V Beauchamp oder der Irrthum. Von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen überſetzt von A. Kretzſchmar. Zweiter Band. — — Leipzig, Verlag von Chriſtian Ernſt Kollmann. 1 8 4 6. oder V Beauchamp V der Irrthum. Zweiter Band. 1* Erſtes Kapitel. In welchem für den Wildſchützen beſſere Tage empor⸗ zudämmern ſcheinen. Ein lauter Fluch von Sir John Slingsby ging unbeachtet vorüber, denn obſchon Jeder den Schuß ge⸗ hört hatte, ſo ward doch die Aufmerkſamkeit eines Je⸗ den auf einen beſondern Gegenſtand hingeleitet. Ned Hayward ſprang an das Fenſter und ſah hinaus. Doc⸗ tor Miles fuhr auf und wendete ſich gegen Mr. Wit⸗ tingham und Beauchamp, welcher dieſem Herrn zunächſt ſaß, ſtreckte plötzlich die Hand aus und faßte ihn bei Arm und Schulter, ſo daß er die Wucht des Falles minderte, obſchon er demſelben nicht vorbeugen konnte, denn der würdige Friedensrichter drückte mit einem leiſen Schreckensrufe, der nur von einem einzigen Ohr ver⸗ nommen ward, ſeine Hand auf's Herz und fiel ohn⸗ mächtig zu Boden, gerade als wenn die Kugel, die durch das Fenſter hereingeflogen, genau die Stelle ſeiner Haut gefunden hätte, die nicht in den Styx getaucht⸗ — 6— war. Richts deſto weniger, als Sir John und Mr. Beauchamp und Doctor Miles ihn vom Boden auf⸗ richteten und ihn wieder auf ſeinen Stuhl ſetzten, obſchon ſie unzweifelhaft erwarteten, eins jener kleinen Löcher an ihm zu finden, die ich eine Lebensthüre nennen mög⸗ te, wenn ſie nicht das Leben niemals herein, ſondern blos oft hinaus ließen, war doch keinerlei Wunde an ihm zu bemerken, ausgenommen in der Perücke. Es wurden Lichter gebracht, die Diener rannten herein und hinaus, kaltes Waſſer ward dem alten Herrn in's Geſicht ge⸗ ſprengt, der Kellermeiſter empfahl Riechſalz, Sir John V Slingsby probirte Branntwein, und endlich ward Mr. Wit⸗ tingham wieder zu ſich ſelbſt gebracht. Jedermann war um ihn beſchäftigt, bis auf Ned Hayward, und da Ned ein ſehr mitleidiger, menſchenfreundlicher Mann war, ſo wird es nöthig ſein zu ſagen, weshalb er Mr. Wit⸗ tingham keine Sorgfalt oder Aufmerkſamkeit zu Theil werden ließ. Der Grund davon war, daß er gar nicht wußte, was mit ihm vorging, denn Ned Hayward war nicht mehr im Zimmer, das Fenſter ſtand offen und Ned Hayward war zu demſelben hinausgeſprungen. — Um aber auf Mr Wittingham zurückzukommen, ſo erklärte derſelbe, nachdem er nicht ſobald wieder Athem genug hatte, um vernehmlich zu ſprechen, mit leiſer Stim⸗ me, daß er nach Hauſe gehen müſſe. „Wie? Was? Lieber Freund,“ rief Sir John Slings⸗ by,„Ihr ſeid ja nicht verletzt, blos erſchrocken, teufel⸗ mäßig erſchrocken, das iſt Alles, und Ihr ſeht noch ganz bleich und erbärmlich aus. Kommt, trinkt Eure Flaſche aus und ſchafft Euch ein anderes Geſicht an, ehe Ihr fortgeht, ſonſt könnt Ihr wieder im Wagen ohnmächtig werden.“ „Ich muß nach Hauſe,“ wiederholte Mr. Witting⸗ ham mit niedergeſchlagenem Tone. „Nun was wird denn da aus dem Geſchäft, wegen deſſen Ihr kommt?“ fragte der Baronet. „Das muß ich Euch überlaſſen, Sir John,“ ent⸗ gegnete Mr. Wittingham ſich mit Mühe erhebend.„Ich habe heute Abend keine Gedanken mehr dafür. Ich kam wegen des berüchtigten Wildſchützen Gimlet, die Con⸗ ſtabler werden Euch ſagen, weshalb ich ihn feſtnehmen ließ, aber ich muß fort, ich muß fort, ich bin keines Gedankens fähig.“ „Obſchon ihm nicht die Kugel durch den Kopf ge⸗ fahren iſt, ſo ſcheint doch eine tüchtige Quantität Blei hineingekommen zu ſein,“ murmelte Sir John Slingsby, als ſein College nach der Thüre taumelte; der Baronet war aber kein hartherziger Mann, er hatte Mitleiden mit Mr. Wittingham's Zuſtande und lief ihm mit einem großen Glas Maderia nach, beſtand darauf, daß er es tränke, und führte ihn am rechten Arm nach der Haus⸗ thüre, wo er ihn den Händen des Kellermeiſters über⸗ gab, damit ihn derſelbe wohlbehalten in ſeinen Wagen brächte. Während dies geſchah, drehete ſich Sir John herum und erblickte die Geſtalt Stephens Gimlet und der zwei Polizeidiener, die ihn bewachten; und wenn der Blick des Baronets für den Wildſchützen nicht ſonderlich ermuthigend war, ſo war er dies ſicherlich noch viel weniger für die Conſtabler. Ein Conſtabler war, die Wahrheit zu ſagen, ein Geſchöpf, gegen welches Sir John Slingsby aus einem oder dem andern Grunde einen großen Widerwillen hegte. Es iſt nicht unmöglich, daß ſein eigener früherer Hang zum Herumſchwärmen und mehrere Rencontres mit der Beamtenklaſſe, die jetzt unter ſeinen Befehlen ſtand, ihm einen Ekel vor der ganzen Species beigebracht hatte, gewiß aber würde er, wenn er jetzt aufgefordert worden wäre, eine Linné'ſche Beſchreibung des Geſchöpfs zu geben, dieſe etwa ſo ge⸗ ſaßt haben: Ein zweibeiniges Thier von der Species Hund, das geſchaffen iſt, um von Vagabunden geprügelt und von Friedensrichtern ausgeſcholten zu werden. Er fuhr daher mit würdepoker Miene mit der Hand über feine umfangreiche weiße Weſte und ſagte: „Bringt ihn herein.“ Mit dieſen Worten ging er zurück nach dem Speiſezimmer, ſetzte ſich in ſeinen Lehn⸗ ſtuhl, während vor ihm auf dem Tiſche zwei Wein⸗ flaſchen ſtanden, und als die Conſtabler eintraten und ihre Poſition vor ihm einnahmen, ſchob er die Flaſchen zu beiden Seiten Doctor Miles und Mr. Beauchamp zu, indem er ſogleich in einem ſo feierlichen Tone, als ob er ein Todesurtheil ausſpräche, ſagte:„Schenkt Euch ein, meine Herren, wir wollen eine Geſundheit aus⸗ bringen— nun, Mr. Leatherſides, weshalb bringt Ihr dieſen Mann zu mir?“ „Halten zu Gnaden,“ entgegnete der Conſtabel, „wir arretirten ihn wegen Wilddiebſtahls in den Gaſſen von Tarningham und—“ „Ho, ho!“ rief Sir John,„wegen Wilddiebſtahls in den Gaſſen von Tarningham? Das wäre ein ſonder⸗ barer Ort um Fallen zu legen. Leatherſides, Ihr ſeid betrunken.“ „Nein, halten zu Gnaden, das bin ich nicht,“ ſagte der Conſtabel ganz zaghaft, denn er hätte ſich alle⸗ mal lieber eine Woche lang in's Gefängniß ſperren laſſen, als eine Meldung bei Sir John Slingsby gemacht, „ich ſage nur, wir hätten ihn in den Gaſſen von Tar⸗ ningham arretirt, nicht, daß er dort Wild geſtohlen habe.“ „Nun, wo hatte er denn Wild geſtohlen, als Ihr ihn arretirtet?“ fragte Sir John halb im Spaß, halb aus Bosheit und völlig entſchloſſen, den Conſtabel zu verblüſſen. „Ich kann nicht behaupten, daß er damals gerade ir⸗ gendwo Wild geſtohlen habe,“ entgegnete Mr. Leatherſides. „Dann habt Ihr auch kein Recht, ihn zu arreti⸗ ren,“ entgegnete der Baronet,„entlaßt den Gefangenen und räumt das Zimmer. Meine Herren, habt Ihr ge⸗ laden? Es lebe der König, Gott ſegne ihn!“ Und er ſtürzte ſein Glas Wein hinunter und blinzelte Beau⸗ champ zu und glaubte, den Conſtablern einen guten Streich geſpielt zu haben. Mr. Leatherſides war jedoch der Meinung, daß er ſeine Pflicht thun müſſe und daß dieſe Pflicht darin be⸗ ſtehe, Sir John Slingsby geeignete Vorſtellungen zu machen, und er brachte daher mit gewaltſamer Anſtren⸗ gung die Worte hervor: „Aber Sir John, als wir ihn einmal hatten, ſag⸗ te Mr. Wittingham, wir ſollten ihn feſt halten.“ „Wo habt Ihr Euern Verhaftsbefehl?“ donnerte Sir John. „Wir haben keinen,“ ſagte der andere Conſtabel, denn Mr. Leatherſides war erſchöpft. „Wenn Ihr ihn ſchon geſetzwidrig arretirtet,“ ſagte Sir John Slingsby mit gelehrter Miene,„ſo habt Ihr ihn mit noch mehr Geſetzwidrigkeit feſtgehalten, Lea⸗ therſides, Ihr ſeid ein Narr. Ihr, Mr. Dingskirchen da, ſeid ein Eſel. Ihr habt Beide das Geſetz verletzt und ich habe große Luſt, Euch Beide zu ſtrafen— um ein Glas wenigſtens— und ich werde es thun, beim Jupiter! Kommt her und trinkt mit auf die Geſund⸗ — 111— heit des Königs,“ und Sir John lachte herzlich, als er dieſe ſehr angenehme Strafe, wofür er ſie hielt, den beiden Conſtablern auferlegte. Er war jedoch entſchloſ⸗ ſen, den Spas noch weiter auszuführen, und er rief da⸗ her ſobald, als die Beiden den Wein ausgetrunken hat⸗ ten, mit würdevollem Tone:„Stephen Gimlet, Ihr ſeid beſchuldigt, in den Gaſſen von Tarningham Wild⸗ dieberei getrieben zu haben und durch das genügende Zeug⸗ niß zweier Conſtabler der Miſſethat überführt. Erſcheint vor dem Gerichtshofe, um Euer Urtheil zu empfangen, Gefangener. Euer Urtheilsſpruch iſt dieſer, daß Ihr an dieſen Tiſch herangeführt werdet und auf einen einzigen ununterbrochenen Zug ein Glas von einer dieſer beiden Flüſſigkeiten, Portwein oder Madeira genannt, nach dem Gutachten des Gerichtshofs, auf die Geſundheit unſers allergnädigſten Königs austrinken und daß Ihr, nachdem dieß geſchehen, volle und hinreichende Buße für das mehrbeſagte Vergehen geleiſtet haben ſollt.“ „O herzlich gern, Sir,“ ſagte Stephen Gimlet, indem er das Glas Wein ergriff, welches Sir John Slingsby ihm darreichte.„Es lebe der König, Gott ſegne ihn, und möge er uns noch viele ſolche Friedens⸗ richter geben, wie Sir John Slingsby iſt.“ „Wie! Ich habe große Luſt, Euch zur Strafe noch ein Glas austrinken zu laſſen, weil Ihr mich mit in den Toaſt hineinmengt,“ rief der Baronet, dann winkte — 12— er den Conſtablern mit der Hand und fuhr fort:„Ent⸗ fernt Euch, der Gefangene iſt ſeiner Haft entlaſſen. Ihr habt Nichts mehr mit ihm zu thun— bliebt hier, Meiſter Gimlet, ich habe Euch Etwas zu ſagen,“ und als die Thüre ſich hinter den Conſtablern geſchloſſen hatte, fuhr er in ganz anderm Tone mit ſehr veränder⸗ ter Geberde fort:„Nun, lieber Freund, will ich Euch eine kleine Warnung mit auf den Weg geben. Da ich auf viele Meilen um Euern Wohnort herum Beſitzer des Reviers bin, ſo muß das Wild, das Ihr geſtohlen habt, das meinige ſein, und deshalb habe ich mich für be⸗ rechtigt gehalten, die Sache leicht zu tractiren und einen Scherz daraus zu machen. Ihr könnt jedoch daraus ſchließen, daß ich uneigennützig und als Euer Freund ſpreche, wenn ich Euch darauf aufmerkſam mache, daß, wenn Ihr die Bahn auf der Ihr jetzt wandelt, weiter verfolgt, Ihr Euch unvermeidlich noch zu größern Uebeltha⸗ ten verleiten laſſen werdet. Ihr kommt dadurch auf im⸗ mer ſchlechtere Gedanken, haltet am Ende Unrecht für Recht, glaubt dem Geſetze durch Gewalt Widerſtand leiſten zu dürfen und begeht am Ende noch das ſchreck⸗ liche Verbrechen des Mordes, welches, es mag nun in dieſer Welt beſtraft werden oder nicht, ſpäter ganz ge⸗ wiß ſeine Vergeltung findet.“ „Bei meiner armen Seele, Sir John,“ ſagte Ste⸗ — 12— pben Gimlet eifrig,„ich will kein Stück Wild wieder anrühren, was Euch gehört.“ „Eben ſo wenig eins, was Andern gehört, hoffe ich,“ antwortete Sir John Slingsby.„Ihr ſeid, wie lich gehört habe, ein geſcheidter Kerl und könnt Euer Brod auf beſſere Weiſe vedienen.“ „Wie denn?“ fragte der Mann nachdrücklich; im nächſten Augenblicke aber fügte er hinzu:„Ich will es aauf alle Fälle verſuchen. Nur erſt dieſen Morgen dachte ich daran, einmal etwas Anderes zu verſuchen und mich zu bemühen, zu leben wie andere Leute, aber dann fiel mir ein, daß es nicht gehen würde. Erſtens wür⸗ V den die Leute mir Nichts zu thun geben und ich fürchtete, ſie deshalb anzureden, dann fürchtete ich auch mich ſelbſt, denn ich habe immer ein wildes, herumſchweifendes Leben geführt und es mehr lieben gelernt, als irgend ein anderes. Wenn ich Ausſicht hätte, daß die Leute mich freundlich behandelten und mich ermuthigten, ſo könnte es vielleicht gehen, wenn ich aber fände, daß mich alle Augen kalt anſehen und alle Herzen ſich von mir abwendeten— obſchon ich es vielleicht verdient habe— ſo fürchte ich, daß ich wieder auf meine alten Wege gerathen mögte. Jedoch will ich's verſuchen— ich will es um des Kindes wegen verſuchen, obſchon es mir anfangs ſauer ankommen wird.“ Sir John Slingsby legte den Finger an die Stirn 14— und dachte einen Augenblick nach. Er blieb eine lange Weile ernſthaft— volle fünf Minuten— und es ward ihm ſchwer, ſein würdevolles Benehmen zu behaupten. Aber das war nicht Alles. Einige Worte, welche Ned Hayward nur auf's Geradewohl hatte fallen laſſen, brachten ihn auf eine Idee, von der er nicht wußte, ob er ſie weiter verfolgen ſollte, oder nicht. Vielleicht hätte er, obſchon er ein gutmüthiger Mann war, wie wir ſchon früher geſehen und geſagt haben, ſie wieder auf⸗ gegeben, wenn es nicht eine ſonderbare geweſen wäre, gerade aber ihrer Sonderbarkeit halber ſagte ſie ihm zu. Er machte gern Allerlei, was Andere nicht machten, eben weil ſie es nicht machten— er ſtellte gern Expe⸗ rimente an, die Andere nicht anzuſtellen wagten— er bot gern Allem Trotz, deſſen Baſis nur Gewohnheit und Herkommen war, und nachdem er daher einen Au⸗ genblick nachgedacht, ob die Leute vermuthen würden, er werde von Menſchenliebe oder Excentricität dazu getrieben (denn um Alles in der Welt hätte er nicht gewünſcht, daß die Leute glaubten, er thue Etwas aus Menſchen⸗ liebe), fing er an, wie ſeine Laune es ihm eingab, auf Stephen Gimlet's letzte Worte zu antworten, indem er ſeinem wunderlichen Geſchwätz zugleich eine ſeltſame Bei⸗ miſchung von Zartgefühl gab, wie der Leſer ſehen wird. „Na, Stephen,“ ſagte er,„vielleicht können wir es weniger ſauer machen, als Ihr glaubt. Ich will Euch — 15— Etwas ſagen, lieber Freund, Ihr habt eine große Vor⸗ liebe für alle Arten Wild— vielleicht eine etwas zu große Vorliebe. Nun hat mein Freund, Ned⸗Hayward, das heißt Capitain Hayward— Wo zum Teufel iſt er denn hin? Vermuthlich iſt er dem Tölpel nachgelaufen, der durch das Fenſter ſchoß und auch das Reh verfehlt hat, dafür ſtehe ich. Es muß Conolly, der Unterhüter geweſen ſein, denn Niemand als Conollyh würde ſich's einfallen laſſen, gerade auf das Fenſter loszufeuern— aber was ich ſagen wollte, mein Freund Ned Hayward ſagte nur erſt vor wenigen Minuten, Ihr würdet einen guten Wildhüter abgeben. Was ſagt Ihr dazu, Gimlet? Würde es gehen?“ „Nur nicht unter Mr. Hearne, Sir,“ antwortete Stephen Gimlet.„Wir haben zu viel Streit mit ei⸗ nander gehabt,“ und er ſchüttelte den Kopf. „Nein, nein, das ginge allerdings nicht,“ entgeg⸗ nete Sir John lachend,„Ihr würdet einander bald den Bauch mit Blei füttern. Aber Ihr wißt doch, daß Denman vor einer Woche ſtarb, drüben auf dem Revier von Trottington Hall, auf der andern Seite von der Gemeindewieſe— Ihr wißt es, Ihr Fuchs— Ihr wißt es ganz gut, ich ſehe es an dem Blinzeln Eures Auges. Ich glaube, Ihr habt ſchon in jedes Neſt ge⸗ gukt, ſeit der grimmige Jäger den armen Teufel in den Sack geſteckt hat. Na, was ich ſagen wollte, Ihr — 16— habt freie Wohnung und achtzehn Schilling wöchentlich und konnt mit Hearne wetteifern, und wenn das Jahr um iſt, werden wir ſehen, wer das beſte Revier hat. Was ſagt Ihr dazu, Gimlet? Ihr könnt, wenn Ihr Luſt habt, noch heute Nacht in die Hütte einzie⸗ hen, denn ich mögte ſie nicht länger leer ſtehen laſ⸗ ſen.“ „Tauſend Dank, Tauſend Dank, Sir John!“ ſagte der Mann freudig.„Ihr ſeid wirklich ein guter Herr, aber erſt muß ich hinauf nach meiner eigenen Wohnung gehen, ich habe dort meinen kleinen Jungen, wißt Ihr, der arme kleine Mann, ich glaube, er wird ſich ſchon die Augen ausgeweint haben.“ „Ach, dummes Zeug, nicht im Geringſten,“ ſagte der Baronet,„ich will das Alles beſorgen. Ich will hinaufſchicken und ihn holen laſſen.“ Der Mann lächelte und ſchüttelte den Kopf, indem er ſagte:„Der geht mit keinem Fremden.“ „Was wollt Ihr wetten?“ rief Sir John Slingsby lachend.„Ich wette eine Guinee gegen Euer letztes Frett⸗ chen, daß er gleich da ſein wird. Heda, Matthew— Moore— Harriſon,“ fuhr er fort, indem er die Klingel zog und dann zur Thüre hinaus rief:„Lauft einmal einer von Euch hinauf und bringt Stephen Gim⸗ let's kleinen Jungen. Sagt ihm, ſein Vater ſei da,“ und Sir John Slingsby ſetzte ſich nieder und lachte — 17 unmäßig und ſagte mehrmals: Ich wette mit Jedem um fünf Guineen, daß er kommt.“ Sir John Slingsby war als ein, was man ſagt, drolliger Mann bekannt und Stephen Gimlet kannte ihn als ſolchen, und obſchon er es für einen etwas außeror⸗ dentlichen Spaß hielt, zu dieſer Abendſtunde einen Die⸗ ner hinauf nach dem Moor zu ſchicken und ſeinen klei⸗ nen Jungen herholen zu laſſen, ſo hielt er es doch für einen Spaß. Seine einzige Beſorgniß jedoch war, daß der Spaß zu weit getrieben werden mögte, und nachdem er daher ſeinen Hut etwa eine Minute lang ſchweigend in der Hand herumgedrehet, ſagte er: „Ja, Sir John, vielleicht wenn man ihm ſagt, daß ich hier bin, kommt er mit, aber ich beſinne mich jetzt, daß ich die Thüre zugeſchloſſen habe, und außerdem muß ich doch alle meine Sachen holen. Wenn Ihr da⸗ her ſo gut ſein wollt, mir Zeit zu laſſen, bis morgen, ſo will ich Eure Güte mit dankbarem Herzen anneh⸗ men und Alles thun um ſie zu verdienen— das werde ich ganz gewiß,“ fügte er etwas zögernd und erröthend hinzu, denn während Sir John noch herzlich lachte, ſah er, daß Mr. Beauchamp's ſchöne glänzende Augen ſich mit einem Blick inniger Theilnahme auf ihn hefte⸗ ten, und daß Doctor Miles ſich heftig die Naſe ſchnaub⸗ ze, während ſeine Augenlider etwas roth wurden. „Ich zweifle nicht im Mindeſten daran, Stephen,“ Leauchamp. Zweiter Band. 2 — 18— ſagte Sir John,„Ned Hayward iſt ein ſehr guter Kerl— ein ganz köſtlicher Kerl— Ihr ſeid ihm viel Dank ſchuldig, das kann ich Euch ſagen. Da, da,“ fuhr er fort, als die Thüre ſich öffnete und ein Diener zintrat,„ich ſagte gleich, daß er kommen würde! Sagte ich's nicht? Da iſt er, ſeht Ihr?“ Stephen Gimlet riß vor ſtummem Erſtaunen die Augen auf, als er den Knaben, warm in den Shawl der Haushälterin eingewickelt, in den Armen des Kel⸗ lermeiſters ſah, denn man hatte ihn auf Sir Johns ge⸗ meſſenen Befehl aus dem Bett gehoben. Gimlet wußte nicht was er denken ſollte, er war wie vom Donner ge⸗ rührt. Im nächſten Augenblick aber erholte ſich das Kind von der erſten blendenden Wirkung des Lichts, ſtreckte ſeinem Vater mit einem Freudenſchrei die Hände entge⸗ gen und rief:„Da iſt mein Vater, da iſt mein Vater!“ Und der Wildſchütz ſprang auf ihn zu und drückte ihn an ſein Herz. Sir John Slingsby ward durch Das, was er ge⸗ than, ſelbſt aus der Faſſung gebracht. Die Thränen traten ihm in die Augen, aber immer lachte er lauter als vorher, übertrompetete Doctor Miles durch Schneu⸗ zen der Naſe, wiſchte ſich die Thränen mit der Rück⸗ ſeite der Hand, ſttzte die Brille auf, um nicht merken zu laſſen, daß er weinte, und blickte dann über die — 49— Brille hinweg, um Stephen Gimlet und ſeinen Jungen zu ſehen. Das Kind klammerte ſich an ſeinen Vater und ſchwatzte mit ihm, und gleich darauf fuhr der Mann zu⸗ ſammen und ward bleich und rief:„Feuer!— Das Haus abgebrannt! Was, um Gotteswillen, will der Junge ſagen?“ „Setzt Euch,“ rief Doctor Miles, indem er auf⸗ ſtand und den Mann auf einen Stuhl niederdrückte, denn er war bleich wie der Tod und zitterte am ganzen Leibe.„Erſchreckt nicht, Stphen, faßt Euch. Erhebt die Stimme des Lobes und Dankes gegen Gott, der Euch heute eine große Gnade erwieſen, nicht nur, in⸗ dem er Euer Kind vor einem ſchrecklichen Tode gerettet, ſondern Euch auch mit milder Hand eine Lehre gegeben, die Euch gewiß zu einem beſſern Menſchen machen wird. Erhebt, ſage ich, die Stimme des Dankes vom Grunde Eures Herzens.“ „Ich thue es,“ rief der Wildſchütz,„ich thue es,“ und er beugte den Kopf nieder auf den Hals des Kna⸗ ben und weinte.„Aber wie iſt es denn geſchehen? Wie konnte denn Feuer ausbrechen?“ fuhr er nach ei⸗ ner Weile fort.„Und wie iſt denn der Junge gerettet worden?“ „Nun, Ned Hayward rettete ihn,“ rief der Baro⸗ net,„der tapfere Ned Hayward. Wer ſonſt? Er ſah 2* — ——— von oben auf dem Feide das Haus brennen, ſtürzte hinein, verbrannte ſich ſelbſt und holte den Knaben her⸗ aus,“ „Gott ſegne ihn, Gott ſegne ihn!“ rief der Vater „Aber das Feuer,“ fügte er hinzu,„wie konnte nur das Feuer auskommen?“ „Der garſtige Mann hat es angezündet, Vater,“ ſagte der Knabe,„der Mann, der heute früh da war. Er kam, als Du fort warſt, und er wollte nicht ant⸗ worten, als ich rief, und ich ſah ihn wieder fortgehen und da hatte er ein brennendes Stengelchen im Munde. Ich habe es nicht gethan, Vater.“ Stephen Gimlet begann den Hergang der Sache zu ahnen, und obſchon er Nichts ſagte, ballte er doch die ei⸗ ne Hand feſt zuſammen, ſo feſt, daß die Spur der Rägel auf der flachen Hand zurückblieb, aber dann wendeten ſich ſeine Gedanken andern Dingen zu. Er erhob ſich von dem Stuhl, auf welchen Doctor Miles ihn niedergedrückt hatte, wendete ſich zu Sir John Slingsby und ſagte:„O Sir, ich wünſchte, ich koͤnnte Euch ſagen, wie ſehr ich Euch danke.“ „Gut, gut, Stephen,“ entgegnete der Baronet mit einer freundlichen Handbewegung,„ſagt Nichts wei⸗ ter davon. Ihr habt ein Haus verloren und ein ande⸗ res wiederbekommen. Ihr habt ein Handwerk aufgege⸗ ben und ſeid entſchloſſen, ein beſſeres zu betreiben. Eurx — 24— Junge iſt geſund und munter, daher dankt, wie der gute Doctor ſagt, Gott für Alles. Trinkt noch ein Glas Wein, und wenn Ihr noch eine Minute mit dem kleinen Mann geſprochen habt, ſo gebt ihn der Haushäl⸗ terin wieder. Es ſoll gut für ihn geſorgt werden, bis Ihr eingerichtet ſeid und mittlerweile geht hinunter in das Dorf in den„Marquis von Granby“ und laßt Euch dort geben, was Ihr bis morgen braucht. Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich hente Abend noch mehr Wein trinke. Dieſe Sache war ſo gut wie eine Flaſche,“ und Sir John ſtand auf, um zu den Damen zu gehen. Die beiden andern Herren folgten ſehr gern ſeinem Beiſpiele, aber ehe ſie gingen, zog Beauchamp, der ſei⸗ ne Brieftaſche in der Hand hielt, ein ſehr dünns Stück Papier aus derſelben heraus und ging auf Ste⸗ phen Gimlet zu. „Ihr habt Euer ganzes Hausgeräth verloren, fürch⸗ te ich,“ ſagte er mit leiſer Stimme,„da habt Ihr Er⸗ was, damit Ihr Euch wieder anſchaffen könnt, was Ihr am Nöthigſten braucht.“ „Um Gotteswillen, Herr, wie viel glaubt Ihr denn, daß mein Hausgeräth werth geweſen ſei?“ ſagte der Wildſchütz, indem er mit wehmüthigem Lächeln die Bank⸗ note betrachtete; aber während dieſer Zeit war Beau⸗ champ ſchon zum Zimmer hinaus. Zweites Kapitel⸗ Die Verfolgung. „Ich mögte nur wiſſen, wo zum Teufel Ned Hayward hin iſt,“ rief Sir John Slingsby etwa um zehn Uhr des Nachts, als er fand, daß ſein junger Gaſt nicht wiederkam, und ich mögte es auch wiſſen, und vielleicht iſt es mit dem Leſer derſelbe Fall. Es wird daher gerathen ſein, um allen Parteien zu genügen, die guten Leute in Tarningham Park zu verlaſſen und un⸗ ſerm Freunde ſogleich nachzuſetzen, denn wir haben kei⸗ ne Zeit übrig, wenn wir ihn noch einholen wollen. Er iſt ein ganz verzweifelt ſchneller Reiter, wenn er ein⸗ mal Etwas auf dem Rohre hat, und allerdings hat er den Park zu Pferde verlaſſen. Als wir ihn zuletzt ſahen, war es etwa halb oder ein Viertel auf acht Uhr, die Nacht begann einzubrechen, und ohne in Bezug auf den Abend allerlei Gleichniſſe und Bilder vorzuführen— ohne die ſchwindenden Strah⸗ — 23— len des Lichts mit dem Rückzuge einer geſchlagenen Ar⸗ mee, oder die wechſelnde Farbe des Himmels mit dem Inhalte des Eimers eines londoner Milchmädchens un⸗ ter dem Einfluſſe der Waſſerpumpe zu vergleichen— wollen wir blos ſagen, daß der Himmel ſehr grau ward, daß die Roſen⸗ und Purpurfarbe verſchwunden war und daß die Nacht, die ſchwere Nacht, durch die Luft ſtröm⸗ te, wie eine Sündfluth. Nichts deſto weniger war die Nacht ſchön, ein paar Sterne ſchienen, und in dem Au⸗ genblick, wo Ned Hayward an das Fenſter ſprang, durch welches die Kugel gekommen war, ſah er eine Ge⸗ ſtalt iu der Entfernung von etwa dreihundert Schritten unter den Bäumen hineilen. Es waren ſchöne alte Bäume, ohne Unterholz— Engliſche, weit von einan⸗ der ſtehende, ſich weit ausbreitende, gigantiſche Parkbäu⸗ me, und Red Hahward ſtand, nachdem er zum Fenſter hinausgeſprungen war, einen Augenblick ſtill und ſchaute unter die Bäume hinein und lief dann ſo ſchnell als ein Paar lanze, ſtarke, wohlgrübte Beine ihn tragen konnten, der fliehenden Geſtalt nach. Es war Raſen unter ihme und ſeine Füße flogen leicht darüber hin, aber er war der Geſtalt nicht mehr als etwa funfzig Schritte nachgeeilt, als er durch die Bäume hindurch eine andere Geſtalt er⸗ blickte, die aber nicht zum Menſchen⸗ ſondern zum Pfer⸗ degeſchlecht gehörte. Eine kurze Zeit lang ſchien der Ver⸗ folgte nicht zu merken, daß er verfolgt ward, ehe aber noch die Zeit kam, wo das Pferd ſichtbar ward, ſchie⸗ nen einige Andeutungen ſein Ohr erreicht zu haben, und wenn Ned Hahward ſchnell lief, ſo ſchien der andere beinahe eben ſo ſchnell zu laufen. Als der junge Mann nun jedoch bis auf etwa Hundert Schritt nahe gekom⸗ men war, ſaß der Verfolgte auch ſchon auf dem Pferde und galoppirte hinweg. 314 Ned Hayward ſtand ſtill und folgte ihm mit den Augen und merkte ſich den Weg, den er einſchlug ſoweit als das Licht geſtattete. Dann horchte er und hörte ganz deutlich, wie die Hufſchläge in einer gewiſſen Rich⸗ tung fortgingen. Im nächſten Augenblick aber vernahm der junge Offizier noch von einer andern Seite her Hufſchläge, und als er ſich nach der Straße umdrehete, die von dem Thore nach Tarningham zuführte, ſah er einen Reiter langſam auf das Haus zukommen. „Beim Himmel, das trifft ſich gut,“ ſagte Ned Hayward, als er ſich beſann, daß Sir John Slingsby inen Reitknecht mit einem Briefe zu Mr. Wharton, dem Advocaten, geſchickt hatte; er lief daher ſo ſchnell als möglich nach der Straße hinab, hielt den Diener an und erſuchte ihn, abzuſteigen und ihm das Pferd ſofort zu überlaſſen. Der Reitknecht erkannte den Gaſt ſeines Herrn, zögerte aber doch und begann ſeine Antwort mit— „Verzeihet Herr—“ Ned ſchnitt ihm aber ziemlich ge⸗ — 25— bieteriſch das Wort ab und ſaß binnen zwei Minuten im Sattel. Er verweilte keinen Augenblick beim weitern Nachdenken über die Sache, denn alle Berechnung ging bei ihm ſehr ſchnell, und während ſeiner Morgenſpazier⸗ gänge hatte er mit dem geübten Auge des Soldaten alle Eigenthümlichkeiten des Parks und des umliegenden Ter⸗ rains aufgefaßt. Das Ergebniß ſeiner Combinationen war in Worten ausgedrückt ungefähr folgendes: „Der Kerl kann auf dem Wege, den er eingeſchlagen hat, nicht hinaus, denn es iſt dort kein Thor und die Einfriedigung des Parkes ſteht auf dem hohen Rande, ſo daß ſicherlich kein Menſch in ganz England darüber wegzuſetzen wagt. Er muß ſich entweder rechts oder links wenden. Links kommt er aber an den Fluß und an das dicke Gebüſch, welches ihn wieder herum dicht an das Haus führen würde. Er wird ſich daher rechts halten und das Thor auf dem Gipfel des Hügels paſ⸗ ſiren. Er muß jedoch halb bis an das andere Thor herunterkommen, ehe er aus der Allee herauskann, und daher werde ich nicht weit hinter ihm bleiben.“ Er ritt demnach ſtracks nach dem Thore auf der Seite von Tarningham, paſſirte daſſelbe, wendete ſich ſcharf links, galoppirte den Sandweg unter der Mauer des Parks hinauf und ſegnete ſeinen Glücksſtern, als er die Scheibe des Mond's im Oſten heraufſteigen ſah. „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich die Jagd aufgebe, bis ich ihn niedergehetzt habe,“ ſagte Ned Hah⸗ ward, aber wenn Jemand mit einem ſolchen Entſchluſſe ſich aufmacht, einen Fuchs zu jagen, ſo weiß er niemals wie weit der Fuchs oder der Entſchluß ihn führen wer⸗ de. Fert ſprengte er jedoch, wie ein Schuß. Das Pferd war ein ſtarker, gutgebauter Hengſt, etwa vier⸗ zehn Handbreiten hoch und gewohnt die ſchwerfällige Laſt Sir John Slingsby's zu tragen. Daher griff es unter dem geringern Gewicht und der beſſeren Balance des jungen Mannes aus, als ob es eine Feder auf dem Rücken hätte. Den Hügel hinauf raſeten ſie, dicht zu⸗ ſammenhaltend wie ein Wollballen: eine leichte Hand, ein leichter Sitz und ein genaues Gleichgewicht ließen dem Thiere nichts von dem wirklichen Gewichte des Rei⸗ ters fühlen, und binnen zwei Minuten hörte Ned Hay⸗ ward's leiſes Ohr den Schall noch anderer Hufe, als der unter ihm befindlichen.„Jetzt werde ich ihn krie⸗ gen!“ ſagte er, aber plötzlich ward der Schall wieder ſchwächer. Noch drei Sätze und er ſah den Reiter, der aber in einer Entfernung von Hundert und funfzig Schritten über das Moor hingaloppirte. Rechts war ein Zaun und ein Graben und Ned Hayward lenkte ſein Pferd dagegen an. Das gute kleine Thier ſtieg muthig im Mondſchein empor, aber auf der andern Seite bi⸗ fand ſich ebenfalls ein Graben, den Keins von Beiden geſehen hatte. Mit den Vorderfüßen kam es richtig dar⸗ — 274— über hinweg, aber mit den Hinterfüßen fiel es hinein und arbeitete ſich mühſam hinüber. Weder Reiter noch Roß waren verletzt und Ned Hayward riß es ſogleich, wieder empor und fort ging es abermals. Der Flüchtling hatte jedoch mittlerweile einen Vor⸗ ſprung gewonnen und ſchoß fort wie eine Sternſchnuppe; der Mondſchein war aber nun hell und fiel in langen nebligen Streifen über das Moor. Einige wenige raſche Sätze brachten Ned Hayward auf die ſandige Straße und fort ſprengte er, als wenn es Tod und Leben gälte. Aber ebenſo ſprengte auch der andere Reiter dar⸗ auf los. Er kannte das Terrain, ſein Pferd war gut und bei ihm galt es wirklich Tod oder Leben. Es war ein ſo ſchönes Wettrennen, als nur je eins geſehen worden. Das breite Moor dehnte ſich meilenweit aus, jeder Baum und Buſch war ſichtbar, und ſelbſt die ent⸗ fernten Streifen von Anpflanzungen, von denen die Gemeindewieſe rechts begrenzt war, ſah man dunkel und ſchwarz gegen den mondhellen Himmel abſtechen; aber doch lag eine Dunkelheit über dem Boden, welche zeigte, daß es nicht Tag war, und Ned Hayward hielt, indem er ſein williges Thier antrieb, doch auf alle Fälle den Zügel feſt. Bald glaubte er, den Flüchtling näher gekommen zu ſein, als er ihn plötzlich von dem Sandwege abbiegen und links über den Raſen wegjagen ſah. Ned Hayward ritt querfeldein und trieb ſein Thier immer ſchärfer an. Weiter, weiter ging es, im nächſten Au⸗ genblicke aber ſchien der Boden vor ihm ſchwärzer zu werden und der Verfolger hielt plötzlich dicht an dem Rande einer tiefen Grube ſein Pferd an, während der Andere auf der entgegengeſetzten Seite weiter ritt. Es war jedoch nicht mehr als ein Augenblick gewon⸗ nen oder verloren, denn Ned Hayward wendete ſich raſch um den Rand der Grube, obſchon er den Boden etwas ſchärfer in's Auge faßte, als vorher und blieb in der dia⸗ gonalen Richtung, welche ihm an der Entfernung zwiſchen ihm und dem Flüchtling ebenſo viel erſparte, als er durch das augenblickliche Anhalten verloren hatte. Als er ebenfalls auf die andere Seite der Grube gekommen war, ſah er, daß der Zwiſchenraum ungefähr noch der⸗ ſelbe war, wie zuerſt, aber der Boden dachte ſich jetzt ſanft ab und breitete ſich dann in eine vollkommene Ebene aus, die weder Bäume noch Gebüſche hatte, ob⸗ ſchon an einigen Stellen niedrige Brombeerſträucher und Geſtrüppe zu ſtehen ſchienen, die aber den Lauf des Pferdes weiter nicht aufhalten konnten, und es ging daher über das Moor hinweg, als ob der böſe Feind hinter drein käme. Nach wenigen Minuten zeigte ſich rechts ein Licht und Ned Hayward ſagte bei ſich ſelbſt:„Er reitet auf irgend ein Haus zu,“ im nächſten Augenblick aber be⸗ wegte ſich das Licht und hüpfte von einer Stelle zur — 20— andern und zeigte eine blaue, zitternde, unſichere Flamm⸗ und der junge Herr murmelte lächelnd:„Aha, ein Irr⸗ licht, das mich aber dies Mal wenigſtens nicht irre füh⸗ ren ſoll.“ Weiter jagte er und der Reiter vor ihm hin, ehe er aber das Irrlicht hinter ſich hatte, fühlte er, daß der Schritt ſeines Pferdes ungleich ward, der Boden ſchien zu zittern und zu ſchwanken und es ließ ſich ein Plät⸗ ſchern vernehmen, als ob die Hufen des Pferdes in naſſen, ſumpfigen Boden ſänken. „Ein zitternder Sumpf, auf Ehre!“ ſagte Ned Hayward.„Aber ſo gut Jener darüber gekommen iſt, komme ich auch drüber.“ Ned Hayward hielt den Kopf des Pferdes leicht empor, ſetzte ihm die Ferſen in die Flanken und ſchüt⸗ telte den Zügel fortwährend, um ihm Muth zu machen und ritt mit lautem:„Tally ho!“ als ob er einen Fuchs ſähe, weiter, während das Waſſer an ihm emporſpritzte, bis die Hufe auf feſtern Boden kamen, und eine kleine Anhöhe fing das Mondlicht auf und zeigte den Flüchtling, der nach rechts gewendet hinauf⸗ ſprengte. „He, he! Halloh!“ rief Red Hahward, indem er ſeine flache Hand auf die Flanke des Pferdes legte, und wie vom Feuer der Jagd ergriffen, verdoppelte das wackere kleine Thier ſeine Anſtrengungen und ſetzte den — — 30— 8 Hügel hinauf, dem größern Pferde nach, dem es bemerk⸗ bar immer näher kam. Klar und voll in dem Mondſchein ſtach die dunkle Geſtalt gegen den Himmel ab, als ſie über den Kamm des Hügels hinwegjagte und in zwei Secunden oder nicht viel mehr gewann Ned Hayward denſelben Punkt. Die Geſtalt war nicht mehr ſichtbar. Sie war verſchwunden, wie durch Zauberei. Pferd und Reiter waren Beide weg und es war weiter nichts zu ſehen, als ein ſanfter Abhang zu den Füßen des Pferdes, jenſeits deſſelben eine dunkle Stelle, welche die Strahlen des Mondes nicht erreichten, und dann das ſich noch einige Meilen weiter erſtreckende Moor, deſſen wellenförmiger Boden an den ſtarken Abwechſelungen von Licht und Schatten erkennbar war. „Nun was zum Teufel iſt denn das?“ rief Ned Hayward, obſchon er aber zuweilen ſich einen Ausruf entſchlüpfen ließ, ſo ließ er ſich doch niemals vom Er⸗ ſtaunen feſthalten, und da er ſah, daß, wenn die Geſtalt ſich rechts oder links gewendet hätte, er ſie geſehen ha⸗ ben müßte, ſo ritt er ſtracks auf die vor ihm liegende dunkle Stelle zu und fand, daß es eine jener großen Gruben war, die über das ganze Moor umher zerſtreut lagen und die bis an den oberſten Rand hinauf mit niedrigen, verkümmerten Eichen, Eſchen und Birken an⸗ gefüllt war. — 31— „In den Bau gejagt, in den Bau gejagt!“ ſagte Ned Hayward, als er ſich umſah, fügte aber nichts weiter hinzu und gewahrte bald den ſandigen Fuhrweg, auf welchem der Mann in die Grube hinabgeritten ſein mußte. 1 Der junge Offizier war nun ein wenig in Verle⸗ genheit, das natürliche Ungeſtüm ſeines Temperaments hätte ihn beinahe verleitet, dem Gegenſtand ſeiner Jagd nachzuſtürzen, wie ein Spürhund einem Dachſe, aber er ſah ein, daß, wenn er dies thäte, der Verfolgte, der doch das Terrain offenbar beſſer kannte, als er, Gelegenheit haben würde, auf irgend einem Seitenwege heraus zu kommen und der Verfolgung zu entgehen, während er ſich ſelbſt unter den Bäumen und Wegen verirrte. Schnell in allen ſeinen Berechnungen und ſehend, daß der Umfang der Höhle nicht ſehr groß war ſo daß mit Hülfe des Mondlichts jede Geſtalt, die dar⸗ aus hervorkäme, ihm ſichtbar ſein würde, ſo lange er oben bliebe, trabte Ned Hayward um den Rand der Grube herum, um ſich zu überzeugen, daß kein Durch⸗ weg da ſei, auf welchem der unten im Gebüſch verbor⸗ gene Gegenſtand der Flucht entkommen könne, ohne daß er es bemerkte. Nachdem er ſich deſſen verſichert, faßte er auf dem höchſten Punkte in der Nähe Poſto, um die ganze Umgebung überblicken zu können, ſtieg ab und führte das Pferd ein wenig auf und ab, um es abzu⸗ —————— — —— ———— kühlen, und ſagte bei ſich ſelbſt:„Hier will ich eher die ganze Nacht zubringen, als mir ihn entgehen laſſen. Mit dem Morgen müſſen doch einige Leute herbeikommen, die mir das Gebüſch werden durchſuchen helfen.“ Ned Hahward ſchloß jedoch ſeine Betrachtung mit ein paar Worten, die damit in ſehr entferntem Zuſam⸗ menhang zu ſtehen ſchienen. „Sie iſt ein ausnehmend hübſches Mädchen,“ ſagte er,„und ſcheint eben ſo liebenswürdig als hübſch zu ſein, aber ich kann mich davon nicht feſthalten laſſen.“ Ich verſtehe durchaus nicht, was das heißen ſollte, aber vielleicht findet der Leſer einigen Sinn darin. Während er aber noch über hübſche Mädchen nachdachte und ſie auf ſo anſtändige Weiſe als möglich mit ſeiner Jagd nach einem Manne in Verbindung brachte, der einen Schuß durch das Fenſter von Tarningham Haus gethan, fiel ihm plötzlich der ſtörende Gedanke ein, daß der Mond auch untergehen und daß dann breite, offene Moore mit zitternden Sümpfen nicht gerade der ange⸗ nehmſte Platz auf Erden ſein müßten. Dieſer Gedanke brachte ihn in eine außerordentliche Verlegenheit. Ob⸗ ſchon wir Ned Hayward niemals für einen Hexenmeiſter ausgegeben haben, ſo war er doch ein außerordentlich gewandter, umſichtiger und liebenswürdiger Mann, aber weit entfernt, ein Magiker oder ein Aſtronom zu ſein, und da er keinen Kalender in der Taſche hatte und auch — 33— nicht im Stande geweſen wäre, ihn zu leſen, wenn er einen gehabt hätte, ſo wußte er auch nicht die Stunde, zu welcher der Mond unterging. Er ſah allerdings, daß das Geſtirn der Nacht bereits den Zenith paſſirt hatte und ſich dem Untergange zuneigte, und er dachte mit ſehr unangenehmen Empfindungen bei ſich ſelbſt:„Ich wollte, ich könnte ihn bei den Hörnern nehmen und feſthalten, er wird untergehen noch ehe der Tag an⸗ bricht und dann wird's hier hübſch finſter werden. Ich werde jedoch bleiben und Wache halten, aber ich muß meine Taktik ändern und mich unter den Hügel verber⸗ gen. Vielleicht denkt er dann, ich ſei fort und kommt mit neuem Muthe wieder heraus. Der Vagabund, der! Es wäre für die ganze Welt gut, wenn er gehangen würde, wäre es auch nur, daß er niemals daran den⸗ ken könnte, ein ſo nettes Mädchen zu heirathen, die viel zu gut für ihn iſt. Er wird mir für meine Mühe jedoch nicht danken.“ Dieſer Gedanke war für unſern Freund Ned Hah⸗ ward nicht angenehm und dieſer ward, wie dies mit uns ſelbſt in vielen gewöhnlichen Umſtänden des Lebens der Fall iſt, von ſehr verſchiedenen Gefühlen ergriffen. Wie oder weshalb es kam, das wußte er nicht, aber er fühlte eine ſtarke Geneigtheit Jedem, in dem er ei⸗ nen begünſtigten Liebhaber von Mary Clifford vormu⸗ thete, aufzuhängen oder ſonſt aus dem Wege zu ſchaf⸗ Beauchamp. Zweiter Band. 2 3 ⅓ — à— fen, und doch war er wiederum geneigt, der hübſchen Mary Clifford ſelbſt bereitwilligſt zu dienen und alle ihre Wünſche zu erfüllen. Dieſe beiden Abſichten ſchie⸗ nen unvereinbar zu ſein, aber es giebt Leute, die eine ſeltſame Vorliebe für Ueberwindung von Unmöglichkeiten haben, was ihnen auch zuweilen gelingt— wenigſtens die Ueberwindung ſolcher Hinderniſſe, welche Väter und Mütter, Verwandte, Vormünder und Freunde für un⸗ überſteiglich erklärt haben. Auf alle Fälle kam Ned Hayward zu dem Schluß, daß es ſeine Pflicht ſei, von ſeiner Verfolgung nicht abzuſtehen, ſo lange noch Aus⸗ ſicht auf Gelingen vorhanden ſei, und demzufolge zog er ſein Pferd ein wenig weiter von dem Rande der Grube zurück, um nicht von dem Monde beſchienen zu werden, und ſtrebte, ſich ſo unſichtbar als möglich zu machen, während er ſelbſt eifrig aufpaßte und blos mit dem Kopf bis an die Augen über den Rand der Anhöhe hervorragte. 4 Die Phantaſie iſt etwas Wunderbares und man be⸗ hauptet, ſie ſei für manchen Menſchen ſo gut wie Arznei. Ich mögte ſagen, ſie ſei für die meiſten Menſchen noch beſſer, aber doch iſt ſie auch, wenn ſie in zu ſtarken Doſen genommen wird, gefährlich, ſehr gefährlich. Nun hatte Ned Hayward an dieſem Abend eine zu ſtarke Doſis genommen, und die Wirkung war fol⸗ gende: Er glaubte, er kenne die Geſtalt und das An⸗ — ſehen des Reiters, den er von der Mauer von Tarnuig⸗ ham Park bis auf den Platz, wo er jetzt ſtand, gejagt hatte, ganz gut. Er hätte darauf geſchworen! Es war ein Glück, daß ihn Niemand aufforderte, dies zu thun, wie er auch eine Viertelſtunde ſpäter ſelbſt einſah. Die Phantaſie malte ihm ſein Geſicht und ſeine Geſtalt mit einem fürchterlich ſchwarzen Auge und einer großen Schramme an der Naſe herab. Nun war aber dieſer Mann, wie er jetzt ruhig in der Grube verſteckt lag, von ganz anderm Geſicht; ſeine Geſtalt war gar nicht dieſelbe und weder ein ſchwarzes Auge noch eine Schramme gab Zeugniß von dem Handgemenge, welches ein paar Tage vorher Statt gefunden hatte. Es war mit einem Worte ein ganz anderer Mann und alle Berech⸗ nungen und Vorausſetzungen des jungen Offiziers wa⸗ ren grundfalſch. Es iſt für einen Menſchen, der Un⸗ recht hat, ein großes Glück, wenn er gerade ſo handelt, als er handeln würde, wenn er Recht hätte. Thut er dies, ſo iſt dies zuweilen ein Beweis von gutem Ver⸗ ſtand, zuweilen von Gutmüthigkeit, zuweilen auch nur die Folge günſtiger Umſtände, auf alle Fälle aber war es gegenwärtig mit Ned Hayward ſo, denn er hatte ſich entſchloſſen, auf der Lauer ſtehen zu bleiben und würde eben ſo eifrig, wenn auch nicht mit ſo viel Ver⸗ gnügen ſtehen geblieben ſein, wenn er ganz gut gewußt hätte, wer der Mann wirklich ſei, anſtatt daß er ihn 3 R — 36— jetzt für einen Andern hielt. Als er ungefähr ſieben und eine halbe Minute ſo dageſtanden hatte— auf ein paar Secunden mehr oder weniger weiß ich es wirklich nicht genau, und ein kleiner Irrthum wird keinen großen Unterſchied machen, da die erſte Hitze vorüber war und unſere Freunde blos verſchnauften— als aber Ned Hayward, wie ich geſagt habe, ungefähr ſieben und eine halbe Minute ſo dageſtanden hatte, ſcheuete ſich plötzlich ſein Pferd, und als er hinter ſich blickte, bemerkte er einen langen Schatten, der über die mondhelle Fläche der Gemeindewieſe lief und bewies, daß irgend ein le⸗ bender Gegenſtand ſich in ſchiefer Richtung zwiſchen ihm und der ſüdweſtlichen Seite des Himmels hinbewegte. Die erſte Frage, die er an ſich that, war natürlich, wer es ſein könne, und die erſte Antwort, die er ſich darauf gab, war:„Vielleicht einer von den Spießgeſel⸗ 2 len dieſes Burſchen.“ Zwei gegen Einen war jedoch eine Zahl, vor der unſer junger Freund ſich noch nicht fürchtete, er drehete ſich daher ganz herum und blickte einen Augenblick auf die herannahende Geſtalt und richtete dann ſeine Augen wieder auf den Rand der Grube. Gleich darauf blickte er wieder ſcharf nach dem Kommenden, obſchon die Schritte deſſelben auf dem weichen Raſen hin kein großes Geräuſch machten, und als er etwa noch zehn Schritte entfernt war, erkannte unſer guter Freund im hellen —NXH L— — 37— Mondſchein deutlich das Geſicht, die Züge und die Ge⸗ ſtalt deſſen, der ihn auf ſeinem einſamen Wachtpoſten beſuchte, und rief ſogleich: „Ah, Stephen, das trifft ſich gut Was führt denn Euch hierher?“ „J nun, Herr,“ antwortete der Mann,„dieſe Ge⸗ gend iſt ein Theil von meinem Revier, und ſobald als ich im Dorfe etwas gegeſſen hatte, dachte ich, es ſei doch nicht ehrlich, ſich bezahlen zu laſſen, ohne etwas dafür zu thun, und da ich das Spazierengehen im Mond⸗ ſchein ziemlich gewohnt bin, ſo dachte ich, ich könnte gleich einmal ein wenig das Revier begehen. Ich kann faſt errathen, was Euch hierher gebracht hat, denn Ned, der Reitknecht, ſagte mir, Ihr hättet ihm das Pferd ge⸗ nommen und wäret davon geſprengt wie toll.“ „Ruhig!“ ſagte Ned Hayward.„Sprecht nicht ſo laut, guter Freund, ich habe ihn da unter die Bäume in dieſer Grube hineingejagt, aber ich konnte ihn nicht ausgraben, denn ich fürchtete, er mögte auf der einen Seite herausfahren, während ich ihn auf der andern ſuchte.“ „Ah, Ihr habt ihn alſo erwiſcht,“ ſagte Gimlet, „na, das iſt gut. Wenn der baumeln müßte, das wä⸗ re kein ſchlechter Spaß, er iſt ein blutdürſtiger Halun⸗ ke.