— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöͤſſchor Literatur Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Li Lit. A. Nr. 256. Leih- und eſe teſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pinnanahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von⸗ Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr off ffen. 2. Lesepreis. Bei Rächabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 df bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 5 wird. f4s Ahounenent. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe ketr Wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2 un f. auf 1 Monat: 1 Mr. f. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Ausrärthse Avonnenten'haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Was kommt auch im Grunde genommen darauf an, unter welches Königs Regierung irgend ein Ereigniß ſtattfand, denn obſchon Etwas darin liegen kann, einer ſpeziel⸗ len Geſchichte eine locale Färbung und einen Namen zu geben, ſo giebt es doch— es klingt vielleicht ſonder⸗ bar, aber ich ſpreche aus eigener Erfahrung— ſo giebt es doch, ſage ich, Nichts, was den trügeriſchen Schein alles Irdiſchen deutlicher hervortreten ließe, als das genaue und ſorgfältige Studium einer vielverzweigten Monarchie. Wenn man ſieht, wie dieſe verzogenen Kindex des Glückes geſtrebt und gekämpft, begehrt, ge⸗ trachtet und erreicht oder ſich getäuſcht, wie ſie gehofft — gefürchtet, genoſſen haben und verſchwunden ſind— ja wohl, verſchwunden, ſo daß das ſteinerne Grabmal und ein paar hiſtoriſche, eben ſo trockene als unverbürgte Zeilen von Freund und Feind Alles ſind, was von ihnen übrig bleibt— wenn man dies ſieht, ſo kommt man zu der Ueberzeugung, daß auf Erden Alles Täu⸗ ſchung, daß das Buch der Geſchichte Nichts als ein Traumbuch und die wahrhafteſte Chronik nur ein Be⸗ richt über eitele, vorübergegangene Gaukeleien iſt. Doch, dem ſei wie ihm wolle— es war unter der Regierung eines der George— ich will die Zeit unſerer Geſchichte mit Fleiß nicht ganz genau beſtimmen, denn der Himmel weiß, wie leicht ich mich in der Locke ei⸗ ner Perücke oder der Form eines Aermelknopfes irre, und was würden dann die Alterthumsforſcher ſagen? Es war unter der Regierung eines der George— Gott ſei Dank, daß deren vier in langer, ununterbro⸗ chener Reihe auf einander gefolgt ſind, ſo daß ich mit Röcken, Weſten und Hoſen machen kann was ich Luſt habe und in einem ungeheuren Labyrinth von Damen⸗ kleidern umherzuſchweifen vermag— Kleidern mit Rei⸗ fen und ohne Reifen, engen, weiten, langen, kurzen Schlepp⸗ und aufgeſchürzten Kleidern, der Falbeln und Verbrämung zu geſchweigen und abgeſehen von Coiffüren der mannigfachſten Art, von Schminkpfläſterchen, Pu⸗ der, Pomade, Fächern, Handſchuhen und hohen Ab⸗ ſätzen. Himmel und Erde, welch ein Feld!— Doch, ich bin entſchloſſen, dieſes Werk gerade ſo zu ſchreiben wie es mir behagt. Ich habe ſchon genug ſo geſchrie⸗ ben wie es dem Publikum behagt, und freue mich ſehr, daß ich demſelben behagt habe; durch das hiermit be⸗ ginnende Werk hoffe ich aber zuverſichtlich, Beiden Ver⸗ gnügen zu machen, dem Publikum ſowohl als mir. Aus dieſem Grunde wünſche ich, mir das Feld rein zu erhalten, und erkläre gleich von vorn herein, daß ich nicht an Einheit des Orts oder der Zeit feſthalten, ſon⸗ dern nach Luſt und Belieben hin und herſchweifen, bei den Punkten, die mir gefallen, ſo lange, als ich Ver⸗ gnügen daran finde, verweilen und über jede unſichere oder unangenehme Stelle einen Satz machen werde, wie ein Känguruh. Nachdem ich dies erklärt und mich mit dem Leſer darüber vollkommen verſtändigt habe, will ich mit ſeiner Erlaubniß weiter fortfahren. Es war unter der Regierung eines der George— ich habe große Luſt, wieder einen Abſtecher zu machen, aber nein, man muß auch human ſein.— als ein jun⸗ naan ger Herr von ſechs oder ſieben und zwanzig Jahren in einer Gegend des weſtlichen Englands auf einer freundlichen angenehmen Landſtraße hinritt. Es war um die Abendzeit, wo die Sonne, von dem weiten Wege ermüdet, langſam ſich nach ihrer Ruheſtätte her⸗ abſenkt, mit einem ſtrahlenden Blicke der Freude auf — 8— die vielen ſchönen Dinge, die ſie geſehen, zurückſchaut und wie ein wohlwollendes Herz auf die Segnungen und Wohlthaten herniederlächelt, die ſie hinter ſich zurück läßt. Die Jahreszeit war die, welche Dichtern und Ro⸗ manſchreibern ſchon viele Dienſte geleiſtet hat und von ihnen mit ſehr geziemender aber etwas lügenhafter Dank⸗ barkeit zehn Mal mehr gelobt worden iſt, als ſie verdient. Kurz, es war Frühling— die Jahreszeit, wo uns oft der ſchöne, helle Himmel hinauslockt, aber gleichſam um uns vorſätzlich bis auf die Haut zu durchnäſſen, oder durch einen plötzlich ſich erhebenden Oſtwind bis in's Herz hinein zu erkälten— jene kokette Jahreszeit, die niemals zehn Minuten lang auf einerlei Laune iſt, die ein Vergnügen daran findet, die Erwartung zu täuſchen, und gleich wieder die Stirn zu runzeln, nachdem ſie ein Mal gelächelt hat. Wer eine Vorliebe für Koketten hat, möge den Frühling beſingen; mir iſt dieſes ganze Ge⸗ ſchlecht verhaßt. Nichts deſtoweniger hat dieſe erſte Ju⸗ gend des Jahres etwas ſehr Anziehendes. Wir ärgern uns vielleicht über ihre muthwilligen Streiche und Mu⸗ cken, und ihre Launen und Capricen kommen uns vor wie die eines ungezogenen Knaben oder Mädchens, aber es liegt dabei doch in dieſer eigenſinnigen Störrigkeit des Frühlings eine Anmuth, in ſeinen veilchenblauen Augen eine Sanftheit, in ſeinem reinen, ſchuldloſen Lächeln *+ ein Glanz, ſelbſt in den reuigen Thränen, die eben ſo ſchnell trocknen als ſie vergoſſen werden, ein Schimmer, der auch auf uns einen unwiderſtehlichen Reiz ausübt. O ja, Jugend und Frühling ſprechen zu jedem hoffen⸗ den Herzen, und die Hoffnung iſt die Magie des Lebens! Seht ihr nicht die ſtrahlende Verheißung großer Thaten in dieſem wilden und ſtarrköpfigen Knaben? Seht ihr nicht die freudige Verſicherung künftiger wärmerer und milderer Tage in dieſem wechſelnden Aprilhimmel? Jugend und Frühling und Hoffnung bilden eine froͤh⸗ liche Trias; ſie ſind ihrem Weſen nach von einander unzertrennlich und trachten ſämmtlich nach dem ewigen Ziele des Denkens— der Zukunft. Es war im Monat Mai und wenn Dichter und Romanſchreiber, wie wir ſchon oben geſagt, gegen den Frühling als Ganzes ungerecht oder mehr als gerecht geweſen ſind, ſo hat es niemals zwei gute arme Mo⸗ nate geneben, die auf ſchmählichere Weiſe über die Ge⸗ bühr herausgeſtrichen worden wären als April und Mai. Der gute alte ſchottiſche Dichter behauptet, daß im April„manche Primel ſchon die Ebene ſchmücke,“ und der wiederkehrende Sommer„die Schwäne entzücke,“ aber ſelten, o wie ſelten, ſehen wir die Primeln um dieſe Zeit mit dieſer künſtleriſchen Arbeit beſchäftigt, und was den Sommer betrifft, ſo gleicht er, wenn er näm⸗ lich überhaupt zurückkehrt, einem Knaben, der wieder — — 4— in die Schule muß und ſich unterwegs ſo lange als möglich aufhält. Wenigſtens iſt dies heutzutage der Fall; und wenn ein anderer alter Dichter uns den Rath giebt: „Geht nicht vom Fleck Bis der Mai iſt weg,“ ſo ſcheint das zu beweiſen, daß der Mai vor Alters eben ſo wie in unſerer Zeit keineswegs ein ſo freundli⸗ cher Monat geweſen iſt, als es gewiſſen Leuten beliebt hat, ihn zu ſchildern. Nichtsdeſtoweniger wiſſen wir, daß doch dann und wann der Mai einen warmen, ſom⸗ merähnlichen, hellen, milden und ſchönen Tag hat, der nach den kalten Wintertagen der Freude gleicht, welche dem Kummer folgt, und der durch das Andenken an die Vergangenheit nur um ſo höhern Werth erhält. Von dieſer Art war der Tag, an welchem der Reiſende, von dem wir ſprachen, auf der durch eine ſchöne, lachende Umgebung führenden Straße hinritt. Der Frühling war in dieſem Jahre ziemlich zeitig eingetreten; ſchon im März war das Wetter ungewöhnlich mild geweſen, häufige und ſchwere Regengüſſe waren im April gefolgt und hatten den Adern der Erde die wohlthätige Aus⸗ ſtrömung des Himmels mitgetheilt und den Schoos un⸗ ſerer gemeinſamen Mutter mit lieblicher, fruchtbarer Gluth erfüllt. Die Bäume waren alle ſchon belaubt, — 11— doch noch nicht ſo dicht, daß dadurch die durch die Frühknospen herbeigeführte reiche Abwechſelung der Farben verloren gegangen wäre. Das Colorit der Land⸗ ſchaft wäre beinahe das des Herbſtes geweſen, ſo ſchoͤn und mannichfaltig waren die Farbenſchattirungen des Laubholzes, wenn der ganze Anblick nicht zugleich et⸗ was Zartes beſeſſen hätte, was nur auf Jugend, nicht aber auf Verwelken ſchließen ließ. Man ſah hier die Eiche mit ihrem Roth und Braun, worein ſich hier und da das Grün des Sommers miſchte, daneben winkte die Birke mit ihren langen in das zarteſte, feinſte Grün gekleideten Armen; die Eſche zeigte mit ihren ſpitzen Fingern die Richtung an, in welcher der Wind 84 8 4 7 wehete, und der Lerchenbaum reckte ſeinen ſchöngeform⸗ ten Wipfel empor, der mit grasähnlichen Faſern be⸗ franzt war, während die zierlichen mit rothen Knösp⸗ chen beſärten Zapfen ihm einen Schmuck gewährten, auf den eine Königin hätte ſtolz ſein können. Die Wieſen und Felder waren mit Tauſenden von Blumen beſäet, und jeder Rain und jede Hecke mit den Sternen der Pflanzenwelt geſchmückt; nicht blos das bleiche Veilchen und die gelbe Primel, ſondern auch der purpurne Ake⸗ lei und der weiße Hagedorn, ſelbſt die wohlduftende Schlüſſelblume, das milde Geranium und noch viele an⸗ dere entfalteten alle ihre Schönheit in der Abendluft und funkelten von den Tropfen eines unlängſt vorübergegan⸗ genen Regens. Auch über dem Haupte des Wanderers ſtrahlte und lachte es, der Himmel glühete in dunklem Blau und von dem Scheine des Abends angehaucht, als ob die Sonnenſtrahlen purpurne Einſchlagfäden in dem blauen Gewebe des Himmelszeltes wären. Doch genug davon, es war ein ſchöner Abend ei⸗ nes ſehr ſchönen Tages einer ſehr ſchönen Jahreszeit, und das reichte ſicherlich hin, um Jeden heiter zu ſtim⸗ men, der ſich einer guten Geſundheit erfreuete, eine Guinee im Beutel trug und ſich weder eines Mords noch der Bigamie ſchuldig gemacht hatte. Der Reiter ſchien den Einfluß ſeiner Umgebung ganz ſo ſehr zu empfinden, als man es von irgend Jemandem hätte er⸗ warten können. Wenn er in einen grünen, laubenarti⸗ gen Hohlweg kam, an deſſen rothen Seitenwänden die wilden Pflanzen ſich auf und abſchlängelten, und wo er ſich weder rechts noch links umſchauen konnte, pfiff er Bruchſtücken aus volksthümlichen Liedern; wenn er eine Anhöhe hinaufritt und eine ſich immer weiter ſtrek⸗ kende Ausſicht gewann und die umliegende Welt über⸗ ſchauen konnte, dann blickte er auf die grünen Gefilde, oder den hellen Strom, oder die waldigen Dickichte mit prüfenden aber befriedigten Augen und murmelte bei ſich ſelbſt:„Hier muß die Jagd ausgezeichnet ſein.“ Er ſchien übrigens die Abwechſelung zu lieben, denn er ließ ſein Pferd zuweilen im Trabe, zuweilen im Ga⸗ — 13— lopp, zuweilen im Schritt gehen, doch war es, als ob die verborgenen Beweggründe zu dieſem Verfahren eine gewiſſe Beimiſchung von Humanität hätten, ſintemalen der Schritt entweder eine ſteile Anhöhe hinauf oder eine ſolche hinab, der Galopp über eine weiche Raſenfläche, ſo oft ſich eine darbot, und der Trab da ſtattfand, wo die Straße leidlich eben war. Dann und wann klopfte er auch ſein Thier auf den Hals und redete ganz freund⸗ lich mit ihm, und das Pferd würde ihm ohne Zweifel in demſelben Tone geantwortet haben, wenn die Kehlen und Zungen der Pferde von der Natur für den Zweck, lange Converſationen zu halten, geformt worden wären. Da dies aber nicht der Fall iſt, ſo konnte das Thier ſeine Freude üͤber die Lobſprüche ſeines Herrn nicht an⸗ ders zu erkennen geben, als daß es den Hals auf und ab bog, bis es mit der Unterlippe die Bruſt berührte, während es zugleich die zitternden Ohren auf ſehr be⸗ deutſame Weiſe vor⸗ und rückwärts bewegte. Es war ein ſchönes Thier von hellbrauner Farbe, etwa funfzehn und eine halbe Handbreiten hoch, ſtark gebaut, aber muthig und feurig, und weich und glatt wie Atlas. Die Hufe und Beine waren jedoch mit einer ziemlichen Maſſe rothen Staubes bedeckt, welcher bewies, daß es eine etwas lange Reiſe gemacht hatte, doch verrieth es 4 nooch kein Anzeichen von Müdigkeit und es ließ nicht etwa ſchläfrig den Kopf, hängen wie ein Parlamentsmit⸗ 4ℳ — 14— glied aus der Provinz auf den hintern Bänken um drei Uhr Morgens nach einer langen Debatte. O nein, es beſaß noch Muskelkraft und Muth für weitere funfzig Meilen, wenn es nöthig geweſen wäre, und das edle Thier hätte den Weg auch gern und unverdroſſen gemacht. Der Reiter ritt es aber auch gut— das heißt, leicht, und obſchon er lang, muskulös und ſtark gebaut war, würde doch Mancher von geringerem Gewicht ſein Pferd weit mehr ermüdet haben. Seine Hand war leicht und ungezwungen, er ſaß leicht und ungezwungen und ſchon ſein ganzes Ausſehen war leicht und ungezwungen. Hinter dieſem Reiter ſaß keine ſchwarze Sorge und da⸗ her war die Laft nicht läſtig und die Beiden reiſten raſch und in guter Kameradſchaft weiter. Der Anzug des jungen Herrn zeugte von ſehr gutem Geſchmack; er war weder zu geziert noch zu ſchlicht, taugte gut für die Reiſe und war doch dabei auch zu dem Erſcheinen in einem Geſellſchaftszimmer am Morgen nicht untaug⸗ lich. Dies wäre genug über dieſen Punkt und ich will auch kein Wort weiter darüber ſagen; was aber das Geſicht des Reiſenden betrifft, ſo muß ich noch Etwas hinzufügen. Es war heiter und gutmüthig, und obſchon man es in Bezug auf den Ausdruck der Züge vielleicht etwas gedankenlos nennen konnte, ſo überzeugte— mit welchem Grunde weiß ich ſelbſt nicht recht— man ſich doch bei aufmerkſamerer Prüfung, daß dieſes gedanken⸗ — 15— loſe Ausſehen mehr eine Sache der Gewohnheit, als der Natur war. Sein Teint war dunkel, aber die Wangen glüheten vom Roth der Geſundheit, und obſchon ſein Geſicht allerdings nicht ſo vollkommen war, als das des Apollo von Belvedere, ſo würden doch nur Wenige Be⸗ denken getragen haben, ihn für einen hübſchen, beinahe ſchönen Mann zu erklären. Dabei hatte er ſo etwas Ungezwungenes, Sorgloſes und Raſches an ſich, was gewöhnlich ein freundliches Vorurtheil erweckt, wenn es auch gerade nicht viel Achtunggebietendes hat, und man konnte den jungen Mann mit ſeinem offenen, lächelnden Geſicht unmöglich über das Feld hergeſprengt kommen 4 ſehen, ohne ſogleich der Anſicht zu ſein, daß er ein unterhaltender, gutgelaunter Geſellſchafter ſein müßte, mit dem Jeder ein paar Stunden auf recht angenehme Weiſe zubringen könne. So ritt er, fröhlich wie eine Lerche, weiter bis die Sonne in ihrer Pracht unterging und in der Entfer⸗ nung von ein paar Meilen die Thurmſpitze einer kleinen Kirche in einer kleinen Stadt vergoldete— oder viel⸗ leicht richtiger in einem Dorfe, denn ich weiß nicht ge⸗ wiß, ob der Ort damals ſchon zu einer Stadt ange⸗ wachſen war. Der Wink, den ich ſo eben fallen laſſen, nämlich 7 22 daß der Reiſende die Spitze eines Kirchthurms habe ſehen. können, muß den Leſer belehrt haben, daß der Reiter führt werden, ohne zu wiſſen wohin, und der. — 16— ſich in dem Augenblick des Sonnenuntergangs auf dem Rücken eines Hügels befand, denn es giebt in jener Ge⸗ gend keine Ebenen und ſie war auch gut mit Wald 1 bewachſen. Von dem Punkte, auf dem er in dieſem Augenblicke angekommen, führte die Straße abwärts in beinahe gerader Linie auf den Kirchthum zu, erſt über eine kleine vielleicht nicht zwanzig Acker große Gemein⸗ wieſe und dann einen tiefen, ſchattigen Hohlweg hinun⸗ ter, der nicht blos von Sträuchern überwölbt, ſondern auch von den Zweigen hoher Bäume überragt ward. Der Himmel war gerade noch hell genug, um dem Rei⸗ ſenden den Eingang in dieſe grüne Baum⸗ und Strauch⸗ halle zu zeigen und der junge Mann ſchauete ſich um und ſagte bei ſich ſelbſt:„Welch ein hübſcher Zugang zu dem Dorfe; wie ruhig und friedlich Alles ausſieht!“ Er ahnete nicht, daß ihm auf dieſer ruhigen Straße noch ein ſchweres Stück Arbeit bevorſtünde und daß dieſelbe ſich als weit weniger ruhig und friedlich erwei⸗ ſen würde, als er anfangs davon geglaubt; aber ſo iſt es mit uns im Leben, wir wiſſen niemals, was und beim nächſten Schritte bevorſteht. Wir können Pläne machen und wir können berechnen, wir können errathen und wir können erwarten, aber im Grunde genommm ſind wir doch nur Blinde, die von einem vie gi⸗ dund hört auf den Namen„Schickſal.“ — 17— Als er ſah, daß er dem Dorfe ſo nahe war, ritt er langſamer und im Schritte weiter, da er als kluger 1 und erfahrener Reitersmann ſein Pferd abzukühlen wünſch⸗ te. An den erſten Bäumen der Straße ward die Däm⸗ merung ſchon etwas düſterer. Ungefähr eine halbe Meile weiter ward es unter den Zweigen ganz finſter, obſchon es auf dem freien Felde draußen noch ziemlich hell ſein mogte; die Finſterniß bewog den Reiter nicht, ſeinen Niitt zu beſchleunigen, eine Minute darauf aber vernahm er weiter vor ſich einige Töne, welche dieſe Wirkung äußerten. Es iſt nicht ſehr leicht zu erklären, von wel⸗ cher Art dieſe Töne waren oder wie es kam, daß die zwei oder drei an das Trommelfell ſeines Ohres ſchla⸗ genden Luftwellen ſeinem Gehirn die Vermuthung mit⸗ theilten, es ſei in nicht allzugroßer Entfernung Jemand in Gefahr oder Noth. Es ward ein Wort in haſtigem, befehleriſchem Tone geſprochen, und das war der erſte Laut, den er hörte; und dann vernahm er eine Stimme, welche zu bitten und Vorſtellungen zu machen ſchien, eine Frauenſtimme, und dann hörte er Etwas wie ein Hekreiſch, nicht laut und lang, ſondern als ob die Per⸗ ſon, von deren Lippen es kam, es noch im Ausſtoßen wieder zu erhaſchen und in der Geburt zu erſticken ſtrebte. Zunächſt ließ ſich nun ein lautes Schimpfen — und Fluchen hören, worein ſich das Geräuſch ſchneller Fußtritte miſchte, als ob Jemand von dem Dorfe her Beauchamp. Erſter Band. 2 — 18— auf die Stelle zueilte, und im nächſten Augenblicke ge⸗ wahrte der Reiter erſt unklar dann aber ganz deutlich auf der vor ihm liegenden Straße eine Anzahl Gegen⸗ ſtände, von denen der größte, wenn nicht der wichtigſte, eine Kutſche war. Vorn an den Pferden, welche die⸗ ſelbe gezogen hatten, ſtand ein Mann, der Etwas in der Hand hielt, was ein Piſtol ſein konnte. Neben dem Fuhrwerke ſtanden noch zwei Männer neben einem geſattelten Pferd und waren anſcheinend beſchäftigt, aus der Kutſche eine Dame herauszuziehen, welche durchaus nicht geneigt ſchien, die Kutſche zu verlaſſen, von der andern Seite aber rannte ſo ſchnell, als er nur konnte, ein vierter Mann herbei, deſſen Ausſehen von dem der drei Andern ganz verſchieden war. In dieſem Augen⸗ blicke war er ungefähr noch zehn Schritte entfernt und unſer Reiter konnte von ſeinem hohen Thiere herab den Kopf und die Schultern Deſſen ſehen, der berbeigeraunt kam, und vermuthete ſogleich, daß dieſer ein Gentleman ſei ¹ Ich habe geſagt, daß es unter den Bäun. ganz finſter war und doch auch, daß der Reiter dies A les ſehen konnte, aber keine dieſer beiden Angaben be. ruht auf einem Irrthum, was auch der Leſer denker mag, denn gerade an der Stelle der Straße, wo de Wagen ſtand, ward ſie von einer andern Stra durch ſchnitten, welche das ganze am weſtlichen Himmel noch — 19— übrige Tageslicht hereinfallen ließ, und auf dieſe Weiſe ſtellte ſich der ganze Auftritt den Augen des Reiters dar, wie ein Gemälde, während er ſelbſt noch in verhältniß⸗ maäßiger Dunkelheit verborgen war. Der augenblickliche Impuls iſt etwas Herrliches und führt uns weit häufi⸗ ger auf den rechten Weg, als die Ueberlegung, welche in dringenden Fällen oft ein ſehr unbrauchbarer Artikel b iſt. Man braucht nur Energie und Geiſtesgegenwart zu 1 beſitzen, dann geht Alles wunderſchön und gut. Der Reiter ſtieß ſeinem Pferde die Sporen in die Seite; vor⸗ her ſchon und ſeitdem der erſte Ton an ſein Ohr geſchla⸗ gen, war er im Trabe geritten, jetzt ward daraus ein kurzer Galopp und mit zwei oder drei Sätzen befand er ſich beim Wagen. Er wollte ſtracks an die Seite 1 deſſelben reiten, der Mann aber, der vorn bei den Pfer⸗ den ſtand, ſchien dieſe Dazwiſchenkunft nicht als erwünſcht zu betrachten; er ſchrie ihm daher ein donnerndes:„Zu⸗ rück!“ zu und hielt ihm ein Piſtol entgegen, welches zu⸗ gleich einen ſcharfen knackenden Laut von ſich gab, der unter verſchiedenen Umſtänden dem menſchlichen Ohr 1 ganz beſonders unangenehm iſt, vorzüglich wenn man er vor der Mündung des Inſtrumentes ſteht, denn man kann nicht wiſſen, was aus derſelben in der nächſten 6 Hg Minute herauskommt. Aber der Reiter war ſchnell und gewandt und nicht gewohnt, ſich durch ſo ein kleines Ding, wie ein Piſtol iſt, einſchuchtern zu laſſen; er ergriff da⸗ * —. e 8 — — — 20— her ſeine ſchwere Reitpeitſche bei dem verkehrten Ende — obſchon es ſich in dieſem Falle als das rechte er⸗ wies— und verſetzte dem ihm Drohenden einen gewaltigen Streich über den Arm. Der Getroffene ließ den Arm ſogleich ſinken, das Piſtol ging nach den Hufen des Pfer⸗ des gerichtet los und das Thier bäumte ein Wenig, ohne jedoch beſchädigt zu ſein. Im nächſten Augenblick war das Pferd herumgeworfen und ſtand bei der Geſellſchaft neben dem Wagen; dieſe Geſellſchaft hatte aber mittler⸗ weile an Zahl, wenn auch nicht an Einmüthigkeit, zuge⸗ nommen, denn der Mann, den der Reiter hatte herbei⸗ laufen ſehen, befand ſich ſchon in grimmigem Kampfe mit einem der urſprünglichen Inhaber des Terrains, wäh⸗ rend der andere die Dame feſtgepackt hielt, die ſo eben gus dem Wagen herausgeriſſen worden war. In die zwei Kämpfenden glaubte unſer Reiſender ſich fürs Erſte nicht miſchen zu dürfen, obſchon er ſah, daß der Eine die Abſicht hatte, ein Piſtol an den Kopf des Andern zu ſetzen, welcher Letztere aber weder ungeneigt noch un⸗ fähig zu ſein ſchien, ihn an der Erreichung dieſer Abſicht zu verhindern; ſie hatten ſich aber ſo dicht in einander verbiſſen, daß es unmöglich war, den Einen zu ſchlagen, ohne zugleich den Andern mit zu treffen, beſonders in der Dämmerung. Der Reiter führte daher, ehe er ſich 8 in die Angelegenheiten der Andern miſchte, einen zweit weit ausgeholten Hieb nach dem Kopfe des Mann —yy—y der die Dame hielt und welcher ein ſo großes Intereſſe an Dem zu finden ſchien, was zwiſchen den beiden An-⸗ dern vorging, daß er das Herankommen eines Dritten gar nicht bemerkte. Er taumelte ſogleich zurück und würde niedergeſtürzt ſein, wenn ihn nicht das Rad des Wagens daran gehindert hätte; er drehte ſich daher wüthend herum, ſtreckte den Arm aus, und gleich darauf folgte ein Blitz und ein Knall, während eine Kugel an dem Geſicht des Reiters vorbeipfiff, ihm durch die Haare fuhr und den Hut ſtreifte. „Gefehlt, gefehlt!“ rief der Reiter.„Da haſt Du Etwas für Deine Mühe, Du ungeſchickter Hund.“ Und er verſetzte ihm noch einen Hieb, obſchon Jener dieſes Mal ſich den Kopf mit dem Arme deckte. „Hölle und Teufel!“ ſchrie der Geſchlagene, indem er das Pferd beim Zügel ergriff und es auf die Hanken niederzudrücken ſuchte; ein abermaliger Hieb, der ihn wieder zum Taumeln brachte, zeigte ihm aber, daß der Kampf wahrſcheinlich nicht zu ſeinem Gunſten enden werde; er rannte daher vorbei und ſchrie:„Lauf, Wolf, lauf! Harry iſt fort!“ Und ehe unſer Freund auf dem Braunen ihm noch einen Hieb verſetzen konnte, war er auf den Rücken des Thieres geſprungen, welches in der Nähe ſtand, und galoppirte, ohne erſt die Füße in die Steigbügel zu ſetzen, ſo ſchnell als möglich davon. Was die andern Beiden betraf, welche, wie wir ſchon gefagt — 22— haben, mit einander in einem tödtlichen Ringkampfe be⸗ griffen waren, ſo hatte dieſer eben den kritiſchen Punkt erreicht, denn es war dem herbeigekommenen Gentleman gelungen, den Lauf des Piſtols zu erfaſſen, und in dem Augenblick wo der andere Spießgeſelle fortſprengte, er⸗ hielt der achtbare, mit dem Namen Wolf bezeichnete Mann einen rechtſchaffenen Schlag in das Geſicht, ſo daß er zurücktaumelte und ſeine Waffe in den Händen ſeines Gegners zurückließ. Da er fand, daß ihm nun ſein einziger noch übriger Vortheil aus den Haͤnden ge⸗ wunden war, ſo rannte er ſofort hinten um den Wa⸗ gen herum, um auf der andern Straße zu entfliehen. „Spring herunter und halt' ihn auf, Poſtillon!“ rief der Reiter, indem er ſelbſt gleichzeitig, ohne einen Augenblick zu verlieren, dem Fliehenden nachſetzte. Die Beine des Poſtillons aber ſchienen, obſchon ſie in Leder ſtaken, von Holz zu ſein, und ehe er mit den Füßen den Boden berührt und die Peitſche bedächtig über den Rücken des Pferds gelegt hatte, ergriff der Fliehende, als er ſah, daß der Reiter ihn von der Straße abge⸗ ſchnitten hatte, den Stamm einer jungen Eſche, ſchwang ſich vermittelſt deſſelben auf den Rand des Hohlwegs hinauf und verſchwand unter den Bäumen. „Horcht, da kommt ein Wagen,“ ſagte der Rei⸗ ter zu dem Fremden gewendet, der ihm ſo ſchnell ge⸗ folgt war, als ſeine zwei Beine vieren zu folgen ver⸗ 23— mogten. Belde ſtanden einen Augenblick ſtill und horch⸗ ten; zu ihrem Erſtaunen aber nahm das Geräuſch der rollenden Räder, welches ſie ganz deutlich hörten, mehr ab als zu, und es war klar, daß ein Wagen von einem nicht ſehr entfernten Punkte hinwegfuhr. „Das iſt komiſch,“ ſagte der Reiter abſteigend,„es wird aber beſſer ſein, wir ſehen nach den Damen, denn ich glaube, ſie ſind ſehr erſchrocken.“ „Ohne Zweifel ſind ſie das,“ entgegnete der An⸗ dere mit einer ſauften muſikaliſchen Stimme, indem er zugleich wieder um den Wagen herum voranging.„Wißt Ihr, wer ſie ſind?“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete der Neiter,„wißt Ihr es?“ „Nein, ich weiß es auch nicht, ich bin hier freind,⸗ entgegnete der Andere, indem er an die Seite des Wa⸗ gens trat, in welchen die Dame, die herausgezerrt wor⸗ den war, ſich wieder zurückbegeben hatte. Sie ſaß mit vor die Augen gehaltenen Händen, als ob ſie weine, oder in tiefe Gedanken verſunken ſei; in dem Augenblick aber, wo der Herr, der zu Fuße ge⸗ kommen war, ſie anredete und die Hoffnung zu erken⸗ nen gab, daß ſie doch wohl nicht allzuſehr erſchrocken lei, zeentgegnete ſie:„O ja, ich konnte mir nicht helfen und meine Mutter iſt ohnmächtig geworden. Ich fürchte, wir müſſen wieder zurück.“. „Es iſt, glaube ich, nicht mehr weit nach dem Dor⸗ fe,“ ſagte unſer Freund, der Reiter,„und wir werden die Dame mit leichter Mühe wieder zu ſich bringen. Es fallen nun einmal ſolche Dinge vor, und wenn ſie Euch nicht das Geld abgenommen haben, ſo wird der Schade nicht groß ſein.“ „Es iſt mir wieder beſſer, Marie,“ ſagte eine ſchwache, aber angenehm und wohlklingende Stimme von der andern Seite des Wagens.„Sind ſie fort— weißt Du gewiß, daß ſie fort ſind?“ „Ja wohl, ja wohl, Madame,“ antwortete der Reiter, während die ihm zunächſt befindliche Dame ihre Hand zärtlich auf die ihrer Mutter legte.„Einer dieſer würdigen Leute machte ſich zu Pferde davon, nachdem er ſein Piſtol auf mich abgeſchoſſen und der Andere war — Dank unſerm ſteifbeinigen Poſtillon— für uns Alle zu ſchnell. Was aus dem dritten Kerl geworden iſt, weiß ich nicht.“ „Ihr ſeid doch nicht verwundet, Herr, hoffe ich?“ ſagte die jüngere der beiden Damen, indem ſie den Rei⸗ ter durch das Halbdunkel ſchüchtern anſchauete. „Nicht im Mindeſten,“ entgegnete er.„Der Mann verfehlte mich, obſchon der Schuß gerade kein ſchlechter war, denn ich fühlte, daß er mir durch das Haar fuhr, aber ein Zoll weiter rechts oder links macht einen hhhh1Z—qſshshö—hhhöhöhöͤöͤöoͤöoͤhͤhͤöoöͤöhöͤöͤſhſͤſͤſſſſſ— . ¹ „ 4 gewaltigen Unterſchied.— Und was werdet ihr nun thun, meine Damen?“ Es fand eine leiſe Berathung zwiſchen den beiden Inhaberinnen des Wagens ſtattt, während die beiden Herren, die ihnen zu Hülfe gekommen waren, ebenfalls eine flüſternde Conferenz hielten. Es iſt wunderbar, wie oft in dieſer Welt verſchiedene Individuen der guten Leute, aus denen ſie beſteht, alle über ein und daſſelbe Ding nachdenken oder auch ſogar davon ſprechen, ohne daß die eine Gruppe weiß, was die andere vor hat. „Ich habe Verdacht gegen dieſen Poſtillon,“ ſagte der Herr zu Fuße zu dem Herrn zu Pferde. „Ja, ich auch,“ entgegnete der Letztere.„Er ſteckt mit den Räubern unter einer Decke, da könnt Ihr Euch drauf verlaſſen. Es iſt mit allen Poſtillonen ſo. Ihr Gewiſſen gleicht ihren Lederhoſen— es paßt Alles hinein. Ich mögte wiſſen, wie weit dieſe Damen noch reiſen wollen.“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte der Andere,„es mögte aber für ſie kaum gerathen ſein, allein weiter zu reiſen.“ „Kann ich einen Augenblick mit Euch ſprechen, mein Herr?“ rief die jüngere Dame aus dem Wagen heraus, und der Reiter näherte ſich einen Schritt, lehnte ſich zan den Wagenſchlag und ſteckte den Kopf halb in den Wagen hinein, als ob er vollkommen überzeugt ſei, er werde ein Geheimniß zu hoͤren bekommen. ————— „Meine Mutter denkt ſo wie ich,“ fuhr die jüngere Dame fort,„daß der Mann, der uns fährt, von den Leuten, die uns anfielen, beſtochen geweſen ſein muß, denn er fing ſogleich, als wir in die Nähe dieſes Ortes kamen, an, langſam zu fahren. Auch hielt er, als ſie ihn anriefen, augenllicklich an.“ „Vielleicht nicht beſtochen, meine werthe Dame,“ entgegnete der Herr;„alle dieſe Poſtillone, wie man ſie nennt, begünſtigen dieſe rechtſchaffenen Straßenräuber entweder in Hoffnung auf einen Theil der Beute oder auch blos aus kameradſchaftlicher Zuneigung. Sie ſind alleſelbſt Dilettanten in dieſer Kunſt und manche ſogar Kenner. Ihr bedürft aber Schutz, das iſt gewiß, und ich glaube, es würde am Beſten für Euch ſein, wenn Ihr umkehrtet und einige Leute aus dem Dorfe zu Eurer Bedeckung mitnähmet.“ „Ich fürchte, daß das kaum gehen wird,“ ſagte die ältere Dame,„es iſt ſchon ſehr ſpät und dieſer Un⸗ fall hat uns noch mehr aufgehalten. Mein Bruder kann todt ſein, ehe wir ankommen. Die Veranlaſſung zu meiner Reiſe iſt nämlich eine ſehr traurige, mein Herr. Meinem Bruder iſt plötzlich die Gicht in den Leib getre⸗ ten und er hat mich rufen laſſen, um mich vor ſeinem Tode noch ein Mal zu ſehen. Es iſt jedoch nicht mehr weit und ich hoffe, daß uns nun Nichts weiter zuſtoßen werde. — X „Nein, nein, Madame, ohne allen Schutz dürft Ihr nicht weiter reiſen,“ entgegnete der Herr in gut⸗ müthigem Tone.„Ich will mit Euch reiten und Euch geleiten.— Wie weit iſt es noch?“ „Ich fürchte, beinahe noch fünf Meilen,“ antwortete die Dame. „O wenn es nicht weiter iſt!“ rief der Reitersmann. „Dann komme ich blos etwa eine Stunde ſpäter zum Abendeſſen.“ Er wendete ſich hierauf zu dem andern Herrn und fuhr fort:„Mein Herr, wenn Ihr vielleicht an dem Gaſthof vorbei kommt, welcher der Weiße Hirſch heißt—“ „Da logire ich ſelbſt,“ entgegnete der Fremde. „Nun dann ſagt gefälligſt den Leuten, daß ſie für mich in einer Stunde ein gebratenes Huhn bereit hal⸗ ken. Während ich noch unterwegs bin, kann es gebra⸗ ten werden, und ich bringe auf dieſe Weiſe gleich die Zeit hin, ohne die Geduld zu verlieren.“ Mit dieſen Worten ſprang er luſtig lachend wieder auf ſein Pferd und rief, während der andere Herr den Wagenſchlag zumachte und den Damen Lebewohl wünſch⸗ te, dem Poſtillon zu:„Nun in den Sattel, Schwager, und merk Dir, wenn dieſe Damen wieder aufgehalten werden, ſo iſt Dein Schädel der erſte, der eingeſchlagen wird.“ Der Poſtillon antwortete nicht, ſtieg aber doch viel — — 28— ſchneller auf, als er abgeſtiegen war, und bald ging es in ſcharfem Trabe auf der Straße weiter. Der Reiter hielt ſich den ganzen Weg dicht an den Wagen und nach einer Fahrt von ungefähr fünf und dreißig Minuten durch anmuthige Alleen und über duf⸗ tende Wieſen hinweg, kam man anſcheinend an die Thore eines Parks; das Häuschen des Thorhüters aber war düſter und ohne Licht und der Poſtillon gab dem Reiter nicht undeutlich zu verſtehen, daß er ſo gut ſein mögte abzuſteigen und das Thor zu öffnen, da Nie⸗ mand zu dieſem Behufe zum Vorſchein kam. Der Herr wußte jedoch dies geſchickt zu bewirken ohne abzuſteigen, und der Wagen rollte durch das Thor und kam nun in eine lange Allee von prächtigen Kaſtanienbäumen. Zwi⸗ ſchen den Zweigen der Bäume hindurch erblickte man hier und da ſanfte grüne, mit wildem Hagedorn bewach⸗ ⸗ ſene Hügel und jenſeits derſelben dunkele Waldmaſſen und am Ende einer Strecke von etwa noch drei Viertel Meile zeigte ſich ein ſchönes ſteinernes Haus mit einem etwas flachen, aber imponirend ausſchauenden Geſicht, gleich dem eines alten Landedelmannes, der einen hohen Begriff von ſeiner eigenen Wichtigkeit hat. Als der Reiter jedoch an dem Hauſe emporblickte, welches auf einer kleinen Terraſſe ſtand, zu welcher der Weg hinaufführte, konnte er nicht umhin, bei ſich zu denken:„Das ſieht nicht aus, wie die Wohnung eines Mannes, der im Sterben liegt, weil ihm die Gicht in den Magen getreten, ſondern mehr wie die eines Man⸗ nes, der ſie erſt ſich zuziehen will;“ denn drei Fenſter des Paterre, die zu dem Speiſezimmer zu gehören ſchie⸗ nen, ſtanden offen, um die friſche Luft einzulaſſen, und abgeſehen davon, daß es hell und freundlich erleuchtet war, ſchallten daraus auch fröhliches Gelächter und leb⸗ haft ſchwatzende Stimmen. Der Poſtillon fuhr jedoch an dem großen Thorweg vor und der Reiter ſprang vom Pferd und zog die Klingel, werauf er an den Wagen zurücktrat und ſich über den Schlag hinweglehnend ſagte: „Ich hoffe, daß Euer Verwandter beſſer iſt, Ma⸗ dame, denn dieſes Haus ſcheint kein Trauerhaus zu ſein.“. Die Dame antwortete nicht direct auf ſeine Worte, ſondern ſagte:„Ich hoffe, mein Herr, daß Ihr, wenn Ihr in dieſer Gegend länger verweilt, mir Gelegen⸗ heit geben werdet, Euch für den großen Dienſt, den Ihr mir geleiſtet, entweder hier oder in meinem eignen Hau⸗ ſe zu danken. Die Leute im Gaſthofe werden Euch zu⸗ rechtweiſen, denn ich wohne nur zehn Meilen weit jen⸗ ſeits Tarningham.“ „SIch werde ganz gewiß die Ehre haben, Euch mei⸗ ne Aufwartung zu machen und mich zu erkundigen, wie Ihr Euch befindet,“ entgegnete der Reitersmann, und * — 30— dann ſetzte er hinzu:„Man ſcheint hier nicht Luſt zu haben, die Thüre zu öffnen,“ worauf er wieder an die Klingel trat und ſie nochmals heftig läutete. Im nächſten Augenblick ward das Thor aufgemacht und es erſchien ein umfangreicher Kellermeiſter. Der Fremde half nun, ohne weitere Worte zu machen, den Damen beim Ausſteigen und bemerkte, als er dies that, daß die jüngere ein hübſches Mädchen von etwa neunzehn oder zwanzig Jahren war. „Wie befindet ſich denn mein Bruder jetzt” fragte die ältere Dame, welche Wittwenkleider trug. „Ganz wohl, Madame, ich danke Euch,“ antwor⸗ tete der Kellermeiſter im gleichgültigſten und alltäglichſten Tone, und ehe die Dame Zeit hatte, noch weitere Fra⸗ gen zu thun, wünſchte der Fremde, der ſie aus den Händen ihrer Feinde gerettet, ihr und ihrer Tochter gu⸗ te Nacht, ſtieg auf ſein Pferd und ritt wieder die Allee hinab.. Zweites Kapitel. Das Abendeſſen im Weißen Hirſch. Der weiße Hirſch in Tarningham war ein netter leiner Landgaſthof, ſo wie man ſie zu der Zeit, wel⸗ cher dieſe Geſchichte angehört, gewöhnlich in den meiſten der kleinen Städte Englands antraf. Sie werden gegen⸗ wärtig ſehr raſch einer nach dem andern durch den großen Beſen der Dampfmaſchine von der Oberfläche der Erde hinweggekehrt, und ſehr bald wird man die Annehmlichkeiten eines Gaſthofes nur noch aus der Geſchichte kennen, während die Menſchen mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit von Hundert Meilen die Stunde durch die Welt raſen und unterwegs Nichts finden, als Stationen und Hotels. Ich haſſe ſchon den Namen Hotel, lobe mir den Gaſthof aus jener guten alten Zeit und wün⸗ ſche von ganzem Herzen, daß meine Landsleute weder ih⸗ re Worte, noch ihre Gebräuche gegen etwas Schlimme⸗ ———y res von ausländiſcher Abſtammung vertauſchen mögten. Ein Gaſthof war zu der Zeit, von der ich ſpreche, ein Haus, das ſich durch weiße Wäſche, geröſteten Schinken und friſche Eier berühmt machte. Ich kann nicht ſagen, daß die Beefſteaks immer zart, oder die Kalbscoteletts alle Mal richtig durchgebraten, oder die Betten alle Mal die weichſten in der Welt waren; aber dann denke man nur an die weißen Köpervorhänge und die Fenſter, die gerade genug klapperten, um Einem zu wiſſen zu thun, daß draußen ein kalter, ſcharfer Wind wehe, und an das muntere, bausbäckige Stubenmädchen und an den Wirth ſelbſt, der rund war, wie ſeine eigenen Tonnen— ja, und eben ſo voll Bier. Ein Gaſtwirth jener Zeit wür⸗ de ſich geſchämt haben, wenn er nicht wenigſtens neun⸗ zehn Stein gewogen hätte. Er war ein Theil ſeines eigenen Schildes, die Empfehlung ſeines eigenen Bieres. Schon ſein Wanſt ſchien zu ſagen:„Schauet, wie es mir bekommen iſt.“ Es war ein Beſtandtheil ſeines Fettes, es floß durch ſeine Adern, es trieb ihm die Wangen auf, es lief ihm aus den Augen heraus, und jedes Wort ſeiner Zunge ſchmeckte nach Malz und Ho⸗ pfen. Es gab damals keine magern, ſchmalbäckigen, mit ſchwarzſeidenen Strümpfen angethanen Gaſtwirthe, und ſelbſt die aufſtrebenden Kellner ahmten ihren Prinzipalen nach und wurden täglich fetter unter ſeinem Auge, da⸗ mit ſie geſchickt und tauglich würden, die Wittwe zu 4 — = 33— heirathen und das Geſchäft zu übernehmen, der arme gute Hausherr im 2 venn vielleicht Bier unterginge. Ein ſolches Gaſthaus war der Weiße Hirſch in Tarningham und ein ſolcher Wirth war der Hirſchwirth, aber er war ein kluger Mann und liebte es nicht, ſeine Nachfolger vor Augen zu haben, aus dieſem Grunde ſowohl, als weil das Geſchäft in dieſer Gegend gerade nicht ſehr flott ging, hielt er keinen regelmäßigen Kellner. Er hatte zwar einen Schenkburſchen, aber der Tiſch in dem netten kleinen Zimmer linker Hand ward von einer weiß behaubten, ſchwarzäugigen, blühenden Kellnerin gedeckt und der Wirth ſelbſt trug das erſte Gericht auf und überließ dann ſeinen Gaſt der Obhut und Pflege der ſchon erwähnten anmuthigen Kellnerin. Das Zimmer war ſchon von einem Herrn beſetzt, demſelben, welcher auf ſeinem Abendſpaziergange mit unſerm Freund, dem Reitersmann, bei der Befreiung der beiden Damen zuſammengetroffen war. Seine Höf⸗ lichkeit war, die Wahrheit zu geſtehen, Urſache, daß der Tiſch hier überhaupt gedeckt ward, denn er war früher allein im Beſitz dieſes Stübchens geweſen, und als er dem Virth mitgetheilt hatte, es werde bald ein Gaſt ankommen, der ſich vorgenommen habe, ein gebra⸗ tenes Huhn zu ſpeiſen, da hatte der würdige Mann mit beſtürzter Stimme ausgerufen:„Ach du lieber Himmel, was ſoll ich anfangen? Da muß ich jene Kerle aus der Beauchamp. Erſter Band. 3 —— Schenkſtube jagen und dort decken laſſen, denn in dem andern Zimmer iſt die alte Mrs. Grover, die Wittwe des Advocaten, und mehr Gaſtſtuben giebt es in mei⸗ nem Hauſe einmal nicht.“ „Ihr könnt Euch des meinigen bedienen,“ entgegnete der Fremde;„jener Herr ſcheint mir ein ſehr gutmüthi⸗ ger Mann zu ſein und ich glaube nicht, daß er viel Umſtände machen wird, wenn er auch nicht ein ganzes Zimmer für ſich allein bekommen kann.“ „Ich wette eine Kanne Bier,“ rief der Wirth, als ob ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf führe,„ich wette eine Kanne Bier, daß es der Herr iſt, deſſen Koffer nebſt einem ganzen Bündel Angelruthen heute Morgen bei mir abgegeben ward. Ich will doch laufen und nachſehn, was für ein Name darauf ſteht.“ Der ſchon in Beſitz des Zimmers befindliche Herr gab, was er auch denken mogte, weiter keine Neugierde zu erkennen, binnen zwei Minuten aber wälzte ſich der Wirth wieder herein, denn das Laufen, womit er gedroht hatte, war für ihn ein Ding der Unmöglichkeit, und meldete ſeinem Gaſt, die auf den Sachen befindliche Adreſſe laute an:„Edward Hayward, Esg., abzugeben im Weißen Hirſch zu Tarningham.“. „Sehr wohl,“ ſagte der Gaſt und ergriff ohne weiter Etwas hinzuzufügen, ein Buch, welches ſeit dem Morgen auf dem Kaminſims gelegen hatte, legte die 6 82 6 —-— 35— Füße auf einen zweiten Stuhl und begann zu leſen. Der Wirth ging geſchäftig im Zimmer umher und brachte Alles in Ordnung. Einmal rannte er mit einer ſeiner feiſten Lenden an den Stuhl des Gaſtes an und bat um Verzeihung, aber der fremde Herr las weiter. Er ergriff den Hut, der dem jungen Manne bei dem Ringen am Wagen vom Kopfe geſchlagen worden war, wiſchte den rothen Sand ab, der noch daran hing und rief:„Gott ſteh mir bei, Euer Hut iſt über und über beſchmuzt!“ der Gaſt aber nickte blos mit dem Kopfe und las weiter. Endlich als der Tiſch gedeckt und Senf, Pfeffer, Salz, Weineſſig und Brod nach und nach hereingebracht worden waren, als das Mädchen Alles noch ein Mal zu⸗ recht gerückt, was der Wirth ſchon zuvor geordnet, glatt geſtrichen was er glatt geſtrichen und abgewiſcht was er ſchon abgewiſcht hatte, hörte man plötzlich ein Pferd an den Fenſtern vorübertraben und eine Minute ſpäter rief eine Stimme an der Thüre des Gaſthofes:„Heda Haus⸗ knecht, nimm mein Pferd, ſchnall die Gurte locker, aber ſattle noch nicht ab, wiſch ihm das Maul ab und führe es fünf Minuten auf und ab. Sind die Decken ange⸗ kommen?“ „Jawohl, jawohl, Herr, heute Morgen,“ antwortete der Gaſtwirth.„Hierher, hierher, mein Herr wenn's Euch beliebt. Ich bedaure, daß Ihr mir es nicht eher 3* wiſſen ließet, denn ich habe wirklich im ganzen Hauſe kein einziges Zimmer mehr.“ „Nun, dann behelf ich mich mit einem halben,“ antwortete der Fremde.„Aber mein Freund, wenn Ihr noch mehr zunehmt, ſo müßt Ihr Eure Thüren breiter machen laſſen. Ihr ſeid der Mann, der einen Engpaß vertheidigen könnte, denn bei meinem Leben, in Ermange⸗ lung härterer Materialien könnte man mit Euch die Thermopylen verbarrikadiren. Bier, Bier, Bier, es iſt lauter Bier, Gaſtwirth, und wenn Ihr Euch nicht in Acht nehmt, ſo wird es Euch viel zu ſchaffen machen. Sind mei⸗ ne Angelruthen angekommen?— Doch in gutem Zuſtande, hoffe ich?“ Und während er alle dieſe Fragen that und dieſe Bemerkungen machte, war er bis auf die Schwelle des kleinen Zimmers linker Hand, gelangt. Er ſchauete eine Minute lang den ſchon in demſelben befindlichen Gaſt an, welcher ſich erhob, um ihn lächelnd zu be⸗ willkommnen, und deſſen Geſicht er in der halben Fin⸗ ſterniß auf der Straße nicht ſehr genau in's Auge ge⸗ faßt zu haben ſchien. Aber die Natur und die allge⸗ meine Erſcheinung des Fremden zeigte ihm bald, daß ſie ſich ſchon früher geſehen, und er ging mit ungezwun⸗ gener, gutmüthiger, heiterer Miene auf ihn zu und ſchüttelte ihm die Hand. „Eine ſonderbare Art, Bekanntſchaft zu machen, mein werther Herr; aber ich freue mich Euch wieder zu ₰„ — 37— ſehen und zwar geſund und mit heiler Haut, denn ein Mal waret Ihr ſehr nahe daran, einen Hieb über den Kopf zu bekommen, und ich konnte mich nicht gut hinein⸗ mengen, weil ich eben ſo gut Euch als jenen Kerl hätte trefſen können. Ich hoffe doch, daß Ihr bei dem Kampfe nicht verwundet oder ſonſt beſchädigt worden ſeid?“ „O nein,“ entgegnete der Fremde,„allerdings hät⸗ te mich der Kerl beinahe erwürgt, denn er hatte mich auf eine Art gepackt, die ich nicht gleich wieder vergeſſen werde; was aber dieſe Art, Bekanntſchaft zu machen betrifft, ſo glaube ich, daß zwei Männer ſich keine beſ⸗ ſere Gelegenheit dazu wünſchen könnten, als wenn es ihnen, wenn auch nur zufällig gelingt, zwei Damen vor Gewalt zu ſchützen.“ „Es iſt dies allerdings etwas ſehr Ritterliches,“ rief der Reiter lachend,„aber zwei Don Quixotes kön⸗ nen niemals neben einander exiſtiren, daher will ich ſo⸗ gleich geſtehen, daß in meiner Natur nicht der geringſte Funke von Ritterlichkeit liegt. Wenn ich ſehe, daß etwas Starkes etwas Schwachem zu Leibe geht, ſo ſchlage ich natürlich das Starke zu Boden. Ich kann es nicht leiden, wenn ein großer Hund einen kleinen durchwalkt, und ſehe es nicht gern, wenn ein Saupacker eine Ratte haſcht. Aber das iſt alles Inſtinct, mein werther Herr, alles Inſtinct. Von irgend einer Art Enthuſiasmus — 38— weiß ich, Gott ſei Dank, ganz und gar Nichts. Ich liebe ſo ziemlich Alles, was es in der Welt giebt, aber ich wünſche nicht, daß ich Etwas zu ſehr liebe, ausge⸗ nommen allerdings eine ganz beſonders gute Flaſche Claret— da, da bin ich freilich etwas ſchwach. Was die Rettung zweier Damen betrifft, ſo iſt das immer etwas ſehr Angenehmes, beſonders wenn die eine davon ein vorzüglich hübſches Mädchen iſt, was, wie ich Euch verſichern kann, hier der Fall war. Aber wirklich, wir ſollten doch Etwas thun, damit dieſen Kerlen nachgeſpürt werde, denn ſie könnten doch wenigſtens ſo anſtändig ſein zu warten, bis es ganz finſter iſt, und nicht ihrem geſetzwidrigen Berufe kaum einer Stunde nach Sonnen⸗ untergang ſchon obliegen.“ „Ich ging ſogleich zu dem Friedensrichter,“ antwor⸗ tete der Fremde,„aber ich fand, wie das in vielen Pro⸗ vinzialorten vorzukommen pflegt, daß die Zierde der Gerichtsbank nicht zu den aufgeklärteſten Menſchenkindern gehörte. Weil ich nicht die eigentlich angegriffene Perſon war, ſo weigerte ſich der Richter, irgend einen Schritt in der Sache zu thun, und obſchon ich ſeinen Entſchlauß in dieſem Punkte wankend machte und er auf mein Verlangen einzugehen geneigt ſchien, ſo nahm er doch ſobald als er fand, daß ich ihm nicht einmal die Namen der beiden Damen angeben konnte, ſein Wort wieder zurück und wollte nicht einmal meine Ausſage zu Pro⸗ 6 glauben, er arbeite mit den Kerlen auf gemeinſchaftliche — 39— tokoll nehmen. Vielleicht iſt es am Beſten, wenn wir nach dem Abendeſſen mit einander wieder zu ihm gehen, denn Ihr werdet wahrſcheinlich das Fehlende ergänzen und ihm den Namen Eurer ſchönen Dame mittheilen können.“ „Nein, auf Ehre, das kann ich nicht,“ verſetzte der Andere,„ich habe ganz vergeſſen, zu fragen. Es war aber ein ſehr ſchönes Mädchen und es wundert mich, daß ich nicht fragte, denn ich liebe es, hübſche Geſichter gleich mit einer Etiquette zu verſehen. Wie heißt denn Euer Midas? Ich zweifle nicht, daß wir ihn bald zur Raiſon bringen werden. Ein Friedens⸗ richter, der nicht eine Ausſage gegen einen Straßenräu⸗ ber annehmen will! Beim Himmel, da mögte man faſt Rechnung.