Beauchamp oder der Irrthum. Von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen überſetzt von A. Kretzſchmar. Dritter Band. Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 84 6. Beauchamp oder der Irrthum. Dritter Band. Erſtes Kapitel. Mr. Wharton trifft Anſtalten, um die Feindſeligkeiten gegen Sir John Slingsby zu eröffnen. Ich glaube aus vollſter Ueberzeugung, daß nicht das mindeſte Gute daraus kommen kann, wenn man verſucht, ein Buch regelmäßig zu ſchreiben. Ich ſage mit Premierminiſtern und Dienſtmädchen, mit Philoſo⸗ phen und Narren:„Ich habe es verſucht und folglich muß ich es wiſſen.“ Man kann einwenden, daß das Ergebniß gänzlich von der Art abhängt, auf welche eine Sache probirt wird, und daß ein ſehr einfaches Experi⸗ ment in den Händen eines Narren oder eines Dienſt⸗ mädchens fehlſchlagen werde oder fehlſchlagen könne, welches in denen eines Premierminiſters oder eines Phi⸗ loſophen gelingen würde. Nichts deſto weniger iſt es . wahr, daß Kritiker Regeln machen, in die das Leben ſich nicht fügt. Die Kunſt ſagt Eins, die Natur das Andere, und in einem ſolchen Falle Schade auf die Kunſt! 8 Die Kunſt kann uns blos lehren, wie wir die Natur verſchönern, oder zeigen, was wir malen ſollen. „Verändert nicht fortwährend den Schauplatz,“ ſagt der Kritiker,„lauft nicht von einem Charakter zum an⸗ dern, laßt keine Perſon auftreten, welche nicht den Zweck hat, irgend ein Ergebniß herbeizuführen.“ Aber im Laufe der menſchlichen Ereigniſſe verändert ſich der Schauplatz fortwährend; die Charaktere, welche vor unſern Augen vorübergehen, kreuzen und wenden ſich alle Augenblicke, und unzählige Perſonen ſtreifen an uns vorbei, wie Schatten über ein Glas, ohne eine Spur von ihrem Daſein zurückzulaſſen. Andere erſchei⸗ nen allerdings einen Augenblick nicht blos auf der be⸗ ſchränkten Bühne des häuslichen Lebens, ſondern oft auch auf dem großen Theater der Welt, ſpielen die ih⸗ nen zugetheilte Rolle, bringen irgend eine beſondere Wirkung hervor und ſtürzen dann, wie jene ſeltſamen Gäſte unſeres Weltſyſtems, die Kometen, in die Tie⸗ fen zurück, aus welchen ſie nur auf eine Stunde hervor⸗ getreten ſi ſind. Alles dies habe ich vorausgeſchickt, um zu bewei⸗ ſen, daß es vollkommen recht und rathſam iſt, wenn ich meinen geliebten Leſer in das Arbeitszimmer Mr. Wharton's oder vielmehr Abraham Whartons, Esqu., Advokatens und Rechtsconſulentens, einführe. Mr. Whar⸗ ton war ein kleiner, hagerer, dürrer Mann, von leid⸗ 5 — 7)— lich anſtändiger Figur, und wenn man ihn von hinten ſah, ſo ward man von einer jener Vorausſetzungen, die uns Alle an der Naſe herumführen, zu dem Glau⸗ ben verleitet, daß ſein Geſicht ein dünnes, ſpitzes, fuchsähnliches Geſicht, wahrſcheinlich mit einem pech⸗ ſchwarzen, glattraſirten, die Schnauze blaufärbenden Bart ſein müſſe. Kam jedoch Der, der den Mann zum erſten Mal ſah, auf die Vorderſeite herum, ſo wunderte er ſich nicht wenig, ein rothes, aufgedunſenes Geſicht mit ſchar⸗ fen, ſchwarzen Augen und ſehr wenig Bart zu erblicken. Es ſchwebte gewöhnlich ein heimliches Grinſen um ſeine Lippen, welches höflich ſein ſollte, dieſes Grinſen aber konnte wie ein Schatzkammerſchein ſehr leicht verwechſelt werden, und ein armer Client, ein armer Advokat der Gegenpartei, oder ein nicht zahlungsfähiger Schuldner fand bald, daß es ſehr ſchnell in ein drohendes Stirn⸗ runzeln oder boshaftes Lächeln übergehen konnte. Mr. Wharton war in ſeiner Kleidung ſehr zierlich, nett und ſauber. Sein Rock war alle Mal ſchwarz— ſelbſt wenn er mit auf die Jagd ging, was nicht ſelten vorkam, legte er niemals die rothe Jacke an. Beim Reiten trug er dann und wann bis an das Knie etwas Leder an ſich, die Kleidung ſeines unteren Menſchen be⸗ ſtand aber bei allen gewöhnlichen Gelegenheiten aus einem Paar dunkelbraunen Pantalons. So gekleidet ſaß er jetzt in ſeiner Studirſtube, wie er das Zimmer hin⸗ ter dem, in welchem ſeine Schreiber ſaßen, nannte, denn das Geſchäft, welches ihn jetzt in Anſpruch nahm, war eins der gewöhnlichen, obſchon es für Mr. Whar⸗ ton ein außergewöhnliches Intereſſe hatte. Es handelte ſich mit einem Worte um das Rupfen eines armen Vo⸗ gels, der ſchon lange in der Schlinge zappelte. Es war beſchloſſen, ihm nicht eine Feder zu laſſen, und doch war Mr. Wharton geneigt, die Sache ſo anſtändig als möglich zu beſorgen. Unter anſtändig verſtehe ich nicht zart— eine ſo unnöthige Delikateſſe kam Mr. Wharton niemals in den Sinn. Der Anſtand, an den er dachte, war blos der Anſchein in den Augen der Welt, welcher ein großer Theil andern Anſtandes, ſowohl männlichen als weiblichen iſt. Er ſtand im Begriff, ſo hart, ſo rückſichtslos, ſo eiſern zu ſein, wie eine Kanonenkugel, aber Alles mit unendlichen Betheuerungen von Güte und Freundlichkeit und von Kummer über die ſchmerz⸗ liche Nothwendigkeit u. ſ. w. u. ſ. w. u. ſ. w., denn Mr. Wharton befolgte Dr. Kitchener's barbariſches Re⸗ cept zum Verzehren der Auſtern und„kitzelte ſeine klei⸗ nen Günſtlinge, bevor er ſie verzehrte.“ Der Advokat ſtand an einem Tiſche und vor ihm lagen einige Papiere— nicht ſehr viele— denn er war nicht wie einer der bankerotten Advokaten in der Haupt⸗ ſtadt, welche ihre Zimmer mit braunen Blechkäſten an⸗ füllen, auf welchen mit großen weißen Buchſtaben„Ober⸗ haus“ ſteht, ſondern er zog es vor, das Geſchäft ſo wenig als möglich ſehen zu laſſen. Sein Zweck war gegenwärtig nicht, mehr Praxis zu bekommen, ſondern Geld zu verdienen. Praxis hatte er ſchon genug, viel mehr, als für das allgemeine Beſte gut war. Ein Schreiber, oder vielmehr eine Art von Pri⸗ vatſecretair ſaß an dem andern Ende des Zimmers und die Beiden hatten ſchon ein paar weniger wichtige Ge⸗ ſchäfte, bei denen es ſich um ein paar Hundert Pfund drehete, verhandelt, als endlich Mr. Wharton ſagte: „Ich glaube, morgen iſt wohl der letzte Tag mit Sir John Slingsby, Mr. Pilkington, wie?“ Er wußte ganz gut, daß es ſo war, aber er ſchien die Meinung ſeines Schreibers über die Sache verneh⸗ men zu wollen. „Ja, Sir,“ antwortete Mr. Pilkington,„ich ſehe keinen Ausweg für ihn.“ „Ich auch nicht,“ antwortete Mr. Wharton,„ich fürchte, er iſt nun bis auf's Aeußerſte getrieben, der arme Mann. Die ſechsmonatliche Kündigung des Ver⸗ falltermins war ganz in Ordnung, und die Zinſen be⸗ laufen ſich nun auf eine bedeutende Summe.“ „Ja wohl, eine ſehr bedeutende Summe, Sir, mit den Koſten,“ antwortete Mr. Pilkington.„Glaubt Ihr aber nicht, daß er verſuchen wird, die Liquidation re⸗ — 10— vidiren zu laſſen oder von den Zinſen Etwas herunter⸗ zuhandeln?“ .„Das kann er nicht, Mr. Pilkington,“ entgegnete Mr. Wharton trocken,„die Koſten ſind alle durch Obli⸗ gationen und geprüfte Rechnung geſichert, und es war ein Client von mir, der ihm das Geld zu ſieben und ein halb vorſchoß, wofür er die Intereſſen alle ſechs Monat auf meine Bürgſchaft abzahlen ſollte. Ich hatte mit dem Geſchäft gar Nichts zu thun.“ 4 Mr. Pilkington lächelte und Mr. Wharton fuhr fort. „Nun, Ihr wißt doch, Pilkington, daß es Dyer war, der das Geld vorſchoß, und daß ſein Bankerott die Obligationen in meine Hände brachte.“ „Ich dachte, es wäre nur eine Obligation, Sir,“ antwortete Mr. Pilkington,„Ihr ſagtet mir, Ihr woll⸗ tet alle ſechs Monate auf die laufenden Zinſen und den Rückſtand, ſo wie die Zinſen auf frühere Vorſchüſſe neue Obligationen unterſchreiben laſſen, um jedem Ver⸗ luſt vorzubeugen.“ Mr. Wharton lächelte nun und nickte mit dem Kopfe und ſagte, denn er war eitel auf ſeine Verſchmitzt⸗ heit, und Eitelkeit iſt eine ſchwache Leidenſchaft:„Sehr wahr, ſehr wahr, Pilkington, aber in dem letzten hal⸗ ben Jahre ſah ich, daß die Sache zu Ende ginge und deshalb dachte ich, es ſei beſſer, zwei Obligationen zu —— haben. Es ſieht regelmäßiger aus, obgleich die andere Methode die bequemere iſt.“ „Und überdies werden dadurch die Zinſen von den Zinſen des letzten Halbjahres geſtchert,“ ſagte Pilking⸗ ton, aber auf dieſe Bemerkung antwortete Mr. Whar⸗ ton nicht, ſondern wendete ſich zu einem andern Theile deſſelben Gegenſtandes. „Schickt doch Raymont einmal hinunter zu Mr. Wittingham,“ ſagte der Advokat,„und laßt ihm mit einem Kompliment von mir melden, daß ich mich freuen würde, wenn ich ihn auf eine Minute ſprechen könnte. Ich muß ihm doch über Das, was vorgeht, einen Wink geben.“ „Ja, aber,“ ſagte Mr. Pilkington zögernd,„Ihr wißt doch, daß er auch eine Obligation hat, die denſel⸗ ben Tag fällig iſt, und er wird Euch ſicherlich zuvor⸗ kommen, da er auch eine Ceſſion hat.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ antwortete Mr. Whar⸗ ton,„aber ich mögte eben gern, daß er der erſte wäre, Pilkington.“ „Wird denn auch genug da ſein, um Alles zu de⸗ cken?“ fragte der Schreiber zweifelhaft. „Hinreichend,“ antwortete ſein großer Mann,„au⸗ ßerdem wird, wenn die ganze Summe auf ein Mal auf ihn herabdonnert, Niemand ſo dumm ſein, ihm zu hel⸗ fen. Ich habe allerdings Etwas von einem Freunde ge⸗ — 12— hört, welcher Geld vorſchießen will, um Wittingham's Forderung zu bezahlen. Man laſſe ihn, um ſo beſſer, deswegen bleibt meine Forderung immer noch. Witting⸗ ham wird ſein Geld bekonmen und Sir John wird nicht ſo leicht auf irgend eine Bürgſchaft, die er vielleicht noch zu geben hat, mehr auftreiben. Ueberdies, wenn Jemand anfängt, ſo haben Andere den allerbeſten Grund fortzufahren, und Wittingham wird nicht auf ſich warten laſſen, da verlaßt Euch darauf. Sagt Mr. Raymont, daß er ihn hole.“ Der Schreiber ging fort, ohne noch einen andern Einwand vorzubringen, als er aber wiederkam, ſetzte Mr. Wharton das Geſpräch ſelbſt mit den Worten fort: 1 „Es iſt ein ſonderbarer Umgang mit Witting⸗ ham, man weiß nicht alle Mal, was ſeine Abſicht ſein kann.“ Mr. Wharton ſelbſt hatte ſtets eine Abſicht, und deshalb glaubte er, kein Menſch könne ohne eine ſolche handeln. Er brachte nie den Impuls der Leidenſchaft, oder die falſche Leitung der Thorheit oder den Eigenſinn der Halsſtarrigkeit in Anſchlag. In Bezug auf Mr. Wittingham hatte er jedoch gewiſſermaßen Recht, daß dieſer immer eine Abſicht habe, aber gewiſſermaßen hatte er auch Unrecht, denn alle andern Urſachen menſchlicher Verirrungen, Leidenſchaft, Thorheit und Eigenſinn hat⸗ — 132— ten ihren Antheil an den Methoden, Mitteln und We⸗ gen, auf welchen der würdige Friedensrichter ſeine Ab⸗ ſichten zu erreichen ſuchte.— „Was kann,“ fuhr Mr. Wharton fort,„nur die Urſache ſein, daß er ſich aller Maßregeln gegen dieſen Mr. Beauchamp und gegen dieſen Capitain Hayward, die bei dem Duelle mit ſeinem Sohn betheiligt waren, ſo hartnäckig widerſetzt?“ 3 „Man ſagt, er habe ſich mit Harry Wittingham gezankt und ihn enterbt,“ entgegnete der Schreiber,„die alte Mrs. Billiter, die alte Haushälterin, iſt ganz wü⸗ thend darüber, ſie behauptet, die ganze Schuld liege an dem alten Wittingham, wenn er nicht geweſen wäre, ſo wäre die ganze Sache nicht vorgefallen, und er er⸗ morde geradezu den jungen Mann. Ich weiß nicht, was das Alles heißen ſoll, aber man ſagt, daß ſie ih⸗ ren Harrh doch noch durchbringen werde.“ Mr. Wharton dachte einige Minuten nach und ſagte dann: „Ihr wollt doch damit nicht ſagen, daß er außer aller Gefahr iſt?“ „O, bewahre, nein, Sir,“ antwortete Mr. Pil⸗ kington, der ein etwas zufriedenes Näſeln in der Frage ſeines Vorgeſetzten bemerkte,„Mr. Slattery, der Wund⸗ arzt ſagt, daß es innerhalb der naͤchſten zehn Tage jede Stunde mit ihm aus ſein kann.“ „Hm,“ ſagte Mr. Wharton,„das iſt ganz recht, da werden die Andern ſich noch für einige Zeit entfernt halten müſſen, und iſt auch für Mr. Beauchamp fſelbſt gut. Dieſer iſt es, welcher wegen Moreton Hall in Un⸗ terhandlung ſteht. Die Sache hat noch einen kleinen Haken, der ſich aber bald beſeitigen laſſen wird, mir ſcheint er aber gerade der Mann zu ſein, der Sir John Slingsby's Hypothek ſo bereitwillig annimmt, als der Andere. Auf alle Fälle könnte er doch Schwierigkeit bei ſeinem Geſchäft hervorrufen, welches im Intereſſe aller Betheiligten ſo ſchnell abgemacht werden muß, wie mög⸗ lich, und er könnte ſich obendrein noch die Finger ver⸗ brennen, der arme Mann. Ihr habt doch die Zettel ankleben laſſen, Pilkington?“ „Ja wohl, Sir,“ antwortete der Schreiber,„zwan⸗ zig Meilen in der Runde, auch eine Belohnung iſt aus⸗ geſetzt. Es iſt Nichts zu fürchten. Sie werden längſt in Sicherheit ſein— wahrſcheinlich ſchon in Frankreich.“ Mr. Wharton ſchien befriedigt, und nach wenigen Minuten trat der werthe Mr. Wittingham in's Bureau und ward von da in's Studirzimmer gewieſen. Aber ach! Es war nicht mehr der Mr. Wittingham aus frü⸗ hern Tagen. Die etwas friſche Geſichtsfarbe, die ſteife, bündige Haltung, die etwas gemeine Geſpreiztheit— Alles war verſchwunden und Mr. Wittingham ſah wie ein ſehr kranker alter Herr aus. Die Knie waren ſchwach, der Rücken gebeugt und das Geſicht fahl. Die Perücke ſaß ſchief, der feine Rock eine ganze Welt zu weit, zwiſchen die Kniebänder der Hoſen und der Strümpfe hätte man die Finger ſtecken können, und die Stulpenſtiefel ſchlappten faſt bis auf die Knöchel herab. Es war wunderbar, wie ein Menſch, der früher ſchon ſo lang und dünn ge⸗ weſen war, für das Auge noch ſo viel länger und dün⸗ ner hatte werden können. Der große Fürſt von Parma ſchrieb Depeſchen, muſterte Truppen und führte eine Unterhandlung innerhalb einer Stunde, bevor eine lang⸗ wierige, qualvolle Krankheit mit dem Tode endete. Er wußte, daß ſein Ende herannahe, und doch beſorgte er alle ſeine Geſchäfte, als ob er ſich anzukleiden und in Geſellſchaft zu gehen hätte, anſtatt in's Grab. Es war dies ein wunderbares Beiſpiel von der Stärke des Cha⸗ rakters bei Gebrechlichkeit des Körpers, oder vielmehr von dem Triumph des Geiſtes über leibliche Hinfällig⸗ keit. Mr. Wittingham's Charakterſtärke war jedoch noch bemerkenswerther. Der äußere Wittingham war ganz kläglich verändert, ſein älteſter Freund würde ihn nicht erkannt haben, aber der inwendige Wittingham war noch immer derſelbe und nicht um ein Haar verändert. Er war nicht im Mindeſten erweicht und nicht im Min⸗ deſten geglättet, er war eine jener Granitnaturen, die man nur ſehr ſchwer ſchneiden, und unmöglich poliren kann. Obgleich er ſehr wenig vom Diamant au ſich hatte, ſo konnte doch, eben ſo wie der Diamant nur mit Dia⸗ mantpulver geſchliffen werden kann, Wittingham blos durch Wittingham gerührt werden. Sein eigenes Ich war das einzige Mittel, durch welches er zugänglich war. „Ah Mr. Wharton,“ ſagte er,„Ihr habt mich rufen laſſen. Was iſt denn wieder los? Doch nicht wie⸗ der Etwas wegen der beiden jungen Leute, hoffe ich? Dieſes Conto iſt abgeſchloſſen. Ich mag Nichts mehr damit zu thun haben. Henry Wittingham forderte die⸗ ſen Capitain Hayward heraus, und Capitain Hayward war dumm genug, mit Henry Wittingham loszugehen. Es hat Jeder ſeinen Schuß gethan, und mit der Kugel, die Henry Wittingham in den Leib gekriegt hat, iſt die Bilanz ausgeglichen. Vielleicht würde, wenn man alle Poſten zuſammenrechnen wollte, der Saldo etwas ſtär⸗ ker ausfallen, aber ich mag die Bücher nicht wieder aufſchlagen, denn daß ich Nichts herausfände, was ich meinem Sohne in's Credit bringen könnte, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ „O nein, mein lieber Freund,“ ſagte Mr. Whar⸗ ton in dem liebenswürdigſten Tone, der ihm zu Ge⸗ bote ſtand,„ich wußte, daß Euch die Sache unange⸗ nehm ſei, und deßhalb bin ich darauf nicht wieder zu⸗ rückgekommen. Die andern Friedensrichter haben ge⸗ than, was, wie ſie glaubten, ihre Pflicht verlangte, V — 17— haben eine Belohnung ausgeſetzt u. ſ. w., da es aber für Euch etwas Delikates geweſen wäre, Euch in eine Sache zu mengen, bei der Euer Sohn mit betheiligt war, ſo hat man Euch die Sache weiter nicht zugeſcho⸗ ben.“ „Delikates! Dummes Zeug,“ verſetzte Mr. Wit⸗ tingham,„ich bin in meinem Leben nicht delikat gewe⸗ ſen— ich hatte keine Luſt dazu! Das iſt das rechte Wort. Aber wenn es nicht wegen dieſer Sache war, weshalb habt Ihr mich denn rufen laſſen?“ „Mein werther Herr,“ ſagte Mr. Wharton,„ich hielt es für meine Pflicht, Euch einen Wink zu geben — denn ich weiß, daß Ihr ein bedeutender Gläubiger von Sir John Slingsby ſeid— daß die Sachen jetzt dort nicht ganz gut ſtehen.“ „Das weiß ich ſchon ſeit ſechs Jahren,“ antwor⸗ tete der Friedensrichter—„Pflicht, ah ſo! Ihr ſeid gerade der Mann, der viel mit Pflicht, Delitakeſſe und dergleichen zu thun hat, aber ich bin Geſchäftsmann und betrachte die Dinge als Geſchäftsſachen. Drückt Euch deutlicher aus, Wharton, was ſteht denn im Park jetzt ſchlimmer als gewöhnlich? Will er vielleicht noch mehr Geld borgen?“ „Das wollte er vor vierzehn Tagen, und konnte keins bekommen,“ entgegnete Mr. Wharton trocken, denn auch der unverſchämteſte Halunke von der Welt ſieht es Beauchamp. Dritter Band. 2 nicht gern, wenn er vollſtändig durchſchaut wird.— „Doch, die Sache, mein werther Herr, iſt mit kurzen Worten die:— Mit Sir John kann es nicht mehr ge⸗ hen. Die ſechsmonatliche Kündigungsfriſt läuft mit mor⸗ gen ab, es müſſen ſogleich andere Schritte gethan wer⸗ den, es ſind bedeutende Rückſtände von Zinſen aufge⸗ laufen, es werden zwei oder drei Schuldklagen gegen unſern armen Freund anhängig gemacht werden und Ihr werdet wohl thun, auch Eure Forderung in Acht zu nehmen.“ „Nun, da iſt noch vollauf Zeit dazu,“ ſagte Mr. Wittingham in weniger geſchäftsmänniſchem Tone, als Mr. Wharton erwartet hatte,„die gerichtlichen Präli⸗ minarien ſind etwas langwierig, nicht wahr, Mr. Wharton? Mit dem fi— fas— und ca— eas ver⸗ geht alle Mal einige Zeit, und ich will mir die Sache überlegen.“ „Ganz wie Euch beliebt, mein lieber Freund,“ ant⸗ wortete Wharton,„ich will aber blos noch bemerklich machen, daß alle Präliminarien bereits beſorgt ſind. Der Befehl zur Hülfsvollſtreckung wird morgen früh bei Zeiten ausgefertigt werden, es ſind ziemlich viele Gläubiger da, und es wird eine Geſchichte werden, wie mit den Schuljungen, wo der die größte Nuß kriegt, der am Geſchwindeſten laufen kann. Ich dachte, es ſei blos freundlich und nachbarlich, Euch dies zu ſagen, V — 19— beſonders, da Eure Schuld, wie ich gehört habe, keine Kleinigkeit iſt.“ „Morgen früh ein Zülfsvollſtreckung?“ rief Mr. Wittingham.„Wird den nicht durch die Grundſtücke ſchon Alles gedeckt?“ „Zwei Drittel ungefähr, glaube ich,“ ſagte Whar⸗ ton, indem er ſeiner Gewohnheit nach die größte Lüge mit dem möglichſt kaltblütigſten Geſicht ausſprach. „Und was wird Sir John machen,“ ſagte der Friedensrichter,„und die arme Miß Slingsby?“ „Ich fürchte, daß wir uns an Sir John's Perſon halten müſſen,“ ſagte der Advokat hämiſch lächelnd, „und was die arme Miß Slingsby betrifft, ſo weiß ich für ſie weiter keinen Rath, als daß ſie ein Unterkom⸗ men als Gouvernante ſucht. Doch wir wollen nicht weiter über Dinge ſprechen, die uns Nichts angehen, Wittingham. Ihr ſeid ein Mann von Verſtand und Geſchäftsmann, ich habe Euch gewarnt und Ihr wer⸗ det darnach handeln. Weiter habe ich mit der Sache Richts zu thun.“ Zu ſeinem Erſtaunen jedoch fand er Mr. Witting⸗ ham nicht ſo bereit, auf die angedeutete Weiſe zu han⸗ deln, als er erwartet hatte. Der alte Herr zögerte und zweifelte, und ſchien ſo unruhig und befangen, daß der Advokat zu fürchten begann, er habe ſich in ſeinem Mann geirrt, und dieſer ſei am Ende doch ein gutmü⸗ 2* 20— thiger, menſchenfreundlicher alter Herr. Der Leſer je⸗ doch, welcher dem Geſpräch zwiſchen dem Friedensrich⸗ ter auf ſeinem Krankenbett und dem würdigen Doctor Miles einige Aufmerkſamkeit geſchenkt hat, wird viel⸗ leicht andere Urſachen zu Mr. Wittingham's Zögerung wahrnehmen. Er hatte erfahren, daß Sir John Slings⸗ by ein Geheimniß beſaß, welches ſeinen Sohn an den Galgen bringen konnte. Obſchon ich nun keineswegs be⸗ haupten will, daß Mr. Wittingham ſeinem Sohn den Tod auf irgend eine Weiſe gewünſcht habe, oder daß ihn ſein Tod auf irgend eine Weiſe nicht geſchmerzt ha⸗ ben würde, ſo hätte er es doch ohne Zweifel ſehr gern geſehen, wenn dieſer Tod wenigſtens nicht auf dem Wege des Erwürgens erfolgt wäre. Wurde ſein Sohn gehangen, ſo wurde ſein eigner Ruf zugleich mit gehan⸗ gen. Kurz er wünſchte nicht, der Vater eines Men⸗ ſchen zu ſein, der gehangen worden war, und demzu⸗ folge war er abgeneigt, Sir John Slingsby auf's Aeu⸗ V ßerſte zu treiben. Jeder Menſch aber hat, wie Pope wohl wußte, eine herrſchende Leidenſchaft, welche ſelbſt noch im Tode ſtark hervortritt. Sir John Slingsby war Mr. Witting⸗ ham fünf Tauſend Pfund ſchuldig und Mr. Witting⸗ ham konnte dieſe Thatſache nicht vergeſſen. Sie ſchw als er daran dachte an, und wuchs und wurde ſchwer wie ein Alp. Fünf Tanſend Pfund auf einen Schlag — 2412— zu verlieren? Was war jede andere Rückſicht gegen dieſe? Was war dagegen der ganze Newgate Kalender als Stammbaum geordnet und ſeinem Namen als Ah⸗ nen oder Nachkommenſchaft angehängt? Nichts, Nichts! Staub in der Wagſchaale! Eine Feder in einer Luft⸗ pumpe! Mr. Wittingham ward gegen ſeinen gütigen Freund, Mr. Wharton, außerordentlich höflich, er be⸗ dauerte den armen Sir John Slingsby ſehr und bedauerte auch die arme Miß Slingsby, aber er ſah nicht im Geringſten ein, weshalb, wenn andere Leute im Be⸗ griff ſtanden, ſich zu helfen, er nicht auch ſuchen ſolle, was ihm gebühre. Er ſchwatzte nun mit Wharton ein Langes und ein Breites über die Sache, und erhielt von ihm ein taxfreies Gutachten über die beſte Verfah⸗ rungsmethode, und Mr. Wharton’s Anſichten über ſolche Punkte waren ſehr richtig, in dieſem Falle aber ganz beſonders ſorgfältig. Dann ging Mr. Wittingham nach Hauſe, ſchickte nach ſeinem würdigen Anwalt, Mr. Ba⸗ con, deſſen er ſich ſchon ſeit vielen Jahren bedient hatte⸗ weil er ſicher war und wohlfeiler als Mr. Wharton, und ertheilte ihm Inſtructionen, worüber dem kleinen Advokaten das Haar zu Berge ſtieg. Mr. Bacon kannte jedoch Mr. Wittingham, und war gewohnt, ihn bei Verhandlung von Bagatellſachen zu leiten und er wußte wohl, daß es nothwendig ſei, Mr. Wittingham in Opoſition gegen Wittingham zu ſe⸗ tzen, ehe er hoffen könne, daß irgend eine Meinung Ge⸗ hör finden werde. Wenn dieſe beiden achtbaren Leute ei⸗ nen Streit zuſammen hatten, ſo war für einen Dritten, welcher als Schiedsrichter hinzutrat, Ausſicht vorhan⸗ den, daß er Beachtung finden werde. Aber in dem gegenwärtigen Falle irrte ſich Mr. Bacon. Er ſagte kein Wort darüber, wie ſchmählich und ſchändlich es ſei, Sir John Slingsby ſo zu über⸗ rumpeln, aber er brachte einige legale Schwierigkeiten vor, und noch einige andere ziemlich furchtbare Hinder⸗ niſſe gegen das ſehr ſummariſche Verfahren, welches Mr. Wittingham beabſichtigte. Dieſer Herr aber war eine Kanone, die Mr. Wharton mit trefflichem Pulver und wohlaufgeſetzter Patrone geladen hatte, und das Zündkraut war trocken und friſch. Mr. Bacon's Schwie⸗ rigkeiten wurden in einem Augenblick hinweggefegt, ſeine Hinderniſſe überſprungen, und der Advocat erſtaunte über die Summe von techniſchen Kenntniſſen, welche ſich ſein Client binnen wenigen Stunden angeeignet hatte. Hier ließ ſich weiter Nichts thun, als gehorchen. Mr. Wittingham war eine zu gute Karte, um weggewor⸗ fen zu werden. Sir John Slingsby war offenbar hoff⸗ nungslos ruinirt, und mit bekümmertem Herzen begab ſich Mr. Bacon— denn er war im Grunde ein gut⸗ herziger, mitleidiger Menſch— auf den Weg nach ſeinem Bureau und ließ dabei die Augen von der einen Seite — ——,.,— — 23— der Straße auf die andere ſchweifen, als ob er ſich nach einem Mittel umſähe, um ſich ſeiner unangenehmen Aufgabe zu entledigen. Als ſeine Augen ſo herumſchweif⸗ ten, fielen ſie auf Billh Lamb, den kleinen verwachſe⸗ nen Schenkjungen. Der Advokat ſchaute ihn eine Mi⸗ nute lang an, verglich ihn im Gedanken mit einem ſei⸗ ner Schreiber, einem langen wohlgewachſenen Menſchen mit freundlichem Geſicht, und dachte, daß Billy die Sache doch wohl am Beſten beſorgen würde, obſchon er einem naſſen Kapaun ähnlicher war, als einem menſch⸗ lichen Weſen, winkte den Knaben in ſein Bureau und begab ſich mit ihm in ein inneres Gemach, wo Mr. Ba⸗ con ſo vorſichtig und mißtrauiſch verfuhr, daß Billh Lamb, wenn ſein Verſtand nicht eben ſo ſpitz geweſen wäre, wie ſein Geſicht, ſicherlich nicht errathen hätte, was der Advocat von ihm wolle. ——— p Zweites Kapitel. Unter den Gräbern. Es war eine finſtere, kalte, unfreundliche Nacht, obſchon es im Sommer und die vorhergehende Woche ſehr warm geweſen war— eine jener Nächte, wo ein kalter, ſchneidender Nordoſtwind plötzlich den ſüßen Traum ſchöner Tage unterbrochen und das Blut der Bäume und Pflanzen erkältet und in ihnen eine Ahnung des Winters hervorgerufen hat. Von Mittag bis Abend hatte der Wind gewehet und ob er ſchon ſich mit Ein⸗ bruch der Nacht legte, ſo blieb doch der Himmel finſter und die Luft kalt. Kein Stern war am Himmel zu ſehen und obſchon der Mond aufgegangen war, ſo diente ſein Licht doch blos dazu, um die ſchweren Wol⸗ ken zu zeigen, welche über den Himmel hinſchwammen; die abgerundeten Ränder der aufſteigenden Dünſte färb⸗ ten ſich dann und wann ſchmuzigweiß, aber das Geſicht — 25.— des ſchönen Nachtgeſtirns ward keinen Augenblick ſicht⸗ bar. Ein feuchter, ſchwerer Nebel lag auf dem Boden und ein ſchwacher, nicht gerade unangenehmer, aber krankhafter und drückender Geruch ſtieg auf, gleich dem der von einigen Waſſerpflanzen ausſtrömt, und erfüllte die kalte. Luft. In dem kleinen Kirchhof hinter Stephen Gimlet's Hütte brannte ein Licht, obſchon es ſeit einer Viertel⸗ ſtunde zehn geſchlagen hatte, und ein bejahrter, trotz der ziemlich kalten Nacht, blos in eine Weſte mit aufgeſtreiften Aermeln gekleideter Mann war bei dieſem Lichte ſichtbar, das in einer Hornlaterne brannte, welche wiederum auf einem friſch aufgeworfenen Erdhaufen ſtand. Der Kopf und die Schultern des Mannes ragten mit einem Theile ſeines gekrümmten Rückens über den Boden hervor und und in gemeſſenen Zwiſchenräumen hob ſich eine ſchwere Hacke über die hohen Neſſeln empor, welche den Kirch⸗ hof bedeckten. Seine Beine und Füße ſtaken in einer Grube, die er grub, und der Todtengräber arbeitete friſch drauf los, um mit ſeinem Grabe fertig zu wer⸗ den, und murmelte von Zeit zu Zeit vor ſich hin und fing ein paar Mal ſogar an, bei ſeiner traurigen Arbeit zu ſingen. Er war ein alter Mann, aber er hatte kei⸗ nen Gehülfen und brauchte auch keinen, denn er war noch rüſtig und friſch, und verrichtete ſeine Arbeit mit ſo viel Luſt und Eifer, daß ſie raſch von ſtatten ging. -— 26.— Das Graben eines Grabes war für ihn eine Art Feſt. Er hielt gute Brüderſchaft mit den Würmern und freuete ſich, zu dem Schmauſe ſeiner Freunde die Tafel bereiten zu können. Der Todtengräber hatte ſo einige Zeit lang gear⸗ beitet, als um die angegebene Stunde Jemand an der niedrigen, mit Moos bewachſenen Mauer, etwa Hundert Schritte von der Hütte des neuernannten Wildhüters ſtehen blieb und herüber nach der Laterne ſchauete. Wer dieſer Unbekannte auch ſein mogte, ſo ſchien er entweder zu zögern oder zu überlegen, denn er ſtemmte ſich volle fünf Minuten lang mit den Armen auf die Mauerkappe, ehe er das kleine, dicht daneben befindliche hölzerne Thor öffnete, hindurchſchritt und auf das Grab zukam. Der Todtengräber hörte ihn ſehr wohl, aber ich habe noch niemals einen Todtengräber geſehen, der nicht ein Humo⸗ riſt geweſen wäre, und ſo nahm er von dem Unbekann⸗ ten nicht die mindeſte Notiz, ſondern arbeitete darauf los, wie vorher. „Nun, was macht Ihr denn da, alter Knabe?“ ſagte endlich eine männliche Stimme. „Seht Ihr es denn nicht?“ verſetzte der Todten⸗ gräͤber aufblickend.„Ich treibe faſt das alleraͤlteſte Hand⸗ werk in der Welt— ich grabe und zwar ein Grab, was eine ſehr alte Profeſſion iſt, obſchon, als ſie auf⸗ — 274— kamen, die Menſchen ſo lange lebten, daß die Todten⸗ gräber nicht viel können zu thun gehabt haben.“ „Und für wen iſt denn das Grab beſtimmt, das Ihr da grabt?“ fragte der Fremde.„Ich bin doch ſchon ſeit einigen Tagen hier und habe nicht gehört, daß Je⸗ mand geſtorben ſei.“ „Man ſollte glauben, Ihr wäret ein Doctor,“ ant⸗ wortete der Todtengräber,„denn Ihr ſcheint zu glauben, Ihr müßtet bei jedem Todesfall in der ganzen Gemeinde die Hand mit im Spiele haben— aber Ihr wollt wiſ⸗ ſen, für wen das Grab beſtimmt iſt? Das kann ich Euch nicht ſagen, denn ich weiß es ſelbſt nicht.“ „Aber wer hat Euch denn beauftragt, es zu gra⸗ ben?“ fragte der Fremde. „Niemand,“ ſagte der Todtengräber,„aber es wird ſchon Jemand hineinpaſſen, dafür ſtehe ich, und ich werde auch dafür bezahlt werden. Und warum ſollte ich nicht fertige Gräber haben, ſo wie der Schuhmacher in der Stadt mit fertigen Schuhen handelt? Ich grabe nach eigenem Gutdünken; ehe die Woche um iſt, wird gewiß Jemand geſtorben ſein, das bin ich überzeugt, denn mir träumte letzte Nacht, ich ſähe einen Hochzeits⸗ zug in die Kirche kommen und die Braut und der Bräutigam traten beide auf die Grabhügel— das be⸗ deutet Tod und es kann ſein, es ſterben Zwei. „Alſo grabt Ihr das Grab auf Speeulation, alter Knabe?“ rief der andere.„Ich glaube doch, Ihr habt ſchon eine Vermuthung, für wen es ſein kann. Es iſt irgend ein armer Teufel in der Nähe krank— oder es geht mit einer Frau nicht gut. Wie?“ „Es kann am Ende für den jungen Mann beſtimmt ſein, der verwundet in Burton's Gaſthof liegt,“ ant⸗ wortete der Todtengräber,„man ſagt, er ſei beſſer, aber ich würde mich nicht wundern, wenn er doch noch dran müßte. Wiſſen natürlich kann ich's nicht, denn es läßt ſich niemals behaupten, wer der nächſte ſein wird. Ich habe in meinem Leben närriſches Zeug geſehen. Leute, welche dachten, ſie hätten auf lange Zeit Contract gemacht, finden, daß es ein ſehr kurzer iſt, und Leute, welche Andern den Tod wünſchten, damit ſie ihr Geld erben, ſterben ſelbſt zuerſt.“ Der Todtengräber ſchwieg und der Unbekannte ant⸗ wortete nicht, ſondern ſchauete düſter hinab in die Grube, als ob ihn die letzten Reflexionen, die zu ihm aus dem Grabe heraufſtiegen, nicht ſonderlich ge⸗ fielen. „Ja, närriſches Zeug hab ich geſehen,“ fuhr der Todtengräber fort, nachdem er wieder ein paar Hiebe mit ſeiner Hacke gethan,„aber das Närriſchſte von allen iſt, wenn man ſieht, wie die Leute erſt über ihre verſtor⸗ benen Freunde außer ſich ſind und wie bald ſie ſich wie⸗ der zu tröſten wiſſen. Du lieber Gott, was für eine Menge Thränen habe ich auf dieſem kleinen Platze hier vergießen ſehen und wie bald waren ſie wieder vertrock⸗ net, wie Regen im Sonnenſchein. Ich beſinne mich noch, wie eine junge Dame hierher kam, welche die Londoner Aerzte des Wechſels der Luft wegen hierher ſchickten, nachdem ſie ſie wahrſcheinlich erſt mit ihren Arzeneien vergiftet hatten. Ein wunderhübſches Kind war es und ſchien auch gar nicht krank zu ſein, ſondern huſtete blos ein wenig. Ihre Mutter kam auch mit und dann Ihr Liebhaber, der mit ihr getraut werden ſollte, ſobald ſie wieder geſund wäre. Aber nach Ver⸗ lauf von ſechs Monaten ſtarb ſie— dort liegt ſie dicht zu Eurer Linken— und ihr Liebhaber, war der nicht ganz außer ſich? Und als wir ſie ruhig in ihr ſtilles Grab hineingebettet hatten, ſagte er zu mir:„Ich werde ihr bald nachfolgen, Todtengräber, hebt mir den Platz da neben ihr auf— da habt Ihr auch eine Guinee.“ Ich wartete aber fünf Jahre lang umſonſt auf ihn und dann ſah ich ihn plötzlich in einer vierſpän⸗ nigen Chaiſe auf der Straße vorbeifahren und eine ſchöne Dame ſaß neben ihm und ſie waren Beide mun⸗ ter und fidel wie die Haidelerchen.“ „Nun, Ihr wollt doch nicht, daß der Menſch ſein ganzes Leben lang jammern ſoll?“ ſagte der Andere. „Wie alt ſeid Ihr, Todtengräber?“. „Am letzten Januar acht und ſechzig geweſen,“ ant⸗ —-— 30— wortete der Andere,„und künftige Johannis ſind's nun vierzig Jahre, daß ich hier Gräber grabe.“ „Habt Ihr viel alte Leute in Euerm Kirchſpiel?“ fragte der Fremde. „Das Aelteſte iſt zwei und achtzig,“ entgegnete der Todtengräber,„und iſt eine Frau.“ „Sechs von zwei und achtzig,“ ſagte der Fremde nachdenklich vor ſich hin,„bleibt ſechs und ſiebzig. Es wird ſich machen.“ „Wird ſich's?“ fragte der Todtengräber.„Na, Ihr werdet's am Beſten wiſſen, aber ich mögte doch ein wenig mehr von Eurem Geſicht ſehen,“ und mit dieſen Worten hob der alte Mann plötzlich die Laterne nach dem Geſicht des Fremden empor und brach dann in lau⸗ tes Gelächter aus.„Ja, ja! Die Stimme kam mir wohl bekannt vor,“ ſagte er.„Alſo, Ihr ſeid wieder da, Capitain? Na, das iſt ziemlich komiſch. Der Knochen, auf dem Ihr da Euern Fuß geſetzt habt, gehört Eurer alten Amme Sally Loames, wenn ich mich nicht irre, und die hat Euch eben ſo viel Schaden gethan, als die Andern. Es war ein ſchlechtes Weib! Aber was wollt Ihr denn nun hier, da das Geld fort iſt und das Grundſtück dazu?“ „Ich will's Euch ſagen,“ antwortete Capitain Moreton,„ich will's Euch ſagen, mein guter alter Grindley. Ich mögte ein Mal in das Gewölbe ſehen, 1 — 31— wo die Särge ſtehen und einen Blick in's Kirchenbuch thun. Könnt Ihr mir nicht dazu verhelfen? Ihr hattet doch ſonſt immer die Schlüſſel.“ „Nichts Nichts, Capitain,“ verſetzte der Todtengrä⸗ ber den Kopf ſchüttelnd,„nur keine Streiche, nur keine Streiche! Ich habe nicht Luſt, meinen Kopf für Nichts und wieder Richts in die Schlinge zu ſtecken.“ „Kein Menſch verlangt, daß Ihr Euern Kopf in die Schlinge ſteckt, Grindley,“ antwortete der Andere, „ich will weiter Nichts, als eine Minute die Särge anſehen und dann eine Minute im Kirchenbuch leſen, denn ich habe einen Wink erhalten, daß ich fürchterlich betrogen worden bin und daß man den Tod meines Urgroßvaters um ſechs Jahr zu früh eingeſchrieben hat, was für mich einen großen Unterſchied ausmacht, denn wenn meine Mutter geboren ward, als er noch lebte, ſo konnte ſie das Teſtament nicht brechen, verſteht Ihr?“ „Nun gut,“ ſagte der Todtengräber,„kommt mor⸗ gen wieder, Capitain, und ich will den Doctor zu jeder Stunde beſtellen.“ „Das geht nicht, Grindley,“ entgegnete Moreton, „der Pfarrer hält es mit dem Feinde und überdies darf ich Niemanden wiſſen laſſen, daß ich das Kirchenbuch und die Särge beſehen habe, bis ich Alles in Bereit⸗ ſchaft geſetzt habe, um die Betrüger zu entlarven. Ihr werdet doch nicht wollen, daß ich mein Eigenthum ver⸗ lieren ſoll, wie, alter Knabe? Auch ſollt Ihr es nicht umſonſt thun, denn, wenn Ihr mir ſchwört, daß Ihr keinem Menſchen eher Etwas davon ſagen wollt, als bis ich fertig bin und Euch die Erlaubniß dazu gebe, ſo ſollt Ihr eine Zehnpfundnote bekommen.“ Es iſt ein ſeltſames und ſchreckliches Ding, daß der Werth deſſen, was für uns nur in Bezug auf dieſe Welt und dieſes Leben werth hat, in unſern Augen immer mehr Bedeutung gewinnt, je naher wir daran ſind, die Welt zu verlaſſen. Der Todtengräber war immer ein etwas habgieriger Mann geweſen, wie Capi⸗ tain Moreton wohl wußte, aber die Habſucht hatte bei ihm mit den Jahren zugenommen, und dem Köder einer Zehnpfundnote vermogte er nicht zu widerſtehen. Er ergriff die Laterne, ſtieg aus dem Grabe und ſah ſich ſorgfältig um. Es war ſpät in der Nacht— Alles war ruhig und Nichts ſchien ſich zu rühren— er trat dicht an Moreton heran und flüſterte: „Es weiß doch Niemand, daß Ihr hier ſeid, Capi⸗ tain, wie?“ „Kein Menſch auf der Welt,“ entgegnete der An⸗ dere,„ich war vor einer Stunde in Eurem Hauſe und das Mädchen ſagte mir, Ihr wäret hier. Ich aber ſagte, ich wollte morgen wiederkommen.“ „Und Ihr wollt alſo blos die Särge und das Buch anſehen?“ fuhr der Todtengräber und Küſter fort. V — 33— „Weiter Nichts,“ ſagte Moreton unbefangen,„viel⸗ leicht ſchreibe ich mir Etwas daraus in mein Notizbuch ein, das iſt Alles.“ „Nun gut, ſo gebt mir die Note und kommt mit,“ entgegnete der Todtengräber,„da kann weiter nichts Unrechtes dabei ſein.“ Moreton drückte ihm Etwas in die Hand und ſie begaben ſich nun nach einer kleinen Thüre an der Seite der Kirche, welche der, auf welcher Stephen Gimlet's Hütte ſtand, entgegengeſetzt war. Hier zog der Todten⸗ gräber ein großes Schlüſſelbund aus der Taſche, ſchloß die Thüre auf und hob die Laterne empor, um ſeinem Begleiter hineinzuleuchten. Moreton pfiff ein Stückchen aus einer Opernarie, aber der alte Mann legte die Hand auf ſeinen Arm und ſagte leiſe:„Bſt, bſt! Was ſoll das Lärmen?“ und ging nach dem entgegengeſetzten Winkel voran. Hier ergriff er einen der kleinſten Schlüſſel aus ſeinem Bunde, bückte ſich, kniete neben einem großen Stein im Pflaſter nieder, der mit einem Kreuz und einem Stern bezeich⸗ net war und ein Schlüſſelloch hatte, das mit einem Metallplättchen bedeckt war, welches man hinwegſchieben konnte. Der alte Mann ſteckte den Schlüſſel hinein und drehete ihn herum, als er aber die Steinplatte aufheben wollte, vermogte er es nicht. „Da, Ihr müßt ſelbſt aufmachen,“ ſagte er auf⸗ Beauchamp. Dritter Band. 3— — 34— ſtehend,„ich bin es nicht im Stande, greift nur an dem Schluſſel an und mit Euerm jungen Arm werdet Ihr die Platte bald in die Höhe bringen.“ Moreton that, wie ihm der Andere hieß, und hob die Platte ohne Schwierigkeit auf. Als er dies gethan, ſteckte er die Schlüſſel ruhig in die Taſche und ſagte: „Gebt mir die Laterne.“ Aber Mr. Grindley ſah es nicht gern, daß Capi⸗ tain Moreton die Schlüſſel in die Taſche ſteckte, und obſchon er es nicht der Mühe werth hielt, viel Gerede darüber zu machen, ſo behielt er doch die Laterne und ſtieg zuerſt hinab. Ein feuchter, modriger Geruch kam ihnen auf der ſchmalen, ſteinernen Treppe entgegen, welche die alten Gutsherren in ihren Ruheplatz hatten hinabführen laſſen, und die Luft war ſo finſter, daß es ſchien, als ob die Schwärze aller der finſtern Nächte, die hier ſeid dem letzten Oeffnen des Gewölbes verſtri⸗ chen, ſich angehäuft und zu einer Maſſe verdichtet hätte. Einige Augenblicke lang äußerte das ſchwache Licht der Laterne keine Wirkung auf die maſſive Finſterniß, ſobald aber dieſelbe zu ſchmelzen begann, ging der alte Mann weiter und ſagte:„Hierher, Capitain, ich glaube, er ſtand hier auf dem Simſe rechts. Der hier links iſt der Eures Vaters und dann dort ſteht der Eurer Mut⸗ ter und gleich daneben der Eurer kleinen Schweſter, — 35— welche ſtarb, als ſie noch ein kleines Kind war, alle ſtehen traulich beiſſammen. Die Moreton's, das heißt die alten Moretons ſtehen da drüben. Dahier iſt Euer Großvater— ein fideler alter Burſche, ich entſinne mich ſeiner noch recht gut, mit ſeinem dicken Bauche und rothem Geſicht— und daneben ſeine Frau— die habe ich nicht gekannt, und dann zwei oder drei Kinder. Ihr ſehet, alte und junge, ſie kommen Alle mit der Zeit hierher. Das hier muß Euer Urgroßvater ſein,“ bei dieſen Worten hielt er die Laterne an den Deckel eines der Särge.„Nein,“ ſagte er, nachdem er einen Augenblick hingeſehen,„das iſt der Oberſt, der im Jahre 45 blieb; weshalb man ihn hierher gelegt hat, weiß ich nicht, denn er ſtarb lange vor Euerm Urgroß⸗ vater. Aber da iſt der alte Herr. Er war ſehr alt geworden, das weiß ich.“ „Laßt mich ſehen,“ ſagte Capitain Moreton, indem er an die Seite des Sarges trat und den alten Mann die Laterne dicht an das Schild auf dem Deckel halten ließ. Der größere Theil des Lichts ergoß ſich auf den Sargdeckel, obſchon ſich einige Strahlen auch aufwärts ſtahlen und einen ſchwachen Schimmer auf die beiden Geſichter warfen, welche über dem letzten Ruheplatz des alten Baronets hingen. Capitain Moreton ſteckte die Hand in die Taſche und deutete mit der andern gleich⸗ zeitig auf eine vergoldete Platte, welche eine kurze In⸗ 3* — 36— ſchrift trug, die durch Staub und Grünſpan etwas undeutlich geworden war. „Da,“ ſagte er,„iſt es ganz klar, 1766!“ 4 Der alte Todtengräber hatte nach einer Brille in ſeiner Taſche herum geſucht, ſetzte dieſelbe auf die Naſe, ſchauete genauer hin und ſagte:„Nein, Capitain, 1760.“ „Unſinn,“ ſagte der Andere ärgerlich,„der Staub verdeckt das Schwänzchen von der 6. Ich will es Euch gleich zeigen,“ und ſchnell wie der Blitz zog er die andere Hand aus der Taſche und zwar zugleich mit einem ſcharfen, ſtählernen Inſtrument von ſehr eigen⸗ thümlicher Form. Es war wie ein Stempel, womit man Torten ſchneidet, blos viel kleiner und die ſcharfe Kante war geformt, wie eine zerbrochene Sichel. Ehe 4 der alte Mann noch ſehen konnte, was der Andere zu thun im Begriff ſtünde, drückte Letzterer ſeine Hand mit dem darin befindlichen Inſtrument dicht auf die Platte, machte damit eine kleine Wendung und zog ſie wieder zurück. „Gott ſei uns gnädig, was habt Ihr gethan!“ rief der Todtengräber. 4 „Nichts als den Staub weggemacht,“ antwortete Moreton lachend,„ſeht nur ein Mal hin, iſt die 66 nun nicht deutlich?“ „Ja, das iſt ſie,“ ſagte Grindley,„aber das geht nicht, Capitain, das geht nicht.“ 4 — 37— „Zum Teufel, es ſoll gehen!“ entgegnete der Andere wild.„Wenn Ihr ein einziges Wort davon ſagt, ſo verliert Ihr nicht blos das Geld, ſondern wer⸗ det noch obendrein gehangen, denn in dem Augenblick, wo ich höre, daß Ihr geplaudert habt, geſtehe ich die Sache ſelbſt, und ſage, Ihr hättet mir den Pfiff erſt eingegeben. Alſo, alter Junge, Ihr ſteckt nun einmal mit darin und es iſt am Beſten, Ihr haltet Euch wie ein richtiger Mann. Wenn wir Beide die Mäuler halten, ſo kann Nichts paſſiren. Wir ſchlüpfen mit einander durch und kein Menſch weiß eine Sylbe davon, wenn wir aber Narren ſind und plaudern und einander nicht helfen, ſo kommen wir Beide in eine hölliſche Patſche; daß Ihr aber dann am Schlechteſten wegkommt, dafür laßt mich ſorgen. Wenn ich im Gegentheile das wieder bekomme, warum man mich und meinen Vater betrogen hat, ſo ſollt Ihr hundert Pfund für Eure Mühe be⸗ kommen.“ Anfangs war der Todtengräͤber geneigt, zu wider⸗ ſprechen und Proteſt einzulegen, aber Capitain Moreton ſprach ſo lange, daß er Zeit hatte, ſich die Sache zu überlegen und, da er ein Mann von ſchneller Faſſungs⸗ gabe war, zu einem Entſchluß zu kommen. Anfangs ſchauete er ſeinen Begleiter durch die Brille hindurch zornig in's Geſicht und hielt die Laterne empor, um ihn ordentlich zu ſehen, allmälig aber ließ er ſowohl das — 38— Licht, als ſeine Augen auf den Sargdeckel herabfallen, beſah ſich denſelben genau und ſagte endlich mit leiſer, deutlicher, bedeutſamer Stimme:„Ich glaube, Capitain, das Schwänzchen dieſer 6 ſieht in Betracht ſeines Alters etwas zu blank und zu ſcharf.“ Mit dieſen Worten war der Contract unterzeichnet und beſiegelt und Moreton antwortete:„An Alles das habe ich ſchon gedacht, alter Burſche, bis morgen früh ſoll es ſo grün ſehen, wie das ganze Schild.“ So ſagend, zog er ein Fläſchchen mit einer weißen Flüſſigkeit heraus, ließ einige Tropfen davon auf die Metallplatte fallen und rieb ſie in den tiefen Ritz ein, den er gemacht hatte. Dann wendete er ſich heiter zu ſeinem Begleiter und rief:„Nun, alſo das Kirchen⸗ buch.“ Grindleh antwortete nicht und ſie gingen wieder hinauf in die Kirche, legten die Steinplatten wieder um, verſchloſſen ſie und gingen nach der Sakriſtei. Hier jedoch blieb der alte Mann an der Thüre ſtehen und ſagte mit zitternder Stimme:„Ich kann nicht, Capi⸗ tain, ich kann nicht, es iſt Fälſchung und nichts Anderes. Ich will hier bleiben und warten, geht Ihr hinein und thut, was Ihr wollt, Ihr habt ja die Schlüſſel.“ „Wo ſind denn die Bücher?“ fragte der Andere ebenfalls leiſe. „A— O — 39— „In dem großen Schranke,“ ſagte der Todtengräber, nes muß das zweite Buch von oben ſein.“ „Kann ich Tinte und Feder finden?“ fragte Moreton. „Auf dem Tiſch, auf dem Tiſch,“ antwortete Grindley,„Matthew Lomax hat vor zwei Tagen ein Kind taufen laſſen. Aber die Schrift wird doch nicht ſo ausfallen, wie die alte Tinte.“ „O, fürchtet Nichts,“ ſagte der Andere,„ich bin mit Allem verſehen.“ Damit nahm er die La⸗ terne, öffnete die Thüre der Sakriſtei und ging hinein. 5 Capitain Moreton ſetzte die Laterne auf einen klei⸗ nen Tiſch nieder, der mit grünem Tuch überzogen war, und machte ſich ruhig und beſonnen an's Werk. Er war kein Neuling in Miſſethaten, obſchon dies eine neue Miſſethat war. Er hatte Nichts von der jungen Schüchternheit des beginnenden Verbrechers an ſich. Er hatte auf hinreichende Veranlaſſung eine Menge unangenehme Dinge ausgeführt, intime Freunde betrogen, Freundſchaften geſchloſſen um nur betrügen zu können, Begums geplündert, was damals an der Tagesordnung war, zwei oder drei gute Bekannte erſchoſſen, die ſich nicht beleidigen laſſen wollten, und war überdies ein Mann von eiſenfeſtem Körperbau, ſo daß ſeine Nerven ſtark und unerſchütterlich waren. Er probirte zwei oder drei Schlüſſel, ehe er den fand, der in das Schloß des Schrankes paßte. Er nahm zwei Bände des Kirchenbuchs heraus, ſuchte in denſelben her⸗ um und fand bald die Stelle, die er zu ſehen wünſchte, und ſah ſich dann nach der Feder und der Tinte um, die ſich nicht auf dem Tiſche befanden. Dann probirte er die Feder auf dem Daumennagel und nahm ſein kleines Fläſchchen heraus, denn es ſchien, als ob es eine Flüſſigkeit enthielte, welche eine doppelte Wirkung beſäße, nämlich Meſſing zu ätzen und die Tinte bleich zu machen. Er legte das Kirchenbuch offen vor ſich hin, zog einen Stuhl an den Tiſch und drückte die Hand feſt auf die wichtige Seite und nahm die Feder, um 1760 in 1766 zu verwandeln, als er einen ungünſtigen Umſtand bemerkte, nämlich, daß zwiſchen dieſen beiden Jahren ſehr viele andere Einträge gemacht waren. Er hielt inne, um ſich zu überlegen, wie dieſes Hinderniß zu beſeitigen ſei, als er plötzlich draußen einen Ruf hörte und ein ſchnelles Laufen vernahm, als ob Jemand in großer Eile davon rennte. Er hatte vergeſſen— es war dies das Einzige, was er vergeſſen hatte— ſein Geſicht der Thüre zuzuwenden, und ſtand im Begriff, dieſe Vernachläſſigung dadurch wieder gut zu machen, daß er den Kopf über die Schulter herumbog, als er einen Schlag auf die Wange erhielt, daß er vom Stuhle herunter taumelte und auf das Pflaſter der — 41— Sakriſtei hinſtürzte. Er ſprang augenblicklich wieder auf, ehe er aber noch irgend Etwas oder irgend Jeman⸗ den ſehen konnte, ward die Laterne umgeworfen, die Thüre der Sakriſtei zugeſchlagen und verriegelt und er war im Finſtern und gefangen. Drittes Kapitel. Iſabella und Mary beſuchen die beiden jungen Herren in ihrem Verſteck. In Tarningham⸗Park war es außerordentlich ſtill, denn Sir John Slingsby wohnte einem fünf Meilen weit entfernten Diner bei, und wenn ſeine luſtige Thä⸗ tigkeit nicht da war, da ſchien jedes lebende Weſen ſich für berechtigt zu halten, etwas Ruhe zu genießen. Mrs. Clifford, welche ſeit mehrern Tagen nicht recht wohl ge⸗ weſen war, und die während des ganzen Morgens ihr Zimmer nicht verlaſſen hatte, war zu Bett gegangen. Mary und Jſabella unterhielten ſich im Beſuchzimmer ruhig— vielleicht traurig— mit einander, der Keller⸗ meiſter ſchnarchte in der Speiſekammer, die Zofen und Diener erfreuten ſich einer temporären Ruhe in ihren verſchiedenen Sphären, und Koch, Scheuermägde und Hausmädchen bemüheten ſich mit der lobenswertheſten Ausdauer, aus allen Leibeskräften Nichts zu thun. Selbſt — 43— die Haſen hüpften bedächtiger auf den Raſenplätzen und die Faſanen ſtolzirten mit ruhiger Würde einher. Jeder ſchien zu wiſſen, daß Sir John Slingsby abweſend war und daß Niemand mehr zu lachen, oder zu ſchwatzen, oder zu tanzen, oder zu ſingen, oder zu eſſen, oder zu trin⸗ ken brauchte, als ihm lieb war. Sogar die Luft ſchien an dieſer allgemeinen Empfindung theilzunehmen, denn obſchon ſie während des Tages etwas geräuſchvoll und ſcharf geweht hatte, ſo war ſie doch gegen Abend in ei⸗ nen ſchweren, ruhigen, kalten, Schlaf übergegangen, und die Blätter ruheten bewegungslos an den Bäumen, als ob ſie es müde wären, mit dem Wiude zu kämpfen. „Wir wollen einheizen laſſen, Mary,“ ſagte Iſabella; „obſchon Sommer im Kalender iſt, ſo iſt doch Winter im Felde, und ich ſehe nicht ein, weshalb wir unſere Bequemlichkeit nach dem Almanach regeln ſollen. Papa wird vor zwölf Uhr nicht nach Hauſe kommen, und ob⸗ ſchon es ihm, glaube ich, ziemlich warm ſein wird, ſo werden doch wir Nichts davon genießen.“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf, um die Klingel zu ziehen, in demſelben Augenblick aber ertönte eine an⸗ dere Klingel, die des Haupteinganges und Beide, Miß Slingsby und ihre Couſine, ſahen einander bei dem Ge⸗ danken an einen Beſuch faſt entſetzt an. Es verſtrich einige Zeit, ehe ihre Befürchtungen beſtätigt oder geho⸗ ben wurden, denn es ward Vieel an der Glasthüre ge⸗ — 44— ſchwatzt, aber der Diener beliebte nicht gleich eine geeig⸗ nete Meldung zu machen. Endlich erſchien jedoch ein Diener in ſehr weißen Strümpfen und betreßten kurzen Hoſen und ſagte grinſend:„Verzeihet, gnädiges Fräu⸗ tein, der kleine Billy Lamb iſt da und wünſcht Euch zu ſprechen. Er fragte erſt nach Sir John. Ich ſagte ihm, daß es nicht anginge, weil Ihr Beſuch hättet, aber er ſagte, Ihr wuͤrdet ihn ſchon ſprechen wollen und quälte mich, wenigſtens zu melden, daß er hier ſei.“ „Billy Lamb!“ ſagte Iſabella.„Wer iſt das? O, ich entſinne mich— iſt das nicht der arme Junge aus dem Weißen Hirſch?“ „Ja, Fräulein,“ entgegnete der Diener,„der kleine Bucklige, den Ihr einmal eine halbe Krone gabt, als er ſo ſchöne pfiff.“ 3 „O, natürlich will ich ihn ſprechen,“ ſagte Iſabella ſehr zum Erſtaunen des Dieners, der das„natürlich“ nicht einſehen konnte,„ich werde herauskommen und mit ihm ſprechen.“ 3 „Laß ihn doch hereinkommen, Bella„“ ſagte Marh, „ich kenne den armen Jungen recht gut und auch ſeine Mutter. Die arme Tochter iſt todt, ſie hatte, glaube ich, übel geheirathet und ſtarb vor zwei oder drei Jahren.“ „Führt ihn herein,“ ſagte Miß Slingsbhy zu dem Diener, und der Mann entfernte ſich, um dem Befehle V V 4 — 45— zu gehorchen. Als Billy Lamb in das Zimmer trat, gingen die beiden ſchönen Mädchen, beide ſo ſchön und und doch einander ſo unähnlich, auf die Thüre zu, ihm entgegen und blieben vor dem armen mißgeſtalteten Kna⸗ ben leicht an einander gelehnt und Arm in Arm ſtehen. Der Knabe blieb in der Nähe des Eingangs und der Diener hielt die Thüre hinter ihm geöffnet, bis Miß Slings⸗ by ihm zunickte, um ihm anzudeuten, daß ſeine Gegen⸗ wart nicht nöthig ſei. „Nun, William,“ ſagte Iſabella, als der Diener fort war,„wie geht Dir's und was wünſcheſt Du?“ „Und Deine arme Mutter, William,“ ſagte Miß Clifford,„ich habe ſie lange nicht geſehen, wie befindet ſie ſich?“ „Es geht ihr jetzt viel beſſer, ich danke Euch, Fräulein,“ entgegnete der Knabe.„Sie hat ſich mit Stephen wieder ausgeſöhnt und iſt zu ihm in die Hütte gezogen und wartet ſeinen kleinen Jungen, die Waiſe meiner armen Schweſter, und auf dieſe Weiſe befindet ſie ſich viel beſſer.“ Dann wendete er ſich zu Iſabella und fuhr fort:„Ich befinde mich ganz wohl, ich danke Euch, Miß, aber gleichwohl bin ich jetzt ſehr niederge⸗ ſchlagen, denn ich bin gekommen, um Sir John etwas ſehr Schreckliches und Schlimmes zu melden.“ „Iſt es Friedensrichters Sache, William, oder kann ich Dir helfen?“ fragte Iſabella. — 76— „O bewahre, Miß Slingsby,“ entgegnete der Knabe, „mich betrifft es gar nicht, ſondern Sir John,“ und er blickte ihr mit ſeinen klaren, hellen, verſtändigen Augen in's Geſicht, als ob er ſie bitten wollte, ihn zu weiteren Auseinanderſetzungen zu nöthigen. Aber Iſabella verſtand ihn durchaus nicht und fragte:„Was meinſt Du, lieber Junge? Ich bin über⸗ zeugt, mein Vater wird ſich freuen, irgend Etwas für Dich zu thun, was in ſeinen Kräften ſteht, und ich glaube nicht, daß Du ſelbſt etwas Schreckliches und Schlimmes thun kannſt, als Du da ſagſt.“ „St! Iſabella!“ ſagte ihre Couſine, deren Herz von größeren Befürchtungen erfüllt war, als das ihrer Couſine, und die hinter den dunkeln Worten des Knaben einen trüben Schimmer von Gefahren und Leiden erblickte.„Er mag ſich deutlicher erklären; ſage uns, William, was Du meinſt. Wenn Dir Unrecht geſche⸗ hen iſt, ſo wollen wir es wieder gut zu machen ſuchen, aber Du ſprachſt von meinem Onkel; iſt Sir John Etwas zugeſtoßen?“ „Nein, Miß Mary,“ entgegnete Billy Lamb,„aber ich fürchte, daß ihm etwas Böſes zuſtoßen werde, wenn Nichts dagegen geſchieht.“ „Aber was iſt es denn?“ fragte Iſabella ängſtlich, „erzähle uns doch? Was fürchteſt Du denn! Wo haſt Du denn die Nachricht her?“ „. —- 47— „Von Mr. Bacon,“ antwortete der Knabe treuher⸗ zig,„dem kleinen Advocaten in Tarningham. Er iſt kein ſchlechter Menſch und auch nicht ſo unfreundlich, wie Mr. Wharton, und obgleich er mir nicht gerade hieß, daß ich hierher gehen ſollte und es Sir John ſagen, ſo meinte er doch, er wünſche ſehr, daß dieſer wiſſen möge, was ihm bevorſtehe. Dann ſagte er auch, ſchreiben könnte er nicht, weil es ihn Nichts anginge, da er blos andern Leuten diene, und eine mündliche Nachricht wolle er auch nicht ſchicken, weil—“ „Aber was iſt es denn?“ riefen Mary Clifford und Iſabella gleichzeitig.„Mein guter Knabe, um's „Himmelswillen, laß uns nicht ſo lange in Unge⸗ wißheit.“ „Nun, Fräulein,“ fuhr der Knabe in traurigem Tone und mit niedergeſchlagenen Augen fort,„er ſagte, es würde morgen hier ausgepfändet werden, das heißt, die Gerichte werden Alles wegnehmen. Ich weiß das, denn ſechs Monate nach dem Tode meines Vaters mach⸗ ten ſie es auch ſo. Dann ſagte er, daß Sir John wahrſcheinlich werde arretirt werden, wenn er nicht auf der Stelle fünf Tauſend Pfund bezahlen könne.“ Iſabella ſank erſchrocken auf einen Stuhl und rief: „Gütiger Himmel!“ „Das iſt es, wovon Capitain Hayward ſprach,“ ſagte Mary Clifford, indem ſie die Hand an die Stirn — 48— legte und mehr mit ſich ſelbſt, als mit ihrer Couſine ſprach.„Wie unglücklich trifft es ſich, daß er jetzt abweſend iſt. Dieſes Duell, verlaß Dich darauf, hat ihn abgehalten, die Maßregeln zu ergreifen, die er ſich vorgenommen hatte, um dieſen Schlag abzuwenden. Ich bin überzeugt, er könnte und würde gethan haben, was er verſprach.“ „O, was Ned Hahward verſprach, das war er gewiß auch im Stande auszuführen,“ antwortete Iſa⸗ bella,„Nichts als irgend ein unglücklicher Umſtand, ſo wie dieſes Duell, hat ihn abgehalten. Er iſt wahr und offen, wie der Tag, Mary. Was gäbe ich dar⸗ um, wenn ich nur fünf Minuten mit ihm ſprechen könnte!“ „Wirklich? Wirklich?“ ſagte die muſikaliſche Stimme des armen Knaben;„Ich glaube, wenn Ihr das wünſcht, könnt Ihr es ſehr bald thun.“ „O Du guter, lieber Knabe,“ rief Iſabella auf⸗ ſpringend,„ſchicke ihn gleich her, wenn Du weißt, wo er iſt. Sage ihm, daß das Wohl meines Vaters gänz⸗ lich von ihm abhängt; ſage ihm, daß wir ruinirt ſind, wenn er nicht kommt.“ „Ich glaube nicht, daß ich ihn herſchicken⸗ kann,“ ſagte der Knabe in getäuſchtem Tone.„Ich glaube nicht, daß er kommen kann; wenn Ihr aber zu ihm gehen und mit ihm ſprechen wollt, ſo will ich wagen, — — 49— Euch hinzuführen, denn ich bin überzeugt, daß Ihr ihm nicht ſchaden und Niemandem ſagen werdet, wo er ſich verſteckt hält.“ „Zu ihm gehen?“ rief Iſabella,„es wird ja ſchon ganz finſter, mein guter William. Wie kann ich zu ihm gehen? Doch das iſt Schwäche und Thorheit!“ rief ſie im naͤchſten Augenblick.„Wenn der Ruf und die Freiheit meines Vaters auf dem Spiele ſtehen, darf ich dann zögern, irgend wohin zu gehen? Ich will mitge⸗ hen, William. Wo iſt es, iſt es weit?“ „Warte, liebe Iſabella„“ ſagte ihre Couſine,„wenn es nöthig iſt, will ich mit Dir gehen. Es iſt dies ein Fall, welcher, glaube ich, Etwas rechtfertigt, was außerdem unſchicklich wäre. Aber laß mich erſt ein paar Fragen thun. Du ſagſt, Mr. Bacon hätte Dir das geſagt, William. Wenn er wünſchte, daß mein Onkel die Sache erfahren ſollte, weshalb ſchickte er dann nicht einen ſeiner Schreiber?“ „Nun, er ſagte, Miß Mary, er hätte kein Recht dazu,“ antwortete der Knabe;„er ſchien in großer Ver⸗ legenheit zu ſein und als ob er nicht wüßte, was er thun ſolle; er fragte mich, ob ich Sir John in der Stadt geſehen hätte, denn er kommt gewöhnlich in den Weißen Hirſch, wißt Ihr, und ſagte mir dann, ich mögte es ihn wiſſen laſſen, wenn ich ihm etwa zu⸗ fällig in der Stadt begegnete, weil er ganz nothwen⸗ Beauchamp. Dritter Band. 4 dig mit ihm zu ſprechen habe. Und dann ſagte er wei⸗ ter, daß er wieder nicht wüßte, was er ſagen ſolle, denn er müßte ihn morgen auspfänden und auch noch„ einen Verhaftsbefehl gegen ihn auswirken und noch eine Menge anderer Dinge, die ich vergeſſen habe. Aber er ſagte, es thäte ihm ſehr leid und er gäbe lieber einen Finger darum, wenn er Nichts damit zu thun hätte. Endlich ſagte er, ich ſollte Niemandem in der Stadt Etwas davon ſagen, wenn ich aber Sir John ſähe, ſo könnte ich es ihm mittheilen, und deshalb bin ich gleich, ſobald als ich fort konnte, hierher gelaufen.“ „Aber wo iſt denn Capitain Hayward zu finden?“ fragte Miß Clifford.„Das mußt Du uns ſagen, ehe wir uns entſchließen können, William.“ 3 „Ich kann es Euch eben ſo gut ſagen, als Euch 1 hinführen,“ entgegnete der Knabe,„aber ich muß immer vorausgehen und ihm ſagen, daß Ihr kommt. Er iſt in Ste Gimlets Hütte bei dieſem und meiner Mutter und zwar gleich von der Stunde an, wo er Mr. Wittingham geſchoſſen.“ „O dasgehe ich gleich hin,“ rief Iſabella,„das wird nicht die Aufmerkſamkeit der Diener erregen, in einem Gaſthofe aber wäre es etwas Schreckliches ge⸗ weſen.“ Mary Clifford lächelte, denn ſie war eine von den' Perſonen, welche den herkömmlichen Anſtand faſt, wenn auch nicht ganz, ſo zu würdigen verſtehen, wie er es ver⸗ dient. Sie verletzte ihn niemals aus Uebereilung; um keines Vergnügens, keiner Unterhaltung und keines per⸗ ſönlichen Genuſſes willen übertrat ſie Regeln, welche die Geſellſchaft aufgeſtellt hat, obſchon ſie dieſelben vielleicht für unrichtig oder thörig hielt. Um einer großen Ab⸗ ſicht willen und bei einem guten Vorhaben und reinem Herzen war ſie aber ſtets bereit, denſelben Trotz zu bie⸗ ten.