“ Ned Hayward war etwas verwundert, ſeinen Freund —— — 38— Wolf mit einem ſo unſchmackhaften Epitheton einen Gent⸗ leman bezeichnen zu hören, deſſen Freund und Gefähr⸗ te er bis erſt vor Kurzem geweſen. Der junge Offizier fannte aber die Welt und ihre Wege zu gut und war durchaus nicht geneigt, dem vormaligen Wildſchützen ſei⸗ nen plötzlichen Meinungswechſel zur Ehre anzurechnen. Sein erſter Gedanke war, daß dieſer Mann im Grunde genommen doch ein Schuft ſein müſſe, weil er einen Mann ſchimpfte, mit dem er früher gemeinſchaft⸗ liche Sache gemacht, ohne einen andern Grund dazu zu haben, als daß er ſelbſt einen andern Beruf gewählt. Wenn er den jungen Wittingham nur vor zwei oder drei Stunden, wo er ſelbſt nur noch Wolf, der Wild⸗ ſchütz war, einen ſehr achtbaren Mann genannt hatte, ſo begreife ich nicht, weshalb er ihn jetzt, wo er, Ste⸗ phen Gimlet, zweiter Wildhüter bei Sir John Slings⸗ by geworden war, für einen blutdürſtigen Halunken er⸗ kannte. Das ſieht ganz gewiß nicht ehrlich aus. Als jedoch Capitain Hayward ſich Alles überlegte, was er von des Mannes Charakter geſehen, die Offen⸗ heit, die Kühnheit und ſelbſt die verſtockte Entſchloſſen⸗ heit, da ſagte er bei ſich ſelbſt:„Der Kerl weiß nicht, wer es iſt,“ und da der Gedanke etwas ſehr Schnelles iſt, ſo antwortete er mit bemerkbarer Pauſe:„Ja, ich habe ihn ſicher, und wenn Ihr mir helfen wollt, ſo kann er nicht entkommen. Ihr wißt doch wer es iſt, Steohen?“ V V — — 39— „O, ganz gewiß(Sir,“ antwortete Gimlet.„Es iſt dieſer junge Halunke, Harry Wittingham: Schlecht iſt die Henne und ſchlecht iſt das Ei,“ fuhr er fort, ohne zu wiſſen, daß er ſich eines Griechiſchen Sprich⸗ worts bediente.„Ich glaube, es kann Niemand anders ſein, denn ich hörte von der alten Haushälterin unten in der Stadt, er habe geſchworen, ſich an ſeinem Vater zu rächen, wenn er Anzeige gegen ihn bei Sir John erſtatte.“ „Hm!“ ſagte Ned Hayward.„Und dann,“ dachte er,„bin ich dem Manne ziemlich auf dem Nacken. Der Gedanke, daß ein Menſch mit kaltem Blute einen Schuß auf ſeinen eigenen Vater abfeuere, reicht allerdings hin⸗ und die Entrüſtung und ſelbſt den Widerwillen von Men⸗ ſchen zu erregen, die bei geringern Verbrechen, an die ſie gewöhnt ſind, wohl ein Auge zudrücken oder auch daran theilnehmen würden. Kommt, Stephen,“ fuhr er laut fort,„jetzt, da Ihr nun hier ſeid, werden wir die Sache beſſer zu Stande bringen, als ich es allein konn⸗ te. Laßt uns ſehen, was zu thun iſt.“ „O, das wollen wir bald machen, Sir,“ antwor⸗ tete Wolf,„ich kenne die Grube ganz genau, es iſt nur ein Platz in derſelben, an den er mit ſeinem Pferde gelangen kann, und nur ein Weg nach dem Rand hinauf. Inwendig in der Grube kann er auf zwei verſchiedenen Wegen herum, aber es iſt am Beſten, wir gehen hinein, — ——————— — 40— bis ſwir ſehen können was er vorhat, und ſtuͤrzen dann einzeln oder Beide zugleich auf ihn los, um ihm beide Wege abzuſchneiden.“ Capitain Hayward trat dieſer Anſicht bei und nach noch einigen berathenden Worten ward das Pferd an ei⸗ nen derben Hagedornbaum feſtgebunden und ſich ſo tief als möglich bückend, um ihr Herannahen zu verbergen, ſtiegen Capitain Hayward und ſein Gefährte auf dem Fahrwege hinab in die Grube⸗ In dem Augenblicke, wo ſie hinabzuſteigen begannen, deckte ſie der Schatten von dem Rande rechts, was die Operation ſehr begün⸗ ſtigte, und Gimlet kroch voran auf einem Wege, der einſt für die Wagen beſtimmt geweſen war, welche den Sand aus der Grube gefahren hatten, jetzt aber von Gras und von vierzig bis funfzig Jahr alten Bäumen und Gebüſchen überwachſen war. Hier drang kein Mond⸗ licht ein und Alles war finſter, düſter und verwickelt. Bald wendete ſich der Pfad rechts, bald links, dann ging es wieder gerade aus, dann ſtieg er eine kleine Erhö⸗ hung auf der Fläche oder der Sohle, wie die Bergleute es nennen, der Grube ſelbſt hinauf, die noch dicht von grünem Geſträuch umgeben war, durch welches jedoch die ſchiefgehenden Strahlen des Mondes über den Rand der Grube herabſchienen. Stephen Gimlets Schritte wurden nun noch ſtiller und vorſichtiger und er flüſterte Ned Hayward zu, er möge leiſe auftreten, weil ſonſt — — 11— der Flüchtling ſie hoͤren und doch noch entkommen kön⸗ ne. Zu jedem Schritte bedurfte es mehrere Secunden, ſo ſorgfältig ward er gethan, das leichte Rauſchen der Blätter, die ſich an die Kleider anhingen und jedes Zu⸗ rückſchlagen eines Zweiges, welcher im Vorübergehen zurückgedrängt, dann wieder hervorſchnellte, bewog ſie ſtehen zu bleiben, um zu lauſchen, ob nicht der Gegen⸗ ſtand ihrer eifrigen Verfolgung den Laut eben ſo gut vernommen habe, als ihn ihre eigetten nähern Ohren gehört hatten. Endlich ſtand Stephen Gimlet ſtill, ſtreck⸗ te die Hand hinter ſich und hielt ſeinen Begleiter ei⸗ nen Augenblick entfernt, während er ſelbſt ſich vor⸗ wärts beugte und ſeine Augen dicht an ein kleines Loch zwiſchen den Zweigen legte. Dans zog er Nid Hah⸗ ward herbel, zeigte mit dem rechten Finger nach derſel⸗ ben Richtung hin, nach der er geſchauet, und legte ihn dann zum Zeichen des Schweigens ſich auf den Mund. Ned Hayward beugte den Kopf nieder und ſchauete durch die Oeffnung, wie ſein Begleiter gethan hatte. Das Schauſpiel, welches er nun vor ſich hatte, war ein ſehr eigenthümliches. In gebrochenen, durch die grünen Blät⸗ ter und höhern Zweige gleichſam filtrirten Strahlen ſtrömte das Mondlicht auf einen kleinen freien Platz, wo der Boden ſich zu einer mit grünem Raſen und Moos bedeckten Anhöhe erhob. An der Mitte derſelben ſtand eine einzige kleine Birke und dancben ein Hagedorn, al⸗ les. Uebrige aber war frei und rechts ſah man an dem gelben Sande den Fahrweg, der hinauf nach dem Moor führte. Dicht an den beiden kleinen Bäumen ſtand ein Pferd, ein ſchöner, ſtarker Brauner von tüchtigem Kno⸗ chen⸗ und Muskelbau, der aber hinſichtlich des Kreuzes und der Schulter, was bei Pferden dieſer Bauart unge⸗ wöhnlich iſt, viel Aehnliches von einem wilden Eber hatte. Gleich neben dem Pferd, den Zügel über den Arm geworfen und anſcheinend emſig mit etwas beſchäf⸗ tigt, ſtand ein langer, ſtarker Mann, deſſen Geſicht in Folge der Stellung, die er eingenommen, nicht geſehen werden konnte. Sein Rücken war nämlich Ned Hay⸗ ward und deſſen Gefährten zugekehrt, unter ſeinem lin⸗ ee Arm hervor ragte jedoch ein Theil von dem Kolben einer Büchſe, und ein darauf fallender Mondſtrahl zeigte dieſelbe ſo deutlich, als wenn es heller Tag geweſen wä⸗ re. Nach der Lage, in welcher der Mann das Gewehr hielt, ſchien es Ned Hayward, als ob er das Zündkraut unterſuche, und einen Augenblick nachher verrieth das Knacken der Pfanne, daß dieſe Vermuthung richtig war. Gleichzeitig, als dieſer Laut an ſein Ohr ſchlug, ward der junge Herr von der Hand ſeines Gefährten leiſe zurückgezogen und der Letztere flüſterte:„Das iſt Harry Wittingham's Pferd, das kenne ich unter tauſen⸗ den, aber Harry Wittingham ſelbſt iſt es nicht, do weiß ich eben ſo gewiß.“ — — 43— „Ich kann ſein Geſicht nicht ſehen,“ antwortete Ned Habhward eben ſo leiſe,„aber die Geſtalt ſcheint mir ziemlich dieſelbe zu ſein. „St! Er bewegt ſich,“ ſagte der Man,„es iſt beſ⸗ ſer, wir gehen herum und ſchneiden ihm beide Wege ab⸗ Ihr rechts und ich links— wir werden uns müſſen auf einen Schuß gefaßt machen, aber das darf uns nicht kümmern— ſeht, er unterſucht den Sattelgurt.“ Der Mann, von dem ſie ſprachen, hatte dur haus nicht zu bemerken geſchienen, daß ein ſo unwillkommener Beſuch in ſeiner Nähe ſei. Seine Bewegungen waren langſam und gleichgültig, bis die letzten Worte über Stephen Gimlet's Lippe waren, dann drehete er ſich plötzlich herum und zeigte ein Geſicht, deſſen ſich Capi⸗ tain Hayward durchaus nicht zu entſinnen wußte, ſchau⸗ ete direct nach dem Platze hin, auf welchem ſie ſtanden, legte die ſchon geſpannte Büchſe an und feuerte. Glücklicherweiſe traf es ſich, daß Ned Hayward bereits einen Schritt nach der ihm von ſeinem Begleiter angedeuteten Richtung gethan hatte, ſonſt würde die Kugel, mit der die Büchſe geladen war, ihm gerade durch die Bruſt gefahren ſein. So aber ſtreifte ſie blos ſeinen linken Arm und ließ eine leichte Fleiſchwunde zu⸗ rück, und da ſie nun ſahen, daß ſie entdeckt waren, ſo ſtürzten Beide durch die Bäume hindurch auf den Ge⸗ genſtand ihrer Verfolgung los. Dieſer hatte mittler⸗ weile den Fuß in den Steigbügel geſetzt und ſich auf das Pferd geſchwungen. Von beiden(Seiten! ſtürzten die Verfolger auf ihn los, aber der Mann ſprengte ohne eeinen Augenblick zu überlegen, auf den Wildſchützen an und ſchwang dabei die Büchſe, die er in der Hand hielt, wie eine Keule. Als er ohne einen Zoll vom Wege ab⸗ zuweichen, herankam, griff ihm Stephen nach dem Zü⸗ gel und erhielt einen fürchterlichen Schlag mit dem Büchſenkolben, den er mit der linken Hand zu pariren ſuchte. In demſelben Augenblicke aber, wo der Mann den Streich führte, hob er auch den Zügel und Stephen griff fehl. Er ſchlug jedoch gleich darauf und in der Hoffnung, den Reiter vom Pferde zu werfen, mit der rechten Hand nach ihm und beantwortete die durch den Kolben an ihn geſtellte Frage mit ſo viel Kraft und Wahrheit, daß der Reiter mit dem Kopf bis faſt auf die Maͤhne des Pferdes niederſank, gleichzeitig aber ſtieß er auch dem Thiere die Sporen tief in die Flanken, ſetzte mit einem gewaltigen Spruͤnge an ſeinem Gegner vor⸗ über und galoppirte nach dem Moor hinauf.„Ich ſetze ihm nach,“ rief Ned Hahward, ſchoß wie der Blitz aus der Sandgrube hinaus, erreichte die Gemeindewieſe, machte ſein Pferd vom Baume los und begann wieder die Verfolgung, indem dieſelbe Geſtalt wieder vor ihm hinfloh.* Der ſteile Weg aus der Grube heraus hatte das * — 4— Pferd des Fliehenden etwas angegriffen und die erſten hundert Schritt etwa kam Capitain Hayward ihm etwas näher, bald aber benutzte er ſeine ganze Kenntniß des Terrains, jeder Teich, jeder Rand, jeder Tümpel ver⸗ ſchaffte ihm einigen Vortheil, und als ſie nach etwa zehn Minuten ſich den Anpflanzungen an der Grenze des Moors näherten, war der Fliehende von ſeinen Verfolgern beträchtlich weiter entfernt, als da das Wettrennen begann. Endlich verſchwand er da, wo der Weg unter Bäume und Zäune hineinführte und jede fernere Jagd wenig zu verſprechen ſchien. Ned Hay⸗ ward beſaß jedoch eine grimmige Ausdauer, er hatte einen außerordentlich großen Widerwillen, ſich in irgend einer Sache getäuſcht zu ſehen, und ritt daher ohne einen Zügel anzuziehen, immer darauf los und dachte:„In dieſer belebten Gegend werde ich ſicherlich Jemandem be⸗ gegnen, an dem er vorbrigekommen iſt und der mir Aufſchluß über ihn geben kann.“ Es war jedoch ein wunderbar einſamer, dünnbe⸗ völkerter Diſtrict, der auf der andern Seite des Moors von Tarningham lag. Auch ging man in dieſem Theile der Welt zeitig zu Bette und eine volle Meile weit, die lange Allee hinauf, begegnete Ned Hahward nicht eine lebende Seele. Am Ende dieſer Strecke theilte ſich der Weg in drei, und nach ächter Weiſe eines fahrenden Ritters warf der junge Herr ſeinem Pferde den Zügel auf den Nacken und überließ es dem Scharfſinne des Thiers, den Weg ausfindig zu machen, der zu weitern Abenteuern führte. Das Moor war etwa fünftehalb Meilen breit, durch die verſchiedenen Drehungen und Wendungen aber, die ſie gemacht hatten, war es Roß und Reiter möglich geworden, dieſe Entfernung wenig⸗ ſtens zu verdreifachen. Das Pferd hatte übrigens ſchon vorher einen Trab nach der Stadt gemacht und wieder zurück, einen kurzen Galopp durch den Park und dann ein wüthendes ventre à terre über das Moor hinweg, es glaubte daher und zwar mit gutem Grunde, daß nun für heute genug geritten worden ſei, und ſobald als Ned Hayward den Zügel niederlegte, fiel es aus dem ge⸗ ſtreclten in kurzen Galopp, aus dem Galopp in Trab und begann ſchon Reigung zum Schritt, wenn nicht gar zum Stillſtehen, zu zeigen, als Ned Hayward es mit den Ferſen höflichſt erſuchte, ein wenig ſchneller zu gehen. Es hatte jedoch mittlerweile ſeinen Weg gewählt und dabei wahrſcheinlich an Ovid's Axiom gedacht, daß die Mittelſtraße die ſicherſte ſei. Das war Alles, was Ned Hahward von der Denkkraft des Pferdes wünſchen konnte, von den Hufen deſſelben aber wünſchte er, daß ſie ihre Bewegung beſchleunigen mögten, und fort ging es wirder mit ziemlich raſchem Galopp', bis er plötzlich auf eine Heerſtraße herauskam und ganz nahe vor ſich ſechs große in einer Reihe ſtehende Ulmen ſah. Unter — —— den zwei nächſten ſtand ein Pferdetrog, zwiſchen den zwei mittelſten baumelte ein ungeheures Wirthshausſchild und ein wenig ſeitwärts dahinter ſtand ein Gaſthof, zu deſſen Thüre vier Stufen emporführten. Mehrere Fenſter waren noch hell erleuchtet, der Mond ſchien ebenfalls hell, aber die ſtaubigen alten Ul⸗ men hatten ein dichtes Laubwerk, welches die beſcheidenen Figuren auf dem Schilde vor den grellen Strahlen ſo⸗ wohl des häuslichen als des himmliſchen Lichts wirkſam ſchützte. Ned Hayward zog, ſobald als er den Gaſthof und deſſen Zubehör erblickte, den Zügel an und ritt langſam heran, überlegte ſich die Sache einige Augenblicke und ritt dann in den Hinterhof hinein, ohne die Leute des Hauſes mit einer Notification ſeiner Ankunft zu beläſti⸗ gen. Im Hofe ſtanden zwei Männer in Stallknechts⸗ kleidung, welche gleich mit etwas geſchäftiger Höflichkeit auf ihn zukamen und fragten:„Abſteigen, Sir?“ Und Ned Hayward ſtieg ab, wie ein ſehr ermüde⸗ ter Menſch, überließ ſein Pferd den Händen der Stall⸗ knechte und that, als ob er langſam in das Wirths⸗ haus hineinſchlenderte, während die Leute ſeinen ſtillen kleinen Hengſt in den Stall führten. Nachdem er aber etwa zwanzig Schritte gethan, drehete er ſich plötzlich um, folgte ſchnell nach, ging durch die Thüre in den Stall und langſam an der ganzen Reihe der dahin ein⸗ — 48— geſtellten Pferde hinab, bis er an eins kam— einen Braunen mit langem Rücken und dickem hohen Kamm, der noch mit Schaum bedeckt und offenbar nur wenige Minuten zuvor noch wüthend geritten worden war. Ned Hahward wendete ſich ſchnell an den Haus⸗ knecht und deſſen Gehülfen, die offenbar dem Benehmen des Neuangekommenen mit mehr Beſtürzung zugeſehen hatten, als natürlich war, ſtellte ſich zwiſchen ſie und die Thüre und fragte mit gerunzelter Stirn und ſtrengem Tone:„Wo iſt der Herr dieſes Pferdes?“ Der Unterhausknecht, der ihm am nächſten ſtand, gaffte ihn an, wie eine gefangene Forelle, aber der Oberhausknecht ſtieß ihn beiſeite und antwortete augen⸗ blicklich:„Er iſt drinn im Hauſe, Sir, in Nummer eilf.“ Und Ned Hayward drehete ſich auf dem Abſatz herum und begab ſich ſogleich in das Gaſthaus. Drittes Kapitel. Der Brief. Wirr verließen Sir John Slingsby, als er eben einen Ausruf gethan. Es war ein Ausruf der Neu⸗ gierde, was wohl aus ſeinem Freunde Ned Hayward geworden ſei, und der Leſer wird ſich erinnern, daß es damals gegen zehn Uhr Abends war. Wir ſelbſt verlie⸗ ßen den würdigen Baronet auf etwas kurze unumſtänd⸗ liche Weiſe und eilten hinter dem Offizier her, um ſein Schickſal mit eigenen Augen zu verfolgen, und müſſen, nachdem wir dies gethan, wiederum nach Tarningham Park zurückgehen und uns bei Sir John entſchuldigen, daß wir ſein Haus und ſeine Geſellſchaft auf ſo unfeine Weiſe verlaſſen. Er iſt ein gutmüthiger Mann, der ſich nicht leicht verſtimmen läßt, und unſere Entſchuldi⸗ gungen werden daher gut aufgenommen werden; auch war er nicht geneigt, für irgend einen Menſchen auf der Oberfläche der Erde beſondere Beſorgniß und Befürch⸗ Beauchamp. Zweiter Band. 4 — 50— tung zu hegen, ſo daß er, ſelbſt als die Sache ſeinen lieben Freund Ned Hayward betraf, die Dinge nach ſeiner Gewohnheit ihren Gang gehen ließ, indem er auf das Glück vertrauete, daß das Reſultat ein gutes ſein werde, und philoſophiſch überzeugt war, daß, wenn es der blinden Göttinn nicht beliebte, ein ſolches Reſultat herbeizuführen, er ebenfalls nicht im Stande wäre, ſie dazu zu zwingen. Während des Abends hatte er ein paar Mal leichte Symptome von Unruhe gezeigt, wenn er ſich umſah und ſeines Gaſtes Abweſenheit bemerkte, er hatte ſeine Tochter ein wenig ausgeſcholten, daß ſie nicht ſo gut geſungen wie gewöhnlich, und die Wahr⸗ heit zu geſtehen, ſie hatte es verdient, denn ob nun die Geſchichte, welche die Herren bei ihrer Rückkehr aus dem Speiſezimmer erzählten, ſie erſchreckt hatte— denn es war in Tarningham Haus nicht gebräuchlich, daß zu den Fenſtern hereingeſchoſſen ward— oder ob ſie über Capitain Haywards längere Abweſenheit unruhig war, kurz ihre Leiſtungen am Piano gehörten dieſen Abend nicht zu ihren beſten. So ſchlecht ſie aber auch ſang, ſo ſang doch Mary Clifford, die ſie begleitete, nicht viel beſſer und ſie behielt daher ihre Faſſung. Nun war aber Marh eine ſehr ausgebildete Sängerin und beſaß eine außerordentlich volle, ſanfte, biegſame, im höchſten Grade geſchulte Stimme, mit der ſie machen konnte, was ſie wollte; es war daher klar, daß es ihr entwe⸗ — 51— der nicht beliebte, gut zu ſingen oder auch, daß ſie an etwas Anderes dachte. Doch kommen wir wieder auf Sir John. Viel⸗ leicht wenn wir in alle die dunkeln, kleinen Winkel ſeines Herzens ſchauen könnten— in jene ſeltſamen kleinen Fächer, die ſich in der Bruſt eines jeden Menſchen vor⸗ finden und welche alle die ſeltſamen Grillen und ſonder⸗ baren Gefühle und Empfindungen, die unerklärlichen Verkehrtheiten, die launenhaften Wünſche und Erre⸗ gungen, die wir dem allgemeinen Blicke zu entziehen ſo emſig bedacht ſind, enthalten— iſt es durchaus nicht unwahrſcheinlich, daß wir einen gewiſſen Grad von Be⸗ friedigung, einen Troſt, eine Erleichterung finden würden, die der würdige Baronet den ungewöhnlichen Ereigniſſen verdankte, welche in dieſe Abendſtunden Leben und Be⸗ wegung gebracht hatten. Er hatte dem Verlaufe der nächſten ſechs oder ſieben Stunden mit einer gewiſſen Furcht entgegengeſehen, denn er glaubte, ſie würden bei der Geſetztheit und dem Anſtande, den er ſeiner Schwe⸗ ſter gegenüber beobachten zu müſſen glaubte, ungeheuer langweilig verſtreichen und die Aufregung in Folge der Unterredung mit Mr. Wittingham, das Verhör mit Ste⸗ phen Gimlet und das unerklärliche Verſchwinden Ned Hahwards füllte die Leeren aus, die durch den Mangel an Flaſchen und Scherzworten verurſacht ward. Bald. nachdem die Herren in das Geſellſchaftszimmer eingetre⸗ 4* — 52— ten, bewog Sir John ſeine Nichte und ſeine Tochter, an dem Piano Platz zu nehmen und engagirte Doctor Miles, ſeine Schweſter und ſogar Mr. Beauchamp zu einem Robber Whiſt, und obſchon er von Zeit zu Zeit den Kopf herumdrehete, um Jſabellen ihres nachläſſigen Geſanges wegen auszuſchelten, ſo gelang es ihm doch, aus dem Kartenſpiel einige Beluſtigung zu ſchöpfen, und er lachte, ſchwatzte, erzählte Anekdoten, machte Gloſſen über das Spiel ſeines Partners und ſeiner Gegner, und wußte Allem eine ſpashafte Seite abzugewinnen. So verging der Abend bis zu der bezeichneten Stunde, wo Mrs. Clifford ſich erhob und nach ihrem Schlafzimmer begab und der erſte Ausruf Sir Johns, nachdem ſie ſich entfernt, war der von mir bereits erwähnte. „Es iſt allerdings ſonderbar,“ ſagte Beauchamp zur Antwort,„aber Ihr kennt ſeine Art und Weiſe beſſer als ich und wißt daher auch beſſer zu vermuthen, was gus ihm geworden iſt.“ „Wirklich, lieber Onkel,“ ſagte Miß Clifford in an⸗ gelegentlichem Tone,„ich glaube, Ihr ſolltet einige Nach⸗ forſchung anſtellen laſſen. Ich kann mir nicht denken, daß Capitain Hayward auf ſo ſonderbare Weiſe ſich entfernt haben würde, wenn er nicht einen außerordent⸗ lichen Grund dazu gehabt hätte, und nach dem ſchreckli⸗ chen Vorfalle, der ſich heute Abend ereignet, kann man nicht umhin, einige Befürchtung zu hegen,“ . V — 53— „Er iſt ein Sauſewind,“ antwortete Sir John, „Niemand weiß, was er in der nächſten Minute thun wird, denn etwas Verrücktes hat er immer im Kopfe. Ich ſah ihn einmal, als er noch ein purer Knabe war, in Gibraltar von dem Hafendamme hinunterſpringen, um einem Kerl das Leben zu retten, den man ruhig hätte laſſen erſaufen können, denn es war ſo ein ſchlei⸗ chender, ſpaniſcher Spitzbube, halb Schleichhändler und halb Spion.“ „Und rettete er ihn denn?“ begierig. „O, das verſteht ſich,“ antwortete Sir John,„er ſchwimmt wie ein neufundländer Hund, dieſer Kerl.“ „Euer Wagen, Sir,“ ſagte ein eintretender Diener zu Mr. Beauchamp gewendek. „Heda, Jones,“ rief Sir John Slingsby,„weißt Du nicht, was aus Capitain Hahward geworden iſt? Wir haben ihn den ganzen Abend nicht geſehen.“ „Nun, Sir John,“ antwortete der Mann,„Ralph der Reitknecht, der Euern Brief an Mr. Wharton be⸗ ſtellt hat, erzählte mir, er ſei guf dem Rückwege dem Capitain im Parke begegnet und Capitain Hayward habe ihn abſteigen heißen, ſei auf das Pferd geſprungen und im vollen Galopp ztt dem Thore hinausgeritten.“ „Habe ich' nicht geſagt?“ rief Sir John Slings⸗ by.„Nur der Himmel weiß, was dieſer Menſch vorhat, fragte Miß Elifford 1 1 11 — 54— und es nützt Nichts, wenn man es herauszubekommen verſucht; aber das iſt doch zu ſchlecht von Euch, Mr. Beauchamp, daß Ihr jetzt ſchon Euern Wagen beſtellt habt; die Tage, wo mit den Abendlauten Licht und Feuer ausgelöſcht werden mußte, ſind, Gott ſei Dank, vor⸗ üͤber, und wir können beiſammen bleiben, ſo lange wir Luſt haben.“ „Ihr ſolltet doch warten und ſehen, was aus Eu⸗ erm Freunde geworden iſt, Mr. Beauchamp,“ ſagte Iſabella Slingsby;„ich glaube nicht, daß es einem äch⸗ ten Waffengefährten geziemt, fortzugehen und den An⸗ dern zu verlaſſen, während man weiß, daß er ein ge⸗ fährliches Abenteuer vorhat.“ Beauchamp war gegen ſolche Ueberredungen nicht unüberwindlich, aber wir ſind Alle auf dieſer Welt Kauf⸗ leute und feilſchen um Dies oder Jenes und tauſchen zu⸗ weilen Dinge, die für uns in der Wirklichkeit ſehr we⸗ nig Werth haben, gegen andere ein, die wir höher ſchätzen. Beauchamp machte es zu einer Bedingung ſei⸗ nes Aufenthalts, daß Iſabella fortfahren ſolle zu ſingen, und Mary Clifford verwickelte ihren Onkel in ein Ge⸗ ſpräch unter vier Augen, während Beauchamp ſich über ihre am Piano ſitzende Couſine beugte. Das erſte Lied war jedoch kaum beendet, als der Kellermeiſter wieder zum Vorſchein kam und ſagte:* „Ihr fragtet, Sir John, was aus Capitain Hay⸗ — — — ward geworden ſei, und Stephen Gimlet iſt eben gekom⸗ men, um zu melden, daß er ihn vor ungefähr einer Stunde geſehen habe.“ „Nun,“ rief Sir John ungeduldig,„was zum Teufel iſt denn aus ihm geworden? Was iſt denn das für eine Fledermausjagd, die er da plötzlich angeſtellt hat? Beim Himmel, dieſer Kerl wird ſich ſicherlich noch den Kopf einrennen und dann werden wir erfahren, ob er Gehirn darin hat oder nicht. Manchmal glaube ich, er habe deſſen viel, manchmal wieder, er habe gar keins, auf alle Fälle aber iſt er ein ſo guter, prächtiger Kerl, wie nur je einer lebte, das iſt eine ausgemachte Sache.“ „Stephen Gimlet ſagt, Sir John,“ hob der Kel⸗ lermeiſter mit ſeiner gewöhnlichen Würde wieder an, „daß der Capitain fortgeſprengt ſei, um den Menſchen einzuholen, der durch das Fenſter geſchoſſen hat.“ „Hui!“ pfiff Sir John Slingsby.„War es denn nicht Einer von den verwünſchten Narren von Wildhü⸗ tern, der nach einem Reh geſchoſſen?“ „Nein, Sir John,“ antwortete der Mann,„es war Jemand, der zu Pferde zu dem obern Thore her⸗ eingekommen war. Capitain Hahward ſetzte ſich auf das Pferd des Reitknechts und jagte Jenem über das Moor nach, bis er ihn in eine der Sandgruben trieb, die auf der andern Seite ſich befinden, wo er im Mondſcheine ihm auflauerte, als Stephen Gimlet dazu kam, denn er fürchtete, daß, wenn er auf der einen Seite hineinritte, Jener auf der andern herauskommen mögte.“ „Nun, haben ſie ihn denn? Haben ſie ihn denn?“ rief Sir John.„Beim Jupiter, das iſt doch zu toll! Man muß ſich am Ende noch einen bombenfeſten Schädel anſchaffen, wenn das Ding ſo fortgeht.“ „Nein, ſie haben ihn nicht, Sir John,“ entgegnete der Kellermeiſter,„denn als Stephen dazu kam, ging er mit dem Capitain in die Grube hinein und ſie kamen Beide ziemlich dicht an den Kerl heran, aber er hatte Zeit gehabt, ſein Gewehr wieder zu laden und feuerte ge⸗ rade auf ſie los. Wolf— das heißt Mr. Gimlet— ſagt, Capitain Hahward muͤſſe ſicherlich verwundet ſein, denn der Unbekannte ritt, ehe ſie ihn noch aufhalten konnten, ſo ſchnell als möglich davon und der Capitain ſprang wieder auf ſein Pferd und ritt wieder in geſtreck⸗ tem Galopp hinterdrein.“ „Wo ritten ſie denn hin? Welchen Weg ſchlugen ſie denn ein?“ rief der Baron plötzlich, ganz warm wer⸗ dend und aufſtehend.„Beim Jupiter, das iſt zu toll, ich muß dem Ding ein Ende machen! Sagt Matthews und Harriſon und noch zwei oder drei Andern, daß ſie ſo ſchnell als möglich Pferde ſatteln und vorführen ſollen. Welchen Weg ſchlugen ſie ein? Könnt Ihr nicht anindr⸗ ten? Habt Ihr keine Ohren?“ „Stephen ſagte, Sir, daß es ausgeſehen gatte als — ob ſie auf Buxton's Gaſthof zu machten,“ entgegnete der Kellermeiſter,„aber er konnte es nicht deutlich erken⸗ nen, weil ſie unter das Gehölz hineinritten.“ „Beim Jupiter, ich will dieſer Sache bald ein En⸗ de machen,“ rief Sir John,„ich will nur ein Paar Stiefel anziehen und dann gleich ſehen, wie es ſteht— Mr. Beauchamp, Ihr müßt warten, bis ich wiederkom⸗ mez alſo ſeid vernünftig, ſchickt Euern Wagen fort und nehmt mit einem Bett bei uns verlieb.“ „Unter einer einzigen Bedingung, Sir John,“ ent⸗ gegnete Beauchamp,„nehmlich, daß Ihr mir geſtattet, Euch auf Euerm Ritte zu begleiten.“ „Nein, nein,“ rief Sir John, ſich die Hände rei⸗ bend,„nein, mein werther Freund, Ihr müßt hier bleiben und die Damen beſchützen.“ „O, wir werden keines Schutzes bedürfen, Papa,“ rief Iſabella,„laßt nur alle Thüren und Fenſter gut verſchließen, und ich werde das Lager commandiren, bis Ihr wieder zurückkommt.“ „Das nenne ich eine Heldin,“ rief Sir John Slings⸗ bh,„gut, die Sache iſt abgemacht! Jones, Jones, Du dummer Kerl, ſage doch dem Poſtillon, daß er ſich mit ſeinen Pferden fortpacken und Mr. Beauchamp nicht eher abholen ſoll, als bis morgen Abend um dieſe Zeit— kein Wort, ich beſtehe darauf, Beauchamp— keine Wei⸗ gerung, keine Weigerung— wir haben gerade eine prachtvolle Wildpretskeule in der Speiſekammer— dazu eine Flaſche Burgunder und Alles, was dazu gehört— Alles züchtig und zierlich wie die Jungfer Tante meiner Großmutter— aber kommt nun mit, ich will Euch zu Euern Ritt ausrüſten— ha, ha, ha, ein gottvoller Spaß, beim Jupiter! Ned Hayward iſt doch ein famo⸗ ſer Kerl, daß er uns Veranlaſſung zu einer ſolchen ex⸗ temporirten Jagd giebt.“ Mit dieſen Worten wälzte ſich Sir John Slingsby aus dem Zimmer und Mr. Beauchamp folgte ihm, um ſich mit ihm aus einem ungeheuern Vorrath ſehr ge⸗ miſchter Gegenſtände, welche Sir John Slingsby’s Gar⸗ derobezimmer enthielt, die zu der Expedition geeigneten Stuͤcke auszuwählen. Sir John war— das weiß der Himmel— Nichts weniger als ein Geizhals und doch fand man in dieſem Garderobezimmer alte Anzüge und Kleidungsſtücke von verſchiedener Art, die er zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten, vom zwanzigſten Jahre bis hart an den Rand des ſechzigſten, getragen hatte— Reitſtiefel, Tanzſchuhe, mit Holznägeln beſchlagene Schuhe, Halb⸗ ſtiefel, große Roͤcke, kleine Röcke, Uniformen, Ueberzieher, ein vollſtändiger Harlekinanzug, den er jetzt kaum über einen ſeiner Schenkel hätte ziehen können, und eine Ge⸗ ſichtsmaske und einen Domino. Aber an jedes dieſer einzelnen Garderoheſtücke knüpfte ſich irgend ein kleiner Vorfall, oder eine Geſchichte, oder ein Scherz, der ſich tA Aℳ& an das Gedächtniß des alten Herrn feſtgeklammert hielt und an angenehme, oder frohliche, oder komiſche, zu⸗ weilen aber auch ſogar an traurige Ereigniſſe, immer aber an Etwas erinnerte, was einen oder den andern der weichen Punkte ſeines Herzens berührte, und er konn⸗ te ſich daher nimmer entſchließen, ſich von dieſen Din⸗ gen zu trennen. Er würde aus der Zahl derſelben gern ſeinen Gaſt mit paſſender Garderobe verſehen haben, aber unglücklicherweiſe war Mr. Beauchamp von bedeu⸗ tend anderer Statur als der Baronet, und er ſetzte la⸗ chend das ihm dargebotene Stiefelpaar beiſeite, indem er ſagte:„Nein, nein, Sir John, meine Schuhe werden die Dienſte auch verrichten; ich habe, glaube ich, mit jeder Art von Fußbedeckung, die es unter der Sonne giebt, von Holzſtiefeln an bis zu Marokinpantoſſeln zu Pferde geſeſſen, aber ich will den großen Mantel, der da an der Wand hängt, mitnehmen, inmt Fall wir bivoua⸗ kiren müſſen.“ „Ha, ha, ha!“ rief Sir John wieder.„Eine köſtliche Idee; ich würde mir ſicherlich Nichts daraus machen— wir zündeten ein großes Feuer auf dem Moor an, leg⸗ ten uns mit den Füßen hinein und mit dem Kopfe auf ein Bündel Haidekraut— wir haben hier prächtiges Haidekraut. Waret Ihr jemals in Schottland, Mr. Beauchamp?“ „Ich war einmal da, Sir,“ antwortete Beauchamp 4 in ſo ernſtem und ſchwermüthigem Ton, daß Sir John Slingsby plötzlich aufblickte und ſah, daß das Geſicht ſeines Gaſtes umwölkt und düſter war, als ob ihm eben etwas außerordentlich Anſtößiges oder Schmerzliches ge⸗ ſagt worden wäre. Es heiterte ſich jedoch augenblicklich wieder auf und ſobald, als der Baronet fertig war, gingen ſie wieder fort und in die Halle hinab. Mittlerweile waren Iſabella und ihre Couſine beide in ziemlich nachdenklicher Stimmung in der Nähe des Pia⸗ nos ſitzen geblieben. Ein paar Minuten lang ſchwiegen ſie und waren anſcheinend jede mit beſondern Gedanken be⸗ ſchäftigt. Endlich blickte Mary auf und fragte:„Was gedenkſt Du zu thun, Iſabella?“ „Was meinſt Du, liebe Mary?“ entgegnete ihre Couſine.„Wenn Du mich fragſt, ob ich Ned Hayward zu heirathen gedenke, was, wie mir faſt vorkommt, der Papa zu wünſchen ſcheint, ſo ſage ich ſofort: Nein!“ Und ſie brach in ein heiteres Gelächter aus. „O nein,“ antwortete Miß Clifford,„meine Frage war nicht halb ſo ernſt, Ifabella, obſchon ich nicht ein⸗ ſehe, warum Du ihn nicht heirathen ſollteſt. Ich wünſchte blos zu fragen, ob Du noch länger aufzublei⸗ ben oder zu Bett zu gehen gedenkſt.“ „Warum ich ihn nicht heirathen ſollte?“ rief Iſa⸗ bella heiter.„Dafür könnte ich Dir binnen einer Minute zwanzig Gründe angeben. Wir ſind Beide ſo leichtſinnig, daß wir uns in ein paar Jahren ruiniren, wir ſind Beide ſo luſtig, daß wir uns in vierzehn Tagen zu Tode lachen würden; wir ſind Beide ſo ſauſewindig, wie der Papa es nennt, daß Keins von uns das Andere aus den Augen laſſen dürfte, denn es wäre Tauſend gegen Eins zu wetten, daß wir uns nie wiederſähen; er würde nach Oſtindien gehen und ich nach Weſtindien, um ihn zu ſuchen, und dann würden wir uns einander entgegen⸗ gehen wollen und an einander vorbeilaufen.“ Mary Clifford lächelte nachdenklich und antwortete nach einer kurzen Pauſe:„Im Grunde genommen, Iſa⸗ bella, zweifle ich doch, ob irgend Eins von Euch Beiden wirklich ſo leichtſinnig iſt, als Ihr Euch es zum Ver⸗ gnügen macht, zu ſcheinen.“ „O, Du thuſt mir Unrecht— Du thuſt mir Un⸗ recht, Mary,“ rief Miß Slingsby,„ich ſcheine Nichts, als was ich bin. Was den Capiain Hayward betrifft, fügte ſie mit ſchlauem Lächeln hinzu,„ſo kennſt Du ihn am Beſten, liebe Mary. Er iſt ja Dein preux chevalier, weißt Du, hat Dich von Löwen und Tigern und Rieſen und Unholden befreit und auch pflichtſchuldig den gan⸗ zen Tag mit Niemandem weiter geſprochen als mit Dir.“ Marh erröthete ein wenig, antwortete aber gerade heraus:„O ja, wir haben ſehr Viel geſprochen, genug, um mich vermuthen zu laſſen, daß er nicht ſo leichtſin⸗ nig iſt, als mein Onkel ſagt, und von Dir weiß ich, — 62— daß Du nicht ſo leichtſinnig biſt, als Du Dich ſtellſt. Aber was gedenkſt Du zu thun, bis ſie wiederkommen?“ „O, ich werde aufbleiben, verſteht ſich,“ antwortete Iſabella,„ich bleibe ſtes auf, bis der Papa zu Bette geht. Wenn er große Geſellſchaft hat und ich höre, daß die Gothen und Vandalen den Beg hierher ein⸗ ſchlagen— was mir alle Mal durch das Knarren der Glasthüre verrathen wird— ſo flüchte ich mich in die⸗ ſes kleine Nebenzimmer und befeſtige mich mit Schloß und Riegel, denn an betrunkenen Menſchen kann ich durchaus keinen Geſchmack finden, und wenn ſie nun geſchrieen und gelacht und gezankt und ihren Kaffee getrunken und ſich fortbegeben haben, ſo komme ich her⸗ aus und ſchwatze noch mit dem Papa eine halbe Stunde bis er ſich anſchickt zu Bette zu gehen.“ „Aber iſt er denn auch ſelbſt alle Mal noch in einem ſehr ſchwatzhaften Zuſtande?“ fragte Mary Clifford. „O, pfui, Mary,“ rief ihre Coufine,„wie kannſt Du Dich nur durch das, was die Leute reden, zu Vor⸗ urtheilen beſtimmen laſſen! Mein Vater ſieht es gern, wenn unter ſeinem Dache ein Jeder fröhlich und ſogar luſtig iſt— vielleicht ſieht er es ein wenig zu gern— aber wenn Du etwa ſagen willſt, er betrinke ſich, ſo iſt das nicht der, Fall. Ich habe ihn wenigſtens in meinem ganzen Leben nie betrunken geſehen; in der That, ich glaube, er könnte es gar nicht werden, wenn er auch 38 * f 4 — 63— wollte, denn ich habe ihn ſo viel Wein trinken ſeh, daß ich zwanzig Mal davon betrunken geworden wäte, ohne daß es auf ihn eine Wirkung gehabt hätte— ein wenig heiter wird er allerdings, aber nach Tiſche iſt er ſtets heiter.“ Marh Clifford hörte mit ruhigem Lächeln zu, ant⸗ wortete aber nicht auf Jſabellens Vortrag über die Rüchternheit ihres Vaters, ſondern ſagte blos:„Nun, wenn du aufbleibſt, liebe Couſine, ſo bleibe ich auch auf, um Dir Geſellſchaft zu leiſten.“ Kaum waren aber dieſe Worte über ihre ſüßen Lippen, als Sir John Slingsby und Mr. Beauchamp hereintraten und zwar der Baronet mit einem offenen Briefe in der Hand. „Ha, ha, ha!“ rief er.„Nachrichten von dem De⸗ ſerteur, Nachrichten von dem Deſerteur! Wir waren ge⸗ rade bis an den Thorweg gekommen, die Pferde ſtanden bereit, wir hatten unſere Mäntel umgenommen, die Die⸗ ner waren ſchon aufgeſeſſen, alle Pläne beſprochen und wir hatten Ausſicht auf einen Galopp von fünf oder ſechs Meilen und einen Bivouak auf dem Moor, als auf einmal Einer der Leute aus Burton's Gaſthof mit dieſem Brief von unſerm Deſerteur herantritt. Laßt uns nun ſehen, was er meldet,“ und er näherte ſich der „Lampe und las beim Scheine derſelben mehrere abgeriſ⸗ ſene Sätze aus Red Haywards Brief etwa folgenderma⸗ ßen:„Lieber Sir John, aus Furcht, daß Ihr nicht wiſ⸗ ſen würdet, was aus mir geworden— nun woher hät⸗ ten wir's wiſſen ſollen?— ſchreibo ich, um Euch zu mel⸗ den— ah, das wiſſen wir ja nun Alles— ſprengte ihm über die Gemeindewieſe nach— jagte ihn in eine alte Sandgrube— Halunke feuerte auf mich— nicht viel Schaden gethan— jagte auf der Straße hinter ihm her, verlor ihn aber bei den drei Abbiegungen— kam hierher— ſehr müde— ſehr gutes Quartier— beſondern Grund zu bleiben, wo ich bin— morgen früh bei Zeiten wieder bei Euch— Ned Hahward.“ „Ah, ſehr ſchön, ſehr ſchön„“ fuhr Sir John fort, „das iſt Alles in Ordnung; alſo nun Beauchamp, wenn Ihr Luſt zu einer Partie Piket habt, ſo bin ich Euer Mann, wo nicht, ſo genießen wir noch etwas Wein und Waſſer und drücken uns dann zu Bette. Ich werde Euch der Fürſorge meines Bedienten Galveſton überge⸗ ben, welcher die Bedürfniſſe aller Menſchenklaſſen in der ganzen Welt kennt, vom Großtürken an bis zum Me⸗ thodiſtenprediger herab, und Euch mit Allem verſehen wird, was nöthig iſt.“ Mr. Beauchamp jedoch lehnte ſowohl Piket als auch Waſſer und Wein ab, in ungefähr einer halben Stunde hatte ſich die ganze Geſellſchaft nach ihren Zim⸗ mer begeben und allmäͤlich verſank Tarningham Hall in Ruhe und Schweigen. Eine der letzten Perſonen, die ſich zur Ruhe bega⸗ — — 65— ben, war Sir John Slingsby ſelbſt, denn ehe er noch auf ſein Zimmer ging, beſuchte er die Bibliothek und fand hier auf dem Tiſche, auf den gewöhnlich die für ihn beſtimmten Briefe gelegt wurden, ein nett zuſammen⸗ gefaltetes und verſiegeltes und von einer ſteifen, deutli⸗ chen Copiſtenhand überſchriebenes Billet. Er ergriff es und ſchauete es an, legte es wieder nieder, hob es noch⸗ mals auf, hielt es wenigſtens drei Minuten lang in der Hand, als ob er unentſchloſſen wäre, ob er es öffnen ſolle oder nicht, und riß endlich das Siegel auf, indem er rief: „Nein, der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mit einem ſolchen Klumpen im Magen mich zu Bett lege.“ Er hielt dann das Briefchen auf die andere Seite des Lichts, die Brille an's Auge und las den Inhalt. Derſelbe ſchien nicht ſehr ſchmackhaft zu ſein, denn gleich beim erſten Satze rief er: „Ja, ja, ich kenne Dich, Burſche.“ Sodann las er wieder weiter, und obſchon ihm kein weiterer Ausruf entſchlüpfte, ſo umwölkte ſich doch ſeine Stirn und ſein Auge ward unruhig. Als er fertig war, warf er den Brief auf den Tiſch, legte die Hände auf den Rücken und ging zwei oder drei Mal im Zimmer auf und ab und blieb mehrmals ſtehen und heftete die Augen auf den Türkiſchen Teppich. Beauchamp. Zweiter Band. 5 — 66— „Der Teufel hole ihn!“ krief er endlich.„Beim Jupiter, das iſt eine niedliche Geſchichte.“ Und dann ging er wieder auf und ab. „Na, die Sache möge beim Teufel ſein rief er endlich, indem er das Briefchen in Stücken riß und die Fetzen in den Korb unter dem Tiſch warf, es wird ſich wohl noch machen, glaube ich. Es kommt gewöhnlich irgend Etwas dazwiſchen— wo nicht, ſo müſſen die Bäume fort— es hilft Nichts— ich muß die Ausſicht verſchönern— die Landſchaft in einen Garten umwan⸗ deln— ha, ha, ha!“ Und ſo herzlich vor ſich hin lachend, wälzte er ſich fort zu Bett. Viertes Kapitel. Die zufällige Begegnung im Park. Der Morgenhimmel war ſehr grau. Es lag ein dünner, dunſtiger Nebel über dem größern Theile des Himmels, der gleichſam das Fortſchreiten der Dämme⸗ rung verzögerte, wie eine Mutter ihr voreiliges Kind zu⸗ rückhält, das ſich zu ſchnell den bunten Wegen des Le⸗ bens zudrängt. Gegen Oſten aber ſah man einen hel⸗ len goldenen Streifen, welcher verrieth, daß das Geſtirn des Lichts und der Wärme und ſchaffender Einwirkun⸗ gen raſch hinter dem runden Rande des rollenden Erd⸗ balls herabſtieg. Es war eine klar und deutlich be⸗ ſtimmte Linie, die gegen den Dunſt, welcher hier ende⸗ te, durch einen Rand von hellerem Gelb begrenzt ward, und ſo wie die ſtarken goldenen Tinten immer glühender hervortraten, ſpaltete ſich die dunſtige Wolke und theil⸗ te ſich in ſeltſam geformte Bruchſtücken, während die Strahlen hindurchſtrömten und durch die breite Luft⸗ . 5* ſchicht hindurch die darüber ſchwebenden Dünſte purpurn färbten. Nach dieſem glühenden Streifen ſchienen ſich alle Dinge zu wenden, die Sonnenroſe neigte ihr g Haupt dorthin, die Lerche nahm ihren Flug in dieſer Richtung und in derſelben ſchienen alle Sänger des Wal⸗ des die Stimme ihres tauſendfachen Chores auszuſtrö⸗ men. Es iſt ein ſeltſames Ding, der Oſten, voll von merkwürdigen Erinnerungen an die ganze wunderbare Geſchichte des Menſchen. Alles Gute und beinahe alles 9 Schöne iſt von Oſten gekommen; die Religion und die Hofſnung auf Erlöſung, das Tageslicht und die ſchein⸗ bare Bewegung der Sterne und des Mondes; Sommer und Sonnenſchein und Chriſtenthum ſind von dort ent⸗ ſprungen, als ob dort die Quelle der höchſten Wohltha⸗ ten für das Menſchengeſchlecht wäre. Von dort ſind al⸗ le Nationen ausgegangen und noch jetzt geht der Fort⸗ ſchritt von Oſten nach Weſten, gleichſam, als ob ein Geſetz beſtünde, nach welchem alle Dinge auf Erden dem Laufe der großen Lichtſpenderin folgen müßten. Nichts deſto weniger haben ſich doch in dieſe Wohlthaten auch viele Uebel gemiſcht! Die ſchneidenden Winde des Früh⸗ lings und des Winters, Peſtilenz und Verderben, Erd⸗ beben und Kriege ſind dort entſprungen, um über die Welt hin zu fegen und ſie mit Elend und Jammer zu erfüllen. Es iſt ein ſonderbarer Ort, dieſes Oſten, und ich kann niemals dort die aufſteigende Sonne ſehen, oh⸗ * R ne ein ſonderbares Gefühl von Scheu und Geheimniß zu empfinden, welches! aus den mannichfachen Erinne⸗ rungen hervorgeht, die ſich in Bezug auf die Wunder der Vergangenheit daran knüpfen. Die Ausſicht von den Fenſtern von Tarningham Hall war keine ſehr ausgedehnte, aber eine in ihrem ei⸗ genthümlichen Charakter ſehr ſchöne. Die Krümmungen des Parks, die thauigen Raſenplätze, die großen alten Bäume, das breite faſerige Farrnkraut, die ſtattlichen Rehe, die mit unſichern Schritten und halberwachter Bedächtigkeit einherſchritten, die früh erwachten Haſen, die in dem grauen Zwielicht herum hüpften, und die von Baum zu Baum ſpringenden Eichhörnchen— Alles war angenehm für das Auge, welches darauf hinſchauete, obſchon dieſes luge nur an einem kleinen Punkte, wo ein Durchhau in dem Gehölz eine weitere Ausſicht geſtattete, Etwas jenſeits des Grundſtücks wahrnehmen konnte, und Alles, was dadurch gewonnen ward, beſtand aus einem ſchmalen Theil deſſelben gelben Lichtſtreifes, d er den ein⸗ förmigen Wolkenvorhang nach Oſten hin unterbrach. Nichts deſto weniger ſchauete Mary Clifford mehre⸗ re Minuten lang das Ganze mit Vergnügen und Theil⸗ nahme an. Sie war gewohnt, früh aufzuſtehen und ein vertrautes Kind des Morgens, und der Thau auf den Blättern war für ſie ein Vergnügen, das ſanfte Grau des frühen Tages gewiſſermaßen eine Einladung zum 6 = Schauen und Genießen. Nachdem ſie den Rehen zuge⸗ ſehen und über die drolligen Sprünge der Haſen ge⸗ lacht hatte, die, da es verboten war, in der Nähe des Hauſes zu ſchießen, ganz furchtlos auf den Raſenplätzen ſpielten, wendete ſie ihre Augen nach dem Platze, wo das dämmernde Morgenlicht ſichtbar war, und da ſie ſich beſann, daß nicht weit von dem Hauſe und der ſoge⸗ nannten Terraſſe ein Punkt war, von wo man die Ausſicht über das ganze Land hatte und wo man mit unterbrochenem Vergnügen alle Wirkungen des anbrechen⸗ den Tages auf die ſchöne Landſchaft wahrnehmen konnte, ſo ging ſie hinaus, um eine eigenthümliche Freude zu ge⸗ nießen, zu der ein ſehr reines, unbeflecktes Gemüth und ein von Natur edles und frommes Herz gehört, wenn ſie völlig verſtanden werden ſoll. 2* 4 Die Stunde war eine ſehr frühe, denn zu dieſer Zeit des Jahres ſteht Herr Phöbus, wie die alten Dich⸗ ter ihn nennen, die Trägheit des Winters abſchüttelnd, bei Zeiten auf, und da die Diener des guten Sir John Slingsby keiner ſehr ſtrengen Zucht unterworfen waren, ſo war noch nicht eine einzige Seele im Hauſe wach, die unſerer Freundin die Thüre hätte öffnen können. Es iſt ſtets eine ſonderbare Empfindung, wenn man allein durch ein Haus geht, deſſen ſämmtliche andere Bewoh⸗ ner noch ſchlafen, die Sache hat etwas Todtenähnliches, es iſt eine augenblickliche Trennung der Bande, die noch — 71— bis vor Kurzem zwiſchen uns und Denen vorhanden waren, welche jetzt bewußtlos ſind; dieſes Gefühl em⸗ pfindet man aber am Stärkſten, wenn der Sonnenſchein des Morgens ſich auf die Erde herabſenkt, wenn die Na⸗ tur wieder aufgelebt iſt, oder aus der nächtlichen Er⸗ ſtarrung erwacht, und andere Dinge ſich ſchon mit raſt⸗ loſer Thätigkeit rühren, obſchon die heitern Gefährten der nur erſt ſeit Kurzem vergangenen Stunden ſtumm und ſtill ſind, als ob die Hand des Todes ſie berührt hätte. Die breite eichene Treppe hinab, auf der ein ſchmaler Teppichſtreifen lag, die alte marmorne Halle mit ihrem gewürfelten Fußboden entlang, ging Mary Clifford ruhig und langſam, und ihr Weg ward nur durch ein Dachfenſter oben und ein großes Fenſter über den großen Thüren erleuchtet, aber ſie konnte die mun⸗ tern Vögel draußen ſingen hören, die Amſel auf dem Gipfel des Baumes, die Waldlerche in dem Schatten, den Hänfling mit ſeinem kurzen, muntern Liedchen und den Buchfinken in ſeiner Frühlingskleidung und mit ſei⸗ nem Frühlingsgeſang in dem Gebüſche. Sie öffnete die Thüre der Bibliothek und ging hinein, indem ſie die Thüre hinter ſich offen ſtehen ließ, dann riegelte und⸗ ſchloß ſie die Glasthüre auf, und ging hinaus und ſchauete ſich um. Einige Rehe, die in der Nähe des Hauſes waren, fuhren zuſammen und zogen ſich einige Schritte zurück, dann blieben ſie ſtehen und gafften ſie an, ob nun aber aus dem Grunde, daß ſie niemals einen ihres Gleichen durch ein Weſen in Frauenskleidern hatten mor⸗ den ſehen, oder ob ſie glaubten, daß das Mädchen, wie auch wirklich der Fall war, ſanft und freundlich ausſehe, wie der Morgen— kurz ſie fürchteten ſich nicht vor ihr, ſondern trabten, nachdem ſie ſie lange angeſchaut, noch einige Schrite weiter und ſteckten dann die Köpfe zuſam⸗ men, um die Sache untereinander zu beſprechen. Nachdem Mary die Thüre wieder geſchloſſen, ging ſie weiter nach der Terraſſe, die ſich in einer Entfer⸗ nung von etwa ein paar hundert Schritten befand, ſtieg die Stufen hinan und ging nach dem Ende, wo auf ei⸗ nem von ſechs alten Taxusbäumen, unter welchen ein Sitz angebracht war, überſchatteten Platze die ſchönſte Ausſicht zu erlangen war und hier blieb ſie wenigſtens zehn Minuten lang ſtehen und trank die Schönheit der Landſchaft, die unter dem Einfluſſe der aufgehenden Sonne tauſendfültige Färbungen annahm. Alles war ſtill und ruhig, endlich aber hörte ſie einige redende Stimmen und ſchauete nach der Richtung hin, in welcher dieſelben ſich vernehmen ließen. „Ein paar von den Stallburſchen,“ dachte ſie, als ihre Augen auf den in einer kleinen Entfernung hinter dem Hauſe liegenden Ställen hafteten, und obſchon es durchaus nicht wahrſcheinlich war, daß dieſe Leute ſie in ihren Traͤumen ſtoͤren würden, ſo ſchickte ſie ſich doch an, wie⸗ der fortzugeben, denn ein großer Theil des Vergnügens, das ſie an dieſem Frühſpaziergange fand, lag in der Einſamkeit deſſelben. Sie wünſchte, daß die Stallburſchen es für paſ⸗ ſend erachtet hätten, noch eine halbe Stunde länger im Bette liegen zu bleiben, als ſie von dem unter dem Rande der Terraſſe liegenden tiefern Boden die leichten und ra⸗ ſchen Fußtritte Jemandes hörte, der anſcheinend von den Ställen nach dem Herrenhauſe ging, und da ſie durchaus nicht wünſchte, irgend Jemandem zu begegnen, ſo wen⸗ dete ſie ſich wieder nach den Taxusbäumen um. Am Ende der Terraſſe jedoch ſtanden die Fußtritte ſtill und dann ſtiegen ſie die Stufen herauf und kamen den Kies entlang auf ſie zu. Marhy ging weiter nach dem Ende und wendete ſich dann, als dicht vor ihr Ned Hayward erſchien, der mit ſeiner gewöhnlichen heitern, freundlichen Miene daher kam, obſchon der Aermel ſeines Rocks aufgeſchnitten war und man ganz deutlich ſehen konnte, daß er Binden um den Arm trug. „Guten Morgen, guten Morgen, Miß Clifford,“ ſagte er, indem er ungezwungen auf ſie zutrat und ihre Hand ergriff,„was für ein prachtvoller Morgen! Ich ſehe, daß Ihr eben ſo dem Frühaufſtehen huldigt, wie ich. Aber habt Ihr jemals eine ſo ſchöne Lachtaubenfarbe geſehen, als womit dieſe Wolken bekleidet ſind? Ich liebe dieſe ruhigen, grauen Morgen, die einen ſchönen — Taz verſprechen, weit mehr, als jene aus lauter Purpur und Gold zuſammengeſetzten Himmel, ſo wie ſie der hochtrabende Marmontel in ſeinen„Incas“ beſchreibt und die ſicherlich ſtees mit Wolken und Regen enden. Mir ſind immer die ſo ſehr hellen Morgen vorgekommen wie eine flotte Modedame, die ihr ſchönſtes Lächeln und ihre ſchönſten Kleider zur Schau trägt, mit den Augen alles Mögliche verſpricht, was ſie nicht zu erfüllen beabſichtigt, und ſich kalt und impertinent benimmt, ehe noch eine halbe Stunde vorüber iſt.