“ „Straßenräuber!“ rief der Wirth, der hin und hergegangen war und, er mogte nun ein gebratenes Huhn, oder geſchmorte Kartoffeln, oder einen friſchen Krug Bier in der Hand tragen, auf Alles horchte, was ge⸗ ſprochen ward.„Was, Mr. Beauchamp, davon habt Ihr mir ja noch gar Nichts geſagt!“ .„Nein, lieber Freund,“ entgegnete der Andere,„ich habe Euch Nichts geſagt, denn wenn man ſo Etwas in einem Gaſthofe erzählen wollte, ſo wäre das der ge⸗ eignetſte Weg, dem Straßenräuber die Flucht zu erleich⸗ tern.“ „Jawohl,“ rief der Reiter, den wir von nun an Hayward, oder wie ihn faſt alle ſeine Bekannten nann⸗ ten, Ned Hayward nennen werden,„jawohl, aber ich glaube, mein lieber dicker Freund, Ihr könnt uns zu dem Namen der beiden Damen verhelfen. Wer waren die Perſonen, die Einer Eurer Poſtillone von hier nach einem weſtlich in einem Park gelegenen Hauſe gefahren hat?“ „Was, nach Sir John Slingsby's Hauſe?“ rief der Wirth; ehe er aber weiter zur Beantwortung der unmittelbaren Frage ſchreiten konnte, ſchlug ſich Ned Hahward vor die Stirn und rief: „ Sir John Slingsby's Haus! Das iſt ja daſſelbe Haus, nach dem ich will, und es fiel mir niemals ein, nach dem Namen zu fragen. Was ich für ein Narr bin, wohl mit Recht nannte man mich, als ich noch beim 40ſten Regiment ſtand, den leichtſinnigen Ned Hay⸗ ward. Aber nun, mein lieber Wirth zum Strumpf⸗ band—“ 3 „Zum Weißen Hirſch, Euer Gnaden„ entgegnete der Wirth mit einer ſo tiefen Verbeugung, als ſein dicker Bauch es ihm erlaubte. „Nun gut, alſo zum Weißen Hirſch,“ ſagte Ned Hayward,„laßt uns hören, wer die ſchönen Damen — 41— ſind, die Euer Poſtillon ſo langſam fuhr und mit denen er auf den Anruf dreier Ritter von der Straße, die Piſtolen in den Händen trugen, ſo ſchnell anhielt?“ „Gott ſei uns gnädig!“ rief der Wirth.„Alſo Mrs. Clifford und ihre Tochter ſind angefallen worden? Na, es ſollte mich nicht wundern— aber ſtille davon— die Sache geht mich Nichts an, und was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß.“ Das Geſicht des Wirthes hatte einen geheimnißvol⸗ len Ausdruck angenommen und ſeine ganze Haltung ge⸗ wann etwas Myſteriöſes. Er legte den Finger an die Naſe, wie manche Leute thun, um den Proceß zu ver⸗ anſchaulichen, der in ihnen vorgeht, wenn ſie ſich dies und jenes zuſammenreimen. Er machte auch das eine Auge halb zu, wie um den Zuſchauern anzudeuten, daß wie hell auch das geiſtige Licht in ſeinem eigenen Ge⸗ hirne ſei, doch Nichts davon zur Beleuchtung Anderer herausdringen ſolle. Es liegt etwas Hartnäckiges in der menſchlichen Natur, was alle Menſchen— abgeſehen von den Ausnahmen, welche eben die allgemeine Regel beweiſen— begierig macht, Alles zu entdecken, was ver⸗ borgen iſt; und demgemäß machten ſowohl Mr. Hayward als Mr. Beauchamp totis viribus einen Angriff auf den achtbaren Wirth und ſuchten ihm das Geheimniß zu entwinden. Er hielt es jedoch mit beiden Händen feſt und rief: „Nein nein, meine Herren, ich ſage kein Wort — die Sache geht mich Nichts an— ich habe Nichts damit zu ſchaffen— es ſind bloße Vermuthungen, und ein Mann, der an die ganze Umgegend Bier verkauft und Pferde vermiethet, muß reinen Mund halten. Eins aber will ich ſagen, blos um Euch beiden Herren einen Wink zu geben, daß es vielleicht am Beſten iſt, wenn Ihr Euch nicht in die Sache miſcht, denn es könnte ein großer Scandal daraus werden. Sally, iſt das Huhn noch nicht fertig?“ rief er zur Thüre nach der Küche hinaus. „Ich werde mich ganz gewiß hinein miſchen, mein lieber Freund,“ ſagte Ned Hayward in entſchiedenem Tone,„und das ſehr bald. Ich mache mir gar Nichts daraus, wenn ein Scandal entſteht, denn ich weiß, daß ich Nichts davon zu fürchten habe. Sobald als wir unſer Abendeſſen zu uns genommen haben, was aller⸗ dings verteufelt lange auf ſich warten läßt, werden wir, wenn es Euch nämlich gefällig iſt, Mr. Beauchamp, uns zu dieſem guten Friedensrichter aufmachen und ſehen, ob— 1 Er ward mitten in ſetner Rede, obſchon dieſelbe bei⸗ nahe bis zum Schluß gediehen war, durch eine Stimme in der Hausflur unterbrochen:„Groomber, Mr. Groom⸗ ber!“ und der Wirth ſchrie augenblicklich:„Gleich Herr, gleich!“ und ſtürzte aus dem Zimmer. Sobald als der Wirth ſich umgedreht hatte, hörte man dieſelbe Stimme abermals fragen:„Habt Ihr eine Perſon Namens Beauchamp in Euerm Hauſe?“ „Ja, Euer Wohledeln,“ entgegenete der Wirth, und nach noch einigen leiſeren Worten ward die Thüre des Zimmers aufgeriſſen und Mr. Wittingham angemeldet, gerade als Mr. Beauchamp ſeinem neuen Freunde Ned Hayward mittheilte, daß die Stimme viel Aehnliches mit der des würdigen Friedensrichters habe, bei dem er kurz zuvor geweſen war. Mr. Wittingham war ein langer und ſehr reſpecta⸗ bel ausſehender Herr, Etwas über die mittlern Jahre hinaus und neigte ſich bereits der Periode des Lebens zu, in welcher der Menſch ſich gewöhnlich durch einen aufgeſchwollenen Leib und dünne Beine auszeichnet. Nichts deſto weniger aber machte ſich Mr. Wittingham noch ganz leidlich, denn ſeine Länge verminderte das Hervor⸗ treten Deſſen, was man gewöhnlich Corpulenz nennt, und ſeine Beine waren geſchickt in große Stulpenſtiefel verſteckt. Er war außerordentlich nett in ſeinem An⸗ zuge, hatte leidlich rothe Backen, und der Ausdruck ſei⸗ nes Geſichts beſaß vorzüglich um die dicken Augenbrau⸗ en und die Habichtnaſe herum etwas Dogmatiſches und Pexemptoriſches, was ihm bei der Entſcheidung von Bagatellſachen wunderbar zu ſtatten kam. In dem Augenblick, wo er in das Zimmer trat, 4 4 heftete er ſeine Augen etwas ſtreng auf Mr. Beauchamp (von dem wir vergeſſen haben zu ſagen, daß er ein ſehr fein, ſogar vornehm ausſehender junger Mann von etwa dreißig Jahren war) und redete ihn in rauhem und faſt unhöflichem Tone mit den Worten an:„Euer Name iſt wie Ihr ſagtet, glaube ich, Beauchamp, mein Herr, und Ihr wolltet mir eine Anzeige gegen gewiſſe Perſonen wegen eines gewaltthätigen Angriffs auf freier Straße erſtatten.“ „Ich heiße Beauchamp, wie Ihr ſagt, mein Herr,“ entgegnete der Angeredete,„und ich machte Euch als dem nächſten Friedensrichter meine Aufwartung, um über ein in Euerm Diſtricte begangenes Verbrechen Anzeige zu erſtatten, die Ihr Euch aber weigertet, anzunehmen. Habt die Güte, Euch niederzulaſſen.“ „Und erlaubt mir, mein Herr, wenn ich es wagen darf, zu fragen, wer und was ſeid Ihr denn?“ fragte der Richter, indem er ſich zugleich ſchwerfällig auf einen Stuhl niederwarf. „Ich ſollte glauben, daß dies mit der Sache ſehr Wenig zu thun hätte,“ ſchob Ned Hahward dazwiſchen, ehe noch Mr. Beauchamp antworten konnte.„Die ein⸗ fache Frage iſt, ob ein Raubverſuch oder vielleicht noch etwas Schlimmeres heute Abend an Mrs. und Miß Clifford, als ſie auf dem Wege zu meinem Freunde Sir John Slingsby waren, gemacht worden iſt, oder nicht, und erlaubt mir zu ſagen, daß jeder Friedensrich⸗ ter, der ſich weigert, eine ſolche Anzeige anzunehmen und alle ihm zu Ergreifung der Uebelthäter zu Gebote ſtehenden Mittel aufzubieten, ſeine Pflicht auf das Gröb⸗ lichſte vernachläſſigt.“ Der Wirth brachte das gebratene Huhn herein und machte große Augen über den verwegenen Ton, in wel⸗ chem Ned Hayward mit einem der Magnaten der Um⸗ gegend zu ſprechen wagte. Einige Worte zu Anfang dieſer Rede hatten über Mr. Wittingham's Geſicht den Ausdruck einiger Beſtürzung verbreitet, aber der An⸗ griff, der in den letzten Worten auf ihn ſelbſt lag, reizte ihn zu trotzigem Widerſtande und ſeine Antwort beſtand daher in der zornigen Frage:„Wer zum Teufel ſeid Ihr, Herr?“ „Ich bin Niemandes Teufel, Mr. Wittingham,“ antwortete Ned Hayward,„oder wenn ich Jemandes Teufel bin, ſo bin ich mein eigner und mein Name iſt Edward Hahward, gewöhnlich Capitain Hahward ge⸗ nannt und früher beim 40ſten Regimente, jetzt aber un⸗ abhängig. Da aber mein Abendeſſen fertig iſt, ſo werde ich mir erlauben, es zu mir zu nehmen, ſo lange es noch warm iſt. Wollt Ihr nicht miteſſen, Beauchamp? Mr. Wittingham, ſoll ich Euch einen Flügel vorlegen? Sonderbarer Name, Wittingham. Nachkomme des be⸗ rühmten Lord Mayor von London, vermuthe ich?“ — 46— „Nein, mein Herr, nein,“ antwortete der Richter, während Beauchamp ſich kaum des Lachens enthalten konnte.„Ich will blos wiſſen, was Ihr mit jenem Vorfalle zu ſchaffen habt.“ „Alles Mögliche,“ antwortete Ned Hahward, in⸗ dem er das Huhn tranchirte,„denn ich und mein Freund wir haben gleichen Antheil an der Befreiung dieſer Damen aus den Klauen jener Vagabunden. Er ging hierher zurück, um Anzeige zu machen, während ich mit den Damen weiter ritt, um ſie gegen fernere Unbill zu ſchützen. Bringt mir eine Flaſche von Euerm beſten Sherry, Wirth. Nu, ich will Euch was ſagen, Mr. Wittingham— habt Ihr keinen Schinken zum Röſten? Ich eſſe nicht gern Huhn ohne Schinken, denn dann ſchmeckt es ſchal wie eine Magiſtratsperſon in der Provinz— Ich will Euch etwas ſagen, Mr. Witting⸗ ham, dieſe Sache ſoll und muß auf's Gründlichſte unter⸗ ſucht werden, Ihr möget nun Luſt haben, oder nicht, auch habe ich Bedacht genommen, zwei von den Vaga⸗ bunden ſo zu zeichnen, daß ſie wenigſtens einen Monat lang mit leichter Mühe zu erkennen ſein werden. Der eine davon ſieht, beiläufig geſagt, Euch verteufelt ähn⸗ lich, iſt aber viel jünger. Ich gab ihm einen Hieb über das Auge und die Naſe herab, ſo daß er, ich ſtehe da⸗ für, ſo ſchön ſchwarz und blau gezeichnet iſt, wie Eure ſchönſten Schare, und wir werden nicht ruhen, bis wir —— ihn ausfindig gemacht haben, obſchon wir zu dieſem Behufe auf dem Beiſtande des Gerichts beſtehen müſſen.“ „Ich glaube, Herr, Ihr habt die Abſicht, mich zu beleidigen,“ ſagte der Richter, indem er mit zorniger Miene und mit verlegenem und verwirrtem Geſicht auf⸗ ſtand. „Nicht im Geringſten, mein werther Herr,“ ant⸗ wortete Red Hahward.„Bitte, ſetzt Euch und trinkt ein Glas Wein mit uns.“ „Ich will nicht, Herr,“ rief Mr. Wittingham,„und ich werde das Zimmer verlaſſen. Wenn Ihr mir Etwas zu ſagen habt, ſo müßt Ihr mir es in der gehörigen Form und zur geeigneten Stunde vortragen. Morgen werde ich bis eilf Uhr im Amtszimmer ſein und hoffe, daß Ihr dann bereit und geneigt ſein werdet, vor der Gerichtsbank mit Ehrerbietung zu erſcheinen.“ „Mit der allerunterthänigſten, Herr,“ ſagte Ned Hayward indem er aufſtand und ſich verbeugte, daß ſein Geſicht beinahe den vor ihm ſtehenden Tiſch be⸗ rührte. Mr. Wittingham ging, den Kopf ſtolz und ent⸗ rüſtet emporwerfend, fort und ſchloß die Thüre hinter ſich und unſer munterer Freund wendete ſich zu ſeinem Tiſchgenoſſen und ſagte:„Da ſteckt Etwas dahinter, Beauchamp. Wir müſſen erfahren, was es iſt.“ Drittes Kapitel. Der Vater und der Sohn. Mit früher geſchehenen Dingen will ich Nichts zu thun haben. Der Leſer muß dieſe ſelbſt errathen, wenn er kann, denn das Buch muß erklären, was dem Buche vorangeht. Die Vergangenheit iſt ein Grab. Darin laſſe man die Ereigniſſe ſo gut wie die Menſchen in Frieden ruhen. Wehe dem, der ſie ſtört, und in der That, wenn es auch nicht ſchon eine Art von Profanation wäre, ge⸗ ſchehene Dinge wieder aufzurühren, eben ſo gut, als es eine iſt, die Aſche der Todten zu beunruhigen, was ge⸗ winnt wohl der Menſch, wenn er in das Grab der Vergangenheit einbricht? Nichts als trockne Gebeine, die alles Deſſen, was die lebende That intereſſant machte, entkleidet ſind. Die Geſchichte iſt Nichts, als ein großes Muſeum der Oſteologie, wo die Skelette großer Thaten ohne die Muskeln aufbewahrt werden— da ſteyt eine — — 49— lange Thatſache und dort eine kurze. Einige ſind fürch⸗ terlich verſtümmelt und alle zerbröckeln vor Alter und ſind von Staub und Spinneweben bedeckt. Man nehme einen Schädel mit herunterhängenden Kinnladen wie Jorick's. Sehet, wie er Euch mit ſeinen nackten Backen⸗ knochen und fleiſchloſen Zähnen angrinſt! Sehet, wie die leeren Augenhöhlen nichtsſagend vor ſich hinſtieren! Die Stirn, auf der ſonſt Weisheit und Intelligenz thronte, ſieht nicht viel klüger aus, als ein getrockneter Kürbis. Und ſo, gerade ſo leer an Aufſchlüſſen über die lebenden Thaten, die einſt geſchahen, ſind die trok⸗ kenen Gebeine der Geſchichte und es bedarf der frucht⸗ baren Phantaſie eines Cuvier, um ſie wieder mit den Formen zu bekleiden, die ſie einſt trugen. Nein nein, mit früher geſchehenen Dingen will ich Nichts zu thun haben. Sie waren vorbei, ehe die Erzählung begann und man laſſe ſie ruhen. Nichts deſto weniger verlohnt es ſich immer der Mühe, um lange Rückreiſen zu vermeiden, jeden Theil der Geſchichte gleichzeitig in Gang zu erhalten und ſo⸗ wohl unſerer als des Leſers Neigung, irgend einem be⸗ ſondern Charakter, oder einer Klaſſe von Charakteren, oder einer Reihe von Ereigniſſen zu folgen, mannhaft zu widerſtehen. Wir wollen lieber ſo oft es nöthig iſt, von Schauplatz zu Schauplatz und von Perſon zu Per⸗ ſon gehen und ſie aus dem Nachtrab herbeiholen. Eben Beauchamp. Erſter Band. 4 —— — 50— ſo verlohnt es ſich auch der Mühe, die Laufbahn eines neu auftretenden Charakters ſo lange zu verfolgen, bis Die, denen er nur ſo eben vorgeſtellt worden, einen hinreichenden Theil ſeiner Eigenthümlichkeit kennen ge⸗ lernt haben. Ich werde mir daher erlauben, Mr. Wittingham auf ſeinem Heimwege zu begleiten, bitte aber erſt den Leſer zu bemerken, daß der würdige Friedensrichter ei⸗ nen Augenblick an der Thür des Gaſthofes ſtehen bleibt, während der achtbare Mr. Groomber einen Schritt hinter ihm ſteht. Mr. Wittingham reibt ſich den kleinen leeren Platz zwiſchen dem Ohr und der Perücke mit dem Zei⸗ gefinger der rechten Hand, wie ein ganz entſetzlich ver⸗ blüffter Menſch, dann dreht er den Kopf über die Schulter, um den Wirth zu fragen, ob er weiß, wer die beiden Gäſte ſind, ohne jedoch weitern Aufſchluß zu erhalten, als daß der eine ſich ſchon ſeit mehrern Wochen in dem Hauſe befinde— was Mr. Wittingham ſchon vorher wußte, denn der Beobachtungsſinn war bei ihm ſehr ſtark entwickelt— und daß der andere ſo eben erſt an⸗ gekommen ſei, ein Umſtand, von dem der würdige Frie⸗ densrichter ebenfalls ſchon vorher unterrichtet war. Mr. Wittingham reibt ſich nochmals das über dem Ohre befindliche Organ, fährt mit dem Finger zur Idealität hinauf und reibt dieſe, dann rund herum zur Vorſicht und nachdem er ſie mit der äußerſten Spitze — 51— des rechten Zeigefingers leicht aufgeregt, hält er ſtill, als ob er fürchtete, dieſes Organ zu ſtark zu reizen und ſeine großen Vorſätze demzufolge vereitelt zu ſehen. Aber es iſt ein kitzliches Organ, das bei einigen Menſchen ſehr bald zur Thätigkeit erweckt wird und wir werden ſehen, wie leicht Mr. Wittingham die Funktionen deſſelben in Gang geſetzt hat. Er knöpft ſeinen Rock bis an das Kinn hinauf zu, als ob Winter wäre, und doch iſt es ein ſo milder Abend, daß man faſt wünſchen könnte, einen Spaziergang an dem Ufer eines klaren Fluſſes zu ma⸗ chen und dabei den ſchönen Mond oder einen noch ſchö⸗ nern Gegenſtand zur Begleitung zu haben. Es iſt klar, daß die Vorſicht in Mr. Wittingham in einem ſchreckli⸗ chen Grade thätig iſt, ſonſt würde es ihm nicht einfallen, in einer ſo wunderſchönen Nacht den Rock zuzuknöpfen, und nun ſchreitet er ohne weiter ein Wort zu dem Wir⸗ the zu ſagen, über die Straße und geht mit langſamem, nachdenklichem, ſchwankendem Schritte heimwärts, indem er zwei oder drei Worte, welche unſer Freund Ned Hay⸗ ward ausgeſprochen hatte, vor ſich hin murmelte, als ob ſie einen Zauber enthielten, der ſeine Zunge nöthigte, ſie fortwährend zu wiederholen. „Mir ſehr ähnlich,“ ſagte er,„mir ſehr ähnlich? Verwünſcht wäre der Kerl! Mir ſehr ähnlich! Nun zum Teufel, er kann damit doch nicht ſagen wollen, ich ſei im Verdacht, die Kutſche angefallen zu haben. Mir ſehr ——— E ähnlich! Und daß es nun zum Unglück auch gerade Mr. Elifford betreffen mußte! Sir John wird mir nicht ſchlecht zu Leibe gehen— auf Ehre, ich weiß nicht, was ich machen ſoll. Vielleicht iſt es gerathen, gegen dieſe beiden jungen Menſchen höflich zu ſein und ſie zu Tiſche einzuladen, obſchon mir dieſer Beauchamp durch⸗ aus nicht gefällt. Sein ernſtes Anſehen und ſeine lan⸗ gen einſamen Spaziergänge ſind mir ſchon längſt verdäch⸗ tig vorgekommen, übrigens kennt ihn kein Menſch und auch er kennt Niemanden. Dieſer Capitain Hayward jedoch ſcheint ein ſehr guter Freund von ihm zu ſein und iſt auch ein Freund von Sir John, folglich kann er doch nichts ganz Geringes ſein. Der Teufel weiß, wer er eigentlich iſt. Beauchamp— Beauchamp? Am Ende iſt es ein relegirter Student von Oxford. Ich werde zu dieſem Zwecke an Henry ſchreiben. Der wird mir's am Beſten ſagen können.“ Die Entfernung, welche Mr. Wittingham zurückzu⸗ legen hatte, war keineswegs bedeutend, denn die kleine Stadt enthielt nur drei Straßen— eine lange und zwei andere, die aus derſelben hinausführten. In einer der letzteren oder vielmehr am Ende einer der letztern, denn ſie grenzte an das freie Feld, außerhalb der Stadt, be⸗ fand ſich ein großes Haus, die Privatwohnung des Friedensrichters. Es war an d in Abhange eines§ü⸗ gels erbaut, von großen Gärten und Raſenplätzen ſo * 4 — 53— wie einer neuen wohlgebauten, nett zugeſpitzten Mauer von Ziegelſteinen umgeben und hatte zwei grüne Ein⸗ gangsthore und mehrere Gewächshäuſer. Es war dar⸗ über im Ganzen genommen ein Anſtrich von Friſche und Behaglichkeit verbreitet, der auf den Beſchauer einen angenehmen Eindruck machte, aber etwas Ehrwürdiges hatte es nicht. Es verrieth nur kürzlich erſt erworbene Reichthümer, deren ſich der Eigenthümer in vollem Ma⸗ ße zu erfreuen ſuchte, weil ſie ihm etwas Neues waren. Das Haus war zu niedlich, um maleriſch und zu geziert, um geſchmackvoll genannt werden zu können. Es war gleichſam ein zweihundert Meilen weit in die Provinz verpflanztes Bruchſtück von Clapham oder Tooting und ſah wirklich ganz ſo aus, als ob es zu einer Londoner Vorſtadt gehörte. 8 Und doch iſt es möglich, daß Mr. Wittingham in ſeinem ganzen Leben weder Clapham noch Tooting ge⸗ ſehen hatte, denn er war in der Stadt geboren, in der er jetzt lebte, hatte ſich als Kleinhändler in einer etwa funfzig Meilen weit entfernten Hafenſtadt viel Geld ver⸗ dient, durch Fleiß und Ausdauer ſeine beſchränkten Fähigkeiten bedeutend erweitert und war, nachdem er dies Alles in verhältnismäßig ſehr kurzer Zeit ausgeführt, in einem Alter von funfzig Jahren nach ſeiner Vaterſtadt zurückgekommen, um daſelbſt den reichen Gentleman zu ſpielen. Von dem gewöhnlichen Ehrgeize niedriger —-— 54— Seelen beherrſcht, wünſchte er jedoch ſehr, daß ſeine Herkunft und die Mittel zu ſeinem Emporkommen von Denen, die ſie kannten, vergeſſen und vor Denen, die ſie nicht kannten, verborgen werden mögten, und des⸗ halb kleidete er ſich wie ein Landedelmann, redete wie ein Landedelmann, ging mit den Hunden auf die Fuchsjagd und fügte ſeinem„Esquires noch„J. P.“ (Justice of Peace, Friedensrichter) hinzu. Nichts deſto weniger blieb, er mogte es anfangen, wie er wollte, immer noch Etwas von ſeinem frühern Beruf an ihm kleben. Eine Thüre iſt kaum fünf Minu⸗ ten angeſtrichen, ſo drückt auch ihr ſchon irgend ein Finger ſeine unverlöſchte Spur auf; ein Tiſch iſt kaum erſt ſeit einer halben Stunde polirt, ſo fällt ein Trop— fen Waſſer darauf und befleckt ihn. Es gebe doch ei⸗ ner dieſen beiden Gegenſtänden genau dieſelbe Farbe wieder, wenn er es im Stande iſt! Jeder Stand und jedes Handwerk vom Krämer an bis zum Premiermi⸗ niſter drückt ſeinen Mann mehr oder weniger ein lebens⸗ längliches Kennzeichen auf, und ich bin der Anſicht, daß das Gepräge des einen zuweilen viel anſtößiger ſei, als das des andern. In jedem Stolze liegt eine große Ge⸗ meinheit und am Meiſten in dem Amtsſtolze, und der Unterſchied zwiſchen dieſer Gemeinheit und derjenigen, welche eine Folge ſchlechter Erziehung iſt, ſtellt ſich nicht zu Gunſten der erſten heraus, denn dieſe berührt das Gemüth, wäͤhrend die andere hauptſächlich blos auf das äußere Benehmen Einfluß hat. Aber Himmel und Erde, was habe ich da für ei⸗ nen Umweg gemacht! Ich will auch gleich auf einem querfeldein führenden Fußſteige wieder auf die Heerſtraße zuruckzukehren.— Mr. Wittingham hatte alſo immer noch Etwas von dem Kaufmann, nämlich den kleinen Kaufmann, an ſich. Nicht allein, daß er alle ſeine Bü⸗ cher nach der doppelten Buchhaltung führte und ſelbſt in ſeiner obrigkeitlichen Eigenſchaft über alle ihm unter die Hände kommende Diebe und Vagabunden eine Art Conto Courant führte, deſſen einzelne Poſten mitunter ſehr ſonderbar klangen, nicht blos daß er einen unge⸗ heuern Begriff von der Wichtigkeit des Reichthums hatte und eine Rechnung von einem guten Banquier mit ei⸗ nem tüchtigen Guthaben für die erſte aller Kardinaltu⸗ genden anſah, ſondern er beſaß auch noch verſchiedene Eigenthümlichkeiten und kleinere Charakterzüge, welche den Zuſtand ſeines Geiſtes und Gemüthes forſchenden Augen ziemlich deutlich verriethen. Seine Redensarten und Vergleiche waren, wenn er ſich einen Augenblick vergaß, alle dem Comptoir entlehnt; wenn er auf der Gerichtsbank ſaß, ſo wußte er nicht wo er die Beine hinthun ſollte, weil er ſeinen hohen Schreibſtuhl gewohnt war, aber der Zug, mit dem wir am Meiſten zu thun haben, war eine gewiſſe Geneigtheit der Solidität und Zahlungsfähigkeit aller Menſchen nachzuſpüren, ſie mog⸗ ten nun mit ihm in Berührung kommen oder nicht. Er betrachtete ſie alle als„Firmen,“ mit denen er viellacht einmal zu thun bekommen könnte, und ich zweifle ſehr, ob er nicht im Geiſte den Namen jedes ſeiner Bekannten ein„& Comp.“ hinzufügte. Nun wußte er von Beau⸗ champ& Comp. nicht, was er davon halten ſolle; er zweifelte, daß das Haus„gut“ ſei, er konnte nicht er⸗ fahren, wie es damit ſtehe, er war ſeit Mr. Beau⸗ champ's erſtem Erſcheinen im Orte nicht einmal im Stande geweſen, zu entdecken, welche Art von Ge⸗ ſchäften er trieb, und obſchon die Entfernung von dem Gaſthofe bis an ſeine eigne Wohnung, wie ich ſchon ge⸗ ſagt habe, nur eine ſehr kurze war, ſo hatte er ſich doch, ehe er die letztere erreichte, wenigſtens zwanzig Mal die Frage vorgelegt: wer und was Mr. Beauchamp wohl ſei? „Ich mögte einmal einen Blick in ſein Hauptbuch thun,“ ſagte Mr. Wittingham endlich zu ſich ſelbſt, als er ſein Thor aufſchloß und hineinging, aber es lag für Mr. Wittingham in ſeinem eignen Hauſe ein Buch auf geſchlagen, aus dem ſich für ihn durchaus keine erfreu⸗ liche Bilanz ziehen ließ. Obſchon Mr. Wittingham's Hausthüre, welches eine Glasthüre war, ſo lange als die Sonne noch über dem Horizont ſtand, vertrauensvoll unverſchloſſen blieb, ſo — 57— hatte doch Mr. Wittingham ſtets einen Hauptſchlüſſel in der Taſche, und ſobald er auf die erſte von dem Kies⸗ wege nach dem Eingange hinaufführende Marmorſtufe trat, fuhr er alle Mal mit der Hand nach der Seiten⸗ taſche ſeines Rocks und zog aus dieſer den Schlüſſel, die Thüre mogte offen ſein oder nicht. Die Thüre war jedoch jetzt verſchloſſen und der Schlüſſel daher brauchbar, aber nicht ſobald trat Mr. Wittingham in die Hausflur ſeiner eignen Wohnung, als er vor athemloſem und faſt ohnmächtigem Erſtaunen ſtehen blieb, denn vor ihm ſtanden zwei Geſtalten in eifrigem, vertraulichem Geſpräch, die er an dieſer Stelle, zu die⸗ ſer Zeit und ſo nahe beiſammen ſicherlich nicht zu ſehen erwartete. Die eine war die einer Frau von etwa fünf und vierzig Jahren, die aber in Folge des Umſtandes, daß ſie in ein vor dreißig Jahren Mode geweſenes Coſtüm gekleidet war, noch viel älter ausſah. Ihre Kleidung ſchien die einer vornehmern Dienerin zu ſein und war es auch in der That, denn die Perſon war Nichts mehr und Nichts weniger als die Haushälterin; allem Anſchein aber nach war ſie eine wiederauferſtandene Haushälterin aus einem frühern Jahrhundert, denn das Kleid bildete gleich unter den Schulterblättern eine lange dicke Wulſt und der kerzengerade Schnitt des Schnürleibchens und die hohe aber oben abgeplattete und nach beiden Seiten —— — 58— ſich weit ausbreitende Haube gehörten nicht der Zeit an, in der die Frau lebte und auch ihr Geſicht war ſo trocken, wie die äußere Schale einer Cacaonuß. Die andere Geſtalt ſtand mit dem Rücken gegen die Thür gewendet und ſprach offenbar angelegentlich mit Mr. Billiter, aber ſie gehörte einem langen und obſchon ſchlank doch muskulös und kräftig gebauten Manne an. Mr. Wittingham keuchte nach Athem, bei dem Ge⸗ räuſch aber, welches das ſchnelle Aufſchließen der Thuͤre und das Eintreten in die Hausflur verurſachte, ſtieß die Haushälterin einen leiſen Schrei der Ueberraſchung aus, und der Mann, mit dem ſie ſprach, drehete ſich ſchnell herum. Und nun beſtätigte ſich das Schlimmſte, was Mr. Wittingham befürchtet hatte, denn das Geſicht, welches er vor ſich ſah, war das ſeines eigenen Sohnes, obſchon durch ein geſchwollenes, ſchwarz unterlaufenes Auge und durch einen langen, tiefen, gleich darüber ſich längs der Stirn hinziehenden Hieb etwas entſtellt. Der junge. Mann ſchien durch das unerwartete Er⸗ ſcheinen ſeines Vaters ſehr überraſcht und beſtürzt zu werden, aber es war zu ſpät, die Begegnung zu ver⸗ meiden, obſchon er wohl wußte, daß es keine angeneh⸗ me ſein werde. Er war jedoch an Zwiſtigkeiten mit ſeinem Vater gewöhnt, denn Mr. Wittingham hatte ſich bei der Erziehung ſeines Sohnes, der noch ein purer Knabe war, als ſein Vater ſich vom Geſchäft zurückzog, — 59.— ſehr unklug benommen. Er hatte nicht blos ihm bald allen Willen gelaſſen und ihn bald darauf wieder ganz kurz gehalten; er hatte ihn nicht blos ermuntert, viel Geld zu verthun, um die Augen ſeiner Nachbarn durch großen udned zu blenden, und gleichzeitig ihm die Mittel dazu karg zugemeſſen und verlangt, daß er ihm über ſeime Ausgaben ſtrenge Rechnung ablege, ſondern auch, als der junge Mann heranwuchs, ihn zuweilen als Knaben, zuweilen als Mann behandelt, und whrend er es billigte, daß ſein Sohn mit den Vornehmen in zenen Vergnügungen wetteifere, welche an Laſter grenze verweigerte er ihm gleichwohl die Summen, mit d deren Hülfe allein eine derartige Lebensweiſe durchgeführt wer⸗ den kann. Auf dieſe Weiſe war ein von Natur heftiges und leidenſchaftliches Gemüth reizbar und rückſichtslos, und ein eigenwilliger, widerſtrebender Charakter halsſtarrig und ungehorſam gemacht worden. Ein Zwiſt nach dem andern erhob ſich zwiſchen Vater und Sohn, als aus dem verzogenen Knaben ein verwegener heftiger Jüng⸗ ling ward, bis ihn endlich Mr. Wittingham in der drei⸗ fachen Abſicht, ihn unter eine gewiſſe Disciplin zu brin⸗ gen, von ſchlechter Geſellſchaft zu entfernen und ihm den Ton eines Gentleman beibringen zu laſſen, nach Oxford geſchickt hatte. Ein Jahr war ziemlich gut vor⸗ übergegangen, zu Anfange des zweiten aber fand Mr. — 60— Wittingham, daß ſeine Anſichten von Sparſamkeit von denen ſeines Sohnes ſehr verſchieden ſeien und daß Orford den Unterſchied wahrſcheinlich nicht ausgleichen werde. Er hörte, daß ſein Sohn Wettrennen mitmache, viel auf Fauſtkämpfe verwette, ſpiele, trinke und ſich immer tiefer und tiefer in Schulden ſtecke, und ſeine Er⸗ mahnungsbriefe wurden entweder gar nicht, oder auf verächtliche, wegwerfende Weiſe beantwortet. Es war jedoch eine Zeit gekommen, wo die abſo⸗ lute Nothwendigkeit, den zerrütteten Finanzen durch die Börſe des Vaters wieder aufzuhelfen den Jüngling zu dem Verſprechen, ſich beſſern zu wollen, und zu erheuchel⸗ ter Reue getrieben hatte, und gerade zu der Zeit, wo unſere Erzählung anhebt, ſchaukelte ſich der würdige Friedensrichter in der Wiege trügeriſcher Erwartungen und entwarf mancherlei Pläne für das künftige Leben ſeines gebeſſerten Sohnes, als er, wie wir geſehen haben, ihn plötzlich, mit den ſehr ſichtbaren Spuren einer eben Statt gehabten Rauferei auf dem Geſicht, in der Hausflur bei der Haushälterin antraf. Mr. Wittingham's Beſtürzung war entſetzlich, denn obſchon ſeine Combinationsgabe in Dingen, wo es ſich nicht um Pfunde und Schillinge handelte, nicht ſehr be⸗ ſonders war, ſo war doch ſeine Phantaſie nicht ſo träge, daß es ihr nicht gelungen wäre, die Beſchreibung, wel⸗ che Ned Hayward von den Denkzetteln gegeben, die er — 61— einem jener werthen Herren, welche den Angriff auf Mr. Clifford's Wagen gemacht, angehängt hatte, und die Hiebe und Contuſionen, die er auf dem ſchönen Antlitz ſeines lieben Sohnes gewahrte, zuſammenzurei⸗ men. Er hatte auch noch verſchiedene beſondere Gründe, die ihn vermuthen ließen, daß ein ſolches Unternehmen wie das in Tarningham⸗Lane(ſo nannte man jenen Ort) vereitelte, ſehr wohl in den Wirkungskreis ſeines thatenluſtigen Sohnes einſchlagen könne, und er gab ſich einen Augenblick lang einer Art von dumpfer Verzweif⸗ lung hin, als er ſah, wie alle ſeine innig genährten Hoffnungen auf ländliche Herrſchaft und provinzielle Wichtigkeit durch die Aufführung ſeines eigenen Sohnes zu Boden geſchmettert wurden. Dieſem Kinde war es jedoch vorbehalten, ihn aus ſeiner Apathie aufzuwecken, denn obſchon das Erſchei⸗ nen ſeines Vaters für Henry Wittingham gerade in die⸗ ſem Augenblicke, wo er mit der Haushälterin verabre⸗ dete, daß ſie ihn ein paar Tage ohne Vorwiſſen ſeines Vaters heimlich beherbergen und beköſtigen ſolle, Nichts weniger als angenehm war, ſo beſaß er doch einen küh⸗ nen Geiſt, der ſich nicht leicht einſchüchtern ließ, und gewohnt war, den Umſtänden, wie mißlich ſie auch ſein mogten, die Stirn zu bieten. Er ging daher, ſo⸗ bald als er ſich von der erſten Ueberraſchung erholt hatte, dreiſt und ohne zu erröthen, auf ſeinen Vater — 62— zu und ſagte:„Ihr ſehet daß ich gekommen bin, um auf ein paar Tage meine Hausgötter anzubeten, wie wir in Oxford ſagen, und mir noch etwas Geld zu ho⸗ len, denn Ihr habt mir nicht genug geſchickt. Es wird jedoch aus verſchiedenen Gründen gut ſein, wenn wir die Leute nicht wiſſen laſſen, daß ich hier bin. Un⸗ ſere alten Sauertöpfe wollen nicht leiden, daß man ſich ohne Urlaub entferne, und mögten glauben, es ſei ei⸗ gentlich meine Pflicht geweſen, ſie von meiner Abſicht, Euch eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, in Kenntniß zu ſetzen.“ Eine ſolche grenzenloſe Unverſchämtheit war zu Viel für Mr. Wittingham's Geduld, von der er überhaupt nur einen geringen Vorrath beſaß, und er ſtieß daher erſt einen lauten und keineswegs obrigkeitlichen Fluch aus, gleich darauf aber beſann er ſich, ohne jedoch ein Atom ſeines Zornes zu verlieren, und ſagte mit ſtrengem Tone und mit gerunzelter Stirn:„Sei ſo gut, auf fünf Minuten mit hier herein zu kommen, Monſieur.“ „Ach lieber Gott, Ihr ſeid doch nicht böſe!“ rief die Haushälterin, der das Geſicht ihres Herrn durch⸗ aus nicht zuſagte.„Es iſt ja nur ein Spaß.“ Haltet das Maul, Billiter, Ihr ſeid eine dumme Gans,“ donnerte Nr. Wittingham.„Hier herein, — 63— Monſieur, Du ſollſt gleich meine Meinung über Deine Späße hören.“ „O gewiß, ich komme,“ entgegnete ſein Sohn ohne im Mindeſten zu erſchrecken, obſchon in dem Ge⸗ ſichte ſeines Vaters Etwas lag, was ihn ein wenig ängſtete, weil er dieſes Etwas früher noch nicht be⸗ merkt hatte— ein Etwas, das ſchwer zu beſchreiben iſt— gleichſam ein Kampf mit ſich ſelbſt, welcher ver⸗ rieth, daß Mr. Wittingham’'s Zorn noch gewaltiger war, als er ſich merken laſſen wollte.„Ich komme ſchon mit,“ ſagte der Sohn,„und werde mit Euch eine Taſſe Thee trinken, wenn Ihr mir eine geben wollt,“ und mit dieſen Worten trat er mit hinein in das Bibliothekzimmer. „Du wirſt in dieſem Hauſe nicht eher wieder eſſen oder trinken, als bis Deine Aufführung eine ganz an⸗ dere iſt,“ ſagte Mr. Wittingham die Thüre hinter ſich zuſchließend,„die Bücher ſind geſchloſſen— die Bilanz iſt ſehr zu Deinem Nachtheil und muß ausgeglichen ſein, ehe ein neues Conto beginnen kann. Was führt Dich hierher?“ „Was ich geſagt habe,“ antwortete der junge Nann, welcher zu fühlen begann, daß ſeine Situation keine ſehr gute war, wobei er aber immer noch ſeine erkünſtelte Faſſung bewahrte,„was ich geſagt habe— die Sehnſucht der kindlichen Liebe und ein Mangel an Taſchengeld.“ „Alſo auch lügen kannſt Du und ſuchſt Deinen Vater zu hintergehen?“ ſagte Mr. Wittingham bitter. „Du wirſt aber finden, daß ich wenigſtens die Wahr⸗ heit reden kann, und um damit den Anfang zu machen, will ich Dir ſagen, was Dich hierher geführt hat— doch nein, es würde dabei zu viel Zeit verloren gehen, denn je ſchneller Du Dich wieder fortbegiebſt, deſto beſ⸗ ſer iſt es für Dich, und Alle, die es ſonſt noch an⸗ geht— Du mußt fort, ſag ich Dir— Du mußt au⸗ genblicklich fort.“ Die letzten Worte hatte Mr. Wittingham zögernd ausgeſprochen, ſeine Stimme ſchwankte, ſeine Lippe zitterte, ſeine hohe Geſtalt bewegte ſich ängſtlich hin und her und ſein Sohn ſchrieb alle dieſe äußeren Zeichen von innerer Bewegung einer ganz andern Urſache zu, als der wirklichen. Er glaubte darin die Symptome ei⸗ nes zum Nachgeben geneigten, oder wenigſtens unent⸗ ſchloſſenen Vaters zu ſehen, und ſchickte ſich an, dem⸗ gemäß zu agiren, während ſein Vater an Nichts dachte, als an die Gefahr, ſeinen Sohn nach Verübung eines ſolchen Verbrechens in ſeinem Hauſe angetroffen zu ha⸗- ben, und er zitterte an allen Gliedern, nicht ſowohl ſeines Sohnes, als vielmehr ſeiner ſelbſt wegen. „Ich bitte um Verzeihung, mein lieber Vatar“ — 65— entgegnete der junge Mann, der, als er ſah, in wel⸗ cher Aufregung ſein Vater ſich befand, ſeine ganze Un⸗ verſchämtheit wieder gewann,„aber es wird mir doch nicht gut möglich ſein, heute Nacht noch wieder fortzu⸗ gehen. Es iſt ſchon ſpät, ich bin ſehr müde und meine Börſe iſt ganz leer.“ „Sage mir doch, wo haſt Du denn den Hieb auf Deiner Stirne her?“ fragte der Friedensrichter plötzlich. „O ein kleiner Unfall,“ entgegnete ſein Sohn, nes iſt ein bloßer Ritz, der gar Nichts zu bedeuten hat.“ „Es ſieht ſehr wie ein Hieb von dem dicken Ende einer tüchtigen Reitpeitſche,“ ſagte der Vater ſtreng und finſter,„gerade wie ihn ein Menſch, der zwei Damen auf der Straße anfällt, von einem ſtarken dazwiſchen⸗ kommenden Arme erhalten kann. Biſt Du nun noch nicht geneigt, Dich fortzubegeben? Wohl, wenn dies der Fall iſt, ſo muß ich nach dem Conſtabler ſchicken und Dich ihm ausliefern, denn es iſt eine Anzeige ge⸗ gen Dich wegen Straßenraubes erſtattet worden, und es ſind Zeugen da, welche die Sache beſchwören, und Dich wiedererkennen werden. Soll ich die Klingel zie⸗ hen, oder willſt Du gehen?“ Das Geſicht des jungen Mannes war todtenblaß geworden, und er knitterte ſeinen Hut krampfhaft in Beauchamp. Erſter Band. 5 ——jy— — 66— den Händen zuſammen. Nur ein einziges Wort war er im Stande hervorzubringen, und dieſes eine Wort war: „Geld.“ „Nicht einen Penny,“ antwortete Mr. Wittingham, ihm den Rücken zukehrend,„nicht einen Pennh. Du haſt ſchon zu Viel bekommen, und würdeſt mich noch bankerott machen, und Dich dazu.“ Einen Augenblick darauf fuhr er jedoch fort:„Halt, unter einer Beding⸗ ung will ich Dir zwanzig Pfund geben.“ „Worin beſteht dieſe?“ fragte der Sohn begierig, aber auch etwas grimmig, denn er vermuthete, daß die Bedingung eine ſehr harte ſein werde. 4 „Sie beſteht darin, daß Du augenblicklich zurück nach Oxrford geheſt, und bei Allem, was Dir heilig iſt— wenn Dir nämlich überhaupt noch Etwas heilig iſt— ſchwörſt, dieſe Stadt binnen zwölf Monaten oder bis Mary Clifford vermählt iſt, nicht wieder zu ver⸗ laſſen.“ „Ihr verlangt Etwas, was ich nicht thun kann,“ ſagte der Sohn im Tone der tiefſten und bitterſten Ent⸗ muthigung, der mit dem, in welchem er vorher ge⸗ ſprochen, ſeltſam contraſtirte,„ich kann nicht nach Or⸗ ford zurückgehen. Ihr müßt mit der Zeit einmal Al⸗ les erfahren, und deßhalb will ich's Euch lieber gleich ſa⸗ gen— ich bin von Orford relegirt und Ihr ſeid auch mit Schuld daran, denn wenn Ihr mir geſchickt hättet, —-— 67— was ich verlangte, ſo wäre ich nicht zu dem getrieben worden, was ich gethan habe. Ich kann nicht wieder nach Oxford, und was meine Bewerbung um Mary Clifford betrifft, ſo kann ich dieſe auch nicht aufgeben. Ich liebe ſie, und ſie ſoll mein werden, früher oder ſpäter, es möge Nein ſagen, wer da wolle.“ „Von Orford relegirt?“ rief Mr. Wittingham während ihm die Augen faſt aus den Höhlen hervortra⸗ ten.„Pack Dich aus meinen Augen, und aus meinem Hauſe; geh wohin Du willſt— thue, was Du willſt — Du biſt nicht mehr mein Sohn. Fort mit Dir, ſonſt laſſe ich Dich ſelbſt feſtnehmen, und unterzeichne ſelbſt den Befehl zu Deiner Verhaftung! Kein Wort weiter, Burſche, packe Dich! Deine Kleider kannſt Du mitnehmen, wenn Du Luſt haſt, aber laß Dich nie wieder vor meinen Augen ſehen. Ich verſtoße Dich, back Dich fort, ſage ich!“ „Ich gehe,“ antwortete der Sohn,„es wird aber ein Tag kommen, wo Ihr es bereuen und mich zurück⸗ wünſchen, wo Ihr aber vielleicht nicht im Stande ſein werdet, mich zu finden.“ „ das laß Dich nicht kümmern„ verſetzte Mr. Wittingham,„wenn Du nicht wiederkommſt, bis ich Dich ſuche, ſo wird das Haus lange von Deiner Ge⸗ genwart befreit ſein. Aber packe Dich und verliere wei⸗ ter kein Wort!“ 5* Henry Wittingham verließ, ohne noch Etwas zu ſagen, das Zimmer und eilte hinauf nach der Schlaf⸗ ſtube, die er bewohnte, wenn er zu Hauſe war, öff⸗ nete mehrere Schubfächer und nahm verſchiedene Klei⸗ dungsſtücke und einige werthvolle Gegenſtände— eine goldene Kette, eine Diamantbroche und zwei oder drei mit Juwelen beſetzte Nadeln und Ringe heraus. Er zö⸗ gerte ein Wenig, indem er wahrſcheinlich glaubte, ſein Vater könne doch noch nachgeben, und vielleicht darüber nachdachte, wie er ſich zu benehmen habe, im Fall er wieder in das Bibliothekzimmer zurückgerufen würde. Nachdem er aber etwa fünf Minuten in dem Zimmer zugebracht hatte, ward an die Thüre geklopft, und die Haushälterin trat ein. „Es iſt Alles umſonſt Billiter,“ ſagte der junge Mann,„ich gehe. Mein Vater hat mich ſchändlich behandelt.“ „Allerdings iſt Alles umſonſt, Maſter Harry,“ entgegnete die gute Frau,„er iſt hart wie Stein. Ich habe Alles geſagt, was ich ſagen konnte, aber er trieb mich zum Zimmer hinaus, wie ein wildes Thier. Des⸗ wegen aber verliert nur den Muth nicht, Maſter Harrhy. Geht auf ein paar Tage nach Burton's Gaſthof bei Chandleigh— wir wollen ihn ſchon wieder herumkriegen, und Ihr könnt dort recht gut eine Woche ganz behaglich und gemächlich zubringen.“ nehmen wünſchte, in ein großes, ſeidenes Taſchentuch, — 69— „Aber Geld, Billeter, Geld,“ rief der junge Mann, dem der Muth wieder enrſank, als er fand, daß ſeine Hoffnung, ſein Vater werde ſich anders be⸗ ſinnen, vergeblich ſei.„Wo ſoll ich Geld herbekommen?“ .„Wartet ein Wenig, wartet ein Wenig,“ ſagte die gute Frau,„was ich habe, das ſollt Ihr bekom⸗ men, Maſter Harry, gern und willig wie die Blu⸗ men im Mai. Ich habe zehn Pfund hier in dieſem kleinen Beutel,“ und ſie griff in eine der großen Ta⸗ ſchen, welche von ihrem Gürtel herabhingen, und zog einen ſehr ſchmuzigen alten geſtrickten Beutel mit einem ſtählernen Schloß hervor, den ſie ihrem jungen Herrn in die Hand gab, indem ſie hinzufügte:„Es iſt ſchade, daß ich auf Mr. Wittingham's Zureden meine ganzen Erſparniſſe in die Bank von Tarningham gegeben habe — aber vor der Hand wird das hinreichen, wenn Ihr ſparſam ſeid, Maſter Harry— trinkt nur keinen Claret und dergleichen theures Zeug, thut es mir zu Gefallen.“ „Rein, nein, gewiß nicht, Billiter,“ antwortete Henry Wittingham, indem er das Geld ohne Gewiſ⸗ ſensbiſſe einſteckte, und ich werde Euch wieder bezahlen, ſobald ich kann— mit der Zeit werde ich es gewiß können, denn die Häuſer in Exmouth ſind mir ſchon zu⸗ geſchrieben.“ Er packte hierauf Alles, was er mitzu⸗ öffnete wieder die Thüre, und begann die Treppe hin⸗ abzuſteigen. Ein unheimliches, fröſtelndes Gefühl über⸗ ſchlich ihn, ehe er noch die Hausflur erreichte, als er ſich der glücklichen in dieſem Hauſe verlebten Tage er⸗ innerte, und daran dachte, daß er dieſes Haus jetzt vielleicht für immer meide, daß er aus der Wohnung ſeines Vaters und aus deſſen Herzen verbannt, daß er ein Verſtoßener, ein Irrender ſei, und keinen andern Führer, als ſeine Halsſtarrigkeit, und keine Stütze, als ſeinen Stolz habe. Er war noch nicht hinreichend verſteckt, um ſeinem Exile unbekümmert entgegen zu gehen, es als ein Loskommen vom Zwange, als ein luſtiges Abenteuer zu betrachten, das viel intereſſante Scenen herbeiführen, und bald vorüber ſein werde. Nichts deſto weniger war aber ſein Stolz hartnäckig und noch ungebeugt, und als ihm der Gedanke ein⸗ kam, zu ſeinem Vater zu gehen, ihn um Verzeihung zu bitten, und Alles zu verſprechen, was derſelbe ver⸗ langte, da ſtieß er ihn ſofort wieder verächtlich von ſich, und ſagte:„Niemals, niemals! Er ſoll mir zuerſt gute Worte geben!“ Und mit dieſem ſehr tadels⸗ werthen Entſchluſſe ging er zum Hauſe hinaus. „Ich werde wohl von Euch in Bourton's Hauſe bei Chandleigh hören,“ ſagte die Haushälterin, walchf auf der erſten Stufe ſtehen blieb.* — 21— „Ja, ja, dort werdet Ihr von mir hören„“ ant⸗ wortete er, ging die Stufen vollends hinab, und wan⸗ derte bald in der Dunkelheit durch die Beete des Gar⸗ tens hin, denn der Weg war ihm eben ſo genau bekannt, als das Bibliothekzimmer ſeines Vaters. Viertes Kapitel. Der Poſtillon und der Schenkjunge. Nach einigen allgemeinen Worten über Mr. Wit⸗ tingham und ſein Benehmen, als dieſer ausgezeichnete Mann das Zimmer in dem kleinen Gaſthofe zu Tarning— ham verlaſſen hatte, verſank Ned Hayward in ein ſehr ungewöhnliches Nachdenken. Ich will damit nicht etwa ſagen, daß das Denken für Ned Hayward etwas Ungewöhnliches geweſen ſei, denn wahrſcheinlich dachte er eben ſo Viel als andere Leute, aber es giebt nur verſchiedene Methoden zu den⸗ ken. Man kann grübeln, überlegen, ſtudiren, brüten, träumen, erwägen, betrachten, und obſchon viele dieſer Ausdrücke auf den erſten Anblick ſynonym zu ſein ſchei⸗ nen, ſo wird man doch bei genauer Unterſuchung finden, daß jeder derſelben ſich durch eine feine Schattirung von dem andern unterſcheidet. Außer dieſen Denkmethoden giebt es noch verſchiedene andere geiſtige Proceduren, wie zum Beiſpiel erforſchen, unterſuchen, erörtern, ent⸗ wirren, aber mit dieſen will ich mich weiter nicht ver⸗ mengen, da ich es blos mit den verſchiedenen Verrich⸗ tungen des Geiſtes zu thun habe, welche verſchiedene Grade von Schnelligkeit erfordern. Obſchon nun Ned Hayward, wie ich ſchon geſagt habe, wahrſcheinlich eben ſo Viel dachte, als andere Leute, ſo war doch ſeine Me⸗ thode zu denken gewöhnlich eine ſehr ſchnelle und rührige. Er grübelte, nicht gern lange, der langſamſte Schritt ſeines Geiſtes war ein kurzer Galopp, und wenn er auf irgend ein Hinderniß in Geſtalt eines Zauns, eines Thors, eines Grabens oder einer ſteinernen Mauer ſtieß, ſo raffte er die Steigbügel in die Höhe, und ſetzte dar⸗ über hinweg. Jetzt aber dachte und brütete er volle fünf Minuten lang, dann beſann er ſich, daß es un⸗ höflich erſcheinen könne, wenn er ſeinen neugefundenen Freund mit ſtummen Gedanken tractire und begann nun von andern Dingen zu ſprechen, wiewohl er bei ſich im⸗ mer noch über den erſten Gegenſtand ſeiner Betrachtun⸗ gen nachdachte. Man darf jedoch nicht annehmen, er habe nicht an das gedacht, was er redete. Eine ſolche Annahme würde ſich allerdings auf das alte Axiom gründen, daß man nicht zweierlei auf ein Mal thun könne. Aber dieſes Ariomn iſt falſch; niemals hat es ein falſcheres gegeben. Wir thun ſtets vielerlei auf ein Mal. Es würde uns Augen, Ohren und Naſe haben, wenn nicht jedes dieſer Organe bei einiger Praxis ganz ruhig in ſeiner kleinen Werkſtätte fortarbeiten könnte, ohne die andern zu ſtö⸗ ren. Es iſt in der That ſehr zweckmäßig, den flüch⸗ tigeren Gliedern etwas Leichtes zu thun zu geben, wenn wir andere mit ernſtern Arbeiten beſchäftigen, damit ſie uns nicht ſtörend in den Weg treten, gerade ſo wie man es mit unruhigen Kindern macht. So iſt es auch mit dem Geiſt und ſeinen Fähigkeiten, und es iſt nicht blos ganz gut möglich, lieber Leſer, an zweierlei Gegenſtände auf ein Mal zu denken, ſondern auch ſehr gewöhnlich. Ned Hayward war mit Mr. Beauchamp's Anſich⸗ ten und Charakter ganz unbekannt und wußte nicht, über welche Gegenſtände er mit ihm ſprechen ſollte und über welche nicht, weshalb er natürlich einen wählte, der vollkommen gleichgültig und leicht zu behandeln zu ſein ſchien, aber er führte ſehr bald zu wichtigeren Be⸗ trachtungen, ſo wie ein ſehr kleiner Schlüſſel oft eine ſehr große Thür öffnet. Er führte auch zu einigen poli⸗ tiſchen Discuſſionen, aber ich bemerke ausdrücklich, daß ich keine politiſche Novelle— das langweiligſte und un⸗ nützeſte von allen illegitimen Kindern der Natur— ſchreibe und wenn ich daher auch in dieſer Hinſicht einige Worte von dem Geſpräch der beiden jungen Männer. mittheile, ſo geſchieht dies nicht, um auf hinterliſtige Wenig nützen, daß wir Hände und Fuͤße, Zunge und Weiſe meine eignen politiſchen Anſichten geltend zu machen, ſondern blos um meine Charaktere vollſtändiger zu entwickeln. „Dies ſcheint eine ſehr hübſche kleine Stadt zu ſein,“ ſagte Ned Hayward, gleich den zuerſt ſich darbietenden Gegenſtand ergreifend,„es muß ſich hier recht ländlich und ruhig leben laſſen.“ „Allerdings,“ antwortete Mr. Beauchamp,„aber ich hätte faſt meinen ſollen, daß ein lebhafterer Ort Euch mehr gefiele. Waret Ihr nicht ſchon früher ein⸗ mal hier?