4 4 * deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur V von 4, Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Jeſebedingungen. ) 1. Offensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Telz henen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines ages iſt zu 21 Stun⸗ en angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Fn hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——.———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3 ⸗ 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— 1 —— G. P. N. James Romanſe, in deutſchen Uebertragungen herausgegeben von. F. Notter und G. Pfizer. So⸗ Zweihundertdreiundfünfzigſteg Bändchen. SSo Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 185⁵3. N ach e. Novelle von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen. Erſtes Bändchen Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1853. Erſtes Kapitel. Ich muß den Leſer zu einem altmodiſchen Landhauſe führen, erbaut unter der Regierung Jakobs I.(etwa achtzig Jahre vor Beginn unſerer Erzählung) und mit all den Ei⸗ genthümlichkeiten— faſt möcht ich ſagen den Sonderbar⸗ keiten— jenes beſonderen Bauſtyles behaftet. Es hatte Kamine ohne Zahl; der Himmel weiß, welche Zimmer ſie lüfteten, und ihr Name muß Legio geweſen ſeyn. Der Fen⸗ ſter zählte man nicht weniger; nur ſchienen ſie weit unregel⸗ mäßiger, denn die Kamine waren wenigſtens in einer ge⸗ wiſſen ſymmetriſchen Ordnung zuſammengeſtellt, während man die Fenſter über die verſchiedenen Fronten des Gebäu⸗ des ohne alle anſcheinende Ordnung zerſtreut ſah. Gott weiß, welche Zimmer ſie erleuchteten oder erleuchten ſollten, denn bei ihren engen Dimenſionen und von den ſteinernen Geſimſen aus dem eliſabethiſchen Zeitalter verfinſtert, er⸗ füllten ſie jenen Zweck nur ſehr ſpärlich. Jedes war von ſeinem über die Backſteinmauer vorſpringenden Krönungs⸗ ſteine überragt, was die Zeit der Erbauung etwas zweifel⸗ haft laſſen mochte, wenn die Giebel dieſe Frage nicht ente ſchieden hätten. James. Rache. 1 2 Auch ſie waren mannigfaltig, denn obgleich das Haus ſeit ſeiner urſprünglichen Erbauung keine Zuſätze erhalten hatte, ſchien es dennoch in abgeſonderten Maſſen errichtet, die hernach, ſo gut es eben gehen wollte, mit einander ver⸗ bunden worden, ſo daß nicht weniger als ſechs Giebel nach Nord, Süd, Oſt und Weſt Front machten, mit vier recht⸗ winkligen Ecken und niedrigen Mauern zwiſchen denſelben. Auf dieſen Giebeln ſaß ein dreieckiges Mauerſtück, etwas höher als das ſpitze Dach; dieſe Mauer war auf jeder Seite mit einer aus Quaderſteinen gedeckten Stufenreihe einge⸗ faßt, wie wenn der Architekt geglaubt hätte, irgend ein Menſch oder eine Statue werde eines Tags bis zum Gipfel der Pyramide emporklettern und ſeinen Platz oben auf dem Krönungsſteine einnehmen. Es war ein düſteres, altes Gebäude: die Backſteine ab⸗ gefärbt und mit der Livree des Alters— nämlich gelben und grauen Flechten— überzogen; Dohlen flatterten um die Kaminſpitzen; Krähen zogen krächzend darüber hin auf ihrem Wege nach dem dicht daneben gelegenen Konventikel; keine Schwalbe niſtete unter dem Geſims, und die Bäume, als fühlten ſie ſich von dem ernſten, kalten Ausſehen des Hauſes zurückgeſtoßen, wichen auf drei Seiten von demſelben zu⸗ rück und ließen es allein auf dem flachen Grunde, gleichwie ein mürriſcher Mann mitten unter einer heiteren Geſell⸗ ſchaft allein ſteht. Auf der vierten Seite ſah man allerdings eine Allee — das heißt zwei alte Ulmenreihen— ſich vorſichtig in krummem, gewundenem Laufe zu dem Hauſe ſchleichen, wie 3 wenn ſie ſich ſcheuten, ſich allzu raſch zu nähern, und in der Entfernung von etwa fünf⸗ bis ſechshundert Schritten war der Park von einzelnen Gruppen alter Buchen, immergrü⸗ ner Eichen und anderer Bäume von düſterem Blätterwerk betüpfelt und hie und da von einer Heerde Wild belebt. Von Zeit zu Zeit ſah man ein Milchmädchen, eine Bauernfrau in die Kirche oder auf den Markt gehen; ein Landmann oder Wildhüter zog auch wohl zuweilen über die trockene, braune Grasfläche, nur ſelten von dem gebahnten Pfade abweichend, der von der einen Parkmauer zur andern führte. Es war Alles düſter und eintönig; der Geiſt der Langenweile ſchien darüber zu hängen, und ſogar die Wol⸗ ken— die raſchen neckiſchen Wolken, freie Bewohner der Lüfte und Spielgenoſſen der Winde und Sonnenſtrahlen, ſchienen träg und ſchläfrig zu werden, wenn ſie über den weiten Raum daherzogen, und man glaubte ſie nur mit Ernſt und Grauen ſich nahen zu ſehen, wie es die ſchüchterne Jugend in Gegenwart des ſtrengen Alters empfindet. Genug von der Außenſeite des Hauſes. Laß Dich in das Innere führen, Leſer, in ein beſonderes Zimmer— nicht das größte und ſchönſte, aber eines der höchſten. Es war ein kleines längliches Gemach mit einem Fenſter, ge⸗ ſchmückt— und das war der einzige Schmuck, den das Zim⸗ mer aufwies— mit einem beſcheidenen Vorhang aus roth und weiß gewürfelter Leinwand. Auf der Seite zunächſt der Thüre, zwiſchen dieſer und der weſtlichen Wand, ſtand ein kleines Bett; ein nußbaumener Tiſch und zwei bis drei Stühle ſtanden in der Nähe des Fenſters; in einer Ecke ein Waſch⸗ 1* 4 ſtänder, nicht ſehr zierlich geordnet, in einer andern eine Kommode und gegenüber dem Kamin an Nägeln, die in die Wand getrieben waren, zwei bis drei Bretter von demſelben Material wie der Tiſch, jedes mit einer Reihe Bücher, die nach dem ſchwarzen Einband, den braunen Rändern und ab⸗ gegriffenen Ecken berechtigt ſchienen, ſich ziemlichen Alters und ſtarken Gebrauches zu rühmen, wie denn ein beſchmutz⸗ ter und mit Eſelsohren verzierter Band in den meiſten Fäl⸗ len den Gipfel ſeiner Ehren erreicht hat. Am Tiſche ſitzt, wie Ihr bemerken werdet, ein Knabe von fünfzehn Jahren, mit Dinte, Feder und Papier und einem offenen Buche. Schaut Ihr ihm über die Schulter, ſo werdet Ihr bemerken, daß die Worte lateiniſch ſind; er liest ſie jedoch mit großer Geläufigkeit, ohne die Hülfe des Wörterbuches aufzuſuchen. Es iſt der Cato major von Cicero. Himmel! welch ein Buch für ein ſolches Kind! Ein Knabe ſtudirt das hohe Alter! Laſſen wir jedoch das Buch bei Seite, um uns den Kna⸗ ben ſelbſt etwas näher anzuſehen. Betrachten wir dieſes bleiche Geſicht mit ſeinem männlichen, unnatürlichen Ernſte — dieſe hohe, breite Stirne, die einem Monumente gleich über den Augen emporragt. Betrachten wir dieſe Augen ſelbſt mit ihrer tiefen, geſpannten Nachdenklichkeit, und dann dieſen Blick— etwas mehr als ernſt und weniger als wild — mit ſeinem dürſtenden Ausdruck, als ob er Alles ver⸗ ſchlänge, worauf er ruhte, und dennoch ungeſättigt wäre. Die Stirne ruht auf der bleichen, ſchönen Hand, als be⸗ dürfte ſie einer Stütze für die ſchwere Bürde des Nachdenkens, A* 5 womit das Hirn belaſtet war. Der Jüngling ſieht nichts als die Linien ſeines alten Buches; ſeine ganze Seele hängt an den beredten Worten. Er hört nicht, wie die Thüre aufgeht, ſieht nicht jene hohe, ehrwürdige, aber etwas ſteife und magere Geſtalt eintreten und ihm nahekommen. Er liest weiter, bis der Genfermantel des alten Mannes ſeinen Arm ſtreift und der Greis ihm die Hand auf die Schulter legt. Dann ſpringt er auf— ſchaut ſich um— ſpricht Nichts. Ein ſchwaches Lächeln, freundlich aber ernſt, ſpielt um ſeine feingeſchnittene Lippe; das iſt aber der einzige Will⸗ komm, während er ſeine Augen zu dem über ihm gebeugten Antlitze empor ſchlägt. Kann dieſer Knabe an Jahren im Herzen ſchon ein Greis ſeyn? Es iſt klar, daß der alte Mann— ein Geiſtlicher, denn das war er offenbar— nicht ſehr zärtlicher Natur iſt, denn jede Linie ſeines Geſichts widerſpricht dieſer Annahme. Der Ausdruck ſelbſt iſt ernſt, wenn nicht gar ſtreng; die Macht des Gedankens ſpricht aus ihm, aber gar wenig Sanftmuth. Er ſcheint zu jenen Männern zu gehören, die in einer der vielen Feuereſſen, welche die Welt zur Erprobung ſtarker Gemüther und kräftiger Herzen unterhält— verſucht und gehärtet worden. Es hat viel Verfolgung im Lande ge⸗ geben; viele Veränderungen vom Ernſt und der Strenge zu Leichtſinn und Frivolität, von dieſer wieder zu bitterer Grau⸗ ſamkeit haben die Zeit bezeichnet. Tyrannen in allen Ar⸗ ten und Geſtalten haben die letzten vierzig Jahre ausgefüllt, und Narren, Schurken und Tollhäusler haben ſie mit jedem denkbaren Fluche verfolgt. In dieſen Zeiten des Wechſels und der Veränderung— wie konnte da ein feſtes, hartes Gemüth den Fängen der Verfolgung und des Unrechts ent⸗ gehen? Der alte Mann hatte Beides erfahren; aber es hatte ihn wenig verändert. Sein Geiſt war von Natur unbeugſam und wurde durch die Gewohnheit des Widerſtan⸗ des nur noch zäher und halsſtarriger. Das Glück, des Himmels Wille oder ſeine eigene Nei⸗ gung hatten ihm Weib und Kind verſagt und nahe Ver⸗ wandte hatte er keine. Einen Freund hatte er— den Vater dieſes Knaben— der ihn in ſchlimmen Zeiten geborgen, ihn vor der Wuth der Feinde ſo gut wie möglich beſchützt und ihm die kleine Pfründe, welche ihm Lebensunterhalt ge⸗ währte, bewilligt hatte. In ihr that er gewiſſenhaft ſeine Pflicht, mit feſtem unnachgiebigem Geiſte den kalviniſtiſchen Lehren anhängend, welche er trotz des allgemeinen Abfalls ſeiner Nachbarn und Gefährten frühzeitig angenommen hatte. Er hätte nicht ein Jota nachgegeben, und wenn es ihm den Kopf gekoſtet hätte. Bei all ſeiner Härte beſaß er einen Gegenſtand der Zärtlichkeit, dem Alles, was von Sanftheit in ſeinem We⸗ ſen lag, gewidmet war. Dieſer Gegenſtand war der Knabe, neben dem er jetzt ſtand und für den er große, faſt väterliche Liebe fühlte. Vielleicht geſchah es deßhalb, weil er den Knaben nicht ſehr gut behandelt glaubte, und daß ſeine Sympathie rege wurde, da es auch ihm nicht beſſer ergan⸗ gen war. Außerdem war er aber ſeit früheſter Zeit mit ſeiner Erziehung betraut und hatte Freude an der Aufgabe gefunden, da ſein Schüler fähig, willig und anhänglich war —2 und gerade ſoviel von ſeinem eigenen Charakter beſaß, um ſeine Theilnahme ſehr ſtark, und doch auch wieder ſolche Verſchiedenheit zeigte, um ſein Intereſſe lebendig zu machen. Der alte Mann war gegen ihn zärtlicher als gegen jedes andere lebende Weſen, und er fürchtete zuweilen, ſeine frü⸗ heren Ermahnungen zu ausdauerndem Studium würden gar zu pünktlich, ſogar zum Schaden der Geſundheit, befolgt. Schon oft hatte er nicht ohne Aengſtlichkeit die zunehmende Bläſſe der Wangen, den allzu lebhaften Glanz des Auges, das heftige nervöſe Zittern der Lippe bemerkt, und hatte zu ſich ſelbſt geſagt:„Das geht zu weit.“ Allein er mochte nicht zurückhalten, nachdem er einmal angefeuert, mochte den Zügel nicht anziehen, wo er den Sporn gebraucht hatte. Es liegt eine gewiſſe Eitelkeit in uns Allen, und gerade die Strengſten ſind nicht frei von dieſem Fehler, der uns vor der Beſchuldigung des Irrthums— ſelbſt wenn unſer ei⸗ genes Herz ſie erhebt— zurückſcheuen läßt. Er wollte nicht glauben, der Knabe habe keines Antriebes bedurft, und doch hätte er gerne gehabt, wenn er etwas nachgelaſſen hätte, und er bemühte ſich zuweilen, ihn dazu zu bewegen. Aber der Impuls war nun einmal gegeben: er hatte den Jüng⸗ ling über die Schwierigkeiten und Hinderniſſe auf dem Wege der Erkenntniß triumphiren laſſen, und jetzt war er eben daran, die Wiſſenſchaft mit einer Haſt, einem Durſte, der etwas Erſchreckendes an ſich hatte, zu erwerben. Sein Gemüth, ja ſogar ſein Charakter hatte theils durch die ſtrenge Unnachgiebigkeit Deſſen, dem ſeine Erziehung einzig anvertraut war, theils durch ſeine eigene beſondere Lag eund auch durch die Gegenſtände ſeines hauptſächlichen Studiums eine beſondere Richtung genommen. Die ſtren⸗ gen alten Römer der anfänglichen Republik, die Thaten heroiſcher Tugend— wie die Tugend von den Römern ver⸗ ſtanden wurde— die Aufopferung jeder zärtlichen Neigung, jeder Empfänglichkeit unſerer Natur an den ſtrengen Begriff des Rechtes, die erbarmungsloſe Mißachtung aller von Gott uns eingepflanzten Gefühle, wenn ſie mit dem Begriffe der von den Menſchen erſchaffenen Pflichten im Widerſpruche ſtanden— erregten ſeine ſtaunende Bewunderung und hät⸗ ten ſein Herz verkehrt und verhärtet, wenn dieſes Herz nicht von Natur voll zarterer Regungen geweſen wäre. So ent⸗ ſtand oft ein Kampf— eine Art hypothetiſchen Widerſtreits — zwiſchen ſeinem Kopf und ſeinem Herzen. Er fragte ſich zuweilen, ob er irgend einen von Denen, die er kannte und liebte— ſeinen Vater, ſeine Mutter, ſeinen Bruder— zum Beſten ſeines Landes oder einer ernſten Pflicht auf⸗ opfern könnte, und er fühlte ſich ſchmerzlich berührt und alle ſeine zärtlichen Neigungen regten ſich zum Widerſtand, wenn er bemerkte, welche Qual es ihn koſten würde. Seine Heimath war jedoch keine ſehr glückliche, und die freundliche Seite des häuslichen Lebens hatte ihr friſches Grün nicht für ihn bewahrt. Sein Vater war wechſelnd und ungleich in ſeiner Laune, beſonders gegen den zweiten Sohn— bald ſtreng und finſter, bald reizbar faſt bis zum Wahnſinn. Großmüthig, tapfer und aufrichtig war er; aber es hieß allgemein, eine Kopfwunde, die er Anno 1651 9 in der Schlacht von Worceſter davongetragen— habe dieſe krankhafte Laune wunderbar vergrößert. Die Mutter war allerdings voll Zärtlichkeit und Sanft⸗ muth, und ihr hatte er es ohne Zweifel zu danken, daß die Milch menſchlicher Güte ihren Weg in dieſes ſtarke Knaben⸗ herz gefunden hatte. Aber ſie liebte ihren älteſten Sohn am meiſten, und es war ein Unglück, daß ſie dies nicht ver⸗ hehlte. 3 Der Bruder war ein wilder, ungeſtümer, raſtloſer junger Mann, etwa drei Jahre älter wie er; er liebte den jüngeren zärtlich, fand aber oft ein Vergnügen daran, ihn zu reizen oder ſolches wenigſtens zu verſuchen, denn es gelang ihm nur ſelten. Er war der Liebling, ziemlich verzogen und mit vieler Nachſicht behandelt, und was da geſchah, geſchah für ihn. Im ganzen Hauſe wurde er am meiſten berückſichtigt; ſein war jedes Vergnügen, ſein waren alle Vortheile. Eben jetzt war die Familie abweſend, um ihn die Hauptſtadt ſei⸗ nes Geburtslandes ſehen zu laſſen, ſein Gemüth der großen Welt zu eröffnen und ihm das Leben in ausgedehnterem Maßſtabe zu zeigen, als dies auf dem Lande geſchehen konnte; den jüngeren Bruder hatte man zu Haus gelaſſen, um in trüber Einſamkeit ſeine Studien fortzuſetzen. Er beklagte ſich jedoch nicht häufig; nur ſelten kam ein Murren in ſein Herz, und er bemühte ſich, dies Alles ganz in der Ordnung zu finden. Seine Beſtimmung lag vor ihm: er ſollte ſein Glück durch ſich ſelber machen, durch ſeine eigenen Fähigkeiten, ſein eigenes Wiſſen, ſeine eigenen Anſtrengungen. Er mußte alſo ſtudiren, und ſein höchſter 10 Ehrgeiz ging für jetzt dahin, mit Auszeichnung die Univerſi⸗ tät zu betreten; ſeine heiterſte, vergnügteſte Ausſicht bildete die vergleichungsweiſe Freiheit und Unabhängigkeit eines Kollegienlebens. Nicht daß er es nicht langweilig fand— dieſes düſtere, alte Haus, nur von ihm ſelbſt und wenigen Dienern be⸗ wohnt. Zuweilen kam wohl ein Gefühl furchtbarer Ver⸗ laſſenheit über ihn; es trieb ihn manchmal, über den ſon⸗ derbaren Unterſchied der menſchlichen Geſchicke nachzuden⸗ ken, und wie es doch komme, daß, weil es dem Himmel ge⸗ fallen habe, einen Menſchen etwas früher oder ſpäter als einen anderen oder ihn an einem anderen Orte geboren wer⸗ den zu laſſen— ein ſo weiter Zwiſchenraum zwiſchen die verſchiedenen Grade menſchlichen Glückes gelegt werden ſolle. Er fühlte jedoch, daß ſolche Spekulationen nicht gut ſeyen, denn ſie führten ihn zu weit; er verwickelte ſich da⸗ durch in kitzliche Fragen, welche zu ſeiner Zeit weit häufiger als heutzutage auftauchten; er verlor ſeinen Weg und flüch⸗ tete ſich mit leidenſchaftlicher Haſt zu ſeinen Büchern, um dieſe Nebel und Schatten aus ſeinem Geiſte zu vertreiben. Solches war eben jetzt der Fall geweſen, und in dieſen Ge⸗ danken hatte er dageſeſſen, ohne eine Ahnung, daß ſeinem Geſchicke eine totale Veränderung h vorſtehe. O dieſe dunkle Werkſtätte des Schickſals! Welch merk⸗ würdige Dinge gehen darin vor, menſchliches Elend wie menſchliche Freuden berührend, Feſſeln des Geiſtes zerbre⸗ chend oder wiederherſtellend, Mittel beſchaffend, um uns in 11 einer glorreichen Sache weiter zu führen, oder das erbar⸗ mungsloſe Gewicht bildend, das uns ins Verderben hinab⸗ zieht! Während Du daſitzeſt und lieſeſt— während ich hier ſitze und ſchreibe— wer kann ſagen, welche auffallen⸗ den Veränderungen, welche Kombinationen der ungleichar⸗ tigſten Dinge rings um uns ohne unſern Willen, ohne unſer Wiſſen vor ſich gehen mögen, welche den ganzen Lauf unſers künftigen Daſeyns verändern? Könnte der Menſch ſein ei⸗ genes Schickſal ſich bilden— er würde es ohne Zweifel ver⸗ pfuſchen, und es iſt darum recht gut, daß er es nicht kann. Die Freiheit ſeines eigenen Handelns iſt hinreichend, ja ſo⸗ gar zu viel, und es iſt gut für die Welt wie für ihn ſelbſt, daß eine Alles lenkende Vorſehung die Umſtände um un her ſo geſtaltet, daß wir die Schranken nicht überſchreiten können, ſo viel wir auch flattern mögen. Auf dem Geſichte jenes alten Mannes liegt ein unge⸗ wöhnlicher Ausdruck— ein tieferer Ernſt als ſonſt, der aber mit einer an ihm ſeltenen Zärtlichkeit verbunden iſt. Es iſt etwas wie Zögern an ihm zu gewahren— Zögern an ihm, der während eines ſtürmiſchen Lebens nur ſelten erfahren hat, was es heißt, zu zweifeln oder zu überlegen— er, der feſte, ſtets fertige Mann, deſſen klarer, ſicherer, beſtimmter Geiſt immer zum Handeln bereit und hiezu in Verfaſſung war! „Komm, Philipp, mein Sohn,“ begann er, ſeine Hand wie geſagt, auf des Knaben Schulter legend,„Du haſt für heute genug ſtudirt. Du lieſeſt zu eifrig und überſchreiteſt meine Vorſchrift. Man muß auch an den Körper denken 12 ſo gut wie an den Geiſt, und wenn Du den ganzen Som⸗ mertag ohne Leibesbewegung verſtreichen läßt, ſo wirſt Du bald finden, daß der Verſtand unter der Laſt körperlicher Schwäche erlahmt und der Geiſt die Flügel hängen läßt. Ich will ſpazieren gehen: komm mit, und wir wollen uns unterwegs über hohe Dinge beſprechen.“ „Studiren iſt meine Pflicht und meine Aufgabe, Sir,“ erwiederte der Knabe;„ſo ſagt mein Vater, ſo habt Ihr mir oft geſagt, und was die Geſundheit anlangt, da fürchte ich Nichts. Wenn ich vom Leſen, beſonders ſolcher Bücher, aufſtehe, bin ich immer ganz erfriſcht; nur wenn ich lange ausgeritten oder gegangen bin, fühle ich mich ermüdet.“ „Ein Beweis, daß Du mehr gehen oder reiten ſollteſt,“ bemerkte der alte Mann.„Komm, nimm Hut und Mantel. Du darſſt heute nicht weiter leſen; andere Gedanken ſtehen Dir bevor. Du weißt, Philipp,“ fuhr er fort,„daß wir durch's Leſen nur Materialien ſammeln, die wir zum Auf⸗ richten eines Gebäudes in unſerem eigenen Geiſte benützen müſſen. Wenn wir all unſere Gedanken nur von unſern Vorgängern entlehnen, ſo werden wir zu Räubern an den Todten und leben nur von fremder Mühe.“ „Aeltere Söhne, welche eine Erbſchaft antreten, um die ſie ſich nicht bemüht haben,“ verſetzte der Knabe lachend. „Noch ſchlimmer als das,“ erwiederte der Geiſtliche, „denn wir ſammeln, was wir nicht richtig verwenden— was wir zwar alles Recht zu beſitzen haben, aber unter der einzigen Bedingung, daß wir es gut gebrauchen. Jeder Menſch von Geiſt iſt verbunden, ſeinen eigenen Verſtand zu 13 bilden, ihn nicht für ſich bilden zu laſſen, ihn den Zeiten und Umſtänden, in denen er lebt, anzupaſſen, nach richtigen Regeln abzumeſſen und die beſten Materialien, die er finden kann, zu verwenden.“ „Wohlan, Sir, ich bin bereit,“ erklärte der Jüngling nach kurzem, tiefem Nachſinnen. Er und ſein alter Lehrer gingen jetzt mit einander die lange Treppe hinab, während die ſchiefen Sonnenſtrahlen ihren Glanz durch die Fenſter auf die ungleichen Stufen goßen und die Stäubchen der dicken Atmoſphäre, die wir einathmen, beleuchteten, wie die Phantaſie die eitlen, flüch⸗ tigen Dinge erhellt, die uns in dieſer Welt von Eitelkeit umgeben. Sie wanderten quer durch den Park nach der Garten⸗ treppe. Der Jüngling ſchwieg, denn die letzten Worte des alten Mannes ſchienen einen ganz neuen Ideengang in ihm geweckt zu haben. Auch ſein Begleiter ſchwieg, denn auf ſeiner Seele lag eine Bürde, die ihn betrübte und verlegen machte. Er hatte dem jungen Manne etwas zu ſagen und wußte nicht, wie er es ſagen ſollte. Zum erſtenmal in ſeinem Leben merkte er an der Unentſchloſſenheit, die er in dieſem Falle empfand, wie wenig er den wirklichen Charakter ſeines Schülers kannte. Er hatte ſich viel mit ſeinem Verſtande beſchäftigt und kannte ihn— ſeine Klarheit, ſeine Kraft und Tiefe— ganz genau; aber ſein Herz und ſeine ſonſtigen Anlagen hatte er nicht ebenſo ſcharf geprüft. Er hatte zwar eine Ahnung, daß tiefe, ſtarke Gefühle in ihm wohnen mußten; v aber er dachte, der Geiſt beherrſche dieſe mit ſeiner gewohn⸗ ten unerſchütterlichen Gewalt. Er ſchwieg nachdenklich, blieb ſogar einmal ſtehen, wie wenn er ſprechen wollte, ging aber wieder weiter und ſagte nichts. Endlich als ſie ſich der Parkmauer näherten, legte er den Finger an die Schläfe und murmelte vor ſich hin: „Ja, je raſcher deſto beſſer. Es iſt gut, zwei Leiden⸗ ſchaften zu vermiſchen: Ueberraſchung wird ſich mit Kum⸗ mer vereinigen— wenn er überhaupt großen Kummer empfinden wird.“ Dann an den jungen Mann ſich wendend, ſagte er: „Philipp, ich glaube, Du liebeſt Deinen Bruder Ar⸗ thur.“ Er ſprach in lautem, beſtimmtem Tone; allein der Knabe merkte nicht den Nachdruck, den er auf dieſe Worte legte. „Gewiß, Sir,“ verſicherte er;„ich liebe ihn zärtlich. Was iſt's mit ihm?“ „Dann wirſt Du ſicher mit Befriedigung hören, daß er beſonders glücklich geweſen,“ fuhr der alte Mann fort— „ich meine, daß er der Erde und allen ihren Lockungen, den Citelkeiten, den Sünden und Thorheiten der Welt, in der er zu leben beſtimmt ſchien, entrückt wurde, ehe er durch ihre Uebel verdorben oder ſein Geiſt durch ihre Laſter befleckt werden konnte.“ Der junge Mann drehte ſich um und betrachtete ihn mit forſchenden Blicken, wie wenn er immer noch nicht begriffe, was er meine. 15 „Er ertrank letzten Samſtag bei einer Luſtfahrt auf der Themſe,“ erklärte der Geiſtliche. Philipp ſtürzte zu ſeinen Füßen nieder, ſo regungslos, wie wenn er ihn erſchoſſen hätte. Zweites Kapitel. Ich darf bei den Jugendſcenen des Knaben, den ich dem Leſer ſo eben vorgeführt habe, nicht lange verweilen; da es aber abſolut nothwendig iſt, ſeinen eigenthümlichen Cha⸗ rakter deutlich begreifen zu lernen, muß ich ihn noch etwas weiter verfolgen, bevor ich von ſeiner Kindheit in das reifere Alter übergehe. Wir ließen Philipp Haſtings beſinnungslos auf dem Boden zu den Füßen ſeines alten Lehrers niedergeſtreckt, durch die plötzliche Nachricht, die er ohne Warnung oder Vorbereitung erhalten hatte. Der alte Mann war über das, was er gethan hatte, über die Maſſen erſchrocken, und machte ſich die bitterſten Vorwürfe; allein er war ſein Lebenlang ein Mann der That geweſen, der ſich nie weder durch freundliche noch durch pein⸗ liche Gedanken zurückhalten ließ. Er konnte nachdenken, auch während er handelte, und als ein ſtarker Mann wurde es ihm nicht ſchwer, den bleichen ſchmächtigen Jüngling auf ſeine Arme zu nehmen und ihn über die Parktreppe zu tra⸗ gen, welche dicht bei der Hand war, wie der Leſer ſich er⸗ 46 innern wird. Er entſchloß ſich alsbald, ſeine jugendliche Laſt in eine kleine Taglöhnershütte zu tragen, die auf der andern Seite der unter der Parkmauer hinlaufenden Straße lag; als er dieſe jedoch erreichte, fand er Thüre und Fenſter verſchloſſen, denn die ganze Familie war zum Arbeiten auf's Feld hinausgezogen.. Das war für ihn eine große Enttäuſchung, obwohl kaum zweihundert Schritte weiter ein ſehr hübſches Haus in mo⸗ dernem Geſchmacke zu ſehen war. Allein es walteten hier gewiſſe Umſtände ob, weßhalb er den Sohn von Sir John Haſtings nicht gerne vor die Schwelle ſeines nächſten Nach⸗ bars trug. Nächſte Nachbarn ſind nicht immer Freunde, und ſogar der Paſtor der Gemeinde darf ſeine Vorliebe und ſeinen Widerwillen haben. Oberſt Marſhall und Sir John Haſtings waren poli⸗ tiſche Gegner. Der Letztere gehörte zu dem kalviniſtiſchen Zweige der engliſchen Kirche— nicht gerade zu den Eid⸗ verweigerern, doch ſtand er im Verdachte, als ob er ſo ziem⸗ lich dieſer Richtung folge. Auch war er ſteif und hartnäckig in ſeinen politiſchen Anſichten und kannte nur wenig Rück⸗ ſicht für die aufrichtigen Meinungen und gewiſſenhaften Ab⸗ ſichten Anderer. Ehrlich geſtanden, war er nur wenig ge⸗ neigt zu glauben, daß Jemand, der von ihm abweiche, über⸗ haupt gewiſſenhafte Abſichten oder aufrichtige Meinungen haben könne, und das Benehmen des würdigen Oberſten zeugte allerdings weder von feſten Anſichten noch von ſtarken Grundſätzen. Er war ein heiterer, lebendiger, ſogar witziger Hofmann, der die meiſten Dinge, ſogar die ernſteſten und 17 ehrwürdigſten mit einem Scherz abzumachen pflegte. Er ſpielte hoch, gewann in der Regel, war ſchlau und beſonders gegen Könige und erſte Miniſter ausnehmend verbindlich. Ueberdies war er einer der eifrigſten der hochkirchlichen Par⸗ tei, und zwar ſo eifrig, daß die Anhänger der niederen Kirche glaubten, er müſſe bald zum Katholieismus überſchnappen. Ich meinerſeits glaube, daß man das Herz des Oberſten bei genauerer Unterſuchung jeder wahrhaften Religioſität baar gefunden hätte. Aber der König war ein Katholik, und es machte ſich gut, wenn man ihm ſo nahe wie möglich war. Man wird fragen, warum der Oberſt nicht denſelben Weg wie Seine Majeſtät ging. Die Antwort iſt ganz ein⸗ fach: Oberſt Marſhall war ein ſchlauer Beobachter der Zei⸗ chen der Zeit. Am Spieltiſche konnte er nach dem Ausſpielen der erſten drei Karten jedesmal angeben, wie alle übrigen Karten des Spieles vertheilt waren; auch in der Politik war er faſt ebenſo ſcharfblickend, und er bemerkte, daß König Jakob trotz der vielen Honneurs, die er in der Hand hatte, doch über keine Trümpfe gebot, und alſo unausbleiblich das Spiel verlieren mußte. Wäre es anders geweſeu, ſo läßt ſich gar nicht ſagen, welche Sorte von Religion er ange⸗ nommen hätte. Es iſt kein Grund vorhanden zu glauben, daß die Transſubſtantiation ihm im Geringſten im Wege geſtanden hätte, und was das Trientiner Concil betrifft, ſo hätte er es ſo leicht wie ſein Frühſtücksbrod verſchlungen. Gegen dieſen Mann alſo hegte Sir John Haſtings einen vollendeten Haß und tiefe Verachtung, welche Gefühle er James. Rache, 2 auf jedes Mitglied der Familie ausdehnte. Auch in der Schätzung des würdigen alten Geiſtlichen ſtand der Oberſt nicht viel höher; nur war der Paſtor unparteiiſcher gegen des Oberſts Familie. Lady Annabella Marſhall, ſeine Gattin, war während ihres Landaufenthaltes eine regel⸗ mäßige Beſucherin ſeiner Kirche. Sie war ausnehmend ſchön geweſen, war noch immer hübſch, und hatte einen ſüßen friedlichen Ausdruck wie eine Heilige, nicht frei von Melan⸗ cholie, der ſie ſogar in des alten Mannes Augen ſehr an⸗ ziehend machte. Man wußte überdies, daß ſie ihrem nicht ſehr guten Gatten eine ſehr gute Frau war, und Doktor Paulding ſchenkte ihr ehrlich geſtanden ebenſo gut ſein Mit⸗ leid wie ſeine Achtung. Er kam jedoch ſelten in's Haus, denn Oberſt Marſhall war ihm verhaßt, und der Oberſt er⸗ wiederte das Kompliment dadurch, daß er ſich nie in der Kirche ſehen ließ. Dieſes waren die Gründe, welche dem guten Paſtor den Gedanken, den jungen Philipp Haſtings in den Hof— wie Oberſt Marſhalls Haus genannt wurde— zu tragen, nichts weniger als angenehm machten. Aber was konnte er thun? Er ſchaute dem Knaben in's Geſicht, und dieſes war wie das eines Todten— kein Zeichen wiederkehrenden Lebens ward darauf ſichtbar. Er hatte gehört, wie manche Peiſonen unter ſo plötz⸗ lichen Gemüthsaffektionen geſtorben waren, und ſo ſtill, ſo todtenähnlich waren Geſtalt und Antlitz des Knaben, als er dieſen eine Weile auf eine Bank vor der Hüttenthüre nieder⸗ legte, daß ſein Muth ihn verließ und eine zitternde Anwand⸗ 19 lung von Schrecken ſeine ganze Geſtalt erſchütterte. Er zögerte nicht länger, ſondern nahm den jungen Haſtings wieder auf ſeine Arme, nachdem er nur einen Augenblick ſtill geſtanden hatte, um Athem zu ſchöpfen, und eilte mit ihm nach Oberſt Marſhall's Hauſe. Ich habe geſagt, daß dieſes eine moderne Wohnung war — nämlich modern für die damalige Zeit. Der Himmel weiß, was jetzt daraus geworden; aber Ludwig XIV.— wenn er auch nicht bei ſeiner Erbauung betheiligt war— hatte doch manche ſeiner Sünden zu verantworten, und die übrigen gehörten dem Manſard. Das Haus bildete den auffallendſten Gegenſatz zu dem altmodiſchen Landſitze unſe⸗ res Sir John Haſtings, der über das Haus wie über den Eigenthümer ſpottete— denn auch er konnte ſehr bitter ſcherzen, und er pflegte zu ſagen, man müſſe ſich nur wun⸗ dern, daß ſein Nachbar dem Hauſe nicht ſeinen eigenen Namen gegeben und es Marſhallhof genannt habe, um es von allen anderen Höfen zu unterſcheiden. Zahlreich waren die Fenſter und das Schmuckwerk des Hauſes; Pfeiler liefen zwiſchen den Fenſtern in die Höhe; letztere hatten verſenkte Scheiben und waren mit komiſchen Blumenguirlanden be⸗ deckt, ſo daß es ausſah, wie wenn jedes eine geſtickte Weſte anhätte; eine große Treppe lief von dem Hauptthore abwärts, und war mit Liebesgöttern und Füllhörnern verziert, welche von den unverdaulichſten ſteinernen Früchten überfloßen. Der Pfad vom Gartenthore bis zum Hauſe war wohl mit Sand beſtreut, und ſchlängelte ſich zwiſchen verſchiedenen Blumenparterres und Waſſerbecken mit Tritonen und der⸗ 2* gleichen zeitgemäßen Sinnbildern, welche reichliche Spring⸗ brunnen bildeten, ſo gut ein großer Waſſerbehälter auf dem Gipfel einer benachbarten Anhöhe es ihnen erlaubte. Zu nützlichen Zwecken waren dieſe Baſſins untauglich, da man das Waſſer nie bis zum Rande anſteigen ließ, und der gute Doktor Paulding betrachtete ſie mit hoffnungsloſem Blicke, als er auf ſeinem Wege nach der Haupttreppe an ihnen vorüberkam. Dort machte er jedoch eine etwas tröſtlichere Entdeckung. Der Pfad, den er einſchlagen mußte, hatte für die Bewohner des Hauſes die eine Bequemlichkeit, daß jedes Fenſter auf der vorderen Front ihn beherrſchte, ſo daß der Doktor und ſeine Bürde wenigſtens von einem paar Augen bemerkt. wurden. Ohne eines jener grauenhaften Anhängſel der Mode auf dem Kopfe, nur ihr eigenes, ſchönes, glänzendes Haar, gleich Weinranken wild im Winde flatternd, kam ein liebliches Mädchen von vierzehn bis fünfzehn Jahren die Stufen herabgerannt. Sie hatte eben erſt das unreife Alter über⸗ ſchritten, und erblühte in dem vollen Frühling der Jungfrau. Eifer und Unruhe lag auf ihrem Geſichte, denn die Haſt und die Miene des würdigen Geiſtlichen, wie die Geſtalt, die er auf ſeinen Armen trug, verkündeten ſo deutlich als Worte thun konnten, daß irgend ein Unfall begegnet war, und ſie rief ihm zu, was denn an der Sache ſey. „Sache, Kind, Sache!“ rief der Geiſtliche.„Ich glaube, ich habe dieſen armen Knaben beinahe getödtet.“ 21 „Ihn getödtet!“ rief das Mädchen mit einem Blicke des Zweifels und der Ueberraſchung. „Ja, Miſtreß Rachael,“ erwiederte der alte Mann,„ihn getödtet dadurch, daß ich ihm ohne Vorbereitung unbeſonnen und unfreundlich von ſeines Bruders Tode erzählte.“ „Ihr habt es gewiß freundlich gemeint,“ murmelte das Mädchen in leiſem, lieblichem Tone, die Stufen herabkom⸗ mend und das bleiche Geſicht des Knaben betrachtend, wäh⸗ rend der Geiſtliche dieſen die Treppe hinantrug. „Hört, Miß Marſhall, haltet Euch nicht auf mit An⸗ ſtarren,“ bat Doktor Paulding,„ſondern ruft einige Eurer Diener, und heißt ſie Waſſer oder Hirſchhorn oder ſonſt ein Stärkungsmittel herbeibringen. Eure Lady Mutter muß wohl Eſſenzen haben, um die Leute aus der Ohnmacht zu bringen, denn es heißt ja, am Hofe gebe es nichts als Ohn⸗ machten, neben Spielen, Trinken und Gottesläſtern.“ Das Mädchen war ſchon unterwegs, ſchaute aber zurück und ſagte: „Vater und Mutter ſind beide ausgegangen; aber ich will bald Hilfe ſchaffen.“ Als der Knabe ſeine Augen aufſchlug, ſah er etwas ganz in ſeiner Nähe, was ihm ausnehmend ſchön vorkam— von warmer, tiefer Färbung, wie die einer ſonnigen Landſchaft; ein paar feuchte, zärtliche Augen, voller Theilnahme unter ihren dunkeln Franzen auf ihn blickend, während ſonnige Locken hellbraunen Haares, von dem ſüßen Odem ihrer zarten, dicht über ihn gebeugten Lippen bewegt, um ſeine Wange ſpielten. 22 „Wo bin ich?“ fragte er.„Was gibt es? was iſt vor⸗ gefallen? Ah, jetzt erinnere ich mich. Mein Bruder— mein armer Bruder! War es ein Traum?“. „Still, ſtill!“ rief eine wohllautende Stimme.„Sprecht mit ihm, Sir; ſprecht mit ihm und heißt ihn ſchweigen.“ „Es iſt nur allzu wahr, mein theurer Philipp,“ ſagte der alte Geiſtliche;„Dein Bruder iſt für uns verloren. Aber faſſe Dich, mein Sohn; es iſt ſchwach, auf ſolche Weiſe nachzugeben. Ich kündigte Dir das Unglück allerdings etwas unvermittelt an, indem ich hoffte, Deine Philoſophie werde ſtärker ſeyn, als Dein chriſtlicher Glaube es iſt. Bedenke nur, alle dieſe Heimſuchungen kommen von der Hand des allbarmherzigen Gottes. Er, der uns den Sonnenſchein gibt, ſoll er uns nicht auch die Wolken bringen? Zweifle nicht, daß alles zu unſerem Beſten geſchieht, und laß nicht die Kundgebungen ſeines Willens Dich unvorbereitet oder ununterwürfig finden.“ „Ich bin ſehr ſchwach geweſen,“ geſtand der junge Mann;„aber es kam auch ſo plötzlich! Himmel! wie war er ſo voll Kraft und Geſundheit, als er von hier wegzog— das Bild des Lebens— ja faſt der Unſterblichkeit! Ich war neben ihm nur wie ein ſchwaches Rohr— ein elendes ſchwächliches Rohr neben einer aufſchießenden Eiche.“ „Der Eine wird genommen werden und der Andere über⸗ bleiben,“ ſprach die ſüße Stimme des jungen Mädchens, und die Augen Beider— des Jünglings wie des alten Geiſt⸗ lichen— wendeten ſich plötzlich nach ihr. Philipp Haſtings richtete ſich auf ſeinen Arm und ſchien 23 eine Weile nachzuſinnen. Seine Gedanken waren aber wirr und undeutlich; er wußte nicht recht, wo er war, und der Eindruck des Geſchehenen war vag und unklar. Gleich den Augen, die vom Blitze geblenbet wurden, ſah jetzt ſein Geiſt, nachdem der allzulebhafte Eindruck vorüber war, Alles nur in Nebel und Verwirrung. „Ich bin ſehr ſchwach geweſen,“ ſagte er—„allzu ſchwach. Merkwürdig!— ich hätte mich feſter geglaubt. Wozu nützen uns Beiſpiele und Nachdenken, wenn der Geiſt ſo ſchwach bleibt? Aber ich fühle mich jetzt beſſer, und will nie mehr alſo nachgeben.“ Und von dem Sofa ſich aufraffend, auf den ſie ihn gelegt hatten, ſtand er eine Weile aufrecht, den alten Geiſtlichen, das ſchöne junge Mädchen, und zwei bis drei Domeſtiken, die zu ſeiner Bediennng herbeigerufen worden, wechſelsweiſe betrachtend. Wir wiſſen Alle— wenigſtens Alle, die mit den feurigen Dingen des Lebens zu ſchaffen hatten, Alle welche geduldet und gelitten, gekämpft und geſiegt, welche nachgegeben und gejammert und am Ende triumphirt haben— wir Alle wiſſen, wie kurzdauernd die erſten Siege des Geiſtes über den Körper ſind, und wie viel Kraft und Erfahrung es er⸗ fordert, um den Sieg vollſtändig zu machen. Will man die Seele zum Deſpoten erheben, ſo muß die Tyrannei eine lang⸗ gewohnte ſeyn. Philipp Haſtings ſtand, wie geſagt, auf und ſchaute ſich um. Er kämpfte gegen die Erſchütterung, welche ſeine blos animaliſche Natur erlitten hatte, geſchwächt, wie ſie war, durch langes angeſtrengtes Studium und durch Vernach⸗ läſſigung alles deſſen was zur körperlichen Stärkung bei⸗ trägt. Aber plötzlich wurde Alles wieder neblig vor ſeinen Augen; er fühlte ſeine Glieder ſchwach und machtlos wer⸗ den; ſogar ſein Geiſt entſchwand und ſeine Gedanken ver⸗ wirrten ſich. Ehe er wußte, was da kam, ſank er ohnmächtig in den Sofa zurück, und als er aus dem ſchweren Traume erwachte, in den er verſunken war, ſtanden andere Geſichter um ihn her. In einem fremden Zimmer lag er ruhig im Bette ausgeſtreckt; ein Arzt und eine ſchöne Dame von reifen Jahren ſtanden neben ſeinem Lager, und er fühlte die drückende Erſchlaffung des Fiebers in allen Nerven und Gliedern. Wir müſſen jedoch zu dem guten Doktor Paulding zu⸗ rückkehren. Unzufrieden mit ſich ſelbſt wendete er ſich nach ſeinem Pfarrhauſe und überließ den Knaben der Pflege von Lady Annabella Marſhall und ihrer Familie. Der Ordinari — wie der Briefträger damals häufig genannt wurde— ſollte in einer Stunde abgehen, und er wußte, daß Sir John Haſtings ſeinen einzig überlebenden Sohn in London erwar⸗ tete, um den Leichnam ſeines Bruders nach dem Familien⸗ begräbniſſe zu begleiten. Der Knabe konnte aber unmöglich reiſen, und der alte Paſtor mußte ſich niederſetzen, um über das Vorgefallene zu berichten. Es gab Nichts auf oder über der Erde, was ihn zu einer Lüge hätte bewegen können. Wohl mochte ſein Geiſt ſolchen Selbſttäuſchungen unter⸗ worfen ſeyn, wie wir es bei allen anderen Menſchen gewah⸗ ren; wohl mochte er ſich verleiten laſſen, ſein eigenes Ge⸗ + 25 wiſſen für Alles, was er Unrechtes that, für jeden Mißgriff oder Irrthum des Urtheils mit Entſchuldigungen zu tröſten, denn mit Wiſſen und Willen beging er nie ein Unrecht, und er erfuhr es immer erſt durch den Ausgang, wenn er eines begangen hatte. Aber er war mit eifriger peinlicher Sorge auf der Hut gegen ſich ſelbſt: er kannte die Schwäche der menſchlichen Natur— er hatte ſie oft erfahren, ſie ſcharf⸗ ſinnig beobachtet und die Lehre mit bitterer Strenge ſeinem eigenen Herzen eingeprägt, wenn er entdeckte, wie es vor der Aufrichtigkeit zurückbebte, nach Selbſtvertheidigung ver⸗ langte, in nebelhaften Vorurtheilen mit Drehen und Wenden der Ueberzeugung zu entrinnen ſuchte; er verfuhr dann jedesmal ſo rauh mit ihm, wie er mit einem verzogenen Kinde verfahren wäre. Mit ruhiger Ueberlegung ſetzte er ſich nieder, um Sir John Haſtings einen vollſtändigen Bericht des Vorgefallenen zu geben, wobei er ſich ſelbſt weit mehr tadelte, als er eigentlich verdiente. Ich ſagte, einen vollſtändigen Bericht, obwohl er nur eine Seite des Blattes einnahm, denn der gute Doktor war nichts weniger als wortreich, und es gibt Leute, welche auf engem Naume gar viel beſagen. Er tadelte ſich höchlich und kam dadurch dem Vorwurfe zuvor; was er aber am meiſten mitzutheilen fürchtete, war die Thatſache, daß der Knabe in dem Hauſe des Oberſten Marſhall— dem Hauſe des Mannes, den Sir John Haſtings ſo ſehr haßte— als krank zurückgeblieben war. Es gibt manche Menſchen und zwar Menſchen von ſtarkem Geiſte und großen Fähigkeiten, welche nur wenig von den Lehren des Lebens profitiren und manche ſogar gänzlich vernachläſſigen; ſie ſind ausſchließlich mit einem Zweige des großen Studiums beſchäftigt und ſehen ſonſt nichts in dem Laufe ihrer Lehrzeit. Doktor Paulding hatte keinen Begriff von der Veränderung, welche der Verluſt ihres älteſten Sohnes in den Herzen Sir Johns und der Lady Haſtings bewirkt hatte. Der zweite— der vernach⸗ läſſigte— war jetzt nicht allein der älteſte, ſondern auch der einzige Sohn geworden. Seine Krankheit, ſo ſchmerz⸗ lich ſte die Eltern berührte, war ein Segen für Beide, denn ſie zog ihre Gedanken von dem neulichen Verluſte ab, ſie füllte ihr Herz mit neuer Angſt und erlöste es von Kummer und Enttäuſchung. Sie dachten jetzt nicht mehr daran, in weſſen Hauſe und unter weſſen Pflege er war, ſondern ver⸗ ließen die Leiche ihres verſtorbenen Kindes, um ſie in lang⸗ ſamem feierlichem Zuge auf's Land nachbringen zu laſſen, und eilten ihr voraus, um über das einzige noch übrige Kind Wache zu halten. Sir John Haſtings vergaß ganz und gar ſeines Haſſes gegen Oberſt Marſhall. Er war täglich und faſt den ganzen Tag in deſſen Hauſe, und Lady Haſtings wachte Tag und Nacht am Bette des Kranken. Es iſt wunderbar, wie wir die Gegenſtände in unſerer Nähe— wenn erſt die Schranken gefallen ſind— unter ganz anderem Geſichtspunkte betrachten, als wir ſie früher in der Entfernung betrachtet haben. War auch bei dem erſten Zuſammentreffen zwiſchen Oberſt Marſhall und Sir John Haſtings noch einige Steifheit zu bemerken, ſo ſchwand 27 ſie doch mit ausnehmender Schnelligkeit. Des Oberſts Güte und Aufmerkſamkeit gegen den kranken Jüngling war auffallend; Lady Annabella widmete ſich ihm als wäre er ihr eigenes Kind, und Rachael Marſhall war die reine Krankenpflegerin. Nur harte Herzen hätten ſo etwas wider⸗ ſtehen können. Philipp war jetzt das einzige Kind, und die Eltern waren voller Liebe und Dankbarkeit. Drittes Kapitel. Der Stein, welcher die Gruft der Familie Haſtings bedeckte, war aufgerichtet und Licht und Luft ſtrömte in das kalte, feuchte Grabmal. Ein Sonnenſtrahl fand durch das Kirchenfenſter ſeinen Weg zu dem ſchimmeligen Sammt der alten Särge welche, erfüllt mit dem Staube zahlreicher Ahnen der jetzigen Beſitzer der Herrſchaft, in feierlicher Ordnung aneinander gereiht waren. Abgeſondert von den übrigen ſtanden die Särge derer, welche kinderlos geſtorben, die kleinen engen Ruhekammern der Kindheit, wo die harm⸗ loſen Sprößlinge, die Hoffnung und Freude von Vater und Mutter, ihren letzten Schlaf ſchlummerten und thränenvolle Augen und kummererfüllte Herzen mit dem einzigen kargen Troſte zurückließen, daß Gott den Himmel mit Engeln be⸗ völkert, indem er ſie von der Erde abruft. Auch die Särge der in dem Frühlinge der Mannheit Abgerufenen ſtanden hier, welche der grauſame Schnitter in der Blüthe getroffen hatte, noch ehe die Frucht gereift war. Ach, wie ſeine 28 Sichel die blühenden Gefilde der Hoffnung niederwirft! Da lag auch der ſtrenge alte Kriegsmann, deſſen Leben nur dem Dienſte ſeines Vaterlandes gewidmet geweſen und der für häusliche Freuden keinen Gedanken, keinen Augenblick erübrigt hatte; auch manche Andere, die vielleicht geliebt hatten und ohne den Lohn der Liebe zu empfangen heim⸗ gegangen waren. Unter dieſen nah am Ausgange der Reihe ſtanden zwei Schragen für den friſchen Bewohner der Gruft bereit, und die Kirchenglocke läutete traurig, während der alte Küſter von der Kirchenthüre aus nach dem Parkthore hinüberſchaute und der ſchwere Wolkenhimmel mit Regen zu drohen ſchien. „Glücklich die Braut, welche die Sonne beſcheint— glücklich die Leiche, auf die der Himmel regnet!“ ſagte der alte Mann zu ſich ſelbſt. Aber der Regen kam nicht, und gleich darauf ſah er von ſeinem Standpunkte, welcher die Parkmauer überſchaute, den Leichenzug des Erben all' dieſer ſchönen Umgebung in langſamer, feierlicher Prozeſſion auf der großen Straße daher kommen. Der Leichnam war von London gebracht worden, nachdem ſeine jugendliche Laufbahn in einem Augenblicke ſchwindelnden Vergnügens einen ſo plötzlichen, gewaltſamen Stoß erlitten hatte, und Vater und Mutter geleiteten jetzt nach damaliger Sitte mit einer lan⸗ gen Reihe von Freunden, Verwandten und Vaſallen die Ueberreſte des einſt ſo heiß Geliebten nach dem kalten Grabe. Nur einer von den zahlreichen Berwandten der Familie fehlte bei dieſer Veranlaſſung, und das war der Bruder des Todten; der aber erholte ſich ert langſem von dem erlittenen * 4 29 Schlage, und man hatte Jedem der Anweſenden geſagt, daß es ihm unmöglich ſey, die Leiche zu begleiten. Die ganze übrige Familie hatte ſich auf die empfangene Aufforderung eiligſt in der Halle verſammelt, denn wenn auch Sir John Haſtings nicht ſehr beliebt war, ſo wurde er doch höchlich geachtet und ziemlich gefürchtet— wenigſtens ſchmeckte die Ehrerbietung, die ihm gezollt wurde, nicht wenig nach Furcht, ohne daß man ſo recht wußte— warum. Es iſt eine ſonderbare Vorliebe bei vielen alten Leuten, ſich immer um das Grab, dem ſie ſelbſt entgegeneilen, zu verſammeln, ſo oft es für einen Anderen geöffnet wird, und ſich zuweilen ſogar mit bitterem Spotte über ein Ereigniß auszulaſſen, das bald auch ſie ſelbſt überraſchen muß. Kaum war es bekannt, daß der Leichenzug vom Schloſſe aufge⸗ brochen ſey, als eine Anzahl betagter Perſonen— vornehm⸗ lich Frauen, aber auch ein bis zwei runzlige Männer— aus den um die Kirche zerſtreuten Hütten daher wankten und ſich auf dem Kirchhofe ſammelten, um dort über die Todten wie über die Lebenden Gericht zu halten. „Ja, ja,“ ſagte ein altes Weib;„er wurde frühzeitig dahingerafft; aber er war ein feiner Junge und beſſer als die meiſten dieſer harten Leute.“ „Die alte Grete würde den Teufel ſelber loben, wenn er geſtorben wäre,“ meinte ein alter Mann, auf einen Stock ſich lehnend;„für die Lebenden hat ſie aber nie ein gutes Wort. Der Knabe iſt vor Unheil bewahrt— das iſt die Wahrheit an der Sache. Hätte er das Leben behalten, um abermals hieher zu kommen, ſo hätte er nur meiner Groß⸗ nichte Johanna das Herz gebrochen oder öffentliche Schande über ſie gebracht. Was brauchte aber auch eines Edel⸗ mannes Sohn, wie er, fortwährend um ein armes Bauern⸗ mädchen zu ſcherwenzeln, ſie auf's Kornfeld zu verfolgen und ihr Abends im Schatten aufzulauern?“ „Ei, ſie hätte ſich auf ſeine Beachtung etwas einbilden dürfen,“ verſetzte eine alte Hexe,„und ich möchte behaupten, ſie war auch ſtolz darauf, trotz aller Eurer Anſichten, Mat⸗ thew; ſie iſt nicht ſo zimpferlich wie Ihr vorgebet, und wir können noch Manches bei ihr erleben.“ „Auf alle Fälle,“ ſagte ein Anderer,„war er beſſer als dieſes geiſtloſe Milchſuppengeſicht— ſein Bruder, der noch früher wie dieſer hingerafft werden kann; denn er ſieht aus als ob ein Athemzug ihn umwehen würde.“ „O der wird das Leben behalten, um noch Manches anzurichten, wovon die Leute reden werden,“ ſagte eine Frau, älter aber höher und aufrechter als alle Uebrigen; „es lebt ein Geiſt in ihm— ſey er nun Engel oder Teufel— der nicht ſo bald dem Tode verfällt.“ 4 N „Ha, ſeht nur, was ſie einen Pomp daraus machen,“ bemerkte eine andere alte Frau, ihre Augen auf die Heer⸗ ſtraße vor der Parkmauer richtend, auf welche die Prozeſſion nunmehr heraustrat.„Schaut nur, da gibt es Wappen und Schilder in Menge! Man könnte glauben, er ſey eines Lords Sohn mit all' dieſem vornehmen Gepränge! Aber es liegt ein Fluch auf dem Geſchlechte: der jetzige Baronet war der letzte unter elf Brüdern, und ich habe ſagen hören, ſein Vater ſey einen ſchlimmen Tod geſtorben. Sein alteſter 31 Sohn mußte ertrinken und vielleicht dem Henker die Arbeit ſparen: wir werden ſehen, was aus dem einen Ueberlebenden werden wird. Es liegt ein Fluch auf ihnen ſeit jener Schlacht von Worceſter, wo der alte Mann, der jetzt ge⸗ ſtorben und verdorben, den Rath gab, die armen Gefangenen in die Kolonien zu ſenden, um dort als Sklaven zu arbeiten.“ Indem ſie ſprach, kam der Leichenzug auf der Straße daher und näherte ſich jenem ſonderbar geſtalteten Thore, mit einem Schirmdache darüber, das vermuthlich zum Schutze des Geiſtlichen beim Empfange der Leiche an der Pforte des Begräbnißplatzes errichtet worden war und damals allge⸗ mein am Eingange aller Kirchhöfe getroffen wurde. Die alte Frau brach plötzlich ab, wie wenn ihr noch etwas auf dem Herzen läge, was ſie nicht ausgeſprochen hatte, und zu beiden Seiten des Kirchhofpfades ſich ordnend bildeten die alten Männer und Weiber ein Spalier, durch welches der gute Doktor Paulding mit dem Buche in der Hand eiligſt daher kam. Die verſammelte Menge, deren Zahl durch die Ankunft von dreißig bis vierzig jüngeren und älteren Leuten vermehrt worden, ſprach kein Wort als der Geiſtliche vorüber kam; ſobald aber der Leichnam vorbeigezogen war und der beraubte Vater als erſter Leidtragender mit ſtarrem, ſtrengem aber thränenloſem Blicke folgte, der an einem Manne ſeines Charakters vielleicht auf tiefere Betrübniß deutete, als wenn ſeine Wangen von den Tropfen weibiſchen Kummers übergefloſſen wären, da hörte man mehrere laute Stimmen ſagen: 3 „Gott ſegne und tröſte Euch, Sir John!“ 3²2 Auffallend und merkwürdig war es, daß dieſe Worte gerade von denen und denen allein herrührten, die einen Augenblick zuvor mit ſpöttiſchem Tadel und gefühlloſem Hohne ſo emſig beſchäftigt geweſen. Es waren nur die alten Männer und Weiber, die ſich kaum vorher ſo bitter über das Schick⸗ ſal, die Geſchichte und den Charakter der Familie aus⸗ gelaſſen hatten, welche nunmehr jene nicht gefühlten Worte der Theilnahme in weinerlichem Bettlertone ausſtießen. Die, welche wirkliches Mitleid fühlten, blieben ſtumm. Der Sarg war in die Kirche getragen worden und der ſchöne feierliche Gottesdienſt der engliſchen Kirche hatte ſeinen Anfang genommen, als die Verſammlung durch eine weitere Perſon vermehrt wurde, welche Anfangs nicht da geweſen war. Aller Augen, außer denen des Vaters und der Mutter, welche weinend an ſeiner Seite ſaß, richteten ſich auf den neuen Ankömmling, als er mit todtenbleichem Geſichte und wankendem Schritte ſeinen Platz auf einer von den übrigen etwas entfernten Bank einnahm. Auf dem Geſichte des jungen Mannes lag ein Ausdruck der Schwäche und Mattigkeit, aber auch eines kräftigen Entſchluſſes, der die Schwachheit des Körpers überwand. Er ſah aus, als ob er jeden Augenblick in Ohnmacht fallen wollte; aber dennoch machte er den ganzen Gottesdienſt mit, miſchte ſich unter die Menge, als der Leichnam in die Gruft geſenkt wurde, und ſah auf den ſammtenen Deckel die Handvoll Erde ausſtreuen— wie zum Spotte über all' das hochmüthige Gepränge, das die Beerdigung der Reichen und Hochge⸗ ſtellten begleitet. 33 Keine Thräne kam in ſeine Augen, kein Seufzer rang ſich aus ſeiner Bruſt; nur ein leiſes Zittern der Lippe ver⸗ rieth, daß tiefe Aufregung in ſeinem Inneren herrſchte. Nachdem Alles vorüber war und während der Vater noch in die Gruft hinabſtarrte, ſchlich der Jüngling leiſe in ſeinen Stuhl zurück, bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und weinte. Die lezte Ceremonie war vorüber, Aſche war zu Aſche, Staub war zu Staub gelegt worden. Sir John Haſtings nahm den Arm ſeines Weibes und wandelte mit ſchwerem aber feſtem und ſicherem Schritte durch das Schiff der Kirche herab. Jedermann zog ſich ehrerbietig vor ihm zurück, denn auch in den härteſten Herzen wird wahrer Kummer in der Regel Ehrerbietung finden. Schon war er von den Stufen vor der Kirche auf den Begräbnißplatz herabgeſtiegen und hatte den halben Weg zu ſeinem Wagen zurückgelegt, als ihm plötzlich die hochgewachſene, aufrechte alte Frau, deren ich oben gedachte, in den Weg trat und ihn mit kaltem Blicke und ziemlich drohendem Tone anredete. „Nun, Sir John Haſtings,“ begann ſie,„wollt Ihr mir wohl mit jenem Stück Landes Gerechtigkeit widerfahren laſſen? Bei dem Grabe Eures Sohnes verlange ich es. Die Hand des Himmels hat Euch getroffen. Sie hat viel⸗ leicht Euer Herz gerührt. Ihr wißt, das Land gehört mir: es wurde von dem Uſurpator meinem Manne genommen⸗ weil er für den König focht, dem er ſeine Treue verpfändet hatte; es wurde Eurem Vater verliehen, weil er die Treue gegen ſeinen König brach und ſchlimme Tage über ſein Land James. Rache, 3 34 brachte. Wollt Ihr mir das Land zurückgeben— ſage ich? Sprecht Euch aus, Mann! Es iſt nur ein Krautgarten; aber er gehört mir, und vor Gottes Geſichte fordere ich ihn!“ „Fort— aus meinem Wege!“ rief Sir John Haſtings zornig.„Iſt das eine Zeit, um von ſolchen Dingen zu reden? Packt Euch fort, ſage ich, und wählt eine beſſere Stunde. Glaubt Ihr, ich könne jetzt auf Euch hören?“ „Ihr habt mich nie gehört, wollt mich nie hören,“ er⸗ wiederte die alte Frau. Sie ließ ihn ohne ferneren Wider⸗ ſtand vorübergehen und blieb auf dem Pfade ſtehen, indem ſie, wie es ſchien, bittere Flüche über ihn murmelte, deren Worte aber nur ihr ſelbſt verſtändlich wa Die kleine Volksmenge ſammelte ſich um ſie und horchte emſig, um den Sinn ihrer Worte aufzufaſſen; gleich darauf legte ihr jedoch der alte Küſter ſeine Hand auf die Schulter und trieb ſie aus dem Pfade mit dem Rufe: 4 „Packt Euch fort, packt Euch fort, Ihr papiſtiſche Hexe! Was braucht Ihr hier die Verſammlung zu ärgern und vor der Kirchthüre zu lärmen? Euch ſollte man in den Thurm ſperren!“ „Euch bedaure ich nur, alter Wurm!“ entgegnete die Alte.„Ihr werdet bald bei Denen verſammelt ſeyn, von denen Ihr Euch füttert.“ Und mit geſenktem Haupte und muthloſer Miene verließ ſie den Kirchhof. Mittlerweile blieb Doktor Paulding vor der Gruft ſtehen, während die kräftigen jungen Männer, welche zum Beiſtande des Küſters herbeigekommen waren, die breiten 35 Hanfſeile, an denen man den Sarg hinabgelaſſen, herauf⸗ zogen und dieſen an ſeinen unter den Todten vorgeſchriebenen Ort auf die Schragen ſtellten, worauf ſie wieder auf einer Leiter in den Chor heraufſtiegen und ſich anſchickten, den Stein über die Mündung der Gruft zu legen. Nun wendete ſich der würdige Geiſtliche nach der Kirchen⸗ thüre und ſchaute hinaus, worauf er ſich ſachte einem Bet⸗ pulte in dem Seitenſchiffe näherte. „Das iſt ſehr unrecht, Philipp,“ ſagte er,„Dein Vater wollte durchaus nicht, daß Du hier ſeyeſt.“ „Er hat es mir nicht verboten,“ erwiederte der junge Mann.„Warum ſollte ich allein bei meines Bruders Leichenbegängniſſe fehlen?“ „Weil Du krank biſt und durch Dein Kommen Dein Leben riskiren kannſt,“ erwiederte der alte Geiſtliche. „Was iſt das Leben gegen eine Pflicht?“ fragte der Knabe.„Habt Ihr mich nicht gelehrt, Sir, daß es nichts auf Erden gibt— kein Intereſſe dieſes Lebens, kein Ver⸗ gnügen, kein Glück, keine Hoffnung, die nicht alsbald dem⸗ jenigen, was das Herz uns als Recht verkündet, geopfert werden müſſen?“ „Wahr— wahr,“ antwortete der alte Paſtor faſt un⸗ geduldig:„um aber meine Lehre ſo ſtreng zu befolgen, ſoll⸗ teſt Du zuvor wohl unterſcheiden, Knabe. Du haſt eine Pflicht gegen einen lebenden Vater, welche wichtiger iſt als die blos eingebildete gegen einen todten Bruder. Du konnteſt Letzterem nichts mehr nützen, denn weislich ſagte der Pſalmiſt: Du mußt zu ihm gehen, aber er kann nimmer zu 3* Dir zurückkehren. Gegen Deinen Vater haſt Du im Ge⸗ gentheile hohe Pflichten zu erfüllen, ihn in ſeiner jetzigen Be⸗ trübniß zu erheitern und zu tröſten und ſeine letzten Jahre zu ſtützen und zu beglücken. Wenn eine wirkliche Pflicht ſich darbietet— eine Pflicht gegen Dich ſelbſt, gegen Deinen Nebenmenſchen, Dein Vaterland oder Deinen Gott⸗— dann ſage ich abermals, wie ich ſchon oft geſagt habe: erfülle ſie jeder denkbaren Zuneigung zum Trotze; laſſe ſie jedes Band durchbrechen, jede Erwägung bei Seite werfen. Darin möchte ich Dich allerdings die Rolle des alten Römers, den Du ſo gerne ſtudirſt, ſpielen, ich möchte Dich als Cato oder Brutus(wenn Du willſt) vor mir ſehen; aber Du mußt vollkommen ſicher ſeyn, daß Deine Phantaſie nicht weſent⸗ liche Pflichten erſchafft, und ſie in Deinen Augen wichtiger macht, als die wahren es ſind. Jetzt muß ich Dich aber ſo raſch wie möglich zurückgeleiten, denn Vater und Mutter werden Dich über kurz oder lang beſuchen, und ſie dürfen Dich nicht auf dieſem Gange abweſend finden“. Der Jüngling gab keine Antwort, ſondern wandelte be⸗ reitwillig mit Doktor Paulding nach dem Hofe zurück, ob⸗ wohl ſeine Schritte nur ſchwach und langſam waren. Er nahm des alten Mannes Arm und lehnte ſich ſchwerer auf ihn, denn er empfand ſchon jetzt die Folgen der Thorheit, die er begangen hatte, und nachdem die erſte Aufregung vor⸗ über war, nahmen abermals Fieber und Mattigkeit jedes ſeiner Glieder in Beſitz, ſo daß ſeine Füße ihn kaum noch bis ans Thor trugen. Das ſchone Mäͤdchen, das ihn uerſt in dieſem Hauſe 37 empfangen hatte, war auch jetzt wieder die Erſte, welche den beiden Wanderern begegnete, ſobald ſie den Garten betreten hatten. Sie ſah ängſtlich und unruhig und irrte mit unbe⸗ decktem Haupte umher; ſobald ſie aber den Jüngling ge⸗ wahrte, eilte ſie auf ihn zu und rief: „Ach, Philipp, Philipp! Das iſt ſehr unrecht und grau⸗ ſam von Dir. Ich habe Dich überall geſucht. Das hätteſt Du nicht thun ſollen. Wie konntet Ihr's nur erlauben, Dok⸗ tor Paulding?“ „Ich hab' es ihm nicht erlaubt, theures Kind,“ erwie⸗ derte der alte Mann;„er kam auf ſeine eigene Eingebung. Nehmt ihn nur mit, ſchickt ihn ſobald wie möglich zu Bett, reicht ihm ein großes Glas von dem verordneten Fieber⸗ waſſer und ſprecht ſo wenig wie möglich von dieſer unbeſon⸗ nenen Handlung.“— Das Maäͤdchen ſtützte den Knaben mit ihrem feingerun⸗ deten Arm, führte ihn in das Haus und pflegte ihn wie eine Schweſter. Sie verſchwieg das Geheimniß ſeiner Unbe⸗ ſonnenheit vor Jedermann„ und während der nächſten paar Stunden regten ſich in ſeiner Bruſt Gefühle gegen ſie, welche nie wieder verwiſcht werden ſollten; ſie war ſo ſchön, ſo zärt⸗ lich, ſo ſanft, ſo voll weiblicher Grazie, daß er in ſeiner glühenden Phantaſte ſich einbildete, keine Vollkommenheit des Leibes wie der Seele könne ihr abgehen, und dieſen Ge⸗ danken hielt er feſt noch manche lange Jahre ſpäter. Viertes Kapitel. Genug von ſeiner Kindheit, von deren Fehlern und Thorheiten. Wollte ich ja doch dem Leſer nur wie im Spie⸗ gel die Rückſeite eines vergangenen Schauſpieles zeigen. O wie lache ich zuweilen über die Kritiker— Gott ſey mir gnädig! die in der leichten Skizze, die ich gebe, nichts als den bloſen Pinſelſtrich auf der Leinwand ſehen, obwohl der eine Strich dem ganzen Gemälde Wirkung verleiht. Laßt ſie zurücktreten und das Ding als ein Ganzes betrachten; finden ſie dann nichts daran, was ihnen den Ausruf: wohl⸗ gethan!' entlockt, ſo mögen ſie die Rahme betrachten. Das iſt für ſie genug. Ich habe dem Leſer eine Skizze des Knaben geliefert, damit er in den Stand geſetzt werde, den Mann richtig zu beurtheilen. Man nehme nun den Knaben wie ich ihn ge⸗ ſchildert habe, ſtelle ihn in den Feuerofen heftiger Leiden⸗ ſchaft, wohl bedenkend, daß die Form von hartem Eiſen iſt, löſche und härte ihn in den kalten Waſſern des Widerſtandes, der Angſt und Enttäuſchung und ziehe ihn wieder hervor, wohlgeſtimmt— nur etwas zu hoch— für die Welt in der er leben ſoll— nicht biegſam, nicht elaſtiſch, keine Uhrfeder, ſondern hart wie ein Grabſtichel, der ſich in jeden Widerſtand eingraben oder unter dem Drucke brechen muß.. Laßt uns auf unſerem neuen Pfade etliche fünfzehn Jahre ſeit dem Beginne unſerer Erzählung überſpringen und Philipp Haſtings als denjenigen betrachten, der er nun⸗ mehr geworden war. Doktor Paulding war aus dieſer Alltagswelt in eine 39 andere beſſere heimgegangen, wo wir hoffen, daß die Tugen⸗ den des Herzens gegen die Laſter des Kopfes abgewogen werden, was hienieden ſo ſelten geſchieht. Sir John Ha⸗ ſtings und ſeine Gattin waren gegangen, wohin ihr älteſter Sohn ihnen vorausgezogen, und Philipp Haſtings war kein Knabe mehr, die Mannheit hatte nur zu frühe ihr Siegel auf ſeine Stirne gedrückt; aber welche Veränderung war mit der Mannheit über ihn gekommen!— Eine Verände⸗ rung nicht des Weſens, wohl aber der Form. 4 O Zeit! Dein Amt iſt nicht allein das des Zerſtörens! Du arbeiteſt an dem menſchlichen Geſchicke, weißt alle irdi⸗ ſchen Dinge neu zu bilden, alle Geſchlechter zu vermiſchen, alle Einrichtungen zu ändern— Du biſt der Entdecker, der Verhehler, der Aufbauer, der finſtere Zerſtörer!— Deine Waſſer haben bald eine verſteinernde, bald eine loͤſende Kraft, verhärten den Sanften, erweichen den Starken, häufen den Sand, untergraben den Felſen!— Wie war Deine Einwir⸗ kung auf Philipp Haſtings geweſen? 3 Leib und Seele waren bei ihm zur Mannheit herange⸗ wachſen. Der ſchmächtige Jüngling hatte ſich zum kräftigen, mächtigen Manne entfaltet, ziemlich unthätig— ſo ſchien es wenigſtens dem gewöhnlichen Beobachter— mehr nach⸗ denklich als glänzend, ſtandhaft in ſeinem Entſchluſſe, aber kaltblütig im Ausdrucke; nicht länger den Ausbrüchen knabenhafter Empfindung zugänglich, ſtreng(man nannte ihn ſogar hart) aber durchaus gerecht und zur Gerechtigkeit entſchloſſen. Die Poeſte des Lebens— ich hätte ſagen ſollen, die Poeſie der Jugend— der Glanz der Phantaſte 8. 40 und der Hoffnung ſchien in ihm verdüſtert: wohlgemerkt, ich ſage— ſchien, denn was ſcheint, iſt gar oft nicht wirklich; unnd er mochte vielleicht wohl gelernt haben, Gefühle, die er nicht ganz zu überwinden vermochte, wenigſtens zu beherr⸗ ſchen und zu verbergen. Gleichwohl waren noch manche Spuren ſeines früheren Ich bei ihm ſichtbar: dieſelbe Liebe zum Studium, dieſelbe Freude an Büchern und Gegenſtänden des Nachdenkens, dieſelbe tiefe aber unterdrückte Begeiſterung. Gerade das Leben in der Welt, das ihn gelehrt hatte dieſe Begeiſterung zu unter⸗ drücken, ſchien ſie nur mehr concentrirt und intenſiver ge⸗ macht zu haben. M Der Gang ſeiner Studien, die Gewöhnungen ſeines Geiſtes, ſeine Vorliebe für die Schule der Stoiker— ſollte man denken— hätte ihm die Geſellſchaft, worin er gewöhn⸗ lich lebte, eher entleiden und ihn mit Verachtung, wenn nicht mit Grauen, auf die Menſchen jenes verdorbenen Zeit⸗ alters blicken laſſen ſollen. Solches war jedoch nicht der Fall, denn er hatte weniger vom Cyniker an ſich als ſein Vuater— ja dieſer Zug war ihm völlig fremd. Er liebte ddie Menſchen auf ſeine eigene Weiſe; er war ein Philantrop boeſonderer Art und hätte bereitwillig einen beträchtlichen Theil ſeiner Mitmenſchen zum Tode verdammt, um den Reſt zu ſeinem eigenen Beſten zu erziehen und aufzurichten. Er war ein bemerkenswerther Charakter— nicht ganz tauglich für die Zeiten, in denen er lebte; ein Charak⸗ ter, der vermöge ſeiner wilden rauhen Kraft großen Reſpekt und Bewunderung einflößte. Alle Schwachen klammerten — 41 ſich an ihn wie der Epheu an eine Eiche oder ſtarke Mauer und ſeine Gewalt über ſie wurde noch geſteigert durch eine gewiſſe Zärtlichkeit— ein ſchützendes Mitleid— das ſich mit ſeinen härteren und rauheren Eigenſchaften merkwürdig miſchte. Er ſchien jede Schwäche zu bedauern und ſuchte Alles, was unter dem Fluche der Schwachheit lag, zu ſtützen und zu tröſten. Er war auch tiefer ſtarker Zuneigung fähig, wenn er ſie gleich nicht auf viele Gegenſtände auszudehnen vermochte. Alles, was mächtig und kräftig in ihm war, concentrirte ſich auf einzelne zerſtreute Punkte; gewöhnliche Dinge betrach⸗ tete er mit großer Gleichgültigkeit. Seht, wie er dort vor dem alten, ſchon beſchriebenen Hauſe auf und ab wandelt. Seine Geſtalt iſt hoch und kräftig geworden, und dennoch iſt ſein Gang etwas nachläſſig und ſchlampig, ſo feſt und ſicher er auch auftritt. Er iſt nicht viel über einunddreißig Jahre, ſieht aber wenigſtens aus wie vierzig, und ſein Haar iſt ſogar ſtark mit Grau geſprenkelt. Sein Antlitz iſt bleich, mit tiefmarkirten Zügen und Einſchnitten; aber im Ganzen iſt es hübſch, das leichte Stirnrunzeln, das mehr von Nach⸗ denken als von Strenge zeugt, verbunden mit dem maſſigen Kinn und dem leichten Herabziehen der Mundwinkel, verlieh ihm einen Ausdruck entſchloſſener Feſtigkeit, dem nur der häufige Wechſel des Blickes widerſprach, der bald voll tiefen Nachdenkens, bald von Zärtlichkeit erfüllt war, und bald von wildem, faſt übernatürlichem Feuer flammte. Eine Dame hängt an ſeinem Arme, der ihre ſchwachen Schritte unterſtützt. Sie ſcheint ſich eben erſt von einer 42 Krankheit zu erholen; die Roſen ihrer Wangen ſind noch ſchwach und zart, und ein Ausdruck von Mattigkeit iſt über ihr Geſicht wie über ihre Geſtalt ausgebreitet. Sie iſt übrigens ſehr ſchön und ſcheint volle zehn Jahre jünger als ihr Gatte, obwohl ſie in Wahrheit von gleichem Alter— vielleicht ſogar etwas älter— iſt. Es iſt Rachael Marſhall, jetzt zur Lady Haſtings ge⸗ worden. Ihre Verbindung war nicht ohne Widerſtand vor ſich ge⸗ gangen, denn alle Vorurtheile Sir John Haſtings gegen die Familie Marſhall belebten ſich von Neuem, ſobald ſeines Sohnes Vorliebe für die Tochter jenes Hauſes an den Tag kam. Gleich den meiſten Vätern erkannte er ſie zu ſpät und ſuchte dann einem Ereigniſſe vorzubeugen, das bereits unvermeidlich geworden war. Er ſandte ſeinen Sohn auf Reiſen in's Ausland, entwarf ſogar einen Plan zu ſeiner Verheirathung mit einer anderen, jüngeren und, wie er glaubte, ſchöneren Dame. Er wußte es ſo einzurichten, daß der junge Mann mit der Auserwählten zuſammentraf, und er glaubte, das würde vollkommen genügen, denn trotz ihrer Jugend bemerkte er in ihrem Charakter gewiſſe Züge, die, wie er glaubte, mit denen ſeines Sohnes weit mehr harmo⸗ nirten, als es bei der ſanfteren, zarteren und ſchwächeren Ra⸗ chael Marſhall der Fall war. Jene andere beſaß Thatkraft, Ausdauer, Entſchloſſenheit, ſcharfe und raſche Auffaſſungsgabe — ja faſt etwas zu viel Schärfe. Weiter mochte er nicht nachforſchen; aber wie dies in Herzensangelenheiten gewöhn⸗ lich geſchieht— Philipp Haſtings liebte am meiſten das — 43 Gegenſtück ſeines eigenen Charakters. Der Fortſchritt die⸗ ſer Intrigue wurde durch Sir John Haſtings Krankheit un⸗ terbrochen, welche ſeinen Sohn aus Rom zurückrief. Phi⸗ lipp kehrte heim, fand ſeinen Vater todt und heirathete Rachael Marſhall. Sie hatten mehrere Kinder gehabt; aber nur eines war ihnen geblieben— jenes heitere, frohe, flüchtige Mädchen, das wie ein Sonnenſtrahl durch windgeborene Wolken auf dem Pfade vor ihnen herſchießt. Sorgloſen Schrittes eilt ſie voran; aber hie und da bleibt ſie plötzlich ſtehen, ſchaut ernſthaft auf eine Blume, pflückt ſie, um mit ihren tiefen Augen bis in deren Herz einzudringen, und nachdem ſie eine Weile nachgeſonnen zu haben ſcheint, ſpringt ſie wieder ſo raſch wie der Blitz von dannen. Die Augen des Baters folgen ihr mit einem Blicke ern⸗ ſter, tiefer, nachdenklicher Zärtlichkeit. Der Mutter Augen blicken erſt auf ihn und dann auf das Kind, das jetzt zwiſchen neun und zehn Jahren alt iſt. Es war nicht ſehr ſchön, denn ſie ſtand nicht in dem Alter der Schönheit; aber Spu⸗ ren künftiger Reize,— ein prächtiges, ſtrahlendes Auge, reiche, wogende Seidenhaare, lange Augenlider, eine feine Geſichtsfarbe, eine leichte graziöſe Geſtalt— freilich ent⸗ ſtellt durch die ſteife Mode des Tages— waren jetzt ſchon zu erkennen. In ihrem Blick lag ein Leuchten— jener helle Erguß des Herzens, welcher einen der mächtigſten Reize der Jugend und Unſchuld bildet. Ach wie bald iſt er dahin! wie bald wird er von den tauſend Laſten niedergedrückt, welche dieſe 44 ſchwerarbeitende Welt auf den Jubel jugendlicher Geiſter wirft. Die erkältende Förmlichkeit— die Erkenntniß und die Furcht des Unrechts— der erſte Vorſchmack des Kum⸗ mers= die Beſorgniſſe, Aengſte, Befürchtungen, ja ſelbſt die Hoffnungen des reichen Lebens ſind lauter Gewichte, welche die Schwingen der jungen, lerchenhaften Freude her⸗ abziehen. Geſchieht es jemals, daß das Herz nach dem zwanzigſten Jahre von dem grünen Raſen des Lebens ſich aufſchwingt und heiter wie in der Kindheit vor des Himmels Pforten jubelt?— Nimmer— ach nimmer! der Staub der Erde liegt auf den Schwingen des Sängers und läßt ihn nie wieder zu ſeiner früheren Höhe emporſteigen. Dieſes Kind war eine merkwürdige Miſchung von Vater und Mutter. Es war beſtimmt, ihr einziges Kind zu ſeyn, und faſt ſchien es, als ob die Natur ein Vergnügen daran gefunden habe, die Charaktere von Beiden in einen einzigen zu gießen. Nicht daß ſie innig vermiſcht waren: ſie ſchienen nur wie die Zwillinge der Latona abwechslungsweiſe zu ſtei⸗ gen und zu ſinken. Auf ihrem Morgenſpaziergange, in ihren kindiſchen Spielſtunden, wo ſie keinen Gegenſtand tieferen Nachdenkens, nichts, was ihr Herz oder ihre Phantaſie berührte, vor ſich ſah, war ſie heiter und leichtſinnig wie ein Schmetterling: das Kind— das glückliche Kind— lag in jedem ihrer Blicke, ihrer Worte und Geberden. Aber rufe ſie eine Weile von dieſem heiteren Lande des Frohſinns ab, biete ihrem Geiſte oder ihrer Phantaſie einen Gegenſtand, der ihre Sympathie zu wecken oder ihre Gedanken anzuregen vermag— und ſie wird ernſt, fleißig, tief und nachdenklich, weit über ihre Jahre. Für ihren Vater war ſie ein Gegenſtand oftmaliger Be⸗ trachtung, häufiger Aengſtlichkeit, vieler Verwunderung. Ihre glänzende Auffaſſung, der Eifer ihrer Wißbegierde, ihre kräftige Entſchloſſenheit ſogar als Kind, wenn ſie von ihrem Rechte überzeugt war— zeigten ihm ſeinen eigenen Geiſt in dem ihrigen wiedergeſpiegelt. Sogar ihre Zärt⸗ lichkeit, ihre ſtarke Liebe konnte er begreifen, denn dieſelben Triebe lagen auch in ſeinem Herzen, und obwohl er ſie für Schwächen hielt, ſo konnte er ihr Vorhandenſeyn bei einem Kinde und Mädchen ſich wohl erklären. Was er aber nicht begriff und worüber er ſich wunderte, war ihre Leichtfertigkeit, ihr Frohſinn, ihre wilde Lebhaftig⸗ keit, faſt mochte ich ſagen— ihr unbedeutendes Weſen, wenn ſie nicht durch tiefe Gefühle angeregt oder durch Nach⸗ denken gefeſſelt war. Das ging über ſeinen Begriff, und doch waren es dieſelben Charakterzeichen, die ihn an ihrer Mutter nicht überraſchten oder chokirten— ihn niemals überraſcht oder chokirt hatten; ja er hatte ſie gerade um die⸗ ſer ihm ſelbſt ſo unähnlichen Eigenſchaften willen geliebt. Es mochte ihm vielleicht ſonderbar vorkommen, daß ſein Kind in irgend einer Eigenſchaft ihm ſelbſt ſo unähnlich ſeyn ſollte; oder war es vielleicht der Kontraſt zwiſchen den beiden Seiten eines und deſſelben Charakters, was ſeine Verwunderung er⸗ regte, wenn er ihn bei dem Kinde gewahrte? Vergaß er wohl, daß ſie ebenſo gut von ihrer Mutter, wie von ihm ſtammte, und daß ſie ein geiſtiger Erbe beider Eltern war? rung, der Spekulation und ängſtlichen Nachdenkens, 46 In ſetner gedankenvollen, überlegenden theoretiſchen Weiſe beſchloß er emſig ein Mittel zu ſuchen, um dieſen ſcheinbaren Mangel an ſeinem Kinde zu kuriren; mit all' dem Eifer und der Ausdauer väterlicher Liebe, unterſtützt von ſeiner eigenen Charakterſtärke, wollte er jene Eigen⸗ ſchaften ausbilden, welche ihm ſelbſt am ähnlichſten— das heißt am wenigſten weiblich waren. Aber die Natur wollte ſich nicht verſpotten laſſen: man mag ſie wohl bis zu einem gewiſſen Grade ablenken, aber ganz kann man ſie nie von ihrer Bahn ableiten. Er fand, daß er durch kein Mittel, das ſein Herz ihm anzuwenden erlaubte, die Frivolität des Kindes— wie er es nannte— zu überwinden vermochte. Frivolität! Der Himmel ſey mit uns! Es gab Zeiten, wo ſie keine Frivo⸗ lität, ſondern im Gegentheil eine Tiefe und Intenſttät— weit, weit über ihre Jahre— an den Tag legte. Der ge⸗ wöhnliche Verlauf ihres Ideenganges war ruhig und ge⸗ dankenvoll: nur wenn eine Briſe ihre Seele kräuſelte, fun⸗ kelte es auf die Oberfläche. Ihr Vater ſah, daß dem ſo war— daß die wilde Ausgelaſſenheit nur zu Zeiten durch⸗ brach; aber dennoch überraſchte und ſchmerzte ſie ihn viel⸗ leicht um ſo mehr, weil ſie nur zeitweiſe kam, denn ſo ſchien ſte ihm eine Anomalie in ihrem Weſen. Er hätte ſie gerne ganz ihm ähnlich gehabt; er konnte nicht begreifen, wie Je⸗ mand, der ſo viel von ſeinem eigenen Charakter beſaß, noch Raum zu andern Dingen in Herz und Gehirn haben konnte. Sie war für ihn ein Gegenſtand fortwährender Verwunde⸗ 47 Er fragte ſich oft, ob dieſes die einzige Anomalie an ſeinem Kinde ſey, ob nicht in ihrem Charakter überhaupt andere noch unentdeckte und ebenſo unharmoniſche Züge vor⸗ handen ſeyen, wie dieſe leichtfertige Flüchtigkeit, und dieſe Frage machte ihm gewaltig zu ſchaffen. Ihre Erziehung verfolgte er jedoch ganz nach ſeinen eigenen Principien, lehrte ſie manche Dinge, welche die da⸗ maligen Frauen nur ſelten lernten, nährte ihren Geiſt mit ſeinen eigenen Gedanken und Gefühlen, und wenn eine Pe⸗ riode beſonderer Ernſthaftigkeit über ſie kam, ſo bildete er ſich oft ein, er mache Fortſchritte und werde ihren Charakter noch ganz ſo geſtalten wie er ihn wünſche. Dieſer Eindruck dauerte jedoch nie lange, denn früher oder ſpäter fand der vogelähnliche Geiſt in ihr die„Gefängnißthüre offen und flatterte in frohem Ausfluge davon, ſo daß des Vaters Träume vereitelt und ſeine Wünſche immer wieder getäuſcht wurden. Nichtsdeſtoweniger umfaßte er ſie mit all' der tiefen Liebe, deren ſein Weſen fähig war, beharrte aber gleich wohl auf der Bahn, die er bei ihr für wohlthätig erachtete. Zu Zeiten machte er allerdings Verſuche, das Räthſel ihrer Doppelnatur zu löſen, nicht bemerkend, daß die einzige Ver⸗ anlaſſung des Räthſels nur in ihm ſelber lag, daß was an ſeiner Tochter auffallend erſchien, mehr auf ſeinem eigenen Unvermögen ihre eigene Mannigfaltigkeit zu begreifen als auf irgend etwas Außerordentlichem in ihr beruhte. Er verſuchte zuweilen, in ihre ſpielenden Launen einzugehen, ſeinen Geiſt neben dem ihrigen auf jenen luſtigen Wanderun⸗ 48 gen einhergehen zu laſſen, für dieſe Verirrungen einen ihm verſtändlichen Beweggrund zu finden— kurz ſie auf ein Sy⸗ ſtem zu reduciren und die Regel zu entdecken, durch welche das Problem ſich löſen ließe; allein ſeine Anſtrengung war vergeblich und ſeine vielfachen Muthmaßungen blieben fruchtlos. Lady Haſtings trat zuweilen ins Mittel, denn in allen wichtigen Dingen hatte ſie großen Einfluß auf ihren Gatten. Er ließ ſie überall gewähren, wo er es nicht der Mühe werth hielt, ihr zu opponiren, und das geſchah ſehr häufig. Sie begriff vollkommen jene Seite in ihrer Tochter Charakter, welche dem Vater völlig verſchloſſen war, und merkwürdiger Weiſe konnte ſie auch die andere mit größerem Scharfblick als er ſelbſt durchſchauen. Sie erkannte in ihrem Kinde gar leicht die Züge, die ſie an ihrem Manne kannte und bewunderte, hätte ſte aber bei ihrer Tochter von Herzen weggewünſcht, da ihr ſolche Geiſtesſtärke auch bei aller Grazie und Sanft⸗ muth etwas unweiblich vorkam. Obwohl ſie voll von Vorurtheilen und, wo ihre raſche Auffaſſung ſie verließ, durch Vernunft gänzlich unbelehrbar ſchien, war ſie doch von Natur viel zu gut und tugendhaft, um des Vaters Anſtrengungen bei der Erziehung ſeines Kindes irgend hemmen zu wollen. Ich ſagte oben, ſie ſey zuweilen ins Mittel getreten; doch geſchah dieß nur, um ge⸗ gen allzu anhaltendes Studium zu⸗ remonſtriren, ihrer Geſundheit häͤufige Erleichterungen zu verſchaffen und alle jene weiblichen Vollkommenheiten beizufügen, auf welche ſie großen Werth legte. Hierin ſtieß ſie auf keinen Wider⸗ 49 ſtand: Singen und Inſtrumentalmuſik(unter der Anleitung eines Italieners) Tanzen und die Kenntniß moderner Spra⸗ chen kamen zu den übrigen Zweigen der Erziehung, und Lady Haſtings war ſo weit befriedigt. Fünftes Kapitel. Der italieniſche Singlehrer war ein eigenthümlicher Mann, wohl werth, daß wir ihn mit wenigen Worten ſchil⸗ dern. Er war groß und mager, aber wohlgebaut; ſein Geſicht war früher vermuthlich recht hübſch geweſen, in jenem italieniſchen Style geſchnitten, der durch die Ueber⸗ treibung des Alters ſo bald in Häßlichkeit umſchlägt. Die Naſe war groß und vorragend, die Augen glänzend ſchwarz und funkelnd; der Mund wohlgeformt, aber mit einem gie⸗ rigen Ausdrucke, und das Ohr ſehr umfangreich. Er war etwas über fünfzig Jahre alt und ſein Haar ſchon grau ge⸗ ſprenkelt; aber ſein Alter zeigte ſich nicht in Runzeln oder Furchen, und ſein Gang war noch feſt und aufrecht. Anfänglich konnte Sir Philipp Haſtings ihn gar nicht leiden, und es war ihm ſogar unlieb und gänzlich zuwider, daß er ihn in ſein Haus aufgenommen hatte. Er that es, theils weil er es für Recht hielt, den Wünſchen ſeiner Frau in gewiſſem Grade nachzugeben, theils weil er den Gebräu⸗ chen der Geſellſchaft, obwohl widerwillig, folgte. Allein der Signor war ein abgeſchlagener Weltmann, wohlgewöhnt ſolche Vorurtheile zu überwinden und ſich auch James. Rache. 4 50 durch Hinderniſſe ſeinen Weg zu bahnen, ſo daß er ſich bald in der guten Meinung von Vater und Mutter feſtſetzte. Dieß geſchah durch ein eigenthümliches Verfahren, das der Erwägung aller Derer würdig iſt, welche les moyens de parvenir ſuchen. In ſeinem gewöhnlichen Verkehre mit ſeinen Neben⸗ menſchen folgte er einem glücklichen Mittelwege und zeigte eine ernſte verſchwiegene Miene, welche ihn nie und nirgends bloßſtellte. Ein verſchmitztes Lächeln ohne ein Wort der Erklärung diente dazu, ihn mit den Luſtigen und Lebhaften in Einklang zu bringen; eine ernſte Ruhe ohne alle öffent⸗ lichen Betheurungen war hinreichend, um von den Nüchter⸗ nen und Anſtandsvollen unter ihres Gleichen rangirt zu werden, wie denn dieſe Menſchenklaſſe— mag ſie nun im Herzen rein ſeyn oder nicht— auf den äußern Anſtand von jeher übertriebenes Gewicht gelegt hat. Dieß Alles war nur ſein öffentliches Auftreten: im Pri⸗ vatverkehr— bei einem téte-A-téte war Signor Guardini ein ganz anderer Mann. Ja noch mehr: bei jedem einzel⸗ nen téte-à-téte erſchien er wieder ganz anders als man ihn bei den früheren geſehen hatte. Aber mit wunderbarer Kunſtfertigkeit wußte er beide Seiten dieſes anſcheinenden Charakters mit ſeinem öffentlichen freimüthigen Auftreten in Harmonie zu bringen; ich ſollte vielleicht lieber ſagen, ſein öffentliches Auftreten ſey eine Art mittlerer Färbung geweſen, welche die entgegengeſetzten Extreme des Kolorits in ſeinem Charakter in Einklang zu bringen diente. Es gab hiefür kein deutlicheres Beiſpiel als eben der 54 verſchiedene Eindruck, den er auf Sir Philipp und Lady Haſtings machte. Die Lady war bald für ihn gewonnen; ſie war ſchon zum Voraus zu ſeinen Gunſten eingenommen, und einige muntere Witze, ein wortreiches Geplauder über das faſhionable Londoner Leben und ein heiterer ſcherzender Ton der Perſiflage hatten ſie vollkommen entzückt. Sir Philipp war ſchwerer zu gewinnen; aber auch bei ihm ge⸗ lang es mit wenigen kurzen Phraſen— kaum länger als Sterne's Bettler ſie den vorübergehenden Damen ins Ohr flüſterte— gar manche ſeiner Vorurtheile zu entwaffnen. Bei Sir Philipp war er nämlich ein Stoiker; er beſaß trotz ſeines Berufes als Sänger einen gewiſſen Hieb von der Literatur und hatte die Geſchichte ſeines eigenen Landes ge⸗ nugſam inne, um all die vorragenden Punkte ſeiner glorrei⸗ chen Vergangenheit aufzufaſſen. Vielleicht mochte er ſogar eine gewiſſe Theilnahme für die edlen Antecedentien ſeines herabgekommenen Landes empfinden, nicht um ſein Beneh⸗ men dadurch zu beſtimmen oder Ehrgeiz zu pflanzen ode. reine hochſinnige Hoffnungen für ſeine Wiederherſtellung zu nähren, ſondern um eine Art glimmender Begeiſterung zu wecken, welche hell aufflammte, ſobald ſie durch die ſtärkere Geiſteskraft Anderer angefacht wurde. Aber noch ehe Sir Philipp Zeit gehabt hatte, ihm einen Funken von ſeiner eigenen Gluth mitzutheilen, hatte er, wie geſagt, große Fortſchritte in deſſen Achtung gemacht. Ein Geſpräch von fünf Minuten hatte hingereicht, um ſich als einen höhern und edlern Charakter hinzuſtellen, deſſen Loos in ſchlimme Tage gefallen war. 52 „Zu andern Zeiten,“ dachte der engliſche Edelmann, „hätte dieſer Menſch ein großer Mann— der to desmuthige Vertheidiger der Rechte ſeines Vaterlands— der Anwalt alles Deſſen, was hoch veredelnd und großartig iſt— wer⸗ den können.“ Worin beſtand nun das Geheimniß dieſer Kunſt? Einfach darin, daß er, ein Mann faſt ohne Charakter, einen beinahe ahnungsvollen Scharfblick für fremde Charaktere beſaß, und daß ſeine biegſame Natur, ſeine leichten Grundſätze ſich ohne Mühe zu Allem bequemen konnten. Er machte große Fortſchritte in Sir Philipp's Achtung, obgleich ihr Geſpräch ſelten länger als fünf Minuten dauerte. Noch größere Fortſchritte machte er bei der Mutter; bei der Tochter aber machte er mehr— ſchlimmer als mehr. Was war die Urſache? wird man fragen. Was that oder ſagte er? Wie benahm er ſich, um in ihrem Herzen ein Gefühl unüberwindlichen Widerwillens und Abſcheu's zu erwecken? 1 Ich weiß es nicht zu ſagen. Er war ein Mann ohne Grundſätze und von ſtarken Leidenſchaften; ſein ſpäteres— vielleicht auch ſein früheres— Leben bewies ſolches. Es wohnt in dem Herzen jedes unſchuldigen, hochſinnigen Wei⸗ bes ein Prüfſtein für ächtes Gold, der alle geringeren Me⸗ talle entdeckt: ſie ſind im Augenblicke durchſchaut und kön⸗ nen die Probe nicht beſtehen. Sey es nun, daß ſeine herzfreſſende Verdorbenheit, ſein Mangel an Treue, Ehrlichkeit und Wahrheit ſich fühlbar machten und auch ohne offenbare Handlung von jenem fei⸗ 53 nen Barometer angezeigt wurden, oder daß er wirkliche Ur⸗ ſache der Beleidigung gab— ich weiß es nicht und Nie⸗ mand hat es je erfahren. Plötzlich gewann jedoch das heitere, anſcheinend etwas widerwillige Mädchen, das jetzt zwiſchen fünfzehn und ſechs⸗ zehn ſtand, in den Augen von Vater und Mutter einen neuen Charakter. Mit ſonderbarer barſcher Offenheit erklärte ſie ihnen, ſie wolle keinen weiteren Singunterricht bei dem Italiener nehmen, ohne ſich auf weitere Erklärungen ein⸗ zulaſſen. Lady Haſtings war heftig und machte hitzige Gegenvor⸗ ſtellungen; allein das Mädchen war feſt und entſchloſſen. Sie hörte die Gründe ihrer Mutter und antwortete ſanft und unterwürfig, ſie könne und wolle nicht länger ſingen ler⸗ nen; es thue ihr leid, ihre Mutter zu betrüben oder zu be⸗ leidigen; aber ſie habe lanae genug gelernt und wolle nicht weiter lernen. Mit jener Miene ſtolzer Entrüſtung, wozu die Schwäche ſo oft ihre Zuflucht nimmt, verließ die Mutter das Zimmer, und der Vater erkundigte ſich ſofort in ruhigerem Tone nach der Urſache ihres Entſchluſſes. Sie erröthete wie der frühe Morgenhimmelv; aber ein gewiſſer verwirrter Ausdruck lag auf ihrem Geſichte, als ſie erwiederte: „Ich weiß keine Urſache, kann keinen Grund angeben, mein theurer Vater; aber der Mann iſt mir verhaßt— ich will ihn nie wieder ſehen.“ Ihr Vater forſchte nach weiteren Erklärungen, ohne aber 54 welche zu erlangen. Sie gab zu, daß Guardini nichts ge⸗ ſagt oder gethan habe, was ſie beleidigen konnte, und den⸗ noch weigerte ſie ſich mit aller Feſtigkeit, noch ferner ſeine Schülerin zu ſeyn. In edlen, zarten Gemüthern liegen Inſtinkte, welche an gewiſſen, für gröbere Naturen unzugänglichen Zeichen und Andeutungen— Gedanken und Gefühle, Wünſche und An⸗ ſichten an Anderen entdecken, welche für ſie ſelbſt unharmo⸗ niſch und abſtoßend ſind. Es ſind wie geſagt Inſtinkte, nicht auf Vernunft zurückzuführen, jeder Analyſe auswei⸗ chend, und jeder deutlichen Erklärung unfähig— die War⸗ nungsſtimme Gottes in unſerem Herzen, welche da ſagt: Be⸗ wahre Dich vor Laſter.“ Sir Philipp Haſtings war nicht der Mann, der ſolche Impulſe zugab oder ſte im Geringſten begriff oder verſtand. Er hatte ſich gewöhnt, ſich ſelbſt mit Gründen— theils richtigen, theils aber auch ganz verkehrten— zu täuſchen; abed er hatte nie etwas gethan oder gedacht, wovon er ſich nicht einen Grund von überzeugender Kraft anzugeben ver⸗ mochte. 3 Erebegriff ſeiner Tochter Benehmen nicht im Geringſten; aber er unterließ es weiter in ſie zu dringen. Sie war ihm in gewiſſem Grade ein räthſelhaftes Weſen— war ihm, wie ich gezeigt habe, von jeher ein Räthſel geweſen, und er be⸗ ſaß in ſeinem eigenen Charakter feinen Schlüſſel zu dem ihrigen— er war für ihn in unbekannter Sprache ge⸗ ſchrieben. Aber liebte er ſte darum weniger? O nein! vielleicht 8 55 ſammelte ſich in ſeinem Herzen gerade eine tiefere Theil⸗ nahme für ſie, den Hauptgegenſtand aller ſeiner Neigungen. Feſter als je beſchloß er, ihren Geiſt nach ſeinem eigenen Muſter zu formen und zu bilden; ihre jetzige Weigerung nannte er eine ſonderbare Laune, obwohl er zuweilen die Hoffnung nicht unterdrücken konnte, daß ihr entſchloſſener Widerwille gegen alle ferneren Lektionen bei Signor Guar⸗ dini aus einem Mißfallen an Dingen entſpringen möge, die er ſelbſt nur als einen frivolen Zeitvertreib der Mode anſah. Sie zeigte jedoch keinen Widerwillen gegen das Singen. Stundenlang konnte ſie ſich jeden Tag voll Eifer üben, bis ihre ſüße Stimme eine Kraft und Biegſamkeit erlangte, die ihren Vater trotz ſeines vermeintlichen Cynismus feſſelte und entzückte. Er war von Natur ein Liebhaber von Muſik; ſein Weſen war ein leidenſchaftliches, obwohl durch ſtarken Zwang niedergehalten, und alle leidenſchaftlichen Naturen ſind leicht durch Muſik zu rühren. Oft ſaß er da, die Au⸗ gen ruhig auf ein Buch geheftet und ſchien zu leſen, wäh⸗ rend er mit tiefangeregten Gefühlen, mit zitternden, mächtig eindringenden Regungen, die er ſich geſchämt hätte, vor einem menſchlichen Auge ſehen zu laſſen— jener ſüßen Stimme zuhorchte. Dieß Alles machte jedoch ihr Benehmen gegen Guardini nur um ſo räthſelhafter, und ihr Vater betrachtete oft ihr ſchoͤnes Antlitz mit einem Blicke zweifelnder Forſchung, wie wir die glänzende Oberfläche eines tiefen See's betrachten und fragen:„was mag wohl da drunten liegen?“ Dieſes Antlitz wurde jetzt in der That ſehr ſchön. Jeder 56 Zug war mit der Zeit feiner und weicher geworden; es war Seele in den Augen, ein Strahl des Himmels in ihrem Lä⸗ cheln neben den ſonſtigen Schönheiten des Kolorits und Um⸗ riſſes. Auch die Geſtalt war faſt zur Vollendung gediehen, voll Ebenmaß, Anmuth und knoſpender Reize, und während die Mutter all' dieſe Vorzüge bemerkte und ſich dachte, wel⸗ chen Effekt ſie in der Welt machen würden, empfand der Vater dieſen Einfluß in anderer Weiſe, mit einer Art ab⸗ ſtrakter Bewunderung ihrer Lieblichkeit, welche nicht weiter ging als zu dem ſtolzen Anerkenntniſſe ſeines eigenen Her⸗ zens, daß ſie in der That ſchön ſey. Für ihn war ihre Schönheit ein Edelſtein, ein Gemälde, ein koſtbarer Beſitz, von dem er ſich nie zu trennen dachte, ein Bild, auf dem ſeine Augen wohlzufrieden ruhen mochten, bis ſie ſich für immer ſchließen würden. Wie glücklich hätte er ſeyn konnen, in dem Beſitz eines ſolchen Glückes, wenn er ſie hätte begrei⸗ fen— wenn er des Gedankens ſich hätte entſchlagen können, daß etwas Auffallendes und Unharmoniſches in ihrem Charak⸗ ter liege. Hätte er ſein Herz auch nur für eine Stunde zu einem Weiberherzen machen koͤnnen, ſo hätte ſich jedes Räthſel alsbald gelöst; aber das war unmoͤglich und der Zweifel blieb. Er hatte damals noch keine greifbare Wirkung; allein ſolche vorgefaßte Meinungen über fremde Charaktere ſind ſehr gefährliche Dinge: man ſieht Alles durch ihr Medium gefärbt und oft verzerrt, und was keine frühzeitige Frucht trug, hatte wichtige Reſultate in einer ſpätern Periode. Ich muß mich jetzt übrigens zu andern Schauplätzen, zu ergreifenderen Ereigniſſen wenden, nachdem ich den Leſer 57 hoffentlich mit Vater, Mutter und Tochter hinlänglich bekannt gemacht habe, ſo weit es nämlich die Zwecke dieſer Erzählung forderten. Zwei derſelben ſind es, auf denen das ganze Intereſſe— wenn überhaupt eines vorhanden iſt — beruht. Sie muß der Leſer ſich merken, und wohl im Gedächtniſſe behalten, wenn er aus den folgeuden Blättern Unterhaltung ſchöpfen will. Sechstes Kapitel. Kannſt Du um zwanzig Jahre zurückgehen, Leſer? Du thuſt es jeden Tag, wenn Du ſagſt:„vor zwanzig Jahren war ich ein Knabe— vor zwanzig Jahren ſpielte ich mit Kreiſel und Marbeln— vor zwanzig Jahren war ich ein Freier— war geliebt— war Sünder— war Dulder!“ Was ſollte an ſolchen zwanzig Jahren liegen, das uns ver⸗ hinderte, ſie noch einmal zurückzumeſſen? Du gehſt raſch, leicht und eben auf der Bahn vorwärts— warum nicht auch im Rückſchritte? Aber laß Dir ſagen: es macht einen ſehr großen Unterſchied, ob Hoffnung oder Erinnerung die Kutſche treiben. Laß ſehen, was wir thun können. Zwanzig Jahre vor der Zeit, mit welcher das letzte Kapitel abgebrochen, war Philipp Haſtings— nunmehr der Vater eines ſechszehn⸗ jährigen Mädchens— als emſig ſtudirender Jüngling neben ſeines Bruders Grabe geſtanden. Vor zwanzig Jahren war Sir John Haſtings als Gebieter dieſer ſchönen Lände⸗ reien und ausgedehnten Güter noch am Leben geweſen. Vor zwanzig Jahren war er von der Mündung des Grabes, worein er den Staub des Erſtgebornen gelegt, in den offenen Glanz des Tages hinausgewandelt und hatte troſtloſen Kummer aus dem Sonnenſcheine geſogen. Vor zwanzig Jahren war ihm jenes hohe alte Weib auf dem Kirchhof⸗ pfade entgegengetreten und hatte ihn mit ſtolzen herben Worten aufgefordert, ihr mit ein paar elenden Ruthen Lan⸗ des Gerechtigkeit zu erweiſen. Vor zwanzig Jahren hatte er ihr eine kalte barſche Antwort gegeben, hatte ihre Dro⸗ hungen mit ungeduldiger Verachtung behandelt. Erinnerſt Du Dich ihrer, Leſer? Wohlan, das führt uns zu dem Punkte, den ich in dem flachen, langweiligen Raume der fernen Vergangenheit zu erreichen ſuchte; hier köͤnnen wir Halt machen und uns eine Weile umſchauen. Jene alte Frau gehörte nicht zu Denen, die ihren Groll ſo leicht vergeſſen oder aufgeben. Er war faſt ſo ausdauernd wie ihre hagere ſehnige Geſtalt. Wie ſie ſo drohend vor ihm ſtand, fehlten ihr nur noch drei Jahre zu den Siebzigen. Sie hatte mit manchem Sturme gekämpft; Wind und Wetter, Leiden und Verfolgung, Kummer und Entbehrung hatten ſie ſchwer— ſehr ſchwer betroffen, hatten aber blos dazu gedient, ſie ſteifer, härter und verbitterter zu machen. Ihre erſchütterte Geſtalt war beſtimmt, gar manche der jungen und ſchönen Tabernakel des Geiſtes um ſie her zu überleben, und den ſonſt zugemeſſenen Zeitraum menſch⸗ lichen Lebens um lange Jahre zu überſchreiten; es ſchien, als ob das Unglück eine erhaltende Macht bei ihr übte; ³ 59 man darf ſich daher nicht wundern, daß es ihr Herz ebenſo ſteif, ebenſo hart und verbittert machte, wie es auf ihren Körper eingewirkt hatte. Ich bin nicht ſicher, ob das Gewiſſen bei dieſem verſen⸗ genden Proceſſe unberührt durchkam. Es iſt nicht einmal klar, ob ihr Anſpruch an Sir John Haſtings nicht ein ungerechter war; aber recht oder unrecht— ſein Zurückweiſen war ihr tief und eidernd in's Herz gedrungen. Wir wollen ſie vom Kirchhofe weg begleiten, nachdem ſie den Baronet getroffen hatte. Sie nahm ihren Weg ab⸗ ſeits von dem Parke und dem Weiler zwiſchen zwei Hütten, wo die zerlumpten Knaben vor der Thüre ſie'alte Hexe⸗ ſchimpften, und vom Beſenſtiele ſprachen. Sie achtete ihrer wenig, denn tiefere Kränkung fraß an ihrem Herzen. Sie wanderte weiter über ein Kornfeld und eine Wieſe, erreichte dann einen Wald, durch den ein kleiner ſandiger Pfad zwiſchen alten längſt gefällten Baumſtumpen, jungen Büſchen und eben aufſchießenden Schößlingen ſich hinſchlang, welche hier und dort der Sonne den Zutritt durch das hell⸗ farbige Blätterwerk geſtatteten. Er wand ſich den Hügel hinauf über den Abhang, auf welchem das Gehölz zerſtreut lag, und kam dann wieder auf der andern Seite der waldi⸗ gen Höhe zum Vorſchein, wo der Boden ſich ſanft hinab⸗ ſenkte, und die reich bebauten Ländereien des Oberſten Marſhall auf die Entfernung von etlichen drei Meilen über⸗ ſchaute. Kaum hundert Schritte weiter ſtand eines armen Man⸗ 60 nes Hütte mit altersgrauem Strohdache, das hie und da der Ausbeſſerung bedurfte und reichlich mit Kräutern bedeckt war, die ihre Wurzelfaſern in das Stroh hineintrieben. Ein kleiner ſchlecht gepflegter Garten, durch eine loſe Steinmauer von der Hügelſeite abgegränzt, umgab das Haus, und ein Thor ohne Angeln führte in dieſen eingeſchloſſenen Raum. Das alte Weib trat ein, und näherte ſich der Hütten⸗ thüre. Dort hielt ſie an und lauſchte, indem ſie eines der hängenden Ohren ihrer baumwollenen Haube in die Höhe hob, um ihrer Schwerhörigkeit zu Hilfe zu kommen. Keine Stimmen waren innerhalb zu vernehmen; nur ein leiſes Schluchzen drang durch die Thüre, wie wenn Jemand in bitterm Kummer weinte. „Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn ſie allein wäre,“ ſagte die alte Frau;„der Schuft von Vater iſt immer auswärts, und die geplagte Mutter geht um dieſe Zeit in die Stadt. Sie werden gewiß nicht zu Haus blei⸗ ben, um ſich um den zu grämen, den ſie zu oft in dieſe Thüre einließen, noch ſie zu tröſten, die er ſo einſam zurückließ. Doch liegt nicht viel daran, ob ſte zu Hauſe ſind oder nicht. Es wäre beſſer, zuerſt mit ihr zu reden. Ich will ihr was Höheres als Troſt— ich will ihr Rache bieten, wenn ich ſte richtig beurtheile. Sie müſſen dann ſpäter ihre Rolle ſpielen.“ Unter ſolchem Selbſtgeſpräche legte ſie ihre Hand auf die Schnalle und öffnete die Thüre. Unmittelbar vor ihr, in der Stellung unausſprechlichen Kummers„ſaß ein jun⸗ ges, ausnehmend ſchönes Mädchen von kaum ſiebenzehn 61 Jahren. Das Spinnrad ſtand unberührt neben ihr; die Spindel war ihrer Hand entfallen; ihr Haupt war wie von unwiderſtehlichem Grame niedergebeugt, und ihre Augen überfloſſen von einem Strome von Thränen. Sobald ſie die Thüre aufgehen hörte, fuhr ſie empor und ſchaute voller Furcht um ſich, indem ſie die Thränen aus ihren Augen zu wiſchen ſuchte; aber die alte Frau redete ſie freundlich an und ſagte: „Guten Abend, Du Gute! Iſt Deine Mutter zu Hauſe?“ „Nein,“ erwiederte das Mädchen;„ſie iſt ausgegangen, um das Garn zu verkaufen, und auch der Vater iſt fort. Es i*ſt hier ſehr einſam, und das macht mich traurig.“ „Ich wundere mich nicht darüber, armes Kind,“ meinte die alte Frau.„Du haſt einen ſchweren Verluſt erlitten, Liebe, und darfſt wohl darum weinen. Du weißt, Ver⸗ gangenes iſt nicht zu ändern; aber wir können gar Manches thun, um für die Zukunft zu ſorgen, wenn wir achtſam ſind, und uns zeitig dazu entſchließen.“ Auffallend und mannigfaltig war der Wechſel des Aus⸗ drucks auf dem Geſichte des armen Mädchens, als ſie dieſe wenigen einfachen Worte hörte. Anfänglich wurde ihre Wange hochroth, wie von der brennenden Farbe der Scham; dann wurde ſie bleich— ſie zitterte und ſchaute ihrem Be⸗ ſuche forſchend in's Geſicht, wie wenn ſie fragen wollte: „Bin ich entdeckt?“ Dann ſchlug ſie ihre Augen abermals nieder, und die 62 Thränen rollten von Neuem über ihre aſchfarbene Wange und fielen ihr in den Schooß. Die alte Frau ſetzte ſich neben ſie, und ſprach zärtlich aber leider auch höchſt argliſtig mit ihr. Sie ſtellte ſich weit wiſſender als ſie wirklich war, überredete das arme Mädchen, daß vor ihr Nichts zu verbergen ſey, und was weder Vater noch Mutter wußten, wurde heute einer faſt fremden Perſon anvertraut. Die alte Frau ſprach immer noch zärtlich— ſehr zärtlich mit ihr, entſchuldigte ihren Fehler, beſchwichtigte ihre Beſorgniſſe, gab ihr Hoffnung und neue Stärke. Dabei verhehlte ſie aber immer noch ihre eigentliche Abſicht: die ſollte erſt allmälig enthüllt werden. Was auch immer die Irrthümer des Mädchens geweſen ſeyn mochten— ſie war zu unſchuldig, um ſich ſobald an einem Plane des Betrugs, des Unrechts und der Rache zu bethei⸗ ligen. Alles was das Weib ihr ſagte, war lauterer Troſt für ein geknicktes blutendes Herz, und das arme Mädchen lehnte ihr Haupt auf die Schulter ihrer alten Freundin, und unter bitteren Thränen, unter Schluchzen und Seufzen enthüllte ſie ihr jedes Geheimniß ihrer Seele. Doch was ſpricht ſie da, was die alte Frau mit einem Blicke des Triumphes aufſchauen läßt? „Briefe!“ rief ſie,„zwei Briefe! Laß ſie ſehen, Kind— laß ſie ſehen! Vielleicht ſind ſie werthvoller als Du glaubſt.“ Das Maͤdchen nahm ſie aus ihrem Buſen, wo ſie die⸗ ſelben als einzige Verlaſſenſchaft deſſen verwahrte, der heute in das Grab geſunken war. 63 Die alte Frau las ſie langſam, aber mit geſpannter Aufmerkſamkeit, worauf ſie ſie mit den Worten zurückgab: „Dieſen einen zerſtöre lieber ſo bald wie möglich, denn er erzählt zu viel. Den erſten mußt Du aber behalten, ſo lieb Dir Dein eigenes Wohl iſt und ſo wahr Du Deines Kindes Glück, Stellung und Vermögen ſchätzeſt. Du kannſt viel mit dieſem ausrichten, denn hier ſtehen Worte, welche Deinen Vater zu einem ſtolzen Manne machen können. Horch! Ich höre Schritte nahen. Verſtecke die Briefe! Wir müſſen vorſichtig zu Werke gehen, und Deinen Eltern die Sache nur allmälig beibringen.“ Es war die Mutter des Mädchens, welche eintrat, und ſie ſchien ermüdet und abgehetzt. Wohl hatte die alte Frau ſie ein geplagtes Weib genannt, denn das war ſie in der That— ein armer, geduldiger Hauspudel, der ſich für einen harten, herzloſen, trägen und argliſtigen Mann abplagte und nur allzu zärtlich das arme Mädchen liebte, dem ſeine Schöͤnheit zur Schlinge gedient hatte. Sie ſchien etwas überraſcht, die alte Frau hier zu ſehen, denn ſie gehörten Beide einem verſchiedenen Glauben an, und dieſer Glaube machte eine weite Kluft in den damaligen Zeiten. Vielleicht war ſie überraſcht und betrübt, als ſie die Thränenſpuren auf dem bewegten Geſichte ihrer Tochter gewahrte; aber davon nahm ſie keine Notiz, denn Zweifel und Beſorgniſſe wohnten in ihrem Herzen, die ſie zu be⸗ ſtätigen ſich ſcheute. Das Mädchen war jedoch heiterer, als ſie die ganze letzte Woche geweſen— nicht luſtig, nicht einmal ruhig; aber gleich⸗ 64 wohl ſchien ſie weit getröſteter. Wohl ſchoßen ihr noch oft auch nach dem Eintritte ihrer Mutter die Thränen in die Augen, wenn ſie des Todten gedachte; aber es war offenbar, daß Hoffnung in ihr aufgekeimt war, daß die Zukunft nicht wie lauter Schrecken und Finſterniß vor ihr lag. Das war ein Troſt für ihre Mutter, die ſich mit froher Miene in das Ge⸗ ſpräch miſchte. Sie hatte ſämmtliches Garn von ihrer und ihrer Tochter Handarbeit verkauft und gut verkauft. Einen Theil davon ſteckte ſie in einen Winkel, um den nöthigen Bedarf für Brod vor den Augen ihres Mannes zu verbergen; den andern Theil legte ſie für ihn bei Seite, damit er ihn vertrinke. Während ſie aber all dieſe kleinen Vorkehrungen traf, warf ſie fortwährend ſchüchterne Seitenblicke nach der alten Frau, wie wenn ſie gerne gefragt hätte: „Was brachte Euch hieher?“ Die Alte war jedoch vorſichtig, und wußte wohl, mit wem ſie es zu thun hatte. Sie ſprach in feierlichem Orakel⸗ tone, wie wenn ſie alle Geheimniſſe des Schickſals wüßte, erzählte aber Nichts, und als ſie fortging, ſagte ſie mit lei⸗ ſer aber gebietender Stimme: „Seyd freundlich gegen Eure Tochter— ſehr freund⸗ lich; denn ſte wird Glück und Wohlſtand über Guch? Alle bringen.“ Am nächſten Tage lauerte ſie auf den Vater, und zwang ihn, ſtill zu ſtehen und ſie anzuhören. Anfänglich war er ungeduldig, roh und brutal, ſchwor und fluchte, und gab ihr alle ſchlimmen Namen. Bald aber horchte er ernſthaft auf: 65 ein Blick des Einverſtändniſſes und böſer Argliſt wurde zwi⸗ ſchen Beiden gewechſelt, und ehe ſie ſchieden, befanden ſie ſich im beſten Einvernehmen. Man ſah den Mann ſpäter mehr als einmal nach der Halle hinabwandern. Bei ſeinem erſten Beſuche weigerte man ihm den Zutritt bei Sir John Haſtings, denn ſein Charakter war wohl bekannt. Am nächſten Tage brachte er jedoch einen Brief, den er ſeiner Tochter, die in einer be⸗ nachbarten Armenſchule ſchreiben gelernt— diktirt hatte, und diesmal wurde er vorgelaſſen. Seine Unterredung mit dem Baronet dauerte lange; aber Niemand erfuhr deren Inhalt. Er kam wieder und immer wieder, und wurde jedesmal vorgelaſſen. Ueber die Hütte und deren Bewohner kam eine weſent⸗ liche Veränderung. Die Hecken wurden in Ordnung ge⸗ bracht, die Wände reparirt, das Dach erneuert und ein paar Zimmer angefügt; Ueberfluß herrſchte im Innern; Mutter und Tochter erſchienen in etwas feineren Kleidern, und an Geld gebrach esrnicht. Nach Verfluß von einigen Monaten ließ ſich das Schreien eines Kindleins in dem Hauſe vernehmen. Die Nachbarn läſterten, und tadelnde Klatſchreden tönten dem Vater in die Ohren; aber mit hochmüthigen, geheimnißvollen Worten machte er trotzig der Sache ein Ende, rühmte ſich laut der Schande ſeiner Tochter— wie ſie es anſahen— und be⸗ anſpruchte für ſie einen höheren Nang, als ihn ihre Freun⸗ dinnen ihr einräumen mochten. Sonderbare Gerüchte kamen in Umlauf; aber noch ehe ein Jahr verging, hatte ſich der James. Rache. 5 66 Vater den Tod angetrunken. Seine Wittwe nebſt deren Tochter und Enkel zogen in ein beſſeres Haus, und lebten behaglich von dem Gelde, deſſen Quelle Niemand kannte, während die jetzt niedliche und wohl reparirte Hütte die Wohnung jenes alten Weibes wurde, welche Sir John mit Verachtung von ſich geſtoßen hatte. War ſie zufrieden— hatte ſich ihre Rache dadurch ge⸗ ſättigt? Noch nicht. Siebentes Kapitel. Faſt drei Jahre nach Sir John Haſtings' Tode treffen wir eine ſehr ſchöne Dame vor einem einſamen Hauſe, das lange Zeit nur von Dienern bewohnt geweſen zu ſeyn ſchien. Das Haus lag etliche zwölf Meilen nördlich von Sir John’'s Wohnſitze, der nunmehr auf ſeinen Sohn übergegangen; es war ein hübſch ausſehendes Gebäude mit einem maſſiven feierlichen Anſtriche backſteinerner Großartigkeit, der Einem alsbald einen Begriff von dem Wohlſtande und dem langen Beſittze ſeiner Eigenthümer beibrachte. Der Plural iſt mir hier aus der Feder entwiſcht, und vielleicht nicht mit Unrecht, denn das Gebäude ſah aus, wie wenn es viele und lauter reiche Eigenthümer gehabt hätte. Jetzt war nur ein einziger vorhanden— jene Dame, welche aus dem plumpen, ſchwerfälligen Wagen mit den zwei großen ledernen Vorhängen auf jeder Seite der Thüre 67 ſtieg. Sie trug Wittwengewänder, und hatte alles Recht ſte zu tragen, denn obwohl erſt zweiundzwanzig, war ſie gleichwohl ſchon Waiſe, Erbin und Wittwe. Sie hatte viele Wechſel der Stellung, wenn auch nicht des Schickſals erfahren, und es ſchien nicht, als ob dieſe ſie ſonderlich afficirt hätten. Von ſtolzem, vornehmem Hauſe abſtammend, war ſie viele Jahre vor ihrer Eltern Tode deren einziges Kind geweſen. Sie war verzogen worden— um uns einer all⸗ täglichen, aber nicht immer richtigen Phraſe zu bedienen— denn manche Leute können gar nicht verzogen werden, ent⸗ weder weil der ätheriſche Stoff in ihnen unverderblich iſt, oder weil gar kein ätheriſcher Stoff zum Verderben vorhan⸗ den iſt. Sie war jedoch durch Schickſal, Reichthum und gütige Freunde ſehr erfolgreich verzogen worden. Noch nie in ihrem Leben hatte ſie einen Widerſpruch erfahren und war bis auf ein einziges Mal nie getäuſcht worden. Sie hatte vielerlei Dinge genoſſen, hatte Reiſen in fremde Länder gemacht(was damals bei Frauen ſehr ſelten vor⸗ kam), hatte einen hübſchen einfältigen Mann geheirathet, von dem nur Wenige wußten, warum ſie ihn wählte, hatte bald darauf beide Eltern verloren, ihren Gemahl ſatt be⸗ kommen und gleichfalls verloren zu einer Zeit, wo der Ver⸗ luſt nichts weiter als geziemendes Bedauern zurücklaſſen konnte, das ſie auch als leichtes Reizmittel kultivirte, um ihre Seele vor Erſtarrung zu bewahren. Jetzt kehrte ſie ohne Gatten, Kinder oder Eltern in das Haus ihrer Kind⸗ heit zurück, das ſie ſeit fünf langen Jahren nicht mehr ge⸗ ſehen hatte. 3 68 Iſt das ihre ganze Geſchichte? Nein, nicht die ganze. Ein kleiner Zwiſchenfall iſt noch im Rückſtand, deſſen wir eben ſo gut hier erwähnen dürfen. Ihre Eltern hatten einen Kontrakt zu einer Verheirathung mit Sir Philipp Haſtings— einem ganz anderen Manne als den ſie ſpäter wählte— eingegangen, und thörichter Weiſe hatten ſie ihr erzählt, was geſchehen war, bevor noch der junge Mann ſeine eigene Zuſtimmung gegeben hatte. Sie bekam nicht viel von ihm zu ſehen— jedenfalls nicht genug, um ſich in ihn zu verlieben. Sie hielt ihn ſogar für einen ſonderbaren mürriſchen Jüngling; aber es lag etwas in ſeiner mürriſchen, ercentriſchen Laune, was ihre Phantaſie anregte. Der Leſer weiß, daß Philipp bereits für ſich ſelbſt gewählt hatte, und die Dame heirathete gleichfalls unmittelbar nachher. So war ein Theil von der Blüthezeit des Lebens für ſie verſtrichen, und jetzt kam ſie nach ihrem eigenen Geburts⸗ orte, um den Reſt des Daſeyns verſtreichen zu laſſen, wie er gerade wollte. Anfänglich als ſie langſam aus dem Wagen ſtieg, waren ihre großen, glänzenden, ſchwarzen Augen zu Boden geheftet. Sie hatte das Haus im Herfahren lange betrachtet, und es ſchien ſie in nachdenkliche Stimmung ver⸗ ſetzt zu haben. Es iſt kaum möglich, ein Haus zu betreten, wo wir viele Jahre unſerer Jugend verlebten, ohne daß die Erinnerung unſer Herz plötzlich ergreift und völlig in Beſitz nimmt. Welch ein Grab ſehen wir vor uns liegen! Welch lange Reihe beerdigter Ahnen kann nicht die Gegenwart vor ſich betrachten! Auch werden nur Wenige in jenes Grab auf⸗ 69. genommen, welche ſo viel Beachtung wie eine einzige todte Stunde werth wären. Alles Andere kann wieder aufleben; nur für verlorene Stunden gibt es keine Auferſtehung. Alte Diener warteten ihrer, um ſie willkommen zu heißen, neue harrten ihrer Befehle; aber eine Weile beachtete ſie keinen derſelben, bis endlich die alte Haushälterin, die ſie von der Wiege an kannte, in die lauten Worte ausbrach: „Ah, Madame! Ich wundere mich nicht, Euch nach Allem was vorgefallen, bei Eurer erſten Wiederkehr in das alte Haus ein wenig traurig zu ſehen.“ „Ja freilich, Mrs. Arnold,“ erwiederte die Lady.„Viele traurige Dinge haben ſich ſeit unſerer Trennung ereignet. Wie geht es Euch, Gute? Ihr ſeht ganz blühend aus.“ Und in das Haus tretend, hörte ſie die Antwort in der Halle. Aus dieſer wurde die Lady von der alten Schaffnerin durch das ganze Haus geführt, und die Alte klatſchte und plauderte dabei nicht wenig. Die Dame hörte ihr faſt ſchweigend zu, denn Mrs. Arnold war großmüthig in ihrer Unterhaltung und erſparte ihren Geſellſchaftern jeden Auf⸗ wand„an Worten. Endlich ſchien jedoch eine ihrer Aeuße⸗ rungen ihre Gebieterin zu erwecken, und ſie rief mit ziemlich bitterem Lachen: „Alſo die guten Leute haben erklärt, ich werde Sir Philipp Haſtings heirathen?“ „Mr. Haſtings war er damals, Madame,“ antwortete die Haushälterin;„allerdings glaubten ſie das. Die ganze Umgegend ſprach davon, und die Pächter horchten in der Kirche, ob nicht der Aufruf proklamirt würde.“ Die Lady wurde flammenroth, und die alte Frau fuhr alſo fort: „Der alte Sir John war ſeiner Sache ganz ſicher; aber es ſcheint, er machte ſeine Rechnung ohne den Wirth.“ „Allerdings,“ ſagte die Dame mit trübem Lächeln, und damit ließ ſie die Sache für jetzt fallen. Nicht lange ſpäter brachte jedoch die Lady den Gegen⸗ ſtand ſelbſt auf's Tapet, indem ſie ſich nach Sir Philipp's Geſundheit und Lebensweiſe erkundigte, und wie er in der Nachbarſchaft beliebt ſey, indem ſie beiſetzte: „Er ſchien damals, als ich ihn ſah(was nur ein⸗ oder zweimal geſchah), ein ſonderbarer Menſch, der, wie ich glaubte, keinen ſehr angenehmen Ehemann abgeben mochte.“ O ja, Madame, das iſt er,“ antwortete Mrs. Arnold. „Ich kann Euch verſichern, es gibt viele ſchlimmere. Er iſt ſehr zärtlich mit ſeiner Frau, und gibt ihr mehr nach als man glauben ſollte. Es heißt, er ſey etwas ſtreng, aber ſehr gerecht und aufrichtig, kein Wüſtling, wie ſein Bruder, welcher ertrank, was ſicherlich ein Werk der Vorſehung ge⸗ weſen, denn wenn er ſchon in ſeinen jungen Jahren ſo ſchlimm war— was wäre erſt ſpäter aus ihm geworden?“ „Vielleicht hätte er ſich beſſer gemacht,“ meinte ihre Herrin mit ruhigem Lächeln.„Aber war er wirklich ſo gar ſchlimm? Ich hörte nie etwas Böſes von ihm ſagen.“ „O freilich, Madame; wißt Ihr's denn nicht?“ rief die Alte.* Und nun kam die ganze Geſchichte von der Taglöhners⸗ tochter auf dem Hügel, und wie ſie, ihr Vater und die alte 741 Mutter Danby, welche die Leute für eine Hexe hielten, den Sir John Haſtings durch gute oder böſe Worte überredet hätten, reiche Leute aus ihnen zu machen. „Sir John Haſtings durch gute oder böſe Worte über⸗ redet!“ wiederholte die Dame in zweifelndem Tone.„Ich kannte ihn beſſer als jeden ſeiner Söhne, und nie ſah ich einen Mann ſo unnachgiebig gegen Drohungen, und ſo un⸗ zugänglich für jede Ueberredung. Sie verſank in tiefes Nachſinnen, welches lange an⸗ dauerte, während die alte Haushälterin von tauſend Dingen plauderte, und dabei ſehr zufrieden war, ſo wenig ſie auch Gehör fand. Laßt uns ein wenig bei der Lady und ihrem Charakter verweilen. In dem Weſen jeder Frau liegt etwas, was uns intereſſtren und belehren kann. Es geht uns hier wie mit manchem Satze im Euklid, der anfänglich ſo klar und einfach wie heller Sonnenſchein ausſieht, bei näherem Studium aber allerhand Verwicklungen zeigt, deren Löſung uns mäch⸗ tig verlegen macht. Es iſt ein feines, merkwürdiges, zartes und complicirtes Stück Anatomie— ein ſolches Weiberherz. Ich habe gar manches ſecirt, und weiß davon zu reden. Legt einmal dieſe Fiber bloß; aber hütet Euch um's Himmel willen, daß Ihr nicht die zunächſt liegende zerreißt, und überzengt Euch erſt, daß Ihr nicht die Enden trennet, welche dieſe höchſt hetero⸗ genen Theile verbinden.— Seht, hier liegt ein ſehr reiz⸗ barer ſenſibler Muskel, und dort— was iſt das? Ein Knor⸗ pel, ſo hart wie ein Muͤhlſtein. Betrachtet dieſe zarten, reizbaren Nerven, die bei der leiſeſten Berührung erzittern, und dann ſeht jene Sehnen, feſt, ſtraff und gewaltig, wie der Entſchluß eines Märtyrers. O dieſes wunderbare Stück unſerer Organiſation! Wer vermag es genau zu beſchreiben? Ich darf es nicht wagen; aber ich will wenigſtens eine leichte Skizze der angedeuteten Perſon entwerfen. Da ſteht ſie, von mehr als gewöhnlicher Größe, aber ſchön gebaut, voll abgerundeter Linien, welche graziös in einander verfließen. Würdevolle Ruhe liegt in ihrer ganzen Miene wie in jeder Bewegung; aber es iſt auch große Feſtigkeit, Entſchloſſenheit und Ueberlegung in dem Auf⸗ treten dieſes kleinen Füßchens auf dem Teppiche zu erkennen. Sie kann nicht die Abſicht haben, ihren Fuß für immer hier ſtehen zu laſſen, und doch, wenn ſie ihn ſo hinſtellt, ſollte man glauben, daß ſie nicht anders gewillt ſey. Ihr Antlitz iſt ſehr ſchön— jeder Zug feingeſchnitten— die Augen faſt blendend in ihrem dunkeln Glanze. Wie keuſch, wie lieblich ſind die reinen Linien dieſes Mundes! Aber ſeht ihr nicht, wie ſte die Gewohnheit hat, die Zähne feſt zuſammenzupreſſen— die eine Perlenreihe dicht über der andern? Das leichte ſpöttiſche Zittern der Oberlippe darf euch nicht entgehen, ſo wenig wie die ausgedehnten Nüſtern und das Blitzen des Auges, dem der feſte regungsloſe Mund widerſpricht. So iſt ihre Außenſeite, und ſo iſt auch die innere, nur daß das Kolorit dort noch etwas dunkler iſt. Dort iſt gar Vieles was bei guter Pflege und Erziehung zu weiblichen Tugenden aufgeblüht wäre— ein Herz, empfänglich für Liebe, ſtark, feurig, heftig und wandellos; nicht viel Zärt⸗ lichkeit— nicht viel Mitleid— nichts von Gewiſſensbiſſen iſt hier zu treffen. Ein Stolz eigener Art, ſtark, unlenkſam und nie verzeihend, ein Vermögen des Haſſes und ein Rache⸗ durſt, wie nur der Stolz ihn einhauchen kann, ſind gleichfalls vorhanden. Hiezu kommt eine Schlauheit, eine Liſt und Abgefeimtheit— ja noch etwas Größeres, was ſich dem Erhabenen nähert— eine Gabe der Ahnung, wo die Leiden⸗ ſchaft zu befriedigen ſeyn möge, welche ſelten von ihrem Ziele abirren läßt. Ja, ſo iſt das Innere dieſes ſchönen Tempels; und doch— wie ruhig, wie harmoniſch und einladend ſteht er da? Ich habe vielleicht gar Manches vergeſſen, denn des Menſchen Herz iſt wie der Hexenkeſſel im Macbeth, und man könnte ſo lange mit der Aufzählung der Ingredienzien fort⸗ machen, bis die Zuhörer des Geſanges überdrüſſig würden. Shakeſpeare hat mit ſeinem unwandelbaren Takte dieſen Ueberfluß weislich vermieden. Was ich übrigens geſagt habe, wird zur Belehrung des Leſers hinreichen; und wenn wir auf unerwartete Erſcheinungen ſtoßen, ſo muß ich ſie eben ſpäter zu erklären ſuchen. Laßt uns annehmen, die Unterredung der Lady mit ihrer Haushälterin ſey zu Ende, ihre häuslichen Anordnungen getroffen, das Haus wieder auf wohnlichen Fuß geſetzt, Beſuche abgeſtattet und empfangen. Zu den früheſten Gäſten gehörte Sir Philipp und Lady Haſtings. Er befand ſich in der offenſten, glücklichſten Laune, ohne eine Ahnung, daß ſie ein Wort davon wußte, wie früher zwiſchen ihm und 74 ihr eine Heirath beabſichtigt geweſen, und ſie empfing ihn und ſeine ſchöne Gattin mit allen Zeichen der Herzlichkeit. Sobald dieſe Beſuche und alle der« ttigen Ceremonien vorüber waren, begann die Dame viel in der Umgegend herum zu fahren und alle Anekdoten und Gerüchte in ſämmt⸗ lichen Nachbarfamilien einzuſammeln. Ihre meiſte Auf⸗ merkſamkeit concentrirte ſich jedoch auf Haſtings Familie, und ſie fand die ganze ſonderbare Geſchichte mit dem Tag⸗ löhnersmädchen beſtätigt und noch durch viele ſonſtige Ein⸗ zelnheiten vermehrt. Sie lächelte vergnügt als ſie ſolches vernahm, und es ſchien ihr Freude zu machen. Gern hätte ſie das Mädchen und deſſen Mutter beſucht, um mit Geſchicklichkeit(die ſie in nicht geringem Grade beſaß) den Schlüſſel des ganzen Geheimniſſes zu erforſchen; allein ihr Ruf und ihre Stellung hinderten ſie an einem ſolchen Schritte, der— wie ſie wohl wußte— ausgeplaudert werden und dann ſonderbare Bemerkungen veranlaſſen konnte. Sie beſchloß alſo, zu einem andern ebenſo guten Aus⸗ kunftsmittel ihre Zuflucht zu nehmen. Niemand konnte etwas dawider haben, wenn ſie ihre ärmeren Nachbarn zu deren Tröſtung und Unterſtützung beſuchte, und ſo kam ſie in vielerlei Hütten. Endlich an einem klaren frühen Auguſt⸗ morgen ließ ſie ihren Wagen auf der Heerſtraße und erklet⸗ terte allein den Hügel mit der Hütte, wo das Mädchen und ihre Eltern früher gelebt hatten. Sie fand deren jetzige Bewohnerin, die alte Mutter Danby, die gefürchtete Here, emſig mit Kochen ihres Morgenmahles beſchäftigt und ſetzte ſich zu ihr nieder, um ſich in ein Geſpräch mit ihr einzulaſſen. 