„Ich will gern mit Dir gehen, liebe Bella„“ ſagte ſie.„Capitain Hayward reiſte, wie ich weiß, in der ausdrücklichen Abſicht nach London, um die Mittel zur Abwendung dieſes Schlages herbeizuſchaffen, nach einigen Worten, die er fallen ließ, glaubte er aber, denke ich, daß dieſer Schlag nicht ſo ſchnell über uns kommen werde. Ich ſehe keinen andern Ausweg, Deinem Vater zu helfen, als dieſen alten Freund zu ſprechen und um Rath zu fragen. Du ſagteſt, das Alles würde ſchon morgen früh geſchehen, William?“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich wieder gegen den Knaben wendete. „Sobald als es Tag iſt, Miß Mary,“ entgegnete der arme Billy Lamb. „O Himmel, dann will ich gleich anſpannen laſſen,“ ſagte Iſabella,„lauf immer hin, guter Junge, und ſage dem Capitain Hayward, daß ich käme. Du kannſt ihm ſagen, weshalb und was Du ſonſt noch weißt.“ Der Knabe entfernte ſich und eilte auf den kürzeſten 4 ——— Fußwegen nach der Hütte ſeines Schwagers. Mittler⸗ weile ward der Wagen beſtellt, aber Sir John war in dem gewöhnlichen Wagen zum Diner gefahren und die Kaleſche war ziemlich lange nicht herausgekommen, ſo daß der Kutſcher glaubte, ſie erſt abſtäuben zu müſſen. Auf dieſe Weiſe vergingen drei Viertelſtunden, ehe die Laternen angezündet und Alles fertig war und dann ſtand ein Diener mit betreßten Hut in der Hand neben dem Wagen, um den Damen einſteigen zu helfen und ſie zu begleiten. Iſabella ſagte ihm jedoch, daß er nicht gebraucht werde, und gab Befehl, nach Stephen Gimlet's Hütte zu fahren.„Aha,“ ſagte der Diener, indem er ſich wieder in das Haus begab,„Billy Lamb's Mutter iſt dort. Sie werden die jungen Damen ſchon um ein paar Guineen beſchwindeln, dafür ſtehe ich. Was die Weiber doch für Närrinnen ſind.“ 3 Während er ſo moraliſirte, rollte der Wagen lang⸗ ſam hinein in die finſtere Nacht, von zwei großen keu⸗ chenden Pferden gezogen und von einem Kurſcher ge⸗ führt, der dieſelben Eigenſchaften hatte, und weder Pferde noch Kutſcher waren damit zufrieden, daß ſie ſo unerwartet zu ſo ſpäter Stunde in Requiſition geſetzt worden, denn Schmauſereien waren ſelten in der Umge⸗ gend von Tarningham Park, Bälle waren noch ſeltener und Sir John Slingsby liebte vielmehr, was er eine Geſellſchaft von fidelen Leuten nannte, in ſeinem eigenen — 53— Hauſe zu ſehen, als ſie anderwärts aufzuſuchen, ſo daß keins ſeiner Pferde ſehr gewohnt war, bei Lampenſchein zu laufen. Beinahe eine halbe Stunde war verfloſſen, ehe der Wagen in den ruhigen Zugang kam, der höch⸗ ſtens zuweilen das Rädergeraſſel eines Leiterwagens vernahm, und endlich wurden die Zügel an der Thüre einer Hütte angezogen. Das Haus ſah nicht vielver⸗ ſprechend aus und es war nicht ein einziges Licht zu ſe⸗ hen, denn ſeltſamerweiſe waren an ſämmtlichen Fenſtern in Gimlet's Hütte Läden angebracht worden, obſchon man nicht hätte glauben ſollen, daß er ein Mann ſei, der einem derartigen Luxus huldige. Der Kutſcher fühlte ſeine Würde verletzt, daß er von dem Bock ſteigen und die Wagenthüre öffnen mußte, die Achtbarkeit der ganzen Familie ſchien in ſeinen Augen zu leiden, aber Nichts de⸗ ſto weniger that er es und als er das that, bewegten ſich die Pferde noch zwei oder drei Schritt weiter, wor⸗ über ſich Iſabella ſehr freuete, denn ſie bedachte, daß der Kutſcher, wenn er in die Hütte ſähe, auch die Be⸗ wohner derſelben ſehen würde. Ehe ſie hineinging, be⸗ fahl ſie ihm etwa zwei Hundert Schritt den Zugang binab an den Steg zurückzufabren, und wenn der Knabe Billy Lamb herüberkäme— es war ſein Weg von Tar⸗ ningham Park— ihn bei dem Wagen zu behalten. Dar⸗ auf pochten Iſabella und Mary mit zwei Herzen, die, wie wir geſtehen müſſen, nicht wenig aufgeregt waren, — 54— an die Hüttenthüre, öffneten ſie, kaum auf Antwort wartend, und gingen hinein. Mariens Herz klopfte bei dem Gedanken Ned Hayward zu ſehen, eben ſo wohl als bei dem Bewußtſein, daß ſie einen etwas unge⸗ wöhnlichen Schritt thue. Iſabellens Herzklopfen galt blos der letztern Rückſicht, bis die Thüre geöffnet war, und dann ward es aus einem ganz andern Grunde ſchlimmer als je. Der erſte Gegenſtand, den ſie gerade vor ſich ſah, war Mr. Beauchamp, welcher in der Mitte des kleinen Zimmers ſtand und mit dem armen Knaben Billy Lamb ſprach, während Mrs. Lamb und Stephen Gimlet an dem großen Heerde ſaßen. In dem Augenblick, wo Miß Slingsby's Geſicht erſchien, wendete ſich Beauchamp von dem Knaben ab und ſagte: „Da ſind die Damen ſelbſt. Geh Du nun nach Hauſe, mein guter Junge, und wenn Dein Herr über Deine Abweſenheit böſe iſt, ſo ſage ihm, daß ich ihn Alles auseinanderſetzen würde. Meine werthe Miß Slingsby, ich freue mich, Euch und Eure ſchöne Couſine zu ſehen. Der Knabe ſagte mir, daß Ihr Capitain Hahward zu ſprechen wünſcht. Er iſt oben im Zimmer und ich will es ihm ſogleich ſagen,“ und nachdem er bei⸗ den Damen die Hand gereicht, wendete er ſich ab und ging die Treppe hinauf. „ 2 2 — 55— Marh flüſterte eifrig mit Iſabellen, und Stephen Gimlet berührte den Arm ſeiner Schwiegermutter, als er ſah, daß ſeine ſchönen Beſucherinnen offenbar ſehr aufgeregt waren, und ſagte: „Kommt, Mütterchen, Ihr werdet Euch nicht er⸗ kälten, glaube ich, wenn Ihr mit mir ein Bischen hin⸗ zusgeht. Sie werden gern mit einander ſprechen wollen,“ fügte er leiſe hinzu,„und wenn es kalt iſt, ſo können wir in die kleine Sacriſtei der Kirche gehen.“ Die alte Frau blickte nach dem Hinterſtübchen, wo das Kind ſchlief, aber Stephen antwortete ihr noch ehe ſte ſprach, indem er flüſterte: „Nein, nein, dort würden wir Alles hören.“ Mutter Lamb zog ihren Shawl über den Kopf, während er den Schlüſſel zur Kirche herablangte, und als Mary die Bewegungen der beiden Leute gewahrte, ſagte ſie: „Nur auf ein paar Minuten, Mrs. Lamb. Ich möchte mit Euch ſprechen, nachdem wir ein paar Worte mit dem Capitain Hayward gewechſelt haben.“ Mrs. Lamb machte einen Knix und ging mit ihrem Schwiegerſohn hinaus, und im nächſten Augenblick hörte man einen langſamen Schritt die Treppe herab⸗ kommen. „Guter Himmel, Ihr ſeid krank, Capitain Hay⸗ ward,“ rief Iſabella, als der Freund ihres Vaters ſich vorſtellte, während Beauchamp ihm folgte. Mary Clifford ſagte Nichts, aber ſie fühlte mehr. „O ich werde bald wiederhergeſtellt ſein, meine werthe Miß Slingsby,“ antwortete Ned Hahward,„die Kugel iſt heraus, und ich erhole mich ſehr ſchnell, nur bin ich noch ein Wenig ſchwach.“ „Hahward ſagt mir, daß ich bei dem Geſpräch nicht überflüſſig ſein würde,“ ſagte Beauchamp,„iſt dies aber der Fall, Miß Slingsby, ſo ſchickt mich fort, bedenkt aber, daß ich Euch ſowohl hierin, als auf jede andere Weiſe zu Gebote ſtehe.“ Was für ein Unterſchied iſt zwiſchen Unternehmen und Ausfuͤhren! Wie vermehren ſich die Schwierigkeiten bei jedem Schritte auf dem gebirgigen Pfade, und wie entmuthigt fühlt ſich das Herz über die frühen Hinder⸗ niſſe, die wir ganz überſehen hatten. Iſabella Slings⸗ by hatte geglaubt, es werde das leichteſte Ding von der Welt ſein, mit Ned Hayward ein Geſpräch über den Stand der Angelegenheiten ihres Vaters anzuknüpfen. Er war ein ſo alter Freund, er hatte ſeit ſeinem ſech⸗ zehnten Jahre ihren Vater gekannt, von ihm ſelbſt war die erſte Warnung ausgegangen, er hatte die Bahn ge⸗ brochen. Es hatte ihr geſchienen, als ob hier nicht die mindeſte Schwierigkeit, nicht das geringſte Hinderniß auftauchen könnte, aber jetzt, als ſie zuerſt ſprechen ſollte, da entſank ihr der Muth, und ſie bemühete ſich, das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand zu lenken— nur auf einen Augenblick, um nur Athem zu ſchöpfen und ihre Gedanken zu ſammeln. „O nein! Geht nicht fort, Mr. Beauchamp,“ ſagte ſie;„aber wie krank Capitain Hayward ausſieht! Wir wußten nicht das Mindeſte davon, daß er verwun⸗ det worden. Man ſagte, blos Mr. Wittingham habe Schaden genommen.“ „Ich kann Euch verſichern, es iſt Nichts,“ ent⸗ gegnete Ned Hayward,„aber Ihr müßt Euch ſetzen, meine werthe junge Dame,“ und er ſchob mit dem lin⸗ ken Arme einen Stuhl für Mis Slingsby herbei, wäh⸗ rend Beauchamp dieſelbe Höflichkeit gegen Mary Clif⸗ ford beobachtete.„Ich weiß gewiß, daß Ihr mir et⸗ was Wichtiges zu ſagen habt, und errathe, was es iſt,“ fuhr der junge Officier fort,„Miß Clifford, Ihr habt Eurer Couſine die peinliche Mittheilung erzählt, die ich Euch vor zehn oder zwölf Tagen machte. Nicht wahr, und ſie will nun mit mir darüber ſprechen?“ „Allerdings, Capitain Hayward,“ antwortete Mary Clifford,„ich theilte ihr Alles mit. was Ihr mir ge⸗ ſagt habt, ſo wie auch Euer edelmüthiges, großherziges Anerbieten, Sir John in ſeiner dringendſten Verlegen⸗ heit beizuſtehen. Ihre eigene Kenntniß beſtätigte in ho⸗ hem Grade die Thatſache der großen Gefahr, aber wir fürchteten, daß dieſes unglückliche Duell Eure Pläne — 38— geſtoͤrt habe, und wir wußten nicht, wo wir Euch fin⸗ den und ſprechen könnten.“ „Ich habe nicht vergeſſen, was ich mir vorgenom⸗ men hatte,“ antwortete Ned Hayward,„aber als ein leichtſinniger Thor, der ich bin, vergaß ich, daß ich verwundet werden könnte, Miß Clifford, oder daß ich vielleicht die Flucht ergreifen müßte. Mit Recht können mich die Leute den leichtſinnigen Ned Hahward nennen, denn ich dachte daran, daß ich erſchoſſen werden könnte, und ſorgte für dieſen Fall, aber ich dachte an weiter Nichts und ließ das Geld an die Bank in Tarningham remittiren. Die Kugel fuhr mir aber in die Schulter und ich bin ſeit der Zeit noch nicht im Stande geweſen, zu ſchreiben, ſonſt würde ich die Anweiſung lange ſchon geſchickt haben, damit davon im Nothfalle Gebrauch ge⸗ macht worden wäre. In ein paar Tagen aber werde ich wieder ſo gut ſchreiben können, als ich es gelernt habe, daher beruhigt Euch in dieſer Hinſicht. Was die Hypo⸗ thek betrifft, welche, wie ich vermuthe, ſofort gekün⸗ digt werden ſoll, ſo müſſen wir überlegen, was auf andere Weiſe ſich thun läßt, denn ich bin, wie Ihr wißt, ein armer Mann und habe nicht die Mittel zu einem ſo großen Darlehn,“ und bei dieſen Worten rich⸗ tete er ſeine Blicke auf Beauchamp. Ned Hayward glaubte, daß noch Zeit genug ſei, um alle dieſe Anordnungen zu treffen, aber dieſe Ver⸗ — — muthung ward im nächſten Augenblick widerlegt, als Iſabella antwortete: „Hat Euch der Knabe nicht geſagt, daß Alles, was Ihr befürchtet, morgen ſchon Statt finden ſoll? Er kam, um uns zu warnen. Der gute kleine Mann, Bacon, der Advokat ſchickte ihn.“ „Nein, Jſabella,“ ſagte Mary Clifford,„er ſchickte ihn gerade nicht, aber er erzählte ihm die Sache offen⸗ bar in der Abſicht, daß ſie zu dem Ohre meines On⸗ kels kommen mögte, und der Knabe ſagte es uns wie⸗ der. Ich war überzeugt, Capitain Hayward,“ fügte ſie mit glühender Wange hinzu,„daß Ihr thun wür⸗ det, was Ihr könntet, um zu helfen, daß Ihr, wenn Ihr nicht helfen könntet, uns rathen würdet, was zu thun ſei. Wir ſind daher ohne Zögern hierher gekom⸗ men, denn es iſt keine Zeit zu verlieren und Sir John iſt unglücklicherweiſe bei einem Diner.“ „Glücklicherweiſe vielmehr,“ ſagte Ned Hahward; „allerdings iſt keine Zeit zu verlieren, wenn die Sachen ſo ſtehen. Ich will die Anweiſung ſogleich ſchreiben, es mag nun gehen, wie es will. Ich habe Tinte und Fe⸗ der auf meinem kleinen Zimmer und will ſie gleich her⸗ beiholen.“ 4„Nein, wartet Hayward, wartet,“ ſagte Beau⸗ champ,„Ihr ſpracht mit mir ſchon neulich von der Hypothek. Wißt Ihr, wie viel dieſelbe beträgt?“ „Ungefähr funfzig Tauſend Pfund, und der Teufel ſelbſt weiß, wie viel Zinſen dazu,“ antwortete Ned Hay⸗ ward,„denn ich glaube nicht, daß Sir John ſie jemals zuſammengerechnet hat.“ „Dann, fürchte ich, werdet Ihr die Anweiſung ſchreiben müſſen,“ ſagte Beauchamp ernſt,„denn ich darf von der Summe in der Bank Nichts wegnehmen, aber ich will Tinte und Feder holen. Wir ſind hier eine Art von Gefangenen, Miß Slingsby, und dür⸗ fen uns nicht zeigen, bis Mr. Wittingham's Zuſtand beſſer ermittelt iſt, ſonſt würden wir ſchon lange bemüht geweſen ſein, Euch über dieſe Sache zu beruhigen. Wir hören jedoch, daß der junge Mann ſich wieder beſſer befindet, und hoffen daher, daß wir nicht lange mehr genöthigt ſein werden, Verſteckens zu ſpielen.“ Mit dieſen Worten ging er wieder die Treppe hin⸗ auf, es dauerte aber einige Minuten, ehe er wieder zu⸗ rückkehrte, während welcher Zeit Ned Hayward, obſchon er zuweilen in ernſtes Nachdenken verſank, lachte und heiter ſchwatzte, und von Zeit zu Zeit einen ruhigen Blick auf Marys ſchönes Geſicht warf, als ſie mit dem Arm auf den Tiſch geſtützt daſtand und etwas traurig in die Aſche auf dem Heerde des Wildhüters ſchauete. Endlich erſchien Mr. Beauchamp wieder, Ned Hay⸗ ward ſetzte ſich mit einem Anweiſungsſchema vor ſich an den Tiſch, ergriff die Feder und ſagte: — 6— „Ich muß ſchnell ſchreiben, ſonſt wird man es für eine Fälſchung halten. Alſo drauf und dran,“ und da⸗ mit füllte er mit einigen raſchen Strichen die Anweiſung auf die Summe von zwölf Tauſend Pfund aus, und unterzeichnete ſeinen Namen. Seine Wange ward bleich, als er ſchrieb und Mary Clifford ſah es, aber dies war das einzige Zeichen von Schmerz, welches er blicken ließ. Darauf warf er die Feder hin, ergriff das Pa⸗ pier mit der linken Hand und gab es Miß Slingsby. „Da,“ ſagte er,„ich habe Euch vor zwölf Jah⸗ ren auf dem Knie geſchaukelt und Euch meine liebe kleine Bella genannt, aber ich hätte nimmer geglaubt, daß Ihr mir ſo viel Vergnügen machen würdet, als Ihr mir jetzt macht.“ „Ach, Ned Hayward,“ rief Iſabella, während ihre Augen überfloſſen,„Ihr ſeid ſicherlich das beſte und edelſte Geſchöpf von der Welt.“ Mary Clifford's Lippen murmelten Etwas, was beinahe klang wie:„Ja, das iſt er.“ Beauchamp ſah mit dem Ausdrucke ernſten Ver⸗ gnügens zu, kaum aber war die Anweiſung unterzeich⸗ net und gegeben, als plötzlich die Thüre der Hütte ſich öffnete, Stephen Gimlet einen Schritt über die Schwelle that und ſagte: „Ich habe ihn gefangen, meine Herren, ich habe ihn gefangen, wie eine Ratte in der Falle!“ „Wen habt Ihr gefangen?“ fragte Beauchamp, ſich raſch nach ihm umwendend. „Nun, den Kerl, der den Schuß durch das Fen⸗ ſter feuerte,“ antwortete Stephen Gimlet. „Das iſt köſtlich!“ rief Ned Hayward.„Wo iſt er, was habt Ihr mit ihm gemacht?“ „Ich hätte mich vielleicht nicht mit ihm vermengt,“ ſagte der Wildhüter,„wenn ich nicht gefunden hätte, daß er ſich mit den Kirchenbüchern vermengte, wozu er, wie ich weiß, kein Recht hat. Ich und Mutter Lamb gingen ein Wenig hinaus auf den Kirchhof, und da ſie den Wind etwas kalt fand, ſo öffneten wir die kleine Thüre auf dieſer Seite der Kirche und gingen hinein. Ich war nicht eine Minute darin, als ich Jemanden ganz deutlich ſprechen hörte, aber doch Niemanden ſah. Ich ſagte Mutter Lamb, ſie möge ein Wenig hinter den Pfeiler neben der Kanzel treten, während ich mich nä⸗ her umſähe, ehe ich aber noch einen Schritt thun konnte, kamen zwei Männer mit einer Laterne aus dem Begräb⸗ nißgewölbe der Moretons herauf. Einer dieſer beiden war dieſer Kerl und der andere war der alte Todten⸗ gräber, und ſie gingen ſtracks hinüber nach der Sacri⸗ ſtei, gleich aber vor der Thüre blieb der alte Todten⸗ gräber ſtehen und ſagte:„Ich kann nicht, Capitain, es iſt ſo gut wie Fälſchung“ oder ſo Etwas, und der andere Burſche nahm die Laterne und ging hinein in die — 63— Sacriſtei. Ich ſagte daher ganz leiſe zu Mutter Lamb: „Dieſe Hallunken haben Nichts Gutes vor,“ und ſie antwortete:„Einer davon hat in ſeinem Leben Nichts Gutes vorgehabt.“ Darauf ſagte ich wieder:„Geht Ihr voran und ſcheucht den alten Todtengrüber, ich komme dicht hinter Euch drein.“ Die alte Frau that es augenblicklich und ging leiſe fort, bis ſie gerade zwiſchen ihm und dem aus der Sacriſtei fallenden Lichte ſtand. Jedoch er hatte, glaube ich, unſer Flüſtern gehört, denn er ſtierte um ſich, als ob er einen Geiſt zu ſehen erwartete, und ſobald als er Etwas daſtehen fah, machte er ſich fort, als wenn der Teufel hinter ihm wäre, und ich ſprang in die Sacriſtei, wo der andere Kerl mit ei⸗ nem der großen Bücher vor ſich aufgeſchlagen und mit einer Feder in der Hand daſaß. Ich ließ ihn nicht lange Zeit zum Nachdenken, ſondern ſchlug ihn zu Boden, warf die Laterne um und verſchloß die Thüre und er ſteckt nun im Käfig, gerade wie eins meiner Frett⸗ chen.“ „Das iſt köſtlich!“ rief Ned Hayward, aber Beau⸗ champ machte ein ſehr ernſtes Geſicht und ſagte zu Gimlet gewendet: „Wir wollen uns überlegen, was wir mit ihm an⸗ fangen. Ihr könnt Eure gute Schwiegermutter nun wieder hereinlaſſen, Stephen, denn unſer Geſchäft iſt ziemlich vorüber, und dann könnt Ihr dieſe Damen bis an den Wagen begleiten. Miß Slingsby,“ fuhr er fort, ſobald der Wildhüter fort war.„Ich mögte mit Euch zwei Worte über dieſes kleine Briefchen ſprechen,“ und er zeigte es ihr,„ich benutzte das Schreibzeug, ehe ich es herabbrachte, und ließ Euch, fürchte ich, warten, aber es geſchah nicht ohne gute Abſicht.“. Iſabella zögerte einen Augenblick, aber Beauchamp fügte lachend hinzu: „Nun, Ihr werdet Euch doch mit mir wenigſtens bis an die Thüre getrauen?“ „O ja,“ entgegnete Iſabella, den Kopf heiter in die Höhe werfend,„ich thue heute Abend einmal aller⸗ hand närriſches Zeug, und ſehe nicht ein, weshalb ich auf halbem Wege ſtehen bleiben ſollte.“ MNit dieſen Worten ging ſie nach der Thüre, wäh⸗ rend Beauchamp folgte, und dann gingen ſie zuſammen hinaus in den kleinen Garten, wo Beauchamp ihr das Briefchen in die Hand drückte und ſagte: „Es iſt an Doctor Miles adreſſirt, mein werthes junges Fräulein. Wir wiſſen nicht genau, was mit die⸗ ſer Hypothek vorgegangen iſt, von der mir Hayward geſagt hat. Ich fürchte, es iſt damit falſches Spiel getrieben worden. Sollte eine plötzliche Ungelegenheit in Betreff derſelben oder der dafür fälligen Zinſen entſte⸗ hen, ſo ſchickt dieſes Briefchen augenblicklich an Doc⸗ tor Miles und laßt auch mich gleichzeitig davon wiſſen.“ „Aber wie, mein gütiger Freund,“ fragte Iſa⸗ bella,„wie kann ich es Euch wiſſen laſſen, ohne An⸗ dern Euer Verſteck zu entdecken? Ihr wißt doch ohne Zweifel, daß überall Zettel angeſchlagen ſind, in wel⸗ chen auf Eure und Capitain Hayward's Ergreifung eine Belohnung geſetzt iſt?“ „Das darf uns Nichts kümmern,“ antwortete Beauchamp,„auf alle Fälle aber wird es gut ſein, mir ein an die gute alte Wittwe Lamb adreſſirtes Brief⸗ chen zu ſenden, und dann muß ich meine Maßregeln nehmen, wie ich es für's Beſte halte. Mittlerweile wird Doctor Miles darauf ſehen, daß Euer Vater in keine Ungelegenheiten kommt, denn es trifft ſich glücklicher⸗ weiſe, daß ich gegenwärtig eine große Summe disponi⸗ bel habe, die ich nicht beſſer anlegen könnte, als wenn ich Euch dadurch Verdruß und Aerger erſpare.“ „O, Nr. Beauchamp,“ rief Jſabella höchſt be⸗ wegt,„welches Recht habe ich auf ſo viel Güte und Großmuth?“ „Jedes Recht, das ein ſchönes und edles Herz ge⸗ ben kann,“ antwortete Beauchamp,„und laßt mich hin⸗ zufügen, jedes Recht, das ſich auf die aufrichtigſte Zu⸗ neigung gruͤnden kann, die jemals ein Weib einem Manne eingeflößt— doch will ich Euch heute Abend nicht noch mehr aufregen. Es iſt jetzt nicht der Augen⸗ blick, um Euch mit einem ſolchen Thema läſtig zu fal⸗ Beauchamp. Dritter Band. 5 — 66— len. Es giebt blos Eins, was Ihr mir verſprechen müßt, nämlich, daß Ihr Euch durch keine Rückſicht ab⸗ halten laſſen wollt, Euch dieſer Mittel zu bedienen, um Euern Vater von ſeinen Verlegenheiten zu befreien— nicht einmal durch die voreiligen Worte, die ich eben geſprochen.“ Iſabella ſchwieg einen Augenblick, dann antwortete ſie mit leiſer Stimme: „Dieſe Worte würden die ganz entgegengeſetzte Wirkung haben. Sie würden mir Vertrauen und Hoffnung gewähren,“ und ſie legte ihre Hand in die ſeine. Beauchamp drückte ſie innig an ſeine Lippen, denn er verſtand vollkommen Alles, was in dieſer Ant⸗ wort lag. Die Dorfärzte haben den Teufel im Leibe. Sie werden von einem ſeltſamen Geſchick regiert, welches ſie ſtets im unrechten Augenblicke an Ort und Stelle bringt. „Guten Abend, guten Abend, Mr. Beauchamp,“ ſagte Mr. Slatterh von Tarningham, der auf ſeinem Pferde langſam auf dem ſandigen Wege daher kam. „Ich wollte eben Capitain Hahward beſuchen und Euch ſagen, daß es mit Henry Wittingham heut Abend viel beſſer geht,“ und Slatterh ſtieg von ſeinem Pferde, durchaus nicht in der Abſicht zu ſehen, weſſen Hand — Mr. Beauchamp geküßt habe, ſondern blos in Aus⸗ übung ſeines Berufes. Wie das Unglück es nun einmal haben wollte, hatte Beauchamp die Hüttenthüre hinter ſich offen gelaſſen, ſo daß der Chirurg in Folge des Lichts, welches aus dem Innern der Hütte ſchien, eine ſehr ſchöne Ausſicht auf den Akt gehabt hatte, durch welchen der junge Mann ſeinen ſtummen Contract mit Iſabellen beſiegelt hatte. Was aber auf der einen Seite ein Unglück war, war auf der andern ein Glück, denn nicht ſobald war die erſte Sylbe aus Mr. Slattery's Munde, als Iſabella hineinſchoß und die Thüre zumachte. ſo daß der Chirurg, obſchon ihm die Geſtalt faſt wie Sir John's Tochter vorkam, doch nicht darauf ſchwö⸗ ren konnte, daß ſie es auch wirklich geweſen ſei. Beauchamp beeilte ſich gleichzeitig, ihm alle ge⸗ nauere Kenntniß abzuſchneiden, indem er ſagte:„Ich danke Euch für Eure Nachricht, Mr. Slatterh. Mit Hayward geht es beſſer und er kann Euch heute Abend nicht ſprechen, da er jetzt ganz beſonders beſchäftigt iſt. Gute Nacht,“ und damit begab er ſich ebenfalls in's Haus und ſchloß die Thüre. „Ho, ho!“ ſagte Slattery.„Alſo ſie wollen mich nicht einmal empfangen! Na, ſo mögen ſie es auf die Folgen ankommen laſſen. Wenn mir die Leute trauen, ſo bin ich ſtumm, wie das Grab, wenn ſie aber Man⸗ gel an Vertrauen zeigen, ſo weiß ich ſchon, wie ich ih⸗ 5* . — 68— nen beikomme. Habe ich gegen Jemanden nur ein Ster⸗ benswörtchen fallen laſſen, wo die beiden Herren ſind? Nein, nicht ein Wort, und nun wollen ſie mir die Au⸗ gen verbinden? Na, na, wir werden ſehen.“ Und Mr. Slattery ſah wirklich, denn während er dieſen Monolog gehalten hatte, war er langſam fortge⸗ gangen, und als er damit zum Schluſſe kam, ſtand er an den Wagenlaternen der großen bequemen Kaleſche Sir John Slingsby's. „Guten Abend, Jenkins,“ ſagte Mr. Slattery zu dem langen dicken Kutſcher,„iſt Sir John hier herum, daß Ihr noch ſo ſpät auf den Beinen ſeid?“ „Nein, Sir,“ entgegnete Jenkins,„der iſt in dem großen Wagen hinüber nach Meadowfield gefahren. Ich habe blos das junge Fräulein hierher gebracht, die die Wittwe Lamb bei Gimlet, dem neuen Wildhüter, beſu⸗ chen wollte.“. „Ho, ho!“ ſagte Nr. Slattery wieder, aber er hatte nicht Zeit, Jange Betrachtungen anzuſtellen, denn in demſelben Augenblicke hörte er ein Paar menſchliche Füße ſehr ſcharf laufen und im nächſten Augenblick ſchoß eine Geſtalt quer durch den Schein der Wagenlaternen. Mr. Slattery hatte ſcharfe Augen und ſchrie ſogleich dem Laufenden nach:„He, he! Capitain, ich mögte ein Wort mit Euch ſprechen.“ Aber der Angeredete lief weiter, und da Mr. Slat⸗ — 69— terh ſich nicht ſo wollte abweiſen laſſen, ſo ſtieß er ſei⸗ nem Pferde die plattirten Sporen in die Seite und holte ihn in der Entfernung von einer Viertelmeile ein, denn jenſeits des Stegs, wo der Wagen ſtand, war es nicht möglich, über die hohen Ränder des Fahrweges hinauf⸗ zukommen.„He! Capitain, Capitain Moreton!“ rief Slattery, als er bald heran war, und Moreton, dem Nichts daran gelegen war, ſeinen Namen in der ganzen Umgegend ausſchreien zu hören, mäßigte ſeinen Schritt. „Was zum Teufel wollt Ihr denn, Slattery?“ fragte er.„Seht Ihr denn nicht, daß ich ſehr preſſirt bin?“ „Ich habe noch eine kleine Rechnung bei Euch, wißt Ihr, Capitain,“ ſagte Mr. Slattery,„ſie ſteht ſchon vier Jahr und Ihr würdet mich wirklich ſehr ver⸗ binden, wenn Ihr—“ „Der Teufel hole Eure Rechnung!“ ſagte der wür⸗ dige Capitain.„Glaubt Ihr, daß ich die ganze Medizin bezahlen werde, die Ihr den Mägden verſchrieben habt?“ „Habt Ihr ſchon die Neuigkeit gehört, Capitain?“ rief Mr. Slattery, gleich zu dem eigentlichen Punkte kommend, als er bemerkte, daß der Andere wieder fort⸗ laufen wollte. „Nein! Was für Neuigkeiten?“ fragte Moreton ſte⸗ hen bleibend. Nun, daß Miß Slingsby mit Mr. Beauchamp, der 4„ hier ſchon ſo lange ſich aufgehalten hat, binnen Kurzem getraut werden wird„“ antwortete Mr. Slaͤttery und fügte dann hinzu:„ſobald als der junge Wittingham außer aller Gefahr iſt, ſagt man.“ 3 „Wirklich? Das wäre der Teufel!“ rief der Capi⸗ tain.„Gut, Doctor, ich werde gleich hier durch das Thor querfeldein laufen— alſo gute Nacht und ſagt Nie⸗ mandem, daß Ihr mich hier geſehen. Ich weiß, daß man Euch ein Geheimniß anvertrauen kann.“ „Das wollt' ich meinen!“ ſagte Mr. Slattery, und während der Capitain über das Thor ſprang, verfolgte der Chirurg ſeinen Weg weiter nach Tarningham. Viertes Kapitel. Sir John Slingsby beginnt unangenehme Auftritte zu erleben. Sir John Slingsby kam ungefähr um die Stunde der finſtern Mitternacht nach Tarningham Park zurück, fand aber ſowohl Tochter als Nichte noch wach, um ihn zu empfangen. Daß Sir John Slingsbh eine reichlichere Portion Wein zu ſich genommen, als die meiſten Men⸗ ſchen füglich vertragen konnten, erhellte aus dem dunk⸗ leren Roth ſeines Geſichts und einem gewiſſen wäßrigen Glanz in ſeinem Auge, aber daraus darf man nicht ſchließen, daß der Baronet auch nur im mindeſten Grade betrunken geweſen ſei. Wie Viele er betrunken hinter ſich gelaſſen hatte, gehört weiter nicht in unſere Geſchichte, er ſelbſt aber war, obſchon heiter wie gewöhnlich, voll⸗ kommen nüchtern, anſtändig und ſeiner mächtig, denn er war noch nicht einmal bis zu dem Punkte gelangt, wo das Bewußtſein des Weins den Menſchen bedacht — 72— macht, gegen die Wirkungen deſſelben auf der Hut zu ſein. „Nun, junge Damen,“ ſagte er, indem er ſich auf einen Augenblick in ſeinen Armſtuhl ſetzte und den Daumen in ſeine weiße Weſte ſteckte,„Ihr habt einen langweiligen Abend zugebracht, glaube ich— der alte Herr war nicht da und die beiden jungen Herren ſind, Gott weiß wo. Na, wie ſollen wir den morgenden Tag hinbringen!“ „Den Vormittag wenigſtens werde ich verbringen, mein lieber Onkel,“ ſagte Mary Clifford, welche mit ihrer Couſine lange Berathungen gepflogen hatte,„ich will nach Tarningham gehen und Euch bitten, mir um acht Uhr den Wagen auf eine Stunde zu leihen.“ „Sehr gern, liebe Mary,“ ſagte der Baronet.„Aber nach Tarningham? Was führt denn Dein kleines hübſches Ich nach Tarningham?“ „Nun, die Wahrheit iſt, daß ich etwas Geld brau⸗ che,“ antwortete Miß Clifford,„ich glaube die Bank wird um halb neun Uhr geöffnet.“ „Geld in der Bank!“ rief Sir John Slingsby. „Hat Jemand jemals ſo Etwas von einem Mädchen ge⸗ hört? Sie hat Geld in der Bank! Na, nimm den Wagen, Mary, wenn Du Luſt haſt, und komme nur um halb zehn Uhr zum Frühſtück wieder, ſonſt bekommſt Du kalten Thee und nicht einen Biſſen Paſtete. Nun — 73— aber zu Bett, zu Bett, denn wenn man zeitig des Morgens nach Tarningham gehen will, ſo muß man des Nachts zu Bett gehen.“ Der Frühſtucktiſch ward wie gewöhnlich um neun Uhr Morgens zugerichtet, aber noch vor dieſer Stunde war Iſabella Slingsby ſchon unten geweſen und in dem Geſellſchaftszimmer und in der Bibliothek mit einer Un⸗ ruhe und Aufgeregtheit umhergewandelt, welche ſelbſt den Dienern auffiel, die zufällig vorübergingen. Sie ſah beinahe aus jedem Fenſter des Hauſes, das ihr zu⸗ gänglich war, ſie ſchauete jede Straße hinab, die ſich durch den Park ſchlängelte, ſie prüfte jede ſich bewe⸗ gende Geſtalt, die in ihren Geſichtskreis kam, und ſie fühlte in jedem Augenblick einen Schrecken vor Dem, was der nächſte bringen werde, den ſie in ihrem Leben noch nie empfunden hatte. Sie wünſchte, daß Marh ſie nicht verlaſſen haben mögte, daß Jemand nach dem Geld geſchickt worden wäre, und ſie beſchwor Schwierig⸗ keiten und Verlegenheiten und Hinderniſſe empor, denen ſie nicht zu begegnen wiſſen werde, juriſtiſche Fragen und Formeln, auf die ſie nicht gefaßt ſein werde, und beunruhigte und erregte ihr Gemüth dadurch nur noch mehr. Endlich zog ſie mit kühner Entſchloſſenheit die Klingel und befahl dem eintretenden Diener zu Doctor Miles zu ge⸗ hen, ihm ihre Komplimente zu vermelden und zu ſagen⸗ daß ſie ſich freuen werde, ihn zu ſprechen. Einen Au⸗ — 74— genblick darauf trat ihr Vater ſo heiter, ſo jovial und lebendig wie je in's Zimmer. Sein Geſicht erglänzte von kleinen rothen Adern, ſeine Augen erglänzten wie der Wein des vergangenen Abends, ſein umfaſſender Bauch wälzte ſich uneingeſchränkt unter einer weiten Weſte hin und her, und ſeine ſtarken Beine und ſein netter Fuß trugen ihn mit dem leichten Schritte eines Einundzwanzigjährigen einher. Wenn man ihn anſah, hätte man glauben ſollen, es gäbe Nichts, was wie Leiden oder Sorgen ausſähe auf der ganzen Welt, am Allerwenigſten in ſeinem eigenen Hauſe. „Ah Bella,“ rief er ſie küſſend,„wie haſt Du ge⸗ ſchlafen, meine Gute? Wo iſt Nary?— Noch nicht zurück? Was macht Deine Tante?— Grämt ſich, nicht wahr?— Siehſt Du, das kommt von einer ſchwer⸗ müthigen Conſtitution, zu viel Galle und einer zwanzig⸗ jährigen Prüfung an der Seite eines puritaniſchen Ehe⸗ gatten. Na, welche Zeit iſt es?— Fünf und zwanzig Minuten nach Neun— komm, wir wollen frühſtücken. Marh ſoll einen friſchen Keſſel Thee bekommen, wenn ſie wieder da ſein wird,“ und hinein in's Frühſtückzim⸗ mer ging Sir John Slingsby und zog die Klingel, als ob er ſie in Tauſend Stücke reißen wollte. „Frühſtuͤck,“ rief er, als der Kellermeiſter erſchien. „Iſt der Poſtbeutel noch nicht da?“ „Nein, Sir John,“ entgegnete der Mann. — 75— „Sehr ſpät,“ ſagte der Baronet, ſchritt an das Fenſter und ſchauete mit auf den Rücken gelegten Hän⸗ den in Ermanglung eines andern Zeitvertreibs in den ſonnenhellen Park hinaus. Für die arme Iſabella Slingsby war die muntere Unbefangenheit ihres Vaters ſchrecklich, mit zitternden Händen machte ſie den Thee und ſchenkte den Kaffee ein, und ſah ſich jedes Mal, wenn die Thüre aufging, ſchnell um, als ob ſie erwartete, daß das Geſicht eines unge⸗ ſchlachten Gerichtsdieners zum Vorſchein kommen werde. Das wäre auch wirklich der Fall geweſen, wenn nicht der gute Mr. Bacon Alles aufgeboten hätte, um wenig⸗ ſtens zu verzögern, was er nicht hindern konnte, und end⸗ lich ließ ſich zu Iſabellens Freude und Beruhigung das knarrende Geräuſch von Wagenrädern aus dem Parke herauf vernehmen. Dieſes Geräuſch war jedoch noch ent⸗ fernt und undeutlich, als der Kellermeiſter mit einem ſehr eigenthümlichen und bedeutſamen Ausdrucke des Geſichts hereinkam und ſagte:„Haltet zu Gnaden, Sir John, es iſt ein Mann da, der mit Euch zu ſprechen wünſcht.“ „Na, er muß warten,“ ſagte Sir John Slingsby, „ſag ihm, daß ich beim Frühſtück bin.— Iſt der Poſt⸗ beutel noch nicht da?“ „Halten zu Gnaden, Sir John, der Mann ſagte, er müßte mit Euch ſofort ſprechen.“ „Sag ihm,“ rief Sir John Slingsby,„er ſolle — 76— zum Teufel gehen und mit dem ſprechen,“ aber kaum waren dieſe Worte aus ſeinem Munde, als ſich die Thüre hinter dem Kellermeiſter öffnete und nicht ein, ſon⸗ dern zwei Männer zum Vorſchein kamen. Iſabellens Geſicht war gleich bei der erſten Anmel⸗ dung, die der Diener machte, bleich geworden, aber Sir John war vollkommen arglos geblieben, bis er die bei⸗ den fremden Geſichter ſah. Es waren in abstraeto Nichts weniger, als angenehme Geſichter, denn obſchon ſie gut gewaſchen und wohl raſirt waren, ſo lag doch ein ſchmu⸗ ziger Ausdruck darüber gebreitet, den keine Seife ver⸗ tilgen konnte. Es giebt gewiſſe Gewerbe, welche ſich dem äußern Menſchen in unauslöſchlichen Zügen aufprä⸗ gen. Der Gerichtsdiener— der Mann, der ſein Brod oder ſeinen Reichthum dadurch verdient, daß er ſeinem Mitmenſchen das ſchmerzlichſte Elend zufügt, welches das Geſetz kennt— die Stufe der menſchlichen Geſellſchaft, welche noch tiefer iſt, als die des Henkers— iſt nie zu verkennen, und Sir John Slingsby las ſofort den Auf⸗ trag dieſer zudringlichen Gäſte in ihrer äußern Erſchei⸗ nung. Sein Geſicht ward ſehr bleich, die rothen Adern wurden blau und er ſaß am Tiſche und vermogte nicht ein Wort hervorzubringen. Er wußte wohl, daß das Erſcheinen dieſer Leute, obſchon an und für ſich ſchlimm genug, nur der Anfang der Uebel, daß die lang auf⸗ geſchobene Stunde gekommen, daß die dünne, abge⸗ nutzte Schnur, welche ſeine ganzen Verhältniſſe aufrecht erhalten, zerriſſen ſei und daß er nun in den Abgrund des Verderbens ſtürzen werde, der ſo lange unter ihm gegähnt hatte. Sobald er verhaftet und aus dem Hauſe geführt war, mußte jeder Gläubiger mit ſeinen Anſprü⸗ chen ſich herbeidrängen, jede Schuld ſchwoll durch Ge⸗ richtskoſten an, bis Nichts für ihn und ſein Kind übrig blieb, als ein Gefängniß und ein Leben der Mühe und Arbeit. Sein leichtſinniges Herz erlag unter der ſo plötzlich darauf gelegten Laſt und ſein Kopf ward von der Maſſe von Gedanken niedergedrückt, denen er ſo lange wider⸗ ſtanden hatte. Aber Iſabella trat heran, wie ein Engel des Tro⸗ ſtes, ihr Herz richtete ſich empor, ſo wie das ſeine ſich beugte. Der Augenblick des erſten Schrecks ging vor⸗ über und als der erſte der beiden Männer ſeine Hand leicht auf Sir Johns Schulter legte, flüſterte ſie dieſem in's Ohr:„Beunruhigt Euch nicht, lieber Vater. Mary iſt nach Tarningham, um Geld zu holen. Wir haben von Allem dieſem ſchon geſtern Abend gehört und ſind darauf vorbereitet. Sie wird augenblicklich hier ſein— ich höre jetzt den Wagen heranfahren.“ „Auf weſſen Antrag und wegen welcher Summe?“ fragte Sir John Slingsby, ſich zu dem Gerichtsdiener wendend. Er konnte weiter Nichts ſagen, denn er — 78— bedurfte einige Augenblicke, um ſeine Gedanken zu ſammeln. „Auf Mr. Wittinghams Antrag, Sir John,“ ent⸗ gegnete der Mann,„und die Summe beträgt fuͤnf Tau⸗ ſend drei Hundert und zweiundvierzig Pfund, ſieben Schilling und vier Pence.“ „Dann ſagt Mr. Wittingham von mir,“ entgegnete Sir John Slingsby,„er wäre ein verdammter, ſchäbi⸗ biger, ſchleichender Halunke, daß er ſo Etwas thut, ohne mir erſt Nachricht davon zu geben.“ „Kommt, kommt, Sir John,“ verſetzte der Ge⸗ richtsdiener,„Ihr wißt, das Reden hilft da weiter nichts — Ihr müßt mitkommen.“ „Ihr ſeid etwas zu ſchnell, Sir,“ ſagte Iſabella dazwiſchen tretend,„wenn Ihr ſagen wollt, daß die Schuld bezahlt werden muß, ſo iſt es gut. Sie ſoll be⸗ zahlt werden.“ „Ja ja, Miß; aber ſie muß entweder augenblicklich bezahlt werden, oder Sir John muß abmarſchiren,“ ant⸗ wortete der Mann, indem er ſeinen Collegen zublinzelte; „verſpielt iſt verſpielt, wißt Ihr.“ „Ich weiß nicht, was Ihr meint,“ ſagte Iſabella ſtolz,„bitte, Papa, thut ihm Nichts,“(denn Sir John war wüthend vom Stuhle aufgeſprungen).„Die Schuld ſoll augenblicklich bezahlt werden, wie Ihr ſagt.“ „Und Euch werde ich für Eure Unverſchämtheit in —-— 79— die Pferdeſchwemme werfen laſſen,“ fügte der Baronet hinzu und fuhr zu dem Kellermeiſter gewendet fort: „Ruft ſämmtliche Leute herein.“ „Nein, thut das nicht, lieber Vater,“ rief Iſabella; „fünf Tauſend drei Hundert vierzig Pfund ſagtet Ihr,“ fuhr ſie zu dem Gerichtsdiener gewendet fort,„ich werde das Geld augenblicklich bringen.“ „Zweiundvierzig Pfund, ſieben Schilling vier Pence,“ ſagte der Mann mürriſch,„aber es könnten Verkümme⸗ rungen vorkommen, und da die Verhaftung einmal ge⸗ ſchehen iſt, ſo glaube ich, ich kann nicht.“ 4 „O, das wollen wir bald in's Reine bringen,“ ſagte Sir John Slingsby,„wie Ihr ſeht, mein guter Freund, hat dieſes Zimmer ſowohl mehrere Fenſter als auch Thüren— ich lehne mich nicht gegen das Geſetz auf— ich würde mich um Alles in der Welt nicht ge⸗ gen das Geſetz auflehnen, ſobald aber das Geld bezahlt iſt, ſo geht Ihr aus einem dieſer Fenſter oder dieſer Thüren hinaus, ſehr ſchnell aber auf jeden Fall. Hole das Geld, Bella— ruft die Leute herein,“ fügte er ſehr laut zu dem Kellermeiſter hinzu,„ich ſehe, wir wer⸗ den ſie brauchen.“ Iſabella eilte aus dem Zimmer, denn der Wagen war ſo eben vorgefahren, und als ſie in die Vorhalle kam, ſah ſie Marien mit ruhigem Läͤcheln und heiter aus dem 8— Wagen ſteigen.„Haſt Du es?“ rief Iſabella mit ängſt⸗ licher Eile.„Sie ſind ſchon da.“ „So!“ ſagte Marie traurig.„Das thut mir leid, aber es ergaben ſich einige Schwierigkeiten, denn auf der Bank verlangte man, da die Summe ſo groß war, Be⸗ weis für Capitain Hayward's Unterſchrift, die man nicht genau kannte. Ich wußte nicht, was ich machen ſollte, und ging daher zu Mr. Bacon, der die Sache bald ſchlichtete. „Der hat ja den Verhaftsbefehl ausgewirkt!“ rief Jſabella. „Ja, ich weiß es,“ antwortete ihre Couſine,„aber er ſagte mir, wie leid es ihm thue von Nr. Wittingham dazu gezwungen worden zu ſein, und machte mir begreif⸗ lich, daß es viel beſſer ſein werde, das Geld gleich in„ Tarningham zu bezahlen, wo er mir eine Quittung oder Ordre, oder ſo Etwas für dieſe Leute mitgeben wollte, um der unangenehmen Sache gleich ein Ende zu machen. Er ſagte, es werde viel dadurch gewonnen, wenn das Geld gleich bezahlt werde, ſo daß die Quittung noch vor der Stunde ausgeſtellt werde, in welcher die Captur, wie er es nannte, erfolgt ſei.“ „Und thateſt Du es,“ fragte Iſabella eifrig,„tha⸗ teſt Du es, liebſte Mary?“ „Ja,“ antwortete ihre Couſine halb erſchrocken,„icht glaube wirklich, er iſt ein ſehr ehrlicher kleiner Mann —— und er ſchien ſich über Mr. Wittingham's Handlungs⸗ weiſe ſehr zu ärgern. Er gab mir die Quittung und auch die Ordre und trug Sorge, ſie von halb neun Uhr zu datiren, obſchon es beinahe ganz um neun war. Ich hoffe jedoch, ich habe da nichts Unrechtes gethan, Iſabella.“ „O, bewahre nein. Ich glaube, nun iſt Alles in Ordnung,“ rief Iſabella freudig,„gieb mir die Papiere, Nary, laß mich wieder zurücklaufen, denn ich fürchte, daß mein Vater ſonſt mit dieſen Gerichtsdienern zuſam⸗ mengeräth. Er war ſehr kampfluſtig, als ich fortging.“ Marhy Clifford gab ihr die beiden Papiere, die ſie in Tarningham empfangen, und zog gleichzeitig ein klei⸗ nes Bündel Banknoten heraus, indem ſie ſagte:„Hier iſt der Reſt von den zwölf Tauſend Pfund— um's Himmels willen hebe ſie gut auf, Iſabella.“ Ihre Couſine betrachtete das kleine Packet mit hei⸗ term Lächeln, warf dann den Kopf mit der Freude eines leichten von einer ſchweren Laſt befreiten Herzens empor und lief zurück in das Frühſtückszimmer, während Mary hinaufging, um Shawl und Hut abzulegen. An der Thüre des Zimmers, wo ſie ihren Vater verlaſſen hatte, nahm Jſabella eine ruhige und gefaßte Miene an, trat mit ſtolzem Schritte ein und fand fünf oder ſechs Diener in einer Reihe an dem Ende des Zim⸗ mers ſtehen, während die zwei Büttel etwas entmuthigt Beauchamp. Dritter Band. 3 6 ͤͤ“ und furchtſam bei Sir John ſtanden, welcher ſeinerſeits mit den Fingern auf den Tiſch trommelte und ſich Mühe gab, unbefangen zu erſcheinen. Ein ſcharfer Blick auf das Geſicht ſeiner Tochter verrieth jedoch, daß noch nicht alle Furcht vorüber ſei, aber ihr zuverſichtlicher Blick beruhigte ihn wieder und er rief:„Nun, Bella, haſt Du das Geld gebracht?“ „Ja,“ entgegnete Miß Slingsby, damit näherte ſie ſich dem Tiſche und legte die Rolle Banknoten darauf, breitete ſie aus und begann zu zählen:„Ein Tauſend, zwei Tauſend, drei, vier, fünf, ſechs Tauſend,“ ſagte ſie laut ſehr zur Verwunderung und zum Erſtaunen der Diener. „Das iſt mehr als genug, Fräulein,“ ſagte der Büttel, indem er beſcheiden und mit höflicher Stimme herantrat. „Das weiß ich,“ entgegnete Iſabella,„ſeid aber ſo gut und haltet Eure Hände fern, denn von dieſer Sum⸗ me bekommt Ihr keinen Penny. Ich zählte blos, um zu ſehen, ob der Stempel richtig wäre. Dieſes Papier, glaube ich, wird für Euch hinreichen, es iſt, lieber Va⸗ ter, die Quittung über die ganze Summe nebſt Koſten.“ „Sehr wohl, Fräulein, dagegen kann ich Nichts ſa⸗ gen,“ erwiderte der Büttel,„es iſt Alles in Ordnung. Es mag ſein, wie es wolle, ich habe blos meine Pflicht — 83— gethan und freue mich, daß die Sache auf dieſe Weiſe abgemacht iſt.“ „Eure Pflicht gethan, Ihr Vagabund!“ rief Sir John Slingsby.„Blos Eure Pflicht gethan, Ihr unter⸗ ſtandet Euch, unhöflich gegen meine Tochter zu ſein— doch es macht Nichts aus, es macht Nichts aus. Und nun packt Euch ſo ſnell als möglich aus meinen Augen und ſagt dem Kerl, dem Wittingham, daß er mir aus dem Wege gehen ſoll, denn ſo wahr ich lebe, das erſte Nal, wo ich ihm begegne, haue ich ihm das Leder voll — heda Leutchen, gebt einmal dieſen Kerlen das Geleit.“ In dieſen Worten ſchien ſicherlich keine ſehr furcht⸗ bare Drohung zu liegen, aber der Büttel und ſein Ge⸗ hülfe ſchienen doch eine ſolche dahinter zu vermuthen und begaben ſich eiligſt nach der Thüre, während die Diener antworteten:„Das wollen wir, Sir John,“ aber den beiden unwillkommenen Gäſten Raum gaben, um bequem hinausgehen zu können. Jſabella machte ihrem Vater angelegentliche Vorſtellungen, aber der joviale Baronet antwortete blos:„Bah! Unſinn Bella, es kann Nichts paſſiren, ich muß doch ſehen, wie die Sache ſich macht, es giebt am Ende noch einen köſtlichen Spaß, komm mit in die Bibliothek, komm mit in die Bibliothek, da haben wir die beſte Ausſicht, und hernach wollen wir frühſtücken.“ Iſabella Slingsby blieb jedoch allein in dem Früh⸗ . 6* — 84— ſtückszimmer und ſchauete auf die auf dem Tiſche ausge⸗ breitet liegenden Banknoten. Die Erregung des Augen⸗ blicks war vorüber. Die Angſt und Beſorgniß um die Freiheit ihres Vaters war vorbei. Etwas aber fiel ihr ſchwer auf's Herz— ſelbſt die kleine Prahlerei mit dem Geld vor den Augen der Diener und der Buttel that ihr leid. Es fiel ihr allerlei ein, woran ſie niemals ge⸗ dacht hatte, und als ihre Couſine Mary einige Minuten nachher in's Zimmer trat, ſchlang Iſabella den Arm um den Hals ihrer Couſine, neigte das Haupt auf ihre Schulter und ſagte mit erröthender Wange und thränen⸗ den Augen:„Der arme Ned Hayward, Marh, ich habe. zu gering von ihm gedacht und er iſt nicht reich, das weiß ich.“ „Fürchte Nichts, Iſabella,“ ſagte Mary mit leiſer Stimme. „Aber ich fürchte doch, Mary,“ verſetzte Iſabella, „ich weiß, daß mein Vater in fürchterlichen Verlegenhei⸗ ten ſteckt— ich fürchte, er wird niemals im Stande ſein, dieſe Summe wieder zu bezahlen.“ „‚Dann werde ich es thun,“ ſagte Mary Clifford. Fünftes Kapitel. Einige Geſpräche, aus welchen man aber nicht viel erfährt. Wir müſſen uns nun wieder Stephen Gimlets Hütte und der vorhergehenden Nacht zuwenden. Beau⸗ champ und Capitain Hayward ſtanden, als ihre beiden ſchoͤnen Beſucherinnen ſie verlaſſen hatten, bei einander am Tiſche und warteten auf die Rückkehr des Wildhü⸗ ters, ohne daß Einer von Beiden mehrere Minuten lang ein Wort geſprochen hätte. Es giebt Zeiten, wo eben vollendete große Dinge, von welcher Art ſie auch ſein mögen, den Geiſt zu bedrücken und ihn gleichſam mit ei⸗ ner ſchweren Laſt zu beladen ſcheinen. Auch iſt es durch⸗ aus nicht unintereſſant, zu erörtern, worin die Urſache — die entfernte, oft unſichtbare, ſogar undeutliche Ur⸗ ſache dieſer Bedrückung beſteht. Es iſt nicht Kummer, es iſt nicht Bedauern, denn die Laſt des Denkens ſcheint uns oft ſowohl durch ein freudiges als durch ein trau⸗ riges Ereigniß aufgelegt zu werden und ich ſpreche durch⸗ — 86— aus nicht von der Wirkung des Unglücks, ſondern blos von der, welche durch eine vollbrachte große That— groß wenigſtens für die Perſon, welche ſie ausgeführt — auf das Gemüth hervorgebracht wird. Ich bin ge⸗ neigt zu glauben, daß die Art von Bürde, von der ich ſpreche, auf das Bewußtſein der ungeheuern Menge von Folgen zurückgeführt werden kann, deren Quelle jede Handlung iſt. Selbſt das Geringfügigſte, was wir thun, verurſacht ein Vibriren der unendlichen Kette von Urſa⸗ chen und Wirkungen in der ganzen großen Maſchine der künftigen Exiſtenz hindurch bis zur äußerſten Grenze der Zeit. Der Menſch ſtirbt, aber nicht eine einzige ſeiner Handlungen ſtirbt jemals, jede wird durch endloſe Er⸗ gebniſſe verlängert und verewigt und berührt andere We⸗ ſen in jedem künftigen Zeitalter. Ja ſelbſt das Gering⸗ fügigſte oder Das, was darauf folgt, ſtellt ſich dem Menſchen blos dann als Frage dar, wenn die That nach ſeiner eigenen Kenntniß wichtig iſt, und ſowohl ihn, als ſeine Umgebung näher berührt. Das Auge Gottes ſieht Alles, aber blos wenn die Folgen unſerer eigenen be⸗ ſchränkten Wahrnehmung ſichtbar ſind, fühlen wir die ſeltſame Verwickelung unſeres Geſch ickes mit dem Ande⸗ rer, und wenn Das, was wir ſo eben gethan, durch ſeine unmittelbaren Folgen wahrſcheinlich uns und Die, die wir lieben, berührt, ſo ſtehen wir ſtill und erwigen den weiten Umfang der Zukunft, auf den dieſe Hand⸗ — 87— lung ſich erſtreckt, denn es iſt uns, als ob wir uns Kopfüber in einen Ocean endloſer Wellen geſtürzt hätten und die Laſt des Waſſers bedrückt Herz und Geiſt. Wir fragen: was wird die nächſte, und dann, was wird die ſpätere Folge ſein? Und bei der Schachpartie, die wir gegen das Schickſal ſpielen, ſchauen wir dem nächſten Zuge unſeres großen Gegners erwartungsvoll entgegen, ſo wie allen Folgen deſſen, den wir eben ſelbſt gethan. Sowohl Beauchamp als Hayward hatten dieſen Abend etwas Wichtiges gethan. Der Letztere hatte ſich zum Nutzen eines Freundes von dem aufgeſparten Noth⸗ pfennig ſeines ſpätern Lebens getrennt. Er war niemals reich geweſen und hatte ſich nur ein dürftiges Sümmchen übrig gelaſſen, welches, wie zu erwarten ſtand, auf keine andere Weiſe, als durch ſeine eigenen perſönlichen Be⸗ mühungen vermehrt werden konnte. Von dieſem Au⸗ genblicke an füblte er, daß ſeine Lebensweiſe eine andere werden, daß ſeine Anſichten, ſeine Geſinnungen, ſeine Gewohnheiten einer ernſten Prüfung ausgeſetzt und ei⸗ ner ſcharfen Zucht unterworfen werden müßten, daß die ſorgloſe Ungezwungenheit, die leichtſinnige Gleichgültigkeit gegen den nächſten Tag zu Ende ſei, daß die kleinen Sorgen, die er niemals gekannt, das Bedachtnehmen auf Schillinge und auf Pence und alle die kleinlichen Rückſichten der Sparſamkeit nun die Begleiter ſeines Le⸗ bens und von ſeinen Fußtapfen ſo unzertrennlich wie ſein — 388— Schatten ſein müßten. Ehrliche Armuth mag ſich in der Theorie ſehr ſchön ausnehmen, die Bewunderer derſelben mögen aber bedenken, daß ſie in der Praxis etwas ſehr Schwieriges iſt, denn Ehrlichkeit und Armuth ſind, wie Adam und der Teufel im Paradieſe, ſchlecht zuſammen⸗ paſſende Bewohner eines Hauſes, von welchen der Letz⸗ tere fortwährend Schlingen legt, um ſeinen Genoſſen auf ſeinen eignen Standpunkt herabzuziehen. Wenn dies ſchon da der Fall iſt, wo die Verhältniſſe der Geburt die Uebel der Armuth zur Gewohnheit gemacht und den Verlockungen derſelben keine künſtlichen Vorzüge gegeben haben, um wie viel mehr muß es dann da der Fall ſein, wo eine lange Erziehung in Ueberfluß und Behag⸗ lichkeit einen Hang zu allerlei Ausgaben feſt hat wurzeln laſſen und die Einſchränkungen der Armuth zu Entbeh⸗ rungen gemacht hat. Dann hat die Ehrlichkeit mit einer Schaar von Feinden zu kämpfen und nur zu oft wird Mord und Selbſtmord begangen und die Ehrlichkeit töd⸗ zet ſich oft ſelbſt, nachdem ſie vergebens verſucht, ſich ihres Genoſſen zu entledigen. Aber Ned Hayward war ein ſehr ehrlicher Mann und ſein erſter Gedanke war daran, wie er ſeine Armuth rechtſchaffen ertragen könne. Nicht mit einem Gedanken dachte er an das Geld, däs er ſo eben weggegeben— denn ſo betrachtete er die Sache, er würde dieſelbe Handlung noch ein Duzend Mal wiederholt haben, wenn — 89— er die Mittel und Veranlaſſung dazu gehabt hätte, und jedes Mal gern und freudig, aber das hielt ihn nicht ab, die peinliche Lage zu empfinden, in die er ſich ver⸗ ſetzt, und er überlegte daher gedankenvoll und mit ent⸗ ſchloſſenem Ernſt alle Folgen, die aus dieſer That her⸗ vorgehen mußten. Was Beauchamp betraf, ſo waren ſeine Empfin⸗ dungen vielleicht andere, die Quellen aber, aus denen ſie entſprangen, waren dieſelben. Er hatte ebenfalls ei⸗ nen Schritt gethan, der auf ſein ganzes künftiges Leben Einfluß haben mußte. Er hatte zu Iſabella Slingsby Worte geſagt, deren ganze Bedeutſamkeit er in dem Augenblicke fühlte, wo er ſie geſprochen— er hatte ſie mit Fleiß geſprochen, damit in Rückſicht auf ſeine Em⸗ pfindungen oder Abſichten kein Zweifel obwalten möge, und doch erfüllten ſie, ſobald als er ſie ausgeſprochen, ihn mit einem ſchwankenden Gefühl von Furcht. Und doch war Beauchamp ſeinem Charakter nach ein ent⸗ ſchloſſener Nann, und er hatte Thaten vollbracht, zu denen eine beharrliche Entſchloſſenheit gehörte, wie ſie nur wenige Menſchen beſitzen. Er liebte Iſabellen in⸗ nig und wenn die ganze Welt ſeiner Wahl freigeſtanden hätte, würde er doch nur ſie gewählt haben. Auch wünſchte er, ſie die Seine zu nennen, denn er war nicht ohne das Feuer der Leidenſchaft und glich durchaus nicht Jenen, bei denen die Liebe eine Eitelkeit iſt, die durch — 90— das kalte Irrlicht eines flüchtigen und vorübergehenden Begehrens entzündet wird. Aber die Geſchichte ſeines früheren Lebens gab ihm Stoff zu Zweifel und Unruhe, und als er alle die unzähligen Folgen der wenigen Worte, die er geſprochen, überlegte, da zeigte ſich ein Nebel über einen Theil dieſes Meeres vieler Wellen und er fragte ſich mit Furcht und Scheu: Was iſt darun⸗ ter verborgen? Der Gedanke jedoch, daß er wieder ge⸗ liebt werde, war für ihn Troſt und Ermuthigung, und obſchon Ned Hahward ſeinerſeits ſich keinem ſo ſüßen Traume hinzugeben wagte, ſo ſtrömte doch von dem Bilde Mary Clifford's ein Licht aus, gleich dem der Jungfrau in der alten Sage, welches ihm durch die Finſterniß der dunkeln Zukunft einen hellen Pfad zeigte. Die Betrachtungen der beiden jungen Männer wurden jedoch ſehr bald durch die Rückkehr Ste Gim⸗ let's unterbrochen, welcher ſich zu Mr. Beauchamp wen⸗ dete und fragte: „Entſchuldigt, was wollen wir denn nun mit dem Mann anfangen, der in der Sakriſtei ſteckt?“ „O, führt ihn heraus,“ rief Ned Hayward,„und überliefert ihn einem Conſtabler.“ Beauchamp antwortete nicht ſo ſchnell, ſagte aber endlich: „Es mögte Schwierigkeit verurſachen, Hayward, ſo — 1— ſpät in der Nacht einen Conſtabler zu finden, und nicht blos Schwierigkeit, ſondern auch Gefahr für uns, wenn wir uns mit in dieſe Sache miſchen. Iſt das Gemach, in welches der Mann eingeſperrt iſt, feſt und ſicher 2 fuhr er zu dem Wildhüter gewendet fort. „So ziemlich, glaube ich,“ antwortete Gimlet,„die Fenſter ſind vergittert und die Thüre i*ſt gut verſchloſſen. Dann können wir ja auch die Kirchthüre zuſchließen.“ „Ich habe ſie zugeſchloſſen,“ ſagte Mrs. Lamb, „hier hängt der Schlüſſel.“ „Dann laßt ihn die Nacht über dort,“ verſetzte Beauchamp,„ich will mich nicht für ihn verwenden und Gimlet kann morgen früh bei Zeiten einen Conſtabler holen, ohne daß wir uns weiter mit der Sache zu ver⸗ mengen brauchen.“ Dieſem Vorſchlag trat Ned Hayward bei, obſchon der Ausdruck ſeines Freundes, daß er ſich für den Uebelthäter nicht verwenden wolle, ihm etwas ſonderbar vorkam. Es iſt jedoch wunderbar, wie oft wir die Rechnung, wie man im allgemeinen Leben ſagt, ohne den Wirth machen. Die beiden Herren entfernten ſich, um ſich in die obern Zimmer zu begeben, die für ſie nach dem Duell mit dem jungen Wittingham eiligſt in Bereitſchaft geſetzt worden waren, und Stephen Gimlet und die Wittwe Lamb begaben ſich ebenfalls zur Ruhe. Früh am nächſten Morgen erhob ſich jedoch der Wild⸗ hüter, um einen Conſtabler zu ſuchen, zuvor aber hielt er es für räthlich, nach dem einſtweiligen Gefängniß zu ſehen, in welches er den Capitain Moreton einge⸗ ſperrt. Die Thüren, ſowohl der Kirche, als auch der Sakriſtei waren noch verſchloſſen, als er aber wieder herum über einen kleinen mit Gras überwachſenen Fuß⸗ ſteig, der unter der Kirchmauer hinlief, nach ſeiner Hütte ging, bemerkte Ste Gimlet zu ſeinem Er⸗ ſtaunen und ſeiner Verwirrung, daß drei der eiſernen Stangen vor dem Fenſter der Sakriſtei aus dem alten Mörtel, in den ſie eingeſetzt geweſen, herausgedrückt waren. Er ſprang auf einen Leichenſtein, um zu dem Fenſter hineinzuſehen, und bemerkte bald, daß der Vogel aus dem Käfig entflohen war. Stephen Gimlet kehrte ungeachtet dieſer Entdeckung nicht ſogleich in die Hütte zurück, um die Nachricht den Bewohnern derſelben mitzutheilen. Er blieb ſtehen und dachte nach, aber, die Wahrheit zu ſagen, nicht über das Ereigniß, das er ſoeben ermittelt hatte. Dieſes war geſchehen und vorüber, der Mann war fort und konnte vielleicht niemals wieder gefangen werden, die Worte aber, die Beauchamp am Abend zuvor geſpro⸗ chen, hatten auf ihn einen tiefern Eindruck gemacht, als auf Ned Hahward und zwar ganz natürlich, denn der junge Offizier hatte niemals vorher Etwas bemerkt oder gehört, was ihn hätte auf die Vermuthung brin⸗ — 93— gen können, daß ſein Freund in irgend einer Beziehung zu dem Capitain Moreton ſtehe. Stephen Gimlet dage⸗ gen hatte Viel bemerkt, was ſeine Phantaſie erregte, und dieſe war von ſehr thätiger Art. Er entſann ſich der Theilnahme, welche Beauchamp für die Grabmäler der Familie Moreton gezeigt, er entſann ſich aller Fra⸗ gen, die derſelbe hinſichtlich ihres frühern Beſitzthums gethan, und eben ſo wenig vergaß er die frühere Verbin⸗ dung ſeiner Schwiegermutter mit einem der Glieder die⸗ ſer Familie, oder die etwas geheimnißvollen Bemerkun⸗ gen, die ſie in Bezug auf Beauchamp ſelbſt hatte fallen laſſen. Es war ein ſehr verwickelter Knäuel, der ſchwer zu entwirren war, aber er beſchloß ihn zu entwirren, nicht gerade aus Neugierde, obſchon die Neugierde viel⸗ leicht Antheil daran hatte, ſondern vielmehr, weil er in ſeiner wilden Phantaſie dachte, die Kenntniß, welche Mutter Lamb von der frühern Geſchichte ſeines Gaſts beſaß, könne ihm ein Mittel an die Hand geben, einem Manne, den er als ſeinen Wohlthäter betrachtete, einen Dienſt zu leiſten. Er war für Güte oder Unfreundlich⸗ keit, für Dankbarkeit und für das Gegentheil, Groll und Rache, ſehr empfänglich und dachte, es werde für ihn ein froher Tag ſein, wo er Nr. Beauchamp die Wohlthat, die er von ihm empfangen, wenn auch nur in geringem Grade vergelten könne. Er dachte volle fünf Minuten über dieſe Dinge nach und kehrte dann ſſſ 94 in ſeine Hütte zurück, wo er die alte Frau in dem innern Gemache fand, als ſie eben den kleinen Knaben ein kleines Morgengebet herſagen ließ, nachdem ſie ihn gewaſchen und angekleidet hatte. Es war für den Vater ein angenehmer und wohlthuender Anblick. Er verglich ihn mit frühern Tagen und fühlte den balſamiſchen Ein⸗ fluß rechtſchaffenen Friedens ſich über ſein Herz ergießen. Eine der erſten Belohnungen für die Rückkehr zur Tugend von einem der vielen menſchlichen Abwege iſt eine Würdigung der Vorzüge der Tugend. Er ſtand da und ſchaute und horchte mit inniger Freude, als die Worte des frommen Gebetes von der Zunge ſeines Kindes aufſtiegen, und wenn der Knabe um die Beſtär⸗ kung ſeines Vaters in ſeiner Rückkehr zum Guten gebetet hätte, ſo wäre die Bitte nicht vollſtändiger gewährt geweſen. Als das Gebet zu Ende war, küßte Ste Gimlet den Knaben und ſchickte ihn hinaus, damit er in dem kleinen Garten ein wenig ſpiele. Hierauf reichte er der Wittwe Lamb die Hand und ſagte: „Ich mögte ein paar Fragen an Euch thun, Mut⸗ ter. Wißt Ihr, wer der Mann iſt, der geſtern Abends in die Sakriſtei ging?“ „Ganz gewiß weiß ich es,“ antwortete die Wittwe; „glaubt Ihr denn, Stephen, ich könnte einen Menſchen vergeſſen, den ich in ſolchen Augenblicken geſehen und — 95— von dem ich ſolche Thaten weiß, wie es mit dieſem Manne der Fall iſt? Nein, nein, den vergeſſe ich bis zu meinem letzten Stündlein nicht.“ „Nun denn,“ entgegnete der Schwiegerſohn,„ſo wünſchte ich, Mutter, daß Ihr mir ſagtet, was es zwiſchen ihm und Mr. Beauchamp für eine Bewandniß hat; denn der Mann iſt heraus und fort und ich bezweifle ſehr, daß er Mr. Beauchamp's Freund iſt.“ „Es iſt beſſer, ich ſchweige, Stephen,“ ſagte die Alte,„es iſt beſſer, ich ſchweige, wenigſtens bis ich mehr geſehen und gehört habe. Etwas aber kann ich ſagen und zwar mit Recht, nämlich, daß der bitterſte Feind, den Mr. Beauchamp jemals gehabt hat, kein Anderer iſt, als dieſer Capitain Moreton.“ „Glaubt Ihr, Mutter Lamb,“ fragte der Wildhüter mit leiſem, ernſtem Tone,„daß er Urſache hat, Mr. Beauchamp den Tod zu wünſchen?“ Die alte Frau fuhr zuſammen, ſchaute ihn an und fragte: „Weshalb wollt Ihr das wiſſen?“ „Ich will's Euch ſagen, Mutter,“ entgegnete der Mann.„Habt Ihr Nichts davon gehört, daß ein Schuß in Sir John Slingsby's Speiſezimmer hineinge⸗ feuert worden iſt? Na, dieſer Schuß fuhr nur wenige Zoll vor Mr. Beauchamp's Kopf vorbei, und das iſt der Mann, der den Schuß abfeuerte.“ — 896— Die alte Frau ſank auf den neben dem Bett ſtehen⸗ den Schemel nieder und ſchlug die Hände zuſammen und rief: „Iſt es ſo weit gekommen! Ja, das dachte ich mir, daß es früher oder ſpäter ſo weit kommen würde. Er konnte nicht ſtehen bleiben— nein, er konnte nicht ſtehen bleiben.“ Sie ſchwieg einen Augenblick und rückte zitternd und mit ängſtlichem Blicke auf ihrem Sitze hin und her. „Ich ſehe, wie die Sache ſteht, Mutter,“ ſagte Gimlet,„und nun will ich's Euch ſagen. Dieſer Kerl ſoll nicht entrinnen. Ich ruhe nicht eher, als bis ich ihn wieder gepackt habe. Ich ſpüre ihn auf, wie einen Haſen, und er ſoll der Strafe nicht entlaufen. Mr. Beauchamp iſt ſehr gütig gegen mich geweſen— er war Einer der Erſten, die es gegen mich waren, und Freund⸗ lichkeit will ich nicht vergeſſen, obſchon ich mich bemühen will, Unfreundlichkeit zu vergeſſen.