“ „Nein, niemals,“ entgegnete Hahward,„was aber meinen Geſchmack betrifft, ſo ſeid Ihr ſehr irrig. Lon⸗ don iſt allerdings ein ſehr angenehmer Ort auf drei oder vier Monate, aber man bekommt es ſehr bald ſatt. Nach einiger Zeit wird es einem verteufelt langweilig. Man kann doch nicht alle Abende das Theater beſuchen. Auf Bälle und in Geſellſchaften gehen und Gefahr zu laufen, ſich zu verlieben— das kann auch Nichts nützen, wenn man nicht Geld genug hat, um heirathen zu kön⸗ nen. Man wird die Geſichter und Häuſer in St. Ja⸗ mes'⸗Street bald überdrüſſig. Morgenbeſuche ſind der langweiligſte Zeitvertreib, den es geben kann. Epſom und Ascot ſind in ihrer Art ganz gut, haben aber für Einen, der nicht wettet und keine Pferde hat, auch kein dauerndes Intereſſe. Die Zeitungen langweilen mich zu - 76— Tode— Romane verabſcheue ich, und obſchon eine gute Oper zwei Mal wöchentlich die Laſt ein Wenig erleichtert, ſo wird dieſe doch noch vor dem erſten Juli faſt uner⸗ träglich. Raritätenhändler, Kunſtkenner, Advokaten, Aerzte, Muſikanten und Portraitmaler nebſt Kaufleuten und andern zum Stocke gehörigen Bienen mögen Lon⸗ don ſehr angenehm und einträglich finden. Ich bin weiter Richts als ein Drohne und deshalb fliege ich hinaus auf's Land. Von allen Städten nach dem zwei⸗ ten Monat haſſe ich London am Meiſten— die Fabrik⸗ ſtädte allerdings ausgenommen, denn die ſind ſtets ſchrecklich, auch wenn man nur die Pferde darin zu wechſeln hätte.“ „Und doch,“ antwortete Beauchamp,„bietet viel⸗ leicht eine Fabrilſtadt bedeutſamere und intereſſantere Gegenſtände dar, als irgend ein anderer Platz der Erde, beſonders in der gegenwärtigen Zeit.“ „Aber ſicherlich nicht an und für ſich,“ ſagte Ned Hayward,„der abſtrackte Begriff von Tuch und Caſi⸗ mir hat für mich etwas ſehr Flaches, die Baumwoll⸗ ſpinnerei regt mich nicht beſonders an, Eifenwaaren ſind für mich zu hart, als daß ich ſie in die Hände nehmen ſollte, und was die Herſtellung von Soda und Perlaſche betrifft, ſo kann ich mich dafür nicht ſehr intereſſiren. Ich glaube aber,“ fuhr er fort,„Ihr meinet, die Fa⸗ brikſtädte ſeien deshalb intereſſant, weil ſie vielen Ein⸗ fluß auf das Gedeihen des Landes äußern, in dieſem Falle jedoch ſind es Eure Betrachtungen darüber, was Euch intereſſirt, aber nicht die Städte ſelbſt.“ „So iſt es mit allen andern Dingen,“ antwortete Mr. Beauchamp,„kein Bild und kein Gedanke für ſich allein macht uns großes Vergnügen. Die Combination iſt es, was uns anzieht. Einzelne Ideen ſind Nichts als gerade Linien, glatte Ebenen, eintönige Farben⸗ ſtreifen. Man ſtelle ſie mit andern Linien und Farben zuſammen und ſie erzeugen Schönheit und erwecken Wohl⸗ gefallen. So iſt es auch mit den Fabrikſtädten; wenn ich blos hinginge, um eine Dampfmaſchine arbeiten, einen Weberſchützen hin und herfliegen, oder eine Spin⸗ del ſich drehen zu ſehen, ſo würde ich mich ſehr bald gelangweilt finden; wenn ich aber in Allem, was ich da ſehe, eine neue Entwickelung des menſchlichen Geiſtes, eine neue der menſchlichen Thätigkeit eröffnete Laufbahn erblicke, wenn ich den Beginn einer großen ſocialen Veränderung ſehe, welche ganze Nationen von Acker⸗ bauern zu Fabrikanten macht, welche die große Maſſe der menſchlichen Induſtrie, für welche der frühere Wir⸗ kungskreis zu klein war, in einen andern und beinahe unendlichen Kanal leitet— dann fühle ich, daß ich Augenzeuge eines großen geſellſchaftlichen Phänomens bin, das eben ſo furchtbar ſchön und großartig iſt, als der Blitz, welcher die Fichte ſpaltet oder das Erdbeben, — 7E— welches den Berg umſtürzt. Es iſt prachtvoll, aber ſchrecklich, ſchön, aber traurig.“ „Warum traurig?“ fragte Ned Hahward.„Ich habe die Sache ebenfalls ein Wenig von demſelben Stand⸗ punkte aus betrachtet und mit verſchiedenen unterrichteten Fabrikanten darüber geſprochen, aber ſie ſcheinen alle darin Nichts als etwas Angenehmes und Schönes zu ſehen. Sie haben hinſichtlich des Reſultats keinerlei Befürchtung und zweifeln nicht, daß am Ende dadurch für alle Menſchen großer Nutzen geſtiftet werde.“ „Am Ende?“ rief Beauchamp.„Wo iſt das Ende? Was wird das Ende ſein? Jene Leute ſehen Nichts als Gutes, ſie prophezeihen Nichts als Gutes, weil ſie bei dieſer Sache thätig beſchäftigt ſind und von jenen ſan⸗ guiniſchen Erwartungen beſeelt werden, von denen ge⸗ wöhnlich Arbeit und Anſtrengung begleitet ſind. Auch zweifle ich nicht, daß das Ende gut ſein wird, aber ehe man dieſes Ende erreicht, welches Elend, welcher Jammer wird bis dahin erduldet werden müſſen! Man braucht nur den Fuß in eine Fabrik, oder auch nur in eine Fabrikſtadt zu ſetzen, um ſich zu überzeugen, daß das Elend nicht blos kommen wird, ſondern ſchon da iſt, daß wir in einem dunkeln Strome waten, durch „-den wir hindurch müſſen und der uns ſchon bis an die Knie reicht. Ich ſpreche nicht von den Uebeln, die von jeder großen Veränderung in den wechſelſeitigen Ver⸗ hältniſſen der Geſellſchaft unzertrennbar ſind. So wie wir niemals einen Berg ohne einige Beſchwerde erſteigen können, ſo können wir auch bei dem ſocialen Fortſchritt keinen höhern Punkt ohne irgend ein Opfer erreichen; aber dieſes unvermeidliche Uebel halte ich, wenn ich es mit vielen andern uns bevorſtehenden Dingen vergleiche, für verhältnißmäßig leicht. Ich zweifle nicht, daß die gütige Vorſehung Gottes dem menſchlichen Gewerbfleiße neue Hülfsquellen eröffnen werde, aber wenn ich auch einen nur vorübergehenden Ueberfluß an Arbeit ſehe, ſo zittre ich bei dem Gedanken an die ungeheure, zermal⸗ mende und niederdrückende Macht, welche eben dieſer Umſtand in die Hände des Unternehmers giebt. Nun ſtelle man dieſe Macht mit der jetzt herrſchenden Den⸗ kungsart und allen Tendenzen unſeres Jahrhunderts zu⸗ ſammen, man bedenke, daß die Aufhäufung von Reich⸗ thümern, der Wetteifer in trügeriſchem Luxus, das Er⸗ werben um jeden Preis und durch alle Mittel nicht ein Kennzeichen des Geiſtes der Fabrikanten, ſondern des Zeitgeiſtes und beſonders unſeres Landes iſt, und dann ſehe man, zu welchen Zwecken die ungeheure Herrſchaft angewendet werden wird und muß, welche der beſtehende Ueberfluß an Arbeitskräften, den mechaniſche Erfindun⸗ gen und die natürliche Vermehrung der Bevölkerung erzeugen, Denen, die ſchon die Macht des Reichthums beſitzen, in die Hände giebt. Herrſchte nicht dieſer Geiſt durch dieſe Macht, würden wir dann in unſere Fabriken ſo Viel körperliches Elend, ſo Viel übermäßige Anſtren⸗ gung, einen ſolchen Mangel an moraliſcher und religi⸗ öſer Bildung, ſo Viel Laſterhaftigkeit und ſo Viel Kum⸗ mer und Entbehrung antreffen?“ „Vielleicht nicht,“ antwortete Ned Hayward,„aber es läßt ſich auch für die Fabrikanten Etwas ſagen. Ihr ſehet, mein werther Herr, daß ſie mit ganz Europa zu concurriren haben. Sie ſind gleichſam in einem Wettrennen begriffen und müſſen gewinnen, ſollten ſie auch dabei ihre Pferde zu Schanden reiten.“ „Wenn ſie das thun, ſo werden ſie nur um ſo ſicherer verlieren,“ entgegnete Beauchamp,„aber doch tadle ich ſie deswegen nicht. Es iſt einmal ſo der Geiſt der Zrit, in der wir leben. Sie hurdigen dem⸗ ſelben wie andere Leute; Viele von ihnen ſind menſchen⸗ freundlich, gütig, edelmüthig und thun ſo Viel Gutes und ſo Wenig Böſes, als das eiſerne Band der Um⸗ ſtände geſtattet, und wenn Alle ſich auf dieſelbe Weiſe und in demſelben Grade beſtreben wollten, ſo würde das eiſerne Band ſich löſen und Alle würden weiſer, glucklicher und beſſer, ja ſogar reicher werden, als ſie ſind, aber leider hat das Beiſpiel der Guten Wenig Einfluß auf die übrigen die auf derſelben Stufe wie ſie ſtehen, und das Beiſpiel der Böſen dagegen ungeheuern Einfluß auf jeden tiefer ſtehenden Grad. Die Habſucht — 81— des großen Spinnereibeſitzers wird von denen, die unter ihm ſtehen, nachgeahmt und übertroffen. Er beſtiehlt den armen Arbeiter um ſeine Arbeit, indem er ihm ſo wenig von dem Reichthum, der durch ſeine Arbeit er⸗ zeugt wird, verdienen läßt, als womit der Ueberfluß an Gewerbthätigkeit den Arbeiter zwingt ſich zu begnügen, und rechtfertigt ſich mit dem liebloſen Grundſatze, daß er nicht verbunden iſt, mehr zu bezahlen als Andere; die, welche unter ihm ſtehen, beſtehlen daſſelbe wehrloſe Weſen um einen großen Theil des kümmerlichen Ver⸗ dienſtes durch eine noch unmittelbarere Art von Plünde⸗ rung und haben ebenfalls ihren Grundſatz worauf ſie ſich ſtützen. Eins der großen Probleme unſerer Zeit iſt: nach welchem Verhältniſſe iſt der aus dem vereinten Zuſammenwirken von Capital und Arbeit hervorgehende Gewinn auf jedes dieſer beiden Elemente zu vertheilen? Und verlaßt Euch darauf, der Tag wird kommen, wo dieſes große Problem gelöſt werden muß, und wir wol⸗ len hoffen, daß es ohne Blutvergießen geſchehe. Gegen⸗ wärtig iſt kein Anhalt da, welcher eine richtige Theilung ſicher ſtellte, und ſo lange es an einem ſolchen fehlt, wird der Reichthum ſtets die Armuth ausbeuten und die Nothwendigkeit der Befriedigung der erſten Lebensbe⸗ dürfniſſe wird den Mangel zwingen, ſich der Habſucht zu unterwerfen, bis die Laſt unerträglich wird— und dann„— Beauchamp. Erſter Band. 6 — 382— „Nun und dann?“ fragte Ned Hayward. „Nein, Gott verhüte,“ antwortete Beauchamp, „daß die Befürchtungen, die zuweilen in mir aufſteigen, jemals in Erfüllung gehen. Tauſend unvorhergeſehene Ereigniſſe können die Gefahren wieder hinwegwehen, wel⸗ che uns zu drohen ſcheinen, aber ich kann nicht umhin zu glauben, daß mittlerweile Die, denen die Macht der Vermittelung zuſteht, ihre Pflicht ſehr vernachläſſigen, denn gewiß wenn Vorausſicht, Weisheit und menſchliche Fürſorge Tugenden ſind, ſo ſind es die Vorausſicht, welche die künftige Größe der Uebel ſchon in der Knospe wahrnimmt, und die Fürſorge, welche bei Zeiten ein Gegenmittel anwendet.“ „Es iſt ſehr wahr,“ entgegnete Ned Hayward, die Ausſichten ſind ziemlich ſchlecht, aber ich glaube, es wird am Ende Alles in's rechte Gleis kommen. Ich habe über dieſe Dinge niemals viel nachgedacht— nicht halb ſo viel als Ihr, das weiß ich, aber es hat mir doch immer leid gethan, in vielen unſerer großen Städ⸗ te das Volk ſo arm und elend zu ſehen, und zuweilen habe ich gedacht, daß, wenn man für das Volk beſſer ſorgte— ich meine ſowohl in geiſtiger als in leiblicher Hinſicht— ſo würden unſere Richter bei den Aſſiſen nicht ſo Viel zu thun haben. Gerade wie Fieber ſich von einer großen Anhäufung kranker Leute durch ganze Län⸗ der ausbreiten, ſo breiten ſich auch Verbrechen durch — 83— große Anhäufungen von laſterhaften Menſchen aus. Was mich betrifft, ſo würde ich, wenn ich wie unſer guter Freund Abu Haſſan nur auf kurze Zeit Kalif ſein könnte, alle ſchmale Straßen lüften und alles ver⸗ ſumpfte Land austrocknen und alle unwiſſende Köpfe unterrichten und alle verdorbene Herzen durch das Ein⸗ zige, was ſie zu reinigen vermag, reinigen. Aber ich bin kein Kalif, und wenn ich einer wäre, ſo würde doch, glaube ich, die Aufgabe meine Kräfte überſteigen. Aber doch, wenn ſie nur theilweiſe erfüllt werden könnte, bin ich überzeugt, daß die Geſchworenen künftig zeitiger zu Mittag ſpeiſen, die Advokaten weniger zu thun haben, die Gerichtshöfe ihre Sitzungen um drei Uhr aufheben und der Lord Mayor und die Sheriffs ihre Schildkrö⸗ tenſuppe in größerer Ruhe verzehren würden. Da wir aber einmal davon ſprechen, ſo muß ich Euch geſtehen, daß ich dieſe ganze Zeit bei mir nachgedacht habe, wie wir einigen Aufſchluß über jenen Raubanfall auf der Straße bekommen könnten, denn ich habe mir feſt vor⸗ genommen, die Sache nicht einſchlafen zu laſſen. Die Straßenräubereien kommen jetzt ganz aus der Mode. Ich habe ſeit vier Monaten von keiner gehört. Die Hounslow⸗Haide iſt jetzt faſt eben ſo ſicher als Berke⸗ leyſquare und Bagſhot nicht mehr zu fürchten als Win⸗ ſor Caſtle. Es wäre ſchade, ſolche Dinge wieder auf⸗ kommen zu laſſen, und dieſer alte Burſche Wittingham 6* = 84— hat etwas Sonderbares an ſich. Es war auch noch ein drolliger Umſtand bei der Geſchichte. Warum hatte man die junge Dame aus dem Wagen geriſſen? Sie hätte eben ſo gut ihre Börſe und Schmuckſachen zum Fenſter herauslangen können.“ „Das kam mir auch ſeltſam vor,“ antwortete Beauchamp.„Aber was gedenkt Ihr in der Sache zu thun?“ „Nun, ich glaube, das Beſte iſt, wenn wir dem Poſtillon Angſt machen,“ entgegnete Ned Hahward. „Er ſteckt mit den Schuften unter einer Decke, ſie mögen ſein, wer ſie wollen, da verlaßt Euch drauf, und wenn er glaubt, daß ihm die Sache an den Kragen gehen könne, ſo wird er ſchon beichten.“. „Das iſt nicht unwahrſcheinlich,“ ſagte ſein Gefährte, „wir werden aber wohl thun, vorſichtig zu Werke zu gehen, denn wenn wir ihm ſo ſehr Angſt machen, daß er alle Kenntniß der Perſonen leugnet, ſo wird er blos der Conſequenz willen bei ſeiner Geſchichte bleiben.“ „O, ich will ihn ſchon kriegen, ich will ihn ſchon kriegen,“ antwortete Ned Hayward, der durch ſein raſches Drauflosgehen in ſeinem Leben ſchon ſo Viel durchgeſetzt hatte, daß er wenig Zweifel in ſeine eigenen Fähigkeiten ſetzte. Laßt uns ruhig und gleichgültig ein wenig in den Hof hinausſchlendern, als ob wir ſenti⸗ mentale Menchſen wären und den Mondſchein ſuchten. — 85— Wir werden den Burſchen entweder im Stalle beim Striegeln ſeiner Pferde, oder auf der Bank bei einer Kanne Bier ſitzend finden.“ Die beiden Herren nahmen dem gemäß ihre Hüte und gingen hinaus, Ned Hahward voran, durch eine Glasthüre auf die Gaſſe, und dann um das Haus herum durch einen Thorweg in den Hof. Dieſes Manöver hatte den Zweck, die wachſamen Augen Mr. Groom⸗ ber's zu täuſchen, und gelang in ſo weit, daß der Wirth, der zu der kleinen Klaſſe von Menſchen gehörte, welche einen Wink verſtehen, nicht hinter ihnen herkam, um ihnen ſeine Dienſte anzubieten, obſchon er die ganze Procedur mit anſah und, während er Flaſchen auf⸗ machte oder Theeportionen abmaß, oder eine Zeche zuſammenrechnete, ein Auge— gewöhnlich das rechte — auf ein Fenſter gerichtet hielt, welches nach den Ställen hinaus ging. Vor dieſen Ställen breitete der helle Mond ſeinen ſilbernen Teppich aus, obſchon er, die Wahrheit zu ſagen, zu dieſem Behufe einen reinli⸗ chern Boden hätte finden können, und hier paradirten unſere Freunde Ned Hayward und Mr. Beauchamp auf und ab und ſahen ſich nach dem Poſtillon um, welcher Nrrs. Clifford und ihre Tochter gefahren hatte, ver⸗ mogten ihn aber nirgends zu entdecken. Ned Hayward begann zu muthmaßen, daß er die Rechnung ohne den Wirth gemacht habe. Der Mann ſtriegelte nicht ſeine — 86— Pferde, er ſaß auch nicht auf der Bank bei einer Kanne Bier, und rauchte auch keine Pfeife vor dem Thorwege. „Na,“ ſagte er endlich,„ich will doch wenigſtens durch alle Ställe gehen, um nach meinem Pferde zu ſehen. Es iſt nicht mehr als recht, daß ich ſeinem Abendbrode beiwohne, nachdem ich das meinige zu mir genommen, und vielleicht finden wir bei dieſer Gelegenheit, was wir ſuchen. Laßt uns jedoch eine Weile ſtehen bleiben, bis dieſer einäugige Hausknecht vorbei iſt, ſonſt ſagt uns dieſer gleich, wo das Pferd ſteht und ver⸗ dirbt uns auf dieſe Weiſe unſer Manöver.“ Mit dieſen Worten ging er noch einige Schritte weiter und machte Beauchamp auf einen beſondern Flecken der hellen Mond⸗ ſcheibe aufmerkſam und machte darüber mit emporge⸗ wendetem Geſicht allerhand Bemerkungen, bis der unbe⸗ queme Hausknecht vorbei war.. In dieſem Augenblick jedoch erſchien eine zweite Ge⸗ ſtalt im Hofe, bei deren Anblick unſerm Ned Hayward ſogleich ein Licht aufging. Es war keine hübſche Geſtalt, auch beſaß ſie kein hübſches Geſicht. Der Rücken war ſo gekrümmt und verwachſen, daß es dem Schneider außer⸗ ordentlich ſchwierig werden mußte, ihn mit einer paſſen⸗ den Barchentjacke zu verſehen, wenn er eine neue bedurf⸗ te, was glücklicherweiſe nicht oft der Fall war; die Beine waren dünn und glichen mehr denen eines Vogels, als eines menſchlichen Weſens, und obſchon der Schädel — 2— groß und nicht ſchlecht geformt war, ſo ſchienen doch die Geſichtszüge, welche unter der hohen Stirn zum Vorſchein kamen, alle in einander gequetſcht zu ſein, ſo daß ſie einen rattenähnlichen Ausdruck gewannen, wie man ihn an verwachſenen Perſonen ſehr häufig wahr⸗ nimmt. Der unbedeckte Kopf war mit dünnem, gelbem Haar bewachſen, die Augen aber waren klar und hell und die Zähne groß und weiß, die Kleidung, welche die⸗ ſes arme Geſchöpf trug, war die eines untergeordneten Dienſtboten, und ſeine ihm angewieſene Funktion ließ ſich aus der Bierkanne errathen, mit der er ſo eben aus der Schenkſtube nach den Ställen zuging. „Er bringt unſerm Freund ſeinen Abendtrunk,“ ſag⸗ te Ned Hayward leiſe zu Beauchamp,„laßt uns Ach⸗ tung geben, wo der kleine Schenkjunge hineingeht, und ich wette ſieben gegen eins, daß wir den Mann finden, den wir ſuchen.“ Der Schenkjunge warf einen verſchmitzten Blick auf die beiden Herren, als er an ihnen vorüberging, eilte aber weiter nach einer Thüre weit unten im Hofe, welche, als ſie geöffnet ward, ein im Stalle brennendes Licht bemerken ließ, und ſobald als er ſeine Kanne nie⸗ dergeſetzt hatte und in's Haus zurückgekehrt war, bega⸗ ben ſich die beiden Lauſcher nach der ſelben Thüre und riſſen ſie ohne weitere Umſtände auf. Vor ihnen auf einer Bank an einem plumpen hölzernen Tiſch ſaß der 4 — 88— Poſtillon, dem ſie nachſpürten. Sie hatten ihn Beide in der Abenddämmerung gut in's Auge gefaßt und es konnte hinſichtlich ſeiner Identität kein Zweifel obwalten, obſchon er jetzt Hut und Jacke abgelegt hatte und mit einem Mähnenkamme in der einen Hand, eine Striegel in der andern und der Bierkanne dazwiſchen daſaß. Er war ein ſtumpf und unangenehm ausſehender ſchwarz⸗ bärtiger Kerl von fünf oder ſechs und funfzig Jahren mit einem ganz beſonders liſtigen grauen Auge und ei⸗ nem beſonders entſchloſſenen zuſammengekniffenen Munde, und ſobald als Ned Hayward den Ausdruck dieſes Ge⸗ ſichts bei dem Scheine des auf dem Tiſch brennenden Lichtes wahrnahm, murmelte er:„Aus dieſem Exem⸗ plar werden wir nicht viel herausbringen.“ 3 Nichts deſto weniger begann er in ſeinem gewöhn⸗ lichen gleichgültigen Tone den Herrn des Poſtſattels an⸗ zureden und ſagte:„Guten Abend, Freund, ich wollte Euch fragen, ob Ihr mir ſagen könnt, wo ich einen Herrn antreffen kann, den ich zu ſprechen wünſche.“ Der Poſtillon war aufgeſtanden und zupfte eine Locke ſeines kurzen ſchwarz und graumelirten Haares auf die Mitte der Stirn, ohne aber deswegen um einen 3 Grad mittheilſamer auszuſehen, als erſt und antwortete blos:„Wenn ich weiß, wo er wohnt. Wie heißt er denn?“—— 1 „Ja, das iſt eine andere Frage,“ entgegnete Ned — 8o— Hahward,„ielleicht ſieht er es nicht gern, wenn ſein Name genannt wird, aber ich kann Euch ſagen, wie ihn die Leute zuweilen nennen. Dann und wann reiſt er unter dem Namen Wolf.“ Nur einen Augenblick lang leuchtete ein kaum be⸗ merkbares Blinzeln in dem Auge des Mannes und ver⸗ loſch dann wieder, gerade ſo wie wenn Wolken des Nachts an dem Himmel hinziehen und wir zuweilen Et⸗ was auf einen Augenblick funkeln und dann von dem Himmel wieder verſchwinden ſehen, was aber ſo ſchwach leuchtet und ſo ſchnell vorüber iſt, daß wir nicht ſagen können, ob es ein Stern geweſen ſei oder nicht. „Ich wüßte nicht, daß ich jemals dieſen Namen, „hier gehört hätte,“ entgegnete der Poſtillon,„Jimmy Lamm, der Fleiſchpaſtetenmann, wohnt hier, aber einen Namen, der dem Wolfe noch näher ſtünde, als dieſer, giebt es hier nicht.“ „Aber guter Freund,“ ſagte Mr. Beauchamp;„Ihr habt ihn ja erſt heute Abend geſehen, als der Wagen angefallen ward, den Ihr fuhret. Er war ja mit einer von den Thätern.“ „Das kann ſein,“ entgegnete der Poſtillon,„aber mir waren ſie alle unbekannt und in meinem ganzen Leben noch nicht vor die Augen gekommen. Wenn Ihr ſie aber kennt, ſo werdet Ihr ſie ſchon kriegen und das ſoll mich freuen, denn es iſt ſehr unangenehm, wenn — 99— man ſo auf der Straße aufgehalten wird. Es iſt gerade wie mit den Schlagbäumen.“ 3 „Ich glaube aber, ſagte Ned Hahward,„daß Ihr den Mann ausfindig machen könnt; wenn Ihr Luſt habt und wenn Ihr es thun wollt, ſo könnt Ihr einen Kronthaler verdienen, wollt Ihr es aber nicht thun, ſo könnt Ihr leicht in Unannehmlichkeiten kommen, denn wer Miſſethäter verbergen hilft, macht ſich ebenfalls zum Mitſchuldigen und das iſt ein Capitalverbrechen. Ihr ſeid Juriſt, mein Herr,“ fuhr er zu Beauchamp gewendet in autoritätiſchem Tone fort,„und wenn ich nicht irre, ſo kommt hier das Statut von den Limitati⸗ onen in Anwendung, da es ſich um ein klares Unter⸗ laſſungsvergehen handelt, welches nach dem alten Geſetz blos mit Brandmarkung und lebenslänglicher Deportation beſtraft ward, worauf aber jetzt der Galgen ſteht. Ihr werdet wohl thun, Euch die Sache zu überlegen, Freund, und mir ſogleich eine deutliche und beſtimmte Antwort zu geben, denn ich glaube nicht, daß Ihr Luſt habt, den Kopf in die Schlinge zu ſtecken, und wenn Ihr auch Luſt hättet, ſo würde ich Euch doch rathen, es hier nicht zu thun“ „Ich danke Euch, Herr,“ ſagte der Poſtillon, „das will ich nicht, aber die ſonderbaren Menſchen, die mich dort anhielten, kenne ich nun einmal nicht und eben ſo wenig Den, nach dem Ihr fragt.“ „Es iſt vergeblich, fürchte ich,“ ſagte Beauchamp ſehr leiſe zu ſeinem Begleiter, als der Gefragte dieſe ſehr beſtimmte Antwort gab,„die Obrigkeit wird viel⸗ leicht mehr von ihm erfahren, wenn er ſieht, daß die Sache ernſt wird; wir werden jedoch nicht viel zu hö⸗ ren bekommen.“ Der Poſtillon ſchien einige von dieſen Worten zu verſtehen, und vielleicht hatte Beauchamp auch die Abſicht, ſie ihn hören zu laſſen, aber ſie hatten weiter keine Wirkung, und als die beiden Herren, in ihrer Erwartung getäuſcht, ſich wieder hinwegbegaben, zwinkerte er das Lid ſeines linken Auges rund zuſammen, wie einen Kranz, und murmelte, die Zunge gegen die Backen ſtemmend: „Ja, ja, Schätzchen, ſo geht's nicht.“ Ned Hayward öffnete die Thür etwas haſtig und wäre beim Heraustreten faſt über den kleinen buckligen Schenkjungen hinweg geſtolpert. Ob nun dieſer junge Mann, er mogte etwa neunzehn oder zwanzig Jahr alt ſein, obſchon ſeine Statur die eines achtjährigen Kindes war— hierher kam um die Kanne wieder zu füllen, die er vorher gebracht, oder ob er den Mondſchein liebte, oder ob er gerne Geſpräche hörte, an denen er ſelbſt kei⸗ nen Antheil nahm, das vermogte Ned Hayward für den Augenblick nicht zu errathen, bevor er aber noch zehn bis zwölf Schritt mit Beauchamp den Hof hinaufgegan⸗ gen war, fühlte er ein leiſes Zupfen am Rockſchooße. 92— „Was giebt es, mein Sohn?“ ſagte er auf den Schenkjungen herabblickend und gleichzeitig den Kopf her⸗ abneigend, wie in der feſten Ueberzeugung, daß ſeine Ohren in ihrer gewöhnlichen Höhe Nichts vernehmen könnten, was von einem ſo tiefliegenden Punkte, wie der Mund des verwachſenen Jungen, ausginge. Augenblicklich antwortete eine faſt kindiſche aber ſehr wohlklingende Diskantſtimme:„Ich werde morgen früh ganz zeitig Eure Stiefel holen, und Euch die ganze Geſchichte erzählen.“ „Kannſt Du mir's nicht jetzt ſagen?“ fragte der junge Herr.„Ich gehe eben in den Stall, um nach meinem Pferde zu ſehen, und da kannſt Du mir ja ſa⸗ gen, was Du weißt, mein kleiner Mann.“ „Hier wag' ich's nicht,“ antwortete der Schenk⸗ 9 junge,„es laufen hier ſo Viele herum; da iſt Tim, der Hausknecht, und Jack Millman's Burſche und der lange Billy, der Poſtillon von Taunton. Morgen früh komme ich, und hole Eure Stiefel.“ In demſelben Augenblick rief die Stimme des Wirths laut und zornig:„Dicky! Dicky Lamm!— Wo zum Teufel bleibſt Du ſo lange?“ Und der Schenk⸗ junge rannte fort, ſo ſchnell als ſeine dünnen Beine ihn zu tragen vermogten. „Nun, die Sache verſpricht amüſant zu werden,“ agte Ned Hayward, als die Beiden wieder in das 8 . 3 kleine Fremdenſtübchen traten, welches er in ſeiner gut⸗ müthigen, ungezwungenen Manier als Beiden gemein⸗ ſam betrachtete.„Auf mein Wort, ich bin dieſen Stra⸗ ßenräubern, oder was die Kerle ſonſt ſein mogten, ſehr verbunden, daß ſie mir neuen Stoff zum Denken ver⸗ ſchafft haben. Obſchon ich bei dem guten Sir John Slingsby mich vollauf mit der Fiſcherei werde beluſtigen können, ſo kann man doch nicht einen und alle Tage fiſchen, und manchmal wird Einem in einem ſolchen Landhauſe die Zeit verteufelt lang, wenn nicht das Schickſal Einem Etwas Außergewöhnliches in den Weg wirft.“. „Habt Ihr jemals verſucht, Euch zu verlieben?“ fragte Beauchamp mit ruhigem Lächeln, indem er einen Blick auf die ſchöne Geſtalt, und das einnehmende Ge⸗ ſicht ſeines Stubengenoſſen warf.„Man hat mir ge⸗ ſagt, es ſei dies ein herrlicher Zeitvertreib.“ „Nein,“ antwortete Ned Hayward raſch und ge⸗ radezu,„ich habe es niemals verſucht, und werde es auch niemals verſuchen. Ich bin zu arm, Mr. Beau⸗ champ, um unter meines Gleichen zu heirathen, und meine Frau auf dem Fuße zu erhalten, der ſich für meinen Stand ſchickt. Ich bin zu ehrlich, Liebe zu ſu⸗ chen, ohne heirathen zu wollen, und zu klug, hoffe ich, mich zu verlieben, wo das Ergebniß für mich und Andere nur ein unglückliches ſein könnte.“ Er ſprach — 94— dieſe wenigen Worte mit großem Ernſt, gleich darauf aber verfiel er wieder in ſein heiteres, polterndes Weſen und fuhr fort:„O ich habe mich ganz herrlich einexer⸗ cirt, das verſichere ich Euch. Mit zwanzig Jahren war ich gleichſam noch ein roher Rekrut und pudelte bei jedem Schritt; jedem hübſchen Geſicht, dem ich be⸗ gegnete, ſagte ich alle Arten von Süßigkeiten, und fühlte mein Herz klopfen, ſobald ich glaubte, es ſtecke hinter dem hübſchen Geſichte noch Etwas Anderes. Aber ich ſah ſo viele Beiſpiele von der Liebe in niedern Hüt⸗ ten, und den ſich daran knüpfenden Folgen, daß ich, nachdem ich wohl berechnet, was eine in der guten Ge⸗ ſellſchaft erzogene Frau zu opfern habe, wenn ſie einen Mann mit 600 Pfund jährlich heirathe, es für un⸗ (recht erkannte, jemals einen derartigen Antrag zu ma⸗ chen, und demgemäß mein ferneres Benehmen einrich⸗ tete. Sobald als ich finde, daß ich mit einem hüb⸗ ſchen Mädchen an einem Abend zwei Mal zu tanzen wünſche, und in Träumereien verſinke, wenn ich an ſie denke, und fühle, daß mir das warme Blut in die Fin⸗ gerſpitzen ſchießt, wenn meine Hand die ihre berührt, ſo verſchwinde ich wie der Blitzz denn wenn ein Mann verbunden iſt, ſich andern Männern gegenüber ehrenhaft zu benehmen, die ihn allenfalls dazu zwingen können, ſo iſt er noch zehn Mal mehr verbunden, ehrenhaft gegen Frau⸗ en zu handeln, die ſich weder vertheidigen no ch rächen können.“ Faſt unwillkührlich hielt ihm Beauchamp die Hand hin, drückte herzlich die ſeine, und dieſer Druck ſchien zu ſagen:„Nun kenne ich Dich bis in Dein Herz hinein. Wir ſind Freunde.“ Ned Hayward war von dieſer enthuſiaſtiſchen Ge⸗ berde Beauchamp's ein Wenig überraſcht, denn er hatte denſelben bei ſich ſelbſt für einen ſehr feinen Mann er⸗ lärt, was nach der gewöhnlichen Sprache der Welt einen Nann bedeutet, der entweder ſein ganzes wärmeres Ge⸗ fühl abgenutzt oder niemals welches beſeſſen hat, und welcher, ohne ſich von Gemüthsbewegungen beläſtigen zu laſſen, ſich von höflichen Sitten und conventionellen Ge⸗ bräuchen hin und herſchieben läßt. Mit ſeiner gewöhn⸗ lichen raſchen Art Schlüſſe zu ziehen— die ſehr oft richtig waren, obſchon er auch nicht ſelten über das Ziel hinausſchoß— ſagte er zugleich zu ſich ſelbſt:„Ich glaube das iſt wirklich ein guter Kerl und ein Mann von Herz und Gemüth.“ Obgleich aber Beauchamp's warmer Händedruck ihn zu dieſer Ueberzeugung veranlaßt hatte und er ihn nun bald zu verſtehen glaubte, ſo war er doch neugierig, weshalb ſein neuer Freund jene Frage an ihn geſtellt habe. Er hatte ſie allerdings dahin beantwortet, daß er ſich vor dem Verlieben ſorgfältig in Acht nehme, aber er gkaubte, Mr. Beauchamp habe in einem ganz eigenthümlichen Tone gefragt und noch mehr damit ge⸗ — 96— meint, als in dieſen Worten ihrer ſchlichten einfachen Bedeutung nach liege. „Nun ſagt mir aber, Beauchamp,“ begann er, nachdem er gerade fünf Secunden lang nachgedacht, „weshalb fragtet Ihr, ob ich mich jemals zum Zeitver⸗ treib verliebt habe? Habt Ihr vielleicht jemals gehört, daß ich mich eines ſolchen Dinges ſchuldig gemacht hätte? Wenn Ihr etwas gehört habt, ſo iſt nichts Wahres dar⸗ an— wenigſtens in ſo weit die letzten ſechs oder ſie⸗ ben Jahre in's Spiel kommen.“ „O nein,“ entgegnete Beauchamp lachend,„ich habe durchaus keine Gelegenheit gehabt, Eure geheime Ge⸗ ſchichte kennen zu lernen. Ich fragte blos, weil Ihr, wenn Ihr niemals dieſen angenehmen Zeitvertreib ver⸗ ſucht habt, bald eine köſtliche Gelegenheit dazu haben werdet. Sir John Slingsby's Tochter iſt ein's der liebenswürdigſten Mädchen, die ich jemals geſehen.“ „Was, der alte Jack hat eine Tochter?“ rief Ned Hayward und fügte dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, hinzu,„jawohl, er hatte eine, er hatte eine. Ich erinnere mich, daß ſie ihn zuweilen beſuchte, als wir in Wincheſter ſtanden. Er hatte ſich von ihreg Mutter, die eine Heilige war, getrennt, wie 6 mict jetzt entſinne. Dem alten Jack konnte Niemand etwas Heiliges nachſagen und ſeine Tochter kam zuweilen und beſuchte ihn. Ein kleines hübſches Mädchen war es, — 97— fünf oder ſechs Jahr alt glaube ich. Laßt mich doch ſehen, ſie muß jetzt etwa ſechzehn oder ſiebzehn ſein, denn es iſt gerade zehn Jahre her; ich war damals noch Fähnrich.“ „Sie iſt älter,“ antwortete Beauchamp,„wenig⸗ ſtens um zwei oder drei Jahre; und es muß entweder länger her ſein, ſeitdem Ihr ſie ſahet, oder—“ „Nein, nein, es iſt gerade zehn Jahre her,“ rief Mr. Hahward,„nächſten Monat werden's zehn Jahre, denn ich war damals gerade ſiebenzehn.“ „Nun dann muß ſie älter geweſen ſein, als Ihr glaubtet,“ entgegnete Mr. Beauchamp. „Das iſt ſehr möglich,“ ſagte Mr. Hayward.„Ich habe niemals das Alter der NMädchen zu errathen ge⸗ wußt, beſonders wenn ſie noch Kinder ſind. Wenn ſie aber ſo iſt, wie Ihr mir ſagt, ſo braucht Ihr nicht zu fürchten, daß ich mich in ſie verliebe. Ich habe mich in meinem Leben in keine ſchöne Frau verliebt— ich liebe die ſchönen Frauen nicht; ſie ſind alle Mal entweder malitiös, oder eingebildet, oder eitel, oder hochmüthig, oder dumm. Früher oder ſpäter können ſie darauf rechnen, aß ſie einen Eſel finden, der ihnen ſagt, wie ſchön ſie Ffm, und das iſt nach ihrer Meinung für alle Zwecke des Lebens ausreichend.“ „Vielleicht weil man ihnen erſt einen falſchen Be— griff von den Zwecken des Lebens beigebracht hat,“ ant⸗ Beauchamp. Erſter Band. 7 — 98— wortete Beauchamp,„aber ich habe noch niemals Je⸗ manden gehört, der es einer Frau zum Vorwurfe ge⸗ nacht hätte, daß ſie hübſch ſei.“ „Nein, nein,“ antwortete Ned Hahward,„das iſt etwas ganz Anderes; ich habe nicht gefagt hübſch. Was hübſch iſt, liebe ich fehr. Das Wort iſt ſchon an und für ſich ganz köſtlich. Man hat dabei gleich die Idee von etwas Nettem, Gutmüthigem, Behaglichem, es liegt ſo Viel Geſundheit und Ingend und Heiterkeit darin— das Wort ſcheint fröhlich und zufrieden zu lächeln, und wenn es dem Ausdrucke des Geſichts gilt und nicht der bloßen Form, ſo iſt es in der That bezaubernd. Aber ein ſchönes Weib iſt etwas ganz Anderes. Ich würde eben ſo gern die Mediceiſche Venus mit Piedeſtal und allem Zubehör heirathen, als Das, was man gewöhn⸗ lich eine ſchöne Frau nennt. Doch nun laßt uns von dieſer andern Geſchichte ſprechen. Ich bin neugierig, was ich von meinem geheimnißvollen Schenkjungen er⸗ fahren werde.“ „Nun, ohne Zweifel werdet Ihr einigen Aufſchluß über den Gentleman, der ſich Wolf nannte, erhalten,“ entgegnete Beauchamp;„wenn dies aber auch der Fall iſt, was wollt Ihr dann weiter vornehmen?“ „Ich werde ihn aufſpüren, wie einen Wolf,“ ant⸗ wortete Ned Hayward. — — 99— „Dann bitte ich, mich an der Jagd Theil nehmen zu laſſen.“ „O ganz gewiß, ganz gewiß,“ ſagte Ned Hahward, „ſobald ich die erſte Spur von ihm finde, ſchreie ich Hallo! Und nun gute Nacht, denn ich bin etwas ſchläf⸗ rig.“ „Gute Nacht, gute Nacht,“ antwortete Beauchamp, und Ned Hayward klingelte nach einem Nachtlicht, einem Stiefelknecht, ein paar Pantoffeln und verſchiedenen an⸗ dern Dingen, die er brauchte und die ihm augenblicklich und willig herbeigebracht wurden. Hätte er eine Nacht⸗ mütze verlangt, ſo würde man ſie ihm mit derſelben Schnelligkeit herbeigebracht haben, denn es waren da⸗ mals noch die Zeiten, in welchen jeder Wirth ſeinen Gaſt mit einer Nachtmütze verſah, obſchon jetzt(ach, wo ſind die guten alten Zeiten!) kein Wirth glaubt, es werde ein Gaſt ſo lange in ſeinem Hauſe bleiben, daß es ſich der Mühe verlohne, ſeinem Haupthaare einige Aufmerkſamkeit zu widmen. Aber Ned Hayward be⸗ durfte keine Nachtmütze, denn er trug niemals eine und deshatb gingen ſeine Anſprüche keineswegs über Das, was der Wirth zu liefern vermogte. — 400— Fünftes Kapitel. Oiealte Mühle. Der Morgen begann eben zu grauen und das ſil⸗ berne Licht der Dämmerung ſtahl ſich durch die dunkeln Waldwieſen und erhellte das thauige Gewebe, welches geſchäftige Inſecten kreuz und quer über das Gras ge⸗ ſponnen hatten, und ſchien in langen ſchimmernden Strei⸗ fen auf den breiten klaren Strom. Es war ein ſo lieb⸗ licher Strom, als nur jemals das Auge des Nachden⸗ kens auf einem geruht hatte, oder ein ſinnender Angler am Ufer deſſelben hingeſchritten war; und von ungefähr zwei Meilen jenſeits Slingsby⸗Park bis auf eine halbe Meile von der kleinen Stadt Tarningham bot er eine endloſe Mannigfaltigkeit von ruhigen Engliſchen Land⸗ ſchaften dar, deren Anblick das menſchliche Herz erfreut. An der einen Stelle war er von hohen Hügeln um⸗ geben, die mit zackigen Felſen und ſteilen Ufern unter⸗ miſcht waren, und bildete eine Menge kleiner Waſſerfälle und niedliche Sturzfluthen. An einer andern Stelle floß er in größerer Ruhe durch grüne Wieſen, die zu beiden Seiten in der Entfernung von achtzig oder neunzig Schritt von hohen ſtattlichen Bäumen eingefaßt waren, welche aber nicht ſtreng in Reihe und Glied paradirten, ſondern von der Linie abwichen, je wie der Zufall oder Ge⸗ ſchmack es beſtimmt hatte. Zuweilen ſtanden ſie in Maſſen beiſammen, zuweilen ſchritten ſie weit nach dem Strome vor, zuweilen zogen ſie ſich ſchüchtern in die Oeffnung eines kleinen Thals zurück. Dann rauſchte der Fluß wieder ſchneller durch niedriges Gebüſch über Felſengerölle und Steinmaſſen oder Kiesbänke hinweg, die ſich ſeinem Laufe entgegenſtemmten, und noch näher an der Stadt floß er durch weich beraſete Ufer ruhig und langſam, zuweilen über eine ſeichte Stelle ſanft hin⸗ wegrieſelnd, bald in einen tiefen Tümpel hinabſtürzend. Alſo, der Morgen begann eben zu grauen, als man einen Mann in einer Nanſcheſterjacke langſam an dem Ufer des Fluſſes hin an einer Stelle gehen ſah, wo der Fluß ſich in einer Art von gemäßigtem Zuſtande befand und weder ſo wild und hartnäckig wie unter den Hügeln, noch ſo ruhig und träg wie in der Nähe der kleinen Stadt war. Rings umher lagen grüne Felder und zahlreiche Bäume und Sträucher kamen zuweilen ſehr nahe an das Waſſer heran, hielten ſich aber auch zuweilen in beträchtlicher Entfernung und gewöhnlich — 102— weit genug, um den Angler zu geſtatten, ſeine Ruthe zu drehen und zu ſchwenken, ohne an den Zweigen damit hängen zu bleiben. Unter einigen Ulmen und Wallnußbäumen und Pappeln auf dem rechten Ufer ſtand ein alter viereckiger Thurm von ſehr grobem Stein. Er ſah grau und kalt aus und an der einen Seite rankte ſich etwas Epheu in die Höhe und um das glas⸗ loſe Fenſter. Man hätte ihn für die Ruine irgend ei⸗ nes alten nicht ſehr umfänglichen Schloſſes halten können, wenn nicht die Welle und einige Speichen und Schaufeln eines halbverfallenen Waſſerrades über den Fluß heraus⸗ geragt und ſogleich verkündet hätten, zu welchem Zwecke dieſes Gebäude früher benutzt worden war und daß dieſe Benutzung nun ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr Statt fand. Es war noch ein kleiner Fahrweg vorhanden, ſo wie auch eine kleine ſteinerne Brücke, die in einem einzigen Bogen einen Bach überſpannte, der ſich hier in den Fluß ergoß, und von der neben dem Rade befindli⸗ chen Thüre führte noch ein ſchwankender, baufälliger Steg auf die andere Seite des Dammes, welcher, da er hauptſächlich aus aufgeſchichteten Felſenſtücken beſtand, noch wohl erhalten war und das Waſſer ſo zuſammen⸗ hielt, daß es einen künſtlichen Waſſerfall bildete. So früh es auch noch am Tage war, ſo verſuchten doch ſchon einige Forellen, die bei Zeiten aufgeſtanden und vor dem Frühſtück weit geſchwommen ſein mogten und nun 8— — 103— ernſten Hunger verſpürten, ihren gefräßigen Appetit durch Erſchnappen einer Anzahl brauner Mücken zu ſtil⸗ len, welche ſich unvorſichtigerweiſe zu nahe an die Ober⸗ fläche des Waſſers wagten. Die frommen Vögel ſtimm⸗ ten rings umher ihren Lobgeſang an, und ein großer Geißmelker wirbelte auf ſeinen langen Flügeln vorbei und ſchnappte den Forellen manche zarte Fliege weg, ehe ſie in das Bereich des gierigen Rachens kam, der unter der rieſelnden Welle auf ſie lauerte. Aber was machte denn der Mann, während Fiſche, Fliegen und Vögel ſo beſchäftigt waren? Ja, er lag einer ſehr ſonderbaren und geheimnißvollen Beſchäftigung ob. Mit langſamem Schritte und wachſamem auf die ſpiegelnde Fläche gehefteten Blick ging er längs des Fluſſes hinab nach der Umzäunung des Parks zu, die man dort linker Hand erblickt. Bewunderte er vielleicht die geſprenkelten Bewohner des Fluſſes? Betrachtete er vielleicht ſein cignes Bild in dem funkelnden Spiegel des Stroms? Er that vielleicht Eins davon, vielleicht auch Beides, Nichts deſto weniger aber ſteckte er auch oft Daumen und Zeigefinger in die Taſche einer geſtreiften Weſte, und nahm einige kleine runde Kügelchen heraus, die ungefähr ſo groß wie eine Erbſe oder ein wenig größer waren und ganz merkwürdig jenen Pillen ähn⸗ lich ſahen, welche die Aerzte zuweilen ſehr gern ver⸗ ſchreiben, die Apotheker ſehr bereitwillig liefern, die aber —— ꝑ,, — 104— den Patienten zuweilen viel zu ſchaffen machen. Dieſe warf er eine nach der andern, ſo oft er eine ruhige Stelle fand, in das Waſſer und fuhr ſo fort, bis er ſich etwa noch drei Hundert Schritt von der Mauer des Parks entfernt befand. Hier hielt er mit der Anwen⸗ dung der Pillen inne, ging dann noch einige Schritt weiter und ſetzte ſich an dem Ufer in der Mitte eines Platzes nieder, der ringsum mit hohen Binſen bewachſen war. Nach ein paar Minuten kam etwas Weißes in einer Länge von etwa achtzehn Zoll den Fluß herabgeſchwom⸗ men, unſer Freund ſtreckte ſogleich einen langen mit ei⸗ nem Haken verſehenen Stock aus und zog geſchickt eine ſchöne große Forelle von etwa anderthalb Pfund Ge⸗ wicht heraus. Der arme Fiſch war ganz todt oder we⸗ nigſtens ſo beſinnungslos, daß er ſich durchaus nicht zu wundern oder zu ärgern ſchien, ſich plötzlich außerhalb ſeines Elements und in der Taſche eines andern zu fin⸗ den, obſchon der Uebergang aus dem friſchen, durch⸗ ſichtigen Waſſer in ein Stück Wachsleinwand etwas wunderbar war. Den meiſten Fiſchen würde eine ſolche Veränderung nicht recht geweſen ſein, aber Madame Forelle befand ſich in jenem Zuſtande„in welchem man ſich aus Nichts Etwas macht. Kaum war ſie ſo unter⸗ gebracht, als eine ihrer ſchuppigen Gefährtinnen— viel⸗ leicht ihre eigne Schweſter, oder irgend eine andere — — 105— nahe Verwandte— ebenfalls mit dem Bauche nach oben gekehrt herbeigeſchwommen kam, eine Poſition, die für eine Forelle daſſelbe iſt, was das Stehen auf dem Kopfe für einen Menſchen ſein würde. Dieſe zweite war dem Ufer etwas näher und rannte erſt mit der Naſe gegen die Wurzel eines Baumes an, dann drehete ſie ſich herum und probirte ob ſie mit dem Schwanz vorn⸗ weg weiter kommen könnte, aber es half Alles Nichts, ſie mußte ebenfalls in die Taſche wandern und gleich darauf wurden noch zwei in daſſelbe Behältniß gebracht, wobei alle denſelben ruhigen Gleichmuth an den Tag legten. Endlich nahm ein ſehr ſchöner Fiſch, der wenig⸗ ſtens dritthalb Pfund zu wiegen ſchien, guten Rath an und hielt ſich in der Mitte des Fluſſes. Der Stecken reichte nicht ſo weit, das Waſſer war an dieſer Stelle zu tief, als daß man hätte hineinwaten können, und was ſollte nun unſer Freund mit der Taſche machen? Er ſah dem Fiſch nach, welcher langſam den Strom hinab nach der Stelle zuſchwamm, wo der Fluß unter einem ſteinernen Bogen hindurch in Sir John Slingby's Park trat. Der Fiſch war fett und ſchön und ſeine Floßfedern waren roſenroth, als ob die Morgenſonne ſie angehaucht hätte. Sein Bauch war glänzend weiß und hatte um die balb geöffneten Kiemen herum Etwas, das ſoͤgleich die Zuneigung unſers Freundes gewann. Er ſann nach, und da er ein phyſikaliſch gebildeter Mann war, ſo fiel ihm ein, daß durch Verdrängung einiger Waſſeratome der ſchwimmende Körper näher an das Ufer gebracht werden könnte. Er verſuchte es daher mit ei⸗ nem Stein; ob er denſelben aber zu weit oder nicht weit genug warf, das weiß ich nicht, gewiß aber iſt, daß die Forelle noch weiter hinweggetrieben ward, als zuvor, und zu ſeinem unausſprechlichen Aerger ſah er, wie ſie unter dem Bogen hindurch ſchwamm. Er war jedoch entſchloſſen, daß ſie ihm nicht ſo entwiſchen ſolle. Durch ſchwierige Umſtände werden große Männer ge⸗ prüft, wenn auch nicht gemacht, er nahm daher einen kleinen Anlauf und ſprang über die Einfriedigung in den Park hinein. Er ſtand gerade im Begriff, wieder herüberzu⸗ ſteigen und mogte vielleicht fühlen, daß es zudringlich erſcheinen könne, wenn er zu lange in dem Park bliebe, und hatte den Fiſch in der Hand, ſo daß ſeine Bewe⸗ gungen etwas gehindert waren, als ſich ein kleiner Vor⸗ fall ereignete, der ſeine für dieſen Tag entworfenen Pläne eine bedeutende Abänderung erleiden ließ. Ich habe von einer alten Mühle geſprochen, und von mehreren Bäumen und Gebüſchen, die in verſchie⸗ denen Entfernungen von dem Ufer den weichen, grünen Raſen der Wirſe auf ſehr maleriſche Weiſe unterbrachen. Im gegenwärtigen Falle erwieſen ſich dieſe verſchiedenen Gegenſtände aber nicht blos maleriſch, ſondern auch nütz⸗ — — 107— lich— wenigſtens für eine Perſon, die beinahe ſchon eben ſo lange als unſer Freund in der Manſcheſterjacke auf dem Platze war. Dieſe Perſon war nun entweder durch das ſonderbare alterthümliche Anſehen, oder durch die offene Thüre, oder durch Verſehen, oder durch ir⸗ gend einen andern Umſtand oder Beweggrund in die Mühle gelockt worden, und da ſie nun einmal darin war, ſo dachte ſie, es könne Nichts ſchaden, wenn ſie auch ein Mal aus dem Fenſter hinausſähe. Als der Mann, denn ein ſolcher war die Perſon, demzufolge wirklich aus dem Fenſter hinausſah, ſo war das Erſte, worauf ſeine Augen fielen, der vorerwähnte Gentleman, der ſeine Pillen ins Waſſer warf, und da in dieſer ganzen Procedur etwas Sonderbares und Intereſſantes lag, ſo ſah der Mann in der Mühle dem Manne an dem Fluſſe einige Minuten lang zu. Hierauf ſchlich er ſich ruhig hinaus, und da die Thüre der Seite, auf welcher die von mir beſchriebenen Operationen vor ſich gingen, entgegengeſetzt war, ſo geſchah dieſes Hinaus⸗ gehen ganz unbemerkt. Es ſchien, als ob der Lauerer an dem, was er ſah, großen Antheil nähme, denn in der nächſten Minute ſchlich er leiſe über den Raſen hin⸗ ter einen Buſch, und von da nach einer Baumgruppe, und dann nach einer einzelnen alten Eiche, deren Stamm ziemlich umfangreich war. Sie war ſchon alt und hohl, und mit den Aeſten ſah es armſelig aus, doch hatten — 108— noch zwei oder drei der unterſten eine ſchöne Fülle von Laub, ſo wie ſich ein Kranz lockiger Haare um den Schädel eines alten kühnen Anakreon zieht. Von dieſer Eiche ſchlich er zu einer zweiten, und dann ſofort, und folgte unſerm erſten Freunde auf Tritt und Schritt, bis die erſten vier Forellen eingeſteckt waren, und die fünfte in den Park hineinſchwamm. Als der Verräther der zarten Unſchuldigen über die Einfriedigung ſprang, da trat der Schleicher heraus und ſteckte ſich hinter einige Sträucher— Brombeer⸗ und andere ähnliche Gebüſche, die zuweilen einen andern Zweck haben, als Heidelbee⸗ ren zu tragen. Nicht ſobald erblickte er jedoch den glücklichen Forellenjäger mit ſeinem feiſten Fiſch in der Hand, und einem Beine über der Mauer, im Begriffe wieder auf das freie Feld herauszuſpringen, als er zwei Schritte vorſprang, den Forellenjäger beim Kragen er⸗ griff, und ihm etwas ſchneller herüberhalf, als er ohne dieſen Beiſtand herübergekommen wäre. Der Mann mit den Fiſchen ſaß in dem Augen⸗ blicke, wo er dieſe unerwartete Hülfe erhielt, ſeinem hel⸗ fenden Freunde mit dem Rücken zugekehrt, ſo bald er aber diesſeits der Mauer mit den Füßen wieder den Boden berührte, beſtrebte er ſich auf die ungeſtümſte Weiſe ſeinen Kragen von der Hand frei zu machen, die ihn noch feſthielt. Dieſes Beſtreben hatte jedoch keines⸗ wegs den erwünſchten Erfolg, im Gegentheile gerieth er 4 — 109— durch den Verſuch, ſich aus dieſer eiſernen Fauſt zu be⸗ freien, faſt in Gefahr erwürgt zu werden; Nichts deſto weniger gelang es ihm auf dieſes Riſiko hin, ſich ſo weit herumzuwenden, daß er ſeinem hartnäckigen Freund ins Geſicht ſehen konnte, und er ſah nun, was er ſicherlich nicht zu ſehen erwartet hatte. Kein grimmiger, dienſteif⸗ riger Flurſchütz in Jagdpikeſche und ledernen Kamaſchen, ſondern ein Mann in der Kleidung der fkeinern Stände, und mit Armen, Beinen und einer Bruſt verſehen, de⸗ ren Dimenſionen vermuthen ließen, daß ein Kampf mit dieſem Manne weder etwas Sicheres, noch etwas An⸗ genehmes ſein könne. „Wer zum Teufel ſeid Ihr?“ fragte der Forellen⸗ liebhaber mit denſelben Worten, deren ſich Mr. Wit⸗ tingham den Abend vorher gegen dieſelbe Perſon be⸗ dient hatte. „Aha, mein Freund,“ rief Ned Hayward.„Ihr behext alſo die Forellen, nicht wahr?