leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 8 von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. . Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————]j auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2„=„ 3„—„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lunn Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— ————————— — Selgvere. amerikaniſcher Roman von G. P. R. James. 4 Aus dem Engliſchen übertragen von Dr. Ernſt Suſemihl. Erſter Band. . Leipzig, 1856. Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. Freiheit und Selaverei. Erſter Band. — Erſtes Kapitel. Ein Brief. Ich ſchrieb aus der kleinen, hübſchen Stadt Balti⸗ more an Dich, liebe Schweſter, und hoffe, daß Du mei⸗ nen Brief erhalten haſt. Da dieſer ſo ſchnell auf jenen folgt, iſt mein einziger Beweggrund zu ſchreiben, meine müſſige Zeit auszufüllen und Deinen Geiſt von Furcht zu befreien hinſichtlich meiner glücklichen Ankunſt bei allen Schrecken meiner Fahrt durch die Cheſepeakebucht, jene lange und ſchreckliche Einfahrt, wie Du ſie nennſt, wo Onkel Richard vor zwanzig oder dreißig Jahren Schiffbruch gelitten hat. Glaube mir, alle dieſe Ge⸗ fahren ſind nur eingebildet. Dieſe Cheſepeakebucht iſt eine ſehr ruhige und angenehme Waſſerfläche, die wohl zuweilen ihre Stürme haben mag, aber, vor der vol⸗ len Gewalt des Oceans durch die ſogenannte öſtliche Küſte geſchützt, keinen Schrecken mehr vernrſacht, nachdem man die Fahrt über das atlantiſche Meer zu⸗ rückgelegt hat. Ich habe nicht ein einziges Abenteuer zu erzäh⸗ len. Alles ging mit ärgerlicher Ruhe und Stille vorüber, und ich muß nothwendig meinen Brief mit einigen kleinen Beobachtungen ausſchmücken, die ich aus meinem Tagebuche entlehne, da ich glaube, daß ſie Dich unterhalten werden. Ich meine Dir ſchon gemeldet zu haben, daß ich bereits einen Platz zur Ueberfahrt nach Norfolk in dem Schooner Mary Anne genommen— ich glaube die Hälfte der Schiffe in der ganzen Welt heißen Mary Annez und ohne Zweifel iſt es ein ſehr ſicherer Name. Es iſt Nichts dagegen zu ſagen; und in der That gab mir mein Schiffer die Verſicherung, er habe nie erlebt, daß ein Schiff dieſes Namens unter⸗ gegangen ſei. Indeſſen wenn Gerüche Sympathien hervorbringen, würde Mary Anne bald ihren Weg zu den Fiſchen hinunter finden, denn mir drang ein ſtar⸗ ker Heringsgeruch in die Naſe, als ich das erwähnte Schiff beſtieg. Ich war vor der Stunde der Abfahrt nicht an Bord geweſen, denn unſer Agent hatte den Platz für mich genommen, und gewiß war ich in meiner Erwartung ein wenig getäuſcht bei der Ein⸗ richtung des Fahrzeuges, welche mir früher in ſehr glühenden Farben geſchildert worden, aber ſich ein wenig eingeengt darſtellte, während die Umgebung keineswegs wohlthätig auf meine Geruchsnerven ein⸗ wirkte. Wähle immer ein Dampfboot, wenn Du kannſt, liebe Schweſter, denn ein kurzes und luſtiges Leben iſt ein guter Grundſatz auf der See; und wenn Dampfer auch klappern und raſſeln, rauchen und zit⸗ tern, ſo bringen ſie Dich doch gewöhnlich früher, an⸗ genehmer und ſicherer an Deinen Beſtimmungsort, als ein Segelſchiff.— Wir fuhren alſo am Dienſtag Rachmittag um halb drei Uhr von unſerem Landungsplatze ab, und ich blieb auf dem Verdeck, um einen letzten Blick auf Baltimore zu werfen, welches ich mit einigem Be⸗ dauern verließ. Es iſt eine viel kleinere Stadt, als New⸗York, aber reinlicher, zierlicher und ich ſollte denken, auch geſünder. Ueberdies hatte ich einige ſehr angenehme und freundliche Leute dort getroffen, und Höflichkeiten, die keinen Eindruck in unſerem Vater⸗ lande auf uns machen würden, rühren uns in einem fremden Lande. Wenn man alte Verbindungen und zärtliche Neigungen hinter ſich läßt, liefern Höflichkeit und Freundlichkeit den beſten Erſatz. Der Schiffer gab mir die Verſicherung, der Wind wäre vollkommen günſtig, und es wäre gerade genug, um das Waſſer zu kräuſeln und das Schiff ruhig weiter zu treiben, ohne eine Umwälzung im Magen oder ein Schwanken der Beine hervorzubringen. Ich blieb auf dem Verdeck, bis es ganz dunkel war und mehr als ein kleiner Stern mit lebhaftem, blin⸗ zelndem Auge hervorblickte, als ob er fürchte, nicht Zeit genug zu haben, ſein eigenes Bild im Waſſer zu ſehen, ehe die Sonne wieder aufgehen und ihn zu Bette ſchicken werde. Dann ging ich hinunter und fand in der kleinen Kajüte, um welche unſere Kojen ſich befanden, bereits zwei Herren, die noch nicht auf dem Verdeck erſchienen waren, ſeitdem ich an Bord geweſen, und welche faſt ſchweigend die Zeit hinbrach⸗ ten und ihren Grog tranken. Ob ſie während der ſechs oder ſieben vorhergehenden Stunden ſchon eben ſo beſchäftigt geweſen, weiß ich nicht, und wie viel ſie von dem Spiritus getrunken, war mir unmöglich zu entdecken, denn ſie waren keineswegs benebelt und der Rum befand ſich in einer mächtigen Flaſche, von Flechtwerk umgeben, die man hier Demijohn nennt, ſo daß ſelbſt die ſchärfſten Augen nicht entdecken konn⸗ ten, ob ſie voll oder leer war. Beide waren wohlgekleidete Männer, aber ihr Ausſehen ſehr verſchieden von einander. Ich muß eine Beſchreibung unternehmen, liebe Schweſter, da unſere Ideen von dem Nankeegeſchlecht in England ſehr verſchieden ſind von den Wirklichkeiten, die wir in dieſem Lande vor uns ſehen. Ich erinnere mich gehört zu haben, wie eine reiche, reſpectable, einfäl⸗ tige und unwiſſende Frau von einer Klaſſe, die ſich bei uns zu Hauſe hänufig in die Geſellſchaft eindrängt, einen Amerikaner, von dem ſie wußte, daß er ein ſolcher war, bedächtig fragte, ob alle Eingeborenen Amerika's lachsfarbig wären. Ohne Zweifel hatte ſie von rothen Indianern gehört, und ich vermuthe, mit jener glänzenden Verwirrung der Ideen, die das Ge⸗ hirn einiger Damen beunruhigt, hatte ſie unſere Brü⸗ der auf dieſer Seite des atlantiſchen Meeres mit den Eingeborenen des Landes verwechſelt. Indeſſen hatten meine beiden Reiſegefährten bei gegenwärtiger Gelegenheit, obgleich der Eine nicht von amerikaniſchem oder angelſächſiſchem Geſchlechte war, nichts Indianiſches an ſich. Der Eine war ein ha⸗ gerer, ſchmächtiger aber wohlgebildeter Mann, von etwa dreiunddreißig Jahren, den ſeinem Aeußeren und Kleidung nach Niemand von einem Engländer würde unterſchieden haben, hätte er nicht eine gewiſſe über⸗ müthige, ſelbſtgenügſame Miene gehabt, die ſich nicht ganz mit unſerem geſetzten und nüchternen Cha⸗ rakter verträgt. Sein Geſicht war freilich keineswegs ſchön. Seine Augen waren ein wenig hervorragend, rund und ſchimmernd, ſeine Naſe kurz, dick und roth und zeigte einige Verwandtſchaft mit dem Inhalte des eben erwähnten Demijohn. Seine Oberlippe war von einem dichten, öſterreichiſch geſchnittenen Schnurrbarte beſchattet, ſein Kinn war vorragend und entſchieden markirt, aber ſeine Stirn war kühn und hoch, und offenbar der ſchönſte Zug ſeines Geſichtes. — 10—. Der Andere ſchien ein wenig zu fein gekleidet— offenbar zu fein für eine Seereiſe; aber ſein Geſicht war offenbar viel ſchöner, als das ſeines Begleiters, und zeigte den eigenthümlichen Charakter, der faſt in allen Fällen die jüdiſche Abkunft bezeichnet, denn er hatte große, mandelartig geſtaltete, dunkle Augen, eine Adlernaſe, einen zierlichen Mund und Kinn und eine Fülle glänzend ſchwarzen Haares, welches in kleinen, leichten Locken um ſeinen Kopf flatterte. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe war zart und im Ganzen war er ein ſehr ſchöner Mann. Aber es fehlte ihm jene Miene der orientaliſchen Ruhe und Würde, die wir oft an den Mitgliedern ſeines Stammes bemerkt haben. Dies ſchreibe ich größtentheils dem Berufe zu, dem er, wie ich ſpäter erfuhr, ſich gewidmet hat, und ich vermag mir nicht vorzuſtellen, daß der Geiſt irgend eines Menſchen im Stande ſein ſollte, den herabwürdigenden Einwirkungen deſſelben zu widerſtehen. Er hatte drei Diamantringe an einem Finger und einen großen Brillanten in dem Jabot ſeines Hemdes; und in der That ſchien es mir, als wäre kein Theil ſeiner Per⸗ ſon, wo er ſolchen Schmuck anbringen konnte, un⸗ verziert von einem Edelſteine. Es war völlig klar, daß keine große Herzlichkeit zwiſchen dieſen beiden Inhabern der Kajüte herrſchte, obgleich ſie aus demſelben Demijohn, wenn auch nicht aus demſelben Glaſe, tranken. Sobald ich eintrat, forderte mich der letztgenannte Paſſagier in der virgi⸗ niſchen Redeweiſe auf, ein Glas zu trinken. Ich habe die Gewohnheiten des Landes genügend kennen ge⸗ lernt, um zu wiſſen, daß es unhöflich iſt, dergleichen auszuſchlagen, und ich wurde ſogleich mit einem Glaſe und kaltem Waſſer verſehen, wozu ich ein wenig von dem Rum hinzufügte. Als ich eine kleine Quantität von der Miſchung geſchlürft hatte, brach der erſte Paſſagier, den ich er⸗ wähnt habe, in ein kurzes, raſches, heiteres Lachen aus, und bemerkte im drolligen Tone, der Schiffer habe uns nicht mit Würze verſehen, womit dieſes Getränk in dieſem Lande gewöhnlich verſetzt wird. Mit ihm gerieth ich bald in ein Geſpräch und fand in ihm einen wohlbeleſenen und unterrichteten Welt⸗ mann mit ſehr freien Anſichten über eine Menge Dinge, einigem Geſchmack an den Künſten und einer erträglichen Kenntniß der griechiſchen und lateiniſchen Sprache. Der Andere war ſchwieriger in eine Unterredung zu verwickeln, und in der That ſchien die Aufgabe eine Zeitlang hoffnungslos, bis endlich der Beſitzer des Schiffes zu uns kam, und dann entdeckte ich, daß unſer Freund mit den Diamantringen auch von eini⸗ gen Seiten zugänglich war. Nachdem der Kapitain ſich ziemlich reichlich von dem Getränke bedient hatte, ſah er dem übermäßig fein gekleideten Herrn mit einem ſchlauen und gutmü⸗ thigen Lächeln in's Geſicht und ſagte: „Nun, Mr. Lewis, hoffen Sie dieſen Sommer ein gutes Geſchäft zu machen?“ „Ich weiß nicht, Kapitain,“ antwortete der An⸗ dere.„Ich wünſchte wohl, daß Sie mir ein wenig ſagten, was vorgeht.“ Dann ließ er ſeine Stimme ſinken und ſagte in einem Geflüſter, welches mich verhinderte, den Schluß des Satzes zu hören.„Ich höre, es wird ein Verkauf gehalten bei Mr.—“ „So ſagt man,“ verſetzte der Kapitain ein we⸗ nig ernſt und mit einem Seufzer.„Es iſt mir ſehr leid um den armen Kerl. Er war ein vollkommener Gentleman; nur liebte er die verwünſchten Karten zu ſehr. Indeſſen hat er einen hübſchen Vorrath in Hän⸗ den, und ich denke, ſie werden theuer kommen.“ „Wiſſen Sie, was es für welche ſind?“ fragte der Andere. 3 „Ich kenne ſie nicht Alle,“ entgegnete der Ka⸗ pitain;„aber es ſind ihrer funfzig, und fünf oder ſechs von ihnen— beſonders Bill, Antony— ſind ſo gute Arbeiter, wie man nur je in dieſer Gegend ge⸗ ſehen.“ „Nun, der Preis iſt nicht beſonders hoch in Orleans,“ verſetzte Mr. Lewis;„der Markt iſt über⸗ füllt, wie ich höre und funfzig ſind kaum der Mühe werth zu kaufen. Sind hier herum nicht mehr zu haben?“ „Nun, ich höre, Mr. Thornton, da drüben in der Grafſchaft Southampton, nicht weit von Jeruſalem, wünſcht zu verkaufen,“ war des Schiffers Antwort. „Ich weiß nicht, was er getrieben hat. Er trinkt und ſpielt nicht, hat Nichts mit Hahnengefechten und dergleichen zu thun, und doch iſt es ihm gelungen, all ſein Geld durchzubringen, und ſeine Pflanzung iſt ſo hoch verſchuldet, wie nur irgend möglich.“ Der Andere ſchwieg hierauf und ſchien die Sache mit großer Genugthuung aufzunehmen. Mittlerweile war ich zu dem Schluſſe gekommen, daß der gute Mr. Lewis nicht mehr oder weniger war, als ein Selavenhändler, und da ich nur wenig In⸗ tereſſe an den verhandelten Gegenſtänden nahm, ſo ging ich wieder die Treppe hinauf, die zum Verdeck führte, um noch eine Stunde unter den Sternen zu⸗ zubringen, ehe ich zu Bette ging. In der Kajüte war es drückend warm; die Nacht war über alle Beſchrei⸗ bung ſchwül und ich hielt mich überzeugt, daß ich nicht ſchlafen könne, wenn ich nicht vorher ein wenig friſche Luft einathme, ehe ich mich niederlege. Ich war geneigt, über viele Dinge nachzudenken, womit ich Dich nicht beläſtigen will, liebe Schweſter, da ſie aus der eben gehabten Unterredung hervorgingen und mehr ruhige Ueberlegung verdienten, als ich bis⸗ her Zeit gehabt, ihnen zu gewähren. Kaum aber hatte ich das Verdeck erreicht, als der zuerſt erwähnte Reiſegefährte zu mir kam und ſo⸗ gleich von dem nächſten Gegenſtande zu reden begann und die Bemerkung machte, daß es eine ſchöne Nacht ſei. Ich ſtimmte ihm einfach bei, und dann fuhr er fort: „Es iſt viel angenehmer hier oben, als dort un⸗ ten in der Kajüte. Es iſt dort ſehr heiß, und jener Kerl von einem Sclavenhändler macht es noch heißer.“ „Ich habe gehört,“ verſetzte ich,„daß die vir⸗ giniſchen Herren einen großen Abſcheu und Verachtung gegen dieſe Selavenhändler hegen.“ „Für's Erſte muß ich Ihnen ſagen, daß ich kein Verginier bin,“ antwortete er;„aber ich kann Ihnen ſo gut antworten, als wenn ich einer wäre. Der Sclavenhändler wird hier und im ganzen Süden als ein nothwendiges Uebel betrachtet. Er wird ge⸗ duldet und das iſt Alles; aber es gibt ſehr wenige Fälle, wo dieſe Duldung ſo weit geht, daß man mit ihm in demſelben Zimmer ſitzt. An einer Wirths⸗ tafel, an Bord eines Schiffes, oder auf dem Poſt⸗ wagen iſt man genöthigt, in ſeiner Nähe zu ſein; und zuweilen— denn das Unglück macht uns mit ſeltſamen Bettgenoſſen bekannt— wenn man einen von ihnen eine gute, runde Summe Geldes ſchuldig iſt, die man nicht bezahlen kann, ſo ſteckt man wohl ſeine Beine mit ihm unter denſelben Tiſch und trinkt mit ihm. Hier wie überall iſt es daſſelbe. Ich habe in Ihrem Vaterlande— welches, wie ich vermuthe, England iſt— Männer mit einem Affenführer trinken ſehen, und ich bin gewiß, wenn eine Klapperſchlange eine Seitentaſche hätte, und wir ihr verſchuldet ſein könnten, ſo würden wir unſere Hüte herunterziehen, und ſo höflich wie möglich gegen das Gewürm ſein.“ Er endete mit einem ſcharfen, kurzen Lachen, zog dann ſein Cigarrenetui aus der Taſche, und bot mir eine ſehr feine Havannacigarre an. Die Unter⸗ redung wurde eine Zeitlang auf dieſelbe Weiſe weiter⸗ geführt, bis endlich der Kapitain zu uns heraufkam und uns ſagte, daß Mr. Lewis in ſeine Koje gegan⸗ gen ſei. „Ei, das iſt angenehm,“ verſetzte mein Reiſe⸗ gefährte;„denn wenn man auch zuweilen im nahen Verkehr mit einer Schlange ſein muß, ſo hört man ſie doch nicht gern ziſchen. Sobald ich gewiß bin, daß er ſchläft, will ich auch hinunter und zu Bette gehen.“ Jetzt waren wir ſoweit in die Bucht hinausge⸗ kommen, daß jene ſchönen Seeanemonen oder Medu⸗ ſen, wie ſie genannt werden, nach allen Richtungen an dem Schiffe vorüberflammten und den Lampen gli⸗ chen, welche die Hinduweiber, wie man ſagt, auf — 16— den Ganges hinaustreiben laſſen. Ich machte eine Be⸗ merkung darüber gegen meinen Gefährten, und er er⸗ wiederte mit den Worten Sir Henry Waltons: „Als ließ der Himmel auf die Erde Die kleinern Sterne niederfallen.“ „ Aber ich denke, der Wind wird ſich drehen, Kapitain,“ fuhr er fort.„Sehen Sie nicht jenen Nebel dort?“ „Es ſollte mich nicht wundern, Mr. Wheatley,“ antwortete der Schiffer;„und wenn es geſchieht, wird. es ziemlich ſtark wehen.“ Dieſe Winke beſtimmten mich, wieder in die Kajüte hinunterzugehen, und meine Koje in Beſitz zu nehmen, obgleich die Scene von dem Verdeck ſehr ſchön war. Die Sterne ſchimmerten ſtill, hell und klar über uns; der matte Umriß der virginiſchen Küſte war zur Rechten zu ſehen, das Waſſer der Bucht er⸗ hob ſich ſanft unter uns, war mit phosphoreseirenden Lichtern überſäet und unzählige weiße Segel glitten in derſelben Richtung mit uns fort, einige nah und einige fern, aber alle gleich den ſchönen Phantomen, die auf der weiten See des menſchlichen Lebens an uns vorüberkommen, und viel von ihrem Zauber, von der Undeutlichkeit und der Phantaſie entlehnen. Aber das Entſetzen vor der Seekrankheit, jener phantaſielo⸗ ſeſten und am wenigſten poetiſchten aller Krankheiten erregte den Wunſch einzuſchlafen, ehe ſie mich mit ihren Klauen packte. Demnach befand ich mich bald in dem kleinen mir angewieſenen Gemache, welches gewiß weniger bequem und nicht viel geräumiger war, als ein Sarg. Einige Ermüdung und die ſpäte Stunde, bis zu wel⸗ cher ich in der vorhergehenden Nacht bei Mr. F. auf geweſen war, führten den Schlummer in meine Au⸗ gen ehe der Wind wechſelte, oder der Sturm zu wehen begann. Ich vermuthe, wir wurden in jener Nacht hübſch hin und her geſchleudert; aber Nichts erweckte mich eher, als bis der Tag völlig angebrochen war. Jetzt war die See wieder ziemlich ruhig, aber der Wind nicht mehr ſo günſtig, wie er es vorher ge⸗ weſen, und erſt geſtern Nachmittag fuhren wir um das Cap Charles und traten in die ſogenannten Hemp⸗ ton Roads ein. Von jetzt an war der Wind ſehr günſtig, und wir hatten keine Schwierigkeit, bis zu dieſem Orte zu gelangen. Ich kann nicht ſagen, daß die Seenerie, durch die wir kamen, beſonders ſchön war, doch glaube ich, war ich nie mehr bezaubert oder betroffen von Etwas, was allein den Geſichtsſinn berührte, als von dem herrlichen Sonnenuntergange jenes Abend's, als wir den Eliſabethfluß hinaufſegelten. Am Morgen waren einige Wolken am Himmel geweſen; um Mittag waren ſie dichter und dunkler Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 2 — 18— geworden, und die Wettererfahrenen ſagten einen Sturm vorher. Aber gerade wie die, welche vorgeben, die genaueſte Kenntniß von der menſchlichen Natur zu ha⸗ ben, die unwiſſendſten Menſchen ſind, ſo habe ich auch bemerkt, daß die Wettererfahrenen ſich am we⸗ nigſten auf das Wetter verſtehen. Vor drei Uhr war jede Wolke verſchwunden; hie und da ſchwebte noch eine Dunſtmaſſe dahin, aber ſie war ſo leicht und durchſichtig, daß das Auge ih⸗ ren Schatten auf dem Blau nicht einmal unterſcheiden konnte, und erſt, als die Sonne beinahe den Hori⸗ zont berührte, zeigte eine ſchmale, goldene Linie, hel⸗ ler als die übrigen, daß Etwas da war, die Strah⸗ len aufzufangen und zu reflectiren. Zur Rechten und Linken befanden ſich Felsvorſprünge mit tiefen Buch⸗ ten und Einzahnungen dazwiſchen, aber es war kaum ein Haus ſichtbar, obgleich von Zeit zu Zeit ein blauer Rauch unter den Bäumen emporſtieg, und zwar in der Nähe kleiner Bäche oder Flüſſe, die in den weiteren Strom einmündeten, worauf man kaum ein Segel dahinſchweben ſah und wo ein Canoe mit einem ſchwarzen Manne, deſſen Angelſchnur ruhig über die Seite hinaushing, die einzige Spur des menſchli⸗ chen Lebens auf der weiten Waſſerfläche war. Jen⸗ ſeits erhoben ſich dichte und hohe Wälder, maſſenhaft erſcheinend in dem Schatten des Abends mit einem leichten Nebel, der auf ihnen ruhte und ſo der Ober⸗ — 19— fläche etwas Geheimnißvolles verlieh. Man konnte ſehen, daß ſie grün waren, doch die Farbe war auf⸗ fallend undeutlich und näherte ſich an einigen Stellen dem Schwarz und zeigte anderswo hellere Farben; aber jenſeits, nach Weſten zu, erhob ſich der prächtigſte Him⸗ mel, den ich je geſehen habe, glühend und feurig⸗ gelb gegen den Horizont, darüber orange, und dann allmälig in Roſa und Purpur übergehend, ſo wie die Strahlen der untergehenden Sonne den Scheitel⸗ punkt erreichten. Für uns freilich war die Sonne bereits unterge⸗ gangen, denn ſie wurde von den Bäumen und den ſanften Anhöhen des Landes, nach Weſten zu, ver⸗ borgen; aber daß ſie noch nicht unter dem Rande der Erde war, konnte man deutlich bemerken, denn hie und da an den Ufern, wo eine tiefe Bucht in die Wälder ſich hineinzog, konnte man ihre Strahlen gleich⸗ ſam als einen Lichtpfad ſehen, der ſich auf der Ober⸗ fläche des Waſſers reflectirte. An der Mündung zweier dieſer kleinen Flüſſe bemerkte ich eine Schaar von Störchen oder Kranichen, die langbeinig in dem hel⸗ len Lichte daſtanden, und ihre Abendmahlzeit in einer Untiefe des Waſſers fanden. Aber die Abweſenheit aller Spuren eiviliſirter Menſchen, der herrliche Son⸗ nenuntergang, die düſteren Wälder, die ruhige, er⸗ wartungsloſe Stellung der Störche, die Breite des Fluſſes, die ſeeartige Bewegung der Wellen, der ein⸗ 92* ſame Neger, der von ſeinem Canpe aus fiſchte— Alles verlieh der Umgebung einen ſeltſamen, feierlichen und erhabenen Anblick, und ich konnte nicht umhin, mir vorzuſtellen, daß dies das Anſehen des Landes geweſen ſein müſſe, wie es ſich den Augen der erſten Anſiedler dargeſtellt, die zu den früheſten gehörten, welche das nordamerikaniſche Feſtland beſuchten, als ihre kühnen Barken ſich zuerſt dieſen Küſten näherten. Welche kühne und verwegene Männer müſſen ſie geweſen ſein! Wie entſchloſſen und wie wenig für Ein⸗ drücke fähig! Ich muß ſagen, der Anblick dieſes Son⸗ nenunterganges verurſachte mir eine gewiſſe Ehrfurcht, und ich glaube, wäre ich unter ihnen geweſen, würde die Einſamkeit und Größe etwas Geheiligtes für mei⸗ nen Geiſt gehabt haben, welches mich hätte bewegen können, heimwärts zu lenken und die Heiligkeit der Natur unentweiht zu laſſen. Sie waren indeſſen in keiner ſolchen Stimmung, und einige von den Reſultaten ihres beharrlichen und unerſchrockenen Geiſtes waren an den Häuſern und Schiffswerften von Norfolk ſichtbar, die ſchwarz und rauh gegen den Himmel abſtachen mit Maſten und Segeln, Rauchwolken und Böten, die über den Fluß hin und her fuhren und dem Dampfboot, welches ich verſchmäht hatte und welches ſeinen heißen Athem aus⸗ ſtoßend und kein ſehr melodiſches Lied ſingend, dalag. Ich muß ſagen, daß die äußere Anſicht der Stadt weit angenehmer iſt, als die innere. Vom Waſſer aus, auf deſſen Bruſt ſie zu ruhen ſcheint, verleiht die Rauhheit und Unregelmäßigkeit des Umriſ⸗ ſes— beſonders bei der vergrößernden Atmoſphäre der Dämmerung— ihr etwas Maleriſches und ſelbſt Großartiges, was das Innere durchaus nicht recht⸗ fertigt. Die Straßen ſind eng, unregelmäßig, ſchlecht unterhalten und voll von den unangenehmſten Ge⸗ rüchen. An jedem Uebergange ſtolpert man über einen todten Hund oder eine todte Katze. Die Luft riecht auch nach faulen und geſalzenen Fiſchen und nach Ta⸗ bak, und der Theil der Stadt, der dem Fluſſe am nächſten iſt, ſcheint eine glückliche Vereinigung von Wappnig und Billingsgate zu ſein, während das Ohr von dem heftigen Schalle des Negergelächters, von Zeit zu Zeit mit den angenehmen Tönen des irländi⸗ ſchen Kauderwelſch gemiſcht, erfreut wird. „Negergelächter!“ wirſt Du rufen. Ja, liebe Schweſter! Was Du auch denken magſt, dieſe armen, unglücklichen Leute, wofür wir ſie zu halten gewohnt ſind, lachen den ganzen Tag mit ſo heiterem und freudigem Schalle, daß es unmöglich iſt zu glauben, daß das Eiſen ſehr tief in ihre Seele dringt. Auf jeden Fall bin ich völlig gewiß, daß es ihr Inneres nicht verletzt. Ich denke, ich kann es als einen gu⸗ ten Vergleich aufſtellen, zu ſagen:„ſo heiter wie ein Negerſelave.“ 8— 22— Selbſt in ihren einſamen Augenblicken ſcheinen ſie keine brütende Unzufriedenheit an ſich zu haben. Sie reden beſtändig mit ſich ſelber und ihre Selbſt⸗ geſpräche ſcheinen voll Humor— wenigſtens, wenn wir nach dem heiteren Lachen ſchließen dürfen, welches durch das, was ſie zu ſich ſelber ſagen, erregt wird. Dieſen Morgen folgte ich bis an das äußerſte Ende der Stadt einem alten Neger, der, wenn gleich an einem Fuße ein wenig lahm, doch ſehr kräftig und beweglich ſchien. Der Mann hatte Etwas an ſich, was mir gefiel; denn wenn er gleich ſehr einfach ge⸗ kleidet war, eine Friesjacke und ein Paar blaue lei⸗ neue Beinkleider trug, war er doch ſehr reinlich, ſeine weiße Wolle ſah ſehr reſpectabel aus und ſeine ſchwarze Haut ſchimmerte wie Ebenholz. Seine Be⸗ ſchäftigung zu der Zeit war eine ſehr beſcheidene, denn er trug ein großes, todtes Schwein auf ſeinem Rücken. Dieſe Leute ſind ein intereſſantes Studium für mich, da ich ſo wenig von ihnen geſehen, und nur eine einſeitige Anſicht von ihrem Charakter und ihrer Be⸗ handlung habe. So beobachtete ich ihn auf ſeinem Wege, indem ich mich ein wenig zur Seite hinter ihm hielt. Eine Strecke weit die Straße hinunter, an einem Hauſe mit einem kleinen Garten vor demſelben, ſaß ein ungeheurer Affe mit einem entſetzlichen Ge⸗ ſichte, welches viel Menſchliches an ſich hatte, an ei⸗ nen Baum gekettet und aß, was mir eine Kartoffel zu ſein ſchien. Der Neger blieb, das Schwein noch auf dem Rücken, ſtehen und betrachtete den Affen ei⸗ nige Augenblicke gedankenvoll. Das Thier grinſte und ſchnatterte gegen den Mann und hielt ſeine geballte Fauſt in kampfluſtiger Stellung empor. Der Neger grinſte und ſagte laut:„Ah, Maſſa Jocko, Du gleichſt verdammt den alten Leuten!“ Und weiter ſchritt er ſeines Weges. Ich muß Dir erklären, daß die Neger in ihrer Redeweiſe gewöhnlich ihren Vater und ihre Mutter als die alten Leute bezeichnen. Am anderen Ende der Stadt, wo ein Pfahl⸗ werk einen Raum einſchloß, wo gebaut wurde, blieb mein ſchwarzer Freund ſtehen, legte bedächtig ſein Schwein von der Schulter und lehnte ſich gegen die Breter. Aber auch hier konnte er einen Scherz über ſeinen ſtummen Begleiter nicht unterdrücken. Ueber⸗ haupt ſcheint dieſer Stamm eine poetiſche Art zu ha⸗ ben, etwas zu beleben.„Ah! Maſſa Schweinchen,“ ſagte er,„ich habe Dich ſchon einen weiten Weg ge⸗ tragen und Du ſcheinſt ſehr ſteif zu ſein. Ich bin auch verdammt ermüdet. So wollen wir uns denn Beide ausruhen.“ Da wir jetzt an der äußerſten Grenze der Stadt waren und ich mich zu verirren fürchtete, wenn ich weiter ginge, kehrte ich in mein Gaſthaus zurück, wel⸗ ches ziemlich bequem iſt, obgleich es ärmlich genug ausſieht. Es heißt das Börſenhotel, und es wird gut ſein, wenn Du Deine Briefe an mich dorthin adreſſirſt; denn wenn ich weiter reiſe, will ich meine ſehr höfliche Wirthin bitten, alle Briefe an mich durch die ſchnellſte Gelegenheit zu befördern. Du wirſt fragen, warum ich nicht ſogleich wei⸗ tergehe und mein Geſchäft im Innern des Landes un⸗ verzüglich abmache; aber die Sache iſt, ich warte auf Briefe von Mr. Griffith von New⸗York, der mich in England geſehen hat und die nöthige Auskunft über meine Perſon ertheilen kann. Er kann nur beweiſen, daß ich der wahre Simon Pure bin, und meinen Anſpruch an das Vermögen, welches meine gute Tante mir hinterlaſſen hat, geltend machen. Ich erwartete dieſe Briefe ſchon in Baltimore, auch wünſchte ich be⸗ ſonders den Zuſtand der Seclaverei zu ſehen und zu unterſuchen, und Baltimore iſt weder Fiſch noch Fleiſch oder Hering. Es liegt in einem Selavenſtaate, aber ſo nahe bei einem freien Staate, daß die Sclaverei dort wenig mehr als ein Name, iſt. Die Sclaverei ſtellte ſich meinem Geiſte auf keine andere Weiſe dar, als daß ich mich wunderte, daß die Herren und Da⸗ men einer ſo hübſchen Stadt die ſchwarzen Diener ſo lieben, was, wie Du weißt, in England nicht all⸗ gemein der Fall iſt. Ich kam daher nach Virginien, wo das Selavenſyſtem in vollem Flore iſt und ordnete an, daß die Briefe mir dorthin folgen ſollten. So⸗ — 25— bald ſie ankommen, werde ich mich in die Grafſchaft Southampton begeben, und wenn es möglich iſt, in dieſem neugierigſten aller Länder incognito zu blei⸗ ben, ſo werde ich ganz ruhig Tante Bebs Ländereien und Gebäude in Augenſchein nehmen und jede nöthige Nachforſchung anſtellen, ehe ich kundgebe, wer ich bin. Was ich mit der Beſitzung anfangen werde, weiß ich noch nicht. Sie iſt nicht nothwendig für mich. Ich habe außerdem genug, und werde ſie viel⸗ leicht ganz aufgeben. Ich höre Dich rufen, liebes Käthchen:„Du wirſt doch natürlich die Selaven freigeben?“ und Du wirſt Dich empört fühlen, wenn ich antworte:„ich weiß es noch nicht.“ Aber halte Dich überzeugt, ich werde thun, was ich nach reiflicher Ueberlegung und perſönlicher Beobachtung als das Beſte für ſie erkenne. Kein Beweggrund des ſchmutzigen Eigennutzes wird irgend eine Wirkung auf mich hervorbringen, oder könnte mich je bewegen, meine Mitmenſchen in Sela⸗ verei zu erhalten. Aber ich geſtehe, meine vorgefaßten Meinungen ſind ſehr erſchüttert worden durch das, was ich ſelber, ſelbſt während meines kurzen Aufenthalts, hier geſehen habe, ſo wie durch die Vergleichungen, die mein Geiſt unbewußt zwiſchen der Lage der Neger in den freien Staaten und den Selavenſtaaten ange⸗ ſtellt hat. In den erſteren iſt der Neger entſchieden ein trauriger, mißmuthiger, übelbehandelter Menſch — 26— und mehr den ſchmerzlichen Beſchränkungen der Kaſte unterworfen, als ich es für möglich gehalten. Hier ſcheint er ein heiteres, leichtherziges, harmloſes, kind⸗ liches Geſchöpf, das mit völliger Bertraulichkeit und, ſoviel ich geſehen habe, mit Freundlichkeit behandelt wird. Ob dies Wirklichkeit oder nur Schein iſt, werde ich ſpäter erfahren; aber verlaſſe Dich darauf, ich will nicht eher handeln, als bis ich es weiß. Ich muß meinen Brief ſchließen, denn mein Reiſegefährte, Mr. Wheatley, kommt eben, mich zu be⸗ ſuchen, und ich habe gewiß fir einen Tag genug ge⸗ ſchrieben. 4 Schreibe bald, wenn Du willſt, daß Dein Brief mich erreichen ſoll, da Nichts ungewiſſer iſt, als die Länge oder Kürze des Aufenthalts Deines Dich zärtlichen liebenden Bruders. Nachſchrift.— Dieſer Mr. Wheatley, der mich eben verlaſſen hat, iſt gewiß ein ſehr unterhaltender Mann. Ich kann nicht viel von ſeinen Grundſätzen ſagen, und er ſcheint ſeinen Spott und ſeine Scherze über Alles auszulaſſen. Aber er hat viel Originali⸗ tät der Gedanken, keine üble Einbildung von ſich ſel⸗ ber und einige ſehr ſtarke und feſte Anſichten, die, wie ich vermuthe, mehr von den Eingebungen ſeines eigenen Geiſtes, als von irgend Etwas, was ihm von — 27— Andern eingeflößt worden, herrührt. Er ſcheint im⸗ mer mit dem Anfange der Dinge zu beginnen und fliegt dann wie ein electriſcher Strom an der Kette ſeiner Folgerungen dahin, überſpringt hie und da ohne Zwei⸗ fel einige Glieder und geht zu einer anderen Kette über, was ihn weit wegführt. Aber bei Menſchen, die ich vielleicht nie wiederſehen werde, habe ich die Gewohnheit, mich mehr mit ihren Charakteren zu unterhalten, als ihre Gründe zu beſtreiten. Ich war nie zu einem Apoſtel beſtimmt, und ich denke, wenn ich auch die Macht hätte, die Menſchen ihrer Mei⸗ nungen oder ſelbſt ihrer Vorurtheile zu berauben, würde ich mir ſelber, ihnen oder der Geſellſchaft nicht viel nützen. In der That bin ich zu dem Schluſſe ge⸗ kommen, daß die große Maſſe der Vorurtheile der Menſchen ein Theil ihres Beſitzes iſt, und daß wir kein Recht haben, ſie ihnen zu nehmen. Wir können ſie in einem gewiſſen Umfange zum Wohl der Geſell⸗ ſchaft ausbeuten; aber wir müſſen dieſes Wohl be⸗ weiſen, ehe wir es als unſern Vorwand benutzen kön⸗ nen, und in das Uebrige haben wir kein Recht uns zu miſchen. Der anmaßende Wunſch, dies zu thun, iſt der Urſprung alles Fanatismus und eines Heeres von Uebeln, die er hervorbringt. Zweite Nachſchrift. Freitag Abend um elf Uhr. — Ich habe eben eine drollige Bekanntſchaft mit mei⸗ nem Freunde, dem Neger, gemacht, der das Schwein — 28— getragen. Als ich vor etwa zwei Stunden ausging, hörte ich einen lauten Streit am Fuße der Treppe und fand einen anderen Kerl, ebenſo ſchwarz, wie er ſelber, der keine geringere Perſon als Mr. Zedekiah Jones, denn dies iſt ſein wohltönender Name, heftig ſchalt. Ich verweilte nicht, um zuzuhören; aber ein Schelt⸗ wort wurde von ſeinem Gegner an ihn gerichtet, wo⸗ von ich nie erwartete, daß ein Neger es an einen an⸗ deren richten würde. „Du biſt ein verdammter ſchwarzer freier Neger!“ rief der ſtruppige kleine Kerl, der mit ihm ſtritt. „Du biſt ebenſo ſchwarz wie ich,“ entgegnete Zedekiah,„und auch ein Neger. Ich konnte nicht dafür, daß ich frei wurde. Der alte Maſſa ließ mich frei, ich mochte wollen oder nicht.“ Die Beſchuldigung und Entſchuldigung waren auffallend charakteriſtiſch, und vor wenigen Minuten kam der alte Zedekiah auf mein Zimmer und fragte, ob ich Stiefel oder Schuhe zu putzen hätte. Er ſcheint ein überzähliger Schuhputzer oder Arbeiter im Hauſe zu ſein. Ich werde morgen etwas von ſeiner Ge⸗ ſchichte von ihm herausbringen, denn er ſcheint ein guter, munterer, alter Burſche zu ſein; da es aber ſchon ſpät Abends war, begnügte ich mich damit, mich nach ſeinem Namen zu erkundigen. Es iſt noch kein Brief angekommen und ſo werde ich noch einen Tag hier bleiben. Zweites Kapitel. Zweiter Brief. Noch ein Brief, liebe Schweſter, und noch im⸗ mer aus Norfolk. Es wäre nutzlos geweſen, mich ohne die erwarteten Briefe, um mich im Nothfall aus⸗ zuweiſen, auf den Weg zu machen, und ſie kamen erſt dieſen Morgen an. Dann kam die große und wichtige Frage, wie und auf welche Weiſe ich an das Ende meiner Reiſe gelangen ſollte. Es war eine Frage, die ich nicht eher als dieſen Morgen in Er⸗ wägung zog— was beiläufig eine alte Gewohnheit von mir iſt, denn ich fürchte mein Geiſt iſt ein wenig oberflächlich und beſchäftigt ſich mit wichtigen Punkten, um ſich zu unterhalten und auf der Oberfläche der Frage zu bleiben. Keine Poſt fuhr zu dem Orte, den ich zu erreichen wünſchte— kein Dampfboot, weil derſelbe zu weit landeinwärts lag— es gab keine — 306— Poſtpferde, denn dieſe viel erduldenden Thiere ſind in dieſem Lande unbekannt, und es gab nur zwei Aus⸗ kunftsmittel, nämlich einen rumpelnden kleinen Wa⸗ gen, der ſich gewöhnlich in ſchlechtem Zuſtande befin⸗ det, entweder mit einem oder zwei ausgehungerten Pferden beſpannt iſt und den man um den übertrie⸗ benſten Preis miethen muß— oder die altmodiſche Art der Ortsveränderung, zu Pferde zu reiſen. Ich beſchloß das letztere Hilfsmittel zu wählen, als ich aber in der Nähe des Gaſthauſes in einen Stall ging, wo ſich Miethspferde befanden, erblickte ich eine Samm⸗ lung ſo elender und troſtloſer Thiere, daß ich zwei⸗ felte, ob eines derſelben das Ende der Reiſe erreichen würde, ohne in Stücke zuſammenzufallen. Ueberdies machte mein guter Freund, der Pferdeverleiher, beträcht⸗ liche Schwierigkeiten, dieſelben auf eine ſo weite Reiſe auszuleihen, und gab mir deutlich zu verſtehen, daß er es für eine große Gunſt halten werde, wenn er überhaupt einwillige. Da ich mir von dieſem unab⸗ hängigen Herrn keine Verbindlichkeit wollte auferlegen laſſen, ſo ging ich fort, entſchloſſen, es wieder mit dem Fuhrwerk zu verſuchen und meinen Freund Mr. Wheatley zu bitten, die Verhandlung für mich zu übernehmen, denn ich fürchtete, daß mein Tempera⸗ ment, obgleich ich glaube, daß es ein ziemlich gutes iſt, bei ähnlichen Verhandlungen nicht Stand halten würde. 3 — 31— Ich kehrte in das Gaſthaus zurück, um einen Brief an ihn zu ſchreiben, und da ich meinen wür⸗ digen Bekannten Zedekiah Jones an der Thüre ſtehend fand, fragte ich ihn im Vorübergehen, ob es keinen anderen Ort gäbe, wo ich ein Pferd miethen könne, als den, wohin man mich gewieſen. Er grinſte und ſchüttelte den Kopf, machte aber die Bemerkung, daß ich hier ſehr gute Pferde haben könne, wenn ich eins kaufen wolle. Er wiſſe zwei friſche und ſtarke Pferde, die erſt vor zwei Tagen in die Stadt gekommen wären. „Aber ich will nur eins, mein guter Freund,“ verſetzte ich. „Aber welches Pferd ſoll denn Ihr Gepäck tra⸗ gen, Maſſa?“ fragte der Mann mit ſeinem gewöhn⸗ lichen Grinſen. Dies war eine neue Anſicht von der Sache, die mir noch nicht eingefallen war. „Wenn ich aber zwei Pferde kaufe oder miethe,“ ſagte ich,„wer ſoll denn das andere reiten, Maſter Zedekiah?“ „Der alte Zed reitet das andere,“ antwortete der Neger lachend, als wäre er nahe daran, Krämpfe zu bekommen,„ich bin der beſte Reitknecht, den Sie je hatten. Ich bin mein ganzes Leben lang mit Pferden umgegangen, bis ich mir das Bein brach, als mein Pferd bei dem Wettrennen in Richmond mit mir ſtürzte. Bei meiner Seele! ich möchte wohl wieder einmal auf den Rücken eines Pferdes kommen. Der alte Zed reitet das andere, Maſſa, und trägt Sorge für beide— und für Sie dazu.“ Und er brach wieder in ein heiteres Gelächter aus. Um meine Geſchichte abzukürzen, muß ich ſagen, es lag etwas ſo Unterhaltendes in der Heiterkeit des Mannes und etwas ſo Biederes und Gutmüthiges in ſeinem Benehmen, daß, wenn ich je etwas Starres und Steifes in meiner Natur gehabt, es jetzt völlig hätte nachlaſſen und ſchmelzen müſſen. Ohne weiter an die Seltſamkeit und Widerſinnigkeit zu denken, ſagte ich bei mir ſelber: „Ich will die Pferde taufen und den alten Zed dingen, wenn die Wirthin ſich von ihm trennen will. Faſt in derſelben Art und wegen derſelben Eigenſchaf⸗ ten war es, wie Sterne la Fleur gedungen. Wir wollen zuſammen ausziehen und Abenteuer ſuchen. Ich will Don Onijote ſein und er ſoll Sancho Panſa vorſtellen. Noch habe ich keine Windmühle in dem Lande geſehen; dennoch aber werden wir Etwas fin⸗ den, was ebenſo gut iſt.“ Das ganze Geſchäft war bald abgeſchloſſen. Die Wirthin war aus Menſchenliebe ſehr froh, daß der alte Zed einen guten Platz erhalten hatte, denn ſie ſagte, ſie beſchäftige das arme Geſchöpf mehr aus — 33— Mitleid, als aus irgend einem anderen Grunde; und nachdem ich ihm einen anſtändigen Anzug beſtellt und zwei Paar weite Satteltaſchen gekauft hatte, begaben wir uns zu dem Stalle, wo die Pferde ſich befanden. Es waren hübſche Thiere und ſchienen völlig geſund zu ſein, und obgleich der Preis ſehr hoch war, ſchloß ich den Handel ſchnell ab, was mir, wie ich denke, größeren Reſpect für meine Börſe, als für meine Per⸗ ſon verſchaffte; und ſo, mein liebes Mädchen, werde ich mich morgen zu Pferde, und mit meinem Knappen verſehen, auf den Weg machen, obgleich ich noch eben ſo wenig Lanze oder Schild, wie den Helm von Mambrino habe. Bei meiner Rückkehr in das Gaſthaus fand ich Mr. Wheatley meiner wartend und erzählte ihm, was ich gethan. „Bravo!