“ „Seht Euch vor bei Dem, was Ihr thun wollt, Stephen,“ antwortete ſeine Schwiegermutter,„ſonſt richtet Ihr am Ende mehr Schaden an, als gut iſt. Behaltet ihn im Auge, wenn Ihr wollt, um Unheil zu verhüten, und vor allen Dingen laßt mich Alles wiſſen, was Ihr ſeht oder hört. Ich will noch heute mit Mr. Beauchamp, wie Ihr ihn nennt, ſprechen. Ich mögte wiſſen, ob das Frauenzimmer noch lebt.“ „Ein Frauenzimmer war allerdings bei ihm,“ ant⸗ wortete Stephen Gimlet,„als er das letzte Mal hier war.“ „Und wie ſah ſie aus,“ fragte die Wittwe Lamb begierig,„wie ſah ſie aus?“ „Ich ſah ſie nur auf eine Minute,“ entgegnete der Wildhüter,„aber ſie ſchien eine feine, ſchöne Dame zu ſein, wie man ſie gern ſieht— etwas roth im Geſicht, aber ſie hatte ſchöne dunkle Augen und war ſchön gekleidet. Auch war ſie ſehr groß für ein Frauen⸗ zimmer.“ „Ja, ihre Augen waren ſehr dunkel,“ ſagte die Wittwe Lamb,„und ſchöne Kleider liebte ſie ſtets— das war auch ihr Verderben, aber roth im Geſicht!— Das iſt ſeltſam; ſie hatte die weißeſte und zarteſte Haut, die ich jemals geſehen.“ „Na, die Röthe konnte vom Trinken herrühren,“ ſagte Ste Gimlet,„denn ſie ſchien mir damals wirklich halb betrunken zu ſein. Er nannte ſie Charlotte, wie mir eben einfällt.“ „Ja, ſo heißt ſie,“ rief die Wittwe,„und alſo ſind ſie wieder mit einander da. Das bedeutet nichts Gutes, dafür ſtehe ich, denn um Unheil auszubrüten, konnten nicht zwei ſchlimmere und keckere Menſchen zu⸗ ſammen kommen.“ „Es wäre gut, wenn Ihr mir die ganze Sache Beauchamp. Dritter Band. 7 — 939— erzählen wolltet, Mutter,“ ſagte Gimlet,„ich will ein Mal dieſem Kerl eins anhängen und im Finſtern arbeitet ſich's ſchlecht.“ „Nicht eher, als bis ich mit dem Herrn oben geſprochen habe,“ ſagte die alte Frau.„Behaltet den Mann im Auge, Stephen, ſucht zu erfahren, wo er iſt, was er treibt, Alles was ihn und auch Alles was die Dame betrifft, aber vermengt Euch noch nicht mit ihm. Horcht, da kommen ſie eben herunter. Geht Ihr fort und ich will noch heute mit ihm ſprechen.“ „Ich muß ihnen aber ſagen, daß der Kerl ent⸗ wiſcht iſt, ehe ich gehe,“ antwortete der Wildhüter, indem er in das andere Zimmer ging und die äußere Thür verriegelte, damit Niemand zufällig hereinkäme, während ſeine beiden Hausgenoſſen unten waren. Es erſchien aber weiter Niemand als Beauchamp, deſſen erſte Worte waren: 4 „Ich wünſche, Stephen, daß Ihr Jemand hinun⸗ ter nach Tarningham ſchickt und Mr. Slatterh ſagen laßt, er möge bald heraufkommen. Capitain Hayward befindet ſich heut Morgen nicht recht wohl und ſagte, er habe die ganze Nacht nicht ſchlafen können.“ „Ich will gleich ſelbſt gehen,“ ſagte Gimlet,„aber ich wollte Euch nur erſt ſagen, daß Capitain Moreton während der Nacht entwiſcht iſt. Er hat drei Stangen des Fenſtergitters herausgedrückt und iſt fort.“ — 4 — 99— Beauchamp verſank in Nachdenken. „Na, es macht Nichts aus,“ ſagte er endlich,„aber es wird gut ſein, wenn Ihr Doctor Miles von Dem, was Ihr in der Kirche geſehen habt, in Kenntniß ſetzt und ihn die nöthigen Schritte thun laßt, damit er ſich überzeuge, ob hier nicht ein Betrug begangen worden. Ich kann mich nicht in die Sache mengen. Schafft Slattery ſobald als möglich her, denn Capitain Hay⸗ ward's Zuſtand flößt mir ziemliche Beſorgniß ein.“ Gimlet antwortete Nichts. Er ſprach kein Wort des Bedauerns oder des Mitleidens, aber doch fühlte er ſich ſo erſchreckt und betrübt, als ob Ned Hahward ſein Bruder geweſen wäre, und der Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts erſetzte die mangelnden Worte. 3 Sobald als er fort war, drehte ſich Mr. Beau⸗ champ um, um wieder hinaufzugehen, aber in dieſem Augenblick kam die Wittwe Lamb aus dem innern Zim⸗ mer und hielt ihn auf, indem ſie ſagte: „Ich mögte ein paar Worte mit Euch ſprechen, Sir.“ „Nun, liebe Frau,“ ſagte Beauchamp lächelnd, „kann ich Euch mit irgend Etwas dienen?“ „Nein, Sir,“ entgegnete die alte Frau,„das meine ich nicht. Aber ich ſehe, daß Ihr Euch meiner nicht mehr entſinnt— und wie wäre das auch möglich. Es iſt lange, ſeit wir uns nicht wieder geſehen haben.“ 7* Beauchamp ſchaute ſie einen Augenblick ſchweigend an und ſagte dann: „Ich glaube, ich entſinne mich, Euch irgendwo geſehen zu haben, ehe ich Euch hier traf. Euer Geſicht kam mir gleich, als ich Euch das erſte Mal ſah, bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich es vor ſehr langer Zeit ſchon geſehen habe. Wart Ihr vielleicht in Oſtindien? „O, nein, Mylord, da bin ich nicht geweſen,“ ant⸗ wortete Wittwe Lamb,„als ich Euch das erſte Mal ſah, wart Ihr noch ein ganz junger Herr, den ehren⸗ werthen Charlos St. Leger nannte man Euch, und Ihr kamt mit Euerm Vetter, Capitain Moreton, um auf dem Revier ſeiner Großtante, Miß Moreton, zu jagen.“ Beauchamp's Geſicht ward etwas bleich und ſeine ſchöne breite Stirn zog ſich zuſammen, aber er ſprach nicht und die alte Frau fuhr fort: „Beſinnt Ihr Euch nicht mehr, Mylord, auf Davie Lamb, den Ernſthaften, wie man ihn nannte, und wie Ihr einmal mit einer luſtigen Geſellſchaft in ſein Haus kamt? Es war am eilften Auguſt, dieſen Sommer ſind es zwölf Jahr, und die Dame war bei Euch, Miß Charlotte Hay, wie man ſie nannte—“ „Ruhig, ruhig!“ rief Beauchamp beinahe wild. „Laßt mich ihren Namen nicht hören. Ihr wißt nicht, gute Frau—“ 8 — 101— „O ja, Mylord, ich weiß,“ antwortete Wittwe Lamb,„ich weiß mehr, als Ihr glaubt— vielleicht mehr, als Ihr ſelbſt wißt. Ich kann Euch Viel von ihr erzählen.“ „Erzählt mir Nichts,“ ſagte Beauchamp finſter, „Ihr könnt mir Nichts von ihrer ſchändlichen und ſchlechten Aufführung erzählen, was ich nicht ſelbſt wüßte oder errathen könnte. Ich wünſche niemals ihren Namen wieder zu hören,“ und er drehte ſich abermals nach der Treppe herum. „Na, ich bitte um Verzeihung, Rylord,“ ſagte die Wittwe Lamb mit getäuſchtem Blick,„ich habe Euch nicht kränken wollen, wenn Ihr aber jemals mehr zu hören wünſcht, ſo kann ich es Euch beſſer erzählen, als irgend Jemand, denn es lebt jetzt Niemand mehr, der ſo Viel weiß, als ich, und ich glaube—“ Sie konnte nicht ganz ausreden, denn Jemand öffnete die Thüre der Hütte, welche, nachdem Stephen Gimlet hinausgegangen, nicht wieder verriegelt worden war. Im nächſten Augenblick kam Mr. Slattery's Kopf zum Vorſchein und der würdige Chirurg trat mit gewin⸗ nendem Lächeln ein, grüßte Beauchamp ehrerbictig und ſagte: „Ich begegnete meinem guten Freund Wolf, Mr. Beauchamp, und erfuhr zu meinem Leidweſen, daß Capi⸗ tain Hayward unwohler geworden iſt. Aber ich bringe en gute Nachricht für ihn und auch für Euch. Ihr braucht nicht mehr Verſteckens zu ſpielen. Ich fand Mr. Wit⸗ tingham dieſen Morgen um ſo Viel beſſer, daß ich gewagt habe, ihn öffentlich außer aller Gefahr zu erklären. „Gott ſei Dank!“ ſagte Beauchamp.„Aber es wird gut ſein, wenn wir hinauf zu Hayward gehen, er ſcheint mir ein wenig Fieber zu haben.“ „Ich fürchte, daß noch ein Stückchen von dem Propfe oder von dem Rocke oder ſonſt Etwas in der Wunde ſteckt,“ ſagte Mr. Slattery mit die Treppe hin⸗ aufgehend,„aber das hat weiter Nichts auf ſich. Es kann eine kleine ſchmerzhafte Entzündung entſtehen, ber die Natur, mein werther Herr, ſtößt oft durch denſelben Proceß, welcher den Kranken in ſchmerzhafte Gereiztheit verſetzt, einen fremdartigen Gegenſtand aus, der, wenn er im Körper bliebe, ernſtere Folgen nach ſich ziehen würde.“ Mr. Slattery blieb wenigſtens anderthalb Stunde und verurſachte, die Wahrheit zu ſagen, unſerm guten Freunde Ned Hayward einige Qualen, endlich aber gelang es ihm, aus der Wunde ein Stück von der Weſte herauszuziehen, welches die Kugel mit hineingerafft hatte. Es folgte eine Blutung, die nur mit Mühe geſtillt ward, aber endlich nahm der gute Chirurg — 103— Abſchied und ging mit Beauchamp in das untere Zimmer hinab. Die Wittwe Lamb kam ihnen jedoch an dem Fuße der Treppe entgegen und ſagte mit leiſer Stimme: „Es hält ein berittener Diener vom Parke vor der Thüre. Er hat ein Briefchen, was er aber Niemandem geben will, als Euch ſelbſt und ich wußte nicht, was ich machen ſollte.“ „Wir brauchen uns jetzt nicht mehr verſteckt zu hall ten,“ ſagte Beauchamp an die Thüre tretend.„Ihr habt einen Brief für mich,“ fuhr er zu dem Diener gewendet fort, und dieſer griff an den Hut und über⸗ reichte ihm ein kleines Billet. Beauchamp riß es auf und las, während der gute Mr. Slattery in der Hoffnung, etwas Neues zu hören, neben ihm ſtehen blieb, denn er beſaß, wie wir ſchon gezeigt haben, eine lobenswerthe Portion Neugierde. „Ich muß gleich hinüber,“ ſagte Beauchamp, denn der Brief führte ſeinen Augen einen ſehr unangeneh⸗ men Zuſtand der Dinge in Tarningham⸗Park vor— eine Hypothek war gekündigt, Execution in das Haus gelegt und Sir John Slingsbh ſelbſt wegen einer bedeuten⸗ den Wechſelſchuld incluſive lang rückſtändiger Zinſen und Zinſeszinſen und Advokatengebühren verhaftet. Iſabella ſchrieb im Tone der Verzweiflung und doch leuchtete durch alle ihre düſtern Worte Etwas hindurch— ein — 104— Vertrauen, eine Zuverſicht zu Dem, an welchen dieſe Worte geſchrieben waren, was dieſen ſehr angenehm berührte. „Kann ich Euch vielleicht in meinem Gig hinüber⸗ fahren, Mr. Beauchamp?“ ſagte Mr. Slattery. „Nein, ich dank Euch„“ entgegnete der Andere. „Ihr habt doch Nichts dawider, guter Freund, wenn ich mich auf Euer Pferd ſetze,“ fuhr er zu dem Diener gewendet fort,„ich muß ſo ſchnell als möglich nach dem Park hinuber.“ Unter gewöhnlichen Umſtänden hätte der Mann vielleicht Einwendungen gemacht, aber die Ereigniſſe, die ſo eben in dem Hauſe ſeines Herrn Statt gefunden hatten, waren bis zu dem Augenblicke, wo er fortritt, von dem Zimmer des Verwalters an bis zum letzten Ferkel⸗ ſtall bekannt und hatten unter den Dienern ein zu gro⸗ ßes Gefühl des Entſetzens und des Kummers erregt, als daß er hätte zögern ſollen, wenn ſich eine Ausſicht auf Hülfe oder auch nur Troſt für Sir John Slingsbh und ſeine Tochter zeigte. Er willigte daher ſogleich ein und ſchnallte die Steigbügel länger. Beauchamp holte blos noch ſeinen Hut und ſprach einige Worte mit Ned Hayward, dann ſprang er in den Sattel und galoppirte im nächſten Augenblick querfeld ein, hinüber nach Tar⸗ ningham⸗Park. —ᷣᷣ;:--— Sechſtes Kapitel. In Sir John Slingsby's Hauſe war Alles Ver⸗ wirrung und Entſetzen, als Beauchamp, nachdem er durch den Park geſprengt, ohne auf Reit⸗ oder Fahr⸗ wege zu achten, an der Thüre den Zügel anzog. Es kam kein Diener, um ihm das Pferd abzunehmen, denn alle waren drinnen beſchäftigt, obſchon es ſchwer gewe⸗ ſen wäre, zu ſagen, womit. Das Einzige, womit ſie ſich beſchäftigen konnten, war ihre eigene Beſtürzung, denn es handelte ſich um kein Einpacken zur Abreiſe, keine Inventur, oder ſonſtige Verrichtungen, und doch war kein einziger Diener zu ſehen, ausgenommen durch die doppelte Glasthüre, durch welche man eine Gruppe in der innern Vorhalle ſtehen ſah, die niemals einen Blick auf die Terraſſe vor dem Hauſe warf. Eine Ent⸗ ſchuldigung lag vielleicht darin, daß fortwährend ſo viel Leute ankamen, daß ein neuer Ankömmling keine Auf⸗ merkſamkeit erregen konnte. Es war als wenn eine allgemeine Einladung an ganz Tarningham ergangen wäre, der Schande und dem Unglück der Familie beizu⸗ wohnen und Augenzeuge davon zu ſein. Eine Anzahl Handelsleute ſtanden vor den Thüren und ſprachen leiſe und mit umwölkten Geſichtern mit einander und daneben ſtanden eine Poſtchaiſe und außerdem ein Gig, ein Reit⸗ pferd und ein paar Gerichtswagen. Beauchamp kam der Anblick etwas ſonderbar vor, denn es ſchien ihm, ungeachtet er die Klatſchereien kleiner Städte kannte, als ob die Nachricht von Sir John Slingsby's Unglück ſich mit wunderbarer Schnelligkeit verbreitet haben müſſe. Aber er kannte nicht Mr. Wharton und eben ſo wenig die Politik, welche einen Mann, der den Augenblick auser⸗ ſehen, einen langentworfenen Plan, einen Andern um all ſeinen irdiſchen Wohlſtand zu bringen, auszuführen, veranlaſſen mußte, die Schwierigkeiten durch alle mögli⸗ chen Mittel zu verwickeln, ſo daß die Bande, die er um ſein Schlachtopfer geſchlungen, unauflöslich wurden. „Hier, haltet einmal mein Pferd,“ ſagte er zu dem mürriſch ausſehenden Poſtillon, der hinter der Chaiſe ſtand; und als der Mann ziemlich artig gehorchte, ging Beauchamp auf einen munter ausſehenden Mann zu, der ein Viehhändler zu ſein ſchien und fragte denſelben: „Was ſoll das Alles heißen?“ „Nun, Sir,“ entgegnete der Mann, der Mr. — 107— Beauchamp oft in Tarningham geſehen hatte,„Mr. Wharton's Schreiber ſagte mir, es ſollte heute hier Exe⸗ cution eingelegt werden und daher kam ich auch her, um zu ſehen, ob ich zu meiner Forderung gelangen könnte. Aber der Advokat war uns zuvorgekommen und meine Sache beträgt nicht viel, gegen vierzig Pfund ungefähr, und ich hielt, als ich fand, wie die Sache ſtand, nicht der Mühe werth, den guten, alten Herrn noch mehr zu beläſtigen, der uns in ſeinem Leben ſo manches Pfund zu verdienen gegeben hat.“ „Ihr ſcheint mir ein achtungswerther Mann zu ſein,“ ſagte Beauchamp ruhig aber etwas bewegt,„und Ihr ſollt durch Eure Handlungsweiſe Nichts einbüßen. Ihr, Sir,“ und er wendete ſich an einen Andern,„ich glaube, Ihr ſeid der Papierhändler von Tarningham und wohl in derſelben Abſicht und auf dieſelbe Veranlaſſung hier?“ „Ja, Sir,“ entgegnete der Angeredete,„einer von Mr. Whartons Leuten kam zu mir und ſagte mir's; aber ich denke eben ſo wie Nachbar Groves, daß wir die Sache nicht auf's Aeußerſte treiben dürfen.“ „Ich ſehe nun, wie es ſteht,“ ſagte Beauchamp 13 mehr mit ſich ſelbſt als mit den Umſtehenden ſprechend. „Könnt Ihr ein wenig warten, meine Herren? Ich glaube, Sir John kann Euch alle recht gut bezahlen, obſchon er ein etwas nachläſſiger Mann iſt und ſeine — 108— Angelegenheiten vielleicht etwas in Unordnung gekommen ind.“ „Man ſagt, Mr. Wharton habe ihn arretiren laſſen, Sir,“ ſagte ein kleiner Mann mit dünner, ſchwacher Stimme. „Ich will doch hineingehen und zuſehen,“ entgegnete Beauchamp lächelnd.„Wenn es Einem von Euch möglich wäre, nach Tarningham zu gehen oder hinzuſchicken und Mr. Bacon, dem Advokaten, zu ſagen, daß Lord Len⸗ ham ſich freuen würde, ihn ſogleich hier zu ſprechen, ſo würdet Ihr mich ſehr verbinden. Sagt ihm, er möge keinen Augenblick verlieren.“ „Da will ich mich gleich aufmachen,“ ſagte der dicke Mann in einen Wagen ſpringend.„Wie war der Name, Mylord?“ „Lord Lenham,“ ſagte Beauchamp,„er wird ſchon wiſſen, wen ich meine,“ und damit drehte er ſich um und ging in das Haus. Die Diener gruppirten ſich bei ſeinem Erſcheinen anders und verbeugten ſich tief und der Kellermeiſter wagte zu ſagen:— „Ich freue mich, daß Ihr gekommen ſeid, Sir.“ „Wo iſt Euer Herr?“ fragte Beauchamp. „In der Bibliothek, Sir,“ entgegnete der Mann, „und es ſind Einige mitgegangen. Es iſt böſe i Sir, beſonders für das arme, junge Fräulein.“ —— 5 3 5 8 85 „ 8 9 — 109— Der Mann ging voran und öffnete die Thüre des Bibliothekzimmers. Beauchamp folgte ſchnell, und aller⸗ dings war der Anblick, den das Zimmer darbot, ein ſchmerzlicher. Mrs. Cliſſord ſaß, das leibhafte Bild der Verzweiflung, an einem Fenſter. Iſabella ſaß an dem Tiſche, ihre Augen waren in ihre Hände begraben und die vollen Locken ihres ſchönen Haars fielen über ihr Geſicht. Mary beugte ſich zu ihr nieder, um mit ihr zu ſprechen, der Gram malte ſich ebenfalls in ihrem lieblichen Geſicht, aber es war ſo gefaßt und ruhig wie gewöhnlich. Der alte Sir John ſtand ein wenig weiter vor und zwei Büttel neben ihm— nicht dieſelben, die zuerſt an dieſem Morgen da geweſen waren— und ſein Diener dahinter und half ihm ſeinen Ueberrock anziehen, während Mr. Wharton mit lächelnder Lippe, zürnender Stirn, funkelndem, ſchwarzem Auge und einem doppelten Grad Roth auf einer ſeiner Wangen, obſchon die andere etwas bleich ausſah, auf der andern Seite des großen Bibliothektiſches ſtand. Zwei oder drei Männer, deren Geſchäft und Funktion ſich nicht gleich im Augen⸗ blick erkennen ließ, bildeten den Reſt der Geſellſchaft. Sir John Slingsby ſtak ſchon mit einem Arm in dem Aermel ſeines Ueberrocks und ſtieß zornig und ver⸗ geblich nach dem Loch des andern Aermels und ſprach dazu in wüthendem Tone und mit dem Geſicht nach Mr. Wharton gewendet: — 110— „Ich ſage Euch, Wharton, Ihr ſeid ein verdamm⸗ ter Halunke,“ ſagte er,„ein ſchmuziger, gemeiner Kerl. Ihr habt mich um Tauſende beſchwindelt und wißt es, und nun kommt Ihr, ohne mir erſt Nachricht zu geben, auf einmal ſo über den Hals.“ „Ihr ſeid zornig, Sir John. Ihr ſeid zornig,“ ſagte Mr. Wharton mit ſanfter Stimme.„Es iſt mir eben ſo unangenehm als Euch, ich verſichere Euch, aber als ich hörte, daß Mr. Wittingham klagbar gewor⸗ den, war ich, wiewohl ungern, gezwungen, auch auf mich und meine Clienten zu ſehen. Ihr wißt, daß ich es Euch ſchon vor einem Monate ſagte, es könne nicht länger ſo fortgehen, und könnt daher nicht behaupten, Ihr hättet Nichts gewußt.“ Der alte Baronet wollte eben eine neue Ladung Schimpf⸗ und Schmähreden loslaſſen, während er mit der Fauſt immer noch nach dem linken Rockärmel herum⸗ fiſchte, als plötzlich ſein Auge auf Beauchamp fiel und er ein wenig bleich werdend ſchwieg, denn die Gegen⸗ wart dieſes jungen Mannes in dieſem Augenblicke über⸗ raſchte und ſchmerzte ihn. Marh flüſterte jedoch ihrer Couſine ein Wort zu und Iſabella ſprang mit thränen⸗ den Augen und glühenden Wangen empor und ſtreckte ihm die Hand hin und rief:„O Dank, Dank! Doc⸗ tor Miles war nicht ausfindig zu machen,“ fügte ſie — 111— leiſe hinzu,„ſonſt würde ich nicht nach Euch geſchickt haben.“ Beauchamp lächelte und ſchüttelte halb vorwurfs⸗ woll den Kopf, und Sir John faßte ſich, ergriff ihn bei der Hand und ſagte:„Ah, Beauchamp, Ihr ſeid zu einer ſchlimmen Zeit gekommen. Kann Euch heute nicht zum Diner einladen, denn das Haus iſt in den Händen der Helfershelfer des Geſetzes und ich muß mit fort, wie es heißt. Es iſt eine ſchlimme Geſchichte, fürchte ich.“ „Nichts deſto weniger habe ich die Abſicht, mit Euch hier zu diniren, Sir John,“ antwortete Beau⸗ champ lachend, indem er zugleich die Hand des Barons herzlich ſchüttelte.„Ihr werdet daher wohl thun, Euern Ueberrock wieder auszuziehen.“ „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte Mr. Wharton einen Schritt vortretend,„aber ich fürchte, Sir John Slingsby kann jetzt nicht da bleiben. Die Sache hat ohnedies ſchon Aufſchub durch die Dummheit eines Offizianten erlitten, welcher—“ „Wie ein Mann von Gefühl und Rückſicht handelte, vermuthe ich,“ ſagte Beauchamp, indem er ihn mit einem ruhigen, kalten, vernichtenden Blick von Kopf bis 1 a. 85.— 2 zu Fuß muſterte.„Ihr ſeid Mr. Wharton, der Advo⸗ kat, glaube ich, von dem ich in Betreff mehrerer Ge⸗ — 112— ſchäfte, die bald näher unterſucht werden ſollen, ſchon ſo Viel gehört habe.“ „Mein Name iſt Wharton, Sir, ja mein Name iſt Wharton,“ antwortete der Advokat in ſpitzigem, grimmigem Tone,„und ich beſtehe darauf, daß Ihr die Maßregeln des Geſetzes nicht unterbrecht.“ „Die Maßregeln des Geſetzes werde ich nicht unter⸗ brechen,“ entgegnete Beauchamp,„aber die Maßregeln des Advokaten werde ich ſicherlich unterbrechen.“ „Er iſt ein Nabob,“ ſagte Sir John Slingsby mit leiſer, lachender Stimme zu ſeiner Nichte,„ja, Ihr habt ganz Recht, Beauchamp, das iſt Mr. Wharton der Advokat, der ſich Wohledel nennt, obſchon es zwi⸗ ſchen allen vier Weltmeeren keinen größern Halunken giebt. Er hat mich durch dick und dünn betrogen und kommt mir jetzt mit allen Forderungen auf ein Mal auf den Hals, um mein Eigenthum an ſich zu reißen, wie er es mit Andern ſchon früher gemacht hat.“ „Wenn dies ſeine Abſichten ſind, ſo wird er finden, daß er ſich irrt,“ antwortete Beauchamp;„aber nun, Sir John, ziehet Euren Rock wieder aus und laßt uns an's Geſchäft gehen. Ich glaube jedoch, es wird gut ſein, wenn die Damen uns verlaſſen. Beruhigt Euch, geehrte Frau,“ ſetzte er zu Mrs. Clifford gewendet hinzu, welche aufgeſtanden und ein wenig herangetreten war,„beruhigt Euch, Miß Slingsby— die ganze — 113— Sache wird ſich ſehr ſchnell beilegen laſſen und Sir John und ich werden binnen einer Stunde bei Euch im Ge⸗ ſellſchaftszimmer ſein.“ Während Beauchamp dieſe wenigen Worte geſpro⸗ chen, hatte Mr. Wharton ſehr raſch aber leiſe mit einem der Anweſenden, der der Diener des Oberſcheriffs zu ſein ſchien, converſirt, und ſobald als der erſtgenannte Herr ſchwieg, rief er:„Nun, Sir, da Ihr glaubt, daß die Sache ſich ſo leicht beilegen laſſen wird, ſo werde ich es Euch überlaſſen, ſie ſelbſt zu arrangiren.“ „Entſchuldigt, Mr. Wharton,“ ſagte Beauchamp kaltblütig,„Ihr werdet ſo gut ſein zu bleiben. Wir werden gewiſſe Quittungen von Euch gebrauchen und vielleicht,“ fügte er lächelnd hinzu,„auch juriſtiſchen Rath, bis mein eigner Advokat kommt, den ich in ungefähr einer halben Stunde erwarte.“. „Meine Quittungen können ſehr bald ausgeſtellt werden,“ ſagte Mr. Wharton, der durch Mr. Beau⸗ champs ruhigen Ton und durch die Anſpielung auf ſeinen Anwalt ſtutzig und unruhig gemacht ward,„aber ich kann Euch ſagen, daß Ihr, wenn Ihr glaubt, es ſei dies Alles, was zu thun ſei, Euch ſehr irrt. Das Haus wimmelt von Gläubigern.“ „Die Mr. Wharton, der Advokat, herbeigezogen hat, um einen Mann zu Boden zu drücken, den er zu ruiniren ſucht,“ antwortete Beauchamp.„Ich kenne die Beauchamp. Dritter Band. 8 = 414— ganze Sache, Sir, Euer ganzes Verfahren iſt über⸗ wacht worden, und ich kenne faſt jeden Schritt, den Ihr den letzten Monat hindurch gethan habt. Ich glaube jedoch, wir werden Mittel haben, Alle zu befriedigen, die gerechte Anſprüche machen können.“ Iſabella war, nachdem ihre Tante und Couſine hin⸗ aus waren, an der Thüre ſtehen geblieben und kam jetzt eilig zurück, indem ſie zugleich ein kleines Packet, das ſie feſt in der Hand hielt, in die Beauchamp's legte und mit leiſer Stimme ſagte:„Hier ſind mehr als ſechs Tauſend Peimd, die von Dein übrig geblieben ſind, was der gute, freundliche Ned Hayward geſtern Abend gab. Die andern Schulden ſind nicht groß, aber die Forderung dieſes Mannes iſt fürchterlich.“ Sie ſprach in ängſtlichem Tone, Beauchamp aber beeilte ſich, ſie wieder zu beruhigen, indem er entgeg⸗ nete:„Fürchtet Nichts! Fürchtet Nichts! Die Forde⸗ rung muß erörtert werden, aber Alles, was recht iſt, ſoll bezahlt werden. Verlaßt uns und beruhigt Euch, werthe Miß Slingsby.“ „Ich kann wirklich hier meine Zeit nicht verſchleu⸗ dern,“ ſagte Mr. Wharton, als die junge Dame das Zimmer verlaſſen hatte.„Ich habe noch wichtige Ge⸗ ſchäfte vor und muß um eilf Uhr der Verſammlung der Friedensrichter beiwohnen, Mr. Wie heißt Ihr.“ „Ich heiße Charles Beauchamp St. Leger Viscount Lenham,“ antwortete Beauchamp,„und fürchte, daß die Friedensrichter heute auf Eure Geſellſchaft werden verzichten müſſen, Mr. Wharton. Ihr dürft dieſe Sache nicht etwa auf dieſelbe Weiſe durchführen, wie Ihr die meines armen Onkels⸗ Mr. St. Leger Moreton durch⸗ führtet. Alſo macht Euch gleich darauf gefaßt, hier zu bleiben, bis dieſe ganze unangenehme Geſchichte, die Ihr gegen Sir John Slingsby aufgerührt habt, zum Schluſſe gebracht iſt, denn verlaßt Euch darauf, daß ich Euch nicht eher gehen laſſe, als bis das der Fall iſt.“ Mr. Vharton's Geſicht war immer bleicher und bleicher geworden, bis die Carfunkeln, deren er nicht Wenige beſaß, allein in ihrer rothen Glorie übrig blie⸗ ben, aber er war bis zu einem gewiſſen Grade ein reiz⸗ barer und hitziger Mann und entgegnete daher in keckem Tone:„Oho, Mhlord! Glaubt Ihr, weil Ihr zufäl⸗ lig ein Pair ſeid, der ſich unter einem angenommenen Namen in der Umgegend herumgeſchlichen hat, daß Ihr hierhergekommen, und uns Gentlemen in der Provinz nach Euerm Belieben chicaniren könnt 27 „Es fällt mir nie ein, einen Gentleman zu chica⸗ niren,“ entgegnete Beauchamp, indem er einen beſon⸗ dern Nachdruck auf das letzte Wort legte, welches auf den Geſichtern zweier oder dreier der Anweſenden ein ſehr unangenehmes Grinſen hervorrief,„eben ſo wenig chica⸗ 8 4 — 116— nire ich Euch, Mr. Wharton, ſondern ich beſtehe blos einfach darauf, daß Ihr hier bleibt, bis das Geſchäft, das Euch hierher führte, beendet iſt. Ihr habt nicht das Recht, Sir John Slingsby in eine unangenehme Lage zu verſetzen und ihn dann zu verlaſſen, wenn Eure Gegenwart nöthig iſt, um ihn daraus wieder zu be⸗ freien.“ „Er muß auch noch durch die Pferdeſchwemme,“ rief Sir John Slingsby,„eben ſo wie der andere Büt⸗ tel, den er heute Morgen herſchickte. Er muß warten, und alle Ehrenbezeugungen annehmen,“ damit wendete ſich der würdige Baronet lachend zu ſeinem Diener, der noch im Zimmer war und dem er ein paar Worte zu⸗ flüſterte. „Ich werde es beſorgen, Sir John,“ ſagte der Mann, und ging nach der Thüre, aber Beauchamp mengte ſich ein, indem er ſagte: „Nein, nein, nur keine Gewaltthätigkeiten. Sagt den Dienern blos, daß ſie dieſen Mann nicht hinauslaſ⸗ ſen, bis ich mit ihm fertig bin, und nun an's Geſchäft. Sir John, wenn Ihr das Ende des Tiſches einnehmen wollt, ſo will ich mich hierher ſetzen, Mr. Wharton wird ſich Hierher ſetzen und die Sache wird bald in vunf ſein. ieht doch einmal die Klingel, Sir.“ Der Gerichtsdiener, an den dieſe Worte gerichtet waren, gehorchte augenblicklich. Sir John Sfinaoh nahm einen Stuhl an der Spitze der Tafel ein, und Mr. Wharton ſetzte ſich, da er ſah, daß kein anderer Ausweg übrig ſei, dahin, wohin Beauchamp gedeutet hatte, indem er mit gleichgültiger Miene das Geſicht nach dem Fenſter wendete, als ob das Geſchäft, das jetzt vorgenommen werden ſollte, ihm weiter Nichts an⸗ ginge. „Nun, Sir, alſo was wollt Ihr?“ fragte Beau⸗ champ, indem er ſich an Einen der Gerichtsdiener wendete. „Ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sir John Slingsby wegen zwei und zwanzig Tauſend drei Hun⸗ dert Pfund,“ ſagte der Mann;„der Antrag darauf iſt von Joſeph Wharton, Esg. geſtellt.“ „Gut, Sir, dann tretet auf die Seite,“ ſagte Beauchamp,„wir werden gleich mit Euch unterhandeln. Und Ihr Herr?“ fuhr er zu einem zweiten ſtämmigen, unterſetzten Mann gewendet fort. Dieſer war, wie ſich ergab, ein Gerichtsdiener, der wegen einer zweiten Schuldverſchreibung von ſieben Tauſend Pfund auf Antrag derſelben Perſon Execution einzulegen gekommen war. Er ward ebenfalls angewie⸗ ſen, beiſeite zu treten, indem Beauchamp ſagte:„We⸗ gen dieſer Schuldklagen werden wir Caution und Bürg⸗ ſchaft ſtellen, da ſie erſt unterſucht werden müſſen — Ihr Sir, dort am Ende des Tiſches, was wollt Ihr?“ „Ihr werdet entſchuldigen, Mylord, ich habe hier meine Rechnung über Reparaturen an den Ställen etc. mitgebracht. Sie beträgt etwa Hundert und ſiebzig Pfund. Wenn Mr. Wharton mir nicht geſagt hätte, daß ich mein Geld nicht bekommen würde, wenn ich mich nicht ſofort meldete, ſo wäre es mir gar nicht eingefallen, Sir John zu beläſtigen.“ Beauchamp's Auge wendete ſich finſter auf den Ad⸗ vokaten, welcher mit zitternder Lippe rief:„Habt Ihr mich nicht erſt gefragt? War ich nicht verbunden Euch die Wahrheit zu ſagen?“. „Ich habe mit keinem Menſchen ein Wort darüber geſprochen,“ entgegnete der Mann,„bis ich Euch auf der Straße begegnete und Ihr mir erzähltet, daß Mr. Wittingham Sir John arretiren laſſen wolle.“ „Na, Milord, das ſind Kleinigkeiten, auf die weiter nicht Viel ankommt,“ ſagte Mr. Wharton.„Ich frage, iſt Sir⸗ John Slingsby bereit, ſeine ſchwere Schuld an mich abzutragen? Iſt er es, ſo möge er s thun und ich gehe. Wo nicht, ſo muß er, fürchte ich, in's Gefängniß wandern.“ „Er iſt ſehr bereit, jede gerechte Schuld augens blicklich zu tilgen, Sir,“ entgegnete Beauchamp,„aber wir zweifeln, daß die Eurige gerecht iſt, Sir, und des⸗ — 119— halb müſſen wir erſt die Leute vornehmen, welche ganz gewiß ehrlich ſind. Sir John,“ fuhr er fort, indem er zugleich auf einen Diener deutete, der hereingetreten war, „wollt Ihr wohl Doctor Miles rufen laſſen?— Hier, mein guter Mann, ſollt Ihr eine Anweiſung auf Euer Geld haben,“ damit zog er ſeine Brieftaſche hervor, füllte eine Anweiſung aus und notirte den Namen des Zimmermanns, ſo wie den Betrag ſeiner Forderung nach deſſen eigener Angabe. Es ward dann ein zweiter Gläubiger vorgerufen und daſſelbe Verfahren beobachtet, wobei Beauchamp ganz ruhig zu Werke ging, obſchon er Mr. Wharton aufſtehen und ſich mit dem Gerichtsdiener lebhaft unter⸗ reden ſah. Es war ihm jedoch nicht geſtattet, lange ohne Un⸗ terbrechung fortzufahren, denn nach einigen anſcheinend dringenden Vorſtellungen von Seiten Mr. Whartons, und bedeutendem Widerſtande von Seiten des Gerichts⸗ dieners trat der Letztere vor und ſagte:„Ich kann wirk⸗ lich nicht länger warten, Mylord, und ich ſehe auch nicht ein, was es nützen ſoll, denn da Sir John in meinem Gewahrſam iſt, und man nicht wiſſen kann, welche Klagen gegen ihn angebracht werden, ſo kann eine Cautionsbeſtellung nicht eher erfolgen, als bis wir wiſſen, wie die Sache eigentlich ſteht.“ Der Mann ſprach höflich und mit offenbarer Ehr⸗ erbietung, und Beauchamp antwortete ruhig:„Eure Bemerkung iſt eine ſehr richtige, mein guter Freund. Ich habe jedoch darauf blos zu antworten, daß ich be⸗ reit bin, ſo viel Caution zu ſtellen, als Ihr zur Si⸗ cherung für nöthig erachten werdet, und Doctor Miles wird ſich in dieſer Hinſicht mit mir vereinigen, ſobald er da ſein wird.“ „Es iſt eine bedeutende Summe, Sir,“ ſagte der Gerichtsdiener zweifelhaft. „Sehr wahr,“ antwortete Beauchamp,„und über⸗ dies wißt Ihr, ausgenommen nach meinen eigenen Wor⸗ ten, nicht, wer ich bin, und ob ich auch wirklich die Mittel habe, Euch eine gültige Anweiſung auszuſtellen. Gerade aus dieſem Grunde aber wünſche ich, daß Ihr Anſtand nehmt, bis mein Anwalt und Doctor Miles kommen, wo Ihr dann, wie ich Euch auf mein Ehren⸗ wort verſichere, vollkommen zufriedengeſtellt werden ſollt. Die verlangte Summe würde durch das Geld, was ich in der Bank zu Tarningham habe, mehr als gedeckt ſein, wenn ich es für paſſend hielte, die von Mr. Wharton beanſpruchte Schuld gleich zu bezahlen, was ich aber nicht geſonnen bin. Die Schuldverſchreibung, auf deren Grund der Verhaftsbefehl ausgefertigt iſt, lautet, wie Ihr ſagt, auf zwei und zwanzig Tauſend drei Hundert Pfund, und hier ſeht Ihr, daß von mir fünf und ſech⸗ — 121— zig Tauſend Pfund in die Bank von Tarningham ein⸗ gezahlt worden ſind.“ „Aber es iſt ja noch eine zweite Schuld von ſie⸗ ben Tauſend fünf Hundert Pfund da, wegen welcher auf Execution angetragen worden iſt,“ ſagte Mr. Wharton. „Sehr richtig,“ ſagte Beauchamp, deſſen Gedan⸗ ken ſehr raſch waren,„und die Art, auf welche ich in dieſer Sache zu verfahren gedenke, iſt folgende: Wir bezahlen den Betrag dieſer Schuld als feſtgeſtellt und ſparen dieſe andere Forderung von drei und zwanzig Tauſend Pfund auf, um die Fragen, die ſich in Be⸗ zug auf Wucher und dergleichen herausſtellen werden, erſt genau zu unterſuchen.“ Mr. Wharton biß ſich in die Lippe. Er ſah, daß er einen Fehlgriff begangen hatte. Er fürchtete, de⸗ ren mehr begangen zu haben, denn da er wußte, daß Sir John Slingsby nicht Viel von Jurisprudenz verſtand und einen unüberwindlichen Widerwillen ge⸗ gen Advokaten hatte, ausgenommen, wenn er Geld borgen wollte, ſo war er mit etwas übereiltem Ver⸗ trauen auf ſein Talent zum Uebervortheilen zu Werke gegangen. Er machte jedoch ein keckes Geſicht zu der Sache, indem er ſagte: Das geht nicht, Sir, das geht nicht, Mylord. Ihr ſcheint ein Wenig in's jus hin⸗ eingeguckt zu haben, aber Ihr werdet finden, daß alle ———— — 122— Betraͤge geprüft und paſſirt ſind. Kein Gerichtshof in der ganzen Chriſtenheit wird dieſe Frage wieder auf⸗ nehmen.“ „Das wollen wir ſehen,“ antwortete Beauchamp ruhig. „Dann iſt auch die Hypothek da,“ ſagte Mr. Wharton. 4 „Hinſichtlich dieſer werden wir verfahren, wie man uns rathen wird,“ verſetzte der junge Lord„Die Sache mit der Hypothek hat mit dem vor uns liegen⸗ den Geſchäft Nichts zu thun, und überdies, Mr. Whar⸗ ton, erſuche ich Euch, Euch weiter nicht einzumiſchen, bis Ihr aufgefordert werdet. Obſchon Juriſt, ſteht Ihr doch genau in demſelben Verhältniſſe, wie jeder andere Gläubiger, und habt durch Antrag auf Verhaf⸗ tung alle Vollmacht in andere Hände gegeben. Wenn ich den Scheriff ſo weit befriedige, daß er wegen des Erſcheinens Sir John Slingsby's die nach dem Geſetze gebührende Sicherheit hat, ſo iſt das Alles, was noth⸗ wendig iſt. Und ich ſage Euch, Herr, ehe ich gegen meinen Freund ein ganz ſicher unbilliges und unedles, wahrſcheinlich aber ſpitzbübiſches Verfahren beobachten und ihn nur eine Stunde aus ſeinem Hauſe entfernen laſſe, bezahle ich lieber alle Forderungen, mit deren Execution der Scheriff beauftragt iſt. Die Mittel dazu ſtehen mir jeden Augenblick zur Verfügung, und des⸗ halb werdet Ihr einſehen, daß Eure Künſte Euch hier Nichts helfen— ich verſtehe Euch, Herr,“ fügte er ernſt hinzu,„die Beſitzung, auf die Ihr eine erbärm⸗ liche Summe von funfzig Tauſend Pfund vorgeſchoſſen und durch Zinſeszinſen und Koſten über Koſten die Schuld auf beinahe achtzig Tauſend hinaufgeſchraubt habt, iſt wenigſtens zwei Hundert Tauſend werth. Der Köder war ſehr verlockend, Sir, nehmt Euch aber in Acht, daß Ihr nicht den Haken im Munde be⸗ haltet, wenn Ihr zu gierig darnach ſchnappt. Es iſt ſchon mehrmals dageweſen, daß betrügeriſche Advoka⸗ ten von der Praris removirt worden ſind, auf alle Fälle aber ſeid überzeugt, daß dieſes Gut, wie ſchön es auch ſein mag, es zu beſitzen, nimmermehr in Eure Hände gerathen wird.“— „Ich mag es gar nicht,“ rief Mr. Wharton vor Wuth und Aerger halb wüthend,„ich mag es gar nicht, und wenn Ihr mir es ſchenken wolltet.“ Beauchamp lachte, und Sir John Slingsby ſchrie gerade aus, während alle andere Anweſende, ſelbſt nicht mit Ausnahme der Gerichtsdiener, über die arge Nie⸗ derlage des Advokaten lachten und kicherten. „Ah, da kommt Miles,“ rief Sir John,„und auch der Unterſcheriff. Das iſt gut, da wird die Sache bald in Ordnung kommen. Wie gehts, Doctor, wie gehts, Mr. Scheriff, Ihr ſeid gerade der Mann, den wir brauchen.“ — 124— „Es thut mir ſehr leid, daß die Sachen hier ſo weit gekommen ſind, Sir John,“ ſagte ein langer Mann von feinem Aeußern,„ich hatte Geſchäfte in Tarningham, und da ich unterwegs von dem unglückli⸗ chen Vorfall hörte, ſo hielt ich es für das Beſte, gleich ſelbſt herzukommen, da ich überzeugt war, es könne Caution geleiſtet werden.“ „Ja wohl, ja wohl,“ rief Sir John Slingsby, „hier ſteht Caution und Bürgſchaft in der Perſon mei⸗ nes Freundes, Lord Lenham, aber dieſer erbärmliche Schuft Wharton macht Einwendungen.“ „Ah, guten Tag Wharton,“ ſagte der Scheriff trocken,„weshalb macht Ihr denn Einwendungen?“ „Nein, ich mache gar keine Einwendungen,“ ent⸗ gegnete der Advokat,„die Leute da, Bulſtrode und die Andern dachten, es mögten noch andere Klagen kommen, und da der Prozeß—“ „Nein, nein,“ rief der genannte Gerichtsdiener, „wir haben gar Nichts gedacht, bis Ihr uns ſagtet, wir ſollten die Caution verweigern, bis wir Haus⸗ ſuchung gethan hätten. Ich vermuthe faſt, Mr. Whar⸗ ton, daß Ihr alle Gläubiger hierher citirt habt, die nur eine Forderung geltend zu machen hatten, und Lord Lenham erbietet ſich ja, alle ehrliche Schulden gleich zu bezahlen, und ſich für Eure Forderung ausreichend zu verbürgen.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ rief Wharton wüthend, aber der Scheriff miſchte ſich ein, und gleich⸗ zeitig drehten ſich Doctor Miles und Beauchamp, die mit einander geſprochen hatten, um, und der Geiſtliche ſtellte ſeinen jungen Freund dem Gerichtsbeamten der Grafſchaft unter dem Titel des Viscount Lenham vor. „Ich glaube, die Sache kann mit Euch in ein paar Worten abgemacht werden,“ ſagte Beauchamp, „ich bin nicht geſonnen, meinem Freunde Sir John Slingsby Unrecht thun zu laſſen. Es trifft ſich, daß ich in der Abſicht, eine Beſitzung in hieſiger Gegend an⸗ zukaufen, vor Kurzem eine beträchtliche Summe in der Bank von Tarningham deponirt habe. Ich bin bereit, davon jede beliebige Caution zu ſtellen, daß Sir John auf die Klage Mr. Whartons oder irgend eines Andern erſcheint, oder auch jede eingeklagte Forderung in Eure Hände zu bezahlen. Unter ſolchen Umſtänden glaube ich nicht, daß es nöthig iſt, Sir John aus ſeinem Hauſe hinwegzuführen. „Nicht im Mindeſten,“ ſagte der Scheriff,„Cau⸗ tion genügt, und kann hier eben ſo gut gegeben werden, als zehn Meilen weit von hier.“ „Aber mein werther Herr,“ rief Mr. Wharton, „Ihr könnt ja nicht wiſſen, ob nicht vielleicht bedeutende Verkümmerungen beantragt ſind.“ „Darauf will ich's ankommen laſſen, Wharton,“ — 26— entgegnete der Unterſcheriff;„als ich fortging, waren noch keine da, denn ich hatte Gelegenheit, die Bücher einzuſehen. Es iſt nicht gebräuchlich, Verkümmerungen einzulegen, als bis die Verhaftung wirklich erfolgt iſt, glaube ich, mein lieber Freund.“ „Euer Verfahren ſcheint mir ſehr voreilig und un⸗ regelmäßig zu ſein, Sir,“ entgegnete der Advokat är⸗ gerlich,„und ich müßte allerdings—“ „Bah, bah,“ rief der Scheriff,„ich muß meine Sache ſelbſt am Beſten verſtehen, und Ihr braucht Euch nicht in Dinge zu miſchen, die Euch Nichts angehen, Mr. Wharton. Wenn ich hinreichende Bürgſchaft für Sir John's Erſcheinen auf Eure Klage annehme, ſo iſt das Alles, was Ihr verlangen könnt, und vielleicht mehr, alſo ſchweigen wir davon, denn ich laſſe mir in Das, was meines Amtes iſt, nicht weiter reden. Ihr habt es ſchon ein Mal verſucht, Sir, und geſehen, daß das Ding nicht geht.“ „Gut, Sir, macht, was Ihr wollt, macht, was Ihr wollt,“ rief Mr. Wharton ſpitz,„die Summe iſt bedeutend; wenn die Caution nicht gut iſt, ſo ſeid Ihr verantwortlich. Ein Menſch, der unter einem falſchen Namen im Lande umherläuft, kann auch ſehr gut ei⸗ nen zweiten anneh men. Ich will damit nicht ſagen, daß dies wirklich der Fall iſt, aber dieſer Herr da, der ſich jetzt Lord Lenham nennt, und ſich vor wenigen Tagen — 4127— Mr. Beauchamp nannte, kann, ſo Viel wir wiſſen, der größte Schwindler in ganz England ſein.“ „Schwindler haben gewöhnlich nicht ſehr bedeutende Summen bei den Banquiers liegen,“ entgegnete Doctor Miles trocken,„das heißt, Mr. Wharton, nicht die Schwindler, welche das Geſetz zu packen ſucht, obſchon ich viele reiche Leute gekannt habe, die innerhalb der Grenzen der Geſetze bedeutende Schwindeleien verübten, beſonders in Euerm Fache. Um aber die Sache voll⸗ ſtändig zu beſeitigen, will ich mich der Bürgſchaft, wenn es nöthig iſt, anſchließen, und ich hoffe hinreichende Mittel zu beſitzen, um den Herrn Unterſcheriff gegen al⸗ les Riſiko zu ſichern.— Da kommt auch Bacon auf ſeinem kleinen dicken Pferde herangetrabt. Bacon iſt ein ausgezeichneter Mann, wenn man die Verlockun⸗ gen ſeines Standes und des böſen Beiſpiels in Erwä⸗ gung zieht.“ 3 „Nun gut, da meine Meinung Nichts mehr gilt, ſo kann auch meine Gegenwart Nichts nützen,“ ſagte Wharton,„und ich werde daher gehen. Guten Morgen, meine Herren— Sir John Slingsby, guten Mor⸗ gen.“ Der Baronet that einen Schritt vorwärts und ſah den Advokaten etwas ominös an, während man die dicke Wade ſeines Beins etwas zittern ſah, als ob ſie durch gleichzeitige Regung einander entgegenwirkender Muskeln bewegt würde— aber er blieb ſogleich ſtehen, und ſagte laut: „Nein, ich will ihn nicht mit Füßen ſtoßen— nein, ich will überhaupt Niemanden mehr mit Füßen ſtoßen.“ „Ein ſehr kluger Entſchluß, Sir John,“ ſagte Doctor Miles,„bitte bleibt demſelben treu, und wenn Ihr die Reitpeitſche auch mit in die Dinge ein⸗ ſchließt, auf die Ihr Verzicht leiſtet, ſo werdet Ihr ſehr wohl thun.“ Mr. Wharton durfte ſich entfernen, ohne hinaus⸗ geworfen zu werden, die Sache mit der Caution ward mit leichter Mühe arrangirt, alle übrigen Geſchäfte gin⸗ gen ruhig vorüber, die Gerichtsdiener mit ihren Tra⸗ banten wurden aus dem Hauſe fortgeſchickt, die noch uͤbrigen Glaͤubiger bezahlt, und der Unterſcheriff em⸗ pfahl ſich. Allerdings war etwas mehr Zeit verfloſſen, als Beauchamp erwartet hatte, ehe er, Sir John Slingsby und Doctor Miles wieder allein in dem Bi⸗ bliothekzimmer waren, aber dann ergriff der Baronet die Hand ſeines Freundes, und ſagte mit einem unge⸗ wohnten Thau in den Augen: „Wie kann ich Euch jemals für Eure großmüthige Handlungsweiſe danken? Meine Dankhbarkeit kann ich. nicht beweiſen— aber Ihr müßt ſicher geſtellt werden. Ihr ſollt eine Hypothek auf die ganze Summe bekom⸗ — 429— men, mein Beſitzthum geſtattet das noch recht gut, was auch dieſer Kerl der Wharton ſagen mag.“ „Davon bin ich überzeugt, Sir John,“ antwor⸗ tete Beauchamp,„und ich nehme Euer Anerbieten an, weil ich aus beſondern Gründen außerordentlich und an⸗ gelegentlich wünſche, daß Ihr keine Verbindlichkeiten gegen mich habet, und nun wollen wir zu den Damen gehen, denn die werden glauben, wir kämen gar nicht.“ Doctor Miles lächelte, denn obſchon er ſich bei dem Spiele der Liebe und der Ehe niemals betheiligt hatte, ſo hatte er doch ſein ganzes Leben lang zuge⸗ ſchaut und verſtand es ganz gut. Sir John Slings by merkte aber durchaus Nichts und ging nach dem Geſell⸗ ſchaftszimmer voran, indem er ſich vielleicht ein Wenig wunderte— denn er war durchaus kein eitler Menſch— daß er Beauchamp's Achtung ſo ſchnell gewonnen und ſo viel Intereſſe in ihm aufgeregt habe, ohne zu ahnen, daß ſeine Tochter hierbei irgendwie betheiligt ſein könne. Mit Eltern iſt es immer wie in der Geſchichte von dem Philoſophen und ſeiner Katze, und obſchon ſie iedes ſchwierige Problem in Betreff entfernter Dinge löſen können, ſehen ſie doch nicht alle Mal gleich ein, daß ein kleines Kätzchen durch daſſelbe Loch in der Thüre ſchlüpfen könne, durch welches ſeine Mutter hereinge⸗ krochen iſt. Beauchamp. Dritter Band. 9 — 130— „Hier Iſabella,“ rief der alte Herr, als ſie in das Zimmer traten, wo die drei Damen ſaßen und ihre Augen auf die Thüre geheftet hielten, als ob ihr Schick⸗ ſal in den Angeln derſelben hinge,„gieb dieſem Herrn die Hand, denn er iſt der beſte Freund, den Dein Vater jemals gehabt hat.“ „Ich danke ihm von ganzem Herzen,“ ſagte Iſa⸗ bella, indem ſie Beauchamp mit thränenden Augen die Hand reichte,„aber doch, mein lieber Vater,“ fügte ſie freimüthig hinzu,„würde Mr. Beauchamp mich für un⸗ edel halten, wenn ich Euch nicht ſagte, daß Ihr auch noch einen Freund habt, der auf eben ſo gütige und edelmüthige Weiſe gehandelt hat. Ich meine den Capi⸗ tain— nein, ich will ihn bei ſeinem alten Namen Ned Hayward nennen, denn ihm verdanken wir die Mittel zur Bezahlung der Forderung, welche Mr. Wittingham geltend machte.“ „Eure Verbindlichkeit gegen ihn iſt unendlich grö⸗ ßer als gegen mich, meine geehrte Miß Slingsby,“ ſagte Beauchamp,„denn ich weiß, daß Hahward's Einkünfte nicht ſehr bedeutend ſind, während in Bezug auf mich von einer Verbindlichkeit eigentlich gar nicht die Rede ſein kann. Das Geld lag müßig, und ich konnte es eben ſo gut auf dieſe Weiſe anlegen, als auf eine andere.“ „Aber nicht Jedermann iſt ſo bereit, Geld zur Un⸗ terſtützung eines Freundes anzulegen,“ ſagte Sir John, „und ich werde es nie vergeſſen. Der Teufel ſoll mich holen, Mädel, wenn ich weiß, was ihm an mir ge⸗ fällt, ich ſelbſt habe niemals etwas ſehr Liebenswürdi⸗ ges an mir entdecken können.“ Iſabella erröthete bis an die Augen, antwortete aber ſogleich: „Mr. Beauchamp folgte dem Triebe ſeines eigenen edlen Herzens.“ „Nr. Beauchamp!“ rief Sir John Slingsby mit ſeinem gewohnten luſtigen Gelächter,„Mr. Beauchamp hat mit der Sache Nichts zu thun gehabt, Bella, Mr. Beauchamp habe ich durchaus Nichts zu verdanken.“ Iſabella, Mrs. Clifford und Mary erſchraken, denn ſie fürchteten faſt, daß die Ereigniſſe dieſes Morgens Sir John Slingsby's Gehirn etwas derangirt hätten. Aber er befreite ſie von dieſer Furcht ſehr bald. „Nein, Iſabella,“ fuhr er fort,„dieſer Herr iſt es, dem ich Dank ſchuldig bin— laß mich ihn Dir vorſtellen. Iſabella, Lord Lenham, Lord Lenham, meine Tochter.“ Iſabella ſchlug die Augen zu Boden und der Schat⸗ ten eines tiefen und wie es Beauchamp ſchien, ergreifenden Gedankens flog über ihr Geſicht, im nächſten Augen⸗ blick aber blickte ſie fröhlich und heiter wieder empor⸗ und rief: „Alſo, es hat Lord Lenham beliebt uns verlarvt zu überraſchen. Das war nicht ganz ehrlich, Mylord.“ 9* &☛ = 122— „Wenn Miß Slingsby mir einmal geſtatten wird, eine lange Geſchichte zu erzählen, wird ſie erfahren, aus welchen Gründen ich dies that,“ antwortete Beauchamp, „und dann beurtheilen, ob es ehrlich war, oder nicht. Wenn ſie die Sache zu meinen Gunſten entſcheidet, ſo kann ſie meine Vertheidigung der ganzen Geſellſchaft mittheilen, wenn ſie glaubt, daß ich geirrt habe, wird ſie dem Miſſethäter verzeihen, und ſein Verbrechen un⸗ ter dem Siegel der Beichte verſchweigen.“ Wieder erröthete Iſabella tief, und Sir John Slingsby machte die Sache noch ſchlimmer, indem er rief:„Ho ho! Soll vielleicht eine Privatconferenz ge⸗ halten werden, wie? Wir ſollen wohl Alle im Dun⸗ keln erhalten werden, wie ich ſeit einiger Zeit, denn Al⸗ les, was ich weiß, iſt, daß ich dieſen Morgen in eine ſehr unangenehme und unerwartete Lage verſetzt, und durch die Liebe dieſer zwei guten Mädchen und den Edel⸗ muth unſeres achtbaren Freundes daraus erlößt worden bin. Ich habe Dir noch gar nicht gedankt, meine liebe Mary, aber bitte, laß mich hören, wie das Alles ge⸗ ſchehen iſt, damit ich auch mit Bewußtſein und nach Gebühr danken kann.“ „Mittlerweile will ich,“ ſagte Beauchamp,„der ich die ganze Sache kenne, wieder zu meinem armen Freund Hayward zurückkehren, und ihm ſagen, wie die Sache abgelaufen iſt.“ — „Ihr verſpracht bei mir Mittag zu machen, Ihr verſpracht bei mir Mittag zu machen 1n rief Sir John Slingsby.„Kein Wortbruch, ſonſt ergreife ich gegen Euch ſelbſt gerichtliche Maßregeln.“ „Ich werde mein Wort halten““ entgegnete Beau⸗ champ,„und in ein paar Stunden wieder da ſein.“ „Und Ned Hayward mitbringen,“ ſagte der Baronet. Beauchamp erklärte, daß dies unmöglich ſei, in⸗ dem er ſagte, daß es mit der Geſundheit ſeines Freun⸗ des ſeit der vorigen Nachk ſchlimmer gehe, ohne daß jedoch Grund zu Befürchtungen vorhanden ſei. Seine Augen glitten, während er ſprach, an Marhy EClifford vorüber, und die Bläſſe, die er ſich über ihr Geſicht verbreiten ſah, beſtätigte den Verdacht, den er ſeit dem Abend zuvor gehegt hatte. Er war aber viel zu zart⸗ fühlend, als daß er ſeine A en mehr als einen Mo⸗ ment auf ihr hätte ruhen lafs, denn er fühlte, daß dies nicht blos eine Roheit, ſondern auch eine Unfreund⸗ lichkeit ſein würde. „Ich werde mitgehen, Mylord,“ ſagte Doctor Mi⸗ les,„ich mögte gern mit Capitain Hayward ſprechen. Er hat mich ganz beſonders intereſſirt.“ „Und werdet mit Lord Lenham zur Mittagstafel zurückkommen, Doctor,“ ſagte Sir John mit der alten Mun⸗ terkit,„wir wollen uns auf alle Fälle nach dieſem Fraeas einen fidelen Abend machen.“ — 134— „Ich werde kommen,“ entgegnete Doctor Miles, „aber ausdrücklich damit die Sache nicht zu fidel werde, Ihr unverbeſſerlicher alter Knabe.“ Aber Sir John lachte blos, und der Pair und der Prieſter gingen mit einander fort. 2 Siebentes Kapitel. Beauchamp erzählt dem Doctor Miles eine lange und wichtige Geſchichte. „Ihr ſagtet ſoeben, Doctor,“ bemerkte Beauchamp, als er mit Doctor Miles durch den Park dahin ging, „daß Ned Hayward Euch ganz beſonders intereſſire. Ich freue mich darüber, denn ich intereſſirte mich eben⸗ falls gleich vom erſten Augenblick an und ohne zu wiſ⸗ ſen, weshalb, für ihn und man freut ſich über ein Vorurtheil, welches vielleicht wenig nach Schwäche ſchmeckt, durch andere Perſonen unterſtützt zu ſehen, vor denen man Achtung hat.“ „Ihr irrt Euch ſehr, junger Herr,“ entgegnete der Doctor mit der gewöhnlichen Trockenheit.„Bei mir iſt es kein Vorurtheil und ebenſo wenig hat er mich vom Anfange an intereſſirt. In den meiſten Fällen kann ich für das, was ich fühle, einen Grund angeben. Ich bin kein Weſen, das Impulſen folgt. Ich war ogar,“ fuhr er etwas redſeliger fort,„Nichts weniger — 136— als zu Capitain Hahward's Gunſten eingenommen. Ich wußte, daß er unter den umſichtigen Auſpicien eines Sir John Slingsby in der Armee aufgewachſen war. Das gute Mädchen, u Iſabella, ſagte mir, daß er, ſo viel ſie ſich auf ihn beſinnen könne, ein munterer, lebhafter, lärmender Burſche ſei. Sir John nannte ihn den beſten Kerl auf Gottes Erdboden und ich weiß ſo ziemlich, was er damit ſagen will. Der Grund da⸗ her, aus dem er mich ſehr bald intereſſirte, war, weil er meinen Erwartungen nicht entſprach. Die erſte halbe Stunde lang glaubte ich, er ſei gerade Das, was ich erwartete— ein von Natur lebhafter Mann, luſtig aus Mangel an Nachdenken, gutmüthig aus Mangel an wahrem Gefühl, mit einigen Talenten ohne Urtheils⸗ kraft und eigentlichen Verſtand ausgeſtattet und zuweilen aus Nühinee, aber nicht aus Grundſatz, guthandelnd.“ Da habt Ihr ihm ſehr Unrecht gethan,“ ſagte Beauchamp mit Wärme. „Das weiß ich,“ entgegnete der Geiſtliche,„aber es dauerte nicht Iande Tauſend kleine Zuge verriethen mir, daß unter der glänzenden, gekräuſelten Fläche des Sees noch ein tiefes, ſtilles Waſſer verborgen ſei. Das Zartgefühl und die Umſicht, mit der er in der Sache wegen des ſchändlichen Anfalls auf Mrs. Clifford's Wa⸗ gen verfuhr, die gutherzige Gewandheit, mit der er. Sir John von dem Gegenſtande ablenkte, als er fand, daß 3 ꝑpꝑpꝑp— 4 ——-— — 137— er die arme Mary unangenehm berühre, ſein Benehmen gegen den Wildſchützen und deſſen Knaben, ſeine Mäͤßi⸗ gung und ſeine Sanftheit in einigen Fällen und ſeine Kraft und Entſchloſſenheit in andern, berichtigten ſehr bald alle vorgefaßte Anſichten. Er hat jedoch einen Fehler, der ſowohl ein ſehr großer, als ein ſehr ge⸗ wöhnlicher iſt— er verbirgt ſeine guten Eigenſchaften vor den Augen Anderer. Es iſt dies ein großes Unrecht gegen die Geſellſchaft. Wenn alle gute und ehrliche Menſchen ſich ſo zeigen wollten, wie ſie ſind, ſo wuͤr⸗ den ſie das Laſter bald in Verlegenheit bringen, und wenn ſelbſt Die, die nicht ganz ſo ſind, wie wir ſie wünſchen, das Gute, das in ihnen liegt, zeigen, und das Schlechte verbergen wollten, ſo würden ſie Laſter und Thorheit aus der Mode bringen, denn ich glaube, es giebt weit mehr gute Menſchen und ſelbſt eine größere Summe von guten Eigenſchaften unter Denen, welche theilweiſe ſchlecht ſind, als die Welt weiß, Ihr ſehet demnach, daß ich kein Menſchenfeind bin.“ „Dafür habe ich Euch auch nicht gehalten, mein lieber Doctor,“ ſagte Beauchamp,„wäre dies der Fall, ſo würde ich nicht verſucht haben, in Euch auch ein Intereſſe für mich ſelbſt zu erregen.“ „Aha! Alſo hattet Ihr einen eigennützigen Beweg⸗ grund, einen Tag um den andern in mein kleines — Pfarrhaus zu kommen, gerade zu der Zeit, wo Iſabella Slingsby ihre Armen und ihre Schulen beſuchte!“ rief Doctor Miles lachend.„Aber ich verſtehe— ich ver— ſtehe vollkommen, Mylord, es giebt auf der Erde keinen ganz uneigennuͤtzigen Menſchen, der Unterſchied liegt blos in der Art des Intereſſes, welchem die Menſchen zu die⸗ nen ſuchen— bei Einigen ſind es ſchmuzige Intereſſen, wie zum Beiſpiel Habſucht, Ehrgeiz, Prahlſucht, ja Gefräßigkeit— denn ich habe viele Menſchen gekannt, welche Denen ſchmeichelten, die einen guten Tiſch führ⸗ ten. Dann kommen die trunkenen Intereſſen, wie z. B. Liebe und was dazu gehört, und dann kommen wieder die edelmüthigen Intereſſen, aber ich fürchte, ich muß die, denen Ihr bei dieſen freundlichen Beſuchen zu dienen gedachtet, unter die trunkenen rechnen— iſt es nicht ſo?“ „Nicht ganz,“ antwortete Beauchamp,„denn wenn Ihr Euch erinnert, lieber Freund, ſo werdet Ihr fin⸗ den, daß ich zu derſelben Stunde und eben ſo oft in Euer Haus kam, bevor ich Miß Slingsby daſelbſt ſah, als nachher. Ueberdies dachte ich während dieſer gan⸗ zen Zeit und bevor ich bei ihrem Vater eingeführt war, nicht im Mindeſten daran, ihr meine Hand anzutragen, wie ſehr ich dieſes ausgezeichnete Mädchen auch bewun⸗ derte und achtete.“ Doctor Miles drehte ſich um und ſah ſeinen Be⸗ gleiter einige Augenblicke lang ernſt und prüfend an. —— —— ———— — 139— „Ich weiß nicht, was ich aus Euch machen ſoll,“ ſagte er endlich. „Ich will es Euch ſagen,“ entgegnete Beauchamp mit wehmüthigem Lächeln,„denn ich glaube nicht, daß Jemand die Urſachen errathen könnte, welche mich be⸗ wogen haben, eine etwas ungewöhnliche wo nicht excen⸗ triſche Rolle zu ſpielen, wenn er nicht die Vorfälle kennt, welche vor vielen Jahren Statt fanden. Ich ſagte Euch ſchon ein Mal, daß ich Euch zu meinem Beicht⸗ vater zu machen wünſchte, ich hatte damals nicht Zeit, Alles mitzutheilen, was ich mitzutheilen hatte, aber meine Abſicht iſt noch dieſelbe und es iſt jetzt Miß Slingsby's wegen nothwendig, daß ich ſie ausführe. Wir werden jetzt gleich unterwegs Zeit genug dazu ha⸗ ben, und ich will meine Geſchichte karz machen. Ihr wißt wahrſcheinlich, daß ich ein einziger Sohn war, da mein Vater nach dem Tode meiner Mutter, welche meine Geburt nur wenige Stunden überlebte, nie⸗ mals wieder heirathete. Mein Vater war ein ſehr zartfühlender, empfindlicher Mann und ſtolz auf ſeinen Namen, ſeinen Rang und ſeine Familie— ſtolz dar⸗ auf, daß alle Glieder ſeiner Familie ehrenhaft geweſen waren und kein Makel an ſeiner Abſtammung haftete. Er liebte mich faſt zu zärtlich als das einzige Pfand der Liebe, das ihm eine Gattin zurückgelaſſen, welche — 140— er mit einem Kummer betrauerte, der ſeinen Geiſt nie⸗ derdrückte und auch ſeine körperliche Geſundheit ſchwächte. Ich ward zu Hauſe unter der Leitung eines Hauslehrers erzogen, denn mein Vater hatte gegen Schulen theils gerechten, theils, glaube ich, ungerechten Widerwillen. Zu Hauſe ward ich ſehr verzogen und hatte zu ſehr meinen eignen Willen, bis ich auf die Univerſität ge⸗ ſchickt ward, wo ich zuerſt Etwas von der Welt erfuhr, aber leider nicht Viel, denn ſpäter habe ich ernſtere Lectionen bekommen. Die erſte derſelben war die ſchwerſte. Mein Vetter, Capitam Moreton, war zehn Jahr älter als ich, aber er hatte ſeinen Charakter damals noch nicht vollſtändig gezeigt. Mein Vater und ich wußten davon Nichts, denn obſchon er uns alljährlich ein paar Wochen beſuchte, ſo brachte er doch den größern Theil ſeiner Zeit hier oder in Schottland zu, wo er eine Großtante hatte, die eine wahre Affenliebe zu ihm beſaß. Ennes Jahrs, als ich gerade zwanzig Jahr alt war und er ſich im October der Jagd wegen in unſerm Hauſe auf⸗ hielt, forderte er mich auf, den nächſten Sommer mit ihm zu gehen und auf den Revieren der alten Miß More⸗ ton Hühner zu ſchießen. Ich willigte ſehr gern ein und mein Vater gab eben ſo bereitwillig ſeine Zuſtimmung. Am fünf und zwanzigſten Juli machten wir uns auf und ich ward mit aller möglichen ſchottiſchen Gaſtfreund⸗ ſchaft in Miß Moreton's Hauſe empfangen. Es waren „ — 141— viele Perſonen bei Tiſche und unter andern auch eine Miß Charlotte Hay—“ „Weshalb ſtocket Ihr?“ fragte Doctor Miles. „Eine Miß Charlotte Hay,“ fuhr Beauchamp mit ſichtbarer Anſtrengung fort,„eine ſehr ſchöne und ge⸗ bildete Perſon. Sie war etwa vier oder fünf Jahr äͤlter als ich und affectirte eine romantiſche Art zu den⸗ ken, zu fühlen und zu reden. Sie war ſchön, ſagte ich, aber ihre Schönheet gehörte nicht dem Style an, den ich bewunderte, und anfangs nahm ich nur wenig Notiz von ihr. Sie ſang jedoch gut und ehe der erſte Abend vorüber war, hatten wir Viel geſprochen— vielleicht um ſo Mehr, als ich fand, daß die Meiſten der anweſen⸗ den Damen, obſchon von nicht ſehr hohem Range, noch beſonders großer Bildung, ihre Converſation nicht zu lieben ſchienen. Mir ſchien es, daß ſie ihnen überlegen ſei, und als ich fand, daß ſie, obſchon von guter Fa⸗ milie, ſich doch in beſchränkten Vermögensumſtänden befand, und daß ſie einige Zeit lang als ein Mittelding zwiſchen Freundin und Geſellſchafterin bei der alten Miß Moreton gelebt hatte, glaubte ich die Kälte zu verſtehen, die ich von Seiten reicherer Leute gegen ſie bemerkte. Viele Tage vergingen ſo, während welcher ſie ſich ganz gewiß bemuͤhte, mich anzuziehen und zu verſtricken. Ich war im Allgemeinen etwas auf der Hut, aber ich war damals jung, unerfahren, eitel, romantiſch und ob⸗ — ſchon ich nicht im Traume daran dachte, ſie zu meinem Weibe zu machen, ſo vertändelte ich doch manche Stunde an ihrer Seite und fühlte, daß die Leidenſchaft immer mehr in mir wuchs— bemerkt wohl, ich ſage Leiden⸗ ſchaft, nicht Liebe, denn ich bemerkte Vieles, was mich verhinderte, ſie genug zu achten, um ſie lieben zu kön⸗ nen— eine gefliſſentliche Hervorhebung ihrer körper⸗ lichen Reize, Vernachläſſigung des Anſtandes, ein ge⸗ legentliches Durchblicken verkehrter Grundſätze, welches keine Kunſt verdecken konnte. Ein oder zwei Mal er⸗ tappte ich ſie auch auf einem Lächeln zwiſchen ihr und meinem Vetter Moreton, welches mir nicht gefiel, und ſo oft mir dieſes einfiel, rief es mich wieder zu mir ſelbſt zurück, obſchon ich, leicht und ſchwach, ſehr bald wieder in meine Leidenſchaft zurück verfiel, bis der Tag meiner Abreiſe herannahete. Zwei oder drei Tage vor⸗ her— am eilften Auguſt, welches mein drei und zwan⸗ zigſter Geburtstag war, erklärte Miß Moreton, ſie wolle ihre Nachbarn zu ſich einladen, um dieſen Tag zu feiern. Von den vornehmeren und ſolideren Landedelleuten war Niemand eingeladen, oder wenn eine Einladung erfolgt war, nicht gekommen. Es waren eine ziemliche Anzahl trunkſüchtiger, ſchottiſcher Lairds da, einige mit ihren Frauen und Töchtern, die ſich in ihren ernſtern Augen⸗ blicken etwas ſteif, und in den luſtigeren etwas ausge⸗ laſſen benahmen. Es iſt einer jener Tage, welche das — 143— Herz Jahre lang ſich ſehnt, für immer aus der Erinnerung verwiſchen zu können. Ich gab mich der frohen Laune hin, welche mir damals eigen war. Ich trank viel— mehr als ich je getrunken hatte. Mein Gehirn kam in Unordnung— ich weiß nicht, ob nicht unehrliche Mittel angewendet wurden, um dies zu bewirken— auf alle Fälle war ich meiner nicht ganz mächtig. Ich kann mich für meine Perſon nur ganz undeutlich jener Vor⸗ fälle entſinnen, aber ich habe ſpäter gehört, daß man mich aufforderte, für dieſen Nachmittag mir eine Frau zu waͤhlen. Man ſagte mir, es ſei Sitte dieſer Gegend bei ſolchen Gelegenheiten, dies zum Spaß zu thun; meine Wahl fiel ſogleich auf jenes liſtige Mädchen— und in Gegenwart vieler Zeugen nannte ich ſie meine Frau und ſie mich ihren Gatten. Der Abend verging, beim Abendeſſen trank ich noch mehr Wein und am nächſten Morgen fand ich mich verheirathet— denn dieſen ſchändlichen Betrug nannte man eine Vermählung. Mit Schrecken und Entſetzen floh ich von der Elenden hinweg, die ſich zu einem ſo ſchändlichen Treiben her⸗ gegeben hatte, ich ſchickte meinen Diener ſogleich fort, um Pferde für meinen Wagen herbeizuholen— ich ſticß Moreton von mir, welcher verſuchte, mich aufzuhalten und mir Vorſtellungen zu machen, wie er es nannte, indem er behauptete, daß Das, was vorgegangen, nach dem ſchottiſchen Geſetz eine volle und genügende Ver⸗ — 144— mählung ſei, indem dazu Nichts als die öffentliche Ein⸗ willigung erfordert werde.