---— 2 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— pf. 3 5 1„——„ 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lu Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— b Selaveres. amerikaniſcher Roman von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen übertragen von Dr. Ernſt Suſemihl. Zweiter Band. Leipzig, 1856. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Freiheit und Selaverei. Zweiter Band. Erſtes Kapitel. Nach ſeiner gewohnten raſchen And kurzen Weiſe nahm Mr. Wheatley ſeinen Hut vor Miß Davenport ab, begrüßte mich, machte einen ziemlich mittelmäßi⸗ gen Scherz über Adam und Eva im Garten Eden, lachte dann und hielt plötzlich wie gewöhnlich inne. „Dies iſt ein unerwartetes Vergnügen, Mr. Wheat⸗ ley,“ ſagte ich;„denn obgleich Sie andeuteten, daß Sie in dieſen Theil des Landes kommen würden, ſo erwartete ich doch nicht, Sie gerade in dieſem Hauſe zu treffen.“ „O! Stringer iſt ein alter Freund von mir,“ antwortete er.„Wir ſind Beide aus dem Norden und haben ſüdliche Grundſätze, wie man in der ge⸗ ſegneten Region des Yankeethums ſagt— nicht wahr, Stringer? Wir laſen als gute Knaben den Virgil und Horaz mit einander; und ſo komme ich denn zu⸗ weilen und beſuche ihn unter dem Schatten ſeiner Buche. Aber um die Wahrheit zu ſagen, Sir Richard, waren Sie ſelber meine erſte Veranlaſſung zuerſt hierher zu kommen, anſtatt weiter zu gehen und mei⸗ nen Freund bei meiner Rückkehr zu beſuchen. Die Sache iſt dieſe. Ihre gute Wirthin in Norfolk er⸗ hielt verſchiedene Gerüchte— der Himmel weiß, wo⸗ her ſie kamen, daß Sie zweier großen ſchwarzen Kof⸗ fer, die Sie ihr anvertraut, ſehr bedürften; und da ſie hörte, daß ich weſtwärts reiſe, wie ſie ſich aus⸗ drückte, ſo überreichte ſie mir die beſcheidene Petition und Vorſtellung, ſie auf meinem Einſpänner mitzu⸗ bringen, wozu ich mich natürlich verſtand, da ich wußte, wohin Sie ſich auch verirrt haben möchten, oder welche Richtung Sie genommen, daß ich gewiß in jedem Hauſe an der Straße von Ihnen Etwas hö⸗ ren würde. So erfuhr ich denn, daß Sie zuerſt zu dem Hauſe des Mr. Thornton gegangen, und dann, daß Sie und eine junge Dame,“ fuhr er fort, indem er ſeinen Hut abnahm und ſich vor Miß Davenport verneigte,„den erfolgloſen Verſuch gemacht, ſich in dem Fluſſe zu ertränken, und daß Sie dann zu Mr. Stringers Hauſe weiter gegangen.“ „Sie haben die Geſchichte von dem Ertränken nicht ganz richtig gehört, mein Herr,“ ſagte Beſſy Davenport.„I ch verſuchte mich zu ertränken, und mein Vetter wollte es nicht zugeben.“ 3 „Ich vermuthe, mein Fräulein, es kommt am Ende Alles auf Eins heraus,“ verſetzte Mr. Wheat⸗ ley lachend.„Man ſagte mir, er wäre beinahe er⸗ trunken, indem er Sie rettete; und da ſeine Hand⸗ lung eine freiwillige war, wie die Ihrige, ſo war der Grund der Geſchichte ziemlich richtig.“ „Meine Handlung war durchaus keine freiwillige,“ ſagte Beſſy Davenport;„denn ich weiß, als mein Pony mit mir in's Waſſer hinunterrollte, hätte ich mir lieber den Kopf ſcheeren und mich in ein Kloſter bringen laſſen, wenn ich wieder auf trocknem Lande geweſen wäre.“ „Oder Sie wären lieber verheirathet oder im ſen,“ ſagte Mr. Wheatley,„was ire. Indeſſen Ende gut, Alles gut, wie es in der alten Komödie heißt, und hier ſind Sie, mein Fräulein, lebendig und wohl auf, und Sir Richard— ich hätte ſeine Würde nicht erwäh⸗ nen ſollen, wenn ich nicht gehört, daß er ſie ſelber entdeckt, oder daß ſie entdeckt worden, ehe ich ge⸗ kommen— und Sir Richard bei eben ſo gutem Be⸗ finden, als da ich das Vergnügen hatte, ihn in Nor⸗ folk zu ſehen. Ich denke, Sie wiſſen, Sir Richard, daß in Folge unſerer bewunderungswürdigen republi⸗ kaniſchen Einrichtungen, welche machen, daß uns Al⸗ les unbekannt wird, was wir früher von den entſetz⸗ lichen ariſtokratiſchen Einrichtungen Europa's gewußt, ein Baronet oder Lord in den vereinigten Staaten eine ebenſo große Seltenheit iſt, wie ein japaniſcher Schrank, ein chineſiſcher Pagode oder irgend eine an⸗ dere ausländiſche Merkwürdigkeit. Niemand weiß, wo dieſelben ſtehen, wie man ſie hinſtellen ſoll und wel⸗ ches ihr Zweck und ihre Beſtimmung iſt. Einige be⸗ trachten die Ariſtokratie freilich als eine Art von Ab⸗ götterei und ſehen Sie für den Gott einer entfernten heidniſchen Natur an. Der alte Mann in dem Gaſt⸗ hauſe, der ſo fett iſt und zwei Söhne verloren hat, fragte mich, ob ich den Baronct geſehen hätte, ge⸗ rade, als wenn Sie ein Stück Porzellan oder eine andere Merkwürdigkeit wären, welche die Leute in Au⸗ genſchein nehmen. Aber der Gö am Ende das beſte Bild; denn die armen Leute ie keine Reiſen⸗ den ſind, ſtellen ſich entſchieden, daß man in Ihrem Vaterlande den Adel anbetet. Es iſt ein ei⸗ genthümliches und charakteriſtiſches Merkmal von un⸗ ſeren Leuten. Sie können ſich nicht vorſtellen, daß man vor Etwas, was nicht zur Religion gehört, und überhaupt vor Etwas, was man vor ſich ſieht, Reſpeet haben kann. Wir im Norden beginnen mit dem Mangel an Ehrerbietung vor unſeren Eltern und enden mit dem Mangel an Ehrerbietung gegen Gott. Hier im Süden hat man einige Ueberlieferungen; und wo eine Ueberlieferung iſt, da iſt auch eine Ehrerbie⸗ tung. Aber unter uns Neuengländern fehlt der Sinn ☛ für Ehrerbietung gänzlich. Wo ſollte er auch ſein, es iſt nichts als eine Lücke da; und doch herrſcht Fa⸗ natismus genug unter uns. Beiläufig, Stringer, ſagt man mir, es wird dieſen Abend in Ihrer Ge⸗ gend eine große Verſammlung ſtattfinden. Gehen Sie dorthin?“ „Nein,“ antwortete Mr. Stringer.„Ich liebe dergleichen Verſammlungen nicht. Ich halte ſie für ſehr bedenkliche und unnütze Unterbrechungen der ge⸗ wöhnlichen Geſchäfte des Lebens.“ „Das iſt eine männliche Anſicht von der Sache,“ ſagte Mr. Wheatley;„die Damen ſind ohne Zweifel verſchiedener Meinung. Gehen Sie, mein Fräulein?“ „Nein,“ antwortete Beſſy Davenport.„Ich ging einmal dazu und werde es nie wieder thun. Ich wußte nicht vorher, wie weit die menſchliche Natur herab⸗ gewürdigt werden könne.“ 1„Nun, ich werde gehen,“ antwortete Mr. Wheat⸗ ley;„ich gehe immer dazu. Ich ſehe die menſchliche Natur gern in allen ihren Lagen und Verhältniſſen. Ich betrachte dieſelbe als eins der künſtlichſten und am vielſeitigſten zuſammengeſetzten Kunſtwerke, die je erfunden wurden, und jede Seite von der anderen ver⸗ ſchieden. Ueberdies ſchöpft man zuweilen viel Gutes aus einer ſolchen Verſammlung. Ich habe ein oder zweimal eine ſo gute Predigt dort gehört, wie nur je in meinem Leben— eine Predigt, die mich bis — 10— ins Innerſte rührte. O! ich werde gewiß gehen! Gehen Sie nicht auch, Sir Richard?“ Ich ſagte ihm, daß dies meine Abſicht ſei, und wir trafen die Verabredung, an jenem Abend nach der Mittagstafel zu gehen, und er gab mir die Verſicherung, daß ich auf jeden Fall Dinge dort ſehen und hören würde, die meiner Aufmerkſamkeit würdig wären, und die ich nie wieder zu ſehen Gelegenheit haben möchte. Wir würden eine ganze Reihe bered⸗ ter Prediger zu hören bekommen; die Hälfte der Be⸗ völkerung, ſowohl die ſchwarze, als die weiße, würde ſich verſammeln, und man habe bereits eine umfaſſende Collecte für Lampen und Fackeln angeſtellt, um der feierlichen Scene noch weiteres Licht zu ge⸗ währen. Ich konnte mehrmals während des Tages bemer⸗ ken, daß Mrs. Stringer und Beſſy Davenport halb geneigt waren, mit von der Partie zu ſein, aber ſie konnten ſich nicht entſchließen, und gewiß war ich ſehr froh, daß ſie nicht mitgegangen waren, nachdem ich geſehen hatte, was im äußeren Kreiſe vorging. Um halb ſieben Uhr machten Mr. Wheatley und ich uns unter der Leitung meines guten Freundes Zede⸗ kiah, der wegen des langen Verzuges ſehr ungedul⸗ dig war, auf den Weg. „Alle Andachtsübungen werden zu Ende ſein,“ ſagte er,„und Sie werden gerade in der Mitte der — 11— Begeiſterung dazukommen, ohne darauf vorbereitet zu ein.“ 3„Sei unbeſorgt, Zed, ſei unbeſorgt,“ ſagte Mr. Wheatley, als wir weitergingen;„wir haben Feuer genug in uns, um immer darauf vorbereitet zu ſein.“ 1 Unſer Weg führte durch den Wald und hier und da lag ein eultivirtes Feld dazwiſchen. Endlich ſahen wir Lichter durch die Bäume funkeln, welche uns an⸗ deuteten, daß wir uns dem Verſammlungsorte näher⸗ ten. Es war ein Wald von hohen Bäumen, den man ſchon längſt vom Unterholze befreit hatte, oder der von Natur ohne ſolche Beläſtigung aufgewachſen war. Zuerſt kamen wir zu einer Anzahl Zelte und Hütten, welche denen gehörten, die man, mit einem techniſchen Ausdrucke, die Außenſeiter nannte; und ich kann nicht ſagen, daß die Scenen, welche die verſchiedenen Laternen zeigten, mir den Begriff der Nüchternheit oder der Sittlichkeit dieſer vortrefflichen Klaſſe einflößten, welches auch ihre religiöſen Anſich⸗ ten ſein mochten. Weiterhin kamen wir zu einer Seene, die wenigſtens in maleriſcher Hinſicht nicht ohne Intereſſe war. Unter den hohen Bäumen befand ſich eine Art von Platform von ſtarken, tannenen Bre⸗ tern, vor welcher eine große Anzahl von Lichtern auf⸗ geſtellt war, und worauf in einer Reihe acht oder neun Prediger ſtanden. In einem Zwiſchenraume, — 12— zwiſchen dieſer Platform und der Verſammlung, ſtand eine Anzahl Bänke und Stühle, worauf ohne weite⸗ res Licht, als ihnen von den Laternen vor der Plat⸗ form gewährt wurde, drei oder vierhundert Frauen ſaßen, während ich durch die Bäume umher eine große Anzahl anderer Gruppen unterſcheiden konnte, die hier und da eine Laterne oder eine Lampe bei ſich hatten. Ich will nicht bei Allem, was hierauf folgte, verweilen; theils weil die meiſten Leute Beſchreibun⸗ gen von dieſen Verſammlungen geleſen haben müſſen und weil in unſerem nüchternen und wenig aufregba⸗ ren Lande die Miſchung von Unheiligkeit, Begeiſterung und Leidenſchaft, die ſich hier zeigte, nur Gefühle des Ekels und Abſcheus hervorbringen konnte. Ich zweifle nicht, daß einige Leute voll tiefer und auf⸗ richtiger religiöſer Gefühle da waren; aber der ruhige Schluß meines Geiſtes iſt, daß ſolche Verſammlun⸗ gen durchaus nicht zur Erholung der Frömmigkeit die⸗ nen. Ich glaube, es würde beſſer ſein, den Tem⸗ pel des Juggernaut, als eine von dieſen religiöſen Verſammlungen im Freien zu beſuchen. Einige kleine Vorfälle muß ich indeſſen erwäh⸗ nen, nicht weil ſie charakteriſtiſch für die Seene ſind, ſondern weil ſie ſich auf einige von den Perſonen be⸗ ziehen, die ich bereits in Verbindung mit meiner ei⸗ genen Geſchichte erwähnt habe. Als ich die Prediger überblickte, erſchien mir, als einer der erſten in der Reihe, mein unangenehmer Bekannter Mr. Mae Grub⸗ ber; und um die Wahrheit zu ſagen, erwartete ich von der Rede des würdigen Geiſtlichen nicht ſehr er⸗ baut zu werden. Freilich bedeckte ſein langes ſchwar⸗ zes Gewand viele der Mängel dieſer ſeltſamen und auffallenden Geſtalt, obgleich ſein ungeformter Kopf und ſeine ſehr abſtoßenden Züge ſich noch immer in ihrer urſprünglichen Häßlichkeit darſtellten. Einen Schritt vor ihm, und gerade die Verſammlung anre⸗ dend, befand ſich ein großer, rüſtiger Mann von ſehr wohlwollendem Geſichte, der mir vorher als Doctor Shappard genannt worden war. Seine Stimme war ſchön und kräftig, und da er dieſelbe ſo viel wie möglich anſtrengte, ſo verſtand ich den größten Theil von dem, was er ſagte, obgleich ich noch hin⸗ ter allen Bänken ſtand. Der redneriſche Theil ſeiner Predigt war freilich nicht ſehr umfangreich, denn da war eine Art von Chor— wenn ich das, was von ihm ſelber geſprochen wurde, ſo nennen darf— der, gleich den Chören der griechiſchen Tragödien, den größ⸗ ten Theil des Dramas einnahm. Dieſer beſtand aus ſolchen Sätzen, wie:„Kommt zu Jeſus, meine ge⸗ liebten Brüder.— Kommt zu dem Fuße des Kreuzes. — Widerſtrebt nicht dem heiligen Geiſte. Ich höre das Seufzen und Stöhnen aus Euren Herzen. Kommt und trinkt das lebendige Waſſer— kommt und ko⸗ ſtet die Liebe Eures Erlöſers!“ — 14— Ich hörte dieſe Sätze und ſchreibe ſie mit einer ſchmerzlichen Empfindung nieder; denn es war ein ſeltſamer Mangel an Harmonie zwiſchen ihnen und den Scenen, die ich umher hatte vorgehen ſehen, und es kam mir faſt als eine Entweihung vor, ſie in die⸗ ſer Umgebung auszuſprechen. Der Reſt ſeiner Pre⸗ digt beſtand in einer etwas ungeordneten Unterſuchung über die Rechte der ſchwarzen und weißen Stämme und die Gleichheit aller Menſchen, von welcher Farbe ſie auch ſein möchten, vor den Augen Gottes, was ich für die heftigen Unterſtützer der Sclaverei, wovon gewiß viele zugegen waren, für verletzend gehalten haben würde. Niemand aber ſprach die geringſte Mißbilligung aus 3 im Gegentheil eilten mehrere ſehr hübſche, junge Frauen zu dem Fuße der Platform, warfen ſich dort vor dem Prediger auf die Knie, und drückten die Gemüthsbe⸗ wegungen, die er erregt hatte, durch Seufzen und Stöhnen aus. Der würdige Prediger ſchien dieſe Huldigung mit einem Uebermaße der brüderlichen Liebe aufzunehmen; aber endlich wich er einem anderen Prediger, der kein Anderer war, als mein Freund Mr. Mae Grubber. „Laſſen Sie uns gehen,“ ſagte ich zu Mr. Wheat⸗ ley.„Ich habe genug von dieſem Vorgange.“ „Nein, nein, laſſen Sie uns warten und auch dieſen Burſchen hören,“ antwortete er,„Dies iſt eine von ihren großen Kanonen, bis an die Mün⸗ dung mit Kartätſchen gefüllt— meiner Meinung nach einer der gefährlichſten Männer in der ganzen Union.“ Es erfolgte kein Donner des Geſchützes, als Mr. Mac. Grubber begann. Er fing in einem Tone, nicht viel lauter als ein Geflüſter, an, und es iſt wunderbar, wie tief das Schweigen war, welches darauf folgte. Jedermann ſtrengte ſich an, ſein ge⸗ ringſtes Wort zu hören, und ich muß ſagen, daß alle meine früheren Erwartungen unerfüllt blieben. Der ſchwerfällige Pädagog im häuslichen Kreiſe und der ungebildete Bauer an der Mittagstafel war beredt, wirklich beredt auf der Platform; und ich hörte nie eine ſcharfſinnigere und ſo wohlgeordnete Beweisführ⸗ ung gegen die Selaverei, die er mit ſeinen Ermah⸗ nungen zum Glauben, zur Reue und Beſſerung ver⸗ flocht. Es ging Alles ſcheinbar ganz natürlich vor ſich, und die Ruhe ſeiner leiſen, aber durchdringenden Töne ſchien alle Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Ich er⸗ innere mich an mehrere Bruchſtücke ſeiner Predigt. „Ich fordere Euch auf, meine Brüder— ich fordere Euch auf, die ſchwarzen, wie die weißen, die Juden, ſo wie die Heiden, zu dem Fuße des Kreuzes zu kommen und Freiſprechung von Euren Sünden zu empfangen. Warum hältſt Du Dich zurück, Du, Mann mit der dunklen Haut? Warum weicheſt Du zurück vor der Gegenwart Deines Erlöſers? Iſt es — 16— wegen der Feſſeln an Deinen Händen? Iſt es wegen der Herabwürdigung, die der Menſch, Dein Mit⸗ menſch, Dir auferlegt hat? Weißt Du nicht, daß der Erlöſer, der Befreier, der Gott iſt, dem das Richteramt verliehen— welcher rächen, welcher die Thränen aus den Augen der Unterdrückten trocknen, der feurige Kohlen auf das Haupt des Unterdrückers ſammeln wird? Komm zu Jeſus, dem Herrn und Erlöſer! Denkſt Du, daß er die Farbe Deiner Haut anſieht? Hat er nicht geſagt:„„Und wäaͤren Deine Sünden wie Scharlach, ich will ſie ſo weiß machen, wie Schnee?““— Und wird der, welcher ſo den Geiſt waſchen kann, auf die Farbe des Fleiſches achten?“ Später ſagte er dann:„Aber vielleicht haben ſie Dich überredet, wie ſie mich zu überreden verſuchten, daß Du kein Menſch biſt— daß Du keine Seele haſt, die zu retten iſt— daß Du den Thieren gleichſt, die umkommen und zu Grunde gehen. Aber, doch finden wir an ihrem eigenen Geſetze, daß Du in dem dritten, vierten oder fünften Grade der Vereinigung mit dem weißen Blute wie ein weißer Menſch wirſt. Werden ſie mir ſagen können, mit welcher beſonderen Farbe oder Schattirung der Farbe die Seele— die verantwortliche, die unſterbliche Seele— in die Bruſt eintritt, die vorher öde und leer war? Nein, nein! Fühle, verſtehe, daß auch Du, welches auch Deine Farbe ſein möge, ein Erbe des ewigen Lebens, ein Kind Gottes, ein Gegenſtand der Liebe des Erlöſers biſt; daß ſie Deine Hände feſſeln und Deine Füße in den Block legen können, und daß das Eiſen in Deine Seele dringen kann, daß aber immer der Gott Iſraels auch Dein Gott iſt, von dem geſchrieben ſteht:„„Die Rache iſt mein. Ich will vergelten, ſpricht der Herr.““ Später nahm er einen kühneren Aufſchwung, be⸗ ſeitigte alle religiöſen Fragen und ſprach offen von der Selaverei aus ihrem moraliſchen und politiſchen Geſichtspunkte. Er verbarg ſeine Anſichten durchaus nicht und mäßigte ebenſo wenig ſeine Ausdrücke, ſon⸗ dern erklärte die beſondere Einrichtung in den ſüdlichen Staaten gleich herabwürdigend für den Herrn, wie für den Diener, ebenſo übel an ſich, wie in allen ihren Folgen. Einer der kräftigſten Theile ſeiner Rede ſchien der zu ſein, worin er nicht nur die Sclaven ſelber rechtfertigte zu verſuchen, der Knechtſchaft zu ent⸗ gehen, ſondern auch alle die, welche ihre Bemühun⸗ gen zu dieſem Zwecke unterſtützten. Plötzlich in der Mitte ſeiner Beweisführung abbrechend, begann er eine Art Erzählung und ſagte, wie ein weißer Mann, ein Amerikaner, ein freier Mann, an der Küſte von Marocco Schiffbruch gelitten, wie man ſich ſeiner be⸗ mächtigt, ihn auf dem Sclavenmarkte ausgeſtellt und Freiheit u. Selaverei. 2. Bd. 2 — 18— an den Meiſtbietenden verkauft; wie man ihn weiter ins Land gebracht und immer wieder verkauft, bis er endlich in einem Garten in der Nähe von Tanger gearbeitet. Dann ſchilderte er in glühenden Ausdrücken) das Elend des armen Mannes, wie er ſich nach Frei⸗ heit geſehnt und darnach gedurſtet; wie er ſeine Blicke über die blaue See hinausgeſendet, mit Sehnſucht nach ſeinem Vaterlande, ſeinen Freunden und ſeiner Familie; wie das herrliche Klima und die Freundlich⸗ keit ſeines Herrn ihm in ſeinem Zuſtande der Selave⸗ rei gleich widerwärtig und abſtoßend geweſen. Dann 1 erzählte er uns, wie ein freundlicher Maure, in dem er Intereſſe erregt, ſich entſchloſſen ihm zu ſeiner Flucht behilflich zu ſein. Die beiden Europäer, die ſich in dem Hafen befanden, waren auf den Plan eingegangen und nach tauſend Schwierigkeiten und Gefahren, wobei ich nicht verweilen will, wurde end⸗ lich der Flüchtling ſicher an Bord eines amerikaniſchen Schiffes gebracht.„Thaten dieſe Männer Unrecht?“ rief er.„Begingen dieſe Männer ein Verbrechen? Hatte er nicht ein Recht, ſeine Freiheit zu ſuchen, wie er ſie finden konnte? Erſchollen nicht dieſe ſämmt⸗ lichen Staaten von Beifall und Bewunderung für die, welche ihn in den Stand ſetzten, die Freiheit, das beſte Geſchenk des Lebens, wieder zu erlangen? O, verkehrter, moraliſcher Sinn, der in einem Falle die⸗ ſelbe Handlungsweiſe bis zum Himmel erheben kann, die in einem anderen ganz ähnlichen Falle zum Ker⸗ ker oder Galgen führt!“ Während dies Alles vorging, empfand ich einige Furcht wegen des Erfolges und ſah mich von Zeit zu Zeit um, welches der Eindruck auf die Zuhörer⸗ ſchaft ſein möge. Der größere Theil der Zuhörer be⸗ ſtand aus weißen Männern, wovon viele Sclavenbe⸗ ſitzer und im Allgemeinen Männer von ſtarken Leiden⸗ ſchaften waren, aber wenig der Leitung des Verſtan⸗ des unterworfen, und es würde mich nicht überraſcht haben, wenn man den Prediger von der Platform heruntergeſchleppt und vor der Verſammlung ausge⸗ peitſcht hätte. Aber ich hatte mich geirrt, kein Ge⸗ räuſch der Mißbilligung berührte mein Ohr. Einige ſeufzten und einige ſchüttelten den Kopf, aber Nie⸗ mand verſuchte den Prediger zu unterbrechen. Sobald Mr. Mae Grubber ſeinen Vortrag been⸗ det hatte, entfernte ich mich mit Mr. Wheatley und wir lenkten unſere Schritte nach Beavors, indem wir ſchwiegen, bis wir über die Grenzen der Verſamm⸗ lung hinaus waren.. .„Nun,“ ſagte mein Begleiter endlich,„was halten Sie von dem Allen, Sir Richard? Moraliſch, religiös und ſocialiſtiſch, nicht wahr? Ha, ha, ha! Wir Amerikaner ſind ſeltſame Leute und wählen das Seltſamſte aller nur möglichen Mittel, um zu unſe⸗ rem Zwecke zu gelangen. Wir verſammeln einen gan⸗ 2* — 209— zen Haufen Männer, Frauen und Kinder bei Nacht in der Mitte eines Waldes— machen zwei Dritttheile von ihnen ſo betrunken, wie nur möglich— regen die Leidenſchaften der Andern auf durch begeiſterte Re⸗ den und liebkoſen die jungen Frauenzimmer, um Re⸗ ligion und Moralität zu befördern.“ „Mit jenem Theile des Gegenſtandes bin ich längſt bekannt nach der Beſchreibung Anderer, ſo wie nach dem, was ich von fanatiſchen Zuſammenkünften geſehen habe,“ verſetzte ich,„wo die Aufregung nicht einmal zu einer ſolchen Höhe, wie die gegenwärtige, geführt wurde. Aber, was mich am meiſten in Er⸗ ſtaunen ſetzte, war, ſo viele Leute in der Mitte eines Sclavenſtaats Lehren ausſprechen zu hören, die den beliebteſten Einrichtungen gerade entgegen waren, um zu ſehen, daß ſolche Lehren nicht nur mit Geduld, ſondern auch mit Zuſtimmung angehört wurden. Ich erwartete jeden Augenblick, zu ſehen, daß man Mr. Mae Grubber für ſeine Mühe gehörig durchbläuen werde.“ „O! Sie irren vollſtändig hinſichtlich des Zu⸗ ſtandes unſerer Gefühle,“ ſagte Mr. Wheatley, mit ſeinem kurzen Lachen.„Virginien iſt faſt ein Staat, wo man die Selaverei abgeſchafft. Vielleicht wiſſen Sie nicht, daß in der letzten Sitzung unſerer Legis⸗ latur eine Bill für die allgemeine Freilaſſung einge⸗ bracht, und, wie ich glaube, nur durch eine Stimme zurückgewieſen wurde. Es iſt kaum ein Mann hier, der nicht alle ſeine Sclaven freilaſſen würde, wenn er es ohne ſeinen eigenen Untergang und ohne große Gefahr für den Staat thun könnte. In der nächſten Sitzung wird die Bill gewiß durchgehen, wenn meine nördlichen Freunde es zugeben.“ „Ich ſollte denken,“ verſetzte ich,„wenn die Neger noch viele ſolche Reden, wie die des ehrwürdi⸗ gen Mr. Mae Grubber, hören, ſo werden ſie die Sache ſelber übernehmen, und ſich ohne die Hilfe An⸗ derer befreien.“ „Darin liegt die Gefahr,“ antwortete Mr. Wheat⸗ ley ernſter als es ſeine Gewohnheit war.„Nicht, als wenn ein Selavenaufſtand in dieſem Lande je Erfolg haben könnte. Sie werden hier nie mit irgend einem Erfolge eine Tragödie wie in St. Domingo ſpielen ſehen. Die Weißen ſind zu ſtark und zu ſehr auf ihrer Hut. Aber was ich fürchte, iſt, daß meine fa⸗ natiſchen Freunde im Norden, nicht zufrieden, die öffentliche Meinung, die ſich zur Freilaſſung hinneigt, ihren ruhigen Gang gehen zu laſſen, einen Schritt zu weit vorgehen und entweder die Neger zu einem plötzlichen Ausoruche treiben, der mit Blutvergießen enden wird, oder daß ſie durch ihre ärgerlichen Um⸗ triebe eine Umkehrung des öffentlichen Urtheils hervor⸗ bringen werden. Man kann Menſchen führen, die ſich nicht treiben laſſen; und ich muß Ihnen ſagen, Sie können einen Virginier nicht treiben. Sie haben geſehen, wie viel dieſe Leute ruhig ertragen können, wenn es in Form von Beweiſen ausgeſprochen wird; aber es kann kein Zweifel ſein, daß ſolche Leute, wie dieſer Mae Grubber, aufrühreriſche Schriften unter den Sclaven verbreiten, die von irgend Jemand, welcher leſen kann, kleinen Gruppen von ihnen vorgeleſen werden. In anderen Fällen werden dieſelben Grund⸗ ſätze durch Bilder und entſetzlich ſchlechte Kupferſtiche — eine Art von Hieroglyphen für die Abſchaffung der Sclaverei— verbreitet, und wenn auch dies zu weit getrieben wird, muß der Wunſch nach der Freilaſſung ſogleich erlöſchen, und Jeder wird ſich bewaffnen, um derſelben bis zum Tode zu widerſtehen.“ „Es iſt ſchade,“ ſagte ich,„daß in allen Fra⸗ gen, wo zwei Parteien vorhanden ſind, jede ihre Gründe über die geſetzmäßige Grenze hinausführt. Die Leidenſchaft miſcht ſich in alle Dinge und über⸗ treibt ſie. Die Leidenſchaft auf der einen Seite er⸗ zeugt Leidenſchaft auf der anderen, bis ſie in Punk⸗ ten, wo die Menſchen beinahe übereinſtimmten, ein⸗ ander die Köpfe zerbrechen, weil ſie die Grenze des Streites nicht beſtimmen können. Wie liächerlich iſt das, wenn man zugibt, daß nur eine Stimme ge⸗ fehlt, um in Virginien die Abſchaffung der Selaverei durchzuſetzen, und dennoch bereit ſein ſollte, jeden Schritt wieder zurückzuthun, nur weil der Norden den — 23— Staat ein wenig zu heftig nach derſelben Richtung hinzutreiben ſucht.“ „Warten Sie eine Minute,“ antwortete er,„das i*ſt nicht die richtige Darſtellung der Frage. Jeder Staat hat ſich ſeine Rechte vorbehalten, er überläßt der verbündeten Regierung die Entſcheidung gewiſſer Fragen, welche die Intereſſen der ganzen Union an⸗ gehen. Seine inneren Einrichtungen und Geſetze be⸗ hält jeder Staat ſeiner eigenen Entſcheidung vor. Der Norden— Sie müſſen ſich erinnern, daß ich ein Mann aus dem Norden bin— ſucht dieſes Bündniß zu verletzen, wovon die ganze Union abhängig iſt, und ſtimmt für den Krieg gegen den Süden wegen der Abſchaffung der Selaverei— denn hier wird eine moraliſche Kriegführung angewendet. Dieſe Einrich⸗ tung iſt in der That das Schlachtfeld. Der Süden behauptet es und ſagt:„Es iſt mein. Ihr ſollt mich nicht davon vertreiben. Mir liegt ſehr wenig an die⸗ ſem beſtrittenen Boden, und vielleicht werde ich ihn, wenn es mir paſſend ſcheint, als Etwas, was des Streitens nicht werth iſt, herausgeben; aber ich will der Gewalt nicht weichen, und aus dieſem Grunde will ich mit Euch fechten; denn wenn Ihr dieſen An⸗ griff vermöge meiner Schwäche oder Nachläſſigkeit durchſetzt, kann Niemand ſagen, wo Ihr mich zu⸗ nächſt angreifen werdet. In Betreff Eurer abſtracten Lehren mögt Ihr Recht oder Unrecht haben, aber in — 2— Hinſicht Euerer Einmiſchung in meine beſonderen An⸗ gelegenheiten haht Ihr entſchieden Unrecht, und das will ich nicht dulden. Kurz, mein guter Freund, was der Norden gethan hat und noch thun mag in dieſem Sinne, geht nur darauf hin, die Feſſeln an den Händen des Negers mehr als je zu befeſtigen. Viel⸗ leicht wird es ſehr widerſinnig erſcheinen, aber von der Art iſt die menſchliche Natur, und obgleich ich zugebe, daß in vielen von den Gründen, welche die Abſchaffer der Sclaverei und ſelbſt dieſer Mae Grubber dieſen Abend angewendet, eine große Gewalt liegt, ſo verwandelt ſich doch die Stärke in Schwäche, wenn die Menſchen ſich überzeugen, wie ſich bereits jeder Südländer überzeugt hat, daß ſie zu politiſchen und Parteizwecken angewendet werden. Bei einer ſolchen Union, wie dieſe, kann man keine häusliche Politik haben, und jeder Mann will doch ſeine eigenen Kin⸗ der in ſeinem eigenen Hauſe züchtigen, wenn er glaubt, daß ſie es verdienen.“ „Obgleich ich es für unbeſonnen und gefährlich halte,“ antwortete ich,„ſolche Lehren, wie wir die⸗ ſen Abend gehört haben, vor einer großen Menge von Negern zu predigen, ſo kann ich doch nicht um⸗ hin zu denken, daß viele von Mr. Mae Grubbers Beweisgründen außerordentlich ſcharfſinnig, wenn auch nicht ſchlagend waren, und ſo zum Beiſpiel ſeine kleine Erzählung von dem weißen Selaven und ſeiner Be⸗ — 25— freiung, die mir als eine ſehr glückliche Erläuterung ſeiner Anſichten vorkam.“ „Eine liſtige Rede,“ antwortete mein ſcharfſin⸗ niger Freund,„die eine beſondere Probe von der Be⸗ redtſamkeit des Fanatismus lieferte. Bemerken Sie nicht, daß ſie immer, wenn ſie einen Zweck zu errei⸗ chen haben, eine Figur anwenden, und daß ſie in dieſer Figur eine vollſtändige Gleichheit zwiſchen zwei unähnlichen Fällen annehmen? Wenn Sie den allge⸗ meinen Grundſatz beſeitigen, was finden Sie? Hier ſtellt er einen weißen Mann auf, der immer an Frei⸗ heit gewöhnt und mit allen geiſtigen Eigenſchaften verſehen iſt, die beſonders durch die Erziehung des weißen Mannes cultivirt werden, mit den Bedürfniſ⸗ ſen, mit den Wünſchen, Gewohnheiten und Gefühlen eines weißen Mannes— gerade auf dieſelbe Linie mit einem auf einer Pflanzung geborenen, von Kind⸗ heit auf an Selaverei gewöhnten Neger, ohne einen Gedanken, einen Wunſch oder eine Anſicht, die über den Zuſtand hinausgeht, in welchem er erzogen wor⸗ den, außer ſolchen, die ihm von den Abſchaffern der Selaverei eingeflößt worden. Iſt dies für's Erſte ein⸗ mal redlich? Findet eine Aehnlichkeit zwiſchen den bei⸗ den Fällen ſtatt? Dann kehrt der weiße Mann, nach⸗ dem er den Feſſeln entflohen, die ihm zufällig aufer⸗ legt worden, nach Hauſe zu ſeinen alten Gewohnhei⸗ ten, zu der freien Anwendung der Fähigkeiten und 7 — — 26— Gaben zurück, die, wenn ſie recht angewendet werden, gewiß zum Wohlſtande, wenn nicht zum Reichthum und zur Unabhängigkeit führen. Der Neger dagegen, der ſeinem Herrn entflieht, verläßt Familie und Freunde, die Gewohnheiten und Verbindungen, gibt Ernährung, Fürſorge und Schutz in Krankheit, wie im Alter, für eine freudloſe, ungewiſſe Zukunft auf, wo ihm Nichts bevorſteht, als ſchwere Arbeit, troſt⸗ loſe Krankheit, unbemitleidete Hinfälligkeit und Tod auf einem Dunghaufen. Seine Unabhängigkeit dem Namen nach wird von der beſtändigen Nothwendigkeit gefeſſelt, Nahrung durch Arbeit zu ſuchen, und ſeine Freiheit wird ein Fluch, ſtatt des Segens, und ein Vorurtheil der Farbe und der Kaſte. Herrſcht irgend eine Gleichheit zwiſchen dieſen beiden Fällen? Ich er⸗ kläre, ich würde viel lieber ein Selave des härteſten Herrn in Virginien ſein, den ich je geſehen habe— und ich bin jetzt viele Jahre hier— als ein Neger in einem Staate, wo die Sclaverei abgeſchafft iſt. Aber dies Alles war nur ein Kunſtgriff des Redners, die feigſte und verächtlichſte Art der Sophiſterei. Viel beſſer wäre es, kühn heraus zu ſagen:„Ihr habt kein Recht, einen Menſchen zur Selaverei zu verurtheilen — Ihr ſollt nichts Böſes thun, damit Gutes daraus werde— die Unabhängigkeitserklärung ſagt, daß alle Menſchen gleich geſchaffen ſind; ſie ſind von ihrem Schöpfer mit gewiſſen unveräußerlichen Rechten be⸗ — gabt; zu dieſen gehören Leben, Freiheit und das Stre⸗ ben nach Glück. Indem Ihr irgend einen Menſchen in der Sclaverei erhaltet, welches auch ſeine Farbe ſein möge, ſo verletzt Ihr dieſen erſten Grundſatz der amerikaniſchen Conſtitution. Ihr brecht den feierlichen Vertrag, worauf dieſe Vereinigung ſich gründete, wo⸗ durch allein die Union ihre Unabhängigkeit von Groß⸗ britannien behauptete und vollendete. Beſſer, dies zu ſagen und die Sache nach dieſem Grundſatze auszu⸗ fechten, als ſchleichend zu Werke zu gehen, im Con⸗ greß kleine Vortheile zu erringen oder ſich auf ver⸗ brecheriſche Weiſe zu bemühen, die Sclaven unzu⸗ frieden mit ihren Herren zu machen. Ich bin zu dem Schluſſe gekommen, mein lieber Sir Richard, daß die Abſchaffer der Selaverei die ärgſten Feinde der armen Selaven ſelber ſind, die am Ende— Hier wurde ſeine Rede, die viel ernſter und be⸗ deutungsvoller war, als irgend Etwas, was ich von ſeinen Lippen gehört hatte, durch einen lauten Schrei unterbrochen, der von einer Stelle herkam, die ſich gerade vor uns befand. Es wurde laut um Hilfe gerufen und es ſchienen Schläge ausgetheilt zu werden. „Thue es nicht, Jack. Du willſt mich wohl ermorden? Hilfe! Hilfe! Mord! Ich ſage Dir Nichts, als die Wahrheit. Jim, das dachte ich nicht von Dir. Hilfe! Hilfe! Mord! Warum verſetzeſt Du mir ſolche Schläge an den Kopf?“ —— Ich glaubte die Stimme meines guten Freundes Zed zu erkennen, und ich lief ſo ſchnell wie möglich weiter; aber ehe ich auf den krummen Wegen im Walde zu dem Schauplatze der Handlung gelangen konnte, hörte ich noch eine Stimme, die mir eben⸗ falls bekannt ſchien, in lautem und gebieteriſchen Tone rufen: „Laßt ihn in Ruhe, Ihr Thoren! Wollt Ihr vor der Zeit einen Ausbruch machen? Wenn Ihr ihn noch einmal ſchlagt, zerſchmettere ich Euch den Schädel. Der Mann ſagt nur, was er für wahr hält.“ Als die letzten Worte ausgeſprochen waren, kam ich zu dem kleinen, freien Platze in Hunters Wood, den ich ſchon früher erwähnt habe. Ein kleiner Rand des Mondes ſchien über die Bäume hinweg, und etwa ſechs Schritte vor mir lag ein Neger am Boden, der kein anderer, als mein Freund Zed war, und ein zweiter erhob gerade einen ſtarken Stock, um ihn da⸗ mit zu ſchlagen. Ganz in der Nähe befand ſich ein großer, kräftiger Mann, der, wie ich ſpäter bemerkte, kein Anderer, als Nat Turner war, der einen vierten Herrn von derſelben Farbe, welcher ebenfalls auf die Vernichtung des armen Zed verſeſſen war, gewaltſam von dem Kampfplatze entfernte. Ich ſprang ſogleich auf den Mann zu, der mei⸗ nen armen Diener ſo übel behandelte, fing mit mei⸗ — nem linken Arme den Schlag auf— ſo daß ich faſt glaubte, er ſei zerbrochen— und ſchlug ihn ſogleich zu Boden. Zed ſprang auf und packte den Kerl bei der Kehle, als er dalag, waͤhrend Mr. Wheatley lachend dabeiſtand und rief: „Bravo, Sir Richard, eine ſehr hübſche Probe von der männlichen Kunſt, wie man ſie in England nennt. Sie werden künftig die Härte eines Neger⸗ kopfes kennen; denn wenn ich nicht ſehr irre, werden Sie finden, daß Sie ſich Ihre Knöchel wundge⸗ ſchlagen.“ „Laß den Mann wieder aufſtehen, Zed,“ ſagte ich, nicht ſehr zufrieden mit der unzeitigen Heiterkeit meines Begleiters, denn mein Arm ſchmerzte von dem Schlage, und, um die Wahrheit zu ſagen, waren meine Knöchel ganz wund, als hätte ich eine Stein⸗ mauer getroffen;„laß den Mann aufſtehen, und wenn er wieder zu Boden geſchlagen ſein will, ſo kann es geſchehen.“— Sobald aber ſeine Kehle frei war, ſprang Zed's Gegner auf und lief, ſo ſchnell er konnte, davon. Die anderen Beiden folgten in demſelben ſchnellen Schritte, obgleich Zed laut ausrief: „Du darſſt nicht davonlaufen, Turner; Du biſt ein guter Mann und zuerſt gekommen, mir zu helfen.“ Doch Keiner von ihnen blieb, denn es iſt ge⸗ — 30— fährlich in dieſen Staaten für einen Neger, auf ir⸗ gend eine Weiſe in einen Kampf verwickelt zu ſein, wobei ein weißer Mann geſchlagen worden iſt. Als wir nach Beavors weiter gingen, wurde mir und meinem weißen Begleiter die Urſache des Kampfes erklärt. Gerade am Schluß von Mr. Mae Grubbers Rede hatte Zed, begleitet von den beiden Männern, die er Jack und Jim nannte, ſeinen Heimweg ange⸗ treten. Unterwegs unterhielten ſie ſich ohne Zwei⸗ fel ganz angenehm über Alles, was ſie gehört hatten, und begegneten Nat Turner, der einen der zwei Schritte hinter ihnen folgte, der aber, wie Zed ſagte, in ſehr mißmuthiger Stimmung zu ſein ſchien und weder mit ihnen ſprechen, noch ſich ihrer Geſellſchaft anſchließen wollte. Zed ſchien die entge⸗ gengeſetzten Meinungen ſeiner ſchwarzen Begleiter be⸗ hauptet zu haben. Als er ſein Bein gebrochen, ſagte er, habe er die Erfahrung von der Lage eines kran⸗ ken, freien Negers gemacht, und er erklärte, daß Freiheit der elendeſte Zuſtand in der Welt ſei, und daß Mr. Mae Grubber und alle die Abſchaffer der Selaverei große Thoren oder große Schurken wären, um den Selaven die Freiheit aufzudringen. Der Streit wurde hitzig und zornig; ſie begannen Schelt⸗ worte gegen einander auszuſtoßen, denn die Selaven im Allgemeinen hegen keine Neigung, ſondern eine gewiſſe Verachtung gegen freie Neger. Von Worten — 31— gingen ſie zu Schlägen über und Zed war nahe daran, getödtet zu werden, als Nat Turner herbeikam und einen von ſeinen Gegnern von ihm abwehrte, wäh⸗ rend ich ihn von dem anderen befreite. Es lag keine große Bedeutung in Maſter Zed's Geſchichte, außer daß ſie zeigte, daß unter einigen von den Selaven ein lebhaftes und wildes Verlangen nach Freiheit herrſche; aber Nat Turner hatte gerade, als ich mich näherte, einige Worte geſprochen, die mich zum Zweifel und zum Nachdenken führten. Er hatte geſagt: „Ihr Thoren, wollt Ihr vor der Zeit einen Ausbruch machen?“ Ich konnte nur zu einem Schluſſe kommen, nämlich, daß ein Ausbruch irgend einer Art beabſich⸗ tigt werde, daß eine Zeit dazu beſtimmt ſei. Ich wußte nicht, wie bald er ſtattfinden ſollte. Ich be⸗ ſchloß indeſſen zu beobachten, was um mich her vor⸗ ging, und ohne meinen armen Bekannten Nat Turner in Gefahr zu bringen, Mr. Thornton einen Wink zu geben, daß ich Grund habe zu glauben, die gegen⸗ wärtige Ruhe ſei verrätheriſch und es werde wahr⸗ ſcheinlich ein Sturm darauf folgen. Inzwiſchen ging Mr. Wheatley lachend und redend auf ſeine leichte, aber ſtechende Weiſe an meiner Seite weiter. Ohne auf Zed's Gegenwart zu achten, machte er ſeine Be⸗ merkungen über die Eigenthümlichkeiten des Neger⸗ — 32— ſtammes und erklärte, ſie wären Nichts weiter, als große Kinder, ſtets bereit zu kratzen, zu fechten und zu heulen bei der geringſten Veranlaſſung. Wir fandeſk die ganze Geſellſchaft, mit Aus⸗ nahme des Mr. Mae Grubber, im Geſellſchaftszimmer zu Beavors verſammelt. Beſſy's glänzende Augen waren lebhaft auf mich gerichtet, als ſie fragte: „Nun, was halten Sie davon, Vetter Richard?“ „Ich halte es für eine ſehr widerwärtige Vor⸗ ſtellung,“ verſetzte ich;„und obgleich es ſehr un⸗ galant zu ſein ſcheint, dankte ich doch während der ganzen Zeit dem Himmel, daß Sie nicht dabei waren.“ „Ebenſo gut, ebenſo gut,“ ſagte Mr. Stringer. „Und nun wollen wir ein Glas Rothwein trinken und dann zu Bette gehen, denn es wird ſpät.“ Zweites Kapitel. Es gab viele Tage in meinem Leben, die ſehr langweilig waren. Der phantaſiereiche Menſch kann ſie vielleicht mit ſeinen eigenen Phantaſien ausfüllen; aber die geringe Phantaſie, die ich habe— und ſie iſt gewiß ſehr gering— muß durch äußere Gegen⸗ ſtände aufgeregt werden. Meine Phantaſie iſt von träger Beſchaffenheit und muß zur Thätigkeit aufgeregt werden. Ich kann an der Seite eines rauſchenden Baches ſitzen, ihn heiter ſchäumen und ſchimmern ſehen und ihn als ein kleines Bild des Lebens mit ſeinen Strö⸗ mungen und Untiefen, ſeinem Sonnenſchein und Schatten, ſeinem ruhigen Gange und ſeiner ſtürmi⸗ ſchen Thätigkeit betrachten. Ich kann in ſeinem ver⸗ ſchiedenen Anblick die Hoffnungen und Befürchtungen, die Leiden und Freuden des Daſeins ſehen. Ich kann Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 3 die Forelle beobachten, wie ſie zwiſchen den Wurzeln hervorkommt und wie ein geldſammelnder Einſiedler in der Mitte des Stromes der Speculation heraus⸗ kommt, um von Menſchen oder von dem Teufel ge⸗ angelt zu werden; und ich kann der Forelle alle Ge⸗ danken und Gefühle der Menſchheit beilegen, mich wundern, worüber er jetzt nachdenkt und mich fragen, in welchen Fonds er wohl ſein Kapital anlegen wird. Aber es gibt einige Tage, wo die äußeren Umſtände nichts Beſonderes zeigen und wo die bleiernen Flügel der Zeit mühſam und träge weiter flattern. Ich habe die langweiligen Stunden in einer indiſchen Hütte hingebracht, wo ich den Regen fortwährend tröpfeln hörte, ohne ein Buch, um mir die Zeit zu vertreiben, ohne einen Anblick oder Ton, um die Seele von ei⸗ nem ſchlaftrunkenen Zuſtande zu erwecken, der nicht ſelber Schlaf iſt, und ich habe die Unempfindlichkeit des guten Hindu beneidet, der in dem benachbarten Schuppen kauerte und in tiefe Betrachtungen über das NRichts verſunken war. Aber von allen langweiligen Tagen, die ich je verlebte, war der der ärgſte, der auf den Abend der eben erwähnten Verſammlung folgte, und viele Um⸗ ſtände dienten dazu, ihn dazu zu machen. Eine Art todter Einförmigkeit ſchien ſich auf die ganze Familie des Mr. Stringer niedergeſenkt zu haben. Die Kna⸗ ben, deren Thätigkeit und deren Neigung Unheil an⸗ zurichten, einige Unterhaltung hätte gewähren können, wurden während des ganzen Morgens von Mr. Mac Grubber gefangen gehalten. Mr. Stringer ſelber war beſchäftigt alle Mängel zu verbeſſern, die eine etwas verlängerte Abweſenheit bei der Anordnung ſeines Gu⸗ tes herbeigeführt hatte. Mrs. Stringer ſaß den gan⸗ zen Tag da und ſtickte, wie eine Dame aus der alten Zeit. Beſſy Davenport ſaß feierlich und geſetzt, wie eine Nonne, an ihrer Seite und zeichnete Muſter zu Kragen und Manſchetten, als hätte ſie in einer Ma⸗ nufactur in Mancheſter um ihr tägliches Brod gear⸗ beitet. Doch von Zeit zu Zeit blickte ſie zu meinem Geſichte auf, als wollte ſie ſagen:„Erinnern Sie ſich, Vetter Richard, daß Sie ein Duell vorhaben und ſehr leicht getödtet werden können, und es mir, die Sie lieben, wie Sie wohl wiſſen, überlaſſen, Sie ganz allein zu betrauern.