“ ſagte er;„dies iſt die wahre virgi⸗ niſche Art zu reiſen. Aber haben Sie ein Paar große, plattirte Sporen? Sonſt werden Sie nicht für gültig angeſehen werden. Seien Sie unbeſorgt, ich will Sie ſchon damit verſehen. Ich kaufte ein halbes Dutzend Paare, als ich in dieſen Staat kam, und ſie haben mir ſeitdem gedient, mich in die beſte Geſellſchaft ein⸗ zuführen. Aber ich muß Ihnen einige Winke geben, ehe Sie gehen. Es ſind tauſend Wahrſcheinlichkeiten vorhanden, daß Sie Ihren Weg verfehlen werden, wenn Ihr Freund Zed nicht eine ſehr allgemeine Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 3 — 34— Kenntniß des Landes hat. Laſſen Sie ſich indeſſen davon nicht beunruhigen. Ueberall, wo Sie ein Haus ſehen, wenn es Ihnen paſſend iſt, Halt zu machen, reiten Sie gerade darauf zu. Sie werden eine herz⸗ liche Aufnahme finden. Die Virginier ſind das gaſt⸗ freundlichſte Volk auf der Erde, und ihre Häuſer ha⸗ ben die Fähigkeit, ſich auf unbegreifliche Weiſe auszu⸗ dehnen. Was die Speiſen betrifft, ſo werden Sie immer guten Schinken, gebratene junge Hühner, Eier und Butter finden, und oft auch eine vortreffliche Flaſche Wein; und obgleich die Leute in den Städten denken, ſie erweiſen Ihnen die größte Gunſt, wenn ſie Ihnen die geringſte Kleinigkeit, womit zu handeln ihr Geſchäft iſt, um einen übertriebenen Preis verkau⸗ fen, ſo werden die Leute auf dem Lande glauben, daß Sie ihnen eine Gunſt erweiſen, wenn Sie Alles, was ſie zu geben haben, umſonſt annehmen. Die Sache iſt, dieſer übertriebene Ton der Gleichgültigkeit und Unabhängigkeit der Kaufleute und Krämer iſt nur an⸗ genommen als ein Balſam für ihre Eitelkeit, die ſich dadurch verletzt fühlt, daß ſie überhaupt Etwas zu verkaufen haben. Jeder von ihnen hält ſich für ein Mitglied der erſten Familien in Virginien und möchte gern ſeine Pferde und Hunde und einige Dutzend Neger haben. Da er ſie nicht hat, wünſcht er ſich ſelber zu dem Glauben zu bringen und Andere zu be⸗ reden, daß er nur zu ſeiner eigenen Unterhaltung kauft und verkauft, und ſich keinen Heller darum kümmert, ob die Leute ſeine Waaren nehmen oder nicht.“ Ich glaube es liegt viel Wahrheit in dieſer An⸗ ſicht von dem Gegenſtande. Ob Mr. Wheatley mir eine richtige Schilderung von den virginiſchen Land⸗ beſitzern geliefert hat oder nicht, bleibt noch zu bewei⸗ ſen; auf jeden Fall dürfte ſein Rath in vieler Hin⸗ ſicht ſchätzbar ſein, und er hat auch drei oder vier Briefe hinzugefügt, die, wie ich denke, mir von Nutzen ſein werden. „Der Gutsbeſitzer, der Geiſtliche, der Rechtsge⸗ lehrte und der Gaſtwirth,“ ſagte er,„ſind große Leute in ihrer Art. Ich kenne ſie Alle in der Gegend, wo⸗ hin Sie Ihre Schritte richten wollen.“ „Aber vielleicht—“ ſagte ich. Ehe ich meinen Satz beenden konnte, unterbrach er mich mit ſeinem eigenthümlichen kurzen und raſchen Lachen, welches aber plötzlich abgebrochen wurde, als wäre es in der Mitte zerſchnitten, und ſagte: „Ich verſtehe, Sie wünſchen vielleicht nicht, daß Trompeten vor Ihnen her geblaſen werden. Vielleicht wünſchen Sie Ihr Geſchäft, welches Sie dort haben mögen, in der Stille anzufangen. Ich ſah, daß auf Ihrem Reiſeſack kein Name war, und darum fragte ich natürlich den Kapitain, wer Sie wären, woher Sie kämen, wohin Sie gingen, ſowie nach Allem, was Sie betraf, in dem wahren Yankeegeiſte. Mein 3* — 36— lieber Herr, in dieſem Lande gibt es kein Geheimniß. Jedermann weiß das Geſchäft jedes Anderen beſſer, als ſein eigenes. Im Oſten iſt es freilich noch viel ſchlimmer und ich weiß, daß einer von meinen Lands⸗ leuten einem ſtillen und zurückhaltenden Reiſenden zwei lange Tagereiſen folgte, die überdies von ſeinem Wege ganz abgelegen waren— nur, weil er wußte, daß er ſein ganzes übriges Leben keinen Augenblick Ruhe haben würde, wenn er nicht Alles, was ihn betreffe, herausbringe. Endlich war der unglückliche Reiſende genöthigt, ihm ſein Herz zu öffnen und ihm die ganze Geſchichte zu erzählen— ob ſie nun wahr oder falſch ſein mochte, weiß ich nicht— nur, um ſeiner los zu werden. Indeſſen will ich die Briefe für Sie ſchreiben und Sie können ſie dann abgeben oder nicht, wie Sie wollen; aber bedenken Sie, ich ſage Ihnen offen, Sie können ſich nicht verbergen. In dieſem Theile des Landes verſehen die Neger das ganze Ge⸗ ſchäft, welches ſich auf die Neugierde bezieht, was wir Yankees mit unſeren eigenen Zungen thun. Es bleibt ſelbſt Nichts vor einem Neger verborgen; und in dem Augenblick, wenn er es weiß, iſt auch jede Perſon von derſelben Farbe in der ganzen Stadt da⸗ mit bekannt, und von ihnen gelangt es zu den Herren und Damen. Wenn je ein junger Herr eine junge Dame hinter der Thüre küßt, ſo können Sie gewiß ſein, daß ein ſchwarzes Auge durch eine Spalte ſieht; — 37— und dann heißt es:„„Der Himmel ſei uns gnädig, Miß Jemima! Was denken Sie? Maſſa John hat Miß Jane hinter der Thüre geküßt.““ Dann läuft Miß Jemima zu Tante Sal und ruft auch:„„Der Himmel ſei uns gnädig!““ Und Tante Sal erzählt es Mammy Kate, und Mammy Kate erzählt es ihrer vielgeliebten Pflegetochter Miß Betty, die es unter allen Verwandten der betheiligten Perſonen in Umlauf ſetzt. Sehen Sie jenen ſchwarzen Mann daherkom⸗ men, der eben mit Ihrem Freunde Zed geſprochen hat? Er weiß in dieſem Augenblicke Alles, was Sie betrifft.“ „Ja, ich ſehe ihn,“ antwortete ich;„Sie mei⸗ nen den Mann, der das Spanferkel trägt, nicht wahr?“ „Verzeihen Sie mir, das iſt kein Spanferkel,“ antwortete Mr. Wheatley;„es iſt ein Opoſſum, wel⸗ ches die Neger ſchlechtweg Poſſum nennen; kein übles Gericht, muß ich Ihnen beiläufig ſagen, und welches die Neger ſehr lieben. Aber dies iſt nicht die Jahres⸗ zeit für ſie. Wenn die Perſimons reif ſind, werden ſie außerordentlich fett und zart.“ „Und was ſind Perſimons?“ fragte ich. „Eine Art wilder Früchte,“ antwortete er,„faſt von der Geſtalt einer Pflaume und an Geſchmack ei⸗ ner Aprikoſe ähnlich, die das Opoſſum ſehr liebt. Aber laſſen Sie ſich nicht von den Witzbolden dort weiter im Lande täuſchen, denn die Virginier lieben es ſehr, mit Fremden ihren Scherz zu treiben. Nun mag die Frucht völlig reif und ſehr lockend für das Auge erſcheinen, aber ehe ſie Froſt bekommen hat, iſt Galle und Weineſſig Honig und Falernes dagegen. Wenn Sie, wie ich, einen Abſcheu gegen halb heran⸗ gewachſene Ferkel haben, ſo laſſen Sie ſich nicht ver⸗ locken, von einem Thiere zu eſſen, was ſie Shoat nennen— ein Name, den ſie offenbar erfunden ha⸗ ben, um das gränuliche Gericht zu verbergen, welches ſie Ihnen vorſetzen. Indeſſen geben Sie mir Feder und Dinte, und ich will dieſe Briefe für Sie ſchrei⸗ ben. Ich möchte Ihnen noch mehr guten Rath ge⸗ ben; aber Jedermann muß ſeine eigene Erfahrung ge⸗ wiſſermaßen erkaufen, und der beſte Rath, den ich Ihnen, wie allen Leuten in einem fremden Lande, ge⸗ ben kann, iſt, Ihre Augen offen zu halten und zu thun, wie Sie Andere thun ſehen.“ Ich hielt dies für einen ſehr guten Rath, denn das, was ich die techniſchen Ausdrücke irgend einer Geſellſchaft nennen möchte, iſt bald gelernt, und die Pedanterie der Geſellſchaft iſt nicht des Lernens werth. In Rußland ißt Jeder, vom Fürſten bis zum Bauer, mit ſeinem Meſſer. Es in England zu thun, iſt faſt ein geſellſchaftliches Verbrechen, und doch, wo liegt eigentlich die Unſchicklichkeit? Nichts kann wirklich und weſentlich gemein ſein, was nicht abſtoßend oder ekelhaft für An⸗ — 39— dere iſt. Der am Beſten erzogene Türke ißt mit ſei⸗ nen Fingern, aber er trägt Sorge, ſeine Hände zu waſchen, ehe er anfängt und wenn er damit zu Ende iſt. Vielleicht ißt er in der That reinlicher, als der Mann, der mit einer Gabel ißt, wenn er nicht weiß, ob ſie vorher geputzt iſt oder nicht. Indeſſen ſetzte ſich mein Freund nieder und ſchrieb die Briefe für mich, und inzwiſchen kam Maſter Zed bereits in ſeinem neuen Anzuge herein. Ich hatte nicht gewartet, um die Wahl der Kleidungsſtücke zu ſehen, aber ich hatte den Kleiderhändler auf einen ge⸗ wiſſen Betrag beſchränkt, und in der That war mir das Ausſehen meines neuen Dieners ein wenig auf⸗ fallend. Er hatte einen pflaumenfarbigen weiten Rock oder Tunica mit einem faſt rothen Sammetkragen und ein Paar Windſorgraue, ich könnte faſt ſagen hell⸗ blaue, Pantalons an, eine entſchieden hellblaue Hals⸗ binde und trug einen ſo hohen, mächtigen und auf⸗ ſtehenden Hemdekragen, daß ich nicht umhin konnte zu fürchten, des armen Mannes runder Kopf möchte ei⸗ nes Tages mit der weißen Wolle und Allem darin, verſchwinden. Er ſchien indeſſen völlig zufrieden mit der Wirkung, und ich konnte ſehen, wie er verſchie⸗ dene Blicke auf einen hohen Spiegel zwiſchen den Fenſtern warf, der ein Bild darſtellte, wie man es ſelten auf dieſer Erde ſieht. Freilich, immer wenn er glücklich war, hatte ich keinen Grund unzufrieden zu 40— ſein, und glücklich war er offenbar, der arme Mann, obgleich ich vermuthe, daß er für den Betrag einige Hemden und Strümpfe weniger gekauft hatte, um den Rock, die Cravatte und die Pantalons recht glänzend zu kaufen. Er war durchaus nicht anmaßend in Folge dieſer Feinheit, ſondern fragte mit der rückſichtsvollſten Miene, um welche Zeit ich am folgenden Morgen zur Abreiſe bereit ſein würde? Auch ſprach er die beſchei⸗ dene Anſicht aus, daß es beſſer ſein würde, wenn die Vorderhufe meiner Pferde beſchnitten und be⸗ ſchlagen würden, beſonders da einige Theile des Weges nicht die beſten und Hufſchmiede ſelten und in weiten Entfernungen von einander zu finden wä⸗ ren; auch würde es nicht übel ſein, einige Nägel und einen Hammer in einer von den Satteltaſchen mitzunehmen. Zed's Vorſichtsmaßregeln ſchienen nicht übel zu ſein, und dieſe Andeutung der Sorgfalt und des Vor⸗ bedacht's waren eine gute Vorbedeutung; ſo gab ich ihm denn einiges Geld, um zu kaufen, was er be⸗ durfte, und entließ ihn. „Sie ſind gute Geſchöpfe,“ ſagte Mr. Wheatley von ſeinem Briefe aufblickend,„ſtarker Neigungen und mächtiger Anhänglichkeit fähig, aber kindlich und be⸗ dürfen beſtändiger Aufſicht und Fürſorge. Eben die⸗ ſer Mann, der ſo vorſichtig geweſen, in einer Sache, in Betreff welcher durch lange Gewohnheit ihm richtige — 41— Anſichten eingebläut worden ſind, würde die widerſin⸗ nigſten und zuweilen die ärgerlichſten Verſehen in Be⸗ treff der Dinge machen, die außer ſeiner Routine lie⸗ gen. Es gibt indeſſen zwei Neigungen, wovon dieſes Geſchlecht ſelten oder nie frei iſt— zu ſtehlen und zu lügen. Das Stehlen iſt gewöhnlich auf unbedeutende Gegenſtände beſchränkt, und es ſcheint wirklich, als ob ſie über die Sache mit ſich ſelber zu Rathe gingen, indem ſie bedenken, daß das, was ſie nehmen, ihnen mehr gefallen und ihnen nützlicher ſein wird, als der Verluſt ſie ſchmerzen oder kränken wird. Auch die Lüge hat ihre Grenzen und Beſchränkungen. Sie gleicht der Lüge eines Kindes und geht aus Furcht oder aus dem Wunſche der Unterhaltungen hervor.“ „Sollten ſich nicht beide Gewohnheiten ganz na⸗ türlich auf die Lage, worin ſie ſich befinden, zurück⸗ führen laſſen?“ ſagte ich.„Da ſie keinen Beſitz und nicht einmal ein Recht an ihre eigene Perſon haben, ſollten nicht ihre Diebſtähle eine gerechte Wiedervergel⸗ tung an Denen ſein, die ihnen Alles rauben? Und ließe ſich nicht die Lüge aus Furcht oder zu dem Zwecke, um zu gefallen, auf ein Verhältniß zu⸗ rückführen, welches ſie jener männlichen Würde be⸗ raubt, die keine Furcht kennt und der Täuſchung ſpottet?“ Mr. Wheatley's kurzes und raſches Lachen unter⸗ — 412— brach mich wieder.„Ich denke nicht,“ ſagte er;„Sie müſſen mehr von ihnen ſehen, ehe Sie urtheilen kön⸗ nen. Dann vielleicht werden Sie der Meinung ſein, daß das Stehlen eine bloße Neigung ihrer Eitelkeit oder ihrer untergeordneten Begierden iſt. Was ſie nehmen, iſt gewöhnlich ein hellfarbiges Band, eine Treſſe, ein Löffel voll aus einem Topfe, worin ſich Eingemachtes befindet, oder ein Glas aus einer Rum⸗ flaſche. Sie können einen Hund abrichten, von Nichts zu nehmen, bis es ihm gegeben wird, aber dieſe kön⸗ nen Sie nicht abrichten, Sie mögen thun, was Sie wollen. Es gibt kein Geſchlecht auf der Oberfläche der Erde, welches häufiger die Bitte wiederholen ſollte: „„Führe uns nicht in Verſuchung,““ denn es iſt kein Geſchlecht ſo wenig fähig, ihr zu widerſtehen. Dann kommt das Lügen, welches völlig kindiſch iſt. Zuerſt haben ſie die Schwäche, viel zu reden. Die Wahr⸗ heit iſt viel zu beſchränkt für ſie. Sie müſſen von Etwas reden; und dann geht die Lüge neunmal unter zehn aus einer unverſtändlichen Furcht hervor. Sie fürchten getadelt zu werden— nicht ſchnell oder bereit genug mit der Antwort zu ſein, und folglich, wenn ihnen eine Frage vorgelegt wird, bringen ſie lieber eine Lüge vor, als daß ſie unwiſſend ſcheinen wollen. Wenn etwas Wichtiges auf dem Spiele ſtände, wür⸗ den ſie gewiß die Wahrheit reden. Von allen dieſen Gegenſtänden müſſen Sie ſich ſelber überzeugen; denn — 43— von allen roſtigen, wackligen und zerbrechlichen Din⸗ gen dieſer Welt ſind die Meinungen aus zweiter Hand die ſchlimmſten; und doch verſehen ſich neun Menſchen unter zehn aus Trödelläden, wenn ſie die⸗ ſelben friſch und ſtark aus der Manufactur haben könnten.“ So redend ſchrieb er an den Briefen weiter, und als er damit zu Ende war, lud er mich freundlich und herzlich bei meiner Rückkehr in ſein Haus ein und fügte hinzu: „Wenn Sie lange bleiben, werden wir vielleicht einander an dem Orte treffen, wohin Sie gehen, denn ich habe Geſchäfte dort, die ſchon vor einem Monat hätten beſorgt werden ſollen, und zwar in der Haupt⸗ ſtadt der Graſſchaft, die den Namen Jeruſalem führt, obgleich ſie, weiß Gott, weit weniger Jeruſalem als Carthago gleicht. Iſt es Ihnen nie aufgefallen, wie übertrieben lächerlich die Namen unſerer Städte in die⸗ ſem Lande ſind? Mount Ida iſt etwa ſo hoch wie meine Hand— Rom iſt von ſeinen ſieben Hügeln in die Mitte eines Sumpfes hinabgeſtiegen— Syrakus liegt ein Paar Hundert Meilen von der See und Je⸗ ruſalem, woher ſo viele Schinken kommen, hat Nichts als Schweine in ſeiner Umgebung, trotz Moſes und allen Propheten. Die Vereinigten Staaten gleichen in der That einem Vater mit zu vielen Kindern, der 44— keine Taufnamen für ſie finden kann und genöthigt iſt, ihnen die unchriſtlichſten Namen beizulegen, die er finden kann.“ Noch ein kurzes Lachen und er war fort. Und nun, meine liebe Schweſter, morgen um ſechs Uhr trete ich meine Reiſe in das Innere an; aber laß Deine furchtſame kleine Phantaſie keine Bil⸗ der der Gefahr und Schwierigkeit heraufbeſchwören, die, ich gebe Dir mein Wort darauf, keinen anderen Grund haben, als in Deiner Phantaſie. Da die Ge⸗ ſellſchaft hier nicht ſo geordnet iſt, wie in Großbri⸗ tannien, da ein Paar Jahrhunderte nie ſo viel für ein Land thun können, wie zehn Jahrhunderte, ſo iſt doch das Volk völlig civiliſirt, kann ich Dir verſichern — mit einem Wort völlig zahm. Es gibt hier keine ſchrecklichen Indianer mit Tomahawks und Sealpir⸗ meſſer; nicht einmal grauſame und wilde Waldbe⸗ wohner— wenigſtens nicht in dieſem Theile des Lan⸗ des, deren tägliche Beſchäftigung es iſt, ihre Gegner zu erdroſſeln, zu durchbohren oder niederzuſchießen. Sie ſind, ſo weit ich geſehen oder gehört habe, ein gutmüthiges, joviales, gutherziges Geſchlecht, freilich ein wenig hitzig und aufgeregt; doch behalten ſie viele von jenen Eigenſchaften bei, die wir in un⸗ ſeren gedrängt vollen Straßen längſt verloren oder verwiſcht haben. Kurz, ſie haben mehr Charakter an ſich; der Stempel iſt von dem Schilling nicht abgerieben; aber vor allen Dingen ſind ſie beſonders gaſtfrei. Zweifle daher nicht, daß dieſe Gaſtfreiheit auf einen ſo einnehmenden und angenehmen jungen Herrn wird ausgedehnt werden, wie Dein liebevoller Bru⸗ der iſt. Drittes Kapitel. M eine liebe Schweſter, Für's Erſte laß Dir ſagen, daß ich geſund und wohl bin, welche Verſicherung hoffentlich eher zu Dir gelangen wird, ehe die Nachricht von Allem, was hier vorgegangen, in England ankommen kann. Ei⸗ nige von den Seenen, die ich erlebt habe, waren voll Gefahr und Entſetzen und haben auf meinen Geiſt, meinen Charakter und mein Schickſal großen und wich⸗ tigen Einfluß hervorgebracht, wie es in der That im⸗ mer der Fall ſein muß, wenn wir plötzlichen und un⸗ vorhergeſehenen Prüfungen ausgeſetzt ſind. Es iſt unmöglich, Dir in dem beſchränkten Raume eines Briefes einen einigermaßen klaren Be⸗ richt von Allem, was geſchehen iſt, zu geben; aber immer, wenn ich Gelegenheit dazu hatte, führte ich ſorgſältig mein Tagebuch, wie ich es unſerem Freunde J., als ich England verließ, zu ſeinem beſonderen Nutzen zu thun verſprach. Jenes Tagebuch enthält natürlich nur Aufzeichnungen und Ueberſchriften, und ſo viele Ereigniſſe, Scenen und Unterredungen bleiben natürlich dem Gedächtniſſe überlaſſen, daß ich Alles noch einmal ſchreiben und hier und da Dinge hinzu⸗ fügen muß, die zu dem klaren Verſtändniß des Gan⸗ zen nothwendig ſind. Ich weiß, daß Du dieſe Auf⸗ zeichnungen mit Intereſſe leſen wirſt, und ſo auch J. Ich will daher die ganze Geſchichte von den Aben⸗ teuern meiner letzten zwei oder drei Monate in abge⸗ riſſenen Bruchſtücken an Dich abſchicken, und Du wirſt ſie dann, wenn Du ſie geleſen haſt, an J. wei⸗ ter befördern. Inzwiſchen verlaß Dich nicht viel auf Zeitungs⸗ berichte, denn viele von den Angaben, wie ich ſelber geſehen, ſind übertrieben, und viele, ſehr viele bleiben hinter der Wirklichkeit zurück. In der That weiß ich nicht, ob ich ſelber das, was ich geſehen und erlebt, und die Scenen, durch die ich komme, Deinem Geiſte deutlich werde darſtellen können. Ich bin gewiß, ich würde nicht dazu im Stande ſein, wenn ich den erſten Eindruck wollte vorübergehen laſſen. Aber, Gott ſei Dank! es iſt Alles vorüber, und wenngleich Mehrere von Denen, die ich hochſchätzte, dieſe Welt durch einen tragiſchen und blutigen Tod verlaſſen haben, ſo ſind — 48— doch Die, welche mir am theuerſten ſind, faſt wunder⸗ bar davongekommen. Ich ſehe, Du lächelſt bei jenem Ausdruck: Die, welche mir am theuerſten ſind. Lächle nur, liebe Schweſter, denn ich kann nicht umhin zu hoffen, daß ſie bald auch Dir theuer ſein werden. Höchſt wahrſcheinlich werde ich den letzten Theil meines Tagebuches ſelber mit hinüberbringen, und wir können es an dem alten Kamin mit einander leſen, während viele Meilen des dunklen atlantiſchen Meeres zwiſchen uns und den Seenen rollen, die ich zu ſchil⸗ dern verſucht habe. Mein getreuer Zed wird mit mir kommen; halte daher ein bequemes Zimmer in der Halle für einen Mann bereit, dem ich die Rettung meines Lebens verdanke und der viel gelitten hat im Dienſte Deines liebevollen Bruders. *.* * Der obige Brief, der nebſt den beiden vorher⸗ gehenden nur die Einleitung zu der folgenden Geſchichte bildet, erregte viel Neugierde und Aufregung in dem Geiſte der Dame, die ihn erhielt, ſowie bei dem Freunde, der unter dem Namen Mr. J. erwähnt wor⸗ den. Sie waren einander viel näher, als der Schrei⸗ ber deſſelben ſich vorſtellte, als er ihn ſchrieb, und ſie wurden ſpäter nie getrennt. Beide empfanden ein leb⸗ haftes Intereſſe für das Schickſal des Wanderers jen⸗ — 49— ſeits des atlantiſchen Meeres und ſuchten in den Zei⸗ tungen vergebens nach den Ereigniſſen, worauf er ſich bezog. Die Engländer achteten zu jener Zeit viel we⸗ niger auf die Ereigniſſe, die in den Vereinigten Staa⸗ ten Amerika's geſchahen, als ſie es gegenwärtig thun, und die engliſchen Zeitungen erwähnten ſelten Gegen⸗ ſtände von bloß lokalem Intereſſe, die in einem der verſchiedenen Staaten vorgingen. Endlich, nach Ver⸗ lauf von vierzehn Tagen oder drei Wochen, kam ein großes Packet in Form eines Briefes an, und jedes Poſtſchiff brachte noch eins oder zwei, die von der Schweſter und dem Gatten der Schweſter mit lebhaf⸗ tem Intereſſe geleſen wurden, und die hier dem Publi⸗ cum wörtlich und buchſtäblich, wie er ſie geſchrieben, mitgetheilt werden. Freiheit u. Sclaverei 1. Bd. 4 — Viertes Kapitel. 7 Am 19. Junius 1831 reiſte ich um ſieben Uhr Morgens von der Stadt Norfolk ab. Meine Abreiſe war auf ſechs Uhr beſtimmt geweſen; aber wer reiſt je zu der Stunde ab, wie er ſich vorgenommen? Gewiß Niemand in Virginien, wo Zeit und Pünkt⸗ lichkeit in der Meinung aller Menſchen ſehr unprac⸗ tiſche Abſtractionen ſind, ſehr wenig würdig der Auf⸗ merkſamkeit verſtändiger Männer. Zuerſt brachte Zed die Pferde zu ſpät, und er hatte wenigſtens hundert gute Entſchuldigungen für ſeine Zögerung. Dann hatten wir, als wir die Satteltaſchen gekauft, ver⸗ geſſen, Riemen zu kaufen, um ſie an die Sättel zu befeſtigen. Dann waren noch keine Läden offen, um dem Mangel abhelfen zu können. Auch war kein Bind⸗ faden zu haben, um die mangelnden Riemen zu er⸗ ſetzen. Endlich mußten alle Herren, die in dem Gaſt⸗ hauſe logirten, und mit welchen ich Bekanntſchaft ge⸗ macht hatte, mir die Hände drücken und ein Gläs⸗ chen mit mir trinken, ehe ich abreiſte. Es ſchien die gute, alte Sitte des Steigbügelbechers zu ſein, und ich war froh, meine Freunde zuſammenzubringen und auf ihre Geſundheit einen einzigen, tiefen Zug zu thun, ehe ich davonritt. Es war ein herrlicher Morgen; die Sonne hatte die Luft noch nicht erhitzt, und der Wind blies aus Nordweſten. Nachdem wir über den Fluß gefahren waren, ritten wir ganz bequem zwei oder drei Stun⸗ den weiter. Zed, ſtrahlend wie Phöbus, war ſtolz auf ſeine neuen Kleider, auf ſeinen neuen Herrn und ſein neues Pferd, und, um die Wahrheit zu ſagen, ritt er ſehr gut, wenn auch nicht beſonders graziös. Sein gebrochenes Bein, welches ein wenig gekrümmt war, ſchien ihn in den Stand zu ſetzen, ſein Pferd mit größerer Kraft mit den Beinen zu umfaſſen, ſo daß ſie eine Art von Reif um den Körper des Thie⸗ res bildeten, und ſo war er ſehr ſchwer herunterzu⸗ werfen. Wir legten eine gute Strecke des Weges zu⸗ rück, während es noch kühl war, aber zwiſchen neun und zehn Uhr gab uns das Wetter Andeutungen, was es mit uns im Sinne habe. Man mag von Caleutta, Jamaika und von der afrikaniſchen Küſte ſagen, was man will, aber ich 4* bin gewiß, daß Norfolk in der Sommerzeit der hei⸗ ßeſte Ort auf der Oberfläche der Erde iſt.* Ich fühlte, wie der Schweiß mir unter meinem Hute nieder triefte, und die Wege waren voller Fur⸗ chen und Unregelmäßigkeiten, die ich vorher nicht be⸗ merkt hatte. Plötzlich gerieth mein Pferd mit ſeinen Füßen in eine tiefe Furche und ſtolperte entſetzlich, ohne aber zu ſtürzen. 4 „Ah, Maſſa,“ rief Zed, der ſich faſt in einer Linie mit mir hielt,„halten Sie ſich in der Mitte des Weges, ſonſt kommen Sie in die Tabaksfurchen!“ „Tabaksfurchen!“ rief ich,„was meinſt Du mit den Tabaksfurchen? Ich ſehe keinen Tabak, Zed.“ Mein neuer Reikknecht lachte laut. „Wiſſen Sie nicht, Maſſa,“ rief er,„die Leute bauten früher Tabak an dieſem Wege, nahmen zwei Karrenräder und eine Achſe, legten Tabak dazwiſchen oder um die Achſe, und zwei fertige Gentlemen muß⸗ ten es weiter rollen und ganz bis Norfolk hinſchieben.“ „Sie thun es aber gewiß jetzt nicht mehr, Zed?“ „Ich erinnere mich noch ſehr wohl,“ verſetzte er,„daß vor nicht langer Zeit Hunderte von Ton⸗ nen hier fortgerollt wurden. Da konnten Sie eine Menge Räder und viel Tabak ſehen und die Gentle⸗ men tanzten und ſpielten alle auf dem Ufer, und o! das waren luſtige Zeiten, Maſſa; aber ſie werden jetzt Alle ſo verdammt demokratiſch.“ Ich muß hier Bemerkungen über zwei Punkte in dem Charakter der Neger machen. Für's Erſte, daß ſie die Flickworte ſehr lieben und in ihrer Aus⸗ wahl nicht ſehr eigen ſind; und Zweitens, daß ſie, ſoweit ich geſehen habe, außerordentlich conſervativ, ja ariſtokratiſch in ihren Anſichten ſind. Ich will nicht verweilen zu unterſuchen, ob ſie beſonders beſtimmte Begriffe über die Unterſcheidung der Parteien haben, oder ob ſie irgend eine Bedeu⸗ tung mit den Scheltworten, die ſie anwenden, ver⸗ binden; aber gewiß iſt es, daß ſie einen Abſcheu vor dem Namen eines Demokraten haben und zuweilen ohne beſondere Veranlaſſung ſehr heftig fluchen. Wir waren bald genöthigt, unſere Pferde im Schritt gehen zu laſſen; aber wir hatten die erſten zwanzig Meilen unſerer Reiſe ſchnell genug zurückge⸗ legt. Am Ende der erſten fünf hatten wir das Glück, an der rechten Seite unſeres Weges ein Haus zu ſehen, welches uns Ruhe und Schutz vor der Sonnenhitze verſprach, bis wir die Kühlung des Abends erwarten konnten. Es war ein langes, niedriges Haus von zwei Stockwerken— oder vielmehr anderthalb Stock⸗ werken, denn das zweite war nur halb ſo hoch, wie das erſte— mit einer Veranda, die ſich an der gan⸗ zen Fronte dahin erſtreckte. Unter dem Schatten die⸗ ſer Veranda, in einem großen Lehnſtuhl von Ahorn⸗ holz, von dem er nicht aufzuſtehen vermochte, ſaß ein ältlicher Mann mit weißem Haar, bleierner Ge⸗ ſichtsfarbe und nicht ſehr einnehmendem Geſichte. Er war von beträchtlichem Umfange, und die Fülle ſei⸗ nes Körpers ſchien die Wirkung der Krankheit zu ſein, denn er hatte ein ungeſundes Ausſehen, welches ſchmerz⸗ lich für den Anblick war. Seine Kleidung war nach⸗ läſſig, ſeine Weſte und ſein Hemd nicht zugeknöpft; er war ſeit vielen Tagen nicht raſirt und ſein Hut hatte, durch Zufall oder Vernachläſſigung, ſo viel Fal⸗ ten angenommen, daß keine Spur von ſeiner ur⸗ ſprünglichen Geſtalt übrig war. Er hatte eine lange Tabakspfeife in ſeinem Munde, aus welcher er be⸗ ſtändig, wenn auch langſam und gemächlich, rauchte, und ohne die geringſte Aufmerkſamkeit auf das zu rich⸗ ten, was um ihn her vorging. Er ſah uns in der unerſchütterlichſten Stimmung von der Welt vor der Thür abſteigen; und da Alles im Hauſe ſtill und ruhig war, würde ich gezweifelt haben, ob es ein Gaſthaus ſei oder nicht, hätte ich nicht eine hohe, kahle Stange vor der Fronte und über dem Thürein⸗ gange die Inſchrift bemerkt:„Blockwater⸗Houſe, An⸗ dreas Gorbel.“ Jetzt hatte ich bereits gelernt, daß ſolche Anzeichen ein Gaſthaus zu erkennen geben; und während Zed die Pferde wegführte, der Himmel weiß wohin, trat ich dem fetten Raucher näher und fragte, wo ich den Wirth finden könne. „Ich bin der Beſitzer,“ antwortete er. — 55— Und ohne auch nur zu fragen, ob ich etwas wünſche, fuhr er mit der äußerſten Gleichgültigkeit fort, aus ſeiner Pfeife zu rauchen. Die Bewohner dieſes Landes ſind nämlich zu ſpärlich vertheilt, um hier Aufmerkſamkeit und Höf⸗ lichkeit zu finden. Es iſt keine Concurrenz und kein Wetteifer unter ihnen. Sie fühlen, daß andere Leute mehr von ihnen, als ſie von anderen Leuten abhän⸗ gig ſind, und ſie ſind entſchloſſen, daß die, welche ſie mit etwas verſehen, es fühlen ſollen, daß es ſo iſt. Dies iſt häufig in den Städten der Fall, aber zehnmal mehr in den abgelegenen Orten auf dem Lande, wo der Beſitzer jedes einſamen Gaſthauſes es in ſei⸗ ner Gewalt hat, jedem Reiſenden einen Tribut auf⸗ zuerlegen, oder ihn der Strafe zu unterwerfen, einen weiten und erfolgloſen Ritt zu machen. Ich bin zu dieſem Schluſſe gekommen, weil ich bemerkt habe, daß die Stellen, wo der Verkehr zunimmt, und wo zwei oder drei Gaſthäuſer neben einander entſtanden ſind, die Wirthe ſich den Umſtänden fügen und eben⸗ ſo viel Höflichkeit, wenn auch nicht Unterwürfigkeit annehmen, wie alle anderen Wirthe in der Welt. Nichts gleicht der Concurrenz und dem Wetteifer, meine lieben Freunde. Es iſt das, was die meiſten Menſchen zu der Verehrung des goldenen Kalbes nie⸗ derbeugt, aber es iſt ſehr angenehm und bequem für die Reiſenden. — 36— „Bitte, mein Herr, kann ich hier heute zu Mit⸗ tag ſpeiſen?“ „Ich denke wohl. Puff— puff— puff!“ Kein Wort weiter. „Zu welcher Stunde wird geſpeiſt?“ „Um ein Uhr, wenn die Burſchen zurückgekom⸗ men ſind. Puff— puff— puff.“ „Kann ich Etwas zu trinken bekommen? Ich bin ſehr durſtig.“ „Gerade dort auf dem Bret in der Schenke wer⸗ den Sie die Whiskeyflaſche finden. Ich denke, es iſt Waſſer in dem Kruge.“ Ich ging, um meinen Durſt zu ſtillen, als mein fetter Freund mir nachrief: „Heda! wollen Sie mir die Zeitung da von der Bank herreichen?“ Mit einem Lächeln, welches ich nicht unterdrücken konnte, that ich, was er verlangte, und bemerkte in der Volksſprache: „Sie ſcheinen es in den Gliedern zu haben, Mr. Gorbel.“ „Nein, nicht im Geringſten,“ ſagte er,„meine Glieder ſind ſo ſtark, wie immer. In dem Ober⸗ körper liegt das Uebel; jene haben zu viel zu tragen. Es kommt Alles von dieſen verwünſchten drei letzten Jahren, von dem trockenen Wetter, denke ich.“ Ich ging und war geneigt zu denken, daß die Trockenheit ſeines Gaumens mehr Schuld an dieſer Lage ſei, als das Wetter; und ein ſolches Beiſpiel vor meinen Augen, begnügte ich mich mit dem kal⸗ ten Waſſer und ließ die Whiskeyflaſche ſtehen. Etwa ein Viertel auf zwei Uhr, bis zu welcher Zeit ich mich ſo gut unterhielt, wie ich konnte, ſah ich zwei junge Männer einen Fußweg durch den Wald heraufkommen, während ein Anderer gemächlich durch ein Maisfeld daher kam. Als ſie ſich dem Hauſe näherten, gingen ſie ſogleich in das Gemach, welches der alte Mann die Schenke genannt hatte, und ſtürz⸗ ten auf eine zinnerne Waſchſchale zu. Der Eine wuſch ſich Geſicht und Hände, und die Anderen thaten daſ⸗ ſelbe. Alle trockneten ſich an demſelben Handtuche ab, welches hinter der Thüre hing und kämmten ihr Haar mit einem allgemeinen Kamme aus, der auf der Fen⸗ ſterſchwelle lag. Dies Alles geſchah in tiefem Schwei⸗ gen, denn in dieſem Lande, ſo wie in den meiſten anderen, führt der Hunger nicht zur Redſeligkeit. Ehe die drei Erſten ihr undelicates Waſchen beendet hatten, war einer nach dem Andern hereingekommen, bis die Schenke ſo mit menſchlichen Geſchöpfen angefüllt war, daß ich faſt geglaubt hätte, das ganze Land, zwanzig Meilen im Umkreiſe, würde nicht ſo viel aufzuweiſen haben. Als ich dorthin gekommen war, hatte ich nur Sumpf und Wald geſehen, mit der Ausnahme eines kleinen Dorfes hie und da und einiger einzelnen Häu⸗ ſer in der Nähe. Ein oder zweimal blickte freilich eine Negergruppe über einen verfallenen Zaun; aber von weißen Menſchen war Nichts zu ſehen geweſen, außer in jenen erwähnten Dörfern. Jetzt aber war ich von wenigſtens zwanzig wei⸗ ßen Männern umgeben. Im nächſten Augenblick wurde eine kleine Handſchelle in Bewegung geſetzt, eine Thüre, die zu der Schenke führte, öffnete ſich und herein ſtürzte die Menge, die ſich wie eine Schaar hungriger Hunde in ein niedriges Speiſezimmer drängte, wo Jeder ſeinen Sitz einnahm und ſich von dem be⸗ diente, was vor ihm ſtand. Es ſchien einerlei zu ſein, was es war; Zeit zu erſparen, war der große Zweck. Der Eine ergriff eine Schüſſel mit Kohl; ein Anderer Schweinefleiſch und Bohnen; ein Dritter ſteckte eine Kartoffel auf ſeine Gabel und ein Vierter leerte eine Schüſſel mit eingemachten Früchten auf ſeinen Teller. Mittlerweile gingen ein ſchwarzer Burſche von ſech⸗ zehn Jahren und zwei Mulattenmädchen von einem Gaſte zum anderen herum und wiederholten einige ſehr geheimnißvolle Worte in raſchem Tone, welche jeden von den Herren bewogen, ſeinen Teller, beladen wie er war, mit einer kurzen Antwort auszuſtrecken. Als der Knabe zu mir kam, entdeckte ich, daß die ge⸗ heimnißvollen Worte nur die Gerichte bezeichneten, die den Gäſten zur Auswahl geſtellt wurden. Glücklicherweiſe hatte ich über die Beſchaffenheit des Gerichts, was man Shoat nannte, eine Wat⸗ nung erhalten; aber aus den übrigen Gerichten wählte ich mir ein ſehr gutes Mittageſſen aus, welches, ob⸗ gleich es nicht länger als zehn Minuten währte, doch noch langſam war im Vergleich zu der Zeit, welche die Anderen ſich ließen, ſo daß ich mich endlich mit dem runden Wirthe allein befand, der ſich in ſeinem Stuhle an das obere Ende des Tiſches gerollt und bis zu dem Augenblick in tiefem Schweigen Schweine⸗ fleiſch und Kohl gegeſſen hatte. Als ich ihn zuerſt bemerkte, gab er dem ſchwarzen Burſchen ein Zeichen mit ſeinem Daumen über die Schulter weg, welcher ſogleich in die Schenke eilte und mit der Whiskey⸗ flaſche in der Hand zurückkehrte. Der Wirth füllte beinahe ſein großes Glas, deutete dann auf mich und ſagte mit heiſerer Stimme: „Wollen Sie ein Glas trinken?— Er iſt von gutem Roggen gebrannt— vortrefflicher Stoff— zwanzig Jahre alt. Aber vielleicht werden Sie einen Julep vorziehen. Aber ich mache mir Nichts aus Julep— die Minze erhitzt übermäßig, beſonders wenn man zu Mittag geſpeiſt hat.“ „Ich dachte, die virginiſchen Herren nähmen all' ihr Getränk vor dem Mittageſſen zu ſich,“ antwortete ich, mir eine kleine Portion von dem Whiskey ein⸗ ſchenkend, der in der That vortrefflich war. „Einige thun es und einige auch nicht,“ ſagte — 60— er ſchlau.„Was mich betrifft, ich trinke nur ein oder zwei Gläſer Apfelwein vor dem Mittageſſen; aber immer mein Glas Whiskey und Waſſer nachher, einen Löffel voll Waſſer zu einem Glaſe Spiritus. Sie ſehen, ich leide ſehr an der Unverdaulichkeit, was in der That bei uns allen hier der Fall iſt.“ Ich dachte, es wäre kein Wunder, wenn alle äßen, wie ich die Leute am Tiſche hatte eſſen ſehen. Ich ſah einen Mann auf ſeinen Teller folgende Ge⸗ genſtände legen, und zwar in der Ordnung, wie ich ſie hier aufführe: etwa ein Pfund geſottenes Schweinefleiſch, dieſelbe Quantität Kohl, zwei große Löffel voll von einer Art franzöſiſchen Bohnen, einen ganzen Teller voll roher, unzugerichteter Gurken in Scheiben geſchnitten, eine Quantität ſauer eingemach⸗ ter Früchte und ein Stück Schinken. Dies Alles wurde in einem Zeitraum von fünf Minuten verzehrt. Indeſſen ſchien mein würdiger Wirth nach ſeinem Mit⸗ tageſſen heiterer zu werden und im Laufe eines langen Geſpräches mit ihm in der Veranda, erhielt ich manche Auskunft über alle Familien mehrere Meilen in der Runde. Er ſagte mir, er habe ſeit dreißig Jahren dort gewohnt, ſich zwei Häuſer dort gebaut und kenne Jedermann in der Nachbarſchaft— Männer, Frauen und Kinder, weiße, ſchwarze und gelbe. Unter An⸗ derem wäre er mit Tante Beb ſehr wohl bekannt ge⸗ weſen und nach einigen Thatſachen, die er mir mit⸗ — 61— getheilt, iſt es mir ſehr lieb, daß ich hier herüber⸗ gekommen bin— nicht gerade um mich zu bereichern, ſondern um einen ſchändlichen Plan von Anderen zu vereiteln, die ſich die Beſitzung aneignen wollten. Außer vielen anderen Mittheilungen erfuhr ich, daß der Ort, wo die meiſten meiner bisher unbekannten Verwandten wohnten, noch etwa fünfundzwanzig oder dreißig Meilen entfernt wäre, und ſobald alſo die Sonne ſich ſo weit geſenkt hatte, daß ſie einigen Schatten auf den Weg warf, ſah ich mich eifrig nach meinem Freunde Zed um und befahl ihm, die Pferde herauszuführen. Nicht wenig Geduld iſt in der gan⸗ zen Welt in den geringeren Angelegenheiten des Le⸗ bens nöthig. Ich glaube, ſie haben eine größere und dauerndere Einwirkung auf uns, als die von größerer Wichtigkeit. Wir ſchleifen den Diamant mit Staub, den wir nicht einmal mit Stahl abkratzen können, und ich bin gewiß, daß der Geiſt mancher Menſchen von kleinen Sorgen und unbedeutenden Beläſtigungen dar⸗ niedergebeugt wird, welcher männlich kühn gegen große Uebel würde angekämpft haben. Die Art der Knecht⸗ ſchaft in dieſem Lande iſt beſonders reich an kleinen Unbequemlichkeiten, die aus dem Charakter der ver⸗ ſchiedenen Volksklaſſen und ihren Verhältniſſen zu ein⸗ ander hervorgehen. So weit ich geſehen habe, herrſcht hier keine Ordnung, keine Syſtem, keine Regelmaͤ⸗ ßigkeit— eine völlige Abweſenheit jener militairiſchen Diseiplin und Pünktlichkeit, welche macht, daß Al⸗ les leicht dahinrollt. Es währte volle drei Viertelſtunden, ehe mein Freund Zed die Pferde herausgebracht und alles Ue⸗ brige bereit hatte. Zuerſt hatte er den Zügel ver⸗ geſſen, womit man die Pferde an einen Zaun oder an ein Thor anbindet, wo es nöthig iſt; dann hatte er meine Flinte, die ich ihm zu tragen gegeben, in dem Stalle zurückgelaſſen; dann hatte er einen von den Gurten verſchränkt umgeſchnallt; kurz es waren unzählige kleine Dinge recht zu machen, die nie un⸗ recht hätten ſein ſollen. 1 Das Wetter war indeſſen außerordentlich heiß — heißer, als ſich Jemand außerhalb Virginiens möglicherweiſe vorſtellen kannz und obgleich entſchloſ⸗ ſen, dergleichen Dinge kurz abzumachen, konnte ich nicht umhin einige Worte des Tadels auszuſprechen. „Ich bitte um Verzeihung, Maſſa,“ ſagte Zed. „Ich habe mich noch nicht an dergleichen gewöhnt. Nach und nach wird Alles recht werden.“ Indem ich hoffte, daß es ſo ſein werde, ritt ich weiter. Die nächſten fünfundzwanzig Meilen erſchienen mir als die weiteſte Reiſe, die ich je gemacht habe. Ich will nicht verſuchen, ſie zu beſchreiben, denn das iſt unmöglich. Die Luft war erſtickend. Kein Lüft⸗ chen bewegte die Bäume oder kam über den Weg da⸗ — 63— her. Der ſeit langer Zeit unbenetzte Staub erhob ſich bei jedem Fußtritte der Pferde; die armen Thiere trieften von Schweiß, ohbgleich ſie einen ſehr leichten Trab gingen, und ich ſelber war in der Lage, die zwar ſehr geſund ſein mag, aber ein ſehr unelegantes Anſehen gewährt. Was hätte ich nicht für den käl⸗ teſten Wind gegeben, der je über ein ſchottiſches Meer dahinblies! Was hätte ich um eine gute, graue, ſchwere Wolke gegeben— was um einen guten, triefenden Regenſchauer! Aber Nichts von allen dieſen Dingen war zu haben, und ich ritt faſt in Verzweiflung wei⸗ ter, da ich wußte, daß ich auf mehrere Meilen vor mir keinen Zufluchtsort hatte, wenn ich nicht in einem von den Sümpfen ſchlafen wollte, wo die Abend⸗ fröſche bereits zu quaken begannen. Dieſe ganze Zeit über ſah Zed ſo kühl aus, wie eine Gurke. Es war wirklich ärgerlich, den glänzen⸗ den, ſchwarzen Schimmer ſeiner Haut und ſein krau⸗ ſes, wolliges, weißes Haar zu ſehen, während ich von Schweiß triefte und die trockene Erde benetzte. Aber der gute Mann ſchien wirklich Mitleid mit mir zu haben, und um halb ſechs Uhr deutete er mit ſei⸗ ner Hand zur Linken und ſagte: „Sie ſehen ermüdet aus, Maſſa Richard. Dort iſt ein Haus. Gehen Sie lieber hinein und bleiben dort.“ „Aber weſſen Haus iſt dies, Zed?“ fragte ich. — 64— „Ich weiß nicht, Maſſa,“ antwortete Zed. Dann fügte er aus Mitleid über meine Unwiſſenheit hinzu: „Denken Sie nicht daran. Man wird ſehr froh ſein, Sie zu ſehen, wer es auch ſein mag. Alle Herren ſind hier froh, einen Fremden bei ſich zu ſehen.