“ „Wie auch das Geſetz Gottes nichts Anderes ver⸗ langt,“ entgegnete Doctor Miles,„aber es muß freie, ungezwungene und überlegte Einwilligung ſein.“ „Ich reiſte Tag und Nacht,“ fuhr Beauchamp ſchnell fort,„bis ich das Haus meines Vaters erreicht und mich zu ſeinen Füßen geworfen hatte. Ich ſagte ihm Alles— ich beſchönigte Nichts, ich verhehlte Nichts und werde niemals weder ſeine Güte noch ſeinen Schmerz vergeſſen. Es wurden ſofort Schritte gethan, um die Poſition, in der ich ſtand, genau zu ermitteln und das Ergebniß war ein für meine Hoffnungen auf Glück und Frieden ſehr unheilvolles, denn es erwies ſich nicht blos, daß ich unwiderruflich gefeſſelt war, ſondern auch, daß der Ruf dieſer Perſon ganz von der Art war, wie ſich von ihr, die zu einem ſo ſchändlichen Plan die Hand geboten hatte, erwarten ließ. Sie war ſchon in ſchlim⸗ mem Gerede geweſen, ehe ſie ihren Aufenthalt in dem Hauſe genommen, in welchem ich ſie fand. Miß More⸗ ton überließ ſich bei ihrer Verblendung ganz der Lei⸗ tung meines Vetters und es war mehr als gegründeter Verdacht vorhanden, daß er den Schutz ſeiner Tante benutzt hatte, um ſeine eigne Liebſchaft dadurch zu ver⸗ ſchleiern.“ „Was machtet Ihr denn? Was machtet Ihr denn?“ — 145— fragte Doctor Miles eifriger, als man von ihm ge⸗ wohnt war,„es war allerdings ein ſehr ſchlimmer Fall.“ „Ich ging ſogleich in's Ausland,“ antwortete Beau⸗ champ,„denn mein Vater nahm mir das feierliche Ver⸗ ſprechen ab, niemals, wenn ich es vermeiden könne, mit dem Weibe zu leben oder auch nur mit ihr zu ſprechen, die auf dieſe Weiſe meine Gattin geworden war. Er gebrauchte ſtarke und bittere, aber gerechte Ausdrücke, als er von ihr ſprach.„Er könne,“ ſagte er,„nicht den Gedanken überleben, daß die Kinder einer Proſti⸗ tuirten den Titel einer makelloſen Familie erben ſollten.“ Ich gab gern mein Verſprechen, denn ich geſtehe, daß Zorn, Entrüſtung und Ekel mir ſchon den Gedanken an ſie verhaßt machten. Mein Vater blieb einige Mo⸗ nate in England und verſprach in Betreff unſeres Ver⸗ mögens— was der niedrige Gegenſtand des ganzen Complots war— ſolche Anordnungen zu treffen, daß ich niemals wieder beläſtigt werden ſollte. Er fügte zärtlich und wehmüthig, aber ernſt und feſt hinzu, daß er weiter Nichts thun könne und daß ich die Folgen eines einzigen, großen Jerthums in einem ein⸗ ſamen, eheloſen Leben ertragen müſſe. Gegen das Ver⸗ ſprechen von Seiten jenes Frauenzimmers, mich nie⸗ mals zu beläſtigen oder meinen Namen zu führen, be⸗ willigte er ihr die Summe von tauſend Pfund alljähr⸗ lich. Während meines Vaters Lebzeiten hörte ich Nichts Beauchamp. Dritter Band. 10 weiter von ihr, aber als er mir nach Italien nachkam, ſah ich nur zu deutlich, wie ſehr der Gram und bittere Täuſchung ſeine ſchon erſchütterte Geſundheit unterminirt hatten. Er lebte nicht mehr lange und Alles, was ich ſelbſt erlitten, iſt wenig geweſen im Vergleich zu dem Gedanken, daß die Folgen meiner eigenen Thorheit die Tage meines gütigen, ſanften Vaters verkürzten.“ „Aber was ward aus dem Frauenzimmer?“ fragte Doctor Miles.„Ihr habt doch gewiß ſpäter von ihr gehört?“. „Innerhalb eines Monats nach dem Tode meines Vaters,“ entgegnete Beauchamp,„erhielt ich von ihr einen der hinterliſtigſten Briefe, die je ein Weib geſchrie⸗ ben, in welchem ſie verlangte, als meine Gattin aufge⸗ nommen zu werden. Aber ich will Euch weiter nicht mit Einzelheiten beſchwerlich fallen. Auf Schmeicheleien felgten Drohungen und dieſe behandelte ich mit Verach⸗ tung, ſo wie ich die erſten mit Kälte behandelt hatte. Nun begann ein neues Verfolgungsſyſtem; ſie reiſte mir nach und ſuchte ſich an meine Sohlen zu heften. Ein Mal in Throl kam ſie in dem Augenblicke in einem Gaſthofe an, als ich eben in den Wagen ſtieg, und er⸗ klärte den Umſtehenden, daß ſie meine verlaſſene Gattin ſei. Ich entgegnete kein Wort, ſondern befahl, den Schlag zuzumachen und den Poſtillonen, zuzufahren. Nun kamen Geſuche um ein erhöhetes Jahrgeld, aber N— NWV A— 147— ich wich keinen Schritt, weil ich wußte, daß dies nur zu andern führen würde, und um mich von dieſer all⸗ täglichen Beläſtigung zu befreien, nahm ich endlich den Namen Beauchamp an, befahl meinem Agenten, Nie⸗ mandem meine Adreſſe mitzutheilen und wanderte ſo mehrere Jahre fern und weit umher. Endlich bekam ich Nachricht, daß das Jahrgeld, welches anfangs ſtets pünktlich erhoben worden war, nicht verlangt worden ſei. Zu gleicher Zeit kam meinem Advokaten das Ge⸗ rücht zu Ohren, ſie ſei in Paris geſtorben. Immer noch wollte ich noch nicht zurückkehren, um meinen Rang zu beanſpruchen, da ich fürchtete, es könne irgend ein ſchlau angelegter Plan im Werke ſein, und deshalb blieb ich noch zwei Jahre in Indien und Syrien. Das Jahr⸗ geld blieb unerhoben. Ich wußte, daß ſie verſchwende⸗ riſche Gewohnheiten hatte und ſonſt keine Mittel beſaß, daher wagte ich mich zurück. Ich verweilte einige Mo⸗ nate in London, ohne meinen wirklichen Namen anzu⸗ nehmen, aber das Geräuſch und das Gewirr der gro⸗ ßen Stadt waren mir läſtig und ich ging hierher. Mitt⸗ lerweile waren die⸗ Nachforſchungen nach dem Schickſale jener Unglücklichen, obſchon etwas ſaumſelig, weiter be⸗ trieben worden, aber hier ſah ich Iſabellen Slingsby und nun wurden die Erörterungen mit erneutem Eifer und ſo raſch als möglich betrieben. Jede Antwort lief auf ein und daſſelbe Ergebniß hinaus und vor vier Ta⸗ 10* — 148— gen erhielt ich einen Brief von meinem Anwalt, worin er mir meldete, daß an ihrem Tode faſt kein Zweifel mehr übrig ſein könne. Ich will ihn Euch nachher zei⸗ gen; es wird darin geſagt, daß ihre Effekten in Paris als die einer Verſtorbenen und um die Lohnforderung ihrer Dienerin zu befriedigen, öffentlich verſteigert wur⸗ den, welche Dienerin genügende Beweiſe beigebracht hatte, um die Polizei zu überzeugen, daß ihre Gebiete⸗ rin in Italien geſtorben ſei. Das Mädchen ſelbſt konnte von meinem Agenten nicht ausfindig gemacht werden, aber die Advokaten betrachten dieſe Thatſache in Ver⸗ bindung mit dem gänzlichen Nichterheben des Jahrgel⸗ des als einen Beweis von Charlotte Hay'’s Tode, wel⸗ cher alle Zweifel an der Entfernung dieſer bittern Feſſel für immer entfernt.“ „Das iſt klar, das iſt klar,“ ſagte Doctor Miles, der in dieſem Augenblicke mit ſeinem Begleiter an einem Stege ſtehen blieb,„und nun ſeid Ihr, wie ich ver— muthe, mit Hand und Herz für Iſabellen Slingsby.“ „Ganz gewiß,“ ſagte Beauchamp,„aber ſie muß von Allem dieſen unterrichtet werden, und ich kann es ihr unmöglich ſagen.“ „Wollt Ihr die Güte haben, Herr,“ ſagte eine Stimme von der andern Seite der Hecke, als Beau⸗ hamp den Fuß auf die erſte Stufe des Stegs ſetzte, —,— „auf dieſer Seite zu bleiben und oben an der Ecke zu dem Thore hinauszugehen?“ „Ah, ſteckt Ihr hier im Graben, Stephen?“ ſagte Beauchamp.„Sehr gut, mein Freund, ein Weg iſt ſo gut, als der Andere.“ „Ich lauere hier auf Etwas,“ ſagte der Wildhüter mit leiſer Stimme,„und wenn Ihr herüber kämet, würdet Ihr das Ding ſtören.“ Beauchamp nickte und ſchlug den angedeuteten Weg ein und Doctor Miles, der nachgedacht hatte, beant⸗ wortete Das, was gerade vor der Unterbrechung durch den Wildhüter geſagt worden war. „Aber, wer ſoll es ihr denn ſagen? Sir John paßt dazu gar nicht. Ich wahrſcheinlich, nicht wahr? Hm, es iſt gerade keine angenehme Aufgabe für einen alten Mann, einer jungen Dame eine ſolche Geſchichte zu erzählen.“ „Und doch muß ſie ſie wiſſen,“ antwortete Beau⸗ champ,„ich will, ich kann ihr Nichts verhehlen“ „Da habt Ihr ganz gewiß Recht,“ entgegnete Doctor Miles,„und ich bin überzeugt, das gute Maͤd⸗ chen wird Eure Aufrichtigkeit zu ſchätzen wiſſen.“ „Sie kann blos ſagen, daß ich einen großen Fehl tritt beging,“ antwortete Beauchamp,„und für dieſen Fehltritt habe ich jahrelange und bittere Strafe erlitten.“ „Gut, gut, ich will thun, was ich kann,“ ant⸗ wortete der Pfarrer,„aber macht erſt Euern Antrag und verweiſt ſie in Bezug auf Eure Lebensgeſchichte an mich. Ich werde mich im Allgemeinen darüber aus⸗ ſprechen— auf Einzelheiten werde ich nicht eingehen. Das könnt Ihr ſpäter ſelbſt, wenn Ihr Luſt habt.“ So ſprechend gingen ſie weiter und erreichten bald nachher Stephen Gimlet's Wohnung, wo ſie fanden, daß Ned Hayward ſich eben wieder von der Operation zu erholen begann, welche der Chirurg am Morgen ausgeführt. Beauchamp ſtellte ihm die Summe zu, die er von Miß Slingsby am Morgen erhalten, und ſagte, daß er es nicht nöthig gefunden habe, das Geld zu ge⸗ brauchen, und Doctor Miles ſetzte ſich neben ihn und ſprach heiter und freundlich etwa eine Viertelſtunde lang mit ihm. War es Takt und feine Menſchenkenntniß, was den würdigen Geiſtlichen bewog, Mary Clifford zu einem der Gegenſtände ſeines Geſprächs zu wählen und ſich über ihre rühmlichen Eigenſchaften zu verbreiten? Auf alle Fälle gelang es ihm, Capitain Hayward wie⸗ der auf fröhliche, heitere Laune zu bringen, ehe er ſich wieder entfernte und auf den Nachhauſeweg begab. Als er die Treppe herabkam, fand er Gimlet, den Wildhüter, bei der Wittwe Lamb ſitzen, und der Mann entſchuldigte ſich, als er die Thüre öffnete, noch⸗ mals, daß er den Pfarrer und Mr. Beauchamp am Stege aufgehalten habe, ſagte aber nicht, womit er ſo — * — 151— eifrig beſchäftigt geweſen ſei. Sobald jedoch Doctor Miles fort war, fuhr Stephen Gimlet in ſeinem Ge⸗ ſpräch mit Mrs. Lamb fort, und es war ein ſehr lei⸗ ſes und eifriges. Von Zeit zu Zeit nickte die alte Frau mit dem Kopfe und ſagte:„Ja,“ fügte aber einige Zeit lang dieſer einen Sylbe Nichts weiter hinzu. Endlich rief ſie jedoch zur Antwort auf Etwas, das ihr Schwie⸗ gerſohn geſagt hatte: 1 „Nein, Stephen, ſprecht nicht mit ihm davon, ich verſuchte es dieſen Morgen und es hatte eine ſchreckliche Wirkung auf ihn. Es ſchien ihn ganz und gar zu ver⸗ ändern und ihn, ſo ſanft und freundlich er iſt, ganz wild und grimmig zu machen. Sprecht mit ſeinem Freunde, Capitain Hayward, denn weder ich noch Ihr könnt wiſſen, was Alles dahinter ſteckt. Vor allen Dingen aber paßt gut auf, denn es iſt klar, daß ſie nichts Gutes im Schilde führen, und ſagt mir immer, was Ihr ſeht und hört, denn ich kann nicht umhin zu glauben, daß ich von dieſen Dingen mehr weiß, als der junge Lord ſelbſt— eine bittere Feſſel nannte er es. Na, er kann damit das Jahrgeld gemeint haben, von dem Ihr ihn ſprechen hörtet. Aber warum läßt ſie es ſich nicht auszahlen 2 Da muß doch eine Abſicht da⸗ hinter ſtecken, Stephen.“ Das Geſpräch der alten Frau über dieſen Gegen⸗ ſtand ward in dieſem Augenblick unterbrochen, indem — 12— ihr Sohn Billy Lamb eintrat, welcher auf ſie zukam und ſie liebreich küßte. Der arme Burſche war etwas bleich, und es lag eine Abſpannung in ſeinem kleinen gedrückten, aber verſtändigen Geſicht, die ſeine Mutter bewog, ihn mit dem Gefühl ſchmerzlicher Beſorgtheit an die Bruſt zu drücken. O wie ſchlingt ſich die Liebe der Eltern um ein leidendes Kind. Jede Sorge, jede Mühe, jede peinliche Befürchtung, die es uns verurſacht, ſcheint nur ein neues Band zu ſein, das unſere Liebe noch feſter an das theure Weſen bindet. Die Anhänglichkeit, welche mit Thränen bethaut und durch die kalte Luft des Kummers und der Furcht abgehärtet iſt, iſt ſtets die Pflanze, welche am Längſten ausdauert. „Setz Dich nieder, Bill,“ ſagte Stephen Gimlet freundlich.„Du ſiehſt müde aus, mein Junge. Ich will Dir einen Schluck Bier holen.“ „Ich kann nicht warten, Ste,“ antwortete der Schenkjunge,„denn ich muß ſo ſchnell als möglich wie⸗ der zurück, aber ich kann nun alle Tage auf eine Mi⸗ nute hereinkommen und ſehen, was die Mutter macht. Der Herr, der die kleine einſame Hütte an dem Rande der Chandleigh⸗Heide gemiethet hat, giebt mir wöchent⸗ lich eine halbe Krone dafür, daß ich ihm die Briefe und Zeitungen hinaustrage und dazu benutze ich die Zeit, wo alle unſere Leute im Hauſe beim Eſſen ſind.“ „Und auf dieſe Weiſe kommſt Du ſelbſt um Dein — —- 153— Eſſen, armer Bill“ ſagte Stephen Gimlet;„ſchneidet ihm doch eine Schnitte von dem kalten Speck und ein Stück Brod ab, Mutter. Er kann es unterwegs eſſen. Ich will gehen und ihm einen Schluck Bier holen. Es hält Dich keine Minute auf, Bill, und dann geht es deſto ſchneller.“ Ste Gimlet wartete nicht auf Antwort, ſondern lief mit einem Kruge in der Hand nach dem Neben⸗ häuschen, in welchem ſeine Biertonne lag. Als er wie⸗ der zurückkam, that der Knabe einen tüchtigen Trunk, küßte wieder die alte Frau und machte ſich dann mit dem Brod und Speck in der Hand auf den Weg. Stephen Gimlet begleitete ihn und nachdem ſie einige Schritte ſich vom Hauſe entſernt hatten, fragte er: „Wer wohnt denn jetzt in der Hütte, von der Du ſprachſt, Bill?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Burſche,„es iſt ein langer ſtarker Mann mit einem großen Kinnbart, der ſchon ein wenig in's Graue ſpielt. Er begegnete mir geſtern Abend, als ich ein Packet von Mr. R. nach Burton's Gaſthof trug, und fragte mich, ob ich dieſen Weg alle Tage machte. Ich ſagte, daß dies nicht der Fall ſei, aber daß es geſchehen könnte, wenn er Etwas brauchte.“ „Aber Du mußt doch ſeinen Namen wiſſen, wenn Du Briefe an ihn in Händen haſt, Bill,“ ſagte Gimlet. „Nein, ich weiß ihn nicht, aber kann ihn bald er⸗ fahren,“ antwortete der arme Verwachſene.„Er nahm mich mit in das Haus und ließ ſich von der Dame etwas Papier und Tinte und Feder geben und ſchrieb ein Billet an den Poſtmeiſter und gab mir eine halbe Krone und ſagte, ich ſollte alle Wochen ſo Viel bekom⸗ men. Der Poſtmeiſter wickelte die Briefe und Zeitungen in ein Stück Papier und es fiel mir nicht ein, hinein⸗ zugucken, aber wenn Ihr es wünſcht, kann ich bald nachſehen.“ „Nein,“ antwortete Stephen Gimlet trocken,„nun weiß ich es ſchon. Na, adien, Bill, ich muß nun mei— nen Geſchäften nachgehen,“ und mit dieſen Worten trennten ſie ſich. Achtes Kapitel. Ein eigenthümliches Tèle- à- téte. Jch bitte Capitain Moreton um Verzeihung, daß ich ihn gerade nicht in der ſchoͤnſten Nacht auf dem Felde herumlaufen ließ. Ich hätte ihn wenigſtens erſt ſicher heimbringen ſollen, wo dieſe Heimath auch geweſen ſein mögte, was allerdings ſehr ſchwer zu ſagen war, denn die Heimath des Capitains Moreton war Das, was Leute, die über langen Zahlenreihen brüten, eine ver⸗ anderliche Quantität nennen⸗ Es gab jedoch einmal — wenigſtens erzählt es das Gerücht, denn ich will die Sache nicht verbürgen— eine gewiſſe junge Perſon Namens Galanthis. Sie war„Mädchen für Alles“ in einer ſehr achtbaren Griechiſchen Familie, und ward als Zeugin in dem berühmten Ehebruchsprozeſſe Amphi⸗ tryons gegen Jupiter aufgerufen. Sie zeigte ſich ſehr gewandt im Verblüffen des examinirenden Unterſuchungs⸗ richters, und es exiſtirt eine alte unſinnige Geſchichte, daß ſie in ein Wieſel verwandelt worden ſei, um die verſchiedenen Drehungen und Wendungen ihrer Aus⸗ flüchte zu verewigen. Aber weder dieſe ſchlaue Zofe noch irgend ein anderes Individuum ihres geſchmeidigen Geſchlechts machte jemals mehr Drehungen und Wen⸗ dungen, als der Capitain Moreton in der Nacht nach ſeiner Flucht aus der Gefangenſchaft in der Sakriſtei. Er war mit jedem Schritt in der ganzen Umgegend genau bekannt, und lief bald durch eine ſchmale Allee über ein kleines Feld hinweg, bald einen Waldpfad hin⸗ ein, dann auf einem kurzen Seitenwege weiter, und ſo kam er endlich theils gehend, theils laufend, an einer Gemeinwieſe, die nicht ſehr groß war und ungefähr auf der Mitte des Weges zwiſchen der Stadt Tarningham und dem Burton's Gaſthof genannten Hauſe lag. Die Gemeinwieſe führte den Namen der Chandleigh Haide und auf der Seite nach dem Gaſthofe zu lag das Dorf Chandleigh, während ſich zwiſchen der Haide und Tarningham ungefähr zwei Meilen wohlangebauter aber nicht fehr bevölkerter Wieſen und Gefilde befanden. An einer Ecke der Gemeinwieſe hatte ſich ein Strumpfwaa⸗ renhändler aus Chandleigh, der ſich von den Geſchäf⸗ ten zurückgezogen, ein Landhäuschen gebaut, wie es für ihn und ſeinen Haushalt und Stand paßte. Es beſtand aus ſechs Zimmern, alle ziemlich klein, und überdies hatte er auch einen Garten angepflanzt, in welchem G Roſen neben Aepfel⸗ und Kirſchbäumen emporſtrebten. Der Strumpfwaarenhändler— wie dies mit Strumpf⸗ waarenhändlern, die ſich von den Geſchäften zurückge⸗ zogen haben, oft der Fall iſt— ſtarb eines Tages und hinterließ das Landhäuschen ſeinem noch unmündi⸗ gen Neffen. Die Vormünder bemühten ſich, das Land⸗ häuschen meublirt zu vermiethen, aber über ein Jahr lang bemühten ſie ſich vergebens; die außerordentlich ab⸗ gelegene und einſame Situation deſſelben war ein gro⸗ ßes Hinderniß, bis es eines Tags plötzlich gemiethet ward, und die Vormünder waren froh, wöchentlich eine Guinee zu bekommen, ohne weiter ſich um ihren Mieths⸗ mann zu bekümmern. Dieſe abgelegene Hütte des Strumpfwaarenhändlers war es daher, auf welche Ca⸗ pitain Moreton's Schritte ſich endlich zulenkten, und da ſie auf der Seite des Gartens Fenſter hatte, welche bis auf den Boden herabgingen, ſo wählte er dieſe Seite und ſtieg zum Fenſter hinein, welches, wie ich zu be⸗ merken vergeſſen, erleuchtet war. An einem Tiſche in dem Zimmer, mit dem Fuß auf einem Schemel und einem Kiſſen hinter dem Rücken ſaß eine Dame, die wir ſchon früher beſchrieben haben, und ſicherlich würde bei dem Anblick ihres Geſichts, ſo ſchön es auch war, Niemand geglaubt haben, daß dahinter ein wilder grimmiger Geiſt wohne, ſo ſchwach, und wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ſo jämmerlich verzagt war der Ausdruck deſſelben. „Um's Himmel willen, Moreton, wie haſt Du mich erſchreckt,“ rief die Dame,„wo biſt Du ſo lange geweſen? Du weißt doch, daß ich Abends Geſellſchaft haben muß. Blos des Nachts lebe ich wieder halb auf.“ „Na,“ ſagte Capitain Moreton lachend,„ich bin halb todt und halb begraben geweſen, nämlich in einem Grabgewölbe, und dann als Gefangener in einer Sa⸗ kriſtei. Nur durch Ausbrechen der Fenſtergitter gelang es mir, wieder herauszukommen. Es hat jedoch Nie⸗ mand mein Geſicht geſehen, das iſt noch ein Glück, denn man kann blos ſagen, ich habe bei Lichte in das Kirchenbuch geſchaut, und der alte Küſter wird um ſei⸗ ner ſelbſt willen nicht plaudern.“ „Immer haſt Du ſolche übereilte Streiche vor, Mo⸗ reton,“ ſagte die Dame,„ſie werden Dich noch an den Galgen bringen, verlaß Dich drauf. Ich habe eben ein Gedicht geſchrieben, welches den Titel führt:„der Vor⸗ eilige“ und ich ließ ihn eben hängen, als Du kamſt und mich erſchreckteſt.“ „Meine voreiligen Streiche, wie Du ſie nennſt, haben Dir Tauſend Pfund jährlich verſchafft,“ antwor⸗ tete Moreton ſpitz,„alſo bitte ich Dich, Dein dummes Versmachen zu laſſen, Charlotte, und anzuhören, was ich Dir zu ſagen habe.“ ——,— — 159— „Dummes Versmachen!“ rief die Dame zornig. „Es gab eine Zeit, wo Du es nicht ſo nannteſt, und was die Tauſend Pfund jährlich betrifft, ſo geſchah es mehr um Dich zu retten, als um mir zu dienen, daß Du dieſen Plan erſannſt. Du weißt, daß ich dieſen pedantiſchen Knaben haßte, der ſo tugendhaft war, wie ein junges Zicklein, und ſo fromm, wie das Gebetbuch ſeiner Großmutter. Nichts hätte mich bewegen können, thn zu heirathen, wenn Du mir nicht vorgeſtellt hät⸗ teſt—3 „Na, laſſen wir das„“ antwortete Capitain Mo⸗ reton ſie unterbrechend.„Wir haben nun an etwas An⸗ deres zu denken, Charlotte. Ich glaube doch, es würde für mich am Beſten ſein, wenn ich mich fortmachte.“ „Nun ich bin bereit mitzugehen, ſobald es Dir be⸗ liebt,“ entgegnete die Dame.„Es iſt durchaus nicht angenehm, hier noch länger zu verweilen, wo man Nie⸗ manden ſieht und Nichts hört, und wo es weder eine Oper, noch ein Concert, noch ein Kaffeehaus oder ſonſt Etwas giebt. Ich gehe ſehr gern mit.“ „Ja ja, aber das iſt Etwas ganz Anderes,“ ſagte Capitain Moreton bedächtig.„Ich ſagte, es würde viel⸗ leicht gut ſein, wenn ich mich fortmachte, aber eben ſo bin ich auch überzeugt, daß es für Dich gut ſein wird, wenn Du dableibſt.“ Die Dame ſchaute ihn eine Minute mit den Augen — 160— eines Tigers an. Wäre ihre Haut geſtreift oder gefleckt geweſen, ſo hätte man beſtimmt erwartet, daß ſie ihm den nächſten Augenblick auf den Hals ſpringen werde; aber ſie wußte ihre Leidenſchaften bis zu einem gewiſſen Punkte zu zügeln, jenſeits deſſen ſie allerdings nicht zu zügeln waren, den ſie aber jetzt noch nicht erreicht hat⸗ ten, und ſie begnügte ſich damit, daß ſie Capitain Mo⸗ reton einen jener coups de patte gab, womit ſie ihm zu⸗ weilen drohte.„Alſo, Moreton,“ ſagte ſie,„Du glaubſt, Du kannſt fortgehen und mich mir ſelbſt überlaſſen, wie Du es vor einiger Zeit machteſt, aber da irrſt Du Dich, mein guter Freund. Ich bin nun klüger geworden und werde Dich ſicherlich nicht allein gehen laſſen.“ 1 „Wie willſt Du mich denn halten?“ fragte ihr Gefährte, indem er ſich raſch gegen ſie wendete. „Was das Halten betrifft,“ entgegnete ſte mit hä⸗ miſchem Lächeln,„ſo weiß ich, daß ich das nicht kann. Du biſt ein ſtarker Mann und ich bin ein ſchwaches Weib und in einem Ringkampfe würdeſt Du ſiegen, aber ich kann Dich wenigſtens wieder holen, Moreton, ver⸗ ſtehſt Du mich, wenn ich Dich auch nicht halten kann.“ „Wie ſo denn?“ fragte er wieder, indem er ſie grimmig anſchaute. „Durch einen Verhaftsbefehl und ein halbes Duzend Conſtabler,“ antwortete die Dame.„Du mußt nicht glauben, daß ich ſo viele Deiner liebenswürdigen Streiche b — — — 161— umſonſt mit angeſehen, oder daß ich nicht Beweiſe über ſo manche Kleinigkeiten geſammelt habe, die Dich in je⸗ dem Lande, ausgenommen in Amerika, dieſem ſchönen Lande der Freiheit, wo Betrug und Spitzbüberei Zu⸗ flucht und Schutz finden, ſehr ſelten machen würden.“ „Willſt Du damit ſagen, daß Du mich vernichten willſt, Weib?“ rief Capitain Moreton. „Nicht gerade vernichten„“ entgegnete ſeine ſchoöͤne Gefährtin,„obſchon Du eine ſchöne Zierde für den Gal⸗ gen abgeben würdeſt. Ich habe, ich weiß ſelbſt nicht wie lange, keine Hinrichtung angeſehen, und es iſt im Grunde genommen ein ſchöner Anblick— beſſer als alle Trauerſpiele, die jemals geſchrieben wurden. Es macht keinen Spaß, die Leute zum Scherze einander todtſchla⸗ gen zu ſehen, denn man weiß, daß ſie wieder zum Le⸗ ben kommen, ſobald der Vorhang fällt, wer aber ein⸗ mal an der Schlinge baumelt oder auf der Guillotine liegt, der wird nicht wieder lebendig. Ich mögte Dich gehängt ſehen, Moreton, wenn Du gehängt wirſt. Du müßteſt ſehr gut hängen, glaube ich.“ Sie ſagte das im ruhigſten, ja ſüßeſten Tone, den man ſich denken kann, während ein leichtes Lächeln um ihre Lippen ſpielte, und ſie faſt mechaniſch mit der Fe⸗ der einen Galgen und einen daran hängenden Menſchen auf das Papier hinkritzelte. Capitain Moreton ſchaute ſie mit zuſammengebiſſenen Zähnen und gerade nicht dem Beauchamp. Dritter Band. 11 verſöhnlichſten Geſicht an, als ſie ſo vor ſeiner Phan⸗ taſie alle die Dinge heraufrief, welche der Verbrecher nur zu gern und zu leicht vergißta „Und Du, Charlotte, Du wollteſt das thun?“ rief er endlich.„Aber das iſt Alles dummes Zeug, und ich weiß nicht, wie Du von ſo Etwas ſprechen kannſt, da ich ja blos ſagte, ich würde Dich Deines eigenen Beſten willen auf kurze Zeit verlaſſen.“ „Meines eignen Beſten willen! Ja, ja, das habe ich ſchon Alles gehört, vor mehr als zwölf Jahren ſchon,“ entgegnete die Dame.„Ich gab damals Deinen Anſichten über mein eignes Beſte nach und es iſt aller⸗ dings ſehr viel Gutes daraus entſtanden, wenigſtens für mich. Alſo ſprich nicht davon, daß Du je Dein Loos von dem meinen wieder trennen willſt, Moreton, denn, wo Du es verſuchſt, ſo thue ich was ich geſagt habe, vorlaß Dich darauf.“ — „Es war Dein eignes Wohl, woran ich dachte,“ entgegnete Capitain Moreton bitter,„und das wirſt Du bald ſehen, wenn Du das Ganze hörſt. Glaubſt Du nicht, daß, wenn Lenham erführe, daß Du hier bei mir wohnſt, bald Klagen auf Scheidung und der⸗ gleichen bei den geiſtlichen Gerichtshöfen Anhängig⸗ ge⸗ macht werden würden?“ „O Du weißt ja,“ entgegnete die Dame,„daß wir das Alles ſchon früher beſprochen und unſere Vorſichts⸗ — — — 163— maßregeln getroffen haben. Du biſt hier als mein Jugend⸗ freund, der mir zu meinem Rechte zu verhelfen ſucht, weiter Nichts. Da dies ſchon lange ſo abgeredet iſt, ſo weiß ich nicht, weshalb Du wieder von vorn an⸗ fängſt.“ „Aber ich weiß es,“ antwortete Capitain Moreton, „und ich würde es Dir ſchon geſagt haben, wenn Du mich hätteſt zu Worte kommen laſſen. Du biſt alle Mal ſo verteufelt hitzig und übereilt. Ich habe für Dich die allerbeſten Nachrichten mitgebracht, die es für Dich geben kann, wenn Du mich nur anhören woll⸗ teſt.“ „Wirklich!“ ſagte die Dame, indem ſie von der ange⸗ nehmen Skizze, die ſie eben fertig machte, mit etwas mehr Aufmerkſamkeit emporblickte.„Und worin beſtehen denn dieſe Nachrichten?“ „Nun, einfach darin, daß Lenham ſich um Miß Slingsby's Hand beworben hat,“ entgegnete Capitain Moreton,„und die Vermählung wird nächſtens Statt finden, ſobald dieſer Burſche, Wittingham, außer Ge⸗ fahr iſt.“ Die Augen der Dame blitzten, als ſie dieſe Worte vernahm, und ihre Lippe kräuſelte ſich zu einem trium⸗ phirenden Lächeln, während ſie fragte:„Wo haſt Du das gehört? Wer ſagt es? Weißt Du's auch gewiß?“ „Ganz gewiß,“ ſagte Moreton,„ich erfuhr es von 11* — 165— Ihr Gefährte war jedoch, ſobald als ſie dieſe letz⸗ ten Worte ausgeſprochen hatte, in Nachdenken verſun⸗ ken und ſchien nicht auf ſie zu achten. Seine Gedanken V beſchäftigten ſich mit einem frühern Theile dieſes Ge⸗ ſprächs. Er fühlte, daß er, wie ſie ſagte, in ihrer Macht war, und er ſah ſehr wohl, wie ſanft und zart ſie dieſe Macht, ſobald ſie ſie beſäße, zu brauchen ge⸗ neigt war. Er fragte ſich daher ſelbſt, ob es nicht ge⸗ rathen ſein möchte, ihre Heftigkeit zu hemmen, ehe er ſie zu Etwas triebe, was nicht wieder gut gemacht wer⸗ den könnte, denn obſchon Capitain Moreton die Rache auch ein Wenig liebte, ſo war ihm doch die Sicherheit „ nooch lieber, und er hielt es für einen ſchlechten Troſt zur Rache dafür, daß ſie ihn an den Galgen brächte, ihre ſchönen Pläne zerſtört zu haben. Noch ging er mit ſolchen Gedanken bei ſich zu Rathe, als ſie, da ſie fand, daß er nicht antwortete, wieder anhob: „Hörſt Du? Ich ſage, ich will nicht und es iſt am Beſten, Du ſprichſt nicht wieder davon, denn ſo⸗ bald ich merke, daß Du fortzugehen und mich hier zu laſſen verſuchſt, ſo werde ich dafür ſorgen, daß Dein erſter Gang in's Gefängniß iſt.“ „In welchem Falle ich,“ ſagte Capitain Moreton „ kalt,„mit einem einzigen Worte das Band zwiſchen Dir und Lenham löſen und Dich ebenfalls in's Gefäng⸗ niß bringen würde. Du glaubſt, daß ich gänzlich in — 164— dem alten Slattery, dem Chirurgen, der die Geheim⸗ niſſe der ganzen Umgegend kennt. Er erzählte mir es als Etwas ganz Verbürgtes.“ 2 „Dann habe ich ihn! Dann habe ich ihn!“ rief ſeine Gefährtin freudig.„O, ich will ihn einen bitte⸗ rern Becher, als er je meinen Lippen geboten, bis auf die Hefen austrinken laſſen.“ 3 „Aber Du mußt behutſam ſein,“ ſagte Capitain Moreton,„die mindeſte Indiscretion— bedenke, der leiſeſte Wink— und Alles iſt verloren.“ „Ich werde behutſam ſein,“ entgegnete ſie,„aber es kann nicht Alles verloren ſein, auch wenn er er⸗ führe, daß ich noch lebe. Er hat ſich um ein Weib beworben, während er ſchon an eine andere verheirathet iſt. Das wäre Schande genng, um ihn zu vernichten und verwelken zu laſſen, wie ein Blatt im Winter. Da kenne ich ihn gut genug. Zum erſten Mal hat er mir die Macht gegeben, ihn zu quälen, und ich will ihn auf die Folter ſpannen, bis ſein kaltes Herz bricht, möge er machen, was er wolle.“ „Nun gut, eben das iſt der Grund, aus welchem ich glaubte, es würde beſſer für mich ſein, wenn ich mich auf kurze Zeit entfernte,“ ſagte Capitain Moreton, „obſchon Du hier bleiben mußt.“ nicht.“ „Das ſehe ich nicht ein,“ rief die Dame,„ich will V Deiner Macht bin, aber laß mich Dir ſagen, daß Du in der meinigen ebenfalls biſt. Unſer Vertrauen iſt al⸗ lerdings nicht ein wechſelſeitiges geweſen, unſere Geheim⸗ niſſe aber ſind dies.“ „Was meinſt Du?“ rief die Dame, indem ſie todtenblaß ward. „Ich will Dir's ſagen,“ entgegnete ihr Gefährte; „was ich meine, kann bald angedeutet werden und Du wirſt es verſtehen. Als ich zuerſt mit Dir bekannt ward, meine ſchöne Freundin, warſt Du zwanzig Jahr alt. Es ereigneten ſich jedoch, als Du in Deinem achtzehn⸗ ten Jahre ſtandeſt, Vorfälle, die Du ſtets in Deiner Bruſt und in der eines Andern begraben geglaubt haſt. Laß mich Dir aber jetzt ſagen, daß ich ſchon längſt Al⸗ les erfahren habe. Ich ſehe es Dir im Geſicht an, daß Du mich verſtehſt, alſo ſchweigen wir davon. Ich werde nicht fortgehen, weil Du es nicht wünſcheſt, und ich hatte blos Dein Beſtes im Auge, aber nun wollen wir uns Etwas Grog machen, denn die Nacht iſt für die je⸗ tzige Jahreszeit außerordentlich kalt.“ Die Dame antwortete nicht, ſondern blickte mit im⸗ mer noch bleicher Wange auf den Tiſch nieder und Mo⸗ reton ſtand auf und zog die Klingel. Eine Dienerin er⸗ ſchien, empfing ſeine Befehle, und ging dann fort, und er drehte ſich wieder zu ſeiner Gefährtin, klopfte ſie ver⸗ traulich auf die Wange, und ſagte: —— B — 167— „Na, Charlotte, ſchweigen wir von allem dieſen dummen Zeuge, es iſt am Beſten, wir vertragen uns. Iſt von den Dienern Jemand heut Abend im Zimmer geweſen, während ich nicht da war?“ 4 Die Dame blickte mit zerſtreuter Miene empor und ſagte: „Nein, ich glaube nicht— doch ich muß mich erſt beſinnen. Nein, nein. Ich habe dageſeſſen und geſchrie⸗ ben und geſchlafen. Eine Stunde lang ſchlief ich und dann ſchrieb ich, bis Du wiederkamſt. Es iſt Niemand im Zimmer geweſen, ich weiß es gewiß.“ „Aber während Du ſchliefſt, konnte doch Jemand dageweſen ſein,“ ſagte Moreton nachdenklich. „Nein, nein,“ antwortete ſie,„ich müßte es ſo⸗ gleich gehört haben, Du weißt, ich erwache bei dem ge⸗ ringſten Geräuſch. Es iſt Niemand im Zimmer gewe⸗ ſen, das kann ich beſchwören.“ „Dann kannſt Du auch beſchwören, daß ich es nicht verlaſſen habe,“ antwortete Moreton lachend.„Ich meine, daß ich den ganzen Abend mich hier oder in der Nähe auf⸗ gehalten habe, im Fall darnach gefragt werden ſollte.“ Die Dame fand in dieſer Zumuthung durchaus Nichts Anſtößiges, denn ſie hatte keine große Meinung von der Heiligkeit des Eides, und als die Dienerin mit Allem was Capitain Moreton verlangt hatte, zurückkehrte, fragte er ſie ſcharf: „Wo warſt Du, Kitty, als ich vor einer Stunde klingelte?“ „Ach lieber Gott,“ entgegnete die Perſon,„ich war blos hinüber gelaufen, um zu fragen, warum ſie das Bier nicht geſchickt hätten.“ „Ich wünſche aber, daß Du zu ſolchen Gängen eine andere Zeit wählſt,“ entgegnete Capitain Moreton und ließ damit dieſen Gegenſtand fallen. Neuntes Kapitel. Abermals ein Téte- à- Tôte, aber anmuthiger als das im vorigen Kapitel. Beauchamp trug Sorge, volle anderthalb Stunde vor der Tiſchzeit wieder in Tarningham Park zu ſein, aber Pläne und Abſichten in Bezug auf eine Liebeserklä⸗ rung zu einer gewiſſen Zeit und an einem beſtimmten Orte ſchlagen in der Regel fehl. Sie werden ſehr oft weiter hinausgeſchoben und ſehr oft durch Umſtände be⸗ ſchleunigt und obſchon es vielleicht kein Ereigniß des Le⸗ bens giebt, bei welchem auf den glücklichen Augenblick mehr ankommt, ſo wird er doch ſelten getroffen oder erwählt. So war es auch in dieſem Falle, ein Mal kam Sir John Slingsby dazwiſchen, ein ander Mal Mrs. Clifford, und als Mary, das gute, rückſichtsvolle Mädchen, nachdem ſie einen Augenblick geſtört, ſich un⸗ ter einer paſſenden Entſchuldigung entfernte, läutete, als ſſie eben die Thüre hinter ſich ſchloß, die Klingel zum Ankleiden, und Beauchamp, welcher wohl wußte, daß er Miß Slingsby nicht mehr als fünf Minuten aufhal⸗ ten dürfe, hwollte nicht Alles, was er zu ſagen hatte, in einen ſo kurzen Zeitraum zuſammendrängen. Er war jedoch entſchloſſen, Etwas zu ſagen, und als Iſabella im Begriff ſtand, ihn zu verlaſſen, hielt er ſie zurück und fragte, ob ſie wüßte, daß ihr Vater ihn eingeladen habe, bei ihm zu übernachten. „O, gewiß,“ antwortete Iſabella in heiterm Tone. „Er wird doch nicht zugeben, daß Ihr die Stunden der Finſterniß unter den Gothen und Vandalen von Tarningham zubringt. Er würde ein Attentat auf Euer Leben fürchten. Ihr ſeid doch nicht etwa geſonnen, fort⸗ zugehen?“ „Nein, ich habe ſeine Einladung angenommen,“ antwortete Beauchamp,„weil ich Mehreres mit Sir John und auch Etwas mit Euch zu beſprechen habe, werthes Fräulein. Wollt Ihr mir im Laufe des morgenden Tages einige Minuten oder vielleicht eine Stunde unter vier Augen widmen?“ Iſabella erröthete und blickte hinweg, doch wünſchte ſie ſich ihrer Verlegenheit für den Augenblick zu entledigen und antwortete daher leiſe:„Sehr gern— aber jetzt muß ich fort und Tollette machen, ſonſt wird mein Mädchen ungeduldig.“ Aber Beauchamp hielt ſie noch einen Augenblick auf. Ihr ſteht ſehr früh auf, glaube ich,“ ſagte er,„wür⸗ — — 171— det Ihr vielleicht vor dem Frühſtück einen Spaziergang — vielleicht nach dem Fluſſe zu machen?— Warum wollt Ihr zögern, Iſabella? Bedenkt, daß ich Euch eine Geſchichte zu erzählen habe.“ „Ich hoffe, daß es keine traurige ſein wird,“ ant⸗ wortete Iſabella heiter,„denn ich glaube, daß ich jetzt leicht zu Thränen gerührt werden könnte und mit rothen Augen darf ich doch nicht wiederkommen— bitte Beau⸗ champ, laßt mich gehen, ſonſt muß ich jetzt ſchon weinen.“ Er ließ die Hand, die er ergriſſen, ſofort los und Miß Slingsby that einen Schritt vorwärts, ſah ſich aber um, kehrte zurück, reichte ihm wieder die Hand und ſagte etwas ernſter:„Was können lange Geſchichten nützen? Ich will einen Spaziergang mit Euch machen, wenn Ihr Luſt habt, denn ich muß ebenfalls mit Euch ſprechen, aber jetzt nicht, jetzt paßt es nicht. Alſo lebt vor der Hand wohl,“ und damit verließ ſie ihn. Das Diner ging ruhiger ab, als Sir John Slings⸗ by's Diners gewöhnlich abgingen. Die Laune des Ba⸗ ronets, welche unmittelbar nach Entfernung des erſten Druckes ungeheuer hoch geſtiegen war, fiel wieder wäh⸗ rend des übrigen Tages, und vielleicht zum erſten Mal in ſeinem Leben war er den ganzen Abend hindurch ernſt und nachdenklich. Iſabella hatte reichlichen Stoff zum Nachdenken und Mary Elifford ebenfalls. Die Mut⸗ ter der letztern war ruhig und geſetzt wie gewöhnlich und Doctor Miles trocken und pedantiſch, ſo daß Beau⸗ champ glücklich in Dem, was er gethan und glücklich in dem Vertrauen der Liebe jetzt der heiterſte unter der Geſellſchaft war. So verging der ganze Abend, ob⸗ ſchon nicht traurig, doch auch Nichts weniger als ſehr luſtig und die ganze Geſellſchaft begab ſich ziemlich zeitig zur Ruhe. Am nächſten Morgen erhob ſich Beauchamp ſehr früh und ging hinab in das Geſellſchaftszimmer, aber es war Niemand da. Eins der Hausmädchen kam ge⸗ rade heraus, als er hineintrat, und er wartete eine Viertelſtunde lang mit einiger Ungeduld und ſchaute zu dem Fenſter hinaus über die thauigen Abhänge des 4 Parks und dachte bei ſich, daß Iſabella etwas lange bleibe. Nun war aber Iſabella, die Wahrheit zu ſagen, ſchon ſeit einiger Zeit wach und angekleidet, aber ſie empfand eine Art von Schüchternheit, ein ſchwaches Gefühl von Unruhe und Befangenheit, das ſie noch nicht gekannt. Sie vermogte es nicht über ſich zu ge— winnen, hinunterzugehen und ihn aufzuſuchen, da ſie wußte, daß er auf ſie warte. Es ſah aus, wie ein heimliches Einverſtändniß und ſchon der Gedanke daran erſchreckte ſie. Dann bedachte ſie aber andrerſeits, daß er glauben werde, ſie thue ihm Unrecht, wenn ſie nicht 4 käme, nachdem ſie es ſo gewiß verſprochen, und dann— war er ja ſo gütig, ſo großmüthig, ſo edelherzig ge⸗ V „ —p— — 173— weſen, daß ſie ihn nicht einmal durch den Anſchein von Eigenſinn verletzen durfte. Das gab den Ausſchlag und nachdem ſie ſo ungefähr eine Viertelſtunde mit ſich ſelbſt gekämpft, ging ſie hinab. Ihr Herz klopfte ſchrecklich, aber Iſabella war ein Mädchen, das bei all ihrer Hei⸗ terkeit und ihrem anſcheinenden Leichtſinn große Herr⸗ ſchaft über ſich ſelbſt beſaß, und dieſe Herrſchaft war in ihrem kurzen Leben oft auf die Probe geſtellt wor⸗ den. Sie blieb ein paar Augenblicke vor der Thüre des Geſellſchaftszimmers ſtehen, kämpfte ihre Bewegung nie⸗ der und trat dann mit heiterm Geſicht und leichtem Schritte hinein. Im nächſten Augenblicke lag ihr Hand in der Beauchamp's und nach den erſten Begrüßungen bei einer ſo frühen Begegnung, fragte er:„Wollt Ihr einen Spaziergang mitmachen, theure Iſabella, oder wollen wir hier bleiben?“ 1 „Seht Ihr nicht, daß ich den Hut auf dem Kopfe und den Shawl über dem Arm trage?“ ſagte ſie in heiterm Tone.„Wer würde an einem ſo ſchönen Mor⸗ gen im Hauſe bleiben, wenn man eine freie Stunde vor ſich hat?“ „Nun ſo kommt,“ antwortete er, und nach zwei Minuten gingen ſie mit einander nach dem waldigen Hügel, den ſie vor etwa drei Wochen mit Mary Clif⸗ ford und Hayward paſſirt hatten. Es iſt ſeltſam, wie ſchweigſam die Leute ſind, wenn ſie einander Viel zu ſagen haben. Während der erſten zehn Minuten ſprach weder Beauchamp noch Jſabella ein Wort, endlich aber als die Zweige über ihren Häup⸗ tern zu wehen begannen, legte er ſeine Hand fanft auf die ihre und ſagte: „Ich glaube in Bezug auf die Worte, die ich vor⸗ geſtern Abend ſprach, kann kein Mißverſtändniß obwal⸗ ten, Iſabella. Eben ſo wenig muͤßt Ihr mich für eitel oder anmaßend halten, wenn ich Eurer Antwort eine für mich günſtige Dentung gegeben habe. Ich kenne Euch zu gut, um nicht überzeugt zu ſein, daß Ihr nicht ſo geantwortet hättet, wenn Ihr geneigt geweſen wäret, gegen meine Hoffnungen zu entſcheiden. Aber doch, Iſabella, will und werde ich Euch durch die Worte, die Ihr damals ſpracht, nicht verpflichtet halten, als bis—“ „Das wollte ich eben auch ſagen,“ entgegnete Iſa⸗ bella zu Beauchamp's großer Beſtürzung. „Ich wünſchte ebenfalls in der Abſicht, mit Euch zu ſprechen, Euch zu verſichern, daß ich Euch durch die Worte, die Ihr damals ſagtet, nicht im Mindeſten für verbunden erachte.“ Sie ſprach mit erzwungener Ruhe, aber es lag ein ängſtliches Zittern in ihrer Stimme, welches ihre Auf⸗ regung verrieth, und am Ende ſchwieg ſie, um Athem zu ſchöpfen. ⸗ — 175— „Hört mich an, hört mich an,“ ſagte ſie, als ſie ſah, daß Beauchamp antworten wollte,„ſeit jenem Abend hat ſich Alles geändert. Damals glaubte ich wohl, daß mein Vater in Verlegenheit ſei, aber ich wußte nicht, daß er ruinirt iſt. Euch betrachtete ich als Mr. Beauchamp, jetzt finde ich, daß Ihr einem höhern Nange angehört, als wir, und ein Mann ſeid, der von ſeiner Braut mit Recht Stand und Vermögen erwar⸗ tet. Auch wart Ihr damals von dem traurigen Zu⸗ ſtande der Angelegenheiten meines armen Vaters nicht unterrichtet. Es iſt daher nicht mehr als recht und ehr⸗ lich, daß ich Euch jeder in einem Augenblicke edelmüthi⸗ ger Unüberlegtheit angedeuteten Verbindlichkeit enthebe, und ich thue dies hiermit vollſtändig und werde keinen Augenblick glauben, daß Ihr unrecht handelt, wenn Ihr die Sache reiflicher, ich will ſagen weiſer überlegt. Laßt daher alle Empfindungen zwiſchen uns ſich in Freundſchaft Eurerſeits, und in Dankbarkeit und Ach⸗ tung meinerſeits verwandeln.“ „Ihr gebt mich frei!“ ſagte Beauchamp, ihre Worte lächelnd wiederholend.„Wie könnt Ihr das? Meine liebe Iſabella, das iſt verrätheriſch von Euch. Wie könnt Ihr mich freigeben, während Ihr mein Herz feſter, denn je an Euch bindet. Kein Wort mehr davon, ge⸗ liebtes Mädchen. Ihr müßt mir nicht ſagen, daß Ihr mich für ein ſo ſchmuziges, erbärmliches Weſen haltet, daß eine Rückſicht auf bloßes Vermögen, während ich mehr als genug habe, nur einen Augenblick Einfluß auf mich haben könnte— ich bin der Eurige, Jſabella, wenn Ihr mich haben wollt, der Eurige auf immer, der Euch wahrhaft und innig liebt und Euch auch voll⸗ kommen verſteht, was bei ſo Vielen nicht der Fall iſt, aber ich muß Euch freigeben, liebes Mädchen und ich verlange und nehme kein Verſprechen an, als bis Ihr die Geſchichte meines vergangenen Lebens gehört habt.“. „Aber Ihr müßt es annehmen,“ ſagte Iſabella, ihre thauigen Augen lächelnd emporhebend,„dieſe Dinge müſſen ſtets wechſelſeitig ſein. Ich bin Euer oder Ihr ſeid nicht mein. Aber Beauchamp, wir kokettiren mit einander. Ihr ſagt mir, Ihr liebtet mich, und ich, wie alle thörigte Mädchen, glaube es. Sicherlich bedarf es keiner andern Geſchichte, als dieſer. Glaubt Ihr, Beau⸗ champ, daß nach Allem, was ich von Euch geſehen und nach Allem, was Ihr gethan, ich nur einen Augenblick glauben kann, die Vergangenheit könne Etwas enthalten, was mir eine andere Meinung beibringen, oder mich be⸗ wegen könnte, Euch meine Hand zu verſagen? Nein, nein, das Vertrauen eines Weibes, wenn es einmal ge⸗ geben, iſt unbegrenzt— wenigſtens iſt dies das meinige auf Euch, und ich brauche keine Geſchichte von vergan⸗ genen Tagen zu hören, ehe ich mich durch das Band — 177— an Euch feſſele, welches für jedes rechtſchaffene Gemüth eben ſo ſtark ſein muß, als ein Schwur.“ „Dank, theures Mädchen, Dank,“ antwortete ihr Geliebter,„aber doch müßt Ihr die Geſchichte hören, vielleicht nicht von meinen Lippen, denn von einem An⸗ dern wird ſie Euch beſſer mitgetheilt werden, und ich habe den guten Doctor Miles beauftragt, Euch Alles zu erzählen, denn ich will nicht, daß Euer Vater oder ſonſt Jemand ſpäter ſage oder denke, ich hätte Euch auch nur das Mindeſte verheimlicht.“ „Mir nicht! Mir nicht!“ rief Iſabella eifrig und fügte dann lachend hinzu:„ich werde den guten Doctor nicht anhören; wenn einmal Etwas erzählt werden muß, ſo ſeid ſo gut und laßt es meinem Vater erzählen.“ Beauchamp lächelte und ſchüttelte den Kopf.„Ihr werdet mich für ſehr hartnäckig und zudringlich halten,“ ſagte er,„aber Ihr müßt Das, was ich verlange, als eine Gunſt gewähren. Hört Euern würdigen Freund, den Pfarrer, an. Seine Geſchichte wird nicht ſehr lang ſein, denn es können in wenigen Worten viele traurige Dinge erzählt werden und ein Bericht über die Ereig⸗ niſſe, welche bis auf die wenigen letztvergangenen Tage mein ganzes Daſein verbittert haben, kann in fünf Mi⸗ nuten abgeſtattet werden. Ich werde es Sir John ſelbſt ſagen, aber der Grund, weshalb ich ſo angelegent⸗ Beauchamp. Dritter Band. 12 lich wünſche, daß Ihr es auch hören mögt, iſt der, daß kein Mann jemals richtig die feinern Gefühle des weiblichen Herzens beurtheilen kann. Wir können nicht wiſſen, wie Dinge, die uns auf gewiſſe Weiſe berühren, das Weib berühren, und da keine vollkommene Liebe ohne vollkommenes Vertrauen beſtehen kann, ſo müßt Ihr Alles in meiner Bruſt theilen, ſowohl Vergangen⸗ heit als Zukunft.“ „Na,“ ſagte Iſabella lächelnd,„da Gehorſam eine meiner künftigen Pflichten gegen Euch iſt, Beauchamp, ſo kann ich allerdings mit Erfüllung derſelben gleich den Anfang machen. Ich werde den guten Doctor an⸗ hören, obſchon, ich geſtehe es, ſehr ungern, aber es mag ſein, was es will, ſo kann das Alles keinen Un⸗ terſchied machen.“ Beauchamp erwiderte hierauf weiter Nichts, ſondern das Geſpräch nahm nun eine andere, angenehmere Wen⸗ dung, und da die Worte, welche ſie ſprachen, ſicherlich nicht in der Abſicht geſprochen wurden, der Welt wie⸗ der erzählt zu werden, ſo will ich ſie auch nicht wieder⸗ holen. Die Zeit fliegt ſchnell vorüber, wenn ſie die Schwingen der Liebe den eigenen zufügt und Jſabella erröthete, als ſie auf dem Rückwege an den Fenſtern des Frühſtückszimmers vorbeiging und die ganze Geſell⸗ ſchaft ſchon verſammelt und Mary an ihrem gewöhn⸗ lichen Platze ſah. Wahrend Beauchamp eintrat und — — 17— das erſte Feuer des Feindes aushielt, lief ſie in ihr Zimmer hinauf, um ihre Spazierkleidung abzulegen, aber Sir John war erbarmungslos und in dem Augen⸗ blicke, wo ſie eintrat, rief er:„Aha, junge Dame! Spaziergänge, ehe noch der Morgen graut, daß alle Deine Freunde glaubten, Du wärſt davongelaufen. Ich hoffe doch, daß Du einen angenehmen Spaziergang mit dem edeln Lord gehabt haſt? Bitte, habt Ihr über Politik geſprochen?“ „Ja wohl, ſehr gründlich!“ antwortete ſeine Toch⸗ ter mit heiterer Miene, obſchon ſie nicht verhindern konnte, daß ihr das Blut in die Wangen ſtieg. „Und zu welchem Schiuſſe ſeid Ihr über den Zu⸗ ſtand der Angelegenheiten im Allgemeinen gelangt?“ fuhr Sir John von Iſabellen auf Beauchamp blickend fort.„Werden wir Frieden oder Krieg bekommen? „Vor der Hand einen Waffenſtillſtand,“ antwortere Beauchamp,„und dann einen dauernden Frieden, deſſen Bedingungen ſpäter von Bevollmächtigten feſtgeſtellt werden ſollen.“ „Ah!“ ſagte Sir John Slingsby, der jetzt erſt be⸗ griff, wie weit die Sache zwiſchen ſeiner Tochter und ſeinem Gaſte gediehen war. Er gab daher den ſcherzen⸗ den Ton auf und verſank einige Minuten in Nach⸗ denken. Als das Frühſtück vorüber war und die Geſellſchaft 12* — 180— ſich erhoben hatte, ergriff Beauchamp ſeinen Wirth am Arm und ſagte in leiſem Tone:„Vor allen andern Dingen muß ich um einige Augenblicke Gehör bitten, Sir John.“ „Sehr gern, ſehr gern,“ ſagte Sir John Slingsby laut, und während Mary Clifford mit einem Herzen voll von freundlicher Wünſche und Hoffnungen für ihre Couſine Iſabellens Arm nahm, führte der Baronet ſei⸗ nen Freund in das Bibliothekzimmer und die Conferenz begann. Wie ſich erwarten ließ, fand Beauchamp von Sir John Slingsby's Seiten keinen kalten Widerſtand, aber nach einem herzlichen Händedruck, einer wohlver⸗ dienten Lobrede auf ſeine Tochter und einen Ausdruck ſeiner gänzlichen Zufriedenheit und Einwilligung ward das Ohr des Baronets für die Mittheilung der frü⸗ hern Lebensgeſchichte Beauchamp's in Anſpruch ge⸗ nommen. Sie brachte nicht die Wirkung hervor, die Beauchamp erwartete, denn obſchon er Sir Johns Cha⸗ rakter und Temperament kannte, war er doch nicht auf das laute Gelächter vorbereitet, mit welchem der alte Herr die Erzählung von Ereigniſſen anhörte, die den jungen Mann ſo unglücklich gemacht hatten. Aber jede Sache hat zwei Seiten, und Sir John hatte ſein gan⸗ zes Leben hindurch bei allen Dingen die lächerliche auf⸗ zufaſſen geſucht. Er lachte daher, erklärte die Sache für einen ausgezeichnet guten Scherz, aber für durch⸗ aus keine Vermählung, und erſt als er hörte, daß ge⸗ lehrte Juriſten ſie für gültig erklärt hatten, begann er die Sache mit ernſtern Augen zu betrachten. Sobald er aber wiederum die Nachricht vernahm, welche Beau⸗ champ vor Kurzem aus Paris erhalten, ſprang er vom Stuhle auf und rief:„Nun gut, ſie iſt alſo todt und die Sache hat ein Ende. Ich gratulire von Herzen, Mylord, und je eher die Heirath vollzogen wird, deſto beſſer iſt es. Ich werde das auch Iſabellen ſagen und ſie iſt, Gott ſei Dank, keine Zierpuppe. Aber kommt, laßt uns zu ihr gehen. Ich muß ſie küſſen und ihr meinen Segen geben.“ Das ganze Geſpräch hatte beinahe eine Stunde in Anſpruch genommen und als Sir John Slingsby und Beauchamp in das Geſellſchaftszimmer traten, fanden ſie darin blos Iſabellen und den guten Doctor Miles. Das Geſicht der erſtern war ungewöhnlich ernſt, man konnte faſt ſagen, traurig, und das des würdigen Geiſt⸗ lichen war ebenfalls nicht heiter. „Was giebt es denn, Doctor?“ rief Sir John Slingsby.„Ihr macht ja ein ſo ernſtes Geſicht, wie zehn Criminalrichter! Wem iſt denn die Katze geſtorben?“ „James Thomſon,“ ſagte Doctor Miles trocken, „und ich wünſchte mit Euch darüber zu ſprechen, Sir John, denn Ihr werdet doch, vermuthe ich, mit zur Leiche gehen.“ — 182— „Ihr ſeid ein ſpaßhafter Kauz, Dockor Miles,“ entgegnete der Baronet,„ich werde gleich mit Euch ſchwatzen, aber erſt muß ich meiner Tochter einen Kuß geben— den erſten, den ſie dieſen Morgen bekommen hat, denn ſie iſt hinter der Schule weggelaufen, und ſteht auch im Begriff, es wieder zu thun.“ Mit dieſen Worten drückte er ſeine Lippen auf Iſabellens Wange, flüſterte ihr einige Worte zu, bei denen ſie erröthete, hing ſich dann an Doctor Miles' Arm und führte ſei⸗ nen alten Freund aus dem Zimmer, während ſeine Tochter mit ihrem Geliebten allein darin zurückblieb. Iſabellens Geſicht ſah trauriger und ernſter aus, als Beauchamp es jemals geſehen, und ſein Herz be⸗ gann, die Wahrheit zu geſtehen, etwas unruhig zu ſchlagen, beſonders da ſie einige Augenblicke lang nicht ſprach, ſondern mit niedergeſchlagenen Augen ſitzen blieb.„Iſabella,“ ſagte er endlich,„Iſabella, Ihr ſeht ſehr traurig aus.“ „Wie kann ich anders, Beauchamp,“ fragte das ſchöne Mädchen, indem ſie ihm die Hand entgegenſtreckte, „wenn ich eben erſt eine Mittheilung über Ereigniſſe ge⸗ hört habe, von denen Euer ganzes Leben verbittert worden iſt! Ich bin darüber ſehr bekümmert und ſchenke Euch mein Mitgefühl in ſo hohem Grade, als ein Weib es einem Manne ſchenken kann, der in Verhält⸗ niſſe gerathen iſt, in welchen ſie ſelbſt ſich niemals be⸗ —, 182 finden kann. Aber wirklich, Beauchamp, es ſoll die angenehme Aufgabe meines ganzen Lebens ſein, Euch dieſe vergangenen Leiden vergeſſen zu machen.“ Seine Hand faßte, während Iſabella ſprach, wär⸗ mer und inniger die ihrige und endlich ſetzte er ſich ne⸗ ben ſie auf das Sopha, ſchlang den Arm um ihren Leib und drückte ſeine Lippen auf die Ihrigen. Sie hatte nicht den geringſten Anflug von Miß Biron an ſich und obſchon ſie ein wenig erröthete, ſo war ſie doch nicht im Mindeſten entſetzt oder erſchreckt. „Ihr macht mir alſo keinen Vorwurf,“ ſagte er, „und wollt ungeachtet alles Deſſen mein ſein, theures Mädchen?“ „Weshalb ſollte ich Euch Vorwürfe machen,“ ſagte Iſabella lächelnd.„Ihr wart ja nicht der Schuldige — ausgenommen in ſo fern, daß Ihr vielleicht ein Mal in Euerm Leben zu viel Wein getrunken hattet, und ich glaube, das iſt Etwas, was alle junge Männer thun und die alten dazu, aber die Strafe war ſicherlich weit größer, als das Vergehen und was das Euerſein be⸗ trifft, Beauchamp, ſo wißt Ihr, daß ich es bin— oder es wenigſtens ſein will, wenn Ihr es wünſcht.“ Beauchamp nahm ſie beim Wort und an demſelben Abend fanden großartige Berathungen über viele Dinge Statt. Sir John Slingsby war ein haſtiger Menſch und ſah es gern, wenn Alles eilig und haſtig ging. Liebe oder Mord, Krieg oder Vermählung, Alles ſollte bei ihm über Hals über Kopf gehen. Iſabella, Mrs. Clifford, Mary, Alle wurden überſtimmt, und da Beau⸗ champ ſich ohne Murren in ſein Schickſal fügte, ſo wie es Sir John beſtimmte, ſo ward die Vermählung auf den vierzehnten Tag nach dieſem Abende feſtgeſetzt. Zehntes Kapitel. In welchem Billy Lamb und ſeine Verwandten die Hauptrolle ſpielen. Wie ruhig ſetzt man ſich doch nieder, um die Ereigniſſe einer Geſchichte, wie die vorliegende zu erzäh⸗ len, die zu der Zeit, da ſie paſſirten, ungeheure Senſa⸗ tion erregten. Ein Grund, weshalb die Hälfte der Romane und beinahe alle Geſchichten ſo außerordentlich langweilig ſind, beſteht, glaube ich, darin, daß die Leute, welche ſie ſchreiben, nicht glauben, daß die Dinge, die ſie erzählen, wirklich geſchehen ſeien— nicht einmal in der Geſchichte. Es iſt ihnen, als ob es ſo geweſen ſein könne, als ob ſolche Dinge wahrſcheinlich Statt gefun⸗ den hätten, aber ſie beſitzen nicht jene feſte Ueberzeugung, jenen tiefen, lebensfriſchen Eindruck der Vorgänge, die ſie erzählen, welcher der Erzählung erſt Leben und Iden⸗ tität giebt. Es miſcht ſich darein immer ein Zweeifel, der den Geiſt des Verfaſſers ſcheucht und feſſelt und der durch die Genauigkeit der Forſchung noch vermehrt — 186— wird. Es fehlt irgend ein Glied in dens Beweiſen, es läßt ſich eine anſcheinende Parteilichkeit an dem gleich⸗ zeitigen Geſchichtsſchreiber wahrnehmen und irgend ein Vorurtheil von Seiten des letzten Erzählers, welches die ganze Sache verdächtig macht. Wir können nicht Leute ausfragen, die ſchon vor Tauſend Jahren geſtorben ſind und ſetzen uns hin und fragen wie Pilatus: Was iſt Wahrheit? Der Romanſchreiber hat hierin einen gro⸗ ßen Vortheil. Er trägt die Wahrheit in ſich. Alle Zeu⸗ gen befinden ſich in ſeiner eignen Bruſt. Die Erfah⸗ rung ergänzt die Thatſachen, welche die Beobachtung geſammelt hat, und die Phantaſie ordnet und ſchmuͤckt ſie. In der That, ich glaube, daß, philoſophiſch geſpro⸗ chen, ein Roman viel wahrer iſt, als eine Geſchichte. Wäre er das nicht, ſo würde er nur wenig Wirkung auf das Gemüth des Leſers äußern. Der Verfaſſer darf aber ſich nicht niederſetzen, um ihn ganz kaltblütig zu ſchreiben, als handelte es ſich blos um ein Werk der Compoſition. Er muß ſeinen Roman glauben, er muß ihn fühlen, er muß an nichts denken, als die Wahr⸗ heit zu erzaͤhlen— ja, ja, die Wahrheit der Geſchöpfe ſeiner eignen Phantaſie; für ihn muß Alles Wahrheit ſein und dieſe Wahrheit muß er der Welt mittheilen. So wie dieſe Geſchöpfe in ſeiner Einbildung handeln, denken und reden, ſo müſſen ſie auch vor dem Publikum handeln, denken und reden, und je nach ſeinem eignen Talent, die Wahrheit im Betreff gewiſſer Charaktere zu erdenken, wird er eine wahrhafte Erzählung oder eine bloße kalte Dichtung ſchreiben. Alle die Ereigniſſe, die in Tarningham Park Statt gefunden hatten, verurſachten weniger Lärm, obſchon vielleicht tiefere Empfindungen unter den Bewohnern von Sir John Slingsby's Hauſe, als in der Stadt oder Umgegend. Wie wunderte ſich„Mrs. Atterburg im goldnen Stern— es war ein Strumpfwaarenladen — über Alles was geſchehen war! Und wie ſchauderte erſt Miß Henrietta Julia Thomlinſon, die Putzmachr⸗ rin, bei dem Gedanken an Sir John Slingsby’s gänz⸗ lichen Ruin und freute ſich dann frohlockend bei den Gedanken an Miß Slingsby's Vermählung mit einem Pair des Reichs. Dann gab es wiederum eine kleine triefäugige Frau mit weißen, etwas pockennarbigen Wangen und einer ſpitzigen, rothen Naſe, welche mit einer Lärmglocke im Munde in der ganzen Stadt herum⸗ ging und alle Arten von Geſchichten über Sir John Slingsby und die ganze Familie in Tarningham Park ausſprengte. Miß Slingsby, ſagte ſie, werde förmlich verkauft und das für ſie gezahlte Geld ſei verwendet worden, um den Baronet von einem Theile ſeiner Schulden zu befreien, aber ſie gab auch zu verſtehen, daß damit bei Weitem noch nicht Alles abgemacht ſei, und erklärte ganz entſchieden, daß ſie auf dieſe Sicher⸗ — 188— heit hin kein Geld ausborgen möge. Dieſe würdige Frau war eine ſchätzbare Allirte für Mr. Wharton, denn dieſer verdauete die erfahrene Täuſchung nicht ſo ohne Weiteres. Er war der Meinung, daß man ihn ſehr mißhandelt habe, maßen es ihm nicht geſtattet worden, Sir John Slingsby bis auf die Haut zu ſchee⸗ ren. Er wußte jedoch der Sache noch ein leidliches Ge⸗ ſicht zu geben, indem er Jedermann verſicherte, daß es ihm ungeachtet ſeiner bedeutenden Anſprüche und der großen Wahrſcheinlichkeit, daß er viele Tauſend Pfund armen Freund ſolche Schritte zu thun, wenn er nicht gehört hätte, daß Mr. Wittingham beſchloſſen habe, ihn Mann, der ſich Lord Lenham genannt, war, wie er ſagte, allerdings aufgetreten, um Sir John Beiſtand zu leiſten, aber er fürchte ſehr, dieſer Beiſtand werde nicht viel helfen und Miß Slingsby werde, obſchon ſie geſchickt zu manövriren verſtehe, am Ende ſich doch ge⸗ täuſcht ſehen, da die Sache in mehrfacher Hinſicht et⸗ was ſehr Verdächtiges habe. Er wollte hiermit durch⸗ aus nichts Unangenehmes geſagt haben, aber es ſei wirklich etwas Verdächtiges, etwas ſehr Verdächtiges an der ganzen Geſchichte, und wer Luſt habe, ſich ſeine Worte zu merken, der möge es thun. Die Leute merkten ſich ſeine Worte und begannen verlieren würde, niemals eingefallen wäre, gegen ſeinen wegen dieſer großen Schuld verhaften zu laſſen. Ein — 189— nun Alle zu forſchen, worin dieſe verdächtigen Umſtände beſtänden, ſo daß durch Fragen und Antworten, An⸗ deutungen, Winke, Muthmaßungen, Klätſchereien, zwei⸗ felhafte Anekdoten und pure Lügen die kleine Stadt Tar⸗ ningham mehrere Tage lang in einem Zuſtand von au⸗ ßerordentlichem Geplauder und Wirrwarr erhalten ward, ausgenommen zur Eſſenszeit, wo die Straßen zu ihrer ſchweigſamen Ruhe zurückkehrten und keine Seele zu ſehen war, als der kleine verwachſene Billy Lamb, der erſt ſein Bret voll ſchäumender Bierkannen wegtrug und dann mit einem Packet Briefe und Zeitungen den Hügel hinaufkeuchte. Da es gerade ein ſchöner Tag iſt und jene großen, ſchweren, ſchwimmenden Wolken häu⸗ fig einen angenehmen Schatten geben, ſo ſehe ich nicht ein, warum wir ihm nicht hinauf nach der Chandleigh Haide folgen ſollten. Wie ſchnell tragen doch die un⸗ verhältnißmäßig langen Beine des kleinen Burſchen ſei⸗ nen kleinen, runden, truthahnähnlichen Körper! Aber Billy Lamb muß noch ſeine Mutter beſuchen, nachdem er ſeinen Gang beſtellt, ſonſt würde er zur warmen Mittagszeit nicht ſo ſchnell gehen. Es ſind im Ganzen genommen zwei tüchtige Stunden Weges, aber er legt ſie in fünfoiertel Stunden zurück. So wahr ich lebe, er iſt ſchon auf der Haide. Man kann kaum mit ihm fortkommen, und jetzt iſt er an dem Gartenthore des Landhauſes. Was für ſeltſame Dinge ſind doch poeti⸗ 8 ſche Ideen und wie unähnlich ſind ſie der Wirklichkeit! Die poetiſche Idee von einem Landhauſe zum Beiſpiel kommt ſelten der Wahrheit ſehr nahe. Wir denken uns eins und bedecken es mit Roſen und umgeben es mit blühenden Geſträuchen. Das kann Alles ſehr gut ſein, denn es giebt ſolche Landhäuſer, aber dann entblößen wir ſie auch von allen groben Attributen des Lebens, wir entfernen die Uebel der Armuth, der Gemeinheit und des Laſters und laſſen Nichts darin wohnen, als Zufriedenheit, naturliches Zartgefühl und ruhige Un⸗ ſchuld. Ein ſolches poetiſches Landhaus iſt weder der Schauplatz von Kämpfen mit dem Schickſal, die kalte, freudloſe, oft von Lebensmitteln entblößte und von Mangel, Rauch und einem Dutzend Kinder angefüllte Hütte, noch der gezierte, flitterhaft herausgeputzte, mit einem ſchlechten Pianoforte verſehene Wol hnort eines Trödlers, der ſich von den Geſchäften zurückgezogen, noch der verſteckt liegende heimliche Aufenthalt der un⸗ terhaltenen Maitreſſe. Es iſt kein Elend und kein Seuf⸗ zen darin, keine gemeine Sprache und kein Branntwein, keine ſchwarzen Augen, Locken, Flitterſtaat, Putz und Lüge. Wir denken uns Nichts, als Liebe und Roſen, einen Viertelacker vom Paradieſe mit einem kleinen Hauſe in der Mitte. Das iſt unſere poetiſche Idee von einem Landhäuschen. Dieſer Idee entſprach aber die Art von Landhaus keineswegs, an deſſen Gartenthor Billy Lamb jetzt herantrat. Es war von einem ungebildeten gemeinen Mienſchen erbaut worden, es war von einem verſchmitz⸗ ten, verwegenen Schurken bewohnt und der verſchmitzte Schurke ging eben mit der Dame, die wir ſchon mehr als ein Mal erwähnt haben, auf und ab. Er ſah ſich ſcharf um, als er das Gartenthor knarren hörte, gr⸗ wann aber beim Anblick des kleinen Schenkjungen ſeine ganze Faſſung wieder. Er nahm ihm die Briefe und Zeitungen ab, betrachtete die Couverts und fragte dann mit gleichgültiger Miene: „Nun, mein Sohn, was giebt's Neues in Eurer kleinen Stadt?