“. Ich bat ſie, einen Spaziergang mit mir zu ma⸗ chen, aber ſie lehnte es ab, indem ſie ſagte, es wäre zu warm. Mr. Wheatley war in einem Geſchäft nach Jeruſalem hinübergeritten und hatte verſprochen, an dem Abend oder am folgenden Tage zurück zu ſein. Es waren nicht viele Bücher in Mr. Stringers Hauſe und ich hatte nur eins mitgebracht, denn ich wollte die Welt zu meinem Buche machen. Als ein letztes Hilfsmittel ging ich aus, machte allein einen Spazierganz und wünſchte von Herzen, 3 2 — —— —— — die Zeit möchte gekommen ſein, um zu laden und zu feuern; aber es war Nichts da, was mich unterhalten oder meine Gedanken beſchäftigen konnte. Das Wetter war ſchwül, aber nicht allzu heiß; ein leichter, weißer Nebel bedeckte den Himmel; die Blumen, ſehr em⸗ pfindlich für den atmoſphäriſchen Einfluß, hatten ihre Kelche geſchloſſen und Alles ſchien der Welt ſo überdrüſſig, wie ich ſelber. Friſche Luft konnte ich nicht finden; darum, als ein letztes Hilfsmittel, ſetzte ich mich unter einen Baum und begann nachzudenken. Ich will Dich nicht mit dem beläſtigen, woran ich dachte. Ich dachte mir eine ganze Abhandlung über das Duelliren aus, verdammte es dem Grundſatze, wie der Anwendung nach, und meinte, jeder Mann, der ſich dieſer Sitte füge, ſei ein großer Thor, und ich ſtehe oben an, und ich erhob mich, ebenſo ent⸗ ſchloſſen, wie immer, mit Mr. Robert Thornton zu fechten. Der Abend jenes Tages verging ein wenig angenehmer. Mr. Wheatley kehrte zurück und belebte uns durch ſein heiteres Geſpräch. Beſſy ſang uns ei⸗ nige ſehr ſchöne Lieder vor, und es ſchien ein tieferes Gefühl und ein zärtlicherer Ausdruck in ihren Tönen zu liegen, als ich je vorher gehört hatte. Doch ſprach ſie nicht viel mit mir. Sie ſchien an Mr. Wheatley Gefallen zu finden und ſich an ſeinem Geſpräch zu unterhalten; und hätte ich nicht gewußt, daß er ver⸗ heirathet wäre, ſo möchte ich mich ein wenig eifer⸗ 37— ſüchtig gefühlt haben. Sie ging mit ihm in den Winkel des Zimmers und ſprach leiſe mit ihm; und obgleich ſie zuweilen lachte und oft lächelte, ſo lag doch etwas Ernſtes in ihrem Weſen, was mich ein wenig ärgerte. Der Morgen des nächſten Tages verging faſt auf dieſelbe Weiſe, doch war Mr. Wheatley die ganze Zeit über da, und er wenigſtens nahm an der Unter⸗ haltung Theil. An Beſſy Davenport bemerkte ich eine große Unruhe. Sie war bald traurig, ſchweig⸗ ſam, niedergeſchlagen und zerſtreut, dann faſt über⸗ trieben heiter, doch hatte ihre Heiterkeit immer etwas Trauriges an ſich. Ich bemerkte, daß ihre Augen ſich oft zu meinem Geſichte wendeten, und ich glaubte ſie beſſer, als am Tage zuvor zu verſtehen. Endlich um halb zwei Uhr ſtand ich auf und ſagte: „Ich denke, ich muß gehen. Ich will mich um⸗ kleiden. Ich bin von Mr. Byles zur Mittagstafel eingeladen, Mrs. Stringer, und bei der Gaſtfreund⸗ ſchaft, die in dem alten Virginien herrſcht, denke ich, die Nacht dort zubringen zu müſſen; aber ich werde morgen früh mich von dort auf den Weg machen und Sie Alle beim Frühſtück treffen.“ Ich glaubte an der anderen Seite des Tiſches einen Seufzer zu hören, und mich umwendend, erſchien mir Beſſy ſo blaß, wie der Frühlingsmond. 4 — 38— „Leben Sie wohl für jetzt, meine liebe Couſine,“ ſagte ich, ihr meine Hand reichend. Sie gab mir die ihrige, die ſo kalt war, wie die einer Leiche, und ſagte mit ſehr leiſer Stimme, aber völlig deutlich: „Leben Sie wohl, Richard, leben Sie wohl!“ Gerade in dieſem Augenblick rief Mr. Wheatley: „Sie wollen bei Mr. Byles zu Mittag ſpeiſen! Was, bei meinem alten Freunde Billy Byles? Zum Henker!. Da muß ich mit Ihnen gehen. In Virgi⸗ nien bedarf Niemand der Einladung, und ich denke, Sie werden mir einen Sitz in Ihrem Einſpänner ge⸗ ſtatten.“ Dies war ein wenig unangenehm, aber es ließ ſich nicht anders machen, und ich machte nur einen einzigen Verſuch, der unerbetenen Begleitung zu ent⸗ gehen. „Ich habe keinen Einſpänner bei mir,“ ſagte ich lachend.„Ich reiſe zu Pferde; aber ich will Sie hinten aufnehmen, wenn Sie wollen.“ „O nein,“ antwortete er,„ich habe eine zwei⸗ ſitzige Droſchke hier, und ein Paar ſo hübſche kleine Pferde, wie man nur je geſehen. Ich will Sie hin⸗ überfahren und wir wollen Ihren Diener Zed mit dem zerſchlagenen Schädel hinten aufnehmen, um für die Pferde Sorge zu tragen. Kommen Sie, wir wol⸗ len uns bereit machen.“ — 39— Und er verließ das Zimmer. Ich folgte ihm und wagte nur noch einen Blick auf Beſſy zu richten. In einer halben Stunde rollten wir raſch auf das Haus des Mr. Byles zu. Nachdem wir die Land⸗ ſtraße erreicht hatten, wendete ſich Mr. Wheatley lä⸗ chelnd zu mir und ſagte: „Wiſſen Sie, warum ich Sie begleite?“ „In der That nicht,“ antwortete ich,„wenn nicht, um mit Ihrem alten Freunde Mr. Byles zu Mittag zu ſpeiſen.“ „O nein,“ antwortete Mr. Wheatley mit ſeinem kurzem Lachen;„ich ſah den kühnen Billy nur zwei⸗ mal in meinem Leben. Ich kam, um für Sie Sorge zu tragen.“ „Sie ſind wirklich ſehr rückſichtsvoll, Mr. Wheatley,“ ſagte ich trocken. „Sehr galant, meinen Sie,“ verſetzte mein Be⸗ gleiter.„Sie müſſen nämlich wiſſen, daß eine junge Dame mit dem ſchönſten Haar, den ſchönſten Augen, Zähnen und Lippen auf der Welt und dem zierlichſten Fuß und Knöchel und der reizendſten kleinen Hand, es ſich in ihren lieben, kleinen Kopf geſetzt hat, daß Sir Richard Conway mit einem Rieſen oder einer Windmühle fechten will; und ſie unterhandelte geſtern den ganzen Abend mit mir, um zu ſehen, ob ſie nicht Alles von mir herausbringen könnte, denn ſie ſtellte ſich vor, daß ich gekommen, um Ihr Seeun⸗ dant zu ſein. Da ich mich nun überzeugt hielt, daß ſie Recht habe— die Damen haben immer und in allen Dingen Recht— und wußte, daß Billy Byles nicht gerade der Mann iſt, auf den man ſich in ſol⸗ chen Dingen am ſicherſten verlaſſen kann, ſo entſchloß ich mich, mit Ihnen zu gehen, um als eine Art von Vermittler zu dienen.“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden,“ antwortete ich ein wenig gekränkt,„und auch meiner lieben Con⸗ ſine Beſſy bin ich ſehr verbunden für das Intereſſe, welches ſie an mir nimmt. Aber, mein guter Freund, dies iſt Alles ein wenig unregelmäßig nach unſeren Anſichten auf der anderen Seite des atlantiſchen Meeres. Dort miſchen ſich die Damen nicht in ſolche Dinge; auch die Freunde nicht, außer, wenn ſie ein⸗ geladen ſind.“ „Ich bitte Sie, mein lieber Sir Richard,“ ſagte Mr. Wheatley,„verfallen Sie nicht, der Sie offen⸗ bar ein Weltmann ſind, in den großen Irrthum Ih⸗ rer Landsleute und bilden ſich ein, Sie können Eng⸗ land überall mit ſich nehmen, wohin Sie gehen! Wenn Sie in Ihrem eigenen Zimmer ſind und nur Ihren Reiſekoffer bei ſich haben, da können Sie ſo engliſch ſein, wie Sie wollen; aber ſobald Sie mit Virginiern in Berührung kommen, müſſen Sie in ge⸗ wiſſem Grade Virginier ſein. Wir beſeitigen dieſe kleinen Ehrenſachen auf ganz verſchiedene Weiſe, wie in Großbritannien. Dort müſſen Sie umherſchleichen, als wenn Sie Etwas ſtehlen wollten, dürfen keine Sylbe zu irgend Jemand erwähnen, außer dem aus⸗ erwählten Freunde, und ſich eine einſame Stelle auf dem Felde aufſuchen, wo Sie zehn Meilen weit um ſich ſehen können, aus Furcht von der Polizei geſtört zu werden. Hier dagegen würde der Conſtabler Ih⸗ nen die Piſtolen laden und den Platz frei halten. Das Erſte, was ein Mann thut, wenn er herausge⸗ fordert wird, iſt, zu ſeiner Frau zu ſagen:„„Höre, meine Liebe, ich werde mich morgen mit Jack Ro⸗ bertſon duelliren. Ich wünſche, Du möchteſt nach⸗ ſehen, ob auch das Schloß an meiner Büchſe in Ordnung iſt.““—„„Ich will nachſehen,““ antwor⸗ tet Mary,„„und Dir einige Binden zurecht ſchneiden. Um welche Zeit ſoll der Wagen kommen, mein Lieber? Reite nicht; Du weißt, daß dann Deine Hand immer zittert.““ Ich konnte nicht umhin, über dieſe Beſchreibung zu lachen, wobei die männliche und weibliche Stimme in der Unterredung nachgeahmt wurde; aber ich ent⸗ gegnete: „Es ſcheint aber, als wenn nicht alle Damen die Sache ſo ruhig nähmen, nach Dem, was Sie mir von Miß Davenport erzählen.“. „O! Das iſt eine ganz andere Sache,“ ſagte Mr. Wheatley mit einem heiteren Blicke in ſeinen — 42— Augen.„Sie iſt noch nicht Ihre Frau, wie Sie wiſſen. Sie hat nicht die Wahrſcheinlichkeit, eine intereſſante Wittwe zu werden, deren Mann im Duell gefallen. Aber Scherz bei Seite, denn ich ſehe, daß es Ihnen Schmerz verurſacht. Miß Davenport hat wohl Urſache, Widerwillen gegen die Duelle zu hegen. Ihr Vater wurde von einem theueren Freunde und nahen Verwandten im Duell getödtet— Alles in Folge eines verwünſchten Irrthums; und auf ſeinen Tod folgte eine lange Reihe von Proceſſen und Un⸗ glücksfällen, völlig hinreichend, um ihr einen Abſcheu gegen die angenehme Gewohnheit einzuflößen, ohne Sold auf ſich ſchießen zu laſſen. Beiläufig glaube ich, das arme Mädchen weiß nicht die Hälfte ihrer eigenen Geſchichte,“ fügte er in nachdenkendem Tone hinzu.„Wenn das wäre, möchte es einigen Unter⸗ ſchied machen.“ Nach der Art, wie dieſe Worte ausgeſprochen wurden, ſchienen ſie mehr Bedeutung zu haben, als auf der Oberfläche lag, aber ich hatte an andere Dinge zu denken, und im nächſten Augenblick ging er wieder in ſeine gewohnte Redeweiſe über und ſagte: 3 „Nun dürfen Sie nicht überraſcht ſein und keinen Aerger zeigen, wenn Sie einige Dutzend Leute, ſo⸗ wohl ſchwarze, als weiße, auf dem Platze finden. Es iſt ebenſo wahrſcheinlich, daß es ſo iſt, wie nicht, — 43— und bedenken Sie, wenn ſie gerade in der Linie ſind, ſo ſchießen Sie lieber einen weißen, als einen ſchwarzen Mann nieder. Eines weißen Mannes Leben iſt hier Nichts werth; ein ſchwarzer Mann dagegen neunhundert bis tauſend Dollars. Wir ſind ein Han⸗ delsvolk und ſehen dieſe Verhandlungen auf geſchäfts⸗ mäßige Weiſe an. Bitte, wann ſoll dieſes Tauben⸗ ſchießen vor ſich gehen?“ Er that noch eine große Menge Fragen, aber ich unterbrach ihn und ſagte: „Sie müſſen entſchuldigen, mein guter Freund, wenn ich hier noch einige von meinen engliſchen Vor⸗ urtheilen beibehalte, während wir Beide mit einander allein ſind. Von mir werden Sie Nichts von den einzelnen Umſtänden erfahren, obgleich Mr. Byles Ihnen wahrſcheinlich Alles mittheilen wird. Bei uns iſt es herkömmlich, daß ein Duellant nur mit ſeinem Secundanten von einer ſolchen Sache ſpricht.“ „Ol ſehr gut,“ antwortete er,„vielleicht haben Sie Recht. In meinem Theile des Landes, ich meine jenen Theil, wo ich geboren worden, treibt man die Sache noch weiter, als in England, und will das Duell gar nicht geſtatten; man ſchickt einen Mann ins Zuchthaus, weil er einen Freund gebeten, mit ihm einen Morgenſpaziergang zu machen. Die drei großen Unterſchiede zwiſchen dem Norden und Süden ſind: Im Süden duellirt man ſich, wo man kann, — 44— hält Selaven als Diener und baut Tabak und Baum⸗ wolle. In Neuengland duellirt man ſich nie, dort iſt man der Sclave ſeiner eigenen Diener und verfer⸗ tigt hölzerne Wanduhren.“ Gewiß hätte ich keinen nützlicheren und unterhal⸗ tenderen Begleiter haben können, indem ich zu dieſem unangenehmen Geſchäfte ging, als Mr. Wheatley. Seine Unterhaltung hatte etwas Leichtes und Unbe⸗ kümmertes, was mich unmerklich von ernſteren An⸗ ſichten und Betrachtungen ablenkte; und als ich vor der Thüre des Mr. Byles aus dem Wagen ſtieg, hätte ich ohne die Hälfte des Bedenkens und der Reue, die ich noch vor einer Stunde empfunden haben würde, auf einen Gegner feuern können. Das Haus des Mr. Byles war ſehr verſchieden von jedem anderen Herrenhauſe, welches ich bisher in Virginien geſehen, und es war in der That ein Landhaus, wovon wir in Großbritanien ſo viele Nach⸗ ahmungen ſehen. Es hatte nur einen Stock, wenn nicht vielleicht Zimmer für die Diener oben waren. Beſuchzimmer, Speiſezimmer, Schlafzimmer u. ſ. w. erſtreckten ſich in einem verwirrten Labyrinth, in wel⸗ ches ich nicht weiter einzudringen verſuchte, als ich von Anderen geführt wurde. Ein ungeheurer Schwarm von kleinen ſchwarzen Knaben nebſt einem reſpectablen ältlichen Herrn von derſelben Farbe waren bereit uns zu empfangen; und nach der Art, wie ſie auf Mr. e Wheatley's Wagen kletterten, alle einzelnen Gegen⸗ ſtände, die derſelbe enthielt, ergriffen und ſie, der Himmel weiß wohin, trugen, erinnerten ſie mich an die kleinen behaarten Wilden, die auf das Schiff des Seemannes Sinbad während ſeiner wunderbaren Rei⸗ ſen kamen. Niemand wußte indeſſen etwas von dem Herrn. Es ſchien ſich von ſelber zu verſtehen, daß der, welcher in's Haus komme, es ſich bequem ma⸗ chen wolle— daß das Haus ſo viel aufnehmen werde, wie es nur möglicher Weiſe faſſen könne, und daß Alles, was darin war, den Gäſten zur Verfügung ſtand. Mr. Wheatley begann für ſich ſelber zu ſorgen, ſobald wir ankamen; Zed war mit meinem Felleiſen davongelaufen, ich weiß nicht wohin oder weshalb, und ich ſtand einige Augenblicke in der Mitte eines geräumigen und niedrigen Beſuchzimmers, mit ſo vie⸗ len Verzierungen angefüllt, die das Bondoir einer londoner Dame hätten ſchmücken können. Endlich kam ein zierlicher Knabe von vierzehn Jahren mit ſei⸗ ner ſchneeweißen Jacke, Beinkleidern und Schürze, die einen hübſchen Gegenſatz zu ſeinen ſchwarzen Hän⸗ den und ſeinem Geſichte bildeten, herein und fragte mich auf völlig orientaliſche Weiſe, ob ich der ehren⸗ werthe Sir Richard Conway ſei? „Ehrenwerth hoffe ich zu ſein,“ verſetzte ich,„und mein Name iſt Richard Conway.“ — 46— „Dann iſt hier Ihr Zimmer, mein Herr,“ ant⸗ wortete der Knabe, und er führte mich in ein ſehr hübſches Schlafzimmer, gleich neben dem Beſuchzim⸗ mer, wo ich jede mögliche Bequemlichkeit fand, welche London oder Paris nur hätte gewähren können. Mr. Byles ſchien Vergnügen daran gefunden zu haben un⸗ ter dem Dache ſeiner unſcheinbaren Wohnung, deren Form und Bauart unmöglich zu beſchreiben ſchien, alle Luxusartikel verſchiedener Himmelsſtriche zu ver⸗ einen, ſie anzuwenden und ſeinen Freunden die An⸗ wendung derſelben zu geſtatten, ohne jenen conven⸗“ tionellen Zwang, womit ſie gewöhnlich vereint ſind. Zed war bereits auf einem unentdeckten Gange zu meinem Quartier gelangt, und beſchäſtigte ſich, meinen ganzen Toilettenapparat nach den Grundſätzen zu ordnen, die er zum Theil ſich ſelber ausgedacht und zum Theil von mir gelernt hatte. Ich warf mich auf einen Stuhl nieder, gab mich einige Augenblicke der Betrachtung hin, und dachte: „Dieſen Nachmittag wird all' dieſer Luxus und all' dieſe Bequemlichkeit angewendet, und morgen viel⸗ leicht liegſt Du, einen Piſtolenſchuß durch's Herz, auf jenem Bette ausgeſtreckt!“ Ich gebe mich nicht häufig ſolchen Betrachtungen hin, aber es gibt Augenblicke, wo ſie ſich mir auf⸗ drängen und ich mit dem Ausrufe ende: „Welch' eine Poſſe iſt das Leben!“ Mit dieſer Ueberzeugung aufſpringend, da ich wußte, daß die Stunde der Mittagstafel nahe ſei, begann ich meinen Anzug zu verändern und mich von dem Schmutz und Staub zu befreien, den die Wege, die jetzt völlig trocken waren, an mir zurückgelaſſen hatten. Keine zwanzig Minuten ſpäter erſchien mein kleiner ſchwarzer Freund wieder, und brachte ein Glas mit einer gelben Flüſſigkeit gefüllt auf einem ſilbernen Präſentirteller herein. „Das Mittagseſſen wird in fünf Minuten bereit ſein, mein Herr,“ ſagte er. „Was iſt dies, mein Freund?“ fragte ich, in⸗ dem ich das Glas nahm. „Apfelwein, mein Herr,“ verſetzte der Knabe. „Und ſoll ich dies vor dem Mittageſſen trinken?“ „Wenn es Ihnen gefällig iſt, mein Herr,“ ant⸗ wortete er in entſchieden bejahendem Tone. Ich leerte es und fand das Getränk keineswegs unangenehm. Ich denke, in dieſen Gegenden, wo es noch viele Wälder und Sümpfe gibt, welche Krankheiten verbreiten, ſind ſolche Getränke, welche uns in der alten Welt tödten! würden, nicht ohne Nutzen, und gewiß bringen ſie nicht dieſelben Aufregungen, wie in Enropa, hervor. Einige Minuten päter trat Billy Byles ſelber — 46— ohne Weiteres ein, und entſchuldigte ſich in ſeinen Ställen geweſen zu ſein, als wir angekommen. „Ich habe Niemand aufgefordert Sie zu beglei⸗ ten,“ ſagte er,„denn ich kenne Ihre engliſchen Vor⸗ urtheile bei dieſen Gelegenheiten; und ich habe Bob Thornton einen Wink gegeben, morgen nicht mehr, als höchſtens zwei oder drei Freunde auf den Platz mitzubringen. Ich höre, daß Wheatley aus Norfolk Sie mit herübergebracht hat, und er iſt ein ſo guter Mann, wie nur irgend einer uns hätte begleiten können.“ „Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß er ohne meine Einladung gekommen iſt,“ verſetzte ich. „Als er hörte, daß ich herüberkomme, um mit Ih⸗ nen zu Mittag zu ſpeiſen, lud er ſich ſelber ein, und natürlich konnte ich ſeine Geſellſchaft nicht zurückwei⸗ ſen. Unterwegs erfuhr ich, daß Miß Dasvenports Argwohn, und ſeine eigene Bekanntſchaft mit ſolchen Dingen, ihm gezeigt, daß ein Zuſammentreffen ſtatt⸗ finden werde.“ 3 „Um ſo beſſer— um ſo beſſer,“ antwortete Billy Byles;„er iſt immer ſo kalt und gefaßt, daß er im Falle einer Schwierigkeit bereit iſt im Augen⸗ blick das Rechte zu treffen. Aber jetzt laſſen Sie uns zur Mittagstafel gehen.“ Ich folgte ihm in das Geſellſchaftszimmer, wo wir Mr. Wheatley fanden, und von dort begaben wir — 49— uns in das anſtoßende Speiſezimmer. Dort wurde uns ein ſo hübſches und gut gekochtes Mittagseſſen vor⸗ geſetzt, wie man nur in irgend einem Theile der Welt finden konnte, und die vortrefflichſten Weine dazu. Meine beiden Gefährten tranken nicht wenig. Aber als alle Schüſſeln weggenommen worden waren, und man das Deſſert auf den Tiſch geſtellt hatte, ſagte Mr. Byles: „Ehe wir noch mehr Wein trinken, wird es beſ⸗ ſer ſein, nach unſeren Waffen zu ſehen und uns zu überzeugen, ob auch Alles richtig und in guter Ord⸗ nung iſt. Dann wollen wir eine Bowle Punſch trin⸗ ken, eine Cigarre dazu rauchen, ein kleines Karten⸗ ſpiel machen, wenn Sie wollen, und dann zu Bette gehen; denn wir ſollen morgen um fünf Uhr in Hun⸗ ters⸗Wood ſein, und das ſind drei Meilen von hier. Apollo, mein guter Junge,“ ſagte er zu dem ſchwar⸗ zen Manne, der zugegen war,„hole mir das Mahago⸗ nikäſtchen, welches in meinem Zimmer auf dem Tiſche ſteht, und bringe mir auch eine Oelflaſche und eine Feder.“ Der Mann kehrte bald mit der Piſtolenkapſel und den anderen Gegenſtänden zurück und wir mach⸗ ten uns an's Werk, die Zerſtörungsinſtrumente zu un⸗ terſuchen. Eine Schraube war ein wenig zu feſt. Ein wenig Roſt hatte ſich an die Mündung der einen Pi⸗ Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 4 ſtole angeſetzt und mußte entfernt werden. Die Ku⸗ geln, wovon ſich ein Dutzend darin befand, waren richtig gegoſſen, alle glatt beſchnitten und paßten ge⸗ nau. Das Schloß war gut geölt; das Pulver ließ keine Spur auf weißem Papier zurück; kurz Alles wurde in die beſte Ordnung gebracht. Meine beiden Gefährten übernahmen die Unterſuchung als Kenner, und ich, der ich practiſch gewiß mehr von der Sache verſtand, als ſie, und deſſen Leben von dem Erfolge abhängig ſein konnte, dachte, ich könne mich ebenſo gut mit dem Gegenſtande unterhalten, als müſſig da⸗ ſitzen und zuſehen. Als dies Alles beſeitigt war, wurde eine Bowle vortrefflichen Punſches nebſt feinen Cigarren hereinge⸗ bracht. Wir ſprachen von Dingen, die durchaus Nichts mit dem Geſchäfte des folgenden Morgens zu thun hatten, und die Zeit verging ohne Kartenſpiel, bis ich nach meiner Uhr ſah und bemerkte, daß es zehn war. Dann bat ich Mr. Byles, mich zur rech⸗ ten Zeit wecken zu laſſen und begab mich zu Bette. Es gibt Augenblicke, wo man das Nachdenken, wenn es vollkommen ſeine Pflicht gethan, lieber ganz beſeitigen ſollte. Es iſt eine glückliche Kunſt— und Jeder ſollte bemüht ſein, ſich dieſelbe anzueignen— das Nachdenken beſeitigen zu können, wenn man zu den Erfolgen deſſelben gelangt iſt und es nicht mehr — 51— von Nutzen ſein kann. Entſchloſſen, die Zukunft der Zukunft zu überlaſſen, legte ich mich nieder und ſchlief feſt, bis der Negerknabe, der mit meiner Aufwartung beauftragt war, früh am folgenden Morgen ins Zim⸗ mer trat. Drittes Kapitel. Kaum war das Tageslicht erſchienen, als mein kleiner ſchwarzer Diener mir ein Glas Minzjulep an's Bett brachte und mir ſagte, es ſei Zeit, aufzuſtehen; und kaum hatte ich das Getränk zurückgewieſen, wel⸗ ches ich am wenigſten an dieſem Morgen zu mir neh⸗ men wollte, als Zed mit ſeiner weißen Wolle, ſein Geſicht glänzend, wie polirtes Ebenholz und von Auf⸗ regung glühend, hereingehumpelt kam. Ich ſah ſo⸗ gleich, daß er die ganze Sache wußte, und er ſchien ſich als eine Art von Knappen eines Ritters zu be⸗ trachten, der ſich zum Turnier rüſtete, der begierig war, daß ſein Herr große Thaten verrichten möge, und der keinen Augenblick an ſeinem günſtigen Er⸗ folge zweifelte. Es war ein düſterer und unfrenndlicher Morgen, — 53— wenn gleich warm genug. Der Himmel war bedeckt, und ein leichter, weißer Nebel ſchwebte über dem Bo⸗ den, nicht genügend, ſelbſt auf zwei oder dreihundert Schritte, die Gegenſtände zu verbergen, aber hinrei⸗ chend, ſie undeutlich zu machen. In der That war es ein Morgen, der mit dem Geſchäfte, welches ich vorhatte, völlig in Harmonie ſtand. Indeſſen war ich bald angekleidet und im Geſell⸗ ſchaftszimmer, wo ich Billy Byles auf und meiner wartend fand. „Ich hoffe, Sie haben Ihren Minzjulep getrun⸗ ken? Er wird Ihre Hand ſicher machen.“ „Ich danke Ihnen,“ antwortete ich,„meine Hand iſt vollkommen ſicher genug, und ich denke nicht, daß der Branntwein ſie ſicherer machen würde.“ „Nun, ſo nehmen Sie wenigſtens ein wenig Frühſtück zu ſich,“ ſagte mein Wirth;„duelliren Sie ſich nie mit leerem Magen.“ „Ich bin ſchon früher dazu genöthigt geweſen,“ antwortete ich;„aber ich will das Frühſtück nicht aus⸗ ſchlagen, wenn wir Zeit dazu haben; denn, um die Wahrheit zu ſagen, bin ich ſehr hungrig.“ „Ol Zeit genug, Zeit genug,“ antwortete Mr. Byles.„Ich bin immer gern zuerſt auf dem Platze, darum trug ich Sorge, daß man Sie früh genug wecke. Wheatley wird in einer Minute hier ſein. Ich weckte ihn ſelber, und der träge Kerl ſagte, das Lä⸗ — 51— ſtigſte bei dem Duelliren wäre, ſo früh am Morgen aufzuſtehen.“ Wir waren noch nicht fünf Minuten am Tiſche geweſen, als Mr. Wheatley erſchien, aber ſo heiter und unbekümmert wie immer; und obgleich ich nicht umhin konnte, den Eindruck zu empfinden, als ſtehe mir etwas Schweres bevor, ging ich doch ſo heiter, wie ich konnte, auf ihre Unterredung ein, denn ich fühlte, daß es unnütz ſei, an das Bevorſtehende zu denken, da es nicht zu vermeiden war. Wir waren übereingekommen, daß wir uns in Mr. Wheatley's Wagen zu dem Platze begeben wollten, und als wir etwa zwanzig Minuten beim Frühſtück geſeſſen hatten, wurde uns gemeldet, daß der Wagen vor der Thüre ſei. Als ich hinauskam, fand ich, außer Zed, drei oder vier Neger, die den Wagen umringten. Mr. Wheat⸗ ley und ich nahmen unſere Sitze vorn ein; Billy Byles ſprang in die hintere Abtheilung, Zed kletterte, die Piſtolenkapſel unter dem Arme, zu ihm hinauf und fort ging es zu dem Kampfplatze. Sobald wir abfuhren, ſah ich zwei oder drei von den Negerkna⸗ ben, ſo ſchnell ihre Füße ſie tragen wollten, auf den Wald zueilen, und ich konnte nicht umhin, an die Rede des armen ſchottiſchen alten Edelmannes zu den⸗ ken, als er enthauptet werden ſollte:„Ihr dürft nicht ſo ſchnell laufen, Ihr Jungen. Es wird nicht eher etwas Luſtiges zu ſehen ſein, als bis ich komme.“ Billy Byles diente als Lootſe und ertheilte Mr. Wheatley Anweiſungen, wie er fahren ſollte; und ich muß ſagen, eine unangenehmere Fahrt hatte ich in meinem Leben nicht; denn ohne auf dem Wege zu bleiben, ging es über die Felder, Zäune wurden ge⸗ öffnet, um uns durchzulaſſen, und mehr als einmal dachte ich, die ganze Sache würde damit enden, daß wir den Hals brächen. Ich fürchtete auch, daß ge⸗ wiſſe Umwege, die wir zu machen hatten, uns über die Zeit aufhalten würden, und mehr als einmal ſah ich nach meiner Uhr. „Zeit genug, Zeit genug,“ ſagte Billy Byles. „Sie ſehen jenen Wald dort— das iſt Hunters⸗ Wood, und wir dürfen nur durch den ſchmäleren Theil, um zu der Savanna zu gelangen.“ Der Wald war bald erreicht und wir ſtiegen Alle aus, denn der Wagen konnte nicht weiter fahren. „So, gib mir die Piſtolen,“ ſagte Mr. Byles zu Zed;„Du bleibſt hier bei den Pferden; wir wer⸗ den in einer halben Stunde zurück ſein.“ Und auf einem ſehr ſchmalen Pfade voran gehend, brachte er uns zu jenem langen Streifen freien Bo⸗ dens, den ich ſchon früher beſchrieben, und den ich im heiteren Geſpräch mit Beſſy Davenport betreten hatte. Jetzt befanden wir uns beträchtlich weiter oben — 56— und in nicht großer Entfernung von der Straße nach Jeruſalem. Aber er hatte ein viel ſchwermüthigeres Anſehen, als da ich ihn zuerſt ſah. Der erwaͤhnte Nebel ruhte ſchwer auf jener ſchmalen Lichtung, und die Bäume hielten alle Strahlen der Sonne ab, wel⸗ che ſich beim Aufgehen anſtrengte, die grauen Wolken zu zerſtreuen, die den Himmel bedeckten. Alles ſah düſter und unerfreulich aus, und Billy Byles legte die Piſtolenkapſel unter einer Eiche nieder und rieb ſich die Hände, als wenn es Winter geweſen wäre. Ich blickte die lange Lichtung auf und nieder, um zu ſehen, ob mein Gegner bereits da ſei, und Mr. Byles rief in glückwünſchendem Tone: „Zuerſt auf dem Felde, wie Sie ſehen, Sir Richard; aber wir haben noch fünf Minuten übrig. Ich will die Kapſel nicht eher öffnen, denn dieſer un⸗ angenehme Nebel könnte die Waffen feucht machen.“ „Es kommt mir wie eine Fledermausjagd vor,“ ſagte Mr. Wheatley.„Ein Glück, daß Sie Piſtolen wählten; denn ich denke, man würde auf die Ent⸗ fernung eines Büchſenſchuſſes nicht ſehen können.“ Ehe aber die fünf Minuten um waren, erſchien ein Gig nebſt zwei Männern zu Pferde an dem Ende der Savanna, die zu der Landſtraße führte. Sie machten Halt, die Pferde wurden an die Bäume ge⸗ bunden und dann gingen ſie auf die Stelle zu, wo wir ſtanden. Ehe ſie ganz nahe kamen, blieben ſie — 57— wieder ſtehen und es ſchien eine etwas heftige Ver⸗ handlung zwiſchen Mr. Robert Thornton und einem ſeiner Begleiter ſtattzufinden, denn ihre Geberden wa⸗ ren außerordentlich lebhaft. Dann näherten ſie ſich und Mr. Thornton be⸗ grüßte mich, indem er ſeinen Hut berührte, worauf ich mit einer ſchweigenden Verbeugung antwortete. „Nun, Sir Richard,“ ſagte er,„ich meines Theils ſehe nicht ein, warum Sie ſich nicht jetzt ent⸗ ſchuldigen ſollten, wenn Sie dazu geneigt ſind.“ „Ich habe keine Entſchuldigung vorzubringen,“ verſetzte ich,„und überdies denke ich, kamen wir hieher, um zu handeln und nicht um uns zu unter⸗ reden.“ Als ich dies ſagte, wendete ich mich ab und ging einige Schritte auf der Wieſe auf und nieder, indem ich es den Herren, die mich und Mr. Thornton be⸗ gleitet hatten, überließ, ihre Anordnungen zu treffen, wie es gewöhnlich war. Ich glaube, ſie waren Alle ziemlich gut in dem Geſchäfte erfahren, denn die Pi⸗ ſtolen wurden ſehr ſchnell geladen und die Entfernung abgemeſſen. Es war mir nicht leid, denn ich hatte weiter Nichts zu thun, als ein halbes Dutzend ſchwarze Geſichter zu beobachten, die am Ende des Waldes hinter den Bäumen hervorblickten. „Nun, Sir Richard,“ ſagte Mr. Byles, ſeine Piſtole in der Hand auf mich zuſchreitend,„Sie wer⸗ — 58— den die Güte haben, hier zu ſtehen, wo ich meinen Handſchuh niedergeworfen habe. Die Worte ſind: Eins, zwei, drei, Feuer! aber Sie können gleich nach dem Worte drei feuern.“ „Bedenken Sie, daß Sie Ihren Arm dicht an Ihre Seite drücken und alle Winkel einziehen müſſen,“ ſagte Mr. Wheatley. „Ich werde dafür Sorge tragen,“ antwortete ich lächelnd;„ich bin nicht ganz unerfahren in ſol⸗ chen Dingen.“ „Ich glaube es wohl, nach der Art zu ſchließen, wie Sie die Sache aufnehmen,“ verſetzte er. Als er mich in der richtigen Poſition aufgeſtellt hatte, entfernten ſich meine beiden Freunde. Ich konnte ſehen, daß mein Gegner, Mr. Ro⸗ bert Thornton, mit allem Anſcheine der Kühnheit zu ſeinem Platze ging, doch nach ſeinem früheren Be⸗ nehmen war ich geneigt, zu glauben, daß er ein ner⸗ vöſes Zittern zeige; aber jetzt war kein Zeichen der Furchtſamkeit ſichtbar, und nur etwas Prahleriſches in ſeinem Gange und ſeinem Weſen. Als er vor mir ſtand, maß ich ihn bedächtig mit meinen Augen und glaubte, ihn ſicher zu haben. Er hatte eine ſehr eckige Stellung angenommen, was mir leid war, denn ich wollte ihn nicht ſchwer ver⸗ wunden und am wenigſten ihn tödten, obgleich ich gewiß beabſichtigte, ihn ſo zu verwunden, um für jetzt mehr Unheil zu verhindern. Es ſchien eine Unterredung zwiſchen ihm und ſei⸗ nem Secundanten und einem anderen Freunde über irgend etwas vorzugehen, und dann verließen ihn die beiden Herren. Im nächſten Augenblick ſprach Mr. Wheatley das Commando aus. Zaudern, Reue, oder wie man es nennen will, machte, daß ich mit meinem Schuſſe ſo lange zögerte, bis das Wort Feuer ausgeſprochen war. Mein Geg⸗ ner feuerte bei dem Worte drei, aber ſeine Kugel ging weit in's Blaue hinein. Dann erhob ich meine Hand und feuerte, denn ich war völlig gewiß, ihn zu tref⸗ fen. Es war mir auch, als ob ich ihn ein wenig ſchwanken ſähe; aber er fiel nicht und rief laut: „Gebt mir eine andere Piſtole.“ Billy Byles und Mr. Wheatley eilten mit ei⸗ ner neuen Waffe auf mich zu, und während der erſtere ſie mir in die Hände gab, flüſterte der letztere: „Bedenken Sie, was Sie vorhaben. Er wird diesmal beſſer zielen; Sie haben ihn geſtreift und ſein Blut iſt aufgeregt. Verſuchen Sie nicht, ſeiner zu ſchonen, ſonſt werden Sie ſelber getödtet werden.“ Es ging Alles in einem Augenblick vorüber und ſie waren auf ihre Plätze zurückgekehrt, ehe ich noch wußte, was geſchehen war. Ich ſah indeſſen meinen — 60— Gegner bedächtig an, während die Worte ausgeſpro⸗ chen wurden, und ich konnte bemerken, daß er mich auf dieſelbe Weiſe prüfte. Diesmal feuerten wir Beide zugleich bei dem Worte drei, und faſt ehe ich den Knall hörte, empfand ich einen ſcharfen Schlag auf meinen Arm, welcher machte, daß ich mit einer Em⸗ pfindung zurückwich, als wenn ein Stück glühendes Eiſen mein Fleiſch durchbohrt hätte; aber Robert Thornton ſank ſogleich in das hohe Gras und ich ver⸗ lor ihn aus den Augen. Meine beiden Freunde waren ſogleich bei mir. „Sie ſind verwundet, Sie ſind verwundet,“ ſagte Billy Byles mit freundlicher Theilnahme.„Ich ſah Sie ſchwanken. Sie müſſen verwundet ſein.“ „Nur leicht,“ verſetzte ich;„nehmen Sie die Piſtole, und ziehen Sie mir gefälligſt mein Taſchen⸗ tuch aus der Taſche.“ In Indien hatte ich etwas von der Chirurgie ge⸗ lernt, und ich ſah an dem ſtoßweiſen Blutſtrome, der aus meinem Arme floß, daß eine Pulsader ver⸗ letzt ſei. Meine beiden Freunde mußten daher das Taſchentuch zuſammenlegen und es oberhalb der Wunde um meinen Arm binden, wodurch die Blutung bald abnahm, obgleich das Blut noch ein wenig hin⸗ durch ſickerte, doch nicht hinlänglich, um mir zu ſchaden. Dann richtete ich meine Augen auf die Stelle, wo mein Gegner geſtanden. Drei Männer waren jetzt um ihn verſammelt, und einer von ihnen hatte Thorntons Kopf und Schultern auf ſein Knie er⸗ hoben. „Sie haben ſeinem Leben ein Ende gemacht!“ ſagte Billy Byles.„Er ſcheint todt, wie eine Ma⸗ krele.“ „Ich hoffe es nicht,“ verſetzte ich.„Ich beab⸗ ſichtigte es nicht, aber er ſtand ſo ungeſchickt da, daß es unmöglich war, meines Schuſſes gewiß zu ſein. Ich hoffe er iſt nicht getödtet.“ „Pah, Unſinn!“ rief Mr. Wheatley.„Warum anders kam er denn hierher, als um Sie zu tödten oder ſelber getödtet zu werden? Es wäre beſſer zu meinem Wagen zu gehen und ſo ſchnell wie möglich nach Hauſe zu gelangen, denn ich vermuthe, die Ku⸗ gel iſt noch in Ihrem Arme und wir müſſen zum Wundarzt ſchicken.“ „Ich will vorher ſehen, wie es ihm geht,“ ant⸗ wortete ich und ging ruhig zu der Stelle, wo mein Gegner lag. Seine Freunde waren vollkommen höf⸗ lich und gebildet, und die Beiden, welche daſtanden, verbeugten ſich, als ich mich näherte. „Ich fürchte, er iſt hinüber, Sir Richard,“ ſagte Einer von ihnen. „Ich hoffe nicht,“ entgegnete ich mit einer Em⸗ pfindung, die ich nicht beſchreiben kann.„Ich kann — 62— Ihnen die Verſicherung geben, daß ich es nicht beab⸗ ſichtigte; ich ſuchte ihn nur zu verwunden.“ „Das thaten Sie bei Ihrem erſten Schuſſe,“ antwortete der Andere.„Sehen Sie hier— Ihr zweiter Schuß iſt ihm durch die Bruſt gegangen.“ Ich bemerkte jetzt, daß das Blut aus einer Wunde in dem fleiſchigen Theile des Rückens, gerade unterhalb des Schulterblattes und hinter dem rechten Arme, hervorſtrömte. Dies ſchien von keiner großen Wichtigkeit zu ſein, denn es war klar, daß die Kugel nicht in die Bruſt gedrungen war; aber da war noch eine andere Wunde von tödtlicherem Ausſehen, wo die Kugel in die Seite eingedrungen und auf der an⸗ deren Seite wieder herausgekommen war. Daß ſie die Lungen berührt hatte, daran konnte ich nicht zwei⸗ feln, aber obgleich ich nicht viel von der Anatomie verſtehe, fühlte ich doch, daß das Herz unverletzt ge⸗ blieben ſein mußte, ungeachtet der tödtlichen Bläſſe ſeines Geſichts und ſeiner völligen Bewußtloſigkeit, in der er dalag. Ich kniete neben ihm nieder und faßte ſein Handgelenk; der Puls war ſehr matt, ſchlug aber noch frei, und ich ſagte: 8 „Meine Herren, er iſt nicht todt, und wie ich hoffe, wird er bald hergeſtellt werden. Wenn Sie meinen Rath befolgen wollen, ſo verſuchen ſie ſo viel wie möglich das Blut zu ſtillen. Bringen Sie ihn in das nächſte Haus und ſchicken ſogleich zu einem — 63— Wundarzte. Die Erſchütterung des Wagens wird die Blutung vielleicht noch vermehren, aber es iſt eine Anzahl Neger da, die ihn leichter tragen können.“ „Heda, Ihr Jungen!“ rief Billy Byles,„kommt hierher, kommt hierher!“ Und ſogleich kam wenigſtens ein Dutzend ſchwarze Männer und Knaben aus dem Walde zu dem Schau⸗ platze der Handlung herbeigelaufen. „Begeben Sie ſich auch lieber nach Hauſe, mein Herr,“ ſagte der Herr, welcher vorher mit mir ge⸗ ſprochen hatte,„denn ich ſehe, Sie ſind auch ver⸗ wundet und das Blut tröpfelt an Ihren Fingerſpitzen herunter. So viel muß ich ſagen, Sir Richard, ei⸗ nen redlicheren Zweikampf ſah ich nie. Sie haben ſich völlig wie ein Gentleman und wie ein Mann von Ehre benommen und ſich als ein verdammt guter Schütze gezeigt.“ Da ich ſah, daß ich weiter von keinem Nutzen ſein könne, ſo verbeugte und entfernte ich mich von dem Platze. Als wir auf dem Pfade im Walde wei⸗ tergingen, war es die Frage, wohin ich gehen ſolle. Mr. Byles wollte, daß ich mit ihm in ſein Haus gehen ſolle; aber Mr. Wheatley gab den klügeren Rath, ſogleich in Mr. Stringers Haus zurückzu⸗ kehren. „ s iſt eine Meile näher,“ ſagte er,„und über⸗ dies ſind Frauenzimmer genug da, um für ihn zu — 64— ſorgen. Die Männer verſtehen ſich niemals auf der⸗ gleichen, mein Freund; und überdies könnte es ge⸗ wiſſe Perſonen geben, die ihre kleinen Herzen zu Tode plagen würden, um zu erfahren, wie es ihm geht, und die nicht wagen würden, in das Haus eines Junggeſellen zu kommen, um ihn zu be⸗ ſuchen.“ Dieſer letztere Grund war für mich ſehr ein⸗ leuchtend; aber ich behandelte die Wunde ſehr leicht und ſagte: „O! Dies iſt Nichts. Ich werde in wenigen Tagen wieder wohl ſein.“ Dabei empfand ich aber, um die Wahrheit zu ſagen, eine ſehr unangenehme Mattigkeit. Wir erreichten bald den Wagen, den wir an einen Baum gebunden fanden, denn Zed wollte ſich, wie es ſchien, das Vergnügen nicht nehmen laſſen, an der Beluſtigung des Tages Theil zu ha⸗ ben. Im nächſten Augenblick aber kam er uns nach⸗ gehumpelt, band die Pferde los, legte die Piſtolen⸗ kapſel unter den Sitz, und nachdem er eine Mi⸗ nute in einer Ecke geſucht, brachte er eine alte Champagnerflaſche zum Vorſchein, die er mir hinhielt und ſagte: „Hier, Maſter, nehmen Sie einen Tropfen davon— es iſt guter, alter Whiskey!“ Um die Wahrheit zu ſagen, war er nicht ganz unnöthig, denn ich hatte viel Blut verloren. Dann bat ich meine beiden Begleiter, das Taſchentuch noch feſter zu binden, ſtieg in den Wagen und fuhr zum Hauſe des Mr. Stringer. Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. G Viertes Kapitel. Als wir in der Rähe von Beavors kamen, er⸗ innerte ich mich plötzlich, obgleich Mr. Stringer und ſeine Familie ſelber gewöhnlich nicht ſehr früh auf waren, daß Beſſy Davenport ſich gewöhnlich ſchon bald nach Sonnenaufgang im Freien bewege. So ſehr ich mich auch vorgeſehen hatte, war ich mit Blut bedeckt und meine weißen Sommerbeinkleider damit benetzt, auch war kein Mantel oder Oberrock im Wagen, den ich über mich werfen und damit das gräßliche Schauſpiel verbergen konnte. Ich wußte, welches auch ihre Gefühle gegen mich ſein mochten, daß der Anblick ſie beunruhigen und aufregen werde, und indem ich meinen Kopf zu Mr. Byles wendete, fragte ich, ob wir nicht auf einem Umwege ins Haus gelangen könnten, ſo daß ich unbemerkt mein Zimmer — 67— 8 4 erreichen und die blutigen Zeichen von meiner Perſon entfernen könne. „O ja, Maſter,“ antwortete Zed, der anſtatt des Mr. Byles antwortete und ſogleich zu errathen ſchien, was in mir vorging,„Maſter Wheatley darf nur den Weg zur Rechten einſchlagen. Dann gehen wir die kleine Hintertreppe hinauf, welche hinter Miß Beſſy's Zimmer herumführt. Aber ſie wendet ſie nie an, denn ſie geht immer die große Treppe hinunter. Ihr Zimmer iſt gerade auf der entgegengeſetzten Seite und dann können Sie in einer Minute hineinſchlüpfen.“ Zed's Plan erſchien bewundrungswürdig, obgleich er nicht ſo gut ausfiel, wie wir erwarteten. Wir erreichten freilich unbemerkt die Hinterſeite des Hauſes und traten in die Thür, wo ſich die kleine Treppe befand. 5 Es iſt wunderbar, wie oft, wenn wir einen Plan zu einem Zwecke ſo vollkommen angelegt haben, wie die menſchliche Berechnung es nur vermag, ir⸗ gend ein kleiner Umſtand ſich ereignet, der gewöhnlich nur einmal im Jahre geſchieht, und alle unſere wohl⸗ ausgedachten Anordnungen vereitelt. In demſelben Augenblick, als ich, auf Mr. Wheatleys Arm geſtützt, durch die eine Thür in den Vorſaal trat, kam Beſſy Davenport, einen Blu⸗ menſtrauß in der Hand, durch die andere herein, und rief: 5* 2 — 68— „Henry, Henry, gib mir ein Glas Waſſer.“ Im nächſten Augenblick fielen ihre Augen auf mich, und ſie wurde todtenblaß. Bei der Aufregung und dem plötzlichen Schrecken wurde Alles vergeſſen — Zurückhaltung, Heiterkeit, Coquetterie, wenn man will, und die Gegenwart der Fremden. Sie ließ die Blumen ſogleich auf den Boden fallen, ſprang vorwärts und ſchlang ihren Arm theilweiſe um mich, als wollte ſie mich unterſtützen, und rief: „O! Richard, Richard! Sie ſind verletzt! Sie ſind verwundet! Ich wußte es— ich war deſſen ge⸗ wiß. Mein Herz ſagte mir, daß es ſo wäre.“ Die beſte Arznei, die ein Arzt nur je verſchrie⸗ ben, hätte mir nicht halb ſo viel nützen können, wie ihre Worte und ihr Blick. „Ich bin in der That ſehr wenig verwundet, Beſſy,“ antwortete ich.