“ Und ſie blieben einige Minuten lang einander gegenüberſtehen, ohne daß Einer die Frage des Andern beantwortet hätte. — 110— Sechſtes Kapitel. In welchem Ned Hayward die Rolle eines Häͤſchers ſpielt. Von allen Drehungen und Wendungen in dieſem vielfach verſchlungenen Erdenleben iſt das Umkehren wohl am unangenehmſten, und doch iſt es Etwas, wo⸗ zu wir Alle von der Jugend bis zum Alter beſtimmt ſind. Wir müſſen oft zu den kleinern und größern Lec⸗ tionen des Lebens zurückkehren, und unſere Hartnäckig⸗ keit oder Dummheit iſt oft ſchuld, daß wir ſie immer und immer wieder repetiren müſſen. Auch ich muß mit meinen Leſern von Zeit zu Zeit umkehren, doch ſoll es bei der gegenwärtigen Gelegenheit nicht ſehr lange dau⸗ ern, denn ich bin heute Morgen nicht ſehr zur Kurz⸗ weil aufgelegt, und könnte kein Vergnügen daran fin⸗ den, die Forelle oder den Lachs zu ſpielen, ja ſchon der Anblick einer Katze mit einer Maus würde mir zu⸗ wider ſein. 1 Wir haben geſehen, wie unfer guter Freund Ned „— * 1 — 1¹1— Hayward einen Gentleman am Kragen packte, der ſich mit den ſchuppigen Schönen des Fluſſes einige unver⸗ antwortliche Freiheiten herausgenommen hatte, und es entſteht nun die Frage, wie es kam, daß Ned Hayward zu dieſer frühen Morgenſtunde an jener Stelle anweſend war? War er ein ſo außerordentlicher Frühaufſteher, daß er in der Regel vollſtändig angekleidet an dem Ufer eines Fluſſes zu einer Zeit des Tages ſpazieren ging, wo noch die meiſten Geſchöpfe, Vögel, Fiſche und Wilddiebe ausgenommen, in ihren Betten liegen? War er durch Herzweh, oder Kopfweh, oder irgend ein ande⸗ res Weh ſo früh aufgeweckt worden? Hatte er die Gicht und konnte nicht ſchlafen— oder war er verliebt und wollte nicht ſchlafen? Nein, Leſer, nein t Er ſtand allerdings in der Regel bei Zeiten auf, denn er war geſund an Körper und Geiſt, und lebendig und rüſtig, und betrachtete den Schlaf als weggeworfene Zeit, aber obſchon er früh aufſtand, ſo ging doch die dadurch ge⸗ wonnene Zeit wieder durch die Sorgfalt verloren, die er auf ſeine Toilette verwendete. Er hatte einen ſtar⸗ ken Bart, und das Raſiren dauerte ſehr lange; das Haupthaar nahm ebenfalls viel Zeit weg, denn er trug es gern recht ſauber und glänzend. Glatt konnte er es nicht kämmen, denn das ließen ſich die Locken nicht ge⸗ fallen, und Locken ſind hartnäckige Weſen, die immer auf ihren eigenen Willen beſtehen. Da er ſo auf eine — 112— oder die andere Weiſe beſchäftigt war, und noch zuwei⸗ len in einem Buche herumblätterte, das auf ſeinem An⸗ kleidetiſch lag, zuweilen zum Fenſter hinausſchaute, und poetiſchere Gedanken hatte, als er ſelbſt ahnete, zuwei⸗ len ſich die Zähne putzte, bis ſie ſo weiß und blank ausſahen, wie die Taſten eines neuen Pianoforte, zu⸗ weilen mit den Fingern auf den Tiſch trommelte, und dabei in philoſophiſches Nachdenken verſank, ſo dauerte es gewöhn⸗ lich von dem Augenblicke an, in welchem er das Bett ver⸗ ließ, noch wenigſtens anderthalb Stunde, ehe er in die Welt hinaustrat. Dies war allerdings nicht ſtets der Fall, denn an Maimorgen, wo die Forellen ſteigen, im Auguſt, wenn er ſich in der Nähe der Moorgegenden befand, am er⸗ ſten September, er mogte ſich befinden, wo er wollte, denn zu dieſer Zeit war er niemals in London, kürzte er gewöhnlich ſeine Toilette ab, und war ſchon gleich nach Tagesanbruch vollkommen zum Waidwerk gerüſtet im freien Felde zu ſehen. Im gegenwärtigen Falle und an dem Morgen, von welchem ich ſo eben geſprochen, läßt ſich kaum bezweifeln, daß er etwas länger als gewöhnlich im Bette geblieben ſein würde, denn er hatte den Tag zuvor ei⸗ nen tüchtigen Ritt gemacht, an einem aufregenden Auf⸗ tritte thätigen Antheil genommen, eine gute und tüch⸗ — 113— tige Abendmahlzeit genoſſen, und ſich ſpäter als gewöhn⸗ lich zur Ruhe begeben; es trat aber ein einziger kleiner Umſtand ein, der ihn aufweckte und hinaustrieb. Un⸗ gefähr drei Viertel auf fünf hörte er, daß ſeine Thüre geöffnet ward, und gleich darauf ein Geräuſch unter den Stiefeln und Schuhen entſtand. Er befand ſich in jenem ſchlaftrunkenen Zuſtande, in welchem die Ereig⸗ niſſe, ſelbſt der letzten fünf oder ſechs Stunden, wenn man ſich ihrer überhaupt erinnert, dunkel und unbe⸗ ſtimmt erſcheinen, und obſchon es ihm war, als habe er befohlen, daß man ihn zeitig wecke, ſo wußte er doch nicht, warum oder weshalb. Dann kam er auf die Vermuthung, daß Einer von den Dienſtboten des Gaſthofes hereingekommen ſei, um die Kleider zum Rei⸗ nigen abzuholen, und er dachte, da dies eine Sache ſei, wobei er ſelbſt Nichts zu thun habe, könne er ſich auf die andere Seite herumdrehen, und vollends ausſchla⸗ fen. Das Geräuſch aber dauerte immer noch fort, ſo daß es ihn am Ende ſtörte, und er alle wirkliche und eingebildete Stiefel zum Teufel wünſchte. Er richtete ſich auf den Ellbogen geſtützt empor, blickte ſich um, und ſah bei dem düſtern Licht, welches durch die Gardi⸗ nen drang— denn das Fenſter hatte keinen Laden— eine Geſtalt, die einer großen Gans glich, und unter den Gegenſtänden ſeiner Garderobe herumwühlte. „Was zum Donnerwetter macht Ihr denn da?“ Beauchamp. Erſter Band. 8 ——— 5 1——————, fragte Ned Hahward ungeduldig.„So nehmt doch die Sachen und packt Euch!“ „Ich bin es, Herr,“ ſagte die leiſe, wohlklingende Stimme des buckligen Schenkjungen,„Ihr wolltet ge⸗ ſtern Abend wiſſen, ob—“ „Aha, ganz recht, ganz recht,“ rief Ned Hay⸗ ward,„ich hatte die ganze Geſchichte vergeſſen. Nun mein Schatz, was kannſt Du mir von dieſem Kerl, die⸗ ſem Wolf ſagen? Wo wohnt er, wo kann man ihm beikommen? Niemand von den Leuten hier will ihn ken⸗ nen, aber ich glaube, das iſt erlogen, und ich bin da⸗ von überzeugt. Der Name iſt ein ſehr auffälliger, in dem man ſich gar nicht irren kann.“ „Ja ja, Herr,“ antwortete der Schenkjunge,„die Leute wiſſen recht gut, wen Ihr meint, obſchon Ihr ihn nicht bei dem rechten Namen nanntet, unter wel⸗ chem man ihn kennen will. Wenn ihr nach Ste Gim⸗ let gefragt hättet, ſo hätten ſie Euch antworten müſ⸗ ſen, denn ſie können nicht leugnen, von ihm gehört zu haben. Wolf iſt ein Spitzname, verſteht Ihr, den man ihm deswegen gegeben hat, weil er des Nachts ſo viel umherläuft, gerade wie es die Wölfe machen ſollen, obſchon ich niemals einen geſehen habe.“ „Nun, wo iſt er zu finden?“ fragte Ned Hah⸗ ward nach ſeiner gewöhnlichen raſchen Art, und fügte krann, um alle Schwierigkeiten zu beſeitigen, hinzu: — 115— „Ich will dem Manne durchaus kein Leids zufügen, wenn ich es umgehen kann, denn ich glaube, daß er bei der Sache blos als Werkzeug benutzt worden iſt, und obſchon ich nach der Mittheilung, die Du mir über ſeinen wirklichen Namen gemacht haſt, ihn auch durch Andere ausſpüren laſſen könnte, ſo mögte ich doch erſt allein zu ihm gehen, und mit ihm ſprechen.“ „Ach ja, Herr, er iſt vielleicht ein Werkzeug,“ ant⸗ wortete der Schenkjunge,„aber er iſt ein Werkzeug, mit dem ſich's nicht alle Mal gut arbeitet, und ich glau⸗ be, es wird gut ſein, wenn Ihr noch zwei oder drei Paar derbe Fäuſte mitnehmt.“ „Na, das will ich mir üͤberlegen, Schatz,“ ant⸗ wortete der junge Herr,„auf alle Fälle aber mögte ich gern wiſſen, wo er zu finden iſt.“ „Das iſt nicht ganz ſo leicht, Herr,“ erwiderte der Bucklige,„denn er läuft viel herum, doch hat er einen Ort, in welchem er angeblich wohnt. Es iſt dies Yal⸗ don Moor, hinter dem Park, und daß er ſich jeden Tag eine Zeitlang dort befindet, das iſt gewiß. Ich ſollte glauben, man könne ihn des Morgens eben ſo leicht treffen, als zu einer andern Zeit, und vielleicht trefft Ihr ihn, wenn Ihr um die hintere Seite des Parks und dann bei der alten Mühle vorbei den Fluß hinaufgehet. Ein Wenig weiter oben befindet ſich ein Steg und es ſollte mich nicht wundern, wenn er in dem 8* — 116— Waſſer herummanſchte, denn jetzt giebt's weder Rebhüh⸗ ner noch Haſen, und Etwas hat er immer vor.“ „Aber welches iſt denn ſein Aufenthaltsort auf dem Moor?“ fragte Ned Hayward, der nun an der weitern Fortſetzung ſeiner Nachforſchung großes Intereſſe zu fin⸗ den begann.„Wie kann ich ihn finden, Schatz?“ „Es iſt nicht leicht,“ antwortete der Schenkjunge, „denn ſeine Wohnung iſt in die Sandgrube hineingebaut. Wenn ihr jedoch über den Steg ſeid, ſo werdet Ihr ge⸗ rade vor Euch einen kleinen Fußweg finden, und wenn Ihr denſelben gerade aus verfolgt, ohne Euch weder rechts noch links zu wenden, ſo kommt Ihr nach kur⸗ zer Zeit an das Moorland. Von da weiß ich aber wirklich nicht, wie ich Euch den Weg beſchreiben ſoll, denn von dieſem Punkte laufen eine Menge Wege nach allen Seiten hin.“ „Nun, führt denn der rechte Weg nach Oſten, Weſten, Norden oder Süden?“ fragte Capitain Hay⸗ ward ungeduldig. „Nun, nach Oſten,“ entgegnete der Junge,„und ich glaube, wenn Ihr bald geht, ſo könnt Ihr ſehen, wie die Sonne in dieſer Richtung übe das Moor her⸗ vorgeguckt kommt. Es iſt ein ſchöner Anblick, und ich habe es oft mit angeſehen, wie der Sonnenſchein durch den Morgennebel dringt, und alles Grün, was dort herum wächſt, purpurn und golden färbt, und oft habe — 117— ich auch geſehen, wie um dieſe Zeit ſchon der blaue Rauch von Ste's Schornſtein aus der Grube heraufſtieg. Vielleicht iſt das wieder der Fall, wenn Ihr hingehet, und dann könnt Ihr gar nicht fehlen.“ „Und weſſen Park iſt es, von dem Du ſprachſt?“ fragte Ned Hayward.„Es kann ja deren ein halbes Duzend geben.“ „Nun, Sir John Slingsbi's Park,“ antwortete der Junge,„das iſt der einzige, den wir hier den Park nennen.“ „O dann weiß ich es,“ verſetzte der junge Herr, indem er gleichzeitig die Hand ausſtreckte, und ſeine auf einen Stuhl liegende Börſe ergriff,„hier haſt Du einen Kronthaler, und nun nimm die Stiefel und Kleider, und reinige ſie ſo ſchnell als möglich.“ Der Junge that, wie ihm geheißen ward, bedankte ſich höflich für den Kronthaler, raffte die verſchiedenen Bekleidungsgegenſtände, die zerſtreut umher lagen, zu— ſammen, und entfernte ſich aus dem Zimmer. Ned Hayward ſprang jedoch, ohne auf die Rückkehr des Knaben zu warten, aus dem Bett, nahm aus ſeinem Koffer einen zweiten vollſtändigen Anzug heraus, badete Kopf, Hände und Hals in kaltem Waſſer, ſagte zu ſich ſelbſt:„Raſiren will ich mich, wenn ich wiederkomme,“ kleidete ſich eiligſt an, und ſchauete einen Augenblick in den Hof hinaus, um zu ſehen, ob noch viele andere — 118— Mitglieder des Haushaltes ſchon auf den Beinen wären. An dem andern Ende des Hofes ſtand ein Mann, der ein Pferd putzte, und gerade unter dem Fenſter befand ſich der kleine verwachſene Schenkjunge, und pfiff, wäh⸗ rend er einen Rock und eine Weſte ausbürſtete, eine klagende Melodie höchſt rein und ausdrucksvoll vor ſich hin. Der geübteſte Flageoletbläſer hätte nicht vermogt, die Töne zu übertreffen, welche aus dieſen bleichen Lip⸗ pen hervordrangen, und Ned Hahward konnte ſich nicht enthalten, einen Augenblick zuzuhören, dann aber ſetzte er ſchnell ſeinen Hut auf, eilte die Treppe hinab, und winkte den Jungen zu ſich. „Wenn man Dich nicht fragt, ſo ſage Niemandem, daß ich ausgegangen bin, Schatz,“ ſagte er,„und wenn Du die Kleider gereinigt haſt, ſo lege ſie vorn an der Thüre auf einen Stuhl.“ Der Knabe nickte bedeutſam und unſer Freund Ned Hahward ging in der von dem Knaben angedeuteten Richtung zur Stadt hinaus. Von allen verſchiedenen Sinnen des menſchlichen Gehirns iſt der Ortſinn der erſte. Dieſes Buch iſt, wie der Leſer ſchon gemerkt haben wird, Nichts als ein phrenologiſcher Verſuch in einer neuen Ge⸗ ſtalt. Der Ortſinn iſt der eigenſinnigſte, launenhafteſte, unvernünftigſte, unerklärlichſte und verkehrteſte aller Sinne. Manchen Menſchen giebt er die Fähigkeit ſich in den Häuſern zurecht zu finden— wollte Gott, ich beſäße dieſe Fähigkeit, denn ich gerathe fortwährend in unrechte Zimmer, in denen ich Nichts zu ſuchen habe — andere ſetzt er in den Stand, ſich aus allen Arten von verworrenen Pfaden und Wegen auf faſt intuitive Weiſe herauszufinden, noch andere lehrt er einträgliche Aemter und Staatsdienerſtellen ausfindig machen, bei Ned Hayward aber war er beſonders ſtark unter freiem Himmel, und es würde eines ungewöhnlich tüchtigen Irrlichts bedurft haben, um ihn, er mogte nun zu Pferde oder zu Fuße ſein, irre zu führen. Drei Worte der Zurechtweiſung reichten, wenn ſie nur deutlich und klar waren, gewöhnlich für ihn hin, und er war dann ſeiner Reiſe ſo ſicher, als ob er ſie ſchon zehn Mal ge⸗ macht hätte. Es konnte vielleicht etwas Berechnung— eine Art von verborgener Argumentation— dabei mit im Spiele ſein, denn Niemand wußte beſſer als er, daß, wenn ein Ort nach Norden liege, man nicht den Weg nach Süden zu nehmen habe, und daß unter gewöhnli⸗ chen Umſtänden der Weg nach dem Thale nicht den Berg hinaufführe, aber Ned Hayward war ſelten aufgelegt⸗ irgend einen Proceß ſeines Verſtandes zu analhſiren. Er hatte ſchon als Kind die anatomiſche Zerlegung ver⸗ wickelter Fragen gehaßt, und da ſein Verſtand ein ſehr guter war, ſo ließ er ihn gewöhnlich ſeinen eignen Weg gehen, ohne ihn viel mit Fragen zu beläſtigen. So ſchritt er ſtracks aus der kleinen Stadt hinaus, an dem 1 — 120— Ufer des Fluſſes hin und da er nach einer Strecke von ungefähr drei engliſchen Meilen den Weg durch die Mauer des Parks verſperrt fand, ſo ſchlug er einen links durch die Felder führenden Pfad ein, wendete ſich dann wieder rechts und erblickte bald darauf wieder den Fluß oberhalb ſeines Eintritts in Sir John Slingsby's Park. Während dieſer ganzen Zeit war Ned Hayward's Geiſt nicht unbeſchäftigt. Er ſah Alles, was um ihn her vorging, und dachte darüber nach, ohne zu wiſſen, daß er darüber nachdachte. Der Himmel war noch ganz grau, als er aus dem Gaſthofe trat, aber bald darauf begann der Morgen ſeine purpurnen und goldnen Fah⸗ nen aufzuſtecken, um den Fürſten des Tages zu be⸗ gruüͤßen, und Ned Hayward ſagte bei ſich ſelbſt:„Wie wunderbar ſchön iſt das Alles und wie herrlich iſt es eingerichtet, daß jeder Wechſel in der Natur eine neue Schönheit erzeugt.“ Dann machte er Bemerkungen über die Bäume und die Vögel und die Wieſen und den Wiederſchein des Himmels an einer klaren, glatten Stelle des Fluſſes, und gewahrte faſt mit dem geübten Blicke des Malers die ſchöne Harmonie, welche durch die Wir⸗ kung erzeugt wird, die eine Farbe auf die daneben be⸗ findliche hat. Und dann kam er an einer kleinen Dorf⸗ kirche vorüber, deren Thurm in Epheu eingehüllt war, und dieſer Anblick füllte ſein Gemüth mit ruhigen und friedlichen Bildern und er dachte an tauſenderlei Scenen des ſtillen und beſcheidenen Glückes, bis er Kegelſpiel und Maientanz auf der grünen vor ihm liegenden Wieſe wirklich zu ſehen glaubte; und der Epheu und zwei alte Eibenbäume führten ihn in frühere Zeiten zurück, wo dieſe alte Kirche neu war. Der Himmel weiß, wie weit ihn der Flug ſeiner Phantaſie führte!— wenigſtens durchflog er die ganze Geſchichte von England. Aber alle dieſe Träumereien ſchwanden eben ſo ſchnell aus ſeinem Kopfe, als die Gegenſtande, durch die ſie ange⸗ regt wurden, aus ſeinen Augen, und dann, als er durch einige nette Hecken und anmuthige Kornfelder ging, welche in ihrer grünen Friſche eine reichliche Erndte verſpra⸗ chen, begann er an Rebhühner und Hunde, an eine volle Jagdtaſche, ein delikates Mittagsmahl und einen darauf folgenden ſchlummerreichen Abend zu denken. Guter Himmel, welch ein Glück iſt es, jung und recht geſund und recht heiter zu ſein, wie leicht iſt dann die Bürde des Lebens, wie unbedeutend ſind die Leiden deſſelben im Gegenſatz zu den Freuden; jeder Augenblick hat ſeinen vorüberfliegenden Traum, jede Stunde wird Genuß, ſo⸗ bald wir ihn nur ſuchen wollen; jede Blume, ſie ſei bit⸗ ter oder ſüß, geruchlos oder wohlduftend, iſt von Ho⸗ nigtropfen bethaut, die jeden Mund laben, der ſie auf⸗ zuſaugen verſteht. Aber die Jahre, die Jahre, dieſe bringen den Herbſt des Lebens herbei, wo die ſchönen und blühenden Farben verblichen, wo die Träume mit dem leichten Schlummer der frühern Jahre verſchwun⸗ den ſind und Alles in den Saamen der künftigen Generatio⸗ nen übergegangen iſt; dann fühlen wir, daß wir die Hül⸗ ſen der Erde ſind und finden, daß es Zeit iſt, abzufallen und der friſchen Blüthe einer andern Epoche Platz zu machen. Unſer Freund hatte jedoch, wenn er auch nicht mehr in der Knospe des Lebens ſtand, doch auch noch kein trocknes oder fahles Blatt an ſich; er war einer jener Menſchen, welche beſtimmt ſind, den wachenden Traum der Jugend noch über die gewöhnliche Grenze hinaus fortzuſetzen; Nichts ärgerte ihn, Nichts machte ihn ver⸗ drüßlich, nur Weniges bekümmerte ihn. Es bedurfte der Spitze des Diamants, um einen tiefen Eindruck auf ihn zu machen, und obſchon er die Lichter wiederſpiegelte, ſo waren es doch nur die ſtärkeren Strahlen, welche tief in das Innere drangen und auch dieſe nicht häufig⸗ So ſetzte er ſeinen Weg weiter fort, und worauf er nach den Rebhühnern und der Jagdluſt gekommen war, das weiß nur der Himmel. Er ſchwebte vielleicht oben im Mond, oder befand ſich in Oſtindien, oder ſaß rittlings auf einem Kometen, oder war in irgend einer andern Poſition, in die der Menſch nur mit Hülfe der beflügel⸗ ten Phantaſie gelangt, und doch hatte Ned Hayward ſeltſamerweiſe nicht die leiſeſte Ahnung, daß er über⸗ haupt Phantaſie beſitze. Er hielt ſich für das einfachſte, alltäglichſte, materiellſte Geſchöpf auf der ganzen Welt, und doch war er in alle Arten der ſonderbarſten Träu⸗ mereien verſenkt, gerade als ein kleiner, zwiſchen zwei hohen Hecken hindurchführender Fußweg auf eine kleine Wieſe an dem Ufer des Fluſſes herausführte und zwar an einem Punkte, der der alten Mühle gerade gegen⸗ über und nicht mehr als vierzig oder funfzig Schritt von derſelben entfernt war. Er ſah die alte Mühle und den Fluß, aber auf mein Wort, ſonſt Nichts weiter, und dachte bei ſich ſelbſt: „Was für eine maleriſche Ruine das iſt! Sie ſieht aus, wie ein mittelalterliches, auf der Grenze der Be⸗ ſitzungen zweier feindſeligen Barone erbautes Schloß. Was zum Teufel mag es eigentlich geweſen ſein?“ Zweifel führte bei ihm alle Mal zu Prüfung und er ſchritt daher ohne weitere Umſtände mit ſeinem gewöhn⸗ lichen ſchnellen Schritt über den freien Raum hinweg, trat in die Mühle, ſah ſich um, überzeugte ſich augen⸗ blicklich von der eigentlichen Beſtimmung des Gebäudes, und ſchauete dann zu dem Fenſter hinaus, erſt den Strom hinauf, dann hinab. Stromaufwärts ſah er einige Schwalben über das Waſſer hinſtreifen, die erſten, die der Sommer an unſere Küſten geführt hatte, und überdies einen ernſten, geſetzten Reiher, der mit ſeinem blauen Rücken über das Geröhricht emporragte und mit einem Beine im Waſſer ſtand, während er das andere an die Bruſt emporgezogen hielt. Als jedoch Ned Hay⸗ ward hierauf ſtromabwärts ſah, gewahrte er den Gent⸗ leman, den ich ſchon beſchrieben habe, wie er ſeine Pil⸗ len in das Waſſer warf und er dachte:„Das iſt eine ſonderbare Beſchäftigung! Was kann er damit wollen?“ In der nächſten Minute jedoch wendete ſich der Fiſchjäger mit dem Geſicht nach der Mühle und Ned Hayward murmelte ſogleich:„Aha, Musje Wolf, oder auch Ste Gimlet, habe ich Dich?“ Er lief fogleich hinaus und ſchlich ihm längs des Ufers nach, wie ich ſchon früher beſchrieben, bis er ihn endlich, den rechten Augenblick geſchickt benutzend, ſo beim Kragen ergriff, daß der Fiſchjäger, wenn er auch die Stärke eines Her⸗ kules beſeſſen hätte, es ſchwieriger gefunden haben würde, ſich loszumachen, als vierzig Hydern zu tödten oder funfzig Augiasſtälle zu reinigen.— „Die Fiſche behext?“ ſagte der Gefangene zur Ant⸗ wort auf die Bemerkung des Capitains Hayward.„Ich weiß nicht, was Ihr mit dem Behexen meint— ich habe mir blos ein paar todte herausgeholt und das wird wohl nicht Viel zu bedeuten haben, glaube ich.“ „Ja, ja, lieber Freund,“ entgegnete Ned Hayward, „todt mögen ſie wohl geweſen ſein, als ihr ſie fingt, aber ich fürchte, wir müſſen Leichenſchau über ſie halten laſſen und ich glaube nicht, daß der Ausſpruch:„ertränkt gefunden“ lauten wird. Ich will blos ſagen, Freund, daß Ihr ſie vergiftet habt— ein ſehr liſtiger Streich, den ich aber ſo gut kenne, wie Euren Namen, oder den meinigen.“ „Und wie zum Teufel iſt denn Euer Name?“ fragte der Gefangene, indem er ſich herumzudrehen ſuchte, um ſeinem Gegner wenigſtens einen Hieb oder einen Fuß⸗ tritt zu verſetzen. „Ruhig, ruhig!“ entgegnete Ned Hayward ihn noch ſchärfer packend.„Mein Name iſt mein Eigenthum und ich werde ihn Euch ſicherlich nicht nennen, den Euren aber ſollt Ihr hören, wenn Ihr Luſt habt. Ihr heißt Ste Gimlet, wenn ich nicht irre, ſeid aber des Nachts mehr unter dem Namen Wolf bekannt.“ Der Mann murmelte einen grimmigen Fluch vor ſich hin, Ned Hayward aber fuhr fort: „Ihr ſehet, daß ich Euch kenne und damit Ihr's nur wiſſet, ich habe Euch geſucht.“ „Aha, alſo hat er einen aus London kommen laſ⸗ ſen,“ ſagte Wolf, indem er ſich von Capitain Hay⸗ ward's Rang und Beruf eine ganz falſche Vorſtellung machte.„Na, ſo ſoll mich doch gleich der— wenn ich jemals auf ſeinem Gebiete ſo Etwas gemacht habe.“ „Ja, Meiſter Gimlet,“ antwortete Ned Hayward, der vollkommen begriff, was in dem Innern des Man⸗ nes vorging und ſeinen Jrrthum zu benutzen ſuchte, allerdings bin ich herbeigerufen worden und werde Euch gleich vor Sir John Slingsby führen müſſen, wenn — 126— Ihr nicht Luſt habt, die Sache auf ſonſt eine Weiſe auszugleichen.“ „Ich habe nicht einen einzigen Kronthaler im Ver⸗ mögen,“ antwortete der Wilddieb,„und wenn Ihr Alles wißt, ſo werdet Ihr auch wiſſen, daß ich ſehr arm bin.“ „Allerdings, es giebt aber mehr wie einen Weg, die Sache beizulegen,“ verſetzte Ned Hahward in dro⸗ hendem Tone.„Ihr wißt, was Ihr geſtern Abends für ein Stück Arbet vorhattet.“ Das Geſicht des Mannes ward ſo weiß wie Kreide und ſeine Glieder zitterten, als ob er vom kalten Fie⸗ ber geſchüttelt worden wäre. In einem Augenblick war ſeine Stärke verſchwunden und er war kraftlos wie ein Säugling. „Na,“ ſtammelte er endlich,„wegen dieſer Sache hat man Euch doch nicht können holen laſſen, denn da iſt ja die Zeit viel zu kurz.“ „Nein, allerdings nicht,“ entgegnete der junge Herr,„da ich aber einmal wegen ſolcher Geſchichten hierher gerufen worden bin, ſo kann ich auch dieſe gleich mit beſorgen und werde dieſelbe zur Anzeige bringen oder nicht, gerade wie mir's paßt. Seht Ihr, Ste,“ fuhr er fort, indem er ſich bemühete, ſo viel als mög⸗ lich die Manier eines Londoner Polizeidieners nachzuah⸗ men,„ich glaube, Euch braucht man nicht mit einem Scheunenthor zu winken.“ 31 — 127— „Nein, nein, ich verſteh' Euch nicht,“ antwortete Mr. Gimlet. „Nun gut denn,“ fuhr Ned Hayward fort,„ich verſtehe Euch auch, und da ich überzeugt bin, daß Ihr nicht bei dieſer Sache der Anſtifter ſeid, ſondern blos Mitwiſſenſchaft habt, wie wir es nennen, ſo mögte ich Euch gern mit einem blauen Auge wegkommen laſſen.“ „Ich dank Euch, Herr,“ entgegnete Wolf in nach⸗ denklichem Tone, aber weiter ſagte er Nichts, und Hay⸗ ward, welcher wünſchte, daß ſein Arreſtant von ſelbſt anfangen ſolle, zu beichten, ſah ſich etwas getäuſcht. „Ihr ſeid ſehr bornirt, Meiſter Wolf,“ ſagte Ned Hayward,„und deshalb muß ich Euch eine ſo offene Frage vorlegen, als der Richter ſie thut, wenn er die ſchwarze Mütze in die Hand nimmt, und bereit iſt, ſie aufzuſetzen. Was könnt Ihr zu Eurer Entſchuldigung anführen, damit ich nicht genöthigt bin, Euch ſogleich vor Sir John Slingsby zu führen?“ „Nun, was zum Teufel ſoll ich denn ſagen?“ ver⸗ ſetzte der Mann ungeduldig.„Wenn Ihr mich kennt, ſo werdet Ihr wohl auch die Andern kennen und wenn Ihr ſo geſcheidt ſeid, ſo werdet Ihr auch wohl erra⸗ then, daß wir nicht nach Geld gingen und daß folglich von einem Straßenraub gar nicht die Rede ſein kann.“ 2 „Wenn es nicht Straßenraub iſt, ſo verlohnt es — 128— ſich nicht der Mühe, daß ich mich hineinmiſche,“ ant⸗ wortete Ned Hayward.„Die Sache wird ſich aber von verſchiedenen Seiten betrachten laſſen, und wenn Ihr mir die ganze Geſchichte ordentlich erzählen wollt, ſo werde ich auch im Stande ſein, darüber zu urtheilen. Daß es nicht des Geldes wegen geſchah, habe ich mir gleich gedacht, aber es gibt viel Dinge, die eben ſo ſchlecht ſind, als Straßenraub. Ich gebe Euch weiter keine guten Worte, daß Ihr mir die Sache erzählen ſollt, wenn Ihr aber Luſt habt, ſo könnt Ihr's thun. Wollt Ihr nicht, ſo kommt mit mir.“ „Nun, ich will Euch Alles ſagen, was ich weiß,“ entgegnete Wolf,„das heißt, wenn Ihr mich erſt zu Athem kommen laßt, denn Ihr ſchnürt mir ja die Gurgel zuſammen, als ob Ihr mich erwürgen wolltet. Aber Namen nenne ich nicht, denn ich will Niemanden mit hineinbringen; blos um Euch zu zeigen, daß Nichts ſo ſehr Unrechtes in der Sache war, will ich Euch die ganze Geſchichte erzählen, das heißt, wenn Ihr mich wegen dieſer verfluchten Fiſche ungeſchoren laßt.“ „Von den Fiſchen ſoll keine Rede ſein,“ entgegnete Ned Hayward,„vorausgeſetzt, daß Ihr mir die Wahr⸗ heit ſagt. Auch iſt es gar nicht meine Abſicht, Euch zu erwürgen, guter Freund; aber merkt wohl, wenn ich Euch jetzt loslaſſe und Ihr verſucht etwa auszureißen, ſo ſchlage ich Euch zu Boden und ſchleppe Euch binnen — 129— fünf Minuten vor den Friedensrichter. Alſo ſetzt Euch hierher an den Waſſerrand.“ Und ohne die Hand los⸗ zulaſſen, drückte er ſeinen Gefangenen auf die Knie nie⸗ der und zwang ihn, eine Poſition einzunehmen, aus der er ſich nicht erheben konnte, ohne von der über ihm ſchwebenden gewaltigen Fauſt einen tüchtigen Schlag erwarten zu müſſen. Hierauf ließ er den Kragen des Mannes los, ſtellte ſich gerade gegenüber und befahl ſei⸗ nem Gefangenen, weiter zu ſprechen. Dies ſchien keine ſo leichte Aufgabe zu ſein, als man ſich vielleicht gedacht hatte, wenigſtens für unſern Freund Mr. Gimlet, welcher, da er kein geübter Redner war, nicht die Kunſt verſtand, über jeden unwichtigen Punkt ſo Viel als möglich und über jeden wichtigen ſo Wenig als möglich zu ſagen. Er kratzte ſich jedoch tüch⸗ tig im Kopf, und mit Hülfe dieſes Reizmittels gelang es ihm endlich, die Worte hervorzubringen: „Na, ſeht Ihr, Herr, es war weiter gar Nichts, als eine kleine Liebesgeſchichte.“ „So ſah es aber nicht aus,“ entgegnete Ned Hay⸗ ward. „Ja, weiter war es Nichts,“ ſagte Mr. Gimlet in entſchiedenem Tone.„Der junge Herr, von dem ich ſpreche, wollte die junge Dame entführen, denn ihre Mutter hält ſie unter ſehr ſtrenger Aufſicht, und daher ließ er einen Wagen an jener Stelle bereit halten und Beauchamp. Erſter Band. 9 — 130— beredete mich und noch Einen, daß wir ihm helfen ſoll⸗ ten, und wenn die beiden Kerle nicht dazu gekommen wären, ſo wären wir jetzt mit ihr ſchon auf dem hal⸗ ben Wege nach Schottland.“ „Und wo iſt der junge Herr, wie Ihr ihn nennt, jetzt?“ fragte Ned Hayward in jenem ruhigen, unge⸗ zwungenen Tone, in welchem manche Leute Fragen ſtellen, die, wenn man ſie ernſt betrachtet, am Wenig⸗ ſten Anſpruch auf eine Antwort haben, gerade als ob eine offene Antwort eine Sache wäre, die ſich von ſelbſt verſtände. Aber der Arreſtant war auf ſeiner Hut.„Das gehört weiter nicht hierher,“ antwortete er. „Es gehört allerdings hierher, das kann ich Euch verſichern, mein guter Freund Wolf,“ ſagte der junge Mann;„denn was Ihr auch denken möget, ſo war dies ein eben ſo großes Verbrechen, als ob Ihr Jeman⸗ dem die Börſe geſtohlen, oder die Gurgel abgeſchnitten hättet. Es wurden, glaube ich, zwei Schüſſe abgefeuert — die junge Dame iſt eine Erbin, und die gewaltſame Entführung einer Erbin iſt eben ſo ſtrafbar, als ein Straßenraub, denn man ſtiehlt ſie gleichſam ihr ſelbſt. Wenn Ihr daher Luſt habt, Euren Hals aus der Schlinge zu ziehen, ſo werdet Ihr mir ſofort ſagen, wer er iſt.“ Der Mann ſteckte die Haͤnde in die Taſchen und ſah ſeinen Inquirenten mit einem mürriſchen Geſichte an, auf welchem die Furcht mit der Hartnäckigkeit zu kämpfen ſchien; einen Augenblick darauf aber fügte Ned Hayward ſeiner Frage noch das Anhängſel hinzu: „Ich glaube ganz gewiß, es war ein gemeiner Kerl, der es auf ihr Geld abgeſehen hatte.“ „RNein, zum Teufel, das iſt er nicht,“ rief der Andere,„er iſt der Sohn eines vornehmen Mannes und noch dazu eines ganz verteufelt reichen.“ „Aha, Mr. Wittingham's Sohn!“ rief Ned Hay⸗ ward.„Jetzt verſteh ich Euch,“ und er lachte auf die ihm eigenthümliche helle luſtige, Weiſe, die Mr. Gimlet erſt wüthend, dann aber geneigt machte, in das Geläch⸗ ter mit einzuſtimmen. „Und nun, lieber Freund,“ fuhr Ned Hayward fort, indem er die Hand auf Wolfs Schulter legte, „könnt Ihr aufſtehen und Eures Weges ziehen. Ihr habt einen großen Bock geſchoſſen und mich für einen Beamten gehalten, dem ich nun aber weiter nicht in ſein Handwerk zu pfuſchen Luſt habe— nämlich für einen Polizeidiener. Wenn Ihr aber von mir Rath annehmen wollt, ſo werdet Ihr nebſt Mr. Wittingham Euch ſolche Streiche nicht wieder einfallen laſſen, denn dann könnte es Euch weit ſchlimmer ergehen; und Ihr könntet Euch wohl auch auf ein ehrlicheres Handwerk legen, als die Forellen zu behexen, Faſanen und Haſen 9* in Schlingen zu fangen und heimlich Rebhühner zu ſchie⸗ ßen. Nach dem Grundſatze, daß ein Dieb der beſte Aufſeher über andere Diebe iſt, wäret Ihr, glaube ich, als Flurſchütz recht gut zu gebrauchen, und ich werde in dieſen Tagen nach Eurer Wohnung auf dem Moor kom⸗ men und weiter mit Euch darüber ſprechen. Ich zweifle nicht, daß Ihr mir ſagen könnt, wo ein guter Platz zur Fiſchotter⸗ oder Dachsjagd und dergleichen Din⸗ gen iſt.“ „Hol mich der Teufel, Ihr ſeid ein kaltblütiger Mann!“ rief Mr. Gimlet, indem er aufſtand und Capi⸗ tain Hayward anſah, als ob er nicht recht wüßte, ob er ihn zu Boden ſchlagen ſolle oder nicht. „Ich bin,“ antwortete unſer Freund Ned mit ruhi⸗ gem Lächeln,„ganz kaltblütig und immer kaltblütig, wie Ihr auch finden werdet, wenn Ihr mich beſſer ken⸗ nen lernt. Was den heutigen Vorfall betrifft, ſo werde ich von dieſer Fiſchgeſchichte weiter keine Notiz nehmen, und in Bezug auf Mr. Wittingham's Verfahren vom vori⸗ gen Abend mir die Sache ein Wenig überlegen, ehe ich handle. Ihr werdet wohl thun, es ihm zu ſagen, ſobald Ihr ihn ſehet, damit er ſich fein artig beträgt und ſomit guten Morgen, Freund.“ So ſagend drehte ſich Ned Hahward um und ging nach der Stadt zu, ohne ſich ein einziges Mal umzuſe⸗ hen, ob ſein geweſener Arreſtant die Abſicht habe, ihm — 133— hinterrücks Eins auszuwiſchen oder nicht. Hätte er ge⸗ wußt, was in des würdigen Mr. Gimlet's Herzen vor⸗ ging, ſo hätte er doch vielleicht einige Vorſicht gebraucht; denn der ehrenwerthe Fiſchjäger war bedeutend aufgeregt, obgleich aber der gute und der böſe Geiſt mit einander in ſeiner Bruſt kämpften, ſo gewann doch der gute end⸗ lich die Oberhand und er rief:„Nein, zum Teufel, ich wills doch nicht thun!“ Worauf er mit langſamem, nach⸗ denklichem Schritte wieder den Fluß hinauf nach dem Fußwege ging, der nach dem Moor hinüber führte. Auf dieſem Wege werde ich ihn vor der Hand ver⸗ laſſen, und bitte den Leſer, auf irgend ein Lieblingsroß zu ſteigen, das er gerade im Stalle hat— es ſei ein Steckenpferd oder ein anderes— und mit mir luſtig zurück zu galoppiren, um einige Freunde nachzuholen, die wir ſehr weit hinter uns gelaſſen haben. Siebentes Kapitel. Welches den Leſer mit Miß Slingsby bekannt macht. Der Leſer wird ſich erinnern, daß wir eine Dame mit ihrer Tochter, eine Mrs. und Miß Clifford, wie Ned Hahward ſpäter erfuhr, an der Thüre von Sir John Slingsby's Haus, welches in der Mitte des ſoge⸗ nannten Tarningham⸗Parks lag, haben ſtehen laſſen. Alles, was Ned Hayward(ebenſo wie der Leſer) von der Geſchichte dieſer Damen in dem Augenblick, wo er ſie verließ, nachdem er ihnen aus dem Wagen geholfen, wußte, war Folgendes: daß die ältere Dame herbeige⸗ rufen worden war, um ihren ältern Bruder vor ſeinem Tode noch ein Mal zu ſehen, da man ihn beſchuldigte, die Gicht im Leibe zu haben, daß ſie nebſt ihrer Toch⸗ ter auf offener Heerſtraße von drei Männern angehalten worden, von denen wenigſtens zwei Piſtolen bei ſich führten; daß ſie von Capitain Hahward ſelbſt und noch — 135— einem Herrn aus den Händen der Räuber, oder was dieſe ſonſt ſein mogten, befreit worden waren, daß bei ihrer Ankunft in Tarningham⸗Haus dieſes keineswegs wie ein Trauerhaus ausſah, und daß die Antwort des Kellermeiſters in Bezug auf Mrs. Clifford's Fragen nach dem Befinden ihres Bruders gelautet hatte:„Ganz wohl, Madame, ich danke Euch,“ und noch dazu im gleichgültigſten und alltäglichſten Tone ausgeſprochen worden war. Gerade in dem Augenblicke, als Mrs. Clifford dieſe Antwort erhielt, nahm Ned Hahward Abſchied, ſtieg wieder auf ſein Pferd und ritt zurück nach Tar⸗ ningham und nachdem er fort war, blieb Mrs. Clifford wenigſtens dreißig Secunden lang über jene, ihr ſehr ſelt⸗ ſam vorkommende Antwort ganz verblüfft ſtehen. Als ſie ſich von dieſer Verblüfftheit allmälig erholte und eine Ahnung von dem wirklichen Stande der Sachen zu bekommen ſchien, wendete ſie ſich mit beſorgtem Blick zu ihrer Tochter, worauf Miß Clifford, welche denſelben, ohne mündlicher Erläuterung zu bedürfen, vollkommen verſtand, ſogleich antwortete:„Ihr werdet am Beſten thun, hineinzugehen, liebe Mama,“ ſagte ſie,„die arme Iſabelle würde es ſehr übel nehmen, wenn Du es nicht thäteſt, und überdies mögte es auch ſehr gefährlich ſein, wenn wir heute Nacht wieder zurück wollten, ohn⸗ Schutz bei uns zu haben.“ 4 — 136— Mrs. Clifford zögerte noch ein Wenig, mittlerweile aber hatte ein kleines Nebenſpiel Statt gefunden, wodurch die Frage ſofort entſchieden ward. Der Kellermeiſter hatte einen Bedienten herbeigerufen, und der Bediente hatte einen Koffer und einiges kleinere Gepäck aus dem Kutſchkaſten genommen. Mrs. Clifford's Name war ein paar Mal genannt worden, ein durch die Hausflur gehendes Kammermädchen hatte die Geſichter der beiden Damen bei dem Scheine der großen Lampe erkannt, und einen Augenblick darauf trat aus einer Thüre auf der entgegengeſetzten Seite der Vorhalle eine ſchöne, anmu⸗ thige Geſtalt heraus, welche ausſah, wie eine zur Tafel angekleidete Hebe. „O meine liebe Tante!“ rief ſie auf Mrs. Clifford zuſpringend und ſie umarmend.„Und auch Du, meine liebe Mary! Das iſt wirklich ein unerwartetes Vergnü⸗ gen! Aber kommt herein, kommt herein in das Geſell⸗ ſchaftszimmer, die Leute werden ſchon Eure Sachen hineinſchaffen— es iſt Niemand drinn,“ fuhr ſie fort, als ſie ſah, daß ihre Tante ein Wenig zögerte,„ich bin ganz allein und werde es für die nächſten zde Stunden auch bleiben, hoffe ich.“ Mrs. Elifford ließ ſich in eim ſchönes, großts, alt⸗ modiſches Geſellſchaftszimmer führen, und nun brgannen die gegenſeitigen Erklärungen. „Alſo, Iſabelle, Ihr habt mich heute Abend nicht — 137— erwartet?“ ſagte die ältere Dame zu der ſchönen Hebe. „Dann hat uns Jemand entweder zum Scherz oder aus Muthwillen einen Streich geſpielt. Haſt Du den Brief bei Dir, Mary?“ Er befand ſich jedoch in Mrs. Clifford's Schreib⸗ pult, wie denn Briefe alle Mal irgendwo liegen, wo man ſie nicht finden kann, wenn man ſie braucht; die Sache klärte ſich aber bald dahin auf, daß Mrs. Clif⸗ ford an demſelben Tage gegen vier Uhr einen Brief, angeblich von der Haushälterin zu Tarningham⸗Haus, erhalten hatte, worin ihr gemeldet ward, daß ihrem Bruder Sir John Slingsby die Gicht plötzlich in den Leib getreten ſei und daß man mit jeder Stunde ſeinem Ende entgegenſehe, daß Miß. Slingsby viel zu aufgeregt. ſei, um ſelbſt ſchreiben zu können, daß aber Sir John den innigſten Wunſch ausgeſprochen habe, ſeine Schwe⸗ ſter noch ein Mal zu ſehen, ehe er ſtürbe. „Gerechter Gott!“ rief die ſchöne Iſabelle,„wer kann denn das gethan haben?“ Und dann lachte ſie ruhig vor ſich hin und fügte hinzu:„Nun auf alle Fälle habe ich dieſem Betruge die Freude Eures Beſuchs zu danken, Nichts deſto weniger aber iſt es doch ein ſchänd⸗ licher Streich.“* „Du haſt noch nicht Alles gehört, Iſabelle,“ ent⸗ gegnete Mrs. Clifford,„denn wir ſind zwiſchen hier und Tarningham angefallen worden und würden — 138— beraubt— vielleicht gar ermordet worden ſein, wenn nicht zwei Herren uns zu Hülfe gekommen wären. Gütiger Himmel, es wird mir ganz ohnmächtig zu Muthe, wenn ich daran denke.“ Und ſie ſank in einen der großen Lehnſtühle und legte die Hand an die Stirn, während ihre Wange etwas bleich ward. „Trinkt doch ein Wenig Wein, meine liebe Tante,“ rief Iſabelle, und ehe Mrs. Clifford ſie noch zurückhalten konnte, war ſie ſchon aus dem Zimmer hinaus. Sobald als die Wittwe mit ihrer Tochter allein war, ſchauete ſie mit gedankenvollem und wehmüthigem Blick in dem Zimmer umher. Sie befand ſich in dem Hauſe, wo ſie ihre Kindheit verlebt hatte— ſie befand ſich in demſelben Zimmer, wo ſie in all der Aufregung glücklicher Liebe als Braut nach dem Altar gegangen war. Sie bevölkerte dieſe Räume mit Geſtalten, die dem Auge jetzt nicht mehr ſichtbar waren, ſie rief die geliebten Todten wieder aus dem Grabe hervor, die Eltern, welche ſie geliebt und belehrt hatten, die ſchöne Schweſter, die an ihrer Seite aufgeblüht und verwelkt war. Wie mancher fröhliche, wie mancher ſchmerzliche Auftritt ſtieg auf dieſer Bühne, auf der er Statt gefun⸗ den, wieder in die Erinnerung empor. Alle materiellen Gegenſtände waren noch dieſelben, die Gemälde, die Möbels, das alte eichene Getäfel mit ſeinen geſchnitzten Verzierungen; aber wo waren die, die noch vor ſo — 139— kurzer Zeit neben ihr in dieſem Zimmer ſich bewegt hat⸗ ten— wo war Alles, was hier geſchehen war? Das Grab und die Vergangenheit— das Grab der Menſchen und das Grab der menſchlichen Handlungen hatte ſie aufgenommen, und in dem kurzen Zeitraum von zwan⸗ zig Jahren war Alles verſchwunden und hatte ſich auf⸗ gelöſt, gleich dem Rauche, der zum Himmel emporſteigt und ſich in immer dünnere Wolken ausbreitet, bis Nichts davon mehr übrig bleibt. Sie und ihr Bruder, von welchem viele Umſtände ſie getrennt hatten, waren Alles, was von der Menge fröhlicher Geſichter, die bei dem Umherſchauen in dieſem Zimmer vor ihrem innern Auge auftauchten, noch übrig war. Es traten ihr einige Thränen in die Augen, und Mary, welche neben ihr ſtand und ihr in's Geſicht ſchaute und darin mit der ſchnellen Erkenntniß der Liebe die Bewegung las, welche ſolche Schatten auf der Stirn der geliebten Mutter her⸗ vorrief, kniete neben ihr nieder, ergriff ihre Hand und ſagte innig:„Mama, liebe Mama, ich weiß, daß Euch dies ſchmerzlich iſt, aber ich bitte Euch um meinet und Iſabellens willen, laßt den ſchändlichen Betrug, der uns geſpielt worden iſt, zu guten und fröhlichen Folgen führen. Ihr ſeid hier in dem Hauſe meines Onkels, ſöhnt Euch völlig mit ihm wieder aus, ich flehe Euch darum. Ihr wißt, daß er ungeachtet all ſeiner Fehler ein gutes Herz hat, und ich kann nicht umhin zu glauben, daß er — 140— jetzt ein ganz anderer Mann ſein würde, wenn Die, die ihn zu etwas Beſſerm hatten führen können, ſich nicht ſo ganz von ihm zurückgezogen hätten.“ Mes. Clifford ſchüttelte traurig das Haupt. „Mein liebes Kind,“ ſagte ſie,„Du weißt, daß es kein Groll meinerſeits iſt; es war Dein guter Vater, der es mit ſeinem Rufe und ſeiner Stellung nicht ver⸗ einbar fand, Alles gut zu heißen, was hier vorgeht.“ „Aber um Jſabellas willen,“ ſagte Miß Clifford innig, und ehe ihre Mutter antworten konnte, trat die junge Dame, von der ſie ſprach, in's Zimmer, während ihr ein Diener folgte, der einige Erfriſchungen trug. „O, liebe Tante,“ rief ſie, während Wein, Waſſer und Biskuits auf einem kleinen Tiſche neben Mrs. Clif⸗ ford niedergeſetzt wurden,„ich freue mich ſo ſehr, Euch zu ſehen, und habe Befehl gegeben, daß ſogleich das blaue Zimmer auf der Südſeite für Euch in Bereit⸗ ſchaft geſetzt werde und Mary nimmt das Eckzimmer, weil die Fenſter auf beide Seiten hinausgehen, und wenn ſie auf heiterer Laune iſt, kann ſie über die Wieſen und den Fluß, und wenn ſie gedankenvoll geſtimmt iſt auf den dunkeln Wald und die Berge hinausſchauen. Dann befindet ſie ſich auch neben mir und kann daher luſtigen Unſinn auf der einen Seite und ernſten Sinn auf der andern haben, denn ich bin überzeugt, daß Ihr doch eine Zeit lang bei uns bleiben werdet, da Ihr — 141— nun einmal da ſeid, und der Papa wird ſich ſo ſehr freuen.“ „Ich fürchte, daß es nicht ſehr lange wird ſein können, meine Gute,“ entgegnete Mrs. Clifford.„Er⸗ ſtens bin ich, wie es ſcheint, ungebeten gekommen, und zweitens weißt Du auch, Iſabella, daß ich zuweilen ſehr düſter geſtimmt, und vielleicht etwas ungerecht bin, ſo daß mir nicht alle Gäſte zu allen Zeiten gefallen. Wer iſt denn jetzt bei Euch? Es ſchien ziemlich viel Geſell⸗ ſchaft in dem Speiſezimmer zu ſein.“ „O, es ſind einige ſehr alberne Leute da,“ ant⸗ wortete Sir John Slingsby's Tochter lachend,„und ein einziger Geſcheidter. Da iſt zum Beiſpiel Mr. Dabb⸗ leworth, welcher mir während des ganzen Eſſens zu be⸗ weiſen verſuchte, daß ich eine Elektriſirmaſchine ſei, und am Ende ſagte ich ihm, daß ich eher ihn für eine hielte, weil er für mich doch ganz gewiß etwas Abſtoßendes habe, und dann miſchte ſich Sir James Veſtage hinein und beſtand darauf, daß, anſtatt Ellektriſirmaſchinen, die Menſchen Nichts ſeien als cultivirte Affen. Ich ſagte ihm, daß ich darin mit ihm ganz einverſtanden ſei und mit jedem Tage neue Beweiſe ſeiner Behauptung ſähe. Dann oben beim Papa ſaß der alte Mr. Harring⸗ ton, der Fuchsjäger; was der ſagte, weiß ich nicht, denn ich höre nie auf das, was er ſagt, weil man ge⸗ wiß ſein kann, daß es entweder etwas Anſtößiges oder etwas Dummes iſt. Dann war auch noch Charles Harrington da, welcher Viel lispelte und ſich für außer⸗ ordentlich hübſch hielt, und Mr. Wharton, der Advo⸗ kat, welcher Viel nachdachte und Viel trank, und nur ein einziges Mal den Mund aufthat.“ „Aber wer war denn Dein geſcheidter Mann, liebe Iſabella?“ fragte Mary, die ſehr gern ihre ſchöne Cou⸗ ſine bei heiterer Laune erhalten wollte, in der Hoff⸗ nung, daß Mrs. Clifford dadurch von trübern Gedanken abgewendet werden mögte. „O wer anders, als der gute Doctor Miles,“ antwortete Miß Slingsby,„der über Jedermann ſchalt und grollte, und ſelbſt den Papa nicht frei ausgehen ließ. In ein oder zwei Stunden wird ſich jedoch die ganze Geſellſchaft nach und nach entfernen, und mitt⸗ lerweile kann ich Euch fuͤr mich allein haben.“ „Alſo bleibt Niemand bei Euch im Hauſe, Iſa⸗ bella?“ ſagte Mrs. Clifford.„Ich hörte in Tarning⸗ ham, daß Dein Vater Beſuch aus London erwartete.“ „Nur eine Perſon, glaube ich, antwortete die ſchöne Tochter des Hauſes,„aber dieſe iſt noch nicht angekommen, und kommt vielleicht auch nicht. Es iſt ein Capitain Hayward, der vor langen Jahren Fähn⸗ rich bei Papa's Regiment war. Ich habe ihn noch nicht geſehen, aber die Leute ſagen, er ſei der beſte Kerl von der Welt. Du weißt was das heißt, Mary— — 143— ein Mann, der mit Jedem, der ihn dazu auffordert, trinkt, oder reitet, oder jagt, oder fiſcht, und wenn Nichts von Alle dieſem zu thun iſt, ſich aufs Sopha legt und ſchläft. Bitte, bitte, liebe Tante, bleibt bis er fort iſt, denn ich weiß nicht, was ich allein mit ihm im Hauſe anfangen ſoll. Ich muß unbedingt den Papa bitten, noch Jemanden Anders einzuladen, oder mit dem guten Doctor nach Herzensluſt plaudern, nur um mich von der angenehmen Geſellſchaft dieſes Capi⸗ tains Hayward zu erholen.“ „Er iſt ſicherlich eine ſehr unangenehme Perſon,“ entgegnete Mary Clifford;„es iſt ſonderbar, wie ver⸗ kehrt man manche Worte anwendet, ſo bedeutet ein gu⸗ tes Geſchöpf gewöhnlich einen Narren, in einem ſehr achtbaren Mann iſt man ſicher, einen ſehr langweili⸗ gen zu fiuden, und der beſte Mann von der Welt iſt alle Mal—“ Dieſem Moraliſiren ward aber plötzlich ein Ende gemacht, indem die Thüre des Beſuchzimmers aufgeriſ⸗ ſen ward, und Sir John Slingsby hereinſtürzte. Halte einen Augenblick ein, Leſer, und betrachte Dir den Mann, ehe er noch ganz an Dich herankommt. Ehrlicher Jack Slingsbh! Sir John, der Krawallma⸗ cher! Der luſtige alte Jack! Köſtlicher Johnny! Unter allen dieſen Namen war er bekannt, oder verſchiedenen Perſonen, die in verſchiedenen Graden der Bekannt⸗ — 144— ſchaft zu ihm ſtanden, bekannt geweſen. Dieſe runde, behäbige Geſtalt, welche jetzt die weiße Weſte und die ſchwarzſeidenen Hoſen zu zerſprengen drohte, war einſt ſchlank und graciös geweſen; dieſes Geſicht, das jetzt von allen Farben des Traubenſaftes glühte, von dem Oeil de Perdrix auf den Schläfen und der Stirn bis zum tiefen Purpur des alten Portweins auf der Naſe, war einſt weiß und glatt geweſen. Dieſe Naſe ſelbſt, welche ſich jetzt zur mächtigen Herrſchaft über das übrige Geſicht erhob, und ſich, der Himmel weiß wie, über die Karte ſeines Geſichts ausbreitete, wie das Ruſſiſche Reich über die Karte von Europa, war einſt zart und fein gemeißelt wie die Apollo's. Dieſes dünne, weiße, auf dem Wirbel zu einer Kokarde zuſammengebürſtete Haar, welches die nur ſchwer zu verbergende Glatze bedecken ſollte, war einſt eine Fülle dunkler Locken, deren ſich die Stirn eines Jupiter nicht hätte ſchämen dürfen. Noch ſieht man die Spuren früheren Stutzerthums an dem knappen Schuh, dem enganliegenden ſeidenen Strumpf, dem gutſitzenden blauen Frack, und an dem ſchnellen, elaſtiſchen Schritt, mit welchem dieſer um⸗ fangreiche Bauch in das Zimmer getragen wird, kann man abnehmen, welche Rüſtigkeit und Gewandtheit dieſe Glieder einſt beſaßen. Auch liegt noch eine gewiſſe Leichtfertigkeit in dieſem Schritt, welche anzudeuten ſcheint, daß der Mann ſich von der jugendlichen Kraft eruken, die unzweifelhaft verſchwunden iſt, ſich nur mit Bedauern getrennt hat, und daß er gerne ſich und Andern weiß machen mögte, er beſitze ſie noch in ihrer vollen Elaſticität. Doch liegt dabei Nichts Affee⸗ tirtes zum Grunde, und vielleicht iſt es im Grunde nur eine Anſtrengung des Geiſtes, der annähernden Schwä⸗ che des Körpers die Spitze zu bieten, und den Krieg zu führen, ſo gut als ſich's eben thun läßt. Schaut dieſes gutmüthige Lächeln, die brauſende, überfließende, freu⸗ dige Zufriedenheit, welche von jedem Punkte dieſes ro⸗ ſigen Geſichtes ſtrahlt. Wer auf Erden könnte böſe auf ihn ſein? Aergern könnte man ſich zuweilen über ihn, aber böſe ſein niemals. Es iſt offenbar das Geſicht ei⸗ nes Mannes, der Alles in der Welt auf die leichte Ach⸗ ſel nimmt— dem Nichts ſehr ſchwer vorkommt— der keinen Eindruck lange bewahrt— der den Augenblick und ſeine Freuden genießt, und dem es ſchwer wird, in dem, was er thut, das Sündhafte herauszufinden. Er iſt mit einem Worte ein feiſter Schmetterling, wel⸗ cher, obſchon es ihm etwas ſchwer wird, von einer Blume zur andern zu flattern, ſich doch, und zwar mit gutem Erfolge, bemüht, aus Allem Honig zu ſaugen. Mit dieſem ſelben leichtfertigen Schritt, mit dieſem ſelben gutmüthigen ſelbſtzufriedenen Lächeln ging Sir John Slingsby gerade auf ſeine Schweſter los, ſchloß Beauchamp. Erſter Band. 10 — 146— ſie in ſeine Arme, gab ihr einen tüchtigen Kuß und ſchüttelte ſie bei beiden Händen, und rief mit einer run⸗ den, vollen, ſaftigen Stimme: „J, meine liebe Harriet, ich freue mich Dich zu ſehen; das iſt wirklich ſchön und freundlich von Dir; ich konnte kaum meinen Ohren trauen, als die Diener mir ſagten, Du ſeieſt hier, aber ich überließ es ſogleich meiner Tiſchgeſellſchaft, ſich einige Zeit allein den Schnabel zu netzen, und komme um mich von Deiner Anweſenheit zu überzeugen. Und Du biſt auch da, Mary, meine kleine Heilige; wie geht Dir's denn, mein gutes Mädchen?