“ Ich ſah nach der angedeuteten Richtung hin und konnte deutlich genug das Haus bemerken, von dem er ſprach. Sein Vorſchlag kam in einem ſehr gele⸗ genen Augenblick, denn eben waren wir aus dem Walde gekommen und hatten einen großen, freien Raum von etwa tauſend Morgen erreicht, welcher fruchtbar und gut eultivirt ſchien; und dann neigte ſich die Sonne im Weſten, warf ihre Strahlen voll auf uns und blendete mich faſt. Das Haus ſchien auch einladend. Es war ein großes Gebäude von rothen Ziegelſteinen, faſt nach Art eines alten, eng⸗ liſchen Herrenhauſes erbaut, mit einer Anzahl Schup⸗ pen, Ställe und Nebengebände, und regelmäßig über den Platz ausgeſtreut. Im Hintergrunde ſtanden Bäume; es war aber kein Wald, ſondern ſchien ein Obſtgarten mit Geſträuch zu ſein. Ich konnte nicht widerſtehen, wendete mich zu Zed und fragte:„Wo iſt der Eingang?“ „Ol wir öffnen die Einzännung,“ antwortete Zed,„und reiten gerade zu.“ Er ſtieg im Augenblick von ſeinem Pferde, um den vorgeſchlagenen Dienſt zu verrichten; aber der Zaun war nicht hoch; mein Pferd ſetzte leicht darüber hinweg, und Zed und ſein Pferd gelangten ſo gut darüber hinweg, wie ſie konnten. Das Haus lag etwa eine halbe Meile vom Wege, und da ich nicht über die Saat reiten wollte, mußte ich einen ſchmalen Pfad verfolgen, der die Entfernung noch größer machte. Dieſer ſchmale Pfad führte indeſſen zu einem breiteren Wege, und dieſer Weg zu dem Ufer eines ſehr hüb⸗ ſchen Fluſſes, über welchen eine Brücke von einfacher Bauart führte. Eine ſanfte Anhöhe führte von dem kleinen Fluſſe zu der Fronte des Hauſes, wo ſich ein Grasplatz, von Obſtbäumen beſchattet, befand. Das Ganze erinnerte mich an Altengland— an das liebe, unvergeßliche Altengland! Alles hatte ein ſo heimiſches Anſehen, daß ich einer willkommenen Aufnahme ge⸗ wiß zu ſein glaubte, und Zed meine Zügel zuwer⸗ fend, ſprang ich von meinem Pferde und ſtieg die alten ſteinernen Stufen vor der Thüre hinauf. Ich hatte nicht nöthig zu klingeln— man hatte meine Ankunft ſchon bemerkt. Die Thüre war offen, ehe ich meine Hand ausſtrecken konnte, und außer dem hübſchen Neger, der ſie öffnete, konnte ich zwei ſchwarze Mädchen ſehen, die eine alte, eichene Treppe hinaufgingen und über ihre Schultern blickten. „Treten Sie ein, Herr,“ ſagte der Mann; „Maſſa wird froh ſein, Sie bei ſich zu ſehen.“ Und ohne weitere Ceremonie oder Frage öffnete Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 5 — 66— er eine große Thüre an der rechten Seite des Vor⸗ ſaales. Meine einzige Hoffnung war jetzt, den Herrn des Hauſes allein zu finden, denn mein Verfahren verurſachte mir eine unangenehme Empfindung. Es war aber nicht ſo. Die Seene, die ſich mir darſtellte, als ich ins Zimmer trat, war im Allgemeinen ſehr angenehm, aber nicht ſo unter den obwaltenden Um⸗ ſtänden. Ich kam offenbar zu einer kleinen Geſell⸗ ſchaft von Herren, gerade nach dem Mittagseſſen. Das Zimmer war altmodiſch und hübſch, groß und hoch, die Fenſter alle offen und die Fenſterladen geſchloſſen. In der Mitte ſtand ein Mahagonitiſch, groß genug, ſo daß zehn oder zwölf Perſonen daran Platz hatten, obgleich er jetzt nur von vier Männern umgeben war, und auf jenem Tiſche ſtanden Schüſſeln mit friſchem Obſt und eingemachten Früchten, Gläſer und Flaſchen und einige intereſſante Gegenſtände von Silberwaaren. Der Herr, der am oberen Ende des Tiſches ſaß, war ein großer, würdevoller, geſund ausſehender Mann mit faſt weißem Haar, einer Adlernaſe und ſchwarzen Augenbrauen. Seine Kleidung hielt die Mitte zwi⸗ ſchen dem Morgen⸗ und Abendeoſtüm. Er trug ein ſchmales, ſchwarzes Halstuch um ſeinen Hals und ein ſchneeweißes Hemd, deſſen Kragen weit vom Kinn zu⸗ rückſtand, und vorn mit einem zierlich gefältelten Ja⸗ bot verſehen. Sein Rock war ſchwarz und mit lan⸗ gen, ſchmalen Schößen verſehen; dabei trug er le⸗ — 67— derne Beinkleider und Stulpſtiefel. Der obere Theil, nebſt ſeiner weißen Weſte, konnte wohl ein Geſell⸗ ſchaftszimmer ſchmücken; der untere Theil war gerade recht, auf die Jagd zu reiten. Zur Rechten von ihm ſaß ein ſchwarz gekleideter Herr mit einem ſehr dicken, weißen Halstuche, mit Haaren, gleich fein geſponnenem Silber und einem milden, wohlwollenden Geſichte. An der anderen Seite befand ſich ein Herr von etwas ſeltſamem Erſcheinen und Aufzuge; ſein Haar war weit über die Stirn gekämmt und erinnerte mich mehr an einen Papagey, als an ein menſchliches Weſen, wel⸗ ches ich je geſehen. Ein gutgelaunter, jovial aus⸗ ſehender, fetter Burſche, welcher zehn Jahre jünger war, als die Uebrigen, und einen blauen Rock mit glänzend vergoldeten Knöpfen trug, ſaß ein wenig weiter hinunter und machte die Geſellſchaft voll⸗ zählig. Gern hätte ich Tante Beb's ganzes Vermögen darum gegeben, wieder aus dem Hauſe zu ſein. Ich bin von Natur keineswegs ſcheu; aber es gibt Au⸗ genblicke, wo mich eine Wolke der Schen überfällt, und dann, glaube ich, bin ich ſo ſteif wie ein Schür⸗ eiſen. Ich war indeſſen bald wieder ruhig und unbe⸗ fangen. Der Herr des Hauſes ſtand auf— er war wenigſtens ſechs Fuß drei Zoll hoch— kam mir mit — 68— einer Miene der äußerſten Herzlichkeit und Höflichkeit entgegen und ſtreckte mir die Hand hin. „Sehr erfreut, Sie bei mir zu ſehen, mein Herr,“ ſagte er.„Nehmen Sie Platz. Will, ſtelle einige Gläſer für dieſen Herrn hin.“ Dieſe Worte waren an den Diener gerichtet.„Wir haben einen ſehr heißen Tag gehabt— aufeallend heiß für dieſe frühe Jahreszeit. Das iſt Madeira, das iſt Roth⸗ wein. Aber ich denke, Sie bedürfen anderer Er⸗ friſchung. Erlauben Sie mir, das Mittagseſſen für Sie zu beſtellen.“ Dies Alles wurde mit einer unbefangenen Miene der Freundlichkeit und Höflichkeit geſagt, welche allen Zwang beſeitigte, und ich antwortete mit leichtem Lachen: „Vor drei Minuten, mein lieber Herr, würde ich viel darum gegeben haben, wieder aus Ihrem Hauſe zu ſein. Aber jetzt bin ich ſehr froh, daß ich dem Rufe von der Gaſtfreundſchaft der virginiſchen Herren geglaubt. Ich muß mich zuerſt entſchuldigen, daß ich hier in dieſen Reiſekleidern erſcheine, und dann, daß ich hier uͤberhaupt erſcheine. Die Wahrheit iſt, ich bin einen weiten Weg geritten und an eine ſo furcht⸗ bare Hitze nicht gewöhnt, ſo daß ich mich ganz er⸗ ſchöpft davon fühlte. Ueberdies wußte ich meinen Weg nicht ganz gut, oder wo ich für die Nacht ein Unter⸗ kommen finden könne.“ „Wo anders, als hier?“ ſagte mein Wirth mit — 69— unbefangenem Lachen.„Ich verſtehe das Alles, mein lieber Herr, machen Sie keine weiteren Erklärungen. Dies begegnet uns täglich, und es iſt ſehr angenehm für uns; denn außer daß dieſe Beſuche den ruhigen Gang unſeres ländlichen Zirkels unterbrechen, machen wir oft angenehme Bekanntſchaften, die zuweilen zu Freundſchaften werden.“ Gerade, als er ſprach, ſtreckte Maſter Zed ſei⸗ nen Kopf zur Thüre herein und fragte ohne Wei⸗ teres: „Wo ſoll ich die Satteltaſchen hinlegen, Maſſa Richard?“ 4 „Suche Will auf und ſage ihm, er ſoll Dir das blaue Zimmer zeigen,“ ſagte der Wirth. Dann wen⸗ dete er ſich mit etwas verlegener Miene an mich, als ob die Dreiſtigkeit meines Dieners ihn zu der Frage beſtimmt habe und ſagte:„Sie ſind kein Virginier, glaube ich?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete ich;„ich bin ein Engländer, der gekommen iſt, auf einen oder zwei Monate durch dieſe Gegend zu wandern.“ „Sie ſind hier willkommen, mein Herr,“ ant⸗ wortete mein neuer Freund.„Mein Name iſt Thorn⸗ ton— Henry Thornton. Dies iſt mein ehrwürdiger Freund Mr. Alſiger, dies Mr. Hubbard, und dies Mr. Byles, in vertrauten Kreiſen als der kühne By⸗ les bekannt; denn ein kühnerer Mann, wenn es gilt, — 70— über Zäune zu ſetzen oder durch Sümpfe zu reiten, iſt zwiſchen hier und Charleston nicht zu finden.“ Dies ſprach er mit heiterem Lachen, indem er dem Herrn in dem blauen Rocke und den vergoldeten Knöpfen zulächelte, der mir ſeinerſeits herzlich die Hand drückte und mein Glas mit Rothwein füllte. Aber Niemand fragte nach meinem Namen, und ich war froh, daß dieſer Reſt der alten ritterlichen Höf⸗ lichkeit noch in dem gaſtfreien Virginien herrſche. Nach einer Pauſe von einigen Augenblicken, die natürlich immer eintritt, während die Unterhaltung unterbrochen worden iſt und nicht Zeit gehabt hat, wieder in Gang zu kommen, bemerkte Mr. Thornton: „Ich bin immer froh, mit einem engliſchen Gent⸗ leman zuſammenzutreffen, denn meiner Mutter Bruder heirathete eine Dame aus jenem Lande, die vor nicht langer Zeit ſtarb; und ſie war die liebſte, beſte und angenehmſte alte Frau, welche die Welt je ge⸗ ſehen.“ „Das war ſie in der That,“ ſagte der Geiſtliche zuſtimmend von der anderen Seite her. Ein Lächeln, wenn auch ein etwas ernſtes, zeigte ſich in meinem Geſichte, als ich bemerkte, daß ich ſo unerwartet unter die Verwandten der lieben Tante Beb gekommen war. Das lebhafte Auge meines Wirthes bemerkte ſo⸗ gleich das Lächeln und er zog ſeine Schlüſſe daraus, — 71— denn er gab es mir mit einem leichten Kopfnicken zu⸗ rück, indem er halblaut ſagte: „Aha!“ Keiner von den Uebrigen beachtete es, und der Wein wurde an dem Tiſche nicht geſpart, bis ich plötzlich aus dem anderen Zimmer die Töne eines Pianoforte hörte, welches, wie es ſchien, ſehr gut geſpielt wurde. „Beſſy denkt, wir bleiben zu lange bei unſerem Weine, und das iſt die Art, wie ſie uns ruft,“ ſagte Mr. Thornton.„Aber wir wollen uns durch ihre ſchelmiſchen Streiche nicht ſtören laſſen. Füllen Sie Ihre Gläſer, meine Herren, ich will einen Toaſt ausbringen: Es möge ewiger Friede und gutes Ein⸗ verſtändniß zwiſchen Altengland und Altvirginien herr⸗ ſchen; und mögen die verwandten Ströme, die in den Adern Beider fließen, nie anders, als zu gegenſeitiger Freundſchaft erwarmen!“ Alle tranken den Toaſt mit anſcheinender Heiter⸗ keit und gutem Gefühl; und obgleich ich völlig gewiß bin, nach dem, was ich in dieſem Lande geſehen und gehört habe, daß viele Amerikaner ſich mit verwun⸗ deten und reizbaren Gefühlen nicht nur des Revolu⸗ tionskrieges, ſondern auch des letzten Krieges erin⸗ nern, und andere die übelſten Gefühle der niedrigſten Bevölkerung benutzen wollen, Feindſchaft gegen Eng⸗ land zu affectiren, ſo möchte doch die Mehrzahl der „ — 72— weiſen und wohldenkenden Leute ein gutes Einver⸗ ſtändniß zwiſchen zwei Ländern befördern, wovon je⸗ des dem anderen Wohlthaten erweiſt und von ihm empfängt; ja, und viele noch nicht jedes verwandte Band vergeſſen haben, und Großbritannien als das Geburtsland ihres Stammes betrachten. Endlich erinnerte ich mich nach einer ſehr ange⸗ nehm verlebten Stunde, daß es in dieſem Lande Sitte ſei für einen Fremden, ſich zuerſt von einer feſt⸗ lichen Scene zu entfernen, ſtand daher auf und ſchlug vor, mich in mein Zimmer zu begeben, indem ich ſagte: „Ich bin nicht in dem Anzuge, in einer Geſell⸗ ſchaft von Damen zu erſcheinen, Mr. Thornton; wenn Sie es mir aber erlauben wollen, ſo will ich meinen Anzug wechſeln und ſogleich mit Ihnen dort zuſammenkommen, von wo wir ſo eben dieſe lieb⸗ lichen Töne vernahmen.“ „Ich will Ihnen den Weg zeigen,“ ſagte er, ein Licht vom Tiſche nehmend,„und erinnern Sie ſich, daß dies ein Ort iſt, wo man durchaus keine Umſtände macht. Wenn Sie ſich dieſen Abend zu er⸗ müdet fühlen, um ſich der Geſellſchaft anzuſchließen, ſo werden wir Sie morgen beim Frühſtück erwarten. Wenn nicht, ſo iſt dort das Zimmer, wo Sie uns bis zehn Uhr dieſen Abend verſammelt finden werden.“ Und er deutete auf eine Thüre an der anderen — 13— Seite des Vorſaales, welche ungeachtet der Hitze des Abends geſchloſſen war. Er führte mich jetzt die Treppe hinauf zu einem großen, hübſchen Zimmer im erſten Stock, wo ich Alles fand, was zur Bequemlichkeit, ja, zum Luxus diente; und indem er das Licht niederſetzte, denn jetzt war die Dämmerung eingetreten, wollte er mich ver⸗ laſſen, ohne noch nach meinem Namen zu fragen. Ich hielt ihn indeſſen zurück, und es erfolgte eine kurze Erklärung, die ich, ungeachtet meines früheren Entſchluſſes, mich verbunden hielt, einem Manne zu gewähren, der mich mit ſo höflicher Gaſtfreiheit em⸗ pfangen hatte; aber meinen Namen entdeckte ich ihm nicht. Er unterbrach mich bald. „Sagen Sie Nichts weiter,“ verſetzte er,„ſagen Sie Nichts weiter. Ihr Geheimniß, wenn es ein ſolches iſt, werde ich ſicher bewahren. Ich ſetze vor⸗ aus, daß Sie gute Gründe haben, incognito zu blei⸗ ben; und um Ihnen die Wahrheit zu ſagen, iſt es mir lieb, daß Sie gekommen ſind, und noch mehr, daß Sie ſchnell gekommen ſind; denn Sie haben an dieſem Orte viel zu hören und viel zu ſehen, und vielleicht auch ein wenig zu thun, was einiges Nach⸗ denken erfordern wird. Meine Diener werden für Ihre allgemeinen Bedürfniſſe ſorgen, und ich denke, die be⸗ ſonderen Erforderniſſe zu erfuͤllen, wird Ihr eigener Diener übernehmen.“ Mit dieſen Worten verließ er mich, und ich ſetzte mich nieder, um über die Ereigniſſe des Tages nach⸗ zudenken, ehe ich hinunter ging, um mich der heiteren Geſellſchaft anzuſchließen, denn eeine ſolche war ſie, wie ich zu hören nicht umhin konnte. Fünftes Kapitel. Es war jetzt dunkel genug, um das Licht im Zimmer nöthig zu machen; doch am weſtlichen Him⸗ mel, als ich aus dem Fenſter zu demſelben hinaus⸗ blickte, waren noch einige röthliche Linien mit anderen Linien gemiſcht, die ſich am Tage wahrſcheinlich nur als matte Nebelſtreifen gezeigt haben würden, und die jetzt bei der herannahenden Nacht ein bleiernes Blau annahmen. Die Hauptzüge der Landſchaft waren auch noch ſichtbar, obgleich die kleineren Gegenſtände ver⸗ ſchwanden. Ein ſchimmernder Fluß reflectirte die Farbe des weſtlichen Himmels gleich einem Blut⸗ ſtrome; die wellenförmigen Erhöhungen des Landes fingen zuweilen auf ihren Gipfeln das Licht auf, wa⸗ ren aber im Allgemeinen dunkel und grauz; die fernen Bäume ließen an einigen Stellen einen Schimmer des glühenden Abendhimmels durch, und hoch oben waren — — 76— Sterne, die lebhaft hervorblickten und ſich der Ent⸗ fernung der Sonne erfreuten, welche machte, daß ſie ihren Glanz verſchleiern mußten. Näher, viel näher aber ſchimmerten kleine Sterne der Erde. Unter je⸗ dem Buſche und unter den Zweigen jedes Obſtbau⸗ mes tanzten und flatterten, jetzt plötzlich erſcheinend und dann wieder verdunkelt, die Glühwürmer, jene ſehr ſchönen Inſecten. Ich hatte deren viele in Ita⸗ lien, in der Nähe von Mantua und Modena, am Wege aus den Weidenbüſchen hervorkommen ſehen. Dort erſchienen ſie als kleine Feuerfunken von röth⸗ licher Farbe, die umher wirbelten und in Wolken hervorbrachen; aber die in Virginien waren größer, ruhiger, von ſanfterem und ſchönerem Lichte, zuweilen gelb wie der Mond, zuweilen ſelbſt von bläulicher Farbe, aber außerordentlich hell, und, ſo viel ich weiß, mit Nichts zu vergleichen, als mit kleinen Sternſchnuppen. Eine Empfindung des ruhigen Genuſſes und der Bequemlichkeit bemächtigte ſich meiner nach meinem heißen und ſtaubigen Ritte, die zu verbannen ich nicht zu eilig war. Ich weiß nicht, wie lange ich hinaus⸗ geblickt hätte, wäre nicht zu der Muſik des Piano⸗ forte bald eine ſingende Stimme hinzugekommen, und da ich die Zeit ſo viel wie möglich benutzen wollte, ſtand ich auf, um meine Satteltaſchen zu ſuchen und meinem guten Freunde Zed zu klingeln. — 77— Ich habe bereits geſagt, daß das Zimmer alles Nöthige zur Bequemlichkeit enthielt, aber da war eine Ausnahme, es war keine Klingel zu ſehen; aber als hätten meine Fußtritte Aufmerkſamkeit erregt, kam, als ich kaum den Tiſch erreicht hatte, ein hübſcher, klei⸗ ner, ſchwarzer Knabe in einer weißen Jacke herein, der ein Paar Pantoffeln und eine Schlafmütze in der Hand trug. Er fragte mich mit dem gewöhnlichen Grinſen, ob er irgend Etwas für mich thun könne, und ohne auf eine Antwort zu warten, fiel er ſogleich über die Satteltaſchen her, packte ſie aus und legte den In⸗ halt geſchickt und zierlich in die Kommode. Er war offenbar gut eingelernt, obgleich er ſich nicht enthalten konnte— welcher Negerknabe von vierzehn Jahren konnte es auch?— viele von den unbekannten Ge⸗ genſtänden, die er zum Vorſchein brachte, neugierig zu unterſuchen, beſonders eins von Palmers zier⸗ lichen Toilettenkäſtchen, das ihm ſehr auffallend zu ſein ſchien. Es war zu viel für die menſchliche Na⸗ tur, und endlich wendete er ſich um und fragte mich geradezu, was es ſei. Als ich es vor ſeinen Augen öffnete, brach er in ein lautes, freudiges Gelächter aus, und ich konnte deutlich bemerken, wie gern er die Raſirmeſſer und andere Gegenſtände angefaßt hätte; aber ich entließ ihn und ſagte ihm, er möge meinen Bedienten zu mir ſchicken. Nachdem ich mich ange⸗ kleidet und Zed einige Befehle ertheilt hatte, ging ich wieder die Treppe hinunter und blickte in das Speiſe⸗ zimmer, um mich zu verſichern, ob ich auch bekannte Geſichter in dem anderen Zimmer finden werde; dann ging ich zu der Thüre hinüber, die Mr. Thornton mir bezeichnet hatte, und trat mit ſo viel ruhiger Würde ein, wie ein Mann von ſiebenundzwanzig Jahren nur anzunehmen vermag. Sggleich begegnete meinen Augen ein heller Lichtglanz und eine Gruppe heiterer Geſichter. Mr. Thornton ſelber und die drei anderen Herren, die ich vorher geſehen, waren dort, aber außer denen befand ſich in der Geſellſchaft eine ältliche Dame mit ſilberweißem Haar und einer ſehr weißen Haube, ſowie ein halbes Dutzend blondhaarige, helläugige Mädchen von dreizehn bis zwanzig Jahren, zwei kleine Knaben und ein junger Mann von ein⸗ undzwanzig. Außerdem war in jenem Zimmer eine junge Dame ſehr verſchiedenen Ausſehens von den Uebrigen, denn ſie hatte rabenſchwarzes Haar, dunkle Augen und eine helle Geſichtsfarbe, welche dennoch die Brünette zeigte. Sie war in jeder Hinſicht klein, hatte eine zierliche Geſtalt, kleine Füße und Hände, und ob⸗ gleich außerordentlich delicat und ſymmetriſch, hatte das Ganze ein unbedeutendes Anſehen, wenn ich es auf den erſten Blick ſo nennen darf. Sie war ge⸗ ſchmackvoll und ſelbſt elegant gekleidet, obgleich etwas Phantaſtiſches in dem Büſchel wilder Blätter lag, welches ſie in ihr Haar verſchlungen hatte. Als ich eintrat, entfernte ſie ſich von dem Piano, und ich mußte natürlich ſchließen, daß ſie die Göttin des Geſanges war, die ich gehört hatte. Sie zog ſich indeſſen bis zum äußerſten Ende des Zimmers zurück, als ſie mich erblickte. Mr. Thornton ſtand auf, faßte meinen Arm und führte mich zu der alten Dame, die er Mrs. Thornton nannte. „Dies ſind meine Töchter,“ ſagte er, ſeine Hand gegen die blauäugige, blondhaarige Gruppe bewegend. „Dies iſt mein Vetter, Mr. Dudley,“ fügte er hinzu, den jungen Herrn vorſtellend.„Dies ſind meine bei⸗ den Söhne, und dies iſt meine ſchelmiſche Nichte, Beſſy. Nun, Beſſy, komm' näher nnd zeige keine Scheu, die Du doch in Deinem Leben nicht em⸗ pfunden.“ „Nein, mein lieber Onkel,“ antwortete ſie,„ich bin nicht im Geringſten ſcheu, aber es war nothwen⸗ dig, Ihnen Zeit zu laſſen, alle Generationen von Adam an vorzuſtellen und dieſem Herrn ſie in ſein Gedächtniß aufnehmen zu laſſen. Sie ſagten mir in⸗ deſſen ſeinen Namen nicht.“ Dies war ein Punkt, den Mr. Thornton und ich nicht verabredet hatten; aber er antwortete ſogleich mit ſchlauem Blinzeln: „Mr. Howard, meine Liebe— Mr. Richard Howard. Ihr ſeid natürlich verwandt, denn da die Davenport's mit dem beſten Blute in England ver⸗ wandt ſind, mußt Du natürlich auch Vettern unter den Howard's haben. Darum mußt Du ihn hoch⸗ ſchätzen, Beſſy.“ Während ihr Onkel geſprochen hatte, betrachtete mich Miß Davenport vom Kopf bis zu den Füßen mit einer Miene, die ich nicht gerade unverſchämt oder dreiſt nennen will, aber mit einer gewiſſen drolligen Schelmerei in dem Ausdruck ihres Geſichtes, die durch⸗ aus nicht ganz angenehm für mich war. Ich haſſe die pikanten Frauenzimmer und möchte viel lieber, daß eine Dame gar keinen Witz hätte, als wenn der Witz ihren weiblichen Eigenſchaften Eintrag thut. Ein Frauenzimmer von ſtarkem Geiſte iſt noch ſchlimmer, denn da werden die weiblichen Eigenthüm⸗ lichkeiten faſt gänzlich verwiſcht— obgleich man ge⸗ wiß ſein kann, doch irgendwo das Weib zu entdecken; aber was zunächſt am Schlimmſten iſt, das iſt das pikante Weib, deren Witz über ihre Zärtlichkeit hin⸗ ausgeht. Dennoch war ich ein wenig zweifelhaft, ob dies mit der ſchönen Dame, die vor mir ſtand, auch durchaus der Fall ſei; denn ſobald ich bemerkte, mit welchem Beiſpiel ſie mir voranging— denn da ſie anſcheinend ein wenig kurzſichtig war, hielt ſie ein doppeltes Augenglas vor ihre Augen, um mich ge⸗ nauer anzuſehen, und ich richtete meine Augen ruhig auf ihr Geſicht, indem ich Etwas darin zu leſen ſuchte, während ſie mich ihrer Prüfung unterwarf. Sobald ſie entdeckte, daß ich dies that, wurde das Glas entfernt, die Augenlider ſenkten ſich und eine zarte Roſenfarbe verbreitete ſich über ihre Wangen, gleich dem Tagesanbruch, der den blaſſen Oſten rö⸗ thet. Im nächſten Augenblick ſagte ſie, wie zur Ant⸗ wort auf die letzten Worte ihres Oheims: „Mein Vetter iſt ſehr willkommen in Virginien, Onkel Henry. Gott ſei geprieſen, daß ſein Name Richard iſt, denn wir haben in unſerem Geſchlechte Roberts genug, um es jeder Familie unter der Sonne zuvor zu thun.“ „Und bitte, was haben die Roberts gethan, um ſo verleumdet zu werden, Beſſy?“ fragte der ältliche Herr, der mir als Mr. Hubbard vorgeſtellt worden war, indem er gerade durchs Zimmer ging und ſie in einem Tone der väterlichen Freundlichkeit an⸗ redete. „Was haben ſie nicht gethan?“ fragte Miß Da⸗ venport mit heiterem Lachen,„von Robert dem Nor⸗ mannen und Robert dem Reimer abwärts. Die Pro⸗ tokolle, die von Pferdediebſtählen und kleinen Ver⸗ brechen handeln, ſind voll von Roberts. In einem Buche, welches Onkel Henry mir neulich borgte, zählte ich wenigſtens zwanzig von ihnen, die des ei⸗ nen oder des anderen Vergehens überführt worden, Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 6 um von einem nahen Verwandten von mir zu ſchwei⸗ gen, der mich um Alles betrügen wollte, was ich auf der Welt beſaß, wenn mein Onkel es zugegeben hätte.“ „Sie vergeſſen, daß mein Name auch Robert iſt!“ verſetzte Mr. Hubbard. „Ah, mein lieber Freund,“ antwortete ſie, in⸗ dem ſie ſanft ſeinen Arm faßte,„Sie ſind die Aus⸗ nahme, wie Sie wiſſen.“ „Und Sie ſind die größte kleine Heuchlerin, die je lebte,“ verſetzte Mr. Hubbard mit freundlichem Lä⸗ chel.„Ja, ich kenne Sie, Beſſy. Sie können mich nicht hintergehen.“ Ihr Geſicht wurde roth, aber ſie antwortete ſo raſch wie immer: „Alle Männer glauben, ſie verſtehen ſich auf die Charaktere der Frauen, aber ſie wiſſen Nichts von ihnen; und wie ſollte ein alter Junggeſelle Etwas von den Frauen verſtehen? Es wäre viel beſſer, wenn Sie mich heiratheten, und ich wollte Ihnen bald zei⸗ gen, wie gut Sie mich verſtehen— ich denke, Vet⸗ ter Hubbard, wir ſind nicht im verbotenen Grade verwandt, nicht wahr? Ihre Urgroßmutter war meiner Urgroßmutter Couſine im funfzehnten Grade von müt⸗ terlicher Seite, wenn ich mich recht erinnere; ſo denke ich, ſind die Thüren der Kirche für uns offen. Aber ich will im Gebetbuch nachſehen, wenn ich auf mein — 339— Zimmer komme, und Ihnen morgen Alles darüber ſagen und Sie bitten, den Tag zu beſtimmen. Aber, lieber Onkel, es iſt ſehr ſchwül, laſſen Sie uns auf die Veranda gehen.“ Sie ging durch uns hindurch auf das Geſell⸗ ſchaftszimmer zu, als ich ſie auf einen Augenblick zu⸗ rückhielt, um ſie zu fragen, ob ſie mich nicht deut⸗ licher die liebliche Stimme hören laſſen wolle, die ich aus der Ferne vernommen. Sie blickte mit lieblichem Lächeln zu meinem Ge⸗ ſichte auf und ſagte:— „Ich könnte Ihnen aus der Bibel antworten, wenn ich wollte, aber ich will nur erwiedern, die Ent⸗ fernung verleiht Allem Lieblichkeit, Mr. Howard. Ich will die Täuſchung nicht verbannen.“ „Wie denn aus der Bibel?“ fragte ich. „Nein, nein,“ verſetzte ſie;„ich darf mich von meinem leichtfertigen und müſſigen Geiſte nicht zu ei⸗ ner Entweihung hinreißen laſſen. Zuweilen, wiſſen Sie, kommen uns die Worte, die wir zu leſen ge⸗ wohnt ſind, ſehr gelegen, wenn es auch nicht paſ⸗ ſend iſt, ſie anzuführen. Ich wollte nur ſagen, daß, während ich ſpielte und ſang, keiner von den Herren hereinkommen wollte, und jetzt iſt die Oper zu Ende, ich kann dieſen Abend nicht mehr ſpielen; wenn Sie nicht vielleicht Alle aufſtehen und einen Tanz tanzen 6* wollen, dann will ich Ihnen vorſpielen, bis meine Finger ſchmerzen.“ Indem ſie dies ſagte, ging ſie auf die Thüre zu und auf die Veranda hinaus. Faſt alle Uebrigen folgten nach einander und ich konnte die liebliche Scene vor dem Hauſe ſehen, wo das Mondlicht auf dem thauigen Graſe ruhte und die Glühwürmer über den Raſenplatz dahinfunkelten. Selbſt die alte Mrs. Thornton nahm ihre Arbeit zur Hand und folgte den Uebrigen. Ich ging auch nach derſelben Richtung, als Mr. Thornton mich zurückhielt und ſagte: „Ich wünſchte einige Worte mit Ihnen zu reden.“ Dann ließ er ſeine Stimme ſinken und fügte hinzu: „Es iſt beſſer, wenn wir dieſen Abend eine kleine Unterredung halten über die Punkte, welche die vor⸗ liegende Sache ſehr erleichtern werden. Vielleicht irre ich in den Schlüſſen, zu welchen ich gekommen bin, doch ſo weit ich gegangen bin, habe ich keinen Scha⸗ den gethan, und wie mein Freund Byles hier ſagt, kann ein Hund, der auf eine falſche Fährte kommt, gleich zu Anfang leicht zurückgetrieben werden, wenn er aber lange fortläuft, weiß nur der Himmel, wo⸗ hin er gehen wird.“ „Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, Mr. Thornton,“ verſetzte ich.„Ich bedarf des Rathes und vielleicht auch des Beiſtandes, und vor allen Dingen bedarf ich der Lokalkenntniß.“ „Sie ſollen ſie haben, ſo weit ich ſie geben kann,“ ſagte Mr. Thornton.„Folgen Sie mir nur in mein kleines Zimmer, und wir wollen uns gehörig verſtändigen, ehe wir uns ſchlafen legen.“ Er öffnete die Thüre an der anderen Seite des Beſuchzimmers und ging durch den gepflaſterten Vor⸗ ſaal voran, wo uns zwei oder drei Neger begegneten, alle ſcheinbar ſo freudig und heiter, wie ſie es nur ſein konnten; aber ich war zu ſehr mit eigenen Ge⸗ danken beſchäftigt, um ſo viel auf ſie zu achten, wie ich vor einem oder zwei Tagen würde gethan haben. Die Ueberlegung war mir raſch aufgenöthigt worden. Ich mußte viel früher, als ich es erwartet hatte, zu einem Schluſſe kommen, und die Frage war, ob ich volles Vertrauen in meinen, mir faſt ganz unbekannten Wirth ſetzen und ihm Alles, was mich und meine Pläne betraf, mittheilen, oder ihm nur ſo viel ſagen ſolle, wie ich ihm nicht ohne Unhöflichkeit verſchweigen könne. Sein Benehmen, ſeine äußere Erſcheinung und ſeine Sprache waren alle die eines Gentleman von guter Erziehung; ſeine häusliche Einrichtung war offenbar die eines reichen Mannes, und Alles hatte ein wohnliches, reſpectables Anſehen, was zu dem Schluſſe führte: „Ein Mann, der bis zu ſeinem Alter ein ſol⸗ ches Leben geführt hat, wird nicht leicht davon ab⸗ — 86— fallen oder entehrenden und verderblichen Laſtern un⸗ terworfen ſein.“ Aber die Unterredung, die ich zwiſchen dem Schiffskapitain und dem Sclavenhändler gehört hatte, als ich die Cheſepeakebucht herunterkam, ſetzte den Namen Thornton mit nicht ſehr günſtigen Erinnerun⸗ gen in Verbindung. 8* Ehe ich mich vollkommen entſchließen konnte, wie ich handeln ſollte, waren wir in dem kleinen Biblio⸗ thekzimmer, welches er erwähnt hatte, und er winkte mir höflich, auf einem wohlgepolſterten Lehnſeſſel Platz zu nehmen, während er einen anderen, an der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Tiſches, einnahm. Auf einen Augenblick trat eine Pauſe der Verle⸗ genheit ein, und dann ſagte er: „Ich möchte nicht gern aufdringlich oder neu⸗ gierig erſcheinen; aber ich denke, ich habe das Ver⸗ gnügen, mit Sir Richard Conway zu ſprechen?“ Ich nickte mit dem Kopfe und erwiderte: „Der bin ich, Mr. Thornton. Nach dem, was Sie erwähnt haben, glaube ich, ſind wir keine ſehr entfernten Verwandten, obgleich es ein bloßer Zufall war, daß ich an Ihrem Hauſe anhielt.“ „Mein lieber Herr,“ verſetzte er,„Sie ſind un⸗ ter lauter Verwandte gekommen. Faſt Alle, die Sie um ſich ſehen, ſind mehr oder weniger nahe mit Ih⸗ nen verwandt. Mein Onkel heirathete Ihre Tante, folglich ſind wir wenigſtens dem Geſetze nach Vettern im erſten Grade. Alle meine Kinder ſtehen im näch⸗ ſten Grade der Verwandtſchaft zu Ihnen. Mr. Hub⸗ bard iſt ebenſo nahe mit Ihnen verwandt, ebenſo, wie Mr. Alſiger, und unſere hübſche kleine Beſſy iſt Ihre zweite Couſine, der Blutsverwandtſchaft nach.“ Er ſchwieg und dachte einen Augenblick nach; dann fügte er in ſehr ernſtem Tone hinzu: „In ſo weeiit iſt dies Alles ſehr befriedigend— daß Sie zuerſt hierhergekommen— daß Sie incognito reiſen und daß ich Alles an einer gewiſſen Aehnlich⸗ keit errathen, die Sie mit einem alten Bilde im Hauſe Ihrer Tante haben. Aber es iſt noch viel zu beden⸗ ken, Sir Richard— viel zu beſprechen und viele Pläne zu verabreden. Wir müſſen dieſen Abend eine lange Sitzung haben, damit Sie Zeit haben, darüber zu ſchlafen und Schritte thun, die Sie morgen für paſſend halten werden. Aber horch, es kommt ein Pferd zum Hauſe getrabt.“ Zur Thüre gehend, öff⸗ nete er dieſelbe, rief einen ſeiner Neger und ſagte: „Cäſar, ſage Mr. Hubbard, ich hoffe, er werde die⸗ ſen Abend nicht nach Hauſe gehen. Er befindet ſich auf der Veranda. Sage, ich wünſche eine kurze Un⸗ terredung mit ihm zu haben.“ Dann wendete er ſich zu mir und fügte hinzu:„Sein Rath mag uns ſehr nützlich ſein; er war einſt einer der ausgezeichnetſten Rechtsgelehrten in Virginien; aber ſeine Stimme iſt — 88— ſchwach geworden und er verließ in Folge deſſen die Schranken, weil ein unhöflicher Richter zu ihm ſagte: „„Sprechen Sie laut, Mr. Hubbard! Weder Richter noch Geſchworene können Sie hören!““ Er antwor⸗ tete ruhig:„„Die Ohren der Gerechtigkeit ſind et⸗ was taub in Virginien.““ Aber er erſchien nie wieder vor den Schranken. Sein Rath iſt aber immer vor⸗ trefflich, denn er iſt in Uebereinſtimmung mit dem Geſetze und mit der Redlichkeit. Ich möchte keinem Schurken rathen, ihn um Rath zu fragen; aber er iſt der beſte Rathgeber für einen Mann von Ehre.“ Kaum hatte er den letzten Satz beendet, als der Diener, dem er den Auftrag gegeben, die Thüre üff⸗ nete, und in viel beſſerem Engliſch, als die Neger gewöhnlich anwenden, ſagte: „Der Herr, der zu Pferde ankam, wünſcht mit Ihnen zu ſprechen, mein Herr.“ „Führe ihn herein,“ ſagte Mr. Thornton; dann aber fügte er hinzu:„Was für eine Art von Mann iſt es, Cäſar?“ „Ein ſehr feiner Herr,“ antwortete Cäſar, mit einem leichten Spott in ſeinem Tone;„auch hat er ein ſehr gutes Pferd.“ „Nun, ſo führe ihn herein,“ wiederholte Mr. Thornton. Und im nächſten Augenblicke wurde mein Reiſe⸗ gefährte, Mr. Lewis, ſelber, ſo ſehr mit Ringen — 89= und Diamanten geſchmückt, wie immer, hereinge⸗ führt. Mr. Thornton ſtand von ſeinem Sitze auf, als der Andere eintrat, betrachtete ihn ruhig und blieb dann ſtehen. Was in ſeiner Miene und in ſeinem Weſen lag, weiß ich nicht, aber auf einen Blick kam er zum Schluſſe über den Charakter ſeines Gaſtes, und ich beobachtete die kleine Scene, welche hierauf folgte, mit nicht geringem Intereſſe. „Mr. Thornton, vermuthe ich?“ ſagte Mr. Le⸗ wis mit lieblicher und ſanfter Miene. „Derſelbe, mein Herr,“ verſetzte Mr. Thorn⸗ ton, ſich verneigend.„Auf welche Weiſe kann ich Ihnen dienen?“ „Nun, ich habe ein kleines Geſchäft mit Ihnen zu beſprechen, Mr. Thornton,“ verſetzte Mr. Lewis mit einem Seitenblicke auf mich, deſſen Geſicht er nicht deutlich unterſcheiden konnte, da ich mit dem Rücken zu der Thüre gewendet ſaß, durch die er eingetreten war.„Aber vielleicht würde es beſſer ſein, wenn wir allein wären.“ „So weit ich betheiligt bin,“ antwortete Mr. Thornton,„weiß ich nicht, daß irgend Etwas da iſt, was ich nicht wünſchen möchte, daß es in Gegenwart dieſes Herrn geſagt würde; und wenn das Geſchäft ſich auf irgend etwas Anderes bezieht, ſo ziehe ich immer vor, wenn die Mittheilung ſchriftlich gemacht — 90— wird, damit ich über meine Antwort nachdenken kann. Bitte, ſetzen Sie ſich, fügte er hinzu, und Mr. Lewis nahm Platz. „O! wenn Ihnen Nichts daran liegt, Mr. Thornton, ſo liegt mir auch Nichts daran,“ verſetzte der Andere.„Die Sache iſt ſehr einfach— eine bloße Geſchäftsſache. Kurz alſo, ich hörte vor einigen Ta⸗ gen, daß Sie funfzig oder ſechzig Neger zu verkaufen hätten; und obgleich es nur eine kleine Anzahl iſt, dachte ich, wollte ich doch hereinkommen und nach⸗ fragen, da ich gerade durch's Land reiſte. Kein Mann kann einen höheren Preis dafür zahlen, als ich. Ich bin bekannt dafür, daß ich alle, die ich kaufe, gut behandle, und ſo dachte ich, Sie möchten es für beſ⸗ ſer halten ſie an mich zu verkaufen, als ſie unter den Hammer zu bringen.“ Ein heller Fleck zeigte ſich auf Mr. Thorntons Wange, eine tiefe Furche ſammelte ſich zwiſchen ſei⸗ nen Augenbrauen, ſein Auge ſprühte, er biß die Zähne zuſammen und ich dachte, es würde eine hef⸗ tige Antwort kommen. Aber anſtatt deſſen blieb er wenigſtens eine Minute völlig ſtill und trat mit dem Fuße auf den Boden. „Bitte, mein Herr, woher kommen Sie?“ fragte er endlich in völlig ruhigem Tone. „Ich wohne in Baltimore,“ antwortete Mr. Le⸗ ug. wis,„aber ich mache mein vorzüglichſtes Geſchäft in New⸗Orleans. Ich denke, wir können einen Handel machen, Mr. Thornton, denn ich handle ſo liberal, wie nur irgend ein Mann.“ Wieder blieb Mr. Thornton ſtumm und ſah auf den Teppich nieder. Dann wendete er ſich plötzlich zu dem Anderen und ſagte mit lauter und ſtrenger Stimme: „Sie irren ſehr, mein Herr. Ich muß Ihnen ſagen, daß kein virginiſcher Beſitzer ſeine Diener an⸗ ders, als in zwei Fällen verkauft. Er müßte denn entweder ſelber bankerott oder der Diener, den er ver⸗ kauft, zu ſchlecht für ihn ſein, um ihn zu behalten. Ich habe nicht einen einzigen Diener, den ich an Sie oder an ſonſt Jemand verkaufen würde, ſo lange er mir getreu dient, und ich die Mittel habe, ihn zu ernähren. Gebe Gott, daß es nie anders ſein möge!“ Mr. Lewis wurde ein wenig blaß; aber er ſtot⸗ terte in unverſchämtem Tone hervor: „Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel; ich wurde mit Beſtimmtheit benachrichtigt—“ „Ich weiß, mein Herr— ich verſtehe,“ fiel Mr. Thornton ein, indem er eine Bewegung mit der Hand machte.„Sie ſind im Irrthum geweſen, was Ihren Vorſchlag entſchuldigt. Mein Name iſt Henry Thornton, mein Herr. Die Perſon, mit der Sie zu handeln wünſchten, iſt William Thornton, ein — 92— entfernter Verwandter von mir. Es ſind bereits ei⸗ nige unangenehme Mißverſtändniſſe vorgekommen.“ Mr. Lewis behauptete noch, obgleich ein wenig verlegen, ſeinen Sitz, und nachdem er einen Augen⸗ blick an ſeiner Unterlippe genagt, fragte er: „Bitte, ſagen Sie mir, wie weit iſt es bis zu Mr. William Thorntons Hauſe?“ „Etwa funfzehn Meilen,“ antwortete mein Wirth trocken. „Gott ſei meiner Seele gnädig!“ rief der Sela⸗ venhändler,„was ſoll ich thun? Mein Pferd iſt ſehr ermüdet, und ich weiß den Weg nicht.“. Mr. Thornton ſaß einige Augenblicke ſtumm da und es fand offenbar ein Kampf in ihm ſtatt. Die alten Gefühle der Gaſtfreundſchaft ſiegten endlich eini⸗ germaßen. „Alle Zimmer in meinem Hauſe,“ ſagte er end⸗ lich,„werden, glaube ich, dieſe Nacht beſetzt ſein; aber im Hauſe des Verwalters ſteht Ihnen eins zu Dienſten. Ich will einen Diener hereinrufen, um Ih⸗ nen den Weg zu zeigen.“ Indem er ſich der Thüre näherte, rief er wieder Cäſar herein, und ſagte: „Führe dieſen Herrn in das Haus des Mr. Jo⸗ nes, und bitte ihn, denſelben mit einem Abendeſſen und Allem, was er bedarf, zu verſehen.“ — 93— Dann machte er eine ſehr ſteife Verbengung ge⸗ gen Mr. Lewis und ſchloß die Thüre hinter ihm. „Ein Selavenhändler ſchlief noch nie in meinem Hauſe, ſeitdem es erbaut worden,“ ſagte er in ent⸗ ſchuldigendem Tone, ſobald er fort war.„Ich würde faſt fürchten, daß es in Brand geriethe, wenn er die ganze Nacht hier bliebe.“ Dann brach er in ein Gelächter aus, welches zum Theil heiter, zum Theil ſarkaſtiſch war, wie es mir ſchien, und nachdem er einen Augenblick nachge⸗ dacht, ſagte er: „Es iſt ſeltſam— ſehr ſeltſam, daß er gerade dieſen Abend von allen anderen in der Woche hierher kam; aber es iſt mir jetzt leid, daß ich ihn ſo ſchnell entließ. Wir haben bereits einen Wink von ihm er⸗ halten, Mr. Richard, und dürften vielleicht noch mehr erhalten— obgleich ich die Fiſche nicht liebe, die ſich in ſchmutzigem Waſſer aufhalten.“ „Ich verſtehe Sie in der That nicht, Mr. Thorn⸗ ton,“ antwortete ich.„Dieſer gute Mann kam mit mir im Boot von Baltimore nach New⸗York, und ich hörte eine Unterredung zwiſchen ihm und dem Schif⸗ fer über den wahrſcheinlichen Verkauf von Mr. Thorn⸗ tons Selaven.“ „Und höchſt wahrſcheinlich dachte er, ich ſei dieſer Mr. Thornton,“ ſagte mein Wirth mit einem ruhigen Lächeln.„Nein, keine Entſchuldigung, es — 94— war ein ſehr natürliches Verſehen. Aber die Sache iſt dieſe. Mr. William Thornton iſt mein Vetter im erſten Grade. Sein Vater und mein Vater waren Halbbrüder; aber ſein Vater war zwei oder drei Jahre älter. Sie waren Beide Brüder des Oberſten Thorn⸗ ton, der Ihre vortreffliche Tante Beb heirathete. Oberſt Thornton war ein ſo guter Mann, wie nur je einer lebte; da er aber ein munterer und kühner Soldat geweſen war, ſo hatte er in ſeinem Haushalt jene ſchöne alte virginiſche Sparſamkeit angewendet, die ſo viele von unſeren beſten Familien in's Verder⸗ ben geführt hat. Er ſtand gerade am Rande deſſel⸗ ben, als er Ihre Tante heirathete. Ihr Vermögen diente einigermaßen dazu, ihm wieder aufzuhelfen, und ihre weiſe Sparſamkeit that das Uebrige, ohne indeß je zu bemerken, daß ſeine urſprüngliche Gaſtfreund⸗ ſchaft im Geringſten nachließ; und ſo fand er, daß er nach Verlauf von zwanzig Jahren zu ſeiner gro⸗ ßen Ueberraſchung ein reicher Mann mit einer unver⸗ ſchuldeten Beſitzung war. Unglücklicherweiſe hatten ſie keine Kinder und ſehr natürlich hinterließ er nach ſei⸗ nem Tode Alles, was er hatte, derjenigen, die es ihm gerettet hatte. Jetzt kommen wir zu Ihrem An⸗ theil an der Sache. Ihre Tante überlebte ihren Gat⸗ ten um zwölf oder vierzehn Jahre; und obgleich ſie ihr Vaterland und ihre Verwandten, außer Mrs. Da⸗ venport und einer Anderen, beinahe ſeit einem halben — 95— Jahrhundert nicht geſehen hatte, ſo wendete ſich doch natürlich ihr Herz auf ihrem Sterbebette zu denen, deren Blut in ihren eigenen Adern floß; und wie wir Alle hören, hinterließ ſie Ihnen ihre Beſitzung.