75 Anfänglich vermochte ſie nicht viel aus ihr herauszu⸗ bringen, denn die Alte war finſterer Laune und gegen ihren Willen nie zum Sprechen zu bewegen. Nicht einmal das Geld war im Stande, ihre Beredſamkeit zu entfeſſeln. Sie hatte nie Barmherzigkeit verlangt und angenommen, ſagte die Alte, und jetzt bedurfte ſie ſie vollends nicht. Die Lady ſchwieg einige Minuten, den Charakter ihrer uralten Wirthin überlegend und ihn mit Erfahrung und Scharfblick ſondirend. Dann befragte ſie ſie geradezu über die ganze Geſchichte zwiſchen dem jungen John Haſtings und dem Taglöhnersmädchen. „Erzählt mir Alles,“ ſagte ſie,„denn ich wünſche es zu wiſſen— ich habe ein Intereſſe an der Sache.“ „So?“ meinte die Alte, ſie ſcharf betrachtend;„dann ſeyd Ihr die hübſche Lady, welche dieſen Sir Philipp heirathen ſollte, aber nicht haben wollte.“ „Die Nämliche,“ beſtätigte der Beſuch, und einen Augen⸗ blick lang kam ein hochrother Fleck auf ihre Wange und ein Schmerz, wie von einem Meſſerſtiche, fuhr ihr durch's Herz. Das war der Preis, den ſie für Befriedigung ihrer Neugierde bezahlte. Befriedigt wurde ſie vermuthlich, denn ſte verweilte faſt anderthalb Stunden in der Hütte— ja ſogar ſo lange, daß ihre bei dem Wagen wartenden Diener unruhig wurden und einer der Lakaien heraufkam. Er traf ſeine Gebieterin ſchon auf dem Rückwege. „Armes Ding!“ jammerte ſie, als ſpräche ſie von dem alten Weibe, das ſie ſo eben verlaſſen hatte,„es iſt nicht ganz richtig mit ihr im Kopfe; aber ſie iſt arm und hat viel 76 Verfolgung erlitten. Ich muß für ſie thun, was ich kann. So oft ſie zu uns in's Haus kommt, wird ſie bei mir vor⸗ gelaſſen.“ Die alte Frau kam öfter und hatte jedesmal eine Kon⸗ ferenz mit der Dame des Hauſes. Achtes Kapitel. Eines Morgens wurde Sir Philipp Haſtings ein Brief mit der Aufſchrift„preſſant“ überliefert, und der Ueber⸗ bringer hatte Befehl, auf eine Antwort zu warten. Er lautete folgendermaßen: „Mein theurer Sir Philipp! Ich habe Euch und die theure Lady Haſtings ſeit mehreren Monaten nicht geſehen; auch Eure ſüße Emily ſah ich nur aus der Ferne, als ſie eines Tags in einiger Entfernung an meinem Wagen vorüberritt und wie ein Licht⸗ ſtrahl über den Hügel hinfegte. Mein Leben hier iſt traurig und einſam, und ich wünſchte, daß meine Freunde mehr Mitleid mit mir hätten und mich öfter menſchliche Geſichter — beſonders derer, die ich liebe— ſehen ließen. 4 Ich weiß jedoch, daß Ihr in dieſer Hinſicht höchſt uner⸗ bittlich ſeyd; da Ihr Euch ſelbſt genüget, ſo könnt Ihr nicht leicht begreifen, wie eine einſame Frau ſich nach der Geſell⸗ ſchaft anderer lebendigerer Freunde als bloſer Bücher oder der Natur ſehnen mag. Ich muß Euch alſo auf dem einzi⸗ 77 gen zugänglichen Punkte angreifen, den ich an Euch kenne, nämlich an Eurem Mitleid, das Ihr denen, welche wirklich deſſen bedürfen, nie verweigert. Nun habe ich es aber ſehr nöthig, denn ich bin eben jetzt von ſehr peinlichen und ver⸗ wickelten Geſchäften belagert, die ich nicht deutlich verſtehe, und worin ich mich blos bei einem Landanwalt, deſſen Red⸗ lichkeit und Fähigkeit ich gleichermaßen bezweifle, Raths erholen kann. An wen vermag ich mich übrigens beſſer zu wenden als an Euch, wenn ich des Raths und der Hilfe eines ebenſo gütigen als uneigennützigen und klar ſehenden Freundes bedarf? Ich wage dies alſo in vollem Vertrauen und bitte Euch, ſo bald Ihr könnet zu mir zu reiten und mir Euren Rath zu ertheilen, oder vielmehr ſtatt meiner in einer Sache zu entſcheiden, wo ein beträchtliches Beſitzthum auf dem Spiele ſteht und ein augenblicklicher Entſchluß ver⸗ langt wird. Ich hoffe, wenn Ihr kommet, werdet Ihr bei mir über⸗ nachten, da das Geſchäft ſo verwickelter Art iſt, daß es, wie ich fürchte, mehr als einen Tag Eurer koſtbaren Zeit in An⸗ ſpruch nehmen dürfte für Eunre treu ergebene Dienerin Karoline Hazleton.“ „Wartet Mrs. Hazleton's Bote noch unten?“ fragte Sir Philipp Haſtings, nachdem er den Brief geleſen und ſich eine Weile beſonnen hatte. Der Diener bejahte die Frage, und ſein Gebieter fuhr fort: „Sagt ihm, ich wolle keine Antwort ſchreiben, da ich noch mehrere Geſchäfte zu beſorgen habe; aber er möge ſeiner Herrin ausrichten, daß ich in drei Stunden bei ihr ſeyn werde.“ Lady Haſtings äußerte einen leiſen Ausruf der Ueber⸗ raſchung. Sie wagte keine Frage zu ſtellen, wie ſie denn ihren Gatten ſelten über irgend etwas ausfragte; wenn jedoch irgend etwas ihre Verwunderung oder— was häufi⸗ ger vorkam— ihre Neugier erregte, ſo pflegte ſie auf in⸗ direktem Wege Befriedigung zu ſuchen, indem ſie ihre ſchönen Augenbrauen mit ungewiſſem Lächeln in die Höhe zog oder, wie bei gegenwärtiger Veranlaſſung, ein:„Ach, mein Him⸗ mel! Ei, mein Lieber!“ oder eine ſonſtige kurze Phraſe hören ließ, hinter welcher immer ein ſtark markirtes Frag⸗ zeichen folgte. Diesmal lag ihrem Ausrufe mehr als nur ein Gefühl zu Grunde. Sie war überraſcht, ſie war neugierig und überdies ein ganz klein wenig eiferſüchtig. Sie hatte, wie geſagt, ihre Portion von Schwächen, und eine derſelben war jener Art, wie man ſie weit häufiger trifft, als man gewöhn⸗ lich annimmt. Für das Benehmen ihres Gatten⸗ fürchtete ſie nichts— nein, nicht den geringſten Argwohn hatte ſie; es wäre auch unmöglich geweſen, einen ſolchen zu hegen; aber ſie konnte es nicht ertragen, ihn von Frauen wohlge⸗ litten, geachtet und bewundert zu ſehen— wohlgemerkt, ich ſage: von Frauen, denn Niemand konnte mehr triumphiren als ſie, wenn ſie ihn von Männern gebühreud geſchätzt ſah. Sie war ſehr monopoliſtiſch geſinnt; ſie wollte nicht haben, 79 daß auch nur einer ſeiner Gedanken ihr von einer andern Frau entzogen werde, und eine gewiſſe Reizbarkeit überkam ſie, ſo oft ſie ihn neben einem jungen hübſchen Mädchen ſitzen und ihr ſogar blos die gewöhnlichen geſelligen Auf⸗ merkſamkeiten erweiſen ſah. Sie war zu wohlerzogen, um ſolche Empfindungen anders als durch leiſe Anzeichen, wie etwa einen gewiſſen Muthwillen an den Tag zu legen, und ihr Gatte war kein ſo ſcharfer Beobachter fremden Beneh⸗ mens, um ſolche Kleinigkeiten zu bemerken. Um jedoch nicht allzu lange bei ſolchen Dingen zu verweilen, ſo pflegte Sir Philipp Haſtings ohne eine Ahnung deſſen, was in ihrem Herzen vorging, ſie ſelten lange in Spannung zu erhalten, wenn er dieſe Zeichen von Neugierde gewahr wurde. Er mochte es vielleicht als einen Theil der römiſchen Tugend betrachten, ſeine Frau zu verwöhnen, obgleich ſie in ihrem Charakter ſehr wenig von einer Portia an ſich hatte. Dies⸗ mal legte er ihr gelaſſen Mrs. Hazleton's Brief in die Hand, rief dann einem Diener und gab Befehle zu allerlei Vorbereitungen. „Soll nicht lieber ich und Emily mit Dir gehen?“ fragte Lady Haſtings, indem ſie ihn auf die Stelle des Briefes aufmerkſam machte, wo von dem langen Ausbleiben der ganzen Familie die Rede war. „Nicht, wenn ich in Geſchäften ausgehe,“ erwiederte ihr Gatte ernſthaft und verließ das Zimmer. Eine Stunde ſpäter ſaß Sir Philipp Haſtings zu Pferde, ein Diener mit Mantelſack kam hinter ihm, und Beide ritten langſam durch den Park. Der Tag war etwas weit vor⸗ 80 gerückt und die Entfernung mochte etwa anderthalb Stunden Zeit wegnehmen; Sir Philipp war jedoch in Träumerei verſunken und ritt nur ganz langſam. Er und ſein Diener nahmen ihren Weg an der Kirche und ganz nahe am Pfarr⸗ haus vorüber. Dort zog Sir Philipp plötzlich den Zügel an und befahl dem Diener weiter zu reiten und Mrs. Hazle⸗ ton ſeine baldige Ankunft zu vermelden. Er ſelbſt band ſein Pferd an einen großen Haken, wie er damals an den meiſten Landhäuſern in England ausdrücklich zu dieſem Zwecke angebracht war, und trat auf die Thüre zu. Dieſe ſtand halb offen, und ohne Umſtände ſie zurück⸗ ſchiebend, wie er es oft gewöhnt war, trat er in das kleine Studirzimmer des Pfarrers. Der Geiſtliche ſelbſt war nicht anweſend; aber zwei andere Perſonen waren im Zim⸗ mer— ein junger, ziemlich ungeſtümer Mann von etlichen zweiundzwanzig Jahren, ausnehmend hübſch von Geſicht und Geſtalt, und ein zweiter über die mittleren Jahre, mager, bleich, mit ſcharfem, gierigem Blicke. Sir Philipp erkannte in Letzterem alsbald einen nicht ſehr geachteten Advokaten eines kaum zwanzig Meilen entfernten Landſtädt⸗ chens. Sie hatten eines der großen Pfarrbücher vor ſich und waren Beide anſcheinend mit großem Ernſte darüber gebeugt. Sir Philipps Schritt weckte ſie aus ihrem Eifer; der Anwalt drehte ſich um und ſagte mit tiefer Verbeugung: „Wünſche Euch einen guten Tag, Sir Philipp; ich hoffe, ich habe die Ehre Euch wohl zu ſehen.“ „O ja,“ lautete die kurze Antwort, gefolgt von einer 841 Nachfrage nach dem Pfarrer, der, wie es ſchien, in ein an⸗ deres Zimmer gegangen war, um dort einige verlangte Papiere zu holen. Der jüngere von den beiden Gäſten hatte mittlerweile den Baronet mit rohem, vertraulichem Blicke angeſtarrt, den jedoch Sir Philipp nicht bemerkte, und gleich darauf kam der Pfarrer mit einem Bündel alter Briefe in der Hand zum Vorſchein. Er war ein ſchwerfälliger, ziemlich ſchüchterner Mann— das gerade Gegentheil ſeines Vorgängers— aber im Ganzen eine recht gutmüthige Perſon. Als er jedoch den Baronet vor ſich ſah, ſchien er ganz merkwürdig von einer Art wirren Erſtaunens ergriffen, das nach mehreren ſtam⸗ melnden Verſuchen, ſo bald die gewohnte Begrüßung vor⸗ über war, ſich in den Worten Luft machte: „„Ci ſieh doch, Sir Philipp— ſeyd IFauf Beſtellung hieher gekommen?“ Sir Philipp Haſtings war, wie der Leſer bereits weiß, ein ſchlechter Beobachter deſſen, was in der Welt um ihn her vorging. Er hatte immer ſeinen eigenen ernſten und tiefen Gedankengang, den er mit einer heftigen, leidenſchaft⸗ lichen, oft beinahe zur Monomanie geſteigerten Inbrunſt verfolgte. Die Handlungen, Worte und Blicke der wenigen Perſonen, für die er ſich intereſſirte, konnte er mit tiefem Eifer bewachen und ſeine eigenen Bemerkungen darüber machen. Er wachte zwar ohne Verſtändniß und bemerkte oft unrichtig, denn er beſaß zu wenig Erfahrung im Erkennen fremder Motive zu äußerer Beobachtung und fühlte in ſeinem eigenen Herzen zu wenig Sympathie mit James. Rache. 6 8² den gewöhnlichen Motiven der Welt, um ſogar die Menſchen, die er liebte, richtig zu beurtheilen. Das Benehmen, die Blicke und Worte ordinärer Menſchen nahm er ſich vollends kaum die Mühe zu bemerken, und des guten Pfarrers Zögern und Ueberraſchung zog wie der Hauch auf einem Spiegel an ihm vorüber: ſie wurden vielleicht geſehen, ohne aber auch nur einen Augenblick in ſeiner Seele feſtzuhaften. Auch jene abgeriſſene Frage überraſchte ihn nicht, ſo wenig wie der raſche Zornesblick, den ſte auf dem Geſichte des Anwaltes hervorrief, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Er erwiederte gelaſſen: „Nein, Mr. Dirwell, ich erinnere mich nicht, irgend eine Beſtellung mit Euch ausgemacht zu haben.“ Die Sache war ſo weit ganz gut und wäre wohl auch ſo geblieben, wenn nicht der Anwalt, der ſich in Alles miſchte, die ganze Sache nahezu dadurch verdorben hätte, daß er Sir Philipp Haſtings’ Aufmerkſamkeit noch auf⸗ fallender auf die ſonderbare Frage des Pfarrers lenkte. „Vielleicht,“ ſagte der Mann des Geſetzes,„vielleicht glaubte Mr. Dirwell, Ihr ſeyd hieher gekommen, Sir Phi⸗ lipp, um wegen dieſer Geſchichte der ehrenwerthen Mrs. Hazleton mit mir zu reden. Sie ſagte mir, ſie wolle Euch zu Rathe ziehen, und ich kann Euch die ganze Sache erklären.“ Der Pfarrer behauptete jedoch alsbald, er habe nichts der Art gemeint, und Sir Philipp Haſtings ſagte gleichzeitig zu dem Anwalt: „Ich bitte, daß Ihr Euch dieſe Mühe erſparet, Sir. Mrs. Hazleton wird mir wohl ſelbſt erklären, was ſie für paſſend 83 hält; ich wünſche keine frühere Benachrichtigung, da ich eben nach ihrem Hauſe unterwegs bin. Wie mein guter Freund hier vermuthen konnte, ich komme auf Beſtellung, iſt mir unerklärlich. Uebrigens war dies nicht der Fall, und es iſt auch gleichgültig. Ich kam nur um Euch zu ſagen, Mr. Dirwell, daß die alte Frau Danby, wie ich höre, im Sterben liegt. Sie iſt eine Papiſtin, und die thörichten Leute in der Nachbarſchaft halten ſie für eine Hexe; ſie wird nur wenig Hilfe oder Troſt bei ihnen finden, ſelbſt wenn ſie ſie nicht beleidigen und verhöhnen. Da ich dieſe ganze Nacht und vielleicht den morgigen Tag abweſend ſeyn werde, ſo will ich auf meinem Hinwege zu Mrs. Hazle⸗ ton bei ihr vorſprechen und mich nach ihren Bedürfniſſen erkundigen. Ich will auf ein Papier niederſchreiben und dort zurücklaſſen, was ich wünſche, daß meine Leute für ſie thun ſollen; aber Euch muß ich um Eines bitten— nämlich, daß Ihr durch Ermahnungen und Vorſtellungen ſo viel möoͤglich dahin wirket, daß das unwiſſende Landvolk jenes arme Geſchöpf nicht auf ihrem Todbette beunruhigt: ihre traurigen Irrthümer in Sachen des Glaubens ſollten uns in einem ſolchen Augenblicke nur um ſo größeres Mitleid gegen ſie einflößen. Mr. Dirwell dachte anders, denn bei aller Gutmüthig⸗ keit war er ein Fanatiker. Er wagte zwar nicht, gegen eine Weiſung des großen Patrons der Gemeinde, der jetzt die Beſitzungen der Familien Haſtings und Marſhall in Händen hielt— auch nur den Gedanken an Ungehorſam zu faſſen; aber er hätte gern Sir Philipp noch aufgehalten, um ihm 6* 84 den Satz klar zu machen— ſo klar wie ein Beweis im Euklid in ſeinem eigenen Geiſte daſtand— daß alle Römiſch⸗ katholiſchen zum mindeſten für immer aus dem Lande ver⸗ bannt werden ſollten. Allein Sir Philipp Haſtings war nicht geneigt, ihn anzuhören, und obgleich der gute Mann ſeinen Beweis in feierlichem Tone begann, wandelte ſein Gaſt, der wieder in Gedanken verſunken war, langſam aus dem Zimmer, über den Gang, durch die Hausthüre und ſtieg zu Pferde, ohne auch nur ein einziges der zahlreichen Worte zu hören, welche Mr. Dirwell während ſeiner Begleitung über ihn aus⸗ ſchüttete. Bei ſeiner Rückkehr in ſein kleines Studirzimmer traf der Paſtor den jungen Mann und den Advokaten noch immer emſig in dem Buche forſchend, während ſie mit aufgeregten Mienen und leidenſchaftlichen Geberden ſich ſehr eifrig mit einander beſprachen. Sobald er eintrat verſtummten ſtie, und der junge Mann ſchloß mit einem Fluche, wofür ihn der Geiſtliche auf dem Flecke verwies. 2 „Das iſt Alles ganz gut, Mr. Dirwell,“ ſagte der Ad⸗ vokat,„und es wird meinem guten Freunde hier recht wohl anſtehen, wenn er Eure gute Ermahnung und Eure geiſtliche Pflege erhält, wie er dies hoffentlich bald erhalten wird; aber ich fürchte, wir müſſen alsbald aufbrechen, und es iſt nur noch Eines, was ich zu ſagen habe, denn Ihr hättet uns heute nahezu Alles verdorben. Kein Kartenſpieler— „Ich berühre nie eine Karte,“ verſicherte der Paſtor mit heiligem Schauder in ſeinem Geſichte. A 85 „Nun, Andepe thun's wohl,“ meinte der Anwalt,„und die es thun, laſſen ſich von ihrem Gegner niemals in die Karten gucken. Das Jus iſt nun gerade wie ein Karten⸗ ſpiel—“ „Wo der Advokat immer des letzten Trumpfes gewiß iſt,“ bemerkte der junge Mann. „Und wir dürfen Sir Philipp Haſtings um keinen unſerer Schritte wiſſen laſſen,“ fuhr der Advokat fort.„Wenn Ihr ein Gewiſſen habt, wie ich es Euch zutraue, wenn Ihr Ehre beſitzt, wie ich es gewiß weiß, ſo werdet Ihr kein Wort von dem, was wir Euch gefragt oder Euch geſagt haben, verlauten laſſen, denn Sir Philipp würde dann natürlich alle Mittel ergreifen, um uns jede weitere Kunde abzu⸗ ſchneiden.“ „Das glaube ich nicht,“ meinte der Geiſtliche. „Gerechtigkeit und Billigkeit würden vereitelt,“ ſchloß der Anwalt,„während Ihr durch Euren Beruf verbunden ſeyd, ſie zu frdern. Wir verlangen nichts als Gerechtig⸗ keit, Mr. Dirwell— Gerechtigkeit, ſage ich, und Niemand kann wiſſen, welche Karte Sir Philipp ausſpielen mag.“ „Ich will ihm mit dem Buben auftrumpfen,“ ſagte der junge Mann zu ſich ſelbſt. Nachdem ſie den Geiſtlichen abermals und nicht ohne allerlei dunkle Drohungen von Gefahr für ihn ſelbſt im Falle des Verſehens— zum Stillſchweigen ermahnt hatten, verließen ihn die beiden Herren und eilten, ſo raſch ſie konn⸗ ten, nach einem kleinen Bierhauſe im Dorfe, wo ſie ihre Pferde gelaſſen hatten. 86 Wenige Minuten ſpäter ſah man einen wohlbekannten Wilddieb, Boxer und Raufbold, deſſen häufigſter Wohnſitz das Gefängniß oder Käfig war, aus der Thüre des Bier⸗ hauſes zum Vorſchein kommen, ein ſehr ſtattlich ausſehendes Pferd aus dem Stalle führen, das er ſofort beſtieg und ſei⸗ nen Weg über den Hügel einſchlug. Der Wilddieb hatte noch nie in ſeinem Leben einen vornehmeren Vierfüßler als etwa einen Hund oder Affen beſeſſen, ſo daß das Pferd au⸗ genſcheinlich nicht ihm gehören konnte. Daß er nicht mit dem geiſtesverwandten aber gefährlichen Geſchäfte es zu ſtehlen umging, bewies die Thatſache, daß der Eigenthümer des Thieres ihm beim Aufſteigen ruhig aus dem Fenſter zuſchaute und ſich dann nach dem Anwalte umwandte, wel⸗ cher hart daneben an einem Tiſche ſaß. „Er iſt fort, Shanks,“ meldete er. „Nun laßt ihn gehen,“ erwiederte der Advokat;„doch will mir die Sache nur halb gefallen, Mr. John. Im Jus ſollte Alles kalt und ruhig abgehen— kein Lärm, keine Ge⸗ waltthat.“ „Aber das iſt gar keine Rechtsſache,“ erwiederte der junge Mann;„das iſt blos eine Sache der Sicherheit, Ihr Narr. Was ſollte daraus werden, wenn er mit der alten Here auf ihrem Todbette ein langes Geſalbader hätte?“ „Sehr wenig,“ verſetzte der Anwalt in ruhigem, zuver⸗ ſichtlichem Tone.„Ich kenne ſie wohlz; ſie iſt ſo hart wie ein Feuerſtein; ſie war es immer, und die Zeit hat ſie nicht weicher gemacht. Ueberdies hat er Niemand bei ſich, um bei ihren Angaben als Zeuge zu dienen, und wenn Das, 87 was Ihr ſagt, wahr iſt, ſo wird ſie nicht bis morgen leben.“ „Aber ich ſage Euch, ſie wird immer furchtſamer, je mehr ſie ſich dem Tode nähert,“ rief der junge Mann.„Sie hat ſich alle möglichen Geſchichten von der Hölle, dem Feg⸗ feuer, und der Teufel weiß was noch Alles, in den K Kopf ge⸗ ſetzt; ſie ſprach geſtern mit meiner Mutter von Buße und Reue und ähnlichem Zeug und verlangte nach der letzten Oe⸗ lung und nach der Beichte vor einem Prieſter. Das wäre eine hübſche Salbe, welche die Wunden ihres Gewiſſens zupflaſterte; wenn jedoch dieſer Philipp Haſtings mit ſeinem ernſten Geſichte zu ihr käme und ſie mit ſeinem feierlichen Tone noch mehr in Furcht jagte, ſo könnte er Alles was er wollte aus ihr herausbringen.“ „Ich glaube es nicht,“ antwortete der Advokat bedäch⸗ tig.„Haß, Mr. John, iſt die längſt lebende Leidenſchaft, die ich kenne. Sie erſtreckt ſich bis ins Grab, wie ich es oft erlebt habe, wenn ich guten Leuten ihr Teſtament auf dem Todbette aufſetzen half— gottſeligen guten Leuten, ſage ich. So habe ich einen Mann gekannt, der ſein halbes Vermögen an Bedürftige ſchenkte und zur Erbauung von Armenhäuſern verwendete; er ließ einen gedankenloſen Sohn oder eine landläufige Tochter oder einen vielbeſprochenen Neffen ihr ganzes Leben lang gegen Armuth kämpfen und weigerte ſich bis zu ſeinem letzten Athemzuge, ſo nahen Verwandten zu vergeben, indem er ſich mit einem Bibeltert als Vorwand tröſtete. Nein, nein, der Haß iſt die einzige Leidenſchaft, die den Menſchen aus der Welt begleitet, und 2* 88 dieſe alte Hexe Danby haßt das ganze Geſchlecht der Haſtings mit ſo reſpektabler Innigkeit, daß ſie nicht abwelken wird, auch wenn ihr Koͤrper ſtirbt. Ueberdies iſt Sir Philipp faſt ebenſo puritaniſch wie ſein Vater—— eine Art Wech⸗ ſelbalg zwiſchen einem engliſchen Fanatiker und einem alt⸗ römiſchen Cyniker. Sie verabſcheut ſchon den Klang ſeiner Stimme, und Nichts könnte ſte mit ihm verſöhnen, als wenn er die Meſſe annähme und den kalviniſtiſchen Glauben abſchwörte. Ha, ha, ha! Da Ihr jedoch den Burſchen aus⸗ geſchickt habt, ſo läßt ſich's nicht mehr ändern; nur vergeßt nicht, daß ich nichts damit zu ſchaffen hatte, wenn es etwa zu Gewaltthätigkeiten käme. Man kann ſich nicht auf je⸗ nen Menſchen verlaſſen, und ich halte mich lieber an die ſichere Seite des Geſetzes.“ „Ja ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ erwiederte der An⸗ dere etwas nachdenklich.„Es iſt Euer Schild, und man ſteht beſſer dahinter als davor. Uebrigens bezweifle ich Tom Cutter nicht im Geringſten. Ohnedem ſagte ich ihm blos, er ſolle ihr Geſpräch unterbrechen und Sorge tragen, daß ſie nicht insgeheim zuſammenplauderten; er ſolle dort bleiben, bis Haſtings fort ſey und dergleichen.“ „Sir Philipp iſt nicht der Mann, der ſolche Unterbre⸗ chung duldete,“ erwiederte der Anwalt ernſthaft.„Er ſieht ſo ruhig aus wie die tiefe See an einem Sommertage: aber ich kann Euch ſagen, John, es können auch Stürme kommen, und dann wehe Denen, die dem ruhigen Ausſehen ver⸗ trauten!“ „Wenn er in Leidenſchaft geräth und Unheil daraus„ —ʒ—— folgt, ſo iſt es ſein Fehler,“ erwiederte der junge Mann la⸗ chend.„Meint Ihr nicht, Shanks?“ „Allerdings,“ gab der Advokat bedächtig zur Antwort; „vielleicht ließe ſich durch geſcheidtes Drehen und Wenden etwas aus der Sache machen, wenn ein Anderer als dieſer Tom Cutter dabei betheiligt wäre und wir einen oder zwei gute brauchbare Zeugen hätten. Allein der Mann iſt ein ſolcher Spitzbube, daß ſein Wort nichts gilt, und ihn tüch⸗ tig durchzuprügeln— obwohl das ein Geſchäft des Büttels iſt— würde dem Friedensrichter nicht zur Schande gerei⸗ chen. Ueberdies wird er jedenfalls den Streit herausfor⸗ dern, und ein Wort von Sir Philipp würde vor jeders Ge⸗ richtshofe in England tauſend Eidſchwüre von Tom Cutter aufwiegen.“ „Ihn durchprügeln können nur Wenige,“ bemerkte der Andere;„erinnert Euch übrigens, Shanks, daß ich ihm kei⸗ nen Befehl zu Gewaltthätigkeiten gab.“ „Ich war nicht gegenwärtig, als Ihr Eure Befehle er⸗ theiltet,“ erwiederte der Anwalt grinſend.„Ihr ſolltet Euch in dieſer Sache weit lieber ganz auf mich verlaſſen, Mr. John. Wenn Ihr das thut, ſo verlaßt Euch drauf, daß ich Euch ſicher durchbringe; thut Ihr es nicht, ſo kann Niemand ſagen, was daraus folgen mag. Hier kommt Folwel, der Küſter. Jetzt haltet's Maul und laßt mich machen, Sir; Ihr ſeyd nicht vertraut mit ſolchen Dingen.“ Neuntes Kapitel. Haſt Du jemals einen Ameiſenhaufen unterſucht, theu⸗ rer Leſer? Welch ein wunderbarer kleiner Kosmos iſt er! — Eine Quinteſſenz einer großen Stadt und des menſchli⸗ chen Geſchlechtes! Sieh, wie die kleinen Burſche emſig ihren verſchiedenen Geſchäften nachziehen. Sieh, wie die Einen den Andern aus dem Wege gehen— wie dieſe fort⸗ rennen und jene ihren Kameraden über die Köpfe ſpazieren; beſonders aber merke Dir jenen ſchwarzen Gentleman, der an einem ſchweren Käferbeine, dreimal ſo groß wie er ſelber, hin und her zerrt. Er kann es nicht aufladen, ſo viel er ſich auch Mühe gibt, und doch zieht er nach Leibeskräften, denn der Schinken ſcheint ihm in der That gar zu ſchön. Er be⸗ merkt nicht— was nichtsdeſtoweniger der Fall iſt— daß zwei ſeiner Kameraden auf der andern Seite ziehen und alle ſeine Anſtrengungen vereiteln. Und ſo geht es Dir und mir und Jedermann in dieſer weiten Welt. Wir arbeiten blind darauf los, ohne Kennt⸗ niß der günſtigen oder hindernden Urſachen, welche beſtän⸗ dig zur Erleichterung oder Erſchwerung unſerer Bemühun⸗ gen wirkſam ſind. Der Wunſch nach einem Blicke in die Zukunft iſt 7 geblich, unvernünftig, ja faſt gottlos; welch großer Dien wäre es aber für den Menſchen, wenn er einen Blick in die große Werkſtätte des Schickſals werfen und nur den Theil derſelben ſehen dürfte, wo diejenigen Ereigniſſe, die ſeine r 91 eigenen Schritte berühren, auf dem Amboſe liegen! Aber auch wenn wir das könnten, würden wir nicht einmal die Maſchinerie verſtehen und uns nur die Finger verbrennen, wenn wir Stücke zuſammenfügen wollten, welche das Fa⸗ tum nicht zum Zuſammenpaſſen beſtimmte. Mittlerweile— das heißt nämlich, während der Anwalt und ſein Geſellſchafter ſich in dem Bierhauſe beſprachen— ritt Sir Philipp Haſtings ruhig den Hügel hinan zu der Hütte, welche ich früher beſchrieben und darum nicht wieder beſchreiben werde, indem ich nur bemerke, daß ſie jetzt einen Anſtrich von Ordnung und Sauberkeit darbot, wie ſie ihn früher nicht beſeſſen hatte. Er band ſein Roß an den Zaun, ging langſam den kleinen Pfad hinauf, indem er den Kohl und die Rüben zu beiden Seiten betrachtete und dann ohne weitere Umſtände eintrat. Die Hütte hatte damals zwei Bewohner: die kranke alte Frau und eine andere faſt eben ſo alte, nur weniger hinfällige Perſon, welche zur Pflege der Kranken gedungen worden war. Woher ſie das Geld bekam, um jene zu be⸗ zahlen, wußte Niemand, denn ihre mittleren Jahre und die erſte Zeit ihres eigentlichen Alters waren durch Unglück und Armuth bezeichnet geweſen; aber das Geld ſcheint irgendwie eine natürliche Verwandtſchaft mit dem Alter zu beſitzen. Ich glaube, es wächst auf alten Leuten wie Korn, und je⸗ denfalls hatte es ihr nie mehr an Geld gemangelt. Da lag ſie in ihrem Bette— ein wahrhaft jämmerlicher Anblick! Sie ſah aus wie ein Schwamm— nicht jener glatte, fleiſchige, gleichſam glagirte Schwamm, wie er an dunklen Stel⸗ 92 len wächst, ſondern jene rauhe, braune, runzlige und drüſen⸗ artige Sorte, wie ſie auf alten Baumſtumpen und klapper⸗ dürren Thürpfoſten vorkommt. Die Zähne hatten faſt ſeit ei⸗ nem Vierteljahrhundert Abſchied von ihr genommen; ihre Adlerzüge waren durch deren Verluſt noch krummer und ſchnabelähnlicher geworden, und die Augen hatten ihr heißes Feuer verloren und waren trüb und düſter geworden. Der Anwalt hatte ganz Recht: der Haß iſt das letzte aller Dinge, das ſich in Aſche auflöst, auch wenn der Le⸗ bensfunke ſelbſt nur ganz ſchwach fortglimmt. Anfänglich ſah ſie nicht, wer in die Hütte eintrat, denn ihre Sehkraft reichte nur noch auf kurze Entfernung über ihr eigenes Ge⸗ ſicht. Der Ton von Sir Philipps Stimme, als er die an⸗ dere alte Frau fragte, wie es gehe, bewies ihr alsbald, wer er war, und der Haß„rüttelte an dem dumpfen, kalten Ohre des Todes.“ Eine kurze Weile lag ſie da und mur⸗ melte einige Töne, welche ſcheinbar ohne Bedeutung waren; endlich ſagte ſie jedoch deutlich genug: „Iſt das Philipp Haſtings?“ „Ja, meine arme Frau,“ erwiederte der Baronet.„Gibt es irgend etwas, was ich für Euch thun kann?“ „Kommt näher, kommt näher,“ bat ſie;„ich kann Euch nicht deutlich ſehen.“ „Ich bin dicht bei Euch,“ antwortete er; nich berühre das Bett, auf dem Ihr lieget.“ „Laßt mich fühlen,“ fuhr ſie fort;„reicht mir Eure Hand.“ Er that, wie er gebeten wurde, und ſeine Hand ergrei⸗ — 93 fend, machte ſte eine gewaltige Anſtrengung, um ſich im Bette aufzurichten: aber es wollte ihr nicht gelingen, viel⸗ mehr lag ſie eine Minute lang erſchöpft auf dem Lager, bis ſie endlich von Neuem ſprach. Endlich erhob ſie jedoch ihre Stimme lauter und ſchriller wie zuvor. „Möge ein Fluch auf dieſer Hand wie auf dieſem Haupte ruhen!“ rief ſie.„Möge dieſe Hand an ihrem eigenen Un⸗ heile, dieſes Haupt an ſeinem eigenen Untergange arbeiten! Möge das Kind Eurer Liebe Euren Frieden vergiften und Euch zum Spott, zum Witzwort und zur Schande werden laſſen! Möge das Weib Eures Herzens umkommen——“ Allein Sir Haſtings entzog ihr plötzlich ſeine Hand, und ungewohnte Röthe kam auf ſeine Wangen. „Schämt Euch!“ rief er in leiſem, ſtrengem Tone; „ſchämt Euch!“ Im nächſten Augenblicke hatte er ſich jedoch wieder völ⸗ lig gefaßt, und zu der Krankenpflegerin ſich wendend, ſagte er: „Die arme Unglückliche! Meine Anweſenheit ſcheint nur ſchlimme Gefühle in ihr zu wecken, welche ſchon längſt hätten verſchwinden ſollen und in der Todesſtunde keine tauglichen Rathgeber ſind. Wenn irgend etwas, was mein Haus bietet, zu ihrer leiblichen Erquickung beitragen kann, ſo laßt es dort holen; die Diener haben bereits meine Be⸗ fehle. Wollte Gott, daß irgend etwas zu ihrem geiſtlichen Wohle geſchehen könnte, denn dieſer Zuſtand iſt furchtbar mit anzuſehen!“ „Sie verlangt oft nach einem Prieſter, Euer Gnaden,“ 94 ſagte die Wartfrau;„vielleicht wenn ſie einen ſehen könnte, würde ſie vor ihrem Tode auf beſſere Gedanken gerathen.“ „Ich muß es leider bezweifeln,“ erwiederte ihr Beſuch; „auf alle Fälle können wir ihr dieſen Troſt nicht gewähren, 3 denn hier iſt keine ſolche Perſon zu finden.“ „Weiß doch nicht, Sir Philipp,“ ſagte die alte Frau ziemlich unentſchloſſen;„es heißt, zu Carrington ſey ein ſo⸗ genanntes Seminar—“ „Ihr meint doch nicht ein papiſtiſches Kolleg!“ rief der Baronet mit unverſtellter Ueberraſchung und Beſtürzung. „Ei bewahre, Sir,“ erwiederte die Krankenpflegerin; „nur ein einziger— ein Seminar— Seminarprieſter heißen ſie ihn, glaub' ich; natürlich ein Papiſt, aber es heißt, er ſey außerdem ein ganz braver Herr.“ Sir Philipp beſann ſich einige Minuten und wendete ſich nach der Thüre mit den Worten: „Mich dünkt, es iſt hart, wenn eine ſterbende Frau nicht einmal die Tröſtungen ihres eigenen Glaubens haben kann, ſo ſehr er auch auf Mummerei beruhen mag. Als Frie⸗ densrichter darf ich Euch nicht zu ſolchen Dingen ermäch⸗ tigen, gute Frau. Ihr müßt eben thun, was Ihr für paſſend haltet. Ich ſelbſt kenne keinen Prieſter in der Nach⸗ barſchaft, ſonſt wäͤre ich verpflichtet, ihn aufgreifen zu laſe 5 ſen. Ich will jedoch Eure Worte nicht gehört haben, und was das Uebrige betrifft, ſo müßt Ihr nach Gutdünken han⸗ deln. Ich habe die Geſetze nicht gemacht und mag manche für grauſam halten; wenn ich ſie machte, ſo würde ich nie verſuchen, das Gewiſſen der Menſchen zu feſſeln. Lebt wohl!““. Hiemit trat er durch die Thüre, ſtieg wieder auf ſein Roß und ritt von dannen. Es war eben in der frühen Herbſtzeit des Jahres, und die Landſchaft war von eigenthümlicher Lieblichkeit. Ich habe bereits eine kurze Beſchreibung davon gegeben, aber ich muß ſtille halten und abermals dabei verweilen, gerade wie Sir Philipp Haſtings anhielt und bei ihrer damaligen Lieblich⸗ keit verweilte, obwohl er ſie ſchon tauſendmal geſehen und betrachtet hatte. Er war nicht ſehr empfänglich für ſchöne Scenerie; gleich den Weiſen von Laputa waren ſeine Augen weit häufiger nach Innen als nach Außen gerichtet; aber es lag etwas in dieſer Landſchaft, was in ſeiner Bruſt eine Saite berührte, welche bei ſolchem Anblicke gewiß in der Bruſt jedes ſeiner Landsleute nachzittern wird. Sie war durchaus engliſch— ich möchte ſagen— ſpe⸗ ziſiſch engliſch, denn ich habe nirgends als in Altengland ge⸗ nau denſelben Charakter gefunden, mit einziger Ausnahme Neuenglands, wo uns— ſey es nun, daß ſich das Land mit den Bewohnern aſſimilirte, oder daß die Bewohner das Land wegen ſeiner Aehnlichkeit mit ihren alten väterlichen Wohn⸗ ſitzen wählten— gar manche Scene auffällt, welche dem wan⸗ dernden Engländer all' die theuren Gefühle ſeines Geburts⸗ landes vor Augen ruft, ſo daß er für einen Augenblick ver⸗ gißt, daß der breite atlantiſche Ocean zwiſchen ihm und der Heimath ſeiner Jugend dahinrollt. Laßt mich jedoch zu meinem Gemälde zurückkehren. Sir Philipp Haſtings ritt ſo ziemlich auf dem Gipfel jener langen Hügelreihe, welche die Grafſchaft, worin er wohnte, in zwei 96 Theile trennte. Bei Beſchreibung ſeines Parkes habe ich des ſandigen Charakters des Bodens auf dem entgegen⸗ geſetzten Abhange der Höhe erwähnt; hier aber, höher oben und wenig betreten von den zerbröckelnden Menſchenſchritten, kam der Sandſteinfelſen ſelbſt in einzelnen zerriſſenen Maſſen zum Vorſchein und gab dem ſanfteren Charakter der Scene ein anderes Ausſehen. Weit und breit zu beiden Seiten beherrſchte das Auge eine große Ausſicht, ruhte zuerſt auf einigen kühnen Hügelmaſſen oder zerriſſenen Felsſtücken, welche in harten und deutlichen Umriſſen mit ihrer Baum⸗ hülle und der gelben Krone von Stechginſter faſt den Cha⸗ rakter einer Klippe annahmen. Weiter abwärts folgte eine Wellenlinie nach der andern, und der Blick haftete auf verſchie⸗ denen vorſpringenden Punkten, welche, ähnlich den Erinne⸗ rungen früherer Tage, immer ſanfter und ſanfter wurden, je weiter ſie zurückwichen, bis die letzten Linien der weiten Fläche das Auge zweifeln ließen, ob es irdiſche Formen oder Wolken oder bloſe Bilder der Phantaſie vor ſich ſah. So war die Scene zu beiden Seiten; gerade vorwärts war ſie aber ganz anders, aber auch hier durchaus engliſch. Ließeſt Du Dich je in einem kleinen Boote auf den Gip⸗ fel einer ſehr hohen Woge hinantragen, theurer Leſer? Haſt Du dann wohl bemerkt, wenn Du an dem Waſſerberge hin⸗ abſchanteſt, wie der ſteile Abfall in die Tiefe unten durch kleinere Wogen und dieſe Wogen wieder durch Kräuſelwellen unterbrochen wurden? So war der Charakter der Ausſicht zu Füßen des Beſchauers. Von dem hochſten Punkte der ganzen Grafſchaft zog ſich eine ſachte allmaͤlige Senkung — 44 97 durch ein wohlbewäſſertes Thal hinab, nicht ununterbrochen, aber in kleineren und immer kleineren Erdwellen welche den Anblick der Landſchaft nur mannigfaltiger machten. Dieſe Wellen waren wiederum bezeichnet erſt durch zerſtreute und etwas krüppelhafte Büſche, dann durch große Eichen und Nußbäume, zwiſchen denen die weiße Rinde der anmuthigen Birke durchglänzte. Hier und dort ſah man eine maſſive Buchengruppe, auch einzelne Hütten, aus denen blaßbläu⸗ liche Rauchwolken über die Wipfel der Bäume emporkräuſel⸗ ten. Auf dem unterſten Abhange kamen Heckenreihen von Ulmen, mit hellgrünen, üppigen Raſenſtreifen dazwiſchen; weiter folgten einzelne Kirchthürme, die Dächer und weißen Mauern gar vielartiger menſchlicher Wohnſitze, einzelne Lich⸗ ter eines glänzenden Stromes mit zwei bis drei Brücken⸗ bogen. Darüber hinaus ſah man ein reiches weites Thal — faſt hätte ich es eine Ebene genannt— in heiterer Ver⸗ wirrung auftauchen, mit Feldern und Häuſern, mit Dörfern und Bäumen, mit Strömen und Thürmen, Alles in äußer⸗ ſter Unordnung vermiſcht und von dem mannigfaltigen Far⸗ ben⸗ und Schattenwechſel gefärbt, wie er dem Herbſte und dem Sonnenuntergange eigenthümlich iſt. Abwärts an der Höhe konnte Sir Philipps Auge meh⸗ rere Straßen und Pfade unterſcheiden, die ihm gleich täg⸗ lichen Gewohnheiten vollkommen vertraut waren. Da war ein Saumpfad, welcher, von einer etwa fechszehn Meilen entfernten Stadt daherkommend, die Ausläufer der Hügel überſchritt und halbwegs zwiſchen dem Gipfel und dem Thale der ganzen⸗Länge nach an der Bergreihe ſich hinzog, Fames, Rache, 7 98 Ein anderer, auf welchem er gekommen und den er weiter zu verfolgen beabſichtigte, durchſchnitt den Kamm der Hügel, ehe er die Hütte erreichte und ſtieg dann in ſanfter Biegung ins Thal hinab, indem er vorher den eben erwähnten Saum⸗ pfad durchkreuzte. Ein breiterer Weg— man hätte ihn in der That eine Straße nennen können, obwohl er nicht zu den Chauſſeen gehörte— kam von der Linken her über die Hü⸗ gel und ſtieg mit all den leichten anmuthigen Wendungen, wie ſie die Engländer ſo ſehr an ihren Heerſtraßen lieben und die Franzoſen ſo tief verabſcheuen, gleichfalls ins Thal und zu dem kleinen Marktflecken hinab, den man zuweilen über die Wipfel der Bäume herausgucken ſah. 5 Während der Baronet da oben auf ſeinem Pferde ſaß und ſich umſchaute, kam ihm mehr als ein lebender Gegen⸗ ſtand vor Augen. Da waren einige Schafe, welche längs des uneingeheckten Hügels hinwanderten und bald ſtillſtan⸗ den, um das kurze Gras abzurupfen, bald nach einem ſchmack⸗ hafteren Biſſen weiter trabten; tiefer unten waren Ochſen auf der Weide, ferner ein großer Karren, der ſich etwa eine halbe Meile entfernt auf einem offenen Stück der Straße langſam dahinwand; auf dem obenerwähnten Saumpfade tauchte die Figur eines einzelnen Reiters auf, welcher lang⸗ ſam und ruhig mit zögernder Miene weiter zog, woraus ein Beſchauer alsbald hätte eninehmen können, daß er jenen maleriſchen Wanderern angehorte, wie Sterne ſie nannte, und die Ausſicht im Vorbeiziehen genießen wollte. Auf der Straße, welche linker Hand über den Hügel kam, war ein anderer Reiter, aber in ganz anderem Aufzuge zu ſehen, denn 99 er kam in lärmendem Schritte daher geraſſelt und ſchien ſich offenbar um ſeines Pferdes Kniee gar wenig zu bekümmern. Der Blick, welchen Sir Philipp Haſtings auf jeden der Beiden warf, war nur haſtig und oberflächlich; ſeine Augen waren auf die vor ihm liegende Scene geheftet, deren Schön⸗ heiten er deutlicher empfand als begriff, und worüber er nach der ihm eigenthümlichen Weiſe ſeine Bemerkungen machte. Ich brauche hier den Gang ſeiner Gedanken nicht weiter zu verfolgen; er ſchloß mit den halbgemurmelten Worten: „Merkwürdig, daß ein ſolches Land ſo viele Schurken, Tyrannen und Spitzbuben erzeugt haben ſoll!“ Dann trieb er ſein Pferd langſam den Hügel hinab, er⸗ reichte bald einige hohe Bäume, wo die Hecken und Ein⸗ zäunungen ihren Anfang nahmen und näherte ſich eben dem Punkte, wo ſeine Straße den Saumpfad durchkreuzte, als er einen lauten und wie es ihm vorkam zornigen Wortwech⸗ ſel zwiſchen zwei ihm nicht ſichtbaren Wanderern mitanhörte. „Das will ich Euch bald lehren,“ ſchrie eine laute ge⸗ meine Stimme, einen gottesläſterlichen Fluch beifügend, mit welchem ich den Leſer verſchonen will. „Mein guter Freund,“ erwiederte eine andere mildere Stimme,„ich wünſche weder jetzt irgendwie belehrt zu wer⸗ den, noch wäret Ihr der Lehrmeiſter, den ich mir jemals wählen würde; im Nothfalle fönnte ich aber vielleicht Euch eine Lektion geben, die Euch wohl von einigem Nutzen ſeyn dürfte.“ Sir Philipp ritt weiter, und die nächſten Worte, die er 7 K 10⁰ vernahm, wurden von der erſten Stimme geſprochen und lau⸗ teten folgendermaßen: „Hol mich der Teufel, wenn ich das nicht verſuche! Nur könnte mein Mann unterdeſſen entwiſchen, und ich habe jetzt mit Andern als gerade mit Euch zu ſchaffen, ſonſt wollte ich Euch in zwei Minuten eine ſolche Tracht verſetzen, daß Ihr in Verlegenheit wäret, wenn Ihr in den nächſten Wochen einen weißen Fleck auf Eurer Haut finden wolltet.“ „Zwei Minuten würden Euch eben nicht lange aufhal⸗ ten,“ meinte die ruhigere Stimme,„und da ich noch nie eine ſolche Tracht einnahm, ſo möchte ich wohl ſehen, erſtlich ob Ihr ſie geben könnt und zweitens, wie ſie ſich ausnimmt.“ „Bei meiner Seele! Ihr nehmt's kaltblütig,“ bemerfte der erſte Sprecher mit abermaligem Fluche. „Vollkommen,“ erwiederte der Zweite. Im ſelben Augenblicke kam Sir Philipp Haſtings zwi⸗ ſchen den Bäumen gerade an der Stelle zum Vorſchein, wo die Straßen ſich kreuzten und wo die beiden Sprecher Mann gegen Mann ihm zu Geſicht kamen. Der Eine, der in der That jener behagliche Wanderer war, den er auf dem Saumpfade hatte daherziehen ſehen, war ein ſchlanker, gutausſehender, junger Mann zwiſchen drei⸗ und vierundzwanzig Jahren. In dem Andern erkannte der Baronet ohne Mühe den berüchtigten Boxer und Wild⸗ dieb Tom Cutter, den er ſchon mehr als einmal in den Thurm zu ſtecken das Vergnügen gehabt hatte. Ihn auf einem ſehr ſchönen, kräftigen Roſſe zu ſehen, gereichte Sir Philipp zu nicht geringer Verwunderung; da er aber naturlich an⸗ 10¹1 nehmen mußte, daß er es geſtohlen habe und ſich zum Ver⸗ kaufen ſeiner Beute nach der benachbarten Stadt begeben wolle, ſo ritt er auf ihn zu und ſtellte ſich ihm gerade in den Weg, feſt entſchloſſen, den Schlingel anzuhalten. „Ah, da iſt mein Mann,“ ſchrie Tom Cutter, ſobald er den Baronet gewahr wurde;„erſt will ich's mit ihm ab⸗ machen und dann zu Euch, mein Freund!“ „Nein, nein: nach dem alten Sprichworte— wer zuerſt kommt, mahlt zuerſt,“ erwiederte der Reiſende, ſein Pferd einige Schritte vortreibend. „In des Königs Namen! haltet Frieden,“ rief Sir Philipp Haſtings.„Als Friedensrichter beauftrage ich Euch, Sir, mir in Ergreifung dieſes Mannes beizuſtehen. Tom Cutter, ſteigt ab von dieſem Roſſe.“ Die einzige Antwort war ein gemeines Schimpfwort und ein Schlag mit einem ſchweren Stocke, der gerade auf Sir Philipps Haupt gezielt war. Dieſer hob den Arm in die Höhe und fing den Schlag auf, der ihm ſchier den Arm zerſchmetterte; aber im ſelben Augenblicke ſpornte der jün⸗ gere Reiſende ſein Pferd gegen den Flegel und ſchlug ihn mit einem Streiche ſeines Armes zu Boden. Tom Cutter war in einem Augenblicke wieder auf den Beinen. Er war an harte Schläge gewöhnt und konnte gleich Butler's unſterblichem Helden faſt aus jedem Hiebe das Material des Stockes, der ihn geſchlagen, erkennen. Er brauchte alſo nicht lange zu der Entdeckung, daß die Fauſt, welche ihn niedergeſtreckt, von nicht gewöhnlicher Schwere war, und daß ſie mit eben ſo großer Geſchicklichkeit als Kraft 10² dirigirt wurde; aber er war gewohnt damit zu prahlen, daß er noch nie von irgend Jemand eine Tracht angenommen— eine Eitelkeit, welche ihn in der Hoffnung auf Rache alsbald zu dem Entſchluſſe brachte, einen zweiten ähnlichen Schlag zu riskiren. So ſtürzte er denn mit dem Stocke in der Hand auf den jungen Fremdling los, und bereitete ſich ihn vom Pferde zu ſchlagen, denn der Andere ſchien außer einer leichten von einer Hecke abgeſchnittenen Haſelgerte keine Vertheidigungs⸗ waffe zu beſitzen. „Er wird auf der andern Seite ſeines Pferdes hinab⸗ ſpringen,“ dachte Cutter.„Thut er das, ſo will ich ver⸗ ſuchen, den Klepper niederzuſchlagen und über ihn zu werfen. Ich verſtehe dieſen Pfiff gut genug.“ Alllein der Fremde täuſchte ihn: ſtatt das Pferd zwiſchen ihn und ſeinen Angreifer zu ſtellen, ſprang er zunächſt neben dem Grobian mit einem Satze aus dem Sattel, faßte den aufgehobenen Stock mit der einen und den Kragen des Bo⸗ rers mit der andern Hand. Tom Cutter begann zu ahnen, daß er ſich wohl vergriffen habe; da er jedoch wußte, daß der Stock ihn bei ſolchem Handgemenge wenig nützen und daß die Stärke der Sehnen und Muskeln ihm allein helfen konnte, ſo ließ er den Prügel fallen und packte auch ſeiner⸗ ſeits nach dem Fremden. Das Alles war das Werk eines Augenblicks, und Sir Philipp Haſtings hatte nicht Zeit dazwiſchen zu treten. Ein kurzer Kampf, welcher die ſchönen Verhältniſſe, die große Stärke und Geſchicklichkert der Ringenden entfaltete— und 103 man ſah Tom Cutter mit dem Rücken auf dem Boden lie⸗ gen. Im nächſten Augenblicke ſtellte ihm der Sieger ſeinen Fuß auf die Bruſt und hielt den Schurken gewaltſam nieder, trotz aller ſeiner Ausrufe wie— „Hol mich der Teufel! das iſt nicht nobel! Wenn Ihr einen Mann zu Falle bringt, ſo laßt ihn auch wieder auf⸗ ſtehen!“ „Wenn er ein nobler Fechter iſt— allerdings,“ erwie⸗ derte der Andere;„wenn er aber den Piraten ſpielt, ſo laß ich's hübſch bleiben.“ Und dann an Sir Philipp Haſtings ſich wendend, welcher mittlerweile abgeſtiegen war, ſagte er: „Was ſoll ich mit dieſem Burſchen anfangen? Es ſcheint, er kam in der ausdrücklichen Abſicht hieher, Euch anzugrei⸗ fen, denn er begann ſeine Unverſchämtheit damit, daß Er fragte, ob Ihr vorübergekommen ſeyed, indem er eine ſehr genaue Beſchreibung Eurer Perſon gab und ſich mit lauten Schwüren vermaß, Ihr ſolltet finden, daß jeder Hund ſeinen Tag habe.“ „Sein Vergehen gegen mich will ich überſehen,“ erwie⸗ derte der Baronet,„denn mir ſcheint, er iſt dafür hinlänglich in ſeiner eigenen Münze bezahlt worden; aber ich vermuthe, er hat dieſes Roß geſtohlen. Er iſt ein Menſch von aner⸗ kannt ſchlechtem Charakter, der ein ſolches Thier nimmer⸗ mehr durch ehrliche Mittel erworben haben kann.“ „Nein, ich hab's nicht geſtohlen, das gelobe und ſchwöre ich,“ heulte der Schuft in jämmerlichem Tone, denn ſolche Raufbolde ſind faſt immer auch Feiglinge;„es wurde mir geliehen von John Ayliffe— Einige nennen ihn auch an⸗ ders, aber das hat hier nichts zu bedeuten. Er ſchickte mich hier herauf, um Euer Geſchwätz mit dem alten Weibe — der Mutter Danby— zu verhindern und Euch vielleicht eine gute Baſtonnade in den Kauf zu geben; geſtohlen habe ich aber das Pferd nicht, und da läuft die Beſtie über den Abhang und ich werde ſie nicht mehr einfangen, denn dieſer verfluchte Kerl hat mir beinahe den Hals gebrochen.“ „Geſchah Euch ganz recht, mein Freund“, verſetzte der Fremdling, ihn immer noch mit dem Fuße feſt an den Bo⸗ den preſſend.„Wie kommt Ihr dazu, einen Prügel gegen einen Mann zu gebrauchen, der keinen hat? Folgt ein andermal meinem Rathe und lernt erſt Euren Mann kennen, ehe Ihr Euch mit ihm einlaßt!“ Unterdeſſen war Sir Philipp Haſtings in tiefe Träume⸗ reien verſunken und wiederholte immer nur die Worte:„John Ayliffe!“ Dieſer Gedankengang, der in ſeiner Seele ge⸗ weckt worden, war ihm zwar nicht ganz neu, aber ſehr unerfreulich, denn die Zeit, da er zum erſtenmale mit jenem Namen bekannt wurde, folgte unmittelbar auf die Eröff⸗ nung ſeines väterlichen Teſtaments, worin man eine Klauſel gefunden hatte, welche die Auszahlung einer beträchtlichen Geldſumme an einige ſehr reſpektable Vormünder ausdrück⸗ lich zu dem Zwecke anordnete, um davon für den damals minderjährigen John Ayliffe eine Jahresrente zu erkaufen. Jene Klauſel hatte etwas enthalten, was Sir John Haſtings' Sohn und Erbe nicht verſtehen konnte und was ihm auch gar nicht gefiel. Das Teſtament trug ihm jedoch im Allge⸗ meinen auf, keinerlei Nachforſchung über die Beweggründe 10⁵ zu ſämmtlichen Legaten zu veranſtalten, und mit ſeiner ge⸗ wohnten ſtrengen Wahrung deſſen, was er als Recht betrach⸗ tete, hatte er nicht allein keine Fragen geſtellt, ſondern ſogar einem der Vormünder, der ſich in einige Erklärungen ein⸗ laſſen wollte, mit ſcharfen Worten den Mund verſchloſſen. Das Geld wurde der erhaltenen Weiſung zufolge ausbezahlt, und er hatte ſeit jener Zeit John Ayliffe's Namen nicht mehr gehört, bis er ihn hier von den Lippen dieſes Galgen⸗ vogels vernehmen mußte. „Was der Mann ſagt, mag wahr ſeyn,“ bemerkte Sir Philipp Haſtings endlich;„es gibt einen Menſchen jenes Namens, nur weiß ich nicht, wie ich ihn beleidigt haben ſoll. Laßt ihn lieber aufſtehen und ſein Pferd einfangen, wenn er kann. Aber erinnert Euch, Mr. Cutter, ich werde ein Auge auf Euch haben; zwei vollgültige Zeugen haben Euch im Be⸗ ſitze jenes Pferdes geſehen, und wenn Ihr es zu verkaufen ſucht, ſo ſollt Ihr dafür hängen.“ „O da bin ich zu geſcheidt, als daß ich ſo was thäte,“ brummte der Borer, ſich ſteif vom Boden aufrichtend, nach⸗ dem der Fremde ſeinen Fuß zurückgezogen hatte;„aber ich kann Euch ſagen, Sir Philipp: Andere haben ein Auge auf Euch, und Ihr thätet alſo beſſer, für Euch ſelbſt zu ſor⸗ gen. Ihr tragt den Kopf jetzt mächtig hoch; aber er kann auch noch tiefer herunter kommen.“ Sir Philipp Haſtings ließ ſich zu keiner Erwiederung, nicht einmal zu einem Blicke herab, ſondern wendete ſich zu dem Fremdling, wie wenn die Worte des Mannes ihm gar nicht zu Ohren gekommen wären, und ſagte; 106 „Ich denke, wir wollen lieber weiter reiten, Sir. Ihr ſcheint meinen Weg zu gehen; die Nacht iſt im Anbruche, und in dieſem Theile des Landes ſind zwei Reiſende zuweilen ſicherer als Einer.“. Der Andere verneigte ſich ernſthaft mit dem Haupte; Beide ſtiegen wieder zu Pferde und machten ſich auf den Weg, während Tom Cutter, nachdem er etwa fünf Minuten lang ſeine eigenen, wie mehrerer anderer Leute Augen, Glie⸗ der, Leib und Seele verflucht hatte, ſich ſo ſchnell er konnte an das Einfangen des entſprungenen Pferdes machte— eine Aufgabe, die ihm aber ſehr ſchwer wurde. Zehntes Kapitel. Die beiden Reiter zogen ihres Weges weiter. Mehrere Minuten lang ſprach keiner ein Wort; Sir Philipp war in ernſten Erwägungen über das Vorgefallene begriffen, und ſein jüngerer Begleiter betrachtete ſich die in den reizenden Strahlen des Sonnenunterganges ſchwimmende Landſchaft, wie wenn Nichts vorgefallen wäre. Sir Philipp hatte, wie ich dem Leſer bereits gezeigt habe, die Gewohnheit, über alles was ihm beſonders intereſ⸗ ſant war, nachzubrüten und mit einer merkwürdigen Art von Alchimie ganz andere Eſſenzen daraus abzuleiten, als ihre anſcheinende Natur zu erlauben ſchien, zuweilen reine, ſchöne und wohlthätige, zuweilen auch düſtere und ſchädliche 107 Dinge. Der ganze eben erlebte Auftritt ſtörte ihn gewaltig; er verwirrte ihn, und ließ ſeine Phantaſie auf tauſenderlei meiſt falſchen Pfaden dahinjagen; der Gedanke wollte ſich nicht gerne von ſeinen Grillen abrufen laſſen, um ſich mit anderen Gegenſtänden, als er ſie gerade vor ſich hatte, zu beſchäftigen. Der junge Fremdling dagegen ſchien zu jenen Menſchen zu gehören, welche Alles weit leichter nehmen. Im Augen⸗ blicke des Handelns hatte er Geſchicklichkeit, Entſchloſſenheit und große Thatkraft bewieſen; als er aber jetzt wieder zu Pferde ſaß und alle Punkte, die für einen Bewunderer der Natur von Intereſſe ſeyn konnten, mit unbefangener und ruhiger Miene betrachtete, da hätte wohl Niemand, der ihn ſah, geglaubt, daß er den Augenblick zuvor einen ſo hitzigen, wenn auch kurzen Kampf durchgefochten hatte. In Miene und Geſicht war nichts von der Hitze des Kämpfers oder von dem Triumphe des Siegers wahrzunehmen, und ſein fried⸗ licher, gleichmüthiger Ausdruck kontraſtirte ſtark gegen die Wolke, die ſich auf der Stirn ſeines Gefährten gelagert hatte. „Ich bitte für mein düſteres Stillſchweigen um Ver⸗ zeihung, Sir,“ begann endlich Sir Philipp Haſtings, wohl wiſſend, daß ſein Benehmen nicht ſonderlich höflich war; „dieſe Geſchichte beunruhigt mich. Neben mehreren Be⸗ ziehungen privatlicher Natur bin ich nicht mit mir einig, wie ich mit dem Schurken verfahren ſoll, den wir ſo leichten Kaufes entrinnen ließen. Seinen Angriff auf mich mag ich nicht an die große Glocke hängen; allein der Mann iſt 108 ein Schrecken der ganzen Umgegend, denn er begeht manches Verbrechen, das von dem Geſetze nur mit ungenügenden Strafen belegt wird, beſitzt aber genugſame Schlauheit, um ſich innerhalb der Linie zu halten, deren Ueberſchreitung die Geſellſchaft befähigen würde, ſich von einem ſolchen Schand⸗ flecke zu reinigen. Ich muß ſagen, es ſetzt mich ſehr in Verlegenheit, wie ich mit ihm verfahren ſoll. Ich habe ihn ſchon zwei⸗ bis dreimal in's Gefängniß geſprochen, und ich möchte beinahe bedauern, daß ich ihm diesmal, wo er über einem förmlichen Geſetzesbruche ertappt wurde, nicht meinen Degen durch den Leib gerannt habe; ich hätte alles Recht dazu gehabt.“ „Mich dünkt, Sir, das wäre zu viel geweſen,“ erwiederte ſein Begleiter;„er hat einen Fall erlitten, der(wenn ich anders richtig urtheile) eine hinlängliche Züchtigung für ſeinen Angriff gegen Euch ſeyn dürfte. Schon nach dem lex talionis hat er erhalten, was er verdiente, denn wenn er Euch beinahe den Arm abſchlug, ſo habe ich ihm nahezu den Hals gebrochen.“ „Es iſt nicht Strafe für ein Vergehen gegen mich, was ich ſuche, Sir,“ bemerkte der Baronet;„es iſt eine Pflicht gegen die Geſellſchaft, ſie von der Laſt eines ſolchen Men⸗ ſchen zu befreien, ſobald er ſelbſt die Gelegenheit dazu bietet. — Hierin hätte mich das Geſetz gerechtfertigt. Aber ſelbſt wenn dem nicht ſo geweſen wäre, kann ich mir dennoch manche Fälle denken, wo es zum Wohle unſeres Landes und der Geſellſchaft nothwendig ſeyn mag, das was das 1⁰9 Geſetz rechtfertigt zu überſchreiten, und das Recht nach der Nothwendigkeit zu modeln.“ „So handelten Brutus und einige ſeiner Freunde,“ er⸗ wiederte der junge Fremdling lächelnd,„und wir bewundern ſie ſehr wegen dieſer Handlungsweiſe; allein ich fürchte gleichwohl, wir würden ſie aufhängen, wenn ſie in der Lage wären, das Ding noch einmal zu probiren. Das Beiſpiel des Galgens und der Bildſäule dürfte mehrmals ihre An⸗ wendung finden, denn ich glaube wahrhaftig, wenn wir hiſtoriſche Charaktere wieder beleben könnten, würden wir faſt in allen Fällen Denen einen Galgen errichten, denen wir jetzt ein Monument erbauen.“ Sir Philipp Haſtings wendete ſich aufmerkſam nach ihm um, und ſah, daß ſein Geſicht heiter und lächelnd war. „Ihr nehmt dieſe Dinge ſehr leicht, Sir,“ ſagte er. „Mit nüchternem Gleichmuthe,“ erwiederte der Fremd⸗ ling. „Nein, mit etwas mehr,“ entgegnete ſein Gefährte. „In Eurem kurzen Kampfe mit jenem Schurken ſprangt Ihr über ihn her wie ein Löwe, mit einer trotzigen Rührig⸗ keit, welche ich kaum ſchon jetzt ſo weit beruhigt glauben kann.“ „O doch, mein theurer Sir,“ verſicherte der Fremdling; „ich bin ein Stück von einem Stoiker in allen Dingen. Es iſt nicht nöthig, daß die Raſchheit der That und des Gedan⸗ kens im Augenblicke der Noth auch nur um eine Linie über das Bedürfniß hinausgehen, oder eine Linie tiefer als die bloſe Vernunft ſinken ſollte. Der Mann, der durch eine 1¹⁰ gerechte Handlung, wozu er aufgefordert wird, ſein Herz aufwogen oder ſeine Leidenſchaft hinreißen läßt— iſt kein Philoſoph zu nennen. Verſteht mich jedoch recht: ich be⸗ haupte keineswegs, in meiner Philoſophie ganz vollkommen zu ſeyn; aber auf alle Fälle hoffe ich mich dermaßen in der Gewalt zu haben, daß wegen eines Ringkampfes mit einem ſo verächtlichen Geſchöpfe wie dieſes— mein Puls nicht um einen Streich ſchneller ſchlagen wird, nachdem die augen⸗ blickliche Anſtrengung vorüber iſt.⸗ Sir Philipp Haſtings war entzückt über dieſe Antwort, denn obwohl ſie eine Anſicht der Philoſophie enthielt, wel⸗ cher er nicht folgen konnte oder mochte, wie ſehr er ihr auch beipflichtete, ſo war doch der Gang des Raiſonnements und die Quelle des Beweiſes ſeinen eigenen Anſichten ſo ſehr verwandt, daß er ſchon glaubte, endlich einen Mann ganz nach ſeinem Herzen gefunden zu haben. Er wollte jedoch noch keine weitere Meinung über den Gegenſtand äußern, bis er mehr von ſeinem jungen Begleiter geſehen hätte; aber dieſes mehr beſchloß er auch zu ſehen. Mittlerweile änderte er den Gegenſtand des Geſpräches und ſagte: „Ihr ſcheinet ein ſehr geſchickter und wohlgeübter Rin⸗ ger zu ſeyn, Sir.“ „Ich wurde in Cornwall auferzogen,“ erwiederte der Andere,„obwohl ich nicht von dort gebürtig bin, und auch keine Verwandtſchaft mit dem dortigen Volke beſitze. Ich bin ſtolz darauf, mich als einen Angelſachſen zu betrachten, denn ich halte dieſen Stamm für den größten, den die Welt jemals hervorgebracht hat.“ 111 „Wiel ſogar noch höher als die Römer?“ fragte Sir Philipp. „Ja wohl,“ antwortete der Andere;„mit ebenſo großer Energie und Entſchloſſenheit, weniger Beweglichkeit und größerer Ausdauer verbindet er noch manche Eigenſchaft, welche die Römer nicht beſaßen. Die Römer haben uns manche ſchöne Lehre hinterlaſſen, die wir ebenſo gut wie ſie ausüben können, während wir Vieles beſitzen, wovon ſie keinen Begriff hatten.“ „Dieſen Gegenſtand möchte ich wohl etwas weiter mit Euch verfolgen,“ entgegnete Sir Philipp Haſtings;„aber ich weiß nicht, ob wir Zeit genug haben werden, daß es der Mühe werth wäre, damit zu beginnen.“ „Ich weiß es ebenſo wenig,“ antwortete der junge Fremde,„denn erſtlich bin ich mit dem Lande unbekannt, und dann weiß ich nicht, wie weit Ihr gehet. Mein Weg führt mich nach einem Städtchen, Namens Hartwell, oder (wie es vermuthlich geſchrieben werden ſollte) Hartswell, wahrſcheinlich nach einem Brunnen ſo genannt, wo Haſen und Hirſche ſich zu verſammeln pflegten.“ „Ich gehe etwas darüber hinaus,“ verſetzte Sir Philipp Haſtings,„ſo daß wir für die nächſten zehn Meilen zuſam⸗ menreiſen werden.“ Mit dieſem hübſchen Zeitraum vor ſich verſuchte der Baronet ſeinen jungen Begleiter zu dem Gegenſtande zurück⸗ zubringen, der bei ihm von jeher ein Lieblingsgegenſtand geweſen war. Allein der Fremde ſchien ebenſo gut wie Sir Philipp 112 ſeine Steckenpferde zu haben, und nachdem er ſich einmal mit dem Worte Hartwell in die Etymologie eingelaſſen, ver⸗ folgte er ſte mit einer Gier, welche jedes andere Thema aus⸗ ſchloß. „Ich glaube,“ ſagte er, ohne Sir Philipp's Diſſertation über die Tugendeu der Römer im Geringſten zu beachten, „daß mit Ausnahme einiger weniger von den Normännern uns aufgedrängter Worte kein einziger Eigenname in Eng⸗ land vorkommt, der ſich nicht auf zufällige Umſtände in der Geſchichte der Familie oder des Ortes zurückführen ließe. Da iſt zum Beiſpiel Aylesbury oder Eaglestown, wovon erſteres abgeleitet iſt; der Ort war ſicherlich in alten Zeiten als ein Lieblingspunkt der Adler bekannt, die ihn wahrſchein⸗ lich der jenem Orte eigenthümlichen Entenſorte zulieb auf⸗ ſuchten. Briſtol, im Angelſächſiſchen die Stelle einer Brücke bedeutend, iſt leicht zu erklären, und Cosford oder Coſtaford (heißt im Angelſächſiſchen des Verſuchers Furth) leitet ſei⸗ nen Namen offenbar von einem Moͤnche oder Mädchen her, welche daſelbſt dem Feinde des Männer⸗ oder Weiberge⸗ ſchlechtes begegneten und Urſache hatten, das Zuſammen⸗ treffen zu bereuen. Alle thams, tons und ſons⸗ führen uns alsbald auf die Entſtehung des Namens, nicht zu gedenken aller Punkte des Kompaſſes, aller Farben des Regenbogens und jedes Gewerbes, deſſen Erfindung dem Scharfſinne des Menſchen gelungen.“ Umſonſt verſuchte Sir Philipp Haſtings, während der nächſten halben Stunde ihn zu wichtigeren Fragen— wie er es anſah— zurückzubringen. Der junge Mann hatte 113 die Römer offenbar für eine Zeitlang ſatt, und erging ſich in tauſenderlei phantaſtiſchen Spekulationen über alle mög⸗ lichen Thema's, nur nicht über dieſes, bis Sir Philipp, der ſeinen Verſtand Anfangs ſehr hoch tarirt hatte, ihn für nicht viel beſſer als für einen Narren zu halten anfing. Plötzlich ließ der Fremde— wie es ſchien mehr aus Höflichkeit als aus Neigung— ſeinen Gefährten in der Wahl des Gegen⸗ ſtandes gewähren, und bewies in ſeinen Antworten ſolche Tiefe des Verſtandes, ſo genaue Kenntniß der Geſchichte und ſo ſcharfe beſtimmte Anſichten, daß der Baronet aber⸗ mals ſeine Meinung änderte, und zu ſich ſelber ſagte: „Das iſt in der That ein feiner, ausgezeichneter Kopf, durch die Anſteckung einer verdorbenen, frivolen Welt bei⸗ nahe verzogen, der ſich aber wohl zurückrufen ließe, wenn das Glück ihn mit Leuten von feſten und erprobten Grund⸗ ſätzen in Berührung brächte.“ Er überlegte ſich die Sache eine kurze Zeit. Es war jetzt vollkommen finſter geworden, und die Stadt, belcher der Fremde zuſtrebte, war kaum mehr eine Viertelmeile entfernt. Die kleinen Sterne ſchauten vom Himmel herab, die Thaten der Menſchen gleich hellaugigen Spionen der Nacht beob⸗ achtend; der Mond war aber noch nicht aufgegangen, und die einzige Helle auf ihrem Pfade wurde von dem blitzenden Strome zuruckgeworfen, der längs der Straße dahintanzte, und alle zerſtreuten Strahlen aus der Luft aufzuſaugen und mit Zinſen wiederzugeben ſchien. „Ihr kommt hier Hartwell ſehr nahe,“ bemerkte Sir Philipp endlich;„aber es iſt von dieſer Straße aus ziemlich James. Rache. 8 114 ſchwer zu finden, und da es nicht weit von meinem Wege abliegt, ſo will ich Euch dahin begleiten und dann die Heer⸗ ſtraße weiter verfolgen.“ Der Fremdling wollte ihm eben ſeinen Dank ausdrücken, als ihm der Baronet mit den Worten zuvorkam: „Iſt durchaus unnöthig, mein junger Freund; ich finde Wohlgefallen an Eurer Unterhaltung, und, möchte Eure Bekanntſchaft gerne weiter kultiviren, wenn ſich Gelegenheit hiezu darböte. Ich heiße Sir Philipp Haſtings, und es wird mich freuen, Euch jederzeit in meinem Hauſe zu ſehen, wenn Ihr in der Nähe vorüber kommt.“ „Ich werde Euch jedenfalls aufwarten, Sir Philipp, wenn ich mich länger in dieſer Grafſchaft aufhalte,“ erwie⸗ derte der Andere.„Das iſt jedoch unſicher, denn ich komme blos in Geſchäftsſachen hieher, die ſich in wenigen Stunden abmachen laſſen— ja ſogar in dieſer Zeit abgemacht werden ſollten, da ſie mir höchſt einfach vorkommen. Vielleicht werde ich jedoch länger aufgehalten, und dann werde ich nicht ermangeln, Eure gütige Erlaubniß zu benützen.“ Dies ſagte er ganz ernſthaft, und es wurde wenig weiter geſprochen, bis ſie das Städtchen Hartwell betraten. Sie hatten etwa die Hälfte des Ortes hinter ſich, als ſie vor der Front eines Hauſes ein großes galgenähnliches Gerüſte mit einem daran aufgehängten Brette gewahrten, auf welchem ein Stern zu ſehen war. Ein Licht, das aus den Fenſtern des gegenüberliegenden Hauſes leuchtete, ſiel gerade auf dieſes Zeichen, und der Fremde zog ſeinen Zügel an und ſagte; 115 „Hier iſt mein Gaſthof, und ich will Euch jetzt nebſt vielem Danke gute Nacht wünſchen, Sir Philipp.“ „Mich dünkt, der Dank wäre auf meiner Seite, ſowohl für die vergnügte Reiſe, als für die Züchtigung, die Ihr über jenen Schurken Cutter verhängtet,“ erwiederte der Baronet. „Was das Erſte betrifft,“ meinte der Fremde,„ſo iſt das mehr als bezahlt, wenn es überhaupt einen Dank ver⸗ diente, und das Andere war ſchon an ſich ein Vergnügen. Es gereicht mir immer zu großer Befriedigung, wenn ich einem dieſer bäuriſchen Boxer ſein Selbſtvertrauen herab⸗ ſtimmen kann.“. Mit dieſen Worten ſtieg er ab, und wünſchte Sir Phi⸗ lipp gute Nacht. Dieſer ritt ſeines Weges weiter, in Ge⸗ danken noch immer mit dem jungen Fremdling beſchäftigt, denn Sir Philipp ließ ſich, wie geſagt, nur ſelten von zwei Ideen zu gleicher Zeit erfaſſen. Er überlegte, erwog und zergliederte Alles, was der junge Mann geſprochen hatte, und der letzte Schluß, zu dem er endlich gelangte, war ſogar noch günſtiger als der erſte. Er ſchien ein Mann ganz nach ſeinem eigenen Herzen, gerade mit ſo viel Verſchiedenheit in Charakter und Anſichten, um dem Baronet das Verlangen einzuflößen, daß ihm Gelegenheit geboten würde, ihn nach ſeinem eigenen Ideal der Vollkommenheit umzumodeln. Wer er ſeyn mochte, konnte er nicht errathen. Daß er in Charakter und Sitten ein Gentleman war, unterlag keinem Zweifel; daß er nicht reich war, ſchloß Sir Philipp aus dem Umſtande, daß er ſich nicht den beſten Gaſthof im 8* Städtchen gewählt hatte; auch durfte er annehmen, daß er von nicht ſehr diſtinguirter Familie abſtammte, da er ſich nicht herbeigelaſſen hatte, als Erwiederung auf des Baro⸗ nets offene Einladung ſeinen eigenen Namen zu nennen. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, ritt Sir Philipp nur langſam weiter, und brauchte faſt eine halbe Stunde, bis er Mrs. Hazleton's Parkthore erreichte, obwohl dieſe nur zwei Meilen von dem Städtchen entfernt lagen. Endlich erreichte er ſie und zog die Glocke. Der Logenhüter öffnete das Thor nur langſam, und ſein Pferd in raſcheren Schritt ſetzend, trabte Sir Philipp die Allee gegen das Haus hinauf. Er hatte es jedoch noch nicht erreicht, als er den Klang von Pferdehufen hinter ſich ver⸗ nahm, und als er vor der Thüre abſtieg, kam ſein Reiſe⸗ gefährte dahergejagt, ſprang zu Boden und ſagte lachend: „Ich ſehe, Sir Philipp, daß wir Beide für heute das gleiche Nachtquartier haben werden. Bei meiner Ankunft zu Hartwell erwartete ich nicht, dieſes Haus vor morgen früh zu beſuchen; Mrs. Hazleton ließ jedoch mein Gepäck mit großer Güte aus dem Gaſthofe abholen, und es bleibt mir alſo keine andere Wahl als ſie noch heute Nacht zu ſtören.“ Indem er noch ſprach, wurden die Thüren des Hauſes aufgeriſſen, Diener kamen herbei, um ihnen die Pferde ab⸗ zunehmen, und die beiden Gentlemen wurden alsbald in Mrs. Hazleton's Empfangzimmer geführt. . 117 Eilftes Kapitel. Mrs. Hazleton ſah ſo ſchön aus wie ſie mit Zwanzig ausgeſehen hatte— vielleicht ſogar noch beſſer, denn die paar letzten Jahre vor dem Beginne des Verfalles ſcheinen die Lieblichkeit des Weibes oft eher zu vermehren als zu vermindern. Sie war mit großem Geſchicke und Ge⸗ ſchmacke, ja ſogar mit beſonderer Sorgfalt gekleidet. Ihr Haar, das noch keinen einzigen Silberfaden in ſeiner wogen⸗ den Maſſe aufwies, war ſo geordnet, daß es die hohe breite Stirne, die ihrem Geſichte einen faſt zu verſtändigen Aus⸗ druck gab und dieſen zu Zeiten(denn die Züge waren durch⸗ aus weiblich) mehr dem eines Mannes als dem des Weibes ähnlich machte— theilweiſe verſteckte. Ihr Anzug war ſehr einfach, aber von koſtbarem Stoffe, war jedoch mit dem feinſten Farbenſinne ausgewählt, wie er am beſten zu ihrer Geſichtsfarbe paßte, und ſchien ihre Schönheit eher anzu⸗ deuten als zu entfalten. Mit Grazie und Würde in jeder Bewegung ging ſie dem Sir Philipp Haſtings entgegen, indem ſie ihm offen die Hand bot und einen ihrer glänzendſten Blicke auf ihn ſtrahlen ließ. Bei ihm war jedoch Alles weggeworfen; doch hatte das nichts zu ſagen, denn es that ſeine Wirkung in anderer Richtung. Dann wendete ſie ſich mit größerer Zurückhaltung in ihrem Weſen zu dem jüngeren Gentleman. Als ſie aber mit ihm ſprach und ihn in ihrem Hauſe will⸗ kommen hieß, färbten ſich ihre Wangen mit einer Röthe, welche Sir Philipp's Augen nicht entgangen wäre, wenn 118 er überhaupt die Gewohnheit gehabt hätte, ſeine Augen zu gebrauchen. Beide hatten ſich offenbar früher getroffen, aber nicht oft und ihre Worte:„guten Abend, Mr. Marlow, ich freue mich, Euch in meinem Hauſe zu ſehen—“ wurden in einem Tone geſprochen, wie wenn ſie wirklich darüber er⸗ freut wäre, aber es nicht zu deutlich an den Tag zu legen wünſchte.„Ihr ſeyd mit meinem Freunde Sir Philipp Haſtings gekommen,“ fuhr ſie fort.„Ich wußte nicht, daß Ihr mit einander bekannt waret.“ „Wir waren es auch nicht bis heute Abend, theuerſte Madame,“ erwiederte der Baronet, für ſich ſelbſt wie für ſeinen Reiſegefährten das Wort ergreifend,„da wir zufällig unterwegs auf dem Hügel zuſammentrafen. Wir hatten eine ziemlich unerfreuliche Begegnung mit einem notoriſchen Wilddiebe Namens Tom Cutter, der uns zuerſt mit einander bekannt machte, obwohl mir der Name meines jungen Freundes unbekannt blieb, bis Ihr ihn vorhin ausſprachet.“ „Tom Cutter! Iſt das nicht der Mann, der mir all' mein Wild ſtiehlt?“ fragte die Lady in nachdenklichem Tone. Sie dachte übrigens weder an Tom Cutter, noch an das geſtohlene Wild noch an die Sünde und Unbilligkeit der Wilddieberei oder dieſes letzte Zuſammentreffen. Ihr Aus⸗ ruf und ihre Nachfrage zuſammen genommen waren blos eine jener kleinen halb unbewußten Kriegsliſten, mit denen wir oft die andere Partei und zuweilen auch unſer eigenes äußeres Ich zu unterhalten ſuchen, während der verſteckte Geiſt innerlich mit irgend einer Frage beſchäftigt iſt, in die wir unſere Mitſprechenden keinen Blick werfen laſſen wollen. 119 Sie fragte ſich in der That, was wohl Sir Philipp Haſtings und Mr. Marlow auf dem Weg nach ihrem Hauſe mit ein⸗ ander geſprochen haben könnten— ob ſie wohl von ihr und ihren Angelegenheiten verhandelt hätten und wie ſie am beſten hierüber Auskunft erlangen könnte, ohne daß man gewahr würde, daß ſie ſolche ſuche. Sie fand bald Gelegenheit, die Sache mehr mit Muße zu betrachten, denn Sir Philipp Haſtings entfernte ſich auf einige Zeit in das für ihn bereit gehaltene Zimmer, indem er bemerkte, daß ihr ſtaubiges Reiſekoſtüm nicht für das Beſuchzimmer einer Dame paſſe. Die ſchöne Haus⸗ frau hielt Mr. Marlow noch einige Minuten zurück, wo⸗ bei ſie ſich in ſanftem freundlichem Tone mit ihm beſprach und ihre glänzenden Augen auf die bezauberndſte Weiſe gegen ihn ſpielen ließ. Sie drückte ihr Bedauern darüber aus, daß ſie ihn nicht öfter geſehen habe und äußerte in den anmuthigſten Ausdrücken die Hoffnung, daß gerade die pein⸗ liche Frage, welche die läſtigen Advokaten zwiſchen ihnen aufgeworfen, ein Mittel werden möchte, um ihr Bekanntſeyn zu einer wirklichen Freundſchaft reifen zu laſſen. Narlow antwortete mit aller Galanterie, aber mit ge⸗ ziemender Vorſicht, und zog ſich dann auf ſein Zimmer zu⸗ rück um die Kleider zu wechſeln. Er war in der That ein recht gut ausſehender junger Mann von ſchöner Geſtalt und angenehmem, wenn auch nicht regelmäßig hübſchem Geſichte, ſo daß Mrs. Hazleton vielleicht andere Dinge zu überlegen hatte, wie ſie in ſeinem Geſpräche mit Sir Philipp Haſtings vorgekommen waren. So viel iſt ſicher, daß der Baronet, 12⁰ als er ganz kurz darauf zurückkehrte, ſeine ſchoͤne Wirthin in tiefer Träumerei antraf, aus welcher ſein plötzlicher Ein⸗ tritt ſie aufſtörte, wobei ein ſehr verwirrter, ihr keineswegs eigener Blick nicht zu verkennen war. „Ich bin ſehr froh, einige Augenblicke allein mit Euch zu reden, mein theurer Freund,“ begann Mrs. Hazleton nach kurzer Pauſe.„Dieſer Mr. Marlow iſt der Herr, welcher eben dieſes Beſitzthum, auf dem wir ſtehen, für ſich beanſprucht.“ Hier fuhr ſie fort, ihren Zuhorer theils in freiwilligen Erklärungen, theils als Antwort auf ſeine Fragen ihre eigene Anſicht von dem Rechtsfalle zwiſchen ihr und Mr. Marlow mitzutheilen, wobei ſie mit großem Geſchicke be⸗ müht war, Sir Philipp Haſtings für ihre eigenen Rechte gegenüber denen ihres anderen Gaſtes zum Voraus einzu⸗ nehmen. „Wollt Ihr damit ſagen, theure Madame, daß er dieſes ganze große Beſitzthum anſpricht?“ fragte Sir Philipp. „Das wäre in der That ein ſehr ſchwerer Schlag.“ „O nein,“ erwiederte die Dame;„der Haupttheil des Gutes iſt ohne allen Zweifel mein; aber der Boden, auf dem dieſes Haus ſteht, und etwas über tauſend Morgen ringsumher wurde von meinem armen Vater, ich glaube vor meiner Geburt, als tauglichſte Stelle für einen Wohnſitz erkauft. Er konnte das alte Schloß in Eurer Nähe nie ſo recht leiden und baute ſich dieſes jetzige Wohnhaus. Mr. Marlow's Advokaten erklären nun, ſein Großonkel, welcher das Land an meinen Vater verkaufte, habe kein Recht 12¹ hiezu gehabt, denn das Beſitzthum ſey ein Majorat ge⸗ weſen.“ „Davon kann man ſich leicht überzeugen,“ meinte Sir Philipp Haſtings;„ſollte ſich dies wirklich alſo erweiſen, ſo fürchte ich ſehr, theuerſte Madame, es wird Euch kein an⸗ deres Mittel übrig bleiben, als das Gut aufzugeben.“ „Iſt Das aber nicht ſehr hart?“ fragte Mrs. Hazle⸗ ton.„Sie, die Marlow's, haben ja doch das Geld em⸗ pfangen.“ „Das macht keinen Unterſchied,“ erwiederte Sir Philipp nachdenklich.„Dieſes jungen Mannes Großonkel mag Euren Vater beeinträchtigt haben; aber er iſt hiefür nicht verantwortlich, und ich fürchte überdies, ſein Anſpruch dürfte ſich nicht auf das Gut allein beſchränken, denn er könnte am Ende auch Zinsrückſtände beanſpruchen.“ „Ja, das iſt es eben, was mein Advokat, Mr. Shanks, ſagt,“ bemerkte Mrs. Hazleton mit verwirrtem Blicke.„Er meint, wenn Mr. Marlow den Prozeß gewinne, ſo werde ich ſämmtliche Gutsrenten bezahlen müſſen. Shanks ver⸗ ſicherte mich jedoch, er werde ihn ganz gewiß beſiegen, wenn wir nur den Sergeant Feetham und Mr. Doubledo zu un⸗ ſerem Rechtsbeiſtande gewinnen könnten.“ „Shanks iſt ein Spitzbube,“ erklärte Sir Philipp in ruhigem, gleichmüthigem Tone,„und die beiden ebengenann⸗ ten Advokaten ſtehen in dem Rufe gelehrter aber gewiſſen⸗ loſer Männer. Die Hauptſache iſt, daß wir uns überzeugen, ob der Anſpruch dieſes Gentlemans gerecht iſt, und dann billig gegen ihn handeln, was in dem Sinne, den ich dieſem 122 Worte beilege, von geſetzlichem Handeln weſentlich ver⸗ ſchieden iſt.“ „Ich weiß in der That nicht, was ich thun ſoll,“ rief Mrs. Hazelton mit leiſem Kichern, wie über ihre eigene Verlegenheit.„Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einer ſolchen Lage,“ worauf ſie in ſcherzendem Tone, aber ſehr flüchtig, wie wenn ſie ſich ſcheute auf jedem einzelnen Worte zu verweilen oder ihm beſonderen Nachdruck zu geben— alſo fortfuhr:„Wäre mein armer Vater am Leben, ſo würde er Alles nach ſeiner eigenen Weiſe in kurzer Zeit abmachen. Ihr wißt, Sir Philipp, er war ein großer Heirathſtifter und hätte trotz aller Hinderniſſe vorgeſchlagen, die Sache lieber durch eine Heirath als durch einen Prozeß zu beſchließen.“ Und ſie lachte abermals, wie wenn der bloſe Gedanke lächerlich wäre. Der unerfahrene Sir Philipp lachte ebenſo und erwie⸗ derte höchſt unpaſſend: „Der Unterſchied des Alters würde ſolches natürlich außer Frage ſtellen.“ Auch nachdem er dieſe Unvorſichtigkeit begangen, be⸗ merkte er nicht einmal den rothen Fleck, der auf Mrs. Hazleton's ſchöner Stirne auftauchte und die Wirkung ſeiner Worte genugſam andeutete. Eine unheilverkündende minutenlange Pauſe folgte, bis der Baronet das Geſpräch in ſeinem gewohnten ruhig demonſtrirenden Tone wieder aufnahm. „Nach Mr. Marlow's Benehmen und Reden glaube ich 123 nicht, daß er in dieſer Sache ſehr anſpruchsvoll auftreten wird,“ ſagte er.„Seine Forderung muß jedoch vor Allem unterſucht werden, ehe wir uns auf Eurer Seite in irgend Etwas einlaſſen. War das Beſitzthum wirklich ein Majorat, ſo hat er rechtlich wie geſetzlich ein unbezweifeltes Recht an daſſelbe; darauf könnte er aber, dünkt mich, auch ſeinen Anſpruch beſchränken, wenn er von ächter Billigkeit beſeelt iſt. Das Majorat muß jedoch vor Allem mit klaren Worten erwieſen werden.“ „Nun wohl,“ flüſterte Mrs. Hazleton haſtig, da ſie auf der Eichentreppe einen Schritt nahen hörte,„ich will es ganz Euch überlaſſen, Sir Philipp. Ich bin überzeugt, Ihr werdet für mein Intereſſe Sorge tragen.“ Sir Philipp konnte das Wort Intereſſe ganz und gar nicht leiden, und ſo ſetzte er mit etwas ſteifem Kopfnicken bei: „Und für Eure Ehre, meine theure Madame.“ Mrs. Hazleton fand an ſeinem Worte eben ſo wenig Wohlgefallen wie er an dem ihrigen. Sie wurde feuerroth, gab jedoch keine Antwort; aber jenes Wort blieb ihr un⸗ vergeßlich. Gleich darauf trat Mr. Marlow mit ruhiger, unbefan⸗ gener Miene in's Zimmer, offenbar ohne zu wiſſen, daß er der Gegenſtand des Geſpräches geweſen war. Während des Abends erwies er ſeiner ſchönen Wirthin jede Art höf⸗ licher Aufmerkſamkeit und ließ nicht undeutlich vermerken, daß er ſie für eine ſehr ſchöne, bezaubernde Frau hielt. Wie auch immer ihr Spiel beſchaffen war— das darfſt Du mir glauben, Leſer, daß ſie es geſchickt zu ſpielen wußte, 124 und ſchon der Umſtand, daß ſie ſich frühzeitig und gerade in dem Augenblicke, wo ſie den günſtigſten Eindruck gemacht hatte, zurückzog, und es Sir Philipp Haſtings überließ, Mr. Marlow beim Abendeſſen zu unterhalten— war nicht ohne Berechnung. Sobald die Lady fort war, kam Sir Philipp auf Mrs. Hazleton's Geſchäft mit ſeinem jungen Freunde zu ſprechen und wußte die Sache geſchickter zu handhaben, als man hätte erwarten ſollen. Er erzählte ganz einfach, Mrs. Hazleton habe gegen ihn eines Anſpruches erwähnt, den Marlow's Advokaten auf ihr Beſitzthum erheben; ſie habe es jedoch vorgezogen, die Unterſuchung der Sache nicht bloſen Geſchäftsleuten, ſondern ihrem Freunde zu übertragen. Ein offenes, gutmüthiges Lächeln kam alsbald über Mr. Marlow's Züge. „Ich bin kein reicher Mann, Sir Philipp,“ ſagte er, nund will alſo keine Betheurungen der Großmuth machen. Da jedoch mein Großonkel das Geld von Mrs. Hazleton's Vater unzweifelhaft empfangen hat, ſo würde ich ſie höchſt wahrſcheinlich gar nie mit der Sache beunruhigt haben, wenn nicht gerade dieſes Beſitzthum der urſprüngliche Sitz unſerer Familie wäre, auf welchem wir unſere Vorfahren viele Jahrhunderte rückwärts verfolgen können. Das Gut war jedenfalls ein Majorat; mein Vater und mein Oheim waren noch am Leben, als es verkauft wurde, und thaten lediglich nichts, was die Majoratsſtiftung aufhöbe. Das Alles läßt ſich beweiſen, und wenn auch mein Anſpruch Mrs. Hazleton etwas unbequem fällt, ſo möchte ich ihr 125 doch gerne alles Peinliche der Sache erſparen. Ich bin deßhalb mit einem Vorſchlag gekommen, den Ihr, wie ich zuverſichtlich hoffe, raiſonnabel finden werdet. Ich erwartete eigentlich eher ihren Advokaten als einen unabhängigen Freund hier zu treffen, und mehrere Perſonen, welche meine Anſprüche vielleicht richtiger als ich ſelbſt beurtheilen, ver⸗ ſicherten mich, daß mein Vorſchlag ſoögleich angenommen werden würde.“ „Darf ich fragen, worin dieſer Vorſchlag beſteht?“ ver⸗ ſetzte Sir Philipp. „Sicherlich,“ erwiederte Mr. Marlow.„Er lautet alſo: Mrs. Hazelton ſoll vorerſt einen Mann von Ehre— ob nun Advokat oder nicht, wie es ihr beliebt— beſtimmen, um meinen Anſpruch in Gemeinſchaft mit mir oder meinem Rechtsanwalte zu unterſuchen, mit der Ermächtigung, einen Dritten als Schiedsrichter zwiſchen uns zu beſtellen. Wäre mein Anſpruch als gerecht erwieſen, ſo ginge mein fernerer 8 Vorſchlag dahin, daß Mrs. Hazelton mir die fraglichen Ländereien übergebe, wogegen ich ihr die von meinem Groß⸗ oheim empfangene Summe zurückzahlte und—“ „Halt,“ ſiel Sir Philipp Haſtings ein.„Wißt Ihr wohl, daß das Geſetz Euch nicht hiezu verpflichten würde?“ „Vollkommen,“ verſicherte Marlow;„ich bin nicht ein⸗ mal überzeugt, ob die Billigkeit ſolches erfordern würde, denn es iſt mir nicht bekannt, ob mein Vater aus dem meinem Oheim bezahlten Gelde jemals Nutzen gezogen. Er kann vielleicht ohne mein Wiſſen einen Theil davon ein⸗ genommen haben; aber ich moͤchte mich lieber zum Nutzen 126 als zum Schaden meines Widerpartes irren. Ich ſchlage ferner vor, daß die Gutsrenten, wie ſie aus den Pacht⸗ kontrakten hervorgehen, nebſt den Zinſen vom Werthe des Bodens, der dieſes Haus umgibt, ſo lange es außer unſerem Beſitze war, geſchätzt, während andererſeits die geſetzlichen Intereſſen der für das Beſitzthum bezahlten Summe für die gleiche Periode berechnet werden, die kleinere Summe von der größeren abgezogen und die Balance von mir an Mrs. Hazleton oder von dieſer an mich entrichtet werde, ſo daß Alles in denſelben Zuſtand käme, wie wenn dieſer un⸗ glückſelige Kauf gar nie ſtattgefunden hätte.“ Sir Philipp Haſtings beſann ſich über eine Minute, ohne eine Erwiederung zu geben. Das iſt eine lange Zeit zum Ueberlegen, und mancherlei Gedanken und Gefühle mögen während dieſes Zeitraumes durch die Bruſt eines Mannes ziehen. Es waren diesmal auch wirklich vielerlei Erwägungen, und es wäre nicht ſehr leicht, ſie genau zu definiren oder von einander zu trennen. Sir Philipp dachte an Alles, was das Geſetz dem jungen Manne unter ſolchen Umſtänden bewilligt haben würde— das ganze Beſitzthum mit ſämmtlichen Zinsrückſtänden, allen getroffenen Ver⸗ beſſerungen, die glänzende Wohnung, in der ſie ſich eben befanden, ohne daß Mr. Marlow einen Heller dafür zu zahlen brauchte. Er verglich dieſe geſetzlichen Rechte mit ſeinem jetzigen Vorſchlage, und er ſah, daß Marlow in der That nicht nur billig, ſondern ſogar großmüthig zu handeln beabſichtigte. Es lag etwas ſehr Schönes und Edles in dieſem Benehmen, etwas was mit den Empfindungen ſeines 127 eigenen Herzens ſehr wohl harmonirte— keinerlei Uebertrei⸗ bung, keine Romantik, denn Marlow ſprach im Tone eines Geſchäftsmannes, der nach reiflicher Ueberlegung ſich zum Rechten entſchloß, und der Baronet war bis auf einen ein⸗ zigen Punkt vollkommen befriedigt. Mrs. Hazleton hatte einen Gedanken geäußert, als ob trotz des Unterſchieds im Alter, worauf er ſo plump hinge⸗ deutet hatte, zwiſchen ihr und ſeinem jungen Gefährten noch andere Gefühle thätig ſeyn könnten, und er beſchloß, der Sache weiter nachzuforſchen. Unterdeſſen hatte jedoch Mr. Marlow ſein Stillſchwei⸗ gen falſch gedeutet, und nachdem er länger als ihm lieb war, gewartet hatte, fuhr er fort: „Natürlich verſteht ſich, Sir Philipp, daß wenn zwei bis drei ehrliche Männer meine Sache unbegründet finden — obgleich ich weiß, daß ſolches unmöglich iſt— ich die⸗ ſelbe alsbald fallen laſſe und für immer darauf verzichte. Meine Rechtsanwälte in London haben mein Anerbieten ganz in der Ordnung gefunden.“ „So finde auch ich's,“ erklärte Sir Philipp Haſtings nachdrücklich;„ich muß jedoch mit Mrs. Hazleton über die Sache reden und ihr meine Anſicht erklären. Habt Ihr vielleicht die Euren Anſpruch betreffenden Papiere bei Euch?“ „Ich beſitze beglaubigte Abſchriften,“ erwiederte Mar⸗ low,„und kann ſie Euch im Augenblicke bringen. Sie ſind ſo ungewöhnlich klar und ſcheinen die Sache ſo vollſtändig außer Zweifel zu ſetzen, daß ich ſie mit mir nahm, um Mrs. Hazleton und deren Anwalt ohne weitere Mühe zu überzeu⸗ 128 gen, daß meine Forderung wenigſtens einigermaßen auf Recht gegründet iſt.“ Die Papiere wurden alsbald herbeigebracht und Sir Philipp Haſtings ſetzte ſich mit ſeinem jungen Freunde nie⸗ der, um ſie bedächtig mit ihm durchzugehen und jedes Wort ſorgfältig mit ihm abzuwiegen. Sie ließen keine Spur ei⸗ nes Zweifels bei ihm übrig, ſchienen nicht einmal den Chi⸗ kanen des Geſetzes eine Ausflucht zu laſſen, ſo klar und be⸗ ſtimmt waren ſie gefaßt, und das großmüthige Anerbieten des jungen Mannes wurde dadurch nur noch mehr erſichtlich. „Ich meines Theils bin vollkommen befriedigt,“ erklärte Sir Philipp Haſtings, ſobald er die Prüfung beendigt hatte. „Ich zweifle auch nicht, daß Mrs. Hazleton es gleichfalls ſeyn wird; ſie iſt eine ebenſo treffliche und liebenswürdige als ſchöne Frau. Kennt Ihr ſie ſchon lange? Habt Ihr ſie ſchon oft geſehen?“ „Nur einmal und zwar vor einem Jahre,“ erwiederte Marlow.„Sie iſt in der That ſehr ſchön, wie Ihr ſagt— auffallend ſchön für eine Frau ihres Alters. Sie erinnert mich ſehr an meine Mutter, die ich in der Zuverſicht meiner jugendlichen Zuneigung meine ewige Liebe zu nennen pflegte. Ich erinnere mich, wie ich ſie noch drei Tage, bevor die Hand des Todes die Eitelkeit aller ſolcher irdiſcher Gedanken auf ihre Stirne ſchrieb— alſo nannte.“ Sir Philipp Haſtings war beruhigt: von Leidenſchaft war keine Spur bei ihm vorhanden. Ein ſo ſchlechter Beob⸗ achter er auch in den meiſten Dingen war, ſo zeigte er ſich in Betreff der Liebe ſcharfblickender als bei allen anderen 1 129 menſchlichen Affekten. Er hatte ſelbſt tief und zärtlich ge⸗ liebt und hatte es nicht vergeſſen. Ehe irgend etwas beſchloſſen werden konnte, war es je⸗ doch nöthig, Mrs. Hazleton's Aufſtehen am nächſten Mor⸗ gen abzuwarten, und indem Sir Philipp Haſtings ſeinem jungen Freunde mit warmem Händedruck gute Nacht ſagte, zog er ſich auf ſein Zimmer zurück und verbrachte faſt eine volle Stunde mit Nachdenken, indem er den Charakter ſeines neuen Bekannten überlegte und ſich jeden Zug, den er an ihm bemerkt, jedes Wort, das er vernommen hatte, zu⸗ rückrief. Das gab eine ſehr befriedigende Betrachtung. Er er⸗ innerte ſich noch nie einen Menſchen getroffen zu haben, der ſo ganz ein Mann nach ſeinem eigenen Herzen zu ſeyn ſchien. Kleine Flecken und Schwächen mochten vielleicht mit unter⸗ laufen; aber er dachte, die ſtärkende Macht der Zeit und Er⸗ fahrung würden Alles, was an ihm gut war, kräftigen und Alles, was ſchwach oder oberflächlich ſchien, durch Rath und Beiſpiel heilen. „Auf alle Fälle,“ dachte der Baronet,„deutet ſein Benehmen bei dieſer Veranlaſſung auf einen edlen, billigen Sinn. Wir wollen ſehen, wie Mrs. Hazleton die Sache morgen aufnehmen wird.“ Als jener Morgen herankam, ſollte er der geraden Rück⸗ ſeite dieſes Bildes begegnen, doch muß ich ſolches für ein anderes Kapitel aufſparen. James. Rache. 9 13⁰ Zwölftes Kapitel. Mrs. Hazleton war ſchon früh am Morgen auf. Sie war von jeher an frühes Aufſtehen gewöhnt, denn ſie wußte recht wohl, welch' herrliches Konſervativmittel für die Schönheit der Morgenthau iſt, und diesmal trieb eine ge⸗ wiſſe Unruhe ſie noch früher als gewöhnlich dem Bette. Ueberdies war ihr bekannt, daß Sir Philip Haſtings ein Frühaufſteher war, und daß er ſich gewiß, noch ehe ſie hinab⸗ käme, in der Bibliothek einfinden werde. Hierin täuſchte ſie ſich auch nicht, denn ſie traf den Baronet, wie er eben den Livius vom Bücherbrette herabnahm, nachdem er den Taci⸗ tus dahin zurückgeſtellt hatte. „Es iſt ein höchſt außerordentlicher Umſtand, meine theure Madame,“ begann Sir Philipp nach dem Morgen⸗ gruße,„und macht mir mehr zu ſchaffen als ich erklären kann—“ Mrs. Hazleton meinte, ihr Freund habe irgend einen ſehr kitzlichen Punkt in Mr. Marlow's Sache entdeckt und freute ſich ſchon darüber, denn ihre Abſicht ging nicht dahin, zu ent wirren, ſondern zu verwirren. Wie ſehr gerieth ſie da in Ungeduld, als Sir Philipp ausrief: „Wie die Roͤmer, die in der einen Periode ihrer Ge⸗ ſchichte von ſo erhabener Tugend beſeelt waren, in einen ſo verdorbenen und entarteten Zuſtand gerathen konnten, wie er ſchon bei Salluſt beſchrieben und von den ſpäteren Hiſto⸗ rikern des Kaiſerreiches in noch Zrauenvolleren Farben ge⸗ ſchildert wird— iſt mir, wie geſagt, unerklärlich.“ 131 Mrs. Hazleton hatte, wie ich bemerkt habe, alle Geduld verloren, und es geſchieht in dieſem Zuſtande nicht ſelten, daß die Damen zu heimiſchen Beiſpielen ihre Zuflucht nehmen. „Ihre Tugend war vermuthlich durch zu langes Auf⸗ bewahren faul geworden,“ erwiederte ſie,„denn die Tugend iſt wie ein Ei, das allzu langes Sitzen nicht leiden kann. Nun aber fagt mir, Sir Philipp: habt Ihr geſtern Abend mit Mr. Marlow über dieſe meine läſtige Geſchäftsſache geſprochen?“ „Ja, meine theure Madame,“ antwortete Sir Philipp mit ſehr ſchwachem Lächeln, denn er konnte nie einen Scherz über die Römer vertragen.„Ich habe nicht allein mit Mr. Marlow über die Sache geſprochen, ſondern auch die Pa⸗ piere, die er mit ſich brachte, ſorgfältig unterſucht und mich alsbald überzeugt, daß Ihr auch nicht den Schatten eines Anſpruches an das fragliche Eigenthum beſitzet.“ Mrs. Hazleton's Stirne verfinſterte ſich, und ſie be⸗ merkte in ziemlich verdrießlichem Tone: „Ihr habt ſehr raſch gegen mich entſchieden, Sir Phi⸗ lipp. Ich hoffe, Ihr habt Mr. Marlow Eure ſtarke Vor⸗ liebe— wollte ſagen Meinung— zu ſeinen Gunſten nicht gewahren laſſen.“ „O vollkommen,“ erwiederte Sir Philipp Haſtings. Mrs. Hazleton ſchwieg und ſchaute anf den Boden⸗ teppich, wie wenn ſie die Fäden ſeines Gewebes zählte und die Rechnung keineswegs befriedigend fände. Sir Philipp ließ ſie eine Weile vor ſich hinſchauen, denn 9 8 13² er war in Fällen, wo er neben dem Kummer auch Unredlich⸗ keit der Abſicht gewahrte— nicht ſo leicht zum Mitleid zu bewegen. „Mein Urtheil in der Sache iſt für Euch nicht im min⸗ deſten bindend,“ ſagte er;„ich erkläre Euch nur einfach meine Ueberzeugung, theuerſte Madame, und das Geſetz wird Euch daſſelbe ſagen.“ „Das wollen wir ſehen,“ murmelte Mrs. Hazleton zwi⸗ ſchen den Zähnen, fragte aber dann, indem ſie eine ſanftere Miene annahm:„Sagt mir, Sir Philipp: würdet Ihr in meiner Lage ein Eigenthum gutwillig aufgeben, welches ehrlich erkauft und bezahlt wurde, ohne einen Kampf um ſeinen Beſitz zu wagen?“ „Sobald ich überzeugt wäre, daß ich kein geſetzliches Recht daran habe— allerdings,“ erklärte Sir Philipp. „Der Rechtsweg ſteht Euch jedoch offen, wenn Ihr lieber Widerſtand leiſten wollt; ehe Ihr aber Euren Entſchluß faſſet, ſolltet Ihr doch zuvor Mr. Marlow's Vorſchläge an⸗ hören, und Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich Euch ver⸗ ſichere, was ich gegen ihn nicht geäußert habe— daß näm⸗ lich ſein Vorſchlag auf die edelſte, billigſte Anſicht gegrün⸗ det iſt.“ „Wirklich!“ rief Mrs. Hazleton, deren Blick ſich auf⸗ heiterte.„Ei, ſo laßt mich dieſen Vorſchlag hören.“ Sir Philipp erklärte ihr die Sache auf's allerdeutlichſte und erwartete, ſie ebenſo überraſcht als erfreut zu ſehen, denn er zweifelte keinen Augenblick, daß ſie ihn ſogleich an⸗ nehmen würde. Ob ſie überraſcht war oder nicht, ließ ſich 13³ ſchwer erkennen; erfreut war ſie jedenfalls nicht ſonderlich, denn ſie wünſchte die Sache nicht ſobald abgeſchloſſen zu ſe⸗ hen, und ſie begann deßhalb unverzüglich mit ihren Ein⸗ wendungen. „Der enorme Aufwand bei Erbauung dieſes Hauſes iſt nicht in Betracht gezogen worden,“ meinte ſie,„und ehe wir über irgend Etwas entſcheiden, werden wir erſt die Ori⸗ ginalpapiere unterſuchen müſſen. Jede Frage hat ihre zwei Seiten, mein theurer Sir Philipp, und wir können nicht ſagen, ob ſich nicht andere Papiere finden laſſen, welche ſchon vor dem Kaufe das Majorat bei dieſem Beſitzthume aufgehoben haben.“ „Das iſt unmöglich,“ antwortete Sir Philipp Haſtings, „wenn nämlich die mir vorgewieſenen Papiere ächt ſind, denn dieſer Gentleman, auf welchen als älteſten Sohn das Majorat vererbte, war noch nicht geboren, als der Verkauf ſtattfand. Das Majorat konnte nur durch ihn aufgehoben werden, und da er noch nicht auf der Welt war, ſo konnte er keine derartige Handlung vornehmen.“ Sir Philipp drückte ihr die Hand in der ihm eigenen kalten Weiſe, was ſie auf's Tiefſte ärgerte. „Vielleicht ſind ſie nicht ächt,“ ſagte ſie endlich. „Sie ſind ſämmtlich atteſtirt,“ erwiederte Sir Philipp, „und Mr. Marlow ſelber ſchlägt vor, daß die Originale als Baſis der ganzen Verhandlung unterſucht werden ſollen.“ „Das iſt abſolut nothwendig,“ ſagte Mrs. Hazleton, welche die Entſcheidung recht gerne, wenn auch nur auf kurze 134 Zeit hinausſchob; allein Sir Philipp wollte ihr nicht ein⸗ mal dieſen Vortheil laſſen. „Ich meine, Ihr müßtet Euch alsbald entſcheiden, ob Ihr ſeinen Vorſchlag unter der Bedingung annehmet, daß die Unterſuchung der Papiere die Gerechtigkeit ſeines An⸗ ſpruches zur vollen Befriedigung der von Euch aufgeſtellten Schiedsrichter erweiſe,“ erwiederte er.„Sollten ſich ſpäter irgend Zweifel und Schwierigkeiten erheben, ſo könnte er ebenſo gut alsbald den Rechtsweg einſchlagen.“ „Das laßt ihn nur thun,“ rief Mrs. Hazleton mit blitzenden Augen;„dann will ich ihm jeden Schritt des Terrains aus vollen Kräften ſtreitig machen.“ „Enorme Ausgaben aufwenden, Euch endloſen Aerger und Mühe verurſachen und durch unnöthigen und unbilligen Widerſtand ein ſchönes Beſitzthum ruiniren,“ fügte Sir Philipp in ruhigem und ziemlich verächtlichem Tone bei. „In der That, Sir Philipp, Ihr ſetzt mir allzu hart zu,“ rief Mrs. Hazleton in ärgerlichem, beleidigtem Tone und ſetzte ſich an den Tiſch, um ihren Thraͤnen freien Lauf zu laſſen. „Ich dränge Euch nur zu Eurem eigenen Beſten,“ ant⸗ „wortete der Baronet, nicht im Mindeſten bewegt.„Es iſt Euch vielleicht nicht bekannt,“ fuhr er fort,„daß wenn der Anſpruch dieſes Gentlemans gerecht iſt und Ihr ihm wider⸗ ſtrebt, die ſämmtlichen Unkoſten Euch zufallen. Alles, was man von ihm erwarten konnte, war, ſeinen Anſpruch einem Schiedsgerichte zu unterwerfen; aber er thut ſogar noch mehr und ſchlägt vor, wenn die Schiedsrichter ihn als ge⸗ 13⁵ recht erklären, ſo wolle er von ſeinen geſetzlichen Rechten ein Opfer von vielen tauſend Pfunden bringen. Er iſt nicht verbunden, auch nur einen Heller von dem bezahlten Kauf⸗ ſchilling zu erſetzen; er iſt für eine beträchtliche Reihe von Jahren zu den rückſtändigen Zinſen berechtigt, und dennoch erbietet er ſich, das Geld zurückzuzahlen und, weit entfernt die rückſtändigen Zinſen zu beanſpruchen, will er ſogar für jeden Zinſenverluſt, der durch die Kapitaliſirung veranlaßt ſeyn könnte, Erſatz leiſten. Ich muß Euch ſagen, theure Madame, es gibt wenige Männer in England, welche einen ſolchen Vorſchlag gemacht hätten, und wenn Ihr ihn ab⸗ weist, ſo werdet Ihr nie einen zweiten der Art erhalten.“ „Meint Ihr nicht, Sir Philipp,“ fragte Mrs. Hazle⸗ ton in ſcharfem Tone,„er würde einen ſolchen Vorſchlag gar nicht gemacht haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß es mit ſeinem Anſpruche nicht ganz richtig ſteht?“ In dieſer Frage lag etwas, was Sir Philipp Haſtings in zwiefacher Hinſicht mißfiel. Die Gewohnheit mancher Damen, immer wieder auf bereits erledigte Punkte zurück⸗ zukommen und dieſe Wiederholung durch die alten Einwürfe aber nur in neuer Form zu bemänteln, war ihm ohnehin unerträglich, und er betrachtete die Frage über die Rechts⸗ gültigkeit von Marlow's Anſpruche durch ſeinen Vorſchlag einer ſchiedsrichterlichen Unterſuchung als vollkommen er⸗ ledigt. Aber es lag noch etwas mehr in jener Frage, denn ſchon daß die Dame ſie geſtellt hatte, bewies deren Unfähig⸗ keit, großherzige Beweggründe zu begreifen, und Das ver⸗ droß ihn. Er ging mit ruhigem Schritte an das Fenſter 136 und ſchaute hinaus auf den Raſen, der ſich zwiſchen zwei Reihen hohen ſtattlichen Gehölzes, das eben in dem gelben Sonnenſchein eines thauigen Herbſtmorgens ſchimmerte— weithin ausdehnte. Es war das Beſte, was er für Mrs. Hazleton hätte thun können. Selbſt die feſteſten, ſtärkſten und ſtrengſten Gemüther werden, ohne es zu wiſſen, weit häuftger von äußeren Dingen berührt, als ſie wohl ſelber gewahr werden. Die„ſüßen Einflüſſe“ oder die ärgerlichen Wirkungen guten oder ſchlechten Wetters, ſchöner oder lieblicher Scenerie, unbedeutender Sorgen und kleinlicher Enttäuſchungen, er⸗ freulicher Gedanken oder unangenehmer Erinnerungen, ja wohl gar tauſend zufälliger Umſtände oder ſelbſt Phantaſien werden oft ganz fremdartige Erwägungen afficiren, wie die blauen oder gelben Scheiben eines bemalten Fenſters auf die Statuen und das Schnitzwerk des kalten grauen Steines bald eine melancholiſche Färbung, bald einen goldenen Schim⸗ mer werfen. So ging es auch Sir Philipp. Als er die ſchöne Land⸗ ſchaft vor ſeinen Augen gewahrte und bedachte, welch lieb⸗ licher Punkt es ſey— wie ſtill, wie friedlich, wie erfriſchend in ſeiner Einwirkung— da ſagte er zu ſich ſelbſt: „Kein Wunder, daß ſie ſich ungerne davon trennt.“ Ein Haſe galoppirte eben über die Wieſe, nur etwa hundert Schritte vom Hauſe entfernt; bald machte er lu⸗ ſtige Sprünge, daß der Thau aus dem Morgengraſe umher⸗ flog, bald legte er ſich flach auf den Boden, ſo daß er zwi⸗ ſchen den hohen grünen Halmen kaum ſichtbar war; dann 137 hüpfte er wieder ruhig weiter mit linkiſch verſchränktem Gange oder ſetzte ſich mit geſpitzten Ohren auf die Hinter⸗ beine, um auf einen fernen Klang zu lauſchen, worauf er wieder ſeine Sprünge fortſetzte und rings im Kreiſe umher⸗ galoppirte, ſo daß er auf dem grünen Raſen ein Labyrinth von verſchlungenen Fährten zurückließ. Sir Philipp beob⸗ achtete ihn eine Weile mit ſchwachem Lächeln und ſagte dann zu ſich ſelbſt: „So iſt die Natur dieſer Beſtie— warum nicht auch die eines Weibes?“ Wie er ſich umwendete, ſah er Mrs. Hazleton das Haupt in melancholiſcher Haltung auf die Hand geſtützt am Tiſche ſitzen, und er erwiederte auf ihre letzten Worte, obwohl er ſich eigentlich vorgenommen hatte, gar keine Antwort darauf zu geben: „Die Frage über die Berechtigung, theuerſte Madame, muß jedenfalls durch Andere entſchieden werden. Wählt hiezu einen kompetenten Richter, der durch genaue Unterſuchung dafür ſorgt, daß Eure Rechte vollſtändig gewahrt werden. Wenn Ihr Mr. Marlow's Vorſchläge auf die Bedingung vollſtändiger Unterſuchung ſeiner Anſprüche annehmt, ſo iſt das noch keineswegs ein Präjudiz für Euren Fall, wenn etwa eine Lücke in ſeinem Rechtstitel entdeckt werden ſollte. Im Gegentheil wird es Euch beim Gerichtshofe nur nützen, falls die Entſcheidung des Geſetzes verlangt werden ſollte. Nehmt Ihr den Vorſchlag offenherzig an, ſo kommt Ihr ihm überdies in demſelben Sinne entgegen, in welchem er Euch, wie ich gewiß bin, begegnet, und da er einen ſehr hohen 1* 138 Sinn für Billigkeit beſitzt, ſo wird er wohl ganz geneigt ſeyn, jedes auf Eure Bequemlichkeit hinzielende Arrange⸗ ment einzugehen. Nach ſeinen eigenen Worten kann ich nicht glauben, daß er ein ſolches Gut auf dem Fuße, wie es für dieſes Haus nöthig iſt, zu erhalten vermag, und wenn Ihr, wie ich wohl begreife, große Anhänglichkeit daran beſitzet, ſo werdet Ihr es ohne Zweifel ſo lange Ihr wollt gegen eine ſehr mäßige Rente als Wohnung beibehalten können. Alles Uebrige läßt ſich wohl ebenſo feſtſetzen, wenn Ihr nur einen Geiſt der Verſöhnlichkeit beweiſen und—“ „Das habe ich ja doch gewiß gethan,“ unterbrach ihn Mrs. Hazleton.„Uebrigens will ich Euch Alles überlaſſen, Sir Philipp; Ihr müßt in dieſer Sache für mich handeln. Wenn Ihr es für recht haltet, ſo will ich den Vorſchlag, wie Ihr vorhin erwähntet, bedingungsweiſe annehmen, und der Anſpruch kann ſodann unterſucht werden, ſobald wir Zeit und Perſon feſtgeſetzt haben. Das Alles kommt mir ſehr hart vor; aber ich denke, ich muß mich eben mit guter Miene darein fügen.“ „Es iſt ganz gewiß der beſte Plan,“ erwiederte Sir Philipp. Während Mrs. Hazleton ſich entfernte, um die Thränen⸗ ſpuren von ihren Augenlidern zu wiſchen, verfügte ſich der Baronet nach dem Wohnzimmer, wo bald darauf Mr. Mar⸗ low zu ihm ſtieß. Er ſagte ihm blos, er habe in Betreff ſeines Anſpruches mit der Dame des Hauſes geſprochen, und ſie werde ihm ihre Antwort perſönlich ertheilen. Wie auch immer Mrs. Hazleton's Wünſche oder Abſichten 139 beſchaffen ſeyn mochten, ſo war ſie jedenfalls mit der raſchen, präciſen Weiſe, womit Sir Philipp die Geſchäfte zu Ende brachte, nichts weniger als zufrieden. Seine letzten Worte hatten ihr jedoch eine dämmernde Ausſicht auf einen län⸗ geren und häufigeren Verkehr zwiſchen ihr und Mr. Mar⸗ low eröffnet, und ſie wünſchte keineswegs, die Verhandlun⸗ gen zwiſchen ihnen beiden ſo kurz abgeſchloſſen zu ſehen. Zu gleicher Zeit war es nicht ihre Abſicht, in anderem als dem allergünſtigſten Lichte vor ſeinen Augen zu erſcheinen, und als ſie daher das Wohnzimmer betrat, bot ſie ihm mit gra⸗ ziöſem aber ziemlich melancholiſchem Lächeln die Hand und ſagte: „Ich habe heute Morgen eine lange Unterredung mit Sir Philipp über das höchſt peinliche Geſchäft, das Euch hieher brachte, gehabt, Mr. Marlow. Euren Vorſchlag wegen des Schiedsgerichtes und alles Uebrigen gehe ich ſo⸗ gleich ein.“ Sie ſprach ſofort von der ganzen Geſchichte, wie wenn ſie nicht den geringſten Widerſtand geleiſtet hätte, ſondern von der Liberalität ſeiner Vorſchläge wie von der Billigkeit, die er bewieſen, ganz betroffen geweſen wäre. Sir Philipp achtete nur wenig darauf, denn er war wieder in einen ſeiner nachdenklichen Anfälle gerathen, und Mr. Marlow hatte das Zimmer verlaſſen, um einige von den Papieren zu holen, die er Mrs. Hazleton vorweiſen wollte, noch ehe der Baronet aus ſeiner Träumerei erwachte. Der jüngere Gentleman kehrte bald wieder zurück, und er, Sir Philipp und Mrs. Hazleton waren emſig mit Prüfung einer langen Liſte von Geburten, Heirathen und Todesfäl⸗ len beſchäftigt, als die Thüre aufging und Mr. Shanks, der Anwalt, geſtiefelt und geſpornt und ſtaubig wie von einem langen Ritte, in's Zimmer trat. Sir Philipp hatte einen großen Widerwillen gegen ihn; er ſprach jedoch nichts, und der Anwalt trippelte auf Mrs. Hazleton zu. Dieſe ſah ärgerlich und verwirrt und ſchob Mr. Mar⸗ low die Papiere mit auffallender Haſt in die Hand. Mr. Shanks war jedoch ein ſcharfer Beobachter der Welt; er gewahrte Alles um ſich her, wie wenn er eines je⸗ ner Inſekte geweſen wäre, welche ich weiß nicht wie viel tauſend Linſenpaare in jedem ihrer Augen haben. Er wußte nichts von Skrupeln und Bedenklichkeiten, war ganz Auge und Ohr, und eine Dame war keineswegs die Perſon, die ihm großen Reſpekt einflößte. Mit einem Worte: er war ausſchließlich ein Rechtsmann; er liebte nichts und achtete nichts als das Recht. „Ei, ei, Mrs. Hazleton,“ begann er;„ich erwartete nicht, Euch alſo beſchäftigt zu finden! Das ſcheinen ja ju⸗ ridiſche Papiere— ſehr gefährlich, Madame, für uneinge⸗ weihte Perſonen, ſich mit ſolchen Dingen zu befaſſen. Er⸗ laubt mir, Sir, das Ding zu betrachten.“ Hier ſtreckte er die Hand gegen Mr. Marlow aus, wie wenn er die Papiere ohne ein Wort der Gegenrede zu em⸗ pfangen erwartete. Allein Mr. Marlow beliebte ſie ihm vorzuenthalten, indem er in ſehr ruhigem, höflichem Tone bemerkte: „Entſchuldigt mich, Sir; wir beſprechen uns hier in 141 freundſchaftlicher Weiſe über die Sache, und ich werde dieſe Papiere nur auf Mrs. Hazleton's Verlangen einem Advo⸗ katen vorweiſen.“ „Sehr unpaſſend— das heißt, ſehr unzünftig, wie ich ſagen wollte!“ rief Mr. Shanks.„Und auch ſehr gefähr⸗ lich— das kann ich verſichern.“ Allein Mrs. Hazleton fiel ihm ſelbſt in die Rede, indem ſie in ſehr markirtem Tone und mit einer würdevollen Miene bemerkte, wie ſie ihr ſonſtiges Auftreten gegen ihre rechte Hand(ſo pflegte ſte nämlich zuweilen Mr. Shanks zu nen⸗ nen) nicht immer charakteriſirte: „Wir wünſchen in dieſem Augenblicke keine Einmiſchung, mein guter Sir. Ich beſtellte Euch auf zwölf Uhr und es iſt noch nicht neun.“ „Ah ich ſehe ſchon— ich ſehe ſchon,“ erwiederte Mr. Shanks, während ihm Sir Philipp Haſtings einige Schritte näher trat.„Seine Gnaden hier waren nie ein Freund ven mir und haben nie etwas dagegen, mir hier und dort ein Geſchäftchen aus der Hand zu nehmen.“ „Wir haben hier nichts mit Geſchäftchen' zu thun, Sir,“ entgegnete Sir Philipp Haſtings in ſeiner gewohnten trockenen Manier;„auf alle Fälle wünſchen wir kein Ge⸗ ſchäft zu machen, wo keines iſt.“ „Ich muß mir jedoch die Freiheit nehmen, dieſe Dame als ihr rechtskundiger Rathgeber zu warnen, Sir,“ ſagte Mr. Shanks mit der Hartnäckigkeit eines Wieſels, welchem Thiere er auch auffallend glich,„daß wenn—“ „Daß wenn ſie einen Anwalt beſtellt, ſie ihn zu der 142 beſtimmten Zeit haben will,“ fiel ihm Sir Philipp in die Rede;„das iſt's vermuthlich, was Ihr ſagen wolltet.“ „Keineswegs, Sir— keineswegs!“ rief der Advokat, denn ſehr ſchlaue und wohl eingeölte Advokaten können zu⸗ weilen ihrer Vorſicht und Kaltblütigkeit vergeſſen, wenn ſie die Ausſicht auf einen Speſenverluſt vor ſich ſehen:„ich wollte nichts der Art ſagen, ſondern nur Mrs. Hazleton war⸗ nen, ſich nicht mit Geſchäftsſachen zu befaſſen, von denen ſie nichts verſtehen kann, und nicht auf den Rath derer zu hö⸗ ren, welche noch weniger davon verſtehen und wohl nächſtens eigene Geſchäfte abzumachen haben dürften, während ſie ſich jetzt in dieſe einmiſchen.“ „Und ich gebiete Euch, dieſes Zimmer zu verlaſſen, Sir,“ ſagte Sir Philipp Haſtings, indem auf ſeiner ſonſt bleichen Wange ein rother Fleck zum Vorſchein kam.„Die Lady hat bereits ihre Anſicht über Eure Zudringlichkeit ausge⸗ drückt, und verlaßt Euch drauf, ich werde die meinige zu bekräftigen wiſſen.“ „Ich werde nichts der Art thun, Sir, bis ich vollſtän⸗ dig— Er ſagte nichts weiter, denn noch ehe er ſeinen Satz beſchließen konnte, packte ihn Sir Philipp Haſtings mit der Fauſt eines Rieſen am Kragen, und obgleich der Advokat ein großer, derber Mann war, ſchleppte ihn der Baronet dennoch trotz ſeines zappelnden Widerſtandes nach der Thüre, wie eine Amme ein Kind expediren würde, ſchob ihn über die ſteinerne Halle, öffnete die Außenthüre mit der linken Hand und ſchleuderte ihn ohne weitere Umſtände die Stufen hinab⸗ 143 ſo daß er mit Händen und Füßen zumal auf der Terraſſe anlangte. Sobald dies geſchehen war, kehrte der Baronet in das Haus zurück und ſchloß die Thüre hinter ſich. Er blieb eine Weile in der Halle ſtehen und tadelte ſich über das überraſche Klopfen ſeines Herzens, beſchwichtigte ſeine ganze Miene und Haltung und kehrte dann in das Wohnzimmer zurück, wo er das Geſpräch mit Mrs. Hazleton wieder aufnahm, wie wenn gar keine Störung eingetreten wäre. Dreizehntes Kapitel. Mrs. Hazleton war über dieſen Zwiſchenfall ſehr bewegt oder ſtellte ſich wenigſtens alſo; nach allerlei graziöſen Stel⸗ lungen, welche ohne den geringſten Anſchein von Affektation angenommen wurden, gewann ſie jedoch ihre Ruhe wieder und nahm das vorliegende Geſchäft wieder auf. Dieſes war bald beendigt, ſo weit es die vollſtändige Annahme von Mr. Marlow's Vorſchlägen betraf, und unmittelbar nach dem Frühſtücke befahl Sir Philipp Haſtings, ſeine Pferde vor⸗ zuführen. Mrs. Hazleton hätte ihn gerne zurückgehalten, denn ſie ſah voraus, daß ſein Abgang das Zeichen auch zu Mr. Marlow's Aufbruche geben werde, und es gehörte nicht gerade zu ihrer Politik, die Rolle der Matrone ſo ausge⸗ ſprochen anzunehmen, daß ſie ihn einlüde, allein in ihrem Hauſe zu bleiben. Sir Philipp war jedoch unerbittlich und 144 kehrte auf ſeinen eigenen Landſitz zurück, indem er die frühere Einladung gegen ſeinen jungen Bekannten wiederholte. Mrs. Hazleton ſagte ihm mit dem Anſcheine größter Herzlichkeit Lebewohl; allein ich fürchte ſehr, wenn ihr Je⸗ mand hätte in's Herz ſehen können, ſo hätte er ein ganz anderes Bild wahrgenommen, als ihr Geſicht es ausprägte. Sir Philipp Haſtings hatte ſeit ſeinem geſtrigen Auftreten allerlei Dinge geſagt und gethan, welche Mrs. Hazleton nicht ſo leicht vergaß oder vergab. Er hatte ihre Plane durchkreuzt— ihre Eitelkeit gekränkt— ihren Stolz ver⸗ wundet, und ſie gehörte zu den Frauen, welche ihre Zeit abwarten, aber eine große Zähigkeit in ihrem Grolle be⸗ ſitzen. Sobald er fort war, begann ſie mit Mr. Marlow ein neues Spiel zu ſpielen. Sie lud ihn ein, für heute zu blei⸗ ben, benachrichtigte ihn aber mit feinem Sinn für äußeren Anſtand, daß ſie eine ſcharmante ältere Dame ihrer Bekannt⸗ ſchaft auf einige Tage zu Beſuch erwarte, welcher ſie ihn gar gerne vorzuſtellen wünſchte. Wohl gemerkt, das war falſch; aber ſie traf unverzüg⸗ lich ihre Vorkehrungen, um es wahr zu machen. Es gibt ja in jeder Nachbarſchaft mehr als ein Individuum jener Klaſſe, die man die guten Geſchöpfe nennt. Zu dieſem Amte bedarf es eines reichen Vorraths wirklicher oder ver⸗ ſtellter Sanftmuth und Einfalt; aben die Rolle iſt nicht ganz leicht zu ſpielen, denn neben dieſer Einfalt iſt auch eine beträchtliche Portion feinen Taktes erforderlich, um die Betreffende vor jenen Schnitzern zu bewahren, worein gutmüthige Leute ſo oft verfallen. Disciplin und Dreſſur ſind nothwendig, um beſtändig alle Winke zu bemerken, ſie ge⸗ hörig zu ſchätzen, um zu begreifen, daß die Freundin Dieſes ſagen und Jenes meinen kann, und namentlich um keine Fra⸗ gen irgend welcher Art zu ſtellen. Von dieſen guten Geſchöpfen fanden ſich nicht weniger als drei in Mrs. Hazleton's unmittelbarer Nachbarſchaft. Nachdem ſie ſich auf kurze Zeit in ihr kleines Studirzimmer zurückgezogen hatte, legte ſie ihren Finger an die ſchönen Schläfe und ließ dieſe Drei die Muſterung paſſiren. Mrs. Winifred Edgeley war die Erſte, die ihr hiebei in den Sinn kam. Sie beſaß viele von jenen Erforderniſſen; ſte machte gute Toilette und Converſation, hatte einen durch⸗ aus modiſchen Anſtrich, war vollkommen unſchädlich und ge⸗ ſchickt im Errathen der Abſichten und Wünſche einer Freun⸗ din oder Patronin; dabei hatte ſie aber zuweilen einen An⸗ ſtrich ſäuerlichen Humors an ſich, der Mrs. Hazleton nur halbwegs geſiel. Er machte den Eindruck, als ob ſte zu klar ſehe— als ob ſie weit mehr bemerke, als ſie zu bemer⸗ ken vorgab. Die Zweite war Mrs. Warmington— eine Wittwe, nicht ſehr reich, auch nicht ſonderlich fein, munter, ſchwatz⸗ haft und lärmend, aber voll heilſamer Vorſicht, ſo daß ſie ſich oder eine Freundin nie kompromittirte. Auch beſaß ſie viele Erfahrung, denn ſie war zweimal verheirathet und zweimal Wittwe geweſen, und hatte ſo ihre Portion Unglück beſtanden. Die Dritte war eine Miß Goodenough, die ruhigſte, James, Rache, 10 446 ſchweigſamſte Perſon von der Welt, die mit dem Schritte der Katze und einem Geſicht voll unendlichen Wohlwollens ge⸗ gen das ganze Menſchengeſchlecht im Hauſe umherging. Sie war allem Anſcheine nach der Gipfel der Milde und Sanft⸗ muth, und ihre Schweigſamkeit war vollends unſchätzbar. Nach längerer Erwägung entſchied ſich Mrs. Hazleton für die Wittwe und entſendete alsbald ein Billet nebſt ihrem eigenen Wagen, indem ſie Mrs. Warmington bat, alsbald herüber zu kommen und einige Tage mit ihr zuzubringen, da ein junger Gentleman zu Beſuch gekommen ſey, und es unſchicklich wäre, ihn allein zu beherbergen. Mrs. Warmington begriff die Sache auf den erſten Blick. „O ho,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„ein junger Gentle⸗ man zu Beſuch gekommen! Braucht eine Duenna! eine Heirath unterwegs! Ei, ei! ſie muß ſechsunddreißig ſeyn— ſechsunddreißig von zweiundfünfzig bleiben ſechzehn Points gegen mich, und das iſt viel. Nun, nun, ich habe meinen Theil gehabt!“— und Mrs. Warmington lachte laut. Sie wollte jedoch weder Mrs. Hazleton's Wagen erwar⸗ ten, noch dieſe ſelbſt in Spannung laſſen, denn jene Dame hatte allerlei kleine Vortheile und Bequemlichkeiten zur Ver⸗ fügung, welche Mrs. Warmington nicht ungerne kultivirte. Eine ſcharfſichtige Ahnung ſagte ihr überdies, daß Mrs. Hazleton's Feindſchaft ernſtlich zu fürchten ſeyn dürfte; wie ſie alſo auch die Frage wenden und drehen mochte, ſo er⸗ kannte ſte überall Gründe, um ſich um die Gunſt der ſchö⸗ nen Wittwe zu bewerben. Ihr Mädchen wurde herbeigerufen, Kleider wurden 147 gepackt, ſie ſetzte ſich in den Wagen und fuhr ab, während Mes. Hazleton mittlerweile ihrem Gaſte Mr. Marlow alle Vorzüge und trefflichen Eigenſchaften ihrer Freundin Mrs. Warmington auseinanderſetzte. Sie war zu vorſichtig, um ihren guten Geſchmack bei ihrem jungen Freunde dadurch in Frage zu bringen, daß ſie allzu hohe Erwartungen er⸗ regte, weshalb ſie allerlei Andeutungen über einige Fehler und Schwächen im Benehmen der lieben Madame War⸗ mington durchblicken ließ. Dabei war ſie aber, wie ſie ſagte, ein ſo herzensgutes Geſchöpf, daß ſie ſelbſt all' dieſer kleinen Flecken in dem trefflichen Charakter der Frau ver⸗ gaß, obgleich ſehr wähleriſche Perſonen öfter die Miene des Tadels gegen ſie annahmen.. Unter dem Vorwande, den Grund und Boden zu beſich⸗ tigen, welcher das Objekt von Mr. Marlow's Anſpruche bildete, führte ſie ihn auf einem langen angenehmen Spa⸗ ziergange durch den Park. Durch alte Hagenbuchen⸗ und Wallnußhaine, an den Ufern des Stromes und auf Pfaden, wo der warme Sonnenſchein durch die braungelben Blätter ſpielte und ihre ſchon früher abgefallenen Genoſſen auf dem Raſen vergoldete, ging es weiter— ein wahrer Spazier⸗ gang für ein Liebespaar, wo die Natur zum Herzen ſpricht, ſüße Eindrücke hervorruft und den Geiſt aus ſeiner harten, kalten Gleichgültigkeit aufweckt. Mrs. Hazleton war überzeugt, daß Marlow dieſen Spa⸗ ziergang nicht vergeſſen werde, und ſie trug Sorge, ihn ſo tief wie möglich in ſein Gedächtniß einzuprägen. Es gebrach ihr auch keineswegs an den Mitteln hiezu; ihr Geiſt 10*⁴ 148 war für die damalige Zeit hochgebildet, ihr Geſchmack ſehr verfeinert, ihr Wiſſen ausgedehnt. Sie wußte von frem⸗ den Ländern, von intereſſanten Gegenſtänden und ſchönen Landſchaften, von weit entfernten Höfen und Städten, von Muſik, Malerei, von der Flora anderer Länder, von war⸗ men, ſonnigen Klima's zu reden, und ſie beſaß die Kunſt, über das Ganze eine Art magiſchen Schimmers zu werfen, der allen ihren Worten beſondern Glanz verlieh. Sie war in der That höchſt bezaubernd, und Mr. Mar⸗ low war für ihren Reiz nicht unempfänglich, ohne ſich je⸗ doch in ſie zu verlieben. Warum mochte ſie aber wohl all, jene Reizmittel aufbieten? War Mrs. Hazleton etwa für die zärtliche Leidenſchaft beſonders empfänglich oder ſehr darnach begierig? Seit ihrer Rückkehr nach England hatte ſte ein ganzes Halbdutzend höchſt annehmbarer Bewerbun⸗ gen von hübſchen, angenehmen und achtbaren Männern aus⸗ geſchlagen, und die Welt im Allgemeinen hatte ſie für eine ſteinkalte Perſon erklärt. Dies mochte wahr ſeyn; aber es gibt manche Steine, welche beim Erhitzen eine tiefe Gluth annehmen und ſie länger als jeder andere Stoff bewahren. Jedermann in dieſer Welt hat ſeine Eigenheiten, ſeine Launen und Einfälle— ſeine Steckenpferde, wenn man will. Mrs. Hazleton hatte die ſchönen, die glänzenden und amüſanten Männer mit der vollkommenſten Gleichgültigkeit betrachtet; mit ruhigem Gleichgewichte hatte ſie auf Liebesbetheurun⸗ gen gehört, indem ſie die Vortheile der Ehe und des Witt⸗ wenthums genau gegen einander abwog, ohne die Wag⸗ ſchaale auch nur durch einen Gran von Leidenſchaft erſchüttern 149 zu laſſen. Sie hatte Mr. Marlow vor geſtern Abend nur einmal geſehen; aber ſobald ihre Augen auf ihn ſielen, ſo⸗ bald ſie ſeine Stimme vernahm, hatte ſie zu ſich ſelbſt geſagt: „Wenn ich je wieder heirathete— dieſer Mann müßte es ſeyn!“ Dieſe Sympathien und Anlockungen, dieſe Impulſe, oder wie man ſie ſonſt nennen mag, laſſen ſich nicht erklären; aber ich glaube, bei einiger Betrachtung der menſchlichen Natur wird man finden, daß ſie bei den Perſonen, wo ſie am ſel⸗ tenſten ſind, auch am gewaltigſten und ausdauerndſten wir⸗ ken, wenn ſie einmal vorhanden ſind. Nicht lange nach ihrem erſten Zuſammentreffen tauchte das Gerücht auf, daß Mr. Marlow auf einen Theil ihres Landgutes und zwar gerade auf jenen, den ſie am liebſten hatte, einen Anſpruch erhebe. Schon der bloſe Gedanke, ſich davon zu trennen, ihn aufgeben zu müſſen, war ihr höchſt ſchmerzlich und betrübend; doch machte dies keinen Unterſchied in ihren Gefühlen gegen Mr. Marlow. Mit⸗ theilungen aller Art fanden zwiſchen den beiderſeitigen Ad⸗ vokaten ſtatt, und der gegneriſche Anwalt war ſo unerſchüt⸗ terlich wie ein Fels. Mrs. Hazleton hielt die Sache für ſehr hart, ſehr ungerecht und unbillig; aber das änderte nicht im Geringſten ihre Empfindungen gegen Mr. Mar⸗ low, vielmehr wußte ſie mit jener feinen Kombinationsgabe⸗ wofür die Damen ſo berühmt ſind, mit großer Geſchicklich⸗ keit einen Plan zu erſinnen und auszuführen, um ſich und Mr. Marlow in häufigen perſönlichen Verkehr zu bringen 150 und ihm irgendwie die Andeutung zugehen zu laſſen, daß eine Heirath zwiſchen ihnen Beiden die beſte Ausgleichungs⸗ art für den beſtrittenen Anſpruch wäre. O dieſe feinen und zarten Fäden der Intrigue! wie ge⸗ brechlich ſind ſie doch, und wie viel hängt von jedem derſelben ab, ob er nun zum Zettel oder Einſchlag des Gewebes ge⸗ höre! Wir haben geſehen, wie in vorliegendem Falle einer derſelben unter der rauhen Hand Sir Philipp Haſtings zer⸗ riß und das ganze Gebäude in die höchſte Gefahr des Ein⸗ ſturzes gerieth, um nichts weiter als ein aufgefaſelter Strang zu werden. Mrs. Hazleton war entſchloſſen, es nicht ſo weit kommen zu laſſen, und ſie war nunmehr emſig mit dem Verſuche beſchäftigt, die zerriſſenen Fäden zuſammenzuknüpfen und alle anderen wieder in die rechte Ordnung auszurecken. Das war das Geheimniß der ganzen Sache. Alle ihre Reize wurden aufgeboten, und hätte der Dichter Walter ſie ſehen können, ſo beſäßen wir jetzt ein ſo vollſtän⸗ diges Gemälde von dem Geſchützfeuer ihrer Augen, von dem hinterliſtigen Angriffe ihres Lächelns und dem ganzen Heere mächtiger Gegner, die in Geſtalt ihres hochathmenden Bu⸗ ſens und der anmuthig ſich wendenden Figur gegen das Ob⸗ jekt ihres Angriffes in Thätigkeit geſetzt wurden, daß Sacha⸗ riſſa im Vergleiche damit wie ein naſſer Zuckerhut dahinge⸗ ſchmolzen wäre. Geſchah es einmal, daß ihr ein Effekt gelungen, und daß ſie klar und deutlich erkannte, wie ſie ihm ſehr liebenswürdig und bezaubernd vorkam, ſo ſchien ſie in eine Art lieblich ſchmachtender Melancholie zu verſinken, welche noch weit beſtrickender war. 151 Der Bach perlte und murmelte zu ihren Füßen, klar und hell über das ſteinige Bett hinfließend und den braunen Fels, die Waſſerſtauden und Blätter durch den Zauber ſeines eigenen Glanzes in lauter Edelſteine verwandelnd. Die Zweige, mit mannigfachem Blätterwerk bedeckt, wehten über ihrem Haupte, und die durchſchimmernde Sonne bereicherte nicht allein dieſe Tinten oberhalb, ſondern beſprenkelte auch den mooſigen Pfad, auf dem ſie wandelten, wie ein Schach⸗ brett aus braunen und goldenen Feldern. Einer der ſpäten Herbſtvögel ſtimmte in einem benachbarten Gebüſche ſein kurzes, ſüßes Liedchen an, und der melodiſche Hauch ſeufzte aus dem Thale herauf, wie wenn die Natur den Aeolus mit einer Harfe ausgeſtattet hätte. Mit einem Worte: es war der rechte Augenblick für eine Wittwe, um einem jungen Manne die Cour zu machen. Sie ſchwiegen längere Zeit, bis Mrs. Hazleton mit ihrer ſanften, weichen Stimme bemerkte: „Iſt dies Alles nicht höchſt bezaubernd, Mr. Mar⸗ low?