„Ein wenig Blut macht ſchon einen großen Effect, und es kommt Alles aus meinem Arme und ich denke die Wunde wird in we⸗ nigen Tagen geheilt ſein.“ „Nur aus Ihrem Arme— nur aus Ihrem Arme?“ ſagte ſie.„O, Richard, täuſchen Sie mich nicht.“ 4 „Das thue ich in der That nicht,“ antwortete ich;„es iſt nur mein Arm. Fragen Sie Mr. Wheatley.“ — 869— „Sie ſind aber ſehr blaß,“ fuhr ſie fort;„Sie können ſich verbluten. Henry, nimm gleich ein Pferd, galoppire nach Jeruſalem hinüber und ſage Doctor Chriſty, daß er, ohne einen Augenblick zu verlieren, herüberkommt. Sage ihm, Sir Richard Conway ſei ſchwer verwundet. Kommen Sie auf Ihr Zimmer, Richard; ich hoffe, ich kann das Blut ſtillen. Ich verſtehe mich etwas auf die Heilkunſt und wende ſie bei den Dienern an,“ fügte ſie mit mattem Lächeln hinzu.„Kommen Sie hieher, denn alle Diener ſind im Vorſaale.“ Und ſie führte mich über eine kleine Treppe an der Hinterthür ihres Zimmers vorüber, von wo eine andere Thüre in den Hauptgang führte. Ich war bald in meinem eigenen Zimmer und ſaß auf dem Lehnſeſſel, von Mr. Byles, Mr. Wheat⸗ ley, Beſſy und Zed umgeben. Nichts konnte das ſchöne Mädchen überreden zu gehen. Wir mochten thun, was wir wollten, ſie mußte ſelber die Wunde ſehen und ſie nach ihrer eigenen Weiſe behandeln, was ſie, wie ich geſtehen muß, mit großer Geſchick⸗ lichkeit that. Man zog mir den Rock aus, ſtreifte den Aermel herauf, und obgleich ich ſehen konnte, wie ſie ſchauderte, als das Blut hervorſpritzte, als die Binde abgenommen wurde, ſo verlor ſie doch kei⸗ nen Augenblick von ihrer Feſtigkeit. „Nun, binden Sie ſie das Tuch wieder feſt um,“ — 70— rief ſie Mr. Wheatley zu, der die Binde abgenom⸗ men hatte, um meinen Rock auszuziehen.„Zed, laufe in mein Zimmer, und hole zwei oder drei Ta⸗ ſchentücher. Juno wird ſie Dir ſogleich geben.“ „Hier ſind Taſchentücher genug, Miß Beſſy,“ ſagte Zed, ihr einige aus meinem Mantelſack rei⸗ chend; und eins davon nehmend, faltete ſie es mehr⸗ mals zuſammen. Dann legte ſie es auf die Wunde, band noch eins darüber und beobachtete es einige Minuten in tiefem Schweigen, um zu ſehen, ob es die gewünſchte Wirkung haben würde. Nach einiger Zeit ſickerte das Blut durch, aber ſehr langſam, und mit einem Seufzer der Beruhigung ſagte ſie: „So iſt es recht, Richard. Jetzt wird es nicht mehr viel oder lange bluten; aber Sie müſſen ganz ruhig daſitzen, bis der Arzt kommt.“ Ich nahm ihre liebe, kleine Hand in die meine und drückte meine Lippen darauf. Ohne ſich um die Gegenwart der Anderen zu kümmern, ließ ſie ſie in der meinigen und blickte mir gedankenvoll ins Ge⸗ ſicht. trat. „Was iſt geſchehen? Was iſt geſchehen?“ rief er. „Man ſagt mir, Sie ſind verwundet, Sir Richard?“ Sie war noch in derſelben Stellung, als Mr.„ Stringer haſtig in ſeinem Schlafrock ins Zimmer Da waren Perſonen gennug, um die Sache zu erklären und Jeder that es auf ſeine eigene Weiſe, Mr. Wheatley auf ſeine eigenthümliche ſatiriſche Art; Billy Byles trocken und in wenigen Worten, aber Zed mit Erweiterungen und einzelnen Umſtänden, die ich gern unterbrochen hätte, ſowohl meiner ſelbſt, als der ſchönen Zuhörerin wegen. Er ſchien es als ei⸗ nen Ehrenpunkt anzuſehen, daß ſein Herr im Zwei⸗ kampfe nicht am ſchlimmſten davon gekommen, und er fand beſonderes Vergnügen daran, von den beiden Wunden zu ſprechen, die Robert Thornton em⸗ pfangen.. „Ach, ja, Mr. Stringer, er traf ihn jedesmal,“ ſagte Zed,„und würde ihn auf den erſten Schuß von der einen Seite zur anderen durchſchoſſen haben, nur glaube ich, wollte er ihn nicht tödten. Daher bekam er ſeine Wunde; denn hätte er ihm gleich zuerſt die Kugel durch den Kopf geſchoſſen, ſo wäre er über⸗ haupt nicht verwundet worden.“— „So iſt der unglückliche Mann alſo todt?“ frag⸗ te Beſſy in leiſem Tone. „Nein, nein,“ antwortete ich;„er iſt nicht todt, meine liebe Couſine. Ich gebe Ihnen die Verſi⸗ cherung, ich beabſichtigte ihn nicht zu tödten, aber er ſtand ſo, daß es faſt unmöglich war zu verhindern, daß er mich verwunde, ohne der Gefahr ausgeſetzt zu — 72— Beſſy hielt ihre Hände vor ihre Augen und ſaß ſchweigend da, und ich konnte nicht umhin, mich zu erinnern, was ich am vorhergehenden Tage gehört hatte, daß ihr Vater in einem ähnlichen Zweikampfe gefallen ſei. Obgleich die Hoffnung ein ſehr überzeugender Engel iſt, ſo gibt es doch einen gewiſſen kleinen Teufel, verborgen liegend in den tiefen Verſchlingun⸗ gen des. Geiſtes, der ſtets liſtig und leiſe das Gegen⸗ theil von den ſchmeichelnden Verſprechungen der erſte⸗ ren behauptet. Selbſt jetzt flüſterte er: „Beſſy findet eine Aehnlichkeit zwiſchen dem Falle ihres Vaters und dieſes Mannes. Wenn ſie ihn auch mit Widerwillen betrachtet— welches auch ihre Ge⸗ fühle gegen mich ſein mögen— ſo hegt ſie doch ei⸗ nige Sympathie für ihn.“ Mir gefiel der Gedanke durchaus nicht; aber ſie ſaß ruhig neben mir und ſchien nicht im gering⸗ ſten daran zu denken, das Zimmer verlaſſen zu wollen. „Es fällt mir ein,“ ſagte Mr. Stringer nach einigen unwichtigen Fragen,„daß hier viel zu viel ſein, ihm ſein Leben zu nehmen. Ich denke— ja ich bin faſt gewiß, daß er hergeſtellt werden wird.“— — 73— Menſchen um den Verwundeten verſammelt ſind. Sir Richard ſcheint jetzt nicht mehr viel Blut zu verlieren, und Einige von uns können ſich lieber entfernen, bis der Arzt kommt, nach dem man, wie ich höre, ge⸗ ſchickt hat. Beſſy— Miß Davenport— ich denke, ich muß Sie als erſte Krankenwärterin einſetzen; denn Sie wiſſen, Mrs. Stringers Nerven ſind für ſolche Seenen nicht geeignet, und Sie beſitzen vermöge Ih⸗ rer Erziehung mehr Charakterſtärke.“ „Ich bin ſchwach, wie ein Kind,“ ſagte Beſſy in leiſem Tone; aber dann faßte ſie ſich ſogleich und fügte heiterer hinzu:„Nun gut, ich will die Aufgabe übernehmen und mich der Gefahr der Undankbarkeit ausſetzen. Sie dürfen mich nicht für zudringlich hal⸗ ten, Richard, wenn ich zu allen Zeiten hereinkomme, um nach meinem Patienten zu ſehen; denn da Sie mein Vetter ſind, habe ich ein Recht dazu. Ihr Diener wird natürlich bei Ihnen bleiben. Können Sie nicht vielleicht ein Bett oder ein Sopha für ihn hier hinſtellen laſſen, Mr. Stringer? Ich gehe jetzt um ein wenig Hirſchhorn oder Minzjulep oder Rog⸗ genwhiskey oder dergleichen zu nehmen— was wür⸗ den Sie mir anrathen, meine Herren?— Ich habe eben entdeckt, daß ich auch Nerven habe, und ich bin nicht ſo an Seenen des Blutvergießens und des Mordes, wie Sie, gewöhnt.“ Es fiel mir auf, daß ein leichter Anflug von — 14— Bitterkeit in ihren Worten lag; aber ich fand ſpä⸗ ter, daß ich mich geirrt hatte. Starke Gemüthsbe⸗ wegungen, ſelbſt von der zärtlichſten Art, nehmen oft zu harten Worten und ſelbſt zu leichten Scherzen ihre Zuflucht, um ſich nicht nur vor den Augen An⸗ derer, ſondern auch vor denen, die ſie empfinden, zu verbergen. Beſſy, Mr. Byles und Mr. Stringer verlie⸗ ßen das Zimmer, und nur Zed und Mr. Wheatley blieben bei mir. Der Letztere plauderte mit vielem Tact und Beſonnenheit ſo ruhig und heiter mit mir, daß die Zeit mir ſehr kurz erſchien, bis Doctor Chriſty ruhig und faſt geräuſchlos ins Zimmer trat. Er trug keine krachenden Schuhe, womit die Aerzte ge⸗ wöhnlich verſehen ſind. Sein Benehmen war ſehr ruhig und gefaßt, nicht die geringſte Haſt oder zu geſchäftige Aufregung in ſeinem Weſen, obgleich ich an dem Schweiße vor ſeiner Stirn bemerken konnte, daß er ſtark geritten war. Nach einer Unterredung von einigen Minuten über Gegenſtände, die ſich auf meine Lage bezogen, begann er meinen Arm zu un⸗ terſuchen. „Die Kugel iſt noch nicht heraus,“ ſagte er; nentweder iſt Ihre Muskel ſehr feſt, Sir Richard, oder man hat nicht genug Pulver in die Piſtole ge⸗ than. Indeſſen werden wir ſie leicht herausziehen, denn ſie liegt völlig gerade.“ * — 75— Er verurſachte mir indeſſen viel Schmerz, aber nicht länger als einige Secunden, und dann ließ er die Kugel in eine Waſchſchale fallen. Ich glaubte, es ſei jetzt Alles vorüber; aber er mußte die Wunde vorher noch ſondiren, und dann ſagte er kopf⸗ ſchüttelnd: Leider iſt noch etwas mehr zu thun. Wir müſ⸗ ſen nichts Aeußerliches bei der Wunde anwenden, aus Furcht vor ſchlimmen Folgen. Noch einen Augenblick und es wird Alles vorüber ſein. Was es auch ſein mag, ich weiß genau die Lage.“ Dann machte er wieder von der Zange Gebrauch und brachte im nächſten Augenblick einen ſehr kleinen Knochenſplitter heraus. „Dies trifft ſich unglücklich,“ ſagte er;„die Ku⸗ gel hat oben den Knochen berührt, was Ihre Gene⸗ ſung um einige Tage verzögern und nöthig machen wird, daß Sie ſich ruhig verhalten und ſehr vorſich⸗ tig ſind. Sonſt könnte die Wunde ſehr bald heilen.“ „Ich denke die erſten Abſichten ſind immer die beſten, Doctor,“ ſagte Mr. Wheatley,„obgleich man ſagt, daß die zweiten Gedanken beſſer ſind, als die erſten. Indeſſen muß mein Freund ſich ſeinem Schick⸗ ſal unterwerfen, gleich uns Uebrigen; und ich vermu⸗ the, die Wunde hat nichts Gefährliches.“ „Durchaus nichts,“ antwortete der Arzt,„wenn er nur beſonnen handelt. Ich denke, Sir Richard,“ fuhr er fort,„nach dem, was ich von Ihrem Beneh⸗ men auf dem Felde gehört, wird es eine Beruhigung für Sie ſein, daß Ihr Gegner Ausſicht auf Geneſung hat. Er wurde ſogleich in die Stadt gebracht, und ich und mein Gehilfe beſuchten ihn. Die eine war eine bloße Fleiſchwunde; die andere aber eine von je⸗ nen ſeltſamen Wunden, die zuweilen vorkommen, die ganz nahe an mehreren Lebensorganen vorübergehen, ſie aber dennoch unberührt laſſen. Ein Zoll weiter zurück, würde die Kugel durch ſein Herz geſendet ha⸗ ben; ein Zoll höher hinauf, hätte ſie durch die großen Lungengefäße geführt. Aber keines davon iſt berührt worden; und obgleich er eine lange Zeit leiden muß, denke ich doch nach verſchiedenen Anzeichen, daß er geneſen wird. Und nun, wenn ich Ihnen rathen darf, gehen Sie zu Bette; halten Sie ſich ſo ruhig wie möglich und ſtehen Sie nicht eher auf, als bis ich Sie morgen beſucht habe. Ich will Ihnen eine Miytur ſchicken, um Ihnen eine gute Nachtruhe zu ſichern und das Fieber zu dämpfen. Aber es iſt beſ⸗ ſer, wenn Sie Jemand im Zimmer haben, ſonſt möchte, wenn Sie ſich herumwerfen, der Verband locker werden und die Blutung zurückkehren.“ Hierauf verließ er mich; aber ich kann nicht behaupten, daß ich ſeine Inſtructionen buchſtäblich befolgte. Ich erwartete, daß Beſſy wieder zu mir kommen würde, und darum beſchloß ich aufzu⸗ — — 77— bleiben, bis ſie komme. Auch ſah ich mich nicht ge⸗ täuſcht; denn kaum war der Arzt zehn Minuten weg, als ſie an die Thür klopfte und von dem Schreck, den ſie an dem Morgen erhalten hatte, völlig herge⸗ ſtellt erſchien. „Ich bin entſchloſſen, mich nicht darum zu küm⸗ mern, was die Leute in England denken mögen,“ ſagte ſie,„obgleich wir unabhängigen Amerikanerinnen oft ſchmachvoll die engliſchen Meinungen fürchten; aber ich kann mir nicht denken, daß etwas Unrechtes da⸗ bei ſein ſollte, einen kranken Vetter zu verpflegen. — Was meinen Sie dazu, Mr. Wheatley?“ „Es iſt durchaus nichts dabei,“ antwortete Mr. Wheatley.„Es gehörte mit zum alten Ritter⸗ thum. Da hatte jede Dame eine große Menge Vet⸗ tern, und ſie ſorgte für ſie alle, wenn ſie verwundet waren, was, wie ich denke, jeden zweiten Tag ge⸗ ſchah.“ Und er ſtieß ſein kurzes, leiſes Lachen aus. Demnach blieb Beſſy eine halbe Stunde bei mir, und ich glaube, ſie wäre auch da noch nicht gegangen, hätte ihr Mr. Wheatley zu meinem Aerger nicht zu⸗ verſtehen gegeben, daß Doetor Chriſty mir angerathen, mich ſogleich zu Bette zu begeben. Der Reſt des Tages verging langweilig genug. Gegen die Nacht ſtellten ſich Schmerzen und Fieber ein, und obgleich jener Schlaftrunk einen ruhigen und bequemen Schlaf hervorbrachte, erwachte ich doch am Morgen matt und erſchöpft. Aber ich hatte auf die⸗ ſelbe Weiſe an einer früheren Wunde gelitten, und als der Wundarzt zurückkehrte, ſagte er, es gehe ſo gut mit mir, wie ſich erwarten laſſe. Fünftes Kapitel. Es wundert mich nicht, daß die Patriarchen ein ſo hohes, gutes Alter erreichten. Es wundert mich nicht, daß ſie nach Hunderten zählten, wo wir nach Zehnern zählen. Spärlich ausgeſtreut über die Ober⸗ fläche der Erde, lebten ſie mit ihren Heerden, ihren Hirten und Dienern ein frugales und häusliches Le⸗ ben, erbten eine Körperconſtitution, ungeſchwächt durch viele Generationen des Laſters, des Genuſſes und Luxus; bei beſtändiger, aber mäßiger Anſtrengung des Körpers und ſeltener und geringer Aufregung des Geiſtes, lag wenig in dem ganzen Verlaufe ihres Da⸗ ſeins, was den Körper ſchwächen und die Geſund⸗ heit gefährden konnte. Das Schwert wurde ſo ſelten gezogen— nur ſo oft, daß es nicht roſtete, oder die Scheide abnutzte. Wie ganz anders iſt es mit uns! — 30— Die Verfolgung des Reichthums, das Streben nach Vergnügen und Ruhm; die beſtändige Anſtrengung des Geiſtes und Körpers; die Kämpfe einer überlade⸗ nen Bevölkerung, wo Jeder, gleich dem jungen Kukuk, ſeinen Kameraden aus dem Neſte zu werfen bemüht iſt; die ermüdenden Täuſchungen; die Wespenſtiche der kleinen Sorgen; der ewige Gedanke an den Mor⸗ gen— alle dieſe Dinge brechen uns nieder und ver⸗ kürzen unſer Leben. Dennoch, in dieſem unruhigen und läſtigen Da⸗ ſein— unruhig und läſtig ſelbſt für die, welche das Schickſal und das Glück am meiſten begünſtigt haben, kommen Zeiträume der ruhigen und angenehmen Stille oder der öden und ſchweren Unthätigkeit. Dies war mehrere Wochen lang bei mir der Fall. Meine Wunde würde wahrſcheinlich gleich geheilt ſein, wäre die leichte Verletzung des Knochens meines Armes nicht geweſen. Dies brachte eine lange Reihe unan⸗ genehmer, wenn auch nicht gefährlicher Symptome bhervor, wofür es kein anderes Mittel gab, als Ge⸗ duld und völlige Ruhe. Jede Bewegung oder An⸗ ſtrengung wurde natürlich verboten; und ich fand auf meine Koſten, als ich ein oder zweimal die Regel überſchritt, daß heftige Aufregung oder ſelbſt Entzün⸗ dung folgte. Es war nichts dabei zu machen, als mich ruhig dieſer Lebensweiſe zu unterwerfen, die meiner Gewohnheit und meinem Geſchmacke durchaus — nicht entſprach; aber es fanden viele Milderungen dieſes Zuſtandes ſtatt, der unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden troſtlos und langweilig genug geweſen wäre. Ich litt ſehr wenig, ſo lange ich völlig ruhig war. Es wurde mir erlaubt aufzuſtehen und, den Arm in der Binde, in das Geſellſchaftszimmer hinunterzuge⸗ hen; und ſo hatte ich immer die Geſellſchaft, die am angenehmſten für mich war, und ſehr wenig, was mich hätte ärgern oder aufregen können. Zuweilen kam ein kleines Geſchäft, welches die Einförmigkeit unterbrach, zuweilen eine heitere Geſellſchaft von au⸗ ßerhalb. Aber ich hatte Beſſy Davenport immer in meiner Nähe, denn nach einer Verabredung zwiſchen ihr und Mrs. Stringer, hatte ſie eingewilligt, in Beavors zu bleiben und ihrer Freundin Geſellſchaft zu leiſten, während Mr. Stringer nebſt ſeinen Knaben und dem Hauslehrer in das Innere von Virginien gingen, um die natürliche Brücke, Weirs Höhle und die Otterfelſen, zu beſuchen. Vielleicht hatte meine Lage einigen Antheil, ſie zum Dableiben zu beſtimmen; wenigſtens ſagte ſie es, denn Beſſy hatte immer die Gewohnheit, ihrer Handlung die geradeſte und offenſte Auslegung zu geben, wodurch Andere der Macht be⸗ raubt wurden, ihr andere Beweggründe unterzuſchie⸗ ben, als die, welche ſie kühn behauptete. Eines Tages, als Mrs. Stringers ſagte, wie freundlich es von ihr ſei, während der Abweſenheit Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 6 des Mr. Stringer bei ihr zu bleiben, antwortete ſie lachend: „Ich würde immer froh ſein, bei Ihnen zu bleiben, meine liebe Freundin, wenn ich Ihnen ir⸗ gend Beiſtand oder Erleichterung gewähren könnte; aber bei gegenwärtiger Gelegenheit dürfen Sie mir nicht danken, denn die Wahrheit iſt, ich bleibe hier, um meinen Vetter Richard zu verpflegen und zu un⸗ terhalten.“ Und dies that ſie unermüdlich. Ich beabſichtige nicht mich auf die Ereigniſſe des nächſten Monats ausführlich einzulaſſen, wenn man ſie überhaupt Er⸗ eigniſſe nennen darf; aber einige müſſen kurz erwähnt werden. Am Tage nach dem Duell beſuchten mich Mehrere— Mr. Henry Thornton, Billy Byles, der Sheriff der Grafſchaft und Andere. Mr. Thornton kam beſtändig zwei bis dreimal in der Woche und brachte oſt auch Mr. Hubbard mit, wenn einige kleine Geſchäftsſachen zu beſprechen waren. Mr. Wheatley kehrte am Morgen des dritten Tages nach Norfolk zurück, und ich würde gewiß ſeinen Verluſt mehr em⸗ pfunden haben, wäre nicht Beſſy Davenport dagewe⸗ ſen. Von Doctor Chriſty hörte ich jeden Tag von den Fortſchritten Robert Thorntons, und froh war ich in der That, als ich bemerkte, daß die günſtigen Er⸗ wartungen des Arztes ſich wahrſcheinlich beſtätigen würden. Freilich ſchwebte der unglückliche Mann faſt — 83— zehn Tage zwiſchen Leben und Tod; aber von der Zeit an ging ſeine Geneſung mit Sicherheit, wenn auch langſam, vor ſich. Freilich kam er einmal ein wenig wieder zurück durch die Entſcheidung des Ge⸗ richts über Tante Bebs Selaven. Mein Anſpruch wurde beſtätigt; und obgleich man eine Appellation annahm, ſo wurden doch die Selaven in den Händen des Sheriff gelaſſen, bis die Sache endgültig entſchie⸗ den werden konnte. „Es kann kein Zweifel über die Frage ſein,“ ſagte Mr. Hubbard, als er mir die Thatſachen mit⸗ theilte,„und endlich wird man die armen Leute zu Ihrer Verfügung ſtellen. Aber hinſichtlich des Grund⸗ beſitzes,“ fügte er kopfſchüttelnd hinzu,„werden wir mehr Schwierigkeiten haben. Sie verſuchen zu ma⸗ chen, daß man ſie dem Staate verfallen erklärt, und ich fürchte, wir werden nicht im Stande ſein, es zu verhindern. Ich denke dennoch ein Mittel ausfindig zu machen, ihren endlichen Zweck zu vereiteln, die Ländereien ſelber in Beſitz zu bekommen, obgleich wir ſie nicht unbedingt Ihren Händen übergeben wollen.“ „Wie iſt dies, mein lieber Herr?“ fragte ich. „Ol eine kleine juriſtiſche Täuſchung,“ antwor⸗ tete er,„eine kleine juriſtiſche Täuſchung; aber mein Plan muß erſt zur Reife gelangen, dann will ich Ihnen das Ganze mittheilen.“ 6* — 84— Ich war wohl zufrieden, die Frage unentſchieden zu laſſen; denn, um die Wahrheit zu ſagen, lag mir nicht viel daran, wie ſie entſchieden wurde. Da ich vollkommen ſo viel hatte, als ich bedurfte und ein. Ueberſchuß nur die Koſten vermehrt hätte, ſo war ich nicht begierig nach einer Vermehrung des Vermögens, obgleich ich geſtehen will, daß ich nicht wenig geneigt war, die Zwecke dieſer Habichte zu vereiteln, die auf das Erbtheil Anderer Jagd machten und welche ſich in den ſüdlichen Staaten dieſer Union umhertreiben. Es iſt außerordentlich, wie zahlreich, wie gefräßig und geſchickt ſie ſind. Mit Ausnahme dieſer Beſuche, welche der Höf⸗ lichkeit oder der Geſchäfte wegen geſchahen, erlebten wir wenig Ereigniſſe, welche die ruhige Stille von Beavors unterbrachen, beſonders nach der Abreiſe des Mr. Stringer und ſeiner Söhne. Ein Tag war völlig wie der andere, außer daß eine kleine Verän⸗ derung vorging, als mein Geſundheitszuſtand ſich verbeſſerte. Nach einiger Zeit wurde mir von dem Arzte geſtattet, einen kleinen Spaziergang in der küh⸗ len Morgenſtunde und einen zweiten am Abend zu machen, mit der ſtrengen Ermahnung, es nicht bis zur Ermüdung zu treiben. Ich hatte genau unterſcheiden gelernt, wenn Beſſy Davenports Thür zu dem großen Gange aufging. Ihr Mädchen ging immer durch die Hinterthür aus und ein; aber ſie hatte ſelten den Schleier über den Kopf geworfen oder ihren Sonnenſchirm von dem Sitze in der Halle genommen, als ich auch ſchon an ihrer Seite war, und dann machten wir einen kurzen, tränmeriſchen Spaziergang in dem ſchattigen Theile der Pflanzung, was mir einige der angenehmſten Augenblicke gewährte, die ich je im Leben gekannt habe. Vielleicht wird es ſeltſam erſcheinen, daß wir Beide, die wir zu Anfang unſerer Bekanntſchaft ſo viel von Liebe und Ehe, ſowie von den Irrthü⸗ mern, die man in beiden zu begehen pflegt, geſprochen, jetzt ſelten dergleichen Gegenſtände berührten. Nichts war geſagt oder gethan worden, um uns durch ir⸗ gend ein Band an einander zu feſſeln, und ich bin gewiß, es herrſchte eine gewiſſe Ruhe in unſeren Geiſtern, welche ſchien, als wäre Alles ausgeſprochen und verſtanden worden. Wir gingen neben einander weiter. Wir unter⸗ hielten uns über verſchiedene Gegenſtände, einige fremd und neu, wenigſtens für Beſſy— von Europa und ſeinen Denkmälern— von Gewohnheiten, Seenen, Genüſſen, Alle verſchieden von denen des Landes, in welchem wir uns befanden— ja, von einer noch älteren Welt in dem fernen Oſten, der Wiege des menſchlichen Geſchlechts, wo Gott, um ein Verbin⸗ dungsglied mit der Vergangenheit und der Gegenwart — 86— zu erhalten, dem Geiſte des Menſchen eine beharrliche Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten eingepflanzt hat, die uns bis auf den gegenwartigen Tag lebende Bil⸗ der von jenen frühen Zeiten vor Augen ſtellt, wo ſein Wort zuerſt einer auserwählten Nation, von allen anderen Völkern getrennt, geoffenbart wurde, um unter Kämpfen und Streitigkeiten, unter Irrthü⸗ mern und Thorheiten die Kenntniß des einen wahren Gottes aufrecht zu halten. Dann erzählte ſie mir ſeltſame Geſchichten von den Urbewohnern dieſes mächtigen Feſtlandes, von den Indianern, die noch in den Jahren ihrer Kind⸗ heit in Virginien zahlreich geweſen, und wir ſchlugen einen Nebenweg des Gedankens ein, der uns weit hinwegführte zur Verhandlung der Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft, über den Zuſtand der Geſellſchaft und was gut und was ſchlecht ſei in der gegenwärtigen künſt⸗ lichen Lage des Menſchen. Es ſchien eine große Veränderung mit ihr vor⸗ gegangen zu ſein, ich wußte nicht, wie oder warum. Ihre Anſichten ſchienen gemildert— vielleicht könnte ich ſagen, geſchwächt. Auf jeden Fall wurden ſie mit geringerer Beſtimmtheit ausgeſprochen. Ein mehr ruhiger und weniger bitterer Geiſt ſchien ſie zu bele⸗ ben, und oft lachte ſie heiter über ihre früheren, rau⸗ heren Anſichten über einige Gegenſtände und ſagte: „Mein lieber Richard, ich habe mein ganzes Lebenlang zu meiner Vertheidigung gehandelt, und bin genöthigt geweſen, dem Feinde eine kühne Stirn zu zeigen; beſonders,“ fügte ſie mit ruhigem Lächeln hinzu,„wenn ich Verrätherei in der Garniſon fürch⸗ tete.“ Dann gingen wir wieder nach Hauſe und nah⸗ men unſer Frühſtück oft ohne die Geſellſchaft der Mrs. Stringer ein, die bei delicater Geſundheit war; und wenn Werther ſich in Lotte verliebte, als ſie ihren kleinen Geſchwiſtern Butterbrod ſchnitt, ſo konnte ich gewiß meine Liebe erhöht fühlen, wenn ich dieſe ſchönen Hände für meine Bedürfniſſe ſorgen und mir die Speiſen zerſchneiden ſah, die ich noch nicht ſelber ſchneiden konnte. Sie vertraute Niemand an dies zu thun, und gewiß machte ſie ihre Sache beſſer, als irgend ſonſt Jemand. O! dieſe kleinen Zeichen der Freundlichkeit und Zärtlichkeit! Wie ſenken ſie ſich ins Herz und wie beſonders weiblich ſind ſie! Nach dem Frühſtück las ſie mir oft eine Stunde oder länger vor, und dann ſaßen wir neben einander in dem ſchattigen Theile des Hauſes— denn jetzt war die volle Hitze des Sommers eingetreten— wir ſprachen ſehr wenig, fühlten aber Beide ſehr tief. Unſer Abendſpaziergang war kürzer, als der am Morgen, denn Jeder ſchien ein Entſetzen vor dem Thau beim Sonnenuntergange zu haben; aber die ſpäteren Stunden bis zum Zubettegehen vergingen .— 8s— ſehr angenehm, denn Beſſy zierte ſich jetzt nicht beim Singen, und die Anzahl ihrer Lieder ſchien uner⸗ ſchöpflich. Doch einige Lieder, wenn auch vielleicht nicht von ſo künſtlicher Melodie, gefielen mir beſſer, als die anderen, und ſie mußte ſie mir beſtändig wie⸗ derholen. Viklleicht ſchien in ihnen eine gewiſſe Be⸗ ziehung zwiſchen ihnen und unſerem gegenſeitigen Schickſale zu liegen. So verging die Zeit und Tag für Tag verbeſ⸗ ſerte ſich mein Geſundheitszuſtand. Die Wunde an meinem Arme begann zu heilen. Ich erlangte Kräfte wieder und dachte eines Tages daran, mein Pferd zu beſteigen und, um mich zu bewegen, einen Spazier⸗ ritt zu machen.— Um dieſe Zeit kamen Mr. Hubbard und Mr. Henry Thornton herein, um mich zu beſuchen. Ich ſaß mit Beſſy im Geſellſchaftszimmer; aber obgleich die beiden Herren da waren, ſchien ſie doch ihre Ge⸗ genwart für kein Hinderniß zu halten. „Mein Plan iſt jetzt ſo ziemlich gereift, Sir Richard,“ ſagte Mr. Hubbard;„und da ich denke, daß es ebenſo gut ſein wird, ſogleich unſere Maßre⸗ geln zu nehmen, ſo will ich ſie Ihnen erklären. Kein Fremder kann in Virginien einen Grundbeſitz haben, und das Vermögen einer Perſon, die hier ohne Er⸗ ben ſtirbt, verfällt dem Staate. Die Legislatur kann dann die Beſitzung verleihen, wem ſie will; aber dies wird immer durch einen ungewiſſen beſtimm⸗ ten Sinn für Gerechtigkeit geleitet; und die, welche perſönliche Freunde oder Verwandte des Verſtorbenen geweſen ſind, können gewöhnlich die Gewährung er⸗ halten, wenn ſie ſich auf gehörige Weiſe darum be⸗ mühen und gute Gründe angeben. Sie ſind ein Fremder, und ich denke nicht, daß der Zweck, das Vermögen der lieben alten Tante Beb zu erhalten, Sie bewegen würde, amerikaniſcher Bürger zu werden, ſelbſt wenn es durch Ihre Erklärung einer ſolchen Abſicht gerettet werden könnte, was noch zweifelhaft iſt. Aber wir glauben, wenn Sie die Beſitzung ei⸗ ner Perſon übertragen wollten, die in ebenſo nahem Verwandtſchaftsgrade zu der urſprünglichen amerikani⸗ ſchen Beſitzerin ſteht, wie Sie ſelber— ja noch mehr — denn Ihr Anſpruch gründet ſich ganz beſonders auf das Teſtament Ihrer Tante— ſo würde das ohne Zweifel die Legislatur beſtimmen, ſich gegen die Intriguen des Mr. Robert Thornton und ſeines Va⸗ ters zu erklären.“. „Ueberdies,“ bemerkte Mr. Henry Thornton kurz,„haben wir viel mehr Einfluß bei der Legisla⸗ tur, als er, und das iſt die Hauptſache in Virginien und überall, mein guter Hubbard.“ „Vielleicht iſt es ſo,“ ſagte Mr. Hubbard ruhig. „Aber laſſen Sie mich Sir Richard die Sache um⸗ ſtändlich erklären. Wir wollen nicht, daß Sie die — 90— Beſitzung verlieren ſollen; aber es kann ein ehren⸗ voller Vertrag mit der Perſon abgeſchloſſen werden, welcher Sie die Beſitzung verſchreiben, daß ſie die⸗ ſelbe nur als anvertrautes Gut von Ihnen erhält. Verſtehen Sie mich?“ .„Vollkommen,“ entgegnete ich.„Die Verſchrei⸗ bung iſt alſo in Wirklichkeit ungültig, und nur in ſo weit gültig, als ſie den Operationen der Legis⸗ latur eine beſtimmte Richtung gibt.“ Mr. Hubbard nickte mit dem Kopfe.„Aber bitte,“ fuhr ich fort, denn ich war bereits zu meinen eigenen Schlüſſen ge⸗ kommen,„haben Sie die Perſon beſtimmt, an welche ich die Beſitzung abtreten ſollte?“ „Wir wiſſen keine andere, welche alle Bedingun⸗ gungen erfüllt,“ antwortete Mr. Hubbard,„als Miß Davenport, Sie iſt die Nichte des Oberſten Thorn⸗ ton und der Tante Beb, obgleich von der Letzteren um einen Grad weiter entfernt, ſo daß ſie darum nicht erben würde, ſo gibt es doch darum einen guten Anſpruch. So ſteht ſie in jedem Sinne näher, als Robert Thornton, und wir denken, daß Ihre Ueber⸗ tragung jedes Hinderniß aus dem Wege räumen wird.“ „Ueberdies iſt ſie ein Mädchen,“ bemerkte Mr. Thornton,„ und unſere virginiſche Legislatur iſt ſehr für die Mädchen.“ Beſſy's Geſicht hatte ſeit mehreren Minuten leb⸗ haft geglüht, und ich ſah ſie nie lieblicher. 91.— „Ich verſtehe dies nicht,“ ſagte ſie, mit ſtarkem Nachdruck.„Richard, ich will Ihnen Ihr Vermögen nicht nehmen. Obgleich es die Heimath meiner Ju⸗ gend iſt und ich die Beſitzung gern kaufen würde, wenn ſie zu verkaufen wäre, ſo gehört ſie Ihnen und ich will ſie nicht haben.“ „Sein Sie ruhig, meine Liebe,“ fiel Mr. Hub⸗ bard mit freundlichem Lächeln ein.„Wir wollen nur, daß er Ihnen die Beſitzung geben ſoll, um ſie für ihn zu ſichern. Sie können ſie ihm auf verſchiedene Weiſe zurückgeben und noch manche koſtbare Dinge dazu— wenn Sie wollen.“ „Nun gut,“ entgegnete Beſſy lachend und ſich niederſetzend,„wenn das der Fall iſt, machen Sie es, wie Sie wollen. Ich wollte nicht, daß jener Robert Thornton Beavors beſitzen ſollte, und müßte ich Alles darum geben, was ich ſelber beſitze.“. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß ich ſogleich einwilligte; und da man es für rathſam hielt ſogleich die Verſchreibung auszufertigen, ehe von der anderen Seite thätige Schritte gethan wurden, ſo verſprach mir Mr. Hubbard das Document am nächſten Tage zu bringen. Es iſt ſeltſam, wie ſich unähnliche Dinge mit einander vereinigen. Dieſe einfache Geſchäftsſache ſchien mir eine Gelegenheit zu gewähren, das zu Beſſy Davenport zu ſagen, wozu ſich mein Geiſt be⸗ — 92— reits ſeit einiger Zeit entſchloſſen hatte. Ich zweifelte wenig, welches ihre Antwort ſein würde. Ich war gewiß, daß ſie in ihrem Herzen keine Coquette ſei; und Worte, Blicke und Handlungen hatten mir geſagt, daß ſie mir angehöre. Als die beiden Herren fort waren, ſetzte ich mich zu ihr, legte meinen Arm über die Stuhllehne und umſchlang faſt ihre Taille, aber ſie wich nicht davor zurück. „Laſſen Sie uns dieſe Sache beſprechen, Beſſy,“ ſagte ich ruhig;„denn zwei oder drei Punkte haben unſere Freunde nicht berückſichtigt; und wie ſollten ſie es auch; denn ſie wiſſen nichts davon— 4 Abper gerade in dieſem Augenblick trat Mrs. Stringer ins Zimmer. Ich hörte nie in meinem Le⸗ ben, daß es anders geſchah und die faſt anggeſpro⸗ chenen Worte erſtarben auf meinen Lippen., Sechstes Kapitel. Zufall, Umſtände, Schickſal, Glück, oder wie man es auch immer nennen mag, was das Leben des Menſchen beherrſcht und ihn auf der Eiſenbahn des Daſeins erhält oder ihn davon herunterwirft, iſt gewiß, allem Anſcheine nach, die grillenhafteſte und un⸗ erklärlichſte Macht, welcher die menſchliche Natur je unterworfen war. Ich entſchloß mich, da ich um dieſe günſtige Gelegenheit gekommen war, am folgenden Tage mit Beſſy zu einer vollſtändigen Erklärung zu kommen. Ich war ſehr vertrauensvoll, daß ich leicht einen glücklichen Augenblick finden werde, wo wir allein wären, um dieſe Erklärung zu machen; denn von al⸗ len entſetzlichen und widerwärtigen Dingen, welchen ſich der Menſch zuweilen unterzieht, ſind die förmli⸗ .— 94— chen Liebeserklärungen und Heirathsanträge, meiner Anſicht nach, die abſcheulichſten. Ich wurde indeſſen durch mehrere höchſt unbe⸗ deutende kleine Vorfälle in meinen Erwartungen ge⸗ täuſcht. Am Morgen vor dem Frühſtücke regnete es; Beſſy und das Hausmädchen waren Beide ſpät auf⸗ geſtanden und das Mulattenmädchen kehrte und ſtäubte die Teppiche und Tiſche, ſo wie die Porzellangeſchirre ab, öffnete und ſchloß die Fenſter und rieb die Thür⸗ drücker ab, bis die Frühſtückszeit herankam; und dann erſchien Mrs. Stringer, als eine große Seltenheit, einmal ſelber unten, um die Speiſen und Getränke mit eigenen Händen an ihre Gäſte zu vertheilen. Ehe das Frühſtück zu Ende war, erſchien Billy Byles, wünſchte mir zu meiner Geneſung Gliück, die man als vollſtändig betrachten konnte, und ſagte uns, Mr. Hubbard und Mr. Thornton nebſt Luey und vielleicht noch eines von den Mädchen würden in ei⸗ ner halben Stunde mit einer Menge Neuigkeiten und einigen geſchäftsmäßigen Papieren herüberkommen. Wir erriethen leicht ſeinen Zweck, weshalb er ihnen voran⸗ gegangen. Beſſy lachte ein wenig über ihn und ſagte Mrs. Stringer, es wäre beſſer, wenn ſie ſich auf eine große Geſellſchaft zur Mittagstafel einrichte, denn nach dem Benehmen des Mr. Byles ſei es klar, daß ihre Freunde den ganzen Tag dableiben würden und er mit ihnen. — 95— So war es auch, und während die Uebertra⸗ gungsacte vorgeleſen und unterzeichnet wurde, und man ein Dutzend andere Dinge von geringerer Wich⸗ tigkeit beſorgte, hatte ich keinen Augenblick Zeit, während des ganzen Tages ein Wort mit Beſſy zu ſprechen. Sie wußte nicht, daß ich ſo ungeduldig war, und voll Leben, Heiterkeit und guter Laune gab ſie ſich jeder Art der Unterhaltung hin. Endlich gegen Abend entfernten ſich unſere Freunde, aber Beſſy und ich blieben noch nicht allein, und ich wußte, daß mein Zweck für den Tag hoffnungslos ſei, da Beſſy ſich ſogleich mit Mrs. Stringer entfer⸗ nen würde.. Am nächſten Tage ſollten Mr. Stringer und ſeine Söhne zurückkehren, und ich ſah keinen anderen Ausweg, als ſelber eine Gelegenheit zu machen, wenn ich keine finden konnte. Eben hatten wir unſern Kaffee getrunken, und ich bat Beſſy, zu ſingen, als Henry mit einem Packete in der Hand hereinkam, wel⸗ ches er der Miß Davenport gab und ſagte: „Mr. Robert Thornton ſendet Ihnen ſein Com⸗ pliment, Miß Beſſy, und läßt ſagen, er habe eine Anzahl alter Briefe und Papiere von Wichtigkeit ge⸗ funden, die Ihnen gehören, und darum habe er ſie Ihnen zugeſchickt.“ 8 „Sie können nicht ſehr wichtig ſein,“ ſagte — 96— Beſſy,„ſonſt würde er ſie mir nicht geſchickt haben. Laßt uns ſehen, was es iſt.“ Und ſich an den Tiſch ſetzend, öffnete ſie das Packet. Es ſchienen lauter Briefe darin zu ſein, gelb vom Alter und ein wenig fleckig von Feuchtigkeit. Sie waren Allle zierlich zuſammengefaltet und der Inhalt in der Kürze darauf geſchrieben. Die erſten zwei oder drei legte Beſſy nachläſſig auf die Seite, nachdem ſie angeſehen, was auf der Rückſeite ſtand; dann aber kam ſie zu einem, der ſie mehr zu in⸗ tereſſiren ſchien, und ihn öffnend, las ſie ihn mit angeſtrengten Blicken durch. Der folgende hatte noch mehr Wirkung, denn ich konnte ſehen, wie ſie zuſam⸗ menfuhr, als ſie den Inhalt las und ihre Hände zit⸗ terten heftig, als ſie das Papier öffnete. Sie hatte noch nicht mehr als zehn Zeilen geleſen, als ſie plötz⸗ lich alle Papiere zuſammennahm, aufſprang und aus dem Zimmer lief. 1 Sie war offenbar tief ergriffen, wie oder warum, konnte ich natürlich nicht ſagen; aber meine Ungewiß⸗ heit war bald vorüber, denn Mrs. Stringer, die in ihrer Nähe geſeſſen und die allen Frauen natürliche Neugierde beſaß, hatte von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Papiere geworfen, welche vor Miß Daven⸗ port lagen. „Jener verhaßte Mann, dieſer Robert Thorn⸗ ton,“ ſagte ſie,„wird nie eine Gelegenheit verlieren, Schmerz zu verurſachen! Man denke nur, daß er der armen Beſſy dieſe Briefe ſchickt!“ „Ich ſehe, ſie haben ſie aufgeregt und beküm⸗ mert,“ verſetzte ich;„aber ich weiß nicht, auf welche Weiſe.“ „O, ich warf von Zeit zu Zeit einen kleinen Blick darauf,“ ſagte Mrs. Stringer lachend;„und ich konnte ſehen, was darauf geſchrieben ſtand, es war in einer geläufigen, guten Handſchrift geſchrieben. Der letzte Brief war überſchrieben:„„Angabe über den Tod des General Davenport.““ Das war ihr Vater, wie Sie wiſſen, welcher in einem Duell ge⸗ tödtet wurde, als ſie noch ein Kind war.“ Dieſe Erklärung genügte mir. Wir ſahen dies als eine kleinliche Rache von Seiten Robert Thorn⸗ tons an; aber weder ich, noch Mrs. Stringer oder auch Robert Thornton ſelber wußte, wie ſchmerzlich und ſchrecklich der Einfluß war, den dieſe gefühlloſe Handlung auf mein und Beſſy Davenports Schickſal hervorbringen ſollte. Vielleicht errieth er es zum Theil, aber er konnte das Ganze nicht wiſſen. Etwas mehr als eine Stunde verging, ehe Beſſy zurückkehrte. Ihr Geſicht war ſehr blaß und ſie hatte offenbar ge⸗ weint; aber ihr Benehmen war anfangs ruhig, denn ſie ſetzte ſich nieder und nahm eine weibliche Arbeit zur Hand, womit ſie ſich zerſtreut beſchäftigte. Das arme Mädchen hatte Niemand, den ſie befragen oder Freiheit u. Selaverei. 2. Bd. 7 — — 98— dem ſie vertrauen konnte. Mrs. Stringer war nicht die Perſon, der ſie die innerſten Geheimniſſe ihres Herzens anvertrauen konnte. Wie unſchätzbar iſt ein weiſer Freund zu jenen Zeiten, wo die Gedanken und Gefühle der Leiden⸗ ſchaften, welche ruhig und ſchweigend in dem menſch⸗ lichen Herzen wirken, frei werden von jenem Drucke, der die herrſchende Macht auf ihrem Throne erſchüt⸗ tert! Aber Beſſy hatte keinen ſolchen Freund; oder wenigſtens nur einen, den ſie mit Sicherheit hätte befragen können, der aber, mochte er nun weiſe ſein oder nicht, durch Regungen, wovon ich damals noch Nichts wußte, von ihrer Berathung ausgeſchloſ⸗ ſen war. Ich verſuchte, ſie zu erheitern, ſo viel ich konnte; ich bemühte mich, ihren Geiſt von ſchmerzlichen Ge⸗ genſtänden abzulenken; aber die Unterhaltung war offenbar eine Anſtrengung für ſie; endlich ſtand ſie auf und ſagte zu Mrs. Stringer: „Ich fühle mich nicht wohl, meine liebe Ma⸗ dame. Ich denke, ich will zu Bette gehen.“ „Ich will mit Ihnen hinaufgehen, meine Liebe,“ ſagte Mrs. Stringer,„wenn Sir Richard mich ent⸗ ſchuldigen will. Das Bett iſt der beſte Ort für Kopf⸗ und Herzſchmerzen.“ Beſſy näherte ſich der Thüre; anfangs wendete ſie ihre Augen von mir, als wollte ſie mir keine gute — — 99— Nacht wünſchen; aber im nächſten Augenblick ſtand ſie plötzlich ſtill, kehrte zurück, reichte mir die Hand und ſagte: „Gute Nacht, Richard, gute Nacht!“ Ihre Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie ſprach, und dann lief ſie haſtig aus dem Zimmer. Eine unbeſtimmte und verwirrte Furcht, ich weiß nicht vor was, bemächtigte ſich meines Geiſtes; ihr Benehmen ſchien mir ſeltſam— ſeltſamer, als die Erklärung der Mrs. Stringer es rechtfertigte. Daß ſie empfindlich, voll mächtiger Gefühle und wenn be⸗ wegt, tief bewegt wurde, davon hielt ich mich über⸗ zeugt; und ich konnte mir leicht denken, wenn ſie den Bericht über den gewaltſamen Tod ihres Vaters geleſen, wenn derſelbe auch vor vielen Jahren geſche⸗ hen war und ſie keine perſönliche Erinnerung an ihn hatte, daß er ſie tief ergreifen mußte. Aber mir ſchien noch mehr vorhanden zu ſein. Ich begab mich bald auf mein Zimmer, und als ich dort hinging, hörte ich Mrs. Stringers Stimme in dem gegenüberliegenden Zimmer in der Unterredung mit Beſſy. Der Schlaf beſuchte mich nicht ſo bald, dennoch war ich bei Tagesanbruch wach, kleidete mich an und ging die Treppe hinunter, ehe noch ſonſt Jemand im Hauſe auf war. Es war ſchönes, klares Wetter und ich zweifelte nicht, denn die Gewohnheit iſt ſehr mächtig, daß N* 1 — 41900— Beſſy auch ihren gewöhnlichen Morgenſpaziergang machen werde. Die große Thüre des Hauſes war wie gewöhnlich nicht verſchloſſen, denn in Virginien dachten nur wenige daran eine Thüre zu verſchließen, und auf die Veranda hinausgehend, ſetzte ich mich nieder, um ſie zu erwarten, die mir, wie ich jetzt mehr als je fühlte, unausſprechlich theuer war. Ich ſah die Neger zu ihrer Arbeit hinausgehen, das Rindvieh zum Fluſſe treiben, die langen Schatten der Bäume kürzer werden und den ſchimmernden Thau auf dem Graſe verſchwinden. Aber Beſſy kam nicht und ich fürchtete wirklich, daß der Schlag ihrer Ge⸗ ſundheit geſchadet habe. Ich wartete, bis ich zum Frühſtück gerufen wurde, und dann fand ich Mrs. Stringer allein. Ich fühlte mich getäuſcht und auf⸗ geregt; aber meine Gefühle verbergend, ſo viel ich es vermochte, fragte ich, ob ſie Miß Davenport geſehen habe und wie ſie ſich befinde. „Sie wird noch nicht herunterkommen,“ ant⸗ wortete Mrs. Stringer.