“ „Ich habe das gehörig beglaubigte Teſtament bei mir,“ verſetzte ich. „Das iſt Alles richtig,“ entgegnete Mr. Thorn⸗ ton;„aber man ſchrieb vor länger als zwei Jahren an Sie, und es kam keine Antwort.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ verſetzte ich.„Ich antwortete, ſobald ich den Brief erhielt. Ich war damals in Indien mit meinem Regiment, ſo daß es mehrere Monate währte, ehe ſie zu mir gelangten; aber den erſten, den ich erhielt, beantwortete ich ſo⸗ gleich, und den zweiten eine ſehr kurze Zeit nach dem Empfange und bat um weitere Auskunſt über die Be⸗ ſchaffenheit und den Umfang der Beſitzung, und wel⸗ che Schritte nöthig wären, um mich derſelben zu ver⸗ ſichern.“. „Zwei Briefe!“ rief Mr. Thornton gedankenvoll. „Ich weiß nur von einem, der an Sie geſchrieben wurde. Erinnern Sie ſich vielleicht der Unterſchriften?“ „Ich habe ſie Beide auf meinem Zimmer,“ ant⸗ wortete ich.„Der eine war, wie ich mich jetzt er⸗ innere,„Hubbard“ unterzeichnet und rieth mir, ſogleich herüber zu kommen. Der zweite war, meine ich, „Rechtsanwalt Robert Thornton“ unterzeichnet, der — 96— mir rieth, ihm eine Vollmacht zu ſchicken, um für mich handeln zu können.“ „Dieſes Mannes Sohn!“ rief Mr. Thornton. „Wir hörten nie davon und empfingen auch nie eine Antwort auf den erſten Brief— vielleicht wurde er aufgefangen. Mr. William Thornton machte ſogleich Anſpruch daran, Oberſt Thorntons Beſitzung, als die ſeines nächſten Verwandten, zu verwalten— ob⸗ gleich Ihre Tante dieſelbe ſo lange in unbeſtrittenem Beſitze gehabt hatte. Er hat ſich ſeitdem, mit Hilfe ſeines hoffnungsvollen Sohnes, mit allen möglichen Ränken und Geſetzformen umſponnen— hat die Ne⸗ ger in Beſitz genommen— das alte Haus und die Pflanzung verpachtet, und wie wir jetzt hören, macht her bei der Legislatur den Antrag, ihm die Beſitzung zuzuerkennen, da die Erben, wie er erklärt, Fremde und Ausländer ſind.“ „Aber geſtatten Ihre Geſetze dergleichen Hand⸗ lungen?““ fragte ich. „Sie geſtatten viele Dinge, die ſie nicht geſtat⸗ ten ſollten,“ verſetzte Mr. Thornton,„und Verfall und Verwaltung werden hier ſo leicht genommen, daß das Vermögen von Perſonen, die ohne Verwandte am Orte ſterben, ein Gegenſtand der Speculation und ein Mittel zum Lebensunterhalt für die Hälfte der Schurken im Staate iſt. Gott ſei Dank! mein lieber junger Freund, Sie ſind endlich hier, denn es iſt — 97— nicht zu ſpät, der betrügeriſchen Handlung Einhalt zu thun, obgleich er alles Rindvieh und alle Pferde ver⸗ kauft hat— was vermuthlich ein großer Verluſt iſt.“ „Aber kann er nicht dafür verantwortlich gemacht werden?“ fragte ich. Mr. Thornton lächelte. „Es gibt zwei Arten von Banken,“ antwortete er,„von der einen können Sie Geld beziehen, von der anderen nur Kieſelſteine. Mr. William Thorn⸗ tons Bank iſt von der letzteren Beſchaffenheit. Die Behörde verlangte freilich Sicherheit, als ſie die Ver⸗ waltung geſtattete, nahm aber Bürgen an, die noch ſchwerer verſchuldet waren, als er ſelber. Auf dieſe Weiſe werden dergleichen Dinge in Virginien betrie⸗ ben— beſonders wenn die Leute, die wirklich dabei intereſſirt ſind, nicht erſcheinen, um für ihr Eigen⸗ thum Sorge zu tragen.“ 1 „Aber, mein lieber Herr, es war unmöglich,“ verſetzte ich.„Ich war mit meinem Regimente in In⸗ dien. Da eine Schlacht erwartet wurde, war es un⸗ möglich, um Urlaub nachzuſuchen oder den Abſchied zu nehmen, bis der Krieg zu Ende war. Sobald dies geſchehen, nahm ich den Abſchied, denn das Klima ſagte mir nicht zu. Ich wurde gallſüchtig, be⸗ kam das Heimweh und wurde ſchwermüthig; überdies wußte ich nicht, was meine Tante mir hinterlaſſen hatte. Es konnte Nichts weiter, als ein alter Reif⸗ Freiheit u. Sclaverei. 1. B d. 7 — 98— rock ſein, ſo viel ich wußte.“ Mr. Thornton lachte über die Beſchreibung meines Abſcheu's gegen Indien; doch wurde er ſogleich wieder ernſthaft und ſagte: „Ich bitte um Verzeihung. Es iſt ein ſehr reich geſtickter Reifrock, kann ich Ihnen verſichern— eine ſo ſchöne Pflanzung, wie nur irgend eine in Vir⸗ ginien, die bei guter Verwaltung wenigſtens zwölf bis funfzehntauſend Dollars jährlich einträgt; ein hüb⸗ ſches altes Haus, faſt wie dieſes gebaut, viel klei⸗ nere Gegenſtände des Vermögens und etwa funfzig Neger. Die Uebrigen ließ ſie frei; aber dieſe woll⸗ ten lieber in ihrer alten Lage bleiben, da ſie an keine andere gewöhnt waren und fühlten, daß ſie Jeman⸗ des bedurften, der für ſie Sorge trage. Die armen Geſchöpfe! Es wird ihnen jetzt leid genug ſein, aber ſie hatten keinen Begriff davon, in weſſen Hände ſie fallen würden.“ Seine Worte machten, daß ich einen Augenblick nachdachte. Dann ſagte ich: „Ich ſehe noch immer nicht ein, Mr. Thornton, wie die Worte jenes Lewis, der eben hier war, uns einen nützlichen Wink gegeben.“ „Ei! ſehen Sie es nicht ein?“ antwortete er; „dieſe funfzig Neger, die William Thornton zu ver⸗ kaufen wünſcht, ſind dieſelben funfzig, die Ihre Tante hinterlaſſen hat. Er ſelber beſitzt kein halbes Dutzend. Er wagte dieſe nicht öffentlich zu verſteigern, aus * Furcht, daß ſich ihm Jemand widerſetzen würde; aber wenn er ſie unter der Hand verkauft und ſie nach New⸗ Orleans ſchickt, können wir ſo lange pfeifen, wie wir wollen, ohne die Neger oder das Geld zurück zu erhalten. Aber es wäre beſſer, Hubbard zu befragen. Haben Sie irgend eine Einwendung, daß ich ihm ſage, wer Sie ſind? Er wird ebenſo gut, wie wir, die Nothwendigkeit des Geheimniſſes einſehen.“ „Nicht die geringſte,“ antwortete ich. Mr. Thornton ſtand jetzt auf und verließ das Zimmer. In zwei Minuten kehrte er mit Mr. Hub⸗ bard zurück, der in etwas ungeduldiger Stimmung zu ſein ſchien, und ſagte, als er zur Thüre hereinkam: „Aber wirklich, Henry, ich muß nach Hauſe. Ich kann in der That nicht die Nacht dableiben. Ich bekomme einen Anfall von Lendengicht. Ich fühle es deutlich; und Du weißt, Niemand kann mich beſſer verpflegen, als die alte Betty.“ Mr. Thornton drückte ihn indeſſen auf einen Stuhl nieder und ſagte: „Laß Deine Lendengicht hier ausruhen und Dich unſerem Vetter, Sir Richard Conway, vorſtellen.“ Mr. Hubbard rieb die Brille, die er in der Hand hielt, mit ſeinem Rockſchooße ab, ſetzte ſie auf die Naſe und ſah mich an. „Sir Richard Conway!“ rief er.„Gott ſei meiner Seele gnädig! Ich dachte, Sie wären ein äl⸗ 7* — 100— terer Mann. Nun, ich bin gleichwohl ſehr erfreut, Sie zu ſehen; obgleich Sie entweder früher hätten herüberkommen oder meinen Brief beantworten ſollen.“ Alle Erklärungen mußten jetzt wiederholt werden; aber er nahm meine Entſchuldigungen ſehr gut auf und ließ ſich gleich in einen Ocean von Familienan⸗ gelegenheiten und juriſtiſchen Abhandlungen ein, wo⸗ bei er ſeine Lendengicht und ſeinen Wunſch, nach Hauſe zurückzukehren, gänzlich vergaß. Die Verhand⸗ lung währte lange; doch war ſie höchſt wohlthätig und nothwendig. Eine beſtimmte Handlungsweiſe, womit ich am folgenden Morgen beginnen ſollte, wurde mir vorgezeichnet, und etwa um halb neun Uhr ſtan⸗ den wir von unſerer Conferenz mit der Genugthuung auf, zu wiſſen, daß wir auf gutem Wege wären, ei⸗ nen ſo boshaften Plan, wie nur je erdacht worden, zu vereiteln. Ich ging ſogleich auf die Veranda hin⸗ aus, wo ich Muſik und Geſang von einfacher Art aber von gutem Klange hörte, und ich ſtellte mir vor, daß meine Verwandte, Beſſy Davenport, ſich habe be⸗ wegen laſſen, den Anderen zu gewähren, was ſie mir verweigert hatte. Ich hatte mich indeſſen geirrt; ſie lehnte ſich an einen von den Pfeilern und blickte zu dem Monde auf. Die Muſik rührte von einem Negerburſchen von ſechzehn oder ſiebzehn Jahren her, der dicht neben ei⸗ ner von Mr. Thorntons jüngeren Töchtern auf den Stufen ſaß und ein Inſtrument ſpielte, welches Banjo genannt wird, und in einer kreisförmigen Guitarre be⸗ ſtand, deren Saiten er mit der außerordentlichſten Schnelligkeit und Geſchicklichkeit anſchlug, während er die ſo hervorgebrachten Töne mit ſeiner klangvollen Stimme begleitete und ein ſeltſames Negerlied ſang. Er war beinahe damit zu Ende, als ich kam, und ich hätte gern gebeten, es zu wiederholen; aber er ging ſogleich in eine ſehr heitere Melodie über und eine Gruppe junger Leute von derſelben Farbe, wie er, die, wie ich vermuthete, ſich ausruhend umher ſtanden, begannen lebhaft auf dem Raſenplatze zu tanzen. Sie nahmen ſeltſame und groteske, aber zu⸗ weilen maleriſche und nicht ungraziöſe Stellungen an, und ihre ſich drehenden dunklen Geſtalten, das helle Mondlicht und das Flammen der Glühwürmer um ihre Füße, bildete eine Scene, die ich nie vergeſſen werde. Wir ſtanden da und ſahen ihnen zu, bis die Uhr zehn ſchlug, und während der Zeit wurde wenig oder gar nicht geſprochen; dann aber näherten ſich Beſſy Davenport und Louiſe Thornton, meines Wirths älteſte Tochter, der Thüre, in deren Nähe ich ſtand. Die Erſtere reichte mir unbefangen die Hand und ſagte: „Gute Nacht, Vetter Howard. Wir gehen hier alle früh zu Bette. Mögen Sie angenehme Träume haben! Und wenn Sie mich morgen höflichſt bitten, — 102— will ich Ihnen„„das alte Virginien““ oder etwas gleich Claſſiſches vorſingen.“ So endete mein erſter Abend auf einer virginiſchen Pflanzung. In meinem Zimmer dachte ich mit nüch⸗ ternem Vergnügen eine halbe Stunde über dies Alles nach. Es lag Etwas darin, was mich unterhielt und intereſſirte, aber Nichts, was mich aufregte oder ſtörte, und der Geiſt konnte bei den Erinnerungen ohne eine einzige beunruhigende Empfindung verweilen. Ich war ein wenig ermüdet von meinem Ritte in der Hitze, und endlich legte ich mich auf ein ſo weiches und be⸗ quemes Bett nieder, wie mir nur je vorgekommen, und meine Augen ſchloſſen ſich ruhig. Sechstes Kapitel. Ich erwachte früh am Morgen, nachdem ich die Nacht in traumloſem Schlummer hingebracht. Keine einzige Erinnerung an die Handlungen des Ta⸗ ges— kein matter Schatten von Gedanken oder Worten flatterte über die Kluft des Schlummers hin⸗ weg. Als ich aber meine Augen öffnete, ſtrömte das Tageslicht matt und undeutlich zu den Fenſtern herein; und noch eine halbe Stunde erfreute ich mich einer jener angenehmen, müſſigen Perioden des Daſeins, welchen wir ſo ſelten Muße haben uns hinzugeben, wenn das Leben gleich einem Fluſſe zwiſchen ſeinen Waſſerfällen und Strömungen, unbewegt von Gedan⸗ ken oder Handlungen, dahinfließt, und wo Nichts auf ſeiner Oberfläche ſich abſpiegelt, als die matten, ſchimmernden Bilder der ſtillen Gegenſtände, die es umgeben. — 104— Ich ſah einen Theil des blauen Himmels durch das Fenſter und eine zarte weiße Wolke zog langſam darüber hin. Ich betrachtete die großen Feuerböcke an dem weiten Kamine und die Löwenköpfe, womit ſie verziert waren. Der Aermel meines Rockes, der über der Stuhllehne hing, bildete ein menſchliches Geſicht mit einer großen Naſe und ſchweren Augen⸗ brauen, und es ſah ſo ſchläfrig aus, daß ich aus bloßer Sympathie beinahe wieder in Schlummer ge⸗ ſunken wäre, als plötzlich die Thüre des Zimmers aufging und ein hübſcher ſchwarzer Knabe mit einer zierlich weißen Jacke und Schürze und einem Präſen⸗ tirteller, worauf mehrere gefüllte Gläſer ſtanden, hereintrat. Er kam mit ruhiger Faſſung an mein Beit und reichte mir den Präſentirteller hin. „Was iſt dies, mein Freund?“ fragte ich, in⸗ dem ich eins von den Gläſern nahm, welches mit einer klaren, braunen Flüſſigkeit angefüllt war und neben welchen Stücke Eis lagen. „Der Minzjulep, mein Herr,“ verſetzte der Knabe wartend, bis ich getrunken, um das Glas wieder wegzunehmen. „Minzjulep!“ dachte ich.„Es wundert mich, ob es zu den Geſetzen des Landes gehört, daß Jeder einen Minzjulep trinken muß, ehe er aufſteht?“ Indeſſen koſtete ich das Getränk, und es war köſtlich und ſehr erfriſchend. Die Kühlung des Eiſes ſchützte den Gaumen vor allen hitzigeren Dingen, die es enthielt, und erſt ſpäter fand ich, daß es nicht rathſam ſei, Branntwein mit Minze ſo früh am Morgen zu trinken. Kaum war der kleine Kellner verſchwunden, als mein Freund Zed erſchien, und während er mit gro⸗ ßer Geſchicklichkeit und Beharrlichkeit, ſo wie mit der eigenthümlichen Dienſtfertigkeit eines Negers, beſchäftigt war alle meine Kleider in Ordnung zu bringen, fing er an zu plaudern und erzählte mir, wir hätten zu keiner beſſeren Zeit kommen können, denn es würde ſehr bald ganz in der Nähe eine große Ver⸗ ſammlung ſtattfinden, wo einige ſehr fromme Männer predigen würden. Ich hatte längſt gewünſcht, eine von dieſen in⸗ tereſſanten Verſammlungen zu ſehen, und ich erkun⸗ digte mich daher nach dem Tage und Orte, wo dies ſtattfinden werde. Während ich mich ankleidete, be⸗ gann Zed mir die ganze Politik der Familie mit der wahrhaft geſchäftsmäßigen Geläufigkeit und dem Be⸗ nehmen eines ſpaniſchen Barbiers zu erzählen. Von ihm erfuhr ich alſo, daß Mr. Byles— oder der kühne Billy Byles— ſich um die Hand Louiſens, der älteſten Tochter des Mr. Thornton bewerbe; aber daß es die allgemeine Anſicht in der Küche und in den anſtoßenden Regionen ſei, daß es ihm nicht ge⸗ — 106— lingen werde, denn der junge Mr. Whitehead, der presbyterianiſche Geiſtliche, beſuche Miß Loun häufig am Morgen, und er wäre ein ſehr angenehmer und einnehmender junger Mann. Maſter Harry, ſagte er, meines Vetters älteſter Sohn, wäre ein wilder, junger Burſche und zeige die wahre virginiſche Zuneigung für Pferdefleiſch und Feuerwaffen, denn er habe einem von ſeines Vaters beſten Pferden die Kniee verwundet und bereits zwei Flinten geſprengt, außer daß er ein⸗ mal den Pferdeſtall angezündet, indem er ein Zünd⸗ hütchen mit einem Hammer zerſchlagen. Wie lange er ſeine Mittheilungen würde fortge⸗ ſetzt haben, weiß ich nicht, wäre ich nicht mit mei⸗ nem Anzuge fertig geweſen, wo ich ihm ſagte, er möge ſich nach dem Frühſtücke in der Nähe aufhalten, worauf ich zu dem unteren Stockwerke hinunterging. Ich fand das Beſuchzimmer leer und ging auf die Veranda hinaus, wo das Erſte, was mir in die Augen fiel, Mr. Lewis war, der langſam von dem Hauſe des Verwalters zu der Landſtraße hinüberritt. Im nächſten Augenblick bemerkte ich, wie einer von den Dienern, gleich einer Spinne aus der Ecke ihres Gewebes auf eine verwickelte Fliege, auf ihn zuſprang und ihm ein Papier überreichte. Ich wußte ſehr wohl, was dies für ein Doecu⸗ ment war, nämlich ein Einſpruch gegen den Verkauf oder Ankauf der Selaven der Tante Beb von Mr. — 107— Thornton als Agenten, und Mr. Hubbard als Rechts⸗ anwalt des Sir Richard Conway, welches Document man am Abend zuvor vermöge meiner Vollmacht ausgefertigt. Dieſe Vollmacht war in der Schnellig⸗ keit und ohne die nöthigen Formalitäten geſchrieben worden und daher wahrſcheinlich ungültig; aber meine Gegenwart machte ſie unnöthig, außer in ſo weit, als ſie mich in den Stand ſetzte, noch einige Zeit länger incognito zu bleiben und das Verfahren meiner Geg⸗ ner zu beobachten. Ich muß bemerken, daß die Vollmacht nicht datirt und nur in dem Einſpruch er⸗ wähnt war, ſo daß keine unmittelbare Andeutung von meinem Beſuche in Virginien durch jenes Docu⸗ ment gegeben wurde. Mr. Lewis war eben auf ſeinem Wege weiter geritten, nachdem er das Papier mit Gefühlen geleſen, die ich natürlich nicht errathen konnte, als ich von der anderen Seite eine hübſche, kleine, weibliche Geſtalt in eigenthümlichem Coſtüm, oder vielmehr in einer Miſchung von vielen Coſtümen und Moden, und alle in einiger Hinſicht entſtellend, ſich nähern ſah. Sie hatte keinen Hut auf, ſondern hielt nur einen Son⸗ nenſchirm über ſich; ihr Kleid, anſtatt ſo lang zu ſein, wie es in den letzten Jahren Mode geworden, war kurz genng, um einen außerordentlich hübſchen Fuß und Knöchel zu zeigen, doch es war ſo weit, daß es mich an das Coſtüm einiger Schweizercantone — 108— erinnerte. Ihre Schuhe hatten kleine Schnallen, an⸗ ſtatt nach neuerer Sitte zugeſchnürt zu ſein, und ihr Haar, anſtatt zu einer übertriebenen Höhe erhoben zu ſein, lag flach an und war hinten, nach altgriechiſcher Sitte, in einen Knoten verſchlungen. Sobald ihr Sonnenſchirm ſich ein wenig zur Seite wendete, be⸗ merkte ich, daß es Miß Davenport war; und obgleich ſie ruhig weiterging und ihre Augen auf den Weg richtete, als wäre es ihr unbekannt, daß ich mich in der Veranda befinde, ſo fürchte ich doch, daß ich un⸗ gerecht gegen ſie war, als ich dachte, es liege viel Coquetterie in ihrer Kleidung und in ihrem Beneh⸗ men. Sie war mir am Abend vorher ein Räthſel geweſen und war mir noch unerklärlich. Es zeigte ſich etwas Unbefangenes und etwas Schelmiſches in ihrem Weſen, was nicht unangenehm war, aber auch etwas Kühnes und Unabhängiges, was mir nicht ge⸗ fiel. Hübſch war ſie gewiß, ja man konnte ſie wohl ſchön nennen; denn jemehr man die kleinen Züge und die delicate Form prüfte, deſto mehr Symmetrie und Grazie wurde ſichtbar. Aber ich gehörte nie zu denen, die ſich in Bil⸗ der, Statuen oder Marionetten verlieben können. Pygmalions Statue hätte Elfenbein bleiben können, ehe ich ſie in's Leben geſeufzt oder gebetet hätte; und was die Schauſpielerinnen betrifft, ſo fühle ich im⸗ mer, wie ein grüner Vorhang zwiſchen mir und ihnen niederfällt, noch ehe das Stück beendet iſt. Es ſchien an jenem Morgen, als wenn ein be⸗ ſonderer Dämon ſich meiner bemächtigt hätte und mich beſtimmte zu ſehen, was eigentlich an Beſſy Davenport ſei— ſie zu necken und zu quälen und die verborgene Seele zum Vorſchein zu bringen. Ich ging ihr entgegen, und ſobald ſie mich wirklich ſah, veränderte ſich ihr ganzer Anblick und ihr Weſen. Ein heiteres, leichtes, halbſarkaſtiſches Lächeln ſpielte um ihre Lippen, ihre Augen funkelten und ihre Hand ausſtreckend, ſagte ſie: „Guten Morgen, Vetter, ich hoffe, Ihr ariſto⸗ kratiſcher Kopf hat in dieſem demokratiſchen Lande gut ruhen können.“ Ich mochte mich vielleicht betroffen fühlen von dieſem unbefangenen Gruße. Er war gleich einer kleinen maskirten Batterie, die auf uns losbricht, wenn man ganz heiter zu einem Angriff marſchirt; aber ich ſammelte ſogleich meine Streitkräfte und er⸗ wiederte: „So gut und ſanft, als wenn alle Grafenkro⸗ nen, die je mit Hermelin gefüttert waren, neben mir auf dem Kiſſen geruht hätten. Die Demokratie iſt keine anſteckende Krankheit, ſollte ich denken, nach Allem, was ich davon geſehen habe. Aber darf ich fragen, wie Sie geſchlafen? Ich hoffe ohne ſchmerz⸗ — 110— liche Erſcheinungen von den gemordeten Cavalieren und untröſtlichen Liebhabern, und ohne Gewiſſens⸗ biſſe wegen all' der Leiden, die Sie dem Men⸗ ſchengeſchlechte verurſacht haben und noch verurſachen werden.“ „Nichts dergleichen,“ antwortete ſie ſogleich. „Wiſſen Sie, ich tödtete einſt eine Klapperſchlange— ja mit meiner eigenen Hand, und als ich das glän⸗ zende Thier todt vor mir liegen ſah, erinnerte ich mich, daß es mir eine ehrenvolle Warnung ertheilt hatte, ehe es auf mich zuſprang, und da empfand ich ein wenig Reue, ſo haſtig mit dem umgekehrten Ende meiner Reitpeitſche zugeſchlagen zu haben. Aber der Mann iſt ein verſchiedenes Gewürm. Er ertheilt keine Warnung und iſt viel giftiger.“ Ein ſeltſames und ſchmerzliches Gefühl wurde durch ihre Worte in meinem Geiſte hervorgebracht. Ich fragte mich:„Kann dieſes junge Mädchen, wel⸗ ches anſcheinend noch nicht zwanzig Jahre alt iſt, bereits jenen bitteren Kelch gekoſtet haben, den der Mann dem Weibe ſo oft darreicht?“ Der Schatten dieſes Gedankens muß ſich auf meinem Geſichte gezeigt haben, denn ich wurde aus meiner halben Träumerei durch ein klares, heiteres La⸗ chen erweckt. „Nun will ich Ihnen zeigen, wie die Weiber rathen können,“ ſagte ſie.„Ich bin kein verliebtes — 111— Mädchen, welches ſich wegen eines Ungetreuen ab⸗ härmt— auch keine Männerhaſſerin aus perſönlicher Erfahrung von der Unwürdigkeit der Männer. Ich ſah noch nie einen Mann und werde es auch nie, der meinen Puls ſchneller ſchlagen machen könnte, wenn ich ſeinen kommenden oder ſich entfernenden Schritt hörte. Aber laſſen Sie mich nach beiden Seiten hin Gerechtigkeit üben. Kein Mann ſagte je in lieblichem, ſentimentalem Tone zu mir:„„Beſſy, wollen Sie mich heirathen?““ Auch erklärte er mir nicht in's Geſicht, ich ſei die reizendſte Perſon meines Geſchlechts, oder dergleichen. Aber ich beurtheile die Männer nach dem, was ich von ihrem Benehmen gegen Andere geſehen habe, und ich halte ſie daher für die ſelbſtſüchtigſte Klaſſe aller Weſen— ſo weit wenigſtens die Frauen betheiligt ſind.“ „Und wenn Sie in den Fall kämen, liebliche Worte ausſprechen zu hören,“ verſetzte ich,„ſo wür⸗ den Sie alſo wohl denken, Sie und der Redner wä⸗ ren zwei glänzende Ausnahmen!“ Sie wurde ein wenig roth und ſah faſt zornig aus, als ſie ſagte: „Nimmermehr! ich werde nie einem die Gelegen⸗ heit dazu geben; denn ich gehe ſehr nach der alten Redensart:„„Kein Gentleman wurde je von einer Dame ausgeſchlagen.““ Ich meine, ein Mann, der wirklich ein Gentleman iſt, würde keiner Dame den — 112— Antrag machen, die ihm nicht eine ſolche Ermuthi⸗ gung gegeben, die es ihr, wenn ſie wirklich eine Dame wäre, unmöglich machen würde, ihm den Korb zu geben, wenn er ihr den Antrag machte.“ „So wollen Sie alſo, daß eine Dame einem Manne Ermuthigung geben ſoll,“ ſagte ich,„ehe ſie weiß, ob er ſie wirklich liebt oder nicht? Oder Sie wollen, daß ſie Schritt für Schrit mit ihm vorrücken ſoll, gleich zwei Armeen in der Schlacht, wo Jeder die Bewegungen der anderen Perſon beob⸗ achtet und Sorge trägt, daß die andere Perſon nicht den geringſten Vortheil erlangt. Sie werden gewiß auf einen ſchlüpfrigen Boden kommen, ehe ſie mit der Sache zu Ende ſind, meine liebe, junge Dame!“ Ihr Geſicht glühte jetzt wie eine Roſe und ſie antwortete ganz ungeduldig: „Pah! Sie wiſſen, was ich meine und jeder Mann, der nur einigen Tact beſitzt, wird in ſeinem Herzen zugeben, daß ich Recht habe.“ „Weder in dem einen noch in dem anderen von den beiden Fällen,“ verſetzte ich. „In welchen beiden Fällen?“ fragte ſie. „Ich hätte ſie zwei Behauptungen nennen ſol⸗ len,“ antwortete ich;„in der, die Sie eben jetzt machten, wie in der vorhergehenden, daß die Männer durchaus ſelbſtſüchtig ſind in Allem, was die Frauen betrifft. Ich habe Fälle gekannt, wo im Anfange V V I — 113— kein ſelbſtſüchtiger Beweggrund zu erkennen war, eben ſo wenig wie im Verlaufe und am Ende ſolcher Angelegenheiten; und da ich beträchtlich älter bin, als Sie, habe ich mehr Gelegenheit gehabt, darüber zu urtheilen.“ „Nun, wie alt ſind Sie denn?“ fragte ſie plötzlich. „Siebenundzwanzig,“ antwortete ich. „Ich dachte es!“ rief ſie mit heiterem Lachen; „aber Sie ſehen viel älter aus.“ „Wirklich!“ antwortete ich, vielleicht ein wenig gekränkt;„aber warum ſcheinen Sie ſich zu freuen, daß ich erſt ſiebenundzwanzig bin?“ „Entſchuldigen Sie,“ verſetzte ſie mit einem tie⸗ fen Knix.„Ich könnte ſagen, weil Sie daher dem Alter nach gerade für mich paſſen oder noch hundert andere höfliche Dinge. Aber ich möchte lieber Nichts ſagen, Sir Richard.“ „Sir Richard!“ rief ich;„wie kommen Sie dazu, mir dieſen Namen beizulegen, Miß Davenport?“ „Weil Sie gerade ſiebenundzwanzig ſind, und weil Richard Conway in weißen Buchſtaben auf den ſchwarzen Koffern gedruckt ſteht, die Sie in Norfolk zurückgelaſſen,“ verſetzte ſie mit ſchelmiſcher Miene. „Wenigſtens erzählte Ihr alter Diener es der Köchin, die Köchin erzählte es meinem Mädchen und mein Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 8 — 114— Mädchen erzählte es mir, lieber Vetter; und da wäre alſo das Wie erklärt.“ „Guter Himmel! dieſes Plaudern iſt ſehr ärger⸗ lich!“ rief ich ſehr zornig;„es kann alle unſere Pläne verderben.“ „Fürchten Sie Nichts,“ antwortete ſie;„wir ſind ſo von Wäldern und Wildniſſen umgeben, daß das Geheimniß wenigſtens bis nächſten Sonntag ver⸗ ſchwiegen bleiben wird; denn die Neger werden nicht eher welche von einer anderen Pflanzung ſehen, als bis dahin.“ „Und Sie werden es Niemand ſagen?“ fragte ich. „Auf Ehre nicht!“ erwiederte ſie im Tone der verſtellten Feierlichkeit. „Wenn das iſt,“ ſagte ich lachend,„will ich Ihrem Onkel, den ich eben dort herkommen ſehe, ſa⸗ gen, daß Sie und ich ſeit einer Viertelſtunde hier am Rande der Veranda geſtanden und die ganze Zeit über von Liebe geſprochen haben.“ „Von Liebe!“ rief ſie,„was iſt das? Ich be⸗ haupte, ein ſolches vorſündfluthliches Ungeheuer iſt nie zwiſchen uns erwähnt worden, bis Sie es dieſe Minute aus dem blauen Sumpfe Ihrer eigenen Ein⸗ bildungskraft hervorbrachten.“ „Ein ſehr hübſches Bild,“ antwortete ich. „Aber was Liebe betrifft, wenn wir nicht gerade da⸗ — 115— von geſprochen haben, ſo haben wir doch ungeachtet aller Umſchreibungen daran gedacht.“ „Nicht im Geringſten,“ verſetzte ſie.„Wir ha⸗ ben von den entgegengeſetzteſten Dingen— von dem geraden Gegentheile der Liebe geſprochen und daran gedacht. Bewerbung und Ehe, wenn Sie wollen; aber was hat die Liebe damit zu thun, Vetter?“ Und ſie richtete ihre dunklen Augen mit einem Blicke der vollkommenſten Einfalt, die natürlich nur angenommen, aber ſehr gut angenommen war, auf mein Geſicht. Ich fühlte eine rachſüchtige Empfindung und es verlangte mich faſt zu verſuchen, ob ich der prah⸗ leriſchen kleinen Schönen nicht ein wenig von der Macht zeigen könne, über die ſie ſpottete, aber gerade jetzt kam Mr. Thornton näher und begann mit ſeiner ſchönen Verwandten über ihre Morgenträumereien am Fluſſe zu ſcherzen. „ Ich ſah Dich, Beſſy,“ ſagte er,„und wenn Mr. Howard mir begegnet wäre, würde ich ihn hinuntergeſchickt haben, um zu ſehen, ob er Deine Viſionen nicht unterbrechen könne.“ „Ich denke, es würde ihm gelungen ſein,“ ant⸗ wortete ſie,„denn er hat mich hier mit einem der trockenſten Gegenſtände von der Welt unterhalten.“ „ Von welcher Art, kleine Heuchlerin?“ fragte Mr. Thornton. 8* „Arithmetik,“ verſetzte ſie heiter.„Zum Bei⸗ ſpiel: wie viele Gänſerichköpfe nöthig ſind zu einem Gänſekopfe. Aber da kommt Mr. Hubbard langſam die Treppe herunter, und da iſt Mr. Alſigers Rücken am Ende des Ganges; darum wird es beſſer ſein, wenn ich hineingehe und nach dem Frühſtück ſehe, denn Lou wird in einer Stunde noch nicht unten ſein.“ Fort eilte ſie und warf ihren Sonnenſchirm auf einen Sut im Vorſaale. Mr. Thornton blieb ſtehen, verſank in eine Träumerei, die er mit den Worten ſchloß, indem er, wie bei ſich ſelber, ſagte: „Die Dichter haben Unrecht.“ Ich wußte natürlich nicht, was er meinte und ob dieſe wenigen Worte ſeinen und meinen Gedanken ihre Richtung gab oder nicht, kann ich nicht ſagen, aber beim Frühſtück verhandelten wir Dichter und Dichtkunſt. „Es iſt wunderbar,“ ſagte Mr. Thornton nach einigen anderen Bemerkungen über den Gegenſtand, „daß bei allen überreichlichen Kraften, die dieſes Land beſitzt und bei aller Phantaſie, die es auf andere Ge⸗ genſtände verwendet, wir noch keinen beſonders aus⸗ gezeichneten Dichter hervorgebracht haben.“ Ich wagte zu ſagen, daß ich es nicht für wun⸗ derbar halte, und natürlich verlangte man meine Gründe zu hören. — 117—. „Fürs Erſte,“ verſetzte ich,„habeg die Kräfte des Volkes andere Gegenſtände und dieſe ſind größ⸗ tentheils materiell. Fürs Zweite findet die Phantaſie andere Beſchäftigung.“ „Wie ſo? wie ſo?“ fragte Mr Hubbard. „In Predigten, Reden, Declamationen,“ ant⸗ wortete ich;„vielleicht könnte ich noch hinzuſetzen, Veranlaſſung zu finden, Etwas in der Handlung an⸗ derer Nationen auszuſetzen, und ohne es als eine Beleidigung anzunehmen, erlauben Sie mir zu ſagen, Mr. Alſiger, in religiöſen Uebungen, die vielleicht die Phantaſie mehr anregen, als den Geiſt be⸗ lehren.“ „Nur zu wahr!“ ſagte der gute Geiſtliche mit einem Seufzer. „Ferner geht die Poeſie gewöhnlich aus der Muße hervor,“ fuhr ich fort.„Nun ſcheint mir aber keine Muße in Amerika vorhanden zu ſein, und—“ „Entſchuldigen Sie,“ fiel Mr. Thornton lachend ein;„wir haben ſehr viel Muße in Virginien, wenn wir nur wüßten, was wir damit anfangen ſollten. Aber Sie waren im Begriff, noch etwas hinzuzufügen.“ „Ich wollte nur aus der Geſchichte bemerken, daß die Poeſie ſelten in Republiken blüht. Die Monarchien ſind ihr eigentlicher Boden. Es iſt eine Blume, die des Treibhauſes bedarf.“ — 118— „O! Setzerei! Ketzerei!“ rief Beſſy Davenport. „Wie ſollten ſo edle und begeiſternde Dinge, wie Freiheit und Unabhängigkeit, keine Macht haben, große Gedanken zu erwecken oder ſelbſt ſie in unſterb⸗ liche Verſe zu kleiden?“ „Ich bitte um Verzeihung, ſchöne Dame,“ ant⸗ wortete ich;„Freiheit und Unabhängigkeit, möchte ich behaupten, können eben ſo gut, ja noch beſſer in ei⸗ ner wohlgeordneten Monarchie, als in irgend einer Republik exiſtirn. Die Tyrannei der Menge— oder der Majorität, wenn Sie wollen— iſt immer ſchrecklicher, als die Perſon des Einzelnen— die Tyrannei der öffentlichen Meinung mächtiger, als die Herrſchaft einer Monarchie und wahrſcheinlicher im Irrthum. Aber das Alles liegt außer der Frage. Ich ſprach nur von einem hiſtoriſchen Factum. Mit einer Ausnahme hie und da, finden Sie keine ausge⸗ zeichnete Dichtern in Republiken, aber viele in Monarchien.“ „Ich habe die Sache nie überlegt,“ ſagte Mr. Hubbard;„aber wir wollen ſie prüfen. Mein liever Herr, um mit dem Anfange zu beginnen, wollen wir zuerſt Homer nehmen. Freilich lebte er unter ei⸗ nem ganzen Heer von Königen, wenn man den Er⸗ zählungen über ihn Glauben ſchenken darf; aber was ſagen Sie von der ganzen Reihe von Dichtern in Athen?“ — 149— „Daß ſie unter Archonten lebten, die mit den Königen gleichbedentend waren,“ antwortete ich;„und dann Pindar! Er konnte nicht einmal jenen Republi⸗ kanismus ertragen, ſondern floh an den Hof eines Tyrannen. Virgil, Horaz— kurz jeder große rö⸗ miſche Dichter blühte zur Zeit der Kaiſer. In Eng⸗ land lebten und ſchrieben Gower, Chaucer, Shakſpeare unter Monarchen, und es ſcheint mir ſogar, je größer der Despotismus, deſto größer der Dichter.“ „Aber Milton! Milton!“ rief Mr. Alſiger;„er war ein Republikaner im Herzen und Geiſte.“ „Aber er ſchrieb nie eine Zeile Poeſie unter dem langen Parlament oder wenigſtens ſehr wenig. Er ſchrieb nicht viel unter der Tyrannei Cromwells, und alle ſeine beſten Compoſitionen datiren ſich von der Regierung des erſten oder zweiten Karl.“ „Aber Dante,“ ſagte Mr. Thornton;„ich kann freilich über ſeine Verdienſte nicht mit Ihnen verhan⸗ deln, denn ich habe Alles Italieniſche, was ich wußte, ſeit dreißig Jahren faſt vergeſſen. Er lebte indeſſen in einer Republik.“ „Er iſt eine Ausnahme,“ verſetzte ich;„obgleich ich die Conſtitution von Florenz zu jener Zeit kaum als eine republikaniſche Regierungsform betrachten kann. Es war vielmehr eine Oligarchie, und ſelbſt damals ſchwebten die Schatten eines Papſtes und ei⸗ nes Kaiſers darüber. Aber Arioſto, Taſſo, Boccaccio — 120— und alle übrigen italieniſchen Dichter waren die blo⸗ ßen Kreaturen des Hofes. Daſſelbe iſt mit Frankreich der Fall, obgleich es im Ganzen nur zwei Dichter hatte, und daſſelbe mit Deutſchland.“ „Möchte es ſein,“ fragte Mr. Hubbard,„weil Monarchien bis jetzt viel häufiger geweſen ſind, als Republiken?“ „Vielleicht,“ antwortete ich;„dennoch iſt es ſehr ſeltſam, daß wir keinen Dichter von Auszeichnung finden, der aus einer reinen Republik hervorgegangen. Wo iſt der ſchweizeriſche Dichter? Obgleich das Land, die Geſchichte, das Klima und die Naturerſcheinungen es für Poeſie völlig geeignet zu machen ſcheinen?“ Beſſy Davenport ſprang vom Tiſche auf, ſchüt⸗ telte lachend ihren Kopf gegen mich und ſagte:„Sie ſind ärger, als ein Abſchaffer der Sclaverei; und wenn Sie ſolche Grundſätze predigen, wollen wir Sie wegen Hochverraths vor Gericht ziehen.“ Sobald ſie fort war und Mr. Alſiger ſich auf ſeinem Pony entfernt hatte, der bald darauf vorge⸗ führt wurde, hielten Mr. Hubbard, Mr. Thornton und ich eine geheime Sitzung und beriethen, was zu⸗ nächſt zu thun ſei. „Ich denke,“ ſagte mein Wirth,„das Beſte, was wir thun können, ehe der Tag zu heiß wird, iſt, nach Beavors hinüber zu reiten, die Pflanzung und das Haus anzuſehen, welches gerade jetzt leer — 121— iſt, in dem kleinen Gaſthauſe des nahen Dorfes zu Mittag zu ſpeiſen und am Abend, wenn wir zurück⸗ kehren, in dem Hauſe meines würdigen und geachte⸗ ten Vetters einzukehren, um ihm zu zeigen, daß wir ein Auge auf ihn und auf ſeine Handlungen haben. Ich denke, einige von den Mädchen werden uns zu Pferde begleiten, und ihre Gegenwart wird machen, daß der Beſuch des alten Ortes weniger förmlich und geſchäftsmäßig ausſieht. Es ſind auch auf dem Wege einige ſehenswerthe Gegenſtände und wir können eben ſo gut den Tag auf dieſe, wie auf eine andere Weiſe hinbringen.“ „Du wirſt kein Mittagseſſen dort finden, welches Du eſſen kannſt,“ ſagte Mr. Hubbard. „Ueberlaß das mir— überlaß das mir,“ ent⸗ gegnete Mr. Thornton mit dem Kopfe nickend.„Ich will für Dich ſorgen; und wenn Dir der weite Ritt nicht gefällt, kannſt Du im Wagen kommen.“ „Vielleicht wird es beſſer ſein,“ ſagte Mr. Hubbard,„und ich denke, es wird auch eben ſo gut ſein, wenn ich bei Dir bin, im Fall Du geſetzlichen Rathes bedürfen ſollteſt.“ So wurde es bald angeordnet, und während dr. Thornton ging, um Pferde und Wagen und an⸗ ßerdem noch viele andere Dinge zu beſorgen, ging ich auf mein Zimmer, um meine Kleider zu wechſeln und meinem guten Freunde Zed einen derben Ver⸗ — 122— weis zu ertheilen, daß er meine Angelegenheiten in einem fremden Hauſe ausplaudere. Ich hätte es eben ſo gut unterlaſſen können; denn obgleich er alles Mögliche verſprach und angelobte, und mir grinſend die Verſicherung gab, er habe keine Idee davon ge⸗ habt, daß das, was er geſagt, irgend einen Schaden anrichten könne, ſo habe ich doch ſeitdem gefunden, daß die Neigung zum Plaudern zu ſtark in einem Neger iſt, um durch Gründe oder durch Furcht gezü⸗ gelt zu werden. In der That bin ich geneigt zu glauben, daß ſie mit der Erbſünde verwandt iſt; denn hätte Eva nicht mit der Schlange geplaudert, ſo wäre ſie gewiß nicht ſo thöricht geweſen, wie ſie ſich ſpäter gezeigt. Siebentes Kapitel. Als ich von meinem Zimmer herunterkam, fand ich Mr. Thornton und Miß Darvenport bereits im Reitcoſtim und Mr. Byles bereitete ſich vor, uns zu begleiten, und Mrs. Thornton und Mr. Hubbard machten aus, daß ſie mit einander in dem Wagen hin⸗ überfahren wollten, während vor der Thür ſich eine Anzahl Pferde verſchiedener Art befand, wovon einige für Damen, andere für Männer geſattelt waren. Hin⸗ ter dem Zuge folgte ein großer, geräumiger Wagen von ſehr bequemer, aber altmodiſcher Form, auf wel⸗ chem mehrere Diener von verſchiedenen Farben jene Körbe und Packete ſtellten, vermöge welcher Mr. Thorn⸗ ton nicht zweifelte, ein gutes Mittageſſen herzuſtellen, wo wir auch anhalten möchten. Nachdem die Herren die Damen auf ihre Sättel gehoben hatten, beſtiegen ſie auch ihre Pferde und fort — 124— ging es in vollem Galopp, als wäre ein Fuchs vor uns geweſen, über die kleine Brücke und den Weg hin⸗ auf der Landſtraße zu. So lange wir Gras unter unſere Füße hatten, ging das ſehr gut, als wir aber auf die Landſtraße kamen, nöthigte uns der Staub bald, weniger ſchnell zu reiten. Die Geſellſchaft nahm ihre natürliche Anordnung an: Mr. Byles ritt neben Miß Thornton, ich begleitete ihre ſchöne Couſine und Mr. Thornton ſelber blieb zurück, um ſeinem älteſten Sohne einige Anweiſungen zu geben, der uns auf einem ſchönen, dunkelbraunen Pony bggleitete, der bei⸗ läufig die unangenehme Gewohnheit hatte, mit ſeinen Hufen gegen Alles auszuſchlagen, was hinter ihm war, und er daher beſſer am Ende des Zuges blieb. Unterwegs war Miß Davenport ſo heiter, wie eine Lerche und ſuchte mich mit dem leichten Geplau⸗ der, womit wir den Tag begonnen hatten, den Weg über nach Herzensluſt zu necken. Ich fand, daß ſie außerordentlich gut beleſen war, beſonders in der neuen Geſchichte und ſie bemühte ſich viele der Handlungen und Thaten von Altengland auf ſolche Weiſe zu ver⸗ drehen, daß ich mich mehr als einmal zu einer leb⸗ haften Vertheidigung aufgefordert fühlte; und dann lachte ſie, bis ihr Thränen in die Augen traten, und erklärte, die Engländer könnten es nie leiden, wenn ein Wort gegen ihr Vaterland ausgeſprochen würde. ——.——— ——ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—:———— — 425— Am Ende wäre ich durchaus nicht gewiß, ob ich ſie nicht tödtlich haſſe. Im Ganzen aber war es mir nicht leid zu hören, was die Amerikaner über viele unſerer Handlungen dächten, und ich zweifelte nicht im Geringſten, daß Miß Davenport's Anſichten nur der Reflex von Denen wären, die allgemein gehegt würden. Ohne Zweifel lag viel Vorurtheil darin; viele von ihren ange⸗ führten Thatſachen waren unrichtig, viele von den Folgerungen ungenau, und faſt immer waren die Be⸗ weggründe, ich kann wohl ſagen, lächerlich verdreht. Abſichten und Zwecke, die nie einem Briten von Land's End bis John O'Groat's Houſe in den Kopf gekom⸗ men, wurden der ganzen Nation ſo kalt und beſtimmt zugeſchrieben, als wenn es bewieſene Gewißheiten ge⸗ weſen wären. Ihre freien Bemerkungen gewährten mir eine Einſicht in die Gefühle, womit ein großer Theil des amerikaniſchen Volks meine Landsleute be⸗ trachtet, und die uns in der gewöhnlichen Geſellſchaft aus Höflichkeit vorenthalten wären. Die Gegend, durch die wir kamen, war flach und einförmig, und der Wald ſchloß im Allgemeinen alle Fernſichten aus. Nichts von beſonderem Intereſſe fiel mir unter⸗ wegs auf, außer der Fülle der Verſchiedenheit und Schönheit der wilden Blumen, die noch blühten und von Zeit zu Zeit köſtliche Gerüche ans den Wäldern herſendeten, durch die wir kamen. Vögel von präch⸗ tigem Gefieder flatterten auch unter den Bäumen; aber ol wie verlangte es mich nach den ergötzlichen Frühlingstönen Englands— nach der Stimme der Droſſel, der Lerche und der Nachtigall. Ich hätte alle die bunten Federn der Vögel, die ich hier ſah, um einen einzigen Geſang des Rothkehlchens gegeben. Da war freilich ein Vogel, welcher von Zeit zu Zeit ei⸗ nige einzelne Töne hervorſtieß, als hätte er gern ge⸗ ſungen, wenn er nur gewußt hätte, wie, und Miß Davenport rühmte ſeine Stimme, als wäre es eine Nachtigall geweſen. „Sie nennen doch das nicht ſingen?