“ Ihr Ton war ganz traurig— nicht jene liebliche Trauer, die ſich oft in unſere glücklichſten Augenblicke mengt und ihnen gleich den weichen Noten, wenn ein ſchönes Muſikſtück in ſanftem Uebergange aus Dur in Moll ausweicht— eine höhere Würze verleiht, ſondern wirklich traurig und tief betrübt. „Höchſt reizend in der That,“ erwiederte ihr junger Be⸗ gleiter, ihr nicht ohne Ueberraſchung in's Geſicht ſchauend. „Und was ſoll ich damit anfangen, wenn Ihr mich aus 1⁵² 1 meinem Hauſe treibt?“ fragte die Dame, ſeinen Blick mit melancholiſchem Lächeln beantwortend. „Euch aus Eurem Hauſe treiben!“ rief Mr. Marlow. „Ihr werdet doch nicht glauben, theuerſte Madame, daß ich auch nur im Traume an ſo etwas dächte. O nein! Nicht um die ganze Welt möchte ich eine ſolche Scene ihres glän⸗ zendſten Schmuckes berauben. Selbſt wenn mein Anſpruch den von Euch aufgeſtellten Schiedsrichtern genügend er⸗ ſcheint, wird ſich leicht irgend ein Arrangement bewirken laſſen, wodurch das Glück Eurer Gegenwart dieſer Umgebung nicht entzogen wird.“ Mrs. Hazleton fühlte, daß ſie einen großen Schritt vorwärts gemacht hatte, und da ſie wohl wußte, daß er ſich nicht leicht jetzt und ſchon hier erklären werde, ſo beſchloß ſte, nicht etwa durch weiteres Vorrücken, das gewonnene Terrain zu verlieren, ſogar wenn der Gewinn weiterer Vor⸗ theile in Ausſicht ſtand. „Nun ja, Mr. Marlow,“ ſagte ſte;„ich bin von Eurer Güte und Großmuth vollkommen überzeugt, und wir können ſpäter von dieſer Sache reden. Ihr müßt mir nur Eines verſprechen, nämlich daß Ihr alle etwaigen Arrangements über das Haus nicht etwa kalten Advokaten oder noch kälte⸗ ren Freunden überlaſſet, welche weder meine Anhänglichkeit an dieſen Ort noch Eure eigenen edlen und freundlichen Ab⸗ ſichten zu würdigen wiſſen. Laßt es uns eines Tags ganz unter uns in einem téte à téte wie dieſes abmachen,“ fügte ſie mit feinem Lächeln bei.„Ihr werdet ja wohl nicht fürchten, von mir in einem Handel übervortheilt zu werden. 1⁵³ Jetzt laßt uns aber nach dem Hauſe zurückkehren, denn ich erwarte Mrs. Warmington frühzeitig, und darf bei ihrer Ankunft nicht abweſend ſeyn.“ Mrs. Warmington war jedoch bereits angelangt, denn das téte à téte hatte länger gedauert als Mrs. Hazleton wußte. Dieſe machte ſich's zur erſten Aufgabe, ihre ſchöne Freundin und Rathgeberin über die Urſache von Mr. Mar⸗ low's Hierſeyn zu unterrichten, worauf ſie ihr noch weiter erzählte, daß jener langweilige Mann, Sir Philipp Haſtings, alles Nöthige über den Anſpruch ohne genügende Ueber⸗ legung(wie ſie glaubte) abgemacht habe, und daß nur noch das Arrangement über das Haus übrig bleibe, in Betreff deſſen Mrs. Hazleton einen Theil ihrer eigenen Wünſche und der freundlichen Abſichten Mr. Marlow's durchblicken ließ. Merkwürdiger Weiſe war dies gerade der Wendepunkt für das Schickſal Mrs. Hazletons, Mr. Marlow's und der meiſten in dieſer Geſchichte erwähnten Perſonen, denn Mrs. Warmington rieth jetzt zu einem Plane, der, wie ſie glaubte, für ihre Freundin trefflich taugen würde. „Warum bietet Ihr ihm nicht wenigſtens für jetzt einen Austauſch an gegen Euer ſchönes, altes Haus Hartwell Place? Es liegt nur ſieben Meilen von hier in der Nähe von Hartwell, iſt ganz eingerichtet, und muß weit mehr werth ſeyn als die nackten Mauern dieſes Schloſſes. Ueber⸗ dies wäre es nicht unangenehm, ihn in der Nachbarſchaft zu haben.“ Haltet ein, Mrs. Hazleton! haltet ein, und überlegt 154 Euch wohl die Folgen dieſes Schrittes, denn ſeid verſichert, von dieſen wenigen einfachen Worten hängt gar Vieles ab. Mrs. Hazleton hielt ein; Mrs. Hazleton überlegte. Sie überlief in Gedanken die Liſten aller Familien in der Nach⸗ barſchaft. In keiner derſelben ſtieß ſie vorausſichtlich auf eine Nebenbuhlerin, denn es gab wohl verheirathete Frauen, alte Jungfern und junge Mädchen in Menge, aber Niemand, den ſie zu fürchten hatte, und mit ſtolzem Selbſtvertrauen auf ihre eigene Macht und Schönheit faßte ſie ihren Ent⸗ ſchluß. Noch am ſelben Abend ſchlug ſie Mr. Marlow vor, was ihre Freundin ihr angerathen hatte. Der Vorſchlag wurde angenommen. Mrs. Hazleton hatte ſich verrechnet, und ihr und Mr. Marlow's Schickſal war entſchieden. Vierzehntes Kapitel. Im Leben des Menſchen, wie in dem der Welt, gibt es wie im Laufe eines Stromes gegen die See gewiſſe ruhige und ſonnige Stellen, welche nichts als die ſtillen, regungs⸗ loſen Gegenſtände um ſie her oder den blauen Himmel und die ſegelnden Wolken darüber wiederſpiegeln. Oft finden wir auch, daß dieſe ruhige, ſtille Waſſerfläche plötzlich eine raſchere Bewegung annimmt und dicht zu einer Stelle ge⸗ langt, wo eine eilende Stromſchnelle die Ausſicht verman⸗ nigfaltigt, oder ein donnernder Waſſerfall in wirrem, ſchäu⸗ mendem Schrecken den Lauf des Stromes unterbrochen hat. — 15⁵ Eine ſolche ſtille Pauſe ohne Handlung folgte den Er⸗ eigniſſen, welche ich im letzten Kapitel erzählt habe, und erſtreckte ſich über eine faſt ſechs Monate lange Periode, während welcher uns kein bemerkenswerthes Ereigniß zu ſchildern übrig bleibt. Friede und Ruhe wohnte in den verſchiedenen Haushalten, deren ich im Laufe dieſer Er⸗ zählung erwähnt habe; der von Sir Philipp Haſtings wurde durch den munteren Geiſt ſeiner Tochter Emily belebt, und nur zuweilen durch den ernſten Charakter ihres Vaters etwas verdüſtert; der von Mrs. Hazleton war von der Flamme der Hoffnung und der ſchönen Ausſicht auf ein Ge⸗ lingen ihrer Plane erhellt— eine Ausſicht, welche ihr noch längere Zeit eröffnet blieb. Mr. Marlow blieb nur zwei Tage in ihrem Hauſe, und verfügte ſich dann nach London; welche Wirkung aber auch ihre Schönheit auf ihn hervorgebracht haben mochte— ſeine Geſellſchaft, ſo kurz ſte auch dauerte, diente jedenfalls dazu, ihre Gefühle gegen ihn nur noch zu beſtärken, und ehe er ſie verließ, war ihr Entſchluß zu voller Reife gediehen, und es war bei ihrer Charakterſtärke ein feſter, unabänderlicher Ent⸗ ſchluß, daß es zwiſchen ihr und Mr. Marlow zu einer Hei⸗ rath kommen ſolle und müſſe. Dieſe Ueberzeugung, welche darum weil ſie ſie ſogar vor ſich ſelbſt verhehlte— um nichts weniger ſtark, energiſch und leidenſchaftlich war, wurde von dem Entſchluſſe begleitet, daß kein Opfer, keine Beſorgniß, keine Scheu irgend welcher Art ihrer Abſicht in den Weg treten dürfe. Sie ahnte allerdings nicht viele Schwierigkeiten, denn Marlow war 156 ihr offenbarer Bewunderer; aber wenn auch Schwierigkeiten ſich erheben ſollten, war ſie gleichwohl entſchloſſen, ſie um jeden Preis zu überwinden. Ihr Charakter gehörte zu denen, aus welchen die Welt ihre Tragödien macht; er barg Leidenſchaften in ſich, viel zu tief und ſtark, um häufig auf⸗ geregt zu werden, gleichwie die tiefen Waſſer, welche, einmal in Bewegung, zu ganzen Bergen ſich aufthürmen, einen Orkan erfordern, um ſie aufzurühren. Sie beſaß jenen energiſchen Willen, jene ſtarre, unbeugſame Entſchloſſenheit, welche wie ein ausbrechender Gebirgsſturm Alles vor ſich herfegt; wir dürfen jedoch nicht vergeſſen, daß ihre Energie ebenſo gut bei ihr ſelbſt wie bei Andern Anwendung fand, nicht darin, daß ſie ihre Leidenſchaft hemmte oder ihre Begierde einſchränkte, wohl aber dadurch, daß ſie jedes äußere Zeichen gewiſſenhaft hütete, und jede That, jeden Gedanken mit achtſamer Kunſt auf das beabſichtigte Ziel zuführte. Mrs. Hazleton ließ Marlow über einen Monat in Lon⸗ don, ehe ſie ihm folgte, um die zwiſchen ihnen obſchwebenden Geſchäfte zum Abſchluſſe zu bringen. Es koſtete ſie einen gewiſſen inneren Kampf; aber ſie blieb ſiegreich in dieſem Kampfe, und als ſie endlich aufbrach, hatte ſie mehrere Zu⸗ ſammenkünfte mit ihm. Der Zufall— dieſer große Wider⸗ ſacher vieler Plane— war gegen ſie: bald waren Advokaten, bald läſtige Freunde bei dieſen Zuſammenkünften anweſend; allein Mrs. Hazleton machte ſich nicht viel daraus. Sie vertraute auf die Zeit, welche er bald auf dem Lande zu⸗ bringen ſollte; ſie mußte erſt ihre volle Wirkung haben, und 1⁵⁷ mittlerweile trug ſie Sorge, daß ihrem Ritter nichts als die goldene Seite des Schildes dargeboten wurde. Der Kontinent ſtand damals den Engländern nur eine kurze Zeit lang offen, und Mr. Marlow äußerte ſeinen Ent⸗ ſchluß, nachdem nunmehr die reine Geſchäftsſache zwiſchen ihnen abgemacht war, auf vier bis ſechs Wochen an den Hof nach Verſailles zu gehen, ehe er zur Beſitznahme von Hart⸗ well Place auf's Land ziehen wollte. Mrs. Hazleton hatte zwar keine Freude an dieſem Ent⸗ ſchluſſe, aber ſie fürchtete das Reſultat nicht ſonderlich, denn Mr. Marlow, der ſo vorzugsweiſe nur Engländer war, konnte nicht leicht eine Franzöſin heirathen; allein ſie be⸗ ſchloß gleichwohl, daß er ſie vor ſeinem Abgange noch in anderer Geſtalt ſehen ſollte. Sie ſtand bei dem damaligen Hofe in hohen Gunſten: ihr Rang und Reichthum, ihre Schönheit und Anmuth machten ſie überall, wohin ſie auch kam— zu einer willkommenen Zierde. Sie wurde zu einem der glänzenden Privatzirkel in den Palaſt eingeladen, und wußte es ſo einzuleiten, daß Mr. Marlow, obwohl er weder von Natur noch von Gewohnheit Höfling war, gleichfalls geladen wurde. Sie erlangte dieſe Einladung von dem königlichen Verwandten, den ſie darum bat, durch das liſtige Vorgeben, ſie wolle Marlow beweiſen, daß ſie keinen Groll gegen ihn im Herzen trage, trotzdem er einen Proceß gegen ſte gewonnen habe. Er kam und fand in ihr die Glänzendſte in jener glänzen⸗ den Verſammlung: die Vornehmen und Hochmüthigen, die Schönen und Heiteren unter den Höflingen— Alle 158 beugten ſich in Verehrung— Alle mühten ſich um ein Lächeln und erlangten es nur ſelten. Ihn lächelte ſie an — zwar nicht ſo viel, daß die Aufmerkſamkeit Anderer rege wurde, aber doch hinreichend, um ſeinen eigenen Augen eine ſtarke Auszeichnung zu zeigen, wenn er ſie nämlich zum Be⸗ obachten hätte gebrauchen mögen. Er reiste nach Frankreich ab, und Mrs. Hazleton kehrte auf's Land zurück. Der Winter verſtrich ihr mit Anord⸗ nungen für ſeinen Haushalt, und biebei hatte ſie ihm oft zu ſchreiben. Seine Antworten waren immer prompt, freund⸗ lich und dankbar, und endlich kam der Frühling mit der frohen Botſchaft, daß er wieder nach ſeinem geliebten Eng⸗ land unterwegs ſey. Ach was ſind menſchliche Erwartungen! was ſind die frohen Tagesträume der Jugend— der Reife— des mitt⸗ leren wie des greiſen Alters! denn ſie Alle haben ihre Tages⸗ träume. Jede Leidenſchaft, welche den Menſchen von der Wiege bis zum Grabe belagert, hat ihre eigenen träumeri⸗ ſchen Erwartungen. Jedes Geſchöpf, vom Tiger bis zum Käfer, hat ſein belagerndes Inſekt, von dem es geplagt, an⸗ genagt und gereizt wird, und ebenſo verhält ſich's mit allen Altern der Seele wie des Herzens. Ach was ſind die vielerlei menſchlichen Spekulationen! was iſt die Hoffnung und das Streben des Menſchen! Für die Reinen und Hochſinnigen, welche der Erde entwachſen, in ſich ſelber die bittere Saat der Enttäuſchung tragen, wie für die Böſen und Niedrigen, welche Keime der giftigſten Baſtardpflanze erzeugen, wo das. Mißlingen mit Gewiſſensbiſſen im Bunde geht. 159 „Glücklich iſt der Mann, welcher nichts erwartet, denn er wird ſicherlich nicht getäuſcht werden!“— ſo lautet ein altes Sprichwort. Aber zu ſtreben iſt Gottes Gebot, und vom richtigen Standpunkte betrachtet, iſt das Verwelken der Blüthen auf jedem Schritte, den wir nach oben thun, keine Entmuthigung, denn wenn wir unſeren Pfad richtig wählen, ſo krönt eine Fülle ſchönerer Blumen jede zackige Spitze vor uns, während wir hinanſteigen, um den Kranz unſterblichen Ruhmes zu pflücken, der gerade vor dem letzten grauenvollen Todesſprunge vor uns aufgehängt iſt. Mrs. Hazleton dachte jedoch nur ſelten über dieſes Leben hinaus, denn ſo etwas hatte man ſte nie gelehrt. Gar Viele werden von dem Pfade kühner Tugend, der Andern wohl ſchwer und ſogar verwickelter erſcheint, durch den lauten Nuf der Leidenſchaft nach rechts und nach links abgelockt, und ſuchen vergeblich wieder umzuwenden. Gar Manche, welche von der anſcheinenden Gleichartigkeit zweier Pfade irre geführt werden, ſo deutlich auch der Wegzeiger ſagt: „den ſollſt du gehen!“ meinen, der vielbetretene und ſchein⸗ bar ſo leichte Weg müſſe ſicherlich zu dem gewünſchten Ziele führen. Andere wiederum— und hiezu gehörte Mrs. Haz⸗ leton— lernen niemals den rechten Pfad von dem unrechten unterſcheiden, während Viele, ihre Augen gänzlich ver⸗ ſchließend, ihren Blick nur nach dem Gipfel heften, und bald zwiſchen Blumen, bald zwiſchen Dornen aufwärts ſtreben, bis ſie von der Stirne eines ſteilen Abgrundes niederge⸗ worfen werden, um in den Wildniſſen an deſſen Fuße zu verkümmern. 160 Mrs. Hazletons Streben war rein irdiſcher Art, und das war es eben, was ihrer vollen Schönheit abging. Ihre göttliche Geſtalt, ihr glänzendes Antlitz ſtrahlte von jeder irdiſchen Anmuth, in jedem Blicke ihres Auges leuchtete Verſtand und Einſicht; aber es fehlte dieſen Blicken an der eigentlichen Seele, an dem rechten Herzen. Leben war darin; aber des Lebens Leben, die ſtarke Flamme unſterb⸗ licher, überirdiſcher Intelligenz— fehlte. Sie mochte unter den Animalien das großartigſte ſeyn, das man noch jemals geſehen— der glänzendſte, fähigſte Verſtand, der ſich noch jemals mit irdiſchen Dingen befaßte; aber die feine, goldene Kette, welche das elektriſche Feuer von der Höhe des Verſtandes zu geiſtiger Ueberhöhung, welche vom Gemüth zur Seele, von der Erde zum Himmel hinanleitet— ſie fehlte oder war bei ihr abgeriſſen. Ihre Lieblichkeit konnte Niemand bezweifeln, ihr liebreizendes Weſen Niemand in Abrede ziehen; ihre geiſtige Ueberlegenheit war allgemein anerkannt, und über dem Allem ſtand die Grazie weiblicher Sanftmuth. Aber eine Grazie fehlte dennoch— die Grazie hochſinniger Frömmigkeit, welche bei denen die ſie beſitzen— mögen ſie nun ſchön oder häßlich ſeyn— aus jedem Blicke, jeder Handlung ausſtrahlt, und ſie in einen Glanz ein⸗ hüllt, welchem die Heiligenglorie der Künſtler kaum zu vergleichen iſt. Ach, was iſt das menſchliche Streben! was ſind die Er⸗ wartungen dieſes ſchönen, gebrechlichen Geſchöpfes! Wie ſehnſüchtig dachte Mrs. Hazleton an Marlow's Rückkehr— was erwartete ſie nicht Alles von ihrem diesmaligen Wieder⸗ 161 ſehen? wie rechnete ſie auf Alles was in den nächſten paar Wochen geſagt und gethan werden ſollte! Die erſte Nachricht, welche zu ihr gelangte, war die, daß er angekommen ſey, und mit wenigen Dienern ſeine neue Wohnung in Beſitz genommen habe. Sie blieb den ganzen Tag zu Hauſe, ohne eine Spazierfahrt oder einen Gang in's Freie zu wagen; ſie verſuchte zu leſen, verſchiedene Inſtru⸗ mente zu ſpielen; ſie dachte jeden Augenblick, er müſſe wenigſtens auf einige Minuten kommen, um ihr für all die Sorgfalt zu danken, die ſie auf die behagliche Einrichtung ſeines Wohnhauſes verwendet hatte. Die Sonne vergoldete den Weſten; der melancholiſche Mond erhob ſich in ſanftem Glanze; die Stunden verſtrichen— und er kam nicht. Am nächſten Morgen erfuhr ſie, daß er zu Sir Philipp Haſtings hinübergeritten war, und Unwillen kämpfte in ihrer Bruſt mit Liebe. Heute, dachte ſie, müſſe er ſicherlich kommen, und ſie beſchloß in ihrem Aerger, ihm für ſeinen Mangel an Höflichkeit Vorwürfe zu machen. Zum Glück für ſie ſelbſt, kam er auch heute nicht, und eine Art von Trübſinn bemächtigte ſich ihrer. Ich ſage— zum Glücke, denn wenn die Leidenſchaft ſich eines Planes bemächtigt, ſo wird ſie ihn faſt immer in Stücke reißen, und die Melan⸗ cholie lockerte für diesmal den Griff der Leidenſchaft. Am nächſten Tage kam er endlich, und zwar mit ſo un⸗ befangener, argloſer Miene, daß nicht viel gefehlt hätte, ſie abermals ärgerlich zu machen. Er wußte nicht, was ſie empfand— hatte keinen Begriff davon, wie er erwartet James. Rache, 11 worden war. Er wußte ebenſo wenig, daß ſie ihn jemals als ihren Gatten ſich gedacht hatte, wie ſie darum wußte, daß er ſie in ſeinem Geiſte mit ſeiner eigenen Mutter ver⸗ gleichen konnte. Er erzählte ruhig und gleichgültig von ſeinem Beſuche bei Sir Philipp Haſtings, indem er— nicht als Entſchuldi⸗ gung, ſondern als bloſes Faktum— beifügte, er ſey vor ſeiner letzten Abreiſe verhindert geweſen, daſelbſt vorzuſpre⸗ chen, wie er zugeſagt hatte. Er ſchilderte den freundlichen Empfang, welchen Lady Haſtings ihm bereitet hatte, denn Sir Philipp war in Geſchäften abweſend, und er verweilte vielleicht länger als nöthig bei Emily Haſtings' ausnehmen⸗ der Schönheit und Anmuth. O wie Mrs. Hazleton ſie haßte! es bedarf nur weniger Gifttropfen, um einen ganzen Brun⸗ nen zu vergiften. Er that noch Schlimmeres: er begann ihren Charakter zu beſprechen— jene Miſchung von Frohſinn und ernſter Nachdenklichkeit, das kindliche Aufjauchzen und die ſeelen⸗ vollen Regungen ihres Weſens— die Einfalt und Verwick⸗ lung, den vielſeitigen Glanz ihres Temperaments, das gleich geſchnittenen Diamanten jeden Lichtſtrahl in tauſend wech⸗ ſelnden blendenden Farben reflektirte. O wie Mrs. Hazleton ſie haßte!— haßte, weil ſie zum erſtenmale zu fürchten begann. Er hatte mit ihr zum Preiſe eines anderen Weibes geſprochen— in lauten Lobeserhebun⸗ gen, mit leuchtendem Auge und einem Blicke, der ihr mehr als ſeine Worte beſagte. Dieſe Zeichen waren nicht zu ver⸗ kennen: ſie bewieſen keineswegs, daß er Emily Haſtings 163 liebte; das wußte ſie recht wohl; aber ſie bewieſen, daß er ſie nicht liebte, und das war das Gift in ihrem Becher. So peinlich, ſo furchtbar war dieſe Empfindung, daß ſie trotz aller Selbſtbeherrſchung den Todeskampf, unter dem ſie ſich krümmte, nicht zu verhehlen vermochte. Sie wurde ernſt und ſchweigſam, verſank in Gedanken, welche die helle Stirne bewölkten und die fein geſchnittene Lippe zittern machten. Mr. Marlow war betrübt und überraſcht. Er fragte ſich ſelbſt, was ſie nur haben möge. Irgend etwas hatte ſie offenbar betrübt, und er konnte ihren Kummer nicht bis zu ſeiner Quelle verfolgen, denn ſie hütete ſich ſorgfältig, ein Wort des Tadels über Emily Haſtings zu äußern. Hierin bewies ſie nicht den gewöhnlichen Frauenſinn. Sie hätte das Mädchen erſtechen können, wenn ſie vor ihr ge⸗ ſtanden wäre; aber kratzen mochte ſie ſie nicht. Kleinlicher Neid war für ſie zu niedrig— zu geringfügig für ihren Charakter. Ihr Herz war der Rache fähig und mochte ſich mit nichts Geringerem befriedigen laſſen. Mr. Marlow beſänftigte ſie, ſprach freundlich und zärt⸗ lich mit ihr und ſuchte ihren Geiſt auf erheiternde und unter⸗ haltende Gegenſtände hinzulenken. O für ſie war Alles nur Galle und Bitterkeit! Er hätte ſie ſchmähen, verfluchen und beſchimpfen können, ohne vielleicht ihre Liebe zu ver⸗ mindern— jedenfalls ohne ihr halb ſo viel Qual zu bereiten, als ſeine ſanften Worte ihr verurſachten. Es iſt unmöglich, alle die wechſelnden Regungen zu ſchildern, welche in ihrem Herzen vor ſich gingen— unmöglich wenigſtens für mich. 41 Shakeſpeare hätte es gekonnt; aber auch kein Anderer als Shakeſpeare. Eine Zeitlang wußte ſie nicht, ob ſie ihn liebte oder haßte; aber ſie merkte bald, daß es Liebe war, und gleich dem Blitze, der einen Felſen trifft und von dem feſten Steine abgleitet, um einen Schößling zu zerſplittern, wendete ſich ihr Haß von ihm ab, um auf das Haupt der armen unbewußten Emily Haſtings niederzufallen. Wenn ſie ſich auch von dem empfangenen Schlage nicht erholen konnte, ſo gelang es ihr doch bald, ihre Selbſtbe⸗ herrſchung zu gewinnen und die abſorbirenden Gedanken zu verbannen. Sie unterhielt ſich lächelnd und ruhig, ſprach ſogar in ihrer gewohnten glänzenden Weiſe, nur mit etwas mehr Bildern und Zieraten als gewöhnlich, denn Bilder ſind mehr Dinge des Kopfes als des Herzens, und es war der Kopf, der jetzt bei ihr ſprach. Endlich verabſchiedete ſich Mr. Marlow, und zum erſten⸗ male in ihrem Leben war ſie froh, daß er ging. Mrs. Hazleton gab keinem leidenſchaftlichen Ausbruche Raum; ſie vergoß keine Thräne, ließ keine Sylbe laut wer⸗ den. Was in ihrem Herzen tobte, war viel zu mächtig für ſolche gewöhnliche Ausdrücke. Sie ſetzte ſich an den Tiſch⸗ lehnte das Haupt auf die Hand und heftete ihre Augen auf einen hellen Fleck in dem eingelegten Getäfel. So ſaß ſie wohl länger als eine Stunde, ohne ſich zu rühren. Was waren wohl die Gedanken, die ihr während dieſer Zeit durch den Sinn zogen? Wir haben die Empfindungen ihres Herzens hinreichend verdeutſicht,. Sie entwarf Pläne, faßte ihren Entſchluß 165 und ſchaute ſich nach den Mitteln dazu um. Verſchiedene Perſonen ſtellten ſich ihr als Werkzeuge dar; unter Anderem jene drei Frauen, die ich im vorigen Kapitel als eine gute Sorte von Freunden erwähnt habe. Allein ſie bedurfte eines Agenten— nicht eines Vertrauten. Nein, nein; Mrs. Hazleton war zu klug, um einen Vertrauten zu haben: ſie war ihr eigener Rathgeber, und das wußte ſie. Nichts⸗ deſtoweniger konnten jene guten Damen in untergeordneten Rollen wohl einige Dienſte leiſten, und mit wunderbarer Genauigkeit und Geſchicklichkeit wurde jeder von ihnen ihre Stelle in dem Plane angewieſen. Hiebei erinnerte ſie ſich jedoch, daß es Mrs. Warming⸗ ton's Rath geweſen, der Mr. Marlow nach Hartwell⸗Place gebracht hatte, und ſie konnte ſich nicht enthalten, ihrer ſchönen Freundin im innerſten Kämmerlein ihres Herzens eine derbe Verwünſchung nachzurufen. Sie beſchloß jedoch, ſie gleichwohl zu nützen ſo weit ſie nützlich ſeyn konnte, und ſte vergaß nicht, daß ſie ſelbſt an dem mißglückten Plane eben ſo gut Schuld trage. Sie gehörte nicht zu Denen, welche ſich dadurch vor Tadel ſchützen, daß ſie den ganzen Sturm der Enttäuſchung auf einen Anderen werfen, ſondern nahm ihren eigenen vollen Antheil an der Sache. „War ſie eine Närrin, mir ſo zu rathen,“ dachte Mrs. Hazleton,„ſo war ich noch eine größere, ihrem Rathe zu folgen.“ Nun aber richtete ſich ihr Auge auf den Agenten, den ſie ſuchte. Hier fiel ihr kein anderer Name ein als der des Anwaltes Shanks, und ſie lächelte bitter als ſie an ihn dachte. Sie erinnerte ſich, daß Sir Philipp Haſtings ihn häuptlings die Terraſſenſtufen hinabgeworfen hatte, und das war für ſie eine große Befriedigung, denn obgleich Mr. Shanks ein Mann war, welcher Beleidigungen zuweilen ſehr mild ertrug, ſo vergaß er ſie doch niemals. Immerhin blieb es aber eine ſchwierige Rolle, die ſie übernahm, denn die meiſten Agenten haben zugleich das Verlangen, ſich zu Vertrauten erhoben zu ſehen, und Mrs. Hazleton war entſchloſſen, ihren Anwalt nicht in dieſe Ka⸗ tegorie zu ſtellen. Ihre Aufgabe war, ihre Abſichten mehr zu inſinuiren als auszuſprechen— zu handeln, ohne die Beweggründe ihrer Handlung zu verrathen— einen An⸗ deren für ſie handeln zu laſſen, ohne ſich durch ein Ertheilen von Anweiſungen zu kompromittiren. Mrs. Hazleton ordnete Alles zu ihrer eigenen Befriedi⸗ gung. Unter der ſcheinbar erloſchenen Aſche früherer Plane begann ein kleiner Hoffnungsfunke zu glimmen, der für die kommende Zeit gar Manches verſprach.. Was hatte ſie vor? Anfänglich nichts weiter, als Sir Philipp Haſtings und ſeine Familie aus dem Lande zu treiben und mit der Befriedigung perſönlichen Haſſes die Bemühungen für Erreichung ihrer eigenen Abſichten zu ver⸗ binden. Es war ein kühner Verſuch; allein Mrs. Hazleton hatte ihren Plan fertig, und ſie ſetzte ſich nieder, um an Mr. Shanks, den Anmalt, zu ſchreiben. 167 Fünfzehntes Kapitel. Das äußere Dekorum kam uns mit dem Hauſe Hannover. Ich weiß nicht, ob Männer und Frauen in England früher tugendhafter waren— ich glaube nicht— aber ſie waren jedenfalls ſowohl in ihren Tugenden wie in ihren Laſtern offenherziger. Der Schleier der Förmlichkeit wurde ſeltener um des Menſchen Herz gezogen— ich meine damit jenen kalten Zwang, jene vergoldeten Ketten der Geſellſchaft, welche, ähnlich dem Schmucke, den die Damen an Hals und Armen tragen, den Feſſeln gleichen, aber dennoch unſere Handlungen nur wenig einſchränken, keine Leidenſchaft beugen und für den ſtarken Willen nicht anders ſind als die grünen Binſen um die Gliedmaßen des hebräiſchen Rieſen. Das äußere Dekorum kam, wie geſagt, mit dem Hauſe Hannover nach England; allein ich ſpreche von einer frühe⸗ ren Periode, wo die Damen ſich weniger vor der Zunge der Schmähſucht ſcheuten— wo der Skandal ſelbſt ſich wohl hütete, eine Tugend anzurühren— wo redlicher Wille und ein reines Herz frei im hellen Tageslichte wandeln konnten, und der Menſch nicht daraus ſchon auf ſchlimme Thaten ſchloß, weil etwa eine Möglichkeit hiezu vorhanden war. Emily Haſtings ſpazierte luſtig neben Mr. Marlow durch ihres Vaters Park. Keine dritte Perſon war bei ihnen, weder ein ſcharfes Matronenohr, um ihre Worte zu erlauſchen und abzuwägen, noch ein Bruder, der die Rolle eines Begleiters ſpielte und ſich entweder an der Aufgabe langweilte oder ſie ſich dadurch erleichterte, daß er nebenher ſein eigenes Vergnügen ſuchte. Sie waren allein zuſammen und plauderten ohne Zwang. Ihr Götter, was wurde da Alles geplaudert! Das liebe Mädchen war in einer ihrer heiterſten, glänzendſten Launen. Da war nichts, was ihre Phantaſie nicht bewegte oder ihr dienſtbar wurde. Die Wolken, welche über den Himmel zogen— die blauen feſtſtehenden Hügel in der Ferne— die rothe, gelbe und grüne Färbung der jungen Eichenknoſpen— das Tanzen des Stromes— der Geſang der Vögel— das Flüſtern des Windes— das dunſtige Licht des Frühlings, das ſich über die Morgenferne ausbreitete— das Alles gab ihr ein Bild für ihre Gedanken. Es ſchien heute, als ob ſie nur figür⸗ lich ſprechen könne— als ob ſie in den Blüthen der Ein⸗ bildungskraft ſchwelge wie ein Kind, welches das friſch⸗ gemähte Gras auf dem Heufelde um ſich her wirft. Und er fand ſeine Freude daran, ihr jeden Augenblick in mun⸗ terem Bemühen neue Stoffe zu dem übermüthigen Spiele der Phantaſie zu liefern. Sie kannten ſich noch nicht lange; aber es lag etwas in des jungen Mannes Weſen— nein, laßt mich weiter gehen— es lag etwas in ſeinem Charakter, was zum Vertrauen ein⸗ lud und die Herzen ſeiner Umgebung bewog, jede fremd⸗ artige Verkleidung von ſich zu werfen, etwas, das ihnen verſprach, daß er aus ihrer Offenheit keinen niedrigen Vor⸗ theil ziehen werde. Dieſes Etwas war vielleicht der Ernſt ſeines Weſens. Man fühlte, daß er wahrhaftig war in Allem, was er that oder ſagte, daß ſein Wort nur der Ausdruck ſeiner Empfindung und daß ſein Geſicht ein Blatt war, auf welchem das Herz alsbald ſeine Gefühle eintrug. Doch 169 darf mich der Leſer nicht mißverſtehen; er darf nicht an⸗ nehmen, daß wenn ich von ſeinem ernſten Weſen ſpreche, der Tiefſinn darunter verſtanden ſey. O nein! der Ernſt kann ebenſo gut mit dem fröhlichſten wie mit dem nüchternſten Herzen beſtehen; man kann in Luſt und Freude ebenſo ernſt, ebenſo wahr und aufrichtig ſeyn, wie in Kummer oder Strenge. Er war ernſt in allen Dingen, und dieſer Ernſt war es eben, der ihm wahrſcheinlich den Weg zu ſo manchen ungleich⸗ artigen Herzen bahnte. Emily hatte keinen Begriff davon, welche Wirkung er auf ſie hatte; ſie fühlte nur, daß er ein Mann war, vor dem ſie keinen Gedanken zu verbergen brauchte, daß ſie un⸗ bekümmert ſeyn durfte in ihrem Frohſinn, wenn ſie fröhlich war, und daß ſie in Frieden nachdenken konnte, wenn ſie zum Nachdenken Luſt hatte. So wandelten ſie dahin und ſprachen von allen möglichen Dingen, nur nicht von Liebe. Sie kam keinem von Beiden in den Sinn. Emily wußte nichts von ihr; die ruhige Fläche des Lebens war bei ihr nie von dem Sturme der Leidenſchaften gekräuſelt worden. Marlow mochte mehr davon wiſſen; aber er war diesmal nur im Genuſſe des Augenblickes verloren. Der kleine Feind mochte den Krieg gegen die Veſte dieſer beiden unbewußten Herzen fortführen; aber dann that er es durch die ſchweigende Sappe und Mine, welche wenigſtens bei dieſer Art der Kriegführung weit wirk⸗ ſamer iſt als der wilde Sturm oder die donnernde Kanonade. Ihr Weg ſchlängelte ſich gegen ein Thor am äußerſten Ende des Parkes, wo ein Pfad auslief, der auf weit kürzerem 170 Wege als die gewöhnliche Straße zu Mr. Marlow's eigener Wohnung führte. Er war heute Morgen herübergekommen, um nur eine Stunde in Sir Philipp Haſtings' Hauſe zu⸗ zubringen, denn er hatte auf heute Mittag Gäſte bei ſich eingeladen. Statt einer Stunde hatte er zwei mit Emily und ihrer Mutter zugebracht, und darum war ihm heute der kurze Pfad lieber als der längere. Emily hatte ſich ange⸗ boten, ihm den Pfad nach dem Pförtchen zu zeigen, und ihre Geſellſchaft kürzte ihm allerdings den Weg, wenn ſie auch die Zeit, die er dazu brauchte, länger machte. Bei der Beſchreibung von Sir Philipp Haſtings' Park habe ich erwähnt, daß ein weiter, offener Raum um das Haus lief; dabei habe ich auch geſagt, daß in einiger Ent⸗ fernung die Bäume ein dickes düſteres Gehölz bildeten. Die zunächſt dem Hauſe gruppirten ſich in einzelnen Häufchen, und das Auge ſchweifte unter einer wahren Wildniß von Hagedornen, Buchen und immergrünen Eichen, während jenſeits derſelben eine dichtere Waldmaſſe zum Vorſchein kam. Durch die zerſtreuten Gruppen wie durch das dickere Waldland am Ende des Parkes liefen Fußpfade, welche von dem Wild, den Parkhütern und dem Landvolke betreten wurden. So bedurfte Marlow aus verſchiedenen Urſachen eines Führers auf ſeinem Wege, und noch vielfältiger waren die Urſachen, welche ihm Emily Haſtings als Führerin willkommen machten. Im Laufe ihres Spazierganges kamen ſie unter vielen andern Gegenſtänden auch auf Mrs. Hazleton zu ſprechen, und Marlow verbreitete ſich in warmem Erguſſe über ihre 171 Schoͤnheit, Anmuth und Herzensgüte. Wie ganz anders war die Wirkung ſeiner Worte bei Emily Haſtings— ver⸗ glichen mit derjenigen, welche ſein Lob gerade bei der Perſon, von welcher er ſprach, hervorgerufen hatte! Emily's Herz war frei; ſie hatte keine Plane, keine Abſichten und Intri⸗ guen im Sinne; ſie wußte nicht, daß auch nur eine Em⸗ pfindung in ihrer Bruſt lebe, mit welcher das Lob auf Mrs. Hazleton unvereinbar wäre. Sie hatte ſie recht lieb, denn ſolche Augen, wie die ihrigen, ſind nicht geübt, um in die Dunkelheit zu ſchauen. Den italieniſchen Sänger hatte ſie vielleicht durch Inſtinkt, vielleicht durch irgend einen deut⸗ lichen Zug, der zuweilen auch dem Argliſtigſten entſchlüpft— errathen. Aber Mrs. Hazleton war eine Frau— eine Frau von vielen glänzenden, feinen Eigenſchaften, ohne alle äuße⸗ ren Mängel, welche auf einen geringeren oder härteren Ge⸗ halt hätten ſchließen laſſen— war ſie nicht lauteres Gold, ſo war ſie jedenfalls doppelt vergoldet. Emily lobte ſie gleichfalls und wurde immer wärmer bei dieſem Thema, bis ſie endlich voll Eifer ausrief: „Sie kommt mir immer vor wie eine jener Frauen in den Feenmährchen, welcher irgend ein Zauberer einen un⸗ widerſtehlichen Reiz verliehen hat. Es iſt nicht ihre Schön⸗ heit, denn ich empfinde daſſelbe, wenn ich meine Augen ſchließe und nur ihre Stimme höre. Es iſt nicht ihre Unter⸗ haltung, denn ſie äußert die gleiche Wirkung, wenn ſie ſchweigt und ich ſie nur betrachte. Es ſcheint wie der Duft einer Blume von ihr auszuſtrömen, und bleibt ſich gleich, ob ſie nun luſtig oder ernſthaft iſt.“ „Ja, auch wenn ſie melancholiſch iſt,“ erwiederte Mar⸗ low.„Das fühlte ich nie ſtärker als vor einigen Tagen, da ich eine Stunde mit ihr zubrachte, wo ſie nicht allein ernſthaft, ſondern ſogar traurig war.“ „Melancholiſch!“ rief Emily.„So habe ich ſie nie geſehen. Ich ſah ſie wohl ernſthaft— nachdenklich— ſchweigſam; aber traurig niemals, und ich weiß nicht, ob ſie mir nicht i in jener ernſteren, ſtilleren Stimmung reizender vorkam als in ihrer lebhafteren Laune. Wißt Ihr wohl, daß ich bei Betrachtung der ſchönen Statuen, die ich zu London ſah, mir öfter dachte, ſie müßten die Hälfte ihres Reizes verlieren, wenn ſie ſprechen und ſich bewegen könnten? So geht es mir auch mit Mrs. Hazleton: ſie kommt mir bei völligem Stillſchweigen ſogar lieblicher und graziöſer vor als ſonſt. Mein Vater,“ fuhr ſie nach kurzer Pauſe fort,„iſt der Einzige, der in ihrer Gegenwart zauberfeſt iſt.“ Dieſe Worte verſenkten Marlow eine Weile in tiefes Nachdenken. on „Warum,“ ſo fragte er ſich ſelbſt,„iſt Sir Philipp Haſtings zauberfeſt, während alle Anderen entzuckt ſind?“ Der Mann hat die Gewohnheit, viel auf das Urtheil des Mannes zu halten— ob mit Recht oder Unrecht, will ich hier nicht näher unterſuchen. Weniger zuverxläſſig iſt ihm das Urtheil der Frauen, und doch gehören die Frauen zu den ſcharfblickendſten Beurtheilern, wenn ſiengicht durch Leidenſchaft eingenommen ſind. Aber ſind ſie auch oft ſo? Vielleicht iſt es gerade die Ueberzeugung, daß die Männer weit ſeltener nach Impulſen urtheilen, daß ſie häufiger nach 173 Urſachen entſcheiden, worauf dieſe Präſumtion ihrer Zuver⸗ läſſigkeit beruht. Die Frau iſt mehr ein Geſchöpf der Inſtinkte als der Mann— ſey es nun, daß ihre Stellung oder daß ihre Natur es ſo mit ſich bringt. Jene Inſtinkte ſind ihr zum Schutz gegeben, wo die Vernunft zu langſam wirken würde, und ſie treffen faſt immer das Rechte, ſobald ſie unter ſtarken Impulſen handeln. Der Mann hat den langſameren Prozeß durchzumachen und verläßt ſich natür⸗ lich weit ſicherer auf das Reſultat, denn die Vernunft de⸗ monſtrirt, während der Inſtinkt nur blindlings leitet. Marlow beurtheilte Sir Philipp Haſtings nach ſich ſelbſt und dachte ſich, er müſſe irgend einen Grund haben, der ihn gegen Mrs. Hazleton's Verlockungen zauberfeſt mache. Dies erweckte in ihm die erſten Zweifel, ob ſie auch wirklich ſey was ſie ſcheine. Er wies zwar dieſen Zweifel als be⸗ leidigend zurück; aber er kehrte ſpäter von Zeit zu Zeit wieder und gab ihm zuletzt einen Schlüſſel zu einem ver⸗ wickelt abyrinthe. Der Spaziergaug näherte ſich ſeiner Anſicht nach nur allzu raſch ſeinem Ende. Emily deutete auf das Pförtchen, ſobald es ihnen zu Geſichte kam, ſchüttelte ihm die Hand und machte ſich auf den Heimweg. Er dachte mehr an ſie, nachdem ſie ſich getrennt hatten, als während ſie bei ihm geweſen war. Es gibt Zeiten, wo auch tie Nachdenklichſten nicht überlegen— während ſie nämlich genießen. Jetzt aber, nachdem ſie ihn eben ver⸗ laſſen, trat ihm jedes ihrer Worte, jeder ihrer Blicke vor das Gedächtniß. Nicht daß er bei ſich ſelber eingeſtand, die Liebe habe das Geringſte mit ſeinen Gefühlen zu ſchaffen— o nein! Er kannte ſie erſt zu kurze Zeit, als daß eine ſo ernſte Leidenſchaft wie Liebe ſich in ſeine Empfindungen miſchen konnte. Er dachte nur an ſie— überlegte— erwog — rief ſich Alles zurück, was ſie geſagt und gethan hatte, weil ſie ihm in Allem, was er bis jetzt geſehen oder gehört hatte, Anderen ſo durchaus unähnlich, ſo völlig neu und des Studiums wohl würdig vorkam. Sie war nur ein Mädchen— ein bloſes Kind, ſagte er; und doch lag mehr als kindiſche Grazie in dieſer leicht ge⸗ rundeten Geſtalt, in welcher die Schönheit noch nicht völlig aufgeblüht, aber ſchon durch die Knoſpe gedrungen war, wie eine Moosroſe im lieblichſten Stadium ihrer Lieblichkeit. Und dann ihr Geiſt; es war nichts Kindiſches in ihren Ge⸗ danken als etwa ihr Muthwille. Die Morgenthautropfen waren noch nicht verhaucht; aber das Tagesgeſtirn ihrer Seele war ſchon hell am Himmel aufgegangen. Sie gehörte zu jenem Weſen, bei denen der liebes⸗ ſcheue Mann nicht ohne höchſte Gefahr allzulange nachfor⸗ hen darf— jenen Weſen, deren Worte und Blicke eine un⸗ auslöſchliche Wirkung äußern. Die der bloſen Schönheit iſt vergänglich. Wie manches Geſicht ſehen wir und halten es für das lieblichſte der Welt; ſchließen wir aber eine Stunde ſpäter die Augen und ſuchen wir uns ihre Züge zurückzuru⸗ fen, ſie vor dem Auge der Seele abzumalen, ſo ſtehen wir rathlos da. Wiederum gibt es Andere, die ſich mit jedem Gefühle des Herzens dermaßen verketten, die ſich ſo beſtän⸗ dig mit ihnen verzweigen, daß das Bild ſpäter unauslöſch⸗ 175 lich, unvergeßlich wird, ſo daß Zeit und Alter, Krankheit oder Tod ihr Werk daran üben können, ohne daß ſie an der in das Gedächtniß einbalſamirten Wirklichkeit die geringſte Aende⸗ rung hervorbringen. Den Stempel zerſtören, das Modell zerbrechen kann man; aber die Medaille, der Abriß werden bleiben. 5 Hätte Marlow hundert Jahre gelebt— hätte er Emily Haſtings nie wieder geſehen, ſo wäre ihm doch kein Zug ih⸗ res freundlichen Geſichtes, es wäre ihm keiner ihrer ſprechen⸗ den Blicke aus dem Gedächtniſſe entſchwunden. Er hätte ein Portrait von ihr malen können, wenn er ein Künſtler geweſen wäre. Habt ihr je eure Augen mit denen eines Adlers gemeſ⸗ ſen und längere Zeit in die Sonne geſchaut? Dann muß euch das glänzende Bild jener großen Kugel noch den ganzen Tag vor den Augen geſchwommen ſeyn. So ging es Mar⸗ low. Während der langen Stunden, welche folgten, hatte er Emily Haſtings beſtändig vor ſich. Aber Liebe— nein, Liebe hatte er nicht für ſie: Liebe, dachte er, war ſehr ver⸗ ſchieden von bloſer Bewunderung, denn ſte war eine Pflanzen von langſamerem Wachsthum. Er glaubte nicht an eine Liebe, die auf den erſten Blick entſteht; Romeo und Julie hatten an ihm einen Ungläubigen, und er war feſt entſchloſ⸗ ſen, wenn er jemals in Liebe gerathen würde, ſo ſollte es vorſichtig geſchehen. Armer Mann! Er wußte freilich nicht, wie tief er ſchon darin ſteckte! Emily ging unterdeſſen ihres Weges weiter. Sie we⸗ 176 nigſtens war vollkommen geſunden Herzens; ſie hatte nie im Traum an Liebe gedacht, denn Liebe hatte nie zu ihren Studien gehört, und ihr Vater hatte ihr dieſe Idee nie vor Augen geſtellt. Ihre Mutter hatte zwar oft von Heirath und guten oder ſchlimmen Ehen geſprochen, ſie aber immer nur als unterhandelte Kontrakte, als Bündniſſe des Ver⸗ ſtandes dargeſtellt, denn obgleich Lady Haſtings ſich ſo gut wie nur Eine auf Liebe verſtand und ſie auch tief empfun⸗ den hatte, ſo wünſchte ſie doch nicht, daß ihre Tochter ebenſo romantiſch werde, wie ſie ſelbſt geweſen, und ſuchte deßhalb dieſen Gegenſtand zu vermeiden. Emily dachte allerdings ſehr viel an Mr. Marlow. Er ſchien ihr hübſch, anmuthig und einnehmend— einer der angenehmſten Geſellſchafter, die ſie noch je kennen gelernt hatte; er war ihr lieber als alle Männer, die ihr noch vor⸗ gekommen; ſeine Worte klangen ihr in den Ohren noch lange, nachdem ſie geſprochen waren; aber ſelbſt die Einbildungs⸗ kraft— dieſe boshafte Spinnerin goldener Fäden— zog nie ein Band zwiſchen ſeinem Schickſal und dem ihrigen. Die Zeit war noch nicht gekommen, wenn ſie überhaupt jemals kommen ſollte. So wandelte ſie durch den Wald, und eben als ſie aus dem dichteren Gehölze zu den zerſtreuten Baumgruppen heraustrat⸗ ſah ſie einen Fremden vor ſich, der ſich anſcheinend in großem Schmerze an dem Stumpen eines alten Hagedorns anlehnte. Er war jung, ſchön und wohlgekleidet, und eine Flinte lag zu ſeinen Füßen. Wie Emily näher kam, ſah ſie das Blut 4 177 langſam von ſeinem Arme herabträufeln und auf den grauen Sand des Pfades rollen. Sie ließ ihre Menſchenfreundlichkeit nicht lange durch Scheue zurückhalten und rief deßhalb alsbald mit einem Blicke der Beunruhigung: „Ich fürchte, Ihr habt Schaden genommen, Sir; wollt Ihr nicht lieber ins Haus heraufkommen?“ Der junge Mann betrachtete ſie mit mattem Blicke und antwortete in leiſem Tone: „Die Flinte wurde von einem Zweige erfaßt, ging los und hat mir den Arm zerſchmettert. Ich dachte, die Hütte noch durch das Parkthor erreichen zu können; aber ich fühle eine Ohnmacht herannahen.“ „Halt, haltet einen Augenblick,“ rief Emily.„Ich will nach der Halle eilen und Beiſtand holen— Leute, die Euch führen können— oder einen Wagen.“ „Nein, nein!“ fiel der Fremde alsbald ein.„Dorthin kann ich nicht gehen— ich will nicht dorthin gehen! Die Hütte liegt näher,“ fuhr er gelaſſener fort.„Ich glaube, mit einiger Hülfe könnte ich ſie erreichen, wenn ſich nur das Blut ſtillen ließe.“ „Laßt mich's verſuchen,“ ſagte Emily und band mit großer Behendigkeit ihr Taſchentuch um ſeinen Arm, freilich nicht ohne ein Zittern der Hand, aber mit Feſtigkeit und nicht ohne Geſchick. „Jetzt ſtützt Euch auf mich,“ fuhr ſie fort, ſobald ſie damit fertig war.„Die Hütte liegt allerdings näher; Fames. Rache. 12² 178 aber in der Halle hättet Ihr beſſere Pflege, wenn Ihr ſte erreichen könntet.“ „Nein, nein— nach der Hütte,“ verſetzte der Fremde;„ich werde dort gut aufgehoben ſeyn.“ Die Hütte lag der Stelle, auf welcher ſie ſtanden, vielleicht um zweihundert Schritte näher als die Halle; aber in der Weigerung des jungen Mannes, die Halle zu betreten, lag ein Eifer, welcher Emily auffallen mußte. Argwohn war ihrer Seele fremd; allein man lebte damals in Zeiten, wo die Jagdgeſetze, welche heutzutage mit jedem Jahre milder werden, kaum weniger ſtreng als in den Tagen des William Rufus beobachtet wurden. Auf dem Lande, wo ſie wohnte, gab es alltäglich Geſchichten von Wilddieben und ihrer Züchtigung zu hören. Der Fremdling hatte eine Flinte bei ſich; ſie hatte ihn in ihres Vaters Parke getroffen; er wei⸗ gerte ſich trotz Schmerz und Hülfsbedürftigkeit, in der Halle um Beiſtand nachzuſuchen, und ſie konnte ſich nichts Ande⸗ res denken, als daß er aus Scherz oder unbeſonnener Laune die Grenzen des Parks in Verfolgung eines Wildes über⸗ ſchritten habe. Für einen gewöhnlichen Wilddieb konnte ſie ihn nicht halten, denn ſeine Kleidung, ſein Ausſehen widerſprachen einer ſolchen Annahme. Aber es war noch etwas mehr. In des jungen Mannes Geſichte— vielleicht mehr im Ausdruck als in den Zügen, mehr in gewiſſen markirten Li⸗ nien und plötzlichen Blicken als im Ganzen— lag etwas was ihr vertraut— was ihr ſogar verwandt vorkam. Er 179 war hübſcher als ihr Vater; ſeine Phyſiognomie trug zwar nicht ſeinen edlen, aber dafür einen Charakter vollendeter Schönheit; eine ſtarke Aehnlichkeit— nicht fortwähreud, ſondern nur gelegentlich aufblitzend, war nicht zu verkennen — wie, wann oder in was— konnte ſie kaum beſtimmen. Dieſe Entdeckung erweckte eine andere Art von Sym⸗ pathie, als ſie ſie früher empfunden hatte, und ſie drang aber⸗ mals in ihn, daß er nach der Halle gehen möchte. „Wenn Ihr Eure Jagd verfolgt habt, wo Ihr es viel⸗ leicht nicht hättet thun ſollen,“ ſagte ſie,„ſo wird es mein Vater gewiß ohne ein Wort hingehen laſſen, wenn er ſieht, wie Ihr verwundet ſeyd. Die Leute halten ihn zwar öfter ür hart und ſtreng; das iſt aber ganz irrig, denn ich kann Euch verſichern, er iſt ſanft und gütig, ſo lange er nicht fühlt, daß die Pflicht Strenge von ihm verlangt.“ Der Fremde fuhr plötzlich auf und erwiederte in einem Tone, welcher trotzig und hochmüthig geklungen hätte, wenn er nicht durch ſeine Schwäche gemildert worden wäre: „Ich habe nur geſchoſſen, wo ich ein Recht zu ſchießen habe. Ich will nicht eher in die Halle gehen, bis—— Doch ich glaube, daß ich ohne Hülfe die Hütte erreichen kann, Mrs. Emily. Ich habe mich gewöhnt, ohne Hülfe durch die Welt zu kommen“— indem er ſeiner freundlichen Füh⸗ rerin ſeinen Arm entzog. Im nächſten Augenblick ſah ſie ihn jedoch wanken; er ſchien im Begriff zu fallen, und Emily eilte ihm abermals zu Hülfe, Geſprochen wurde nichts mehr zwiſchen ihnen; 12 ½ 180 ſte mochte ihn nicht verlaſſen, obgleich ihr ſein Weſen ziem⸗ lich unhöflich vorkam, und es zeigte ſich alsbald, wie ſehr ihre Güte nothwendig geweſen. Sie waren noch über hundert Schritte von der Hütte entfernt, als er langſam zu Boden ſank; ſein Geſicht wurde bleich und todtenähnlich, und ſeine Augen ſchloſſen ſich in Ohnmacht, als er auf dem Raſen lag. Emily rannte blitzſchnell nach der Hütte und holte den alten Mann, der dort wohnte, herbei. Dieſer rief ſeinen Sohn aus dem kleinen Garten, und mit ſeiner und Anderer Hülfe wurde der Ohnmächtige hereingetragen. „Ach, Meiſter John!“ rief der alte Mann, als er ihn auf ſein Bett niederlegte;„ich wette, das iſt wieder einer Eunrer wilden Streiche!“ Sein Weib, ſein Sohn und er ſelbſt pflegten den jungen Mann mit Sorgfalt, und ein Knabe wurde nach einem Chi⸗ rurgen abgeſchickt. Emily wußte nicht, was ſie thun ſollte; doch das Mit⸗ leid hielt ſie in der Hütte zurück, bis der Fremdling wieder zum Bewußtſeyn gekommen war. Nachdem ſie ihn ſofort gefragt, wie ihm zu Muthe ſey, wollte ſie ſich eben entfer⸗ nen, um weitere Hülfe aus der Halle herbeizuſenden, als der Fremdling ihr näher zu treten winkte und im Tone auf⸗ richtiger Dankbarkeit ſagte: „Ich danke Euch tauſendmal, Mrs. Emily. Ich hätte nie gedacht, daß mir von Euch ſolche Güte zu Theil werden würde. Erweiſet mir noch die weitere Gunſt und äußert im Herrenhauſe gegen Niemand eine Sylbe von dem, was 181 vorgefallen. Es iſt beſſer für mich, für Guch, wie für Euren Vater, wenn Ihr dieſe Sache nicht erzählet.“ „Thut's nicht, o thut's nicht, Mrs. Emily!“ bat der alte Mann, der in der Nähe ſtand.„Es wird nur Unheil anſtiften und Uebles mit ſich bringen.“ Er ſprach offenbar in großer Angſt, und Emily ſah mit lebhafter Ueberraſchung, daß einer, der ihr völlig fremd war, ſie alsbald kannte, und daß der alte Mann, der ſchon lange in Dienſten ihrer Familie ſtand, ſeine ſonderbare Bitte ſo eifrig unterſtützte. „Ich will nichts ſagen, wenn ich nicht gefragt werde,“ erwiederte ſie;„dann muß ich natürlich die Wahrheit er⸗ zählen.“ „Lieber nicht,“ bemerkte der junge Mann in düſterem Tone. „Ich kann nicht lügen,“ entgegnete Emily.„Ich kann weder gegen meine Eltern noch gegen irgend Jemand doppel⸗ ſinnig verfahren.“ Und ſo wendete ſie ſich zum Gehen. Allein der Fremde erſuchte ſie noch eine Weile zu bleiben, und ſagte: „Ich bin zu ſchwach, um jetzt Alles zu erklären; ich werde Euch jedoch wieder ſehen, und dann werde ich Euch erzählen, warum ich ſo ſonderbar geſprochen habe, wie es Euch erſchei⸗ nen muß. Ich werde Euch wieder ſehen: ſchon aus bloſer Barmherzigkeit werdet Ihr Euch erkundigen, ob ich lebend oder todt bin. Wenn Ihr wüßtet, wie nahe wir einander ſte⸗ hen, ſo würdet Ihr mir's gewiß verſprechen.“ „Ich kann kein ſolches Verſprechen geben,“ verſetzte Emily. 182 Der alte Mann ſchien jedoch beeifert, die Unterredung zu beendigen; er rief deßhalb an ihrer Stelle: „O ſte wird gewiß kommen— Mrs. Emily wird kommen.“ Dann führte er ſie aus der Hütte und begleitete ſie zu dem kleinen Thore in der Parkmauer. Sechszehntes Kapitel. Mrs. Hazleton fand ihren Anwalt, Mr. Shanks, ſo ſchwer zu behandeln, wie ihr noch jemals ein Menſch im Leben auf⸗ geſtoßen war. Sie kannte ihn als einen Mann von großer Verſtandesſchärfe und Gewiſſenloſigkeit, voll Intelligenz und Thätigkeit, voll Vertrauen zu ſeiner eigenen Einſicht, kühn wie ein Löwe in den Kriegen mit Feder, Pergament und rothem Zwirn, ohne Zweifel oder Bedenklichkeiten. Es gab nichts, was er zu thun ſich geſcheut hätte, nichts, was er gethan zu haben bereute. Sie hatte ſich vorgeſtellt, daß die einzige Schwierigkeit, auf die ſie bei ihm ſtoßen könnte, darin beſtehen würde, daß ſie ihm die letzten Zwecke und Ab⸗ ſichten, die ſie vor Augen hatte, wenigſtens in gewiſſem Grade zu verbergen bemüht war. Es geſchieht jedoch nicht ſelten, daß ſo ſchlaue Leute ſich über den Charakter anderer Schlauköpfe täuſchen. Die Schwierigkeit war dießmal ganz anderer Art, denn ſie beſtand in einer eigenthümlichen Ein⸗ falt auf Seiten Mr. Shanks', auf die ſie gänzlich unvor⸗ bereitet war. 183 Der Anwalt war zwar bereit, alles Mögliche zu thun, was ſeine ſchöne Patronin wünſchen mochte. Er hätte in ihrem Dienſte ſogar ſeinen amtlichen Ruf gefährdet und mühte ſich nur zu begreifen, worin ihre Wünſche beſtanden, ſogar ohne ihr die Mühe des Erklärens zu verurſachen. Ueberdieß gab es keinen Theil des Rechtes oder der Billig⸗ keit, kein Manöver der Spitzbüberei oder Chikane, keinen Gegenſtand des Geizes, der Habſucht oder der Ehrbegierde, den er nicht alsbald begriffen hätte. Das waren lauter Dinge, die in dem eigenen Bereiche ſeines Geiſtes lagen und wofür die Thüren und Zugänge ſeiner Seele jederzeit offen ſtanden. Für andere Leidenſchaften, für tiefere aber verſtecktere Motive oder Regungen war jedoch Mr. Shanks ſo unempfindlich wie ein Thürpfoſten; man mußte ſich gleich⸗ ſam einen Weg zu ſeinem Faſſungsvermögen bahnen, einen Tunnel für den Zutritt einer neuen Idee in ſeinem Geiſte ausgraben. Die einzige Leidenſchaft, welche die kleinſte Ritze einer Oeffnung bei ihm darbot, war Rache, und nachdem Mrs. Hazleton ein Dutzend anderer Wege probirt hatte, um ihm ihre Wünſche, ohne ſich ſelbſt zu kompromittiren, begreiflich zu machen, ließ ſie ihn endlich durchblicken, daß ſie ſich von Sir Philipp Haſtings gekränkt— auf alle Fälle beleidigt glaubte und Rache dafür ſuchte. Dieſes Gefühl konnte Mr. Shanks begreifen, aber nicht feinen vollen Umfang. Er hätte ſelbſt zehn Pfund aus ſeiner eigenen Taſche gegeben— und das war die größte Summe, die er jemals in ſeinem Leben für irgend etwas 184 Anderes als einen Vortheil ausgegeben hatte— um ſich an demſelben Manne für die von ihm erlittene Beſchimpfung zu rächen. Er merkte wohl, daß Mrs. Hazleton noch weiter gehen würde, ohne übrigens auch nur im Traume daran zu 1 denken, bis zu welchem Grade ſie dieſen Rachedurſt zu ver⸗ folgen bereit war. Nachdem er jedoch den Schlüſſel erlangt hatte, nahm er keinen Anſtand die bezeichnete Straße mit aller Behendig⸗ keit zu verfolgen, und jetzt fand ſie ihn ganz ſo wie ſie ihn erwartet hatte. Er war ein Mann, reich an Auskunfts⸗ mitteln, fruchtbar an Entwürfen; ſeine Einbildungskraft hatte ſich ſein Lebenlang im Erſinnen krummer Pfad geübt; aber in dieſem Falle lag die Straße ſchnurgerade vor ihm. Er hätte allerdings lieber gehabt, wenn ſie recht gewunden geweſen wäre; aber für ſeine theure Lady war er bereit, ſogar ein geraden Pfad einzuſchlagen, und er erkärte ihr, daß Sir Philipp Haſtings ſich in ſehr gefährlicher Lage befinde. Er wollte eben in die Einzelheiten eingehen, als Mrs. Hazleton ihn unterbrach und ihm zu ſeiner Ueberraſchung nicht allein erzählte, ſondern ihm ſogar bewies, daß ihr alles Nöthige bereits bekannt war. „Die einzige Frage iſt die, Mr. Shanks,“ ſagte ſie: „könnt Ihr beweiſen, daß ſein älterer Bruder vor der Ge⸗ burt des Kindes mit dieſem Weibe vermählt war?“ „Wir glauben, wir können's, Madame,“ verſicherte der Anwalt—„wir glauben, wir können's. Es erxiſtirt ein ſehr ſtarker Brief, und es wurde offenhar—“ 185⁵ Hier ſchwieg er zoͤgernd, und Mrs. Hazleton fragte: „Es wurde— was? Mr. Shanks.“ „Ein Blatt aus dem Kirchenregiſter herausgeriſſen,“ erwiederte der Advokat. Es lag etwas in ſeinem Weſen, was den forſchenden Blick der Dame auf ſeine Miene feſſelte; ſie mochte jedoch nicht weiter danach fragen und ſagte blos: „Warum iſt dann die Sache nicht ferner verfolgt worden, nachdem ſie Euch vor ſechs Monaten eingehändigt wurde? „Ja, ſeht Ihr, theuerſte Madame,“ erwiederte Shanks, „das Recht iſt im beſten Falle unſicher. Man bedarf zwei bis drei große Advokaten, um einen Fall daraus zu machen, und dazu gebrach es an Geld. John und ſeine Mutter ha⸗ ben ihre ganze letzte Jahresrente ausgegeben; Advokaten prozeſſiren nicht ohne Speſen und überdieß—“ Er ſchwieg abermals, doch eine ungeduldige Geberde der Dame drängte ihn weiter. „Ueberdieß,“ ſagte er,„hatte ich ein kleines Plänchen erſonnen— das ich jetzt natürlich aufgeben werde— ich wollte ihn nämlich mit Mrs. Emily Haſtings verheirathen. Er iſt ein ſehr hübſcher junger Burſche und—“ „Ich habe ihn geſehen,“ verſezte Mrs. Hazleton nach⸗ denklich.„Warum wollt Ihr aber dieſen Plan aufgeben, Mr. Shanks? er ſcheint mir gar nicht übel.“ Jetzt war der arme Advokat wieder ganz außer Fahr⸗ waſſer und glaubte ſich ſo weit wie möglich vom Ziele ſei⸗ ner Patronin entfernt. Mrs. Hazleton ließ ihn längere Zeit in dieſer trüben 186 Spannung. In ihre eigenen Gedanken eingehüllt, mit ihren eigenen Berechnungen beſchäftigt, ließ ſie mehrere Minuten verſtreichen ohne ein Wort beizufügen, nachdem ſie den Anwalt ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt hatte. Endlich äußerte ſte in nachdenklichem Tone: „Es gibt nur einen Weg, wie ſich's durchſetzen läßt. Wollt Ihr es in der gewöhnlichen Weiſe anbahnen, ſo wird es Euch gänzlich fehlſchlagen: Sir Philipp wird nie zuſtim⸗ men, und ſie wird nie ihre Einwilligung geben.“ „Wenn man aber Sir Philipp begreiflich macht,“ meinte Mr. Shanks,„daß es ihm einen furchtbaren Prozeß und vielleicht ſein ganzes Beſitzthum erſpart—“ „Dann wird er nur um ſo ſtandhafter widerſtehen,“ un⸗ terbrach ihn die Dame;„ſelbſt wenn es ihm das Leben ret⸗ tete, würde er es mit Verachtung zurückweiſen. Nein! aber es gibt einen andern Weg. Wenn Ihr ſie überreden — wenn Ihr ihr beweiſen könnt, daß ihres Vaters Sicher⸗ heit und ſeine Stellung im Leben von ihrem Entſchluſſe ab⸗ hängt, dann könnt Ihr ſie vielleicht allmälig dazu bringen, daß ſie in eine heimliche Heirath einwilligt. Sie iſt jung, unerfahren, eine romanhafte Enthuſtaſtin; ſie liebt ihren Vater voller Hingebung und würde jedes Opfer für ihn bringen.“ „Kein großes Opfer, ſollt ich meinen, Madame,“ be⸗ merkte Mr. Shanks—„einen hübſchen jungen Mann zu heirathen, welcher gerechten Anſpruch auf ein großes Ver⸗ mögen beſitzt.“ „Das kommt darauf an, wie die Leute es beurtheilen,“ 187 meinte die Lady;„auf alle Fälle gibt uns dieſer Anſpruch einen Anhaltspunkt gegen ſie, den wir nicht verſäumen dür⸗ fen alsbald zu benützen. Ich will ein Mittel erſinnen, um Beide zuſammenzubringen; ich will dem jungen Manne Ge⸗ legenheit geben; aber Ihr müßt ihn inſtruiren, wie er ſie zweckmäßig benützen ſoll. Alles was ich thun kann iſt, daß ich mit Euch operire, ohne ſelbſt zum Vorſchein zu kommen.“ „Aber, meine theure Madame, ich begreife wirklich nicht,“ ſagte Mr. Shanks;„ich hatte die Idee— eine Art Fantaſie— als ob Ihr wünſchtet— als ob Ihr haben wolltet—“ Er zögerte; allein Mrs. Hazleton mochte ihm nicht mit einer Silbe zu Hülfe kommen, bis er endlich fortfuhr: „Ich hatte die Idee, als ob Ihr dieſen Prozeß gegen Sir Philipp Haſtings weiter geführt zu ſehen wünſchtet; und nun— doch das hat nichts zu ſagen. Erkläret mir nur: wünſchet Ihr wirklich das Alles zu Ende zu bringen und es durch eine Heirath zwiſchen John und Mrs. Emily abzu⸗ machen?“ „Das wird die angenehmſte— die leichteſte Art ſeyn, um die Sache abzumachen, Sir,“ erwiederte Mrs. Hazle⸗ ton kaltblütig,„und ich wünſche Sir Philipp und ſeine Fa⸗ milie keineswegs zu beeinträchtigen, ſondern ihnen eher zu nützen.“ Das war falſch, denn obgleich die Lady aufrichtig wünſchte, ihre Feindin Emily mit jedem andern Manne als Mr. Marlow zu verheirathen, ſo hatte ſie doch eine lange Rechnung mit Sir Philipp Haſtings abzumachen, die ſich 188 nicht ohne einen gewiſſen Betrag von Unrecht gegen ihn und die Seinigen bereinigen ließ. Die Lady wußte recht wohl, daß ſie eine Lüge geſprochen hatte, und daß ihr überdies Mr. Shanks nicht ſo leicht Glauben ſchenken werde. Viel⸗ leicht wünſchte ſie nicht einmal, daß er ihr glaube, und auf alle Fälle war ihr bekannt, daß ihre Handlungen dem bald widerſprechen müßten. Die Menſchen pflegen immer zwiſchen Reden und Han⸗ deln einen ſtarken Unterſchied zu machen, der ſich nicht ohne lange Unterſuchung und Erläuterung erklären läßt. Es gibt Fälle, wo die Leute ihre Abſichten nicht gerne in Worten definiren oder ihren Gefühlen Stimme geben, auch wenn ſie darauf gefaßt ſind, ſie für immer durch Thaten zu ſtempeln. Es gibt Fälle, wo man Handlungen zu begehen wagt, die man nicht durch eine Lüge zu verhüllen unternehmen will. Mrs. Hazleton ſuchte nichts Anderes als Sir Philipp Haſtings' Untergang: ſie hatte ihn in ihrem eigenen Herzen beſchloſſen, mochte es aber ihrem Agenten— vielleicht nicht einmal ſich ſelbſt— eingeſtehen. Jeder hat ein dunkles, ge⸗ heimes Kämmerchen in ſeinem Gehirn, vor deſſen Thüre die Augen des Geiſtes erblinden, ſo daß er die Dinge nicht ſehen kann, welchen er zuſtimmt. Das Gewiſſen notirt ſie ganz im Stillen, und früher oder ſpäter— ſey es nun in dieſer, ſey es in der andern Welt— wird ſein Buch geöffnet; für jetzt hat es freilich die Leidenſchaft in Verwahrung, welche die Blätter nur ſelten früher ſehen läßt, als bis die Abſicht durch die That ratificirt iſt und die Reue bereit ſteht, das Urtheil auszuſprechen. 189 Es entſtand eine Pauſe nach Mrs. Hazleton's Worten, denn auch der Anwalt war mit Gedanken beſchäftigt, die er auszudrücken wünſchte, aber nicht auszuſprechen wagte. Die ſchöne Ausſicht auf einen Prozeß— dieſe einzige Art maleriſcher Fernſicht, an der er ein Vergnügen hatte— einen langen verwickelten, koſtſpieligen Prozeß— entſchwand vor ſeinen Augen, wie wenn ein Nebel über die Bühne ge⸗ zogen käme. Wo blieben da ſeine Konſultationen und Briefe, ſeine Klagen und Schreiben, ſeine Dupliken, Einreden und Appellationen? Wo waren die Speſen— die glänzenden, goldenen Speſen? Zwar war er bei der Hoffnungsloſigkeit von ſeines jungen Klienten Vermögensumſtämden auf den Gedanken dieſer Heirath verfallen mit dem Vorbehalte, daß wenn ſie durch ſeine geſchickte Anordnung zu Stande käme, ein hübſcher Antheil an der Beute ihm zu Theil werden ſollte. Allein Mrs. Hazleton's erſte Mittheilung hatte fro⸗ here Hoffnungen in ihm geweckt— hatte ihn mehr in ſein eigenes Element verſetzt— hatte ihm einen Schauplatz für ſeine Liſt und Intrige eröffnet, der ſeiner Anſicht nach ebenſo glorreich war, wie ehedem ein Sieg auf offenem Schlachtfelde dem Ritter erſchien— und jetzt entſchwand Alles vor ſeinen Blicken. Er wagte jedoch nicht, ihr zu geſtehen, wie ſehr er ſich getäuſcht hatte, und noch weniger mochte er ihr zeigen, wie und warum dies der Fall war. Die Lady nahm wieder zuerſt das Wort, und ſie that dies in ſo ruhigem, überlegtem, leidenſchaftsloſem Tone, als ob ſie eine neue Mode für eine Mantille erſinnen wollte. „Um die gewünſchte Wirkung bei der theuren Emily“— 490 theure Emily!—„hervorzurufen, wäre es ebenſo gut, Mr. Shanks, wenn man mit dem Prozeß gegen Sir Philipp den Anfang machte,“ ſagte ſie,„das heißt jene erſten Schritte einſchlüge, welche einige Unruhe veranlaſſen dürf⸗ ten. Ich kann natürlich nicht beurtheilen, worin dieſe zu peſtehen haben; das müßt Ihr wiſſen— wo nicht, ſo müßt Ihr Euch bei gelehrten Advokaten Raths erholen. Ihr ver⸗ ſteht doch ohne Zweifel, was ich meine?“ „O gewiß, Madame, gewiß,“ erwiederte Mr. Shanks mit tiefem Seufzer der Erleichterung.„Die erſten Schritte verpflichten uns zu Nichts; aber ſie müſſen behutſam ein⸗ geleitet werden, und ich fürchte ſehr, daß— daß—“ „Was fürchtet Ihr, Sir?“ unterbrach ihn Mrs. Hazle⸗ ton in ſtrengem Tone. „Nur, daß die Ausgaben größer ſeyn dürften, als mein junger Klient ſie aufwenden kann,“ antwortete der Advokat, als er ſah, daß er zur Sache kommen müſſe. „Laßt Euch das nicht im Wege ſtehen,“ tröſtete Mes. Hazleton alsbald;„ich will die Mittel liefern. Wie hoch werden ſich die Koſten belaufen?“ „Hättet Ihr etwas dagegen, wenn ich ſage— fünfhun⸗ dert Pfund?“ fragte der Anwalt behutſam. „Sagt— tauſend!“ erwiederte die Lady mit leiſem Kopfnicken und fuhr dann, der Umſchreibung müde, in kecke⸗ rem Tone als ſeither fort:„erinnert Euch nur, Sir, daß was geſchieht, auch wirkſam geſchehen muß; keine Mißgriffe — keine Verſehen— keine Irrungen! Sorgt, daß Ihr alle Eure Augen anwendet— daß Ihr jede Nerve zu Eurer 191 Aufgabe anſpannt. Ich will keine Verſchleppung, um friſche Speſen abzupreſſen— es darf nicht heute etwas ausgelaſ⸗ ſen werden, um ſich erſt morgen daran zu erinnern— es darf keine Schnitzer geben, welche nach langem Aufſchub und noch längerem Hin⸗ und Herſchreiben verbeſſert würden. Ich kenne Euch Advokaten und Eure Schliche recht wohl, und wenn ich finde, daß Ihr den Prozeß hinauszuſchieben ſucht, um Eure Rechnung bis zum Zerplatzen anzuſchwellen, ſo laſſe ich Euch die Sache alsbald abnehmen und ſie in ſolche Hände legen, welche ihr Werk behender verrichten. Ihr könnt ſolche Stückchen an Andern praktiziren, die ſich mehr oder weniger in Eurer Gewalt befinden; bei mir aber dürft Ihr ſie nicht verſuchen.“ „Ich erkläre, theuerſte Madame— ich kann Euch ver⸗ ſichern“— ſagte Mr. Shanks; allein Mrs. Hazleton ſchnitt ihm die Rede kurz ab.. „Schweigt— ſchweigt,“ gebot ſie mit der Hand win⸗ kend.„Macht mir leine Erklärungen, gebt keine Verſiche⸗ rungen; laßt Eure Thaten reden, Mr. Shanks. Ich bin an Erklärungen und Verſicherungen zu ſehr gewöhnt, um vielen Werth darauf zu legen. Sagt mir— aber mit ſo wenig Worten, mit ſo wenig techniſchen Ausdrücken als möglich: welches ſind die Ausſichten auf Erfolg in dieſem Prozeſſe? Wie ſteht es um die Sache dieſes jungen Mannes?“ Mr. Shanks hätte es gerne geſehen, wenn ihm dieſe Erklärung erſpart geblieben wäre: er liebte es nie, ſich deut⸗ lich über ſo zarte Fragen auszuſprechen; aber er mochte Mrs. Hazleton auch kein Verlangen abſchlagen, und ſo be⸗ 19²2 gann er mit einer Umſchreibung in Betreff der Unſicherheit des Rechtsganges und der Unmöglichkeit, eine genaue Zu⸗ ſicherung des Erfolges abzugeben. Die Dame wollte ſich jedoch nicht von der Hauptſache abbringen laſſen. „Das iſt es nicht, was ich zu wiſſen wünſche,“ ſagte ſie. „Ich kenne ebenſo gut wie Ihr die Unſicherheit und Un⸗ billigkeit des Rechtsganges. Aber ich frage Euch, welche Gründe habt Ihr, um ihn zu betreten? Waren ſie wirklich jemals verheirathet? Iſt dieſer Sohn legitim?“ „Seine Mutter ſagt, ſie hätten geheirathet,“ erwiederte Mr. Shanks vorſichtig,„und ich habe gute Hoffnung, daß wir die Legitimität beweiſen können. Es exiſtirt ein Brief, worin der verſtorbene Mr. John Haſtings ſie mein liebes Weibchen' nennt, und dann iſt, wie geſagt, aus dem Ehe⸗ regiſter jener Zeit offenbar ein Blatt ausgeriſſen.“ Mr. Shanks ſprach letztere Worte langſam und nicht ohne Zögern, fuhr aber nach einer Pauſe in kühnerem, raſcherem Fluſſe fort: „Dann haben wir auch eine Behauptung der alten Frau Danby, daß ſie verheirathet geweſen. Sie iſt klar und präcis,“ fuhr er grinſend fort;„zwar wollte ſie etwas wie „vor Gottes Augen einſchieben; aber ich habe das als nicht zur Frage gehörig ausgelaſſen, und ſie leiſtete den Schwur ohne Anſtand. Bei einem Kreuzverhöre hätte ſie allerdings unterliegen können, und drum war es gar nicht ſo übel, daß wir den Prozeß bis nach ihrem Tode aufſchoben., Wir kön⸗ nen überdies beweiſen, daß der verſtorbene Sir John an rn 193 Mutter und Kind eine jährliche Rente auszahlte, damit ſie das Geheimniß bewahren möchten— ja noch mehr: daß er das alte Weib— die Danby— beſtach. Das iſt unſere ſtärkſte Seite; aber ſie iſt außer Zweifel: ich kann es bewei⸗ ſen, Madame— ich kann es beweiſen! Das Einzige was ich fürchte, iſt die Mutter: ſie iſt ſchwach, ſehr ſchwach. Ich wollte, bei'm Himmel, ſie wäre aus dem Wege, bis der Prozeß vorüber iſt!“ „Schickt ſie fort,“ rief Mrs. Hazleton entſchieden. „Schickt ſie nach Frankreich; ſie kann immer noch unter den Schönheiten von Verſailles Figur machen,“ fuhr ſie mit bitterem Lächeln fort. „Ja, ſie will nicht gehen, Madame,“ erwiederte Mr. Shanks—„ſie will nicht gehen. Ich habe ſchon auf einen ſolchen Schritt angeſpielt, habe ſchon von Cornwall oder Irland geſprochen, oder wo ſie ſich ſonſt noch verbergen könnte.“ „Cornwall oder Irland!“ rief Mrs. Hazleton.„Na⸗ türlich wollte ſie nicht gehen. Warum habt Ihr nicht Afrika oder die Kolonien vorgeſchlagen?— Sie ſoll gehen, Mr. Shanks; überlaßt es nur mir— ſte ſoll gehen. Und nun macht Euch alsbald an's Werk— unverzüglich— noch heute. Schickt mir morgen den jungen Mann und laßt ihn mir die Parole überbringen, daß irgend ein Schritt geſche⸗ hen iſt. Ich werde ihn belehren über das was er zu thun hat, während Ihr die Rechtsgeſchichte abmacht.“ Mr. Shanks verſprach zu gehorchen und entfernte ſich ganz beſtürzt von dem was er geſehen und gehört hatte, James. Rache. 13 194 Zwar hatte es keinen heftigen Ausbruch der Leidenſchaft, keine wilde Flamme noch heftiges Zucken gegeben, aber Anzeichen genug, welche bewieſen, was Alles in ihrem In⸗ neren tobte. Ihm war zu Muth geweſen, als ob er ein ſchönes Haus in Flammen, und zwar in demjenigen Zuſtande der Verbrennung vor ſich ſähe, wo dicker Rauch und laſtende Finſterniß über der furchtbaren Scene brütet, während hoch⸗ xothe, ſchnell verflackernde Blitze das Düſter durchbrechen,⸗ zum Zeichen, wie furchtbar die Flamme werden wird, wenn ſie wieder ungehindert gen Himmel ſchlägt. Er hatte Mrs. Hazleton früher nie gekannt und ſie nie vollſtändig begriffen. Jetzt kannte er ſie aber, und wenn auch ihre Tiefen für ſeine Augen faſt unergründlich blieben, ſo fühlte er, daß ein ſtarker, beherrſchender Wille in dieſer ſchönen Geſtalt vorhanden ſey— ein Wille, der ſich mit nichts Unbedeutendem befaſſen mochte. Er hatte ſie oft bei allem äußeren Reſpekte mit nachläſſigem Leichtſinn behan⸗ delt, ſie mit all den Ueberredungen und Beweisgründen traktirt, wie ein Geſchäftsmann ſie oft bei Frauen anwen⸗ det, als ob dieſe ſowohl in Verſtand als Erfahrung unter⸗ geordnet wären. Jetzt fragte ſich Mr. Shanks verwundert, wie er ſo lange und ſo gut durchgekommen ſey, und er be⸗ ſchloß, daß ſein Benehmen in Zukunft ganz anders werden ſollte. Kaum hatte er Mrs. Hazleton verlaſſen, als dieſe ſich zum Ausruhen niederſetzte— ja zum Ausruhen, denn ſie war ſehr müde. Sie hatte den erſchütternden Kampf gegen ſtarke Leidenſchaften im Herzen, gegen Hoffnungen und Er⸗ 7 ens 195 wartungen, Intrigen und Plane beſtanden, vor Allem aber den Streit mit ſich ſelbſt, um ſanft und kaltblütig zu ver⸗ fahren, während ihr ganz trotzig zu Muthe war. Er hatte ſie ermüdet, und mehrere Minuten ſaß ſie regungslos mit halbgeſchloſſenen Augen da, als ob ſte gänzlich erſchöpft wäre. Kaum war jedoch eine Viertelſtunde verſtrichen, ſo hörte man ein Wagenraſſeln vor der Thüre; ein Wagentritt wurde herabgelaſſen, und in der Halle war ein Fußtritt zu vernehmen. „Theure Mrs. Warmington, ich bin entzückt Euch zu ſe⸗ hen!“ rief Mrs. Hazleton, ſich mit ſüßem, freundlichem Lä⸗ cheln, wie die Dämmerung eines Sommermorgens, erhebend. Siebenzehntes Kapitel. Die Umſtände werden immer auch bei den beſtangelegten Planen ihren Finger im Breie haben; aber es geſchieht nicht jedesmal, daß der Brei dadurch verdorben wird— im Gegentheil iſt der Zufall oft ein ſehr mächtiger Bundesge⸗ noſſe, und bei den Anordnungen Mrs. Hazleton's zeigte er ſich diesmal wirklich von dieſer Seite. Noch ehe ſie einen Theil ihrer Intrige beginnen und Emily mit dem Manne bekannt machen konnte, dem ſie dieſelbe als Gattin in die Arme treiben wollte, war die Bekanntſchaft, wie wir ge⸗ ſehen haben, durch einen Zufall bereits eingeleitet worden. Hiebei mochte es jedoch vorausſichtlich ſein Bewenden haben, denn Emily überlegte ſich erſt den Vorfall, ehe ſie 13* 196 ihrer angeborenen Herzensgüte nachgab: ſie bedachte, wie hartnäckig alle Landedelleute damals an ihren Jagdrechten zu halten pflegten, und beſonders was ſie ihren Vater oft hatte erklären hören, daß er nach allen Principien der Billigkeit und Gerechtigkeit einen Jeden, der ihm ſein Wild entfremde, nicht beſſer als einen gemeinen Räuber be⸗ trachte. „Wollte man es damit entſchuldigen, daß das Wild mehr als anderes Eigenthum der Beraubung ausgeſetzt iſt,“ pflegte Sir Philipp zu ſagen,„ſo beweist dies nur, daß der Plünderer ebenſowohl Feigling als Schurke iſt, und nur um ſo ſtrenger beſtraft werden ſollte.“ Solche und viele derartige Reden hatte ſie zu verſchie⸗ denen Zeiten von ihrem Vater vernommen, und es wurde ihr zu einer Gewiſſensfrage, welche das arme Mädchen ſehr beunruhigte, ob ſie wirklich verſprechen durfte, den Vorfall im Parke nicht erwähnen zu wollen. Sie konnte das Heim⸗ lichthun nicht leiden, und nichts hätte ſie bewogen, eine Lüge zu ſagen; ſie wußte jedoch, daß wenn ſie des Umſtandes er⸗ wähnte— beſonders ſo lange der junge Mann, den ſie mit einer Flinte durch den Park hatte gehen ſehen, verwundet in der Hütte lag— großes Unheil hieraus folgen könnte, und obwohl ſie ſich Vorwürfe machte, daß ſie ihr Wort ſo raſch gegeben hatte, ſo wollte ſie es doch nicht brechen, nachdem es einmal gegeben war. Ihn jedoch wieder zu ſehen, ihn in jener Hütte zu be⸗ ſuchen— und wäre es auch nur um ſich nach ſeiner Geſund⸗ heit zu erkundigen, nachdem er alle Hülfe aus ihres Vaters *△ 497 Hauſe abgewieſen hatte— das war eine Handlung, die ihr nicht im Traume einſiel. Seine letzten Worte machten ihr übrigens viel zu ſchaf⸗ fen, und es lag auch etwas in ſeinem Geſichte, was ihre Fantaſie ſehr erregte. Sein Antlitz war nicht der Art, wie ſie es gerne hatte; aber ſie meinte, eine Aehnlichkeit mit einer ihr wohlbekannten Perſon, zu der ſie große Anhäng⸗ lichkeit beſaß, darin zu erkennen. Ihr Vater konnte es nicht ſeyn, ſagte ſie zu ſich ſelbſt; allein ihres Vaters Geſicht kam ihr doch öfter als jedes andere vor Augen, wenn ſie an das jenes jungen Mannes dachte; aus dieſem Grunde be⸗ mächtigte ſich ihrer eine Vorliebe für den Letzteren, und gar gerne hätte ſie gewußt, wer er wirklich war. Mehrere Tage lang vermied Emily die Nähe der Hütte; endlich aber wagte ſie ſich auf die Straße, die daran vor⸗ überzog, nicht ohne die Hoffnung, einem der alten Bewohner zu begegnen und ſo Gelegenheit zu finden, ſich nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen, aber jedenfalls nicht in der Erwartung, ihn ſelber zu ſehen, wie manche gut⸗ müthige Leſer erwarten dürften. Wie ſie jedoch näher kam, ſah ſie ihn auf einer Bank vor der Thüre ſitzen, und einem natürlichen Impulſe gehor⸗ chend, ſchlug ſie einen anderen Pfad ein, der faſt ebenſo kurz wie der andere nach der Halle zurückführte. Der junge Mann ſtand ſogleich auf und folgte ihr, indem er ſie mit einer Stimme, die zwar noch ſchwach, aber doch zu laut war, um ſie nicht zu hören oder ſich nicht hörend zu ſtellen — beim Namen rief. 198 Sie blieb halb ärgerlich ſtehen und verneigte ſich leicht mit dem Kopfe, während ſich der junge Mann mit allen Zeichen des Reſpektes näherte und ſich für den ihm gelei⸗ ſteten Beiſtand bedankte. Er hatte in der Zwiſchenzeit ſeine Lektion erhalten und ſpielte ſeine Rolle nicht übel. Jede gemeine Prahlerei, jede ordinäre Anmaßung war aus ſeinem Benehmen verſchwun⸗ den, und auf einige bei ihrem letzten Zuſammentreffen ge⸗ ſprochene Worte ſich beziehend, ſagte er: „Verzeiht mir, Miß Haſtings, was ich vor einigen Ta⸗ gen Sonderbares und Geheimnißvolles geſprochen, und daß ich ſo dringend bat, Euch wiederſehen zu dürfen; ich war eben damals vom Blutverluſte geſchwächt, und da ich nicht wußte, wie die Sache enden mochte, ſo wünſchte ich Euch etwas zu erzählen, was Ihr, wie ich glaubte, erfahren ſoll⸗ tet. Nun aber bin ich in der Beſſerung und werde in Kur⸗ zem eine paſſendere Gelegenheit finden.“ „Es wird beſſer ſeyn, wenn Ihr Alles, was Ihr zu ſa⸗ gen beliebet, meinem Vater mittheilet,“ erwiederte Emily. „Ich bin nicht gewohnt, Sachen von Wichtigkeit zu verhan⸗ deln, und was von ſolcher Bedeutung iſt, wie Ihr Eure Mittheilung anzuſehen ſcheinet— würde ich ihm natürlich anvertrauen.“ „Ich denke nicht,“ erwiederte der Andere mit geheimniß⸗ vollem Lächeln;„darüber könnt Ihr jedoch erſt urtheilen, wenn Ihr Alles wiſſet, was ich zu ſagen habe. Euer Vater iſt die letzte Perſon, der ich es ſelbſt anvertrauen möchte, weil ich glaube, daß er die Sache trotz aller ſeiner Fähigkeit 199 nicht ſo richtig wie die meiſten andern Dinge beurtheilen würde; natürlich werdet Ihr davon reden oder nicht, wie Ihr es für paſſend haltet. Für jetzt,“ fuhr er fort,„bin ich zu ſchwach, um mich auf Einzelheiten einzulaſſen, ſelbſt wenn ich es wagen dürfte, Euch hier aufzuhalten. Ich wünſchte Euch blos meinen beſten Dank zu ſagen und Euch meiner Anerkennung zu verſichern.“ Und mit tiefer Verbeugung überließ er es Emily, ihren Heimweg fortzuſetzen. 2 Dieſe ging ſinnend weiter. Kein Weiberhirn iſt ohne Neugierde, ſo wenig wie das eines Mannes, und ſie fragte ſich wenigſtens ein Dutzendmal, was wohl die Worte des Fremden zu bedeuten haben mochten. Was konnte er ihr zu erzählen haben? und warum wurde die Sache ſo geheim betrieben? Sie konnte jedoch dieſe Heimlichkeit nicht leiden, und wenn ſie ſich auch für den jungen Mann intereſſirte und Mitleid für ihn empfand, ſo war es doch jedenfalls nicht das Intereſſe, es war nicht das Mitleid, welches Liebe erzeugt und ihr verwandt iſt. Im Gegentheil gefiel er ihr weniger als da ſie ihn zum erſtenmale ſah. Es lag ein gewiſſer Grad von Argliſt in ſeinem geheimnißvollen Lächeln, ein Ausdruck von Selbſtvertrauen, ja faſt von Triumph in ſei⸗ ner Miene, der ihr trotz ſeines reſpektvollen Benehmens durchaus nicht gefiel. Emily's Vater war damals von Hauſe abweſend, kehrte aber zwei bis drei Tage nach dieſer ihrer letzten Zuſammen⸗ kunft zurück und bemerkte, daß ſeine Tochter ungewöhnlich 200 ernſthaft war. Für ſie und Alles was ſie irgendwie berührte, waren ſeine Augen beſtändig offen, obwohl er das was er bemerkte oft nicht begreifen konnte. Auch ihrer Mutter war Emily's ungewöhnliche Ernſt⸗ haftigkeit aufgefallen, und da ſie keinen Schlüſſel zu der Urſache ihrer Nachdenklichkeit beſaß, ſo glaubte ſie die Ein⸗ ſamkeit des Landlebens übe einen deprimirenden Einfluß auf ihren Geiſt— wie es bei ihr häufig der Fallwar— und ſie beſchloß, mit ihrem Gatten über die Sache zu reden. Ihm ſtellte ſie vor, daß der Ort gar langweilig ſey, daß ſie we⸗ nige Beſuche hätten, daß ſogar Mr. Marlow ſeit einer Woche nicht vorgeſprochen habe, und daß Emily in der That einiger Abwechslung in ihrer Unterhaltung wie in ihrer Um⸗ gebung bedürfe. Sie raiſonnirte nach ihren Anſichten ganz richtig, und obgleich Sir Philipp ſie nicht ganz begreifen konnte, ob⸗ gleich er große Städte verabſcheute und das Landleben liebte hatte ſie doch wenigſtens durch Wiederholung einigen Ein⸗ druck gemacht, als plötzlich von Mrs. Hazleton ein Brief anlangte mit der Bitte, man möchte Emily einige Tage bei ihr zubringen laſſen. „Ich bin ganz allein,“ ſchrieb ſie,„und nicht ganz wohl“ (ſie fühlte ſich in ihrem Leben nie beſſer);„ich habe mir vor⸗ genommen, in nächſter Woche allerhand Ausflüge nach den ſchönſten und intereſſanteſten Punkten der Nachbarſchaft an⸗ zuſtellen. Ihr wißt, theure Lady Haſtings, daß ſolche Ausflüge nur wenig Vergnügen gewähren, wenn ſie allein gemacht werden; habe ich dagegen ein Gemüth wie das 201 Eurer theuren Emily zu meiner Geſellſchaft, ſo wird jeder Gegenſtand doppeltes Intereſſe für mich gewinnen.“ Der Leſer hat bemerkt, daß der Brief an Lady Haſtings gerichtet war; aber er war für Sir Philipps Auge geſchrie⸗ ben, und ihm wurde er vorgewieſen. Lady Haſtings be⸗ merkte, als ſie ihrem Gatten das Billet in die Hand ſchob, daß es weit beſſer wäre, nach London zu gehen; der Unter⸗ ſchied zwiſchen ihrem eigenen Hauſe und dem der Mrs. Haz⸗ leton ſey nicht hinreichend, um Emily ſonderlich gut zu thun, und was dieſe Ausflüge zu benachbarten Punkten be⸗ treffe, ſo habe ſie noch immer gefunden, daß ſie die lang⸗ weiligſten Dinge von der Welt ſeyen. Sir Philipp dachte jedoch anders. Er war mittler⸗ weile zu dem Glauben gelangt, daß Emily der Veränderung bedürfe, aber noch lange nicht zu der Ueberzeugung, daß London die beſte Abwechslung für ſie abgäbe. Er fragte jedoch Emily, was ihr lieber wäre— ein achttägiger Aufenthalt bei Mrs. Hazleton oder ein kurzer Beſuch in der Haupt⸗ ſtadt. Zu ſeiner großen Freude entſchied ſich Emily alsbald zu Gunſten der Erſteren, und Mrs. Hazletons Brief wurde damit beantwortet, daß man ihre Einladung annahm. Den Tag vor Emily's Abreiſe verlebte Mr. Marlow faſt zwei Stunden mit ihr und ihrem Vater in jener gedan⸗ kenvollen abwechſelnden Unterhaltung, welche für fantaſie⸗ reiche Gemüther ſo köſtlich iſt. Er ſchenkte Emily keine beſondere oder auffallende Aufmerkſameit; aber ſie durfte doch nie daran zweifeln, daß er ſogar im Geſpräch mit ihrem Vater nicht vollkommen ihrer Gegenwart bewußt ſey und 202 ſeine Freude daran habe. Zuweilen waren ſeine Worte direkt an ſie gerichtet, und wenn dies nicht geſchah, ſo pflegte er ſie durch Wort oder Blick zur Theilnahme einzuladen und horchte auf ihre Erwiederung, als ob ſie ſeinem Ohre ſehr lieblich klinge. Sie liebte es jedoch mehr, ihm zuzuhören als ſelber zu ſprechen, denn er wußte bei Allem was er ſagte ihr Wohl⸗ gefallen und ihr Intereſſe zu erregen, indem er alle Arten von Empfindungen berührte, ſie bald zu heiterem Lächeln, bald zu gedankenvollem Nachſinnen und bald faſt zur Trauer umſtimmte.* Wäre er der geübteſte Courmacher der Welt geweſen— er hätte es bei einem Gemüthe, wie das von Emily Haſtings, nicht beſſer machen können. Er hörte von ihrem bevorſtehenden Beſuche bei Mrs. Hazleton und drückte ſeine Freude darüber aus. „Ich bin ſehr froh zu vernehmen, daß Ihr bei Ihr ſeyn werdet,“ ſagte er,„denn ich glaube, daß Mrs. Hazleton nicht ganz wohl iſt. Sie hat ihre gewohnte Munterkeit verloren und war ſehr ernſt und nachdenklich, als ich das letztemal bei ihr war.“ „O wenn ich ſie ermuntern und aufheitern kann— wie lieb ſoll mir da mein Beſuch bei ihr ſeyn!“ rief Emily eifrig. „Mrs. Hazleton ſagt in ihrem Briefe, ſie ſey unwohl, und dasb ſtimmte mich, lieber zu ihr als nach London zu gehen.“ „Nach London,“ rief Mr. Marlow:„ich dachte nicht entfernt, daß Ihr eine ſolche Reiſe vorhättet.— O Sir Phi⸗ lipp, führt doch Eure Tochter nicht nach London. Manche. 203 meiner Freunde haben oft die Gewohnheit, ſchöne und friſche Blüthen vom Lande dahin zu bringen; aber ich mache immer die Bemerkung, daß ſie Anfangs von dem Rauche und der ſchweren Luft ſchweigſam und trübſelig werden und dann hinwelken und verkümmern, und oft habe ich bei heiteren Partien an den jungen Schönheiten um mich her denſelben niederdrückenden Einfluß, daſſelbe Verwelken des Körpers wie des Herzens wahrzunehmen geglaubt.“ Sir Philipp Haſtings lächelte wohlgefällig und ver⸗ ſicherte ſeinen jungen Freund, daß er weder den Wunſch noch die Abſicht habe, auf länger als einen Monat im Win⸗ ter nach der Hauptſtadt zu gehen, und Emily ſagte mit freudigem Blicke: „Ich meines Theils wünſche blos, daß ich ſogar dann zurückbleiben könnte. Als ich das letztemal dort war, bekam ich den blauen Sammtbeſatz des vergoldeten vis à vis ſo ſatt, daß ich Fantaſiegemälde vom Lande darauf zu malen verſuchte, während ich mit Namma durch die Straßen fuhr.“ Endlich brach Emily in der ſchweren Familienkutſche auf, während Sir Philipp und ihre Zofe ſie eskortirten. Man reiste damals ſehr langſam, verglichen mit unſerer Zeit, wo Einer in einen Zeitraum von fünfzig Jahren ſo viele Ereigniſſe zuſammendrängen kann, wie Methuſalem in ſeine tauſend. Die Neiſe nahm wenigſtens drei Stunden in Anſpruch; aber ſie kam Emily ganz kurz vor, denn nach Verfluß der erſten Stunde wurden ſie von Marlow zu Pferde eingeholt, und er ritt mit ihnen bis vor die Thore von Mrs. Hazleton's Hauſe. 204 Er war ein trefflicher Reiter, denn er hatte nicht allein einen guten, ſondern auch graziöſen Sitz, und ſeine hübſche Figur und ſeine feine edelmänniſche Haltung zeigte ſich nie in beſſerem Lichte, als wenn er ſich als Centaur darſtellte. Das langſame Vorrücken des ſchwerfälligen Wagens mochte ihm vielleicht etwas läſtig fallen; allein ſein Pferd war dahin dreſſirt, in leichtem Galoppe ſogar mit einem Fuß⸗ gänger gleichen Schritt zu halten, und auf das Wagenfenſter ſich lehnend und zuweilen ſeine Hand darauf legend, wußte er die Unterhaltung mit den drin Sitzenden faſt ſo unge⸗ ſtört wie in einem Salon aufrecht zu halten. Eben als der Wagen dem Thore ſich näherte, ſagte Marlow: „Ich denke, ich werde nicht mit Euch eintreten, Sir Philipp, denn ich habe noch ein kleines Geſchäft etwas weiter von hier und bin bis jetzt langſamer geritten als ich dachte.“ Noch ehe er übrigens ſeine Rede beendigt hatte, wurden die Hofthore von dem Portier geöffnet, und Mrs. Hazleton, auf den Arm ihrer Kammerjungfer geſtützt, kam ſelber zum Vorſchein. Sie hatte die Zeit von Emily's Ankunft wohl berechnet und war an's Thor gegangen, um ihr einen aus⸗ gezeichnet gaſtlichen Empfang zu bereiten. Hätte ſie ſie nicht ſo warm und aufrichtig gehaßt wie ſie wirklich that, ſo wäre ſie wahrſcheinlich zu Hauſe geblieben. Uebertriebene Aufmerkſamkeit hat immer etwas Verdächtiges. Wie war aber erſt Mrs. Hazleton zu Muth, als ſie Mr. Marlow neben dem Wagen herreiten ſah? Ich will ihre 20⁵ Stimmung nicht zu ſchildern verfuchen; aber eine auffallende finſtere Wolke zog über ihr ſchönes Antlitz. Sie wurde im Augenblicke verbannt, aber nicht ehe Marlow ſowohl den Ausdruck ſelbſt, als den plötzlichen Blick der Dame von ihm auf Emily bemerkt hatte. Ein Zweifel, ein Argwohn— ein Etwas, das er nicht ergründen mochte— kam über ihn, und er beſchloß, wachſam zu ſeyn. Weder Emily noch ihr Vater bemerkten jenen kurzen Blick, und da Mrs. Hazleton's Geſicht wieder ſo hell wie immer ſtrahlte, ſo fühlten ſie ſich durch ihre freundliche Haſt, ihnen zu begegnen, ſehr erfreut. Sie ſtiegen aus dem Wagen und wandelten mit ihr nach dem Hauſe, während Marlow abſtieg und ſie begleitete, in⸗ dem er ſein Roß am Zügel führte. „Ich bin erfreut, Euch zu ſehen, Mr. Marlow,“ bemerkte Mrs. Hazleton in einem Tone, woraus ſie— ſo viel ſie ſich auch bemühte— nicht alle Bitterkeit zu verbannen ver⸗ mochte.„Die Freude Eures Beſuches verdanke ich vermuth⸗ lich dem Vergnügen, das Euch das Eskortiren einer ſchönen Dame gewährt.“ „Ich darf wohl kaum auf ſolche Galanterie Anſpruch machen,“ verſetzte Marlow.„Ich holte den Wagen zufällig ein, während ich zu Mr. Cornelius Brown reiten wollte, und ich hatte, ehrlich geſtanden, nicht die Abſicht, einzutreten, da ich ziemlich ſpät daran bin.“ „Schlechter Troſt für meine Eitelkeit,“ erwiederte die Lady,„daß Ihr mir nicht einmal einen Beſuch gemacht hättet, wenn Ihr mir nicht am Thore begegnet wäret.“ Sie ſprach eher in traurigem als in ärgerlichem Tone; 206 allein Marlow mochte den ernſten Sinn ihrer Worte nicht bemerken, und erwiederte darum lachend: „Ei nein, theure Mrs. Hazleton, Ihr habt das Räthſel nicht gut gelöst. Richtig ausgelegt muß es Euch beweiſen, daß Eure Geſellſchaft ſo bezaubernd iſt, daß ich— wenn einmal in dem Zauberkreiſe— deren Einfluß nicht wider⸗ ſtehen kann, nicht einmal um des Gottes aller Engländer — um eines Geſchäftes willen.“ „Es wird einem Manne immer gelingen, auch aus dem unſchmeichelhafteſten Benehmen irgend eine Schmeichelei für Frauenohren abzuleiten,“ antwortete Mrs. Hazleton. Das Geſpräch nahm ſofort eine andere Wendung, und nachdem Marlow die Geſellſchaft bis zum Hauſe begleitet, ſtieg er wieder zu Pferd und ritt weiter. Auch Sir Philipp kehrte zurück, ſobald die Pferde etwas Futter und Ruhe ge⸗ noſſen hatten, und Emily wurde einer Frau überlaſſen, welche in ihrem Herzen fühlte, daß ſie ſie kaum vor einer Stunde hätte erdolchen können. Mrs. Hazleton war jedoch lauter Sanftmuth und Freundlichkeit, voll ruhiger, ſinnender, würdevoller Unbe⸗ fangenheit. Sie ließ ihre Aufmerkſamkeit keinen Augenblick von ihrem ſchönen Gaſte abſchweifen; keine Träumerei, keine Geiſtesabweſenheit ließ ſie auffkommen, und Emily— die arme Emily! hielt ſie für bezaubernder denn jemals. Während ſie aber lebhaft und verſtändig über vielerlei Gegenſtände ſprach, zog bei Mrs. Hazleton beſtändig ein geheimer Ideengang nebenher, der von dem auf der Ober⸗ flͤche ſehr verſchieden war. Sie ſuchte Marlow's Benehmen 207 gegen Emily zu erforſchen, um zu wiſſen, ob er ſie liebe oder nicht. Sie fragte ſich, ob ſeine heutige Begleitung wirklich blos zufällig geweſen, und ſie wünſchte, daß ſie ſie nur einige Augenblicke länger hätte zuſammenſehen können, obwohl jeder Moment ein Dolchſtich für ihr Herz geweſen war. Ja ſie that noch mehr: durch allerlei geſchickte Wendun⸗ gen des Geſprächs ſuchte ſie ihrem ſchönen, unbewußten Gaſte ſeine innerſten Gedanken abzulocken und ſie zu ver⸗ leiten, nicht daß ſie Alles ſagte— denn darauf hoffte ſie nicht— fondern daß ſie ihr Alles verrieth. Emily wußte jedoch zum Glücke für ſie ſelbſt nicht, daß ſie irgend eiwas zu verrathen hatte. Zum Glücke— ja zum größten Glücke— wußte ſie nicht, was in ihrer eigenen Bruſt vorging, oder vielleicht ſollte ich ſagen, ſie wußte nicht, was es bedeutete. Ihre Antworten waren ganz ein⸗ fach, natürlich und wahr, und geradherzige Aufrichtigkeit macht die Argliſt zu Schanden, wie dies gar häufig ge⸗ ſchieht.. Mrs. Hazleton zog ſich zur Ruhe zurück in der Ueber⸗ zeugung, daß Emily— wie auch immer Marlow's Gefühle gegen ſie beſchaffen ſeyn mochten— in Marlow nicht ver⸗ liebt ſey, und damit war ſchon etwas gewonnen. „Nein, nein,“ ſagte ſie mit einem gewiſſen Stolze auf ihren eigenen Scharfblick,„eine Frau, die etwas von der Welt verſteht, kann nie lange über ein anderes Frauenherz getäuſcht werden,“ 208 Sie hätte beifüzen ſollen:„ausgenommen durch deſſen Einfalt.“ „Nun,“ fuhr ſie bei ſich ſelber fort,„morgen ſoll der erſte große Schritt geſchehen. Wenn dieſer junge Mann ſich nur geſcheidt zu benehmen weiß und meinem Rathe folgen will, ſo hat er ein hübſches Feld zum Handeln vor ſich. Er ſcheint raſch und entſchloſſen genug; entſchieden hübſch iſt er auch, und ſein ſchönes Ausſehen, die freund⸗ liche Ueberredung Anderer und ihres Vaters gefährliche Lage ſollen dieſes Mädchen wohl leicht in ſeine Arme treiben oder führen. Iſt dieſer Stein des Anſtoßes weggeräumt, ſo wird er ſie ſpäter, wenn ich mich nicht ſehr irre, gehörig züchtigen.“ Sie züchtigen! wofür, Mrs. Hazleton? Achtzehntes Kapitel. Es dauerte lange, bis Emily Haſtings einſchlief. Es war heller Mondſchein; aber ſie ſaß nicht am Fenſter, um wie ein liebeſieches Mädchen den Mond zu betrachten. Nein, ſie legte ſich zu Bette, ſobald die Nachttoilette beendigt war, und da ſie den Fenſterladen offen gelaſſen hatte, ſo drang der Schimmer des freundlichen, ruhigen Erhellers der Nacht in langem, ſchweigſamem Strahle in ihr Zimmer. Sie bewachte ihn lange Zeit, indem ihr Haupt auf ihrer Hand ruhte. Ihre Fantaſie war ſehr geſchäftig, während er ganz langſam ſeine Stelle veränderte, und bald wie ein 209 Silberteppich neben ihrem Bette lag, bald den Flur weiter weg durchkreuzte und die gegenüberliegende Wand bemalte. Ihre Gedanken wanderten dann zu anderen Gegenſtänden, und— ob ſie nun wollte oder nicht— Marlow bekam gleich⸗ falls ſeinen Antheil. Sie erinnerte ſich mancher ſeiner Worte— ſeine Blicke kamen ihr wieder in den Sinn— es ſchien ihr, als ob ſie lieber mit ihm plauderte, indem ſie Alles was am heutigen Morgen vorgegangen war, in ihren Gedanken überlief. Sie baute keine Luftſchlöſſer, keine Plane oder G würfe kamen ihr in den Sinn; keine luftigen Gebäude künftigen Glückes beſchäftigten ihre Fantaſte als deren Baumeiſter. Sie fuͤhlte ſich glücklich in ihrem eigenen Herzen, und ihre Einbildungskraft ſog gleich der Biene ihren Honig aus den Blüthen der Gegenwart. Liebliche Emily! wie ſchön ſie ausſieht, während ſie ſo daliegt und ſich in der Welt ihrer eigenen Gedanken ein Nachtleben für ſich ſelbſt bereitet? Sie konnte nicht ſchlafen— ſie wußte nicht warum; ja ſie wünſchte nicht einmal, ſie verſuchte nicht zu ſchlafen. Sie ſuchte den Schlaf niemals, wenn er nicht von ſelber kam, ſondern wartete immer ruhig auf den Beſänftiger, bis ſich der Schlummer ungerufen und verſtohlen gleich Schnee⸗ flocken auf ihre Augenlider ſenkte.. Eine Stunde— zwei Stunden— waren verſtrichen; das Mondlicht hatte ſich in einen fernen Winkel des Zim⸗ mers verkrochen— im ganzen Hauſe herrſchte Todtenſtille. James. Rache. 14 210 Kein Laut war zu hören als das Belleu eines Hofhundes in ſo weiter Ferne, daß es das Ohr mehr wie ein Echo als wie ein Klang erreichte, oder nicht viel näher das Krähen eines Hahns.„ Plötzlich ging ihre Thüre auf, und eine Geſtalt mit einer kleinen Nachtlampe in der Hand trat ein. Emily fuhr auf und betrachtete ſie. Sie war nicht ſehr furchtſamer Natur und ließ ſich keinen Laut entwiſchen, über welche Selbſt⸗ beherrſchung ſie ſich ſehr freute, als ſie in der hohen graziö⸗ ſen Geſtalt vor ihr Mrs. Hazleton erkannte, gekleidet wie ſie nur eben aus dem Bette aufgeſtanden war— die reichen ſchwarzen Haare unter der ſchneeigen Nachthaube aufge⸗ bunden, während ihr langes Nachtgewand auf dem Boden ſchleifte und ihre Füße bloß ließ. Aber gerade in dieſem Aufzuge war ſie vielleicht ſchöner als au hennein und Juwelen. Ihre Augen waren nicht ſtarr und regungslos, ein ge⸗ wiſſes Düſter lag auf ihnen; auch ihre Bewegungen waren nicht ſteif und mechaniſch, wie man es oft auf der Bühne bei Darſtellung von Somnambülen zu ſehen bekommt— im Gegentheil waren ſie frei und anmuthig. Sie glich weder einer Malibran noch irgend einer anderen Schauſpielerin, welche das nur ſpielte was ſie wirklich war. Wer dieſen Zuſtand jemals geſehen hat, weiß es beſſer. Sie wandelte im Schlafe— in jenem ſonderbaren nicht wachen Lebens⸗ zuſtande, jenem Geheimniß der Geheimniſſe, wo die Seele von allen irdiſchen Dingen mit Ausnahme des Körpers, den ſie bewohnt, getrennt ſcheint; wo das Gemüth ſchläft, aber 211 der Geiſt wacht, wo das Animaliſche und das Geiſtige zu⸗ ſammenlebt, aber das Intellektuelle zeitweiſe todt iſt. Emily begriff dieſen Zuſtand ſogleich, und wartete aufmerk⸗ ſam, da ſie gehört hatte, daß es gefährlich ſey, eine Perſon in ſolcher Lage plötzlich aufzuwecken. Mrs. Hazleton ging an ihrem Bette vorüber gegen eine Thüre am anderen Ende des Zimmers, hielt aber vor dem Toilettetiſche, nahm ein Band, das darauf lag, und hielt es eine Weile in der Hand. „Ich haſſe ihn,“ ſprach ſie laut;„aber ihn erdroſſeln— o nein! Das ginge nicht: es würde eine blaue Spur zu⸗ rücklaſſen. Ich haſſe ihn und auch ſie. Sie können's nicht hindern— ſie müſſen in die Falle gehen.“ Emily erhob ſich ſachte aus ihrem Bette, näherte ſich mit leiſem Schritte und nahm Mrs. Hazleton ſanft bei der Hand. Dieſe leiſtete keinen Widerſtand, ſondern betrachtete ſie nur mit einem Blicke, der nicht ganz ohne Ausdruck war. „Sonderbare Welt,“ äußerte ſie,„wo die Leute mit Solchen, die ſie haſſen, zuſammenleben müſſen!“ Dann ließ ſie ſich von Emily nach der Thüre führen, zeigte aber einiges Widerſtreben ſie zu paſſiren, und wendete ſich langſam nach dem andern Ausgange. Ihre ſchöne, junge Führerin geleitete ſie dorthin und öffnete die Thüre; dann ging es durch das Nebenzimmer, welches leer ſtand; als ſie an dem großen Bette mit ſeinen Sammtvorhängen vorüber kamen, rief Mrs. Hazleton: „Meine Mutter ſtarb hier— wehe mir! Die nächſte Thüre ging auf den Gang hinaus; allein Emily wußte nicht, wo ihre Wirthin ſchlief, bis ſie aus 14* einem Zimmer nahe am Ende des Ganges ein Licht aus⸗ ſtrömen ſah. Dorthin führte ſie jetzt Mrs. Hazleton, indem ſie mit Recht ſchloß, daß es das Zimmer ſeyn müſſe, das dieſe ſo eben verlaſſen habe. Sie bewog ſie dann, wieder ruhig zu Bette zu gehen, indem ſie ihr die Lampe aus der Hand nahm, und ihr liebliches, unſchuldiges Antlitz über ſie beugend, ihr einen ſanften Kuß gab. „Puh!“ ſtöhnte Mrs. Hazleton ſich wegwendend. Allein Emily blieb noch mehrere Minuten bei ihr, bis ihre Augen ſich ſchloßen, der Athem ruhig und regelmäßig wurde, und ein natürlicher Schlaf auf den ſonderbaren Zuſtand folgte, worein ſie verfallen war. In ihr eigenes Zimmer zurückkehrend, legte ſich Emily abermals zu Bette; aber obwohl das Mondlicht ſich jetzt zurückgezogen hatte, war ſie doch weiter als je vom Schlafe entfernt. Mrs. Hazletons Worte klangen ihr noch immer in den Ohren. Sie kamen ihr ſehr auffallend vor; doch hatte ſie gehört— und es war dies in jener Zeit ein gewöhnlicher Aberglaube— daß Leute, welche im Schlafe reden, gerade das Gegentheil derjenigen Gefühle ausdrückten, welche ſie wirklich hegten, und ihr gutes, heiteres Herz freute ſich dieſes Glaubens. Nicht um die ganze Welt hätte ſie denken mögen, daß die ſchöne, ſanfte Geſtalt und die würdevollen Manieren ihrer Freundin ſo wilde, rachſüchtige Gefühle, wie ſie in dem einen Worte Haß' zum Vorſchein gekommen waren— in ſich bergen könne. Es ſchien ihr unmöglich, daß Mrs. Hazleton irgend etwas haſſen könne, und ſie 213 beſchloß, dieſem Glauben treu zu bleiben. Allein die Worte klangen ihr, wie geſagt, in den Ohren; auch war ſie etwas erſchüttert und aufgeregt, wenn auch weniger, als Manche es geweſen wären, und über eine Stunde verſtrich, bis ſie die Augen ſchloß. Am anderen Morgen kam Emily ziemlich ſpät zum Frühſtück; ſie fand Mrs. Hazleton bereits unten, ſo ſchön und ſtrahlend wie der Morgen. Es war offenbar, daß ſie nicht die leiſeſte Erinnerung der nächtlichen Vorfälle beſaß, daß jenes Leben ein ganz aparter Theil ihres Daſeyns war, und daß zwiſchen ihm und ihrem wachenden Zuſtande keine Verbindung exiſtirte. Emily beſchloß, von ihrem Schlafwandeln keine Notiz zu nehmen, und das war klug von ihr, denn ich habe immer gefunden, daß es einen ſchmerzlichen, grauenhaften Eindruck auf Somnambülen macht, wenn man ſie von ihrer ſonder⸗ baren Eigenheit unterrichtet. Ein Gefühl der Unähnlichkeit mit anderen menſchlichen Weſen— eines übernatürlichen Daſeyns, über welches ihre menſchliche Vernunft keine Kon⸗ trole beſitzt, bemächtigt ſich ihrer; ſie fürchten ſich ſelbſt— fürchten ihre eigenen Handlungen, vielleicht ihre eigenen Worte, wenn die Geiſtesbeherrſchung jene vertraute Quelle verlaſſen hat, welche mehr oder weniger der Diener wo nicht der Sklave des Willens iſt, wenn das ganze aus Fleiſch, Geiſt und Seele gemiſchte Weſen unter der einzigen Herr⸗ ſchaft des dunkelſten, wenigſt gekannten, geheimnißvollſten jener Drei— der Seele— ſteht. Mrs. Hazleton ſchalt ſie ſcherzend über ihr ſpätes Auf⸗ 214 ſtehen und fragte, ob ſie immer eine ſolche Bettliegerin ſey. Emily erwiederte, das ſey keineswegs der Fall, vielmehr ſey ſie an ſehr frühzeitige Lebensweiſe gewöhnt. „Die Wahrheit iſt, theure Mrs. Hazleton, ich habe heute Nacht nicht gut geſchlafen,“ ſetzte ſie bei. „Wirklich!“ rief ihre ſchöne Wirthin mit heiterem Lächeln.„An wen habt Ihr gedacht, Emily, daß Eure jungen Augen offen blieben?“ „An Euch,“ gab Emily einfach zur Antwort. Mrs. Hazleton fragte nicht weiter, denn ſie wünſchte vielleicht nicht, daß Emily zu viel an ſie denke. Unmittelbar nach dem Frühſtück wurde der Wagen zu einer langen Ausfahrt beſtellt. „Ich will meine Emily eine ſo ſtarke Doſis Bergluft genießen laſſen,“ ſagte Mrs. Hazleton,„daß ſie ihr gewiß eine beſſere Nachtruhe verſchaffen ſoll, als irgend ein Schlaf⸗ trunk es thun könnte. Wir wollen ausfahren und Ellendun Caſtle ſehen; es liegt weit in der Wildniß, etliche ſechzehn Meilen von hier.“ Emily war wohl zufrieden mit dem Vorſchlage, und ſie brachen zuſammen auf— Beide, wie es ſchien, gleich bereit, Alles was ihnen unterwegs begegnete zu genießen. Die Fahrt dauerte ſehr lange, denn nicht allein waren die Wägen damals weit plumper und ſchwerfälliger als heutzu⸗ tage, ſondern die Straße blieb auch faſt auf der ganzen Strecke fortwährend im Anſteigen. Nur zuweilen erlöste ein kurzer Abſtich in ein ſanftes Thal die Pferde von dem beſtändigen Drucke des Kummets; aber die Erleichterung 215 war immer nur ſehr kurz, und das Aufſteigen nahm faſt ſogleich wieder ſeinen Anfang. Schöne Ausblicke über die umgebende Landſchaft boten ſich bei jeder Biegung des Weges, und Emily, welche den vollen Sinn eines Malers im Herzen trug, ſchaute voll Entzücken durch's Fenſter. Mrs. Hazleton bemerkte ihre Freude mit großer Be⸗ friedigung, denn ſie beſaß entweder durch Studium oder innere Anſchauung eine tiefe Kenntniß der Quellen menſch⸗ licher Regungen; ſie wußte, daß eine Begeiſterung faſt immer eine zweite hervorruft; ja ſie wußte noch weiter, daß, was auch immer in unſerem Geiſte mit freundlichen Scenen verknüpft iſt, in der Regel ſelbſt freundlich erſcheint, und ſie hatte das Zuſammentreffen zwiſchen Emily und ihm, den ſie zu ihrem Liebhaber beſtimmte, nicht ohne viele Mühe ſo eingerichtet, um dieſe Wirkung zu äußern. Die Natur ſchien ſich mit ihren Planen verſchwiſtert zu haben: der Tag hätte nicht beſſer gewählt werden können. Die reine friſche Luft, die wenigen ſchwimmenden Wolken, die heiteren Strahlen, die auf Hügeln und Thälern tanzten, ein gelegentlicher Schauer großer juwelenähnlicher Tropfen, das Fragment eines abgebrochenen Regenbogens, das den fernen Rand des Himmels bemalte— ſolches waren die thimmliſchen' Einflüſſe. Endlich war der Gipfel der Hügel erreicht, und Mrs. Hazleton hieß ihre Begleiterin hinausſchauen, indem ſie den Wagen zu gleicher Zeit anzuhalten befahl. Es war in der That ein Anblick, der des Beſchauens wohl werth war. Weit vor dem Blicke ausgebreitet lag 216 ein tiefes Thalbecken, zwiſchen hohen hier und da durch Zacken unterbrochenen Gipfeln gleichſam eingemauert. Der Boden ſenkte ſich ſachte von dem Punkte, wo der Wagen hielt, abwärts, ſo daß die ganze Fläche offen vor dem Auge dalag; über den kurzen braunen Kräutern, aus denen der Purpurſchein der noch unaufgeblühten Haideblumen hervor⸗ ſchimmerte, ſchienen Licht und Schatten in toller Luſt ihr Weſen zu treiben. Alles war einſam, kahl und unbebaut; nur im eigentlichen Mittelpunkte der weiten Schlucht ſah man eine Anzahl Bäume— nicht wie im Walde beiſammen ſtehend, ſondern über eine beträchtliche Strecke zerſtreut, als wären ſie die Ueberbleibſel irgend eines alten Hirſchparkes. Ueber ihre hohen Wipfel erhob ſich der zertrümmerte Wart⸗ thurm einer alten Veſte— des Wohnſitzes längſt vergange⸗ ner Geſchlechter; hie und da ſah man noch andere Thürme oder Zinnen zwiſchen langen grünen Hügelſtreifen— heller als der Reſt der Landſchaft— unter den Stämmen der alten Bäume durchglänzen oder dieſe in maleriſcher Verwirrung ihren eigenen Anwuchs von wilden, fantaſtiſchen Eſchen emporſtrecken. Nach dem Namen des Ortes Ellendun(was— wie ich glaube— ſtarker Hügel bedeutet) iſt es mehr als wahrſchein⸗ lich, daß die Angelſachſen ſchon vor der Eroberung hier irgend ein Fort beſaßen; allein die Ruine, die ſich nunmehr den Augen des Beſchauers darbot, war offenbar ſpäteren Urſprungs und zeigte normänniſche Bauart. Hier hatte vermuthlich irgend ein ſtolzer Baron aus Heinrichs, Stephans oder Mathildens Zeiten ſein Neſt auf hohem Gipfel erbaut, 217 vielleicht um die ſaͤchſiſchen Leibeigenen der Nachbarſchaft einzuſchüchtern, vielleicht um der königlichen Gewalt ſelbſt Trotz zu bieten. Hier hatte die luſtige Jagd über die Hügel gefegt, hier hatten Schwelgereien und Feſtlichkeiten mit einem Leben trotzigen Kampfes und hochmüthiger Unter⸗ drückung abgewechſelt. Solche Scenen— wenigſtens ſolche Gedanken— ſtellten ſich Emily's Fantaſte dar, ähnlich den träumeriſchen Lichtern, welche in Gold und Purpur an ihren Augen vorüberſchwam⸗ men; aber jedes ſtarke Gefühl— war es nun Freude oder Kummer— hatte bei ihr jedesmal die Wirkung, daß ſie verſtummte, und ſo ſchaute ſie auch diesmal hinaus, ohne ein Wort zu äußern. Mrs. Hazleton verſtand jedoch manche Seite ihres Cha⸗ rakters, und an dem langen, ſtarren Blicke unter den dunkeln, tief geſenkten Augenlidern, an dem ſchwachen, feinen Lächeln, das um ihre ſanften Lippen ſpielte, an dem tiefen Athem⸗ ſchöpfen, nachdem ſie eine Zeitlang voll Spannung hinaus⸗ geſchaut hatte— erkannte ſie, welch' tiefes Entzücken dieſes ſanfte Weſen in einem Anblicke fand, der für manches Auge keinen beſonderen Reiz dargeboten hätte. Sie wollte den erſten Eindruck durch keinen zweiten ver⸗ mindert ſehen und ließ den Wagen nach kurzer Pauſe weiter fahren. Emily ſchaute immer noch zum Wagenfenſter hinaus, und während die Straße ſich abwärts ſenkte, kam das Schloß mit den alten Bäumen faſt mit jeder Minute in neuer Gruppirung zum Vorſchein. Endlich, als ſie näher rückten, ſagte ſte an Mrs. Hazleton ſich wendend: 218 „Ein Mann ſcheint auf der höchſten Spitze des alten Wartthurmes zu ſtehen.“ „Der muß in der That keck ſeyn,“ meinte ihre Gefähr⸗ tin, gleichfalls hinausſchauend.„Wenn wir ganz nahe kommen, theure Emily, werdet Ihr ſehen, daß es den Tritt einer Ziege und das Herz eines Löwen bedarf, um dort an den rauhen, lockern, wackelnden Steinen emporzuklettern. Gerechter Himmell! ich hoffe, er wird nicht fallen.“ Emily ſchloß ihre Augen. „Das iſt ſehr thöricht,“ ſagte ſie. „Ja, die Männer finden an ſolchen Thaten der Kühnheit ein Vergnügen, das wir Frauen nicht begreifen können,“ antwortete Mrs. Hazleton.„Seht, er kommt wieder herunter ſo ſtetig, als ob er in einem Ballſaale ſpazierte. Ich wollte, daß jener Baum uns nicht im Wege ſtünde.“ Nach zwei bis drei Minuten erreichte der Wagen eine alte etwas verwitterte Eichenallee und hielt zwiſchen den ſchönen mit Epheu bedeckten und von der allzu kunſtreichen Hand der Zeit zerklüfteten Schloßthoren und einem Gebäude, das, wenn es auch die maleriſche Schönheit des Punktes nicht beeinträchtigte, ihm doch jedenfalls alles Romantiſche benahm. Gerade gegenüber dem Eingange ſtand nämlich ein Häuschen, offenbar aus den Steinen der Ruine erbaut; an einem von der Vorderſeite auslaufenden Pfahle hing ein großes blaues Wirthsſchild, das auf gelbem Grunde ein ſogenanntes fränkiſches Horn zeigte, während unterhalb folgende Inſchrift zu leſen war: 219 „John Buttercroß, Gaſtwirth zum Hüfthorn, verkauft Wein und Branntwein und gutes Logement für Menſchen und Pferde.— N. auch Eſel ſind zu haben.“ Emily lachte und hüpfte behend aus dem Wagen. Mrs. Hazleton wünſchte John Buttercroß mit ſammt ſeinem Schilde in's Feuer, obwohl ſie geſtehen mußte, daß ein ſolches Haus an ſo abgelegener Stelle für Beſucher wie ſie ſelbſt eine große Bequemlichkeit ſeyn konnte: ſie nahm die Sache jedoch ruhig, indem ſie Emily's heiteren Blick mit einem etwas bedauernden erwiederte und ſagte: „Ach ja, theures Mädchen, das Alles klingt recht welt⸗ lich und unromantiſch; aber glaubt mir, dieſes Haus iſt ſchon manchem armen Wanderer, der bei ſchlechtem Wetter über dieſe wilden Hügel zog, ein rechter Segen geworden, und wir ſelbſt werden es, nebenbei bemerkt, nicht ſo unan⸗ genehm finden, wenn Paul unſer Frühſtück im Gaſtzimmer aufſtellt und wir aus ſeinem kleinen Fenſter auf die alte Ruine dort hinüberſchauen.“ Mit dieſen Worten ſtieg ſie aus dem Wagen, gab ihren Dienern und einem Hausknechte, der ein auffallend ſchönes und wie es ſchien warm gerittenes Pferd auf und ab führte — einige Befehle, und wandelte dann, auf Emily's Arm geſtützt, den Auftritt zu dem Schloßthore hinan. Einlaßthurm und Außenwall waren verſchwunden— längſt in den Graben gefallen und mit der alles aufnehmen⸗ den Erde und einem grünen Raſenmantel überkleidet; man konnte die Stellen, wo jene lagen, nur an den Wellenlinien des Bodens und hier und dort an einigen Grashügeln er⸗ 220 kennen. Das große Thor mit ſeinen beiden hohen gleich rieſigen Wächtern des Eingangs daſtehenden Thürmen war aber noch feſt. Da ſah man die alten Bruſtwehren, die langen von Epheu überhangenen Schießſcharten, die vor⸗ ſpringenden Grundmauern, gegen welche der donnernde Sturmbock vergeblich geſpielt haben mochte, das Familien⸗ ſchild mit dem abgebröckelten Wappen, und die Zugbrücke, welche ihre eiſernen Zähne über dem Haupte des Wanderers blöckte. Dies war der beſterhaltene Theil des Gebäudes; als aber die beiden Damen den großen Hof betraten, ſahen ſie die Scene der Verwüſtung immer vollſtändiger werden. Mancher Thurm war eingefallen und hatte weite Lücken in dem inneren Walle zurückgelaſſen; rechts lag die verwitternde Kapelle, von welcher nur ein einziges ſchönes Fenſter und die Trümmer zweier anderen übrig geblieben; etwas weiter vorne ſah man den hohen maſſiven Wartthurm, deſſen untere Stockwerke noch ziemlich gut erhalten ſchienen, obgleich das Dach in den zweiten Stock herabgepoltert war und die luftigen Zinnen durch den Einſturz zweier ganzer Seiten ihre Symmetrie verloren hatten. Kurzer grüner Raſen bedeckte den ganzen Hof, wo nicht etwa einzelne Stein⸗ haufen, von friſcheren Einſtürzen herrührend, kahl und grau herausguckten; neben der Kapelle wucherte eine reiche Ernte von Brombeeren und Neſſeln, und hier und dort hatte ſich ein Baum auf die wankenden Trümmer der Wälle gepflanzt. Mrs. Hazleton wendete ſich auf einem ſchmalen Pfade, welcher zum Beweiſe, daß das Schloß häufig beſucht wurde, 221 ſtark ausgetreten war, geradeswegs nach dem Eingange des Wartthurmes und war nur noch wenige Schritte vom Thorwege entfernt, als eine Geſtalt daraus hervortrat, welche hier zu ſehen ſie— ehrlich geſtanden— durchaus nicht überraſchte. Sie fuhr jedoch zuſammen und ſagte in leiſem Tone zu Emily: „Das muß unſer kletternder Freund ſeyn, deſſen Nacken wir noch vor Kurzem in Gefahr glaubten.“ Deer Gentleman— denn auf ſolchen Stand deutete ſeine dunkle und nüchterne aber gut gemachte und koſtbare Klei⸗ dung— that langſam einige Schritte vorwärts und trat etwas bei Seite, wie wenn er zwei ihm unbekannte Damen vorbeilaſſen wollte; plötzlich blieb er aber ſtehen, betrachtete ſie eine Weile mit fragenden und überraſchten Blicken und eilte dann raſch auf ſie zu, indem er ſeinen Hut nicht ohne Anmuth abnahm. „Ei, das trifft ſich recht glücklich!“ rief Mrs. Hazleton; „da iſt ein Freund, der uns ohne Zweifel alles Nöthige über die Ruinen erzählen kann.“ Im ſelben Augenblicke erkannte Emily den jungen Mann, den ſie zufällig in ihres Vaters Parke verwundet gefunden hatte. Neunzehntes Kapitel. „Laßt Euch Mr. Ayliffe vorſtellen, Emily,“ ſagte Mrs. Hazleton.„Aber Ihr ſcheint Euch bereits zu kennen— iſt dem ſo?“ „Ich habe dieſen Gentleman früher geſehen,“ erwiederte ihre junge Begleiterin,„ohne aber ſeinen Namen zu kennen. Ich hoffe, Ihr habt Euch von Eurer Wunde ganz erholt.“ „Vollkommen, ich danke Euch, Miß Haſtings,“ erwiederte John Ayliffe in ruhigem, reſpektvollem Tone;„damals,“ fügte er bei,„hat die Theilnahme, die Ihr mir ſo freund⸗ lich bewieſen, wohl viel zu meiner Heilung beigetragen.“ „Zu viel und zu frühe!“ dachte Mrs. Hazleton, als ſie über Emily's Wange eine leichte Röthe ziehen ſah, welche durch ihre Antwort noch näher erläutert wurde. „Jederman wird wohl bei einem Leiden, wie Ihr es zu erdulden ſchienet, als ich Euch zufällig im Parke begegnete— dieſelbe Theilnahme empfinden,“ gab das ſchöne Mädchen zur Antwort.—„Sollen wir weiter in das Schloß gehen?“ Die letzteren Worte waren an Mrs. Hazleton gerichtet, welche alsbald beiſtimmte, aber Mr. Ayliffe bat, die Rolle des Führers zu übernehmen und ihm bei der erſten Gelegen⸗ heit ein—„nicht zu raſch!“— zuflüſterte.. Er ſchien im Augenblicke zu begreifen, was ſie meinte, und benahm ſich während des übrigen Spazierganges durch die Ruine mit großer Vorſicht. Man konnte nicht ſagen, daß ſeine Unterhaltung für Emily ſehr angenehm war, denn ſie hatte wenig an ſich, was dieſe intereſſirte oder ergötzte. Sein Wiſſensvorrath war ſehr eingeſchränkt— wenigſtens in Dingen, die ihr ſelbſt geläufig waren, und obgleich er ſich bemühte, ſeinem Geſpräche hie und da eine poetiſche Wen⸗ dung zu geben, ſo war doch der Verſuch nicht ſehr glücklich. Im Ganzen benahm er ſich jedoch ziemlich gut, bis nach 223 dem Frühſtück im Gaſthofe, wozu Mrs. Hazleton ihn einlud, denn da begann er ſeine beiden ſchönen Begleiterinnen mit der Schilderung einer Rattenhatz zu unterhalten, welche Emily nicht wenig überraſchte und Mrs. Hazleton faſt augenblicklich eine mahnende Geberde entlockte. Der junge Mann ſah verwirrt aus und brach plötzlich mit verlegenem Lachen ab, indem er bemerkte: „O ich vergaß. Solche Heldenthaten taugen nicht für Damenohren, und ehrlich geſtanden, mag ich ſie ſelber nicht leiden, wenn es etwas Beſſeres zu thun gibt.“ „Ich ſollte meinen, etwas Beſſeres müſſe ſich jederzeit finden laſſen,“ erwiederte Mrs. Hazleton ernſthaft, indem ſie es übernahm, den Vorwurf, der in Emily's Herzen auf⸗ keimen mußte, ſelber zu äußern.„Aber Ihr waret gewiß noch ein Knabe, als dieſes vorfiel?“ „O natürlich, ein bloſer Knabe,“ verſicherte er—„ein bloſer Knabe. Jetzt habe ich an andere Dinge zu denken.“ Allein der Eindruck war gemacht und— er war kein günſtiger. Mit ſicherem Scharfblicke bewachte Mrs. Hazle⸗ ton jede Miene ihrer jungen Freundin, jede Wendung des Geſpräches, und da ſie ſah, daß die Dinge für ihren Zweck einen ſchlimmen Verlauf genommen hatten, ſo ſchlug ſie ſehr bald vor, den Wagen zu beſtellen und heimzukehren, indem ſie beſchloß, am anderen Tage ſo zu ſagen einen friſchen Angriff zu machen. Sie lud dabei den jungen Ayliffe nicht zu ſich zu Tiſche, wie ſie anfänglich beabſichtigt hatte, ſah aber dennoch mit Vergnügen, wie er zu Pferde ſtieg, um ſie zurück zu geleiten, denn ſie hatte bemerkt, daß 224 er ein trefflicher Reiter war, und wußte wohl, daß Geſchick⸗ lichkeit in männlichen Uebungen immer eine ſtarke Empfeh⸗ lung in Frauenaugen bildet. Dieß war noch nicht Alles: bei ſeiner ſehr hübſchen Perſon hatte John Ayliffe nichts⸗ deſtoweniger eine ziemlich gemeine— nicht gerade ordinäre — Miene an ſich, wenn er zu Fuß war, was ſich aber ver⸗ lor, ſobalb er im Sattel ſaß, denn da zeigte er ſich immer in ſeinem glänzendſten Lichte, wenn er mit feſtem Sitze und kühner aufrechter Haltung ein wildes ungeſtümes Roß mit vollkommener Meiſterſchaft lenkte. Aber all ſeine Stallmeiſterkunſt war bei Emily wegge⸗ worfen. Hätte irgend Jemand ſie gefragt, ſo hätte ſie als⸗ bald zugegeben, daß er ein ſehr hübſcher Mann und ein guter graziöſer Reiter war; ſie ſelbſt aber fragte ſich nicht, ob er dieß ſey oder nicht und dachte überhaupt gar nicht an ihn. Eines aber dachte ſie, und das war nicht, was Mrs. Hazle⸗ ton wünſchte. Sie dachte, er ſey ein roher, gemeindenkender, junger Menſch, und ſie wunderte ſich, wie eine ſo feine Dame wie Mrs. Hazleton an ſeiner Geſellſchaft Gefallen finden könne. Am Ende dieſes Tages blieb ihr nur ein einziger Ein⸗ druck, der zu ſeinen Gunſten ſprach— nämlich jene unbe⸗ ſtimmbare Aehnlichkeit mit ihrem Vater, welche oft ver⸗ ſchwand, aber immer wiederkehrte. Seine Züge glichen ihm zwar nicht; auch die Farbe war anders— Haare, Augen, Bart— Alles war unähnlich. Er war weit hüb⸗ ſcher, als Sir Philipp Haſtings jemals geweſen; aber hie 225 und da kam ein Blick des Auges, ein Aufwerfen der Lippe — ein Familienausdruck, der ihr vertraut und angenehm war. John Ayliffe begleitete den Wagen bis vor Mrs. Hazle⸗ tons Parkthore, und dort winkte ihn die Dame zu ſich und bat ihn in freundlichem, halb ſcherzendem Tone, ſich für den nächſten Tag nicht zu verſagen, da ſie ſeiner bedürfen könnte. Er verſprach zu gehorchen und ritt davon; Mrs. Hazle⸗ ton nannte aber während des ganzen Abends ſeinen Namen nicht wieder, und der Abend verſtrich in ruhigem Geſpräche, ohne daß der Ereigniſſe des Morgens gedacht worden wäre. Ehe Mrs. Hazleton jedoch zu Bette ging, ſchrieb ſie eine ziemlich lange Epiſtel an John Ayliffe voll höchſt wichtiger Winke über ſein morgiges Benehmen; der Brief ſchloß mit der Anweiſung, ihn ſobald er geleſen ſey zu verbrennen. Nachdem dieß abgemacht war, legte ſie ſich zur Ruhe, und die lange Fahrt in der friſchen Bergluft bewirkte, daß ſie und Emily in dieſer Nacht ganz geſund ſchliefen. Am nächſten Morgen fühlte ſie ſich ermüdet oder ſtellte ſich wenigſtens alſo, und verſchob einen zweiten Ausflug, den ſie vorgehabt hatte. Der Mittag war kaum angebrochen, als Mr. Ayliffe ſich präſentirte, um ihre Befehle zu empfangen, und da blieb er nun, weil er zu Tiſche geladen worden— nicht ſehr zu Emily's Freude. Eine Zeit lang ſchien Mrs. Hazleton ent⸗ ſchloſſen, ſeine Unterhaltung ausſchließlich auf ſich zu lenken; endlich aber erinnerte ſie ſich, daß ſie Briefe zu ſchreiben hatte, ſetzte ſich an einen Tiſch am Fenſter und beſchrieb über eine Stunde lang mit flüchtiger Hand gar viele Blät⸗ James. Rache. 