“ „Wir ſind,“ entgegnete Mrs. Clifford,„durch einen ſehr ſchändlichen Streich hierher gelockt worden, John.“ Und ſie begann ihm nun zu erzählen, was für einen Betrug man ihr geſpielt hatte. „Die Gicht,“ rief Sir John,„die Gicht im Leibe! Das müßte eine verteufelt große Gicht ſein, die ihren Wohnſitz in meinem Leibe aufſchlagen wollte, ſonſt mögte ſie das Haus wohl ein Wenig zu groß finden,“ und er legte mit ſtolzer ſelbſtzufriedener Miene die Hand auf ſeinen breiten Wanſt.„Gicht! Das ſieht doch nicht aus wie Gicht, ſollte ich glauben!“ Und er ſtreckte ſei⸗ nen netten Fuß und zierlichen wohlgeformten Knöchel vor.„In meinem ganzen Leben hat mir ein einziges Mal ein Anfall von Gicht gedroht, und ich kurirte, ihn — 147— in einem Nachmittage— mit drei Flaſchen Champagner und einem Glas Branntwein,“ ſetzte er beiſeite wie⸗ wohl laut zu Mary gewendet hinzu, als ob dieſe eher auf den Scherz einginge, als ihre Mutter.„Alſo wirk⸗ lich, Harriet, Du wäreſt nicht gekommen, wenn Du nicht geglaubt hätteſt, ich läge im Sterben. Laß doch Alles nun gut ſein; vergis und vergib, zu geſchehenen Dingen muß man das Beſte reden; ich weiß, ich bin ein verwünſchter Narr, und thue ſehr Viel albernes Zeug, aber bei meiner Seele, es thut mir leid, ganz gewiß ſehr leid; Du kannſt nicht glauben, wie ſehr ich mich zuweilen ſelbſt verabſcheue, und nicht begreifen kann, von welchem Teufel ich beſeſſen bin. Ich will bereuen, und mich beſſern, bei meinem Leben, das will ich, Har⸗ riet, wenn Du da bleibſt und mir hilfſt.— Blos weil ich immer ſo ganz allein gegen die Verſuchung zu kämp⸗ fen habe, unterliege ich ſo oft, aber alle zehn Minuten ſage ich zu mir ſelbſt: was für ein alter Narr Du biſt, Jack Slingsby! Du wirſt alſo. nun dableiben, und mein Haus ein Wenig in Credit bringen helfen, Du warſt ja ſonſt immer ein gutes Mädchen. Vergiß und vergib, vergiß und vergib!“ „Mein lieber John, ich habe Nichts zu vergeben,“ antwortete Mrs. Clifford.„Du weißt fehr wohl, daß ich Alles in der Welt thun würde, um Dein Glück zu befördern, und ich wünſchte es immer, aber—“ 10* — 448— „Ja ja, es war Dein Mann,“ antwortete Sir John, indem er eine augenblickliche Wolke auf dem Ge⸗ ſichte ſeiner Schweſter hervorrief.„Na, er war ein guter Mann— ein ausgezeichneter Mann— ja und auch ein freundlicher Mann, und er hatte im Grunde genommen ganz verteufelt recht, das kann ich gar nicht anders ſagen. Was konnte er auch in ſeiner Stellung thun? Von einem Diakonus und ſpäter gar Archidia⸗ konus konnte man nicht erwarten, daß er das Trinken und Singen und Lärmen, was bei mir an der Tages⸗ ordnung war, gutheißen ſollte; aber auf Ehre, Har⸗ riet, ich will der Sache ein Ende machen. Du ſollſt ſehen, daß ich heute Abend kein einziges Glas weiter trinke, und ich will die ganze Geſellſchaft binnen einer halben Stunde ihrer Wege ſchicken. Ich werde gleich wieder in das Speiſezimmer gehen und Kaffee bringen laſſen, da werden ſie ſchon merken, wie Viel es geſchla⸗ gen hat, verſtehſt Du? Bella wird mittlerweile für Dich ſorgen, und ich bin in einer halben Stunde wieder da— es wird wirklich die höchſte Zeit, daß ich mich beſſere, denn ſogar dieſer Affe fängt an, mich zu hof⸗ meiſtern.“ „Ich erwarte mit jeder Stunde einen ganz capita⸗ len Beſuch— den beſten Kerl von der Welt— heiter wie eine Lerche und munter wie ein Eichhörnchen; er hat ſich aber immer ſehr brav gehalten, und niemals — 149— Karte geſpielt, der verwünſchte Kerl, auch habe ich ihn niemals betrunken geſehen. Daß er ſich manchmal be⸗ trinkt, bezweifle ich nicht, denn das muß jeder richtige Mann, nur ſcheint er es verteufelt geheim zu halten. Alſo mit einem Worte, mache Dir's bequem.“ Und ohne abzuwarten, was ihm ſeine Schweſter über ihre unterwegs erlebten Abenteuer mitzutheilen habe, trip⸗ pelte Sir John Slingsby wieder zum Zimmer hinaus, und leerte ungeachtet aller ſeiner guten Entſchlüſſe zwei Drittel einer Flaſche Claret, während die Diener den Kaffee auftrugen. „Das iſt ein etwas günſtigerer Bericht über den Gaſt, den Ihr erwartet, Iſabella, als ſich hätte ver⸗ muthen laſſen,“ ſagte Mrs. Clifford, ſobald als Sir Jehn Slingsby fort war.„Ein junger Mann, der bei dem Regimente Deines Vaters weder geſpielt noch ge⸗ trunken hat, muß eine ſeltene Ausnahme geweſen ſein, denn es thut mir leid zu ſagen, daß dieſes Regiment ſchon lange zuvor, ehe er es bekam, in dieſer Hinſicht in ſchlechtem Rufe ſtand, und ich glaube, daß er viel Schaden davon gehabt hat.“ „Papa iſt ſo gutmüthig,“ entgegnete Miß Slings⸗ by,„daß er mit ſich machen läßt, was die Leute Luſt haben. Ich bin überzeugt, daß er Alles zu thun wünſcht, was recht iſt.“ Mes. Clifford ſchwieg einige Augenblicke, und gab dann dem Geſpräch eine andere Wendung, aber in dem Hauſe ihres Bruders war ſie faſt wie ein Reiſender, der durch eine Gegend reitend, ſich plötzlich und unerwartet in der Mitte eines zitternden Moorgrundes, wie man es in Schottland nennt, findet— welchen Weg ſie auch einſchlagen mogte, überall ſchien der Boden unter ihr zu wanken. Sie ſprach von dem alten Park und den ſchönen Bäumen und zu ihrem Entſetzen hörte ſie, daß Sir John drei Hundert prächtige Eichen habe umhauen und verkaufen laſſen. Sie ſprach von einer Art Muſter⸗ wirthſchaft, auf welche ihr Vater ſehr ſtolz geweſen war, und nach einigen Augenblicken des Schweigens fand es Iſabella, um zu verhindern, daß dieſe Sache vor den Ohren ihres Vaters zur Sprache käme, gerathen, ihrer Tante zu ſagen, daß Sir John, welcher ſich mit der Wirthſchaft nicht gern abgebe, dieſe vor etwa drei Mo⸗ naten an Mr. Wharton, dem Advokaten, verkauft habe. „Er konnte nicht gleich einen Pächter dazu finden,“ fuhr ſie fort,„und unbewirthſchaftet wollte er das Gut auch nicht laſſen, daher ließ er ſich überreden, es zu verkaufen, und nahm ſich vor, für das Geld einige andere an unſere Beſitzungen grenzende Grundſtücke anzukaufen.“ „Ich hoffe doch, daß Mr. Wharton einen guten Preis dafür bezahlt hat?“ ſagte Mrs. Clifford. „Ich weiß es wirklich nicht,“ antwortete ihre Nichte, „der Mann gefällt mir durchaus nicht.“ „Mir auch nicht,“ ſagte Mary Clifford. „Und mir auch nicht,“ ſetzte ihre Mutter nachdenk⸗ lich hinzu. Mr. Wharton ſtand offenbar bei den Damen durch⸗ aus nicht in Gunſt, und da Damen gewöhnlich Recht haben, ſo kann man dreiſt annehmen, daß er wirklich ein ſehr ſchlechter Menſch war. Um in das Vergnügen einer ſolchen Unterhaltung einige Abwechſelung zu bringen, ließ Miß Slingsby bald darauf Thee bringen, in der Hoffnung, daß ihr Vater zurückkehren werde, ehe man damit fertig ſei. Sir John Stingbh's halbe Stunde jedoch verlängerte ſich zu einer ganzen und noch einer halben, dann aber ließ ſich ein ungeheures lautes Gelächter und Schwatzen, Hin⸗ und Herlaufen, verworrenes Rufen nach Hüten und Ueber⸗ röcken, und endlich Wagengeraſſel und Pferdegetrappel hören, und der Baronet ſelbſt erſchien wieder freundlich und fidel wie vorher. Er verſuchte allerdings den Ton ſeiner Heiterkeit etwas herabzuſtimmen, um ſich den ſtrengeren Begriffen ſeiner Schweſter anzupaſſen, ob⸗ ſchon er aber nicht im Mindeſten betrunken war— und wirklich ſelbſt Babbage's Rechenmaſchine wäre in Verle⸗ genheit gekommen, wenn ſie hätte beſtimmen ſollen, wel⸗ che Quantität Wein dazu gehöre, um ſein Gehirn in den Zuſtand der Trunkenheit zu verſetzen— ſo hatten doch die Getränke, die er zu ſich genommen, eine Wärme in ſeiner Bruſt verbreitet, die ſeine Laune auf einem bedeutend höhern Gipfel erhielt, als mit Mrs. Cliffords Anſichten ganz übereinſtimmte. Nachdem man ſich etwa noch eine halbe Stunde unterhalten, klagte ſie daher über Müdigkeit und begab ſich zu Bett, was ihre Nichte und ihre Tochter ebenfalls thaten, nachdem die erſtere auf den Wunſch ihres Vaters ihm noch ein Lied vorgeſungen, weil er erklärte, er ſchliefe dann alle Mal beſſer. Sir John ſtreckte dann ſeine Beine auf einen Stuhl, um ein paar Minuten über die unerwartete Ankunft ſeiner Schweſter nachzu⸗ denken. Der Prozeß des Nachdenkens aber war ein Ding, an das er durchaus nicht gewöhnt war, und es ward ihm daher auch ziemlich mühſam und ſauer. Nach⸗ dem er es etwa zwanzig Minuten lang probirt hatte, nickte er mit dem Kopf, richtete ſich dann ſchnell wieder in die Höhe und ſagte:„A, aha,“ und verſuchte dann wieder nachzudenken. Dies Mal reichten funfzehn Se⸗ cunden hin, ſein Kopf aber, welcher wußte, daß er ſich durch das raſche Herabneigen bei der erſtern Gelegen⸗ heit ſelbſt geſchadet hatte, ſank jetzt allmälig erſt ſeit⸗ wärts auf die Schulter und von da langſam herum auf die Bruſt. Nach ungefähr einer Viertelſtunde folgte ein tiefes Athmen und dann ein ſchreckliches Schnarchen, das laut genug war, um den würdigen Baronet durch ſeine eigene Trompete aufzuwecken. Auf fuhr er und —— ſtellte ſich etwas wankend auf die Beine, rieb ſich die Augen und murmelte bei ſich ſelbſt:„Es wird Zeit, daß ich zu Bett gehe.“ Dies war der Schluß ſeines Nachdenkens und das logiſche Ergebniß der angeſtellten Betrachtungen. Der nächſte Morgen jedoch erblickte gegen halb zehn Uhr den wackern Sir Jehn ſo friſch, ſo roſenfar⸗ ben und ſo heiter, als je in dem Frühſtückszimmer. Wenn der Wein des Abends keine Wirkung auf ſeine Verſtandeskräfte hatte, ſo hatte er auch am Morgen keine auf ſein Geſundheit und ſein Wohlbefinden; die rothe Fahne, die er in ſeinem Geſichte trug, war das einzige Anzeichen der Thaten, die er gethan, und nachdem er die Damen alle nach der Reihe geküßt, ſetzte er ſich an die Frühſtückstafel und brachte mit ihnen eine Stunde ganz angenehm plaudernd zu. Er war keineswegs ununter⸗ richtet, auch nicht ohne natürlichen Geſchmack und beſaß ein ſehr richtiges theoretiſches Urtheil, welches er aber beklagenswerth ſelten in Anwendung brachte, und er konnte, wenn er Luſt hatte, über viele Dinge ſich ſo wohlan⸗ ſtändig und vernünftig ausſprechen, als nur irgend Einer, während ſeine heitere, gute Laune über Alles einen Sonnenſchein verbreitete, der in ſeiner funkelnden Wärme die Fehler des guten Baronets vergeſſen und ſeine guten Eigenſchaften überſchätzen ließ. Er beſaß auch einen ganz eigenthümlichen Takt, begangene Febl⸗ — 154— griffe zu entſchuldigen, indem er ſich zuweilen offen dazu bekannte und die Verblendung beklagte, die ihn dazu ver⸗ leitet, oder auch indem er zuweilen ausgezeichnet gute Gründe anzuführen wußte, aus denen er Etwas gethan, was viel beſſer ungethan geblieben wäre. Mary und Iſabelle waren vor dem Frühſtück mit einander im Park ſpazie⸗ ren gegangen, um ſich über alle die Dinge auszuſpre⸗ chen, worüber ſich junge Damen ſo Viel zu erzählen wiſſen, wenn ſie einander einige Zeit lang nicht geſehen haben, und Sir John, der ſogleich dachte, daß ſeine Nichte die Vernichtung bemerkt haben müſſe, welche unter den alten Bäumen vor ſich gegangen, fragte ſie auf die unbefangenſte Weiſe von der Welt, ob ſie die Verſchönerungen bemerkt habe, die er jetzt in ſeinem Parke bewirken laſſe. Marhy Ciifford antwortete:„Nein,“ und ſchaute ihre Couſine fragend an, worauf Sir John ſogleich ausrief: „Nun mein Himmel, haſt Du denn nicht die Allee geſehen, die ich jetzt aushauen laſſe? Das wird die ſchönſte Fernſicht von der Welt. Erſt gehſt Du von dem Hauſe um die hintere Seite des Waldes herum, ſteigſt auf dem von uns ſogenannten breiten Wege lang⸗ ſam den Hügel hinauf, und wenn Du dann den Gipfel erreichſt haſt, ſo haſt Du eine prächtige Ausſicht durch eine Art Waldwieſe hinab, während rechts und links — 155— die alten Bäume über die Gruppen junger Fichten in der Tiefe emporragen, hier und da den Fluß durch⸗ blicken laſſen und die Parkmauer ganz verdecken, bis das Auge über die Wieſen hinſtreift und an der Kirche von Tarningham haften bleibt; dann ſchweift es noch weiter und erblickt Euer Steenham, welches wie ein weißer Flecken an dem Abhange des Hügels ſich zeigt, während die Ausſicht durch die jenſeits liegenden Anhö⸗ hen geſchloſſen wird. Meine liebe Mary, es iſt dies die großartigſte Verſchönerung, die je in einem Park gemacht worden— wir wollen gehen und das Ding in Augenſchein nehmen.“ Die eigentliche Urſache dieſer Verſchönerung war aber, daß Sir John Slingsby vor etwa vier oder fünf Monaten ſehr nothwendig drei Tauſend Pfund gebraucht und beſchloſſen hatte, eine gewiſſe Anzahl ſeiner Bäume in Banknoten zu verwandeln; da er aber, wie ich ſchon geſagt habe, ein Mann von gutem Geſchmack war, ſo hatte er das Fällen der Bäume ſo angeordnet, daß der Schönheit des Parks dadurch ſo wenig Eintrag geſchah, als möglich. Nichts deſto weniger meinte er das, was er zu Mary Clifford geſagt hatte— ſo ſonderbar es auch ſcheinen mag— vollkommen aufrichtig, denn er war einer jener Leute, welche alle Mal zuerſt ſich ſelbſt täuſchen und von denen man dann kaum ſagen kann, daß ſie Andere täuſchen. Es iſt eine Art von anſtecken⸗ — 156— der Krankheit, die ſie haben, weiter iſt es Nichts, und ſie theilen ſie Andern mit, nachdem ſie ſelbſt davon be⸗ fallen worden. Ehe er noch einen einzigen Baum hatte fällen laſſen, war er ſchon vollſtändig überzeugt, daß er dadurch eine ausgezeichnete Verbeſſerung ins Werk ſetzen werde, und ganz ſtolz darauf, ſeinen Park verſchönert und gleichzeitig drei Tauſend Pfund baares Geld erlangt zu haben. Ohne Zweifel würde er, wenn das Geſpräch darauf gekommen wäre, eine eben ſo gute Entſchuldi⸗ gung, einen eben ſo triftigen Grund und ein eben ſo richtiges Motiv zum Verkauf der Muſterwirthſchaft vor⸗ zubringen gewußt haben, da dies jedoch nicht der Fall war, ſo ſprach man über verſchiedene andere Gegenſtände weiter, bis plötzlich ſich die Thüre öffnete, der Keller⸗ meiſter, der beinahe eben ſo dick war, als ſein Herr, langſam und feierlich drei Schritte vorwärts that und meldete:„Kapitain Hayward.“ Sir John ſprang ſogleich auf und die drei Damen erhoben gleichzeitig die Augen, theils mit jener eigen⸗ thümlichen Art von Neugierde, welche die Leute fühlen, wenn ſie in die Höhle irgend eines ſeltenen wilden Thie⸗ res ſchauen, und theils mit dem Grade von Intereſſe, welches wir Alle an der äußern Form und Erſcheinung eines Mitmenſchen finden, von dem ein gewiſſer Theil des Vergnügens oder des Schmerzes, der Unterhaltung — 157— oder der Langweile der nächſten wenigen Stunden abhängt. Einen Augenblick darauf ſtand unſer Freund Ned Hay⸗ ward im Zimmer. Er war ſehr wohlgekleidet und ſah gut aus, wie ich ihn ſchon in ſeinem Reitanzuge beſchrie⸗ ben habe. Der Gentleman ſah aus jeder Linie und jeder Bewegung heraus und ſein offenes, angenehmes Lächeln, ſein klares freimüthiges Geſicht waren ſchon auf den erſten Anblick ſehr einnehmend. Sir John ſchüttelte ihm warm die Hand und obſchon des Baronets Geſicht ſeit den letzten Jahren ſo geblüht und geknospet hatte, daß der junge Herr es ſchwierig fand, ſeinen frühern Oberſt wieder zu erkennen, ſo erwiderte doch Ned Hay⸗ ward ſeinen Händedruck mit gleicher Herzlichkeit und ſah ſich dann um, als ſein Wirth ihn auf Miß Slingsby zuführte und ſie einander vorſtellte. Groß war das Erſtaunen ſowohl des Baronets als ſeiner Tochter, als ſie ſahen, wie Mrs. Clifford aufſtand und mit freund⸗ lichem Lächeln die Hand dem neuen Gaſte entgegenſtreckte und wie auch Mary Clifford dem Beiſpiele ihrer Mut⸗ ter folgte und gleich wie einen alten Freund denſelben Mann bewillkommte, den ſie noch den Abend vorher nicht einmal dem Namen nach zu kennen geſchienen hatten. „Aha, Ned,“ rief Sir John,„was iſt das, Junge? Habt Ihr auf meiner Reviere gejagt, ohne mich Etwas davon wiſſen zu laſten? Auf Ehre, Harriet, Du haſt — 158— Deine Bekanntſchaft mit meinem kleinen Fähnrich ziem⸗ lich ſchlau geheim geharten.“ „Unſere Bekanntſchaft iſt noch eine ganz neue, John, hat mir aber bereits die unſchätzbarſten Dienſte geleiſtet.“ Und ſie fuhr mit wenigen Worten fort, ihrem Bru⸗ der zu erzählen, welchen Dank ſie Capitain Hayward für ſeine recht zeitige Hülfe am vorigen Abend und für die Artigkeit ſchuldig ſei, mit der er ſie unter ſeinem Schutze bis an die Thüre des Hauſes geleitet habe. Sir John faßte ſogleich ſeinen Gaſt bei den Klappen ſeines Rockes und rief: „Und weshalb zum Teufel kamt Ihr denn nicht mit herein, Ihr Schlingel? Was, Ned Hayward, ein erwarteter Gaſt, ſteht an meinem Thore und kommt nicht herein? Ich kann Euch ſagen, wir würden Euch herzlich empfangen haben, Ihr hättet wegen Eures ſpäten Kommens ein paar Flaſchen zur Strafe trinken müſſen und wäret betrunken wie ein Stier zu Bett ge⸗ gangen.“ 5—. Ned Hayward warf den Damen ringsrum einen heitern Blick zu, als ob er ſie fragen wollte, ob ſie dies für eine ‚große Verlockung hielten; er antwortete jedoch:. „Seltſamerweiſe wußte ich gar nicht einmal, daß dies Euer Haus war, Sir John.“ Und da wir nun unſern Freund Ned Hayward ganz behaglich zwiſchen zwei außerordentlich ſchöne Mäd⸗ chen von ſehr verſchiedener Schönheit, und verſchiedenem Temperament placirt haben, ſo will ich die weitere Lei⸗ tung ſeiner Carriere dem Schickſal überlaſſen und mich einem andern Auftritte zuwenden, der Haywards An⸗ kunft in Tarningham⸗Haus vorausgegangen war. Achtes Kapitel. Ned Hayward und Beauchamp ſtatten Mr. Wittingham einen Beſuch ab. . Der Menſch ſieht niemals mehr, als die Hälfte einer Sache, kennt niemals mehr, als die Hälfte einer Sache, und verſteht niemals mehr, als die Hälfte einer Sache und auf dieſes halbe Sehen, dieſe halbe Kenntniß und dieſes halbe Verſtehen hin handelt er und ergänzt den Mangel ſeines Wiſſens durch ein Errathen des Ue⸗ brigen, wobei es mehr als wahrſcheinlich iſt, daß er Unrecht anſtatt Recht hat. Das iſt die Moral des hier folgenden Kapitels. Nach Ned Hayward's Unterredung mit Stephan Gimlet, genannt Wolf, richtete unſer Freund ſeine Schritte zurück nach Tarningham und kam etwa um acht Uhr wieder in dem weißen Hirſch an. In unge⸗ fähr drei Viertel Stunde hatte er ſich raſirt, angekleidet und ſich das Haar gebürſtet und ging dann hinunter — 161— nach dem kleinen Stübchen, in welchem er den vorher⸗ gehenden Abend zugebracht hatte, und trat gerade in dem Augenblick ein, als Mr. Beauchamp ſich zum Frühſtück niederſetzte. Obſchon der Letztere ſeinem neuen Bekann⸗ ten herzlich die Hand ſchüttelte und ſeine Anweſenheit in dem Zimmer als Erwas zu betrachten ſchien, was ſich von ſelbſt verſtände, ſo glaubte doch Ned Hayward ſich wegen ſeines Eindringens entſchuldigen zu müſſen, indem er hinzufügte:„Ich werde Euch nicht mehr lange zur Laſt fallen, denn bald nach dem Frühſtück will ich mich zu Sir John Slingsby aufmachen.“ „Ich verſichere Euch, es thut mir leid, das Ver⸗ gnügen Eurer Geſellſchaft ſobald wieder entbehren zu müſſen,“ entgegnete Beauchamp, und dann fügte er zu dem Mädchen gewendet, welches eben einen Teller mit geröſtetem Schinken gebracht hatte, hinzu:„Bringt noch einige Taſſen, gutes Kind.“ „Und auch noch etwas Schinken und ein kaltes Huhn,“ fügte Ned Hayward hinzu,„ich habe Appetit wie ein Menſchenfreſſer, und wenn Du nicht ſchnell machſt, Kind, ſo beiß ich Dir ein Stück aus Deinen rothen Backen, damit ich nur Etwas in den Magen bekomme.“ „J lieber gar!“ rief das Mädchen mit kokettirendem Kichern, aber ſie lief fort, um das Verlangte zu holen, als ob ſie wirklich die Folgen von Ned Haywards Appetit Beauchamp. Erſter Band. 11 — — 162— fürchtete, und ſobald ſie hinaus war, ſagte der junge Capitain: „Ich habe Neuigkeiten für Euch mitgebracht, Beau⸗ champ, aber ich will warten, bis das Zimmer rein iſt, bevor ich ſie Euch mittheile. Ich bin dieſen Morgen ſchon ausgeweſen, weit jenſeits der Berge und habe daher mein Frühſtück wohl verdient.“ „So!“ rief ſein Freund mit einem Blick der Ueber⸗ raſchung.„Ihr ſeid wirklich ein thätiger Feldherr; Ihr hättet aber Eure Waffengenoſſen von Euern Bewegun⸗ gen in Kenntniß ſetzen ſollen, dann hätten wir vielleicht vereint operiren können.“ „Es war keine Zeit zu verlieren,“ antwortete Hay⸗ ward. . In dieſem Augenblick aber kam das Mädchen mit dem kalten Huhn, der Schinken fehlte noch und erſt als das Frühſtück ſchon halb vorüber war, konnte der junge Offizier ſeine Geſchichte erzählen. Als er damit bis zu den erſten Geſtändniſſen Mr. Gimlets gekommen war, rief Beauchamp begierig:„Und was war denn an der ganzen Sache?“ 2 „Es war Richts als ein Liebeshandel,“ antwortete Ned.„Nun habe ich, mein lieber Beauchamp, mit allen Verliebten ſo viel Mitleiden, als ob ich eine alte heirathſtiftende Wittwe wäre, und deshalb glaube ich, iſt — 163— es am Beſten, wenn wir die Sache ganz ſtill auf ſich beruhen laſſen.“ „O ganz gewiß,“ antwortete Beauchamp,„ich bin in ſolcher Sache eben ſo zartfühlend als Ihr, aber ſeid Ihr auch der Sache ganz gewiß? Denn mir kam die Sache als eine ziemlich ſonderbare Brautwerbung vor.“ „Das iſt ſehr richtig,“ entgegnete Hayward,„die Geſchichte iſt aber nichts deſto weniger wahr. Die junge Dame iſt eine Erbin, die Mutter ſtreng und erwartet wahrſcheinlich, daß ihre Tochter eine vornehme Partie machen werde und will daher von der Bewerbung des Jünglings Nichts hören. Er geräth in Verzweiflung und beſchließt mit ächt römiſchem Muthe ſeine Braut zu entführen. Unglücklicherweiſe für ſeine Abſicht kom⸗ men wir dazu und der Raub der Sabinerinnen wird verhindert, aber auf Ehre, ich bewundere den Burſchen wegen ſeines Muthes. Es liegt in ſeiner That etwas Ritterliches, ja noch mehr, etwas Mittelalterliches. Er muß ſich vorkommen, wie ein alter Baron, der das verjährte Recht hatte, mit Jedermanns Tochter, die ihm zuſagte, davon zu laufen, und auf Ehre, mein lieber Beauchamp, ich kann es nicht über mich gewinnen, ihn wegen einer That zur Strafe ziehen zu laſſen, deren muthige, heiße Energie unſer Milch⸗ und Waſſer⸗Jahr⸗ hundert beſchämt. O die Zeiten, wo man Erbinnen entführte, wo man in dreieckigen Hüten und Allongepe⸗ 11* rücken Straßenraub trieb, wo man ſeinem Gegner in Leiceſter-Fields einen Stich unter die fünfte Rippe verſetzte und Herren mit Stöckelſchuhen und betreßten Kleidern zu Secundanten und Präſidenten zu Zuſchauern hatte, wann werden ſie wiederkommen? Dahin ſind ſie, dahin auf immer, mein lieber Beauchamp, in dieſelbe Rumpelkammer, wo das brocatne Kleid unſerer Groß⸗ mutter liegt, und mit ihnen iſt der letzte Funke von dem Geiſte der Ritterlichkeit verlöſcht.“ „Sehr wahr,“ antwortete Beauchamp über die Tirade ſeines Stubengenoſſen lächelnd,„jene Tage hat⸗ ten allerdings einen abenteuerlichen Anſtrich, der ſie nicht der Langweile zum Raube werden ließ, aber ſie beſaßen dabei auch zugleich eine höchſt ſeltſame Geziertheit; bei den wildeſten Exceſſen herrſchte noch eine Formalität, bei der größten Ausgelaſſenheit eine Sproͤdigkeit, die man nur dem Schnitte ihrer Kleider zuſchreiben kann. Es findet in dieſer Hinſicht eine geheimnißvolle Wechſel⸗ wirkung Statt, darauf verlaßt Euch, Hayward, und ob nun die Kleider den Menſchen beſtimmen oder der Menſch die Kleider, das weiß ich weiter nicht, aber die große innere Harmonie der Natur läßt ſich niemals verletzen und der Zeitgeiſt iſt in den Röcken, Weſten und Hoſen der einer Periode angehörigen Menſchen weit beſſer dar⸗ 8 geſtellt, als in den albernen Bünhern, die darüber von Zeit zu Zeit geſchrieben werden.“ Dies war das erſte Mal, daß Ned Hayward ſei⸗ nen neuen Bekannten im ſcherzenden Tone ſprechen hör⸗ te, Beauchamp fuhr aber ſogleich in ernſthaftem Tone fort und ſagte:„Doch ſehe ich im Grunde genommen nicht gut ein, wie wir dieſe Sache ſo ganz auf ſich be⸗ ruhen laſſen können. Fern ſei es von mir, irgend ei⸗ nen Mitmenſchen böswillig zu verfolgen; da wir aber über dieſen Raubanfall, wofür wir es hielten, ſchon Anzeige erſtattet und uns erboten haben, unſere Aus⸗ ſage zu beſchwören, ſo können wir unſer Wort nicht gut wieder zurücknehmen. Ohne Zweifel iſt ein großes Verbrechen begangen worden, nicht blos durch den An⸗ griff auf dieſe beiden Damen, ſondern auch durch die gewaltthätige und mörderiſche Art, mit der man ſich ge⸗ gen uns zur Wehr ſetzte und es könnte Richts ſchaden, wenn dieſer junge Herr wenigſtens für die Zukunft eine Lehre erhielt.“ „Allerdings, allerdings,“ antwortete Ned Hahward, nich höre die Kugel noch jetzt mir am Ohre vorbei⸗ pfeifen und ich bin ſehr geneigt, dem Burſchen ein we⸗ nig Angſt zu machen und dem alten Wittingham dazu. Den Letztern will ich, ſo Gott will, vollends den Reſt von ſeinen ſieben Sinnen herausquälen, denn einen auf⸗ geblaſenern, gemeinern alten Dummkopf habe ich in meinem Leben nicht geſehen und deshalb ſchlage ich vor, daß wir ſofort— das heißt, ſobald als ich mit dieſer „ Taſſe Kaffee fertig bin— Ihr habt ſchon ausgetrunken, wie ich ſehe— zu dem guten Mr. Wittingham gehen und ihn mit unſerm kleinen Witz ſo bearbeiten, bis er beinahe dem Mann gleicht, der mit Strohhalmen zu Tode gepeitſcht ward.“ „Na, ſo toll werdet Ihr's doch nicht machen, hoffe ich, aber ich will Euch gern begleiten und auf ehrlichen Kampf zwiſchen Euch und dem Friedensrichter ſehen.“ Dieſer Verabredung zufolge begaben ſich die beiden Herren, ſobald als das Frühſtück vorüber war und Ned Hayward in Bezug auf das Bereithalten ſeines Pferds, ſeines Gepäcks und eines Transportmittels für das letztere die nöthigen Weiſungen ertheilt hatte, nach der Amtsexpedition des Friedensrichters, wo ſie Mr. Witting⸗ ham mit einem Protokollanten, dem zweiten Anwalt des Ortes fanden. Der Letztere war ein Mann, der ſich ſehr gut dazu eignete, der Zubläſer eines unwiſſenden und ein⸗ gebildeten Friedensrichters in einer ſchwierigen Sache zu ſein, vorausgeſetzt, daß dieſelbe nicht von großer Wichtig⸗ keit und er von allen Einzelnheiten genau unterrichtet war. Er war ein kleiner dicker, gedrungener Mann, der an Geſtalt und Ausdruck des Geſichts ſehr viel Ähnliches von einem Chineſiſchen Schweine hatte. Seine Naſe war ger ade ſo eigenthümlich aufgeſtutzt, wie der Rüſſel dieſes Thieres, in ſeinen kleinen Augen lag daſſelbe ſchlaue Blinzeln, die zurücktretenden Unterkiefern ſahen — 167— eben ſo gefräßig und allezeit fertig aus, und wenn er ja einmal in Verlegenheit gerieth, ſo erhob er den Kopf und ließ ein ganz eigenthümliches Grunzen hören, was ſo außerordentlich natürlich klang, daß man ſich kaum des Gedankens erwehren konnte, er ſei ein Mitglied der ſchlammliebenden Heerde. Im gegenwärtigen Falle war er allerdings mit den nähern Umſtänden des Falles, welcher jetzt Mr. Wit⸗ tingham vorgetragen werden ſollte, nicht bekannt. Der Letztere hatte ſich ſehr reiflich überlegt, ob er den Proto⸗ kollanten von Allem, was vorgefallen, in Kenntniß ſetzen, und ihn um ſeinen Rath und Beiſtand erſuchen ſolle. Aber Mr. Wittingham war, wie ich ſchon geſagt habe, vorſichtig, außerordentlich vorſichtig, wenn ſeine Leiden⸗ ſchaft ihn nicht antrieb, der Eingebung des Augenblicks zu folgen, Der Antrieb, ſich auszuſprechen, war aller⸗ dings heftig in ihm und er mußte ſich mehrmals das weiſe Sprichwort:„Lieber ein Wort zu wenig geſagt, als zu viel!“ in's Gedächtniß zurückrufen, ehe er ſich enthalten konnte, ſeinem Protokollanten, Mr. Bacon, ein Wort mehr zu ſagen, als daß am Abend zuvor zwei junge Männer zu ihm gekommen wären und ihm einen Miſchmaſch von einem Raubanfalle erzählt hätten, wovon er aber nicht ein Wort glaube, und daß ſie dieſen Morgen wieder kommen wollten, wo er ihnen dann or⸗ dentlich auf den Zahn fühlen wolle. Nun iſt es wunderbar, wie die allerkleinſten Kunſt⸗ ſtückchen häufig den Künſtler verrathen. Mr. Witting⸗ ham ſagte blos„zwei junge Männer,“ was ſeinen Pro⸗ tokollanten, Mr. Bacon, auf die Vermuthung brachte, daß er niemals zuvor Einen der beiden Männer geſehen habe; als aber Mr. Beauchamp in Begleitung von Ned Hayward erſchien und der Protokollant ſich beſann, daß der Friedensrichter gegen ihn ſehr häufig ſich neugierig darüber geäußert hatte, wer dieſer Mr. Beauchamp wohl eigentlich ſei, wobei er ihm noch die Weiſung er⸗ theilt, in dieſer Hinſicht alle mögliche Erkundigungen einzuziehen, ſo ſagte er natürlich bei ſich ſelbſt:„Aha! Wittingham hat etwas erfahren, was er zu verſchweigen wünſcht. Wäre dies nicht der Fall, weshalb ſagte er dann nicht gleich, daß Beauchamp Einer von den Beiden geweſen ſei? Die Sache hat irgendwo einen Haken, das iſt klar.“ Auf Ned Hayward hefteten ſich die Augen des Protokollanten mit einem ſcharfen, neugierig verwunder⸗ ten Blick, als der junge Mann mit ſeiner flotten, halb militairiſchen, halb weltmänniſchen, feſten und doch leich⸗ ten Haltung, gemeſſen und doch ungezwungen in das Zimmer trat und ſich dem Tiſche näherte. Er war ein Geſchöpf, welches Mr. Bacon in ſeinem Leben noch nicht geſehen hatte, und dieſer machte ein Geſicht, gerade wie ein junges Ferkel, wenn es eine Poſtkutſche vorbei⸗ — — 169— fahren ſieht, eine Minute lang feſt und neugierig ſtehen bleibt, ſich aber anſchickt, im nächſten Augenblick die Schnauze emporzuwerfen, den Schwanz zu ringeln und quikend ſo ſchnell als möglich davon zu rennen. „Nun, Mr. Witherington, ſagte Ned Hayward, wohl wiſſend, daß einen aufgeblaſenen Menſchen nichts mehr ärgert, als wenn man ihn nicht beim richtigen Namen nennt,„hier ſind wir, wie Ihr uns beſtellt habt, und ohne Zweifel werdet Ihr jetzt bereit ſein, unſere Ausſage aufzunehmen, Mr. Witherington.“ „Wittingham, mein Herr,“ ſagte der Friedens⸗ richter, indem er jede Sylbe nachdrücklich betonte,„ich bitte Euch, mich bei meinem richtigen Namen zu nen⸗ nen, und bei keinem andern.“ „Ach richtig, Whittington,“ ſagte Ned Hayward mit der größten Gelaſſenheit,„ich hatte es ganz ver⸗ geſſen, ich wußte wohl, daß ſo ein närriſcher Name in einem alten Liede oder in einer alten Geſchichte vor⸗ kommt, und verwechſelte Euch ſonderbarerweiſe mit dem Mann in der„Schlacht Atterburn,“ von dem es heißt: „Als ihm die Beine abgehauen, Da focht er auf den Stümpfen,“ aber jetzt beſinne ich mich, Ihr ſeid der Sohn des Lord⸗ mayors von London.“ „Nein, Herr, nein,“ rief Mr. Wittingham, deſſen Geſicht vor Zorn ſchon purpuroth ward,„ich bin nicht ſein Sohn und Ihr müßt ein Narr ſein, ſo Etwas zu glauben, denn er iſt ſchon zwei Hundert Jahre todt.“ „O, in der Geſchichte bin ich nicht ſehr bewandert,“ ſagte Ned Hayward lachend,„und überdies iſt am En⸗ de beim Licht beſehen alles Fabel.“ „Der Name dieſes Herrn iſt Wittingham,“ ſagte der Protokollant,„W i— t, wit, t— i— n— g, ting, h— a— m, ham, Wittingham.“ „O, ich danke Euch, danke Euch, Herr,“ ſagte der junge Offizier,„nun werde ich's nicht wieder vergeſſen, Littera scripta manet Mr. So und ſo.“ „Mein Name iſt Bacon,“) Herr,“ ſagte der Pro⸗ tokollant grunzend. „Ah, ſehr ſchön, ſehr ſchön„“ entgegnete Ned Hehward,„nun zur Sache! Wittingham, Bacon& Comp., das werde ich mir merken; es iſt eine ausgezeich⸗ net gute Firma, beſonders wenn der jüngere Com⸗ pagnon in Stücken geſchnitten und gut geröſtet wird. Wir ſind hier, mein Herr, um jetzt, wo es nichts mehr nützen kann, uns zu einer eidlichen Ausſage zu erbieten, zu der wir uns ſchon geſtern Abend, wo es etwas hätte nützen können, erboten und zwar in Bezug auf einen verſuchten Straßenraub, der geſtern Abend an zwei —ñ⏑—ꝛ—B—-.:— *) Auf deutſch: Speck. Damen aus der Umgegend, nämlich Mrs. Clifford und ihrer Tochter, begangen ward.“ „Geſtern Abend ſchon erboten, mein Herr?“ rief der Protokollant trotz eines fürchterlichen Rippenſtoßes von Mr. Wittigham.„Bitte, bei wem habt Ihr Euch dazu erboten?“ „Bei dem wohlachtbaren Herrn auf der Gerichts⸗ bank,“ ſagte Ned Hayward, indem er ſich gegen die würdige Magiſtratsperſon tief verbeugte, dann ſchauete er ihr mit einem bedeutſamen Lächeln gerade in's Geſicht und fügte hinzu:„Er verweigerte, unſere Ausſage auf⸗ zunehmen, wozu er wohl geheime Beweggründe oder ſonſtige Urſachen haben mogte, in welche, da er ſie in der Tiefe ſeines Herzens verſchloſſen hielt, ich natürlich nicht eindringen kann.“ Mr. Wittingham gerieth in die kläglichſte Verlegen⸗ heit. Seine Befürchtungen waren ein Pulvermagazin, Ned Hayward's Lächeln war ein Funke, und es fand in ſeiner Bruſt eine ſchreckliche Exploſion ſtatt, welche bei⸗ nahe das Fenſter hinausgeſchlagen hätte. „Ich— ich— ſeht Ihr, Bacon,“ flüſterte er dem Protokollanten zu,„ich dachte es wäre lauter dummes Zeug, ich war überzeugt, daß es lauter dummes Zeug ſei— Ihr ſeht an dem Benehmen dieſes Menſchen, daß es welches iſt— wer würde auf ſolchen Unſinn hören?“ „Ich weiß nicht, Herr,“ ſagte der Protokollant, „die Obrigkeit iſt verbunden, eidliche Ausſagen über ver⸗ übte Verbrechen anzunehmen; aber wir werden bald ſehen, wer er iſt; wir wollen ihm den Eid abnehmen.“ Mit dieſen Worten ergriff er einen auf dem Tiſche liegenden Bogen Papier, fing an zu ſchreiben, richtete einen Augenblick darauf den Kopf empor und fragte: „Wie iſt Euer Name und Stand?“ „Mein Name iſt Edward Hayward,“ antwortete unſer Freund,„vormals Capitain beim 40ſten Regi⸗ mente, jetzt außer Dienſt.“ Mr. Wittingham's Geſicht ward immer verlegener. Er wußte nicht, wie er ſich gegen den Protokollanten benehmen, noch wie er ſelbſt verfahren ſolle, endlich aber und nach vielem Huſten und Räuspern ſagte er:„Ich glaube, es iſt am Beſten, wir hören erſt die ganze Ge⸗ ſchichte an und nehmen dann die Ausſage zu Protokoll, wenn wir es nöthig finden ſollten. Wenn Mrs. Clifford beraubt ward, oder wenn man ſie zu berauben verſuchte, warum zum Teufel kommt dann Mrs. Clifford nicht ſelbſt und erſtattet die Anzeige? Ich ſehe nicht ein, aus welchem Grunde ſolche Dinge durch Abgeſandte beſtellt werden ſollen. Das Verbrechen ward an Mrs. Clifford verübt und wir werden ſtets bereit ſein, ihr Genug⸗ thuung zu verſchaffen.“ „Das Verbrechen war dem Geſetze des Landes zu⸗ — 173— wider,“ ſagte Mr. Beauchamp vortretend,„und wir, die wir das Verbrechen mit anſahen und verhinderten, daß es vollſtändig ausgeführt ward, treten nun auf, um das Einſchreiten der Obrigkeit zu verlangen, welches dieſe ohne große Gefahr für ſich ſelbſt nicht verweigern kann.“ „Sehr recht,“ ſagte Mr. Wittingham,„ich will es auch nicht verweigern; laßt uns Eure Geſchichte hören, und da Ihr einer der Denuncianten ſeid, ſo habt die Güte uns von Euerm Namen, Stand et cetera in Kennt⸗ niß zu ſetzen.“ „Mein Name iſt Beauchamp, mein Herr,“ entgegnete der Angeredete,„einen beſondern Stand habe ich leider nicht.“ „Aha!“ rief der Friedensrichter trocken, aber der Protokollant flüſterte ihm haſtig in's Ohr:„Er hat zwei Tauſend Pfund in der Bank, die vorgeſtern einge⸗ zahlt worden ſind. Jenkins erzählte mir's geſtern Abend in der Harmonie und es iſt daher ein ganz falſches Ge⸗ rücht, daß er ein— Ihr wißt ſchon was— ſei.“ Der Protokollant hatte eine angeborene Ehrfurcht vor Männern, die zwei Tauſend Pfund auf ein Mal in einer Provinzialbank hatten— eine viel größere Ehr⸗ furcht als vor Infanterieoffizieren außer Dienſt, und des⸗ halb nahm er Mr. Beauchamp's Ausſage ungeachtet aller Einmiſchungen Mr. Wittingham's, der die Sache — 174— zu verwirren ſuchte, mit allem gebührenden Reſpekt zu⸗ erſt zu Protokoll. Dann kam Ned Hayward an die Reihe, aber unſer guter Freund hielt es für paſſend, ernſter zu ſein, nachdem er ſich eidlich verpflichtet, ſtreng die Wahrheit zu ſagen, und er entledigte ſich daher ſeiner Ausſage mit Anſtand und Würde. Sobald jedoch als Mr. Wittingham ſich wieder in die Sache zu miſchen und die Sache als unbedeutend zu behandeln begann, ward Ned abermals von dem Geiſte des boshaften Spottes beſeſſen, und er ſagte mit geheimnißvoller Miene: „Mein Herr, ich bitte Euch, der Sache die vollkommenſte Aufmerkſamkeit zuzuwenden, denn Ihr könnt nicht wiſ⸗ ſen, welche Perſonen noch darein verwickelt ſind. Wir beſchränken uns in unſerer Ausſage natürlich blos auf Thatſachen. Ich habe mich ſtreng an das gehalten, was ich geſehen, und keinen Umſtand erwähnt, gegen den mir auch nur der leiſeſte Zweifel beiging; ohne mich aber in Euer Amt zu miſchen, Mr. Skittington— denn ich miſche mich nie in die Geſchäfte eines Andern— werde ich mich doch ſicherlich berufen fühlen, dieſe Sache auf's Genaueſte und mit Anwendung aller durch das Geſetz geſtatteten Mittel zu erörtern. Daß hier ein grobes Verbrechen begangen worden, darüber kann kein Zweifel obwalten— es wurden zwei Schüſſe zu dem Zwecke abgefeuert, mir das Leben zu nehmen, oder doch eine ſchwere Verwundung beizubringen; die eine Kugel fuhr — 175— mir durch die Haare und die ganze Geſchichte iſt eine ſehr ernſthafte, welche wahrſcheinlich einige ſehr ange⸗ ſehene Leute an den Galgen bringen kann. Paßt auf, paßt ſcharf auf, Mr. Wittingham, denn ich werde ganz gewiß auch genau aufpaſſen!“ „Sehr ſchön, mein Herr, thut was Euch beliebt,“ ſagte der Friedensrichter,„ich werde meine Pflicht thun, ohne mich von Euch hofmeiſtern zu laſſen. Ich halte Euer Benehmen für ſehr reſpektwidrig und—“ Ehe er aber noch ſeine Rede beenden konnte, öffnete ſich die Thüre des Amtszimmers und es trat ein fein gekleideter junger Mann herein. Mr. Wittingham's Ge⸗ ſicht ward bleich, wie der Tod, und Ned Hayward hef⸗ tete ſeine Augen einen Augenblick— einen einzigen Au⸗ genblick lang— auf das Geſicht des Eintretenden. Es war keineswegs ein vortheilhaft einnehmendes und der Eindruck, den es machte, ward durch ein ſchwarzes Tuch, das über das eine Auge gebunden war, und einen Theil der Naſe und der Wange verbarg, durchaus nicht ver⸗ beſſert. Der junge Offizier wendete ſogleich ſeinen Blick wieder ab, und ſah finſter vor ſich hin auf den Boden. „Das iſt zu unverſchämt,“ dachte er, und einen Augen⸗ blick war er unentſchloſſen, ob er nicht ſogleich den Ein⸗ getretenen als den Hauptübelthäter in der ſo eben an⸗ hängig gemachten Sache bezeichnen ſolle. Sein gutes Herz behielt jedoch die Oberhand, und während Henry —-— 176— Wittingham ſtracks auf ſeinen Vater zuging und ihm mit dreiſter, wilder Miene ein Wort in's Ohr flüſterte, wendete ſich Ned Hayward nach der Thüre und ſagte: „Kommt, Beauchamp, unſer Geſchäft iſt hier nun be⸗ ſorgt, und ich muß nun fort zu Sir John Slingsby.“ Beauchamp folgte ihm, nachdem er Henry Wit⸗ tingham noch einen ſcharfen Blick zugeworfen, und als ſie vor die Hausthüre kamen, ſahen ſie ein Pferd an derſelben ſtehen, welches einen angeſtrengten Ritt ausge⸗ halten zu haben ſchien. Neuntes Kapitel. In welchem ein ſehr junger Akteur unerwartet auf der Bühne erſcheint. Mr. Beauchamp ſaß, nachdem Ned Hayward ihn ſeit ungefähr fünf Stunden verlaſſen hatte, allein in dem kleinen Zimmer des Gaſthofes. Es war für die frühe Jahreszeit ein ſehr heißer Tag geweſen, und obſchon Beauchamp ſeinen Spaziergang wie gewöhnlich durch die ſchattigſten und abgelegenſten Stellen, die er entdecken konnte, gemacht hatte, ſo hatte er es doch ſchwül ge⸗ funden und war eher zurückgekehrt, als er ſonſt zu thun pflegte. Mr. Groomber, der würdige Mr. Groomber, Wirth zum Weißen Hirſch, hatte ſeine Rückkehr durch die Glasthür des Schenkzimmers bemerkt und ſich in das Fremdenſtübchen hineingewälzt, um ſeinem Gaſte die Neuigkeit mitzutheilen, daß der Poſtillon, der Mrs. und Miß Clifford gefahren, vor Mr. Wittingham citirt und verhört, aber ſehr bald wieder entlaſſen worden ſei, nachdem er tapfer geſchworen, daß er keine der Perſo⸗ Beauchamp. Erſter Band. 12 nen, die den Wagen am Abend zuvor angefallen, er⸗ kannt habe. 4 Mr. Beauchamp entgegnete blos:„Das dacht' ich mir,“ ergriff ein Buch und gab dadurch ſtillſchweigend zu verſtehen, daß er allein zu ſein wünſche. Sobald jedoch der Wirth ſich wieder entfernt hatte, ließ er das geöffnete Buch auf das Knie ſinken, und überließ ſich ſeinen Gedanken, die anſcheinend nicht von der erhei⸗ terndſten Art waren, denn die breite offene Stirn zog ſich etwas zuſammen, die ſchönen dunkeln Augen hefte⸗ ten ſich auf eine beſondere Stelle des Fußbodens, der Mund nahm einen wehmüthigen, ſpäter faſt ſpöttiſchen Ausdruck an, und ohne ein Glied oder eine Miene zu rühren, blieb er ſo wenigſtens eine Viertelſtunde lang in tiefes Nachdenken verſunken. Ich für meinen Theil kann nicht einſehen, welchen Grund die Menſchen haben, überhaupt nachzudenken. Sie denken vielleicht an die Vergangenheit, aber wer kann ſie zurückrufen? Sie denken vielleicht an die Zu⸗ kunft, aber wer kann ſie vorher beſtimmen oder leiten? Niemand, Niemand, und die Gegenwart iſt zum Han⸗ deln da, nicht zum Nachdenken. Es war ſehr albern von Mr. Beauchamp, daß er nachdachte, aber er that es nun einmal und zwar ganz tief und eifrig. Aber von welcher Art waren ſeine Gedanken? Das kann ich nicht ſagen. Einige weiß ich, einige weiß ich nicht„oder 8 * 5 vielmehr, der gegenwärtige Lauf ſeiner Betrachtungen war, gleich einem aufgefangenen Briefe, ganz einfach und mit deutlichen, verſtändlichen Worten geſchrieben, die weite Welt von Umſtänden aber, worauf er ſich bezog, die darin enthaltenen Anſpielungen auf das Schickſal, auf die Vergangenheit, auf die gegenwärtige Lage und die Ausſichten des jungen Mannes waren für jeden Un⸗ eingeweihten ein unergründliches Geheimniß. „Es iſt vergebens,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„Alles vergebens! Friede, Glück, Seelenruhe— wo wohnen ſie? Sind ſie bloße Ausgeburten der ewig aufbauenden menſchlichen Phantaſie? Schöpfungen der Einbildungs⸗ kraft, durch welche das bittre Verlangen der Seele ge⸗ ſtillt werden ſoll? Und doch gelangen einige Menſchen dazu. Gleich dieſer Capitain Hayward ſcheint wenigſtens mit ſich, mit der Welt und Allem, was die Welt giebt, ſo zufrieden zu ſein, als man es ſich nur denken kann⸗ Aber es iſt nicht ſo— es kann nicht ſo ſein. Irgend⸗ wo iſt ein ſchwarzer Fleck vorhanden, das vermuthe ich mit Gewißheit— irgend eine bittere Erinnerung, irgend eine vereitelte Hoffnung, ein unerreichtes Streben. Er geſtand, daß er nicht zu lieben wagte— und iſt es nicht blos eine verlängerte Kette, wenn man eine Feſſel mit ſich herumtragen muß? Und doch ſchien er mit ei⸗ nem ſolchen Schickſal zufrieden zu ſein. Es iſt die Re⸗ gelung unſerer Wünſche, was uns glücklich macht, das 42* — 1630— Einſchränken derſelben nach dem Maaße unſerer Mittel — nämlich für die, welche nicht ſchon Urſache zum Kum⸗ mer haben. Aber der Becher unſeres Schickſals ſteht jeder vorübergehenden Hand offen, welche einen Tropfen Gift hineingießen will, der, wenn er einmal darin iſt, das Ganze durchdringt— das Ganze? Ja, bis auf die Hefen wird der ſüße lebendige Wein des Lebens in Bitterkeit und Tod umgewandelt. Was fehlt mir, um mein Daſein angenehm zu machen? Reichthum, Geſund⸗ heit, ein ſorgfältig gebildeter Geiſt, der mit den Schlüſ⸗ ſeln zu jeder Thüre geiſtigen Genuſſes verſehen iſt— Liebe und Wohlwollen gegen meine Mitmenſchen— Alles dies habe ich— ſicherlich Alles; aber leider habe ich auch das Vermögen der Erinnerung und ſie geht gleich der Wolkenſäule zuweilen mir voran und verfinſtert die Zukunft, oder ſie folgt mir und hüllt die Vergangenheit in Nacht und Dunkel. Doch das ſind Schwächen. Eine gewaltige Anſtrengung des Geiſtes— des Geiſtes, den ich für ſo ſtark hielt— ſollte doch hinreichen, die Bürde abzuwerfen. Ich habe Beſchäftigung, ruhige Genüſſe, ſchöne Umgebungen, ſtille Freuden, friedliche Unterhaltung verſucht, vielleicht koͤnnte ich durch ein thätiges, eifriges, energiſches Streben, durch Leidenſchaf⸗ ten, welche alle Gefühle abſorbiren und den Geiſt in ein neues Gewand hüllen, Vergeſſenheit des Vergangenen finden. Bei Allem was ich bis jetzt gethan, haben lange — 181— Zwiſchenpauſen ſtattgefunden, die eben ſo viel offene Thore waren, durch welche die bittere Erinnerung ein⸗ trat, welche auch ſchon durch das Weſen der gewählten Gegenſtände eingeladen ward. O ja, es muß ein Glück geben— das ſchöne, freudige Geſicht jenes Mädchens, ihr heiter ſtrahlendes Laͤcheln ſagte mir das. Aber ich will nicht an ſie denken. Sie iſt zu ſchön und glücklich, um zur Theilnahme an einem ſo gefährlichen Wagſtück, wie das meine, verführt zu werden. Ich will von hier fortgehen; mein Gemüth hat doch hier einige Ruhe gefunden und ich hätte vielleicht in dieſem heitern, gut— müthigen Hahward einen Freund gefunden, wenn er es hätte ſein wollen— aber er hat mich auch verlaſſen— mich verläßt Alles. Er iſt fort und ich will auch fort, es verlohnt ſich nicht der Mühe, hier noch länger zu weilen.“. Als er in ſeinen Betrachtungen ſo weit gekommen war, kamen einige Pferde an dem Fenſter vorbei, deren Schatten das Zimmer verfinſterte, aber Beauchamp achtete nicht darauf, bis er eine Stimme, die ihm wäh⸗ rend der letzten achtzehn Stunden etwas vertraut gewor⸗ den war,„Hausknecht, Hausknecht!“ rufen hörte, und einen Augenblick darauf ſtand Ned Hayward wieder im Zimmer, aber nicht allein. Hinter ihm folgte die ſtatt⸗ liche Geſtalt Sir Johns Slingsbh in Reitcoſtüm und obſchon er etwas ſtaubig und ſicherlich ſehr ſchwerfällig Hagyward, ich und der Doctor da, Harriet, Mary und mein Mädel, welche, beiläufig geſagt, behauptet, ſie kenne Euch— ſie habe Euch zwei Mal bei dem guten Docktor Miles geſehen.“ „Ich habe allerdings das Vergnügen gehabt, Miß Slingsby zu begegnen,“ ſagte Beauchamp.