“ ſagte ich; und als ich ihr einen Begriff von der Muſik unſerer Wälder beizubringen ſuchte, erklärte ſie, das wäre Alles Vorurtheil, und ich ſei entſchloſſen, an Nichts in Ame⸗ rika Gefallen zu finden. Ich hatte indeſſen eine Rech⸗ nung mit ihr abzuſchließen, und wollte keine Gelegen⸗ heit verlieren. Bald darauf flog ein kleiner Vogel von ziemlich hübſcher Geſtalt von einem Baumzweige zum anderen, und miante dabei wie eine Katze, und ich fragte ſie ruhig, ob das auch ein Singvogel wäre. „Pah!“ rief ſie, und diesmal getroffen, ſchlug ſie ihr Pferd mit der Peitſche und galoppirte auf das Thor zu, wo die Beiden, die uns vorangeritten, be⸗ reits angekommen waren. „Ruhig und verſtändig, Beſſy!“ rief Mr. Thorn⸗ ton aus dem Hintergrunde.„Reite nicht wie wahn⸗ ſinnig davon.“ „So ruhig, wie ich kann,“ verſetzte Miß Daven⸗ port lachend;„aber dieſer Mann ärgert mich— er iſt ein eingefleiſchter Engländer.“ „Gott ſei Dank!“ rief ich, indem ich weiter ritt. „Für was?“ fragte das heitere Mädchen, halb lachend, halb ſchmollend. „Zuerſt, weil ich ein eingefleiſchter Engländer bin,“ verſetzte ich;„und zweitens, weil ich Sie geär⸗ gert habe. Es iſt gerade, was ich wünſchte; denn um die Wahrheit zu ſagen, Miß Davenport, dachte ich, es wäre hohe Zeit, daß ich auch damit an die Reihe käme.“ „Dann werde ich mit Ihnen trotzen,“ ſagte ſie; und kein Wort ſprach ſie weiter, bis wir an Scheu⸗ nen, Ställen und verſchiedenen anderen Nebengebäuden, deren Nutzen und Zweck ich nicht beſchreiben will, vor⸗ überkamen und zu der Thür eines großen, viereckigen Hauſes von rothen Ziegelſteinen gelangten, welches in vieler Hinſicht dem des Mr. Thornton glich. Ehe man klingeln konnte, erſchien ein zierlich ausſehendes, ſchwarzes Frauenzimmer und ſagte uns, die Familie — das heißt die, welche die Pflanzung gepachtet hatte — befinde ſich in Richmond; aber als wir unſern Zweck erklärt hatten, bat ſie uns ſehr höflich, einzu⸗ treten, und ſagte, es ſtehe uns völlig frei, das Haus und die Umgebung anzuſehen, ſo lange wir wollten. „Ich werde mit Harry hier warten, bis der Wa⸗ gen kommt,“ ſagte Mr. Thornton,„aber Ihr Uebrigen könnt hineingehen und Euch umſehen. Zeige ihm die Portraits in dem Speiſezimmer, Beſſy.“ Miß Davenport gab keine Antwort, aber Louiſe Thornton und ihr Anbeter waren bereits eingetreten, und während ſie hinter ihnen herging, folgte ich ihr faſt mechaniſch. Mr. Byles manöpvrirte wie ein Ge⸗ neral und führte ſeine ſchöne Begleiterin gerade nach der entgegengeſetzten Richtung, in welcher wir gingen; aber Miß Davenport gehorchte dem Befehle ihres On⸗ kels und ging geradewegs zu dem Speiſezimmer, in welches wir durch die dritte Thür zur Linken eintra⸗ ten. Sie ſagte Nichts, ſah aber ganz ernſt aus, wäh⸗ rend ich die geſchloſſenen Fenſterladen öffnete und das Tageslicht hereinließ. Es ſchien mir, als wolle ſie im Ernſt ihre trotzige Laune beibehalten, und vom Fenſter zurückkehrend, ſtreckte ich ihr die Hand hin und ſagte: „Laſſen Sie uns Frieden ſchließen.“ Sie ſtutzte, reichte mir aber die Hand und ant⸗ wortete: „Ich glaube, Sie irren, Vetter. Sie können doch nicht glauben, daß ich ſo thöricht bin, Scherz in Ernſt zu verwandeln— wenigſtens hoffe ich es nicht. Aber ich kann hier nicht heiter ſein. Dieſer Ort iſt voll Erinnerungen für mich. Ich brachte den ganzen früheren Theil meines Lebens hier unter der Fürſorge jener lieben und weiſen alten Dame zu.“ Und ſie deutete mit der Hand auf eins von zwei Bildern, die über dem großen Kamingeſimms hingen. „Es ſind freilich ſehr glückliche Erinnerungen,“ fuhr ſie fort;„doch, mein lieber Vetter, fällt es mir auf, daß die Erinnerung die Wirkung des Mond⸗ lichts hat, welches die rauheren Gegenſtände des Lebens mildert und die heiteren traurig macht.“ Jetzt ſprach Miß Davenport's Herz. Ich hatte den Schlüſſel und verlor ihn nicht wieder. „Es iſt ſehr wahr,“ antwortete ich ernſt.„Auch meine früheren Jahre waren ſehr glückliche. Ich liebe die Orte, wo ich ſie verlebte. Ich verweile gern bei dieſen Erinnerungen; aber es geſchieht mit einem trau⸗ rigen Vergnügen. Der Mann mit ſeinem eifrigen Streben nach Gegenſtänden verliert nie gern Etwas, was er einmal beſeſſen; und oft, wenn ich mit meiner Schweſter in der alten Halle am Kamin ſitze, ver⸗ ſinken wir in Träumereien und wünſchen Beide denen Leben und menſchliche Kräfte wiederzugeben, die einſt dort mit uns ſaßen, und Weſen und Wirklichkeit den Geſpenſtern der Erinnerung. Aber in der That wußte ich nicht, daß dies Ihre frühere Heimath geweſen; Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 9 — 130— ſonſt, glaube ich, würde ich nicht zugegeben haben, daß Sie mit uns hierher gekommen wären.“ „O, ja,“ antwortete ſie,„ich bringe hier gern lange Stunden zu. Meine Mutter ſtarb, als ich vier Jahre alt war; mein Vater ſtarb vor ihr. Es fand ein Streit über mein Vermögen ſtatt; mein Vetter, Robert, ließ es ſich ſehr angelegen ſein, mich um Alles zu betrügen, und dies wurde während meiner frühen Jugend für meine beſte Heimath gehalten. Eine glück⸗ lichere Heimath hätte es nicht ſein können; denn die liebe Tante Beb wollte mich nie in die Schule ſchi⸗ cken und unterrichtete mich faſt in Allem ſelber, worin ſie unterrichten konnte, und ſagte, ſie wäre entſchloſſen, eine engliſche Dame aus mir zu machen. Sie wiſſen, das iſt unmöglich,“ fügte ſie mit ihrem heiteren Lächeln hinzu,„das Rebellenblut iſt dazu zu ſtark in mir.“ „Und wer iſt jener Herr?“ fragte ich, auf das andere Bild deutend, welches über dem Kamin hing, und welches einen hübſchen alten Herrn in blauer Uni⸗ form darſtellte. „Ol das iſt Oberſt Thornton,“ verſetzte ſie.„Beide ſind ſchöne Portraits, das eine von Copley, das an⸗ dere von Stuart. Aber da iſt noch ein drittes von einem engliſchen Künſtler, ich weiß nicht von wem, welches Sie anſehen müſſen.“ Und ſie wendete ſich zu der entgegengeſetzten Wand. — 131— Dort erblickte ich zu meiner Ueberraſchung eine vollkommene und meiſterhafte Copie von dem Portrait meines eigenen Vaters, welches in unſerer Halle hängt. Als ich es erblickte, bemerkte ich, wie Miß Daven⸗ port's Augen ſich von dem Bilde zu meinem Geſichte wendeten, und im nächſten Augenblick ſagte ſie: „Bedurfte ich weiter etwas, als dieſes Bild, Sir Richard, um mir zu ſagen, wer Sie ſind?“ Ich fühlte wie meine Augen ſich mit Thränen füllten, als ich hier, in einem fremden Lande, die Züge ſchaute, die ich in meiner eigenen Heimath ſo oft be⸗ trachtet hatte, und mich erinnerte, daß jenes Bild ein Unterpfand der zärtlichen Neigung zwiſchen Bruder und Schweſter war, die bis an's Ende des Lebens ausge⸗ dauert hatte. Ich nahm ruhig Miß Davenport's Arm und entfernte mich mit ihr aus dem Zimmer. Sie ſchwieg einige Minuten, ſchien aber unbewußt die Treppe hinaufzugehen, wo wir die Stimmen der Miß Thornton und des Mr. Byles, anſcheinend in ſehr heiterer Unterredung, hören konnten. Auf dem erſten Treppenabſatze blieb ſie aber ſtehen und ſagte: „So haben Sie alſo eine Schweſter? Es iſt mir ſehr lieb. Eine Schweſter zu haben cultivirt und mildert den Charakter eines Mannes und gibt ihm et⸗ was außer ihm ſelber zu bedenken.“ „Ich habe freilich eine ſehr liebe und eine ſehr ſchöne Schweſter,“ verſetzte ich.„Aber denken Sie 9* 1 nicht, Miß Davenport, daß es eben ſo wohlthätig für einen Mann ſein könnte, eine Frau, wie eine Schwe⸗ ſter zu haben?“ 3 „Ah!“ rief ſie wieder mit ihrem heiteren Lächeln aufblickend,„Sie ſind alſo verheirathet, Sir Richard?“ „Nein,“ antwortete ich,„ich bin nicht ſo glück⸗ lich. Aber bitte, beantworten Sie meine Frage?“ „Und iſt ihre Schweſter verheirathet?“ fragte ſie. „Nein,“ verſetzte ich;„aber ſie iſt ſechs Jahre jünger, als ich. Und nun beantworten Sie meine Frage, ſo wie ich die Ihre beantwortet habe.“ „Nein, nein,“ entgegnete ſie,„nicht jetzt. Meine Antwort würde eine unverſchämte ſein und eine ſolche kann ich hier nicht ertheilen.“ „Nun, vielleicht werde ich Gelegenheit haben, ſie anderswo zu wiederholen,“ ſagte ich lachend. Welche Bedeutung ſie meinen Worten beilegte, kann ich nicht wiſſen, aber ſie entzog mir ſchnell ihren Arm und lief die andern Stufen hinauf. Als wir oben ankamen, hörten wir durch's Fen⸗ ſter am Ende des langen Ganges, den wir jetzt er⸗ reicht hatten, das Geräuſch von Wagenrädern unten, und hinausblickend ſahen wir Mr. Hubbard, welcher Mrs. Thornton aus dem Wagen führte, während Mr. Thornton ſeinen Dienern verſchiedene Anweiſungen ertheilte. — 133— „Ich fürchte, dieſe Reiſe wird meine Tante krank machen,“ ſagte Miß Davenport, die offenbar die Un⸗ terredung zu verändern wünſchte.„Sie iſt bei ſehr de⸗ licater Geſundheit. Fällt es Ihnen nicht auf, Sir Richard, daß die amerikaniſchen Damen, im Vergleich zu den Engländerinnen, ſehr ſchwache Geſchöpfe ſind? Ich muß mit mir eine Ausnahme machen, denn Tante Beb veranlaßte mich, täglich fünf bis ſechs Meilen zu gehen, zu reiten oder mir während meiner halben Zeit irgend eine anſtrengende Bewegung zu machen. In jeder anderen Hinſicht war ich ein völlig verzogenes Kind; aber hierin war ſie völlig unerbittlich und ich habe jetzt den Vortheil davon.“ „Ich habe freilich bemerkt,“ ſagte ich,„daß die Damen dieſes Landes nicht ſo ſtark ſind, wie die in Europa; aber ich kann nicht umhin zu denken, daß das Klima einen nachtheiligen Einfluß äußert.“ „Nicht den geringſten!“ rief ſie;„das iſt gewiß wieder eins von Ihren Vorurtheilen. Wir werden ſchwach und zart, weil wir uns keine Bewegung ma⸗ chen und durchaus auf künſtliche Weiſe leben. Im Süden iſt es viel ſchlimmer, als im Norden, weil hier bei der Menge von Dienern, die wir haben, ein Mädchen kaum ihre Hände und Füße gebrauchen lernt. Die einzige Zeit, die erſten anzuwenden, iſt auf einem Ball und die zweiten, wenn ſie auf dem Pianoforte ſpielt. Sie ſteht am Morgen auf, ſetzt ſich auf einen Lehnſeſſel nieder und ſagt:„„Julie, bringe mir meine Pantoffeln; Suſanna, kämme mir das Haar aus!““ Und ſo geht es den ganzen Tag fort. Das Klima hat Nichts damit zu thun. Es iſt Mangel an friſcher Luft und an gehöriger Bewegung, die unregelmäßigen Stunden und all' dergleichen.— Wir ſind hier oben, Onkel,“ fuhr ſie mit Mr. Thornton redend fort, wel⸗ cher rief, um zu hören, wo wir wären; und im näch⸗ ſten Augenblick war die ganze Geſellſchaft wieder ver⸗ ſammelt. Dann gingen wir durch das Haus, beſuchten die Ställe und Nebengebäude und machten einen Gang durch die Reihen der Negerhütten, die in geringer Ent⸗ fernung hinter dem Hauſe lagen. Die Lage, die Lebensweiſe und Behandlung der Negerbevölkerung auf dem Lande waren natürlich Ge⸗ genſtände von großem Intereſſe für mich; und da dies die erſten ländlichen Selaven waren, die ich ge⸗ ſehen, ſo that ich viel Fragen, woran Mr. Thornton Theil nahm. Alle dieſe Leute ſchienen glücklich und zufrie⸗ den zu ſein— wenigſtens bemerkte man Nichts, was das Gegentheil andeutete; doch in einem oder zwei Fällen— beſonders unter den jüngeren Männern— glaubte ich eine gewiſſe Zurückhaltung und Schweig⸗ ſamkeit zu bemerken, als verhindere ſie die Furcht, ſich kühn auszuſprechen. Ich lenkte Mr. Thornton's Aufmerkſamkeit auf dieſe Thatſache, als wir uns wieder zum Hauſe wen⸗ deten, und er entgegnete: „Es iſt ſehr leicht möglich, daß dies der Fall iſt, beſonders hier. Die Familie, welche die Pflan⸗ zung gepachtet hat, iſt nicht aus Virginien, wie ich Ihnen kaum erſt ſagen darf; denn es iſt ein kaum bekannter Fall in Virginien, daß ein Herr eine an⸗ dere Pflanzung pachtet. Mr. Stringer iſt ein Mann aus dem Norden, der eine Beſitzung in der Nähe ge⸗ kauft hat, die er in Ordnung bringt, und worauf er ein Haus im modernen Styl erbaut. Er iſt nicht lange genug im Süden geweſen, um unſere Art und Weiſe zu kennen, und man ſagt, ſeine Neger werden ſehr hart behandelt, was häufig der Fall iſt, wenn Leute aus dem Norden zuerſt hierher kommen. Das allgemeine Vorurtheil iſt, daß ſie die härteſten Herren ſind; aber ich glaube, die Urſache, weshalb ſie zu viel verlangen, iſt, weil ſie den Charakter des Ne⸗ gers und ſeine Fähigkeiten nicht kennen— daß ſie mehr von ihnen erwarten, als er phyſiſch oder geiſtig leiſten kann. Wie können ſie auch alle die Eigen⸗ thümlichkeiten dieſer armen Leute ſo gut wie wir ken⸗ nen, die wir unter ihnen auferzogen ſind, mit ihnen in unſerer Kindheit geſpielt haben und mit ihnen vom Jünglinge zum Manne herangewachſen ſind? Das beſte Mittel, ſich ein richtiges Urtheil über dieſe Ge⸗ genſtände zu bilden, wird ſein, wenn Sie früh Mor⸗ gens ausgehen und allein einen Gang über meine Pflanzung oder irgend eine in dieſer Gegend machen, mit den Leuten auf dem Felde, oder in den Hütten reden und ihnen ſagen, daß Sie ein Engländer ſind, der etwas von ihnen zu wiſſen wünſcht. Ich glaube, kein Mann unter uns hat irgend etwas zu verbergen, Mr. Howard; und vielleicht können Sie ſich ſelber überzeugen, daß viele ungerechte Vorurtheile über die Lage der Neger erregt worden ſind.“ „Aber immer kann ich nicht umhin zu glauben, Mr. Thornton, daß dieſe Selaverei ein ſehr großes Uebel iſt,“ verſetzte ich. „Vielleicht,“ ſagte er gedankenvoll;„doch exiſtirt es eben. Wir haben es nicht gemacht und ich kann nicht einſehen, wie ich demſelben entgehen ſollte, ent⸗ weder zum Vortheil der armen Leute ſelber, mit Si⸗ cherheit für den Staat oder Gerechtigkeit für den Be⸗ ſitzer. Ich könnte dieſe Frage eine lange Weile mit Ihnen verhandeln und werde es auch vielleicht einſt thun. Mittlerweile unterſuchen und urtheilen Sie ſelber, und wir können dann offener davon reden. Aber verlaſſen Sie ſich darauf, es iſt ein Gegenſtand, der mehrere Seiten hat, und kein Mann, der ihn nicht von allen Seiten betrachtet hat iſt fähig, ein Urtheil darüber abzugeben. Abſtracte Anſichten haben ſehr wenig Gewicht bei ſo verwickelten Thatſachen.“ — 137— Ich wußte, daß viel Wahrheit in dem lag, was er ſagte. Ein ſolches Inſtitut, welches mehrere Jahr⸗ hunderte gedauert und in der That mit einem Staate aufgewachſen iſt und mit demſelben Stärke gewonnen hat, muß ſeine Wurzeln ſehr tief geſchlagen haben— zu tief in der That, als daß ein weißer Mann ver⸗ ſuchen ſollte, ſie ohne große Vorſicht auszurotten. Mit den Leibeigenen in Europa war es in alten Zei⸗ ten ganz anders. Sie trugen kein äußeres Unter⸗ ſcheidungszeichen an ſich; ſie waren von demſelben Stamme, von denſelben Fähigkeiten, denſelben charak⸗ teriſtiſchen Merkmalen, wie ihre Herren. Dort war es die Knechtſchaft der Klaſſe, hier iſt es die Knecht⸗ ſchaft des Stammes, und die Unterſcheidung iſt eine ſehr wichtige. Dennoch war ich nicht überzeugt, daß Sclaverei irgendwo oder unter irgend welchen Um⸗ ſtänden exiſtiren ſollte. Aber um die Frage redlich zu behandeln, beſchloß ich, dem Rathe des Mr. Thornton zu folgen und ſie genau zu unterſuchen; und ich zweifelte nicht, daß ich eine eben ſo gute Ge⸗ legenheit haben würde, es zu thun, wie nur je ein Engländer gehabt haben würde— vielleicht eine noch beſſere. Als wir auf das Haus zugingen bemerkte ich, daß die Augen meines Wirthes und des Mr. Hubbard häufig auf den Himmel, beſonders nach Südweſten, gerichtet waren, und ich ſah in jener Richtung zwei 138 oder drei Linien bleifarbiger Wolken, die über die Bäume daherkamen. „Wir werden Regen bekommen,“ ſagte Mrs. Thornton;„wäre es nicht beſſer, den Wagen kom⸗ men zu laſſen und nach Hauſe zu fahren?“ „Wenn ein Ungewitter kommt, wird es Dich eher überfallen, als Du dorthin kommen kannſt,“ verſetzte ihr Gatte.„Da ſind ſchon einige Tropfen und das Ungewitter kommt. Nun ſo mag es kom⸗ men, wie Banquos Mörder ſagt. Wir können wäh⸗ rend ſeines Verlaufes hier zu Mittag ſpeiſen. Es wird nur ein Gewitter ſein. Hier, Harry, lauf' und ſage Dick und Jupiter, daß ſie alle Gegenſtände aus dem Wagen in das Speiſezimmer bringen. Wir wollen das Haus mit Sturm einnehmen; und fürs Erſte will ich gehen und die alte Jenny auffordern, ſich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Da die Garniſon nur klein iſt, ſo wird ſie wohl keinen ſtar⸗ ken Widerſtand leiſten.“ So redend, lief er ins Haus. Alle Uebrigen folgten und wir fanden Mr. Thornton und eine rü⸗ ſtige, alte Mulattenköchin oder Haushälterin im Speiſezimmer völlig einverſtanden über die Bedingun⸗ gen und beſchäftigt, mit vereinter Stärke die Tafel ſo weit auszuziehen, wie es für die Anzahl unſerer Ge⸗ ſellſchaft nöthig war. Nachdem die gute gelbe Frau ſich reſpectvoll gegen Mrs. Thornton geneigt hatte, — 139— küßte ſie zu meiner Ueberraſchung Beſſy Davenport mit Herzlichkeit; und wenn ich die Wahrheit geſtehen darf, lag etwas in der allgemeinen Liebe, die ſie ein⸗ zuflößen ſchien, wohin ſie kam, was mich ein wenig geneigt machte, mich auch in ſie zu verlieben, unge⸗ achtet der faſt kriegeriſchen Ausſichten, womit unſere Bekanntſchaft begonnen hatte. Achtes Kapitel. WAles, mit Ausnahme der Poeſie, iſt angenehm, wenn es improviſirt wird, und unſer Mittageſſen an dem Tage war ein Beiſpiel davon. In weniger als einer Viertelſtunde hatten wir vortrefflichen kalten Schinken, gebratenes Geflügel, Eier in verſchiedenen Formen der Zubereitung und mehrere Flaſchen guten Wein auf dem Tiſche. Fricaſſirte junge Hühner folg⸗ ten; und obgleich der Regen jetzt in Strömen herun⸗ tergoß, wie ich es noch nirgends, ſelbſt nicht in dem fernen Oſten, geſehen hatte— obgleich der Donner brüllte und der Blitz zuweilen in drei oder vier Strah⸗ len zugleich flammte, waren wir doch eine ſo heitere Geſellſchaft, wie ſich nur je um einen Tiſch verſam⸗ melte. Beſſy Davenport hatte ihre Heiterkeit wieder erlangt; Louiſe Thornton ſchien entſchloſſen, lauter zu lachen, als der Donner; Mr. Hubbard war voll hei⸗ terer Laune und ſprach nur von Zeit zu Zeit die Hoffnung aus, daß der Regen nicht lange anhalten werde, da er durchaus nach Hauſe müſſe ehe es dun⸗ kel werde; und ſelbſt Mrs. Thornton, obgleich ſie von Zeit zu Zeit die Hände vor ihre Augen hielt, wenn der Blitz ſehr lebhaft war, wünſchte ſich Glück, ein Haus über ihrem Kopfe zu haben während des Unge⸗ witters und empfand offenbar jenes wohlthätige Ge⸗ fühl, welches ſich uns am ſtärkſten aufdrängt, wenn wir deutlich die Gefahren oder Unbequemlichkeiten ſe⸗ hen, vor welchen wir zur Zeit geſchützt ſind. Nach und nach legte ſich der Donner, ſeine brüllende Stimme wurde ſchwächer, und folgte nicht mehr ſo ſchnell auf den Blitz; aber der Regen rauſchte noch herunter und machte ein lautes Geräuſch auf den Kieswegen vor dem Hauſe, als plötzlich der junge Harry Thornton auffuhr und rief: „Horch! ſie bringen den Wagen herbei, glaube i.4 „Unſinn!“ ſagte Mr. Thornton, ſeinen Sitz be⸗ hauptend.„Das kann nicht ſein, mein Sohn.“ Aber jetzt waren Harry und der kühne Billy By⸗ les an den Fenſtern und im nächſten Augenblick rief der Letztere, der bei der Ueberraſchung alle ſeine ſanf⸗ teren Redensarten vergaß: „Zum Henker! Da iſt Mr. Stringer mit ſeiner — 142— ganzen Familie, mit zwei Wagen, acht Pferden und einem Ochſengeſpann. Es ſollte mich nicht wundern, wenn dort unten an der Brücke eine Ueberſchwemmung ſtattfinde.“ Mr. Thornton wurde ein wenig beſchämt, daß man ihn überraſchte im Hauſe eines Andern, während ſeiner Abweſenheit zu ſchmaußen und zu zechen, und noch dazu in dem Hauſe eines Mannes aus dem Norden; doch er faßte ſich im Augenblick und ſagte:. „Behalten Sie Ihre Plätze, meine Damen und Herren, behalten Sie Ihre Plätze. Ich ſtehe dafür, daß Sie willkommen ſind, und wir haben mit unſe⸗ ren Erdbeeren und Sahne noch nicht begonnen.“ Seine Ermahnungen waren indeſſen vergebens für den größeren Theil der Gegenwärtigen; und als er fand, daß er keine Ordnung herſtellen konnte, ſtand er mit den Uebrigen auf; aber anſtatt die Landung des Mr. Stringer und ſeiner Familie aus dem Fenſter anzuſehen, ſuchte er einen Regenſchirm und ging die Stufen hinunter, um Mrs. Stringer aus dem Wagen zu holen. Was zwiſchen ihm und dem Herrn des Hauſes vorging, hörte ich nicht; aber ich ſah, wie der Letz⸗ tere lachte und ihm die Hand drückte. Im nächſten Augenblick kam er wieder herein und führte eine Da⸗ me von etwa dreiunddreißig Jahren an ſeinem Arme, — 143— die ſehr verſtört und erſchrocken ausſah; aber ich glaube es war mehr von den Wirkungen des Ungewitters, von dem ſie überfallen worden, als von der Scene, die ſich in ihrem eigenen Geſellſchaftszimmer dar⸗ ſtellte, und worauf ſie wahrſcheinlich vorbereitet wor⸗ den, während ſie von dem Wagen zum Hauſe ge⸗ gangen. Drei Knaben von ſieben bis zehn Jahren folgten dicht hinter ihrer Mutter, und endlich nach einer kur⸗ zen Pauſe erſchien Mr. Stringer, in welchem ich, da er jetzt ſeinen Hut abgenommen hatte, ſogleich einen Herrn erkannte, mit dem ich in New⸗York an der Mittagstafel zuſammengekommen war. „Jetzt iſt es zu Ende mit meinem Incognito!“ dachte ichz aber Mr. Stringers Aufmerkſamkeit wurde zuerſt der Mrs. Thornton und dann der Miß Daven⸗ vort gewidmet, die ein beſonderer Günſtling von ihm und ſeiner Frau zu ſein ſchien. Ehe er mich beach⸗ tete, hatte ich Zeit, einen ſeltſam ausſehenden Mann zu beachten, der Mr. Stringer begleitete. Er konnte nicht weniger als ſechs Fuß zwei Zoll meſſen, wäh⸗ rend ich glaube, daß die Entfernung von einer Schul⸗ ter bis zur andern nicht mehr als einen Fuß betrug. Seine ganze Geſtalt war ungefähr von gleicher Brei⸗ te, nur mußten ſeine Beine, man hätte ſie zuſammen packen mögen, wie man gewollt, ſtärker ſein, als ſein Körper. Seine Arme waren dünn und ſeine — 144— Hände lang und knochig; aber ſein Geſicht, obgleich außerordentlich häßlich und nicht verbeſſert durch das ſchlecht geſchnittene, lange, ſandfarbige Haar, welches ſeinen Kopf bedeckte, oder von der weißen Haut, die darüber ausgeſpannt war, hatte einen außerordent⸗ lich ſcharfſinnigen Ausdruck, vereint mit einem raſchen, lebhaften, grauen Auge, welches in einem Augenblick jede Perſon und jeden Gegenſtand im Zimmer über⸗ ſchaute. Die Kleidung dieſer Erſcheinung gehörte keiner beſonderen Mode an und hatte nichts Auffallendes in ihrer Form. Ich bemerkte nur, daß ſie ganz ſchwarz und nicht ſehr neu war, und daß das weiße Hals⸗ tuch, welches ſeinen Hals umſchlang und mit einer Schleife und zwei kleinen Faden, gleich den Ohren eines kleinen Ferkels, zugebunden war, wohl weißer und vielleicht reinlicher hätte ſein können. Während ich bei mir ſelber meine Betrachtungen über dieſen Herrn anſtellte, der noch in der Nähe der Thür ſtand, ohne ein Wort mit irgend Jemand zu wechſeln, richteten ſich Mr. Stringers Augen auf mich, und der erwartete Ausbruch geſchah. „ Ei, Sir Richard Conway!“ rief er,„dies iſt ein unerwartetes Vergnügen. Dennoch heiße ich Sie in Virginien und beſonders in meinem Hauſe will⸗ kommen. Meine Liebe, erlaube mir, Dir Sir Ri⸗ chard Conway vorzuſtellen.“ — 145— Während er mich der Mrs. Stringer vorſtellte, weiß ich nicht, welche Ausbrüche der Ueberraſchung und Verwunderung unter der übrigen Geſellſchaft vor⸗ gingen. Alles, was ich weiß, iſt, daß Beſſy Da⸗ venport herzlich lachte, da ſie ſich etwas darauf ein⸗ zubilden ſchien, daß ſie die einzige Perſon geweſen, die mein Geheimniß entdeckt hatte. Mrs. Stringer war beſonders höflich und herablaſſend, und ich glaube, wenn ich ein wirklicher, lebendiger Lord ge⸗ weſen wäre— ein Geſchöpf, welches ſich in dieſem Lande weniger häufig findet, als ein Mammuth oder Maſtodon— ſo hätte ſie nicht mehr erfreut ſein kön⸗ nen, mich in ihrem Hauſe zu finden. Mittlerweile ſtrömte der Regen noch immer her⸗ ab, ohne die geringſte Neigung zu zeigen aufzuhören, und die neu angekommene Geſellſchaft ertheilte uns einen ſchrecklichen Bericht von den Verwüſtungen, welche die Ueberſchwemmung angerichtet und welche, wie Mr. Byles vermuthet, die Brücke weggeriſſen hatte.. Der Wein auf dem Tiſche, die Erdbeeren mit Sahne und die Ueberbleibſel des Mittageſſens, womit wir bereits zu Ende waren, waren eine ſehr ange⸗ nehme Erfriſchung für Mr. Stringer und ſeine ver⸗ ſtörte Geſellſchaft, ſo daß unſer Eindringen eher eine Wohlthat für den würdigen Herrn zu nennen war, deſſen Brief, der ſeine nahe Ankunft ankündigte, ſich Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 1⁰ 8 verzögert zu haben ſchien, was in Virginien übrigens ſehr leicht iſt, bis der Schreiber deſſelben ihm den Vorſprung abgewonnen hatte. Mrs. Stringer beſchäftigte ſich eine Zeitlang leb⸗ haft mit wohlgelüfteten Betten und verſchiedenen häus⸗ lichen Anordnungen; dennoch machten wir es uns während der nächſten Stunde ſehr bequem, während wir warteten, daß der Regen vorübergehen ſollte. Da er indeſſen hartnäckig blieb, ſo ſtand Mr. Thornton auf, um ſeinen Rückweg anzutreten, und dann begannen von Seiten unſeres Wirthes ſehr dringende Bitten, die Nacht dazubleiben und Mrs. Stringer legte uns im Augenblick einen wohlausge⸗ dachten Plan vor, die ganze Geſellſchaft unterzubrin⸗ gen. Mr. Thornton erklärte indeß, er ſei genöthigt nach Hauſe zurückzukehren, ſeine Frau war gleich ent⸗ ſchloſſen, ſowie Alle die, welche im Wagen gekom⸗ men waren, während die, welche die Reiſe zu Pferde gemacht hatten, alle erklärten, ſie ſcheuten ein wenig Regen nicht. Unſer Wirth und unſere Wirthin waren beſon⸗ ders dringend in ihren Einladungen, daß wenigſtens Miß Davenport und ich dableiben ſollten, und Mrs. Stringer erinnerte Beſſy, daß ſie das Verſprechen ei⸗ nes langen Beſuches von ihr erhalten habe. Beſſy aber war entſchloſſen zu gehen und wir reiſten in der That an einem ſo unangenehmen Nachmittage ab, wie ich nur je erlebt habe. Es war indeſſen Gottes.5 Wille, daß wir nicht weit kommen ſollten. Vom Galoppiren war keine Rede, denn der Regen war in die Erde eingedrungen und die Hufe dn Pferde ſenk⸗ ten ſich bei jedem Schritte tief in den Moraſt. Mrs. Thornton beſtand darauf, ihre Tochter mit in den Wagen zu nehmen, und das Pferd von einem der Negerknaben leiten zu laſſen. Seiner Beuleiterin be⸗ raubt, ritt Billy Byles ſo raſch durch das Land, wie der Zuſtand der Felder es geſtattete, und Mr. Thorn⸗ ton mit ſeinem Sohne hielten ſich aus liebevoller Fürſorge in der Nähe der Kutſche, die mehr als ein⸗ mal in Gefahr war, umgeworfen zu werden; und endlich machte der Erſtere ſeiner Nichte den Vorſchlag, daß ſie und ich auf einem ſchmalen Wege, den er andeutete, und mit welchem ſie gut bekannt zu ſein ſchien, weiter reiten ſollten, um ſo ſchnell wie mög⸗ lich aus dem Regen zu kommen und einige Ochſen von der Pflanzung herbeizuſchicken, um den Wagen durch die Furth zu ziehen. Fort ging es alſo lachend und ſcherzend, denn Beſſys heitere Laune war vollkommen zurückgekehrt, und der Regen ſchien dieſelbe noch zu erhöhen; aber der Weg war außerordentlich ſchlecht, und unſer Fortſchritt daher nothwendigerweiſe langſam. Der Weg führte beſonders durch den Wald und hie und da fanden wir eine trocknere Stelle, wo wir traben 10* konnten; bis ich endlich, vermöge meiner alten topo⸗ graphiſchen Gewohnheiten, bemerkte, daß wir uns ei⸗ nem kleinen Fluſſe nähern müßten, über den wir am Morgen gekommen. Plötzlich ſahen wir denſelben vor uns. Beſſy hielt im Augenblick ihr Pferd an und gewiß war die Scene vor uns nicht in der Be⸗ ſchaffenheit, uns zu einem weiteren Vorrücken aufzu⸗ fordern. Die Ufer waren ſehr ſteil, und der Weg bis zum Rande des Waſſers ſchroff abſchüſſig. Jen⸗ ſeits floß der Bach, der vor wenigen Stunden noch ganz klar fortrollte und kaum Waſſer genug hatte, um den Pferden bis an die Feſſeln zu reichen. Jetzt aber rauſchte er zwiſchen ſeinen hohen Ufern wie ein aufgeregter, raſcher Strom dahin, und er mußte während dieſer wenigen Stunden um fünf oder ſechs Fuß geſtiegen ſein; und obgleich die Oberfläche wegen des Mangels von Felſen, oder von anderen Hinder⸗ niſſen jener Art, noch ziemlich eben war, ſo zeigte ſich doch hie und da ein Wirbel, welcher zeigte, mit wel⸗ cher Gewalt und Schnelligkeit er ſich fortbewegte. „Dies iſt nicht angenehm,“ ſagte Beſſy Daven⸗ port;„der Bach ſcheint entſchloſſen, unſern Weg zu verſperren, aber laſſen Sie es uns wenigſtens ver⸗ ſuchen.“ Und ſie begann zu dem Rande des Waſſers hinunterzureiten. „Es iſt Wahnſinn, es zu verſuchen!“ rief ich; — 149— „kein Pferd kann durch dieſen Strom ſchwimmen, Miß Davenport. Um des Himmelswillen, halt!“ Aber Beſſy konnte nicht mehr anhalten. Der Boden war von rothem Thon und jetzt von Regen ganz aufgeweicht; das Ufer war etwa dreißig Fuß hoch, und wie ich ſchon bemerkt habe, ſehr ſteil; und obgleich, als ſie verſuchte, ihn anzuhalten, ihr armer Pony einen Verſuch machte, ſtill zu ſtehen, indem er ſich auf die Hanken ſetzte, glitten doch ſeine Füße in dem Moraſte aus, und er wurde mit zuneh⸗ mender Schnelligkeit bis zum Rande des Waſſers hinuntergeführt. Da machte er noch einen heftigen Verſuch an⸗ zuhalten; aber es war mehr als vergebens. Ein Theil des Ufers wich unter ihm und er ſtürzte mit ſeiner Herrin in den Fluß hinunter. Es gibt Augenblicke, wo alles Nachdenken uns verläßt und wo der Inſtinct— ein viel beſſerer Füh⸗ rer— uns zu Hilfe kommt. Aber der Inſtinct hat keine Erinnerung und ich weiß nur an dem Erfolge, was ich gethan. Ich muß von meinem Pferde heruntergeſprungen, das ſteile und ſchlüpfrige Ufer hinuntergeeilt ſein, und mich ins Waſſer geſtürzt haben, ehe ich gewahr wurde, was ich that. Es war das Werk eines Augenblicks. Dennoch kam ich beinahe zu ſpät und es wäre auch der Fall geweſen, wenn nicht ein Zufall eingetreten wäre. Der Strom war ſo hoch geſtiegen, daß die Zweige der Bäume und Geſträuche ſich jetzt an vielen Stellen ins Waſſer tauchten, und an einem derſelben blieb Beſſy Davenports Reitkleid hängen und hielt ſie einige Augenblicke zurück, den Strom hinunterzutreiben. Jene kurze Unterbrechung war in⸗ deſſen lange genug; denn ſobald ich meine Augen über Waſſer bekam, ſah ich etwas in der Nähe des Ufers dahintreiben, was mehr einer Maſſe von Waſ⸗ ſergewächſen, als einem menſchlichen Weſen glich. Ich ſchwamm ſogleich auf den Gegenſtand zu, denn ich zweifelte nicht, was es war, und ich erinnere mich, in demſelben Augenblick ein wildes und durchdringen⸗ des Wiehern zu hören, als ihr Pferd den Kopf über den Strom erhob und an uns vorübergetrieben wurde.. Ich bin ein ſehr guter Schwimmer; die Fluth unterſtützte mich und mit drei Streichen war ich an der Seite des armen Mädchens. Im nächſten Au⸗ genblick unterſtützte ich ihren Kopf und ihre Schul⸗ tern mit meinem linken Arm; und obgleich ſie an⸗ fangs keine Anſtrengung machte, mich mit ihren Hän⸗ den zu ergreifen, ſo ſtand ſie doch mit bewunderns⸗ würdiger Selbſtbeherrſchung davon ab, ſobald ich ſprach, und es gelang mir, ſie ans Ufer zu bringen und einige von den Zweigen zu ergreifen. Die nächſten drei oder vier Minuten— denn ich weiß in der That nicht wie lange es war— waren ſchrecklich, und Alles glich einem entſetzlichen Traume. Der Baum, den ich angefaßt hatte, wich unter unſerer Laſt und rollte in den Strom; aber ich faßte einen anderen, als wir zurückſanken— eine lange, ſchlangenartige Ranke, die ſehr ſtark war— und dieſe hielt. Aber auf dem ſteilen und ſchlüpfri⸗ gen Ufer konnten wir nicht ſtehen und jedesmal, wenn ich hinaufzuſteigen mich bemühte, glitt ich wieder zurück. Ich war beinahe in Verzweiflung; aber die Ver⸗ zweiflung verleiht zuweilen Kraft und gibt uns Mittel und Wege an. Das Einzige war, die Ranke als ein Klettertau zu benutzen und mich daran hinaufzuziehen; aber die Schwierigkeit war, es mit einer Hand zu thun; denn mein linker Arm trug eine Laſt, die ich um mein Leben nicht hätte fahren laſſen. Indeſſen drückte ich meinen Fuß tief in das Ufer ein und diesmal gelang es mir, feſt zu ſtehen, doch wußte ich, wenn ich nur einen Augenblick die Ranke losließ, müßte ſie und ich in den Fluß zurückfallen. Einmal dachte ich ſchon, es wäre beſſer, wieder in den Fluß zu gehen und zu verſuchen, ob ich nicht ei⸗ nen leichteren Landungsplatz finden könne. Aber ehe ich dies that, wendete ich mich zu ihr und ſah ſie an. nhe Augen waren offen und auf mein Geſicht ge⸗ richtet.. „Können Sie nicht die Weinranke auf einen Au⸗ genblick feſthalten?“ ſagte ich;„nur auf einen einzi⸗ gen Augenblick, bis ich mit meiner Hand höher hin⸗ auffaſſe?“ „Ich will es verſuchen,“ antwortete ſie und er⸗ griff die Ranke mit beiden Händen. Mit einer ge⸗ waltſamen Anſtrengung reichte ich hinauf, und faßte die Ranke, die uns trug, zwei oder drei Fuß höher hinauf an, ohne Beſſy ſelber loszulaſſen, und dann zog ich ſie hinauf, bis ihre Füße völlig über dem Waſſer waren. „Wenn wir nur den alten Baum erreichen kön⸗ nen, um den dieſe Ranke ſich ſchlingt, ſo ſind Sie gerettet.“ Die Größe der Gefahr war jetzt freilich vorüber und bei unſeren beiderſeitigen Anſtrengungen erreichten wir endlich den alten Baumſtumpf, der noch feſt in dem Boden ſtand. Da ſetzte ich ſie mit dem Rücken gegen den Stamm nieder und fühlte mich völlig belohnt für meine ganze Tagesarbeit, als ich ihr naſſes Haar mit meinen eigenen Händen aus ihrer ſchönen Stirn ſtrich und es hinter ihre Ohren ſchlang. Beſſy ſchwieg, ließ aber ihren Kopf ſinken und weinte, und ich ſah, daß ſie ſchon ſchweigend ihren Dank darbrachte. Ich ließ ihr Zeit, ſich ein wenig zu faſſenz — 153— aber ſobald ſie wieder aufblickte, ſagte ich in heiterem Tone: „Und nun, meine liebe Beſſy, muß ich Sie nach Beavors zurücktragen. Dem Himmel ſei Dank, daß Sie leicht ſind und wahrſcheinlich werden uns nicht viele Leute begegnen, denn wir haben Beide un⸗ ſere Hüte verloren, und da wir eine beträchtliche Por⸗ tion Schmutz an unſeren Kleidern haben, ſo ſind wir nicht gerade das reſpectableſte Paar, welches je zu⸗ ſammen in der Welt reiſte.“ „Um des Himmelswillen, ſcherzen Sie jetzt nicht, Richard,“ antwortete ſie.„Ihr Männer könnt dies Alles nicht ſo fühlen, wie wir Frauen. Ich glaube, ich werde nicht wieder ſcherzen, wenn ich an die Gefahr denke, in die ich mich begeben und in die ich Sie mit verwickelt. Aber wo iſt Ihr Pferd? Mein armes Thier iſt natürlich ertrunken. Der arme Ned! es iſt mir ſehr leid um ihn; aber nach der Art, wie er fiel, muß er ertrunken ſein.“ „Es war ſehr glücklich für Sie, daß er nach jener Seite fiel, meine liebe Couſine,“ verſetzte ich, „ſonſt hätte er Sie wahrſcheinlich mit ſeinen Hufen geſchlagen und getödtet. Wo mein Pferd ſich befin⸗ det iſt eine andere Frage. Ich ließ es auf dem Ufer zurück; denn Sie hatten es ſo eilig, mein liebes Mäd⸗ chen, daß keine Zeit vorhanden war, es anzubinden, und ich hatte ſo ſchon Mühe genug, Sie zu erhaſchen.“ „Ich denke, das Pferd iſt nach Hauſe gegangen,“ verſetzte Beſſy;„aber bielleicht wäre es beſſer, nachzu⸗ ſehen.“ „Vorher muß ich Sie dieſen Weg hinauftragen,“ verſetzte ich. Aber anfangs wollte ſie nicht einwilli⸗ gen und ſagte, ſie könne ſehr gut hinaufklettern. Ihr Reitkleid hinderte ſie indeß bei jedem Schritte und endlich war ſie genöthigt, ſich von mir tragen zu laſ⸗ ſen, bis ich ſie ſicher in der Nähe der Stelle, wo unſer unglückliches Abenteuer begonnen hatte, nieder⸗ ſetzte. 5 Da ſtand das Pferd faſt noch an derſelben Stelle, wo ich es zurückgelaſſen hatte, wenn auch in einer ſehr verſchiedenen Stellung; ſein Kopf war niederge⸗ beugt, ſein Hals in gerader Linie gegen das Waſſer ausgeſtreckt und ſeine Augen lebhaft auf den Strom gerichtet, der roth und trübe vorüberrauſchte. Es ſchien, als wenn es mit dem ſeltſamen Inſtinet, der den Hund, das Pferd und den Elephanten charakteri⸗ ſirt, auf unſere Rückkehr wartete und lebhaft hinblickte, um zu ſehen, ob wir nicht auf demſelben Wege, auf dem wir uns entfernt, zurückkehren würden. „Jetzt können wir leichter zurückkehren,“ ſagte ich;„denn bei ihrer ländlichen Erziehung, denke ich, können Sie auf einem etwas ungewöhnlichen Sattel reiten, und ich will an Ihrer Seite gehen, um zu verhindern, daß Sie heruntergleiten.“ 3 „Ich könnte ganz ohne Sattel reiten,“ ſagte Beſ⸗ ſy lächelnd. Das Pferd war bald eingefangen, und ſie auf ſeinen Rücken geſetzt. Jetzt begannen die Wolken ſich zu zertheilen, und hie und da ſah man den Himmel durchſcheinen, und der Regen hatte faſt aufgehört. Ich hätte in⸗ deſſen gewünſcht, daß das Wetter nicht ſobald möchte ſchön geworden ſein, ja, daß es noch ein wenig ge⸗ regnet hätte, denn bei dem hellen Sonnenſchein, der bald hervorbrach, hatte unſer beſchmutztes und elendes Ausſehen etwas beſonders Disharmoniſches. Der Sonnenſchein ſchien zu machen, daß wir lächerlicher als je ausſahen. Aber wenigſtens hatte er eine gute Wirkung, denn er führte einige von den Negern auf die Felder hinaus, und wir hatten Gelegenheit, einige Geſpann Ochſen hinauszuſchicken, um Mr. Thornton und ſeiner Geſellſchaft über die Furth zu helfen, und ihm von dem, was uns begegnet war, Nachricht zu geben. Wir verbanden die Nachricht indeß mit der Verſicherung, daß Miß Dasvenport und ich gerettet und wohl wären, und daß wir nur trockener Kleider bedürften, um uns in den Stand zu ſetzen, die Nacht bequem in Beavors zuzubringen. Als wir jenen Ort erreichten, wollte es das Miß⸗ geſchick, daß die ganze Familie des Mr. Stringer, den großen, ſchwarzgekleideten Mann mit eingeſchloſſen, auf der Veranda ſtand und auf die von dem Regen erfriſchte Gegend hinausblickte. Sie ſtießen verſchiedene Ausrufe der Verwunderung und des Mitleids aus, als wir uns naß, mit Schmutz beſpritzt und ohne alle Kopfbedeckung darſtellten. „Ei, meine hübſche, junge Dame,“ rief Mr. Stringer, der ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken konnte,„ich kannte Sie kaum, als ich Sie zuerſt in dieſer widerwärtigen Lage ankommen ſah.