15 5 226 ter, während ſich John Ayliffe neben Emily's Stickrahmen placirte und den ſchlimmen Eindruck von geſtern durch eine ganz andere Unterhaltung zu verwiſchen ſuchte. Er ſprach von mancherlei Dingen, welche beſſer für ihren Geſchmack und ihre Gewohnheit paßten, als er ſie früher auf das Tapet gebracht hatte. Er ſprach nicht übel; aber es lag etwas Erzwungenes in ſeinen Worten: es war wie wenn er Sätze aus einem Buche abläſe, und es iſt auch in der That wahr⸗ ſcheinlich, daß er nur eine Lektion repetirte. Emily wußte nicht, was ſie thun ſollte. Sie hätte die Welt dafür gegeben, um ſeine Geſellſchaft los zu ſeyn und hinauszugehen und zwiſchen Bäumen und Blumen ihren ei⸗ genen Gedanken nachhängen, oder auch nur um ruhig in ihrem eigenen Zimmer zu ſitzen und ſich an der Sommerluft und dem Anblicke des prächtigen Himmels erfreuen zu können. Allein ſie hielt es für ungebildet, hiezu ihre Zuflucht zu neh⸗ men, und wäre ſie in dem Park ſpazieren gegangen, ſo hätte ſie ihn ohne Zweifel zum Nachfolgen veranlaßt. So blieb ſte denn mit wunderbarer Geduld ſitzen, antwortete nur kurz, wenn eine Antwort nöthig wurde, ſprach aber nie mit jenem freien Erguſſe des Herzens, welcher nur bei ſtarker Sym⸗ pathie ſtattfinden kann. Sie ſollte für ihre Ausdauer belohnt werden, denn nach⸗ dem dieſer Zwang gerade ſo lange gedauert hatte als ſie ihn ertragen konnte, ging die Salonthüre auf und Mr. Marlow trat ein Seine Augen fielen ſogleich auf Emily und den jungen Mann, der neben ihr ſaß, und ein ſonderbares pein⸗ liches Gefühl kam über ihn. Der frohe, heitere, natürliche 227 Ausdruck der Befriedigung, womit ſich Emily zu ſeiner Be⸗ grüßung erhob, verwiſchte jedoch im nächſten Augenblicke jede Anwandlung einer Zweifel erregenden Eiferſucht. Ganz anders war der Blick von Mrs. Hazleton. Der⸗ ſelbe dunkle Schatten, deſſen ich ſchon früͤher erwähnte, kam über ihre Stirne; daſſelbe Blitzen zuckte in ihrem Auge. Beide verſchwanden im Augenblicke wieder, und die Empfin⸗ dungen, aus denen ſie hervorgegangen, wurden abermals in ihr Herz zurückgedrängt. Sie waren bitter genug, denn mit dem hellen Auge der Eiferſucht hatte ſie Alles geſehen, was Marlow's Blick der Ueberraſchung und des Unwillens — was Emily's Ausdruck von Freude und Erleichterung verrathen hatten. Sie mochten ſich noch nicht Liebende nennen, mochten noch nicht einmal wiſſen, daß Liebe in ihnen ſich regte; aber daß dem ſo war und ſeyn würde, das bezweifelte Mrs. Hazle⸗ ton ſeit dieſem Augenblicke nicht mehr. Die Ueberzeugung war über ſie gekommen, nicht gerade allmälig, ſondern gleich⸗ ſam ſtoßweiſe— erſt ein Zweifel, dann eine Furcht, dann eine Gewißheit, daß das Eine und endlich, daß Beide liebten. War dem wirklich ſo, dann wußte ſie, daß ihre jetzigen Plane fehlſchlagen mußten; gleichwohl verfolgte ſie dieſelben mit ganz anderer Haſt als zuvor— mit einer wilden, über⸗ eilten, faſt wahnſinnigen Begierde. Es war immer noch möglich, dachte ſie, das Mädchen auch ohne Liebe zu ihm, und mit Liebe zu einem Andern, in John Ayliffe's Arme zu treiben, und gerade in dieſem Gedanken lag eine bittere Ge⸗ nugthuung. Die Furcht für ihren Vater, ſo hoffte ſie bei⸗ 15* 228 nahe, konnte bewirken, was keine andere Verlockung durch⸗ zuſetzen vermochte, und ſie beſchloß alsbald, die erforder⸗ lichen Mittel in Thätigkeit zu ſetzen, ohne den langweiligen Prozeß abzuwarten, mit welchem ſie Ayliffe zu einem edel⸗ müthigen Benehmen zu dreſſiren oder ihm einen Weg zu Emily's Herzen anzubahnen vorgehabt hatte. Sie zur Heirath mit ihm zu zwingen, während ſie ihn eher haßte als liebte— das war ihr eine ganz beſondere Geuug⸗ thuung, und ſie beſchloß Mrs. Hazleton unverzüglich zu erſtreben. Aber ſie wußte, daß Heuchelei mehr als je ge⸗ boten ſchien, und dieß war der Grund, warum ihre Stirne im Augenblicke ſich glättete und ihr Blick ſich wieder be⸗ ruhigte. Gegen Marlow war ſie während ſeines Beſuches artig und höflich, aber doch inſofern kalt, daß ſie ihn nicht zu län⸗ gerem Bleiben ermuthigte. Sie hielt ſtrenge Wache über Alles was vorging, nicht allein was ihn und Emily, ſondern auch was ihn und John Ayliffe betraf, denn ein Sireit zwi⸗ ſchen dieſen Beiden, den ſie für wahrſcheinlich hielt, war nicht was ſie wünſchte. Ein ſolcher Ausgang war jedoch nicht zu fürchten: Mar⸗ low behandelte den jungen Mann, den er im Augenblicke zu durchſchauen ſchien, mit kalter abgemeſſener Höflichkeit— mit einer hochmüthigen Artigkeit, die ihm keinen Vorwand zum Zanke ließ und ihn doch vollſtändig deprimirte und ver⸗ ſtummen machte. Während des ganzen Beſuches bis zu ſeinem Schluſſe war der Kontraſt zwiſchen beiden Männern ſo ſtark und auffallend, ſo unvortheilhaft für den, welchen 229 Mrs. Hazleton zu begünſtigen ſuchte, daß ſie viel darum gegeben hätte, wenn ſte Ayliffe einer ſo beeinträchtigenden Vergleichung hätte entziehen können. Endlich war es nicht länger auszuhalten: ſie ſchickte ihn in den Garten, um einige Blumen zu ſuchen, die ſte nöthig zu haben vorgab und die er, wie ſie wußte, nicht ſo leicht finden würde. Che er zurückkehrte, war Marlow fort, und Emily zog ſich bald darauf in ihr eigenes Zimmer zurück, indem ſie Ayliffe und Mrs. Hazleton beiſammen ließ. Die Drei trafen ſich wieder bei Tiſche, und jezt zum erſtenmale kam zufällig oder abſichtlich— das weiß ich nicht— ein Gegenſtand auf's Tapet, welcher John Ayliffe Gelegen⸗ heit gab, ſich in etwas beſſerem Lichte darzuſtellen. Jeder⸗ mann hat ſeine freundliche Seite— einen hellen, lichten Punkt in ſeinem Charakter: John beſaß große Liebe, eine wahre Leidenſchaft für Blumen, und ſie brachten den kleinen, ſehr kleinen Antheil von Poeſte zum Vorſchein, der ihm von Natur zugewieſen war. Die Blumen waren es alſo, von denen Mrs. Hazleton ſprach, worauf er ſich alsbald mit voll⸗ kommener Kenntniß und richtigem Gefühl für ſeinen Gegen⸗ ſtand über deren Schoͤnheiten ausließ. Emily war überraſcht und freute ſich in ihrer angebor⸗ nen Herzensgüte, ein Thema gefunden zu haben, über das ſie ſich mit Behagen gegen ihn ausſprechen konnte. Der Umſchwung in ihrem Weſen ermuthigte ihn, und er hielt ſich wohlweislich an einen Gegenſtand, in dem er zu Hauſe war und der ihr ſo wohl zu gefallen ſchien. Mrs. Hazleton half ihm mit einer Geſchicklichkeit und Beſonnenheit, wie — — 230 nur Wenige ſie hätten beweiſen können, indem ſie das Ge⸗ ſpräch immer wieder auf das wohlgewählte Thema zurück⸗ führte, ſobald es ſich für einen Augenblick davon entfernte. Endlich, als der Eindruck eben am günſtigſten war, erhob ſich John Ayliffe zum Gehen. Ich weiß nicht, ob dieß auf ein Zeichen von Mrs. Hazleton geſchah, glaube aber ſo. Wenige Männer verſtehen ein Zimmer mit Anmuth zu ver⸗ laſſen— es iſt auch kein leichtes Manöver— und ihm ge⸗ lang es jedenfalls nicht. Aber Emily's Augen ſahen an⸗ derswohin, und ſie dachte, ehrlich geſtanden, zu wenig an ihn, um zu bemerken, wie er das Zimmer verließ, ſelbſt wenn ihre Augen auf ihm geruht hätten, obgleich er ihr an dieſem Abend angenehmer erſchien, als er ihr früher geweſen. Von Zeit zu Zeit kamen ihr einige jener ſonderbaren, undeutlichen Worte, die er damals im Parke gebraucht, mit unerfreulichem Eindrucke in den Sinn, und ſie quälte ſich mit der Frage, was ſie wohl bedeuten möchten; ſie ließ jedoch den Gegenſtand bald wieder fallen und beſchloß, bei Mrs. Hazleton Aufflärung zu ſuchen, da dieſe den jungen Mann wohl zu kennen ſchien. Am Abend vorher hatte jene Lady jede Erwähnung ſei⸗ nes Namens vermieden; dießmal machte ſie es jedoch anders. Faſt ſobald er fort war, ſprach ſie von ihm in einem Tone des Mitleids, indem ſie geheimnißvoll auf allerlei Unfälle und Mißgeſchicke anſpielte, unter denen er ſich abgemüht habe, indem ſie bemerkte, es ſey wunderbar zu ſehen, wie Geiſtesſtärke und angeborne edle Eigenſchaften auch widri⸗ gen Umſtänden zu widerſtehen vermöchten. 7 231 Dieß führte Emily zu der Erkundigung, die ſie beab⸗ ſichtigt hatte, und obwohl ſie ſich der Worte John Ayliffe's nicht mehr genau erinnern konnte, ſo erzählte ſie doch mit gehöriger Deutlichkeit Alles, was zwiſchen ihnen Beiden vorgefallen war, und erwähnte der ſonderbaren Anſpielung, die er auf Sir Philipp Haſtings gemacht hatte. Mrs. Hazleton betrachtete ſie eine Weile, nachdem ſie geſprochen hatte, mit einem Blicke, welcher ängſtliche Be⸗ ſtürzung ausdrückte. „Ich hoffe, theuerſte Emily, Ihr habt ihn nicht hart zurückgewieſen,“ ſagte ſie endlich.„Ich machte viele trau⸗ rige Erfahrungen in der Welt, und ich weiß, daß wir in der Jugend nur zu geneigt ſind, rauh und unbeſonnen Dinge zu berühren, die wir zu unſerem eigenen Beſten, wie aus Gut⸗ herzigkeit nur zart behandeln ſollten.“ „Ich glaube nicht hart geſprochen zu haben,“ bemerkie Emily nachdenklich.„Ich erwiederte ihm, daß er alles, was er zu ſagen habe, meinem Vater ſagen müſſe; aber ich glaube nicht, daß ich das unfreundlich ausdrückte.“ „Ich bin ſehr froh, dieß zu hoͤren— ſehr froh,“ erwie⸗ derte Mrs. Hazleton mit vielem Nachdruck und fuhr dann nach kurzer Pauſe fort:„und doch weiß ich nicht, ob Euer Vater— ſo trefflich, edelſinnig, gerecht und großmüthig er auch iſt— die tauglichſte Perſon wäre, um in der Sache, von welcher John Ayliffe zu reden haben mochte, zu handeln und zu urtheilen.“ „Wirklich!“ rief Emily, mehr und mehr überraſcht und einigermaßen beunruhigt.„Das iſt ſehr auffallend, liebe 232 Mrs. Hazleton.„Ihr ſcheint mehr von dieſer Sache zu wiſſen; bitte, erklärt mir Alles. Von Euch kann ich Man⸗ ches anhören, was von ihm zu erfahren unpaſſend wäre.“ „Er beſitzt ein gutes Herz und mehr Nachſicht, als ich je an einem ſo jungen Manne kennen lernte,“ erklärte die Gefragte bedächtig;„aber ſeine Nachſicht kann nicht ewig dauern, und iſt er erſt volljährig— was in wenigen Tagen geſchehen wird— ſo muß er handeln, und wird, wie ich hoffe, mild und freundlich handeln. Das wird er gewiß, wenn nichts dazwiſchen tritt, was ſeinen kühnen und ent⸗ ſchiedenen Charakter reizt.“ „Aber wie handeln?“ fragte Emily eifrig.„Ihr ver⸗ geßt, theure Mrs. Hazleton, daß ich in dieſer Sache ganz im Dunkeln ſchwebe. Ich will wohl glauben, daß er alles iſt was Ihr ſagt; aber ich muß geſtehen, daß weder ſeine Manieren überhaupt, noch ſein Benehmen bei jener Veran⸗ laſſung mir eine hohe Meinung von ihm beibringen oder mich glauben laſſen, daß ſein Weſen ſanft oder nachſich⸗ tig iſt.“ „Er hat ſeine Fehler— o ja, er hat ſeine Fehler,“ ſagte Mrs. Hazleton trocken;„aber es ſind mehr Fehler der Manieren als des Herzens oder Charakters— veranlaßt durch äußere Umſtände und ebenſo durch Umſtände zu ver⸗ beſſern. Sie wären auch nie entſtanden, wenn er früher einen umſichtigen, freundlichen und erfahrenen Rathgeber und Erzieher gehabt hätte. Sie ſchwinden raſch zuſammen und werden gänzlich aufhören, wenn er jemals unter den Einfluß eines edlen großherzigen Geiſtes gerathen ſollte.“ 233 Sie bereitete den Weg mit großem Geſchicke und erregte, wie ſie ſah, einiges Intereſſe bei Emily, das jedoch nicht ganz frei von Furcht war.. „Aber Ihr erklärt Euch immer noch nicht,“ ſagte das ſchöne Mädchen ängſtlich.„Laßt mich doch nicht länger in Spannung, theure Mrs. Hazleton.“ „Ich kann— ich darf Euch nicht Alles erklären, Emily,“ erwiederte die Lady;„das gäbe eine lange und peinliche Geſchichte. So viel darf ich Euch aber ſagen und dann fragt mich nicht weiter: jener junge Mann hat Eures Va⸗ ters Vermögen und ſein Schickſal ganz in ſeinen Händen. Er hat lange Zeit Nachſicht gehabt; der Himmel gebe, daß dieſe noch länger daure.“ Sie ſchwieg, und nach einem Blicke auf Emily's Antlitz, um den bewirkten Eindruck zu erforſchen, ſchlug ſie die Au⸗ gen nieder und ſchien in Nachdenken zu verſinken. Emily ſchaute gen Himmel, als ob ſie dieſen um Rath anflehte; dann brach ſie in Thränen aus und verließ eilig das Zimmer. Zwanzigſtes Kapitel.. Emily's Nacht verſtrich nicht friedlich. Schon der bloſe Gedanke, daß ihres Vaters Schickſal in der Macht eines anderen Menſchen ruhe, war beunruhigend genug; aber im vorliegenden Falle war er noch mehr. Sie wußte nicht— wie oder warum; aber ein gewiſſes Etwas ſagte ihr, daß John Ayliffe trotz aller Empfehlungen Mrs. Hazleton's 2 234 und trotz des ſchönen Bildes, das ſie ſo mühſam von ihm entworfen hatte— nicht der Mann war, der ſeine Macht mit Milde gebrauchte. Sie ſuchte emſig zu erforſchen, was dieſen Eindruck hervorgerufen hatte; ſie überlegte jeden Blick, jedes Wort— Alles was ſte von dem jungen Manne geſehen oder gehört hatte, und ſie blieb endlich mehr an dem finſte⸗ ren Stirnrunzeln haften, das ſie in der Hütte an ihm be⸗ merkt hatte, als ſogar an der drohenden Sprache, die er geführt, als ihres Vaters Name erwähnt worden war. Der Schlaf floh ihre Augenlider noch viele Stunden, und als dieſe ſich endlich vor Ermüdung ſchloſſen, war ihr Schlummer ruhelos und traumerfüllt. Sie glaubte, John Ayliffe zu ſehen, wie er Sir Philipp zu Boden drücke und ihn zu erdroſſeln ſuche. Sie wollte um Hülfe rufen; aber ihre Lippen ſchienen erſtarrt und kein Laut entwiſchte ihnen. Jene merkwürdige Angſt— die Angſt des ſtarren aber un⸗ mächtigen Willens, der machtloſen Leidenſchaft, der erfolg⸗ loſen Anſtrengung— lag auf ihr und durchbrach bald die Bande des Schlummers. Sie hätte es unmöglich lange ertragen können. Jedermann muß ſchon empfunden haben, daß ſie weit größer iſt, als jeder andere Todeskampf, und daß ſie, wenn ſie länger als einen Augenblick andauerte, den Schläfer wie ein verrätheriſcher Freund im Schlummer erſchlagen müßte. Emily erwachte unerfriſcht und ſtand bleich und traurig auf. Ich kann nicht ſagen, daß Mrs. Hazleton beim An⸗ blicke des veränderten Ausſehens ihrer jungen Freundin große Zerkniiſchung empfand. Wenn ſie ſie auch nicht 235 martern wollte(was ich nicht gerade behaupten will) ſo hatte ſie doch gar nichts dagegen, ihr Opfer leiden zu ſehen. Allein Emily's bleiche Wange und betrübter Blick war noch in anderer Hinſicht ein erfreuliches Anzeichen, welches Mrs. Hazleton mit dem Entzücken des Chemikers betrachtete, wenn er ein glückliches Experiment beobachtet. Es bewies nämlich, daß die Art, wie ſie Emily auf das Kommende vor⸗ bereitet, ſogar noch wirkungsvoller war, wie ſie erwartet hatte, und ſo wurde das abſtrakte Vergnügen, einer gehaß⸗ ten Perſon Schmerz zu bereiten, noch vermehrt durch die Gewißheit des Erfolges. Emily ſprach wenig und keine Sylbe von dem Thema ihrer Gedanken; aber ſie verweilte bei ihnen und überlegte ſie ſchweigend. Wer ſie kannte, dem mußte ſie mürriſch und verdrießlich vorkommen; es war aber nur, weil eine jener Anwandlungen tiefen innigen Verkehrs mit den inneren Dingen des Herzens— jenes zerſtreute Umherſchweifen in der nebligen Gedankenwildniß, das zuweilen über ſie kam— ſie nunmehr überfallen hatte. Zu ſolchen Zeiten war es ſehr ſchwer, ihren Geiſt in die wachende Welt zurückzuführen und ſie zu den Dingen des Lebens zu erwecken. Es ſchien, als ob ihre Seele weit entfernt und nur das bloſe anima⸗ liſche Leben des Körpers übrig geblieben wäre. Große Er⸗ eigniſſe hätten ſich vor ihren Augen zutragen können, ohne daß ſie etwas davon gewußt hätte. Ein einziges Mal ausgenommen— waren dieſe Träu⸗ mereien(denn ſo muß ich ſie nennen) ſonſt immer leichterer, erfreulicherer Art geweſen, und es hatte geſchienen, als ob 236 ihr jugendlicher Geiſt von den hausbackenen Pfaden des Ge⸗ dankens weit hinweg in verſchlungene Wildniſſe gelockt wor⸗ den wäre, wo er ſich— verlockt wie andere Kinder durch die bloſe Freude des Herumſchweifens— mit Einfangen eines Schmetterlings oder dem Jagen nach dem Regenbogen ab⸗ gegeben hätte. Gefühl— Leidenſchaft hatte ſich durchaus nicht in den Traum gemiſcht, und ſo hatte er ihr keinen Schmerz gebracht. Ich bin nicht ſicher, ob Emily Haſtings bei anderen Veranlaſſungen, wenn ſolche Anfälle von Zer⸗ ſtreuung über ſie kamen, nicht vergnügter und von reinerer Freude beſeelt war, als wenn ſie in luſtiger, muthwilliger Laune ihres Vaters Verwunderung über ihre leichtſinnige Frivolität— wie er es nannte— erregte. Jetzt aber war alles bitter; das Labyrinth war finſter und verwickelt, und die Dornen zerriſſen ſie, als ſie ſich einen Pfad durch die Wild⸗ niß zu bahnen ſuchte. Dieſe Stimmung hatte noch nicht ſehr lange gedauert, war aber auch noch nicht zum Abſchluſſe gelangt, während ſie im Fenſter des Salons ſaß und nach dem Himmel hin⸗ ausſchaute, ohne weder weiße Wolken noch blaue Stellen an dem Hortzont zu ſehen, als Sir Philipp Haſtings ſelbſt auf einem kurzen Ausfluge im Amte eines Friedensrichters ins Zimmer trat, einige Worte mit Mrs. Hazleton ſprach und ſich dann zu ſeiner Tochter wandte. Wäre er eine halbe Stunde länger geblieben, ſo hätte ihm Emily die Arme um den Nacken geſchlungen und ihm Alles erzählt; ſo aber blieb ſte ſelbſt in ſeiner Gegenwart in ſich verſunken, antwortete nur mechaniſch, ſprach Worte der Liebe mit zerſtreuter 237 Miene und ließ ihren Geiſt noch immer auf dem einmal er⸗ wählten Pfade dahinrennen. Sir Philipp hatte nicht Zeit zu bleiben, bis dieſer An⸗ fall vorüber gegangen, und Mrs. Hazleton war froh, ihn mit Höflichkeit los zu werden, ehe ein weiterer Akt des Dra⸗ ma's begonnen hatte. Seiner Tochter Stimmung entging ihm jedoch nicht. Ich habe geſagt, daß er für ſie voll Beobachtungsgabe war, wenn er auch die Reſultate oft irrig deutete, und jetzt bemerkte er Emily's Stimmung mit Zweifeln und nicht mit Freude. „Was kann das bedeuten?“ fragte er ſich ſelbſt.„Kann irgend etwas ſchlimm gegangen ſeyn? Es iſt auffallend— ſehr auffallend. Vielleicht hatte ihre Mutter im Ganzen doch Recht, und es wäre beſſer geweſen, ſie nach der Haupt⸗ ſtadt zu führen.“ Bei dieſen Gedanken verſank Sir Philipp in eine Träu⸗ merei, welche derjenigen, worin er ſeine Tochter betroffen, keineswegs unähnlich war. Doch verſtand er die ihrige nicht und ſann darüber nach wie über eine ſonderbare, unerklär⸗ liche Erſcheinung. Emily verharrte unterdeſſen in ihren Gedanken, bis endlich Mrs. Hazleton ſie erinnerte, daß ſie heute einen Ausflug nach dem Waſſerfalle vorhatten. Sie erhob ſich mechaniſch, ſuchte ihr Zimmer, kleidete ſich an und ſchaute aus dem Fenſter. Es iſt wunderbar, wie oft ein geringfügiges Sun den Geiſt ſo zu ſagen bei der Hand nimmt und ihn aus dem Schatten in den Sonnenſchein zurückführt. Von dem Raſen unter den Fenſtern ſchwang ſich ein luſtiger Vogel in die Lüfte empor, wiegte ſich auf ſeinen glitzernden Schwingen, ſang einige Töne und ſtieg dann höher empor, und jedesmal ſo oft er tiefer in den Himmel hineinflog, wurde ſein Geſang wie ein himmelwärts ſchwebender Geiſt ſtärker und immer ſtärker und erfüllte die Luft mit ſeinem Wohlklange. Emily beobachtete ihn, als er aufſtieg, horchte auf ihn, als er ſang. Sein Aufſchwingen ſchien ihren Geiſt über die dunkeln Dinge, worüber ſie brütete, zu erheben, ſeine ſchmet⸗ ternde Stimme ſie wieder zu munterem Leben zu erwecken. Es liegt hohe Frömmigkeit im Geſange der Lerche, und hart muß das Herz ſeyn, verſteinert und verdorben, das bei ſei⸗ nem Anhören nicht die Stimme erhebt und ſich zu Gottes Lobe mit ihm vereinigt! Als ſie wieder in's Empfangzimmer hinunterkam, war ſie ein ganz verändertes Weſen, und Mrs. Hazleton wun⸗ derte ſich, was wohl geſchehen ſeyn möge, um ſie alſo um⸗ zuwandeln. Hätte man ihr geſagt, es ſey der Geſang einer Lerche geweſen, ſo würde ſie den Sprecher voll Hohn aus⸗ gelacht haben, denn ſie gehörte nicht zu denen, welche ſo etwas empfanden. 1 Ich will nicht bei der Morgentour verweilen, noch den ſchönen Waſſerfall beſchreiben, den ſie beſuchten, noch er⸗ zählen, wie er brauſend über den Abgrund ſtürzte oder wie die Felſen ihn in diamantene Funken zerſtäubten oder wie Regenbogen den Kampf der Gewäſſer einſäumten und Aeſte gleich Federn über dem kämpfenden Strome wogten. Es war ein lieblicher, freundlicher Anblick, der manche Gedanken 239 anregte, und Mrs. Hazleton hoffte, er werde bei Emily jene ſanfteren Regungen wecken, welche das Herz belehren, den harten Dingen des Lebens bereitwillig nachzugeben. Es gibt vielleicht keine ſchönere oder anwendbarere Alle⸗ gorie als die des berühmten Amreetabechers. Ich weiß nicht, ob ſie von Southey erfunden oder aus dem reichen Vorrathe belehrender Fabeln, wie er in der Tradition der Orientalen verborgen liegt, von ihm entlehnt wurde. Es iſt ſchon gar lange, daß ich ſie geleſen; aber ich erinnere mich noch jedes Wortes, ſo oft ich den verſchiedenen Eindruck wahrnehme, welchen Scenen, Umſtände und Ereigniſſe auf verſchiedene Charaktere ausüben. Es wird uns von dem Poeten gezeigt, daß der Becher des göttlichen Weines Denen von reinem, edlem Herzen Leben und Unſterblichkeit, übermenſchliche Vor⸗ züge und unglaublichen Segen verlieh, daß er aber den Boͤſen und Irdiſchgeſinnten Tod, Verderben und Verzweif⸗ lung brachte. Wir können die Lehre etwas ausdehnen und in dem Am⸗ reetaweine den Geiſt Gottes unterſcheiden, welcher alle ſeine Werke durchdringt, aber bei denen, welche ſie ſehen und koſten, einen guten oder ſchlimmen Eindruck hervorruft, je nach der Natur des Empfängers. Der ſtarke, mächtige, ei⸗ genwillige, leidenſchaftliche Charakter Mrs. Hazletons fand in dem ruhigen, bedächtigen Falle des Kataraktes, in dem ewig wechſelnden Spiele der wilden Waſſer und in der acht⸗ ſamen Stille der umgebenden Luft einen beſänftigenden, ſchwächenden und verzärtelnden Einfluß. Emily dagegen ver⸗ ließ bei ihrem ſanften Charakter den Schauplatz eher mit 240 gehobenem als mit deprimirtem Herzen; ihr Geiſt ſchien beſſer gefaßt, um gegen Uebel und Kummer anzukämpfen, voll Liebe und Zuverſicht zu Gott und voll ſtarken Vertrauens, das die Stärke dieſer Welt noch übertraf. Es iſt eine prophe⸗ tiſche Stimme in Gebirgen und Waſſerfällen, in Seen und Strömen, in ſonnigen Landſchaften und Wolken, in Stürmen und hellen Sonnenuntergängen. Das Antlitz der Natur zeigt überall die Beſtimmung nicht eines Einzigen, ſondern Vieler, und verkündet jedenfalls die unausſprechliche Gnade, welche denen, die vertrauen, vorbehalten iſt. Es iſt eine Prophezeiung und zugleich eine Ermahnung; ſie ſpricht: „ſey fromm und ſey glücklich! Der Gott, welcher ſpricht, iſt wahrhaft und glorreich; ſey wahrhaftig und Du wirſt Glorie erben.“ Emily war unterwegs ganz vergnügt geweſen; bei der Rückkehr war ſie ruhig und gefaßt, nahm gern an jedem Ge⸗ ſpräche Antheil, ohne ſo leicht in ihr zerſtreutes Weſen zu verfallen, und die Wirkung des heutigen Ausfluges war das gerade Gegentheil deſſen, was Mrs. Hazleton erwartet oder gewünſcht hatte. Kaum waren ſie in's Haus zurückgekehrt, als Emily ein Brief überliefert wurde, mit dem ſie ſich, ohne das Sie⸗ gel zu erbrechen, auf ihr eigenes Zimmer zurückzog. Die Handſchrift war ihr unbekannt; aber mit faſt übernatürlicher Ahnung errieth ſie alsbald von wem er kam, und ſah, daß der ſchwere Kampf ſeinen Anfang genommen habe. Eine bis zwei Stunden früher hätte dieſer bloſe Gedanke ſie niedergeworfen— jetzt war die Wirkung nur ganz gering. 4³ 241 Von den Planen, die man mit ihr vorhatte, beſaß ſte keine Ahnung— keinen Begriff, daß man ſie als Werkzeug gebrauchen koͤnnte, noch daß das Benehmen Anderer durch ein Intereſſe beſtimmt werde, das dem ihrigen feindſelig ſey. Gleichwohl drehte ſie den Schlüſſel um, ehe ſie ſich an das Durchleſen des Briefes machte, deſſen Inhalt folgender⸗ maßen lautete: „Ich weiß nicht,“ ſagte der Verfaſſer in beſſerem Style als man vielleicht hätte erwarten können,„wie ich mir Ver⸗ zeihung für Alles, was ich zu ſagen habe, von Eurer Güte erbitten ſoll, da ich wohl weiß, daß nichts als meine jetzigen Umſtände es entſchuldigen können, wenn ich mich auch nur in Gedanken Euch nahe. Ich kenne Euch ſchon lange, ob⸗ wohl Ihr mich erſt ſeit wenigen kurzen Stunden geſehen habt. Ich habe Euch ſeit Eurer Kindheit bis heute gar oft bewacht, und ſeit meinen früheſten Jahren iſt eine ſtarke Anhänglichkeit, eine tiefe Neigung, eine maͤchtige, glühende Liebe in mir aufgewachſen, welche nie wieder erlöſchen kann. Brauche ich Euch zu ſagen, daß die letzten paar Tage dieſe Liebe noch vermehrt hätten, wenn eine Vergrößerung mög⸗ lich geweſen wäre? „Dies Alles— ich weiß es— iſt keine Rechtfertigung für die Anmaßung, meine Gedanken zu Euch zu erheben, und noch weniger dafür, daß ich meine Gefühle ſo kühn aus⸗ zudrücken wage; aber es war eine Entſchuldigung für mich ſelbſt und in gewiſſem Grade auch für Andere, wenn ich mich ſeither eines Verfahrens enthielt, wie es meine beſten Fames. Rache. 16 242 Intereſſen— einer Mutter Ruf und meine eigenen Rechte — von mir verlangen. Die Zeit iſt jetzt gekommen, wo ich nicht länger ſchweigen kann, wo ich Euch die Verant⸗ wortlichkeit einer gewichtigen Wahl auferlegen, wo ich Euch durchaus ſagen muß, wie tief, wie hingebend ich Euch liebe, damit Ihr mir erkläret, ob Ihr das einzige Mittel ergreifen wollt, um mir die peinlichſte von allen Aufgaben zu erſpa⸗ ren, indem Ihr mich mit dem größten Segen, der dem Manne je vom Weibe zu Theil ward, beglücket oder mich zu einer Aufgabe dränget, welche— ob zwar gerecht, nothwen⸗ dig, und im Falle Eurer Weigerung unvermeidlich— gleich⸗ wohl allen meinen Gefühlen widerſtreitet. „So laßt Euch erklären, daß ich Euer Vetter, der Sohn von Eures Vaters älterem Bruder bin, der mit einem Landmädchen dieſer Grafſchaft eine heimliche Ehe eingegan⸗ gen hatte. Der ganze Fall iſt vollkommen klar, und ich habe poſitive Beweiſe dieſer Ehe in Händen. Aus Furcht vor einem Prozeſſe und von großer Armuth gedrängt, ließ ſich meine Mutter verleiten, nach ihres Gatten frühem Tode ihre Rechte zu opfern, ihre Ehe zu verheimlichen und Schimpf und Schande zu tragen, um nicht eine von ihrem Schwiegervater ausgeſetzte und auch nach ſeinem Tode ihr zugeſicherte Leibrente zu verlieren, während ſie durch das Geſetz des Landes zu Ehre, Rang und Auszeichnung berech⸗ tigt war. „Eine ihrer Abſichten war ohne Zweifel, ſich und ihrem Sohn ein mäßiges Auskommen zu ſichern, da der verſtor⸗ bene Sir John Haſtings, mein und Euer Großvater, die Macht hatte, ſeine Güter wem er wollte zu hinterlaſſen, nachdem das Majorat mit ihm ſelber zu Ende gegangen. Hiefür opferte ſie ihre Rechte, ihren Namen, ihren Ruf, und wenn Ihr Eures Großvaters Teſtament leſet, ſo werdet Ihr finden, daß er beſondere Sorge getragen hatte, damit kein Bruch des Kontraktes zwiſchen ihm und ihrem Vater Veranlaſſung zur Zuſicherung ihrer Rechte würde. Zwei bis drei geheimnißvolle Klauſeln in jenem Teſtamente wer⸗ den Euch alsbald beweiſen, wenn Ihr ſie leſet, daß dieſe ganze Geſchichte richlig iſt, und daß Sir John Haſtings auf der einen Seite reichlich zahlte, auf der andern ſehr ſtreng drohte, um die Heirath ſeines älteſten Sohnes zu verheimlichen und den Titel auf den zweiten zu übertragen. „Meine Mutter konnte mich jedoch meiner Rechte nicht berauben. Sie konnte pekuniärer Vortheile halber unver⸗ diente Schmach erdulden, wenn ſie wollte; aber auf mich konnte ſie keine Schmach vererben, und läge es auch in der Gewalt eines Menſchen, mich deſſen, was Sir John Ha⸗ ſtings mir hinterließ, zu berauben oder mich von der Nach⸗ folge in ſeinen Beſitzungen auszuſchließen, für welche er aus Furcht, ſein großes Geheimniß zu enthüllen, keine einzige Schranke in ſeinem Teſtamente aufrichtete, die nicht zugleich ein Anerkenntniß meiner Legitimität wäre— ſo würde ich dennoch Alles opfern und lieber allein, freund⸗ und vermögen⸗ los in der Welt ſtehen, als daß ich auf meine eigene Geburt und meiner Mutter Ruf verzichtete. „Dies iſt einer der ſtärkſten Wünſche, der überwältigend⸗ ſten Triebe meines Herzens, und weder Ihr noch irgend 46*— 244 Jemand könnt erwarten, daß ich ihm widerſtrebe. Aber es iſt noch ein ſtärkerer— nicht ein Impuls, ſondern eine Lei⸗ denſchaft vorhanden, und ihr muß Alles weichen. Es iſt Liebe, und wie groß auch der Unterſchied zwiſchen Euch und mir ſeyn mag, wie ſehr ich Euch in allen jenen Vorzügen, die ich am meiſten bewundere, mir überlegen glaube, ſo achte ich mich dennoch berechtigt, Euch die Sache deutlich vorzu⸗ legen, Euch zu erklären, wie treu, wie aufrichtig und glühend ich Euch liebe und Euch zu fragen, ob Ihr meine Bewerbung in meiner jetzigen Stellung anzunehmen würdigt, um mir den Schmerz und den Kummer zu erſparen, mit dem Vater meiner Geliebten prozeſſiren, ihn des ſo wohl verwendeten Reichthums und des Ranges berauben zu müſſen, deſſen Zierde er iſt, oder ob Ihr es mir überlaſſet, meine Rechte zu begründen, meinen wirklichen Namen und Rang einzu⸗ nehmen und dann, wenn ich nicht länger demüthig und un⸗ bekannt erſcheine, meine Sache mit nicht weniger Demuth als gegenwärtig zu führen. „Daß ich dann ſo handeln werde— das ſeyd verſichert; daß ich es thäte, wenn Rang und Stellung, wozu ich ein Recht habe, die eines Fürſtenthums wären, dürft Ihr nicht bezweifeln; aber ich möchte wo möglich gerne vermeiden, Eurem Vater Pein zu verurſachen. Ich weiß nicht, wie er den Verluſt von Rang und Vermögen ertragen— ich weiß nicht, wie der Streit vor einem Gerichtshofe auf ihn wir⸗ ken wird, da ich ihn nur im Allgemeinen aus ſeinem Rufe kenne. Ich kann nicht ſagen, welchen Einfluß dieſe Krän⸗ kung und der Verluſt alles deſſen, was er bisher genoſſen, 245 auf ihn äußern wird. Er hat den Ruf eines guten, gerechten und weiſen Mannes, etwas ſtürmiſch in ſeiner Empfindung, etwas ſtolz auf ſeine Stellung. Ihr müßt ihn beſſer be⸗ urtheilen; aber ich beſchwöre Euch, überlegt reiflich für ihn in dieſer Sache! „Zu jeder Zeit und immer wird meine Liebe dieſelbe bleiben; nichts kann mich ändern, nichts die tiefe Liebe, die ich zu Euch hege, alteriren: auch wenn ich die Wolke, die jetzt über meiner Geburt hängt, von mir werfe, wenn ich Rang und Eigenthum, die mir gebühren, in Beſitz nehme, werde ich Euch immer noch mit derſelben Hingebung lieben und mich ebenſo ernſtlich um Eure Hand bewerben. Aber ach! wie ſehne ich mich, allen Betreffenden die Qualen, die Beſorgniſſe und Befürchtungen, das Uebelwollen, den Ha⸗ der und die Animoſität zu erſparen, wie ſie einem ſolchen Streite zwiſchen Eurem Vater und mir nothwendig folgen müſſen. Wie ſehne ich mich, Euch Alles zu verdanken, ſogar die Stellung, das Vermögen, den edlen Namen, der mir rechtmäßig zukommt; ja noch mehr— weit mehr: Euch Stütze und Leitung, Unterweiſung und Hülfe, ja Euch Alles das zu verdanken, was mich beſſern, reinigen und erheben kann. „O, Emily! theure Baſe, laßt mich in Allem Euer Schuldner werden. Ihr, die Ihr mir zuerſt den Gedanken eingabt, mich über mein Schickſal zu erheben und mich des hohen Glücks, das mich erwartete, würdig zu machen— vollendet Euer Werk, erlöst mich von allem Unwürdigen, erſpart mir bittere Reue, Eurem Vater Enttäuſchung, Kum⸗ 246 mer und Armuth, und macht mich zu dem, der zu ſeyn ich mich ſehne, nämlich zu Eurem ewig ergebenen John Haſtings.“ Brav gemacht, Mrs. Hazleton! nur etwas gar zu brav, denn zwiſchen dem Style dieſes Briefes war ſowohl in Kom⸗ poſition als Gedanken ein ſo auffallender, unerklärlicher Kontraſt mit dem gewöhnlichen Style und Weſen John Ayliffe's, daß es nicht verfehlen konnte, ſogar Emily aufzu⸗ fallen. Eine Weile war ſie etwas verwirrt, aber nicht un⸗ entſchieden; da war kein Schwanken, kein Zweifel über ihr eigenes Benehmen. Einen Augenblick kam ihr in den Sinn, dieſer junge Mann habe doch tiefere, feinere Gefühle als ſie auf der Oberfläche erſchienen, und ſeine Manieren ſeyen vielleicht fehlerhafter als ſeine eigentliche Natur. Allein es ſtanden Dinge in dem Briefe, die ihr nicht gefielen, die ihr auch ohne mühſame Analyſe oder tiefe, forſchende Kritik die Ueberzeugung einflößten, daß die Worte und beigebrach⸗ ten Beweisgründe mehr die der Kunſt als die des Gefühls ſeyen, daß die Einmiſchung von Drohungen gegen ihren Vater— ſo ſehr ſie auch mit Liebesbetheurungen verſchleiert waren— ſchon an ſich ungroßmüthig, daß Zwecke und Mittel nicht ſo hochſinnig ſeyen als die Betheurungen, daß etwas Schmutziges, Niedriges, Unedles in dem ganzen Verfahren liege. Es bedurfte keines ſorgfältigen Nachdenkens, keines zweiten Durchleſens, um zu dieſem Schluſſe zu gelangen, und ihr Entſchluß war alsbald gefaßt. Die tiefe Träumerei, worin ſie heute Morgen verſunken 247 geweſen, hatte ihr Gutes gehabt; ſie hatte ihre Gedanken abgeklärt und He.z und Verſtand aufgehellt. Die ſchoͤne Naturſcene, die ſie ſeitdem erblickt, der Verkehr mit Gottes Schöpfung hatte ihr noch mehr genützt: ſie hatten ihren Geiſt erfriſcht, geſtärkt und erhoben, und nach ganz kurzer Pauſe zog ſie den Tiſch zu ſich her, ſetzte ſich nieder und ſchrieb. Hiebei dachte ſie an ihren Vater, und ihr Herz ſagte ihr, daß die Worte, die ſie gebrauchte, ganz diejenigen ſeyen, die er gebraucht zu ſehen wünſchen würde. Sie lauteten alſo: „Sir l⸗ „Euer Brief hat mir, wie Ihr Euch denken könnt, großen Schmerz verurſacht, um ſo mehr, da ich genöthigt bin, Euch zu erklären, daß ich Eure Liebe nicht nur jetzt nicht erwie⸗ dern, ſondern Euch auch keine Hoffnung machen kann, daß ich ſte je erwiedern werde. Ich muß mich ganz beſtimmt ausdrücken, da ich mich ſelbſt verachten müßte, wenn ich auch nur einen Augenblick mit Gefühlen, wie Ihr ſie aus⸗ ſprecht, ſcherzen könnte. „Was Eure Anſprüche auf meines Vaters Beſitzthum und Rang betrifft, den er nach beſtem Rechte einzunehmen glaubt, ſo habe ich hierüber kein Urtheil, und hätte wünſchen mögen, daß ſie nicht früher gegen mich erwähnt worden wären, ehe ſie ihm bekannt gegeben wurden. „Ich habe noch nie erlebt, daß mein Vater eine unge⸗ rechte oder ungroßmüthige Handlung begangen hätte, und ich bin feſt überzeugt, daß, wäre er verſichert, daß ein An⸗ derer gerechten Anſpruch auf Alles, was er auf Erden be⸗ 248 ſitzt, habe, er es ebenſo raſch wie ein beſchmutztes Gewand von ſich abſtreifen würde, denn mein Vater würde es unter ſeiner Würde halten, einem Andern ſein rechtmäßiges Eigen⸗ thum auch nur eine Stunde vorzuenthalten. Ihr dürft ihm alſo Eure Gründe nur vorlegen und könnt überzeugt ſeyn, daß ſie gerechte Würdigung und die vollſte Billigkeit finden wer⸗ den. Ich hoffe, daß Ihr das bald thun werdet, da die erſte Kunde von ſolchen Anſprüchen zu geben, eine allzu peinliche Aufgabe wäre für Eure ergebene Dienerin Emily Haſtings.“ Sie überlas den Brief zweimal und war damit zufrie⸗ den, ſiegelte ihn ſorgfältig und übergab ihn ihrem eigenen Mädchen zur Ueberlieferung; dann ruhte ſie eine Weile und überließ ſich einer vorübergehenden Neugierde, wer wohl bei der Kompoſition des empfangenen Briefes geholfen haben könne, denn ſie konnte und wollte nicht glauben, daß er von John Ayliffe allein herſtamme. Sie warf jedoch ſolche Ge⸗ danken bald von ſich, und jetzt, da der Augenblick der Prü⸗ fung vorüber und ein qualvoller Moment ihres Schickſals überwunden zu ſeyn ſchien, fühlte ſie ihr Herz merkwürdig erleichtert. Mrs. Hazleton war überraſcht, ſie mit getröſtetem Blicke in das Wohnzimmer zurückkehren zu ſehen. Sie bemerkte, daß die Sache entſchieden war; aber ſie war zu klug, um zu ſchließen, daß ſie ihren Wünſchen gemäß entſchieden worden. 249 Einundzwanzigſtes Kapitel. Marlow ſtellte ſein eigenes Herz zur Rede. Zum er⸗ ſtenmal in ſeinem Leben hatte es ſich rebelliſch bewieſen; es wollte ſeinen eigenen Weg gehen und keine Rechenſchaft über ſein Benehmen ablegen. Warum es ſo heftig gepocht und gezittert, warum es von ſo wechſelnden Empfindungen bewegt worden, als es John Ayliffe neben Emily Haſtings ſitzen und dieſe mit ſo freudigem Lächeln zu ſeiner Begrüßung aufſtehen ſah— wollte es durchaus nicht erklären. Er nahm es ganz ſyſtematiſch vor, feſt entſchloſſen, auf die eine oder andere Weiſe der Sache auf den Grund zu kommen. Als wäre es ein beſonderes Individuum geweſen, ſo befragte er es, ob es in Emily Haſtings verliebt ſey. Die Frage war zu direkt und das Herz ſagte: es glaube eher nicht. „War es aber auch ganz ſicher?“ fragte er wieder. Das Herz ſchwieg und ſchien zu überlegen.„War es eiferſüch⸗ tig?“ forſchte er.„O nein— nicht im Geringſten.“ „Warum pochte es denn ſo ſonderbar, ſo launiſch und unerklärlich, als es einen hübſch ausſehenden ordinären jun⸗ gen Mann neben Emily ſitzen ſah?“ Das Herz ſagte;„das könne es nicht ſagen; es ſey nun einmal ſeine Natur ſo.“ Marlow ließ ſich nicht ſo leicht abſpeiſen; er war ent⸗ ſchloſſen, mehr zu erfahren und fuhr fort: „Wenn Deine Natur alſo iſt, ſo wirſt Du natürlich daſſelbe thun, wenn Du andere junge Männer bei andern jungen Mädchen ſitzen ſiehſt?“ 250 Das Herz war verlegen und gab keine Antwort, und nun verlangte Marlow eine beſtimmte Erwiederung auf folgende Fragen: „Wenn Du morgen erfährſt, daß Emily Haſtings dieſen Jüngling oder irgend einen andern Mann, jung oder alt, hei⸗ rathen werde— was würdeſt Du da thun?“ „Brechen!“ ſagte das Herz, und Marlow fragte nicht weiter. Wohl wiſſend, wie gefährlich es iſt, zu Pferde bei flie⸗ gendem Pulſe und aufgeregten Nerven in ſolche Examina⸗ torien ſich einzulaſſen, hatte er gewartet, bis er ſeine ei⸗ gene Wohnung erreichte; er hatte ſich vor dem Beginnen in ſeinen Stuhl geſetzt, um liſtig und kaltblütig mit dem re⸗ belliſchen Geiſte in ſeiner Bruſt zu verfahren; ſobald er aber mit dem Geſpräche zu Ende gekommen, ſtand er auf und wollte ein friſches Pferd beſtellen und alsbald zu Sir Phi⸗ lipp Haſtings hinüberreiten. Indem er dies that, ſchaute er ſich in dem immer um und fand, daß es weder ſehr gut noch reichlich ausgeſtattet war. Der letzte Beſitzer vor Mrs. Hazleton war kein großer Bücherfreund geweſen und hatte nie an eine Biblio⸗ thek gedacht. Marlow hatte deshalb für ſeine eigenen Bü⸗ cher von einem Landſchreiner einige Schränke machen laſſen, welche das Zimmer wohl ausfüllten, aber nicht ſchmückten, ihm vielmehr ein rohes und troſtloſes Ausſehen verliehen und ihn mit natürlichem Gedankengange die ganze Einrich⸗ tung des Hauſes mißachten ließen, ſobald er ſich mit der 251 Idee beſchäftigte, daß Emily Haſtings jemals deſſen Herrin werden könnte. „Was habe ich für ihre koſtbare Hand zu bieten?“ fragte er ſich ſelbſt.„Was habe ich ihr anderes anzutragen als die Hand eines ſimplen, einfachen Landedelmannes, der ihrer ganz unwürdig iſt? Was habe ich Sir Philipp Haſtings zu bieten zu einem Bunde, der ſogar ſeiner Beachtung werth wäre?— einen guten, unbefleckten Namen, aber weder Rang noch ein Vermögen, das ſich über die Mittelmäßigkeit erhöbe. Wahrlich! eine hübſche Partie, für die Erbin der Familien Haſtings und Marſhall!“ Er ſchaute ſich um, und ſein Herz wurde muthlos. Ein kleiner Knabe mit einem paar Flügeln an den Schultern und einem Bogen, deſſen Ende ihm über den Nacken guckte, ſtand dicht hinter Marlow und flüſterte ihm in's Ohr: „Kümmere Dich nichts drum— verſuche es nur.“ Und Marlow beſchloß, es zu verſuchen; er ſchwankte nur noch, wie er es machen wollte. Sollte er ſelbſt zu Sir Philipp gehen? Er fürchtete eine Zurückweiſung. Sollte er ſchreiben? Nein, das wäre feig. Sollte er Emily erſt ſeine Liebe erklären und ihre Neigung zu gewinnen ſuchen, ehe er ſie ihrem Vater verriethe? Nein, das wäͤre unehr⸗ lich, ſobald er ihres Vaters Zuſtimmung bezweifelte. Endlich entſchloß er ſich in eigener Perſon zu Sir Phi⸗ lipp zu gehen; aber die Berathung und Erwägung hatte ſo lange gedauert, daß es zu ſpät war, um noch heute hin⸗ überzureiten, ſo daß er die Sache bis morgen verſchob. 2⁵² Dann brach er ſo früh wie möglich auf. Er nannte es ſo früh wie möglich, und für einen Beſuch war es auch frühe; aber ſobald man eine abſchlägige Antwort von Jemand fürchtet, wird man gar wunderbar pünktlich. Als ſein Pferd vorgeführt wurde, begann er zu glauben, er könnte für Sir Philipp zu früh kommen, und dieſes könnte Ueberraſchung er⸗ regen, ſo ließ er das Pferd eine halbe Stunde auf⸗ und ab⸗ führen. Was hätte er um dieſe halbe Stunde gegeben, als er nach ſeiner Ankunft bei Sir Philipp erfuhr, daß dieſer aus⸗ gegangen ſey und erſt ſpät am Tage erwartet werde! Aergerlich über ſich ſelbſt und nicht wenig enttäuſcht, kehrte er nach Hauſe zurück, das ihm jetzt weit troſtloſer als ſonſt vorkam. An ſeinen Büchern oder Gemälden hatte er heute keine Freude, und ſelbſt das Denken war ihm zuwi⸗ der, denn bei der Spannung, die ihn beſeelte, wurde es nur zu einer Berechnung von Zufällen, für die er nur dürftige Daten beſaß. Das Eine lernte er an dieſem Abend, näm⸗ lich, daß Heimath und heimiſches Glück ohne Emily Haſtings für ihn fortan verloren ſey. Der folgende Tag ſah ihn frühzeitig im Sattel, und er ritt drauf los, wie wenn er ein Wild vor ſich hätte. Wirk⸗ lich hat auch die Liebe des Mannes— wenn ſie überhaupt etwas werth iſt— immer einen Nachſchmack des Jägers an ſich. Marlow kümmerte ſich nicht um Heerſtraßen oder Fußpfade; Hecken und Gräben waren ihm keine Hinderniſſe: immer gradaus ſprengte er, bis er ſich dem Ziele ſeiner Reiſe näherte; aber dann zog er plötzlich den Zügel an und * 253 begann ſich zu fragen, ob er denn toll ſey. Er ritt eben da⸗ mals durch das Marſhall'ſche Gut, das Erbe von Emily's Mutter, und der Gedanke an ihre reiche Erbſchaft kühlte ſeine Hitze durch Zweifel und Beſorgniſſe. Er hätte die Hälfte ſeines eigenen Vermögens darum gegeben, wenn ſie ein bloſes Landmädchen geweſen wäre und er mit der andern Hälfte mit ihr hätte leben können. Auch begann er an Alles zu denken, was er Sir Phi⸗ lipp Haſtings ſagen und wie er es ihm ſagen wollte, und er fing an nicht geringe Unruhe zu ſpüren. Er zürnte mit ſich ſelbſt über ſeine eigenen Empfindungen; er ſchalt ſein Herz und verſuchte es mit der Philoſophie. Das Alles blieb aber ohne Wirkung, und ſo galoppirte er durch den Park, bis er vor dem Thore des Hauſes anhielt und abſtieg. Sir Philipp war diesmal zu Haus, und Marlow wurde in das kleine Nebenzimmer der Bibliothek geführt, wo der Baronet, ſeine Bücher immer zur Hand, des Morgens ſich aufzuhalten pffegte. Sir Philipp war jedoch nicht mit Le⸗ ſen beſchäftigt, ſondern in ein Nachdenken verſunken, das, nach ſeinem Stirnrunzeln und dem Herabziehen der Mund⸗ winkel zu ſchließen, nicht der erfreulichſten Art war. Mar⸗ low glaubte, er ſey zu ungünſtiger Zeit gekommen, und Sir Philipps erſte Worte— wenn auch freundlich und gü⸗ tig— ſtimmten durchaus nicht zu den Gefühlen von Liebe in ſeines Beſuchers Herzen. „Willkommen, mein junger Freund,“ ſagte er aufſchauend. „Ich habe heute morgen über die Geſetze und Gebräuche verſchiedener alter und neuer Völker nachgedacht und möchte 254 mich gerne überzeugen, ob ich recht habe in dem Schluſſe, daß wir in unſerem Lande dem individuellen Urtheile zu we⸗ nig freien Spielraum einräumen. Wir ſagen, Niemand darf das Geſetz in ſeine eigene Hand nehmen; aber wie oft brechen wir dieſe Regel, wie oft ſind wir genöthigt, ſie zu brechen! Wenn Ihr mit einer Flinte in der Hand einen Mann auf fünfzig oder ſechzig Schritte vor Euch ſähet, der ein Kind oder eine Frau ermorden wollte, ohne daß Ihr den Schlag anders als durch den Gebrauch Eurer Waffe ablenken könntet— was würdet Ihr thun?“ „Ihn auf der Stelle erſchießen,“ erwiederte Marlow alsbald, und fügte dann bei:„wenn ich ſeiner Abſicht ganz verſichert wäre.“ „Natürlich, natürlich,“ erwiederte Sir Philipp;„und doch, mein guter Freund, wenn Ihr das ohne Zeugen thä⸗ tet— vorausgeſetzt das Kind wäre zu jung zur Zeugſchaft oder die Frau ſchliefe, auf welche der Hieb gezielt wäre— ſo würdet Ihr für Eure gerechte, weiſe und mildthätige Hand⸗ lung aufgehängt.“ „Vielleicht,“ ſagte Marlow, kurz angebunden;„aber ich würde es dennoch thun.“ „Recht, recht,“ erwiederte Sir Philipp, aufſtehend und Marlow die Hand ſchüttelnd;„das iſt recht und ſieht Euch ähnlich. Es gibt Fälle, wo wir bei klarem Bewußtſeyn der Redlichkeit unſerer Abſichten oder ſtarkem Vertrauen in die Richtigkeit unſeres Urtheils über alle menſchlichen Geſetze wegſchreiten ſollten, welches auch immer der Erfolg für uns ſelber ſeyn moͤge. Erinnert Ihr Euch eines Mannes Namens * 255 Cutter, dem Ihr am erſten Tage, da ich das Vergnügen hatte, Euch kennen zu lernen, eine tüchtige Lektion ertheil⸗ tet? Ich wäre unzweifelhaft moraliſch— oder vielleicht ſogar geſetzlich— berechtigt geweſen, ihm meinen Degen durch den Leib zu bohren, als er mich damals angriff. Hätte ich das gethan, ſo hätte ich ein koſtbares Menſchenleben ge⸗ rettet, der Welt das Schauſpiel eines großen Verbrechens erſpart und einen trefflichen Gatten oder Vater ſeinem Weib und ſeinen Kindern erhalten. Dieſer ſelbe Mann hat den Wildhüter des Earls von Selby ermordet: ich wurde ge⸗ ſtern zu der Verhandlung gerufen und mußte ihn wegen dieſes Verbrechens in Folge von Beweisgründen, welche keinen Zweifel an ſeiner Schuld übrig ließen, in Anklage⸗ ſtand verſetzen. Ich ſchonte ſeiner, als er mich angriff, aus ſchwächlichem, unwürdigem Mitleid, obwohl ich den Charakter des Mannes kannte und ſeine Laufbahn ſo ziem⸗ lich vorausſah. Ich habe es ſeitdem bereut; aber nie mehr als geſtern. Dieſer Fall iſt zwar keine Parallele zu dem, deſſen ich vorhin erwähnte; aber der meine hat mich auf den andern gebracht.“— „Hat der Elende ſeine Schuld eingeſtanden?“ fragte Marlow. „Er konnte und wollte ſie nicht läugnen,“ antwortete Sir Philipp.„Während der Unterſuchung behauptete er ein hartnäckiges, düſteres Stillſchweigen, und als ich ſeine Anklage ausſprach, ſagte er blos, ich ſollte wegen dieſes Verbrechens nicht ſo hart mit ihm verfahren, denn es ſey der beſte Dienſtz, den er mir habe erweiſen können, da er einen Mann zum Schweigen gebracht habe, deſſen Wort mich all meines Beſitzthumes hätte berauben können.“ „Was konnte er damit meinen?“ fragte Marlow ge⸗ ſpannt. 3 „ ‚Das weiß ich nicht,“ erwiederte Sir Philipp in gleich⸗ gültigem Tone;„zertretene Schlangen zeigen uns oft ihren Stachel. Der Mann, den er todtete, war der Sohn des früheren hieſigen Küſters— ein guter, braver Menſch, dem ich jene Stelle verſchaffte; ſein Mörder iſt ein heilloſer Böſe⸗ wicht, deſſen Wort nicht den geringſten Glauben verdient. Laßt uns nicht weiter daran denken; er hat ſchon früher ſolche ſonderbaren Reden hören laſſen; ſie haben mir aber nie Beſorgniß eingeflößt, als ob mein Eigenthum verloren gehen oder vermindert werden köͤnnte. Wir halten unſere Lehen nicht nach dem Belieben jedes Spitzbuben. Warum lächelt Ihr?“ „Aus einem Grunde, der auf den erſten Anblick an einem Freunde auffallend oder unnatürlich erſcheinen wird, Sir Philipp,“ verſetzte Marlow entſchloſſen, die Gelegenheit nicht zu verſäumen.„Um Eurer oder Eures Landes Willen muß ich allerdings hoffen, daß Euer Eigenthum nie verloren gehen oder vermindert werden mag; wollte ich meiner Selbſt⸗ ſucht Gehör geben, ſo würde ſie mich wünſchen laſſen, daß Euer Beſitzthum geringer wäre als es iſt.“ Sir Philipp Haſtings war kein Auflöſer von Räthſeln, und er ſah ſehr verwirrt aus. Marlow ging jedoch offen⸗ herzig auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und ſagte:„Ich habe es nicht für Recht gehalten, Sir Philipp, einen Tag 257 zu zoͤgern, nachdem ich entdeckte, wie meine Gefühle gegen Eure Tochter beſchaffen ſind, ohne Euch genau über ihr Weſen zu unterrichten, damit ihr Euch alsbald über Euer künftiges Benehmen gegen einen Mann entſcheidet, dem Ihr ſeither ſo viele Güte erwieſen habt, und der ſte um keinen Preis mißbrauchen möchte. Ich merkte erſt vorgeſtern, wie dieſe Leidenſchaft in mir aufgewachſen iſt, als ich Eure Tochter bei Mrs. Hazleton ſah, und einige zufällige Um⸗ ſtände mir den Zuſtand meines Herzens enthüllten.“ Sir Philipp ſah weder überraſcht noch unerfreut, ſon⸗ dern fragte nach kurzem Nachdenken: „Was ſagt Emily, mein junger Freund?“ „Nichts ſagt ſte, Sir Philipp,“ entgegnete Marlow, „denn ſo viel ich weiß, habe ich weder durch Wort noch Blick meine Gefühle gegen ſie verrathen. Ich wollte mich nicht erklären, bis ich Euch Gelegenheit gegeben hätte, un⸗ gehemmt von jeder Rückſicht für ſie die Frage zu entſcheiden, ob Ihr mir erlauben wollt, meine Bewerbung fortzuſetzen oder nicht.“ Sir Philipp war heute in raiſonnirender Laune, und quälte Marlow durch die Erkundigung: „Würdet Ihr immer für noͤthig halten, Marlow, eines Vaters Einwilligung zu erlangen, ehe ihr die Neigung des Mädchens Eurer Liebe zu gewinnen ſtrebtet?“ „Nicht immer,“ gab der junge Mann zur Antwort; naber ich würde es jederzeit für Unrecht halten, ein Ver⸗ trauen zu verletzen, Sir Philipp. Ihr ſeyd freundlich gegen mich geweſen, habt mir vertraut und nie an mir gezweifelt; James, Nache. 17 258 wollte ich Emily auch nur ein Wort ſagen, das Euch uner⸗ wünſcht ſeyn oder Eure Plane durchkreuzen könnte, ſo würde ich mich Eurer Achtung und ihrer Liebe gleich unwürdig zeigen.“ Sir Philipp ſchwieg nachdenklich, und ſprach dann wie zu ſich ſelbſt: „Ich dachte mir, daß dieſes ſo werden könnte— nur nicht ſo bald. Ich denke mir übrigens,“ fuhr er an Marlow ſich wendend fort,„daß Ihr Eure Gefühle mehr als Ihr glaubt verrathen haben müßt, mein junger Freund, denn geſtern Morgen traf ich Emily in ſonderbarer, nachdenklicher, zerſtreuter Stimmung— zum Beweiſe, daß ſtarke Empfin⸗ dungen in ihrem Herzen rege waren.“ „Das hatte wohl einen anderen Grund,“ meinte Mar⸗ low ſchnell beſonnen.„Ich kann mir nicht einmal ſchmei⸗ cheln, daß ſie überhaupt an mich dachte. Als ich ſie vor⸗ geſtern ſah, ſaß ein junger Mann bei ihr und Mrs. Hazle⸗ ton— John Ayliffe iſt, glaub ich, ſein Name, und ich glaubte zu bemerken, daß ſeine Gegenwart ihr läſtig war.“ „John Ayliffe bei Mrs. Hazleton!“ rief Sir Philipp, indem ſeine Stirne ſich gewaltig verfinſterte.„John Ayliffe in meiner Tochter Geſellſchaft! Wohl mochte das arme Kind nachdenklich ausſehen— und doch, warum ſollte ſie? Sie weiß nichts von ſeiner Geſchichte. Wie ſieht er aus, Marlow? was macht er für eine Figur?“ „Er iſt ſehr hübſch, mit feinen Zügen und ſchöner Ge⸗ ſtalt,“ berichtete Marlow;„es fiel uns ſogar auf, daß zwi⸗ ſchen ihm und Euch eine gewiſſe Aehnlichkeit herrſcht. Aber 259.. ſeinem Aeußeren gebricht etwas, was ich nicht genau defini⸗ ren kann, Sir Philipp; in ſeiner Miene, ſeiner Haltung— ſey er nun ruhig oder in Bewegung— liegt etwas was ihm ein Klaſſenzeichen— wie ich es zu nennen pflege— und zwar nicht der beſten Art aufbürdet. Verlaßt Euch drauf, es war Unwille über ſeine Geſellſchaft, die ihr mißliebig war, was Eure Tochter damals bewegte. Meine Liebe zu ihr iſt und muß ihr unbekannt ſeyn, denn ich blieb nur wenige Minuten, und vor jenem Tage wußte ich es ſelber nicht.— Und nun, Sir Philipp, was ſagt ihr zu meiner Bewerbung? Darf ich ſie fortſetzen, wie einige Eurer Worte mich hoffen laſſen— darf ich mich bemühen, die Liebe Eurer theuren Tochter zu gewinnen?“ „Natürlich,“ erwiederte Sir Philipp Haſtings,„natür⸗ lich. Eine unklare Phantaſie ſchwebte mir ſchon lange vor, daß es eines Tags ſo werden könnte. Sie iſt zu jung, um jetzt ſchon zu heirathen, und es wird mir ſchwer fallen, mich von ihr zu trennen, wenn die Zeit herankommt. Ihr habt jedoch meine Einwilligung, Euch um ihre Liebe zu bewerben, wenn Ihr ſie gewinnen könnt— darüber muß ſie ſelbſt entſcheiden.“ „Habt Ihr auch wohl erwogen,“ fragte Marlow,„daß ich ihr weder Nang noch Reichthum zu bieten habe? Daß ich keineswegs—“ Sir Philipp winkte faſt ungeduldig mit der Hand. „Was nützt es, von Rang oder Reichthum zu reden?“ rief er.„Ihr ſeyd durch Geburt, Erziehung und Sitten ein Gentleman, habt das nöthige Auskommen, und meine 17* 260 Emily wird für ſich ſelbſt nicht mehr wünſchen, ſo wenig als ich für ſte mehr wünſche. Ich weiß, Ihr werdet ſie glücklich zu machen ſuchen, und es wird Euch gelingen, weil ihr ſie liebet. Hätte ich aus allen Männern, die ich kenne, auszu⸗ wählen, ſo wäret ihr mein Mann. Vermögen iſt eine gute Beigabe, aber keine weſentliche. Ich verſpreche ſte Euch nicht, das muß ſie thun; wenn ſie aber erklärt, ſie wolle Euch ihre Hand reichen, ſo ſoll ſie die Eure werden.“ Marlow dankte ihm mit wohlbegreiflicher Freude; allein Sir Philipp's Gedanken kehrten alsbald zu ſeiner Tochter Lage bei Mrs. Hazleton zurück. „Sie darf nicht länger dort bleiben, Marlow,“ ſagte er. „Ich will ſie unverzüglich nach Haus zurückkommen laſſen; dann werdet Ihr Gelegenheit genug haben, ihr Eure eigene Geſchichte in's Ohr zu flüſtern und zu ſehen, wie ihr mit ihr zurecht kommt. Auf alle Fälle darf ſie nicht länger in einem Hauſe bleiben, wo ſie mit John Ayliffe zuſammen⸗ treffen kann. Ich muß mich nur über Mrs. Hazleton wun⸗ dern— eine ſo feine und ſo hochmüthige Frau!“ „Die Gerechtigkeit nöthigt mich zu der Erklärung,“ be⸗ merkte Marlow, nachdenklich,„daß ich mich noch undeutlich erinnere, wie Mr. Hazleton andeutete, daß ſie jenen Herrn zufällig auf einer Luſtpartie getroffen hatten. Soll ich aber nicht lieber Lady Haſtings meine Hoffmungen und Wünſche mittheilen, mein theurer Sir?“ „Das iſt nicht nöthig,“ erwiederte Emily's Vater ziem⸗ lich ſtreng.„Ich verſpreche ſie Euch, Marlow, wenn ſie ſelbſt einwilligt; meine gute Frau wird ſich meinen Wün⸗ — 261 ſchen oder meiner Tochter Glück nicht widerſetzen! Auch dulde ich keinen Widerſpruch in wichtigen Dingen. Ich will Lady Haſtings meinen Entſchluß ſelbſt mittheilen.“ Morlow war zu klug, um ein weiteres Wort zu äußern; er verſprach am folgenden Tage in der Halle zu ſpeiſen und zu übernachten, und verabſchiedete ſich für jetzt. Er hörte nicht ohne Befriedigung, daß Sir Philipp ein Pferd zu ſatteln beſtellte, und einem Reitknechte befahl, ſich zur Ueber⸗ bringung eines Briefes an Mrs. Hazleton bereit zu halten, denn allerlei Zweifel regten ſich in ihm, nicht über Emily, wohl aber über das Benehmen und die Abſichten von Mrs. Hazleton ſelber. Der Brief wurde unmittelbar nach ſeinem Abgange ab⸗ geſchickt; er berief Emily zu ihrem Vater zurück und kündigte ihr an, daß der Wagen früh am andern Morgen ſie abholen werde.— Sobald dies geſchehen war, verfügte ſich Sir Philipp in ſeiner Gattin Wohnzimmer und benachrichtigte ſie, daß er zu der Bewerbung ſeines jungen Freundes Marlow um ihre Tochter ſeine Einwilligung gegeben habe. Sein Ton war der Art, daß er keine Gegenrede zuließ; auch verſuchte Lady Haſtings keine ſolche, drückte aber ihren Proteſt eben⸗ ſo gut dadurch aus, daß ſie in heftige, hyſteriſche Krämpfe verfiel. 262 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. In einem ſehr feſtlich ausgeſtatteten Zimmer ſaß in ſehr feſtlicher Kleidung eine Frau von etlichen acht⸗ bis neunund⸗ dreißig Jahren, in deren nicht ſehr geiſtvollem Geſichte noch manche Spuren von Schönheit zu bemerken waren. Nur Wenige hätten in ihr das ſchöne, ſchwache Mädchen erkannt, das wir früher über das Schickſal von Sir Philipp Haſtings' älterem Bruder, wie über die ſchreckliche Lage, worin er ſie zurückließ, in bitteren Thränen geſehen haben. Ihre Züge hatten ſich ſtark verändert; der mädchenhafte Ausdruck, die erſte Blüthe der Jugend war dahin; die leichte, anmuthige Geſtalt war verſchwunden. Aber auch das Gemüth hatte ſich eben ſo ſehr wie der aͤußere Menſch verwandelt, wenn auch das Herz ebenſo wie dieſer noch manche Spuren des Originales an ſich trug. Als wir ſie dem Leſer zum erſten Male vorführten, war ſie wohl ſchwach und nachgiebig, aber keineswegs übelwollend geweſen. Sie hatte einen großen und fatalen Fehler be⸗ gangen; aber im Herzen war ſie ehrlich und unſchuldig. Gleich allen Menſchen von plaſtiſchem Thone ließ ſie ſich jedoch durch die Umſtände leicht in jegliche Form umkneten, und die Umſtände hatten ſie allmälig in eine weit ſchlimmere Form umgeſchaffen, als die Natur ſie ihr urſprünglich ver⸗ liehen hatte. Zu lügen, zu betrügen, zu beeinträchtigen war früher ihren Grundſätzen höchſt verabſcheuungswerth vorgekommen; auch hatte ſie bei ihres Vaters Verhand⸗ lungen mit dem alten Sir John Haſtings keine thätige Rolle — 263 4 geſpielt, und hätte ſte Alles gewußt, was er geſagt und be⸗ ſchworen hatte, ſo hätte ſie ſich wohl voll Entſetzen von dem Anblicke abgewendet. Aber während ihres Vaters kurzer Lebenszeit war ihr von ihm oft vorgeſagt und nach ſeinem Tode von der alten Frau Danby häufig verſichert worden, daß ſie die ächte und gerechte Wittwe von John Hafiings ſey, trotzdem ihr Vater— weil dies ſchwer zu beweiſen ge⸗ weſen wäre— lieber eine Jahresrente für ſie und Pren Sohn angenommen, als ſich in einen Proceß mit einem ſo einflußreichen Manne eingelaſſen hatte. So hatte ſie ſich allgemach in den Glauben hineingeſchwatzt, ſie ſey die Gat⸗ tin ihres Liebhabers geweſen, weil er ſie in einem ſeiner glühenden Briefe alſo genannt hatte, um die Stimme der Reue in ihrer Bruſt zu beſchwichtigen. Die Ueberzeugung war immer mehr in ihr gewachſen, bis ſie jetzt nach Verfluß von mehr als zwanzig Jahren alle ihre frühern Zweifel und Einwürfe vergeſſen hatte, bis ſie ſich und ihren Sohn ihrer eigentlichen Rechte beraubt glaubte, und ihre Heirath auf's Kühnſte zu behaupten bereit war, obwohl ſie früher zuge⸗ geben hatte, daß gar keine Heirath ſtattgefunden, und daß die von ihrem Verführer gebrauchten Worte nur die Abſicht hatten, ihre Furcht und Reue zu mildern. Bei all Dem wollte ſie jedoch über einen gewiſſen Punkt nicht hinausgehen: ſie ſcheute ſich immer noch, falſche Ein⸗ zelnheiten anzugeben und über einzelne Thatſachen ſich auf einen Meineid einzulaſſen. Sie dachte, ihre Ehe möchte in den Augen des Himmels, in ihren eigenen, wie in denen ihres Geliebten zu Recht beſtehen; um ſie aber in den Augen 264 des Geſetzes rechtskräftig zu machen, dazu bedurfte es, wie ſie erfahren hatte, gewiſſer Beweiſe, welche ſie nicht liefern konnte— eidlicher Verſicherungen, die ſie nicht zu geben wagte. 8 Man hatte ihr deshalb eine andere Bahn vorgeſchlagen, und ſie ſaß jetzt, wie geſagt, in jenem kleinen Stübchen, feſt⸗ lich aber offenbar zu einer Reiſe angekleidet. Thränen hin⸗ gen in ihren Augen, und ſie ſchaute auf ihren nebenſtehenden Sohn mit flehendem Blicke, wie wenn ſie hätte ſagen wollen: „dränge mich doch nicht dazu!“ Allein der junge John Ayliffe kannte keine Gewiſſens⸗ biſſe, und wenn er zärtlich mit derjenigen ſprach, die ſeine Jugend verdorben hatte, ſo geſchah es blos, um ſie durch Liebkoſungen zu überreden. „In der That, Mutter, es iſt abſolut nothwendig,“ ſagte er,„ſonſt würde ich Dich nicht gehen heißen. Du weißt recht gut, daß ich Dich lieber hier hätte, und es iſt ja nur auf kurze Zeit, bis der Prozeß vorüber iſt. Advokat Shanks ſagte Dir ſelbſt, wenn Du bliebeſt, würdeſt Du vor Gericht geführt und dort zu Tod examinirt, und Du weißt wohl, daß Du Deiner Geſchichte nicht treu bleiben könnteſt, wenn ſie Dich einſchüchtern und verwirren ſollten.“ „Ich wollte überall ſagen, daß meine Heirath eine ächte war,“ erwiederte ſeine Mutter;„aber ich möchte nicht Alles beſchwören, was Shanks von mir verlangt hat, John— nein, das möchte ich nicht beſchwören, denn Doktor Paulding hatte nichts damit zu ſchaffen, und wenn man mir's auch tau⸗ ſend Mal vorſpräche, ſo würde ich doch einen Schnitzer 265* machen, auch wenn ich mich zu einer Lüge entſchlöſſe. Mein Vater und die gute Mrs. Danby pflegten immer zu ſagen, die gegenſeitige Einwilligung bewirke eine ächte Heirath. Deines Vaters eigener Brief beweist, daß er einwilligte, und Gott weiß, daß ich es that; aber dieſe Advokaten ſind nicht damit zufrieden, und indem ſie die Sachen verbeſſern wollen, machen ſie ſie, wie ich meine, nur ſchlimmer. Ich glaube jedoch, daß Du zu weit gegangen biſt, um jetzt noch umzukehren, und ſo muß ich eben in ein fremdes, entlegenes Land gehen, mich dort verbergen und ganz einſam leben. Nun, ich bin meinetwegen hiezu bereit, und will für Dich jedes Opfer bringen, mein Junge; aber ich muß ſagen, es iſt ſehr hart.“ Bei dieſen Worten erhob ſie ſich mit überſtrömenden Augen, und ihr Sohn küßte ſte mit der Verſicherung, daß ihre Abweſenheit nicht lange dauern werde. Als ſie ſich jedoch nach der Thüre wendete, legte er ein ziemlich langes Schreiben auf den Tiſch, auf welchem ſchon Dinte und Feder bereit ſtand und ſagte: „Unterzeichne dies noch, ehe du gehſt, theure Mutter!“ „Ach, ich kann jetzt nichts unterzeichnen,“ jammerte ſie, ihre Thränen trocknend.„Wie kannſt Du ſo grauſam ſeyn, John, und mich gerade jetzt, wo ich mich von Dir trenne, zum Unterzeichnen auffordern?— Was willſt du denn damit?“ „Nur eine Erklärung, daß Du wirklich meines Vaters Wittwe biſt,“ ſagte John Ayliffe.„Schau her: Er⸗ 4½ 266 klärung u. ſ. w.— Du brauchſt es nicht zu leſen, ſondern nur hier zu unterſchreiben.“ Sie zögerte eine Weile; aber er hatte ſie vollſtändig in der Gewalt, obwohl ſie den Inhalt ſtark bezweifelte, unterzeichnete ſte das Papier dennoch mit zitternder Hand. Dann kam der Abſchied, voll wahrer Zärtlichkeit von ihrer Seite, voll verſtellter Zuneigung und Bedauerns von der ſeinigen. Die Poſtkutſche, die ſchon ſeit einer Stunde vor der Thüre geſtanden, rollte davon, und John Ayliffe kehrte in's Haus zurück. Dort ging er längere Zeit im Zimmer auf und ab. In ſeinem Blicke lag eine ungeduldige Nachdenklichkeit— wenn ich ſo ſagen darf— welche mit ſeiner Mutter Abreiſe wenig zu ſchaffen hatte. Er war froh, daß ſie fort war— noch froher, daß ſie das Papier unterzeichnet hatte, und jetzt ſchien er mit geſpannter Ungeduld auf etwas zu warten. Endlich hörte er ein raſches Pferdetrappeln näher kom⸗ men, und John Ayliffe nahm haſtig das Papier von dem Tiſche und ſteckte es in ſeine Taſche. Der Beſuch war jedoch nicht der, den er erwartete: es war nur ein Diener mit einem Briefe, und als der junge Mann das Schreiben von der Magd, die es hereinbrachte, in Empfang nahm und die Adreſſe betrachtete, da ſah man ſeine Wange erſt erröthen und dann erblaſſen. „Sie hat nicht lange zur Ueberlegung gebraucht!“ murmelte er vor ſich hin. Sobald das Mädchen mit ihren Schlappſchuhen das Zimmer verlaſſen hatte, erbrach er das Siegel und las die —— 267 kurze Antwort, welche Emily auf ſeine Erklärung gegeben hatte.„ Ein Künſtler könnte nicht leicht den Ausdruck zeichnen— und ein Schriftſteller kann ihn unmöglich heſchreiben— der auf ſeinem Geſichte auftauchte, als er di tſchiedene Wei⸗ gerung las, die auf jenem Blatte geſchrieben ſtand. Hätte die arme Emily gehört, wie er ſie ſchmähte, wie er ihr Rache ſchwur und ihren Hochmuth— wie er es nannte— zu demüthigen gelobte, ſo hätte ſie ſich gewiß gefreut, daß ein ſolcher Menſch keine Macht über ihre Neigung, keine Gewalt über ihr Schickſal erlangt hatte. John Ayliffe befand ſich noch mitten im Sturm ſeiner Leidenſchaft, als Mr. Shanks ohne anzuklopfen ins Zimmer trat. Sein Geſicht zeigte einen finſtern, ängſtlichen Aus⸗ druck, den ſogar ſeine gewohnte Schlauheit nicht zu verban⸗ nen vermochte; aber der Zuſtand, worin er ſeinen jungen Klienten antraf, ſchien ihn dennoch zu überraſchen. „Ei, was gibt's denn, John?“ ſchrie er.„In des Glückes Namen— was iſt denn vorgefallen?“ „Was vorgefallen iſt?“ wiederholte John Ayliffe.„Da ſchaut her,“ indem er Mr. Shanks den Brief einhändigte. Der Anwalt nahm ihn und überlas ihn mit ſeinen ſcharfen Fuchsaugen ſo bedächtig, wie er ein gewöhnliches juridiſches Papier überleſen hätte. Dann händigte er es ſeinem jungen Klienten mit den Worten ein: „Die Korreſpondentin ſchreibt keinen üblen Styl.“ „Der Teufel ſoll ſie holen!“ fluchte John Ayliffe;„aber ſie ſoll dafür büßen!“ 268 „Nun, nun, das läßt ſich nicht ändern, und Ihr habt nicht nöthig Euch darüber zu ärgern,“ erwiederte Mr. Shanks. „Ihr kümmert Euch doch nichts um ſie; und wenn Ihr das Gut ohne das Mädchen davontragt, ſo iſt's um ſo beſſer. Ihr dürft dann nur die Hand ausſtrecken, und alle hübſchen Weibſen der Grafſchaft hängen Euch an den Fingern.“ John Ayliiffe ſchwieg in düſterem Nachſinnen, denn Mr. Shanks hatte es nicht ganz getroffen, als er von des jungen Mannes Gefühlen gegen Emily ſprach. Im Anfange ſeiner Bewerbung mochte er ſich allerdings wenig um deren Erfolg bekümmern; aber es war ihm wie andern Raubthieren er⸗ gangen: im Verfolge der Jagd war er gierig geworden, und wenn auch gekränkte Eitelkeit den meiſten Antheil an ſeiner jetzigen Stimmung hatte, ſo war es doch noch etwas mehr, was er empfand.* Während er nachſann, war auch Mr. Shanks nachdenk⸗ lich und berechnete ſeine Combinationen und Reſultate, bis er endlich leiſe ſagte: „Iſt ſie fort? Habt Ihr das zu Stande gebracht?“ „Fort!— ja— meint Ihr meine Mutter? Zum Hen⸗ ker— ja, ſie iſt allerdings fort. Seyd Ihr ihr nicht be⸗ gegnet?“ „Nein,“ verſetzte Mr. Shanks,„ich kam den andern Weg. Nun, das iſt ein Glück, denn hört nur, John: etwas ſehr Unangenehmes hat ſich zugetragen, und wir müſſen ſogleich Schritte dagegen thun, denn wenn ſie ihn gehörig bearbeiten, ſo iſt der Burſche im Stande auszuplaudern.“ —x 269 „Wer?— von wem ſprecht Ihr denn in's Teufels Na⸗ men?“ rief John Ayliffe, ſeinem Zorne Luft machend. „Nun, von jenem Böſewicht, den Ihr durchaus ver⸗ wenden wolltet— Meiſter Tom Cutter,“ antwortete Mr. Shanks.„Ihr wißt, ich war immer dagegen, und jetzt—“ „Ausplaudern!“ ſchrie John Ayliffe;„Tom Cutter wird eben ſo wenig ausplaudern als er fliegen kann. Er gehört nicht zu den Plauderern.“ „Vielleicht nicht, wenn's ſich nur um einige Monate Gefängniß handelt,“ erwiederte Mr. Shanks;„hier geht's ihm aber um den Kragen, und das macht einen mächtigen Unterſchied— das kann ich Euch verſichern.— Hört mich an, John, und unterbrecht mich nicht bis ich zu Ende bin, denn glaubt mir, wir ſind da in eine recht garſtige Geſchichte gerathen, aus der wir nicht ohne Mühe herauskommen werden. Ihr ſchicktet jenen Tom Cutter an den jungen Scantling, Lord Selby's Wildhüter, um zu ſehen, ob er dieſen nicht überreden könne, daß er ſich aus der Zeit, da er noch bei ſeinem Vater, dem alten Küſter, war, der Heirath Eurer Mutter erinnere. Wie er und Tom ihre Sachen ab⸗ machten, weiß ich nicht; Tom verſetzte ihm jedoch mit einem Stocke einen Streich auf den Kopf, der jenen auf der Stelle tödtete. Der Teufel fügte es noch überdies, daß zwei Leute, nämlich ein Taglöhner, der dicht daneben in einem Graben arbeitete, und Scantling's Sohn, ein zehnjähriger Bube, die ganze Geſchichte mitanſahen. Tom wurde alsbald ver⸗ folgt und aufgegriffen; Euer guter Oheim, Sir Philipp, wurde herbeigerufen, um die Angaben in Empfang zu neh⸗ 270 men, und unſer Freund wurde unverzüglich in Anklageſtand verſetzt. Tom's einzige Hoffnung beſteht darin, daß er die Sache als zufälligen Todtſchlag oder als eine Tödtung in der Leidenſchaft darſtellt, und wenn er glaubt, der Umſtand, daß er von Euch ausgeſchickt war, könne ihm zur Entſchuldigung gereichen oder wenigſtens beweiſen, daß es ein plützlicher Zornesausbruch ohne Vorbedacht war, ſo wird er die ganze Geſchichte erzählen, ebenſo unbekümmert wie er ſein Mittag⸗ eſſen verzehrt.“ „Ich will ſogleich zu ihm gehen und ihm ſagen, daß er ſein Maul hält,“ rief John Ayliffe, dem nunmehr die Ge⸗ fahr ſeiner Lage klar wurde. „Pah, pah, ſeyd kein Narr,“ meinte Mr. Shanks ver⸗ ächtlich.„Wollt Ihr den Mann merken laſſen, daß Ihr ihn fürchtet— daß er Euch in ſeiner Gewalt habe? Ueber⸗ dieß würden ſie Euch gar nicht zu ihm laſſen.— Nein, nein, die Sache muß ſo eingeleitet werden: ich gehe zu ihm als ſein geſetzlicher Rathgeber und kann Euch als meinen Schrei⸗ ber verkleiden. Es wird ihn freuen, daß wir ihn nicht ſtecken laſſen, und wir müſſen ſeiner Vertheidigung eine ganz andere Wendung zu geben ſuchen, ob er auch am Ende dafür hängen muß oder nicht. Er muß erklären, Scantling habe ihn der Wilderei bezüchtigt, während er nichts der Art ge⸗ than habe, und in dem Streite, der daraus erfolgte, habe er ihm zufällig den Schlag verſetzt. Wir können ihn über⸗ reden, daß dies ſeine beſte Vertheidigung wäre— was ſie im Ganzen vielleicht auch iſt— denn Niemand kann be⸗ weiſen, daß er wilderte, inſofern er es wirklich nicht that, — 271 wogegen er ohne Gnade unter den Galgen käme, wenn man ihn überwieſe, daß er einen Mann tödtete, während er ihn als Zeugen beſtechen wollte.“ „Zeugen beſtechen!“ murmelte John Ayliffe vor ſich hin, denn ſo ſehr er auch zu jeder That bereit war„welche ſeine Zwecke fördern konnte, ſo mochte er ſie doch nicht gerne beim rechten Namen nennen hören. Wie dem übrigens auch ſeyn mochte, ſo willigte er in den Vorſchlag des Anwaltes, und es wurde beſchloſſen, daß ſte den Einbruch der Nacht abwarten und dann Beide ſich in das Gefängniß verfügen und Einlaß bei dem Gefangenen begehren wollten. Das Geſpräch kehrte ſodann zu Emily's deutlicher Ver⸗ werfung von Ayliffe's Bewerbung zurück, und Beide beriethen ſich lange über die Wirkung, welche die von ihnen verfolgten Plane haben mochten. „Es könnte uns teufelmäßig zu ſchaffen machen,“ meinte Mr. Shanks endlich,„wenn es uns nicht gelingt, ihr den Mund zu ſtopfen, denn verlaßt Euch drauf, ſobald Sir Phi⸗ lipp hört, was Ihr vorhabt, wird er ſeine Maßregeln danach treffen. Meint Ihr nicht, Ihr und Mrs. Hazleton könnten es zuſammen dahin bringen, daß ſie vor Furcht ſchwiege. Wenn ich Euch wäre, würde ich ſogleich zu Pferde ſteigen und hinüberreiten, um zu ſehen, was ſich thun läßt. Eure dortige ſchöne Freundin wird Euch ganz gewiß jegliche Hülfe leiſten.“ John Ayliiffe lächelte. „Ich will ſehen,“ ſagte er.„Mrs. Hazleton iſt ſehr 272 gütig in der Sache und wird gewiß behülflich ſeyn, denn ich bin feſt überzeugt, daß ſie ihre eigenen Abſichten dabei hat.“ Der Anwalt grinste, gab aber keine Antwort, und bald darauf machte ſich John Ayliffe nach Mrs. Hazletons Woh⸗ nung auf den Weg. Nach einer viertelſtündigen geheimen Unterredung mit der Dame des Hauſes wurde er in das Zimmer geführt, wo Emily ſaß. Sie hatte keine Ahnung von ſeinem Hierſeyn, und war über ſeinen Anblick ſehr mißvergnügt und unruhig; aber ſeine Worte und ſein Benehmen nach ſeinem Eintritte erſchreckten ſie noch weit mehr. In ſtrengem, gebietendem Tone verlangte er Geheimhaltung und drohte ihr in allge⸗ meinen aber nicht übel erſonnenen Aeußerungen, er werde der Untergang ihres Vaters und der Seinigen werden, wenn ſie von Dem, was zwiſchen ihnen Beiden vorgefallen, auch nur eine Silbe verlauten laſſe. Er ſuchte ihr das Ver⸗ ſprechen der Geheimhaltung abzudringen; allein Emily wollte um keinen Preis einwilligen, ſo tief er ſie auch er⸗ ſchreckte, und er verließ ſie in fortwährender Ungewißheit, ob ſie ſein Geheimniß bewahren werde oder nicht. Mit Mrs. Hazleton hielt er eine abermalige Unterredung, und ſie gab ihm beſſere Zuſicherungen. „Fürchtet nichts,“ ſagte ſte;„ich will es ſchon für Euch zu Stande bringen. Sie ſoll Euch nicht verrathen— we⸗ nigſtens jetzt nicht. Ihr müßt jedoch ſo raſch wie möglich verfahren, und wenn es Euch an den Mitteln zur Verfol⸗ gung Eurer Anſprüche gebräche— ich meine hier den Geld⸗ punkt— ſo nehmt keinen Anſtand, Euch an mich zu wenden,“ 273 Eine Miene königlicher Würde annehmend, verfügte ſich Mrs. Hazleton zu Emily, ſobald der junge Mann fort war. Sie traf ſie in Thränen, und ſich neben ſie ſetzend, ergriff ſie voll Freundlichkeit ihre Hand und ſagte: „Das thut mir ſehr leid, liebes Kind; aber Ihr ſeyd gewiſſermaßen ſelber ſchuldig.— Nein, Ihr braucht mir nichts zu erklären. Der junge Ayliffe war eben bei mir; er hat mir Alles erzählt, und ich habe ihn mit ſcharfem Ver⸗ weiſe entlaſſen. Hättet Ihr mir geſtern Abend anvertraut, daß er um Euch angehalten und von Euch abgewieſen wor⸗ den, ſo hätte ich Sorge getragen, daß er keinen Zutritt bei Euch gefunden hätte. Ich bin in der That überraſcht, daß er ſich herausnahm, Euch nach ſo kurzer Bekanntſchaft einen Antrag zu machen. Er ſcheint Euch übrigens ſehr bewegt und erſchreckt zu haben— was wollte er denn?“ „Er ſuchte mich zu dem Verſprechen zu bewegen, daß ich das Vorgefallene weder meinem Vater noch ſonſt Jemand erzählen ſolle,“ erklärte Emily. „Thörichter Knabe! Das durfte er doch zum Voraus annehmen,“ erwiederte Mrs. Hazleton.„Eine Frau von einigem Zartſinn ſpricht niemals von ſolchen Dingen, wenn ſie ſich einmal entſchloſſen hat, einen Antrag unbedingt ab⸗ zuweiſen. Wünſcht ſie ſich Raths zu erholen,“ fuhr die Dame ſich verbeſſernd fort,„oder glaubt ſie, die Bewerbung ſey zudringlich angebracht worden, ſo hat ſie natürlich volle Freiheit, ſich bei einer zuverläſſigen Freundin nach Rath und Beiſtand umzuſehen. Sobald aber die Sache entſchieden iſt, ſchweigt ſie für immer, denn Nichts iſt mehr eine Sache James. Rache. 18 274 ehrenhaften Vertrauens als das Zugeſtändniß einer ehrbaren Liebe. Ich will ihm ſchreiben, daß er keine Gefahr zu be⸗ ſorgen hat, aber ihn auch warnen, daß er ſich hier nicht mehr blicken läßt, ſo lange Ihr bei mir ſeyd.“ Emily gab keine Antwort, denn ſie ſuchte erſt bei ſich ſelbſt die Frage zu entſcheiden, ob Mrs. Hazleton's Raiſon⸗ nement richtig ſey; dieſe aber nahm ihr Schweigen für eine Zuſtimmung und eilte davon, um ihr keine Gelegenheit zu geben, ſie wieder zurückzunehmen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Vor der Thüre eines großen Backſteingebäudes ohne Fenſter gegen die Straße und mit hohen Mauern, welche bis über die Nachbarhäuſer emporragten— ſtanden eine Stunde nach Einbruch der Nacht zwei Männer und warteten auf Einlaß. Die große ſchwere Eiſenſtange, welche den Thürklopfer bildete, hatte zweimal mit gewichtigem Schlage angepoltert, und noch Niemand war auf dieſe Aufforderung erſchienen. Schon wollte Mr. Shanks ſie zum drittenmale ſchwingen, als ſich von Innen das Raſſeln von Schlüſſeln hören ließ; Riegel wurden zurückgeſchoben, Eiſenſparren heruntergelaſſen, die Thüre ging halb auf und zum Vor⸗ ſchein kam ein Mann, der ſeinen Gäſten eine Laterne in's Geſicht hielt. Sein Geſicht war fett, aufgeſchwollen und mit zahlreichen Flecken bedeckt; ſeine angelaufenen Augen⸗ lider ließen die kleinen, ſchwarzen, ſcharfen Augen noch win⸗ 275 ziger erſcheinen als ſie von Natur waren, während ſeine Naſe in Geſtalt einer Roßkaſtanie in allen Farben der Morgenröthe glühte. „Wie geht's Euch, Cram, wie geht's Euch?“ erkundigte ſich der Anwalt.„Ich bin lange nicht mehr hier geweſen; aber Ihr kennt mich vermuthlich?“ „O ja, ich kenne Euch, Meiſter Shanks,“ erwiederte der Gefangenwärter, mit einem ſeiner kleinen, ſchwarzen Augen zwinkernd.„Wen wollt Ihr denn beſuchen?— Gewiß die Betty Diaper, welche dem Gentleman ſeine Börſe dort unten am Hügel aus der Taſche mauste. Sie iſt als Taucher ſo flink wie man es jemals in Liedern hörte; aber ſie hat die Goldfüchſe behalten und wird alſo ſchon einen Ver⸗ theidiger finden, ehe der Tanz los geht— ich wollte eine Maas darauf wetten!“ „Nein, nein,“ gab Mr. Shanks zur Antwort;„unſer alter Freund Tom Cutter will mich wegen ſeiner kleinen Affaire ſprechen.“ „Da werdet Ihr keine Ehre aufheben, ſo wahr ich Dio⸗ nyſius Cram heiße,“ meinte der Thürſchließer.„Könnt kein Alibi beweiſen, Meiſter Shanks, denn ich kenne Leute, die ihn die That verrichten ſahen, und außerdem kann er nicht blechen. Was habt Ihr alſo davon, Euch mit ihm abzugeben? Er muß ja doch einmal baumeln, und da iſt ein Tag ſo gut wie der andere. Kommt aber nur herein, Meiſter Shanks, kommt herein. Doch halt— wer iſt denn dieſer Burſche da?“ 18* 276 „Das iſt mein Schreiber,“ erwiederte Mr. Shanks. „Ich brauche ihn vielleicht, um Inſtruktionen zu empfangen.“ Der Mann grinste, machte aber Einwendungen. Eine Krone war jedoch damals der ſichere Schlüſſel zum Herzen eines Kerkermeiſters, und ſo wurde Shanks mit ſeinem jungen Begleiter nach einigen weiteren Umſtänden einge⸗ laſſen. Sie traten zuerſt in einen kleinen viereckigen Raum, der auf zwei Seiten von hohen oben übergebogenen Eiſengittern eingefaßt war, welche ſo ziemlich in der Art eines Vogel⸗ käfigs in die Mauer eingelaſſen worden. Linker Hand ragte eine zweite Backſteinmauer mit einer Thüre und etlichen Stufen, welche zu ihr führten. Durch dieſen Eingang führte ſie Mr. Dionyſius Cram in eine kleine Thürſteherloge mit einem Tiſch und etlichen Holzſtühlen. In der Mauer, gegen⸗ über vom Eingange, war ein ſtarkes bewegliches Gitter, zwiſchen deſſen Sparren man einen gähnenden Abgrund in das Herz des Gefängniſſes führen ſah. Meiſter Cram ſetzte abermals ſeine großen Schlüſſel in Bewegung und öffnete das Gitter, um ſeine Beſuche durch⸗ zulaſſen, wobei er John Ayliffe mit beſonderer Aufmerkſam⸗ keit betrachtete. Das Gitter ſorgfältig hinter ſich ſchließend, 8 leuchtete er ihnen mit ſeiner Laterne weiter, indem er in dem eigenthümlichen Gaunerjargon jener Zeit allerlei Phraſen vor ſich hinmurmelte, welche für John Ayliffe's Geſchmack und Gewohnheiten nicht ſehr ſchmeichelhaft klangen. „Ja, ja,“ ſagte er,„ſchöner Schreiber das! Eines von Tom's Schätzchen bei einer Kanne Bier und einem gebratenen 277 Knochen. Wundere mich, daß ich ihn nicht kenne; er muß doch zwanzig ſeyn und hätte früher ſchon oft in dem ſteiner⸗ nen Kruge ſeyn ſollen. Gewiß iſt er für einen Jüngern zu Mill Dol geſchickt worden. Das gehört nicht in mein Fach; ich werde ihm aber ſchon noch die Schellen anlegen. Müßte ſich hübſch ausnehmen unter dem Baume!“ John Ayliffe hatte große Luſt, ihn zu Boden zu ſchlagen, und hielt ſich nur mit Mühe zurück. Endlich öffnete ſich eine große mit Eiſenplatten verſehene Thüre, und die beiden Gentlemen traten in das Allerheiligſte des Tempels. Ein ſtarker Geruch nach Branntwein und ſonſtigen gei⸗ ſtigen Getränken durchdrang die Atmoſphäre, welche außer⸗ dem mit jener krankhaften eingeſperrten Luft erfüllt war, welche man immer verſpürt, wo viele unreinliche Menſchen eng auf einander gepreßt ſind. In der Ferne hörte man luſtiges Lärmen, Schelmenlieder und rohes, gefühlloſes Gelächter mit vielerlei Flüchen und Verwünſchungen ver⸗ miſcht. Es war die Zeit, wo die Mißbräuche des Gefäng⸗ nißſyſtems ihren Höhenpunkt erreicht hatten. „Hier tretet ein,“ ſagte Meiſter Cram zu dem Anwalt und ſeinem Begleiter;„ich will Tom ſogleich zu Euch brin⸗ gen. Er wird wohl eben mit einem ſeiner Schätzchen ein Stündlein feiern; vorhin hätte es faſt eine Prügelei gegeben, denn Jack Perkins, der nächſten Montag gehenkt wird, hatte wegen einer Galladirne ein Gepolter mit ihm ange⸗ fangen, und Tom kann ſo was nicht vertragen. Schließlich haben ſie ſich verſöhnt und ein Fäßchen zuſammen ausge⸗ ſtochen.— Halt, ich will Euch ein Lichtſtümpchen holen,“ 278 So ſprechend ließ er ſie nicht ſehr zur Freude John Ayliffe's im Dunkeln, und humpelte über den Gang, wo er mehrere Minuten ausblieb. Bei ſeiner Rückkehr ließ ſich ein Klirren vernehmen, wie wenn ſchwere Ketten in ungewohntem Schritte langſam nachgeſchleppt würden, und gleich darauf ſtand Tom Cutter vor ſeinen beiden Freunden. Der Gefangenwärter brachte einen zwei Zoll langen Lichterſtumpen und ſteckte ihn in eine Art Leuchter, der an einer aus der Wand hervorragenden Eiſenſtange hing; ſo⸗ bald dies geſchehen war, ließ er die Drei beiſammen, indem er Sorge trug, die Thüre feſt hinter ſich abzuſchließen. Bank oder Stuhl gab es nicht in dem Zimmer, und außer dem Boden bot ſich kein anderer Sitz als der Rand einer ſchmalen hölzernen Bettſtelle— man hätte es eigent⸗ lich einen Trog nennen können— die nur dürftig mit Stroh verſehen war. Mr. Shanks und John Ayliffe ſchüttelten dem Gauner die Hand, deſſen Geſicht trotz der Erhitzung in Folge des Trinkens Spuren tieferer und ernſterer Gefühle verrieth, als er eigentlich an den Tag legen wollte. Er ſchien jedoch froh ſie zu ſehen und ſagte, es ſey ſehr freundlich, daß ſie ihn beſuchten, indem er mit forſchendem Blicke gegen Mr. Shanks bemerkte: „Ihr müßt wiſſen, Meiſter Advokat, ich kann Euch nicht bezahlen, denn außer Koſt und Wohnung habe ich nur eben genug, um meine Tage bis zu den Aſſiſen zu friſten. Nach⸗ her werde ich wohl nicht mehr viel bedürfen.“ 279 „Pah, pah,“ rief der Anwalt.„Laßt Euch nicht ent⸗ muthigen, Tom, und was das Zahlen betrifft— darum braucht Ihr Euch nicht zu kümmern. Unſer John hier wird alles Nöthige auslegen, und wir werden den Richter Twiſtem und die Zeugen zu bearbeiten ſuchen. Ein Alibi können wir freilich nicht auswirken, denn die Leute haben Euch geſehen; wir wollen Euch aber ſchon zu einem Charakter verhelfen, wenn das Geld Euch einen Ruf geben kann, und ich habe in England die Zeit noch nicht erlebt, wo es das nicht ge⸗ konnt hätte. Wir ſind gekommen, um uns ſogleich mit Euch über die beſte Art der Vertheidigung zu berathen, damit wir die Geſchichte gleich von Anfang fertig haben und ſpäter kein Drehen und Wenden nöthig wird.“ „Ich wollte, ich hätte den Mann nicht getödtet,“ be⸗ merkte Tom Cutter in düſterem Tone.„Ich werde ſein Geſicht nicht ſo leicht vergeſſen, als er zuſammenſtürzte und ausrief: Ach, mein armes— das letzte Wort blieb ihm im Halſe ſtecken und er konnte es nicht herausbringen. Er dachte wohl an ſein Weib oder gar an ſeine Kinder. Was konnte ich aber thun? Er gab mir alle ſchlimmen Namen und ſchwur, er wolle mich angeben für das, was ich von ihm verlangte. Er nannte mich einen Schurken, einen Böſewicht, einen Betrüger und weiß Gott was noch mehr, bis mir das Blut in den Kopf ſtieg; ich hielt den Stock eben am ſchmalen Ende und traf ihn mit dem dicken auf die Schläfe. Ich wußte nicht, daß ich ſo hart zugeſchlagen— ich war eben in der Wuth.“ „So habe ich mir's gedacht— ſo habe ich mir's ge⸗ 280 dacht,“ ſagte Mr. Shanks.„Ihr traft ihn ohne Vorbedacht in einer Anwandlung von Leidenſchaft. Wenn wir alſo be⸗ weiſen können, daß er Euch auf unerträgliche Art reizte—“ „Das that er,“ fiel Tom Cutter ein. „Das ſage ich ja eben,“ fuhr Shanks fort;„wenn wir beweiſen können, daß er Euch auf unerträgliche Art reizte, während Ihr nichts Unrechtes und Ungeſetzliches vorhattet, ſo iſt dies kein Mord, Tom.“ „Hm,“ meinte Tom Eutter,„wie wollt Ihr das aber beweiſen? Mir iſt, als ob das, was ich mit ihm vorhatte, teufelmäßig ungeſetzlich war.“ „Ja, aber Niemand wußte darum als er und Ihr, John „Ayliffe und ich. Wir müſſen das unter uns behalten und eine wahrſcheinliche Geſchichte für den Streit erſinnen. Die müßt Ihr freilich ſelber erzählen, Tom— das wißt Ihr; doch wollen wir den Richter Twiſtem veranlaſſen, daß er der Jury die Sache bei ſeiner Unterſuchung klar macht.“ Ein Strahl von Hoffnung ſchien auf dem Geſichte des Mannes aufzuleuchten, und Mr. Shanks fuhr fort: „Ich hoffe, wir können beweiſen, daß dieſer Scantling einen großen Haß gegen Euch hatte.“ „Nein, das hatte er nicht,“ ſagte Tom Cutter.„Er war gegen mich höflicher als die Meiſten, denn wir kannten uns noch als Knaben.“ „Thut nichts zur Sache,“ erklärte Mr. Shanks;„wir müſſen es eben beweiſen, denn das iſt Eure einzige Ausſicht. Koͤnnen wir darthun, daß Ihr immer gut von ihm ge⸗ ſprochen— dann um ſo beſſer; nur müſſen wir darthun, 281 daß er Euch immer zu ſchmähen, Euch einen verfluchten Schlingel und Wilderer zu ſchimpfen gewöhnt war. Das wollen wir— das wollen wir, und wenn Ihr Euch dann genau an Enre Geſchichte haltet, ſo wollen wir Euch ſchon loskriegen.“ „Aber wie ſoll die Geſchichte lauten, Mr. Shanks?“ fragte Tom Cutter.„Ich kann keine lange Hiſtorie aus⸗ wendig lernen; denn ich konnte nie Etwas auswendig behalten.“. „ECi nein, ſie ſoll ſo kurz und einfach als moglich ſeyn,“ erwiederte Shanks.„Ihr müßt zugeben, daß Ihr ihn be⸗ ſucht, und daß Ihr den Schlag verſetzt habt, der ihn tödtete. Das können wir nicht übergehen; aber dann müßt Ihr ſagen, es thue Euch ausnehmend leid und Ihr habet es gleich nach dem erſten Augenblicke bereut.“ „Das habe ich auch,“ verſicherte Tom Cutter. „Und Eure Geſchichte darf ſich auf nichts Anderes be⸗ ziehen als was ſich vor jenem Schlage zugetragen,“ fuhr Mr. Shanks fort.„Ihr müßt ſagen, Ihr habet gehört, wie er Euch anklagte, daß Ihr in Lord Selby's Waldun⸗ gen Schlingen gelegt; Ihr habet Euch dagegen rechtfertigen wollen, aber er habe Euch ſo heftig geſchmäht und ſo gröb⸗ lich beſchimpft, daß Euer Blut kochte und Ihr ihn ſchluget, nur um ihn niederzuwerfen.— Verſteht Ihr mich?“ „Ja wohl— ja wohl,“ erwiederte Tom Cutter, deſſen Geſicht ſich aufheiterte.„Ich denke, das wird's thun, be⸗ ſonders wenn Ihr darauf aufmerkſam macht, daß ich gut auf ihn zu ſprechen pflegte, während er mich immer ver⸗ 282 ſchimpfte. Das iſt dann ein Unfall, der Jedem paſſiren kann.“ „Allerdings,“ beſtätigte Mr. Shanks.„Nehmt Euch nur zuſammen, Tom, daß Ihr Eure Geſchichte recht heraus⸗ bringt.— Jetzt laßt einmal hören, was Ihr ſagen wollt.“ Tom Cutter wiederholte die Erzählung, die ihm vorge⸗ ſagt worden, ſehr genau, denn ſie paßte gerade für ſein Begriffsvermögen, und Shanks rieb ſich die Hände mit den Worten: „So iſt's recht, ſo iſt's recht.“ John Ayliffe war jedoch nicht ohne Beſorgniſſe, und nachdem er ſich eine Weile beſonnen, wie er die beabſichtigte Frrage vorbringen wollte, ſagte er: „Natürlich habt Ihr keinem von dieſen Burſchen hier erzählt, Tom, was Ihr mit Seantling beabſichtigtet.“ Der Gauner kannte ihn beſſer als er glaubte, und ver⸗ ſtand ſeine Abſicht alsbald. „Nein, nein, John,“ ſagte er;„ich habe nicht geplaudert und werde es auch nicht thun, darauf könnt Ihr Euch ver⸗ laſſen. Wenn ich ſterben ſoll, ſo will ich wild ſterben, das dürft Ihr glauben; aber ich meine, es ſey jetzt Ausſicht vorhanden, und wir können uns die Sache ebenſogut zu Nutze machen.“ „Ganz gewiß, ganz gewiß,“ antwortete der klügere Shanks.„Ihr werdet doch nicht glauben, Mr. Ayliffe, daß Tom thöricht genug wäre und ſeine eigene Kehle zu Kaufe trüge, indem er Geſchichten erzählte, die ihn ſicher an den Galgen brächten. Das iſt eine ſehr grüne Anſicht.“ 4 283 „O nein; auch würde ich kein Wort ſagen, was dieſem Sir Philipp Haſtings dienen könnte,“ verſicherte Tom Cutter. „Er iſt ſeit den letzten zehn Jahren mein Feind geweſen, und ich ſehe wohl, er würde ebenſo gerne meinen Hals in die Schlinge bringen, wie ich ſeine Haſen in Schlingen gefangen. Vielleicht erleb' ich's noch, um es ihm heimzu⸗ zahlen.“ „Ich weiß nicht, ob Ihr ihm bei Eurer Vertheidigung nicht einen ſanften Puff verſetzen könntet,“ meinte John Ayliffe.„Er würde es gewiß nicht gerne hören, daß ſeine hübſche hochmüthige Tochter Emily mich beſucht hat, wie ſie dies ganz gewiß that, was ſie auch ſagen mag, als ich in der Hütte neben dem Parkthore krank lag. Ihr waret damals im Hauſe— erinnert Ihr Euch nicht? Ihr holtet einen Krug Bier, während ich vor der Thüre ſaß, als ſie herabkam.“ „Ich erinnere mich— ich erinnere mich wohl,“ erwiederte Tom Cutter mit boshaftem Lächeln.„Als er mich in An⸗ klageſtand erklärte, habe ich ihm ſchon einen Puff beigebracht, der ihm nicht lieb war, und ich will ihm auch noch dieſen verſetzen.“ „Nehmt Euch in Acht,“ mahnte Mr. Shanks;„Ihr ſolltet lieber keine anderen Dinge in Eure Vertheidigung einmiſchen.“ „O das kann ich ganz leicht thun,“ bemerkte der Andere mit triumphirendem Blicke.„Ich brauche nur zu erzählen, was damals paſſirte— wie ich hörte, daß die Leute mich noch immer der Wilderei bezüchtigten, obgleich ich ſie gänz⸗ 284 lich aufgegeben hatte und wie ich von jenem Augenblick an beſchloß, meinen Ankläger ausfindig zu machen.“ „Das kann nichts ſchaden,“ meinte Shanks, der durch⸗ aus nichts dagegen hatte, Sir Philipp Haſtings gekränkt zu ſehen, und nachdem ſie ſich etwa noch eine halbe Stunde beſprochen und Tom Cutter mit einer kleinen Geldſumme verſehen hatten, machten die beiden Beſucher Anſtalten zum Abſchiede. Shanks pfiff durch das Schlüſſelloch der Thüre, indem er einen ſchrillen, lauten Ton, wie wenn man über einen Schlüſſel bläst, hervorbrachte, worauf ſich Dionyſius Cram, der das Signal verſtand, beeilte, ſie wieder hinaus⸗ zulaſſen. Ehe wir jedoch in unſerer Erzählung weiter gehen, können wir ebenſogut das Schickſal Mr. Thomas Cutter's verfolgen. Es war damals nahe um die Zeit der Aſſiſen, und etwa vierzehn Tage ſpäter wurde Tom vor Gericht geſtellt. Doch war alle Geſchicklichkeit des Richters Twiſtem und der treff⸗ liche Charakter, welchen Mr. Shanks ihm zu geben verſuchte, nicht im Stande ihm zu helfen, denn ſein Ruf war zu wohl begründet, um noch durch irgend einen ſkandalöſen Be⸗ richt, als wäre er ein friedlicher, ordentlicher Mann, erſchüt⸗ tert zu werden. Sein ſchlimmes, unregelmäßiges Leben war den Geſchworenen zu gut bekannt, und ſie konnten zu keinem anderen Schluſſe gelangen, als daß man das Land 3 am beſten von ihm erlöſen werde. So wurde denn(ob durchaus geſetzlich oder nicht, kann ich nicht ſagen) einſtimmig das Verdikt abſichtlichen Mordes' über ihn ausgeſprochen. 285 Seine Vertheidigung trug ihm jedoch den Ruf eines ſehr ge⸗ ſcheidten Burſchen ein, und ein Theil derſelben hatte jeden⸗ falls die Wirkung, Sir Philipp Haſtings düſter und nach⸗ denklich zu ſtimmen. Da der Richter keine Empfehlung zur Begnadigung erlaſſen hatte, ſo wurde Tom Cutter in aller Form des Rechtes aufgehenkt, und ſtarbwild— wie ſeine eigenen Worte es bezeichnet hatten. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Wir müſſen ein wenig zurückgehen, denn wir ſind unſerer Erzählung um ein Kleines vorangeeilt. Nie wurde eine Aufforderung freudiger aufgenommen als die, welche Emily Haſtings nach Hauſe zurückrief. Wie es ſo oft im Leben begegnet— das erwartete Vergnügen war auf der Lippe zur Aſche geworden, und ihr Beſuch bei Mrs. Hazleton bot kaum einen einzigen Ruhepunkt, bei dem die Erinnerung gerne verweilen mochte. Ja noch mehr: ohne genau deſiniren zu können— warum, fand ſie doch, wenn ſie ihr eigenes Herz befragte, daß der Charakter ihrer ſchönen Wirthin bei näherer Betrachtung verloren hatte; ſie war in Emily's Achtung nicht länger dieſelbe, die ſie früher geweſen war. Emily konnte ſich nicht erklären, was Mrs. Hazleton geſagt oder gethan hatte, um einen ſolchen Ein⸗ druck hervorzubringen; aber ihre Achtung war nun einmal vermindert. Nicht allein, daß die Drappirung, worein eine jugendliche Einbildungskraft ſie gehüllt hatte, abgeſtreift 286 war; auch ein geringeres Metall war hier und dort durch die Vergoldung, womit ſie ihren wirklichen Charakter bedeckte, zum Vorſchein gekommen. War die Aufforderung für Emily angenehm, ſo war ſie für Mrs. Hazleton eine unerfreuliche Ueberraſchung. Nicht daß ſie ihren jungen Gaſt lange bei ſich zu behalten wünſchte, denn ſie war zu verſchmitzt und ſcharfblickend, um nicht zu bemerken, daß Emily nicht ſo leicht zu bearbeiten war, wie ſie ſich eingebildet hatte, und daß gerade unter ihrem jugendlichen Weſen eine Charakterſtärke verborgen lag, welche einen Theil der gegen ſie angeſponnenen Plane jedenfalls vereiteln mußte. Aber Mrs. Hazleton war überraſcht; ſie hätte wohl gewünſcht, ihr Benehmen in gewiſſer Hinſicht gegen eine ſolche Auslegung zu verwahren, wie ſie für ſie die unerfreu⸗ lichere, weil die gerechtere, ſeyn mußte. Sie hatte noch Zeit genug vor ſich geglaubt, um ihrem Betragen in Emily's Augen jedes wünſchenswerthe Gewand umzuhängen, und gefährlichen Erklärungen zwiſchen Vater und Tochter vorzu⸗ beugen. Ueberdies war das Plötzliche dieſer Rückberufung ganz dazu gemacht, um ſie zu beunruhigen und ihre Zweifel zu erregen. Wo etwas zu verbergen iſt, da iſt auch immer etwas zu befürchten, und Mrs. Hazleton fragte ſich, ob Emily wohl Mittel gefunden habe, Sir Philipp Haſtings die Vorfälle mit John Ayliffe mitzutheilen. Das war jedoch unmöglich, wie ſie ſich bald überzeugte; doch konnte Emily's Vater nichts deſtoweniger aus anderen Quellen etwas von der Sache erfahren haben, und Mrs. Hazleton war unruhig. Sir Philipp's Brief an ſeine — 287 Tochter, den Emily ihre Wirthin ſogleich leſen ließ, warf kein Licht auf die Sache. Er war kurz, unausführlich, und bei aller Güte und Zärtlichkeit peremptoriſch, denn er for⸗ derte ſie blos auf, in die Halle zurückzukehren, da einige Geſchäfte ihre Gegenwart zu Hauſe nothwendig machten. Mrs. Hazleton ließ ſich freilich nicht träumen, auf wel⸗ ches Geſchäft Sir Philipp hier anſpielte; hätte ſie es ge⸗ wußt— wer kann ſagen, was wohl paſſirt wäre? Furcht⸗ bar heftige Leidenſchaften tobten in dieſem ſchönen Buſen, und es gab Augenblicke, wo dieſe ſtürmiſchen Leidenſchaften ſogar ihren ſtarken weltlichen Takt und ihre gewohnte Selbſt⸗ beherrſchung überwältigten. Sie hatte jedoch nicht viel Zeit zu bloſer Ueberlegung, und noch weniger zur Vorbereitung. Emily verabſchiedete ſich, nachdem Mrs. Hazleton einige Worte zärtlicher War⸗ nung ſo geſchickt und zartfühlend geäußert hatte, daß ſie den Eindruck zurückließen, als ob ſie von Dingen ſpräche, die ihr perſönlich ganz gleichgültig wären, ſofern nicht das Glück ihrer jungen Freundin dabei betheiligt ſchiene. Sollen wir die Wahrheit geſtehen? Emily gab nur wenig darauf Acht: ihre Gedanken waren bei ihres Vaters Briefe und ſchwelgten in der frohen Ausſicht, in eine Hei⸗ math zurückzukehren, wo die Tage in ruhigem, gleichmäßi⸗ gem Verlaufe friedlich dahinfloſſen, ganz anders als ihr Strom bei Mrs. Hazleton vorübergeſtürmt war. Die Vor⸗ liebe für ſtarke Aufregungen— dieſes Branntweintrinken der Seele— iſt nur ein angenommener Geſchmack, denn ſehr Wenige haben ihn von Natur geerbt. Doch die arme Emily hatte keine Ahnung, wie viele heftige Erſchütterungen ihr bevorſtanden. Freudig ſah ſie den Wagen durch eine Landſchaft hin⸗ rollen, welche ihr mit jedem Schritte vertrauter wurde. Freudig ſah ſie die Parkthore auftauchen und bemerkte die alten, wohlbekannten Hagedorne, die an ihr vorüberſchweb⸗ ten, und der Ausdruck des Jubels, mit dem ſie ihrem Vater in die Arme eilte, hätte jedes Herz überzeugen können, daß es für ſie nur eine Heimath gab, die ſie liebte. „Nun geh, mein Kind, und kleide Dich ſogleich zum Mittageſſen,“ ſagte Sir Philipp.„Wir haben es Deinet⸗ woegen um zwei Stunden verſchoben; mache alſo nicht zu lange.“ Emily blieb nicht lange aus; ſie hätte ſich nicht mehr beeilen können, auch wenn ſie gewußt hätte, daß Marlow ihr Erſcheinen voll Spannung erwartete. Sie war hoch⸗ erfreut, ihn zu ſehen, als ſie in's Wohnzimmer trat; aber zum erſten Male ſeit ſie ihn kannte, kam eine augenblickliche Anwandlung von Verlegenheit, von Schüchternheit über ſie, und leichte Röthe ſchlich über ihre Wangen— ſie wußte nicht warum. Ihre Augen ſprachen jedoch mehr als ihre Lippen ſagen konnten, und Marlow mußte zufrieden ſeyn, wenn Liebhaber überhaupt zufrieden ſeyn könnten. Lady Haſtings lag ſchmachtend auf einem Ruheſitze, und wußte nicht recht, wie ſie ihrer Tochter ihre Mißbilligung gegen eine Bewerbung ausdrücken ſollte, welche Emily bis jetzt noch unbekannt war. Sie durfte nicht wagen, ein offe⸗ nes Wort der Gegenrede zu äußern, denn Sir Philipp 3 Haſtings hatte gewün dies auch verſprochen; aber ſi und billig, für vollkommen verträglich mit die chen, wenn ſie durch andere Art als durch Wo ja wenn ſie ſogar auf Einwürfe anſpielte, die ſie nicht deutlich zu äußern In ihrem Benehmen gegen Marlow war Lady Haſtings — denn ſo hatte es Sir Philipp verlangt— vollkommen artig und höͤflich, aber auch eiskalt, indem ſie jede ihrer Antworten mit einem Sir' beſchloß, und ſich nie ſo weit vergaß, daß ſie ihn bei ſeinem Namen genannt hätte. Emily mußte dieſes Benehmen auffallen; allein ſie wußte(ich hätte eigentlich ſagen ſollen: es war ihr bekannt, denn es war mehr eine Sache des Gefühls als des Nach⸗ denkens— eine Ueberzeugung„welche ohne weitere Ueber⸗ legung in ihrer Seele aufgewachſen war), es war ihr be⸗ kannt, daß ihre Mutter in ihren Freundſchaften ziemlich launiſch zu verfahren pflegte. So hatte ſie ſich ſchon bei einigen Dienern und bei mehreren begangen hatten, oder wenn ſie gerade ſelbſt in mürriſcher Stimmung war. Auch mit Perſonen von höherer Stellung Fames, Rache. 19 290 war es ſchon oft ebenſo gegangen, und es überraſchte Emily nicht im Geringſten, daß Marlow, welchen Lady Haſtings früher immer als einen Freund der Familie empfangen hatte, jetzt beinahe wie ein Fremder behandelt werden ſollte. Es that ihr wehe, und ſie glaubte, Marlow müſſe ihrer Mutter Benehmen ſchmerzlich empfinden. Sie ſuchte ihn durch alle Mittel, die ſie in ihrer Gewalt hatte, hiefür zu entſchädigen, ſo daß Lady Haſtings' Verfahren gerade den entgegengeſetzten Erfolg hatte, als ſie eigentlich beabſichtigte. Auch ihre Andeutungen lieferten kein beſſeres Reſultat, denn ſie ſah bald, daß ſie ihren Gatten ärgerten und beleidigten, während ihre Tochter, welche dieſelben gar nicht begriff, ihrer Meinung nach eine merkwürdige Einfalt an den Tag legte. Voll von Liebe— und jetzt auch voller Hoffnung, dachte Marlow, ehrlich geſtanden, nur wenig an Lady Haſtings. Er war einer von den Männern, denen die Liebe wohl an⸗ ſteht(es gibt deren nur Wenige in der Welt), und wie ſtür⸗ miſch auch ſein Herz bewegt ſeyn mochte— ſein Benehmen ließ nichts davon zum Vorſchein kommen. Seine Aufmerk⸗ ſamkeit für Emily war entſchieden, auffallend, und von Nie⸗ mand, der ſich auf ſolche Dinge verſtand, mißzuverſtehen; aber er blieb dabei vollkommen ruhig und gelaſſen, vergaß nie die Schicklichkeit und den äußern Anſtand, und ſeine Unterhaltung war Emily noch nie ſo angenehm wie an die⸗ ſem Abend vorgekommen, obwohl das arme Mädchen nicht wußte, welcher neue Reiz ſein Geſpräch ſo anziehend machte. Entzückend war es jedenfalls, und ſie vergaß in deſſen Ge⸗ 291 nuſſe gänzlich, daß ſie Geſchäfte halber herbeigeholt worden war. So verſtrich der Abend, und als die gewöhnliche Zeit des Aufbruches herankam, war Emily nicht wenig überraſcht, daß Mr. Marlow's Pferd oder ſein Wagen nicht wie früher angemeldet wurde, daß er vielmehr einige Tage in der Halle zubringen ſollte. Als Lady Haſtings aufbrach, und ihre Tochter ſich mit ihr erhob, bemerkte Emily einen weitern auffallenden Uu⸗ ſtand. Sie hörte nämlich, wie Sir Philipp, als ſeine Frau an ihm vorüberkam, das einzige Wort: Hüte Dich! mit ſehr markirtem Nachdruck an ſie richtete. ſie noch einige Minuten mit ihr allein zuzubringen pflegte, da küßte Lady Haſtings ihre Tochter, und wünſchte ihr gute Nacht, indem ſie ſich für ſehr müde erklärte, und alsbald ihrer Zofe herbeirief. Lady Haſtings war eine gar gute Frau, und wollte die Weiſungen ihres Gatten buchſtäblich befolgen; aber ſie zwei⸗ felte an ihrer eigenen Feſtigkeit und mochte nicht mit Emily allein bleiben. Dieſe wachte noch eine halbe Stunde, nachdem ſie ſich zur Ruhe begeben hatte, aber nicht länger; dann verſank ſie in einen ſanften, ruhigen Schlummer, wie ſie ihn in ihrer Kindheit genoſſen, und erhob ſich am andern Morgen ſo hlühend wie eine Juniroſe. 19* 292 Als ſie die Treppe herabkam, war Sir Philipp ſchon auf und ſpazierte mit Marlow auf der Terraſſe. Lady Haſtings ließ ſagen, ſie wolle auf ihrem Zimmer frühſtücken, denn ſie habe nicht gut geſchlafen und erſt gegen Morgen einige Ruhe gefunden. So hatte Emily den Frühſtücktiſch an ihrer Mutter Stelle zu beſorgen; doch waren damals die Funk⸗ tionen der Hausfrau beim Frühmahle nicht ſo mannig⸗ faltig und wichtig wie heutzutage, und das Frühſtück verlief ganz heiter und angenehm. Noch immer wurde aber des Geſchäftes nicht erwähnt, wegen deſſen Emily ſo plötzlich herbeordert worden, und als das Frühſtück vorüber war, zog ſich Sir Philipp in ſeine Bibliothek zurück, ohne Emily zur Begleitung aufzufordern, indem er einfach ſagte: „Du ſollteſt Deine Mutter lieber nicht ſtören, mein theures Kind. Willſt Du einen Spaziergang machen, ſo werde ich Dir in kurzer Zeit Geſellſchaft leiſten.“ Zum erſten Male kam Emily eine Vermuthung— eine Ahnung(denn Argwohn darf ich's nicht nennen), daß das Geſchäft, um deſſentwillen ſie geholt worden, mit Mr. Mar⸗ low in Verbindung ſtehen könnte. Wie pochte da ihr klei⸗ nes Herz! Ueber eine Minute blieb ſie ruhig ſitzen, denn ſie wußte nicht, wenn ſie aufſtand, was aus ihr werden würde. Endlich weckte ſie Marlow's Stimme aus ihrer ſüßen Träumerei mit den Worten: „Wollt Ihr nicht zu einem Spaziergang herauskom⸗ men?“ 7] 293 Sie willigte ſogleich ein, und machte ſich hiezu parat. Sie brauchte nicht lange, denn in weniger als zehn Minuten ſah man Marlow und Emily auf das dichtere Gehölz im Parke zuſchreiten, wo ſie ſchon einmal umhergewandert waren. Diesmal war es Marlow, welcher voranging und den Pfad ſelber auswählte. Ich weiß nicht, war es die Erinnerung an den Spaziergang mit Mrs. Hazleton, oder drängte ihn der Inſtinkt, der die Liebe nur ſchattige Stellen aufſuchen läßt, oder war er als geſchickter General vorher zur Rekognoscirung des Terrains ausgezogen— Eines oder das Andere bewog ihn, von der geraderen Bahn, die ſie auf ihrem früheren Spaziergange verfolgt hatten, abzu⸗ weichen und ſeine ſchöne Begleiterin über den kurzen trocke⸗ nen Raſen nach dem dieckſten Theile des Waldes zu führen, durch den ſich ein ſchmaler Pfad zwiſchen den Baäͤumen durchſchlängelte. Er war gerade breit genug für Zwei, von grünem Laubdache überwölbt und bei jedem Schritte liebliche Waldlandſchaften voll Licht und Schatten dar⸗ bietend, wenn das Auge in die tiefe, grüne Stille zwiſchen den großen, alten Stämmen eintauchte, welche ſorgfältig vom Unterholze befreit, und an ihrem Fuße mit Moos, Blumen und Farrenkräutern bekleidet waren. Er hieß nur der Hirſchgang, weil man Morgens und Abends alle Hirſche und Rehe, die ſich auf dieſer Seite des Parks zuſammengeſchaart hatten, in ſtattlichem Schritte auf dieſem kleinen Pfade zu einem murmelnden Forellenbache hinwandeln ſah, der etwa eine Viertelmeile weiter unten vorbeiſloß. Wer bei heißer Witterung halbwegs im Ge⸗ 294 büſche ſtand, konnte oft einen ſchlanken Hirſch mit den Vorder⸗ füßen im Waſſer, mit den Hinterbeinen am Ufer ſtehen und ſich in dem klaren Spiegel unten betrachten ſehen, während alle ſeine anmuthige Schönheit von einem gelben Licht⸗ ſchimmer, der dort gegen Mittag den Strom erhellte, im glänzendſten Lichte gehoben wurde. Marlow und Emily waren ganz allein auf ihrem Spa⸗ ziergange, kein Reh oder Haſe ließ ſich blicken, und nach den erſten zwei bis drei Schritten bat Marlow ſeine ſchöne Be⸗ gleiterin ſeinen Arm anzunehmen. Das that ſie gerne, denn ſie bedurfte einer Stütze, nicht ſowohl weil die langen, knor⸗ rigen Baumwurzeln den Pfad von Zeit zu Zeit durchkreuzten und den Schritt einigermaßen hemmten, denn ſie war ge⸗ wöhnlich ſo leichtfüßig wie ein Reh, ſondern weil ſie eine unerklärliche Mattigkeit— ein zitterndes, unbekanntes, wonniges Gefühl, unähnlich Allem, was ſie ſeither erfahren — über ſich kommen fühlte. Marlow ſchlang ihre kleine Hand durch ſeinen Arm, und ſie ruhte auf demſelben, nicht mit der leiſen Berührung einer bloſen Bekannten, ſondern mit einem ſanften, vertrauens⸗ vollen Drucke, der ihm höchſt lieblich vorkam. Dennoch konnte ſich der launiſche Mann nicht enthalten, alle zwei bis drei Minuten mit dieſer angenehmen Stellung zu wechſeln, ſo oft die Bäume und die Unregelmäßigkeit des Weges einen Vorwand hiezu boten. Bald leitete er Emily auf dieſe, bald auf jene Seit, und wenn ſie überhaupt nach⸗ gedacht hätte— aber das Nachdenken war ihr längſt ver⸗ gangen— ſo mußte ſie bemerkt haben, daß er dieß blos ¹ 3 295 deshalb that, um immer wieder ihre Hand ergreifen und durch ſeinen Arm ſchlingen zu können. Da wo der Weg auf den Bach traf und ehe er an ſei⸗ nem Ufer hinabzog, war ein kleiner, unregelmäßiger, offener Raum, kaum zwanzig Schritte im Gevierte, von den hohen Zweigen einer Eiche überwölbt; unter ihrem Schatten, etwa zwölf Schritte vom Rande des Stromes, ſprudelte eine reine klare Quelle ausnehmend kalten Waſſers, das ruhig über den Rand ſtrömte und nach dem Bächlein hinabzog. Der Brunnen wurde immer ſauber erhalten und war mit hüb⸗ ſchen, glatten Steinen gepflaſtert, aber kein Tempel— we⸗ der ein gothiſcher noch ein griechiſcher— war darüber er⸗ richtet. Auf der dem Strome entfernteſten Seite ſtand eine einfache, hölzerne Bank zur Bequemlichkeit derer, welche das Waſſer zu trinken kamen, das, wie es hieß, eine heilſame Wirkung haben ſollte, und dort ließen ſich Marlow und Emily wie mit ſtillſchweigender Uebereinſtimmung neben einander nieder. Sie ſchauten in die klare Quelle zu ihren Füßen, und betrachteten all die runden, mannigfaltigen Perlen, die gleich Juwelen glänzten, je nachdem die Zweige oben, von einem friſchen Winde bewegt, die wechſelnden Lichter auf der Ober⸗ fläche tanzen ließen. Von einem derſelben fiel zufällig ein grünes Blatt, das, ſanft vom Winde gefächelt, bald hier⸗ bald dorthin jetzt vom Sonnenſchein vergoldet, und jetzt vom tiefen Schatten bedeckt auf dem Waſſer dahinſchwamm. Nach längerem Schweigen deutete Marlow mit frohem, anſcheinend ſorgloſem Lächeln auf das Blatt und ſagte: 296 „Seht, Emily, wie es dahinſchaukelt. Dieſes Blatt iſt wie ein junges, liebendes Herz.“ „Wirklich!“ rief Emily mit forſchendem Blicke ihm voll ins Geſicht ſchauend, denn ſie glaubte vielleicht, in ſeinem Gleichniſſe eine Erklärung deſſen zu finden, was in ihrem eigenen Buſen vorging—„wirklich! wie ſo? „Seht Ihr nicht,“ fuhr Marlow fort,„wie es vom lei⸗ ſeſten Hauche bewegt wird, der weniger empfindliche Dinge kaum anrührt; wie es von jedem vorüberziehenden Lüftchen bald in helles hoffnungsvolles Licht, bald in trüben melan⸗ choliſchen Schatten getragen wird?“ „Und ſieht das der Liebe ähnlich?“ fragte Emily.„Ich hätte geglaubt, ſie müſſe lauter Licht ſeyn.“ „Ja— glückliche, erwiederte Liebe,“ verſetzte Marlow; „wo aber Zweifel oder Ungewißheit herrſcht, da bilden Hoff⸗ nung und Furcht abwechſelnd Licht und Schatten der Liebe, und der leiſeſte Odem trägt das Herz von einem Ertrem zum andern. Ich kenne das aus der Erfahrung der lezten drei Tage, denn ſeit wir uns neulich ſahen, habe auch ich zwiſchen Licht und Schatten geſchwankt. Eures Vaters Einwilligung hat mir zwar einen kurzen Hoffnungsſchimmer gewährt; aber nur Ihr könnt die Helle dauernd machen.“ Emily zitterte und ihre Augen waren auf das Waſſer geheftet; aber ſie ſchwieg ſo lange, daß Marlow noch auf⸗ geregter wurde als ſie ſelbſt. „Ich weiß nicht, was ich empfinde,“ murmelte ſie end⸗ lich;„es iſt ſehr fonderbar.“ „Hoͤrt mich, Emily,“ ſprach Marlow, ihre nichtwider⸗ * 297 ſtrebende Hand ergreifend.„Ich verlange keine alsbaldige Antwort auf meine Bewerbung. Wenn Ihr mich mit eini⸗ ger Gunſt betrachtet, wenn ich Euch nicht gänzlich gleich⸗ gültig bin, ſo laßt mich verſuchen, die freundlichen Gefühle Eures Herzens gegen mich zu erhöhen in der Hoffnung, daß ich Euch endlich zu meinem Weibe gewinnen werde. Dieſe Unſicherheit mag und muß peinlich ſeyn; allein—“ „Nein, nein,“ rief Emily, ihre Augen eine Weile nach ſeinem Geſichte emporſchlagend, während ihre Wange hoch erglühte,„nein, nein; unter uns darf keine Ungewißheit herrſchen; glaubt Ihr, ich könne Euch— Euch in ſo pein⸗ lichem Zuſtande laſſen? Das verhüte der Himmel!“ „Was ſoll ich alſo glauben?“ fragte Marlow, ihr näher⸗ rückend und ſeinen Arm um ſte ſchlingend.„Es macht mich faſt wahnſinnig, von ſolchem Glücke zu träumen; aber Euer Ton, Euer Blick, meine Emily, machen mich ſo unbeſonnen. Sagt mir alſo— o ſagt mir gleich: darf ich hoffen, oder muß ich verzweifeln? Wollt Ihr die Meine werden?“ „Natürlich!“ gab ſie zur Antwort;„könnt Ihr daran zweifeln?“ „Ich kann faſt an meinen Sinnen zweifeln,“ ſtammelte Marlow. Aber er hatte nicht nöthig, daran zu zweifeln. So ſaßen ſie faſt eine halbe Stunde und wanderten dann in wunderbaren mäandriſchen Windungen durch den Park; als ſie etwa anderthalb Stunden ſpäter zurückkehrten, da wußte Emily mehr von der Liebe, als man je aus Büchern erlernen kann. Marlow verſtand es, ihre Gefühle zu wecken .„ 298 und ihnen beſtimmte Form und Gehalt zu geben, indem er ihr in einfachen, verſtändlichen Worten, welche keiner langen Träumerei, keines tiefen Nachdenkens zur Erforſchung und Verſtändigung bedurften— ſeine eigene Empfindungen ſchilderte. Aus dem reichen Vorrathe ſeiner eigenen Ein⸗ bildungskraft, aus dem Schatze tiefer Empfindung in ſeiner Bruſt zeigte er ihr Bilder, welche jedes Gefühl, das frü⸗ her dunkel und geheimnißvoll in ihrem Buſen geſchlummert hatte, wie mit einem Sonnenſcheine erhellte, und ehe ſie ihre Schritte nach Hauſe zurücklenkten, glaubte Emily— nein, ſie fühlte und das iſt weit mehr— daß ſie ihn ohne es zu wiſſen ſchon lange geliebt habe. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Wir kommen jetzt an ein Kapitel voll raſcher Handlung, das auf kurzem Raume die Ereigniſſe vieler Monate zuſam⸗ menfaßt— Ereigniſſe, deren detaillirte Schilderung den Le⸗ ſer nicht ſehr intereſſiren dürfte, welche aber für alle davon betroffenen Perſonen wichtige Reſultate veranlaßten und die ſpätere Kataſtrophe herbeiführten. Die Neuigkeit, daß Mr. Marlow Sir Philipp Haſtings ſchöne Erbin Emily heirathen werde, verbreitete ſich fern und nah über die Grafſchaft, und wenn drei Perſonen in Emily's Hauſe von Freude und Befriedigung erfüllt waren, ſo herrſchte dagegen bei Lady Haſtings mit jeder Stunde größeres Mißvergnügen und tieferer Widerwille. Bei all *. 299 den großen Ländereien, die ſie einſt erben ſollte, war ein Herzog(wie ſie glaubte) keine zu hohe Partie für ihre Toch⸗ ter, und der Gedalkke, daß ſie einen einfachen Nichtadeligen heirathen ſolle, war ihr an ſich ſchon ſehr bitter. Sie war keine Frau, welche eine Enttäuſchung mit guter Miene ertrug, und Emily hatte bald den Kummer zu entdecken, daß ihre Ver⸗ lobung mit Marlow von ihrer Mutter höchlich mißbilligt wurde. Sie tröſtete ſich jedoch mit der vollen Billigung ihres Vaters, der damit mehr als zufrieden war. Sir Philipp ſeiner Seits verlangte bei der großen Ju⸗ gend ſeiner Tochter, daß die Trauung wenigſtens zwei Jahre verſchoben werde, und er bildete in ſeiner theoretiſchen Weiſe einen Plan, der ihm nicht ſo ganz glückte, wie er hätte wün⸗ ſchen mögen. Marlow's Charakter war faſt in jeder Hin⸗ ſicht ganz nach ſeinem Herzen; aber er glaubte(wie ich ſchon früher gezeigt habe), daß er ſeine ſchwachen Seiten habe— oder vielmehr Seiten, welche durch Erziehungs⸗ fehler und häufigen Verkehr mit der Welt ſchwach geworden waren. Mit einem Worte: es gebrach ihm an jener Feſtig⸗ keit— dürft' ich nicht ſagen: Härte?