achten. Endlich kamen ſeine Schwe⸗ ſter und Beſſy zu uns; das Käſtchen wurde der Letz⸗ teren vorgelegt und die Umſtände erklärt, unter wel⸗ chen es ihr zugeſendet wurde. „Willſt Du mir einen Stuhl reichen, Richard?“ ſagte Beſſy ruhig.„Ich habe zu häufig unangenehme Dinge in Mr. Thornton's Mittheilungen geſunden, um ſie ohne Furcht und Aufregung zu öffnen.“ Als ſie ſaß, ſchloß ſie das Käſtchen mit zit⸗ ternder Hand auf. Oben darauf lagen mehrere Ju⸗ welen zund Schmuckſachen in Silberpapier gewickelt, deren einige von beträchtlichem Werthe waren; aber keiner von uns achtete beſonders auf ſie. Dann wei⸗ ter unten lagen Papiere. Das erſte derſelben, wel⸗ ches Beſſy herausnahm, war das einzige von eigent⸗ licher Wichtigkeit und es war in folgenden Worten abgefaßt:. „Codicil. Da mein Teſtament bereits im Jahre 1829 unterzeichnet, unterſiegelt und bekannt gemacht Freiheit u. Selaverei. 3. Bd. 18 — 274— worden, und da ich in der letzten Zeit benachrichtigt worden bin, daß gewiſſe Clauſeln und Verfügungen jenes Teſtaments den Geſetzen dieſes Staates entgegen ſind, wodurch das erwähnte Teſtament oder gewiſſe Theile deſſelben ungültig werden dürften, ſo erkläre ich hiemit meine Abſicht, daß das beſagte Teſtament in allen jenen Clauſeln, Verfügungen und anderen Einzelnheiten, welche mit den Geſetzen, Gewohnheiten und Statuten dieſes Staates Virginien in Ueberein⸗ ſtimmung ſind, Wirkung haben ſollen; und ſollte es ſich nach meinem Tode zeigen, daß irgend eine Verfü⸗ gung meines erwähnten Teſtaments vom obigen Da⸗ tum den beſagten Geſetzen, Statuten oder Gewohn⸗ heiten entgegen iſt, ſo wünſche und beabſichtige ich, daß jede Wohlthat und jedes Recht der Erbſchaft, die ſich daraus herſchreibt, von der Perſon oder den Per⸗ ſonen, welchen daſſelbe durch das beſagte Teſtament zugedacht war, von meinen, in dem erwähnten Teſta⸗ mente genannten Teſtamentsvollſtreckern, meiner lieben Nichte Eliſabeth Davenport übermacht werde, als hätte kein anderes Vermächtniß in dem beſagten Teſtamente, wovon das gegenwärtige ein Codicil iſt, ſtattgefunden; und in Sonderheit, ſollten meine in dem erwähnten Teſtamente beſtimmten Teſtamentsvollſtrecker finden, daß in Betreff des wirklichen Beſitzes kein Fremder inner⸗ halb der Grenzen des Staates Virginien Ländereien beſitzen kann und daß folglich mein lieber Neffe, Ri⸗ 2* — 275— chard Conway, gewöhnlich Sir Richard Conway, Baronet genannt, unfähig iſt, die ihm in meinem Teſtamente hinterlaſſene Beſitzung zu erben, und daß dieſelbe dem Staate verfalle oder von gewiſſen Perſo⸗ nen, welchen ich die beſagte Beſitzung nicht zu hinter⸗ laſſen wünſche, unter dem Vorwande der Verwandt⸗ ſchaft, ſollte in Anſpruch genommen werden, ſo hin⸗ terlaſſe und vermache ich den früher für Richard Con⸗ way beſtimmten Grundbeſitz meiner obenerwähnten Nichte Eliſabeth Davenport und widerrufe das früher für den erwähnten Richard Conway beſtimmte Ver⸗ mächtniß.“ Das Codicil war gehörig unterzeichnet und be⸗ glaubigt und Mr. Henry Thornton machte eine Be⸗ wegung mit der Hand und rief: „Das beſeitigt die ganze Sache. Es können keine Proceſſe und Schurkereien mehr vorgehen, wenn dieſe beiden jungen Leute nicht vielleicht mit einander vor Gericht gehen wollen, was ich nicht für beſonders wahrſcheinlich halte.“ „Willſt Du mit mir vor Gericht gehen, Ri⸗ chard?“ fragte Beſſy lächelnd. „Gewiß, Theuerſte,“ antwortete ich in leiſem Tone.„Du ſollſt die Richterin ſein, und ich will eine Sache vor Dich bringen und auf eine baldige Entſcheidung dringen.“ Sie wurde ein wenig roth und ſagte: 18* „Still! Du mußt artig und geduldig ſein— wenn nicht Etwas von ſehr großer Wichtigkeit gebiete⸗ riſch Deine Gegenwart in England fordert.