„Ich wollte Euch bloß antworten, Sir John, daß ich hier ganz als Ein⸗ ſiedler lebe und deshalb wenig Ausſicht auf Einladungen habe. Da ich die Einwohner des Ortes nicht ſehr cultivirt habe, ſo haben ſie auch mich nicht ſehr cultivirt und ich glaube, man betrachtet mich als einen etwas verdächti⸗ gen Menſchen, beſonders thut dies unſer Freund Mr. Wittingham, welcher, wie ich erfahren habe, ſich ſehr eifrig erkundigt hat, ob ich meine Zeche bezahle und wo ich gewöͤhnlich hingehe.“ „Wittingham iſt ein alter Narr,“ rief Sir John Slingsby,„und hält ſich gleich allen andern alten Nar⸗ ren für den geſcheidteſten Mann von der Welt. Ich mögte wiſſen, was der Lord⸗Lieutenant gedacht hat, als er ihn zum Friedensrichter ernannte— einen Men⸗ ſchen, der ſich dazu eben ſo wenig eignet, als meine Reitpeitſche. Ich will ihn aber dafür ſchon auszahlen — ich will ihn auszahlen— ich lade ihn zu Tiſche ein, mache ihn viehiſch beſoffen und ſperre ihn dann die Nacht hindurch in den Pferdeſtall.“ „Ich hoffe aber doch nicht heute Abend, Sir John?“ ſagte Beauchamp lächelnd. „O Gott bewahre, nein,“ entgegnete der Baronet mit reuigem, ängſtlichem Blick,„heute Abend iſt Alles ernſt und geſetzt— ſo lange meine Schweſter Harriet bei uns iſt, geht Alles anſtändig und discret zu— ihr Mann war Archidiakenus, verſteht Ihr— ſpäter ſogar Diakonus, obſchon er es nur einige Monate lang blieb. Er war ein ſehr guter Mann, aber außerordentlich geſetzt; er konnte keinen Kork quietſchen hören, ohne vor Entſetzen außer ſich zu gerathen. Ich bin der Meinung, er glaubte, Portwein und Madeira würden in Flaſchen, und der Claret in Henkelkrügen verſendet. Jedoch ihr kommt, das iſt abgemacht; halb ſechs Uhr nach alter Mode, damit man nach Tiſche noch ein paar Stunden übrig hat. Jetzt nützt das freilich Nichts,“ fügte der Baron ſeufzend hinzu,„heute könnten wir eben ſo gut erſt um ſieben ſpeiſen, denn der lange Abend wird uns Nichts nützen. Jedoch die Mädchen werden uns Etwas vorſingen, oder ſonſt muſiciren, und wir machen vielleicht einen Robber Whiſt, nach welchem ſich es ebenfalls recht gut ſchläft. Das iſt Nichts Sündhaftes, nicht wahr nicht, Ned?“ „Durchaus nicht, Sir John,“ antwortete Ned Hayward,„aber etwas ſehr Langweiliges. Ich habe in meinem Leben nicht ergründen können, wie Menſchen, die bei geſundem Verſtande ſind, ganze Stunden damit war, beſaß er doch jenes ſo ſchwer zu definirende und beinahe unverwiſchbare Anſehen eines Gentleman, welches ſelbſt Sonderbarkeiten und Ausſchweifungen nicht zu ver⸗ wiſchen im Stande geweſen waren. Nied Haywards Worte waren kurz und bald geſpro⸗ chen:„Mr. Beauchamp, Sir John Slingsby; Sir John, Mr. Beauchamp,“ das war Alles, was er ſagte, aber der alte Baronet knüpfte bald ein Geſpräch an, indem er ſeinem neuen Bekannten zugleich warm die Hand ſchüttelte. „Freue mich, Euch zu ſehen, Nr. Beauchamp, freue mich ſehr Euch zu ſehen. Ich erfahre, daß meine Familie Euch großen Dank ſchuldig iſt— das heißt, meine Schweſter Harriet, Mrs. Elifford. Es iſt doch verteufelt unverſchämt von ſolchen Kerlen, um dieſe Zeit einen Wagen anzufallen, und es war ein Glück, daß Ihr dazu kamet, denn mein Freund Ned Hayward hier — obſchon er Etwas von Taktik verſteht, nicht wahr, Ned?— und auch ein tüchtiger Mann iſt— hätte doch wohl kaum mit Dreien fertig werden können.“ „Ich betrachte es als einen glücklichen Zufall für mich, Sir John,“ entgegnete Mrs. Beauchamp,„daß ich meinen Abendſpaziergang nach dieſer Richtung genom⸗ men hatte, gleichzeitig iſt es meine Pflicht, zu ver⸗ ſichern, daß mein Antheil an der Befreiung Eurer Schweſter und ihrer Tochter nur klein war. Ich hielt — 183— blos einen Mann im Schach, während Capitain Hay⸗ ward mit Zweien zu kämpfen hatte.“ „Ganz einerlei, ganz einerlei, mein werther Herr,“ ſagte der Baronet,„der Reſerve gebührt alle Mal ein voller Antheil an dem Ruhme der Schlacht, auch wenn ſie keinen Schuß abgefeuert hat. Die Damen ſind Euch aber außerordentlich verbunden— ſehr gute Kinder alle Beide— nicht als ob ſie mich beauftragt hätten, Euch ihren Dank zu überbringen; ſie ſind im Gegentheile ſehr begierig das ſelbſt zu thun, wenn Ihr ihnen die Gele⸗ genheit dazu verſchaffen wollt und haben mich daher gebeten, Euch zu fragen, ob Ihr uns heute bei dem Diner mit Eurer Geſellſchaft beehren wollt, und Euch zu melden, daß es ihnen verflucht leid thun würde, wenn Ihr heute Abhaltung hättet, obſchon ſie dann mit Be⸗ ſtimmtheit darauf rechnen, daß Ihr morgen kommt.“ „Ich lebe hier ganz als Einſiedler, Sir John,“ antwortete Mr. Beauchamp mit ernſtem Lächeln, ehe er aber noch zu Ende reden konnte, beeilte ſich der Baro⸗ net, welcher glaubte, daß eine lange Entſchuldigung herauskommen werde, ihm in's Wort zu fallen und ſagte: „Es iſt ein ganz einfaches Diner— ſo ernſt und anſtändig als möglich; es wird nicht getrunken, nicht gelacht, kein Witz geriſſen— Alles ſoll ernſt und geſetzt zugehen. Es wird Niemand da ſein, als Ihr, Ned — 186— zubringen können, für einige Schillinge und Sirpence vuntbemalte Pappendeckel nach einer beſondern Ordnung auf den Tiſch zu werfen.“ „Wenigſtens iſt es eben ſo vernünftig, als wenn man ſich für einige Schillinge und Sixpence ſtundenlang in Reih und Glied ſtellt und angaffen läßt,“ ſagte Sir John Slingsby,„und dieſes Spiel haben wir Beide mitgemacht, Ihr Haſenfuß. Es iſt Alles Thorheit, wenn man es in abſtraktem Sinne betrachtet— Liebe, Krieg, Wein, Ehrgeizz und verlaßt Euch drauf, Ned, die harmloſeſten Thorheiten ſind die beſten— habe ich nicht Recht, Mr. Beauchamp?“ „Es liegt etwas Wahres in dem, was Ihr ſagt Sir John,“ entgegnete Beauchamp mit nachdenklichem Lächeln,„und ich glaube, amüſante Thorheiten ſind beſ⸗ ſer als ernſte— wenigſtens beginne ich, das jetzt zu denken.“ „Ganz gewiß, ganz gewiß,“ antwortete Sir John Slingsbh,„der Menſch iſt zum Scherz geſchaffen und nicht zur Traurigkeit. Die Welt iſt eine ſehr nette Welt, wenn die Menſchen ſie nur ließen, wie ſie iſt. O, wir wollen Euch noch Allerlei zeigen, Mr. Beau⸗ champ, ehe wir Euch wieder laufen laſſen, aber heute, verſteht Ihr, benehmen wir uns ganz anſtändig— lau⸗ ter gute Kinder— wenn aber die Katze wieder fort iſt, dann haben die Mäuſe freien Tanz. Ha, ha, ha! Um halb ſechs, verſteht Ihr, und mittlerweile will ich mit Ned zu dem alten Wittingham reiten, und dieſem derb den Text leſen.“ Der gute Sir John ſah ſich jedoch getäuſcht; ſeine Pferde, ſein Reitknecht und ſeine eigne umfangreiche Perſon waren, als er mit Ned Hayward in die Stadt ritt, von Mr. Wittingham's Fenſtern aus bemerkt wor⸗ den und die würdige Magiſtratsperſon war natürlich ſchon über alle Berge, ehe noch Sir John Slingsby ſich bei Mr. Beauchamp empfohlen hatte. Als Sir John und Ned Hayward fort waren, blieb Beauchamp einige Minuten lang in Gedanken ver⸗ ſunken ſtehen und lächelte faſt wehmüthig vor ſich hin. „So ſchwinden unſere Entſchlüſſe,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſo vergehen unſere Abſichten und Pläne. Wer kann in dieſem Leben ſagen, was er den nächſten Tag, ja die nächſte Minute thun will? Wer iſt am Ende der Glücklichſte, Der, welcher mit dem Schickſal und den Verhältniſſen kämpft und ſich die Aufgabe ſtellt, die⸗ ſelben zu beherrſchen, oder Der, welcher ſich, wie ein leichter Gegenſtand auf dem Waſſer, den Strom hinab⸗ tragen läßt, ſchäumend um jeden Strudel mit herumwir⸗ belt, über den tiefen ſtillen Tümpel ruhig hingleitet oder über die ſeichten Stellen heiter und fröhlich mit hinab⸗ rauſcht? Das weiß der Himmel, auf alle Fälle hat aber das Schickſal ſich ſo entſchloſſen gezeigt, die Len⸗ — 188— kung meiner Verhältniſſe nicht aus den Händen zu geben, daß ich ihm nicht weiter widerſtehen will. Ich will jeder Laune den Zügel ſchießen laſſen und den Ausgang dem Glück anheimſtellen. Ich kann ja jenes Beſitzthum kaufen, das Capital iſt darin ſo gut angelegt, als anderwärts, und wäre dies nicht der Fall, ſo hat es ja weiter nicht Viel zu bedeuten. Ich werde an meinen Agenten ſchreiben, daß er mir das Geld ſchicken ſoll.“ 1 Mit dieſem Entſchluſſe ſetzte er ſich nieder und war bald mit ſeinem kurzen Briefe fertig, den er ſelbſt auf die Poſt trug, dann ſchlenderte er noch eine Stunde lang aus der Stadt hinaus und kehrte dann zurück, um ſich anzukleiden, indem er zugleich eine Poſtchaiſe be⸗ ſtellte, um nach Tarningham⸗Haus zu fahren. Wie verſchieden ſind die Empfindungen, mit denen man zu verſchiedenen Zeiten in fremde Häuſer zu Tiſche geht, beſonders, wenn es das Haus eines neuen Be⸗ kannten iſt und wir vorher ſchwerlich im Stande ſind, zu beurtheilen, ob wir einen angenehmen oder unange⸗ nehmen, einen heitern oder traurigen Tag verleben wer⸗ den. So wie zu jedem Contracte mehr als eine Perſon ſein muß, und ſo wie das Alter und die Perſon auf einander wirken und rückwirken, ſo haben auch die Eigen⸗ ſchaften einer jeden ihren Antheil an dieſer Wechſelwir: kung, und die Laune des Gaſtes hat wenigſtens eben ſo Viel mit dem Eindruck zu thun, den er erhält, als 189— die Laune des Wirthes. Das iſt ſehr abgedroſchen, nicht wahr, lieber Leſer? Es iſt allerdings ſchon Tau⸗ ſend Mal geſagt worden, aber es kann Dir durchaus Nichts ſchaden, wenn ich Dir's nochmals ſage, beſon⸗ ders da ich wünſche, daß Du einen deutlichen Begriff von der Laune und Stimmung erhältſt, in welcher Mr. Beauchamp ſich zum erſten Male auf den Weg nach Sir John Slingsby'’s Hauſe machte. Er befand ſich alſo in gewiſſermaßen gleichgültiger Stimmung, wie ich durch die Schilderung deſſen, was, nachdem der Baronet und Ned Hayward fort waren, in ihm vor⸗ ging, anzudeuten geſucht habe. Es giebt jedoch verſchie⸗ dene Arten von gleichgültigen Stimmungen; man hat zum Beiſpiel die heiter gleichgültige, in der man ſich ſelbſt um den Teufel Nichts ſchiert, dann giebt es wieder die impertinente Gleichgültigkeit mit einem Anſtrich von Perſiflage, um Leben hineinzubringen— wie man Branntwein in Sodawaſſer gießt— welche ſehr hohle und eingebildete Menſchen annehmen, um ſich ein Air von Ueberlegenheit zu geben, wozu ſie durch keine geiſtige Eigenſchaft berechtigt ſind. Dann giebt es auch noch die Gleichgültigkeit der Verzweiflung und die Gleichgültigkeit der Ueberſättigung. Aber keine von allen dieſen war genau die Sorte von Gleichgültigkeit, welche Mr. Beauchamp fühlte oder zu fühlen glaubte. Es war eine ernſte Gleichgültigkeit, die aus einer Art — 490— krankhafter Ueberzeugung hervorging, daß das Glück oder Unglück des Menſchen durchaus nicht in ſeinen Händen liege, oder wenn dies doch der Fall ſei, doch nur der erſte Angriff des Lebens in Betracht kommen könne und daß gleich der erſte Schritt ſo viel Einfluß auf die ganze Reihenfolge der ſpätern Ereigniſſe habe, daß die Herrſchaft darüber dem Bereiche der Macht des Menſchen gänzlich entrückt werde. Es iſt dies aber eine böſe Philoſophie, eine ſehr unſichere, unwahre und unweiſe Philoſophie und jeder Leſer, der den Fauſt geleſen hat, weiß, daß Göthe ſie zur Philoſophie des Teufels macht. Nun war Mr. Beauchamp allerdings nicht der Teufel, oder etwas dem Aehnliches, aber doch war er durch ſeine eigne frühere Geſchichte zu dieſer Philoſophie getrieben worden, und obſchon er oft ihrem Einfluſſe widerſtrebt, und durch erneuete Bemühungen, ſich eine erneuete Lebensbahn zu bilden, dagegen angekämpft hatte, ſo war er doch darin ſehr oft getäuſcht worden; er hatte gefunden, daß jedes Mittel, deſſen er ſich be⸗ diente, immer wieder zu demſelben Ergebniß führte, ſo daß jene Philoſophie zurückkehrte, ſobald als die An⸗ ſtrengung vorüber war, und er betrachtete beinahe jedes Ereigniß mit Gleichgültigkeit und als beſtimmt, auf ein und dieſelbe Weiſe und zwar auf keine angenehme, zu enden.“ Nichts deſto weniger aber konnte er doch für den — 191— Augenblick genießen, und ſelten hatte die Natur einen zum Genuſſe geeigneteren Menſchen geſchaffen, als ihn. Er liebte Alles, was groß und ſchön, was gut und edel war; er liebte Blumen und Vögel und Muſik und das ſchöne Geſicht der Natur. Seine Bruſt war von Harmonieen erfüllt, unglückicher Weiſe aber klangen die Töne nicht fort; es war, um ein Gleichniß zu entleh⸗ nen, ein Dämpfer vorhanden, welcher eben ſo ſehnell niederfiel, als die Saite angeſchlagen ward, und der Ton, ſo wohlklingend er auch ſein mogte, ſchwieg, ehe noch der Accord vollſtändig war. Der Poſtillon fuhr etwas langſam, und hockte auf eine Weiſe im Sattel herum, die einen weniger gleich⸗ gültigen Reiſenden ſehr geärgert haben würde, Mr. Beau⸗ champ achtete aber nicht darauf, weil er dadurch nur um ſo mehr Zeit zu angenehmen Beobachtungen, wenn auch nicht Betrachtungen erhielt. Die Straße führte durch liebliche Wäldchen, und oft auch an dem Ufer des Fluſſes hin. Zuweilen ging ſie über einen Abhang weg, und zeigte jenſeits einen üppigen belaubten Vordergrund, die weitausgedehnte Landſchaft, die ſich wellenförmig ge⸗ gen den Horizont hinabzog, während ſich die Umriſſe von Wald und Berg in der weiten Perſpective ſchön ab⸗ zeichneten und das Gemüth mit unbeſtimmten Vorſtellun⸗ gen von Dingen erfüllten, die das Auge nicht erkennen konnte. Auch in ein Thal hinab führte die Straße und durch ein ruhiges friedliches kleines Dorf mit einer Gruppe hoher Silberpappeln vor der Kirche, und einer Gemeinde ſchöner alter Buchen um das Pfarrhaus her⸗ um. Der ganze Anblick des Ortes war heimiſche, trau⸗ liche Ruhe, der Anblick eines ächtengliſchen Dorfes un⸗ ter den günſtigſten Umſtänden— Reinlichkeit, ländliche Zierlichkeit, ein Anſtrich von Behagen, eine heitere Of⸗ fenheit und rüſtige, fröhliche Geſundheit. Wie ganz anders ſind die Dörfer, die man zuweilen leider in jedem Lande ſieht, und die, wiewohl in England weniger als ſonſt wo in der weiten Welt, die Wohnungen der Krankheit, des Schmuzes, des Mangels und des Elends ſind. Als Beauchamp an dem Pfarrhauſe mit ſeinem weichen, kurzgemähten Raſenplatz und dem grünen Thore vorüber kam, ſteckte er den Kopf aus dem Wagenfen⸗ ſter und ſah hinaus. Er erwartete vielleicht einen netten einſpännigen Wagen mit einem glatten, wohlgenährten Pferde beſpannt zu ſehen, aber es war Nichts der Art zu bemerken, und er ſah blos, daß eine Spur von Wa⸗ genrädern von dem Thore an auf der vor ihm liegen⸗ gen Straße fortlief. Eine halbe Meile weiter befand ſich das Thor, welches zu Sir John Slingsby's Park führte. Man kann nicht ſagen, daß es in ſehr gutem Stande war; das Eiſenwerk bedurfte ſehr des Anſtrei⸗ chens, ein paar Querriegel hatten ſich bedeutend geſenkt, und die beiden Säulen von Mauerwerk, an welche das Thor befeſtigt war, ſehnten ſich nach einem neuen Ab⸗ putz, wo nicht nach einer durchgreifenden Reparatur. In dem Thorwärterhaus ſtanden alle Fenſterläden auf, und der Poſtillon mußte abſteigen und das Thor ſelbſt öffnen. Beauchamp ſeufzte, nicht weil er ſich für den Platz oder die Leute, die auf demſelben wohnten, ſehr intereſ⸗ ſirte, ſondern weil der Anblick der Verwüſtung— des Verfalls der Werke des Menſchen— beſonders durch Vernachläſſigung wohl einen Seufzer werth iſt. Die Fahrt durch den Park war jedoch höchſt angenehm. Ringsherum ſtanden alte Bäume, prächtige alte Bäume, dieſe ewigwachſenden Monumente der Vergangenheit, dieſe ſchweigſamen, blätterreichen Chroniken verfloſſener Jahr⸗ hunderte. Wer pflanzte ſie, wer nährte, wer beſchützte ſie? Welche Zeiten haben ſie geſehen, welche Thaten ge⸗ ſchaut, welche Stürme ſind über ſie hingegangen, wel⸗ chen Sonnenſchein haben ſie getrunken, welche Leiden und welche Freuden haben die Generationen des Men⸗ ſchengeſchlechts heimgeſucht, ſeitdem ſie zuerſt dem klei⸗ nen Saamenkorn entkeimten, bis jetzt, wo ſie ihre Rie⸗ ſenarme ausſtrecken, um die fernen Nachkommen Derer zu ſchirmen, die ſie haben blühen und verſchwinden ſe⸗ hen? Wer kann unter alten Bäumen umherwandeln, und nicht ſolche Fragen thun, ja wohl noch Tauſend mehr? Beauchamp. Erſter Band. — ᷣ 1 — 194— Der Anblick machte Beauchamp Vergnügen, er äu⸗ ßerte eine ernſte und doch angenehme Wirkung auf ihn, und als die Chaiſe an der Thüre von Tarningham Haus vorfuhr, fühlte er ſich mehr als zuvor aufgelegt, ſich der anzutreffenden Geſellſchaft, möge ſie nun ſein wie ſie wolle, ſo viel als möglich zu erfreuen. Die äußere Thüre ſtand offen, der dicke Kellermei⸗ ſter riß mit feierlichem Pomp die beiden innern Glasthü⸗ ren auf, ein paar feiſte Bediente, deren feinere Um⸗ riſſe ſchon längſt von Bier überſpült waren, ſtellten ſich zu beiden Seiten und ſo ward Mr. Beauchamp in Pro⸗ zeſſion nach dem Geſellſchaftszimmer geleitet, welches er mit ſeiner ruhigen würdigen Haltung und nicht im Min⸗ deſten aufgeregt betrat, obſchon er wohl wußte, daß zwei ſehr hübſche Geſichter höchſt wahrſcheinlich ſeiner Ankunft entgegen ſähen. Sir John Slingsby mit dem blauen Frack, der weißen Weſte, den ſchwarzen Hoſen und Strümpfen, dem rothglühenden Geſicht und dem weißen Haupthaar angethan, trat ſogleich auf ihn zu, um ihn zu bewill⸗ kommnen, und ſtellte ihn Mrs. Clifford und ihrer Toch⸗ ter vor. „Dieſe junge Dame kennt Ihr ſchon, Mr. Beau⸗ champ,“ ſagte er auf ſeine Tochter zeigend,„daher werde ich Euch ihr nicht vorſtellen.“ Der genannte Herr reichte jedoch Miß Slingsby die Hand zuerſt, woraus hervorging, daß ihre Bekannt⸗ ſchaft, wie kurz ſie auch ſein mogte, doch ſchon einige annähernde Schritte zur Freundſchaft gethan hatte. Iſabella war ein Wenig befangen und aufgeregt, weshalb, das wußte ſie ſelbſt kaum, und das Roth ih⸗ rer Wangen ward etwas dunkler, und ihr Lächeln zit⸗ terte, als ob ſie ſich ihre Freude nicht wollte merken laſſen. Alles dies that jedoch ihrer Schönheit keinen Eintrag, denn ſo wie eine ſchöne Landſchaft niemals lieblicher iſt, als wenn die Schatten der eilenden Wol⸗ ken darüber hinziehen, ſo iſt auch ein ſchönes Geſicht niemals ſchöner, als unter dem Einfluſſe leichter Ge⸗ müthsregungen. Miß Slingsby und Mary Clifford ſtanden neben einander, ſo daß Beauchamp dieſe beiden ſchönen Geſich⸗ ter gleichzeitig vor ſich ſah. Iſabella war ſchön wie eine Lilie, mit tiefblauen Augen und warmem, braunem Haar, das, weder hell noch dunkel, ſich in üppigen, eigenwilligen Locken, die von keinem Zwange Etwas wiſſen wollten, ihr um Stirn und Wange ringelte. Ma⸗ ry Clifford war von dunklerem Teint, ſie trug das Haar über die Stirn geflochten, es lag ein tiefes aber mildes Sinnen in ihren dunkeln Augen, und obgleich die kurz gemeißelte Oberlippe zuweilen recht heiter lächeln konnte, ſo war doch der allgemeine Ausdruck des Ge⸗ ſichts ein ernſter, wenn auch kein trauriger. 13* 7 4 — 196— Beauchamp war ein ernſter Mann von ruhiger, ſtil⸗ ler Gemüthsart, die durch verſchiedene Ereigniſſe, die ihn betroffen, faſt etwas düſter geworden war. Aber welches von dieſen beiden Geſichtern gefiel ihm wohl am Beſten, lieber Leſer? Das heitere! Ja ja, ganz ge⸗ wiß das heitere,— das, was ihm ſelbſt an Wenigſten glich. So iſt es von der Natur weiſe geordnet, und es iſt die Gewalt der Umſtände allein, die uns jemals ein ganz uns ſelbſt ähnliches Weſen zu Begleitung auf unſerm Lebenswege wählen läßt. Zwei ganz gleiche Töne geben, auch wenn ſie auf verſchiedenen Inſtru⸗ menten angeſchlagen werden, einen Einklang, aber keine Harmonie, und ſo iſt es in der ganzen Natur. Nach einigen Worten zu Jſabellen wendete ſich Mr. Beauchamp wieder zu Mrs. Clifford, welche ſo⸗ gleich über das Abenteuer vom vorigen Abend zu ſpre⸗ chen begann, und ſich für den geleiſteten Beiſtand be⸗ dankte. Beauchamp ſagte Alles, was die Höflichkeit verlangte, und ſagte es anmuthig und gut. Er gab zu erkennen, wie ſehr er ſich freue zu ſehen, daß keine der beiden Damen nachtheilige Folgen von dem ausge⸗ ſtandenen Schrecken gehabt, und wie lieb es ihm ſei, ſich in dem Augenblick, wo jene Frevelthat geſchehen, in der Nähe befunden zu haben. Während ſie noch ſprachen, hatte Sir John Slings⸗ by zwei Mal ſeine Uhr herausgezogen— ſie war ſehr △‿ „ — 197— 8* groß, und hing an einer ſtarken goldenen Kette— und Mr. Beauchamp in der Meinung, die Urſache dieſes Zeichens von Ungeduld zu errathen, bemerkte lä⸗ chelnd: „Doctor Miles muß, glaube ich, ſchon hier ſein, denn nach kleinen Anzeichen, wie zum Beiſpiel Räder⸗ ſpuren und offenem Thore zu urtheilen, ſchließe ich, daß er ſein Haus ſchon verlaſſen hatte, als ich vorbei⸗ kam.“ „O ja, er iſt da,“ antwortete Sir John Slings⸗ by,„er iſt ſchon ſeit zehn Minuten da; dem alten Kna⸗ ben, der in ſeinem Aeußern eben ſo nett iſt als in ſei⸗ nen Anſichten, war aber etwas Staub auf ſeinen ſchwar⸗ zen Rock geflogen, und er hat ſich entfernt, um ſich abzubürſten, und die Hände zu waſchen. Dieſe offene Chaiſe, die er hat, koſtet ihm an Waſchen und Bür⸗ ſten mehr Zeit, als das Schreiben ſeiner Predigten; aber ich weiß gar nicht, was aus dem Burſchen, dem Ned Hayward geworden iſt. Der Haſenfuß ging ſchon vor zwei Stunden hinaus, um einen Spaziergang durch den Park hinauf nach dem Moor zu machen, und ich glaube, der leichtſinnige Ned, wie wir ihn gewöhnlich nannten, hat vergeſſen, daß wir um halb ſechs Uhr ſpeiſen.„Na, wir warten nicht auf ihn, ſobald als der Doctor kommt, laſſen wir auftragen, und er ſoll — 198— zur Strafe des Spätkommens ein ganzes Glas auf ein Mal austrinken.“ Während er noch ſprach, trat Doctor Miles, der Geiſtliche des Dorfes, durch welches Beauchamp gekom⸗ men war, in das Zimmer und drückte dem jungen Manne warm die Hand. Er war ein langer, hagerer Mann, aber von blühend geſunder Geſichtsfarbe, trotz des ſchneeweißen Haars; ſein Geſicht war allerdings nicht hübſch, und hatte etwas Ernſtes und ſogar Stren⸗ ges, aber doch war es angenehm, beſonders wenn er lächelte, was aber, die Wahrheit zu ſagen, nicht oft der Fall war. Es ſcheint vielleicht ein Widerſpruch zu ſein, wenn wir ſagen, daß er öfterer lachte, als lächelte, aber es war ſo, denn ſein Lachen war nicht immer ein gutmüthiges, beſonders in dem Hauſe Sir John Slings⸗ bys. Es lag zuweilen etwas Bitteres und Spöttiſches darin, und kam gewöhnlich zum Vorſchein, wenn Et⸗ was geſagt ward, was nach ſeiner Anſicht mehr albern als gottlos war. Er war einer von den wenigen voll⸗ kommen achtbaren Leuten, die fortwährend in Tar⸗ ningham Haus einſprachen, der Grund davon aber war, daß er der Oberpfarrer in Sir John Slingsby’s Kirchſpiel war. Nun hätte keine Rückſicht auf Zehnten, ———·—— Sporteln, gute Diners und andere Genüſſe und Be⸗ quemlichkeiten Doctor Miles verleiten können, irgend — 199— Etwas zu thun, was er für unrecht hielt, aber er rai⸗ ſonnirte folgendermaßen: „Sir John Slingsby iſt ein alter Narr und ein Menſch, mit dem es höchſt wahrſcheinlich anſtatt beſſer immer ſchlechter wird, wenn nicht Jemand, der vernünf⸗ tigere Anſichten, höhere Empfindungen und würdigere Vorſätze hegt, ſich um ihn bekümmert. Nun bin ich meiner Stellung nach verbunden, alles Mögliche zu thun, um ihn zu beſſern. Wenn ich ihn häufig beſuche, ſo kann ich auf alle Fälle Viel dazu beitragen, daß er we⸗ nigſtens nicht ſchlimmer wird. Wenn ich zugegen bin, müſſen ſich die Leute doch ein Wenig geniren, und wenn es auch dem Vater nicht Viel helfen ſollte, ſo iſt doch noch dieſes hübſche gute liebe Mädchen da, welches in ih⸗ rer unangenehmen Lage Troſt und Unterſtützung be⸗ darf.“ Dies waren einige der Beweggründe, welche Doc⸗ tor Miles' Handlungsweiſe beſtimmten. Er hatte deren noch weit mehrere, doch reichen dieſe für meinen Zweck hin. Er drückte, wie wir geſehen haben, Beauchamp warm die Hand, und ſchien genauer mit ihm bekannt zu ſein, als irgend Jemand im Zimmer, er nahm ihn bei Seite und ſprach einige Augenblicke heimlich mit ihm, während Sir John Slingsby die Klingel zog, und be⸗ fahl, daß man das Diner auftragen ſolle, ohne auf Capitain Hayward zu warten. — 200— „William Slack, Sir John, hat ihn geſehen, ſagte der Kellermeiſter,„er iſt eben die lange Allee her⸗ aufgekommen und hat Etwas in den Armen getragen; Slack meinte, es hätte ausgeſehen, wie ein Reh.“ „Nun, dann wird er auch bald da ſein,“ ſagte der Herr des Hauſes,„ſervirt, ſervirt, es wird nicht gewartet! Der Teufel hole den Kerl! Wie kann ein Fähnrich ſeinen Oberſt warten laſſen! Es iſt gegen allen Reſpekt. Ich laſſe ihn zur Strafe zwei große Gläſer austrinken, wenn die Suppe vorbei iſt, ehe er erſcheint.“ „Ich habe,“ ſagte mittlerweile Doctor Miles zu Mr. Beauchamp,„die nöthigen Erkundigungen eingezo⸗ gen, weil Ihr es wünſchtet, mein werther Herr, und erfahren, daß das Gut das Geld werth iſt. Es trägt, wie es heißt, netto vier Procent ein und das iſt bei dieſen Zeiten ſchon Viel.“ „Ich habe mich ſchon darüber entſchieden,“ ſagte Beauchamp,„und auch bereits deswegen nach London geſchrieben.“ „So, ſo!“ ſagte der würdige Doctor.„Ihr macht's gerade wie andere Leute, Ihr bittet um guten Rath und handelt, ehe Ihr ihn vernehmt.“ „Das gerade nicht,“ antwortete Beauchamp.„Ihr ſagtet mir ſchon früher, was Ihr zu der Sache mein⸗ tet, und ich weiß, daß Ihr ein Mann ſeid, der nur eine wohlbegründete Meinung ausſpricht. Die einzige Frage H 2—— 3 iſt nun, welchen Advocaten ich hier mit Regulirung des Sonſtigen beauftragen kann. Die Hauptſache muß na⸗ türlich durch die Hände meiner Anwälte in London gehen.“ „Wir haben keine große Wahl,“ entgegnete Doctor Miles,„es ſind Gott ſei Dank nicht mehr als zwei Advocaten in Tarningham. Der eine iſt ein gewiſſer Mr. Wharton, der andere ein gewiſſer Mr. Bacon, ſie ſind beide keine ausgezeichneten Exemplare des Menſchenge⸗ ſchlechts, bei dem einen aber iſt der Körper beſſer als der Geiſt, bei dem andern der Geiſt beſſer als der Körper.“ „Nun dann würde ich den Letztern vorziehen,“ antwortete Beauchamp,„aber wenn Ihr wollt, lieber Doctor, ſo gebt mir einen etwas genauern Aufſchluß über dieſe beiden Herren, damit ich mich darnach richten kann.“ „Nun, obſchon ich es im Allgemeinen nicht liebe, meinen Nachbarn hinter ihrem Rücken etwas Nachtheili⸗ ges nachzuſagen,“ entgegnete Doctor Miles,„ſo muß ich doch in dieſem Fall mich beſtimmt ausdrücken. Mr. Wharton iſt ein ruhiger, ſtiller Mann, ziemlich fein in ſeinem Aeußern und Benehmen, vorſichtig, gefällig und heuchelt große Freundſchaft gegen ſeine Clienten. Ich habe niemals gehört, daß er arme Leute eines kleinen Gewinns halber an einander gehetzt oder Zwiſtigkeiten — 202— unter den Pächtern hervorgerufen hätte, um nur Pro⸗ ceſſe führen zu können. Im Gegentheil habe ich ihn von allen gerichtlichen Proceduren abmahnen und ſagen hö⸗ ren, daß Zänkereien etwas Albernes ſeien.“ „Nicht übel von dem Mann,“ ſagte Beauchamp. „Betrachtet nur auch die andere Seite, mein wer⸗ ther Herr,“ verſetzte der Doctor,„das Wild, von dem ich geſprochen habe, iſt für ihn zu klein. Er war einſt ſelbſt arm, jetzt iſt er reich. Ich habe ſelten gehört, daß er einen Clienten gehabt habe, der ſich nicht ruinirt hätte, und obſchon ich keineswegs behaupten kann, ich ſei im Stande geweſen, Mr. Wharton's Hand bei dem Werke der Zerſtörung zu belauſchen, ſo iſt es doch ge⸗ wiß, daß der Kern des Vermögens— wenigſtens ein großer Theil deſſen, was ſie verſchwendeten oder verlo⸗ ren, den Weg in ſeine Taſche gefunden hat. Ich habe ihn ſtets bereit geſehen, den Leuten den Weg zum Ver⸗ derben zu ebenen, Geld zu leihen, Ausſchweifungen zu ermuthigen, Befürchtungen zu beſchwichtigen, die Mittel zur Rettung abzuſchneiden und dann, wenn das Wild im Netze war, ihm den Nickfang zu geben und ſich ſei⸗ nen Antheil an der Beute auszubitten. Wo der Ruin unvermeidlich iſt, kennt er kein Erbarmen, der Advo⸗ cat muß bezahlt werden und zwar vor Allen zuerſt.“ „Und wie ſteht's nun mit Mr. Bacon?“ fragte Beauchamp. — „Nun, das iſt blos ein kleiner Menſch,“ antwor⸗ tete der Geiſtliche,„roh in ſeinem Aeußern und ſeinen Geberden, träg und ſchlau, aber mit einer vollſtändigen Kenntniß der Geſetze ausgeſtattet und ſehr gewandt, Fehler in der Form oder ſonſt Etwas aufzufinden. Sei⸗ ne Praxis ſteht eine Stufe tiefer, als die ſeines Colle⸗ gen, auf alle Fälle aber iſt er ſicherer, und ich glaube auch ehrlicher.“ 3 „Aber wie meint Ihr, liſtig und träge?“ fragte Beauchamp.„Dieſe beiden Eigenſchaften ſcheinen mir un⸗ vereinbar.“ „O, bewahre nein,“ entgegnete Doctor Miles, ehe er ſich aber näher erklären konnte, meldete der Keller⸗ meiſter, daß ſervirt ſei, und Sir John reichte Mrs. Clifford den Arm und Beauchamp ſchritt auf Iſabellen zu. Die Thüren wurden aufgeriſſen und die Geſell⸗ ſchaft trat hinaus, um durch die Vorhalle nach dem Speiſezimmer hinüber zu gehen, als Sir John und ſei⸗ ne Schweſter plötzlich Halt machten, denn es trat ihnen eine Erſcheinung entgegen, die, in dieſer Geſtalt wenig⸗ ſtens, ganz unerwartet war. Sie hatten nämlich noch nicht zwei Schritte aus dem Geſellſchaftszimmer heraus⸗ gethan, als die Glasthüren aufſprangen und Ned Hay⸗ ward vor ihnen ſtand, aber dem Ned Hayward, den ich früher dem Leſer geſchildert habe, ſo unähnlich als mög⸗ lich. Sein Rock war von ſchmuzig grauem Staube be⸗ — 204— deckt, ſeine Wäſche beſchmuzt und anſcheinend verſengt, ſein Geſicht und ſeine Hände waren ſchwarz wie Ruß, ſein glänzendes braunes Haar zerzaußt und verbrannt; er war ohne Hut und auf ſeinem Arm trug er einen ſehr hübſchen Knaben von etwa zwei Jahren oder dar⸗ über, auf deſſen Geſicht deutliche Spuren kürzlich vergoſ⸗ ſener Thränen zu ſehen waren, obſchon er jetzt beruhigt zu ſein ſchien und mit großen Augen die verſchiedenen Gegenſtände in dem großen Hauſe anſtierte, in welches er eben gebracht ward. „Aber Ned, Ned, Ned! Was in's Geiers Namen iſt Euch denn paſſirt?“ rief Sir John Slingsbh.„Seid Ihr denn gleich auf ein Mal ein armer junger Mann mit kleiner Familie geworden?“ „Nein, mein werther Herr,“ antwortete Ned Hah⸗ ward in eiligem Tone,„wenn Ihr aber Weiber im Hauſe habt, ſo will ich dieſen kleinen Burſchen ihnen übergeben und Euch in wenigen Minuten die ganze Ge⸗ ſchichte erzählen. Ruhig, mein Junge, ruhig, wir ſind lauter gute Leute und werden für Dich ſorgen. Schrei nur nicht; es ſoll Dir Nichts geſchehen.“ „Weiber? Ei, das verſteht ſich!“ rief Sir John, „ruft doch die Haushälterin, ihr Halunken. Weiber? Zum Teufel, Ned, glaubt Ihr denn, ich könnte in ei⸗ nem Hauſe ohne Weiber leben? Eine Flaſche Claret iſt eben ſo nothwendig zu meiner Exiſtenz, als der An⸗ *‿ blick eines im Hauſe herumfliegenden Unterrocks— von Weitem, Ned, von Weitem! Beſen und Kehrichtſchaufel dürfen mir nicht allzunahe kommen, aber in discreter Entfernung, weit genug, aber doch ſichtbar. Weiber ſind der Sonnenſchein des Hauſes.“ „Gebt ihn mir, Capitain Hayward,“ ſagte Miß Clifford, die Arme nach dem Knaben ausſtreckend.„Er wird bei mir ruhig ſein, das weiß ich gewiß. Willſt Du zu mir kommen, kleiner Schelm?“ Das Kind ſchauete ſie groß an, als ſie es aufhob und zu dieſem Zwecke Doctor Miles Arm fahren ließ, als aber der Knabe das ſüße Lächeln erblickte, das auf ihrem ſchönen Geſicht ſchwebte, da ſchlang er ſogleich ſeinen kleinen Arm um ihren Hals und verbarg ſeine großen blauen Augen an ihrer Schulter. Sie ließ ihn in dieſer Stellung und ſprach einige ſanfte Worte zu ihm, während Ned Hayward ſich rings umſah und den würdigen Geiſtlichen anredete, indem er fragte:„Ihr ſeid der Pfarrer dieſer Gemeinde?“ Doctor Miles machte eine ſteife Verbeugung, denn er war für Sir John Slingsby's alte Freunde nicht ſon⸗ derlich eingenommen, und antwortete ſo kurz als mög⸗ lich:„Ich bin es, mein Herr.“ „Dann könnt Ihr mir vielleicht ſagen,“ ſagte der junge Herr begierig weiter,„ob ein Frauenzimmer in der Hütte auf dem Moor war?“ Doctor Miles ſtutzte und antwortete mit weit grö⸗ ßerer Aufmerkſamkeit:„Nein, Sir, nein! Was iſt geſchehen? Weshalb fragt Ihr, welche Hütte meint Ihr? Es ſind deren drei da.“ „Ich meine die Hütte eines Mannes Namens Gim⸗ let,“ antwortete Ned Hayward.„Ich ſah einige Wei⸗ berkleider und dergleichen daſelbſt, und ich dachte, es wohne ein Frauenzimmer mit da. Es wohnt alſo keine da?“ „Vor ſechs Monaten wohnte allerdings eine da,“ entgegnete der Geiſtliche in ſehr ernſtem Tone,„ein ſo liebliches Geſchöpf, wie nur je eins geſehen worden, aber jetzt liegt ſie auf meinem Kirchhof, das arme Kind. Sie ruht in Frieden.“ „Gott ſei Dank!“ ſagte Ned Hayward, als ob er ſich ſehr erleichtert fühlte.„Ah, da kommt Jemand nach dem Kinde. Meine gute Frau, Ihr werdet ſo gut ſein, für dieſen kleinen Burſchen zu ſorgen. Seht nach, ob er nicht verbrannt oder ſonſt beſchädigt iſt, und gebt ihm etwas Brod und Milch, oder was die Kinder ſonſt eſſen— ich weiß es nicht, Ihr werdet's aber ſchon wiſſen.“ „Ja, beim Himmel, das weiß ſie,“ ir John Slingsby,„ſie füttert die Hälfte ſämmtlicher Kinder in der Gemeinde, nehmt Euch des Jungen an, Mrs. Hope — und nun, Ned,“ fuhr er fort, indem er ſich von der 6 d — 207— Haushälterin an ſeinen Gaſt wandte,„was zum Teufel ſoll das Alles heißen?“ „Ich werde es Euch nach und nach erzählen, Sir John,“ antwortete Capitain Hahward.„Bitte, geht immer zu Tiſche,„ich werde gleich nachkommen. Ent⸗ ſchuldigt, daß ich mich verſpätet habe, aber es ließ ſich nicht anders thun. Binnen zehn Minuten bin ich bei Euch, aber bitte, laßt Euch meinetwegen nicht auf⸗ halten—“ „Aber was ſoll denn das Alles heißen? Was iſt denn vorgefallen? Wer zum Teufel iſt denn das Kind?“ fragte Sir John.„Denkt Ihr denn, es ſei ein Menſch im Stande, Suppe zu eſſen, oder Fiſche zu verdauen, wenn ihm der Magen Voller Neugierde ſteckt 27 „Alles nach und nach, Sir John, Alles nach und nach,“ ſagte Ned Hayward auf die Treppe zugehend. „Ich werde Euch die ganze Geſchichte zum Deſſert mit⸗ theilen. Jetzt bin ich ſchmuzig und das Eſſen wartet. Es wird kalt werden und Eure Neugierde bleibt heiß.“ Mit dieſen Worten verließ er ihn, und die übrige Geſellſchaft begab ſich zur Tafel. Zehntes Kapitel. Die Hütte des Wildſchützen. Wenn man die Heerſtraße von Tarningham gerade Hundert Schritte jenſeits der ſteinernen Plumpe in der Nähe des Meilenſteins, welcher dieſen Punkt als fünf und eine halbe Meile von Tarningham entfernt bezeichnet, auf dem rechts abführenden Sandwege verläßt, und ge⸗ rade aus auf demſelben weiter geht, ſo kommt man über das Moor und durch eine Umgebung, die in Eng⸗ land ziemlich häufig anzutreffen iſt. Gewöhnliche Spa⸗ zierreiſende lieben dieſelbe gerade nicht ſehr, für mich aber und einige wenige Andere hat ſie einen eigenthüm⸗ lichen, faſt unbeſchreiblichen Reiz. Das Terrain iſt ge⸗ brochen, wellenförmig, voll von tiefen Sandgruben und Löchern, häufig mit Haidekraut und dergleichen bedeckt, worunter hier und da etwas Geſträuch kümmer⸗ ter Hagedorn und zwei oder drei traurig ausſehende Fichten auf einem etwas höher gelegenen Punkte beiſam⸗ men ſtehen, gleich einer Geſellſchaft ermüdeter Wächter, — 299— die ſich durch enges Aneinanderſchließen wechſelſeitig zu trö⸗ ſten ſuchen, während man von Zeit zu Zeit einige ſchlanke Birken mit ihren zitternden Blättern, ihren dünnen, graciö⸗ ſen Zweigen und in bräunlicher Silberfarbe glänzenden Stämmen über den Rand einer Vertiefung herabhängen oder die Seite eines Hohlwegs ſchmücken ſah. Wenn man in eine der tiefſten Niederungen hinabſteigt, ſo fühlt man ſich in faſt eremitenähnlicher Einſamkeit. Man glaubt, hier wenigſtens ſei man „die Welt vergeſſend von der Welt vergeſſen,“ und man fühlt einen unwiderſtehlichen Wunſch an dem Fuße dieſes Strauches, oder da, wo die Wurzeln gleich einem wohleingerichteten Staate durch genaues Inein⸗ andergreifen die lockern und unzuſammenhängenden Stoffe, aus denen ſie entſprungen, zuſammenhalten, ſich nieder⸗ zuſetzen und in der ſtummen Gegenwart der Natur mit ſeinen eigenen Gedanken zu unterhalten. Beſteigt man einen der kleinen Hügel, ſo iſt der Anblick und das dadurch erweckte Gefühl ein ganz anderes. Die Einſam⸗ keit iſt eben ſo grandios und auffällig; kein lebendes Geſchöpf iſt zu ſehen, ausgenommen ein Kibitz, der mit ſeinen dünnen, bogenförmigen Flügeln und mit grellem Rufe ſe gghenre erfreuend, vorüberwirbelt, aber es liegt etwas Fartiges und ſeltſam Erhabenes in der weiten Ausdehnung dieſer Wüſte, die ſich ringsum in verſchiedenen Farben ausbreitet, gkeich den Wogen des Beauchamp. Erſter Band. 14 4 1 4 4 — 210— Oceans. Erſt kommt gelber Sand, dann grüner, kur⸗ zer Raſen, dann eine braune Maſſe, die man aber ſchon nicht mehr deutlich unterſcheiden kann, dann viel⸗ leicht ein blinkender Streifen Waſſer und dann eine dunkle, indigoblaue Linie, wo die azurne Luft und die ſchwarzen Schatten unter einer drohenden Wolke ſich verſchmelzen, dann lange, immer undeutlicher werdende purpurne Wel⸗ lenlinien, bis Erde und Himmel ineinander zu fließen ſcheinen. Die Kahlheit, die Stille, die Oede, die ver⸗ ſchiedene Färbung, die ungeheure Ausdehnung und gerade die Eintönigkeit der Gebilde geben vereint ein Ganzes, das eben ſo großartig iſt, als der höchſte Berg, welcher jemals ſeine ſtolze Stirn über ſeine Rieſenbrüder erhob. Ich habe geſagt, man würde geradeaus zu gehen haben, aber was ich geſagt habe, iſt ganz unrichtig und es iſt wunderbar, wie viele kleine Lügen der unſchuldigen Feder entweder in der Eile des Schreibens— was ſehr verzeihlich iſt— oder um einer kleinen anmuthigen Wendung— eines zierlichen Ausdrucks oder eines hüb⸗ ſchen Bildes willen— was aber kein ſo kleiner Fehler iſt— unwillkuhrlich entſchlüpfen. Ich glaube nicht, daß von irgend einem Dichter, Sheſeen Roman⸗ ſchreiber in ältern oder neuern Zeiten jemals zehn Sätze geſchrieben wurden, die nicht eine directe oder indirecte Unwahrheit enthielten. Ich bin meines Vergehens ge⸗ — 211— ſtändig. Es iſt nicht wahr, daß man gerade aus zu gehen habe, denn wenn man gerade aus ginge, ſo käme man in einen Teich und vielleicht nimmermehr wieder aus demſelben heraus, denn zwiſchen den Binſen und dem Geröhricht und allerhand Unkraut und Waſeerlilien, der hier und da befindlichen tiefen Löcher zu geſchweigen, kann man ſich ſehr leicht mit den Füßen verfangen und kopfüber in eine Tiefe ſtürzen, in der man weder ſchwim⸗ men noch ſich ſonſt heraushelfen könnte. Nein, der Weg geht nicht gerade aus. Von allen menſchlichen Umwegen— und Jeder, der das menſchliche Herz kennt, weiß, daß es krumme Wege viel zu ſehr liebt, um jemals von ſelbſt einen direct zum Ziele führenden einzuſchlagen — von allen menſchlichen Umwegen, ſage ich, war nie⸗ mals einer ſchlangen⸗ oder zickzackförmiger als der, wel⸗ cher von jener Heerſtraße nach dem Moor hinüberführt. Erſt geht er um den erwähnten Teich herum, dann um den Fuß eines kleinen Hügels, dann quer durch eine Sandbank, dann ſeitwärts vor einer tiefen Grube und dann in einer kleinen ehrerbietigen Entfernung an einem Grabhügel vorüber, unter welchem die Gebeine längſt vergeſſener, tapferer Krieger ſchlummern, und ſelbſt da, wo er auf die grüne Ebene herauskommt, windet er ſich hin und her gleich einer großen Schlange und giebt trauriges Zeugniß von der vagabundirenden Laune des Menſchen, der ihn ohne Urſache und Grund, wohin er 14* auch gehen und was auch immer ſein Ziel ſein mag, hinüber und herüberführt. Aber beim Lichte beſehen, weshalb ſollte er ſich nicht ſo führen laſſen? Weshalb ſoll er dieſer Laune nicht folgen? Das Leben iſt nichts als eine Reiſe über ein Moorland und der wilden Blumen, welche auf un⸗ ſerm Pfade wachſen, ſind zu wenige, als daß wir ſie nicht pflücken ſollten, wenn wir ſie erblicken, ſelbſt wenn wir deshalb ein paar Schritte abſeit thun müßten. Es gehört das Alles mit zur Tagereiſe und in die Heimath gelangen wir doch noch. 1 Es iſt aber intereſſant, alle die verſchiedenen Bie⸗ gungen und Wendungen eines kleinen Fußweges, wie deſſen, den wir hier verfolgen, näher in's Auge zu faſ⸗ ſen. Sehr oft hat das, was uns die Wirkung bloßer Laune zu ſein ſcheint, ſeinen guten Grund. Weshalb wendete ſich der Mann, deſſen oft wiederkehrender Fuß zuerſt dieſen Weg bahnte, ſich hier rechts ab, da es doch ſo klar iſt, wie die Sonne am Nittage(das heißt bei ſchönem Wetter,) daß er die Abſicht hatte, gerade zwiſchen den beiden vor uns liegenden Hügeln hindurch zu gehen? Ah, jetzt ſehe ich's: das Gras iſt hier ſehr grün, es befindet ſich hier entweder eine kleine Quelle, oder der Boden iſt ſonſt bei naſſer Witterung weich und ſumpfig und deshalb war ein kleiner Umweg nöthig. Aber wenn dies auch der Fall war, weshalb hielt ſich — 213— nicht der Mann nach der rechten Seite des Hügels, der, worauf der jetzt blühende Hagedorn ſteht, welcher die einſame Luft mit einem Wohlgeruch erfüllt, den die Kunſt nimmermehr zu erzeugen vermögte? Hatte er vielleicht die Abſicht, die weite Ausſicht über die hohen prächtigen Bäume des Parks, das ſich jenſeits deſſelben weit hin⸗ dehnende Land und den kleinen über die hohen Silber⸗ pappeln hervorragenden Thurm der Kirche von Tar⸗ ningham mitzunehmen? Allerdiugs konnte dies der Fall ſein, denn es lebt ein angeborner Sinn für das Male⸗ riſche in der Bruſt der meiſten Menſchen, der gleich ei⸗ nem angelernten Geſchmack zunimmt und ſich ausbildet und ſtärker und gewaltiger wird, jemehr man ihn ge⸗. währen läßt und jemehr er Gelegenheit hat, ſich geltend zu machen. Er iſt vielleicht das Einzige, wovon man mit Wahrheit ſagen kann, daß der Appetit mit dem Wachsthum deſſen, wovon er ſich nährt, zunimmt. Und jene Ausſicht iſt eine ſehr ſchöne, welcher zu Liebe man gern einen kleinen Umweg macht. Was das Uebrige betrifft, ſo liegt es auf der Hand, daß er— nämlich der Mann, der zuerſt über das Moor wanderte— von hier aus ſich wieder rechts wenden mußte, um die ur⸗ ſprüngliche Richtung wieder zu gewinnen, ſo daß damit vier derartige Abweichungen vollſtändig erklärt ſind. Ich kann hierbei nicht umhin zu bemerken, lieber Leſer, daß wir, wenn wir nur einige Mal im Leben die Be⸗ weggründe unſerer eignen Handlungen oder auch der Handlungen Anderer unparteiiſch unterſuchen wollten, ſicherlich Urſache finden würden, unſern kritiſchen Sinn abzulegen und zu glauben, daß oft ſehr gute und ver⸗ nünftige Gründe zu einer Wendung nach rechts oder links vorhanden geweſen ſind, worüber wir uns tadelnd ausgeſprochen haben, blos weil wir jene Gründe nicht erkannten. O Wohlwollen, Wohlwollen! Wie ſchön biſt du im weiteſten und heiligſten Sinne und wie oft wür⸗ den ſich die Menſchen, wenn ſie nur Dich übten, das Verbrechen und die Thorheit des ungerechten und vor⸗ eiligen Verdammens erſparen. Doch ich kehre zurück zu meinem Weg über das Moor und finde, daß jener Mann, nachdem er die ur⸗ ſprüngliche Richtung wieder gewonnen, ſie mehr als eine Viertelmeile lang ſchnurgerade verfolgt hat. Es iſt ſelt⸗ ſam, es iſt wunderbar! Nie habe ich ſo Etwas geſehen! Aber nichts deſto weniger iſt es auch wahr, daß hier auch gar Nichts zu bemerken iſt, was ihn auf eine oder die andere Seite hätte treiben oder verlocken können, und was macht er dann ſpäter für Zickzacke, wie um die verlorene Zeit wieder einzubringen! Um dieſe Fichten⸗ gruppe herum, zwiſchen den Birken hindurch, hier und da über den wildeſten Theil des Moors, bis er dicht an dem Nande jener tiefen Sandgrube vorüberführt, die aber ſchon ſeit langer Zeit aufgehört haben muß, — — A5 ihr lockeres Material zum Beſtreuen der Dielen, des Schenkzimmers und der Flur des Landhauſes zu liefern, denn die Gebüſche wachſen dicht längs des Abhanges hinab und es ſcheint als ob auf dem Boden ein kleiner Küchengarten und eine menſchliche Wohnung vorhanden geweſen wären. Unter der Regierung des Königs Georg, unter deſſen väterlichen Scepter die Engliſche Nation zu der Zeit, welcher unſere Geſchichte angehört, blühete, ſtand eine Hütte in dieſer Sandgrube, ein kleines von Balken, Bretern und Lehm erbautes einſames Häuschen, welches zwei oder drei Gemächer enthielt. Die Beſtandtheile deſ⸗ ſelben waren, wie ich ſo eben geſagt habe, gering und ärmlich, Behagen und Beguemlichkeit ſchienen weit da⸗ von entfernt zu ſein, und doch lag im Ganzen genom⸗ men etwas nicht Unangenehmes in der Idee, in dieſem verſteckten Winkel, rundum von dem trocknen Sand und den grünen Sträuchern umgeben, zu wohnen und zu wiſſen, daß man, der Wind möge über den Hügel ra⸗ ſen, die Birken niederbeugen und die Fichten praſſelnd umbrechen, wie er wolle, doch von ſeiner Wuth hier nicht erreicht werden könne— daß der Regen, möge er auch in noch ſo ſchweren Strömen herabſtürzen, als ob die Fenſter des Himmels geoffnet wären, doch von dem trockenen unerſättlichen Boden augenblicklich aufge⸗ trunken werde. Auch ließen ſich an dem Gebäude An⸗ — 216— zeichen eines beſcheidenen natürlichen Geſchmacks bemer⸗ ken, vor der Thüre war eine Art kleiner Vorhalle von Lattenwerk angebracht, welche einer Laube glich und von mehrern Schlingpflanzen, wie wildem Hopfen und der⸗ gleichen, mit einer dazwiſchen hindurchkriechenden einſamen Gartenroſe überzogen war. Auch waren noch quer an dem Hauſe Latten und Stangen angebracht, um es die⸗ ſen Pflanzen möglich zu machen, ſich noch über die vordere Seite der Hütte auszubreiten, nachdem ſie die kleine Vorhalle gehörig überzogen, und zwei oder drei kecke Schößlinge umſpielten bereits die ihnen dargebotene gebrechliche Brücke. Das Innere des Hauſes war weniger anziehend, als das Aeußere; der feſtgeſchlagene und ſehr wagerecht gehaltene Lehmfußboden war ſehr gut und trocken, denn der darunter befindliche Sand entfernte alle Feuchtigkeit; aber in den Wänden der Gemächer befand ſich leider manche Ritze, durch welche die Sonne oder der Mond ſcheinen oder der Nachtwind hereinwehen konnte, und die Bewohner der Hütte hatten, die Wahrheit zu geſtehen, den Schutz gegen einen ſo kalten Gaſt eben ſo ſehr den hochaufragenden Wänden der Grube als der Bauart ihrer Wohnung zu verdanken. Das Hausgeräth war dürftig und plump und ſchien nicht von einer mit den Werkzeugen des Zimmermanns und Tiſchlers vertrau⸗ ten Hand gefertigt, ſondern vielmehr eilig und nach⸗ — 217— läſſig zuſammengebaut worden zu ſein, ſo daß man, wenn man ſich in dem Schlafgemach umſah, geneigt ward zu glauben, daß das gemeinſchaftliche Zeltbett, welches in der einen Ecke ſtand, der einzige Gegenſtand ſei, der jemals einen Verkaufsladen bewohnt habe. Der große Schrank, der Tiſch, die zwei oder drei Stühle, Alles verrieth deutlich einen und denſelben Verfertiger, und wenn das Zimmer weiter Nichts enthalten hätte, als dies, ſo würde es in der That einen ſehr dürftigen Anblick gewährt haben. Von mehrern in die Wand ein⸗ geſchlagenen Nägeln aber hing eine Anzahl ganz eigen⸗ thümlicher Zierrathen herab. Darunter befanden ſich ein Fuchskopf und Fuchsſchwanz, getrocknet und wohl⸗ erhalten; das graue Fell eines Dachſes und das braune einer Fiſchotter; Raubvögel von verſchiedenen Größen und Gattungen, ein Neuntödter, ein Habicht, ein Mäuſe⸗ falke und mehrere Eulen. Neben dieſen zoologiſchen Gegenſtänden hing eine Anzahl ſonderbarer Geräthſchaf⸗ ten, deren Zweck und Gebrauch bei manchen leicht zu errathen, bei andern jedoch ein Geheimniß war. Es befanden ſich darunter zwei oder drei Beißkober für Hnnde, die man ſofort erkannte, aber gleich daneben hing ein närriſches Ding, welches eine liliputiſche Maus⸗ falle zu ſein ſchien und an einige Lederriemen feſtgenäht war. Dann kam eine Rolle Eiſendrath, ein Hundehals⸗ band und ein paar Leinen. Zunächſt zeigte ſich Etwas, was ſchwer zu beſchreiben iſt, es hatte zwei ſaͤgenähn⸗ liche eiſerne Backen wie eine Rattenfalle mit an einem hölzernen Griff befeſtigten halbrunden Bogen; auswen⸗ dig war eine Feder angebracht und inwendig ein Char⸗ nier. Es war klar, daß die Backen geöffnet, und wenn es ſein mußte, offen gehalten werden konnten, und wenn ich ein Haaſe, ein Kaninchen oder irgend ein anderes zartfüßiges Thier geweſen wäre, ſo würde ich mich wohl gehütet haben, meinen Knöchel in dieſes Inſtrument hineinzuſtecken. Ich könnte auch noch verſchiedene andere Inſtrumente ſowohl von Leder als von Eiſen beſchreiben, welche gleichfalls an der Wand hingen, da ich aber dem Leſer wirklich nicht ſagen kann, zu welchem Zwecke ſie beſtimmt waren, ſo wäre es ſchade um die Mühe. Es waren jedoch noch andere Dinge da, deren Beſtimmung und Gebrauch ſich von ſelbſt ergab— zwei oder drei kleine Käfige, mehrere Arten von Fiſchnetzen, eine Büchſe, Pulverhörner und Schießtaſchen und neben dem Fenſter hingen vier kleine Käfige, in welchen ſich Singvögel befanden. Aber wer war der, der ſich in der Mitte aller die⸗ ſer ſeltſamen Gegenſtände befand? War er der Eigen⸗ thümer dieſer abenteuerlichen, einſamen Wohnung? O nein, es war ein junger Mann, der gekleidet war, wie Niemand gekleidet ſein konnte, der nicht ganz andere Plätze beſuchte, als dieſen hier. Seine Kleider waren nicht blos die eines feinen Mannes, ſondern die eines Mannes, der viel Sorgfalt auf ſein Aeußeres verwen⸗ dete— faſt mehr als ſich für einen Mann ſchickt. Alles was der Schneider, der Schuhmacher, der Hutfabrikant thun konnten, war gethan worden, um das Coſtüm ſtreng mit der Mode des Tages in Einklang zu brin⸗ gen. Es lag aber bei alledem etwas zu Geſuchtes dar⸗ in, die Farben waren zu bunt und der Schnitt der Kleider zu entſchieden modiſch, als daß ſie wirklich ge⸗ ſchmackvoll hätten genannt werden können. Auch die Zuſammenſtellung der Farben war durchaus nicht har⸗ moniſch. Wir bemerken an einer Aſter und an einer Roſe dieſelben Farben, und doch, was iſt für ein Unter⸗ ſchied in dem Anſehen dieſer beiden Blumen! Ein gleich⸗ artiger Unterſchied, obſchon nicht in demſelben Grade, beſtand auch zwiſchen der Kleidung der Perſon, von der wir hier ſprechen, und der eines wahrhaft wohlgekleideten Mannes der damaligen Zeit. In faſt jeder andern Hinſicht war ſeine äußere Erſcheinung eine gute zu nen⸗ nen; er war lang und eher ſchlank als ſtark gebaut und beſaß nichts von der Steifheit und Ungelenkigkeit, welche ſein Anzug hatte vermuthen laſſen. Die Haltung des Körpers iſt faſt ſtets ein ſchwächeres oder ſtärkeres Ab⸗ bild des Charakters und ein mildes, raſches, heftiges Gemüth theilt, wie es hier der Fall war, den Bewe⸗ gungen eine Zwangloſigkeit mit, die durch keine Dreſſur ganz beſeitigt werden kann. Seine Geſichtszüge waren an und für ſich nicht übel. Er hatte eine hübſche hohe Stirn, freilich etwas ſchmal, ein paar ziemlich ſchöne Augen(wenn man ſie beide hätte ſehen können) die je⸗ doch etwas zu dicht beiſammen lagen, eine wohlgebildete Naſe und der Schnitt des Mundes und Kinns war eben⸗ falls nicht ſchlecht, obſchon der erſtere etwas thieriſch Sinnliches verrieth und das letztere etwas zu weit vor⸗ ragte. Das ganze Geſicht aber war durch eine ſchwarz⸗ ſeidene Binde, welche das rechte Auge bedeckte, und eine an derſelben Seite der Naſe herablaufende friſche Schram⸗ me entſtellt, während unter der Binde, die für ihren Zweck nicht breit genug war, mehrere blaue und gelbe Regenbogenringe hervorlugten, die ſich ſowohl bis auf die Wange herab, als bis auf die Schläfe hinaufzogen. Aus dieſen Andeutungen hat der Leſer bereits ge⸗ merkt, daß dieſer junge Mann, ihm obſchon in einem andern Gewande, wie er es am Abend vorher für ſeine beſondern Zwecke paſſend gefunden, vorgeſtellt worden iſt. Er ſaß jetzt in der Hütte des Wildſchützen Stephen Gimlet, weil er es für räthlich fand, ſich von beleb⸗ teren Plätzen, wenigſtens während des hellen geſchäftigen Tages, entfernt zu halten. Mit Einbruch der Nacht wollte er ſich nach dem Gaſthof begeben, der in der Unterredung mit der Haushälterin erwähnt worden war; nach ſeinem angenehmen und hoffnungsvollen Geſpräch mit ſeinem Vater aber war er ſtracks nach der Woh⸗ nung ſeines Spießgeſellen Wolf geritten, wo er am Tag vorher bei der Verabredung des Plans ſeinen Mantel⸗ ſack gelaſſen hatte. Er hatte ſein Pferd in einem Schup⸗ pen auf der hintern Seite des Gebäudes untergebracht und die langweiligen Stunden der Finſterniß theils durch bittere Betrachtungen, theils durch Geſpräch mit ſeinem Kameraden zu vertreiben geſucht. Der Schlaf wollte ſich nicht auf ſeine Augenlider niederlaſſen, denn obſchon er, nachdem er ſich auf's Ruhelager niedergeworfen, von Zeit zu Zeit einſchlummerte, ſo kehrten doch fortwährend aufre⸗ gende Gedanken zurück, und beraubten ihn aller wirklichen Ruhe.