— der alten Römer, welche Sir Philipp ſo vorzugsweiſe bewunderte, und ſein Plan ging nun dahin, Marlow in den nächſten zwei Jahren von Neuem zu erziehen— wenn ich ſo ſagen darf— und ihn nach Sir Philipp's eigener Idee der Vollkommenheit umzumodeln. In wie weit ihm dies gelang oder mißglückte, werden wir ſpäter Gelegenheit haben zu zeigen. Die Nachricht von Emily's Verlobung wurde Mrs. Hazleton erſt durch das Gerücht und unmittelbar darauf 300 durch einen Brief von Lady Haſtings mitgetheilt. Die Wirkung, die ſie bei ihr hervorrief, will ich nicht näher ſchil⸗ dern, will nicht den Vorhang lüften, mik dem ſie ihre eigene Bruſt bedeckte, um nicht den wilden, furchtbaren Kampf der Leidenſchaften in ihrem Herzen zu zeigen. Drei Tage lang war Mrs. Hazleton wirklich krank, blieb bei verdunkelten Fenſtern in ihr Zimmer eingeſchloſſen, indem ſie außer ihrer Zofe und dem Arzte ſonſt keiner Seele Zutritt geſtattete. Es war vielleicht gut für ſie, daß die bittere Qual, die ſie erduldete, ihre körperlichen Kräfte überwältigte und ſie zur Abgeſchloſſenheit nöthigte, denn während dieſer drei Tage hätte ſie ihre Gefühle nicht vor aller Augen verbergen kön⸗ nen, wenn ſie ſich hätte in Geſellſchaft miſchen müſſen; ſo aber hatte ſie während ihrer Krankheit Zeit zum Nachdenken, — Raum, um den Kampf in ihrem Innern auszufechten, und ſie ging triumphirend daraus hervor. Als ſie endlich in ihrem eigenen Beſuchzimmer zum Vor⸗ ſchein kam, da hätte Niemand gedacht, daß die Krankheit von ihrem Herzen herrührte. Sie war etwas bleicher als zuvor; eine ſanfte, einnehmende Mattigkeit ſprach aus ihrer Haltung; aber ſie zeigte ſich allem Anſcheine nach ſo heiter und gefaßt wie immer. Nichtsdeſtoweniger hielt ſie für beſſer, auf kurze Zeit nach London zu gehen. Sie wagte nicht Emily Haſtings zu begegnen: ſie fürchtete ſich ſelbſt. Lady Haſtings' Brief war ihr jedoch ein wahrer Schatz, denn er gab ihr Hoffnung auf Rache. Die Mutter ließ darin nur zu deutlich ihren Widerwillen gegen ihrer Tochter Wahl 301 durchblicken, und Mrs. Hazleton beſchloß, die Freundſchaft der Lady Haſtings, die ſie immer verachtet hatte, zu kulti⸗ viren und ihre Schwäche zu ihren eigenen Zwecken zu be⸗ nützen. Sie ſollte jedoch weit raſcher als ſie erwartete noch wei⸗ tere Quellen des Troſtes finden. Kurz vor ihrer Rückkehr aufs Land nahm Tom Cutters Prozeß ſeinen Anfang, und nicht lange nach ihrer Wiederkehr wurde der Böſewicht hingerichtet. Viele Perſonen hatten bei der damaligen Gerichtsverhand⸗ lung bemerkt, welche Wirkung einige Stellen ſeiner Ver⸗ theidigung auf Sir Philipp Haſtings geäußert hatten. Er war nicht geſchickt im Verbergen der Regungen, die er empfand, und obwohl bei ſeinem ſonderbaren Charakter deren eigentliche Beſchaffenheit oft nur ſchwer zu entdecken war, ſo ließen ſolche Regungen immer gewiſſe Spuren bei ihm zurück, an denen man erkennen konnte, daß er tief er⸗ ſchüttert war. Dieſe Thatſachen erfuhr Mrs. Hazleton von ihrem An⸗ walt Shanks und von dem jungen John Ayliffe, der mit Vergnügen bei dem Schmerze verweilte, den ſeine erfolg⸗ reiche Argliſt verurſacht hatte. Mrs. Hazleton war wohl damit zufrieden. Aber die Wunde ging tiefer als ſie dachte, ſie war wie ein Schlangenbiß— an ſich ſelbſt unbedeutend, aber das Gift durch alle Adern verbreitend. Konnte ſein Kind ihn betrügen? fragte ſich Sir Philipp Konnte Emily dieſen gemeinen Jüngling ſchon lange gekannt, konnte ſie ihn insgeheim in einer fernen Hütte beſucht und 30² mit ihm verkehrt haben, ohne daß Vater oder Mutter darum wußte? Es ſchien ihm ungeheuerlich, ſo etwas zu ver⸗ muthen; aber was ſollte er glauben? Sie hatte ſeit ihrer Rückkehr von Mrs. Hazleton John Ayliffe's Name niemals erwähnt, und doch ging aus Marlow's eigenem Berichte hervor, daß ſie ihn dort geſehen hatte. War das nicht ein Beweis, daß ſie dieſe Bekanntſchaft vor ihren Eltern zu ver⸗ bergen wünſchte? Sir Philipp hatte ſie nicht darum befragt, ſondern ihr überlaſſen von ſelbſt davon zu reden, wenn ſie es für paſſend hielte. Er bereute es jetzt und beſchloß nachzuforſchen, da das Faktum, daß ſie den jungen Mann, gegen den er einen unerklärlichen Widerwillen verſpürte, geſehen hatte— vor dem Gerichte offen erwähnt worden war. Beim Heimreiten begann er jedoch die Frage auch von der andern Seite zu erwägen. Der Angeber war ein noto⸗ riſcher Lügner, ein überwieſener Verbrecher. Ueberdies war er ihm als boshaft bekannt, denn er hatte früher ſchon zweimal mit Winken um ſich geworfen, welche Sir Philipp für grundlos hielt und nur deßhalb gegeben glaubte, um Unruhe in ſeinem Hauſe zu erregen. Konnten nicht dieſe lezten Worte auf die nämliche Quelle zurückgeführt werden? Er wollte ſich erſtens erkundigen, dachte er, welcher Art die Verbindung zwiſchen John Ayliffe und jenem Verbrecher war; er hielt deßhalb unterwegs an und überzeugte ſich als⸗ bald, daß dieſe Beiden intime Kameraden geweſen. Als er ſeine eigene Wohnung erreichte, fand er Emily in der heiterſten, glücklichſten Stimmung bei Marlow ſitzend, 303 Freimüthige Aufrichtigkeit, anmuthige Unſchuld, offenherzige Wahrheit ſprachen aus jedem ihrer Worte und Blicke. Es war unmöglich an ihr zu zweifeln, und Sir Philipp warf ſeinen Argwohn von ſich. Aber leider nicht für immer, denn er kehrte von Zeit zu Zeit um ihn zu betrüben und zu verwirren, und er brütete oft Stundenlang über ſeiner Tochter Charakter, der ihm mehr und mehr unklar wurde. Aber er mochte kein Wort ſagen— er tadelte ſich ſogar, daß er überhaupt daran dachte, und er wollte keinen Argwohn blicken laſſen. Gleichwohl fuhr er fort zu denken und zu zweifeln, während die arme unbewußte Emily ſo gerne bereit geweſen wäre, das ganze Geheimniß auf die erſte Frage im Augenblicke zu löſen. Sie hatte geſchwiegen, weil ſie mit der peinlichen Geſchichte nicht ſelbſt den Anfang machen wollte, und wenn ſie auch in Mrs. Hazleton’s Beweisgründe nicht eingeſtimmt hatte, ſo war doch der Zweifel in ihr rege geworden, ob ſie John Ayliffe's Antrag und Benehmen unbefragt erwähnen dürfe. Sie hatte beſchloſſen, Alles zu erzählen, ſobald ihr Vater den leiſeſten Wunſch blicken ließe, irgend etwas über ihren neulichen Be⸗ ſuch zu erfahren; aber es lag etwas in der Wirkung, welche dieſer Beſuch auf ihr Gemüth geäußert hatte, was ſie ſich ſelbſt nicht erklären konnte. Warum liebte ſie Mrs. Hazleton weniger— warum hatte dieſe ihre Achtung ſo ſehr verloren? Was hatte jene Dame geſagt oder gethan, was eine ſo gänzliche Verände⸗ rung ihrer Gefühle gegen ſie rechtfertigte? Emily konnte es nicht ſagen; ſie konnte kein Wort, keine Handlung bezeich⸗ 304 nen, die ſie durchaus zu tadeln vermochte; aber der allgemeine Ton ihres ganzen Benehmeus hatte dem reinen Mädchen zu ſehr die Augen geöffnet. Sie quälte ſich ſehr mit ihren eigenen Erwägungen, und wäre wohl mehr als einmal in ihre tiefen, zerſtreuten Träumereien verſunken, wenn nicht neue, ſüße Empfindungen und Marlow's häufige Beſuche ſie für eine heiterere, glücklicherere Gedankenwelt wach er⸗ halten hätten. Sie war in der That ſehr glücklich, und hätte ſie ihre Mutter zu heitererer Stimmung bewegen können, ſo wäͤre ihr Glück vollkommen geweſen. Ihres Vaters gelegentliche Verſtimmung beachtete ſie nicht, denn er ſchien oft düſter blos aus tiefem Nachdenken. Emily hatte in ihrem eigenen Herzen einen Schlüſſel zu ſo finſteren Träumereien, und ſie wußte wohl, daß ſie kein wirkliches Anzeichen von Mißver⸗ gnügen oder Kummer waren, denn gar oft, wenn ſie in den Augen Anderer höchſt langweilig und melancholiſch erſchien, genoß ſie gerade in der Thätigkeit ihres eigenen Geiſtes recht inniges Vergnügen. Sie beurtheilte ihren Vater nach ſich ſelbſt und hatte nicht die leiſeſte Ahnung, daß ein Wort, eine Handlung oder ein Gedanke von ihr ihm die geringſte Unruhe verurſacht haben könne. Trotz der verſchiedenartigen widerſtreitenden Gefühle und Leidenſchaften, die ſich in dem kleinen Kreiſe, auf den unſere Augen geheftet ſind, thätig zeigten, war das Leben, ſoweit es Emily und Marlow betraf, faſt zwei Monate ganz ruhig verlaufen, als Sir Philipp Haſtings eines Morgens einen Brief von unbekannter Hand empfing. Er wurde ihm beim Frühſtück überreicht und beſchäftigte ihn offenbar ſehr. Seiner Tochter Auge bemerkte alsbald die Veränderung in ſeiner Miene; allein Sir Philipp wollte Niemand wiſſen laſſen, daß er durch irgend etwas auf Erden ſonderlich be⸗ wegt werden könnte, und er bemeiſterte alsbald ſeine Bewe⸗ gung, faltete den Brief ruhig zuſammen, beſchloß ſein Früh⸗ ſtück und zog ſich dann in ſein Studirzimmer zurück. Emily hatte ſich jedoch nicht täuſchen laſſen. Es gab Augenblicke in Sir Philipp's Leben, wo er unfähig war, die ſtarken Empfindungen ſeines Herzens unter dem Schleier des Stoicismus gänzlich zu verbergen oder— wie er es ge⸗ nannt haben würde— ſie durch die Macht der Philoſophie zu beugen und zu zügeln. Emily hatte ſolche Momente erlebt und wußte, daß ihr Vater— welches auch immer die Folgen jenes Briefes ſeyen, ob ſie Zorn, Kummer oder Furcht hervorgerufen haben mochten— aufs tiefſte bewegt war. Sir Philipp Haſtings ſetzte ſich in ſeinem Studirzim⸗ mer nieder, ſchlug den Brief vor ſich auf uns überlas ihn aufmerkſam. Dieſesmal ſchien er ihn nicht im geringſten zu affiziren, und er ſchämte ſich in der That der Empfindun⸗ gen, die er durchlebt und theilweiſe verrathen hatte. „Wie vollſtändig,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„macht uns doch ein falſches, trügeriſches Syſtem der Geſellſchaft zu bloſen Sklaven der Leidenſchaft, welche ſogar Diejenigen er⸗ faßt, die ſich von früher Jugend an gewohnt haben, ihrem Einfluſſe zu widerſtehen! Da kommt ein unverſchämter, junger Mann, macht Anſpruch auf meinen Namen und meine James. Rache. 20 Erbſchaft mit der kaltblütigen Behauptung, er ſey nicht nur hiezu berechtigt, ſondern ich wiſſe ſogar darum— und ſtatt nur kalte Verachtung entgegenzuſetzen, pocht mein Herz und kocht mein Blut, als ob ich der einfältigſte Schulknabe wäre. Der Brief war ganz wie Sir Philipp ihn geſchildert— nur war er noch etwas mehr. Es war eine höchſt kunſtreiche Epiſtel, durch die vereinte Schlauheit Mr. Shanks', Mr. John Ayliffe's und Mrs. Hazleton's zu Stande gebracht. Er faßte die Anſprüche des jungen Mannes auf das ganze Beſitzthum des verſtorbenen Sir John Haſtings, wie auf die Baronetswürde kurz zuſammen, gab ſich nicht lange mit Be⸗ weiſen ab, ſondern that, wie wenn die Gründe des Verfaſ⸗ ſers unbeſtreitbar wären und als ob Sir Philipp Haſtings recht wohl wüßte, daß John Ayliffe ſeines älteren Bruders rechtmäßiger Sohn ſey: die für ihn ſelbſt und ſeine Mutter erkaufte Jahresrente galt als Kaufpreis für ihr Stillſchwei⸗ gen, das man dem unbemittelten Vater der Wittwe abge⸗ handelt habe. So lange ſeine Mutter lebte, ſagte der Ver⸗ faſſer, habe er aus Folgſamkeit gegen ihre Wünſche geſchwie⸗ gen; jetzt aber, da ſie in Frankreich geſtorben, fühle er ſich verbunden, ein Arrangement nicht aufrecht zu erhalten, das ihn des ihm gebührenden Vermögens und ſeiner Stellung be⸗ raubte und ohne ſeinen Willen eingegangen worden war. Er fuhr dann fort, Sir Philipp Haſtings in den kühlſten Ausdrücken zum Aufgeben ſeines Beſitzthums und zur Aner⸗ kennung ſeiner Rechte aufzufordern, ohne es— wie der Verfaſſer es nannte— auf die peinliche Ceremonie eines Prozeſſes ankommen zu laſſen, und an zwei Stellen des 307 Briefes wurde auf die geheime Unterweiſung angeſpielt, die der Verfaſſer dem gütigen Vertrauen eines Freundes verdanke, den er nicht nennen mochte. Dieſe Andeutung wollte er wahrſcheinlich ſpäter näher ausführen; ſie zielte auf die arme Emily, prallte aber für jetzt harmlos von ihr ab, da Niemand beſſer als Sir Phi⸗ lipp wußte, daß ſie nie von dieſer Sache unterrichtet wor⸗ den war. Die Jahresrente war in der That ein Gegenſtand, den er, ſeit die Sache vor vielen Jahren abgemacht worden, noch mit keiner Seele beſprochen hatte, und der Name John Ayliffe war ihm nie über die Lippen gekommen, bis Marlow er⸗ zählte, daß er jenen jungen Mann in Mrs. Hazleton's Be⸗ hauſung getroffen habe. Sobald er den Brief geleſen und den letzten Kampf der Leidenſchaft, wie er glaubte, bemeiſtert hatte, tauchte er ſeine Feder in die Tinte und ſchrieb die wenigen Worte wie folgt: „Sir Philipp Haſtings hat den mit John Haſtings un⸗ terzeichneten Brief erhalten. Er kennt keine Perſon dieſes Namens, hat aber von einem jungen Manne Namens John Ayliffe gehört. Wenn dieſe Perſon gerechte Anſprüche an Sir Philipp Haſtings oder deſſen Beſitzungen zu haben glaubt, ſo mögen ſie lieber auf dem ordentlichen und geſetz⸗ lichen Wege verfolgt werden, da Sir Philipp Haſtings jeden Privatverkehr mit jener Perſon ablehnt. Er addreſſirte den Brief an Mr. John Ayliffe und ſchickte ihn auf die Poſt. Sobald dies geſchehen war, ſuchte er 20* Marlow und Emiliy auf, und war allem Anſcheine nach weit heiterer und geſprächiger, als er ſeit vielen Tagen ge⸗ weſen. Es koſtete ihn vielleicht einige Anſtrengung um heiter zu erſcheinen, und ſein Bemühen ging etwas über das Ziel hinaus, denn Emily war nicht ganz befriedigt; aber Lady Haſtings, als ſie wie gewöhnlich ziemlich ſpät am Tage herabkam, bemerkte wohl, wie munter ihr Gatte war. Sir Philipp ſprach damals mit Niemand von dem In⸗ halt des empfangenen Briefes. Er konſultirte nicht einmal einen Advokaten, und ſuchte die Sache mit verächtlicher Ver⸗ geßlichkeit zu behandeln; aber ſein brütendes Gemüth war ſehr hartnäckiger Art und er dachte oft gegen ſeinen Willen an die Epiſtel und an die darin enthaltenen Drohungen. Auch ſollten er und die Seinigen gar bald etwas Nähe⸗ res von der Sache erfahren, denn nach wenigen Wochen wurden die erſten Schritte zu einem Prozeſſe wider ihn ge⸗ than, und die Nachricht ſolcher Vorgänge verbreitete ſich aus dem Bureau des Anwalts nach allen Seiten fern und nah, bis der große Haſtingsprozeß in der ganzen Umgegend in aller Munde war. Mittlerweile wurde Sir Philipp's Erwiederung Mrs. Hazleton unverzüglich vorgewieſen, und dieſe Dame trium⸗ phirte nicht wenig. Sie dachte, Sir Philipp befinde ſich jetzt gegen John Ayliffe in derſelben Lage, wie ſie es vor einiger Zeit gegen Mr. Marlow geweſen, und ihrer Anſicht nach begann er ſchon jetzt Miene zu machen, als ob er die Sache in ſeinem eigenen Falle ganz anders als in dem ihri⸗ gen behandeln wolle. Dort hatte er die Privatunterhandlung 309 auf's Ernſtlichſte unterſtützt; hier wies er ſie gänzlich von ſich, und ſie vergaß dabei völlig, daß die Umſtände— wenn gleich in der Hauptſache die nämlichen— im Einzelnen doch ſehr verſchieden waren. „Wir wollen ſehen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt—„wir wollen ſehen, ob er nach dem Vorbringen der Beweiſe mit demſelben ſtrengen Sinne für Gerechtigkeit handeln wird, wie er ſich bei mir die Miene gab.“ Nachdem die erſten Schritte geſchehen waren und das allgemeine Gerücht ein Wiſſen um die Verhandlung auch ohne geheime Benachrichtigung rechtfertigte, entſchloß ſich Mrs. Hazleton, die arme liebe Lady Haſtings zu beſuchen und ihr zum vorausſichtlichen Vermögensverluſte zu kondo⸗ liren. Wie angenehm iſt es doch, ſeinen Freunden bei ſolcher Gelegenheit zu kondoliren! wie wird unſere Wichtigkeit in den eigenen Augen geſteigert, wenn die armen Leute, die wir tröſten, noch zudem ein wenig über uns in der Welt geſtanden ſind! 3 Allein Mrs. Hazleton hatte noch höhere Abſichten: ſie verlangte nicht nach einer Vermehrung ihrer Wichtigkeit, ſondern war mit ihrer Stellung in der Geſellſchaft ganz zufrieden. Sie wollte Lady Haſtings aufhetzen und Zwie⸗ tracht ſäen, wo ſie wußte, daß die Unruhe bereits eingekehrt ſeyn mußte, und ſie traf Sir Philipps Gattin für dieſe ihre Abſichten gerade in der rechten Geiſtesverfaſſung. Sir Philipp ſelbſt und Emily waren zuſammen ausgeritten, und ſo ſehr auch Mrs. Hazleton nach einer Gelegenheit verlangte, um Sir Philipp einen ſchlauen freundſchaftlichen Puff zu 310 verſetzen und ihn an die Lehren, die er in dem Falle zwiſchen ihr und Mr. Marlow geäußert, zu erinnern, ſo war es ihr doch nicht unerwünſcht, Lady Haſtings auf eine oder zwei Stunden allein zu ſprechen. Ihre Konferenz dauerte lange, und ich brauche nicht Alles was vorfiel zu berichten. Lady Haſtings äußerte gegen Mrs. Hazleton ihren ganzen Kummer und Unwillen über Emily's Verlobung mit Marlow, und dieſe that nichts, um ihn zu vermindern. Sie gab zu, daß es eine ſehr un⸗ gleiche Partie ſey, daß Emily bei ihrer Schönheit und ihren Talenten ſogar mit dem bloſen Vermögen ihrer Mutter ſich in die vornehmſten Familien des Landes hätte verheirathen können— ja ſie behauptete, ſogar nach einem Abbrechen der Brautſchaft dürfte ſie ihren Rang immer noch unter den Peereſſen einnehmen. Sie rieth zwar nicht zu eigentlichem Widerſtand auf Seiten ihrer Freundin, denn ſie fürchtete Lady Haſtings' Unvorſichtigkeit; aber ſie gab zu verſtehen, daß eine Mutter und Gattin durch fortwährenden unerſchüt⸗ terlichen Widerſtand ſchon oft unter den ſchwierigſten Um⸗ ſtänden ihre Abſicht durchgeſetzt habe. Von dieſer Stunde an war Mrs. Hazleton die beſte Freundin der Lady Haſtings. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Es gibt Jahreszeiten im Leben des Menſchen ſo gut wie im Laufe der Zeit, und treffend und glücklich haben 311 manche Poeten ſie geſchildert. Dieſe Jahreszeiten ſind jedoch bei den einzelnen Menſchen wie in den einzelnen Jahren mancherlei Abwechslungen unterworfen. Der Sommer des einen Menſchen z B. iſt heiter und ruhig— eine Periode ſtillen Sonnenſcheins, ſanfter Lüfte und lieblichen Morgen⸗ thaues; bei dem andern verläuft dieſelbe Jahreszeit unter den Gewittern der Leidenſchaft, unter den Stürmen des Kriegs oder des Ehrgeizes. Die nächſten drei bis vier Monate verlebte Sir Philipp Haſtings' Familie eine herbſtähnliche Periode. Zum erſten⸗ male war die Familie im Ganzen von Zweifel und Unſicher⸗ heit überfallen: Ungleichheiten des Temperaments und Charakters, leichte Störungen, gelegentliche Krankheiten und Aengſte— kurz alle jene Dinge, welche im gewöhnlichen Laufe der Creigniſſe die Summe menſchlichen Glücks ſogar für den Glücklichſten vermindern, hatten ſie wohl ſchon er⸗ lebt; aber noch nie hatten ſie das Peinliche einer Ungewiß⸗ heit der Lage empfunden— noch nie das ſchwankende Miß⸗ trauen, das von einem Tag zum andern fürchtet was der Morgen wohl bringen werde, nie jenes Vorausſehen des Uebels— dieſen Tropfen aus dem Giftkelche, in den die ſchärfſten Pfeile des Schickſals getaucht ſind. Jetzt brachte jeder Tag neue Nachrichten und neue Er⸗ wartungen, und alle zuſammen lauteten ungünſtig. Wäre der Schlag plötzlich gekommen— hätte Einer die Macht gehabt zu ſagen:„Sir Philipp Haſtings, Du mußt auf alle väterlichen Güter verzichten, mußt die Renten von faſt zwanzig Jahren zurückbezahlen, mußt den ſeither innegehab⸗ 312 ten Rang aufgeben und eine ganz andere Stelle in der Ge⸗ ſellſchaft einnehmen—“ ſo hätte ſich Sir Philipp Haſtings alsbald mit weit weniger Mißvergnügen gefügt, als die meiſten meiner Leſer begreifen könnten. Aber es war gerade der ermüdende, aufregende, an⸗ reizende und doch verdummende Prozeßgang, der eine pein⸗ liche und betrübende Wirkung auf ſein Gemüth äußerte. Heute glaubte er, er ſehe den Fall ganz klar vor ſich, könne die Schliche ſeines Gegners verfolgen und die unſichere Be⸗ gründung ſeines Anſpruches bloßlegen; dann kamen wieder zwei bis drei Tage des Zweifels und Widerſtreites, dann Enttäuſchung und nun eine neue Wendung, wo er Alles wieder von vorn anzufangen hatte. Die Beweiſe mehrten ſich allmälig; John Ayliffe's Behauptung, als habe er einen Anſpruch, gewann Anfangs einigen Schein von Gerechtigkeit, ſteigerte ſich dann zu einer Wahrſcheinlichkeit zu ſeinen Gunſten und ſchien zuletzt für ungelehrte Augen ſein Recht auf das kräftigſte zu begründen. Ich bin kein Rechtskundiger und kann alſo nicht alle Stadien des Verfahrens verfolgen; John Ayliffe hatte jedoch gewiſſenloſe Menſchen auf ſeiner Seite, welche einzig danach ſtrebten, den Prozeß zu gewinnen und ſich im Falle der Entdeckung vor Gefahr zu ſchützen, und zahllos waren ihre Drehungen, ihre Wendungen, ihre neuen Geſichtspunkte. Sir Philipp Haſtings wurde tief dadurch geqnält; ſein Geiſt und ſeine Laune fühlten ſich angegriffen; er wurde düſter, zuweilen reizbar und oft argwöhniſch. Er lernte über juridiſchen Papieren zu brüten, Lücken und Irrthümer auf⸗ 313 zuſuchen, Alles was einen Doppelſinn enthielt zu entdecken, und die ſchmalen, krummen Pfade aufzuſpüren, auf denen jene Macht, welche den Namen der Gerechtigkeit trägt, das helle Licht der Wahrheit erreicht oder in die dornenvolle Tiefe des Irrthums verſinkt. Dies Alles ſtörte und veränderte ihn; die tägliche Angſt und Unbehaglichkeit berührte auch ſeine Familie: Emily zwar nur inſofern, als ſie mit Leidweſen ihren Vater ſich grämen ſah, aber deſto mehr Lady Haſtings, denn ſie em⸗ pfand den Schmerz und die Kränkung nicht für ſich allein, ſondern ſuchte auch einen Theil deſſen, was ſie erduldete, auf ihre Umgebung zu übertragen. Sie wurde traurig und mürriſch und glaubte fortwährend, indem ſie ihres Gatten Geiſt deprimirte und ſeine Bürde durch Murren und Muth⸗ loſigkeit erſchwerte, ſtatt ihn durch Erhebung über die be⸗ drohten Uebel zu ſtützen und aufzuheitern— ſie nehme nur pflichtſchuldigen Antheil an ſeinen Aengſten und trage mit ihm ſeine Sorgen. Sie hatte keinen Begriff davon, welche Pflicht der Heiterkeit dem Weibe obliegt, und wie ſie oft zu jenem Segen wird, welchen Gott dem Manne verleihen wollte, als er ihm eine Gefährtin zutheilte. Krankheit hatte allerdings den Frohſinn ihrer Jugend etwas vermindert; aber ſie hatte ſich offenbar eine winſelnde Jammermiene angewöhnt, welche eher dazu taugte, die Laſt des Mißgeſchicks, welches das Schickſal auf eines Gatten Schultern wälzen kann, zu verdoppeln ſtatt ſie zu theilen. Lady Haſtings gab ſich alle Mühe traurig auszuſehen; Emily Haſtings dagegen ſtrebte eine frohe, heitere Miene 314 zu bewahren, und Beide mochten für Sir Philipps Stim⸗ mung und Umſtände vielleicht etwas zu weit gehen. Wenn er nach einem angſtvollen Tage heimkam, ſo wunderte er ſich wohl, daß Lady Haſtings nichts that um ihn aufzuheitern, daß jedes ihrer Worte duͤſter und traurig klang, und daß ſie von dem Gedanken, ihr Vermögen und ihre Stellung zu verlieren, weit mehr als er ſelber betroffen ſchien. Er wun⸗ derte ſich aber auch, wie Emily ſo leichtſinnig ſcherzen, ſo munter und ſcheinbar unbekümmert dahin leben konnte, während er ſolche Angſt erduldete. Arme Emily! ſie zwang ſich vergeblich zum Frohſinn, und beging die wohlmeinendſte aller Heucheleien, indem ſie alle Worte und Blicke ſo einzurichten ſtrebte, daß ihr Vater von peinlichen Gedanken abgezogen wurde— und dies Alles nur, um mißverſtanden zu werden! Aber das Mißverſtänd⸗ niß ſollte durch die Hand der Bosheit noch erhöht und ver⸗ ſchärft werden. Die Erſchütterung, welche Sir Philipp vor dem Gerichtshofe verrathen hatte, war noch nicht ver⸗ geſſen von derjenigen, die ein Geiſt der Rache kühn und ſcharfblickend machte. Es ſchien unmöglich, Emily's Namen unmittelbar in das obſchwebende Rechtsverfahren zu verwickeln; aber mehr als einmal wurde in zufälligen Korreſpondenzen darauf hin⸗ gedeutet, daß eine geheime Angabe von einem von Sir Philipps nahen Verwandten zu der Enthüllung von John Ayliffe's Anſprüchen geführt habe, und es ging allgemein das Gerücht und wurde in der Grafſchaft geglaubt, daß Emily unvorſichtigerweiſe einige von ihres Vaters Geheim⸗ 315 niſſen verrathen habe. Natürlich kamen dieſe Gerüchte ihr nicht zu Ohren, wohl aber ihrem Vater, und es däuchte ihn ſonderbar und mehr als ſonderbar, daß Emily ihrer Zuſam⸗ menkünfte mit John Ayliffe— deren es, wie er jetzt erfuhr, mehrere gegeben— nie gegen ihn erwähnt hatte. Eine jener fremdartigen Regungen, ohne Zweifel in den Schleier der Eitelkeit oder Selbſtſucht gehüllt, welcher immer bereit iſt, die nackten Empfindungen des menſchlichen Herzens zu bedecken— hielt ihn ab, mit ſeinem Kinde über den Gegen⸗ ſtand zu ſprechen, der ihm ſo vielen Schmerz verurſachte. Ohne Zweifel war es Stolz; denn ein Stolz eigener Art lag ſeinen Handlungen vielfach zu Grunde. Er mochte ſich nicht herablaſſen, Dinge zu erforſchen, die ſie ihm nicht von ſelbſt erklären wollte, und er verſperrte ſich ſo immer mehr den Weg des Vertrauens, während Emily in der That keinen größeren Troſt gekannt hätte, als ihrem Vater ihr ganzes Herz zu eröffnen. Gegen Marlow war Sir Philipp Haſtings offener und mittheilſamer als gegen alle Uebrigen. Des jungen Man⸗ nes klarer Verſtand und raſche Auffaſſung der Hauptpunkte des ganzen Verfahrens, ſein Eifer, ſeine Beſonnenheit, ſein lebhafter Sinn für Recht und Billigkeit hoben ihn mit jedem Tage mehr in Sir Philipps Meinung, und der Baronet pflegte oft ſtundenlang mit ihm zu berathen, die ganze Sache nach allen Geſichtspunkten mit ihm durchzuſprechen und ihm manche Gewiſſensfrage, mit denen er ſelbſt ſchwer zur Ent⸗ ſcheidung gelangte, zur Auflöſung vorzulegen. Nur über einen Punkt ſprach Sir Philipp nie mit ihm, und das war Emily's Benehmen gegen John Ayliffe. Darüber konnte ſich der Vater nicht ausſprechen, und doch hätte er es ſo gern mehr als einmal gethan. Eines Tags, nachdem der Prozeß etwa ſechs Monate gedauert hatte, rekapitulirte Sir Philipp Haſtings bei einer ſeiner Morgenberathungen mit Marlow in Kürze ſämmtliche Beweiſe, welche John Ayliffe vorgebracht hatte, um die Rechtsgültigkeit der Ehe zwiſchen ſeiner Mutter und dem älteren Bruder des Baronets zu begründen. „Die Sache iſt nahezu vollſtändig,“ ſagte Sir Philipp. „Nur zwei bis drei Glieder in der Kette von Beweiſen fehlen noch, und ſobald ich mich ſelbſt überzeugt habe, daß dieſer junge Mann allen vernünftigen Zweifeln zum Trotze der rechtmäßige Sohn meines Bruders John iſt, wird mein Entſchluß bald gefaßt ſeyn. Hiebei müſſen wir aber zuerſt erwägen, wie dieſe Sache Euch berühren mag, Marlow. Ihr habt Euch um eines reichen Mannes Tochter beworben, und nun werde ich arm werden, denn obwohl ich ſeit meines Vaters Tode beträchtliche Summen angehäuft habe, ſo werden ſie doch höchſtens zur Befriedigung dieſes jungen Mannes ausreichen, wenn ſein Anſpruch anerkannt iſt, und die Koſten dieſes Prozeſſes müſſen durch ſtrenge Sparſamkeit hereingebracht werden. Lady Haſtings' Eigenthum wird zwar auf unſer Kind vererben; aber weder ſie noch ich haben die Vollmacht, einen Theil davon zu unſerer Tochter Ausſteuer zu veräußern. Es iſt darum nicht mehr als billig, als daß wir Euch aller Verbindlichkeiten entledigen.“ „Als ich mich zuerſt um Eurer Tochter Hand bewarb, 317 Sir Philipp,“ erwiederte Marlow,„da wünſchte ich von Herzen, daß unſere Vermögensumſtände gleicher wären. Das Schickſal hat dieſen Wunſch gewährt, indem es die Verhältniſſe anſcheinend gleich geſtaltet, und glaubt mir, ſo weit es mich betrifft, ſo iſt meine Freude hierüber größer als mein Bedauern. Wir werden genug haben zu einem behaglichen Leben, und nicht zu viel zum Glücke. Was brauchen wir mehr? Ich kann jedoch nicht anders glauben,““ fuhr er fort,„als daß dieſer Prozeß ganz anders ausgehen 4 wird als Ihr erwartet. Ich glaube, die Seele hat ihre Inſtinkte, welche uns— ſo gefährlich es auch iſt, ihnen zu vertrauen— zuweilen doch ſicherer als die Vernunft leiten. So habe ich einen Eindruck in mir, welchen alle ſeither vor⸗ gebrachten Beweiſe noch nicht zu verwiſchen vermochten, daß dieſer Anſpruch John Ayliffe's gänzlich unbegründet, daß es vielmehr ein trügeriſch aufgeworfener Fall iſt, geſtützt auf Gründe, welche bei näherer Unterſuchung in Stücke aus⸗ einander fallen werden.“ Sir Philipp Haſtings ſchüttelte das Haupt. „Nur noch Eines,“ ſagte er,„und ich ſelbſt bin überzeugt. Ich will nicht gegen meine Ueberzeugung ankämpfen, Mar⸗ low, und ſobald ich moraliſch gewiß bin, daß ich eine ſchlechte Sache vertheidige— im ſelben Augenblick räume ich das Feld, ſey das Opfer auch noch ſo groß. Nichts auf Erden,“ fuhr er in ſtrengem, abſtraktem Tone fort,„ſoll mich jemals abhalten, recht zu thun, was ich nämlich dafür halte und was Ehre und Billigkeit von mir verlangen. Das Leben ſelbſt und Alles, was das Leben theuer macht, wäre nur ein 318 armſeliges Opfer in den Augen eines Ehrenmannes; was ſind alſo einige tauſend Morgen Feld und ein leerer Titel?“ „Aber, mein theurer Sir Philipp,“ bemerkte Marlow, „laßt uns einen Augenblick annehmen, dieſer Anſpruch ſey ein erdichteter und nur durch Trug und Fälſchung unterſtützt; da werdet Ihr doch zugeben, daß es mehr als einiger Mo⸗ nate bedarf, um alle Einzelheiten durchzuſtöbern und die etwa begangene Schurkerei zu entdecken?“ „Mein theurer Marlow,“ erwiederte Sir Philipp,„die Ueberzeugung kommt jedem Menſchengeiſte je nach ſeiner natürlichen Konſtitution oder Erziehung. Ich hoffe, das Weſen des Beweiſes genau ſtudirt zu haben— jedenfalls genau genug, um ſogar mit weniger Bedingungen als das bloſe Geſetz verlangt, mich zufrieden zu geben. Bei allen Fragen, welche der Entſcheidung des Geſetzes unterliegen, gibt es eigentlich zweierlei Geſchworene, welche die Stich⸗ haltigkeit der Beweiſe entſcheiden: die Einen, gewählt von unſeren Nebenmenſchen, die Andern in der Bruſt der Parteien ſelber; vor Letzteren ſollte Jeder die Rechtmäßigkeit ſeines eigenen Falles gewiſſenhaft prüfen, und lautet der Spruch gegen ihn, ſo ſollte er ſich nur als Juſtizbeamten betrachten und das Verdikt zur Ausführung bringen. Ich werde nie gegen, ſondern immer nach meiner Ueberzeugung handeln. Mein Geiſt ſoll die Sache ſelbſt unterſuchen, und ſobald ſein Spruch gefällt iſt, will ich auch darnach handeln.“ Marlow wußte, daß weitere Einwendungen vergeblich aren, und ſein einziges Vertrauen beruhte noch darauf, 319 daß bald etwas geſchehen möchte, was Sir Philipps Zuver⸗ ſicht zu ſeinen eigenen Rechten wiederherſtellte. Sir Philipp war jetzt häufig von Haus abweſend. Das unerfreuliche Geſchäft, das ihn umhertrieb, rief ihn beſtän⸗ dig an den Grafſchaftsſitz aund Marlow hätte mit Emily manche lange, glückliche Stunde verleben können, wenn nicht Lady Haſtings um dieſe Zeit ein neues Verfahren ange⸗ nommen hätte, das zwar in Wirklichkeit nur eine friſche Phaſe des alten war. Sie wurde— ſo weit ihre Geſund⸗ heit und Indolenz es erlaubte— die klugſte und vorſichtigſte Mutter von der Welt. Sie erklärte es für höchſt unpaſſend, daß Emily allein mit ihrem Bräutigam ausritt oder ſpazierte, und behauptete geradezu, ihre früheren Ausflüge ſeyen ohne ihr Wiſſen und aus Unachtſamkeit geſtattet worden. Während Marlow's Nachmittagsbeſuchen trug ſie beſondere Sorge, die ganze Zeit bei ihm und Emily zu verweilen und ſie ſo aller Mittel freier, ungehemmter Mittheilung zu berauben. Der einzige Ausweg war, daß ſie hie und da einige Morgen⸗ ſtunden erhaſchen konnten, denn Lady Haſtings kam theils aus Trägheit theils wegen ihrer ſehr zarten Geſundheit hochſt ſelten zum Frühſtück und blieb in der Regel in ihrem Ankleidezimmer, bis der Mittag vorüber war. Die Stunden von Sir Philipps Abweſenheit waren ihm in der Regel höchſt langweilig. Zuweilen nahmen die ermüdenden, abſpannenden Geſchäfte einen vollen Tag in Anſpruch; doch das war ihm eher ein Troſt als ein Kummer. In der Regel verſtrich der Tag mit einem Beſuche auf dem Bureau ſeines Anwalts; dort fand er entweder die verlangte 320 Auskunft oder die vorzubereitende Schrift war noch nicht fertig, er mußte Stunde auf Stunde in düſterem, langweili⸗ gem Nachſinnen darauf warten und ſehr oft ohne dieſelbe nach Hauſe reiten, wobei er Gelegenheit hatte, über die Nachtheile eines langſamen Juſtizverfahrens nachzudenken, das häufig durch Verweigerung einer prompten Recht⸗ ſprechung das Recht ſelber zu Allem andern als der Be⸗ hauptung eines abſtrakten Grundſatzes untauglich macht. Er bekam dieſe Art des Verfahrens herzlich ſatt, denn er fühlte, daß ſie ihn launiſch und reizbar machte, und ſo oft er ſpäter fand, daß er mit Erwartungen hingehalten werden ſollte, ſtieg er wieder zu Pferd und ritt davon, um ſeinen Geiſt mit andern Dingen zu unterhalten. Da Mrs. Hazleton's Haus ſo nahe lag, ſo beſuchte er ſie öfter in ſolchen Pauſen. Sein häufiges Kommen war ihr nicht ganz angenehm, denn John Ayliffe war kein ſeltener Gaſt in ihrem Hauſe, und Mrs. Hazleton mußte dem jungen Manne einen Wink geben, daß er ſie nur noch früh Morgens oder ſpät Abends beſuchen dürfe. Sonſt war Mrs. Hazleton keineswegs abgeneigt, die Freundſchaft Sir Philipp Haſtings' aufrecht zu erhalten. Sie hatte immer ihre eigenen Zwecke und Abſichten, und wenn ſie eine freundliche Miene gegen den Baronet an⸗ nahm, ſo geſchah dies nicht allein als jene alltägliche inſtinkt⸗ artige Heuchelei, welche den Menſchen verleitet, die Leiden⸗ ſchaften, deren er ſich bewußt iſt, mit dem Schleier der entgegengeſetzteſten Regungen zu verhüllen. Es war viel⸗ mehr eine planvolle Heuchelei, welche entfernte Zwecke 321 vor Augen hatte, die nur ihr ſichtbar und allen Andern un⸗ erforſchlich waren. Aus dieſen Gründen empfing ſie Sir Philipp Haſtings jedesmal mit der größten Auszeichnung, und wußte mit jener Chamäleonsnatur, welche manche Perſonen beſitzen, den Ton und die Farbe ſeiner eigenen Stimmung anzunehmen, wäh⸗ rend die allgemeinen Züge ihres eigenen Charakters hin⸗ länglich gewahrt blieben, um ſie vor der Anklage der Affek⸗ tation zu beſchützen. Sie war unbefangen, anmuthig, würde⸗ voll wie immer, mit einer gewiſſen ſchmachtenden Miene und ernſter Ruhe, welche ſehr einnehmend waren. Sie kam bei ihren Unterredungen mit Sir Philipp nie auf den eben vor ſich gehenden Prozeß zu ſprechen, und wenn er ſelbſt davon anfing, ſo zeigte ſie zwar vieles Intereſſe, und ſchien perſönliche Theilnahme dafür zu empfinden, wenn ſie aus⸗ rief:„wenn das ſo fortgeht, ſo wird bald Niemand ſeines Eigenthumes ſicher ſeyn“— ließ aber doch den Gegenſtand fallen, ohne wieder darauf zurückzukommen. Eines Tags— es war nach jener Unterredung zwiſchen Sir Philipp und Marlow, die wir zum Theil ſchon ange⸗ führt haben— kam Sir Philipp etwas früher als gewöhn⸗ lich zu Mrs. Hazleton's Hauſe geritten. Es war erſt halb eilf Uhr, als er vor ihrer Thüre abſtieg; aber er kannte ihre Gewohnheiten und erwartete nicht, ſie beſchäftigt zu finden. Statt ihn aber in das kleine Zimmer zu führen, wo ſie ſich aufzuhalten pflegte, öffnete ihm der Diener das große Be⸗ ſuchzimmer, und Sir Philipp hörte beim Eintreten, daß James. Rache. 21 322 Mrs. Hazleton mit einer zweiten Perſon in lebhaftem, an⸗ ſcheinend eifrigem Geſpräche begriffen war. Es war nichts Außergewöhnliches an der Sache, und ſo wendete er ſich zu dem Fenſter und ſchaute in den Park hinaus. Er hörte den Diener in das Frühſtückzimmer gehen, worauf jene Stimmen alsbald verſtummten. Kurz hernach drang dem Baronet ein raſcher Pferdetritt zu Ohren; der Reiter mußte jedoch im Hofe aufgeſtiegen und hinten zum Parke hinausgeritten ſeyn, denn Sir Philipp wurde ſeiner nicht anſichtig.. Einige Augenblicke ſpäter kam Mrs. Hazleton zum Vorſchein, und ihre Miene zeugte von einer Haſt und Auf⸗ regung, welche an ihr keineswegs gewöhnlich war. Sie ließ jedoch Sir Philipp mit einem ihrer bezauberndſten Lächeln neben ſich ſitzen, legte dann ihre Hand auf die ſeinige, und begann in freundlichem, ſchweſterlichem Tone: „Sagt mir doch, Sir Philipp— ich bin nicht leicht neeugierig, und miſche mich nicht in anderer Leute Ange⸗ legenheiten; aber hiebei bin ich tief intereſſirt. Von Hart⸗ well kam mir ſo eben ein Gerücht zu Ohren, als ob Ihr Eurer Seits die Abſicht unterzeichnet hättet, Eure Verthei⸗ digung gegen dieſen lächerlichen Anſpruch an Euer Eigen⸗ thum aufzugeben. Sagt mir doch— iſt das wahr?“ „Zum Theil wahr, zum Theil falſch, wie alle Gerüchte. Wer hat Euch dieſe Nachricht gebracht?“ „O Einer von den Leuten aus Hartwell, der in Geſchäf⸗ ten herüͤberkam,“ gab ſie zur Antwort. „Die Nachricht muß ſich raſch verbreitet haben. Ich 323 erklärte meinen geſetzlichen Rathgebern erſt heute Morgen und hieß ſie es der gegneriſchen Partei ankündigen, daß ich den Prozeß nicht hinausziehen und ſie und mich in weitere Verluſte und Unbequemlichkeiten bringen wolle, wenn ſie mich über einen ſpeciellen Punkt befriedigen können.“ „In der That ein edles und großherziges Verfahren!“ rief Mrs. Hazleton mit begeiſtertem Ausdrucke der Ver⸗ wunderung.„Die liebe Emily! ich kann ihre Vermittlung wohl hierin erkennen.“ Sir Philipp fuhr auf, als wäre ihm ein Meſſer durch die Bruſt gedrungen, und mit tiefer innerlicher Freude ge⸗ wahrte Mrs. Hazleton die Wirkung, die ſie veranlaßt hatte. „Darf ich fragen,“ ſagte er in kaltem und trockenem Tone, nachdem er ſich wieder in etwas erholt hatte;„darf ich fragen, was meine Tochter mit dieſer Sache zu ſchaffen haben kann?“ „O in der That— das weiß ich eigentlich nicht,“ er⸗ wiederte Mr. Hazleton ſtammelnd und zögernd.„Ich dachte nur— doch das iſt gewiß lauter Unſinn. Wißt Ihr, Sir Philipp, wir Frauen ſind immer die Friedenſtifter, und da Emily beide Partien wohl kennt, ſo ſchien es natürlich, daß ſie zwiſchen ihnen vermittelte.“ „Beide Partien wohl kennt,“ murmelte Sir Philipp Haſtings langſam und nachdenklich vor ſich hin, worauf er gegen Mrs. Hazleton erwiederte:„Nein, meine theure Madame, Emily hat nichts damit zu ſchaffen gehabt; wir haben nie eine Sylbe darüber geſprochen, und ich hoffe, daß ſie auf mich wie auf ſich ſelbſt in ſo weit Rückſicht nimmt, 21* 324 um ſich nicht unaufgefordert in meine Angelegenheiten zu miſchen.“ Die Schlange hatte ihr Werk verrichtet; das Gift regte ſich in Sir Philipp's Adern, und verdarb die reinſten Säfte ſeines Herzens. Mrs. Hazleton ſah es und triumphirte. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Emily war ſo heiter wie eine Lerche. Der Strahl des Glücks und der Liebe war in ihren Augen, die Farbe der Geſundheit auf ihren Wangen, und ein neuer Geiſt der Hoffnung und Freude ſchien ihr ganzes Weſen zu durchdrin⸗ gen. So fand ſie Sir Philipp auf der Terraſſe mit Marlow, als er von Hartwell zurückkehrte. Sie trug eben ein Reit⸗ kleid, und ein Wort hätte all dieſe heitere Laune erklären können. Lady Haſtings, die in ihren Handlungen nie ſehr konſequent war, hatte einen jener Toiletteartikel zu haben gewünſcht, welche nur Damen auszuwählen verſtehen. Sie hatte ſich zu unwohl gefühlt, um ſelbſt darnach zu gehen, und obgleich ſie erſt vor vierzehn Tagen ihre tiefe Mißbilli⸗ gung darüber ausgedrückt hatte, daß ihre Tochter mit Mr. Marlow allein im Parke ſpazierte, ſo hatte ſie jetzt Beide zu Pferd abgeſchickt, um ihr das Gewünſchte zu holen. Sie hatte einen jener köſtlichen Ritte über die Dünen gemacht, welche das Herz bei jedem Schritte mit neuem Entzücken erfüllen, die Sinne mit Bildern der Schönheit ergötzen und das Blut frei in den Adern tanzen machen. Es ſchien Bei⸗ den, als ob ein Theil des Verbotes aufgehoben wäre, und als ob Lady Haſtings, auch wenn ſie ihnen vielleicht nicht zuſammen zu ſpazieren erlaubte, ihnen das Reiten für die Zukunft doch kaum verſagen könnte. So waren ſie ſehr froh geſtimmt, mit heiterem Herzen und von frohen Hoffnungen umflattert zurückgekommen. Sir Philipp Haſtings ſeiner Seits hatte einen Tag voll Bitterkeit und peinlichen, traurigen Nachdenkens zugebracht. Bei ſeinem erſten Beſuche in dem Landſtädtchen hatte er (wie ich ſchon gezeigt habe) ſeine letzte Entſcheidung aber⸗ mals aufſchieben müſſen; dann kam ſeine Konferenz mit Mrs. Hazleton; dann kehrte er auf das Bureau ſeines Ad⸗ vokaten zurück, und fand, daß die fehlenden Beweiſe von dem gegneriſchen Anwalte geliefert waren. Alles was er ver⸗ langt hatte, war da, und in der Sache ſeines Widerparts war keine Lücke zu bemerken. Er hatte von jeher ſeine Ab⸗ ſicht angekündigt, jeden Widerſtand aufgeben zu wollen, wenn ſolche Beweiſe geliefert würden, und er that es jetzt mit feſtem, eiſernem und etwas übereiltem Entſchluſſe, aber nicht ohne Bedauern und Bitterkeit. Sein Heimritt war von trüben, leidigen Gedanken erfüllt, ſeine ganze Stim⸗ mung disharmoniſch und für jede Fröhlichkeit untauglich. Er vergaß, daß die arme Emily nicht ſehen konnte, was in ſeiner Bruſt vorgegangen, daß ſie nicht Alles wiſſen konnte, was ihn geſtört und beläſtigt hatte, und ihr heiterer Froh⸗ ſinn ſchien ihm eine förmliche Beleidigung. Sir Philipp ſprach einige Worte mit Marlow, und 326 ſuchte dann Lady Haſtings unten im Wohnzimmer auf, wo ſie ſich vor Tiſche in der Regel aufzuhalten pflegte. Sir Philipp war, wie geſagt, in keiner weichlichen Schule auf⸗ gewachſen, und es war gar nicht ſeine Sache, die Mitthei⸗ lung einer ſchlimmen Botſchaft durch geſchickte Vorbereitung zu mildern. So redete er denn ſeine Gattin ohne alle Um⸗ ſchreibung oder vorbereitende Bemerkung mit folgenden Worten an: „Dieſe Sache iſt entſchieden, meine theure Rachael. Ich bin nicht länger Sir Philipp Haſtings, und wir müſſen innerhalb eines Monats aus dieſem Hauſe nach Deiner alten Heimath— dem Hofe— hinüberziehen. Auch iſt es nöthig, daß wir den Stand unſeres künftigen Einkommens und unſerer Ausgaben mit Genauigkeit in's Auge faſſen. Mit Deinem Vermögen und dem Gute, das ich von meiner Mut⸗ ter erbe, und das man mir, als den jüngeren Kindern ver⸗ macht, nicht nehmen kann, werden wir zu unſerem Glücke immer noch mehr als genug haben; aber unſere Lebensweiſe muß einen anderen Styl annehmen. Wir werden jedoch noch Zeit genug haben, daran zu denken, und methodiſch zu thun, was wir zu thun haben.“ Lady Haſtings— oder— wie wir ſie jetzt lieber nennen ſollten— Mrs. Haſtings, ſchien anfänglich kaum zu be⸗ greifen, was ihr Gatte damit ſagen wolle. „Du willſt doch nicht andeuten, Philipp,“ rief ſie,„daß dieſe ſchreckliche Sache entſchieden iſt?“ „So weit als ich dabei betheiligt bin— vollkommen,“ 327 erwiederte Sir Philipp Haſtings;„ich werde keinen ferneren Widerſtand leiſten.“ Lady Haſtings fiel in hyſteriſche Krämpfe, und ihr Gatte, welcher wußte, daß man unter ſolchen Umſtänden nicht mit ihr räſonniren konnte, rief ihre Zofe und verließ ſie. Die Tiſchgeſellſchaft in der Halle war diesmal ſehr trau⸗ rig. Sir Philipp war düſter und verſchloſſen, und die Nach⸗ richt des großen Vermögensverluſtes, die ſich im Hauſe aus⸗ breitete, benahm ſeiner Tochter bald ihre Munterkeit. Auch Marlow war ſehr ernſt, denn er glaubte, ſein Freund habe voreilig gehandelt. Lady Haſtings erſchien gar nicht bei Tiſche, und ſobald das Mahl vorüber war, verfügte ſich Emily auf ihrer Mutter Zimmer, und ließ Marlow und ihren Vater bei ihrem Weine zurück. Sir Philipp vermied jedoch, von ſeinem neulichen Verluſte zu reden, und als Marlow ſelbſt darauf anſpielte, erwiederte er ganz kurz: „Das iſt vorüber, und ich will die Sache völlig von meiner Seele abſchütteln, Marlow. Ich will verſuchen, unter allen Umſtänden ſo gut wie möglich das Rechte zu thun, ſo große Seelenpein es mich auch koſten mag. Nach⸗ dem ich meine Pflicht gethan habe, ſoll meine nächſte Be⸗ mühung dahin gehen, jede Reue, jedes Bedauern zu unter⸗ drücken. Es gibt nur ein Ding im Leben, was mir dauern⸗ den Schmerz bereiten könnte und das wäre— ein unwürdi⸗ ges Kind zu haben.“ Marlow ſchien den beſonderen Nachdruck, mit dem dieſe letzten Worte geäußert wurden, nicht zu bemerken, ſondern erwiederte: 328 „Nun darin wenigſtens ſeyd Ihr höchſt glücklich, Sir Philipp, denn Emily iſt ein Segen, der wohl für jedes Miß⸗ geſchick entſchädigen kann.“ „Ich— hoffe ſo— ich glaube ſo,“ ſagte Sir Philipp trocken und haſtig, und fuhr dann zu einem anderen Thema übergehend fort:„nennt mich blos Philipp Haſtings, mein guter Freund. Ich ſage mit Lord Verulam: der Kanzler iſt dahin’— das heißt, ich bin nicht länger Baronet. Das wird mich jedoch nicht betrüben, und was den Verluſt des Vermögens betrifft, ſo kann ich ihn mit der vollkommenſten Gleichgültigkeit tragen.“ Mr. Haſtings rechnete jedoch einigermaßen ohne den Wirth: denn er kannte nicht alle die kleinen Beläſtigungen, die ſeiner warteten. Die Prozeßkoſten, welche zu bezahlen waren, die rückſtändigen Renten, welche verlangt wurden, die langen und verwickelten Rechnungen, welche zu ſtellen waren, das eifrige Beſtreben, ihn mancher Dinge, die ſein unzweifel⸗ haftes Eigenthum waren, zu berauben— waren während der nächſten ſechs Monate lauter Dinge täglichen Aergers und ſtündlicher Aufreizung. Auch hatte er ſich in dem gan⸗ zen Betrage der Ausgaben ſehr ſtark verrechnet. Da er nie ſein volles Einkommen verbrauchte, ſo hatte er eine ge⸗ nügende Baarſchaft zu beſitzen geglaubt, um alle an ihn zu ſtellenden Forderungen bezahlen zu können; allein das war durchaus nicht der Fall. Bis alle Schulden getilgt und die Rechnungen geſchloſſen waren, mußte er auf ſeine Leib⸗ rente und ſeiner Mutter Eigenthum Geld aufnehmen, ſo 329 daß er als einziges Auskunftsmittel zuletzt auf das Einkom⸗ men ſeiner Frau angewieſen war. Dieſe täglichen Bekümmerniſſe äußerten eine viel tiefere Wirkung auf Mr. Haſtings, als jedes ernſtere Unglück es hätte thun können: er wurde düſter, mürriſch und ungedul⸗ dig; ſein Geiſt brütete über Alles was vorgefallen war und noch weiter vorfallen konnte; er bekam verkehrte Anſichten über manche Dinge, denen er dann mit unerſchütterlicher Hartnäckigkeit anhing. Mittlerweile ſuchten die Nachbarn und Freunde durch alle denkbaren Mittel der Familie ihre Theilnahme und Freundlichkeit zu erweiſen. Noch ehe die Haſtings die Halle verließen, kamen die Beſuche zahlreicher als ſie je gekommen waren, und es war das für Mrs. Haſtings einiger Troſt, für ihren Gatten aber das gerade Gegentheil, denn er zeigte ſich nicht ſehr häufig unter den Gäſten, ſondern blieb ſoviel wie möglich in ſeinem eigenen Studirzimmer. Es war für Alle und für Emily insbeſondere ein ſehr ſchmerzlicher Tag, als ſie das Thor der alten Halle zum letzten Mal paſſirten und ihren Weg durch den Park nach dem Hofe einſchlugen. Das Geräthe, die Bücher, das Silbergeſchirr war großentheils vorausgegangen; die Zim⸗ mer ſahen leer und troſtlos aus, und als Emily vor dem Einſteigen in den Wagen noch eines nach dem andern be⸗ ſuchte, konnte deren Anblick nichts ſehr Anziehendes für ſie haben. Aber in jedem derſelben gab es Stellen, die mit manchen theuren Erinnerungen, Gefühlen, Fantaſten, Ge⸗ danken— kurz mit allen heiteren Dingen der frühen glück⸗ 330 lichen Jugend zuſammenhingen, und es war ſehr, ſehr bitter für ſte, das Alles zu verlaſſen und zu wiſſen, daß ſie es nie wieder ſehen werde. Sie wäre wahrſcheinlich in eine ihrer tiefen Träumereien verſunken, wenn ſie nicht dagegen angekämpft hätte, wohl wiſſend, daß Vater und Mutter in den kommenden Stunden Troſt und Faſſung bedürfen würden. Sie bemühte ſich alſo, ſich ohne eine Spur von Kummer voll Muth und Stand⸗ haftigkeit aufrecht zu erhalten, und es gelang ihr ſogar ſo gut, daß es ihren Vater nicht befriedigte. Er nannte ſie frivol und leichtſinnig, und fand es ſehr auffallend, daß ſeine Tochter ihren Geburtsort— ihre erſte Heimath— anſcheinend ohne einen Seufzer des Bedauerns verlaſſen konnte. Er ſelbſt ſaß düſter, ernſt und ſchweigend im Wagen; Mrs. Ha⸗ ſtings lehnte ſich zurück, hatte das Taſchentuch vor den Augen und weinte bitterlich. Emily allein war gefaßt und heiter, und hielt dieſe Stimmung auf dem ganzen Wege aufrecht, bis ſie den Hof erreichten und ſich bis zum Mittag⸗ eſſen trennten; dann freilich weinte ſie lange und bitterlich. Ehe ſie zum Mittagstiſche hinab ging, ſuchte ſie alle Spuren des in der letzten Stunde durchlebten Kummers ſo gut wie möͤglich zu verwiſchen; doch gelang ihr dieß nicht vollſtändig, und als ſie das Beſuchzimmer betrat, und ihren Vater in heiterem Tone anredete, richtete er ſeine Augen auf ihr Antlitz und entdeckte alsbald die Spuren friſcher Thränen an den geſchwollenen Augenlidern. „Sie hat geweint,“ ſagte Mr. Haſtings zu ſich ſelbſt; „ſollte ich mich getäuſcht haben?“ 331 Ein Schimmer der Wahrheit tauchte in ſeiner Seele auf, und tröſtete ihn ſehr; aber leider ſollte er nur zu bald wieder verſchwinden. Aus Zartgefühl hatte ſich Marlow an dieſem Tage nicht ſehen laſſen; am folgenden Morgen kam er jedoch frühzeitig, und wurde von da an ein täglicher Beſucher des Hofes. Er bemühte ſich vorzugsweiſe Emily's Vater aufzuheitern und widmete ihm manche Stunde, um ſein Gemüth von Allem, was in ſeiner Lage peinlich war, abzulenken, indem er ihn auf ſeine Lieblingsdebatten über abſtrakte Gegenſtände zu leiten ſuchte. Marlow war jedoch nicht der einzige, fleißige Beſucher auf dem Hofe; auch Mrs. Hazleton kam zwei⸗ bis dreimal in der Woche, und war die reinſte Güte, Sanftmuth und Theilnahme. Sie hatte ſich vorher tüchtig geſchult, und begegnete Mr. Marlow, als Emily's Bräutigam, mit einer wunderbar gut affektirten Unbefangenheit. Für Mrs. Ha⸗ ſtings wurde ſie der größte Troſt, obwohl man nicht behaup⸗ ten kann, daß ihre Rathſchläge ſich für den Haushalt im Geringſten tröſtlich erwieſen. Gleichwohl kompromittirte ſich Mrs. Hazleton niemals; Mrs. Haſtings hätte nicht ein einziges Wort von ihr wiederholen können, das im mindeſten zu tadeln war. Sie beſaß eine Manier, Rath einzuflüſtern, ohne ihn auszuſprechen, und ihre Worte durch Blicke zu ergänzen, welche für die Perſon, die ſie ſah, voller Bedeutung, für Andere aber völlig unbeſchreiblich war. Sie war übrigens nicht damit zufrieden, blos Mrs. 332 Haſtings' Freundin und Vertraute zu ſeyn: ſie wollte auch Emily's Vater gewinnen, und dieß gelang ihr ſo gut, daß Mr. Haſtings aller Urſachen des Zweifels, des Argwohns und der Kränkung vergaß, und Mrs. Hazleton als eine wahrhaft freundliche, liebenswürdige, und— ſoweit ſich's von einer Frau erwarten ließ— konſequente Perſon ſchätzen lernte. Mrs. Hazleton äußerte jedoch in ſeiner Gegenwart nie ein Wort, das irgendwie eine Herabſetzung von Mr. Mar⸗ low's Charafter bezwecken oder als eine Mißbilligung der beabſichtigten Heirath ausgelegt werden konnte. Dazu war ſie viel zu klug und kannte Mr. Haſtings' Charakter zu genau, um nicht zu wiſſen, daß ſie ihren Zweck doch nicht erreichen und durch ein ſolches Verfahren nur ſich ſelber ſchaden wükde. Gegen Emily war ſie ausnehmend freundlich und liebens⸗ würdig, und ganz die Mrs. Hazleton von früher. Aber bei dem Mädchen gelang es ihr weit weniger als bei ihren Eltern, denn Emily konnte den Beſuch in ihrem Hauſe und was ſich damals ereignet hatte nicht vergeſſen, und ihre Zweifel an Mrs. Hazleton's Charakter waren nicht ſo leicht zu heben. Dieſer Charakter war für Emily ein Räthſel, wie man ſich leicht denken kann; ſie wußte nichts, was ſie als ein untrügliches Zeichen eines ſchlechten Herzens oder doppelſinnigen Weſens betrachten konnte— und dennoch zweifelte ſie. Auch Marlo. that nicht das Geringſte, um ſie hierüber aufzuklären; denn ſo oft ſie auch über Mrs. Hazleton ſpra⸗ 333 chen, und ſo ſehr Marlow alle ihre glänzenden Eigenſchaften zugab, ſo wurde er doch ſehr ſchweigſam, ſobald Emily tiefer in deren Charakter eingehen wollte. Auch Marlow hatte ſeine Zweifel, und ſah es, ehrlich geſtanden, gar nicht gerne, daß Mrs. Hazleton eine ſo fleißige Beſucherin des Hofes war. Er wußte zwar nicht eigentlich, was er fürchtete; es war nur ein gewiſſer Inſtinkt, der ihm ſagte, daß ſeine Theil⸗ nahme für Emilys' Familie an Mrs. Hazleton nicht den geneigteſten Anwalt finden würde. So war der Zuſtand der Dinge, als ſich eines Abends eine kleine Tiſchgeſellſchaft— die erſte, die er ſeit dem Ver⸗ luſte ſeines Vermögens gegeben hatte— in Mr. Haſtings Hauſe verſammelte. Der Sommer war zurückgekehrt, das Wetter war ſchön, die Gäſte heiter und geiſtreich, und das Mahl verlief in der glücklichſten Stimmung. Mehrere fremde Herren und Damen waren anweſend. Unter letzteren auch Mrs. Hazleton. Die Politik ſpielte damals eine große Rolle; die Leute waren nicht ganz mit dem Koöͤnig zufrieden, den ſie ſelber gewählt hatten, und mehrere Thaten der Intoleranz hatten bewieſen, daß Verſprechen, vor dem Erlangen der Macht gegeben, nicht immer ſehr pünktlich gehalten werden, wenn man die Macht endlich in Händen hat. Mr. Haſtings hatte ſich nie bei den Parteikämfen betheiligt; er hegte eine tiefe Verachtung für Politik und Politiker, hatte aber gar nichts dagegen, über allgemeine Regierungsprinzipien auf abſtrakte Weiſe zu räſonniren, wobei er ſeine Zuhörer ſehr häufig durch Anſichten frappirte, welche nicht allein gegen 334 alle Konvenienz wie gegen die angenommenen Anſichten des Tages verſtießen, ſondern zuweilen ſogar ſehr heftig und manchmal auf den erſten Blick mit einander unverträg⸗ lich waren.. Diesmal nahm das Geſpräch nach Tiſche eine politiſche Wendung; als die Herrn von ihrem Weine aufſtanden, gingen ſie in die noch immer in ſchönem Stande erhaltenen Gärten, und ſetzten im Freien ihre Diskuſſion fort. Auch die Damen gingen nicht in Gruppen, ſondern hier und dort zerſtreut zwiſchen den Blumenbeeten ſpazieren— eine da⸗ malige Vorliebe, wie man ſie noch aus allen alten Gemälden entnehmen kann. Marlow hielt ſich natürlich an Emily, welche nicht gar weit von der Thüre ein Geſträuch in die Höhe band; Mrs. Hazleton war jedoch ſo unfreundlich, ihn von ſeiner Braut abzurufen, um ſich von ihm den Namen einer ihr unbekannten Blume erklären zu laſſen. Mr. Haſtings nahm ſofort ſeine Tochter unter'm Arm, und ſpazierte auf ſie gelehnt auf der Terraſſe auf und ab, während er mit einem northumbriſchen Edelmanne— in der Geſchichte als Sir John Fenwick bekannt— ſeine Dis⸗ kuſſion fortſetzte. „Der Fall ſcheint mir dieſer zu ſeyn,“ ſagte Mr. Ha⸗ ſtings als Antwort auf eine Frage des Andern:„Alles hängt von der Nothwendigkeit ab. Heftige Maßregeln ſind ein ſchlechtes Heilmittel für alles Andere als etwa für heftige Uebel; aber die Größe des Uebels kann oft auch die energiſche⸗ ſten Mittel rechtfertigen. Wird mir wohl Jemand ſagen wollen, Brutus ſey nicht berechtigt geweſen, den Cäſar zu 33⁵ ermorden? Wird mir Jemand ſagen wollen, Wilhelm Tell habe nicht in Allem was er gegen den Tyrannen ſeines Vaterlandes that, Recht gehabt? Ich will die engliſchen Königsmörder keineswegs entſchuldigen, nicht allein weil ſie einen Mann durch einen in unſeren Geſetzen unbekannten und aller Gerechtigkeit widerſtreitenden Prozeß verurtheilten, ſondern weil ſie eine That begingen, wozu keine abſolute Nothwendigkeit vorlag. Wo aber eine abſolute Nothwen⸗ digkeit erwieſen iſt, wo ſich kein anderes Mittel finden läßt, um Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zu erlangen— da ſehe ich keinen Grund, warum ein König nicht ebenſo gut wie jeder Andere getödtet werden dürfte. Ja noch mehr: wer die That mit voller Würdigung ihrer Wichtigkeit, mit einem Gewiſſen frei von allen Privatrückſichten und mit klarem Verſtändniß der vollen Bedeutung ſeiner Handlung begeht, der verdient eher ein Ehrendenkmal als einen Gal⸗ gen, obwohl er in unſerer Zeit ſicher ſeyn darf, den letztern und nicht das erſtere zu erlangen.“ „Pſch, pſch! ſprecht nicht ſo laut, mein theurer Sir,“ mahnte Sir John Fenwick.„Weit harmloſere Worte als dieſe haben Sidney's Haupt auf den Block gebracht.“ 3„Ich fürchte nichts für die meinigen,“ erwiederte Mr. Haſtings mit ſchwachem Lächeln;„es ſind blos abſtrakte An⸗ ſichten über ſolche Dinge und allen gekrönten Häuptern gar wenig gefährlich; wollten ſie ſolche Anſichten unterdrücken, ſo müßten ſie mehr als die Hälfte all der Bücher verbrennen, die wir vom alten Rom überkommen haben.“ 3 Sir John Fenwick wollte jedoch den Gegenſtand nicht 336 8 weiter verfolgen, und gab dem Geſpräche eine andere Wen⸗ dung. Er meinte, es ſey ſchon weit genug gegangen, be⸗ ſonders da eine junge Dame anweſend war, denn er gehörte zu den Leuten, welche den Frauen keine Vorſicht zutrauen, und er wußte wohl— ſo wenig er auch von ſeinem Wiſſen profitirte— daß Dinge welche, abſtrakt genommen, ganz unverfänglich ausſehen, ſehr gefährlich werden können, wenn man ſie gewaltſam mit Ereigniſſen in Verbindung bringt. Philipp Haſtings hätte das was er ſagte ohne die mindeſte Furcht vor den Ohren von ganz Europa wiederholt; aber es zeigte ſich dennoch, daß er für ſeine eigene Sicherheit zu viel geſagt hatte. Außer Sir John Fenwick ſchien Niemand jene ſehr ſtarken Ausdrücke beachtet zu haben, und kurz darauf verſammelte ſich die Geſellſchaft abermals, wor⸗ auf das Geſp äch allgemein und nicht ſehr intereſſant wurde. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Menſchen haben ihr Leben der Erreichung zweier Gegenſtände geopfert— der werthloſeſten, denen der hohe. Geiſt des Menſchen jemals nachjagen konnte, ganz entfrem⸗ det den eitlen Illuſionen, die uns von der Jugend bis zum Alter durch's Leben führen— ich meine den Stein der Wei⸗ ſen und das Elixir des Lebens. Geld, Geld, ſchmutziges Geld— nicht Auskommen, nicht Unabhängigkeit, ſondern Ueberfluß und unerſchöpflicher Reichthum, die harte Koſt 337 des Cröſus— wie konnten ſie jemals das eine große End⸗ ziel unſeres unſterblichen Geiſtes bilden! Aber noch merk⸗ würdiger iſt es, daß ein zu höherer Beſtimmung geborenes Weſen darnach ſtreben ſollte, ſich ſelbſt für immer an dieſe dumpfe Erde zu feſſeln— in einer Lehmhütte zu wohnen, während ihm die Thore eines Palaſtes offen ſtehen— in einem Kerker zu ſchmachten, während Freiheit zu haben iſt — Liebe, Freundſchaft, Hoffnung und Glück zu überleben und einſam in einem Garten zurückzubleiben, wo jede Blüthe verwelkt iſt. Den Stein der Weiſen zu ſuchen— ſelbſt wenn er gefunden werden konnte— war Wahnſinn; das Elirir des Lebens ſich zu wünſchen, war aber eine noch größere Tollheit. 3 Es gab einſt eine Periode in der Weltgeſchichte, wo nach einem Gegenſtande, der auf den erſten Anblick mit dem großen Clirire die meiſte Aehnlichkeit zu haben ſcheint, in Wirklichkeit aber weit davon verſchieden iſt— auf's emſigſte geſucht wurde. Die amerikaniſchen Hiſtoriker erzählen uns, daß unter den Indianern am Puerto Rieo die Sage herrſchte, als ob es auf einer der dortigen Küſteninſeln eine Quelle gäbe, welche die wunderbare Macht beſitze, Jedem, der in ihren Waſſern badete, die volle Kraft und Friſche der Ju⸗ gend wiederzugeben; einige von den ſpaniſchen Abenteurern ſollen ſie emſig aber vergeblich geſucht haben. Hier hatte man in der That einen wünſchenswerthen Gegenſtand, nach dem das Herz ſich ſehnen und über deſſen Unnahbarkeit es trauern konnte. O dieſe Quelle der Jugend; was könnte ſie nicht Alles James, Racee, 22 338 zurückgeben! Die elaſtiſche Biegſamkeit der Glieder, leichte Rüſtigkeit des Körpers, den ſüßen, ruhigen Schlummer, das Vermögen, zu erwerben und zu genießen, die Friſche des Herzens, die Heiterkeit der Fantaſie, die glänzenden Träume, die glorreichen Beſtrebungen, die Güte und Sanftmuth, die Unſchuld, die Liebe. Wir, die wir auf der Sandbank der Erinnerung ſtehen und aus unſeren entſchwundenen Träu⸗ men in das heiterere Land weit hinter uns zurückſchauen— wir dürfen uns wohl nach jenem ſüßen Borne ſehnen, der nicht das Leben, ſondern die Jugend erneuern würde. O Jugend— Jugend! gebt mir nur ein Jahr der Ju⸗ gend wieder! Und ſie wird kommen: ich ſehe ſie dort jen⸗ ſeits der Wolken— jene Quelle der Jugend— in dem Lande, wo alle Blüthen unſterblich ſn!. Sehr auffallend iſt es übrigens„daß bei manchen Men⸗ ſchen mit dem Entſchwinden der Jugend auch die Erinnerung an ſie erſtirbt. Sie erinnern ſich ſo wenig der Empfindun⸗ gen jener glücklicheren Zeit, daß ſie an Anderen ſie nich mehr begreifen; jene Gefühle werden ihnen ein Räthſel. ein Mährchen, geſchrieben in einer Sprache, die ſie vergeſſen haben. So ging es Philipp Haſtings und ſeiner Gattin. Kei⸗ nes von Beiden ſchien Marlow's und Emily's Gefühle zu be⸗ greifen, und der Vater verſtand ſie am wenigſten. Er hatte in ihre Verbindung gewilligt; er billigte ſeiner Tochter Wahl, und doch war es ihm auffallend und unerfreulich, daß ihre Gedanken ausſchließlich ihrem Liebhaber gewidmet wa⸗ ren. Er wollte kaum glauben, daß die tiefe Neigung, die . 4 * 339 ſie für einen Andern fühlte, mit der Liebe zu ihrem Vater verträglich ſey. Er wußte nicht oder ſchien vergeſſen zu haben, daß das Gebot, Alles zu verlaſſen und dem Manne anzuhängen, in des Weibes Herzen ſo deutlich wie in der Bibel verzeichnet ſteht. Was er jedoch empfand, war keineswegs Eiferſucht, ob⸗ wohl ich auch dieſes an einem Vater gegen ſein Kind erlebt habe. Es war ein Theil des Räthſels über Emily's Cha⸗ rakter— ein Räthſel, das er immer ohne Erfolg zu löſen ſuchte. „Sie kennt dieſen jungen Mann nur kurze Zeit,“ dachte er— gkein Jahr— nicht viele Monate, und doch iſt es Sas fr auch in dieſem kurzen Zeitraume ihn mehr lie⸗ klar ben dernte als diejenigen, an die ſie durch jedes Band lange 8 dauernder Neigung und Zärtlichkeit geknüpft iſt.“ 3 Sätte er daran gedacht, ihr Benehmen, ihre Empfin⸗ ner. mit denen ſeiner eigenen Jugend zu vergleichen, ſo hätte er ſich noch mehr gewundert, denn er hätte dann geſagt: Mir wurde in meinen jüngeren Tagen keine Zärtlich⸗ keit bewieſen; ich war nicht der Gefährte, der Freund, das Idol und der Liebling von Vater und Mutter, ſo lange mein älterer Bruder lebte. Ich liebte ſie, die mich in Wirklich⸗ keit zuerſt liebte: von meinen Eltern war mir nur wenig Liebe, nur wenig Güte widerfahren. Es war alſo natür⸗ lich, daß ich meine Liebe anderswo feſſelte, wie ſie die ihrige firirt hatte. Aber bei meinem Kinde iſt der Fall doch ganz anders.“ 22* — 340 Und dennoch liebte er Marlow ſehr, ſuchte ſeine Geſell⸗ ſchaft und freute ſich, daß er ſeiner Tochter Gatte werden ſollte; aber ſelbſt was ihn betraf, war Mr. Haſtings in ge⸗ wiſſem Grade überraſcht, denn Marlow konnte nicht verber⸗ gen, daß er Emily's Geſellſchaft mehr liebte als die ihres Vaters, daß er ſie der des Brutus oder gar des Cato weit vorzog. Dieſe Vorliebe Marlow's für ſeine Braut war für Mr. Haſtings Plane, ſeinen Schwiegerſohn nochmals zu er⸗ ziehen und ſeinem Charakter jene Kraft und Stärke zu ge⸗ ben, deren er ihn für fähig erachtete— ein großer Stein des Anſtoßes. Er machte nur ſehr geringe Fortſchritte, und Marlow's Geſellſchaft wäre vielleicht ſogar nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben, hätte wohl gar ſeinen Charakter gemildert und geſänftigt, wenn nicht beſtändig feindſelige Einflüſſe geſchäftig geweſen wären. Alles was neuerdings paſſirt war— der Verluſt von Vermögen und Stellung— der ſchwarze, aufreizende Arg⸗ wohn, der ihm über ſeines Kindes Benehmen eingeflößt worden— die Zweifel an ihrer Offenheit und Aufrichtigkeit — die unwiderlegliche Thatſache, daß ſie einen Anderen mehr, weit mehr als ihn ſelber liebte, und hie und da ein freundliches Wort von Mrs. Hazleton, das ihm den Pfeil tiefer ins Herz treiben ſollte— hatte ihn düſter und mür⸗ riſch geſtimmt, ihn geneigt gemacht, anderer Leute Hand⸗ lungsweiſe ſchief zu beurtheilen und ſie mit weniger Unbe⸗ fangenheit zu betrachten, als er ſte immer zu betrachten wünſchte, Wenn Marlow von ihm weg zu Emily eilte nnd 341 mit dieſer in den heiterſten Farben der Fantaſie ein blühen⸗ des Gemälde ihrer Zukunft entwarf, dann pflegte ihr Vater einſam und nachdenklich vor ſich hin zu wandeln und ſich fin⸗ ſteren, unerquicklichen Träumereien zu überlaſſen. Mrs. Haſtings berathſchlagte unterdeſſen mit Mrs. Haz⸗ leton, und ſie ſtimmten darin mit einander überein, daß der Bater über das Verlöbniß, das auf ſeinen Wunſch eingelei⸗ tet worden, bereits mißvergnügt ſey, und daß ein ausdauern⸗ der Widerſtand von Seiten der Mutter dieſer Brautſchaft ſchließlich ein Ende machen werde. Mes. Haſtings dachte auch— oder vielmehr ſie fühlte, denn bis zum Denken kam es nicht bei ihr— ſie habe jetzt ein größeres Recht, bei ihrer Tochter Verheirathung ein Wörtchen drein zu ſprechen, da Emily's ganzes Vermögen nunmehr von ihr ſelber herrührte. Sie wagte jetzt kühner zu widerſprechen und ihre der Heirath feindſelige Anſicht ge⸗ gen Gatten und Kind auszudrücken. Es geſchah gegen Mrs. Hazleton's Rath, wenn ſie dieſes that, denn jene Dame kannte Mr. Haſtings weit beſ⸗ ſer als ſein eigenes Weib ihn kannte, und während Emily's Wangen glühten und ihre Augen in Thränen ſchwammen, gab Mr. Haſtings eine ſo ſtrenge und bittere Antwort, daß ſeine Frau voller Angſt über das, was ſie angerichtet hatte, zurückwich. Das Wort war jedoch geſprochen— die Wahrheit lag am Tage: Mr. Haſtings und Emily wußten fortan, daß ſie die Brautſchaft zwiſchen ihrer Tochter und Marlow abge⸗ 342 brochen wünſchte; ſie war jener Heirath abgeneigt und wollte ſich ihr widerſetzen. Die Wirkung dieſer vollſtändigen Enthüllung ihrer Ab⸗ ſichten auf Mann und Kind war ſehr verſchieden. Emily war vor Ueberraſchung und Kummer, nicht aber— wie ihr Vater glaubte— vor Aerger erröthet, und ſie beſchloß fort⸗ an, ſich zu bemühen, um ihrer Mutter Gefühle gegen ihren Geliebten zu ſänftigen und deren Einwilligung zu der Ver⸗ bindung zu gewinnen, von welcher ihr eigenes Glück ab⸗ hing, welche aber dieſes Glück ohne die Billigung ihrer Mutter nicht vollſtändig machen konnte. Mr. Haſtings im Gegentheil hegte gar keine Erwartung, daß ſeine Frau ihre Anſichten jemals ändern würde, ſelbſt wenn ſie ihr Verfahren ändern ſollte. Die vielen Jahre ihrer ehelichen Verbindung hatten ihm doch einige Kenntniß und einen Begriff von ihrem Charakter aufgedrängt und er glaubte, auch wenn jeder offene Widerſtand und erklärte Widerſpruch durch ſeine ſcharfe, entſchloſſene Antwort nieder⸗ geſchlagen ſey, ſo werde Mrs. Haſtings gleichwohl durch fortwährende, ewig wiederkehrende Anſtrengungen ihren ei⸗ genen Sinn durchſetzen und ſeine wie Emily's Abſichten verhindern wollen. Er ſchickte ſich an, jenem ärgerlichen Guerillakriege mit herben, höhniſchen und verletzenden Wor⸗ ten zuvorzukommen, womit ein Weib zuweilen die Beſchlüſſe ihres Mannes zu hintertreiben ſucht, und er entſchloß ſich nur zu noch hartnäckigerem Widerſtande. Er wußte, daß ſie in dem Kampfe nicht obſiegen werde; aber er beſchloß, dem Kriege dadurch ein Ende zu machen, daß er entweder 343 ſeinen Aerger über ſolches Vorhaben entſchieden ausſprach⸗ oder das Brautpaar weit früher als er Anfangs beabſichtigt hatte mit einander vereinigte. Letzteres ſchien der leichtere Ausweg, und es war große Ausſicht vorhanden, daß die Trauung, welche eigentlich bis zu Emily's neunzehntem Jahre verſchoben werden ſollte, weit früher ſtattfinden würde, wenn nicht Ereigniſſe einge⸗ treten wären, welche ſogar noch einen längeren Aufſchub veranlaßten. Eine der erſten Maßregeln, welche Mr. Haſtings er⸗ griff, um ſeiner Frau zu zeigen, daß ihr unvernünftiger Widerſtand keinen Erfolg bei ihm haben werde, war, daß er nicht allein das Verbot aufhob, wonach Mrs. Haſtings dem Bräutigam die Ausflüge unterſagt hatte, ſondern ſeine Tochter und ihren Bräutigam ſogar unter jedem ſich bieten⸗ den Vorwande geradezu ausſchickte. Das erſtemal nahm er Gelegenheit ſolches in Gegenwart ſeiner Frau zu thun, und der Eingebung des Augenblicks gehorchend, wagte ſie zu widerſprechen. Ein Wort, ein Blick ihres Gatten brachte ſie jedoch zum Schweigen, denn es waren Blicke und Worte, mit denen nicht zu ſpaſſen war, und Emily entfernte ſich, um ſich zum Spazierengehen anzukleiden, aber ſie that es mit Thränen in den Augen. Es ſchmerzte ſie zu ſehen, daß Al⸗ les, was zu ihrem Glücke gehörte, eine Urſache der Zwie⸗ tracht zwiſchen Vater und Mutter werden ſollte. Hätte es ſich nicht um Marlow gehandelt, hätte nicht ſein Glück eben⸗ falls auf dem Spiele geſtanden, ſo würde ſie lieber Alles zum Opfer gebracht haben, um ein ſolches Reſultat zu ver⸗ 344 meiden; allein ſte fühlte, daß ſie nicht das Recht habe, einer Laune nachzugeben, wo er ebenſo gut wie ſte zu leiden hatte. Der Spaziergang fand ſtatt und wäre wohl Beiden ſehr ſüß geweſen, wenn nicht die kaum vorangegangene Scene einen Tropfen der Bitterkeit in ihren kleinen Freudenbecher gegoſſen hätte. Solche Spaziergänge wiederholten ſich öf⸗ ters im Laufe des nächſten Monats; allein Emily war nicht ſo glücklich wie ſie hätte ſeyn können, denn ſte ſah, daß ihr Vater einen kältern, ſtrengeren Ton gegen ſeine Gattin an⸗ nahm, und ſie glaubte, ſie ſey die willenloſe Urſache dieſer peinlichen Entfremdung. Sie wußte nicht, daß dieſe theil⸗ weiſe einer andern Quelle entſprang, daß Mr. Haſtings entdeckt oder errathen hatte, wie ſeine Gattin aus dem Ver⸗ luſte ſeiner bedeutenden Ländereien und aus dem Umſtande, daß ihr Vermögen allein für Beide übrig geblieben, einen Anſpruch auf vermehrte Gewalt und Autorität ableiten wollte. Arme Emily! Marlow's Liebe— dieſer Traum der Freude— ſchien ihr wenigſtens eine Zeitlang nichts als Angſt und Kummer zu bringen. Ihre Träumereien wurden häufiger und tiefer; ihr Geliebter konnte ſte zwar jeden Au⸗ genblick davon abrufen, aber ſonſt hatte Niemand die Macht hiezu. Eines Tags hatten Marlow und Emily, die er jeden Tag mit tieferer Liebe umfaßte, da er ſie kannte und ſie— er allein!— vollſtändig begriff— einen glücklicheren und friedlicheren Ausflug als gewöhnlich auf grünen Pfaden über die Hügel und durch eine reizende auf den Gränzen beider Grafſchaften gelegene Landſchaft gemacht und kehrten langſam nach Hauſe zurück, wo ſie nicht viel Behaglichkeit zu finden hoffen durften. Im Näherkommen ſahen ſie von der Straße aus einen wie von langer Reiſe beſtaubten und noch immer angeſpannten Wagen vor der Thüre ſtehen. Außer dem Kutſcher waren noch drei Männer bei dem Fuhrwerk und führten ihre Roſſe auf der Terraſſe auf und ab, wie wenn ihr Aufenthalt nur kurz dauern würde. Das war ſogar für damalige Zeit auf dem Lande bei Eskortirung eines Wagens eine ungewöhnliche Anzahl von Begleitern, wenn nicht etwa ein Staatsbeſuch gemacht wurde, und das Fuhrwerk ſelbſt — eine große alte Rumpelkutſche, die ſchon beſſere Tage erlebt hatte— deutete keineswegs auf hohe Stellung oder Würde auf Seiten ihres Beſitzers. Sie wußte nicht— warum; aber eine Anwandlung von Furcht oder wenigſtens Aengſtlichkeit kam über Emily, wäh⸗ rend ſie den Wagen betrachtete und zu Marlow gewendet ſagte: „Wer ſind dieſe Beſucher?“ „Das weiß ich in der That nicht, Liebe,“ gab er zur Antwort;„aber die Equipage iſt ziemlich ſonderbar. Wären wir in Frankreich,“ fuhr er lachend fort;„ſo würde ich glauben, ſie gehöre einem Exempten, der ein Leitre de cachet überbringe.“ Emily lächelte gleichfalls, denn der Gedanke, daß ihr Vater den Unwillen irgend einer Regierung auf ſich gezogen 346 oder ein Geſetz verletzt habe— ſchien ganz außer Frage zu ſtehen. Als ſie ſich jedoch der Thüre näherten, begegnete ihnen ein Diener mit ernſter, ängſtlicher Miene, der ihnen mel⸗ dete, daß Mr. Haſtings ſie unverzüglich im Speiſezimmer zu ſprechen wünſche. „Iſt Jemand bei ihm?“ fragte Emily, nicht wenig überraſcht. „Ja, Miß Emily,“ erwiederte der Mann;„ein ſonder⸗ barer Herr iſt bei ihm. Geht aber lieber ſogleich hinein, denn ich fürchte, die Dinge ſtehen nicht zum Beſten.“ Marlow nahm ihren Arm und drückte ihn ſanft, um ſie fühlen zu laſſen, daß er ihr eine Stütze ſeyn wolle, und ſo betrat er neben ihr das Speiſezimmer, wie es in der Regel genannt wurde. Bei ihrem Eintritte trafen ſie einen ſonderbaren und peinlichen Anblick. Mr. Haſtings ſaß neben einem Fenſter mit dem Hut auf dem Kopfe, den Mantel auf einen neben⸗ ſtehenden Stuhl geworfen. Sein Weib ſtand in der Nähe und weinte bitterlich, und an der großen Tafel inmitten des Zimmers ſtand ein gemein ausſehender Mann im Aufzuge eines Gentlemans, aber ohne ein ſonſtiges Zeichen, daß er einer höheren Klaſſe angehöre. Er war ſehr korpulent und ſein von einer enormen Perrücke beſchattetes Geſicht war feiſt und aufgeſchwollen. Wein und Speiſe ſtand vor ihm, und er ſchien beiden weidlich zuzuſetzen, ohne von dem Haus⸗ herrn oder ſeiner weinenden Chehälfte die geringſte Notiz zu nehmen. —.— —z— 347 Mr. Haſtings ſtand auf und näherte ſich ſeiner Tochter, ſobald dieſe eintrat. Im nächſten Augenblicke richtete ſich das Auge des leckeren Gaſtes von ſeinem Teller auf und wendete ſich mit einem Blicke argwöhniſcher Spannung nach den Eintretenden. „Ach, mein theurer Vater, was gibt es?“ rief Emily ihm entgegeneilend. „Einer jener Unfälle im Leben, mein Kind,“ erwiederte Mr. Haſtings,„von denen ich höchſt thörichter Weiſe frei zu ſeyn hoffte. Allein es ſcheint,“ fuhr er fort,„kein auch noch ſo rückhaltendes Benehmen vermag Einen vor dem un⸗ gerechten Argwohn von Prinzen und Regierungen zu ſchützen.“ „Ganz gute Urſache zum Argwohn, Sir,“ ſprach der Mann am Tiſche, ein großes Glas Wein verſchlingend. „Der Herr Sekretär hätte wohl nicht ohne ſtarke Beweiſe einen Verhaftsbefehl unterſchrieben. Vernon iſt ein vor⸗ ſichtiger Mann, Sir, ein ſehr vorſichtiger Mann.“ „Und wer iſt dieſer hier?“ fragte Marlow, auf den Sprecher deutend. 1. „Ein Bote der jetzigen Regierung,“ erklärte Mr. Ha⸗ ſtings.„Es ſcheint, daß weil Sir John Fenwick vor kur⸗ zer Zeit hier ſpeiste und ſeitdem gewiſſer Intriguen gegen den Staat angeklagt wurde, haben Seiner Majeſtät Rath⸗ geber für paſſend erachtet, mich mit ſeinem Treiben oder ihrem eigenen Argwohne in Verbindung zu bringen, obwohl ſie ebenſo gut meinen Tafeldecker oder Lakaien hätten arre⸗ tiren laſfen konnen. Ich ſoll jetzt das Vergnügen haben, 348 als Arreſtant eine Reiſe nach London in den Tower zu machen.“ „Oder nach Newgate,“ ſagte der Bote bedeutungsvoll. „Auf alle Fälle nach London,“ ſchloß Mr. Haſtings. „Ich will mit Euch gehen,“ erklärte Marlow ſogleich; aber noch ehe der Gefangene antworten konnte, miſchte ſich der Bote mit den Worten ein: „Das kann ich nicht zugeben.“ „Ich fürchte, Ihr müßt wohl, ob es Euch beliebt oder nicht,“ erwiederte Marlow. „Ich will Niemand bei meinem Gefangenen im Wagen haben,“ ſagte der Bote, mit dem Hefte ſeines Meſſers auf den Tiſch klopfend. „Das mag ſeyn,“ antwortete Marlow;„aber Ihr werdet mich vermuthlich nicht hindern wollen, daß ich in meinem eigenen Wagen gehe, wohin ich will, und bin ich erſt in London, ſo wird es mir nicht ſchwer werden, Mr. Ha⸗ ſtings zu ſehen, da ich Mr. Vernon recht gut kenne.“ Dieſe letzten Worte bewirkten eine große Veränderung in dem Benehmen des Boten, der ſeit dieſem Augenblicke weit zahmer und gelehriger wurde. Mr. Haſtings hätte zwar ſeinen jungen Freund gerne* zum Dableiben überredet und ſchaute auf Emily mit einem jener Blicke voll Vaterliebe, die um des Kindes Willen ſo oft zu jedem Opfer antreibt; allein Emily dankte Marlow eifrig für ſeinen Vorſchlag, und ſogar Mrs. Haſtings äußerte einige Dankbarkeit. Die Anordnungen waren bald getroffen. da die Zeit 349 nicht erlaubte, Marlow's eigenen Wagen und Pferde herbei⸗ zuholen, ſo wurde ausgemacht, daß er einen Wagen von Mr. Haſtings und bis zur erſten Station deſſen Pferde neh⸗ men ſollte. Der Kammerdiener des Gefangenen ſollte ſei⸗ nen Freund begleiten, und unmittelbare Befehle wurden zu den nöthigen Vorbereitungen erlaſſen. Als Alles fertig war, richtete Emily an ihren Vater einige leiſe Fragen, auf die er antwortete: „Um keinen Preis, mein Kind. Ich will Dich und Deine Mutter holen laſſen, falls es nöthig ſeyn ſollte; ehe Ihr aber von mir hört, dürft Ihr nicht aufbrechen. Es iſt eine bloſe Wolke— ein flüchtiger Regenſchauer, der bald vorüberziehen und den Himmel ſo heiter wie immer zurück⸗ laſſen wird. Wir leben nicht in einem Zeitalter, wo die Könige von England mit den Köpfen unſchuldiger Männer Ball ſpielen können, undich bin unſchuldig, wie Ihr alle wißt.“ Er umarmte dann Weib und Kind mit mehr Zärtlichkeit, als er ſonſt zu zeigen pflegte, ſtieg ſofort in den Wagen, wohin der Bote ihm nachfolgte. Die andern Männer ſchwan⸗ gen ſich in den Sattel, und Marlow zögerte nicht lange hin⸗ ter der traurigen Kavalkade. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Philipp Haſtings hatte viel auf ſeine römiſche Feſtigkeit gerechnet und hätte den Tod oder jedes plötzliche Uebel mit Seelenſtärke getragen; aber die kleinen Leiden peinigen uns 350 oft mehr als die großen. Er wußte nicht was es heißt lange Gefangenſchaft zu erdulden und den ermüdenden, na⸗ oder zum Schlimmern. Sie führten ihn nach Newgate— dem Gefängniß ge⸗ meiner Verbrecher, und dort, in einer kleinen Stube ſtreng bewacht, blieb er über zwei Monate. Anfänglich mochte er nach keinem Advokaten ſchicken, denn er glaubte, die Re⸗ gierung müſſe ſich entweder geirrt haben oder der Verdacht gegen ihn ſo unbedeutend ſeyn, daß er ſich leicht heben laſſe. Dafür war eine große Veränderung in ſeinem Charakter zu bemerken. Er wurde düſter, mürriſch, reizbar; jeder ſchwarze Fleck in ſeinem Schickſal und ſeiner Geſchichte, je⸗ des peinliche Ereigniß, das ihn ſeit vielen Jahren betroffen, jeder Zweifel oder Benhcht, der ſein Gemüth beängſtigt hatte, wurde nun durch langes, brütendes„einſames Nach⸗ denken tauſendfach vergrößert. Täglich und ſtündlich, am hellen Tage und in der Todtenſtille der Nacht, wo Mangel an Leibesbewegung ihn des Schlummers beraubte, ſann er 351 über ſolche Dinge, bis ſein Gehirn ſich zu drehen ſchien und ſein ganzes Herz von Bitterkeit erfüllt wurde. Marlow, der ihn mit Erlaubniß des Staatsſekretärs täglich beſuchte, fand ihn mit jedem Tag in ſeinem Aeußern wie in ſeinem Weſen mehr und mehr verändert, und ſogar ſeines Freundes Unterhaltung gewährte ihm nur wenig Troſt. Mit geringer Theilnahme hörte er die Neuigkeiten des Tages oder ſeiner eigenen Familie, kaltblütig las er die Briefe von Frau und Tochter. Sogar die Nachricht, daß Sir John Fenwick wegen Hochverraths zum Tode auf dem Schaffot verurtheilt ſey, vernahm er ohne einen Anſchein von Theilnahme, blieb vielmehr nachdenklich und in ſich ge⸗ kehrt wie immer. Endlich nach langem Zwiſchenraum— die Regierung war nämlich unentſchloſſen, wie ſie mit ihm und mehreren andern in jener berüchtigten Verſchwörung verwickelten Per⸗ ſonen verfahren ſollte— wurde ein Tag zu ſeinem erſten Verhöre bei dem Staatsſekretäre feſtgeſetzt(denn die Dinge wurden damals ganz anders gehandhabt als heutzutage) und er wurde unter Bedeckung nach Withehall geführt. Vernon war ein ruhiger nicht unliebenswürdiger Mann; er behandelte den Gefangenen mit unverſtellter Freundlich⸗ keit, ſagte ihm, die Regierung wünſche von ganzem Herzen, jedes weitere Blutvergießen zu vermeiden, und drückte die Hoffnung aus, Mr. Haſtings werde wohl ſolche Erklärun⸗ gen über ſein Benehmen gebenkönnen, daß ihm der Schmerz ferneren Vorgehens gegen ihn erſpart bleibe. Er ſagte, er wünſche keineswegs ihn zu Selbſtanklagen zu verleiten, „ ——— 352 ſondern ihn nur zu denjenigen Erklärun die er ſelber für paſſend halte. Philipp Haſtings erwiederte finſter, ehe er irgend eine Erklärung geben könne, müſſe er erſt erfahren, was er in ſeinem Benehmen erklären ſolle. „Es iſt immer offen, klar und geradherzig geweſen,“ ſagte er;„ich habe keinen Theil an Verſchwörungen und ſehr wenig Antheil an Politik genommen. Ich habe von dem was ich äußern kann, nichts zu befürchten, denn ich habe nichts zu verbergen. Sagt mir, wie die Ank der mich lautet, und ich will Euch offen Antwor Stellt jede Frage, gen zu veranlaſſen, lage wi⸗ t geben. die Euch beliebt, und ich will ſte alsbald beantworten, ſo weit meine eigene Kenntniß ausreicht.“ „Ich glaubte, der Inhalt der Klage wider Euch ſey Euch vollſtändig bekannt gegeben worden,“ erwiederte Ver⸗ non;„doch iſt er bald bekannt gemacht.— Ihr ſeyd ange⸗ klagt, Mr. Haſtings, an den verbrecheriſchen Abſichten— wenn nicht gar an den verbrecheriſchen Handlungen— jenes unglücklichen Mannes, Sir John Fenwick's, ſehr entſchiedenen Antheil genommen— ja ihm ſogar den ſchwärzeſten aller ſeiner Plane, nämlich die Ermordung Seiner Majeſtät, an⸗ gerathen zu haben.“ „Ich die Ermordung des Königs angerathen!“ rief Mr. Haſtings;„ich eine ſolche That vorgeſchlagen! Sir, dieſe Anklage iſt lächerlich. Hat nicht der einzige Antheil, den ich jemals an der Politik genommen, darin beſtanden, daß ich König William auf den Thron ſetzen und fonſequenter Weiſe ſeine Regierung ſeitdem unterſtützen half? Was die 353 Miniſter der Krone darunter ſuchen können, daß ſie eine ſolche Anklage wider mich erheben, weiß ich nicht: ſie iſt aber offenbar erdichtet und natürlich nicht ohne Abſicht.“ Vernons Wange erröthete, und er erwiederte hitzig: „Das iſt eine allzu kühne Behauptung, Sir, und ich will Euch ſogleich überzeugen, daß ſie ungerecht iſt, und daß die Krone nicht ohne Urſache gehandelt hat. So laßt Euch denn ſagen, daß unmittelbar nachdem Sir John Fenwicks Verſchwörung entdeckt und ſeine Gefangennehmung bekannt worden, eine geheime Angabe folgenden Inhalts aus Eurem eigenen Theile des Landes einlief. Hier las er aus einem offenbar in Form eines Briefes zuſammengefalteten Papiere: „Daß er— das ſeyd nämlich Ihr, Sir— am Tage des— Mai, als er im Garten ſeines eigenen der Hof genann⸗ 3 9 ten Hauſes ſpazieren ging, folgende Worte gegen Sir John Fenwick gebrauchte:„Wenn kein anderes Mittel ſich finden läßt, um Gerechtigkeit, Freiheit und Sicherheit zu erlangen, ſo ſehe ich keinen Grund, warum ein Köͤnig nicht ebenſo gut wie ein Anderer getödtet werden ſollte. Wer die That ver⸗ richtet, verdient eher ein Ehrendenkmal als einen Galgen.“* Der Sekretär ſchwieg und einige Augenblicke ſchaute Mr. Haſtings wie in gänzlicher Verwirrung ſchweigend zu Boden. Vernon glaubte, er habe ihn überführt; allein die Regungen in des Gefangenen Bruſt— ſo heftig ſie auch waren— ſchienen doch ganz anderer Art, als der Se⸗ kretär ſie ihm zuſchrieb. Er erinnerte ſich wohl jener Unter⸗ redung; aber er erinnerte ſich auch, daß die einzige Perſon, James, Rache. 29 354 welche damals außer Sir John Fenwick bei ihm war, ſein einziges Kind geweſen. Ich will nicht bei ſeinen Gefühlen verweilen; aber ſie abſorbirten ihn völlig, bis der Sekretär alſo fortfuhr: „Nicht zufrieden mit ſolch geringfügiger Angabe, hat die Regierung jenen unglücklichen Verbrecher Sir John Fenwick, nachdem ſein Spruch gefällt war, daneben ver⸗ hören laſſen, ob er ſich erinnere, daß Ihr ſolche Worte ge⸗ gen ihn gebraucht habet, und er hat verſichert: etwas ganz Aehnliches.““ „Und daſſelbe erwiedere ich, Sir,“ verſetzte Philipp Ha⸗ ſtings in ſtrengem Tone.„Ich gebrauchte jene Worte wirk⸗ lich oder wenigſtens ganz ähnliche Worte; aber ſie ſtanden in Verbindung mit anderen, welche, wenn ſie gleichfalls wie⸗ derholt worden wären, ihnen jede verbrecheriſche Anwendung benommen hätten. Darf ich wohl einen Blick auf jenen Brief in Eurer Hand werfen, um zu ſehen, wie viel wirklich erzählt und wie viel unterdrückt wurde?“ „Ich habe Alles geleſen, was für Euch wichtig iſt,“ er⸗ klärte Mr. Vernon;„Ihr könnt ihn aber ſehen, wenn Ihr wollt.“ Und er bot ihm den Brief über den Tiſch hinüber. Philipp Haſtings ſchlug den Brief heftig zitternd aus einander, zog dann einen zweiten aus ſeiner Taſche und legte beide neben einander. Sein Auge ſchweifte eine Weile von einem zum andern; dann ſank er langſam und in Ohn⸗ macht zu Boden. Während ein Schließer und einer der Gerichtsboten ihn 3⁵⁵ aufhoben und ihn in's Bewußtſeyn zurückzubringen ſuchten, ging Mr. Vernon um den Tiſch und betrachtete die beiden Briefe, welche noch immer auf der Tafel lagen. Er ver⸗ glich ſie eifrig und voller Spannung: die Handſchrift des einen war der des andern ſehr ähnlich, und der Sekretär fand denjenigen, den Mr. Haſtings aus der Taſche gezogen hatte, mit den Worten mein theurer Vater' eingeleitet und Emily Haſtings' unterſchrieben. 5 Vernon begriff ſogleich die furchtbare Erſchütterung, deren Zeuge er geweſen. Er war, wie geſagt, ein freundlicher, hu⸗ maner Mann und fühlte tiefe Theilnahme für den Gefange⸗ nen, der bald wieder zu ſich gebracht und neben den Tiſch in einen Stuhl geſetzt wurde. „Wir ſollten vielleicht unſer heutiges Geſpräch lieber nicht verlängern, Mr. Haſtings,“ ſprach Vernon.„Ich will Euch morgen um dieſe Stunde wieder ſehen, wenn Euch das lieber wäre.“ 4 „Keineswegs, Sir,“ antwortete der Gefangene.„Ich will jetzt antworten, denn iſt der Leib auch ſchwach, ſo iſt der Geiſt doch ſtark. Vergeßt übrigens nicht, daß ich nicht um mein Leben ſtreite. Das Leben iſt mir werthlos, und Beil und Block wäre mir ein Troſt. Ich vertheidige mich blos, um dieſen furchtbaren Plan zu vereiteln und meinen Charakter nicht beflecken zu laſſen. Ich habe die mir Schuld gegebenen Worte gebraucht, aber wenn ich mich recht er⸗ innere, mit mehreren Erläuterungen ſogar in dem Satze, welcher hier ausgezogen worden. Viele andere Worte wa⸗ ren vorangegangen, welche die ganze Haltung der Frage 23* völlig änderten. Das Geſpräch begann mit den Königs⸗ mördern der großen Rebellion, und obgleich mein Vater der gegen den König aufgeſtandenen Partei angehörte, ſo äußerte ich doch meine unverhüllte Mißbilligung darüber, daß ſie ihren Souverän zum Tode führten. Ich verband hiemit als blos abſtraktes Raiſonnement— eine Sache, der ich vielleicht allzuviel ergeben bin— das Thema von un⸗ ſerem natürlichen Rechte, einer unerträglichen Tyrannei mit allen Mitteln zu widerſtreben. Ich führte die Beiſpiele von Brutus und Wilhelm Tell an, und im Verlaufe jener ab⸗ ſtrakten Bemerkungen geſchah es, daß ich die vorhin eitirten Ausdrücke gebrauchte. Ich gebe Euch übrigens mein Wort und verpfände Euch meine Ehre, daß ich keine Ahnung da⸗ von hatte, und auch nicht Urſache hatte zu glauben, daß Sir John Fenwick, der als alter Bekannter bei mir ſpeiste, feindſelige Abſichten gegen die Regierung ſeines Geburts⸗ landes unterhalte.“ „Eure zugeſtandenen Anſichten ſcheinen mir ſehr gefähr⸗ lich, Mr. Haſtings,“ bemerkte Vernon.— „Das mag ſeyn,“ erwiederte der Gefangene;„aber Ihr könnt wenigſtens in dieſem Lande einen Mann nicht um ſei⸗ ner Anſichten willen tödten.“ „Nein, aber ſolche Anſichten, im Geſpräche mit Andern, welche zu Handlungen ſchreiten, geäußert, verſetzen einen Mann in eine ſehr gefährliche Lage,“ erwiederte Vernon. „Ich will Euch nicht verhehlen, daß Ihr einigermaßen in Gefahr ſeyd; zu gleicher Zeit bin ich jedoch geneigt zu glau⸗ ben, daß die Angabe ohne Eure heutigen Ingeſtändniſſe als — -— 357 ungenügend ſich erweiſen würde, und es iſt nicht meine Abſicht, aus dem was Ihr geſprochen, Vortheil zu ziehen. Ich werde Seiner Majeſtät demgemäß berichten; das Verfahren der Regierung wird jedoch durch die Anſicht des Rechtsbeamten der Krone, nicht aber durch die meinige, geleitet. Ich kann Euch alſo nichts weiter zuſichern, als mein aufrichtiges Be⸗ dauern über die Lage, in welche Ihr verſetzt ſeyd.“ „Ich kümmere mich wenig um die Reſultate Eures Be⸗ richts, Sir,“ ſagte Mr. Haſtings.„Das Leben iſt mir, wie geſagt, werthlos, und wenn ich ſo harmlos geſprochener Worte halber prozeſſirt werden ſoll, ſo werde ich mich nicht anders, als ich heute gethan, vertheidigen, ohne einen Zeugen aufzurufen. Der einzige Zeuge,“ fuhr er mit größerer Bit⸗ terkeit fort,„ſcheint ohnehin auf Seiten der Krone zu ſeyn.“ Mr. Haſtings wurde ſofort nach Newgate zurückgebracht, wobei er die beiden Briefe auf dem Tiſche liegen ließ. So⸗ bald er fort war, ſchickte Mr. Vernon einen Boten in einen Gaſthof nahe bei Charing Croß, um Mr. Marlow ſagen zu laſſen, daß er ihn auf einige Augenblicke zu ſprechen wünſche. Nach einer halben Stunde etwa erſchien dieſer und wurde von Vernon als alter Bekannter empfangen. Die Thüre wurde ſogleich geſchloſſen, und Marlow ſetzte ſich an den Tiſch, indem er als Ehrenmann ſeine Augen von den dar⸗ aufliegenden Papieren wegwandte. „Ich habe eine Unterredung mit Eurem Freunde gehabt, und es hat eine ſehr peinliche Scene gegeben,“ begann der Sekretär.„Mr. Haſtings war mehr angegriffen als ich vermuthete, und iſt ſogar in Ohnmacht gefallen.“ Auf Marlow's Geſicht kam ein Ausdruck unausſprech⸗ lichen Erſtaunens, denn der Gedanke, daß Mr. Haſtings aus irgend einer Beſorgniß in Ohnmacht fallen würde, konnte Niemand in den Sinn kommen, der ihn überhaupt kannte. „Gütiger Gott!“ rief er,„was konnte die Urſache da⸗ von ſeyn? Furcht gewiß nicht.“ „Ich glaube, etwas Schmerzlicheres als Furcht,“ ant⸗ wortete Mr. Vernon.„Mr. Haſtings hat, glaube ich, eine Tochter.“ „Ja, Sir, das hat er,“ erwiederte Marlow ziemlich ſteif. „Kennt Ihr ihre Handſchrift?“ fragte der Sekretär. „Ja, ganz genau,“ antwortete Marlow. „Dann ſeyd ſo gut, den Brief zunächſt neben Euch auf⸗ zunehmen und mir zu ſagen, ob es ihre Hand iſt,“ bat Vernon. Marlow nahm das Papier, warf einen Blick d darauf und ſagte alsbald: „Ja;“ doch im nächſten Augenblicke verbeſſerte er ſich mit den Worten:„Nein, nein, es iſt Emily's Hand ſehr ähn⸗ lich— ſehr, ſehr ähnlich, nur viel gezwungener.“ „Kann das nicht von dem Verſuchen herrühren, ihre Handſchrift zu verſtellen?“ fragte Vernon. „Weit eher von dem Verſuche einer andern Perſon, ſie nachzuahmen;“ erwiederte Marlow.„Das iſt ſehr auffal⸗ lend, Mr. Vernon. Darf ich den Brief durchleſen?“ „Gewiß,“ erwiederte der Staatsſekretär. 3⁵9 Marlow überlas jedes Wort drei⸗ bis viermal mit ge⸗ ſvannter Aufmerkſamkeit. Das Ganze ſchien ihn ſehr zu bewegen, denn trotz der Gegenwart des Sekretärs ſprang er auf und ſchritt mehrere Minuten nachdenklich im Zimmer auf und ab. „Ich muß dieſes dunkle Geheimniß enträthſeln, Mr. Vernon,“ ſagte er endlich.„Sonderbare Dinge haben ſich neuerer Zeit in Mr. Haſtings' Familie zugetragen— Dinge, welche den Verdacht in mir erregt haben, daß eine geheime Hand von Außen geſchäftig iſt, ſeinen Frieden zu zerſtören und ſein Glück— ja, ich fürchte noch mehr, auch das Glück ſeiner Tochter— zu ruiniren. Dieſer Brief iſt nur ein Glied in einer langen Kette verdächtiger Thatſachen, und ich bin entſchloſſen, die ganze Sache zu ergründen. Die Zeit, die mir hiezu übrig bleibt, wird von dem Verfahren abhängen, das Ihr gegen Mr. Haſtings beobachten werdet. Beſchließet Ihr, gerichtlich gegen ihn einzuſchreiten, ſo darf ich keine Zeit verlieren, obgleich ich Euch wohl kaum zu ſagen brauche, daß Ihr auf ſolche Angaben hin nur wenig Ausſicht auf Erfolg habt“— indem er mit dem Finger auf den Brief deutete. „Wir beſitzen noch weiteres Zeugniß,“ erklärte Vernon, „und Mr. Haſtings ſelbſt gibt zu, jene Worte, deren man ihn beſchuldigt, gebraucht zu haben.“ Marlow ſchwieg gedankenvoll und ſagte dann: „Er kann ſie gebraucht haben— es iſt ſehr wahrſchein⸗ lich, daß er ſie gebraucht hat; aber es muß in ganz abſtrak⸗ 360 tem Sinne und ohne Beziehung auf wirkliche Umſtaͤnd⸗ geſchehen ſeyn. Ich erinnere mich des Tages, da Sir John Fenwick bei ihm ſpeiste, recht wohl. Ich war ſelbſt dabei. Laßt einmal ſehen, ob ich mir alle Einzelheiten zurückrufen kann— ja, ich kann es ganz deutlich. Während des ganzen Mittageſſens und während der kurzen Zeit, die wir nach Tiſch beiſammen ſaßen, wurden jene Worte nicht gebraucht, und kein Menſch dachte an Verrath und Verſchwörungen. Ich erinnere mich in Folge eines eigenthümlichen Umſtandes, daß Mr. Haſtings, als wir in den Garten hinausgingen, ſeiner Tochter Arm ergriff und mit Sir John Fenwick auf der Terraſſe auf und ab wandelte. Damals mußte es ge⸗ ſchehen ſeyn. Ich brauche Euch aber wohl kaum anzudeuten, daß das nicht die Zeit war, welche ein Mann, der überhaupt bei Sinnen war, und beſonders ein liſtiger, abgefeimter, ſchüchterner Mann wie Sir John Fenwick— zur Enthüllung verrätheriſcher Abſichten gewählt haben würde.“ „Waren noch andere Perſonen in der Nähe?“ fragte Vernon.„Die junge Dame konnte ſo gut wie ihr Vater in die Verſchwörung eingeweiht ſeyn.“ Marlow lachte. „Es befanden ſich noch über ein Dutzend in der Nähe,“ antwortete er.„Sie waren jeden Augenblick Störungen ausgeſetzt, ja ſie konnten keine drei Minuten allein beiſam⸗ men ſeyn, denn es dauerte nicht länger, nachdem ſich die Herren im Garten zu den Damen geſellt hatten, bis ich wieder an Emily's Seite war, und ſpäter wurde kein Wort der Art geſprochen.“ 1 „Was kann ſie dann veranlaßt haben, jene Worte an die Regierung zu berichten?“ „Das hat ſie nicht gethan,“ verſicherte Marlow ernſt⸗ haft.„Dies hier iſt nicht ihre Handſchrift, obgleich ſie ſehr gut nachgeahmt iſt. Und nun, Sir,“ fuhr er fort,„wollt Ihr mir vielleicht erklären, welchen Weg Ihr einzuſchlagen gedenkt, damit ich demgemäß handeln kann? Denn ich bin (wie ich vorhin ſagte) entſchloſſen, dieſem Geheimniſſe bis in ſeinen dunkelſten Winkel nachzuforſchen— es hat ſchon allzulange gedauert.“ Vernon lächelte. „Ihr fragt viel auf einmal,“ entgegnete er.„Meine Anſichten in der Sache ſind jedoch ſo unerſchütterlich, daß ich ſte wohl äußern kann, ſelbſt wenn die Unterſuchung gegen Mr. Haſtings noch einige Schritte weiter geführt werden ſollte, was am Ende beſſer wäre, damit er nicht ſpäter von Neuem deßhalb beunruhigt wird. Ich werde aus allen Kräften anrathen, daß ein nolle prosequi ausgeſprochen werde, und ich glaube verſichern zu können, daß mein Rath befolgt werden wird.“ 3 „Ihr ſagt, ich habe ſchon Vieles gefragt, Mr. Vernon,“ bemerkte Marlow;„allein ich muß in meinen Fragen noch weiter gehen. Wollt Ihr mir erlauben, dieſen Brief mit⸗ zunehmen? Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß er nur zu gerechten Abſichten gebraucht werden ſoll. Ihr kennt mich von Kindesbeinen an und dürft mir vertrauen.“ „Vollkommen, mein junger Freund,“ erwiederte Vernon; „aber Ihr dürft den Brief heute noch nicht mitnehmen. In . zwei Tagen wird das Verfahren der Regierung feſtgeſetzt ſeyn, und iſt es ſo, wie ich vermuthe, ſo ſollt Ihr das Papier haben, das hoffentlich eine Entdeckung der Beweg⸗ gründe und näheren Umſtände dieſer ſonderbaren Geſchichte herbeiführen wird. Höchſt räthſelhaft iſt ſie allerdings, denn man kann kaum anders glauben, als daß nur ein Teufel eines Vaters Leben alſo in Gefahr zu bringen ſuchen würde.“ „Ein Teufel!“ rief Marlow;„ſie ſieht weit mehr einem Engel ähnlich.“ „Ihr ſcheint ſo zu glauben,“ meinte Vernon lächelnd. „Die Liebe iſt zwar blind; aber ich hoffe dennoch, ſie wird Euch in dieſem Falle noch klar ſehend gelaſſen haben.“ „Gewiß hat ſie das,“ antwortete Marlow,„und da dieſe junge Dame ihr Schickſal bald mit dem meinigen ver⸗ knüpfen wird, ſo iſt es ſehr nothwendig, daß ich klar ſehe. Ich hege keine Zweifel und darf kühn behaupten, daß Emily dieſen Brief nicht geſchrieben hat. Er wird mir jedoch einen Schlüſſel geben, der mich vielleicht bis an's Ende des Laby⸗ rinthes führt, obwohl ich bis jetzt kaum einen Weg vor mir ſehe; aber ein feſter Eniſchluß kann oft Vieles durchſetzen.“ „Wäre es nicht beſſer, wenn Ihr Mr. Haſtings ſelbſt Enre Zweifel in Betreff dieſes Briefes erklärtet?“ fragte Vernon.„Er war furchtbar erſchüttert, was auch ganz natürlich war, als er dieſes Schreiben ſah und glauben mußte, ſeines eigenen Kindes Handſchrift darin zu finden.“ Marlow beſann ſich längere Zeit, ehe er erwiederte: „Ich denke nicht. Er iſt ein Mann von eigenthümlichem 363 Charakter: ſtreng, düſter, aber ehrenhaft, gerade und auf⸗ richtig. Zwar wird, was ich jetzt ſagen werde, mich ebenſo ſtreng wie ihn erſcheinen laſſen; aber wenn der Zweifel an ſeiner eigenen edlen Tochter, die er ſo genau kennt, ihm Schmerz verurſachte, ſo leidet er durch ſeine eigene Schuld und verdient es. Doch iſt meine Abſicht nicht, ihn zu züchtigen, ſondern nur ihm vollſtändig und für immer die Augen zu öffnen und ihm ſo überzeugend, daß er etwas Aehnliches nie wiederholen kann, zu beweiſen, daß er ſeinem Kinde Unrecht gethan hat. Dies läßt ſich nur ausführen, wenn man ihm alle Beweiſe zumal vor Augen führt, und meine Aufgabe beſteht nun darin, dieſe Beweiſe zu ſammeln. Meine bloſe Anſicht über die Handſchrift würde er gar nicht beachten, wogegen er meinen Beweiſen ſeine Augen nicht verſchließen wird. Darf ich darauf rechnen, den Brief in zwei Tagen zu erhalten?“ „Ich glaube— ja,“ erwiederte Vernon. „Wann wird denn Mr. Haſtings freigelaſſen werden?“ fragte Marlow.„Ich moͤchte gern mit meiner Reiſe auf's Land einen Vorſprung vor ihm gewinnen.“ „Das wird von verſchiedenen Umſtänden abhängen,“ gab der Sekretär zur Antwort.„Wir werden wohl die erſten Schritte zur Einleitung des Prozeſſes vornehmen, ehe wir ein nolle prosequi ausſprechen. Man muß durchaus der Aeußerung ſo höͤchſt gefährlicher Anſichten, wie er ſie unterhält, einigermaßen vorbeugen.“ Marlow gab keine Erwiederung, ſondern lächelte blos, und Beide trennten ſich gleich darauf. 364 Dreißigſtes Kapitel. Mrs. Hazleton war höͤchſt troſtreich. Sie beſuchte Mrs. Haſtings zwei⸗ bis dreimal in der Woche, und dieſe bedurfte in der That ſehr des Troſtes, denn die Arretirung ihres Ge⸗ mahls, welche der bitteren Kränkung der Einbuße von Ver⸗ mögen und Rang nach einer langen Periode der Kränklichkeit ſo dicht auf der Ferſe folgte, hatte ſie ernſtlich krank gemacht, ſo daß ſie den ganzen Tag das Bett hütete und ſich durch jene zehrende Angſt, die ihr wie vielen andern Perſonen angeboren war, noch beträchtlich verſchlimmerte. Mrs. Hazletons Beſuche waren für ſie ein großer Troſt; aber merkwürdiger Weiſe fand Emily ſie faſt immer weit reiz⸗ barer, nachdem jene Dame ſie verlaſſen hatte. Die arme Emily ſchien ſich mitten in dieſer Wolke des Mißgeſchicks nur noch glänzender zu entwickeln, und ihr Charakter mitten in all dem Unglück nur noch edler ſich zu entfalten. Sie war die Krankenpflegerin und beſtändige Geſellſchafterin ihrer Mutter, unterrichtete ihren Vater über Alles was vorging, indem ſie keine Gelegenheit verſäumte, um ihm einen Brief zu überſenden; ſie hätte gern jedes Opfer gebracht, um im Gefängniß bei ihm zu ſeyn und ihn in ſeiner kummervollen, gefährlichen Lage zu tröſten und auf⸗ zurichten, war aber doch froh, daß er ſie nicht mitgenommen hatte, als ſie den Zuſtand ihrer Mutter gewahr wurde. Gar oft, wenn Mrs. Hazleton einige Stunden bei ihrer kranken Freundin geſeſſen hatte, kam ſie herunter und ſpazierte mit Emily eine Weile auf der Terraſſe, um ihr ſo ziemlich 365 in derſelben Weiſe wie Mrs. Haſtings Troſt einzuſprechen. Sie ermahnte ſie dann, ſich wegen ihrer Mutter nicht ent⸗ muthigen zu laſſen; dieſe ſey zwar allerdings recht krank und in einem gefährlichen Zuſtande, aber es hätten ſich ſchon Manche erholt, die eben ſo ſchlimm daran geweſen ſeyen. Sie ſprach dann von Lungen, Nerven, Blutflüſſen und allen Arten ſchmerzlicher und tödtlicher Krankheiten, wie wenn ſie ihr ganzes Leben lang Medizin ſtudirt hätte, und ſie that das mit ſo ruhigem, würdevollem Ernſt, daß ihre Worte nur noch eindringlicher und beunruhigender wurden. Dann ſprach ſie auch von Mr. Haſtings' Lage und was man wohl mit ihm aufangen werde, brachte jede, auch die kleinſte Neuig⸗ keit, die ſie über Sir John Fenwicks Prozeß zu ſammeln vermochte, beſonders wenn ſie recht ſchmerzlich und unheilvoll lautete, vergaß aber nicht zu bemerken, daß man im Ganzen vielleicht nichts gegen Mr. Haſtings beweiſen könne, und wenn das auch der Fall ſey, ſo werde man möglicherweiſe— obwohl die Regierung zu großer Strenge ſich hinneige— ſeine Strafe in Transportation nach den Colonien oder in eine fünf⸗ bis ſechsjährige Gefangenſchaft im Tower um⸗ wandeln. 1 So pflegen unſere Freunde uns oft zu tröſten, manche in Folge ihrer eigenen düſteren und finſteren Gemüthsſtim⸗ mung, andere weil ſie Freude daran finden, ſich mit dem Elend ihrer Nebenmenſchen zu ſchaffen zu machen. Aber es war weder angeborene Muthloſigkeit des Charakters noch Vorliebe für kummervolle Scenen und Gedanken, was Mrs. Hazleton im vorliegenden Falle zu dieſem Benehmen 366 beſtimmte. Sie fand ein eigenthümliches Vergnügen an der jammervollen Lage der Familie Haſtings und beſonders an der von Emily. Die edle Dame dachte ſich, wenn Mar⸗ low morgen ſeines Verlöbniſſes mit Emily entledigt wäre und als Bewerber um ihre eigene Hand aufträte, würde ſie dennoch nicht daran denken, ihn zu heirathen. Ich bin noch gar nicht überzeugt, ob ſie es nicht dennoch gethan hätte; aber das geht uns hier nichts an, theurer Leſer, und ſo viel iſt jedenfalls ſicher, daß ſie recht gerne die Hälfte ihres ganzen Vermögens— ja ſogar noch mehr— geopfert hätte, um eine unüberſteigliche Schranke zwiſchen Marlow und Emily zu errichten. So ſpazierte ſie eines Tags mit ihrer theuren Emily— wie ſie ſie nannte— auf jener Terraſſe hinter dem Hauſe, wo das denkwürdige Geſpräch zwiſchen Mr. Haſtings und Sir John Fenwick ſtattgefunden hatte, und traktirte Emily eben mit einer genauen detaillirten Schilderung von dem Tode des Letztern, als Marlow plötzlich von London anlangte, und das Haus durch die große vordere Glasthüre betrat. Er traf einen Diener in der Halle, der ihn benachrichtigte, daß Mrs. Haſtings noch zu Bette ſey, und daß Miß Haſtings mit Mrs. Hazleton auf der Terraſſe luſtwandle. Marlow pauſirte und überlegte eine Weile. „Alles nicht geradezu Unehrenhafte iſt erlaubt, um ein ſolches Geheimniß aufzuklären,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. So verfügte er ſich ruhig in das Speiſezimmer, wo eine Glasthüre auf die Terraſſe hinausging, und ſah(ohne ſelbſt bemerkt zu werden) ſeine theure Emily und ihre Begleiterin 367 nach dem andern Ende des Ganges vorüberkommen. Er näherte ſich dem Fenſter, indem er die Entfernung ſo berech⸗ nete, daß Mrs. Hazleton gerade eben ſo weit von ihm ſelbſt weg war, als ſie an jenem verhängnißvollen Abend von Sir John Fenwick und Mr. Haſtings entfernt geweſen ſeyn mochte, und ſprach ihren Namen nicht lauter als gewöhnlich und ſogar etwas leiſer, als Mr. Haſtings ſonſt zu reden pflegte. Mis. Hazleton fuhr ſogleich zuſammen und ſchaute ſich nach der Stelle um, wo Marlow nunmehr aus dem Zimmer zum Vorſchein kam. Die Dame konnte keine Gelegenheit verſäumen, um etwas Unangenehmes zu ſagen, und ſie rief deßhalb, ſobald ſie ihn ſah: „Ei ſeht doch, da iſt Mr. Marlow! Ich fürchte, er bringt ſchlimme Nachrichten.“ 3 Emily wartete nicht lange, um ihre Worte zu überlegen, ſondern eilte ihm mit ihrer eigenthümlichen ungeſtümen An⸗ muth entgegen und warf ſich ihm in die Arme. Zum Glück hatte Mrs. Hazleton keinen Dolch bei ſich. Ihr Geſicht war lächelnd und wohlwollend, als ſie auf das Liebespaar zutrat, denn die Freude, die auf Emily's Antlitz leuchtete, verbot jeden verſtellten Anſchein von Beſorgniß. Es ſagte ſo deutlich wie möglich:„jetzt iſt Alles gut.“ Aber ſie ſprach dieſe Worte auch wirklich, indem ſie ihrer vermeintlichen Freundin die Hand bot und beifügte: „Theure Mrs. Hazleton, Charles bringt mir die Nach⸗ richt, daß mein Vater ſicher iſt, und daß die Regierung erklärt hat, die Unterſuchung nicht weiter verfolgen zu wollen.“ 368 „Ich gratulire von ganzem Herzen, Emily,“ erwiederte die Lady,„und ich hoffe aufrichtig, daß die Miniſter in dieſem Falle ihr Wort beſſer halten, als ſie es ſonſt in manchem anderen gethan haben.“ „Daran iſt nicht im Geringſten zu zweifeln, meine theure Madame,“ erklärte Marlow;„denn ich habe die offtzielle Ankündigung von der Hand des Staatsſekretärs.“ „Das muß ich ſogleich meiner Mutter erzählen,“ rief Emily, und ohne eine Antwort abzuwarten flog ſie davon. Mrs. Hazleton ging mit Marlow einigemal auf der Terraſſe auf und ab und überlegte bei ſich ſelbſt, ob es ihr wohl möglich ſey, ihren Freunden auf dem Hofe noch ferner einigen Troſt zu gewähren. Da ſie jedoch nicht die ganze Nacht bleiben und alſo Emily und Marlow nicht verhindern konnte, ein glückliches Zwiegeſpräch mit einander zu halten, da ſie ſich ferner dachte, daß ſie in ihrer jetzigen Freude die konventionellen Rückſichten faſt ganz vergeſſen und ihren Gefühlen als Liebende ſogar in ihrer Gegenwart Luft machen könnten, was ihr ausnehmend unangenehm geweſen wäre, ſo kehrte ſie bald in's Haus zurück und beſtellte ihren Wagen. Man muß geſtehen, daß Emily und Marlow ſie mit großer Freude ziehen ſahen, und es war nicht zu verwundern, daß ſie ſich auf eine halbe Stunde der Freude des Wieder⸗ ſehens überließen. Dann aber zog Marlow einen ſorgfältig zuſammengefalteten Brief aus der Taſche, ſo daß nur eins oder zwei Linien ſichtbar waren; den händigte er Emily ein und fragte ſie, ob ſie die Handſchrift kenne.— 369 „Es iſt die meinige,“ ſagte Emily anfänglich, rief aber gleich darauf:„nein, ſte iſt es nicht! Es iſt Mrs. Hazleton's Hand— ich kenne ſie an der beſondern Art, wie ſie ihre g und y macht. Halt, laß ſehen, Marlow: ſte hat ſie nicht immer ſo gemacht; aber dieſes g und dieſes y iſt ganz ge⸗ wiß von ihr. Warum fragſt Du, Marlow?“ „Aus Gründen von der äußerſten Wichtigkeit, theure Emily,“ gab er zur Antwort.„Beſitzeſt Du vielleicht Briefe oder Billete von Mrs. Hazleton?“ „Ja, erſt geſtern iſt eines gekommen,“ erklaͤrte Emily; „es liegt oben auf meinem Tiſche.“ 3 „O, hole es, theuerſtes Mädchen,“ bat er.„Ich wünſche ſehr, es zu ſehen.“ Sobald er es hatte, unterſuchte er es mit wohlzufriede⸗ nem Lächeln und ſagte dann mit lautem Lachen: „Ich muß dieſes einſtecken, Liebſte. Jetzt bin ich auf der rechten Fährte und will ſte nicht mehr verlaſſen, bis ich zu völliger Gewißheit gelangt bin.“ „Du biſt heute ſehr ſonderbar und geheimnißvoll, Mar⸗ low,“ bemerkte Emily.„Was hat das Alles zu bedeuten?“ „So viel, Liebſte,“ erklärte Marlow,„daß ich ſehr ſchwar⸗ zen Verdacht und Argwohn gegen Mrs. Hazleton hege, und Alles, was ich heute geſehen und gehört habe, beſtätigt mich hierin. Setz' Dich einmal zu mir, liebe Emily, und ſage mir nach Deinem beſten Wiſſen, ob Du Mrs. Hazle⸗ tän jemals gekränkt oder beleidigt haſt?“ „Nie— in meinem Leben niemals,“ gab Emily alsbald feſtem Tone zur Antwort. Fames. Rache, 24 Marlow beſann ſich, und ſeine Arme um ihre Hüfte ſchlingend, fuhr er fort: „Beſinne Dich, Liebe: haſt Du in den letzten zwei bis drei Jahren Urſache gehabt zu glauben, daß Mrs. Hazle⸗ ton's Neigung zu Dir nicht ſo groß iſt, wie ſie zu ſeyn ſcheint? Hat ſie jemals gewankt? Iſt ſie Dir jemals aus einem zufälligen Worte oder Umſtande zweifelhaft er⸗ ſchienen?“ Emily ſchwieg eine Weile und erwiederte dann nach⸗ denklich: „Letztes Jahr, als ich bei ihr auf Beſuch war, glaubte ich allerdings ein⸗ bis zweimal, etwas Aehnliches zu be⸗ merken.“ 3 „Wohlan denn, theuerſte Emily,“ ſagte Marlow,„er⸗ zähle mir Alles bis in die kleinſten Einzelnheiten, was ſich damals zutrug.“ Emily zögerte. „Ich ſollte es vielleicht nicht thun,“ fagte ſie.„Mrs. Hazleton hat mir ſehr überzeugend bewieſen, daß ich es nur bei abſoluter Nothwendigkeit thun dürfe.“ „Dieſe Nothwendigkeit iſt jetzt vorhanden,“ erklärte Marlow.„Liebe kann ohne Vertrauen nicht beſtehen, Emily, und ich erkläre Dir auf Ehre und Gewiſſen, daß Dein und mein Glück und ſogar Deines Vaters Sicherheit in hohem Grade von Deiner Offenheit abhängt. Wirſt Du mir glauben, Emily?“ „Vollkommen,“ verſicherte ſie,„und ich will Dir Alles rzaͤhlen.“ 371 So beichtete ſie denn, an der Seite ihres Liebhabers gelagert, die ganze Geſchichte, ſogar bis zu den Umſtänden, die ſich in ihrem eigenen Zimmer zugetragen hatten, als Mrs. Hazleton damals im Schlafe wandelnd eingetreten war. Das ganze Benehmen John Ayliffe's, der ſich jetzt Sir John Haſtings nannte, kam nunmehr zu Tage, und die ſchwarzen, verrätheriſchen Plane, welche hier thätig geweſen, begannen allmälig vor Marlow's Geiſte aufzudämmern. Dunkel und undeutlich waren ſie noch immer; aber der düſtere Schatten zeigte ſich wenigſtens, und er konnte die Umriſſe unterſcheiden, wenn er auch die Einzelheiten nicht auszufüllen vermochte. „Schändliches, verrätheriſches Weib!“ murmelte er vor ſich hin und preßte dann Emily feſter an ſein Herz, indem er ihr immer wieder für ihre Offenheit dankte.„Ich werde ſie nie mißbrauchen, meine Emily,“ verſicherte er,„und Niemand ſoll erfahren, was Du mir erzählt haſt, außer Dein Vater. Ihm muß es durchaus enthüllt werden.“ „Ich hätte es ihm gerne erzählt, wenn er mich jemals darüber ausgefragt hätte,“ erklärte Emily;„da er es aber nicht that und in letzter Zeit ſo gar düſter ſchien, ſo hielt ich für beſſer, Mrs. Hazleton's Rath zu befolgen.“ „Den ſchlechteſten und ſchändlichſten Rath, den ſte Dir geben konnte,“ bemerkte Marlow.„Ich habe ſchon länger an ihr gezweifelt, Emily; aber jetzt iſt nicht mehr von Zweifeln die Rede, und überdies bin ich feſt überzeugt, daß die ganze Geſchichte mit dieſem John Ayliffe— ſein An⸗ ſpruch auf Deines Vaters Titel und Ländereien— durch⸗ 24* Wollte Gott, jener Beſuch haͤtte nicht ſtattgefunden!“ 372 aus falſch und erdichtet und nur durch Trug, durch Fälſchung und Verbrechen durchgeſetzt iſt. Haſt Du den Brief jenes jungen Mannes aufgehoben, oder haſt Du ihn vernichtet?“ „Ich habe ihn aufbewahrt, weil ich mir dachte, daß ich ihn irgend einmal meinem Vater würde vorzuweiſen haben,“ verſetzte Emily. „Dann bitte ich Dich um ein weiteres Zeichen des Ver⸗ trauens, Liebe,“ fuhr Marlow fort:„gib mir jenen Brief. Ich will ihn nicht leſen und Du magſt ihn daher lieber zu⸗ ſammenlegen und verſiegeln: aber ich werde ihn vielleicht nöthig haben als ein Glied in der Kette von Beweiſen, die ich zu Deines Vaters Ueberzeugung zu ſammeln vorhabe.“ „Lies ihn wenn Du willſt, Marlow,“ ſagte ſte.„Ich habe Dir den Inhalt genannt; aber es iſt vielleicht doch beſſer, wenn Du die Worte ſelber ſiehſt; ich will ihn Dir im Augenblicke bringen.“ Sie überlaſen den Brief gemeinſchaftlich, und als Mar⸗ low damit zu Ende war, legte er ſeine Hand darauf mit den Worten: „Das iſt Mrs. Hazleton's Machwerk.“ „Ich bin beinahe geneigt daſſelbe zu glauben,“ erwie⸗ derte Emily. „Er iſt unfähig, ſo zu ſchreiben,“ fuhr ihr Liebhaber fort.„Ich habe Geſchäftsbriefe von ihm geſehen, und er kann den einfachſten Satz nicht bis zu Ende ſchreiben, ohne die groͤbſten Fehler zu machen. Das iſt Mrs. Hazleton's Machwerk, und irgend eine heilloſe Abſicht liegt ihm zu Grunde, 373 „Seit jener Zeit hat es nur wenig Glück im Hauſe gegeben, ausgenommen was wir Beide zuſammen genoſſen haben, Marlow,“ erklärte Emily,„und auch das iſt durch manches peinliche Ereigniß getrübt worden.“ „Die Wolken zertheilen ſich jetzt, Liebſte,“ erwiederte Marlow aufſtehend.„Ich will jedoch keinen Augenblick in meinem Handeln zögern, bis dies Alles klar geworden iſt; nicht einmal das Vergnügen hier bei Dir zu ſitzen ſoll mich davon abhalten. Ich will ſogleich heimkehren, Emily, will mein Pferd beſteigen und noch vor Nacht nach Hartwell hinüberreiten.“ „Was haſt Du dort vor?“ fragte Emily. „Einen Theil dieſes Geheimniſſes zu enträthſeln,“ ver⸗ ſetzte ihr Liebhaber.„Ich will irgendwie zu erfahren ſuchen, wie oder von wem dieſer junge Mann ſo viel Geld erhielt, um einen ſehr koſtſpieligen Prozeß zu beginnen und durchzu⸗ führen. Daß er es nicht ſelber beſaß, weiß ich gewiß; daß ſeine Ausſichten beim erſten Beginne nicht ſo vielverſprechend waren, daß ein Advokat das Riſiko auf ſich nehmen mochte, weiß ich ebenſo gewiß. Er muß das Geld von irgend Jemand bekommen haben, und mein Verdacht deutet auf Mrs. Hazleton. Ihr Bankier iſt auch der meinige, und ich werde Mittel finden dahinter zu kommen. So leb' denn wohl, Geliebte; morgen früh will ich Dich wieder beſuchen.“ Er zögerte nur noch eine Weile und verließ ſie dann. 374 Einunddreißigſtes Kapitel. Marlow ſaß bald zu Pferde und ritt nach dem Graf⸗ ſchaftsſitze. Er hatte jedoch länger als er glaubte bei Emily verweilt, und der Tag ging ſichtbar zur Neige, als er von Hauſe aufbrach. „Die Geſchäftsſtunden ſind vorüber,“ dachte er;„Ban⸗ kiers und Advokaten werden ihr gelderwerbendes, unheil⸗ ſtiftendes Tagesmühen aufgegeben haben, und ich muß eben bis morgen früh im Gaſthofe übernachten.“ Er war raſch zugeritten, zog aber jetzt die Zügel an und ließ ſein Pferd im Schritte gehen. Die Sonne ging präch⸗ tig unter, und dies volle roſige Licht, das die Luft erfüllte, gab Allem einen Anſtrich von Wärme und Heiterkeit. Marlow's Herz war jedoch nichts weniger als fröhlich. Ob die Scenen, die er in London erlebt— ſeine Beſuche im Kerker— ſeine Verhandlungen mit harten Geſchäftsmen⸗ ſchen— die lärmende, geſchäftige Menge, die ihn umgeben— der ermüdende fortwährende und doch ewig wechſelnde Kampf des Lebens, wie er ſich in den Straßen und Häuſern einer Hauptſtadt entfaltet— die zahlloſen Gradationen von Selbſt⸗ ſucht, Thorheit, Laſter und Verbrechen ſeinen Geiſt deprimirt, oder ob ſeine Geſundheit in Folge des ängſtlichen Abwartens der Ereigniſſe in der faulen Luft der Reſidenz einigermaßen angegriffen war, kann ich nicht ſagen: ich weiß nur ſo viel, daß er trüber als gewöhnlich geſtimmt war. Ihm war ein kräftiger, rühriger Geiſt beſchieden, der in der Regel zu heitern Ausſichten und frohen Hoffnungen hinneigte, zu feſt 375 um ſich leicht bedrücken, zu elaſtiſch um ſich lange nieder⸗ halten zu laſſen. Und doch lag jetzt eine gewiſſe Beſorgniß auf ſeiner Seele, welche ihn mächtig bedrückte. Er überlegte Alles, was neuerdings paſſirt war, ver⸗ glich den Zuſtand von Mr. Haſtings' Familie, wie er ſich gegenwärtig zeigte, mit dem wie er ihn Anfangs gekannt hatte, und die Veränderung ſchien ihm in der That räthſel⸗ haft. Glück und Gedeihen hatte damals in jenem Haus⸗ halte geherrſcht: ein ruhiger, ernſter, gedankenvoller aber zufriedener Gatte und Vater; eine heitere, liebenswürdige, zärtliche Mutter und Gemahlin; eine Tochter, ſeiner Anſicht nach das Ebenbild jedes ſüßen, ſanften und zärtlichen Glückes, heiter, frohſinnig und bezaubernd, voller Glanz und Leben, voller Fantaſie und Hoffnung. Jetzt ſaß der Vater im Ge⸗ fängniß, ſeines weltlichen Glückes zum großen Theile be⸗ raubt, aus ſeiner Stellung in der Geſellſchaft herausgewor⸗ fen, düſter, muthlos, argwöhniſch und, wie ihm ſchien, faſt geiſteskrank. Die Mutter, reizbar, launiſch, grämlich, unter dem Mißgeſchicke ſich beugend, lag auf dem Krankenbette, während der heitere Engel ſeiner Liebe das Eine von den Eltern pflegte und beruhigte, während ſie mit blutendem, zerriſſenem Herzen an die Betrübniß des Andern dachte. „Was haben ſie gethan, um das Alles zu verdienen?“ fragte er ſich ſelbſt.„Welchen Fehler, welches Verbrechen haben ſie begangen, um ſolchen Kummer auf ihre Häupter herabzuziehen? Nichts— auf der Welt nichts. Ihr Leben iſt unter freundlichen Handlungen und guten Thaten dahin⸗ gefloſſen; ſie haben die Vorſchriften der Religion, die ſie 376 bekannten, befolgt, haben ihre Tage im Dienſte ihrer Neben⸗ menſchen und in der Beglückung ihrer ganzen Umgebung zugebracht.“ Auf der andern Seite ſah er die Niedrigen, die Laſter⸗ haften, die Frechen und Gemeinen erfolgreich und gedeihend auf den Trümmern der Reinen und Wahren triumphiren; Poshafte Plane und ſchändliche Intriguen gewannen jeden Vortheil, während Ehrlichkeit und Rechtſchaffenheit vereitelt und niedergeworfen wurden. Marlow war kein Ungläubiger und neigte nicht einmal zum Skepticismus; aber ſeine Seele kämpfte nicht ohne Ehrfurcht und Demuth, um ſolche Thatſachen mit Gottes Güte und Vorſehung zu vereinigen. „Er läßt ſeine Sonne ſcheinen über Gerechte wie über Ungerechte— ſo lehrt man uns,“ ſagte Marlow zu ſich ſelbſt;„hier aber ſcheint die Sonne nur den Ungerechten zu leuchten und den Gerechten ſind nur Wolken und Stürme beſchieden. Es iſt ſehr auffallend und ſogar entmuthigend, und doch kann Alles, was wir von dieſer unerklärlichen Ver⸗ theilung gewahr werden, uns über das Jenſeits belehren und uns die größte Beſtätigung der großartigſten Wahrheit gewähren. Es muß eine andere Welt geben, in welcher dieſe Ungleichheiten ausgeglichen werden— eine Welt, wo die Böſen nicht mehr ſtören und die Müden Ruhe finden. Wir ſehen nur einen Theil des Ganzen, und der Theil, den wir nicht ſehen, muß gerade der ſeyn, der all' dieſe anſcheinenden Widerſprüche zwiſchen Gottes Güte und Gerechtigkeit und dem Fluche unſeres ſterblichen Lebens ausſöhnen wird.