“ „Und der graue Morgen, Capitain Hahward,“ fragte Mary lächelnd,„womit vergleicht Ihr den?“ „O das weiß ich nicht gleich,“ antwortete Capitain Hayward lachend.„Ihr müßt meine Phantaſie nicht zu ſehr anſpornen, werthe Dame, ſie mögte ſonſt ſtolpern — vielleicht gleicht der graue Morgen einem ruhigen, wohlerzogenen Landmädchen, das hinter dem ruhigen Geſicht ein liebreiches Herz verbirgt, das einen langen, ſonnenreichen Tag gewährt, nachdem die erſte Kühle voruͤber iſt.“ Marie Clifford ſchlug die Augen nieder und ant⸗ wortete nicht; als ſie aber weiter nach dem Hauſe zu⸗ ging, fuhr Ned Hayward nach ſeiner gewöhnlichen gera⸗ den Weiſe fort:„Jetzt dürft Ihr noch nicht wieder hin⸗ eingehen, meine werthe Miß Elifford, ich bitte Euch, mit mir einige Mal auf dieſer ſchönen Terraſſe auf⸗ und — 75— abzugeren. Ihr müßt es thun, denn ich habe Euch Tau⸗ ſenderlei zu ſagen und weiß, daß ich binnen zwei oder drei Stunden Niemanden anders finden werde, dem ich es erzählen könnte.“ Seine ſchöne Begleiterin glaubte die Bitte des jungen Mannes nicht abſchlagen zu dürfen, obſchon ge⸗ wiſſe ſcheinheilige Leute es ihr ein wenig verdacht haben würden, daß ſie um fünf Uhr Morgens mit einem jun⸗ gen Infanterie⸗Capitain außer Dienſt ſpazieren ging; aber Mary Clifford kannte Capitain Hayward erſt ſeit ſechs und dreißig Stunden, und daher ſah ſie hierin durchaus nichts Unſchickliches. Junge Damen, welche ſich ſo ängſtlich davor huͤten, daß man ihnen die Cour mache, vergeſſen, daß ſie dadurch zeigen, was ſie erwar⸗ ten. Sie kehrte daher ſogleich mit ihm um und entgeg⸗ nete:„Ihr müßt uns wirklich eine lange Reihe von Abenteuern zu erzählen haben, ich freue mich, allen Ue⸗ brigen im Hauſe zuvorzukommen und die Neuigkeiten drei Stunden eher zu erfahren, als ſonſt Jemand. Wir wa⸗ ren alle geſtern Nacht in großer Beſorgniß um Euch. Mein Onkel und Mr. Beauchamp und ein halbes Du⸗ zend Diener machten ſich auf, eine Meldung von Ste⸗ phen Gimlet, wie er genannt wird, dem Vater des klei⸗ nen Knaben, den Ihr gerettet habt, auf, um Euch aufzuſuchen, aber Euer Briefchen kam gerade noch Zeit genug, um ſie zum Dableiben zu bewegen.“ „Ah, dann hat Meiſter Gimlet meine Geſchichte wahrſcheinlich ſchon erzählt?“ ſagte Ned Hayward. „Nur ſehr kurz,“ antwortete die junge Dame,„er ſagte, Ihr hättet einen Mann über die Gemeindewieſe gejagt, dieſer haͤbe nach Euch geſchoſſen, und es ſtehe zu vermuthen, daß Ihr verwundet worden, und nach dem, was ich ſehe, iſt dieſe Vermuthung gegründet.“ „O, es war Nichts, gar Nichts,“ entgegnete Ned Hayward,„ich werde Euch aber die Geſchichte ſo um⸗ ſtändlich erzählen, wie ein Zeitungsblatt,“ und er be⸗ gann unn mit heiterm, lebhaftem Tone einen Bericht über ſeine Abenteuer in der vergangenen Nacht bis zu feiner Ankunft in Burton's Gaſthof zu geben. Zuwei⸗ len mußte Mary Clifford darüber lachen, zuweilen ſah ſie ernſt und beſorgt aus, aber fortwährend empfand ſie das lebhafteſte Intereſſe für ſeine Geſchichte, und zeigte, daß ſie auf einen Theil derſelben beſonders gemerkt hatte, indem ſie fragte:„Alſo Ihr kanntet den Mann, als Ihr ſein Geſicht ſo deutlich in der Grube ſaht?“ „Bis zu jenem Augenblick glaubte ich ihn allerdings zu kennen,“ entgegnete der Capitain,„aber dann ſah ich, daß ich mich irrte. Ich will Euch geſtehen, meine wer⸗ the Miß Clifford, daß bis zu dem Augenblicke, wo er ſich umdrehete, ich ihn für einen Mann hielt, den ich ſchon früher geſehn— dieſelbe Größe, dieſelbe Stärke — und unter den beſtehenden Umſtänden fühlte ich, daß — 77— Nichts mich rechtfertigen würde, die Verfolgung aufzu⸗ geben, obſchon es, das verſichre ich Euch, mir ſehr ſchmerzlich war, einen jungen Mann zur Strafe ziehen zu müſſen, für welchen Ihr Euch, wie ich nach dem, was Ihr geſtern bei Tiſche ſagtet, vermuthen muß, be⸗ deutend intereſſirt.“ „Für wen? Für Mr. Wittingham?“ rief Mary Clifford, während ihr Geſicht roth ward, wie Scharlach, „O Capitain Hayward, da irrt Ihr Euch, ich intereſſire mich für ihn gar nicht, ich verabſcheue ihn, oder wenig⸗ ſtens— wenigſtens bin ich ihm ſehr abgeneigt.“ Ned Hayward ſah ziemlich verblüfft aus und war es auch wirklich in bedeutendem Grade. Seine eigenen Vorausſetzungen hatten beigetragen, ihn irre zu führen, und der Menſch faßt niemals eine irrige Meinung, ohne daß Tauſend kleine Umſtände ſich ergeben, die ihn darin beſtärken. Der Menſch kann ſich nach grünen Feigen ſehnen, aber in England wird er ſie im Monat Merz nicht bekommen; er kann ſich nach Weintrauben ſehnen, und im Mai kann er ſie nicht finden; wenn er aber ir⸗ gend einen Verdacht hat, ſo wird er, ſo oft es ihm be⸗ liebt, eine Menge kleiner Züge und Vorfälle auffinden, die ihn darin beſtärken, denn die einzige Frucht, welche zu allen Jahreszeiten reif iſt, ſind beſtätigende Verdachts⸗ gründe und es müßte ein ſchwieriger Fall ſein, für den bei der großen Maſſe von Ereigniſſen, die fortwährend — 78— auf dem Markte des Lebens ſich herumtreiben, ſich nicht genug dergleichen auffinden ließen. Rachdem Ned Hah⸗ ward einen Augenblick nachgedacht, antwortete er vorſich⸗ tiger, als man hätte erwarten können:„Ich habe mich, wie es ſcheint, in Euch geirrt, geehrtes Fräulein,“ ſagte er endlich,„und ſolche Irrthuͤmer können gefährlich ſein. Ich habe kein Recht, mich in Euer Vertrauen einzudrän⸗ gen, aber die Sache wird wirklich ernſthaft. Als ich zuerſt das Vergnügen hatte, Euch zu ſehen, fand ich Euch einer großen Frevelthat, wie man es wirklich nen⸗ nen kann, ausgeſetzt. Ich nenne es ſo, denn ich bin vollkommen überzeugt, daß Ihr es ſelbſt als eine ſolche betrachtet haben müßt, und es ließ ſich nicht dafür irgend eine Entſchuldigung denken, ausgenommen“— er ſchwieg einen Augenblick und fügte dann ernſt hinzu:„ausge⸗ nommen Liebe auf beiden Seiten, die durch aus den Vourtheilen Anderer hervorgehende Hinderniſſe getäuſcht worden.“ Marie Clifford erröͤthete tief, ließ ihn aber weiter ſprechen.„Ich brauche Euch nach dem, was ich geſagt habe,“ fuhr er fort,„weiter nicht zu ſagen, daß ich die bei jener Sache betheiligte Hauptperſon erkannt und aus⸗ gemittelt habe. Bei Tiſche gabt Ihr den Wunſch zu er⸗ kennen, daß der Uebelthäter nicht geſtraft werden mög⸗ te, aber auf das frühere Vergehen folgte ein ehr ern⸗ ſtes Verbrechen. Ein Schuß ward geſtern Abend in das Speiſezimmer Eures Onkels unter eine Geſellſchaft von Herren, die ruhig bei ihrem Weine ſaßen, hineinge⸗ feuert, der beinahe den Vater deſſelben Mannes getrof fen hätte, der ſchon durch ſeinen Angriff auf Euch den Geſetzen ſeines Landes verfallen war. Ich hatte Ver⸗ dacht, daß er auch der Verüber dieſes Verbrechens ſei⸗ und obſchon er ſicherlich nicht die Perſon war, die ich über das Moor hinweg verfolgte, ſo habe ich doch ſehr ſtarken Grund, zu glauben, daß er an dem Verbrechen mit ſchuldig ſei. Es ſind dies alles ſehr ernſte Umſtän⸗ de, meine werthe junge Dame, aber ich kenne nicht die, welche dieſen Ereigniſſen vorausgegangen ſind, und wenn Ihr, ohne Euch ſelbſt Schmerz zu verurſachen, mir ei⸗ nige Erläuterungen geben könntet, die mir einigen Auf⸗ ſchluß über die Urſache aller dieſer Vorfälle gewährten, ſo könnte das in vieler Hinſicht ſehr gut ſein. Ich bin uͤberzeugt, Ihr werdet mir freimüthig antworten, wenn es möglich iſt, und glaubt mir, daß ich nicht der Mann bin, der ſchroff handeln oder Euer Vertrauen mißbrau⸗ chen könnte— ja noch mehr, ſo leichtſinnig ich auch ſcheinen mag, und obſchon man mich ſo nennt, ſo könnt Ihr doch verſichert ſein, daß ich Nichts ohne Ueberlegung und Vorbedacht thun werde.“ „Das bin ich von Euch überzeugt, Capitain Hah⸗ ward,“ antwortete Mary Clifford mit Wärme,„und ich zögerte nicht, Euch mein Vertrauen zu ſchenken, obſchon — ich wirklich nur ſehr Wenig zu erzählen habe. Solche Dinge ſind immer ein ſehr unerfreulicher Stoff zu Ge⸗ ſprächen, und dies iſt der einzige Grund, aus welchem ich zeither geſchwiegen; die Aufführung des jungen Mannes iſt aber eine ſo ſehr öffentlich bekannte geworden, daß ich in Rückſicht auf ihn aller Bedenklichkeiten enthoben bin. Vor ungefähr zwei Jahren traf ich Mr. Henry Wittingham auf dem Grafſchaftsballe, tanzte dort mit ihm und bemerkte in ſeinem Benehmen Nichts, was mich hätte bewegen können, ihn anders zu behandeln, als an⸗ dere neue Bekanntſchaften. Er kam mir nicht liebens⸗ würdig vor, aber er hatte nichts Abſtoßendes. Er for⸗ derte mich an demſelben Abend nochmals zum Tanze auf und ich ſchlug es ihm ab, kurz nachher aber ward er förmlich in unſer Haus eingeführt, mein Vater lud ihn zu Tiſche ein und war in der That ſehr gütig ſo⸗ wohl gegen ihn, als gegen Mr. Wittingham, ſeinen Va⸗ ter, weil er glaubte, daß ſie mit Unrecht von dem Land⸗ adel ihrer Herkunft wegen über die Achſel jangeſehen und kalt behandelt würden. Ich begann bald zu finden, daß— daß— ich weiß wirklich nicht, wie ich mich aus⸗ drücken ſoll— kurz, daß die Beſuche dieſes jungen Herrn häufiger wurden, als mir lieb war, und daß er beſon⸗ ders, wenn wir öffentlich erſchienen, es immer ſo einzu⸗ richten wußte, daß er in meiner Nähe war. Seine Un⸗ terhaltung, ſeine Manieren wurden mir, ſo wie ich ihn näher kennen lernte, im höchſten Grade unerträglich, ich ſuchte ihn zu meiden, ſo viel ich konnte, und ſeine An⸗ näherung zu hindern, anfangs ganz in der Stille und ohne Jemandem ein Wort davon zu ſagen, denn ich wünſchte keinen Bruch zwiſchen Mr. Wittingham und meinem Vater herbeizuführen; endlich aber fand ich, daß er ſich öffentlich ſeiner angeblich vertrauten Bekanntſchaft rühmte, und nun hielt ich es für das Beſte, ſowohl mit meiner Mama, als mit meinem lieben Vater darüber zu ſprechen. Was in der Sache geſchah, weiß ich wirklich nicht, aber ſicherlich fand Etwas ſtatt, was ſowohl den Vater als den Sohn ſehr wüthend machte, und es ward dem Letztern unterſagt, unſer Haus wieder zu beſuchen. Die Folge war aver keineswegs Befreiung von ſeinen Nachſtellungen. Von dieſem Augenblicke an beliebte es ihm, anzunehmen, daß der Einwand von Seiten mei⸗ ner Eltern erhoben worden, und ich kann Euch kaum ſagen, wie ſehr ich behelligt worden bin. Ich habe nicht gewagt, allein auszugehen, denn obſchon ich ihm einmal, als ich ihm im Dorfe begegnete, meine Meinung gerade herausſagte, ſo blieb er doch auf die widerlichſte Weiſe dabei, daß ich blos auf Eingebung meiner Mutter ſo ſpräche, und monatelang trieb er ſich in der Umgegend herum, bis ich endlich vor dem Anblick jedes menſchlichen Weſens zurückbebte, das ich nicht ſogleich erkannte. Die⸗ ſe letzte Frevelthat iſt ſchlimmer geweſen, als alles An⸗ Beauchamp. Zweiter Band. 6 dere, und ich gebe zu, daß ſie Strafe verdient, nur fürch⸗ te ich nach verſchiedenen Umſtänden, welche die That begleiteten, daß das Geſetz dieſelbe, wenn es in Ausübung gebracht werden ſollte, zu hart ſtrafen würde. Mein Onkel erklärte, er würde den Mann, wenn er ihn er⸗ wiſchte, an den Galgen bringen, und denkt Euch, Capi⸗ tain Hayward, wie ſchrecklich es für mich mein ganzes Leben hindurch ſein würde, daran zu denken, daß ich die wenn auch unſchuldige Urſache geweſen, die einen Mitmenſchen zu einem ſchimpflichen Tode gebracht.“ „Es wäre allerdings ſchmerzlich, daran zweifle ich nicht,“ antwortete Ned Hayward,„aber doch—“ „Nein, nein,“ rief Mary,„ſagt nicht aber doch, Capitain Hayward. Ich könnte mich niemals entſchließen, Zeugniß gegen ihn abzulegen, und um egoiſtiſch zu ſpre⸗ chen, ſo würde ſchon der Umſtand, daß ich in einem Gerichtshofe erſcheinen und meinen Namen in öffentli⸗ chen Blättern leſen müßte, die Strafe für mich eben beinahe ſo groß machen, als für ihn. Dies waren mei⸗ ne einzigen Beweggründe zu dem, was ich geſtern ſagte, und ich empfinde nicht das geringſte perſönliche Intereſſe für einen Menſchen, der ſich, fürchte ich, in allen La⸗ gen des Lebens geſchändet hat.“ Aus einem oder dem andern Grunde freuete ſich Ned Hayward, Marh Clifford ſich und zwar mit ſo viel Wärme gegen die Zumuthung verthridigen zu hören, — 83— daß ſie irgend ein Gefühl der Achtung gegen Harry Wit⸗ tingham hege, aber er trug Sorge, das Vergnügen, das er empfand, ſich nicht in vollem Grade merken zu laſ⸗ ſen. „Ich hielt es allerdings für etwas ſeltſam,“ ſagte er,„daß Ihr irgend ein großes Gefühl von Achtung für eine Perſon empfinden ſolltet, welche mir ſicherlich derſelben nicht werth zu ſein ſchien; aber es giebt oft Umſtände, meine werthe Miß Clifford, die das Auge des zufälligen Beobachters nicht bemerkt, und welche zwei Perſonen einander theuer machen können, die ſich ganz unähnlich zu ſein ſcheinen— Jugendfreundſchaft, gelei⸗ ſtete Dienſte, alte Erinnerungen— Tauſend Dinge, die ſtärker ſind, als alle widerſtreitenden Grundſätze, bauen dergleichen zwiſchen Perſonen auf, die nicht die mindeſte Geiſtesverwandtſchaft mit einander zu haben ſcheinen. Ich dachte, daß dies auch mit Euch der Fall wäre, da es dies aber nicht iſt, ſo laßt mich Euch das Ende mei⸗ nes Abenteuers in der vorigen Nacht erzühlen, und dann werdet Ihr ſehen, welche Urſache ich zum Argwohn ha⸗ be. Ich muß Euch erſtens mittheilen, daß ich mir die Perſon des Mr. Henry Wittingham an dem Abende des Anfalls ungeachtet des Zwielichts ſehr wohl gemerkt har⸗ te und daß ich ihn geſtern in Tarningham ſah. Die Abgeneigtheit ſeines Vaters, auf die Anklage einzugehen, als ſie gegen einen Unbekannten erhoben ward, erregte 6* Verdacht, aber ich erfuhr ſpäter aus andern Quellen, daß Mr. Wittingham und ſein Sohn ſich mit einander gezankt hatten und ganz uneinig waren und in dem Amtszimmer flüſterte der junge Mann dem Alten Et⸗ was ins Ohr, wovon ich nur zwei oder drei Worte ver⸗ nahm, aber dieſe waren drohender Art. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß ich die Geſtalt des Mannes, der den Schuß abfeuerte, zu erkennen glaubte, und Stephen Gim⸗ let erklärte, er könne drauf ſchwören, daß das Pferd, welches derſelbe ritt, Henry Wittingham's ſei; aber ich fand, wie ich ſchon geſagt habe, daß der Mann in der Sandgrube ein Unbekannter war. Als ich, nachdem ich ihn ſo lange verfolgt, als ich eine Spur hatte, endlich an ein Haus kam, welches, wie ich höre, Buxtons Gaſt⸗ hof heißt, ſah ich daſſelbe Pferd in dem Stalle in ei⸗ nem Zuſtande, der nicht daran zweifeln ließ, daß es mehrere Stunden lang geritten worden und noch nicht fünf Minuten herein ſei. Ich fragte uach dem Herrn deſſelben und man ſagte mir die Numer des Zimmers, in welchem ich ihn finden würde. Ich ging ſtracks hin⸗ ein und fand Mr. Henry Wittingham ruhig beim Abend⸗ eſſen ſitzend. Es folgte eine Unterredung, in deren Ver⸗ laufe ich ihm die Urſache meiner Zudringlichkeit mittheil⸗ te und ſein ganzes Weſen war verwirrt und aufgeregt. Er ſchwur, daß Niemand ſein Pferd geritten habe und that, als ob er es nicht glaube, aber ich bewog ihn, — 85— mit in den Stall herunterzukommen, wo ihm natürlich der Mund geſchloſſen ward.“ „Aber wer hatte es denn geritten?“ rief Miß Clif⸗ ford. „Ja, das weiß ich nicht,“ antwortete Ned Hay⸗ ward,„aber ich beſchloß in dem Gaſthofe zu warten und zu ſehen, ob ich Etwas herausbekommen könnte. Ich ward in ein ſehr nettes kleines Zimmer gewieſen und ſchrieb hier ein Briefchen an Euern Onkel Sir John, während man mir den Kaffee bereitete. Es war jetzt beinahe zehn Uhr, und zu beiden Seiten meines Zimmers befanden ſich zwei anſcheinend ähnliche, mit denen das meinige durch eine Thüre in Verbindung ſtand. Ich vermuthe, daß ſie hinreichend verſchloſſen waren, um die Paſſage irgend eines ſehr dicken oder körperlichen Gegen⸗ ſtandes aus einem Zimmer in das andere zu verhindern, aber ſicherlich waren ſie nicht ſo gut verwahrt, daß auch nicht der Schall hindurchzudringen vermogt hätte. Es kann von mir ſeltſam erſcheinen, meine werthe Miß Clif⸗ ford, wenn ich Euch eine Schilderung von den Zimmern eines Gaſthofs gebe, aber es kommt in dieſer Welt auf Das, was man Jurtapoſition nennt, ſo viel an, daß ſehr wichtige Ereigniſſe vom Schlüſſelloch einer Thüre abgehangen haben. Ihr müßt jedoch nicht vorausſetzen, daß ich eins meiner Schlüſſellöcher in meinem Zimmer zu dem lobenswerthen und ehrenvollen Zwecke des Hor⸗ 3 — 86— chens benutzte, im Gegentheil ſprach ich laut genug mit dem Kellner, um meinen Nachbarn, wenn ich deren hätte, hinreichend anzudeuten, daß die in dem einen Zim⸗ mer ſprechenden Stimmen in dem andern hörbar ſeien, und es ſchien, als ob Mr. Henry Wittingham, der ſich in dem Zimmer linker Hand befand, entſchloſſen ſei, mir nicht blos dieſelbe Thatſache einzuprägen, ſon⸗ dern auch zu verſtehen zu geben, daß er über die Be⸗ handlung, die ſeinem Pferde widerfahren, höchſt er⸗ grimmt ſei, denn er ſchimpfte und fluchte ganz laut, worauf der Kellner aber, oder mit wem er ſonſt ſprach, nicht antwortete. Auf der rechten Seite ſchien ſich noch Niemand zu befinden, denn ungefähr nach einer halben Stunde, als ich bei meinem Kaffee ſaß und mein Brief⸗ chen bereits abgefertigt hatte, hörte ich Tritte von unten herauf kommen und die Stimme des Kellners ganz ehr⸗ erbietig ſagen:„Ich will dem Capitain ſagen, daß Ihr hier ſeid, Mr. Wharton.“ „Es war alſo Mr. Wharton, der Advokat?“ rief Mary etwas begierig. „Das kann ich wirklich nicht ſagen,„ antwortete Ned Hayward,„aber ich vermuthe nach Dem, was ſpäterhin paſſirte, daß er es war. Alles war etwa drei Minuten lang ſtill, ausgenommen, daß ich Jemanden im Zimmer auf und ab gehen hörte. Da Euer Onkel Mr. Whartons Namen im Laufe des geſtrigen Tages mehr als ein Mal genannt hatte, ſo glaubte ich, der Advokat habe mit Jemandem ein Geſchäft vor, welches ich ge⸗ rade nicht zu hören brauchte, und ich klapperte daher etwas nachdrücklich mit meinen Taſſen, rückte den Stuhl hin und her, warf einen Schemel um und verließ mich darauf, daß man dieſe Winke verſtehen würde.“ „Mr. Wharton iſt ein ſehr ſchlauer Mann,“ ſagte Mary Clifford,„an dem ſonſt kein Wink verloren iſt, ſollte ich meinen.“ „Es beliebte ihn aber doch nicht, dieſen zu beach⸗ ten,“ entgegnete Ned Hayward,„denn nach Verlauf von fünf Minuten ſchien Jemand bei ihm einzutreten, welcher in lautem, vertraulichem Tone rief:„Hm, wie geht's Euch, Wharton?— Freue mich ſehr, Euch wiederzuſehen! Ich hoffe, daß Ihr mir doch Geld mitge⸗ bracht habt?“. „War es Mr. Wittingham's Stimme?“ fragte Miß Clifford. „O bewahre, nein,“ entgegnete Ned Hahward, „eine von ganz anderm Tone, es lag viel von derſelben brutalen Unverſchämtheit darin, aber wie mir vorkam, auch etwas viel Dreiſteres, Entſchloſſeneres und Verſtockteres. Dann und wann trat auch eine kleine Pauſe ein, ehe ein Wort geſprochen ward, wie das hinterliſtigen Leuten eigen zu ſein pflegt, aber doch lag auch eine Art von hämiſchem Spotte in den Worten, — 898— den ich am Häufigſten bei ſtrohköpfigen Modegecken ange⸗ troffen habe, deren ganze Empfehlung in Unverſchämtheit und einer gewiſſen Stellung in der Geſellſchaft beſteht. Jedoch Mr. Wittingham konnte es nicht ſein, denn die⸗ ſer müßte dieſen Advokat doch ſehr gut gekannt haben, und ſeine Antwort war: Freilich habe ich Euch keins mitgebracht, Capitain Moreton, aber ich hielt es für das Beſte, gleich herüber zu kommen und Euer Billet perſönlich zu beantworten, um zu ſehen, was ſich für Euch thun ließe.“ „Capitain Moreton!“ rief Mary.„Den kenne ich ſehr gut— nicht als ob ich ihn je geſehen, ſo viel ich mich entſinnen kann, denn er verließ dieſe Gegend ſchon vor zehn oder zwölf Jahren, als ich noch ein Kind war, aber ich habe meinen Vater oft ſagen hören, daß er ein ſchlechter, frecher Menſch geweſen und ein vollſtändi⸗ ger Abenteurer geworden ſei, nachdem er ſeine Mutter zu Tode gekränkt, ſeine andern Verwandten in's Ver⸗ derben geſtürzt und die Tage des armen alten Mr. Moreton ebenfalls verkürzt. Letzterer ſtarb vor drei Jahren in ganz armſeligen Umſtänden, nachdem er ſein Gut an dieſen ſelben Mr. Wharton verkauft, oder verpfändet, oder ſo etwas Aehnliches damit vorgenommen⸗ hatte.“ „So!“ ſagte Ned Hayward.„Das erklärt ſchon 4 — 89— Viel, meine werthe junge Dame. Wo lag denn ſein Be⸗ ſitzthum?“ „Gleich jenſeits deſſen meines Onkels, in kurzer Entfernung auf der andern Seite des Moors,“ entgeg⸗ nete Miß Clifford. Ned Hayward verſank in augenblickliches Nachden⸗ ken und antwortete nicht ſogleich, endlich ſagte er lachend: „Na, ich weiß nicht, ob Ihr Geſpräch Euch ſehr intereſ⸗ ſiren würde, obſchon ich gegen meinen Willen einen gro⸗ ßen Theil deſſelben hörte, und was das Uebrige betrifft, ſo muß ich ſelbſt ſehen, wie ich die Sache am Beſten mache.“ „Ihr quält mich, Capitain Hayward,“ ſagte ſeine ſchöne Begleiterin,„und Ihr ſcheint damit anzudeuten, daß ich in Etwas behülflich ſein könne. Wenn ich das kann, ſo halte ich Euch für verbunden, mir es zu ſagen. Vertrauen um Vertrauen, wißt Ihr!“ Und als ſie das geſagt hatte, erröthete ſie leicht, als ob ſie fühlte, daß in ihren Worten mehr läge, als ſie habe ſagen wollen. „Ganz gewiß,“ entgegnete Ned Hayward,„aber ich fürchte nur, Euch zu bekümmern.“ „Wenn das, was Ihr ſagt, ſich auf Mr. Witting⸗ ham bezieht,“ antwortete die junge Dame, indem ſie mit einem Blicke freimüthiger Offenheit ihre Augen zu ſeinem Geſichte erhob,„ſo laßt mich Euch ein für alle Mal verſichern, daß Nichts, was Ihr ſagt, mich beküm⸗ mern kann, wenn nur darin nicht geſagt wird, daß ich für den jungen Mann Etwas mehr empfinde, als die kälteſte Gleichgültigkeit.“ „Nein, es bezieht ſich auf ihn gar nicht, ſondern auf Jemanden, der Euch lieber iſt.“ „Wie?“ rief ſeine Begleiterin mit vor Unruhe zit⸗ ternden Lippen,„ſagt mir's— ſagt mir's, Capitain Hayward. Nach Dem, was Ihr angedeutet habt, muß ich Euch inſtändig bitten, mir Alles zu ſagen.“ „Nun, ſo will ich es denn,“ antwortete Ned Hay⸗ ward, indem er ſie mit einem Blicke der Bewunderung, in den ſich Kummer über den Schmerz miſchte, den er ihr jetzt verurſachen mußte, anſchauete.„Ich glaube, Miß Clifford, daß ich eine Indiscretion begehe, wenn ich dieſe Sache überhaupt gegen Euch erwähne, denn ich weiß nicht, ob Ihr dafür etwas Weſentliches thun könnt, und doch liegt Etwas darin, wenn man ſich mit Jemandem berathen kann, auf deſſen Edelmuth, auf deſſen Herzensgüte, Mitgefühl, ja und auch rich⸗ tigen Verſtand man volles Vertrauen ſetzt. Ueberdies kennt Ihr, glaube ich, alle Leute in der Umgegend und könnt mir einige nützliche Winke geben.“ „Aber ſprecht— ſprecht,“ ſagte Miß Clifford, in⸗ dem ſie ſtillſtand, als ſie ſah, daß er um den Gegen⸗ ſtand, von dem er glaubte, daß ſie ſich darüber beküm⸗ mern werde, ſchüchtern herumging,„was iſt es, was Ihr mir mitzutheilen habt?“ „Nun ich fürchte ſehr, meine werthe junge Dame,“ antwortere Capitain Hayward,„daß Euer Onkel in großer Verlegenheit ſteckt— ja— weshalb ſoll ich die Sache verhehlen?— daß er am Rande gänzlichen Ver⸗ derbens ſteht.“ Mary Clifford ſchlug die Hände zuſammen und war eben im Begriff, mit einem Ausruf des Kummers und der Ueberraſchung zu antworten; aber ich glaube wirklich, daß es noch niemals Jemandem auf Erden geſtattet war, ohne Unterbrechung eine Erklärung von ſich zu geben. Die Schickſalsgötter ſind dagegen, wenigſtens waren ſie es in dieſem Falle; denn gerade als Ned Hehward die letzten ſehr ernſten Worte geſprochen hatte, hörten die Beiden einen leichten Tritt hinter ſich herangetrippelt kom⸗ men, ſie dreheten ſich ſchnell herum und erblickten Miß Slingsbh's Franzöſiſches Kammermädchen. „Ah, Mademoiſelle,“ ſagte ſie, als ſie herankam, „ich ſah Euch ſo früh ausgehen und bemerkte, daß Ihr gar Nichts umhattet, deshalb bringe ich Euch Euern Shawl.“ „Ich danke, ich danke, Minette,“ entgegnete Mary, und da ſie an Morgenſpaziergänge ſehr gewöhnt war, ſo wollte ſie den Shawl zurückweiſen, ſie glaubte aber, das ſchnellſte Mittel, das Mädchen wieder los zu werden, ſei, das Dargebotene zu nehmen, und ſetzte daher hinzu. „Ja, gut— gieb ihn her,“ und warf ihn nachläſſig um die Schultern. Das Mädchen wollte ſich mit dieſem Arrangement jedoch nicht begnügen, ſondern gab den Shawl noch⸗ mals ſelbſt um, zeigte, wie die Pariſer Damen ihn trü⸗ gen, und brachte damit zehn Minuten zu, während wel⸗ cher das arme Schlachtopfer allen Qualen der Unge⸗ wißheit und Erwartung preis gegeben blieb. Fünftes Kapitel. Miß Clifford wird vom Capitain Hayward von der bedraͤng⸗ ten Lage ihres Onkels in Kenntniß geſetzt. Sobald als das Mädchen ſich entfernt hatte, ſagte Ned Hahward mit freundlichem, gefühlvollem Tone: „Ich fürchte, ich habe Euch ſehr bekümmert, Miß Clif⸗ ford, laßt uns bis ganz an das andere Ende der Ter⸗ raſſe gehen und dieſe Sache beſprechen, denn ich bin zur Enthüllung dieſer ſchmerzlichen Thatſache nur durch das Verlangen getrieben worden, mich mit Jemandem über die Möglichkeit zu berathen, dem vorhandenen Uebel⸗ ſtand, wo nicht abzuhelfen, doch im weitern Fortgang Einhalt zu thun.“ Mary ging ſchweigend mit gefalteten Händen neben ihm her und ſchlug, in tiefe Gedanken verloren, die Au⸗ gen zu Boden, endlich aber ſagte ſie, als ob ſie mit ſich ſelbſt ſpräche:„Iſt es möglich? Bei dieſem ſchönen Be⸗ ſitzthum? Wie ſollte das zugehen, Capitain Hayward? Das Beſitzthum meines Onkels gewährt wenigſtens acht — 94— Tauſend Pfund jährliche Einkünfte, womit er machen kann, was er Luſt hat.“ „Um Alles zu erklären, iſt es am Beſten, Euch mit⸗ zutheilen, was ich gehört habe,“ ſagte ihr Begleiter. „Die Geſchichte kann unwahr ſein, ich hoffe, daß ſie es zum Theil iſt, ein großer Theil davon aber muß wahr ſein und der Mann ſprach wie aus der beſten Quelle. Der erſte Theil dieſes Geſprächs fand in ziemlich leichtem Tone ſtatt; eine Zeit lang ſchien der Advokat nicht auf den Gegenſtand eingehen zu wollen und fragte ſeinen Beſucher nach„Madame“ und zwar nicht gerade auf die ehrerbietigſte Weiſe. Der Capitain entgegnete, ſie befinde ſich ſehr wohl und ſei in dem andern Zimmer, drängte aber den Advokaten immer mehr nach dem be⸗ abſichtigten Punkte hin. Mr. Wharton drehete ſich noch⸗ mals herum und fragte, ob Capitain Moreton in der letzten Zeit Glück im Spiele gehabt. Er antwortete: „Es iſt ſo leidlich gegangen, kurz vor meiner Abreiſe von London gewann ich noch Tauſend Pfund,“ fügte aber ſogleich hinzu:„Na, nun laßt uns aber nicht wei⸗ ter leeres Stroh dreſchen, Wharton, Ihr wißt, daß Ihr mir fünf Hundert Pfund ſchuldig ſeid und ich muß ſie jetzt haben.“ Darauf antwortete der Advokat:„Nein, Ca⸗ pitain Moreton, da irrt Ihr Euch; ich habe es Euch ſchon zwei Mal geſagt, das Beſitzthum ward an einen Clienten von mir verkauft, und wenn ich meine ganze Liquidation hätte einreichen wollen, ſo würde Euer Va⸗ ter bedeutend mein Schuldner geweſen ſein, anſtatt ich der Eurige. Der Kaufpreis war vier und funfzig Tau⸗ ſend Pfund; vierzig Tauſend davon wurden zur Abzah⸗ lung der Hypothek und Eurer Schulden verwendet, zwölf Tauſend bekam Euer Vater und meine Liquidation nebſt der des Anwalts der Gegenpartei belief ſich in der That und Wahrheit auf zwei Tauſend vier Hundert und zwei und ſiebenzig Pfund. Ihr werdet Euch erin⸗ nern, daß ich ſechs Jahre lang nicht bezahlt worden war.“ „Das nächſte was ich hörte,“ fuhr Ned Hahward fort,„war ein lautes Gelächter und dann rief Capitain Moreton:„An Euern Clienten! Wharton! Das iſt wirklich nicht übel, Ihr muͤßt mich für einen außeror⸗ dentlichen Neuling halten. Ich weiß ſo gut, als man nur wiſſen kann, wer das Beſitzthum für zwei Drittel des Werthes kaufte, andere Advokaten für einen fingir⸗ ten Clienten auftreten ließ, die eine Hälfte ihrer Liqui⸗ dation in die Taſche ſteckte und noch ſelbſt eine Liqui⸗ dation hinzufügte, die mehr als das Doppelte von dem betrug, wozu er berechtigt war— ja, ja, Sir, thut nur nicht, als ob Ihr in Hitze geriethet, denn wir ha⸗ ben hier über Geſchäftsſachen zu ſprechen und zwar über ſehr ernſte. Ihr ſeid eben im Begriff, das Beſitzthum wieder für den vollen Werth zu verkaufen, und ehe Ihr das thut, müßt Ihr erſt ein wenig bluten.“ Der Ad⸗ 96— vokat verſuchte aufzubrauſen, aber es half Nichts, denn als er fragte, wie Capitain Moreton ihn verhindern wolle, das Beſitzthum zu verkaufen, ſelbſt im Falle, daß Alles, was er geſagt, wahr ſei, erinnerte ihn dieſer würdige Herr, daß ſeine Unterſchrift zu dem Dokumente nöthig geweſen ſei, und als der Advokat behauptete, daß er dieſe Un⸗ terſchrift beſitze, theilte ihm Moreton lachend mit, daß die Unterſchrift, die er bekommen, die eines Billardmar⸗ queurs ſei, da der Schreiber, den er ihm nach Paris nachgeſchickt, ihn nicht perſönlich gekannt habe. Mr. Wharton verſuchte darzuthun, daß dies weiter Nichts zu bedeuten habe, aber die Sache endete doch in ſo weit, daß er eine Anweiſung auf fünf Hundert Pfund gab, wogegen Capitain Moreton eine andere Schrift unter⸗ zeichnete, die, wie ich glaube, in dem Zimmer erſt auf⸗ geſetzt ward, denn es trat ein minutenlanges Schweigen ein. Ein Theil von Dem, was dann geſprochen ward, war etwas undeutlich, und ich gab mir auch weiter keine Mühe, es zu hören.“ 5 „Aber, mein Onkel?“ ſagte Miß Clifford.„Was geht das meinem Onkel an?“ „Dieſer kam zunächſt auf's Tapet,“ entgegnete Ned Hayward.„Capitain Moreton fragte, wer das Beſitzthum kaufen wolle, und als der Advokat geheim⸗ nißvoll that und ſagte, er kenne die wirklichen Perſonen ſelbſt nicht, Doctor Miles agire bei der Sache als Un⸗ — 97— terhändler, ſo nannte der Capitain Sir John als den wahrſcheinlichen Käufer. Darüber ſchlug Mr. Wharton ein herzliches Gelächter auf und ſagte:„Ich will Euch etwas ſagen, Capitain, Sir John Slingsby iſt in die⸗ ſem Augenblicke ſo ziemlich zum Bettler reducirt.“ Mary bedeckte die Augen mit den Händen und ward ſehr bleich. „Vergebt mir, meine werthe Miß Clifford,“ fuhr Ned Hayward fort,„daß ich ſolche unangenehme Worte wiederhole, es iſt aber beſſer, daß Ihr Alles hört. Ich will mich jedoch beeilen. Capitain Moreton that, als ob er die Geſchichte nicht glaube, und dann fuhr der Advokat fort, ſich über die Thatſachen näher auszuſpre⸗ chen. Er erklärte, daß das Beſitzthum Eures Onkels bis auf's Aeußerſte verſchuldet ſei, daß die Zinſen von zwei Halbjahren in vier oder fünf Tagen fällig wären, daß die Capitale gekündigt worden und der Termin nicht mehr ſechs Wochen entfernt ſei, daß außerdem noch beträchtliche perſönliche Schulden da wären, und daß Sir John ihm nur erſt geſtern geſchrieben habe, um einen fernern Vorſchuß von zehntauſend Pfund zu bekommen, welche abſolut nothwendig ſeien, um den gänzlichen Ruin, wenn auch nur auf kurze Zeit, abzu⸗ halten. Nun weiß ich zufällig, daß Sir John wirklich an dieſen Mann geſchrieben hat, und da Mr. Wharton weiter keinen Grund haben konnte, die Perſon, mit der Beauchamp. Zweiter Band. 7 —— er ſpach, zu belügen, ſo fürchte ich, daß die Sache nur zu wahr iſt.“ „Guter Himmel, was iſt da zu thun?“ rief Mary Elifford.„O Capitain Hayward, wie ſchrecklich iſt es, dies zu wiſſen und nicht helfen zu können!“. Capitain Hayward ſchwieg einen Augenblick und antwortete dann mit einem Blicke der innigſten Theil⸗ nahme:„Viellricht hätte ich Euch es nicht erzählen ſol⸗ len, Miß Elifford,“ ſagte er,„aber ich fürchte, daß ich ein ſehr unüberlegter Menſch bin und doch habe ich es nicht ohne Ueberlegung gethan. Ihr wißt, daß ich eine innige Anhänglichkeit an Euern Onkel habe, er war mir in früherer Zeit ein ſehr gütiger Freund, da ich ihn aber ſorgſam und mit jener Genauigkeit, welche, ſo ſon⸗ derbar es auch klingen mag, nur in der früheſten Ju⸗ gend zu finden iſt, beobachtet habe, ſo weiß ich, daß es vollkommen vergeblich ſein würde, mit ihm über ſeine Verlegenheiten zu ſprechen, ausgenommen in dem Augen⸗ blicke, wo ſie am Drängendſten und Drückendſten ſind. Dann aber dürfte es leicht zu ſpät ſein. Er iſt einer von den Menſchen— und es giebt deren viele— welche . bei einem haffnungsreichen Gemüthe, einem an Aus⸗ kunftsmitteln friichtbaren Geiſte und einer glücklichen Befähigun, unangenehme Gedanken zu verbannen, von . iner Schwferigkeit zur andern fortgehend, einen großen Theil des Lebens Mittel finden, den böſen Tag immer ₰ — 99— hinauszuſchieben, und welche das Capitel der Zufälle für ein unerſchöpfliches haltend plötzlich, wenn alle ihre Hülfsquellen verſiegt ſind und kein Mittel zur Befreiung aus ihrer Verlegenheit mehr übrig iſt, nicht mehr von der Stelle können. Es iſt, wie ich ganz gewiß weiß, ſeit zwanzig Jahren ſein beſtändiger Grundſatz geweſen, daß ihm der Zufall ſchon zu Hülfe kommen werde, und wo dies der Fall iſt, da iſt es vergeblich, ſich mit einem in ſolchen Umſtänden befindlichen Mann über ein Mittel zu beſprechen, ihn ſeinen Bedrängniſſen zu entreißen, denen er ſtets durch einen glücklichen Zufall enthoben zu werden hofft. Da er gefunden hat, daß Fortuna ſeine beſte Freundin iſt, ſo fährt er fort, auf ſie zu bauen, bis die treuloſe Dame ihn verläßt und er dann ganz verblüfft daſteht und ſich ängſtlich nach der Hulfe umſieht, die nicht herbeikommen kann.“ „Dieſe Schilderung iſt nur zu wahr, nur zu wahr,“ entgegnete Miß Clifford in bekümmertem Tone,„ich habe das auch bemerkt und zwar mit wachſender Betrübniß.“ „Na, wir wollen uns nicht betrüben, mein werthes Fräulein, ſondern handeln,“ ſagte Ned Hahward;„laßt uns die Sache berathen und ſehen, was ſich thun läßt, denn der gute Sir John muß um jede Preis gerettet werden.“* „Aber was kann ich thun, Capitain Hahward?“ fragte ſie.„Vielleicht wißt Ihr nicht, daß mein ganzes 7* 9 * Vermögen durch das Teſtament meines Vaters ſo un⸗ zugänglich gemacht worden iſt, daß ich über Nichts ver⸗ fügen kann, bis ich das ein und zwanzigſte Lebensjahr erreicht habe, und obſchon ich gern, herzlich gern Alles opfern würde, um meinem Onkel zu helfen, ſo bin ich doch in dieſer Sache ohnmächtig wie ein Kind.“ „Das iſt allerdings ſchlimm,“ entgegnete Ned Hay⸗ ward,„ſehr ſchlimm, ich hatte gehofft, daß Euer Ver⸗ mögen Euch zu Gebote ſtände, oder daß Ihr Jemanden nennen könntet, der im Stande und geneigt wäre, dieſe Hypothek zu übernehmen und Euerm Onkel zu helfen.“ „Ich kenne Niemanden, Niemanden auf der ganzen Erde,“ antwortete ſie,„das Vermögen meiner Mutter iſt nur ein Witthum, ich werde erſt in neun oder zehn Monaten mündig und dann wird es zu ſpät ſein.“ „Die Hypothek iſt ganz gut,“ fuhr Ned Hayward in nachdenklichem Tone fort, als ob er ſie nicht gehört hätte,„und ich bin vollkommen überzeugt, daß das Be⸗ ſitzthum weit mehr werth iſt, als dieſer Mann oder ir⸗ gend einer ſeiner Clienten, wie er ſie nennt, vorgeſchoſ⸗ ſen hat. Sonſt hätte er es gar nicht gethan. Wir müßten doch, glaube ich, bald Jemand finden, der die Hypothek übernimmt, wenn wir nur dieſe verfluchten Zinſen bezahlen und die Kündigung rückgängig machen könnten— vielleicht noch dazu zu geringern Procenten. Dieſer Menſch iſt ein Halunke, das ſteht feſt, und wir — P——— Rᷣ könnten ihm ohne Zweifel an ſeiner Liquidation noch tüchtig abzwacken, denn ich bin überzeugt, daß er den guten Sir John mit Fleiß immer tiefer hineingewirrt hat, bis er glaubt, es ſei für ihn keine Möglichkeit mehr übrig zu entrinnen, und nun auf ihn herabſtürzt, um ihn zu verſchlingen.“. „Aber was iſt zu thun? Was iſt zu thun?“ wie⸗ derholte Miß Clifford. „Na, es macht Nichts aus,“ ſagte Ned Hayward noch in demſelben gedankenvollen Ton,„ich will Euch ſagen, was wir thun müſſen. Ich habe eine Summe von ſechzehn Tauſend Pfund in Staatspapieren. Zehn Tauſend werden, wie es ſcheint, zur Befriedigung der dringendſten Forderungen nöthig ſein— wir wollen ſagen zwölf tauſend, denn kein Menſch in der Lage Eures Onkels berechnet ſo ſehr genau, was gehraucht wird, und in der Regel immer weniger als zu viel. Ich werde nach London hinaufreiſen und einen Theil meiner Papiere verkaufen; auf dieſe Weiſe ſchieben wir die Sache doch noch ſechs Wochen oder zwei Monate hinaus und mitt⸗ lerweile müſſen wir allen Scharfſinn aufbieten, um Je⸗ manden aufzutreiben, der die Hypothek unter billigen Bedingungen ͤbernimmt, und die ganzen Vermögens⸗ angelegenheiten Eures Onkels in Ordnung bringt.“ „O, wie kann ich Euch danken, Capitain Hayward,“ ſagte Mary Clifford, indem ſie ihre Hand anf ſeinen Arm legte,„wirklich, wirklich, ich bin Euch ſehr dank⸗ bar.“. „Ohne die mindeſte Urſache dazu zu haben,“ ent⸗ gegnete Ned Hayward.„Ich wollte, ich hätte ſelbſt die Mittel, die Verpfändung zu übernehmen, aber die Sache iſt, daß mein armer Vater— ein ſo guter Mann, wie nur je einer lebte— zu gutmüthig und zu ſorglos war. Er ſteckte mich zu frühzeitig unter ein flottes Regiment. Ich gewöhnte mich an allerhand verſchwenderiſche Aus⸗ gaben, nach dem Beiſpiele meiner Kameraden, und glaubte nicht, daß ich, als ich bei dem Tode meines Vaters von Gibraltar zurückkehrte, keineswegs fünf oder ſechs tauſend Pfund jährliche Einkünfte vorfinden würde. Statt deſſen fand ich, daß ſämmtliches veräußer⸗ liche Eigenthum weg war, das unveräußerliche war mein, denn ich war der letzte meines Geſchlechts, aber es waren noch gegen vierzig Tauſend Pfund Schulden vorhanden, und wenn ich dieſe nicht bezahlte, wer hätte ſie ſonſt bezahlen ſollen? Die Leute wären um ihr Geld gekommen; daher verkaufte ich das ganze Beſitzthum, bezahlte die Schulden, legte, was noch übrig blieb— zwiſchen funfzehn und ſechzehn Tauſend Pfund— in Staatspapieren, und habe ſeit dieſer Zeit meine Ausgaben auf meine Einkünfte beſchränkt. Ihr ſeht daher, daß es nicht in meiner Macht ſteht, die Verpfändung zu übernehmen.“ Mary Clifford ſchlug die Augen nieder und ſchwieg einige Minuten, denn in ihrem Herzen regten ſich ſtarke Gefühle— aufrichtige Achtung und Bewunderung, weit mächtiger als ſie geweſen ſein würden, wenn ſie gleich vom Anfang an von Ned Hayward’s Character eine hohe Meinung gefaßt, oder wenn er ſeine Gefühle und ſeine Thaten zur Schau getragen hätte. Er ſprach aber ſowohl von Dem, was er gethan, als von Dem, was er zu thun im Begriffe ſtand, ſo leicht hin und wie von einer Sache, die ſich von ſelbſt verſtünde, daß viele Menſchen pon gewöhnlicher Denkungsart es ſo, wie er es gab, aufge⸗ nommen und ebenfalls für eine Sache, die ſich von ſelbſt verſtehe, gehalten haben würden. Aber Mary Clifford war keine Perſon von gerdoͤhnlicher Denkungs⸗ art und ſie fühlte tief. „Aber was werdet Ihr denn dann thun, Capitain Hayward?“ ſagte ſie endlich.„Es wird lange dauern, ehe mein Onkel im Stande iſt, Euch wieder zu bezahlen, und der Mangel dieſer Summe wird für Euch, fürchte ich, ein beſchwerlicher Uebelſtand ſein.