“ „Es iſt ein großes Glück, daß Sie mich über⸗ haupt ſehen,“ verſetzte Beſſy;„denn wäre mein Vet⸗ ter hier nicht geweſen, der beinahe ſein Leben einbüßte, um das meine zu retten, ſo wäre ich jetzt ſchon zwan⸗ zig Meilen weit den Fluß hinuntergetrieben.“ „Kommnen Sie herein, kommen Sie herein, meine liebe Beſſy,“ ſagte Mrs. Stringer,„und ſtehen Sie nicht in ihren naſſen Kleidern da und plaudern. Sie können uns nachher Alles erzählen.“ Mit mütterlicher Fürſorge führte ſie ihre ſchöne junge Freundin ins Haus, während Mr. Stringer ſelber mich zu einem oberen Zimmer geleitete und mir ſeine eigene Garderobe anbot. Da er etwa fünf Zoll kleiner war, als ich, und wenigſtens zwei Zoll ſchmä⸗ ler in den Schultern, ſo war die Auswahl ein wenig ſchwierig. Es gelang mir indeß, einen weiten Mor⸗ genrock anzubringen, und mit einem glücklichen Ge⸗ danken, welcher unglücklicherweiſe vereitelt wurde, ſchickte Mr. Stringer einen Bedienten ab, um ein Paar Pantalons für mich von dem ehrwürdigen Mr. Mae Grubber zu borgen, denn dies war der Name ſeines ſchwarzgekleideten, hochgewachſenen Freundes. Im nächſten Augenblick kehrte der Neger mit einem Grinſen zurück, welches ſeine weißen Zähne von ei⸗ nem Ohr bis zum andern zeigte und ſagte: „Maſſa Mac Grubbers Compliment, aber er kann es nicht. Er hat nur ein Paar und das hat er an.“ Das Lachen, welches Mr. Stringer und ich hierauf anſtimmten, that mir ebenſo wohl, wie das Glas mit gewärmtem Wein, welches ich auf Anrathen meines Wirthes trinken mußte. Da es keinen ande⸗ ren Ausweg gab, ſo entſchloß ich mich, zu Bette zu gehen, bis meine Kleider getrocknet und gereinigt wä⸗ ren, oder bis ein anderer Anzug von der Pflanzung des Mr. Thornton herübergebracht werden konnte; und in Folge der Anſtrengung, des ſchwülen Wetters und des gewärmten Weins verſank ich bald, nachdem Mr. Stringer mich verlaſſen hatte, in einen feſten Schlummer und begann von Beſſy Davenport zu träumen. Neuntes Kapitel. Ich wurde aus einem der lieblichſten Träume von der Welt— obgleich ich dem Leſer, ungleich allen übrigen Romanſchreibern, denſelben nicht ganz mittheilen werde— dadurch erweckt, daß Jemand mit einem Licht in mein Zimmer trat. 1 Ich war nie in meinem Leben mehr erſtaunt. Es ſchien mir, als hätte ich noch keine zehn Minuten geſchlafen; und doch war die Sonne, die noch ein Paar Stunden am Himmel zu verweilen hatte, jetzt bereits zu Bette gegangen und draußen war Alles dunkel. Noch ein Zeugniß von meinem langen Schlafe, war das Geſicht meines guten, alten Freundes Zed, der mit einem Paar Reiſetaſchen über ſeinem Arme und einem Briefe von Mr. Thornton, grinſend hereinkam, und wodurch bewieſen wurde, daß unſere Freunde wohlbehalten zu Hauſe angekommen, unſere Botſchaft erhalten und uns trockene Kleider ſchickten, die bequem und rein waren. Mr. Thorntons Brief behandelte unſer Abenteuer leichter, als er wahrſchein⸗ lich gethan haben würde, wenn er den ganzen Um⸗ fang der Gefahr gekannt hätte; aber er empfahl mir dringend, Mr. Stringers Einladung, einen oder zwei Tage in ſeinem Hauſe zu bleiben, anzunehmen, denn er ſagte:. „Sie werden dem Schauplatze der Handlung viel näher ſein, und wenn ich nicht irre, wird die Sache eher zur Entſcheidung kommen, als wir erwar⸗ teten, durch die Entdeckung, daß Sie wirklich im Lande ſind. Ich werde morgen in der Frühe zu Ih⸗ nen hinüberkommen und wenn möglich Hubbard mit⸗ bringen. Wir können dann den Feldzug im wahrem Ernſt beginnen, wenn es nöthig ſein ſollte.“ Nachdem ich dieſen Brief geleſen und viele Aus⸗ rufungen, mit Gelächter gemiſcht, von dem alten Zed angehört hatte, begann ich mich ſo ſchnell wie mög⸗ lich anzukleiden und ging in das Beſuchzimmer hin⸗ unter, worin ich nur einen ſchwarzen Diener beſchäf⸗ tigt fand, die Tiſche und Stühle zu ordnen, die Mrs. Stringer bei ihrer Rückkehr nicht in gehöriger Ordnung gefunden hatte. Der Mann benachrichtigte mich indeſſen, daß ſein Herr und ſeine Dame ſich zur Mittagstafel ankleideten, was mir, um die Wahr⸗ — 160— heit zu ſagen, nicht leid zu hören war; denn obgleich ich ſchon ein gutes Mittagseſſen zu mir genommen hatte, war doch während der Zwiſchenzeit mein Appe⸗ tit wieder erneuert worden. Die erſte Perſon von der Geſellſchaft, die im Zimmer erſchien, war die ſchöne Theilnehmerin meiner Gefahren, aus deren äußerer Erſcheinung alle Spuren des an dem Tage erlittenen Unfalles verſchwunden waren, olgleich ſie vielleicht ein wenig bläſſer als gewöhnlich war. Sie reichte mir ſogleich ihre kleine Hand und ſagte: „Es iſt mir lieb, Sie allein zu finden, Sir Richard; denn ich habe in der That nicht Zeit ge⸗ habt, Ihnen zu danken, und ich fürchte, Sie müſſen mich für ſehr undankbar halten.“ „Ich werde Sie in der That dafür halten,“ antwortete ich,„wenn Sie mir wieder einen ſo for⸗ mellen Titel beilegen. Nennen Sie mich Richard— Vetter Richard— wie Sie wollen; doch wenden Sie nie wieder das kalte Wort Sir an.“ „Ei, da ſind Sie am Ende kein ſo ſchrecklicher Ariſtokrat,“ ſagte Beſſy mit ihrem gewohnten heiteren Lächeln. „So ſehr wie immer,“ antwortete ich;„obgleich ich vermuthe, nicht halb ſo ſehr, wie Sie es in Ih⸗ rem Herzen ſind. Aber ohne Scherz, Beſſy, es iſt unmöglich nach Allem, was wir mit einander erlebt 8 — 161— haben, etwas Anderes für Sie zu ſein, als Richard Conway’, oder daß Sie etwas Anderes für mich ſein ſollten, als Beſſy Davenport. Zuweilen ſind fünf Minuten im Leben gleich fünf Jahren; und darnach müſſen wir die Länge unſerer Bekanntſchaft berechnen. Soll es ſo ſein?“ „Ja, Richard,“ antwortete ſie, indem ſie mir wieder ihre Hand reichte.„Ich mache mich dazu verbindlich.“ Ich war gerade im Begriff, das Siegel dieſes Contractes mit meinen Lippen auf ihre kleine Hand zu ſetzen, als die Thür aufging und der ehrwürdige Mr. Mac Grubber hereinſchritt. Es gibt in jedem Theile der Welt einen Mann, der immer an dem Orte iſt, wo man ſeiner nicht bedarf. Er iſt mehr zu bemitleiden, als zu beklagen, glaube ich; denn ich bin überzeugt, es iſt eine Art von Ideenverwirr⸗ ung, die ſelbſt in ſeinem äußeren Erſcheinen zu er⸗ kennen iſt, gerade ſo wie man beſondere Tempera⸗ mente an der Geſichtsfarbe unterſcheiden kann. In dem Augenblick, als ich Mr. Mae Grubber zu Geſichte bekam, hätte ich ſchwören mögen, daß er beſtändig im Wege ſein würde; und ſo war es auch. Ich habe geſagt er ſchritt herein; aber es iſt unmöglich ſeine eigenthümliche Fortbewegung mit Wor⸗ ten zu beſchreiben. Dieſe glich mehr der einer auf⸗ recht ſtehenden Schlange, als etwas Anderem. Sein Freiheit u. Sclaverei. 1 Bd. 11 — 162— langer ſchmaler Körper ſchien voran zu gehen und die Beine nachzuſchleppen, was einen ſchmerzlichen An⸗ blick gewährte. Ob er ſah, was ich zu thun im Begriff war, als er eintrat, oder nicht, weiß ich nicht; und um die Wahrheit zu ſagen, kümmerte ich mich nicht viel darum, obgleich ich jenes eigenthümliche Blinzeln in ſeinen kleinen, grauen Augen zu entdecken glaubte, wel⸗ ches ich an denen neugieriger Leute bemerkt habe, wenn ſie eine angenehme kleine Entdeckung gemacht zu haben glauben. Beſſy wurde ein wenig roth und ſchien ärgerlich zu ſein; um alſo die Verlegenheit zu beſeitigen, wen⸗ dete ich mich raſch zu Mr. Mae Grubber, und ſagte: „Der Abend iſt wieder ganz hübſch geworden, mein Herr.“, „ Ich vermuthe es,“ verſetzte der würdige Geiſt⸗ liche, ſeine Hände in die Rocktaſche ſteckend und die Schöße hinter ſich wie einen Taubenſchweif ausbrei⸗ tend.„Es iſt auch warm. Ich vermuthe, Miß, dieſe Motten, die zum Fenſter hereinfliegen, werden noch die Lichter auslöſchen, wenn nicht Jemand ſich bemüht, ihnen Einhalt zu thun.“ „Sehr wahrſcheinlich, mein Herr,“ verſetzte Beſſy Davenport.„Wie wäre es, wenn Sie es ver⸗ ſuchten? Ich glaube Sie ſind mehr gewöhnt, das Licht der Menſchen brennend zu erhalten, als ich.“ — 163— „War das nicht ein wenig profan geſprochen?“ antwortete Mr. Mae Grubber, der unter Motten alle jene fliegenden Inſeeten begriff, welche im eigentlich⸗ ſten Sinne die Abendluft in den ſüdlichen Himmels⸗ ſtrichen erfüllen, und er war im Begriff uns zu ſagen, welche Lichter er brennend zu erhalten berufen ſei; aber ehe er uns mehr von ſeiner Unterhaltung zu Theil werden laſſen konnte, erſchienen Mr. und Mrs. Stringer, und die Letztere brachte viele Entſchuldigun⸗ gen vor, daß ſie ſo ſpät komme. Sie habe Alles in Unordnung gefunden, ſagte ſie, und daher wirklich ſehr viel zu thun gehabt. Mr. Stringer erklärte ſeinerſeits dagegen, ſie hätten die Gewohnheit beibehalten, ſelbſt auf dem Lande ſpät zu Mittag zu ſpeiſen, da er es auf jeden Fall viel bequemer halte, worauf Mr. Mae Grubber, der, wie ich jetzt erfuhr, der Hauslehrer der jungen Stringers war, eine Rede über das Unrechte der ſpäten Stunden hielt, die er mit einer guten Anzahl von Bibelſtellen würzte, die er in näſelndem Tone ausſprach. Ich kann nicht ſagen, daß ich von ſeinen Be⸗ merkungen beſonders erbaut war, die viel fanatiſche Unverſchämtheit an ſich hatten, und es wunderte mich, wie Mr. Stringer ein ſolches Mitglied ſeiner Fami⸗ lie dulden konnte; denn wenn gleich ein ſchwacher Mann, war er doch wohlerzogen und unterrichtet 11* und es lag etwas Verletzendes und Anmaßendes in Mr. Mac Grubbers Benehmen und Unterhaltung. Es war nicht, weil er ſich für ebenſo gut hielt, wie andere Leute, denn das wäre ſehr leicht geduldet wor⸗ den, beſonders von einem Amerikaner, der, welches auch ſeine Eigenſchaften des Geiſtes, des Herzens oder des Berufes ſein mögen, ſich immer für gleich hält mit dem beſten Manne, der je geboren worden. Aber was die Anmaßung der vollkommenen Gleichheit er⸗ träglich macht, läßt die Anmaßung der Ueberlegenheit unerträglich erſcheinen, und es war einleuchtend, daß Mr. Mae Grubber ſich unendlich hoch über alle an⸗ dere Leute ſtellte und es Jedem zu verſtehen geben wollte. Doch er beſaß nicht nur Beredtſamkeit einer beſonderen Art, ſondern auch beträchtliche Geiſteskräfte, die ſehr unrichtig angewendet wurden. Seine Gründe, obgleich voll Sophiſterei, waren mühſamer zu beant⸗ worten, als ſie es eigentlich verdienten, denn er drehte und wendete ſich wie ein Aal. Der Fanatismus macht einen Gegner im Streite ſehr gefährlich. Es iſt der allgemeine Gedanke, der Alles umher in Nah⸗ rung für ihn verwandelt. Er hatte Alles über die zwei oder drei Gegenſtände, die er zu behandeln ſich herabließ, geleſen; er hatte ſich mit allen Waffen ſei⸗ ner Partei verſehen und für Schilde und Zufluchts⸗ orte gegen jeden Gegner, der ihm zu ſtark war, ge⸗ ſorgt; doch obgleich er offenbar die Ueberzeugung für — 165— eine Niederlage hielt, ſo ſtritt er doch nicht einzig und allein aus Eitelkeit. Fanatismus in Betreff irgend eines Gegenſtandes iſt, glaube ich, eine Miſchung von Leidenſchaft und Einbildung; und gewiß war er nicht ohne die erſtere, wie ſpätere Ereigniſſe mich überzeugten. Mit allen dieſen eigenthümlichen Zügen verband er eine uner⸗ ſättliche Neugierde, die er ohne Rückhalt zu befriedi⸗ gen ſuchte. Während des Mittageſſens richtete er wenigſtens hundert unverſchämte Fragen an mich in Betreff meiner ſelbſt, meiner Familie, meines Zweckes, Amerika zu beſuchen, meiner Profeſſion, meines Al⸗ ters und Vermögens— einige in Form von Vermu⸗ thungen hingeworfen und andere mit der offenbarſten Unverſchämtheit ausgeſprochen; und als ich ihm end⸗ lich ſagte, ich fühle mich nicht berufen, die unver⸗ ſtändige Neugierde jedes Fremden in Betreff meiner Privatangelegenheiten zu befriedigen, antwortete er: „Gut, darin haben Sie wohl Recht; aber ich ſollte denken, Sie kamen nicht ohne ein beſonderes Geſchäft herüber, und jeder Bürger dieſer Republik darf wohl fragen, welches dieſes Geſchäft iſt.“ Mr. Stringer und Beſſy brachen in ein Lachen aus und Mrs. Stringer ſah ſehr ärgerlich aus. Das Lachen thut oft mehr, als jede Beweisführung, und Mr. Maec Grubber war für den Reſt des Abends völlig zum Schweigen gebracht. Sobald das Deſſert — 166— auf den Tiſch geſtellt wurde, ſtand dieſer würdige Herr, der keinen Wein trank und Jedermann haßte, der es that, ohne Weiteres auf, und verließ das Zimmer, auch erſchien er an dem Abend nicht wie⸗ der. Ich kenne wenig Dinge, die angenehmer ſind, als nach einem gefahrvollen und ereignißreichen Tage ſich bei einem Gefühl der Sicherheit mit den Theil⸗ nehmern ſeiner Abenteuer niederzuſetzen, um ganz ruhig die verſchiedenen Ereigniſſe zu beſprechen, welche zur Zeit unſere Gefühle und Leidenſchaften anregten, welche aber jetzt die volle Ruhe der Erinnerung er⸗ langt haben. Nichts konnte angenehmer und reizen⸗ der ſein, als die beiden Stunden, die jetzt folgten. Wir beſprachen Alles, was geſchehen war; wir erin⸗ nerten uns nicht nur der Ereigniſſe, ſondern auch der Gedanken und Gefühle; und es traten kurze Pauſen in der Unterhaltung ein, während welcher ich— was Beſſy Davenport thun mochte, kann ich nicht wiſſen — gewiſſe Empfindungen und Regungen in meinem Herzen, wenn auch nicht zu genau, prüfte, faſt ängſt⸗ lich zu wiſſen, was das Alles bedeute, doch nicht zu genau unterſuchend, um ihr Spiel nicht zu ſtören. Einmal fragte ich mich, ob ich im Begriff ſei, mich in Beſſy Davenport zu verlieben— in die, welche ich am Morgen vorher noch nicht gekannt und von der ich an demſelben Morgen noch nicht hatte ſagen können, ob ſie mir gefalle oder nicht. Aber gerade da erwachte ſie ſelber aus ihrer Träumerei, er⸗ hob plötzlich ruhig und gedankenvoll ihre Augen zu meinem Geſichte, und ich kam zu dem Schluſſe, daß dieſe Frage in der That eine ſehr thörichte ſei, die ich nie wieder meinem Herzen vorlegen, ſondern jenen unerforſchlichen, inneren Menſchen für ſich ſelber reden laſſen wolle, wenn er es für gnt halte. Als unſere Augen einander begegneten, verbrei⸗ tete ſich ein leichtes Roth über ihre Wange, aber ſie ſtand ruhig auf und ſagte: „Nun will ich Ihnen ein Lied vorſingen, und dann will ich zu Bette gehen, und ich hoffe nur, daß ich nicht die ganze Nacht vom Ertrinken träumen werde. Nun, was ſoll es ſein, Vetter Richard?“ Ich war nicht im Stande, darüber zu ent⸗ ſcheiden, da ich nicht wußte, was ſie ſingen konnte; ſie nahm daher am Pianoforte Platz und wählte ſich eine kleine ruhige, einfache, italieniſche Arie aus, wie ſie die Landleute in den Abruzzen ſingen, und welche nie ihren Weg in die Opern finden, aber mehr wirk⸗ liche Melodie in ſich tragen, als die Hälfte der Opernarien in der Welt. Dann ſprang ſie auf, wünſchte uns Allen eine gute Nacht und verließ uns. Wir trennten uns wenige Minuten ſpäter, denn Mr. und Mrs. Stringer waren von ihrer Reiſe er⸗ — 168— müdet, und ich ging gern auf mein Zimmer, in der Abſicht, über viele Dinge nachzudenken; ich wurde aber in meiner Erwartung getäuſcht, denn da war mein guter Freund Zed, völlig bereit mich in ſeiner unzuſammenhängenden aber geläufigen Weiſe mit ſei⸗ nem ganzen Schwall von Neuigkeiten zu überſchütten. Zuerſt und voran kam die Nachricht von Mr. Thorn⸗ tons Reiſe nach Hauſez wie der Wagen in der Furth ſtecken geblieben, aber wohlbehalten wieder herausge⸗ kommen; wie Maſter Harry von ſeinem Pony in einen Sumpf geworfen worden und ſo roth wie ein Indianer wieder herausgekommen; dann, in welcher Beſtürzung ſie Alle geweſen, als die Nachricht von unſerem Unfalle angekommen, und dann, wie gerade, als er ſich mit meinen Kleidern auf den Weg gemacht, Miß Beſſys Pferd, den Sattel unter dem Bauche, trabend und wiehernd auf das Haus zugekommen. Dieſe letzte Nachricht war mir ſehr angenehm, denn ich wußte, daß Beſſy um ihr gutes Pferd trauerte, und Alles, was ſie intereſſirte, begann mich auch zu intereſſiren. Ich kann hier gleich bemerken, daß es nie entdeckt wurde, wie das arme Thier aus dem Fluſſe gekommen, aber man vermuthete, daß es zu einer Stelle, etwa zwei Meilen weiter unten, hinun⸗ tergetrieben, wo das öſtliche Ufer flach wurde, dort ans Land gekommen und ſeinen Weg nach Hauſe ge⸗ funden. — 169— Zed hielt den Unfall, der mich nach Beavors zurückgeführt, für einen ſehr glücklichen, da die große Verſammlung, die er erwähnt hatte, innerhalb einer oder zwei Meilen von dem Hauſe gehalten werden ſollte. „Ha! Maſſa,“ rief er,„eine ſolche Verſamm⸗ lung, wie dort, werden Sie nie wieder erleben. Ei! es wundert mich, ob Sie wohl je bekehrt wurden?“ „Was bringt Dich auf den Gedanken, Zed, daß ich nicht ſchon bekehrt bin?“ fragte ich. Der arme Burſche grinſte und ſchien nicht zu wiſſen, was er antworten ſollte und befand ſich in einiger Verlegenheit. Sein einziges Auskunftsmittel war zu ſeufzen und den Kopf zu ſchütteln, als ob er glaube, daß ich mich in einem ſehr gefährlichen Ge⸗ müthszuſtande befinde. Ich habe indeſſen bemerkt, daß die Neger, wenn ſie durch eine Frage verwirrt werden, ſehr geſchickt ſind, die Unterredung zu etwas Anderem hinüberzu⸗ führen; und ſo begünſtigte mich Zed jetzt mit einer langen Liſte von Predigern, die ſich bei dieſer Gele⸗ genheit hören laſſen würden und nannte unter Anderen Mr. Mac Grubber, von dem ich gewiß weder be⸗ kehrt, noch ſehr erbaut zu werden erwartete. Zwei oder drei andere Namen wurden indeſſen erwähnt, von welchen ich mit Reſpect hatte reden hören, und ich entſchloß mich auf jeden Fall dorthin zu gehen, um — 170— wenigſtens einmal in meinem Leben Zeuge von einem ſolchen Schauſpiel zu ſein. Ich ſchlief in dem erſten Theile der Nacht ſehr gut; aber ich kann nicht mehr, als einen gewiſſen Theil der Zeit während der vierundzwanzig Stunden ſchlafen, und folglich waren mit dem erſten Strahle des Tageslichts meine Augen offen. Ich fühlte mich ſehr geneigt, noch liegen zu bleiben und nachzudenken; da ich mich aber nie dem hingebe, wo das Nachden⸗ ken fruchtlos iſt, ſo ſtand ich auf, kleidete mich an und ging die Treppe hinunter. Das Haus war noch zu und Niemand auf; aber zu meiner Ueberraſchung fand ich zwei Neger auf den Bänken im Vorſaale ſchlafend, und ich erfuhr ſpäter, daß es ſehr gewöhnlich iſt, daß die Diener, ſelbſt wo für gute Betten für ſie geſorgt iſt, ſich auf ir⸗ gend eine Bank oder auf einige zuſammengeſtellte Stühle legen, die ſie finden, um darauf ohne Kiſſen oder Decke zu ſchlafen. Die Hausthür war unver⸗ ſchloſſen und in der That ſchien man in dieſem Lande ſehr wenig Vorkehrungen gegen Eindringlinge anzu⸗ wenden. Man ſollte denken, dies wäre ein Beweis für eine unſchuldige und tugendhafte Bevölkerung, würde dieſer Schluß nicht durch das lange und ſchreckliche Verzeichniß von Verbrechen und Vergehungen wider⸗ legt, das ſich in jeder Zeitung findet. Aus Mangel einer beſſeren Löſung dieſes Räthſels der Nachläſſig⸗ keit kann ich ſie nur jener völligen Gleichgültigkeit gegen das Leben und die Sicherheit zuſchreiben, die man in dem ganzen Lande bemerkt. Einen Stock nehmend, den ich im Vorſaale fand, ging ich hinaus, ſehr unbekümmert, welche Richtung ich verfolgte, und kam wohl zwei Meilen weiter, ohne eine lebende Seele zu ſehen— ein klarer Beweis, daß die Neger in Virginien nicht ſo ſehr mit Arbeit überladen werden, wie man allgemein denkt. Die Morgenluft war friſch und balſamiſch, aber noch ziemlich kühl, ohne eine Andeutung von der Hitze, die bei dem höheren Aufſteigen der Sonne fol⸗ gen ſollte. Die ſämmtlichen Felder und beſonders die Grenzen der Wälder waren mit ſchönen Blumen geziert, und es machte einen ſeltſamen und auffallen⸗ den Eindruck, Geſträuche, Bäume und Pflanzen, die wir in England als ſelten und delicat betrachten, überall wild und ohne Cultur blühen zu ſehen. Un⸗ zählige Vögel und Thiere— ja ſelbſt Schlangen und Eidechſen— flatterten, liefen oder ſchlüpften nach allen Richtungen und es war offenbar eine Stunde, wo die Gegenwart des Menſchen die untergeordneten Thiere nicht warnte, den Schutz des Dickichts oder des Bruches aufzuſuchen. Ich kann nicht ſagen, daß der Anblick des Lan⸗ des beſonders maleriſch war. Es war eine flache an⸗ — 172— geſchwemmte Ebene, durch welche die Flüſſe und Bäche mit Leichtigkeit auf ihrem Wege zur See tiefe Kanäle gezogen hatten; und nur an den Ufern der⸗ ſelben war irgend eine landſchaftliche Schönheit zu ſehen. Der kleine Fluß, den ich an dem Morgen erreichte und welcher die Grenze meines Spaziergan⸗ ges bildete, glich ſehr demjenigen, der beinahe Miß Davenport und mich am Tage vorher zum Abendeſſen verzehrt hätte. Ich weiß noch jetzt nicht, ob es der⸗ ſelbe war oder nicht. Während der warmen Nacht war das Waſſer, welches der Regen zurückgelaſſen, entweder verdampft, oder von dem leichten und lockeren Boden aufgeſogen worden. Alles war trocken gewor⸗ den, außer wo der Fluß, der ſeit dem vergangenen Abend ſehr gefallen war, ruhig ſeinen Weg fortſetzte, und nicht mehr von der Waſſermaſſe zwiſchen den engen Ufern zuſammengedrängt, fortgetrieben wurde. Am Ufer des Fluſſes ſaß ein Neger und fiſchte, und da dies das erſte menſchliche Weſen war, welches ich geſehen, ſeitdem ich mich auf den Weg gemacht, ſo dachte ich, ich könne auch ebenſo gut hinunterge⸗ hen und mit ihm reden. Als ich in ſeine Nähe kam, bemerkte ich, daß er einer der am ſchönſten gebildeten Männer war, die ich je geſehen, groß und kräftig und ſehr wenig durch die Unförmlichkeit ſeines Stam⸗ mes entſtellt. Er hatte freilich die dicken Lippen und die platte Naſe— obgleich beides in ſehr geringem — 173— Grade— und das wollige Haar ſeines Stammes; aber da waren keine gebogenen Schienbeine oder großen Hände und Füße zu ſehen; aber ſoweit ich nach ſei⸗ ner Farbe urtheilen konnte, war er von ungemiſchtem afrikaniſchem Blute. Er ließ ſich nicht herab, ſeinen Kopf zu erheben, als ich in ſeine Nähe kam, ſondern ſetzte ſeine Beſchäftigung fort und blickte auf das ſchimmernde, aber trübe Waſſer hin. „Habt Ihr ſchon viel gefangen?“ fragte ich. „Noch keinen einzigen Fiſch,“ antwortete er kurz; dann wendete er ſich zum erſtenmal um, und wollte ſehen wer der Fragende ſei. „Iſt das Waſſer nicht noch zu ſchmutzig?“ fragte ich ein wenig betroffen von dem Benehmen und Tone des Mannes. „Wer große Fiſche fangen will, muß in trübem Waſſer fiſchen,“ antwortete er ernſthaft, indem er ſeine Beine wieder über das Waſſer warf.„Ich werde fangen, wenn die beſtimmte Zeit kommt. Nichts geſchieht anders, als zur beſtimmten Zeit, mag es nun groß oder klein ſein.“ Ich geſtehe, ich war nicht wenig überraſcht von einer ſolchen Anwort eines ſolchen Mannes. Ich hatte von Negern gehört, die ebenſo große natürliche Geiſteskräfte zeigten, wie die weißen Stämme; aber mir war noch keiner vorgekommen. Alle, die ich ge⸗ ſehen hatte, gaben einen gewiſſen Mangel des Ver⸗ — 174— ſtandes kund. Raſche Auffaſſung mochten ſie haben, oft auch lebhafte Combination und die Liſt erſetzte die Kräfte der Vernunft; aber dies Alles war mehr gleich der Aufſaſſung und der Liſt eines Kindes, die nur bei nahen Gegenſtänden angewendet wird, ohne die Fähigkeit, etwas Allgemeines zu begreifen oder aus entfernten Gegenſtänden Schlüſſe zu ziehen. In der That gewährten mir die Worte dieſes Mannes den erſten weiten und umfaſſenden Begriff von ſeinem Stamme, und ſie erregten ſehr meine Neugierde. „Ich ſtimme völlig mit Euch überein,“ antwor⸗ tete ich.„Ich glaube vollkommen an eine beſondere Vorſehung; doch würde es nur eine kleinliche und unwürdige Anwendung jener göttlichen Macht ſein, Euch in einem Augenblick mehr, als in dem andern, einen Fiſch fangen zu laſſen.“ „Was iſt klein und was iſt groß für den all⸗ mächtigen Gott?“ fragte der Mann, der noch immer ſeine Augen auf den Fluß richtete.„Er ſchuf die Ameiſe ſo gut, wie das größte Thier; er bildete das Sandkorn ſo gut wie den Berg. Wie können Sie ſagen, Herr, wie kleine Ereigniſſe auf die großen wirken können? Daß ich jetzt oder ſpäter einen Fiſch fange, kann einer Familie Nahrung gewähren, ihre Unzufriedenheit abwenden, den Ausbruch derſelben ver⸗ hindern und ſie bewegen, ruhig zu werden, bis wie⸗ der zur beſtimmten Zeit eine weitere Unterſtützung V kommt. Sagt uns nicht die Bibel, daß kein Sper⸗ ling unbeachtet auf den Boden fällt? Alles geſchieht nach Gottes Willen— Alles zu der von Gott be⸗ ſtimmten Zeit. Was iſt klein, was iſt groß für ihn? Im Weltall hat Alles ſeinen angewieſenen Platz, je⸗ des Ereigniß ſeinen beſtimmten Augenblick, und die Zerrüttung des Geringſten würde die Ordnung des Ganzen zerſtören. Auch meine Zeit wird kommen für Alles, was ich zu thun habe, und ich bin bereit, Gottes Willen zu thun, welches derſelbe auch ſein möge.“ Ich war in meinem Leben nicht mehr erſtaunt, als über die Rede dieſes Mannes. Ich hatte Hindus häufig auf ähnliche Weiſe reden hören; aber ſie ſind ſprüchwörtlich ein gedankenvoller, ſpeculativer, ich könnte faſt ſagen, metaphyſiſcher Stamm; aber ſolche Worte von einem armen, verachteten Neger zu hören, von einem Manne, einer Klaſſe, welcher aus den höheren Regionen des Gedankens, ſowohl vermöge der Fähigkeit, als der Erziehung ausgeſchloſſen zu ſein ſchienen, war ſehr ſeltſam. Während er geſprochen, hatte er ſein Geſicht nur einmal zu mir gewendet; und als er ſchwieg, ſann ich eine oder zwei Minuten nach, kam nicht ſo⸗ gleich zu einem Schluſſe, ſondern fragte mich zuerſt, ob er nicht dies Alles wie ein Papagei von einem Anderen könne gelernt haben. Dieſen Verdacht ſo⸗ — 176— gleich zurückweiſend, da ſein ganzer Ton und Be⸗ nehmen demſelben widerſprach, betrachtete ich zunächſt, ob es wahrſcheinlich oder unwahrſcheinlich ſei, daß jede Fähigkeit des Geiſtes gleichmäßig entwickelt werde. Scharfen Verſtand und logiſche Stärke beſaß er ge⸗ wiß; aber viele untergeordnete geiſtige Eigenſchaften und Fähigkeiten ſind erforderlich, um ſolche Gaben für das Benehmen des Menſchen gegen ſeine Mit⸗ menſchen oder gegen Gott nützlich zu machen. Kaum war ich zu dieſem Schluſſe gekommen, als ich faſt gewiß war, daß er ſie beſitzen müſſe, als plötzlich ein Lachen— das bedeutungsloſe, faſt blödſinnige Lachen des Negergeſchlechts— von ſeinen Lippen kam, worauf Worte folgten: „Ah, Monſieur! habe ich Dich gefangen?“ Und ich ſah, wie er einen großen Fiſch ans Land zog. Dies ſchien Alles zu ſein, was er wollte. Er zeigte mir ihn mit kindlichem Triumphe, dann warf er die Ruthe weg, womit er gefiſcht hatte, rollte ſeine Leine auf und ging eine Strecke neben mir her, als ich nach Hauſe ging.. Ich wünſchte mehr von dieſem Manne zu erfah⸗ ren und brachte ihn auf eine von den Spuren, wo⸗ von ich glaubte, daß ſie die Eigenthümlichkeiten ſei⸗ nes Geiſtes deutlicher zeigen würde. Er ſchien indeſ⸗ ſen ein wenig ſcheu, meine Fragen zu beantworten und irgend einen Gedankengang zu verfolgen, worauf er hingeführt wurde. Dies war natürlich genug bei einem Manne aus einem Selavenſtamme, in deſſen Bruſt immer ein Gefühl des erlittenen Unrechts und Druckes vorhanden ſein muß, ſo lange Eitelkeit im menſchlichen Herzen iſt, ſo freundlich ſie auch behan⸗ delt werden, ſo unfähig ſie auch ſein mögen, für ſich ſelber zu ſorgen und ſich zu regieren. Sie werden immer einen Mangel an Sympathie zu dem herrſchen⸗ den Stamme haben und ſich mehr oder weniger in ſich ſelbſt zurückziehen, wenn ſie mit ihrem Herrn in Verkehr kommen. Mein Begleiter nannte mir ſeinen Namen, welcher Nathanael Turner war, und ſagte mir, wo er wohne, was nicht weit entfernt war; aber nur einmal war ich im Stande, einen Schimmer von jenem geiſtigen Feuer hervorzulocken, welches er früher gezeigt, und welches ſelbſt jetzt von jener Liſt, die den Wilden und den Kindern eigen iſt, unterdrückt wurde. Indem ich angab, daß ich ein Engländer ſei, erwähnte ich, daß wir unſere Selaven in Weſtin⸗ dien freigelaſſen hätten, und ich konnte einen lebhaf⸗ ten Schimmer in ſeinen Augen bemerken; aber er er⸗ loſch im nächſten Augenblick, als wenn er noch einige Zweifel und Bedenken hege. „Nun, mein Herr,“ ſagte er,„ich kann nicht ſagen, ob Ihre Landsleute Recht oder Unrecht haben, indem ſie die Selaven befreien. Ich vermuthe, man Freiheit u. Selaverei. 1. Bd. 12 — 178— that es, weil man glaubte, man habe zuerſt kein Recht gehabt ſie zu Selaven zu machen. Wenn man aber ſo dachte, war noch viel mehr zu thun, als ihnen einfach ihre Freiheit wiederzugeben. Man hatte ihnen viel mehr genommen, als die Freiheit; man hatte ihnen ihr Vaterland, ihre Freiheit und ihre Ge⸗ wohnheiten genommen, und ich denke, man war ver⸗ bunden, ihnen entweder Alles wiederzugeben, was ſie in ihrem früheren Zuſtande beſeſſen, oder gut für ſie zu ſorgen und ſie für den Zuſtand fähig zu machen, in den man ſie verſetzt hatte. Indeſſen bin ich ein armer, einfacher Mann und verſtehe nichts von dieſen Dingen. Ich bin mein ganzes Leben ein Sclave ge⸗ weſen und habe ſehr gute Herren gehabt. Ich zweifle nicht, daß am Ende Alles recht werden wird, und vielleicht befinden wir Neger uns in der Lage, die für uns paßt. Auf jeden Fall iſt es Gottes Wille und ſo ſollten wir zufrieden ſein. Es iſt möglich, daß dieſer Fiſch hier in meiner Hand lieber ein großer Haifiſch, ein vierfüßiges Thier, ein Vogel oder viel⸗ leicht ein Menſch geweſen wäre; aber Gott wollte es anders; wenn nicht, würde er nie an meine Angel gekommen ſein. Aber ſollte der Topf zu der Hand ſagen, die ihn bildete, warum machteſt Du mich ſo? Ich wurde mit einer anderen Farbe geboren als Sie und Ihre Freunde, und dieſe Verſchiedenheit der Farbe macht einen großen Unterſchied in dieſer Welt. Zu⸗ friedenheit iſt Alles, mein guter Herr, und ich bin ſo ſehr zufrieden, wie ich bin— ſo lange es Gottes Wille iſt, werde ich ſo bleiben.“ Die letzten Worte wurden nach einer Pauſe und mit großem Nachdruck ausgeſprochen; und da ich mehr von ſeinen Gedanken und Gefühlen zu wiſſen wünſchte, verſetzte ich: „Ja, aber die Schwierigkeit beſteht in der Ver⸗ wickelung der Angelegenheit dieſer Welt, um zu ent⸗ decken, welches Gottes und welches des Menſchen Wille iſt.“ „Alles was iſt, iſt Gottes Wille,“ antwortete er, und fügte dann im langſamen Tone hinzu: „Sein Wille wird immer zur rechten Zeit offenbart werden. Wenn der Menſch nicht klar ſehen kann, wird Gott ihm Augen geben, und wenn ſeine Zeit kommt, muß Alles erfüllt werden. Der Hand Got⸗ tes iſt nicht zu widerſtehen, und möge kein Menſch denken, daß ſein Urtheil nicht richtig iſt.“ Jetzt waren wir zu einer Stelle gekommen, die etwa eine Meile von Beavors entfernt war, und ich konnte am Saume eines Waldes, der von einem leichten Zaune umgeben war, eine Figur bemerken, die, wie mir ſogleich etwas in meinem Inneren ſagte, Beſſy Davenport war, die herausgekommen, um ihren gewöhnlichen Morgenſpaziergang zu machen. Sie kam gerade auf uns zu, und als ich ſie erblickte, 12 ³ — 180— verließ ich meinen ſchwarzen Begleiter und ging auf ſie zu. „Ei, mit wem haben Sie geſprochen?“ fragte ſie, als ich zu ihr kam.„Es ſchien ja Nat Turner zu ſein.“ „Kein Anderer,“ antwortete ich.„Wiſſen Sie etwas von ihm?“ „O ja!“ rief ſie;„er iſt in der That ein ſehr außerordentlicher Mann und befindet ſich nicht weit von hier auf der nächſten Pflanzung, die dem Mr. Travis gehört. Alle Neger betrachten ihn als eine Art von Propheten, und gewiß haben ſie Veranlaſ⸗ ſung dazu, da ſeine Geiſteskräfte denen der Seclaven im Allgemeinen ſehr überlegen ſind. Niemand weiß, wer ihn leſen gelehrt hat, und wenn er gefragt wird, ſagt er, es habe ihn Niemand gelehrt— es ſei ihm von ſelber gekommen. Das iſt natürlich Unſinn; aber ohne Zweifel iſt er ein ſehr außerordentlicher Mann, und ſein Benehmen und ſeine Sprache ſtehen weit über ſeinem Stamme.“ „Das bemerkte ich deutlich,“ antwortete ich; „doch konnte ich viele Negerzüge bemerken— wenig⸗ ſtens kam es mir ſo vor. Ich wünſchte ſehr, ihn häufiger zu ſehen. Welches iſt ſein allgemeiner Cha⸗ rakter?“ „Ein vortrefflicher,“ entgegnete ſie.„Wie ich gehört habe, iſt er ein freundliches, gutes Geſchöpf, aber ſehr ſtrenge und ſelbſtverleugnend. Er ißt ſehr wenig, trinkt nichts als Waſſer und verkehrt nicht viel mit Negern, obgleich er ſehr großen Einfluß bei ihnen hat, wenn er denſelben anwenden will. Aber er iſt ruhig und harmlos und daher iſt ſeine Macht mehr wohlthätig, als nachtheilig. In ſeinen Muße⸗ ſtunden kann man ihn vor der Thür ſeiner Hütte leſen ſehen, während die Uebrigen tanzen und ſingen, und in der That könnte ſeine Aufführung manchem weißen Manne als Muſter dienen.“ „Sollte ein ſolcher Mann in der Sclaverei ge⸗ laſſen werden, Beſſy?“ fragte ich mit einem Seufßzer. „Sie müſſen mir keine ſolche Frage vorlegen, Vetter Richard,“ antwortete ſie.„Wir Frauen in Virginien ſind alle mehr oder weniger für die Ab⸗ ſchaffung der Selaverei, außer wenn wir mit einem von den Fanatikern aus den nördlichen Staaten zu⸗ ſammenkommen, und dann treten wir zur Vertheidi⸗ gung der Sclaverei auf und ſagen ihm, er habe kein Recht, ſich in unſere Angelegenheiten zu miſchen. In der That iſt die eine Hälfte des Staats für die Frei⸗ laſſung, und es ſollte mich nicht wundern, wenn im nächſten Jahre ein Antrag dieſer Art durchginge, ob⸗ gleich der Himmel weiß, was wir mit den armen Geſchöpfen anfangen ſollten, wenn wir ſie freiließen, denn neun von zehn ſind völlig unfähig für ſich ſel⸗ ber zu ſorgen. Ich denke, wir würden anſtatt ihrer die Selaven werden und für ſie arbeiten müſſen, denn gewiß kein Neger wird für ſich ſelber oder ſonſt Je⸗ manden arbeiten, wenn er es vermeiden kann— nein Vetter, nicht einmal dieſer Muſterneger Nat Turner. Er hat in der That, wie Sie ſagen, viele afrikani⸗ ſche Züge und ſcheint gleichſam zwei Charaktere zu haben; der eine iſt voll Stärke und Fähigkeit, und der andere ſchwach und nicht zu eultiviren— wenig⸗ ſtens ſagt ſo Mr. Travis. Er iſt überdies außeror⸗ dentlich abergläubiſch und hält viel auf Zeichen und Vorbedeutungen. Sie ſollten ihn nur in ſeiner Hütte beſuchen, Richard; er würde es als ein großes Com⸗ pliment aufnehmen.“ „Ich werde es in den nächſten Tagen thun,“ antwortete ich.„Aber wohin ſind jetzt Ihre Schritte gerichtet?“ „Wohin die Phantaſie mich führt und wo die Luft am friſcheſten iſt,“ antwortete Beſſy. „Dann nehmen Sie meinen Arm an und laſſen Sie uns ſuchen,“ verſetzte ich. „Nein, nein,“ entgegnete ſie lachend.„Sie kennen unſere Sitte nicht. Keine junge Dame nimmt eines Mannes Arm an, ohne mit ihm verlobt zu ſein— es iſt ganz gegen unſere Sitte.“ „Es iſt in der That eine ſehr ſpröde Sitte, liebe Beſſy,“ antwortete ich. „ — 183— Sie zog ſogleich ihren Arm durch den meinigen und ſagte: „So, Sie ſollen mich wenigſtens nicht ſpröde nennen. Coquette, denke ich, haben Sie mich wohl ſchon hundertmal in Ihrem Herzen genannt; aber auch darin thun Sie mir Unrecht, Vetter. Da ich mich ſchon vor langer Zeit entſchloſſen, niemals zu heirathen, ſo benutzte ich meine Unabhängigkeit, zu Jedem zu ſagen, was mir einfiel; doch das war Alles. Aber es liegt mir kein Strohhalm an Be⸗ wunderung oder an irgend etwas der Art.“ „Sind Sie denn das Weib, deren Entſchlüſſe nie verändert werden?“ fragte ich. „Das Weib!“ rief ſie, indem ſie den Kopf drehte.„Wollen Sie damit andeuten, daß jedes Weib ſchwach und unentſchloſſen iſt?“ „Durchaus nicht,“ antwortete ich.„Das folgt nicht, liebe Couſine. Ein Weib würde ſich ſchwä⸗ cher zeigen, wenn ſie bei dem Entſchluſſe bliebe, als indem ſie ihn bräche, wenn er auf irrthümlichen Gründen beruht. Sie ſind nicht ſo ſchwach, bei Ih⸗ rem Entſchluſſe zu bleiben, wenn Sie gute Urſache haben, ihn zu beſeitigen.“ 1 „Welche Ürrſache kann ich je haben?“ fragte ſie. „Liebe,“ antwortete ich.„Wenn Sie einen Mann finden, der Sie aufrichtig liebte und den Sie wieder lieben können, ſo würden Sie den Entſchluß ſchon morgen brechen und wohl daran thun.“ Beſſy wurde ein wenig roth, dann ein wenig blaß und ſchlug ihre hellen Augen nieder. Um die Unterhaltung zu verändern, machte ich einige Bemer⸗ kungen über die außerordentliche Schönheit der wilden Blumen; aber mit Schwierigkeit rief ich ihren Geiſt von dem Gedankengange zurück, den ſie verfolgte. „Ich denke, ich werde nach Hauſe gehen,“ ſagte ſie endlich;„dieſe Leute frühſtücken ſehr zeitig, um ihren Knaben den vollen Vortheil der Unterhaltung des liebenswürdigen Mr. Mae Grubber während des Tages zu gewähren. Ach! Vetter Richard, dieſe Liebe und Ehe, wovon wir eben ſprachen, ſind ſelt⸗ ſame Dinge in ihrer Art. Wer hätte je gedacht, daß dieſer außerordentliche Menſch, dieſer Mac Grubber, ein Frauenzimmer auf der Oberfläche der Erde finden würde, die ſich entſchließen konnte ihn zu heirathen? Und doch geſchah es und ein liebliches, hübſches, kleines Geſchöpf war ſie, wie man mir ſagt. Sie iſt jetzt zum Glück für ſie todt. Es war, was die alten Frauen eine glückliche Auflöſung nennen. Ich würde gewiß ſo gedacht haben, wenn ich ſeine Frau geweſen wäre. Um alſo jetzt zu unſerem Gegenſtande zurückzukehren, muß ich ſagen, wenn ich ſo wunder⸗ bare Dinge geſchehen ſähe, als zum Beiſpiel, daß ein Weib bei geſundem Verſtande einen Mac Grubber heirathen konnte, ſo darf ſich kein Weib überzeugt halten, was ihr begegnen wird, und darum kann ich nicht beſtimmt ſagen, daß ich meinen Entſchluß nicht brechen werde; aber wenn ich es thue, wird es nicht mit meiner eigenen Zuſtimmung ſein.“ „Sie ſind ganz und gar ein kleiner Widerſpruch, Beſſy,“ ſagte ich. „Da verſuchen Sie mich zu erforſchen,“ ant⸗ wortete ſie;„denn das können Sie nie.“ „Ich habe es bereits gethan,“ verſetzte ich, mit bedeutungsvollem Kopfnicken. „Dann bitte, ſagen Sie mir das Alles,“ rief ſie,„denn ich weiß in der That ſelber Nichts von dem Gegenſtande.“ „Ich will Ihnen bei gelegener Zeit Alles ſagen, Beſſy,“ antwortete ich,„das verſpreche ich Ihnen; aber ich denke, es wäre beſſer, eine ſolche lange Un⸗ terredung nicht zu beginnen, denn ich ſehe etwas ſehr Langes und ſehr Schwarzes auf uns zukommen, und wenn ich nicht irre, iſt es eine Perſon mit Namen Mac Grubber.