“ 377 Dieſen Gedankengang verfolgte er bis er das Städtchen erreichte und ſein Pferd im Gaſthofe einſtellte. Es war jetzt völlig dunkel geworden und er hatte ſeit heute Früh keinen Biſſen verſucht. Er beſtellte ſich deßhalb ein Abend⸗ eſſen, und der Gaſtwirth, ein guter ehrlicher Landwirth aus der alten Zeit, bei dem er jetzt gut bekannt war, brachte das Mahl ſelber herein und bediente ſeinen Gaſt bei Tiſche. Man wußte es damals gar nicht anders, als daß ein Reiſender, ſo oft er in einem Gaſthofe anhielt, ſich Wein beſtellte— man hielt dies für ſo ganz natürlich und zum Beſten des Hauſes für ſelbſtverſtändlich, daß der Wirth auch ohne direkten Befehl erhalten zu haben eine Flaſche ſeines allerbeſten alten Sherrys(von jeher ein Lieblings⸗ wein der Engländer, obgleich jetzt nur ſchwer zu bekommen) hereinbrachte und vor ſeinem Gaſte auf den Tiſch ſtellte. Marlow war von Gewohnheit kein Weintrinker. Er vermied ſo weit es an ihm lag die langen Trinkgelage, wie ſie damals faſt allgemein in England üblich waren; aber nicht ohne Abſicht huldigte er heute Nacht einem Gebrauche, welcher damals und noch viele Jahre ſpäter gäng und gäbe war, und lud den Gaſtwirth nach Beendigung ſeines Mahles ein, ſich zu ihm zu ſetzen und ihm bei ſeiner Flaſche Geſell⸗ ſchaft zu leiſten. „Ihr werdet noch eine zweite Flaſche brauchen, Mr. Marlow, wenn ich erſt anfange,“ ſagte der luſtige Wirth, der in ſeiner Art ein Spaßvogel war. Marlow winkte bedeutungsvoll mit dem Kopfe, wie wenn er auf dieſe Buße gefaßt wäre, indem er ruhig erwiederte: „Mit Hülfe Eurer angenehmen Unterhaltung werde ich das wohl ertragen können, Mr. Blackadder Cherrydew.“ „Nun, das nenn' ich herzlich,“ meinte der Gaſtwirth, ſich einen Stuhl etwas abſeits vom Tiſche ſtellend, denn ſeine ſtarke Korpulenz hinderte ihn, demſelben in voller Front nahe zu kommen. Ich habe oben geſagt, Marlow habe den Gaſtwirth nicht ohne Abſicht zu ſich eingeladen. Er wollte nämlich Erkun⸗ digungen einziehen, und es fiel ihm ein, ſchon während die Forelle— das erſte Gericht bei ſeinem Abendmahle— auf den Tiſch geſtellt wurde, daß er ſolche bei ſeinem Wirthe finden könnte, wenn dieſer anders hiezu geneigt wäre. Die engliſchen Gaſtwirthe waren damals— ich ſpreche natürlich von Landſtädtchen— den jetzigen in vielen Be⸗ ziehungen ſehr unähnlich, und gehörten zu einer ganz anderen Klaſſe der Bevölkerung. Erſtlich waren es keine feinen Herren, nicht wie jetzt in der Regel aus entlaſſenen Kammer⸗ dienern oder Tafeldeckern beſtehend, die ſich zurückziehen um in ihrer Geburtsſtadt die fetten Dinge des Lebens mit Be⸗ haglichkeit zu genießen, nachdem ſie ihre Gebieter gehörig betrogen und vielleicht auf allerlei Weiſe in Kontribution geſetzt haben. Dann ſtanden ſie mit zwei bis drei ganz abgeſonderten und völlig von einander geſchiedenen Klaſſen in vertrautem Verkehre und bildeten eine Art Verbindungs⸗ glied zwiſchen denſelben. Der Friedensrichter, der Ritter der Grafſchaft, der große Mann der Nachbarſchaft ſtiegen vor ihrer Thüre vom Pferde und plauderten mit dem Herrn Wirth. Da kam der Winkeladvokat, wenn er einen Prozeß 379 gewonnen, eine große Speſe oder lange Rechnung einge⸗ ſtrichen hatte, um ſich an einer Kanne Sherry gütlich zu thun, und während des Trinkens alle Angelegenheiten ſeiner Klienten auszuplaudern. Da ſchlich der Doktor herein, um ſein Glas eau de vie oder Peſtwaſſer oder aqua mirabilis — kurz ſtarke Getränke jedes Namens zu verſuchen und kleine ſchmutzige Anekdoten über ſeine Krankenfälle und Patienten zu erzählen. Dann kam der Alderman, der wohlhabende Krämer, der kleine Grundbeſitzer oder reiche Pächter, um Samſtags oder an Markttagen ein fröhliches Glas zu trinken. Außer dieſen wurde der Gaſthof— aber wohl gemerkt, durch eine andere Thüre— noch von einer geringeren, ärmeren Klaſſe von Gäſten beſucht, mit denen der Wirth jedoch auf ebenſo gutem Fuße ſtand wie mit Obengenannten: Der Fuhrmann, der Krämer, des Advo⸗ katen Schreiber und des Bankiers Commis, der Händler, ſogar der Thürſteher— ſie Alle fanden ſich hier zuſammen, und es kam Mr. Cherrydew und ſeinen Collegen nicht darauf an, ob es eine Bowle Punſch, ein Trunk Ale, ein Glas Ge⸗ branntes oder eine Flaſche alten Weines war, was ſeine Gäſte verlangten: er zeigte ſich höflich, vertraut und ge⸗ ſchwätzig gegen Alle. So ließ ſich denn erwarten, daß unter Cherrydews leuchtendem, roſigem Geſicht und in ſeinem fetten, runden Kopfe eine größere Maſſe von Wiſſen über die Nachbarſchaft und alles was darin paſſtrte angehäuft war, als in jedem andern Kopfe der ganzen Stadt, und die einzige Schwierig⸗ 380 keit beſtand darin, denjenigen Theil des Vorrathes hervor⸗ zuziehen, den man gerade bedurfte. Marlow wußte, daß es nicht anging, alsbald auf den Hauptgegenſtand ſeiner Nachforſchung loszugehen, denn Mr. Cherrydew war wie die meiſten Männer ſeines Ge⸗ werbes, d. h. ziemlich vorſichtig, und hätte ſich in ſchweigen⸗ der Zurückhaltung verſchloſſen oder ſich in unfaßbare Zwei⸗ deutigkeiten eingehüllt, wenn er gemerkt hätte, daß ſein Gaſt einen beſtimmten, wichtigen Zweck bei ſeinen Fragen verfolgte. Der Gute hatte nämlich die Anſicht, ein Gaſtwirth müſſe in allen ſeinen Gefühlen und Handlungen durchaus kosmopolitiſch verfahren, und dürfe ſich nie ſo weit einlaſſen, daß irgend Jemand dadurch gekränkt würde, der in Gegen⸗ wart, Vergangenheit oder Zukunft zu ſeinen Gäſten gehören konnte. Er war allerdings ein großer Freund vom Plaudern, liebte einen Scherz, und war nichts weniger als blind für die Lächerlichkeiten ſeiner Nachbarn; aber ſeine gewohnte Vorſicht lag in beſtändigem Kampfe mit ſeinem luſtigen, ge⸗ ſchwätzigen Temperament, und er wurde meiſtentheils als ein ſehr zuverläſſiger Mann betrachtet. Marlow holte alſo ſehr weit aus, indem er anhub: „Ich bin eben von London gekommen, Mr. Cherrydew, und kam herübergeritten in der Meinung, ich werde zeitig genug anlangen, um meinen Anwalt noch auf ſeinem Bureau zu erwiſchen.“ „Damit iſt's für heute Abend vorbei, Sir,“ erwiederte der Gaſtwirth.„Darin unterſcheiden ſich zweibeinige Füchſe von den andern: ſie gehen mit Sonnenuntergang in ihre 381 Höhlen, während andere Füchſe dann erſt zum Spaziergange ausziehen. Sie theilen die Welt unter ſich, Mr. Marlow: die eine Sorte jagt bei Tage, die andere bei Nacht.— Ei, ich möchte wohl einmal Lunnun ſehen. Es muß ein großer Ort ſeyn, Sir, aber ein ziemlich ſchlechter. Was hat man neulich wieder von ſo vielen Hinrichtungen geleſen! und dann dieſe Geſchichte mit Sir John Fenwick! Er hat hier die Pferde gewechſelt, als er zu Sir Philipp(wie ich ihn bis an's Ende meiner Tage nennen werde)— zum Mittageſſen fuhr. Ach, der arme Herr! Er war in großer Noth; aber ich vermuthe nach dem was ich höre, daß er jetzt erlöst wer⸗ den wird.“ „Ohne allen Zweifel,“ verſicherte Marlow;„die Regie⸗ rung hat keine Klage wider ihn gefunden. Ihr ſagt aber ganz richtig, Mr. Cherrydew: es hat in London eine trau⸗ rige Zahl von Hinrichtungen gegeben; ſiebenundzwanzig Menſchen wurden zu verſchiedenen Zeiten gehenkt, ſo lange ich dort war.“ „Und die Stadt iſt doch nicht beſſer,“ meinte Mr. Cher⸗ rydew. „Apropos,“ fragte Marlow,„waret Ihr nicht einer von den Geſchworenen bei dem Prozeſſe jenes Tom Cutter? 2 Füllet doch Euer Glas, Mr. Cherrydew.“ „Dank Euch, Sir. Ja, ich war freilich dabei, und da will ich Euch die poſſierlichſte Geſchichte von der Welt er⸗ zaͤhlen, die ſich am zweiten Tage zutrug. Denkt Euch, Sir, ich war Obmann der Geſchworenen, und am erſten Tage machte der Richter ſo lange fort, bis ſein Mittageſſen ganz 382 kalt, und wir alle halb verhungert waren. Er ſah jedoch, daß er ihn in jener Nacht jedenfalls nicht mehr aufhaͤngen konnte(erlaubt, Euer gutes Wohlſeyn, Sir!) und ſo vertagte er die Sitzung, rief einen Konſtable und befahl, uns arme Teufel ſammt und ſonders bis zum nächſten Tage in Jones Gaſthof einzuſperren, denn das Geſchwornen⸗Zimmer iſt ſo klein, daß drei Männer wie ich kaum Platz zum Stehen finden. Nun gut— den Uebrigen wollte das gar nicht ge⸗ fallen, obgleich ich mir nichts daraus machte, denn ich hatte einen Stiefel voll Schinken und eine Branntweinflaſche in meiner Hoſentaſche. Einer derſelben fragte den Richter trotz ſeiner großen, ſchwarzen Augenbrauen, ob er nicht über Nacht nach Haus dürfte; Seine Lordſchaft ſchnaubte ihn jedoch an wie ein Karrengaul, hieß uns das Maul halten und auf unſer Geſchäft Acht haben; wir ſollten uns ja hüten und wohl beiſammen bleiben. Ihr wißt, Sir, unſer Weg führte den Hügel hinauf, und der Konſtable folgte uns mit ſeinem Stabe in der Hand. Ich fühlte Mitleid mit meinen armen Leidensgenoſſen, und flüſterte erſt Dieſem und dann Jenem zu, ſo könne die Geſchichte nicht gehen, und ich wolle ihnen ſagen, wie wir uns einer guten Nachtruhe verſichern könnten. Ihr ſeht, ſagte ich, es kommt nur ein Konſtable auf dreizehn Leute; ſobald wir alſo an die Kreuzſtraße kom⸗ men, mag Jeder ſeine Beine aufpacken und davon laufen, wohin ſein Weg ihn führt. Er kann nur Einen einfangen, und der langſamſte Läufer verfällt ſeiner Kralle. Nun war ich der Fetteſte von allen, ſo daß Jeder ſich dachte, ich werde der Letzte ſeyn. Gut, ſie folgten alſo meinem Rathe; 383 aber es iſt zweierlei, einen Rath geben und ihn befolgen. Kaum hatten wir die Kreuzſtraße erreicht, als ſie wie ein Staubhaufen im Winde auseinanderſtoben, Dieſe die Straßen und Pfade hinab, Jene über Stiegen und Treppen, Andere durch die Hecken(der kleine Sninkum, der Schneider, blieb in der Hecke ſtecken und wurde eingefangen, weil er für ſei⸗ nen ſaubern Rock fürchtete); ich aber ſtand ſtockſtill, mit einem Blicke wunderbaren Erſtaunens, und rief: fangt ſie um Gotteswillen, Konſtable; was wird Mylord ſonſt zu uns Beiden ſagen! Fortſchießt der arme Teufel in einem Augen⸗ blick— der Eine will die Zwölfe einfangen, die ſich über das ganze Land zerſtreut hatten! Er dachte, mich habe er ſicher genug; aber was that ich? Ei nun, ſobald ich ihn abmarſchirt ſah, watſchelte ich nach Hauſe, ließ mich von meiner Frau in's Bett ſtecken und für meinen Großvater ausgeben.— Das iſt aber noch nicht das Beſte, Sir. Am andern Tag erſchienen wir alle zur rechten Zeit vor Gericht, und ſaßen behaglich in der Geſchwornenbüchſe noch ehe der Nichter eintrat; er mußte aber etwas von der Sache erfah⸗ ren haben, denn er warf einen fürchterlichen Blick auf Snin⸗ kum, deſſen Geſicht jämmerlich zerkratzt war, öffnete ſeinen Mund mit einem Knall, wie wenn ein Pfropf losgeht und ſagte: Ei, Mann, Ihr ſeht ja aus, wie wenn Ihr und Eure Collegen gefochten hätten, und dann ſtarrte er ebenſo ſcharf auf mich und brüllte: Ich hoffe, Ihr Herrn, Ihr habt Euch wohl zuſammengehalten. Auf dieſes legte ich beide Hände auf meinen Magen— er wiegt ſeine hundertundfünfzig, Sir, wenn er morgen abgeſchnitten wird, wie ich, der ich ihn 384 trage, zu meiner Laſt erfahren habe— und erwiederte ganz reſpektvoll: Für die übrigen Herren kann ich nicht einſtehen, Mylord; aber ich kann beſchwören, daß ich mich gut zuſam⸗ mengehalten habe. Ihr hättet hören ſollen, wie das ganze Gericht und die Zuhörer auflachten, während ich ernſthaft blieb wie ein Richter, viel ernſthafter als der, mit dem ich ſprach, denn ich dachte wahrhaftig, er wolle platzen vor Lachen, und eine ſaubere Geſchichte hätte das gegeben.“ So ernſthaft auch ſeine Gedanken waren, ſo konnte ſich doch Marlow eines Lächelns nicht enthalten; aber er vergaß ſeine eigentliche Abſicht nicht, und bemerkte: „Man gab ſich alle Mühe, jenen Schurken zu retten, und der jetzige Sir John Haſtings that ſein Beſtes für ſeinen Freund.“ „Nennt ihn John Ayliffe, Sir, nennt ihn John Ayliffe,“ ſagte der Wirth.„Auf Euer Wohl, Sir— er wird hier nie anders genannt.“ „Ob wohl eine Verwandtſchaft zwiſchen dieſem Tom Cutter und Ayliffe's Mutter beſtand?“ meinte Marlow nachſinnend. „Nicht'ne Spur, Sir,“ erwiederte der Gafun„Sie waren nur zwei böſe Buben zuſammen r die Ver⸗ wandtſchaft zwiſchen ihnen und nich dderes.“ „Nun, John ſtand jedenf⸗ einem Freunde bei,“ be⸗ merkte Marlow,„oß unrr räthſelhaft iſt, wo er das Geld zum Bezet Advokaten in dieſem wie in ſeinem Prozeſſe gegen Sir Philipp her bekam.“ ¹ Der Gaſtwirth winkte pfiffig mit den Augen, und äußerte 385 ſich nur in einem kurzen Lachen. Das paßte jedoch nicht ganz zu Marlow's Zwecken, und er fuhr in gedankenvollem Tone fort: „Ich weiß, daß er zwei bis drei Monate vorher zehn Pfund entlehnen wollte, aber nicht bekam, weil er das, was er früher von derſelben Perſon borgte, noch nicht bezahlt hatte.“ „Ja, ja, Sir,“ erwiederte der Gaſtwirth;„es gibt Ge⸗ heimniſſe in allen Dingen. Er bekam irgendwie Geld und Geld genug, gerade um jene Zeit. Er hat es noch nicht zurückbezahlt, hat aber, wie ich höre, eine Pfandverſchreibung dafür gegeben, und wenn er nicht ſeinen eigenen Leichnam dafür verpfändet, noch ehe es mit ihm zu Ende geht, ſo müßte ich mich ſehr irren.“ „Seinen eigenen Leichnam verpfänden!— ich verſtehe nicht, was Ihr meint,“ erwiederte Marlow.„Ich weiß gewiß, daß ich keinen Schilling um dieſes Stück Erde gäbe!“ 3 „Eine hübſche, vornehme Wittwe, keine hundert Meilen⸗ von hier, mag anders denken,“ meinte der Gaſtwirth aber⸗ mals grinſend und ſein Glas von Neuem füllend. „Aha!“ rief Marlow, und ſuchte gleichfalls zu lachen; „Ihr meint alſo, ſie habe das Geld vorgeſtreckt?“ „Ich bin feſt davon überzeugt,“ ſagte Mr. Cherrydew mit tiefem Kopfnicken.„Ich war kein Zeuge bei der Ver⸗ pfändung; aber ich kenne Einen, der es war.“ „Der Schreiber von Shanks vermuthlich?“ ſagte Marlow. James. Rache. 25 386 „Nein, Sir, nein,“ erwiederte der Wirth.„Shanks hat die Verpfändung nicht aufgeſetzt, denn er war Advokat beider Parteien, und Mrs. Hazleton wollte das nicht haben.— O ſie iſt ſchlau und liſtig.“ „Ich denke, Ihr müßt Euch irren,“ verſetzte Marlow in entſchiedenem Tone,„denn Mrs. Hazleton verſicherte mich, als zwiſchen ihr und mir eine Streitfrage obwaltete, daß ſie nicht gar ſo reich ſey wie man glaube, und daß es ſie ruiniren würde, wenn das Geſetz mir rückſtändige Zinſen zuerkennen ſollte.“ „Poſſen, Sir,“ rief der Wirth, der nunmehr neben meh⸗ reren Libationen unter Tages eine hinreichende Quantität Wein verſchluckt hatte.„Ich hätte Euch nicht für einen Mann gehalten, der ſich ſo leicht über die Ohren hauen ließe, Mr. Marlow; wenn Ihr aber den Schreiber von Doubledoo und Key befragen wollt, welche während dieſer Sache drei bis vier Tage hier waren, ſo werdet Ihr erfah⸗ ren, daß ſie jeden Heller vorſtreckte, und eine Verpfändung von mehr als fünftauſend Pfund dafür einnahm.— Ich glaube jedoch, wir ſollten lieber jene zweite Flaſche herbei⸗ holen.“ „In alle Wege,“ erwiederte Marlow. Und Mr. Cherrydew kugelte davon, um ſie zu holen. Als er zurückkehrte, fragte Marlow: „Apropos, wie hieß jener Schreiber, deſſen Ihr er⸗ wähntet.“ „Sims, Sir, Sims,“ beichtete der Gaſtwirth, den Kork ausziehend. Dann ſtellte er die Flaſche auf den Tiſch und ——nn·——— 387 ſetzte mit einem Blicke großer Verachtung bei:„Er iſt das winzigſte Männchen, das Ihr jemals geſehen, Sir— nicht einmal ſo groß wie meine Tochter Dolly, und mit nicht mehr Magen als ein Kehrbeſen— eine Art Baſtard zwiſchen einem Affen und einem Federmeſſer: er iſt ſo voller Bosheit wie der eine und ſo ſcharf wie das andere. Gleichwohl verträgt er eine erſtaunliche Menge Punſch, ſo klein er auch iſt; ich kann mir nicht denken, wo er's nur hinbringt— er muß es in die Schuhe ſchütten.“ „Ei, ei, Mr. Cherrydew,“ ſagte Marlow lachend,„ſprecht nicht unehrerbietig von mageren Leuten: ich bin ſelbſt nicht ſehr fett.“ „Gott ſey mit Euch, Sir! Ihr macht ja eine recht brave Figur, und mit der Zeit und mit etlichen Eimerchen Wein würdet Ihr eine ebenſo hübſche Front werfen, wie ich.“ Marlow hoffte alles Ernſtes, das werde nie ſtattfinden, bat aber Mr. Cherrydew wieder Platz zu nehmen und ſein Beſtes zu verſuchen, um ihm bei dem mitgebrachten Weine behülflich zu ſeyn.— Aus jener Flaſche ſtiegen gar viele 1 Dinge, nach denen Marlow weit mehr verlangte, als nach dem guten Sherry, den ſie enthielt. 25* 388 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Es war gegen zehn Uhr Morgens, als Marlow nach dem Hofe— wie er hieß— zurückkehrte. Der Tafeldecker benachrichtigte ihn, daß Miß Emily noch nicht unten ſey— bei ihr etwas höchſt Ungewöhnliches, da ſie ausnehmend frühzeitig gewöhnt war, was aber auf ſein Nachfragen da⸗ durch erklärt wurde, daß ſie den größern Theil der Nacht bei ihrer Mutter aufgeblieben war. Marlow ſchaute auf ſeine Uhr und dann auf den geſandelten Vorplatz vor dem Hauſe, wo fein eigenes Pferd von ſeinem Reitknecht auf⸗ und abge⸗ führt wurde, und ein Fremder, der mit ihm gekommen war, ruhig und als wollte er ihn erwarten, zu Pferde ſaß. „Ich fürchte, ich muß Eure junge Lady ſtören,“ äußerte Marlow nach kurzem Nachdenken.„Wollt Ihr ihrem Mäd⸗ chen ſagen, daß ſie hinaufgeht und ſie benachrichtigt, daß ich hier bin und ſie ſogleich zu ſprechen wünſche, da wichtige Geſchäfte mich unverzüglich nach London abrufen?“ Der Mann entfernte ſich, und Marlow trat in das ſoge⸗ nannte Nebenzimmer, wo er in Gedanken auf⸗ und abging. Er hatte noch nicht lange gewartet, als Emilſ ſelbſt voll Angſt und Ueberraſchung in ihren Blicken zum Vorſchein kam. „Was gibt es, Marlow?“ rief ſie.„Iſt ein neues Unglück begegnet?“ „Nein, nein, Liebe,“ erwiederte Marlow, ſie zärtlich umarmend.„Du darfſt Dich durch die wenigen Uebel, die Dich ſeither befallen haben, nicht zu jener Aengſtlichkeit be⸗ 389 wegen laſſen, wie ſie lange Jahre des Uebels und des Miß⸗ geſchickes nur zu oft erzeugen. Heiterere Tage werden jetzt hoffentlich kommen, meine Liehe. Weit entfernt, auf neue Uebel geſtoßen zu ſeyn, bin ich vielmehr in meinen Nach⸗ forſchungen ſehr glücklich geweſen, und habe Erkundigungen eingezogen, welche zu großen Reſultaten führen werden. Ich muß den Schlüſſel, den ich erhalten habe, ohne Schwanken oder Zögerung verfolgen, denn, ſollte der Faden abbrechen, ſo mochte es ſchwer ſeyn, ihn abermals anzuknüpfen. Wenn ich übrigens richtig urtheile, meine Emily, ſo dürfte es zu dem erfreulichen Reſultate führen, daß eine niederträchtige Verſchwörung vollſtändig enthüllt, daß die Beleidiger be⸗ ſtraft und daß Deines Vaters Rang und Eigenthum reſtau⸗ rirt werden wird.“ von großer Freude beſeelt. „Ich meines Theils kümmere mich nur wenig um den Verluſt von Stellung und Vermögen,“ ſagte ſie,„und noch weniger ſtrebe ich nach der Beſtrafung der Verbrecher; aber ich glaube, Marlow, Vater und Mutter werden über Deine Nachricht ſehr froh ſeyn. Darf ich ihnen erzählen, was Du mir ſagteſt?“ Marlow beſann ſich eine Weile. Er hätte Mrs. Ha⸗ ſtings gerne jeden Troſt gegeben, bezweifelte aber ihre Vor⸗ ſicht und erwiederte: „Nicht das Ganze, theure Emily, außer im Falle drin⸗ gender Noth. Du kannſt Deiner Mutter ſagen, ich glaube 390 Nachrichten eingezogen zu haben, welche zu einer Wieder⸗ einſetzung Deines Vaters in ſein Eigenthum führen werden, und dann magſt Du ſie verſichern, daß es von meiner Seite an keiner Anſtrengung fehlen wird, um dieſen Zweck zu erreichen. Sage ihr, daß ich eben jetzt zu dieſem Zwecke nach London aufbreche, und daß ich voll guter Hoffnungen bin. Ich glaube beweiſen zu können,“ fuhr er nach kurzem Nachdenken fort, mehr um Mrs. Haſtings von der rechten Fährte abzu⸗ lenken, als aus einer andern Erwägung, obwohl das was er zu behaupten im Begriffe war, auf eine Thatſache ſich gründete—„ich glaube beweiſen zu können, daß das feh⸗ lende Blatt im Kirchenregiſter, das man auf Deines Groß⸗ vaters Befehl ausgeriſſen glaubte, vor zwei Jahren noch anden war; auch kann ich zeigen, von weſſen Händen viel ſpätern Zeiten ausgeriſſen wurde. Verſichere ſie r, daß ich Alles thun will, was in meiner Macht liegt, ind heiße ſie guten Muthes ſeyn.“ „Ich verſtehe nichts von der Sache, und habe nie von dieſem Regiſter gehört,“ erwiederte Emily;„meine Mutter wird es aber wohl wiſſen, und wird Deine Meinung beſſer als ich begreifen. Ich weiß, daß ſchon die bloſe Hoffnung ihr große Freude machen wird.“ „Eines darfſt Du aber nicht vergeſſen, theure Emily,“ fuhr Marlow fort.„Um keinen Preis erwähne gegen ſie meines Verdachtes über Mrs. Hazleton, noch zeige ſelbſt irgend einen Argwohn gegen jene gute Lady. Es iſt abſolut nothwendig, daß ſie über unſere Zweifel in Unkenntniß bleibe, bis ſie zur Gewißheit geworden. Sollten während 391 meiner Abweſenheit irgend peinliche und unerfrénliche Um⸗ ſtände eintreten, ſo muß ich dieſe Papiere bei Dir zurück⸗ laſſen; ſie beſtehen in Mrs. Hazletons' Billet, das Du mir zeigteſt— einem Papier, das offenbar von ihrer Hand iſt, obwohl Deine Handſchrift auffallend nachgeahmt worden, was zu falſchen Eindrücken geführt hat— und dem Briefe des jungen John Ayliffe oder wenigſtens dem Schreiben, das Mrs. Hazleton ihm diktirte. Ich habe auf einem beſonderen Blatte einige Worte von mir ſelbſt beigefügt, indem ich die Eindrücke wiederholte, welche alle dieſe Dinge auf mich ge⸗ macht, und die ich rechtfertigen werde, ſobald es nöthig werden ſollte.“ „Was ſoll ich aber damit anfangen?“ fragte Emily in ihrer Einfalt. „Sie ſicher aufbewahren und ſie immer bei der Hand behalten, theures Mädchen,“ erwiederte Marlow in ernſtem Tone.„Du wirſt Deinen Vater bei ſeiner Rückkehr um ein gut Theil verändert— Du wirſt ihn mürriſch und un⸗ zufrieden finden. Am beſten nimmſt Du keine Notiz von ſolchem Benehmen, falls er nicht irgend eine Urſache ſeiner Unzufriedenheit deutlich ausdrückt. Wenn er das thut, wenn er es wagt, Dir bei irgend einer Gelegenheit Vorwürfe zu machen, meine Emily—“ „Weshalb?“ unterbrach ihn Emily in äußerſtem Er⸗ ſtaunen. „Es wäre zu lange und zu peinlich, wenn ich Dir jetzt Alles erklären ſollte, Liebe,“ gab ihr Bräutigam zur Ant⸗ wort.„So was kann ſich aber zutragen, meine Emily. 392 Getäuſcht und im Irrthum kann er Dir Vorwürfe machen über Dinge, an die Du nie im Traume dachteſt. Er mag auch Dein Benehmen unrecht nennen, weil Du ihm nie von dieſes jungen Schurken Bewerbung erzählteſt. In beiden Fällen händige ihm dieſe Papiere ein, und erzähle ihm Alles offen und aufrichtig.“ „Er iſt zuweilen ſo ernſt und verſchloſſen, daß ich nicht gerne über irgend einen Gegenſtand mit ihm rede, zu dem er mir nicht ſelber den Weg weist,“ ſagte Emily.„Ich glaube zuweilen, er verſteht mich nicht, Marlow, und ich fürchte mich, ihm mein ganzes Herz zu eröffnen, wie ich ſo gerne moͤchte, damit er mich nicht noch mehr mißverſtehe.“ „Laß Dich in dieſem Falle durch keine Furcht abhalten, liebes, theures Mädchen,“ gab Marlow zur Antwort.„Daß ſchwarze Komplotte gegen Dich angezettelt wurden, weiß ich gewiß; der einzige Weg ſie zu vereiteln iſt, volles, unbe⸗ ſchränktes Vertrauen in Deinen Vater zu ſetzen. Ich ver⸗ lange nicht von Dir, daß Du von ſelbſt über die Sache mit ihm redeſt, wenn er nicht anfängt, bis ich die Beweiſe er⸗ langt habe, welche die Sache ſo klar wie der Tag machen werden. Dann muß Alles erzählt werden, und Sir Philipp wird finden, daß er— wäre er ſelbſt offener geweſen— ſich bei ſeiner Tochter nicht über Mangel an Aufrichtigkeit hätte beklagen dürfen. Jetzt noch einen Kuß, ſüße Liebe, und dann laß mich aufbrechen.“ Ich will Marlow's Reiſe über die ſchöne Fläche des luſtigen Englands nicht näher ſchildern, noch die wenigen Abenteuer, die ihm unterwegs zuſtießen, erzählen, oder die 393 tiefen Erwägungen berichten, die ſich Gruppe auf Gruppe ſeiner Seele aufdrängten; ebenſo wenig will ich mich länger bei ſeinen Schritten in London aufhalten, die nur einen einzigen kurzen Tag in Anſpruch nahmen. Er verfügte ſich zu ſeinem Bankier, ſuchte den kleinen Schreiber des Herrn Doubledoo und Key auf, und wußte von Beiden poſitive Beweiſe zu erlangen, daß Mrs. Hazleton dem jungen John Ayliffe eine große Geldſumme vorgeſtreckt hatte, um ſeinen Prozeß gegen Sir Philipp Haſtings durchzuführen. Er verſchaffte ſich auch einen Paß nach Frankreich, und ein bis zwei Briefe an einflußreiche Perſonen in Paris, und ſobald er in den Gaſthof zurückkehrte, wo er den Mann, der ihn vom Lande herbegleitet, zurückgelaſſen hatte, brach er nach Calais auf, ohne ſich einen Augenblick Ruhe zu goͤnnen. Noch ein anderer Mann, ein Schreiber ſeines eigenen An⸗ walts, begleitete ihn, und ſo ſtürmiſch auch die Ueberfahrt war, ſo erreichten ſie doch wohlbehalten den Hafen ihrer Beſtimmung. Die Reiſe nach Paris war damals kein ſo leichtes Ding wie heutzutage. Marlow brauchte drei Tage, bis er die franzöſiſche Hauptſtadt erreichte, und ſeine beiden Begleiter brummten nicht wenig über die Schnelligkeit, mit der er reiste, und die wenige Ruhe, die er ſich und ihnen gönnte. In der Hauptſtadt pauſirten ſie jedoch zwei Tage, und mit einem Führer und Dolmetſcher verſehen amüſirten ſie ſich nach Kräften, während Marlow ſeine Zeit auf den Regie⸗ rungsbureaus und vornämlich bei dem Polizeilieutenant oder einem ſeiner Kommiſſäre zubrachte. 394 Endlich benachrichtigte Mr. Marlow ſeine beiden Be⸗ gleiter, daß ſie ſich bereit halten ſollten, ihn um neun Uhr Morgens nach St. Germain en Laye zu begleiten, wo er einige Tage ſich aufzuhalten beabſichtige. Pünktlich auf die Minute ſtand ein Wagen vor der Thüre, und ſie fanden darin einen ſehr verſtändigen und ehrbaren Herrn in ſchwar⸗ zer Tracht, einen Degen mit dunklem Griff an ſeiner Seite und eine gewiſſe Portion nicht ſehr unverdorbenes Engliſch in ſeinem Munde. Die ganze Geſellſchaft fuhr recht vergnügt die ſteile Steige hinan und um das ſchöne alte Schloß nach einem kleinen Gaſthofe, den jener ſchwarzgekleidete Herr dem Kut⸗ ſcher, welcher tiefe Ehrfurcht vor ihm zu haben ſchien— andeutete. Sobald ſie ſich behaglich daſelbſt eingerichtet hatten, verließ Marlow ſeine beiden engliſchen Begleiter und trat mit ſeinem ſchwarzgekleideten Freunde einen Spa⸗ zierganz auf der Terraſſe an, da eben die Stunde der Pro⸗ menade gekommen war. Sie gingen an zahlreichen Gruppen und vielen einzelnen Geſtalten vorüber, und Marlow hätte bemerken können, wenn er anders dazu aufgelegt geweſen wäre, daß mehrere der Perſonen, die ſie begegneten, ſeinen Begleiter mit argwöh⸗ niſchen und ziemlich ängſtlichen Blicken zu beäugeln ſchienen. Marlow's ganze Beobachtungsgabe war jedoch auf andere Dinge gerichtet; er prüfte jedes Geſicht, das er ſah, jede Gruppe, der er ſich näherte; endlich, als ſie an einer ziemlich heiter gekleideten Frau in mittleren Jahren voruͤberkamen, 395 welche allein ſpazieren ging, berührte der junge Engländer den Arm des ſchwarzgekleideten Herrn und ſagte: „Unſerer Beſchreibung nach muß das ſo ziemlich die ge⸗ ſuchte Perſon ſeyn.“ „Wir wollen ihr folgen und ſehen,“ ſagte der Schwarze. Ohne ſie ſcheinbar ſonderlich zu beachten, blieben ſie in der Nähe der Dame, die ihre Aufmerkſamkeit erregt hatte, ſo lange dieſe auf der Terraſſe ſpazieren ging; als ſie die⸗ ſelbe verließ, folgten ſie ihr durch mehrere Straßen, die in der Richtung des Parkes hinführten. Endlich hielt ſie vor einem kleinen Hauſe, öffnete die Thüre und trat ein. Der Schwarze zog ein kleines Buch mit langen Namens⸗ verzeichniſſen aus ſeiner Taſch. „Monsieur et Madame Jervis,“ las er, nachdem er mehrere Blätter umgeſchlagen hatte.„Seit drei Jahren hier wohnend.“ „Das kann ſie demnach nicht ſeyn,“ bemerkte Marlow. „Halt, halt!“ ſagte ſein Gefährte;„das iſt au premier: im zweiten Stock wohnt Monſieur Drummond(alter Mann von achtundſechszig— ſeit zwei Jahren hier), und über ihm Madame Dupont, eine alte franzöſiſche Dame, die ich ganz gut kenne. Ihr müßt Euch irren, Monſieur. Doch wollen wir zu dem charcutier dort gerade gegenüber gehen und fragen, ob das Madame Jervis war, welche eben eintrat.“ Sie war es wirklich; der Schweinemetzger hatte ſie an ſeinem Fenſter vorüberkommen ſehen, und Marlow's Nach⸗ forſchung hatte von Neuem zu beginnen. Als jedoch er und ſein Begleiter in ihren Gaſthof zurückkehrten, kam ihnen der 396 Mann, den Marlow vom Lande mitgebracht hatte, voll Eifer entgegen und ſagte: „Ich habe ſie geſehen, Sir; ich habe ſie geſehen. Kaum vor zehn Minuten kam ſie hier vorüber; ſie war wie eine Wittwe in Trauer gekleidet und ging ſehr raſch. Ich wollte darauf ſchwören, daß ſie's iſt.“ „Oho!“ meinte der Schwarze;„jetzt wollen wir ſie bald finden.“ Er rief dem Wirthe, der ebenſo voller Ehrerbietung gegen ihn war, wie der Kutſcher es geweſen, und ſagte in möglichſt freundlichem Tone;„Wollt Ihr die Güte haben, Monſieur St. Martin wiſſen zu laſſen, daß der hon homme grivois ihn auf einen Augenblick zu ſprechen wünſcht.“ Es war wunderbar, mit welcher Behendigkeit Monſieur St. Martin— ein hoch gewachſener, wuſeliger Mann mit endloſer Perrücke— der Aufforderung des bon komme gri- vois gehorchte. „Ah, bon jour St. Martin,“ ſagte der Schwarze. „Bon jour, Monsieur,“ erwiederte der Andere mit tiefer Verbeugung. 3 „Eine Dame von Vierzig— hübſch gewachſen, friſche Geſichtsfarbe, ſchwarze Augen, mittlere Größe, braune nur wenig grau geſprenkte Haare, wie eine engliſche Wittwe ¹ gekleidet, ziemlich gemeine Miene und Manieren— iſt ſeit einem Jahre hierher gekommen. Wo iſt ſie zu finden, St. Martin?“ fragte der Schwarze. Der Andere, welcher ſtehen geblieben war, zog ſein klei⸗ nes Buch hervor, und nachdem er deſſen Blätter fleißig zu Rathe gezogen, nannte er Straße und Hausnummer. 2 397 „Wie iſt ihr Name?“ fragte der Schwarze. „Miſtreß Brown,“ erwiederte St. Martin. „Gut,“ ſagte der Schwarze.„Wir müſſen bis morgen Früh warten, da es jetzt finſter wird und kein Mißgriff ge⸗ ſchehen darf, damit wir erſtens nicht den rechten Vogel ver⸗ ſcheuchen, indem wir einen, den wir nicht brauchen, einzu⸗ fangen ſuchen, und damit wir zweitens nicht einen von Sr. Majeſtät Gäſten beläſtigen, was den König zur Verzweif⸗ lung brächte.“ Früh am nächſten Morgen brachen die Vier nach der be⸗ zeichneten Straße auf, entdeckten die Hausnummer und traten dann in ein hübſches von einem alten franzöſtſchen Edelmanne bewohntes Hotel. Der Schwarze ſchien dem Diener wie dem Gebieter gleich unbekannt; aber wenige Worte, dem Letzteren in's Ohr ge⸗ flüſtert, machten ihn äußerſt höflich und zuvorkommend. Ein Vorderzimmer des Hauſes, gerade über dem des Portiers, wurde den Beſuchern zur Verfügung übergeben, und der Mann, welcher Marlow vom Lande begleitet hatte, wurde aus Fenſter geſtellt, um die Wohnung gegenüber zu be⸗ wachen. Es war ein balſamiſcher Morgen, und da das Haus faſt am Ende der Stadt lag, ſo fühlte man die friſche Land⸗ luft lieblich die Straße heraufwehen. Die Fenſter des ge⸗ genüberliegenden Hauſes waren noch verſchloſſen, und Mar⸗ low und ſein Begleiter mußten faſt dreiviertel Stunden war⸗ ten, bis ein Laden im erſten Stock aufging, aus dem eine 398 Dame eine Weile herausſchaute und dann den Kopf wie⸗ der zurückzog. „Dort iſt ſte!“ rief der Mann welcher wachte;„dort iſt ſie, Sir!“ „Seyd Ihr ganz ſicher?“ fragte der ſchwarzgekleidete Herr. „Hier iſt gar kein Zweifel möglich, Sir,“ erwiederte der Andere.„Gott ſegne Euch, ich kenne ſie ſo gut, wie ich meine eigene Mutter kenne. Ich ſah ſie vor zehn Jahren faſt jeden Tag.“ „Sehr wohl,“ verſetzte der Schwarze.„Ich will zuerſt allein hinübergehen, und ſobald ich eingetreten bin, müßt Ihr, Monſieur Marlow, mit dieſen beiden Herren dahin nachfolgen. Sie wird mir nicht entrinnen, wenn ich einmal drinn bin; aber das Haus kann einen hinteren Ausgang haben, und drum wollen wir ſie zu dieſer frühen Stunde nicht durch allzu viele Beſucher erſchrecken.“ So verabſchiedete er ſich, und Marlow und ſeine Be⸗ gleiter ſahen ihn an dem gegenüberliegenden Hauſe die Glocke ziehen. Allein der Argwohn der dortigen Bewohner rechtfertigte vollkommen die getroffenen Vorſichtsmaßregeln. Ehe man ihn einließ, wurde er von einer Dienerin aus dem Fenſter oben aufs Genaueſte beobachtet. Es iſt wahrſcheinlich, daß er dieſe Beobachtung recht gut merkte; aber er fuhr mehrere Minuten fort, ganz ruhig eine Opernarie zu ſummen und läutete dann die Glocke abermals. Jetzt ging die Thüre auf; er trat ein, Marlow und ſeine 399 Begleiter eilten hinüber und drangen ein, bevor die Thüre verſchloſſen wurde. Die Magd that einen leiſen Schrei bei dem plötzlichen Eindringen ſo vieler Männer; allein der Schwarze hieß ſie ſtillſchweigen, worauf ſte erwiederte: „Ah, Monſieur, Ihr habt mich betrogen. Ihr ſagtet, Ihr ſuchet eine Wohnung.“ „Ganz richtig, mein Kind,“ verſetzte der Mann;„die Wohnung, die ich ſuche, iſt die der Madame Brown, und Ihr werdet ſo gut ſeyn, Euch zu erinnern, daß ich jetzt in des Königs Namen allen Bewohnern dieſes Hauſes befehle, hier zu bleiben und unter keinerlei Vorwand auszugehen, bis ſie meine Erlaubniß haben. Verſchließt jene Hinterthüre und bringt mir dann den Schlüſſel.“ Bleich und zitternd that das Mädchen wie ihr befohlen war, und der Franzoſe wies ſodann Marlow's Begleiter an, den Uebrigen auf der Treppe voranzugehen und in das Vor⸗ derzimmer des erſten Stockes einzutreten. Die Andern folgten ihm dicht auf der Ferſe, und ſobald die Thüre des Zimmers offen ſtand, ſah man deutlich, daß die Dame des Hauſes durch das Geräuſch unten beunruhigt worden war, denn ſie ſchaute emſig und mit ſehr blaſſen Wangen nach dem Ausgange der Treppe. Sobald ſich ihnen dieſer Anblick darbot, hörten ſie den Mann, der ihnen vorangegangen, auf Engliſch ausrufen: „Ah, Mrs. Ayliffe, wie geht es Euch? Ich freue mich ſehr, Euch zu ſehen. Wißt Ihr auch, daß ſie Euch todt ſagten— ja und ſogar darauf ſchworeu? 400 John Ayliffe's Mutter ſank auf einen Stuhl und ver⸗ barg ihr Geſicht mit den Händen. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Marlow konnte nicht hartherzig gegen eine Frau ver⸗ fahren, und es that ihm leid, den furchtbaren Zuſtand von Unruhe und Aufregung zu gewahren, in welchen John Ayliffe's Mutter gerathen war. „Wir müſſen ſanft mit ihr umgehen,“ ſagte er auf Franzöſiſch zu dem Polizeikommiſſär, der bei ihr war und den wir ſeither den Schwarzen genannt haben. „Oui, Monsieur,“ erwiederte dieſer, eine Priſe neh⸗ mend und vollkommen gleichgültig, ob er ſanft verführe oder nicht; denn der Kommiſſär hatte die Ehre gehabt, mehrere Herren auf das Rad flechten zu ſehen, nichts zu ſagen von unterſchiedlichen Hinrichtungen mit Galgen und Schwert, von der ordentlichen und außerordentlichen Torturfrage— lauter Dinge, die bei Solchen, die ſie öfter mitanſehen, die Folge haben, das menſchliche Herz allmälig zu verhärten, ſo daß er keineswegs zarter Natur war. Marlow näherte ſich dem unglücklichen Weibe, um ſie anzureden, als dieſe, die Hände von den Augen nehmend und mit wilden Blicken um ſich ſchauend, ausrief: „Seyd ihr gekommen, um mich gefangen zu nehmen— ſeyd ihr gekommen, um mich gefangen zu nehmen?“ „Das wird von den Umſtänden abhängen,“ erwiederte I Marlow in ruhigem Tone.„Ich habe genügende Beweiſe von dem Komplotte in Händen, das Euer Sohn mit Euch und Mr. Shanks, dem Anwalt, angezettelt hat, und bin vollkommen berechtigt, mich wegen Eurer Arretirung und Transportirung nach England an die Regierung Sr. aller⸗ chriſtlichſten Majeſtät zu wenden. Aber ich will keineswegs hart mit Euch verfahren, wenn es vermieden werden kann.“ „O thut's nicht! thut's nicht!“ rief ſte heftig;„mein Sohn würde mich, glaub' ich, umbringen, wenn er wüßte, daß Ihr mich aufgefunden habt, denn er hat mir ſowohl geſagt als geſchrieben, ich ſolle mich ſorgfältig verſtecken, da er glauben würde, es ſey mein Fehler.“ „Sein eigener Fehler iſt es, da er Eure Briefe an ihn in das ſilberne Kreuz nach Hartwell zu ſchicken befahl,“ er⸗ wiederte Marlow.„Jedermann im Hauſe kannte die Hand⸗ ſchrift und wußte, daß ihr nicht todt ſeyed, wie man behaup⸗ tet hatte. Euer Sohn wird jedoch nicht lange in der Lage ſeyn, irgend Jemand umzubringen, denn ſchon die Thatſache, daß wir Euch hier fanden, mit den übrigen Umſtänden, die wir kennen, reicht hin, um ihn des Meineids zu überführen.“ „Dann wird er das Gut und den Titel verlieren und nicht mehr Sir John ſeyn?“ rief die unglückliche Frau. „Ohne allen Zweifel,“ verſetzte Marlow.„Um übri⸗ gens auf unſern Gegenſtand zurückzukommen: mein Beneh⸗ men gegen Euch muß ſich ganz nach Eurem eigenen Ver⸗ halten richten. Gebt Ihr volle und unverhohlene Aus⸗ kunft über dieſe nichtswürdige Geſchichte, bei welcher Ihr, wie ich fürchte, ebenſo gute Theilhaberin als Opfer geweſen, Fames. Rache. 26 4⁰² ſo willige ich in Euer Hierbleiben unter der Oberaufſicht der Polizei, deren Kommiſſär dieſer Herr iſt.“ „Ach, ich bin in der That ein Opfer geweſen,“ gab Mrs. Ayliffe weinend zur Antwort.„Seit ich mich in dieſer auslän⸗ diſchen Gegend befinde, hatte ich keinen Augenblick Frieden, oder auch nur einen Biſſen, den ich eſſen konnte— ja ich kann. kaum einen Menſchen, nicht einmal eine Magd auftreiben, mit der ich ein Wort Engliſch reden könnte.“ Marlow glaubte, die Frau habe Luſt, dem Inhalte ſei⸗ ner Fragen auszuweichen, um Zeit zur Ueberlegung zu ge⸗ winnen, und der Kommiſſär dachte ebenſo, obwohl Beide ſich eigentlich irrten, denn mehrere Thema's nebeneinander zu beſprechen, war eine Gewohnheit jener armen Frau ge⸗ worden. Der Kommiſſär unterbrach ſie barſch in ihrer Aufzäh⸗ lung der franzöſtſchen Unbequemlichkeiten, indem er ſagte; „Ich muß Euch um Eunre Schlüſſel bitten, denn wir müſſen eine Viſitation Eurer Papiere vornehmen.“ „Meine Schlüſſel— meine Schlüſſel!“ wiederholte ſie, mit ihren Händen in den großen Taſchen(wie man ſie damals trug) herumſtöbernd.„Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich damit angefangen habe oder wo ſie ſind.“ „O wir wollen bald Schlüſſel finden, welche Alles öff⸗ nen werden,“ ſiel der Kommiſſär ein.„Es gibt Hämmer genug in St. Germain.“ „Haltet einen Augenblick,“ ſagte Marlow;„ich denke, Mrs. Ayliffe wird uns die Mühe erſparen, ſo harte Maß⸗ regeln zu ergreifen.“ 403 „O ja, thut's nicht; ich will ja Alles was Ihr ver⸗ langt— ich will Alles was Ihr verlangt,“ bat ſie ernſtlich. „Wohlan, Madame,“ fuhr Marlaw fort,„wollt Ihr die Güte haben, dieſem Herrn, der Eure Worte niederſchrei⸗ ben und das Dokument ſpäter teſtiren wird— Euren wirk⸗ lichen Namen und Euren gewöhnlichen Wohnſitz in England zu erklären.“ Sie zögerte, und er fuhr in ſtrengem Tone fort: „Ihr könnt antworten oder nicht, wie es Euch beliebt, Madame: wir haben das Zeugniß des Mr. Atkinſon hier, der Euch ſeit vielen Jahren gekannt hat, daß Ihr Mrs. Ayliffe ſeyd und in Frankreich lebt, obgleich Euer Sohn das eidliche Zeugniß darauf ablegte, daß Ihr todt ſeyd. Das iſt die Hauptſache; zu gleicher Zeit erinnere ich Euch aber, daß wenn Ihr nicht in allem Andern die Wahrheit offen geſtehet, ich Euch nach England ſchaffen laſſen muß.“ „Ich will ja!“ rief ſie:„ich will ja!“ und ihre Augen zu dem Geſicht des Kommiſſärs erhebend, vor dem ſie ſich ſehr zu fürchten ſchien, nannte ſie treulich ihren Namen und ihren Wohnort.„Ich hätte— wahrhaftig ich hätte keinen falſchen Namen angenommen, wäre auch nicht hierher ge⸗ kommen,“ fuhr ſie fort,„wenn mein Sohn mir nicht geſagt hätte, das ſey für ihn das einzige Mittel, um das Gut zu bekommen. Er verſprach früher, ich dürfe zurückkommen, ſobald er es habe; jetzt aber ſagt er, ich müſſe für immer hier bleiben und mich verbergen!“ Und ſie weinte bitterlich. Mittlerweile fuhr der Kommiſſär fort, alle ihre Anga⸗ 26 404 ben rüſtig niederzuſchreiben. Sie ſchien zu merken, daß ſie ſich ſelbſt kompromittirte; aber wie das in ſolchen Fällen ſehr oft geſchieht— ſte machte die Sache nur noch ſchlim⸗ mer, indem ſie in leiſem Tone beiſetzte: „Im Ganzen hätte ihm das Gut von Rechtswegen gehört.“ „Wenn Ihr das glaubt, Madame,“ erwiederte Mar⸗ low,„dann ſolltet Ihr lieber nach England zurückkehren und es beweiſen; aber ich kann kaum glauben, daß Euer Sohn und ſein pfifſiger Anwalt zu Trug und Meineid ihre Zu⸗ flucht genommen hätten, um Euch verborgen zu halten, wenn ſie geglaubt hätten, daß Ihr überhaupt ein Recht beſitzet.“ „Ja, in den Augen Gottes mochte er ein Recht haben,“ antwortete die unglückliche Frau;„aber nicht in den Augen des Geſetzes. Wir waren vor Gott ſo gut verheirathet wie nur zwei Menſchen es ſeyn mochten, wenn wir auch vor den Menſchen nicht getraut ſeyn mochten.“ „Das heißt— Ihr und die fragliche Perſon?“ forſchte der Kommiſſär in einſchmeichelndem Tone. „Ich und Mr. John Haſtings, des alten Sir John’s Sohn,“ gab ſie zur Antwort. Der Kommiſſär zog hier Marlow einen Augenblick bei Seite, um ſich flüſternd mit ihm zu unterhalten. Was ſie ſprachen, konnte ſte nicht hören, und hätte es auch nicht verſtanden, wenn ſte es gehört hätte, da ſie fran⸗ zoͤſiſch ſprachen; aber ſie wurde unruhig, da ſie augenſchein⸗ lich von ihr redeten und ihre Blicke von Zeit zu Zeit auf ſie richteten. Sie dachte, ſie beabſichtigten ſie allerwenig⸗ ſtens in's Gefängniß nach England zu ſchicken oder vielleicht noch Schlimmeres; Erzählungen von Baſtillen und Kerkern, von Torturqualen aller Art, wodurch man widerſpenſtigen Gefangenen Geſtändniſſe abzupreſſen pflegte, tauchten vor ihrer Fantaſte auf, und das Zwiegeſpräch der Beiden war noch nicht zu Ende, als ſie in flehendem Tone ausrief: „Ich will Alles erzählen— ich will ja Alles erzählen, wenn Ihr mich nur nicht fortſchickt.“ „Der Kommiſſär meint, Madame,“ ſagte Marlow,„daß wir zu allererſt Eure Papiere unterſuchen und Euch dann je nach deren Angaben ausfragen ſollen. Die Schlüſſel müſ⸗ ſen alſo entweder gefunden oder die Schlöſſer aufgebrochen werden.“ „Vielleicht ſind ſie in jener Schublade,“ erklärte Mrs. Ayliffe, auf einen gegenüberſtehenden Sekretär deutend, und dort fanden ſie ſich auch wirkllich. Man brauchte nicht lange nach Papieren zu ſuchen, denn das Haus war nur dürftig ausgeſtattet, und der Sekretär ſelbſt enthielt ein Paket von ſechs bis ſieben Briefen John Ayliffe's an ſeine Mutter, nebſt zwei weiteren von Mr. Shanks, deren jeder mit den Worten endete:„lest und verbrennt ihn“— ein Auftrag, den ſie jedesmal aus Pie⸗ tät verſäumt hatte. Dieſe Epiſteln bildeten eine vollſtändige Reihenfolge von der Zeit, da ſie England verlaſſen, bis auf den laufenden Tag. Sie benachrichtigten die Empfängerin von dem Fort⸗ ſchreiten des Prozeſſes gegen Sir Philipp Haſtings, wie von deſſen glücklicher Beendigung in Folge des Rückzugs von 40⁶ Seiten des Vertheidigers. Die erſten Briefe hielten ihr jedesmal die Ausſicht auf eine baldige Rückkehr nach Eng⸗ land vor Augen; die ſpäteren Mittheilungen erwähnten lan⸗ ger, erdichteter Berathungen mit Advokaten über ihre Rück⸗ kehr und behaupteten, man habe es abſolut nothwendig ge⸗ funden, daß ſie nuter angenommenem Namen auswärts bleibe. Der letzte Brief, offenbar als Antwort auf ihre Bitten und Vorſtellungen geſchrieben, war jedoch in Marlows' Au⸗ gen der wichtigſte. Er lautete ſehr peremptoriſch, fragte, ob ſie ihren Sohn ruiniren un⸗ vernichten wolle, und drohte ihr mit allen erdenklichen Schrecken, wenn ſie ihren Zu⸗ fluchtsort bekannt werden ließe. Als einige Entſchädigung für ihre Enttäuſchung verſprach ihr jedoch John Ayliffe, ſie baldigſt beſuchen und ihr ein glänzendes Einkommen ſichern zu wollen, ſo daß ſie Wagen und Pferde halten und wie eine Prinzeſſin leben' könne. Daß er dies nicht ſchon früher gethan, entſchuldigte er damit, daß ſeine Freundin, Mrs. Hazleton, ihm eine große Geldſumme zur Beſtreitung des Prozeſſes vorgeſtreckt habe, die er ſogleich zurückbezahlen müſſe. Der Brief endete mit folgenden Worten: „Sie iſt noch ſo bitter wie immer gegen die ganze Fa⸗ milie Haſtings, und ſie wird ſich nicht eher zufrieden geben, als bis ſie den ſchließlichen Untergang Aller, beſonders je⸗ nes boshaften Mädchens, erlebt hat; ſie iſt jedoch teufel⸗ mäßig auf ihr Geld verſeſſen und will bezahlt ſeyn. Ich meines Theils kümmere mich nicht darum, was ſie auch 7/ 407 Miß Emily anthun mag, denn ich haſſe ſie jetzt ebenſo ſehr, wie ich ſie einſt lieb hatte. Aber Du wirſt in dieſer Bezie⸗ hung mit Nächſtem etwas zu hören bekommen.“ „Um's Himmelswillen!“ rief Marlow, als er dieſen Brief las,„was kann dieſem Weibe ſo viele Bosheit gegen die arme Emily Haſtings eingeflößt haben?“ „Ei, John pflegte immer zu glauben,“ ſagte Mrs. Ay⸗ liffe, während mitten in ihrer Betrübniß ein ſchwaches Lä⸗ cheln auf ihrem Geſicht aufleuchtete,„es geſchähe darum, weil Madame Hazleton einen Mann in dortiger Gegend, Namens Marlow, heirathen wollte und Miß Emily ihr ihn entführt habe.“ Der Kommiſſär lachte und bot Marlow eine Priſe; die⸗ ſer verſank in tiefe Gedanken, während der Kommiſſär ſeine Unterſuchung fortſetzte. Nur zwei weitere Papiere von Wichtigkeit fanden ſich noch, und ſie waren von ſehr altem Datum. Das eine, friſch und offenbar eine Abſchrift eines anderen, das zweite vergilbt und an manchen Stellen durchgerieben in ſeinen Falten. Das erſte war eine Abſchrift jenes Briefes, mit dem der junge John Haſtings das unglückliche Mädchen, das er verführt, in ihres Herzens Betrübniß getröſtet und ſie ſein liebes Weibchen genannt hatte. Es ſchien, als ob ſie nur mit der größten Mühe veranlaßt worden wäre, ſich von dem Originale zu trennen, ja daß ſie erſt dann eingewilligt, nachdem ſie eine Abſchrift davon erhalten hatte. Das ſpätere Schreiben war die Gegendoſis des früheren: X 408 es war ein Brief von dem alten Sir John Haſtings an ih⸗ ren Vater; er lautete folgendermaßen: „Sir! „Da Ihr für paſſend gehalten, alle eitlen und betrüge⸗ riſchen Vorwände in Betreff der unerlaubten Verbindung zwiſchen Eurer Tochter und meinem verſtorbenen Sohne zu⸗ rückzuziehen und Reue über Eure unverſchämte Drohung auszudrücken, ſo will ich meines Sohnes Kinde und dem unglücklichen Mädchen, das er mißbrauchte, die gebührende Unterſtützung nicht vorenthalten. Ich ſchreibe Euch alſo dies zur Nachricht, daß ich ihr die Summe von zweihundert Pfund jährlich in ſo lange verwilligen will, als ſte ſich an⸗ ſtändig und geſittet beträgt. Ich werde auch in meinem Teſtamente die nöthigen Weiſungen hinterlaſſen, um ihr und ihrem Sohne als gemeinſame Rente die gleiche Summe zu⸗ zuſichern, welche mit der Zeit vergrößert werden kann, wenn ihr Betragen in den nächſten paar Jahren ſo iſt, wie ich es billigen kann. Ich bin, Sir, Euer gehorſamer Diener John Haſtings.“ Marlow legte den Brief lächelnd zuſammen, und der Kommiſſär notirte und regiſtrirte mit allen gebührenden Förmlichkeiten die geſammte Korreſpondenz, wie ſie ſich in Mrs. Ayliffe's Beſitze vorfand. Sobald dies geſchehen war, wurde das Verhör(wie man es nennen konnte) mit der guten Frau fortgeſetzt; allein der 409 Anblick jener Briefe in Marlows Händen und das wohlzu⸗ friedene Lächeln, mit dem er ſie geleſen, hatte ſie überzeugt, daß alle ferneren Verſuche des Verhehlens vergeblich ſeyn würden. Der Schreck war bei ihr ein gutes Mittel, ihr die Zunge zu loͤſen, und wie dies in ſolchen Fällen häufig ge⸗ ſchieht, ſo flüchtete ſie ſich jetzt in das Ertrem der Geſchwä⸗ tzigkeit, erzählte Alles, was ſie wußte, glaubte oder ſich einbildete, und da ſie wie die meiſten ſchwachen Leute höchſt neugieriger, naſeweiſer Natur war, ſo gab ſie reichliche Aus⸗ kunft über alle Ränke und Intriguen, wodurch es ihrem Sohne gelungen war, ſogar Philipp Haſtings ſelber von ſeiner Legitimität zu überzeugen. Ihre Angaben nannten Mr. Shanks den Anwalt als Haupttriebfeder des ganzen Trugſyſtems, das ſie kompro⸗ mittirte; aber auch Mrs. Hazleton wurde als Mitwiſſerin aller Vorgänge, bei denen ſie mit ihrem perſönlichen Rathe geholfen und Vorſchub geleiſtet, auf's Bedenklichſte bloßge⸗ ſtellt. Mrs. Ayliffe erklärte alle Einzelheiten des Planes, wonach Emily Haſtings in Mrs. Hazleton's Haus gebracht und in eine Heirath mit John Ayliffe hineingeſchreckt wer⸗ den ſollte, denn ſie verweilte beſonders bei der Bevormun⸗ dung, die ihr Sohn von jener Dame erfahren und bei ſeiner Wuth und Raſerei, als der Plan vereitelt worden war. Die Vorgänge zwiſchen ihm und dem unglückſeligen Menſchen, Tom Cutter, kannte ſie nur zum Theil; ſie gab aber zu, daß ihr Sohn triumphirend gelacht habe bei dem Gedanken, wie Sir Philipp ſich ärgern werde, wenn man ihn glauben mache, ſeine geliebte Emily habe ihren jungen verworfenen 410 Sohn in der Hütte zunächſt dem Parke und war zu einer Zeit beſucht, wo er gerade mit Wildern beſchäftigt geweſen. Sie gab Alles mit größter Bereitwilligkeit von ſich und erzählte ſogar weit mehr, als man durch Fragen irgend aus ihr hätte herauslocken können. Sie ſchien jetzt alle Luſt zum Verhehlen verloren zu haben und ihre Hoffnung und Erwar⸗ tung ganz und gar auf das freimüthigſte Geſtändniß zu ſetzen; ihre einzige Furcht war offenbar die, daß man ſie nach England führen und mit ihrem Sohne konfrontiren könnte. 3 Hiebei verweilte ſie ſehr lange, und Marlow willigte ein, daß ſie wenigſtens für einige Zeit unter Oberaufſicht der Polizei in Frankreich bleiben dürfe, obgleich er allen Bitten zum Trotz nicht verſprechen wollte, daß man ſie nie⸗ mals herüberholen werde. Er ſuchte jedoch der Nothwen⸗ digkeit dieſes Schrittes dadurch vorzubeugen, daß er jede erdenkliche Formalität beobachtete, um die erlangten Geſtänd⸗ niſſe als dokumentirtes Zeugniß vor jedem Gerichtshofe rechtsgültig zu machen. Eine obrigkeitliche Perſon wurde herbeigeholt, Mrs. Ayliffe's Angaben wurden ihr in deren Gegenwart von dem Polizeikommiſſär vorgeleſen, und wenn man auch nicht behaupten kann, daß Styl oder Orthographie des würdigen Kommiſſärs beſonders gutes Engliſch enthiel⸗ ten, ſo unterſchrieb doch Mrs. Ayliffe das Protokoll und be⸗ ſchwor es in aller Form in Gegenwart von vier Zeugen. Für Marlow war die Scene ſehr peinlich, denn er hatte einen natürlichen Widerwillen dagegen, die Schwäche und Entartung der menſchlichen Natur von irgend einem Mit⸗ 411 geſchöpfe ſo widerlich entfaltet zu ſehen, und er verließ ſie nicht ohne Mitleid, aber mit noch tieferer Verachtung. Alle dieſe Empfindungen verſchwanden jedoch, als er den Gaſthof erreichte und ſich im Beſitze von Beweiſen ſah, welche ſeine geliebte Emily von dem Verdachte reinigen konnten, der ihrem Vater war eingeflößt worden, und welche ferner(wie er nicht im Geringſten zweifelte) eine Wiederein⸗ ſetzung Sir Philipp Haſtings' in ſeinen früheren Wohlſtand und ſeine Stellung in der Geſellſchaft zur Folge haben würden. Das Gemüth des Menſchen hat ſeine eigene Sonne in ſich, welche unabhängig von der umgebenden Atmoſphäre in hellem Glanze ſtrahlt oder von Wolken verhüllt wird. Wir ſcheinen in der That alle äußeren Gegenſtände faſt immer durch gefärbtes Glas zu betrachten, ſo daß das mit⸗ getheilte Kolorit in unſeren Fenſtern, nicht aber in den Ge⸗ genſtänden ſelber liegt. Es iſt wunderbar, wie ganz anders ſich die Dinge in Marlows Augen ausnahmen, während er nach Paris zu⸗ rückkehrte, als ſie ihm auf dem Hinwege erſchienen waren. Jetzt ſah er nichts als Sonnenſchein und Helle, weil ſein eigenes Herz glücklich war. Die düſteren Bilder, die ihn (wie ich früher zeigte) auf dem Wege von ſeinem eigenen Hauſe nach Hartwell verfolgten, die Zweifel— wenn man ſie ſo nennen kann— die Fragen des unbefriedigten Herzens über die Wege der Vorſehung, die nebelhafte Furcht, welche faſt alle Menſchen empfunden haben müſſen, als ob die wirk⸗ liche beſtändige, bis in's Kleinſte gehende Oberaufſicht einer 412 höchſten Gewalt nur ein ſüßer Traum, das Kind der Hoff⸗ nung und Verehrung ſeyen— waren alle verſcheucht. Ich will damit nicht ſagen, ſie ſeyen durch Vernunft oder Nachdenken zerſtreut worden, obgleich Vernunft und Nachdenken bei ſeinem ſtarken Geiſte immer auf Seiten des Glaubens ſtanden; vielmehr waren diesmal jene Nebel und Wolken durch den errungenen Erfolg und die erheiternde Ausſicht, die ſich wohl auf jenen Erfolg gründen ließ, plötz⸗ lich zertheilt worden. Es war nicht genug für ihn, daß er die Schönheit und Trefflichkeit von Emily's Charakter kannte, begriff und in ihrem vollen Werthe ſchätzte; er konnte ſich nicht eher zufrieden geben, als bis Jeder, der mit ihr in Verbindung ſtand, ſie ebenſo begriff und würdigte. Was die Welt von ihm ſelber dachte, kümmerte ihn nur wenig; aber er wollte, daß Jedermann von ihr gut dachte, und der tiefſte Schmerz, den er in ſeinem Leben vielleicht noch je empfunden hatte, war der geweſen, als er zum er⸗ ſtenmale entdeckte, wie Sir Philipp Haſtings ſein eigenes Kind bezweifelt und beargwöhnte. Jetzt mußte Alles wie⸗ der klar und hell werden: die niedrigen Betrüger ſollten bloß⸗ geſtellt und beſtraft— die Guten und Edlen geehrt und ge⸗ rechtfertigt werden. Es war ſein Werk, und als er aus dem Wagen trat und in ſeinem Pariſer Hotel die Treppe hinanſtieg, war ſein Schritt ſo triumphirend, wie wenn er einen großen Sieg erfochten hätte. Das Schickſal pflegt jedoch unſern Wein zu wäſſern, vermuthlich, damit wir nicht von dem koſtbaren Tranke der Freude berauſcht werden. Marlow hoffte voller Sehnſucht, ———— 413 mit ſeiner Botſchaft ohne Verzug nach England zurückzu⸗ fliegen; allein gewiſſe Formalitäten waren noch durchzuma⸗ chen, amtliche Siegel und Unterſchriften auf die erlangten Papiere zu heften, um keinen Zweifel an ihrer Authenticität übrig zu laſſen. Kalte Geſchäftsmenſchen konnten nicht dazu gebracht werden, ſeinen ungeſtümen Eifer zu begreifen oder damit zu ſympathiſiren, und fünf volle Tage verſtri⸗ chen, bis er endlich die franzöſtſche Hauptſtadt verlaſſen konnte. Vierunddreißigſtes Kapitel. John Ayliffe— wie wir ihn jetzt mit vollem Rechte wieder nennen dürfen— ſaß in der großen Halle des alten Hauſes der Familie Haſtings. Das Ausſehen dieſes weiten Gemaches war jetzt freilich ganz anders als damals, da es in Sir Philipp Haſtings' Beſitze geweſen. All das alte ſolide, reichgeſchnitzte, düſterausſehende Geräthe, das ihm früher einen Anſtrich freiherrlicher Würde gegeben und das Sir Philipp ſo ſorgfältig gehütet hatte, als wäre jeder alterthümliche Stuhl, jeder knorrige Tiſch ein Erbſtück ge⸗ weſen, war jetzt entfernt und durch reiche, prahleriſche Dinge in grellen Farben erſetzt. Seide, Sammt, Damaſt und goldenes Schmuckwerk in franzöſiſchem Style war im Ueber⸗ fluſſe vorhanden, und ohne die gewölbte Decke, die ſteiner⸗ nen Mauern und engen Fenſter hätte die alte Halle für 414 den Salon eines friſchbereicherten Pariſer Finanziers gelten können. Der junge Mann ſaß allein am Tiſche. Nicht daß er im Geringſten die Einſamkeit liebte: im Gegentheil hätte er ſein Haus gerne mit Geſellſchaften gefüllt; aber er fand, daß die alten Landedelleute der Nachbarſchaft aus dieſem oder jenem Grunde, den er nicht errathen konnte, ſeiner Ge⸗ ſellſchaft auswichen. Sein Reichthum, ſeine Oſtentation, ſein Lurus— denn er hatte ſich mit furchtbarem Ungeſtüm in ſeine neue Laufbahn geſtürzt— blieb bei ihnen ohne Wirkung. Sie betrachteten ihn als einen gemeinen Men⸗ ſchen und behandelten ihn mit kalter, hochmüthiger Höflich⸗ keit wie einen Emporkömmling. Nur ein einziger Edel⸗ mann von guter Familie wohnte nicht weit von ihm, der ſich viel an Höfen aufgehalten, ſein Vermögen daſelbſt ein⸗ gebüßt und Geiſt und Wohlſtand durch Stellenjägerei herab⸗ gebracht, überdies eine zahlreiche Töchterſchaar hatte; ihm war John Ayliffe's Geſellſchaft nicht unangenehm, und er kam nicht ſelten herübergeritten, um bei ihm zu ſpeiſen, ja wohl gar in der Halle zu übernachten. Hellte war er nicht ge⸗ kommen, und wenn man auch, Alles wohl erwogen, Zwei gegen Eins hätte wetten können, daß John Ayliffe ſchließ⸗ lich eine der Töchter heirathen werde, ſo war er doch jetzt noch in keine derſelben ſonderlich verliebt und überlegte eben ernſtlich einen baldigen Beſuch in London, wo er glaubte, daß ſein Urſprung unbekannt und ſein Reichthum im Stande ſeyn würde, ihm jede Art von Genuß zu verſchaffen. Zwei Diener waren in der Halle, die ihm bei Kiſche ——— 415 aufwarteten; feingekochte Speiſen und treffliche Weine ſtan⸗ den auf der Tafel. Alles was John Ayliffe in ſeiner ſinn⸗ lichen Begierde ſich von der Stellung der Reichen geträumt hatte, war vorhanden bis auf das Glück— aber das eben fehlte. Sich voll zu füttern und ſich als Schurken zu füh⸗ len— ſich mit Getränken, und wäre es reiner Nektar, anzu⸗ füllen, um den Gedanken an unſere eigene Niederträchtigkeit zu erſäufen— auf dem weichſten Lager zu ruhen und den Kopf auf Kiſſen von Eiderdunen zu ſtützen, während wir uns bewußt ſind, daß Alles was wir beſitzen nur die Frucht des Verbrechens iſt— das kann kein Glück, nicht einmal dem Allerentartetſten gewähren. Eſſen und Trinken war jetzt übrigens John Ayliffe’s Hauptvergnügen, beſonders das Trinken. Er berauſchte ſich zwar nicht jede Nacht, ehe er zu Bette ging; aber er trank immer ſo viel, um ſein Bewußtſeyn zu benebeln und ſeinen Geiſt zu verfinſtern; er liebte es, ſich in jenem ſchwindligen Auſtande zu ſehen, wo die Umriſſe aller Gegenſtände un⸗ deutlich werden und der Gedanke ſelbſt den nämlichen dunſti⸗ gen Anſtrich annimmt. Die Diener hatten ſich bereits ſeine Gewohnheiten ge⸗ merkt und kamen ihnen ſehr bereitwillig nach, da ſie ihre eigenen Vortheile daraus zogen. So wurden alſo auch diesmal, nachdem das Mahl kaum beendigt war, die Ge⸗ richte entfernt und das Deſſert auf die Tafel geſetzt, beſte⸗ hend vornämlich aus Reizmitteln für den Durſt und aus Süßigkeiten, für welche er große Vorliebe beſaß. Hiezu kamen zwei Flaſchen des ſtärkſten Weins aus ſeinem Keller, mit einem Vorrathe reiner Gläſer und einem Kruge Waſſer, der unberührt inmitten der Tafel ſtehen bleiben ſollte. Sobald dies geſchehen war, durfte er in der Regel nicht mehr geſtört werden, bis er mit ziemlich wankendem Schritte den Weg nach ſeinem Schlafzimmer aufſuchte. John Ayliffe hatte jedoch in der Nacht, von der wir re⸗ den, noch nicht ſein viertes Glas nach Tiſche getrunken und befand ſich eben in jenem unglücklichen Stadium, das bei manchen Menſchen dem aufheiternden Zuſtande der Betrun⸗ kenheit vorhergeht, als der Tafeldecker mit einem Briefe in der Hand eintrat. „Bitte um Verzeihung, daß ich ſtöre, Sir John,“ ſagte er;„allein Mr. Cherrydew hat einen Berittenen von Hart⸗ well mit dieſem Briefe geſendet, weil auf der Adreſſe ge⸗ ſchrieben ſteht: in höchſter Eile zu überliefern.“ „Hol' ihn der Teufel!“ rief John Ayliffe;„ich wollte, daß er meine Befehle befolgte! Was zum Henker braucht er mich in dieſer Stunde der Nacht mit Briefen zu plagen? Gebt ihn her und packt Euch.“ Dem Manne den Brief aus der Hand nehmend, warf er ihn neben ſich auf den Tiſch, als ob er nicht die Abſicht hätte, ihn heute noch zu leſen. Wahrſcheinlich wollte er es auch nicht, denn als er die Aufſchrift betrachtete, mur⸗ melte er: „Sie braucht gewiß wieder Geld, um dieſen oder jenen Putz zu bezahlen. Wie habgierig doch dieſe Weiber ſind! Der Pfarrer predigte neulich von des Pferdedoktors Tochter 417 „Beim Henker! ich glaube, ich habe des Pferdedoktors Mutter!“ Und er lachte ſtumpfſinnig, ohne zu bemerken, daß die Pointe ſeines Witzes ihn ſelber berührte. Er trank noch ein Glas Wein und betrachtete dann den Brief abermals, bis nach einem weiteren Glaſe die Neugierde ſeine mürriſche Laune beſiegte und er das Schreiben öffnete. Der erſte Blick auf deſſen Inhalt verſcheuchte nicht al⸗ lein ſeine Gleichgültigkeit, ſondern auch die Wirkung des bereits genoſſenen Weines, und er las den Brief mit ge⸗ ſpanntem, geiſterhaftem Blicke. Derſelbe lautete folgender⸗ maßen: „Mein theuerſter Junge! „Alles iſt verloren und entdeckt. Ich kann Dir nur ganz kurz die Dinge berichten, die ſich hier zugetragen ha⸗ ben, denn ich ſtehe unter der Aufſicht der Polizei, wie's die Leute hier nennen. Ich habe jedoch einige Minuten er⸗ haſcht und will das Mädchen bezahlen, daß ſie den Brief heimlich auf die Poſt bringt. „Noch nie habe ich eine Zeit erlebt wie heute Morgen. Vier Männer waren hier, darunter Atkinſon, der gerade unter uns in der Hütte mit den grauen Läden wohnte. Er erkannte mich in der erſten Minute und erzählte Jedermann wer ich ſey. Das iſt aber noch nicht das Schlimmſte, denn ſie hatten einen Polizeikommiſſär bei ſich— einen fürchter⸗ lich ausſehenden Menſchen, der eben ſo viel Schnupftabak zu ſich nahm wie Mr. Jenkins, der Friedensrichter. Sie James. Rache. 27 418 hatten ſchon in England über mich wie über Dich und Je⸗ dermann Nachforſchungen jeder Art angeſtellt, und ich ſollte Ihnen nun weitere Auskunft geben; ſie verhörten mich auf eine ſchreckliche Weiſe und jener garſtige, alte Kommiſſär im ſchwarzen Rock und der grauen Perrücke nahm mir die Schlüſ⸗ ſel und öffnete alle Schränke und Schubladen. Was konnte ich thun, um ſie zu verhindern? So erwiſchten ſie alle Deine Briefe an mich, weil ich es nicht ertragen konnte, meines theuren Knaben Briefe zu verbrennen— auch jenes Schreiben des alten Sir John an meinen alten Vater, das ich Dir einſt vorzeigte. Nachdem ſie das Alles hatten, half es doch nichts mehr, ihnen die Sache noch länger verbergen zu wollen, denn ſie hätten mich ſonſt in die Baſtille oder in den Tower nach London ſchicken können. So iſt Alles her⸗ ausgekommen, und das Beſte was Du thun kannſt iſt, alles Geld was Du haſt oder kriegen kannſt zuſammenzuraffen, ſo raſch wie möglich davonzulaufen und zu mir herüberzu⸗ kommen und mich fortzunehmen. Einer von ihnen war ein feiner Mann, wie ich nur je einen geſehen— ganz edelmän⸗ niſch, aber ſehr ſtreng. 1 „Ich beſchwöre Dich, mein theurer John, verliere keinen Augenblick, ſondern laufe davon, bevor ſie Dich einfangen, denn glaube mir, ſie wiſſen jetzt Alles, und nichts was Du thun kannſt wird ſie abhalten, Dich aufzuhängen oder in die Kolonien zu ſenden. Sie haben jetzt alle Beweiſe, und ich konnte es ihren Geſichtern anſehen, daß ſie nichts weiter brauchten, und wenn's ſo iſt, wird mir ganz gewiß das Herz brechen, d. h. wenn ſie Dich aufhängen oder in die Kolonien 419 ſenden, wo Du wie ein Galeerenſklave arbeiten mußt und einen Mann mit der Peitſche hinter Dir haſt, der Dir wahr⸗ ſcheinlich den nackten Rücken zerſchlagen wird. Lauf alſo nur fort und komm zu Deiner betrübten Mutter.“ Sie ſchien nicht gewußt zu haben, welchen Namen ſie unterzeichnen ſollte, denn erſt ſetzte ſie Brown', dann än⸗ derte ſie das Wort in Haſtings', dann wieder in Ayliffe’. Den Schluß machten zwei bis drei Poſtſcripte ohne ſonderliche Wichtigkeit, und John Ayliffe nahm ſich gar nicht die Mühe ſie zu leſen. Die Schimpfreden, die er— nicht insgeheim in ſeinem Herzen, ſondern laut und trotzig— über ſeine Mutter häufte, waren nichts weniger als kindlich, und der Ausbruch ſeiner Wuth dauerte volle fünf Minuten, bis ihr die wohlerklär⸗ liche Furcht und Beängſtigung folgte, wie ſie die eben em⸗ pfangene Nachricht ganz leicht veranlaſſen konnte. Sein Schrecken überſtieg alle Gränzen: die hohe Röthe ſeiner Wangen, jetzt noch durch Wein und Wuth erhöht, verſchwand, und als er einige Stellen in ſeiner Mutter Brief abermals überlas, zitterte er heftig. „Sie hat Alles erzählt!“ rief er:„ſie hat Alles erzählt und wahrſcheinlich aus ihrer Fantaſie noch allerlei beige⸗ fügt. Ueberdies haben ſie meine ſämmtlichen Briefe, welche die Närrin nicht verbrannt hat. Was habe ich nur geſchrie⸗ ben?— Wenn ich's nur wüßte! Jedenfalls zu viel— viel zu viel. Himmel und Erde! was wird daraus werden! Wollte Gott, ich hätte jenem Schurken Shanks kein Gehör 27* 420 geſchenkt! Wo ſoll ich mich jetzt Raths erholen? Bei ihm nicht: zer würde mich nur verrathen und ruiniren, mich zum Sündenbock machen und ganz gewiß behaupten, ich habe ihn betrogen. O er iſt ein koſtbarer Schurke, und Mrs. Hazleton weiß das zu genau, um ihm auch nur eine jämmerliche Pfand⸗ verſchreibung anzuvertrauen. Mrs. Hazleton— zu der will ich gehen. Sie iſt immer freundlich gegen mich, dabei teufelmäßig geſcheidt, weiß weit mehr als Shanks, wenn ſie ſich nur auf's Jus verſtünde! Zu ihr will ich gehen— ſie wird mir ſagen, wie ich's anfangen muß.“ Keine Zeit war zu verlieren, denn wenn er auch noch ſo ſcharf zuritt, ſo brauchte er über eine Stunde, um Mrs. Hazleton's Haus zu erreichen, und es war ſchon ſpät. Er befahl augenblicklich ein Pferd zu ſatteln, eilte in ſein Schlafzimmer, um ſeine Stiefel anzuziehen und ſtieg dann in die Halle hinab, wo er über die Langſamkeit des Reit⸗ knechts ſchimpfte, bis er beim Klange von Pferdehufen nach der Thüre eilte. Im Augenblick ſaß er im Sattel und ſauste von dannen, zur großen Ueberraſchung der Diener, die nicht wenig neugierig waren, welche Nachricht wohl ihr junger Gebieter erhalten haben möge, und ſich dann gemäß den Geſetzen und Verordnungen, wie ſie in ſolchen Fällen für die Domeſtikenhalle gültig waren, ſchadlos zu halten begannen. Der Wein, den er auf dem Tiſche hatte ſtehen laſſen, verſchwand mit großer Behendigkeit, und der Tafel⸗ decker, welcher ein Mann von Vorſicht war, wußte eine hübſche Zahl kleiner ſilberner Geräthe und werthvoller Artikel auf ſolche Weiſe bei Seite zu bringen, daß ſie * 421 ganz leicht und insgeheim eingepackt und entfernt werden konnten. Mittlerweile ritt John Ayliffe in wüthender Haſt wei⸗ ter; er vermied den Weg, der ihn an Mr. Shanks Wohnung vorbeigeführt hätte und erreichte gegen neun Uhr Mrs. Hazletons Thüre. Dieſe Dame ſaß in einem kleinen Nebengemache ihres ſchon früher erwähnten großen Salons, als ihr John Ay⸗ liffe als Sir John Haſtings angemeldet wurde. Mrs. Haz⸗ leton hatte ſich ſeit der Zeit, da wir ſie dem Leſer zum erſten Male vorſührten, wenigſtens in ihrem Aeußern gewaltig verändert. Sie war zwar immer noch wunderbar hübſch, hatte noch immer jene unbeſchreibliche Miene ruhiger, hoch⸗ gebildeter Würde, die wir oft thörichter Weiſe einem hoch⸗ geſinnten Herzen und edlen Gefühle zuzuſchreiben geneigt ſind, die aber— wo ſie nicht bloſe Kunſt und angenommenes Weſen iſt— meiner Anſicht nach nur Stärke des Charakters und großes Selbſtvertrauen andeutet, wenn ſie überhaupt eine moraliſche Beziehung hat; allein Mrs. Hazleton war älter und ſah beträchtlich älter aus— weit mehr, als die unterdeſſen verlebte Zeit erklären konnte. Die Leidenſchaf⸗ ten der letzten zwei bis drei Jahre hatten ſie ſtark mitgenom⸗ men, und die Mühe, die ſie ſich gab, um jene Leidenſchaften zu verbergen, hatten ihr vermuthlich ebenſo ſehr zugeſetzt. Gleichwohl war ſie unter ihrem Einfluſſe ziemlich fett ge⸗ worden, und die theilweiſen Falten ihrer hübſchen Haut wurden von ihrer wohlgerundeten Geſtalt Lügen geſtraft. Sie erhob ſich mit leichter, ruhiger Anmuth, um ihren 422 jungen Gaſt zu begrüßen und bot ihm die Hand mit den Worten: „Wahrhaftig, mein theurer Sir John, Ihr dürft mir keine ſo ſpäten Beſuche abſtatten, ſonſt wird ſich die Ver⸗ läumdung mit meinem guten Namen zu ſchaffen machen.“ Indem ſie noch ſprach, bemerkte ſie die Spuren heftiger Aufregung, welche noch nicht aus John Ayliffe's Geſicht gewichen waren, und ſie fuhr fort: „Was hat's gegeben? Iſt irgend etwas ſchlimm ge⸗ gangen?“ „Alles geht, glaub' ich, zum Teufel!“ rief John Ayliffe, ſobald der Diener die Thüre geſchloſſen hatte.„Sie haben meine Mutter in St. Germain ausfindig gemacht!“ Hier ſchwieg er, um zu ſehen, welche Wirkung dieſe erſte Nachricht hervorbringen würde. Sie war ſehr ſtark, wenn gleich für ihn nicht ſichtbar. Mrs. Hazleton wußte wohl, daß von dem vorgeblichen Tode ſeiner Mutter einer der Haupterfolge ſeines Prozeſſes gegen Sir Philipp Ha⸗ ſtings abgehängt hatte. Was jedoch in ihrem Innern vor⸗ ging, kam auf ihrem Geſicht nicht zum Vorſchein. Sie blieb mehrere Minuten ſchweigſam und ſagte dann mit ihrer wei⸗ chen, wohlklingenden Stimme: „Nun, Sir John, iſt das Alles?“ „Vollkommen genug, theure Mrs. Hazleton,“ erwie⸗ derte der junge Mann.„Ihr erinnert Euch doch, wie man als abſolut nothwendig erachtete, daß ſie für todt gehalten würde: Ihr ſelbſt ſagtet, als wir davon ſprachen: Schickt ſte nach Frankreich.’— Erinnert Ihr Euch nicht?“ 423 „Nein, in der That nicht!“ antwortete Mrs. Hazleton nachdenklich;„wenn ich ſo ſagte, ſo geſchah es nur, um das arme Ding vor all den Qualen eines gerichtlichen Verhöres zu bewahren.“ „Sie wurde nichtsdeſtoweniger in Frankreich ſcharf ge⸗ nug verhört,“ bemerkte der junge Mann bitter,„und ſie hat Alles erzählt— Alles was ſie wußte und wohl auch was ſie blos vermuthete.“ Dieſe Nachricht war weit intereſſanter als ſogar die frühere. Sie berührte Mrs. Hazleton in gewiſſem Grade perſönlich, denn Alles was Mrs. Ayliffe wußte und etwa noch errieth, mochte gar Vieles enthalten, was Mrs. Haz⸗ leton die Welt nicht gerne hätte wiſſen oder auch nur ah⸗ nen laſſen. Sie bewahrte jedoch ihre Geiſtesgegenwart und erwiederte: „In der That, Sir John, ich kann mir kein Urtheil über dieſe Dinge bilden oder Euch, wie ich ſo gerne möchte, Rath und Beiſtand gewähren, wenn Ihr mir nicht die ganze Sache deutlich und vollſtändig erkläret? Was hat Eure Mutter gethan, um Euch, wie es ſcheint, ſo tief aufzure⸗ gen? Laßt mich alle Einzelheiten erfahren, dann kann ich mit einigem Anſcheine von Vernunft ſprechen und urtheilen. Aber beruhigt Euch— beruhigt Euch, mein theurer Sir. Oft laſſen wir uns beim erſten Anblicke einer unerfreulichen Botſchaft erſchrecken, glauben den Schaden zehnmal ärger, als er wirklich iſt, und ſtürzen dann gerade in größere Ge⸗ fahren, indem wir ihnen auszuweichen ſtreben. Laßt mich, 424 wie geſagt, Alles erfahren, dann will ich überlegen, was zu thun iſt.“ Mrs. Hazleton hatte nach dem, was ſie ſo eben vernom⸗ men, bereits einen feſten Entſchluß darüber gefaßt, was ſie thun wollte. Sie hatte im Augenblicke errathen, daß das argliſtige Spiel, worein John Ayliffe ſich eingelaſſen oder an dem ſie ſich ſelbſt betheiligt hatte, ausgeſpielt und daß er ſelbſt der Verlierende ſey; aber es lag ihr ſehr viel daran, wo möglich zu erfahren, wie weit ſie ſelbſt durch Mrs. Ayliffe's Enthüllungen kompromittirt worden. Dies war denn der Beweggrund ihrer ſanftmüthigen Fragen, denn im Herzen war ihr nichts weniger als ſanſtmüthig zu Muthe. John Ayliffe ſeinerſeits war nicht weniger ärgerlich, denn wer in Angſt ſchwebt, ärgert ſich immer, wenn er An⸗ dere weniger ängſtlich findet als er ſelbſt iſt. Er zog alſo ſeiner Mutter Brief aus der Taſche und ſtreckte ihn Mrs. Hazleton ziemlich rauh entgegen, indem er ſagte: „Da lest, Madame, und Ihr werdet bald alle Einzel⸗ heiten erfahren, die Ihr nur immer wünſchen könnt.“ Mrs. Hazleton las das Schreiben von Anfang bis zu Ende, Poſtſcripte und Alles, und ſie ſah mit unendlicher Freude und Befriedigung, daß ihr eigener Name im ganzen Verlaufe der ergötzlichen Epiſtel nicht ein einziges Mal er⸗ wähnt wurde. Als ſie jedoch den Theil des Briefes las, wo Mrs. Ayliffe von jenem ſehr hübſchen, noblen Manne er⸗ zählte, welcher einer ihrer unerwünſchten Beſucher geweſen, da ſagte Mrs. Hazleton bei ſich ſelbſt: 425 „Das iſt Marlow— Marlow hat das gethan!“ Zehnfache Bitterkeit bemächtigte ſich ihres Herzens. Sie faltete jedoch den Brief ganz ſauber zuſammen, gab ihn John Ayliffe zurück und ſagte in ihrem ſüßeſten Tone: „Nun, ich halte die Sache nicht für ſo ſchlimm, wie Ihr ſie anzuſehen ſcheinet. Sie haben ausfindig gemacht, daß Eure Mutter noch lebt— das iſt Alles. Hieraus läßt ſich nicht viel machen.“ „Nicht viel machen!“ rief John Ayliffe, jetzt faſt zum Wahnſinn getrieben.„Wie! nicht einmal, wenn ſie mich des Meineids überweiſen, nachdem ich ihren Tod beſchworen?“ „Habt Ihr ihren Tod beſchworen?“ wiederholte Mrs. Hazleton mit einem trefflich angenommenen Blicke des hoͤch⸗ ſten Erſtaunens. „Allerdings that ich's!“ gab er zur Antwort.„Ihr ſelbſt habt ja vorgeſchlagen, daß man ſie fortſchicken ſolle, und Shanks hat das Zeugniß aufgeſetzt.“ Ein Blick der Beſtürzung und des Unwillens kam in Mrs. Hazletons ſchönes Geſicht; bevor ſie jedoch antworten konnte, fuhr Ayliffe fort(er glaubte ſie nämlich erſchreckt zu haben, und das war ihm ſchon an ſich eine Genugthuung und eine Art Triumph): „Ja, das habt Ihr gethan! und nicht allein das, ſon⸗ dern Ihr habt mir auch all' das Geld vorgeſtreckt, um den Prozeß zu führen, und ich ließ mir ſagen, das ſey vor dem Geſetze gleichfalls ſtrafbar. Ueberdies wußtet Ihr recht wohl, daß das Blatt aus dem Regiſter geriſſen worden, 42⁶ und ich kann Euch alſo nur ſagen, Mrs. Hazleton, wir ſtecken in ein und derſelben Falle.“ „Sir, Ihr beſchimpft mich!“ rief die Dame, ſich mit gebieteriſcher Würde aufrichtend.„Die Mildherzigkeit, die mich verleitete, Euch verſchiedene Geldſummen vorzuſtrecken, ohne zu wiſſen, wozu ſie verwendet werden ſollten— und ich kann beweiſen, daß manche derſelben zu ganz anderen Zwecken als zu einem Prozeſſe verwendet wurden— iſt, wie ich ſehe, mißverſtanden worden. Hätte ich ſie zur Führung dieſes Prozeſſes vorgeſtreckt, ſo wäre ſie Eurem und meinem Advokaten, nicht aber Euch ſelbſt ausbezahlt worden.— Kein Wort weiter, ich muß bitten! Ihr habt meinen Charakter wie meine Beweggründe falſch beurtheilt, wenn Ihr glaubtet, ich werde Euch auch nur noch eine Minute hier dulden, nachdem Ihr mich durch den bloſen Gedanken beſchimpft habt, als ob ich an Eurem nichtswürdigen Treiben irgend Theil genommen hätte.“ Sie ſprach in lautem, ſchrillem Tone, wohl wiſſend, daß ihre Dienerſchaft ſich dicht daneben in der Halle befand, und ſie fuhr fort: „Erſpart mir die Mühe, Sir, Euch durch einige meiner Leute aus dem Hauſe ſchaffen zu laſſen, indem Ihr Euch ſogleich entfernet.“ „Nun ja, ich will gehen— ich will gehen!“ rief John Ayliffe, nunmehr bis zur Wuth gereizt.„Ich will zum Teufel gehen, und das werdet auch Ihr, Madame!“ Mit dieſen Worten polterte er aus dem Zimmer und ließ die Thüre hinter ſich offen. 427 „Ich kann das Unglück bemitleiden,“ rief Mrs. Hazle⸗ ton, ihre Stimme zum Beſten Anderer zu ihrer höchſten Höhe erhebend;„aber mit Spitzbüberei und Betrug will ich nichts zu ſchaffen haben.“ Als ſie ſein Roß über die Terraſſe hinklappern hörte, wünſchte ſie ihm von Herzen, er möchte den Hals brechen, noch ehe er die Parkthore verließe. Inwieweit ihr Wunſch in Erfüllung ging oder nicht, müſſen wir in einem andern Kapitel erklären. Fünfunddreißigſtes Kapitel. John Ayliffe kam wohlbehalten durch die Parkthore, obwohl er den mit lockeren Steinen bedeckten Abhang hinab⸗ ſprengte, wie wenn er weder auf ſeinen eigenen Nacken noch auf ſeines Pferdes Kniee bedacht wäre. Er befand ſich in einem Zuſtande der Verzweiflung und kümmerte ſich in jenem Augenblicke wenig darum, was aus ihm oder der ganzen Welt wurde. Mit wilder Haſt überlegte er in ſeinem Innern ſeine jetzige Lage, das Benehmen Mrs. Hazletons, die Thorheit ſeiner Mutter— wie er es zu nennen beliebte— die Ver⸗ brechen, die er ſelbſt begangen hatte, ohne in der ganzen traurigen Gedankenwüſte einen Zufluchtsort zu entdecken. Alles um ihn her ſchien furchtbar und drohend, und die Welt in ſeinem Innern war ebenſo finſter und ſtürmiſch. Er trieb ſein Pferd auf derſelben Straße vorwärts, die 428 er hergeritien war; aber plötzlich kam ihm ein neuer Ge⸗ danke in den Sinn. Er nahm ſich vor, Rath und Hülfe bei einem Manne zu ſuchen, den er früher zu vermeiden be⸗ ſchloſſen hatte. „Ich will zu Shanks gehen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt; er wenigſtens iſt in demſelben Falle wie ich. Er muß mit mir arbeiten, denn war meine Mutter thöricht genug, meine Briefe aufzubewahren, ſo war ich wenigſtens ſo klug, die ſeinigen zu behalten. Vielleicht läßt ſich im Ganzen doch etwas thun— wo nicht, ſo ſoll er mit mir gehen, und wir wollen verſuchen, ob wir dieſes Weib nicht gleichfalls hinein⸗ bringen können. Er kann alle ihre Worte und Thaten be⸗ weiſen!“ In ſolchen Gedanken drehte er den Kopf ſeines Pferdes gegen des Advokaten Wohnung, und ritt ſpornſtreichs dahin, bis er ſie erreichte. Mr. Shanks ſaß eben in einem kleinen Stübchen, das weit niedlicher und freundlicher ausſah, als es anderthalb Jahre früher ausgeſehen hatte, und erfreute ſich an einer ruhigen behaglichen Bowle Punſch. Mr. Shanks war nämlich für ſeine Bethätigung gegen Sir Philipp Haſtings gut bezahlt worden; er hatte reichlich für ſich ſelbſt geſorgt, und kein kleiner Theil der Koſten und Zinsrückſtände war in Mr. Shanks' Taſchen gefloſſen. Er war jetzt— was er ſich immer gewünſcht hatte— ein wohlhabender Mann. Ueberdies gehörte er zu jenen glücklichgearteten Sterblichen, welche wiſſen, daß der wahre Gebrauch des Reichthums darin beſteht, daß man ihn zu einem Mittel des Genuſſes 429 macht. Er hatte keine Gewiſſensbiſſe— o nein; er küm⸗ merte ſich wenig darum, wie das Geld bei ihm einkam, wenn es nur den Weg in ſeine Taſchen fand. Er war nicht der Mann, der ſich durch unerfreuliche Erinnerungen ſtören ließ, denn er hatte den Grundſatz, daß Jedermann das Beſte für ſeinen Klienten thun müſſe, und daß Jeder ſein eigener erſter Klient ſey. Er hoͤrte ein Roß vor ſeine Thüre ſprengen, und da er beſchloſſen hatte, die Nacht recht behaglich zu beendigen, ſeinen Punſch auszutrinken und dann zu Bette zu gehen, ſo hätte ihn das vielleicht etwas geniren können, wenn er ſich nicht mit dem Gedanken getröſtet hätte, daß der Störung wenigſtens ein wichtiges Geſchäft zu Grunde liegen müſſe, und er hatte keinen Begriff von wichtigen Geſchäften, wo nicht auch reiche Speſen abſielen. „Ich wette was man will— da gibt's ein Teſtament aufzuſetzen,“ ſagte Mr. Shanks zu ſich ſelbſt.„Entweder iſt es der alte Sir Peter, der an einer Unverdaulichkeit ſtirbt und mich rufen läßt, wenn er nicht mehr zu ſprechen im Stande iſt, oder es hat John Ayliffe beim Sprunge über ein fünffach vergittertes Thor den Hals gebrochen.— John Ayliffe, Gott ſteh uns bei! Sir John Haſtings hätte ich ſagen ſollen!“ Allein John Ayliffe's wohlbekannte Stimme, welche in lautem ungeduldigem Tone nach ihm fragte, verſcheuchte dieſe Träume ſeiner Fantaſie, und im nächſten Augenblicke ſtand der junge Mann im Zimmer. „Ah, Sir John, ſehr erfreut Euch zu ſehen— ſehr er⸗ 430 freut Euch zu ſehen,“ rief Mr. Shanks, ſeinem Beſuche die Hand ſchüttelnd und die Aſche aus ſeiner Pfeife auf dem Kaminſimſe ausklopfend.„Ihr kommt eben recht, mein theurer Sir— eben recht zu einem Glaſe Punſch.—— Bringt noch Citronen und etwas Zucker, Betty.— Ein Glas Punſch wird Euch gut thun, Sir John; es iſt ziemlich kalt heute Nacht.“ „Heiß, wie die Hölle!“ ſchrie John Ayliffe in ſcharfem Tone;„aber den Punſch nehme ich dennoch an.“ Und er ſetzte ſich nieder, während das Mädchen ſich an⸗ ſchickte, ihres Gebieters Befehle zu vollziehen. Mr. Shanks ſah augenſcheinlich, daß bei ſeinem jungen vornehmen Klienten irgend etwas ſchief gegangen war; da er jedoch kein großes Uebel ahnte, ſo überlegte er nur bei ſich ſelbſt, ob ſich's wohl um einen Wurf von Hunden, ein Lieb⸗ lingspferd, einen Brand in der Halle, einen Diebſtahl oder einen Mangel an baarem Gelde handeln möge. Endlich wurden Zucker und friſche Citronen gebracht, die Thüre wurde wieder geſchloſſen, und John Ayliffe hatte unterdeſſen faſt allen Punſch ausgetrunken, den er noch in der Bowle vorgefunden hatte. Es war nicht viel, aber er war ſtark, und Mr. Shanks machte ſich daran, noch weitere Medizin derſelben Art zu bereiten. John Ayliffe ließ ihn bis zu Ende gelangen, ehe er ihn mit einem Worte ſtörte, nicht gerade aus abſtrakter Ehrfurcht vor dem Amte, das Mr. Shanks verrichtete, noch aus Liebe zu dem Getränke, das er braute, ſondern einfach blos deshalb, weil er zu fühlen begann, daß er ſeinen Plan zuvor wohl etwas 431 überlegen dürfte. Das Ueberlegen nützte ihn ſelten viel, und auch diesmal hatte er ſich noch nicht lange angeſtrengt, um die beſte Art, die Sache auf's Tapet zu bringen, aus⸗ findig zu machen, als ihn ſein Ungeſtüm wie gewöhnlich hinriß und er Mr. Shanks ſeiner Mutter Brief in die Hand ſteckte, nachdem er ihm als Einleitung den Löffel abgenom⸗ men und ſich ein weiteres Glas Punſch eingeſchenkt hatte. Mr. Shanks' Beſtürzung, als er Mrs. Ayliffe's Brief las, ſtand in ſtarkem Gegenſatze zu Mrs. Hazletons wohl affektirter Gelaſſenheit. Er war offenbar ebenſo erſchrocken wie ſein Klient, denn Mr. Shanks vergaß nicht, daß er Mrs. Ayliffe ſeit ihrer Abreiſe zwei Briefe geſchrieben, und da ſie ihres Sohnes Epiſteln aufbewahrt hatte, ſo ſchloß er, daß dies mit den ſeinigen gleichfalls geſchehen ſeyn konnte. Ihr Inhalt mochte an ſich betrachtet nur wenig bedeuten; aber mit andern Umſtänden in Verbindung gebracht, konnte er ſehr bedeutſam werden. Mr. Shanks hatte zwar in Gegenwart Mrs. Ayliffe's, von deren Verſchwiegenheit er nicht ſo feſt überzeugt war, wie er wohl hätte wünſchen können, alle Diskuſſionen über die zarteren Geheimniſſe ſeines Berufes ſo viel wie möglich vermieden; aber es war dies nicht einmal möglich geweſen, beſonders wenn er John Ayliffe eiligſt in ihrem Hauſe hatte aufſuchen müſſen, und nun lag die Erinnerung mancher langen, gefährlichen Unterredung, welche in deren Gegenwart vor ſich gegangen war, gleich den Items auf den Blättern ſeines Hauptbuches in regelmäßiger Reihe vor ſeinen Augen ausgebreitet. 432 „Gerechter Gott!“ rief er,„was hat ſie gethan?“ „Natürlich Alles, was ſie nicht hätte thun ſollen,“ er⸗ wiederte John Ayliffe, ſein Glas von Neuem füllend;„die Frage iſt aber jetzt: was haben wir zu thun?“ Das iſt nunmehr die große Frage.“ „Allerdings,“ verſetzte Mr. Shanks in großer Bewe⸗ gung.„Das kommt recht ungeſchickt— recht ungeſchickt in der That!“ „Weiß wohl,“ gab John Ayliffe lakoniſch zur Antwort. „Ja, was iſt da zu thun, Sir?“ fragte Mr. Shanks, unruhig am Tiſche hin und her rutſchend. „Das iſt's, was ich Euch fragen und nicht was ich Euch ſagen wollte,“ antwortete der junge Mann.„Ihr ſeht, Shanks, wir Beide befinden uns genau in demſelben Falle, nur habe ich mehr zu verlieren als Ihr; was aber mir zuſtößt, wird auch Euch begegnen— darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Ich werde nicht der Einzige ſeyn, was auch Mrs. Hazleton denken mag.“ Shanks hielt ſich alsbald an Mrs. Hazletons Namen. „Ha, das iſt ein guter Gedanke,“ meinte er;„wir wollen gehen und uns mit ihr berathen; wenn wir Drei die Köpfe zuſammenſtrecken, können wir die Gegner vielleicht doch noch ſchlagen.“ „Hilft nichts, zu ihr zu gehen,“ gab John Ayliffe bitter zur Antwort.„Ich bin bei ihr geweſen, und ſie hat ſich wie ein vollendetes Zankeiſen benommen. Sie ſchrie, ſie habe nichts mit mir zu ſchaffen gehabt, und als ich ihr ganz ruhig ſagte, ſie ſolle mir aus der Klemme helfen, weil ſie 1 433 mich theilweiſe hineingebracht habe, da fuhr ſie auf mich los wie eine Dächſin mit einem Wurfe Junger, bellte mich zum Hauſe hinaus, als ob ich ein Bettler wäre, und nannte mich einen Schwindler und Spitzbuben faſt vor den Ohren ihrer eigenen Dienerſchaft.“ Mr. Shanks lächelte— er konnte ſich ſogar in dieſem Augenblicke bitterer Beſorgniß nicht einer Anwandlung der Bewunderung und Ehrfurcht vor Mrs. Hazletons Klugheit, Geſchick und Entſchloſſenheit enthalten. Er gab ihr in ſeinem Sinne vollkommen Recht; nur merkte er ganz deut⸗ lich, daß es für ihn nicht angehe, daſſelbe Spiel zu ver⸗ ſuchen. Eine Hoffnung— eine ſchwache Hoffnung— ein Lichtſtrahl wie durch ein Guckloch kam in Betreff der Zukunft über ihn, durch Mrs. Hazletons Benehmen ihm zugeflüſtert. Er dachte, wenn ſich nur einige Schwierigkeiten beſeitigen ließen, ſo könnte auch er die ganze Schuld auf John Ayliffe ſchieben und die Laſt der Schande von ſeinen eigenen Schul⸗ tern auf die ſeines Klienten abladen; um aber ſolches zu bewirken, mußte er John Ayliffe nicht allein zu beſänftigen ſuchen, ſondern auch für ſein ſicheres Entkommen Sorge tragen. Vorwürfe— das wußte er wohl— waren ſehr gefährliche Dinge, und es war ihm bekannt, daß wenn man einem Mitſchurken die Laſt auf die Schultern zu bürden ſucht, man ihn nur beleidigt, ohne ſeine eigene Sache um ein Haar beſſer zu machen, falls man nicht Sorge trägt, daß er nicht die Macht oder ein Intereſſe daran hat, uns ein tu quoque zuzurufen. Es war alſo zu ſeinen Zwecken durchaus erforderlich, Fames. Rache, 28 434 ſeinem Klienten jedes Intereſſe, jeden Vorwand zu benehmen, um ihn ſelber anzuklagen; allein thörichte Schurken ſind oft gar ſchwer zu behandeln, und er wußte, daß ſein junger Klient in dieſem Punkte Erſtaunliches leiſtete. Da er jedoch einige Zeit zur Ueberlegung zu haben wünſchte, ſo nahm er Veranlaſſung, einige bedeutungsloſe Fragen einzuwerfen, ohne deren Erwiederung im Geringſten zu beachten. „Wann iſt dieſer Brief bei Euch angelangt?“ erkundigte er ſich. „Erſt heute Nacht— kaum vor drei Stunden,“ gab John Ayliffe zur Antwort. „Glaubt Ihr, ſie habe wirklich Alles erzählt?“ fuhr Mr. Shanks fort. „Alles und noch weit mehr,“ verſetzte der junge Mann. „Wie lange iſt ſie in St. Germain geweſen?“ forſchte der Advokat. „Was Teufels hat das zu bedeuten?“ rief John Ayliffe ungeduldig werdend. „Sehr viel, ſehr viel,“ verſetzte Mr. Shanks wohlweiſe. „Nehmt noch etwas Punſch, Sir. Seht Ihr, wir können vielleicht beweiſen, daß Ihr wie ich zu der Zeit, da das Zeugniß verfertigt wurde, ſie wirklich todt glaubten.“ „Verteufelt ſchwer das,“ meinte John Ayliffe, den Punſch einſchöpfend.„Sie ſchrieb mir eben um jene Zeit um weiteres Geld; ich mußte es ihr ſchicken und ihren Brief beantworten, ſo daß keine Rede hievon ſeyn kann, wenn ſie die Briefe aufgegriffen haben.“ „Wenigſtens wollen wir es verſuchen,“ meinte Mr. Shanks in keckerem Tone. „ Ja, dabei könnten wir uns aber die Finger ärger denn je verbrennen,“ verſetzte der junge Mann.„Meint Ihr, ich wolle mich wegen Komplottes und Meineids prozeſſiren und mit dem Galeerenzeichen in der Hand in die Kolonien ſchicken laſſen, was Ihr auch thun möget?“ „Nein, nein, das geht freilich nicht,“ erwiederte der Ad⸗ vokat.„Das Erſte was geſchehen muß, mein theurer Sir John, iſt, für Eure Sicherheit zu ſorgen, und das läßt ſich nur dadurch bewirken, daß Ihr für einige Zeit aus dem Wege gehet. Es iſt ja ganz natürlich, daß ein junger Edelmann von Vermögen wie Ihr auf Reiſen geht, und nichts weniger als unwahrſcheinlich, daß er dies thut, ohne Jemand wiſſen zu laſſen, wo er die nächſten paar Monate iſt. Das wäre für Euch der beſte Plan— Ihr müßt auf Reiſen gehen. Sie können nicht wohl ſchon jetzt ihr Augen⸗ merk auf Ench haben, und ſo könnt Ihr ſchon morgen früh ganz ſicher abreiſen. Ihr braucht nicht zu ſagen, wohin Ihr geht, und dadurch rettet Ihr Euch und auch das Gut, denn ſie koͤnnen während Eurer Abweſenheit in keiner Weiſe gegen Euch vorgehen.“ John Ayliffe war nicht hinlänglich in den Geſetzen des Landes bewandert, um zu bemerken, daß Mr. Shanks ihm eine Lüge ſagte. „Das iſt ein guter Gedanke,“ meinte er.„Wenn ich auswärts leben und die Renten nach wie vor beziehen kann, dann ſind wir ganz ſicher.“ 43⁶ „ Gewiß, gewiß,“ ſagte Mr. Shanks;„das iſt der ein⸗ zige Plan. Laßt ſie dann nur ihre Rechnungen machen und ihre Akten oder was noch ſonſt vorbringen— ſie können Euch nicht zur Antwort zwingen, wenn Ihr nicht innerhalb Landes ſeyd.“ Mr. Shanks nannte ihn in ſeinem Innern dieſe ganze Zeit über einen Eſel und Dummkopf; allein John Ayliffe merkte es nicht und fragte ſogar mit einer Anwandlung von Gutmüthigkeit— vielleicht einer Wirkung des Punſches: „Was ſoll aber aus Euch werden, Shanks?“ „Ho, ich bleibe und biete mit kühner Stirne Trotz!“ erklärte der Advokat.„Wenn wir nicht ſelbſt über einander ausplaudern, können ſie uns nicht viel anhaben. Mrs. Hazle⸗ ton darf uns nicht kompromittiren, denn dadurch würde ſie nur ſich ſelber ſchaden, und Eurer Mutter Geſchichte wird unſern Gegnern nicht viel nützen. Die Briefe ſind freilich die ſchlimmſte Partie an der Sache— die müſſen wir eben wegzuerklären ſuchen; aber die Hauptſache für Euch iſt offen⸗ bar, England ſo bald wie möglich zu verlaſſen. Ihr könnt ja Eure Mutter insgeheim beſuchen, und wenn Ihr ſie nur dazu bewegen könnt, daß ſie in ihrem Teſtamente ein Bischen kolludirt, ſo macht das die ganze Geſchichte null und nichtig.“ „O, kolludiren wird ſie genug, wenn ſie ihr allzu hart zuſetzen,“ meinte John Ayliffe.„Sie läßt ſich von der ge⸗ ringſten Kleinigkeit dermaßen in Schrecken ſetzen, daß ſie nicht mehr weiß, was ſie ſpricht. Das Schlimmſte daran i*ſt aber, Shanks: ich habe nicht Geld genug um zu gehen — ich beſitze nicht über hundert Pfund im Haus.“ 437 Mr. Shanks ſchwieg und überlegte. Es lag ihm ſehr viel daran, John Ayliffe aus dem Lande zu bringen, um ihm nach Belieben alles Mögliche nachſagen zu können, ſo⸗ bald ſein Klient den Rücken gewendet hätte; aber ebenſo wichtig war es ihm, all' ſein Geld beiſammen zu behalten, denn er konnte ſich nicht entſchließen, ſich auch nur von einem Sechsgroſchenſtücke zu trennen. Nach kurzem Nachſinnen fiel ihm jedoch ein, daß der junge Mann in den letzten zwei Monaten Silberzeug im Werthe von tauſend Pfund von London erhalten hatte, und er dachte, hier ließe ſich ein proſitables Arrangement treffen. „Ich habe dreihundert Pfund im Hauſe— Alles in Gold,“ ſagte er;„aber ich kann es in der That kaum ent⸗ behren. Lieber jedoch als Euch, Sir John, in Verlegenheit zu bringen, will ich es Euch leihen, wenn Ihr mir Euer Silberzeug bis zu Eurer Rückkehr in Verwahrung geben wollt, nur damit ich etwas vorzuweiſen habe, wenn ich um Geld gedrängt werde.“ John Ayliffe's vorherrſchender Wunſch in dieſem Augen⸗ blicke war, ſo bald wie möglich aus England zu entkommen, und er war durch Angſt und Furcht zu ſehr verblendet, um zu merken, daß Mr. Shanks' größtes Beſtreben dahin ging, ihn aus dem Lande zu bringen. Aber ein Hinderniß ſtellte ſich dem entgegen: in der Summe von dreihundert Pfund, auf ſolche Art zu ſeiner Verfügung geſtellt, hätte er noch vor wenigen Jahren alle Schätze Indiens geſehen— jetzt kam ſie ihm vor wie ein Tropfen Waſſer im Ocean, ſo ſehr hatten ſich ſeine Begriffe vom Geldausgeben erweitert. 438 „Dreihundert Pfund, Shanks!“ wiederholte er;„was ſoll ich mit dreihundert Pfund anfangen? Das reicht nicht für einen Monat.“ „Gott ſteh mir bei!“ jammerte Shanks, über ſolche Aeußerung ganz entſetzt.„Für mich würde es ein ganzes Jahr und noch länger ausreichen. Ueberdies lebt man aus⸗ wärts wohlfeiler als hier, und Ihr habt ja zudem all' jene Juwelen und Spielereien, die Euch mindeſtens ein paar tauſend Pfund koſten— die könnt Ihr um eine hübſche Summe verkaufen.“ „Geht, geht, Shanks,“ meinte der junge Mann;„Ihr müßt mir fünfhundert Guineen geben! Ich weiß, ſo viel habt Ihr in Eurer ſchweren Kiſte dort.“ Shauks ſchüttelte den Kopf und John Ayliffe fuhr ver⸗ drießlich fort: „Dann bleib' ich und fecht' es gleichfalls aus! Ich mag nicht gehen und im fremden Lande den Bettler machen.“ Dieſer Gedanke wollte Shanks nicht einleuchten, und nach längerer Discuſſion wurde ein Bergleich dahin ge⸗ troffen, daß Mr. Shanks vierhundert Pfund vorſtrecken wollte, wogegen ihm John Ayliffe ſein ganzes Silberzeug verpfändete; es ſollte unverzüglich eine Urkunde hierüber aufgeſetzt und um einen Monat vordatirt werden. Gleich am andern Tage in dem angenehmen Grauen des Morgens ſollte der junge Mann mit eigenem Wagen und Pferden aufbrechen, die er, ſo bald er weit genug von Hauſe entfernt wäre, verkaufen konnte, während Mr. Shanks in ſeiner Ab⸗ 439 weſenheit ſeine Intereſſen ſo gut wie nur immer möglich vertreten wollte. John Ayliffe's Laune erheiterte ſich am Schluſſe dieſer Verhandlung. Er rechnete, daß er mit Dieſem und Jenem— Geld genug auf ein Jahr haben würde, und weiter hinaus reichten ſeine Gedanken und Erwartungen nicht. Ein langes, langes Jahr! Was kümmert ſich die Jugend um das, was über ein Jahr hinausliegt? Scheint es ja doch der zitternden Erwartung das Ende alles Lebens und in der That und in Wahrheit ſcheint es auch oft dem Schickſal zu lange. „Nächſtes Jahr will ich—“ Halt ein, junger Mann! Eine tiefe Fallgrube liegt da⸗ zwiſchen— der Tod ſteht zwiſchen Dir und dem nächſten Jahre. Nächſtes Jahr thuſt du— nächſtes Jahr biſt Du nichts mehr. Seine Laune ermunterte ſich. Er ſteckte das Geld in ſeine Taſche, indem er es mit treffenderem Witze als er ſelber glaubte„leichte Schwere“ nannte. Dann ſetzte er ſich nieder und ſchmauchte ein Pfeiſchen, während Mr. Shanks das Dokument aufſetzte; dann trank er Punſch, machte noch mehr und trank auch dieſen, ſo daß es, als die Pfandurkunde auf ſämmtliches Silber fertig war und ein dummer Nachbar zur Bezeugung ſeiner Namensunterſchrift hereingerufen wurde— in der That eines Zeugen bedurfte um zu be⸗ weiſen, daß dieſer Name von John Ayliffes Handſchrift war. Er war mittlerweile ſo weit gediehen, daß er die Geſell⸗ ſchaft gerne mit einem Geſange traktirt hätte— ſo voll⸗ ſtändig war die Umänderung geweſen, welche Punſch und 440 neue Ausſichten bei ihm bewirkt hatten; allein Mr. Shanks erſuchte ihn ſtill zu ſeyn, indem er ihm einen Wink gab, daß der Nachbar, obwohl ſo taub wie ein Thürpfoſten und blind wie ein Maulwurf, ihn ſonſt für die berüchtigte Sau des Pſalmiſten halten würde. Darauf brach John Ayliffe auf, holte ſein Roß aus dem Stalle, kletterte auf ſeinen Rücken und ritt in ſchlenderndem Schritte und lahm im Sattel hängend durch die letzten Straßen des Städtchens, wo Mr. Shanks' Wohnung gelegen war. Als er mehr in's Land hineinkam, begann er zu traben, ließ dann ſein Pferd wieder in Schritt fallen und züchtigte es, wenn es langſam wurde. So ging es abwechslungsweiſe im Schritt, im Trab und Galopp, bis er zwei⸗ bis drei⸗ hundert Schritte über die Thore des ſogenannten„Hofes“ hinaus war, wo Sir Philipp Haſtings' Familie nunmehr wohnte. Es war dies eine ziemlich dunkle Partie der Straße und in der Hecke ſchimmerte Etwas— entweder ein Mühlſtein oder ein Stück Leinwand, das zum Trocknen auf: gehängt war. Das Pferd war eben in raſchem Schritte begriffen, ſcheute aber plötzlich vor der weißen Erſcheinung, wendete um und galoppirte zurück. John Ayliffe behauptete ſeinen Sitz trotz ſeiner Trunkenheit: aber er hieb das Thier wüthend über den Kopf und zerrte heftig am Zügel. Das Roß ſank in die Knie— raffte ſich wieder auf, der junge Mann riß abermals am Zügel und fort ſchoß das Pferd auf der Straße und ſein Reiter hing unter ihm. 441 Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ein Mann lag etliche fünf bis ſechs Minuten in der Dunkelheit der Nacht auf der Straße, und ein Pferd galop⸗ pirte ſchnaubend gegen Sir Philipp Haſtings' Park, während ein abgeriſſener Zaum an ſeinem Kopfe herabhing. Wäre ein Fuhrwerk des Weges gekommen, ſo wäre der am Boden Liegende überfahren worden, denn die Nacht war ausneh⸗ mend finſter und der Weg ſehr ſchmal. Alles war ſtill und ſtumm; nirgends rührte ſich etwas, und kein Laut war zu vernehmen, außer das ferne Klappern einer Waſſermühle, welche weiter unten im Thale lag. Ein Licht in einem etwa hundert Schritt entfernten Hüttenfenſter warf einen ſchwachen, undeutlichen Strahl über die Straße; die Stelle aber, wo der Mann lag. wurde von ihm nicht erleuchtet. Endlich, eiwa nach ſechs Minuten, zeigte eine krampfhafte Bewegung— ein ſchweres Heben der Bruſt und ein plötz⸗ liches Zucken des Armes, daß das Leben noch nicht erloſchen war, und ein paar Minuten ſpäter ſtützte ſich John Ayliffe auf ſeinen Ellenbogen und fuhr mit der Hand nach der Stirne. „Verfluchtes Beeſt!“ rief er anſcheinend im Delirium. „Ich wundere mich, Shanks, daß Ihr nicht— der Teufel! wo bin ich?— was gibt's denn? Mein Bein und die Seite ſchmerzen mich teufelmäßig, und mein Kopf geht wie im Kreiſe.“ Er blieb eine Zeit lang in derſelben Lage und erhob 44² ſich dann auf ſeine Füße; aber im nächſten Augenblicke ſiel er ſeufzend zu Boden, indem er ausrief: „Beim Henker! mein Bein iſt gebrochen und ich glaube auch die Rippen! Wie Teufels ſoll ich aus dieſer Klemme herauskommen? Ich kann ja da liegen und ſterben, ohne daß mir Jemand nahe kommt. Ich glaube, dort liegt der alten Jenny Beſt Hütte; ob ich mich wohl der alten plär⸗ renden Hexe vernehmlich machen kann?“ Und er erhob ſeine Stimme zum Rufen, aber der Schmerz war zu groß; ſeine Rippen waren in der That ge⸗ brochen und drückten auf ſeine Lungen; er konnte nichts thun als ſeufzen und ſtill liegen. Etwa eine Viertelſtunde ſpäter kam ein vierſchrötiger Mann von mittleren Jahren— vielleicht ſchon über die Fünfzig— mit einem Handkorb in langſamem, müdem Schritte wie von einer langen Wanderung dahergeſchwankt. „Wer geht da? Iſt Jemand in der Nähe?“ ſagte eine ſchwache Stimme, als er näher kam, und der Fremde lief herbei mit dem Rufe: „Herr Gott! was gibt's denn? Habt Ihr Schaden genommen, Sir? Was iſt Euch zugeſtoßen?“ „Seid Ihr's, Beſt?“ fragte John Ayliffe's ſchwache Stimme.„Mein Pferd iſt geſtiegen und hat ſich mit mir überſchlagen; mein Bein iſt ab, ſo daß der Knochen durch⸗ ſticht, und meine Rippen ſind, glaube ich, ebenfalls gebrochen.“ „Wartet eine Weile, Sir John,“ rief der gute Land⸗ mann;„ich will Hülfe holen, und wir wollen Euch dann nach der Halle ſchaffen.“ 443 „Nein, nein,“ antwortete John Ayliffe, der unterdeſſen Zeit zum Nachdenken gehabt hatte.„Holt eine Matraze oder eine Thüre oder was Ihr wollt, und tragt mich in Eure Hütte; iſt Euer Sohn zu Haus, ſo könnt Ihr Beide mich wohl fortbringen. Schickt nicht nach Fremden.“ „Er iſt vermuthlich zu Haus, Sir,“ erwiederte der Mann;„er iſt gar ein guter Junge, und kommt nach Haus, ſobald ſein Tagewerk gethan iſt. Ich will nachſehen und werde keine Minute ausbleiben.“ Er hielt Wort und kehrte in weniger als einer Minute mit ſeinem Sohne zurück, der eine Laterne und einen Stroh⸗ ſack mitbrachte. Nicht ohne großen Schmerz zu verurſachen, der dem Leidenden manch' tiefen Seufzer auspreßte, legte ihn der Alte und der Junge auf den Strohſack und trugen ihn in ddie Hütte, wo ihm im Hinterſtübchen auf des jungen Beſt's Bette ein Lager bereitet wurde. Die alte Jenny Beſt, wie John Ayliffe ſie genannt hatte— ein treffliches Weib, wie man es nur jemals findet— war voller Güte und Aufmerk⸗ ſamkeit, obwohl der Leidende, ehrlich geſtanden, ihr und den Ihrigen in den Tagen ſeines Wohlergehens nur wenig Freundlichkeit erwieſen hatte. Sie wollte ihren Sohn augenblicklich nach dem Arzte ausſenden, und that es auch endlich; aber zur Ueberraſchung der ganzen Famillie ließ es John Ayliffe nicht ohne langes Zögern und Widerſtreben geſchehen. Sie erklärten ihm jedoch, daß er entweder ſterben oder ſein Bein verlieren müſſe, wenn nicht die alsbaldige Hülfe des Chirurgen in's Mittel trete, und er gab zuletzt 444 ſeine Zuſtimmung, indem er jedoch dem jungen Mann wie⸗ derholt auftrug, ſeinen Namen um keinen Preis, nicht ein⸗ mal gegen den Chirurgen zu erwähnen, ſondern blos zu ſagen, ein Gentleman ſey von ſeinem Pferde abgeworfen und mit gebrochenem Schenkel in die Hütte gebracht worden. Ebenſo ermahnte er Vater und Mutter, mit Niemand von dem Unfalle zu ſprechen, bis er wieder wohl ſey, indem er im Allgemeinen auf gewiſſe Gründe anſpielte, warum er die Sache zu verheimlichen wünſche. „Aber Euer Pferd wird gewiß heimkommen, Sir John,“ erwiederte Beſt ſelber.„Eure Diener werden nicht wiſſen, wo Ihr ſeyd, und der Lärm um Euch wird ſich über das ganze Land verbreiten. „Ei, ſo laßt ſie Lärm machen,“ ſagte John Ayliffe un⸗ geduldig.„Ich kümmere mich nichts darum, und will nicht haben, daß man davon ſpreche.“ Dies Alles kam dem guten Mann und ſeiner Frau höchſt ſonderbar vor; aber ſie konnten nur Mund und Augen auf⸗ reißen, ohne längern Widerſtand gegen die Wünſche ihres Gaſtes zu wagen. Die Zeit wurde ihnen ſehr lange, bis der Chirurg end⸗ lich erſchien. Zuletzt ließ ſich ein raſch nahender Pferdetritt unterſcheiden, und zwei Minuten ſpäter war der Doktor im Zimmer. Er war ein recht braver Mann, obwohl nicht der ge⸗ ſchickteſte in ſeinem Fache, und er ſchien nicht wenig verwirrt und erſchrocken, als er den Zuſtand von Sir John Haſtings — wie er ihn nannte— gewahr wurde. Da es ihm an 445⁵ Selbſtvertrauen fehlte, ſo hätte er gerne nach weiterem Bei⸗ ſtande geſendet; allein John Ayliffe wollte nichts davon hören, und der gute Mann machte ſich daran, die zerbroche⸗ nen Rippen ſo gut er konnte einzurichten, und den Schmerz des Leidenden zu erleichtern. So ſchwer war übrigens die erlittene Verletzung, daß der Arzt ſeinen Patienten trotz deſſen ſtarker Konſtitution, die bis jetzt durch Ausſchweifung nur wenig geſchwächt war, bei ſich ſelbſt vom erſten Augen⸗ blicke an aufgab. Er blieb bei ihm und wachte die ganze Nacht, welche John Ayliffe faſt ohne allen Schlummer zubrachte. Im Verlaufe dieſer langen durchwachten Stunden nahm Letzterer Gelegenheit, dem Chirurgen Geheimhaltung des ihm zuge⸗ ſtoßenen Unfalles wie des Ortes, wo er lag, aufzutragen. Dieſes dringende Verlangen nach Geheimhaltung von Sei⸗ ten des Gentlemans überraſchte den würdigen Mann nicht weniger als den Hausherrn und ſeine Frau, und da ſeine ausſchweifenden Gewohnheiten in der Umgegend kein Ge⸗ heimniß waren, ſo konnten ſie ſich nichts andres denken, als daß ihn der Unfall bei einem ungewöhnlich gefahrvollen und unehrenhaften Abenteuer betroffen haben müſſe. Gegen Morgen verſank John Ayliffe in eine Art ruhe⸗ loſen, oft geſtörten Halbſchlummers, wobei er zuweilen ſprach, ohne daß die Vernunft ſeine Worte leitete, und manche Worte äußerte, die— wenn auch ohne Zuſammen⸗ hang und oft undeutlich— dem guten Manne, der bei ihm wachte, gleichwohl bewieſen, daß ſein Geiſt ebenſo angegriffen war wie ſein Koͤrper. Er erwachte gegen acht Uhr in dem⸗ 446 ſelben Zuſtande des Irreredens, kehrte aber bald zum Be⸗ wußtſeyn ſeiner Lage zurück, und verlangte, allen Schmerzen zum Trotz, das Geld in ſeinen Taſchen zu zählen um zu ſehen, ob Alles richtig ſey. Vergebliche Vorſicht! er ſollte es ja doch nicht mehr brauchen. Kurz darauf verließ ihn der Chirurg, kehrte aber gegen Abend zurück, um abermals neben ſeinem Bette zu wachen. Die leiblichen Symptome, die er nunmehr gewahrte, hätten ihn vielleicht glauben laſſen, daß eine Heilung möglich ſey; aber es lag ein tiefer Geiſtesdruck, ein ſchwerer, reizbarer Trübſinn auf dem Kranken, von welchem der Arzt viel Schlimmes erwartete. Er ſah, daß eine furchtbare Laſt des jungen Mannes Herz bedrückte; war es Furcht, Reue oder Enttäuſchung— das konnte er nicht ſagen, und mehr als einmal wiederholte er bei ſich ſelbſt: „Er hat einen Prieſter ebenſo gut nöthig wie einen Arzt.“ Außerdem war der Chirurg mit ſich ſelbſt über die Frage uneinig, ob es gerathen ſey, dem Kranken die höchſt gefähr⸗ liche Lage, in der er ſich befand, mitzutheilen. „Er kann jeden Tag in's Deliriren verfallen,“ dachte er, „und der Möglichkeit beraubt werden, diejenigen Dispoſitio⸗ nen und Anordnungen zu treffen, an die er zur Zeit ſeiner Geſundheit und ſeines Gedeihens gewiß nicht gedacht hat. Dann bleibt auch ſein Haus nebſt Allem was es enthält den Händen der Diener gänzlich überlaſſen, und das iſt die ſchlimmſte Bande, die man noch jemals geſehen, welche eben⸗ ſo gut plündern und zerſtören wird wie nicht; wenn ich ihm 44⁷ das aber ſage, ſo wird es am Ende nur ſeine Muthloſigkeit erhöhen, und jede Hoffnung auf Geneſung abſchneiden. Ich weiß in der That nicht, was ich thun ſoll. Vielleicht wäre es beſſer, noch eine Weile zu warten; ſehe ich dann noch ungünſtigere Symptome und keine Ausſicht mehr übrig, dann iſt es Zeit genug, ihm ſeine wahre Lage zu ſchildern und ſeinen Geiſt auf den Ausgang vorzubereiten.“ Eine abermalige fieberiſche, ruheloſe Nacht und ein zweiter wirrer Schlummer gegen Morgen folgte, bis John Ayliffe plötzlich mit dem Rufe auffuhr: „Ihr erzähltet ihnen doch nicht, daß ich hier bin— daß ich regungslos und unfähig mich zu rühren hier liege? Ich unterſagte es Euch— ich unterſagte es Euch beim— Dann ſchaute er ſich um, und als er außer dem Chirur⸗ gen Niemand im Zimmer ſah, verſank er wieder in Still⸗ ſchweigen. Der Chirurg fühlte ſeinen Puls, unterſuchte den Ver⸗ band, und ſah, daß eine beträchtliche und ungünſtige Aende⸗ rung vor ſich gegangen war; aber er zögerte noch immer. Er gehörte zu jenen Menſchen, die vor der Aufgabe, uner⸗ freuliche Wahrheiten zu ſagen, zurückbeben, denn er war von ſanftem, freundlichem Temperamente, das ſelbſt die noth⸗ wendigen Grauſamkeiten ſeines Amtes nicht zu verhärten vermocht hatten. „Er mag ſagen, was er will,“ dachte der Chirurg; „aber ich muß mich irgendwo Raths erholen. Ich will ein⸗ mal mit dem Pfarrer über die Sache reden; Dirwell iſt ein guter Mann und aufrichtiger Chriſt, wenn es ihm auch 448 einigermaßen an Welterfahrung gebricht. Ich will ihn im Heimwege beſuchen, aber mir vor Allem Verſchwiegenheit angeloben laſſen, da dieſer junge Baronet ſich gar ſo ſehr davor ſcheut, dieſe unglückliche Geſchichte bekannt werden zu laſſen. Ich fürchte, er wird ſterben, und zwar über kurz oder lang, und ich bin überzeugt, er iſt hiezu nicht in der tauglichen Verfaſſung.“ Mit dieſem Entſchluſſe ſagte er ſeinem Patienten einige beſänftigende Worte, gab ihm einen beruhigenden Trank wie er es nannte, und ließ ſein Pferd aus dem benachbarten Pachthofe holen, wo er es über Nacht untergebracht hatte. In ruhigem, nachdenklichem Schritte ritt er ſofort nach dem Pfarrhauſe, das vor den Thoren des Parkes lag, und trat ſachte ein. Mr. Dirwell ſaß eben beim Frühſtück, und las als be⸗ ſondern Feſtſchmaus eines jener großen Tagesblätter, die nur ſelten ihren Weg in ſein ſtilles Pfarrhaus fanden; er war jedoch ſehr erfreut, den Chirurgen zu ſehen, mit dem er ſchon oft in freundlichem Geplauder über die Angelegen⸗ heiten der Nachbarſchaft zuſammen geſeſſen hatte. „Ah, Mr. Short,“ ſagte er,„ſehr erfreut Euch zu ſehen, mein guter Freund. Wie geht's denn in Eurem Theile der Welt? Wir ſind hier in ziemlicher Unruhe, obgleich es nicht viel auf ſich haben wird.“ „Was gibt's denn, Mr. Dirwell?“ fragte der Doktor. „Ach, der wilde junge Mann da— dieſer Sir John Ha⸗ ſtings, der ſein Haus vorgeſtern Nacht plötzlich zu Pferde ver⸗ ließ und ſeitdem nicht zurückkehrte,“erklaͤrte der Geiſtliche.„Er „ 449 iſt jedoch an alle Arten von ſonderbaren Geſchichten gewoͤhnt und iſt früher ſchon oft zwei bis drei Nächte ausgeweſen, ohne daß ein Menſch wußte, wo er war. Der Tafeldecker kam zu mir, und erzählte mir die Sache; aber ich glaube, es war viel Affektation bei ſeiner Unruhe, denn als ich ihn fragte, geſtand er mir, daß ſein Gebieter einmal eine ganze Woche aus geweſen ſey.“ „Iſt ſein Pferd zurückgekommen?“ fragte der Chirurg. „Nicht daß ich wüßte,“ erwiederte Mr. Dirwell.„Ich vermuthe, der Mann hätte es erwähnt, wenn dies der Fall geweſen wäre. Wie geht es aber zu Hartwell?“ „O es gibt nichts Beſonderes,“ erklärte der Arzt;„nur daß Mrs. Harriſon Samſtag Nacht zwanzig Minuten nach eilf mit Zwillingen niedergekommen. Ich glaube, dieſe Harriſons kriegen lauter Zwillinge. Aber ich habe Euch etwas zu erzählen, mein guter Freund— eine Art Ge⸗ wiſſensſache, die ich Euch vorlegen möchte; nur müßt Ihr mir tiefſte Geheimhaltung verſprechen.“ Mr. Dirwell lachte. „Wiel unter dem Siegel der Beichte?“ fragte er.„Nun, nun, ich bin kein Papiſt, wie Ihr wohl wißt, Short; aber ich will's verſprechen, und will mehr thun, als jeder Papiſt thäte— ich will mein gegebenes Wort halten, ohne jeg⸗ lichen geiſtlichen Vorbehalt.“ „Ich weiß, das werdet Ihr, mein guter Freund,“ gab der Chirurg zur Antwort;„die Sache iſt auch gar nicht zum Spaßen. Jetzt hört aber, mein guter Freund— hört mich an. Vor wenigen Abenden wurde ich plotzlich gerufen, um Fames, Rache, 29 4⁵5⁰ einen jungen Mann zu pflegen, dem ein Unfall— ein recht arger Unfall— zugeſtoßen war. Er hatte ſein Bein total und auch noch drei Rippen gebrochen, und ſein Kopf war tüchtig zerſchlagen, aber der Schädel unverletzt. Ich hatte Anfangs ziemliche Hoffnung auf ſeine Wiederherſtellung; allein er wird immer ſchlimmer, und ich fürchte, daß er mir ſtirbt.“ „Nun, das könnt Ihr nicht hindern,“ ſagte Mr. Dirwell; „die Menſchen ſterben trotz Allem was Ihr thun könnet, Short, gleichwie ſie ſündigen, trotz Allem was ich ſage.“ „Ja, da liegt eben der Stein des Anſtoßes,“ meinte der Arzt.„Ich fürchte nämlich, er hat eine recht erträglich gehörige Laſt Sunden auf ſich, und ich ſehe wohl, daß Eines oder das Andere ihn gar ſchwer auf dem Herzen drückt und auch ſeinem körperlichen Befinden weſentlich ſchadet.“ „Ich will ihn beſuchen— ich will ihn beſuchen,“ ver⸗ ſprach Mr. Dixwell.„Es wird ihm auf alle Fälle gut thun, ſein Gewiſſen zu eutlaſten, und die tröſtlichen Worte des Evangeliums zu vernehmen.“ „Ja, die Sache iſt die, Mr. Dixwell,“ erklärte Short: „er hat mir ausdrücklich verboten, einen ſeiner Freunde wiſſen zu laſſen, wo er liegt, oder überhaupt mit irgend Jemand über ſeinen Unfall zu reden.“ „Pah, Unſinn!“ rief der Geiſtliche.„Wenn ein Mann ſeinen Schädel eingeſtoßen hätte, und Ihr ein Trepaniren für nöthig hieltet— würdet Ihr ihn da fragen, ob er wolle oder nicht? Wenn der junge Mann dem Tode nahe, wenn ſein Gewiſſen helaſtet iſt, dann bin ich der Arzt, nach dem man ſchicken muß, mehr als Ihr.“ 451 „Ich glaube, ſein Gewiſſen iſt ſchwer beladen,“ ſagte Mr. Short nachdenklich;„ja, aus der Aengſtlichkeit, mit der er ſeinen jetzigen Aufenthaltsort vor Jedermann zu verber⸗ gen ſucht, wie aus verſchiedenen Worten, die er theils im Schlafe, theils in ſeinem wachenden Delirium fallen ließ, möͤchte ich beinahe annehmen, daß er zu der Zeit ſeines Un⸗ falles an einer recht ſchlimmen Geſchichte betheiligt war. Was mich in Verlegenheit ſetzt, iſt die Frage, ob ich ihm ſeine eigentliche Lage erklären ſoll oder nicht.“ „Erklärt's ihm— erklärt's ihm auf alle Fälle,“ er⸗ wiederte Mr. Dirwell.„Warum ſolltet Ihr's ihm nicht erklären?“ „Blos deshalb, weil ich glaube, daß es ſein Gemüth noch mehr deprimiren wird, und das kann ihm am Ende das Bischen Ausſicht auf Wiederherſtellung, das noch vorhanden iſt, total benehmen,“ verſetzte der Chirurg. „Die Seele iſt mehr werth als der Leib,“ ſagte der Geiſtliche ernſthaft.„Iſt er der Mann, wie Ihr ihn ſchil⸗ dert, mein Freund, ſo ſollte er ſo viel Zeit wie möglich zur Vorbereitung haben— Zeit zur Reue und zur Sühne. Sagt's ihm auf alle Falle, oder laßt mich wiſſen, wo er zu finden iſt, dann will ich's ihm ſagen.“ „Das darf ich nicht,“ erklärte Mr. Short,„denn ich gab ihm gewiſſermaßen das Verſprechen zu ſchweigen. Wenn Ihr aber wirklich glaubt, daß ich's ihm ſelber ſagen ſoll, ſo will ich umkehren und es ihm ſagen.“ „Wenn ich wirklich glaube!“ wiederholte Mr. Dirwell; ich zweiſle ſogar nicht im Geringſten. Es iſt Cure Pflicht 29* 4⁵² und Schuldigkeit, wenn Ihr ein Chriſt ſeyd. Ihr müßt's ihm nicht allein ſagen, mein guter Freund, ſondern ihn auch alles Ernſtes auffordern, daß er einen Geiſtlichen rufen läßt. Ob es ihm auch an Freunden fehlt, und er ſie nicht zu ſehen wünſcht— ob alle weltliche Hülfe ihm gebricht, und er keine Stütze darin findet— ob alle irdiſchen Hoffnungen ent⸗ weichen und ihm keine ſterbliche Aufheiterung gewähren: das Evangelium Chriſti kann nie verfehlen, ihn zu ſtützen und zu ſtärken, zu tröſten und zu erheben. Je früher er weiß, daß ſeine Behauſung von Erde zu Staub zerfällt, woraus ſie gemacht wurde, deſto eher wird er bereit ſeyn, ſie zu verlaſſen, und es iſt weiſe, höchſt weiſe, die zerbröckelnden Ruinen dieſes zeitlichen Zuſtandes von uns abzuſchütteln, ehe ſie auf unſere Häupter fallen, und uns zu Trümmern zerſchlagen, wie ſie ſelber ſind.“ „Nun ja, ich will umkehren und es ihm ſagen,“ erwie⸗ derte Mr. Short, und dem guten Geiſtlichen Lebewohl ſagend, ſtieg er wieder zu Pferde und ritt von dannen. Mr. Dirwell war ein vortrefflicher Mann, aber er war nicht ohne gewiſſe Schwächen, beſonders ſolche, wie ſie zu⸗ weilen beträchtliche Einfalt des Charakters zu begleiten pflegen. „Ich will ſehen, welchen Weg Mr. Short einſchlägt,“ dachte Mr. Dixwell;„dann will ich den jungen Mann ſelber beſuchen, wenn ich ihn ausfindig machen kann.“ So ſtieg er denn zu ſeinem Schlafzimmer hinauf, das eine ziemlich ausgedehnte Umſicht über die Gegend ge⸗ währte, und ſah den Chirurgen langſam und nachdenklich 453 dahin reiten. Die Wohnung der Familie Beſt konnte er zawr nicht ſehen; aber er bemerkte, daß der Doktor hinter dem Kamm des Hügels verſchwand, und obwohl er mehrere Minuten wartete, ſo konnte er doch auf dem gegenüberliegenden Ab⸗ hange, über den die Straße ſich fortſetzte, nirgends einen Reitersmann wahrnehmen. In der Schlucht gab es keine Kreuzſtraße und ſogar nur drei Häuſer, und Mr. Dirwell ſchloß alſo ganz einfach, daß der Chirurg nach einem jener drei Häuſer geritten ſeyn müſſe. unterdeſſen zog Mr. Short weiter, unbewußt, daß ſeine Bewegungen beobachtet wurden, und mit ängſtlichem Ge⸗ müthe über die beſte Art nachſinnend, wie er die Schreckens⸗ botſchaft, die er mitzutheilen hatte, anbringen wollte. Die Sache war ihm ſehr unangenehm; aber er beſchloß, ſeine Aufgabe männlich zu verrichten, und vor der Thüre der Hütte abſteigend, trat er abermals ein. Niemand war drinnen als der Kranke und die gute Jenny Beſt. Die alte Frau befand ſich eben im äußeren Zimmer, und als ſie den Doktor ſah, ſagte ſie mit leiſer Stimme: „Ach, Doktor, ich bin froh, daß Ihr wieder da ſeyd, Sir. Es ſcheint gar nicht richtig bei ihm.“ „Wer iſt da?“ fragte John Ayliffe's Stimme. Mr. Short trat ein und verſchloß die Thüre zwiſchen beiden Zimmern. „Halt, ſchließt nicht die Thüre,“ rief John Ayliffe;„es iſt ſo hölliſch eng hier. Ich fühle mich gar nicht gut, Mr. Short. Ich weiß nicht, was mit mir iſt; aber es kommt mir 454 gerade vor, als ob ich kein Herz hätte. Ich denke, ein Glas Branntwein würde mir gut thun.“ „Es würde Euch umbringen,“ ſagte der Arzt. „Nun,“ meinte der junge Mann,„ich bin gar nicht überzeugt, ob das nicht das Beſte für mich wäre. Kommt,“ fuhr er in ſcharfem Tone fort,„ſagt mir, wie lange ich hier auf meinem Rücken liegen ſoll.