“ „Nicht viel, Sir,“ ſagte Billy Lamb,„man hört von nichts ſprechen, als von der Vermählung des Lords mit Miß Slingsby.“ Die Augen der Dame blitzten unheimlich auf und ihr Gefährte fragte weiter: „Nun, und was ſpricht man davon 2 „Nichts, als daß ſie auf den Montag über acht Tage Statt finden ſoll,“ entgegnete Billy Lamb,„und faſt die ganze Stadt iſt damit beſchäftigt, theils mit dem Munde und theils mit den Händen, um Alles fertig zu machen, denn Miß Iſabella will ſo viel möglich Alles in Tarningham fertigen laſſen.“ „Da wird es verdammt ſchlecht ausfallen,“ ant⸗ wortete der Herr.„Und was hat denn der Lord vor?“ „Ich weiß von Nichts,“ verſetzte der Schenkjunge, „es kommen jetzt blos alle ſeine Leute und Sachen, Wa⸗ gen und Pferde und dergleichen an. Der Hof ſteht ſchon ganz voll davon.“ „Alſo Montag über acht Tage, nicht wahr?“ fragte Capitain Moreton wieder.„Na, je eher, deſto beſſer.“. „Ja wohl,“ rief die Dame,„und er wird Gäſte zu ſeiner Hochzeit bekommen, die er nicht erwartet.“ Sie ſagte das wie um den in ihr tobenden leiden⸗ ſchaftlichen Empfindungen Luft zu machen, und ehe ihr Gefährte ſie noch daran hindern konnte, und der Knabe richtete plötzlich ſeine hellen und verſtändigen Augen auf ihr Geſicht, auf dem er die deutlichen Spuren aller der wüthenden Leidenſchaften las, die in ihrer Bruſt arbei⸗ teten. „Ach ja,“ rief Moreton, der den indiscreten Wor⸗ ten gern eine andere Bedeutung unterſchieben wollte und den Arm der Dame feſt an ſich drückte, um ihr Still ſchweigen einzuſchärfen,„ohne Zweifel wird die ganze Stadt und Umgegend zuſammenſtrömen.“ „O ja, Sir,“ antwortete Bill) Lamb,„obſchon man ſagt, daß die Sache ganz im Stillen vor ſich ge⸗ — 193.— hen ſoll. Guten Morgen, Sir,“ und damit ging er fort und ſchloß das Gartenthor wieder hinter ſich zu. „Ha, ha, ha,“ rief der würdige Capitain laut la⸗ chend,„das iſt köſtlich, Charlotte. Du ſiehſt, unſere Forelle hat an die Fliege gebiſſen. „Und ich habe ihn nun an der Angel,“ ſagte die Dame bitter. „Ja,“ verſetzte Capitain Moreton, und nun iſt es hohe Zeit, daß wir überlegen, wie wir mit unſerm Fiſch am Vortheilhafteſten ſpielen. Vor allen Dingen muß natürlich die Vermählung Statt finden, ſonſt entſchlüpft er uns wieder, meine Schöne, aber dann kommt der Spaß und ich glaube, es dürfte ſelbſt dann gerathen ſein, keinen großen Lärm zu machen, ſondern ihm blos poſitiven Beweis von Deiner Exiſtenz zu geben, ihn zu ängſtigen und zu peinigen, ihm tüchtige Contribution aufzulegen und ihn trocken zu legen, wie einen Heu⸗ haufen.“ „Ich will Rache haben,“ rief die Dame wild, „ich kümmere mich um Nichts weiter, aber ich will Rache haben, ich will ihn öffentlich zu einem Gegenſtand des Hohnes und des Spottes machen, ich will ihn vor Gericht quälen, ich will ſein ſtolzes Herz unter der Ver⸗ achtung der Welt brechen— verſuche nicht, mir dabei Einhalt zu thun, Moreton, denn ich will mich rächen. Beauchamp. Dritter Band. 13 — 49½— Du denkſt an Nichts als an Geld, aber Rache iſt für mich ſüßer, als alles Gold der Erde.“ „Es giebt verſchiedene Arten von Rache,“ antwor⸗ tete Moreton ruhig,„und verlaß Dich darauf, die, die ich beabſichtige, iſt weit ſchrecklicher. Sobald er nur einmal vermählt iſt, und dann ganz ruhig in Kenntniß geſetzt wird, daß Du nock lebſt, denke Dir, welche langſame Martern Du ihm jahrelang auflegen kannſt, ſo lange es Dir beliebt. Du ſtehſt dann hinter ihm, wie ein unſichtbarer, aber fühlbarer Schatten, der ſeine ganze Exiſtenz durch eine dunkle Wolke verdüſtert. Jede Stunde muß er Entdeckung, Schande und Strafe fürchten. Er wird niemals einen Fremden erblicken oder einen Brief empfangen, ohne daß dieſe Furcht ihn ſchüttelt. Er wird fortwährend ſein ganzes häusliches Glück zuſammenbre⸗ chen ſehen, auf dem Geſichte jedes ſeiner Kinder wird er das Wort„Baſtard“ leſen und ſein Herz muß verwelken und zuſammenſchrumpfen, wie ein Blatt im Herbſte. Der Schlaf wird von ſeinem Bette, die Eßluſt von ſeinem Tiſche, die Heiterkeit von ſeinem Heerde und die Ruhe aus ſeinem ganzen Leben verbannt ſein. Selbſt der ſüße Becher der Liebe muß ſich an ſeinen Lippen in Gift verwandeln, und unſere Rache iſt dann dauernd, immerwährend und ſtets gleich ſtark. Das iſt die Art von Rache, die ich wünſche.“ „Aber nicht wie ich ſie wünſche,“ rief die Dame, — — 19⁵5— „nicht wie ich ſie wünſche, ich will ſie auf ein Mal ha⸗ ben, ich will ihn zermalmt und vernichtet ſehen, ich will meine Augen an ſeinem Elend weiden. Nein, nein, ſolche langſame ſtumme Rache taugt nur für ruhige kalt⸗ blütige Menſchen. Ich ſage Dir, Du ſollſt mich nicht hemmen,“ fuhr ſie wild fort, als ſie ſah, daß er ihr mit einem Grad kalter Ruhe zuhörte, den ſie nicht liebte. „Du kannſt den Weg einſchlagen, der Dir beliebt, ich werde meinen eignen gehen.“ „Vortrefflich,“ ſagte Capitain Moreton hämiſch, „vortrefflich, meine ſanfte Charlotte, aber laß mich Dir bemerklich machen, daß wir in Uebereinſtimmung han⸗ deln müſſen. Du kannſt Nichts ohne mich thun, ich kann der ganzen Sache mit einem Worte ein Ende ma⸗ chen. Bitte, entſinne Dich der kleinen Andeutung, die ich Dir vorgeſtern Abend gab, und nun da der Augen⸗ blick gekommen iſt, in welchem wir aus Dem, was wir ſo lange zu erreichen geſtrebt, die größten Vortheile zie⸗ hen können, wirſt Du mich nicht zwingen, alle Deine Pläne zu vereiteln, indem Du die meinen zu vereiteln verſuchſt.“ „Ha,“ rief die Dame,„ha!“ aber ſie ſagte Nichts weiter und ging in ſich verſunken nachdenklich mehrere Minuten auf und ab, worauf ſie ſodann Bruchſtücken eines Italieniſchen Liedchens zu trällern begann. Capi⸗ tain Moreton, der ihre veränderliche Laune wohl kannte, 13* — 196— glaubte, ſie ſei auf andere Gedanken gekommen, aber er irrte ſich. Er hatte die Saat geſtreut, deren Frucht er binnen Kurzem ernten ſollte. Mittlerweile blieb der Knabe Billy Lamb, nachdem er, wie wir geſagt haben, das Gartenthor zugemacht, einen Augenblick ſtehen und nahm dann ſeinen Weg über die Gemeindewieſe in der Richtung nach Stephen Gim⸗ lets Haus, welches etwa drei Viertelſtunden Weges ent⸗ fernt war. Er ging mit ziemlich ſchnellen Schritten, aber zwei oder drei Mal blieb er ſtehen und dachte tief nach. Er war ein beobachtender Knabe und ſah und hörte mehr als die Leute glaubten. Er war ein Knabe von inniger Empfindung und hatte eine große Neigung zu Beauchamp gefaßt, welche Allem, was dieſem Gent⸗ leman anging, in ſeinen Augen ein großes Intereſſe verlieh. Er wiederholte ſich, als er das erſte Mal ſte⸗ hen blieb, die unvorſichtigen Worte, welche die Dame —,.— geſprochen hatte, Sylbe für Sylbe.„Er wird Gäſte zu ſeiner Hochzeit bekommen, die er nicht erwartet,“ ſagte der Knabe nachdenklich.„Sie machte auch ſehr wüthende Augen. Ich möchte wiſſen, was ſie damit ſagen wollte. Etwas Gutes gewiß nicht, das ſah man ihr an den Augen an.“ Er ging dann etwa eine Viertelſtunde weiter und dies Mal war es ein ſchmaler Weg zwiſchen zwei Hecken, auf welchem er ſtehen blieb.„Du ſiehſt, unſere Forelle — 197— hat an die Fliege gebiſſen!“ ſagte Billy Lamb, woraus hervorging, daß er wenigſtens einen Theil von Dem ge⸗ hört hatte, was, nachdem er den Garten verlaſſen, geſprochen worden war.„Die Forelle, von der er ſprach, muß Mr. Beauchamp ſein, das heißt, der Lord. Ich kann mir es nicht erklären. Ich will es Stephen ſagen, denn der ſcheint Viel von allen dieſen Leuten zu wiſſen, oder auch dem guten, freundlichen Capitain Hahward. Der iſt ein großer Freund dieſes Lords und wird es ihm wiederſagen, denn ich glaube gewiß, man ſucht ihm zu ſchaden.“ Als er jedoch Stephen Gimlet's Hütte erreichte und die Thüre öffnete, fand er das vordere Zimmer nur von dem kleinen Knaben bewohnt, der auf einem Sche⸗ mel ſtand und in einer alten großen Bibel blätterte, die mit einigen grotesken Bildern verziert war, auf denen Adam und Eva ziemlich nackt, die Schlange mit einem Menſchenkopf voll großer Locken, der Perücke eines Eng⸗ liſchen Advokaten in Amtstracht ſehr ähnlich, dieſelbe Perſonage in der bequemern Geſtalt eines Satyrs nebſt einer Anzahl Engel und Noahs Arche mit allen ihren Beſtien die hervortretendſten Gegenſtände waren. Das Kind drehte ſich ſchnell herum, um zu ſehen, wer herein käme, und ließ die Blätter, die es in der Hand hielt, auf die andern fallen, und dabei flog ein alter vergilbter Papierſtreifen heraus, der eine ſpiralför⸗ — 198— mige Bewegung in der Luft machte, ehe er den Suu erreichte. Der kleine Knabe ſchoß ſogleich hinterher und hob ihn auf, ehe noch Billy Lamb ſehen konnte, was derſelbe enthielt. Der Schenkjunge verſuchte ſodann ſei⸗ nen kleinen Verwandten das Papier aus der Hand zu nehmen, aber dieſer wollte es nicht hergeben und ſagte in kreiſchendem Tone: „Nein, nein, nein, es iſt der Großmutter,“ und in demſelben Augenblick ließ ſich die Stimme der Wittwe Lamb aus dem innern Zimmer vernehmen, welche fragte: „Wer iſt denn bei Dir, Kind?“ „Ich bin es, Mutter,“ antwortete der verwachſene Knabe.„Iſt Stephen drinn? Ich mögte gern mit ihm ſprechen.“ „Nein, mein armer William,“ antwortete die Alte, indem ſie heraustrat und ihren Sohn umarrte,„er iſt ſchon lange fort.“ „Iſt Capitain Hayward oben?“ fragte Billy Lamb. „Der iſt auch ausgegangen,“ antwortete die Wittwe. „Er war geſtern zum erſten Male wieder aus, und heute haben wir eine großartige Geſellſchaft hier gehabt, die ganzen Damen zu Wagen und Mr. Beauchamp zu Fu⸗ ße; Mrs. Clifford kam, um ſich freundlich nach mir zu erkundigen, und dann beredeten ſie Capitain Hay⸗ — 199— ward mit ihnen auszugehen. Das heißt, Capitain Hah⸗ ward mit Miß Mary und Miß Slingsby mit Mylord Lenham. Sie ſind Alle hinauf nach dem Herrenhauſe gegangen, Mrs Clifford in dem Wagen und die Andern zu Fuße und ich wuͤrde mich nicht wundern, Bill, wenn Capitain Hayward gar nicht wiederkäme.“ „Das trifft ſich unglücklich,“ rief Bill,„ich wollte ſo Viel mit ihm oder mit Stephen ſprechen.“ „Nun was giebt's denn, mein guter Sohn?“ fragte die Mutter.„Wenn Du mir ſagen willſt, was es iſt, ſo will ich es Stephen wiſſen laſſen, wenn er wieder⸗ kommt.“ „Nun die Sache iſt die, Mutter,“ antwortete der verwachſene Knabe,„Stephen fragte mich neulich ſehr Viel über den Herrn, der das Landhäuschen auf der Chandleigh⸗Haide gemiethet hat und wie er hieße. Jetzt habe ich ſeinen Namen erfahren, er heißt Capitain Mo⸗ reton.“ „Mit dem mache Dir Nichts zu ſchaffen, Bill,“ rief die Wittwe,„mit dem mache Dir Nichts zu ſchaf⸗ fen! Er iſt ein nichtswürdiger Schurke und hat Alle in's Verderben gebracht, die jemals in einer Verbindung zu ihm geſtanden haben.“ r.„Nun, Mutter,“ antwortete Billh Lamb,„ich habe weiter Nichts mit ihm zu ſchaffen, als daß ich ihm ſeine Briefe und Zeitungen bringe, aber ich hörte heute Et⸗ was bei ihm, wovon ich glaube, Stephen werde es gern wiſſen wollen, denn ich bin überzeugt, er und die Dame, die er bei ſich hat, karten Etwas ab, um dieſen Lord, der ſo gütig gegen den armen Ste war, in Scha⸗ den zu bringen.“ „Wie! Was hörteſt Du?“ fragte die alte Dame. „Das geht mich mehr an, als Stephen, denn ich weiß von dieſer Dame mehr als er.“ „Sie ſcheint gerade nicht ſehr ſanft zu ſein,“ ant⸗ wortete der Knabe,„denn als ich dem Capitain ſagte, daß Lord Lenham Sir Johns Tochter heirathen werde, machte ſie ein Geſicht, als ob ſie Luſt hätte, Jemandem die Augen auszukratzen.“ „Er will Sir Johns Tochter heirathen?“ rief die Wittwe Lamb.„Weißt Du das gewiß, Bill?“ „Ganz gewiß! Habt Ihr noch Nichts davon ge⸗ hört?“ ſagte der Knabe.„Es wiſſen's ja in Tarning⸗ ham alle Leute, und es ſind ſchon eine Menge Sachen beſtellt.“ Die Wittwe Lamb dachte einige Augenblicke ernſt nach, dann ſchüttelte ſie den Kopf und ſagte leiſe wie zu ſich ſelbſt: „Ich fange an zu verſtehen. Nun, was hörteſt Du denn weiter, Billy.“ „Nun nach einigem Geplauder,“ ſagte der Knabe, „als ſie hörten, daß die Hochzeit auf den Montag über „— acht Tage Statt finden ſollte, rief die Dame: Er wird Gäſte bekommen, die er nicht erwartet, und dabei ſahen wie zwei glühende Kohlen. Sie ſagte nicht Viel weiter, denn der Capitain bemühte ſich, ſie zum Schweigen zu bringen, ſobald ich aber durch das Gartenthor war, hörte ich herzlich auflachen und er ſagte ganz laut: Das iſt köſtlich, Charlotte, Du ſiehſt, unſere Forelle hat an die Fliege gebiſſen.“ „Alſo haben ſie nach ihm geangelt,“ ſagte die Wittwe Lamb.„Was hörteſt Du denn noch weiter, mein Sohn.“ „Nun ich wollte nicht gern ſtehen bleiben und hor⸗ chen, Mutter,“ fagte der arme verwachſene Knabe, „aber ich dachte, die Sache wäre nicht ganz richtig, und deshalb entſchloß ich mich, es Stephen oder Capitain Hayward, oder ſonſt Jemandem zu ſagen, denn dieſer Mr. Beauchamp, der, wie wir nun erfahren haben, ein Lord iſt, war immer ſehr freundlich gegen mich, als er noch im Gaſthofe logirte, und gab mir manchen Schil⸗ ling, und ich mögte nicht gern, daß ihm Jemand ſcha⸗ dete, wenn ich es hindern kann, und ich ſah, daß dieſe Dame und ihr Mann ſehr böſe auf ihn zu ſprechen waren.“ „Er iſt nicht ihr Mann,“ ſagte die Wittwe Lamb, indem ſie ſpöttiſch den Mund verzog,„aber darauf kommt Nichts an, Bill, Du biſt ein guter Junge und ihre Augen aus, haſt ganz recht gehandelt, und vielleicht wird dadurch viel Unheil verhindert, ſo daß es Dir zur Freude gerei⸗ chen muß, mein Sohn. Ich will Stephen die ganze Sache erzählen, wenn er wiederkommt, und wir wollen die Sache noch heute Abend mit einander beſprechen und ſehen was ſich thun läßt. Es iſt wunderbar, ſehr wunderbar, Billy, wie es in der Welt zugeht. Vor⸗ nehme Leute wiſſen nicht alle Mal, wenn ſie armen Leuten wie uns, Gutes thun, daß ſie wohlthätig gegen Menſchen ſind, die im Stande ſind, ihnen wieder Gu⸗ tes, zu thun. Durch das, was Du mir geſagt haſt, Bill, bin ich in den Stand geſetzt, dieſem guten Lord Mittheilungen zu machen, damit er nicht in eine fürch⸗ terliche Klemme gerathe. Ich bin überzeugt, er weiß nicht Alles, mein Sohn, ich bin überzeugt, daß ihm Vieles verſchwiegen worden iſt, und das, was Du mir da ſagſt, kann die ganze Sache in Ordnung bringen.“ „Na, das iſt ſchön,“ antwortete der verwachſene Knabe.„Es macht einen ordentlich leicht ums Herz, wenn man weiß, daß man im Stande geweſen iſt, Et⸗ was zu thun, was einem ſo guten Herrn nützen kann, und ich werde daher ganz fröhlich nach Hauſe ge⸗ hen.“ „Das kannſt Du, Bill,“ entgegnete ſeine Mutter, „aber theile mir Alles mit, was Du vielleicht noch hörſt, — 203— denn Du kannſt nicht wiſſen, was wichtig iſt und was es nicht iſt.“ Der Knabe verſprach zu gehorchen und ging fort, indem er eine jener eigenthümlichen Melodien pfiff, die er ſo ſehr liebte, und in welchen, obſchon ſie von mun⸗ terer und heiterer Art waren, doch dann und wann ein ſchwermüthiger Ton durchdrang, der vielleicht aus einem innigen, obſchon verborgenen Gefühle ſeiner kör⸗ perlichen Gebrechlichkeit hervorging.— Es war ſpät am Abend, ehe Stephen Gimlet wie⸗ derkam, aber die Wittwe Lamb begann ſogleich mit ihm eine Berathung über das was ſie gehört hattte, und dieſe Conferenz dauerte bis tief in die Nacht hinein. Am nächſten Morgen frühſtückte dann der Wild⸗ hüter ſehr zeitig, ſetzte dann ſeinen Hut auf und ſagte: „Ich will nun gehen, Mutter Lamb. Ich werde mich etwas tölpiſch dabei benehmen, glaube ich, aber es macht Nichts aus, er wird zuletzt doch einſehen, daß man blos um ſeines eigenen Beſten willen über ſo unan⸗ genehme Dinge mit ihm ſpricht. Alſo vorwärts.“ „Es wäre beſſer, Ihr wartetet noch ein Weilchen, Stephen,“ ſagte die Wittwe,„höchſt wahrſcheinlich iſt er noch nicht aufgeſtanden, denn es iſt noch nicht um ſieben.“ „Es wird ziemlich acht ſein, ehe ich hinkomme,“ —— antwortete Stephen Gimlet,„und ich kann ja warten, bis er mich vorläßt.“ Mit dieſen Worten ging er fort und ſchritt weiter über die Felder, bis er auf der Straße, die gerade ober⸗ halb des Hauſes über den Hügel führt, nach Tarning⸗ ham Park kam. Er folgte jedoch nicht dem Fahrwege, ſondern ſchlug den kürzern Fußſteig durch die Kaſtanien⸗ bäume ein, und ſah in ungefähr zehn Minuten nach ſei⸗ nem Eintritte durch das Parkthor das Herrenhaus. Vor dem Thore deſſelben, das ungefähr noch acht Mi⸗ nuten entfernt war, ſtand ein Reiſewagen, und kaum hatten Stephen Gimlets Augen eine Weile darauf ge⸗ ruht, als ein Diener hinten aufſtieg und der Poſtillon die Peitſche leicht über de Pferde legte. Der Wagen rollte fort und der Wildhüter folgte ihm mit den Au⸗ gen, während er gleichzeitig eine Art von ſchlimmer Ah⸗ nung empfand, aber er ſetzte deſſen ungeachtet ſeinen Weg nach dem Hauſe fort und fragte durch die Diener⸗ ſtube eintretend den erſten Diener, der ihm begegnete, ob er einen Augenblick mit Lord Lenham ſprechen könne.“ „Das könnt Ihr nicht, Ste,“ antwortete der Die⸗ ner,„denn er iſt ſo eben nach London abgereiſt. Er wird auch unter einer Woche nicht wiederkommen, wie man ſagt, und dann iſt Hochzeit, lieber Freund, und deshalb habt Ihr wenig Ausſicht, mit ihm eher zu ſpre⸗ chen, als bis die Flitterwochen vorüber ſind.“ — 205— Stephen Gimlet blickte verlegen zu Boden und ſagte dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht:„Ah, alſo Hochzeit iſt, ich habe ſchon Etwas davon gehört. Er iſt ein ſo guter, freundlicher Herr, wie nur jemals einer gelebt, und ich wünſche, daß er glücklich ſein möge.“ „Ich glaube, er wird es ſein,“ ſagte der Diener, „denn unſer junges Fräulein wäre würdig, die Frau eines Königs zu ſein. Da aber die eine Heirath ihn ſo lange Zeit ſehr unglücklich gemacht hat, ſo iſt es nicht mehr als Recht, daß die zweite den Schaden wieder gut macht.“ „Ihr ſagt alſo, er ſei ſchon ein Mal verheirathet geweſen?“ fragte der Wildhüter. „Ja wohl,“ entgegnete der Diener,„keiner von unſern Leuten, nicht einmal Sir Johns Verwalter noch ſonſt Jemand, hat ein Wort davon gewußt, bis ich es berauskriegte. Ich will Euch ſagen, wie das zuging, Ste. Vorgeſtern Morgen ſagte der Kellermeiſter zu mir: Harriſon, ſeid ſo gut und räumt das Geſchirr von der Frühſtückstafel, denn ich habe die Gicht in der Hand— er hat nämlich immer die Gicht, weil er ſo viel Bier trinkt und außerdem noch Wein. Gut, als ich in das Frühſtückszimmer ging, nachdem Alle fort waren, ſah ich, daß die Thüre des Bibliothekzimmers ein Wenig of⸗ fen ſtand, aber ich achtete nicht darauf, und Doctor Miles und Sir John ſprachen darin und hörten nicht, daß ich in dem andern Zimmer war. Ich konnte nicht Alles verſtehen, was ſie ſagten, aber ich hörte doch ſo Viel, daß Mylord Lenham ſchon lange verheirathet gewe⸗ ſen iſt, daß aber an der Dame nicht viel Gutes war, und daß ſie viele Jahre lang Jedes für ſich gelebt haben, bis Mylord neulich aus Paris erfuhr, daß ſie todt ſei, und nun hielt er um Miß Iſabellen an. Doctor Miles ſagte Etwas davon, man mögte die Vermählung nicht übereilen, aber der muntere alte Baronet ſagte, das wäre dummes Zeug, die Hochzeit müſſe gefeiert werden, ehe vierzehn Tage um wären, und er wollte zwei Fäſ⸗ ſer Portwein anzapfen und die halbe Grafſchaft betrun⸗ ken machen.“ „Und wenn wird denn nun die Hochzeit ſein?“ fragte Stephen Gimlet. Aber die Antwort des Mannes beſtätigte blos, was er ſchon früher gehört hatte, und mit einem keineswegs zufriedenen Geſicht ſchlug der Wild⸗ hüter wieder den Weg über den Park ein und murmelte bei ſich ſelbſt, ſobald er hinaus in's Freie war:„Goody Lamb hatte Recht! Man hat ihm weiß gemacht, ſie ſei todt, das iſt klar. Da iſt irgend eine teufliſche Geſchichte im Werke, und ich weiß wirklich nicht, was man an⸗ ſtellen ſoll. Auf alle Fälle will ich wieder nach Hauſe gehen und mit der alten Frau ſprechen, denn die iſt in ſolchen Dingen ein ganz durchtriebener Schlaukopf.“ — 207— Als er ſo weiter ging, ſah er unſern Freund Ned Hatyward langſam in einiger Entfernung hinſpazieren und empfand große Luſt, ihm nachzugehen und ihm Alles zu ſagen, was er Beauchamp mi zutheilen gewünſcht hatte, aber dann beſann er ſich, daß er kein Recht habe, das, was er von den Geheimniſſen des Letztern wußte, einem Andern mitzutheilen, der vielleicht nicht ganz in ſein Ver⸗ trauen eingeweiht ſei. Ueberdies war Ned Hayward nicht allein, es flatterte ein Damenkleid neben ihm, und er ſchien mit ſeiner ſchönen Begleiterin in angelegentli⸗ chem Geſpräch begriffen zu ſein. Sie gingen allerdings nicht Arm in Arm mit einander, aber doch ſehr dicht beiſammen, und als Stephen Gimlet ſtillſtand und noch überlegte, ſah er wie die Dame häufig ihren Kopf auf einen Augenblick emporrichtete, als ob ſie ihrem Beglei⸗ ter in's Geſicht blickte und ihn dann wieder ſenkte, als ob ſie auf den Boden ſchaute. Der Wildhüter ſchloß aus dieſen Anzeichen, daß ſie ganz beſonders beſchäftigt ſeien und ſich nicht gern ſtö⸗ ren laſſen würden, und dies in Verbindung mit den obengenannten Gründen bewog ihn, wieder nach ſeiner Hütte zu gehen, wo er die Wittwe Lamb in ihrer gro⸗ ßen Bibel leſend antraf. Gimlets Geſchichte war bald erzählt und ſeine Schwie⸗ germutter ſchien für den Augenblick eben ſo verlegen, als er. Er machte ihr dann vorſtellig, ob es nicht vielleicht gerathen ſei, die Kenntniß die ſie erlangt, Capitain Hayward oder Sir John Slingsby mitzutheilen, aber die Wittwe Lamb rief ſogleich: „Nein, Stephen, nein, wir könnten mit der Ab⸗ ſicht, Gutes zu thun, nur Unheil anrichten. Wir müſſen warten, er wird doch vor dem Hochzeitstage wiederkom⸗ men, und dann müßt Ihr ihn ſprechen. Ich werde dann mit Euch gehen und ſelbſt mit ihm ſprechen, denn ich habe Viel zu ſagen, was ich nur ihm ſelbſt ſagen will.“ „Aber geſetzt, wir wären nicht im Stande mit ihm zu ſprechen?“ ſagte Stehen Gimlet.„Oder wenn ihn nun Etwas abhielte, eher als am Hochzeitstage ſelbſt einzu⸗ treffen?“ „Da, glaube ich, müſſen wir mit Jemand anders ſpre⸗ chen,“ entgegnete ſeine Schwiegermutter,„aber fürchtet Nichts, Stephen, uberlaßt Alles mir.“ Stephen Gimlet fürchtete aber, denn er war einer jener unglücklich eifrigen Leute, welche, wenn ſie ſich das Intereſſe eines Andern zu Herzen nehmen, niemals zu⸗ frieden ſind, als bis ſie dieſes Intereſſe vollkommen ge⸗ ſichert ſehen. Auch war er ſein ganzes Leben hindurch ge⸗ wohnt geweſen, Alles ſelbſt zu beſorgen, ſich auf Nie⸗ manden zu verlaſſen und in Bezug auf Erreichung ſeiner Wünſche ſeinen eigenen Anſtrengungen zu vertrauen. Es iſt dies eine unglückliche Gewohnheit, welche den Leuten, die ſie beſitzen, viel Uuruhe macht, und ihre Mühe und — — 209— Beſorgniß verdreifacht, denn von Allem, was ein Menſch zu thun wünſcht, kann er unter gewöhnlichen Umſtänden bei dem complicirten Zuſtande der Geſellſchaft in wel⸗ cher wir leben nicht über ein Drittel mit eigenen Hän⸗ den verrichten, aber doch hatte Stephen Gimlet dieſe Gewohnheit und gleich einem alten Kutſcher keine Ruhe, wenn er die Zügel in den Händen eines Andern ſah. Beauchamp. Dritter Band. 14 Eilftes Kapitel. In welchem Ned Hayward und Mary Clifford ſich vollkom⸗ men verſtändigen. Und was und worüber ſprachen wohl Ned Hah⸗ ward und Mary Clifford? Wartet eine Minute und ihr ſollt Alles hören, aber erſt laßt mich nur eine einzige Bemerkung machen. Ich habe während einiger Bekannt⸗ ſchaft mit dem Leben und genauer Unterſuchung aller ſeiner ſonderbaren kleinen Nebenwege und ſchmalen Gäß⸗ chen bemerkt, daß die Unterhaltung, welche zwiſchen zwei Leuten Statt findet, die ganz allein mit einander ſprechen, ohne andere Augen⸗ und Ohrenzeugen zu ha⸗ ben, als grüne Gefilde und belaubte Bäume, niemals, wenigſtens ſehr ſelten, eine ſolche iſt, wie ſie Jemand nach ſeiner Kenntniß von dem Charakter beider Perſo⸗ nen, wie genau dieſelbe auch wäre, erwartet hätte. Es war eine außerordentlich richtige, gerechte, angemeſſene An⸗ ſicht von der Sache, die man nahm, als die Leute(ich weiß nicht wer) entſchieden, daß Drei eine Verſammlung bilden. Wir Alle wiſſen es, wir Alle fühlen es unwill⸗ kürlich: Drei ſind eine Verſammlung und wenn wir vor einer Verſammlung ſprechen, ſo ſprechen wir zu einer Verſammlung. 8 Aber Mary Clifford und Ned Hayward waren allein bei einander und nun ein paar Worte über die Gemüthsſtimmung, in der ſie ſich trafen. Ned Hay⸗ ward hatte, ſeit wir ihn zuerſt unſern Leſern vorführten, einen großen Antheil an vielen Dingen gehabt, bei denen Marh Clifford betheiligt war. Er hatte zuerſt ihre Be⸗ kanntſchaft gemacht, indem er ſie tapfer von dem rohen, ſchamloſen Verſuch ſie zu entführen und aus den Hän⸗ den eines Mannes befreite, den ſie verabſcheute. Er hatte mit ihr freundlich und offen über die bedrängte und gefährliche Lage ihres Onkels geſprochen. Er hatte ohne die mindeſte Oſtentation die Mittel angeboten, ihn der drückendſten Verlegenheit zu entreißen und war nach London gereiſt, um das, wozu er ſich erboten, auch zu thun und Alles dies hatte er mit einer Miſchung von Zartgefühl und heiterer, offenherziger Bereitwilligkeit ge⸗ than, welche den Werth aller ſeiner Thaten verdoppelte. Er war wieder von ſeiner Reiſe zurückgekommen, hatte ſich mit dem Manne, der Marh beleidigt, geſchlagen, eine ſchwere Wunde erhalten, Schmerzen erlitten und ſich in große Unannehmlichkeiten verwickelt und war gleich⸗ wohl im Augenblick bereit geweſen, ſein gegebenes Wort 14* 212 zu Gunſten ibres Onkels ohne Zögern oder Widerwillen, obſchon augenſcheinlich mit großen Opfern zu löſen. Nichts deſto weniger hätten vielleicht alle die Dinge bei einem ſo ruhigen, ſanften und gefühlvollen Weſen, wie Mary, blos Eindruck auf den Verſtand machen können, Dankbarkeit hätte ſie unter ſolchen Umſtänden nothwendig empfinden müſſen, ſo wie Reſpekt und hohe Achtung, aber ſonſt Nichts. Sie empfand jedoch weit mehr. Ned Hayward hatte alle vorgefaßten Ideen, welche Mary Clifford ſich von ſeinem Character gemacht, getäuſcht und ihre Berückſichtigung mit jeder Stunde mehr gewonnen. Sie hatte ihn ernſt gefunden,“ wo ſie ihn leichtſinnig, gefühlvoll, wo ſie ihn egoiſtiſch, voll von tiefen Regungen, wo ſie ihn achtlos, wohlunter⸗ richtet und Geſchmack beſitzend, wo ſie ihn oberflächlich und gleichgültig geglaubt hatte, und da ſie dadurch ge⸗ bieteriſch aufgefordert ward, ihm in ihren eigenen Her⸗ zen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo ging ſie wei⸗ ter und that vielleicht noch etwas mehr. Aber auch dies war nicht Alles, erſt hatte er Neugierde und Ver⸗ gnuͤgen, dann Bewunderung und Achtung und dann Intereſſe und Sympathie erregt. Man knüpfe alles die⸗ ſes nebſt Dankbarkeit für große geleiſtete Dienſte und einer großen Anzahl ſchweigſamer, einſamer Gedanken in Bezug auf ihn in ein Bündel zuſammen und was wird dann daraus werden? Tag für Tag hatte ſie nach — 213=— dem Duell an ihn gedacht— vielleicht ſollte ich ſagen Nacht für Nacht. Dann, als ſie ihn wieder geſehen „ und erfahren hatte, daß er krank und leidend war, hatte ſie an ihn mit noch tiefern Empfindungen und ſogar noch öfter als vorher gedacht und als er endlich mit wie⸗ der auflebender Geſundheit herüberkam und ſeinen Wohn⸗ ſitz unter demſelben Dache mit ihr aufſchlug, kehrte ſie zu ihrer alten Denkweiſe über ihn zurück, während ſich eine Menge neuer Empfindungen in ihre Betrachtungen miſchten, und ſie glaubte während dieſer ganzen Zeit, daß ſie ſeinen Charakter ſtudire. Und womit verglich ſie ihn? Er kam ihr vor wie ein tiefes ſchönes Thal, 5 welches ſo von Sonnenſchein erfüllt iſt, daß kein Auge als ein ſehr nahes die ſchönen Dinge ſehen kann, welche es enthält. Ich weiß nicht, was das Alles heißen ſollte, lieber Leſer, aber ich glaube, es ſah faſt aus, wie der Anfang der Liebe. . Nichts deſto weniger und obſchon dieſe Dinge Mary Clifford bewegen konnten, Edward Hahward zu lieben, könnte doch der Leſer vermuthen, daß ſie keinen Grund darboten, weshalb er ſie hätte lieben ſollen— aber das iſt ein Irrthum. Die Liebe iſt wie ein Petſchaft und ein Siegel, auf beiden Seiten iſt der Abdruck ein ver⸗ ſchiedener und ſtellt doch denſelben Gegenſtand dar. Die Liebe auf den erſten Anblick— die Liebe, welche blos aus den Augen entſpringt, iſt ein Ding für ſich, aber V — — 214— die Liebe, welche aus den Handlungen und Worten und Blicken hervorgeht, iſt meiſtentheils, wenn auch nicht immer, gewiſſenhaft. Dieſelben Handlungen, welche, wenn ſie an einem Andern geübt werden, Liebe erzeu⸗ gen, erzeugen dieſelbe auch in uns. Ein Weib wird ge⸗ achtet und beſchützt. Sie liebt den Mann, welcher ſie achtet und beſchützt, weil er es thut, und er liebt ſie, weil er ſie achtet und beſchutzt. Ned Hayward hatte Mary gleich vom erſten Anblick ausgezeichnet ſchön gefunden, aber dies wäre nicht genug geweſen— er war kein Liebhaber von Puppen. Aber ihre Unterhaltung gefiel ihm, ihre Sanftmuth bezauberte ihn, ihre Stellung und Alles, was dieſelbe zwiſchen ihnen hervorrief, intereſſirte ihn und........ Aber er hatte ſich einmal vorge⸗ nommen, ſich nicht zu verlieben und das war Alles, was noch fehlte, um die Sache vollſtändig zu machen. Es handelte ſich nur um eine einzige Schwierigkeit, Mary Clifford beſaß, was man zu jener Zeit ein großes Ver⸗ mögen nannte. Der Decan, ihr Vater war ein reicher und kluger Mann geweſen und hatte ihr etwa zwei Tau⸗ ſend Pfund jährliche Einkünfte hinterlaſſen, das Wit⸗ thum ihrer Mutter nicht inbegriffen. Nun beſaß Ned Hayward, wie der Leſer weiß, vom Hauſe aus ſehr wenig, dieſes Wenig war nun noch weniger und er hatte ſich vorgenommen, alle Erbinnen zu haſſen. Marh Clifford haſſen? Pfui, pfui, Ned Hayward! —„ Ein gewiſſes unerklärliches Gefuͤhl, daß er in der Liebe ſchon weit gegangen ſei— die Wahrnehmung von Empfindungen, die er früher niemals erfahren, hatten ihn jedoch ſeit den letzten fünf oder ſechs Tagen ſehr traurig und unruhig gemacht. Er würde davongelaufen ſein, wenn er gekonnt hätte, denn er glaubte, nur in der *Flucht ſei Rettung. Aber er konnte nicht fort, er war noch nicht geſund genug, um eine lange Reiſe machen zu können und er hatte Beauchamp verſprochen, ſeine Ver⸗ mählung abzuwarten. Aber das Vermählen iſt eine böſe Krankheit, und ſchon in den erſten Stadien an⸗ ſteckend. Ned Hahward dachte während dieſer fünf oder 8 ſechs Tage viel an's Heirathen, er bedachte, was für eein glücklicher Mann Beauchamp ſei und wie glücklich er ebenfalls ſein würde, wenn er nur ein Zehntel ſeines Reichthums beſäße— und mit Mary Clifford. Aber Ned Hayward war nicht der Mann, der in eine ſchwie⸗ rige und gefährliche Lage gerieth, ohne derſelben kühn die Stirne zu bieten. Er fühlte, daß er ſich in eine ſehr zähe Sorte von der zarten Leidenſchaft hatte ver⸗ wickeln laſſen und er beſchloß das Netz zu zerreißen und in der That Tarningham⸗Haus ſobald als möglich zu verlaſſen. Nur wenige Tage waren bis zu dem zu Beauchamp's Vermählung beſtimmten noch übrig und er 8 glaubte, er werde dieſen kurzen Zeitraum ſehr gut ohne weitere Gefahr oder Nachtheil erleben können. Er 84 wollte von Mary Clifford ſo wenig als möglich ſehen, dachte er, er wollte ſich mit Leſen, mit Spazierengehen beſchäftigen, mit Sir John, ſobald er wieder kräftig ge⸗ nug wäre, ausreiten, und ſo nahm er ſich, wie dies bei allen Menſchen gewöhnlich iſt, vor, Tauſend Dinge zu thun, die er niemals that, und tröſtete ſich mit den Ent⸗ ſchlüſſen, die nicht ausgeführt werden konnten. An dem Tage der Abreiſe Beauchamp's, nach Lon⸗ don, ſtand Ned Hayward beizeiten auf, frühſtückte mit ſeinem Freund, begleitete ihn bis an den Wagen und ging dann in Gemäßheit ſeines Plans hinaus in die ſchöne ſonnige Morgenluft mit der Abſicht, den größern Theil des Sommertages in einigen der kühlen und ab⸗ gelegenen Theile des Parks zuzubringen. Es waren wenigſtens noch zwei Stunden bis zu der gewöhnlichen Frühſtückszeit, er hatte nicht die ge⸗ ringſte Idee, daß Jemand von der Familie ſchon auf ſei und ſo verfolgte er einen von dem Hauſe hinweg⸗ führenden Kiesweg, ging unter die Kaſtanienbäume hinein und ſchlenderte ſo weiter, indem er ſich ganz allein in dem Gehölz glaubte, als plötzlich bei einer Biegung der Weg ihm das ſchöne Geſicht und die anmuthige Geſtalt von Marh Clifford zeigte, welche in der Entfernung von etwa funfzig oder ſechzig Schritten auf ihn zukam. Ihr aus dem Wege zu gehen, davon konnte natürlich keine Rede ſein, aber Ned Hahward beſchloß, blos ein paar 217 Worte mit ihr zu ſprechen und dann weiter zu gehen. Aber der Himmel weiß, wie es zuging, denn nach etwa zwei Minuten ſah man ihn ſich mit ihr herumdrehen und ihr Spaziergang dauerte beinahe anderthalb Stun⸗ den. „Nun, Miß Clifford,“ ſagte er mit ſo heiterm Ge⸗ ſicht, als er vermogte,„Beauchamp iſt fort. Habt Ihr einen langen Spaziergang gemacht?“ „Nein, nicht ſehr weit,“ antwortete Mary,„ich ſah einige fremde Leute durch den Park gehen und ſeit jenem Abenteuer, welches uns zuerſt mit einander be⸗ kannt machte, bin ich ſehr furchtſam geworden. Ich kehrte daher wieder um, wiewohl ich ſehr gern noch weiter gegangen wäre, denn ich habe etwas Kopfweh.“ Was konnte Ned Hahward unter ſolchen Umſtän⸗ den thun? Er konnte nicht umhin, Miß Clifford ſeine Begleitung und ſeinen Schutz anzubieten— er konnte nicht einmal zögern, dieſes Anerbieten zu machen. Mary wies es nicht zurück, aber ihr Ja klang etwas ſchüchtern, und anſtatt mit Ned Hayward durch die wilden Gänge des Gehölzes zurückzukehren, drehte ſie ſich anders herum und führte ihn nach den offenen Theilen des Parks, wo man ſich größtentheils im Angeſicht des Hauſes befand. Ein augenblickliches Schweigen hatte ſich Beider bemächtigt, ehe ſie noch unter den Kaſtanienbäumen herauskamen, und Jedes fühlte ſich unbeholfen und ver⸗ legen, wie es dieſes Stillſchweigen unterbrechen ſollte, das ſicherſte Zeichen, welches es geben kann, daß in ihren Herzen ſehr ſtarke Gefühle rege waren, aber Mary fühlte, daß das Schweigen, je länger es dauere, um ſo drückender werde, und um ſo deutlicher beweiſe, daß ſie nachdenklich und verlegen war, und deshalb begann ſie auf's Gerathewohl zu ſprechen und ſagte: „Lord Lenham hat einen wunderſchönen Tag zu ſeiner Reiſe. Wie beneide ich ihn um die erſten zwan⸗ zig Meilen ſeiner Fahrt.“ „Ich beneide ihn in allen Dingen,“ antwortete Ned Hayward,„ſein Leben ſcheint ganz aus ſchönen Tagen zuſammengeſetzt werden zu ſollen, und ich bin überzeugt, daß dies mit dem meinen nicht der Fall iſt.“ „Na, na, Capitain Hayward,“ ſagte Mary, in⸗ dem ſie ihre Augen ſanft zu ſeinem Geſicht emporhob und lächelnd den Kopf ſchüttelte,„Ihr ſeid verſtimmt und unwohl, ſonſt würdet ihr nicht ein ſo ſchönes Bild von dem Schickſale Eures Freundes und ein ſo düſteres von dem Euren entwerfen. Es können und müſſen Euch noch viele heitere und ſchöne Tage vorbehalten ſein. Dies muß der Fall ſein, denn Euer eignes Herz legt durch die Handlungen, zu denen es Euch antreibt, einen Schatz von Freude und Sonnenſchein für die Tage der Zukunft an.“ „Wird es nicht vielmehr durch die Empfindungen, — 219— die es erfährt, einen Schatz von Kummer und Leiden, von Wolken und Finſterniß ſammeln?“ fragte Ned Hay⸗ * ward in einem Tone, der von dem, in welchem er ge⸗ wöhnlich ſprach, ſo verſchieden war, daß Mary zuſam⸗ men ſchrak, ihn einen Augenblick anſah und dann, als ihre Augen den ſeinen begegneten, leicht erröthete und gleich darauf blaß ward. Durch dieſe Anzeichen von Erregung ward Ned Hayward veranlaßt, zu glauben, daß er zu deutlich über Etwas geſprochen, was er ſich niemals zu berühren vorgenommen hatte, und er beeilte ſich, den Irthum wieder gut zu machen. „Was ich meine, iſt einfach dies, meine werthe 8 Niß Clifford,“ ſagte er,„ein Mann der ſehr fröhlich ſein kann, wie ich, fühlt den Schmerz in demſelben Verhältniſſe, oder vielleicht noch ſchärfer. Jede Quelle des Vergnügens iſt auch ein Eingang für den Schmerz, und da wir nun ſo in der Welt fortleben und Tag für Tag Etwas verlieren, was uns theuer iſt, ſo bin ich dann und wann geneigt, jene kalten, phlegmatiſchen Menſchen zu beneiden, welche bei einem ziemlichen Vor⸗ rath von Freuden wenig Schmerzen zu erdulden haben, als höchſtens körperliche. Ich behaupte durchaus nicht ein ſehr ſentimentaler Menſch zu ſein, oder ſehr feines Gekfühl zu beſitzen, oder ſonſt Etwas dergleichen, aber um ein Beiſpiel von dem anzuführen, wovon ich eben ſprach, ſage ich, daß ich nicht daran denken kann, die⸗ ſen ſchönen Ort und alle Freunde, die ſich ſo gütig gegen mich gezeigt, zu verlaſſen, wie doch nächſten Montag geſchehen muß, ohne eine Art von Beklemmung des Herzens zu empfinden, welche ſehr unangenehm iſt.“ „Ihr wollt doch damit nicht ſagen, daß Ihr wirk⸗ lich nächſten Montag abreiſen wollt?“ rief Mary Clif⸗ ford plötzlich ſtehen bleibend, während ihre Wange die Farbe wechſelte. Ned Hayward war überraſcht und erfreut, denn er ſah, daß Mary keinen Verſuch machte, zu verhehlen, daß ſein Bleiben oder Gehen ſie intereſſire. Er ant⸗ wortete jedoch ernſt und ſogar traurig: „Ich fürchte, ich muß.“ „Aber Ihr vergeßt Euern Beſuch in Hinton, den Ihr uns verſprochen,“ ſagte Mary vorwurfsvoll und todtenblaß.„Ihr verſpracht zu kommen, wißt Ihr, ich habe auf dieſen Beſuch gerechnet und dabei Gelegen⸗ heit zu erhalten gehofft, mit Euch zu bereden, wie und wo, wann ich mündig werde, was nun in einigen Monaten der Fall ſein wird, das Geld, das Ihr mir ſo edelmüthig geliehen habt, wieder bezahlt werden kann.— Gewiß,“ fügte ſie angelegentlich hinzu,„Ihr müßt auf einige Tage hinkommen, ſelbſt wenn Ihr auch nicht hierbliebet.“ Es lag eine Zärtlichkeit, eine zitternde Sanftheit in ihrem Tone, eine leichte, aber hinreichend markirte f 5 Aufregung in ihrem Weſen, welche Ned Hayward Herz⸗ klopfen verurſachte. „Kann ich geliebt werden?“ fragte er ſich ſelbſt. „Kann ſie das Gefühl erwidern, welches ſie eingeflößt hat? Ich will es bald erfahren.— Meine werthe Miß Clifford,“ entgegnete er,„ich fürchte, dieſer Beſuch wärde für mich noch gefährlicher ausfallen, als der jetzige geweſen iſt, und deshalb muß ich, wie ungern und wie groß auch die Freude für mich geweſen wäre, darauf verzichten.“ Marh Elifford ſchlug, ohne ein Wort zu ſprechen, die Augen zu Boden, aber ihre Wange blieb bleich, ihre Lippe bebte, als ob ſie gern eine Antwort gegeben hätte, und obſchon ihr Arm nicht in dem ſeinen lag, ſo fühlte er doch, daß ſie zitterte. Ned Hayward's Herz klopfte auch, aber es lag, wie wir ſchon früher oft ge⸗ ſehen haben, eine Offenheit, eine geradausgehende Ein⸗ fachheit in ſeiner gewohnten Handlungsweiſe, welche manche Schwierigkeit überſprang, die den Bemühungen Anderer trotzgeboten hätte. „Laßt mich deutlicher ſprechen,“ ſagte er, aber Mary machte eine leichte Handbewegung und ſagte: „O, nein, nein,“ mit leiſer Stimme und dann wiederholte ſie das Wort gefährlich. „Ja,“ ſagte er,„gefährlicher, werthe Miß Clifford, ſeht Ihr nicht ein, wie und weshalb?— Mit einem Worte dann, ich kann und darf nicht länger bei Euch bleiben. Ich muß durch eine möglichſt ſchnelle Rückkehr zu andern Beſchäftigungen mich bemühen, zu vergeſſen, daß ich jemals ein Weſen geſehen, welches ich, wie ich fürchte, für den Frieden meines ganzen Lebens bereits zu lange gekannt habe.“ Er ſchwieg einen Augenblick und Frte. hob im nächſten Augenblick den Kopf empor, und fügte dann hinzu:„Ich habe Euch blos um eine Gunſt zu bitten, und dieſe beſteht darin, daß Ihr Das, was ich eben geſagt, während der kurzen Zeit meines Verweilens kei⸗ nen Unterſchied in Eurem Verhalten gegen mich machen laßt. Ich hatte nicht die Abſicht, Euer Ohr mit ſolchen Dingen überhaupt zu beläſtigen, aber Eure eigne Frage rief hervor, was ich gerne verſchwiegen haben würde — vielleicht habe ich darin unrecht gehandelt, aber glaubt mir, ich weiß ſehr wohl, daß der Unterſchied des Ver⸗ mögens eine Schranke zwiſchen uns gezogen hat, die nicht überſprungen werden kann. Dies iſt alſo die ein⸗ zige Gunſt, werthes Fräulein— ändert Euer Beneh⸗ men gegen mich nicht, laßt mich Euch immer als die— ſelbe ſehen, wie ich Euch ſtets geſehen, und wenn ich auf immer fortgehe, ſo laßt mich das Andenken an Marhy Clifferd als ein Ebenbild alles Deſſen mitneh⸗ men, was auf Erden Liebe und Bewunderung verdient. — 223— — Bleibt dieſelbe, ich bitte darum ungeachtet meines voreiligen Geſtändniſſes.“ Mary Clifford blickte in ſein Geſicht empor und ein wechſelndes Licht ſpielte in ihren Augen, als ob es in einem Augenblick muthwillig daraus hervorbrechen und im nächſten in Thränen untergehen wollte. „Ich kann nicht dieſelbe bleiben, Hayward!“ ſagte ſie endlich mit einem heitern Lächeln auf ihrer Lippe. „Wirklich Ihr verlangt zu viel. Wie könnt Ihr erwar⸗ ten, daß ich mit Euch in einem und demſelben Hauſe lebe und weiß, daß Ihr mich liebt, ohne einigermaßen zu zeigen was in meiner eigenen Bruſt vorgeht?“ „Mary! Mary!“ rief er, indem er ſeine Hand auf ihren Arm legte, und ihr in's Geſicht blickte,„Ihr würdet nicht— o ich weiß es gewiß, Ihr würdet nicht mit mir ſpielen—“ „Um Alles in der Welt nicht,“ antwortete ſie, „Edward, ich bin nicht im Stande, mit irgend einem Menſchen zu ſpielen, aber mit Euch zu ſpielen, dem ich ſo Viel verdanke, das wäre wahrlich nichtswürdig.“ „Aber die große Ungleichheit des Vermögens,“ ſagte ihr Anbeter, während ſeine Stirn ſich wieder umdüſterte. „O Mary, wie kann es je geſchehen? Ihr, wie ich ge⸗ hört habe, ſeid reich— man nennt Euch„die Erbin“ — und ich weiß, daß ich arm bin. Wißt Ihr auch— ich habe Euch wohl ſchon geſagt, daß Alles, was ich 224— von den Trümmern des Vermögens meines Vaters rettete, ſich anfangs nicht höher belief, als auf—“ „Wollt Ihr mich quälen?— Wünſcht Ihr mich zu kränken?“ fragte Mary Clifford.„Wenn Ihr das nicht wünſcht, ſo erwähnt ſolche Sachen nicht, als ob ſie auf irgend eine Weiſe Einfluß auf meine Gefühle oder Handlungsweiſe haben könzzten, und doch wünſche ich auch dabei nicht, daß Ihr mich für ein romantiſches Mädchen haltet, denn ich bin keins. Ich habe ſtets gedacht, daß ein hinreichendes Vermögen da ſein muß, um das Leben von irgend zwei Menſchen glücklich zu machen, aber ſicherlich kommt Nichts darauf an, von welcher Seite dieſe Mittel herrühren. Wir werden zum Glück genug haben, Edward, und obſchon ich weiß, daß es Euch mehr Vergnügen gemacht haben würdes wenn der größere Theil unſers kleinen Vermögens von Euch herrührte, ſo freue ich mich doch, daß ich es habe, da Ihr es nun einmal nicht habt.“ „Aber Eure Mutter— Euer Vormund, Mary?“ ſagte Ned Hayward immer noch in zweifelhaftem Tone. Marh lachte aber mit einem kleinen Anflug von Muthwillen und rief: „Ich glaube, der mag mich nicht, obſchon ich mich ihm beinahe angeboten habe.“ Aber Ned Hahward wollte ſich dieſen Vorwurf nicht machen laſſen, und er ſchlang ſeine Arme um ſeine ſchöne Begleiterin und verſicherte ihr, daß, wenn ſie auch alle Schätze der Welt beſäße, doch der einzige Theil, der Werth für ihn hätte, nur ſie ſelbſt ſein würde. Marhy machte ſich ſanft aus ſeiner Umarmung los; ſie geſtattete, daß er ihren Arm durch den ſeinen zog, und ſpazierte mit ihm weiter, bis die Frühſtückſtunde völlig herangenaht war. ⸗ Beauchamp. Dritter Band. 15 Zwölftes Kapitel. Harry Wittingham ſtattet einen Beſuch bei dem Capitain Moreton ab. Es iſt wunderbar, wie wir Alle in dieſer Welt, Vornehme und Geringe, Reiche und Arme, der Hüt⸗ tenbewohner und der Gutsherr, Einer in des Andern; Schickſal eingreifen, einander berühren, ohne es zu wiß⸗ ſen, und Einer den Andern veranlaſſen, einen Schritt da oder dorthin zu thun, der auf den weitern Weg⸗ viel Einfluß hat. Alles war Heiterkeit und Freude in Tar⸗ ningham Park. Mary hatte Ned Hayward verſichert, daß die Einwilligung ihrer Mutter nicht blos gegeben, ſondern auch freudig gegeben worden, daß ihre Vor⸗ münder, deren Herrſchaft ohnedies ihrem Ende nahete, keinen Einwand machen und daß Alle die ſie liebten, ſich freuen würden, ſie als die Verlobte eines Mannes zu ſehen, der ihrer Achtung ſo würdig war. Auch blieb ihr Verſprechen nicht unerfüllt, denn die gute Mes. Clifford freute ſich ſehr. Ned Hayward war von der Zeit an, wo er auf dem Wege nach Tarningham zu ih⸗ rer Rettung herbeigeilt, ſtets ein großer Liebling von ihr geweſen. Die Vormünder ſtimmten einfach bei und ant⸗ worteten auf die erhaltene Meldung, daß Alles was Miß Clifford für ihr eignes Glück rathſam hielte und die Einwilligung ihrer Mutter erführe, auch ihrerſeits Billigung finden würde. Sir John war ganz außer ſich vor Freuden und Iſabella fühlte ſich mitten in ihrem eige⸗ nen Glück noch weit glücklicher über das ihrer Couſine. Alle Tage kamen Briefe von Beauchamp, welche Nichts als Freude und Hoffnung athmeten, und obſchon die Advokaten läſtig und Geſchäftsleute umſtändlich waren, ſo ward doch kein Wort davon geſagt und es ſchien kein Gedanke an eine wirkliche Gefahr oder Schwierigkeit⸗ vorhanden zu ſein. In Tarningham Park war daher Alles Heiterkeit und Freude und keiner der Bewohner hatte die entfern⸗ teſte Idee von der Beſorgniß und Unruhe, die man in einer nicht weit entfernten Hütte für ſie fühlte. Jeden Morgen und jeden Abend fanden lange Berathungen zwiſchen der Wittwe Lamb und ihrem Schwiegerſohn in Bezug auf Mr. Beauchamp's Schickſal Statt und in ge⸗ nauem Verhältniß zu ihrer Unbekanntſchaft mit den Ge⸗ bräuchen der Welt ſtanden die Schwierigkeiten, die vor ihrer Phantaſie aufſtiegen. Stephen Gimlet wünſchte ſehr nach irgend einer Richtung hin zu handeln. Da Mr. 15* Beauchamp, wie er ihn noch häufig nannte, noch abwe⸗ ſend war, ſo glaubte er, es würde beſſer ſein, Alles was er zu ſagen habe, Sir John Slingsby oder auf alle Fälle dem Capitain Hayward mitzutheilen, ſeine Schwiegermutter, die eine längere Erfahrung und eine von Natur ſchüchterne und vorſichtige Gemüthsart be⸗ ſaß, beſtand im Gegentheile darauf, daß es unrecht und gefährlich ſein könne, ſo Etwas zu thun. „Ihr könnt nicht wiſſen, Stephen,“ ſagte ſie,„was dieſer gute junge Lord ihnen mitgetheilt hat oder nicht. Wir wiſſen nicht einmal gewiß, wie dieſes Frauenzim⸗ mer zu ihm ſteht. Er kann, ſo viel wir wiſſen, ſich von ihr haben wieder ſcheiden laſſen. Ich bin überzeugt, daß ihre Auffuͤhrung immer eine ſehr ſchlechte geweſen iſt, und wenn dies der Fall iſt, ſo würden wir dem armen jungen Fräulein ohne Noth Kummer verurſachen. Kein Menſch kann wiſſen, was für Unheil daraus ent⸗ ſtehen könnte. Nein, nein, wartet nur die Rückkehr des jungen Lords genau ab, und ſobald er wieder da iſt, wollen wir mit einander zu ihm gehen und mit ihm ſprechen. Er muß noch Zeit genug kommen, und ich glaube, er wird Sonnabend Abend kommen. Alſo wer⸗ den wir vollauf Zeit haben.“ Es war eine von Stephen Gimlets Maximen, und zwar eine ſehr gute, daß eine Sache niemals Zeit hat, aber er trieb es etwas zu weit, denn er glaubte, man — v — 229— könne niemals zu Viel thun. Nun iſt das ein ſehr gro⸗ ßer Irrthum, denn in der Liebe, in der Politik und beim Ehrgeize eben ſo wohl, wie beim Braten einer Schöpskeule kann man dem Zuwenig abhelfen, aber nicht dem Zuviel. Um jedoch Erſatz dafür zu leiſten, daß er das nicht that, was ſeine Schwiegermutter ihn nicht thun laſſen wollte— und in Bezug auf Beauchamp war ſie die rechte Hand, weil ſie ihre Geheimniſſe nicht mit⸗ theilte— beſchäftigte er ſich in jedem freien Augenblicke, den er erübrigen konnte, mit genauer Ueberwachung der Schritte des Capitains Moreton und der ſchönen Dame, die er bei ſich hatte. Seine lange Vertrautheit mit Thie⸗ ren und Vögeln hatte großen Einfluß auf ſeine Anſicht über alle Dinge und er betrachtete dieſe Gegenſtände ſei⸗ nes Nachdenkens, wie zwei wilde Thiere. Er nannte bei ſich ſelbſt den Einen den Fuchs und den Andern den Geier, und mit derſelben Art von verſchmitzter Beobach⸗ tung in Bezug auf ihre Eigenthümlichkeiten und Abſich⸗ ten, die er gegen Thiere in Anwendung brachte, lauerte, berechnete und errieth er mit wunderbarer Genauig⸗ keit. Eins aber vergaß er, und dies war, daß ein menſch⸗ licher Fuchs mehr Fähigkeiten hat, als ein bloßes Thier, und daß, obſchon der vierbeinige Burſche mit dem lan⸗ gen Schwanze bei jeder Belauerung ſeiner Abſichten und Schritte große Vorſicht nöthig macht, doch Cavitain — 230— Moreton deren noch mehr nöthig machte. Nun merkte dieſer würdige Herr ſehr bald, daß ein beobachtendes Auge ihm folgte, und überdies entdeckte er auch, weſſen Auge dieſes war. Capitain Moreton hätte Nichts Un⸗ angenehmeres empfinden können, als das Bewußtſein, belauert zu werden, beſonders von Stephen Gimlet, denn er kannte ihn als verſchmitzt, thätig, entſchloſſen, beharrlich und als einen Mann, der ſich nicht leicht ab⸗ ſchrecken ließ, ſondern bekämpft und bei Allem, was er ſich vorgenommen, überwunden, oder als Sieger aner⸗ kannt werden mußte. Capitain Moreton wußte nicht, wie er handeln ſolle. Mit Stephen einen offenen Krieg zu beginnen, war höchſt wahrſcheinlich eine ſehr gefähr⸗ liche Sache, denn den Schritten des würdigen Capitains lag, wie der Leſer ſelbſt vermuthen wird, durchaus Nichts an öffentlicher Aufmerkſamkeit, und doch war es ihm außerordentlich unangenehm und beängſtigend, daß Jemand ſich von all ſeinem Gehen und Kommen unter⸗ richtet hielt. Zeit gewinnen war allerdings die Haupt⸗ ſache, denn Moreton's Abſicht war, ſobald als er ſei⸗ nen Vetter richtig mit Iſabellen Slingsby vermählt ge⸗ ſehen, in's Ausland abzureiſen und die Folgen der Si⸗ tuation, in welche er Lord Lenham verſetzt, wirken zu laſſen, wie er feſt glaubte, daß ſie wirken und Geſund⸗ heit, Kraft und Leben zerſtören würden. Seine einzige Abſicht, aus welcher er noch verweilte, war, die Schritte ſeiner ſchönen Gefährtin zu leiten und ihre feurigen, un⸗ vernünftigen Leidenſchaften zu zügeln, damit ſie nicht etwa den ganzen Plan durch ihre unmäßige Eile umwer⸗ fen möge. Aber wie die nöthige Zeit gewinnen?— das war die Frage. Er wechſelte erſt die Plätze, die er be⸗ ſuchte und die Stunden und ging auf der andern Seite der Haide hinaus, aber Stephen Gimlet war da; er machte ſeinen Spaziergang am frühen Morgen, anſtatt am ſpäten Abend, aber Stephen Gimlet's Geſtalt war in dem grauen Zwielichte ſichtbar, es mogte nun Mor⸗ gendämmerung oder Sonnnenuntergang ſein, und Ca⸗ pitain Moreton ward ernſtlich unruhig. Noch aber ſchien ſich aus all dieſem Bewachen Nichts ergeben zu haben, bis endlich am Sonnabend Morgen einigermaßen zu Capitain Moretons Ueberra⸗ ſchung die Thüre des Zimmers, in welchem er ſich allein befand, geöffnet ward und ſein Freund und Bekannter Harry Wittingham hereinſchritt. Der junge Mann war außerordentlich blaß, aber doch ſchien er ſich frei und ohne Schmerz oder Schwierigkeit zu bewegen, und ein Blick wirklichen Vergnügens ſtieg in Capitain Moreton's Geſicht empor, welcher den jungen Wittingham in Be⸗ zug auf die Geſinnungen ſeines Freundes gegen ihn voll⸗ kommen täuſchte. Er glaubte, als Capitain Moreton ihm warm die Hand drückte und erklärte, er freue ſich, ihn wieder wohl zu ſehen, daß der Andere wirkliche — 232— Freude über ſeine Geneſung empfinde. Nun hätte Harry Wittingham verwundet, krank, ſterbend, todt, begra⸗ ben und wieder in Erde verwandelt ſein können, ohne daß Capitain Moreton ſich um ihn als Harry Witting⸗ ham an und für ſich einen Pfifferling gekümmert hätte; als ein Mann aber, der ihm in ſeinen Plänen dienlich ſein, der ihm aus einer Schwierigkeit helfen und durch Uebernahme eines Theils der Gefahr das Ertragen des übrigen Reſtes erleichtern könnte, war er für den Capi⸗ tain ein Gegenſtand von großem Intereſſe und Capitain Moreton brach daher in immer erneuete Glückwünſche uͤber ſeine Geneſung aus, hieß ihn niederſetzen, fragte ganz umſtändlich nach Allem, was er gelitten, und ſagte und that Alles, was einen Geneſenden zu dem Glauben „ —,— bewegen kann, daß ein befreundetes Herz über Das, was er zu leiden gehabt, ſehr bekümmert geweſen ſei. Harry Wittingham ſetzte ſich in den Armſtuhl nie⸗ der und that ganz als ob er zu Hauſe wäre. Dem Rathe aller Aerzte entgegen, genoß er zu der frühen Stunde von halb eilf Uhr ſogar ein Glas Branntwein und Waſſer, und erklärte, daß er ſich darnach viel beſ⸗ ſer fühle, und daß der alte Narr, der Slattery ihn fünf Wochen lang weder Wein noch Branntwein noch Porter habe genießen laſſen. „Ja, das konnte vor einiger Zeit noch nöthig ſein,“ ſagte Moreton,„bis Enre Wunde geheilt war, aber — 233— jetzt iſt das Alles dummes Zeug. Es muß eine ſchlimme Wunde geweſen ſein, die Ihr da weggekriegt habt, und es thut mir verteufelt leid, daß ich nicht ſelbſt auf dem Platze ſein konnte, denn dann, glaube ich, würdet Ihr gar keine Wunde bekommen haben. Jedoch, Ihr habt ihm eben ſo gut Eins verſetzt, wie er Euch, und das war noch ein Troſt. Jeder Gentleman muß ſeine Re⸗ vanche haben, es ſei nun mit Karten oder Piſtolen oder ſonſt Etwas, er muß alle Mal für das was er be⸗ kommt Etwas geben, und wenn er dies thut, ſo hat er jeden Grund zufrieden zu ſein.“ „Ich habe noch nicht ganz genug,“ ſagte Harry Wittingham mit einem bedeutſamen Nicken des Kopfes, „und gewiſſe Leute follen das mit der Zeit gewahr wer⸗ den.“ „Ah, das ſt recht,“ antwortete Capitain Moreton. „Aber was macht denn der alte Kauz, Euer Vater?— Ich hörte geſtern, er fiele jetzt ſehr zuſammen— er habe die Gelbſucht oder ſonſt ſo eine verteufelte Krankheit— er ſoll ſo gelb ausſehen, wie eine der Guineen, die er vor Euch verſchloſſen hält— ich dächte, es wäre Zeit, daß er ſich fachte auf den Weg machte.“ Ein paar Minuten lang antwortete Harry Wit⸗ tingham nicht, aber dann(nirſchte er mit den Zähnen und ſagte: ſch würde mich nicht wundern, wenn der alte 7 hartherzige Knauſer mich ganz enterbte.“ Capitain Moreton that einen langen, leiſen Pfiff und ſagte:„Bei meiner Seele, ſo weit dürft Ihr es nicht kommen laſſen. Der Tauſend, da würde ich doch an Eurer Stelle Buße thun und ein paar Monate den guten Sohn ſpielen.“ „Das hilft Alles Nichts,“ antwortete Harry Wit⸗ tingham,„eben ſo gut könnte man verſuchen, die Themſe bei Gravesend umzulenken, als ihn von ſeinem Wege abzubringen, wenn er ſich einmal Etwas in den Kopf geſetzt hat. Er thut was er will, aber Alles kann er mir doch nicht nehmen, das iſt noch ein Troſt; aber ſagt mir doch Moreton, was zum Teufel treibt ſich denn der Kerl, der Wolf hier Heruind Ihr thätet wohl, Euch Nichts mit ihm zu ſchaffen zu zmchen das ſage ich Euch. Er iſt ein garsgefennttn Halunke und ich werde ihn ſchon noch züchtigen. Ich wäre geſtern ſchon zu Euch gekommen, aber ich ſah ihn dort unten auf dem Damme auf der Haide ſitzen und er blickte unverwandt hierher, und deshalb ging ich wieder fort.“ „Saht Ihr ihn hente auch wieder?“ fragte Capi⸗ tain Moreton mit ziemlicher Unruhe. „Ja wohl,“ antwortete Wittingham,„er ſſchlich mit der Büchſe unter dem Arm herum, aber ich ging ihm dieſes Mal aus dem Weg, die Allee weiter, hinun⸗ ter, und erſt auf dem Rückwege hierher.