“ „Ol dann um des Himmelswillen laſſen Sie uns ihm aus dem Wege gehen,“ ſagte Beſſy, nach⸗ dem ſie einen Augenblick nach der Richtung geſehen, wohin ich mich gewendet.„Es iſt in der That der große Mae Grubber. Laſſen Sie uns hier in den Wald gehen. Ein Weg führt auf eine Weiſe herum, — 186— daß kein Menſch, und wenn er auch dreimal ſo lange Beine hätte, uns einholen würde.“ Mit dieſen Worten führte ſie mich raſch weiter, bis wir im Walde waren und dann brach ſie in ein heiteres Lachen aus bei dem Gedanken, dem armen Mac Grubber ausgewichen zu ſein. Daß er uns geſehen hatte, davon hielt ich mich feſt überzeugt und daß er bei der eigenthümlichen Art der Menſchenliebe, die ich ihm zuſchrieb, dem Um⸗ ſtande, daß wir ihm aus dem Wege gegangen, nicht den beſten Beweggrund beilegen werde, hielt ich für ſehr wahrſcheinlich; aber natürlich war ich zu beſon⸗ nen, meiner Begleiterin nur anzudeuten, daß, wenn es ſchon als eine Verlobung angerechnet werde, daß wir Arm in Arm gingen, unſer Fliehen in den Wald vor der Gegenwart eines Geiſtlichen wahrſcheinlich noch ſchlimmer würde ausgelegt werden. Beſſy hatte indeſſen eine kühne und freie Art, alle dieſe Dinge ſelber zu beſeitigen und im Allgemei⸗ nen muß ich ſagen, daß ſie dieſelben ſehr gut beſei⸗ tigte. Als wir weiter gingen, machte ſie mich auf alle die verſchiedenen Verwickelungen des Pfades auf⸗ merkſam, den wir verfolgten und welcher in der That völlig labyrinthiſch war, und ſie plauderte mit mir über viele Gegenſtände, völlig verſchieden von denen, die vorhergegangen waren. Als wir zu Hauſe ankamen, fanden wir Mrs. — 187— Stringer mit dem Frühſtückstiſche beſchäftigt. Beſſy ging auf ſie zu und erzählte ihr ſogleich in ihrer hei⸗ terſten Stimmung, daß wir Mr. Mae Grubber hätten auf uns zukommen ſehen, und wie wir ihn im Walde umgangen und auf hundert Schritte im Walde an ihm vorübergekommen. „Gerade, wie ich es einen Fuchs vor den Hun⸗ den habe thun ſehen,“ rief Beſſy.„Wenn ich ihn nur hätte hinter uns herlocken können, wäre es der größte Spaß von der Welt geweſen. Vetter Richard und ich würden ihn durch jeden Sumpf, Buſch und Bruch geführt haben, den wir nur hätten finden können.“ „O nein! tolles Mädchen,“ ſagte Mrs. Strin⸗ ger;„ich bin gewiß, Sir Richard würde nimmermehr ſo unfreundlich gegen den armen Mann geweſen ſein. Er iſt freilich ein Bore; aber ich glaube aufrichtig, es iſt nichts Arges in ihm.“ „Ich bin deſſen nicht gewiß,“ antwortete Beſſy. „Ein Mann, welcher das Geſchäſt aller Anderen beſ⸗ ſer zu verſtehen glaubt, als ſie ſelber, wird eine ſehr gefährliche Perſon, wenn er ein Verſehen macht.“ „Was iſt ein Bore?“ fragte Mr. Mae Grubber, der gerade in dem Augenblick ins Zimmer trat, nach⸗ dem er offenbar im Vorſaale gehorcht hatte. Mrs. Stringer, welche das Wort gebraucht hatte, wurde ſehr roth und ſah verwirrt aus, aber Beſſy — 188— wendete ſich ſogleich zu ihm und antwortete in ge⸗ wöhnlichem Tone, als ob ſie eine Stelle aus einem Wörterbuche wiederhole: „Bore— eine Perſon, die ſich den Leuten, die ſeiner nicht bedürfen, auf unverſchämte Weiſe auf⸗ drängt und ſie dann beobachtet, bis ſie faſt ein Loch durch ſie bohrt.— So ſteht es im Johnſon, iſt es nicht ſo, Vetter Richard?“ Ihr ruhiger Blick, des Mannes einfältige Ver⸗ wirrung und Mrs. Stringers Beſtürzung waren, wie ich geſtehen muß, zu viel für mich, und ich lachte bis mir die Thränen in die Augen traten. „Worüber lacht er?“ fragte Mr. Mae Grubber in feierlichem Tone;„ich ſehe keine Veranlaſſung zu ſolcher Leichtfertigkeit.“ Dies war auch für Beſſy und Mrs. Stringer zu viel; und als Mr. Stringer eine Minute ſpäter eintrat, fand er uns Alle lachend, ſo laut wir konn⸗ ten, während Mr. Mae Grubber groß und ſtattlich, wie ein Pfeiler der unwilligen Feierlichkeit, in der Mitte ſtand. Das Frühſtück war noch nicht vorüber, als Mr. Thornton zu Pferde ankam, und ich bemerkte ſogleich, daß er ſehr aufgeregt war; aber er enthielt ſich aller Geſchäftsangelegenheiten, bis die Geſellſchaft aufſtand. Dann fragte er nach unſeren Abenteuern vom Abend — 189— zuvor und ertheilte uns einen intereſſanten Bericht über die Reiſe des Wagens nach Hauſe. „Ich war ſehr froh, um Dir die Wahrheit zu ſagen, Beſſy,“ ſagte er,„daß unſer guter Vetter nicht bei uns war. Es wäre ein großer Triumph für einen Engländer geweſen, unſere Wege nach ei⸗ nem Regenſchauer zu ſehen; auf der einen Seite Lö⸗ cher von ſechs Fuß, worin ein ganzes Rad verſchwin⸗ den konnte, und auf der anderen Stämme und Blöcke von allen Geſtalten und Größen.“ „Ich denke, ihre Wege ſind eben ſo ſchlecht,“ ſagte Beſſy Davenport,„nur haben ſie keine ſolchen Regenſchauer, die es ſo ehrlich meinen, wie wir in Virginien, obgleich ich glaube, daß es in England immer regnet. Nicht wahr, Vetter Richard 2*½ „O ja,“ antwortete ich lächelnd;„aber es reg⸗ net nur Maraboutfedern, unſer Klima iſt ſo ſanft und milde.“ „Du haſt auch Unrecht wegen der Wege, Beſſy,“ fügte Mr. Thornton hinzu;„denn es können Zweifel ſein, daß die Wege in Europa, beſonders in Eng⸗ land, bewunderungswürdig ſind, während die unſri⸗ gen eine Schande für ein ſo wohlhabendes und in je⸗ der anderen Art der Civiliſation vorgeſchrittenes Land ſind.“ „Ei! Sie hätten es vor einem Engländer nicht zugeſtehen ſollen, lieber Oheim,“ ſagte Beſſy lachendz — 190— „ich meines Theils bin entſchloſſen, nie irgend einem von dieſen ſtolzen Inſulanern zuzugeſtehen, daß ſie uns in irgend Etwas übertreffen. Sie ſind ſo ſchon eingebildet genug, ohne daß wir noch ihre Eitelkeit begünſtigen dürfen.“ „Sie zeigen Ihre Karten, ſchöne Dame,“ ver⸗ ſetzte ich;„und von jetzt an weiß ich, welches Spiel Sie ſpielen. Ich werde Ihnen nicht weiter wider⸗ ſprechen.“ „O, ſagen Sie das nicht, lieber Vetter, ich bitte Sie!“ rief Beſſy.„Was vermöchte ich ohne Widerſpruch? Und was Sie ſelber?“ Ich weiß nicht, was mich antrieb, mich ihr zu nähern und ihre Frage leiſe mit den Worten zu beantworten: „Ich möchte Sie nach England mitnehmen, da⸗ mit Sie ſelber urtheilen könnten, liebe Beſſy.“ Es war gewiß weder der Augenblick, noch die Art zu einer Liebeserklärung, und ich hatte nicht die geringſte Abſicht, eine ſolche zu machen, aber die Worte waren ausgeſprochen, ehe ich wußte, was ich that. Daß die Worte, obgleich in ſcherzendem Tone geſprochen, eine Bedeutung für ihren Geiſt hatten, war ſehr klar, denn Beſſys Geſicht röthete ſich wie eine Roſe und ſie verließ das Zimmer. Mrs. Stringer folgte ihr; und ſobald ſie fort waren, rief Mr. Thornton: — 191— „Nun, Sir Richard, beſteigen Sie Ihr Pferd und reiten ſogleich mit mir nach Jeruſalem. Hub⸗ bard hat verſprochen, uns dort zu treffen und wir müſſen ſogleich den Feldzug eröffnen. Wir haben es mit kühnen und verwegenen Leuten zu thun; und die⸗ ſen Morgen in der Frühe hörte ich, daß, ungeachtet unſeres Einſpruchs, alle Diener Ihrer ſeligen Tante am letzten Abend an jenen verwünſchten Sclavenhänd⸗ ler verkauft wurden. Wir wollen ſie ihm indeſſen wieder abjagen. Hubbard wird den Sheriff mitbrin⸗ gen; es ſoll ſogleich ein Verhaftsbefehl ausgefertigt werden und ſie ſollen Virginien nicht verlaſſen, ſo lange mein Name Thornton iſt.“ „Ich will mein Pferd ſogleich bringen laſſen,“ antwortete ich. „Ich bitte um Ihre Erlaubniß wegen der Frei⸗ heit, die ich mir genommen,“ ſagte Mr. Thornton, „denn ich beſtellte es ſchon, als ich herauffam. Es muß jetzt vor der Thüre ſein.“ In wenigen Minuten waren wir im Sattel, und vermöge des Geplanders, welches einem electri⸗ ſchen Telegraphen gleicht, der durch und um jedes Landhaus in Virginien zu laufen ſcheint, hatte die ganze Familie und die Diener Nachricht von dem er⸗ halten, was wir vorhatten, und waren auf der Ve⸗ randa und um dieſelbe verſammelt, um uns fortrei⸗ ten zu ſehen. Ich hörte einen Schwarzen zu dem Anderen, als ſie bei den Pferden ſtanden, als Ant⸗ wort auf eine Frage ſagen: „Nun freilich, um zu verhindern, daß Miß Beb's Diener nach Orleans verkauft werden.“ „Gott ſei ihnen gnädig, Maſſa Thornton wird das nimmermehr zugeben,“ verſetzte der Andere;„er wird es ſchon verhindern!“ Selbſt Beſſy Davenport war da; und nachdem ſie einen Augenblick zu zaudern geſchienen, kam ſie an die Seite meines Pferdes, gerade als ich aufgeſtiegen war, und ſagte in leiſem Tone: „Wollen Sie nicht lieber Piſtolen mitnehmen, Better Richard? Dieſe Leute ſind oft ſehr gewaltſam und geſetzlos.“ Nein, nein,“ antwortete ich, meine Reitpeitſche 77, emporhaltend, die unten einen ſehr ſchweren, eiſernen Beſchlag in Form eines Adlers hatte;„mit dieſem da kann ich es mit drei oder vier Männern aufneh⸗ men, und ich möchte nicht gern zeigen, daß ich ſelber Gewaltthätigkeit beabſichtige.) Indem ich meinen Kopf niederbeugte, während ich ſprach, fügte ich in leiſem Geflüſter hinzu:„Verzeihen Sie mir, ich be⸗ abſichtigte Sie durch das, was ich dieſen Morgen ſagte, weder zu beläſtigen, noch zu ärgern. Vielleicht bin ich nicht ſo eingebildet und zuverſichtlich, wie Sie glauben, daß alle Engländer es ſind.“ Sie ſah mir unbefangen ins Geſicht und vor — 193— allen Lruten, die ſie umgaben, reichte ſie mir die Hand. Ich drückte dieſelbe einen Augenblick in der meinen und galoppirte dann davon. Am Thore, das zu der Hauptſtraße führte, fa⸗ hen wir Billy Byles auf einem ſehr ſchönen Pferde von der Rechten daherkommen und Mr. Thornton rief ihn ſogleich herbei.. „Kommen Sie mit, Byles,“ rief er,„kommen Sie mit uns; Sie ſind gerade der Mann, deſſen wir bedürfen. Wir gehen auf die Jagd.“ „Auf die Jagd?“ wiederholte der kühne Billy; „was wollen Sie denn jagen, im Namen des Him⸗ mels?“ „Einen Sclaventreiber und ſeinen Herrn,“ ant⸗ wortete Mr. Thornton.„Der Selavenhändler Lewis kaufte am letzten Abend alle Diener der Tante Beb, ungeachtet unſeres Einſpruchs dagegen, und wir müſ⸗ ſen ihn einfangen, ehe er über die Grenze des Staats kommt, oder wir möchten Mühe haben, die Schwar⸗ zen wieder zu bekommen.“ „Hurrah!“ rief Billy Byles.„Den wollen wir jagen. Reiten Sie nur weiter. Ich will die Land⸗ leute davon in Kenntniß ſetzen und in fünf Minuten wieder bei Ihnen ſein. Da ſind Toliver, Turner, Sam Hicks, Whitehead und ſein Sohn, lauter Leute, die zur Handlung bereit ſind und Alle ganz nahe am Wege, und ſie werden fechten, darauf können Sie Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 13 ſich verlaſſen. Warten Sie auf dem Kreuzwege ge⸗ rade auf dieſer Seite von Jeruſalem.“ „Nein, nein,“ ſagte Mr. Thornton,„kommen Sie in das Gaſthaus des alten Snead. Dort wer⸗ den Sie uns vor der Thüre finden. Wir werden dort nähere Auskunft und einen Verhaftsbefehl er⸗ halten.“ „On Verhaftsbefehle! zum Henker mit den Ver⸗ haftsbefehlen!“ rief Billy Byles.„Ich bin immer mein eigener Befehl. Aber reiten Sie weiter; ich werde kommen und will Sie nicht länger aufhalten.“ Vorwärts ging es demnach mit raſchem Schritte, ohne auf Staub oder Schmutz zu achten, was Bei⸗ des auf dem Wege zu finden war, welcher wellenför⸗ mig auf und nieder ging; und in etwa drei Viertel⸗ ſtunden hatten wir die Stadt Jeruſalem, wie die Hauptſtadt der Grafſchaft Southampton genannt wird, erreicht. Ich vermuthe, es iſt immer ein thätiger und geſchäftiger kleiner Ort, aber es herrſchte offenbar zur Zeit eine ungewöhnliche Aufregung darin, und als wir zu dem Gaſthauſe ritten, ſah ich meinen gu⸗ f ten Freund Mr. Hubbard neben ſeinem Pony ſtehen und einen anderen Herrn zu Pferde dicht neben ihm, welcher, wie Mr. Thornton mir ſagte, der Sheriff war. Ich habe ſeitdem mehrere Exemplare derſelben Art in Virginien geſehen und will daher nur ſagen, — 195— daß er ein ſehr großer ſchmächtiger Mann mit guter Haltung und ſchönem Geſichte, mit außerordentlich langen Gliedern war und keine überflüſſige Unze Fleiſch oder Fett an ſich hatte. Wenn ich die Ver⸗ muthung aufſtellen wollte, daß er ein von einer wohl⸗ thätigen Fee in einen Menſchen verwandeltes Thier geweſen, ſo würde ich ſagen, er hätte früher die Ge⸗ ſtalt eines irländiſchen Jagdhundes gehabt. Sein Pferd war von derſelben Beſchaffenheit und hatte nur Knochen und Sehnen, war aber ein auffallend ſchö⸗ nes Thier. Er war wie zur Jagd gekleidet und trug ein Paar lange Stiefel, die faſt bis zu ſeinen Hüften hinaufgingen; dabei hatte er auf ſeinem grauen Haar einen kleinen Hut, den eine geringe Veränderung in eine Jockeymütze verwandelt haben würde. Sobald er uns erblickte, ritt er ohne Weiteres durch die Menge auf uns zu, und wir erfuhren von ihm, nachdem Mr. Thornton uns einander in der Schnelligkeit vorgeſtellt, daß der Verhaftsbefehl gegen Mr. Lewis bereits in den Händen eines Conſtablers ſei, der eben ſein Pferd ſattle. Sie hätten von dem Wege, den der Sclavenhändler und Mr. Thornton genommen, bereits Nachricht erhalten und erfahren, daß ſie ſchon vor anderthalb Stunden durch Jeruſa⸗ lem gekommen. „Der junge Thornton iſt bei ihm,“ fügte der Sheriff zu meinem Begleiter gewendet hinzu.„Sie 13* — 196— wiſſen, was für ein Kerl er, iſt, und da wir ein Ge⸗ fecht zu erwarten haben, ſo wäre es beſſer, uns dar⸗ auf vorzubereiten.“ „Wir wollen uns ſogleich auf den Weg ma⸗ chen,“ ſagte Mr. Thornton.„Da er uns ſo weit voraus iſt, könnte er über die Grenze des Staats kommen, wo Ihr Verhaftsbefehl nicht mehr gilt.“ Jetzt kam Mr. Hubbard zu uns, und da er hörte, daß Billy Byles Rekruten herbeibringe, ſo rieth er uns, dazubleiben, bis er komme, wenn er nicht zu lange ausbleibe, und ließ ſich dann mit dem Sheriff auf eine juriſtiſche Verhandlung ein über die Beſchaffenheit und den Umfang der Gültigkeit des ausgegebenen Verhaftsbefehls— welche Gegenſtände ich nicht vollkommen deutlich verſtand. „O ja, mein guter Freund,“ verſetzte Mr. Hubbard auf eine Frage des Sheriff,„da ein Selave offenbar eine Sache iſt, die zum Vermögen gehört, ſo können Sie ungeachtet der Acte von 1799 gerade auf dieſelbe Weiſe bei der Wiedererlangung deſſelben, wie bei jeder anderen geſtohlenen oder unrechtmäßiger⸗ weiſe weggenommenen Sache verfahren. Es kann ein Verhaftsbefehl gegen die Entwender erlaſſen werden, um die Entfernung der Sache aus der Jurisdietion des Staats zu verhindern. Ueberdies beweiſt das Ur⸗ theil des Richters Martin in der Sache Mooſa gegen Allain deutlich, daß ein Selave ſelber an den Bei⸗ ſtand einer Magiſtratsperſon Anſpruch hat, um zu verhindern, daß er ungeſetzlich aus dem Staate ent⸗ fernt werde.“ Es hatte etwas ſehr Hartes für die Ohren eines Engländers, ſelbſt den milden Mr. Hubbard von ei⸗ nem menſchlichen Weſen wie von einer Sache reden zu hören; und da ich bei der Verhandlung von kei⸗ nem Nutzen ſein konnte, ſo hörte ich nicht weiter zu. Ich dachte indeſſen, wenn ich nur Lokalkenntniß über das Land erlangen könnte, ſo möchte meine militairi⸗ ſche Erfahrung vielleicht mit Nutzen angewendet wer⸗ den können, um die Flucht unſeres Gegners zu ver⸗ hindern. Eine geſtochene Karte war nicht zu haben; aber da uns einige Dutzend Leute bereits umringten, ſo erlangte ich eine mit Feder und Dinte gezeichnete Karte von allen Wegen umher und einen Strom von Belehrung über Sümpfe, Gräben, Brüche und un⸗ ſichern Stellen. Mittlerweile wurden mehrere Pferde geſattelt her⸗ ausgeführt und einige Herren begannen außzuſitzen; und ehe Alles bereit war, kam der kühne Billy By⸗ les nebſt drei anderen Herren herbeigeritten, welche die heitere und aufgeregte Miene von Leuten zeigten, die ein außerordentlich angenehmes Unternehmen er⸗ warten. 3 „Nun, ſo wollen wir uns auf den Weg ma⸗ chen,“ rief Mr. Byles.„Ich höre, ſie ſind gerade — 198— durchs Land gegangen, zu dem alten Nottowaylager; da ſie aber Wagen benutzen, werden wir ſie bald ge⸗ nug einholen.“ Ich ſah auf meine Karte und fand einen Ort als indianiſches Dorf bezeichnet. Zwei Wege führten dorthin, der eine war eine deutlich angegebene breite Straße und der andere ſchien ein ſchmaler aber kürze⸗ rer Reitweg zu ſein. „Iſt dieſer Weg zu paſſiren!“ fragte ich einen jungen Mann, der in der Nähe ſtand, indem ich auf die Karte deutete. Er konnte mir Nichts davon ſa⸗ gen, aber ein Anderer bemerkte: „Ich kam dieſen Morgen erſt von dort her. Es iſt naß dort unten; aber wenn Sie Ihre Pferde ſtraff im Zaum halten, ſo werden Sie hoffentlich durch⸗ kommen. Da iſt ein kleiner Fußweg zur Linken, der nicht auf der Karte ſteht, und wenn Sie den ein⸗ ſchlagen, werden Sie auf der anderen Seite gerade zu der Palliſade kommen. Dort können Sie an den Wagenſpuren ſehen, ob ſie ſchon vorüber ſind oder nicht, denn jener Regen in der letzten Nacht muß alle früheren Spuren weggewaſchen haben.“ Jetzt waren Alle zum Abmarſche bereit, mit Ausnahme des Mr. Hubbard, der es vorzog, unſere Rückkehr in Jeruſalem abzuwarten, und wir bildeten eine Abtheilung von funfzehn Reitern. Als wir aus der Stadt ritten, zeigte ich dem Sheriff die bereits — 199— erwähnten Wege auf der Karte und machte den Vor⸗ ſchlag, daß er und Mr. Thornton mit der größeren Abtheilung des Trupps dem breiteren Wege folgen ſollten, während ich und Billy Byles nebſt zwei von den Anderen den ſchmäleren Pfad einſchlagen und ver⸗ ſuchen wollten, der Abtheilung des Mr. Lewis den Weg abzuſchneiden. 1 „Kein übler Plan,“ ſagte der Sheriff kopf⸗ nickend;„aber werden Sie ſtark genug ſein? Wie ich höre, haben jene mehrere Leute bei ſich— drei Ir⸗ länder und einen Holländer, außer den Uebrigen.“ „Geben Sie mir noch zwei rüſtige Männer mit, außer Mr. Byles,“ ſagte ich,„und ich will es un⸗ ternehmen, ſie aufzuhalten, bis Sie auf dem breiteren Wege herbeikommen.“ „Ein Soldat?“ fragte der Sheriff kurz. Ich nickte mit dem Kopfe. „Nun, ſo gehen Sie,“ ſagte erz„da führt Ihr Weg hinauf; dann ſchlagen Sie den erſten Pfad zur Rechten ein; aber dann beachten Sie wohl den Fuß⸗ weg zur Linken, etwa ſieben Meilen weiter. Aber Byles weiß das Alles; er kennt das Land ſehr gut. Hier iſt ihre Spur— dieſe Wagengleiſe ſind friſch und noch ſcharf am Rande. Darnach können Sie leicht beurtheilen, ob ſie ſchon weiter ſind; und wenn ſie ſchon über das Lager hinaus ſein ſollten, wird es beſſer ſein, wenn Sie warten, bis wir kommen. Dann werden wir nichts weiter zu thun haben, als ſo ſchnell wir können, weiter zu reiten.“ Die Sache war dem Mr. Byles bald erklärt, der zu Allem bereit war; und nachdem er nach ſeinem beſten Urtheil zwei rüſtige Männer ausgewählt hatte, um uns zu begleiten, ritten wir, ſo raſch wir konnten, weiter, bis wir einen ſehr ſchmalen Pfad erreichten, auf dem wir weiter reiten ſollten. Auch ritten wir jetzt nicht viel langſamer; obgleich es, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, ein ziemlich gefährliches Unternehmen war, mit ſolcher Schnelligkeit darauf weiter zu reiten, denn die Zweige gingen nach verſchiedenen Richtungen und ſchlugen uns alle zwei oder drei hundert Schritte in die Augen, an die Knie oder an den Kopf. „Jetzt kommen wir zu der ſchlimmen Stelle,“ ſagte Billy Byles.„Halten Sie Ihr Pferd kurz im Zügel, wenn Sie hindurchreiten.“ . Dann ritt er in die ſchlimme Stelle hinein, die mir nicht mehr oder weniger als ein Moraſt zu ſein ſchien. Sein Pferd ſtrauchelte anfangs heftig, war aber im Augenblicke wieder auf, und weiter ritten wir, bald ſtolpernd, bald ſinkend, doch arbeiteten wir uns immer wieder heraus, bis wir die andere Seite der ſchlimmen Stelle erreichten und wieder auf feſten Boden kamen. Die nächſten drei oder vier Meilen waren freier, denn der Weg führte durch niedriges Buſchwerk, worin — 204— nur einzelne ſtruppige Bäume ſtanden und viel kurzes Gras dazwiſchen. Wir benutzten dieſen Vortheil ſo gut wir konnten und traten wieder in den dichteren Wald nach einem Galopp von etwa zwanzig Mi⸗ nuten. „Ich denke, wir müſſen ihnen jetzt voraus ſein,“ ſagte Billy Byles, indem er etwas weniger ſchnell ritt;„die Wagen können im höchſten Falle nicht mehr als drei Meilen in der Stunde zurücklegen, und wir haben das Gras nicht unter uns wachſen laſſen.“ BVorwärts ging es indeß in ſehr raſchem Trabe, und als wir noch drei Meilen zurückgelegt hatten, ſagte Mr. Byles in leiſem Tone: „Wir kommen jetzt in die Nähe. Wir werden bald ſehen, was wir zu erwarten haben.“ In demſelben Augenblick vernahm ich ein Ge⸗ räuſch, welches von einer Stelle zu unſerer Linken herkam, die nicht mehr als einige hundert Schritte entfernt zu ſein ſchien. Es klang wie ein wimmern⸗ des, klagendes Geräuſch, faſt wie eine Thür, die ſich in roſtigen Angeln dreht, und ich ſagte: „Horch! was iſt das?“ „Ein ungeſchmiertes Wagenrad,“ verſetzte Billy Byles.„Ich wette hundert Dollars, wir haben ſie.“ Im nächſten Augenblick hörten wir Jemand in derſelben Richtung eine Melodie pfeifen und Billy Byles ſagte: — — 202— „Das iſt jener Schurke, Mathias Leary. Er muß immer bei jedem ſchlechten Streiche ſein. Er würde ſeinen eigenen Vater verkaufen, wenn ihn ir⸗ gend Jemand kaufen wollte. Nun laſſen Sie uns weiter reiten und uns ſcharf zur Linken wenden wenn wir auf die Hauptſtraße kommen und uns ausbreiten, ſo daß ſie nicht an uns vorüber können.“ Wir ritten demnach weiter und in noch zwei Minuten betraten wir einen guten, breiten, ſandigen Weg, von welchem wir bei der letzten Meile nur durch einen ſpitzen Winkel des Waldes getrennt ge⸗ weſen. Zehntes Kapitel. Der Anblick, der ſich uns darſtellte, als wir uns links umwendeten, war nicht ohne Intereſſe, be⸗ ſonders für Jemand, welcher dergleichen noch nie ge⸗ ſehen hatte. Wie ich bemerkt habe, war der Weg breit und auf beiden Seiten von dichtem Walde be⸗ grenzt, der wahrſcheinlich ein Ueberbleibſel des Urwal⸗ des war; aber der Weg war gerade und in der Ent⸗ fernung von dem dritten Theil einer Meile konnte ich einen freien Raum ſehen, wo ſich eine verfallene Ein⸗ zäunung oder Palliſade befand— kurz, es waren die Ueberbleibſel einer alten indianiſchen Anſiedelung des Nottowayſtammes. Zwiſchen uns und der Palli⸗ ſade befand ſich ein ſeltſamer Zug von Reitern und die Erſten in der Linie waren nicht mehr als hundert Schritte von uns entfernt. Er beſtand vorzüglich in .— 204— vierrädrigen Karren oder Wagen, die man von Land⸗ leuten gemiethet zu haben ſchien und die von Pferden von verſchiedener Fette und Größe gezogen wurden. Die Wagen waren fünf an der Zahl und jeder ſo voll, wie es nur möglich war, mit den Familien der armen Neger in jeder Stellung des Kummers und der Niedergeſchlagenheit beladen. Sie ſaßen auf Stroh, welches man auf den Boden des Wagens geworfen hatte, und einige, beſonders unter den Frauen, hatten ihre Köpfe bis auf ihre Knie niedergebeugt, wie ſie daſaßen, während andere ſich mit einem leeren Blicke der Verzweiflung umſahen. Es waren auch Kinder unter ihnen— kurz, Perſonen jeden Alters von dem weißhaarigen Greiſe bis zu dem Säuglinge an der Bruſt; denn wie Mr. Lewis ſich ſpäter ausdrückte, kaufe er gern einen ganzen Trupp mit einander, und wünſche die Leute nicht zu trennen, die an einander gewöhnt wären. Jeder Wagen hatte ſeinen Fuhr⸗ mann, ſämmtlich weiße Männer, und wie ich ver⸗ muthe größtentheils Irländer; aber an der Spitze der Proceſſion kamen drei wohlberittene Männer und die Geſtalt in der Mitte war Mr. Lewis ſelber, 5 übertrieben zierlich wie immer gekleidet. „Der zur Rechten iſt der junge Thornton,“ ſagte Billy Byles leiſe zu mir,„Robert Thornton, der verdammte ſchurkiſche Anwalt, der an dem Orte ſo viel Unheil anrichtet, und der auf der anderen Seite iſt Mathias Leary; aber wer zum Teufel jener in der Mitte iſt, weiß ich nicht.“ „Das iſt der Selavenhändler, Lewis,“ antwor⸗ tete ich.„Ich reiſte mit ihm im Boote.“ „Oho!“ rief Mr. Byles.„Nun, laſſen Sie uns langſam weiterreiten und ein Geſpräch mit ihnen anfangen, um den Anderen Zeit zu laſſen nachzukom⸗ men. Breiten Sie ſich Alle über den Weg aus, ſo daß keiner vorüber kann, und laſſen Sie mich nur machen, Sir Richard, denn wir können ebenſo gut ganz ruhig beginnen, ſo daß wenn das Gefecht kommt, wir Hilfe zur Hand haben, denn Sie ſehen, wenn Alle mit helfen, ſind wir Zwei gegen Einen.“ Hierauf ritten wir langſam weiter und waren bald den anrückenden Trupp ganz nahe. „Guten Morgen, Mr. Thornton,“ ſagte Billy Byles in heiterem Tone.„Sie müſſen früh ausgerit⸗ ten ſein, da ſie jetzt ſchon ſo weit von Ihrem Orte entfernt ſind.“— „Sie ebenfalls, Mr. Byles,“ verſetzte Thornton, der ein großer, rüſtiger Mann von gutem Ausſehen war, nach deſſen äußerer Erſcheinung ich gewiß nie ſeinen Charakter errathen hätte.„Sie ſcheinen auch ſchnell geritten zu ſein, Ihr Pferd iſt wie ge⸗ badet.“ Die Fuhrleute, welche ſahen, daß ihre Führer ſich unterredeten, hielten jetzt die Wagen an, während — 206— Mr. Lewis mich mit etwas ſcheuem Kopfnicken be⸗ grüßte, als vermuthe er ſogleich, daß etwas nicht richtig ſei, und Mr. Leary in leiſem Tone mit einem von den beiden Männern, die uns begleiteten zu re⸗ den begann. „Wir waren auf der Jagd,“ ſagte Billy Byles, als Antwort auf Robert Thorntons letzte Bemerkung. „Auf der Jagd!“ rief der Andere,„auf der Jagd am erſten Junius?“ „Ja, ja, ich weiß wohl, daß es nicht die rechte Jahreszeit iſt; aber ſehen Sie, ich wünſchte unſerem engliſchen Freunde den Anblick einer Jagd zu gewäh⸗ ren, wie er ſie in ſeinem Vaterlande nicht hat. Ha⸗ ben Sie etwas von unſerer übrigen Geſellſchaft geſe⸗ hen, denn wir haben einen Nebenweg eingeſchlagen und wir hofften ſie hier zu treffen.“ „Nein,“ antwortete Thornton;„wir haben Nie⸗ mand geſehen, ſeitdem wir uns anf den Weg ge⸗ macht, weder Mann noch Pferd. Nun, Mr. Byles, muß ich Ihnen einen guten Morgen wünſchen, denn ich habe Geſchäfte.“ „Das ſehe ich,“ entgegnete Billy Byles, der keinen Schritt aus dem Wege ging.„Eine hübſche Anzahl von Negern, auf mein Wort! Ei, da iſt die gute Lydia, welche Mrs. Beb Thorntons Dienerin war!“ „Wohl möglich,“ ſagte Thornton ungeduldig; „aber ich muß weiter. Kommt, Ihr Leute!“ „Halt, halt, Thornton!“ rief Billy Byles. „Ich habe Ihnen Etwas im Vertrauen zu ſagen— Ihnen einen kleinen Wink zu geben, der Ihnen nützlich ſein dürfte.“ „So ſagen Sie es denn,“ entgegnete Thornton, mit gerötheter Wange.„Ich kümmere mich keinen Strohhalm um Geheimniſſe, und ich habe es eilig.“ „Nun, die Sache iſt,“ ſagte Billy Byles,„man hat einen Verhaftsbefehl gegen Sie und einen gewiſ⸗ ſen Lewis, wegen Vergehungen erlaſſen, womit Sie vermuthlich beſſer bekannt ſind, als ich. Und man wird Ihnen gewiß nicht geſtatten weiter zu gehen, darauf können Sie ſich verlaſſen.“ „Und wer zum Teufel will mich zurückhalten?“ fragte Mr. Thornton, deſſen Geſicht ſehr roth wurde und deſſen Adern an den Schläfen anſchwollen. „Fürs Erſte will ich es,“ antwortete Billy By⸗ les;„und wenn wir hier nicht genug ſind, ſo wer⸗ den in einer Minute Leute genug da ſein, die Sie mit Erfolg zurückhalten werden.“ „Sie wollen mich zurückhalten— Sie?“ rief Thornton, mit der Hand in die Taſche greifend und ſeine Zähne feſt zuſammenbeißend.„Wo iſt Ihre Vollmacht, Herr; wo iſt Ihre Vollmacht?“ 3 Zu gleicher Zeit wendete ſich Mr. Lewis, der ſehr blaß geworden war, zu den Fuhrleuten um, und rief: „Kommt herbei, meine Leute, kommt herbei und treibt die Pferde dieſer Herren aus dem Wege!“ „Ich will ſie ſchon aus dem Wege treiben, rief Mr. Robert Thornton, indem er ein Paar kleine Piſtolen aus der Taſche zog.„Wenn Sie eine Voll⸗ macht haben, Mr. Byles, ſo zeigen Sie ſie vor. Wenn nicht, ſo gehen Sie mir aus dem Wege, oder beim Teufel, ich ſchieße Sie nieder. Hier iſt eine Kugel für Sie und eine für Ihren Mitſchuldigen John Bull. Wahrhaftig, wenn ich ihn nur eine halbe Stunde allein hätte, wollte ich ihn aus Liebe für ſein Vaterland durchpeitſchen, daß er heulend wieder zurücklaufen ſollte.“ Er ſchwieg eine Minute, um zu ſehen, ob ſeine Prahlerei irgend eine Wirkung haben würde. Aber Billy Byles blieb gerade vor ihm, und ich lächelte nur, indem ich aber meine ſchwere Reitpeitſche in der Mitte faßte, im Fall, daß er zu einer Gewalt⸗ thätigkeit ſchreiten ſollte. Zu derſelben Zeit begannen Mr. — 209— darauf ſei, richtete er ſie gerade auf meinen kühnen Freund. 3 „Teufel! feuern Sie, wenn Sie es wagen!“ rief Billy Byles. „Aber ich ſah, daß keine Zeit zu verlieren war, und der Knopf meiner Reitpeitſche traf die Knöchel des Mr. Thornton mit ſolcher Heftigkeit, daß er au⸗ genblicklich die Piſtole losließ, die auf den Boden fiel, und unter den Füßen der Pferde losging, ohne aber Jemand zu verletzen. Mittlerweile war Mr. Leary mit einem der rü⸗ ſtigen Landleute, die uns begleiteten, in einen Kampf verwickelt; Beide waren dadurch von ihren Pferden heruntergezogen worden und wälzten ſich am Boden. Mr. Lewis winkte den noch zurückgebliebenen Män⸗ nern, herbeizukommen; ſie ſchienen aber wenig geneigt zu gehorchen, und näherten ſich nur langſam dem Orte, wo es harte Schläge ſetzte. Thornton wendete ſich jetzt mit der anderen Pi⸗ ſtole zu mir; aber Mr. Byles ſpornte ſein Pferd ge⸗ gen ihn, faßte ihn beim Kragen und riß ihn zurück, während der andere Landmann herbeigeritten kam, ihn vom Pferde zog und ihm die Piſtole aus der Hand drehte. Zu gleicher Zeit zeigten ſich der Sheriff und in Trupp hinter der alten Palliſade und es war bald eine genügende Macht auf dem Schlachtfelde, um den weiteren Widerſtand unnütz zu machen. Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 14 — ———— —:’’:— V — 210— Als die Neger, die beſtürzt auf dem Wagen ge⸗ ſeſſen und nicht begriffen hatten, was vorgehe, Mr. Henry Thorntons Geſicht unter der anrückenden Ab⸗ theilung ſahen, ſtanden ſie auf und ſtießen einen freudigen Ausruf, gemiſcht mit einem lauten und frohlockenden Lachen, aus, worauf der Sheriff herum⸗ geritten kam und rief: „Wer feuerte jenen Schuß ab?“ „Es war Bob Thorntons Piſtole,“ ſagte Billy Byles;„aber ich denke, es war Sir Richards ſanfter Schlag auf ſeine Knöchel, welcher machte, daß ſie losging, denn ſonſt würde er wohl nicht gewagt ha⸗ ben, ſie ſelber abzufeuern.“ „Das iſt eine Lüge,“ ſagte Bob Thornton. „Wenn er ſie mir nicht aus der Hand geſchlagen hätte, wäre die Kugel durch Ihr Herz gegangen, Sie geld⸗ ſtolzer Eſel. Aber ich will ihn dafür zur Rechen⸗ ſchaft ziehen. Er ſchlug mich. Sie ſahen es, Mr. Lewis— Sie auch, Leary; und der verdammte eng⸗ liſche Hund ſoll dafür büßen. Sie ſahen Alle, wie er mich ſchlug.“ Meine Geduld war erſchöpft; ich ſprang von meinem Pferde: „Wenn Sie noch mehr Zeugen wollen, ſo ſollen Sie ſie haben.“ Und zu gleicher Zei ſetzte ich ihm zwei oder drei ziemlich heſti ch mit meiner Peitſche über die Schultern. — 2411— Ich glaube, er wäre wie ein Tiger an meine Kehle geſprungen; aber in dem Augenblick kam der Conſtabler herbei, faßte ihn beim Kragen und hielt ihm den Verhaftsbefehl hin. Robert Thornton hatte viel von dem Rechtsgelehrten und dem Eiſenfreſſer an ſich; und beim Anblick des geſetzlichen Documents, gehörig unterzeichnet und unterſiegelt, nahm ſeine Aufmerkſamkeit augenblicklich eine andere Richtung. „Dieſer Verhaftsbefehl iſt nichts werth,“ ſagte er, ſich zu dem Conſtabler wendend, nachdem er das Document überblickt hatte;„und wenn Sie mich darauf verhaften, werde ich eine Klage wegen unrecht⸗ mäßiger Verhaftung gegen Sie vorbringen.“ „Ich denke, Sie werden finden, daß Sie irren,“ ſagte der Sheriff lächelnd.„Er wurde von Mr. Hubbard ausgefertigt, und der pflegt nicht gerade oft ein Verſehen zu machen.“ „Oha! der alte Hubbard ſchon wieder!“ rief der Andere.„Ich fürchte, ich werde dem alten Thoren doch noch einſt den Schädel ſpalten müſſen.“ „Ja, er hat Dir mehr als einmal im Wege geſtanden, Bob,“ ſagte Mr. Henry Thornton. „Nun, wir werden natürlich Bürgſchaft ſtellen,“ gte der Andere, ohne von dem, was ſein Verwand⸗ geſagt hatte, Notiz zu nehmen. „Das muß in Jeruſalem geſchehen,“ ſagte der 14˙* Sheriff;„darum wird es beſſer ſein, wenn Sie Ihr Pferd beſteigen und mit uns kommen, Herr.“ „Warten Sie noch einen Augenblick,“ ſagte Ro⸗ bert, mich anſehend.„Ich wünſche vorher einige Worte mit dieſem Herrn zu reden.“ „Keine Gewaltthätigkeit!“ ſagte der Sheriff. „Ol nicht die geringſte Gewaltthätigkeit,“ ant⸗ worte Robert Thornton,„nur wünſche ich zu wiſſen, wer mein neuer Bekannter iſt.“ So redend, trat er ein wenig auf die Seite und winkte mir, ihm zu folgen; aber Billy Byles, der dieſen Herrn völlig genau zu kennen ſchien, flüſterte mir zu, als ich mich ihm nähern wollte: „Laſſen Sie ſich durch nichts, was er zu Ihnen ſagen mag, bewegen, ihn zu fordern. Er will die Wahl der Waffen haben, und er wird gewiß eine wählen, woran Sie nicht gewöhnt ſind.“ Ddies war ein guter Wink, und ich fühlte mich ihm deshalb in der That ſehr verbunden, da die Leute in dieſem Theile der Welt nicht ſelten Ehrenſachen auf wilde und ungewohnte Weiſe ausmachen, die den alten Brantome ſehr empört haben würden, und woran er in ſeinem Buche über die Duelle gewiß nicht gedacht. 1 Sobald wir uns eine kurze Strecke von de Uebrigen entfernt hatten, wo man uns nicht hören wohl aber ſehen konnte, machte mir Mr. Robert Thornton eine tiefe Verbeugung, als wolle er eine ſehr höfliche Unterredung beginnen, und ſagte: „Fürs Erſte, mein Herr, wünſche ich nach dem Namen des Herrn zu fragen, mit welchem meine Be⸗ kanntſchaft unter ſo günſtigen Vorzeichen begonnen hat— nach ſeinen Namen, Stand, Rang und Grad.“ „Darüber will ich Ihnen ſogleich Auskunft ge⸗ ben,“ verſetzte ich.„Mein Name iſt Sir Richard Conway; mein Stand, der eines engliſchen Gentleman, der Virginien beſucht; mein Rang, der eines Baronet von Großbritanien und mein Grad, der eines Major des ſechſten Dragonerregiments auf Halbſold.“ „Nun alſo, Sir Richard Conway, Baronet, Major u. ſ. w., ich betrachte Sie als einen verdamm⸗ ten Lumpen und Schurken.“ Und er ſtarrte mir gerade in's Geſicht. „Mein lieber Herr,“ antwortete ich mit ruhigem Lächeln,„ich habe bereits die Ehre gehabt, Sie in Gegenwart mehrerer anderer Leute mit der Hetzpeitſche zu bearbeiten. Ich halte es nicht für nöthig, es zu wiederholen, da Sie die erſten Schläge nicht wieder von ſich abſchütteln können; wenn es Ihnen aber Vergnügen macht, ſo ſoll es geſchehen.“ „Ei, Herr, für einen Soldaten ſcheinen Sie nicht leicht etwas übel zu nehmen,“ antwortete er ſpöttiſch. — 214— „Durchaus nicht,“ verſetzte ich.„Ich habe Sie bereits öffentlich und abſichtlich beleidigÄt. Ihre üble Meinung von mir betrachte ich als keine Beleidigung, ſondern vielmehr als ein Compliment— auf jeden Fall ſo lange, bis Sie Genugthuung für die Peit⸗ ſchenhiebe genommen. Und nun, wenn Sie nichts weiter zu ſagen haben, will ich Ihnen einen guten Morgen wünſchen.“ „Halt! Halt!“ rief er mit ſehr geröthetem Ge⸗ ſicht;„Sie müſſen mir dafür Genugthuung geben.“ „Sehr gut,“ antwortete ich.„Ich ſtehe völlig zu Ihren Dienſten, wo Sie den Ort beſtimmen mö⸗ gen. Schicken Sie lieber einen Freund zu meinem Freunde, dem Mr. Byles, die können die vorläufigen Anordnungen treffen. Ich ſelber halte mich im Hauſe des Mr. Stringer in Beavors auf und werde eine Woche dort bleiben. Später werde ich wahrſcheinlich in Mr. Henry Thorntons Haus gehen. Aber Mr. Byles wird vermuthlich in ſeinem eigenen Hauſe zu finden ſein, und Sie müſſen dort mit ihm ver⸗ kehren.“ So redend, machte ich ihm eine Verbeugung und verließ ihn, und es war mir durchaus nicht leid, ihm die Herausforderung zugeſchoben zu haben; denn der Gedanke an Meſſer in einem dunklen Zimmer, oder an Büchſen iin einer Grube, ſtimmt durchaus nicht zu meinen Anſichten über das Duel. Dann beſtiegen wir unſere Pferde und nach ei⸗ niger Schwierigkeit in den Anordnungen, während Mr. Lewis und Mr. Robert Thornton als Gefangene betrachtet wurden, obgleich man ihnen keinen weiteren Zwang anlegte, traten wir unſeren Rückweg nach Jeruſalem an; der Sheriff führte den Trupp an und mehrere andere Herren folgten den Wagen, welche die Neger enthielten, um die Möglichkeit einer Flucht zu verhindern, da man nicht zweifelte, daß Mr. Le⸗ wis die erſte Gelegenheit benutzen werde, über die Grenze zu fliehen. Natürlich fanden viele Unterredungen ſtatt, und ich fand bald Gelegenheit, dem Mr. Byles mitzuthei⸗ len, was zwiſchen Mr. Robert Thornton und mir vorgegangen war, und ihn zu bitten, bei dieſer Ge⸗ legenheit als mein Freund zu handeln. „Gewiß, gewiß,“ antwortete er,„Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht. Nun laſſen Sie Ihre Anſichten über die Zeit und die Waffen, wie über weitere Anordnungen hören. Ich kann Ihnen die beſte Büchſe auf der Welt borgen.“ „Entſchuldigen Sie,“ antwortete ich,„Piſtolen ſind die Waffen, die in England beſtändig angewen⸗ det werden, und die würde ich gewiß vorziehen. Den Ort müſſen Sie für mich beſtimmen, da ich das Land nicht kenne. Alle übrigen Anordnungen muß ich Ihnen überlaſſen, da mir dieſelben ganz gleich⸗ — 2416— gültig ſind. Jedes Geſchäft, und beſonders eins die⸗ ſer Art, ſollte nicht lange verzögert werden.“ „Aber haben Sie Piſtolen bei ſich?“ fragte er. „Nur ein Paar Taſchenpiſtolen,“ antwortete ich; „aber gewiß kann man ſie in der Nachbarſchaft haben.“ „Keine Waffen, die man brauchen könnte,“ verſetzte er;„aber ich weiß, wo ſie zu finden ſind. Indeſſen würde uns das drei bis vier Tage aufhalten. Doch am Ende wird ihm das zu früh ſein. Es fehlt ihm nicht an Muth, wenn ſein Blut aufgeregt iſt; aber es kühlt ſich bald ab, und dann zeigt ſich der Rechtsgelehrte wieder.“ „Wir müſſen ihm keine Zeit laſſen, ſich abzu⸗ kühlen,“ antwortete ich,„und ich habe eine ſehr gute Entſchuldigung, die Sache zu beſchleunigen, da ich ein Fremder in dieſem Lande bin, deſſen Aufenthalt natür⸗ lich ungewiß ſein muß.