— Zu einer frühen Stunde des Morgens und als es noch finſter war, hatte ſich Stephen Gimlet nach ſeiner Gewohnheit aus dem Hauſe entfernt. Mit den erſten Strahlen der Sonne erhob ſich auch Henry Wittingham, kleidete ſich ſodann ſorgfältig an und verwendete dann ohngefähr noch eine halbe Stunde auf Anfertigung eines ſchwarzen Pflaſters, welches er aus einem alten ſeidenen Halstuche ſchnitt, um ſein entſtelltes Auge zu verbergen. Als er damit fertig war, bedurfte er noch Etwas, um dieſes Pflaſter auf der rechten Stelle feſtzubinden, und ſah ſich, wiewohl vergeblich, im Zimmer darnach um. Lederriemen, Hundehalsbänder, Rattenfallen, Meſſing⸗ draht— Alles das konnte er nicht gebrauchen, und ob⸗ ſchon neben den Natzen ein Knäuel Peitſchenſchnüre lag, ſo dachte er doch, daß ein von dieſem Material ange⸗ fertigtes Bindezeug nur ſchlecht zu ſeinem übrigen An⸗ zuge paſſen würde. Er ging daher durch die kleine Hausflur nach dem nächſten Zimmer und hob die plumpe hölzerne Thürklinke auf. Er fand jedoch die Thüre verſchloſſen, und murmelte bei ſich ſelbſt:„Verwünſch⸗ ter Kerl! Denkt er etwa, ich will ihm etwas ſtehlen?“ Eben wollte er ſich wieder hinwegbegeben, als eine wohl⸗ klingende Stimme von innen rief:„Ich bin fertig, Pa⸗ pa, ich hab die Strümpfe ſchon angezogen.“ „Aha er hat das Kind eingeſchloſſen,“ ſagte Henry Wittingham zu ſich ſelbſt, dann rief er laut:„Dein Papa iſt noch nicht wieder da, Charley*), daher liege ſtill und ſei ruhig.“ Er kehrte hierauf in das andere Gemach zurück, wo ihm plötzlich die brillante Idee einkam, den Saum des alten ſeidenen Tuches abzuſchneiden, um damit das ſchwarze Pflaſter feſtzubinden, und als er dieſe Idee aus⸗ geführt und glücklich zu Stande gebracht hatte, ſetzte er ſich nieder und dachte nach. O wie viele Arten von Elend giebt es in der Welt! Dadurch, daß die Natur dem Menſchen ſeine feine Or⸗ ganiſation gab, daß ſie ihn durch zarten Bau, durch *) Karlchen. 8 Verſtand, durch Phantaſie und durch unendliche Hoff⸗ nung und Erinnerung über das Thier erhob, eröffnete ſie ihm die reichlichſten Quellen des Genuſſes, ſtellte ihn aber auch gleichzeitig von allen Seiten den Angrif⸗ fen der Uebel blos. In vollkommener Unſchuld kann der Menſch und ſein ganzes Geſchlecht allerdings bei⸗ nahe vollkommene Gllückſeligkeit finden. Der Garten von Eden iſt nur ein Bild des moraliſchen Paradieſes eines vollkommen tugendhaften Zuſtandes, in dem Au⸗ genblick aber, wo die Sünde eintrat, wuchſen die Dor⸗ nen und Geſträuche empor, um alle Füße zu verwun⸗ den, und gerade die Fähigkeiten zum Glück wurden die wehrloſen Punkte, auf denen der Schmerz und das Un⸗ glück uns angreifen kann. Unendlich ſind dieſe Angriffe und unzählig die Geſtalten, die ſie annehmen, aber von allen Formen des Unglücks iſt einem böſen Ge⸗ müth keine furchtbarer und ſchrecklicher, als das Nach⸗ denken. Und hier ſaß der junge Mann in Nachdenken verſunken, während die Strahlen der Frühſonne ihn mit ihrem reinen, ruhigen Lichte umſtrömten, und die Schat⸗ ten ſeines eigenen Herzens nur um ſo dunkler färbten. Woran dachte er? Woran hafteten ſeine Betrachtun⸗ gen? An dem Glücke, das entſchwunden war, an den heitern Stunden der Kindheit, an den Spielen des Kna⸗ ben, an den Zeiten, wo die Welt für ihn jung und Al⸗ les von Friſche und Genuß erfüllt war? Oder dachte er — Q-—— 8 — — 224— an die weggeworfenen Güter, an Reichthum, Ruhe und Bequemlichkeit, die keinen vernünftigen Wunſch unbefrie⸗ digt ließen, kein tugendhaftes Vergnügen verſagten? Oder ſah er der Zukunft mit Furcht und Angſt entgegen und blickte mit Kummer und Gewiſſensbiſſen auf die Vergan⸗ genheit zurück? Das weiß nur der Himmel. Hier ſaß der unglückliche junge Mann mit vorgebeugtem Kopf, gerun⸗ zelter Stirn und zuſammengekniffenen Zähnen; der rech⸗ te Arm hing ſchlaff und unthätig herab und die linke Hand ſpielte mechaniſch mit einigen auf dem Tiſche lie⸗ genden ſeidenen Läppchen. Er ſchauete unter den ge⸗ ſenkten Augenbrauen hinweg durch das Fenſter. Er ſah nicht den Sonnenſchein, doch fühlte er ihn, aber liebte ihn nicht, und dann und wann zogen die dunkeln Schat⸗ ten ſtarker Gemüthsbewegung über ſein Geſicht wie ne⸗ blige Wolken, die der Sturm an einer hohen Bergwand vorüber jagt. So ſaß er lange und ſah ungeduldig der Rückkehr ſeines Kameraden entgegen, aber ſo ſehr hatte ſich das Nachdenken bemächtigt, daß er nicht darauf ach⸗ tete, wie ſchnell die Zeit verfloß. Er hörte nicht ein⸗ mal das Kind in dem anſtoßenden Gemach ſchreien, als es des Wartens müde über die ungewöhnlich lange Abweſenheit ſeines Vaters in Angſt gerieth. Endlich jedoch ſah man die ſtämmige Geſtalt des Wildſchützen den kleinen ſteilen Pfad herabkommen, wel⸗ cher von dem Moor nach der Sandgrube führte. Sein Schritt war langſam und ſchwerfällig, ſeine Miene mürriſch und unzufrieden, aber Harry Wittingham ſprang ſobald als er ihn ſah auf und öffnete ihm die Thüre der Hütte, indem er rief:„Nun, Wolf, was bringt Ihr für Neuigkeiten mit?“ „Weder die beſten noch die ſchlimmſten,“ antwortete der Mann etwas mürriſch. „Und was habt Ihr zum Frühſtück?“ fragte der junge Herr.„Ich bin hungrig wie der Teufel.“ „Ihr müßt ein wenig warten,“ entgegnete Wolf, „ich muß erſt nach dem Jungen ſehen. Der arme kleine Kerl hat ſich gewiß die Augen halb ausgeweint, daß ich ſo lange geweſen bin— wenn Ihr aber ſehr preſſirt ſeid, ſo könnt Ihr einſtweilen Feuer anbrennen, Maſter Harry; dort in der Ecke liegt Holz und mit dem Flin⸗ tenſtein könnt Ihr Licht anſchlagen.“ Harry Wittingham machte eben kein vergnügtes Ge⸗ ſicht, ſondern ging wieder in das Haus hinein, trat an's Fenſter und trallerte ein Liedchen, ohne die beſchei⸗ dene Arbeit zu verrichten, die der Andere ihm aufge⸗ tragen. Mittlerweile ging Wolf ſtracks nach der an⸗ dern Thüre, ſchloß ſie auf, ergriff den kleinen ſchönen Knaben, der halb angekleidet und weinend auf einem Schemel ſaß, drückte ihn an ſeine Bruſt und küßte ihn einige Mal. Es waren ſeltſame und gute Gedanken, die in dieſem Augenblick ihm durch den Kopf gingen. Er Beauchamp. Erſter Band. 15 fragte ſich, was wohl aus dieſem Kinde geworden wäͤre, wenn man ihn feſtgehalten und gefangen geſetzt hätte, wie dies allerdings ſehr leicht hätte geſchehen können. Wer würde den Knaben aus dieſem einſamen Zimmer herausgelaſſen— wer würde ihm Nahrung gegeben— wer würde ihn gewartet und gepflegt haben? Und ein oder zwei Mal, während er beendete was die zarten Hän⸗ de des Kindes bei dem Verſuche, ſich anzukleiden, nicht ſelbſt zu thun vermogt hatten, rieb ſich der Vater die Stirn und ſann düſter nach. Man ſage von den Ban⸗ den der Natur was man wolle, ſie bleiben die ſtärkſte Veranlaſſung zu einem guten Wandel. Als er fertig war, nahm er den Knaben bei der Hand und führte ihn in's andere Zimmer, warf einen Blick auf den Heerd und dann auf Harry Wittingham, welcher noch am Fenſter ſtand, und ſeine Stirn runzelte ſich. Er ſagte jedoch nichts, zündete das Feuer ſelbſt an, zog die Fiſche aus der Taſche und begann dieſelben zu⸗ zurichten. Dann nahm er aus dem Schranke ein paar Meſſer, ein angeſchnittenes grobes Brod und zwei oder drei Gläſer, welche er auf den Tiſch ſetzte; darauf gab er dem Kinde ein großes Stück von dem Brode und flüſterte ihm zu, als ob dies ein großes Geheimniß wä⸗ re, daß es binnen einer Minute eine ſchöne Forelle be⸗ kommen ſolle. Zu Harry Wittingham ſagte er kein Wort, bis endlich dieſer ſich herumdrehte und rief:„Nun, Wolf, Ihr habt mir ja noch nicht geſagt, was für Neuigkeiten Ihr mitgebracht habt!“ „Und Ihr habt das Feuer nicht angebrannt,“ ſag⸗ te Mr. Gimlet.„Wenn Ihr etwa glaubt, Maſter Wit⸗ tingham, daß Ihr an ſo einem Orte wie dieſer ſtets mit ſaubern Händen wohnen könnt, da irrt Ihr Euch, Ihr müßt Eure Manieren nach Eurer Geſellſchaft rich— ten, oder die Sache aufgeben.“ Harry Wittingham hatte große Luſt eine zornige Antwort zu geben, er beſann ſich aber, wie ſehr er ſich in der Macht ſeines Geſellſchafters befinde; die Klug⸗ heit kam ihm noch rechtzeitig zur Hülfe und er ſagte blos:„Bah, bah, Wolf, ich bin nicht gewohnt, Feuer anzubrennen, und weiß nicht, wie man es anfängt.“ „Nun, Ihr werdet's ſchon noch mit der Zeit lernen müſſen,“ antwortete ſein Kamerad.„Als ich dieſes gan⸗ ze Haus baute und alle dieſe Stühle und Tiſche mit meinen eignen Händen verfertigte, da verſtand ich eben ſo wenig von einem Handwerke, welches ich niemals zu treiben glaubte, als Ihr von dieſem.“ „Ja, Ihr habt in Eurem Leben manches Hand⸗ werk getrieben,“ ſagte Harry Wittingham,„ich aber blos eins.“ „Ja, und das kein ſehr gutes,“ murmelte Wolf vor ſich hin, aber der Sturm zog für dies Mal noch vor⸗ über und die Forellen wurden zugerichtet und in eine 15* Schüſſel geſchüttet, aus welcher die beiden Männer und der kleine Knabe die Mahlzeit mit herzlichem Appetite zu ſich nahmen. Der Sohn des Friedensrichters ließ das Frühſtuͤck vorübergehen, ohne weiter nach den Nachrichten zu fra⸗ gen, welche ſein Geſellſchafter auf ſeiner Morgenexpedition erhalten hatte; nachdem aber Ste Gimlet eine Flaſche ſehr feinen weißen Branntwein herbeigeholt hatte, die bei dem Anblick eines Zollbeamten ſicherlich nicht roth geworden wäre und wovon Jeder ein Glas mit dem kalten Waſſer, welches für das Kind hingebracht war, vermiſcht trank, rückte der Wildſchütz mit ſeinen Neuig⸗ keiten unaufgefordert heraus, indem er Harry Witting⸗ ham einen großen Theil deſſen erzählte, was zwiſchen ihm und Ned Hahward ſtattgefunden hatte. Was er nicht erzählte, hielt er wahrſcheinlich für nicht von Be⸗ deutung, obſchon über dieſen Punkt verſchiedene Mei⸗ nungen exiſtiren konnten, auf alle Fälle aber erfuhr Harry Wittingham, daß Wolf beinahe von einem Manne feſtgenommen worden war, der ihn über die Vorgänge des vergangenen Abends genau ausgefragt hatte und der ſeinen Namen und den Antheil kannte, den er bei dem gefährlichen und ſchändlichen Unternehmen gehabt hatte. Dieſe Nachricht brachte ihn abermals auf dunkle, düſtere Betrachtungen, in die er faſt fünf Minuten lang verſank, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, aber dann raffte er ſich plötzlich zuſammen und ſah mit einem ge⸗ wiſſen Blicke von Zufriedenheit empor, als ob er plötz⸗ lich zu einem neuen, angenehmen Schluſſe gekommen wäre. „Ich muß Euch Etwas ſagen, Ste,“ ſagte er,„ich habe mir ſo eben Etwas überlegt. Ihr müßt anſtatt meiner hinunter nach Tarningham gehen und ſo Viel über dieſen Kerl zu erfahren ſuchen, als nur möglich iſt— wer er iſt und ob er ein londoner Polizeidiener iſt oder nicht, und wenn Ihr das Alles wißt, ſo— 1 „Das werde ich nicht thun, Maſter Harry,“ ant⸗ wortete der Wildſchütz,„ich thue in dieſer Sache keinen Schritt mehr— ich habe keine Luſt dazu, es ſagt mir nicht zu. Ich verſtand mich blos um unſerer alten Be⸗ kanntſchaft willen dazu, und weil Ihr mir ſagtet, die junge Dame werde Nichts dawider haben, und als ich einmal dabei war, ſo ging ich auch mit tüchtig darauf los, obſchon ich wohl ſah, daß ſie eben ſo viel Luſt hatte, mit Euch zu gehen, als ich etwa Luſt habe, auf dem Seile zu tanzen. Aber nun will ich weiter Nichts mehr damit zu thun haben, es hat mir ſchon genug Schaden gemacht, ich werde nun zehn Mal genauer be⸗ aufſichtigt werden als früher, und meinen Verdienſt ver⸗ lieren— alſo geht Ihr ſelbſt, ich gehe nicht.“ „Na, na, Wolf, Ihr ſeid ja ein guter Kerl, das — 230— iſt ja Alles dummes Zeug,“ ſagte Harrh Wittingham in ſchmeichelndem Tone. Aber der Mann ſchnitt ihm kurz das Wort ab, in⸗ dem er nochmals ernſt wiederholte, er werde auf keinen Fall gehen. „Dann bei allen Teufeln will ich ſelbſt gehen,“ rief der junge Herr mit einem gräulichen Fluche,„wenn Ihr Euch auch fürchtet, ich fürchte mich nicht.“ Mit dieſen Worten ſprang er auf, ging aus der Hütte hinaus, ſchlug den Weg nach dem auf der hin⸗ teren Seite gelegenen Schuppen ein, wobei er mehrere Blumen niedertrat, an deren Pflege der Wildſchütz Ver⸗ gnügen fand, und nach ungefähr einer Viertelſtunde ritt er den kleinen Steig nach dem Moor hinauf. Als er fort war, blieb Ste Gimlet eine Zeit lang gedankenvoll ſitzen; bald blickte er ſtier vor ſich hin, bald ſpielte er mit dem Haar des Kindes, oder beant⸗ wortete die kindiſchen Fragen mit zerſtreuter Miene. Endlich murmelte er:„Was iſt nun zu thun?“ und fügte dann laut hinzu:„Na, Etwas muß geſchehen. Geh hinaus in den Garten, Charley, und ſpiele.“ Das Kind hüpfte ſogleich freudig hinaus, und der Wildſchütz ſetzte ſich nieder, um ſein Vogelnetz auszubeſ⸗ ern, aber immer wieder legte er die verſchlungenen Maſchen auf das Knie nieder und ließ ſeine Gedanken ſich in nicht weniger künſtliche Netze einwirren. — „Ich will das Andere verſuchen,“ ſagte er nach einiger Zeit,„ſo geht es nicht. Aus mir machte ich mir Nichts, aber der arme Knabe. Die arme Marie, es lag ihr immer am Herzen, was ich wohl mit dem Knaben anfangen würde, wenn ſie nicht mehr wäre. Na, ich will's verſuchen und etwas Beſſeres treiben. Vielleicht ſchaut ſie auf uns herab,— wer weiß?“ Und hierauf begann er wieder ſeufzend ſeine Arbeit. Er beſchäftigte ſich damit, ſo wie mit einigen andern Dingen, zwei bis drei Stunden lang. Er machte das Netz fertig, er flocht einen Ruthenkorb— es war der erſte, den er verſucht, aber es ging viel beſſer, als er erwartet hatte, und dann rief er den Knaben herein zum Eſſen und gab ihm eine Forelle, die er aufgehoben hatte, als er die andern zum Frühſtück zurichtete; er für ſeine Perſon begnügte ſich mit einem tüchtigen Stücke Brod. Als das vorbei war, ging er und fing einige kleine Vögel auf dem Moor, gleich über dem Rand der Grube, wo er das Kind unten konnte ſpielen ſehen. Als er auf dieſe Weiſe für das Abendbrod geſorgt— denn der Luxus des Thees war in Ste Gimlet's Hütte unbekannt— kam er zurück und ſetzte ſich zu dem Knaben nieder und ſpielte zärtlich mit ihm mehrere Minuten lang, indem er ihn von Zeit zu Zeit ſchwermüthig und innig anſchau⸗ te, wiewohl auch zuweilen Stolz und Freude aus ſeinen Augen glänzte, wenn ihn das Kind durch heitere, an⸗ — 232— muthige Bewegungen und Geberden dazu veranlaßte. Nichts deſto weniger ſah er dann und wann etwas zer⸗ ſtreut aus und zwei Mal ſtieg er nach dem Rand der Grube hinauf und ſchauete über das Moor hinüber nach Tarningham. Endlich ging er weiter, um auf den Gipfel des nahe gelegenen Grabhügels zu ſteigen, nach⸗ dem er noch dem Knaben geſagt, daß er ihm nicht etwa nachkommen ſollte. Von dem Punkte, auf dem er jetzt ſtand, hatte er eine ſchöne Ausſicht auf die Umgebung, die ich ſchon beſchrieben, und konnte die Windungen der Heerſtraße den Hügel hinab deutlicher verfolgen, als von unten. „Es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie ihn feſtge⸗ nommen hätten,“ ſagte Wolf unmuthig und ängſtlich zu ſich ſelbſt,„und dann wird er ſagen, ich ſei ſchuld daran und ich habe mich gefürchtet zu gehen und dergleichen— zum Teufel, was mach ich mir daraus, was er ſagt oder denkt.“ Und mit dieſen Worten drehte er ſich um und ging wieder zurück nach Hauſe. Er fand jedoch den Knaben oben am Rande und er ſchüttelte ihn ſanft und ſchalt ihn aus, bis dem Kinde die dicken Tropfen in die großen blauen Augen traten.— Stephen Gimlet war mit ſich ſelbſt nicht zufrieden, und er fand, daß das Ausſchelten des Kindes nicht als Ableiter für ſeine Selbſtvorwürfe dienen konnte. Nach⸗ dem er ſeinen Sohn abermals ſpielen geheißen, ging er — 233— beinahe eine Virtelſtunde lang düſter umher und brach dann ungeſtüm los, indem er ſagte: „Ich kann es nicht aushalten, ich muß gehen und ſehen was aus ihm geworden iſt— an den Schlagbaum wird man wiſſen, ob er vorbeigekommen iſt, und die alte Frau wird nicht plaudern. Heda, Charley, du mußt nun in's Haus hineingehen und ſpielen— es wird ſpät und ich gehe fort— ich werde nicht lange wegbleiben und ich gebe dir die Vogelbauer. Der Knabe ſchien an ſo Etwas ſehr wohl gewöhnt und lief, ohne Widerwillen zu außern, ſeinem Vater nach dem Hauſe voran. Dieſer führte ihn in daſſelbe Zimmer, wo er am Morgen geweſen war, und gab ihm einige leere Vogelbauer und noch zwei oder drei andere Gegenſtände zum Zeitvertreib, verſchloß darauf die Thüre des Zimmers und ging dann fort, indem er ſeufzend ſagte:„Dies Mal kann kein Schaden geſchehen, denn ich gehe ja nicht in der Abſicht aus, um Jemandem zu ſchaden. Eitel aber ſind alle ſolche Berechnungen. Die Fehler und Tugenden Anderer ſowohl, als unſere eignen Feh⸗ ler und Tugenden, ſind Beſtandtheile der ſeltſamen Mi⸗ ſchung unſeres Geſchicks, und äußern auf uns einen dun⸗ keln, geheimnißvollen Einfluß, den wir niemals voraus⸗ ſehen können. Wenn wir, ehe wir handeln, an die An⸗ zahl von Weſen durch alle Zeiten und durch unſer ganzes — 234— Geſchlecht hindurch dächten, welche durch jede That, die wir auszuführen im Begriffe ſtehen, berührt werden kön⸗ nen, ja berührt werden müſſen— wie viele Menſchen würden vor lauter Zögern gar nicht zum Handeln kom⸗ men, und wie viele würden, eben wegen der Unmöglich⸗ keit das Ergebniß vorherzuſehen, eben ſo rückſichtslos und unbeſonnen handeln wie immer. Glücklich iſt der, welcher beſonnen, weiſe und ehrlich zu Werke geht und mit reinem Gewiſſen die Folgen Dem anheimſtellt, wel⸗ cher Alles recht regiert. Der Wildſchütz war etwa ſeit einer Viertelſtunde von ſeinem Hauſe fort, als zwei Männer auf dem We⸗ ge nach der Sandgrube herabkamen, der Eine zu Pfer⸗ de, der Andere zu Fuße. Harry Wittingham befeſtigte den Zügel ſeines Pferdes an die Thürklinke, ging mit ſei⸗ nem Begleiter in die Hütte hinein und ſah ſich nach Wolf um, dann ging er nach dem andern Gemach hin⸗ über und da er es verſchloſſen fand, ſagte er: „Stephen iſt nicht hier; da, nimm das, und mach,, daß du fort kommſt,“ und mit dieſen Worten deutete er auf ſeinen Mantelſack, der in einem Winkel lag. Der andere Mann, der ein gewöhnlicher Bauern⸗ knecht oder ein Stallburſche aus einem Gaſthofe zu ſein ſchien, nahm den Mantelſack auf die Schulter und ging da⸗ mit fort und Harry Wittingham blieb ein paar Minuten ang⸗ mit auf den Rücken gelegten Händen ſtehen und ſchauete —-— 235— zum Fenſter hinaus. Nach Verlauf dieſer Zeit ſagte er: „Na, es nützt nichts, wenn ich auf ihn warte, wir würden uns doch nur zanken, daher will ich auch wieder gehen.“ Ehe er jedoch ging, ſchauete er ſich einen Augen⸗ blick lang um und es lag etwas Spöttiſches und Ver⸗ ächtliches in ſeinem Blicke. Was in ſeinem Herzen vor⸗ ging, läßt ſich ſchwer beſtimmen, denn das menſchliche Herz iſt voll ſeltſamer Dinge. Vielleicht war es ihm unangenehm, dem Eigenthümer der armlichen Wohnung einen Dank ſchuldig zu ſein, wenn auch nur für eine Nacht Obdach, und er bemühete ſich, ſeinen beleidigten Stolz dadurch zu verſöhnen, daß er die Verbindlichkeit bei ſich ſelbſt ſo gering als möglich anſchlug. Er dachte vielleicht, daß die Aermlichkeit der Wohnung ſie zu kei⸗ nem ſehr wünſchenswerthen Ruheplatze mache und daß er für die Erlaubniß, die Hütte eines Bettlers theilen zu dürfen, wenig Dank ſchuldig ſei. Als er ſich ſo umſah, fielen ſeine Augen auf die Aſche des auf dem Heerde verglimmenden Holzes und dies erinnerte ihn an eine der vielen ſchlechten Gewohnheiten, die er ſich in der letzten Zeit angeeignet und zu deren Ausübung er während die⸗ ſes ganzen Tages noch keine Gelegenheit gehabt hatte. Er ſteckte demgemäß die Hand in die Taſche und zog einige Cigarren heraus, die damals in England noch nicht ſehr häufig waren. Hierauf faßte er mit der Feu⸗ erzange ein Stück glimmendes Holz, zündete eins der Tabakröllchen an und warf dann die Kohle weg und die Feuerzange wieder zurück auf den Heerd, worauf er ſein Pferd beſtieg und ſo fröhlich hinweggaloppirte, als ob ſein Herz ſo unſchuldig wäre, wie das eines Kindes. Die Kohle fiel auf den Lehmfußboden, wo ſie un⸗ ter gewöhnlichen Umſtänden keinen Schaden anrichten konnte, aber zufällig hatte Stephen Gimlet, als er mit dem Ausbeſſern des Retzes fertig war, den Bindfaden⸗ knäuel dicht neben den Tiſch hingeworfen. Ein langes Ende des Bindfadens war nach dem Heerde zu gefallen und ein paar Augenblicke, nachdem Henry Wittingham die Hütte verlaſſen, ward das kohlende Holz ſchwarz, aber es war dafür ein anderer kleiner feuriger Punkt entſtanden und eine kleine, dünne Rauchſäule wirbelte empor. So glimmte die Flamme ungefähr fünf Minuten lang, und kroch Zoll um Zoll weiter und dann kam ein Windzug durch die offen ſtehen gebliebene Thüre, der das glim⸗ mende Feuer bald zu einem hellauflodernden anbließ. Nun ging es raſch weiter und ergriff den ganzen Knäuel, der in einem Augenblick über und über brannte. Die Netznadel, welche von hartem Buchsbaumholze war, blieb verſchont und einen Augenblick lang ſchien das Feuer von ſelbſt ausgehen zu wollen, aber plötzlich ſprang die Flamme in die Höhe und die Maſchen des Netzes, 4 welches zum Theil auf dem Tiſch, zum Theil auf einem Stuhle lag, zeigten hier und da einen Funken und brannten plötzlich ebenfalls lichterloh, und das gefräßige Element begann nun Alles zu verſchlingen, was es er⸗ reichen konnte. Wo nur immer etwas Hölzernes ſich darbot, da ergriff es daſſelbe, den Tiſch, die Stühle, die Stangen des Netzes, die Pfoſten der Wand, die Balken des Daches, das Dach ſelbſt, und dann ſtieg augenblicklich eine ſchwarze, träge Rauchwolke mit Funken untermiſcht aus der Sandgrube auf und breitete ſich über das Moorland. Die Hitze ward au⸗ ßerordentlich, der Rauch drang in das andere Zimmer, die Funken begannen vor dem Fenſter niederzufallen, es verbreitete ſich rings um ein rother Schein und man hörte das Angſtgeſchei eines Kindes. Ungefähr eine Viertelſtunde vorher war ein Gent⸗ leman von Sir John Slingsby’s Park herkommend auf dem Moor erſchienen; er war den Hügel heraufge⸗ kommen, als ob er um die Wette liefe, denn es lag Etwas in dem Widerſtande, den die Anhöhe ſeinem Wei⸗ terkommen entgegenſetzte, welches den kräftigen Geiſt der Jugend und Geſundheit zu dem Entſchluſſe trieb, nur um ſo ſchneller über das Hinderniß hinwegzukommen. Als jedoch der Sieg errungen und der Hügel überſchrit⸗ ten war, als ob es nur eine Ebene geweſen wäre, da — 238— begann Ned Hahward langſam zu gehen und ſah ſich um. Er erfreute ſich der ſchönen, großartigen vor ihm liegenden Ausſicht, athmete freier in der hohen Luft und ließ den Geiſt der grandioſen Einöde in ſein Herz ſich ſenken. Er beſaß nichts von der affectirten Liebe zu dem Maleriſchen und Erhabenen, was Leute, die ſich für poetiſch ausgeben, ſo lächerlich macht. Er war eher geneigt, Das, was die Leute gefühlvoll nennen, zu un⸗ terdrücken, und er betrachtete ſich als einen ganz gewöhnli⸗ chen, materiellen Menſchen und wünſchte, daß auch andere Leute ihn für einen ſolchen halten mögten. Er würde ſelbſt über das Allerſchönſte, was die Welt je hervorge⸗ bracht, nicht in Ekſtaſe gerathen ſein. Aber er konnte nicht umhin, alles Schöne und Große mehr als ihm ei⸗ gentlich lieb war zu fühlen, ſo daß er, wenn er in Geſellſchaft war, durch Perſiflage darüber hinwegzu⸗ kommen ſuchte, indem er ſich dieſer wie eines Schildes bediente, um den verwundbaren Punkt zu decken. Jetzt jedoch, wo er allein war, ließ er der Natur freien Lauf und ging ſeine Reitpeitſche bei beiden Enden faſſend hin und her, unterſuchte die Ausſicht nach allen Seiten und blickte links und rechts, als ob er wünſche, keinen einzi⸗ gen reizenden Punkt unbemerkt zu laſſen. Seine Au⸗ gen fielen bald auf den ſchon erwähnten kleinen Grabhügel, auf deſſen Gipfel einige Fichten gleichſam Schildwache ſtanden, und in der Vorausſetzung, daß dieſer hohe Stand⸗ —.,——+ — 239— punkt eine ſehr gute Ausſicht gewähren müſſe, ging er langſam hinauf und ſchauete über den Park hinweg nach Tarningham hin. Plötzlich ward jedoch ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit durch eine weiße Rauchwolke abgelenkt, die ſich aus der Sandgrube heraufwälzte. „Aha,“ ſagte er,„mein Freund Meiſter Wolf zün⸗ det ſein Feuer an.“ Aber der Rauch ward immer dicker und Ned Hay⸗ ward glaubte einige Funken über das Gebüſch empor⸗ fliegen zu ſehen. Er empfand eine plötzliche Beſorgniß und ging raſch die Anhöhe hinab und mit ſchnellen Schritten über den noch übrigen Raum, als gleich dar⸗ auf eine noch ſchwärzere Rauchwolke von hellen Flam⸗ men durchzuckt ſich herauf in die Abendluft wälzte und er nun mit beflügelter Eile weiter ſprang. Mit wenigen Sätzen war er an dem Rande der Grube und als er ſie erreichte, ſchlug ein Schrei an ſein Ohr. Es war die leicht zu erkennende Stimme eines Kindes, das von Schrecken oder Schmerzen gepeinigt ward, und Ned Hay⸗ ward zögerte keinen Augenblick. Es führte links ein Weg von ein paar hundert Schritten hinunter, aber das Schauſpiel das ſich hier darbot, geſtattete keine Verzögerung. Die Hütte nebſt dem entfernteren Theile des Daches ſtand in hellen Flammen, das darunter be⸗ —ę;;— findliche Fenſter war eingeſtürzt und die Flamme brach heraus, durch die Thüre wälzte ſich ebenfalls eine Rauch⸗ wolke und ein Schrei nach dem andern ertönte aus dem zunächſt befindlichen Ende des Gebäudes. Er warf ſo⸗ gleich ſeine Reitpeitſche weg, erfaßte den Stamm einer dicht am Rande ſtehenden Birke und ſchwang ſich hin⸗ unter, um ſogleich auf einen etwa zehn Fuß tiefer liegen⸗ den, ſchief abgedachten Theil der Wand zu gelangen. Die ſchwachen Wurzeln des Bäumchens jedoch ſtaken nicht feſt genug in dem ſandigen Boden, um ein ſolches Gewicht auszuhalten. Der Baum bog ſich und ſtürzte mit einem Theile der Wand, in welcher er wurzelte, hinter dem jungen Mann her und mit dieſem zugleich auf den Boden der Grube nieder. Hahward ſtand im nächſten Augenblicke wieder auf den Füßen und ohne zu unterſuchen, ob er Schaden genommen oder nicht, denn das laute Angſtgeſchrei des Kindes ſchlug an ſein Ohr, ſtürzte er nach der Thüre der Hütte. Drinnen war Alles von Glut und erſtickendem Qualme angefüllt, aber er ſtürzte hinein, obſchon er ſich Haar, Hände, Geſicht und Kleider verſengte, fand die andere Thür, ſchon geſchwärzt und an manchen Stellen glimmend. Er verſuchte ſie zu öffnen, was ihm aber nicht gelang, worauf er laut rief:„Tritt zurück, tritt zurück, ich will ſie einſchlagen,“ dann ſtemmte er den Fuß dagegen und ſtieß ſie mit ei⸗ nem kräftigen Ruck in das Gemach hinein. Ein ſchneller — 241— Blick ringsum zeigte ihm das Kind, welches ſo nahe als möglich an das Fenſter gekrochen war, er ſprang darauf zu, faßte den Knaben in ſeine Arme und ſtürzte mit ihm hinaus, indem er ihm den Kopf mit ſeinem Arm deckte, damit er nicht von den Balken, die ſchon zu ſtürzen begannen, getroffen würde. Sobald er weit ge⸗ nug mit ihm entfernt war, ſetzte er ihn auf den grü⸗ nen Raſen nieder und fragte eifrig:„Sind noch Mehrere darin?“ Das von Schrecken ganz betäubte Kind ſchauete ihm jedoch in's Geſicht und weinte bitterlich, aber ant⸗ wortete nicht. Da Ned Hahward ſah, daß er keine Antwort erhielt, ſo rannte er zurück nach der Hütte und verſuchte wieder hineinzukommen, aber es war jetzt unmöglich, der ganze Weg war durch brennende Bal⸗ ken verſperrt, große Bruchſtücken des Daches waren ebenfalls in das Innere der Hütte geſtürzt, aus wel⸗ chem nun durch den wühlenden Luftzug ein ungeheurer Feuerregen aufſtieg. Er eilte an's Fenſter und ſchauete hinein, und obgleich die kleinen Scheiben von der Hitze platzten, ſo ſtieß er doch das Fenſter ein und ſchrie ſo. laut er konnte, um das Brauſen und Praſſeln des Feuers zu übertäuben:„Iſt noch Jemand da?“ Er erhielt keine Antwort und einen Augenblick ſpä⸗ ter wich das ganze Dach, da die trocknen Stützbalken Beauchamp. Erſter Band 16 — 242— ganz verkohlt waren, und ſtürzte in die Hütte hinein, und die Flamme loderte nun hoch und uneingeſchränkt empor.. Die Hitze war jetzt unerträglich und zwang Capi⸗ tain Hayward zurückzuweichen. Er faßte den Knaben in die Arme und bemühte ſich ihn zu beſänftigen und et⸗ was Weiteres von ihm zu erfahren. Es war jedoch Alles vergebens und Ned Hahward ſagte, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, zu ſich ſelbſt:„Ich will ihn mit nach Tarningham⸗Haus nehmen; Jack Slings⸗ by wird ihm ſicherlich nicht Rahrung und Obdach verſa⸗ gen und im Fall noch Jemand in dem Hauſe ſtecken ſollte, kann ich ihn uun doch nicht retten. Wir können Leute herſchicken, um Nachſuchung anſtellen zu laſſen. Doch wollen wir wenigſtens erſt noch ſehen, wie es hin⸗ ter dem Hauſe ausſieht.“ Er ging demgemäß um das Haus herum, den Knaben immer noch in ſeinen Armen tragend, fand aber nichts als einen niedrigen, alleinſte⸗ henden Schuppen, welcher ſicher zu ſein ſchein, da der Wind nach der andern Seite wehete. Ein zwiſchen dem Schuppen und der Hütte befindlicher langer Trog ſo wie eine Rinne ſchienen auf einem etwas gefährlichen Platze zu ſtehen und da dadurch das Feuer nach dem noch unverletzten Gebäude hinübergeleitet werden konnte, ſo hielt es Ned Hayward für gerathen, dieſe Sachen wegzuſchaſſen, ehe er ſich entfernte. Es koſtete ihm dies aber einige Mühe, da die Gegenſtände tief in den Sand eingeſetzt waren, doch gelang es ihm endlich und er hob nun den Knaben wieder auf, ſuchte ſeinen Hut, lief ſchnell über das Moorland hinweg und durch das weſtliche Thor von Sir John Slingsby's Park, ohne Jemandem zu begegnen, von dem er hätte Aufſchluß er⸗ langen oder dem er das eben Statt gehabte Ereigniß hätte mittheilen können. 16° Eilft es Kapitel. Ein Kapitel über Geiſter und eine Geiſtergeſchichte Dir in dem vorigen Kapitel erzählten Ereigniſſſe oder wenigſtens der Theil derſelben, wobei Ned Hay⸗ ward ſelbſt eine Rolle geſpielt, wurden von ihm der bei Sir John Slingsby verſammelten Tiſchgeſellſchaft erzählt, nachdem er ſein Beſtes gethan, die Spuren ſei⸗ nes Abenteuers von ſeiner äußern Erſcheinung hinweg⸗ zutilgen. Der Rauch und Sand waren abgewaſchen, die verbrannten und verſengten Kleider gegen andere vertauſcht worden und Ned Hahward erſchien immer 2 noch als ein ſehr hübſcher Mann, der wegen deſſen, was er gethan und erduldet, in den Augen der anweſenden Damen vielleicht nur um ſo intereſſanter war. Die ſchö⸗ nen wallenden Locken ſeines braunen Haares jedoch, welche ebenfalls verſengt waren, konnten nicht in ſo kur⸗ zer Zeit wieder hergeſtellt werden und auch ſeine beiden Hände zeigten noch offenbare Spuren von Verletzungen durch das Feuer. Er war jedoch heiter und froh ge⸗ launt, denn die Verſicherung, daß Niemand weiter in der Hütte geweſen ſein könne, als der Knabe, ausgenommen Gimlet der Wildſchütz ſelbſt, was übrigens gar nicht wahrſcheinlich war, hatte dem jungen Herrn eine ſchwere Laſt vom Herzen gewälzt und er ſcherzte heiter mit Sir John Slingsby, welcher ſchwur, daß er mit dieſen ver⸗ brannten Händen ſicherlich binnen vierzehn Tagen keine Angelruthe regieren könne, worauf Ned Hayward ern ie⸗ derte, daß er ſich anheiſchig mache, noch ehe es wieder Mittag werde, die ſchönſte Forelle im ganzen Waſſer zu fangen. „Und nun, mein werther Herr,“ fuhr er zu dem Geiſtlichen gewendet fort,„da Ihr Etwas von dieſem guten Manne Gimlet und ſeinen Angelegenheiten zu wiſſen ſcheint, ſo erſuche ich Euch, mir einen kleinen Einblick in ſeine Geſchichte zu verſchaffen.“ „Es iſt eine traurige und nicht ungewöhnliche Ge⸗ ſchichte,“ antwortete Doctor Miles ernſt,„und ich will ſie Euch ein ander Mal erzählen. Meine armen Kirch⸗ kinder betrachten jene Sandgrube und die darin ſtehende Hütte mit abergläubiſchem Blick, denn es ward vor eini⸗ gen Jahren ein Menſch daſelbſt ermordet. Ihr werdet hier vielen Leuten begegnen, welche darauf ſchwören, daß man den Geiſt des Ermordeten oben am Rande der Grube unter einer einſamen Birke habe ſitzen ſehen.“ „Da wird er nicht wieder ſitzen,“ antwortete Ned Hayward lachend,„denn ich bin mit ſammt der Birke in die Sandgrube hinabgeſtürzt, als ich mich mit Hülfe derſelben hinabzuſchwingen ſuchte, weil ich glaubte, ſie ſei ſtark genug mich zu halten.“ „Dann fürchte ich, daß der Geiſt für die Zukunft ganz verſchwunden iſt,“ ſagte Doctor Miles im Tone tiefen Bedauerns. „Fürchten!“ rief Miß Slingsby.„Mein werther Doctor, Ihr wünſcht doch nicht, Geiſter unter Eurer Gemeinde zu haben?“ „Ha, ha, ha! lachte Sir John Slingsby.„Iſa⸗ bella meint, mein lieber Doctor, daß Ihr Eure Heerde ſo geiſtig machen könnt, als Ihr wollt, daß Ihr ſie aber nicht ganz auf Geſpenſter reduciren mögtet.“ „Nein, Papa, Ihr ſeid ein unrichtiger Dolmetſcher,“ verſetzte ſeine Tochter,„ich wollte blos ſagen, daß ich glaubte, Doctor Miles ſei von allen Menſchen auf der Erde der letzte, der einen Geiſt in Schutz nähme.“ „Das weiß ich doch nicht, mein werthes Fräulein,“ entgegnete der würdige Geiſtliche;„ein Geiſt iſt manch⸗ mal in einer Gemeinde ſehr nützlich. Wir ſind weiter nichts als große Kinder und ein Popanz iſt zuweilen für große Kinder eben ſo nöthig, als für kleine; nicht als ob ich mich jemals ſeiner bedient hätte oder bedienen würde, ſondern die eigne Phantaſie der Leute beſorgt - das ſelbſt. Ich habe gehört, Sir John, daß Mehrere, die des Nachts umherſchlichen, um Euch das Wild wegzuſchießen, ſich dadurch verſcheuchen ließen, daß Ei⸗ ner ſich einbildete, er ſähe den Geiſt, wodurch Euch zwei gute Wildpretskeulen erhalten wurden, von der Paſtete will ich noch gar nicht reden.“ „Beim Jupiter, das war ja ein drolliger Geiſt,“ antwortete Sir John Slingsby,„und ich werde ihm, ſo⸗ bald ich ihm begegne, einen Kronthaler ſchenken. Doe⸗ tor, ein Glas Wein!“ „Wenn Geiſter ſolche Wirkung auf Wildſchützen aͤu⸗ zern,“ ſagte Beauchamp, welcher leiſe mit Miß Slings⸗ by geſprochen hatte,„wie kommt es dann, daß dieſer Mann, der Vater des Knaben, den Capitain Hayward hierher gebracht, ſeine Wohnung in der unmittelbaren Nachbarſchaft des Geiſtes aufgeſchlagen hat?“ „O, das iſt ein böſer, ungläubiger Menſch„ ſagte Doctor Miles, plötzlich aber beſann er ſich und fügte hinzu,„und doch glaube ich, daß ich ihm hierin Un⸗ recht thue; es liegt etwas Gutes in dem Manne und er hat viel Phantaſie. Die Hälfte ſeiner Fehler hat ihren Urſprung in ungezügelter Einbildungskraft und da er ein ſehr furchtloſer Menſch iſt, ſo glaube ich, daß er bei ſeinem phantaſtiſchen Hange ſich gar nichts daraus machen würde, einen Geiſt zum nächſten Nachbar zu haben. Ich bin daher der Meinung, daß er nicht aus — 248— Zweifel an der Wirklichkeit der Erſcheinung, ſondern vielmehr derſelben zum Trotz ſeinen Wohnſitz dort auf⸗ ſchlug, und vielleicht glaubte er auch, daß er dort um ſo ſicherer wohne und zu den Stunden, wo er und die Geiſter umzugehen pflegen, gegen die Zudringlichkeit an⸗ derer weniger kühner Leute geſchützt ſei. Er wußte wohl, daß ihm von dem Landvolke hier Niemand zu nahe kommen würde, denn alle Unwiſſenden glauben mehr oder weniger an Geiſtererſcheinungen.“ „Aber lieber Doctor Miles,“ rief Iſabella Slings⸗ by mit heiterem Lachen,„ſagt mir doch, ob von den Gelehrten nicht manche auch daran glauben. Wenn dem ehrwürdigen Doctor Miles ſelbſt die ernſte Frage vorge⸗ legt würde, ob er nicht im Grunde ſeines Herzens ei⸗ nen kleinen, ſtillen Glauben an das Erſcheinen von Gei⸗ ſtern habe, was würde er antworten?“ „Daß er niemals einen geſehen habe, mein werthes Fräulein,“ entgegnete der Geiſtliche mit gutgelauntem Lächeln;„gleichzeitig aber muß ich auch ſagen, daß der Glaube an das Erſcheinen der Geiſter der Verſtorbenen zu beſondern Zwecken ein Theil unſerer Religion iſt⸗ Ich kann nicht begreifen, wie man ſich einen Chriſten nennen, und beliebige Stellen der Bibel für wahr an⸗ nehmen und die übrigen verwerfen oder für bedeutungslos erklären kann. Das thatſächliche Wiedererſcheinen Ver⸗ ſtorbener auf dieſer Erde wird mehr als ein Mal in der Schrift erwähnt und deshalb glaube ich, daß es Statt gefunden hat. Die Abſichten, in der es bei allen dort angegebenen Fällen geſtattet ward, waren groß und wichtig, und es iſt ſehr leicht möglich, daß ſeit der An⸗ kunft unſeres Heilands keine ſolchen Abweichungen von den gewöhnlichen Geſetzen nöthig geweſen ſind. Darüber kann ich jedoch nicht urtheilen, auf alle Fälle aber ſagt mir meine eigne Vernunft, es ſei nicht wahr ſcheinlich, daß einem Geiſte geſtattet werde, im Mondſcheine blos in der Abſicht umherzuwandeln, um ein altes Weib zum Beten zu bringen, oder ein Bauermädchen in Angſt und Schrecken zu ſetzen.“ „Ihr ſprecht blos von dem Erſcheinen der Geiſter der Verſtorbenen,“ ſagte Mr. Beauchamp,„hörtet Ihr jemals auch von dem Erſcheinen der Geiſter der Leben⸗ den?“ „Aber doch nicht ohne den dazu gehörigen Körper?“ ſagte Miß Clifford. „Allerdings, meine liebe Mary,“ antwortete Doc⸗ tor Miles,„ich kann Euch verſichern, daß man ſolche Dinge berichtet und zwar auf den Grund ſo vollgültiger Zeugniſſe, daß es unmöglich iſt, zu zweifeln, daß die Zeugen ſelbſt glaubten, was ſie Hzaee, die Erſchei⸗ nung mogte nun eine Täuſchung ihrer Phantaſie ſein, oder nicht. Es iſt in der That kaum möglich, zu glau⸗ ben, daß es eine Täuſchung geweſen ſei, denn in mehrern — 250— Faͤllen war der Gegenſtand, von welcher Art er nun auch ſein mogte, mehrern Perſonen gleichzeitig ſichtbar und ſie ſtimmten alle in der Beſchreibung deſſelben ge⸗ nau überein.“ „Einer der ſonderbarſten Vorfälle dieſer Art, wo⸗ von ich jemals gehört,“ ſagte Beauchamp,„ward mir von einem Deutſchen erzählt, dem er ſelbſt paſſirt war. Der Fall beſtand darin, daß der Mann ſeinen eignen Geiſt ſah, und wenn man uns fortwährend ſagt, der Menſch müſſe ſich ſelbſt kennen lernen, ſo hatte Niemand jemals eine ſo paſſende Gelegenheit dazu, als dieſer junge Mann.“ „O, erzählt uns doch die ganze Geſchichte, Mr. Beauchamp,“ rief Iſabella begierig,„ich muß Euch in⸗ ſtändig bitten, uns nicht von einer ſo ſchönen Erſchei⸗ nung blos einen Schimmer ſehen und dann den Vorhang wieder fallen zu laſſen.“ „Meine liebe Bella, quäle ihn nicht,“ rief ihr Va⸗ ter,„ſiehſt Du denn nicht, daß Du ihn vom Eſſen ab⸗ hältſt? Auf alle Fälle wollen wir erſt ein Glas Wein trinken. Beliebt Euch Eremitage, Mr. Beauchamp? Ich habe noch welchen vom Jahre 1808, dem Jahre, ehe jener ſchuftige Napoleon alle Jahrgänge untereinander miſchte.“* Der Wein ward getrunken, aber gleich darauf er⸗ neuete Iſabella ihren Angriff, indem ſie nochmals Mr. Beauchamp um die Geſchichte bat. Sie legte den fein geformten Zeigefinger auf ſeinen Arm, um ihrem Be⸗ fehle Nachdruck zu geben und ſagte:„Ich will und muß die Geſchichte hören, Mr. Beauchamp!“ „Ganz gewiß,“ entgegnete er in ſeinem gewöhnlichen ruhigen Ton,„aber vor allen Dingen muß ich erſt einige Bemerkungen vorausſchicken, damit Sie der Geſchichte den Werth beilegen, der ihr gebührt. Der Mann, der mir ſie erzählte, war zu der Zeit, als ich ihn kennen lernte, etwa ſiebenzig Jahr alt, ſehr einfach in ſeinen Manieren und wie reizbar ſeine Phantaſie auch in der Jugend geweſen ſein mogte, doch zu der Zeit, von der ich ſpreche, ein ſo kalter und trockener Menſch, als man ſich nur einen denken kann. Er verſicherte mir feierlich, als ein alter, am Rande der Ewigkeit ſtehender Mann, daß jedes Wort dieſer Geſchichte wahr ſei, und ich will ſie jetzt ſo viel als möglich mit ſeinen eignen Worten wie⸗ der erzählen, was mir bei meinem hartnäckigen Gedächt⸗ niß nicht ſchwer fallen wird. Sie müſſen alſo annehmen, daß er es iſt, welcher ſpricht und nicht ich, und Sich vorſtellen, wie wir Beide an einem Wintterabend in der ſchönen alten Stadt Nürnberg in einem vertraulichen Stübchen am Ofen ſitzen.