“ „Das kann ich nicht ſagen,“ erwiederte der Doktor; „auf alle Fälle dürftet Ihr nicht hoffen, vor zwei bis drei Monaten aufzuſtehen, wenn Ihr Euch überhaupt erholtet und Alles gut ginge.“ „Wenn ich mich überhaupt erholte,“ wiederholte John Ayliffe leiſe, wie wenn der Gedanke des nahenden Todes ihm jetzt zum erſten Male als etwas Wirkliches und Greifbares, und nicht als bloſer Name begegnete. Er ſchwieg längere Zeit, und fragte dann faſt trotzig:„was hat Euch zurück⸗ geführt?“ „Ei, ich dachte, Sir John, es wäre beſſer für uns, wenn wir ein Bischen mit einander plauderten,“ erklärte der Doktor. „Ich muß faſt fürchten, daß Ihr gar viele Dinge abzumachen haben könntet, und daß Eure Angelegenheiten des Ordnens wohl bedürfen, da Ihr einen ſo gar ſchweren Unfall nicht ahnen konntet. Nun iſt aber der Ausgang aller Krank⸗ heiten unſicher, beſonders bei einem Vorfalle wie dieſer. Es iſt meine Pflicht Euch zu benachrichtigen,“ fuhr er im Ver⸗ laufe ſeiner Rede, immer energiſcher und entſchloſſener wer⸗ dend, fort,„daß Euer Fall keineswegs frei von Gefahr und zwar ſehr großer Gefahr iſt.“ 4⁵⁵ „Wollt Ihr damit ſagen, ich werde ſterben?“ fragte John Ayliffe in heiſerem Tone. „Nein, nein, nicht gerade ſterben,“ antwortete der Dok⸗ tor, die Hand an ſeinen Puls legend—„nicht ſterben, wie ich bis jetzt hoffe; aber—“ „Aber ich werbe ſterben— meint Ihr?“ rief der Andere. „Ich halte es für gar nicht unwahrſcheinlich,“ antwortete der Chirurg ernſthaft,„daß die Sache einen fatalen Aus⸗ gang nehmen kann.“ „Der Henker hole dieſe fatalen Ausgänge!“ rief John Ayliffe, ſeinem Zorne Luft machend.„Was Teufels braucht Ihr denn zurückzukommen und Einem ſolche Dinge zu ſagen, die Einen elend machen. Wenn ich ſterben ſoll— warum könnt Ihr mich nicht ruhig ſterben laſſen, ohne daß ich ein Wort davon weiß?“ „Ich dachte, Sir John, Ihr könntet noch manche Dinge zu ordnen haben,“ verſetzte der Doktor ziemlich ärgerlich,„und Euer zeitliches wie geiſtiges Wohlergehen verlange, daß Ihr Eure wirkliche Lage kennet.“ „Verdammter geiſtiger Unſinn!“ polterte John Ayliffe wüthend.„Ich glaube, nur Eure Dummheit iſt Schuld daran, daß ich vielleicht ſterben muß. Höre ich ja doch alle Tage von Leuten, welche Bein und Rippen brachen, und darum nicht ſchlimmer daran ſind.“ 6 „Ei, Sir John, wenn Ihr meinen Rath nicht wünſchet, ſo braucht Ihr ihn nicht zu haben,“ erklärte der Arzt.„Ich 456 verlangte dringend, nach anderem Beiſtande zu ſenden; Ihr wolltet's ja aber nicht dulden.“ „So packt Euch— packt Euch nur und verlaßt mich,“ ſagte John Ayliffe. Als aber der Doktor ſeinen Hut nahhm und auf die Thüre zu ging, ſetzte er bei:„Kommt auf die Nacht wieder. Ihr ſollt gut bezahlt werden— verlaßt Euch drauf.“ Mr. Short gab keine Antwort, ſondern verließ das Zimmer. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Schweigen und Einſamkeit und bitteres Nachdenken ſind große Bezähmer des menſchlichen Herzens.„Wie Du ſäeſt, ſo ſollſt du ernten“— ſagt der Apoſtel, und John Ayliffe war jetzt genöthigt, die Sichel anzulegen: der Tod ſtand vor ſeinen Augen, finſter und furchtbar ihn anſtarrend wie der Diamantenfelſen im Feenmährchen, gegen welchen die Barke des abenteureriſchen Seefahrers anrennen mußte. Der Tod trat ihm zum erſtenmale in all' ſeiner grimmigen Wirklichkeit vor die Seele. Früher hatte er ihn als ein Ding betrachtet, das kaum der Beachtung werth iſt— un⸗ vermeidlich— ja Allem was da lebt und athmet beſtimmt, aber dem Menſchen nicht mehr als dem Schaf oder Ochſen, oder jedem anderen Thiere, das da umkommt. Er hatte ihn blos betrachtet als Tod— als das Erlöſchen des Daſeyns — als die Schranke der Rennbahn— als das Ende der 457 Jagd, wo man niederliegen und ausruhen, wo man der Arbeit, des Lärms und der Mühe des Laufes vergeſſen mag. Ueber dieſe Schranke hinaus waren ſeine Gedanken niemals gedrungen, ja er hatte ſich kaum gefragt, ob jenſeits noch etwas liege. Er hatte ſich damit begnügt zu ſagen, wie ſo Viele ſagen: Jeder muß einmal ſterben; aber er hatte nie ſein eigenes Herz gefragt:„was heißt das— ſterben?“ Jetzt dagegen zeigte ſich der Tod unter ganz neuem Ge⸗ ſichtspunkt: kalt und ſtreng, erbarmungslos und geheimniß⸗ voll ſprach er in leiſem, feierlichem Tone:„ich bin der Füh⸗ rer— folge Du mir. Wohin ich Dich leite, weißt Du nicht, noch ſiehſt Du, was Dir zuſtoßen wird. Der Erdwurm und Maulwurf verzehren nur das irdiſche Gewand des Menſchen: das Fleiſch, die Knochen und die Schönheit werden zu Staub, Aſche und Fäulniß. Der Menſch kommt mit mir in ein unerklärtes Land— vor das grauenvolle Gericht des Schick⸗ ſals, denn auf dieſer Seite des dunkeln Portales, durch das ich Dich führe, gibt es nichts, was dem Schickſal ähnlich wäre; es liegt jenſeits des Grabes, und dorthin mußt Du ohne Aufſchub kommen.“ Er hatte von Unſterblichkeit gehört, hatte aber nie darüber nachgedacht; man hatte ihm von einer andern Welt erzählt, aber er hatte nie recht daran geglaubt. Der Ge⸗ danke an einen gerechten Richter, an einen ewigen Urtheils⸗ ſpruch war ihm in mancherlei Geſtalten vor Augen getreten; aber er hatte ihn nie durchdrungen, und er handelte, dachte und fühlte, wie wenn es weder eine Ewigkeit noch einen Richterſpruch oder Strafe gäbe, 458 In dieſer furchtbaren Stunde dagegen erwachte die tief⸗ gewurzelte, unerklärliche Ueberzeugung von Gott und der Unſterblichkeit, welche allen Menſchen in's Herz, gepflanzt iſt, und bei ſo Vielen nur durch den Staub der Eitelkeit, durch das Gerümpel der Welt niedergehalten wird, und trug ihre Früchte entſprechend dem Boden auf dem ſie wuchſen. Sie waren alle bitter. Wenn es ein anderes Leben, wenn es einen Richter, eine Ewigkeit voll Wohl oder Wehe gab— was war dann ſein Loos? Wie ſollte er den Schrecken des Richterſtuhles begegnen— er, der ſeit ſeiner Kindheit niemals gebetet, der in ſeinem ganzen Leben Gott niemals aufgeſucht, der in jeder ſeiner Handlungen irgend etwas be⸗ gangen hatte, was die Religion verbot und das Gewiſſen tadelte? 4 Während er ſo dalag und nachſann, wurden die Schrecken der weiten, endloſen Zukunft mit jedem Augenblicke größer und grauenvoller. Die Betrachtung trieb ihn faſt zum Wahnſinn, und er machte wirklich einen Verſuch, ſich vom Bette zu erheben, ſank aber mit tiefem Stöhnen wieder zurück. Sein Seufzer drang der guten Jenny Beſt zu Ohren; ſie eilte zu ihm und fragte, ob er etwas bedürfe. „Bleibt bei mir, bleibt bei mir,“ ſagte der unglückliche junge Mann.„Ich kann das nicht ertragen— es iſt zu furchtbar. Ich ſterbe, Mrs. Beſt— ich ſterbe!“ Mrrs. Beſt ſchüttelte den Kopf mit melancholiſchem Vlice Ich habe noch immer bemerkt, daß die ärmeren unge⸗ ildeteren Klaſſen— ſey es nun, daß ihre Gefühle durch 8 4⁵9 das harte, mühevolle Leben, das ſie führen, abgeſtumpft ſind, oder daß der Glaube eingewirkt hat, daß es irgend wann einen Erſatz geben müſſe, und daß jeder Wechſel nicht ſchlim⸗ mer als das Leben dieſer Erde, ſondern im Gegentheil beſſer ſeyn müſſe, ober daß es ihnen an lebhafter Einbildungskraft gebricht— den Tod und alle ſeine Zugaben mit weniger Grauen oder Furcht betrachten als Solche, die im Luxus ſchwimmen und ſich vielleicht alle Mühe gegeben haben, die Betrachtung der letzten Schreckensſcene von ſich ferne zu halten, bis ſie ihrer Beachtung geradezu aufgedrängt wird. In dieſem Sinne waren denn auch die Worte der armen Frau, und obaleich ſie ihn eigentlich tröſten wollte, ſo fand doch der Sterbende in ihnen nur wenig Beruhigung. „Ja freilich, Sir, es iſt recht traurig, ſo jung zu ſter⸗ ben,“ ſagte ſie;„doch muß ja Jeder früher oder ſpäter ſterben, und es macht nur wenig Unterſchied, ob es jetzt oder ſpäter geſchieht. Das Leben ſcheint nicht ſo lange, wenn man darauf zurückſchaut, Sir, als wenn man in die Zukunft hinaus ſieht, und ſtirbt man jung, ſo entgeht man gar man⸗ chem Uebel. Ich erinnere mich, als mein älteſter Sohn— der Arme iſt jetzt todt— gerade wie Ihr in demſelben Bette im Sterben lag, und ich gar ſehr darüber jammerte, wie er mir da ſagte: Mutter, weine doch nicht ſo; es iſt ganz gut, wenn ich jetzt gehe, wo ich noch nicht viel Uebles gethan oder nur wenig Kummer empfunden habe. Er war der beſte junge Mann, der noch jemals lebte— das ſagte auch Mr. Dirwell, denn der Pfarrer beſuchte ihn jeden Tag, und das war für den armen Jungen ein großer Troſt.“ 1 460 „Wirklich?“ fragte John Ayliffe nachdenklich.„Wie lange wußte er, daß er ſterben werde?“ 3 „Nicht viel über eine Woche, Sir,“ ſagte Mrs. Beſt, „denn bis Mr. Dirwell es ihm mittheilte, glaubte er immer, er werde beſſer werden. Wir wußten es freilich ſchon lange, denn er hatte ſeit einem Jahre die Schwindſucht, und ſein Vater hatte ſchon drei Monate vor ſeinem Tode das Geld zum Leichenbegängniſſe zurückgelegt, ſo daß wir ihn, nach⸗ dem Alles vorüber war, ganz ehrenvoll beiſetzen konnten.“ „Beiſetzen!“ wiederholte John Aylifffe. „Ja, Sir, das heißt: ihn begraben,“ antwortete Mrs. Beſt;„ſo iſt unſere Art zu reden. Mr. Dirnell hatte ihn ſchon lange vorher beſucht; er wußte, daß er ſterben werde, und er mochte es ihm nicht ſagen, ſo lange noch ein Funken von Hoffnung übrig war, denn er meinte, es ſey nicht nöthig; er habe noch nie einen Menſchen in beſſerer Verfaſſung ge⸗ ſehen um ſeinem Schöpfer entgegen zu treten, als den armen Robert, und man brauche ihn daher mit der Sache nicht zu beunruhigen, bis ſie ihm ganz nahe bevorſtehe.“ „Ja, Dirwell iſt ein kluger Mann und auch recht brav,“ verſetzte John Ayliffe.„Ich möchte ihn gar gerne ſehen.“ „Ich kann auf der Stelle zu ihm laufen, Sir,“ erklärte die Alte; allein John Ayliffe erwiederte mit ſchwacher Stimme: „Nein, nein, thut's nicht— thut's um keinen Preis!“ Mittlerweile war der Mann, von dem ſie eben ſprachen, von ſeinem oberen Zimmer herabgeſtiegen und hatte ſein Frühſtück beendigt, um dem Arzte Zeit zu laſſen, ſeinen 461 Auftrag zu erfuͤllen; dann ſetzte er ſeinen Dreiſpitz auf und machte ſich auf den Weg, um ſich zu erkundigen, vor welcher Wohnung Mr. Short angehalten hatte. Das erſte Haus, an dem er nachfragte, war der Pacht⸗ hof, wo der Doktor ſein Pferd die Nacht zuvor einquartiert hatte. Als er in die Küche trat, war die Hausfrau eben zwiſchen Töpfen und Pfannen, zwiſchen Knechten und ande⸗ ren Geräthen geſchäftig; ſie empfing ihn zwar mit großer Ehrerbietung, ohne aber ihre Arbeit auch nur einen einzigen Augenblick einzuſtellen. „Nun, Frau,“ ſagte er,„ich hoffe, Ihr ſeyd hier Alle wohl.“ „Ganz wohl, Euer Ehrwürden.— Betty, leere jenen Kübel.“ „Ei, ich habe Mr. Short hierher gehen ſehen, und ich dachte, es könnte Jemand krank ſeyn,“ erklärte der Pfarrer. „Sehr gütig, Euer Ehrwürden— hab' Acht, daß Du nichts verſchütteſt.— Nein, er war nicht hier. Unten bei Jenny Beſt liegt, glaube ich, ein kranker junger Mann, denn der Doktor hat geſtern Nacht ſein Pferd in unſeren Stall geſtellt.“ „Ich freue mich zu hören, daß Keines von Euch krank iſt,“ verſetzte Mr. Dixwell und wünſchte ihr guten Morgen, indem er gerades Wegs auf die Hütte zuging, wo John Ayliffe lag. Niemand war im äußeren Zimmer, und der gute Geiſt⸗ liche, durch ſeinen Rock hiezu priyilegirt, trat in das Hinter⸗ * ſtübchen, und ſtand neben dem Bette des Sterbenden, bevor irgend Jemand ſeine Gegenwart bemerkt hatte. Mr. Dirwell war nicht ſo ſehr überraſcht, wie man hätte vermuthen können, als er den Jüngling, den er Sir John Haſtings nannte, hier auf dem Todtenbette liegen ſah. Die Schilderung, welche der Doktor von ſeinem Patienten ent⸗ worfen, das räthſelhafte Verſchwinden des jungen Mannes und der Umſtand, daß er ſeinen Namen wie ſeinen jetzigen Verſteck ſo ängſtlich zu verheimlichen ſtrebte, hatten ihn die Wahrheit alsbald ahnen laſſen. John Ayliffe's Augen waren in dem Momente ſeines Eintrittes geſchloſſen, und er ſchien zu doſen, obgleich ihm der Schlaf in Wahrheit ferne war. Bei dem ſchwachen Geräuſche, mit welchem Mr. Dirwell dem Bette ſich näherte und Mrs. Beſt auf ihrem Stuhle ihm Platz machte, ſchlug er jedoch die Augen auf, und ſeine erſten Worte waren: „ Ah Dirwell!— ſo hat der verdammte Short mich doch verrathen, obgleich ich es ihm ſo ſtreng verboten habe!“ „Ei ſo ſchwört doch nicht,“ ſagt Mr. Dixwill.„Short hat Euch nicht verrathen, Sir John. Ich kam zufällig hierher, da ich hörte, daß ein junger Mann hier krank liege, ohne jedoch zu wiſſen, daß Ihr es ſeyd, obgleich Eure Ab⸗ weſenheit von Hauſe beträchtliche Unruhe veranlaßt hat. Ich bedaure ſehr, Euch in ſolchem Zuſtande zu ſehen. Wie iſt das Alles zugegangen?“ „Das ſage ich Euch nicht, antworte Euch auch keine Sylbe, wenn Ihr mir nicht verſprecht, daß Ihr keinem Menſchen ein Wort von meinem Hierſeyn ſagen wollt,“ 463 entgegnete John Ayliffe.„Ich weiß, wenn Ihr Euer Ver⸗ ſprechen gebet, ſo werdet Ihr's halten, und auch Jenny Beſt wird es— nicht wahr, Jenny?— Aber ich zweifle an die⸗ ſem Schlingel Short.“ „Ihr braucht nicht an ihm zu zweifeln, Sir John,“ ſagte der Geiſtliche,„denn er iſt ſehr verſchwiegen. Was mich betrifft, ſo will ich's verſprechen und mein Wort halten, denn ich ſehe nicht, was etwa Gutes daran wäre, wenn ich es Jemand mittheilte, da Ihr es nicht haben wollt. Ihr werdet hier gewiß ſorgſamer gepflegt werden, als es von Euren liederlichen grundſatzloſen Dienern geſchehen würde, und ſeit Eurer armen Mutter Tode—“ John Aylifffe ſeufzte tief auf, und der Geiſtliche hielt inne. Im nächſten Augenblicke ſagte jedoch der junge Mann: „Ihr verſprecht mir's alſo— nicht wahr?“ „Ja,“ verſicherte Mr. Dirwell;„ich will ohne Eure Zu⸗ ſtimmung die Sache nicht enthüllen.“ „Wohlan, ſo ſetzt Euch nieder, und Ihr laßt uns eine Weile allein,“ ſagte John Ayliffe, worauf Mrs. Beſt das Zimmer verließ und die Thüre abſchloß. John Ayliffe heftete ſeine matten Augen ängſtlich auf den Geiſtlichen mit den Worten: „Ich glaube, ich werde ſterben, Mr. Dirwell.“ Gerne hätte er gehört, daß man ihm widerſpräche oder auch nur einen Strahl irdiſcher Hoffnung böte; allein Mr. Dirwell, der ſeit vielen Jahren gewöhnt war am Kranken⸗ hette zu ſitzen, und den letzten Funken des Lebens erlöſchen 464 zu ſehen, erkannte auf den erſten Blick, daß John Ayliffe im Sterben lag, daß er wohl noch Stunden, ja ſogar Tage leben konnte, aber daß die unwiderrufliche Aufforderung an ihn ergangen, daß er unter dem Schatten der Todespforte war, und ſie durchaus paſſiren mußte. „Das fürchte ich allerdings, Sir John,“ erwiederte er; „aber ich hoffe, daß Euch Gott noch immer Zeit gewähren wird, Euch auf die große Veränderung, die Euch bevorſteht, vorzubereiten, und mit ſeiner Gnade will ich Euch nach allen meinen Kräften beiſtehen.“ John Ayliffe ſchwieg und ſchloß die Augen von Neuem. Auch ſprach er nicht eher, als bis Mr. Dirwell, nachdem er mehrere Minuten gewartet hatte, in ernſtem aber freund⸗ lichem Tone fortfuhr: „Ich fürchte, Sir John, Ihr habt ſeither nicht viel an die Sache gedacht, die Eurer Betrachtung jetzt leider aufge⸗ drängt wird. Wir müſſen uns beeilen, mein guter Sir, und dürfen keinen Augenblick verlieren.“ „So glaubt Ihr, ich werde ſo bald ſterben?“ fragte der junge Mann mit einem Blicke des Schreckens, denn es koſtete ihn einen harten, furchtbaren Kampf, um ſich an den Ge⸗ danken zu gewöhnen, daß ihm der Tod ſo nahe und unver⸗ meidlich bevorſtehe. Er konnte es kaum begreifen, konnte es kaum faſſen, nachdem er noch kurz zuvor ſo voller Leben und Geſundheit geweſen, nachdem er noch Plane entworfen, Intriguen angeſponnen und die Zukunft wie einen ſicheren Beſitz angeſehen hatte, daß er in wenigen, kurzen Stunden ſterben ſolle; aber ſo oft auch das trotzige Herz gegen den 46⁵ Spruch rebelliren und ihm Widerſtand leiſten wollte, ſagte ihm eine unverkennbare Stimme in ſeinem Inneren— ein Gefühl wie er es noch nie empfundan hatte: tes muß ge⸗ ſchehen! „Niemand kann ſagen, wie bald es eintreten oder wie lange es dauern wird,“ erklärte Mr. Dirwell.„Gott kann Euch noch immer verſchonen; aber Eines iſt ſicher, Sir John: daß die Jahre bei Euch zu Tagen zuſammengeſchwun⸗ den ſind, und daß die Tage recht leicht zu Stunden verkürzt werden können. Hättet Ihr aber auch noch Jahre zu leben, ſo würde ich dennoch ſagen wie ich jetzt ſage: es iſt keine Zeit zu verlieren, denn zuviel iſt ſchon verloren worden.“ John Ayliffe begriff ihn durchaus nicht. Er konnte bis jetzt den Gedanken nicht faſſen, daß das ganze Leben eine Vorbereitung auf den Tod ſeyn ſolle, und ganz verwirrt von dieſer Betrachtung ſchaute er dem Geiſtlichen mit leerem Blicke in's Geſicht. Mr. Dirwell hatte eine ſehr ſchwierige Aufgabe vor ſich — eine der allerſchwerſten, die er jemals unternommen, denn er hatte nicht allein das Gewiſſen zu wecken, ſondern auch den Verſtand auf lauter Dinge zu lenken, welche das Heil der Seele betrafen, aber von dem Kranken niemals gefühlt, geglaubt oder begriffen worden waren. Anfänglich hatte er auch das natürliche Widerſtreben eines eigenſinnigen, ſelbſtfüchtigen, ſtets verzogenen Herzens gegen die Aufnahme peinlicher oder furchtharer Wahrheiten zu bekämpfen, und auch nachdem dieſes Hinderniß beſeitigt war, erwies ſich des jungen Mannes gänzliche Unwiſſenheit in religiöſen James. Rache, 30 466 Dingen, ſein Mangel aller moraliſchen Ueberzeugung bei⸗ nahe als unüberwindlich. Mr. Dirwell fand, daß nur der Schrecken ihm Zutritt zu John Aylifffe's Herzen bahnen konnte, und ſo ſchilderte er ihm denn ohne Bedenken in har⸗ ten, furchtbaren Farben den grauenvollen Zuſtand des Un⸗ bußfertigen, wenn er plötzlich vor Gottes Richterſtuhl ge⸗ fordert wird. Mit erbarmungsloſer Hand ſuchte er dem jungen Manne alle Selbſttäuſchungen abzuſtreifen und ihm ſeine Lage und ſeinen künftigen Zuſtand in ſeiner ganzen dunkeln, ſchrecklichen Wirklichkeit vor Augen zu legen. Ich habe nicht vor, ein ſogenanntes religiöſes Buch zu ſchreiben, und muß deshalb die Beweisgründe, die er ge⸗ brauchte, und die Bahn, welche er einſchlug, übergehen. Es genüge zu wiſſen, daß er zwei Stunden lang ſich ernſtlich abmühte, um etwas wie Reue in John An hliffes Bruſt zu erwecken, und daß es ihm am Ende beſſer gelang, als der Anfang es verſprochen hatte.. John Ayliffe begann nämlich aufmerkſamer zu lauſchen, nachdem er von der moraliſchen Gefahr ſeiner Lage völlig überzeugt war; er begann demüthiger zu antworten, und ſich ernſtlicher nach einem Troſte aus dem Jenſeits umzuſehen. Seine Muthloſigkeit und Verzweiflung, als ihm ſo furcht⸗ bare Wahrheiten bekannt wurden, ſtand im Verhältniß mit ſeinem ſorgloſen Trotze und Uebermuthe, ſo lange er in eigenſinniger Unwiſſenheit geſchwebt hatte. Sobald Mr. Dirwell ſah, daß er ſich nicht mehr an irdiſche Erwartungen anklammerte, daß ihm jede ſchwache Stütze ſterblicher Ge⸗ danken genommen war, begann er ihm Hoffnungen aus einer 467 anderen Welt vorzuhalten, und hatte die Befriedigung zu bemerken, daß die Aengſte und Zweifel, welche zurückblieben, aus dem Bewußtſeyn ſeiner eigenen Sünden und Verbrechen entſprangen, deren ſchwere Laſt er jetzt zum erſtenmale empfand. Der Geiſtliche ſagte ihm, daß Reue nie zu ſpät komme; er zeigte ihm, wie Chriſtus dieſe große Wahrheit mit einem unverkennbaren Zeichen— jener Begnadigung des ſterbenden Miſſethäters am Kreuze— angedeutet habe, und während er ihn ermahnte, ſich ſelbſt genau zu prüfen und ſich zu überzeugen, ob er auch wirkliche Reue und nicht blos Furcht vor dem Tode empfinde, welche von ſo Manchen in ihren letzten Stunden als Reue mißverſtanden wird, ver⸗ ſicherte er ihn, daß wenn er ſolches gewiß wiſſe und auf ſeinen Erlöſer vertraue, er ſich beruhigen und neuer Hoff⸗ nung ſich hingeben dürfe. Nachdem es ihm ſo gut gelungen war, beſchloß Mr. Dirwell, den jungen Mann einige Stunden allein zu laſſen, damit er bei ſich überlege und die große Frage, die er ihm vorgelegt, mit ſeinem eigenen Herzen prüfe. Er rief jedoch Mrs. Beſt und ſagte ihr, wenn Sir John während ſeiner Abweſenheit wünſche, daß ſie ihm vorleſe, ſo wäre es ſehr freundlich, wenn ſie gewiſſe Stellen der Schrift hiezu wählte, die er ihr in der Hausbibel anzeichnete. Die gute Frau war ſehr gerne hiezu bereit, und kurz nachdem der Geiſtliche fort war, verlangte John Ayliffe auch wirklich die Worte jenes Buches zu hören, gegen das er früher ſeine Ohren verſchloſſen hatte. In ihm fand er Troſt, Stütze und Be⸗ ruhigung, und Mr. Dirwell, der in dem einen Punkte, den 30* 468 er zum Studium ſeines Lebens gemacht hatte, ebenſo weiſe als gelehrt war, hatte mit großer Umſicht ſolche Stellen gewählt, welche zur Hoffnung anfeuern, ohne die Reue zu vermindern. Achtunddreißigſtes Kapitel. Wir müſſen jetzt abermals zu Sir Philipp Haſtings in ſeine einſame Gefangenenſtube zurückkehren. Man hatte ihm Bücher, Papier, Dinte und Feder und Alles was zum Zeitvertreibe dienen konnte, geſtattet; allein Sir Philipp hatte in ſeinem eigenen Innern Gegenſtände des Studiums genug, und ſo waren die Bücher mehrere Tage uneröffnet geblieben. Stunde auf Stunde und Tag um Tag war er ſeit ſeiner Unterredung mit dem Staatsſekretär in ſeinem Zimmer auf⸗ und abgegangen, bis der unaufhörliche Schall ſeiner Schritte den unter ihm Wohnenden zur Laſt wurde. Sein Haar war ganz weiß, die Runzeln ſeiner Stirne wa⸗ ren tiefer und zahlreicher geworden, und ſein Haupt war gebückt, wie wenn das Alter es niedergedrückt hätte. Seine Augen waren während des Gehens unter den gebleichten Brauen faſt immer zu Boden geheftet; wenn aber ein zu⸗ fälliger Umſtand— ein ferner Laut von Außen oder ein Ge⸗ danke, der ihm durch den Sinn fuhr— ihn zum Aufſchauen veranlaßte, ſo war jener ſonderbare Blick darin zu bemer⸗ ken, deſſen ich ſchon bei Schilderung ſeiner Knabenjahre ge⸗ dacht habe, der aber jetzt noch auffallender, noch wilder und räthſelhafter geworden war. In ſolchen Momenten war 469 der Ausdruck ſeiner Blicke faſt trotzig zu nennen; aber es lag auch ein Anſtrich ruhiger Feſtigkeit und Großartigkeit auf ſeiner Stirne, der jenen ungeduldigen, reizbaren Blick Lü⸗ gen zu ſtrafen ſchien. In dem Augenblick, von dem wir eben reden, lag ein offener Brief von der Hand ſeiner Tochter auf dem Tiſche, und nachdem er über eine Stunde auf⸗ und abgewandelt war, ſetzte er ſich nieder, als ob er ihn beantworten wollte. Wir müſſen ihm über die Schulter gucken und ſehen, was er ſchreibt, da wir ſeinen Seelenzuſtand in gewiſſem Grade daraus abnehmen können, obgleich der Brief niemals abge⸗ ſchickt wurde. „Mein Kind“— ſo redete er das liebe Mädchen an, das einſt die Freude ſeines Herzens geweſen—„die Nach⸗ richt, welche Marlow Dir mitgetheilt hat, iſt auch mir zugekommen, hat mir aber wenig Troſt gebracht. Die Welt iſt ein Gefängniß, und es iſt nicht ſehr beruhigend, den ei⸗ nen Kerker zu verlaſſen, um in einen größeren zu treten. „Nichtsdeſtoweniger ſehne ich mich nach der Rückkehr in die Heimath. Deine Mutter iſt ſehr krank und hat Nie⸗ mand zu ihrer Pflege als Dich— wenigſtens keinen Ver⸗ wandten. Dieſe Lage kann mir nicht gefallen, denn wie ſoll ich überzeugt ſeyn, daß ſie gut und ſorgfältig verpflegt iſt? Wird eine Tochter, welche einen Vater verrathen, mehr Mitleid für eine Mutter beweiſen? Wo iſt auch der Menſch, auf den man ſich verlaſſen könnte?“ In dieſem Style wollte er fortfahren, und ſeine Gedan⸗ ken wurden immer aufgeregter, ſeine Sprache mit jedem 470 Augenblicke ſtrenger und bitterer, als er plötzlich inne hielt, die niedergeſchriebenen Zeilen mit funkelndem Blicke überlas und dann ſein Haupt in tiefen Gedanken niederbeugte. Nie⸗ mand kann ſagen— keine Feder kann den furchtbaren Kampf beſchreiben, der in jenem Augenblicke in ſeinem Herzen tobte. Hätte er dem Impulſe nachgegeben, hätte er immer ſo hef⸗ tig und ſtürmiſch geſprochen— es wäre für ihn und für Alle beſſer geweſen. Aber die Menſchen ſtoßen anf ihrem Wege durch die Welt, ohne es zu wiſſen, auf konventionelle Anſichten, die ſie als Grundſätze adoptiren. Sie halten ſie für originelle, ihrer eigenen Ueberzeugung entſprungene Ge⸗ danken, während ihr Geiſt in Wirklichkeit nur Eindrücke von fremden Geiſtern empfangen hat. Das Reſultat iſt gar häufig ein ſchmerzliches, auch wenn jene empfangenen Anſichten urſprünglich gut gemeint waren. So kann ein aus ſeinem natürlichen Wuchſe gedrängtes Geſträuch zwar eine ſchönere und graziöſere Geſtalt annehmen; aber es iſt immer die Gefahr vorhanden, daß der Fluß der Säfte da⸗ durch verſtopft oder einer der Zweige beſchädigt werden kann. „Nein,“ ſagte Sir Philipp Haſtings endlich in falſchem Stolze, den er auf dieſe Weiſe angenommen hatte—„nein, es iſt unter meiner Würde, ihr Vorwürfe zu machen; züch⸗ tigen könnte und ſollte ich ſie vielleicht, denn die That an ſich iſt mehr eine Beleidigung der Geſellſchaft und der menſch⸗ lichen Natur als meiner ſelbſt. Sie zu züchtigen, wäre in jenen alten Tagen, wo reinere Geſetze und höhere Prinzi⸗ pien vorherrſchten, meine Pflicht geweſen, ſogar wenn mein eigenes Herzblut zu gleicher Zeit dahingeſtrömt wäre; aber ich will ihr keine Vorwürfe machen, ohne zu ſtrafen. Ich will ſchweigen und nichts ſagen; ich will ſie ihrem eigenen Gewiſſen überlaſſen.“ So riß er den angefangenen Brief in Stücke und begann wieder ſeinen bitteren Spaziergang durch das Zimmer. Es iſt eine furchtbare, gefährliche Sache, wenn man lange einſame Stunden über Gegenſtände von beſonderem Intereſſe nachzuſinnen hat. Es iſt gefährlich ſogar in der freien Luft, unter dem weiten, ewig wechſelnden Firmament, wahrend die Vögel in den Zweigen, die Lüfte zwiſchen den Bäumen ſingen und tauſend heitere Gegenſtände der Natur dem menſchlichen Herzen Harmonie einflößen. Es iſt ge⸗ fährlich, mitten in dem frohen Gewühle des thätigen Le⸗ bens, den Geiſt alſo für eine einzelne Idee abzuſchließen, welche gleich dem fabelhaften Drachenei durch langes An⸗ ſtarren zu einem Ungeheuer ausgebrütet wird. Aber zwiſchen dumpfen Kerkermauern, wo nichts unſere Aufmerkſamkeit ablenkt, wo nichts unſeren Geiſt auch nur vorübergehend auffordert oder zwingt eine andere Bahn einzuſchlagen, ohne den Troſt jener Außendinge, ohne die Geſellſchaft ei⸗ nes befreundeten Geſchöpfes, das unſere Sinne anregt oder unſer Mitgefühl erweckt— iſt das Reſultat faſt unverän⸗ derlich daſſelbe. Ein unſchuldiger Menſch— ein Menſch, der keine ſtarken Leidenſchaften, keine finſteren Alles ver⸗ ſchlingenden Gegenſtände des Nachdenkens vor ſich hat, ſon⸗ dern die Eintönigkeit ſeines Lebens durch Alles, was die Um⸗ ſtände bieten, zu erleichtern ſucht— kann Jahre lang völlige Einſamkeit ertragen unddoch geſund bleiben; wer aber einen 472 Verbrecher— einen mit ſchweren Vergehen beladenen Men⸗ ſchen zu einſamem Gefängniſſe verurtheilt, verdammt ihn zum Wahnſinn— einer Strafe, weit grauſamer als Tod oder Folter. Stunde auf Stunde, Tag um Tag fuhr Sir Philipp Haſtings fort, den Boden ſeines Gefängniſſes mit nie er⸗ müdendem Schritte zu meſſen. Endlich am Schluſſe des dritten Tages erhielt er die offizielle Nachricht, daß er am folgenden Morgen vor Gericht geſtellt, daß die Anklage wi⸗ der ihn verleſen werden ſollte, und daß der Staatsanwalt ein nolle prosequi beantragen werde. Einige dieſer Förm⸗ lichkeiten waren vielleicht unnöthig; aber es war die Ab⸗ ſicht der damaligen Regierung, auch ohne unnöthiges Blut⸗ vergießen einen möglichſt ſtarken Eindruck auf die öffentliche Stimmung zu machen. Die Wirkung bei Sir Philipp Haſtings war jedoch nicht heilſamer Art. Die Gegenwart der Richter, die verſam⸗ melte Volksmenge, vor welcher er in der Gefangenenzelle ſtehen mußte, die kurze Rede des Anwalts, der auf die Milde und Mäßigung der Regierung anſpielte, während er auf ein nolle prosequi antrug— dies Alles reizte und är⸗ gerte den Gefangenen. Sein Aerger machte ſich jedoch auf die ihm eigene Weiſe Luft, und ein bitteres, verächtliches Lächeln ſpielte um ſeine Lippen. Sein Auge ſchien Dieje⸗ nigen aufzuſuchen, die ihn am meiſten anſtarrten, um ſie mit ſeinen Blicken zu Boden zu ſchmettern, und als er end⸗ lich in Freiheit geſetzt wurde, verließ er die Zelle und den Gerichtsſaal, ohne mit irgend Jemand ein Wort zu ſpre⸗ 473 chen. Der Kerkermeiſter folgte ihm mit der höflichen Frage, ob er nicht einen Augenblick in ſein Haus zurückkehren, dort einige Erfriſchungen zu ſich nehmen und für die Abholung ſeines Gepäckes Sorge tragen wolle. Es ſchien, als ob Sir Philipp nur mit großer Mühe ein Wort herausbringe; endlich aber gab er lakoniſch zur Antwort: „Nein, ich will danach ſenden.“ Zwei Stunden ſpäter ließ er es abholen, und gegen Abend brach er in einer Miethkutſche nach ſeiner Heimath auf. Er übernachtete unterwegs und erreichte den Hof am folgenden Abend. Unterdeſſen war aber eine große Veränderung über ihn gekommen. Jenem Gedankengange folgend, den ich oben nur ſchwach andeutete, hatte er mit ſeinem eigenen Herzen Krieg geführt, hatte mit ſich gekämpft, um jede Spur von Aerger und Unwillen aus ſeinen Gedanken zu verbannen, und da er in Folge der eben durchlebten Empfindungen fürch⸗ tete, daß er in Worten oder Thaten gegen die ſtrenge Re⸗ gel, die er ſich auferlegt hatte, verſtoßen könnte, hatte er ſich bemüht, ein Verfahren auszuſinnen, das ihn vor einem ſolchen Reſultate behüten möchte. Der Ausgang dieſes Be⸗ vormundungsverſuches war für ihn befriedigend: er glaubte ſich ſelbſt überwunden zu haben; aber er irrte ſich gewaltig. Es war nur der äußere Menſch, den er bezähmt hatte— der innere war es noch lange nicht. Als der Wagen vorſeiner eigenen Thüre anhielt und Sir Phi⸗ lipp Haſtings ausſtieg, flog ihm Emily entgegen. Sie ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und küßte ihn auf die Wange, 474 und ihr Herz pochte vor Freude und Entzücken. Sir Phi⸗ lipp blieb eine Weile ernſt und ſtreng, ohne ſie zurückzuſtoßen, aber auch ohne ihre Umarmung zu erwiedern. Gleich dar⸗ auf kam eine völlige Aenderung über ſein ganzes Weſen: ein liſtiger, doppelſinniger Blick leuchtete aus ſeinen Augen; er lächelte— was an ihm höoöͤchſt ungewöhnlich war— in einer Art ſchäckernder Laune, die ihm nicht natürlich ſtand, nannte ſeine Tochter die zierliche Miß Emily' und erkundigte ſich nach dem Befinden ſeines guten Weibes. Seine Kälte und abſtoßende Strenge wäre Emily viel⸗ leicht gar nicht aufgefallen; aber ſein anſcheinender Leicht⸗ ſinn ſchmerzte ſie und erfüllte ſie mit Schrecken. Ein kalter Schauer überlief ſie; ſte ließ ihre Arme von ſeinem Nacken los und erwiederte: „Ich muß leider ſagen, daß Mamma ſehr krank iſt, und obgleich die Nachricht Deiner Befreiung ſie ſehr erfreute, ſo hat ihr Befinden ſeitdem doch keine Fortſchritte gemacht, ſondern iſt eher ſchlimmer geworden.“ „Ohne Zweifel hat die Nachricht auch Dich ſehr erfreut, ſüße Dame,“ meinte Sir Philipp in affektirtem Tone und ging ohne eine Antwort abzuwarten weiter, um ſich in das Zimmer ſeiner Frau zu verfügen. Emily kehrte in das Wohnzimmer zurück und verſank in je⸗ nes tiefe Nachbrüten, wie man es zuweilen an ihr gewöhnt war; aber diesmal war es nur traurig und ſtimmte ſie auch ganz zur Trauer. So fand ſie Sir Philipp, als er eine Stunde ſpäter herabkam. Sie hatte ſich nicht von der Stelle gerührt, hatte keine Lichter beſtellt, obgleich die Sonne un⸗ 475 tergegangen war und ein düſteres Zwielicht zurückgelaſſen hatte. Sie rührte ſich nicht, als er eintrat, ſondern ließ das Haupt auf die Hand gelehnt und die Augen auf den Tiſch geheftet, neben welchem ſie ſaß. Sir Philipp be⸗ trachtete ſie mit finſterem Blicke und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ihr Herz macht ihr Vorwürfe. Ha, ha! ſchönes, trü⸗ geriſches Bild— haſt Du die Schlange an Deinen eigenen Buſen gelegt? Große Verbrechen verdienen große Strafe. — Gott im Himmel! bewahre mich vor ſolchen Gedanken! Nein, nein; ich will mich niemals rächen unter dem Vor⸗ wand, als gälte es der Geſellſchaft: meine eigene Sache darf ſich niemals mit ſolcher Sühne zu ſchaffen machen.“ „Emily,“ ſagte er endlich mit lauter Stimme, die das Mädchen plötzlich von ihrer Träumerei abrief—„Emily, Deine Mutter iſt ſehr krank.“ „Schlimmer?— iſt ſie ſchlimmer?“ rief Emily mit durchdringendem Blicke der tiefſten Beängſtigung.„Ich will ſogleich zu ihr ſüßgen.— Ach, Sir, ſchickt doch nach dem Arzte!“ „Halt!“ fiel Sir Philipp ein;„ſie iſt nicht ſchlimmer, als da Du ſie verließeſt, ausgenommen inſofern eine Ster⸗ bende mit jeder Minute ſchlimmer wird. Deine Mutter wünſcht ſehr, Mrs. Hazleton zu ſprechen, welche, wie ſie ſagt, ſeit zwei Tagen nicht bei ihr geweſen. Setze Dich und ſchreibe ein Billet an jene Dame mit der Bitte, daß ſie morgen hierher komme; ich will es dann durch einen Reit⸗ knecht abſenden.“ Emily gehorchte, aber nur mit unendlichem Widerſtreben, denn ſie hatte bemerkt, daß ihre Mutter jedesmal nach Mrs. Hazletons Beſuchen weder an Geſundheit noch an guter Laune gewonnen hatte. Der Reitknecht wurde abgeſchickt und kehrte mit der Antwort zurück, daß Mrs. Hazleton früh am nächſten Tage eintreffen werde. Kaum war das Billlet geſchrieben, als Sir Philipp ſich in ſein eigenes Studirzimmer zurückzog und dort faſt den ganzen Abend eingeſchloſſen blieb. Emily ſtahl ſich ſachte in ihrer Mutter Zimmer, bald nachdem ihr Vater ſie verließ; ſie fürchtete nicht wenig, ihre Mutter möchte die auffallende Veränderung bemerkt haben, welche mit ihrem Gatten ſeit deſſen Abweſenheit vor ſich gegangen war. Solches war jedoch nicht der Fall: ſie fand ihre Mutter im Gegentheil ruhiger und ſanfter als ſie ſeit den letzten acht bis zehn Tagen geweſen war. Die Befreiung ihres Gatten und die Gewißheit, daß jede Anklage wider ihn zu Ende ſey, hatte ihr große Befriedigung gewährt, und ob⸗ wohl ſie offenbar immer noch ſehr krank apar, ſo konnte ſie ſich doch faſt eine Stunde lang ſehr heitenmit ihrer Tochter unterhalten. „Da ich bemerkte, daß Du mit Deinem Vater nicht von den Hoffnungen geſprochen, welche uns Mr. Marlow vor ſeinem Abgange vorgehalten hat, ſo ſprach ich mit ihm über die Sache,“ ſagte ſie.„Er iſt ein ſonderbarer Cyniker, mein guter Gemahl, und ſchien ſich ſehrwenig um die Sache zu kümmern. Er zweifelt wohl auch an Marlow's Erfolge; aber er ſagte weiter nichts als: wenn es mir Freude mache, 477 ſo ſey ihm das genug'. M s. Hazleton wird entzückt ſeyn, dieſe Nachricht zu vernehmen.“ Emily bezweifelte das ſehr; aber ſie ließ nichts davon verlauten, ſondern ſagte ihrer Mutter blos, ſie habe an Mrs. Hazleton geſchrieben und der Diener ſey mit dem Bil⸗ lette abgeſchickt worden. „Sie iſt ſeit zwei Tagen nicht hier geweſen,“ bemerkte Lady Haſtings.„Ich kann mir nicht denken, was ſie ab⸗ gehalten hat.“ „Vermuthlich irgend ein zufälliger Umſtand,“ meinte Emily;„es iſt aber kein Zweifel, daß ſie morgen in aller Früh hier ſeyn wird.“ Sie wußten freilich nicht, daß Mrs. Hazleton in der vorvergangenen Nacht einen Beſuch von John Ayliffe er⸗ halten hatte, der ſie trotz all' ihrer Selbſtbeherrſchung und verſtellten Gleichgültigkeit in hohem Grade beunruhigen mußte. Nichtsdeſtoweniger traf Mrs. Hazleton, wie Emily ver⸗ muthet hatte, ſehr frühzeitig in Sir Philipp Haſtings Hauſe ein. Sie machte ſich's zur erſten Aufgabe, den Hausherrn ſelbſt zu beſuchen, und jedes Wort, jeder Blick drückte die größte Freude darüber aus, daß ſie ihn wieder in Freiheit und in ſeinem eigenen Hauſe begrüßen durfte. Auch gegen Emily war ſie voller Wohlwollen und Zärtlichkeit; dieſe da⸗ gegen wich vor ihr zurück in einer Anwandlung von Furcht und Argwohn, die ſie nicht zu unterdrücken und kaum zu ver⸗ bergen vermochte. Sie hatte zwar noch keines von den Papieren geleſen, welche Marlow ihr zurückgelaſſen, denn er 478 hatte ſie nicht hiezu angewieſen; aber er hatte wenigſtens ihren Gedanken die erſte Richtung gegeben und ſie in Betreff Mrs. Hazleton's zu Schlüſſen geführt, welche ſehr peinlich aber um nichts weniger gerecht waren. Dieſe bemerkte eine Veränderung in Emily's Benehmen. Schon früher war ihr etwas der Art aufgefallen; aber jetzt war es weit augenſcheinlicher, und wenn ſie auch keinerlei Notiz davon nahm, ſo war es doch etwas was ſie nicht leicht vergeſſen oder vergeben konnte. Wer mit ſchlinmmen Din⸗ gen umgeht, dem kann keine größere Beleidignng wider⸗ fahren, als wenn man ihn beargwöhnt, und Mrs. Hazleton war überzeugt, daß Emily ſie beargwöhne. Nach einer kurzen Unterredung mit Vater und Tochter glitt ihr ſchöner Gaſt ruhig in Lady Haſtings Zimmer und ſetzte ſich neben deren Bette nieder. Sie ergriff die Hand der kranken Dame— jene weiße, abgemagerte Hand, welche einſt ſo ſchön und roſig geweſen— und äußerte ihr Entzücken darüber, daß ſie die Kranke ſo viel beſſer ausſehend finde. „Meint Ihr wirklich?“ fragte Lady Haſtings.„Ich fühle mich ſchrecklich ſchwach und erſchöpft, theure Mrs. Hazleton, und glaube zuweilen, ich werde nie wieder auf⸗ kommen.“ „O ſagt das nicht,“ erwiederte Mrs. Hazleton.„Eu⸗ res Gemahles Rückkehr hat Euch offenbar ſehr gut gethan, denn Eure Krankheit war doch hauptſächlich geiſtiger Na⸗ tur. Seelenangſt iſt oft die Urſache ſchwerer Krankheiten, und ſie verſchwinden, ſobald jene entfernt iſt. Eine Haupt⸗ quelle der Beunruhigung iſtjetzt aufgehoben, und die einzige, 479 die noch übrig bleibt— ich meine dieſes unſelige Verlöbniß der theuren Emily mit Mr. Marlow— läßt ſich mit etwas Feſtigkeit und Entſchloſſenheit von Eurer Seite ohne Zwei⸗ fel gleichfalls heben.“ Mrs. Hazleton wußte ſehr geſchickt den Gegenſtand, den ſie zu verhandeln wünſchte, in das Geſpräch einzuflechten, mit dem er eigentlich nichts zu ſchaffen hatte, und nachdem ſie ſo das Thema, bei welchem ſie verweilen wollte, auf's Tapet gebracht, fuhr ſie fort, es mit ihrer gewohnten Ge⸗ ſchicklichkeit zu handhaben, indem ſie Allem aufbot, um die Kranke gegen Marlow aufzuhetzen und den Gedanken ſeiner Verheirathung mit Emily in ihren Augen unerträglich zu machen. Sogar als Lady Haſtings einigermaßen aus Dankbarkeit für die Nachricht von Marlow's Anſtrengun⸗ gen, um ihrem Manne ſein Beſitzthum zurückzuerſtatten, ihrem Beſuche die Hoffnungen, die ſie nährte, mittheilte, wußte Mrs. Hazleton gerade dieſe Erwartung zu Marlow's Nachtheil zu wenden, indem ſie ſagte: „Wenn dies wirklich das Reſultat ſeyn ſollte, dann wird ſich dieſes Verlöbniß nur noch unglückſeliger ausnehmen. Bei ſo großartigem Beſitze, wie er dann der theuren Emily zufällt, bei ihrer Schönheit und Anmuth, bei all' ihren Vorzügen wäre es kaum zu viel, die Hand eines Prinzen für ſie zu beanſpruchen, und es iſt in der That traurig zu ſe⸗ hen, wie ſie ſich an einen bloſen Landjunker— einen Mr. Marlow wegwirft, der zwar in ſeiner Art ganz gut, aber eben ein Niemand iſt. Wenn ich Euch wäre, ſo würde ich es ganz gewiß verhindern, ſo lange ich die Macht hätte.“ 480 „Aber wie kann ich's verhindern?“ fragte Lady Ha⸗ ſtings.„Mein Mann und Emily ſind in ſolchen Dingen feſt entſchloſſen; ich beſitze keine Gewalt, theure Hazleton.“ „Ihr irrt Euch, meine ſüße Freundin,“ erwiederte ihre Geſellſchafterin;„freilich wenn dieſe Hoffnungen, die Euch vorgehalten wurden, ſich nicht als trügeriſch erweiſen, ſo werdet Ihr jene Macht bald verlieren. Ihr ſeyd Herrin dieſes Hauſes— dieſes ſehr ſchönen Gutes. Wenn ich recht verſtehe, ſo beſitzt Euer Gatte wie Eure Tochter für jetzt gar nichts als was von Euch kommt. Dieſe Lage wird ſich aber ändern, ſobald Euer Gemahl in die Güter der Haſtings wieder eingeſetzt wird.“ „Aber Ihr wollt doch nicht, Mrs. Hazleton, gewiß, Ihr wollt nicht haben, daß ich eine ſolche Macht ungroßmüthig gebrauche?“ rief Lady Haſtings. Mrs. Hazleton ſah, daß ſte etwas zu weit gegangen war oder eigentlich, daß ſie etwas angerathen hatte, was dem Charakter ihrer Zuhörerin widerſtrebte, denn in Geld⸗ angelegenheiten war Niemand großherziger und freier von Selbſtſucht als Lady Haſtings: was ihr gehörte, gehörte auch Kind und Gatten— ſie kannte keinen Unterſchied— machte keine Unterſcheidung. Mrs. Hazleton brauchte einige Zeit, um dieſen Eindruck wieder zu verwiſchen; aber ſie fand endlich Mittel dazu. Sie berührte Lady Haſtings' ſchwache Seite— ihren Man⸗ gel an Charakter. Eine kleine Kriegsliſt, ein pfiffiger Aus⸗ weg, um auf indirekte Weiſe ihren Plan durchzuſetzen, lag ganz im Bereiche ihrer Grundſätze, und nachdem ſie ſämmt⸗ 481 liche Einwuͤrfe gegen die Verheirathung mit Marlot— wie ſie ſich einem ehrgeizigen Gemüthe darbieten mochten— rekapitulirt hatte, machte ſie ſich ganz ruhig daran, im un⸗ befangenen Tone des Rathgebers einen Plan zu ſkizziren, der ihr ſelbſt wie ihrer Zuhörerin ſicheren Erfolg zu ver⸗ ſprechen ſchien. Lady Haſtings griff den Gedanken gierig auf und be⸗ ſchloß, ihn in allen Einzelheiten zu befolgen, wie wir dies bald erfahren werden. Neununddreißigſtes Kapitel. „Ich fühle mich heute Morgen ſehr krank,“ ſagte Lady Haſtings zu ihrem Mädchen gegen eilf Uhr Vormittags. „Mir iſt, als ſollte ich ſterben. Rufe meinen Gemahl und meine Tochter zu mir.“ „Ach Gott, Mylady!“ rief das Mädchen,„ſoll ich nicht lieber nach dem Doktor ſchicken? Ihr ſeht übrigens nicht aus, als ob Ihr überhaupt ſterben würdet; man ſollte Euch heute für weit beſſer halten.“ „Wirklich?“ fragte Lady Haſtings in unſicherem Tone. Sie wollte jedoch nicht zugeben, daß man den Doktor ſo⸗ gleich hole und wiederholte den Befehl, ihren Gatten und ihre Tochter herzuſchicken. Emily war alsbald bei ihr; Sir Philipp Haſtings da⸗ gegen war ausgegangen, und es verſtrich faſt eine halbe Stunde, bis er gefunden wurde. Als er eintrat, ſchaute er James. Rache, 31 48² ſeiner Frau mit ziemlicher Ueberraſchung— ja mit mehr Ueberraſchung als Unruhe— in's Geſicht, denn er kannte ſie als nervös und hypochondriſch, und ſiekſah, wie das Mäd⸗ chen geſagt hatte, gar nicht danach aus, als ob ſie über⸗ haupt ſterben wolle. Da war kein Schärferwerden der Geſichtszüge, kein Einfallen der Schläfe— nichts von jener aſchfarbenen Bläſſe oder vielmehr jenem Bleigrau, wie es der Auflöſung voranzugehen pflegt. Er ſetzte ſich jedoch neben ihrem Bette nieder und betrachtete ſie mit forſchendem Blicke, während Emily auf der andern Seite des Bettes und das Mädchen zu deſſen Füßen ſtand, und nachdem er einige freundliche aber ziemlich unzuſammenhängende Worte ge⸗ ſprochen, ließ er ein Stärkungsmittel herbeiholen, indem er ſagte: „Ich denke, Du beunruhigſt Dich ohne Urſache, meine Theure.“ „Ach nein, Philipp, gewiß nicht,“ erwiederte Lady Ha⸗ ſtings.„Ich weiß gewiß, ich werde ſterben und zwar in Kurzem. Aber laß ja nichts holen— ich könnte es doch nicht nehmen. Es wird mir weit beſſer ſeyn, wenn ich aus⸗ ſpreche, was ich auf dem Herzen habe— was mich nieder⸗ drückt— was mich tödtet.“ „Ich höre mit Bedauern, daß es überhaupt etwas der Art gibt,“ verſetzte Sir Philipp, deſſen Gedanken, mit an⸗ deren Dingen eifrig beſchäftigt, noch nicht ganz bei dem vorliegenden Auftritte waren. „O Philipp, wie kannſt Du nur ſo ſprechen, da Du doch weißt, daß wirklich etwas der Art vorhanden iſt,“ ſeufzte 483 Lady Haſtings.—„Du brauchſt nicht zu gehen,“ fuhr ſle an die Zofe gewendet fort, die ſich zurückzog, wie wenn ſie das Zimmer verlaſſen wollte.„Ich wünſche, in Gegenwart eines Zeugen, der ſich meiner Worte erinnern wird, mit meinem Manne und meiner Tochter zu reden.“ Sir Philipp ſtand jedoch ganz gelaſſen auf, öffnete die Thüre und winkte dem Mädchen hinaus, denn ſolche öffent⸗ liche Schauſtellungen waren ſeinen gewohnten Anſichten über Hausordnung ganz entgegen. „Nun, meine Theure,“ ſagte er,„was wünſcheſt Du mir zu ſagen? Gibt es irgend etwas, was Du gethan wünſcheſt, ſo will ich es thun, wofern es in meiner Macht liegt.“ „Es liegt in Deiner Macht, Philipp,“ erwiederte Lady Haſtings.„Du weißt und Emily weiß recht gut, daß ihre Verlobung mit Mr. Marlow gegen meinen Willen geſchah, und ich muß ſagen, daß ſie der größte Stoß war, den ich noch je in meinem Leben erlitten. Ich habe mich ſeitdem nie wieder erholt, und mit jedem Tage ſehe ich weitere Gründe zu Einwendungen. Es ſteht in der Macht von Euch Beiden, mein Herz in dieſem Punkte zu erleichtern, dieſes unſelige Verlöbniß abzubrechen und mich wenigſtens in Frieden ſterben zu laſſen mit dem Gedanken, daß meine Tochter ſich nicht weggeworfen hat. Es ſteht in Deiner Macht—“ „Halt einen Augenblick,“ unterbrach ſie ihr Gatte;„es liegt nicht in meiner Macht.“ „Wie— biſt Du nicht ihr Vater?“ fragte Lady Ha⸗ 31* 484 ſtings.„Biſt Du nicht ihr geſetzlicher Vormund? Haſt Du nicht über ihre Hand zu verfügen?“ „Es ſteht nicht in meiner Macht,“ wiederholte Sir Phi⸗ lipp kaltblütig,„mein gegebenes Wort zu brechen, meine Ehre zu verletzen oder unter der Laſt der Schande und des Vorwurfs zu leben.“ „Ei, in einem Falle wie dieſer iſt es keine Schande,“ meinte Lady Haſtings.„Du kannſt recht gut ſagen, Du habeſt Dir's beſſer überlegt.“ „In welchem Falle ich lügen würde,“ erklärte Sir Phi⸗ lipp trocken. „Es iſt etwas was alle Tage geſchieht,“ machte Lady Haſtings geltend. „Ich bin nicht der Mann, der etwas thut, weil es An⸗ dere gibt, die es alle Tage thun,“ antwortete ihr Gatte. „Die Menſchen lügen, betrügen, ſchwindeln, ſtehlen, ver⸗ rathen ihre Freunde, Eltern und Verwandte; aber ich kann darin keinen Grund finden, warum ich daſſelbe thun ſoll. Ich wiederhole, es liegt nicht in meiner Macht. Ich kann nicht den Schurken machen— was auch andere Menſchen thun mögen— kann nicht mein verpfändetes Wort verletzen oder meine feierlichſten Verſprechungen zurückziehen. Als Marlow hörte, welches Unglück uns befallen, als er erfuhr, daß Emily nicht den vierten Theil deſſen erben würde, was ſte einſt zu erwarten ein Recht hatte, da zeigte er keine Luſt, ſein Wort zurückzunehmen, obgleich er eine gute Entſchul⸗ digung gehabt hätte, und ich werde das meinige niemals zurückziehen, ſo wahr mir Gott helfe!“ 485 Nach dieſen Worten ſchlug er ſeine Augen wieder zu Bo⸗ den und verſank in tiefes Träumen. Emily war während dieſes Geſpräches an allen Gliedern zitternd auf ihre Knie geſunken und hatte ihr Geſicht in der Bettdecke verborgen. An ſie wendete ſich jetzt Lady Ha⸗ ſtings. Ob ſie Reue und einige Beſchämung empfand, als ſie die furchtbare Erſchütterung ihres Kindes wahrnahm, kann ich nicht ſagen: aber ſie ſchwieg eine Weile, wie wenn ſte ſelber unentſchloſſen wäre. Endlich ließ ſie ſich jedoch alſo vernehmen: „Emily, mein Kind, an Dich muß ich mich wenden, da Dein Vater ſo halsſtarrig iſt.“ Emily gab keine Antwort, und weinte blos, und Lady Haſtings, die ſich darüber ärgerte, fuhr in ſchärferem Tone fort: „Wie! will mein eigenes Kind nicht auf die Stimme einer ſterbenden Mutter hören?“— Dies ſagte ſie mehr ärgerlich als bekümmert, obgleich ſie ſich alle Mühe gab, ihren Ton nicht vorwurfsvoll zu machen.„Will ſie der letz⸗ ten Bitte ihrer Mutter gar keine Aufmerkſamkeit ſchenken?“ „O meine Mutter!“ rief Emily, ihr Haupt erhebend, in leidenſchaftlicherem Tone, als ſie es ſonſt gewöhnt war, „verlange nur was gerecht iſt; verlange Alles was vernünf⸗ tig iſt, aber fordere nicht von mir, daß ich etwas Unrechtes und Unbilliges thue. Ich habe ein Verſprechen gegeben— verlange nicht, daß ich es breche. Es iſt keine Aenderung eingetreten, welche auch nur einen Vorwand zu einem ſol⸗ chen Treubruche geben könnte: Marlow hat ſich nur noch wahrer, getreuer und aufrichtiger bewieſen. Soll ich mich falſcher, treuloſer und ungroßmüthiger zeigen, als er mich glaubte? O nein— das iſt unmöglich— rein unmöglich!“ Und ſie verbarg ihre überſtrömenden Augen abermals in den Betttüchern, indem ſie ihre Hände feſt über der Stirne zuſammenpreßte. Ihr Vater hatte die Arme über die Bruſt gekreuzt und ſeine Augen mit zweifelndem, forſchendem Blicke auf ſie geheftet, ſo lange ſie ſprach. Wohl durfte er an ſeinem eigenen Argwohne ſtutzig werden. Wahrheit, Auf⸗ richtigkeit, Geradſinnigkeit lagen auf jenem edlen Antlitze, das jede niedrige, unehrenhafte Beſchuldigung, welche gegen ſein Kind erſonnen worden, klar und deutlich Lügen ſtrafte. Sie hätte in der That unmöglich alſo ſprechen und ſo aus⸗ ſehen können, wenn ſie nicht ſo empfunden hätte. Die beſte Schauſpielerin der Welt hätte dieſe Rolle nicht ſpielen kön⸗ nen; ſie hätte zu viel oder zu wenig gegeben, wäre zu matt oder zu übertrieben erſchienen. Bei Emily war nichts der Art wahrzunehmen: was ſie ſprach, ſchien nur der plötzliche Ausbruch ihres Herzens, das zur Erwiederung gedrängt wurde, und ſobald es geſprochen war, verſank ſie wieder iu Stillſchweigen und weinte bitterlich unter dieſem Widerſtreit ihrer Gefühle. Einen Augenblick lang ſchien dieſer Anblick Sir Philipp Haſtings aufzuwecken. „Sie dürfte nicht, auch wenn ſie wollte,“ ſagte er. „Freiwillig und wohlwiſſend was ſte that, hat ſie dem von mir gegebenen Verſprechen zugeſtimmt, und ſie kann und darf es nicht zurücknehmen. Ich habe vielleicht mit Marlow — 487 einige Worte zu ſprechen, und er ſoll nochmals Gelegenheit haben zu handeln, wie es ihm beliebt; aber Emily iſt ſo gut wie ich ſelbſt verpflichtet, und dieſer Verpflichtung müſſen wir treu bleiben.“ 3 „Was haſt Du zu Mr. Marlow zu ſagen?“ fragte Lady Haſtings im Tone gewöhnlicher Neugierde, der keineswegs das Bewußtſeyn jener ſchrecklichen Lage andeutete, worin ſie zu ſeyn vorgab. „Das gehört nicht hierher,“ antwortete Sir Philipp: „es wird nach ſeiner Rückkehr zwiſchen mir und ihm abge⸗ macht werden. Wie er handeln wird, weiß ich nicht— was er denken mag, weiß ich nicht; aber meine Gedanken ſoll er erfahren und ſoll dann Herr ſeiner eigenen Handlungen ſeyn.— Laß uns dieſen peinlichen Gegenſtand nicht weiter verfolgen. Wenn Du Dich krank fühlſt, meine Liebe, ſo laß uns nach weiterer ärztlicher Hülfe ſenden. Ich hoffe und glaube, daß Du nicht ſo leidend biſt, wie Du Dir ein⸗ bildeſt; aber wenn Du es biſt, ſo wird der Arzt um ſo nö⸗ thiger, und wir müſſen ein Thema verlaſſen, das zur Dis⸗ kuſſion zu peinlich iſt, wo jede Diskuſſion ganz nutzlos er⸗ ſcheint.“ „Wohlan, ſo hört mich,“ ſagte Lady Haſtings mit ange⸗ nommener melancholiſcher Würde, welche, da ſie ihr ganz unnatürlich war, ſchier an das Burleske grenzte—„höre mich, Philipp! höre mich, Emily! Dein Weib— Deine Mutter macht es zu ihrer letzten Forderung, zu dem letzten Gebote ihres Sterbebettes, daß Ihr dieſe Brautſchaft ab⸗ brechet. Ihr könnt mir oder könnt mir nicht auf dieſem 2₰ 488 Krankenbette den Troſt geben, zu wiſſen, daß mein Verlangen erfüͤllt werden wird; ich glaube jedoch nicht, daß Eines von euch Beiden ſo rückſichts⸗ oder gewiſſenlos ſeyn wird, um dieſe Verlobung nach meinem Tode durchzuführen. Ich will nicht drohen, Emily— ich will nicht einmal verſuchen, Dir das Vermögen zu entziehen, um deſſentwillen dieſer junge Mann ſich ohne Zweifel um Dich bewirbt— ich will nicht verſuchen, Dich durch meinen Fluch zu ſchrecken, falls Du meinen Geboten nicht gehorchſt; aber ich ſage Dir, wenn Du mir nicht dieſes Verſprechen gibſt, ehe ich ſterbe, ſo haſt Du Deiner Mutter letzte Augenblicke verbittert und—“ „O halt ein! halt ein,“ unterbrach ſie Emily auf⸗ ſpringend.„Um Gotteswillen„ theure Mutter, halt ein!“ Und ihre Hände heftig über die Augen ſchlagend, ſtürzte ſie wie wahnſinnig aus dem Zimmer. Sir Philipp Haſtings blieb faſt noch eine halbe Stunde länger, und ſtieg dann die Treppe hinab. Als er durch das Wohnzimmer kam, ſah er Emily mit dem Taſchentuche über den Augen daſitzen, während ihre ganze Geſtalt von dem krampfhaften Schluchzen, das ihren Buſen hob, erſchüttert wurde. Sir Philipp blieb ſtehen und betrachtete ſie eine Weile; aber Emily ſprach kein Wort und ſchien in der That ſeine Gegenwart gar nicht zu bemerken. Eine Anwandlung von Mitleid und Theilnahme, ein Zweifel gegen ſeine Vor⸗ urtheile mochte ihm wohl durch den Sinn kommen; aber die ſchwarze Saat des Argwohns war in ſeine Seele geſtreut— hatte gekeimt, war aufgewachſen und gezeitigt und ſcheinbar 489 durch ſtarke Beweggründe beſtätigt worden, und er murmelte vor ſich hin, während er ſo daſtand und ſie betrachtete: „Iſt das Zorn oder Kummer— iſt es Leidenſchaft oder Schmerz? Das Alles iſt ſehr auffallend; ich verſtehe es nicht. Ihr Entſchluß iſt gefaßt und richtig gefaßt. Warum ſoll ſie ſich grämen— warum ſo erſchüttert werden, wenn ſie weiß, daß ſie nur thut, was gerecht, treu und ehr⸗ bar iſt?“ Er wollte eine Wolke mit der Elle abmeſſen, wollte ihr Herz, ihr Empfindungsvermögen, ihren Geiſt nach dem ſtrengen Maße ſeines eigenen abzirkeln, und er fand, daß Eines das Andere nicht begreifen konnte. So wendete er ſich haſtig ab, nachdem er ſeine Betrachtung beendigt hatte, ohne ihr ein Wort des Troſtes oder der Theilnahme zu ſpen⸗ den, und wandelte in ſeine Bibliothek, wo er die Glocke zog und alsbald ſein Pferd zu ſatteln befahl. So lange dies geſchah, ſchrieb er ein haſtiges Billet an Mr. Short, den Chirurgen, und als das Pferd vorgeführt wurde, gab er das Schreiben dem Reitknecht zur Ueberlieferung. Dann ſtieg er zu Pferd und ritt in raſchem Schritte fort, ohne von ſeiner Tochter weitere Notiz genommen zu haben. Emily verharrte faſt eine halbe Stunde nach ſeinem Abgang genau in derſelben Stellung, in welcher er ſie ver⸗ laſſen hatte. Sie bemerkte nichts von dem, was um ſie vorging; ſie hörte nicht, wie ein Pferd vor der Thüre ſtill⸗ hielt, und als ihre Zofe in's Zimmer trat und meldete: „Doktor Short iſt gekommen, Ma'am, und iſt bei Mylady. Sir Philipp hat ihn durch Peter holen laſſen, aber Peter traf 490 ihn glücklicher Weiſe gerade unten vor den Parkthoren—“ da ſchien Emily ſie kaum zu hören. Wenige Minuten ſpäter kam Mr. Short ſachte aus Lady Haſtings' Zimmer und guckte im Vorbeigehen in den Salon. Als er Emily in dieſer Stellung der Niederge⸗ ſchlagenheit daſitzen ſah, näherte er ſich ruhig und ſagte: „Laßt Euch nicht ohne Urſache beunruhigen, meine theure Miß Emily. Ich ſehe keinen Grund zu der gering⸗ ſten Beſorgniß. Mylady, Eure Mutter, iſt nervös aufge⸗ regt; aber ich finde keine ſehr gefährlichen Symptome an ihr— jedenfalls keine, welche augenblickliche Unruhe ver⸗ anlaſſen könnten, und ich glaube, daß ihr Leiden im Ganzen eher geiſtiger als leiblicher Art iſt.⸗ Emily hatte ihre Augen erhoben, als er zu ſprechen begann; bei ſeinen letzten Worten ſchüttelte ſie aber traurig den Kopf und erwiederte: „Ich kann nichts thun, um es zu heilen, Mr. Short. Ich möchte gern jedes perſönliche Opfer bringen; aber das begreift weit mehr. Ich kann nichts thun.“ „Ich habe mein Beſtes verſucht,“ erklärte Mr. Short mit freundlichem Lächeln, denn er war ein alter vertrauter Freund der ganzen Familie und hatte Emily von ihrer Kindheit an in all' den kleinen Jugendkrankheiten gepflegt. „Ich fragte Eure treffliche Mutter,“ fuhr er fort,„was ſie ſo ſehr aufgeregt habe, und ſie erzählte mir Alles, was dieſen Morgen vorfiel. Ich denke, meine theure junge Lady, ich habe ſie jetzt ſehr beruhigt.“ 491 „Wie— wie?“ forſchte Emily eifrig.„O ſagt mir— wie, Mr. Short, und ich will Euch ſegnen!“ Der gute alte Doktor ſetzte ſich neben ſie und ergriff ihre Hand. „Ich habe nur Zeit zu zwei Worten,“ ſagte er;„aber ich denke, ſie werden Euch tröſten. Eure Mutter erklärte mir, daß es heute Morgen eine kleine Diskuſſion gegeben, als ſie ſich ſterbend glaubte— das war übrigens der reine Unſinn— und die Sache muß für Euch, meine ſüße Miß Emily, ſehr ſchmerzlich geweſen ſeyn. Sie erzählte mir auch, um was ſich's handelte, und ſchien ihre Worte ſchon halb und halb zu bereuen. Ich ahnte gleich, worauf es hier ankam,(denn ich weiß, daß die theure Lady in Rang und Titel und dergleichen Dinge verliebt iſt und ſah, daß ſie Mr. Marlow's Stellung ganz irrig anſah,) und bemerkte ihr alſo, daß er der Erbe des alten Earls von Launceſton iſt— das heißt, wenn der Earl ſich nicht wieder verheirathet; der iſt aber Dreiundſiebzig und ſeine Frau iſt noch am Leben. Sie hatte noch nie etwas davon gehört, und es ſchien ſie wunderbar zu tröſten. Gleichwohl befindet ſie ſich in einem ſehr nervöſen Zuſtande und iſt ziemlich ſchwach; auch will mir ihr Huſten nicht ganz gefallen, und ſo, meine theure junge Lady, will ich ihr heute Abend einen Trank herüber⸗ ſenden, von dem Ihr der Kranken alle drei Stunden einen Eßlöffel voll geben müßt. Reicht ihn immer nur mit eigener Hand, denn er iſt ziemlich ſtark und die Domeſtiken machen leicht Mißgriffe. Wenn Ihr jetzt übrigens zu ihr geht, ſo werdet Ihr ſie in ganz anderer Laune finden, als ſie heute 492 Morgen war. Lebt wohl, lebt wohl! Seyd nicht ſo nieder⸗ geſchlagen, Miß Emily; Alles wird noch gut gehen.“ Vierzigſtes Kapitel. Von Sir Philipp Haſtings' Hauſe ritt Mr. Short eiligſt nach der Hütte der Mrs. Beſt, die er heute Morgen ſchon einmal beſucht hatte. John Ayliffe's Befinden wurde mit jedem Augenblicke bedenklicher, und der Doktor bemerkte bei jedem Beſuche in dem Geſichte des jungen Mannes eine neue Veränderung, welche andeutete, daß ein noch größerer Wechſel herannahe. Der Leidende hatte ſchon alle möglichen Leiden zu beſtehen gehabt, denn am erſten Tage nach dem Unfalle war das Fieber ſo ſtark geweſen, daß er nicht gewagt hatte, dem jungen Manne irgend etwas zu ſeiner Stärkung zu verabreichen. Allein die lange Gewöhnung an ſtimulirende Getränke hatte wie gewöhnlich ſeine ſtarke Konſtitution ge⸗ ſchwächt, ſo daß dieſe jetzt plötzlich nachgab, trotzdem daß die körperlichen Kräfte in voller Blüthe zu ſtehen ſchienen. Der Wein war für John Ayliffe gerade das geworden, was das Waſſer für die meiſten Menſchen iſt, und er konnte ihn durchaus nicht mehr entbehren. Erſchöpfung war alsbald auf die vorübergehende Aufregung des Fiebers gefolgt, und der kalte Brand hatte ſich an dem beſchädigten Beine ge⸗ zeigt. Wein war nothwendig geworden und wurde in häu⸗ figen ſtarken Doſen verabreicht; aber er hatte bei dem unglück⸗ lichen jungen Manne ſeine Wirkung als Reizmittel verloren, 493 und als der Doktor diesmal in die Hütte zurückkehrte, ſah er nicht allein, daß alle Hoffnung verſchwunden war, ſon⸗ dern auch daß die Schlußſcene nicht ſehr weit entfernt ſeyn konnte. Der gute Mr. Dirwell ſaß neben John Ayliffe's Bette und ſchaute mit geſpanntem Blicke auf den Doktor. Mr. Short fühlte ſeinem Patienten mit ſehr ernſtem Geſichte den Puls; er war raſch, aber ausnehmend ſchwach, machte zwan⸗ zig bis dreißig fieberiſche Schläge, blieb dann plötzlich eine Weile ſtehen und begann ſofort wieder ſo raſch wie früher zu pochen. Mr. Short füllte ein ganzes Glas mit Portwein, hob John Ayliffe etwas in die Höhe und gab es ihm zu trinken. Nach wenigen Minuten fühlte er ihm den Puls abermals und fand ihn etwas kräftiger. Der Kranke ſchaute ihm ernſthaft in's Geſicht, wie wenn er ihn etwas fragen wollte; aber er ſchwieg mehrere Minuten, bis er endlich ſagte: „Sagt mir die Wahrheit, Short: bin ich nicht am Sterben?“ Der Doktor zögerte; allein Mr. Dixwell erhob ſeine Augen und flüſterte: „Sagt ihm die Wahrheit— ſagt ihm die Wahrheit, mein guter Freund; er iſt beſſer vorbereitet, ſte zu ver⸗ nehmen, als er es geſtern war.“ „Ich fürchte, Ihr werdet immer ſchwächer, Sir John,“ erklärte der Arzt. „Ich fühle nicht mehr ſo viel Schmerz in meinem Bein,“ bemerkte der junge Mann. 494 „Das iſt, weil der Brand angeſetzt hat,“ erklärte Mr. Short. „So iſt denn keine Hoffnung?“ erkundigte ſich John Ayliffe. Der Doktor ſchwieg, und nach einer Weile rief John Ayliffe: „Gottes Wille geſchehe!“ Mr. Dirwell drückte ihm freundlich die Hand; er hatte Thränen in den Augen, denn das waren die chriſtlichen Worte, die er zu hören ſich geſehnt, aber kaum zu ver⸗ nehmen gehofft hatte. Eine lange traurige Pauſe folgte; dann richtete der Sterbende ſeinen Blick abermals auf den Doktor und fragte: „Wie lange glaubt Ihr, daß es noch dauern wird?“ „Drei bis vier Stunden,“ erklärte Mr. Short.„Durch Reizmittel— ſo lange Ihr ſie nehmen koͤnnt— läßt ſich das Leben noch etwas verlängern, aber nicht viel.“ „Jeder Augenblick iſt von Wichtigkeit,“ unterbrach ihn der Geiſtliche.„Viel Vorbereitung iſt noch nothwendig— noch Manches iſt zu bekennen und zu bereuen, Vieles zu ſühnen. Was läßt ſich thun, mein guter Freund, um die Zeit zu verlängern?“ „Reicht ihm ſehr oft kleine Quantitäten Wein,“ ant⸗ wortete der Doktor;„vielleicht auch etwas Liqueur— aber ſehr wenig, ſehr wenig, ſonſt könntet Ihr die Kataſtrophe beſchleunigen.“ „Gut, gut,“ ſagte John Ayliffe.„Ihr könnt wieder fommen; vielleicht bin ich aber dann ſchon geſtorben, Ihr 495 werdet in meinen Taſchen Geld genug finden, Short, um Eure Rechnung zu bezahlen— es iſt ſehr viel Geld darin; vergeßt nicht, den Reſt meiner Mutter zu ſenden!“ Der Arzt war betroffen und ſagte zu ſich ſelbſt: „Er redet irre.“ Allein John Ayliffe ſetzte alsbald bei: „Daß nur jener Schurke Shanks es nicht bekommt! Sendet es meiner Mutter.“ „Ganz recht, Sir John,“ erklärte der Doktor, während er ſich verabſchiedete und zurückzog. „Und nun, mein theurer junger Freund, haben wir keine Zeit zu verlieren,“ ſagte Mr. Dirxwell, ſobald Short fort war.„Es ſteht in Eurer Macht, für das große Unrecht, das Ihr einem Eurer Nebenmenſchen erwieſen, volle Sühne zu leiſten. Wenn Ihr aufrichtig bereuet, wie ich es hoffe, ſo hat Chriſtus Eure Sünden gegen Gott gebüßt; aber Ihr müßt Eure Reue dadurch beweiſen, daß Eure letzten Handlungen in dieſem Leben gerecht und billig ſind. Laßt mich Sir Philipp Haſtings holen.“ „Ich möchte lieber ſeine Tochter oder Gattin ſehen,“ erklärte John Ayliffe.„Er iſt ſo ſtreng, ſo hart und düſter; er wird nie von Troſt oder Vergebung reden.“ „Ihr irrt Euch— ich kann Euch verſichern, Ihr irrt Euch,“ erwiederte der Geiſtliche.„Ich will es auf mich nehmen zu verſprechen, daß er kein hartes Wort ſagen, ſon⸗ dern Euch volle Vergebung bewilligen ſoll.“ „Nun denn,“ ſagte der junge Mann,„wenn er es ſeyn muß, ſo mag's geſchehen. Aber daß Ihr ja Dinte und 496 Feder bei der Hand habt, um Alles niederzuſchreiben: die Feder dort geht nicht; Ihr wißt, Ihr habt ſie heute Morgen probirt.“ „Ich will eine mitbringen,“ verſicherte Mr. Dixwell aufſtehend, denn es drängte ihn ſeinen Gang anzutreten; allein John Ayliffe hielt ihn zurück mit den Worten: „Halt, halt! Ihr dürft ihm nichts von der Sache er⸗ zählen, bis er von ſeinem eigenen Hauſe entfernt iſt; ich will nicht haben, daß all' die Leute davon reden und vielleicht hierher kommen, um mich anzuglotzen.“ Mr. Dirwell ging gerne auf jede Bedingung ein, um nur das, was er wünſchte, erfüllt zu ſehen, und nachdem er Mrs. Beſt angewieſen hatte, dem Patienten alle halbe Stunden etwas Portwein zu verabreichen, machte er ſich eilig auf den Weg nach dem Hofe. Auf ſeine Nachfrage nach Sir Philipp ſagte der Diener, daß ſein Herr ausgeritten ſey. „Wißt Ihr, wohin er gegangen und wie lange er aus⸗ bleiben wird?“ fragte Mr. Dirwell. „Er iſt, glaub' ich, ausgeritten, um Doktor Juke zur Konſultation wegen Mylady herbeizurufen,“ erwiederte der Mann,„und da er hin und zurück vollauf zwanzig Meilen hat, ſo kann er vor den nächſten zwei bis drei Stunden nicht heimkehren.“ „Das trifft ſich höchſt unglücklich!“ rief der Geiſtliche⸗ „Iſt Eure Lady auf?“ Der Diener verneinte und theilte ihm mit, daß ſie ſehr keank ſey.. 497 „Dann muß ich Miß Emily ſprechen,“ fuhr Mr. Dir⸗ well in das Haus tretend fort.„Ruft ſie ſo bald wie mög⸗ lich zu mir.“ Der Mann gehorchte, und Emily war in wenig Augen⸗ blicken bei dem Geiſtlichen, während der Diener in der Halle blieb und zu der offenen Thüre hinausſchaute. Emily eilte nach kurzer Unterredung mit Mr. Dirwell auf ihr eigenes Zimmer und kam alsbald zum Spaziergang angekleidet zurück. Sie und Mr. Dirwell brachen zuſammen auf, und der Diener ſah ſie den Weg nach Jenny Beſt's Hütte ein⸗ ſchlagen; als ſie jedoch ein paar hundert Schritte gemacht hatten, wendete ſich der Geiſtliche nach ſeiner eigenen Woh⸗ nung, wohin er ſich ſehr eilig verfügte, während Emily langſam ihres Weges weiterzog. Auf kurze Strecke vor der Hütte angekommen, blieb die unge Lady ſtehen und wartete auf Mr. Dirwell, der ſehr bald ganz athemlos von ſeinem raſchen Laufe herbeikam. „Ich habe befohlen, den Wein unverzüglich zu bringen,“ ſagte er,„und ſo werden wir den Sterbenden hoffentlich aufrecht erhalten können, bis er die Geſchichte in ſeiner eigenen Weiſe erzählt hat. Nun folgt mir, meine theure junge Lady—“ indem er voranging und in die Hütte trat. Emily war ſehr erſchüttert. Jede Erinnerung an John Ayliffe war ihr peinlich. Es kam ihr vor, als ob nichts als Unglück, Angſt und Kummer ſie ſeitzihrem erſten Zuſammen⸗ treffen mit ihm betroffen hätte, und ſo kam es, daß ihr ganzer Jammer an ſeinen Namen ſich heftete. Die eigen⸗ thümliche räthſelhafte Theilnahme, die ſie beim erſten Zu⸗ Ismes. Rache. 4 32 ſammentreffen für ihn empfunden und die ihr bei der Kunde ſeiner nahen Verwandtſchaft klar geworden, hatte einem mit jedem Tage ſtärker werdenden perſönlichen Widerwillen Platz gemacht, und ſie konnte ihn ſogar jetzt an der Hand des Geiſtlichen kaum an ſeinem Sterbebette beſuchen, ohne eine Miſchung von Furcht und Widerſtreben zu empfinden, gegen welche ſie nicht ſehr erfolgreich ankämpfte. Sie gingen durch das äußere Zimmer in die Hinterſtube, wo Mrs. Beſt neben dem Sterbenden ſaß und ihm aus dem neuen Teſtamente vorlas. Mr. Dirwell war vorangegan⸗ gen, und die gute Frau hielt bei ſeinem Eintritt inne, wäh⸗ rend John Ayliffe ſeinen Kopf matt nach der Thüre wendete. „Ah, das iſt ſehr freundlich von Euch!“ ſagte er, als er Emily erkannte.„Euch kann ich Alles beſſer erzählen als jedem Andern.“ „Sir Philipp iſt abweſend und wird erſt in einigen Stunden zurückkehren,“ erklärte Mr. Dirwell. „Stunden!“ wiederholte John Ayliffe.„Meine Zeit iſt auf Minuten beſchränkt.“ Emily näherte ſich ruhig, und Mrs. Beſt verließ das Zimmer und verſchloß die Thüre. Dirwell ſchob den Tiſch näher an das Bett, legte das mitgebrachte Schreibpapier zurecht und tauchte eine Feder ein als Andeutung, daß keine Zeit mehr zu verlieren ſey. „Wohlan,“ begann John Ayliffe mit einem Seufzer, „ich will's nicht verſchieben, obgleich es ſehr hart iſt, eine ſolche Geſchichte erzählen zu müſſen. Miß Emily, ich habe Euch und Eurer Familie großes Unrecht und großen Schaden „ 499 angethan, und es thut mir ſehr, ſehr leid, beſonders das, was ich gegen Euch verſchuldet habe.“ „Dann vergebe ich Euch von ganzem Herzen,“ rief Emily, die ſich durch die furchtbare Veränderung, welche des jungen Mannes Ausſehen darbot, unausſprechlich er⸗ ſchüttert fühlte. Sie hatte noch nie den Tod geſehen noch den furchtbaren Schatten wahrgenommen, den das ſchwarze Banner des großen Eroberers vor ſich her wirft. „Dank Euch, Dank Euch!“ erwiederte John Ayliffe. „Ihr dürft jedoch nicht glauben, Miß Emily, daß all das Uebel, das ich that, aus meinem eigenen Herzen kam. Andere haben mich zu Vielem angetrieben, obwohl ich ge⸗ ſtehen muß, daß ich uur allzu bereit war, ihrer Führung zu folgen. Die beiden Hauptperſonen waren Shanks der An⸗ walt und Mrs. Hazleton— o, jenes Weib iſt ein einge⸗ fleiſchter Teufel.“ „Pſch, pſch!“ fiel Mr. Dirwell ein.„Ich kann ſolche Worte nicht niederſchreiben, noch ſolltet Ihr ſie ausſprechen. Beginnet lieber nach der Ordnung und erzählet Alles von Anfang an; aber ruhig und in chriſtlichem Sinne, wohl be⸗ denkend, daß Dieſes Euer eigenes Bekenntniß nicht aber eine Anklage Anderer iſt.“ „Nun ich will's verſuchen,“ ſagte der junge Mann, ſeine Hand matt von der Bettdecke aufhebend, wie wenn er ſie nachdenklich auf ſein Haupt legen wollte. Aber er war zu ſchwach hiezu; ſie ſank wieder auf's Kiſſen, und ſeine Augen auf einen Fleck in der Wand gegenüber dem Fuße des Bettes heftend, fuhr er in träumeriſchem Tone alſo fort: 32 4 „Ich liebte Euch— ja ich liebte Euch ſehr. Ich fühle es jetzt mehr denn jemals. Ich liebte Euch mehr als Ihr jemals wußtet— mehr als ich es damals ſelber erkannte,“ (Emily neigte ihr Haupt und verbarg ihre Augen mit den Händen)„nicht weil Ihr ſchöner waret als alle Uebrigen— obwohl auch das wahr iſt— aber Ihr hattet ein gewiſſes Etwas an Euch, wenn Ihr ſprachet, wenn Ihr Euch be⸗ wegtet, was Euch erſcheinen ließ, als ob Ihr von ganz anderem Geſchlechte als die Uebrigen wäret— etwas Höhe⸗ res, Beſſeres, Glänzenderes— und als ob Eure edlere Natur ihren Strahl auf Alles wärfe, was Ihr unternähmet. Ich kann nicht anders glauben, als daß, wenn Ihr meine Liebe hättet erwiedern können, mein Schickſal ein anderes geworden wäre, mein Ende ein anderes, und daß auch jetzt eine andere und frohere Hoffnung mir bevorſtünde—* „Ihr ſchweift von dem Gegenſtande ab, mein Freund,“ mahnte Mr. Dirwell.„Die Zeit iſt kurz.“ „Ich ſchweife nicht ab, aber mir wird ſchwach,“ fuhr John Ayliffe fort.„Reicht mir etwas Wein.“ Nachdem er ihn genoſſen hatte, fuhr er alſo fort:„ich ſah, daß Ihr mich nicht lieben konntet— ich ſagte mir in meinem Herzen, daß Ihr mich nie lieben würdet, und meine Liebe verwandelte ſich in Haß— wenigſtens glaubte ich ſo. Ich beſchloß, daß Ihr den Tag bereuen ſolltet, an dem Ihr mich ausgeſchlagen. Schon lange zuvor hatte mir Shanks, der Anwalt, in den Kopf geſetzt, daß ich Euren Vater ſeiner Güter und Titel berauben könne, und ich beſchloß es einſt zu verſuchen, nicht ahnend, wozu mich das Schritt für Schritt führen würde. 501 Ich hatte meine Mutter wohl hundertmal ſagen hören, daß ſte mit Eurem ertrunkenen Oheim ſo gut wie verheirathet geweſen, und daß ich, wenn das Recht gewaltet hätte, das Gut hätte erben müſſen. So machte ich mich denn mit Shanks an's Werk, um zu ſehen was ſich thun ließ. Bald war's er, bald ich, der den Ton angab; aber er war eine Memme, und wollte alles mit Liſt ausführen, während ich keck war, und Alles mit Kühnheit durchzuſetzen wähnte. Wir Beide wurden bald ſo tief verwickelt, daß an einen Rückweg nicht mehr zu denken war. Ich riß ein Blatt aus dem Ehe⸗ regiſter, damit es ſcheine, als ob Euer Großvater die Erinne⸗ rung an meiner Mutter Heirath habe vernichten laſſen; aber es hatte nie eine Heirath ſtattgefunden— ſie waren nie vermählt geweſen— und das iſt die Wahrheit. Ich that noch viele andere ſehr ſchlimme Dinge, und dann kam plötz⸗ lich Mrs. Hazleton, um uns zu helfen. So oft es etwas beſonders Liſtiges und Abgefeimtes zu erſinnen gab, nament⸗ lich wenn eine Bosheit gegen Sir Philipp oder Euch darin lag, machte Mrs. Hazleton den Plan, ohne uns geradezu zu ſagen, wir ſollten Dieſes oder Jenes thun; ſie fragte dann blos, ob ſich das nicht thun ließe Noder ob es ſehr unrecht wäre es zu thun. Aber ich will Euch Alles in der Ordnung erzählen— Alles was wir thaten.“ Er fuhr fort, viele Einzelheiten zu berichten, mit denen der Leſer bereits bekannt iſt; er ſchilderte alle die ſpitzbübiſchen Entwürfe, welche zwiſchen ihm, dem Anwalt Shanks und Mes. Hazleton gebraut worden und welche zum Theil oder auch ganz zum Untergang von Sir Philipp Haſtings' Glück und Frieden ausgeführt worden waren. Der gute Geiſtliche ſchrieb die Worte mit fliegender Hand nieder, wie ſie geſprochen wurden, obwohl das ziemlich ſchwierig war, da die Stimme des Sterbenden immer ſchwä⸗ cher und tiefer wurde. „Jetzt, da ich vor Gott trete, der Alles geſehen und ge⸗ hört hat, wäre es vergeblich, wenn ich irgend etwas zu ver⸗ heimlichen ſuchte,“ ſagte John Ayliffe am Schluſſe.„Ich war ebenſo bereit, Böſes zu thun, als ſie es waren mich anzutreiben, und ich that es mit bereitwilligem Herzen, ob⸗ wohl ich zuweilen nicht wenig erſchrack über das was ich that, beſonders Nachts, wenn ich nicht ſchlafen konnte. Es thut mir ſehr leid— ich bereue von ganzem Herzen; und jetzt ſagt mir— ſagt mir— könnt Ihr mir vergeben?“ „So weit es mich betrifft, vergebe ich Euch von Herzen,“ erwiederte Emily mit Thränen in den Augen,„und ich hoffe, daß Eure Reue wohlgefällig wird aufgenommen werden. Was meinen Vater betrifft, ſo bin ich überzeugt, daß er Euch gleichfalls vergeben wird, und ich glaube die Erklärung auf mich nehmen zu können, daß er entweder noch heute Nacht kommen oder Euch ſchreiben wird, um Euch ſein Verzeihung auszudrücken.“— „Nein, nein, nein!“ rief der junge Mann mit großer An⸗ ſtrengung;„er ſoll nicht kommen, er darf nicht ſenden. Ich habe Buße gethan, wie er es verlangte“(indem er auf Mr. Dirwell deutete),„und ich habe nur noch eine Gunſt zu er⸗ bitten, nämlich die, daß Ihr Niemand von dieſem Bekennt⸗ niſſe erzählet, ſo lange ich noch am Leben bin. Gewähret 4 41 50⁰3 mir dieſe Bitte! Dirwell hat Alles niedergeſchrieben; auf einige Stunden kann's ja nicht ankommen, und in wenig, ſehr wenig Stunden werde ich dahin ſeyn. Mr. Dirwell wird Euch ſagen, wann's mit mir zu Ende iſt. Dann mögt Ihr erzählen, was Ihr wollt; aber ich möchte vor meinem Tode nicht noch mehr Beſchämung auf mein Haupt häufen, wenn ich's verhindern kann.“ Der gute Geiſtliche wollte ihm eben den Unterſchied zwiſchen wahrer und falſcher Scham auseinander ſetzen; aber Emily fiel mit den Worten ein: „Es hat nichts zu ſagen, mein theurer Sir. Ein Auf⸗ ſchub von wenigen Stunden kann keinen Unterſchied machen.“ Sie erhob ſich nunmehr, und indem ſie die Worte der Vergebung wiederholte, fügte ſie bei:. „Ich will jetzt gehen und für Euch beten, mein armer Vetter. Ich will beten, daß Eure Reue wahr und aufrichtig ſey, daß ſie um Chriſti Willen angenommen werde, und daß Gott Euch bis zum letzten Augenblick tröſten und auf⸗ richten möge.“ Mr. Dirwell ſtand gleichfalls auf, und indem er John Ayliffe verſicherte, daß er in wenig Minuten zurückkehren werde, begleitete er Emily nach ihrem Hauſe zurück. Vor der Gartenpforte trennten ſie ſich, und während ſich Emily durch zahlloſe Sandpfade durchwand, kehrte der Geiſtliche nach der Hütte zurück, um abermals ſeinen Platz neben dem Bette des Sterbenden einzunehmen. — 504 Einundvierzigſtes Kapitel. Sir Philipp Haſtings kehrte früher als man erwartet hatte nach Hauſe zurück, und brachte den Arzt mit, den er geſucht, und— ganz entgegen dem gewöhnlichen Laufe der Ereigniſſe— auch ſogleich aufgefunden hatte. Beide ver⸗ fügten ſich in Lady Haſtings' Zimmer, wo der Doktor, ge⸗ mäß dem Gebrauche aller konſultirten Aerzte, das was ſein Vorgänger gethan hatte durchaus billigte, aber doch unbe⸗ deutende Aenderungen in der Medizin anordnete, um zu be⸗ weiſen, daß er nicht gerade für nichts gekommen ſey. Er betrachtete die Krankheit gerade ſo, wie Mr. Short gethan hatte, und er erklärte, daß keine unmittelbare Gefahr vor⸗ handen ſey; dabei erkundigte er ſich aber vornämlich, ob Lady Haſtings bei Nacht ſchlafe, ob ſie im Schlummer auf⸗ fahre oder lange wache, und ob ſie beim Schlafen frei Athem hole. Ihre Zofe wußte über mehrere dieſer Fragen nicht ganz genaue Auskunft zu geben, erklärte aber, daß ihre junge Lady in der Regel bis drei oder vier Uhr Morgens bei Lady Haſtings zu wachen pflege. Sir Philipp befahl augenblicklich, Emily herbeizuholen; allein das Mädchen benachrichtigte ihn, daß Emily vor etwa anderthalb Stunden ausgegangen und noch nicht zurückge⸗ kehrt ſey. Nachdem der Arzt ſich verabſchiedet hatte, ließ Sir Phi⸗ lipp den Tafeldecker vor ſich rufen, und fragte ihn in eifrigem — 4 — 50⁵ aber düſterem Tone, ob er wiſſe, wohin Miß Emily gegan⸗ gen ſey. „Ich weiß es in der That nicht, Sir Philipp,“ erklärte der Mann.„Sie ging mit Mr. Dirwell aus, aber ſie trennten ſich weiter unten auf der Straße, und meine junge Lady ging weiter, wie wenn ſie zu Pächter Wallop oder zu Jenny Beſt gehen wollte.“ Bei letzterem Namen fuhr Sir Philipp zuſammen, wie wenn eine Schlange ihn geſtochen hätte, und er bedeutete dem Manne mit der Hand, daß er das Zimmer verlaſſen ſolle. Sobald er allein war, begann er in weit größerer Aufregung, als er in der Regel zeigte, auf⸗ und abzugehen, und ein⸗ oder zweimal entſchlüpften ihm Worte, welche auf das, was in ſeinem Inneren vorging, ſchließen ließen. „Zu klar, nur allzuklar!“ ſagte er; nach einer Pauſe hob er ſeine Hände in die Höhe und rief:„ſo jung und ſo trügeriſch!— Marlow muß das erfahren, und mag dann handeln, wie er's für gut findet. Es wäre beſſer, ſie wäre todt— weit beſſer! Was iſt die kalte dumpfe Fäulniß des Grabes— das bloſe Zerfallen des Fleiſches, und das Ver⸗ weſen der Knochen gegen dieſe Verderbniß des Geiſtes, dieſe ſchmähliche Auflöſung des ganzen moraliſchen Weſens?“ Dann begann er wieder ſo ſtürmiſch wie früher auf und ab zu wandeln, indem er mit niedergeſchlagenen Augen, mit zitternder Lippe und gerunzelter Stirne tief nachzuſinnen ſchien. „Harte, harte Aufgabe für einen Vater!“ rief er.„Gott im Himmell wie hätte ich auch nur im Traume an ſo etwas 506 gedacht! Aber es kann zur Pflicht werden.— Was mag nur Marlow während dieſer langen, unaufgeklärten Ab⸗ weſenheit vornehmen?— Nach Frankreich— nach Frank⸗ reich gegangen! Sollte er Alles entdeckt und ſie verlaſſen haben, indem er den Bruch aus Barmherzigkeit ſo ſchmerz⸗ los wie möglich zu machen ſuchte?— Vielleicht,“ fuhr er nach kurzem Nachdenken fort,„hat ſich der Mann doch ge⸗ irrt, als er mir erzählte, er glaube, dieſer junge Schurke liege an einem Sturze erkrankt in jenes Weibes Hütte; aber auch im beſten Falle war es ſchlimm genug, einer Mutter Krankenbett auf mehrere Stunden zu verlaſſen, während auch ich abweſend war.— Sollte ſie es gethan haben, um ihren Aerger über dieſen thörichten Widerſtand gegen ihre Heirath an den Tag zu legen?“ Kein Charakter iſt ſo ſchwer zu behandeln— keiner iſt ſo fortwährend eine Hölle für ſeinen eigenen Beſitzer, als der eines launiſchen Mannes. Sir Philipp war, wie ich zu zeigen verſucht habe, ſeit ſeinen früheſten Jahren launiſch geweſen; aber das Schlimme dieſer Dispoſition hatte in den letzten Jahren ſeines Lebens in reißendem Grade zugenom⸗ men. Unbekannt wie die meiſten Menſchen mit den Fehlern ſeines eigenen Charakters, hatte er ſich eher darin beſtärkt, als gegen ſeine zahlreichen Mängel angekämpft. Weil er hart und ſtreng war, hielt er ſich für gerecht, und vergaß, daß es der Gerechtigkeit nicht genügt, über das was ihr klar und aufrichtig vorgelegt wird, richtig zu urtheilen. Er dachte nicht daran, oder brachte auf alle Fälle nicht den Grundſatz in Anwendung, daß eine genaue Erforſchung der 507 Wahrheit und ein vorurtheilsloſes Zurückhalten mit ſeiner Meinung, bis die Wahrheit an den Tag kommt— noth⸗ wendige Schritte der Gerechtigkeit ſind. Argwohn— faſt immer ein Ingredienz in dem Charakter launiſcher Menſchen — hatte ſich in den letzten Jahren gänzlich ſeiner bemächtigt, und das Unglück hatte gewollt, daß ein Ereigniß nach dem andern dazu beigetragen hatte, ſeinen Argwohn gegen ſein eigenes, ſchuldloſes Kind zu kehren. Schon die bloſen Lichter und Schatten ihres Charakters, die er in keiner Weiſe be⸗ greifen konnte, weil ſeine eigene Natur von ſolcher Empfäng⸗ lichkeit für Eindrücke nichts wußte— hatten ihn nicht allein verwirrt, ſondern auch den Grund zu Zweifeln gelegt. Der kleine, früher erzählte Vorfall mit dem italieniſchen Sing⸗ lehrer— Emily's entſchloſſene aber unerklärte Weigerung, weitere Lektionen bei jenem Manne zu nehmen, hatte ſein launiſches Gemüth zum Zweifeln und Nachgrübeln getrieben. Mrs. Hazleton's nur allzu erfolgreiche Intriguen und Ein⸗ flüſterungen hatten ſeinen Argwohn beſtärkt und verſchärft, und das Verrathen ſeiner Privatunterhaltung an die Regie⸗ rung ſchien dem Ganzen die Krone aufzuſetzen, ſo daß er ſein ſchönes, liebliches Kind beinahe für einen Teufel in Geſtalt eines Engels anzuſehen geneigt war. Umſonſt fragte er ſich, was ihre Beweggründe ſeyn fönnten, denn er hatte ſchon eine Antwort parat, nämlich die, daß ihre Beweggründe ſogar bei ihren Handlungen ihm immer ein Räthſel geweſen ſeyen.„Es gibt manche Leute,“ dachte er,„welche ohne Beweggründe handeln, denen der Teufel ſelbſt den Trieb zum Böſen ohne anderen Zweck oder 508 Urſache, als die bloſe Freude am Unheil, eingepflanzt zu haben ſcheint.“ Diesmal hatte er zufällig von dem nächſten Nachbar der Jenny Beſt erfahren, daß er ganz ſicher wiſſe, wie Sir John Haſtings— ſo nannte er ihn— an einem Sturze erkrankt in der Hütte der guten Frau darniederliege. Man hatte ſein Pferd in beträchtlicher Entfernung auf einer wilden Haide mit abgeriſſenem Zaume und allen Spuren eines ſchweren Ueberſchlagens aufgefunden. Blut und andere Anzeichen eines Unfalls waren auf der Straße entdeckt wor⸗ den; man ſah Mr. Short, den Chirurgen, täglich mehrere Beſuche in dem Hauſe der alten Frau machen und dabei das tiefſte Geheimniß in Betreff ſeines Patienten beobachten. Der Pächter meinte, der Arzt würde nicht ſo aufmerkſam ſeyn, wenn der Patient nicht eine Perſon von einiger Be⸗ deutung wäre. Es war klar, daß der Kranke nicht zu Jenny Beſt's Familie gehörte, denn man hatte, auch nachdem die Beſuche des Doktors ſchon ihren Anfang genommen, jedes ihrer Mitglieder geſund und rüſtig geſehen. Dieſe Er⸗ wägungen, mit John Ayliffe's Abweſenheit von ſeinem Wohnſitze zuſammengehalten, hatten den Pächter zu dem richtigen Schluſſe geführt, und er hatte die Sache dem Sir Philipp Haſtings ohne Umſtände anvertraut. Dieſer ſeiner Seits hatte keine weiteren Nachforſchungen angeſtellt, denn ſchon der bloſe Name John Ayliffe war ihm verhaßt; als er aber vernahm, daß ſeine Tochter allein nach jener nämlichen Hütte gegangen, und dort längere Zeit mit dem Manne, den er verabſcheute, zuſammen geweſen * — 509 ſey— als er ſich dabei der Erzählung erinnerte, die man ihm über ihre früheren heimlichen Beſuche kühn unter die Naſe gehalten hatte, da ſchien ſich jeder Tropfen ſeines Blutes in Feuer zu verwandeln, und ſein Gehirn ſchwindelte in dieſer Seelenqual vor Entrüſtung. Gleich darauf wurde die Hallenthüre geöffnet, und man vernahm einen leichten Schritt auf dem Gange. Sir Phi⸗ lipp ſtürzte aus ſeinem Zimmer und traf ſeine Tochter beim Eintreten mit trauriger, ängſtlicher Miene und, wie ihm däuchte, mit Thränenſpuren an ihren Augenlidern. „Wo biſt Du geweſen?“ fragte ihr Vater in ſtrengem, leiſem Tone. „Unten bei Jenny Beſt, mein Vater,“ antwortete Emily, über ſein Weſen und Ausſehen betroffen, aber wie immer die reine Wahrheit redend.„Iſt meine Mutter ſchlimmer?“ Ohne ein Wort der Erwiederung ging Sir Philipp wieder in ſein Zimmer zurück und ſchloß die Thüre. Durch ihres Vaters Benehmen beunruhigt, eilte Emily alsbald in Lady Haſtings' Zimmer, fand dieſe aber weit heiterer und anſcheinend beſſer. Die Verſicherung des Arztes, daß keine unmittelbare Gefahr noch überhaupt ungünſtige Symptome vorhanden ſeyen, war für Lady Haſtings ſelbſt in gewiſſem Grade ein Troſt geweſen, denn wenn ſie auch an dem Morgen, wo ſie ſich ſterbend erklärte, unzweifelhaft Komödie geſpielt hatte, ſo war es ihr doch gegangen wie Vielen, welche Andere täuſchen: ſie hatte ſich theilweiſe inſofern ſelbſt getäuſcht, daß ſie ſich in der That für ſehr krank hielt. 510 Sie war über Emily's plötzliches Erſcheinen und über deren Unruhe betroffen. Ihre Tochter hielt jedoch nicht für recht, ihr Sir Philipp Haſtings' ſonderbares Benehmen zu erzählen; ſie ſetzte ſich vielmehr, ſo ruhig ſie es vermochte, neben ihrer Mutter nieder und ſprach mehrere Minuten lang von gleichgültigen Gegenſtänden. Emily erkannte augen⸗ ſcheinlich, daß, ſo hart auch ihres Vaters Ton geweſen war, ihre Mutter ſie gleichwohl freundlicher als am Morgen be⸗ trachtete— eine Veränderung, welche durch die Andeutung des Doktors hinlänglich erklärt wurde. Sir Philipps Benehmen ſchien jedoch rein unerklärlich, und Emily konnte ſich kaum enthalten, in eine jener oft er⸗ wähnten Träumereien zu verſinken. Sie kämpfte längere Jeit gegen dieſes Beſtreben, bis ſie endlich durch die An⸗ kündigung von Mrs. Hazleton's Ankunft erlöst wurde; als aber Lady Haſtings ihrer Zofe die Weiſung ertheilte, ihre Freundin heraufzuführen, da konnte ſich Emily nicht länger enthalten, ihr wenigſtens ein Wort der Warnung zuzu⸗ flüſtern. 3 „Vergönne mir nur noch zwei Minuten, theure Mamma,“ ſagte ſie in leiſem Tone.„Ich habe Dir etwas beſonders Wichtiges mitzutheilen. Laſſe Mrs. Hazleton nur zwei Minuten warten.“ „Wohlan,“ verſetzte Lady Haſtings in mattem Tone und wendete ſich dann an ihr Mädchen mit den Worten:„ſage der theuren Mrs. Hazleton, daß ich ſie in fünf Minuten empfangen werde. Sobald ich läute, führſt Du ſie herauf.“ Kaum war das Mädchen fort, als Emily neben ihrer 51¹1 Mutter Bette niederkniete und ihr die Hand küßte mit den Worten:. „Ich habe Dich um eine große Gunſt zu bitten, theure Mutter, und ich beſchwöre Dich, ſie mir zu gewähren.“ „Nun ja, mein Kind,“ gab Lady Haſtings zur Antwort, da ſie meinte, Emily wolle ſie um einen Widerruf ihres Verbotes gegen die Heirath mit Marlow bitten;„ich habe nur einen Zweck im Leben, meine theure Emily, und der iſt Dein Glück— ihm will ich gerne jedes perſönliche Ge⸗ fühl zum Opfer bringen. Was verlangſt Du von mir?“ „Blos Dieſes,“ erwiederte Emily:„daß Du keinerlei Glauben und Vertrauen in Mrs. Hazleton ſetzeſt, daß Du ihre Darſtellungen bezweifelſt und ihr wenigſtens auf kurze Zeit Nichts anvertrauſt.“ Lady Haſtings ſchien völlig verſteinert. „Was meinſt Du damit, Emily?“ fragte ſie.„Was kannſt Du nur meinen?— kein Vertrauen ſetzen in Mrs. Hazleton— meine älteſte und theuerſte Freundin!“ „Sie iſt nicht Deine Freundin,“ verſicherte Emily ernſt⸗ haft,„weder meine noch meines Vaters Freundin, wohl aber die Feindin unſeres ganzen Hauſes. Ich habe ſchon lange meine Zweifel gehabt; Marlow hat dieſe Zweifel in Verdacht umgewandelt, und heute erhielt ich zufällig poſitive Beweiſe von ihren grauſamen Intriguen gegen meinen Vater, gegen Dich und mich. Dies berechtigt mich ſo zu reden, wie ich jetzt rede; ſonſt hätte ich noch länger geſchwiegen.“ „ AAber erkläre— erkläre mir, mein Kind!“ rief Lady Haſtings.„Was hat ſie gethan? worin beſtehen dieſe Be⸗ 51² weiſe, von denen Du ſprichſt? Ich kann das Alles nicht begreifen, bis Du Dich erklärſt.“ „Es wäre jetzt nicht die Zeit, ſelbſt wenn ich nicht durch ein Verſprechen gebunden wäre“ erwiederte Emily;„Alles, was ich verlange iſt, daß Du Dein Vertrauen gegen Mrs. Hazleton nur für einen kurzen Tag zurückhältſt. Vielleicht erkläre ich mich früher; aber ich gelobe Dir, daß der gute Mr. Dirwell nach Ablauf dieſer Zeit— wo nicht früher— Dir Alles auseinander ſetzen und Dir ein Papier einhändigen wird, das Mrs. Hazleton's ganzes Benehmen während der bei⸗ den letzten Jahre vollkommen deutlich und klar machen ſoll.“ „Aber ſage mir nur wenigſtens etwas, Emily,“ drängte ihre Mutter.„Ich haſſe dieſe Spannung und Erwartung. Du warſt ja ſonſt ſehr zärtlich gegen Mrs. Hazleton, und ſie auch gegen Dich. Wann und wie hat dieſer Verdacht gegen ſie ſeinen erſten Anfang genommen?“ „Erinnerſt Du Dich noch eines Beſuches, den ich vor längerer Zeit bei ihr machte, wo ich mehrere Tage bei ihr verweilte?“ erzählte Emily.„Damals lernte ich zum erſten Male an ihr zweifeln. Sie wollte mich damals durch alle möglichen Intriguen zu etwas verleiten, was Deinen und meines Vaters Gefühlen wie meinen eigenen im höchſten Grade zuwider geweſen wäre. Ueberdies kam ſie eines Nachts als Schlafwandlerin in mein Zimmer, und damals kam ihr ganzer bitterer Haß zum Vorſchein.“ „Gerechter Himmel! was ſagte ſie denn? was that ſie damals?“ rief Lady Haſtings, ſich in der Neugierde, welche Emily's Worte erregten, gänzlich vergeſſend. 513 Ihre Tochter erzählte ihr Alles, was damals bei Mrs. Hazletons Schlafwandeln vorgefallen war und wiederholte deren Worte ſo genau, als ſie ſich deren noch zu erinnern vermochte. „Aber warum haſt Du uns das Alles nicht früher er⸗ zählt, theuerſtes Kind?“ fragte Lady Haſtings. „Weil die Worte im Schlafe geſprochen waren und da⸗ mals nur einen vagen Zweifel in mir erregten,“ gab Emily zur Antwort.„Der Schlaf iſt voll von Trugbildern, und wenn ich mir auch dachte, es müſſe eine ſonderbare Fantaſie ſeyn, welche ſolche Gefühle einzuflößen vermöge, ſo konnte es doch immer nur ein unruhiger Traum geweſen ſeyn. Erſt ſpäter, als ich Urſache fand zu glauben, daß Mrs. Hazleton mich zu Dingen, die ich für Unrecht hielt, anzutreiben wünſche, begannen mir jene Worte verdächtig zu werden, welche unbewußt aus den geheimſten Tiefen ihres Herzens gekommen waren. Seit damals hat mein Argwohn jeden Tag zugenommen, und jetzt iſt er zur Gewißheit gereift. Ich wiederhole Dir, theure Mutter: Mr. Dixwell, den Du als zuverläſſig kennſt, hörte die Erklärung ſo gut wie ich; aber wir haben uns Beide verpflichtet, die näheren Angaben noch einige Stunden zu verſchweigen. Ich konnte jedoch Mrs. Hazleton nicht abermals bei Dir allein laſſen, da ich mich recht wohl erinnere, daß ſie noch ſelten dieſe Schwelle oder wir die ihrige überſchritten, ohne daß uns irgend ein Unheil oder Kummer überſiel. Ich mußte Dir ſo viel ſagen, wie ich Dir geſagt habe, um Dir, ſoweit ich durfte, einen Wink über Thatſachen zu geben, die Du weit James. Rache. 33 514 beſſer wie ich beurtheilen würdeſt, wenn ſie Dir vollſtändig bekannt wären. Glaube mir, theure Mutter, daß ich, ſobald ich irgend darf— und wenige Stunden werden mich frei machen— zu Dir eilen werde, um Dir Alles zu erzählen und Dich und meinen Vater entſcheiden und handeln zu laſſen, wie euer eigenes geſundes Urtheil euch anweist.“ „Erzähle es lieber mir zuerſt, Emily,“ erwiederte Lady Haſtings;„eine Frau kann immer am Beſten die Geheim⸗ niſſe eines Frauenherzens begreifen. Ich wollte, Du hätteſt keine Verſchwiegenheit angelobt; da Du es aber einmal gethan haſt, ſo mußt Du es auch halten. Hat Marlow irgend einen Antheil an dieſer Entdeckung?“ fügte ſie bei; denn ſie war nicht ohne Eiferſucht über ſeinen Einfluß auf ihrer Tochter Gemüth. „Er hat mit meiner heutigen Entdeckung nicht das Geringſte zu ſchaffen,“ erwiederte Emily;„ich darf Dir jedoch allerdings nicht verhehlen, daß er Mrs. Hazleton ſchon lange im Verdacht hatte, daß ſie gegen unſere ganze Familie übelgeſinnt ſey und ſchlecht an uns gehandelt habe; auch glaubt er, faſt zur Gewißheit darüber gelangt zu ſeyn, daß Mrs. Hazleton zu dem Unrecht und der Kränkung, welche meinem Vater widerfahren, weſentlich beigetragen hat. Sein Ausflug nach Frankreich hat einzig den Zweck, alle Fäden dieſer Intrigue aufzuſpüren, und er zweifelte bei ſeinem Abgange nicht im mindeſten, daß es ihm gelingen werde, meinen Eltern alles das, was ihnen ungerechter Weiſe entriſſen wurde, zurückzuerſtatten. Daß eine ſolche Rückerſtattung eintreten muß, weiß ich jetzt gewiß; was er 51⁵ aber erfahren oder was er gethan hat, kann ich Dir nicht ſagen, denn es iſt mir noch unbekannt. Ich bin jedoch über⸗ zeugt, daß wenn er alle ſeine Hoffnungen zu verwirklichen vermag, es ihm zur größten Freude gereichen wird, euch— und wäre es auch nur in geringem Grade— zu eurem Rechte verholfen zu haben.“ „Ich glaube wirklich, daß er ein ganz vortrefflicher und liebenswürdiger junger Mann iſt,“ ſagte Lady Haſtings nachdenklich. Sie ſchien in der That auf dem Punkte zu ſtehen, ſich noch weiter über Marlow's Vorzüge auszulaſſen, als ſie plötzlich mit den Worten innehielt: „Aber jetzt, Emily, ſollte ich in der That nach Mrs. Hazleton ſenden.“ „Verſprichſt Du mir, theure Mutter, daß Du Allem, was ſie Dir erzählt, Deinen Glauben verſagen und ihr in keiner Weiſe vertrauen willſt, bis Du das Ganze erfahren haſt?“ drängte ſie Emily voller Eifer. „Das will ich ſicherlich zu vermeiden ſuchen, meine Theure,“ erklärte Lady Haſtings.„Nach dem, was Du mir erzählteſt, wäre es Unrecht, Vertrauen in ſie zu ſetzen— beſonders wenn wenige kurze Stunden Alles enthüllen wer⸗ den. Biſt Du aber auch gewiß, Emily, daß es nicht länger anſtehen wird?“ „Vollkommen gewiß, theuerſte Mutter,“ gab ihre Toch⸗ ter zur Antwort.„Ich hätte keine Verſchwiegenheit ange⸗ lobt, wenn ich nicht ſicher geweſen wäre, daß dieſe peinliche Geheimhaltung nur ganz kurz dauern könne.“ 33 516 „Wohlan, mein theures Kind, ziehe die Glocke,“ gebot Lady Haſtings.„Ich will auf Deine bloſe Verſicherung hin ſehr behutſam ſeyn; denn ich bin überzeugt, daß Du immer rein und aufrichtig warſt, was auch Dein armer Vater denken mag.“ Emily zog die Glocke und entfernte ſich auf ihr eigenes Zimmer, indem ſie ſich wehmüthig die Worte wiederholte: „Was auch mein armer Vater denken mag!— Wohl, wohl!“ fuhr ſie fort;„bald wird die Zeit kommen, wo die Täuſchung aufhört und wo er ſeinem Kinde Gerechtigkeit erweiſen wird. Ach, daß es jemals anders werden mußte!“ Sie fand Erleichterung in Thränen, und während ſie in Einſamkeit weinte, ſchickte ſich Lady Haſtings an, Mrs. Hazleton mit kalter Würde zu empfangen. Sie war bei Emily's Abgange vollkommen entſchloſſen, über Alles, was heute vorgefallen, ſo ſchweigſam wie möglich zu ſeyn, weder direkt, noch indirekt auf die erhaltene Warnung anzuſpielen, und es Mrs. Hazleton zu überlaſſen, ihre ungewohnte Zu⸗ rückhaltung der Laune, oder wem ſie ſonſt wollte, zuzuſchrei⸗ ben. Allein Lady Haſtings' Entſchlüſſe waren höchſt ge⸗ brechlicher Art, ſobald ſie argliſtigen Leuten, die ihren Cha⸗ rakter kannten, in die Hände fiel, und es nahte ihr jetzt eine Perſon, die ſich in ihren Planen nicht ſo leicht aufhalten ließ. 517 Zweiundoierzigſtes Kapitel. Mrs. Hazgleton war eine ſcharfe Beobachterin aller Kleinigkeiten. Sie ſchien ihnen zwar nie irgend welche Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken; aber die, welche ſolche Dinge öffent⸗ lich bemerken, gehören nicht gerade zu denen, die ſie privatim am meiſten beachten. Nun war ſie bei allen ihren Beſuchen bei Lady Haſtings in ihrem Leben noch nie fünf Minuten lang hingehalten worden, denn ihre Freundin war immer nur allzu froh, ſie zu empfangen. Diesmal hatte man ſie volle zehn Minuten im Wohnzimmer warten laſſen, und dieſer Mangel an Bereitwilligkeit wollte ihr durchaus nicht gefallen. Als ſie jedoch in das Krankenzimmer der Lady eintrat, war ihr Geſicht ſo glatt, ſo ſanft und lächelnd, wie wenn ſie von Liebe und zärtlicher Rückſicht ganz erfüllt wäre, und ſie hatte das Bette der Kranken noch nicht erreicht, als dieſe bereits empfand, daß es keine kleine Aufgabe ſeyn werde, die Rolle von Kälte und Zurückhaltung durchzuführen, die ſie ſich auferlegt hatte. Sie beſchloß jedoch voll Hart⸗ näckigkeit, das angefangene Spiel zu vollenden, und während Mrs. Hazleton ſich näherte, betrachtete ſie fortwährend ihre ſchöne zarte Hand oder ihre Ringe, welche jetzt für die ab⸗ gemagerten Finger eher zu weit waren. Dies Alles war ein Wink, wenn auch keine deutliche Anzeige für Mrs. Hazleton. Sie ſah, daß eine Geſinnungs⸗ änderung oder wenigſtens ein Wechſel der Abſicht eingetreten, 5 und daß Lady Haſtings in Verlegenheit war, weil ſie etwas wußte, was ſie nicht gerne mittheilen mochte. Mrs⸗ Haz „ 518 ton blieb jedoch dieſelbe, und freute ſich eher über die Un⸗ ſicherheit, die ſie an ihrer Freundin wahrnahm. Sie war nicht ohne jene ſtolze Zuverſicht, wie ſie Perſonen von höherer Geiſteskraft beim Anblicke von ſchwachen Menſchen em⸗ pfinden, die ſich durch Umſtände beſtimmen laſſen, welche kräftigeren Naturen nicht einen Augenblick der Unruhe ver⸗ urſachen würden. Sie war ſo ſehr daran gewöhnt, Ver⸗ wicklungen und Schwierigkeiten aufzulöſen und zu überwin⸗ den, daß ſie ſogar gelernt hatte, eine triumphirende Freude beim Zuſammentreffen mit ihnen zu empfinden. Dieſe Freude hätte ſich allerdings in Wuth oder Verzweiflung verwandelt, wenn ſie jemals von einer Enttäuſchung hätte träumen können; aber das Glück hatte ſie kühn gemacht, und ſie liebte es, ihren eigenen Kurs durch die aufgeregten Wogen zu ſteuern. „Ei, meine theure Freundin,“ begann ſie mit dem gan⸗ zen Wohlklange ihrer Stimme, der wie lauter Honig von ihren Lippen träufelte,„Ihr ſcheint heute nicht ſo ganz wohl. Ich hoffe, dieſe Sache, die Ihr unternehmen wolltet, hat Euch doch nicht aufgeregt. Aber vielleicht habt Ihr Eure Abſicht nicht ausgeführt, und ſie ließ ſich auch ganz gut bis zu Eurer Geneſung verſchieben.“ Damit wollte ſie Lady Haſtings zu einem Bekenntniſſe verleiten, denn ſie kannte ſie gut genug, um ſtark zu ver⸗ muthen, daß ſie nicht Muth genug gefunden habe, das kleine Drama, das ſie unter ſich abgemacht hatten, aufzuführen, und daß ſie ſich jetzt ſchämte, ihren Mangel an Entſchloſſen⸗ heit einzugeſtehen. V 519 Lady Haſtings blieb ſtumm und ſpielte mit ihren Ringen, und Mrs. Hazleton, etwas— aber nur ganz wenig— ärger⸗ lich, verſetzte ihr einen jener liebenswürdigen Püffe, die ſie ſo wohl auszutheilen verſtand, indem ſie fortfuhr: „Niemand wußte um Eure Abſicht außer mir, und ſo kann Euch Niemand der Schwäche oder des Wankelmuthes anklagen.“ „Ich kümmere mich ſehr wenig darum, weſſen die Leute mich anklagen,“ verſicherte Lady Haſtings— und das war eine ſtarke Lüge.„Ich werde natürlich nach dem, was ich weiß, meine eigenen Entſchließungen faſſen, theure Mrs. Hazleton, und ſie je nach den Umſtänden, die ja immer wechſeln, ausführen oder nicht. Was heute unthunlich iſt, kann morgen vollkommen ausführbar ſeyn.“ Nun wußte Niemand beſſer als Mrs. Hazleton, daß Ausführbarkeit immer das Argument ſchwacher Seelen iſt, und daß die wechſelnden Umſtände alltäglich gar Vielen die beſten Vorwände zu jeder Art von Schwäche unter der Sonne gewähren. Ihr Glaube beſtärkte ſich alſo, daß Lady Haſtings nicht gehandelt habe, wie ſie hatte handeln wollen, und ſie bemerkte mit ruhigem, unbefangenem, halb mitleidi⸗ gem Lächeln: „Nun, es hat ja gar nichts zu ſagen, ob Ihr es jetzt oder eine Woche ſpäter oder auch gar nicht thuet. Das Schlimmſte, was daraus erfolgen könnte, wäre Emily's Verheirathung mit Mr. Marlow, und wenn Ihr Euch nicht darum kümmert— wer ſollte es dann? Ich nehme natürlich als erwieſen an, daß Ihr nicht ſo kühn und ent⸗ 5²⁰ ſchieden, wie wir es vorſchlugen, in der Sache gehandelt habt.“ In Mrs. Hazleton's Weſen und Worten lag eine ver⸗ ſteckte Ueberlegenheit, welche Lady Haſtings nicht leiden konnte. Sie ärgerte und reizte ſie ſo, daß ſie ziemlich hitzig zur Antwort gab: „Ihr ſeyd ganz und gar im Irrthum, meine theure Freundin. Ich that Alles, was wir vorhatten. Ich ſchickte nach Emily und meinem Manne, ſagte ihnen, ich glaube, ich würde nicht mehr lange leben und nannte als meine letzte Bitte die, daß das Verlöbniß mit Mr. Marlow abgebrochen werden ſollte.“ „Wirklich!“ rief Mrs. Hazleton mit etwas allzugroßem Eifer.„Was ſagten ſie? haben ſie eingewilligt?“ „Weit entfernt,“ antwortete Lady Haſtings.„Mein Mann ſagte, er habe ein Verſprechen gegeben, dasger um keinen Preis und aus keiner Rückſicht verletzen werde, und Emily ſprach ſo ziemlich ebenſo.“ „Das beweist, daß Euer Entſchluß nicht kräftig genug ausgedrückt wurde,“ erwiederte die Freundin.„Ich glaube kaum, daß Mann oder Frau ſo herzlos ſeyn könnte, einer Gattin oder Mutter ihre letzte Bitte— wenn ſie anders feierlich vorgetragen wird— abzuſchlagen. 48 „Gleichwohl ſchlugen ſie mir's geradezu ab,“ erwiederte Lady Haſtings.„Aber wißt Ihr denn auch, Mrs. Hazleton,“ fuhr ſie fort, da ſie ein herausfordernd bitteres Lächeln bei dieſer auftauchen ſah,„wißt Ihr, daß ich ſonderbarer Weiſe recht froh bin, daß ſie es abſchlugen. Bei ſpäterer Ueber⸗ 521 legung, nachdem Zorn und Aufreizung vorüber waren, fing ich nämlich an mir zu ſagen, daß es doch kaum recht und billig, ja nicht einmal chriſtlich ſey, mich ohne beſſeren Grund, als ich ihn aufzuweiſen habe, dieſer Heirath ſo hartnäckig zu widerſetzen. Marlow iſt in jeder Hinſicht ein Edelmann, auch wie ich glaube von ſehr guter Familie, und iſt in der That ein trefflicher junger Mann. Sein Vermögen iſt überdies nicht unbeträchtlich, ſeine Ausſichten gut und ſein Benehmen bei dem letzten Unglücksfalle, der uns betroffen, und trotzdem, daß Emily wenigſtens zwei Drittheile des Vermögens verloren, das er ein Recht zu erwarten hatte, iſt durchaus nobel, freundlich und liebenswürdig ge⸗ weſen.“ Mrs. Hazleton ſaß neben dem Bette, die Augen ſtarr auf das Geſicht der Kranken geheftet, ohne die Wuth und Enttäuſchung, welche an ihrem Herzen nagten, durch das dunenifh ndge zu verrathen. Dieſe Gefühle waren aber um nichts weniger bitter, ſchneidend und böswillig; im Gegentheil waren ſie es eher mehr, weil ſie ſich mühte, ſie zu unterdrücken. Niemand hätte auch nur einen Augenblick ahnen können, daß ſie im geringſten zornig ſey, und doch mag noch ſelten ein enttäuſchter Teufel größere Wuth em⸗ pfunden haben, wenn ſeine Abſichten durch die Schwäche oder den Wankelmuth eines Thoren vereitelt wurden. Nachdem Lady Haſtings eine kleine Pauſe gemacht, um Athem zu ſchöpfen, fuhr ſie alſo fort: „All' dieſe Erwägungen, theure Mrs. Hazleton, haben mich zu dem Entſchluſſe gebracht, meine Worte zurückzu⸗ 522 nehmen, den ſeither geleiſteten Widerſtand aufzugeben und in die Heirath einzuwilligen.“ Mrs. Hazleton zog ſich eine Weile in ſich ſelbſt zurück. Ein paar Minuten herrſchte Todtenſtille; ihre Wange wurde etwas bläſſer, ihr Auge verlor ſeinen Glanz und wurde todt und kalt; es ſchien auf nichts zu achten, nichts zu ſehen— kein Blick lag darin. Das Einzige, was noch Leben und Bewegung andeutete, war ein leiſes Zittern der ſchön ge⸗ formten Lippe. Ein einziges Wort wiederhallte in der dunkeln Kammer ihres Herzens als Erwiederung auf Lady Haſtings' Rede: es lautete—„Niemals!“— aber es wurde nicht ausgeſprochen, und nach kurzer gedankenvoller Pauſe hatte ſie ſich wieder vollſtändig erholt unb machte ſich von Neuem an ihr finſteres Werk. „Meine theure Freundin,“ begann ſie in ſüßem Tone, „Ihr habt ohne Zweifel gute Gründe für das, was Ihr thut. Ferne ſey es von mir, ein Wort dagegen zu ſagen, wenn Ihr es für paſſend haltet; nur möchte ich gerne wiſſen, was einen ſolchen Umſchwung in Euren Anſichten veranlaßt hat, weil ich glaube, daß Ihr vielleicht getäuſcht ſeyd.“ „O nein, ich bin nicht getäuſcht!“ erwiederte Lady Haſtings.„Aber ich kann in der That in keine Erklärungen eingehen. Ich habe in letzter Zeit— beſonders heute Morgen— gar Manches über allerlei Dinge vernommen; aber ich— ich— ich verſprach in der That, es Euch nicht zu erzählen.“ Lady Haſtings glaubte, daß ſie mit dieſer deutlichen Erklärung eine großmächtige That verrichte; aber ihre Er⸗ 5²23 wiederung— ſo kurz ſie auch war— enthielt drei abge⸗ ſonderte für ſich beſtehende Klauſeln, welche Mrs. Hazleton eine nach der andern abzuhandeln beſchloß. Erſtlich ver⸗ ſicherte ſie, daß ſie nicht getäuſcht ſey, und ihre Gefährtin antwortete auf dieſes mit feinem, ungläubigem Lächeln: „Seyd Ihr auch ganz überzeugt, daß Ihr Euch nicht getäuſcht habt? Ihr liegt hier auf dem Krankenbette, ohne die Möglichkeit, genaue Nachweiſungen zu erhalten, während die, welche zuſammen komplottiren, um Euch für ihre Wünſche zu gewinnen, jede Gelegenheit haben, Euch direkte und in⸗ direkte Winke beizubringen, die zwar nicht geradezu falſch ſeyn mögen, aber doch einen falſchen Eindruck nach ſich ziehen.“ „O, es iſt kaum ein Zweifel möglich, daß Mr. Marlow der Erbe des Earls von Launceſton iſt,“ bemerkte Lady Haſtings. Ihre Freundin runzelte die Stirne, und plötzliche Röthe zog über ihre Wange. Sie hatte dieſe Thatſache früher nie beachtet, hatte nicht ein einziges Mal daran gedacht; ſobald ſie aber erwähnt wurde, überzeugte ſie ſich durch ihre Bekanntſchaft mit den adeligen Familien und mit Mr. Mar⸗ low's Verwandten, daß die Behauptung vorausſichtlich richtig ſey. „Das mag ſeyn,“ ſagte ſie;„aber ich bezweifle es ſehr. Jedenfalls will ich mich erkundigen und Euch morgen die Wahrheit wiſſen laſſen. Jetzt aber, meine theure Freundin, laßt uns zu einem anderen Gegenſtande übergehen. Ihr ſagt, Ihr habet heute gar Vielerlei gehört und habet ver⸗ 524 ſprochen, es mir— mir nicht zu erzählen, denn Ihr legtet beſondern Nachdruck auf dieſes Wort. Nun habe ich aber ein Recht, eine Erklärung zu fordern, denn gerade Eure Worte beweiſen, daß man verſucht hat, Euch gegen mich einzunehmen. Was Ihr gehört habt, muß irgend eine falſche Anklage ſeyn, ſonſt wäre nicht gerade diejenige, die ſeit Jahren Eure Freundin geweſen, und ſich bis zur äußerſten Grenze ihrer ſchwachen Kräfte getreu, beſtändig, aufmerkſam und freundlich bewieſen hat— dazu auserleſen worden, aus Eurem Vertrauen ausgeſchloſſen zu werden. Man ſucht Euch wirklich durch falſche Gerüchte oder lächerliche Erzäh⸗ lungen, welche zu unterſuchen Ihr nicht die Mittel beſitzet, meines Rathes und Beiſtandes zu berauben. Ich will Niemand insbeſondere anklagen; aber irgend Jemand hat dies gethan, und wenn ſie von meiner Offenheit nichts zu fürchten hätten, würden ſie Euch nicht einen Mangel an Aufrichtigkeit gegen eine Perſon anrathen, welche Euch liebt, wie Ihr wohl wiſſet.“ „Ei, die Sache iſt die,“ erwiederte Lady Haſtings: „Emily ſagte, es könne nur kurze Zeit dauern, und—“ „Emily!“ ſiel Mrs. Hazleton lachend ein.„Alſo Emily! O dann iſt die Sache leicht zu begreifen. Aber was ſagte denn Emily? Das liebe Kind— ſie iſt ein charmantes Mädchen— etwas wunderlich— etwas eigenwillig und nicht immer ganz ſo aufrichtig gegen ihre Freunde, wie ich wünſchen könnte; doch das ſind lauter Fehler, welche bei näherer Bekanntſchaft mit der Welt verſchwinden werden. Sie wird ſchon lernen, zwiſchen ächten und falſchen Freun⸗ 5²⁵ den zu unterſcheiden— ſie wird lernen denen, die ſie wirklich lieben, vollſtändig und ohne Zögern zu vertrauen, und da⸗ gegen den Falſchen und Geheimnißvollen kein Vertrauen zu ſchenken. Ich möchte faſt behaupten, daß Emily nur einige Winke fallen ließ, ohne Euch deutliche und genaue Angaben zu machen. Sie hat Euch gebeten, eine Zeitlang geduldig zu warten— das iſt ſo die Weiſe des theuren Mädchens— ich glaubte nur nicht, daß ſie ſie auch bei ihrer eigenen Mutter verſuchen werde.“ Die meiſten Leute hätten ſich eingebildet, wie Lady Haſtings ſich einbildete, Mrs. Hazletons Erwiederung ge⸗ ſchehe aus Trotz— purem Trotz; das war jedoch nicht der Fall, denn es war nichts als Argliſt. Sie wollte Lady Haſtings nur piquiren, da ſie recht wohl wußte, daß dieſe, einmal ärgerlich oder erhitzt, aller Behutſamkeit vergaß⸗ und ihr Hauptzweck in dieſem Augenblicke dahin ging, ſich zu überzeugen, was Emily wußte und was ſie geſagt habe. gan gewiſſem Grade gelang es ihr, denn Lady Haſtings war piquirt und erwiederte alsbald ziemlich hitzig, doch ohne die gewohnten Formen der Höflichkeit zu vergeſſen: „Ich kann durchaus nicht glauben, theure Mrs. Hazleton, daß Ihr Emily Gerechtigkeit erweist, obgleich Ihr die Bahn, die ſie eingeſchlagen, in gewiſſem Grade errathen habt. Sie hat nicht eigentlich Winke fallen laſſen, hat vielmehr kühne und deutliche Anklagen erhoben, und obgleich ſie nicht bis zu den Beweiſen ſchritt, weil hiezu keine Zeit war, und weil auch beſondere Gründe obwalteten um es zu unterlaſſen, ſo verſprach ſie dennoch, in wenigen kurzen Stunden jede Be⸗ 526 hauptung, die ſie vorgebracht, über alle Zweifel ſicher zu er⸗ weiſen.“ „Das dachte ich mir,“ ſagte Mrs. Hazleton in zerſtreu⸗ tem Tone, ihre Augen rings im Zimmer umherſchweifen laſſend, und anſcheinend unbewußt die Arzneiflaſche ergrei⸗ fend, welche neben Lady Haſtings' Bette ſtand.„Bitte, liebſte Freundin, wenn die Enthüllung gemacht iſt— falls ſte jemals gemacht wird— ſo unterrichtet mich doch von deren Inhalt.“ „Wenn ſie jemals gemacht wird!“ wiederholte Lady Haſtings.„Es bedarf keiner Enthüllungen, Mrs. Hazleton: es fehlt nichts mehr als die Beweiſe. Was die Behaup⸗ tungen betrifft— darin war Emily deutlich genug: ſie ſagte, Ihr habet meinen Mann ſeiner Güter berauben helfen, habet hierin wie in vielen anderen Dingen eine keineswegs freundliche Rolle geſpielt, ſeyed überhaupt von einem Geiſte der Feindſchaft gegen uns beſeelt, und es habe nur höchſt ſelten eine Gemeinſchaft zwiſchen Eurem und unſerem Hauſe ſtattgefunden, ohne daß irgend ein Unheil daraus folgte— was auch allerdings wahr iſt.“ Sie ſprach mit ziemlicher Heftigkeit, und erhob ſich auf ihren Ellbogen, gleichſam um die Worte freier auszuſprechen. Mrs. Hazleton verhielt ſich unterdeſſen ruhig und ſchweig⸗ ſam— ſoweit es wenigſtens ihre Außenſeite betraf; ihre Augen waren auf eine beſondere Stelle der Bettdecke ge⸗ richtet und rührten ſich nicht, bis Lady Haſtings zu Ende war. „Schwere Anklagen,“ ſagte ſie endlich,„ſchwere Anklagen 527 gegen eine Frau, die ſie von Kindheit an kannte, und welcher ſie ſonſt manche Rückſicht zollte: aber ebenſo falſch als ſchwer, theuerſte Freundin. Hier muß von zwei Dingen eines paſſirt ſeyn: erſtlich— ich erwähne dies blos als eine Möglichkeit, ohne im Geringſten zu glauben, daß ſolches der Fall iſt— erſtlich hat Emily wie geſagt im Glauben, Euer Widerſtand gegen ihre beabſichtigte ungleiche Heirath ſey von mir ein⸗ gegeben— dieſe Anklagen in ihrem eigenen Kopfe erſonnen, um mir Euer Vertrauenzu entziehen undihre eigenen Abſichten zu erreichen; zweitens— und dies iſt weit wahrſcheinlicher — wurde ſie durch irgend Jemand entweder aus Bosheit oder Mißverſtand von einigen Zweifeln und Verdachtsgrün⸗ den unterrichtet, wie ſie hier auf dem Lande immer mehr oder weniger im Umlaufe ſind, und hat ſie vielleicht in ihrem Vortrage bei Euch ein wenig ausgeſchmückt. Das Letztere iſt gewiß das Wahrſcheinlichere; ſie hat Euch doch vermuth⸗ lich nicht erzählt, von wem ſie die Nachricht erfahren.“ „Nicht gerade,“ antwortete Lady Haſtings;„nur eines weiß ich, nämlich, daß Mr. Dirwell, der Paſtor, ganz die nämliche Angabe in Händen hat, und zwar ſchriftlich, wenn ich ſie recht verſtanden habe.“ Mrs. Hazletons Wange wurde um eine Schattirung bläſſer; aber ſie erwiederte alsbald: „Das höre ich mit Freuden, denn jetzt kommen wir wenigſtens zu etwas Beſtimmtem. Alle dieſe Anklagen müſſen verkörpert werden, meine theure Freundin— das heißt, wenn ſie verkörpert werden können,“ fuhr ſie lächelnd fort.„Ihr könnt leicht begreifen, daß ich, durch langjährige 528 Freundſchaft an Euch gefeſſelt, meinen Namen nicht alſo verläumden oder mein Benehmen ſogar von Eurer eigenen Tochter anklagen laſſen kann, ohne auf vollſtändige Auf⸗ klärung und deutlichen befriedigenden Beweiſen oder auf einer Zurücknahme der Anklagen zu beſtehen. Emily muß begründen, was ſie geſagt hat, wenn ſie es kann. Ich eile durchaus nicht: es kann morgen, übermorgen oder ſpäter ge⸗ ſchehen— wann es Euch oder ihr paſſend erſcheint; aber geſchehen muß es. In meinem Bewußtſeyn, ſo ſchwere Anklagen nicht verdient zu haben, kann ich geduldig warten, und ich glaube nicht, theuerſte Freundin, daß Ihr dieſen ſonderbaren Geſchichten irgend einen Glauben in Eurem Herzen einräumen werdet, bis ſie bewieſen ſind, obwohl ich ſehe, daß Ihr durch ſie etwas betroffen geworden. Die liebe Emily iſt offenbar recht ernſtlich in Mr. Marlow verliebt und möchte gerne jeden Widerſtand gegen ihre Heirath mit ihm aus dem Wege räumen; aber ich glaube, ſie muß wohl andere Mittel ergreifen, denn dieſe werden ihr unter der Hand zuſammenbrechen.“ Sie ſprach ſo kaltblütig, in ſo ſanftem, ruhigem Tone, ihr Blick und Weſen war ſo überlegt und zuverſichtlich, daß Lady Haſtings kaum glauben wollte, ſie könne irgend eine Schuld auf ſich haben. „Nun, ich kann nicht ſagen, wie dieſes ausfallen wird,“ meinte ſie;„aber ich glaube nicht, daß ihre Heirath mit Mr. Marlow irgend etwas damit zu ſchaffen hat. Ich bin durchaus entſchloſſen, jeden Widerſtand gegen dieſe Verbin⸗ dung, auf welcher meiner Tochter Glück, wie ich ſehe, beruht, 529 aufzugeben, und ich werde meine Einwilligung ſowohl Emily als meinem Manne unverzüglich mittheilen.“ „Wartet noch eine Weile— wartet noch eine Weile!“ ſagte Mrs. Hazleton mit bedentungsvollem Kopfnicken. „Ich habe keine Geheimniſſe, theuerſte Freundin; ich habe nichts zu verhehlen oder zurückzuhalten: Ihr ſteht jedoch im Begriffe, auf höchſt zweifelhafte Angaben hin zu handeln. Wer Euch erzählt hat, daß Mr. Marlow der Erbe des Earls von Launceſton ſey, hat Euch, glaube ich, getäuſcht, und es iſt nur eine Handlung der Freundſchaft von mir, wenn ich Euch ſicherere Nachricht hierüber verſchaffe. Ihr ſollt ſie haben — das verſpreche ich Euch— noch ehe vierundzwanzig Stunden vorüber ſind, und ich verlange dafür blos, daß Ihr nicht eher Eure Einwilligung gebet, als bis ich Euch dieſe Nachricht verſchafft habe. Ihr könnt nicht ſagen, Ihr wollet einwilligen, wenn Mr. Marlow der Erbe jenes Edelmannes ſey, wollet aber nicht einwilligen, wenn dies nicht der Fall wäre. Das ginge nicht an, und Eure Einwilligung wäxe alſo unwiderruflich. Auf der andern Seite liegt nicht viel daran, ob Ihr im höchſten Falle noch vierundzwanzig Stun⸗ den länger wartet. Ich beſitze eine Maſſe heraldiſcher und genealogiſcher Bücher, die mir alsbald Gewißheit verſchaffen werden, und Ihr ſollt unverzüglich die Sache deutlich und wahrheitsgemäß erfahren. Dann könnt Ihr entſcheiden, Euren Entſchluß mit gutem Rechte und vernünftigen Grün⸗ den feſt und ruhig zu erkennen geben.