„Jener entſetzliche Mann hat ihre Nerven ſchrecklich erſchüttert. Er hat ihr ei⸗ nen langen und umſtändlichen Bericht von dem Tode ihres Vaters geſchickt, wie ſie ſagt, den der Herr, der ſein Secundant geweſen, an ihre Tante Barbara geſchickt. Er hat ihren Geiſt mit ſchrecklichen Gedan⸗ ken erfüllt und ſie hat die ganze Nacht nicht ſchlafen können. Ich denke, Sir Richard, daß Sie ſo kürz⸗ lich in einem Duelle verwundet worden, hat dem Briefe noch größeren Eindruck verliehen,“ fügte ſie lächelnd hinzu. Ich konnte nicht wieder lächeln, und der Mor⸗ gen verging ſehr langweilig, bis bald nach Mittag Mr. Stringer und ſeine Söhne zurückkehrten. Sie hatten viel von den Wundern zu erzählen, die ſie geſehen hatten, ſo wie von der Beluſtigung ihrer Reiſe, und mein würdiger Wirth wünſchte mir herz⸗ lich Glück zu meiner Geneſung. Im Verlaufe des Nachmittags, als die ganze Familie zugegen war, kam Beſſy Davenport blaß und leidend herein. Je⸗ des nicht ſehr aufmerkſame Auge konnte in ihrem Benehmen gegen mich keinen Unterſchied bemerken; aber für mein Auge war ein ſehr großer Unterſchied vorhanden. Sie drückte mir freundlich und mit Wärme die Hand; aber dieſes kleine Zeichen der Zu⸗ neigung war von einem tiefen Seußzer begleitet, und ſie ſchnappte faſt nach Luft. Während des Abends begegneten ihre Augen nie den meinigen; wenn ich ſie anredete, antwortete ſie ohne dieſelben zu erheben und ich wurde außerordentlich unruhig. Welches konnte die Urſache einer ſolchen Verän⸗ derung ſein? Ich hatte Nichts gethan oder geſagt, was ſie im Geringſten übel nehmen konnte. Sollte jener elende Mann in den Papieren, die er geſchickt, etwas geſchrieben haben, was ihren Geiſt gegen mich vergiftet hatte? Ich konnte es nicht glauben; und doch wünſchte ich in der Thorheit der aufgeregten Lei⸗ denſchaft faſt, ich hätte ihn auf der Stelle niederge⸗ ſchoſſen, als er vor mir ſtand, anſtatt ſein elendes Leben zu verſchonen, um das meinige unglücklich zu machen. Ich beſchloß indeß, mir eine deutliche und vollſtändige Erklärung zu verſchaffen. Aufrichtigkeit und Offenheit ſind nirgends ſo nothwendig, wie in der Liebe. Einige Augenblicke, nachdem Beſſy ſich für die Nacht entfernt hatte, ging ich auch auf mein Zimmer und ſagte einem von den Dienern, die ich im Vor⸗ ſaale traf, Zed zu mir zu ſchicken. Dann ſetzte ich mich nieder und ſchrieb an Beſſy: Es kann Ihnen nicht unbekannt ſein, theuerſte Beſſy, welches meine Gefühle für Sie ſind, und ich habe mir vielleicht auf eitle und thörichte Weiſe ge⸗ ſchmeichelt, daß ſie erwiedert würden. Seit dem letz⸗ ten Abend ſind große Veränderungen mit mir vorge⸗ gangen. Ihre Traurigkeit hat mich unendlich beküm⸗ mert, und ich möchte gern den Kummer theilen, aber Ihr Benehmen gegen mich hat mich aufgeregt und beunruhigt. Vergebens habe ich heute eine Gelegen⸗ heit geſucht, mit Ihnen zu ſprechen. Verweigern Sie mir dieſelbe morgen nicht. Bei den vielen Erinnerungen, die wir ſeit den — 103— letzten zwei Monaten gemeinſchaftlich haben, beſchwöre ich Sie, verweigern Sie mir dieſe Gunſt nicht und laſſen Sie mich nicht in dieſer Ungewißheit, die ſo ſchrecklich für mich iſt. „So, trage dies zu Miß Davenports Thüre,“ ſagte ich, indem ich Zed den Brief gab;„klopfe an und warte auf eine Antwort.“ Natürlich erſchien mir ſeine Abweſenheit ſehr lang; aber endlich kehrte er zurück und überbrachte mir einige Worte, die mit Bleiſtift auf einen kleinen Papierſtreifen geſchrieben waren. Sie lauteten folgen⸗ dermaßen. Theuerſter Richard! Sie ſollen haben, was Sie wünſchen. Ich will morgen eine Gelegenheit finden; aber verſuchen Sie es nicht. Es thut mir leid, Ihnen Unruhe verur⸗ ſacht zu haben und es wird mir immer ſehr leid ſein, es zu thun. Dann kamen einige Worte, die ſorgfältig mit dem Bleiſtifte wieder ausgeſtrichen waren. Es ſchien dageſtanden zu haben: Aber ich muß es thun! und dann fuhr ſie fort: Es wird wahrſcheinlich gegen Abend ſein, wo Mes. Stringer die Knaben nicht ausgehen laſſen will. — 104— Am Morgen werde ich nicht hinuntergehen, denn ich fühle mich krank und elend. . Ihre zärtliche Couſine Beſſy Davenport. Beſſy's kurzer Brief enthielt zugleich Veranlaſſung zum Kummer und zur Beruhigung. Die erſten lieb⸗ lichen Worte:„Theuerſter Richard,“ gaben mir ſo⸗ gleich die volle Hoffnung und das volle Glück wieder. Meine Liebe war nicht unerwiedert; ſie hatte mir ihre Neigung nicht entzogen. Ich war ihr noch theuer, ja der Theuerſte; und Beſſy war zu aufrichtig, um Etwas zu ſchreiben, was ſie nicht ſo meinte. Aber was ſollte ich aus jenen geheimnißvollen Worten ſchließen? Wenn ich ſie richtig las, ſo hatten ſie ge⸗ heißen: Aber ich muß es thun! Was thun? Mir Schmerz verurſachen? Welcher irdiſche Zwang konnte ſie dazu nöthigen? Sie war frei, ihre Hand ſtand zu Niemandes Verfügung. Niemand konnte ihr vor⸗ ſchreiben; Niemand konnte zu ihr ſagen: Du ſollſt ihn heirathen oder nicht. Dann kamen die letzten Worte: Ich bin krank und elend. Was konnte dies veranlaßt haben? Gewiß nicht ein kurzer Bericht über ein Ereigniß, welches, ſo ſchmerzlich es auch ſein mochte, vor zwanzig Jahren einem Manne begegnet war, deſſen ſie ſich nicht mehr erinnerte. Ich war in Verlegenheit, und durch kein Nach⸗ denken konnte ich einen Schlüſſel zu dem Geheimniß finden. „Nun, morgen werde ich die vollſtändige Erklä⸗ rung erhalten,“ dachte ich, doch brachte ich die halbe Nacht zu, Beſſy's Brief immer wieder zu leſen und vergebens zu verſuchen, eine Andeutung von dem darin zu finden, was ſie ſo tief verletzt hatte.. Siebentes Kapitel. Ich will nicht bei dem folgenden Tage verweilen, obgleich der erſte Theil deſſelben für mich voll von jener aufgetegten, ich kann wohl ſagen, ſchmerzlichen Erwartung war, die oft ſchwerer zu ertragen iſt, als wirklicher Kummer oder Täuſchung. Die einzigen Ereigniſſe, wovon ich eine undeutliche Erinnerung habe, wurden bis zum Abend verſchoben. Beſſy kam erſt um zehn Uhr Morgens herunter. Sie war ſehr blaß und außerordentlich herabgeſtimmt; auch lag etwas in ihren Augen, wenn ſie ſie auf mich richtete, was mich beunruhigte und bekümmerte. Es war nichts Unfreundliches, nichts Kaltes, nichts Gleichgültiges, ſondern ein zärtlicher, flehender Blick, als wollte ſie ſagen: „Sehen Sie nicht ſo unglückich aus, Richard. Es verwundet mein Herz, Ihnen Leiden zu verurſa⸗ chen, aber ich kann es nicht verhindern. Dieſe aus⸗ geſtrichenen Worte aber:„Ich muß es thun,“ tönten noch immer in meinen Ohren nach; und gern hätte ich Alles, was ich in der Welt beſaß, darum gege⸗ ben, den Augenblick der Erklärung zu beſchleunigen. Mr. Stringer war in großer Verwirrung; er ſah, daß etwas vorgehe und wußte nicht was; und mit ſehr unrichtigem Tact gewährte er ſeine Geſell⸗ ſchaft zweien Perſonen, die ihm von Herzen Glück wünſchten. Mrs. Stringer war ſehr ſtill, doch ſchien ſie überall gegenwärtig zu ſein, und die Knaben dach⸗ ten, ihre kürzliche Rückkehr nach Hauſe gebe ihnen ein Recht, außerordentlich lärmend und läſtig zu ſein. Das war einer der traurigſten und unglücklichſten Tage, die ich je verlebt. Am Abend verſammelten wir uns Alle auf der Veranda und ſchon einigemal dachte ich, Beſſy würde aufſtehen, aber ſie zauderte noch immer und behauptete ihren Sitz. Endlich aber fuhr ſie empor und ſagte: „Kommen Sie, Richard, einen kleinen Spazier⸗ gang mit mir zu machen.“ „Meine Liebe, es iſt ſehr ſpät,“ ſagte Mrs. Stringer;„und Sie ſind nicht wohl geweſen. Die Sonne wird bald untergehen.“ „O! ein Spaziergang wird mir wohlthun,“ ant⸗ wortete Beſſy mit einem Anfluge von ihrer alten Hei⸗ — 108— terkeit, und wir werden nicht lange ausbleiben. Ue⸗ berdies, meine liebe Mrs. Stringer, wünſche ich allein mit Richard zu reden.“ Sie lachte, aber nicht „heiter, und fügte hinzu:„Sie wiſſen, ich habe viele wichtige Geſchäfte zu verhandeln. Sagte Ihnen nicht Mr. Hubbard, daß er mir große Beſitzungen abge⸗ treten habe? Kommen Sie, Richard, holen Sie mir meinen Schleier aus dem Vorſaale und reichen Sie mir Ihren Arm, wie ein guter und getreuer Ritter.“ Ich ging, um den Schleier zu holen und warf ihn ihr über den Kopf. Ich reichte ihr meinen Arm, und fühlte, wie ihre Hand heftig zitterte, als ich die⸗ ſelbe faßte. Wir gingen ſchweigend die Stufen hinunter, über den Grasplatz, durch den kleinen Pfirſichgarten auf das Feld, welches vom Walde begrenzt war, über den verſchlungenen Pfad, den wir ſchon einmal eingeſchla⸗ gen hatten, um der Begleitung des ehrwürdigen Mr. Mae Grubber zu entgehen. Ich war ungeduldig, und als wir das Feld betraten, fragte ich: „Nun, Beſſy— Aber, ſie unterbrach mich und murmelte: „Noch nicht, Richard, noch nicht, lieber Richard.“ Wir gingen weiter und betraten einen neuen Pfad im Walde, und als wir noch etwa hundert Schritte weiter gekommen waren, fanden wir einen kleinen freien Raum, mit einem großen alten Baume, 1 getrennt von den übrigen. Die Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne fanden hier ihren Weg über den Ra⸗ ſen und kleideten das Grün in Gold. Hier blieb Beſſy am Fuße des Baumes ſtehen, erhob ihre Augen mit einem Blicke des feierlichen Ernſtes zu meinem Geſichte, legte ihre Hand auf die meinige und ſprach das einzige Wort: „Richard!“ Wir waren Beide ſehr aufgeregt, und ſie ſchien ſich kaum aufrecht halten zu können. Ehe ich ein Wort zu ſagen vermochte, um ihre Aufregung zu er⸗ höhen, ließ ich ſie auf die mit Moos bewachſene Wurzel niederſetzen und ſetzte mich zu ihr. Was ich zu ſagen hatte, bedurfte keiner langen Betrachtung. „Beſſy, rief ich, indem ich ihre Hand in der meinen hielt,„Sie müſſen meine Gefühle gegen Sie bemerkt haben. Sie müſſen längſt bemerkt haben, daß ich Sie aufs Innigſte liebe.“ Sie ſchlug ihre Augen nieder und eine roſige Farbe verbreitete ſich über ihre Wange; aber ſie ant⸗ wortete langſam und mit Feſtigkeit: „Ich habe ſchon ſeit längerer Zeit Alles geſehen und gewußt, Richard, als wenn Ihre Zunge es ausgeſprochen hätte.“ „Dann, theuerſte Beſſy,“ antwortete ich,„hät⸗ ten Sie mir gewiß nicht die Ermuthigung gewähren — 110— können, die Sie mir gewährt haben, Sie hätten nicht Alles in dieſer Welt für mich werden können, ohne zu beſchließen, mein Leben glücklich zu machen, und Alles für mich zu ſein.“ „Ich beſchloß es,“ antwortete Beſſy in traurigem und feierlichem Tone.„Ich warf alle meine früheren, eitlen Anſichten bei Seite— alle die gedankenloſen, unverſtändigen Entſchlüſſe eines phantaſtiſchen Mäd⸗ chens— und beſchloß Ihnen meine Hand zu reichen, ſobald Sie ſie fordern würden.“ „So ſind Sie alſo mein,“ rief ich, meine Lip⸗ pen auf die ihrigen drückend,„Sie ſind mein! Ich fordere Ihre Hand jetzt.“ „Halt, halt, halt, Richard!“ rief ſie;„hören Sie mich erſt zu Ende, wenn ich Stimme und Herz habe zu reden. Es iſt ein Hinderniß eingetreten— ein unvorhergeſehenes, unüberſteigliches Hinderniß. Ach, ach! ich kann nimmermehr Ihr Weib werden.“ Und ſie brach in einen heftigen Thränenſtrom aus. „Aber, was iſt es?“ rief ich.„Es ſind wohl tauſend Mittel zur Abhilfe übrig.“ „Keins, keins!“ antwortete ſie.„Es liegt in der unwiderruflichen Vergangenheit. Es kann nim⸗ mermehr entfernt, verändert oder gemäßigt werden. Ich könnte freilich Ihre Gattin werden; aber ich würde Clend finden, ſtatt des Glück's, und Reue ſtatt — 111— der Liebe. Mein Elend würde auch Sie unglücklich machen und in ſechs Monaten, nachdem ich Ihnen meine Hand gereicht, würden die unaufhörlichen Vor⸗ würfe meines eigenen Gewiſſens mir den Tod brin⸗ gen.“ „Aber was iſt es?“ rief ich.„Um des Him⸗ melswillen, erklären Sie ſich!“ „Verlangen Sie das nicht von mir, Richard— verlangen Sie das nicht von mir,“ ſagte ſie;„we⸗ nigſtens jetzt nicht. Haben Sie Mitleid mit mir! Ich wage nicht dabei zu verweilen. Die Wahrheit drückte mich wie eine chwere Laſt zu Boden— die Wahrheit, die ich erſt vor zwei Tagen erfuhr, fiel auf mein Herz, als wäre ein Gebirge darauf gewor⸗ fen worden, und ich bin ſeitdem ſehr ſchwach. In einiger Zeit, wenn wir Beide ruhiger ſind— wenn wir auf dieſe Zeit zurückblicken können, wie Perſonen, die geſchlafen haben, auf die lieblichen Träume zurück⸗ blicken, die auf immer dahingeſchwunden ſind— wenn die ſchreckliche Wirklichkeit nur dazu dienen wird uns zu ſtärken und zu beruhigen, wenn ſie uns auch erkältet— dann will ich es Ihnen ſchreiben— Ri⸗ chard. Vielleicht ſind Sie dann der glückliche Gatte einer Anderen, und können auf Beſſy Davenport als eine Schweſter zurückblicken und Mitleid empfinden mit dem Kummer, den ſie erduldet hat— dann will ich an Sie ſchreiben und Ihnen Alles mittheilen.“ — 4112— Kummer und Tänuſchung ſind die ſelbſtſüchtig⸗ ſten Gefühle auf Erden— oft die ungerechteſten und unvernünftigſten. Keine Sprache kann die Seelen⸗ 5 qual ausdrücken, die ich in jenem Augenblick erdul⸗ dete, das aufregende, wahnſinnige Gefühl der Täu⸗ ſchung. Es iſt meine einzige Entſchuldigung für die Grauſamkeit und Unfreundlichkeit meiner letzten Worte. Es fand ſogar ein Kampf in mir ſtatt, um zu ver⸗ hindern, daß ich nicht in heftige und zornige Vor⸗ würfe ausbrach; aber die Gewohnheit der Selbſtbe⸗ herrſchung ſiegte gewiſſermaßen, und meine Anwort war anſcheinend ruhig und kalt, wenn gleich von jener feurigen Aufregung eingegeben. „Beſſy,“ ſagte ich mit Bitterkeit,„mögen Sie glücklich ſein! Mich haben Sie auf immer elend ge⸗ macht. Ich habe Sie mit Treue und Zärtlichkeit, ja mit der Leidenſchaft und Heftigkeit der erſten und ein⸗ zigen Liebe geliebt— nicht wie ein Knabe, ſondern wie ein Mann liebt, einmal und auf immer. Und Sie reden zu mir, als könnte ich einſt der glückliche Gatte einer Anderen werden! Beſſy, Beſſy, Sie haben nie geliebt, ſonſt würde Ihnen kein ſolcher ſeltſamer und unmöglicher Gedanke einfallen!“ Sie ſprang auf wie ein erſchrockenes Reh von ſeinem Bette von Haidekraut und ſah mich mit einem qualvollen Blicke an, den ich nie vergeſſen werde. „O! wie habe ich dies verdient?“ rief ſie. — 113— Dann aber faßte ſie ſich, nahm meine Hand in eine der ihrigen, erhob die andere zum Himmel und ſagte mit leiſer und lebhafter Stimme:„Möge Gott im Himmel mein Herz richten, Richard,— möge er aufhören, mich zu ſegnen, zu beſchützen und zu trö⸗ ſten, möge er mir nicht beiſtehen in der Stunde der Noth, mich unterſtützen in der Stunde des Leidens, mich retten in der Stunde der Gefahr, wenn ich Sie nicht geliebt habe, wie ein Weib nur je einen Mann liebt! Was iſt es, was mich jetzt elend macht— was mein Herz gebrochen, meinen Geiſt darniederge⸗ drückt, meinen Körper geſchwächt hat?— Sie ge⸗ liebt!— o, Gott, wie habe ich Sie geliebt!“ Und ſich an meine Bruſt werfend, druückte ſie wiederholt ihre Lippen auf meine Wange. „Beſſy, ich hatte Unrecht,“ ſagte ich;„verzeihen Sie mir, theuerſte Beſſy. Nur vertrauen Sie mir — nur verlaſſen Sie ſich völlig auf mich— ver⸗ langen Sie nicht, daß ich blind jede Hoffnung auf Lebensglück aufgeben ſoll. Sagen Sie mir nicht, daß ich je eine Andere heirathen werde. Ich habe nur einmal geliebt und kann nie wieder lieben—„ „Hören Sie mich an, Richard,“ ſiel ſie ruhiger und ſanfter ein, indem ſie meinen Arm zurückſchob, womit ich ſie umſchlungen hatte.„Sie ſelber ſollen der Schiedsrichter unſeres Geſchickes ſein. Sie ſelber Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 8 — 114— ſollen mich, wenn Sie wollen, zum Tode verurthei⸗ len, zum Tode der Reue und des Selbſtvorwurfs. Ich will Ihr Weib werden, wenn Sie es verlangen; aber es muß noch einige Zeit darüber vergehen. Wenn wir Beide ruhiger ſind; wenn wir Beide unſere gegenſeitige Stellung vernünftig betrachten können— wenn ich wagen darf, meinen Geiſt bei der Vergan⸗ genheit verweilen zu laſſen, womit Sie jetzt ebenſo unbekannt ſind, wie ich es vor wenigen Tagen war, — wenn Sie die Gefühle eines Weibes gehörig wür⸗ digen können, ſo will ich an Sie ſchreiben und Ih⸗ nen ſelber die Entſcheidung überlaſſen. Sie ſollen in der Antwort zu mir ſagen: Beſſy, ſein Sie die Meine, und wenn der Tod darauf erfolgen ſollte; oder: Beſſy, Sie hatten Recht und wir dürfen nicht verſuchen, die Schranken zu überſchreiten, die Gott zwiſchen uns ge⸗ ſtellt hat! Aber bemerken Sie wohl, Richard, und erinnern Sie ſich, ſollten Sie die Sache anſehen, wie ich Sie anſehe und bemerken, daß unſere Heirath unmöglich iſt, ſo wird doch Beſſy Davenport eine zweite Schweſter für Sie ſein. Nie, ſo wahr mir Gott helfe, ſoll meine Hand einem Anderen gegeben werden! Ich habe Sie geliebt, als ich dachte, ich könne nie einen Mann lieben; und für Sie war ich bereit jedes Vorurtheil, jeden Entſchluß meines Lebens von mir zu werfen. Meine Liebe gehört Ihnen auf immer, und ich würde eben ſo leicht daran denken, ein Gelübde zu brechen, als mir einen Gedanken an einen Anderen in den Sinn kommen zu laſſen.“ Ein leichtes Erröthen verbreitete ſich über ihr Geſicht während ſie ſprach; aber ſtarke Gemüthsbe⸗ wegungen führen oft ihre eigene Ruhe mit ſich, und ſie fuhr bedächtiger fort: „Und, Richard,“ ſagte ſie,„ich bin vielleicht über die mädchenhafte Beſcheidenheit hinausgegangen. Ich habe Ihnen geſagt— ich habe Ihnen gezeigt, wie ſehr ich Sie liebe. Aber ich denke, Sie werden mich nicht mißverſtehen oder tadeln; erſtens, weil ich, wie Sie wiſſen, ein wildes, ungeſchultes Mädchen bin, welches gewohnt iſt, offen auszuſprechen, was es denkt oder fühlt; und zweitens, weil dies eine Ge⸗ legenheit iſt, wo Verheimlichung ein Unrecht gegen mich und Sie ſein würde— während ich Ihnen ſa⸗ gen muß, wie ſehr ich Sie liebe, damit Sie ſehen wie ſchrecklich es für mich iſt, jene Liebe der Pflicht zu opfern.“ „Ich mißverſtehe Sie nicht, liebe Beſſy,“ ant⸗ wortete ich;„ich will verſuchen, ruhiger und vernünf⸗ tiger zu ſein. Sie haben geſagt, ich ſoll der Schieds⸗ richter ſein. Wann wollen Sie mir die Erklärungen geben, die mich in den Stand ſetzen werden, richtig zu urtheilen? Für jetzt kann ich mir keinen Grund denken, mir keine mögliche Veranlaſſung vorſtellen, warum Sie nicht mein Weib werden ſollten; und ich 8* — 116— hoffe und vertraue, daß ich, wenn Alles erklärt iſt, leicht jeden Zweifel und jede Bedenklichkeit aus Ihrem Geiſte entfernen kann. Aber ich verſpreche Ihnen, Geliebte, wenn ich einen vernünftigen Grund, eine gerechte Urſache ſehe, ſo will ich nimmermehr verſu⸗ chen, Sie durch irgend eine Sophiſterei gegen Ihr beſſeres Urtheil dazu zu überreden. Ich will verſuchen für Sie zu denken, wie ich für mich denken würde, wenn mein Geiſt frei und ohne Leidenſchaft wäre, Aber, theuerſte Beſſy, machen Sie die Zeit kurz— klärung geben wollen.“ Kopfſchütteln,„ich möchte gern uns Beiden Zeit ge⸗ währen, um ruhig nachzudenken. Vielleicht habe ich gewiß, auch Sie würden jetzt nicht richtig entſcheiden. Nun, in drei Monaten will ich Ihnen das Ganze ſchreiben und den alten Brief beiſchließen, den ich vor zwei Tagen erhielt. Wenn Sie Alles wiſſen, ſollen Sie vierzehn Tage, volle vierzehn Tage warten, ehe Sie entſcheiden, und dann ſoll Ihre Entſcheidung endgültig ſein. Ich will kein Wort dagegen ſagen; Sie ſollen gebieten, und ich werde gehorchen.“ „Meine Befehle ſollen nicht ſehr hart ſein, Beſſy,“ antwortete ich;„denn wenn Sie gleich ſehr übel von den Männern denken, werde ich doch, wenn — ſagen Sie mir, wenn Sie mir die vollſtändige Er⸗ „O! Richard,“ antwortete ſie mit traurigem Unrecht in meiner gegenwärtigen Anſicht, und ich bin — 117— ich meinen eigenen Geiſt nur im geringſten kenne, lie⸗ ber Ihr Glück, als das meine ſichern. Wenn wir als Bruder und Schweſter, ohne ein theureres Band, leben müſſen, ſo ſei es.“ „O! ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, Ri⸗ chard,“ antwortete ſie;„dieſe Worte befreien meinen Geiſt von einer ſchweren Laſt. Ich ſehe, Sie werden Rückſicht mit mir haben.“ „Das werde ich in der That,“ entgegnete ich. „Aber nun ſagen Sie mir, Geliebte, wie wollen wir die Zwiſchenzeit hinbringen?“ „Ich habe beſchloſſen in das Haus meines On⸗ kels Henry zu gehen und dort zu bleiben,“ ſagte ſie. „Ich habe ſchon meinem Mädchen aufgetragen, Alles in Ordnung zu bringen und meinem Onkel geſchrieben, mich morgen abzuholen.“ Sie ſchwieg einen Augen⸗ blick und fügte dann hinzu:„Aber ich werde Sie zu⸗ weilen ſehen, nicht wahr, Richard? Das kann nicht ſchaden. Wir werden nicht freiwillig getrennt, ſondern durch das Schickſal.“. „»Gewiß will ich Sie oft beſuchen,“ antwortete ich;„denn bis dies entſchieden iſt, ſind Sie noch meine Beſſy; und obgleich ich bald nach England zu⸗ rückzukehren dachte, will ich doch dies Land nicht eher verlaſſen, als bis unſer Schickſal beſtimmt iſt.“ Ich ſtieß einen tiefen Seufzer aus, als läge — 118— eine Beruhigung in den Worten, die ich ausſprach; und dann ſagte ſie plützlich: „Nun, laſſen Sie uns zurückkehren, Richard. Es wird ſchon dunkel, und man wird Jemand aus⸗ ſchicken, um nach uns zu ſehen.“ Ich zog ihren Arm durch den meinigen und wir gingen langſam und beinahe ſchweigend nach Hauſe. Wir dachten Beide, es würde wohl der letzte einſame Spaziergang ſein, den wir in vielen Tagen machen würden, und der gegenwärtige war ein ſehr ereigniß⸗ reicher geweſen. Aber wie es bei den menſchlichen Berechnungen gewöhnlich iſt, waren alle unſere Schlüſſe unrichtig. Wir hatten bald einen anderen, noch ereignißreicheren Gang zu machen. Achtes Kapitel. Beſſy ſetzte ſich im Vorſaale nieder, ehe ſie in das Geſellſchaftszimmer trat, wo wir viele Stimmen und heiteres Gelächter hörten. „Gehen Sie hinein, Richard, gehen Sie hinein,“ ſagte ſie, indem ſie mir ihre Hand reichte.„Ich muß mich erſt faſſen. Es wird mir bald beſſer ſein. Das Schlimmſte iſt vorüber; ich werde ſogleich zu Ihnen kommen.“ Ich drückte meine Lippen auf ihre Hand und begab mich in das Geſellſchaftszimmer. Obgleich noch ängſtlich und gekränkt, empfand ich doch keine ſo hef⸗ tige Aufregung, wie ſie. Wie ſie geſagt hatte, war das Schlimmſte vorüber, und wieder hatte die täu⸗ ſchende Hoffnung in meinem Herzen die Oberhand gewonnen. Sie hatte verſprochen, mir in den näch⸗ — 120— ſten drei Monaten Alles zu ſagen, und ich konnte und wollte nicht glauben, daß wirklich zwiſchen ihr und mir eine Schranke vorhanden ſei, die ſich nicht durch Gründe oder Ueberlegung hinwegräumen laſſe. Ich dachte, der weibliche Geiſt, furchtſamer und de⸗ licater, als der des Mannes, vergrößert die Schwierig⸗ keiten und Gefahren und erſchafft ſie zuweilen, wo ſie nicht vorhanden ſind. „Aber es kann kein Hinderniß zwiſchen uns ob⸗ walten,“ ſagte ich bei mir ſelber,„welches Vernunft und Liebe nicht überwinden können.“ In etwa zehn Minuten kam Beſſy zu der übri⸗ gen Geſellſchaft und gewiß war ſie heiterer, als ſie es am Abend zuvor geweſen. Der Abend verging indeß ſchwermüthig genug, und um halb zehn Uhr begab ſie ſich zur Ruhe. Eine halbe Stunde ſpäter trennte ſich die ganze Geſellſchaft und ich begab mich auf mein Zimmer, nicht um zu ſchlafen, ſondern um nachzudenken. Ich wollte mir jedes mögliche Hinderniß vorſtellen, wel⸗ ches zwiſchen mir und Beſſy obwalten könne, und wie wir oft zu thun geneigt ſind, Pläne zu entwer⸗ ſen, das zu entfernen, deſſen Wichtigkeit und Beſchaf⸗ fenheit wir nicht zu beurtheilen vermögen. Als ich in das Zimmer trat, fand ich die Lich⸗ ter bereits angezündet und Zed in einem Winkel auf den Knien mit etwas beſchäftigt, was auf einem — Stuhle lag. Er hörte mich nicht eintreten, und wäh⸗ rend ich Rock und Weſte abwarf, fragte ich ihn ein wenig kurz: „Was thuſt Du da, Zed?“ „Ich ſehe nur nach Ihren Piſtolen, mein Herr,“ ſagte Zed, ſeinen Kopf erhebend. „Du ſcheinſt ſie ja zu laden!“ rief ich. „Ich habe erſt die kleinen geladen, Herr; die großen werden auch in einer Minute geladen ſein.“ „Halt, halt! Warum ladeſt Du ſie?“ fragte ich;„ich will ſie nicht geladen haben.“ „O! es iſt immer beſſer in dieſen unruhigen Zeiten, die Piſtolen geladen zu haben, Herr,“ ant⸗ wortete der Mann lebhaft.„Laſſen Sie ſie mich lie⸗ ber laden.“ Es lag etwas in ſeinem Weſen, was mich be⸗ fremdete, und ich entgegnete: „Komm hierher und ſprich mit mir.“ Der Mann hinkte zu dem Stuhle hin, wo ich ſaß, und ich richtete meine Augen forſchend auf ſein Geſicht. „Weißt Du etwas,“ ſagte ich ſtrenge,„weshalb es beſſer wäre, dieſe Nacht meine Piſtolen geladen zu haben, nachdem ſie ſo lange nicht geladen geweſen ſind?“ „Nein,“ verſetzte der Mann mit Feſtigkeit. „FIch vermuthe es doch,“ verſetzte ich;„und be⸗ — 122— denke wohl, wenn Du um ein Unheil weißt, welches geſchehen wird, und Du benachrichtigſt mich nicht da⸗ von, ſo biſt Du ein Mitſchuldiger.“ „Herr, ich weiß Nichts,“ verſetzte Zed;„aber mir gefällt das Anſehen der Dinge nicht. Ich will Ihnen Alles ſagen, was ich weiß, und ich will mein Leben für Sie aufs Spiel ſetzen, denn Sie ſind ein ſehr freundlicher Herr für mich geweſen. Dieſen Abend ging ich allein aus, um einen Spaziergang zu machen, und dort im Walde ſah ich eine gute Menge fertiger Gentlemen bei einander— mehr als ſonſt gewöhnlich— und ſie ſprachen nicht laut, lachten nicht und trieben keine Scherze mit einander, ſondern ſie hatten Alle ihre Köpfe zuſammen und flüſterten ganz leiſe. Nat Turner war da, Nelſon, Harry, James und mehrere Andere, von denen ich zur Zeit der Verſammlung ſchreckliche Dinge hörte. Da ſagte ich denn bei mir ſelber: Ich will nach Hauſe gehen und die Piſtolen des Herrn laden— man kann nicht wiſſen, was geſchehen wird.“ „Sahſt Du Waffen unter ihnen?“ fragte ich. „Nein, ſie hatten keine Waffen,“ antwortete er; „nicht einmal Stöcke, aber ſie hatten eine große Fla⸗ ſche mit Getränk.“ „Höchſt wahrſcheinlich hatten ſie irgend eine Be⸗ luſtigung vor,“ ſagte ich, denn ich hegte einigen Verdacht, daß mein guter Freund Zed die Schläge — 123— noch nicht ganz vergeſſen habe, die er erhalten, als er von der Verſammlung gekommen.„Gib mir jene leichte Jacke,“ fuhr ich fort,„und dann kannſt Du gehen, Zed. Ich habe viel zu thun, ehe ich zu Bette gehen kann.“ Der Mann that, wie ich ihm gebot und legte die kleinen Piſtolen, die er geladen hatte, auf den Tiſch ehe er ging, und ich konnte hören, wie er nicht wie gewöhnlich die Hintertreppe, ſondern die große Treppe in dem Vorſaal hinunterging. Dort vernahm ich ſeine Fußtritte nicht weiter und hörte Nichts, ſon⸗ dern urtheilte, daß Zed in das Zimmer des Herrn Stringer gegangen ſei und dieſem ſeinen Verdacht mitgetheilt habe. Ich hätte vorher erklären ſollen, daß der große Vorſaal gerade durch die Mitte des Hauſes ging, welcher es in zwei gleiche Theile theilte. Der Vor⸗ ſaal ſelber wurde durch eine große, ſtarke Thüre von dem Vorſaale für die Dienerſchaft getrennt. Wenn man durch die vordere Thüre eintrat, war das erſte Zimmer zur Linken das Beſuchzimmer; dann kam ein kleineres Zimmer, welches als Frühſtückszimmer be⸗ nutzt wurde, und dann kam das Speiſezimmer. An der entgegengeſetzten Seite des Vorſaales kam zuerſt das Schlafzimmer des Mr. und der Mrs. Stringer, dann ein Ankleidezimmer und endlich, dem Speiſezim⸗ mer gegenüber, das Schlafzimmer der Kinder. Mr. — 124— Mac Grubber ſchlief oben im Hauſe, in einem Zim⸗ mer neben der Schulſtube. Mein Zimmer befand ſich über dem des Mr. und der Mrs. Stringer und das Beſſy's, an der entgegengeſetzten Seite, über dem Spei⸗ ſezimmer. Als Zed die große Treppe hinunterging, konnte ich, obgleich er einen ſehr ſchweren Tritt hatte, das Geräuſch deſſelben nicht mehr hören, wenn er in Mr. Stringers Zimmer oder in das Ankleidezimmer trat. Ich ſage die Wahrheit, wenn ich behaupte, daß ich ſeiner Mittheilung und ſeiner Furcht nicht viel Wichtigkeit beilegte, und mich an den Tiſch ſetzend, ſtützte ich meinen Kopf auf die Hand und gab mich meinem Nachdenken hin. „Welches kann das Hinderniß ſein gegen meine Verbindung mit Beſſy Davenport, welches in ihren Augen ſo ſchrecklich erſcheint?“ fragte ich mich. Ich verfolgte die Geſchichte meiner Familie ſo weit zurück, wie ich ſie kannte. Ich verweilte bei Allem, was ich ſelbſt in meiner Kindheit gehört hatte, was mir in irgend einer Weiſe ihre Bedenklichkeiten oder Zweifel erklären konnte. Aber ich konnte Nichts finden. Mein Geiſt war zu ſehr aufgeregt, als daß Schlaf in meine Augen kommen konnte, und ich be⸗ trachtete die Frage aus allen Geſichtspunkten, was mich nur noch mehr verwirrte. Eine Stunde nach der anderen verging, und ich — 125— horte die Uhr im Vorſaale eins und zwei ſchlagen. Endlich beſchloß ich mich zur Ruhe zu begeben. Aber gerade als ich von meinem Stuhle auf⸗ ſtand, glaubte ich vor dem Hauſe leiſe Stimmen re⸗ den zu hören, und mich dem Fenſter nähernd, blickte ich hinaus. Es war Niemand dort und ich kehrte an den Tiſch zurück. Kaum hatte ich denſelben er⸗ reicht, als ich deutlich ein Fenſter öffnen hörte. Ich ſtand ſtill, um zu horchen, und dann glaubte ich ei⸗ nen matten, erſtickten Schrei zu hören. Schnell die Piſtolen vom Tiſche nehmend, nä⸗ herte ich mich der Thüre, aber ehe ich dieſelbe errei⸗ chen konnte, wurde ſie aufgeriſſen und Zed erſchien. Er trug einen großen Schlüſſel in der Hand und ſeine Augen ſchienen aus ſeinem Kopfe hervorzutreten. „Laufen Sie, Herr, laufen Sie!“ rief er. „Die hintere Treppe hinunter durch den kleinen Vor⸗ ſaal in den Wald. Sie ermorden alle weißen Leute unten!“ „Wie viele ſind ihrer?“ rief ich. „O! dreißig oder noch mehr,“ antwortete Zed; „aber ich habe die Thüre zwiſchen den beiden Vor⸗ ſälen geſchloſſen, ſo daß ſie nicht hindurch können. Laufen Sie die Hintertreppe hinunter, ſchnell, ſchnell!“ Aller Widerſtand war offenbar vergebens und ich ſtützte aus dem Zimmer, aber nicht auf die Hin⸗ tertreppe zu. Etwas Theureres, als mein Lehen, war — 126— zu beſchützen; ich eilte über den Gang, riß Beſſy's Thüre auf, trat ein und Zed folgte mir. In den letzten zwei oder drei Nächten hatte ſie ein Licht in ihrem Zimmer gebrannt, und während mein getreuer Diener die Thüre hinter uns ſchloß, eilte ich auf das Bett zu. Bei dem erſten Geräuſche unſerer Ankunft hatte ſie ſich empor gerichtet und ſah mich voll Schrecken und Ueberraſchung an. „Die Neger haben ſich empört und greifen das Haus an, Beſſy,“ rief ich.„Unten ermorden ſie Alle. Kommen Sie ſchnell, kommen Sie ſchnell! Ich will Sie mit meinem Leben beſchützen.“ Sie ſprang aus dem Bette und ſuchte ihre Klei⸗ der, aber ein durchdringender Schrei ertönte von den unteren Zimmern herauf, ich faßte ihre Hand und ſagte: „Um Gotteswillen, kommen Sie!“ „Laufen Sie, Miſſie, laufen Sie,“ rief Zed; „die Hintertreppe hinunter in den Wald hinaus. Ich will ſie hier eine Zeitlang aufhalten— ich höre ſie die Treppe heraufkommen— laufen Sie.“ Indem ich Beſſy halb trug, halb führte, brachte ich ſie bis an die Thüre, die zu der kleinen Treppe führte und gab Zed ein Zeichen zu folgen; aber er ſchüttelte den Kopf, und gerade als ich mit Beſſy durch die Thüre ging, hörte ich ihn ſagen: — 127— „Werden mir nichts zu Leide thun. Was iſt eines armen ſchwarzen Mannes Leben werth?“ Ich eilte ſo ſchnell wie möglich mit Beſſy die Treppe hinunter, und ich muß ſagen, ich gerieth in Verſuchung, die Thür hinter uns zu verſchließen, denn der Schlüſſel ſteckte von außen im Schloſſe, da man es in Virginien für eine unnöthige Vorſicht hielt, die Thüren zu verſchließen. Aber ich dachte an den armen Zed und unterließ es. Der hintere Vorſaal war ganz leer und ſehr dunkel, ſo daß wir mit den Händen umhertappen mußten, um unſeren Weg zu finden; im Vorüber⸗ gehen aber hörte ich oben laute Stimmen reden und einen Schlag mit einer Axt an eine Thür. Endlich erreichten wir den Hofplatz, über welchen der ſinkende Mond ein blaſſes Licht warf. Vor uns, in der Entfernung von ſechzig oder ſiebzig Schritten, entflohen zwei Dienerinnen in vollem Schrecken, und die eine ließ einen Mantel fallen, den ſie um die Schultern geworfen hatte. Sie ſuchte auf dem Boden darnach, lief aber ohne ihn zu finden davon, als ſie Beſſy und mich aus dem Hauſe kommen ſah, und uns ohne Zweifel für Verfolger hielt. Ich be⸗ trachtete es als keinen Raub, dieſen Mantel zu nehmen, und warf ihn meiner ſchönen Begleite⸗ rin um. „Zur Linken, Richard, zur Linken!“ ſagte ſie, „zwiſchen den beiden Gebäuden durch. Der Weg wird uns leichter in den Wald führen.“ Ich eilte weiter, wie ſie es anordnete, und be⸗ trat bald einen Pfad zwiſchen einigen hohen Bäumen, der uns in fünf Minuten zu dem Saum des Waldes führte. Wir traten in denſelben ein und Alles war dunkel um uns her, ſo daß wir uns genöthigt ſahen, langſam zu gehen; denn obgleich der Weg weiter ging, ſo wurde er doch häufig gefährlich durch die hervorragenden Bäume. „Ihre Füße, liebe Beſſy,“ ſagte ich flüſternd; „Sie haben nichts, um ſie zu ſchützen.“ „Ei ja,“ antwortete ſie in demſelben Tone. „Meine Schuhe ſtanden vor meinem Bette,“ Während ſie ſprach, hörte ich raſche Fußtritte auf dem Wege hinter uns, während wir auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite eine helle Stelle bemerkten, gleich einer Oeffnung, wie wir zuweilen in einer dunklen Wolke ſehen, und erkannten die Figur eines Mannes, der ein Beil in der Hand zu halten ſchien und uns raſch näher kam. Indem ich meinen Arm um Beſſy ſchlang, zog ich ſie von dem Fußwege herunter, nahm eine von den Piſtolen aus meiner Taſche und wartete, um zu ſehen, ob der Mann an uns vorüberkommen werde, ehe ich feuerte, denn ich hatte weiter kein Pulver und — 429— Blei bei mir, und dann fürchtete ich auch, daß der Knall die Aufmerkſamkeit auf uns lenken werde. „Hierher, hierher, ſie müſſen hier ſein,“ rief eines Negers Stimme.„Tödtet ſie Alle, tödtet ſie Alle!“ Ich konnte ihn undeutlich ſehen, als er vor⸗ wärts eilte und ſein Beil um den Kopf ſchwang. Ich dachte, er würde an uns vorüberkommen; aber nein, er bemerkte etwas Weißes im Walde und blieb ſtehen.. „Still, Beſſy, ſtill!“ flüſterte ich, indem ich meinen Arm erhob und bedächtig zielte, ſo gut ich es bei dem matten Lichte vermochte. Er kam einen Schritt auf uns zu und ich konnte ihn deutlicher ſe⸗ hen. Mein Finger zog den Stecher an und ich hörte nur den Knall der Piſtole und einen ſchweren Fall. Er ſtieß weder ein Geſchrei noch ein Geſtöhn aus, und ich vermuthe, daß die Kugel gerade durch ſeinen Kopf gegangen. „Nun, Beſſy,“ ſagte ich,„der Knall kann ſie ſehr bald hierher bringen. Wiſſen Sie einen Weg, der uns von dieſem Pfade wegführt?“ „Ja, ja,“ antwortete ſie;„ich will Ihnen den⸗ ſelben zeigen. Er wird uns zu dem ſogenannten La⸗ byrinth führen. Wir werden dort ſicher ſein.“ Wir eilten weiter und es war mir, als ſtutzte ſie ein wenig, als wir plötzlich zu dem Körper des Negers kamen, der halb auf dem Pfade, halb in den Freiheit u. Sclaverei. 2 Bd. 9 — 130— Büſchen lag, und der ſeine Axt beim Fallen zehn Fuß weit von ſich geſchleudert hatte, ſo daß wir zwiſchen derſelben und ſeiner Leiche hindurchkamen. Sie zitterte nicht, ſondern führte mich weiter zu der Nündung eines kleinen Seitenpfades, welchen wir hinuntergingen. Mit mancher Krümmung und Wendung führte er uns eine Meile weit durch einen niedrigen Wald, hier und da von niedrigen Nebenwegen durchſchnitten, auf welchen ſie und ich mehr als eine Stunde von tiefem und lebhaftem Intereſſe zugebracht hatten. Wir gingen an dem freien Platze vorüber, der von dem großen alten Baume beſchattet wurde, unter welchem ſie mir geſagt hatte, wie ſie mich liebe, aber daß ſie nicht mein Weib werden könne. Der ſinkende Mond ſchien jetzt auf die Stelle hin, wie die Sonne es da⸗ mals gethan. Wir erinnerten uns Beide der Ge⸗ müthsbewegungen, die jetzt in anderen untergegangen waren; und während ihre rechte Hand meinen Arm faßte, war ihre linke ausgeſtreckt und lag ſanft auf der meinigen. Sie ſchien ſagen zu wollen:„Erinnern Sie ſich nicht, Richard?“ Dennoch eilten wir weiter, denn ich fühlte, daß wir dem Schauplatze des Blutbades noch zu nahe waren, um ſicher dort zu verweilen. — 131— „Wird dieſer Weg uns nicht zum Fluſſe führen, Beſſy?“ fragte ich. „Nein, ſchlagen Sie den zur Linken ein,“ ant⸗ wortete ſie,„und wir werden zu dem Hauſe des Mr. Travis kommen, wo wir ohne Zweifel ſicher verweilen können.“ „Ich fürchte, Beſſy, der Aufſtand iſt allgemein,“ verſetzte ich.„Der arme Zed gab mir dieſen Abend die Andeutung; aber ich behandelte ſeine Warnung mit zu geringer Rückſicht. Indeſſen müſſen wir irgend einen Ort aufſuchen, wo wir Schutz finden, obgleich es nothwendig iſt, Vorſicht anzuwenden, damit wir nicht in neue Gefahr gerathen. Können wir nicht die Stadt erreichen?“ „Wir müſſen ganz nahe an mehreren Häuſern vorüber,“ antwortete ſie.„Es würde Wahnſinn ſein, es dieſe Nacht zu verſuchen. Die Empörung kann ſchwerlich ſo allgemein ſein, wie Sie denken.“ Wir gingen zwei oder drei Meilen raſch weiter, indem wir uns im Schutze des Waldes hielten, ob⸗ gleich der Pfad von den Wurzeln durchkreuzt und an einigen Stellen mit Dornenranken faſt überwachſen war. Ich fühlte, wie Beſſy's Hand ſich ſchwerer auf meinen Arm ſtützte. Kummer, Angſt und Schrecken hatten ſie geſchwächt, und ich hielt mich überzeugt, daß ſie nicht viel weiter gehen könne. 9* — 132— „Wie weit ſind wir noch von dem Hauſe des Mr. Travis?“ fragte ich. „Etwa drei Meilen,“ antwortete ſie mit einem Seufzer. „Wäre es nicht beſſer, hier zu verweilen und uns auszuruhen?“ ſagte ich;„der Morgen wird bald kommen und Sie können für jetzt gewiß nicht ſo weit gehen.“ „Ein wenig weiterhin befindet ſich ein freier Platz,“ antwortete ſie,„und ich erinnere mich, dort iſt ein Ufer mit wilden Blumen und weichem Graſe bedeckt, dort können wir uns niederſetzen und ein we⸗ nig ausruhen, denn ich muß geſtehen, ich bin ſehr ermüdet, lieber Richard.“ „Ich könnte Sie tragen,“ ſagte ich. Aber ſie wollte es nicht geſtatten und ſagte: „Ihr Arm— Ihr Arm!“ Nach Verlauf einer Viertelſtunde kamen wir zu der erwähnten Stelle. Der Mond, olbgleich er ſchon tief geſunken war, verbreitete noch ein ſanftes Licht über den Himmel und das Grasufer; die hohen, un⸗ regelmäßigen Bäume umher, die ihre mächtigen Aeſte erhoben, waren alle deutlich in der gemilderten Däm⸗ merung zu ſehen. Ich führte ſie zu dem Ufer und ließ ſie niederſetzen, wo es am trockenſten ſchien; dann nahm ich an ihrer Seite Platz und ſchlang — 133— meinen Arm zärtlich um ſie. Auf eine oder zwei Minuten ſprach ſie nicht; aber ſie ſeufzte tief und ihr Kopf ſank ſchweigend an meine Bruſt. Ich fürchtete faſt, ſie wäre ohnmächtig gewor⸗ den; aber an dem ſanften Athem, der meine Wange fächelte, bemerkte ich bald, daß dies nicht der Fall war, und ich ſagte: „Nun, theuerſte Beſſy, ſchlafen Sie ein wenig, es wird Sie erfriſchen. Ich will dieſe Jacke zu⸗ ſammenrollen und ein Kiſſen für Sie daraus ma⸗ chen.“ „Nein, nein, ich will hier ruhen, meinen Kopf an Ihrer Schulter,“ antwortete ſie.„Ich weiß, Ri⸗ chard, daß ich Ihnen vertrauen darf, wie einem Bru⸗ der.“ Ich wollte ihre Lippen nicht berühren, aber ich drückte die meinigen auf ihre Stirn. Dann hüllte ich den Mantel dicht um ſie, indem ich ſie noch mit mei⸗ nem Arme umſchlang, und indem ich noch ihren Kopf an meiner Bruſt hielt, lehnte ich mich ſanft an das Ufer. Dann zog ich die geladene Piſtole aus meiner Taſche, umſchlang ſie auch mit meinem rechten Arme und hielt mich bereit, bei der erſten Annäherung der Gefahr zu feuern. Ich fühlte, wie Beſſy's Herz gegen das meine ſchlug, aber ich war ihr Bruder. In zwei Minuten · — 134— war ſie völlig erſchöpft eingeſchlafen, und ich hielt Wache, während der letzte Strahl des Mondlichts vom Himmel verſchwand. Bald darauf begann ſich das matte Morgenlicht bis zu dem Scheitelpunkte zu verbreiten. Nenuntes Kapitel. Es war eine ſchöne Nacht und ein heiterer Morgen; ruhig, lieblich und friedlich, bildete er einen ſeltſamen und ſchmerzlichen Contraſt zu den ſchreck⸗ lichen Scenen, die in den letzten Stunden vorge⸗ gangen. Bei unſerer Flucht aus dem Hauſe und dem weiten Gange, den wir, auf allen Seiten von wirk⸗ lichen Gefahren umgeben, unternommen hatten, ſowie von allen denen, welche die Einbildungskraft in Au⸗ genblicken der Aufregung und Gefahr nie heraufzube⸗ ſchwören verfehlt, hatte ich keine Zeit zum Nach⸗ denken. 