“ „O bewahre, nein,“ entgegnete Ned Hayward mit der ungezwungenſten Miene von der Welt,„ich werde dann noch vier Tauſend Pfund übrig haben und dadurch in den Stand geſetzt werden, wieder auf vollen Sold zu kommen, und obſchon wir jetzt in einer ziemlich trau⸗ rigen Friedenszeit leben, ſo kann man doch nicht wiſſen, was geſchieht. Ich hatte dieſe noch gerettete Summe ganz heilig gehalten und wollte niemals einen Heller davon be⸗ rühren, aber da ich, meine werthe Miß Clifford, durch meinen Mangel an Vermögen abgehalten bin, jene Bande zu knüpfen, welche für die meiſten Menſchen der Troſt und das Glück der ſpätern Jahre ſind, ſo kann ich auch eben ſo gut mit meinen Kräften meinem Vater⸗ lande dienen, als meine Lebenszeit mit Jagen und Schießen und Fiſchen, Romanleſen und Betrachten von Gemälden zubringen. Sir John wird mich bezahlen, wenn er kann, das weiß ich, denn er wird es als eine Ehrenſchuld betrachten, und wenn er es nicht kann, nun, ſo hilft's auch weiter Nichts, auf alle Fälle verſündige ich mich dann nicht an meinen Erben, denn ich habe keine,“ und er lachte heiter und herzlich. Mary Clifford ſah ihm lächelnd in's Geſicht; es war dies eine Art von Philoſophie, die ihr ſo neu und die doch ſo gut, ſo edelmüthig, ſo ſelbſtverleugnend und ſo heiter war, daß ſie ſich ſtark davon angeſteckt fühlte. Sie war unter und von eben ſo guten und in allen Hauptſachen eben ſo edelmüthigen Leuten erzogen wor⸗ den, in kleineren Dingen dagegen waren dieſelben etwas ſtarr und ernſt, wo nicht finſter, und würdevoll, wo nicht ſchroff, geweſen und hatten den beklagenswerthen Irrthum begangen, zu glauben und auch ihr den Glau⸗ ben einzuprägen, daß wahre Frömmigkeit nicht heiter — — —— 8 ſei. Ihr Vater war der Mann geweſen, aus deſſen Bruſt die erkältende Quelle hervorgeſtrömt war und Marys Mutter war, obſchon von Natur von ſehr heiterm, fröh⸗ lichem Gemüth, durch den verſteinernden Einfluß dieſes Stromes ſehr verändert worden. Auch der Gegenſatz zwiſchen ihrem Bruder und ihrem Gatten, wovon ſie den Einen liebte, aber nicht achten konnte, und den An⸗ dern liebte und achtete, ja gewiſſermaßen fürchtete, trug viel dazu bei, daß ſie den Irrthum, den der Decan ihr eingepflanzt, feſthielt und zu dem Glauben kam, daß Heiterkeit und Thorheit, wo nicht Laſter, ſelten getrennte Gefährten ſeien. Mary Clifford ſah jetzt den Irrthum ein, obſchon ihr eigenes Herz ihr ſchon lange zuvor geſagt hatte, daß irgendwo ein Fehlgriff geſchehen ſei. Sie fühlte aber auch gleichzeitig, daß ſie ebenfalls eine Rolle gegen einen Mann zu ſpielen habe, der für den nächſten Verwandten, den ſie mit Ausnahme ihrer Mut⸗ ter hatte, ſo viel opferte, und mit einem ſtrahlenden Lä⸗ cheln auf ihren Lippen ſagte ſie: „Capitain Hayward, ich werde Eure heutige Hand⸗ lungsweiſe nicht vergeſſen, gleichzeitig dürft Ihr auch keine Gefahr laufen, oder Euch irgend einem Verluſt ausſe⸗ tzen. Wenn ich Macht über mein eignes Vermögen hätte, ſo würde ich thun, was Ihr ſo gütig ſein wollt, zu thun, auf alle Fälle aber gebe ich Euch mein Wort, — 106— daß ich Euch in dem Augenblicke, wo ich mündig werde, wiederbezahle.“ „O, ich glaube, das wird Sir John ſchon thun,“ antwortete Ned Hayward,„auf alle Fälle aber, mein werthes Fräulein, bitte ich Euch, ihm Nichts von die⸗ ſer Sache zu ſagen, bis zum letzten Augenblick. Wir müſſen ihm die Sachen gehörig auf den Hals kommen laſſen, ehe er auf vernünftige Vorſtellungen hört; wenn er dann kein Auskunftsmittel mehr ſieht, ſo wird er allenfalls zugeben, daß Andere ihm eins ausfindig ma⸗ chen. Wenn Ihr mit ſeiner Tochter ſprechen wollt, ſo kann es Nichts ſchaden, auf alle Fälle aber ſchärft ihr Verſchwiegenheit ein. Wenn ich vielleicht Gelegenheit habe, will ich Beauchamp auf den Zahn fühlen; ich glaube, er iſt reich, und ich bin überzeugt, daß er auch wohlmeinend und menſchenfreundlich iſt und die Hypothek übernimmt, wenn er ſieht, daß ſein Geld dadurch hin⸗ reichend ſicher geſtellt wird. Daß dies der Fall iſt, glaube ich ganz gewiß— ja noch mehr, ich bin überzeugt, daß, wenn Sir John mir nur ein einziges Jahr die Leitung aller ſeiner Angelegenheiten überlaſſen wollte, ich ihn von allen Bedrängniſſen befreien und in den Genuß eines beſſern Einkommens bringen könnte, als er ſeit langer Zeit gehabt hat. Aber nun muß ich fort und Euch ver⸗ laſſen, denn ich ſehe, daß die Leute im Hauſe aufſtehen und ich habe vor Mittag zwei wichtige Geſchäfte zu beſorgen.“ — 167— „So?“ ſagte Mary, die in ſeinem Weſen etwas Eigenthümliches und Unbeſtimmtes zu bemerken glaubte. „Es iſt doch hoffentlich nichts Unangenehmes?“ „Ich will Euch ſagen, was es iſt,“ ſagte Ned Haywerd in heiterm Tone,„und dann mögt Ihr ſelbſt urtheilen. Erſtens muß ich die größte Forelle im Fluſſe fangen; ich wettete geſtern Abend mit Euerm Onkel, daß ich es thun würde, und ich halte ſtets mein Wort, und dann muß ich mich zur Abreiſe nach London an⸗ ſchicken, um die Papiere umzuſetzen.“ „Aber müßt Ihr denn ſelbſt gehen?“ ſagte Miß Clifford mit theilnehmendem Blicke.„Könnt Ihr nicht Jemanden anders ſchicken?“ „Sehr wahr, das kann ich,“ ſagte Ned Hayward, „daran habe ich gar nicht gedacht— aber doch iſt es beſſer, ich gehe ſelbſt.— Adieu, adieu!“ und er wen⸗ dete ſich weg, dann ſtand er einen Augenblick ſtill; Et⸗ was, wogegen er ankämpfte, gewann die Oberhand und er kam noch ein Mal zurück, ergriff Mary Clifford's Hand und drückte ſie ſanft, indem er ſagte:„Lebt wohl! Es giebt Leute, Miß Clifford, deren Geſellſchaft ſo an⸗ genehm iſt, daß ſie gefährlich werden kann, namentlich für Jemanden, der nicht hoffen darf, ſie lange oder oft zu genießen.“ — 1608— Sechſtes Kapitel. Ned Hayward's Sendung an den jüngern Wittingham. „Welche Zeit geht die Kutſche nach London ab?“ „Um halb fünf, Sir.“ „Und kommt morgen um zwölf Uhr an, glaube ich?“ 4 „Nein, Sir, das letzte Mal, wo ich mitfuhr, ka⸗ men wir ſchon um eilf Uhr an.“ „Und dann um halb fünf auch wieder herunter?“ „Ja, Sir— um halb zwölf iſt ſie wieder im Weißen Hirſch— braucht runterzu länger als nauf zu.“. „Sehr ſchön.“ Und Ned Hayward, der das vor⸗ ſtehende Geſpräch mit einem von Sir John Slingsby's Dienern gehalten hatte, eilte die Treppe hinauf. Sein Zimmer war in der vollſtändigſten Ordnung. Seine Angel, zwei Jagogewehre in ihren Futteralen, Schrot⸗ beutel, Jagdtaſchen, Pulverhörner u. ſ. w. ſtanden und — 109— lagen der Reihe nach auf der Kommode. Seine Kleider hingen alle an den ihnen angewieſenen Nägeln, ſeine Stiefel ſtanden der Reihe nach unter dem Spiegel, ſein Schreibepult auf dem Tiſche und zu beiden Seiten deſ⸗ ſelben lagen ein halb Duzend Bücher. Alles konnte in einem Augenblick gefunden werden, ſo daß, wenn plötzlich zum Abmarfch geblaſen ward, das Gepäck in der kürzeſten Zeit beſorgt ſein konnte. Nach dem Schrei⸗ bepult jedoch ging er zuerſt, öffnete es, ſchraubte den Deckel des Dintenfaſſes auf, nahm einen Bogen Brief⸗ papier und ein Notizbuch heraus und ſetzte ſich dann bedächtig auf den Stuhl nieder. Das Notizbuch ward zuerſt in Dienſt gerufen; in die Colonne für die Aus⸗ gaben trug er ein, was er dieſen Morgen in dem Gaſt⸗ hofe bezahlt hatte, und ſchrieb dann auf die andere Sei⸗ te die folgende Liſte, die ich nicht weiter zu erklären verſuchen will. „Forelle fangen. „An H. Wo ſchreiben. „Ste Gim. ſprechen. „Erkundig. einziehen. „Für d. Knaben ſorgen. „Reiſetaſche packen. „Kutſche nach London. r„12,000 Lst. umſetzen. „Teſtament ändern. — 110— „Piſtolen. „Freund— Beauchamp fragen. „Nit ihm über No. 2 und No. 8 ſprechen.“ Nachdem dies geſchehen, ſteckte er das Notizbuch in die Taſche eines Ueberrocks, ſetzte ſich wieder, zog den Bogen Briefpapier vor ſich hin und ſchrieb darauf mit raſchen, ſcharfen, ausgeſchriebenen Zügen Folgen⸗ des: „Capitain Hayward empfiehlt ſich Mr. Henry Wit⸗ tingham und erlaubt ſich ihm zu melden, daß, ſeitdem er die Ehre gehabt, ihn geſtern Abend zu ſprechen, ein Vorfall ſich ereignet hat, der ihn nöthigt, auf kurze Zeit nach London zu gehen. Er reiſt heute um halb fünf Uhr ab, kehrt mit der Kutſche zurück, welche Lon⸗ don zur ſelben Stunde Morgen verlaͤßt und hofft gegen halb zwöͤlf oder zwölf Uhr im Weißen Hirſch wieder an⸗ zukommen. Wenn bis zu dieſer Zeit Mr. Wittingham einen ehrenwerthen Gentleman gefunden hat, der als ſein Freund auftreten will, ſo wird es Capitain Hay⸗ ward Vergnügen machen, dieſen Gentleman zu irgend einer Zeit zwiſchen der Ankunft der Kutſche und ein Uhr im Weißen Hirſch zu ſprechen. Wo nicht, ſo wird er ungefähr noch während der nächſten vierzehn Tage in Tarningham Park zu finden ſein.“ Das Billet ward dann überſchrieben und ſobald als dies geſchehen war, zog Ned Hayward ſofort den Frack, in den er noch gekleidet war, aus, legte ein Jagdeoſtüm an, ſah ſein Fliegenbuch durch, nahm Angel und Korb in die eine und das Billet in die andere Hand und ging die Treppe hinab. In dem Hauſe war jetzt Alles mit Morgenarbeiten beſchäftigt— Hausmädchen kehrten und fegten. Diener nahmen Lampen und Leuchter weg und einem der letz⸗ tern ward das Billet nebſt einer halben Krone und dem Befehle eingehändigt, einen Burſchen damit ſogleich nach Burton's Gaſthof zu ſchicken. Nachdem dies geſchehen, ſchlenderte Ned Hahward hinaus in den Park und ſchlug den Weg nach dem Strome ein, wo wir ihn ſpäter wiederfinden werden. Wir müſſen jedoch nun zu Mary Clifford zurück⸗ kehren, welche da, wo Ned Hahward ſie verlaſſen, mehrere Minuten in tiefen Gedanken ſtehen blieb. Wäre ſie im Mindeſten Schauſpielerin geweſen, ſo würde ſie das nicht gethan, ſondern gedacht haben, dadurch ihrem Begleiter, als derſelbe fortging, zu verrathen, was in ihrem Innern vorging; aber Mary hatte nicht das Min⸗ deſte von einer Schauſpielerin. Liebenswürdig von Na⸗ tur, edel und fein gebildet von Herz und Erziehung, war ihr es niemals nothwendig geweſen, ihrer eigenen Phan⸗ taſie vorzumalen, was Andere von ihren Bewegungen oder Worten dächten. Sie war nicht gewohnt, das zu thun. Sie that es niemals. Es war ihr nicht, als ob ſie — 112— auf einer Buͤhne ſtünde, ſie ſpielte niemals eine Rolle; wie Wenige giebt es, von denen man daſſelbe ſagen kann! Aber da ſtand ſie, ſtill, ernſt und gedankenvoll; Hayward's Worte klangen noch in ihren Ohren, ſeine Geberden ſchweb⸗ ten noch vor ihren Augen und beide waren etwas bezeich⸗ nend und eigenthümlich geweſen. Aber drei Minuten waren Alles, was ſie ſolchen Gedanken widmete. Sie kamen über ſie in verworrenen Maſſen, ſo zahlreich, ſo regſam, ſo geräuſchvoll, daß ſie erſchrak, und da ſie von Natur nicht ſehr tapfer war, ſo lief ſie vor ihnen da⸗ von, um bei den ruhigern, aber ernſtern Betrachtungen über die Lage ihres Onkels Zuflucht zu ſuchen. Was zu thun und wie es zu thun war, das waren ſehr ver⸗ wirrende Fragen, die ſie ſich immer und immer wieder vorlegte, ohne eine genügende Antwort von ihrem eige⸗ nen Verſtande darauf zu erhalten. Unter dem Druck der Schwierigkeiten und Gefahren, ſie mögen nun uns ſelbſt oder uns naheſtehende und theure Perſonen berühren, bemächtigt ſich unſerer eine Nothwendig⸗ keit des Handelns, welche wir kaum zu zügeln ver⸗ 1 mögen. Wir können nicht ruhig niederſitzen und von Zeit und Umſtänden das Darbieten günſtiger Gelegen⸗ heiten erwarten, wie wir doch thun würden, wenn die vorliegenden Angelegenheiten nur gleichgültige Dinge und ruhige, geſchäftsartige Sachen wäreen, an denen wir keinen perſönlichen Antheil nehmen. Das Herz miſcht — 113— ſich fortwährend mit hinein und bringt alle die ſchönen Pläne des Kopfes in Verwirrung und wir müſſen auf⸗ ſtehen und Etwas thun, der Augenblick mag nun günſtig ſein oder nicht. Das Alles fühlte Mary Clifford und ſie wußte einigermaßen, wie unangemeſſen es ſei, ſich zu übereilen. Sie dachte, es würde vielleicht beſſer ſein, abzuwarten und zuſehen, und doch fühlte ſie ſich von Angſt, Begierde und Liebe angetrieben, ſobald als mög⸗ lich Etwas zu thun, wenigſtens für ihren Onkel. Sie hatte keine Ruhe unter dieſer Laſt, es war ihr, als ob Handeln beinahe ein Verbrechen wäre, und ſie vermogte kein Licht zu entdecken, wohin ſie ſich auch wenden mog⸗ te, aber doch beſchloß ſie, Etwas zu verſuchen, ohne zu wiſſen, ob ſie dadurch Schaden anrichtete oder nicht. So war der Verlauf ihrer Betrachtungen beinahe eine halbe Stunde lang, nachdem Ned Hahward ſie ver⸗ laſſen hatte, und doch darf nicht unbemerkt bleiben, daß dieſe Betrachtungen, obſchon ſie ſchmerzliche Gegenſtaͤn⸗ de betrafen, doch nicht ganz ſchmerzlich waren. Hörteſt Du vielleicht jemals, lieber Leſer, aufmerkſam einer jener ſchönen und meiſterhaften Compoſitionen Beethovens zu, wo der große Componiſt ein Verguügen daran zu fin⸗ den ſcheint, den Hörer zu verblüffen und zu verwirren, indem er ihn gleichſam mit einer Fluth von Harmonien überſchwemmt, in denen Diſſonanzen eben ſo häufig vor⸗ kommen, als ſonſt Etwas? Und doch läuft durch ſie alle Beauchamp. Zweiter Band. 8 — 114— ein melodiſcher Faden, der ſie an einander knüpft.— So war es auch faſt der Fall mit Mary Clifford. Denn obſchon die Hauptreihe ihrer Gedanken düſter war und ſie nach Allem, was ſie gehört, viel Urſache hatte, traurig zu ſein, ſo war doch auch etwas Süßes dabei — ſie wußte ſelbſt nicht was— das ſich in den alten Strom der Betrachtungen miſchte und denſelben eine ſchöne Harmonie verlieh. Es war etwas Hoffnungsvol⸗ les— Erwartendes— Zuverſichtliches— ein Glaube, daß durch die Vermittelung irgend Jemandes Alles noch gut werden würde.— War es Liebe? War es das erſte Aufdämmern Deſſen, was für das junge Gemüth der Dämmerung des Morgens gleicht, welche Alles mil⸗ dert und verſchönert? Ich weiß es nicht, auf alle Fälle aber war es ſo weit unentwickelt, daß gleich der Melo⸗ die, welche die ganze Maſſe einer ſchönen Compoſition durchſtrömt und jedem Theile derſelben Fülle und Lieb⸗ lichkeit giebt, es von dem Uebrigen ununterſcheidbar war; ſie fühlte und wußte, daß es etwas Beſonderes und Ge⸗ trenntes, und doch untrennbar war. So oft ſie verſuchte es zu unterſcheiden, ſo bemäch⸗ tigte ſich ihrer die Furcht und ſie entfloh wieder. Warnm war ſie glücklich, da doch Alles, was ſie gehört hatte, eher das Gegentheil hätte bewirken ſollen? Sie wußte es nicht, ſie wollte es nicht wiſſen, aber doch gab ſie dem Gefühle Raum, obſchon ſie dem Gedanken nicht Raum gab und während ſie davor zurückbebte, ihre ei⸗ genen Empfindungen in Deutlichkeit zu kleiden, ſehnte ſie ſich danach, ſie deutlich zu machen, um ſie vollſtändig genießen zu können. „Ich will gehen und Iſabellen aufſuchen,“ ſagte ſie endlich,„ich muß ihr das mittheilen und dann können wir Alles zuſammen berathen, wenn ſich ihr leichtes fröhliches Herz nur bewegen läßt, klug und umſichtig zu ſein— und doch,“ fuhr ſie gedankenvoll fort,„be⸗ ſitzt ſie vielleicht mehr weltliche Weisheit als ich, mehr Kenntniß des Lebens und Deſſen was dazu gehört. Die Menſchen, welche gewohnt ſind, viel mit ihren eige⸗ nen Gedanken zu verkehren, gewinnen, fürchte ich, eine zu hohe Meinung für ihre eigenen Anſichten, welches ſie die unterſchätzen läßt, die ſich auf eine praktiſche Weltkenntniß gründen. Iſabella iſt anſchlägig und ge⸗ wandt und beſinnt ſich vielleicht auf Vieles, was mir nimmermehr einfallen würde.“ Dieſe Gedanken gingen ihr durch den Kopf, als ſie wieder den Weg nach dem Hauſe einſchlug, und bald nachher ſtand ſie in dem Ankkeidezimmer ihrer Couſine, welche ſie, ſo früh es auch noch war, ſchon wach und zum Theil angekleidet fand. „Ei, liebſte Mary,“ rief Iſabella,„wo haſt Du denn alle dieſe Roſen her? Die Morgenluft muß wirklich gut für die Geſundheit ſein, wie die Leute ſagen, denn 8* ſie hat Deiner Wange, welche geſtern bleich war, wie die Abenddämmerung, das Anſehen der Morgenröthe ver⸗ liehen.“ „Ich bin länger als eine Stunde auf der Terraſſe herumgegangen,“ entgegnete Marh,„und geſtern war ich, glaube ich, noch von dem Schrecken bleich, den wir den Abend zuvor gehabt hatten. Ich habe auch einen Begleiter gehabt, Iſabella,“ fuhr ſie heiter fort, obſchon ihre Stimme ein wenig zitterte,„Capitain Hayward kam auch zufällig und ſchloß ſich mir an und erzählte mir alle ſeine Abenteuer der vergangenen Nacht.“ „So?“ rief Miß Slingsbh.„Seine Abenteuer müſ⸗ ſen ſehr mild und eigenthümlich ſein, glaube ich, denn er iſt gerade ſo der Mann, der ſie aufſucht und nach Kräften ausbeutet, wenn er ſie einmal hat. Aber was iſt denn noch geſchehen, Mary? Wir hatten ſpecielle Nachrichten, wie Du weißt, bis zu der Zeit, zu welcher er, wie Don Quixote, in einem Wirthshauſe ankam.“ „Ich glaube nicht, daß er das Mindeſte von einem Don Quuirote an ſich hat, Iſabella,“ entgegnete Mary Clifford ernſt,„wenn er Abenteuer ſucht, ſo geſchieht es zum Vortheil Anderer.“ 3 „So machte es eben Don Quixote,“ entgegnete ihre Couſine mit ihrem ſchlauen Lächeln.„Aber was ſagte er denn, liebe Couſine?“ „O, noch Vieles, was Du geſtern Abend nicht — 117— hörteſt,“ entgegnete Miß Clifford,„das war blos eine Skizze, das Gemälde muß noch ausgeführt werden, und dies wird er am Beſten ſelbſt beſorgen. Jedoch ich habe Dir andere Sachen mitzutheilen, Iſabella, die wichtiger ſind,“ und ſie warf einen Blick auf die Zofe, die ihrer Gebieterin das Haar ordnete. „Ich bin gleich fertig,“ antwortete Miß Slingsby, „halte Dich ein wenig dazu, Minette, ich dächte, Du machteſt heute länger als gewöhnlich.“ Die Zofe wußte jedoch Tauſend nach ihrer Meinung vollkommen gültige Gründe anzugeben, aus denen ſie länger zugebracht, und ob es nun zum Trotz oder in der Hoffnung, daß die beiden jungen Damen des War⸗ tens müde werden und ſagen würden, was ſie zu ſagen hätten, das weiß ich nicht, aber ſie wußte es ſo einzu⸗ richten, daß ſie noch eine volle Viertelſtunde brauchte, ehe ſie mit dem Friſiren fertig war. Die, welche auf die Schwierigkeit der Bewahrung eines Geheimniſſes ſpe⸗ euliren, irren ſich ſelten; in dem gegenwärtigen Falle aber erreichte Mademoiſelle Minette ihre Abſicht doch nicht. Marh ſagte weiter Nichts, und endlich ward das Mäd⸗ chen entlaſſen und die beiden Couſinen waren allein. „Nun im Namen des Glückes,“ rief Miß Slingsby, ſobald als die Zofe fort war,„welche feierliche Mit⸗ theilung haſt Du mir zu machen? Hat er ſchon ſeinen Antrag gemacht? Auf mein Wort, das iſt eine ſehr ſchnelle Erklärung.“ Mary erröthete wie eine Roſe, aber antwortete ernſt:„Liebe Iſabella, wie kannſt Du nur ſo ſchwatzen? Wenn Du von Capitain Hayward ſprichſt, ſo muß ich Dir ſagen, daß unſer Geſpräch ganz andere Dinge be⸗ troffen hat und ein ſehr ernſtes war. Ich fürchte, daß ich Dich, liebe Iſabella, eben ſo ſehr oder noch mehr werde betrüben müſſen, als ſeine Mittheilung mich be⸗ trübte.“ „Das hoffe ich doch nicht,“ entgegnete Iſebella. „Ich habe gar nicht gewußt, daß er ein betrübender Menſch iſt. Ich hielt ihn immer für einen ſehr ſpashaf⸗ ten jungen Mann und glaubte, Du hielteſt ihn auch da⸗ für, liebe Couſine. Aber wie hat er es denn angefan⸗ gen, Dich zu betrüben?“ „Nun, durch eine Nachricht von nicht ſehr angeneh⸗ mer Art,“ entgegnete Mary;„er hörte, wie es ſcheint, zufällig ein Geſpräch über Deinen Vater, wodurch er einige Umſtände erfuhr, welche zu hören mir ſehr leid gethan hat.“ „Wirklich?“ rief Miß Slingsby auffahrend.„Man will doch nicht nach ihm ſchießen, hoffe ich?“ „O bewahre, nein,“ entgegnete Mary,„Nichts von dieſer Art; es betrifft ſeine Angelegenheiten im Allgemeinen.“ „Nun, ſprich Dich frei aus, liebe Mary,“ antwortete — — 119— ihre Couſine,„ich ſehe, Du gehſt um die Sache herum, ſage es nur gleich, es mag ſein, was es wolle. Du weißt, ich habe ein dreiſtes Herz, das ſich nicht ſo leicht entmuthigen läßt, und obſchon Du mich für etwas leicht⸗ ſinnig und gedankenlos hältſt, ſo glaube mir doch, Mary, daß dies mehr eine Nothwendigkeit meiner Lage, als etwas Anderes iſt. Wenn ich ſtundenlang über alle die Dinge, die mir unangenehm ſind, nachdenken wollte, wie Du oder meine liebe Tante, ſo könnte dies weiter keine Folge haben, als daß ich mich zu Tode härmte, ohne die Sache ändern zu können. Der Papa hat ſeine Gewohnheiten und hatte ſie ſchon, ehe ich geboren ward, und da ich ſo ſpät hinterdrein komme, ſo glaube ich kein Recht zu haben, mich hineinzumiſchen. Ich gehe Allem, was mir unangenehm iſt, ſo viel als ich kann, aus dem Wege und wenn ich das nicht kann, ſo⸗ füge ich mich, wie es einer guten, gehorſamen Tochter zukommt. Du weißt, daß er, um mich einer Redens⸗ art unſers guten alten Gärtners zu bedienen, ſo freund⸗ lich iſt, wie die Blumen im Mai, und ich würde ſehr undankbar ſein, wenn ich ihn durch beſtändigen Wider⸗ ſpruch gegen Gewohnheiten, die ich nicht ändern kann, und die meine ältern Geſchwiſter ſind, ärgern wollte. Meine Philoſophie iſt vielleicht eine ſchlechte, aber bitte, laß ſie mir, Mary, denn ich könnte mit keiner andern glücklich ſein.“ —“ 3— — Marh Clifford nahm ihre Couſine bei der Hand, und drückte ſie ſanft in ihre eigene:„ich mögte ſie Dir um Alles in der Welt nicht nehmen,“ ſagte ſie,„denn ich kenne und verſtehe Alles, was Du fühlſt, und weiß recht gut, daß Du die erſte aller Pflichten erfüllſt, wenn Du das Haus Deines Vaters ihm ſo fröhlich machſt, als du kannſt, während Du Dein eigenes Gemüth nicht von Sitten beflecken läßt, die Du nicht billigſt. Du haſt eine ſchwere Rolle zu ſpielen gehabt, liebe Couſine, und Du haſt ſie gut geſpielt, doch ſind es nicht dieſe Dinge, worüber ich mit Dir zu ſprechen komme, ſondern eine Sache, welche, obſchon ſie vielleicht von geringerer innerer Wichtigkeit iſt, doch unglücklicherweiſe das äußere Wohlbefinden dieſes Lebens mehr berührt. Die Vermö⸗ gensumſtände Deines Vaters ſind— es thut mir leid, es zu ſagen, nach Allem, was ich höre, in höchſt zerrüt⸗ tetem Zuſtande.“ „Guter Himmel, was willſt Du damit ſagen?“ rief Iſabella, ihr beſorgt in's Geſicht ſchauend, und Mary fuhr ſo zart, als ſie nur konnte, fort, ihr Alles mitzu⸗ theilen, was Ned Hayward ihr erzählt. Anfangs ſchien das arme Mädchen davon ganz überwältigt zu werden, und ſie rief:„Binnen einer Woche verlangt man eine ſo große Summe! Binnen ſechs Wochen ſoll uns Alles entriſſen werden! Guter Himmel, Mary, was iſt zu thun!“ In einem Augenblick jedoch ſammelte ſie ſich wie⸗ der.„Ja,“ rief ſie,„ich bin ſehr blind geweſen— ſo blind, wie ein großer Politiker, Mary. Tauſend Dinge hätten mich darauf vorbereiten ſollen, deren ich mich jetzt entſinne— Briefe und Botſchaften und Andeutun⸗ gen verſchiedener Art. Dieſer hinterliſtige Schurke, Whar⸗ ton, iſt an der ganzen Sache Schuld, aber mich ſoll er nicht zermalmen, und ich glaube, wir werden mit Dem, was übrig bleibt, uns immer noch wohlbefinden. Ich habe ſelbſt Juwelen und Kleinodien, und beſitze auch deren von meiner guten Mutter, womit wir lange Haus halten können, und es muß doch Etwas aus dem Schiffbruch gerettet werden können.“ „Die Hauptſache aber iſt, wo möglich, das Schiff zu verhindern, daß es überhaupt nicht ſcheitert,“ antwortete Mary Clifford, und dann fuhr ſie fort, Alles zu erzaͤh⸗ len, was Ned Hayward vorgeſchlagen, zu thun, um einer unmittelbaren Kataſtrophe vorzubeugen, obſchon ſie ſich nicht getraute, weitere Bemerkungen über ſeine Handlungsweiſe anzuknüpfen. Aber Iſabella that es an ihrer Stelle:„O, der liebe, gute, edelmüthige Mann,“ rief ſie,„wie liebe ich ihn! Liebſt Du ihn nicht auch, Mary? Obſchon der Papa viele ſchlechte und thörigte Freunde hat, ſo ſiehſt Du doch, daß auch einige edle und weiſe darunter ſind. — Aber ich will Dir Etwas ſagen, Mary, wir wollen ———— — ööo —— — 122 hinunter gehen und nach dem Frühſtück mit ihm ſprechen, und dann wollen wir Alles berathen und ſehe was zu thun iſt, wir wollen ein Complot machen, den Papa herauszuhelfen, er möge nun wollen, oder nicht, und ich erkläre, daß Mr. Beauchamp mit einer der Verſchiho⸗ renen ſein ſoll.“ „Gerade das wollte ich auch vorſchlagen,“ antwor⸗ tete Mary Clifford,„denn obſchon Du Mr. Beauchamp nur erſt ſeit kurzer Zeit kennſt—“ „Nun, doch viel länger, als Du Ned Hayward,“ antwortete Miß Slingsby lächelnd. „Nein, bitte, ſei ernſthaft, Iſabella,“ antwortete ihre Couſine,„ich wollte ſagen, obſchon wir Mr. Beau⸗ champ nur erſt ſeit kurzer Zeit kennen, glaube ich doch nach verſchiedenen Zügen, die ich an ihm bemerkt habe, daß er ein liebenswürdiger und menſchenfreundlicher Mann iſt, obſchon vielleicht etwas kalt und ceremoniös.“ „O, er kann vielleicht ganz warm werden— man kann das nicht wiſſen,“ entgegnete Miß Slingsby,„aber da läutet die Glocke zum Frühſtuͤck, der Papa wird herunterkommen und Kaffee trinken wollen.“ Siebentes Kapitel. Der Kampf am ufer des Jluſſes. Miemand konnte während des Frühſtücks bemerken, daß Sir John Slingsby von den ſtarken Empfindungen, von denen er, wie wir wiſſen, den Abend vorher ergrif⸗ fen ward, irgend eine nachtheilige Einwirkung erlitten hätte. Niemand hätte geglaubt, daß ſeine Umſtände und ſein Vermögen ſich in der Zerrüttung befänden, wie Ned Hayward ſie dargeſtellt hatte. Er war ſo heiter, ſo lu⸗ ſtig, ſo ſpaßhaft und fidel, wie ein Gymnaſiaſt von ſieb⸗ zehn Jahren. Und da ſeine Schweſter ganz beſonders heiter war, ſo ſchien ihm das zu noch größerer und lu⸗ ſtigerer Lebhaftigkeit anzureizen. Mes. Clifford fühlte, die Wahrheit zu ſagen, daß ihre Bande gelöſt ſeien, daß ihr Beſuch in dem Hauſe ihres Bruders und ihr Auf⸗ enthalt bei ihm eine der Ketten von kalten Formalitäten, die ihr ſo viele Jahre hindurch angelegt geweſen waren, aufgeſchloſſen habe. Der Himmel weiß es, ſie wünſchte niemals etwas Böſes zu ſehen, zu hören, zu thun, zu denken oder gut zu heißen; aber doch fühlte ſich ihr Herz freier und leichter— es hatte mehr Raum ſich auszu⸗ dehnen. In der That, es war als wenn der Sonnen⸗ ſchein früherer Tage wiederum darauf weilte und es er⸗ ſchloß ſich dem freundlichen Lichte, wie eine Blume. Sie war heiterer, als ihre Tochter, obſchon ſtill und ſchweigſam, ausgenommen wenn ſie durch irgend einen muntern Ausfall mit in das Geſpräch gezogen ward, aber ſie lächelte, war gutmüthig und antwortete ſogar fröhlich, wenn ein Scherz die Runde machte und ſchien ſich über die mehr als ge⸗ wöhnliche Ernſthaftigkeit ihrer Mary zu wundern. Iſa⸗ bella war faſt zu heiter, ſo heiter, als die Sitte der Welt und ihr eignes Gefühl für Anſtand erlaubte, aber für ein beobachtendes Auge war die Heiterkeit mehr eine erkünſtelte, als eine wirkliche und für Jeden, der wie Marhy das Geheimniß ihres Herzens beſaß, war ſie of⸗ fenbar affectirt, um ein tieferes und ernſteres Gefühl zu verhüllen. „Nun, was giebts Neues dieſen Morgen?“ ſagte Sir John, als Iſabella den Thee und Kaffee eingoß, „ein Viertel auf Neun und noch nichts Neues? Das ſcheint einen langweiligen Tag zu verſprechen. Iſt Nie⸗ mandes Mühle abgebrannt? Niemandes Katze todtge⸗ ſchlagen worden? Niemandem die Frau davongelaufen? Niemandem die Tochter nach Gretna Green gegangen? „ — 125— Niemandem das Haus erbrochen, Wild geſtohlen, der Hühnerſtall geplündert, die Taſche ausgeräumt, oder die Naſe gezupft worden?— Wirklich, wir können doch nicht die vierundzwanzig Stunden durchmachen, wenn ſich Nichts ereignet, was uns aufheitert? Alle Reize des Landlebens ſind verſchwunden. Mir kommt es vor, als ob die Welt ſo todt geworden wäre, wie eine Pferde⸗ ſchwemme, und als ob Männer und Weiber Nichts wä⸗ ren, als das Unkraut am Rande, welches geduldig mit grüner Gleichgültigkeit wartet, bis die Enten kommen und es wegfreſſen. Ach du lieber Gott, ach du lieber Gott! Wenn nur Ned Hayward da wäre und uns Etwas vormachte! Was muß nur aus ihm geworden ſein?“. „O, er iſt wieder zurück, mein lieber Onkel,“ ent⸗ gegnete Mary,„ich ſah ihn oben auf der Terraſſe, als ich meinen Morgenſpaziergang machte.“ „Nun, warum iſt er denn nicht hier?“ rief Sir John Slingsby.„Warum iſt er nicht auf ſeinem Poſten? Was hat er in Tarningham Park Anders zu thun, als mir, gleich einem Strahl der Sommerſonne, Freude und Heiterkeit um ſich her zu verbreiten?“ „Er ſagte mir, er wolle auf den Forellenfang ge⸗ hen,“ entgegnete Miß Clifford,„ich glaube, er hat mit Euch eine Wette gemacht, lieber Onkel.“ „Der Junge iſt toll! Unheilbar verrückt! Bedlam oder das St. Lucas Hospital, oder irgend eins jener Häuſer, die man Privatirrenanſtalten nennt, iſt der ein⸗ zige Ort, der für ihn noch paßt,“ rief Sir John Slingsby.„Was! Auf den Forellenfang gegangen, ohne erſt auszuruhen, oder zu frühſtücken, mit verbrannten Händen und einem Schuß im Arm! Wenigſtens hat das der Kerk, der Gimlet, geſagt.“ „Er ſchien ſehr munter und wohl,“ antwortete Miß Clifford,„und er ſagte, er hätte ſchon gefrühſtückt, ehe er den Gaſthof verlaſſen.“ „Ich glaube kein Wort davon,“ antwortete ihr Onkel, „das iſt bloß ſo einer ſeiner alten Streiche, Mary, wenn irgend Etwas zu thun war, ſo pflegte er weder an Frühſtück, noch an Diner, noch an Souper und ſonſt Etwas zu denken; die Sache ward alle Mal erſt beſorgt, und dann machte er ſich Nichts aus einem guten Diner und einer Flaſche Claret oder auch zwei Flaſchen, wie nun gerade der Fall ſein mogte. In meinem Leben habe ich keinen ſolchen Kerl geſehen! Wir nannten ihn ge⸗ wöhnlich den leichtſinnigen Ned Hahward, aber im Grun⸗ de genommen pflegte er in fünf Minuten mehr zu den⸗ ken, als wir andern Alle in vierundzwanzig Stunden zu⸗ ſammen, und dann hatte er den ganzen Tag frei— doch da kommen die Briefe und Zeitungen, nun werden wir etwas Neues erfahren und Etwas zu lachen be⸗ kommen.“ 4 — 127— Mit dieſen Worten ergriff Sir John die Lederta⸗ ſche, die ihm der Kellermeiſter brachte, öͤffnete ſie mit einem an ſeiner Uhrkette hängenden Schlüſſel und zog die darin enthaltenen Gegenſtände einen nach dem andern heraus. Erſt kam eine Zeitung in ihrem Couvert— es waren glaube ich, dem Umfange nach, die Times— dann noch eine und noch eine. Alle dieſe legte er neben ſich hin, und dann kam das kleine Päckchen Briefe und wie begierig waren nun Alle, den Inhalt derſelben zu verſchlingen! Seltſame und geheimnißvolle Miſchung von alten Lumpen und Leim, welch eine Welt von Erregun⸗ gen habt ihr über dieſe Erde verbreitet! Die ſchrecklichſte Bühne, welche jemals den Augen der bewundernden Tau⸗ ſende die Werke des Dichters vorführte, oder die Ge⸗ wandtheit des Schauſpielers entfaltete, hat kein ſo er⸗ ſchütterndes Trauerſpiel hervorgebracht, wie ihr. Wie oft hat der Anblick des dünnen, zuſammengefalteten Bo⸗ gens mit ſeinen ſeltſamen, krummen, verſchlungenen ſchwarzen Hieroglyphen das leichteſte und fröhlichſte Herz mit Trauer und Schwermuth erfüllt! Wie oft das Lä⸗ cheln in Thränen umgewandelt! Wie oft die fröhlichen Gaukelbilder der Phantaſie und der Erinnerung und der Hoffnung zerſtreut, und die Vergangenheit in Finſternis und die Zukunft in Verzweiflung eingehüllt! Aber im Gegentheil, wie oft ſeid ihr auch die unerwarteten Bo⸗ ten der Freude und des Glücks geweſen! Wie oft habt 228— Ihr Sonnenſchein und Licht in die umnachtete Bruſt gebracht, wie oft in einem Augenblick die ſchwarzen Donnerwolken des ſchwäͤrzeſten Sturmes zerſtreut— ja und wie habt ihr zuweilen ſogar, wie mit einem Blitz⸗ ſtrahl, den ſchwarzen, gewitterſchweren Tag eines langen kummervollen Lebens mit einer plötzlich hereinbrechenden ekſtatiſchen Gluth geſchloſſen, die zu ſtark und mächtig war, um überlebt werden zu können. Aller Augen wendeten ſich begierig auf Sir John Slingsby, während er die Briefe überflog. Der erſte war von ſteifer copiſtenähnlicher Hand und er legte den⸗ ſelben mit leiſem Kichern neben ſich nieder, womit er wahrſcheinlich andeuten wollte, daß er die Abſicht habe, ihn gar nicht zu leſen. Der nächſte war ein Gekritzel und wie mit einem Wurſtſpeiler geſchrieben., die Buch⸗ ſtaben waren dünn, zitternd und unregelmäßig, wie das Kratzen einer im Todeskampf liegenden Henne. Dieſer Brief hatte das Schickſal des erſtern. Dann kam eine Adreſſe von guter, ſicherer und flüchtiger Hand geſchrie⸗ ben mit einem Namen in der Ecke. „Ah, ah,“ rief er,„das iſt von Tom South we⸗ gen des Fleckens Twiſtandskin. Ehe ich auftrete, will ich ihn ſprechen— Gott ſegne mich, was wollt ich denn ſagen?“ Und er legte die Hand an den Mund und ſah leiſe lachend ſeine Schweſter an, aber dieſer Brief ward in einer kleinen Entfernung von den beiden andern 4 hingelegt.„Ah, Mr. Beauchamp, da iſt auch einer für Euch,“ fuhr der Baronet fort,„den der Poſtmeiſter mit vielen Komplimenten hierherſchickt— verwünſcht wären ſeine Komplimente! Wir brauchen ſeine Kompli⸗ mente gar nicht!“ und er reichte den Brief Beauchamp hinüber, der an der entgegengeſetzten Seite des Tiſches neben ſeiner Tochter ſaß. Meine liebe Harriet, verſuche doch dieſe Paſtete, ſie iſt ausgezeichnet, oder im Namen Heliogabal's genieße ſonſt Etwas, es iſt doch heute kein Faſttag, wie? Hier auf dem Nebentiſch ſteht der beſte Schinken, der je aus Yorkſhire gekommen. Da Iſa⸗ bella iſt auch ein Briefchen für Dich von einer Deiner ſüßen, nebelnden, in Spitzen und Atlas einherſchreiten⸗ den, Londoner Freundinnen; er wird ſüß und abge⸗ ſchmackt ſein, wie ein Glas Orgeade, dafür ſtehe ich, Nichts als„liebe, theure, ſüße Freundin“ und Sehnſucht nach Deiner werthen Geſellſchaft und Verwunderung, wie Du es auf dem Lande aushalten und Deine Schön⸗ heit in der Wüſte verblühen laſſen kannſt. Laß mich kein Wort davon hören, ich haſſe ſie alle, und wenn ich meinen Willen hätte, ſteckte ich ſie alle ſo tief unter Eiderdunenbetten, daß ſie erſticken müßten. Aber leſt Euern Brief, Mr. Beauchamp. Jedermann auf dieſer Welt iſt begierig, ſeine Briefe zu leſen, nur ich nicht und da der Eurige höchſt wahrſcheinlich beantwortet werden muß, ſo wird es gut ſein, wenn Ihr ihn gleich Beauchamp. Zweiter Band. 9- anſehet, denn die eine Poſt geht um eilf Uhr hier ab.“ — Nun zeigte ſich Sir John Slingsby in dem letztern Theile ſeiner Rede ſehr rückſichtsvoll, denn Mr. Beau⸗ champ hatte während des erſten Theils des Fruͤhſtücks eine ſehr ernſte, geſchäftsmänniſche Miene blicken laſſen. Am Tage vorher hatte er ſich allerdings einer heiterern Laune hingegeben; er war bei Tiſche ruhig und freund⸗ lich, am Abend fröhlich geweſen, beſonders wenn er in der Nähe von Miß Slingsby war. Aber wer iſt in den Abendſtunden nicht fröhlich, wo das ganze Nerven⸗ fluidum ſich um das Gehirn und das Herz geſammelt zu haben ſcheint, wo die erwarteten oder auch wirklich dageweſenen Mühen des Tages vorüber ſind und die zugetheilte Aufgabe von Sorge und Anſtrengung er⸗ füllt iſt? Die Laſt der vier und zwanzig Stunden iſt abgeworfen und wir haſchen nach dem kurzen Zeitraume, der zwiſchen Arbeit und Ruhe zum Genuſſe übrig bleibt. Wer iſt nicht fröhlich, wenn Schönheit und Heiterkeit ihre gemiſchten Strahlen auf uns ergießen und unſere Gefühle und Gedanken durch einen hellen funkelnden Strom emportragen? Nimm ein Glas Eiswaſſer, lieber Leſer— ſo kalt als Du willſt, nur daß es nicht wirk⸗ lich gefroren ſei— und gieße in daſſelbe ein luſtiges Glas warmen Champagner, ſieh, wie er funkelt und bis an den Rand hinauftanzt! Und wenn das Herz des Menſchen nicht wirklich eine Eismaſſe iſt, ſo wird es bei der bloßen Berührung mit Jugend, Schönheit und unſchuldiger Heiterkeit dieſelbe Wirkung erfahren. Aber ſeitdem hatte Beauchamp ſich die Sache be⸗ ſchlafen. Den Abend zuvor hatte er ſich von dem Strome mit forttreiben laſſen und nun hatte er Zeit gehabt, ſich zu fragen, wie weit dieſer Strom ihn geführt habe. Er wußte nicht, ob er ſich vielleicht zu weit habe trei⸗ ben laſſen, es waren Zweifel, Zögerungen, Befürchtun⸗ gen in ſeinem Gemüth und er war ernſt— wirklich ſehr ernſt. Er hatte Miß Stingsby guten Morgen ge⸗ wünſcht, er hatte die Hoffnung ausgeſprochen, daß ſie wohl geruht habe, er war außerordentlich höflich ge⸗ weſen— zu höflich, denn ſehr glatte Flächen ſind ge⸗ wöhnlich kalt, und Iſabella, die mit der Abſicht herab⸗ gekommen war, mit ihm offen und frei über Sachen zu ſprechen, an denen ſie den lebhafteſten Antheil neh⸗ men mußte, hatte ſich mehr, als ſie gewohnt war, in ſich ſelbſt zurückgezogen. Beauchamp öffnete jedoch den Brief mit etwas träger und erwartungsloſer Miene, aber gleich die erſten Worte ſchienen ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Das Auge Iſabellens heftete ſich ohne ihren Willen oder viel⸗ mehr gegen denſelben auf ihn. Sie ſah ſeine Wange bleich werden, dann wieder warm erglühen und dann legte ſich ein freudiges, zufriedenes Lächeln um ſeine Lip⸗ pe. Er las den Brief zu Ende, blickte zur Decke em⸗ 9* 3 por, ſeine Lippen bewegten ſich einen Augenblick, er faltete den Brief zuſammen, ſteckte ihn in die Taſche, und überließ ſich einige Secunden lang Gedanken, die nicht unerfreulich zu ſein ſchienen. Iſabella Slingsby war von Natur das biederſte, offenſte Mädchen von der Welt, und ſie beſaß nur eine durch die Erfahrung gewonnene Art von Fertigkeit, ihre Empfindungen zu verhehlen. Sie konnte dann und wann verbergen, wie ſehr ihr Einer oder der Andere von den Gäſten ihres Vaters mißfiel, ſie konnte ihm ver⸗ ſchweigen, wie ſchmerzlich ihr Vieles war, was ſie un⸗ ter ſeinem eigenen Dache ſah. In jeder andern Hin⸗ ſicht jedoch war ſie offen wie der Tag, und als ſie ſah, daß Mr. Beauchamp einen Brief bekam, und darüber kein mißvergnügtes Geſicht machte, ſo ſagte ſie etwas unüberlegt: „Ihr ſcheint angenehme Nachrichten bekommen zu haben, Mr. Beauchamp.“ Der Angeredete wendete ſeine Augen plötzlich auf ſie, und ſehr ſchöne, glänzende Augen waren es, und er ſchauete ſie einen Augenblick mit einem Lächeln an, in welchem ſo viele Empfindungen verſchmolzen waren, daß Iſabella, ohne zu wiſſen, weshalb, ihre Augen, niederſchlug, und erröthete. Nach einer kurzen Pauſe antwortete er: 4 „Wenigſtens nicht unangenehme, Miß Slingsby, — — 133— denn ein ſo ſeltſames Ding iſt das Herz des Menſchen, oder ich ſollte vielmehr ſagen, ein ſo ſeltſames Ding iſt ſein Schickſal, daß im Laufe der Jahre und mit dem Wechſel der Umſtände Vergnügen ſogar in dem gänz⸗ lichen Untergange Deſſen liegen kann, was einſt eine ſtolze Hoffnung war. Die Dinge, die wir begehrten und verlangten, werden uns bei den veränderten Ge⸗ ſtaltungen des Lebens läſtig, ſo wie wir am Ende einer langen Tagereiſe neu aufathmend die Bürde niederlegen, die wir beim Aufbruche ſtolz und freudig trugen.“ „Das liegt darin, weil die Männer ſo unbeſtändig ſind, glaube ich,“ antwortete Iſabella.„Die einzigen beſtändigen Weſen auf Erden ſind Frauen und Neufund⸗ länder Hunde, Mr. Beauchamp— es iſt ſo, ich ver⸗ ſichere es Euch, was Ihr auch davon denken möget. Ich weiß, die gottloſe Welt hat eine andere Anſicht von der Sache, aber die Welt gehört dem Manne und die Frauen können wohl ſagen, daß ein ganz anderes Ge⸗ mälde zu Stande kommen würde, wenn„wir Löwen Maler wären.“ „Nein,“ antwortete Beauchamp lachend,„ich bin nicht Einer jener Uebelredenden und Verleumder. Ich habe Zeit gehabt, in der Welt zu beobachten, wo ich ſeit ſo vielen Jahren ein bloßer Zuſchauer bin, und die Charak⸗ tere der Männer und Frauen genau zu prüfen, und ich kann mit Recht ſagen, daß wenigſtens zehn gute Frauen — 134— auf einen guten Mann kommen. Die Umſtände können etwas damit zu thun haben, Erziehung und Gelegenheit zum Guten oder Böſen, aber immer muß doch ein ſchoͤ⸗ ner und reiner Geiſt im Herzen wohnen, der das Böſe vermeiden und das Gute ſuchen lehrt.“ „Das glaube ich auch,“ antwortete Mrs. Clifford in das Geſpräch mit einſtimmend,„ſo wie auch, daß der Hang faſt jeden weiblichen Gemüths ſich Dem zu⸗ neigt, was recht iſt. Aber wenn Ihr die Geſchöpfe der Umſtände ſeid, Mr. Beauchamp, ſo ſind wir in vieler Hinſicht die Creaturen Eurer Hände; Ihr gebt, fürchte ich, mehr als der Hälfte unſerer Gedanken erſt Entſte⸗ hung und Richtung und ſeid—“ „Schuld, wenn Ihr etwas Unrechtes thut,“ rief Sir John Slingsby mit lautem Lachen,„jawohl, ja⸗ wohl, das iſt die Philoſophie des Weibes, meine liebe Harriet, Alles was ſie Gutes thut, kommt auf ihre Rechnung, und Alles was ſie Unrechtes thut, auf die des Mannes, aber laß mich Dir ſagen, meine liebe Schweſter, daß die Wohlunterrichtetſten immer noch zweifelhaft ſind, wer wohl den meiſten Einfluß hat, ob der Mann über die Frau, oder die Frau über den Mann. Ich bin der letztern Meinung und ſehe es jeden Tag, ſowohl an mir ſelbſt, als an Andern; dieſes Mädchen da, die Iſabella regiert mich mit einem eiſernen Scepter und macht mit mir, was ſie Luſt hat, aber auf Ehre, für den heutigen Tag werde ich mich ihrer Herrſchaft entreißen, denn ich habe während des Morgens einige Geſchäfte abzumachen und ſie muß ihre Gäſte unterhal⸗ ten, wie ſie kann. Mr. Beauchamp, wenn Ihr mein Haus während der nächſten vier und zwanzig Stunden verlaßt, ſo wird das ein deutlicher Beweis ſein, daß Miß Slingsby Euch nicht gehörig unterhält und ich werde über ihren Mangel an Gaſtfreundſchaft ſehr böſe ſein, wenn ich Euch nicht beim Imbiß und Diner, beim Thee und Abendeſſen und morgen beim Frühſtück finde, denn dann weiß ich gewiß, daß ſie mein Haus nicht angenehm zu machen gewußt hat.“ „Eine Beſchuldigung, der ich Miß Slingsby am Allerwenigſten ausſetzen werde,“ ſagte Mr. Beauchamp; und in der That ſchien er zu fühlen, was er ſagte, denn, als ſie vom Tiſche aufſtanden und die Geſellſchaft mit jener angenehmen Trägheit, welche gewöhnlich auf die erſte Mahlzeit des Tages folgt— während jener fünf Minuten nach dem Frühſtück, kurz ehe wir die Rüſtung der thätigen Anſtrengung anlegen— an's Fen⸗ ſter trat, hielt er ſich fortwährend dicht an Miß Slings⸗ by's Seite und knüpfte ein ſo leichtes, heiteres Geſpräch mit ihr an, daß der ganze Charakter des Mannes ein anderer zu ſein ſchien. Nicht als ob Das, was er ſagte, gedankenlos geweſen wäre, denn der tiefe Strom des Nachdenkens ſtrömte bei ihm unaufhörlich und ließ ſeine Worte als etwas ganz Anderes erſcheinen, als was man gewöhnlich Plaudern nennt. Sie waren geiſtreich, brillant, ſogar muthwillig, aber die Hauptwirkung auf die Gemüther Derer, die ſie hörten, war, daß ſie zum Nachdenken angeregt wurden. In ſeinem Benehmen ge⸗ gen Iſabella Slingsby lag eine entſchiedene Aufmerk⸗ ſamkeit, die ihr ein wenig ſchmeichelte. Sie haͤtte ſchon fruͤher bemerken können, daß ihre Schönheit Eindruck auf ihn machte, daß er ſie bewunderte und daß er ihre Geſellſchaft liebte, als er ſie zwei oder drei Mal bei Doctor Miles getroffen hatte. Er war ihr außerordent⸗ lich angenehm vorgekommen und ſie hatte geglaubt, daß ſie ihm auch ſo vorkäme, aber es war Nichts geſagt worden, oder geſchehen— kein Wort, kein Blick, keine Geberde, wodurch die Phantaſie hätte bewogen werden können, ſich höher zu verſteigen, und ſie hatte ſich damit begnügt, die Dinge ihren Lauf gehen zu laſſen, ohne etwas Anderes zu fühlen, als einen gewiſſen Grad von Bedauern, daß ihr Vater nicht die Bekanntſchaft eines Mannes gemacht hatte, der an Bildung und Gemüth. ſo hoch über der Mehrzahl ſeiner Umgebung ſtand. Während des vorigen Abends war Beauchamp in keinem andern Charakter erſchienen, als in dem des ruhigen, würdigen, wohlunterrichteten Gentlemans. Aber nach dem Frühſtück waren ſeine Aufmerkſamkeiten bezeichnen der und Iſabella fühlte ſich ein wenig aufgeregt und — 137— zweifelhaft, wo das Alles noch hinauswolle. Sie liebte Dinge, durch welche ſie aufgeregt ward, gerade nicht und deßhalb brach ſie die im Gange befindliche Unter⸗ haltung etwas ſchroffer als nöthig war ab, indem ſie ſagte: „Mr. Beauchamp, Mary und ich haben mit einan⸗ der ausgemacht, hinunter an den Fluß zu gehen und Ned Hayward ſeine Wette gewinnen zu ſehen.“ „Was für eine Wette?“ fragte Beauchamp, der die ganze Sache vergeſſen hatte. „Er hat gewettet, die größte Forelle im Fluſſe zu fangen, ehe es Zwölf ſchlägt,“ entgegnete Iſabella. „Wollt Ihr uns begleiten? Liebe Tante, wollt Ihr nicht auch mitkemmen?