“ Nachdem ich die ganze Sache mit Mr. Byles verabredet hatte, begab ich mich zu Mr. Henry Thorn⸗ ton, der ein wenig ernſt ausſah, aber den perſönlichen Streit mit ſeinem Verwandten und mir durchaus nicht erwähnte. In Jeruſalem, welches wir nach einem et⸗ was langweiligen Ritte erreichten, fanden wir Mr. Hubbard und einen oder zwei Magiſtratsperſonen. Es erfolgte eine lange juriſtiſche Verhandlung, zuerſt über die Gültigkeit des Verhaftbefehls und dann über die Bürgſchaft, die von Mr. Lewis und Mr. Thornton — 217— genommen werden ſollte, die, wie ich fand, einer Ver⸗ abredung beſchuldigt wurden, gewiſſe Perſonen zu be⸗ trügen, unter welchen ich mich befand. Es iſt durch⸗ aus nicht nöthig, auf die Einzelheiten einzugehen; es mag hinreichen zu ſagen, daß Robert Thornton leicht die nöthige Bürgſchaft ſtellte, was dem Mr. Le⸗ wis nach manchen Schwierigkeiten ebenfalls gelang. Die große Frage betraf indeſſen, wo die Neger der guten Tante Beb bleiben ſollten, welche Mr. Ro⸗ bert Thornton gern auf die Pflanzung ſeines Vaters zurückbringen wollte. Der Sheriff erklärte ſich indeß mit Beſtimmtheit dagegen, und ungeachtet einiger Drohungen und vieler Streitigkeiten, nahm er ſelber von ihnen Beſitz, um ſie dem rechtmäßigen Beſitzer zurückzugeben. Der größere Theil des Tages war bei dieſen Ver⸗ handlungen vergangen, und die ganze Geſellſchaft war froh, ſich zu trennen und in ihre Hänſer zu gelangen. Ich trat meinen Rückweg zu Mr. Stringer's Hauſe an, und wurde bis zu dem Thor an der Landſtraße von Mr. Henry Thornton und Mr. Billy Byles be⸗ gleitet. Dort verließen ſie mich, und ich ſetzte meinen Weg allein fort, indem ich die kleinen Ereigniſſe des Tages überdachte. Es iſt mir immer leid, wenn ich mich vom Zorne überwältigen laſſe, und ich bedauerte, dem kläglichen Betrüger, der ſich mir widerſetzt hatte, mehr als den einen Schlag zugetheilt zu haben, der — 218— nothwendig war, um ihm die Piſtole aus der Hand zu ſchlagen. Ich empfand einen gewiſſen Selbſtvor⸗ wurf, und vielleicht war noch ein Schatten davon auf meinem Geſichte zurückgeblieben. Unter der Veranda von Mr. Stringer's Hauſe waren, als ich ankam, mehrere Mitglieder der Familie, und unter dieſen auch Miß Davenport, verſammelt, die im Schatten laſen oder arbeiteten. Tauſend Fra⸗ gen über den Verlauf und den Ausgang unſeres Aben⸗ teuers wurden an mich gerichtet; aber keine kam von Beſſy, obgleich ihr Blick zu meinem Geſichte erhoben war und ihre Augen die meinigen zu befragen ſchienen. „Wurde Widerſtand geleiſtet?“ fragte Mr. Stringer. „Sehr wenig,“ verſetzte ich;„ein würdiger Herr hielt es für gut, eine Piſtole hervorzuziehen, aber ſie wurde ihm aus der Hand geſchlagen und ging am Boden los.“ „Das war Robert Thornton natürlich,“ ſagte Beſſy,„der den Eiſenfreſſer und Schurken in ſich vereint.“ Ich nickte mit dem Kopfe und die Unterredung wurde weiter geführt, bis Mr. und Mrs. Stringer ſich von der Veranda entfernten, um nach dem Mit⸗ tagseſſen zu ſehen, und ihren kleinen Knaben, der auch dort war, riefen, ſie zu begleiten. Beſſy Davenport hatte einen Knoten in die Seide gemacht, womit ſie — 219— arbeitete, und ſie blieb noch eine oder zwei Minuten länger. Die erſte Minute verging ſchweigend, aber ſie blickte zweimal zu meinem Geſichte auf, und ſagte dann plötzlich: „Vetter Richard, da iſt Etwas, was Sie uns noch nicht geſagt haben. Ich ſehe es an Ihrem Ge⸗ ſichte.“ „Ich habe Ihnen in der That Alles erzählt, was die Verfolgung und Gefangennahme dieſer Leute be⸗ trifft,“ verſetzte ich lachend.„Ich hoffe, Sie wün⸗ ſchen nicht, daß ich Ihnen Alles wiederholen ſoll, was hinſichtlich der Verhaftsbefehle, der Bürgſchaften und der Sicherheit der Neger geſchah; denn in der That, die Rechtsausdrücke dieſer würdigen Herren gingen über meine Begriffe.“ Sie ſchüttelte faſt traurig den Kopf und ſagte: „Sie ſind nicht aufrichtig, wie alle Männer es gegen die Frauen ſind.“ „Nein, in der That, Beſſy,“ ſagte ich, den lee⸗ ren Stuhl an ihrer Seite einnehmend.„Ich habe Ihnen Alles geſagt, was für Sie nöthig iſt zu wiſſen.“ Sie fuhr auf, zerriß den ſeidenen Faden zwiſchen ihren Fingern und rief: „Nun, vielleicht haben Sie das, aber ich hoffe, Vetter Richard, daß Sie nicht ein koſtbares Leben gegen eines auf's Spiel ſetzen wollen, welches nur ſollte durch den Henker geendet werden. So, jetzt will ich nichts mehr davon hören, mögen Sie nun auf⸗ richtig reden oder nicht. Ich ſehe dieſe Dinge ſehr verſchieden an von allen Mädchen in dieſer Gegend. Ich betrachte die Männer, die ſich duelliren, als große Thoren oder große Schurken und denke, es gibt nur zwei Fälle, wo ein Mann verbnnden iſt ſich zu duel⸗ liren: der erſte, wenn er eine ſo große Beleidigung empfangen, und die zweite, wenn er eine ſo große Beleidigung zugefügt hat, daß es ihm und ſeinem Gegner unmöglich iſt, zuſammen auf derſelben Erde zu wohnen.“ Mit dieſen Worten lief ſie davon und verließ mich; aber beim Mittagseſſen war keine Spur auf ih⸗ rem Geſichte oder in ihrem Benehmen von den ern⸗ ſteren Gedanken oder Gefühlen zu bemerken, die, wie ich wußte, in ihrem Geiſte waren. Sie war in der That heiterer, als gewöhnlich, und unterhielt uns während des größeren Theils des Abends, indem ſie die heiterſten Negerlieder ſang, die ſie nur auswendig konnte. Plötzlich aber veränderte ſie gänzlich den Ton ihrer Muſik und ſtimmte eine der ſchwermüthig⸗ ſten Melodien an, die ich je gehört, vortrefflich geeig⸗ net zu ihrer lieblichen Stimme, die ſelbſt in ihren heiterſten und glücklichſten Augenblicken einen Ausdruck hatte, der eine Empfindung erregte, der der Schwer⸗ muth nahe kam. „O weh!“ rief ſie aufſtehend, ſobald dieſes Lied — 221— geendet war.„Nun, da ich mich ſelber und Sie Alle traurig gemacht habe, will ich zu Bette gehen und ausſchlafen, wie die Trunkenbolde es thun.“ „Warten Sie einen Augenblick,“ ſagte ich. „Sie erinnern ſich, daß Sie mir verſprochen, mir zu zeigen, wo mein neuer Bekannter Nat Turner wohnt.“ „That ich das?“ antwortete ſie.„Ich erinnere mich deſſen nicht; aber ich will es thun, Vetter, und da Sie ſich für dieſen Stamm intereſſiren, will ich Sie noch mit einem anderen Exemplare bekannt ma⸗ chen, nämlich mit einem der beſten und weiſeſten Greiſe, die je lebten, obgleich von reinem afrikani⸗ ſchen Blut. Nat Turner hat etwas Intereſſantes, Geheimnißvolles und Uebernatürliches an ſich, aber wenn es je einen wahren, milden Chriſten gab, ſo iſt es der gute Onkel Jack.“ 7 „Wenn ſoll es ſein?“ fragte ich. „O! morgen nach dem Frühſtück,“ antwortete ſie.„Mrs. Stringer glaubt, wenn ich ſo früh am Morgen ausgehe, wird mir der Thau ein Fieber ver⸗ urſachen, obgleich er ſeit einundzwanzig Jahren faſt jeden Tag auf meinen Kopf gefallen.— Das iſt ein Geſtändniß, Vetter Richard. Sehe ich nicht wie ſieb⸗ zehn aus? Ich muß mich beeilen, liebe Mrs. Strin⸗ ger, ſonſt komme ich über das Alter hinaus. Mit zweiundzwanzig Jahren wird man als eine alte Jung⸗ fer angeſehen. Himmel! wie viel iſt in dem einen Jahre zu thun— Jemand zu finden, in den ich mich verlieben kann— zu machen, daß er ſich in mich verliebt— mich ſelber in ihn zu verlieben— das iſt noch die größte und ſchwierigſte Aufgabe von allen— mich trauen zu laſſen; aber das iſt Nichts, das kann in einer halben Stunde geſchehen— und alle meine Hochzeitskleider in Ordnung zu bringen. Aber gute Nacht, gute Nacht. Ich will gehen und Alles mit Julien verabreden, während ſie mein Haar auskämmt; und ich denke, mit Geduld und Beharr⸗ lichkeit werde ich auch damit durchkommen.“ Elftes Kapitel. Es war ein ſchöner Morgen, und das Früh⸗ ſtück war um acht Uhr vorüber, ungeachtet des ent⸗ ſetzlich langen Gebets, womit Mr. Mac Grubber es zu würzen für gut hielt. Es war daher ein kühler Spaziergang zu erwarten, obgleich ich Mrs. Strin⸗ gers Anſicht nicht billigen konnte; denn es ſcheint mir, als wären die frühen Morgen und die ſpäten Abende die einzig erträglichen Zeiträume in einem virginiſchen Sommer. Beſſy Davenport lief die Treppe hinauf, um eine Kopfbedeckung zu holen, und ich ſtand auf der Veranda, bereit zu unſerem Beſuche bei dem geheim⸗ nißvollen Neger und bei der nicht weniger merkwür⸗ digen Perſon, bei der ſie mich einzuführen verſprochen hatte. Aber einen Augenblick vorher, ehe ſie herunter kam, erſchien Billy Byles, der eben ſein Pferd in den Stall gebracht hatte. „Es iſt Alles angeordnet,“ ſagte er in leiſem Tone zu mir, indem er mir die Hand drückte.„Am Sonnabend Morgen um ſechs Uhr, in Hunters Wood.“ „Ei, das ſind ja noch drei Tage,“ ſagte ich, ein wenig ärgerlich über den Verzug. „Wir konnten es nicht anders anordnen,“ ant⸗ wortete er;„die Piſtolen waren Bob Thornton ſehr zuwider. Es liege ihm Nichts daran, wie er mit Ih⸗ nen kämpfe— lieber mit Musketen und Rehpoſten, als auf irgend eine andere Weiſe; aber er müſſe erſt nach Piſtolen ſchicken. Ich ſagte ihm, wir wären in derſelben Lage, aber Piſtolen müßten es ſein; und ſo beſtimmten wir Sonnabend Morgen, um ihm Zeit zu laſſen. Kommen Sie lieber hinüber und ſpeiſen am Freitag bei mir zu Mittag und ſchlafen in— Gerade in dem Augenblicke erſchien Beſſy Daven⸗ port, und er hielt inne; aber ich antwortete ſogleich, als ob er ſeinen Satz bereits zu Ende gehabt hätte:. „Mit großem Vergnügen, zu welcher Stunde ſpeiſen Sie zu Mittag?“ „Ol um drei, um drei,“ antwortete Billy By⸗ les.„Ich habe dieſe üblen Gewohnheiten der Leute noch nicht angenommen.“ — 225.— „Wirklich?“ rief Beſſy näher kommend.„Ich wußte nicht, daß Sie je eine üble Gewohnheit an ſich vorübergehen ließen, Mr. Byles, ohne wenigſtens zu verſuchen, ſie anzunehmen.“ 1 „Sie ſind eine boshafte, kleine Spütterin, s Miß Beſſy,“ antwortete er;„aber ich kenne die Urſache Ihrer Bosheit. Sie ſind zornig darüber, daß ich Sir Richard von Ihnen wegnehme, um am Freitag bei mir zu Mittag zu ſpeiſen.“ „Wenn Sie nichts Aergeres mit ihm thun, als das, ſo liegt mir Nichts daran,“ ſagte Beſſy;„aber ich muß Ihnen ſagen, ich hege Zweifel gegen Sie Beide. Kommen Sie, Vetter Richard, laſſen Sie uns gehen, oder wir werden einen warmen Rückweg haben.“ Und Mr. Bylra verlaſſend, gingen wir wei⸗ ter bis zum Saume des Waldes. Die erſten hundert Schritte legte Beſſy in tiefem Schweigen zurück; aber dann fagte ſie ſeufzend und kopfſchüttelnd, indem ſie zu mir aufblickte: „Es wird nicht angehen, Richard.“ Es wäre nutzlos zu leugnen, daß das Intereſſe, welches ein ſo liebenswürdiges Weſen an meinem Schickſal zeigte, ſehr angenehme Regungen hervor⸗ brachte; aber dennoch war keine⸗ Möglichkeit vorhan⸗ den, eine Antwort auf das zu geben, was ſie ſagte, ohne mich Fragen auszuſetzen, die ich nicht aufrichtig beantworten konnte; ich mich daher, als hätte Freiheit u. Sclaverei. 1. 15 ich ihre Worte nicht gehört und verſuchte ihren Ge⸗ danken eine andere Richtung zu geben. Obgleich ich glaube, daß ſie den Zweck bemerkte, gab ſie ſich dem— ſelben doch gleich hin und wir gingen etwa eine Meile weiter, indem wir von verſchiedenen Gegenſtänden von geringem Intereſſe ſprachen. Unſer Weg führte durch den Wald, und ich konnte hier wohl bemerken, wie viel mehr Land, beſonders im Staate Virginien, un⸗- cultivirt iſt, als wir gewöhnlich in England denken. Wenn wir von einer Pflanzung reden, denken wir an einen weiten Strich Landes, überall zierlich und or⸗ dentlich angebaut mit Mais oder Tabak, mit Baum⸗ wolle oder Reis, und begreifen nicht, daß vielleicht zwei Drittheile der Pflanzung mit Wald bedeckt ſind. Ich muß auch bemerken, daß ein großer Theil des Landes, beſonders am Sceufer, wieder zum Walde zurückgekehrt iſt, denn die erſten Coloniſten glichen Verſchwendern, die erſt kürzlich zu einem Vermögen gelangt ſind, und ſie erſchöpften ihre Ländereien durch beſtändigen, unveränderlichen Anbau, beſonders von Tabak. Was ehemals, wie wir allen Grund zu glauben haben, ſehr fruchtbarer Boden war, trägt jetzt nur Fichten und andere Bäume, die auf ſchlechterem Boden wachſen.* Endlich kamen wir zu einem kleinen, freien Raume zwiſchen dem Walde, durch den wir gekom⸗ men waren, und dann wieder zu einem zweiten. Er konnte nicht breiter als hundert und funfzig Schritte ſein und erſtreckte ſich zu beiden Seiten ſo weit, wie das Auge nur ſehen konnte, gleich einer langen Lich⸗ tung durch den Wald. Das Gras, welches den Bo⸗ den bedeckte, war ſehr grün und zart, wahrſcheinlich weil es durch den Wald zu beiden Seiten vor der Sonnenhitze geſchützt und durch die Näſſe, welche die Bäume beſtändig an ſich ziehen, befruchtet wurde. „Dies iſt ein ſeltſamer freier Raum im Walde,“ ſagte ich, auf⸗ und niederblickend.„Ich würde mich faſt für verſucht halten zu glauben, daß hier einſt ein Fluß hindurchgefloſſen.“ „O nein,“ antwortete ſie,„es geht im Lande die Sage, daß es durch einen Orkan geſchehen, der den Wald durchbrach und ſich gleich einem Krieger ei⸗ nen Weg durch ſeine Feinde bahnte. Die Bäume, die der Orkan umwarf, ſind längſt vermodert, aber der Weg, den er ſich bahnte, iſt noch vorhanden. Der Menſch rühmt ſich ſeiner mächtigen Thaten; aber wann wird ein König oder ein Eroberer Spuren ſei⸗ ner Fußtritte, wie dieſe hier, zurücklaſſen?“ „Und doch, liebe Beſſy,“ antwortete ich,„kann der Menſch ſich zuweilen Wege bahnen, die noch prächtiger und unzerſtörbarer ſind, als dieſe hier. Der Wald umher kann gefällt werden, die Wurzeln kön⸗ nen vermodern, die Pflugſchaar kann darüber weg⸗ gehen, wo wir ſtehen, und keine Spur übrig bleiben. 15* Aber der mächtige menſchliche Geiſt, wenn er edel und kräftig angewendet wird, öffnet für ewige Zeiten Pfade, welche täglich Millionen betreten und welche nie verwiſcht werden. Wer die Vorurtheile eines Ge⸗ ſchlechts hinwegräumt— wer einen weiten und edlen Pfad für den menſchlichen Geiſt öffnet— wer einen Ausgang aus irgend einem Lande der Finſterniß in das Land des Lichtes anführt, verrichtet ein mäch⸗ tigeres und dauernderes Werk, als der Sturm— ja, und ein wohlthätigeres.“ „Es iſt wahr,“ rief ſie lebhaft,„ſehr wahr; aber ſolche Gedanken machen mein kleines, ſchwaches Gehirn ſchwindeln. Ich hätte ein Mann ſein und große Thaten thun mögen; aber hier bin ich, ein ein⸗ faches virginiſches Mädchen, nicht ſtärker, als ein Schmetterling und nur fähig zu kleinen Gedanken und unbedeutenden perſönlichen Abenteuern. Aber, da wir von Abenteuern reden, da könnte ich machen, daß Ihr Haar ſich emporrichtete, wenn ich Ihnen eine Geſchichte von Dem erzählen wollte, was in dieſem Walde geſchehen, durch den wir jetzt gehen. Seitdem nennt man ihn auch immer Hunters Wood.“ „Und was war es denn?“ fragte ich. „Nein, nein,“ antwortete ſie,„ich will ſie Ih⸗ nen jetzt nicht erzählen; ich würde mir ſelber Schrecken verurſachen, und in⸗ zehn Minuten werden wir bei Nat Turners Hütte ankommen, denn dies iſt die Grenze der Beſitzung des Mr. Travis. Wir wollen auf dem anderen Wege zurückkehren, denn die Sonne wird dann den Schatten mehr nördlich werfen und uns zu dem Hauſe bringen, wo Onkel Jack alljähr⸗ lich einen Beſuch abſtattet.“ „Iſt das der alte Mann, von dem Sie geſtern ſprachen?“ fragte ich. „Ja, und er iſt ſehr alt,“ verſetzte ſie;„wie alt, weiß Niemand genau, aber er muß über neunzig ſein, denn man ſagt, er wurde ſchon als ein ziemlich großer Knabe vor mehr als achtzig Jahren in einem der letzten Sclavenſchiffe, die je nach Virginien gekommen, von der Küſte Afrika's herüber⸗ gebracht.“ „Er iſt alſo ein Selave?“ ſagte ich. „O nein,“ antwortete ſie,„er wird ſo ſehr ge⸗ liebt und geachtet, daß mehrere Leute ſich vereinten, um ihn frei zu kaufen.“ „Er muß in der That ein außerordentlicher Mann ſein, um ein ſo günſtiges Gefühl für ſich zu erregen,“ bemerkte ich. „Das Außerordentlichſte von Allem,“ fügte ſie hinzu,„iſt vielleicht, daß er nicht das Geringſte von der Ausſprache der Neger an ſich hat. Ich denke, Sie müſſen bemerkt haben, Vetter Richard, daß kei⸗ ner von ihnen je richtig engliſch ſprechen lernt, daß ſie immer eine Schwierigkeit bei der Ausſprache zeigen — 230— und daß ſie einige Laute gar nicht hervorbringen kön⸗ nen. Aber dieſer alte Mann ſpricht ſo gut engliſch, wie Sie.“ „Das iſt in der That außerordentlich,“ antwor⸗ tete ich,„denn dieſe Schwierigkeit der Ausſprache, die Sie bei dem afrikaniſchen Stamme erwähnen, iſt ſo allgemein, welche Sprache ſie auch reden, daß ich mir vorſtelle, es kommt von einem natürlichen Mangel. Ich habe ſie in derſelben eigenthümlichen Weiſe, wie Sie engliſch ſprechen, auch franzöſiſch und ſpaniſch ſprechen hören.“ „Hören Sie dieſen Mann in einem dunklen Zim⸗ mer ſprechen, und Sie werden ihn nicht von einem Amerikaner unterſcheiden können,“ ſagte Beſſy. Aber ich hatte bald Gelegenheit, ſelber zu ur⸗ theilen, denn gleich darauf erblickten wir zwei oder drei Hütten und auch ein größeres Haus, welche aus dem Walde hervorblickten. Wir näherten uns der am weiteſten entfernten Hütte und ich klopfte auf die Bitte meiner ſchönen Begleiterin an. Wir hatten im In⸗ neren Stimmen reden hören, und als wir eintraten, fanden wir zwei Neger darin, die an einem Tiſche ſaßen und eine kleine Schale mit Milch und ein we⸗ nig Brod von Mais, vor ſich hatten. Der Erſtere war mein Freund Nat Turner und ein kräftiger, wenn gleich ſchlank gebauter Mann, war er. Der Andere war von eben ſo dunkler Geſichtsfarbe und hatte wahr⸗ — 2314— ſcheinlich einſt eine eben ſo ſtarke Geſtalt gehabt; aber er war jetzt ein alter Mann, die Wolle auf ſeinem Kopfe weiß, wie Schnee und ſeine dunkle Haut mit vielen Runzeln bedeckt. Er war ſchwarz gekleidet, trug ſehr weiße Wäſche und ein weißes Halstuch, nach Art der Geiſtlichen zugebunden. Ich würde ihn für einen Mann von etwa ſiebzig Jahren, rüſtig und ge⸗ ſund für ſein Alter, gehalten haben, aber dies war Miß Beſſy Davenports Neger Jack; und ich muß ſagen, es lag etwas ſehr Ehrwürdiges und Einneh⸗ mendes in ſeiner äußeren Erſcheinung, als er aufſtand und uns eine reſpectvolle aber keineswegs unterwürfige Verbeugung, machte. „Nun, Mr. Turner,“ ſagte ich,„ich verſprach, Ihnen einen Beſuch abzuſtatten, und Miß Davenport iſt ſo freundlich geweſen, mich zu Ihnen zu führen, ſonſt hätte ich als Fremder in dieſem Lande meinen Weg verfehlen können.“ „Sie ſind ſehr willkommen,“ antwortete Nat. „Bitte, Miß Beſſy, nehmen Sie auf dieſem Stuhle Platz. Hier iſt der gute alte Onkel Jack, den Sie kennen.“ Beſſy reichte Onkel Jack ihre Hand, welcher die⸗ ſelbe freundlich drückte, aber er verſäumte die Gele⸗ genheit zu einem Tadel nicht, und Nat Turner trau⸗ rig anſehend, ſchüttelte er den Koyf und ſagte: „Wen nennſt Du gut? Nur Einer iſt gut— und das iſt Gott.“ „Nun, ich meinte gut nach den Begriffen dieſer Welt,“ antwortete Nat Turner. „Es iſt ſo wenig Unterſchied zwiſchen Zweien von uns,“ verſetzte der Greis,„daß Niemand ein Recht hat, die Benennung gut zu empfangen; viel weniger, ſich eine Ueberlegenheit über andere Brüder anzumaßen.“ „Das iſt ein bewunderungswürdiger Text, den Sie da angeführt haben,“ ſagte ich;„aber wiſſen Sie, ich hörte einmal, wie ein Mann denſelben als einen Grund gegen die Göttlichkeit unſeres Erlöſers anführte.“ „Er irrte ſehr,“ antwortete Onkel Jack milde. „Der junge Mann, mit dem er ſprach, hatte ihn als einen Menſchen angeredet und ihn guter Meiſter ge⸗ nannt, indem er ihn nur als einen Menſchen betrach⸗ tete. Chriſtus tadelte ihn, daß er einen bloßen Men⸗ ſchen gut nenne, und indem er dies that, ſprach er von ſich ſelber in ſeinem menſchlichen Charakter. Je⸗ nem Manne muß es ſehr um Gründe gegen einen Glauben zu thun geweſen ſein, der zu ſtark für ihn iſt.“ „Ich fürchte es ſind viele Menſchen in demſelben Falle,“ verſetzte ich.„Aber laſſen Sie ſich bei Ih⸗ rem Frühſtück nicht ſtören, Mr. Turner,“ fuhr ich zu Nat gewendet fort. „Es liegt mir Nichts daran, wann ich eſſe oder trinke,“ antwortete Nat Turner, wie es ſchien in et⸗ was geſchraubtem Tone.„Der Menſch, welcher den Körper unter die Herrſchaft des Geiſtes zu bringen wünſcht, darf ſich um ſolche Dinge nicht kümmern. Ich bin oft drei Tage lang ohne Nahrung ge⸗ weſen.“ „Ich ſollte denken, dazu müßte einige Uebung und Vorbereitung erforderlich ſein,“ ſagte ich, faſt geneigt zu lächeln;„und wenn es nicht aus Noth⸗ wendigkeit geſchieht, ſehe ich den Nutzen davon nicht ein.“ „Auch ich nicht,“ ſagte Onkel Jack,„Speiſe und Trank wurde uns zur Erhaltung unſeres Lebens gegeben, und während wir Gottes Segnungen ehren, indem wir ſie mäßig anwenden, ſollten wir unſeren Dank dafür zeigen, indem wir ſie anwenden, wie er es will.“ „Die Anwendung war ſehr gut,“ rief Nat Turner in aufgeregterem Tone als vorher,„und als Vorbereitung habe ich mich von Kindheit auf an Ent⸗ haltſamkeit gewöhnt. Ich wußte von meinen früheſten Jahren an, daß ich zu großen Dingen geboren ſei. Warum war ſchon vor meiner Geburt das Zeichen auf meiner Stirn?“ Und er deutete mit ſeinem — 234— Finger auf eine Narbe an ſeiner Stirn, die einem Kreuze glich. Aber ehe ich dieſelbe deutlich unterſu⸗ chen konnte, fuhr er in demſelben Tone fort:„Wer machte mich mit Dingen bekannt, welche geſchahen, ehe ich geboren wurde und die nur meine Mutter und mein Vater wußten? Wenn Gott es war, der dies that, warum that er es, als um zu zeigen, daß er mich zu— zu großen Dingen beſtimme?“ Ich ſah mich nach Onkel Jack um und begann ſchon zu denken, daß der Mann wahnſinnig werde, aber der Greis nahm meinen Blick für eine Frage und antwortete: „Alle werden Ihnen ſagen, mein Herr, daß es iſt, wie er ſagt. Aber Nat läßt ſeinen Geiſt zu ſehr bei ſolchen Dingen verweilen. Ich fürchte, es kann ihm ſchaden. Er beſitzt viel ſtarken und guten Ver⸗ ſtand, und wenn er nur immer Gottes Gnade an⸗ flehen will, um ihn richtig anzuwenden, ſo kann er in der That große Dinge unter den armen Leuten thun, die ihn umgeben. Aber der ſchnellſte Wan⸗ derer verirrt ſich noch weiter, wenn er nicht den rechten Weg wählt, und ich fürchte, Nat iſt in dem Falle.“ 8 „Fürchte Nichts, fürchte Nichts,“ verſetzte der Andere,„Gott, der wollte, daß ich werden ſollte, was ich bin, wird mich lehren zu thun, was ich zu thun habe.“ Dann fügte er mit ſo tiefer Stimme, als komme ſie aus einem Grabe, hinzu:„Er wird mir ein Zeichen geben— er hat es verſprochen.“ Onkel Jack ſchüttelte ſehr ernſthaft ſeinen Kopf, und Beſſy Davenport, die noch nicht geſprochen hatte, ſagte jetzt: „Wir ſind oft geneigt, Zeichen zu verkennen, Nat. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht Zei⸗ chen, die für die ganze Welt beſtimmt ſein mögen, auf ſich anwenden. Erinnern Sie ſich nicht, daß Sie vor Kurzem bei der Sonnenfinſterniß ſagten, es wäre ein Zeichen, welches Ihnen geſendet würde?“ „Ich weiß nicht, was Sie damit meinen,“ ant⸗ wortete der Mann düſter,„aber ich weiß, daß es ein Zeichen, und zwar ein ſehr ſchreckliches war. In⸗ deſſen,“ fuhr er heiterer fort,„muß Jeder dergleichen Dinge nach dem Lichte erklären, welches er empfangen hat, und der Herr wird nicht geſtatten, daß die, welche er begünſtigt, ſich irren. Er wird uns leiten,“ fügte er mit einem Seufzer hinzu, und ſchien dann geneigt, die Unterhaltung zu verändern. Ich ſuchte indeſſen dabei zu verweilen, denn ich wünſchte mehr von ſeinen Anſichten über ſolche Ge⸗ genſtände zu hören; aber er vermied es mit großer Geſchicklichkeit— ich könnte wohl ſagen mit Liſt, und ich lenkte den Gegenſtand auf Freiheit und Selaverei. Der Greis ſprach offen und frei genug darüber, und mit einer Liberalität für die Herren, die mich ſehr — 236— überraſchte. Er ſagte, die große Mehrzahl wären vortreffliche, gute und freundliche Leute, und wenn Allle ſolche wären, würde ſein Stamm unter ihrer Leitung viel glücklicher ſein, als ſie es unter ihrer ei⸗ genen ſein könnten.. „Das größte Uebel der Seclaverei, mein Herr,“ fügte er hinzu,„iſt die Möglichkeit, daß die üble Behandlung allgemein wird. Wo eine ſolche Mög⸗ lichkeit vorhanden iſt, wird die üble Behandlung an⸗ gewendet werden. Freilich habe ich keine Gelegenheit, irgend einen anderen Zuſtand der Geſellſchaft mit die⸗ ſem zu vergleichen; und ſo viel ich weiß, mögen in anderen Lagen und Verhältniſſen ebenſo große oder noch größere Uebel vorhanden ſein. Ich kann mich meines eigenen Vaterlandes durchaus nicht deutlich er⸗ innern. Ich habe nur einige ſehr unbeſtimmte, all⸗ gemeine Begriffe davon; und wenn ſie richtig ſind, war ich dort noch viel übler dran, als hier; aber ich bin nicht ganz gewiß, ob dieſe Begriffe von meinen eigenen Erinnerungen oder von Dem, was ich geleſen oder gehört habe, herrühren. Eins aber iſt gewiß, nämlich daß in allen Jahrhunderten Sclaverei vor⸗ handen geweſen iſt. Die Hebräer hatten ihre Knechte, und ſie ſelber mußten unter den Königen von Egypten Holz fällen und Waſſer tragen.“ „Aber ſie ſtanden auf und befreiten ſich ſelber, und Gott half ihnen und gab ihnen die Anweiſung — 237— dazu,“ ſagte Nat Turner mit einem eigenthümlichen Funkeln ſeines dunklen Auges. „Er iſt ein Gott der Gerechtigkeit und ſtark zu befreien,“ ſagte eine Stimme in eigenthümlichem Nä⸗ ſeltone vor der Thüre; und mich umwendend, er⸗ blickte ich zu meiner Ueberraſchung die lange und eigenthümliche Geſtalt des ehrwürdigen Mr. Mae Grubber. 3 Nat Turner eilte vorwärts und ergriff ſeine Hand, und Onkel Jack machte ihm, wie es mir vorkam, eine etwas ſteife Verbeugung. Beſſy Davenport warf mir einen kläglichen und doch zugleich heiteren Blick zu; und da ich zu dem Schluſſe kam, daß wir von dem, was folgen ſollte, wahrſcheinlich nicht ſehr er⸗ baut ſein würden, bereitete ich mich vor, mich zu entfernen. Nat Turner begann indeſſen die Unterredung mit dem Angekommenen, der offenbar ein alter Bekannter und Freund war, indem er ihn aufforderte, dem On⸗ kel Jack Alles das zu wiederholen, was er ihm am Tage zuvor geſagt.„Sie werden ihn überzeugen, aber ich kann es nicht,“ rief der Mann, eine Wolke nicht beachtend, die ſich über Mr. Mae Grubbers Stirn verbreitete, eben ſo wenig ein raſches Zeichen, welches er ihm gab, zu ſchweigen.„Sein Herz ſcheint ſo hart wie ein Mühlſtein gegen ſein eigenes Volk zu ſein.“ „Mein Herz iſt nicht hart, Nathanael,“ antwor⸗ tete Onkel Jack;„aber ich liebe mein eigenes Volk zu ſehr, um zu verſuchen, es unzufrieden zu machen mit einer Lage, der es nicht entgehen kann, die aber zu verbeſſern iſt, wenn ſie ſich friedlich, ruhig und getreu zeigen. Es iſt meine Pflicht, Frieden und Gutwilligkeit, Fügung in den Willen Gottes und Abhängigkeit von ſeiner Gnade zu predigen, und nicht die Leidenſchaften der Menſchen, weder in einer rech⸗ ten, noch in einer unrechten Sache, zu einer Hand⸗ lungsweiſe anzutreiben, die, Gott weiß, wie enden † wird.“ Während die beiden Neger ſprachen, ſtand Mr. Mae Grubber offenbar wie auf Nadeln; doch als Onkel Jack ſeine Antwort beendet hatte, nahm er ei⸗ nen Blick der milden und frommen Entſagung an. „Weit entfernt ſei es von mir, Bruder,“ ſagte er,„die Leidenſchaften der Menſchen aufzuregen oder ſie zu bewegen, auf gewaltſame oder haſtige Weiſe zu handeln. Verhüte Gott, daß ich die armen Leute in Verlegenheit bringen oder Etwas thun ſollte, was nicht von der ruhigen Vernunft und Religion geboten wird. Aber wir ſollen uns nicht abhalten laſſen, Gottes Wahrheit auszuſprechen; und wenn ich gefragt werde, was recht und unrecht iſt, muß ich da nicht ſagen, was recht iſt? Ja, wenn eine arme Seele mich fragt: Hat mein Mitmenſch ein Recht, mich — 239— in Knechtſchaft zu erhalten? Wollteſt Du, daß ich ja oder nein antworten ſollte? Ich predige die Wahr⸗ heit, Bruder, mag der Erfolg ſein, welcher er will. Der Erfolg iſt in Gottes Hand, nicht in der meinen.“ Onkel Jack ſchüttelte mit ſchwermüthigem Blicke den Kopf, ſagte aber nur: „Der Apoſtel lehrt uns, der herrſchenden Gewalt gehorſam zu ſein, und wiederum wird uns geſagt, die Diener ſollen ihren Herren gehorchen. Wer an⸗ ders lehrt, von dem kann ich nicht glauben, daß er ſich nach der heiligen Schrift richtet, und ich fürchte, daß Unheil daraus entſtehen wird.“ Mit dieſen Worten verließ er die Hütte, und Beſſy Davenport und ich folgten ihm, nachdem wir von Nat Turner Abſchied genommen hatten. Als wir fortgingen, glaubte ich Mr. Mae Grubbers Stimme in lautem und rauhem Tone zu hören; und ich zweifle nicht, daß der arme Nat einen ſtrengen Verweis er⸗ hielt, die Mittheilungen, die der ehrwürdige Herr ihm gemacht, fremden Ohren verrathen zu haben. Im Ganzen war mein Beſuch ſehr unbefriedi⸗ gend für mich. Meine erſte Unterredung mit Nat Turner hatte mich zu der Anſicht geführt, daß er den Uebrigen ſeines Stammes weit mehr überlegen ſei, als ich bei näherer Bekanntſchaft gefunden. Daß er ihnen überlegen war, daran konnte kein Zweifel ſein; — 240— aber ich glaubfe an jenem Tage Züge von faſt allen eigenthümlichen Schwächen des amerikaniſchen Stam⸗ mes in ihm entdeckt zu haben. Daß er liſtig, aber⸗ glänbiſch und eingebildet war, daran ließ ſich nicht zweifeln, und es lag auch Etwas in dem Ausdrucke ſeines Geſichtes und in dem Blicke ſeines Auges, was mich geneigt machte zu glauben, daß ein gewiſſer Grad der unerbittlichen Grauſamkeit und der heftigen Leidenſchaft in ihm ſei, wenn auch jetzt verborgen, aber nicht ganz unterdrückt durch die Herrſchaft, die er über ſich ſelber ausgeübt. Indem ich die beiden Neger mit einander ver⸗ glich, war mir Eins ſehr auffallend. An Onkel Jack konnte man, wie Miß Davenport bereits angedeutet, nicht die geringſte Spur von der afrikaniſchen Aus⸗ ſprache entdecken. Den virginiſchen Dialect hatte er ohne Zweifel; da war eine gewiſſe Betonung, ſowie auch die Ausſprache einiger Buchſtaben und Sylben, die wir in England nicht für engliſch halten, aber Nichts von dem Neger konnte ich darin entdecken. Im Gegentheil hatte Nat Turner, obgleich er offen⸗ bar die Sprache gut anzuwenden und ſich mit großer Geläufigkeit und Schicklichkeit auszudrücken wußte, jene Ausſprache, die wie aus der Kehle und beſtändig ſtoßweiße hervorkommt, und wodurch ſich der afri⸗ kaniſche Stamm auszeichnet. Onkel Jack ging langſam vor uns her und Beſſy und ich holten ihn bald ein; aber der gute, alte Mann ſchien ſich nicht weiter auf die Gegen⸗ ſtände, die wir verhandelt hatten, einlaſſen zu wollen. Er ſagte, er zweifle nicht, daß Mr. Mae Grub⸗ ber ein ſehr guter Mann ſei, aber er halte ihn für nicht beſonnen und vorſichtig genug. Ueber Nat Tur⸗ ner ſagte er, es ſei kränkend für ihn zu ſehen, daß ein Mann, der zu beſſeren Dingen geeignet ſei, ſich durch thörichte Einbildungen täuſche. „Ich glaube, Miß Beſſy,“ fuhr er fort, indem er ſich lächelnd zu meiner ſchönen Begleiterin wendete, „die Hälfte der Fehler der Männer und Frauen geht aus Eitelkeit hervor. Wenn dieſer arme Jüngling Nat ſich nicht für größer hielte, als er iſt, würde er viel beſſer ſein, als er iſt. Aber ich halte ihn für einen guten, jungen Mann, und ich glaube, er meint es gut mit allen Menſchen.“ Bald darauf verließen wir ihn und ſetzten un⸗ ſern Weg fort, indem wir mit einander die Cha⸗ raktere Derjenigen verhandelten, die wir eben ver⸗ laſſen hatten. „Ich kann nicht umhin zu denken,“ ſagte ich, „daß dieſer Mr. Mae Grubber ein ſehr gefährlicher Menſch in dieſem Theile des Landes iſt.“ „Er iſt wenigſtens ein ſehr widerwärtiger,“ ant⸗ wortete Beſſy, in welchen Worten ſich der wahre Freiheit u. Sclaverei. 1. Bd. 16 — 242— weibliche Charakter ausſprach; denn Du wirſt geſtehen müſſen, liebe Schweſter, daß die Damen die ange⸗ nehmen Eigenſchaften mit den wichtigeren in Ver⸗ gleich bringen und ſie höher ſchätzen, als die Männer es thun.— „Er muß von Dingen geſprochen haben, von denen er nicht wünſchte, daß wir ſie hören ſollten,“ fuhr ich fort,„und er bekam offenbar einen großen Schreck, als Nat Turner dieſelben erwähnte.“ „O! das war völlig klar,“ antwortete Beſſy. „Ich denke, Onkel Jack zeigte es deutlich genug, daß dieſer Mann es verſucht hatte, die Sclaven gegen ihre Herren aufzuwiegeln. Wir wiſſen Alle, daß er für die Abſchaffung der Selaverei iſt, und ich bin ſehr geneigt, mit Mr. Stringer darüber zu reden, doch könnte es Unheil anrichten.“ „Jeder Menſch hat natürlich ein Recht zu ſeiner eigenen Anſicht,“ ſagte ich;„aber ich kann mir nichts Unverzeihlicheres vorſtellen, als wenn ein thörichter Fanatiker in einen fremden Staat kommt und in ſei⸗ ner eitlen Einbildung verſucht, eine gewaltſame Ver⸗ änderung in den Beziehungen der verſchiedenen Klaſſen in der Geſellſchaft hervorzubringen, ohne die Folgen zu berückſichtigen.“ „Die Folgen würden ſchrecklich ſein,“ rief Beſſy. „Wenn die Selaven die Herrſchaft erhielten, könnte man ſich keinen Begriff von dem Zuſtande machen, in den wir gerathen würden. Sie ſind von ſo hef⸗ tiger Gemüthsart— ihre Leidenſchaften ſind ſo unbe⸗ herrſchbar, daß ſchon der bloße Gedanke einen Schau⸗ der bei mir hervorbringt. Sahen Sie je einen Ne⸗ ger in der Leidenſchaft, Vetter Richard? Es iſt das Schrecklichſte, was Sie je geſehen. Er ſieht aus, handelt, ſpricht und fühlt auch gewiß mehr gleich ei⸗ nem böſen Dämon, als einem menſchlichen Weſen. Ich erinnere mich, als ich mich bei der lieben Tante Beb aufhielt, war ein Mädchen im Hauſe, welches eine beſondere Vorliebe für eins von den kleinen Ver⸗ zierungen auf dem Kamingeſimms hatte. Zweimal ertappte man ſie, wie ſie im Begriff war, es weg⸗ zuſtehlen; aber endlich eines Tages war es fort und meine Tante ließ das Zimmer des Mädchens durchſu⸗ chen. Ich war zugegen, obgleich noch ein Kind, und kann mir ſie noch ſehr gut vorſtellen, wie ſie ſchweigend und bewegungslos im Zimmer ſtand, in⸗ dem ihre Augen den andern Dienern, die mit der Unterſuchung beauftragt waren, mit einem Ausdrucke folgten, den ich nie vergeſſen werde. Eine Zeitlang fanden ſie Nichts, und ſie begann einen triumphiren⸗ den Blick anzunehmen; endlich aber wurde der Ge⸗ genſtand, den man ſuchte, entdeckt, den ſie auf die liſtigſte Weiſe verſteckt hatte— denn er hing an Fä⸗ den unter dem Bette. Sobald derſelbe entdeckt war, brach ſie nicht in Reue und Zerknirſchung, ſondern in 16* — 244— Zorn und Wuth aus, wie ich nie von einem ande⸗ ren menſchlichen Weſen geſehen. Sie ſtampfte, ſie tobte, ſie ſchrie und brachte die Worte ſo raſch her⸗ vor, daß Niemand ſie verſtehen konnte. Endlich zer⸗ riß ſie wie wahnſinnig ihre Kleider.“ „Und was that meine Tante?“ fragte ich. „Gerade, was ſich von ihr erwarten ließ,“ ant⸗ wortete Beſſy.„Dies iſt eine traurige Geſchichte, aber Tante Beb war nicht zu tadeln. Sie ſah ſie ſehr ernſt an und ſagte:„„Biſt Du wahnſinnig ge⸗ worden, Juno? Du mußt hier bleiben, bis Du Dich gefaßt haſt und im Stande biſt, wie ein ver⸗ nünftiges Weſen zuzuhören, und dann will ich kom⸗ men, mit Dir zu reden. Jetzt würde es von keinem Nutzen ſein.““— Dann verließ ſie ſie und befahl, ſie einzuſchließen; aber wir waren noch keine fünf Mi⸗ nuten fort, als einer von den Dienern hereingelaufen kam, und ſagte, Juno ſei aus dem Fenſter geſprun⸗ gen und habe ſich ſchwer beſchädigt. Meine Tante wollte nicht zugeben, daß ich ſie ſähe, und Alles, was ich weiter weiß, iſt, daß ſie etwa noch fünf Wochen ſchwer krank lag und dann ſtarb. Tante Beb weinte bitterlich um das arme, irrende Geſchöpf, wie ſie ſie nannte.“ „Es iſt in der That ein trauriges Bild der menſchlichen Natur,“ ſagte ich;„nach dem, was ich von der Negerbevölkerung ſehe, bin ich geneigt, der Erziehung weniger, und der Abkunft mehr Macht zu⸗ zuſchreiben, als ich früher gethan.“ „Je mehr Sie von ihnen ſehen, deſto mehr werden Sie ſo denken,“ antwortete Beſſy.„Die Er⸗ ziehung bringt offenbar viel Verbeſſerung hervor; aber da kein Schönheitsmittel, welches man je erfunden, einen ſchwarzen Menſchen weiß machen kann, ſo glaube ich auch, daß keine Erziehung es dahin bringen wird, ſeinen Geiſt und Charakter dem eines weißen Menſchen gleich zu machen. Und doch ſcheint dieſer gute, alte Prediger Onkel Jack eine außerordentliche Ausnahm zu ſein.“.. „Das ſcheint mir Nichts zu beweiſen,“ verſetzte ich.„Wenn man einen rechten Verſuch machen wollte, müßte man eine gewiſſe Anzahl von Kindern verſchie⸗ dener Stämme nehmen und ſie vom früheſten Lebens⸗ alter genau nach demſelben Syſtem erziehen, und dann nach der durchſchnittlichen Anzahl, die man fähig ge⸗ funden, in einer gewiſſen Zeit zu einer beſtimmten Cultur zu erlangen, über den Stamm ſein Urtheil fällen. Wenn von hundert Kindern des engliſchen Stammes zehn in zehn Jahren den höchſten Grad er⸗ reichen ſollten und nur ein einziger Neger, ſo dürf⸗ ten wir daraus ſchließen, daß der engliſche Stamm empfänglicher für die Cultur ſei, als der Negerſtamm. Aber einzelne Fälle beweiſen Nichts. Und jetzt, meine — 246— gute Beſſy, laſſen Sie uns um des Himmelswillen von anderen Gegenſtänden reden, denn ſonſt wer⸗ den wir Beide zu Philoſophen herabſinken— eine Herabwürdigung, wozu uns die Natur gewiß nie be⸗ ſtimmte.“ „Ich vermuthe, Sie wollen beleidigend werden, Richard,“ antwortete meine ſchöne Begleiterin;„aber ich muß die traurige Wahrheit ausſprechen, daß wir einen ſehr ernſten und feierlichen Spaziergang gehabt haben— ſehr verſchieden von dem geſtrigen.“ „Auch mir gefiel der geſtrige beſſer,“ ſagte ich. Aber obgleich wir während des übrigen Heimwe⸗ ges zu leichteren Tönen übergingen, kehrten wir doch nicht zu jenen aufregenden und vielleicht gefährlichen Gegenſtänden zurück, welchen wir uns früher hingege⸗ ben. Aber ich glaube, jeder junge Mann und jedes junge Frauenzimmer gehen unbewußt der Gefahr— unbewußt, daß in ihrer Nähe iſt, was ich aus Höf⸗ lichkeit nicht gerade einen Abgrund nennen darf, ſon⸗ dern daß ſie über eine Kluft zu ſetzen haben, was ſie nach Gefallen thun oder auch unterlaſſen können — ſcherzend bis an den äußerſten Rand, und wenn ſie ſich dann ſo nahe finden, verweilen ſie, blicken mit einigem Zweifel hinunter und ziehen ſich ein we⸗ nig zurück, um dem Rande zu entgehen, bis der Ent⸗ ſchluß kommt und ſie hinüberſetzen. So war unſere Unterhaltung auf dem Heimwege ſehr alltäglich, und etwa hundert Schritte vom Hauſe begegnete uns unter den Pfirſichbäumen Mr. Stringer, und zu meiner Ueberraſchung hatte er meinen Freund, Wheatley aus Norfolk, bei ſich. Ende des erſten Bandes. Druck der C. Schumann'ſchen Buchdruckerei in Schneeberg. —— ſſnſſſſinſnſſſinſſſſſnnnſſiſ 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15