“ „Das ſoll er mir bezahlen,“ ſagte Moreton mit den Zähnen knirſchend.„Er hat ſchon lange hier herumſpi⸗ onirt und wenn ich nicht gern keinen Lärm machen wollte, bis der übermorgende Tag vorbei iſt, ſo ſchlüge ich ihm alle Knochen entzwei.“ „Das wäre eine Wohlthat,“ antwortete Harry Wit⸗ tingham,„ich will Euch erzählen, wie er mir's gemacht hat,“ und er erzählte nun alles Nähere über ſein etwas unangenehmes Abenteuer mit Stephen Gimlet, als er an der Hütre des Wildhüters vorſprach. In dem Augenblick, wo er fertig war, klopfte ihn Capitain Moreton mit bedeutſamem Lächeln auf die Schul⸗ ter und ſagte: „Ich will Euch Etwas ſagen, Harry; obſchon Ihr noch nicht ſehr ſtark ſeid, ſo können wir doch, wenn Ihr mir nur ein Wenig Beiſtand leiſten wollt, dieſen Kerl züchtigen, ehe noch der morgende Tag vorüber iſt. Wenn Ihr heute Abend wieder hierherkommen und bei mir übernachten wollt, ſo ſtehen wir zeitig auf und belau⸗ ern ihn gerade ſo wie er uns belauert hat. Er iſt alle Mal ſchon aus und auf den Beinen, ehe noch Jemand anders zu Platze iſt, und es wird daher Niemand ihm zu Hülfe kommen, er mag ſo laut ſchreien, als er will. Er iſt fortwährend mit ſeiner Büchſe und ſeinem Hunde auf anderm Grund und Boden als Sir John’'s und wir haben daher jedes Recht, zu glauben, daß er Wilddie⸗ berei treibt, wie früher.“ „Gut, aber was wollt Ihr mit ihm thun?“ ſagte Harry Wittingham.„Er iſt verteufelt ſtark, müßt Ihr bedenken.“ „Ja, aber ich auch,“ antwortete Capitain More⸗ ton,„und ich packe ihn unvexſehens, ſo daß er ſein Gewehr nicht gebrauchen kann. Wenn ich ihn nur ein⸗ mal niederhabe, ſo will ich ihn ſchon halten, während Ihr ihm die Arme bindet, und dann ſchleppen wir ihn hier herüber und ſperren ihn ein paar Tage ein.“ „Haut ihn tüchtig durch,“ ſagte der junge Witting⸗ ham,„denn das verdient er; aber ich fehe nicht ein, was es nützen kann, wenn wir ihn hier einſperren, wenn wir ihn gleich auf dem Flecke tüchtig züchtigen, ſo iſt das genug.“ „Es giebt,“ ſagte Capitain Moreton,„Nichts, was ihn halb ſo ſehr ſtrafen würde, als wenn wir ihn bis Montag Mittag hier behalten, denn ich will Euch noch Etwas mittheilen, Harry. Ich ſuche mich auch noch an einigen andern Freunden von uns zu rächen und ich glaube, dieſer Kerl iſt angeſtellt, Alles, was ich thue, zu belauern, und man hat ihm wahrſcheinlich gute Be⸗ zahlung verſprochen, wenn er mich an der Ausführung meines Planes hindert. Vor zwölf Uhr Montag wird Alles vorüber ſein, und wenn wir ihn bis dahin hier eingeſchloſſen halten können, ſo verliert er ſeinen Lohn und ich habe mich gerächt. Ihr könnt ihn erſt noch tüchtig durchprügeln, wenn Ihr Luſt habt, und es kann uns Niemand ein Wort darüber ſagen, wenn wir ihn nicht auf dem Revier des alten Sir John wegfangen.“ „Ich mache mir Nichts daraus, ob man darüber Etwas ſagt oder nicht,“ antwortete Harry Wittingham, „was das betrifft, ſo ſcheere ich mich den Teufel darum und ich werde von ganzem Herzen mit Hand anlegen. Aber bedenkt, daß ich jetzt noch ſo ſchwach und ihm durchaus nicht gewachſen bin, denn dieſe Wunde hat mir alle Kräfte geraubt.“ „O, das wird ſich mit Euch bald wieder machen,“ antwortete Capitain Moreton,„ich will aber ſchon alle ſchwere Arbeit verrichten. Aber wie ſeid Ihr denn mit Euern Geldmitteln daran, wenn Euch der alte Burſche Nichts giebt?“ „Es würde allerdings verteufelt ſchlecht mit mir ſte⸗ hen,“ entgegnete der junge Mann,„wenn unſere alte Haushälterin mir nicht hülfe; ſie hat aber ihr Geld aus der Bank genommen und verkauft Das und Jenes für mich, daher darf ich nicht vergeſſen, ſie wiſſen zu laſſen, daß ich hier bin, wenn ich heut Abend herkomme.“ „O, das will ich beſorgen,“ antwortete Capitain Moreton,„es kommt alle Tage ein Knabe, der mir meine Briefe und Zeitungen bringt, ein kleiner, ſchlauer, ſtiller, bucklicher, kleiner Teufel, welcher pfeifen kann, wie ein Flageolet und mit Niemand Viel ſpricht. Ich will ihm ſagen, daß er zu der alten Mutter Dingskirchen geht und ihr ſagt, daß Ihr hier ſeid, im Fall ſie Euch braucht.“ Der ganze Plan ſchien Harry Wittingham ſehr zu⸗ zuſagen, und er ging mit Eifer und Feuer in die Ein⸗ zelnheiten deſſelben ein und ſchlug mehrere Verbeſſerungen vor, von denen einige den Beifall des Capitains fanden. Es ward noch ein Glas Branntwein und Waſſer getrun⸗ ken und Harry Wittingham erklärte, das es beſſer ſei als alle Medicin, die er ſeit ſeiner Verwundung habe verſchlingen müſſen, denn es ſei ihm jetzt ſchon viel beſ⸗ ſer, als da er gekommen, und er fühle ſich jetzt ſchon ganz ſtark wieder. Nachdem man noch eine Stunde lang über allerlei Dinge in nicht gerade übertrieben anſtändi⸗ gem Tone geſprochen hatte, nahmen die beiden würdi⸗ gen Verbündeten von einander Abſchied. Als Harry Wittingham wieder den Weg nach Bux⸗ ton's Gaſthof einſchlug, ſah er ſich mit einem angenehmen Bewußtſein kommender Rache keck nach Stephen Gimlet um, aber der Wildhüter war nicht zu ſehen und Mr. Wittingham erreichte, während er noch über die für den folgenden Tag beabſichtigte Kurzweil nachdachte, den Gaſthof und beſtellte ein tüchtiges Mittagsmahl zur Vor⸗ bereitung. Er fühlte ſich allerdings ein Wenig fieberhaft, „ —— — 239.— Nichts deſto weniger trank er aber die Flaſche ſtarken Portwein, die mit dem Mittagsmahl zugleich auf den Tiſch geſtellt ward, und machte ſich, aufgeregt vom Weine, ſobald als es dunkel war, auf, um abermals an einem jener verwerflichen Pläne Theil zunehmen, die ſeiner vor⸗ ſchnellen und rückſichtsloſen Gemüthsart ſo ſehr zuſag⸗ ten, ohne zu wiſſen, daß er bei der ganzen Sache nur das Werkzeug eines Andern war. Dreizehntes Kapitel. Die verſammelten Friedensrichter. „Mun Doctor, nun Doctor, was giebts?“ fragte Sir John Slingsby an der Thüre ſeines eigenen Hau⸗ ſes ungefähr um zwei Uhr an jenem Sonnabend Nach⸗ mittag.„Ihr ſeht warm aus, Doctor, und nicht halb ſo trocken, wie gewöhnlich. Euer dickes Pferd ſchwitzt ja wie ein Rathsherr auf dem Oſterballe. Was hat Euch denn in den Sattel gebracht, iſt die Chaiſe zer⸗ brochen?“ „Nein, Sir John,“ antwortete Doctor Miles,„aber das Pferd war eher geſattelt als angeſpannt und ich wünſchte ſo ſchleunig als möglich mit Euch zu ſprechen. — Vo wollt Ihr denn hin? denn Ihr ſeid im Begriff wegzureiten, wie ich bemerke.“ „Ich will den Narren in Tarningham die Köpfe zurechtſetzen,“ antwortete Sir John Slingsby.„Ich höre daß der gallſüchtige alte Kauz Wittingham und —— —.,— — 241— der taube alte Mr. Stumpforth von Stumpington ſchon ſeit zwei oder drei Stunden in dem Gerichtszimmer ſitzen und mit Wharton allerhand aͤrgerliche Geſchichten zuſammenbrauen, um die armen Leute des Kirchſpiels zu quälen und ihnen zu ihren Sonntagspflichten eine fromme Gemüthsſtimmung beizubringen; ich will daber hin, um meinen Finger auch mit in die Paſtete zu ſte⸗ cken und ihnen das Gericht zu verderben. Kommt mit, Doctor, und helft mir, denn Ihr ſeid ja auch Friedens⸗ richter und ein Mann, der ſeine Nebenmenſchen nicht gern maltraitiren läßt. Ihr könnt mir ja unterwegs ſa⸗ gen, was Ihr von mir wollt.“ „Da kommen wir gleich auf den richtigen Weg,“ ſagte Doctor Miles,„denn mein Geſchäft bei Euch bezieht ſich auf Eure Eigenſchaft als Friedensrichter, Sir John.“ Der würdige Baronet, welcher ſchon mit dem Fuß in dem Bügel ſtand, ſchwang ſich, in Betracht ſeines Alters und ſeines Körperumfanges, mit wunderbarer Behendigkeit in den Sattel und befand ſich, von Doe⸗ tor Miles begleitet, bald auf dem Wege nach Tarning⸗ ham und horchte mit geſpannten Ohren auf die Meldung, welche der Pfarrer zu machen hatte. „Ihr müßt wiſſen, mein guter Freund,“ ſagte der Doctor,„daß vor Kurzem Euer Wildhüter, Stephen Gimlet, in der kleinen Filialkirche zu Moreton Jemanden antraf, der, wie es ſchien, emſig mit der lobenswerthen Beauchamp. Dritter Band. 16 Aufgabe beſchäftigt war, Abänderungen in den in der Sacriſtei aufbewahrten Kirchenbüchern zu machen. Er ſperrte ihn wohlbehalten ein, aber der Delinquent brach in der Nacht wieder heraus und Gimlet theilte mir die Sache mit. Ich würde mit Euch ſchon darüber geſpro⸗ chen haben, aber es ereigneten ſich gerade Umſtände, in deren Folge es Euch unangenehm geweſen ſein würde, Euch in die Sache zu miſchen.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Sir John Slingsby bedeut⸗ ſam mit dem Kopfe nickend,„wer war der Mann?“ „Nun, Gimiet verſichert, es ſei kein anderer geweſen, als der ſchlechteſte von allen ſchlechten Kerlen, Capitain Moreton,“ entgegnete Doctor Miles.„Ich unterſuchte das Kirchenbuch und fand, daß allerdings eine Fälſchung begangen war, denn das Datum des einen Eintrags war durch geſchickte Verwandlung einer Null in eine Sechs mehrere Jahre uͤber den foigenden hinausgerückt. Unter jenen Umſtänden hielt ich es für das Beſte, mich mit Wittingham zu berathen und beantragte, daß ein Ver⸗ haftsbefehl gegen den Capitain Moreton ausgefertigt werde, aber der würdige Herr fand es angemeſſen, Gim⸗ let erſt hin und her zu verhören, fragte ihn zehn Mal, ob er darauf ſchwören könne, daß es Capitain Moreton geweſen ſei, und als er fand, daß Stephen nicht des Mannes Geſicht geſehen hatte, weil derſelbe mit dem Rücken nach der Thüre der Sacriſtei gewendet ſaß, als —— —,.— — 248.— Gimlet hineinkam, erklärte er die ganze Sache für dummes Zeug und weigerte ſich, den Verhaftsbeſehl zu erlaſſen. Ich ſelbſt wollte dies nicht thun, weil der Vorfall ſich in meinem eigenen Kirchſpiel und mit einem meiner Kir⸗ chenbücher ereignet hatte, dieſen Morgen aber, als ich den alten Grindley, den Todtengräber, der ſehr krank iſt, beſuchte, legte derſelbe mir ein volles Geſtändniß von ſeinem Antheil an der Sache ab. Noreton hatte ihn durch Beſtechung vermogt, ihm das Familienbegräbniß und die Thür der Sacriſtei zu öffnen. In dem erſten änderte der Capitain das Datum auf dem Sarge ſeines Urgroßvaters vermittelſt eines wahrſcheinlich eigens dazu gefertigten Inſtrumentes von 1760 in 1766 um und in der Sacriſtei bewirkte er dieſelbe Operation mit Dinte und Feder.“ 3 „Ein niedlicher Halunke,“ ſagte Sir John Slings⸗ by,„aber ich weiß, was er will. Er will beweiſen, daß ſeine Mutter nicht das Teſtament umſtoßen konnte, was doch der Fall geweſen wäre, wenn der alte Mann nur eine Stunde nach ihrer Geburt noch gelebt hätte.“ „Ganz recht,“ ſagte Doctor Miles,„aber ich wollte nicht gern mit Mr. Wittingham weiter etwas in dieſer Sache zu thum haben, wenigſtens nicht ohne Euern Beiſtand, und deßhalb hielt ich es, ehe ich ſelbſt einen Verhaftsbefehl ausfertigte, oder mit den Leuten in Tarningham darüber ſpräche, für das Beſte, 165 — 244— nach dem Park zu kommen und die Sache mit Euch zu berathen.“ „Als dem geſcheidteſümn Manne in der Grafſchaft,“ ſagte Sir John Slingsby lachend.„Mein lisber Doc⸗ tor, ich werde mir von Euch ein Certificat geben laſ⸗ ſen und mich auf die Univerſität Gotham vorbereiten.— Aber ich will Euch ſagen, was wir thun wollen, wir wollen den Reitknecht da gleich nach Stephen Gimlet ſchicken und das Zeugniß dieſes nebſt der Ausſage des alten Grindley wird die ganze Sache bald in Ordnung bringen.— Heda, Tom! Reite einmal ſchnell wie der Teufel hinüber nach Ste Gimlets Hütte und ſage ihm, daß er ſo ſchnell, als ſeine Beine zu tragen ver⸗ mögten, ſich in dem Gerichtszimmer zu Tarningham einſtellen ſolle. Wir wollen der Jurisprudenz dieſer Herren bald ein Ende machen und Wharton's obendrein — dieſer nichtswürdigen Beſtie, dieſes Baſtards von einem Fuchſe und einem Dachſe— könnt ihr Euch noch auf ſeine Mutter beſinnen, Doctor? Ihre Beine waren gerade, wie das Geländer einer Brücke, nur umgekehrt und zu beiden Seiten nach außen gebogen, was ihnen eine Art Wölbung gab.“ So fortplaudernd, ritt Sir John Slingsby weiter, bis ſie den Eingang zu dem kleinen Gerichtszimmer er⸗ reichten, welches ſehr bequem unmittelbar an Nr. Whar⸗ ton’s Bürean ſtieß. —p — 245— Das Erſcheinen von Sir John Slingsby und Doc⸗ tor Miles ſchien den beiden andern Friedensrichtern und ihren Protokollanten, nach der übertriebenen Höflichkeit ihres Empfanges zu urtheilen, durchaus nicht gelegen zu kommen. Es ward ſogleich ein Stuhl für den ehr⸗ würdigen Herrn gebracht, Mr. Stumpforth überließ ſeinen Sitz an Sir John als Präſidenten der Friedens⸗ richter, und Mr. Wharton drückte mit boshafter Freund⸗ lichkeit ſein Vergnügen aus, Sir John wieder unter der Zahl ſeiner Collegen zu ſehen. „Ihr thatet Alles, was Ihr konntet, um es zu verhindern,“ ſagte Sir John ſich auf den Stuhl ſe⸗ tzend,„aber es ging nicht, Wharton. Nun, meine Her⸗ ren, was habt Ihr vor? Wir wollen die Geſchäfte nicht unterbrechen.“ „Es liegen allerlei Fälle vor„“ ſagte Mr. Wharton, „einige betreffen die Acciſe, andere das Armengeſetz, an⸗ dere—“ „Nun, ſo laßt ſie uns durchmachen, laßt ſie uns durchmachen,“ rief Sir John unterbrechend,„denn wir haben auch ein Geſchäft, welches beſorgt werden muß.“ „Wir müſſen die Sachen nach der Ordnung vor⸗ nehmen,“ ſagte Mr. Wittingham trocken. „Ja wohl, nach der Strazze,“ rief Sir John Slingsby lachend,„Alles auf regelmäßigem Geſchäfts⸗ wege, nicht wahr Wittingham? Wer iſt denn das? Ja⸗ mes Jackſon, der Gaſtwirth,“ fuhr er fort, auf das Papier blickend,„nun, Wittingham, wie ſteht es mit ſeinen Activis und Paſſivis?“ Mr. Wittingham fühlte ſich unangenehm berührt, entgegnete aber Nichts und die Sache ward regelmäßig vorgenommen. Einige neun oder zehn Andere folgten und die beiden zuerſt anweſend geweſenen Friedensrichter und ihr außerordentlich ausgezeichneter Protokollant tha⸗ ten alles Mögliche, durch Weitſchweifigkeiten Sir John Slingsby und Doctor Miles zu ermüden. Die armen Leute jedoch, die auf ſchriftliche Vorladung gezwungen geweſen waren, vor dem ehrfurchtgebietenden Antlitz der Gerechtigkeit zu erſcheinen, hatten Grund ihrem Himmel zu danken und thaten es auch, daß die Zahl der Frie⸗ densrichter auf vier angewachſen war. Eine Anzahl Fälle wurden als geringfügig beſeitigt, in andern wur⸗ den ſehr gelinde Strafen erkannt und wenn die wirk⸗ iche Wahrheit geſagt werden muß, ſo war die Perſon, welche bei den Verhandlungen dieſes Tages die ſchwerſte Strafe litt, keine andere als Mr. Wittingham, auf wel⸗ chen Sir John Slingsby zwei lange Stunden die reiche Fluth von Sarkasmen ausſtrömen ließ, welche ſich wäh⸗ rend der letzten vierzehn Tage in ſeiner Bruſt geſammelt hatte. Endlich war die Liſte zu Ende und der würdige Mr. Wittingham bezeigte Luſt, ſich zu entfernen, aber Sir John Slingsby hielt ihn zurück und rief: . — 247— „Wartet noch ein wenig, Wittingham, wartet ein wenig, mein werther Herr. An der Sache, die wir jetzt vorzubringen haben, habt Ihr ſchon herumgeleckt, folg⸗ lich müßt Ihr ſie auch mit auseſſen helfen.“ „Ich bin krank, Sir John,“ ſagte Mr. Witting⸗ ham,„ich bin nicht fähig.“ „Für nicht fähig habe ich Euch ſchon lange gehal⸗ ten,“ verſetzte Sir John und fügte dann leiſe hinzu: „ausgenommen zu einem hohen Schemel in dem Hinter⸗ grund eines Trödlerladens— aber was das Krankſein betrifft, Wittingham, ſo werdet Ihr doch ſo etwas nicht behaupten. Euer Geſicht iſt ja ſo roth, als ob Ihr es mit Guineen aus Eurer eiſernen Kaſſe gewaſchen hättet. Doch unſere Sache betrifft den Capitain Moreton und die von ihm begangene Fälſchung des Kirchenbuches in der Sacriſtei zu Moreton.“ „Das habe ich ſchon abgemacht,“ ſagte Mr. Wit⸗ tingham ſpitz,„und ich bin nicht geneigt, nochmals darauf einzugehen.“ Nun kam aber die Reihe des Angriffs auf Mr. Wittingham an Mr. Wharton. „Ihr habt es abgemacht, Sir?“ rief er, indem das ganze Blut ſeines Körpers ihm in das Geſicht ſtieg.„Die Fälſchung der Kirchenbücher in Moreton! Da habe ich ja noch gar Nichts davon gehört!“ „Es war nicht nöthig, daß Ihr Etwas davon hör⸗ 4 tet,“ antwortete Mr. Wittingham.„Ihr ſeid, glaube ich, nicht Friedensrichter, Mr. Wharton, und überdies konntet Ihr einigermaßen als bei der Sache betheiligt angeſehen werden. Außerdem waret Ihr auch abweſend und deshalb ſchickte ich nach Bacon und machte die Sa⸗ che ſelbſt ab.“ 4 „Das laß ich mir gefallen,“ ſagte Sir John Slingsby mit lautem Gelächter.„Ihr ſeht, er iſt ein thätiger Menſch, Wharton, daß er entweder etwas Gu⸗ tes oder etwas Böſes thun muß. Ich behaupte, daß er durch das Widerrufen aller ſeiner geſcheidten Decrete der Gerichtsbank ſo viel zu thun giebt, daß die übrigen Friedensrichter kaum damit fertig werden können.“ „Ich bin nicht hierhergekommen, um mich beleidigen zu laſſen, Sir John Slingsby,“ ſagte Mr. Wittingham, während das krankhafte Gelb ſeines Geſichts allmälig in Olivengrün überging.„Ich bin nicht hierhergekommen, um mich beleidigen zu laſſen und bleibe auch in dieſer Abſicht nicht da, ich erwarte, daß man mich wie einen Gentleman behandelt, Sir.“ „Die Erwartungen der Menſchen ſind wunderſam,“ rief der Baronet,„eben ſo gut könnte ein Schornſtein— feger erwarten, wie ein Erzbiſchoff behandelt zu werden, weil er ſchwarz geht— aber laßt uns das Geſchäft vornehmen, denn wenn wir einander auf dieſe Weiſe fortbekomplimentiren, ſo kommen wir heute Abend mit — 249— der Sache nicht zu Stande, beſonders unter Eurer er⸗ leuchteten Mithülfe, Wittingham, denn wenn es in Eng⸗ land einen Mann giebt, der eine Pfütze ſo umrühren kann, daß die ſchärfſten Augen nicht im Stande ſind, eine verlorene halbe Krone darin zu entdecken, ſo ſeid Ihr dieſer Mann.“ Auf ſprang der würdige Friedensrichter, indem er mit ſchwacher Stimme und verwirrter Miene rief: „Ich bleibe nicht da, dieſer Mann macht mich wahnſinnig.“ „Unmöglich,“ ſchrie Sir John Slingsby, als Mr. Wittingham nach der Thüre taumelte, und fügte dann in leiſerm Tone hinzu:„Dummköpfe werden niemals wahn⸗ ſinnig, ſagt man,“ aber Doctor Miles, welcher fah, daß der alte Wittingyam wirklich krank war, ſtand von ſeinem Sitze auf, ſchritt über das Zimmer, ſprach ein paar Worte mit dem ſich entfernenden Friedensrichter, die er aber nicht zu Ende bringen konnte, denn der alte Wittingham ſtieß ihn von ſich und ſchoß zum Zim⸗ mer hinaus. Ehe ich weitere Nachricht von den fernern Ver⸗ handlungen der noch übrigen Friedensrichter gebe, werde ich mir erlauben, Wittingham nach ſeinem eigenen Hauſe zu folgen. Nachdem er ungefähr zwei Hundert Schritte geaangen war, blieb er ſtehen und lehnte ſich ein paar Minuten lang an einen Laternenpfahl und ſtand dann —— ——y——— wieder an ſeinem Gartenthore ſtill, als ob er kaum im Stande wäre, weiter zu gehen. Er ereichte jedoch ſeine Wohnung und es gelang ihm nach mehreren Verſuchen, mit zitternder Hand ſeinen Schlüſſel in das Schloß zu ſtecken und die Thüre zu öffnen. Die Hausflur war leer, das ganze Haus ſtill und es war weder Weib noch Kind da um ihn zu empfangen und zu bewillkommnen, keine freundliche Miene und kein freundlicher Gruß, den kranken alten Mann zu erfreuen und zu tröſten, deſſen Hoffnungen und Beſtrebungen in ſeinem ganzen Leben ſich von den zärtlichen Gefühlen unſerer Natur gänzlich entfernt gehalten hatten. Aber es giebt Zeiten, wir mögen das Herz ſtählen wie wir wollen, wo eine Sehn⸗ ſucht nach zärtlichen Shympathien über uns kommt, wo der ſtarke Körper gebeugt, die Thatkraft gelähmt, die wilden Leidenſchaften todt und ſtill, die eifrigen Wün⸗ ſche entweder befriedigt oder vereitelt ſind und uns in unſerer Schwäche allein laſſen, um mit bitterer Reue zu fühlen, daß es noch beſſere Dinge, noch beſſere und dauerndere Dinge giebt, als die nach denen wir geſtrebt, vo die großen durch die Bergänglichkeit uns gepredigten moraliſchen Lehren zum erſten Male ein eifrig lauſchen⸗ des Ohr finden, wo es vielleicht zu ſpät iſt, ſie zu be⸗ folgen. Dieſes einſame Haus, dieſe ſtille Flur, der Mangel an jeder Spur von warmem Leben und ange⸗ nehmer Geſelligkeit, die einförmige todte Ruhe, welche —— * Alles durchdrang, äußerten ihre Wirkung auf Mr. Wit⸗ tingham und eine traurige Wirkung war es. Alles war ſo ruhig und ſchweigſam, alles war ſo ſtill und ſo laut⸗ los; es war ihm, als träte er in ſein Grab. Sogar der Sonnenſchein, der helle Sonnenſchein, welcher durch das Bogenfenſter über der Thüre hereinſtrömte und in langen Strahlen auf den marmornen Fußboden fiel, hatte etwas Schwermüthiges und Mr. Wittingham dach⸗ te:„bald wird er ſo auf mein Grab ſcheinen.“ Was war ihm nun die Befriedigung der habgierigen Liebe zum Golde, dieſes kriechenden Epheus des Herzens, wel⸗ cher langſam wachſend, Tag für Tag jede ſanftere und zartere Frucht erſtickt? Was war ihm nun die Befrie⸗ digung jener Eitelkeit, die in der Erwerbung von Reich⸗ thümern lag? Nichts, gar Nichts. Er ſtand da, ohne Freunde, ohne Kinder, ohne Gefährten, allein., herzens⸗ krank, getäuſcht in allen jenen Erwartungen, die er ge⸗ faßt; gerade von dem Gelingen ſeiner Bemühungen hatte er Bitterkeit geerntet und er fand kein Heilmittel, weder für das Gemüth noch für den Körper in dem Gold, das er zuſammengeſcharrt, noch in der Stellung, die er errungen. 8. Er ſchwieg einen Augenblick, während ein tiefer und bitterer Schmerz der Reue über ein ganzes Leben ſich ſeiner bemächtigte und dann taumelte er weiter in das nette, wohlgeordnete, katte, ſaubere Bibliothekzim⸗ — 252 mer, ſank auf einen der Armſtühle neben dem kalten Kamin und zog heftig die Klingel. Zwei oder drei Mi⸗ nuten lang erſchien Niemand und dann klingelte er wie⸗ der und ſagte bei ſich ſelbſt: „So ſchlechte Diener giebt es nirgends, wie ich ha— be, ja, ja, es fehlt eine Herrin im Hauſe,“ und er riß wieder wüthend die Klingel. Nach ungefähr einer Minute öffnete ſich die Thüre und Mrs. Billiter erſchien und Mr. Wittingham fragte zornig, weshalb Niemand auf ſeinen Ruf höre. Die Haushälterin antwortete: Sie habe geglaubt, der Bediente fei heraufgegan⸗ gen, als ſie aber die Klingel nochmals gehört, ſei ſie ſelbſt heraufgeeilt. Mr. WVittingham's Wuth warf ſich nun auf den Diener, und nachdem er in den heftigſten Ausdrücken über ihn geſchimpft und ihn zur Verbannung aus ſeinem Hauſe verurtheilt hatte, verdampfte ſein Zorn entweder oder die Kräfte verſagten ihm und er ſaß ein paar Augenblicke ſchweigend da, bis Mrs. Billiter ſich lang⸗ ſam nach der Thüre zu bewegen begann. „Bleibt, Billiter,“ rief er„weshalb geht Ihr ſort? Ich ſage Cuch, ich bin krank, Weib, ſehr krank.“ „Ich wollte eben nach Mr. Slattery ſchicken,“ ſagte die Billiter kalt,„ich ſah gleich, daß Ihr krank ſeid, Sir.“ 1 —— —— „Schickt nach dem Teufel,“ rief Mr. Wutingham, „dieſer Kerl, der Slatterh taugt gar Nichts. Da habe ich nun ſeine Seifenpillen und ſeine Herzſtärkungen drei Wochen lang genommen und befinde mich nicht beſſer, ſondern ſchlechter. Ich will zu Bette gehen, Billiter — macht mir eine Taſſe heißen Kaffee— ich fühle mich wirklich recht krank.“ „Es wäre doch gut, Ihr ließet Jemanden kom⸗ men,“ ſagte Mrs. Billiter,„denn Ihr ſeht ſehr bedenk⸗ lich aus und es würde ſtundenlang dauern, ehe wir einen andern Doctor bekämen.“ „Na, ſo ſchickt nach Slattery, wenn es einmal ſein muß,“ ſagte Mr. Wittingham,„aber er macht weiter Nichts, als daß er Einen voll Medizin und Pillen ſtopft, blos um eine lange Rechnung machen zu können. Kommt, helft mir die Treppe hinauf, ich will zu Bette gehen und bringt mir eine Taſſe ſtarken Kaffee— ich kann mich wirklich kaum auf den Füßen erhalten.“ Sobald als Mr. Wittingham wohlbehalten in ſein Zim⸗ mer gebracht war, ging Mrs. Billiter in die Küche hinunter und ſchickte das Hausmädchen ſogleich nach Mr. Slat⸗ tery, während ſie bedacht war, mit der Zubereitung des Kaffees ſo viel Zeit als möglich hinzubringen, da ſie ihn keineswegs für einen ihrem Herrn zuträglichen Trank hielt, worin ſie wahrſcheinlich ganz recht hatte. Es dauerte jedoch ſo lange, ehe der Arzt erſchien, daß ſie ſich genöthigt ſah, den Kaffee hinauf zu Mr. Witting⸗ ham zu tragen, der bei ihrem Eintreten ſehr röchelte und ſich über heftige Schmerzen beklagte. Er trank nichts deſto weniger den Kaffee bis auf den letzten Tro⸗ pfen aus und zwar um ſo eiliger, als Mrs. Billiter die Meinung zu erkennen gab, daß es ihm nicht viel nützen würde; nachdem er fertig war, ſank er erſchöpft auf ſeinen Pfuhl zurück und ſchloß die Augen. Die Farbe ſeiner Haut war jetzt faſt dunkelgrün und ging unter den Augen in Schwarz über und die Haushälterin dachte, als ſie am Bette ſtand und ihn anſchauete, bei ſich ſelbſt, daß es nicht lange dauern werde. Man darf nicht glauben, daß ſie von der Ausſicht auf den baldi⸗ gen Hintritt ihres Herrn etwa ſehr ergriffen war, ob⸗ ſchon ſie viele Jahre lang in ſeinem Dienſte geſtanden hatte, denn er war nicht der Mann, der irgend Jeman⸗ des Zuneigung gewinnen konnte, und ihre Gedanken wa⸗ ren mehr darauf gerichtet, wie ſie ſeinen ungerathenen Sohn, zu deſſen Verſchlechterung ſie ebenfalls das Ihre beigetragen, helfen könnte, als auf das wahrſcheinliche Schickſal ſeines Vaters. Während ſie ſo daſtand und nachdachte, vernahm ſie Mr. Slattery's raſchen knarrenden Tritt auf der Treppe und im nächſten Augenblick trat der Arzt in's Zimmer und rieb leiſe ein Paar Hände zuſammen, deren Finger fett und etwas roth, obſchon ſehr weich und formlos waren, und in ihrem Anſehn vier langen Brat⸗ würſten und einer kurzen glichen. Er ſah immer ſehr heiter aus, Mr. Slattery, denn er glaubte, das tröſte ſeine Patienten, halte ihren Muth aufrecht und ver⸗ hindere ſie, ſich nach anderem ärztlichen Rath umzu⸗ ſchen. So pflegte er dazuſtehen und einen Sterbenden anzulächeln, als ob er ein wirkliches und aufrichtiges Vergnügen über den Austritt ſeines Freundes aus die⸗ ſem irdiſchen Jammerthal empfände, und nur⸗ ſehr We⸗ nige vermogten in dem Geſicht des würdigen Herrn zu entdecken, ob ein Verwandter der Geneſung oder dem Grabe entgegen gehe. So näherte er ſich mit geziertem, trippelndem Schritte Mr. Wittingham's Bett, ſetzte ſich nieder und als der Kranke die Augen öffnete, lachte er freundlich und ſagte: „Nun, mein werther. Herr, was iſt denn das 2. Ihr müßt Euch geärgert haben,“ und gleichfalls ergriff er den Puls des Kranken. „Geärgert!“ rief Mr. Wittingham.„Es iſt dieſe alte bankrotte Schuft Sir John Slingsby, der mich beinahe wahnſinnig gemacht hat, und ich glaube meine Dienſtbo⸗ ten machen mir vollends den Garaus. Was zum Teu⸗ fel laßt Ihr denn meine Perücke hier liegen, Billiter. Setzt ſie doch auf den Stock, ſeht Ihr denn nicht, daß Mr. Slattery darauf ſitzt?“ „Ah, ſieh da,“ rief der Arzt,„es war mir, als wenn ich auf einer Katze oder ſo Etwas ſäße. Aber mein werther Herr, Ihr müßt Euch wirklich ruhig verhalten, ſonſt zieht Jör Euch ein Fieber zu. Der Puls geht jetzt ganz hart und ſchnell und Eure Haut iſt heiß und trocken. Wir müſſen der Seifenpille noch Etwas zufügen, und ich will Euch gleich eine Herzſtärkung mit et⸗ was Narkotiſchem verſetzt, zuſchicken damit Ihr gut ſchlaft.“ Er behielt die Finger dabei immer noch an dem Puls und ſchaute dem Kranken ſo lange in die Augen, daß Mr. Wittingham ihn lieber geohrfeigt hätte und ſagte endlich: „Der Trank muß alle zwei Stunden genommen werden, wenn Ihr nicht ſchlaft, und es wird doher gut ſein, wenn Jemand bei Euch wacht, um ihn Euch ein⸗ zugeben.“ „Nichts damit,“ ſagte Mr. Wittingham,„ich kann es nicht leiden, wenn mir Jemand die ganze Nacht im Zimmer umherrumort; ich kann die Medizin ſchon ſelbſt einnehmen, wenn ſie neben mir ſteht.“ „Aber ſie muß vor dem Einnehmen geſchüttelt wer⸗ den,“ ſagte Mr. Slattery. „Nun, ſo werde ich ſie ſchütteln„“ ſagte Mr. Wit⸗ tingham, und der würdige Arzt gab, als er ſeinen Pa⸗ tienten ſo hartnäckig fand, die Sache auf. Er begann dann eine Menge Fragen an ihn zu thun, auf welche „ — 257— er jedoch Nichts als mürriſche Antworten erhielt, indem der Kranke hauptſächlich darauf beſtand, Etwas gegen den großen Schmerz zu bekommen, den er in der Seite fühlte. Hierauf unternahm es Mr. Slattery, ihm alle die verſchiedenen Urſachen zu erklären, aus welchen die⸗ ſer Schmerz herrühren könne, aber die verworrene Men⸗ ge von Gallenſtein und Gallenblaſen und verhärteten Lebern und Nieren und Druſen gewährte ſeinem Zuhö⸗ rer wenig begreiflichen Aufſchluß und diente nur dazu, ihn noch mehr zu verblüffen, zu beunruhigen und aufzu⸗ reizen. Endlich verſprach und gelobte der Arzt jedoch, daß er ihm alle Arten von Mitteln für ſeine Krankheit ſchicken werde, und ſprach in ſo zuverſichtlichem Tone, daß er nächſten Tag oder übermorgen wieder beſſer ſein werde, daß er den Kranken in gefaßterer Stimmung zurückließ. Die Haushälterin begleitete Mr. Slattery aus dem Zim⸗ mer hinaus, hielt es aber nicht für paſſend irgend eine Bemerkung zu machen, bis ſie an den Fuß der Treppe kam, wo ſie Mr. Slattery leiſe am Arm berührte und ihn in das Speiſezimmer winkte.„Es ſcheint ſchlimm mit ihm zu ſtehen, Sir,“ ſagte die Haushälterin. „Ein Anfall von Gelbſucht, Mrs. Billiter,“ entgeg⸗ nete der Arzt, die Augenbrauen emporziehend,„und das iſt niemals etwas Angenehmes.“ „Aber ich mögte wiſſen, ob wirkliche Gefahr vor⸗ handen iſt, Mr. Slattery,“ fuhr Mrs. Biliiter fort, Beauchamp. Dritter Band. 17 —— —— ſteht.“ „Nun, es iſt ſtets Gefahr bei jeder Krankheit,“ ant⸗ wortete der Arzt, welcher eine gerade Antwort auf ſol⸗ che Fragen verabſcheuete, dann aber beſann er ſich und fügte, da er ſah, es könne Nichts ſchaden, wenn er ein wenig ausführlicher wäre, hinzu.„Die Gelbſucht, ſelbſt die grüne oder ſchwarze Gelbſucht, wie ſie zuweilen ge⸗ nannt wird, die Euer Herr hat, iſt an und für ſich keineswegs eine gefährliche Krankheit, aber es giebt Zu⸗ fälle, die ſich im Verlaufe einer Krankheit ereignen, wel⸗ che zuweilen in einem Augenblick ſehr unheilvolle Folgen herbeiführen können. Dies iſt bei der Gelbſucht keines⸗ wegs ungewöhnlich. Die Folge dieſer gelben oder grü⸗ nen Farbe der Haut und der Augen, ſeht Ihr, iſt ent⸗ weder die Folge galliger Blaſenſteine oder rührt von der Conſtruction der aus der Gallenblaſe herausführen⸗ den Schleimgangenden oder von Druck auf die Gallen⸗ blaſe ſelbſt her, wodurch die Galle verhindert wird, wie gewöhnlich in den Eingeweidekanal zu fließen.“ „Ach Du mein Himmel,“ rief Mrs. Billiter,„was verſtehe ich denn von ſolchem Zeuge? Ich hab' in mei⸗ nem Leben noch Nichts davon gehört, daß die Menſchen Kanäle und Enten im Leibe haben, ausgenommen wenn ſie ſie gebraten gegeſſen haben und das iſt bei meinem Herrn ſeit zwei Monaten nicht der Fall geweſen, das „es iſt ſehr nöthig, daß man weiß, wie die Sache kann ich beſchwören. Galle hat er allerdings genug und auch Bitterkeit, wie die Schrift ſagt.“ „Wartet nur einen Augenblick, wartet nur einen Augenblick, und Ihr werdet Alles gleich ganz deutlich ſehen,“ ſagte der würdige Arzt.„Wie ich geſagt habe, die Galle wird auf dieſe Weiſe verhindert, auf natürli⸗ chem Wege abzufließen und durch das Gefäßſyſtem ab⸗ ſorbirt. So lange ſie ſich blos in den Schleimhäuten feſtſetzt, was, wie wir ſehen, durch die Färbung des Oberhäutchens ſich zeigt, entſteht weiter kein Schaden, aber das Eindringen des kleinſten Tropfens Galle in die Gehirnhäutchen wirkt wie das heftigſte Gift auf das ganze Nervenſyſtem und ſehr häufig erfolgt plötzlicher Tod, zuweilen in fünf Minuten, zuweilen in ein paar Stunden. Dies war eben der Grund, aus welchem ich wünſchte, daß ihr bei ihm dieſe Nacht wachen mögtet, aber da er Nichts davon hören will, ſo hilft es weiter Nichts und Eins iſt gewiß, nämlich daß Ihr, wenn Ihr auch bei ihm wachtet, doch Nichts thun könntet, wenn ſo Etwas ſich ereignete, denn dagegen kenne ich eben ſo wenig ein Mittel, als gegen den Biß einer Klapper⸗ ſchlange.“ „Ich wollte, er ſpräche mit ſeinem Sohn,“ ſagte Mrs. Billiter,„aber Ihr ſagtet zu ihm, er würde morgen oder übermorgen wieder beſſer ſein, und daher iſt dazu keine Ausſicht vorhanden, denn ſchon der Name 17* ſeines Sohnes würde ihn in die äußerſte Wuth verſetzen, ausgenommen, wenn ihn die wirkliche Todesangſt er⸗ packen ſollte.“ „Na, wartet bis morgen, wartet bis morgen,“ ſagte Mr. Slattery, und wenn ich ſehe, daß es ihm Nichts ſchadet, will ich ihm ein wenig Angſt machen. Ich glaube, daß jetzt gerade keine Gefahr vorhanden iſt, wenn er ſich nur rubig verhält, aber gereizt darf er unter keiner Bedingung werden. Jedoch, wenn ich an Eurer Stelle wäre, ſo würde ich mich bereit halten, gleich zu ihm zu eilen, wenn er die Klingel zieht und mittlerweile will ich ihm ein beruhigendes Tränklein ſchicken.“ Aber trotz Mr. Slattery's beruhigendem Tränklein hatte Mr. Wittingham doch eine ſehr ſchlechte Nacht. Er war fieheriſch, heiß, von finſtern und ſchreckli⸗ chen Phantaſien erfüllt, hörte das Blut in ſeinem Kopfe herumgehen wie eine Mühle und dachte an Alles, was unglücklich war innerhalb des ganzen Bereichs einer nicht ſehr ausgedehnten Einbildungskraft. Er ertrug es jedoch einige Stunden lang hartnäckig und nahm die neben ſein Bett geſtellte Medizin innerhalb der vorgeſchriebenen Zwiſchenräume, ſogar noch vorher, fand aber keine Er⸗ leichterung. Endlich begann er neugierig zu werden, ob ſeine Leute ihn wohl hören würden, wenn er klingelte. Er fand, daß er immer ſchwächer und ſchwächer ward — und er litt außerordentliche Schmerzen, bis die Finſter⸗ niß und Qual ſeiner eigenen Gedanken unerträglich ward, und er ſtreckte die Hand aus und zog— es war etwa um drei Uhr Morgens— die Klingel. Die alte Haus⸗ hälterin, welche angekleidet bei der Hand geblieben war, trat augenblicklich in's Zimmer, und Mr. Wittingham fühlte ſo viel Freude und Dankbarkeit, als er ſeiner Natur nach fühlen konnte. Sie that ihr Beſtes ihn zu beſänfrigen und zu tröſten, und gerade als das Tages⸗ licht anbrach, begannen die niederſchlagenden Arzneien, die er eingenommen, einige Wirkung zu äußern, und er fiel in einen ſchweren Schlaf. Mr. Slattery fand ihn Nichts deſto weniger, als er ihn beſuchte, gerade nicht viel beſſer, ein warmes Bad brachte ihm jedoch einige Erleichterung. Der würdige Arzt begann nach allen Symptomen zu glauben, daß er wahrſcheinlich einen Patienten von einiger Wichtigkeit verlieren werde, und war der Anſicht, daß es Nichts ſchaden könne, wenn er ſich Anſprüche auf den Erben dieſes Patienten ſicherte. Er beſchloß daher, ſich zu Harry Wittingham's Ver⸗ theidiger aufzuwerfen und um den Weg für Das, was er nächſten Abend ſagen wollte, zubereiten, gab er dem alten Herrn einen bedeutſamen Wink, daß er in ziemli⸗ cher Gefahr ſei. Mr. Wittingham hörte dieſe Andeutung ſchweigend an, ſchloß die Augen, preßte die Lippen zuſammen und — 262— ſchien ſchrecklicher ergriffen zu ſein, als der würdige Arzt erwartet hatte. Dieſer fand es daher für gut, ein we⸗ nig Troſt zu ſpenden, ehe er weiter ginge und fuhr da⸗ her in beſänftigendem, ſchmeichelndem Tone fort: „Ich weiß, daß Ihr ein Mann von Charakter⸗ ſtärke ſeid, mein werther Herr, der ſich durch den Ge⸗ danken an eine kleine Gefahr nicht ſogleich entmuthigen läßt. Wenn ich Euern Zuſtand für hoffnungslos gehal⸗ ten hätte, würde ich es Euch gleich geſagt haben. Dies iſt er jedoch durchaus nicht und ich wünſchte Euch blos anzudeuten, daß Gefahr vorhanden ſei, um Euch die Nothwendigkeit zu zeigen, daß Ihr Euch ganz ruhig ver⸗ haltet und in Acht nehmt.“ Mr. Wittingham entgegnete kein Wort und nach einer ſehr unangenehmen Pauſe beurlaubte ſich der Arzt und verſprach am Abend wiederzukommen. Als Mr. Slatterh wiederkam, fand er, wie er glaubte, ſeinen Patienten wunderbar gefaßt. Nichts de⸗ ſto weniger hatte der Puls etwas Sonderbares, eine Art von ſchwerem, unterdrücktem Stocken, aus dem ſich keine günſtigen Vorbedeutungen ziehen ließen. Als Mr. Slattery ſo mit den Fingern an dem Handgelenk des Kranken und mit halb geſchloſſenen Augen daſaß, als ob er die leiſeſten Andeutungen berechnete, die der kleine aufgeregte Strom, der unter ſeiner Berührung zitterte und klopfte, gewähren könnte, woran dachte er wohl — 2563.— da? Nicht an Mr. Wittingham's Zuſtand, ausgenom⸗ men in ſo weit, als derſelbe auf ſeine Handlungsweiſe in einer nicht ärztlichen Eigenſchaft Einfluß haben konntr. Er ſagte oder, was daſſelbe iſt, dachte bei ſich ſelbſt: „Dieſer alte Herr wird drauf gehen, er hat nicht mehr Kraft genug, um gegen eine ſolche Krankheit anzukäm⸗ pfen. Da ich nun wenig für den gegenwärtigen Wit⸗ tingham thun kann, ſo wird es gut ſein, wenn ich mein Beſtes für den künftigen Wittingham thue. Wenn ich mich als ſeinen Freund erweiſe, ſo erweiſt er ſich viel⸗ leicht wieder als den meinen, und obſchon vielleicht das Geſpräch die Urſache iſt, daß die ſchwache Fluth des Lebens nur um ſo ſchneller verrinnt, ſo kommt doch nicht Viel darauf an, ob er eine halbe Stunde früher oder ſpäter trocken gelegt wird.“ Mrs. Billiter war jedoch zufällig nicht im Zimmer und Mr. Slattery beſchloß bei ſeinen menſchenfreundlichen Schritten einen Zeugen zu haben. Er that daher eine Menge Fragen und beſprach verſchiedene wichtige Punkte in Betreff der Geſundheit des Kranken, bis die gute Haushälterin erſchien. Er lenkte dann das Geſpräch all⸗ mälig auf den jungen Wittingham, indem er bemerkte, daß er ſeit ſeinem Morgenbeſuche weit herum geweſen ſei und ſprach von Buxton's Gaſthof als einem der Orte, nach welchem er gerufen worden. „Apropos, Euern Sohn ſah ich nicht, mein wer⸗ — 264— ther Herr,“ fügte er hinzu,„er war ausgegangen. Er lann jetzt für außer aller Gefahr betrachtet werden und bedarf nur Sorgfalt von ſich ſelbſt, freundliche Auf⸗ merkſamkeit von Andern und eine ruhige, ſorgenfreie Ge⸗ müthsſtimmung.“ Mr. Wittingham ſagte kein Wort und Mr. Slat⸗ tery legte ſein Schweigen ganz falſch aus.„Ich glaube, mein werther Herr,“ fuhr er fort,„daß es für Euch ein großer Troſt ſein würde, wenn Ihr ihn bei Euch hättet. Unter den gegenwärtigen Umſtänden dürfte dies nach meiner Anſicht ſogar räthlich ſein.“ Aber nun brach der Sturm los, nun ſprang die niedergehaltene Wuth mit fürchterlicher Heftigkeit empor. Ich will nicht Alles wieder erzählen, was Mr. Wit⸗ tingham ſagte, denn Vieles läßt ſich gar nicht wieder er— zählen. Er fluchte, er ſchwur, er wünſchte Mr. Slat⸗ tery zu allen Teufeln, er erklärte, daß ſein Sohn ihm niemals wieder über die Schwelle kommen ſolle, daß er ihn verſtoßen, daß er ihn enterbt habe und daß er hoffe, ihn noch ſein Brod betteln zu ſehen. Er befahl dem Arzt, ſich aus ſeinem Halſe zu packen und ſich niemals wieder ſehen zu laſſen, er ſchwur, daß er ſich freue zu ſterben, denn nun werde der Halunke, ſein Sohn, bald merken, was es heiße, einen Vater zu beleidigen, und werde gewahr werden, daß er denſelben nicht nach Be⸗ — 265— lieben wieder ausſöhnen könne, wenn er einem kleinen, einfältigen Pillendrechsler auftrage, dem Vater Angſt zu machen. Vergebens bemühte ſich Mr. Slattery zu ſpre⸗ chen, vergebens ſuchte er ſich zu entſchuldigen, vergebens nahm er ſeine Autorität an und ſagte ſeinem Patienten, daß er ſich um's Leben bringen werde, wenn er ſolcher wmahnſinnigen Wuth Raum gebe. Immer wieder befahl ihm Mr. Wittingham, der kerzengrad im Bette aufrecht ſaß und vor Wuth und Gelbſucht im Geſicht ſchwarz und grün ausſah, er ſolle ſich aus dem Hauſe packen, das Zimmer verlaſſen, die Bücher abſchließen und den Facitſtrich machen, und endlich mußte der Arzt weichen, während er ſich in Vorſtellungen und Betheuerungen er⸗ ſchöpfte, die aber unter dem Donner der Worte ſeines Patienten ungehört verhallten. Mrs. Billiter fand nicht für gut, ihm zu folgen, denn ſie kannte ihren Herrn zu gut, und wußte, daß ſein allzeit fertiger Argwohn bei dem mindeſten Anzeichen von Einverſtändniß erregt werden wür e. Ueberdies ge⸗ fiel es ihr auch nicht, daß Mr. Slattery ſich herausge⸗ nommen hatte, dieſe Angelegenheit ihr aus den Händen zu nehmen, ohne ſie erſt zu Rathe zu ziehen, um ſich bei der Sache, wie ſie ſich ausdrückte, eine Pfeife zu ſchneiden. Sie handelte daher vollkommen ehrlich, als Mr. Wittingham, ſobald als der Arzt fort war, ſich gegen ſie wendete und rief: „Was denkt Ihr davon, Weib, was denkt Ihr von dieſer Impertinenz?“ 3 Und ſie antwortete:„Er iſt ein Narr, der ſich in Alles miſcht, Sir.“ „Ja, das iſt er, Billiter, das iſt er,“ antwortete Mr. Wittingham„und ich glaube, er hat blos verſucht, mir Angſt zu machen, um ſeine eignen Abſichten zu. fördern. Aber er ſoll ſehen, daß er ſich irrt, das ſoll er.— Er hat mir aber Schaden genug gethan, daß er mich ſo in die Hitze gebracht hat. Mein Kopf ſchmerzt, als wenn er zerſpringen wollte,“ und Mr. Wittingham drückte die Hand auf die Stirn und ſank auf ſeinen Pfühl zurück.. Die Nacht brach jetzt herrin und Mrs. Billiter ent⸗ fernte ſich um Lichter zu holen. Als ſie wieder zurück⸗ kam, ſchien Mr. Wittingham, durch den Ausbruch von Wuth erſchöpft, zu ſchiummern. Sie ſetzte ſich daher in einiger Entfernung von ihm nieder, nahm ein Buch zur Hand und fing an zu leſen. Es war eins jener feltſamen myſtiſchen Werke, das Erzeugniß eines fana⸗ tiſchen Geiſtes, der ſich zu abenteuerlichen und verwege⸗ nen Theorien in Bezug auf Dinge hat hinreißen laſſen, die dem Auge des Menſchen weislich verborgen ſind, und an denen zuweilen in Folge einer der ſeltſamen Wider⸗ ſprüche der menſchlichen Natur die ſelbſtſüchtigſten, ma⸗ teriellſten und unverſtändigſten Menſchen großes Ver⸗ — — 267— gnügen finden. Das Buch führte den Tittel:„Ein Blick in die unſichtbare Welt,“ und war kürzlich erſt von Mr. Wittingham gekauft worden, ſeitdem er in den ſchwermüthigen, verzweifelnden Zuſtand verfallen war, der gewöhnlich die Krankheit begleitet, an der er litt. Ueber eine Stunde lang fuhr Mrs. Billiter fort, von Geiſtern und Geſpenſtern und Teufeln zu leſen, bis ihr das Haar unter der dicken Polſterhaube zu Berge ſtand. Aber das Buch hatte etwas Verſtrickendes, welches ſie nicht losließ. Sie hörte ihren Herrn dicht neben ſich athmen, und mehr als ein Mal ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Er genießt auf alle Fälle jetzt einen guten Schlaf.“ Endlich begann ſie zu denken, daß der Schlaf etwas lange dauere, ſie legte daher das Buch hin und ging an das Bett und ſchaute durch die Vorhänge. Er hatte ſich nicht im Mindeſten bewegt und ſchnarchte laut und da es ſchon eilf Uhr geſchlagen hatte, ſo dachte ſie, ſie könne die andern Diener nun zu Bette ſchicken und be⸗ ſchloß, in dem Zimmer des Kranken zu bleiben und in ſeinem großen Lehnſtuhl zu ſchlafen. Mit dieſen Anord⸗ nungen und einem kleinen Imbiß, den ſie zu ſich nahm, verging eine Viertelſtunde, und als ſie leiſe die Thüre öffnend wieder eintrat, hörte ſie daſſelbe laute Athmen und ſie ſetzte ſich wieder, ergriff abermals das Buch und dachte:„Ich glaube er wird bald aufwachen, da⸗ her wird es zut ſein, wenn ich nicht einſchlafe, bis ich — 268— ihm noch ein Mal eingegeben habe.“ Wunderbar waren die Geſchichten, welche ſie nun las, von Leuten die merk⸗ würdige Ahnungen beſeſſen, von Stimmen und Erſchei⸗ nungen, die in der ſtillen Mitternachtſtunde gehört und geſehen worden. Die Uhr auf dem Kirchthurm in Tar⸗ ningham ſchlug zwölf, wahrend ſie noch über dem Buche brütete, obſchon ſie aber durch das, was ſie las, ſehr aufgeregt war, äußerten Ermattung und Wachen doch ihre Wirkung und die Augen wurden ihr etwas ſchwer. Um dieſe Schläfrigkeit zu vertreiben, ſtand ſie auf und brachte ſtill das Zimmer in Ordnung, dann ſetzte ſie ſich wieder und wollte eben das Buch wieder zur Hand nehmen, als plötzlich das ſchwere Athmen eine Minute lang ſtockte.„Er wird nun aufwachen,“ ſagte Mrs. Billiter zu ſich ſelbſt, kaum aber war ihr dieſer Gedanke eingekommen, als ſie plötzlich eine Art von Raſſeln und Schnauben aus dem Bett hörte, ſie ſprang er⸗ ſchreckt auf, lief hin und ſchlug den Vorhang zurück. Das Licht fiel gerade auf das Geſicht des Kranken und dieſes bot einen ſchrecklichen Anblick dar. Alle Züge wa⸗ ren in Bewegung, die Augen rollten im Kopfe umher, die Zähne knirſchten, Schaum drang aus dem Munde und alle Glieder zuckten, ſo daß das Betttuch ſich in einen Knoten darum ſchlug. Mr. Wittingham hatte mit einem Worte die heftigſten Krämpfe. Mrs. Billiter er⸗ ſchrak natürlich ſehr und ihr erſter Gedanke war, nach — —— — 269— der Thüre zu laufen, um nach Hülfe zu rufen, plötzlich aber ſchien ſich ihr eine neue Anſicht von der Sache darzubieten.„Nein, ich will es nicht thun,“ ſagte ſie, und trat wieder zurück und holte etwas Hirſchhorngeiſt und hielt es Mr. Wittingham unter die Naſe, ſprengte ihm Vaſſer in's Geſicht, benetzte die Schläfe und that alles Mögliche, was ihr einfiel, um dem Anfall ein Ende zu machen. Er dauerte jedoch noch mehrere Minuten lang auf's Heftigſte fort und ſie dachte:„Vielleicht muß ihm zur Ader gelaſſen werden, ich glaube, ich muß nach⸗ Slatterh ſchicken,“ in dieſem Augenblick aber ſchien der Krampf nachzulaſſen, die gewundenen Glieder ſtreckten ſich kraftlos aus, ein ruhiger Ausdruck breitete ſich über das Geſicht, die Augenlider fielen ſchwer zu, hoben ſich und fielen wieder und obſchon die Finger noch fort⸗ während die Betten faßten, ſo geſchah es doch nicht mit Heftigkeit.„Er wird beſſer,“ ſagte die Haushälterin zu ſich ſelbſt. Im nächſten Augenblick hörten die Be⸗ wegungen der Hände auf, ein ſcharfer Schauer fuhr über den ganzen Körper, die Bruſt hob ſich und ſank, dann kam ein tiefer Seufzer, die Augen öffneten ſich, die Kinnlade fiel herab. Alles ward bewegungslos und kein Laut ließ ſich vernehmen. Mrs. Biliter lauſchte und horchte. Auch nicht das Rauſchen des leiſeſten Athemzuges war zu hören. Sie hielt ihm das Licht dicht an die Augen, die Augenlider zitterten nicht, die . — 270— Pupille zog ſich nicht zuſammen. Ein kalter, feuchter Thau ſtand auf den eingefallenen Schläfen und Alles war ſtill, wie das Schweigen des Todes. Sie ſetzte das Licht auf den Stuhl nieder und ſchauete ihn bei⸗ nahe eben ſo regungslos wie der vor ihr liegende todte Körper zwei oder drei Minuten lang an, dann fuhr ſie plötzlich zuſammen und ſagte leiſe:„Es iſt wirklich keine Zeit zu verlieren, ich muß an den Knaben denken, denn er war ein hartherziger alter Mann und man kann nicht wiſſen, was er gethan hat.“ Sie drückte ein paar Minuten lang die Hand auf die Stirn, dann ſtellte ſie das Licht in einiger Entfernung von den Bettvor⸗ hängen auf den Tiſch, ging hinaus, lief die Treppe hinauf und weckte den Diener und wartete an ſeiner Thüre, bis er herauskam. „Der Herr iſt ſehr krank, John,“ ſagte Mrs. Billiter,„ich glaube nicht, daß er die Nacht überleben wird, daher müßt Ihr gleich hinauflaufen und—“ „Nr. Slattery holen,“ ſagte der Diener ſie unter⸗ brechend. „Nein,“ antwortete die Haushälterin,„Slattery ſagte, er könne auch Nichts helfen und überdies hat er ſich auch mit dem Herrn heftig gezankt. Ihr müßt vielmehr gleich Mr. Harry herbeiholen. Sagt ihm, er möge ſofort kommen und keine Minute verlieren.“ — 271— „Es wird gut ſein, wenn ich mich auf's Pferd ſetze,“ ſagte der Mann,„denn bis nach Buxton's Gaſt⸗ hof iſt es ein gutes Stück.“ „Er iſt nicht in Burxton's Gaſthof,“ antwortete Nrs. Billiter,„ſondern in Morris' kleinem Häuschen auf der Chandleigh⸗Haide. Ihr könnt das Pferd neh⸗ men, wenn Ihr Luſt habt, aber macht nur ſchnell um's Himmel'swillen. Es iſt eine ſchöne mondhelle Nacht und Ihr könnt tüchtig darauf losgaloppiren. .„Das werde ich auch,“ rief der Mann und lief die Treppe hinab. Ohne nach Jemanden anders zu rufen, kehrte Mrs. Billiter in das Zimmer des Todes zurück, ſchaute ein paar Augenblicke in das Bett hinein, und ſah daß Alles ſtill war. Sie wußte, daß er wirklich und wahrhaftig todt war, aber doch ſchien es ihr ſonderbar, daß er ſich nicht bewegt hatte. Es lag etwas Unheimliches darin, und ſie ſetzte ſich auf einen Stuhl nieder und weinte. Sie hatte ihn nicht geliebt, ſie hatte ihn weder geſchätzt noch geachtet, ſie hatte ihn als ſchroſſ, grauſam und unfreundlich gekannt, aber in der Betrachtung, wie das Leben des alten Mannes einſam, ungepflegt von ver⸗ trauten Händen, ohne einen Freund, ohne einen nahen Verwandten unter Bitterkeit und Feindſchaft zwiſchen ihm und ſeinem einzigen Kinde verlöſcht war, lag Etwas, was die geheimen Quellen der tiefen Erregung in dem — 272— Herzen des Weibes bewegte, und den Brunnen der Thränen öffnete. Während ſie noch weinte, hörte ſie das Pferd an den Fenſtern vorbei nach der Chandleigh⸗Haide galop⸗ piren, und dann war ungefähr eine Stunde lang Alles ſtill. In tiefem Schlaf verſunken, kümmerten ſich die. Einwohner der kleinen Stadt nicht um Das, was in der Wohnung ihres reichen Nachbars vorging. Endlich hörte man entfernten Hufſchlag ſchnell auf der harten Straße daherkommen, er kam näher und näher und Mrs. Billiter ſprang auf und rannte mit dem Licht in der Hand die Treppe hinab und öffnete die Hausthüre. Im nächſten Augenblick hörte ſie das Gartenthor öff⸗ nen, und eine Geſtalt kam ein Pferd führend auf das Haus zu. Harry Wittingham warf dem Thier die Zügel über den Hals, gab ihm einen Hieb, um es nach dem Stalle zu ſchicken, ſprang die Stufen hinauf und trat in das 9 Haus. Sein Geſicht war nicht bleich, ſondern geröthet und ſeine Augen glänzten. „Ach Maſter Harry,“ ſagte Mrs. Billiter, als ſie ihn ſah,„er iſt hinüber.“ „Hinüber,“ rief Harrh Wittingham,„wollt Ihr damit ſagen, er ſei todt?“ „Ja,“ antwortete die alte Frau,„aber kommt nur herauf, Sir, kommt herauf, wir haben Viel zu bedenken.“ ¶☚ãũð 7 2 3— Ohne ein Wort zu ſagen, ſtand der junge Mann neben ihr, während ſie wieder die Thüre verſchloß und verriegelte, und folgte ihr dann die Treppe hinauf in die Zimmer ſeines todten Vaters. Sie ließ ihn ein paar Minuten lang mit ſtieren Augen und gerunzelter Stirn in das Bett ſchauen, dann aber berührte ſie ihn und ſagte: „Maſter Harry, Naſter Harry, es wird gut ſein, wenn Ihr jetzt an etwas Anderes denkt; er war ſehr hart gegen Euch und ich kann nicht umhin zu glauben, daß er Euch zu ſchaden geſucht hat. Vor vier oder fünf Tagen ſchrieb er einmal des Nachmittags ſehr Viel und ſagte mir ſpäter, er habe mich in ſeinem Te⸗ ſtament bedacht. Es wird gut ſein, wenn Ihr nach⸗ ſehet, was für ein Teſtament das iſt— alle Papiere, an denen ihm Viel gelegen war, pflegte er in dieſem Schubfache zu verwahren— der Schlüſſel dazu hängt an ſeiner Uhrkette.“ Mit zitternden Händen ergriff Harry Wittingham die Uhr, näherte ſich dem Tiſche und öffnete das Schub⸗ fach mit dem Schlüſſel. Es lagen mehrere Papiere dar⸗ in und verſchiedene Notizbücher, ein Document aber lag oben drauf mit einer kurzen Aufſchrift auf der Au⸗ ßenſeite und der junge Mann ergriff es ſofort, öffnete es und begann zu leſen. Mrs. Billiter blieb in einiger Entfernung ſtehen und ſchaute ihn mit ängſtlichem, be⸗ Beauchamp. Dritter Band. 18 — ſorgtem Blicke an. Als er ungefähr ein Duzend Zeilen geleſen hatte, nahm ſein Geſicht den Ausdruck entſetz⸗ lichen Kummers an, er ließ die Schrift aus der Hand fallen, ſank in einen Stuhl und rief: „Guter Gott! Er hat geglaubt, ich habe nach ihm geſchoſſen.“ „Aber Ihr habt es nicht gethan, Maſter Harrhy, Ihr habt es nicht gethan?“ „Ich?— Es iſt mir nicht eingefallen!“ rief Harry Wittingham. Mrs. Billiter kam herzugelaufen, hob das Papier auf und gab es ihm wieder in die Hand. „Es brennt ein großes Feuer in der Küche um Waſſer warm zu halten,“ ſagte ſie leiſe,„die Dienſtmäd⸗ chen ſchlafen alle und der Diener iſt noch nicht wieder zurück, aber er wird nicht lange mehr bleiben,— macht ſchnell, Maſter Harry, macht ſchnell.“ Der junge Mann ſchwieg, ſchaute das Papier ein paar Augenblicke lang nachdenklich an, ergriff dann d9s Licht und eilte aus dem Zimmer. Vierzehntes Kapitel. Stephen Gimlet wird uͤberliſtet und geräth in Gefangenſchaft. Wir müſſen auf eine frühe Stunde deſſelben Sonn⸗ tags Morgens und nach der Hütte Stephen Gimlet ne⸗ ben der kleinen Kirche zurückkehren. Sowohl Stephen als ſeine Schwiegermutter waren beizeiten aufgeſtanden, b und der Knabe ſchlief noch in ſeinem Bett. Die alte Frau verbrachte drei Stunden mit der Brille auf der Naſe beim Schreiben eines Briefes, wäͤhrend ihr Schwie⸗ gerſohn ſein Frühſtück zu ſich nahm, und als ſie mit Schreiben fertig war, legte ſie in den Brief ein altes, halb bedrucktes, halb beſchriebenes Papier, ganz daſ⸗ ſelbe, welches eines Morgens aus ihrer Familienbibel ge⸗ flogen war, als der arme Billy Lamb beim Eintreten das Buch in den Händen des kleinen Knaben gefunden hatte. Dann fügte ſie dazu einen alten etwas zerknit⸗ 4 terten Brief, deſſen Adreſſe ſie vorher aufmerkſam über⸗ las, holte dann Licht und ein kleines Stückchen rothes 18* — 276— Siegellak, ſiegelte den Brief und petſchirte ihn mit ih⸗ rem Fingerhute. „Da, Stephen,“ ſagte ſie, indem ſie den Brief ihrem Schwiegerſohn einhändigte,„er iſt nun gewiß zu⸗ rück, gebt ihm das und ſagt ihm, wenn er noch mehr darüber zu hören wünſcht, ſo könnte ich ihm Aufſchluß über Alles geben. Ich weiß alle Namen und glaube der Geiſtliche lebt auch noch. An Eurer Stelle würde ich nicht aus dem Hauſe gehen, bis ich ihn geſprochen, und wenn er zufällig noch nicht zurückgekommen ſein ſollte, ſo würde ich mich in der Nähe des Hauſes halten und ihn ablauern, wenn er kommt, denn es iſt nicht mehr als Recht, daß er erfahre, wie die ganze Sache ſteht, ehe er weitere Schritte thut.“ „Dieſes Mal verfehle ich ihn gewiß nicht, Mutter,“ ſagte Ste Gimlet,„alſo macht mit dem Jungen nur immer Mittag, wenn ich nicht zur Zeit wieder da ſein ſollte. Es macht mir Sorge, daß dies Alles nicht ſchon. früher geſchehen iſt, denn wir armen Leute können nicht wiſſen, was aus ſolchen Dingen bei vornehmen Herr⸗ ſchaften wird, und nach Allem, was Ihr mir ſagt, bin ich überzeugt, daß dieſer Vagabund, der Moreton, Nichts Gutes im Schilde führt.“ Mit dieſen Worten ſteckte Stephen Gimlet den Brief ſorgfältig ein und ging wie gewöhnlich mit der Bächſt in der Hand fort und ſein Hund folgte ihm. Es war noch nicht ſpäter, als halb ſechs Uhr, und da der Wild⸗ hüter ſich beſann, daß Sir John Slingsbh's Diener ge⸗ wöhnlich nicht allzufrüh auf den Beinen waren, ſo dachte er, er könne auch erſt ein Mal eine Runde machen und an der Chandleigh⸗Haide vorübergehen und ſehen ob er Etwas vom Capitain Moreton erſpähen könne. Er ging langfam den von ſeinem eigenen Hauſe hinwegführenden Weg hinauf, quer über die von Tarningham nach Lon⸗ don führende Heerſtraße, ſchlug dann einen Feldweg ein und kam bald auf einen anderen Weg, der ihn auf einen Sandweg führte, auf deſſen linker Seite ſich eine hohe Hecke mit Ulmen und auf der rechten die Chandleigh⸗Haide befand. Dieſer Weg lag etwas tief, ſo daß man davon keine Ausſicht auf die Gemeindewieſe hatte, aber ein paar Hundert Schritte weiter theilte ſich der Weg gabel⸗ förmig und führte einerſeits nach einem alten mit Fich⸗ ten beſtandenen Grabhügel, andererſeits nach dem vom Capitain Moreton bewohnten Landhäuschen. Ungefähr zwanzig Schritte von dieſer Biegung begann der Hund, welcher hinter Stephen drein lief, auf etwas zornige Weiſe zu brummen und der Wildhüter drehte ſich um, um zu ſehen, nach welcher Richtung die Augen des Thieres gerichtet wären. Ehe er dies jedoch gewahren konnte, ſprang plötzlich ein Mann über die Hecke, warf ſich auf ihn und ergriff mit beiden Händen den Lauf ſeines Ge⸗ wehrs. Es entſtand ein wüthender Kampf, denn Ste⸗ — 278— phen Gimlet bemerkte ſogleich, wer ſein Gegner war, und der Wildhüter gewann, obſchon er unverſehens überfallen worden, entſchieden die Oberhand, als er plötzlich ſeine Arme von hinten ergriffen fühlte und ſich ſchnell ein Strick um dieſelben wand. Im nächſten Au⸗ genblick ward ungeachtet aller ſeiner Anſtrengungen der Strick ſcharf angezogen, gleichzeitig hatte der Gefeſſelte aber auch das Vergnügen, Harry Wittingham's Stimme zu hören, welche rief:„Verfluchter Hund, er hat mich bis auf den Knochen gebiſſen,“ und da ſeine Beine frei waren, ſo applicirte er ſeine mit dicken Nägeln beſchla⸗ genen Schuhe Capitain Moreton's Schienbeinen ſo hef⸗ tig, daß der achtungswerthe Herr ihn fahren ließ und Stephen Gimlet ſchoß fort und lief ſo ſchnell als er konnte, in der Hoffnung Jemandem zu begegnen, der ihm beiſtehen könnte. Ich habe geſagt, daß ſeine An⸗ greifer ſich von hinten auf ihn warfen und deshalb wa⸗ ren die einzigen Wege, die dem Flüchtling offen ſtan⸗ den, die, welche nach dem Landhäuschen oder nach dem Grabhügel auf der Haide führten. In der letzten Rich⸗ tung konnte er nicht ſo leicht erwarten, Jemanden zu finden, der ihm beiſtünde, aber weiter unten an dem Wege, der dicht an dem Landhäuschen vorbeiführte, ſtan⸗ den ein paar ärmliche Häuſer, deren Bewohner gewöhn⸗ lich um dieſe Stunde auf die Arbeit gingen. Leider be⸗ ⁸ ſann ſich Stephen Gimlet nicht darauf, daß Sonntag V . war, aber es war ſo uund die guten Arbeitsleute ſchlie⸗ fen heute ein Wenig länger, um ſich nach den Be⸗ ſchwerden der Wochentage ein Wenig gütlich zu thun. Es glaubt Niemand, wie ſehr ein Glied das andere un⸗ terſtützt, ſelbſt bei den eigenthümlichen Verrichtungen des andern, bis irgend ein Mangel des erſteren eintritt. Nun würde man auf die erſte Betrachtung der Sache hin ſa⸗ gen, daß der Menſch nicht mit den Armen laufe, aber doch helfen die Arme ſehr beim Laufen und Stephen Gimlet fand bald zu ſeinem Nachtheil, daß er nicht ohne ſie ſo laufen konnte, wie gewöhnlich. Er war viel ſchneller zu Fuße, als irgend Einer von Denen, die ihm folgten, und doch hatten ſie ihn, ehe er noch Hun⸗ dert Schritte den Weg hinab war, wieder gefaßt und niedergeworfen. Es war ſogar ſehr vortheilhaft für ſie, daß er ausgeriſſen war, denn jeder Schritt, den er ge⸗ than, ging nach der Richtung, nach welcher ſie ihn zu ſchleppen beabſichtigten, und als ſie ihn einholten, war er nicht mehr dreißig Schritte von dem Gartenthor des Landhäuschens entfernt. Mit leichter Mühe ward er dieſe Strecke vollends weiter geſchleppt, in das Haus ge⸗ bracht und in ein Zimmer geſteckt, welches von den von den Geſchäften abgetretenen Strumpfwaarenhändler ei⸗ gentlich zu einer ſogenannten Kellermeiſterei erbaut wor⸗ den war, obſchon man durchaus nicht annehmen darf, daß er jemals einen Kellermeiſter oder ſo Etwas Aehnli⸗ ——— 280— ches hatte oder zu haben erwartete. Nichts deſto weni⸗ ger waren, da das Zimmer zur Aufbewahrung einer gewiſſen Anzahl ſilberner Löffel, Theekannen und ande⸗ rer Geſchirre von koſtbarem Metall beſtimmt war, ſtarke Gitter an den Fenſtern angebracht worden und die Kel⸗ lermeiſterei gab jetzt einen ſehr bequemen kleinen Käfig für den Vogel ab, den die beiden Herren draußen auf der Gemeindewieſe gefangen hatten. Ehe ſie die Thüre hinter ihm zuſchloſſen, machte Mr. Harry Wittingham dem Capitain Moreton mit leiſer Stimme einen Vorſchlag, worauf der Letztere ant⸗ wortete: „‚Nein, nein, er würde ſchreien und die Weiber aufwecken und dann würde es überall bekannt. Ihr könnt ihn tüchtig durchwichſen, ehe wir ihn wieder her⸗ auslaſſen, wenn Ihr Luſt habt. Laßt uns erſt die Haupt⸗ ſache beſorgen, da wir ihn haben und ihn gut bewachen, ohne daß Jemand Etwas davon erfährt. Guten Mor⸗ gen, Meiſter Wolf, Ihr ſollt Etwas Brod und Waſſer bekommen, wenn Ihr wollt, aber während der nächſten vierundzwanzig Stunden Nichts weiter.