“. „Nein, meine Gute,“ antwortete Mrs. Clifford, „ich habe auch Briefe zu ſchreiben, wie Dein Vater.“ „Ich habe keine Briefe zu ſchreiben,“ rief Sir John Slingsby, etwas ärgerlich,„ich wollte, ich hätte nichts Unangenehmeres zu thun, aber ich muß mit dem Rechnungsführer und ſo einem verdammten Advokaten über Geſchäfte ſprechen— es ſind das die langweiligſten Kerle auf der ganzen Erde. Wollte Gott, Peter der Große wäre nur einen Monat lang Autokrat von Eng⸗ land geweſen. Himmel und Erde, wie würde er die Zahl der Advokaten vermindert haben!— Oder wenn wir nur die Geſetze über Tödtung und Verſtümmlung — 138— auf ſie anwenden könnten, was gäbe es da zu hängen und zu deportiren! Ich weiß, ſie tödten unſere Zeit und unſere Bequemlichkeit, verſtümmeln unſer Eigenthum und machen unſere Hülfsquellen zu Krüppeln. Der Teufel verläßt aber die Seinigen niemals und ſo ent⸗ wiſchen ſie aus jeder Schlinge, die ſie zu fangen be⸗ ſtimmt iſt. Dieſer Kerl da, der Stephan Gimlet, kann, wie man ſagt, Sprenkel und Schlingen machen, in denen ſich Auerhähne und Schnepfen, Haſen, Faſane, Rebhühner und dergleichen fangen, der Teufel ſoll mich holen, wenn ich ihn nicht nächſtens frage, ob er nicht auch eine Falle hat, in der man einen Advokaten erwür⸗ gen kann.“ „Wenn er keine hat, ſo fragt doch Ned Hahward,“ ſagte Iſabella halb im Scherz, halb im Ernſt,„ich zweifle nicht, daß er Dir liefert, was Du wünſcheſt.“ „Vielleicht, vielleicht,“ antwortete Sir John,„das iſt kein ſchlechter Gedanke, Bella; aber zum Geier, ich muß nun gehen und mit dem Rechnungsführer ſprechen. ehe dieſer Kerl, der Wharton, kommt. Alſo adieu, adieu einſtweilen. Kommt nur zum Imbiß hübſch wie⸗ der und wenn Ned verliert und mir nicht eine Forelle von wenigſtens drei Pfund bringt, ſo wollen wir ſeine Geſundheit in einer Flaſche alten Eremitage trinken— nehmt Eure Shawls und Hüte, und nun, Harriet, wenn Du etwa nach Hauſe ſchreiben willſt, ſo mach — 139— ſchnell mit Deinen Briefen, denn ich habe einen Mann beſtellt, der um zwölf Uhr nach Tarningham geht.“ Mrs. Clifford verließ das Zimmer mit ihrem Bru⸗ der und gleich darauf folgten ihr ihre Tochter und ihre Nichte. Beauchamp ging hinaus in die Halle und nahm ſeinen Hut, gab einem der Diener einige Weiſungen in Betreff mehrerer Kleider, die er aus dem Gaſthofe in Tarningham geſendet zu haben wünſchte, im Fall Je⸗ mand nach der Stadt geſchickt würde, und kehrte an das Fenſter in dem Frühſtückzimmer zurück. Hier blieb er ſtehen und ſchaute hinaus und überlegte ſich mehrere Dinge hin und her und kam endlich zu dem halbgemur⸗ melten Schluſſe:„Es muß ſo ſein, es iſt ganz klar, es iſt gewiß.“ Wenn aber Jemand behauptet, daß eine Sache ganz klar und gewiß ſei, ſo müſſen wir, ehe wir ihm beiſtimmen, wiſſen, welche andere Gedankenreihen ihm in dieſem Augenblicke durch den Kopf laufen, welche dieſe und jene Idee von ihrem Platze ſtoßen, andere weit hinter ſich laſſen und wieder andere anreizen, mit Blitzesſchnelle zu laufen, Gott weiß wohin. Es iſt gar nicht unmöglich, daß wir— Du oder ich, lieber Leſer — wenn wir in dieſem Augenblicke in Mr. Beauchamp's Gedanken ſehen könnten, aus den darin enthaltenen An⸗ deutungen ganz anders ſchließen und denken würden, daß ſeine Vorausſetzung keineswegs ganz klar, das Ergeb⸗ niß keineswegs gewiß ſei. — 140— Wie dem aber auch ſein möge— da ſtand er mit dem Hute in der Hand und war auf ſehr guter Laune, als Miß Slingsby und ihre Couſine erſchienen. Iſabella war, wie wir ſchon geſagt haben, etwas aufgeregt und verlegen, ſie fühlte eine Schüchternheit, die ihr ſonſt nicht eigen war, und ſie brachte ihre Cou⸗ ſine zwiſchen ſich und Mr. Beauchamp, ehe ſie noch die Thüre erreichten, als ob ſie beabſichtigte, daß er Marh Clifford ſeinen Arm bieten mögte. Beauchamp manö⸗ vrirte jedoch ſo geſchickt, daß er, ehe ſie noch durch die Thüre und die Stufen hinunter waren, wieder an Iſabel⸗ lens Seite ſtand, und da ſie zwei Seiten hatte, von denen eine nothwendig unbeſchützt blieb, während dieſe Seite unvermeidlich der Angriffspunkt für einen gewand⸗ ten Feind ſein mußte, ſo gab ſie die Schlacht ſofort auf und ließ die Dinge ihren Gang gehen. Der Spaziergang war, ſo wie es Jſabella einrich⸗ tete, ein außerordentlich angenehmer. Erſtens waren die Schönheiten der Natur da, und welchem Herzen und unter welchen Umſtänden verfehlen die Schönheiten der Natur ſüße Empfindungen mitzutheilen? Es liegt Etwas in dem Univerſum, wovon wir keine beſtimmte Idee haben; vielleicht iſt es zu univerſell, zu ungeheuer, als daß eine Art von Demonſtration darauf anwendbar wäre. Wir Alle fühlen es, wir Alle kennen es, wir Alle genießen es. Die Alten und einige der Neuern — 141— haben es vergöttert und mit dem Namen Pan bezeich⸗ net. Es iſt in der That die univerſelle Angepaßtheit eines Dinges an das andere, die Harmonie aller Werke Gottes, die unendliche Muſik einer unendlichen Mannig⸗ faltigkeit. Die Muſik iſt ein Bild davon— ein ſchwa⸗ ches Bild, denn ſie verſinnlicht blos einen Theil des Ganzen; die Reihenfolge erhabener Dinge iſt die Melo⸗ die der Schöpfung, ihr gleichzeitiges Daſein die Harmo⸗ nie des allmächtigen Willens Gottes. Aber wehe denen, die hierin wie in allem Andern, welche das Geſchöpf, anſtatt des Schöpfers anbeten, und dieſe großartige Har⸗ monie in der Unendlichkeit geſchaffener Weſen für die Gottheit ſelbſt gehalten haben. Es iſt dies nur einer der Ausdrücke der allmächtigen Liebe und dieſe Ausdrücke ſind ſo unendlich, als die Liebe, aus der ſie fließen. Unſere unendliche, unſere beſchränkte, unſere außerordent⸗ lich kleinliche Anſicht von allen Dingen iſt es, welche uns beſtändig von der Betrachtung und der Auffaſſung des Unermeßlichen abhält und auf das beſchränkt, was im Kreiſe unſerer eigenen mikroſcopiſchen Wahrnehmung liegt. Wenn die Schöpfung ſelbſt unendlich iſt, ſo iſt die unendliche Harmonie derſelben nur ein Theil der Schöpfung und an und für ſich ein Beweis jener weiſen Vorſehung, welche der Menſch leugnet, weil er ſie nicht ſieht. Der Spaziergang war ein außerordentlich ange⸗ nehmer und führte durch abwechſelnde Umgebungen, die zu einander im Gegenſatze ſtanden und doch auch wieder auf's Schönſte harmonirten. Nach ungefähr Hundert und funfzig oder zwei Hundert Schritten über den kurzen Raſen kamen ſie an einen freien Platz, um welchen her⸗ um hohe Bäume und dahinter dunkle Geſträuche die Sonnenſtrahlen abſchnitten, ausgenommen, wohin dieſel⸗ ben ſich hier und da durch eine Lücke hindurchkämpften. Hohe Buchen, mehr als ein Jahrhundert alt, kreuzten oben ihre Arme, um unten auf dem Boden Schatten zu verbreiten, und obſchon der von Stamm zu Stamm der alten Bäume beinahe funfzig Fuß breite Weg ſeiner ganzen Länge nach kurz geſchoren war, ſo kamen doch ſeitwärts eine Menge wilder Blumen zum Vorſchein, welche den Raſen ſchmückten, gleich Sternen an einem grünen Firmament. Da war die purpurne Akeley und das gelbe Primel und die bleiche, das Haupt nei⸗ gende Anemone, die Hhacinthe und das Veilchen und wenn die Kunſt einen Antheil daran hatte, ſo war die Anordnung der Blumen ſo geſchickt getroffen, daß ſie nur von der Hand der Natur herzurühren ſchien. Die dunkeln Zweige der Buche und die grünen Schatten, die ſie durch die Luft warfen, verliehen dem Ganzen etwas Feierliches und Erhebendes. Die Blumen und die hier und da durchbrechenden Sonnenſtrahlen, die ſchönen Farben des Mooſes— gelb und braun und grün, beleb⸗ * — 143— ten den Anblick und gaben der feierlichen Stille des lan⸗ gen Baumwegs faſt das Anſehn eines gedankenvollen, durch ein Lächeln verklärten Antlitzes. Dann plötzlich, als ſie etwa eine Viertelmeile weiter gegangen waren, wendeten ſie ſich links durch einen breiten Durchhau in der Allee und Alles war wunderbar verändert. Schat⸗ ten und Schwermuth waren vorüber und ſie ſtanden am Rande eines ſanft ſich ſenkenden Abhanges von etwa drei oder vierhundert Fuß, der mit grünem, kurzem Raſen bedeckt war und in kurzen Entfernungen einzelne Gruppen von Birken und Hagedornen zeigte. Rechts erblickte man den waldigen Kamm des Hügels, der in ſeinem Schooße die Fortſetzung der Allee verbarg, die ſie ſo eben verlaſſen; links aber, weit über die Gipfel der Bäume und über den wellenförmigen Boden jenſeits hinweg, erſtreckte ſich eine umfaſſende Ausſicht in den Sonnenſchein hinein— Alles Licht und Lieblichkeit. Es war einer der ſchönen Tage des Frühſommers. Kaum eine Wolke war am Himmel zu ſehen, und doch lag etwas Milderndes in der Atmoſphäre, welches Licht und Schatten in einander verſchwimmen und das Auge ſanft und unmerklich von jeder Linie der Entfernung auf die darauf folgende mit einer Art träumeriſchen, unbeſtimmten aber wonnigen Vergnügens übergehen ließ, gleich den Tönen, die zuweilen in den Träumen des Morgens an unſer ſchlummerndes Ohr ſchlagen. —— Der breite Kiesweg zog ſich allmälig längs des Hügels herab in das Thal, und hier war wieder Alles anders. Ein großes, unkultivirtes Gehölz zog ſich rings⸗ um, ein kleiner, funkelnder Bach rauſchte unter Büſchen und Sträuchern und Waſſerpflanzen nach dem breitern Strome hin; hier und da neigte eine Weide ihre langen, biegſamen Zweige über das glitzernde Waſſer, und eine Gruppe langer Binſen richtete da, wo eine etwaige Unterbrechung ein Ausbreiten des Waſſers veranlaßte, ihre langen grünen Stengel empor. Die Bäume ſtan⸗ den weit von einander, obſchon der Boden gebrochen und uneben war und der klatſchende Flügel eines Rei⸗ hers, der mit ſeinem grauen, ſchattigen Körper in einer Entfernung von etwa funfzig oder ſechzig Schritten her⸗ vorragte, vermehrte die düſtere ſchwermüthige Wirkung, des Anblicks. Die ganze Scene war wie eine Diſſonanz in einem ſchönen Muſikſtück, gerade lang genug, um Das, was vorausgegangen und was nachfolgte, ange⸗ nehmer zu machen, und im nächſten Augenblick traten ſie heraus auf die warmen, grünen, mit Butterblumen ver⸗ goldeten Wieſen, die an dem Ufer des breiteren Fluſſes lagen. Nur der Himmel weiß, weshalb Iſabella Beau⸗ champ auf dieſen Weg führte, wenn ſie nicht wollte, daß er ihr die Cour machen ſollte. Sie hätte ihn um die andere Seite des Hauſes herum, und auf dem gra⸗ den Fahrwege nach der Brücke, oder über den Raſen hinunter durch die offenen Theile des Parks unter den Rehen und dem Farrnkraut hin nach dem andern Ende des Fluſſes führen können, wo derſelbe aus dem Park hervortrat. Aber nein, ob nun Etwas in ihrer eigenen Bruſt vorging, welches ſie unwillkührlich die Umgebun⸗ gen wählen ließ, die am Meiſten mit ihren Gefühlen übereinſtimmten, oder ob es Zufall, Laune oder Abſicht war, kurz, ſie führte ihn einen Weg, der wie für Lie⸗ bende geſchaffen war. Es war allerdings für eine Er⸗ klärung eine Perſon zu viel da, und ſie wußte, daß ſie in ſo weit geſchützt war, aber doch war es ein ſehr gefährlicher Weg für irgend zwei Leute, deren Herzen keine beſſere Sicherheit hatten, als die einfache Anweſen⸗ heit einer dritten Perſon. Der Brief, den Beauchamp beim Frühſtück erhal⸗ ten, hatte ihm ofſenbar gefallen oder ihn unterhalten, oder ihm eine Laſt abgenommen, denn die Folge war, daß er, als man den Spaziergang antrat, unendlich heiterer war, als er jemals geweſen, ſeit wir ihn kennen gelernt. Er ſchritt an Iſabellens Seite über den freien Platz mit einem feſtern und elaſtiſcheren Schritt, mit emporgerichtetem Kopfe und zurückgebogenen Schultern, er ließ ſeine Blicke über die weite Umgebung des Parks ſchweifen, und ſchien die Luft einzuathmen, wie ein Roß, das im Begriff ſteht, einen Wettlauf zu beginnen. Er Beauchamp. Zweiter Band. 10. — — 146— ſprach über die Lieblichkeit dieſer Scene, bemerkte, wie ächt Engliſch ſie wären, wie ſelten man Etwas dem Aehnliches in einem andern Land ſähe— und ſchien des Ganzen ſich ſo zu erfreuen, daß man auf die Ver⸗ muthung kommen mußte, das Vergnügen des Spazier⸗ ganges werde ihm durch die Geſellſchaft, in der er den⸗ ſelben machte, noch erhöhet. Als er unter den Schatten der hohen Bäume kam, änderte ſein Ton ſich etwas; er ward ſanfter, ernſter und inniger und ſo fuhr er fort und ſeine Gedanken ſchienen von der Umgebung, durch die er wandelte, ihr Colorit zu empfangen, ohne deßwegen ihren allgemeinen Charakter und ihre augenblick⸗ liche Geſtaltung zu verlieren. Aus Allem ging deutlich hervor, daß er an Jſabellen Slingsby dachte und ob⸗ ſchon er mit vollendeter Höflichkeit ſeine Unterhaltung ziemlich gleich— nicht ganz— zwiſchen ſie und ihre Couſine theilte, ſo waren doch ſelbſt, wenn er mit Mary Clifford ſprach, ſeine Worte, oder doch auf alle Fälle ſeine Gedanken, offenbar an Iſabellen gerichtet. Mary ſagte wenig und blos ſo viel, um das Ge⸗ ſpräch im Gang zu erhalten und es nicht gezwungen und unbeholfen erſcheinen zu laſſen, aber ſie fühlte, und Jeder mußte es fühlen, daß Mr. Beauchamps Benehmen gegen ihre Couſine zu bezeichnend und eigenthümlich war, um mißverſtanden werden zu können. Jſabella ihrerſeits ſieß der ganzen Heiterkeit üöhre Hirzens freien Lauf⸗ zuweilen durch heitere witzige Ausfälle, die um Beau⸗ champ's ernſtere und tiefere Gedanken ſpielten, zuweilen dadurch, daß ſie dem Impuls, den ſie mittheilte, ſich ebenfalls überließ und ſich in die tiefen Waſſer des Ge⸗ fühls und der Betrachtung wagte, wohin er ſie führte, bis ſie über ſich ſelbſt erſchrak und ſchnell die Flucht ergriff. Sie war ſehr fröhlich und glücklich; in Mary's Gegenwart vor Allem ſicher, was ſie aufregen oder beunruhigen konnte, fühlte ſie, daß ſie dem Vergnügen des Augenblicks Raum geben könne und ſelbſt die Kennt⸗ niß von der Lage ihres Vaters und von den Gefahren und Schwierigkeiten, die ihn umringten, wirkte nur als eine ſänftigende und dämpfende Gewalt, welche ihren Geiſt in ſeiner gewohnten Heiterkeit etwas herabſtimmte und ihr Herz für zärtere und tiefere Eindrücke empfäng⸗ licher machte. Beauchamp fühlte, daß man ihm eifrig zuhörte, daß er gefiel, daß er geliebt werden könne. Er hatte an Iſabellen nichts Kokettes geſehen, er hatte nur Rühmliches von ihr vernommen; Jemand, der ſie von Kindheit auf gekannt, hatte ihm geſagt, daß ſie leicht⸗ herziger zu ſein ſcheine, als ſie wirklich ſei, daß, wenn Erwas an ihr verſtellt ſei, es dieſe Heiterkeit wäre, daß man auf alles Tiefere, was dann und wann in ihrem Charakter zum Vorſcheine käme, zuverſichtlich bauen könne und daß die anſcheinend ausgelaſſene Laune dem 84 10*— — leiſen Winde gleiche, der die Wipfel der Bäume erzit⸗ tern läßt, ohne in die Tiefe des Waldes hinabzudringen. Er war daher überzeugt, daß ſie nicht mit ihm ſpielen werde, ſobald ſie ſähe, daß es ihm Ernſt ſei, und er war bedacht, ihr in dieſer Hinſicht alle Zweifel zu be⸗ nehmen. Auf dieſe Weiſe ward der Weg zurückgelegt, und obſchon Mary Clifford viel darum gegeben hätte, wenn ſie Mr. Beauchamp in das Geiheimniß von Sir John Slingsby's Angelegenheiten hätte einweihen und ſich den Rath und den Beiſtand eines Mannes erbitten können, der offenbar viel Welterfahrung beſaß, ohne von der Welt verdorben zu ſein, ſo wußte ſie doch nicht, wie ſie es anfangen ſollte. Ein Gefühl von Schüchternheit be⸗ mächtigte ſich ihrer, das ihr den Mund verſchloß, und der Verlauf der Unterhaltung gab ihr ein Mal durch ſeine funkelnde Schnelligkeit, das andere Mal durch ſeine tiefe Bedeutſamkeit keine Gelegenheit, ein ganz verſchiede⸗ nes Thema anzuſchlagen, ohne es mit Gewalt und auf ſchroffe und unhöfliche Weiſe herbeizuziehen. Sie beſchloß daher, als ſie ſich dem Fluſſe näher⸗ ten, die Sache dem Kapitain Hayward zu überlaſſen, deſſen offene Geradheit, wie ſie glaubte, bald eine Ge⸗ legenheit finden oder machen würde. Als ſie jedoch das Ufer erreichten, war Capitain Hayward nicht zu ſehen, aber Iſabella deutete auf eine Ecke des Gehölzes, welche eine Biegung des Stroms verdeckte, und ſagte, er müſſe wahrſcheinlich höher hinauf⸗ gegangen ſein, und ſie gingen demgemäß weiter fort. Als ſie den kleinen Fußweg paſſirten, der die Ecke des Gehöl⸗ zes durchſchnitt, hörten ſie plötzlich einen lauten Ausruf und im nächſten Augenblick, wo ſie aus den Bäumen heraustraten, ſahen ſie Ned Hayward mit einem langen, ſtarken Mann ringen, der eine Art von halbmilitairi⸗ ſcher Kleidung trug. Die Beiden waren dem Anſcheine nach einander vollkommen gewachſen, obſchon unſer Freund ſowohl an Stärke, als an Gewandtheit nicht ſo leicht ſeinen Mann fand. Der Fremde aber, wer er auch ſein mogte, beabſichtigte Etwas, wodurch er ſich, wenn auch nicht mit Gefahr ſeines eigenen Lebens, ſeines Gegners zu entledigen ſuchte. Er rang mit aller Macht, und drängte dabei immer mehr nach dem Rande des Waſſers hin. Ned Hayward ſuchte mit ganzer Kraft dieſe Abſicht zu vereiteln und es würde ihm auch gelun⸗ gen ſein, denn wenn Einer von Beiden der Stärkere war, ſo war er es. Ein Theil des grünen, von dem ſtarkſtrömenden Fluſſe unterwaſchenen Raſens gab aber plötzlich nach und Beide ſtürzten in einen tiefen Tümpel hinab und verſchwanden auf einen Augenblick unter dem Waſſer. Achtes Kapitel. In welchem der Leſer eine intereſſante Dame kennen lernt. Eine Karte iſt etwas ſehr Nützliches, ich mögte wiſſen, wie die Leute zurecht gekommen wären, ehe man die Landkarten erfunden hatte. Und doch gab es in je⸗ nen Tagen auch große Reiſende, ſowohl zu Lande als zu Waſſer. Adam begann die erſte Reiſe und Noah die zweite und ſie kamen ohne Karte oder Kompaß ganz gut damit zu Stande, weshalb es klar iſt, daß dieſe Inſtru⸗ mente Nichts als Lurxusartikel ſind und eigentlich abge⸗ ſchafft werden ſollten. Nichts deſto weniger fühle ich, daß ich ſowohl, als der Leſer viel beſſer daran ſein wür⸗ de, wenn ich hier auf dieſer Seite eine Karte der Graf⸗ ſchaft N. geben könnte, blos um ihm die Lage des Punk⸗ tes, Namens Burton’'s Gaſthof, und des kleinen Dorfes Boldington— cum— Snowblaſt, welches nordweſtlich von Burton's Gaſthof lag und der Straße nach unge⸗ fähr ſechs Meilen davon entfernt war, zu zeigen. Die —— ͤſſſſſſſſſſ — 151— Gaſtwirthe ſetzten ſieben Poſtmeilen an, weil es um den ſiebenten Theil eines Feldweges über ſechs Meilen war. Es war jedoch ein kleines, ödes Dorf und lag an einer der beiden Straßen nach London, die freilich etwas kürzer, als die andere, aber ſo gebirgig, ſo langweilig, ſo kahl und ſo„ſteif,“ wie der Poſtillon es nannte, war, daß ſowohl Menſchen und Pferde lieber der andern Straße den Vorzug gaben und von und nach Tarning— ham gewöhnlich über Burton's Gaſthof fuhren. Richts deſtoweniger war es abſolut nothwendig, daß einige Poſt⸗ pferde in Boldington bereit ſtanden, weil dies die einzige direkte Straße nach mehrern bedeutenden Städten war, und wenn die Station gleich nur acht Meilen betrug, ſo hatten doch die Thiere, wenn ſie über die ſauern Berge weg waren, gewöhnlich keine Luſt, noch weiter zu ge⸗ hen. Dieſe Poſtpferde hatten Veranlaſſung zu einem Wirthshauſe gegeben, das aus Höflichkeit ein Gaſthof genannt ward, aber es war ein ſehr einſamer, der nur ſehr wenig andere Gäſte hatte, als ſolche, die ſchnell ein Glas Bier oder Schnaps tranken; oder einen zufälligen Handelsreiſenden, der für die beiden Verkaufsläden, wel⸗ che das Dorf zierten, Beſtellungen aufnahm und hier übernachtete. Zu einer ſehr frühen Stunde des Morgens jedoch, an dem Tage, von welchem wir ſo eben geſprochen, —— 4 8 ——— — — 152— fuhr eine Poſtchaiſe, mit Pferden aus Burton's Gaſt⸗ hof, an der Thüre vor und es ward ſofort ein friſches Geſpann beſtellt, um die Reiſenden weiter nach Briſtol zu bringen. Ein großer, ſtarker, ziemlich geputzter Mann ſtieg mit einer dicht verſchleierten Dame heraus, deren Coſtüm Pariſer Fabrikat verrieth, und während die Koffer und das andere Gepäck in das Haus herein⸗ getragen ward, bis es auf den neuen Wagen gepackt werden könnte, bezahlte der Herr den Poſtillon und fragte ihn, ob er gleich wieder zurückführe. „In ungefähr einer Stunde,“ entgegnete der Mann, indem er mit der Miene Eines, der ein gutes Trinkgeld bekommen, an den Hut griff. Der Reiſende machte aber bei dieſer Antwort ein verlegenes Geſicht und ſagte:„Na, es macht Nichts aus. Ich brauche einen Burſchen, der mit dieſen Brief über das Moor hinüber zu Mr. Wittingham läuft. Seht Euch nach einem um, mein guter Freund. Er ſoll eine halbe Krone für ſeine Mühe bekommen.“ Aber der Poſtillon war kein ſolcher Eſel, ſich dieſe halbe Krone entgehen zu laſſen, und mit der ehrerbietig⸗ ſten Miene von der Welt verſicherte er dem Herrn, er ſei ſelbſt bereit, augenblicklich wieder abzufahren und er habe blos deshalb ſich vorgenommen, eine Stunde zu warten, weil er nicht gewußt hätte— wie ſollte er es — 153— auch wiſſen?— daß der Herr Etwas auf dem Ruͤckweg zu beſorgen habe. Das Briefchen und die halbe Krone wurden dem Poſtillon ſofort eingehändigt, derſelbe ſetzte ſich wieder in ſeinen Sattel, widerſtand den ſanften Bitten des Hausknechts, erſt ein Glas von irgend Etwas zu ſich zu nehmen, und trabte davon. Nicht ſobald war er je⸗ doch in der vollen Ueberzeugung fort, daß, bevor eine Viertelſtunde um ſei, die beiden Reiſenden wieder auf dem Wege nach Briſtol ſein würden, als der Herr, den er zurückgelaſſen, plötzlich ſich anders beſonnen zu haben ſchien. Die Pferde wurden abbeſtellt, ein Zimmer im obern Stock angeſehen, ein Frühſtück beſtellt und hier ſchien er mit ſeiner ſchönen Begleiterin den Tag zubrin⸗ gen zu wollen. Nach einem kurzen, aber mit vielem Appetit verzehrten Frühſtück, das durch ein Glas Brannt⸗ wein gekrönt ward, ging der Herr hinaus, indem er zu der Dame ſagte:„Ich muß mit dieſem Kerl, dem Stephen ſprechen und erforſchen, ob er geplaudert hat. Wenn dies der Fall iſt, ſo wird es beſſer ſein, wenn wir auf alle Fälle eine Zeit lang über das Meer gehen, obſchon man uns ſicherlich Nichts beweiſen kann.“ „Du machſt immer ſolche hitzige, unüberlegte Strei⸗ che,“ antwortete die Dame in ſchmachtendem Tone, „und bringſt Dich dadurch nur in Verlegenheit;“ aber der Herr wartete nicht, bis die Ermahnung zu Ende war, ſondern verließ das Zimmer und ſchloß die Thüre hinter ſich. Wir wollen jedoch bei der Dame bleiben und wirklich, ſie war eine ſehr hübſche Dame, obſchon es eine Zeit gegeben hatte, wo ſie noch hübſcher geweſen war. Sie war ſicherlich nicht weniger als drei oder vierunddreißig Jahr alt, hatte ein wohlgeformtes, kleines Geſicht und einen Teint, der einmal außerordentlich fein geweſen war. Jetzt war er etwas grob geworden und ſah aus, als ob der Proceß der Verſchlechterung durch eine ziemliche Quantität Wein oder durch ein viel⸗ leicht noch mächtigeres Reizmittel unterſtützt worden wãä⸗ re. Ihre Augen waren ſchöne, dunkle Augen, aber ſie waren etwas wäſſerig geworden und es war zuweilen eine Leere darin, eine ſchwankende Ungewißheit, die ent⸗ weder eine ſtarke Eingenommenheit von andern Gegen⸗ genſtänden, als die eben vorliegenden, oder irgend eine Lücke des Verſtandes, entweder aus vorübergehender oder nachhaltiger Urſache verrieth. Ihre Geſtalt war lang und gut gebaut, und ihr Anzug ſowohl dem Stoffe, als der Facon nach ſehr ſchön, aber es war etwas zu Ge⸗ ziertes daran. Er hatte zu viel Spitzen und zu viel Band, zu viele helle und grelle Farben, zu viel auffällige Gegenſätze, um vollkommen dem einer vornehmen Dame von gutem Geſchmack zu gleichen. Auch lag etwas Nach⸗ läſſiges in der Art, wie die Kleider angelegt waren— — — 185— beinahe etwas Schlumpiges, wenn man ſich ſo hart ausdrücken darf, in deſſen Folge neue Sachen alt und ſchmuzig ausſahen. Ihre Miene und ihr ganzes Benehmen waren nach⸗ läſſig und träge, und als ſie ſich auf einen Stuhl niederſetzte, dann auf einen andern und die Füße auf einen dritten legte, ſchien es, als ob Etwas fortwährend auf ihrem Herzen laſtete, und daß es ihr an Kraft und Energie fehlte, um ſich dieſes Etwas zu entledigen. Sie ſchien nicht etwa verdrießlich zu ſein, daß ihr Begleiter ſie allein gelaſſen, auch ſchien ſie ſich um ſeine Abweſenheit nicht ſehr zu kümmern, obſchon ſie ſein Vorhaben und ſeine Abſichten offenbar für gefährlich und unklug erklärte. Weit entfernt davon war ſie, eben ſo heiter oder vielleicht heiterer, als er fort war, als zuvor, ſie ſang ein paar Verschen aus einem Italieniſchen Liede, nahm ein kleines Notizbuch aus ihrer Taſche und ſchrieb einige Zeilen hinein, welche nach der gleichförmi⸗ gen Länge Verſe zu ſein ſchienen; dann ſtand ſie wieder auf, öffnete einen Koffer, nahm ein Buch heraus und begann zu leſen. Es dauerte aber nicht lange, ſo ſchien ſie auch das ſatt zu haben; ſie legte das Buch wieder hin, überließ ſich ihren Gedanken und während dieſes Nachdenkens lief über ihr Geſicht bald ein leichtes Lä⸗ cheln, bald ein leichtes Zürnen, aber keins von beiden hatte den angenehmſten Ausdruck von der Welt. Es 1 ———— lag in Allem etwas Kleinliches, eine Art ſorgloſer Trägheit, die vielleicht ein von den Freuden, wenn nicht von den Schmerzen des Lebens abgetriebenes, verdorbe⸗ nes Gemüth verrieth. Und ſo ſaß ſie da und warf Al⸗ les von ſich, bis auf ihre Gedanken, als ob es auf der Welt nichts Schätzbares oder Wichtiges gäbe, als die kleinen Zufälle, die ihr eigenes perſönliches Behagen be⸗ förderten oder ſtörten. Das Mädchen, welches das Frühſtück wieder abtrug, benachrichtigte die Wirthin, daß die Frau oben es ſich ziemlich bequem mache und die Füße auf einen der beſten Stühle ſtemme. Und obſchon die gute Wirthin es nicht für gerathen hielt, gegen die⸗ ſes Verfahren Etwas einzuwenden, dachte ſie doch bei ſich ſelbſt:„dieſe vornehmen Leute wollen immer etwas Beſonderes haben, wenn ſie aber meine neuen Stuhl⸗ kappen verdirbt, ſo bringe ich es ihr mit in die Rech⸗ nung.“ Nachdem dieſer Zuſtand der Dinge etwas über an⸗ derthalb Stunden angedauert hatte, kam der Herr an⸗ ſcheinend in großer Eile und von Waſſer triefend, wie ein Neufundländer zurück, rief den Hausknecht, ehe er noch die Treppe hinaufging, und befahl ihm, die Pferde ſobald als möglich anzuſpannen. Dann lief er hinauf, trat in das Zimmer, in welchem er die Dame gelaſſen hatte, und rief:„Schnell, Charlotte, wir müſſen ge⸗ ſchwind fort wie der Teufel.“ „So? Was giebts denn, Moreton?“ entgegnete die Dame, ohve ſich nur einen Zoll zu bewegen.„Du biſt ja triefend naß, Du haſt ſicherlich wieder ein Aben⸗ teuer gehabt.“ „Ja, und noch etwas Anderes,“ antwortete der Herr,„ich begegnete jenem verfluchten Kerl wieder und er erkannre mich und verſuchte mich feſtzuhalten, aber ich riß ihn mit in den Fluß hinein und ließ ihn darin, wäh⸗ rend ich, der Himmel weiß wie, an das andere Ufer ge⸗ langte. Alles, was ich gewiß weiß, iſt, daß ſich ſein Kopf zwei oder drei Minuten unter dem Waſſer befand, denn er fiel zu unterſt. Doch ich habe jetzt keine Zeit, mehr zu ſprechen, denn wir müſſen fort, als wenn der Satan hinter uns wäre, unterwegs will ich Dir mehr erzählen.“ „Ich hoffe, daß er ertrunken iſt,“ ſagte die Dame mit bezaubernd ſüßem Lächeln,„man ſagt, es ſei ein leichter Tod. Ich glaube, ich werde mich früher oder ſpäter auch noch erſäufen.“ „Bah!“ ſagte der Herr.„Aber komm, komm! Ich habe Dir auch Etwas von Charl es zu ſagen, daher mach ſchnell.“ „Von Charles?“ rief die Dame, indem ſie auf⸗ ſprang, als ob ſie plötzlich aus einer Art von Betäu⸗ bung erweckt worden wäre, während aus ihrem — —— 1 — 158— Auge ein verborgenes boshaftes Feuer ſprühte.„Was iſts mit ihm? Haſt Du ihn geſehen? Sah er Dich?“ „Das weiß ich nicht,“ antwortete ihr Begleiter, „aber komm nur.“ Damit ergriff er einen der Koffer, als eben der Wagen vor die Thüre rollte, eilte hinun⸗ ter und ſchickte nach dem andern. Die Dame folgte ihm mit ſchnellen Schritten, indem ſie den Schleier über das Geſicht zog, denn jetzt ſchien ſie ganz Leben und Feuer zu ſein, und während der Herr die Rechnung bezahlte, ſtieg ſie in den Wagen und ſtampfte mit ihrem kleinen Fuße auf den Boden deſſelben, als könnte ſie die Ab⸗ fahrt kaum erwarten. Ehe aber ihr Begleiter, nachdem er die Rechnung bezahlt, noch den Schlag des Wageus erreichen konnte, galoppirte ſchnell ein Reiter heran, ſprang vom Pferde, packte den Herrn beim Arm und rief:„Nun aber zum Teufel, Moreton, Ihr habt mir einen ſchäbigen Streich geſpielt, daß Ihr Euch noch vor Tagesanbruch davon gemacht und mich verlaſſen habt.“ „Ich konnte nicht anders, mein lieber Wittingham,“ entgegnete der Andere,„ich mußte fort, es iſt ſo ein verfluchter Vetter von mir jetzt hier und ich mögte um Alles in der Welt nicht, daß er mich ſähe. Ihr dürft mich jetzt nicht aufhalten, denn man weiß, wo ich bin und ich erwarte, daß er mir bald einen Beſuch ab⸗ ſtaitet.“ 8 — 159— „Zum Teufel, das iſt dumm,“ rief Wittingham, „ich wollte, daß Ihr den nafeweiſen Schurken, den Hayward, von dem ich Euch erzählte, fordern ſolltet. Er kam vorige Nacht plötzlich in mein Zimmer und wir ritten tüchtig zuſammen. Ich ſagte ihm, er wäre ein Schuft, und er ſagte, er hätte mich ſchon ein Mal durchgeprügelt und würde mich nochmals durchprügeln, ſobald er mir begegnete, wenn ich nicht einen Mann von Ehre bewegte, die Sache mit ihm auszumachen.“ „Meiner Seele, ich kann nicht warten,“ rief der Andere,„obſchon ich es gern ſähe, wenn Ihr ihn er⸗ ſchöſſet, das heißt, wenn er noch lebt, woran ich etwas zweifle— aber wartet,“ fuhr er fort, nachdem er ei⸗ uen Augenblick nachgedacht,„ich werde einen Mann für Euch finden und ihn Euch ohne Zeitverluſt zuſchicken— Major Woolſtapler, er iſt die letzte Zeit in auswärtigen Dienſten geweſen, aber das macht Nichts aus und er verſteht ſich auf ſolche Dinge ganz ausgezeichnet und wenn Ihr ſeinem Rath folgt, ſo erſchießt Ihr Euern Mann ſo gewiß, als nur Etwas ſein kann— ehe drei Tage um find, ſoll er hier ſein. Ich mache jetzt nach Briſtol und dann auf der Cathſtraße weiter nach Lon⸗ don. Heute Nacht kommen wir noch hin und morgen Abend oder übermorgen früh foll er da ſein. Er wird wohl bei Buxton erfahren können, wo Ihr ſeid. Adieu, adieu!“ Und er ſprang in den Wagen. — 4160— Einen Augenblick nachher und als er ſchon die Thüre zugeſchlagen hatte, ſchien ihm noch Etwas einzufallen, er ſteckte daher den Kopf aus dem Fenſter, winkte den jungen Wittingham wieder heran und ſagte leiſe:„Ihr werdet die Bullenbeißer brauchen, daher will ich Euch die meinigen ſchicken. Sagt Woolſtapler, er möge es ſo einrichten, daß Ihr Numer Eins bekommt. Dieſe wird ihre Sache ſchon machen, wenn ſie leidlich gehand⸗ habt wird, und dann hört, Wittingham, ſagt keinem Menſchen ein Wort, daß Ihr mich hier oder in Oxford geſehen. Mein Vetter glaubt, ich bin noch in Indien.“ Dann wendete er ſich zum Poſtillon und ſagte:„Nun, vorwärts und raſch, ſechs Pence für jede Meile, wenn's geſchwind geht.“ Niemals wurde einem Poſtillon eine ſolche Andeu⸗ tung gegeben, ohne daß die Pferde es empfunden hät⸗ ten. Ich brachte auf dieſelbe Weiſe ein Mal einen Bai⸗ riſchen Poſtillon zwiſchen Ulm und Augsburg dazu, daß 4 er in einer Stunde ſieben und eine halbe Engliſche Meile zurücklegte. Ich erwähne dies als eins der merkwürdig⸗ ſten Ereigniſſe meines Lebens und in dem ſtolzen Be⸗ wußtſein, daß Niemand ſo etwas Aehnliches weder vor noch nach mir ausgeführt. Im vorliegenden Falle je⸗ doch ſtieß der Poſtillon ohne Weiteres dem Pferde die Sporen in die Seite, legte den Andern die Peitſche über den Rücken und zwar mit jenem ſanften Schwunge, — 161— welcher andeutet, daß wenn der braunröckige Herr nicht ſo ſchnell geht, als ſeine vier Beine ihn zu tragen ver⸗ mögen, die knallende Triebfeder ihn das nächſte Mal et⸗ was unſanfter berühren wird, und fort ging es in einem Schritt, der bergauf ein kurzer Galopp, bergab ein Trott und über die Ebene geſtreckter Galopp war. Ca⸗ bitain Moreton lehnte ſich im Wagen zurück und mur⸗ melte:„Wir ſind ihnen glücklich entgangen.“ „Aber was ſoll nur aus Allem dieſem noch werden?“ fragte die Dame, die ſich nun vollſtändig ermuntert zu haben ſchien.„Wenn dieſer Mann immer ſo ſeinen eige⸗ nen Weg geht, ſo weiß ich wahrlich nicht, was wir dabei gewinnen können. Wir können es nicht lange mehr ſo aushalten, Moreton, und vor zwei Tagen dachteſt Du daſſelbe. Ich werde noch gezwungen ſein, aus wirk⸗ lichem Mangel an Geld aufzutreten und den Rückſtand der Jahresrente zu verlangen. Du ſagteſt, als wir noch hier im Gaſthofe waren, Du hätteſt blos noch zehn Pfund und jetzt ſcheinſt Du von der Sache eine ganz andere Anſicht gewonnen zu haben. Ihr Männer ſeid ſicherlich die ſchwankendſten Geſchöpfe von der Welt.“ „Nein,“ ſagte Moreton, indem er ſich mit ſpötti⸗ ſcher Miene verbeugte,„ihr Damen ſeid, das muß man geſtehen, uns in dieſer wie in jeder andern Hinſicht weit überlegen. Vor zwei oder drei Monaten ſchienſt Du von Deinem Plane ganz entzückt zu ſein und er⸗ Beauchamp. Zweiter Band. 11 klärteſt, obſchon er jetzt noch nicht gelungen ſei, werde er doch endlich gelingen. Ich dachte blos, er würde aus Mangel an Mitteln nicht gelingen, übrigens war ich eben ſo geneigt dazu, als Du. Nun im Gegentheil willſt Du ihn wieder aufgeben, während ich ihn zu ver⸗ folgen wünſche und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich die Mittel habe, ihn wenigſtens eine Zeit lang zu betreiben, und weil ich die beſte Ausſicht auf Erfolg habe. Du mußt bedenken, meine liebe Charlotte, daß dies keine Sache iſt, wo ein paar Hundert oder ein paar Tauſend Pfund in Summa, ſondern wo viele Tauſend Pfund jährlicher Einkünfte auf dem Spiel ſtehen.“ Wie es gewöhnlich der Fall iſt— denn Niemand hört und beachtet in der Regel mehr als den zwanzigſten Theil deſſen, was ihm geſagt wird— heftete ſich die Aufmerkſamkeit der Dame auf einen beſondern Theil dieſer Worte, ohne von etwas Weiterem Notiz zu neh⸗ men, und ſie wiederholte, wie in Ueberlegung und Zwei⸗ fel verſunken:„Du haſt die Mittel 2 Du haſt die Mittel?“ „Jawohl hab ich ſie,“ antwortete Capitain More⸗ ton lächelnd,„ich habe die Mittel, denn während Du glaubſt, ich thue gar Nichts, entwarf ich ganz liſtig meine Pläne, durch welche es mir möglich geworden iſt, 3 dieſem alten ſchrecklichen Geizhals Wharton volle fünf Hun⸗ dert Pfund abzupreſſen. War das nicht ein guter Coup? — 163— Damit können wir in Paris fünf bis ſechs Monate le⸗ ben— ſparſam, verſtehſt Du, meine Gute?— Cham⸗ pagner und Auſtern kann es nicht alle Tage ſetzen, aber wir können ganz gut damit auskommen, und ehe die Zeit um iſt, wird gerade das Ereigniß, was wir herbei⸗ zuführen wünſchen, Statt gefunden haben, oder mein Name iſt nicht Moreton. Ich ſehe ganz deutlich, wie die Sache geht. Er iſt gefangen zum erſten Mal in ſei⸗ nem Leben, wirklich und wahrhaftig gefangen, und wenn wir nur Sorge tragen, unſere Rolle gut zu ſpielen, ſo iſt er binnen wenigen Wochen verheirathet und vollkom⸗ men in unſerer Gewalt. Ich weiß, er wird niemals im Stande ſein, das zu ertragen, und es wird ihm blos eine Wahl übrig bleiben, entweder Dich zu dem höchſt⸗ möglichen Preiſe zu erkaufen oder—“ „Mich erkaufen!“ rief die Dame.„Und wenn er die Diamantgruben von Golkonda beſäße, ſo könnte er mich nicht erkaufen. Wenn er jeden Blutstropfen ſeines Herzens in ein Goldſtück umwandeln könnte, würde ich bis auf den letzten Augenblick zuſehen und ſie dann Alle mit Stolz und Verachtung zurückweiſen. Nein, nein, ich bereite ihm öffentliche Schande, ich will ihn zu ei⸗ nem Schauſpiel machen, er ſoll als Uebelthäter verdammt werden, ich will ſein ſtolzes Gemüth und ſein hartes Herz brechen, und ihn dann ſeinem Elend überlaſſen, wie er mich dem meinigen überlaſſen hat. Darnach habe 11* — 464— ich gekämpft und geſtrebt, deswegen habe ich geſpart und geſcharrt, wie der ärgſte Geizhals, der je dem Mammon in ſeiner niedrigſten Geſtalt diente, deswegen habe ich jeden Sirpence geſpart und in freiwilliger Armuth und Vernachläſſigung gelebt, bis ich Dir begegnete, Moreton damit ich ſo Viel hätte, um leben zu können, bis dieſe Rache vollendet wäre, und ſehr oft bin ich ſeitdem ver⸗ ſucht worden, Dir zu fluchen, weil ich durch die Aus⸗ ſchweifung, die Du mich lehrteſt, die Mittel verſchwen⸗ det habe, durch welche ich Alles erreichen konnte, wor⸗ nach ich ſtrebte und trachtete.“ „Du ſprichſt in ſanftem, chriſtlichem Geiſte,“ rief Capitain Moreton lachend,„aber Nichts deſto weniger will ich mich nicht mit Dir zanken, Charlotte, denn Deine Rache fördert ja auch meine Zwecke. Wenn wir ihn nur ſo weit bringen können, daß er unwiderruflich verloren iſt, ſo bin ich, wie Du weißt, meine Liele, ſein nächſter Erbe, und je eher er daher gen Himmel oder nach Botanybay abfährt, deſto beſſer für mich. Glaubſt Du nicht, daß wir eine gutbeglaubigte Nachricht von Deinem Tode in irgend eine Zeitung mit Beſtätigungen aller Art einrücken laſſen könnten, ſo daß er durchaus nicht daran zweifelte?“ „Moreton, bei meinem Leben, ich glaube, Du biſt ein Narr!“ rief die Dame bitter.„Würde er das nicht zu ſeiner Entſchuldigung vorbringen? Nein, nein, wenn — 165— mir es möglich wäre— und der Himmel oder der Teu⸗ fel, es iſt mir gleich welcher, ſchenke mir einen guten Einfall— mögte ich ihn durch kleine Andeutungen, die nur er anwenden könnte, und die in den Augen Ande⸗ rer, wenn er ſie zu ſeiner Rechtfertigung vorbringen wollte, als frevelhafte Ausflüchte erſcheinen würden, dahin bringen, daß er⸗meinen Tod als gewiß vorausſetzte. Wenn Du mir zu einem ſolchen Plane verhelfen kannſt, werde ich Dir dankbar ſein, kannſt Du es nicht, ſo müſſen wir uns auf gutes Glück verlaſſen.“ „Lieber Himmel, ich wüßte nicht, wie das gemacht werden ſollte,“ rief Moroton. „Nun ſo laß uns weiter nicht mehr darüber ſpre⸗ chen,“ antwortete die Dame. Mit dieſen Worten ſank ſie in den Wagen zurück und fiel wieder in jenen Zu⸗ ſtand anſcheinender Apathie, aus welchen Nichts als die Leidenſchaft ſie zu erwecken vermogte. „Apropos,“ ſagte Capitain Moreton, nachdem er etwa eine Viertelſtunde lang nachgedacht, während der Wagen raſch immer weiter rollte,„die Dinge, die Du in Paris hatteſt, Uhren und Kaminverzierungen und der⸗ gleichen Dinge, was iſt denn aus dieſen geworden?“ „O, die ſind von keinem großen Werth, Moreton,“ ſagte die Dame,„mehr als tauſend Franks wären nicht daraus zu löſen, damit würdeſt Du kaum zehn Minuten am Roulettetiſch ausreichen.“ — 166— „Nein,“ antwortete Capitain Moreton, von dem bittern Tone, in welchem ſeine Begleiterin ſprach, keine Notiz nehmend,„ich dachte, daß ſie auf zufällige Weiſe uns noch mehr Dienſte leiſten könnten.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ fragte ſie ſchnell und heftete die Augen auf ihn. „Ich will wiſſen, wo ſie ſind,“ antwortete Capi⸗ tain Moreton kalt und gleichgültig. „Nun, Du weißt es ja,“ antwortete ſie etwas ſpitz, „als ich vor zwei Jahren Paris mit Dir verließ, ſagte ich dem Mädchen, der Jeannette, daß ſie ſie aufheben ſollte, bis ich zurückkäme. Sie wird ſie ſchon längſt ver⸗ ſetzt, oder verkauft haben.“ „Das iſt es eben,“ rief Moreton ſich die Hände reibend.„Wir wollen ſo ſchnell als möglich nach Paris, Du hältſt Dich möglich eingezogen, ich mache Mamſell Jeannekte ausfindig und deute ihr an, daß ſie die Sa⸗ chen verkaufen könne, um zu ihrem rückſtändigen Lohn zu kommen, weil ihre arme gute Gebieterin niemals zu⸗ rückkommen und ſie in Anſpruch nehmen werde.“ „Ich ſehe Deinen Plan,“ entgegnete die Dame, „aber ich fürchte, es wird nicht gehen, Moreton. Ich hatte, wie Du weißt, ein Jahr lang vorher ganz abge⸗ ſchloſſen gelebt und gerade die Mittel, welche ich ergriff, um ihm glauben zu machen, ich ſei todt, werden nun Deinen Plan zu dieſem Zwecke vereiteln.“ — „Das weiß ich nicht, Charlotte,“ antwortete ihr Begleiter.„Er hat in Paris Nachforſchungen angeſtellt, das weiß ich, bis dorthin hat er Deine Spur verfolgt, ob er ſie aber dort auch verloren, das weißt Du eben ſo wenig als ich. Aber ich will Dir eine Geſchichte er⸗ zählen. Als ich noch bei meinem Vater war, hatte er eine ganz beſonders ſchöne Brut Faſanen, die regelmäßig jedes Jahr um den achten oder neunten October herum verſchwanden, ohne daß eine Spur von der Anweſenheit eines Fremden im Gehege wahrzunehmen geweſen wäre. Eines Tags jedoch, als ich ſehr früh des Morgens aus⸗ gegangen war, ſah ich einen ſchönen alten Hahn mit ſeinem grüngoldnen Hals gerade durch ein Feld nach dem Garten eines benachbarten Pächters ſteigen. Alle zwei oder drei Secunden bückte ſich der Faſan mit dem Kopfe nieder und ging dann wieder weiter. Ich ſah ihm einige Minuten lang über eine Hecke nach, kroch dann durch, ſcheuchte den Vogel auf und unterſuchte die Stelle, wo er geſtanden hatte. Da fand ich zu meinem Erſtau⸗ nen einen ganz ordentlichen Faſanfußweg, der längs mit einer Linie Gerſtenkörner beſtreut war, die gerade nach dem Garten des Pächters führte, an deſſen erſter Hecke ich bereits einen andern ſtattlichen Vogel am Halſe in einer Schlinge hängen ſah. Nun, meine Charlotte, ſo wollen auch wir einige Gerſtenkörner ſtreuen und vielleicht geht Dein Vogel in die Schlinge, ich meine nämlich, wir — 168— wollen hier und da kleine Nachrichten fallen laſſen, die ihn zu der Gewißheit führen, daß Du vor zwei Jahren in der Rue St. Jacques warſt, wir wollen Jeannetten die Sachen verkaufen laſſen, damit ſie ſich dadurch be⸗ zahlt macht und mit gutem Grunde glauben kann, Du ſeiſt todt, und wenn Das, was ich gehört habe, wahr iſt, ſo wird Alles, wonach Du ſo lange getrachtet haſt, vollbracht ſein, ehe noch zwei Monate um ſind.