3 Aber jetzt, als ich hier ruhte und Beſſy in mei⸗ nen Armen lag, und eben die ſtille Veränderung von der Nacht zum Morgen vorging, ſchien der Geiſt mit wilder Schnelligkeit, gleich einem durchgegangenen Pferde, fortgetrieben zu werden. Ein Gedanke drängte den anderen; Erinnerungen, Erwartungen, Befürch⸗ tungen, Hoffnungen, Zweifel, Fragen, Alles trat einander auf die Ferſen, und ehe eines Zeit hatte, zum vollen Beſitz des Bodens zu gelangen, war es verſchwunden und von einem anderen erſetzt. Welch' eine Menge von Ereigniſſen war ge⸗ ſchehen, ſeitdem ich vor wenigen Monaten lachend aus Norfolk abgereiſt war, das Leben und die Welt für große Komödien gehalten und kaum an die Wirklich⸗ keit von irgend Etwas geglaubt hatte! Welch' eine Menge von kleinen Umſtänden! Ich rede nicht blos von materiellen Thatſachen, ſondern von Thatſachen des Geiſtes und Herzens! Welche neue Freunde, welche neue Feinde hatten ſich erhoben! Welche Ge⸗ fahren, welche Schmerzen, welche Hoffnungen, welches Glück, welche neue Zwecke, Vorſätze und Wünſche hatten ſich mir aufgedrängt! Welche neue Gedanken waren mir in den Sinn gekommen, welche neue Ge⸗ fühle waren in dem Herzen entſtanden. Es ſchien faſt ein Rückblick auf ein ganzes Leben— gleich einer jener Vorſtellungen des vergangenen Daſeins, welches, wie man mir ſagt, vor den Augen eines Ertrinkenden bei dem letzten, verlöſchenden Auflodern des Bewußt⸗ ſeins vorüberrauſcht. Eine Zeitlang blieb dieſer große und ſeltſame — 137— Eindruck— denn es war mehr ein allgemeiner Ein⸗ druck, als eine Folge von Ideen— im Beſitze mei⸗ nes Geiſtes; aber dann beſeitigte ich meine Gedanken und richtete ſie auf die wichtigeren Thatſachen der Ge⸗ genwart. Was war aus Mr. Stringer und ſeiner Familie geworden? Waren ſie alle todt, alle gemor⸗ det? Was war aus dem armen Zed geworden, der ſein Leben ſo heroiſch aufs Spiel geſetzt hatte, um mir und Beſſy noch einige Augenblicke Zeit mehr zur Flucht zu gewähren? War es zu erwarten, daß die wüthenden Wilden in der Aufregung und im Zorne des Augenblicks, von Blut und Mord trunken, ir⸗ gend Jemand verſchonen würden, der ſich ihnen wi⸗ derſetzte, von welcher Farbe er auch ſein mochte? Und dann— wie weit hatte ſich der Aufſtand ausgebreitet? Bei der geringen Auskunft, die ich er⸗ halten hatte, ſchien es mir, daß dieſe Empörung längſt verabredet und beſonnen angeordnet worden war. Ich erinnerte mich des entſetzlichen Blutbades auf St. Domingo, und wie ſchweigend und geheim der erſte Ausbruch jenes großen und blutigen Aufſtandes von den Negern angeordnet worden— wie vertrauens⸗ voll, ſorglos und ſicher die Pflanzer ſich auf ihre ei⸗ gene Stärke verlaſſen, bis ihr Selbſtvertrauen in Blut und Flammen unterging. Daß dies auch gegenwärtig der Fall ſein konnte, war klar. — 138— Ob es wirklich ſo war oder nicht, hatte ich keine Mittel zu beurtheilen; doch konnte ich nicht umhin zu fürchten, daß der Aufſtand ſehr allgemein geweſen. Die Neger konnten keinen beſonderen Beweggrund ge⸗ habt haben, gerade das Haus des Mr. Stringer mehr, als irgend ein anderes, anzugreifen— ja, noch we⸗ niger, denn da mehr weiße Männer darin waren, als in irgend einem anderen in der Gegend, ſo hatten die Angreifenden auch kräftigeren Widerſtand zu erwarten. Mr. Stringer hatte keine beſondere Veranlaſſung ge⸗ geben, ihre Wuth gegen ſich zu erregen, und in ſei⸗ nem Hauſe hielt ſich ein Apoſtel der Partei der Ab⸗ ſchaffer auf. Je mehr ich über das Ganze nachdachte, deſto wahrſcheinlicher ſchien es mir, daß der Aufſtand ſehr allgemein geweſen. Ich wußte und hatte geſehen, wie raſch und geheim die Neger einander Etwas mittheilen — wie unerklärlich die unbedeutendſte Nachricht ſich unter ihnen, von Haus zu Haus, über einen weiten Raum verbreitet; und gewiß, dachte ich, müßte man in einem Falle von ſo ſchrecklicher Wichtigkeit, wie dieſer, dieſelben Mittel zur Mittheilung in Anwendung gebracht haben. Dann kam die ſchreckliche Frage: Wenn dies der Fall iſt— wenn Empörung und Mord über das Land dahinſchreiten, wo ſoll ich Obdach und Sicher⸗ heit für dieſes liebe Mädchen ſinden? Ich hatte kein — 139— Mittel, eine beſtimmte Meinung darüber zu faſſen. Meine Kenntniß des Landes war nur gering. Ich kannte im Allgemeinen die Richtung, wo Jeruſalem lag, aber ich wußte nicht, wie ich auf dem kürzeſten und ſicherſten Wege dorthin gelangen ſollte, und der einzige Entſchluß, den ich zu faſſen vermochte, beſtand darin, Beſſy, wenn ſie erwachte, alle meine Ge⸗ danken vorzulegen und mich ihrer beſſeren Kenntniſſe der Menſchen und des Diſtricts zu überlaſſen. Während dieſe Betrachtungen durch meinen Geiſt gingen, hatte das matte Grau des Morgens eine ro⸗ ſige Gluth angenommen, und die aufgehende Sonne ergoß Lichtſtröme über den kleinen, freien Raum, wo wir uns befanden. Da lag das liebe Mädchen, ließ ihren Kopf noch an meiner Bruſt ruhen und erſchien mir ſchöner, als je. Es war mir vorgekommen, als liege einer der vorzüglichſten Reize ihres Geſichts in ihren Augen, aber jetzt, verſchleiert von ihren blaſſen Augenlidern, indem ihre langen, dunklen Augenwim⸗ pern ihre Wangen berührten, konnten dieſe Augen Nichts hinzufügen, und doch, wie liebenswürdig er⸗ ſchien ſie! Eine matte Gluth war auf ihrer Wange, und jenes roſige Licht des Morgens färbte ihr ganzes Geſicht, während die leicht geöffneten Lippen die Per⸗ lenzähne zeigten, und ihr Buſen ſich ſanft und re⸗ mäßig bei dem ruhigen und ſtillen Athmen des — 140— Schlummers hob. Ich hätte immer daliegen und ſie betrachten können. Länger als eine Stunde nach Sonnenaufgang ſchien es, als ob die Ermüdung, ich könnte wohl ſa⸗ gen, die gänzliche Erſchöpfung, jede Spur der ſchreck⸗ lichen Scenen, die ſie erlebt, und der gefahrvollen Lage, worin ſie ſich befand, verwiſcht habe. Es war klar, daß ſie durchaus nicht träumte; aber endlich be⸗ wegte ſie ſich ein wenig. Einige gebrochene Worte kamen von ihren Lippen. „O, Richard!“ ſagte ſie; dann hörte ich einige undeutliche Worte. Dann ſprach ſie wieder verſtänd⸗ licher:„Ihr Vater, Sie wiſſen, es war Ihr ei⸗ gener Vater— o! Treiben Sie mich nicht weiter dazu an.“ Dann erwachte ſie plötzlich und blickte wild um ſich. Sie wäre aufgeſprungen, doch ich hielt ſie noch in meinen Armen und ſagte: „Beſſy, Sie vergeſſen.“. Und auf einen Augenblick in mein Geſicht ſchauend, ſchien ſie ſich der Vergangenheit und Empfündunarn zu erinnern, die ſeltſam gemiſcht ſein mußten. Zneri kam ein Blick des Schreckens, dann ein heiteres Lä⸗ cheln, und dann verbreitete ſich glühendes Erröthen über ihr ganzes Geſicht und ihre Stirn, und ſie verbarg auf eine Minute ihre Augen an meiner Bruſt. Ich verſuchte, ſie zu beſänftigen und zu beruhi⸗ gen, und ſie ſprach bald ruhig mit mir über die Lage, worin ſie ſich befand. „Es wäre beſſer, wir gingen zuerſt zu dem Hauſe des Mr. Travis,“ ſagte ſie.„Er iſt ein ſo guter und vortrefflicher Mann, ſo freundlich gegen ſeine Diener und Alle, die ihn umgeben, daß man ihn gewiß zuletzt angreifen würde. Dort, von der Ecke des Waldes können wir das Haus ganz deutlich ſehen, und wenn wir etwas Ungewöhnliches bemerken oder Etwas, was Gefahr andeutet, ſo dürfen wir nur zurückbleiben.“ „Es iſt indeſſen zu weit für Sie, um ohne Er⸗ friſchung weiter zu gehen, Beſſy,“ antwortete ich. „Wenn Sie ein wenig unter die Bäume gehen wol⸗ len, ſo daß Sie vom Wege aus nicht zu ſehen ſind, will ich einige wilde Früchte ſuchen, wie ich hier habe wachſen ſehen, und wir wollen hier wie zwei Ein⸗ ſiedler unſer Frühſtück halten. Ich werde mich nicht ſo weit entfernen, daß Sie mich nicht abrufen können.“ Sie hegte einige Bedenklichkeit, mich fortgehen zu laſſen, aber wir fanden einen Ort, wo ſie ſich vollſtändig verbergen konnte, und ich ging auf meine Expedition aus, welche mir einigen, wenn auch nicht ſehr reichlichen, Ertrag lieferte. Die Zeit der wil⸗ den Früchte, die in dieſem Lande gewöhnlich in großer — 142— Menge wachſen, war jetzt beinahe vorüber, doch an den ſchattigen Plätzen fand ich einige Erdbeeren und Heidelbeeren, die nicht verwelkt waren, und zwei oder drei andere Arten, die wie Pflaumen und Kirſchen ausſahen, obgleich ich nicht ſagen konnte, ob ſie eß⸗ bar waren oder nicht. Ich dachte mir aber, Beſſy müſſe in ihren jungen Tagen Bekanntſchaft mit ihnen gemacht haben, und nach Verlauf von etwa einer Viertelſtunde kehrte ich, meine beiden Hände beladen, zurück. Einige waren aber bitter, einige giftig, die übrigen aber dienten dazu, ſie einigermaßen zu erfri⸗ ſchen, und als wir daſaßen und unſer beſcheidenes Mahl einnahmen, ſchien ſich in ihren Augen die ſelt⸗ ſame Lage, worin wir uns befanden, auffallender, als je, darzuſtellén. „Ich kann dies Alles kaum glauben, Richard,“ ſagte ſie.„Es erſcheint mir wie ein Traum. Leben und wachen wir wirklich auf dieſer Erde, oder ſind wir das Spiel einer wunderlichen, wahnſinnigen Phan⸗ taſie?“ „Die Thatſachen ſind zu ernſt, um ſie nicht zu glauben, theuerſtes Mädchen,“ antwortete ich.„Ich fürchte faſt daran zu denken, wie viele düſtere und ſchreckliche Wirklichkeiten um uns her vorgegangen ſein mögen.“ „Und doch, Richard,“ ſagte Beſſy, indem ihr Thränen in die Augen traten,„wie kann ich Ihnen je danken, nicht nur, daß Sie mir zum zweitenmal das Leben gerettet haben, ſondern auch für alle die Zärtlichkeit und brüderliche Deliadteſſe die Sie mir erwieſen. Als ich vor Leinſgen d Monaten ſo übel von den Männern ſprach, da wußte ich nicht, daß es in der Welt einen ſolchen Mann gäbe, wie Sie ſind.“ Sie trocknete die Thränen von ihrer Wange und fügte dann hinzu: „Aber was iſt dieſes Schlimmere, was Sie noch fürchten? Das, was wir wiſſen, iſt ſchon ſchlimm genug. Ich wage kaum meine Gedanken dabei ver⸗ weilen zu laſſen.“ Ich erklärte ihr, ſo gut ich konnte, die Gründe, weshalb ich glaubte, daß dieſer Aufſtand der Selaven über dieſen Theil von Virginien oder noch weiter ver⸗ breitet geweſen, und ich verweilte beſonders bei den Schwierigkeiten, einen ſicheren Zufluchtsort zu finden, indem ich hoffte, ihre beſſere Kenntniß des Landes möchte ſie in den Stand ſetzen, einen Vorſchlag zu machen, was mir bei meiner Unkenntniß unmöglich war. „Ich denke nicht, daß die Empörung ſehr allge⸗ mein geweſen ſein kann,“ ſagte ſie.„St. Domingo, welches Sie erwihnan⸗ war, wie ich glaube, in ganz verſchiedener Lage, als dieſer Staat. Die Neger wa⸗ ren dort viel zahlreicher und der weiße Stamm eine ſchwache, unthätige Colonialbevölkerung. Sie beſaßen 444— nicht die Stärke und Thätigkeit der freien Bürger ei⸗ ner Republik. Sie mögen lächeln, lieber Richard, aber Sie werden ſehen, obgleich dieſer Aufſtand ſich weiter verbreitet haben mag, als ich mir vorſtellte, und viele ſchreckliche Dinge inzwiſchen geſchehen ſind, ſo werden ſich doch die Männer von Virginien ſehr bald vereinigen und ihn mit ſtarker Hand unterdrücken. Das Einzige, was wir zu thun haben, ſcheint mir indeſſen zu ſein, ſo bald wie möglich Nachricht zu er⸗ halten, und ich denke, der Ort, wo wir ſie am wahrſcheinlichſten erhalten werden, iſt das Haus des Mr. Travis. Wir können in einer Stunde dorthin gelangen und es iſt näher, als jeder andere Ort. Laſſen Sie uns gehen; ich bin jetzt völlig bereit.“ Wir gingen auf unſerem Wege weiter, unter⸗ hielten uns in leiſen Tönen und richteten ein wach⸗ ſames Auge auf den Pfad, ſo weit wir vorausſehen konnten, aber Alles war friedlich und ſtill um uns her. Die Luft war ſanft und balſamiſch; das ein⸗ zige Geräuſch, welches wir hörten, waren einige kurze Töne von den Vögeln auf den Bäumen, die einzigen ſich bewegenden Gegenſtände die vorüberflatternden Schmetterlinge, oder hie und da ein Eichhörnchen, wel⸗ ches von der einen Seite des Weges zu der anderen hinüberſchoß und ſchnatternd an den Bäumen hinauf⸗ lief. Wie angenehm würde zu einer anderen Zeit und in einer anderen Lage dieſer Morgenſpazier⸗ gang mit einem ſo innig geliebten Mädchen geweſen ſein! Endlich blieb Beſſy ſtehen. „Wir ſind nicht weit von dem Hauſe,“ ſagte ſie.„Jenes Licht am Ende des Weges kommt von dem freien Raume der Pflanzung. Es iſt beſſer, uns hier vom Wege abzuwenden, wenn wir uns durch die Büſche finden können, und zu ſehen, ob wir Etwas zu entdecken vermögen, ehe wir uns nähern.“ Wir fanden bald eine Stelle, wo wir durch⸗ konnten, und vorſichtig weitergehend, erreichten wir den äußeren Saum des Waldes. Das Haus ſtand keine hundert und funfzig Schritte vor uns, und jen⸗ ſeits deſſelben befanden ſich Wirthſchaftsgebäude und Negerhütten. Indeſſen war kein menſchliches Weſen ſichtbar. Das Auge konnte über die uneingezäunten Felder da⸗ hinſchweifen, ohne einen einzigen Arbeiter zu bemerken. Keine Stallknechte waren vor den Ställen zu ſehen, keine Frauen ſaßen in den Thüren der Hütten, keine Kinder ſpielten vor denſelben. Die Fenſter des Hau⸗ ſes des Mr. Travis waren alle geſchloſſen und nur die Vorderthüre ſtand ein wenig offen. „Mir gefällt das Ausſehen der Dinge hier nicht, Beſſy,“ ſagte ich.„Sehen Sie es wohl?“ „Ja, ja,“ antwortete ſie, und ich konnte füh⸗ len, wie ihre Hand auf meinem Arme zitterte.„Der Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 10 — 146— Ort ſieht ſehr verlaſſen aus. Vielleicht ſind ſie bei der Nachricht von der Empörung entflohen.“ „Es mag ſein,“ antwortete ich;„aber ich kann Sie nicht mit hinein nehmen, Beſſy, bis ich mehr weiß. Wer kann ſagen, was in dieſem Hauſe ſein mag? Können Sie eine Piſtole abfeuern?“. „Ich denke wohl, Richard,“ antwortete ſie. „Aber warum?“ „Weil ich Ihnen dieſe zurücklaſſen will,“ ver⸗ ſetzte ich;„ich gehe hinein, um zu ſehen, was dort geſchehen iſt. Wenn ich nicht bald zurückkehren ſollte, bleibt Ihnen weiter Nichts übrig, als auf dem ſicher⸗ ſten Wege, den Sie finden können, nach Jeruſalem zu gehen. Die Herren aus der Gegend werden jenen Ort zu ihrem Verſammlungsplatze machen, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „O nein, nein, Richard!“ rief ſie;„wenn Sie zum Tode gehen, will ich mit Ihnen gehen. In der That, ich kann hier nicht allein bleiben. Ich würde aus Furcht für mich und Sie ſterben. Ich war ſchon die ganze Zeit über, als Sie dieſen Morgen weg wa⸗ ren, in großem Schrecken.“ Ich ſah, daß es vergebens war, mit ihr zu ſtreiten, und aus dem Walde gehend, kamen wir ganz leiſe zu dem freien Platze, der das Haus umgab. In demſelben Augenblicke kam ein großer Hund von dem Stalle herum zu der Vorderthüre, erhob ſeinen Kopf und begann zu heulen. Es war der ſchwer⸗ müthigſte Ton, den ich je gehört hatte; dennoch er⸗ muthigte er mich weiter zu gehen. Sobald das arme Thier uns erblickte, kam es, ohne zu bellen und ohne das geringſte Zeichen der Feindſchaft, herbeigelaufen und leckte mir die Hand, als ſei es froh, ein menſchliches Weſen zu ſehen. „Da haben wir im Nothfall einen Verbündeten, Beſſy,“ ſagte ich; und die Stufen hinaufſteigend, öffnete ich vollends die Thüre. Alles war ſtill, und im Vorſaale war kein Zeichen der Unordnung oder Verwirrung zu bemerken. Hüte und Kleidungsſtücke hingen umher, wie es in den Landhäuſern gewöhnlich iſt. Einige Angelruthen ſtanden im Winkel und ein Pulverhorn und eine Jagdtaſche lagen auf einem Stuhle. Da waren indeß keine Flinten an dem Orte, wo ſonſt Flinten geſtanden hatten, und auf dem Fuß⸗ teppich war der Abdruck eines bloßen Fußes zurückge⸗ blieben, der in eine dunkle Flüſſigkeit getreten. Es ſchien mir Blut zu ſein. An „Sie müſſen entflohen ſein,“ ſagte Beſſy, welche die Fußſpur nicht bemerkt hatte.„Alles ſcheint ruhig und in der Ordnung zu ſein.“ G „Es iſt möglich,“ antwortete ich;„aber ich habe doch manche Zweifel.“ 19 Jene Spur auf dem Teppich, die halboffene Thüre, die verſchloſſenen Fenſter— Alles erregte ei⸗ 10* — 148— nen ſchrecklichen Verdacht. Die noch übrige geladene Piſtole in der Hand, ſtieß ich die Thüre eines Zim⸗ mers zur Linken auf. Es ſchien das Speiſezimmer zu ſein, denn in der Mitte ſtand ein langer Mahagoni⸗ tiſch und Stühle in geringer Entfernung umhergeſtellt. Auch hier war kein Zeichen der Unordnung zu bemer⸗ ken, außer daß eine doppelläufige, geladene Vogel⸗ flinte auf dem Tiſche lag. „Dies trifft ſich ſehr glücklich,“ ſagte ich.„Ich werde mir die Freiheit nehmen, ſie mir anzueignen, da ſie dazu dienen kann, uns im Nothfall zu verthei⸗ digen, Beſſy, und uns, wenn wir weitergehen, Nah⸗ rung zu verſchaffen, ſollten wir nicht im Stande ſein, ſobald wir es wünſchen, eine Stadt oder Dorf zu erreichen.“ „O! Mr. Travis wird es Ihnen leicht per⸗ zeihen,“ verſetzte Beſſy.„Aber wir wollen uns ver⸗ ſichern, ob auch Niemand im Hauſe lauert; denn ich denke, ſie müſſen einige von den farbigen Leuten zu⸗ V rückgelaſſen haben, ſonſt wäre die Thüre nicht offen geweſen.“ „ aſſen Sie mich zuerſt hineingehen,“ ſagte ich, „und die Zimmer in dieſem Stock unterſuchen.“ Die Flinte unter dem Arme, ging ich wieder zum Vorſaale hinaus, blickte die Treppe hinauf und rief: „Iſt hier Jemand im Hauſe?“ — 149— Ich erhielt keine Antwort, Alles war ſtill und ſchweigend. Dann wendete ich mich zu dem Zimmer, welches dem Speiſezimmer gegenüber lag. Es war ein ſchönes, zierlich möblirtes Geſellſchaftszimmer, mit Büchern auf jedem Tiſche, und eins davon war offen. Zur Linken des Zimmers, den Fenſtern gegenüber, befand ſich eine Thüre, und Beſſy ſagte: „Dies iſt wahrſcheinlich das Schlafzimmer des Mr. und der Mrs. Travis.“ „Ich will hineingehen und zuſehen,“ verſetzte ich; „aber vorher laſſen Sie mich dieſe Thüre, die zum Vorſaale führt, verſchließen, damit wir nicht im Rücken angegriffen werden.“ Nachdem ich dies gethan hatte, ging ich zu der anderen Thüre hinüber und bat meine ſchöne Beglei⸗ terin, in dem Geſellſchaftszimmer zu bleiben, während ich die Unterſuchung anſtellte, denn ich hatte ein ge⸗ wiſſes Vorgefühl, daß ich nicht weit gehen dürfe, um Etwas zu finden, was ich vor ihren Augen zu ver⸗ bergen wünſchen würde. Sie folgte indeſſen dicht hinter mir, und ich öffnete die Thüre. Das Licht war matt, denn die Vorhänge der Fenſter waren ge⸗ ſchloſſen; dennoch konnte ich gut genug ſehen, um mich zu bewegen, Beſſy ſanft mit der linken Hand zurückzuſchieben, indem ich ſagte: „Laſſen Sie mich allein hineingehen, Geliebte. Dieſer Anblick iſt nicht für Sie geeignet.“ — 150— „Sind ſie nicht entflosena⸗ rief Beſſy in un⸗ ruhigem Tone. „Ihre Geiſter ſind entflohen,“ antwortete ich traurig.„Ihre Körper ſind hier.“ Indem ich in das Zimmer trat, machte ich die Thüre hinter mir zu, öffnete die Vorhänge und dann war die ganze ſchreckliche Scene vor mir. Mr. Tra⸗ vis ſelber lag neben dem Bette am Boden, aus wel⸗ chem er wahrſcheinlich in der Haſt geſprungen war, und hatte zwei ſchreckliche Wunden in ſeinem Kopfe, die mit einem Beile verurſacht worden waren. Bei der einen ſchien die Waffe abgeglitten zu ſein, bei der anderen war ſie aber tief in den Schädel gedrungen. In dem Bette lag ſeine Frau mit zerſchmettertem Schädel, und das Kiſſen war mit Blut übergoſſen. Aber was noch ſchrecklicher war, am Fußende des Bettes ſtand eine kleine Wiege, und aus derſelben hatten die Elenden ein Kind von vier Monaten geriſſen, es mit Beilſchlägen getödtet und es zu den Füßen des Va⸗ ters niedergeworfen. Mein Blut erſtarrte. Ich habe manchen Mann in der Schlacht fallen ſehen. Ich bin über das Feld gegangen und habe die Getödteten angeſehen; aber ich ſah nie einen Anblick, der mich mit ſolchem Entſetzen erfüllte, wie dieſer. Wenn der Menſch dem Menſchen im tödtlichen Kampfe gegenüberſteht, iſt der Geiſt vor⸗ bereitet auf Todesſcenen jeder Art, und Alles ſteht in Harmonie mit dem Werke des grimmigen Zerſtörers, ſo daß dadurch ein Theil des Schreckens entfernt wird. Aber hier ſtand Alles in ſeltſamem und ſchreck⸗ lichem Contraſte. Rings umher herrſchte der friedliche Anblick des häuslichen Lebens; das helle, zierlich aus⸗ geſchmückte Geſellſchaftszimmer mit dem offenen Buche, die muſikaliſchen Inſtrumente, das ſtille, verdunkelte Schlafzimmer, die kleine Wiege mit dem blaßrothen Vorhange— Alles erhöhte das Entſetzen bei dem Anblick der Gewaltthätigkeit, des Blutes und Todes. Ich konnte nicht warten, um die Scene zu be⸗ trachten, ſondern verließ ſchnell das Zimmer und ſchloß die Thüre. Beſſy umſchlang mich mit ihren Armen, verbarg ihre Augen und weinte. „Dies iſt nur, was wir zu finden erwarten konnten, meine Liebe,“ ſagte ich.„Aber, theuerſte Beſſy, wir haben jetzt andere Dinge zu bedenken, als um die Todten zu trauern. Wir werden hier eine Zeitlang völlig ſicher ſein, denn dieſe blutdürſtigen Elenden werden nicht ſo bald zu dem Schauplatze ih⸗ rer barbariſchen Thaten zurückkehren. Ich muß einige Kleidungsſtücke und Speiſen für Sie ſuchen, denn wir können nicht ſagen, wohin wir gehen müſſen, oder wie lange es währen wird, ehe wir einen ſicheren Ort finden.“ „Speiſen, Richard!“ rief Beſſy;„ich könnte jetzt Nichts eſſen. Es iſt mir, als könnte ich nie wieder — 152— mit Appetit eſſen, und ich denke nicht, daß wir hier ſo ſicher ſind, wie Sie glauben. Sohbald ſich dieſe Wilden in den Beſitz des Landes umher geſetzt haben, werden ſie ohne Zweifel zurückkehren, um die Häuſer auszuplündern. Hier ſcheinen ſie Nichts angerührt zu haben. Es wäre beſſer, ſogleich in den Wald zurück⸗ zukehren.“) „Sie werden nicht ſo bald kommen,“ antwortete ich.„Bei Tage müſſen ſie weiter vordringen, und eine Zeitlang werden ſie andere Dinge zu thun ha⸗ ben, als an das Plündern zu denken. Wir wollen uns indeß nicht lange hier aufhalten, aber ich muß Kleider und Speiſen für Sie haben. Ich dankte Gott in der letzten Nacht, daß es ſo warm und trocken ſei, aber in einer anderen Nacht möchte es nicht ſo ſein, und wer kann ſagen, wo wir dieſen Abend Obdach finden werden? Bleiben Sie hier und verſchließen beide Thüren; behalten Sie dieſe Piſtole bei ſich, ich will gehen und die verſchiedenen Gegenſtände ſuchen, deren wir bedürfen, und in einigen Augenblicken wieder zu⸗ rück ſein. Ich muß auch noch mehr Waffen haben, ſowie Pulver und Blei, wenn ich dergleichen finden kann, obgleich ich nicht zweifle, daß dieſe Leute den größten Theil der Waffen aus dem Hauſe getragen haben. Laſſen Sie mich nur gut bewaffnet ſein, und es ſoll mir auf ein halbes Dutzend von ihnen nicht ankommen. Auf jeden Fall, Beſſy, laſſen ———— — 153— Sie mich die Mittel ſuchen, Sie im Nothfalle zu vertheidigen.“ Sie blieb mit Widerſtreben unten; aber ich war nachher froh, daß es mir gelungen war, ſie zu über⸗ reden; denn in den oberen Zimmern fand ich zwei liebliche Mädchen von ihrem eigenen Alter, beide auf dieſelbe barbariſche Weiſe ermordet. Ich nahm einige von den Kleidern, die ich in den Schlafzimmern fand, um ſie meiner lieben Begleiterin hinunterzubringen. Es war mir, als ob ich die Todten beraube; aber dies war keine Zeit zu falſcher Delieateſſe. Bei meinem weiteren Suchen im Hauſe hatte ich keinen ſo guten Erfolg. Jede Flinte, deren viele im Hauſe geweſen, war von den entſetzlichen Mördern weggenommen worden, außer der einzigen, die ich im Speiſezimmer gefunden hatte. In einem kleinen Hin⸗ terzimmer fand ich indeß ein Paar ſehr ſchöne Piſto⸗ len und einen Säbel. Dieſe nahm ich nebſt dem Pulverhorn und dem Schrotbeutel, den ich in dem Vorſaale fand, mit. Der Beutel war mit Rehpoſten angefüllt und das Horn faſt ganz voll Pulver. Mit dieſen Waffen dachte ich, wenn ich angegriffen würde, mich gut vertheidigen zu können. Speiſen, in ſol⸗ chem Zuſtande, um ſie mitnehmen zu können, konnte ich nicht finden, außer einem Packet Zwieback; aber dies war ſchon etwas bei unſerer troſtloſen Lage, und glücklicherweiſe entdeckte ich in einem Schranke eine — 154— Jagdflaſche, worin ſich ein wenig Branntwein be⸗ fand. Mit allen dieſen verſchiedenen Gegenſtänden kehrte ich zu Beſſy zurück, die ich faſt an derſelben Stelle fand, wo ich ſie verlaſſen hatte. Dann verließ ich ſie auf einige Augenblicke, damit ſie ſich ankleiden möge, und ging zu der halboffenen Thüre und blickte hin⸗ aus. Ich war noch keine Minute dort geweſen, als ich in der Entfernung von drei bis vierhundert Schrit⸗ ten einen Neger, der eine Flinte auf der Schulter trug, über den freien Platz gehen ſah. Ich zog mich. augenblicklich zurück, beobachtete aber hinter der Thüre die Richtung, die er nahm. Er ſah indeſſen nicht nach dem Hauſe hinüber, ſondern ging mit dem froh⸗ lockenden Schritte eines Mannes dahin, der große Thaten verrichtet hat. Vielleicht war es ein Vorurtheil, vielleicht auch nicht; aber ich konnte nicht umhin zu denken, daß er einer von den Mördern ſei, der ſich über die Rache freute, die er an denen genommen, die ihn und ſein Geſchlecht der Freiheit beraubt hatten. In wenigen Minuten kam Beſſy zu mir, und ich fragte ſie, wohin der Weg im Walde führe, auf welchem ich den Neger hatte verſchwinden ſehen. „Das iſt der Weg nach Jeruſalem,“ antwortete ſie;„wenigſtens einer der Wege, die dorthin führen. — 155— Von der Hinterſeite des Hauſes führt noch einer dort⸗ hin, aber ſie treffen bald zuſammen.“ „Dann fürchte ich, dürfen wir uns nicht dort⸗ hin wenden,“ antwortete ich.„Ich habe eben einen bewaffneten Neger dort gehen ſehen, und ich zweifle nicht, daß ihm ſchon andere vorangegangen ſind. Wäre er allein, ſo wollten wir bald mit ihm fertig ſein; aber aller Wahrſcheinlichkeit nach ſind ſie gegan⸗ gen, um einen Angriff auf die Stadt zu machen.“ Sie ſchien ſehr beunruhigt und fragte in faſt ver⸗ zweiflungsvollem Tone: „Wo ſollen wir denn hingehen, Richard? Das Haus meines Onkels Henry liegt in derſelben Rich⸗ tung. Guter Gott! ich hoffe, ſie werden doch nicht auch angegriffen und ermordet worden ſein.“ „Ich hoffe nicht,“ antwortete ich. Ich konnte Nichts, als eine Hoffnung ausſpre⸗ chen; und um die Wahrheit zu ſagen, war dieſelbe nur ſehr ſchwach. Es war ſehr ſchwierig zu entſchei⸗ den, was man thun ſollte. Jede Richtung drohte uns Gefahr, und zu bleiben, wo wir waren, mußte allerdings ſehr gefährlich ſein. Wenn die wirklichen Mörder nicht zurückkehrten, ſo würden wahrſcheinlich andere Banden aufrühreriſcher Neger das Haus beſu⸗ chen, um es auszuplündern. Auf den Feldern und in den Wäldern konnten wir leicht an irgend einer Stelle den Empörern begegnen; und wenn ſie junge — 156— Maͤdchen und Kinder ermordeten, ſo ließ ſich nicht er⸗ b warten, daß ſi ie irgend eine weiße Perſon verſchonen würden. Dennoch gewährte der Wald immer ein Mittel, ſich zu verſtecken und zu entfliehen; und eben war 5 im Begriff, Beſſy den Vorſchlag zu machen, uns in den Schutz des Waldes zu begeben, als ſie auf den Einfall kam, wir möchten vielleicht Pferde im Stalle finden, vermöge welcher wir die Landſtraße erreichen, und uns dann nach der Richtung wenden könnten, die wir für frei hielten.„Auf jeden Fall,“ fügte ſie hinzu,„werden wir dort weiße Leute finden, die uns im Nothfall Beiſtand leiſten können.“ Ich ging lebhaft auf dieſen Vorſchlag ein; doch wir ſahen uns in unſerer Erwartung getäuſcht. Die Pferde waren alle weggenommen worden und keine Seele in einer von den Negerhütten zurückgeblieben. Eine ängſtliche Berathung folgte; aber der einzige Entſchluß, den wir faſſen konnten, war, den Schutz des Waldes wieder aufzuſuchen, einen ſtillen und ver⸗ vorgenen Ort zu finden und dort zu warten, bis die Sonne untergegangen ſei, und dann unter dem Schleier der Nacht uns ſo weit wie möglich der Hauptſtadt der Grafſchaft zu nähern, wo wir glaubten, daß alle Herren aus der Nachbarſchaft ſich in hinreichender Stärke verſammelt haben würden, um die aufrühreriſchen Neger zurückzuhalten. Wir ſchlugen den Pfad hinter dem Hauſe ein, der uns auf jeden Fall eine Strecke auf dem Wege weiter führen konnte, und ſo legten wir etwa zwei Meilen zurück, indem wir uns von Zeit zu Zeit umſahen und ein wachſames Auge auf den Weg vor uns richteten, der glücklicherweiſe faſt ganz gerade war. „Sie ſind ermüdet, liebe Beſſy,“ ſagte ich, als ich bemerkte, daß ſie ſich ſchwer auf meinen Arm lehnte. Wir wollen uns hier in den Wald wenden und eine Weile ausruhen. Ich habe die Waffen, die ich aus dem Hauſe mitgenommen, noch nicht gela⸗ den, und kann es ebenſo gut jetzt thun.“ „Ich denke, Jeruſalem kann nicht weiter als vier Meilen entfernt ſein,“ antwortete ſie,„und ich kann noch ein wenig weitergehen. Richard, es iſt beſſer, wenn wir uns der Stadt ſoweit wie möglich nähern. Ueberdies vereinigt ſich dieſer Weg drei Viertelmeilen weiter mit dem anderen, und wir können beſſer ent⸗ decken, was vorgeht, wenn wir uns gerade zwiſchen den beiden verbergen.“ Wir gingen etwa eine halbe Meile auf unſerem Wege weiter, als wir plötzlich in einiger Entfernung vor uns ein raſſelndes Musketenfeuer vernahmen. Es ſchienen nur einzelne Schüſſe zu ſein, aber im näch⸗ ſten Augenblick glaubte ich Pferde galoppiren zu hören. Ich nahm Beſſy auf meine Arme und trug ſie durch das Unterholz zu einer Stelle, wo ich glaubte, — 158— daß ſie verborgen ſein würde. Ich ſetzte ſie ſanft auf den Raſen nieder, verbarg mich hinter einem Baume und blickte auf den Weg hinaus. Kaum war eine Minute vergangen, als drei Ne⸗ ger zu Pferde in voller Eile dahergeſprengt kamen. Ich gerieth in große Verſuchung ihnen die beiden La⸗ dungen meiner Flinte zu geben, aber der Gedanke an Beſſy hielt mich zurück, und ich begnügte mich damit, lebhaft zu horchen, um mich zu verſichern, ob auch noch andere auf dem Wege daherkämen, welcher, wie ich wußte, ſich zur Rechten befand. In dieſer Rich⸗ tung konnte ich durchaus kein Geräuſch vernehmen; und indem ich mich an die Seite des lieben Mäd⸗ chens ſetzte, ſagte ich: Drei von dieſen Schurken ſind eben auf dem Wege dahergeſprengt, auf dem wir gekommen. Sie müſſen ein Gefecht mit einigen unſerer Freunde in der Nähe der Stadt gehabt haben. Dies gibt mir Hoff⸗ nung, mein liebes Mädchen; denn es ſcheint mir, daß die Herren ſich in Jeruſalem verſammelt haben, und wenn wir dieſe Nacht dorthin kommen können, werden wir wahrſcheinlich ſicher ſein.“ „Dann haben die Neger eine Niederlage erlitten,“ rief ſie mit dankbaren Blicken ihre Hände faltend; „ſie ſind geſchlagen und fliehen!“ 4„Nun, drei fliehen freilich,“ antwortete ich lä⸗ chelnd;„aber ich fürchte, liebe Beſſy, das iſt kein 1 8 Beweis von dem Erfolge des Gefechts. Sehr wenige Gefechte dieſer Art finden ſtatt, ohne daß mehr als drei davon laufen, ſelbſt von der ſiegreichen Partei. Es wird beſſer ſein, hier zu bleiben und unſern Weg nach Anbruch der Nacht fortzuſetzen. Wir haben Schat⸗ ten und weichen Raſen, ſo wie viele wilde Blumen und Singyvögel; und wenn wir nur die ſchrecklichen Seenen vergeſſen könnten, die wir eben angeſehen ha⸗ ben, ſo könnten wir einige Stunden ganz angenehm hinbringen, obgleich ich Nichts weiter als Zwieback habe, womit ich Sie bewirthen kann.“ „Ich meinte, Richard, wir hätten keine Sing⸗ vögel in meinem Vaterlande?“ ſagte Beſſy mit ei⸗ nem Anfluge von ihrer alten Heiterkeit, wenn auch ſehr getrübt. „O ja, Sie haben welche, Theuerſte,“ antwor⸗ tete ich.„Ich habe ſeitdem einen Singvogel gefun⸗ den, den ich noch zu fangen verſuchen will.“ O! welch ein helles Licht bricht zuweilen durch die dunklen Wolken! Kummer und Furcht hatten uns während der ganzen vergangenen Nacht und jenes er⸗ eignißreichen Morgens verfolgt, aber jeder Schritt, jeder Augenblick hatte das Band zwiſchen Beſſy's Her⸗ zen und dem meinigen feſter geknuͤpft in dem treueſten und rührendſten Verhältniſſe des Weibes zu dem Manne — der Beſchützten zu dem Beſchützer. Die Aufregung und die Gefahr verliehen der verhältnißmäßigen Ruhe — 160— und Sicherheit, womit wir an jener einſamen Stelle ſaßen, den Zauber des Contraſtes, und als wir un⸗ ſere ſpärliche Mahlzeit einnahmen, während ich ſie mit meinem Arme unterſtützte und ihre Schulter an mei⸗ ner Bruſt ruhete, koſteten wir Beide ein Glück, wel⸗ ches nur ſelten Jemanden im Verlaufe dieſes ſtürmi⸗ ſchen Lebens gewährt wird. Zehntes Kapitel. Beſſy und ich hatten Zeit genug, viele Dinge zu beſprechen; doch wurde kein Wort von Liebe zwi⸗ ſchen uns erwähnt— keine Beziehung auf Gegen⸗ ſtände genommen, die vor achtundvierzig Stunden unſere Gedanken ſo vollſtändig in Anſpruch genommen hatten. Sie war völlig in meiner Macht. Ich hätte ſagen können, was ich gewollt, und Verſprechungen fordern können, wie ſie mir eingefallen wären; aber ich wollte keinen ſo grauſamen Vortheil aus ihrer Lage ziehen. Es lag etwas ſo Vertrauensvolles und Zuverſichtliches in ihrem eigenen Benehmen, daß ich es mir in ſpäteren Jahren nie hätte verzeihen können, wenn ich den geringſten Mangel an Groß⸗ muth in Handlungen, Worten oder Gedanken, in ei⸗ ner ſolchen Lage, gegen ſie gezeigt hätte. Auch war Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 11 es durchaus nicht nothwendig, irgend etwas zu ſagen. Ihr Kopf ruhte an meiner Bruſt, ihre ſchönen Au⸗ gen blickten vertrauungsvoll zu meinem Geſichte auf; ihre Hand lag in der meinigen. Wozu ſollten noch Worte ausſprechen, was in unſeren Herzen war? „Von Liebe reden, heißt nicht Liebe zeigen,“ ſagt der alte Sterne mit Wahrheit, und es war genügend für uns, zu fühlen, daß wir einander wahrhaft liebten. Zwei oder drei Stunden vergingen und ſie ſchie⸗ nen uns nicht lang. Alles war ſtill und ruhig um uns her. Da waren keine weitern Musketenſchüſſe, kein Galoppiren von Pferden zu hören. Ein oder zweimal verließ ich ſie auf einige Minuten, um mich ſo weit, wie es gerathen war, dem einen oder dem anderen Wege zu nähern, die hier durch eine Wald⸗ ſtrecke, nicht breiter als zweihundert Schritte, getrennt wurden, aber nichts war zu entdecken. Kein Geräuſch traf mein Ohr. Kein beweglicher Gegenſtand war zu ſehen, ſoweit meine Augen vordringen konnten. Ich glaube, wir hätten wohl mit Sicherheit weitergehen können. b Aber die trügeriſche menſchliche Natur wollte mir nicht geſtatten, nach dem Glauben zu handeln, der wirklich in meinem Herzen war. Dieſe Stunden, die ich mit Beſſy zubrachte, waren in der That ſo lieblich, daß man mir wohl verzeihen darf, wenn ich eingebildete Gefahren heraufbeſchwor und mich zu glauben nöthigte, daß ſie wirklich waren, und Klug⸗ heit und Beſonnenheit zu Hilfe rief, um die Stimme der Neigung zu unterſtützen. Liebe Beſſy, gabſt Du Dich nicht auch der Selbſttäuſchung hin? Es war ſehr warm in unſerer kleinen, verſteckten Laube; denn wenn gleich die Bäume den Sonnen⸗ ſchein abhielten, ſo beraubten ſie uns doch des Luft⸗ zuges, den wir nur an den Baumwipfeln und an den flüſternden, höheren Blättern erkannten. In Beſſy's Geſichte zeigten ſich Spuren der Er⸗ müdung, und ich bat ſie, ſich zum Schlafen niederzu⸗ legen, indem ich ſie zu überzeugen ſuchte, daß es. ihr Stärke zu ihrem weiteren Gange gewähren werde. Es war ſehr angenehm, ſie zu beobachten, während ſie dalag und ihre Augen ſchloß; und als ich ſie am frühen Morgen angeſehen, konnte ich nicht heraus⸗ bringen, welches der beſondere Zauber ſei. Ich denke, es muß etwas in dem Anblick des Friedens und der Ruhe liegen— nicht ohne Leben, ſondern lebend und belebt— in der vollkommenen Ruhe, ſo harmoniſch für die verborgenen Hoffnungen und Erwartungen der Unſterblichkeit, wenn Alles in dem heiteren und tiefen Sinn von Gottes Güte aufgeht, daß die Betrachtung ſelbſt eines ſchwachen und unangemeſſenen Bildes ei⸗ nes ſolchen Zuſtandes, die Bruſt mit ſeltſamer und verwirrter Bewundernng erfüllt. Beſſy bedurfte in der That keiner großen Ueber⸗ 11* — 164— redung, denn ihre Augen waren ſehr ſchwer; und au⸗ ßer dem Auge des Allmächtigen, war noch ein lieben⸗ des Auge da, welches ſie überwachte. Sie lehnte ſich an meine Schulter und ihre Augen ſchloſſen ſich. Dann öffnete ſie ſie plötzlich wieder— ihrer noch wachen Phantaſie, ſtellte ſich noch eine Erinnerung der Gefahr oder des Kummers dar— und dann ſchloſ⸗ ſen ſich die lieblichen Augen wieder und ſie ſank in tiefen Schlummer. Ich hätte in einer ſo theuren Nähe auch einſchlafen können; denn ich fühlte mich we⸗ niger ſtark, als ſonſt der Fall zu ſein pflegte. Aber ich wollte kein Auge ſchließen, während meiner Geliebten Gefahr nahe war. Eine Stunde, ja vielleicht andertgalt Stunden vergingen. Ich konnte nicht ſagen, wie viel Zeit vergangen war, denn ich hatte vergeſſen, meine Uhr aufzuziehen, und ſie war ſtehen geblieben; aber nach dem Stande der Sonne urtheilte ich, daß es beinahe vier Uhr ſein müſſe. Zuweilen hatte ich Beſſy ange⸗ ſehen, als ſie dalag, und dachte bei mir ſelber, welch' eine Fälſcherin die Natur ſein müſſe, wenn die Schrift auf jenem liebenswürdigen Geſichte nicht einen edlen, liebenswürdigen, biederen Geiſt ausſpreche. Dann erinnerte ich mich des alten Bildes im Hauſe meines Vaters von den Kindern im Walde, faſt in derſelben Stellung, wie wir dalagen, und ebenſo frei von bö⸗ ſen Gedanken, wie wir. Ich lächelte über den ſeltſa⸗ — 165— ſamen Vergleich zwiſchen dieſen Kindern und uns, der ſich meinem Geiſte dargeſtellt hatte. Zu anderen Zeiten ſchweifte mein Auge über un⸗ ſeren kleinen, ſchattigen Ruheplatz dahin, und mein Ohr ſuchte jedes Geräuſch zu erhaſchen, welches die Annäherung der Gefahr verkünden möchte. Zwei Pi⸗ ſtolen und die Flinte lagen neben mir, und die ande⸗ ren beiden Piſtolen in meiner Taſche waren im Be⸗ reiche meiner Hand. Um die Wahrheit zu ſagen, hegte ich Vertrauen zu meinem Muthe und meiner Geſchicklichkeit, und ich zweifelte nicht, ſelbſt zahlrei⸗ chen Gegnern mit Erfolg widerſtehen zu können. Doch Alles war ſo ſtill und friedlich, daß mir keine Gefahr vorhanden zu ſein ſchien; und ich bildete mir ein, wir würden die Hauptſtadt der Grafſchaft errei⸗ chen und dann dort Sicherheit finden. Die Gefahr verliert durch Gewohnheit das Furchtbare, und ich hätte gern manchen Tag unter dieſen wilden Scenen mit Beſſy zugebracht, wäre ich nicht für ſie beſorgt geweſen. Aber ich fühlte, daß ſie ſolche Aufregung nicht lange ertragen könne; daher wünſchte ich leb haft, daß Alles ein Ende nehmen möge, auch wenn uns die Langweiligkeit, die Unerfreulichkeit und das Drü⸗ ckende der förmlichen Geſellſchaft, anſtatt der wilden, genialen Freiheit der Wälder, wieder aufgedrängt wer⸗ den ſollte. Um vier Uhr aber, als mein Auge auf die Ver⸗ — 466— einigung der beiden Wege gerichtet war, ſchien ſich et⸗ was am Fuße der Bäume durch die niedrigen Büſche zu erheben, was mir unerklärlich war. Anfangs glaubte ich, es komme von dem frühen Nebel des Abends, denn es glich dem blauen Dunſte, der ſich gegen das Ende eines warmen Tages vom Boden erhebt, und es breitete ſich zögernd unter den Geſträuchen und Büſchen aus, erhob ſich aber nicht weiter, als einen oder zwei Fuß, vom Boden. Es nahm indeſſen ſchnell zu, und von einer beſtimmten Stelle ſtieg eine bläulich weiße Wolke auf, die ſich bis zu den Baum⸗ wipfeln erhob, und ſich in verſchiedenen Kreiſen aus⸗ breitete.. Endlich wurde es klar, daß Jemand in nicht weiter Entfernung im Walde ein Feuer angezündet habe. Jetzt ſchien freilich Veranlaſſung zur ängſtli⸗ chen Beſorgniß vorhanden zu ſein. Der Wind blies von uns weg zu der Stelle hin, wo der Rauch aufſtieg, ſo daß ich keine Stim⸗ men vernehmen konnte, wenn auch Jemand dort ge⸗ ſprochen hätte. Dennoch war es gewiß, daß Men⸗ ſchen in unſerer Nähe waren, und daß es eine Ab⸗ theilung der aufrühreriſchen Neger war, ſchien mehr als wahrſcheinlich. Mehrere Betrachtungen beſchäftigten meinen Geiſt einige Augenblicke; aber endlich hielt ich es für beſ⸗ ſer, Beſſy zu wecken und ſie ſo ſchnell wie möglich — zu einer entfernteren Stelle zu führen. Wovon ſie ge⸗ räumt hatte, weiß ich nicht, aber es war offenbar etwas Beunruhigendes; denn als ich mit ihr ſprach und ſanft ihren Kopf aufrichtete, ſtieß ſie einen ra⸗ ſchen Schrei der Furcht aus. Der Schrei war ſehr leiſe, aber doch hinreichend, bei der Richtung des Windes zu den Ohren der Anderen zu gelangen. Ich erklärte ihr, was ich geſehen, und was ich zu thun für das Beſte hielt; und als ich nach der Rich⸗ tung deutete, wo man den Rauch bemerkte, ſah ich etwa dreißig Schritte vor uns die Büſche ſich be⸗ wegen. „Legen Sie ſich nieder!