“ „Ein Geſchäft von der größten Wichtigkeit ruft mich dorthin,“ antwortete ich und folgte ihr zu der Thüre, wohin ſie ſich zurückzog;„nichts Geringeres, liebe Beſſy, als das höchſte Glück, welches das Le⸗ ben gewähren kann.“ „Nun möͤchte ich Dir faſt ſagen, erſt jenes wich⸗ tige Geſchäft zu beſeitigen und dann wiederzukommen und um mich anzuhalten,“ antwortete Beſſy.„Aber ich will nicht gegen Dich die Coquette ſpielen, lieber Richard. Du biſt längſt der Schiedsrichter meines Schickſals geweſen. Du biſt es noch und ich will mit Dir gehen, wann und wohin Du willſt. Aber Du mußt mir verzeihen, wenn dies Alles mich ſehr aufregt. Es iſt keine geringe Prüfung für ein junges Mädchen, ihr ganzes Glück einer anderen Perſon an⸗ zuvertrauen; aber in meinem Falle iſt das Vertrauen und die Prüfung noch größer, denn ich verlaſſe alle anderen Freunde, die Scenen meiner Jugend, ſelbſt meine Gewohnheiten des Denkens und mein Vaterland, um mit Dir in die weite Ferne zu gehen. Doch ich hege keinen Zweifel, kein Bedenken, keine Furcht. Du biſt jetzt Alles für mich und ich bin jetzt ganz die Deine.“ Eine Thräne kam zwiſchen den langen, dunklen — 277— Augenwimpern hervor, und rollte gleich einem Dia⸗ mantentropfen über ihre Wange nieder; aber es gelang mir, ſie zu trocknen, und ehe ich ſie verließ, wurde der Tag beſtimmt. O! wenn ich Dich doch auch bei mir ſehen könnte, meine liebe Schweſter, wenn jener Tag kommt, und wäre es auch nur, um jenem lieben Mädchen zu zeigen, daß ſie, wenn ſie ſich mir gibt, nur alte Freunde verläßt, um andere zu finden, wel⸗ chen ſie eben ſo theuer ſein wird, und ihr die Verſi⸗ cherung zu geben, daß ſie in einem neuen Lande und in einer fremden Heimath nicht als eine Fremde wird empfangen werden. Mary, mein ruhiger Geiſt, Du darfſt nicht lächeln über Deines Bruders Begeiſterung, wo ſie ſich auch auf dieſen Blättern zeigen mag, denn ich denke Dich zu dem Geſtändniß zu bringen, wenn ich auch lange gewählt, daß ich gut gewählt und mir eine Lebensgefährtin auserleſen habe, die Du von ganzem Herzen Schweſter nennen kannſt. Ende. N In gleichem Verlage ſind erſchienen: Der Irre von St. James. Aus d Reiſetagebuche eires Arztes von Philipp Galen, Verfaſſer von:„der Inſelkönig,“„Fritz Stilling,“ „W. Lund“ ꝛc. 4 Bände. 8. Zweite Aufl. 4 Thlr. Walther Lund. Aus dem Leben eines Schriftſtellers. Von Philipp galen, Verfaſſer von„der Irre von St. James,“„Fritz Stilling“ac. Drei ſtarke Bände. 8. 4 Thlr. aus dem Leben eines Arztes von 4 Philipp Galen, Verfaſſ. von„der Inſelkönig,“„der Irre von St. James,“ „Walther Lund“ ꝛc. 4 Bände. 4 Thlr. 15 Ngr. Bei Chr. E. Kollmann in Leipzig ſind fer⸗ ner in gleicher Ausſtattung erſchienen, und können als Fortſetzung zu der Stuttgarter Ausgabe von G. P. R. James Romanen, welche zu erſcheinen aufgehört zu haben ſcheint, und welcher dieſe Taſchenausgabe ſich im Formate anſchließt, be⸗ zogen werden: James, G. P. N., Taſchen⸗Ausgabe in Bändchen à 5 Ngr. Adrian, oder die Wolken des Geiſtes. 4 Bänd⸗ chen. 20 Ngr. Beſtrebungen und Hinderniſſe. 8 Bändchen. 1 Thlr. 10 Ngr. Dunkle Bilder aus der Geſchichte. 6 Bdchen. 1 Thlr. Pequinillo. 6 Bändchen. 1 Thlr. David Rizzio, oder Scenen in Europa während des 16. Jahrhunderts. 8 Bdchen 1 Thlr. 10 Ngr. Agnes Sorel. 8 Bändchen. 1 Thlr. 10 Ngr. Ticonderoga, oder der ſchwarze Adler. 6 Bochen. 1 Thlr. Der Unterſuchungscommiſſär, oder Reiſen und Abenteuer eines Mannes vom Stande. 10 Böchen. 1 Thlr. 20 Ngr. Die Wechſel des Lebens. Roman aus der Re⸗ volutionszeit. 4 Bändchen. 20 Ngr. Vorſtehende, ſo wie ſämmtliche früheren Romane des beliebten Verfaſſers, ſind auch in eleganter Octav⸗ Ausgabe zu haben im Verlage von Chr. E. Kollmann in Leipzig. ſſſſſſſſſſſſſſſſſſſſinnnmnnnnnmmne·tan 9 11 12 13 14 15 1 18 1 6 17 9 nennden