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe,“ antwortete die Dame und der Wagen hielt an, um die Pferde zu wechſeln. Neuntes Kapitel. Ein Krankenbeſuch. Die ruhige kleine Stadt Tarningham war um zwölf Uhr jedes Tages ruhiger als jemals, denn nach guter alter Sitte war hier der Mittag die Zeit zum Eſſen. Die Menſchen aßen, die Thiere aßen und die Vögel aßen, und wir Alle wiſſen, daß das Eſſen ein ſtummer Proceß iſt. Es iſt der größte Irrthum von der Welt, wenn die Aerzte ſagen, man muͤſſe beim Eſ⸗ ſen ſprechen, oder es iſt der bitterſte Spott. Entwe⸗ der meinen ſie, man müſſe ſich die Verdauung verder⸗ ben, oder aber, man ſei gewohnt, zu ſprechen ohne zu denken. Wir wollen aber eine Art von Corollarium daraus machen. Der Menſch ſoll nicht denken wenn er ißt, der Menſch ſoll nicht ſprechen, ohne zu denken, ergo ſoll der Menſch nicht bei ſeiner Mahl⸗ zeit ſprechen. Aus dieſem Grunde waren die Leute von Tarningham weiſe, denn nirgends gab es eine ſo ſtille ſchweigſame Stadt zur zwölften Stunde wo gegeſſen nießen, was die Andern warm gegeſſen, wenn ſie ihn nämlich auch Etwas übrig gelaſſen hatten, und doch glaubten der fette Wirth, die Hausknechte, die Stalljungen und die Stubenmädchen alle, Billy habe es ſehr gut. Der Wirth dachte es, weil er behauptete, er habe den Knaben aus Mitleiden zu ſich genommen, und die Hausknechte und die Poſtil⸗ lone und die Stubenmädchen glaubten es. O, Mitleeid, Mitleid! Du verkehrter, mißbrauchter Ausdruck. Seit den erſten Worten, die Adam in ſeinem Garten ſprach, bis zu dem gegenwärtigen Augenblick, wo einer der gro⸗ ßen Männer der Welt erklärte, die Sprache ſei beſtimmt, die Gedanken des Menſchen zu verbergen, iſt kein Wort von dem ganzen Schatz der Sprache jemals zur Ueber⸗ tünchung ſo vieler Sünden angewendet worden, wie du. Du biſt das alltägliche Gewand der Eitelkeit und flatterſt auf Subſcriptionsliſten, in Armenhäuſern und Hospitälern herum, du biſt die Cloake des Stolzes und des Hochmuths, der Vorwand eines jeden kleinlichen Tyrannen, der einen Sklaven ſucht; die Entſchuldigung des Geizes, der Habgier und der Engherzigkeit— ſtets mit einer Lüge Hand in Hand gehend. In wel⸗ chem menſchlichen Herz wirſt Du jemals rein und un⸗ verfälſcht gefunden! Der niedrige Verläumder ſeines Nachbars, der einem Bettler einen Sixpence oder einem Krankenhauſe ein Pfund ſchenkt, iſt ein mitleidiger Menſch. Der Spötter der Tugend, die er nicht nachah⸗ ward. Doctor Miles konnte ſeinen eigenen Fußtritt ganz deutlich vernehmen, als er die hohe Gaſſe hinab⸗ ging, und er hatte einen derben Fuß, der mit einem tüchtigen Schuh verſehen war, welcher wiederum eine dicke ſilberne Schnalle trug. Aber Doctor Miles merkte nicht auf den Schall ſeiner Fußtritte, ſondern dachte ganz eifrig an etwas Anderes. Seine Augen waren geſenkt, aber nicht ſein Kopf— er ſenkte den Kopf ſelten, ſondern hielt ihn aufrecht und gerade und— in Folge der natürlichen Wirkung des Geiſtes auf den Körper— ein Wenig ſteif. Seine Gedanken waren ſehr tief, ſo tief, daß es einer außerordentlichen Erſcheinung bedurfte, um ihn aus ſei⸗ nem Nachdenken aufzuwecken. Der Anblick eines menſch⸗ lichen Weſens jedoch in den Straßen von Tarningham ein Wenig nach zwölf Uhr reichte vollkommen aus, dieſe Wirkung hervorzubringen, und in der Entfernung von etwa zwei Hundert Schritten von der Thüre des Weißen Hirſches ſtutzte er, als er die kleine, etwas verdrehte Figur des armen kleinen Schenkjungen Billy Lamb mit einem leeren Kruge in der Hand auf ſich zukommen ſah. Niemand ſorgte für Billys Mahlzeit. Er bekam ſie, wie er konnte, wo er konnte, und wann er konnte, und wenn alle Uebrigen aßen, ward er mit einem Kruge Bier dorthin, oder mit einer Kanne Schnaps dahin geſchickt, und kam dann zurück, um die kalten Ueberreſte von Dem zu ge⸗ — 172— men kann, welcher zur Befriedigung einer lockern Ge⸗ wohnheit das Geld verſchwenderiſch wegwirft, wird mit⸗ leidig und wohlthätig genannt. Der hartherzige Mann, welcher Andern ihr Recht verſagt, oder ſeine Untergebe⸗ nen um den ihnen gebührenden Lohn betrügt, der ſeine Arbeiter auf's Unbarmherzigſte anſtrengt, oder der in ſenem eigenen Hauſe ſchroff und hart, gegen Andere wild und ſtreitſüchtig, ein Despot ſeines Weibes, ein Thrann ſeiner Kinder iſt, ſtirbt und vermacht in einem hochtrabenden Teſtament einen Theil ſeines übelerworbe⸗⸗ nen Reichthums zur Erbauung einer wohlthätigen An⸗* ſtalt, und ſein Name wird verewigt, gelobt und geprie⸗ ſen, als der eines wohlthätigen Mannes. Dieſer Knabe, der gezwungen war, Tag und Nacht zu arbeiten, ohne Lohn, ohne Vergütung, ohne ein freundliches Wort, der vom Abhub geſprißt, und auf Stroh gebettet ward, und doch mehr that, als das ganze Hausperſonal zuſammen, war aus Mitleid angenommen! Glaube es, Leſer, wenn Du kannſt. Ich für meinen Theil glaube kein Wort davon. Ich bin feſt überzeugt, daß der würdige Mr. Groomber ganz beſon⸗ ders einen rührigen, willigen Menſchen brauchte, der das Bier austrüge, und alle jene Kleinigkeiten beſorgte, die Mr. Groomber nicht ſelbſt beſorgen konnte, und welche ſeine Dienſtleute nicht beſorgen mogten, und da er, als er Billy Lamb zu ſeiner Bequemlichkeit annahm, „ ſich überredete und auch das Publikum zu überreden ſuchte, er thue eine wohlthätige Handlung. Es iſt et⸗ was ganz Merkwürdiges und Außerordentliches, wenn man erwägt, wie oft wir in dem großen tragiſchen Poſſenſpiel der Welt unſere eigenen Zuſchauer ſind, oder mit andern Worten, wie fortwährend wir, wenn wir eine Rolle ſpielen, uns als einen Zuhörer betrachten und uns bemühen, dieſes Individuum zu allererſt zu täuſchen. 4 Jedoch dem ſei, wie ihm wolle, Billy Lamb, der Schenkjunge kam alſo mit einer leeren Kanne in der Hand gerade auf Doctor Miles zu und der gute Doec⸗ tor ſah ihn nicht ſobald, als er ſtehen blieb, und ihn „ mit freundlichem Tone fragte, wie es ihm gehe. Nun war Doctor Miles in dieſer Gegend ein angeſehener Mann, er hatte eine Beſitzung, die allerdings nicht ſehr groß war, aber doch ſein Einkommen nur zu ei⸗ nem Zuſchuſſe zu ſeinen andern Subſiſtenzmitteln machte. Er lebte nicht vom Altar, ſondern für den Altar, und Niemand macht in ſolchen Dingen einen ſchärfern Un⸗ terſchied, als die niedrigen Volksklaſſen. Davon können alle Geiſtlichen überzeugt ſein, daß der, welcher aus ſeinem Stande ein Handwerk macht, der den letzten Pfennig verlangt, zu dem er ein Recht hat, und viel⸗ d leicht noch Etwas mehr, der die Begräbnißkoſten er⸗ höht und alle ſeine Gebühren erweitert, immer mit ver⸗ „ — 174— ächtlichem Auge angeſehen wird. Vom Fleiſcher, vom Bäcker, vom Gewürzhändler erwartet das niedere Volk ſo Etwas. Die Forderung von einem Pfennig für's halbe Pfund mehr, als wirklich recht iſt, hält man für einen Theil der Vorrechte des Schlachtmeſſers, des Back⸗ ofens und der Wagſchaale. Von den Dienern einer rei⸗ nen und heiligen Religion aber, deren allmächtiges Grundprincip die Liebe und Selbſtverleugnung iſt, er⸗ warten ſie einen höhern und umfaſſenderen Sinn des Wohlwollens, eine erhabenere und uneigennützigere An⸗ ſicht von dem Verhältniſſe eines Hirten zu ſeiner Heerde. Dick muß der Schleier ſein, welcher den Augen der Niedern und Bedürftigen jenen habſüchtigen, gierigen Geiſt verbirgt, welcher nur zu häufig gleich dem Un⸗ hold in der Morgenländiſchen Fabel unter den Gräbern der Todten auf Raub ausgeht, und die Augenbliche des größten menſchlichen Elends benutzt, um die groben Anſprüche pfäffiſcher Habſucht geltend zu machen, An⸗ ſprüche, die nur zu oft mit dem Geſetz unvereinbar, und auch wenn nicht ungeſetzmäßig, doch immer barba⸗ riſch ſind— Gebühren, welche für immer beſeitigt wor⸗ den, die nicht länger als eine fortwährende Quelle des Grolls und der Klage zwiſchen Pfarrer und Gemeinde beſtehen ſollten, und in Folge deren der eine einen Theil ſeines Einkommens dadurch erwirbt, daß er eine drü⸗ ckende Abgabe entweder auf die Freuden oder auf die — 175— Leiden ſeiner Gemeindeglieder legt, während dieſe ihren Lehrer als einen Mann betrachten, der den erſten Grund⸗ ſätzen des Evangeliums, welches er predigt, Trotz bietet, dem„Geize, welcher Götzendienſt iſt“ folgt und die Liebe vergißt, welche eine Menge Sünden bedeckt. Glücklicherweiſe war Doctor Miles ſowohl ſeiner Stellung als Neigung nach von allen ſolchen Vorwür⸗ fen frei. Seine Bedürfniſſe nöthigten ihn nicht zu Un⸗ würdigkeiten und ſein angeborenes Temperament würde ihn niemals darein haben verfallen laſſen, von welcher Art auch ſeine Umſtände geweſen ſein mögten. In ſei⸗ nem Kirchſpiele hörte man Nichts von übertriebenen Forderungen für ein gemauertes Grab und übertriebenen Forderungen für eine Leichenpredigt, welche eine Cho⸗ lera, eine Peſt oder eine Seuche zu einer ſo reichen Erndte machen müßten, daß der Geiſtliche, der von der Kanzel herab gegen Peſt, Cholera und Hungersnoth predigte, der gröbſte Heuchler wäre. Er betrachtete nicht ſeinen Kirchhof als den einträglichſten Theil ſeiner Scholle, der mit den Leichen ſeiner Beichtkinder gedüngt werden und eine hundertfältige Ernte an Monumenten und Grabſteinen tragen müßte. Die Weihung des Bi⸗ ſchoffs betrachtete er nicht als eine Fruchtbarmachung des Landes zu ſeiner eigenen Bereicherung, B begnügte ſich mit dem bloßen Betrage der von dem Geſetz beſtimmten einfachen Gebühren und erhielt und verlangte niemals einen Pfennig mehr. Viele der benach⸗ barten Geiſtlichen nannten ihn einen ſchwachen, beſchränk⸗ ten Menſchen, und erklärten laut, er vernachläſſige die Intereſſen, oder wie ſie es nannten, die„Rechte der Kirche.“ Aber demungeachtet liebten ihn ſeine Gemeinde⸗ glieder, obſchon er ein etwas ſtrenger Mann war und wo er es nöthig glaubte, mit Verweiſen und Vorwürfen nicht ſparſam verfuhr. Das Geheimniß lag vielleicht darin, daß ſie von ſeiner Uneigennützigkeit überzeugt waren. Er nahm von Niemandem mehr, als ihm ge⸗ bührte, er verlangte von Niemandem mehr, als ihn die heilige Schrift zu fordern berechtigte. Sein Privat⸗ vermögen gab ihm die Mittel zur Wohlthätigkeit und dieſem Zwecke widmete er es ganz. Jedermann in der Umgegend wußte, daß Doctor Miles ein ſchöneres Haus haben, einen beſſern Tiſch führen und eine elegantere Equipage halten könne, gleichzeitig aber wußten Alle auch zweierlei, erſtens, daß ſein Einkommen nicht ſo groß war als es geweſen ſein würde, wenn er auf den letzten Pfennig hätte dringen wollen, und zweitens, daß er ſich Nichts aus dem Grunde abgehen ließ, um Geld zuſammenzuſcharren. Daher ſtand Doctor Miles, wie man ſich leicht denken kann, in der Umgegend in hohem Anſehen; man hörte auf ſeine Verweiſe und nahm ſie ſich zuweilen zu Herzen; ſein Rath ward geſucht und zuweilen befolgt, ſeine Meinungen wurden immer geachtet, wenn man ſeinen Winken auch nicht immer gehorchte, und von ſei⸗ nem ſtrengen Weſen wußte man recht wohl, daß keine Härte des Herzens der Grund davon ſei. Billy Lamb riß augenblicklich die Mütze vom Kopf, als er ſich dem Doctor Miles näherte, aber er wagte nicht ihn anzureden, bis der Doctor, nachdem er ihn eine Minute lang, wie in Zerſtreuung angeſehen hatte, ausrief:„Ah, William, wie geht Dir's und wie befin⸗ det ſich Deine arme Mutter?“ „O, ganz gut,“ erwiderte der Knabe mit ſeiner eigenthümlich ſanften, leiſen Stimme,„die Mutter befindet ſich jetzt beſſer, als früher, obſchon niemals ſeit dem Tode der armen Mary ganz ſo wie ſonſt.“ „Wie wäre das auch möglich?“ rief Doctor Miles. „Solche Sachen, mein Lieber, berühren junge Leute nur wenig und alte Leute nur wenig, denn junge Leute haben nur ihr eigenes Leben vor ſich und bei dieſen verdrängt dieſe Rückſicht alle Gedanken, die auf den Tod Bezug haben, und alte Leute ſind ſo voll von der Ueberzeugung von der Kürze des Lebens, daß ein paar Jahre mehr oder weniger für ſie weiter nicht bedentend. erſcheinen. Leute von mittlern Jahren ſind es, denen der Tod der Jugend ſchrecklich iſt, er umwölkt die Ver⸗ gangenheit mit Kummer und die Zukunft mit Furcht. Aber ich mögte mit Deiner Mutter ſprechen, Bill, ſie Beauchamp. Zweiter Band. 12² —— — muß dem Stephen Gimlet vergeben und es probiren, und ihm helfen und ihm zur Hand gehen.“ „Ich wollte, ſie thäte es,“ ſagte der Knabe die Augen niederſchlagend,„ich weiß gewiß, Stephen iſt nicht ſo ſchlecht, als die Leute glauben und würde nie⸗ mals die arme Mary fortgeführt haben, wenn die Mut⸗ ter nicht ſo ſtreng geweſen wäre.“ „Ich muß mit ihr ſprechen,“ antwortete Doctor Miles,„aber Du kannſt ihr ſagen, wenn Du ſie ſiehſt, daß Stephen ein ganz anderer Mann iſt und daß Sir John Slingsby ihn zum Wildhüter angenommen hat. — Sag ihr auch, vergiß es nicht,“ fuhr er nach einer augenblicklichen Pauſe fort,„daß die Hütte auf dem Moor abgebrannt iſt und daß der arme kleine Junge, der Charley, darin hätte verbrennen müſſen, weil weder Vater, noch Mutter, noch ſonſt Jemand bei ihm war, wenn nicht ein Herr, der bei Sir John auf Beſuch iſt, gerade dazu gekommen wäre und den Knaben aus den Flammen gerettet hätte.“ „O, das muß der Herr geweſen ſein, der bei uns war,“ rief der Schenkjunge,„Kapitain Hayward nann⸗ ten ſie ihn, denn das war ein ſo guter, freundlicher Herr, wie ich nur je einen geſehen habe, und er hat mir ſo Viel geſchenkt, daß ich der Mutter Etwas zum Winter⸗ holz geben kann.“ „Nun, das iſt nicht der Grund, weshalb er auf 3 dem Moor geweſen ſein müßte,“ ſagte Doctor Miles ſchnell,„jedoch ich muß mit ihr ſprechen, denn der Knabe darf nicht mehr allein bleiben und wir müſſen ſehen, was ſich thun läßt. Aber ſage mir, Bill, wie viel Lohn bekommſt Du denn?“ 1 „Einen Schilling wöchentlich und das Eſſen,“ ent⸗ gegnete der Knabe unbefangen,„es iſt das gewiß ſehr freundlich von Mr. Groomber, ich thue auch, was ich kann, aber das iſt nicht viel.“ „Hm,“ ſagte Doctor Miles gerade nicht mit dem 4 behagendſten Tone von der Welt,„na, ich werde gele⸗ gentlich zu Deiner Mutter kommen. Kannſt Du jetzt zu ihr gehen und ihr melden, daß ich kommen werde?“ „O, ja Herr,“ entgegnete der Knabe,„man erlaubt mir eine Viertelſtunde zum Eſſen, daher kann ich jetzt recht gut hingehen, aber erſt muß ich zu Mr. Slattery, dem Doctor, denn Mrs. Billiter trug mir auf, ihn zu bitten, er möge einmal ganz ruhig zu Mr. Wittingham kommen, blos als ob er ihn zufällig beſuchte, denn der alte Herr iſt geſtern Abend krank nach Hauſe gekommen und hat ſich in's Bett gelegt.“ „Mr. Slattery iſt nicht zu Hanuſe,“ entgegnete Doc⸗ tor Miles.„Er vegegnete mir auf der Straße, aber beſtelle es nur in ſeinem Hauſe, Bill, und ich will gleich ſelbſt zu Mr. Wittingham gehen und ihn be⸗ ſuchen.“ 12- — 180— Mit dieſen Worten ſagte er dem Knaben Lebewohl und ging weiter nach dem netten, weißangeſtrichenen Gatterthor von Mr. Wittingham's Wohnung, durch den Garten und zog die Klingel an der Hausthüre, die ihm durch einen Diener in einem altväteriſchen blauen Rock, ſchwarz und gelbgeſtreifter Weſte und ſchwarzen Plüſchhoſen mit Tuchkamaſchen geöffnet ward. Zur Antwort auf Doctor Miles Nachfrage meldete ihm der Diener, daß Mr. Wittingham im Bette liege und Niemanden ſprechen könne, aber der würdige Geiſt⸗ liche drang darauf, zugelaſſen zu werden, indem er ſagte, er habe etwas Wichtiges mitzutheilen. Darauf fand eine Berathung zwiſchen dem Diener und der Haushälterin Statt und nach einigen Zögern ging Mrs. Billiter hinauf zu ihrem Herrn, um ihn von Doctor Miles Beſuch zu unterrichten, nachdem ihr beſonders eingeſchärft worden, daß der Beſuch des Geiſtlichen in einer wichtigen Angelegenheit geſchähe. In der nächſten Minute kam ſie wieder herab und erſuchte mit einem ſo tiefen Knix, als ihre ſteife Schnürbruſt es erlauben wollte, den Doctor, hinaufzugehen, ſchritt ihm voran und Doctor Miles folgte mit langſamem, nachdenklichem Schritt. Die Stube des Gemachs ward leiſe geöffnet und der Geiſtliche trat ein und heftete ſeine Augen auf den* im Bett liegenden Mr. Wittingham und dieſer bot einen 5 — 181— traurigen Anblick dar. Schrecklich war die Wirkung, welche eine einzige Nacht der Krankheit in und an ihm hervorgerufen hatte. Die langen, dünnen, knochigen Glieder waren durch die Bettdecke deutlich ſichtbar und in ſo weit war zwiſchen dem kranken Mr. Wittingham und dem geſunden Mr Wittingham weiter kein Un⸗ terſchied, aber auf dem Pfühl lag das Geſicht und auf dieſem Geſicht ſah man Spuren, die mehr auf inneres Leiden als auf Krankheit deuteten. Die Züge waren plötzlich ſpitz und die Backen hohl gewor⸗ den. Das Auge glänzte und ſchweifte unſtät hin und her, die Stirn war gefurcht und die Farbe des Geſichts theils in Folge der lichtbraunen Moireebettvorhänge— die abſcheulichſten Vorhänge, welche es geben kann, theils in Folge einer ſchlafloſen, unruhigen, qualvollen Nacht gelb, ja faſt leichenhaft geworden. Einzelne Stellen kurz geſchnittenen grauen Haares, die gewöhnlich durch die Perrücke verdeckt wurden, zeigten ſich jetzt unter der Nachtmütze hervor an beiden Schläfen. Die großen Vorderzähne, die hohe Naſe und das vorſpringende Kinn ragten alle weit mehr hervor, als gewöhnlich, und ſicherlich war Mr. Wittingham in ſeiner baumwollenen Nachtmütze und ſeinen weißleinenen Betttüchern nicht die einnehmendſte Perſon, auf welcher jemals das Auge eines Menſchen geruht. Doctor Miles ging jedoch ruhig auf das Bett des — ᷣ—— 2———— Kranken zu, ſetzte ſich auf einen Stuhl nieder und eröffnete das Geſpräch in freundlichem Tone. S „Es thut mir leid, Euch krank zu finden, mein lieber Freund,“ ſagte er.„Ihr ſchient geſtern Abend doch ſo ziemlich wieder wohl zu ſein.“ „Jawohl, das iſt etwas Anderes, Doctor,“ entgeg⸗ nete der Kranke,„aber ich habe nachher einen fürchter⸗ lichen Schreck gehabt und der het meinem Zuſtand eine ganz andere Wendung gegeben.“ „Und in Bezug auf dieſe Wendung,“ antwortete der Geiſtliche,„werdet Ihr guten Rath bedürfen, Mr. Wittingham.“ „Ja, ja,“ ſagte der Friedensrichter etwas unge⸗ duldig,„die Billiter da hat mich ſchon eine ganze Stunde turbirt, daß ich nach dem Kerl, dem Slattery, ſchicken ſolle, ich glaube aber nicht, daß er mir Etwas helfen könne. Er iſt ein Windbeutel, wie die meiſten Aerzte.“ „Aber nicht mehr, als die meiſten,“ antwortete Doctor Miles,„und das iſt in unſerer Gegend ſchon viel. Geht nur, Mrs. Billiter, ich wünſche mit dem Mr. Wittingham allein zu ſein.“ Mrs. Billiter, welche unter dem Beſten, dem älte⸗ ſten und unabänderlichſten Vorwand, nämlich dem, das Zimmer aufzuräumen, dageblieben war, um ſich von Allem, was geſprochen werden würde, Kenntniß zu ver⸗ — — 183— ſchaffen, machte einen Knix und entfernte ſich, wiewohl ungern. Mr. Wittingham ſchauete Doctor Miles mit for⸗ ſchendem aber ſchüchternem Blicke an. Es war klar, daß er den Beſuch des Doctors gern entbehrt haben würde, daß er zu wiſſen wünſchte, was er wolle, weshalb er komme, was ſein Zweck ſei und weshalb er ſo ernſt und vorſichtig auftrete. Der Himmel weiß, daß Mr. Wit⸗ tingham kein Mann von Phantaſie, daß er den Spielen der Einbildungskraft nicht ausgeſetzt war und ſeinem Geiſte ſelten oder niemals Bilder von vergangenen oder zukünftigen Dingen vorführte, ausgenommen mit Hülfe eines großen in Pergament gebundenen Buches, auf deſ⸗ ſen letzter Seite mit großen Buchſtaben geſchrieben ſtand: „Saldo zu Gunſten Mr. Wittingham's: Neun und ſechzig Tauſend und ſo undſo viel Hun⸗ dert Pfund.“ Nichts deſto weniger war bei dieſer Gelegenheit die Phantaſie des würdigen Herrn ſtätiſch, denn ſo wie ein altes ſtörriſches Pferd, wenn man es zu einem ſchnelleren als dem gewöhnlichen Schritte an⸗ zutreiben ſucht, hintenausſchlägt, ſo behauptete auch Mr. Wittingham's Einbildungskraft ſofort ihre Oberherrſchaft über die Vernunft, indem ſie ihm ſogleich alle Arten von Geſchäften zur Auswahl vorlegte, in welchen Doctor Miles nach Tarningham Lodge gekommen ſein konnte, mußte, ſollte und würde. Er ſetzte ſich daher mit der — 184— Nachtmütze auf ſeinem Kopfe im Bette auf und grinſte wie Jorik's Schädel ſeinen Beſucher mit einem ent⸗ ſetzlichen LächeSrln an. Die Höflichkeit hat ihre Pein, wie jede andere Sache, und Mr. Wittinghams Höflich⸗ keit war wirklich peinigend. Sprechen konnte er nicht, davon war nicht die Rede, er winkte blos dem würdi⸗ gen Doctor Platz zu nehmen und dieſer ſetzte ſich mit ganz beſonderer Bedächtigkeit und verbarg offenbar unter der Miene unerſchütterlicher Kaltblütigkeit einen gewiſſen Grad von Verlegenheit und einen bedeutenden Grad von Rührung. Er wünſchte, die Wahrheit zu ſagen, ſehr, daß Mr. Wittingham zuerſt beginnen möge, aber ſah bald, daß keine Hoffnung auf ſo Etwas vorhanden war, und ſein Amt hatte ihn gewöhnt, die Initiative zu ergreifen. Deshalb fuhr er, nachdem er vorläufig drei Mal ge„hm“t, fort zu ſagen:„Mein werther Herr, ich hielt es für beſſer, Euch heute zu beſuchen, um mit Euch über eine etwas ſchmerzliche Angelegenheit zu ſprechen, die aber am Beſten gleich vorgenommen wird und zwar lieber durch Unterredung mit mir, einem Diener des Friedens, als mit Andern, die, obſchon ſie ebenſo an die Vor⸗ ſchriften der Religion gebunden ſind, deren unwürdiger Lehrer ich bin, doch nach ihrer Meinung noch beſondere Pflichten haben, die ſich der unbeſchränkten Uebung der chriſtlichen Liebe entgegenſtellen könnten.“ — 185— Sehr ſchön, Doctor Miles, Ihr verſteht es, den armen Mann auf die Folter zu ſpannen. Warum pre⸗ digt Ihr, wenn Ihr nicht auf der Kanzel ſteht? Aber Doctor Miles war nicht von Natur ein pedantiſcher Mann, er war ſonſt in ſeiner Rede kurz und bündig, und predigte blos, wenn er verlegen war. Daß dies offenbar jetzt auch der Fall war, vermehrte das Miß⸗ liche von Mr. Wittingham's Lage. Und als der Doc⸗ tor anfing, von chriſtlicher Liebe zu ſprechen, da wünſchte ihm der kranke Friedensnichter im Stillen an einen Ort, wo ſehr wenig Liebe von irgend einer Art geübt wird — nicht als ob wir etwas Beſtimmtes davon wüßten, denn ſelbſt heut zu Tage haben trotz aller Dampfboote, Eiſenbahnen und anderer Erfindungen des menſchlichen Scharfſinns, Touriſten und Reiſende, ihre Forſchungen doch nicht bis zu dem Orte ausgedehnt, den wir hier meinen, oder auf alle Fälle haben ſie die Welt noch nicht mit einem Bericht über ihre in dieſer Hinſicht gemachten Entdeckungen beglückt. Nach dem eben mitgetheilten Eingang huſtete Doc⸗ tor Miles einigemal, ſammelte ſich dann wieder und fuhr dann folgendermaßen fort: „Der unglückliche Vorfall, der geſtern Abend paſ⸗ ſirte, muß ohne Zweifel Anlaß zu gerichtlichen Erör⸗ terungen geben, welche, darauf könnt Ihr Euch verlaſ⸗ ſen, jedenfalls mit rückſichtsloſer Energie betrieben wer⸗ — 186— den, denn Capitain Hahward hat den unglücklichen jun⸗ gen Mann, wie ich höre, ſogleich verfolgt, und iſt, wenn ich ihn recht beurtheile, nicht der Mann, der eine Sache ſo leicht wieder aufgiebt, wenn er ſie einmal übernom⸗ men.“ „O, dieſer Capitain Hayward, dieſer Capitain Hahward!“ rief Mr. Wittingham zornig.„Der miſcht ſich doch immer in Dinge, die ihm nichts angehen.“ „Nein, nein, werther Herr,“ antwortete Doctor Miles,„das ging ihm etwas an, und es ging Jeden et⸗ was an, der ſich im Zimmer befand. Die Kugel fuhr nur um einen Zoll weit an dem Kopfe ſeines Freundes Mr. Beauchamp vorüber und konnte auch für ihn be⸗ ſtimmt ſein— wenigſtens hätte Capitain Hayward dies vermuthen können, wenn nicht Euer eigner Ausruf in dieſem Augenblicke—“ „Mein Ausruf,“ rief Mr. Wittingham mit ent⸗ ſetztem Blick,„was ſagte ich denn?“ Doctor Miles antwortete ihm Anfangs nicht di⸗ rect, ſondern antwortete blos:„Ihr ſagtet genug, Mr. Wittingham, um zu verrathen, wer nach Eurer Mei⸗ nung den Schuß abzefeuert hatte.“ Mr. Wittingham ſchlug verzweifelt die Hände zu⸗ Jammen und ſank mit dem Kopf über den Pfühl, als wenn er gern ſein Geſicht verborgen hätte, aber Doctor Miles fuhr freundlich fort zu ſagen:„Ueberdies, mein werther Herr, reichte Euer Ausruf hin, um ein tiefes Mitgefühl zu erregen— ich empfinde für Euch die auf⸗ richtigſte Theilnahme und wünſche Euch zu dienen und beizuſtehen.“ Nun war Mr. Wittingham nicht gewohnt, bemit⸗ leidet zu werden, er konnte dieſes Gefühl nicht leiden, und er konnte das Wort nicht leiden, er war ein eitler Mann und ein ſtolzer Mann, und Mitleid war eine Demüthigung, die er ſich nicht gern gefallen ließ, aber doch behielt ſeine Angſt und Unruhe die Oberhand, und er wiederholte zwei oder drei Mal ſchnell und gepreßt: „Was hab ich geſagt? Was hab ich geſagt?“ „Ihr ſagtet, es ſei Euer Sohn,“ anwortete der Geiſtliche,„und noch mehrere beſtätigende Umſtände haben ſich ergeben, welche—“ Mr. Wittingham gerieth aber in dieſem Augenblick in ſolche Anfregung, daß es klar war, er wünſche nichts weiter zu hören, und deßhalb ſchwieg der gute Doctor. Der Friedensrichter bedeckte ſich die Augen, rang die Hände, ſchauete durch das Fenſter zum Himmel empor, er weinte ſogar. „Dann iſt Alles verloren, Alles verloren,“ rief er endlich,„es iſt Alles verloren!“ Damit meinte er alle ſeine Träume von Wichtigkeit, ſeine Pläne von provin⸗ zieller Größe und Friedensrichterſchaft, ſeine Würde auf der Gerichtsbank und bei den Vierteljahrsſitzungen, ſein Rang als Gutsbeſitzer und ſeine Vergeſſenheit als Klein⸗ händler ſeien durch die verbrecheriſche Aufführung ſeines Sohnes und ſein eigenes unvorſichtiges Plaudern im Augenblicke der Furcht und des Kummers vereitelt, vernichtet und zerſtört. „Ja, Doctor Miles,“ ſagte er endlich,„es iſt eine traurige Geſchichte, eine traurige Geſchichte. Da Ihr aber einmal Alles wißt, ſo nützt es nichts, wenn ich noch länger ſchweigen wollte. Harry hat es wirklich ge⸗ than und er hat mir ſogar geſagt, daß er es oder etwas Aehnliches thun würde, denn er kam hierher— hierher nach Tarningham und ſagte mir, während ich auf der Gerichtsbank ſaß, daß es, wenn ich die Sache wegen Mr. Clifford's Wagen noch weiter triebe, mir ſchlecht gehen ſolle. Das war eine Drohung, mein lieber Doc⸗ tor, ich ließ mich aber durch Drohungen nicht von der Erfüllung meiner Pflicht abhalten, und das ſagte ich ihm auch und ließ ſogleich den Mann, Namens Wolf, als verdächtig feſtnehmen— denn Sir John hatte An⸗ zeige gemacht, und Ihr wißt, daß ich nicht anders konnte.“ Doctor Mitkes hatte ſich in der Welt viel umgeſehen, und obſchon er ein guter, menſchenfreundlicher Mann und durchaus nicht geneigt war, das Schlimmſte von ſeinen Mitmenſchen zu denken, ſo konnte er doch nicht umhin zu bemerken, daß aus Mr. Wittingham's Ant⸗ t — 189— wort viel Schwäche und die Begier hervorleuchtete, jede Bürde von ſich abzuwälzen. Es giebt gewiſſe Gattungen von Kenntniß, die ſich unſerm Verſtand aufzwingen, wir mögen wollen oder nicht, und zu dieſen gehört auch die Kenntniß des menſchlichen Charakters. Leute, die in der Welt viel Erfahrung gemacht haben, finden es ſehr ſchwierig, einem geübten Lügner Glauben zu ſchenken, wie ſehr ſie dies auch vielleicht in Bezug auf gewiſſe Punkte wünſchen. Sie durchſchauen, ohne es zu wollen, alle die kleinen Künſte, durch welche das Ich ſich vor dem Ich verbirgt, und noch deutlicher die gemeine Politik, durch welche der gemeine Menſch ſeine Gemeinheit den Augen ſeiner Mitmenſchen zu verbergen ſtrebt. Es be⸗ treffe dies nun den erbärmlichen Menſchen im gewöhn⸗ lichen Leben, der mehr verlangt, als ihm gebührt und ſich bemüht, ſeine Habſucht unter dem Schleier der Frei⸗ gebigkeit und Uneigennützigkeit zu verbergen, oder den Candidaten an den Wahlſchranken, der ſich unter dem Vorwande der Unabhängigkeit und des freien Urtheils, der Darlegung ſeiner Abſichten entzieht, oder den Mi⸗ niſter der Krone, der die Erfüllung von Verbindlichkei⸗ ten durch alle die Tauſend Ausflüchte umgeht, welche das dickleibige Wörterbuch der politiſchen Unehrlichkeit an die Hand giebt— der welterfahrene Mann kann, wie ſehr er auch geneigt wäre, ſich düpiren zu laſſen, nicht glauben und nicht vertrauen, er kann nicht bewundern — 190— und achten. Bei Mr. Wittingham war der Fall ein ſehr einfacher. Doctor Miles ſah und verſtand den ganzen Proceß ſeines Geiſtes in einem Augenblick; der Mann that ihm leid, er fühlte, welche Qual es ſein müſſe, einen ſolchen Sohn zu haben, und er beeilte ſich, ihm dieſe Qual ſo viel als möglich zu erleichtern. „Ich glanbe, mein werther Herr,“ ſagte er,„Ihr habt in dieſer Sache einige Fehlgriffe gethan; es fällt mir nicht ein, mich in Jemandes häusliche Angelegen⸗ heiten zu miſchen, aber ich bekenne offen, daß ich bei Betrachtung der Art, auf welche Ihr Euern Sohn er⸗ zogen, oft gedacht habe, es könne nichts Gutes daraus kommen— laßt mich ausreden, denn ich mache dieſe Bemerkung blos als eine Art Entſchuldigung, nicht ſo⸗ wohl für ihn, als für den Rath, den ich Euch geben will und der blos durch den Glauben gerechtfertigt wer⸗ den kann, daß der junge Mann nicht ſowohl von Na⸗ tur ſchlecht, als es vielmehr durch die Umſtände gewor⸗ den iſt.“ Es waren harte Worte, ſehr harte Worte, welche Doetor Miles ſprach, aber es lag darin etwas Ernſtes und Eindringliches, was Mr. Wittingham einſchüchterte und ſeine Eitelkeit verhinderte, ſich gegen die angeden⸗ tete Schuldgebung zu empören und ihn ſogar verhin⸗ derte, ſich merken zu laſſen, wie fehr er ſich durch die Syroffe Art verletzt fühlte, auf welche die Aufführung ſeines Sohnes erwähnt ward. „Unter dieſen Umſtänden,“ fuhr Doctor Miles fort, „halte ich es für das Beſte, daß Ihr Euern Sohn ſo ſchnell als möglich aus dem Lande ſchickt, ihm die Mit⸗ tel gewährt, anſtändig leben zu können, ohne ſich La⸗ ſtern hinzugeben; ihn ernſt auf das Ende aufmerkſam macht, welchem ſeine gegenwärtige Handlungsweiſe ihn zuführen muß und ihm zu verſtehen gebt, daß wenn er ſich beſſert und geneigt zeigt, ein gures und nützliches Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft zu werden, die Fehler ſeiner Jugend vergeſſen ſein ſollen und ihm die Strafe dafür erlaſſen werden wird. Was das Letztere betrifft, ſo glaube ich ſagen zu dürfen, daß, wenn er das Land ſofort verläßt, nichts Weiteres gegen ihn un⸗ ternommen werden wird. Ihr wißt wohl, daß Sir John Slingsby, obſchon hitzig und jähzornig, doch von Herzen ein gutmüthiger Mann iſt.“ „Sir John Slingsby, Sir John Slingsby?“ rief Mr. Wittingham, indem er ſich auf einmal ruhig und mit erleichterter Miene emporrichtete, als ob plötzlich Etwas eine Schraube umgedreht oder ein Sicherheits⸗ ventil geöffnet und ihn von dem Hochdruck der ernſten gewichtigen Weiſe des Doctor Miles befreit hätte,„Sir John Slingsby, Herr, darf nichts gegen mich oder die Meinigen untcrnchmrn, deun das Saldo iſt 3u ſeinem La⸗ ſten. Er kann ſchwatzen und renommiren und ſeine Wig reißen, ich habe das Alles ſchon allzulang ertragen, ohne eine Ausgleichung des Conto zn verlangen, und er ſteht mit fünf Tauſend Pfund im Debet, will ich Euch ſagen, deren Bezahlung, glaube ich, ihm ſchwer fallen wird— ja, ja, Doctor Miles, ich weiß was ich will. Fünf Tau⸗ ſend Pfund ſind fünftauſend Pfund, Doctor Miles, und ich weiß, wie es mit Sir John ſteht, daher wird es für ihn gut ſein, wenn er ſich nicht in meine Angele⸗ genheiten miſcht, es mögte für ihn gerathen ſein, mich nicht zu reizen, denn er wird weniger riskiren, wenn er alles dieſes dumme Zeug ohne weitere Nachforſchung ruhig vorüber gehen läßt, als wenn er eine Ermittelung ſeiner eigenen Angelegenheiten hervorruft. Ich will da⸗ mit nicht ſagen, daß er nicht ein guter, fideler Mann ſei, aber ich kann Euch ſagen, daß er am Rande eines Abgrundes herumtaumelt, wiewohl ich ihn nicht hin⸗ einſtürzen werde, wenn er mich nicht dazu nöthigt. Und es liegt in ſeinem eigenen Intereſſe, daß er dies nicht thut, weiter ſag ich nichts.“ Doctor Miles hatte ihn, ſo lange er ſprach, mit ſcharfen, einigermaßen ſogar vergnügten Blicken ange⸗ ſchauet, und dieſer ruhige, argwöhniſche Blick brachte Mr. Wittingham gegen das Ende ſeiner Tirade faſt in Ver⸗ legenheit. Es war klar, daß Doctor Miles nicht im Mindeſten unvorbereitet war, daß die Hinweiſung auf — 193— Sir John Slingsby's Vermögensumſtände ihn weder überraſchte noch aus der Faſſung brachte, und als Mr. Wittingham endlich etwas verlegen ſchwieg, da ſah er ſich durch die Antwort des Geiſtlichen nur noch mehr verblüfft, denn dieſer ſagte blos: „Das kann ſein, Mr. Wittingham, aber ich glaube nicht, daß Sir John Slingsby's pecuniäre Verhältniſſe ihn im Mindeſten verhindern werden, ſeine Amtspflich⸗ ten zu erfüllen. Wenn er Grund hat zu glauben, daß Euer Sohn auf dem Wege der Beſſerung iſt, ſo wird er ſehr wahrſcheinlich geneigt ſein, alle ſeine dermaligen Frevelthaten zu überſehen, daß ſie gewiſſermaßen ihn ſelbſt und ſeine Familie betreffen. Wenn er aber glaubt, daß er von einem Verbrechen zum andern fortſchreitet, ſo verlaßt Euch darauf, daß er es für ſeine Pflicht hält, einer ſolchen Carriere ſofort ein Ende zu machen. Das Einzige, was hierbei zu befürchten ſteht, iſt, daß, wenn die Schuld, von der Ihr ſprecht, ihm einfällt, dieſe nur eine Schranke für ſeine Nachſicht ſein wird, denn Niemand dürfte eher geneigt ſein, plötzlich den Entſchluß zu faſſen, mit der äußerſten Strenge zu ver⸗ fahren, als eben Sir John, wenn er nur einen Augen⸗ blick argwöhnte, die Schuld, die Ihr von ihm zu for⸗ dern habt— der Betrag derſelben möge nun ſein, wel⸗ cher er wolle— könne als Beweggrund ſeiner Milde und Nachſicht bezeichnet werden. Ich mögte Euch nicht Beauchamp. Zweiter Band. 13, — 194— rathen, Mr. Wittingham, zu einem ſolchen Auskunfts⸗ 4 nittel zu greifen, denn verlaßt Euch darauf, wenn Eure Schuld überhaupt in Erwägung gezogen wird, ſo wird dies nur zu Euerm Nachtheil der Fall ſein. Abgeſehen von Allem dieſen müßt Ihr bedenken, daß auch noch andere Leute zugegen waren und Sir John deshalb nicht die ganze Sache in ſeinen eigenen Händen hat. Doch ich habe Euch den beſten Rath gegeben, der in meinen Kräften ſtand, Ihr könnt ihn benutzen, wenn Ihr Luſt habt, wo nicht, ſo mögen die Folgen über Euch kom⸗ men und Ihr dürft Niemandem Etwas zur Laſt legen, was vielleicht eine nothwendige Folge des geſetzlichen Ganges der Sache iſt.“ Mit dieſen Worten ſtand er vom Stuhle auf und war im Begriff zu gehen, als Mr. Wittingham ihn zu⸗ rückhielt. „Bleibt, bleibt, werther Herr,“ ſagte der Friedens⸗ richter eifrig,„laßt uns dieſe Sache noch ein wenig wei⸗ ter beſprechen, ich wünſche Sir John Slingsby durch⸗ aus nicht zu ſchaden und hoffe, daß er mir dies eben⸗ falls nicht wünſcht. Aber wißt Ihr auch gewiß, daß noch andere Leute gehört haben was ich ſagte? Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm.“. Mr. Wittingham war, die Wahrheit zu geſtehen, in einem Zuſtande hoher Aufregung. Die Bemerkungen, die Doctor Miles in Bezug auf die Erziehung ſeines „ — 195— Sohnes hatte fallen laſſen, hatten ihn im höchſten Grade erbittert. Er konnte es niemals leiden, daß man ihm nur andeutete, er habe unrecht, es war dies eine Art von Anklage, die er nicht ertragen konnte, und der würdige Doctor hätte ganz ruhig über irgend Jemanden von Mr. Wittinghams Freunden oder Feinden fortſpre⸗ chen können, ohne im Mindeſten unterbrochen zu werden, aber was ſeinen Sohn betraf, das mußte natürlich Er⸗ bitterung erregen. Weshalb natürlich? fragt man viel⸗ leicht. Weil die Erziehung des Sohnes in der innigſten Gemeinſchaft mit Mr. Wittingham's eigener Eitelkeit ſtand und die Meinung, daß die Fehler dieſes Sohnes in der Erziehung lägen, war eine directe Hindeutung auf Mr. Wittingham ſelbſt.. Doctor Miles nahm jedoch auf Nichts von Auedem Rückſicht, und obſchon der würdige Friedensrichter ihn nöthigte, zu bleiben, ſo erklärte er doch, er habe keine Zeit und ſagte: „Von einer weitern Discuſſion kann nicht die Rede ſein. Ich habe Euch einen Rath gegeben, von dem ich weiß, daß er freundlich, von dem ich glaube, daß er gut iſt. Befolgt ihn, wenn Ihr es für gut findet, be⸗ folgt ihn nicht, wenn Ihr anderer Meinung ſeid. Schlagt in Bezug auf Sir John Slingsby einen Weg ein, den Ihr für den beſten haltet, auf alle Fälle verſucht aber nicht, durch pecuniäre Rückſichten Einfluß auf ihn zu 13* — 186— außern, denn ſeid verſichert, daß, obſchon er durch Un⸗ klugheit ſeine Vermögensumſtände etwas in Unordnung hat gerathen kaſſen, er doch keineswegs ſchon auf den Punkt geſunken iſt, dem der Menſch nur Schritt für Schritt durch den Druck der Umſtände entgegengeführt wird und auf dem der Menſch ſich bewegen läßt, große Grundſätze aufzugeben um kleinen Schwierigkeiten zu eni⸗ gehen. Guten Morgen, NMr. Wittingham,“ und ohne weiter zu warten, verließ Doctor Miles das Zimwer und ging die Treppe hinab. In der Hausflur begegnete er Mr. Wharton, dem Advokaten, welcher mit etwas ſaurem, unzufriedenem Geſicht hinaufging, aber es fiel zwiſchen den beiden Herren Nichts vor, als eine kalte Verbeugung, und der Geiſtliche verließ das Haus im Beſitz des Advokaten. Zehntes Kapitel. Ned Hayward gewinnt die Wette wegen der Forelle. Es iſt gewiß eine ſehr unangenehme Poſition, wenn man bis über den Hals im Waſſer ſteht, während ein Anderer Einen feſt beim Kragen hält, beſonders, wenn dies mit beiden Händen geſchieht. Es kann ein Freund ſein, der Einen ſo gepackt hat, es kann auch ein Feind ſein, aber die Operation läuft ſo ziemlich auf Eins hin⸗ aus, und daß das Ergebniß durchaus kein angenehmes ſen kann, das ſage ich dreiſt und ohne Furcht vor Widerſpruch. Denn obſchon man ſagt, des Ertrinken ſei von keinem wirklichen Schmerz begleitet und obſchon ich manchen Halbertrunkenen habe behaupten hören, es ſei beinahe ein angenehmes Gefühl, ſo iſt doch ein Theil des Proceſſes nicht das Ergebniß, ſodann kann auch Sir Peter Laurin bezeugen, daß es eine Menge Leute giebt, welche, nachdem ſie ein Mal verſucht, in dem Schooße der Mutter Themſe zu erſticken, dieſen 8 Verſuch hartnaͤckig wiederholen, als ob ſie es wirklich ſehr angenehm fänden, aber doch behaupte ich, daß ſie mit der Sache nicht zu Ende gekommen ſind, und daß ihnen deßhalb keine wirkliche Meinung zuſteht. In kal⸗ ter Abgeſchloſſenheit zu liegen und zu faulen, die Beute des hagern, verabſcheuten Ungeheuers Tod zu werden, ſich von der warmen Wohnung zu trennen, in welcher wir uns auf Erden aufgehalten, ſich von der Beglei⸗ tung aller Sinne und Gefühle zu trennen, die unſere Freunde, unſere Führer, unſere Ermahner, unſere Diener im Laufe unſeres ſterblichen Daſeins geweſen ſind— das iſt das Ergebniß jenes feſten Griffs an der Cravatte oder dem Rockkragen, wovor wir zurück⸗ beben, wenn wir mit dem Kopfe unter dem Waſſer ſteckend die Finger unſers Freundes oder Feindes zu nahe an die Athmungswerkzeuge kommen fühlen. Wenn unſer Gegner uns an den Beinen packt, ſo können wir ihn fortſtoßen, wenn er unſere Hände ergreift, können wir ihn oft abſchütteln, aber der tödtliche Druck auf der Bruſt und dem Hals, die klammernde, packende Energie dieſer kleinen Finger an der Kehle, wenn wir wiſſen, daß binnen einer halben Secunde das Leben ent⸗ ſchwunden ſein kann, iſt vielleicht eins der unange⸗ nehmſten Dinge, denen der ſterbliche Menſch ausge⸗ ſetzt iſt. Nun war Ned Hayward, wie ich dem Leſer ſchon — 199— mehreremals zu verſtehen gegeben, ein ſo braver, kühner und entſchloſſener Mann, als nur je einer lebte. Es gab keine Gefahr und kein Schickſal, dem er nicht für einen guten und würdigen Gegenſtand getrotzt hätte. Er war auch ein guter Schwimmer, als er aber, nach⸗ dem er kopfüber ins Waſſer geſtürzt, fühlte, daß er bei dem Falle der unterſte war, daß das Waſſer über ihn wegging, ſeine Füße ſich in das Geſtrüpp verwirrt hatten, und Capitain Moreton ihn mit der Fauſt feſt an die Kehle gepackt hielt, da empfand er eine unwider⸗ ſtehliche Neigung ſich ſeines Gegners auf alle mögliche Weiſe zu entledigen, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß die⸗ ſer ihm dann entränne. Die erſte Methode, die ihm einfiel, war ein tüchtiger Fauſtſchlag nach ſeinem Geg⸗ ner, der auch ſo gut ausfiel, als von einem Halber⸗ trunkenen ſich erwarten läßt. Der Gegner ließ los, richtete ſich ſo ſchnell als möglich auf, ſchlug ſich nach dem andern Ufer durch, und eilte davon. Der arme Ned Hahward jedoch fand bald, daß wenn er ſich auch von dem einen Feind befreit, er doch noch in der Ge⸗ walt eines zweiten ſei. Es iſt etwas Schreckliches, daß ein ſtarker, kräftiger Mann, der noch überdies eine unſterbliche Seele beſitzt, die er bewahren oder verlie⸗ ren kann, ſich in der Gewalt eines dünnen, erbärmli⸗ chen Geſtrüppes befinden ſolle, welches dem Anſcheine nach in einem Augenblick zerriſſen und vernichtet werden — 200— könnte. Augenblicke ſind aber ſehr wichtige Dinge, und die vis inertiae iſt eine fürchterliche Macht. Das Ge⸗ ſtrüpp machte durchaus keinen Verſuch, den jungen Mann feſtzuhalten, es packte ihn nicht an den Beinen, es umklammerte nicht ſeine Knie, ſondern es ward blos durch die Strömung um Ned Hayward's Knöchel gewickelt, und daran hielt es feſt, und verhinderte ihn, ſich zu rühren; es glich in der That manchen großen Politi⸗ kern, welche, wie die Welt glaubt, ſehr große Verän⸗ derungen durch die bloße vis inertiae bewirken, indem ſie warten, bis die Fluth der Umſtände ſie in Thätigkeit ſetzt, und dann an einem beſondern Punkte feſthalten, bis alle Oppoſition ertränkt iſt. Dies wäre beinahe der Fall mit Ned Hahward ge⸗ weſen, denn die wenigen Kräfte, die er noch übrig hatte, wurden faſt ganz durch den Schlag in Anſpruch genommen, den er Capitain Moreton verſetzte, und als er fand, daß ſeine Füße ſich in das Geſtrüppe ver⸗ wickelt hatten, welches keine Angelſchnur zerriſſen hätte, da reichten ſeine Kräfte nicht mehr hin, ſich loszurei⸗ ßen. Unſere Geſchichte ſchien, wenigſtens in ſo weit er dabei betheiligt war, zu einem ſchnellen Schluß kommen zu wollen, als er plötzlich fühlte, wie eine ſtarke Hand ihn dicht unter der Schulter beim Arm ergriff, und ſei⸗ nem ganzen Körper einen kräftigen Impuls nach der Oberfläche des Waſſers gab. Im nächſten Augenblick ——; -—— — 201— ſah, hörte und athmete er wieder, und ehe er no gehabt, eins dieſer Dinge über eine Secunde la zu thun, fand er ſeinen rechten Ellbogen auf dem Rande des Waſſers lehnen, und ſah wie Mr. Beauchamp, der nicht recht wußte, ob er todt, lebendig oder halbertrun⸗ ken ſei, ſich bemühete, ihn vollends herauszuziehen. Er ſtand mit den Worten des Dichters in einer ſehr inde⸗ centen Epiſode eines ſehr keuſchen und ſchönen Gedichtes „nur einen dummen Augenblick bewegungslos“, aber der nächſte Zug des rechten Elementes, der in ſeine Lungen kam, rief ſeine ganze Thätigkeit wieder hervor, und auf ſprang er auf dem Ufer mit einem Sprung, daß Beauchamp erſtaunte, Iſabella Slingsby zurück⸗ prallte, und Mary Clifford leiſe erröthete. Dieſe Röthe war jedoch von einem Lächeln begleitet, welches zeigte, daß dieſer Beweis von Ned Hayward's Lebenskraft ihr nicht unangenehm war. Das Erſte, was der junge Offizier jedoch that, war, daß er Mr. Benuchamp warm die Hand ſchüt⸗ telte, und rief: „Meiner Treu, Ihr kamt gerade zur rechten Zeit, — es war beinahe aus mit mir— ich hätte es nicht eine halbe Minute länger aushalten können. Es ward mir ſchon Alles grün vor den Augen, und ich weiß, daß das ein ſchlechtes Zeichen iſt.“ — —j — 202— 1 Nächſte, was er that, war, daͤß er ſeine engel aufraffte und dabei ganz entrüſtet ansrief: „Da hat er mir nun die alte dicke Forelle ſchüch⸗, tern gemacht, noch eine Secunde und ich hätte ſie ge⸗ habt. Nun kann ich eine halbe Stunde herumlaufen, ehe ich wieder eine ſolche finde, und ich ſah ſchon, wie ſie nach der Fliege liebäugelte.“ „Aber wer war dieſer Mann?“ „ Weshalb zanktet Ihr Euch denn?“ „ Warum packtet Ihr ihn denn?“ fragte Jſabella, Mary und Beauchamp, Alle auf einmal. Der Leſer möge bemerken, das Jedes ſeine Frage anders ſtellte. „Das iſt der Mann, der geſtern Abend zum Fen⸗ ſter hereinſchoß,“ entgegnete Ned Hayward, indem er aufmerkſam die Fliege an ſeinem Angelhaken betrach⸗ tete, und zwei der Anweſenden wendeten ſogleich ihre Augen nach der Richtung, die Capitain Moreton einge⸗ ſchlagen, als ob ſie fürchteten, er mögte noch einen Schuß aus dem Gebüſche herausthun, in welches er verſchwunden war. Beauchamp ſeinerſeits ſchlug die Au⸗ gen nieder und ſagte Nichts— nicht ein Wort! Ja noch mehr, er biß die Zähne zuſammen und zog die Lippe darüber, als ob er fürchtete, er möchte Etwas ſagen, dann wendete er ſich nach einer augenblicklichen Pauſe zu Ned Hayward und ſagte: — 203— „Waͤre es nicht beſſer, Ihr ließet das Fiſchan ſein, und ginget mit nach Hauſe und zöger andere Klel der an?“ „O nein,“ rief Ned Hahward,„unter keiner Be⸗ dingung, ich will meinen Fiſch fangen, bevor es Zwölf ſchlägt und werde wahrſcheinlich den Kerl noch kriegen, der durch dieſe Waſſerpartie verſcheucht ward. Wißt Ihr, Beauchamp, daß es zuweilen nicht übel iſt, wenn man ſo einen alten geſprenkelten Burſchen erſchreckt, wenn man findet, daß er argwöhniſch iſt und nicht an⸗ beißen will. Ich habe es ſehr oft verſucht und gefun⸗ den, daß es alle Mal gelingt. Er wird ärgerlich, ſchwimmt auf und ab, weiß nicht wo er hin ſoll und beißt dann aus bloßer Wuth an dem Erſten an, was ihm in den Weg kommt. Kommt nur mit, und wir werden ſehen. Er iſt, glaub' ich, ſtromabwärts gegangen, denn ich behielt ihn im Auge, bis er fortſchoß.