“ flüſterte ich, indem ich meinen Arm entfernte, womit ich ſie umfaßt ge⸗ halten.„Legen Sie ſich nieder und verhalten Sie ſich ganz ruhig, was auch geſchehen mag. Es kommt etwas durch den Wald. Ich habe hier die Mittel, über das Leben von ſechs Perſonen zu gebieten, und dann habe ich noch den Säbel. Ich glaube nicht, daß ihrer viele ſein können; und wenn nicht, ſo kann ich mich ihrer bemächtigen.“ Beſſy gehorchte ohne ein Wort zu ſagen; doch erhob ſie ihre Hand zu ihren Augen, als wollte ſie den Anblick ausſchließen, den ſie erwartete. Ich er⸗ hob ruhig die Flinte, die ich wieder mit Rehpoſten geladen hatte, legte ſie an meine Schulter und rich⸗ tete ſie auf die Stelle, wo die Büſche ſich bewegt — 168— hatten, denn ich war entſchloſſen, nicht eher zu feuern, als bis ich gewiß ſein konnte, daß ich treffen würde. Einen Augenblick ſpäter bewegte ſich ein Zweig ein wenig näher und mehr zur Rechten, und dorthin richtete ich ſogleich meine Flinte. Dieſelbe Andeutung zeigte, daß die Perſon ſich noch weiter näherte, und ich folgte den ſchwankenden Zweigen mit der Flinte. Endlich erſchien ein dunkles Geſicht, welches keine zwanzig Schritte vor mir durch die Blätter blickte; aber glücklicherweiſe bemerkte ich zu gleicher Zeit die bunten Farben eines gedruckten Taſchentuchs, wie die Negerfrauen in dieſem Diſtrict es gewöhnlich um den Kopf tragen. Eine Minute ſpäter rief eine Stimme: „O, Herr! Laſſen Sie Ihre Flinte ſinken. Ich komme nicht, um Ihnen etwas zu Leide zu thun. Wir ſind davon gelaufen, ebenſo wie Sie.“ Ich ließ meine Flinte herunter, behielt ſie aber noch in der Hand und beobachtete lebhaft den Boden vor mir, um mich zu überzeugen, ob die mörderiſche vielleicht dem Frauenzimmer folge. Die Büſche ſchie⸗ ſam kam ſie näher, als fürchte ſie ſich noch vor der lattenmädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, aber nen indeſſen alle unbeweglich, und leiſe und furcht⸗ Waffe in meiner Hand. Es war ein dunkles Mu⸗ Bande, die ſich durch das Land umhertrieb, nicht — 169— wohlgebildet und von unbefangenem und gutmüthigem Geſichte. „Ah! Miß Beſſy!“ rief ſie, als ſie ſich uns bis auf zwei oder drei Schritte genähert hatte,„ſind Sie es? Es muß eine harte Zeit für Sie geweſen ſein. O, Himmel! o, Himmel! daß es dahin kom⸗ men mußte! Wie kamen Sie überhaupt davon? Dieſe Negerteufel haben bei Mr. Stringer jede lebendige Seele getödtet, den Pfarrer und Alle— der ihnen ſo ſchön vorpredigte. Ich denke, er hat gewiß zuletzt gewünſcht, er möchte ihnen nicht geſagt haben, daß ſie ihre Herren tödten ſollten. Er ließ ſich nicht träu⸗ men, daß ihm der Kopf mit einem Beil geſpalten werden ſollte.“ Beſſy war aufgeſtanden und ſah einen Augenblick die Redende an, als erinnere ſie ſich ihrer nicht, und dann fuhr das Mädchen fort: „Eil erinnern Sie ſich nicht mehr an Minerva, die bei Mr. Travis war? Ach! ſie tödteten meinen armen Herrn und meine Dame und ſelbſt das arme, kleine Kind, Eddy. Und ohne ein Wort zu den Frauen zu ſagen, mordeten ſie in der Nacht, und ſo wurden wir Alle furchtſam und liefen in den Wald hinaus, denn wir wußten nicht, ob wir nicht auch zunächſt an die Reihe kommen würden, denn ſie ſind Alle ſo wüthend und Nat Turner ſagt, er ſei von dem Herrn geſendet, Alle zu tödten und zu erſchlagen, an wel⸗ — 170— chen er das Zeichen findet. Wer kann nun ſagen, ob ſie das Zeichen an ſich hat oder nicht? So kamen fünf von uns hierher, und alle die Uebrigen ſind fort⸗ gegangen, ich weiß nicht wohin, und haben die Kin⸗ der mit ſich genommen.“ Während ſie ſprach, richtete ich meine Augen auf das Gebüſch vor mir und überzeugte mich, daß Niemand ihr folge; und Beſſy, die anfangs ein we⸗ nig verwirrt war, theils von der Nachricht der Ge⸗ fahr, theils, weil ich ſie ſo plötzlich aus ihrem Schlafe erweckt hatte, erkannte jetzt das Mädchen und ſagte: „Ich erinnere mich Deiner jetzt, Minerva. Du warſt die Wärterin des Kindes, nicht wahr? Ich denke nicht, daß Du uns verrathen oder etwas zu Leide thun würdeſt.“ „Ich würde es um mein Leben nicht thun, Miß Beſſy,“ verſetzte das Mädchen.„Ich würde mein Leben aufs Spiel ſetzen, um Ihnen zu helfen, aber nimmermehr würde ich etwas thun, um Ihnen zu ſchaden.“ Wir Engländer lieben die warmen Betheuerun⸗ gen nicht, denn wir machen ſie ſelber ſelten, und wir ſehen den verſchiedenen Gewohnheiten, dem Blut und Temperament nicht viel nach. Aber das Geſicht des Mädchens ſchien redlich und unbefangen zu ſein, und ich forderte ſie auf, ſich zu uns zu ſetzen, indem ich Nachrichten zu erhalten wünſchte, in deren Beſitz ſie vielleicht ſein mochte. Sie konnte nicht viel Nachrichten ertheilen; denn wie ich glaube habe ich irgendwo bemerkt, daß keine große Sympathie zwiſchen den Mulatten und den Schwarzen herrſcht. Die Erſteren ſcheinen geneigt zu ſein, ſich ein wenig auf die nähere Verwandtſchaft mit ihren Herren einzubilden; die Letzteren betrachten die Mulatten mit einer gewiſſen Verachtung und Wi⸗ derwillen, als haben ſie einen Theil des Blutes der Seclavenhalter geerbt, ohne doch ihre Macht und ih⸗ ren Verſtand zu beſitzen. Sie verheirathen ſich frei⸗ lich zuweilen mit einander; doch dieſe verborgene Ab⸗ neigung bleibt immer vorherrſchend; und man hört immer die Neger in kaltem und verächtlichem Tone von einem gelben Manne, oder einem gelben Weibe reden. Bei gegenwärtiger Gelegenheit ſchienen viele von den Mulatten Beſorgniß zu hegen, daß die Rache der Neger ſich wegen des weißen Blutes in ihren Adern auch auf ſie erſtrecken würde. Dies war be⸗ ſonders unter den Mulattenfrauen der Fall, und Mi⸗ nerva ſagte uns, ſie habe nur gewagt, mit den Leu⸗ ten von ihrer eigenen Farbe zu verkehren. Von ih⸗ nen habe ſie erfahren, daß dreißig oder vierzig Per⸗ ſonen während der vergangenen Nacht ermordet wor⸗ den; da man ſie völlig unvorbereitet angegriffen, ſo — 172— ſei kein Widerſtand geleiſtet worden und am Mor⸗ gen wären die Neger in beträchtlicher Anzahl zu Pferde und bewaffnet auf Jeruſalem zu marſchirt, in⸗ dem ſie beabſichtigt hätten, die Stadt auszuplündern und niederzubrennen. Etwa eine Meile von der Stelle, wo wir uns jetzt aufhielten, wären ſie aber mit einem Trupp bewaffneter weißer Männer zuſam⸗ mengetroffen, die auf ſie gefeuert und ſie zerſtreut hätten. Aber ſie fügte hinzu, was uns ſehr wichtig war, daß ſie ſich ſeitdem in größerer Anzahl, als je, wie⸗ der verſammelt und eine Anzahl von vier weißen Per⸗ ſonen ermordet hätten, die ihnen auf dem Wege be⸗ gegnet wären. Sie konnte uns keine einzelnen Umſtände angeben, denn ſie hatte es nur von einem Mulatten gehört, der es wieder von einem anderen gehört hatte. Wir müſſen alle erfahren haben— und zwar zuweilen auf unſere eigenen Koſten— wie gefährlich es iſt, ſich in. Zeiten der Gefahr und Aufregung auf Gerüchte zu verlaſſen. Es ſchien mir auch, als ſei das Mädchen geneigt, einigen von meinen Fragen auszuweichen. Ich fragte Beſſy daher in italieniſcher Sprache, die ihr ſehr geläufig war, ob man ſich auf das Frauen⸗ zimmer verlaſſen könne. „O ja,“ antwortete ſie;„ich habe immer als ein ſehr gutes und redliches Mädchen von ihr ſpre⸗ — 173— chen hören, obgleich ſie ohne Zweifel, gleich allen Ne⸗ gern, geneigt iſt, Alles zu vergrößern, was ſie ge⸗ hört.“ t „Waren die weißen Männer bewaffnet, die, wie Du ſagſt, auf dem Wege getödtet worden?“ fragte ich, indem ich mich zu dem Mädchen wendete. „Ja, das waren ſie,“ ſagte das Mädchen;„denn der Mann ſagte mir, es habe ein ſchreckliches Geſecht ſtattgefunden. Aber alle weißen Männer wurden den⸗ noch getödtet; die Neger waren ihrer zu viele.“ „Kannſt Du mir ſagen, welchen Weg die ſchwar⸗ zen Männer nach dem Gefecht genommen?“ fragte ich. „Nein,“ antwortete ſie;„davon weiß ich Nichts; nur kamen ſie nicht hier herunter, ſonſt hätten wir das Galoppiren der Pferde hören müſſen.“ „Drei Männer kamen zu Pferde vorüber,“ ſagte ich,„und die Uebrigen mögen vielleicht zu Fuß ge⸗ weſen ſein.“* „O nein,“ rief ſie,„ſie hatten alle Pferde;z ſie nehmen die Pferde, die Flinten und das Pulver, wo ſie es finden. Sie nahmen alle Pferde des alten Herrn, als ſie alle im Hauſe ermordet hatten. O! ich wollte, ich wüßte, wer das Kind ermordet hätte, ich wollte ihm das Herz herausreißen.“ Und ein Blick der Wuth kam in ihre Augen, der nicht wohl verſtellt 3 ſein konnte. „Jener Nat Turner ſteht an der Spitze von Allen,“ fuhr ſie fort.„Er hält ſich für einen Pro⸗ pheten; aber ich denke, er iſt ein Teufel; denn wer anders, als ein Teufel, würde arme unſchuldige Kin⸗ der ermorden?“ Hier fand eine Pauſe von einigen Augenblicken in unſerer Unterredung ſtatt, und dann fragte Beſſy nach den Namen der anderen vier Frauenzimmer, die ſie begleiteten. Sie wiederholte ſie nach einander, und ich konnte bemerken, wie Beſſy's Geſicht ſich bei der Erwähnung der einen verfinſterte. „Ei, wie kamſt Du zu der, Minerva?“ fragte ſie.„Ich habe gehört, ſie iſt ein ſehr böſes Weib.“ „Das iſt freilich wahr,“ antwortete das Mäd⸗ chen;„ſie iſt ein böſes Weib, Miß Beſſy, und ſchlägt ihre eigenen Kinder, betrinkt ſich und dergleichen mehr; aber damals war ſie die Sclavin des Herrn und ſie iſt faſt ganz weiß, ſo daß alle Neger ſie haſſen, und Nat Turner ſagte einmal zu ihr, er wolle ſie tödten, wenn ſie nicht anders würde. Das war damals, als ſie ihrem Manne mit einem Steinkruge den Kopf zer⸗ ſchlug— ſo konnten wir nicht umhin, ſie mit uns zu nehmen, denn man würde ſie gewiß getödtet haben.“ Dies ſchien eine ſehr verſtändige Erklärung der Sache; aber wir hatten keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn während ſie ſprach, erſchien plötz⸗ lich eine andere Mulattin, die beträchtlich älter war und deren Ankunft ich nicht bemerkt hatte, in der Oeff⸗ nung des Gebüſches vor uns, und Beſſy fuhr mit freudigem Blicke empor, und rief: „Ei, Jenny, ſeid Ihr es? Ich bin ſehr froh Euch zu ſehen.“ „O! Miß Beſſy, Miß Beſſy!“ rief die Frau, ſie in ihre großen, fetten Arme ſchließend und ihr einen Kuß gebend, während die Thränen über ihre Wangen herunterrollten.„Gott ſei Dank, Sie ſind entkommen! Ich dachte mir wohl, daß jener edle Herr für Sie Sorge tragen würde. Und als ich durch das Haus ging— jenes ſchreckliche Haus— wo alle die Lei⸗ chen umherlagen und die armen Knaben mit ihren ge⸗ ſpaltenen Köpfen, und jener Mac Grubber auf der Treppe, ganz zerhackt und zerhauen mit den Beilen— und Ihr Zimmer leer fand, obgleich die Thür in Stücke zerſchmettert war, da hoffte ich, daß Sie ent⸗ kommen wären. Auch mein Herz wurde muthlos, als ich daran dachte, was aus dem lieben Kinde werden würde.“ „Dies iſt die Köchin von Beavors, Richard,“ ſagte Beſſy;„ſie war auch die Köchin der lieben Tante Beb.“ „Ol ich erinnere mich, ſie an dem Tage geſehen zu haben, als wir herüberkamen und das Haus in Mr. Stringer's Abweſenheit in Beſitz nahmen. Jenny, es iſt mir lieb, Sie hier zu ſehen. Aber was geſchah, daß Sie das Haus verließen, nachdem Sie ſo lange dort geblieben waren?“ „O, Herr!“ antwortete die Frau,„ich hörte, daß man alle gelben Leute, ſo wie die weißen, tödte, und da hielt ich es für beſſer, aus dem Wege zu gehen, obgleich ich ſpäter ſelber, als ich weiterging, mich eine große Thörin nannte, und jetzt die Geſchichte ſelber nicht glaube; ich denke, es iſt Alles eine Lüge. Aber als ich hier vorüberkam, ſah ich Rauch im Walde und hörte Frauenſtimmen, und ſo kam ich denn hier⸗ her. Aber Sie dürfen nicht denken, Sir Richard, daß alle die ſchwarzen Leute ſo ſchlecht ſind, wie Nat Tur⸗ ner und ſeine Bande. Nur zwei von Mr. Stringer's Leuten wollten ſich ihnen anſchließen, und ich könnte einen Eid darauf ablegen, daß keiner von den Dienern meiner lieben alten Herrin ſeine Hand gegen einen weißen Mann erheben würde, nach Allem, was Sie gethan, indem Sie ſie aus den Händen des Selaven⸗ händlers befreit, ſich in ein Gefecht eingelaſſen und verwundet wurden, um zu verhindern, daß ſie nach Orleans gebracht wurden.“ Ich konnte nicht umhin über die ſeltſame Erklä⸗ rung meines Duells mit Mr. Robert Thornton zu lächeln; aber ich hörte ſpäter, daß es die allgemeine Anſicht der armen Leute ſei, daß mein Duell mit je⸗ nem würdigen Herrn allein verhindert habe, daß ſie aus Virginien weggeführt wurden. Sie glaubten, wenn ich getödtet worden wäre, hätte man ſie Alle an einen Ort gebracht, vor welchem ſie eine große Furcht hatten. Aber wir hatten andere Dinge zu bedenken, und nachdem ich einen Augenblick nachgedacht, ſagte ich: „Ich fürchte, jener Rauch wird uns den umher⸗ wandernden Banden verrathen. Warum hat man ein Feuer angezündet, Minerva? An dieſem heißen Tage bedarf man doch keines Feuers.“ „O! Sie müſſen etwas zu eſſen haben,“ verſetzte das Mädchen,„und die alte Lou brät einen Haſen, den ſie in der Schlinge gefangen.“ „Ol Sie dürfen keine Furcht haben, Sir Ri⸗ chard,“ ſagte Jenny.„Sie ſind Alle nach der ande⸗ ren Richtung gegangen, und man ſagt mir, mehrere von ihnen haben Kugeln in ihr Fell bekommen, und ich ſtehe dafür, es wird lange währen, ehe ſie zurück⸗ kommen. Der Weg nach Jeruſalem iſt jetzt ganz frei.“ „Ich wollte, ich könnte es glauben, Jenny,“ ant⸗ wortete ich,„denn ich wünſche Miß Davenport ſo bald wie möglich dorthin zu bringen. Aber ich höre, es ſind dreißig oder vierzig in der Bande; und wenn ich ſie auch bis auf's Aeußerſte vertheidigen wollte, würde ich doch bald von einer ſolchen Anzahl über⸗ wältigt werden.“ „Ja,“ antwortete Jenny,„dieſen Morgen waren Freiheit u. Seclaverei. 2. Bd. 12 — 178— ihrer ſechzig; ich zählte ſie ſelber, aber es ſind jetzt nicht ſo viele. Sie ſind ſchon zuſammengeſchmolzen, und bald werden keine zwanzig mehr von ihnen übrig ſein, wenn nicht andere dazu kommen. Aber Sie kön⸗ nen ſich bald überzeugen, Sir Richard; denn wenn Sie im Walde weitergehen, ſo daß die Sonne zur Rechten von Ihnen iſt, ſo werden Sie in einer halben Stunde auf die Landſtraße kommen, und wenn Sie bis dort⸗ hin keine Spur von ihnen ſehen, können Sie gewiß ſein, daß Alles richtig iſt. Sie werden ſich nicht ſo bald wieder auf die Landſtraße wagen, denn die Her⸗ ren ſind alle in der Stadt verſammelt und ihrer ſind zu viele für ſie. Wenn Sie wollen, gehe ich mit Ihnen und zeige Ihnen den Weg. Ich fürchte mich nicht. Ich würde in der That ſelber nach Jeruſalem gegangen ſein, nur iſt es nicht angenehm für uns arme Geſchöpfe. Die Herren betrachten uns als Schwarze, und die Neger tödten uns, weil ſie ſagen, daß wir gelb ſind, was ſollen wir alſo thun?“ „Laſſen Sie uns weiter gehen, Richard;“ ſagte Beſſy.„Ich denke nicht, daß viel Gefahr vorhanden ſein wird.“ Nach augenblicklichem Nachdenken beſchloß ich in⸗ deß, vorher die Gegend allein zu recognosciren. Es ſchien mir klar, daß die Nachricht Jenny's, gleich der des Mulattenmädchens Minerva, ſehr ungewiß war und nur auf Hörenſagen beruhte; und ich wollte das Leben eines ſo theuren Weſens nicht wegen eines ſo unbeſtimmten Gerüchts auf's Spiel ſetzen. Ueberdies hatte Beſſy jetzt eine Perſon bei ſich, auf die ſie ſich verlaſſen und die ihr in mancher Hinſicht nützli⸗ cher ſein konnte, als ich ſelber. Aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach kannte Jenny alle Wege und Fußſteige in einem Lande, in welchem ſie geboren und auferzogen worden. Sie kannte die Gewohnheiten und Sitten der Leute und konnte viel beſſer, als ich, über ihre Zwecke und Abſichten urtheilen. Sie war überdies eine ſehr rüſtige und kräftige Frau, und es ſchien ihr nicht an Muth oder Entſchloſſenheit zu fehlen— lau⸗ ter ſehr nützliche Eigenſchaften des Körpers und Gei⸗ ſtes unter den Umſtänden, worin wir uns befanden. „Ich will weiter gehen, liebe Beſſy,“ ſagte ich, „um zu ſehen, was ich in der Entfernung von etwa einer Meile entdecken kann. Ich will zurückkehren, ſo⸗ bald ich mich überzeugt habe, daß der Weg frei iſt. Mittlerweile bleiben Sie hier bei Jenny, bis ich zu⸗ rückkehre, wenn Sie nicht eine Veranlaſſung zur Furcht finden. Wenn Sie genöthigt ſein ſollten, dieſen Ort zu verlaſſen, ſo zerreißen Sie ein Taſchentuch oder dieſes Papier, in welches der Zwieback gewickelt war, und werfen die Stücke auf den Weg. Behalten Sie lieber dieſe beiden Piſtolen bei ſich. Der Knall wird auf eine weite Strecke zu mir dringen und jene Schur⸗ 12* — 180— ken wahrſcheinlich mehr erſchrecken, als das Blei, wel⸗ ches darin iſt.“ „Ol geben Sie mir eine davon, Sir Richard,“ ſagte Jenny.„Ich will ſie niederſchießen, wenn ſie hierherkommen und ihnen dann mit der umgekehrten Piſtole den Schädel zerbrechen.“ „Hier iſt eine größere, Jenny,“ ſagte ich, indem ich ihr eine von den Piſtolen gab, die ich im Hauſe des Mr. Travis gefunden.„Ich weiß, Jenny, Sie werden Ihre junge Herrin beſchützen. Sie fürchten ſich doch nicht, theuerſte Beſſy, ſo lange hier zu blei⸗ ben, bis ich zurückkomme?“ „Nein,“ antwortete ſie matt; dann fügte ſie aber hinzu:„Ich möchte lieber mit Ihnen gehen, Richard; aber ich würde Sie beläſtigen; und vielleicht halten Sie es für das Beſte; nur bleiben Sie nicht ſo lange aus, lieber Richard, denn ich werde Ihretwegen be⸗ ſorgt ſein, bis Sie zurückkehren.“ Ich ging einen oder zwei Schritte weiter, aber dann machte mir mein Herz Vorwürfe, wegen eines ſelbſtſüchtigen Vergeſſens, und zurückkehrend, fragte ich Jenny, ob ſie etwas von meinem armen Diener Zed wiſſe. — „Nein, Herr,“ entgegnete die Frau.„Der arme alte Mann! Ich denke nicht, daß man ihm etwas zu Leide thun würde; er war ſo ſchwarz, wie die Ande⸗ ren auch. O! er muß gewiß gerettet ſein, denn ich hätte ſeinen Körper gewiß irgendwo finden müſſen. Ueberdies, weshalb ſollten ſie ihn tödten?“ Ich erklärte ihr, wie er ſich aufgeopfert, um Beſſy und mir Zeit zur Flucht zu verſchaffen. Aber ſie blieb bei ihrer Meinung, indem ſie behauptete, er müßte entkommen ſein, ehe man die Thür zu Beſſy's Zimmer von dem Corridor aus zerbrochen habe. So war ich genöthigt, mich zu beruhigen. Ich ging alſo weiter und wendete mich nach Südweſten. Elftes Kapitel. Mein Fortſchritt war etwas langſamer, als ich erwartet hatte, denn an manchen Stellen wuchſen die Büſche ſehr dicht und das Unterholz verhinderte oft die Möglichkeit, in gerader Linie weiter zu kommen. Zuweilen verzögerte auch eine ſumpfige Stelle mein Weiterkommen; aber nachdem ich einmal den weiteren Theil des Waldweges zur Rechten erreicht hatte, kehrte ich immer einige Schritte weit in den Wald zurück, wenn ein Hinderniß mich nöthigte, einen Umweg zu machen. Ich ſetzte mich freilich einiger Gefahr aus, geſehen zu werden, doch wußte ich, daß dieſer Weg zu der Landſtraße nach Jeruſalem führte. Aber ich denke, in einer Hinſicht ſind wir alle ſeltſame Geſchöpfe. Was man auch von der Selbſt⸗ ſucht des Menſchen ſagen, und auf welche Weiſe auch ¹ 3 — 183— immer eine Verſetzung des Selbſt in eine andere Per⸗ ſon vor ſich gehen mag, ſo iſt doch ſoviel gewiß, daß der, welcher am wenigſten vorſichtig, ja vielleicht unbekümmert um ſein eigenes Leben iſt, wunderbar vorſichtig, ſelbſt furchtſam wird, wenn eine Perſon, die er liebt, mit ihm in dieſelbe Gefahr verwickelt iſt. Ich bin vollkommen der Meinung, nach der Ver⸗ ſchiedenheit meine Gefühle an dem Tage, als Beſſy bei mir war, und da ich mich allein befand, daß kein Soldat oder Seemann je ſeine Frau im Lager, oder an Bord des Schiffes, bei ſich haben ſollte. Es war mir, als ich weiterging, als hätte ich es mit einem ganzen Trupp von dieſen aufrühreriſchen Negern aufnehmen können. Ich hatte eine doppelläu⸗ fige, wohlgeladene Flinte, eine Piſtole und einen Säbel und ich dachte, ich könne wenigſtens vier Män⸗ ner tödten. Ueberdies wurde die Ueberzeugung ſtärker in mir, daß dieſe Männer leicht entmuthigt werden würden. Die Ermordung der Frauen und Kinder, dachte ich, können keine ſehr erheiternde Erinnerung ſein; und was auch immer von dem Muthe der Ver⸗ zweiflung geſagt werden mag, ſo bin ich doch gewiß, daß der Mann, der mit einem Stricke um den Hals ſicht, gewiß ſehr ſchlecht fechten wird. Indeſſen wurden weder ich, noch ſie, bei gegen⸗ wärtiger Gelegenheit auf die Probe geſtellt. Alles war ſtill und ruhig, als ich weiterging, und über — 184— den Weg, wenn ich ihn zu Geſichte bekam, fielen die ruhigen Strahlen der ſich neigenden Sonne, nicht verdunkelt von dem Schatten eines lebenden Weſens8. Mehrmals gerieth ich in Verſuchung, bei dem Gedanken an Beſſy, ſo wie bei der Furcht, daß ihr während meiner Abweſenheit eine Gefahr begegnen möchte, umzukehren; dennoch hielt ich es für beſſer, mich zu überzeugen, ob der Wald bis zur Vereini⸗ gung der beiden Wege frei ſei, und ſo ging ich weiter. Endlich kam ich zu einer Stelle, wo ich durch die Oeffnung der Bäume einen ſandigen Streifen vor mir zu bemerken glaubte, und einen Augenblick ſpäter hörte ich einen Ruf, als wenn ein Landmann ſein Geſpann antreibt. Ich eilte freudigen Herzens weiter, da ich einen weißen Mann zu finden dachte; es war aber nur ein Neger, der auf einem Faſſe vor einem ſchwer belade⸗ nen Karren ſaß, und ein Geſpann Ochſen durch ſeine Stimme auf der Landſtraße zu der Hauptſtadt der Grafſchaft weitertrieb. Anfangs gerieth ich in Ver⸗ ſuchung, durch ihn eine Botſchaft an den Sheriff und an die Magiſtratsperſonen zu ſchicken; aber ich bedachte die Plauderhaftigkeit eines Negers; und da ich es für wahrſcheinlicher hielt, daß er es zuerſt einer Perſon von ſeiner eigenen Farbe, die ihm vwielleicht begegnen möchte, erzählen würde, ehe er ſie denen 4 überbringen würde, für welche ſie beſtimmt war, ſo unterließ ich es. Er bemerkte mich nicht, als ich unter den Bü⸗ ſchen ſtand, ſondern fuhr weiter, indem er ſeine lang⸗ ſamen Thiere auf ihrem Wege weiter trieb, und dann ſtimmte er ein hübſches Negerlied an. Die unbefan⸗ gene Gleichgültigkeit, womit er weiterfuhr— die an⸗ ſcheinende Unbekanntſchaft mit irgend einem Gegen⸗ ſtande der Aufregung, oder der Unruhe, war ein großer Troſt für mich. Ich ſchloß fürs Erſte, daß die Landſtraße vom Feinde frei ſei, und fürs Zweite, daß der Aufſtand nicht weit verbreitet ſein könne; denn hätte er etwas davon gewußt, ſo würde er, an⸗ ſtatt auf ſeinem Faſſe zu ſitzen und ſein Kinn ſaſt bis zu ſeinen Knien zu neigen, ſich mit der erregbaren Neugierde eines Negers nach allen Richtungen umge⸗ ſehen haben. Ueberzeugt, daß Beſſy in Sicherheit nach Jeru⸗ ſalem gelangen könne, kehrte ich langſam zu der Stelle zurück, wo die beiden Wege zuſammenkommen. Obgleich mein Geiſt gewiß viel ruhiger war, ſo ſah ich mich doch ſo weit wie möglich nach allen Seiten um, indem ich eine Andeutung ſuchte, die mein Ge⸗ fühl der Sicherheit beſtätigen oder verbannen könne. Ich bemerkte indeſſen nichts, bis ich zu einem ſehr ſchmalen Pfade kam, wenn man ihn einen Pfad nennen konnte, wo man wohl zu Fuß gehen, aber — 186— kaum zu Pferde durchkommen konnte; und doch ent⸗ deckte ich auf dem grünen Graſe, welches ſich darauf befand, die Abdrücke mehrerer Pferdehufe. Vielleicht waren ſie ſchon vorher dort geweſen, und ich hatte ſie nur nicht bemerkt; aber dieſer Anblick war die Veranlaſſung zu neuem Schrecken, gleich dem Anblick der Fußſpuren der Wilden für Robinſon Cruſoe auf ſeiner wüſten Inſel. Das Einzige, was ich zu thun hatte, war in⸗ deß weiter zu eilen, um ſo bald wie möglich zu Beſſy zu gelangen. Unterwegs horchte ich auf jedes Ge⸗ räuſch, aber ich vernahm nichts. Da war kein Knall von Feuerwaffen, kein Zuruf, kein Geſchrei zu hören, und nichts weiter zu ſehen, als eine Elſter, die von einem Baume zum andern flog. Endlich erreichte ich die Vereinigung der Wege und auf beiden ſah ich die Spuren von Pferdehufen. Ob ſie aber friſch waren, konnte ich nicht unterſchei⸗ den, denn der Boden war trocken und ſandig, und ſie konnten wohl von Reitern herrühren, die am Morgen dort vorübergekommen waren. Indem ich mich weiter durch die Büſche drängte, kam ich ſogleich zu einem freien Raume, nicht weiter als hundert und funfzig Schritte von dem Winkel, wo die beiden Wege ſich vereinten, und in der Mitte bemerkte ich eine Stelle, die mit weißer Aſche bedeckt war und wo man drei Stäbe zuſammengeſtellt hatte, — 187— gleich denen, woran die Zigeuner ihre Keſſel aufhän⸗ gen. Dies war offenbar der Ort, wo die Mulattin⸗ nen gekocht hatten; aber alle waren jetzt fort und mit einem Gefühl des Schreckens, welches ich nicht aus⸗ zudrücken vermag, ſah ich auch hier die Spuren der Pferdehufe. Nach einem haſtigen Blicke, der mir keine An⸗ deutung gewährte, um einen Schluß darauf zu grün⸗ den, eilte ich zu der Stelle, wo ich das liebe Mäd⸗ chen mit den beiden Frauenzimmern zurückgelaſſen hatte und ging gerade darauf zu, denn als ich mich entfernt hatte, war ich ſo vorſichtig geweſen gewiſſe Bäume zu bezeichnen, um mir auf meinem Rückwege als Führer zu dienen. Ich kam zu dem kleinen Ufer, wo die Stelle zuerſt durch die Büſche zu ſehen war. Sollte ich mich geirrt haben? Beſſy war nicht da! Sollte ich die Spur verfehlt haben und zu einer Stelle in den Irr⸗ gängen des Waldes gekommen ſein, welche derjenigen glich, wo ich ſie verlaſſen hatte?— Vergebliche Hoffnung! ich brach durch die Büſche gleich einem wilden Thiere, welches von den Hun⸗ den verfolgt wird. Ich erreichte ſchnell den Platz. Es konnte kein Zweifel oder Irrthum obwalten. Da waren die Ueberbleibſel von dem Zwieback, welchen wir als unſere ſpärliche Mahlzeit verzehrt hatten; da war das Papier, in welches der Zwieback gewickelt — 188— geweſen, aber keine lebendige Seele war zu ſehen. O, wie ſank mir der Muth! Aber was ſollte aus ihr geworden ſein? Man hatte ſie nicht dort getödtet, das war klar, denn es war kein Zeichen des Kampfes ſichtbar; auch würden ſie ſich nicht damit aufgehalten haben, eine Leiche mit ſich zu ſchleppen. Doch glaubte ich auf dem Boden die Spuren von Männerſtiefeln oder Schuhen zu ſe⸗ hen— große, breite Fußſpuren, und ihrer mehrere. Ich konnte meiner Sache nicht ganz gewiß werden, denn der Boden war hart und mit trocknem Graſe bedeckt. Was ich ſah, konnten auch die Spuren mei⸗ ner eigenen Füße ſein, und ich ſtand verwirrt und mit Gefühlen des Schreckens und Entſetzens da, wie ich nie vorher in meinem Leben empfunden hatte. Ich hatte von Männern gehört, die ihre Gei⸗ ſtesgegenwart in Gefahren und Schwierigkeiten ver⸗ loren. Selber hatte ich es nie erfahren; aber jetzt ſchwindelte mein Gehirn. Der Gedanke, daß Beſſy in die Hände jener Böſewichter gefallen ſein ſollte, ſchien jeden anderen Gedanken zu verwirren und faſt zu vernichten, und ich ſtand eine Minute zaudernd und unentſchloſſen da, wie ein erſchrockenes Mädchen. Endlich kehrte die Vernunft zurück. Das Erſte war, eine Spur zu entdecken, ob ſie ſie todt oder lebendig weggeführt hatten. Sie mußten von den Winkeln der Wege hergekommen ſein, das war klar, — 189— und wahrſcheinlich hatten ſie ſich nach der anderen Seite hin entfernt. Ich unterſuchte die Bäume und Büſche mit ängſtlicher Sorgfalt und an einer Stelle, wo ſie nicht ſehr dicht war, ſchienen einige von den Zweigen zurückgebogen zu ſein, und der eine davon war abgebrochen, wie ich bemerkte. Einen oder zwei Schritte weiter ſtand ein großer alter Baum, der weiter vortrat, als die übrigen, und an der rauhen Rinde, in der Nähe der Wurzel, befand ſich ein kleines Stück von einem baumwollenen Tuche und die Farbe glich dem, welches Jenny getragen. Ich kam auf den Schluß, daß dies der Weg ſei, auf dem ſie ſie fortgetragen, und ging mit Schritten weiter, die der Ungeduld meines Geiſtes ſehr langſam erſchienen. Aber ich ſah zu ſehr die Nothwendigkeit ein, den geringſten Umſtand zu beobachten, um eine Spur von Beſſy zu entdecken, und ſo konnte ich nicht raſch weiter eilen. 4 Endlich kam ich zu einer Stelle, die dicht mit zarten, wilden Pflanzen bedeckt war, und die mir bis ans Knie reichten; und da konnte ich deutlich an den zerknickten Stengeln und Blättern bemerken, daß eine Anzahl Perſonen dort hindurch gegangen ſein müſſe. Aber hier ſchien ſich der Trupp getrennt zu haben. Die Pflanzen waren zur Linken niedergetreten, aber zur Rechten noch viel mehr, und die Abtheilung, — 190— welche den letzteren Weg eingeſchlagen hatte, ſchien faſt wieder zurückgegangen zu ſein. Nach einem augenblicklichen Zaudern ſchlug ich den Weg zur Rechten ein und fand eine beträchtliche Strecke weit Spuren von der Bande. Endlich hörten dieſel⸗ ben auf, oder wenigſtens konnten meine Augen ſie nicht weiter entdecken. Der Trupp ſchien ſich getrennt, und jeder Mann ſeine eigene Richtung verfolgt zu haben. Ich ſtand ängſtlich und verwirrt da, denn ich wußte nicht, welchen Weg ich wählen ſollte. Ich kann den Schmerz des Augenblicks nicht be⸗ ſchreiben, und jetzt, da Alles vorüber iſt, vermag ich Dir kaum die Furcht und Angſt zu ſchildern, die mei⸗ nen Geiſt darniederdrückte und mein Herz belud. Das Schauſpiel des Entſetzens und Blutvergießens, wel⸗ ches ich in dem Hauſe des Mr. Travis geſehen hatte; die blutigen Körper der beiden liebenswürdigen Mäd⸗ chen, die man aus ihren Betten geriſſen und mit Beilen getödtet hatte; das Kind, dem man auf dem Boden den Kopf zerſchmettert hatte— Alles war meinem Geiſte in dem Angenblick gegenwärtig, und Alles ſetzte ſich mit dem Gedanken an meine Geliebte in Verbindung, und ſchien nur Beſſy Davenports Schickſal zu erklären. Es war mir, als ſollte ich wahnſinnig werden; aber es lag eine Lebhaftigkeit, eine Heſtigkeit in den wilden und ſtürmiſchen Empfindungen in mir— ein 4 guter oder böſer Geiſt, der mir beſtändig zuzurufen ſchien: „Suche ſie! finde ſie todt oder lebendig! Nimm Rache an ihren Mördern, und wenn Dein eigenes Leben das Opfer ſein ſollte!“ Ich konnte nicht genau entdecken, welchen Weg die größeren oder kleineren Abtheilungen genommen hatten; aber nach einer Pauſe der Verwirrung und des Zweifels ſtürzte ich mich unter die Büſche und drängte mich durch die verwickelten Lorbeerbäume, wie ſie hier genannt werden, bis ich zu einem freieren Raume kam, woo ſich ältere Bäume mit ſehr wenig Unterholz von dem Raſen erhoben. Der Kampf mit den Hinderniſſen auf meinem Wege hatte mich gewiß nicht beruhigt; aber mancher raſche Gedanke war mir durch den Sinn gegangen, als ich auf meinem Wege weiter ſchritt, und ich ver⸗ weilte auf dem freieren Boden, um mich zu faſſen und meinen Gedanken die rechte Richtung zu geben. Die Sonne war jetzt ſo weit geſunken, daß ſie etwa nur noch eine Stunde über dem Horizonte zu verweilen hatte. Die ſchrägen Strahlen fuhren in langen Lichtſtreifen zwiſchen den Zweigen der alten Bäume dahin und vergoldeten das Gras unter ihnen; und als ich mich umſah, glaubte ich zu bemerken, daß ſich auf einem etwas verſchiedenen und krummen Fußpfade hier und da eine kleine, dunkle, ſchattige Stelle befand, als ob dort Jemand den Raſen niedergetreten und eine Vertiefung zurückgelaſſen hätte, welche die langen Linien des Licht's unterbrachen. Es war die Fußſpur eines Mannes, und lebhaft folgte ich der⸗ ſelben beinahe eine Viertelmeile. Als ich dieſe Entfernung zurückgelegt hatte, wußte ich nicht, was mich bewog, ſtill zu ſtehen. Ich habe von Leuten gehört, die, gleich untergeordneten Thieren, ein Gefühl, einen ſeltſam geheimnißvollen Eindruck von der Nähe eines ſchädlichen Geſchöpfes, einer Schlange, eines Krokodils oder Tigers haben. Dies ſchien in jenem Augenblick mit mir der Fall zu ſein. Es war mir, als befinde ſich etwas Gefürchtetes und Widerwärtiges in der Nähe; und langſamer gehend und geräuſchlos auftretend, ging ich durch die Bäume zu einer jener kleinen Lichtungen, die in dem Walde häufig waren. Sobald ich dies that, fielen meine Augen auf einen großen Neger, der am Fuße einer Eiche lag und eine Muskete an ſeiner Seite hatte. Als er dalag, war ſein Geſicht ein wenig zur Seite gewendet und die Zweige warfen einen tiefen Schatten über ihn; aber meine Fußtritte, ſo leicht ſie waren, veranlaßten ihn, ſeine Flinte zu ergreifen und augen⸗ blicklich aufzuſpringen, und mit einem ſeltſamen Ge⸗ fühl der Genugthuung ſah ich Nat Turner, den An⸗ führer des Aufruhrs, vor mir. Seine Muskete und meine Flinte wurden augen⸗ — 193— blicklich erhoben, und ich hörte, wie er den Hahn ſpannte. Im nächſten Augenblick ſchien mir die Sonne voll in's Geſicht, er erkannte mich und rief: „Halt, Engländer, halt! wenn Sie feuern, wer⸗ den Sie nie erfahren, was Sie zu wiſſen wünſchen.“ Die Hoffnung, Beſſy zu finden, war mächtig und während er noch ſeine Muskete auf mich richtete, rief ich: „Laßt Eure Waffe ſinken, und ich will es auch thun.“ Er gehorchte ſogleich und vertraute ohne Beden⸗ ken meiner Ehre. Ich nahm meine Flinte von mei⸗ naer Schulter, und wir ſtanden einige Augenblicke da, und ſahen einander an, als warteten wir, wer das nächſte Wort ausſprechen werde. Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 13 Zwölftes Kapitel. „Mun,“ ſagte ich endlich,„was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Setzen Sie ſich dort nieder,“ ſagte er in ruhi⸗ gem und faſt gebieteriſchem Tone,„und reden Sie leiſe, denn es ſind mehr Ohren in der Nähe, als die Ihrigen und die meinigen. Ich will Sie nicht übervortheilen. Wenn wir dieſe Sache ausfechten müſſen, ſo laſſen Sie ſie uns zuſammen ausfechten, obgleich ich noch beſſer ſtehe, als Sie, denn Sie lie⸗ ben das Leben und ich haſſe es. Sie haben Hoff⸗ nungen, ich habe keine, ſondern ich muß nur das Werk thun, weshalb ich geſendet wurde, ſo ſehr ich es auch verabſcheue, und dann öffnet ſich für mich das Grab.“ Indem er ſprach, ſetzte er ſich nieder, wo er vorher geruht, legte ſeine Muskete nachläſſig neben ———— ſich nieder, als hege er keine Furcht, daß ich irgend eine Nachläſſigkeit von ſeiner Seite benutzen werde. Ich war vorſichtiger, denn dadurch, daß er geſagt, es wären mehr Ohren in der Nähe, hatte er meinen Verdacht erregt; und meine Flinte nahe zu mir hin⸗ legend, als ich mich niederſetzte, zog ich die Piſtole aus der Taſche und hielt ſie ſo, daß ich ſie abrichten konnte. „Dieſe Fürſorge iſt unnöthig,“ ſagte er in etwas ſpöttiſchem Tone.„Bei dem erſten lauten Rufe, bei dem erſten Flintenſchuſſe werden viele Andere herbei⸗ kommen.“ „Ich habe wenigſtens Euer Leben in meiner Gewalt,“ verſetzte ich.„Ihr könnt mir nicht ent⸗ fliehen, und ich beabſichtige auch nicht, daß Ihr es ſollt, und wenn ich im nächſten Augenblicke mein Leben verliere.“ Der Mann lachte, ſo daß er alle ſeine weißen Zähne zeigte. 8 „Warum ſollte ich Ihnen denn etwas ſagen?“ fragte er.„Aber ich möchte gern Ihr Leben verſcho⸗ nen, Engländer. Sie ſind keiner von unſern Unter⸗ drückern. Sie haben nie einen Selaven gehalten. Wie ich höre, haben Ihre Landsleute die meinigen freigelaſſen, wo ſie in Selaverei waren, und wir ha⸗ ben keinen Streit mit Ihnen.“ „Warum habt Ihr denn einen Mann getödtet,“ 1 2.* — 196— rief ich, an den unglücklichen Mae Grubber denkend, „der für Eure Freilaſſung ſprach und kühn gegen Eure Herren auftrat? Warum habt Ihr ihn im Hauſe des Mr. Stringer in Stücke zerhauen?“ „Weil er Alles zu ſeinen eigennützigen Zwecken that,“ antwortete Turner,„weil er Alles aus politi⸗ ſchen Zwecken für ſich und ſeine Partei that, nicht aus Liebe für uns, oder für Freiheit und Gerechtigkeit. Denken Sie, daß wir uns durch ſo eitles Geſpräch fangen laſſen? Denken Sie, wir hören nie von unſe⸗ 1 ren Brüdern, die zu den nördlichen Staaten geflohen ſind? Denken Sie, ſie ſchicken uns nicht Nachrichten, daß ſie dort übler daran ſind, als wir hier? Daß ſie wie Hunde behandelt werden von denſelben Män⸗ nern, welche vorgeben, unſere Freunde zu ſein? Daß ſie von ihren Kirchen ausgeſchloſſen werden? Daß es ein Gräuel iſt, mit ihnen in demſelben Wagen zu fahren, und eine Herabwürdigung, ihnen die Hand zu reichen? Denken Sie, wir wiſſen dies Alles nicht— und glauben Sie, daß wir ihnen danken für Alles, was ſie ſagen, wenn ihre Handlungen nicht mit ihren Worten übereinſtimmen und ihre Thaten uns zeigen, daß ſie uns haſſen und verabſcheuen, obgleich ſie be⸗ haupten, uns als Brüder und mit ſich ſelber gleich zu betrachten?“ „Gut, gut, alle dieſe widerſinnigen Verhandlun⸗ gen ſind vergebens. Ich weiß nichts von Euren — 197— Parteien in dieſem Lande. Ich habe nichts damit zu thun. Ich handle, wie ich es ſelber für recht halte, und ich verſuche meine Betheuerungen und Handlun⸗ gen im leicha nich zu erhalten—“ „Ja, das thun Sie,“ fiel der Mann ein. „Die Frage iſt jetzt,“ fuhr ich fort,„was halt Ihr mir von Miß Davenport zu ſagen?“ „Sie ſollen es ſogleich hören,“ antwortete er. „In der letzten Nacht— eine ſchreckliche Nacht war es— und nur der Wille Gottes und ſein Befehl hielt mich aufrecht bei dem ſchrecklichen Werke, welches er für mich beſtimmt hatte—“ „Haltet ein! haltet ein!“ rief ich, indem mein Blut vor Unwillen kochte.„Läſtert nicht den Namen des Herrn, indem Ihr ſein Wort als eine Entſchul⸗ digung für den Mord, fuür den ſtillen, entſetzlichen Mord unſchuldiger Middchen und Kinder anwendet!“ „Er ſendete mich aus, um zu zerſtören,„ ſagte der Mann in düſterem, aber noch immer feierlichem Tone.„Er ſagte mir— er ſelber, als ich in der Verzückung lag, aber mit offenen Augen— als ſeine ſichtbare Gegenwart vor mir war, und ich ſeine Stimme in meiner Seele vernahm— er ſagte mir, daß der Rächer losgelaſſen ſei, und daß ich hinaus⸗ gehen und weder das Alter, noch das Geſchlecht des Unterdrückers verſchonen ſolle. So wie er den alten Iſraeliten Befehle ertheilte, ſo ertheilte er ſie auch — 198— mir, und ſein Befehl war, zu zerſtören. Ich habe ihm bis aufs Aeußerſte gehorcht, obgleich mein Herz oft bebte, wenn meine Hand traf. Doch, als wir in der letzten Nacht in Stringers Hauſe Wurzel und Aſt zu Boden geſchmettert hatten, und ich fand, daß Beſſy Davenport entflohen ſei, da freute ich mich, während alle die Anderen wüthend waren, und ich ſagte: Dies iſt Gottes Werk. Denn ſie war wie ein Engel unter uns geweſen— ſie hatte ſich freund⸗ lich gegen uns gezeigt und uns getröſtet. Sie hatte bei meiner eigenen Mutter an ihrem Sterbebette ge⸗ ſeſſen und den kalten Schweiß von ihrer Stirn ge⸗ trocknet, das kühlende Getränk zu ihren Lippen erho⸗ ben und Worte des Troſtes zu ihr geſprochen. Sie machte damals keinen Unterſchied zwiſchen Weißen und Schwarzen; und warum ſollte ich jetzt einen Unterſchied machen? Doch wenn ich ſie gefunden hätte, würde ich ſie auch getödtet haben, denn es war Gottes Befehl, nicht zu ſchonen. Aber der Herr errettete ſie. Es war ſein Wille und ich war dankbar dafür.