“ Stephen Gimlet antwortete Nichts und es muß be⸗ merkt werden, daß er, ob er nun glaubte, ſchreien werde Nichts helfen, oder ob er dem Thiere, deſſen Namen man ihm beilegte, in ſeinem Hange zur Schweig⸗ ſamkeit im Unglück nachahmte— vom Beginn des Kamp⸗ —— 28 fes bis zu Ende kein Wort geſprochen hatte. Er ließ die Thüre ſchweigend zuſchließen, und während er über⸗ was zu thun ſei und ob überhaupt Etwas gethan werden könne, begaben ſich ſeine beiden Häſcher in das— kleine Geſellſchaftsjimmer, wo ſie ſich niederſetzten und Wleeinen Augenblick über das Gelingen ihres Planes lach⸗ ten. Ihre erſte Freude wich jedoch bald einigen unan⸗ genehmen Empfindungen. Capitain Moreton rieb ſich ſeine Schienbeine, welche durch die Berührung mit Ste⸗ phen Gimlets Schuhen beträchtlich gelitten hatten. Harry Wittingham zog ohne Weiteres ſeinen Stiefel aus und fand ſeinen ganzen Strumpf voll Blut und die Spuren von vier großen Fangzähnen deutlich in der Ferſe und 4 an den Flechſen abgedrückt. „Kommt mit,“ ſagte Capitain Moreton, als er den Zuſtand ſeines Freundes ſah,„wir wollen Etwas Salzwaſſer machen. Ihr könnt Euch Eure Ferſe damit waſchen und ich will mir die Schienbeine waſchen, denn dieſer verfluchte Kerl hat mir die ganze Haut abgeſchunden— Salz und Waſſer iſt das Allerbeſte, was es giebt.“ Während ſie an ſich ſelbſt die Stelle eines Chirur⸗ gen vertraten, will ich mit Erlaubniß des Leſers zurück⸗ kehren, um von einem der Acteurs in dem Schauſpiele von Gimlet's Gefangennehmung zu ſprechen, welcher noch nicht die Beachtung gefunden hat, welche er ver⸗ legte, — 282— dient. Der Hund, welcher ſeinem Herrn aus der Hütte nachgefolgt war, machte, nachdem er Mr. Wittingham's Ferſe gebührende Aufmerkſamkeit bezeugt und für ſeine Mühe einen tüchtigen Fußtritt erhalten hatte, Jagd auf die Verfolger ſeines Herrn, als ſie den Weg hinab hin⸗ ter ihm drein liefen, ſprang auf Capitain Moreton und zerriß ihm den Rock, plötzlich aber, als wenn er ſähe, daß ſeine Bemühungen allein wenig ausrichten könnten und daß es beſſer ſei, wenn er Beiſtand herbeiholte, ſchoß er in einem rechten Winkel über die Gemeindewieſe hinweg, ließ den Kopf herunter und die Zunge heraus⸗ hängen und der Schaum der Wuth tropfte ihm vom Maule. Er lief ſtracks durch einen Bauernhof auf der entgegengeſetzten Seite der Haide, biß nach einer Frau, welche eben auf dem Wege war, die Kühe zu melken, zerriß ihr aber blos die Schürze, verwundete den Hund des Bauers mit ſcharfem Biß, ſetzte über die Mauer und lief immer gerade weiter nach Tarningham und biß nach jedem lebenden Gegenſtand, der ihm in den Weg kam, blieb aber nirgends ſtehen, um zu ſehen, ob er viel oder wenig Schaden angerichtet habe. Dieſer miſanthro⸗ piſche Geiſt erweckte bald die Aufmerkſamkeit der Leute und erregte ihxe Entrüſtung. Sie gaben dem armen Hunde einen ſehr ſchlechten Namen und obgleich ſich Nie⸗ mand fand, der ſich der Aufgabe unterzogen hätte, ihn wirklich zu hängen, ſo folgten ſie ihm doch mit Heuga⸗ —— — 283— beln, Stöcken, Schaufeln, Steinen und einem ſehr ge⸗ miſchten Aſſortiment anderer Waffen, wie zum Beiſpiel Schüreiſen, Feuerzangen und ſo weiter, und ſo trieben ſie ihn in den Hinterhof des Mayors von Tarnigham und ſchlugen ihn endlich todt, ohne daß er weiter Scha⸗ den angerichtet hätte. Dies iſt die tragiſche Geſchichte von Stephen Gim⸗ lets armen Hunde, aber keiner dieſer nähern Umſtände wurde damals dem Capitain Moreton oder Harrh Wit⸗ tingham bekannt, denn dieſe Herren fanden es Beide räth⸗ lich, ſich während des ganzen Morgens auf das Haus zu beſchränken. Sie ſprachen von mancherlei und vie⸗ len Dingen, pflegten den äußern Menſchen, wie ſie ſich vorgenommen hatten, mit Salzwaſſer und den innern mit Butterbrod, Kaffee, Eiern und geröſtetem Schinken. Der geröſtete Schinken machte ſie ſehr durſtig und um zwölf Uhr verſuchten ſie dieſe unangenehme Empfindung durch ein Glas kalten Grog zu entfernen, und als ſie fan⸗ den, daß dieſer ihrer Erwartung nicht entſprach, ver⸗ ſuchten ſie ein Glas heißen. Hierauf erklärte Harry Wittingham, daß er in Folge des Frühaufſtehens ſich müde und ſchläfrig fühle, und entfernte ſich, um ſich ein Wenig niederzulegen, aber ſchlief in einem unruhigen und verworrenen Schlummer wohl drei bis vier Stun⸗ den lang fort, wo er durch ein ziemlich lautes Geſpräch und anſcheinend hitzige Worte erweckt ward, welche aus — 284— dem anſtoßenden Zimmer kamen. Mit Mühe erkannte er die Stimme des Capitains Moreton und ſeiner ſchö⸗ nen Geſellſchafterin, welche am Abend zuvor beim Abend⸗ eſſen auf keiner ſehr guten Laune zu ſein geſchienen hatte, aber er konnte bei der gegenwärtigen Gelegenheit den Gegenſtand des Streites nicht ermitteln, und als er nach ſeiner Uhr ſah, fand er, daß vier Uhr vorbei war. Da er wußte, daß in dem Landhäuschen um fünf Uhr Mittagsmahlzeit gehalten ward, ſo wuſch er ſich Hände und Geſicht, ordnete ſich ſo gut er konnte, das Haar und ging in das Geſellſchaftszimmer hinab, während der Zungenkrieg in dem Nebenzimmer noch forttobte. Es dauerte eine Viertelſtunde, ehe Capitain More⸗ reton zu ihm kam, und nun ward er von ſeinem würdi⸗ gen Freund unterrichtet, daß das Mittagsmahl heute eine halbe Stunde ſpäter Statt finden werde, weil das Dienſtmädchen nach Buxton's Gaſthof geſchickt worden ſei, um eine Chaiſe zu beſtellen, die mit Einbruch der Nacht bei dem Landhauſe vorfahren ſollte. Dieſe Mittheilung machte Harry Wittingham bedeu⸗ tend ſtutzig. „Aber wo zum Teufel wollt Ihr denn hin, Mo⸗ reton?“ fragte er.„Ihr wollt mich doch nicht etwa mit dieſem Kerl allein kaſſen, wie?“ „Nur auf kurze Zeit, Mr. Wittingham,“ antwor⸗ tete Capitain Moreton auf ſeine ungezwungene, nachläſ⸗ 4 ſ — — 285— ſige Weiſe,„nicht ſo lange, daß er Euch oder Ihr ihn freſſen könntet. Ihr wißt doch, was für hartnäckige Teufel die Weiber ſind und ich habe mit der dickköpfig⸗ ſten von der ganze Race zu thun. Die Sache iſt, Wit⸗ tingham, daß wir, wenn wir ſie nur richtig gebrau⸗ chen, die Mittel in die Hände bekommen haben, an ei⸗ nigen unſerer guten Freunde vollſtändige Rache zu neh⸗ men, unter andern auch an dem Kerl, welcher, wie Ihr Euch erinnern müßt, Secundant des Capitains Hayward bei ſeinem Duell mit Euch war, Rr, Beauchamp nennt er ſich.“. „Ich höre, daß ein Lord Lenham aus ihm geworden iſt und daß er im Begriff ſteht, Sir John's hübſche Tochter zu heirathen.. „Ganz recht,“ antwortete Capitain Moreton tro⸗ cken,„aber wenn er ſich nicht in Acht nimmt, ſo kann ſeine Hochzeitsreiſe eine andere werden, als er erwartet. Nun koſtet es mir die größte Mühe, meine ſchöne Freun⸗ din Charlotte abzuhalten, daß ſie die ganze Sache ver⸗ derbe, denn ſie hat einmal wieder ihre heftige Laune und dann wird ſie toll wie ein Märzhaſe. Sie und ich müſſen zuſammen handeln, aber ich darf in der Sache nicht auftreten, denn es ſind zwei oder drei Kleinigkei⸗ ten vorhanden, welche die Leute gegen mich aufreizen würden. Ich habe daher beſchloſſen, hinüber nach Win⸗ terton zu fahren, bis die morgende Geſchichte vorbei iſt, denn ſie will bei der Vermählung zugegen ſein und ſich durchaus nicht abreden laſſen. Zum Unglück drohte ich ihr jedoch, die ganze Sache zu vereiteln, wenn ſie ſich nicht lenken ließe, und daher will ſie mich nicht aus den Augen laſſen und droht gleichzeitig mir die Kehle abzu⸗ ſchneiden oder ſonſt ſo Etwas zu thun, um ſich als lie⸗ benswürdige Geſellſchafterin zu erweiſen. Aber ſie muß mit mir, das iſt klar, und kann morgen zu der Vermäh⸗ lung in einer Chaiſe herüberfahren. Wenn ſie nicht Al⸗ les verdirbt und dieſer Kerl uns nicht entwiſcht, ſo ha⸗ ben wir Jene vollſtändig in der Gewalt.“ „Nun, aber was in's Teufels Namen hat er denn mit Lord Lenham's Heirath zu thun?“ fragte Harry Wittingham. „Ich weiß es nicht ganz genau,“ antwortete Capi⸗ tain Moreton ernſt,„aber ich habe mancherlei Verdacht gegen ihn, über den ich mich jetzt noch nicht ausſprechen kann. Alles, was ich verlange, iſt, daß wir ihn hier behalten, bis die Trauung vorüber iſt, und Ihr habt dann weiter Nichts zu thun, als den Schlüſſel zum Zim⸗ mer zu behalten und nicht zu geſtatten, daß eins von den Mädchen hineingeht. Dadurch ſtraft Ihr ihn zehn Mal härter, als wenn Ihr ihn eine ganze Stunde durch⸗ prügeltet. Ich weiß, daß Ihr Euch nicht ſo leicht fuͤrch⸗ tet, wenn aber die Leute etwa Spektakel deswegen ma⸗ chen wollten, ſo könnt Ihr ja ſagen, Ihr hättet es — — 287— gethan, um Euch an ihm zu rächen, weil er Euch zur Thüre hinausgeworfen.“ Harry Wittingham lächelte und einen Augenblick nachher fuhr Capitain Moreton fort:„Da kommt ſie, beim Jupiter, ich will ihr vor der Hand aus dem Wege gehen und einſtweilen dem Kerl etwas Fleiſch in den Hals ſtopfen, ohne ihn loszubinden. Ihr bleibt alſo da, Wittingham, nicht wahr? Morgen Abend komm ich wieder zurück.“ „Nun, ich muß wohl bleiben,“ ſagte Harry Wit⸗ tingham,„denn die gute alte Frau Billiter glaubt, daß ich bis Morgen Abend hier ſein werde und ich er⸗ warte, daß ſie mir etwas Geld ſchickt, wenn ſie es be⸗ kommen kann.“ Capitain Moreton wartete auf weiter Nichts, als dieſe Zuſtimmung, ſondern verſchwand durch die Thüre rechter Hand und einen Augenblick nachher trat die ſchöne Dame, die ich ſo oft erwähnt, durch die andere herein. Ihr Geſicht war etwas röther als gewöhnlich, aber dies war das einzige Zeichen der ſie bewegenden Leidenſchaften, welches in ihrem Benehmen ſichtbar war. Ihr Schritt war ruhig, verſtohlen und katzen⸗ ähnlich, ihre Augen ſahen kalt und flach aus und zeig⸗ ten einen nichtsſagenden gläſernen Glanz, als ob ſie abſichtlich mit einem halbdunkeln Rebel bedeckt wären, b ———— —— um Das was dahinter vorging zu verſchleiern. Sie ſah ſich langſam im Zimmer um, ohne weitere Notiz von Mr. Wittingham zu nehmen, obſchon ſie ihn an dieſem Tage noch nicht geſehen hatte, ging nach dem Sopha von nachgemachtem Roſenholz, ſetzte ſich ſchwei⸗ gend nieder und nahm einige Papiere aus dem Schub: fache des Tiſches. Harry Wittingham wünſchte ihr gu⸗ ten Morgen und richtete eine alltägliche Bemerkung an ſie, worauf ſie durch ein gezwungenes Lächeln ant⸗ wortete und ſich dann wieder mit ihren Papieren be⸗ ſchäftigte. Als Capitain Moxeton ungefähr, eine Vier⸗ telſtunde nachher wieder in das Zimmer trat, leuch⸗ tete ein plötzlicher Feuerſchein aus ihren Augen und ver⸗ ſchwand wieder, aber ſie ſprach kein Wort, und als bald nachher das Diner angemeldet ward, nahm ſie Mr. Wittinghnm's Arm und ging mit ihm in das. kleine Speiſezimmer. Als die Mahlzeit vorüber war und ſie die Herren bei ihrem Weine ſitzen ließ, ging ſie an Capitain Moreton's Stuhl vorüber, beugte den Kopff nieder und ſagte leiſe aber laut genug, um von Mr. Wittingham gehört zu werden: „Nimm Dich in Acht, Moreton, nimm Dich in Acht, Du kennſt mich.“ Capitain Moreton lachte blos, obſchon die Worte in drohendem Tone ausgeſprochen worden, und ſobald 4 ſie fort war, trank er Harry Wittingham tüchtig — 289— Wein zu und darauf folgte Grog und in dieſer ange⸗ nehmen Beſchäftigung fuhren die beiden würdigen Zech⸗ genoſſen fort, bis der Himmel grau ward und ſich das Rellen der Chaiſe vor dem Gartenthore vernehmen ließ. „Da, Wittingham,“ rief Capitain Moreton auf⸗ ſpringend,„hier iſt der Schlüſſel zu dem kleinen Kel⸗ ler— er iſt klein, aber es iſt genug darin, daß Ihr Euch vierzehn Tage lang knüppeldick beſaufen könnt. Hier iſt auch der Schlüſſel zum Käfig, bewahrt den Vogel gut bis morgen früh zehn oder eilf Uhr. Ich will ſehen, wie mein Schimmel geht, und wenn wir Beide unſere Sache gut machen, ſo werdet Ihr morgen Abend Etwas hören, worüber Ihr herzlich lachen ſollt. Adieu, lieber Freund,“ und damit ging er nach der Thüre und ſchrie noch laut:„Wo iſt der Koffer?“ „Ich habe ihn in die Chaiſe geſetzt,“ ſagte das Mädchen, und Capitain Moreton wendete ſich nochmals zu Harry Wittingham und ſagte ihm, daß er ihn vor zehn Uhr des folgenden Abends wiederſehen würde, und ging dann um ſeine ſchöne Begleiterin aufzuſu⸗ chen. Nach wenigen Minuten waren ſie fort, aber der Gentleman, den ſie zurückließen, bemerkte keinen Grund, weshalb er die auf dem Tiſche ſtehende Flaſche Beauchamp. Dritter Band. 19 — — — 290— Wein nicht austrinken ſollte, wäre es auch blos um den Groggeſchmack aus dem Munde zu bringen. Hier⸗ auf ſetzte er ſich in einen Lehnſtuhl und ſchlief ein, und ſein Schlaf war ſo feſt, daß das Mädchen zwei Mal hereinkam und nach ihm ſah, als ſie aber be⸗ merkte, daß er wahrſcheinlich unter einigen Stunden noch nicht aufwachen würde, ſo ſteckte ſie ein paar friſche Lichter auf die Leuchter und ging zu Bett. Harry Wittingham ſchlief und träumte. Es dünkte ihn er habe irgend eine ſchreckliche Handlung began⸗ gen, es entſtand Alarm und Geſchvei, die ganze Grafſchaft verfolgte ihn und er hörte dicht hinter ihm drein kommende galoppirende Pferde. Er bemühte ſich ſein Thier weiter zu ſpornen, aber die Beine deſſel⸗ ben rührten ſich nicht von der Stelle, und als er von Beſtürzung und Entſetzen erfüllt herabſah, fand er daß es ein Schaukelpferd und an den Ohren und am Schwanze mit kleinen Glöckchen verziert war. Plöblich ſchien ihn ein Conſtabler bei der Schulter zu packen, von Todes⸗ angſt geſchüttelt wachte er auf und fand, daß das Dienſt⸗ mädchen ihn rüttelte. „Entſchuldigt, Sir,“ ſagte ſie,„Mrs. Billiter hat den Diener hergeſchickt und läßt ſagen, daß Euer Vater im Sterben liegt und daß Ihr gleich hinunter⸗ kommen ſollt.“ — 291— b Ohne einen Augenblick nachzudenken oder zu über⸗ legen, lief Harry Wittingham hinaus, raffte in der Hausflur den Hut auf, befahl dem Diener, ihm zu Fuße zu folgen, beſtieg das Pferd und ritt fort nach Tarningham. 1——— 10* Funfzehntes Kapitel. Das Intermezzo in der Kirche. Die Sonne ſchien ein paar Stunden nach der Mor⸗ gendämmerung hell in Stephen Gimlets Hütte, bis un⸗ gefähr eine Stunde vor Einbruch des Abends. Wäh⸗ rend der erſten drei oder vier Stunden ſchien derſelbe Sonnenſchein das Innere des Hauſes zu durchdringen, welcher draußen blühete, die Wittwe Lamb ſchien zufrie⸗ den mit dem was ſie gethan, ihr ſchüchternes Geſicht zeigte ein ſo warmes Lächeln, als nur jemals darauf geglänzt, und ſie beſchäftigte ſich während des Morgens mit allen den kleinen häuslichen Verrichtungen und un⸗ terrichtete den Knaben im Leſen. Der Knabe ſelbſt ſpielte luſtig herum, während ſie ſich mit den lebloſen Dingen der Wohnung beſchäftigte, und kam dann und las al⸗ lerdings ſchauderhaft ſchlecht, aber doch etwas beſſer als gewöhnlich. Als die Sonne auf dem ſüdlichſten Punkt ſtand, gab die Wittwe Lamb, die ſich über das Ausblei⸗ — 293— ben ihres Schwiegerſohns durchaus weiter nicht wun⸗ derte, weil er ſchon vor dem Weggehen davon geſpro⸗ chen hatte, dem Knaben ſein Eſſen und nahm ſelbſt eine ſehr mäßige Mahlzeit zu ſich; als aber der Tag drei bis vier Stunden von ſeiner Höhe herabgeſunken war, wunderte ſie ſich, daß Stephen immer noch nicht zurück war und nach Verlauf einer Stunde ward ſie etwas unruhig. Sie tröſtote ſich jedoch durch die Vermuthung, daß Lord Lenham noch nicht von London zurückgekehrt ſei, und daß Stephen auf ſeine Ankunft warte, aber es verging wieder eine Stunde und dann noch eine, und endlich erſchien ihr Sohn Billy Lamb und fragte ängſt⸗ lich nach ſeinem Schwager. Mrs. Lamb ſagte ihm einfach, daß er ausgegan⸗ gen und fügte hinzu, daß er ſchon ſeit dem Morgen fort ſei. „Es iſt ſonderbar, daß ich ihn nicht geſehen habe,“ ſagte der Knabe,„aber ich glaube, er ärgert ſich wegen ſeines Hundes.“ „Nun was iſt denn dem Hunde zugeſtoßen?“ fragte Wittwe Lamb.„Er nahm ihn heute früh mit fort.“ „Ja, aber die Leute in Tarningham haben ihn als toll todtgeſchlagen,“ ſagte Billy Lamb,„ich glaube aber, das arme Thier war gar nicht toll. Ich ſah ihn ſpäter und kannte ihn gleich, aber von Stephen habe ich Nichts geſehen.“ ——— 5 „Er iſt hinauf nach dem Herrnhauſe gegangen,“ ſagte Wittwe Lamb,„und ich glaube er wird warten, bis der junge Lord von London zurückkommt.“ „Nein, das kann nicht ſein, Mutter entgegnete ihr Sohn,„denn der Lord kam ſchon geſtern Abend wieder, einer unſerer Poſtillone hat ihn gefahren.“ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte die Wittwe Lamb,„ich wundre mich, daß Stephen dann noch nicht wieder da iſt. Ich will doch nicht hoffen, daß ihm Etwas zuge⸗ ſtoßen iſt.“ „O gewiß nicht,“ entgegnete der verwachſene Bur⸗ ſche,„Ihr wißt ja, daß Ste gern herumſtreicht und zu⸗ weilen ein paar Tage lang weggeblieben iſt, aber ich wollte ihm blos ſagen, daß ich über dieſen Capitain Moreton Nichts erfahren habe, als daß er heute Abend von dem Landhauſe irgend wohin reiſt, auch ſah ich ihn nicht ſelbſt, als ich ihm heute die Briefe hinauftrug, aber das Dienſtmädchen ſagte, ſie ſei nach Burton's Gaſthof geſchickt worden, um eine Chaiſe zu beſtellen, und dieſelbe werde bei Einbruch der Nacht da ſein.“ „Ja, böſe Vögel fliegen des Nachts aus,“ ſagte die Wittwe Lamb,„aber ich wünſchte Stephen käme nun, denn er iſt nun bald ſeit zwölf Stunden weg.“ „O der kommt ganz gewiß, Mutter,“ entgegnete ihr Sohn,„es iſt ja nicht, als wenn es in der Nacht wäre oder im Winter— aber ich muß nun wieder fort und — 295— V das ganze Abendbier austragen,“ und nachdem er noch einige Worte geſprochen, entfernte er ſich. 1 Es verging aber eine Stunde nach der andern und Stephen Eimlet kam nicht, bis die Befürchtungen der guten alten Frau ſich mit jeder Minute vermehrten. Sie brachte den Knaben zu Bett und ſetzte ſich hin und war⸗ tete, aber es ſchlug acht, neun, zehn Uhr und es kam Niemand. Eine ſchrecklich angſtvolle Nacht war die, welche nun folgte, und obſchon die Wittwe Lamb gegen Mitternacht ſich zu Bett legte, ſo konnte ſie doch meh⸗ rere Stunden lang nicht ſchlafen. Sie lag da und überlegte Alles, was ſich möglicherweiſe ereignet haben konnte. Sie war beſorgt um ihren Schwiegerſohn, be⸗ ſorgt um das Ergebniß ſeines Auftrags an Beauchamp und ſie nahm ſich vor, ſich zeitig am Morgen nach Tarningham Park aufzumachen, und den Knaben mit⸗ zunehmen. Ungefähr um halb vier Uhr jedoch ward die alte Frau von der Müdigkeit überwältigt und ſchlief ein. Sie war nicht von ſehr ſtarkem Körperbau und da ſie ſowohl durch das Wachen, als durch die Angſt und Beſorgniß ſehr angegriffen war, ſo war der Schlaf, der ſich auf ſie niederſenkte, ein ſehr langer und feſter. Das 4 Erſte, was ſie erweckte, war der kleine Knabe, der ſie am Arme zupfte und ſagte:„Großmutter, Großmut⸗ ter, Du biſt heute ein Langſchläfer, wie Du mich neu⸗ lich genannt haſt; ich bin recht hungrig, gieb mir mein Frühſtück.“ Die Wittwe Lamb fuhr empor, blickte nach ihrer alten Taſchenuhr in dem ſchildkrötnen Gehäuſe und ſah daß es halb Acht war. Aergerlich, über ſich ſelbſt un⸗ gehalten, warf ſie eilig ihre Kleider über, gab dann dem Knaben Etwas zu eſſen und ſagte ihm, er ſolle ſchnell machen, weil ſie mit ihm ſpazieren gehen wolle. Dieſe Verlockung war ſtark und ungefähr ein Viertel auf Neun waren ſie zur Hütte hinaus und auf dem Wege nach Tarningham Park. Sie hörten die Glocken des Dorfes luſtig läuten, wie an einem Feſttage, aber das Herz der Wittwe Lamb war traurig. Die ganze Gegend lachte im Lichte des Morgens, aber obſchon für ein ſchönes Gemüth die Schönheiten der Natur niemals ih⸗ ren Reiz verlieren, ſo miſcht ſich doch bei ältern Be⸗ ſchauern zu allen Zeiten eine Schwermuth in das Ver⸗ gnügen, welches ſie hervorrufen, und für den von Be⸗ fürchtung oder Betrübniß bedrückten Geiſt wird gerade dieſe Lieblichkeit eine Laſt. Der Knabe zögerte und wür⸗ de gern am Vege geſpielt haben, aber ſeine Großmutter trieb ihn ſo ſchnell, als ſeine kleinen Beine ihn zu tra⸗ gen vermogten, vorwärts und ſo erreichten ſie wenige Minuten vor neun Uhr Sir John Slingsby's Haus. Es ſtanden ſchon Wagen an der Thüre, die Diener lie⸗ fen geſchäftig umher, aber Alle waren viel zu ſehr in 297— Anſpruch genommen, als daß ſie der alten Wittwe und dem kleinen Knaben hätten Beachtung ſchenken ſollen, bis ſie in den Hinterhof ging, ſich an einen der Stall⸗ burſchen wendete, den ſie ſchon von früher kannte, und ihm ihre Befürchtung hinſichtlich ihres Schwiegerſohns mittheilte. Der Mann verſtand ſich freundlich dazu, näher nachzufragen und ſie das Ergebniß wiſſen zu laſſen. Er ließ ſie daher einige Minuten lang ſtehen und kam dar⸗ auf mit dem Kellermeiſter zurück, der ihr fagte, daß Stephen Gimlet am vorigen Tage ganz gewiß nicht da— geweſen ſei.„Ich kann mich weiter nicht hier bei Euch aufhalten, gute Mutter„“ ſagte er in wichtigem Tone, „denn Ihr ſeht, Miß Slingsby ſoll eben mit Lord Lenham getraut werden, ſobald ſie aber aus der Kirche zurückkommen, will ich es Sir John ſagen, und verlaßt Euch darauf, daß er Nachſuchung nach Stephen anſtellen läßt.“. „Wenn ich nur eine einzige Minute mit Lord Len⸗ ham ſprechen könnte,“ ſagte die Wittwe Lamb, aber der Mann unterbrach ſie lachend.„Dann müßt Ihr hinun⸗ ter nach Tarningham gehen, Mutter,“ ſagte er, denn der Lord hat da übernachtet, außerdem könnt Ihr auch hinunter in die Kirche von Klein⸗Tarningham gehen, wo er wahrſcheinlich jetzt ſchon wartet, oder, was beſſer iſt als Alles, wartet Ihr hier, bis ſie wiederkommen, und dann will ich Stephen Gimlet's kleinen Jungen ein Stückchen Brautkuchen geben. Mit dieſen Worten eilte er in das Haus zurück und die Wittwe Lamb ſtand da und dachte nach, während ihr die Thränen in die Augen traten, endlich aber ſagte ſie laut:„Ich will hinunter nach der Kirche gehen,“ und damit nahm ſie den kleinen Knaben, der ſich mit dem Gedanken, den Brautkuchen einzubüßen, durchaus nicht vertraut machen konnte, bei der Hand, eilte zum Hof⸗ thor hinaus und ſchlug einen der kleinen Fußpfade ein, welche nach Klein⸗Tarningham führten. Sie war etwa noch funfzig Schritte von der Einfriedigung des Parks entfernt, als Sir John Slingsby's Wagen raſch an ihr vorüberfuhren, und die Wittwe Lamb beſchleunigte, obſchon ſie ſich ſehr angegriffen und erſchöpft fühlte, ihren Schritt, daß der Knabe Galopp laufen mußte, um mit ihr fortzukommen. Die Kirche war, wie der Leſer weiß, nicht ganz eine Viertelſtunde entfernt, und als die Wittwe Lamb ſie erreichte, ſah ſie vor dem Thore des kleinen Kirchhofs zwei oder drei ſchöne Equi⸗ pagen und eine Poſtchaiſe ſtehen. Die alte Frau ging ſchnell auf dem Fußſteig durch den Kirchhof weiter, nä⸗ herte ſich der Kirchthüre, die blos angelehnt war, und hörte die volle ſonore Stimme des Doctor Miles, wel⸗ zcher eben die Trauungsformel ablas. Sie ſtieß die Thüre leiſe auf und ging hinein. Es waren ſehr viel — 299— Leute in der Kirche, die aus Tarningham und der Um⸗ gegend herbe gekommen waren, einige ſtanden auf der kleinen Emporkirche, wo ſe es am Beſten ſehen konnten, einige in den Stühlen im Schiff der Kirche und einige im Kreuzgange. Die Letztern verhinderten jedoch die alte Frau gerade nicht, hinauf nach dem Altar zu blicken, um welchen die Hochzeitsgeſellſchaft mit Beauchamp und Capitain Hayward auf der einen Seite und Sir Slinosby und ſeiner Familie auf der andern, verſammelt war. Gerade als die Wittwe Lamb eintrat, rief Doctor Mi⸗ les, welcher vor dem Altar ſtand, laut.„Und ſomit erkläre ich Euch für ein ehelich verbundenes Paar.“ Es war klar, daß die Ceremonie beinahe vorüber und die Trauung an und für ſich vollzogen war. Es ward hierauf der Seegen geſprochen und der Pfalm ab⸗ geleſen, und nach allen jenen Theilen der Feierlichkeit, welche gewöhnlich noch Statt finden, zog Beauchamp Iſa⸗ bellens Arm durch den ſeinen und führte ſie den Kreuzgang hinab nach der kleinen Sakriſtei, welche ſich auf der rechten Seite der Kirche befand. Die Leute in den Stühlen ſtanden auf, um das neu vermählte Paar genauer zu betrachten, zur Ueberraſchung Vieler aber öffnete ſich eine der Betſtuhlsthüren, ehe noch das — Brautpaar zwei Schritte gethan hatte, und eine Dame trat heraus, wendete ſich mit dem Geſicht nach dem Altar und trat der Brautgeſellſchaft gerade in den Weg. Ihr Auge .. — — 300— wendete ſich wild und blitzend auf Lord Lenham, ihre Lippe verzog ſich zu einem verächtlichen, triumphirenden Lächeln, während ihre Stirn von Zorneswolken bedeckt zu ſein ſchion. In demſelben Augenblick rief eine Stin⸗ me, welche mehrere Naheſtehende ſofort als die Mr. Wharton's, des Advokaten, erkannten, aus dem Bet⸗ ſtuhl, den die Dame ſo eben verlaſſen, heraus:„Nun hat ſie Alles verdorben!“ Aber von welcher Art war die Wirkung dieſer Er⸗ ſcheinung auf Die, in deren Gegenwart ſie plötzlich ſicht⸗ bar ward? Beauchamp wankte und ward todtenblaß, und Iſabella prallte erſchreckt vor dieſem drohenden Blick und den blitzenden Augen zurück, und ſagte mit leiſer Stimme:„Gütiger Himmel, wer iſt das?“ „Wer ich bin, Mädchen?“ ſagte die Dame laut. „Ich will Euch ſagen, wer ich bin und er mag es leug⸗ nen, wenn er kann. Ich bin die rechtmäßige Gattin dieſes Mannes, dem Ihr Ench ſo eben vermählt habt. — Schaut ihm in ſein bleiches Geſicht, ſein Gewiſſen ſpiegelt ſich darauf ab. Er kennt wohl die Wahrheit deſſen, was ich ſpreche, und das Verbrechen, was er eben begangen hat.“ Aber Beauchamp hatte augenblicklich ſeine Faſſung wieder erlangt, und während in der ganzen Kirche Todtenſtille herrſchte, legte er Iſabellens Hand in die ihres Vaters, trat einen Schritt auf die vor ihm ſte 301— hende Perſon zu, heftete ſeine Augen feſt auf ſie und ſagte: „Charlotte Hay, Ihr habt abermals einen finſtern und ſchrecklichen Plan entworfen, mich zu verderben. Durch Liſt und langes Verborgenhalten habt Ihr mich zu dem Glauben bewogen, daß Ihr vor mehrern Jah⸗ ren geſtorben ſeid, und habt dieſen Augenblick zu Eurer Rache abgewartet— Ihr wißt es und wagt nicht es zu leugnen— aber Ihr werdet Euch getäuſcht finden. In einem Punkte ſeid Ihr ſchon getäuſcht, ohne Zweifel habt Ihr mich nach Euerm eignen Herzen beurtheilend geglaubt, daß ich die Ereigniſſe meines frühern Lebens dieſer Dame und ihrer Familie verſchwiegen habe. Aber dies iſt nicht der Fall und Ihr treibt mich nun zu dem, was ich ſtets vermieden habe, nämlich zu der gerichtli⸗ chen Unterſuchung, ob überhaupt zwiſchen mir und Euch eine Vermählung Statt gefunden hat.“ „Ihr vermiedet es, weil Ihr wußtet, daß die Sache niemals in Zweifel gezogen werden könne,“ antwortete die Dame verächtlich.„Ihr und Euer Vater habt Ju⸗ riſten genug darüber beſragt und die Antwort eines Je⸗ den lautete dahin, daß die Vermählung vollkommen gut und gültig fei.“ „Keinen Strohhalm iſt ſie werth,“ rief eine Stimme hinter ihr; Charlotte Hay drehte ſich mit dem ſprühen⸗ den Auge eines Dämons herum und erblickte die Wittwe — 302— Lamb, welche beim Beginn dieſes Auftritts ganz ruhig den Kreuzgang heraufgekommen war. Ein paar Au⸗ genblicke ſchaute ſie ſie an, als ob ſie ſich bemühte, ſich auf ihr Geſicht zu beſinnen, und dann ſtieß ſie einen kurzen Schrei aus und murmelte vor ſich hin: „Ich weiß, wer das gethan hat, ich weiß, wer das gethan hat!“ „Was iſt das, liebe Frau?“ rief Mr. Wharton, indem er aus dem Betſtuhl heraustrat und ſich neben Charlotte Hay ſtellte. Sir John Slingsby ſchoß mit zornglühendem Ge⸗ ſicht auf ihn los, aber Doctor Miles hielt ihn am Arme zurück, und die Wittwe Lamb ſagte muthig: „Ich habe geſagt, Mr. Wharton, daß die vorgeb⸗ liche Verheirathung dieſer Dame mit Lord Lenham, da⸗ mals Mr. St. Leger, gar keine Vermählung war.“ „Aber weshalb? Wart Ihr vielleicht dabei? Was könnt Ihr davon wiſſen, ſeid Ihr einer der Richter am geiſtlichen Gerichtshofe?“ fragte Wharton mit erſtaun⸗ licher Zungenfertigkeit. „Ich bin kein Richter und ich war auch nicht da⸗ bei, obſchon ich im Hauſe war,“ antwortete die Wittwe Lamb,„es war ja gar keine Vermählung und ich kann es beweiſen, daher braucht Ihr keine Angſt zu haben, mein liebes junges Fräulein, denn Ihr ſeid von dieſem Augenblicke ſeine wirkliche und rechtmäßige Gattin.“ * — 303— Charlotte Hay wendete ſich mit einem vernichten⸗ den Blick der Verachtung gegen Iſabellen und rief: „Seine Concubine könnt Ihr ſein, wenn Ihr Luſt habt, aber ſeine Ehegattin ſo lange als ich lebe nicht.“ „Ich ſage aber, ſie iſt ſeine Gattin,“ rief die Witt⸗ we Lamb entrüſtet,„ebenſo gut als Ihr die Ehefrau von Archibald Graham, Pfarrer zu Blackford und näch⸗ ſtem Vetter meines Mannes David Lamb ſeid. Ihr dachtet, es wären alle Spuren von jener Verheirathung vertilgt, Ihr wußtet nicht, daß noch Leute leben, welche Augenzeugen dieſer Vermählung waren. Ihr wußtet nicht, daß Euer Trauſchein jetzt noch in meinem Beſitze iſt, eben ſo wie en Brief von Euerm wirklichen Ehe⸗ mann, den er lange, nachdem Capitain Moreton Euch von ihm weggeführt, und nach Eurer vorgeblichen Ver⸗ mählung mit dieſem Herrn an Euch geſchrieben hat.“ „Zeigt ſie auf, zeigt ſie auf,“ rief Mr. Wharton, „laßt uns ſehen, was das für wunderbare Schriften ſind. Solche Documente erweiſen ſich vor einem Ge⸗ richtshofe oft als bloßer Mondſchein.“ „Auf alle Fälle, mein Herr, iſt dieſe Kirche kein Gerichtshof,“ ſagte Doctor Miles vortretend,„ſolche Dinge dürfen hier nicht verhandelt werden. und ich muß bemerklich machen, daß wenn dieſe Dame gerechten Grund hatte, in dieſe Heirath Einſpruch zu thun, ſie dazu verbunden war, als ſie auf die vorgeſchriebene feierliche Weiſe dazu aufgefordert ward. In wiefern der Umſtand, daß ſie das nicht gethan, Einfluß auf ihre juriſtiſchen Anſprüche hat, das zu entſcheiden, iſt nicht meine Sache, aber ich muß erklären, daß ſie ſehr un⸗ recht that, ihren Einſpruch nicht in dem geeigneten Au⸗ genblick zu erheben, und daß dies gerade keine vortheil⸗ hafte Idee von ihrer Sache giebt.“ Die Dame wendete ihre wuthſprühenden Augen auf den Pfarrer und überblickte dann die übrige Geſellſchaft, ſchien aber nicht zu wiſſen, was ſie antworten ſollte, denn ſie ſagte Nichts. Mr. Wharton kam ihr jedoch mit ei⸗ ner Lüge zu Hülfe. „Die Dame war zu ſehr ergriffen, Sir, um ſpre⸗ chen zu können,“ ſagte er,„und ich war nicht von ihr ermächtigt, es an ihrer Stelle zu thun; was aber die⸗ ſes alte Weib betrifft, ſo verlange ich, daß ſie die Do⸗ cumente, von denen ſie ſpricht, vorzeigt, denn ich habe jeden Grund zu glauben, daß dies ein bloßer Vorwand und abgekarteter Betrug iſt, und ich werde nicht anſte⸗ hen, die gute Frau ſofort feſtnehmen zu laſſen, wenn ich einen Conſtabler finde, dafern ſie nicht augenblicklich jene Papiere vorzeigt.“ Er ſchaute, während er ſprach, der Wittwe Lamb ſtier in's Geſicht und fügte dann hinzu:„Wo habt Ihr ſie denn? So zeigt ſie uns doch.“ 8 „Hier habe ich ſie nicht,“ antwortete die alte Frau — 305— ſtammelnd und etwas über die Drohung eines Mannes erſchreckt, der ihren Gatten in's Verderben geſtürzt hatte, „aber ſie ſind gut aufgehoben und ich werde ſie vorzei⸗ gen, ſobald die Sache vor Gericht kommt.“— „Oho!“ rief Mr. Wharton.„Bis dahin könnte man Vielerlei fabriciren. Aber ich will für Euch ſor⸗ gen, gute Frau. Ich werde mich gleich nach einem Con⸗ ſtabler umſehen und—“. „Unſinn, Ihr Schuft,“ rief Sir John Slingsby, „Ihr wißt recht gut, daß von ſo Etwas nicht die Rede ſein kann. Ihr könnt auf dieſen Grund hin keine An⸗ klage erheben, welche Anklagen auch vielleicht von An⸗ dern erhoben werden können.“ „Schuft, Sir John!“ rief Mr. Wharton wüthend, „ein Schuft iſt der, welcher ſeine Schulden nicht be⸗ zahlt, und Ihr wißt am Beſten, ob dieſer Name Euch oder mir gebührt.“ „Euch gebührt er, Advocat Wharton„“ ſagte Ste⸗ phen Gimlet den Kreuzgang heraufkommend,„alſo hal⸗ tet Euer Maul, denn ich hörte Euer ganzes Geſpräch mit Capitain Moreton heut Morgen und, wie Ihr alle Eure Streitigkeiten wegen einer Schuldverſchreibung post obitam, wie Ihr es nanntet, ausglichet, in welcher er verſprochen hatte, Euch nach dem Tode des Harcourt Lenham fünf Tauſend Pfund zu bezahlen. Hier, Mutter Lamb, hier iſt der Brief, den Ihr mir geſtern gabt, ich Beauchamp. Dritter Band. 20 — 306— abgeben konnte.“ „Hier ſind die Papiere, hier 1 die Papiere,“ rief die Wittwe den Brief aufreißend,„hier iſt der Trau⸗ ſchein für Charlotte Hay und Archibald Graham und hier iſt der Brief, den der arme Archibald lange nachher an meinen Mann ſchrieb.“ „Es wird am Beſten ſein, Ihr ſteigt in den Wa⸗ gen und entfernt Euch,“ flüſterte Mr. Wharton der Dame zu, welche jetzt bleich und zitternd neben ihm ſtand, dann erhob er ſeine Stimme, als ob er ihren Rückzug decken wollte und fuhr fort:„Ich erſuche Si John Slingsby und alle hier Verſammelte aufzumerken, daß ich den edeln Lord hier des Verbrechens der Biga⸗ mie anklage, indem er Jſabellen Slingsby geheirathet hat, während ſeine Gattin Charlotte Hay noch am Le⸗ ben iſt, und daß ich die Papiere, die ſich in den Haͤnden dieſes alten Weibes befinden, für Fälſchungen erkläre, die von ihr und Viscount Lenham während ſeines Auf⸗ enthalts in der Hütte ihres Schwiegerſohns, Stephen Gimlet, auch Wolf genannt, geſchmiedet worden, Ihr könnt handeln, wie Ihr wollt, Sir John, aber ich gebe Euch blos den freundſchaftlichen Rath, Eure Tochter, wenn ihr Wohl Euch im Mindeſten am Herzen liegt, ſofort von einem Manne zu rrennen, der ihr Gatte we⸗ der iſt, noch ſein kann.“ 7 will Euch ſpäter erzählen, wie es kaun daß ich ihn nicht ——— — 307— Mit dieſen Worten ging er mit ganz dreiſter Miene nach der Thüre der Kirche, ohne rrchts oder links zu ſchauen; in dem Augenblicke aber, wo er ſich umdrehte, ging Ned Hayward von Mary Cliffords Seite und folgte ſchnell hinter dem Advocaten drein. Er ließ ihn durch den Kirchhof und durch das Thor deſſelben gehen, dann aber näherte er ſich ſchnell einem der neben Beauchamp's Wagen ſtehenden Poſtillone und ſagte: „Borg mir einmal Deine Peitſche.“ Der Mann gab ſie ihm ſofort, und im nächſten Augenblicke fuchtelte ſie fünf oder ſechs Mal in raſchen und kräftigen Hieben um Mr. Wharton's Schultern. „Ich glaube, das koſtet fünf Pfund,“ ſagte Ned Hayward dem überraſchten, ſich zuſammenkrümmenden Advocaten zunickend,„es iſt nicht theuer und es kann ſein, ich bitte mir noch mehr zu demſelben Preiſe aus. Guten Morgen,“ und damit ging er wieder in die Kirche, ——[-—— fallsgeſchrei erhoben und Mr. Wharton, für einen künf⸗ tigen Tag Rache ſchwörend, hinwegſchlich. während die Diener und Poſtillone ein wüthendes Bei⸗ Sechzehntes Kapitel. Es finden allerlei Berathungen und Erklärungen Statt. „Kommt in die Sacriſtei,“ ſagte Doctor Miles in leiſem Tone zu Beauchamp.„Ihr habt Vieles zu be⸗ rückſichtigen, Mylord, und hier haben wir die Augen der Menge auf uns und die Ohren der Menge um uns.“ „Es iſt am Beſten, Ihr fahrt mit zurück nach Hauſe,“ ſagte Sir John Slingsby, der die Worte des guten alten Pfarrers gehört hatte,„da können wir die Sache mit Muſe beſprechen.“ „Erſt muß der Eintrag im Kirchenbuche unterzeich⸗ net werden,“ ſagte Doctor Miles ernſt,„denn was ſich auch ergeben möge, die Ceremonie iſt richtig vollzogen worden— kommt, Mylord. Die Umſtände ſind ohne Zweifel ſehr ſchmerzlich, aber mir ſcheint, als hätten ſie noch viel ſchlimmer ſein können.“ Mit langſamen Schritten und traurigen Herzen folgte die ganze Geſellſchaft. Iſabella bleich wie der — 309— 1 Tod und mit niedergeſchlagenen Blicken und Beauchamp mit zitternder Lippe und gerunzelter Stirn, aber mit feſtem und regelmäßigem Schritt, als ob gerade die In⸗ tenſität ſeiner Empfindungen ihm nach dem erſten Au⸗ genblicke ſeine ganze Energie wieder verliehen hätte. Als ſie durch die Thüre der Sacriſtei gingen, erhob Iſabella ihre Augen zu den ſeinen und ſah die tiefe Riederge⸗ ſchlagenheit, welche ſich auf ſeinem Geſicht malte. Sie berührte ihn leiſe am Arm, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen und ſagte, als er den Kopf niederbeugte: „Sei nicht ſo traurig, Du haſt Dir Nichts vorzu⸗ werfen.“ „Das iſt allerdings ein Troſt, theures Mädchen,“ entgegnete Beauchamp mit leiſer Stimme,„aber doch muß ich traurig ſein. Wie iſt das auch anders möglich, wenn ich mich, wenn auch nur auf einige Zeit, in dem Angenblicke von Dir trennen ſoll, wo ich Dich mein nenne?“ Iſabella antwortete Nichts, aber ihre Wange wech⸗ felte die Farbe, erglühete erſt hoch und ward dann wie⸗ der todtenblaß. „Wo iſt denn Red Hayward?“ rief Sir John 1* Slingsby ſich umſehend.„Wo zum Teufel ſeid Ihr denn geweſen, Ned?“ fuhr er fort, als er ſeinen jungen Freund zur Thüre der Sacriſtei hereinkommen ſah. „Ich habe Wharton durchgeprügelt,“ antwortete 6 Ned Hayw in gleichgültigem Tone.„Aber nun, Len⸗ ham, was gedenkt Ihr in dieſer Sache zu thun?“ 3 „Ich werde gleich nach London reiſen,“ antwortete 9 Beauchamp,„und die Sache ſofort zur Entſcheidung bringen.“ „Bah! Das Weib iſt ja gar nicht mit Euch verhei⸗ rathet,“ rief Sir John Slingsby,„die ganze Sache iſt ein Poſſenſpiel, jedoch glaube ich, Ihr habt Recht.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Ned Hayward,„und ich werde mit Euch reiſen, wenn Ihr mir es erlaubt, Lenham. Aber erſt müſſen wir mit der guten Wittwt Lamb ſprechen, ihre Papiere genau prüfen, alle Um⸗ ſtände genau erörtern und uns mit allen Arten von Be⸗ . weiſen und Nachweiſungen rüſten. Muth gefaßt, Muth. gefaßt, Mylord, durch ehrenhaftes gerades Handeln kom⸗ men ſolche Dinge alle⸗Mal auf befriedigende Weiſe zu Ende. Soll ich die alte Frau hereinrufen? Sie ſteht draußen an der Sacriſtei.“ „Allerdings,“ ſagte Doctor Miles,„wir können alle dieſe Erörterungen gleich hier anſtellen und ſogleich entſcheiden, was zu thun iſt. Die Menge von Gaffern aus Tarningham wird ſich mittlerweile zerſtreuen, ſetzt Euch nieder, Iſabella, und ſeid feſt, mein Kind, Gott verläßt nicht Die, welche auf ihn vertrauen und ihm dienen.“ 4 Während er noch ſprach, hatte Ned Hayward die Wittwe Lamb und Stephen Gimlet in die Sacriſtei hereingewinkt und Doctor Miles nahm die Papiere aus den Händen der alten Frau und prüfte ſie ſorgfältig. „Schon das Anſehen dieſer Documente,“ ſagte er endlich,„entfernt jeden Gedanken an Fälſchung oder venigſtens Fälſchung in der neuern Zeit. Keine Kunſt könnte dieſe Spuren des Alters nachahmen, aber wir können eine andere und beſſere Gewißheit haben, glaube ich, als das bloße Ausſehen der Papiere.“ „Aber was ſteht denn darauf, was ſteht denn dar⸗ auf, Doctor?“ fragte Sir John Slingsby.„Ich habe von beiden noch nichts Genaues gehört.“ Iſabella trat näher an den Geiſtlichen, während er die Sache erklärte, und die Augen aller Uebrigen hefteten ſich begierig auf ihn. „Dieſes erſte und wichtigſte Document,“ ſagte er, „iſt, was man in Schottland den Trauſchein nennt, und lautet auf Archibald Graham, Studenten der Theologie, und Charlotte Hay, die Tochter Thomas Hay's von Greenbank, der in dem Weichbilde von Holyrood, was, glaube ich, in überſchuldeten Umſtänden bedeutet, ge⸗ ſtorben. Dieſes Papier— ich habe ſchon früher derglei⸗ chen geſehen— gilt eben ſo Viel als ein gerichtliches Ehezeugniß in England. Die Vermählung ſcheint in einem der Kirchſpiele von Edinburgh geſchloſſen worden zu ſein, und ich habe erſt kürzlich Gelegenheit gehabt, zu — 312— erfahren, das in dieſer Stadt ſehr genaue Kirchbücher geführt werden, ſo daß die Aechtheit des Documents auf die unzweifelhafteſte Weiſe ermittelt werden kann.“ „Aber das Datum, das Datum„“ rief Beauchamp „Das Datum iſt der 4. Februar 18—,“ ſagte Doctor Miles,„ſeit dem letzten Februar gerade drei⸗ zehn Jahre.“ „Beinahe zwei Jahre vor der Ausführung jenes ſchändlichen Plans gegen mich,“ ſagte der junge Lord, „ſoweit wenigſtens iſt Alles genügend, aber was ent⸗ hält das andere Papier?“ „Etwas kaum weniger Wichtiges,“ entgegnete Doc⸗ tor Miles, der während des Geſprächs den Inhalt der Schrift mit den Augen überflogen,„aber es wird einige Erklärung bedürfen. Ich würde es laut vorleſen, aber einige Ausdrücke ſind etwas derber und gerader, als Da⸗ menohren ſie zu hören gewohnt ſind. Der Brief iſt „Archibald Graham“ unterzeichnet, fünf Jahre alt und an David Lamb gerichtet, der etwa vor zwei Jahren in Tarningham ſtarb. Der Schreiber dieſes Briefs ſpricht von ſeiner Frau Charlotte und ſagt ſeinem Vet⸗ ter, er habe gehört, daß ſie immer noch im Ehebruche mit Capitain Moreton lebe. Er ſagt, daß ſie, da das Eigenthum ihres Verführers in dieſer Gegend liege, wahrſcheinlich nicht fern davon ſei, und bittet David Lamb, ſie ausfindig zu machen und ſie nach Chriſten⸗ —-— pflicht zu ermahnen, daß ſie dieſen ruchloſen Lebenswan⸗ del aufgebe. Der gute Mann— er ſcheint wirkliche in guter Mann zu ſein— ſagt ferner, daß er, obſchon er ſie niemals wieder zu ſich nehmen oder ſie ſehen wolle, doch bereit ſei, ſein kleines Einkommen mit ihr zu thei⸗ len, damit ſie nicht durch Armuth zu einem fernern la⸗ ſterhaften Wandel getrieben werde, aber er ſcheint von ihrer vorgeblichen Verheirathung mit Lord Lenham Nichts zu wiſſen, wenigſtens ſpielt er nicht darauf an.“ „Weil er niemals Etwas davon erfuhr, Sir,“ ſagte die Wittwe Lamb;„ich bitte um Entſchuldigung, daß ich ſpreche, aber die Weiſe, auf welche Alles dieß ge⸗ ſchah, war folgende. Der alte Mr. Hay hatte Alles, was er beſaß, verthan und ſich nach Holhrood begeben, um ſeinen Gläubigern aus dem Wege zu gehen. Ar⸗ chibald Graham, der damals in Edinburgh Theologie ſtudirte, war aus einem Orte nicht weit von Green⸗ bank gebürtig, er lernte Mr. Hay kennen und war ge⸗ gen ihn und ſeine Tochter ſehr freundlich. Obſchon ſelbſt nicht ſehr reich— er war blos der Sohn eines kleinen Bauerngutsbeſitzers— gab er den alten Laird und der jungen Dame doch oft ein Mittagsmahl, wenn ſie nir⸗ gends anders eins hätten bekommen können„und als Mr. Hay ſterbenskrank ward, beſuchte er ihn alle Tage und pflegte ihn. Er bezahlte die Aerzte und ſorgte für Ef⸗ ſen und Alles. Als der alte Mann ſtarb, wußte die — 314— junge Dame nicht, wovon ſie ſich ernähren ſollte, zuerſt dachte ſie daran, als Lehrerin aufzutreten, denn ſie hatte in früheren Zeiten Allerlei gelernt, aber die Leute waren ihr nicht ſehr gut, denn ſie war für die Schotten immer zu luſtig und hatte etwas Leichtſinniges an ſich, was nicht gefiel. Es war, glaube ich, die Noth und weder Liebe noch Dankbarkeit, was ſie bewog, den armen Ar⸗ chibald Graham zu heirathen. Bald darauf bekam die⸗ ſer die Pfarrerſtelle in Blackford und ging dahin, um die Wohnung in Bereitſchaft ſetzen zu laſſen, während ſeine Frau in Edinburgh zurückblieb. Er blieb nur ſechs Wochen weg, aber er ſah ſie nie wieder, denn als er zurückkam, um ſie nach ihrem neuen Wohnorte abzu⸗ holen, fand er, daß ſie ſeit einiger Zeit die Beſuche eines ſehr flotten Herrn angenommen hatte und endlich eine Woche vor der Rückkehr ihres Gatten mit jenem Herrn in einem Phaeton davon gefahren war. Acht oder neun Monate nachher kam eine flotte junge Dame zu Beſuch bei der alten Miß Moreton, bei welcher mein armer Mann, David Lamb, Verwalter war. Ich war mit Miß Moreton als Kammermädchen nach Schottland gegangen und hatte etwa acht Jahre vor jener Zeit den Verwalter geheirathet, denn meine arme Tochter Mary war damals ſieben Jahre alt. Wir ſahen dieſe Miß Hay, wie ſie ſich nannte, ſehr oft, dachten aber niemals daran, daß ſie die entlaufene Gattin des Vetters meines ☛ ———yy Mannes ſei. Wir wußten damals wenig von der Sa⸗ chhe und erfuhren Alles erſt ſpäter. Capitain Moreton 6 befand ſich größtentheils im Hauſe ſeiner Tante, obſchon er auch oft nach England reiſte, und wir ſagten Alle, daß er die ſchöne junge Dame heirathen werde, wenn ſie nicht ſchon verheirathet wären, wie Manche dachten. Aber dann brachte er ſeinen Vetter Mr. St. Leger mit, und bald darauf hörten wir von der Vermählung durch Einwilligung, als Mr. St. Leger zu viel getrunken hatte, und daß er ganz ſchnell nach England abgereiſt ſei, und wir Alle ſagten, daß es eine Schande wäre, obſchon wir nicht wußten, daß die Sache ſo ſchlimm war, wie 4 wir ſie fanden. Ungefähr vier Monate darauf ſtarb die alte Miß Moreton und eines Tages kam der Capi⸗ tain Moreton ganz eilig zu meinem Manne und erzählte ihm eine lange Geſchichte, daß er im Begriff ſtehe, das Beſitzthum zu verkaufen, er wolle aber dafür ſorgen, daß David Lamb nicht außer Dienſt käme, und ſein Va⸗ ter, der ehrenwerthe Mr. Moreton, wolle ihn als Ver⸗ walter annehmen, wenn er ſogleich nach Tarningham reiſen wollte. Mein Mann ſagte, es würde für ihn beſſer ſein, wenn er bliebe, bis Miß Moreton's Gut wirklich verkauft wäre, aber dem Capitain ſchien Viel 1 daran zu liegen, uns fortzubringen, denn er ſagte, ſein Vater wolle gern einen Schottiſchen Verwalter haben, weil dieſe die Wirthſchaft ſo gut verſtänden, und ver⸗ — 316— ſprach alles Mögliche, ſo daß wir uns in Folge vieles Zuredens ſchon binnen einer Woche nach Edinburgh be⸗ gaben, um uns dort nach England einzuſchiffen. Dort trafen wir Archibald Graham, welcher ſpäter zu uns auf Beſuch kam und wo er mit meinem Manne eine lange Unterredung über ſeine unglückliche Verheirathung hatte, von der ich Alles erſt ſpäter erfuhr, aber David Lamb war ein Mann von wenig Worten und ſagte ſei⸗ nem Vetter Nichts davon, daß wir ſeine Frau bei der alten Miß Moreton geſehen, obſchon der Pfarrer, wie es ſchien, eben damals einen Verſuch machte, ſie von Capitain Moreton zu trennen, denn er hatte mittler⸗ weile erfahren, wer ſie entführt hatte, und eben weil er mehrere Briefe geſchrieben und gedroht hatte, ſelbſt an Ort und Stelle zu kommen, war dem Capitain ſo Viel daran gelegen uns ſo ſchnell als möglich fort nach Eng⸗ land zu bringen.“ „Ich begreife nicht, weshalb Euer Mann nicht die ganze Wahrheit erzählt hat,“ ſagte Doctor Miles ernſt, „es würde dadurch viel Unheil erſpart worden ſein.“ „Das weiß ich, Sir,“ entgegnete die Wittwe, „aber die Menſchen denken ſich ſolche Dinge ſehr ver⸗ ſchieden. Ich fragte meinen Mann nachher, weshalb er nicht die ganze Geſchichte von der Heirath mit Mr. St. Leger erzählt habe, aber er ſagte mir, er wolle erſt mehr davon hören, ehe er gegen irgend Jemand ein uns einige Zeit beſſer, —— — 317— Wort davon erzaͤhle, er wiſſe ja nicht gewiß, ob dieſe ju⸗ riſtiſche Heirath als eine wirkliche geltend gemacht wor⸗ den ſei, und es könne leicht nur eine Art von Scherz geweſen ſein, und wenn er davon ſpräche, ſo könne am Ende noch mehr Unheil daraus entſtehen, als ſchon ent⸗ ſtanden ſei. Ich kannte ihn als einen ſehr klugen, vor⸗ ſichtigen Mann, der mit ſeinen Worten ſehr ſparſam war, und es kam mir nicht zu, ihn zu tadeln oder ihm zu widerſprechen.“ „Sehr wahr, Mrs. Lamb, ſehr wahr,“ ſagte Doc⸗ tor Miles. „Wohl, ehrwürdiger Herr,“ fuhr die Wittwe fort, „er verſuchte auch mehr über die Sache zu hören, ſobald er Zeit hatte, an etwas Anderes als ſich und ſeine eig⸗ nen Angelegenheiten zu denken, denn als der arme Mann hierherkam, fand er, daß der alte Mr. Moreton gar keinen Verwalter brauchte und gar Nichts von ihm wußte. Wir ſtanden im Begriff, wieder nach Schott⸗ land zurückzukehren, nachdem uns die Reiſe nach Lon⸗ don und dann wieder hierher eine Menge Geld gekoſtet hatte, aber mein Mann erkrankte an einem rheumatiſchen Fieber und mußte beinahe ſechs Monate lang das Bett hüten. Alles— oder beinahe Alles, was wir erſpart hatten, war fort und wir mußten nun hier unſer Brod zu verdienen ſuchen, ſo gut wir konnten. Dies gelang als wir erwartet hatten und — 318— David ſtellte viele Nachforſchungen in Bezug auf die Gattin ſeines Vetters und ihre zweite Verheirathung mit Mr. St. Leger an, aber er hörte blos, daß der junge Herr auf Reiſen ſei und daß ſie ganz gewiß niemals zuſammengelebt hätten. Dann kam der Brief von Ar⸗ chibald Graham, und mein Mann, mit deſſen Geſundheit es wieder ſehr ſchlecht ging, zog mich deswegen zu Rathe und ich ſagte, daß es auf alle Fälle Schade ſei, wenn Mr. St. Leger oder Lord Lenham, der er mittlerweile geworden war, nicht die ganze Wahrheit erführe, denn man könnte nicht wiſſen, wie nothwendig es für ihn ſei, zu beweiſen, daß er niemals wirklich an Charlotte Hay verheirathet geweſen, und David ſchrieb wieder an ſeinen Vetter und erſuchte ihn, ihm Beweiſe über ſeine Verhei⸗ rathung mit der mehrgenannten Dame zu ſchicken. Auf dieſe Weiſe erhielten wir den Trauſchein und ich habe dieſen ſo wie den erſten Brief ſeit dem Tode meines Mannes treulich aufbewahrt.“ „Und iſt Archibald Graham noch am Leben?“ fragte Beauchamp, der mit peinlicher Aufmerkſamkeit V zugehört hatte. „Vor nicht ganz zwei Jahren lebte er noch,“ ant⸗ wortete die Wittwe Lamb,„denn er ſchrieb mir gleich nach dem Tode meines Mannes und ſchickte mir zehn Pfund zur Unterſtützung. Der arme David hatte nicht verſäumt, was er zu thun gedachte, als er die Beweiſe — 319— kommen ließ, aber wir konnten Nichts über Eu⸗ ch erfah⸗ ren, Mylord. Ihr waret ſo gütig gegen meinen armen Knaben geweſen und ich erinnerte meinen Mann immer an die Sache, ſo daß er, wie ich ganz gewiß weiß, einmal an Euch ſchrieb, und meldete, er habe vichtige Nachrichten für Euch, wenn Ihr nach Tarningham kom⸗ men könntet.“ „Ich beſinne mich,“ ſagte Lord Lenham,„daß mir ein ſolcher Brief in Italien zuging, aber ich konnte mich nicht auf den Namen beſinnen, und dachte nur es wäre ein neuer Streich jenes unglücklichen Weibes.“ „Na, Mylord, die Sache ſcheint jetzt ziemlich klar zu ſein,“ ſagte Doctor Miles,„aber Euer unmittelbares Haerein in dieſer Sache verlangt doch wohl einige Er⸗ wägung. Vielleicht iſt es am Beſten, wenn wir alle hinauf nach dem Park gehen und die Sache mit Sir John gemächlich beſprechen.“ „Nein, werther Herr,“ antwortete Beauchamp mit feſtem Tone,„meine Handlungsweiſe iſt ſchon beſchloſ⸗ ſen. Wenn es Euch beliebt, ſo wollen wir auf einige Minuten in Euer Haus treten, denn die Leute werden wohl nun alle fort ſein. Komm, Iſabella, wir werden doch noch Ruhe genießen, Theure,“ und er reichte ſeinen Arm der Braut, welche ihren Schleier über das Ge⸗ ſicht zog, um die Thraͤnen zu verbergen, die ihr in den Augen ſtanden.* — 320— Die danze Geſellſchaft bewegte ſich vorwäͤrts, bis auf Sir John Slingsby, der noch einen Augenblick zögerte und ſeine Hand freundlich auf den Arm der Wittwe legte.„Ihr ſeid eine gute Frau, Mrs. Lamb,“ ſagte der alte Baronet,„eine ſehr gute Frau, und ich bin Euch ſehr verbunden. Geht hinauf nach dem Park, Mrs. Lamb, und nehmt den kleinen Jungen mit. Ich werde auch hinaufkommen und noch mehr mit Euch ſprechen, vergeßt nicht, der Haushälterin zu ſagen, daß ſie den kleinen Mann gut verſorgt und ihm ein tüchti⸗ ges Stück Brautkuchen giebt. Ich glaube ſo nicht, daß die Andern im Hauſe Viel davon eſſen werden. Geht Ihr auch mit, Ste, und wartet, bis ich komme.“ 4 Als Sir John den Andern in die Pfarrei nach⸗ folgte, was etwas langſam geſchah, fand er die übrige Geſellſchaft in dem Beſuchzimmer des Rektors. Nun war das Haus nach einem nicht ungewöhnlichen und für gelehrte alte Garcons, wie Dortor Miles, ſehr be⸗ quemen Plane erbaut. Das Beſuchzimmer zur rechten Seite der Hausflur führte durch Flügelthüren in ein Bibliothekzimmer, welches damit einen rechten Winkel V bildete und ſich längs der hintern Fronte des Hauſes hinzog— denn die Häuſer haben eben ſo gut Wider⸗ ſprüche, wie menſchliche Weſen, und ich kann hinzufügen, daß der Charakter mancher Menſchen eben ſo wie man⸗ ches Haus eine hintere Fronte hat. Das Bibliothek⸗ — ⁰—— — 321— zimmer nahm die eine Hälfte dieſer Seite ein, das Speiſezimmer die andere Hälfte, die Dienerſtuben befan⸗ den ſich alle auf der andern Seite der Hausflur und die Treppe in der Mitte. 1 Beauchamp ſprach in dem Augenblicke, wo der Ba⸗ ronet eintrat, mit Doctor Miles und Ned Hayward am Bogenfenſter, Iſabella ſaß in einiger Entfernung davon mit ihrer Hand in der ihrer Tante, und Mary Elifford beugte ſich zärtlich über ſie. Aber die Poſition aller Perſonen veränderte ſich ſehr bald. „Nun denn, je eher deſto beſſer,“ ſagte Doctor MNilles zur Antwort auf Etwas, was Beauchamp ge⸗ ſagt, und der junge Lord wendete ſich ab, trat zu Iſa⸗ bellen und ergriff ſie bei der Hand, indem er ſagte: „ Sprich einen Augenblick mit mir, Geliebte.“ Iſabella ſtand auf und ihr Gatte führte ſie in das Bibliothekzimmer und von da in das Speiſezimmer, während er die Thüren hinter ſich offen ließ.„Theure Iſabella,“ ſagte er,„vergieb mir all den ſchrecklichen Schmerz, den ich Dir verurſacht— aber Du weißt, V daß ich hintergangen ward und daß ich um Alles in der Welt Dir nicht abſichtlich ſolchen Kummer zugefügt ha⸗ ben würde.“ „O, ich weiß es, ich weiß es,“ ſagte das arme Mädchen unter ſtrömenden Thräuen. „Aber aus dem Böſen kommt Gutes, theure Iſa⸗ Beauchamp. Dritter Band. 21 bella,“ fuhr Beauchamp fort,„durch den Kummer und die Angſt dieſes Tages haben wir, hoffe ich, uns Glück und Frieden für die Zukunft erkauft. Aber mir, meine Geliebte, iſt noch eine ſchmerzliche Prüfung aufgeſpart. Bis die Entſcheidung des Geſetzes über alle die Um⸗ ſtände dieſes Falles ausgeſprochen iſt, muß ich Dich verlaſſen, theures Mädchen. Kein Glück, das Deine Geſellſchaft mir gewähren kann, darf mich veranlaſſen, Dich in eine zweifelhafte Stellung zu bringen. Ich muß Dich alſo verlaſſen, Iſabella, meine Braut, meine Gat⸗ tin, faſt hier noch an den Stufen des Altars, aber ich gehe, um jedes Hinderniß für unſere dauernde Vereini⸗ gung zu entfernen und hoffe binnen wenigen Wochen Dich als unzweifelhaft mein, als mein für immer an die Bruſt zu drücken. Ich wußte nicht, liebes Mädchen, ich wußte es bis jetzt kaum, wie innig, wie leidenſchaft⸗ lich ich Dich liebe, aber ich fühle nun in der Schwierig⸗ keit, mich von Dir zu trennen, in dem Schmerze dieſes Augenblicks was es heißt, von ganzem Herzen lieben. Aber eben dieſe Liebe verlangt von mir, daß ich gehe. Deshalb auf kurze, ſehr kurze Zeit Lebewohl, Geliebte⸗ und er umſchlang ſie und drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen. 1 3 „O gehe nicht, gehe nicht,“ ſagte Iſabella, ſich an ihn klammernd,„o, ich war dieſen Morgen ſo glͤck⸗ lich, Henry, daß ich mich ganz davon niedergedrückt — 323— fühlte. Ich bin überzeugt, das Herz kann eben ſo ſchwindlig werden, als der Kopf— aber nun will ich nach Hauſe gehen, und den ganzen Tag weinen.“ „Nein, thue das nicht, liebes Mädchen,“ ſagte Beauchamp,„denn unſere Trennung iſt nur auf kurze Zeit, Geliebte. Jeder billigt, daß ich gehe. Laß mich nicht glauben, daß meine Iſabella anders denkt, mache das, was ſchon bitter iſt, nicht durch die Kenntniß, daß Du mehr leideſt, als nöthig iſt, nech bitterer. Faſſe Muth, meine Iſabella, faſſe Muth und gieb nicht Kum⸗ mer und Befürchtungen Raum, wenn unſer Schickſal um die Hälfte ſeiner Laſt durch die Gewißheit, die po⸗ ſitive Gewißheit erleichtert wird, daß keine wirkliche und eruſte Schranke zwiſchen uns vorhanden iſt⸗“ „Ich will es verſuchen,“ ſagte Iſabella,„ich will es verfuchen, und ich glaube, Du haſt recht, aber doch iſt das Alles ſehr traurig,“ und die Thränen ſtrömten von Neuem über ihre Wangen herab. Als Beauchamp jedoch herauskam, trat Jſabella auch mit ihm heraus und war ruhiger, doch getraute ſie ſich nicht zu ſprechen, bis er fort war. Das Schei⸗ den war bald vorüber. Ned Hahward rief den Wagen herbei, gab Sir John Slingsby's Dienern einige Wei⸗ ſungen in Bezug auf ſein eignes Gepäck und ſagte Mary Clifford und den Uebrigen Lebewohl. Beauchamp drückte nochmals Iſabetlens Hand in die ſeinige, eilte hinaus 25 und ſprang in den Wagen. Ned Hayward folgte und einer der Poſtillone trat heran, nachdem ein Diener den Schlag zugemacht hatte, griff an den Hut und fragte:„Wollt Ihr über Winterton oder über Buxton’s Gaſthof fahren, Mylord?