“ „Aber Ihr ſeid auch ſehr naß, Mr. Beauchamp,“ ſagte Iſabella;„wenn Capitain Hayward ſo ein alter abgehärteter Soldat iſt, daß er nicht die Kleider zu wechſeln braucht, ſo ſehe ich nicht ein, weshalb Ihr unterlaſſen ſolltet, dies zu thun.“ „Aus dem triftigſten Grunde, den es geben kann, meine werthe Miß Slingsby,“ entgegnete Beauchamp, „weil ich keine Kleider hier habe, gegen welche ich dieſe ver⸗ tauſchen könnte.“ — 204— „Wir haben aber genug zu Hauſe,“ entgegnete Sbeu⸗ eifrig. „Aber ich fürchte, ſie werden mir nicht paſſen,“ entgegnete Beauchamp lachend;„ich befürchte jedoch Nichts, denn ich habe eben ſo viel Feldzüge mitgemacht, wie Capitain Hahward.“ „Nun ſo laßt uns wenigſtens auf alle Fälle ein wenig herumgehen,“ ſagte Mary Clifford; und damit folgten Alle Ned Hayward an dem Waſſer herab und ſahen ihm zu, wie er ſcheinbar an Nichts denkend, als an ſeine Angelei, hier und da auswarf, um zu ſehen, was ſich bekommen ließe. Drei oder vier ſehr große Fo⸗ rellen, die er geſchickt anhakte und glücklich an's Land zog, entſchädigten ihn bald für ſeine Mühe, aber Ned Hahward war noch nicht befriedigt, blieb aber endlich plötzlich ſtehen und hielt den Finger empor, zum Zei⸗ chen daß die Andern nicht zu nahe herankommen ſollten. Er ſtand etwa zwanzig Schritt von einem Punkte ent⸗ fernt, wo der Strom eine kleine Biegung machte und eine Art Durchgang zwiſchen zwei niedr gen Gebüſchen machte, deren dünne, leicht vom Wind bewegte, feder⸗ ähnliche Blätter ein wechſelndes und ſicheres Licht auf das Waſſer warfen. Der Fluß war da, wo Ned Hay⸗ ward ſtand, ganz glatt, aber zehn Schritt weiter fiel er über zwei oder drei kleine Felsplatten, welche ihn theil⸗ 8 ten und brachen, ſo daß eine rieſelnde ſchnelle Strömung — 205— und dann ein tiefer ſich kreiſelnder Tumpel entſtand, in dem ſich zwei bis drei raſche Strudel umherdrehten, gerade als ob die Schatten der Blätter auf dem Waſſer tanzten. Ned Hayward nahm bedächtig die Fliege von der Schnur und befeſtigte eine andere daran, indem er ſein Auge von Zeit zu Zeit auf einen beſondern Punkt des Tümpels heftete. Dann warf er die Schnur in die ihm zunächſt befindliche raſche Strömung hinein, ließ die Fliege mit zitternder Bewegung hinabſchwimmen und auf der Oberfläche des Schaums auf und abſpielen, dann ließ er ſie plötzlich, als ob ſie durch die Gewalt des Waſſers hinweggeführt würde, in den ſtrudelnden Tümpel hinabgleiten und hielt ſie einen Augenblick lang dort zitternd feſt, im nächſten Augenblick zog er ſie ſcharf aber nicht weit an ſich. Gleich darauf hörte man ein Rauſchen in dem Waſſer und ein ſcharfes Schnappen. Die Ruthe ward geſchwenkt und das Rad lief ſchnell ab, während der Patriarch des Stroms mit dem Haken in den Kiefern fortplätſcherte. In dem Augenblick, wo er ſtill hielt, ward er herangewunden und langſam wei⸗ ter gezogen und dann plätſcherte er wieder fort und ſchlug und ſpritzte und peitſchte das ſeichte Waſſer mit ſeinem Schwanze, bis er endlich erſchöpft und halb er⸗ ſtickt allmälig auf die Felsplatte heraufgezogen ward, und Ned Hayward watete hinein und holte ihn glücklich herüber an's Ufer. — 206— „Das iſt das Spiel des Lebens, Miß Clifford,“ ſagte er, indem er die mehr als drei Pfund wiegende Forelle in den Korb legte.„Durch traurige Erfahrun⸗ gen vorſichtig und klug gemacht, halten wir uns von Allem entſernt, was zu leicht zu erreichen ſcheint, dann aber, wenn wir finden, daß die liſtige Hand des Schick⸗ ſals vor unſern Augen ſpielt, als ob ſie ſich im näch⸗ ſten Augenblick zurückziehen wollte, da belauern wir ſie mit argwöhniſcher Begier, bis wir glauben, wir ſeien nahe daran, ſie auf immer zu verlieren, dann ſchießen wir blind drauf zu, und fühlen daß uns der Haken ge⸗ packt hat.“ Marhy Clifford lächelte und machte dann ein ernſt⸗ haftes Geſicht und Iſabella lachte und rief: „Die Moral des Angelns! Und eine gute Lektion ſoll es, glaube ich, für alle allzuvorſichtige Mamas ſein — oder war es vielleicht eine Erläuterung Eurer eige⸗ nen Lebensgeſchichte, Capitain Hayward? Ein prophe⸗ tiſcher Rückblick oder ein allgemeiner Vortrag über den Menſchen?“ „Ich fürchte, der Menſch iſt die Forelle,“ ſagte Beauchamp,„und nicht blos in einer beſondern Beſtre⸗ bung, ſondern in allen— in Liebe, Intereſſe, Ehrgeiz und wie ſie ſonſt heißen mögen. Seine Laufbahn und ſein Ende ſind gewöhnlich ſo.“ „Das, was Ihr da ſagtet, mein Fräulein, war — 207— ſo erfahren weiblich,“ ſagte Ned Hayward zu Miß Slingsbh gewendet,„daß ich, wenn ich nicht naſſe Hände hätte, Euch als Kind behandeln und tüchtig durchſchutteln würde. Ich dächte, Ihr wäret doch ge⸗ nug unter Männern geweſen, um zu wiſſen, daß ſie nicht immer an Liebe und Heirathen denken. Ihr Wei⸗ ber habt immer nur eine überwiegende Idee, was näm⸗ lich die Angelegenheiten dieſes Lebens betrifft, und be— trachtet Alles in Beziehung auf dieſelbe. Jedoch iſt es vielleicht ganz in der Natur begründet: „Des Mannes Lieb' iſt für ſein Leben Nebenſache, Der Frauen Liebe iſt ihr ganzes Daſein.“ „Eine nur zu traurige Wahrheit,“ entgegnete Marh Clifford gedankenvoll,„vielleicht hat ſie in dem Auge des Mannes zu wenig und in dem des Weibes zu viel Wichtigkeit.“ „Und doch wie ſchrecklich ſpielt ſie zuweilen damit,“ ſagte Beauchamp in noch düſtererem Tone. „Vielleicht glaubt Ihr, ſie ſpielt mit Allem, Mr. Beauchamp,“ verſetzte Iſabella,„aber die Männer wiſ⸗ ſen ſo wenig von den Frauen und ſehen ſo wenig von den Frauen, wie ſie wirklich ſind, daß ſie die Vielen nach den Wenigen beurtheilen, und wir müſſen ihnen ver⸗ geben. Nichts deſtoweniger liegt, wenn es auch wahr wäre, daß ſie damit ſpielen, nicht der geringſte Beweis vor, daß ſie das nicht fühlten. Alle Geſchöpfe ſpielen gern mit dem, was blank und gefährlich iſt, die Mücke um das Licht, das Kind mit dem Federmeſſer, und der Mann mit dem Ehrgeiz.“ „Alle Menſchen,“ ſagte Ned Hayward,„Männer und Frauen, werden bald mit Dem vertraut, was ſich häufig ihren Gedanken darbietet. Seht doch den Lei⸗ chenbitter oder den Todtengräber, wie er mit dem Leich⸗ nam Scherze treibt und blos ein grimmig ernſtes Ge⸗ ſicht macht, wenn er weiß, daß das Auge der Welt ihn ſieht, dann über die Bahre hinwegſpringt, um ſich im nächſten Wirthshauſe zu betrinken.“ „St! St! Capitain Hayward,“ rief Iſabella,„ich erkläre hiermit, daß Eure Gleichniſſe viel zu ſchrecklich ſind; ſolche traurige Unterhaltung brauchen wir nicht. Können wir auf dem Rückwege nicht von etwas Ange⸗ nehmern ſprechen?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte Ned Hayward,„ich bin einmal heute Morgen zum Moraliſiren aufgelegt.“ Und während Iſabella und Mr. Beauchamp ein we⸗ nig vorausgingen, um den ſchmalen Pfad zu paſſiren, auf welchem nur zwei Perſonen neben einander herge⸗ hen konnten, fuhr er in etwas leiſerem Tone zu Mary fort: „Ich kann dieſen Morgen nicht recht heiter werden, die gefährlichen Umſtände meines guten alten Freundes, Sir John, kommen mir nicht aus den Gedanken. Habt — 2²⁰— Ihr mit Eurer Couſine darüber geſprochen? Sie ſcheint ganz außerordentlich heiter.“ „Ich habe mit ihr geſprochen,“ antwortete Miß Clifford,„aber es mögte wohl eine bedeutende Laſt da⸗ zu gehören, Capitain Hayward, dieſes leichte Herz nie⸗ derzudrücken. Sie verſprach auch mit Mr. Beauchamp über die Sache ſprechen zu wollen, nach Dem aber, was vorgefallen iſt, fuͤrchte ich, daß ſie es nicht ge⸗ than hat.“ „O, ſie hat es gethan, verlaßt Euch darauf,“ ent⸗ gegnete der junge Offizier,„und das iſt es eben, was ſie ſo heiter macht, aber ich muß ſelbſt mit Beauchamp ſprechen und die Sache gewiß machen.“ Mittlerweile war Beauchamp mit Iſabellen weiter gegangen und es konnte Niemand, der hinter ihm her⸗ ging, daran zweifeln, daß er die Cour machte. Nicht als ob man ein Wort von dem gehört hätte, was er ſagte— nein, nicht eine Sylbe, aber das Courmachen eines Herrn hat ſtets eine eigenthümliche Geberde, die es von jedem andern Proceß unterſcheidet. Beauchamp war, wie wir ihn beſchrieben haben, etwas über mittler Statur, aber Iſabella war nicht viel kleiner und er hatte durchaus nicht nöthig den Kopf zu beugen, damit ſie ihn deutlich verſtehen mögte, wenn er nicht etwa Etwas zu ſagen hatte, was er die Andern nicht wollte hören laſſen. Aber er beugte den Kopf und ſagte, was er zu Beanchamp. Zwoelter Band. 14 — 210— ſagen hatte, mit ſehr leiſem Tone und obſchon er ihr gerade nicht in's Geſicht ſtierte, ſo ſchauete er doch von Zeit zu Zeit ihr in die Augen, als ob er dieſe für kry⸗ ſtallene Fenſter des Herzens hielte. Iſabella ihrerſeits beugte den Kopf nicht, ſie hielt ihn vielmehr ein wenig auf die eine Seite, ſo daß ſie in faſt unbemerkbarem Grade das ſchöngeformte kleine Ohr den Worten ent⸗ gegen wendete, welche an daſſelbe gerichtet wurden, ge⸗ wöhnlich ſah ſie jedoch zu Boden und die langen Wim⸗ pern verſchleierten das Veilchenblau der Augen, obſchon ſie dieſelben auch von Zeit zu Zeit bei irgend Etwas, was ſie ſagte, erhob, und wenn ihr Blick dem ſeinen begegete, ſenkte ſie den ihren. Sie mußten über einen kleinen Bach ſteigen und Beauchamp reichte ihr die Hand, um ihr heruͤberzuhelfen. Er zog, als dies geſchehen, die Hand durch ſeinen Arm und da blieb ſie, ſo lange der Spaziergang noch dauerte. Unwillkührlich und beinahe ohne es zu wiſſen, wen⸗ deten ſich Mary Clifford und Capitain Hayward gegen einander, als ſie dies bemerkten. Jedes wollte ſehen, ob das Andere es bemerkt habe— ein ſehr einfacher Wunſch— aber als ihre Blicke ſich begegneten, ward daraus eine zuſammengeſetzte Phraſe und das Anagramm des Herzens konnte etwa ſo geleſen werden: Könnten wir es nicht auch ſo machen? Es war eine arge Verſuchung, im nächſten Augen⸗ blick aber ward Ned Hahward's Geſicht außerordentlich ernſt und die warme, geſunde Gluth ſeiner Wangen um einen Schatten bleicher. Wenn aber auch in ſeiner Bruſt ein Kampf ſtatt⸗ fand, ſo war dieſer doch binnen fünf Minuten zu Ende gebracht, denn gerade als ſie wieder den Hügel hinauf⸗ ſtiegen, kam ihnen der luſtige alte Sir John Slingsby entgegen, deſſen ganzes Geſicht und Benehmen den Aus⸗ fluß heiterer Zufriedenheit an ſich trug, welcher gewöhn⸗ lich, leider aber irrig für das ausſchließliche Eigenthum des Guten und Weiſen angeſehen wird. Leichtſinn, Tem⸗ perament, Gewohnheit beſitzen oft, was Weisheit und Tugend zu beſitzen wünſchen, und oft breitet ſich in die⸗ ſer Welt der Sonnenſchein des Herzens über den Pfad Deſſen, der weder ſein eignes Unglück vor ſich liegen ſieht noch an die umhergeſtreut liegenden Leiden Anderer denkt. „He, Jungens und Mädels,“ rief der Baronet lachend,„wo ſeid Ihr ſo lange herumgelaufen? Ich habe eine ganze Welt von Geſchäften abgemacht, ſeit Ihr fort ſeid. Dank ſei dem Himmel, und nochmals Dank ſei dem Himmel, ich habe auch noch eine ganze Welt voll zu thun und werde daher nicht wie Alexander, dieſer faſelhafte Brauſekopf des Alterthums, weinen müſſen, daß es keine neuen Welten zu erobern giebt. Ned Hayward, Ned Hahward, mit Euch habe ich ein Ei zu ſchälen. Ihr habt ohne Urlaub beim Abendexer⸗ 14* — 212— ciren und bei der Morgenparade gefehlt. Wir werden Euch vor ein Kriegsgericht ſtellen laſſen, Junge. Aber was habt Ihr für Neuigkeiten mitgebracht? Habt Ihr den Feind eingeholt? Oder war er Euch üͤberlegen, wo⸗ hin hat er ſich zurückgezogen? Und zuletzt, was aber nicht der geringſte Umſtand iſt, wer und was iſt er?“ „Bei meinem Leben, Sir John, ich weiß nicht, wer er iſt,“ antwortete Ned Hayward.„Wir haben zwei Treffen gehabt, in denen er, wie ich leider geſtehen muß, die Oberhand behalten hat und ſich bei jedem Male in guter Ordnung zurückgezogen hat. Ich werde ihn aber ſchon erwiſchen, gegenwärtig habe ich nicht Zeit vollſtändige Auskunft zu geben, denn—“ „Nicht Zeit, nicht Zeit!“ rief der Baronet.„Was zum Teufel habt Ihr denn mit Eurer ganzen Zeit ge⸗ macht, daß Ihr keine halbe Stunde für Euern alten Oberſt übrig habt?“ „Erſtens, mein werther Herr, bin ich naß,“ ent⸗ gegnete der junge Offizier,„denn ich bin im Waſſer ge⸗ weſen und muß die Kleider wechſeln, aber ich habe meine Wette gewonnen, ich verſprach noch vor Mittag die beſte Forelle im Fluſſe zu fangen und hier iſt ſie. Zeigt mir eine beſſere, wenn Ihr könnt.“ „Vor Mittag!“ rief Sir John Slingsby, ſeine Uhr herausziehend,„zwanzig Minuten über zwölf iſt es!“ „Ja ſie iſt aber auch ſchon ſeit zwanzig Minuten — 213— gefangen,“ ſagte Ned Hayward,„ich appellire an ſämmt⸗ liche Anweſende.“ „Gut, zugegeben, zugegeben,“ rief der Baronet, „die Wette iſt gewonnen! die Wette iſt gewonnen! Ihr ſollt Eure Kleider wechſeln, damit Ihr ausſehet, wie ein Gentleman, und dann der ehrwürdigen Geſeiſchait Eure Geſchichte erzählen.“ „Unmöglich,“ antwortete Ned Hayward den Kopf ſchüttelnd,„ich habe wohl vierzigerlei zu thun.“ „Vierzigerlei!“ rief Sir John.„Ich habe zwei Hun⸗ dertundfunfzigerlei wenigſtens binnen einer Stunde und zehn Minuten beendet.“ „Ja, mein lieber Herr,“ ſagte der junge Herr, „aber ich muß die Kleider wechſeln, einen Brief ſchrei⸗ ben, zwei Worte mit Beauchamp ſprechen, eine Viertel⸗ ſtunde mich mit Ste Gimlet über die Erziehung ſeines Knaben unterreden, einige Kleider einpacken, damit ich zeitig genug nach Tarningham komme, um mit der Lon⸗ doner Poſtkutſche abfahren zu können und auch vorher erſt Euern Kellermeiſter bewegen, daß er mir einen Im⸗ biß und ein Glas von dem allerbeſten alten Sherry in Euerm Keller verabreicht.“ „Kleider einpacken, Londoner Poſtkutſche!“ rief Sir John Slingsby in einem ernſtern Tone, als er bisher angewendet hatte.„Der Junge iſt toll und verrückt im » — 214— Kopfe! Ned Hayward, Ned Hayward, was zum Teufel ſoll das heißen, Ned Hayward?“ „Weiter Nichts, mein lieber Sir John, als daß ein wichtiges Geſchäft mich augenblicklich nach London ruft,“ verſetzte ſein junger Freund,„aber ich komme morgen oder ſpäteſtens übermorgen wieder und mittler⸗ weile laſſe ich Pferde und Büchſe, Angelruthe und Zu⸗ behör da und gebe Euch Erlaubniß, Alles dies zu con⸗ fisciren, wenn ich nicht Wort halte.“ 3 „Gut, gut,“ ſagte der Baronet,„immer geht, wech⸗ ſelt Eure Kleider und genießt einen Imbiß. Ich habe Euch immer für einen großen Eſel gehalten, Ned, und halte Euch nun für einen größern, denn je, da ich Euch ein ganz bequemes Quartier verlaſſen ſehe, um es mit einer langweiligen Poſtkutſche zu vertauſchen. Immer packt Euch, ſag ich, immer packt Euch, dort iſt die Thüre und, ſo Etwas ſagt man lieber außer als in dem Hauſe.“ 3 „Ich danke Euch, Sir John, aber erſt muß ich noch ein Wort mit Beauchamp ſprechen,“ entgegnete Capitain Hayward, damit ergriff er ſeinen neuen Freund beim Arm und führte ihn ein wenig auf die Seite, während der Baronet mit den beiden jungen Damen in’s Haus ging. „Ich habe Euch um eine Gefälligkeit zu bitten, Beauchamp,“ ſagte Capitain Hayward;„die Angelegen⸗ heiten zwiſchen mir und dieſem jungen Wittingham ha⸗ ben ſich ſo verwickelt, daß es wahrſcheinlich zur Löſung derſelben eines Piſtolenſchuſſes bedürfen wird. Der Burſche, der geſtern Abend durch das Fenſter herein⸗ ſchoß, ritt allerdings ſein Pferd; ich ging ſtracks in ſein Zimmer und glaubte, den richtigen Mann dort zu fin⸗ den. Ich ſetzte ihn von der Urſache meines Kommens in Kenntniß, er war unverſchämt und ich theilte ihm höflich mit, was ich von ihm dächte. Er verlangte Satisfaction und ich entgegnete, daß, wenn er Jeman⸗ den fände, der ihm als Freund beiſtehen wolle, ich ihm die Ehre anthun würde, mich zu ſtellen. Ein Geſchäft, worüber Euch eine der beiden Damen einen Wink ge⸗ ben wird, wenn es nicht ſchon geſchehen, ruft mich augenblicklich nach London. Ich habe ihm das auch ſchon geſchrieben und ihm geſagt, daß ich übermorgen wieder da ſein werde. Mittlerweile werde ich im Wei⸗ ßen Hirſch beſtellen, daß, wenn Jemand von ihm kommt, ſie ihn an Euch weiſen. Macht daher die Sache, wenn dies der Fall ſein ſollte, für mich ab und bedenkt: ſobald als möglich und ſo ruhig als möglich.— Ich will meine Piſtolen mitbringen— doch wir müſſen ab⸗ brechen, da kommt Sir John Slingsby wieder, ſagt ihm unter keiner Bedingung ein Wort davon und laßt uns nun von etwas Anderem ſprechen.“ 4 4 Eilftes Kapitel. Ein erbauliches Geſpräch in einer alten Kirche. Wenn man im Monat April oder in einigen Län⸗ dern auch im Monat Mai die Augen auf einen entfern⸗ ten Hügel heftet, ſo iſt, es müßte denn die Göttin des Frühlings ſehr auf übler Laune ſein, Tauſend gegen Eins zu wetten, daß man erſt einen goldenen Schim⸗ mer ſieht, der warm iſt, wie die Blicke der Liebe, und dann einen tiefblauen Schatten, der ruhig und groß iſt, wie die Gedanken eines hochgebildeten Verſtandes, wenn die Leidenſchaften mit den Jahren entſchwunden ſind. Vielleicht tritt der umgekehrte Fall ein, der Schatten kommt erſt und der Schimmer folgt, wie man nun ge⸗ rade den Augenblick trifft, auf alle Fälle aber braucht es einem Niemand zu ſagen— ja man braucht nicht einmal das Geſicht zum Himmel emporzuheben, um ſo⸗ fort zu bemerken, daß die Urſache dieſer ſchönen Ab⸗ — 217— wechſelung der Farben in dem Wechſel des Sonn euſcheins und der Wolken des Frühlingshimmels liegt. Ueber das Gemüth und das Geſicht des Menſchen aber, wie viele Wolken, wie vieler Sonnenſchein, welche Schimmer und welche Schatten ziehen da, ohne daß nur ein Auge, mit Ausnahme deſſen, welches Alles ſieht, im Stande wäre, die Urſachen dieſes Wechſels zu ent⸗ decken. Drei Mal an einem Morgen veränderte ſich das ganze Benehmen Mr. Beauchamp's total. Er kam ernſt und gedankenvoll zum Frühſtück herab, und in einer Stunde darauf war er heiterer als er ſeit Jahren ge⸗ weſen. An der Seite Iſabellens Slingsby blieb er hei⸗ ter, ehe aber noch der Imbiß vorüber war, verſank er abermals in tiefe und düſtere Gedanken, und ſobald als Ned Hayward, nachdem er etwas Fleiſch und Wein zu ſich genommen, aufſprang um ſein an der Thuüͤre har⸗ rendes Pferd zu beſteigen, erhob ſich Beauchamp eben⸗ falls, und ſagte:„Ich muß ein Wort mit Euch ſpre⸗ chen, Hayward, ehe Ihr geht.“ „Gleich, gleich!“ antwortete Ned Hayward.„Lebt wohl, Sir John; lebt wohl Miß Slingsby.“ „Alſo merkt's Euch, ſpäteſtens übermorgen Ned!“ rief der Baronet. 5 „Auf meine Ehre,“ entgegnete Hayward.„Lebt * woohl, Rrrs. Clifford,„ich hoffe Euch bei meiner Rück⸗ kehr noch hier zu finden.“ — 218— „Ich glaube nicht, Capitain Hayward,“ entgeg⸗ nete die Dame,„aber Ihr wißt doch, daß Ihr ver⸗ ſprochen habt, hinüber zu uns—“ „Nein, nein, liebe Mama, ich glaube, Ihr wer⸗ det ſchon noch hier ſein,“ ſagte Mary Clifford,„ich werde ſchon noch einen Verſuch machen, und ſehen, ob ich Euch zum Hierbleiben bewegen kann.“ Mrs. Clifford ſchien über die Begierde ihrer Toch⸗ ter, noch länger zu bleiben, etwas erſtaunt, aber Sir John rief freudig aus:„Du biſt ein gutes Mädchen— Du biſt ein capitales Mädchen, Mary, Du biſt das be⸗ ſte kleine Mädchen in der ganzen Welt, ſie wird ſchon bleiben, ſie wird ſchon bleiben. Wir wollen eine Ver⸗ ſchwörung gegen ſie anzetteln. Na, macht, daß Ihr fortkommt, Ned. Nur keille lange Abſchiednehmerei. Ihr werdet uns, wenn Ihr wiederkommt, gerade ſo wiederfinden, wie Ihr uns verlaſſen habt, mich ſo ernſt und ſtreng wie gewöhnlich, meine Schweſter eben ſo heiter und fidel, Iſabellen eben ſo gedankenvoll und Ma⸗ 3 ry als einen ſo luſtigen Tollkopf wie immer.“ Ned Hayward verfehlte jedoch nicht, Miß Clifford Adieu zu ſagen, bevor er ging, und es muß bemerkt werden, daß er dies in etwas leiſerem Tone that, als gewöhnlich, und noch einige Worte mehr hinzufügte, als er zu den Uebrigen geſagt hatte. Beauchamp beglei⸗* tete ihn nach der Thüre, blieb dann neben dem Pferde — 219— ſtehen und fragte in leiſem Tone:„Seid Ihr ganz ge⸗ wiß, daß der Mann, mit welchem Ihr heute Morgen handgemein wurdet, derſelbe iſt, der geſtern Abend den Schuß abfeuerte?“ „Ganz gewiß,“ antwortete Ned Hayward,„denn ich ſah ſein Geſicht in der Sandgrube ganz gut, und ich vergeſſe niemals ein Geſicht. Wollte Gott, Ihr könntet ihn noch erwiſchen.“ „Habt Ihr irgend eine Vermuthung über ſeinen Na⸗ men?“ fragte Beauchamp. „Nicht die mindeſte,“ entgegnete Ned Hayward, „aber es ſind zwei Perſonen hier, die ihn, glaube ich, kennen müſſen. Die eine iſt der junge Wittingham und die andere iſt Ste Gimlet, auch Wolf genannt. Ich ver⸗ muthe ſehr ſtark, daß dieſer Kerl auch Einer von denen war, welche den Wagen anfielen, aber das erinnert mich daran, Beauchamp, daß ich mir vorgenommen hatte, mit Gimlet zu ſprechen, nun habe ich jedoch nicht mehr Zeit dazu. Ich wollte, Ihr thätet's und ſagtet ihm in meinem Namen, daß ich das⸗ Schulgeld für ſeinen Jungen bezahlen wolle, wenn er geſonnen ſei, ihm etwas Beſſeres lernen zu laſſen, als Sprenkel ſtellen. Vielleicht erfahrt Ihr dabei gleichzeitig, wer dieſer Kerl iſt, daher könnte ſich der Gang wohl der Mühe verlohnen.“ „Ich werde zu ihm gehen,“ antwortete Beauchamp, — 220— naber Ihr ſagtet doch auch, die jungen Damen hier hät⸗ ten mir Etwas mitzutheilen. Was iſt es denn?“ „Ich dachte, ſie hätten es ſchon gethan,“ entgegnete Ned Hayward,„das iſt dumm! Doch ich habe nun kei⸗ ne Zeit mehr und Ihr müßt ſie daher fragen, adieu!“ Mit dieſen Worten berührte er ſein Pferd leicht mit der Ferſe und war bald auf dem Wege nach Tarningham. Beauchamp blieb einen Augenblick lang in tiefen Gedanken auf den Stufen ſtehen und ging dann wieder in das Haus, indem er bei ſich ſagte:„Das muß ich ſofort zu erfahren ſuchen.“ Er fand Sir John Slings⸗ by im Frühſtückszimmer beim Leſen der Zeitung, aber Niemanden weiter, denn die Damen hatten ſich nach dem Geſellſchaftszimmer begeben und zwei derſelben we⸗ nigſtens ſahen ſeinem Eintritt mit einiger Begierde entge⸗ gen. Es trifft ſich ſehr ſelten, daß Jemand, der begie⸗ rig erwartet wird, auch wirklich kommt und Beauchamp folgte im gegenwärtigen Falle ebenfalls dem natürli⸗ chen Gang der Dinge und ließ die Damen vergeblich warten. „Ich habe von Capitain Hahward Etwas an Eu⸗ ern neuen Wildhüter auszurichten, Sir John,“ ſagte er,„und deshalb will ich nach ſeiner Hütte hinübergehen und mit ihm ſprechen. Mehr als eine Stunde Zeit wird hoffentlich nicht dazu nöthig ſein.“ 4 — 221— „Das kommt auf die Beine an, mein werther Herr,“ antwortete der Baronet aufblickend.„Ich mit meinen beiden würde dritthalb Stunde hin und herbrau⸗ chen, wenn ich Euch daher rathen ſoll, ſo nehmt vier. In dem Stalle findet Ihr eine hinreichende Anzahl Hufe und auch einen Reittnecht, der Euch den richtigen Weg zei⸗ gen kann. Auf dieſe Weiſe ſeid Ihr um ſo eher wieder da und die Weiber werden Etwas zu ſchwatzen haben, denn ich muß fleißig ſein— ſehr fleißig, wirklich verteu⸗ felt fleißig. Ich habe ſeit zehn Jahren nichts gethan, wie der Advocat behauptet, daher muß ich heute tüchtig arbeiten. Erſt aber will ich die Zeitungen leſen und wenn Wharton ſelbſt vor der Thüre ſtuͤnde, obſchon er ¹ nocch viel ſchlimmer iſt, als der Teufel. Ich höre gern. alle die Lügen, die in der Welt herumgehen, und da die Zeitungen ſicherlich zur ſchnellen Verbreitung der Lügen erfunden worden ſind, ſo kann man darauf rechnen, ſie alle darin zu finden. Nehmt ein Pferd, nehmt ein Pferd, Beauchamp. Das Leben iſt zu kurz, als daß man drei Neilen hin und her zu Fuße gehen ſollte, um mit einem Vildhüter zu ſprechen.“ „, Wohl, Sir John, ich nehme Euern Rath dank⸗ bar an,“ antwortete ſein Gaſt, und nach ungefähr einer Viertelſtunde trabte er auf die neue Hütte Stephen „ Gimlets zu und ein Reitknecht ritt neben ihm her, um ihm den Weg zu zeigen. Dieſer Weg war ein ſehr ma⸗ ——,— leriſcher, denn er ging uͤber eine Ecke des Moores hin⸗ weg und wand ſich dann durch wilde Alleen von allen Arten Blumen und Geſträuchen, bis endlich eine alte graue Kirche neben einer kleinen Wieſe ſichtbar ward. Das Mauerwerk war, wo es nicht der dicke Epheu über⸗ delte, an vielen Stellen mit gelbem, braunem und wei⸗ ßem Moos überwachſen, welches dem Anblick jenen vol⸗ len warmen Ton gab, mit dem die Natur alte Gebäu⸗ de ſo gern überkleidet. Es befand ſich außer dieſem nur noch ein einziges Gebäude in der Nähe und dieſes war ein kleines Häuschen von zwei Stockwerken, welches dicht an die eine Seite der Kirche angebaut war. Wahr⸗ ſcheinlich war es urſprünglich die Wohnung des Küſters geweſen und der von dem anſtoßenden Strebepfeiler her⸗ überlangende Epheu ſchlängelte ſich um den Schornſtein und ſenkte ſich mehrern tieferſtehenden Ranken derſelben Schlingpflanze entgegen und hüllte die eine ganze Seite in einen grünen Mantel ein. Der Sonnenſchein ſtrömte hinter der Kirche zwiſchen ihr und der Hütte hervor und dieſe Strahlen gaben der ganzen Seene einen ſehr hei⸗ tern Anſtrich, aber doch konnte Beauchamp nicht um⸗ hin zu denken:„Dieſer Platz mit dieſem einzelnen Hau⸗ ſe, dieſer einſamen Kirche, dem kleinen Raſenplatz und dem dahinter liegenden kleinen Felde mit ſeinem Hecken⸗ zaune muß bei ungünſtigem Wetter etwas öde ausſehen. Doch ſcheint das Haus ein ziemlich bequemes und dem Garten mit ſeinen Blumen und Küchenkräutern einige Sorgfalt gewidmet worden zu ſein. Ich hoffe, daß dies Gimlet's Hütte iſt, denn ſchon der Umſtand, ſo Etwas vorbereitet zu finden, kann in ihm andere Neigungen wecken, als woran er zeither gewohnt geweſen iſt.“ „Hier iſt es, Herr,“ ſagte der Stallburſche heran⸗ reitend und den Hut berührend, und in demſelben Augen⸗ blick lockte der Schall von den Hufen des Pferdes den rothbäckigen, lockenhaarigen Knaben des vormaligen Wildſchützen an die Thüre. Beauchamp ſtieg ab und ging hinein, und ſogleich vernahm man ein lautes, gellendes Gebell von der an⸗ dern Seite des Vorderzimmers, in welchem ein Dachs⸗ hund an das Bein einer Art von Küchentiſch angebun⸗ den war. Neben dem Hunde befand ſich die Geſtalt des neugebackenen Wildhüters, der ſich niederbeugte und meh⸗ rere auf dem Boden ſtehende Schachteln und Käfige zu⸗ rechtrückte. Es hat ein gelehrter Kritiker an den Worten„neu⸗ gebackener Wildhüter“” Anſtoß genommen— er kann es nicht leugnen— und daran gemäkelt und ſie für un⸗ richtig erklärt. Aber ich werde ſie vertheidigen, ſie ſind weder eine Folge nachläſſigen Schreibens oder nachläſſi⸗ gen Drucks, ſondern wohlüberlegt, richtig und angemeſ⸗ ſen und der Antor iſt dafür verantwortlich. Ich behaup⸗ —————— te nochmals, daß er ein neugebackener Wildhüter war, und noch dazu aus ſehr ſonderbarem Teige. Sobald als Ste Gimlet Beauchamp's Schritt hör⸗ te, richtete er ſich auf und ein vergnügtes Lächeln brei⸗ tete ſich uber ſein Geſicht, als er ſeinen Beſuch erkannte, woraus dieſer ſogleich große Hoffnungen für die Zukunft ſchöpfte. Es iſt allerdings bei dem jetzigen Lauf der Welt etwas Erfreuliches, einen Menſchen zu ſehen, von dem man eine Wohlthat erhalten hat. Das entgegenge⸗ ſetzte Gefühl iſt allgemeiner, ausgenommen man erwar⸗ tet eine neue Gunſt— eine Thatſache, welche Beauchamp durch mehrere traurige Erfahrungen kennen gelernt hatte; und da das vergnügte Ausſehen des Mannes ein ſofor⸗ tiges war und keine Beimiſchung von Affectation hatte, ſo zog er daraus einen günſtigen Schluß auf die Em⸗ pfindungen ſeines Herzens. „Nun, Gimlet,“ ſagte der Beſucher,„ich freue mich zu ſehen, daß Ihr Etwas von Euern Vorräthen gerettet habt, wenn auch die ganzen Möbels zu Grunde gegangen ſind.“ „Ich danke Euch, Herr,“ entgegnete der Andere, „meine Möbels waren keinen Groſchen werth, denn die meiſten davon hatte ich mir ſelbſt gemacht, aber ich habe viele andere Dinge eingebüßt, die ich mir nicht ſo leicht wieder werde anſchaffen können. Alle Hunde, die in dem Hauſe waren, bis auf dieſen einen, ſind verbrannt — 225— oder erſtickt. Dieſer hatte den Strick zerriſſen und war entkommen. Auch meine Frettchen ſind alle drauf gegan⸗ gen, bis auf drei, die in dem Schuppen ſtaken, und von dem armen zahmen Dachſe fand ich erſt heute Morgen ein Stückchen Fell. Ich bin Euch ſehr dankbar für das, was Ihr mir gegeben habt, und wenn Ihr fünf Minuten warten wollt, ſo ſollt Ihr ſehen, was ich damit gemacht habe. Ich glaube, es wird Euch Ver⸗ gnügen machen, denn es war genug, um das Haus bequem einzurichten, und ich habe auch noch Etwas übrig, im Fall es noch irgend woran fehlte.“ Beauchamp gefiel die Art und Weiſe des Mannes, ſeine Dankbarkeit dadurch auszudrücken, daß er die Geſinnung zu würdigen wußte, in welcher die Wohlthat ihm erzeigt worden war. Sie war mehr werth als Tauſend Hyperbeln. „Ich werde eine Weile warten, Gimlet,“ ſagte er, „denn ich habe über Einiges mit Euch zu ſprechen, wenn Ihr eine Minute Zeit übrig habt.“ „O ganz gewiß,“ antwortete der Mann in ehrer⸗ bietigem Tone,„aber ich kann Euch nicht Platz nehmen heißen, denn wie Ihr ſeht, habe ich keine Stühle. „Das macht Nichts aus,“ entgegnete Beauchamp, „was ich Euch aber hauptſächlich zu ſagen wünſchte, iſt das: Mein Freund, Capitain Hahward intereſſirt ſich ſehr für Euch und Euern Knaben und als er heute Beauchamp. Zweiter Band. 15 nach London abreiſte, bat er mich zu Euch zu gehen und Euch zu ſagen, daß er, wenn Ihr den armen, klei⸗ nen Kerl in irgend eine gute Schule der Umgegend ſchicken wollt, die Koſten dafür bezahlen wird. Er wünſchte, daß ich Euch auseinanderſetzen mögte, wie vortheilhaft dies für den Knaben iſt, wenn er eine gute Erziehung bekommt, und daß er, wenn Ihr in Euerm Dienſte abweſend ſeid, in der Schule beſſer aufgehoben iſt, als wenn er hier allein und eingeſchloſſen im Hauſe ſteckt.” „Was dieſer Herr wünſcht, das thue ich,“ entgeg⸗ nete Gimlet,„ich habe noch niemals einen ſolchen Mann gekannt— ich wollte, ich hätte einen gekannt— jedoch bin ich verbunden zu thun, was er mir ſagt und ſelbſt, wenn ich nicht einſähe, daß das, was er mir da ſagen läßt, recht und gut ſei, würde ich es doch thun. Was aber das Bezahlen betrifft, ſo hoffe ich, daß er nicht von mir verlangen wird, es ihm zu überlaſſen, denn ich habe nun genug und mehr als brauche, und obſchon es mir Vergnügen macht, einem ſolchen Herrn dankbar zu ſein, ſo kann er doch mit ſeinem Gelde nun anderswo Gutes thun.“ 1 „Nun, das könnt Ihr mit ihm ſpäter abmachen, Gimlet,“ entgegnete Beauchamp,„denn er kommt in ein paar Tagen wieder zurück. Ich will aber nun noch eine Frage an Euch thun, die Ihr beantworten könnt oder nicht, wie Ihr's für gut befindet. Ihr waret bei dem Kapitain Hahward, als er den Mann einholte, der durch das Fenſter geſchoſſen hatte und Ihr ſahet ſein Geſicht, glaube ich?“ Gimlet nickte mit dem Kopfe und ſagte:„Ja, ich ſah es.“ „Kennt Ihr den Mann?“ fragte Beauchamp ihn feſt anſchauend. „Ja, Herr,“ entgegnete der Andere ſogleich, wäh⸗ rend ihm die Röthe in's Geſicht ſtieg,„ehe Ihr aber weiter ſprecht, ſo laßt mich ein Wort ſagen. Dieſer Mann und ich, wir waren ein Mal gewiſſermaßen Kame⸗ raden und zwar bei einer Sache, die wir am Beſten unterlaſſen hätten, und ich mögte nicht gern Etwas ver⸗ rathen.“ „Was den Angriff auf den Wagen betrifft— auf den Ihr, wie ich weiß, hier anſpielt— ſo will ich davon veiter Michts wiſſen,“ entgegnete Beauchamp, „ſondern ich will Euch blos eine andere Frage vorlegen und verſpreche Euch auf meine Ehre, von Allem, was Ihr mir von dem Manne ſagt, keinen Gebrauch zu machen. War ſein Name nicht Moreton?“ „Ich will Euch nicht belügen, Herr,“ antwortete Gimlet,„allerdings iſt dies ſein Name, obſchon ich mir nicht denken kann, wie Ihr das herausgekriegt habt, 15* denn er iſt doch ſeit vielen Jahren nicht in dieſer Gegend geweſen.“ „Es kommt,“ antwortete Beauchamp,„Nichts drauf an, wie ich es herausgekriegt habe, und ich weiß auch, daß er ſeit vielen Jahren abweſend geweſen iſt. Könnt Ihr mir ſagen, ſeit wann er zurückgekehrt iſt?“ „Das kann ich wirklich nicht ſagen, Herr,“ entgeg⸗ nete der Mann,„aber ich hörte, daß er mit der Dame ein paar Tage in Burton's Gaſthof logirt hat, weiter weiß ich Nichts. Es iſt ein Jammer, wie er's getrieben hat— dieſes ſchöne alte Gut zu verkaufen, das der Familie ſeit vielen hundert Jahren gehört hat! Ich ſollte glauben, wenn Jemand etwas Werthvolles hätte, das fruͤher ſeinem Vater, Großvater und Urgroßvater ſo lange Zeit gehört, er darauf bedacht ſein müßte es zu erhalten, und gut zu wirthſchaften. Der Menſch geräth doch größtentheils auf ſchlimme Wege, wenn er Nichts hat, worauf er ſeinen Stolz ſetzen kann.“ „Nicht immer,“ antwortete Beauchamp,„ungezü⸗ gelte Leidenſchaften, mein guter Freund, Jugend, Uner⸗ fahrenheit, zuweilen auch unglückliche Zufälle verlei⸗ ten zuweilen den Menſchen, einen falſchen Schritt zu thun, der in dieſem machen iſt.“ „Ja, ja, das weiß ich, das weiß ich, Herr,“ ant⸗ wortete Gimlet,„aber ich hoffe doch, daß das Wieder⸗ Leben nur ſchwer wieder gut zu gutmachen nicht unmöglich iſt,“ und er ſchauete mit einem Ausdruck des Zweifels und der Frage empor in Beauchamp's Geſicht. „Unmöglich durchaus nicht,“ entgegnete der junge Herr,„und ein Menſch, der den Muth und die Willens⸗ kraft hat, einen Fehltritt wieder gut zu machen, giebt der Geſellſchaft eine beſſere Bürgſchaft für ſein künftiges Verhalten, als vielleicht einer, der niemals etwas Unrechtes begangen hat, geben kann.“ Gimlet ſchlug die Augen zu Boden und dachte einige Minuten nach, und ob er ſchon ſich nicht über den Gegenſtand ſeiner Betrachtung deutlich ausſprach, ſo endete dieſe doch mit den Worten:„Na, ich will's ver⸗ ſuchen.“ Den nächſten Augenblick ſetzte er hinzu:„Ich glaube jedoch nicht, daß dieſer Capitain Moreton es jemals wieder zu Etwas bringt, denn er hat es nun ſchon zu lange ſo getrieben, vom Knaben an bis zum Jüngling und vom Jüngling bis zum Mann. Er hat, ſagt man, ſeinen Vater zu Tode gekränkt, nachdem er ihn vorher durch Schuldenmachen ruinirt, das Schlimmſte aber von Allem iſt, daß er ſich immer Mühe gab, Andere eben ſo ſchlecht zu machen, als er ſelbſt iſt. Ich habe ihm auch nichts Gutes zu verdanken, denn als ich noch ein Knabe war und ihm gewöhnlich ſeine Jagdtaſche trug, da ſtellte er mich zu allerlei Dingen an, und von dieſer Zeit an bekam ich Luſt zu dem, was die Leute — 230— Wilddieberei nennen. Dann hat er auch Viel dazu bei⸗ getragen, dieſen jungen Harry Wittingham zu ruiniren, er unterrichtete ihn im Spielen und Trinken und andern Dingen, als er noch ein pures Kind war.“ „So!“ rief Beauchamp.„Alſo iſt dieſer junge Menſch mehr zu bemitleiden, als zu tadeln?“ „Das weiß ich nicht, Herr, das weiß ich nicht,“ entgegnete der Wildhüter,„er hat auch ein ſchlechtes Herz. Daß er meine Hütte angezündet hat, das iſt klar, und er wußte auch, daß der Junge darin war. Dieſe Geſchichte aber mit dem Schuß durch's Fenſter kann ich mir nicht erklären; ich würde geglaubt haben, es wäre ein bloßer Zufall geweſen, wenn er nicht ſpäter auch auf Capitain Hayward geſchoſſen hätte.“ „Wollte Gott, ich könnte glauben, es ſei ein Zufall geweſen,“ antwortete Beauchamp,„doch das gehört nicht hierher. Es heißt, man gehe damit um, das alte Haus niederzureißen, wenn es nicht ſehr bald wieder verkauft wird, wie weit iſt es wohl von hier?“ „O, kaum drei Viertel Meile,“ entgegnete der Wild⸗ hüter.„Habt Ihr es noch niemals geſehen, Herr? Es i*ſt ein altes ſchönes Haus.“ „Ja, ich habe es in früherer Zeit geſehen,“ ſagte Beauchamp.„Es gehört alſo zu dieſer Gemeinde?“ „Ja wohl, Herr, das hier iſt die Gemeindekirche, ſie liegen alle in einem Gewölbe begraben, die Monu⸗ mente ſtehen in dem Kreuzgange. Wollt Ihr ſie viel⸗ leicht ſehen? Der Schlüſſel wird alle Mal hier abgegeben. Dort liegen ſie— mehr als ihrer zwanzig— die Mo⸗ retons meine ich— denn wißt Ihr, der Vater dieſes Mannes war kein Moreton, er war ein Bruder von Lord Viscount Lenham, aber als er die Erbin heirathete, nahm er dem Willen ſeines Vaters gemäß den Namen Moreton an. Sein Grab iſt auch darin, und ich glaube, die Aufſchrift lautet:„Der ehrenwerthe Henry John St. Leger Moreton.“ Es iſt ein ziemlich ſchlich⸗ tes Grabmal für ſo einen feinen Gentleman, wie er war, aber die der Moretons ſind ſehr ſchön und haben große ſteinerne, in Lebensgröße ausgehauene Figuren.“ „Ich mögte mir ſie anſehen,“ ſagte Beauchamp aus tiefen Gedanken erwachend. „Das kann ſehr leicht geſchehen,“ antwortete der Wildhüter, indem er einen großen Schlüſſel von einem Nagel an der Wand nahm und nach einer kleinen Sei⸗ tenthüre der Kirche voranſchritt. „Ihr ſagtet, er ſei mit der Dame hier geweſen,“ ſagte Beauchamp, als der Mann die Thüre aufſchloß. „Wißt Ihr, ob er verheirathet iſt?“ „Das kann ich nicht ſagen, Herr,“ antwortete der Mann.„Er hatte eine Dame mit ſich und zwar von ziemlich ſeltſamem Ausſehen, die alle möglichen Farben an ſich trug. Ich ſah ſie vor etwa drei Tagen, ſie muß — 232— in ihrer Jugend eine ſchöne Frau geweſen ſein, aber jetzt ſieht ſie aus, ich weiß ſelbſt nicht wie.“ Beauchamp verſuchte darüber etwas Umſtändlicheres zu erfahren, aber der Mann vermogte keine beſſere Beſchreibung zu geben, ſie traten daher in die Kirche und gingen von Monument zu Monument und blieben ſtehen, um die verſchiedenen Inſchriften zu leſen, von denen die meiſten Beauchamp verſtändlicher waren, als ſeinem Begleiter, denn viele waren lateiniſch. Endlich kamen ſie an eine kleine, ſchlichte Tafel, die erſt in neue⸗ rer Zeit errichtet worden war und welche den Namen des letzten Eigenthümers der Beſitzung der Moretons trug, und Beauchamp blieb ſtehen und ſchauete die Tafel mit trauriger, düſterer Miene lange an. In der Betrachtung des Ruheplatzes des Letzten eines alten Geſchlechts liegt immer etwas Wehmüthiges. Das Gemüth ſummirt ganz unwillkührlich die entſchwun⸗ denen Hoffnungen, die vereitelten Erwartungen und den entſchwundenen Glanz. Das Bild vieler Generationen in der Kindheit, im Mannesalter, im Verblühen und Verwelken mit einer langen Reihe von Freuden und Leiden erhebt ſich wie ein lebendes Gaukelbild vor den Augen der Phantaſte, und das Herz zieht aus der Ge— ſchichte und dem Schickſal Anderer eine Lehre für ſich. In der Bruſt dieſes jungen Mannes ſchien aber noch etwas Anderes vorzugehen. Sein Geſicht war ſowohl —— v — 233— traurig als auch finſter, es drückte mehr düſtere Bitter⸗ keit als Wehmuth aus und er kreuzte die Arme über die Bruſt und ſchauete mit gerunzelter Stirn und zuſammen⸗ gebiſſenen Zähnen ſtumm und ſchweigend auf die Tafel des Grabmals, bis ihn ein Tritt in dem Kreuzgange hinter ihm ſtutzig machte; und als er ſich umdrehete, ſah er den guten Doctor Miles, der langſam den Kreuz⸗ gang herauf auf ihn zukam. Stephen Gimlet verbeugte ſich tief vor dem Pfar⸗ rer und trat einen Schritt zurück, Beauchamp aber blieb ſtehen, obſchon er ſeinen ehrwürdigen Freund mit einem Lächeln willkommen hieß. „Ich mögte Etwas mit Euch ſprechen, Stephen,“ ſagte Doctor Miles herantretend, und dann wendete er ſich gegen Beauchamp und ſetzte hinzu:„Wie geht'’s, mein werther Herr? Es ſind einige ſchöne Grabmäler hier.“ Beauchamp legte ſeine Hand auf den Arm des Geiſtlichen, zeigte auf die vor ihm befindliche Tafel und murmelte leiſe:„Ich habe hierüber Etwas mit Euch zu ſprechen, mein werther Freund, ich werde mit Euch zurückgehen, denn ich habe mir ſchon lange vorgenom⸗ men, mit Euch über mehrere Dinge zu reden, und es wird gut ſein, wenn ich dies nicht länger mehr hinaus⸗ ſchiebe— ich werde Euch erſt mit dem guten Mann — 234— da ſprechen laſſen und vor ſeinem Häuschen auf Euch warten.“ „O, Ihr braucht nicht fortzugehen, Ihr braucht nicht fortzugehen,“ ſagte Doctor Miles,„ich habe Nichts zu ſagen, was Ihr nicht hören dürftet.— Ich wollte Euch blos ſagen, Steffen,“ fuhr er zu dem ehemaligen Wildſchützen gewendet fort,„daß ich heute in Tarning⸗ ham geweſen bin und mit der alten Mrs. Lamb und ihren Sohn William geſprochen habe.“. „Das iſt ein lieber guter Junge, Herr,“ ſagte Stephen Gimlet, dem Pfarrer in's Geſicht ſchauend, „er war immer freundlich gegen mich und pflegte immer ſeine arme Schweſter Mary zu beſuchen, als ihr Nie⸗ mand mehr zu nahe kam. Dieſer arme, kleine Kerl, ſo bucklich und verwachſen er auch iſt, beſitzt mehr Seele und Gefühl, als die ganze Stadt Tarningham.“ „Es giebt in Tarningham ſo wie in der ganzen Welt mehr gute Leute, als Ihr wißt,“ antwortete Doctor Miles ihn ſcharf anſchauend,„Ihr müßt noch lernen, lieber Freund, daß jede beſondere Handlungs⸗ weiſe natürliche Folgen hat, und ſo wie man einen Schlüſ⸗ ſel ſo herumdrehen kann, um eine Thüre zu öffnen, und anders herum, um ſie zu ſchließen, ſo wird Euer Lebens⸗ wandel, wenn er gut iſt, Euch die Herzen der Menſchen öffnen, und wenn er ſchlecht iſt, ſie auch verſchließen.“ Stephen Gimlet rieb ſich mit dem Finger an der — 235— Stirn und antwortete in etwas bitterem aber keineswegs grobem Tone:„Es iſt ein ſehr ſchlimmes Schloß, das Herz der Menſchen, und wenn es einmal zugeſchloſſen iſt,. ſo wird der Riegel gewaltig roſtig— wenigſtens habe ich das gefunden.“ „Stephen, Stephen,“ rief der würdige Geiſtliche, indem er den Finger mit mahnender und vorwurfsvoller Geberde emporhielt,„könnt Ihr das ſagen— und ganz beſonders heute?“ „Nein, Herr, nein, Herr,“ rief Stephen eifrig,„ich habe Unrecht, ich habe ſehr Unrecht, aber ich erinnerte mich nur gleich an all die harte Behandlung, die ich ſeit zwölf Jahren erdulden müſſen und wie ich dadurch vom Schlechten zum Schlimmen getrieben worden bin— ja und meine arme Mary unter die Erde gebracht habe, denn ihr Vater war ein ſehr harter Mann, und obſchon er ſagte, ſie würde, wenn ſie mich heirathete, ihm das Herz brechen, ſo weiß ich doch gewiß, daß er das ihre gebrochen hat.“ „Ihr müßt nicht über ſolchen Dingen brüten,“ ſagte Doctor Miles,„es iſt für Jedermann beſſer, weiſer und chriſtlicher, den Antheil zu bedenken, den ſeine eignen Fehler an Geſtaltung ſeines Schickſals gehabt haben, und wenn er dies kaltblütig und ohne Leidenſchaft thut, „ ſo wird er finden, daß Andern weniger Schuld beigr⸗ meſſen werden kann, als er zu glauben geneigt iſt. Aber —— —— — 236— laßt uns mit ſolchen Betrachtungen weiter keine Zeit verſchwenden. Ich ging nach Tarningham, um mit Mrs. Lamb über Euch und Euern Knaben zu ſprechen, ich ſagte ihr, was Sir John für Euch gethan und erzählte ihr die drohende Todesgefahr, welcher das Kind dadurch ausgeſetzt geweſen, daß es in Eurer Abweſenheit ganz allein gelaſſen worden. Die gute alte Frau— und merkt wohl, Stephen, ich nenne Niemanden gut, wie die Welt zu thun pflegt, ohne ihn auch dafür zu halten — war ſehr ergriffen und weinte ſehr und am Ende ſagte ſie, ſie ſei gern bereit, hierher zu kommen und Euch hauszuhalten und Achtung auf das Kind zu geben, wenn Ihr nicht da ſeid.