“ Beauchamp's Erzählung. „Ich ſtamme aus einer Italieniſchen Familie,“ ſagte mein Freund,„aber mein Vater und mein Großvater waren beide in Deutſchland geboren. Sie waren außer⸗ ordentlich gute Leute nach ihrer Art, aber keineswegs ſehr reich. Mein älterer Bruder war zum Arzt be⸗ ſtimmt, und hatte eben ſeine Studien beendet, als mein Vater, der mich in Nürnberg ſo gut, als er konnte, hatte unterrichten laſſen, es für räthlich fand, mich nach Hamburg zu ſchicken, damit ich dort meine Studien fort⸗ ſetzen und irgend eine ſich darbietende Gelegenheit zu meinem ferneren Fortkommen benutzen mögte. Meine Habe war, als ich mich auf den Weg machte, in jeder Hinſicht eine außerordentlich armſelige, und meine Börſe enthielt die genau berechneten Koſten der Reiſe und die zu meinem Unterhalt während der nächſten ſechs Monate erforderliche Summe, welche mich an keinerlei Luxus auch nur denken ließ. Ich war jedoch dankbar für das, was man mir gab, denn ich wußte, daß mein Vater nicht mehr geben konnte und daß ich vor Ablauf des halben Jahres auf keinen Heller weiter hoffen durfte. Ich hatte einen gewöhnlichen Reiſeanzug und meine Mut⸗ ter gab mir ſechs neue Hemden, zu denen ſie das Garn mit eigener Hand geſponnen; außer dieſen enthielt mein 1 — 2 — 23 Koffer einen vollſtändigen ſchwarzen Anzug, zwei Paar Schuhe und ein Paar ſilberne Schnallen, welche mein Vater ſich ſelbſt von den Füßen abtrennte und ſie mir mit ſeinem Segen ſchenkte. Mein älterer Bruder hatte mich ſtets geliebt und war ſehr freundlich gegen mich, und als zuerſt von meiner Abreiſe geredet ward, be⸗ dauerte er ſehr, daß er mir Nichts zu geben habe. Meine kleinen Vorbereitungen nahmen jedoch etwa vierzehn Ta⸗ ge in Anſpruch und während dieſer Zeit lächelte ihm und mir das Glück, denn er bekam zum erſten Mal einen Patienten zu behandeln, den er auch glücklich zu Tode kurirte. Auf dieſe Weiſe erhielt er die Mittel, mir ein prachtvolles Geſchenk mit auf die Reiſe zu ge⸗ ben, welches aus einem kurzen blauen Mantel mit einem viereckigen Kragen beſtand. Laßt mich einige Worte über dieſen Mantel hinzufügen, denn es kommt Etwas darauf an. Er war nach Nürnberger Facon, die in dem gan⸗ zen übrigen Deutſchland ſchon ſeit dreißig Jahren außer Mode gekommen war, und als ich ihn das erſte Mal umnahm, war ich nicht wenig ſtolz darauf und glaubte mich auszunehmen, wie einer der Cavaliere auf dem großen Bilde im Rathhausſaale. In ganz Deutſchland gab es keinen zweiten ſolchen Mantel, ausgenommen in Nürnberg— er war himmelblau, ging drei Zoll un⸗ ter's Knie herab, und hatte, wie ich ſchon geſagt habe, einen viereckigen Kragen. Ich übergehe meine Reiſe nach — Hamburg bis zu meiner Ankunft in einem kleinen ge⸗ wöhnlichen Gaſthauſe in dem alten Theile der Stadt mit Stillſchweigen. Da ich keinen Pfennig übrig hatte, ſo machte ich mich bei Zeiten am nächſten Morgen auf, um mich nach einem Logis umzuſehen und ſah mehrere, die für mich ſehr wohl gepaßt hätten, wenn dies auch in Bezug auf meine Finanzen der Fall geweſen wäre. Endlich ſah ich in einer engen, finſtern Straße, die aber mehrere große, ſchöne Häuſer, welche den Glanz frühe⸗ rer Zeiten geſehen, enthielt, die Frau eines Material⸗ händlers an ihrer Ladenthüre ſtehen, und ging, da ihr gutmüthiges Geſicht etwas ſehr Vertrauenerweckendes hatte, auf ſie zu und fragte ſie, ob ſie nicht einem jun⸗ gen Manne, der nicht gerade reich ſei, eine Wohnung zuweiſen könne. Sie ſann einen Augenblick nach und zeigte dann über die Gaſſe hinüber auf ein Haus, deſe ſen Fronte mit Bildhauerarbeit verziert, aber vor Alter kohlſchwarz war. In dem untern Stockwerk befand ſich eine Eiſenhandlung, in der erſten Etage aber, ſagte die gute Frau, würde ich die Wittwe Gentner antreffen, welche ein Zimmer vermiethe, das, wie ſie glaube, ge⸗ rade jetzt leer ſtehe. Ich dankte ihr viele Mal für ihre Artigkeit und ging über die Straße nach dem angedeute⸗ ten Hauſe, indem ich nach den Karnießen und andern an der Facade angebrachten Zierrathen empor ſchauete. Sie waren ohne Zweifel ſehr ſchmuzig. Ein paar ſtei⸗ 1 nerne Damen mit Körben in den Händen, die wahr⸗ ſcheinlich einſt ſo weiß geweſen waren, wie Schnee, hat⸗ ten jetzt eine Menge langer ſchwarzer Streifen auf ihren Gewändern; die Naſen waren verſchwunden, aber die Augäpfel waren ganz dunkelbraun, obſchon über der Mitte ſich ein weißer Fleck zeigte, der das Vorhanden⸗ ſein des Staars anzudeuten ſchien. Die in den Körben enthaltenen Früchte beſtanden anſcheinend aus ſchwarzen Kirſchen, und ein verräuchertes Füllhorn, welches neben jeder dieſer Damen ſtand, ſpie ſchwarzbraunes Obſt und Blumen von keineswegs einladendem Anſehen aus. Ich ſchauete überraſcht und verwundert empor und fragte mich, ob mir wohl das Schickſal beſchieden ſei, in einem ſo ſchönen Hauſe zu wohnen. Ich faßte jedoch Muth und fragte bei dem Eiſenhändler, welche von den drei Thüren, die ſich unten am Hauſe befanden, zur Wittwe Gentner führe, und ward nach der zweiten gewieſen. In der erſten Etage angelangt, fand ich ein nettes, klei⸗ nes Mädchen, welches mich bei ihrer Herrin einführte, einer ruhigen, trocknen, alten Dame, welche in einem Zimmer ſaß, das anſcheinend früher einen Theil eines prachtvollen Saales ausgemacht hatte— ich ſage einen Theil, denn man ſah deutlich, daß das Zimmer früher größer geweſen war. An der Decke, die von der ſchön⸗ ſten Stukaturarbeit war, die ich je geſehen, zeigten ſich mehrere Gruppen von Engeln und Cherubim in Hochre⸗ — 256— lief und Lebensgröße, in Wolken und Blumenſtraͤußen wie in Federbetten ſitzend. Aber eben dieſe Decke ver⸗ rieth die Zertheilung des Raumes, denn an der ganzen Seite, wo die Mauer hinter der guten Dame weglief, ſah man Engelbeine ohne Köpfe und Rümpfe, Bruch⸗ ſtücken von Blumenkörben und Cherubim, die nicht die Hälfte der Glieder beſaßen, welche die Bildhauer ihnen gewöhnlich geben. Dies erklärte ſich ſehr bald, indem die Wittwe mir mittheilte, daß ſie aus ihrem Zimmer drei gemacht, wovon ſie eines für ſich, das zweite für ihr kleines Dienſtmädchen reſervire und das dritte, wel⸗ ches eine von der Straße heraufführende Treppe für ſich allein hatte, vermiethe. Behufs dieſer Eintheilung hatte ſie, wie ſie mir ſagte und um die Decke zu ſtützen, eine tüchtige Wand aufführen laſſen, ſo daß ich, wenn ich das zu vermiethende Zimmer ſehen wollte, mit ihr hinunter gehen und die andere Treppe heraufſteigen müßte, weil keine Verbindungsthüre zwiſchen den beiden Zimmern angebracht ſei. Ich bewunderte ihre Klugheit und ging mit ihr ſogleich nach dem kleinen Zimmer, durch das man durch eine kleine Treppe mit aparter Hausthüre gelangte. An der Decke deſſelben fand ich ſogleich die verlorenen Beine und Flügel der Engel von der andern Seite und außerdem noch ein paar derbe vollſtändige Cherubim. Das Zimmer enthielt ein kleines ſchmales Bett, einen Tiſch, eine dürftige Anzahl Stühle und einige andere für eine Studentenwohnung erforderliche Gegenſtände. Obſchon mich ein unangenehmes Gefühl von Verlaſſenheit überſchlich, als ich daran dachte, ein Zimmer zu bewohnen, das ſo gänzlich von aller menſch⸗ lichen Nähe abgeſchnitten war, ſo ſchloß ich doch, da die Miethzinsforderung der Wittwe ſehr billig war, den Handel ſogleich ab und richtete mich bald in meiner neuen Wohnung ein. Die gute Dame war ſehr gütig und aufmerkſam, that Alles was ſie zu meiner Bequem⸗ lichkeit beitragen konnte und fragte unter Anderm auch, was für Empfehlungsbriefe ich mit nach Hamburg ge⸗ bracht hätte. Ich hatte nur einen, von dem ich mir Etwas verſprach und welcher mit einer Menge der Prä⸗ dikate, womit man, wie Ihr wißt, in Deutſchland ſo verſchwenderiſch umgeht, an Herrn S. gerichtet war, einen Mann, der zu ſeiner Zeit ſowohl als Philoſoph, wie auch als Schriftſteller in großem Rufe ſtand, der aber dabei auch Weltmann war und, was mehr als Alles iſt, ein gütiges und wohlwollendes Herz beſaß. Dieſen Brief gab ich noch an demſelben Tage ab und fand in dem Adreſſaten einen alten, aber munter und woohl ausſehenden Herrn von drei oder vier und ſechzig Jahren, der mich ſehr freundlich und gütig empfing, und in deſſen Nähe ich mich ſofort ganz heimiſch fühlte, da er mich mit jener väterlichen Miene behandelte, welche ſowohl Achtung als Vertrauen einflößt. Er that an Beauchamp. Erſter Band. 17 mich verſchiedene Fragen über meine Reiſe, wo ich wohn⸗ te, wie ich meine Zeit anzuwenden gedächte, und zuletzt, von welcher Art der Zuſtand meiner Finanzen ſei. Ich ſagte ihm Alles genau, wie es war, und als ich auf⸗ ſtand, um mich zu empfehlen, legte er mir mit freund⸗ licher Miene die Hand auf den Arm und ſagte: Ihr werdet morgen um zwölf Uhr bei mir ſpeiſen und ich erwarte Euch, ſo lange Ihr hier ſeid, drei Mal wöchent⸗ lich zu Tiſche. Von acht bis zehn Uhr Abends bin ich immer zu Hauſe, und wenn Ihr nichts Anderes zu thun habt, ſo könnt Ihr uns beſuchen und dieſe Stunden bei uns zubringen. Ich will hierbei durchaus nicht ſa⸗ gen, ich hätte damals nicht gleich gewußt, daß dieſer Freitiſch mir aus Rückſicht auf meine beſchränkten Ver⸗ mögensumſtände angeboten wurde, aber von Stolz konnte in meiner Lage nicht die Rede ſein und ich erkannte dieſe Wohlthat mit großem Danke an, da ich dadurch eine beträchtliche Summe in meinem Haushalt erſparte und in den Stand geſetzt ward, mir einige andere Genüſſe zu geſtatten, die ich mir außerdem hätte verſagen müſſen. Es war Herbſt, als ich in Hamburg ankam, aber die Zeit verging ſehr angenehm. Den ganzen Tag war ich mit meinen Studien beſchäftigt, um zwölf Uhr ſpeiſte ich, entweder auf meinem Zimmer oder bei dem wür⸗ digen Herrn S., und beinahe jeder Abend ward in ſei⸗ nem Hauſe zugebracht, wo er nicht verfehlte, mich ent⸗ weder mit einer Taſſe guten Kaffee oder auch bei außer⸗ ordentlichen Gelegenheiten mit einer Taſſe Thee nach Engliſcher Art zu traktiren. Kurz, ich wurde ſein all⸗ abendlicher Gaſt, und da die Abende finſter und zuweilen neblich wurden, ſo kaufte ich eine kleine Laterne, um mir durch die langen einſamen Straßen zu leuchten, die ich von ſeinem Hauſe nach meiner Wohnung zu paſſiren hatte. Bei dieſen Gelegenheiten und da ſehr kalte Wit⸗ terung eintrat, erwies ſich mein blauer Mantel mit dem viereckigen Kragen als ein ſehr nütlicher Freund, und jede Nacht um zehn Uhr war ich genau in demſelben ſchwarzen Anzuge zum größten Theil in den himmel⸗ blauen Mantel eingehüllt und mit der kleinen Laterne in der Hand auf dem Heimwege nach meiner einſamen Wohnung zu ſehen. Herr S. wohnte in dem ſchönen neuen Theil der Stadt, wo er ein ſchönes Haus hatte, das er mit zwei Dienerinnen und ſeinem Kutſcher be⸗ wohnte, doch ſchlief der letztere im Stalle. Ich wohnte, wie ich ſchon früher geſagt, in dem alten Theile der Stadt, beinahe eine halbe Stunde entfernt; auf dieſe Weiſe machte ich mir durch den Hin⸗ und Herdveg einige zuträgliche Körperbewegungen, woran es mir den Tag über fehlte, und ich bemerke hier ausdrücklich, daß mir dieſer Weg ein ordentlicher Genuß war und ich demſel⸗ ben während meiner Arbeitſtunden mit Vergnügen ent⸗ gegen ſah, damit Ihr ſeht, daß ich bei der Gelegenheit 17* von der ich jetzt ſprechen will, mit keiner phantaſtiſchen Melancholie behaftet war. Endlich eines Nachts im Winter des Jahres 17—, nachdem ich den Abend bei Herrn S. zugebracht, wo ich nichts genoſſen als eine Taſſe Kaffee und etwas Butter⸗ brod, nahm ich Abſchied von meinem Freund, warf meinen blauen Mantel mit dem viereckigen Kragen um, zündete meine Laterne an dem Lichte des Hausmädchens⸗ an und machte mich, nachdem ich das Glas richtig ge⸗ ſchloſſen, auf den Heimweg. Es war ungefähr ein Viertel nach zehn Uhr, die Nachtluft war kalt und rein, der Himmel mit Sternen beſät, welche, als ich zwiſchen den hohen Häuſern, wie von dem Boden eines Brun⸗ nens emporſchauete, ganz beſonders auf mich herabfun⸗ kelten, und ich fühlte eine Art von ermunternder Friſche, die mich ordentlich aufheiterte. So marſchirte ich weiter, d bis an das Ende der erſten Straße, bog dann in die zweite und betrat eben die dritte, als ich etwa dreißig oder vierzig Schritte vor mir in einem Winkel eine Geſtalt ſtehen ſah, die auf Jemanden zu warten ſchien. Obgleich die Straßen in den guten alten Tagen Ham⸗ burgs gewöhnlich um dieſe Zeit ganz leer waren, ſo war es doch nichts Außerordentliches, wenn ich auf dem Heimwege noch zwei oder drei Perſonen begegnete, und ich beachtete daher dieſe Geſtalt wenig oder gar nicht, bis ich ihr bis auf etwa zwanzig Schritte genaht war, wo ſie ſich plötzlich völlig nach mir herumdrehete und gleichzeitig das Licht meiner Laterne auf ſie fiel. Man denke ſich mein Erſtaunen, als ich ein Weſen ſah, das mir ſo genau glich, als ob ich in einen Spiegel ſähe. Da waren die ſchwarzen Beine, die Schuhe mit den ſilbernen Schnallen, der blaue Mantel mit dem vier⸗ eckigen Kragen und die kleine Laterne mit dem Henkel hinten, gerade ſo wie ich die meine hielt. Ich ſtand ſo⸗ gleich ſtill und rieb mir mit der linken Hand die Augen, aber die Geſtalt drehete ſich ſogleich wieder um und ging vor mir hin weiter. Mir begann das Herz zu klopfen und es ergriff mich eine Art von ſeltſamem, träumeriſchem Entſetzen, wie man es zuweilen empfindet, wenn Einen im Schlafe der Alp drückt. Im nächſten Augenblicke aber ſchämte ich mich meiner Empfindung, ich ſagte zu mir ſelbſt: Den Mann will ich mir doch ein wenig näher betrachten und ging der Geſtalt mit eiligem Schritte nach. Dieſe aber beſchleunigte ihre Schritte in demſelben Verhältniß. Ich wollte nicht gern förmlich Galopp laufen, aber ich war von je ein rüſti⸗ ger Fußgänger und eilte ſo ſchnell vorwärts, als ich konnte, aber es war vergebens; die Geſtalt hielt ſich ohne den mindeſten Anſchein von Anſtrengung immer in derſelben Entfernung und mit jedem Augenblicke fühlte ich die abergläubiſche Furcht, die ſich meiner be⸗ mächtigt hatte, zunehmen und gegen die Anſtrengungen * meiner Willenskraft ankämpfen. Die Willenskraft ſiegte jedoch, und entſchloſſen, zu ſehen, wer der ſei, der mir ſo ähnlich ſah, ohne ihm zu deutlich zu verrathen, daß ich ihm nachjagte, blieb ich an einer Ecke ſtehen, wo eine Straße abbog und dann an einem andern Punkte wieder in die, die ich urſpünglich verfolgte, einmündete. Von dieſer Ecke aus lief ich nun Galopp ſo ſchnell ich vermogte, um meinem Freund in dem blauen Mantel zuvorzukommen. Als ich wieder in die andere Straße kam, ſah ich, obſchon ich wenigſtens zwei bis drei Minu⸗ ten gewonnen haben mußte, die Geſtalt, anſtatt ſie von der Seite herkommen zu ſehen, wo ich ſie verlaſſen hatte, ganz unbefangen und bedächtig in der Richtung weiter gehen, die ich gewöhnlich nach meinem Hauſe ein⸗ ſchꝛug. Wir hatten nun noch drei Straßen bis zu dem Hauſe der Wittwe Gentner, und obſchon ſie ſämmtlich ziemlich ſchmal waren, ſo ſchlug ich doch gewöhnlich die breiteſten davon ein. Auf der linken Seite jedoch be⸗ fand ſich ein Gäßchen, welches an dem ſchon erwähnten Material⸗Laden vorüber führte und durch welches man wenigſtens um ein Viertel des Weges näher kam, und ich war jetzt von Empfindungen, die ich nicht beſchreiben kann, ſo überwältigt, daß ich beſchloß, den kürzeſten Weg einzuſchlagen und ſo ſchnell zu laufen, als ich konnte, um nach Hauſe zu kommen und mich einzuſchlie⸗ ßen, ehe die Geſtalt in dem blauen Mantel die Thüre — erreichte. Fort ſchoß ich daher durch das ſchmale Gäß⸗ chen hinab wie der Blitz, als ich aber an die Ecke kam, wo ſich der Material⸗Laden befand, da erreichte mein Entſetzen den höchſten Gipfel, als ich dieſelbe Geſtalt ſchon an den geſchloſſenen Fenſtern der Eiſenwaarenhand⸗ lung vorüber gehen ſah, und ich blieb ſtehen, während mir das Herz klopfte, als wenn es mir die Rippen zer⸗ ſprengen wollte. Mit faſt aus dem Kopfe heraustretenden Augen und indem ich das Licht der Laterne in gerader Richtung auf die Geſtalt fallen ließ, ſchauete ich nach ihr hin und ſah, wie ſie ganz gelaſſen nach meiner Thüre ging, ſtillſtand, ſich nach dem Hauſe herumdre⸗ hete, die rechte Hand in die Taſche ſteckte und den Schlüſſel zu ſuchen ſchien. Der Schlüſſel kam zum Vor⸗ ſchein, die Geſtalt bückte ſich gerade wie ich es gemacht haben würde, nachdem ſie ein wenig nach dem Schlüſſel⸗ loch geſucht, die Thüre öffnete ſich, die Geſtalt ging hin⸗ ein und die Thüre ſchloß ſich augenblicklich wieder. Wenn Ihr mir die ganze Welt geſchenkt hättet, ſo hätte ich mich doch nicht entſchließen können, der ge⸗ heimnißvollen Geſtalt zu folgen, und ich rannte faſt wie ein Wahnſinniger nach dem Hauſe des Herrn S. zurück, in der Abſicht ihm zu ſagen, was ich geſehen. Auf mein Klingeln erſchien das Hausmädchen ſehr bald, welche mein wildes, verſtörtes Geſicht mit Ueberraſchung betrachtete. Sie ſagte mir jedoch, daß der alte Herr zu Bette gegan⸗ gen und ſie ihn unter keiner Bedingung aufwecken dürfe, und da ich entſchloſſen war, nicht nach Hauſe zu geber und doch auch nicht Luſt hatte, die ganze Nacht hindurch auf den Straßen von Hamburg herumzulaufen, ſo über⸗ redete ich das Mädchen, wiewohl mit Mühe, mich in dem Salon ſitzen zu laſſen, bis ich am Morgen mit Herrn S. ſprechen könne. Ich will Euch nicht mit der Beſchreibung der Art aufhalten, auf welche ich dieſe Nacht hinbrachte; als aber mein Freund am nächſten Morgen eintrat, erzählte ich ihm Alles, was vorgefallen war, und entſchuldigte mich vielmals für die Freiheit, die ich mir genommen hatte. Er hörte mich ernſt an und ſeine erſte Frage war ſehr natürlich die, ob ich auch wirklch ſtracks nach Hauſe gegangen wäre, ohne in einem der Häuſer einzukehren, wo ſtarke Getränke ver⸗ kauft wurden. Ich verſicherte ihm feierlich, daß nichts über meine Lippen gekommen ſei, als die Taſſe Kaffee, die ich in ſeinem Hauſe getrunken. „Das Mädchen wird es beſtätigen,“ ſagte ich,„daß ich nicht über drei Viertelſtunden fort war, als ich wie⸗ derkam.“. „Na, mein junger Freund,“ entgegnete er,„ich glaube Euch vollkommen; es paſſiren uns im Leben zu⸗ weilen ſeltſame Dinge und dies ſcheint eins zu ſein. Je⸗ doch wir wollen etwas frühſtücken und dann gehen und nachforſchen.“ — —-— 265— Nach dem Frühſtück machten wir uns auf den Weg und gingen nach meinem Hauſe, während ich unterwegs alle mit meiner Geſchichte in Verbindung ſtehende Punk⸗ te andeutete. Als wir das düſtre alte Haus mit ſeiner verzierten Facade erreichten, wollte ich gleich auf meine Thüre zugehen, aber Herr S. ſagte:„Wartet, wir wollen erſt einmal mit Eurer Wirthin ſprechen.“ Dem gemäß gingen wir zur andern Thüre hinein und die an⸗ dere Treppe hinauf zur Wittwe Gentner. Die Wittwe war ſehr ſtolz auf den Beſuch einer ſo ausgezeichneten Perſon, wie Herr S. war, und beantwortete ſeine Fra⸗ gen mit gebührendem Reſpect. Die erſte war eine in jener Gegend von Deutſchland ſehr häufige, nämlich, ob ſie gut geſchlafen habe. Sie verſicherte ihm, daß ſie vollkommen wohl geruht habe und er fuhr dann mit et⸗ was eindringlicher Miene fort zu fragen, ob ſie durch Nichts in der Nacht geſtört worden ſei. Sie ſchien ſich nun plötzlich zu beſinnen und antwortete:„Jetzt, da Ihr mich darauf bringt, erinnere ich mich, daß ich etwa um eilf Uhr, glaube ich durch ein Geräuſch auf der andern Seite der Wand erweckt ward; ich glaubte aber, Herr Z. hätte ſeinen Tiſch oder ſo Etwas umgeſtoßen und wendete mich daher auf die andere Seite und ſchlief wieder ein.“ Da ein weiterer Aufſchluß nicht zu erhalten war, ſo gingen wir wieder auf die Straße hinab, und ich nahm — 266— meinen Schlüſſel heraus, öffnete die Thüre und wir gingen hinein. Das Herz klopfte mir ein wenig, als wir die Treppe hinaufſtiegen, aber entſchloſſen, keinen Mangel an Muth zu verrathen, ſchloß ich kühn die Zimmerthüre auf und öffnete. Der Anblick, der ſich mir darbot, bewog mich, gleich an der Schwelle ſtehen zu bleiben, denn auf meinem Bette, wo ich gelegen haben würde, lag die ganze Decke von dieſem Theile des Zim⸗ mers, Engelbeine, Cherubimflügel, Blumenkörbe und Al⸗ les, und die Wucht, mit der die ſchweren Maſſen herab⸗ geſtürzt waren, war ſo groß geweſen, daß ſie die ſehr dauerhafte Bettſtelle zerſchmettert hatte. Da ich nicht glaube, daß mein Kopf aus feſteren Stoffen beſteht, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ich eben ſo gut zerſchmettert worden wäre als das Bett, und ich danke Gott noch jetzt, daß er mich damals behütete. Alles was mein guter al⸗ ter Freund darüber ſagte, war:„Sehr glücklich weg⸗ gekommen! Hättet Ihr geſtern Abend in dieſem Bette geſchlafen, ſo wäret Ihr heute todt.“ Obſchon Doctor der Philoſophie, wagte er doch nicht, Vermuthungen über die ſonderbare Erſcheinung anzuſtellen, die ich die Nacht zuvor geſehen, ſondern lud mich ein, meine Woh⸗ nung in ſeinem Hauſe zu nehmen, bis mein Zimmer hergeſtellt ſei, und erwähnte niemals das Erſcheinen mei⸗ nes Doppelgängers wieder. Ich habe blos hinzuzufügen, daß ich von dieſer Zeit an bis auf den heutigen Tag, — 267— was nun zwiſchen funfzig und ſechzig Jahre ſind, mich niemals anders wieder geſehen habe, als in einem Spie⸗ gel.“ „Dies,“ fuhr Beauchamp fort,„iſt die Geſchichte meines Deutſchen Freundes, genau wie er ſie mir erzähl⸗ te. Ich muß es Euch überlaſſen, darüber zu urtheilen, wie Ihr wollt, denn wer den alten Mann nicht geſehen hat und nicht ſeine Einfachheit und ſein ruhiges, ma⸗ terielles Gemüth kennt, kann von der Sache nicht dieſelbe Anſicht haben wie ich.“ „Kurz, Mr. Beauchamp, Ihr glaubt an Geſpenſter,“ ſagte Sir John Slingsby lachend,„na, ich für meinen Theil habe niemals einen beſſern Geiſt geſehen, als eine Flaſche Branntwein, und hoffe, niemals einen ſchlimmern zu ſehen.“ 3 „Nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht am Ende noch von Euerm Irrthum überzeugt, Sir John,“ antwortete Doctor Miles,„denn obſchon es ziemlich ſchwer iſt, guten Geiſtern zu begegnen, ſo laſſen ſich doch die böſen weit leichter beſchwören.“ „Ich fürchte mich nicht, Doctor,“ antwortete Sir John,„und merkt wohl, ich habe bis jetzt nur drei oder vier Glas Wein getrunken, weshalb mein Muth kein Holländiſcher iſt, aber laßt uns von etwas Anderm ſpre⸗ chen als Geiſtern und dergleichen, denn ſonſt kommt Einem alles Unheimliche, was man felbſt begangen, wie⸗ der in den Sinn— aber eine capitale Geſchichte war es doch, Beauchamp; die Geſchichte von meiner Schweſter, die man auf der offenen Straße angefallen hat, iſt auch nicht ſchlecht. Hat ſie Euch die Sache ſchon erzählt?“ Doctor Miles nickte blos mit dem Kopf und fuhr fort: „Ich kann aus dieſem alten Halunken, dem Witting⸗ ham, nicht klug werden, der verteufelt wenig Luſt zu haben ſcheint, die Diebe zu fangen, und ſich aus dem Staube gemacht hatte, als Ned Hayward und ich heute Morgen mit ihm ſprechen wollten. Der alte Leinwand⸗ händler ſoll finden, daß er mit Jack Slingsby nicht ſo umſpringen darf.“ „Wirklich, lieber Bruder, ich wünſche, daß Du die Sache ruhen läſſeſt,“ ſagte Mrs. Clifford;„es iſt ja weiter kein Schaden dabei geſchehen, als daß ich etwas erſchrocken bin, und wenn wir die Sache weiter treiben, ſo führt ſie am Ende zu unangenehmen Folgen. Der Brief, der mich durch die Nachricht von Deiner Krankheit hierherlockte, beweiſt, daß die Sache keine gewöhnliche war.“ „Ich ſcheere mich den Teufel um die Folgen,“ rief Sir John Slingsby,„und wenn die halbe Stadt des⸗ wegen in Brand gerathen ſollte, ſo würde ich doch nicht — 269— von meinem Entſchluſſe abſtehen. Wie, liebe Harriet, bin ich nicht Magiſtratsperſon und Friedensrichter ſeiner Majeſtät für die Grafſchaft— 2 Eine ſolche gewiſſen⸗ hafte Frau, wie Du biſt, wird nicht wünſchen, daß ich meine heilige Pflicht vernachläſſige.“ Und Sir John kicherte leiſe und fröhlich vor ſich hin, daß es ihm ge⸗ lungen war, eine neue Anſicht von ſeiner Verantwort⸗ lichkeit zu entdecken. Mit ſolchem Geſprüch verging der Abend und die Gegenſtände der Unterhaltung wechſelten raſch, denn der würdige Baronet war nicht der Mann, der hartnäckig an einer Gedankenreihe feſthielt, und Mrs. Clifford, be⸗ ſonders aber ihre Tochter, zeigten ſich geneigt, das eben angeregte Thema ſobald als möglich wieder zu verlaſſen. Miß Clifford ſchien ſogar ganz aufgeregt und verlegen, als die Rede auf das Abenteuer der vorigen Nacht kam, ſo daß Ned Hayward, der der gutmüthigſte Menſch von der Welt und nicht ohne Takt war, ganz be⸗ ſonders wenn Damen im Spiele waren, ſich ihrer ſo⸗ gleich annahm und mit ihr eine leiſe und eifrige Unter⸗ haltung begann. Es war einer jener Fälle, in welchem zwei Leute ohne xecht zu wiſſen was ſie vorhaben, fortwährend ein⸗ ander verblüffen und verwirren, obſchon Beide ſo offen ſein könnten, wie der helle Tag. Sie ſprachen von Din⸗ gen, wovon die ganze Welt hätte können ſprechen hören — 270— — von Muſik, Malerei, Dichtkunſt, und doch ward das ganze Geſpräch in ſo leiſem Tone geführt, daß Jeder, der es nicht wußte, ein zärtliches Liebesgefluͤſter vermuthet hätte. Miß Clifford war nicht im Stande, ſich eine Idee von dem Charakter ihres Nachbars zu machen, denn ſie erwartete ſicherlich nicht viel von ei⸗ nem Manne, der vertraulich Ned Hayward genannt ward, und ganz beſonders von einem ſpeciellen Freunde ihres Onkels, als höchſtens einen luſtigen, polternden, gutmüthigen, grotesken Menſchen. Um aber ihre volle Aufmerkſamkeit zu gewinnen und ihre Gedanken von ei⸗ nem Gegenſtande, der ihr ſo peinlich zu ſein ſchien, ab⸗ zulenken, legte Capitain Hayward ſein gewöhnlich leicht⸗ ſinniges, raſches Weſen für den Augenblick ab und ſprach mit ſo viel Gefühl und Geſchmack, und was noch mehr iſt, mit ſo viel Verſtand über alle die verſchiedenen Ge⸗ genſtände, um welche das Geſpräch ſich drehete— er zeigte ihr, daß er ſo viel geleſen, ſo viel gedacht und ſo viel empfunden hatte, daß ſie, noch ehe er fertig war, ſich von der völligen Unrichtigkeit aller ihrer vorgefaßten Ideen über den Charakter dieſes jungen Mannes über⸗ zeugte. Ein ſolcher Meinungswechſel iſt alle Mal für ei⸗ nen Mann einer Dame gegenüber ſehr günſtig, denn ſie ſind ſo edelmüthige Geſchöpfe, dieſe Damen, daß, wenn ſie ſich überzeugen, Jemandem Unrecht gethan zu haben, ſie unbedingt in das entgegengeſetzte Extrem verfallen und uns mehr Gutes zutrauen, als wir wirklich be⸗ ſitzen. 4 Ned Hayward's Verlegenheit war von anderer Art, ſie kam aber aus derſelben Ouelle, nämlich aus einem irrigen Vorurtheile. Er ſah, daß Mary Clifford ver⸗ legen ward, ſo oft jener Angriff zur Sprache kam, daß ſie die Farbe wechſelte und zwar nicht von roth zu weiß, wie der Fall geweſen wäre, wenn der Schrecken etwas damit zu thun gehabt hätte, ſondern von weiß zu roth, was gewöhnlich eine Veränderung iſt, die durch andere Erregungen herbeigeführt wird. Er nahm daher als ei⸗ ne unbeſtreitbare Thatſache an, daß das Herz des ſchö⸗ nen Mädchens bei dieſem Vorfalle ein wenig mit betheiligt ſeiz und doch, während ſie das Geſpräch noch ſo heim⸗ lich zwiſchen ſich führten, kam ſie zwei Mal von ſelbſt auf jene Sache zurück, allerdings nicht ohne einen Grad von Verlegenheit, aber immer, als ob ſie noch mehr zu ſagen wünſchte, und Ned Hayward dachte mit einer Anwandlung von Aerger:„Na, na, ſchöne Freundin, ich bin doch wohl nicht alt genug, um zum Vertrauten gemacht zu werden.“ Endlich, gerade als das Deſſert aufgetragen werden ſollte, brachte der langweilige Sir John Slingsby die Geſchichte abermals auf's Tapet, indem er Beauchamp fragte, ob er wohl einen jener Kerle wieder erkennen würde, und Miß Clifford benutzte die etwas laute Con⸗ verſation, welche zwiſchen den beiden Herren und Doe⸗ tor Miles Statt fand, um von dem Gegenſtande, über welchen ſie ſich mit ihrem Nachbar zur Rechten unter⸗ hielt, abzubrechen, indem ſie mit bewegter aber immer noch ganz leiſer Stimme ſagte:„Capitain Hayward, Ihr habt mir geſtern Abend einen ſehr großen Dienſt geleiſtet, wofür ich Euch ewig dankbar ſein werde, und Ihr würdet den Werth dieſes Dienſtes für mich noch ungemein erhöhen, wenn Ihr meinen Onkel hindern könnter, die Sache auf die Weiſe zu verfolgen, zu der er geneigt zu ſein ſcheint. Beſondere Umſtände, die ich Euch vielleicht einmal auseinander ſetzen kann, würden es für mich ſehr ſchmerzlich machen, wenn die ſchändli⸗ che Gewaltthat, die geſtern Abend an uns begangen ward, vor einen Gerichtshof käme, wirklich, es wäre für mich höchſt ſchmerzlich und qualvoll, beſonders wenn ich ebenfalls Ausſage thun müßte, was doch, vermuthe ich, nicht anders ginge.“ „Ich will Alles thun, was ich kann,“ entgegnete Ned Hayward,„aber Ihr dürft über die Mittel, die ich zu dieſem Zwecke ergreife, weder erſtaunen noch Euch er⸗ zrnen. Allerdings würde ich, glaube ich, beſſer agiren können, wenn ich die Umſtände genau kennte.“ „Alles, was ich vor der Hand ſagen kann,“ ant⸗ wortete die junge Dame mit leiſer Stimme,„iſt, daß — 273— es ſich hier nicht um einen Straßenraub handelte, wie Ihr Alle zu vermuthen ſcheint.“ Die Röthe ſtieg ihr wieder in die Wange empor, als ſie dies ſagte, und ſie fügte ſchnell hinzu:„Ich habe mir bei dieſer Angelegenheit Nichts vorzuwerfen, Capi⸗ tain Hayward, obſchon ich mein Gewiſſen hierüber ſtreng zur Rechenſchaft gezogen habe, gleichzeitig aber wäre es für mich peinigender, als ich Euch beſchreiben kann, wenn auch nur mein Name in Verbindung mit einem ſolchen Vorfalle und mit ſolch— ſolch einer Perſon ge⸗ nannt würde. Ich werde Euch ein ander Mal mehr dar⸗ über ſagen.“ „Mittlerweile werde ich thun, was ich kann,“ ent⸗ gegnete Hayward; und während er noch ſprach, hörte man Räder an die Thüre heranraſſeln und zwei Minu⸗ ten darauf trat ein Diener ein und meldete, daß Mr. Wittingham in dem Bibliothekzimmer ſei. „Laßt ihn warten, laßt ihn warten,“ ſagte Sir John Slingsby,„er hat doch Gelegenheit, ſeinen Geiſt etwas auszubilden. Wie, was ſagſt Du?“ fuhr er fort, als ihm der Diener Etwas über die Schulter zuflüſterte. „Wir haben hier weder Staatsgeheimniſſe, noch handelt es ſich um Hochverrath— ſprich laut, ſprich laut!“ „Haltet zu Gnaden, Sir John, zwei von Mr. Wittingham's Leuten haben Stephen Gimlet, der ge⸗ Beauchamp. Erſter Band. 18 — 24— wöhnlich Wolf genannt wird, geſchloſſen eingebracht. Er ſteht unten im Hauſe.“ „Was der Teufel,“ rief Ned Hayward,„das iſt ja der Vater meines kleinen Jungen! Ich hoffe doch, daß er keinen ernſtlich dummen Streich begangen hat.“ „Ich glaub' es nicht, ich glaub' es nicht,“ ſagte Doctor Miles eifrig;„das Herz und das Gewiſſen dieſes Mannes ſind vielleicht etwas irre geleitet, aber im Grunde doch gut, glaube ich; ich will gleich gehen und mit ihm ſprechen.“ „Der Teufel hole ihn, er ſtiehlt meine Faſanen,)“ rief Sir John Slingsby. „Warum ſtellt Ihr ihn nicht an, ſie zu bewachen, Oberſt?“ fragte Ned Hayward.„Es wäre ein ausge⸗ zeichneter Parkwärter, das bin ich überzeugt. Wer Diede fangen will, muß einen Dieb nach ihnen aus⸗ ſchicken, Sir John.“ „Die Idee iſt nicht ſchlecht, Ned,“ antwortete der Baronet.„Bleibt, bleibt, Doctor, er iſt noch nicht verurtheilt und braucht noch keinen geiſtlichen Zuſpruch. Wir wollen lieber erſt mit dem alten Wittingham ſpre⸗ chen. Er mag hereinkommen und wir wollen ihn be⸗ trunken machen. Sage Mr. Wittingham ein Kom⸗ pliment von mir, Matthews, und ich ließ ihn bitten hereinzukommen. Du brauchſt nicht fortzugehen, Har⸗ riet, er iſt ganz ein Mann für Damen.“ Aber Mrs. Clifford ſtand auf, da ſie keineswegs Luſt hatte, anzuſehen, wie eine Magiſtratsperſon be⸗ trunken gemacht wird, und entfernte ſich mit ihrer Toch⸗ ter und ihrer Nichte aus dem Zimmer. Zwölftes Kapitel. In welchem die Magiſtratsperſon von dem Baronet betrunken gemacht wird. „Ah, Wittingham, Wittingham!“ rief der Baro⸗ net, ihm, ohne aufzuſtehen, die Hand entgegenſtreckend, als der Diener die würdige Magiſtratsperſon hereinließ. Seid Ihr es denn, alter Knabe? Wenn Ihr auch nicht zur Puddingzeit kommt, ſo kommt Ihr doch zur Wein⸗ zeit und werdet bekommen, was ſo wenige Menſchen im Leben bekommen— Euer Deſſert. Setzt Euch und ſtoßt mit mir an, alter Freund. Was wollt Ihr trin⸗ ken? Hier iſt Portwein, der abgezogen ward, als ich das Jahr meiner Mündigkeit erreichte, daraus könnt Ihr ſchließen, daß es gute alte Waare iſt! Madeira, der mehr Reiſen um die Welt gemacht als Cook, Kometen⸗ Claret vom Jahre 1811, und eine Flaſche Burgunder, der unter der Naſe riecht wie Veilchenöl.“ „J nun, Sir John,“ entgegnete Mr. Wittingham, indem er den Sitz einnahm, den Mrs. Clifford ſo eben — 277— verlaſſen hatte, und ſich über einen ſo vertraulichen Em⸗ pfang freuete, da er ganz das Gegentheil erwartet ha⸗ ben mogte, denn die Wahrheit zu ſagen, obſchon mehrere Umſtände eingetreten waren, die ihn zu dem Entſchluß bewogen hatten, den Ochſen bei den Hörnern zu nehmen und den alten Löwen von Tarningham⸗Park in ſeiner Höhle zu beſuchen, ſo hatte er doch ſeinen Muth nur mit großer Mühe und Schwierigkeit bis zu dieſem Punkte empor geſchraubt—„i nun, Sir John,“ ſagte er,„ich komme in Geſchäftsangelegenheiten und es iſt am Beſten, wenn man Sachen von Wichtigkeit mit nüchternem Kopfe verhandelt.“ „Ach was da, dummes Zeug,“ rief der Baronet, „Niemand hat jemals etwas Geſcheidtes verhandelt, ohne halb betrunken geweſen zu ſein. Schaut einmal meinen alten Freund Pitt an, den armen Kerl! Und Charley For und Sir William Scott und Dundas und die ganze Sippſchaft! In der ganzen Welt hat es keine fideleren Zechbrüder gegeben, als dieſe waren und noch ſind— ſo viele davon nämlich noch leben! Trinken wir denn auf die Geſundheit der Lebenden und auf die Ruhe der Todten!— Burgunder, wie?“ Und er füllte ein Glas für Mr. Wittingham bis an den Rand. Der würdige Friedensrichter nahm das Glas, trank Sir John Slingsby's Toaſt und wollte von ſeinem Geſchäft anfangen, als der Baronet ihn wieder unterbrach, indem — 278— er ſagte:„Laßt Euch meinen Freunden vorſtellen, Wit⸗ tingham. Es macht keinen Spaß, mit Leuten zu trin⸗ ken, die man nicht kennt. Mit Doctor Miles ſeid Ihr bekannt, dies hier iſt mein Freund, Mr. Beauchamp, und dies iſt mein Freund, Capitain Hayward. Meine Herren, kennt, achtet und bewundert Henry Wittingham, Esg., eine der Zierden der Gerichtsbank der Grafſchaft —, einen Straßenoberaufſeher, eine ſehr thätige Ma⸗ giſtratsperſon und einen ſehr achtbaren Mann. Laßt den Laden ſein, Witty,“ fuhr er leiſe über den Tiſch hin⸗ überflüſternd fort, denn Sir John ließ Mr. Witting⸗ ham ſelten fort, ohne vorher eine Anſpielung auf deſſen frühere Beſchäftigung fallen zu laſſen, weswegen ihn die, ſer natürlich tödtlich haßte.„Ehe wir aber wieder ein⸗ ſchenken, mein guter Freund, muß ich Euch mit den rühmlichen Eigenſchaften dieſer Herren bekannt machen,“ fuhr der Baronet fort.„Das hier iſt NRed Hayward, der verwegenſte Schütze in Europa, es ſei nun mit Piſtol, Büchſe oder Jagdflinte— Nichts entgeht ihm, von dem Ebenbilde Gottes an bis herab zum Sperlingshahn. Auch iſt er der beſte Angler in ganz England und verſteht auf funfzig Schritt Entfernung eine Fliege in einen Thee⸗ löffel zu werfen. Er iſt auf eine unendliche Anzahl von Monaten zu mir auf Beſuch gekommen, um meine Fo⸗ rellen zu fangen, mein Wild niederzuſchießen und meinen Claret zu trinken. Das da iſt mein Freund, Mr. Beau⸗ — 2479— champ, von etwas ſentimentalerem Schlage, ein ſehr hoch⸗ und tiefgelehrter Mann, liebt Poeſie und einſame Spaziergänge und iſt etwas für Nachdenken und Melanu⸗ cholie geſchaffen, aber er verſteht auch ein Gewehr abzu⸗ ſchießen, das kann ich Euch verſichern— leichter Finger und ſicheres Korn. He, Bauchamp!“ und der Baronet blinzelte mit dem Auge und lachte. Beauchamp lächelte gutmüthig und um dem Geſpräch, das ihm gerade nicht ſehr zuſagte, eine andere Wendung zu geben, ſagte er, er habe ſchon das Vergnügen ge⸗ habt, eine oberflächliche Bekanntſchaft mit Mr. Witting⸗ ham zu machen Ned Hayward ſchien jedoch, faſt zu Beauchamp's Ueberraſchung, entſchloſſen zu ſein, den luſtigen Wirth in ſeinem leichten polternden Geſchwätz zu ermuthigen; er faßte daſſelbe auf, wo Sir John es gelaſſen hatte und ſagte:„Ja wohl, ja wohl, ich hoffe, daß wir hier eine capitale Jagdluſt haben. Die alten Geſchichten vom ö51ſten kommen wieder, Sir John, wir ſetzen über alle Hecken, galoppiren über die Rübenfelder, reiten den jungen Weizen nieder, vergeſſen die Grenzen des Reviers, laſſen die Thiere aus dem Pfandſtalle, legen uns eine Sammlung von Thürklopfern und Klingelzügen an, prügeln die jungen Männer und pouſſiren die jungen Weiber,— Mr. Wittingham, der Wein ſteht bei Euch.“ Mr. Wittingham füllte ſein Glas und trank, indem er mit ernſter und unruhiger Miene ſagte:„Ich glaube nicht, daß das gerade in unſerer Grafſchaft gehen würde; die Friedensrichter ſind etwas ſtreng hier.“ „Den Teufel ſind ſie,“ ſagte Ned Hahward mit einem Nachdruck, deſſen Bedeutung Mr. Wittingham nicht mißverſtehen konnte, im nächſten Augenblick aber fuhr der junge Herr fort:„Aber wer ſchiert ſich denn etwas um Friedensrichter, Mr. Wittingham? Die ſind Nichts, als ein Bündel alte Weiber.“ „Halt, halt, Ned!“ rief Sir John.„Ihr vergeßt, in weſſen Gegenwart Ihr ſprecht, reſpectirt die Gerichts⸗ bank, junger Mann, reſpectirt die Gerichtsbank und wenn ihr das nicht könnt, ſo reſpectirt den Oberſt.“ „O, Ihr ſeid eine große Ausnahme von der allge⸗ meinen Regel,“ entgegnete Capitain Hayward,„aber was ich ſage, iſt Nichts deſto weniger ſehr wahr, und da ich meine Ausſprüche gern definire, ſo will ich Euch eine lexikographiſche Schilderung der Friedensrichter ge⸗ ben. Man ſollte ſie in jedem Wörterbuch eine Geſell⸗ ſchaft von Leuten nennen, die aus den Unwiſſendſten des Volkes zur ſchlechten Anwendung guter Geſetze ausge⸗ wählt worden ſind.“ „Bravo, Bravo!“ ſchrie Sir John Slingsby mit ſchallendem Gelächter und ſelbſt Doctor Miles nickte ernſt lächelnd den Kopf und ſagte:„Dieſe Definition iſt allerdings nur zu richtig.“ — 281— Mr. Wittingham ſah verwirrt um ſich, aber Sir John ſchob ihm die Flaſche hin und da er ſich nicht an⸗ ders zu helfen wußte, ergriff er wieder ſein Glas und leerte es. Nun giebt es für Leute, die ihrer Stellung nicht ganz ſicher ſind, Nichts, was ſie vollſtändiger über⸗ wältigte, als Witz und Luſtigkeit mit tüchtigen Sarkas⸗ men vermiſcht. Bei ernſten Streitigkeiten, wo ihnen ihre eigene Eitelkeit den Rücken deckt, wagen ſie ſich ſtets an Menſchen, die ihnen ſowohl an Fähigkeiten als an Rang überlegen ſind, ſie mögen ſich dadurch blosſtellen oder nicht, denn in dieſem Falle ſind ihre Begriffe gewöhn⸗ lich im Voraus formirt und ſie ſind völlig überzeugt, daß dieſe Begriffe richtig ſind. Bei einem Streite mit den Waffen des Witzes aber muß man ein ſehr gewand⸗ ter Mann ſein und auch im Beſitz der geſelligen Bildung, durch die man in den Stand geſetzt wird, die Antwort ſcharf und beißend zu machen, ohne anſcheinend die Höf⸗ lichkeit zu verletzen. Auf der Gerichtsbank und im Amtszimmer wagte es Mr. Wittingham oft, eine Lanze mit Sir John Slingsby zu brechen und zuweilen ſogar mit gutem Erfolg, denn obſchon der Baronet viel grö⸗ ßere natürliche Anlagen und mehr Kenntniſſe beſaß, ſo hatte er doch auch ſo viele Schwächen und Blößen und be⸗ hauptete zuweilen ſo verkehrte Dinge, daß es ſeinem Gegner von Zeit zu Zeit gelang, einen ſchwachen Punkt zu erfaſſen und ihn in die Enge zu treiben. Zuletzt ging Sir John jedoch alle Mal als Sieger aus dem Kampf hervor, denn wenn er fand, daß ihm die Argu⸗ mente ausgingen, ſo nahm er ſeine Zuflucht zum Spotte und binnen zwei Minuten hatte er ſeinen Antagoniſten confus gemacht und ſchmetterte ihn durch das ſchallende Gelächter der Zuhörer zu Boden. Im gegenwärtigen Falle fand Mr. Wittingham, daß Sir John auf ſcherzhafter Laune war und wagte deshalb kaum ein Wort zu ſagen, um nicht Anlaß zu irgend einem beißenden Witzworte zu geben, beſonders da der Baronet einen, wie es ſchien, ſo gewandten Secundanten zur Seite hatte. Er wünſchte demnach ſehr, zu dem Geſchäft zu ſchreiten, das ihn hierher ge⸗ bracht; ohne daher ſich zum Vertheidiger der Friedens⸗ richter aufzuwerfen, ſagte er nach einer augenblicklichen Pauſe:„Wirklich, Sir John, ich muß bald wieder nach Hauſe und“ „‚Nicht, bevor Ihr Eure Flaſche ausgeleert habt, Mann,“ rief Sir John Slingsby, ihm den Burgunder zuſchiebend,„Jeder der mich nach Tiſche beſucht, muß ſich entweder mit mir ſchlagen oder eine Flaſche mit mir trinken, alſo eins auf Eure Geſundheit Witty— rein aus bis auf die Nagelprobe.“ Die Gläſer, die auf Sir John Slingsby's Tiſch figurirten, konnte man mit Recht Weingläſer nennen, denn es befand ſich ſelten eine andere Flüſſigkeit darin, gleichzeitig aber waren ſie auch von ungeheurer Größe. Mr. Wittingham hatte deren ſchon drei getrunken, ab⸗ geſehen von der mäßigen Quantität, die er bei ſeinem eeigenen Diner zu ſich genommen, um aber die Sache los zu werden, ſtürzte er noch ein Glas ſtarken Bur⸗ gunder hinab und fing dann wieder an, indem er ſagte: „Wirklich, Sir John, wir müſſen nun zu unſerm Ge⸗ ſchäft übergehen. Wir können ja unſern Wein immer mit nippen, während wir die Sache beſprechen.“ „Nippen?“ rief ſein Wirth.„Wer hat jemals von einem Menſchen gehört, der einen ſolchen Wein nippte? Niiemand nippt ſeinen Wein, als irgend ein ſchwermüthi⸗ geer, liebeskranker Schäfer, der ein Stück Cheſhire⸗Käſe vor ſich ſtehen hat und dabei Verſe über ſchwellende Lippen und runde Hüften, über funkelnde Augen und woohlduftende Seufzer und Perlenzähne und balſamiſchen Hauch und ſchlanke Naſen und blühende Wangen und alle die O's und I's macht, die jemals zu metriſchen Unſinn zuſammengedreht werden, oder auch ein gebeſſer⸗ ter Zechbruder, der ſich fürchtet das Maß zu überſchrei⸗ ten, welches die Aerzte ihm geſtattet haben, und jeden Tropfen durch das Andenken an ſo manches Saufgelag ausdehnt. Nein, nein, ſolcher Wein wie dieſer iſt ge⸗ wachſen, um mit tüchtigen Schlucken hinuntergegoſſen V zu werden, dann wäſcht er die Lippen mit der Welle — 284— der Freude, reizt die Zunge, verbreitet eine wohlthätige Gluth über den Gaumen und kühlt die Mandeln und die Gurgel nur, um ſie von neuem Appetite nach dein folgenden Glaſe zu entflammen.— Nippen! zum Teufel, Wittingham, das iſt eine Beleidigung für eine gute Flaſche Wein und ich hoffe, daß man Euch mit einem Champagnerpfropfen todtſchießt, um Euch Mores zu lehren.“ „Nun denn,“ rief Mr. Wittingham, den die Un⸗ geduld nun eine Antwort auspreßte,„ſo will ich ſagen Sir John, daß wir Euern Wein ſaufen können, wäh⸗ rend wir die Sache beſprechen.“ „Ah, das laß ich mir gefallen,“ rief Sir John Slingsby keineswegs aus der Faſſung gebracht,„Ihr ſollt den Wein ſaufen und ich will ihn trinken, ſo ſchickt es ſich für uns zwei. Beauchamp wollen wir aus dem Spiele laſſen, weil er ein Neuling iſt, und den Doc⸗ tor Miles auch, weil er Wohlehrwürden heißt. Ned Hayward aber wird uns Glas um Glas nachſteigen, dafür ſtehe ich. Alſo noch ein Glas und dann an's Ge⸗ ſchäft, aber erſt wollen wir Licht bringen laſſen, Euer Wohledeln, es wird ſchon ziemlich finſter,“ und Sir John ſtand auf, um zu klingeln. Kaum hatte er jedoch ſeinen Sitz verlaſſen, als man einen lauten Knall hörte. Eine Scheibe des Fen⸗ ſters flog in funkelnden Splittern in das Zimmer hinein 285— und eine Kugel pfiff hindurch, die dicht an Mr. Witting⸗ ham's Kopf vorbeifuhr, ihm die Perücke abriß und in dem Auge eines Cupido, der auf einem großen Bilde Qan der entgegengeſetzten Wand des Zimmers mit ſeiner Muutter ſpielte, ſitzen blieb. Ende des erſten Bandes. Druck von C. Schumann in Schneeberg. In gleichem Verlage, und in eleganter Schiller⸗ format⸗Ausgabe ſind erſchienen die dem Verfaſſer des ewigen Juden ec. geiſtesverwandten und ge⸗ ſchätzten: Schriften von Alexvander Dumas 1.— 75. Bändchen à 5 Ngr. enthaltend: Athos, Porthos und Aramis, oder: Die drei Mousquetaire. Aus dem Franzöſ. von W. L. Weſché. 13 Bändchen. 2 Thlr. 5 Ngr. Artagnan, oder: Zwanzig Jahre ſpäter. Fortſe⸗ tzung von: Athos, Porthos und Aramis ꝛc. Aus dem Franzöſ. von W. L. Weſché. 17 Bändchen. 2 Thlr. 25 Ngr. Königin Margot. Hiſtoriſcher Roman. Aus dem Feaſäüi. von Ferd. Heine. 14 Bändchen. 2 Thlr. — gr. Die Dame von Monſoreau. Aus dem Fran⸗ ziiſhen von W. L. Weſché. 16 Bändchen. 2 Thlr. 20 Ngr. Der Baſtard von Mauléon. Aus dem Fran⸗ zöſiſchen von W. L. Weſché. 1.— 4. Bändchen. 20 Ngr. 4 Fernande. Ein Roman. Aus dem Franzöſiſchen von W. L. Weſché. 6 Bändchen. 1 Thlr. Der Graf von Monte⸗Chriſto. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. E. Suſemihl. 1.—6. Bänd⸗ chen. 1 Thlr. Letzteres Werk wird in 3— 4 Monaten vollſtändig abge⸗ liefert ſein. — An die geehrten Leſer! V Um die Erwartung des Publikums nicht län⸗ ger auf die Folter zu ſpannen, welches, den vor⸗ angegangenen Ankündigungen zufolge, ſchon längſt einen neuen Roman von Eugen Sue, nämlich die ſieben Todſfünden, erwartete, die aber bis jetzt nur im Entwurfe des Verfaſſers exiſti⸗ ren, übergebe ich demſelben ſchon heute den erſten halben Band von Martin der Findling, dem neueſten Werke des gefeierten Verfaſſers, wie es in Paris im Conſtitutionnel, vom. 25. Juni aan, erſcheinen ſoll; da der Verfaſſer geſtattet hat, ſein Werk in deutſcher Sprache um mehrere Wochen früher herauszugeben, als es in Frank⸗ reich in Franzöſiſcher Sprache gedruckt erſcheint; was allerdings große Geldopfer meinerſeits er⸗ forderte. Das ganze Werk wird aus 6 ſtarken Bänden beſtehen, die in dieſer ſchönen, mit grober Schrift elegant gedruckten Octav⸗Aus gabe nur 3 Thlr. koſten werden. Für Liebhaber wohlfeiler Ausgaben iſt bereits vor 10 Tagen erſchienen: Martin der Findling ꝛze. Taſchenausgabe 1s Bändchen 3 ¾ Ngr.(Sgr.). In dieſer Taſchenausgabe erſcheint das Werk in 12 Bändchen, und koſtet ganz vollſtändig nur 1 ½⅞ Thlr. In 2— 3 Wochen, naänlich gleichzeitig mit der Pariſer Ausgabe, erſcheint bei mir: Martin, Penfant trouvé, mémoires d'un valet de chambre. Roman en six volumes par Eugene Sue. Edition originale pour toute PAllemagne. Première Livraison 7 ½ Ngr.(Sgr.) Les six volumes 3 Thlr. ſchön und höchſt correct gedruckt in klein Octav. Leipzig, 20. Juni 1846. Ch. E. Kollmann. —QQQQQQ———— 5 mmmmm. MnnennſinnſinFnſſſſſſſſſſſiſſſſiſtſiſinſiſiſnſniſsinſinſſiiſſ 8 9 1 12 13 14 1 10 1 5 16 17 8 8 39 8 7 4 d 2 3 — 2 1 3 ☚——,