“ „Nun kommt zur Sache,“ rief ich ungeduldig. „Es liegt mir wenig daran, welches Eure Beweg⸗ gründe waren; ſie werden von Euch ſelber und von Anderen beurtheilt werden. Alles, was ich weiß, iſt, daß Ihr und Eure Begleiter mit kaltem Blute Frauen — 199— und Kinder gemordet habt, die Euch kein Leid zuge⸗ fügt haben konnten.“ „Wer die Schlange tödtet, tritt nicht der auch ihre Eier zuſammen?“ ſagte der Mann düſter.„Den⸗ ken Sie, wir wollten eine andere Brut von Unter⸗ drückern heranwachſen laſſen, während wir ſie im Keime erſticken konnten? Auch die weltliche Klugheit würde nein dazu ſagen, während ich Gottes Befehl in meinem Herzen habe! Sagte er mir nicht, ich ſolle zerſtören und darniederwerfen, ſobald ich das beſtimmte Zeichen am Himmel ſähe? Wenn die Sonne um Mittag dunkel würde, ſollte ich mein Werk beginnen und nicht eher meine Hand zurückziehen, als bis es vollendet wäre.“ „Thörichter Mann!“ rief ich,„es war nur eine Sonnenfinſterniß, die vermöge der Bewegungen der Erde und des Mondes zu gewiſſen Zeiten wiederkehrt. Aber laſſen wir den Streit; was habt Ihr mir zu ſagen? Ertheilt mir die verſprochene Auskunft über Miß Davenport.“ Er ſann einen Augenblick mit finſterer Stirn nach; und obgleich ich natürlich nicht genau ſagen kann, welches ſeine Gedanken waren, ſo glaube ich doch, daß der Gedanke an das Zeichen am Himmel, worauf er ſo viel Gewicht legte und welches nur eine natürliche Erſcheinung ſein ſollte, ihm große Unruhe — 200— voerurſachte. Endlich murmelte er, als ob er mit ſich ſelber rede: 1„Eine Sonnenfinſterniß!— Ich habe von ſol⸗ chen Dingen gehört.— Nein, nein, es war das Zeichen— es war das Zeichen. Nun, ich will es Ihnen ſagen,“ fuhr er fort, indem er ſein Geſicht zu mir wendete;„erinnern Sie ſich, wie Beſſy Da⸗ venport mit Ihnen ſpazieren ging, wie Sie ſich mit ihr unter einen alten Baum ſetzten und eine lange Unterredung mit ihr hatten, und wie ſie weinte und Ihnen ſagte, wenn ſie Sie auch liebe, könne ſie doch nimmermehr Ihr Weib werden?— Ich war Ihnen damals ſehr nahe, obgleich Sie es nicht wußten.“ „Ich wußte es freilich nicht,“ verſetzte ich; „aber was habt Ihr mir davon zu ſagen?“ „Nun, es war mir leid um Sie,“ antwortete Turner;„denn ich bin nicht ohne Herz, was Sie auch denken mögen. Es wurde von einem Packete alter Briefe geſprochen, und ſie wollte Ihnen nicht ſagen, was ſie enthielten, obgleich darin das Hinder⸗ niß zwiſchen Ihnen Beiden lag. Nun, als die Leute die Thüre eingeſchlagen hatten, und wir fanden, daß ſie fort ſei, liefen die Anderen wild umher, ſie zu ſuchen; aber ich blieb in dem Zimmer ſtehen und ſah ein Packet alter Briefe auf dem Tiſche liegen. Ich nahm es auf. Es iſt das Einzige, was ich je ge⸗ nommen, außer Pferde und Waffen, denn ich raube * — 201— und ſtehle nicht; aber ich ſagte bei mir ſelber: Wenn ich je dieſen Engländer wieder treffe, ſoll er dies ſe⸗ hen und die Wahrheit erfahren. Jeder hat ein Recht, die Wahrheit hinſichtlich ſeines eigenen Schickſals er⸗ fabren zu wollen. Hier ſind ſie, Sie können ſie nehmen.“ Ohne aufzuſtehen zog er die Papiere aus der Taſche und reichte ſie mir hin. Ich ſtand haſtig auf und näherte mich ihm un⸗ vorſichtig, ohne meine Waffen. Er gab mir die Pa⸗ piere; aber in demſelben Augenblicke ſchien ſich ein böſer Geiſt ſeiner zu bemächtigen, denn ſeine Augen rollten wild in ſeinem Kopfe, und er murmelte in tiefen Gurgeltönen: „Nun könnte ich Sie tödten!“ „Seid deſſen nicht zu gewiß,“ antwortete ich, mich zurückziehend. „Fürchten Sie Nichts— fürchten Sie Nichts.“ rief er.„Es iſt vorüber. Es war eine Verſuchung, aber ſie iſt jetzt vorüber. Es iſt ongenehm, das rothe Blut unſerer Feinde zu ſehen, und wenn wir es geſehen haben, wünſchen wir noch mehr zu ſe⸗ hen, und es wird zu einem Durſte, aber es iſt vorüber.“ Ich ſetzte mich wieder zu meinen Waffen nieder und ſteckte die Papiere in die Taſche. „Ich danke Euch für dieſes Packet,“ ſagte ich, * — 202— „und ich will es Miß Davenport geben, ſobald ich ſie finde. Ihr irrt indeß, wenn Ihr glaubt, daß ich ein Wort davon leſen werde, ehe ich es ihr gege⸗ ben. Kein Mann von Ehre wird das thun, und wenn er wüßte, daß ſein Lebensglück davon abhängig wäre. Nun, alſo ſagt mir, wo ſie iſt. Was habt Ihr mit ihr angefangen? Denn aus Euren Worten ſchließe ich, daß ihr Nichts zu Leide geſchehen iſt.“ Er ſah mich einen Augenblick ſtarr an und fragte dann: „Wiſſen Sie nicht, wo ſie iſt?“ „Nein,“ antwortete ich,„aber Ihr müßt es wiſſen, denn Ihr und Eure Leute kamet über denſel⸗ ben Platz, wo ich ſie keine fünfhundert Schritte von 1 hier zurückgelaſſen.“ Er ſchwieg einige Augenblicke und antwortete dann kalt: „Wenn Sie es nicht wiſſen, ſo weiß ich es auch nicht.“ Es lag etwas Höhniſches in dem Tone und, meine Waffen in der Hand, aufſpringend, rief ich: „Kurner⸗ Ihr ſagt mir eine Lüge.“ „Eine Lüge!“ rief er wild, indem er ebenfalls aufſtand;„eine Lüge! Und das ſagen Sie mir, dem zerſtörenden Boten Gottes, der beauftragt iſt, die Hohen zu ſtürzen, und die Niedrigen zu erheben— * zu mir, der ich nie in meinem Leben etwas Anderes, als die Wahrheit ſagte!“ „Ja,“ antwortete ich zornig, denn ich hielt mich völlig überzeugt, daß er mich täuſche.„Ihr ſagt mir eine Lüge, und wenn Ihr mir nicht augenblick⸗ lich mittheilt, was aus Miß Davenport geworden iſt, ſo ſende ich dieſe Kugel durch Euer Herz.“ Er ließ ein leiſes Pfeifen und dann ein Lachen hören; kaum hatte ich Zeit, die Flinte zu meiner Schulter zu erheben, als drei rüſtige Neger an ſeiner Seite waren, wovon jeder eine Muskete in der Hand hatte. Jetzt waren mir meine Gegner etwas zu ſehr überlegen; aber es gab keinen Ausweg, und ich war augenblicklich entſchloſſen. Sie konnten mich treffen oder auch verfehlen; aber ich hielt mich völlig über⸗ zeugt, daß ich, ehe ich fiele, zwei oder drei von ih⸗ nen tödten würde. Der rechte Lauf meiner Flinte für Turner ſelber, der linke für den Mann, der ihm zu⸗ nächſt ſtand; dies war meine Berechnung, und wenn ich dann am Leben blieb, hatte ich noch den Säbel und die Piſtole übrig. Lange Ueberlegung war unter ſolchen Umſtänden weder möglich, noch nothwendig. Beide Hähne waren geſpannt und mein Finger am Stecher; die Mörder ſtanden vor mir und im nächſten Augenblicke würde 8 4— 204— ich auf jede Gefahr gegen dieſe überlegene Anzahl ge⸗ feuert haben. Aber gerade in dem Augenblicke hörte ich ein raſchelndes Geräuſch ganz nahe zu meiner Rechten; und da ich fürchtete, daß man mir in die Flanke fallen werde, hielt ich inne und wendete meinen Kopf ein wenig, um zu ſehen, wer da komme. Zu glei⸗ cher Zeit ſtand ein großer, rüſtiger, ſchwarzer Mann zur Rechten von Nat Turner, feuerte ſeine Muskete ab und ich fühlte, wie die Kugel durch mein Haar fuhr und leicht meine Schläfe ſtreifte. „Das iſt ein verlorener Schuß,“ ſagte ich bei mir ſelber, indem ich mich zu dem großen Baume zurückzog und ſo meine rechte Seite deckte.„Er ſoll keine Zeit haben, wieder zu laden.“ Aber ehe ich meine Flinte abfeuern konnte, ſtan⸗ den zwiſchen mir und meinen Gegnern zwei Figuren, die ich in der Aufregung des Augenblicks und bei dem trüben Lichte nicht ganz deutlich erkannte. Dreizehntes Kapitel. „Halt, Nelſon, Halt!“ rief Nat Turner in lautem Tone.„Warum feuerſt Du, ehe ich den Be⸗ fehl gebe? Beim Himmel! ſie werden uns alle über⸗ fallen. Weißt Du nicht, daß ſie ganz nahe ſind?“ Dieſe Worte wurden geſprochen, ehe die han⸗ delnden Perſonen auf dem Schauplatze erſchienen wa⸗ ren und gerade, als der Mann ſein Gewehr abſchoß; aber im näͤchſten Augenblick ſtürzte ein alter Neger mit ſchneeweißem Haar zwiſchen mich und die An⸗ deren, breitete ſeine Arme aus und rief: „Haltet ein, Ihr Wahnſinnigen, haltet ein! Nathanael, Nathanael, elender Thor Deines Aber⸗ glaubens, ich befehle Dir, im Namen Gottes, inne zu halten! Fliehet, fliehet, ſo lange Ihr noch die Mittel zur Flucht habt! Eilt zur Küſte hinunter und — 206— entfliehet, wie Ihr könnt, denn das Verderben ver⸗ folgt Euch und der Rächer des Blutes iſt auf Euren Ferſen. Armes, irregeleitetes, eingebildetes Geſchöpf, für welches das Wort Jeſu nicht genügend war— entfliehe, um zu bereuen und Dich zu unterwerfen; und möge Gott Dir gnädig ſein wegen der blutigen Thaten, die Du gethan!“ Als er ſprach, erkannte ich deutlicher den guten ſchwarzen Prediger Onkel Jack; aber zugleich näherte ſich mir der Mann, der mit ihm gekommen war, faßte meinen Arm, und als ich mich umwendete, er⸗ blickte ich meinen getreuen Zed.. „Kommen Sie, Herr, kommen Sie,“ ſagte er; „ſie werden Ihnen Nichts zu Leide thun, ſie werden es nicht wagen. Kommen Sie. Es iſt eine große Anzahl von ihnen hier herum zerſtreut. Laſſen Sie uns, ſo ſchnell wir können, zu Doctor Blunts Hauſe gehen.“ „Hier, nimm dieſe Piſtole,“ ſagte ich,„und ziele ſicher auf den Mann dort am linken Ende. Ich will die anderen Beiden auf mich nehmen. Ich will keinen Schritt von der Stelle gehen, bis ich höre, was ſie mit Miß Davenport angefangen. Halte die Piſtole gegen den Baum und hüte Dich, zu feh⸗ len.“ 3 „O! Miß Beſſy iſt völlig in Sicherheit!“ rief Zedz;„ſie iſt auch in Doctor Blunts Hauſe. Kom⸗ 8 — 207— men Sie, Herr, kommen Sie, oder es werden uns noch mehr von ihnen überfallen.“ Während dieſe Worte zwiſchen ihm und mir ge⸗ wechſelt wurden, ſprachen auch der gute Prediger und die anderen Neger mit einander. Seine Worte ſchie⸗ nen einige Wirkung zu haben. Als ich mich umſah, hatten ſie ihre Musketen nicht mehr erhoben; doch zeigten ſie einen düſteren und unheimlichen Blick, der nichts Gutes verkündete, und ich wollte den Greis nicht ihrer Willkür überlaſſen, denn ich hatte bemerkt, daß ſie hart und ſelbſt grauſam gegen einander ſind, wenn ſie die Macht dazu haben. Den Arm des Predigers berührend, ſagte ich laut: „Kommen Sie mit uns, Freund, kommen Sie mit uns. Ich könnte zweien von dieſen Leuten oder vielleicht noch mehreren das Leben nehmen, denn jeder Lauf dieſer Flinte iſt mit großen Rehpoſten geladen, die ſich ausbreiten und zu beiden Seiten tödten; aber ich will es nicht thun. Gehen Sie mit Zed, ich will Ihnen folgen, und wenn ſie auf uns eindringen, will ich gerade auf ſie feuern.“ Während ich ſprach, kamen noch zwei von den bewaffneten Inſurgenten herbei, verſammelten ſich um Nat Turner, geſtikulirten und ſprachen in leiſem Tone. Ihre Unthätigkeit benutzend, zogen wir uns durch die — 208— Büſche zurück und gingen neben einander, während Zed voran ſchritt. Von Zeit zu Zeit ſah ich mich um und horchte, aber ich konnte nicht bemerken, daß mir Jemand folgte, wenn ich gleich hundert oder hundertundfunfzig Schritte entfernt war. Endlich aber hörte ich hinter mir in den Bü⸗ ſchen ein Raſcheln und ſagte: „Zed, ſie verfolgen uns. Führe uns ſobald wie möglich auf den breiteren Weg, wo wir ſie deutlicher ſehen können. Hier, nimm dieſes Pulver⸗ horn und den Schrotbeutel. Wenn ich veranlaßt werde, beide Flintenläufe abzufeuern, ſo gib mir augenblicklich die Piſtole; dann nimm die Flinte und lade ſie ſo ſchnell wie möglich wieder. Du wirſt Zeit dazu haben, denn jeder Schuß wird ſie in Ver⸗ wirrung bringen.“ „O! Sir Richard, feuern Sie nicht, wenn es möglich iſt,“ ſagte der Prediger. „Ich will es nicht thun,“ verſetzte ich;„aber ich muß mich bereit halten, mein guter Freund. Wenn wir ſterben ſollen, wollen wir unſer Leben theuer verkaufen. Auf jeden Fall können wir nur davon unſere Rettung erwarten; denn ſchon ein ein⸗ zelner Mann, welcher weiß, was er vor hat, kann viel thun gegen dieſe undisciplinirten Rebellen.“ Noch drei Minuten brachten uns auf den brei⸗ teren Weg, der bei dem matten Lichte kühl, ruhig und erfriſchend erſchien; aber ein Geräuſch hinter uns machte, daß ich meinen Kopf umwendete, ehe wir noch hundertundfunfzig Schritte weiter gegangen wa⸗ ren, und ich ſah die dunklen Geſtalten der Verfolger aus dem Walde hervorblicken, jetzt wenigſtens zehn oder zwölf an der Zahl, worauf ich ſogleich meine Flinte erhob und rief: „Zurück da, oder ich feure auf Euch!“ Muth und Feigheit ſind ſehr ſeltſame Eigenſchaf⸗ ten. Ich habe immer als eine allgemeine Regel be⸗ merkt, wovon einige Ausnahmen vorhanden ſein mö⸗ gen, daß die, welche ſich wild und blutdürſtig zeigen, wenn wenig oder gar kein Widerſtand vorhanden iſt, durch Entſchloſſenheit und kühnes Benehmen leicht eingeſchüchtert werden. Als ich meine Flinte an meine Schulter legte, obgleich in zu großer Entfer⸗ nung, um Rehpoſten mit Wirkſamkeit auzuwenden, wich der Vorderſte hinter die Anderen zurück und zwei oder drei verſteckten ſich zu beiden Seiten des Weges hinter den Bäumen, um außer der Schußlinie zu ſein. Wir eilten weiter, ſobald ſie zum Stillſtehen gebracht waren; und obgleich ich mehrmals genöthigt war, mich umzuwenden, da ſie uns noch immer nä⸗ her kamen, weil der alte Mann nicht ſchnell gehen konnte, ſo hatte doch das Anlegen der Flinte noch Freiheit u Sclaverei. 2. Bd. 14 immer dieſelbe Wirkung, wie Anfangs. Endlich ſahen wir das hellere Licht am Ende des Weges von den freien Feldern der Pflanzung des Mr. Travis und des Doctor Blunt hereinſtrömen. Unſere Verfolger waren jetzt etwa ſiebzig Schritte entfernt und ich hoffte, wenn ſie ſähen, daß wir uns dem freien Felde näherten, würden ſie aufhören, uns zu folgen, beſonders da ihr Führer ſich nicht feindſe⸗ lig gegen mich gezeigt hatte. Aber im Gegentheil, als wir etwa zwanzig Schritte von dem Saume des Waldes entfernt waren, fingen ſie an zu laufen und einige legten ihre Musketen an. Es war keine Zeit zu zaudern und ich feuerte den rechten Flintenlauf gerade unter ſie ab. Es war eine kurze Entfernung, ſo daß der Schuß ſich ausbrei⸗ ten konnte ohne ſeine Wirkung zu verlieren, und au⸗ genblicklich ſah ich zwei von ihnen fallen. „O Gott!“ rief der alte Mann,„daß der Menſch genöthigt ſein muß, Menſchenblut zu ver⸗ gießen!“ „Eilen Sie— eilen Sie!“ rief ich. In demſelben Augenblicke pfiffen zwei oder drei Kugeln um uns, aber ohne einen von uns zu treffen, und in der nächſten Minute waren wir wieder auf dem freien Platze. Unſere Lage war in dieſem Augenblicke vielleicht gefährlicher, als je, denn wir befanden uns auf ei⸗ — 210— — 211— nem Felde, wo Mais ſtand, der noch nicht eingeern⸗ tet warz und hätten ſie die Gewohnheiten und die Geſchicklichkeit der Indianer gehabt, ſo war ihre An⸗ zahl hinreichend, ungeſehen zwiſchen den hohen Stengeln hindurch zu kriechen und uns zu umzingeln. Als ich mich aber umwendete, um ihre Bewegungen zu beobachten, ſah ich eine Anzahl von ihnen an der Oeffnung des Weges erſcheinen, ſtillſtehen, uns einige Minuten beobachten und ſich dann in den Wald zu⸗ rückziehen, als fürchteten ſie, ſich auf den freien Fel⸗ dern zu zeigen. „Ja, ja,“ ſagte Zed,„ſte wiſſen, daß die wei⸗ ßen Männer in ihrer Nähe ſind und ſie wagen nicht weiter zu gehen. Sie würden Sie ſchon längſt ge⸗ tödtet haben, Herr, wenn ſie nicht gedacht hätten, Oberſt Halliday wäre in ihrer Nähe und hätten ſie ſich nicht gefürchtet, durch ihr Feuern Lärm zu machen. Ich vermuthe, dieſe Kerle, die zuletzt kamen, haben ihnen geſagt, daß er anrückt; aber wie ſie ihm ent⸗ gangen ſind, weiß ich nicht. O! ſie werden nicht herauskommen; ſie fürchten, daß er noch in der Nähe iſt— ſie ſind verwünſcht liſtig.“ Dennoch fuhr ich fort, von Zeit zu Zeit den Saum des Waldes zu beobachten, bis wir zu einem weiten Stoppelfelde kamen, wo die Ausſicht nach allen Seiten frei war. Dann reichte ich Zed meine Hand und ſagte: . 14* „Nun, mein guter Freund, habe ich Zeit Dir zu ſagen, daß ich froh bin, Dich gerettet und wohl wiederzuſehen. Mein Geiſt iſt immer unruhig gewe⸗ ſen, ſeitdem wir einander zuletzt geſehen.“ „Ol ich danke Ihnen, Herr, ich danke Ihnen,“ ſagte Zed, indem er meine Hand faßte und ſie freund⸗ lich ſchüttelte;„ich bin ganz wohl, ich danke Ihnen. Wie iſt es Ihnen die ganze Zeit über ergangen?“ „So gut, wie möglich,“ verſetzte ich;„aber ich habe viele Fragen an Dich zu richten. Zuerſt aber ſage mir, wohin wir jetzt am Beſten unſere Schritte richten?“ „O! zu Doctor Blunts Hauſe,“ antwortete der gute Mann.„Dort ſind die Neger alle gut und treu. Wir werden dort ganz ſicher ſein. Aber was wünſchen Sie zu wiſſen, Herr?“ „Zuerſt,“ ſagte ich,„wie Du aus der ſchreck⸗ lichen Lage gekommen, worin wir Dich im Hauſe des armen Mr. Stringer verließen?“ Der Mann lachte, denn Leute ſeiner Farbe ſind wahre Schüler des Democrit, ſie lachen über Alles, mag es auch noch ſo ernſthaft ſein. „Ol ich kam endlich ganz gut heraus, Herr,“ ſagte er,„obgleich ich einmal dachte, ich würde ge⸗ tödtet werden. Als ſie zuerſt zur Thür kamen machte ich ein Geräuſch, damit ſie glanben möchten, Miß Beſſy wäre noch da, damit ſie es ſich nicht einfallen — 213— laſſen möchten, zu der Hintertreppe herumzugehen und Ihnen den Weg abzuſchneiden. Als ſie aber mit ih⸗ ren Beilen an die Thür zu ſchlagen begannen, ging ich zu der andern Thür und horchte, und als ich hörte wie ſie die äußere Thür öffneten, ſagte ich bei mir ſelber: Sie ſind gerettet! Dann rief ich ganz laut: Sie iſt nicht hier, ſie iſt zu einem von den oberen Zimmern hinaufgelaufen. Ich bin von der anderen Seite hereingekommen, aber ſie iſt fort. Dann ſagte ich ihnen, ſie ſollten ihr Klopfen einſtellen, ich wolle ihnen die Thür öffnen. Aber ſie fuhren fort und ſprengten die Thür; dieſe Schurken Hark und Will ſind die ärgſten von allen Negern— die packten mich bei der Kehle und fragten mich, wie ich dort hereingekommen? Ich ſagte ihnen, auf dem Hinter⸗ wege, und dann behaupteten ſie, ich wäre ihr zur Flucht behilflich geweſen, und Hark erhob ſein Beil, um mir den Schädel zu ſpalten. Er würde ihn ziemlich hart gefunden haben, denn einmal warf mich das Pferd dreißig Fuß hoch vom Ufer herunter, und ich fiel gerade mit dem Kopfe unter die Steine. Doch er zerbrach davon nicht, und ich denke, es hätten zwei oder drei tüchtige Schläge dazu gehören müſſen, um ihn zu zerbrechen. Aber gerade als Hark es ver⸗ ſuchen wollte, kam Nat Turner mit ſeiner Flinte her⸗ bei, faßte den Arm des andern Gentleman und ſagte: Laß den Mann in Ruhe. Der Erſte, der einen Tropfen von unſerm Blute vergießt, den will ich nie⸗ derſchießen. Glaubt Ihr, wenn wir anfangen einan⸗ der zu tödten, wir werden je der Weißen Herr wer⸗ den? Dann ſagte Hark, in dem Falle müſſe ich mit ihnen kommen und auch weißes Blut vergießen, und dann könne ich nicht wieder zurückkehren. Aber ich ſagte ihnen, ich könne wegen meines lahmen Beines nicht mit ihnen Schritt halten, und dann ſagten ſie, ſie wollten mich auf ein Pferd ſetzen.“ „Und wie kamſt Du denn endlich von ihnen weg?“ fragte ich. „Nun, ich dachte Anfangs, ſie hätten mich ge⸗ fangen,“ antwortete Zed.„Aber bald darauf hörten ſie, wie ſich etwas auf der Treppe bewegte, und ſie eilten Alle zuſammen hinaus, um den langen Yankee zu tödten, der ihnen bei der Verſammlung vorgepre⸗ digt. Himmel! wie bat er um ſein Leben! und wel⸗ ches Geſchrei ſtimmte er an, als der Erſte von ihnen ihm einen Schlag verſetzte! Aber während ſie das arme Geſchöpf ermordeten, ſchlich ich mich die Treppe hinunter und öffnete die Thür zu dem hinteren Vor⸗ ſaale, denn ich hatte den Schlüſſel bei mir, verſchloß ihn von der anderen Seite, ging hinaus und verſteckte mich hinter den Ställen. Ich wollte nicht zu den Ställen gehen, Herr, denn ich konnte erwarten, daß ſie ſelber dort hingehen würden, um die Pferde her⸗ auszuholen; aber ich verbarg mich unter einem dichten Lorbeerbuſch und kauerte mich zuſammen, gerade wie Mr. Stringers großer ſchwarzer Hund vor der Thür zu thun pflegte— hi, hi hi! Da lag ich ganz ver⸗ ſteckt und hörte, wie ſie zu den Ställen kamen und die Pferde herausführten und das Heu und Stroh durchwühlten, um zu ſehen, ob ſich auch Jemand dort verſteckt habe; und ich hörte Hark und Will ganz laut lachen und von dem Yankee reden. Der Eine ſagte, er habe ſeine letzte Predigt gehalten, und der andere ſagte, er habe auch ſeinen letzten Schrei hören laſſen, und da er den Weg gegangen ſei, den er ih⸗ nen gezeigt, ſo könne er zufrieden ſein. Dann lach⸗ ten ſie wieder ganz laut.“— Mein Blut wurde kalt bei der ſchrecklichen Leicht⸗ fertigkeit, welche Zed ſchilderte; aber ich konnte nicht umhin zu glauben, nach Allem, was ich ſelber geſehen hatte, daß dies ein ſehr wahres Bild ſei, denn es gibt eine blutdürſtige Heiterkeit, ſo wie eine blutdür⸗ ſtige Wildheit. Nichts gleicht dem Ernſte des Vor⸗ ſatzes und kein feſter Entſchluß ſchien bei irgend ei⸗ nem von den aufrühreriſchen Negern vorhanden zu ſein, außer bei Nat Turner. Bei allen Uebrigen herrſchte nur der Impuls— der Impuls zu tödten, der Impuls zu lachen, der Impuls ihre Schlacht⸗ opfer mit unnöthigen Wunden zu zerhacken. Die ar⸗ men Geſchöpfe! In ihrem Zuſtande der Unwiſſenheit und Brutalität ſchienen ſie eine Vereinigung des Kin⸗ des und des wilden Thieres mit der Leichtfertigkeit und Gedankenloſigkeit des einen und der Stärke des anderen zu ſein.“. „Ich glaube,“ ſagte ich, nachdem ich einige Au⸗ genblicke nachgedacht,„dieſer Nat Turner iſt von ei⸗ ner beſſeren Gemüthsart, als die Uebrigen, und wäre ſein Geiſt beſſer geleitet worden, ſo hätte er ein guter und nützlicher Menſch werden können.“ Zed ſchüttelte den Kopf und antwortete: „Denken Sie das nicht, mein Herr. Er iſt verdammt liſtig, das iſt Alles, was ich über ihn zu ſagen habe.“ „Ei, er rettete Dir doch das Leben, Zed,“ ant⸗ wortete ich;„und Anfangs zeigte er keine Neigung, mir etwas zu Leide zu thun.“ „Ja, ja,“ antwortete Zed,„das iſt Alles feine Liſt. Er rettete mir das Leben, weil er wußte, daß es nicht gut ſein würde, wenn die Schwarzen einan⸗ der tödteten; und er wollte nicht auf Sie feuern, weil er wußte, daß die weißen Leute in der Nähe waren, und er nicht ſagen konnte, wie nahe. Er würde Sie bald genug erſchoſſen haben, wenn er den Knall des Gewehrs nicht gefürchtet hätte. Ei, er war ja der Erſte, der hinauflief und Mac Grubber tödtete, ob⸗ gleich er ſich anſtellte, als wäre er ein ſehr guter Freund von ihm.“ „Ich hoffe nichts von dem Manne, Herr,“ ſagte Onkel Jack, der bis dahin geſchwiegen hatte. „Ich hegte einſt große Erwartungen von ihm und vielleicht würde ſich meine Anſicht nicht geändert ha⸗ ben, ſelbſt nicht nach der Empörung und der Nieder⸗ metzelung der Weißen; denn er hat eigenthümliche Auſichten in Betreff ſeiner ſelbſt, iſt außerordentlich abergläubiſch und glaubt, er hat ein Recht, wie er ſich ausdrückt, das Joch des Unterdrückers von ſich abzuſchütteln. Aber der Mann, der junge Mädchen und unſchuldige Kinder mit kaltem Blute ermorden kann, iſt ein hoffnungsloſer Schurke. Da ſind wir nahe bei Doctor Blunts Hauſe. Halt! wir wollen uns vorſehen; da zielt ein Mann mit einer Muskete aus dem Fenſter auf uns. Er glaubt, wir gehören zu den Empörern.“ „Bleiben Sie alſo zurück,“ ſagte ich;„ich will vorwärts gehen. Es iſt Licht genug für ſie da, um mich zu ſehen.“ Und den Anderen vorausgehend, machte ich eine Bewegung mit der Hand und rief; „Feuert nicht! Feuert nicht! Wir ſind Freunde!“ „Wer ſind Sie? Was ſind Sie?“ rief eine Knabenſtimme; denn ich konnte jetzt bemerken, daß der Musketier nicht über dreizehn oder vierzehn Jahre alt ſein konnte.„Vater, Vater,“ fügte er hinzu, indem er Jemanden im Hauſe zurief,„hier kommen drei Männer, welche erklären, ſie ſind Freunde.“ „Mein Name,“ ſagte ich,„iſt Sir Richard — 218— Conway, von dem Sie vielleicht gehört haben. Einer von den beiden Männern hinter mir iſt der Prediger Onkel Jack; der andere mein eigener Diener, der mir das Leben rettete, als die Mörder Mr. Stringers Haus angriffen.“ Jetzt erſchienen noch zwei oder drei andere Män⸗ ner an den verſchiedenen Fenſtern, und einer von ih⸗ nen rief:„Ol Willkommen, willkommen, Sir Ri⸗ chard! Wir wollen die Thür öffnen und Sie einlaſſen. Wir ſind hier gleichſam in einer belagerten Feſtung und werden froh ſein, wenn Sie uns mit Ihrer mi⸗ litairiſchen Erfahrung und Ihrem Rathe unterſtützen. Warten Sie eine Minute und wir wollen Sie ein⸗ laſſen.“ Vierzehntes Kapitel. Riegel und Schlöſſer, die man in vielen Jah⸗ ren nicht benutzt zu haben ſchien, wurden an Doctor Blunt's Hausthüre, anſcheinend mit einiger Schwierig⸗ keit, geöffnet, denn ich hörte einiges Geräuſch, ehe ich Einlaß erhielt. Ich ſelber wurde froh begrüßt, aber wegen meiner Begleiter hegte man einiges Bedenken — nicht ſo ſehr indeß wegen des guten, alten Onkel Jack, von dem ſich bereits das Gerücht verbreitet hatte, daß er mit Gefahr ſeines Lebens einen Aufſtand zu beſeitigen ſuche, von dem er wußte, daß er hoff⸗ nungslos und ein barbariſches Gemetzel ſei, und nur mit der blutigen Tragödie einer geſetzlichen Hinrichtung enden konnte. Als ich mein Wort für Zed und die Verſicherung gegeben hatte, daß er mir bei dem Blutbade in Mr. Stringer's Hauſe das Leben gerettet, gelang es mir endlich, auch für ihn Einlaß zu erhalten, obgleich eine leiſe Berathung unter den Herren an der Thüre ſtattfand, wovon ich einen Theil hören konnte. „Wir haben ſchon vier Neger im Hauſe,“ ſagte Einer. „Dieſe beiden dazu machen ſechs, und unſerer ſind nur ſieben,“ fügte ein Anderer hinzu. „Sie haben Sir Richard und den Knaben aus⸗ gelaſſen, und ich muß Ihnen ſagen, der letztere kämpft ſo gut, wie einer von uns,“ verſetzte Der, welcher zuerſt geſprochen.„Aber wir ſind immer nur neun, und bei ſechs Negern im Hauſe und dreißig oder vier⸗ zig draußen, dürften wir doch einen ſchweren Stand haben.“ Aber wenn Sir Richard ſein Wort für den 77) Mann gibt,“ ſagte ein Dritter,„ſo können wir ſei⸗ ner völlig gewiß ſein.“ „Ich bin ſehr bereit dazu,“ fiel ich ein;„er hat mir das Leben mit Gefahr ſeines eigenen gerettet; und was auch geſchieht, ſo bin ich gewiß, daß er auf unſerer Seite ſein wird.“ In dieſem Augenblick kam ein rüſtiger, ſtark ge⸗ bauter Mann im mittleren Alter aus einem Zimmer hervor, welches ſich im Hinterhauſe befand, und ihn begleitete Niemand anders, als mein Freund Billy Byles. Der Fremde, der kein Anderer war, als der d9 — 224— Beſitzer dieſer Pflanzung, und ich wurden einander mit den gewöhnlichen Worten, als Doctor Blunt und Sir Richard Conway, vorgeſtellt. „Sir Richard, es iſt mir lieb, Sie bei mir zu ſehen,“ ſagte Doctor Blunt in höflichem Tone. Dann wendete er ſich zu den Uebrigen und ſügte hinzu:„Laſſen Sie den Mann ein, laſſen Sie den Mann ein. Wenn Sir Richard ſein Wort für ihn gibt, ſo iſt er für uns völlig ſicher. Nun, Sir Ri⸗ chard, erlauben Sie mir, einige Minuten mit Ihnen zu reden. Sie ſind in der britiſchen Armee und ha⸗ ben gedient?“ „In vier oder fünf Feldzügen,“ verſetzte ich, „und unter Leuten, die barbariſch genug waren, wenn auch mehr civiliſirt, als dieſe hier.“ „Nun, mein Herr,“ fuhr der Doctor in einem Tone fort, worin etwas Pomphaftes und Aufgeregtes lag,„ſollen Sie uns ſagen, was Sie von unſerem Vertheidigungsplane halten. Wir ſind gewiß, in dieſer Nacht angegriffen zu werden, denn dies iſt das einzige Haus in der Nachbarſchaft, welches die Schur⸗ ken noch nicht angegriffen haben. Sie warteten noch auf Verſtärkung, denn ſie wußten, daß ſie hier Wi⸗ derſtand finden würden. Bitte, kommen Sie mit mir in das Beſuchzimmer, wir wollen die Sache be⸗ ſprechen.“ Ich folgte ihm, während Billy Byles einige 222— Augenblicke zurückblieb, um einige Worte mit ſeinem alten Kameraden Zed zu reden, und obgleich ich ſehr begierig war, Beſſy zu ſehen und Alles zu hören, was ihr ſeit unſerer Trennung begegnet war, ſo war doch der Doctor ſo voll von der gefährlichen Beſorg⸗ niß, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, daß ich aus Höf⸗ lichkeit mich verbunden hielt, die von mir beabſichtig⸗ ten Fragen aufzuſchieben. „Nun, Sir Richard,“ ſagte er, indem er die Thüre ſchloß,„Sie ſehen, daß wir in dieſem Zim⸗ mer zwei Fenſter haben, die auf den Obſtgarten hin⸗ ausgehen, und zwei ähnliche in dem Zimmer an der entgegengeſetzten Seite des Vorſaales. Die Hinterſeite des Hauſes haben wir verrammelt und alle Fenſter⸗ laden feſt geſchloſſen, und es iſt nur eine kleine Oeff⸗ nung geblieben, wo man Jemand hinſtellen kann, um uns zur rechten Zeit Nachricht zu geben, ob der Feind ſich von jener Seite nähert, was ich nicht für wahrſcheinlich halte. Unſere Vorkehrungen werden uns indeſſen Zeit gewähren, uns vorzubereiten, im Fall wir von dort aus angegriffen werden ſollten. Nun, da Sie bei uns ſind, haben wir neun Mann im Ganzen, meinen Sohn Simon mit eingeſchloſſen, und wir haben reichlich Waffen und Munition. Ich be⸗ abſichtige zwei Männer an jedem Fenſter und einen vor der kleinen Oeffnung an der Hinterſeite aufzuſtellen, um uns vor einem Angriffe von dort zu ſchützen, und in jedem Zimmer einen Neger zu haben, auf den wir uns verlaſſen können, um uns friſche Waffen und Munition zu bringen.“ Er ließ ſich auf viele Einzelnheiten ein, indem er mir die Verbindung zwiſchen den verſchiedenen Zim⸗ mern zeigte, im Fall man einen Vortheil an irgend einem beſtimmten Punkte benutzen könne, und er ſchien ſeiner Sache ziemlich gewiß, ſein Haus gegen eine überlegene Macht vertheidigen zu können. Er war ſehr umſtändlich in den Einzelnheiten, und ich wünſchte, der Himmel möchte geben, daß er mit ſeinen langen Erörterungen zu Ende komme, denn obgleich ich kei⸗ neswegs unzugänglich für die Nothwendigkeit der Vor⸗ bereitung und des Vorbedachts war, ſo dachte ich doch die ganze Zeit über an Beſſy Davenport, und ich fürchte, ich achtete ſehr wenig auf die verſchiedenen Anordnungen, worauf er ſehr viel gab, die aber für einen Mann, der an dergleichen gewöhnt iſt, nur ein Kinderſpiel waren. „Nun, Sir Richard,“ ſagte er zum Schluß, „dies ſind meine Anordnungen. Haben Sie irgend einen Vorſchlag zu machen? Ich werde mich na⸗ türlich Ihrer militairiſchen Kenntniß und Erfahrung fügen.“— Ich war völlig gewiß, daß er ſich ſehr ungern fügen würde, und daß man ſeine Pläne mit großer Delicateſſe behandeln müſſe. Ich entgegnete daher: — 8224— „Ihre Anordnungen ſcheinen mir bewunderns⸗ würdig, Doctor Blunt, und ich ſehe Nichts darin, was einer Veränderung bedarf, wenn Sie es nicht vielleicht für beſſer halten ſollten, den oberen Stock zu vertheidigen. Sie haben hier ſehr ſtarke Fenſterla⸗ den und Riegel. Sie könnten Matratzen vor den un⸗ teren Theil der oberen Fenſter ſtellen, ſo daß nur die Köpfe ihrer Vertheidiger frei ſind. Sie wiſſen, daß es für unerfahrene Schützen viel ſchwerer iſt, aufwärts zu zielen, als hinunter oder in gerader Linie. Sie werden gewiß immer zu hoch oder zu niedrig zielen; und ſelbſt wenn ſie ins Haus kommen ſollten, wür⸗ den wir die Gelegenheit haben, von der Treppe herunter auf ſie zu feuern, wo wir beinahe gedeckt wären.“ Nun, Sir Richard,“ ſagte er,„ich denke ſel⸗ 777 ber, daß in Betracht—“ Ich ſah, daß er Einwendungen gegen jeden an⸗ deren Plan, als ſeinen eigenen, erheben werde; aber glücklicherweiſe gab ihm der Eintritt des kühnen Billy Byles, der Zed mitbrachte, noch mehr Zeit zum Nach⸗ denken. „Zed ſagt mir, Sir Richard,“ rief mein guter Secundant,„daß Sie ſelber eben jetzt ein Gefecht mit dieſen Leuten gehabt haben. Laſſen Sie uns die Sache hören. Aber vorher ſagen Sie uns, was 4 Sie von unſeren Anordnungen denken, die Schurken niederzuſchießen, wenn ſie hierher kommen.“ „O! Ich halte ſie für vortrefflich,“ verſetzte ich. „Ich hege nicht den geringſten Zweifel, daß wir ſie mit großem Verluſte zurückſchlagen werden.“ „Ich habe gedacht,“ ſagte Doctor Blunt, ehe Mr. Byles antworten konnte,„und in der That ur⸗ theilt Sir Richard auch ſo, daß es beſſer ſein würde, dieſe Fenſter dort unten zu verrammeln und unſere Vertheidigung von oben zu unternehmen. Welches iſt Ihre Meinung, Byles? Sie ſehen, wir ſollten die Zugänge beſſer beſtreichen können; dadurch würden wir mehr gedeckt ſein, und ſelbſt wenn ſie hereinbrechen ſollten, könnten wir die Treppe beſſer vertheidigen, während wir ſchon oben wären.“ Ich hatte nicht die geringſte Einwendung da⸗ gegen zu machen, daß er ſich meine Anſicht zueignete, wenn er ſie nur annahm, und ich war ſehr froh, daß Byles die Anordnungen billigte. „Aber laſſen Sie uns hören, Sir Richard,“ ſagte er,„was Sie von der Anzahl dieſer Leute denken. Zed ſagt, es ſeien ihrer etwa zwanzig.“ „O nein,“ antwortete ich,„ſeine Augen haben die Anzahl vergrößert. Ich konnte nicht mehr ſehen, als zwölf, und zwei davon habe ich niedergeſchoſſen. Ob ſie gefährlich verwundet ſind, kann ich nicht ſagen, denn meine Flinte war nur mit Rehpoſten geladen Freiheit u. Sclaverei. 2 Bd. 15 tragen haben. Sie ſtürzten indeß ſogleich hin, als hätte ich ſie gut getroffen.“ „Sie verſehlen Ihr Ziel nicht oft, ſollte ich den⸗ ken,“ ſagte Billy Byles lachend, denn er war ſo hei⸗ ter und unbekümmert, wie immer;„aber wenn nur zehn oder zwölf von dieſen Kerlen da ſind, ſo haben wir keine große Urſache zur Unruhe, denn wir könnten ſie aus der Umgebung mit unſeren Reitpeitſchen weg⸗ treiben.“ „Sie dürfen ſich nicht darauf verlaſſen, daß ſie in ſo geringer Anzahl kommen werden,“ verſetzte ich. „Ohne Zweifel werden ſie ſich gegen die Nacht ſehr verſtärken; aber ſie fürchteten offenbar, ſich außerhalb des Waldes am Tage zu zeigen, und ihr Plan wird ſein, uns in der Nacht unerwartet anzugreifen, bis ſie eine viel größere Anzahl zuſammenbringen können, als ſie gegenwärtig haben.“ 3 „Das iſt unſer größter Vortheil,“ antwortete Billy Byles.„Wir fürchten nicht, uns bei Tage zu zeigen und ſie niederzumachen, wo wir ſie finden kön⸗ nen. Als ich vor drei oder vier Stunden in Jeru⸗ ſalem war, zählten unſere Leute hundert und funfzig Mann, und die Dragoner kamen ſehr raſch herbei, während Abtheilungen ſich über das ganze Land aus⸗ breiteten, um die Wälder von dieſen Schurken zu be⸗ und die Entfernung muß beinahe ſechzig Schritte be⸗ — 227— freien. Es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie gar nicht hierher kämen.“ „Ich bin verſchiedener Anſicht,“ verſetzte ich, in⸗ dem ich, was mir eine günſtige Gelegenheit ſchien, benutzte, um zu dem Gegenſtande hinzukommen, wo⸗ von ich zu reden wünſchte.„Ich ſtimme mit Doector Vinm in der Anſicht überein, daß ſie dieſes Haus gewiß dieſe Nacht angreifen werden, beſonders da ſie wiſſen, daß ſo viele Damen hier ſind.“ „Damen! Mein lieber Sir Richard!“ rief Doctor Blunt;„es ſind keine Damen hier. Die einzige, welche hier war, ſchickte ich dieſen Morgen fort.“ „Eil Ich hörte, daß Miß Davenport hier wäre!“ rief ich mit einer Unruhe, welche alle bemer⸗ ken mußten. Doctor Blunt ſah mich an und Billy Byles wendete ſeine Augen mit einem Blicke des l Zweifels und der lebhaften Beſorgniß von ihm zu mir. „Eil Entkam ſie nicht mit Ihnen aus Mr. (Stringer's Hauſe?“ rief der Letztere endlich.„Wir Alle hörten es.“. „Ja,“ antwortete ich;„aber ich verließ ſie auf eine kurze Zeit im Walde, um zu ſehen, ob der Weg nach Jeruſalem von unſeren Feinden frei ſei. Als ich zurückkehrte, war ſie fort, und man ſagte mir bald darauf, daß ſie hierher gekommen ſei.“ „Arme Beſſy!“ rief Billy Byles in einem Tone 15* des tiefen Gefühls, und ich richtete meine Augen ſtrenge auf Zed. Ich konnte ſehen, wie der alte Mann an allen Gliedern zitterte, und in dem Augenblick, als mein Blick ſich auf ihn richtete, ſank er auf ſeine Kniee nieder. „Verzeihen Sie mir, Herr, verzeihen Sie mir,“ rief er.„Ich ſagte es, Ihnen nur, um Sie von dort wegzubringen, weil Sie dableiben und allein mit vier Männern mit Musketen kämpfen wollten. Was hätte es Miß Beſſy nützen können, wenn Sie getödtet worden wären?“ In den erſten Augenblicken konnte ich nicht ſpre⸗ chen und zitterte heftig vor Erſchöpfung und Zorn, ſo⸗ wie bei der ſchrecklichen Täuſchung, die mir begegnete. Die Worte des Mannes löſchten alle meine Hoffnun⸗ gen aus, belebten meine Furcht und Angſt, und trie⸗ ben mich faſt zur Verzweiflung. Alle meine Gedanken waren in Verwirrung; mein Gehirn ſchien ſich zu drehen. Wo war ſie? Was war aus ihr geworden? War ſie in den Händen jener ſchrecklichen Männer? Oder wanderte ſie in den Wäldern umher, wo ſie wahrſcheinlich umkommen mußte, ohne daß ihr Je⸗ mand zu Hilfe kommen konnte? Oder wenn ſie bei der Annäherung des Trupps, den ich geſehen, ent⸗ flohen war, mußte ſie nicht in die Hände einer an⸗ deren Bande von Mördern fallen? 1 — 229— „Sie ſind krank, Sir Richard,“ ſagte Billy Byles.„Geben Sie ihm ein Gläschen. Ich kann mir leicht vorſtellen, was Sie empfinden müſſen. Wenn Lou in einer ſolchen Lage geblieben wäre, würde es mir ebenſo ſein. Zed, Du Schurke, hätteſt ausgepeitſcht werden ſollen.“ „Vielleicht hätte ich das, Maſter Byles,“ ſagte Zed, noch auf den Knieen liegend;„aber ich that es in der beſten Abſicht.“ „Zum Henker mit der beſten Abſicht!“ rief By⸗ les.„Das iſt immer das Schlimmſte auf der Welt.“ „O, mein Herr, verzeihen Sie mir!“ rief Zed. „Entweder ſchlagen Sie mich oder verzeihen Sie mir!“. „Verlaß das Zimmer!“ ſagte ich mit Anſtren⸗ gung, denn ich konnte kaum Athem ſchöpfen.„Ich kann und will jetzt nicht mit Dir reden.“ „Hier, trinken Sie dieſes Glas, Sir Richard,“ ſagte Doctor Blunt,„und laſſen Sie uns die Sache ruhiger überlegen. Es mag nicht ſo ſchlimm ſein, wie es Anfangs ſcheint. Wo verließen Sie Miß Davenport?“ Ich erzählte ſo kurz und deutlich, wie ich es vermochte, Alles, was geſchehen war, nachdem Beſſy und ich an der Ecke des Waldes Schutz gefunden; und indem ich dies that, erlangte ich einigermaßen — 230— Hoffnung und Vertrauen wieder bei der Erinnerung, daß Beſſy nicht allein war, und daß Zed mehr als einmal erklärt hatte, daß ein Mann, den er Oberſt Halliday nannte, mit einer Abtheilung von weißen Männern des Weges gezogen ſei. „Ei, dies iſt nicht ſo übel,“ ſagte Billy By⸗ les,„wenn ſie die alte Jenny bei ſich hat. Das iſt ſo gut, wie ein ganzer Reitertrupp, denn ſie iſt ein ſcharfſichtiges Weib und weiß wohl, was ſie thut. Wenn Halliday dieſes Weges gezogen iſt, ſo hat er ſie wahrſcheinlich alle an einen ſicheren Ort mitgenommen.“ „Aber dieſe Geſchichte kann ebenſo falſch ſein, wie die andere, die er mir erzählte,“ entgegnete ich. „Das denke ich nicht,“ antwortete Billy Byles; „er hatte einen Grund zu der einen Lüge und keinen zu der anderen. Aber ich will es bald erfahren. Onkel Jack war bei Maſter Zed, und er wird wenigſtens die Wahrheit ſagen.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, kehrte in einer Minute zurück und ſagte: „Es iſt völlig wahr; Halliday war mit ſechs oder ſieben Mann dort. Onkel Jack ſah ihn im Walde, und Sie können ſich darauf verlaſſen, daß er Beſſy mitgenommen hat.“ „Ich kann mir kaum denken, daß ſie mitge⸗ — 231— gangen ſein ſollte,“ verſetzte ich,„ohne mir irgend eine Nachricht zu geben, daß ſie gerettet iſt.“ „O! Das können Sie nicht ſagen,“ entgegnete Billy Byles,„er mochte es ſehr eilig haben und ſie mit ſich forttreiben. Halliday iſt ein wilder Burſche, der ſich nicht von einem Manne oder Weibe widerſprechen läßt, wenn er ſich irgend Et⸗ was in den Kopf geſetzt hat. Aber nach Ihrem eigenen Berichte ſind Sie beinahe verhungert, Sir Richard.“ 7 „Gott ſei mir gnädig! Ich dachte nicht daran,“ ſagte Doctor Blunt.„Die Vorräthe meiner Gar⸗ niſon ſind nicht die beſten; aber man kann Ihnen im Augenblick ein Stück Schinken und Brod vor⸗ ſetzen.“ Die Speiſen wurden bald gebracht und eine Flaſche von dem vortrefflichſten Madeira dazu. Aber kaum hatte ich zwei Mundvoll gegeſſen und ein Glas Wein getrunken, als man die Stimme des Knaben laut von oben rufen hörte: „Vater, Vater, der Mond geht eben auf, und es kommt mir vor, als ob die Neger ſich am Saume des Waldes verſammeln.