“ Der Mann ſchien unruhig und bewegt zu werden. Das Anerbieten kam ihm in vieler Hinſicht gelegen und paſſend, aber es regte ſich in ihm noch ein bitterer Reſt des Grolls über den Widerſtand, den die Eltern ſeines Weibes ihrer Verheirathung mit ihm entgegengeſetzt und über die Hartnäckigkeit, mit welcher ihr Vater alle Aus⸗ ſöhnung zurückgewieſen, der gegen das beſſere Gefühl an⸗ kämpfte und die ihm ſchon auf den Lippen ſchwebende Antwort hemmte. Doctor Miles war jedoch ſehr erfah⸗ ren, in dem menſchlichen Herzen zu leſen, und wenn er eine ſolche Eiterung ſah, ſo kannte er gewöhnlich auch ein Mittel dafür und wußte wie es anzuwenden ſei. Im gegenwärtigen Falle ſchlug er ſofort alle böſen Geiſter * dadurch in die Flucht, daß er einen beſſern erweckte, in deſſen Gegenwart ſie nicht Stand halten konnten. „Die einzige Schwierigkeit für die arme Mrs. Lamb,“ ſagte er, nachdem er dem Manne einen Augen⸗ blick lang prüfend in's Auge geſchauet,„ſchien zu ſein, daß ſie ſo arm iſt. Sie ſagte, daß Ihr Noth haben würdet, mit Euerm Gehalte auszukommen, und daß das Wenige, was ſie hat und was wöchentlich nicht über vier Schilling beträgt, nicht hinreichen werde, um ihren Antheil an Euerm Haushalte zu bezahlen.“ „O, wenn's weiter Nichts iſt, Doctor„“ rief Ste⸗ phen Gimlet,„das ſoll kein Hinderniß ſein. Der Mut⸗ ter meiner armen Mary ſoll es nirmals an einer Mahl⸗ zeit fehlen, ſo lange ich arbeiten kann. Soviel wird ge⸗ ſchafft, wenn ich auch ſelbſt ein Mal nichts zu eſſen hätte. Uebrigens wißt Ihr ja, daß ich jetzt reich bin und ich werde ſchon ſorgen, Ordnung zu erhalten, da⸗ mit ich nicht wieder arm werde. Es könnte für mich kein größeres Vergnügen geben, das kann ich Euch ver⸗ ſichern, Herr, als Alles, was ich habe, mit der Mut⸗ ter der armen Mary und dem guten kleinen Bill zu theilen. Durch die Güte dieſes guten freundlichen Herrn habe ich ein ganz hübſches Bischen Hausgeräth zuſam⸗ mengebracht, und wenn die alte Frau nur ihr Bett mit⸗ bringt, ſo wird ſich Alles ganz gut machen, dafür ſtehe ich, und für den Jungen wird gehörig geſorgt, er geht in die Schule und wir werden Alle ein ganz anderes Leben führen und ganz glücklich ſein, hoffe ich— nein nicht ganz glücklich! Ich kann niemals wieder ganz glück⸗ lich ſein, ſeit meine arme Marh mich verlaſſen hat, aber doch iſt ſie ſelig und wohl aufgehoben und das iſt noch ein Troſt.“ „Der größte,“ ſagte Doctor Miles, deſſen Philan⸗ thropie auf gewiſſe Weiſe ſehr leicht erregt ward,„der größte, Stephen, und da es ſowohl unſerer natürlichen Vernunft nach, als nach mehrern Stellen der Schrift keineswegs unmöglich, ja nicht einmal unwahrſcheinlich iſt, daß es den Geiſtern der Todten geſtattet iſt, die Handlungsweiſe und die Thaten Derer, die ſie auf Er⸗ den liebten, nachdem die lange Trennung eingetreten iſt, zu ſehen, ſo denkt Euch nur, welche Freude es für Euer armes Weib ſein wird, wenn ſie ſieht, wie Ihr an ih⸗ rer Mutter die Stelle eines Sohns vertretet— bedenkt wohl. ich ſage nicht, daß ſo Etwas durchaus gewiß ſei, ich deute blos darauf hin, es ſei nicht unmöglich und auch nicht ganz unwahrſcheinlich, daß den von den Körpern geſchiedenen Geiſtern eine ſolche Macht zu⸗ ſtehe.“ „Ja, das iſt ganz gewiß wahr,“ ſagte Stephen Gimlet mit ruhigem Ernſte,„ich habe viel Mal geſehen, wie ſie am Ufer unter den Weiden ſaß und mir zuſah, wenn ich meine Nachthamen legte.“ — 239— „Ich glaube, da irrt Ihr Euch, Stephen,“ ſagte Doctor Miles den Kopf ſchüttelnd,„auf alle Fälle aber wird ſie Euch, wenn ſo Etwas möglich iſt, mit mehr Freude zuſehen, wenn Ihr liebreich ihre Stelle bei ihrer Mutter vertretet.“ „Ich will thun, was ich kann, Herr,“ ſagte Ste⸗ phen Gimlet,„wäre es auch blos aus dieſem Grunde.“ „Das bin ich von Euch überzeugt, Stephen,“ ant⸗ wortete der würdige Geiſtliche,„und es wird daher gut ſein, wenn Ihr, ſobald Ihr einen Augenblick übrig habt, nach Tarningham geht und mit Mrs. Lamb ſprecht.— Nun bin ich fertig, Mr. Beauchamp.“ — 240— Zwölftes Kapitel. Worin der Wildſchütz ein ziemlich langes Geſpräch mit ſeiner Schwiegermutter hat. „MNun„ſetzt Euch nieder und ſeid heiter, Mutter Lamb,“ ſagte Stephen Gimlet nach einem Zwiſchenraum von dreißig Stunden— denn ich muß vor der Hand die Ereigniſſe übergehen, welche wichtigeren Perſonen un⸗ ſerer Erzählung begegneten und die ebengenannte Zeit in der Umgegend von Tarningham ausfüllten—„laßt das Vergangene vergangen ſein, wie man in dem Lande ſagt, wo Ihr ſo lange gelebt habt. Hier ſeid Ihr nun in einem ſo bequemen Häuschen, wie es nur eins im Lande geben kann. Ich habe ſo vielk wir brauchen und noch Etwas darüber; wir wollen Alles vergeſſen, was geſchehen und vorbei iſt, und ich will mich bemühen, Euch ein Sohn und dem armen Bill ein Bruder zu ſein.“ „Ich dank Euch, Stephen, ich dank' Euch,“ ſagte „ die alte Frau, zu der er ſprach— eine ruhige Perſon von reſignirtem Ausſehen, feinen Geſichtszügen und gro⸗ ßen dunkeln, durch das Alter noch ungetrübten Augen; aber das Haar war weiß wie Schnee, die Haut außeror⸗ dentlich runzlich und die ganze Geſtalt anſcheinend von Krank⸗ heit, Sorgen, oder Alter abgezehrt und gebeugt;„ich bin über⸗ zeugt, daß Ihr thun werdet, was Ihr könnt, mein armer Sohn, aber es kommt mir doch etwas ſonderbar vor, daß ich in meinen alten Tagen noch ein Mal meinen Wohnplatz verändere. Als ich mit meinem armen Mann, Davie Lamb, aus Schottland hierher nach Tarningham kam, dachte ich, es wäre dies nun die letzte Veränderung. Aber man kann niemals wiſſen, was Einem begegnen kann. Als ich mit der ſteifen alten Miß Moreton nach Schott⸗ land ging, glaubte ich auch, ich würde mein Leben lang da bleiben. Dort heirathete ich Lamb und hielt es nun für weniger wahrſcheinlich als je, daß ich wieder weg⸗ ziehen würde, als er ſich's plötzlich in den Kopf ſetzte, hierher nach dem Orte zu ziehen, wo ich geboren und er⸗ zogen worden, obſchon er mir niemals geſagt hat, wel⸗ chen Grund oder welche Urſache er dazu hatte.“ „Ja, er war ein verſchwiegener, harter Mann,“ ſagte Stephen Gimlet,„und es lag nicht in ſeiner Art, Jemandem ſeine Gründe anzugeben, wenigſtens machte er's ſo mit mir, er ſagte zwei oder drei Worte und damit gut.“ „Er war ein guter Gatte und ein guter Vater,“ Beauchamp. Zweiter Band, 16 — 242— ſagte die Wittwe,„obſchon er weniger ſprach, als an⸗ dere Leute, das will ich zugeben.“ „Gegen das arme liebe Mädchen war er nicht gut,“ murmelte Stephen Gimlet in einem Tone, der ſeine Worte kaum hörbar machte, aber doch verſtand oder er⸗ rieth die Wittwe den Inhalt derſelben ziemlich deutlich und ſie antwortete: „Na, Stephen, laßt uns darüber nicht ſprechen. Es giebt einige Dinge, über die wir uns einmal nicht vereinigen können und es iſt am Beſten, nicht davon zu reden. Dem armen Davie war das Gemüth durch viele Dinge verbittert worden. Die Leute benahmen ſich gegen ihn nicht ſo gut, als ſie geſollt hätten, und obſchon ich glaube, daß ſie ihn beredet hatten, hierher zu ziehen, ſo thaten ſie doch für ihn nicht, was ſie verſprochen hatten.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ antwortete der ehemalige Wildſchütz,„obſchon ich keine Urſache habe, daſſelbe zu ſagen, denn für mich haben die Leute mehr gethan, als ſie jemals verſprochen, und mehr als ich jemals erwartete. Seht nur, was der gute Sir John Slingsby gethan hat, nachdem ich ſo viele Jahre lang das Wild weggeſchoſſen habe, und auch Mr. Beauchamp — der gab mir gleich eine Zwanzigpfundnote, blos weil er hoͤrte, meine Hütte wäre mit all meinem Hab und Gut niedergebrannt— aber das Alles rührte von Ca⸗ pitain Hahward her, der zuerſt meinem armen Jungen, — 243— der jetzt da drüben liegt und ſchläft, das Leben rettete und dann gut von mir ſprach— wozu ſich früher Nie⸗ mand die Mühe genommen hat— und ſagte, ich wäre nicht ſo ſchlimm, als wie ich ſchiene; und ſo Gott will, werde ich ſeine gute Meinung gewiß nicht Lügen ſtrafen.“ „Gott ſegne den guten Mann,“ ſagte die Wittwe Lamb,„er iſt Einer von den Wenigen, Stephen, die ihre Frende daran haben, Gutes zu thun.“ „Ja wohl, das iſt ſo,“ antwortete der Wildhüter, „aber ich wußte nicht, daß Ihr ihn auch kennt, Mutter.“ „Nein, ich weiß weiter nicht Viel von ihm,“ antwortete die alte Frau,„aber ich weiß, daß er gegen meinen Sohn Bill ſehr gütig geweſen iſt, und ehe er nach London abreiſte, ſprach er noch lang mit ihm, was nach meiner Mei⸗ nung mehr werth iſt, als das Geld, das er ihm gege⸗ ben.— Aber wer iſt denn dieſer Mr. Beauchamp, der, wie Ihr ſagt, auch ein ſo guter Mann iſt? Ich habe Bill von ihm ſprechen hören und er fagte mir daſſelbe, aber ich kann noch nicht ganz klug daraus werden.“ „Nun, er iſt ein Freund von Capitain Hahward,“ verſetzte der Wildhüter,„er hat lange Zeit im Weißen Hirſch logirt und iſt gerade ſo ein Mann, wie der An⸗ dere, obſchon er etwas ernſter ausſieht und nicht ſo frank und frei iſt.“ „Aber wie ſieht er denn aus?“ fragte die alte 16* Frau,„Ihr könnt ja ſo gut beſchreiben, wie ein Hund ausſieht und wie ein Frettchen ausſieht und ich mögte von dem Manne gern Etwas hören; ich bin ganz neu⸗ gierig darauf.“ „Nun, er iſt ein langer, ſtarker Mann,“ antwortete Stephen Gimlet,„und hat volles, dunkles Haar, nicht was man lockiges nennt, aber es iſt auch nicht ſchlicht, und große Augen, in denen man wenig oder gar kein Weißes ſieht und die ſehr hell nach allen Seiten herum⸗ funkeln. Dann iſt er auch etwas blaß und ſonnver⸗ brannt und trägt ſich ſehr einfach und immer dunkel, aber wenn man ihn anſieht, mögte man ſich's nicht ge⸗ trauen, ihm ein unrechtes Wort zu ſagen, denn es liegt Etwas, ich weiß ſelbſt nicht was, in ſeiner Art und ſeinem Blick, womit er, obſchon er in ſeinen Reden ganz freundlich iſt, Jedermann zu ſagen ſchien: Ich bin kein gewöhnlicher Mann. Er trägt, ſoviel ich geſehen habe, niemals Handſchuhe, aber Nichts deſto weniger ſind ſeine Hände ſo rein und weiß, als ob er ſie nur die Minute zuvor gewaſchen hätte, und die Manſchetten ſeines Hemds ſind weiß wie Schnee.“ Mutter Lamb ſchwieg und dachte nach und rieb ſich ein paar Mal die Stirn unter dem grauen Haar. „Ich habe ihn alſo geſehen,“ ſagte ſie endlich in ſehr eigenthümlichem Ton,„er iſt mehr als ein Mal an — meinem kleinen Fenſter vorbeigegangen— und alſo ſein Name iſt Beauchamp, wie?“ „Die Leute ſagen es,“ antwortete Stephen Gimlet etwas verwundert.„Warum ſoll er es nicht ſein 2*1 „O, das weiß ich weiter nicht,“ antwortete die Wittwe und ſchwieg. „Na, Ihbr ſeid ſehr ſpaßhaft, heut Abend, Mutter,“ ſagte Stephen Gimlet,„aber ich mögte eine Taſſe Thee trinken, ehe ich hinaus auf's Revier gehe, daher will ich noch einige Reiſer holen, um ein derbes Feuer anzu⸗ machen, denn ſo kocht der Keſſel nicht ordentlich.“ Mit dieſen Worten ging er in die kleine Hausflur hinaus und aus dieſer in einen kleinen Hinterhof, aus welchem er ein paar Reisbündelchen hereinholte. Dieſe legte er auf die heiße Aſche, blies die Flamme an und brachte den Keſſel bald zum Sieden, und waͤhrend dieſer ganzen Zeit ward zwiſchen ihm und Mutter Lamb kein Wort gewechſelt, denn Beide ſchienen ſehr mit ihren ei⸗ genen Gedanken beſchäftigt zu ſein. Endlich als eine Theekanne und einige Taſſen zum Vorſchein kamen, ſo wie ein kleines, in braunes Papier eingewickeltes Pack⸗ chen Thee, ſetzte die alte Frau ſich nieder, um ihrem Schwiegerſohne das Getränk zu bereiten und ihm den erſten freundlichen Dienſt zu leiſten, ſeitdem ſie is über⸗ nommen, ihm hauszuhalten. Der Thee ward, die Wahr⸗ heit zu geſtehen, mehr für ſie, als für ihn bereitet, denn und war auch nicht daran gewöhnt, aber er kannte den Geſchmack der guten Frau und wollte ihr den Auf⸗ Stephen Gimlet machte ſich aus dieſem Getränke Nichts enthalt bei ihm gern ſo behaglich machen, als mög⸗ lich. Während ſie den Thee nach ihrer eigenen Weiſe aufgoß— denn faſt Jeder befolgt bei dieſem Geſchäft ſeine eigenthümliche Methode— ſtand Gimlet auf der andern Seite des kleinen einfachen Tiſches und ſah ihr zu. Endlich ſagte er etwas plötzlich:„Ja, Mr. Beau⸗ champ war geſtern da, gerade als Doctor Miles mit mir ſprach, und er that an mich eine Menge Fragen we⸗ gen—“ und hier ſchwieg er, denn er mogte glauben, er verletze das Vertrauen, wenn er erzählte, in welcher Abſicht ihn der junge Herr beſucht habe. Im nächſten Augenblick ſchloß er ſeinen Redeſatz auf andere Weiſe, als er erſt beabſichtigt und ſagte:—„wegen einer Men⸗ ge Dinge und dann ging er mit mir in die Kirche und jah ſich alle Grabmäler der Moreton's an und beſonders das des letzten Herrn.“ „Ja, er hat auch Urſache dazu,“ antwortete Mut⸗ ter Lamb. „So?“ rief Stephen Gimlet faſt laut lachend. „Dann ſcheint Ihr ja mehr von ihm zu niſſen, als ich!“ Mutter Lamb nickte mit dem Kopfe und ihr Schwie⸗ f* — 247— gerſohn fuhr etwas eifrig fort:„Dann bin ich aber uͤberzeugt, Ihr wißt nichts Unrechtes von ihm.“ „Nein, Stephen, nein,“ ſagte ſie,„etwas Unrech⸗ tes weiß ich nicht von ihm! Ich ſah ihn als jungen Burſchen und habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen, aber ich habe ihn nicht vergeſſen, denn er kam in mein Haus — was man in Schottland das Trauerhaus nennt— an dem Morgen deſſelben Tages, der der ſchwerſte ſei⸗ nes Lebens ward, und er war damals, wie ich ſchon geſagt habe, noch ein junges, luſtiges Bürſchchen und er ſah meinen armen Jungen, der damals ein kleiner Kerl von vier Jahren war und den alle Leute dort wegen ſeines Ungluͤcks zu verſpotten pflegten, aber dieſer junge Herr nahm ihn auf die Knie und klopfte ihn auf den Kopf und war freundlich mit ihm und ſagte, er wäre ein geſcheidter Junge und ſchenkte ihm ein paar Schil⸗ linge, damit er ſich eine kleine Flöte kaufen ſolle, weil der arme Junge ſchon damals ganz verſeſſen auf die Muſik war und ſo ſchön pfeifen konnte, daß es Einem ordentlich zu Herzen ging, wenn man ſolche ſchöne Töne aus einem ſo gebrechlichen Körper kommen hörte. Der gute Herr hat ſeit jener Zeit wohl ſchwerlich jemals wie⸗ der an mich oder die Meinigen gedacht, aber ich habe oft an ihn gedacht, und wenn's ein Mal paßt, werde ich ihn doch anreden und nach Etwas fragen.“ „Der ſchwerſte Tag in ſeinem Leben,“ wiederholte Stephen Gimlet, der jedes Wort, das ſie ſprach, mit der größten Aufmerkſamkeit angehört hatte,„wie war denn das, Mutter?“ „Ja,“ antwortete Wittwe Lamb den Kopf ſchüt⸗ telnd,„davon iſt nicht gut reden, wie man in jener Gegend ſagt, daher fragt mich weiter Nichts, Stephen, ſondern ſetzt Euch nieder und trinkt Euern Thee und geht dann Euern Geſchäften nach.“ Stephen Gimlet ſetzte ſich nieder und trank, obſchon nicht mit dem größten Vergnügen von der Welt, eine Taſſe von dem Getränke, welches ſie bereitet, er war aber immer noch ſehr gedankenvoll, denn es lag Etwas in Mr. Beauchamp, ſelbſt in der ernſten Traurigkeit ſeines gewöhnlichen Benehmens, was in einem Manne von ganz eigenthümlich phantaſiereicher Gemüthsart ein ge⸗ wiſſes Intereſſe hervorrief, und er würde jetzt Viel darum gegeben haben, wenn er Alles erfahren hätte, was Mut⸗ ter Lamb erzählen konnte, aber nicht wollte. Er konnte es jedoch nicht über ſich gewinnen, ſie auszufragen; nach⸗ dem er daher ein großes Stück Schwarzbrod zu ſich ge⸗ nommen, ſtand er auf und band den einzigen Hund, der ihm noch geblieben war, los, um mit ihm die nächt⸗ liche Runde durch das Revier zu machen. Gerade in dieſem Augenblicke jedoch drückte Jemand an der Klinke der Hüttenthüre und pochte dann um Einlaß, und der Hund ſprang auf und laut bellend nach der Thůre zu. t — 249— Der Wildſchütz rief ihn ſcheltend zurück und öffnete die Thüre, wo er dann zu ſeinem Erſtaunen die Geſtalt des jungen Harry Wittingham vor ſich ſah. Der Hund kam wieder herbeigeſprungen, als ob er den Einlaß Be⸗ gehrenden in Stücken reißen wollte, und Stephen Gimlet fühlte ſich, die Wahrheit zu ſagen, ſehr geneigt, dem Thiere ſeinen Willen zu laſſen, im nächſten Augenblicke jagte er es aber wieder zurück und ſagte bitter lachend: „Das Thier weiß, wie gefährlich es iſt, Euch ein⸗ zulaſſen. Was wollt Ihr von mir, Herr?“ „Ihr ſollt mir einen großen Dienſt leiſten, Ste,“ ſagte Harry Wittingham mit freundlicher und zutrauli⸗ cher Miene,„und ich bin überzeugt, Ihr werdet es thun, wenn—“ „Nein, ich werde es nicht,“ antwortete Stephen Gimlet;„und wenn ich Euch vom Galgen retten könnte, würde ich doch nicht meinen Fuß über dieſe Schwelle ſetzen. Wir wollen nicht lange Worte verlieren, Mr. Wittingham, ich mag Nichts mehr mit Euern Streichen zu thun haben. Ich wünſche Euch niemals wiederzuſe⸗ hen, ich habe ein neues Leben angefangen und deswegen geht es nicht, ſage ich Euch.“ „O, ich habe die ganze Geſchichte gehört,“ antwor⸗ tete der junge Mann in leichtfertigem Tone,„und über⸗ dies, daß Ihr Euch es dummerweiſe in den Kopf geſetzt habt, ich hätte Eure Hütte angezündet. Das iſt aber dummes Zeug, auf mein Wort; Euer Junge muß Schuld geweſen ſein, wahrſcheinlich hat er mit dem Feuer ge⸗ ſpielt, das noch auf dem Heerde brannte.“ Stephen Gimlet's Geſicht ward etwas blaß durch die Anſtrengung, mit der er ſeinen Zorn zu bemeiſtern ſuchte, aber er antwortete kurz und ſchnell und wie um dem Ausbruche ſeiner Wuth zuvorzukommen: „Der Knabe konnte nicht mit dem Feuer ſpielen— Ihr wußtet wohl, daß er in dem Schlafzimmer einge⸗ ſchloſſen war, und da ward er noch gefunden, als Ihr das Haus niederbranntet.“ „Na, wenn ich irgend eine Schuld daran habe,“ ſagte der junge Wittingham,„ſo kann es ein bloßer Zu⸗ fall geweſen ſein.“ 1 „So? Da Ihr wußtet, daß ein armes hülfloſes Kind im Hauſe ſei,“ ſagte Stephen Gimlet bitter,„ſo wäre es ein Zufall, für welchen Ihr beinahe verdientet gehangen zu werden.“ „Unſinn, Unſinn, mein lieber Freund,“ ſagte der junge Mann,„Ihr ereifert Euch um Nichts, und obſchon Ihr jetzt eine gute Anſtellung bekommen habt, ſo glaube ich doch, Ihr ſeid nicht der Mann, der ein paar Guineen ausſchlägt, wenn man ſie ihm anbietet.“ „Wenn Ihr mir ſie anbieret,“ rief Stephen Gimlet wüthend,„ſo werf' ich ſie Euch in's Geſicht— ein Zufall, ſo! Mir meine Hürte und beinahe auch noch 4⁴ mein armes Kind mit zu verbrennen! Ich glaube, es war auch nur ein Zufall, daß Ihr den Wagen bei dem Hohlwege anfielt? Und auch nur ein Zufall, daß Ihr Jemandem auftrugt, durch das Fenſter auf Euern eig⸗ nen Vater zu ſchießen?“ „Ruhig, ruhig, Stephen!“ rief die Wittwe Lamb, indem ſie ihren Schwiegerſohn am Rocke ergriff und ihn zurückzuhalten ſuchte, als er einen Schritt auf Harry Wittingham zu that, welcher ſehr bleich ward. Im nächſten Augenblick gewann jedoch der junge Mann ſeine Keckheit wieder und rief: „Bah! Laßt ihn doch gehen, gute Frau, wenn er etwa denkt, mich in Bockshorn zu jagen, ſo irrt er ſich ſehr.“ „Packt Euch aus dem Hauſe,“ rief Stephen Gim⸗ let dicht auf ihn zuſchreitend,„packt Euch aus dem Hauſe, ohne noch ein Wort zu ſagen, ſonſt brech' ich Ench den Hals.“ „Ihr ſeid ein Narr,“ antwortete der junge Witting⸗ ham,„und wenn Ihr Euch nicht in Acht nehmt, ſo bring' ich Euch noch nach Botany Bay.“ Dieſe Worte waren kaum aus ſeinem Munde, als Stephen Gimlet mit der rechten Hand einen Schlag nach dem jungen Wittingham führte, den dieſer jedoch parirte, denn der junge Vagabund war in der Wiſfenſchaft des Fechtens nicht unbewandert, im näͤchſten Augenblick aber — 252— traf ihn die linke Fauſt des Wildſchützen mit betäubender Wirkung mitten in das Geſicht und er ſtürzte mit dem Kopf zur Thüre hinaus auf den Boden, während er mit den Füßen auf der Schwelle liegen blieb. Stephen Gimlet betrachtete ihn einen Augenblick, bückte ſich dann nieder, hob ihn in ſeinen ſtarken Armen empor, warf ihn ganz zum Haus hinaus und ſchloß die Thüre. „Da,“ ſagte Gimlet,„nun will ich mich erſt eine Minute niederſetzen, damit mein Blut wieder ruhig wird.“ Dreizehntes Kapitel. Der Leſer erfährt Mr. Beauchamp's wirklichen Namen und wohnt dann einem Duell bei. Wir wollen, wenn es dem Leſer beliebt, umkeh⸗ ren, denn glücklicherweiſe trifftnes ſich, daß man in einem Werke dieſer Art umkehren kann. O, wie oft im menſchlichen Leben iſt es zu wünſchen, daß man daſſelbe thun könnte. Wie viele verkehrt ausgeführte Thaten würden dann berichtigt werden! Welche Irrthümer im Denken, im Handeln und im Sprechen würden dann zurückgenommen, welche Uebel für die Zukunft vermie⸗ den, welche falſche Schritte zurückgethan, wie viele mo⸗ raliſche Bande, die unſer ganzes Weſen feſſeln, abge⸗ ſchüttelt werden! Ich glaube ganz gewiß, daß jeder be⸗ liebige Menſch, wenn er irgend eine Stunde aus irgend einer Periode ſeines Lebens hernimmt und ſie mit ruhi⸗ gem, unparteiiſchem, vorurtheilsfreiem Auge betrachtet, den Wunſch empfindet, zurückzukehren und Etwas darin zu verändern. Er wird wünſchen, mehr zu ſagen, als öͤͤͤͤͤſͤſͤſſſͤſſſſ er geſagt— oder weniger— es auf andere Weiſe zu ſagen— mit einem andern Geſicht— oder er würde anders gehandelt haben— er würde nachgegeben— oder Widerſtand geleiſtet— oder Vorſtellungen Gehör gege⸗ ben oder verſagt haben— er wird wünſchen, ſich ener⸗ giſcher benommen zu haben— oder paſſiver geblieben zu ſein— oder überlegt zu haben, e er handelte— oder Etwas gemerkt, was er vergeſſen— oder die kleine ruhige Stimme in ſeinem Herzen beachtet zu ha⸗ ben, als er ſein Ohr verſchloſſen. Etwas, Etwas we⸗ nigſtens würde er ſtets an der Vergangenheit abzuän⸗ dern wünſchen! Aber leider iſt die Vergangenheit die einzige Wirklichkeit des Lebens, unveränderlich, unwie⸗ derbringlich, unzerſtörbar, wir können ſie weder umfor⸗ men, noch zurückrufen, noch auslöſchen. Da ſteht er auf ewig, dieſer diamantne Fels, in deſſen ſteile Seite wir keinen wieder zurückführenden Pfad einhauen können. 3 Wir wollen zu dem Platze zurückkehren, auf wel⸗ chem wir Doctor Miles und Beauchamp verließen. Aus der Kirche heraustretend und um Stephen Gimlets Hütte herumgehend, fanden ſie den kleinen Phäeton des wür⸗ digen Geiſtlichen bei den zwei Pferden ſtehen, welche Beauchamp von Tarningham Park mitgebracht hatte. Die vierräderigen und vierbeinigen Gegenſtände erhielten Befehl langſam nachzukommen, und die beiden Herren —————— 3 — 255— gingen zu Fuße voran, indem der jüngere ſeine Haud leicht durch den Arm des älteren ſteckte, wie Jemand zu thun pflegt, der für das, was er eben ſagen will, aufmerkſames Gehör zu finden wünſcht. „Ich habe mir dieſe Monumente mit einigem In⸗ tereſſe betrachtet, mein lieber Doctor,“ ſagte Beauchamp, nachdem ſie etwa wanzig Schritte neben einander her⸗ gegangen waren,„und nun will ich Euch in gewiſſem Grade zu Etwas machen, was Ihr als guter proteſtan⸗ tiſcher Theolog niemals zu werden erwartet habt— näm⸗ lich zu meinem Beichtvater. Es ſind einige Umſtände vorhanden, worüber ich Euch zu Rathe zu ziehen wün⸗ ſche, da ich eine gute unparteiiſche Meinung ſehr noth⸗ wendig brauche.“ „Den beſten Rath, der in meinen Kräften ſteht, ſollt Ihr haben, junger Freund,“ antwortete Doctor Miles,„nicht als ob ich erwartete, daß Ihr ihn be— folgen ſolltet, denn ich habe im Laufe meines langen Lebens niemals über zwei Menſchen kennen gelernt, welche den Rath befolgt hätten, der ihnen gegeben worden. Aber das iſt nicht alle Mal die Schuld des Rathgebers und deshalb bin ich mit meinem Rathe ſtets da, wenn er verlangt wird. Was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Mehr, fürchte ich, als in einer Unterredung gut mitgetheilt werden kann,“ antwortete Beauchamp,„doch wird es gut ſein, wenn ich immer anfange, und we⸗ — 256— nigſtens einen Theil erzähle, nachdem ich noch voraus bemerkt, daß es unter dem Siegel einer Beichte geſchieht, und deshalb—“ „Soll es eben ſo Euer eignes Geheimniß bleiben, als ob Ihr es mir nicht gegeben hättet,“ ſagte Docter Miles,„fahrt fort.“ „Nun alſo, einen Theil der Geſchichte,“ ſagte Beauchamp über die ſchroffe Kürze ſeines Begleiters lä⸗ chelnd;„erſtens, mein lieber Doctor, bin ich gewiſſerma⸗ ßen ein Betrüger, und unſer beiderſeitiger Freund Stan⸗ hope hat den Betrug unterſtützt.“ Doctor Miles drehete ſich ſcharf herum, und ſah dem jungen Manne einen Augenblick lang in das Ge⸗ ſicht, dann nickte er mit dem Kopfe, als er bemerkte, daß kein Anzeichen von Scham zu bemerken war, und ſchauete ohne ein Wort zu ſagen wieder gerade vor ſich hin. „Um die Sache kurz zu machen, mein lieber Freund,“ fuhr ſein Begleiter fort,„mein Name iſt gar nicht Beauchamp oder Etwas dem Aehnliches.“ „Nom de guerre!« ſagte Doctor Miles.„Wem gilt denn der Krieg?“ „Davon nachher,“ ſagte Beauchamp,— denn ich werde fortfahren, ihn bei dem Namen zu nennnen, den er ſo eben verleugnet hatte.„Ihr habt geſehen, daß ich große Luſt gezeigt habe, die Beſitzung Moreton Hall — 257— zu kaufen, und ich habe auch jetzt noch große Luſt da⸗ zu, obſchon ich heute in dieſer Hinſicht Etwas erfahren habe, was mich in der Prüfung der Urkunden ſehr vor⸗ ſichtig machen wird. Ich habe nämlich erfahren, daß der nominelle Eigenthümer nicht der wirkliche iſt, in⸗ dem Ihr Bekannter, Mr. Wharton, factiſcher Beſitzer geworden iſt, obſchon ich glaube, nicht auf dem ehrlich⸗ ſten Wege.“ „Hm!“ ſagte Doctor Miles, aber er ſetzte weiter Nichts hinzu, und Beauchamp fuhr fort: „Der arme Mr. St. Leger Moreton,“ ſagte er, „war keineswegs ein Geſchäftsmann, ſondern einfach, gutmüthig und etwas zu empfindſam.“ „Ich weiß es, ich weiß es,“ antwortete Doctor Miles,„ich war gut mit ihm bekannt, und wenn je⸗ mals ein Menſch an einem gebrochenen Herzen ſtarb, was keineswegs ſo ſelten vorkommt, als die Leute glau⸗ ben, ſo ſtarb er daran.“ „Ich glaube es,“ antwortete Beauchamp,„auf alle Fälle aber war er, wie Ihr auch wiſſen müßt, nicht der Mann, um zu ermitteln, ob man ehrlich ge⸗ gen ihn handle. Sein Sohn, es thut mir leid, dies zu ſagen, war bereit für baares Geld Alles zu thun, was man verlangte— ich ſage Alles, denn ich weiß keine Handlung, zu der er nicht Zuflucht genommen ha⸗ ben würde, um Etwas zu gewinnen, wonach er ſtrebte.“ Beauchamp. Zweiter Band. 17 — 258— „Ihr ſcheint ſie Alle ſehr gründlich zu kennen,“ ſagte Doctor Miles trocken und ſetzte dann etwas wär⸗ mer hinzu:„Ich will Euch Etwas ſagen, mein lieber Herr, dieſer Capitain Moreton iſt einer jener Menſchen, welche der ganzen menſchlichen Natur zur Schande ge⸗ reichen. Als Erbe einer ſchönen Beſitzung geboren, Sohn einer ausgezeichneten Frau und eines liebenswür⸗ digen, obſchon ſchwachen Mannes hat er doch vom Knaben an bis zum Jüngling und vom Jüngling bis zum Mann Nichts gethan, als ſich und Andere verdor⸗ ben. Er iſt der einzige Menſch, den ich jemals kennen gelernt habe, der keinerlei Grundſatz und keinerlei ver⸗ ſöhnende Eigenſchaften beſitzt. Es giebt einen einzigen Umſtand, der zu ſeiner Entſchuldigung angeführt wer⸗ den kann, nämlich den, daß ſeine Großtante, die alte Miß Moreton, welche nach Schottland zog und ihm daſelbſt ein kleines Vermögen von etwa Tauſend Pfund jährlich hinterließ, was er aber ſchon binnen eilf Wo⸗ chen, nachdem er es bekommen, verſchwendet hatte, ihn von ſeiner Kindheit an verdarb, ihm allen Willen ließ, und ihn in feinen Streichen auf das Unverantwortlichſte ermunterte. Selbſt ſeine Laſter wurden Tugenden in ih⸗ ren Augen, und man kann ſich daher nicht wundern, daß er ein Spieler, ein Wüſtling, ein Raufbold und ein Schuft ward. Manche Leute glauben vielleicht, daß ſein Muth und ſeine Talente verſohnende Eigenſchaften 1 259— geweſen ſeien, aber ich betrachte ſie nicht als ſolche. Sie waren bloße Thatkräfte, welche ihn nur noch zu größerer Laſterhaftigkeit und Infamie trieben. Jetzt iſt er, glaube ich, ein ganz gemeiner Gauner und Schwindler.“ „Ich habe Euch ausreden laſſen, Doctor,“ ſagte Beauchamp,„weil Ihr kein Wort geſagt habt, was nicht gerecht wäre, aber nun muß ich Euch. ſagen, daß dieſer ehrenwerthe Mann mein nächſter Vetter und un⸗ glücklicherweiſe der Erbe meiner Güter und meines Ra⸗ mens iſt.“ Doctor Miles machte plötzlich Halt und ſchauete ſei⸗ nen Begleiter mit einiger Ueberraſchung an. „Darauf war ich nicht gefaßt,“ ſagte er,„ich habe niemals gehört, daß er mehr als einen Vetter habe, nämlich den dermaligen Lord Lenham, und dieſer reiſte, wie man ſagt, zum Vergnügen in Oſtindien— ein ſon⸗ derbares Land zu einer Vergnügungsreiſe— aber Jeder nach ſeiner Laune.“ „Es war nicht gerade eine Laune, die mich dorthin führte, mein lieber Doctor,“ ſagte Beauchamp,„von der Zeit an, wo ich ein und zwanzig Jahr alt war, bis zur gegenwärtigen Stunde bin ich auf der Erde um⸗ hergewandert und habe in bitterm Kummer eine einzige frühe Verirrung gebüßt. Ich habe jetzt nicht Zeit und vin auch wirklich in dem gegenwäͤrtigen Augenblicke nicht 17* aufgelegt, in die langwierigen Einzelnheiten der Ge⸗ ſchichte meiner Vergangenheit näher einzugehen, es reiche vor der Hand hin, wenn ich ſage, daß eine Art Ver⸗ folgung, die ſehr ſchwer zu vermeiden oder zu ertragen war, mich viele Jahre lang meinem Vaterlande ent⸗ fremdet hat. Ich beſuchte alle Länder Europa's und Amerikas, und gedachte dann im Orient zu reiſen und die Gegenden zu beſuchen, die ſowohl in vieler Hinſicht der Neuheit wegen als auch des ungeheuern Alterthums, welchem ihre Geſchichte und ihre Monumente angehören, ein ſo hohes Intereſſe haben. Da ich fand, daß alle meine Bewegungen in der Abſicht überwacht wurden, mich fortwährenden Kränkungen auszuſetzen, ſo hielt ich meinen Aufenthalt in Indien für eine günſtige Gelegen⸗ heit, meinen Titel fallen zu laſſen und einen andern Namen anzunehmen. Ich bin ſeitdem ſtets unter dem Namen Beauchamp gereiſt. Während dieſer Wanderung hat mein Einkommen meinen Aufwand weit überſtiegen, es hat ſich eine bedeutende Summe Geldes angehäuft, und bei meiner Wiederankunft in England rieth man mir, es in Landgrundſtücken anzulegen. Meine Auf⸗ merkſamkeit ward zuerſt auf dieſe Beſitzung gerichtet, welche ich jetzt noch zu kaufen wünſche, indem ich bei meinem Agenten einen Brief von meinem Vetter More⸗ ton vorfand, in welchem derſelbe große Reue über Al⸗ les, was geſchehen, zu erkennen gab, den Wunſch, — 261— ſeine Fehler wieder gut zu machen, ausſprach, den Ver⸗ luſt der Familiengüter beklagte und um ein Darlehn von fünf Hundert Pfund bat.“ „Ich hoffe doch, daß Ihr ſie ihm nicht gegeben habt?“ rief Doctor Miles.„Seine Reue iſt verſtellt, ſeine Beſſerung erheuchelt, und das Geld würde binnen einer Woche nach dem Spieltiſch wandern. Es iſt keine Liebloſigkeit von mir, daß ich dies ſage, denn ich habe Gelegenheit gehabt, mich noch erſt dieſen Monat zu überzeugen, daß der Mann derſelbe iſt, wie je.“ „Das erfuhr ich auf Erkundigungen auch,“ ver⸗ ſetzte Beauchamp,„und demgemäß wies ich das Verlan⸗ gen entſchieden zurück. Auf dieſe Zurückweiſung erhielt ich einen höchſt unverſchämten, nichtswürdigen Brief, von dem ich auch keine Notiz nahm, da ich aber zu⸗ gleich erfuhr, daß der Mann verheirathet iſt, ſo ent⸗ ſchloß ich mich zu folgendem Verfahren: Ich nahm mir vor, dieſe Beſitzung zu kaufen, und wenn er Kinder hat, ihm mit Geld nur unter der Bedingung zu Hülfe zu kommen, daß er mir eins ſeiner Kinder abtritt und ganz von mir allein erziehen läßt. Nachdem ich mich über⸗ zeugt, das Alles ſo eingerichtet ſei, um dieſes Kind zu einem würdigen Mitglied der menſchlichen Gefellſchaft zu bilden, wollte ich dieſem das Gut Moreton vermachen und ſo auf alle Fälle einen Menſchen meines Namens in eine Lage bringen, in der er demſelben Ehre machen könnte.“ „Ein ſehr guter und menſchenfreundlicher Plan,“ ſagte Doctor Miles,„und doch werden ihn die Leute für eine ſonderbare Grille erklären und ſich wundern, daß Ihr nicht ſelbſt heirathet und Euer Eigenthum und Euern Namen auf Eure leiblichen Kinder übertragt.“ Ein freundliches, heiteres Lächeln legte ſich über Beauchamp's Geſicht. „Bisher, mein lieber Doctor,“ ſagte er,„iſt dies unmöglich geweſen. Die Hinderniſſe ſind jedoch nun beſeitigt— wenigſtens glaube ich es und vielleicht ſchlage ich noch mit der Zeit den Weg ein, den Ihr mir an⸗ deutet, aber das wird in Bezug auf meine Abſicht kei⸗ nen Unterſchied machen. Wenn ich einmal leibliche Kinder habe, ſo werden ſie auch ohnedies mehr bekom⸗ men, als ſie brauchen, und wenn ich einmal einen ſolchen Plan gefaßt habe, ſo gebe ich ihn nicht gern wieder auf. Ich werde daher das Gut kaufen, wenn ſich er⸗ mitteln läßt, daß Mr. Wharton's Anſpruch darauf vollkommen begründet iſt, aber vielleicht könnt Ihr als der Geiſtliche zweier Kirchſpiele mir die Beweiſe ſchaffen, daß alle Seitenerben des Gutes nach den von Sir Char⸗ les Moreton getroſſenen Beſtimmungen unzweifelhaft ausgeſtorben ſind. Unter dieſen Umſtänden würde ein —- 263— Verkauf von meinem Onkel und ſeinem Sohne Gültig⸗ keit haben.“ „Wharton würde es nicht gekauft haben, wenn er ſich nicht ſchon davon überzeugt hätte,“ ſagte Doctor Miles. „Die wirklich dafür bezahlte Summe war ſehr klein,“ entgegnete Beauchamp in eigenthümlichem Ton, „Alles andere ward auf eine wirkliche oder vorgebliche Schuld, die Mr. Wharton ſelbſt zu fordern hatte, ge⸗ rechnet; aber da ſind wir ſchon an dem Thore des Parks und daher müſſen wir unſere Conferenz ſchließen. Mor⸗ gen oder übermorgen werde ich Euch über meine per⸗ ſönliche Geſchichte mehr erzählen, denn es ſind noch andere Punkte vorhanden, über die ich Euch zu Rathe ziehen muß. Wißt Ihr, wer das iſt, der da ſo ſchnell herangeritten kommt?“ „Ein Narr,“ ſagte Doctor Miles, und faſt während er noch ſo ſprach, galoppirte ein junger Mann von blühendem Ausſehen in einen grünen Rock und Leder⸗ hoſen gekleidet und auf einem prachtvollen Pferde ſitzend, während ein Diener ihm folgte, heran und ſprang auf den Boden.. „Ich weiß nicht— eh— ob ich die Ehre habe, mit Mr. Beauchamp zu ſprechen— eh?“ ſagte er mit ſelbſtgenügſamer Miene. — 264— Beauchamp beugte den Kopf und ſagte:„Derſelbe, mein Herr.“ „Nun denn, mein Herr— eh— mein Name iſt Granthy— eh— und Ihr ſehet— eh— ich bin an Euch gewieſen— eh— als den Freund eines gewiſſen Capitain Hayward— eh— wegen einer kleinen Af⸗ faire— eh— zwiſchen ihm und meinem Freunde Harry Wittingham— eh— den er durchzuprügeln gedroht hat— eh.“ „Wenn er gedroht hat,“ antwortete Beauchamp in ruhigem Tone,„ſo iſt er ganz der Mann, um ſein Wort zu halten— aber ich glaube, mein Herr, wir werden wohl thun, die Sache allein zu beſprechen, da Capitain Hayward mir ſeine Anſichten darüber mitge⸗ theilt hat. Dies hier iſt mein Freund, Doctor Miles, ein Geiſtlicher.“ „O ja, ich kenne Doctor Miles— eh,“ ſagte Mr. Granth,„ein ganz guter Kerl ſeid Ihr, Miles, nicht wahr— eh?“ „Nein, mein Herr, das bin ich nicht,“ antwortete Doctor Miles, naber ich werde Euch nun verlaſſen, Mr. Beauchamp, da es ſcheint, als ſtände Euch eine angenehme Unterhaltung bevor.“ Mit dieſen Worten drückte Doctor Miles Beauchamp die Hand, ohne an⸗ ſcheinend weiter Notiz von Dem zu nehmen, was er gehört, und ging dann nach ſeinem Wagen, in den er ſtieg und dabei Mr. Granth mit jener Art kalter, ſteifer Ver⸗ beugung beehrte, die man von einer Ofengabel erwarten würde, welche Menuett tanzen gelernt hätte. Aber Doc⸗ tor Miles hatte Alles bemerkt, was vorgegangen war, und vergaß es auch nicht. Und nun, lieber Leſer, wollen wir unſere Pferde et⸗ was in Galopp ſetzen und über die ganze weitere Con⸗ verſation zwiſchen Mr. Beauchamp und Mr. Granty, ſo wie auch über einen Zwiſchenraum von zwei Tagen hinwegſpringen, und dabei blos bemerken, daß während dieſer Zeit in Folge einer großen Anzahl Knoten in der verworrenen Schnur der Ereigniſſe weder Mary Clifford noch Iſabella Slingsby eine Gelegenheit fanden, mit Mr. Beauchamp länger als zwei Minuten insgeheim zu ſprechen. Dieſe zwei Minuten wurden von Miß Clifford, der ſie zufielen, angewendet, ihm mit wechſelnder Farbe und erröthend zu ſagen, daß ſie ſehr wünſche, mit ihm ein paar Worte allein zu ſprechen. Beauchamp war überraſcht, antwortete aber artig und freundlich und bat ſie, nur immer zu beginnen. Im nächſten Augenblicke aber trat Sir John Slingsby hinzu und die Sache mußte aufgeſchoben werden. So vergingen die eben erwähnten zwei Tage; am Morgen des dritten aber, gerade um halb ſechs Uhr, wo in der Regel noch Niemand wach iſt, als die Ler⸗ chen, betraten Mr. Beauchamp und unſer Freund Ned — 266— Hahward die kleine Wieſe gerade unter den Bäumen an der Umzäunung des Tarningham Parkes auf der der Stadt Tarningham zugewendeten Seite in der Nähe des Orts, wo der Fluß wieder weiter auf die Felder heraus⸗ ſtrömte. Es folgte ihnen ein Mann, der ein mit Meſ⸗ ſing beſchlagenes Mahagonhkäſtchen trug, und ein Herr in einem ſchwarzen Rocke, der etwas Chirurgiſches an ſich hatte, denn die ſeltſame menſchliche Natur geht ſel⸗ ten in der Abſicht aus, in ein anderes Stück der menſch⸗ lichen Natur ein Loch zu machen, ohne Vorbereitungen zu treffen, daſſelbe, ſobald es gemacht iſt, wieder aus⸗ zubeſſern. Beauchamp zog die Uhr heraus und überzeugte ſich, daß ſie pünktlich an Ort und Stelle gekommen, ſprach einige Worte mit dem Chirurgen, ſchloß das Mahagony⸗ käſtchen auf, betrachtete einige der darin enthaltenen Ge⸗ genſtände, und ging dann mit Ned Hahward eine Vier⸗ telſtunde lang auf dem Platze hin und her. „Das iſt zu toll, Hayward,“ ſagte er endlich,„ich glaube, wir können nun wieder gehen.“ „Nein, nein,“ ſagte Hayward,„wir wollen noch warten, man kann nicht wiſſen, wodurch ein Menſch manchmal aufgehalten werden kann. Wir wollen ihm noch eine Viertelſtunde Friſt geſtatten, wenn er dann noch nicht kommt, ſo ſind ihm die angedrohten Prügel gewiß.“ — — 267= Es vergingen wieder zehn Minuten, als plötzlich noch zwei Herren mit erhitztem Geſichte und von einem Diener begleitet, ſchnell auf den Platz zukamen. „Bitt um Verzeihung, meine Herren— eh,“ ſagte Mr. Granty näher tretend,„aber es iſt uns verteufelt ſchwer geworden— eh—- das Handwerkszeug zu be⸗ kommen— eh, mein Freund Wittingham ward von ei⸗ nem Kerl zu Boden geſchlagen— eh— den er nach Geld ſchicken wollte, daher mußte ich— eh— „O laßt das gut ſein,“ ſagte Beauchamp,„Ihr ſeid nun da, obſchon Ihr meinen Freund habt warten laſſen. Es wird gut ſein, wenn wir gleich zum Ge⸗ ſchäft übergehen, denn ich habe erfahren, daß in Folge einer kleinen Indiscretion von Eurer Seite und weil Ihr dieſe Sache in Gegenwart eines Geiſtlichen erwähn⸗ tet, Nachforſchungen angeſtellt worden ſind, welche viel⸗ leicht zu unangenehmen Folgen führen.“ Mr. Granth ſchien etwas gereizt zu werden, aber weder Beauchamp noch Hayward achteten auf eins ſei⸗ ner„ehs.“ Die Diſtanz ward abgemeſſen, die Piſtolen geladen, die beiden Herren auf ihre Plätze geſtellt und dann kam das unangenehme:„Eins— Zwei— Drei.“ Beide feuerten augenblicklich und im nächſten Augenblicke taumelte Harry Wittingham und ſank zu Boden. Beau⸗ champ glaubte, auch Ned Hayward etwas ſchwanken zu ſehen, mehr als ob er durch ſein eignes Piſtol einen hef⸗ tigen Rückſchlag erhalten hätte, als aus einem andern Grunde, ſobald aber ſein Gegner fiel, lief der junge Offizier auf ihn zu, bückte ſich nieder und hob ihm den Kopf empor. Der Chirurg kam ſogleich heran und öffnete des Verwundeten Rock und Weſte, welcher mit todtenblei⸗ chem Geſichte dalag. In demſelben Augenblicke aber rief es:„Heda, heda!“ und ſich umblickend bemerkte Beauchamp den armen kleinen Schenkjungen Billh Lamb, welcher ſo ſchnell als ihm möglich war, über das Feld herbeigelaufen kam. „Lauft, lauft,“ rief der Junge,„die Friedensrich⸗ ter und die ganzen Conſtabler kommen— lauft da über den Steg, ich habe die Chaiſe an das Ende der Allee gefahren.“— „Ich kann,“ ſagte Ned Hayward,„nicht eher ge⸗ hen, bis ich höre, wie die Sache ausgefallen iſt.“ „Es wird beſſer ſein, wenn Ihr geht,“ ſagte der Chirurg emporblickend,„mir ſcheint die Wunde nicht gefährlich zu ſein, aber Ihr könnt doch in's Gefängniß kommen, wenn Ihr länger hier bleibt. Rein, die Ku⸗ gel hat eine Rippe zerſchmettert, iſt aber außen herum⸗ gegangen. Es wird ſich wieder mit ihm machen, glaub ich. Lauft, lauft, ich ſehe ſchon Leute kommen.“ Beauchamp nahm Ned Hayward beim Arm und zog ihn fort. Binnen zwei Minuten hatten ſie die Chaiſe — 269— erreicht, gleich darauf lehnte ſich Ned Hayward etwas matt zurück und ſagte: 3 „Ich bitte Euch, Beauchamp, bindet mir doch Euer Taſchentuch recht dicht hier um die Schulter, es blutet doch mehr, als ich glaubte, und es wird mir ſchon übel.“ „Gütiger Himmel, ſeid Ihr verwundet?“ rief Beau⸗ champ und riß ihm die Weſte auf und ſah, daß die ganze rechte Seite ſeines Hemdes von Blut triefte. Ende des zweiten Bandes. —/ Druck von C. Schumann in Schneeberg. In demſelben Verlage iſt erſchienen: Schwaning oder die Jeluiten und ihre Ränke in unſeren Tagen. Eine Zeitgeſchichte von Georg Heſekiel, Verfaſſer von„Royaliſten und Republikaner ꝛc.“ Motto: „Wir haben uns eingeſchlichen wie Lämmer, „Wir werden regieren wie Wölfe, „Man wird uns verjagen wie Hunde, „Wir werden uns verjüngen wie Adler! (Prophezeihung des Jeſuitengenerals Lorenzo Ricci von ſeinem Orden.) In eine hochadelige, zur ehemaligen unmittelbaren Reichsritterſchaft gehörende, ſeit Jahrhunderten als wahre Väter ihrer Unterthanen in den ſehr ausgedehnten und reichen Beſitzthümern waltende Familie, wird, den Fami⸗ lienhäuptern unbewußt, ein Jefuit als Lehrer und Erzie⸗ her des einzigen männlichen Erben eingeführt. Seit länger als einem Jahrhundert hatten die Reichs⸗ freien Herren von Schwaning, der katholiſchen Kirche zu⸗ gethan, ſich faſt als Regel nur mit proteſtantiſchen Frau⸗ leins aus guter Familie vermählt, aber mit echt chriſtlicher Duldſamkeit ſtets darauf gehalten, und durch die Ehecon⸗ tracte ausdrücklich feſtgeſetzt, daß die proteſtantiſchen Ge⸗ mahlinnen ſowohl ungeſtoͤrt und frei ihrem Glauben an⸗ hängen, als deren Toͤchter ſtets wieder im proteſtantiſchen Glauben erzogen werden müßten. Der Großvater des obenerwähnten Jeſuitenzöglings, ein ehrwürdiger, biederer Greis, hing noch mit inniger —— Verehrung an ſeiner längſtentſchlafenen Mutter, einer Proteſtantin. Auch die Mutter ſeines Enkels war von Geburt eine Gräfin aus proteſtantiſchem Geſchlecht, und nebſt ihrer einzigen Tochter dieſem Religionsbekenntniß in⸗ nig ergeben. Dies die Data, auf welchen die Geſchichte ruht, ich will von deren Ausführung weiter Nichts erwähnen, ſon⸗ dern deute nur auf das Motto hin, welchem man ſchon einigermaßen entnehmen kann, wie der in dieſe Familie ſich eindrängende Jeſuit ſeinen Einfluß zum Verderben der⸗ felben verwendete. Der Eid oder O. Werbrechen und Weiwiſſensbiſſe Ein Roman von J. de Vries. Aus dem Holländiſchen von Eduard Wegener. 2 Baͤnde. Wir freuen uns, dem Publikum einen Roman uͤber⸗ geben zu koönnen, der ſich durch hohe Moralitaͤt, inter⸗ eſſante Einfachheit der Vercwicklung und ſchlichte, reine Sprache vor ſo vielen neueren Erſcheinungen auszeichnet. Unter dieſen Umſtaͤnden glauben wir beſtaͤtigen zu koͤn⸗ nen, daß Niemand dieſes Buch ohne die hoͤchſte Befrie⸗ digung aus den Haͤnden legen wird. —— — Ein Roman aus der Zeit der Engliſchen Revolution von Vorace Smith. Ueberſetzt von Wilhelm Adolf Lindau. 3 B an dee. 8 Dieſes neueſte Werk des Verfaſſers, der zu den geachtetſten Schriftſtellern auf dem Gebiete des hiſto⸗ riſchen Romans gehort, darf auch unter dem Deutſchen Publikum den Beifall erwarten, den es in England ge⸗ funden hat, da der geſchichtliche Hintergrund eben ſo intereſſant iſt, als die Geſchichte und die Charaktere anziehend ſind. 5 mmmmm. MnnennſinnſinFnſſſſſſſſſſſiſſſſiſtſiſinſiſiſnſniſsinſinſſiiſſ 8 9 1 12 13 14 1 10 1 5 16 17 8 8 39 8 7 4 d 2 3 — 2 1 3 ☚——,