“ „Ueber Winterton,“ antwortete Beauchamp mecha⸗ niſch, und in der nächſten Minute rollte der Wagen fort. Ungefähr zehn Minuten lang verweilte Sir John Slingsby und ſprach mit Doctor Miles und dann kehrte die Geſellſchaft, die vor nicht ganz zwei Stunden ſo fröhlich und heiter von Tarningham Park aufgebrochen war, ſchwermüthig und traurig dahin zurück. Selbſt dem alten Baronet ging die heitere Laune aus, aber nicht die Herzensgüte, und während Jſabella ſich mit Mary in ihr eignes Zimmer zurückzog, rief er die Wittwe Lamb und Stephen Gimlet in ſeine Bibliothek, nachdem er ſich überzeugt hatte, das der kleine Junge von der Haushälterin gut verſorgt worden. Er wieder⸗ holte ſeine Lobſprüche über die Handlungsweiſe der al⸗ ten Frau und ſagte:„Ihr ſeid eine gute Frau, Wittwe Lamb, eine ſehr gute Frau, und Ihr habt uns Allen heute ausgezeichnete Dienſte geleiſtet. Nun bin ich aller⸗ dings nicht ſo reich, als wie ich gerade jetzt ſein mögte, aber ich kann Euch ſagen, was ich thun kann, und was ich thun will, Wittwe Lamb. Stephen hier bewohnt ſeine Hütte als Wildhüter, es iſt das jetzt ein Theil — 325— ſeines Gehaltes, aber ich könnte ſterben, wißt Ihr, oder die Beſitzung könnte verkauft werden, Wittwe Lamb, und dann könnte der neue Beſitzer ihn ausweiſen. Nun will ich Euch die Hütte und den kleinen Garten und das Feld daneben— man nennt es das Sechsackerfeld, oobſchon es nur fünf Acker und zwei Ruthen ſind— in Pacht geben und der Pacht ſoll dauern, ſo lange Ihr Beide lebt. Ihr könnt auch den Pacht gleich mit auf das Leben des kleinen Mannes ausdehnen und der Zins ſoll eine Krone jährlich betragen. Ich will den Pacht⸗ contract gleich ausfertigen laſſen und deswegen an Ba⸗ con ſchreiben,“ und Sir John ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch. „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte Stephen Gimlet mit ehrerbietiger Verbeugung herantretend,„aber es wäre beſſer, wenn Ihr uns den Pacht jetzt nicht gäbet, obſchon ich und Mutter Lamb Euch dafür ſehr dankbar ſind, aber Ihr wißt, was dieſer ſchlechte Kerl, der Advocat Wharton, davon ſprach, daß die Papiere gefälſcht wären und wenn Ihr uns Etwas ſchenktet, ſo würde er behaupten, wir wären beſtochen, denn er iſt ein großer Halunke, Sir, das hörte ich heute Morgen.“ „Da habt Ihr recht, da habt Ihr ganz recht, Stephen,“ entgegnete Sir John Slingsby.„Wharton iſt ein großer Halunke. Ich freue mich, daß Ned Hay⸗ ward ihn durchgewichſt hat und ich glaube, er hat ſeine Sache gut gemacht, denn er iſt ein köſtlicher Kerl, die⸗ ed Hayward, und hat von Kindes Gebeinen an gern Halunfen durchgeprügelt. Aber was hörtet Ihr denn heute Morgen, Stephen? Ich hoffe doch nicht, doß Ihr gehorcht habt, Ste, das iſt nicht recht.“ „Ich habe nicht gehorcht, Sir John,“ antwortete der Wildhüter,„aber ich konnte nicht umhin zu hören. Ich will Euch gleich erzählen, wie das Alles kam. Geſtern Morgen war ich mit den Papieren, die mir Mutter Lamb für Lord Lenham gab, auf dem Wege, hierherzugehen, aber ich ſchlenderte erſt ein wenig herum, und gerade, als ich dicht an die Chandleigh⸗Haide kam, ſprang Capitain Moreton aus einer Hecke von vorn auf mich los und der junge Harry Wittingham knebelte mir von hinten die Arme, und ehe ich noch Etwas thun konnte, banden ſie mir einen Strick um die Ell⸗ bogen und führten mich nach dem einſamen Landhäus⸗ chen, wo ſie mich in ein Zimmer mit vergitterten Fen⸗ ſtern einſchloſſen, und mich den ganzen Tag und die ganze vergangene Nacht nicht wieder herausließen. Ich ſchlief nicht viel, und ich aß nicht viel, obſchon mir der Capitain etwas Brod in den Mund ſtopfte, und mir einen Eimer Waſſer gab, aus dem ich genöthigt war, zu trinken wie ein Pferd, denn ſie banden mir die Arme nicht einen Augenblick los. Jedoch ich hörte viel umher⸗ laufen und das Geraſſel von Wagenrädern und einige 1 Zeit nachher— es muß um Mitternackt oder um ein Uhr geweſen ſein— ward heftig an der Klingel gezo⸗ gen und ich hörte mehrere Stimmen und darunter auch die des jungen Wittingham und dann galoppirte Ir⸗ mand zu Pferde hinweg. Aber es kam Niemand, mich herauszulaſſen und ich ſaß da und ſah die Morgendäm⸗ merung anbrechen und war neugierig, wie ſich das Al⸗ les noch entwickeln würde. Ich ſah jedoch ziemlich lange zu, ehe ich eine lebende Seele erblickte, obſchon ich et⸗ wa um ſechs Uhr bemerkte, daß Leben im Hauſe ward. Ungefähr eine Stunde darauf ſah ich durch das Fenſter den armen Billy Lamb, welcher in dem Garten herum⸗ kroch, als ob er nach Etwas ausſchaute, und ich hob einen Fuß empor und ſtieß damit eine Scheibe des Fen⸗ ſters hinaus. Der gute Junge verſtand das Zeichen ſo⸗ gleich und kam herzugerannt, ſteckte das Geſicht zum Fenſter herein und flüſterte mir zu, ich möge keinen Lärm machen, denn der Capitain Moreton ſei ſo eben in einem Gig gekommen und habe Mr. Wharton an der Thüre getroffen und ſie wären jetzt Beide mit einan⸗ der in dem Beſuchzimmer. Ich wollte jedoch nicht eine Minute länger als nöthig war, ſtecken bleiben, wie eine Ratte in der Falle; ſobald als ich daher fand, daß Bill ſein Meſſer in der Taſche batte, hieß ich ihn den Arm durch die zerbrochene Scheibe ſtecken und den um meine Ellbogen geſchlungenen Strick zerſchneiden. Ich nahm — 328 dann ſein Meſſer um die Thüre damit zu öffnen, aber die, durch welche ich hereingekommen, war ſowohl ver⸗ ſchloſſen als verriegelt, und daher konnte ich auf dieſer Seite nicht hinaus. Auf der andern Seite war jedoch noch eine Thüre und an dieſer gelang es mir bald, das Schloß loszudrücken. Ich kam nun in das Speiſezim⸗ mer, welches ebenfalls zwei Thüren hatte. Durch eine derſelben hörte ich mehrere lautſprechende Stimmen und die andere war verſchloſſen. Ich war nicht im Stande, ſie zu öffnen und obſchon ich große Luſt hatte, hinein⸗ zugehen und den Capitain Moreton tüchtig durchzuwam⸗ ſen, ſo dachte ich doch, weil er nicht allein und ich ganz abgemattet und halb verhungert war, es mögte nicht. gut ausfallen und blieb daher ruhig, wo ich war. Dann hörte ich die Stimme wieder ſprechen und Whar⸗ ton ſagte, er könnte den Capitain an den Galgen brin⸗ gen, was ich auch gar nicht für unmöglich halte. Aber der Capitain ſagte, dadurch werde er, Wharton, Nichts gewinnen und er thäte beſſer, ſeinen post obitum, wie er es nannte, auf fünf Tauſend Pfund zu nehmen, wo⸗ bei doch Etwas herauskommen könne, und mit ihm hin⸗ über nach Winterton zu fahren und die Dame ruhig zu erhalten, wenn ſie noch in die Kirche wolle. Es fand nun ein langes ſchmuziges Mäkeln und Hin⸗ und Herreden Statt, aber ich hörte daraus, daß die Frau, die er Charlotte nannte, bei der Trauung gegenwärtig. ſein wolle und daß ſie einen bittern Groll gegen Mylord hatte, und aus dem, was Mutter Lamb mir geſagt hatte, errieth ich Alles Uebrige. Sobald als die Beiden in dem Gig fortfuhren, welches etwa zwei oder drei Mi⸗ nuten ſpäter der Fall war, ging ich durch das Be⸗ ſuchzimmer hinaus, erſchreckte das Dienſtmädchen, daß ſie faſt Krämpfe bekommen hätte, und lief nach der Kirche in Klein⸗Tarningham, während ich Billy Lamb hinauf nach meiner Hütte ſchickte. Das iſt die ganze Geſchichte, Sir.“ Der alte Baronet ertheilte ſeinem Wildhüter die größten Lobſprüche und prophezeite, dieſer Advokat Wharton werde ſicherlich noch an den Galgen kommen, worin er ſich jedoch irrte, denn der würdige Mann lebte lange und gedeihlich und ſein Grabſtein verſichert dem Wanderer, daß der hier Begrabene allgemein geachtet und bedauert geſtorben ſei. Der Tag verſtrich in Tarningham⸗Park düſter und drückend und Iſabella blieb den ganzen Morgen auf ihrem Zimmer. Es war ein ſehr bitterer Kelch, den ſie zu trinken hatte, denn zu Befürchtung und ge⸗ täuſchter Freude kam noch ein anderes peinliches Gefuͤhl. Es war ihr etwas unausſprechlich Schmerzliches, zum Gerede des Publikums geworden zu ſein. Sie hatte gefühlt, daß ſchon die Ankündigung ihrer Vermählung in den öffentlichen Zeitungen, die gaffende Menge in * der Kirche, der Lärm und das Geräuſch, welches ſolche Ereigniſſe begleitet, Nichts weniger als angenehm wa⸗ ren. Aber nun das Thema der Unterhaltung, der Ge⸗ genſtand von Mährchen und Gerüchten zu ſein, bemit⸗ leidet, bedauert, vielleicht ausgelacht und ſogar verleum⸗ det zu werden, das vermehrte die Schmerzen, die ſie Beauchamp's und ihretwegen empfand. Jedoch ſtrengte ſie ſich auf's Aeußerſte an, wenigſtens den natürlichen Ausdruck ihrer Empfindungen zu überwinden. Sie wußte, daß ihr Vater, ihre Tante, ihre Couſine das innigſte Mitgefühl für ſie hegten, und war daher ent⸗ ſchloſſen, ihnen ſo wenig Schmerz als möglich durch den Anblick ihres eigenen zu machen. Sie wuſch alle Spuren von Thränen ab, ſie nahm eine ruhigere Miene an, ſie bemühte ſich, nicht an ihren Kummer zu den⸗ ken, und zur Stunde der Mahlzeit ging ſie mit gefaß⸗ tem Geſicht nach dem Speiſezimmer hinab. Ihr Zim⸗ amer befand ſich auf der der Terraſſe und dem Haupt⸗ eingange entgegengeſetzten Seite des Hauſes, doch mußte ſie auf ihrem Wege nach dem Geſellſchaftszimmer an dem Haupteingange vorüber. Als ſie dies that, ſah ſie einen Wagen mit Poſtpferden vor der Thüre, und als ſie ſich dem Geſellſchaftszimmer näherte, hörte ſie eine geliebte wohlbekannte Stimme. Sie flog weiter und trat in das Zimmer. Beauchamp und Capitain Hah⸗ ward waren Beide da, eben ſo wohl als ihr Vater und —y Mary Clifford. Gerade die Bemühung, ihre Gefühle zu bezwingen, hatte ihre Kräfte erſchöpft und die Freude that, was der Kummer nicht zu thun vermogt hatte. Ehe ſie noch zwei Schritte vorwärts gethan, ſchwankte ſie und ſank, ehe Beauchamp ſie noch erreichen konnte, ohnmächtig zu Boden. Siebzehntes Kapitel. Zwei Hauptperſonen des Stücks treten von der Bühne ab. Mit bitterm Kummer im Herzen, mit dem finſtern Schatten, der ſo lange über ſeinem Daſein gehangen alle roſige Hoffnungen des Lebens in das trübe Grau des Grabes verwandelt hatte und jetzt nach einem kur⸗ zen Zeitraum ſchönerer Erwartungen zurückgekehrt war, lehnte Beauchamp, dem ſein feindliches Geſchick den Be⸗ cher der Freude in dem Augenblick, wo er ihn an die Lippen geſetzt, aus der Hand geſchlagen hatte, ſich in den Wagen zurück und gab ſich einige Minuten lang dü⸗ ſteren, kummervollen Betrachtungen hin. Er erinnerte ſich wohl der Augenblicke, wo zuerſt das Gefühl der Liebe gegen Iſabelle Slingsby in ſeinem Herzen em⸗ porkeimte und wo er bei reiflicher Erwägung ſeines Schickſals beſchloſſen hatte, dieſes Gefühl noch im Keime zu erſticken, die Quelle klaren Waſſers zu verſtopfen, die, wie er fürchte e, eine tückiſche Macht in Gift ver⸗ — 333— wandeln würde und niemals das Geſchick dieſes theuern Mädchens an ſein kummervolles, nicht einmal durch das ſanfte Band wechſelſeitiger Neigung, zu knüpfen, und nun bedauerte er faſt, daß er ſeinem Entſchluß nicht treu geblieben war. Zwar hatten die Umſtände ſich ge⸗ ändert, zwar waͤren gegründete Hoffnungen vorhanden, daß der böſe Stern ſeines Geſchicks untergehen und ein hellerer aufſteigen werde, aber ein ſeit langer Zeit an Kummer und Täuſchung gewöhntes Gemüth kann nur mit Schwierigkeit vermogt werden, der Stimme der Hoffnung zu lauſchen, ohne gleichzeitig die warnende Sprache der Furcht zu hören. Alles ſchien die Entfer⸗ nung der ſchweren Laſt zu verſprechen, welche ſein Herz bedrückt, ſeine Thatkraft niedergehalten, Liebe und Freude vernichtet und im Leben ihm Nichts gelaſſen hatte als Einſamkeit, Täuſchung und Verzweiflung. Aber dochalehrte ihn ſeine durch die Vergangenheit ge⸗ wonnene Erfahrung ſo wenig von der Zukunft erwar⸗ ten, daß er nicht einem einzigen Traume von Glück ſich hinzugeben wagte, und obſchon er Worte der Hoffnung zu Iſabellen geſprochen, ſo konnte er doch dieſen Balſam nicht auf ſeine eigne Wunde anwenden. 1 Ned Hayward ſaß ruhig neben ihm und überließ ihn etwa zehn Minuten lang ſeinem Nachdenken und zwar aus zwei Gründen. Erſtens wußte er, daß es ſehr vergeblich ſei, ſo bald nach dem Erfahren einer — 334— bittern Kränkung Troſt anzubteten, und dann wünſchte er auch nicht, ſeinen Begleiter aus ſeinen Hinbrüten aufzuwecken, bis ſie an Tarningham Park vorüber wä⸗ ren, denn nach ſeinem Dafürhalten konnte der Anblick einer Umgebung, an welche ſich nun weit hinausgeſcho⸗ bene glückliche Heffnungen knüpften, dem Kummer nur einen neuen Stachel verleihen. Als man jedoch an dem Park vorüber war,(und die vier Pferde griffen tüch⸗ tig aus) begann er das Geſpräch auf eine Weiſe, welche am geeignetſten war, Beauchamp's Nachdenken von den ſchmerzlicheren Punkten ſeiner Situation auf die günſti⸗ geren hinzuführen. „Natürlich, Lenham,“ ſagte er, ſo plötzlich, daß ſein Gefährte zuſammenfuhr,„ehe Ihr nur das Min⸗ deſte unternehmt, werdet Ihr einen tüchtigen Juriſten zu Rathe ziehen. Es ſcheint mir dies ein Fall zu ſein, in welchem Ihr bei geeigneter Behandlung Euer Schick⸗ ſal vollſtändig in der Gewalt habt, wo aber einige we⸗ nige falſche Schritte ſehr nachtheilig ſein und wenigſtens in der Entſcheidung der Sache einen Aufſchub von meh⸗ reren Monaten veranlaſſen könnten.“ „Ich weiß nicht, mein lieber Hayward,“ antwor⸗ tete Lord Lenham,„wie dieſe Sache ausfallen wird, aber die Umſtände haben mich, der ich einſt der hoff⸗ nungsreichſte und leichtherzigſte Menſch war, zu dem verzagteſten gemacht. Ich fühle eine Art Ahnung, daß —— —- 335— das Ergebniß nicht ſo günſtig ſein wird, als Ihr ver⸗ muthet. Ich habe mit geübter Hinterliſt und dem un⸗ bedenklichſten Gebrauche jedes Mittels, wie niedrig und ſchlecht daſſelbe auch ſei, zu kämpfen. Auch muß ich bedenken, daß dieſes Complott ſchon ſeit langer Zeit gr⸗ ſchmiedet, und daß ſicherlich Nichts, was ein böswilli⸗ ges Gemüth thun kann, um jede Spur von jener frü⸗ hern Ehe zu vertilgen, unterlaſſen worden iſt. Verlaßt Euch darauf, dieſe Verſchwörung iſt längere Zeit im Werke und die Verheimlichung der Erxiſtenz die⸗ ſes Weibes eine abſichtliche und ſyſtematiſche geweſen. In der That könnte Nichts liſtiger, Nichts niedriger, aber auch Nichts offenbarer vorher abgekartet ſein, als alle die Schritte, welche ſie innerhalb der letzten zwei oder drei Monate gethan. Selbſt bei dem Verkaufe ih⸗ rer Sachen, welcher vor etwa einem Monat in Paris Statt fand, ward in öffentlichen Ankündigungen ge⸗ ſagt, daß dieſe Gegenſtände das Eigenthum von w ei⸗ land Charlotte Hay, Lady Lenham, geweſen ſeien. Ich fürchte, daß weder ich, noch irgend ein Juriſt, wie verſchmitzt derſelbe auch wäre, dieſem Weibe gewachſen ſind, deren Hinterliſt und Entſchloſſenheit kaum ihres Gleichen haben.“ „Sie ſcheint allerdings ein ganz determinirtes Weib zu ſein,“ ſagte Ned Hayward,„aber fürchtet Nichts, lieber Lord. Ich will mich nicht für einen Salomo aus⸗ geben, aber es giebt einen Spruch, deſſen Wahrheit ich ſchon in meiner Jugend erkannte und den ich viel weni⸗ ger häufig unhaltbar erfunden, als die meiſten ſeiner zu Euerm Gunſten lautenden Sprichwörter, wenn wir die Sache nur richtig betreiben. Der Spruch iſt dieſer: ‚Schelme vergeſſen allezeit Etwas.“ Verlaßt Euch drauf, es wird auch in dieſem Falle ſo ſein. Wir ſehen ſogar, daß es ſchon ſo geweſen iſt, denn dieſe guten Leute ver⸗ gaßen ganz den Trauſchein, den Mutter Lamb in den Händen hat. Ohne Zweifel wird ſich dieſer Schein mit leichter Mühe verificiren laſſen, ſo daß die Aechtheit deſ⸗ ſelben außer aller Frage geſtellt wird, und dann wird Nichts mehr übrig bleiben, als das Leben Eures Vor⸗ gängers in der Gunſt der ſchönen Dame nach der Zeit ihrer vorgeblichen Verheirathung mit Euch zu bewei⸗ ſen.“ „Das dürfte ziemlich ſchwierig ſein,“ ſagte Beau⸗ champ. b 7 „Nicht im Mindeſten,“ rief Ned Hayward.„Er hat, wie wir gehört haben, vor nicht ganz zwei Jah⸗ ren an die gute alte Wittwe geſchrieben. Natürlich wird man verſuchen, ihr Zeugniß zu erſchüttern, und ob⸗ ſchon ich nicht glaube, daß dies geſchehen kann, ſo müſ⸗ ſen wir uns doch nach andern Zeugen umſehen. Ihr und ich, wir zweifeln nicht im Geringſten an der Ge⸗ ſchichte der alten Frau, und wenn dieſe Geſchichte wahr iſt, ſo war der Vetter ihres Mannes, der Gatte die⸗ ſer ſchönen Dame und Geiſtlicher eines Ortes Namens Blackford vor nicht ganz zwei Jahren noch am Leben. Jedermann in ſeinem Kirchſpiele wird wiſſen, ob dies wahr iſt, oder nicht, und das Leben eines Schottiſchen „Geiſtlichen iſt gewöhnlich nicht ſo voller Wechſelfälle, daß man nur die Moglichkeit annehmen könnte, es werde ſchwierig ſein zu ermitteln, ob Archibald Graham zu Blackford der Ehemann von Charlotte Hay geweſen ſei.“ .„Ihr hättet Advokat werden ſollen, Hayward,“ ſagte Beauchamp mit ſchwachem Lächeln,„auf alle Fälle zeigt Ihr, daß Ihr ein ausgezeichneter Anwalt meiner Hoffnungen gegen meine Befürchtungen ſeid.“ „Advokat! Das verhüte der Himmel,“ rief Ned Hayward lachend,„ein Soldat iſt etwas viel Beſſeres, Lenham, und auch, wenn er ſein Handwerk verſteht glaube ich, geeigneter mit einem Aevokaten zu käm⸗ pfen, als beinahe irgend Jemand. C s iſt ſtets ſeine Auf⸗ gabe, jeden Punkt ſeiner Poſition geuen in's Auge zu faſſen und jede Blöße wohl zu decken, und dann, nach⸗ dem er alle dieſe Vorkehrungsmaßregeln getroffen, geht er gerade aus auf den Feind los, ſchaut ſich ſcharf um, damit man ihm nicht in die Flanke falle, zund iſt beinahe ſicher das Feld zu behalten, wenn ſeine Sache gut, ſein Herz muthig und ſeine Armee treu iſt.“ Beauchamp. Dritter Band. 22 Eine ſolche Unterhaltung büeb nicht ohne Wirkung auf Beauchamp's Gemüth. Die Hoffnung iſt die Nach⸗ barin der frohen Laune und die Hoffnung kehrte zurück und ward durch den heiteren ſanguiniſchen Charakter ſei⸗ nes Begleiters immer lebendiger und kräftiger. Endlich ſchaute Ned Hayward zum Fenſter hinaus und rief: „Hier kommen wir ſchon nach Winterton, glaube ich, wo wir die Pferde wechſeln. Der Teufel hole dieſe Poſtillone, wenn ſie ſo durch die Menge Menſchen fort⸗ raſen, ſo fahren ſie ſicherlich ein paar über den Hau⸗ fen.“- „Menge Menſchen?“ ſagte Beauchamp, und ſteckte ebenfalls den Kopf zu dem Fenſter hinaus. Der kleine einſame Gaſthof zu Winterton„cum“ Snowblaſt lag auf der Ned Hayward zunächſt befindli⸗ chen Seite der Straße, als aber Lord Lenham ſich vor⸗ beugend hinausſah, erblickte er einige vierzig bis funfzig Menſchen, hauptſächlich Landleute, Hausknechte und Poſtillone um die Thüre des Hauſes verſammelt. Es ſtanden auch einige Frauenzimmer unter den verſchiede⸗ nen Gruppen, und mitten unter denſelben zeigte ſich eine gewöhnliche Poſtchaiſe, deren Pferde ausgeſpannt waren, während man gleichzeitig einen Reiter in kurzem Galopp davonſprengen ſah. 2 „Hier iſt Etwas vorgefallen,“ ſagte Beauchamp, „ich will durch Einen der Diener fragen laſſen.“ — 339.— Während er noch ſprach, rollte die Chaiſe nach der Thüre des Gaſthofes, und Ned Haywards Vorausſe⸗ tzung über die wahrſcheinlich zu erwartenden Folgen wäre beinahe wahr geworden, denn viele der Daſtehen⸗ den waren in ſo eifrigem Geſpräche begriffen, daß ſie ihre Poſition erſt im letzten Augenblicke veränderten, und dann fand ein wildes Durcheinander Statt, welches in ſeiner Eile und Verwirrung beinahe mehr als einen un⸗ ter die Füße der Pferde gebracht hätte.. „Pferde vor!“ rief der erſte Poſtillon im Vor⸗ fahren dem Hausknecht des Gaſthofes zu, deſſen na⸗ türliche Vorliebe für Poſtpferde ſeine Aufmerkſamkeit eher als die eines andern der Zuſchauer auf den Wagen lenkte. „Wir haben nicht mehr zwei Paar da,“ ſagte er zur Antwort,„ohne das Paar, welches eben hier aus⸗ geſpannt worden. Wir haben ſo eben eins wegen die⸗ ſer Geſchichten hier zum Friedensrichter ſchicken müſ⸗ ſen.“. „Was giebt es denn, Freund,“ fragte Ned Hayward zum Wagenfenſter heraus,„von was für Geſchichten ſprecht Ihr denn?“ „Es wird am Beſten ſein, ich rufe den Herrn, Sir.“ ſagte der Hausknecht, indem er mit etwas wider⸗ ſtrebendem Blick an die Krämpe ſeines alten Hutes griff⸗ 22 ⸗ als ob er nicht gern auf die Frage antworten wollte, „er wird den Augenblick kommen.“ „Das ſcheint mir etwas ſonderbar,“ ſagte Beau⸗ champ,„es wird am Beſten ſein, wir ſteigen aus und ſehen ſelbſt. Mach auf, Harriſon.“— Der Diener, welcher ſchon mit der Hand an dem ſilbernen Knauf des Wagenſchlages ſtand, that ſofort, wie ihm befohlen ward, und ſchlug den Tritt mit einer Vehemenz herab, welche Lakaien eigenthümlich und Wa⸗ genfabrikanten ſehr einträͤglich iſt. Ned Hayward ſtieg, da er der Thüre zunächſt ſaß, zuerſt aus, und als er eben den rechten Fuß auf den Boden ſetzte, kam der Wirth des Gaſthofes heran und verbeugte ſich tief vor dem erſten Inſaſſen eines Wagens, welcher zwei Diener hintendrauf und am Schlage ein adeliges Wappen hatte. Gegen eine einfache gelbe Poſtchaiſe wäre die Verbeugung weit mäßiger ausgefallen. „Was giebt es hier, Herr Wirth? Iſt ein Unglück geſchehen?“ „Nun ja, Mylord,“ entgegnete der Wirth, der unſern Freund für den Eigenthümer der Equipage hielt, „ein ſchreckliches Unglück— das heißt nicht gerade ein Ungluͤck— denn es liegt auf der Hand, daß die Sache vorſätzlich geſchehen iſt, aber durch wen, das darf ich nicht ſagen, bis die Gerichten kommen.“ „Aber was iſt es denn, was iſt es denn?“ ſagte -— Beauchamp, welcher nachfolgte,„Ihr ſcheint ſehr geheim⸗ nißvoll zu thun.“ Nun ſeht Ihr, Mylord,“ entgegnete der Wirth, wel⸗ cher glaubte, es könne Nichts ſchaden, wenn er beide Herren mit demſelben Titel beehrte,„es iſt eine ſchlim⸗ me Geſchichte, und man ſpricht nicht gern viel darüber, daß aber dem Herrn die Kehle durchgeſchnitten iſt, das iſt gewiß, und ob er es ſelbſt, oder ob es die Dame ge⸗ than, das ſcheint noch die Frage zu ſein. Ich kann weiter Nichts ſagen, als daß ich ihn fünf Minuten zu⸗ vor, ehe ſie zurückkam, feſt ſchlafend auf dem Sopha liegen ſah. Er genoß ein Glas Grog und zwei ge⸗ ſottene Eier, gleich nachdem ſie mit dem Advoten Whar⸗ ton fortgegangen war, und ſchien ganz bei Verſtande zu ſein, nur war er ein wenig müde, weil er geſtern Abend noch ſo lange wach geblieben und heute Morgen ſo zeitig aufgeſtanden war. Aber Ihr ſcheint nicht wohl zu ſein, Sir,“ fuhr er fort, als er Beauchamp mit todtenbleichem Geſicht einen Blick auf Ned Hayward werfen ſah—„wollt Ihr nicht eintreten und Etwas zu Euch nehmen?“ „Gleich, gleich,“ ſagte Beauchamp,„fahrt fort— was wolltet Ihr ſagen?“ „Nichts, Sir, als daß die Dame fürchterlich wild zu ſein ſcheint, und ich kann nicht anders als glauben, daß ſie übergeſchnappt iſt.“ —— . „Iſt der Herr todt?“ fragte Beauchamp leiſe. „Nein, Sir, noch nicht ganz todt,“ ſagte der Wirth, „und der Chirurg näht ihm eben die Kehle zuſammen, aber ich glaube, es wird nicht viel helfen, denn das ganze Zimmer ſchwimmt im Blut.“ „Wißt Ihr ſeinen Namen?“ fragte Beauchamp. „Ich glaube, er heißt Capitain Moreton, Sir,“ ſagte der Wirth,„ich habe es ſo gehört, gewiß weiß ich's nicht.“ „Ich will hineingehen und ihn ſehen,“ ſagte der junge Lord, und fügte, als er einen zögernden Blick auf dem Geſicht des Wirths bemerkte, hinzu:„Ich bin ſein nächſter Vetter, Sir, mein Name iſt Lord Lenham.“ Dieſe Mittheilung beſeitigte alle Zweifel des guten Mannes, und Beauchamp und Ned Hayward gingen von dem Wirth geführt in den Gaſthof hinein. Er führte ſie ſogleich die Treppe hinauf nach den Zimmern, welche von dem Capitain Moreton und Charlotte Hay bewohnt geweſen waren. An einer der Thüren auf dem Vorplatze ſahen ſie einen Mann mit über die Bruſt ge⸗ kreuzten Armen, aber der Wirth führte ſie vorbei in das Zimmer auf der Vorderſeite des Hauſes, indem er ſelbſt zuerſt leiſe eintrat. Es war ein ſcheußlicher und entſetz⸗ licher Anblick, der ſich darbot, als Beauchamp und Ned Hayward in das Zimmer ſehen konnten. Der Fußbo⸗ den, der Teppich, das Sopha waren buchſtäblich in Blut getaucht, und ſelbſt die meiſten Fenſtervorhänge waren mit dunkelrothen Tropfen be pritzt. Auf dem Sopha, über welches ein alter grauköpfiger Mann und ein jungerer ſich hinwegbeugten, lag die lange, kräftige Geſtalt des Capitains Moreton. Sein Geſicht war bleich wie der Tod, ſeine Augen tief in den Kopf geſunken, und eine gelblichblaue Farbe hatte ſich rings um dieſel⸗ ben ausgebreitet. Seine Schläfe ſahen, als ob ſie mit einem Hammer eingepocht wären, die Züge waren ſpitz und ſcharf, die Augenlider geſchloſſen und das einzige Zeichen von anſcheinendem Leben war eine leichte, krampf⸗ hafte Bewegung der Geſichtsmuskeln, wenn die Hand des Chirurgen bei der Operation, mit der er beſchäftigt war, Schmerzen verurſachte. Es befanden ſich noch zwei oder drei Perſonen im Zimmer und unter dieſen die Gattin des Wirths, aber Alle hielten ſich in gemeſſener Enrfernung, und der Mann trat ſelbſt neben den Chaur⸗ gen und flüſterte ihm ein Wort in's Ohr. „Gleich, gleich,“ ſagte der alte Herr,„ich werde gleich fertig ſein,“ aber Capitain Moreton öffnete die Augen und wendete ſie in der Richtung nach der Thüre. Es iſt wahrſcheinlich, daß er ſeinen Vetter nicht ſah, denn ſeine Augen ſchloſſen ſich ſofort wieder, aber Nichts deſto weniger bewegten ſich ſeine Lippen, als ob er gern Etwas geſagt hätte. Beauchamp ging nicht eher hin, als bis der alte Chirurg den Kopf emporhob und — 344— der junge Mann, der ihm beiſtand, ſeine Hände von den Armen des Patienten wegnahm. Nun jedoch trat Lord Lenham vor und fragte mit leiſer Stimme den Wundarzt nach der Größe der Gefahr. In demſelben Augenblicke trat Ned Hayward, welcher glaubte, daß ſeine Gegenwart unnütz, wo nicht ſtörend ſei, auf eine Thüre an der andern Seite des Zimmers zu und ſagte zu einer Perſon, die er ſogleich für die Herrin des Hauſes hielt: 3 „Ich glaube, es wird beſſer ſein, wenn wir Alle auf ein paar Minuten hier hereintreten.“ „Da drin iſt die Dame, Sir,“ ſagte die Wirthin, „wir haben Jemanden zur Wache bei ihr angeſtellt, denn der Himmel weiß, was ſie noch vor hat.“ Nichts deſto weniger öffnete Ned Hahward, welcher glaubte, daß vielleicht ein werthvoller Aufſchluß für ſeinen Freund erlangt werden könne, die Thüre, um hineinzugehen, aber der Anblick, der ſich ihm darbot, bewog ihn, plötzlich ſtill zu ſtehen, obſchon derſelbe kei⸗ nen jener ſchrecklichen Gegenſtände zeigte, die in dem er⸗ ſten Zimmer ſichtbar waren. Und doch hatte der An⸗ blick etwas Ruhiges, Stilles und Schauererregendes, wel⸗ ches vielleicht noch mehr Eindruͤck auf das Gemüth machte. Das Zimmer war ein Schlafzimmer mit ei⸗ nem Fenſter und einer Thüre, welche Ned Hahyward ſo⸗ fort als die erkannte, an deren Außenſeite er einen 1 4 Mann hatte ſtehen ſehen. Am Fuße des Bettes ſaß Charlotte Hay, genau ſo gekleidet, wie er ſie in der Kirche geſehen, und näher nach ihm zu zeigte ſich ein ſtämmiger, muͤrriſch ausſehender junger Mann, der mit einem Conſtablerſtock in der Hand auf einem Stuhl ſaß. Die Haltung des unglücklichen Weibes war ruhig und ungezwungen und ſie ſaß vollkommen regungslos; ihre lebhafte Farbe war dieſelbe, ihre Hände ruhten zuſam⸗ mengeſchloſſen auf ihrem Knie, ihr Kopf war leicht vor⸗ wärts gebeugt und ihr Auge mit jenem eigenthümlichen ſtünmofeh glaſigen Nebel bedeckt, den wir ſchon mehr als ein Mal erwähnt haben, und ernſt auf den Boden ge⸗ heftet. Sie ſchien in tiefes Nachdenken, aber nicht in das Nachdenken des Verſtandes, ſondern vielmehr in das träumeriſche, leere Hinbrüten des Blödſinns verſun⸗ ken zu ſein. Es zeigte ſich an ihr jenes unbeſchreibliche Etwas, welches für das Auge ſofort ihren Zuſtand von dem des tiefen Nachdenkens unterſchied, und ein Kräuſeln der Lippe, nicht ganz ein Lächeln, aber einem ſolchen gleichend, ſchien ein Kennzeichen des Wahnſinns zu ſein. Der Laden eines der beiden Fenſter war geſchloſ⸗ ſen, ſo daß eine Art Helldunkel in dem Zimmer herrſchte, aber auf den Platz, auf welchen Charlottens Blick ge⸗ heftet zu ſein ſchien, ergoß ſich ein heller Sonnenſchein, und der Contraſt ihres Schickſals, ihrer Ausſichten und ihrer Geſchichte zu dem warmen, reinen Lichte des Him⸗ mels war peinlicher, als die harmonirende Düſterheit ei⸗ nes Kerkers geweſen ſein würde. Als Ned Hayward die Thüre öffnete, nahm Char⸗ lotte, obſchon die Thüre, wie alle Thüven eines Gaſt⸗ hofs, bedeutend knarrte, davon nicht die mindeſte Noliz, ſie ſchien ſogar von Allem, was um ſie her vorging, Nichts zu wiſſen, aber der Conſtabler, der bei ihr Wa⸗ che hielt, erhob ſich und kam auf die Thüre zu, um zu ſagen, daß Niemand hier Zutritt habe. „Wenn die Gerichte kommen, Sir,“ ſagte er leiſe zu dem jungen Offizier,„ſo mögen dieſe thun, was ſie wollen, aber bis dahin darf Niemand mit ihr ſprechen.“ Als er dieſe Worte ſprach, hörte er ein leichtes Geräuſch und drehte ſich um, aber zu ſpät. Charlotte Hay hatte den Augenblick, wo er ihr den Rücken kehrte, ſofort benutzt. Sie befand ſich ſchon in der Nähe des Fenſters, welches zum Theil offen ſtand, und als er über das Zimmer hinüberſchoß, um ſie zu ergreifen, riß ſie das Fenſter vollends auf und ſprang mit einem Satze hinaus. Ned Hahward ſchloß ſogleich die Thüre, damit der Lärm nicht bis in das andere Zimmer dringe, und eilte an die Seite des jungen Mannes, der zum Fenſter hinaus hinunter auf die Erde blickte. Das Haus war an einem kleinen Abhange erbaut, ſo daß die Hinter⸗ ſeite ein Stockwerk höher war, als die Vorderſeite, aber doch betrug die Höhe von dem Fenſter bis in den Hinterhof hinab nicht mehr als zwanzig Fuß. Aber der Hof war mit großen unregelmäßigen Steinen ge⸗ pflaſtert und auf dieſen lag Charlotte Hay ſtill und re⸗ gungslos. Kein Stöhnen erreichte die Ohren Derrr, welche von oben herabſchauten— nicht einmal ein Zu⸗ cken der Glieder war zu ſehen. Einige im Hofe beſchäf⸗ tigte Leute liefen ſchnell herbei und der junge Offizier und der Conſtabler eilten hinab. Es kam jedoch wenig darauf an, ob ſie langſam oder ſchnell gingen, denn als ſie den Hof erreichten, fanden ſie drei Leute, welche einen Leichnam aufhoben. Ned Hayward ſchaute in die⸗ ſes Geſicht, wo wilde, unbezähmbare Leidenſchaften bei⸗ nahe die bloße Schönheit der Züge vertilgt hatten, aber es war keine Spur von Leidenſchaft noch jetzt dar⸗ auf ſichtbar. Alles war traurig und ruhig, und ob⸗ ſchon die Augenlider ſich ein Mal auf und nieder beweg⸗ ten, ſo lag doch Nichts in den Augen, als ſie ſich auf einen Augenblick zeigten, als das glaſige Stieren des Todes. Der Hut, den ſie noch auf dem Kopfe trug, war oben auf dem Deckel nach innen gebogen und ein kleiner rother Flecken in der weißen Seide zeigte, wo das Blut langſam aus einer verborgenen, durch den Fall herbeigeführten Wunde herausfloß. Man trug ſie langſam in das auf ein Sopha in der ſogenannten Wo Ned Hayward die Treppe hinauflief, um d Haus und legte ſie hnſtube, während en Chirurgen 2 — 348— hinunterzurufen. Als er die Thüre öffnete, wuſch der ältliche Mann, den wir erwähnt haben, ſich an dem Tiſche die Hände, und Beauchamp ſaß neben dem Sopha, auf welchem ſein Vetter lag, und beugte das Ohr herab, um die leifen Worte des Verwundeten zu erhaſchen, wel⸗ cher eifrig mit ihm zu ſprechen ſchien. Der Chirurg erhob die Augen, als die Thüre ſich öffnete und trocknete, als er fah, daß Ned Hahward ihm winkte, herauszukommen, ſich ſchnell die Hände und ging nach der Thüre. „Ihr müßt gleich mit herunterkommen,“ ſagte der junge Offizier,„das unglückliche Weib hat ſich aus dem Fenſter geſtuͤrzt, und obſchon ich glaube, daß alle menſch⸗ liche Hülfe vergebens iſt, ſo iſt es doch nothwendig, daß ein Arzt ſich ihrer annimmt.“ Der alte Mann winkte ernſt mit dem Kopfe, kehrte zurück, um die auf dem Tiſche liegenden Inſtrumente zu holen, und folgte dann hinab in die Wohnſtube. Er blieb einen Augenblick neben dem Sopha ſtehen und ſchaute nachdenklich in Charlottens Geſicht, dann legte er ſeine Hand einige Secunden an ihren Puls, zog ſie zurück und ſagte laut: „Ich kann hier Nichts nützen— das Leben iſt erlo⸗ ſchen. Ich will jedoch den Kopf unterſuchen;“ mit dieſen Worten nahm er den Hut und die Haube ab, deutete mit dem Finger auf einen Punkt des Hinterſchädels., wo V das dunkelbraune Haar durchnäßt war und zuſammen⸗ klebte, und ſagte:„Schaut her! Ein neues Gehirn kann ich nicht machen.“ Ned Hayward wendete ſich mit leichtem Schauder ab, denn obſchon er ſelbſt mehr als ein Mal dem Tod in's Auge geſchaut und Menſchen todt oder verwundet an ſeiner Seite hatte ſtürzen ſehen, ſo hatte er doch nie⸗ mals ein Weib dem Schickſal unterworfen geſehen, dem der Mann zu trotzen gewohnt iſt. „Das iſt eine ſchreckliche Geſchichte, Sir,“ ſagte der Chirurg, indem er dem jungen Offizier an das Fenſter ſolgte,„wißt ihr Etwas davon?“ „Nichts,“ entgegnete Ned Hayward,„ausgenom⸗ men daß, wie ich glaube, dieſes unglückliche Weib wahn⸗ ſinnig war, denn ihre Handlungsweiſe war in ihrem gan⸗ zen Leben die eines Menſchen, der nicht bei richtigem Verſtande iſt. Glaubt Ihr, daß Capitain Moreton le⸗ ben bleibt?“ „Noch drei oder vier Stunden vielleicht,“ entgeg⸗ nete der Chirurg,„länger gewiß nicht. Sie hat ihr Werk ſehr entſchloſſen und mit kräftiger Hand ausge⸗ führt. Die Blutung kann nicht ganz geſtillt werden; er hat ſchon eine entſetzliche Menge Blut verloren und es wird allmälig aus mit ihm.“„ „Alſo glaubt Ihr, es ſei kein Zweifel, daß die — * — 39— That von ihrer Hand vollführt worden?“ fragte Ned Hayward. Aber der Chirurg wollte ſich nicht gerade ſo be⸗ ſtimmt ausſprechen. „Selbſt hat er es nicht gethan,“ war die Antwort, „das iſt ganz unmöglich. Die Wunde geht von der lin⸗ ken Seite nach der rechten und ſo weit herum, daß er ſie mit eigner Hand nicht hätte ſich beibringen können. Er muß auch auf dem Sopha gelegen haben, als es geſchah— wahrſcheinlich hat er geſchlafen, denn der Schnitt des Raſivmeſſers iſt noch über den Hals des Schlachtopfers hinausgegangen und tief in den Roßhaar⸗ überzug des Sophas hinein. Der Herr oben bei ihm iſt ſein Vetter, glaube ich?“ „Ich glaube,“ antwortete Ned Hayward,„aber ich bin mit Euerm Patienten nicht bekannt und kann es da⸗ her nicht genau ſagen.“ Im nächſten Augenblick hörte man Tritte herab⸗ kommen und Beauchamp und der Wirth traten in das Wohnzimmer. „Wollt Ihr ſo gut ſein, hinauf zum Capitain Mo⸗ reton zu gehen, Sir,“ ſagte der junge Lord zum Chi⸗ rurg gewendet, ehe er noch ſah, was das Zimmer ent⸗ hielt,„das Blut aus dem Munde hat wieder angefangen und erſtickt ihn faſt. Hayward, ich muß bleiben, vis dieſe Sache vorüber iſt,“ fuhr er fort, als der alte Herr fort eilte, aber dann fielen ſeine Augen auf das Sopha und er faßte Ned Hayward beim Arm und hielt ihn feſt, ohne ein Wort zu ſprechen. Ein paar Augenblicke ſtand er bewegungslos, als ob er durch den Anblick, der ſich ihm darbot, in Stein verwandelt worden wäre, und dann ſchritt er langſam neben den Leichnam und ſchaute ihm lange und ernſt in's Geſicht. Seine Empfindungen müſſen, während dieſer langen ſtillen Pauſe, von ſeltſamer Art geweſen ſein. Da lag vor ihm das Weſen, welches der Fluch ſeiner Ruhe wäh⸗ rend der frühen heitern Jahre des Lebens geweſen war, das Weib, welches, ohne jemals den geringſten Anſpruch, auf jene Neigung erlangt zu haben, durch welche das Herz, wenn ſie übel angewendet iſt, gewöhnlich am Schrecklichſten gequält wird, durch eine einzige ſchändliche, verwegene Handlung die Macht erlangt hatte, jeden Augenblick ſeines Daſeins zu verbittern. Die langen ſchrecklichen Folgen einer einzigen ugendlichen Verirrung waren zu Ende, die finſtere Wolke war hinweggeweht, die ſchwere Kette zerbvochen. Er war frei! Aber durch welche ſchreckliche Ereigniſſe war ſeine Befreiung be⸗ wirkt worden! Welch einen Preis von Blut und Ver⸗ brechen hatten Die, die ihn gefangen gehalten, für ihren zeitweiligen Triumph bezahlt, der mit vollſtändi⸗ ger Niederlage endete! Er konnte nicht umhin zu em⸗ pfinden, daß durch den Tod dieſes Weibes der Sonnen⸗ ſchein ſeinem Lebenswege wieder geſchenkt war, und doch unterdrückten Schmerz und Entſetzen über die Mittel, durch welche er dem Licht und dem Glück wiedergegeben worden, jedes Gefühl der Freude. So untermengt auch faſt alle menſchliche Gefühle ſind, ſo erfuhr doch vielleicht niemals das Herz eines Menſchen ſo gemiſchte Erregungen. Nach einer Zeit, die für jede Betrachtung lange geſchienen hätte, wendete er ſich gegen Capitain Hay⸗ ward und fragte mit leiſem Tone:— „Wie geſchah das, Hayward, und wann?“ „Vor wenig Minuten,“ entgegnete ſein Freund; „der Conſtabler, welcher ſie bewachte, kam nach der Thüre, um mit mir zu ſprechen, ſie benutzte dieſen Augenblick, 5 wo er ihr den Rücken zukehrte, und ſtürzte ſich aus dem Fenſter. Vielleicht, Lenham,“ fuhr er mit jener Gut⸗ müthigkeit fort, welche bei ergreifenden Dingen ſtets aus Ned Hayward’s Charakter hervorleuchtete—„viel⸗ leicht iſt es beſſer, daß es ſo iſt, wie es iſt. Die That ward unzweifelhaft in einem Gemüthszuſtande begangen, der ſie unzurechnungsfähig machte. Wäre ſie am Leben geblieben, ſo wäre ihr Schickſal vielleicht ſchrecklicher ge weſen, wenn wir eine andere That in Erwägung ziehent in Bezug auf welche es ſchwierig geweſen ſein mögten ihre linzuremumsſäbisten zu beweiſen.“ „Gottes Willen geſchehe,“ ſagte Beauchamp, nijench nglückliche iſt nicht in dem Zuſtande, der für einen Sterbenden ſich eignet, und doch fuürchte ich, daß der Tod ſich ihm mit raſchen Schritten naht. Sein ganzer Haß geget mich ſcheint dem unverſohnlichen Wunſche nach Rache at dieſem armen Werkzeug ſeiner eigenen Pläne Raum ggeben zu haben. Er ſagt, es ſei kein Zweifel, aß ſie die That begangen. Er habe auf dem Sopha feſchlafn, weil er vorige Nacht lange wach geweſen d diern Morgen zeitig aufgeſtanden ſei. Plötzlich fühlte , dch eine Hand ſich auf ſeine Augen drückte und n ſchafes Inſtrument über ſeinen Hals hinweggezo⸗ ſen wad. Er ſprang nach Hülfe ſchreiend auf aind ah die Elende mit dem Raſirmeſſer in der Hand vor ih ſteln und ſie lachte und fragte, ob er jemals wie⸗ dr ihr Geheimniß verrathen wolle. Es iſt in der bhat eie ſchreckliche Geſchichte, aber ich füͤrchte, daß ſeine ſusſag zu Protokoll genommen werden muß, und wenn 4 2 aben findet, ſo muß angenommen werden, daß nlückliche vollkammen bei Verſtande geweſen ſei.“ u mögte wiſſen, ob ſie wirklich jemals ihren tgtign Verſtand gehabt?“ ſagte Ned Hahmwerr Na llem, was ich von ihr anjört bube⸗ mö weifen— doch da kommt e 8 . 1 2 36 4 war, wie ſich ergab, einer der erſtern und der wur⸗ Fuedensrichter trat zuerſt in das Wohnzimmer und eauhamp. Dritter Band. 23 unterſuchte zuerſt den Leichnam der Charlotte Hahy, de noch auf dem Sopha ausgeſtreckt lag. Friedensrichter au dem Lande machen beinahe über alle Dinge ihre Witze, un obſchon der hier fragliche Herr dies ganz in aller Stil that, ſo konnte er ſich doch, nachdem er din Körpe einen Augenblick angeſehen, nicht enthalten zu fagen: „Na, von dieſer Dame werden wir nict viel er fahren, alſo wird es beſſer ſein, wir ſehen die anden Pe erſon an, die wir vielleicht ett was redſeliger finden. führt der Weg l Herr Wirth? Laßt dieſes Zimm hier räumen und 4 Thüre verſchließen„ bis der Col ner kommt, der die Zeugen über die Sache vernehmt wird. Ich muß womöglich die Ausſage des Herrn 3 Protokoll nehmen, der, wie Ihr ſagt, im Sterben liegt Mit dieſen Worten ging er, während der Gaſtwirf voranſchritt und Beauchamp, Ned Hayward und ei⸗ paar Andere nachfolgten, langſam die Treppe hinn und trat in das Zimmer, wo der Capitain Morat lag. Der Chirurg beugte ſich über ihn und hielt 9 mit dem linken Arme den Kopf empor. In dem 2 genblicke aber, wo der alte Mann das Geräuſch von vielen Fußtritten hörte, winkte er mit der rechten Har 6 als ob Niemand herantreten ſollte. Alle blieben en Augenblick ſtehen und in der Mitte des Schweig welches folgte, hörte man einen unheimlichen, en genthümlichen Laut, etwa wie von einem Pferde,) — 355— ches beim Trinken einen tüchtigen Zug thut, nur nicht ſo lange und regelmäßig. Das Geräuſch hörte auf, begann wieder und hörte wieder auf und der Chirurg legte Capitain Moreton's Kopf nieder auf das Sopha⸗ kiſſen und ſah ſich um. Der Friedensrichter trat oogleich vor und ſagte: „Ich muß die Ausſage des Herrn zu Protokoll nehmen, Mr. Abbot.“ „Ihr kommt ein wenig zu ſpät, Sir,“ ſagte der Chirurg,„der wird keine Ausſagen mehr thun.“ Es war in der That, wie er ſagte. Capitain Mo⸗ reton hatte ſo eben ſeinen Geiſt aufgegeben und dem Friedensrichter, welchem bald darauf ſeine übrigen eh⸗ renwerthen Collegen ſich anſchloſſen, blieb Nichts übrig, als alle Aufſchlüſſe und Nachweiſungen zu ſammeln, die * von den Leuten im Hauſe in Bezug auf den Tod Char⸗ lottens Hay und ihres Geliebten zu erlangen waren. meBeauchamp und Ned Hahward beantworteten die Fra⸗ gen, die an ſie gerichtet wurden, gingen aber in keine 8 nnaeſge Einzelnheiten ein. Die übrigen von Denen, ofwelche aufgefordert wurden, Ausſagen zu thun, oder Gſiich freiwillig dazu erboten, waren geſchwätziger, und da ndie beiden Herren dablieben, um alle Ausſagen mit an zuhören, ſo wurden ſie noch einige Stunden in Winter⸗ ton duigehelers Als endlich Alles vorüber war und Lord Leuham 25* “ und Ned Hayſard vor der Thüre des Gaſthofs ſtanden, ſchauten ſie einander einige Augenblicke lang ohne zu ſprechen an. Endlich kam Beauchamp's Diener von der Seite des Wageus, der, vor einiger Zeit beſtellt, ſchon vor dem Hauſe hielt und fragte in gewöhnlichem Tone: „Wo ſoll hingefahren werden, Mylord 2 In dem Geſicht des jungen Lords malte ſich eine augenblickliche Unentſchloſſenheit, im nächſten Augenblicke aber antwortete er in entſchiedenem Tone: „Nach Tarningham Park.“ Sobald als ſie wieder im Wagen ſaßen, wendete er ſich zu ſeinem Freunde und ſagte ſeufzend: 8„Ich will ihr wenigſtens die Nachricht bringen, Hayward, und dann—“ Er ſchwieg, und Ned Hahward fragte in ſeinem ge⸗ wöhnlichen heitern Tone: „Nun und dann, Lenham?“ „Dann wieder auf den Weg nach London,“ ſagte Beauchamp, indem er ernſt aber feſt hinzufügt„es darf kein Zweifel in Bezug auf die Gültig rer Vermählung in ihr übrig bleiben. Ich weiß, wie ein einziger Tropfen ſolcher Bitterkeit den ganzen Becher der Freude vergiften kann. Aber ſagt mir, Hayward,“ fuhr er in einem heiterern Tone fort:„wenn wird denn Eure Vermählung Statt finden? Ihr habt mir noch gar 4 — Nichts davon geſagt, aber Ihr dürft nicht glauben, daß meine Augen geſtern oder heute Morgen geſchloſſen ge⸗ weſen ſind.“ „Ich ſagte davon Nichts, weil ich glaubte, daß Eure Gedanken ſchon ausreichend beſchäftigt ſeien, Len⸗ ham,“ antwortete Ned Hayward,„es iſt, glaubt mir, weder aus Mangel an Offenheit, noch aus Mangel an Achtung geſchehen. Aber um Eure Frage zu beantwor⸗ ten, entgegne ich, daß der Tag noch nicht feſt beſtimmt iſt. Mrs. Clifford hat weit ſchneller eingewilligt als ich erwartete. Sir John, als er davon hörte, war außer ſich vor Freuden und Marys zwei Vormünder haben, da ſie wiſſen, daß ihre Macht ohnedies bald zu Ende geht, beſchloſſen, einen gelinden Gebrauch davon zu ma⸗ chen. Der Himmel weiß, daß, als wir vor etwa drei Monaten an Mrs. Cliffords Wagen mit einander be⸗ kannt wurden, ich mir nicht träumen ließ, daß meine künftige Braut ſich darin befinde. Hätte ich damals gewußt, daß ich in Gefahr wäre, mich zu verlieben und noch dazu in eine Erbin, ſo glaube ich, ich hätte mein Pferd herumgeworfen und wäre wieder nach Lon⸗ don zurückgaloppirt. Ja, noch mehr, es iſt nicht ein Tag während des letzten Monats bis vor etwa vier⸗ zehn Tagen vergangen, wo ich, weil ich mich in drohen⸗ der Gefahr ſah, nicht bereit geweſen wäre, abzureiſen, aber Umſtände— Umſtände, mein werther Lenham, — dieſe diamantenen Ketten, hielten mich hier zurück, bis ich eines Tages ganz und gar, ohne es mir vorgenom⸗ men zu haben, dem guten Mädchen ſagte, daß ich ſie liebe und ſie hieß mich bleiben, daher blieb mir Nichts übrig, als zu gehorchen und nun glaube ich, daß in drei Wochen der leichtſinnige Ned Hayward der Gatte des ſüßeſten und liebenswürdigſten Mäͤdchens in der Welt ſein wird.“: „Mit einer Ausnahme,“ ſagte Beauchamp lächelnd, „und einer der beſten Gatten in der Welt wird er gegen ſie ſein. Nur noch Eins laßt mich ſagen, Haywardz ſo wenig als ich daran dachte, auf Euerm weiteren Pfade, als wir uns zuerſt begegneten, eine Gattin zu finden, ſo wenig dachte ich daran, Freundſchaft zu finden, ſo wenig hoffte ich darauf, oder wünſchte ſie, und doch giebt es Nichts auf Erden, was ich mehr ſchätze, als Eure Freundſchaft, ausgenommen die Liebe Derjenigen, die ich über Alles liebe. Sollten die weiſen Ju⸗ riſten einen Zweifel an der Gültigkeit meiner Ver⸗ mählung mit Iſabellen haben, ſollten ſie es für gerathen halten, daß die Ceremonie wiederholt werde, ſo wollen wir mit Erlaubniß unſerer Damen einen und denſelben Tag wählen und wie wir ſeit einiger Zeit ein⸗ ander geweſen ſind, auch vor dem Altare als Brüder neben einander ſtehen. Achtzehntes Kapitel. Das Ballzimmer wird ausgefegt. 3 g Baauchamp und Jſabella blieben einige Minuten vor dem Diner allein beiſammen, denn Sir John Slingsby und die übrige Geſellſchaft waren rückſichtsvoll. Sie lag, noch ſchwach von den Wirkungen der Ohn⸗ macht, in die ſie gefallen, auf dem Sopha und Beau⸗ champ ſaß neben ihr und hielt ihre Hand in der ſeinen. Er hatte ihr Alles geſagt, was vorgefallen war, freund⸗ lich und ſanft und ohne bei den düſtern und ſchrecklichen Einzelnheiten zu verweilen, und nur um ihr einfach zu zeigen, daß das Anſehen ihres Geſchickes ein anderes ge⸗ worden. Er fuhr dann fort, ihr ſeine Pläne zu erzäh⸗ len und benachrichtigte ſie, daß es ſeine Abſicht ſei, dieſen Abend wieder nach London aufzubrechen, um durch das competenteſte juriſtiſche Gutachten ſich zu über⸗ zeugen, ob ihre Heirath wirklich gültig ſei und im Fall er fände, daß nur ein Zweifel in der Sache obwalte, 360 die Ceremonie nochmals vollziehen zu laſſen, aber Iſa⸗ bella änderte alle ſeine Vorſätze. „Beauchamp,“ ſagte ſie, denn ſo nannte ſie ihn —+‿ immer noch,„ich glaube, ich weiß, daß Du mich liebſt und Du wirſt mir eine Bitte nicht abſchlagen. Es iſt dieſe: Gehe gar nicht nach London, ſtelle keine Erör⸗ terungen über die Gültigkeit unſerer Vermählung an. Betrachte ſie als ungültig und laß ſie uns erneuen. In einigen Wochen, in ſehr wenigen Wochen, wird Mary Deinem Freunde, Capitain Hayward, ihre Hand reichen. Laß uns bis dahin warten und mit ihnen nochmals vor den Altar treten. Es werden ſchmerzliche Umſtände und ſchmerzliche Erinnerungen für mich damit verknüpft ſein. Ich liebe es nicht, der Gegenſtand der Unterhaltung und des Geredes zu ſein, und in der Kirche wird der Auftritt von heute Morgen ſich ſchrecklich meinem Gedächtniſſe aufdrängen, aber mittlerweile wirſt Du alle Tage bei mir ſein und das wird mich für Vieles entſchädigen.“ So ward es geordnet und nach ſechs Wochen wur⸗ den die beiden Couſinen den Männern vermählt, welche ſie liebten. Mühen und Gefahren ſind intereſſant zu er⸗ zählen, ein ruhiges ſtilles Glück bietet in dieſer Hinſicht wenig Stoff. Ned Hayward und Mary nahmen ihren Wohnſitz bei Mrs. Clifford und die ſchöne Braut hatte niemals Urfache zu bereuen, daß ſie in ihrem Gatten Etwas Tieferes, Schöneres und Edleres entdeckt hatte, — 361— als Die, welche ihm den Namen des leichtſinnigen Ned Hayward gegeben. Allerdings hatte er ſich etwas ge⸗ ändert. Er war eben ſo heiter, eben ſo ſonnenhell, eben ſo freimüthig und offen wie je, aber er war kein ſo großer Freund vom Fiſchen und Jagen wie früher. Ein ruhiger Spaziergang, oder eine Spazierfahrt mit Mary gefiel ihm beſſer. Auch ſchuf er ſich eine neue Beſchäf⸗ tigung und widmete einen rüßen Theil ſeiner Zeit der Regulirung von Sir John Slu y's Angelegenheiten, wozu er unter dem Vorwande, da aß es ihm an Beſchäf⸗ tigung fehlte, ſehr leicht die Einwilligung ſeines alten Freundes erhielt. Seine ſchnelle Auffaſſung der Beſchaf⸗ Ferhe t aller ihm anheimgeſtellten Dinge, ſein tüchtiger, geſunder Verſtand und ſeine ſchnelle Entſchloſſ ſenheit brach⸗ ten di eſe Angelegenheiten bald in einen ganz andern Zu⸗ kend, dr u welchem er ſie gefunden, und Sir John Slingsby 1 daß bei gehöriger Ordnung ihm ſein durch die ſorglo 1 Verſchwendung vieler Jahre vermindertes Einkommen mehr aufzuwenden erlaubte, als da ſeine Revenüen dem Namen nach viel größer waren. Iſabella und Beauchamp waren ſo glücklich, wie der Lefer dies ſchon vermuthet hat. Er ward von ſei⸗ nen Bekannten für einen ernſten und etwas finſtern Mann gehulten, aber Iſabella hatte Urſache zu wiſſen, daß er im häuslichen Leben fanft, heiter und gütig war, denn nur in dem herzloſen Treiben und dem ſinnloſen Geſchwätze der gewöhnlichen Geſellſchaft kam durch die langen Folgen einer einzigen Verirrung eine düſtere Stimmung über ihn. Wir haben uns nun noch einiger anderer Charak⸗ tere zu entledigen. Mr. Wharton'’s Geſchichte iſt ſchon erzählt worden. Mr. Bacon gelangte noch in beſſere Umſtände, als man hätte erwarten können. Obſchon er ein ehrlicher Mann war, ſo hatte er ſeltſamer Weiſe doch einen ziemlichen Grad von Glück. Er half Ned Hayward bei der Regulirung von Sir John Slingsby's Angelegenheiten und ward am Ende eine Art von Agent oder Hausadvokat des Baronets. Beauchamp, welcher am Ende die Beſitzung der Moretons kaufte, verwen⸗ dete ihn in derſelben Eigenſchaft, und zwei andere Land⸗ edelleute machten, als ſie fanden, daß die Sachen in ſeinen Händen gediehen, ihn ebenfalls zu ibrem Agen⸗ ten. Er gab ihnen niemals eine Urſache zur Klage und zog ein ſehr ſchönes Einkommen aus der Praxis dieſes Zweiges ſeines Standes, was aber das bei Weitem Au⸗ ßerordentlichere war, iſt, daß in keinem Falle das Ei⸗ genthum ſeiner Clienten von dieſen auf ihn überging. Stephen Gimlet ward im Laufe der Zeit Sir John Slingsby's Oberwildhüter, befand ſich wohl und gab ſeinem Knaben eine ſehr gute Erziehung. Die Wittwe Lamb lebte beinahe noch zehn Jahre nach den ſo eben erzählten Ereigniſſen und hatte die Freude, ihren armen Knaben William durch freundliche zur rechten Zeit gege⸗ bene und umſichtig angewendete Hülfe aus der Stell⸗ ung, in der wir ihn zuerſt fanden, ſich ſo weit erheben zu ſehen, daß er in ſeinem ſechs und zwanzigſten Jahre der Wirth des Weißen Hirſches in Tarningham war, und oft pflegte er an einem Sommerabend, wenn es nicht viel zu thun gab, unter ſeiner Thüre zu ſtehen, über alle die ſeltſamen Ereigniſſe, die er in ſeiner Ju⸗ gend erlebt, mit einem traurigen Bewußtſein des Unter⸗ ſchieds zwiſchen ihm und andern Menſchen nachzudenken und die klagenden Melodien zu pfeifen, die er als Knabe ſo ſehr liebte, als ob die Phantaſie ihn ganz in das Reich der Erinnerung hinwegführte. Es iſt vielleicht nur noch ein Charakter übrig, der einige Erwähnung verdient, und obſchon ſeine Laufbahn kurz war, ſo dürfen wir doch ausführlicher darüber ſprechen. Harry Wittingham nahm mit unangefochte⸗ nem Recht Beſitz von dem großen Vermögen ſeines Va⸗ ters. Ein pomphaftes Leichenbegängniß erregte die halb⸗ ſtündige Verwunderung der Einwohner von Tarningham⸗ als der alte Herr ſeiner Gruft übergeben ward, und eine kurze Zeit lang hegten ſelbſt kluge und erfahrene Leute die Hoffnung, daß der junge Wittingham ſeine Lebens⸗ weiſe ändern, in ſeiner Handlungsweiſe ordnungsliebend und ſorgfäitig werden, und die Laſter und Thorheiten, die ihn geſchändet hatten, ablegen werde. Vierzehn Tage lang blieb er beinahe ſtets zu Hauſe und prüfte Papiere, erörterte den Stand der Angelegenheiten und zeigte kein kleines Geſchäftstalent. Eine Anzahl kleiner von Mr. Wittingham ausgeliehener Summen wurde ziem⸗ lich raſch eingezogen und einige bedeutende Ankäufe von Land gemacht, welche verriethen, daß der junge Herr ein großer Grundeigenthümer zu werden wünſche. Sein bekannter Reichthum verſchaffte ihm, wie das in Eng⸗ land immer der Fall iſt, der Charakter eines Menſchen mag ſein, welcher er will, bedeutende Aufmerkſamnkeiten. Sehr angefehene und vermögende Leute, beſonders ſolche, die zwei oder drei unverheirathete Töchter hatten, beſuch⸗ ten ihn und ließen ihre⸗Karten bei ihm abgeben, aber Harry Wittingham'’s hauptſächlicher Gaſt und Gefährte war ſein Freund Mr. Granty und zwei oder drei andere Gentlemen von demſelben Gepräge, welche Lederhoſen und Stulpenſtiefel trugen, ſchöne Pferde ritten und ſich zur Jagdzeit viel auf einen rothen Rock zu Gute tha⸗ ten. Der von dem alten Mr. Vittingham eingeführte Haushalt ward ſchon einen Monat nach ſeinem Tode bedeutend vermehrt. In den Ställen waren zwei Reit⸗ knechte mehr, in dem Hauſe zwei Diener, aber dies war kein Zeichen von Verſchwendung, denn das Ver⸗ mögen erlaubte das und noch mehr, aber Harry Wit⸗ tingham litt an einer Art anſcheinender Unruhe, zeit⸗ weiliger Duͤſterheit, einer Reizbarkeit bei gerengfügigen — —— Gelegenbeiten, auf welche weder Wohlſtand noch die Befriedigung lange eingeſchränkter Neigungen einige Wir⸗ kung äußerten und Mr. Granty ſelbſt fand im Geſpräch mit einem Freund Urſache, ſich zu wundern, was zum Teufel Harry Wittingbam habe, denn er ſchiene nie⸗ mals zufrieden, obſchon er ſo viel Vermögen beſäße, als irgend ein Gentleman in der Grafſchaft. Endlich gab Harry Wittingham ein großes Mahl und ſetzte daſſelbe, ohne Kenntniß von dem Zuſammen⸗ treffen zu haben, auf denſelben Tag an, an welchem Mary Clifford ihre Hand an Ned Hayward verſchenkte. Als er kurz vorher, ehe die Geſellſchaft zuſammenkam, erfuhr, daß dies der Fall war, ward er ſehr ärgerlich und aufgeregt, aber der Stolz erlaubte ihm nicht, das Mahl zu verſchieben, und ſeine Freunde verſammelten ſich zur beſtimmten Stunde. Sieben Perſonen erſchie⸗ nen pünktlich mit dem Schlag der Stunde und gingen kurz darauf in das Speiſezimmer hinab, wo Delikateſſen und ſelbſt Raritäten in Menge und die ausgewählteſten Weine, die man haben konnte, anzutreffen waren. Die Suppe war expreß von London bezogene Schildkröten⸗ ſuppe, aber Harry Wittingham ſelbſt koſtete ſie nicht. Er aß jedoch viel Fiſch, und forderte mehrere Gäſte auf, Wein zu trinken, obſchon es ſchien, als habe er beſchloſſen, ſich den Kopf kühl zu erhalten, denn er ver⸗ neigte ſich blos über ſein Glas und ſetzte es nieder. Mr. Granty, der ſeine alten Gewohnheiten wohl kannte, wunderte ſich über ſeine Enthaltſamkeit und hielt es gar nicht für recht, denn er war entſchloſſen, ſich auf Koſten von Mr. Harry Wittinghams Keller eine fidele Nacht zu machen, und ein ſolches Benehmen des Wirthes ſchien geeignet, die Trinkluſt der Gäſte zu verſcheuchen. „Komm, Wittingham,“ rief er endlich,„laß uns zuſammen ein Glas Champagner trinken.“ „Sehr gern,“ antwortete ſein Wirth, und der Cham⸗ pagner ward eingeſchenkt. „Nun Wittingham, trink tüchtig,“ ſagte Mr. Gran ty lachend,„denn der Teufel ſoll mich holen, wenn Du heute ſchon einen Tropfen gekoſter haſt— ſiehſt Du, ſo, auf einen Zug!“. „Herzlich gern,“ antwortete Harry Wittingham und hob ſein Glas empor. Er hielt es einen Augen⸗ blick an die Lippen und trank dann den Wein mit plötz⸗ licher und ſehr ſichtbarer Anſtrengung, aber eine Art von Krampf verbreitete ſich augenblicklich über ſein gan⸗ zes Geſicht; es war jedoch in einem Augenblick vor⸗ über und wie um es zu verbergen, machte er ſeinem Kellermeiſter in etwas ſpitzem Tone bewerklich, daß der Wein nicht gut ſei.„Er war gut geſtöpſelt,“ ſagte er, und Mr Granth rief lachend: „Probirt eine andere Flaſche.“ Es ward eine andere Flaſche gebracht und die Glä⸗ ſer wurden alle wieder gefüllt. Harry Wittingham er⸗ hob das ſeine mit den Andern, ſetzte es aber ſofort wie⸗ der nieder und ſtieß es von ſich, indem er mit ſtierem Blicke murmelte:„Ich kann nicht.“. Dieſes ſehr eigenthümliche Benehmen äußerte, wie man leicht erwarten kann, ſeine Wirkung auf die Gäſte. Die Geſellſchaft ward ſehr einfylbig und brach ſehr zei⸗ tig auf und Ieder hemerkte, daß Mr. Wittingham nicht einen Tropfen von all den vielen Weinen koſtete, die auf ſeiner Tafel kreiſten. Als Alle fort waren, zog er heftig die Klingel und befahl dem Diener, Mr. Slattery zu holen. „Sage ihm, er ſolle gleich kommen, denn ich fühle mich nicht wohl.“ Binnen zehn Minuten war der Arzt im Hauſe, fühlte ſeinem Patienten an den Puls, ließ ſich die Zun⸗ ge zeigen, that einige Fragen und ſagte dann lächelnd „Ein wenig Fieber!— Ein wenig Fieber! Ich werde Euch ein kühlendes Tränklein ſchicken und morgen wird Alles wieder in Ordnung ſein, glaube ich.“ „Schickt mir keinen Trank,“ ſagte Harry Witting⸗ ham,„ich kann ihn nicht trinken.“ „O, es ſoll ſo gut ſchmecken, wie Wein,“ ſagte Mr. Slattery. „Gut, oder ſchlecht, darauf kommt Nichts an,“ ſagte der iunge Herr ihm etwas wild in’'s Geſicht ſtie⸗ rend,„ich ſage Euch, ich kann nicht trinken— ich trinke gar Nichts— ſchon der Gedanke daran iſt mir zu⸗ wider.“ Ein zweiter ſchneller, kurzer Krampf fuhr ihm, als er noch ſo ſprach über's Geſicht, und Mr. Slattery ſetzte ſich mit einem etwas zweifelhaftem Ausdrucke des Ge⸗ ſichts neben ihn nieder, ſummte ein paar Augenblicke vor ſich hin, und ſagte dann: „Nun, was ſoll man Euch denn geben? Aber ſagt mir noch ein wenig mehr von dem Symptomen, die Ihr fühlt,“ und er griff ihm wieder nach dem Puls. „Habt Ihr Kopfſchmerzen?“ „Nein,“ antwortete Harry Wittingham,„ich hab⸗ ſo ein Brennen im Halſe.“ „Entzündlichkeit im Magen?“ ſagte Mr. Slattery in fährlchem Tone.„Habt Ihr vielleicht irgend einen infall ge habt? Einen Nagel in die Hand oder in den Fuß gectoßen oder ſo Etwas dergleichen?“ „Nein,“ antwortete Harry X ttingham,„aber ein verfluchter Hund hat mich vor ſe Wochen gleich über der Ferſe gebiſſen und es iſt noch nicht ganz heil.“ „Laßt mich die Wunde ſehen,“ ſagte Mr. Slatterh, „von dieſer rührt vielleicht die Entzuͤndung her.“ Schuh und Strumpf waren bald entfernt und Mr. Slattery bemerkte an Harry Wittinghams Beine vier deutliche Spuren von den Zähnen eines Hundes in Flechſe und Muskeln. Um jede dieſer Spuren befand ſich eine kleine Erhöhung über der Haut, und von zweien derſelben lief eine feine, ſcharf geichnete, rothe Linie das Bein hinauf nach dem Leibe zu. Mr. Slattery ließ ihm tüchtig zur Ader und er glaube, in zwei bis drei Tagen werde die wieder in Ordnung ſein, kehrte nach Hauſe zurüch ſchickte einen reitenden Boten nach der Haupiſtadt Grafſchaft, um eine Flaſche von der berühmten Or kirker Eſſenz zu holen. Die Ormskirker Eſſenz richtig an, anſtatt ſich aber in zwei bis drei Tagen wie⸗ der wohl zu befinden lag Harry ittingham binnen nicht viel mehr als einer Woche in ſeinem Grabc. Ende. Sch nmann in 5 mmmmm. MnnennſinnſinFnſſſſſſſſſſſiſſſſiſtſiſinſiſiſnſniſsinſinſſiiſſ 8 9 1 12 13 14 1 10 1 5 16 17 8 8 39 8 7 4 d 2 3 — 2 1 3 ☚——,