“ „Hier, hier, Ihr Jungen, ſchließt alle Fen⸗ ſterladen und macht ſie ſo feſt, wie möglich!“ rief Doctor Blunt.„Dann nehme Jeder ſeine Stellung ein, wie man ihm vorher geſagt, nur vor den — 232— oberen Fenſtern, anſtatt der unteren. Tragt die Pulverhörner und die Kugeln hinauf. Uebereilen Sie ſich nicht, Sir Richard, übereilen Sie ſich nicht; wir werden Zeit genug haben.“ „Weniger Zeit zum Eſſen, als zum Fechten und Trinken, denke ich,“ ſagte Billy Byles.„Hier, Sir Richard, erlauben Sie mir, Ihnen Ihr Glas zu füllen. Ich will eins zur Geſellſchaft mittrinken. Ich denke, Blunt, Sie laſſen ein halbes Dutzend Flaſchen Madeira auf die oberen Zimmer bringen. Es iſt eine trockene Arbeit, bei kaltem Waſſer zu fechten.“ b „Ja, der kühne Billy Byles bis zuletzt!“ ſagte Doetor Blunt;„aber wir wollen den Wein hinauf⸗ bringen laſſen, und auch etwas Branntwein dazu; denn einige von unſeren Leuten möchten Etwas von dem Muthe dieſer Art bedürfen, wenn auch Sie nicht, Byles.“ „Vater, Vater!“ rief die Stimme des Knaben wieder,„ich ſehe ſie durch den Mais daherkommen.“ „Wie viele ſind ihrer?“ rief Doctor Blunt. „Zwanzig oder dreißig, ſollte ich denken,“ ver⸗ ſetzte der Knabe;„aber ich kann ſie nicht zählen, ſie ſind ſo nahe bei einander.“. Während dies Alles vorging, hatten mehrere Männer, einige ſchwarz, aber die meiſten weiß, die Fenſter geſchloſſen und ſie, ſo gut ſie konnten, ver⸗ — 233— rammelt; und ſobald ich den Wein getrunken, den Mr. Byles mir eingeſchenkt hatte, machte ich einen Gang durch die unteren Zimmer, um zu ſehen, ob auch Alles ſo ſicher ſei, wie möglich. Dann begleitete ich Doctor Blunt und die übrige Geſellſchaft die Treppe hinauf. Fünfzehntes Kapitel. Wäͤhrend die Männer ſich zerſtreuten und einige in das eine, und andere in das andere Zimmer gin⸗ gen, begab ich mich in das Vorderzimmer zur rech⸗ ten Hand, welches ich nach der Form des Fenſters für das hielt, von wo mich der Knabe angerufen, als ich mich dem Hauſe genähert. Er war noch da, hatte eine Flinte in der Hand und ein Licht brannte auf dem Tiſche. „Dies iſt mein Sohn, Sir Richard,“ ſagte der Doctor, der mich begleitete. Der Knabe wendete ſich von ſeinem Poſten ab und reichte mir herzlich die Hand. Er war ein hüb⸗ ſcher Jüngling mit hellen Augen; aber er konnte nicht älter als dreizehn oder vierzehn Jahr ſein. Mit ſei⸗ ner Hand deutend, ſagte er: „Da kommen ſie, Vater; aber ſie gehen ſehr langſam zu Werke.“ „Es wird beſſer ſein, Doetor Blunt, die Lich⸗ ter in dieſem Stock auszulöſchen,“ ſagte ich.„Sie werden nur dazu dienen, dem Feuer des Feindes die rechte Richtung zu geben und machen, daß wir den Vortheil verlieren, den uns die Stellung des Mondes gewährt. Wir ſind hier im Schaͤtten; aber Sie be⸗ merken, wir können faſt jeden Kieſelſtein dort am Boden ſehen.“ „Gewiß, gewiß! Wohl bedacht! Löſcht alle Lich⸗ ter aus,“ ſagte Doctor Blunt. „Wollen Sie jetzt herumgehen, Doctor,“ fuhr ich fort,„und zuſehen, ob auch Jeder ſeine Muni⸗ tion bei der Hand hat? Es ſoll mich wundern, ob dieſe Kugeln zu meiner Flinte paſſen werden.“ „Sie ſind ganz klein,“ ſagte der Doctor ſich entfernend;„thun Sie lieber zwei oder drei hinein.“ Als er fort war, näherte ich mich dem Fenſter, wo der Knabe noch ſtand, und mich hinaus lehnend, überſah ich die mondhelle Scene, die ſich vor dem Hauſe darſtellte. Es war ein Anblick, der zu einer anderen Zeit, oder bei einer gewöhnlichen Gelegenheit nicht das geringſte Intereſſante würde dargeſtellt ha⸗ ben. Der Boden war beinahe flach und nur ein we⸗ nig wellenförmig; nach Oſten zu befand ſich ein klei⸗ ner Raſenplatz oder Feld vor dem Hauſe und ein Obſt⸗ garten mit Pfirſich⸗ und Pflaumenbäumen in der Ent⸗ fernung von etwa hundert und funfzig Schritten. Den Horizont umgab ein dichter Gürtel von Wald, dun⸗ kel in dem ſchattigen Mondlicht, gleich Abendwolken am Rande des Himmels; und der Raum innerhalb dieſer Schranke des Waldes war erhellt von den vol⸗ len, klaren Strahlen des aufgehenden Planeten. Es war eine von jenen Nächten, die auf dieſem Feſtlande beſonders ſchön ſind, wenn der Mond durch ſeinen Glanz alle Sterne in ſeiner Nähe verdunkelt, aber den übrigen Himmelsraum voll glänzender Lichter läßt, die groß und voll mit einander zu wetteifern ſcheinen, um die Abweſenheit der Sonne zu erſetzen. Felder, bis zu einem Umfange von fünf bis ſechs hundert Morgen, die man wohl eultivirt und deren Ernte man bereits heimgebracht hatte, lagen um mich her in dem Umkreiſe des Waldes, und zur Rechten erſtreckte ſich zuerſt das Stoppelfeld, funfzig oder ſechzig Morgen im Umfange, und dann das weite Maisfeld, deſſen Frucht noch nicht eingeerntet war. Der Mais zeigt im ruhigen Mondlicht ein etwas auffallendes Ausſehen, woran wir in Europa nicht ge⸗ wöhnt ſind, beſonders wenn er reif iſt. Er erſcheint faſt weiß; doch Etwas ſagt uns— ich weiß nicht, was es iſt— daß es nicht der Schnee iſt, der das Land bedeckt. Oft wächſt er ſo hoch, daß ein großer Mann hindurch gehen kann; aber der Frühling war — 237— in dieſem Jahre ſpäter eingetreten, wenig Regen ge⸗ fallen und das Getreide daher zurückgeblieben und man⸗ gelhaft. Als ich über das Feld gegangen war, hat⸗ ten die langen, rohrartigen Stengel mit ihren brei⸗ ten Blättern nicht höher als bis zu meiner Schulter ggereicht, und ich konnte jetzt deutlich eine dichte Gruppe von dunklen Gegenſtänden bemerken, die auf das Haus zu kamen. Die äußere Natur war ſehr ruhig, ſtill und an⸗ genehm und die flache und etwas einförmige Scene nahm einen faſt maleriſchen Anblick an, in Folge des Lichtes und Schattens und des glänzenden Himmels darüber. Aber da war jene Gruppe von ſchwarzen Gegenſtänden, die zuweilen einen Augenblick ſtillſtan⸗ den und immer ſehr langſam und vorſichtig weiter⸗ gingen, aber ſich beſtändig dem Hauſe näherten und der Seene ein verſchiedenes Intereſſe hinzufügten. Während dieſes Ueberblicks lud ich meine Flinte und verſuchte, ſo gut wie möglich, die Anzahl meines Feindes zu berechnen. Ich konnte nur vierundzwanzig herausbringen, und ich denke, ich kann mich nicht mehr, als um einen oder zwei, auf jeder Seite geirrt haben. Mittlerweile ſtand der Knabe anſcheinend ruhig und unbewegt neben mir, ohne ein Wort zu reden. Es lag eine heroiſche Ruhe in ſeinem Benehmen, die mir ſehr auffiel. Ich wußte, daß im ganzen Süden der vereinigten Staaten der Gedanke an eine Empörung der Selaven eins der furchtbarſten Phantome der Ein⸗ bildungskraft iſt, welches ſich den Geiſtern der Men⸗ ſchen darſtellt, wenn ſie es auch bei der Haſt des Ge⸗ ſchäftslebens, oder bei der Aufregung des Vergnügens, aus Gewohnheit vergeſſen und nicht auf den Schatten der Nemeſis achten, der auf die feſtliche Tafel fällt — auf das Schwert, welches über dem Haupte des Herrn des Feſtes an einem Haar hängt. Sie glei⸗ chen Leuten, welche eine vulkaniſche Gegend bewoh⸗ nen, ihre Weinſtöcke beſchneiden, bei der Weinleſe ſingen und tanzen, ganz und gar die Nähe der Ge⸗ fahr und des Todes vergeſſen, bis die erſte zitternde Bewegung der Erde das bevorſtehende Erdbeben ver⸗ kündet, und dann verwirrt und beunruhigt von den bevorſtehenden Ereigniſſen emporfahren, die ſie dem Gange der Naturgeſetze gemäß vorausſehen könnten. Die Kälte und Ruhe jenes Knaben unter den Umſtänden, worin wir uns befanden, fiel mir ſehr auf. Niemand von uns konnte ſagen, wie das Alles enden würde; Niemand wußte, wie weit die Ver⸗ ſchwörung ſich ausgebreitet hatte oder welche Vorbe⸗ reitungen man gemacht, um den Erfolg zu ſichern. Alles, was wir wußten, war, daß die Schwarzen den Weißen an Zahl ſehr überlegen waren; daß ſie ſich mit ſchonungsloſer Wuth gegen ihre Herren er⸗ hoben und daß ſie noch nicht den entſcheidenden Schlag erhalten hatten; daß ſie jedes Haus, welches ſie an⸗ 1 — 239— gegriffen, ohne Schwierigkeit eingenommen und die Bewohner, ohne Rückſicht auf Alter oder Geſchlecht, er⸗ mordet hatten. So war unſere Stellung; doch jener Knabe ſtand ſo kalt und ruhig neben mir, als hätte er in dem bevorſtehenden Kampfe keine Gefahr zu befürchten. „Nun, mein guter junger Mann,“ ſagte ich, nachdem ich mich umgeſehen hatte,„wir Beide wer⸗ den wohl dieſes Fenſter zu vertheidigen haben.“ „Ich denke es auch, mein Herr,“ ſagte er; „mein Vater ſagte mir, ich ſolle hierbleiben.“ „Empſinden Sie nicht ein wenig Furcht?“ fragte ich lächelnd. „Ja, Herr,“ antwortete er offen;„aber ich thue immer, was Vater ſagt.“ „Nun,“ antwortete ich,„es iſt keine große Ge⸗ fahr vorhanden, und Sie ſind ein guter und wackerer Jüngling. Ich habe viel dergleichen Dinge geſehen und erlebt, und ſolche Herzen, wie das Ihre, tra⸗ gen immer den Sieg davon. Ich bin ein alter Sol⸗ dat und ein Officier, und ſo müſſen Sie meinen Be⸗ fehlen gehorchen. Gehen Sie und holen ein Kiſſen von dem Bette und legen es auf die Fenſterſchwelle. Nun knieen Sie dort nieder, laſſen Sie Ihre Flinte aufgeſtützt und zielen auf den Mann, den Sie nie⸗ derſchießen wollen, und feuern Sie nicht eher, als bis ich es Ihnen ſage. Ich wette einen Dollar, daß Sie ihn niederſchießen werden.“ „Wollen Sie nicht auch ein Kiſſen haben?“ fragte der Knabe. „Nein,“ antwortete ich,„ich beabſichtige, hier ſtehen zu bleiben, geſchützt von dieſem Winkel des Fenſterrahmens; aber flüſtern Sie mir lieber zu, auf welchen Mann Sie zielen wollen, damit wir nicht: Beide auf denſelben zielen.“ „Ich will auf den Größten feuern,“ ſagt der Knabe.„Da bin ich gewiſſer, ihn zu treffen.“ „Und ich will den Kleinen nehmen,“ antwortete ich.„Wir werden Beide treffen, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ 3 Es lag keine wirkliche Leichtfertigkeit in dem, was ich ſagte, denn ich konnte nicht umhin zu fühlen, welches auch der angeborene Muth des Knaben ſein möge, ſo müſſe er doch bei ſeinem Mangel an Er⸗ fahrung in ſolchen Seenen des Kampfes und Blut⸗ vergießens einige Scheu, wenn auch nicht Furcht em⸗ pfinden. Mittlerweile ging Doctor Blunt von einem Zim⸗ mer zum andern, ſah nach, ob ſeine kleine Garniſon gut aufgeſtellt ſei und erfüllte ſeine Pflicht als Ober⸗ befehlshaber ſehr gut. Endlich kehrte er zu uns zu⸗ rück, ehe er ſelber ſeinen Poſten an einem von den — 241— Fenſtern einnahm, klopfte ſeinem Sohne auf die Schul⸗ ter und ſagte: „Nun, Simon, mein Junge, da biſt Du un⸗ ter dem Commando eines tapferen Officiers, der, wie ich ſehe, gut für Dich geſorgt hat. Thue muthig Deine Pflicht, mein Sohn, und wir wollen dieſe Kerle ſchon zuſammenſchießen.“ „Ich will es verſuchen, Vater,“ verſetzte der Knabe beſcheiden, und Doctor Blunt fuhr fort hin⸗ auszuſehen.— „Ja, ſie ſind auf den freien Platz gekommen,“ ſagte unſer Wirth.„Sie haben ſich zum Angriffe entſchloſſen; aber ich denke, wir ſind ihnen gewachſen.“ „Ich denke, es wäre beſſer, wenn Sie Ihr Feuer aufſparten, Doctor Blunt,“ ſagte ich.„Wenn ſie uns an den Fenſtern bemerken, was wahrſcheinlich der Fall ſein wird, ſo mögen ſie zuerſt auf uns feuern. Wenn ſie herbeirennen, um in den unteren Stock einzubrechen, ſo ſind ſie bei ihrer geringen An⸗ zahl verloren, denn wir können ſie leicht niederſchie⸗ ßen, wenn wir ruhig zu Werke gehen, während ſie uns hier Nichts anhaben können.“ „Ertheilen Sie das Commando, Sir Richard, wollen Sie?“ ſagte Doctor Blunt.„Ich will den Leuten ſagen, daß ſie nicht eher feuern, als bis Sie reden.“ „Sehr gut,“ antwortete ich;„aber laſſen Sie Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 16 — 242.— jeden ſeinen Mann auswählen und ihn beſtändig im Auge behalten, wenn er näher kommt, ſo daß un⸗ ſer erſtes Feuer auch trifft. Es iſt beſſer, wenn die, welche Doppelflinten haben, den zweiten Schuß auf⸗ ſparen, um den Feind beſchäftigen zu können, während ſie wieder laden.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe,“ ſagte mein Wirth. „Ich will gehen und es ihnen ſagen; aber Sie kön⸗ nen keine wohldisciplinirten Soldaten erwarten, Sir Richard.“ „Wir müſſen unſer Möglichſtes thun, mein gu⸗ ter Herr,“ antwortete ich;„und ich zweifle nicht an dem Erfolge. Einer von uns kann es mit fünf oder ſechs von ihnen aufnehmen, wenn wir nicht ſchlafend in unſeren Betten von ihnen überraſcht werden.“ Doetor Blunt entfernte ſich, um die von mir vorgeſchlagenen Befehle zu überbringen, und ich ſtreckte wieder den Kopf aus dem Fenſter. Die Empörer wa⸗ ren jetzt nur noch hundert und funßzig Schritte von dem Hauſe entfernt, aber ich denke, ſie ſahen mich nicht, denn dieſe Seite des Gebäudes ſtand völlig im Schatten. Sie näherten ſich vorſichtig und benutzten die Bäume in dem Pfirſichgarten, um ihre Annäherung zu decken, und ſie zeigten offenbar einige Bedenklich⸗ keit, in das helle Mondlicht herauszutreten. Freilich mochten ſie auch ihren Angriffsplan entwerfen. Endlich ging ein Mann zehn oder zwanzig Schritte — 243— den Uebrigen voraus und überblickte gemächlich die ganze Fronte des Hauſes. Ich fürchtete ſehr, daß Einer von unſeren Leuten feuern möchte; aber Alle verhielten ſich ruhig. Endlich kehrte der Neger zu ſei⸗ nen Kameraden zurück und dann marſchirten ſie in ei⸗ ner langen, unterbrochenen Linie weiter. Jeder hatte ſein Gewehr angelegt und auf die oberen Fenſter ge⸗ richtet. „Neigen Sie Ihren Kopf!“ ſagte ich zu mei⸗ nem jungen Kameraden,„bücken Sie ſich nieder und laſſen ſie feuern. Dann erheben Sie ſich, wählen Ihren Mann aus und drücken ab, wenn ich rufe!“ Ich habe es immer ſehr ſchwer gefunden, die Leute zu bewegen, ihr Feuer aufzuſparen. Es iſt im⸗ mer eine gewiſſe natürliche Aengſtlichkeit vorhanden, die erſte Gelegenheit zu benutzen, wodurch mancher Schuß verloren geht. Jetzt aber zeigte ſich keine furchtſame Voreiligkeit und Alles blieb völlig ſtill, während die Empörer ſich etwa bis auf dreißig Schritte dem Hauſe näherten. Wir konnten jetzt alle Männer deutlich ſehen, ſo daß wir beinahe ihre Züge unter⸗ ſcheiden konnten, obgleich das bei einem Neger ſelbſt bei Tage einigermaßen ſchwierig iſt. Es war klar, daß ſie uns ſahen, und unſere weißen Geſichter bil⸗ deten ein beſſeres Ziel; aber wie ich erwartet hatte, zielten ſie aufwärts nicht ſo ſicher wie ſonſt. Als ſie in dieſer Entfernung waren, wurde das 16* — 244— Wort„Halt“ ausgeſprochen, und die ganze Linie blieb ſtehen. Dann fand ein geringes Zaudern und Bedenken ſtatt, aber gleich darauf rief Jemand: Feuer!“ und neun oder zehn Flinten wurden auf „ f die Fenſter abgefeuert. Das Glas raſſelte und klirrte über uns und eine Kugel ſchien die Wand gerade un⸗ terhalb der Stelle zu treffen, wo ich ſtand; aber kein Mann im Hauſe wurde verwundet. Ich hatte große Luſt, ſie noch ein wenig näher kommen zu laſſen, damit wir deſto ſicherer zielen könn⸗ ten; aber ich wußte, daß Alle um mich her unge⸗ duldig waren; und da ich eine Bewegung unter den Negern ſah, als wollten ſie einen Angriff auf den un⸗ teren Theil des Hauſes machen, ſo gab ich das Com⸗ mando zu feuern. Jeder war vorbereitet; Jeder hatte ſeinen Mann ausgewählt und alle Gewehre wurden faſt zugleich abgeſchoſſen. Nie gab es eine ſolche Secene, wie jetzt erfolgte. Sechs oder ſieben von den Aufrührern ſtürzten ſogleich nieder und dann erfolgte eine allgemeine Flucht. Fort ging es nach allen verſchiedenen Richtungen— ſie ſtol⸗ perten über ihre gefallenen Kameraden— rannten ge⸗ gen die Bäume des Gartens— warfen ihre Flinten weg, um beſſer fliehen zu können, und zeigten jedes Zeichen des paniſchen Schreckens, der gewöhnlich den Mangel an Disciplin begleitet. Naach der Kühnheit, womit iſio Anfangs auf das 1 — 245— Haus zu marſchirten und nach der Beſonnenheit, wo⸗ mit ſie feuerten, hatte ich nicht gedacht, daß die Sache ſo bald vorüber ſein würde; aber ſie waren jetzt offenbar geſchlagen, ohne daß eine Wahrſchein⸗ lichkeit vorhanden war, daß ſie ſich wieder ſammeln würden, und ich ſendete einem großen, rüſtigen Kerl, der ſchneller lief, als die übrigen, meinen zweiten Schuß nach. Er ſtolperte und fiel, war aber im Au⸗ genblick wieder auf und lief davon, obgleich er ver⸗ wundet ſein mußte. Noch mehrere Schüſſe aus den anderen Fenſtern wurden auf die Flüchtlinge abgefeuert. Ich lief ſchnell zu Doctor Blunt und ſagte: „Wenn wir jetzt einen Ausfall machten, könn⸗ ten wir einige von ihnen gefangen nehmen.“ Drei oder vier von den Herren folgten mir die Treppe hinunter, und hinauseilend, gelangten wir ſo ſchnell wie möglich in den Obſtgarten unter die Bäume, hinter welchen ſich mehrere von den Empörern vor den Schüſſen zu ſchützen ſuchten, die ihnen aus den Fen⸗ ſtern nachgeſendet wurden. Wenn ſie gleich noch gut hätten Widerſtand leiſten können, ſo geſchah es doch nicht, weil ſie zu ſehr erſchrocken waren. Drei oder vier liefen über die Felder dahin, ſo ſchnell ſie konn⸗ ten, als ſie weiße Geſichter in dem Obſtgarten ſahen; aber wir nahmen zwei von ihnen gefangen und ſchlepp⸗ ten ſie auf das Haus zu. An der Stelle, wo die Neger ihre Linie gebil⸗ — 246— det hatten, fanden wir die Uebrigen von unſerer Ab⸗ theilung, welche mit einer Laterne und einer Fackel herausgekommen waren, um die Gefallenen in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Billy Byles wendete einen von den Verwundeten gegen das Licht, während Doctor Blunt und ein anderer Herr ſich über einen großen Kerl neigten, der völlig todt zu ſein ſchien, und ſein Geſicht beleuchteten, als ob etwas ſehr Intereſſantes daran zu ſehen wäre. „Der intereſſanteſte Kopf, den ich je geſehen,“ ſagte Doctor Blunt's Begleiter.„Sahen Sie je eine ſolche Entwickelung? Das Organ der Kampfluſt iſt außerordentlich voll und das der Zerſtörungsluſt ſo groß, wie meine Fauſt. Ich muß dieſen Kopf für meine Sammlung haben, Doctor.“ „Ah, Sir Richard, ich ſehe, Sie bringen ei⸗ nen Gefangenen,“ ſagte Doctor Blunt, ſeinen Kopf erhebend, als ich mit dem Manne, den ich gefangen genommen hatte, herbeikam.„Dies iſt mein Freund Doctor M., der berühmte Phrenolog.“ „Sahen Sie je einen ſo außerordentlichen Kopf, Sir Richard?“ ſagte der begeiſterte Profeſſor jener damals noch faſt neuen Wiſſenſchaft.„Es iſt Alles nach hinten, Nichts oben oder vorn. Der hintere Theil wiegt gewiß zehnmal mehr, als der vordere. Du da, wie iſt Dein Name?“ fuhr er fort, indem 2422— er ſich zu dem Gefangenen wendete.„Weißt Du, wer dies iſt?“ „Das iſt Will, Herr,“ antwortete der unglück⸗ liche Mann.„Das iſt der Gentleman, welcher ſagte, er wolle alle Kinder tödten.“ „Das ſagte ich Ihnen ja!“ rief der Doctor, ſich des Triumphes ſeiner Kunſt erfreuend.„Er konnte nicht anders. Jenes Organ der Zerſtörungsluſt that Alles. Jenen Mann hätte man nicht frei umhergehen laſſen ſollen. Wenn jetzt noch Verbrechen begangen werden, iſt es die Schuld der Geſellſchaft. Wir kön⸗ nen immer die Neigung zum Unheil an den ſicheren Geſetzen der Schädellehre entdecken, und unſere Sache iſt es, die Menſchheit davor zu ſchützen. Wenn wir ſolche Leute frei umhergehen laſſen, ſo ſind die Ver⸗ brechen, die ſie begehen, unſerer eigenen Nachläſſig⸗ keit zuzuſchreiben.“ Ich war nicht geneigt, länger dazubleiben, um die Abhandlung des würdigen Herrn anzuhören, und Doctor Blunt's Arm berührend, ſagte ich: „Es wird beſſer ſein, wenn wir in's Haus zu⸗ rückkehren, um dieſe beiden Leute in Sicherheit zu bringen. Ich muß Sie auch um die große Gefällig⸗ keit bitten, mir ein Pferd zu borgen, um zu der Hauptſtadt der Grafſchaft zu reiten, denn ich kann mich nicht eher zufrieden geben, als bis ich dieſen Oberſten Halliday ſehe.“ — 248— „Es wäre beſſer, Ihre Reiſe bis morgen aufzu⸗ ſchieben,“ antwortete der Doctor, mit mir auf die Thüre zugehend.„Denken Sie nicht, daß es gefähr⸗ lich ſein wird, in dieſer Nachtzeit allein zu reiſen?“ „O nein,“ verſetzte ich,„dieſe Leute werden ſich nicht wieder ſammeln, und Sie können gewiß ſein, daß ſie ihre ganze Macht beiſammen gehabt haben. Wenn ich nicht irre, können wir den Aufſtand als be⸗ endet anſehen. Sie haben einen Schlag erhalten, wo⸗ von ſie ſich nie wieder erholen werden, und unſere Nachbarn werden Ihnen viel zu danken haben.“ „Nun, mein Herr,“ verſetzte der Doctor, offen⸗ bar ſehr geſchmeichelt,„ich hoffe, wir haben unſere Pflicht gethan, und wenn Jeder unter ſolchen Um⸗ ſtänden ſeine Pflicht thut, wird der Staat Nichts zu fürchten haben.“ „Ihr wackerer, junger Sohn hat auch vortreff⸗ lich ſeine Pflicht erfüllt,“ entgegnete ich,„ich bin ge⸗ wiß, daß er ſeinen Mann niederſchoß; er war ſo ſicher, wie ein alter Soldat.“ „Ich bin erfreut, dies von Ihnen zu hören, Sir Richard,“ antwortete der Vater, ohne Zweifel mit ſtolzem Herzen.„Er iſt angehalten worden, ohne Bedenken meine Befehle zu erfüllen, und ich hoffe, er hat ein Recht— ein erbliches Recht des Muthes. Seine Familie hat keinen Feigling hervorgebracht, mein Herr, und ich hoffe, ſie wird es auch nie; aber treten — 249— Sie lieber ein und vollenden Ihr Abendeſſen, Sir Richard, während man ein Pferd für Sie herbei⸗ ſchafft. Wird es nicht beſſer ſein, auch für Ihren Diener Zed eins zu ſatteln? Er kennt vermuthlich die Wege beſſer, als Sie, und könnte Ihnen bei einer Gefahr von großem Nutzen ſein.“ Ich nahm das Anerbieten freudig an, und um die Wahrheit zu ſagen, war es mir durchaus nicht leid, ein Abendeſſen zu erhalten. Auch ſchlug ich den guten Wein des Doctor Blunt nicht aus, denn ich hatte in jener Nacht mehr als je in meinem Leben die Empfindungen, welche ohne Zweifel manchen Mann zur Trunkenheit führen— das Bedürfniß von Et⸗ was, um meine Lebensgeiſter aufrecht zu erhalten und mich in den Stand zu ſetzen, die Laſt des Nachden⸗ kens von mir zu werfen, und unter den ſchmerzlichen Umſtänden, die mich umgaben, meinen Weg fortzu⸗ ſetzen. 8 3 Ich trank freilich nicht viel, denn aus der Flaſche Madeira, die an meine Seite geſtellt wurde, ſchenkten ſich mehrere von den Theilnehmern des letzten Kampfes ein. In der nächſten halben Stunde ſtellte das Haus des Doctor Blunt, wie man ſich leicht denken kann, eine Scene der Aufregung und Verwirrung dar, ge⸗ nügend, um jeden nüchternen Gedanken zu verbannen. Jeder ſprach; Jeder bewegte ſich umher; Jeder that Fragen und Niemand beantwortete ſie; Einige unter⸗ ſuchten, wo die Kugeln eingeſchlagen hatten; Viele be⸗ ſchrieben ihre eigenen Thaten und erzählten, wie ſie ihren Mann niedergeſchoſſen; und wenn Alles hätte wahr ſein ſollen, was ſie behaupteten, ſo müßte ein Dutzend Neger gefallen ſein, anſtatt ſechs. Alle ſpra⸗ chen zugleich; Einige lachten laut; und ſeltſam genug, ſelbſt die gefangenen und verwundeten Neger ſtimmten mit in die Heiterkeit ein, als wenn ſie die ſiegreiche, anſtatt die geſchlagene Partei geweſen wären. Einen von dieſen Kerlen ſah ich, der Thüre ge⸗ rade gegenüber, im Vorſaale ſitzen. Er hatte eine Kugel durch ſeine Schulter, und ſeine Hände waren ihm auf den Rücken gebunden; dabei zeigte er ſeine weißen Zähne von einem Ohre bis zum anderen, und rief lachend: „Ich möchte, Jemand bände mir die Hände vorn, anſtatt nach hinten. Wie heiß dieſe Kugel iſt! Sie müſſen mit glühendem Blei geſchoſſen haben.“ Endlich wurde angekündigt, daß die Pferde be⸗ reit wären, und ich ſtieg auf, um abzureiſen. „Was! Sie wollen gehen, Sir Richard!“ rief Billy Byles hereinkommend.„Ei!l Sie haben Ihnen einen Vorſprung abgewonnen. Blunt, laſſen Sie die Gefangenen lieber hereinkommen. Es iſt unnöthig, ſie die ganze Nacht draußen zu laſſen. Wäre es nicht beſſer zu warten, Sir Richard, bis wir anch kommen?“ „Nein, mein guter Freund,“ antwortete ich; ſ„ich kann mich nicht zufrieden geben, ehe ich mehr von Miß Davenport höre.“ Billy Byles war von jener ſanguiniſchen Ge⸗ müthsart, welche aus einem glücklichen Erfolge ſchließt, daß alles Andere richtig gehen muß, und er ant⸗ wortete: „O! Sie iſt völlig ſicher, verlaſſen Sie ſich darauf!“ Und doch hatte er vor noch keiner Stunde: „Die arme Beſſy!“ als er von der Lage gehört, worin ich ſie zurückgelaſſen, in Tönen gerufen, die eine un⸗ heilvolle Vorbedeutung zu haben ſchienen, und die mir noch in den Ohren wiederhallten. Ich wollte meine Abreiſe indeſſen nicht verzö⸗ gern, und dem jungen Blunt im Vorübergehen die Hand reichend, ging ich auf die Thüre zu, wo die Pferde ſtanden. Zed ſchlich mir langſam nach und zeigte die Miene eines Hundes, der ſich vergangen hat, und während er den Ferſen ſeines Herrn folgt, jeden Augenblick einen Fußſtoß erwartet, ſich aber bereit hält, zurückzuſpringen und demſelben auszuweichen. Auf den Stufen vor dem Hauſe fand ein leb⸗ haftes Händedrücken ſtatt; aber endlich ſchwang ich mich in den Sattel und trat meine Reiſe an. Sechzehntes Kapitel. Es war eine ſo heitere und ſchöne Nacht, wie man nur je geſehen, und die Wege durch den Wald, von Wellen des Lichts und Schattens überfluthet, wa⸗ ren voll ruhiger Größe. An einer Stelle konnte das Auge tief in das Innere des Waldes ſich verſenken, von den Mondesſtrahlen geleitet, die auf den grünen Raſen oder auf der ſchwellenden Maſſe von wilden Pflanzen ruhten, hier den Stamm eines alten Bau⸗ mes berührten und dort das Rohr auf der naſſen Wieſe verſilberten. Zu einer anderen Zeit fing eine tiefe, ſchwere Maſſe von rieſenhaften Bäumen, mit Immergrün gemiſcht, die Strahlen auf und warf einen ſtarken Schatten über den Pfad, nur belebt von einem anderen hellen Schimmer jen⸗ ſeits. — Schweigend ritt ich weiter. Ein plötzlicher, au⸗ genblicklicher Kampf hatte mich in Aufregung verſetzt und den natürlichen Strom meiner Gedanken und Gefühle unterbrochen und ihn gleichſam gehemmt, aber nur um mit tieferen, wenn gleich etwas ſtilleren Wellen hinüberzufließen. Ich darf nicht erſt ſagen, daß alle meine Ge⸗ danken Beſſy Davenport galten. Sie waren ſehr ängſt⸗ lich, ſehr düſter, ſehr bitter. Ich tadelte mich, daß ich ſie überhaupt verlaſſen hatte. Ich dachte, wenn ihr Gefahr oder Tod begegnet ſei, würde ich mir ſel⸗ ber nie verzeihen. Keine Sprache vermag meine Em⸗ pfindungen auszudrücken— den innern Schauder, den tiefen Schmerz meines Herzens, wenn mein Geiſt auch nur auf einen Augenblick bei ihrem möglichen, ja wahrſcheinlichen Schickſal verweilte. Vergebens ſuchte ich mich zu tröſten, indem ich dachte, ich habe nach beſtem Wiſſen und Willen gehandelt. Die einfachen, aber wahren und auffallenden Worte des wackeren Billy Byles kamen mir immer wieder in den Sinn: „Zum Henker mit dem Beſten; es iſt immer das Schlimmſte, was ein Menſch thun kann.“ Ich war bereit, Flüche auf mein eigenes Haupt zu ſchleudern, weil ich, wenn auch nur einen Augenblick, die Pflicht aufgegeben hatte, das liebe Mädchen zu be⸗ ſchützen, welche der Himmel mir übertragen zu haben ſchien. Der Tadel gegen mich machte mich indeſſen nur geneigt, milder gegen Andere zu ſein. Der arme Zed! obgleich ich nicht umhin konnte, noch einige Bitterkeit gegen ihn zu empfinden, hatte nur nach ſeinen Anſichten und ſeiner Fähigkeit gethan, was ich ſelber auch gethan. Er hatte nach beſtem Wiſſen und Willen gehandelt; und indem ich milder gegen ihn geſtimmt wurde, rief ich ihn an meine Seite, denn bisher war er zwei oder drei Pferdelängen hin⸗ ter mir geritten. „Sage mir, Zed,“ begann ich;„und diesmal bedenke wohl, daß Du die Wahrheit redeſt, denn ich kann Alles eher verzeihen, als eine Lüge.“ „Ich will die Wahrheit ſagen, wenn ich kann, Herr,“ antwortete Zed;„aber zuweilen, wenn ich es ſehr eilig habe, kann ich die Wahrheit nicht ſagen. Die Lügen kommen ſo ſchnell und in ſolcher Maſſe herbei, daß ſie die Oberhand gewinnen, und dann habe ich keine Zeit, ſie zu überwinden und die Wahrheit aus der Tiefe herauszuholen, wie man ſagt.“ „Nun, ſo nimm Dir Zeit und übereile Dich nicht,“ verſetzte ich.„Du ſagteſt, Du habeſt den Oberſten Halliday im Walde geſehen. War das die Wahrheit?“ „O freilich, Herr,“ antwortete er.„Ich ſah — 255— ihn dort und er hatte ſechs oder ſieben Männer be ſich.“ „War er zu Pferde oder zu Fuß?“ fragte ich. „Er war zu Pferde geweſen,“ verſetzte Zed; „aber er ließ ſeine Pferde auf dem Wege zurück und ging zu Fuß weiter, bis zu der Stelle, wo die bei⸗ den Wege zuſammentreffen. Ich hörte, wie er ſagte, er ſehe einen ſtarken Rauch, und er wolle wiſſen, was es ſei. Ich ließ mich nicht ſehen, denn er iſt ein wilder Mann und hätte ebenſo gut mich und Onkel Jack zu Boden ſchlagen können, weil wir ſchwarz ſind.“ „So ging er alſo gerade auf den Rauch zu?“ fragte ich. „Ja, das that er,“ verſetzte der Mann,„und er mußte ſchon eine Strecke weit gegangen ſein, denn ſeine Stimme wurde ganz ſchwach, als er wieder auf den Weg kam und den Leuten zurief, ihm die Pferde zu bringen.“ .„So fand er alſo keinen von den Negern?“ fragte ich. „Nein, wie konnte er es auch?“ antwortete Zed,„denn ſie kamen nicht eher herbei, als bis er fort war. Sie ſahen ihn vermuthlich, und ich ging ihm auch aus dem Wege. Aber er kam zuerſt, das iſt gewiß. Ich kann nicht genau ſagen, wohin er ging, denn ich ſah ihn nicht; aber er konnte nicht lange fortgeweſen ſein, als Sie dorthin ka⸗ men.“ 4 Des Mannes Worte gewährten mir einen gro⸗ ßen Troſt, denn des ſchien mehr als wahrſcheinlich, wenn er die von Zed erwähnte Richtung verfolgt hatte, daß er Beſſy und die alte Jenny gefunden, wo ich ſie verlaſſen und ſie unter ſeiner Begleitung mitgenommen; obgleich ich nicht verſtehen konnte, wie Beſſy den Ort hatte verlaſſen können, ohne ein Zei⸗ chen zurückzulaſſen, welches mir andeutete, was ge⸗ ſchehen war. Sie mußte die lebhafte Beſorgniß und Angſt kennen, die ich empfinden würde, und es ließ ſich nicht von ihr erwarten, daß ſie meine Angſt leicht nehmen werde. 4 1 Indeſſen ſühlte ich mich immerhin ſehr beruhigt. Hoffnung und Erwartung belebten ſich wieder, und ſobald wir auf die Landſtraße gelangten, galoppirte ich raſch auf Jeruſalem zu. Das Pferd ſchien mir ſehr langſam zu gehen und in der That war es auch nicht das beſte Thier, welches ich hätte haben können. Endlich aber kamen wir zu einer Stelle, wo die Stadt zuerſt im hellen Lichte ſichtbar war und dort hielt Zed, der die ganze Gegend genau kannte, ſein Pferd an und rief:— „O, Himmel, Herr! ſie haben die Stadt in Brand geſteckt!“ Auf den erſten Blick ſchien es auch wirklich ſo, denn über der kleinen Stadt erhob ſich ein heller, ro⸗ ther Schein zum Himmel, der nicht von einer ge⸗ wöhnlichen Urſache herrühren konnte. Ich hielt eben⸗ falls mein Pferd an, und betrachtete einige Augen⸗ blicke den hellen Schein; aber ich bemerkte, daß der⸗ ſelbe ſtillſtand und weder ſtieg, noch fiel, oder ſich ausbreitete, und obgleich ein Flackern und ein Fort⸗ rollen der Rauchwolken ſichtbar war, ſah man doch keine von den raſchen Veränderungen, die immer bei einer beträchtlichen Feuersbrunſt ſtattfinden. „Wir wollen weiter reiten und zuſehen, Zed,“ ſagte ich;„ich kann nicht ſagen, was es mit dieſem Scheine auf ſich hat; aber die Stadt ſteht gewiß nicht in Flammen.“ „Sehr gut, Herr,“ ſagte Zed ohne das geringſte Zaudern, und weiter eilten wir ſo ſchnell wir konnten. Als wir zu den erſten Häuſern des kleinen Or⸗ tes kamen, konnten wir das laute Gemurmel vieler Stimmen hören, die aus der Mitte der Stadt ka⸗ men, und als wir weiter ritten, ſahen wir ein ſelt⸗ ſames und maleriſches Schauſpiel vor uns. Ich glaube, ich habe ſchon früher den kleinen Marktplatz der Stadt beſchrieben, welche die guten Leute des Landes Jeruſalem zu nennen für paſſend gefunden haben, aus welchen Gründen aber, vermoch⸗ te ich nie zu entdecken; denn gewiß weder in der An⸗ Freiheit u. Sclaverei. 2. Bd. 17 lage, noch in der Architektur, oder auch in der Lage, findet ſich die geringſte Aehnlichkeit mit der Haupt⸗ ſtadt des Königreichs Juda. Indeſſen, wenn der Berg Ida in dieſem Lande ein Hügelchen iſt, nicht größer als eine Männerfauſt, und Syrakus tief im Lande liegt, ſo wird es klar, daß Leute wenig Rück⸗ ſicht auf die Bedeutung der Bennennungen der Orte in der alten Welt nahmen, die ſie Denen in der neuen beilegen. An der einen Seite des Vierecks ſtand ein Gaſt⸗ haus, ein hölzernes Gebäude von nicht großem Um⸗ fange, mit einer ſogenannten Freiheitsſtange gerade vor demſelben. Als ich vorher dort geweſen, hatte die glühende Sonne hell und deutlich auf die Grup⸗ pen von Landleuten und Herren geſchienen, die in Geſchäften mit ihren Wagen, Pferden und Hunden gekommen waren. Ein verſchiedenes Licht ſtellte jetzt den Platz unter einem verſchiedenen Anblick dar. Ein Feuer von Kienholz brannte in der Mitte des kleinen Platzes, in der Entfernung von etwa ſechzig Schritten von dem Gaſthauſe, und ganz nahe bei dem Gebäude ſelber befand ſich eine Anzahl Fackeln, einige in den Händen von Mulatten und Negern, einige an Stan⸗ gen gebunden, die man in den Boden geſteckt, und noch andere an Pfoſten oder Zäune befeſtigt. Bei dem rothen Scheine des Feuers und der Fackeln konnte man die Fronten der verſchiedenen 259 Häuſer umher ſehen; die Fenſter waren beſonders mit Frauen in der verſchiedenſten Kleidung angefüllt, und zahlreiche Gruppen von Männern, alle bewaffnet und viele zu Pferde, welche ſprachen, lachten, geſtieulirten und zum Theil auch fluchten, befanden ſich auf dem Platze. Vor dem rechten Flügel des Gaſthauſes hielt eine kleine Abtheilung Cavalerie, nicht ſehr regelma⸗ ßig in einer Linie aufgeſtellt, auch ſaß nicht jeder Mann auf ſeinem Pferde; aber da waren etwa dreißig oder vierzig große, rüſtige, kräftige Burſchen, die alle Empörer, welche Virginien je geliefert, in einer Minute würden geſchlagen haben. Eine Gruppe von Officieren mit etwa einem Dutzend Herren aus der Nachbarſchaft gemiſcht, unter welchen ich meinen hochgewachſenen Freund, den Sheriff, erkannte, ſtanden unmittelbar vor der Thür des Gaſthauſes, alle in heftiger und lebhafter Verhandlung, während gerade über ihren Köpfen ſich ein Balkon befand, der ſich an der ganzen Fronte des Hanſes dahin erſtreckte und mit Damen angefüllt war, wovon einige ſaßen und einige ſtanden. Schrecklich war die Verwirrung, der Lärm und der helle Schein, und von Zeit zu Zeit fand eine neue Bewegung und eine verſchiedene Anordnung der Abtheilungen ſtatt, wenn Reiter von dieſer oder jener Seite herkamen und ſich von jeder Gruppe mehrere 17* Perſonen entfernten oder herbeiritten und fragten, wel⸗ iche Nachricht die Ankommenden zu überbringen hätten. Auf dieſe Weiſe wendete man ſich auch an mich, als ich auf den Marktplatz trat. „Von welcher Seite kommen Sie, mein Herr?“ fragte Einer. „Haben Sie Etwas von den Negern geſehen?“ fragte ein Anderer. „Haben Sie Etwas von dem Trupp des Kapi⸗ tain Jones geſehen?“ fragte ein Dritter. „Iſt irgend ein neues Haus angegriffen wor⸗ den?“ fragte ein Vierter. „Einer zur Zeit, meine Herren, Einer zur Zeit,“ verſetzte ich,„und ich will antworten. Dann ſollen Sie mir auch eine Antwort auf eine Frage geben. Ich komme von Doctor Blunt's Hauſe. Ich habe Neger genug geſehen— alle vermuthlich, die ſie ha⸗ ben. Der Trupp des Kapitain Jones iſt mir nicht begegnet, und das letzte Haus, welches die Neger angriffen, oder welches ſie vermuthlich angreifen wer⸗ den, war das des Doector Blunt. Und wollen Sie mir nun gefälligſt ſagen—“ „Was wurde daraus? Was wurde daraus?“ riefen ein halbes Dutzend Stimmen, ehe ich meine Frage ausgeſprochen hatte. „Sie wurden mit beträchtlichem Verluſte zurück⸗ getrieben,“ verſetzte ich.„Sechs wurden getödtet oder ſchwer verwundet, zwei gefangen genommen und die ganze Bande zerſtreute ſich, vermuthlich um ſich nie wieder zu einem Trupp zu vereinigen.“ „Hurrah! Hurrah!“ rief die Menge, die ſich umher verſammelt hatte, und fort liefen ſie, um die Nachricht über den Platz auszubreiten. Ich nahm mir indeſſen die Freiheit, einen von den Herren zurückzuhalten, ehe er wegkommen konnte, und ſagte: „Bei meinem Leben! Dies iſt nicht ganz recht, meine Herren. Ich habe alle Ihre Fragen beantwor⸗ tet und Sie warten nicht, um die meinige zu beant⸗ worten. Darf ich fragen, ob Oberſt Halliday kürzlich in der Stadt geweſen iſt?“ „Oberſt Halliday?“ rief der gute Mann;„ei ja, er war noch vor einer halben Stunde mit ſeinem Trupp hier, und ſoviel ich weiß mag er noch hier ſein.“ „Hatte er eine Dame bei ſich?“ fragte ich. „Ei ja, eine ganze Schaar,“ antwortete mein neuer Freund, der ein Witzling zu ſein ſchien.„Der drolligſte Anblick war es, den Sie nur je geſehen— die meiſten von ihnen ſaßen in ihren Nachtkleidern zu Pferde.“ Hierauf riß er ſich von mir los und ſchloß ſich der Hauptgruppe vor dem Gaſthauſe an. Dorthin lenkte ich auch mein Pferd; aber die Herren, welche — 262— dieſelbe bildeten, kamen in Maſſe auf mich zu, ſobald ſie die Nachricht hörten, die ich überbrachte, und ich war augenblicklich von zwölf oder funfzehn Perſonen umringt, die mich ſogleich mit zahlloſen Fragen über⸗ ſchütteten. Nur der Sheriff war ruhig und geſetzt. „Es iſt mir lieb, Sie zu ſehen, Sir Richard,“ ſagte er;„vielleicht werden Sie uns einen kurzen Be⸗ richt von dem ertheilen, was bei Doctor Blunt geſchah; denn wenn Sie alle dieſe Fragen beantworten wollen, wird es Tag werden, ehe wir damit zu Ende ſind.“ Da es klar war, daß ich nicht eher Befriedigung erhalten würde, ehe alle Anderen befriedigt waren, ſo hielt ich es für das Beſte, den Wunſch des Sheriff zu erfüllen, aber mittlerweile näherten ſich alle anderen Gruppen, um die Nachricht auch zu hören, und ich wurde bald von wenigſtens zweihundert Menſchen um⸗ geben und gedrängt. „Reden Sie laut, reden Sie laut!“ rief Einer. „Bringt ihm zu trinken,“ ſagte ein Anderer. „Der Herr wird durſtig ſein.“ „Er hat genug gefochten, um durſtig zu wer⸗ den,“ ſagte Zed, der ſich nahe zu mir hielt und wahr⸗ ſcheinlich die allgemeinen Einwendungen gegen ſeine Farbe fürchtete. Ich fuhr indeſſen in meiner Geſchichte fort, machte ſie ſo kurz, aber ſo deutlich wie möglich und trug Sorge die Tapferkeit des jungen Blunt zu er⸗ ——— habe. — 263— wähnen, die mit lautem Beifall von dem Volke be⸗ grüßt wurde. Aber ſie ſchienen ſich nicht viel um Einzelheiten zu kümmern und waren bald zufriedengeſtellt. Einer nach dem Anderen begann ſich zu entfernen oder ſie zertheilten ſich in Gruppen, um die Sache unter ſich weiter zu beſprechen, und vom Pferde ſpringend, faßte ich des Sheriff's Arm und ſagte: „Ich wünſche einige Worte mit Ihnen zu reden, Herr Sheriff. Führe mein Pferd zur Thür des Gaſt⸗ hauſes, Zed. Er iſt vermuthlich ſicher hier? Er iſt ein ſehr treuer Burſche und hat mir das Leben ge⸗ rettet.“ „Ol völlig ſicher,“ antwortete der Sheriff.„Se⸗ hen Sie nicht, daß wir hier eben ſo viele Schwarze, wie Weiße haben? Dieſer böſe Geiſt iſt keinesweges allgemein. Wäre es ſo geweſen, ſo möchte es uns übler ergangen ſein, obgleich es, weiß Gott, ſo ſchon ſchlimm genug iſt!“ Zed führte mein Pferd weg und als ich jetzt mit dem Sheriff beinahe allein blieb, erklärte ich ihm meine Beſorgniß Beſſy's wegen, ſagte ihm, weshalb ich glaube, daß Oberſt Halliday ſie im Walde ge⸗ funden und an einen ſicheren Ort gebracht habe, und fragte, ob er jenen Herrn in der Stadt geſehen er war vor einer kleinen Weile hier,“ ——ͤ — 264— antwortete der Sheriff.„Er brachte mehrere Damen mit, aber ich beachtete wirklich nicht, wer ſie waren. Ich meine, er führte ſie in das Gaſthaus und es wird am Beſten ſein, wenn Sie zuſehen, ob Sie Miß Davenport dort finden können.“ Ende des zweiten Bandes. 3 8 Druck der C. Schumann'ſchen Buchdruckerei in Schneeberg. Nininſnſſſſſſſſiſſnni Iſinaimm 5 16 17 18 1