“ Lady Haſtings ſchwieg. Sie ſah, daß Mrs. Hazleton die Beweggründe zu ihrer plötzlichen Geſinnungsänderung James. Rache, 34 530 durchſchaut hatte, und ſie mochte ſich nicht gerne durch⸗ ſchauen laſſen. Auch war ſie vollkommen mit dem Plane fertig, daß Marlow der Earl und ihre Tochter die Gräfin von Launceſton werden ſollte, und ſchon der bloſe Gedanke, daß ſolches nicht geſchehen würde, war für ſie eine halbe Enttäuſchung. Nun mochte ſich aber Lady Haſtings nicht enttäuſchen laſſen und hatte überdies bereits in ihrem Inneren beſchloſſen, mit Gattin und Tochter eine Verſöh⸗ nungsſcene voller Zärtlichkeit und Dankbarkeit aufzuführen, von welcher ſie ſich bei ihrer wahrhaft liebevollen Gemüths⸗ art große Freude verſprach. So blieb ſie allerdings eine Weile zweifelhaft, was ſie antworten ſollte, und Mrs. Haz⸗ leton, entſchloſſen die Wirkung ihrer Worte nicht ſchwächen zu laſſen, ehe ſie ihre Freundin durch ein feſtes Verſprechen gebunden hätte, fuhr nach längerem Warten fort: „Ihr verſprecht mir— nicht wahr? daß Ihr Euer Ver⸗ bot nicht deutlich widerrufen noch Eure Einwilligung zu der Heirath geben wollet, bis ich Euch wieder beſucht habe, vor⸗ ausgeſetzt, daß ich Euch nicht über vierundzwanzig Stunden in Spannung laſſe? Das iſt blos vernünftig und gerecht; Ihr würdet es gewiß bitter bereuen, wenn Ihr ſpäter ent⸗ decktet, daß Eure Einwilligung zu dieſer höchſt ungleichen Heirath durch einen Betrug erlangt worden, und daß man Euch nur zum Narren gehalten. Auch wenn ich nicht guten Grund hätte, zu glauben, daß dieſe Geſchichte mit der Erb⸗ ſchaft ein Mißverſtändniß oder eine Unwahrheit iſt, ſo ſieht ſie in der That auf den erſten Blick ſo ganz einer abgefeimten Intrigue— dem liſtigen Machwerk eines ſchurkiſchen Dieners 531 oder gefälligen Freundes in einem Drama ähnlich, daß ich die Sache ſehr bezweifeln möchte. Wollt Ihr mir's alſo verſprechen?“ „Nun, es kann nicht viel ſchaden, wenn man noch ſo lange wartet,“ meinte Lady Haſtings.„Ich mache mir nichts daraus, Euch das zu verſprechen; natürlich müßt Ihr mich aber innerhalb vierundzwanzig Stunden benachrichtigen.“ „Das will ich und womöglich noch früher,“ erklärte Mrs. Hazleton in feſtem Tone;„ich habe nur morgen Früh höchſt wichtige Geſchäfte zuvor abzumachen. Mein Anwalt, Mr. Shanks, den ich für einen großen Spitzbuben halte, überredete mich, einiges Geld auf Hypotheken anszuleihen, die er ſelbſt für ſicher erklärte. Ich wußte nicht, wozu es beſtimmt war, da wir Frauen in ſolchen Dingen natürlich nicht urtheilen können; aber ich habe ſoeben entdeckt, daß die Schulden dieſes jungen Menſchen, der ſich ſelbſt Sir John Haſtings nennt, hievon bezahlt wurden. Nun weiß ich nicht, ob die betreffenden Papiere unterſchrieben ſind oder nicht, und ich höre, daß der junge Mann ſelbſt abweſend iſt, ohne daß irgend Jemand wüßte— wo. Das macht mich ſehr unruhig, und ich habe Shanks auf morgen Früh zu mir be⸗ ſchieden. Es kann daher Mittag werden, bis ich zu Euch komme; aber ich werde keinen Augenblick unnöthig zögern— darauf dürft Ihr Euch vollkommen verlaſſen.“ Bei dieſen Worten war ſie aufgeſtanden, und nachdem ſie Lady Haſtings zärtlich die Hand gedrückt hatte, glitt ſie ruhig in ihrer gewohnten, grazioͤſen Haltung aus dem Zim⸗ mer, ſtieg mit einem Geſichte, ſo heiter wie ein Sommer⸗ 34* 5³² himmel in ihren Wagen, und befahl dem Kutſcher, nach Haus zu fahren, ohne daß ihre Stimme auch nur im Ge⸗ ringſten gezittert hätte. Dreinndvierzigſtes Kapitel. Mrs. Hazleton war(wie ich am Schluſſe des letzten Kapitels erzählt habe) ohne den geringſten Anſchein von Aufregung oder Erſchütterung in ihren Wagen geſtiegen. Zwar hatte ſich während ihrer Unterredung mit Lady Ha⸗ ſtings hie und da eine Röthe und dann wieder eine Bläſſe über ihre Wange geſchlichen; zwar hatte ihr Auge bald einen gelegentlichen Blitz geſchleudert, bald hatte es feſt und ausdruckslos vor ſich hingeſtarrt; allein dieſe Zeichen inner⸗ lichen Kampfes waren alle verbannt, als ſie das Zimmer verließ; die ſchöne, glatte Wange hatte ihre natürliche Farbe wieder angenommen, und das Auge war ſo ruhig wie das des gleichgültigen Greiſenalters. Der Kutſcher klatſchte mit ſeiner langen Peitſche; vier große, prachtvolle Roſſe zogen an dem gewichtigen Wagen, und Mrs. Hazleton ſank auf ihren Sitz zurück und überließ ſich ihren Gedanken. Aber nicht ihren Gedanken allein, denn all' die zurück⸗ gehaltene Aufregung, die heftig gegen einander ankämpfen⸗ den Leidenſchaften kamen jetzt in wilder, trotziger Feindſchaft zum Aushruche. Es iſt unmöglich, ſie auseinander zu wir⸗ 53³ ren, und ſie wie auf einer Karte dem Auge des Leſers vor⸗ zuhalten; es iſt unmöglich, zu beſtimmen, welche zuerſt vor⸗ herrſchend war— Wuth, Furcht, Enttäuſchung oder Rache⸗ durſt. Eine Leidenſchaft— diejenige, welche die Haupt⸗ leidenſchaft ihres Weſens genannt werden konnte— erhob ſich zwar bald wie ein Rieſe über alle übrigen, gleich einem jener mächtigen Geiſter, die ſich mitten in den Wirren und Stürmen, wie ſie große ſociale Erdbeben begleiten, zu den ſchwindligen, gefährlichen Höhen der Nacht emporſchwingen; aber im Anfang war Alles lauter Verwirrung. „Nimmermehr!“ wiederholte ſie bei ſich ſelbſt,„nimmer⸗ mehr! nie ſoll es geſchehen— und müßte ich ſie mit eigener Hand erdroſſeln— nie ſoll es geſchehen! Soll ich in Allem und Jedem getäuſcht und gehemmt werden, und das Alles durch dieſes launiſche, unbedeutende Kind, das mir auf allen meinen Pfaden ein Feind, ein Hinderniß, ein Stein des An⸗ ſtoßes geweſen! Nein, nein, es ſoll niemals geſchehen!“ Eine neue Gedankenfolge ſchien ſie zu überraſchen; ihr Haupt war vorwärts geneigt, ihre Augen geſchloſſen: ihre Lippe zitterte. Es gibt vielerlei Gattungen von Gewiſſen, und jeder Menſch beſitzt davon irgend eine Sorte. Ich will damit ſagen, daß faſt jedes Herz eine Stimme der Warnung und des Vorwurfes in ſich birgt, welche uns anräth, gewiſſe Handlungen zu bereuen, und welche zu den verſchiedenen Menſchen in verſchiedenem Tone ſpricht. Den Weltlichge⸗ geſinnten, die nur immer an die Erde denken, droht ſie mit irdiſcher Schande, mit Unglück und irdiſcher Sorge; ſie 534 wiederholt die Mißgriffe, die wir begangen, zeigt die ſchlim⸗ men Folgen ſchlimmer Thaten, beweist wie unſere frühere Falſchheit und Unaufrichtigkeit ſich fruchtlos erwieſen, und wie die pfiffigen Plane, die geſchickten Entwürfe, die arg⸗ liſtigen Intriguen mit Kränkung, Vorwurf und Verachtung geendet haben, während uns noch immer die düſtere Ausſicht auf Entdeckung und Bloßſtellung, auf öffentliche Schmach und perſönliche Züchtigung als finſteres Bild der Zukunft vorgehalten wird. Ich brauche mich hier nicht damit aufzuhalten zu zeigen, wie das Gewiſſen ſolche berührt, die bei aller Schuld doch einen höheren Sinn in ſich tragen, die einen unbeſtimmten Glauben an einen künftigen Zuſtand nähren, eine Gerechtig⸗ keit Gottes in ihrem eigenen Herzen anerkennen, einem letz⸗ ten Gerichte entgegenſehen und fühlen, daß es eine Ewig⸗ keit von Wohl oder Wehe geben muß. Mrs. Hazleton gehörte zu der erſtgenannten Klaſſe. Das Grab war für ſie eine Schranke, jenſeits deren nichts mehr zu ſehen war. Sie war für dieſe Welt auferzogen worden, hatte für dieſe Welt gelebt, für ſie geſonnen und gedacht, Intriguen und Komplotte für ſie angeſponnen. An eine andere Welt dachte ſie niemals: ſie ging Sonntags regel⸗ mäßig in die Kirche, las die Gebete anſcheinend mit großer Frömmigkeit, horchte ſogar auf die Predigt, wenn der Pre⸗ diger ein guter Redner war, und kehrte heim— ein weit ausgeſprochenerer Atheiſt als Viele, die ſich ſelbſt als ſolche bekannten. Was waren wohl jetzt ihre Gedanken? Sie waren alle durchaus irdiſch geſinnt; ſogar das Gewiſſen ſprach mit ihr in irdiſcher Sprache, als ob es kein anderes Mittel gäbe, ihr Herz zu erreichen— ſogar ſeine Drohungen waren durchaus menſchlich. Sie muſterte ihr Benehmen ſeit den letzten zwei bis drei Jahren, und machte ſich bittere Vor⸗ würfe über mancherlei Fehler, die ſie darin entdeckte— Fehler in der Auffaſſung, im Entwurf, in der Ausführung. Sie hatte Mißgriffe begangen, und eine Zeitlang überließ ſie ſich der bitterſten Reue über dieſes ſchwere Ver⸗ brechen. „In meinen eigenen Schlingen gefangen!“ ſo ſchalt ſie ſich in ihrem Inneren;„beſiegt durch ein Mädchen— ein bloſes Kind, und Bloßſtellung, vielleicht ſogar Strafe vor meinen Augen! Wie mag ſie in ihrem boshaften Herzen triumphiren! wie wird ſie triumphiren, wenn ſie ihre Be⸗ weiſe zum Vorſchein bringt und mich damit überwältigt— falls ſie nämlich ſolche Beweiſe hat! O ja, ſie hat ſie! Sie iſt merkwürdig behutſam, und ſpricht nie ein Wort, wenn ſie ihrer Sache nicht ganz ſicher iſt— ich habe das ſeit ihrer Kindheit an ihr bemerkt. Sie hat ohne Zweifel dieſe Beweiſe und ſchwelgt jetzt in der freudigen Ausſicht, mich niederzutreten, über meine vereitelten Bemühungen zu jubeln, und überlegt ſich, wie ſie und Marlow über eine ganze Reihe vereitelter Verſuche und mißglückter Abſichten miteinander lachen werden. Ja, ja, ſie werden laut und luſtig lachen und vielleicht ſogar vor dem Altare mit Triumph daran denken, daß ſie mir den Becher mit dem letzten Tropfen der Verachtung und Enttzuſchung anfüllten. Nimmer⸗ 53⁶ mehr— nimmermehr— nimmermehr ſoll es geſchehen! Aber mich dünkt, ich habe nur noch einen Weg übrig.“ Und ſie verſank abermals in finſteres, ſchweigſames Nach⸗ denken. Dieſer Anfall dauerte längere Zeit; dann ſprach ſie abermals mit ſich ſelbſt, indem ſie die Worte, wie ſie früher gethan hatte, nur zwiſchen den Zähnen murmelte: „Sie werden ſich niemals heirathen, wenn einer Mutter Fluch auf ihrer Verbindung haftet! Nein, nein, das wird ſie nicht thun— dazu kenne ich ſie zu gut. Jene ſchwache Puppe ſoll ſterben, bevor ſie ihre Weigerung zurücknimmt— ſie muß ſterben, und dann mögen ſie liebend und geknickt dahinleben! Aber es muß ſo bitter wie möglich gemacht werden— es darf nicht dabei beruhen bleiben.“ Abermals ſchwieg ſie, in Nachſinnen verloren, und ſagte dann zu ſich ſelbſt: „Jener Trank, den der italieniſche Mönch an mich ver⸗ kaufte, wäre wohl ganz gut, wenn nur ſeine Wirkung mir genau bekannt wäre. Es gibt Dinge, welche furchtbare Spuren hinterlaſſen; überdies iſt er alt und kann ſeine Kraft verloren haben— das darf ich nicht riskiren, denn es muß ebenſo raſch als ſicher wirken. Ich habe nur vierundzwanzig Stunden— die Zeit iſt ſehr kurz.“ Von Neuem in Schweigen verſinkend, verharrte ſie in tiefem, ſtummem Nachſinnen, bis der Wagen vor ihrem eigenen Thore anhielt. Mrs. Hazleton ſaß in jener Nacht zwei bis drei Stunden in der Bibliothek, und ſtudierte emſig in einem großen Folio⸗ 537 bande, den ſie ſelber heruntergenommen hatte. Sie las und ſchien nicht wenig verlegen. Ein Diener trat ein, um einige unwichtige Dinge zu fragen, und ſie winkte ihm ungeduldig hinaus; dann lehnte ſie ihr Haupt auf die Hand, in tiefes Grübeln verloren. 7 Sie berechnete bei ſich ſelbſt, was Emily wußte— wie⸗ viel, wie genau ſie es wußte, und wie ſie es erfahren habe. Ein Ding wie Gewiſſensbiſſe kannte ſie nicht; aber ſie ver⸗ ſpürte Furcht, doch nicht ſehr viel— ſie zitterte vor der Be⸗ gehung von Thaten, kühner und furchtbarer als ſie ſie ſeither begangen hatte. Es lag etwas Erſchreckendes in der Be⸗ gehung eines neuen, großen Verbrechens; dieſer Schrecken iſt immer der Begleiter des Verbrechens, und es war eine Folge dieſes Grauens vor dem nächſten wichtigſten Schritte im Böſen, nach denen, die ſie bereits gethan hatte, wenn ſich Mrs. Hazleton von der Unterſuchung der Mittel zur Verrich⸗ tung der beſchloſſenen That ſo zu ſagen zurück wandte, um die Nothwendigkeit dieſer That nochmals zu überlegen. „Sie hat Alles entdeckt,“ ſagte Mrs. Hazleton zu ſich ſelbſt, nachdem ſie die Sache eine Zeitlang reiflich erwogen hatte,„und ſie muß es ganz genau erfahren haben— ich kenne ihre Vorſicht. Von wem kann ſie es erfahren haben?“ „Von dieſem jungen Schurken Ayliffe,“ lautete ihre raſche Antwort.„Ich war zu hart gegen ihn, und in ſeiner Wuth iſt er fortgegangen, um dieſem Mädchen oder vielleicht jenem alten Narren Dirwell Alles zu erzählen. Höchſt wahrſcheinlich hat ihr auch Ayliffe die Beweiſe ge⸗ liefert, ehe er aus dem Lande floh. Ohne dieſen Umſtand 538 hätte ich Marlow's Entdeckungen zu nichte machen können. Aber ich bezweifle doch, daß er zu Dirwell gegangen, denn er hat ihn immer verachtet. Niedrig wie er ſelber war, pflegte er Andere als noch niedriger zu betrachten. Er konnte nicht zu ihm gehen, um ſich vorpredigen und vorwin⸗ ſeln zu laſſen. Er iſt zu dem Mädchen ſelber gegangen; er hat ſie immer geliebt, ſogar in ſeiner höchſten Wuth und Raſerei. Zu ihr iſt er ohne Zweifel gegangen oder hat ihr geſchrieben. Ihr muß der Mund geſtopft werden! aber erſt habe ich mit einer Anderen zu thun. Komme was da wolle — dieſe Heirath darf nicht ſtattfinden. Ueberdies iſt Lady Haſtings die gefährlichere von Beiden. Das Madchen kann durch Furcht zur Verſchwiegeuheit veranlaßt ſeyn, und es bedarf auch längerer Zeit, um ſie zu erreichen; aber nichts wird dieſes ſchwache Weib vom Plaudern zurückhalten, und in vierundzwanzig Stunden gibt ſie ihre Einwilligung zu dieſer Heirath. Wenn ich es nur einzurichten vermag, ſo läßt ſich das wenigſtens verhindern, und dann habe ich auf alle Fälle meine Rache wenigſtens theilweiſe durchgeſetzt. So muß es ſeyn— ſo muß es ſeyn!“ Jetzt wendete ſie ſich wieder zu den Blättern des Buches; aber ſein Inhalt ſchien ſie nicht zu befriedigen. „Das dauert zu lange,“ ſagte ſie, nachdem ſie kaum ein Drittel des Blattes geleſen hatte.„Drei bis vier Tage! wer kann drei bis vier Tage warten, wenn Ruhe, Sicherheit oder Rache unſer Ziel iſt? Die Sache duldet keinen Auf⸗ ſchub, denn vor drei bis vier Tagen iſt Alles vorüber.“* 539 Sie las abermals und war mit dem, was ſie las, noch immer unzufrieden. „Das läßt Spuren zurück,“ ſagte ſie.„Im Ganzen muß ich wohl bei der Doſis des Italieners bleiben. Dieſe Moͤnche ſind ſehr geſchickte Männer, und vielleicht hat ſie ihre Wirkſamkeit doch nicht verloren. Man kann's ja pro⸗ biren,“ rief ſie plötzlich, und ſachte in ihr Garderobezimmer ſich verfügend, nahm ſie aus der Schublade einer alten Schatulle ein kleines Paket mit weißem Pulver, das ſie in der Fläche ihrer Hand verbarg. Dann kehrte ſie in die Bibliothek zurück und ſaß einige Minuten in trüben, ſchwe⸗ ren Gedanken, worauf ſie mit der Glocke auf ihrem Tiſche läutete. „Bringt mir für den Hund eine kleine Portion fein ge⸗ ſchnittenen Fleiſches,“ befahl ſie, ſobald ihr Diener erſchien. „Er ſcheint krank. Was iſt ihn nur angekommen?“ „Nichts, Madame,“ erwiederte der Mann, unter den KLiſch guckend, wo ein ſchönes kleines Windſpiel in geſundem Schlafe lag;„er iſt den Tag über ganz wohl geweſen.“ „Er hat etwas wie einen Anfall gehabt,“ erklärte Mrs. Hazleton. „Ei, ei, er. wird doch nicht toll werden,“ erwiederte der Mann.„Soll ich ihn nicht lieber todtſchlagen?“ „Ihn todtſchlagen!“ rief Mrs. Hazleton.„Um keinen Preis. Bringt mir einen kleinen Teller mit Fleiſch.“ Der Mann that wie ihm befohlen ward und ſah bei ſei⸗ ner Rückkehr den Hund zu ſeiner Herrin Füßen ſitzen und zu ihr emporſchauen. 540 „Ach, Dorſet,“ ſagte ſie, in freundlichem Tone mit dem Thiere redend—„du biſt jetzt beſſer— nicht wahr?“ Der Mann ſchien geneigt zu zögern, um zu ſehen, ob der Hund freſſen würde; Mrs. Hazleton nahm ihm je⸗ doch den Teller ab und warf dem Hunde ein Stückchen vor, das dieſer gierig verſchlang. „O ſo iſt's gut,“ ſagte Mrs. Hazleton;„jetzt könnt Ihr gehen.“ Als ſie wieder allein war, pauſirte ſie eine Weile, öff⸗ nete dann bedächtig das Paket und ſchüttete eine ganz kleine Portion von dem Pulver auf ein Stück Fleiſch. Dieſen Biſſen warf ſie dem armen Thiere vor, das ihn ſogleich ver⸗ chlang; dann ſtellte ſie den Teller auf den Boden und der Hund hatte ihn im Augenblicke abgeleckt. Mrs. Hazleton wendete ſich jetzt wieder zu ihrer Lek⸗ türe, indem ſie ſich nach etwa zwei Minuten nach ihrem Hunde umſchaute. Dieſer hatte wieder ſeine ſchlafende Stellung angenommen und ſie las weiter. Kaum war eine weitere Minute verſtrichen, als das arme Thier aufſprang, ein bis zweimal wie von heftigen Krämpfen geſchüttelt im Zimmer umherlief, und nachdem es eine Weile hin⸗ und hergeſchwankt, zu Boden ſtürzte. Mrs. Hazleton riß heftig an der Glocke, und zwei Die⸗ ner eilten zumal in's Zimmer. „Er ſtirbt! er ſtirbt!“ rief ſie. „Geht ihm aus dem Weg, Madame, geht ihm aus dem Weg, Mylady!“ rief einer der Männer, der offen⸗ 541 bar ſelbſt in großer Angſt war.„Man kann nicht wiſſen, was er thun wird.“ Gleich darauf richtete ſich der Hund abermals auf und ſtieß einen lauten, furchtbaren Schrei aus. „Armes Ding!“ jammerte Mrs. Hazleton.„Armer Dorſet!— er iſt todt— ſchafft ihn fort!“ Die beiden Männer ſchienen nicht geneigt ihn zu berüh⸗ ren, und erſt als ſie ſich völlig überzeugt hatten, daß kein Leben mehr in ihm war, trugen ſie ihn fort, und Mrs. Haz⸗ leton war abermals allein. „Das wirkt raſch!“ ſagte das teufliſche Weib, den großen Band wieder auf das Bücherbrett ſtellend;„da be⸗ darf es keines Abwägens und Deſtillirens. Das iſt noch ſo wirkſam wie immer. Jetzt laß ſehen, ob ich mich der Größe der Flaſche und der Farbe ihres Inhalts genau erinnere.“ Sie beſann ſich mehrere Minuten und verfügte ſich dann zur Ruhe. Ob ſie in jener Nacht gut oder ſchlecht geſchlafen? Gott weiß es; wenn ſie aber ruhig ſchlief, ſo müſſen auch die Teufel der Hölle zuweilen Ruhe finden. Am nächſten Morgen bei guter Zeit ging Mrs. Hazle⸗ ton aus. Sie wohnte, wie der Leſer weiß, nicht ſehr ferne von dem Städtchen Hartwell; ſogar auf der Landſtraße war es keine große Strecke, und dieſe wurde durch einen Pfad durch den Park bedeutend abgekürzt. Dort wohnte ein ar⸗ mer Mann— ein Apotheker, der ſich daſelbſt in der Hoff⸗ nung niedergelaſſen hatte, dem Chirurgen Short einen Theil ſeiner Kundſchaft abſpenſtig zu machen. Dies war 542 ihm nicht ſonderlich geglückt, und ſein Vorrath an Arznei⸗ mitteln war nicht ſehr beträchtlich; aber er hatte wenigſtens Alles, was Mrs. Hazleton bedurfte. Ihr Verlangen war höchſt einfach— blos etwas Krapproth, ein wenig Safran und ein Bischen Kampeſchenholz. Nachdem ſie dieſes ein⸗ gekauft hatte, verlangte ſie einige Gläſer zu ſehen und wählte ſich eines, das etwas weniger als einen halben Schoppen hielt. Der gute Mann packte dies Alles mit großem Eifer zuſammen und ſagte, er wolle es in wenigen Minuten in ihr Haus nachſenden. Mrs. Hazleton verlangte jedoch, es ſelbſt mitzunehmen; aber ſchon der bloſe Gedanke, daß die vornehme Dame eigenhändig ein Paket— und wäre es auch durch ihren eigenen Park— nach Hauſe trage, kam dem kleinen Apotheker äußerſt auffallend vor, und er drang ſehr in ſie, ihm doch zu erlauben, daß er ſeinen Knaben ſende, bis Mrs. Hazleton in ziemlich gebieteriſchem Tone bemerkte: „Ich ſpreche nie anders als ich es vorhabe, Sir. Seyd ſo gut und gebt mir das Paket.“ Als ſie ihr eigenes Haus erreichte, beſtellte ſie ihren Wagen auf halb ein Uhr zu einer Ausfahrt nach Sir Phi⸗ lipp Haſtings' Wohnung. Sie berechnete ganz richtig, daß ſie auf ſolche Art den Ort ihrer Beſtimmung genau zu der Zeit des Tages erreichen würde, wo Lady Haſtings ſich auf eine Stunde zum Schlafe niederzulegen pflegte. Mrs. Hazleton hatte ihren Plan gemacht, und handelte nicht ohne Abſicht. Zu jener Zeit pflegte faſt jede Dame die Rolle einer 543 Patronin der Kranken in ihrer Nachbarſchaft zu übernehmen und die armen Hüttenbewohner nicht allein mit Speiſe und Geld, ſondern auch mit Arznei und zuweilen mit ärztlichem Nathe zu unterſtützen. Beide letztere Funktionen waren ſehr einfach; aber die Zubereitung dieſer einfachen Medizinen bedingte in jedem großen Hauſe das Vorhandenſeyn eines ſogenannten Krankenzimmers, und die Mode des Tages legte in der That jeder Dame von mehr als ganz mäßigem Ver⸗ mögen die Pflicht auf(und es war dies eine Pflicht, welcher man nicht zu entrinnen hoffen konnte), daß ſie ein Kranken⸗ zimmer hielt und ſich als eine Beſchützerin der Leidenden gerirte. So befand ſich denn auch Mrs. Hazleton in dem Kran⸗ kenzimmer, als ihre theure Freundin, welche ſchon früher einmal ihren Planen auf Mr. Marlow's Herz den Todes⸗ ſtreich verſetzt hatte, vor ihrem Hauſe anfuhr und ſie zu be⸗ ſuchen verlangte. Der Diener erklärte, ſeine Gebieterin ſey im Krankenzimmer beſchäftigt; er wolle aber gehen und ſte im Augenblicke rufen. „Ei nein!“ erwiederte die Dame, mit ihrem elaſtiſchen Schritte in's Haus tretend.„Ich will ſie dort aufſuchen und bei ihrem mildthätigen Werke überraſchen. Ich kenne den Weg recht gut; Ihr braucht nicht mitzukommen— Ihr braucht nicht mitzukommen.“ Und ſo verfügte ſie ſich nach dem Krankenzimmer, wo ſie ohne weitere Umſtände eintrat. Mrs. Hazleton war in jenem Augenblicke damit beſchäf⸗ tigt, aus einer glaͤſernen mit einem Schnäuzchen verſehenen 544 Platte eine purpurrothe Flüſſigkeit in ein Arzneiglas zu ſchütten. Bei dem Knarren der aufgehenden Thüre wendete ſie ſich hitzig um, in der Meinung, ein Diener wolle ſie un⸗ gerufen ſtören. Als ſie jedoch ihre Freundin gewahrte, der ſte ihren unvorſichtigen Rath noch nicht vergeſſen oder ver⸗ ziehen hatte, da wurde ihr Antlitz einen Augenblick lang brennendroth und dann todtenbleich, und ſie hätte das Glas beinahe aus der Hand fallen laſſen. Was auf beiden Seiten geſprochen wurde, iſt gleichgül⸗ tig. Mrs. Hazleton war zu klug, um ihren heftigen Zorn an den Tag treten zu laſſen, und führte ihren Beſuch ſo raſch wie möglich aus dem Krankenzimmer: aber ihre theure Freun⸗ din hatte in einem kurzen Ueberblicke Alles wahrgenommen — die Glasbowle, die Arzneiflaſche, die Flüſſigkeit und mehr als alles Andere— Mrs. Hazleton's plötzliche Entfärbung bei ihrem Eintritte. Vierundoierzigſtes Kapitel. Sir Philipp Haſtings ſaß am Morgen des nämlichen Tages, da Mrs. Hazleton von ihrer theuren Freundin ſo unerfreulicher Weiſe im Krankenzimmer geſtört worden— mit ſeiner Tochter beim Frühſtück. Er war ruhiger als er ſeit ſeiner Rückkehr geweſen; aber es war eine düſtere Ruhe — jene oberflächliche Windſtille, welche zuweilen unter de Einfluſſe überwältigender Gefühle eintritt, gleichwie die See(ſo ſagen uns die Matroſen) manchmal durch die Kraft — 545 des Windes, der drüber herfährt, niedergedrückt wird. Tiefe Runzeln lagen auf ſeiner gefalteten Stirne; aber dieſe blieb ſich gleich in ihrem ſtrengen, ſtarren, unbeweglichen Aus⸗ drucke. Mit ſeiner Tochter ſprach er kein Wort; nur als ſie ihm guten Morgen wünſchte und ſich nach ſeinem Beſinden erkundigte, erwiederte er einfach:„gut.“ Als das Frühſtück beinahe vorüber war, brachte ein Diener einige Briefe, von denen er Emily einen und zwei ſeinem Gebieter einhändigte. Die Schreiben an Sir Phi⸗ lipp waren bald geleſen; aber das an Emily war länger⸗ und ſie war noch immer anſcheinend in großer Aufregung mit deſſen Lektüre beſchäftigt, als der Diener in das Zimmer zurückkehrte. Sir Philipp hatte ihr während der halben Stunde, die ſie vorhin beim Frühſtück geſeſſen, keinen einzigen Blick ge⸗ ſchenkt. Er hatte auf das Tiſchtuch oder gerade vor ſich auf die Wand geguckt; jetzt aber betrachtete er ſie ſo aufmerk⸗ ſam, mit ſo ſonderbarem, geſpanntem, geſpenſtiſchem Aus⸗ drucke, daß er nicht einmal das Eintreten des Dieners be⸗ merkte, bis der Mann ihn alſo anredete: „Euer Gnaden, Meiſter Atkinſon von der Hill Farm, nahe bei Hartwell, wünſcht Euch in einer Juſtizangelegen⸗ heit zu ſprechen.“. Sir Philipp fuhr zuſammen und murmelte zwiſchen den Zähnen:. „Juſtiz— ah ſo, Juſtiz!— wer ſagtet Ihr?“ Der Mann wiederholte ſeine Meldung, und ſein Gebie⸗ ter erwiederte:. Jamees. Rache. 35 546 „Führt ihn herein.“ Sir Philipp behielt noch längere Zeit den Kopf auf die Hand geſtützt und ſchien ſeine weit entfernten Gedanken nur mit Mühe ſammeln zu können. Als Mr. Atkinſon eintrat, redete er ihn ganz ruhig alſo an: „Nehmt gefälligſt Platz, Mr. Atkinſon. Was verlangt Ihr von mir? Ich habe mich in letzter Zeit nur wenig mit obrigkeitlichen Angelegenheiten befaßt.“ „Ich verlange einen Verhaftsbefehl, Sir,“ erwiederte Mr. Atkinſon,„und zwar gegen einen nahen Nachbar und Verwandten von Euch. Ich bin überzeugt, Ihr werdet mir nicht Gerechtigkeit verweigern wollen.“ „Nicht, wenn es mein nächſter und theuerſter Verwandter wäre!“ verſicherte Sir Philipp in tiefem, hohlem Tone. „Wer iſt die Perſon?“ „Ein junger Mann, der ſich ſelbſt Sir John Haſtings nennt,“ erklärte Mr. Atkinſon.„Wir fürchten jedoch, er möchte aus dem Lande entkommen. Er weiß, daß er ent⸗ larvt iſt und hält ſich irgendwo nicht weit von hier verſteckt; aber ich und ein Konſtable wollen ihn ſchon ausfinden.“ Emily hatte ihren Brief bei Seite gelegt und horchte aufmerkſam. Es war klar, daß ſie durch das, was ſie hörte, tief bewegt war. Ihr Antlitz wechſelte zwiſchen Röthe und Bläſſe; ihre Lippe zitterte, wie wenn ſie gerne geſprochen hätte; allein ſie zögerte und ſchwieg noch eine Weile. Sie dachte an den unglücklichen jungen Mann, wie er jetzt auf ſeinem Todtbette liege(denn ſie hatte bis jetzt von Mr. Dir⸗ well noch keine Nachricht von ſeinem Tode erhalten), wie er 547 von den Gerichtsbeamten arretirt, wie ſeine letzten Gedan⸗ ken geſtört und all ſein ängſtliches Streben nach Reue, ſein Verkehr mit dem eigenen Herzen, wie alle ſeine Anſtrengun⸗ gen, ſich auf das Sterben, auf Gott und das letzte Gericht vorzubereiten— durch weltliche Beſchämung und irdiſche Angſt verſcheucht werden ſollte. Sie ſchenkte ihm inniges Mitleid— ſie hätte gerne für ihn gebeten; aber ſie wurde mißverſtanden— und was noch ſchlimmer war: ſie wußte, ſie fühlte es. Sie konnte nicht ſprechen, ſie wagte nichts zu ſagen, ob⸗ gleich ihr war, als ob ihr das Herz brechen müßte. Ihr einziger Troſt beſtand darin, daß Alles aufgeklärt— daß ihr Benehmen, ihre Beweggründe in ganz wenig Stunden klar gemacht und begriffen werden würden. Sie fühlte je⸗ doch, daß ſie nichts mehr anhören konnte, ohne in Weinen auszubrechen. Marlow's Brief, den ſie ſo eben empfangen und worin er ihr meldete, daß er in London angekommen ſey, und ſobald einige dringende Geſchäfte in der Hauptſtadt abgemacht wären, zu ihr eilen wolle— hatte ſie tief be⸗ wegt, denn gar oft werden erregbare Perſonen ſogar von angenehmen Eindrücken erſchüttert und fühlen ſich durch ſie eher geſchwächt als geſtärkt, wenn ſich's darum handelt, ge⸗ gen Empfindungen anderer Art anzukämpfen. So erhob ſie ſich denn mit traurigem Blicke und verließ wankenden Schrittes das Zimmer. Als ſie an Sir Philipp vorüberkam, betrachtete er ſie mit einem unbeſchreiblichen Blicke und ſagte zu ſich ſelbſt: „So! ſteht es ſo?“ 35* — Gleich darauf wendete er ſich an den Pächter, der einer beſſeren Klaſſe als der der gewöhnlichen Landleute damaliger Zeit angehörte und fragte: „Wie lautet Eure Anklage, Sir?“ „O Anklagen mehr als eine,“ verſetzte der Mann.„Be⸗ trug, Komplott, Meineid, Fälſchung, und über ſämmtliche bin ich bereit, eidliche Angaben zu machen.“ Sir Philipp ſtützte ſein Haupt auf die Hand und blieb mehrere Minuten in bitterem Nachſinnen. Dann aber ſeine Augen zu Atkinſon's Geſicht aufſchlagend, ſagte er: „Wäre dieſer junge Mann mein eigenes Kind, wäre er mein Bruder oder theuerſter Freund, ſo würde ich doch nicht das Mindeſte einwenden, Mr. Atkinſon, ſondern würde die Anzeige in Empfang nehmen und Euch alsbald einen Ver⸗ haftsbefehl bewilligen— ja, ich werde es auch jetzt thun, wenn Ihr darauf beſtehet, denn nie ſoll man ſagen, daß ich aus irgend welcher Rückſicht Gerechtigkeit verweigert habe. Aber ich möchte Euch nur zu bedenken geben, daß Sir John Haſtings mein Feind iſt, daß er mir— gerecht oder unge⸗ recht— Rang und Vermögen entzogen und durch ſein gan⸗ zes Verfahren gegen mich einen Geiſt der Bosheit an den Tag gelegt hat, der die Leute wohl glauben machen könnte, als ob ich ähnliche Gefühle gegen ihn hege. Es wäre mir alſo ſehr peinlich, einen Verhaftsbefehl wider ihn unterzeich⸗ nen zu müſſen, obwohl ich ihn all' der genannten Verbre⸗ chen für fähig halte und Euch als einen viel zu ehrenhaften Mann kenne, als daß Ihr ohne genügende Zuverſicht in die Wahrheit eine ſolche Anklage vorbringen würdet. Ueberleget 549 alſo wohl, ob es nicht Verdacht auf Euer ganzes Verfahren werfen würde, wenn gleich Euer erſter Schritt darin beſtünde, daß Ihr Euch einen Verhaftsbefehl gegen dieſen Mann von ſeinem offenen anerkannten Feinde ausſtellen ließet.“ „Was ſoll ich dann thun, Sir?“ fragte der Pächter. „Ich fürchte, da wird er entrinnen. Ich weiß, daß er ſich hier in der Nachbarſchaft— in dieſer Gemeinde— keine halbe Meile von dieſem Hauſe— verſteckt hält.“ Ein tiefes Stöhnen rang ſich aus Sir Philipp Haſtings' Bruſt. Er hatte ſeine Vorſtellungen ganz klar, langſam und bedächtig ausgeſprochen, indem er ſeine Gedanken ge⸗ waltſam auf den vorliegenden Gegenſtand heftete; aber er war die ganze Zeit über furchtbar aufgeregt geweſen, und dieſe direkte Anſpielung auf John Ayliffe's Verſteck, auf das nämliche Haus, das ſeine Tochter den Tag zuvor beſucht hatte, weckte all' die grimmigen Gefühle, den eiferſüchtigen Zorn, den Unwillen, den Schauder, die Verachtung, welche durch jene ſchamloſe, wenn nicht verbrecheriſche Handlung (vie er ſie nannte) in ihm aufgerüttelt worden waren. Es war zu viel für ſeine Selbſtbeherrſchung, und eben der Kampf gegen ſich ſelbſt war es, der jenes tiefe Stöhnen laut werden ließ. Er nahm ſich jedoch alsbald wieder zuſammen und er⸗ wiederte: „Wendet Euch an Mr. Dirwell— er iſt gleichfalls Friedensrichter und wohnt kaum einen Steinwurf von dieſem Hauſe. Ihr werdet dabei nur wenig Zeit verlieren, mir große Pein und uns Beiden ungerechte Beſchuldigungen erſparen.“ 550 „O ich ſcheue keine Beſchuldigungen,“ behauptete Mr. Atkinſon.„Ich bin perſönlich gar nicht bei der Sache be⸗ theiligt; Ihr ſeyd das freilich ſehr, Sir, und wenn Ihr Euch die Geſchichte erzählen laſſen wolltet, ſo würdet Ihr ſehen, daß Niemand die Sache ſchärfer als Ihr nehmen ſollte, um ja keine Zeit zu verlieren.“ „Ich möchte lieber gar nichts von der Geſchichte hören,“ erwiederte Sir Philipp.„Wenn ich ein perſönliches In⸗ tereſſe dabei habe, wie Ihr ſagt, ſo würde mir eine Ein⸗ miſchung übel anſtehen.— Geht zu Mr. Dirwell, mein guter Freund: erklärt ihm Alles, und wenn er auch nicht gerade der Geſcheidteſte iſt, ſo iſt er doch ein guter, ehren⸗ werther Mann und wird Euch Gerechtigkeit in der Sache nicht verweigern.“ „Ganz gut, Sir, ganz gut,“ entgegnete der Pächter etwas piquirt, denn er hatte, ehrlich geſtanden, gehofft, der Umſtand, daß er Sir Philipp Haſtings in diejenigen Rechte, deren er unbilliger Weiſe beraubt worden, wieder einſetzen half, werde ſeine Wichtigkeit in deſſen Augen nicht wenig erhöhen. So verabſchiedete er ſich denn mit dem Gedanken, der würdige Baronet ſey doch eigentlich der unpraktiſchſte Mann, den er in ſeinem Leben jemals getroffen habe. „Ich wußte zwar immer, daß er ein Pedant iſt und ſeine Anſichten über Recht und Unrecht zu einer verzweifelten Länge ausſpinnt,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„daß er aber ſo weit gehen werde, das hätte ich mir nicht gedacht. Ich glaube, wenn er einen Menſchen mit ſeinen eigenen Aepfeln 55¹ davon laufen ſähe, würde er ihn nicht einmal anhalten, ohne von einem anderen Friedensrichter einen Verhaftsbefehl zu haben. Und doch kann er, wie wir Alle wiſſen, ſtreng genug ſeyn, ſobald er nicht ſelbſt betheiligt iſt; ſo würde er zum Beiſpiel jeden Wilddieb im Lande aufhängen, denn ich habe ihn ſchon oft ſagen hören, es ſey weit ſchlimmer, ein unbe⸗ ſchütztes Gut zu ſtehlen, als wenn dieſes beſchützt ſey.“ Unter ſolchen Gedanken ritt er geradeswegs nach Mr. Dirwell's Hauſe, erfuhr aber zu ſeinem Verdruſſe, daß der würdige Paſtor ausgegangen ſey. „Könnt Ihr mir ſagen, wo er iſt?“ fragte er die Haus⸗ hälterin.„Es ſind Geſchäfte von der höchſten Wichtigkeit, in denen ich ihn ſprechen muß.“ Die Frau zögerte eine Weile; allein der Ausdruck von Spannung und Verlegenheit in des guten Pächters Geſichte überwand ihre Skrupel, und ſie erwiederte: „Ich hörte ihn nicht genau ſagen, wohin er gehe; aber ich ſah ihn den Fußpfad gegen Jenny Beſt's Hütte ein⸗ ſchlagen.“ Atkinſon wendete alsbald den Kopf ſeines Pferdes und ritt weiter, bis er jene Hütte erreichte. Dort band er ſeinen Gaul an einen Baum und trat ein. Das äußere Zimmer ſtand leer; aber durch die Scheide⸗ wand hörte er eine Stimme in langſamem, abgemeſſenem Tone wie im Gebete ſprechen, und nachdem er eine Weile unſchlüſſig gewartet, pochte er mit der Hand auf den Tiſch, um die Aufmerkſamkeit auf ſeine Anweſenheit zu lenken. Gleich darauf wurde die Thüre ſachte und langſam ge⸗ 5⁵² oͤffnet; Jenny Beſt ſelbſt ſtreckte Anfangs den Kopf heraus und kam dann mit einem Knixe in's Zimmer, indem ſie die Thüre hinter ſich zumachte. „Guten Tag, Jenny,“ begann der Pächter.„Iſt Mr. Dirwell hier?“ „Ja, Meiſter Atkinſon,“ verſicherte die gute Frau.„Er iſt drinnen und betet mit einem Kranken.“ „So— wie kommt das?“ fragte Mr. Atkinſon.„Beſt iſt hoffentlich nicht krank und Euer Sohn ebenſowenig?“ „Nein, Sir,“ gab die alte Frau zur Antwort.„Es iſt ein junger Mann, der neulich dicht vor unſerer Thüre den Fuß gebrochen.“ Da ſie ihn im Begriffe ſah, weitere Fragen zu ſtellen, die ſie nicht ſo leicht hätte pariren können, ſo fügte ſie bei:„ich will den Pfarrer zu Euch rufen, Sir.“ Mit dieſen Worten zog ſie ſich abermals in die Hinter⸗ ſtube zurück, und gleich darauf kam Mr. Dirwell zum Vorſchein. „Guten Tag, Atkinſon,“ ſagte er;„Ihr waret auf einer Reiſe abweſend, wie ich höre?“ „Ja, Euer Ehrwürden,“ gab der Pächter zur Antwort, „und es geſchieht in Folge dieſer Reiſe, daß ich jetzt zu Euch komme. Ich brauche einen Verhaftsbefehl von Euch, Mr. Dirwell, und zwar ſo raſch wie möglich.“ „Ich kann Euch hier keinen Verhaftsbefehl ausſtellen,“ ſagte der Geiſtliche zögernd.„Ich habe weder einen Schrei⸗ ber noch ein Formular für einen Verhaftsbefehl bei mir, und ich kann eben jetzt nicht gut nach Hauſe zurückkehren. 5⁵³ Es wird hoffentlich nicht ſchaden, wenn Ihr eine oder zwei Stunden wartet?“ „Sehr viel kann das ſchaden,“ erwiederte der Pächter; „denn der ſchlimmſte Burſche, der größte Schurke, der noch jemals lebte, könnte der Gerechtigkeit entrinnen, wenn der Befehl nicht augenblicklich bewilligt würde.“ „Konnt Ihr nicht zu Mr. Haſtings gehen?“ fragte der Paſtor.„Er wird ihn ſogleich ausſtellen, wenn die Sache es rechtfertigt.“ „Er ſchickte mich zu Euer Ehrwürden,“ erklärte der Pächter.„Mit einem Wort— die Sache iſt dieſe: ich habe einen Menſchen, den ich vermuthlich einen Edelmann nennen muß, auf meine eidliche Angabe hin wegen Fälſchung, Meineids und Betrugs anzuklagen. Den einen der Ver⸗ ſchwörer— Shanks— haben wir bereits eingeſteckt; dieſer Menſch aber— der Burſche nennt ſich, glaub' ich, Sir John Haſtings— hat ſich, wie ich höre, in dieſer Hütte verſteckt, Sir, und kann jeden Augenblick daraus entwiſchen. Jetzt, da ich hier bin und eine Magiſtratsperſon vor mir ſehe, er⸗ kläre ich Euch offen, Sir, daß ich den Ort nicht verlaſſen werde, bis ich ihn in meinem Gewahrſam habe.“ Er ſprach in ſehr hitzigem, entſchiedenem Tone, denn er hatte, ehrlich geſtanden, einen undeutlichen Verdacht, daß Mr. Dirwell, deſſen Gutmüthigkeit allgemein bekannt war, John Ayliffe's Aufenthalt recht gut kenne und ihn vielleicht zu bekehren ſuche in der Abſicht, ihm ſpäter zur Flucht zu verhelfen. Der Geiſtliche antwortete jedoch alsbald: „Er iſt hier, Meiſter Atkinſon; aber er iſt ſehr krank 5⁵54 und wird ſich bald in ſtrengerem Gewahrſam als bei Euch befinden.“ Der gute Pächter hatte ein gut Theil von dem Bull⸗ doggengeiſte des engliſchen Landmannes in ſeinem Charakter und erwiederte deßhalb in barſchem Tone: „Das iſt mir ganz einerlei: erſt ſoll er in meine Ver⸗ wahrung kommen.“ Mr. Dirwell ſchien ſchmerzlich berührt und beleidigt; ſeine Stirne war ſtark gerunzelt, und den Pächter an der Hand faſſend, führte er ihn gegen die Thüre des inneren Zimmers mit den Worten: „Ihr ſeyd hart und ungläubig, Sir; aber kommt mit und Ihr ſollt ſeinen Zuſtand mit eigenen Augen anſehen.“ Der Pächter ließ ſich durch's Zimmer führen; Mr. Dir⸗ well öffnete die Thüre und trat mit ſachtem, ehrerbietigem Schritte in die Stube. Der Sonnenſchein drang durch das kleine Fenſter auf den Boden und bildete durch ſein heiteres Licht einen ſcharfen Gegenſatz mit dem grauen Düſter des Antlitzes, das hier auf dem Todtenbette vor ihm lag. Man vernahm keinen anderen Laut als den Fußtritt der beiden Eintretenden; denn das alte Weib hatte ſich neben dem Bette niedergeſetzt und betrachtete ſchweigend das Antlitz des Leidenden. Anfänglich glaubte Mr. Atkinſon, der im Bette Liegende ſey todt, und das Leben war auch wirklich bis zu dem ſchwächſten Funken bei ihm eingeſchrumpft. Er ſchien ganz ohne Bewußtſeyn, denn ſogar ſeine Augen bewegten ſich 55⁵⁵ nicht bei dem Geräuſche der aufgehenden Thüre, und der Pächter fühlte ſich nicht wenig betroffen von der Härte ſeines früheren Ausſpruches. Er war jedoch nicht der Mann, der ſeine Abſicht ſo leicht aufgab, und als Mr. Dirwell ſagte: „nun, was meint Ihr— wird er ſo leicht entrinnen?“ da antwortete Atkinſon in leiſem aber entſchloſſenem Tone: „Nein; aber ich glaube nicht, daß ich ihn verlaſſen darf, ſo lange noch Leben in ihm iſt.“ „Ihr könnt thun, wie's Euch beliebt,“ erwiederte Mr. Dirwell in ſehr mißvergnügtem Tone;„nur verhaltet Euch ſchweigend— dort iſt ein Stuhl.“ Mit dieſen Worten ließ er ihn ſtehen, um wieder ſeine Stelle neben dem Sterbenden einzunehmen. Mr. Atkinſon fühlte ſich zwar erſchüttert und vielleicht etwas beſchämt; aber mit jener hartnäckigen Entſchloſſenheit, deren ich oben gedachte, widerſtand er ſeinen eigenen Ge⸗ fühlen und wollte das Feld nicht räumen. Er glaubte ſeine Pflicht zu thun, und das iſt in der Regel für einen Eng⸗ länder vollkommen genügend. Nichts konnte ihn von der Stelle bringen, ſo lange der Athem noch in dem unglück⸗ lichen jungen Manne zoͤgerte, und ſo blieb er mit geſenktem Haupte und mit gekreuzten Armen ſtumm und ſchweigſam ſitzen, waͤhrend Stunde an Stunde an ihm vorüberſtrich. Die Annäherung des Todes geſchah nur ganz langſam bei John Ayliffe, und er zögerte noch lange, nachdem alle körperlichen Kräfte erloſchen ſchienen. Er konnte weder Hand noch Fuß bewegen; ſeine eingeſunkenen Augen blieben halb geſchloſſen; die Farbe des Todes lag auf ſeinem Ge⸗ ſichte: aber die Bruſt hob ſich noch, der Athem kam und ging, zuweilen raſch, zuweilen ſehr langſam, und längere Zeit blieb ſogar Mr. Dirwell ungewiß, ob er bei Bewußt⸗ ſeyn war oder nicht. Endlich nach zwei langen Stunden ſchien das Leben eine letzte Anſtrengung gegen den großen Feind zu machen; ſie war aber nur ganz ſchwach, und der Geiſt war nicht dabei betheiligt. Er begann von Zeit zu Zeit einige Worte zu murmeln; die ſchwachen Laute waren jedoch nur wirr und unzuſammenhängend, auf Wein und Geld, auf Pferde und Hunde ſich beziehend. Es ſchien, als ob er mit ſeinen Dienern zu ſprechen glaube; er gab ihnen Befehle, ſtellte allerlei Fragen und hieß ſie ein Feuer anzünden, weil es ſo ſehr kalt ſey. Dies dauerte ſo fort, bis die Schatten des Abends hereinzubrechen anfingen, und dann kam Mr. Short der Chirurg und fühlte ihm den Puls. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte dieſer,„daß er's ſo lange treibt; aber in wenigen Minuten muß es ausgehen; denn ich kann kaum noch einen Pulsſchlag verſpüren.“ Mr. Dirwell gab keine Antwort, und der Doktor be⸗ trachtete fortwährend das Geſicht des Sterbenden, bis man ein Licht herbeiholen mußte. Jenny Beſt brachte eine ein⸗ zige Kerze, und— war es nun die Wirkung dieſes plötzlichen wenn gleich ſchwachen Schimmers— John Ayliffe öffnete die Augen und ſagte deutlicher als früher: „Ich gehe— ich gehe! Das iſt der Tod— ja, das iſt der Tod! Betet für mich, Mr. Dirwell— betet für mich— ich bereue— ja, ich habe Hoffnung!“ 5⁵57 Sein Kinn zitterte ein wenig, als er dieſe letzten Worte ausſprach; im ſelben Augenblicke trat aber John Beſt, der Mann der guten Bäuerin, mit eiligem Schritte in's Zimmer, zog Mr. Short auf die Seite und flüſterte ihm etwas in's Ohr. 4 „Gerechter Himmel!“ rief der Doktor;„unmöglich, Beſt! Hat der Mann ein Pferd bei ſich?— Das meinige ſteht auf dem Pachthofe.“ „Ja, Sir, ja,“ erwiederte der Mann eifrig.„Er hat ein Pferd, und Ihr ſolltet Euch lieber beeilen.“ Mr. Short ſtürzte aus dem Zimmer; doch noch ehe er es verließ, war John Ayliffe eine Leiche. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Mrs. Hazleton fand es höchſt unbequem eine theure Frreundin zu haben. Umſonſt verſuchte ſie es, ihren Beſuch abzuſchütteln— dieſer wollte ſich nicht abſchütteln laſſen, war taub für ihre Winke, beachtete keine ihrer Andeutungen und ſah ſo pfiffig, ſo voll wichtiger Geheimniſſe und ſo mit Bedacht boshaft aus, daß ſich Mrs. Hazleton von jenem entnervendſten aller Dinge— nämlich von dem Bewußtſeyn beabſichtigten Verbrechens eingeſchüchtert fühlte. Sie konnte nicht anders glauben, als daß die hübſche Wittwe ihre Ge⸗ danken und Abſichten durchſchaue, und daß der Schleier, hinter welchem die Heuchelei die häßlichſten Züge der un⸗ lenkſamen Leidenſchaft zu verbergen trachtet, nicht ſo ganz 558 undurchdringlich geweſen: ſie konnte ſich nicht anders denken, als daß das ſcharfblickende liſtige Weib wenigſtens etwas von den rohen Drähten der gemalten Puppen ihrer Mienen bemerkt haben müſſe, denn man erlebt nur zu oft, daß die lächelnden, heiteren Blicke, die leuchtenden Augen, die ruhige, friedliche Stirne, die würdevolle Heiterkeit, welche auf der glitzernden Bühne der Welt ihre Rolle ſpielen— nur die härteſten, ſchmählichſten und brutalſten Motive des menſch⸗ lichen Herzens zu verbergen ſtreben. Allein Mrs. Hazleton war nicht allein ängſtlich, ſondern auch ärgerlich, und ihre Ungeduld war mit ihrer Beſorgniß in einer Art Zweikampf begriffen. Hätte ſie ihrer Neigung folgen dürfen, ſo hätte ſie ihren Beſuch durch einen ihrer Diener zum Zimmer hinauswerfen laſſen; ſo aber ließ ſie ſich länger als eine Stunde nach der für ihren Aufbruch feſt⸗ geſetzten Zeit durch vage Beſorgniſſe— ſo grundlos und abgeſchmackt dieſe auch waren— dazu beſtimmen, ihren Ungeſtüm gewaltſam zurückzudrängen. Ihr Charakter gehörte jedoch nicht zu denen, die ſich lange durch irgend etwas einſchüchtern laſſen. Sie hatte großes Vertrauen zu ſich ſelbſt, zu ihren eigenen Auskunfts⸗ mitteln, zu ihrer eigenen Haltung und ihrem Glücksſterne. Dieſes Vertrauen mochte allerdings durch die neulichen Ereigniſſe in etwas erſchüttert ſeyn; aber der Zorn weckte es von Neuem und führte es zu ihrer Hilfe herbei. Sie fragte ſich ſelbſt, ob ſie thöricht genug ſeyn könne, dieſes Weib zu fürchten— was dieſe denn entdeckt habe— was ſie wohl bezeugen könne. Sie hatte ſie blos thun ſehen, 559 was damals faſt jede Dame wohl hundertmal im Jahre that— nämlich Arzneien im Krankenzimmer bereiten, und da ſie fand, daß feine Winke erfolglos bei ihr blieben, ſo gewann ſie allmälig die natürliche Würde ihres Benehmens wieder. Dieſe wich aber bald einem eiskalten Schweigen und dann einem ärgerlichen, befehlshaberiſchen Weſen, bis ſie zuletzt von ihrem Stuhle aufſprang und ihren Beſuch um Entſchuldigung bat, da ſie Geſchäfte von Wichtigkeit vor ſich habe, die ſie den ganzen Tag in Anſpruch nehmen würden. Nicht eine einzige dieſer wechſelnden Launen— nicht das leiſeſte Zeichen von Ungeduld, Aerger oder Unſchlüſſigkeit entging dem ſcharfen Blicke, welcher auf ſie geheftet war. Mrs. Hazleton verrieth zwar, von ihrem Gewiſſen getrieben, nicht gerade die dunkelſten Geheimniſſe ihres eigenen Herzens; aber ſie bewirkte doch ſo viel, daß eine an ſich ſelbſt unbe⸗ deutende Handlung, welche ganz unbeachtet vorübergegangen wäre, wenn ſie ſie nicht mit ſolcher Aengſtlichkeit hätte ver⸗ bergen wollen— einen gewiſſen Anſchein von Wichtigkeit erhielt. Sobald ihr Beſuch auf dieſen unmöglich mißzuverſtehen⸗ den Wink mit piquirter, übelgelaunter Miene Zimmer und Haus verlaſſen hatte, kehrte Mrs. Hazleton in die Kranken⸗ ſtube zurück und begann ihre Operationen von Neuem. Allein ſie fühlte, daß ihre Hand zitterte, und daß ihr ganzes Weſen aufgeregt war. „Bin ich eine Thörin!“ fragte ſie ſich ſelbſt,„mich von einem ſolchen leeren Geplauder alſo erſchüttern zu laſſen? 560 Ich muß das überwinden, ſonſt bin ich untauglich für meine Aufgabe.“ Sie ſetzte ſich an einen Tiſch, ſtützte ihr Haupt auf die Hand und ſchaute zu dem Fenſterchen hinaus, indem ſie ihren Geiſt gewaltſam von der Gegenwart abzog und an Blumen und Vögel, an Gemälde und Statuen, an die beiden ſonni⸗ gen Welten der Kunſt und Natur— kurz an alles Andere, nur nicht an die ſchwarzen furchtbaren Sorgen ihrer eigenen Leidenſchaften dachte. Das war ein Kunſtgriff, den ſie ſich ſelbſt zu ſpielen gelehrt hatte, ein Stück jener innerlichen Politik, vermöge deren es ihr ſo oft und ſo lange gelungen war, die häufige Rebellion des Körpers gegen die Tyrannei des Geiſtes mit deſpotiſcher Gewalt zu bemeiſtern und zu überwinden. 4 Noch war ſie übrigens nicht zwei Minuten geſeſſen, als ein neues Klopfen an der Thüre erfolgte, und mit Zittern und Beben fuhr ſie auf, wie wenn dieſes Klopfen eine Mahnung des Schickſals geweſen wäre. Im nächſten Augen⸗ blicke ſchaute ſie ſich jedoch mit Gelaſſenheit um und über⸗ zeugte ſich, daß wer auch immer eintrat, keine Urſache zum Verdachte finden konnte. Sie ſaß ja ruhig am Tiſche; die Giftflaſche war entfernt, das verhängnißvolle Pulver in ihrer Hand verborgen, und ſie rief laut: „Herein.“ Der Tafeldecker trat mit tiefem Bücklinge ein und meldete: „Der Wagen ſteht vor der Thüre, Madame, und Wilſon i*ſt ſo eben von Mr. Shanks' Hauſe zurückgekehrt, ohne ihn aber finden zu können.“ 561 Der Mann ſtockte, wie wenn er noch etwas beizufügett wünſchte, und Mrs. Hagzleton erwiederte in ziemlich ſchar⸗ fem Tone: „Als ich den Wagen vorhin fortſchickte, ſagte ich Euch, ich werde Euch rufen laſſen, wenn ich bereit ſey. Ich kann vor einer halben Stunde noch nicht abfahren; laßt ihn aber nur warten und ſorgt, daß Niemand bei mir eintrete. Mr. Shanks muß gefunden und benachrichtigt werden, daß ich ihn morgen Früh ſprechen will, da ich am folgenden Tage nach London abgehen werde.“ „Ich muß leider bemerken, Madame,“ erwiederte der Tafeldecker,„daß er nicht wird kommen können, wenn das Stadtgeſchwätz wahr iſt. Es heißt, er ſey arretirt und in das Grafſchaftsgefängniß abgeſchickt worden, weil er in Betreff des Prozeſſes gegen Sir Philipp Haſtings der Fäl⸗ ſchung und des Meineids angeklagt ſey.“ Mrs. Hazleton ſah doch etwas erſchrocken aus. „Wirklich!“ ſagte ſie und winkte dem Manne mit der Hand, daß er ſich zurückziehe. Dann blieb ſie wenigſtens fünf Minuten ſtumm uh regungslos. Was in ihr vorging, kann ich nicht ſagen; als ſie ſich aber bleich wie Marmor erhob, war ſie feſt, ruhig und wie immer voller Selbſtbeherrſchung. Sie drehte den Thürſchlüſſel um und zog einen Vorhang, der die untere Hälfte des Fenſters bedeckte, dichter zuſammen, ſo daß kein Blick von Außen— das Auge Gottes ausgenommen— erkennen konnte, was ſie nunmehr vornahm. Dann holte ſie die Flaſche aus ihrem Winkel, öffnete das kleine Paket James. Rache. 36 562 mit Pulver und ſchüttete einen Theil davon in ein Glas. Es ſchien, als ob ſie das Ganze hätte eingießen wollen; allein ſie hielt inne und faltete den Reſt zuſammen mit den Worten: „Das muß vollkommen genug ſeyn. Ich will das Ue⸗ brige aufbewahren, denn es kann mir noch ferner nützlich ſeyn, und ich weiß nichts mehr davon zu bekommen.“ Mit einem Blicke kalter, ſtrenger, aber grauenvoller Ent⸗ ſchloſſenheit ſchaute ſie dicht vor ihren Füßen zu Boden, wie wenn ein offenes Grab ſie angähnte; dann ſteckte ſie das Paket in ihren Handſchuh, goß etwas deſtillirtes Waſſer in das Glas, ſchüttelte es und hielt die Miſchung gegen das Licht. Das Pulver hatte ſich großentheils aber nicht ganz aufgelöst; ſie ſchüttete noch etwas deſtillirtes Waſſer zu und goß das Ganze in die Arzneiflaſche, welche bereits zu einem Drittel mit einer dunkel gefärbten Flüſſigkeit gefüllt war. „Jetzt will ich gehen,“ ſagte ſie, die Flaſche verbergend. Als ſie jedoch die Thüre erreichte und die Hand ſchon auf dem Schloſſe hatte, blieb ſie eine Weile mit leichtge⸗ runzelter Stirne und zitternder Lippe in tiefen Gedanken ſte⸗ hen. Der Himmel weiß, an was ſie damals dachte— ob es Zweifel oder Furcht, Mitleid oder Reue war; aber ſie ſagte in leiſem Tone: „Still, Du Thor! es ſoll geſchehen!“ Und ſo trat ſie aus dem Zimmer. Auf dem kleinen Gange, der durch ein paar Doppelthü⸗ ren aus dem Krankenzimmer in den Haupttheil des Gebäu⸗ des führte, hlieb ſie plötzlich ſtehen, da ſie nicht phne Be⸗ 563 ſtürzung bemerkte, daß ſie, ohne es zu wiſſen, die Flaſche mit ihrem dunkelfarbigen Inhalte offen und den Blicken aller Beobachter ausgeſetzt in der Hand trug. Ihr Auge über⸗ lief mit raſchem, geſpanntem Blicke den Gang; aber Nie⸗ mand war ſichtbar, und ſie beruhigte ſich wieder. Sogar in dieſem Augenblicke konnte ſie über ihre eigene Achtloſigkeit lächeln, und lächelnd ſchob ſie die Flaſche ein, indem ſie zu ſich ſelber ſagte: „Wie thöricht! ich darf ſolche Anfälle von Zerſtreutheit nicht bei mir aufkommen laſſen, ſonſt werde ich Alles ver⸗ derben.“ Mit gelaſſenem Schritte in ihr Garderobezimmer ſich verfügend, machte ſie ihren Anzug für die kleine Reiſe zu⸗ recht und ſtieg wieder in die Halle hinab, wo die Diener ihre Ankunft erwarteten. Kaum war ſie in den Wagen ge⸗ ſtiegen, als ſie die Augen ſchloß und abermals in tiefe Ge⸗ danken verſank. So blieb ſie faſt eine halbe Stunde, als ob ſie halb im Schlafe läge. „Es wäre vielleicht zuviel, wenn wir den Zuſtand oder den Wechſel ihrer Empfindungen während dieſer langen, peinlichen Gedankenpauſe erforſchen wollten. Daß ein Kampf— ein furchtbarer Kampf— in ihr vor ſich ging, iſt kaum zu bezweifeln; daß ihr zwiſchen Entwurf und Aus⸗ führung Gelegenheit zur Reue, zum Abſtehen von ihrer That gegeben war, wiſſen wir, und es kann wohl kein Zwei⸗ fel ſeyn, daß jene leiſe, ſtile Stimme, welche immer Gottes Stimme iſt, aus des Geiſtes Tiefe zu ihr ſprach und ſie zum Innehalten ermahnte. Aber ſie war eine völlig unlenk⸗ 36* 564 ſame Natur: nichts konnte ſie abhalten, nichts ſie überwäl⸗ tigen, wenn ſie einmal zu einer Handlung entſchloſſen war. Da wirkte keine Ueberredung, keine Vorſtellung; Vernunft, Gewiſſen, ſogar Gewohnheit waren wie Staub auf der Wage, gegen einen ihrer Entſchlüſſe gehalten. Als der Wagen noch mehr als eine Meile von Sir Phi⸗ lipp Haſtings' Hauſe entfernt war, raffte ſie ſich plötzlich auf aus dieſer Anwandlung mürriſcher Zerſtreutheit. Sie ſchaute auf die neben ihr hängende Uhr und betrachtete den Himmel; dann ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Die unverſchämte Zudringlichkeit jenes Weibes war unerträglich. Jedenfalls werde ich eine Stunde früher an⸗ langen, ehe jene vierundzwanzig abgelaufen ſind, und ſie wird ohne Zweifel ihr Wort gehalten und bis zu meiner Wiederkehr nichts geſprochen haben; aber ich fürchte, ich werde ſie aus ihrem Mittagsſchlummer erwacht finden, und das kann die Sache etwas ſchwierig machen.— Schwierig! pah, habe ich ja doch ſchon tauſendmal Taſchenſpielerſtücke geſehen, gegen welche dieſe Probe eine wahre Bagatelle iſt. Meine Handfertigkeit wird mich gewiß nicht im Stiche laſſen.“ Und nun machte ſie ſich daran, um ſich jeden Schritt ih⸗ res Vorhabens genau vorzuzeichnen. Als ſie die Thüre von Sir Philipp Haſtings Hauſe er⸗ reichte, war ſchon Alles klar und deutlich arrangirt. Jede Wolte war von ihrem Geſichte verſchwunden und ihre Selbſt⸗ beherrſchung wieder in vollem Maße zurückgekehrt. Sie war wieder Mrs. Hazleton, die ruhige, würdevolle, anmu⸗ 565⁵ thige Mrs. Hazleton, wie die Welt ſie kannte, und als ſie mit langſamem aber leichtem Schritte aus dem Wagen ſtieg und mit dem Kutſcher davon ſprach, daß unterwegs eine der Federn gekracht und ein Geräuſch gemacht habe, da hätte keiner von Sir Philipp Haſtings' Dienern geglaubt, daß ihr Geiſt mit ernſteren Dingen als etwa den eiteln, fri⸗ volen Gedanken der Alltagsgeſellſchaft beſchäftigt ſey. 1 Sechsundoierzigſtes Kapitel. Mrs. Hazleton glaubte ſich Anfangs vom beſten Glücke begünſtigt, denn eben als ſie durch die Hausthüre in die Halle trat, kam Lady Haſtings' Zofe mit einem Knixe an ihr vorüber. Mrs. Hazleton winkte ſie zu ſich, und ſagte in ihrem ruhigen, unbefangenen Tone: „Eure Lady iſt jetzt vermuthlich wach?“ „ Nein, Madame, ſie ſchläft noch,“ erwiederte das Mäd⸗ chen.„Sie hat heute ihr Mittagsſchläfchen nicht ſo früh wie gewöhnlich begonnen, denn Miß Emily war bei ihr, und Mylady wollte nicht eher einſchlafen, als bis ihre Tochter ſich zu einem Spaziergange aufgemacht hätte.“ Mrs. Hazleton war über den letzten Theil dieſer Nach⸗ richt etwas beunruhigt, denn ſie hatte nicht viel Vertrauen in ihrer Freundin Verſchwiegenheit, und ſie fürchtete, dieſe mochte ihr Verſprechen gebrochen haben. „Wie geht es Miß Emily?“ fragte Mrs. Hazleton in zärtlichem Tone;„ſie ſchien ſehr traurig und gedrückt, als ich ſie geſtern ſah.“ 566 „Sie iſt noch immer dieſelbe, Madame,“ erwiederte das Mädchen.„Sie ſchien nicht ſehr vergnügt, als ſie ausging, und hat heute ſehr oft geweint.“ Das befriedigte Mrs. Hazleton wieder, und ſie pauſirte eine Weile um nachzudenken; aber das Mädchen unterbrach ihr Nachſinnen durch die Worte: „Ich glaube, ich darf Mylady jetzt aufwecken, wenn Ihr gefälligſt herauffkommen wollt, Madame.“ „Ei nein, Liebe, weckt ſie ja nicht!“ erwiederte Mrs. Hazleton.„Ich will ganz ſachte eintreten und bei ihr ſitzen, bis ſie von ſelber erwacht. Es wäre Schade, ſie auch nur einen Augenblick ihres ruhigen Schlummers zu berauben. Ihr braucht nicht zu kommen— Ihr braucht nicht zu kom⸗ men: ich will Euch läuten, wenn Eure Gebieterin erwacht.“ Und ſie ſtieg ſachte die Treppe hinan, obgleich das Mäd⸗ chen einige höfliche Einwendungen dagegen machte, daß ſie bei ihrer ſchlafenden Gebieterin wachen wollte. Die liebevollſte Zärtlichkeit hätte die Thüre des Kranken⸗ zimmers nicht mit größerer Vorſicht öffnen können, als es nunmehr von Mrs. Hazleton geſchah. Es war eine gute, ſolide Thüre, genau paſſend und wohl eingehängt, die ſich geräuſchlos in ihren Angeln drehte. Sie ſchloß ſie mit derſelben Sorgfalt und glitt dann mit ſanftem Schritte an die Seite des Bettes. Lady Haſtings ſchlief ſanft und ruhig, und wie ſie ſo in leichter Anmuth dalag, ſchien ein Schatten ihrer jugend⸗ lichen Schönheit zurückgekehrt, und alle Spuren ſpäterer Aengſte und Sorgen für den Augenblick verbannt zu ſeyn. — 567 Auf dem Nachttiſche ſtand eine Arzneiflaſche mit Glas und Löffel, und Mrs. Hazleton betrachtete die Flaſche eine Weile, ohne ſie zu berühren. Sie ſah, daß ſie die Farbe ſehr ge⸗ nau getroffen hatte; aber die Quantität in dieſer und in der mitgebrachten Flaſche war ziemlich verſchieden. Sie fühlte ſich unſicher und verlegen, und fragte ſich ſelbſt: „Wird der Unterſchied bemerkt werden, wenn die Zeit zum Reichen der Medizin herannaht?“ Ein gewiſſes Zittern überfiel ſie; aber ſie war kühn und antwortete: „Sie werden es nicht gewahren; ſie haben ja keinen Arg⸗ wohn— ſie werden es nicht gewahren.“ Dann zog ſie das Arzneiglas aus ihrer Taſche und hielt es eine Weile in der Hand. Zweifel und Unentſchloſſenheit bemächtigten ſich ihrer: ſie betrachtete die Schlafende mit ge⸗ ſpenſtiſchem Blicke. Das Antlitz war ſo ruhig, ſo ſanft, ſo lieblich in ſeinem Ausdrucke, daß ihr der freundliche Anblick wohl einige Reue erwecken mochte. Ihre innere Stimme ſagte zu wiederholten Malen:„halt ein!“ Mrs. Hazleton ſuchte ſich dagegen zu betäuben oder das Ohr des Gewiſſens mit trügeriſchen Lauten zu erfüllen. „Sie iſt ſterbend,“ ſagte ſie;„ſie wird ſterben— ſie kann ſich nicht erholen, und ich entziehe ihr alſo nur wenige kurze Stunden, um jener fatalen Heirath Einhalt zu thun, welche niemals ſtattfinden darf. Ich werde wahrhaftig eine Thörin— eine ſchwache, unentſchloſſene Thörin!“ Eben da ſie alſo dachte, bewegte ſich Lady Haſtings un⸗ ruhig, wie wenn ſie aus dem Schlafe erwachen wollte. Die⸗ ſer Augenblick war entſcheidend: mit haſtiger Hand und raſch wie der Blitz verwechſelte Mrs. Hazleton die beiden Fla⸗ ſchen und verbarg die eine, die ſie weggenommen hatte. Jetzt geſchah es wohl zum erſtenmale, daß all die ent⸗ ſetzlichen Folgen der That für Zeit und Ewigkeit ihr vor die Seele traten. Die Schuppen fielen ihr von den Augen: es war nicht länger Leidenſchaft, gekränkte Eitelkeit, gereizter Zorn oder getäuſchte Liebe, was die Gegenſtände verzerrte oder ihre Formen verhüllte. Sie ſtand da als Mörderin und war ſich deſſen bewußt; ſie zitterte an allen Gliedern, und unfähig ſich aufrecht zu erhalten, ſank ſie in den neben⸗ ſtehenden Stuhl nieder. Hätte Lady Haſtings fortgeſchlafen, ſo hätte dies Mrs. Hazleton gerettet, denn ihr erſter Impuls war, die ſo eben begangene That wieder zurückzunehmen. Alles wäre unge⸗ ſchehen geblieben, und allen Betheiligten wäre namenloſes Elend erſpart geweſen; allein das Rücken des Stuhles, das Niederſtellen der Flaſche auf den Marmortiſch, das Rauſchen des ſchweren Seidengewandes verſcheuchte den letzten Schlum⸗ mer; Lady Haſtings öffnete ſchläfrig die Augen und ſchaute ſich um— in demſelben Augenblicke, da Mrs. Hazleton eine Welt darum gegeben hätte, um die That zurückzunehmen, war dieſe unwiderruflich geworden. Des Schickſals Schranke war gefallen: die Sache ge⸗ hörte unter die geſchehenen Dinge und war in das Buch Gottes als großes Verbrechen eingezeichnet. Nichts blieb übrig, als ſich wenigſtens deſſen zu verſichern, daß der Zweck, um deſſenwillen es geſchehen war, auch erreicht wurde, und 569 daß die ſchlimmen Folgen wenigſtens für dieſe Welt ihr er⸗ ſpart blieben. Es koſtete ſie einen furchtbaren Kampf, um ihre Selbſtbeherrſchung wieder zu gewinnen— ein Ringen des Geiſtes gegen die wilden, ſtürmiſchen Regungen, die den Körper erſchütterten. Sie war noch tief bewegt, als Lady Haſtings ſie erkannte und zu ſprechen begann; aber ihr Entſchluß war gefaßt, aus der begangenen That wenigſtens den größtmöglichen Nutzen zu ziehen, und den vollen Preis ihres Verbrechens zu ernten. Sie war kein Judas Iſcharioth, der ſich mit den dreißig Silberlingen für das unſchuldige Blut begnügte, und ſich dann in Verzweiflung erhängte: ſie hatte ihre eigene Seele verkauft und wollte ſich auch des Preiſes erfreuen. Aber der Kampf war, wie geſagt, ein furchtbarer und dauerte länger als ſonſt bei ihr der Fall war. „Ei ſieh, meine gütige Freundin, ſeyd Ihr es?“ rief Lady Haſtings.„Seyd Ihr ſchon lange hier? ich hörte Euch nicht eintreten.“ Ihr Ton und ihre Worte waren ſehr liebevoll; alle Zurückhaltung und Kälte des Tages zuvor ſchien verſchwun⸗ den und vergeſſen: aber Ton und Worte waren für Mrs. Hazleton's Gefühle gleich ſchmerzlich. Die härteſten Re⸗ den, das zornigſte Benehmen wären für ſie ein Troſt ge⸗ weſen: ſie hätten ihr wenigſtens einige Kraft, einige Stütze gewährt. 8 Es iſt ſchon peinlich genug, liebliche Muſik hören zu müſſen, wenn wir traurig ſind— ich habe es erlebt, daß ſich das bis zur tiefſten Seelenqual ſteigerte; aber die Klänge 570 der Freundſchaft und Liebe, der Sanftmuth und zaͤrtlicher Güte müſſen für das Ohr des Haſſes und der Bosheit uoch weit furchtbarer ſeyn. „Ich bin erſt einen Augenblick hier,“ erwiederte Mrs. Hazleton düſter und faſt ärgerlich.„Mein Hereinkommen hat Euch vermuthlich aufgeweckt, obwohl ich gewiß weiß, daß ich ſo geräuſchlos wie möglich eintrat.“ „Ei, was iſt Euch denn?“ fragte Lady Haſtings.„Ihr ſeyd ja bleich und erſchüttert, und ſprecht ganz verdrießlich.“ „Euer plötzliches Erwachen hat mich erſchreckt,“ ſagte Mrs. Hazleton.„Ihr ſeht überdies ſo krank aus, meine theure Freundin, daß ich Euch beinahe todt glaubte, bis Ihr Euch endlich bewegtet.“ Es lag Bosheit in dieſen Worten, ſo einfach ſie auch ſchienen, und ſie blieben nicht ohne Wirkung. Bei ihrem nervöſen, hypochondriſchen Zuſtande entſetzte ſich Lady Ha⸗ ſtings vor dem bloſen Namen des Todes, und ihr Herz pochte heftig ſchon bei dem Gedanken, daß man ſie todt geglaubt habe. Es ſchien ihr das anzudeuten, daß ſie ſchwer krank, daß ſie weit ſchlimmer daran ſey, als ihre Freunde ſie glau⸗ ben laſſen wollten, ja daß ſie ihre baldige Auflöſung ahnten. Traurig ſchwieg ſie mehrere Minuten, und ließ ſo Mrs. Hazleton Zeit, um ſich wieder vollkommen zu erholen. Auch war die Kranke etwas piquirt über das kurz angebundene Weſen ihrer Freundin; weder die Rede noch deren Weiſe noch die Sprecherin wollte ihr gefallen, und ſie erwiederte endlich: „Gleichwohl fühle ich mich heute um Vieles beſſer. Ich 571 habe, wie ich glaube, mehrere Stunden gut geſchlafen, und meine liebe Tochter Emily iſt den ganzen Morgen bei mir geweſen. Ich muß ſagen, daß ſie Widerſpruch und Trübſal ſehr ſanftmüthig erträgt.“ Sie wußte, daß Mrs. Hazleton ſolches nicht gerne hören würde, und als Wiedervergeltung legte ſie ſogar einigen Nachdruck auf ihre Worte. Das war kleinlich, aber es war ganz ihrem Charakter entſprechend. „Jetzt entſinne ich mich,“ fuhr ſie fort,„Ihr verſprachet mir zu erzählen, was Ihr in Betreff der Verwandtſchaft Marlow's mit Lord Launceſton entdecken würdet. Ich finde — doch gleichviel— ſagt mir, was Ihr ausfindig gemacht habt.“ Mrs. Hazleton zögerte. Ihr erſter Impuls war, eine Lüge zu ſagen und zu verſichern, Marlow ſey nicht der Erbe des alten Earls; aber ein gewiſſes Etwas in Lady Haſtings' Weſen ließ ſie vermuthen, daß ſie ſicherere Nachricht erhalten haben müſſe, und Mrs. Hazleton entſchloß ſich daher, die Wahrheit zu ſprechen. „Es iſt ganz wahr,“ ſagte ſie.„Mr. Marlow iſt des alten Lords nächſter, männlicher Anverwandter und Erbe ſeines Titels. Ich vermuthe,“ ſetzte ſie mit thöricht lauten⸗ dem Lachen bei,„Ihr habt dies ſchon ſelber entdeckt, meine theure Freundin, und habt Euren Frieden mit Emily be⸗ ſchloſſen, indem Ihr Euren Widerſtand gegen ihre Heirath zurückzoget.“ Es war ihr in jenem Augenblicke ſehr bitter um's Herz⸗ denn ſie vermuthete wirklich, was ſie hier äußerte. Der 572² Gedanke drängte ſich ihr auf, und weckte furchtbare Ver⸗ zweiflung, daß alle ihre Anſtrengungen fruchtlos geweſen, ihre finſteren Intriguen vereitelt, ihre liſtigen Ränke in dem⸗ ſelben Augenblicke vernichtet ſeyn könnten, da das Ver⸗ brechen, wodurch ſie ſich den Erfolg hatte ſichern wollen, ſchon ſoweit vollbracht war, daß es ſich nicht mehr zurück⸗ nehmen ließ. Doch ſah ſie ſich alsbald in dieſem Punkte beruhigt. „O nein, o nein, theure Freundin,“ rief Lady Haſtings. „Ich verſprach Euch ja zu ſchweigen, bis ich Euch wieder geſprochen hätte, und ich habe gegen meinen Mann wie gegen Emily geſchwiegen. Natürlich werde ich jetzt unver⸗ züglich mit ihr ſprechen, und ich geſtehe, es wird mir größere Freude machen als Alles was ich in meinem ganzen Leben that, wenn ich den Widerſtand gegen ihre Heirath, der ſie ſo elend gemacht, zurücknehmen und ihr zu dem Manne ihrer Wahl Glück wünſchen kann. Er iſt nebendem ein guter, vortrefflicher Mann, hat, wie ich höre, die letzten zwei bis drei Wochen Tag und Nacht in unſerem Dienſte ſich bemüht und die furchtbare Verſchwörung aufgeſpürt, durch welche mein Gatte ſeiner Güter und Rechte beraubt wurde. Ich werde Emily, ſobald ſie zurückkommt, mit großer Freude verkünden, daß ich ihn ſchon wegen dieſes ſeines Eifers in unſerer Sache mit Freuden als meinen Schwiegerſohn auf⸗ nehmen würde.“; „Ihr ſolltet lieber bis morgen Früh warten,“ ſagte Mrs. Hazleton in kaltem aber bedeutungsvollem Tone. „O nein, Liebe!“ rief Lady Haſtings ziemlich ärgerlich. 573 „Ich habe lange genug gewartet— vielleicht nur allzulange. Ihr werdet doch ſicherlich nicht haben wollen, daß ich die Angſt und den Kummer meines Kindes unnöthig verlängere? Nein! ich will's ihr ſagen, ſobald ſie zurückkehrt. Sie las mir heute einen Brief von Marlow vor, der mir beweist, daß er keine Zeit verloren hat, um uns zu dienen und uns glücklich zu machen, und ſo will auch ich keine Zeit verlieren, um ihn und mein Kind gleichfalls glücklich zu ſehen.“ „Wie ihr wollt,“ erwiederte Mrs. Hazleton.„Ich meinte nur, in dieſer veränderlichen Welt ereignen ſich von einem Tag auf den andern ſo viele unerwartete Dinge, daß es nicht übel wäre, wenn Ihr Euch die Sache noch etwas überlegtet, um nicht durch ſpäteres Nachdenken Veranlaſ⸗ ſung zu bekommen, Eure Einwilligung zurückzunehmen, gleichwie Ihr jetzt Euren Widerſpruch zurücknehmt.“ „Iſt meine Einwilligung einmal gegeben, ſo wird ſie nicht mehr zurückgezogen werden,“ erklärte Lady Haſtings in entſchiedenem Tone. Mrs. Hazleton ſchaute auf die Arzneiflaſche auf dem Nachttiſche und dann auf ihre Uhr. „Hütet Euch lieber vor jeder Aufregung,“ ſagte ſie,„und ehe Ihr mit Emily redet, nehmet auf alle Fälle eine Doſis von Eurer Medizin, welche Euch Short, wie er mir ſagte, zur Beſänftigung und Beruhigung gegeben hat. Soll ich Euch davon eingeben?“— „Nein, ich danke,“ erwiederte Lady Haſtings— njetzt noch nicht.“ „Iſt es nicht Zeit?“ fragte Mrs. Hazleton, abermals auf ihre Uhr ſchauend.„Der gute Mann ſagte mir, Ihr ſollet ſie recht regelmäßig einnehmen.“ „Aber mir ſagte er,“ erwiederte Lady Haſtings,„daß ich ſie mir durch Niemand als durch Emily reichen laſſen ſolle, und ſie wird gewiß zu rechter Zeit zurückkehren. Wie viel Uhr iſt es?“ „Fünf vorüber,“ erwiederte Mrs. Hazleton, die Stunde etwas vorrückend. „Dann ſind es noch dreiviertel Stunden bis zur feſtge⸗ ſetzten Zeit,“ ſagte Lady Haſtings.„Emily iſt ein wenig ſpa⸗ zieren gegangen. Wir erwarten Marlow heute Abend, und ſo wird ſie gewiß nicht weit fortgehen.“ Mrs. Hazleton verſank in tiefes Nachdenken. Mit dem Vorſchlage, Lady Haſtings ſelbſt von dem Tranke einzuge⸗ ben, war ſie von ihrem urſprünglichen Plane einigermaßen abgewichen. Sie hatte unterwegs beſchloſſen, daß Emily ihrer Mutter den tödtlichen Trank reichen ſolle, und ſie hatte nur aus Furcht, daß Lady Haſtings ihren Widerſpruch ge⸗ gen ihrer Tochter Heirath mit Marlow vor vollbrachter That zurücknehmen möchte, von dieſer Abſicht abzuſchweifen ver⸗ ſucht. Jetzt war es jedoch nicht mehr zu ändern: ſie mußte eben das Reſultat abwarten, und während ſie in jenem Au⸗ genblicke nachſann, kam ihr der unbeſtimmte Gedanke— ſo muß ich ihn wohl nennen, denn es war nicht gerade ein ausdrücklicher Plan, ſondern eher ein Traum— in den Sinn, daß ſie den Verdacht auf Emily ſelber lenken und die Leute glauben machen koͤnnte— wenigſtens argwöhnen, wenn ſie es auch nicht beweiſen konnten— daß die Tochter wiſſentlich 575 ihrer Mutter das Leben genommen. Sie beſann ſich laͤnger als es eigentlich ſchicklich war, und dann ſich plötzlich erin⸗ nernd, ſagte ſie: „Apropos, hat Emily bereits etwas Näheres über ihre befremdenden Anklagen gegen Eure arme Freundin ange⸗ geben? Ich bin in der That neugierig, ſie zu vernehmen: die Sache hat mich zwar, ehrlich geſtanden, nicht wenig amü⸗ ſirt, aber ſie hat mir auch peinliche Gefühle und Zweifel erregt. Ich habe mir zuweilen gedacht, meine theure Freun⸗ din, Eure arme Emily ſey im Kopfe nicht ganz richtig, denn anders kann ich mir ihr Benehmen in dieſem Falle nicht er⸗ klären. Ihr wißt, ihr Großvater Sir John hatte zuwei⸗ len Augenblicke, wo er nicht ganz bei Verſtand war. Ich hörte einmal Euren eigenen guten Vater erklären, Sir John ſey ſo toll wie ein Mondſüchtiger. Sagt mir alſo: hat Emily, ſeit ich Euch ſah, Beweiſe vorgebracht oder auf jene Beſchuldigungen angeſpielt. Ihr ſagtet ja, ſie wolle in we⸗ nigen Stunden Alles erklären.“ „Sie hat noch nicht Alles erklärt; aber ich kann nicht läugnen, daß ſie auf die Beſchuldigungen angeſpielt und ſie alle deutlich wiederholt hat,“ verſetzte Lady Haſtings.„Sie ſagte, der Aufſchub daure länger als ſie erwartet habe; ſo⸗ bald aber Mr. Dirwell käme, ſolle Alles erzählt werden.“ „Dieſe Spannung iſt unangenehm,“ bemerkte Mrs. Hazleton etwas ſpöttiſch.„Ich hoffe, die junge Dame wird mit den Gefühlen ihres Liebhabers nicht ebenſo ihr Spiel treiben, wie ſie es mit denen ihrer Freunde thut, ſonſt müßte ich Mr. Marlow bemitleiden.“ 8 576 Lady Haſtings fühlte ſich dadurch ſehr gereizt. „Ich glaube nicht, daß er Euer Mitleid ſonderlich ver⸗ dient,“ entgegnete ſie,„und überdies ſcheint er mit Emily's Benehmen vollkommen zufrieden, wie auch ich es bin. Ich fühle mich überzeugt, meine theure Madame, daß ſie für das, was ſie ſagt, gute Grüude hat, ohne daß ich jedoch im Geringſten behaupten möchte, daß die Beſchuldigungen wahr ſind. Sie kann ſich ja wohl irren— kann falſch berichtet ſeyn; daß ſie ſie aber im beſten Glauben und in voller Ueberzeugung, ſie vollſtändig beweiſen zu können, vorbringt, das bezweifle ich keinen Augenblick. Hat ſie Unrecht, ſo wird ſich Niemand mehr darüber grämen und zur Sühne bereitwilliger ſeyn als ſie; ob ſte aber Recht hat oder nicht, das muß erſt noch bewieſen werden.“ 4 „Ich verlange nichts weiter, als daß Ihr ſo gütig ſeyd, ſobald Ihr ſelbſt davon benachrichtigt worden, mich unver⸗ züglich alle einzelnen Beſchuldigungen und deren Begrün⸗ dung wiſſen zu laſſen. Daß ſie falſch ſeyn müſſen, weiß ich und werde mich alſo ihrethalben nicht beunruhigen. Ich bedaure nur, daß Ihr durch ſo frivole, abgeſchmackte Geſchich⸗ ten beläſtigt werden mußtet. Nichtsdeſtoweniger muß ich bitten, ſie mich unverzüglich wiſſen zu laſſen.“ „Sir Philipp wird das thun,“ gab Lady Haſtings kalt zur Antwort.„Wenn Emily in ihren Anſichten Recht hat, ſo wird die Sache die Dazwiſchenkunft eines Mannes erfor⸗ dern; ſie iſt dann zu ernſthaft, als daß eine Frau ſich damit befaſſen dürfte.“ 577 „O ganz gut,“ verſetzte Mrs Hazleton mit einer Miene beleidigter Würde.„Guten Morgen, meine theure Lady.“ So verließ ſie das Zimmer. Auf der breiten Treppe blieb ſie zwei bis drei Minuten ſtehen und lehnte ſich in tiefen Gedanken auf das Geländer; als ſie aber in die Halle hinabſtieg, fragte ſie einen dort ſtehenden Diener, ob Miß Emily zurückgekehrt ſey, und als der Mann dies verneinte, erkundigte ſie ſich nach Sir Phi⸗ lipp, da ſie ihn zu ſprechen wünſche. Der Diener ſagte, er ſey in der Bibliothek, und ging voraus, um ſie anzumelden. Sie folgte ſo dicht hinter ihm, daß ſie faſt gleichzeitig mit ihm in's Zimmer trat und Sir Philipp Haſtings, mit dem Haupte auf die Hand geſtützt und ernſt zu Boden ſchauend, am Tiſche ſitzen ſah. Er hatte ein uneröffnetes Buch vor ſich liegen. „Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch ſtoͤre, mein theurer Sir,“ begann Mrs. Hazleton;„ich wollte nur fra⸗ gen, ob Ihr nicht wiſſet, wo Emily iſt. Ich moͤchte gerne mit ihr reden.“ „Ich weiß nichts von ihr,“ erwiederte Sir Haſtings kurz angebunden, und murmelte dann vor ſich hin:„wollte Gott, daß ich mehr wüßte!“ „Ich glaubte im Hereinkommen, ſie auf den Feldern zu ſehen, wie ſie Blumen oder Kräuter ſammelte,“ fuhr Mrs. Hazleton fort.„Sie iſt, glaub' ich, eine Freundin der Bo⸗ tanik.“ „Weiß nicht,“ meinte Sir Philipp, wieder etwas zu ſich kommend.„Bitte, ſetzt Euch, Madame. Ich habe in James. Rache. 37 578 letzter Zeit nicht ſonderlich auf ihre Studien Acht ge⸗ geben.“ „Dank Euch— ich muß gehen,“ erwiederte Mrs. Haz⸗ leton.„Vielleicht begegne ich ihr im Heimfahren. Laßt Euch nicht durch mich ſtören— laßt Euch nicht durch mich ſtören!“ Und ſie verließ ruhig das Zimmer. „Kräuter ſammeln!“ wiederholte Sir Philipp Haſtings. „Was iſt das für eine neue Laune?“ Siebenundvierzigſtes Kapitel.. Emily Haſtings war nicht dreihundert Schritte vom Hauſe entfernt, als Mrs. Hazleton von deſſen Thüre ab⸗ fuhr. Sie war den ganzen Tag über nicht über dreihundert Schritte weit gekommen, hatte keine Kräuter geſammelt und nicht die Felder durchſtreift, ſondern war nur auf ihrer Mut⸗ ter ernſtliche Bitte auf eine halbe Stunde ausgegangen, um friſche Luft zu ſchöpfen, und war durch den Garten zu einer kleinen Terraſſe auf dem Hügel emporgeſtiegen, wo ſie unter dem Schatten einiger hoher Bäume auf und ab wandelte. Sie hatte Mrs. Hazleton ankommen und wieder abfahren ſehen. Die Ausſicht von der Terraſſe war ſchon an ſich ſehr ſchön: das Wohnhaus unten, die wohlgehaltenen Gärten, hier und dort ein Springbrunnen, niedliche Heckenreihen und ſaubere, wohlgeordnete Felder gaben dem Ganzen einen Anſtrich heimiſcher Behaglichkeit und friedlichen Wohlſtan⸗ 579 des, wie außer England nur wenige Gegenden ihn zur Schau tragen. Ich habe gezeigt— oder hätte wenigſtens zeigen ſollen — daß Emily einen ziemlich elaſtiſchen Charakter beſaß, ſo daß der frohe, heitere Anblick der Landſchaft ſie wie gewoͤhn⸗ lich, ſo auch diesmal, aufmunterte. Wer in jenem Augen⸗ blicke neben ihr geſtanden und geſehen hätte, wie ſie dieſe ſchöne Scene überblickte, dem wäre ſie ſelbſt ohne Zweifel als der lieblichſte Gegenſtand des ganzen Panorama's er⸗ ſchienen. Jedes Jahr hatte neue Reize in ihrem Antlitze geweckt und die ſchöne Geſtalt zu frauenhafter Fülle ent⸗ faltet, ohne den Zauber der zarten Jugend zu vermindern. Der Umriß ihrer Glieder war vollendet zu nennen, das Ganze von der ſchönſten Symmetrie, und während ſie ſo auf der Terraſſe auf und ab wandelte, waren alle ihre Bewegungen ſo voll von jener leichten, ſließenden Grazie, wie nur Ju⸗ gend, Geſundheit, feiner Gliederbau und ein reines, hoch⸗ ſinniges Gemüth ſie erzeugen können. War je ein Mangel zu erkennen, ſo war es der, daß ſie heute ziemlich bleich ausſah, denn in der Aufregung der Gefühle und der ge⸗ ſchäftigen Gedanken, die ſie nicht ruhen ließen, hatte ſie die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen. Aber auch dieſe zarte Mattigkeit— dieſe Folge ihres angſtvollen Wachens— war nicht ohne eigenthümlichen Reiz, und der feuchte Glanz ihrer Augen ſchien nur um ſo blendender, wenn ihre Augen⸗ lider mit den langen, aufwärts gekrümmten Franſen darüber herfielen. So ſonderbar dies auch ſcheinen mag, ſo lag heute in 32* 580 dem Ausdrucke ihres Geſichtes eine Miſchung von Trauer und Heiterkeit— vielleicht ſollte ich ſagen, ein Wechſel dieſer beiden Erſcheinungen; nur war der Uebergang von der einen zur andern zu raſch, als daß man ihn unterſcheiden konnte, und der Born der Empfindungen, dem dieſer wechſelnde Ausdruck entſtrömte, war ſehr gemiſchten Inhaltes. Der Anblick des Todes und des Leidens, den ſie erſt neu⸗ lich in der Hütte gehabt, ihres Vaters rauhes und düſteres Benehmen, ihrer Mutter Krankheit, die ungerechte Ungnade des Einen und der unvernünftige Widerſtand der Andern gegen ihre theuerſten Wünſche mußten wohl Angſt und Trauer in ihr hervorrufen. Aber auf der andern Seite hatte Marlow's Brief ſie ſehr getröſtet und erheitert; die Hoffnung, ihn ſo bald zu ſehen, erfreute ſie mehr als ſie ſelber geahnt hatte, und die Ausſicht, daß wenige kurze Stunden alle Zweifel über ihr Benehmen, über ihr Denken und Fühlen aus der Seele ihrer beiden Eltern und beſonders aus der ihres Vaters für immer verſcheuchen mußten— gaben ihr Stärke und beglückendes Vertrauen. Die arme Emily! wie ſah ſie ſo lieblich aus, als ſie ſo dahinwandelte, während der ewige Wechſel des Ausdrucks über ihr Geſicht flatterte und das üppige nußbraune Haar, frei und unbedeckt, in reichen Locken von dem neckiſchen Hauche der Windes bewegt wurde! Als ſie das Haus verließ, war die allgemeine Stimmung ihrer Gefühle traurig geweſen; aber in der freien Luft ſchienen die heitereren Gedanken neue Stärke zu gewinnen und hefteten ſich mehr und mehr und mit freudigerem Im⸗ 581 pulſe auf das Thema von Marlow's Briefe, aus welchem immer neue Gründe des Troſtes für ſie hervorgingen. Er hatte ihr viele Details über ſeine neulichen Schritte erzählt, hatte klar und offen von Mrs. Hazleton's Benehmen geſpro⸗ chen und ihr erklärt, daß er die angeführten Thatſachen be⸗ weiſen könne. Er hatte ihr nicht einmal Geheimhaltung auferlegt, und obwohl ſie Anfangs im Sinne gehabt hatte, ſeine Ankunft abzuwarten und ihn das Ganze ſelber erklären zu laſſen, ſo dachte ſie doch, da es ſchon ſpät am Tag wurde und er noch nicht gekommen war, da ferner das von John Ayliffe ihr auferlegte Gebot des Schweigens vielleicht erſt bis zum kommenden Morgen aufgehoben und ihre Mutter durch dieſe Ungewißheit offenbar ſehr ängſtlich und unruhig wurde— ſie wäre vollkommen berechtigt, wenn ſie Lady Haſtings mehr als ſie ſeither gethan von Marlow's Briefe vorläſe und ihr dadurch zeigte, daß ſie nichts ohne vernünf⸗ tige Urſache vorgebracht habe. Der Anblick von Mrs Hazleton's Ankunft beſtärkte ſie in dieſer Abſicht. Sie wußte, daß dieſe ſchöne Dame ſehr großen Einfluß bei ihrer Mutter beſaß; ſie glaubte, daß dieſer Einfluß von jeher zum Unheil ausgeübt worden, und ſie hielt es für weit beſſer, wenn ſie ihm lieber ein für alle⸗ mal ein Ende machte, als daß ſie ihn auch nur für einen Tag fortdauern ließ. Als ſie den Wagen wieder abfahren ſah, kehrte ſie eilig nach Hauſe zurück, ging auf ihr Stübchen, um Marlow's Brief zu holen, und verfügte ſich dann in ihrer Mutter Zimmer. „Mrs. Hazleton iſt hier geweſen, liebe Emily,“ bemerkte Lady Haſtings, ſobald dieſe ſich ihr näherte.„Sie hat ſich ſehr ſonderbar und widerwärtig benommen; ſie ſcheint nicht die geringſte Rückſicht für mich zu haben, ſondern ſpricht ſogar bei meinem ſchwachen Zuſtande von lauter Dingen, die mich nur ärgern und verdrießen können.“ „Ich hoffe, daß Du ſie nie mehr ſehen wirſt, theuerſte Mutter,“ antwortete Emily.„Die Beweiſe deſſen, was ich Dir über ſie mitgetheilt habe, kann ich zwar noch nicht geben; aber Marlow hat mir keine Verſchwiegenheit aufer⸗ legt, und ich habe Dir hier ſeinen Brief gebracht, um Dir den Theil, wo er von ihr ſpricht, vorzuleſen. Er wird Dir zu vollſter Ueberzeugung beweiſen, daß Mes. Hazleton nie wieder in dieſem Hauſe zugelaſſen werden ſollte.“ „O lies ihn— lies ihn, mein theures Kind,“ bat Lady Haſtings.„Ich bin voller Spannung, um die Thatſachen zu erfahren, denn man weiß in der That nicht, wie man ſich gegen dieſes Weib verhalten ſoll, und ich befinde mich ihr gegenüber in einer ſehr widerwärtigen Stellung.“ Emily ſetzte ſich neben dem Bette nieder und las Wort für Wort Alles, was Marlow über Mrs. Hazleton geſchrie⸗ ben hatte; dazwiſchen waren hier und dort manche freund⸗ liche, reſpektvolle Worte über Lady Haſtings und deren Gat⸗ ten eingeſtreut, welche, wie er wohl wußte, ſeine Braut höchlich erfreuen würden. Seine Angaben lauteten ganz klar und genau, und Lady Haſtings erfuhr auf dieſe Weiſe, wie er aus vielerlei verſchiedenen Quellen den Beweis ge⸗ ſchöpft habe, daß ihre ſcheinbare Freundin mit Wiſſen und Willen jenen John Ayliffe mit den Mitteln ausgeſtattet hatte, um ſeinen trügeriſchen Prozeß gegen Sir Philipp Haſtings durchzuführen, daß ſie bei allen Vorgängen ſeine Rathgeberin und Anſtifterin geweſen und zu manchen ſeiner verbrecheriſcheſten Schritte den Anſtoß gegeben hatte. Die letzte Stelle, welche Emily vorlas, lautete auf⸗ fallend. „Jenem Weibe bis in den dunkeln Abgrund ihres Her⸗ zens zu ſchauen, iſt mehr als ich unternehmen kann, meine theuerſte Emily“ ſo ſagte er;„aber es iſt vollkommen klar, daß ſie ſeit mehreren Jahren durch bitteren, perſönlichen Haß gegen Sir Philipp, gegen Lady Haſtings und Dich ſelbſt zu allen ihren Schritten getrieben wurde. Sie hat ihre Selbſtſucht, für welche ſie bei gewöhnlichen Veranlaſſungen keineswegs unzugänglich iſt, der Befriedigung ihrer Bosheit zum Opfer gebracht und iſt ſogar ſo weit gegangen, daß ſie ſich in eine ziemlich gefährliche Lage verſetzte, nur um Dei⸗ nen trefflichen Vater zu ruiniren und Deine Mutter wie Dich ſelbſt unglücklich zu machen. Welche Beleidigung von dem Einen oder Anderen Deiner Familie begangen wurde, um ſo grauſamen, nnerſchütterlichen Haß zu verdienen— kann ich nicht ſagen: ich weiß nur, daß die Beleidigung un⸗ abſichtlich geweſen ſeyn muß, daß ſie aber um nichts weni⸗ ger bitter gerächt wurde. Vielleicht daß die Aufſchlüſſe, welche unmittelbar nach meiner Rückkehr veranlaßt werden müſſen, uns eine Einſicht in die Urſache verſchaffen; für jetzt kann ich Dir blos das Reſultat mittheilen.“ „Liebſte Emily,“ ſagte Lady Heſtings,„Dein Vater 584 ſollte das unverzüglich erfahren. Er iſt ſeit ſeiner Rückkehr ausnehmend düſter und traurig geweſen, und ich kann mir in der That nicht erklären, was er wohl haben mag. Seine Seels fühlt ſich offenbar niedergedrückt; aber dieſe Nachricht wird ihm Troſt gewähren oder auf alle Fälle ſeinen Gedan⸗ ken eine andere Richtung geben. Es war ganz natürlich, mein theures Mädchen, daß Du ſie Deiner Mutter zuerſt mittheilteſt; aber ich glaube wirklich, daß wir ihn jetzt in unſere Berathung ziehen müſſen.“ „Ich will ſogleich gehen und ihn hierher zu kommen bit⸗ ten,“ erklärte Emily.„Ich glaube, mein theurer Vater hat mich in letzter Zeit nicht recht begriffen; er hat mich durch kalte Blicke und Worte abgeſchreckt, während ich ſo gerne mit ihm geſprochen und alle meine Gedanken vor ihm ausgeſchüttet hätte. Ich werde mit Freuden Alles thun, um ſein Vertrauen wieder zu erlangen, und wenn ich auch weiß, daß ich es in ſehr, ſehr kurzer Zeit wieder beſitzen muß, ſo will ich doch gerne jeden Schritt thun, damit es keinen Augenblick länger mir vorenthalten werde.“ Sie ging ſchon auf die Thüre zu, während ſie dieſe Worte ſprach; allein Lady Haſtings rief ſie unglücklicher⸗ weiſe zurück. „Halt, meine Emily,“ ſagte ſie.„Komm her, mein theures Kind! Ich habe Dir etwas zu ſagen, was Dich tröſten und erheitern, was Dir Kraft geben wird, um jede Barſchheit Deines Vaters mit Faſſung und Geduld zu er⸗ tragen. Er iſt ſchwer geprüft worden und befindet ſich noch in trauriger Verwirrung. Ich wollte Dir ſagen, theure 585⁵ Emily,“ indem ſie ihre Arme um der Tochter Nacken ſchlang, während dieſe ſich über ſie beugte,„daß ich reiflich über Alles nachgedacht habe, was geſtern über Deine Verhei⸗ rathung mit Marlow geſprochen wurde. Ich ſehe, daß Dein Herz daran hängt, und daß Du nur durch eine Ver⸗ bindung mit ihm glücklich werden kannſt. Ich kenne ihn als einen guten, würdigen Mann, und nach Allem, was er zu unſerem Dienſte gethan hat, darf ich mich Deinen Wünſchen nicht länger widerſetzen, wenn ich vielleicht auch anders als Du gewählt hätte, falls die Wahl mir überlaſſen worden wäre. Ich ertheile Dir alſo meine volle, freiwillige Ein⸗ willigung, Emily, und hoffe, Du wirſt ſo glücklich werden, wie Du es verdienſt, mein theures Mädchen. Ich glaube, Du hätteſt eine vornehmere Verbindung treffen können: aber—“ „Aber keine, die mich halb ſo glücklich gemacht hätte,“ erwiederte Emily, ihre Mutter umarmend.„O, theuerſte Mutter, wenn Du wiſſen könnteſt, welche Laſt Du mir vom Herzen nimmſt— Du würdeſt Dich für jedes Opfer der Anſicht, das Du dem Glücke Deines Kindes bringſt, reich belohnt fühlen. Ich kann mir keine peinlichere Lage denken, als ſo in den Widerſtreit zweier Pflichten verſetzt zu ſeyn. Jetzt iſt mein poſitives Verſprechen gegen Marlow und mein Gehorſam gegen Dich ausgeſöhnt, und ich ſage Dir tau⸗ ſend, tauſend Dank, daß Du mich ſo von dieſem furchtbaren Kampfe erlöst haſt.“ Thränen ſtiegen ihr in die Augen, während ſie ſprach, 586 und Lady Haſtings ließ ſie neben ihrem Bette niederſitzen und ſagte: „Laß Dich nicht ſo ſehr aufregen, mein theures Kind. Ich erfuhr erſt neulich,“ fügte ſie bei, da ſie ſich doch eini⸗ germaßen über die Rolle Vorwürfe machte, zu der ſie ſich letzthin hatte beſtimmen laſſen,„ich erfuhr erſt geſtern, wie ſehr Du Marlow liebſt, meine Emily; aber ich habe es ſelbſt erfahren, welche Macht ſolche Gefühle beſitzen und kann wohl damit ſympathiſiren. Ich hätte in der That ohne die Ueberredungskünſte dieſer abſcheulichen Mrs. Hazleton ſchon längſt nachgegeben. Sie ſtand mir immer bei Allem, was ich thun wollte, im Wege, und wollte mich nicht einmal Deine wirklichen Gefühle erkennen laſſen— und dabei behauptete ſie die ganze Zeit, ſie ſey meine Freundin!“ „Ich fürchte, ſie iſt Keinem von uns eine Freundin ge⸗ weſen,“ erwiederte Emily;„gegen mich war ſie immer feindſelig, obwohl ich mir durchaus nicht denken kann, was ich gethan haben ſoll, um ſo hartnäckigen Haß zu verdienen, wie ſie ihn gegen mich zu nähren ſcheint.“ „Weißt Du auch, mein Kind,“ ſagte Lady Haſtings mit bedeutungsvollem Lächeln,„daß ich zuweilen geneigt war zu glauben, ſie ſelbſt habe Marlow heirathen wollen?“ Emily fuhr ganz entſetzt zurück; aber jenes Zartgefühl, jene feine Empfänglichkeit für die Würde der Frauennatur, welche wohl nur ein Frauenherz deutlich begreifen kann, übergoß ihre Wange mit glühender Schamröthe, daß eine Frau ungeliebt lieben und ungeſucht ſuchen könne. Sie empfand jedoch gleichzeitig, daß viel Wahrheit in ihrer 587 Mutter Anſicht liegen mochte, ja daß ſie ſogar wahrſchein⸗ lich war, daß ſie diesmal ſo zu ſagen den Nagel auf den Kopf getroffen und wenigſtens eine der Urſachen zu Mrs. Hazletons ſonderbarem Benehmen entdeckt habe. „Ich hoffe, es iſt nicht ſo, theure Mutter,“ antwortete ſte nichtsdeſtoweniger.„Ich weiß gewiß, daß Marlow nie mit einem Frauenherzen ſpielen würde, und ich kann mir nicht denken, daß Mrs. Hazleton ſo ſich ſelbſt herabwürdigen könnte, um von einem Manne zu träumen, der nie von ihr geträumt hat. Ueberdies iſt ſte ja alt genug, um ſeine Mutter zu ſeyn.“ „Nicht ganz, mein Kind, nicht ganz,“ bemerkte Lady Haſtings.„Sie iſt, glaub' ich, jünger als ich, und obgleich ich alt genug bin, um Deine Mutter zu ſeyn, Emily, ſo würde es doch zu Marlow's Mutter nicht reichen, wenn ich nicht etwa ſchon mit zehn Jahren geheirathet hätte. Ueber⸗ dies iſt ſie ſehr ſchön: ſie weiß das und kann wohl gedacht haben, ſolche Schönheit und ihr großer Reichthum dürfte einen kleinen Unterſchied in den Jahren wohl ausgleichen.“ „Du haſt vielleicht Recht,“ erwiederte Emily gedanken⸗ voll, denn mancher Umſtand kam ihr jetzt in's Gedächtniß⸗ der ihr früher dunkel und räthſelh aft erſchienen war, und über den die von ihrer Mutter angedeutete Urſache ein neues Licht zu verbreiten ſchien.„Wenn aber ich diejenige war, die ſie einzig haßte— warum hat ſie dann meinen Vater und Dich gleichfalls verfolgt?“ „Vielleicht,“ meinte Lady Haſtings, welche diesmal mit einer klarſehenden Klugheit ſprach, die ſie ſonſt ſelten an den 588 Tag legte,„vielleicht weil ſie wußte, daß die furchtbarſten Schläge, die man uns verſetzen kann, immer diejenigen ſind, die unſere Lieben treffen. Ueberdies kann man nicht wiſſen, welche Kränkung Dein Vater ihr angethan haben mag. Er i*ſt ausnehmend aufrichtig und nicht gewöhnt, ſehr zart mit den Leuten umzugehen; Mrs. Hazleton läßt ſich aber nicht: gerne offene Wahrheiten ſagen und wird keinerlei Härte oder Barſchheit mit Geduld ertragen. Ohnehin habe ich gehört, mein Kind, daß es der Wunſch des alten Sir John Haſtings' war, daß Dein Vater Mrs. Hazleton heirathen ſollte, als wir Alle noch jung und frei waren; er zog aber eine Andere vor, die ſeiner vielleicht in jeder Hinſicht weniger würdig iſt.“ „O nein, nein!“ rief Emily in ſtürmiſcher Aufwallung; „viel würdiger— tauſendmal würdiger in jeder Hinſicht— viel gütiger, viel liebevoller, viel ſchöner!“ „Ei, ei, Du Schmeichlerin!“ drohte Lady Haſtings lä⸗ chelnd.„Ich ſah früher allerdings gut genug aus, Emily, und war mehr nach ſeinem Geſchmacke. Doch genug davon: mein Spiegel ſagt mir deutlich, daß ich jetzt mit Mrs. Haz⸗ leton nicht rivaliſiren kann. Aber es wird dunkel, meine Liebe; ich muß Lichter haben.“ „Ich will danach läuten und dann meinen Vater auf⸗ ſuchen,“ erwiederte Emily. Sie läutete und die Zofe erſchien aus dem Vorzimmer⸗ eben als Lady Haſtings äußerte, es ſey Zeit, ihre Medizin zu nehmen. Emily nahm Flaſche und Löffel, goß mit feſter Hand— ganz anders als Mrs. Hazleton eine Stunde früher dieſelbe Flaſche gehalten hatte— die vorgeſchriebene Quan⸗ 589 tität in den Löffel, und nachdem ſie die Doſis in ein Wein⸗ glas geſchüttet, überreichte ſie ſie ihrer Mutter. „Bringt Lichter,“ befahl Lady Haſtings ihrer Zofe; gleich darauf hob ſie das Glas an die Lippen und trank es aus. „Es ſchmeckt ſehr garſtig, Emily,“ ſagte ſie;„ich glaube, es muß durch die Hitze des Zimmers verdorben wor⸗ den ſeyn.“ „Wirklich!“ rief Emily.„Das iſt ſehr auffallend; die letzte Flaſche hielt ſich ganz gut. Mr. Short wird jedoch heute Abend herkommen; dann muß er uns eben eine friſche ſenden.“ Sie ſchwieg eine Weile und ſetzte dann bei:„ſoll ich jetzt meinen Vater holen?“ „Nein,“ erwiederte Lady Haſtings in mattem Tone. „Warte bis das Mädchen mit den Lichtern zurückkommt.“ Sie verſtummte einige Augenblicke und richtete ſich dann plötzlich in ihrem Bette auf, indem ſie mit tiefer Angſt ausrief: „Emily, Emily! mir wird ſehr unwohl! Guter Gott! ich fühle mich ſehr unwohl!“ Emily ſprang zu ihr und ſchlang ihre Arme um ſie; aber gleich darauf ſtieß Lady Haſtings einen furchtbaren Schrei aus, und ihr Haupt ſank auf ihrer Tochter Arm. Emily zog heftig an der Glocke, rannte nach der Thüre und rief laut nach Hülfe, denn ſie ſah nur zu wohl, daß ihre Mutter am Sterben war. Die Zofe, mehrere von den Dienern und Sir Philipp Haſtings ſelbſt ſtürzten in's Zimmer. Lichter wurden ge⸗ 590 bracht und man ſchickte nach Mr. Short; aber noch ehe der Diener das Haus verließ, hatte Lady Haſtings nach weni⸗ gen krampfhaften Seufzern ihren Geiſt aufgegeben. Achtundvierzigſtes Kapitel. Als der Arzt bei Lady Haſtings eintrat, herrſchte tiefe Stille im Zimmer. Ihr Gatte ſtand regungslos wie eine Bildſäule neben dem Bette ſeines Weibes, und betrachtete mit gerunzelter Stirne und ſtarren, gläſernen Augen die Züge derjenigen, die er ſo treu und tief geliebt hatte. Emily lag ohnmächtig am Boden, ihr Haupt von einem der Mäd⸗ chen geſtützt, während ein anderes ſie in's Leben zurückzuru⸗ fen ſuchte. Zwei weitere Diener befanden ſich im Zimmer, verhielten ſich aber wie alle Uebrigen ſchweigſam bei einem ſo grauenvollen Anblick. Die Fenſter waren noch nicht ge⸗ ſchloſſen, und das ſchwache, graue Zwielicht kämpfte in ſei⸗ ner düſteren Färbung mit dem bleichen Scheine der Wachs⸗ kerzen, ſo daß das Antlitz der Geſtorbenen noch todtähnlicher ausſah und ſonderbare Schatten und Streiflichter auf ihren Zügen ſpielten, welche ſogar nach beendigtem Todeskampfe noch immer einen krampfhaften Ausdruck behielten. „Gerechter Himmel! was muß ich hören?“ rief Mr. Short, noch ehe er den ganzen Inhalt der Botſchaft ver⸗ nommen hatte. Sir Philipp Haſtings gab keine Antwort: er ſchien den Doktor nicht einmal zu hören. Dieſer trat an das Sterbe⸗ 591 bette und ſchaute Lady Haſtings eine Weile in's Geſicht. Er faßte nach ihrer Hand— ſie war noch warm; als er aber ſeinen Finger an ihren Puls legte, war kein Pochen deſſelben zu verſpüren. Auch das Herz ſtand völlig ſtill; kein Zucken deſſelben deutete auf einen zögernden Lebensfun⸗ ken. Der Odem war dahin, und der kleine Spiegel, den der Arzt vom Waſchtiſche nahm und ihr an die Lippen hielt, blieb ganz ohne Hauch. Traurig ſchüttelte er den Kopf, ſetzte aber ſeine Verſuche fort. Er nahm ein Fläſchchen mit Eſſenzen aus ſeiner Taſche und hielt es ihr an die Naſe; er öffnete ihr eine Ader, und es floſſen auch einige Blutstropfen, ſtockten aber alsbald wieder. Er machte noch mehrere andere Verſuche, um nicht den geringſten Zweifel übrig zu laſſen, daß der Tod ſich der Armen gänzlich bemächtigt habe. Endlich ſtellte er ſeine Bemühungen ein mit den Worten: „Es iſt umſonſt! Wie iſt es nur zugegangen? Das iſt ja merkwürdig! Geſtern war noch keine Spur eines ſolchen Ereigniſſes zu bemerken: ſie war im Gegentheile ent⸗ ſchieden beſſer.“ „Das war ſie auch heute Morgen, Sir,“ erklärte Lady Haſtings' Zofe. Auch ſchlief ſie ganz gut, Sir, bis Mrs. Hazleton ankam.“ Sir Philipp Haſtings blieb vollkommen ſtumm; bei Mrs. Hazleton's Namen fuhr aber Mr. Short auf und fragte das Mädchen, wann jene Dame ihre Gebieterin ver⸗ laſſen habe. „Kaum eine halbe Stunde vor ihrem Tode, Sir,“ er⸗ wiederte das Mädchen;„auch noch eine Weile, nachdem ſie fort war, ſchien Mylady ganz wohl und plauderte heiter mit Mrs. Emily.“ „Waret Ihr bei ihr, als ſie ſo plötzlich vom Tode er⸗ faßt wurde?“ fragte der Arzt. 4 „Nein, Sir,“ erwiederte die Zofe;„außer Miß Emily war Niemand bei ihr. Mylady hatte mich fortgeſchickt, um Lichter zu holen; aber eben als ich die Treppe heraufkam, hörte ich meine junge Lady heftig die Glocke ziehen und nach Hülfe ſchreien. Zwei Minuten ſpäter trat ich ein, und My⸗ lady war todt.“ „Ich moͤchte gerne die erſten Symptome erfahren,“ ſagte Mr. Short,„und dieſe theure, junge Dame bedarf ſelber der Pflege. Wenn ich ſie recht kenne, ſo wird dieſer Schlag ſie beinahe tödten.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich Emily. Als er durch's Zimmer ging, fiel ſein Auge auf die Arzneiflaſche, die er nebſt Löffel und Weinglas, welche bei'm Eingeben der Arznei gebraucht worden waren, auf dem Nachttiſche ſtehen ſah. Das Ausſehen der Flaſche ſchien ihn plötzlich zu frappiren; er griff raſch nach ihr und hielt ſie an's Licht. „Guter Gott!“ rief er,„guter Gott!“ Sein Geſicht wurde todtenbleich, und ein Zittern beſiel ſeine Glieder. Es dauerte mehrere Minuten, ehe er ein weiteres Wort ſprach. Er legte die Hand an die Stirne und ſchien tief und ängſtlich nachzudenken. Dann unterſuchte er die Flaſche abermals, zog den Pfropf heraus, hielt ſie an die Naſe, verſuchte einen Tropfen, den er auf ſeine Fingerſpitze gegoſ⸗ ſen hatte und ſchüttelte traurig und feierlich den Kopf. Aller Augen waren jetzt auf ihn gerichtet, nur das Mäd⸗ chen, das Emily's Haupt ſtützte, nahm keinen Antheil an der Scene. Es lag etwas ſo Ungewöhnliches, ſo Auffal⸗ lendes in ſeinem Weſen, daß ſogar Sir Philipp Haſtings' Aufmerkſamkeit auf ihn gezogen wurde; er betrachtete den Doktor eine Weile mit düſterem Blicke, wie in träumeriſcher Verwunderung über das, was er that. Endlich ſprach Mr. Short von Neuem. „Kann mir irgend Jemand ſagen,“ fragte er,„wann Lady Haſtings eine Doſis von dieſem Stoffe genommen hat?“ Niemand bemerkte den unehrerbietigen Namen, den er dem Inhalte der Flaſche gegeben hatte, denn Alle, die ihm zuhörten, hätten die Sache wahrſcheinlich ebenſo genannt, auch wenn es ein Mithridatpulver geweſen wäre. „Nur wenige Minuten ehe ſie ſtarb, Sir,“ gab die Zofe der Verſtorbenen ſogleich zur Antwort.„Ich ſah mit ei⸗ genen Augen, wie ſie es einnahm.“ „Wer hat's ihr gegeben?“ erkundigte ſich der Doktor in ſtrengem Tone. „Meine junge Lady, Sir,“ verſetzte das Mädchen,„eben als ich die Lichter holte; ich bin überzeugt, ſie hat ihr keinen Tropfen zu viel gegeben, denn ſie maß es ſorgfältig mit dem Löffel, ehe ſie es in das Glas ſchüttete.“ Mr. Short verſtummte abermals, und jetzt ſprach Six Jamez. Rache. 38 Philipp Haſtings zum erſtenmale und nicht ohne große An⸗ ſtrengung. „Was iſt Euch, Sir?“ fragte er in düſterem Tone. „Ihr ſcheint ja ganz verwirrt und wie vom Donner gerührt. Was hat es gegeben, das Eure Augen von Dieſer abwen⸗ dete?“ indem er auf das Bett ſeiner todten Gattin deutete. „Ich fühle mich verpflichtet zu erklären, Sir Philipp,“ verſetzte Mr. Short,„daß die Doſis, welche Lady Haſtings aus dieſer Flaſche erhielt, wie ich glaube, die Urſache ihres Todes war— mit einem Wort; ich glaube, daß es Gift iſt.“ Sir Philipp Haſtings ſchaute ihm in's Geſicht mit ei⸗ nem wilden Blicke des Entſetzens. Seine Zähne klapperten gegen einander, ſeine ganze Geſtalt zitterte in furchtbarem Schauder; aber er ſprach kein Wort, und es war die Zofe, welche in ſchrillem Tone ausrief: „O wie entſetzlich! Wie konntet Ihr Mylady ſolchen Stoff ſchicken?“ „Ich habe ihn nicht geſchickt!“ erklärte Mr. Short hef⸗ tig.„Wenn Ihr Augen hättet, ſo würdet Ihr ſehen, daß dieſer hier nicht dieſelbe Farbe noch denſelben Geſchmack hat, wie die Arznei, welche ich ſchickte. Sie iſt in jeder Hinſicht anders, und wenn es noch eines weiteren Beweiſes bedürfte, daß Das, was ich Lady Haſtings ſchickte, unſchädlich war, ſo brauchte ich blos anzuführen, daß die letzte Flaſche Euch geſtern ganz voll übergeben wurde, daß Lady Haſtings zwi⸗ ſchen damals und jetzt vier bis fünf Doſen jener Arznei ein⸗ genommen haben ſollte, und“— „O ja,“ rief das Mädchen, ihn unterbrechend,„ſie nahm 595 ſie ganz regelmäßig. Ich ſelbſt ſah Miß Emily ihr dreimal davon eingeben.“ „Nun, haben jene Doſen ihr geſchadet?“ fragte Mr. Short ſpitzig. 5 „Ich kann nicht ſagen, daß ſie geſchadet haben,“ erklärte die Zofe;„ſie ſchien im Gegentheil nach jeder derſelben et⸗ was beſſer zu werden.“ „Das beweist zur Genüge, daß dieſe Arznei nicht die⸗ ſelbe iſt,“ verſetzte Mr. Short.„Ohnehin iſt die Flaſche nicht aus meiner Apotheke. Ich wähle immer vollkommen reines und weißes Glas, um alsbald ſehen zu können, ob die Medizin verdorben iſt oder nicht. Dieſe hier iſt grün gefärbt und muß von irgend einem gemeinen Materialiſten herrühren. Ihr Inhalt muß ſtreng analyſirt werden.“ Indem er noch ſprach, ging Sir Philipp Haſtings auf ihn zu, packte ihn an der Hand und drückte ſie heftig, indem er in hohlem, heiſerem Tone und auf die Flaſche deutend ſagte: „Was iſt Eure Meinung? was ſoll das Alles bedeuten? — Was iſt das?“ „Gift, Sir Philipp!“ erklärte Mr. Short, durch die Gefühle des Augenblicks aus ſeiner gewohnten Klugheit herausgeriſſen.„Gift! und ich fürchte gar ſehr, daß es Eurer guten Frau abſichtlich gereicht wurde.“ „Kräuter ſammelnd!— Kräuter ſammelnd!“ kreiſchte Sir Philipp Haſtings, wie ein Wahnſinniger ſein Haar ausraufend, und ſtürzte aus dem Zimmer, um ſich in ſeine Bibliothel einzuſchließen. 38* Niemand konnte ſagen, worauf ſeine Worte anſpielten; auch mühten ſie ſich nicht ſehr, dies zu entdecken, denn Alle ſchloßen auf den erſten Blick, daß die Erſchütterung durch den plötzlichen Tod ſeines Weibes und die Entdeckung ſeiner furchtbaren Urſache ihn wahnſinnig gemacht habe. „O lauft doch Eurem Gebieter nach, Sir!“ rief das Mädchen einem der Diener zu.„Er iſt in die Bibliothek gegangen; ich hörte ihn die Thüre zuſchlagen.“ „Hat ei dort Waffen bei der Hand?“ fragte Mr. Short. „In der Halle hatte er ſonſt Piſtolen im Zimmer.“ „Nein, Sir, nein,“ rief eine von den Kammerjungfern; „ſie ſind nicht dort— ſie hängen in ſeinem Ankleidezimmer dort drüben.“ „Wohlan, ſo will ich ihn für jetzt allein laſſen,“ ſagte der Doktor.„Hier liegt Eine, welche unmittelbarerer Pflege bedarf. Die arme junge Lady! wenn ſie in ihrem jetzigen bekümmerten Zuſtande entdeckte, wie ihre Mutter ſtarb, und wie ihre eigene Hand dazu verwendet wurde, um eine ſolche Kataſtrophe zu veranlaſſen, ſo würde es entweder ihr Leben oder ihren Verſtand zerſtören.“ „Aber wer kann's wohl gethan haben, Sir?“ fragte Lady Haſtings Zofe. „Kümmert Euch für jetzt nicht darum,“ ermahnte Mr. Short.„Ich habe meinen Verdacht; aber bis jetzt iſt es nichts weiter als Verdacht. Bleibt Ihr bei mir, während die anderen Dienerinnen Eure arme junge Lady auf ihr Zimmer tragen. Ich will ſogleich hinüber kommen und ihr einen heilſamen Trank eingeben. Eine von Euch muß mir 597 ſobald wie möglich einen Diener herauf ſenden— ein Reit⸗ knecht wäre am beſten.“ 4 Seine Befehle wurden raſch befolgt, denn er ſprach in entſchiedenem, gebietendem Tone, welchen die furchtbaren Umſtände des Augenblicks ihn annehmen ließen, obwohl er ſonſt ein Mann von ſanftem, mildem Charakter war. Sobald man die arme Emily auf ihr eigenes Zimmer geſchafft hatte, wendete ſich Mr. Short abermals an die Zofe mit der Frage:. „Wie lange war Mrs. Hazleton fort, als Cure Gebie⸗ terin von dieſen tödtlichen Krämpfen ergriffen wurde?“ „Etwa eine halbe Stunde,“ erklärte das Mädchen; „länger kann es nicht geweſen ſeyn. Mrs. Hazleton kam, während Mylady ſchlief, und ging allein zu ihr, indem ſie ſagte, ſie wolle ſie nicht ſtören.“ „Ha!“ rief der Doktor.„War ſie längere Zeit allein bei ihr?“ „Sie war allein, ſo lange ſie bei ihr war, Sir,“ erwie⸗ derte das Mädchen,„denn ich mochte nicht hineingehen, und Miß Emily ſpazierte auf der Terraſſe oben auf dem Hügel.“ „Dann könnt ihr vermuthlich nicht angeben, wie lange Mrs. Hazleton allein bei Eurer Lady war, ehe dieſe er⸗ wachte?“ „O ja, ich kann es ſo ziemlich, Sir,“ gab das Mädchen zur Antwort.„Mrs. Hazleton ſagte mir zwar, ich brauche nicht mit ihr heraufzukommen, ſie wolle läuten, wenn My⸗ lady erwache; aber ich folgte ihr doch in das Vorzimmer und ſaß dort, ſo lange ſie bei ihr war. Etwa fünf Minuten— 8 598 es mochten auch zehn ſeyn— war Alles mäuschenſtill; dann aber hörte ich Mylady und Mrs, Hazletonzuſammen ſprechen.“ „Vorher habt Ihr ſonſt nichts gehört?“ forſchte der Doktor. „Nichts als das Raſcheln von Mrs. Hazleton's Gewand, während ſie ſich ein⸗ bis zweimal bewegte,“ ſagte das Mäd⸗ chen:„das kann ich natürlich nicht ganz genau wiſſen.“ „Habt Ihr nicht zufällig durch das Schlüſſelloch geguckt?“ examinirte Mr. Short. „Nein, das that ich nicht!“ verſicherte das Mädchen, ihr Haupt in die Höhe werfend.„So etwas habe ich in meinem Leben noch nie gethan.“ „Nun, nun, gebt mir ein Blatt Papier und Feder und Dinte,“ fuhr der Doktor fort.—„So, Ihr habt's ſchon hier?“ Aber noch ehe er ſich zum Schreiben niederſetzen konnte, ſchlich ein Reitknecht durch die halboffene Thüre und erhielt von dem Doktor den Befehl, augenblicklich ein Pferd zu ſatteln und dann zurückzukehren. Dann ſetzte ſich Mr. Short nieder und ſchrieb wie folgt; „Mr. Atkinſon! „Da Ihr Oberkonſtable von Hartwell ſeyd, ſo ſchreibe ich Euch als Friedensrichter der Grafſchaft—— und be⸗ fehle Euch hiemit, dem Wagen der ehrenwerthen Mrs. Haz⸗ leton unverzüglich zu folgen, dieſe Dame zu arretiren und in Eurem ſicheren Gewahrſam zu halten, wobei Ihr Sorge tragen müßt, daß ihre Perſon durch ein geeignetes Indivi⸗ 599 duum ſogleich durchſucht und alle Flaſchen, Gläſer, Pulver oder andere Gegenſtände, welche Spezereien oder Arzneimitteln ähnlich ſehen oder ſolche enthalten haben können— ſorg⸗ fältig aufbewahrt und deren Identität bezeichnet werde. Ich habe nicht Zeit noch Mittel, um einen regelmäßigen Ver⸗ haftsbefehl aufzuſetzen; aber ich ermächtige Euch zu Allem und bin für Alles verantwortlich, was Ihr beſchließen mö⸗ get, um Mrs. Hazleton Mittel und Gelegenheit zu beneh⸗ men, um das, was ſie etwa aus dieſem Hauſe mitnahm, wo Lady Haſtings ſo eben an Gift geſtorben iſt— zu verbergen oder wegzuſchaffen. Nehmt lieber das friſche Pferd des Ue⸗ berbringers und verliert keinen Augenblick, um den Wagen einzuholen.“ Eben als der Reitknecht eintrat, ſetzte er ſeinen Namen darunter; ehe er aber dem Manne das Papier gab, fügte er folgendes Poſtſcript bei: „Laßt auch den Wagen ſorgfältig durchſuchen und treffet alle vorläufigen Nachforſchungen, die Ihr vor meiner An⸗ kunft für paſſend haltet. Die Winke, die ich Euch oben gegeben, werden zu Eurem Verhalten genügen.“ „Tragt dieſes Papier ſogleich zu Jenny Beſts Hütte,“ ſagte Mr. Short zu dem Reitknecht.„Erkundigt Euch, ob Mr. Atkinſon dort iſt; übergebt ihm in dieſem Falle das Schreiben und überlaßt ihm Euer Pferd, wenn er es ver⸗ langt. Solltet Ihr ihn nicht dort ſinden, ſo ſucht ihn A4. 600 entweder in Mr. Dirwell's Hauſe oder auf dem nebenliegen⸗ den Pachthofe. Iſt er an keinem dieſer Orte zu finden, ſo folgt ihm in aller Eile nach ſeinem Hauſe in der Nähe von Hartwell. Verſteht Ihr mich?“ „O ganz gut, Sir,“ erklärte der Diener, der ein ge⸗ ſcheidter, pfiffiger Burſche war, und verließ ohne weitere Er⸗ klärung das Zimmer. Als er jedoch in die Halle hinab kam, meinte er, er dürfte ebenſo gut etwas mehr von ſeinem Auftrage erfah⸗ ren, und durchlas das empfangene Schreiben mit dem Lakai und dem Tafeldecker. Eine kurze Berathung folgte zwiſchen dieſen, und die Andeutung, die ſie jenem Schreiben entnah⸗ men, verurſachte keinen kleinen Zorn und Schrecken, denn Lady Haſtings war bei ihren Dienern ſehr beliebt geweſen, während Mrs. Hazleton von allen ihr Untergeordneten nur wenig reſpektirt wurde. „Macht Euch nur ſo ſchnell wie möglich auf den Weg, John,“ ſagte der Lakai.„Ich will ein Pferd ſatteln und Euch ſo raſch wie möglich mit Harry nachfolgen, denn dieſe vornehme Dame hat drei Diener bei ſich und wird ſich wohl nicht ſo leicht arretiren laſſen.“ „Ja, kommt mit— kommt nur mit!“ rief der Reit⸗ knecht;„dann wollen wir ſie ſchon niederrennen.“ Mit dieſen Worten eilte er von dannen und ſtieg zu Pferde. Mr. Short hatte ſich unterdeſſen in das Zimmer der ar⸗ men Emily Haſtings verfügt, die ſich von ihrer Ohnmacht erholt hatte und im bitterſten Kummer ſchluchzte und weinte. 601 „Ach, Mr. Short,“ rief ſie,„das iſt ja entſetzlich! Kann denn an der Medizin etwas Unrechtes geweſen ſeyn? Meiner armen Mutter wurde übel, ſobald ſie dieſelbe be⸗ kam, und doch hatte ſie heute ſchon dreimal dieſelbe Portion eingenommen; ſie ſagte aber das letztemal, ſie ſchmecke ſonder⸗ bar und unangenehm. Sie konnte doch nach ſo kurzer Zeit nicht wohl durch das Aufbewahren verdorben ſeyn, und wäre dem auch ſo geweſen, ſo hätte ſie doch die Arme nicht tödten können. Bitte, unterſucht es doch!“ „Das will ich, das will ich, meine Theure„“ verſicherte Mr. Short in freundlichem Tone;„ich glaube nicht, daß die Medizin, die ich ſchickte, verderben konnte, und wenn ſie auch verdarb, ſo konnte ſie keine ſchlimme Wirkung haben. Be⸗ ruhigt Euch jetzt, liebſte Miß Emily; ich will Euch einen Trank geben, der Eure Nerven beruhigt und Euch beſſer in Stand ſetzt, dieſe ſchrecklichen Scenen zu ertragen.“ Er pflegte immer einen Vorrath von Arzneimitteln in ſeiner Taſche mitzuführen und reichte ihr erſt ein Reizmittel und dann einen ziemlich ſtarken Schlaftrank. Er blieb etwa zehn Minuten neben Emily's Bette ſitzen, während ihre ei⸗ gene Kammerjungfer an deſſen Fuße ſtand; das arme Mäd⸗ chen erkundigte ſich während dieſer Zeit ein- bis zweimal ängſtlich nach ihrem Vater und äußerte ein lebhaftes Ver⸗ langen, zu ihm zu gehen. Allmälig begannen jedoch ihre Augenlider ſchwer zu werden, ihre Worte wurden unzuſam⸗ menhängend, und ſie verſank endlich in tiefen Schlummer. „Sie wird vor den nächſten ſechs bis acht Stunden nicht erwachen,“ ſagte Mr. Short zu der Zofe;„wenn ſie erwacht, 60² ſo wäre es beſſer, wenn Ihr bei ihr wäret, mein gutes Mä chen. Wenn Ihr alſo wollt, ſo geht lieber jetzt, um Euch eine Weile auszuruhen, laßt Euch aber nach fünf Stunden wecken.“ „Wenn Ihr ganz ſicher ſeyd, daß ſie fortſchlafen wird, Sir, dann will ich mich niederlegen,“ ſagte das Maͤdchen, „denn ich fühle wohl, der Kummer ermüdet Einen mehr als die Arbeit.“ „Sie wird vor ſechs Stunden nicht aufwachen,“ er⸗ klärte Mr. Short.„Ich will jetzt gehen und nach Sir Philipp ſehen.“ Hiemit ſtieg er die Treppe hinab und klopfte an die Thüre des Bibliothekzimmers in der Meinung, er werde ſie wahrſcheinlich verſchloſſen finden. Sir Philipp Haſtings' ſtrenge Stimme rief jedoch in wunderbar ruhigem Tone „Herein“, und als der Doktor eintrat, fand er Sir Philipp am Leſetiſche vor einem griechiſchen Buche ſitzen, deſſen In⸗ halt Mr. Short durchaus nicht errathen konnte. Neunundvierzigſtes Kapitel. Ich muß jetzt dem Reitknechte auf ſeinem Wege folgen. Er eilte zuerſt zu der Hütte der guten Jenny Beſt, wo er erfuhr, daß Mr. Atkinſon kaum vor fünf Minuten fortge⸗ gangen ſey; dann ſprengte er nach dem benachbarten Pacht⸗ hofe, wo er den Geſuchten noch zu Pferde ſitzend und mit dem Pächter unter der Thüre ſich unterredend antraf, 603 „Hier, Mr. Atkinſon,“ rief der Reitknecht ſchon von Weitem,„hier iſt ein Billet von Mr. Short, dem Chirurgen, eine Art Verhaftsbefehl, wie ich glaube, denn Ihr wißt, er iſt nicht nur Wundarzt, ſondern auch Friedensrichter. Lest es geſchwind, Mr. Atkinſon, denn wir haben nicht viel Zeit zu verlieren, und wenn jenes Weib nicht eingefangen wird, ſo wollte ich mich, glaube ich, lieber ſelbſt aufhängen.“ „Bringt ſchnell ein Licht herbei, Pächter,“ gebot Mr. Atkinſon.„Was hat das Alles zu bedeuten, John?“ „Ei, Madame Hazleton hat meine Lady vergiftet, und ſie iſt jetzt maustodt— das iſt Alles und ſchlimm genug iſt es,“ erwiederte der Reitknecht.„Meiner Treu! ich dachte mir immer, ſie werde noch ein Unheil anrichten— ſie war immer ſo hart gegen ihre Pferde.“ „Gerechter Himmel!“ rief Mr. Atkinſon.„Ihr wollt doch nicht ſagen, ſie habe Lady Haſtings wirklich vergiftet?“ Mr. Short glaubt es und Jedermann iſt dieſer Mei⸗ nung,“ antwortete der Reitknecht. Mr. Atkinſon hätte vielleicht verſucht, die in dem Worte „Jedermann begriffene Zahl auf ihr wahres Verhältniß zu⸗ rückzuführen; aber noch ehe er dies thun konnte, kehrte der Pächter mit einem Lichte zurück, das er mit ſeinem Hut vor dem Winde ſchützte, und der gute Oberkonſtable von Hart⸗ well neigte ſich über ſeinen Sattel, um Mr. Short's kurzes Billet in aller Eile zu leſen. „Was gibt es— was gibt es?“ ſchrie der Pächter, und groß war ſein Erſtaunen und ſeine Beſtürzung, als er er⸗ 604 fuhr, daß Lady Haſtings todt ſey, und daß ſtarker Verdacht exiſtire, als ob Mrs. Hazleton ſie vergiftet habe. Der engliſche Landmann hat eine ſtarke eigenſinnige Liebe zur Gerechtigkeit in ſich, die ſich bei jeder Aufregung zu großer Thatkraft ſteigert, und ſo hörte man den Pächter alsbald nach ſeinem Pferde rufen. „Beim Blitz! ich will mit Euch reiten, Atkinſon,“ ſagte er.„Dieſe vornehme Dame hat ſo viele Diener, daß ſie vielleicht für gut findet, dem Geſetze Trotz zu bieten; aber ſie muß belehrt werden, daß vornehme Leute ebenſowenig wie wir Geringeren andere Menſchen vergiften dürfen. Geht nur voraus— geht nur voraus; ich werde Euch viel⸗ leicht einholen— wo nicht, ſo werde ich ſicherlich noch recht⸗ zeitig eintreffen.“ „Auch ich will mitgehen,“ verſicherte der Reitknecht, „und zwei Andere kommen hinter mir; wenn alſo ihre derben Lümmel durchaus fechten wollen, ſo werden wir ihnen tüchtig die Jacken ausklopfen.“ Fort ging es ſo raſch ſte nur konnten, und Mr. Atkinſon war, ehrlich geſtanden, recht froh, daß er einen Beiſtand bei ſich hatte, denn Mrs. Hazleton hatte, ohne jemals eine Hand⸗ lung zu begehen, welche(ſo viel ihre Nachbarn wußten) ver⸗ brecheriſch, unrecht oder unbillig genannt werden konnte, gleichwohl allen ihren Bekannten den Eindruck gemacht, daß ihr Charakter äußerſt kühner und gewiſſenloſer Art war. Die Welt im Allgemeinen empfängt ihre Eindrücke über unſere Charaktere— ſeyen ſie nun gut oder ſchlimm— durch große und gewichtige Handlungen, und dieſe Eindrücke ſind gar oft 605 falſch; der kleine Kreis, der uns umgibt, pflegt ſich jedoch aus kleinen und oft wiederholten Zügen ein langſameres aber ſichereres Urtheil zu bilpen. Mr. Atkinſon und der Reitknecht eilten, ſo ſchnell ihre Pferde ſie zu tragen vermochten. So oft ein Raſen neben der Straße herlief, ſchlugen ſie einen Galopp an, und bei der Langſamkeit, mit der ſich die Wägen damaliger Zeit be⸗ wegten, durften ſie überzeugt ſeyn, daß ſie ſich dem Gegen⸗ ſtande ihrer Verfolgung in raſchem Fortſchritte näherten. Bei ihrem Aufbruche war es ganz dunkel geweſen; nach etwa zwanzig Minuten, während welcher Zeit ſie etwas mehr als vier Meilen zurückgelegt hatten, begann die Scheibe des Mondes über dem Horizonte aufzutauchen, und bei ſeinem Lichte konnten ſie die Straße vor ihnen faſt auf eine ganze Meile überſchauen. Aber noch war kein Wagen zu erblicken und der Reitknecht rief: „Hol's der Henker, Mr. Atkinſon! wir müſſen drauf losreiten, ſonſt kommt ſie nach Haus, ehe wir ſie einfangen.“ Es iſt unmoͤglich, hinter einem Gegenſtande herzurennen, ohne daß man von der Hitze des Jagdhundes ergriffen wird, und es iſt nicht zu läugnen, daß Mr. Atkinſon ebenſo wie der Neitknecht von ungeſtümer Jagdluſt ergriffen wurde. Er ſprach zwar kein Wort; aber ſeine Sporen bohrten ſich tief in ſeines Pferdes Flanken, und ſo flogen ſie in raſcherem Schritte als jemals den gegenüberliegenden Hügel hinan. Von ſeiner Spitze führte eine ſehr beträchtliche Steige in die Tiefe des Thales hinab, worin Hartwell lag; aber der Mond war noch nicht hoch genug aufgegangen, um mehr 606 als die Hälfte der Landſchaft zu erleuchten, und über den tiefer gelegenen Gründen ſchien ſich ſogar doppelte Finſter⸗ niß vor den Augen der beiden Reiter geſammelt zu haben. Mr. Atkinſon glaubte, weiter unten einen großen Gegen⸗ ſtand gegen Hartwell hin ſich bewegen zu ſehen. Doch erſt als er den Hügel eine Strecke hinabkam, vermochte er ſich davon zu überzeugen, denn jetzt wurde Mrs. Hazleton's Wagen, während er eben im Mondlichte eine kleine Stei⸗ gung erkletterte, dem Auge deutlich ſichtbar. Der Reitknecht riß ſeinen Hut vom Kopfe und ſchwenkte ihn mit lautem Halloh, ohne jedoch ſo wenig wie ſein Begleiter in ihrem raſchen Laufe innezuhalten; vielmehr donnerten ſie die Steige hinab unter der augenſcheinlichen Gefahr, ihren eigenen Hals zu brechen oder ihren Pferden die Kniee aufzuſchürfen. Der Wagen bewegte ſich langſam, die Verfolger aber ſehr raſch, und nach etwa vier Minuten hatten ſie die beiden berittenen Diener überholt, die hinter dem Fuhrwerke her⸗ ritten, wie es in jenen Zeiten üblich war. Räubereien auf der Heerſtraße waren damals keines⸗ wegs ſelten, ſo daß man die Wagen in der Regel von be⸗ waffneten Dienern begleiten ließ, und Mrs. Hazletons Reit⸗ knechte legten alsbald die Hand an ihre Piſtolenholfter, als dieſe beiden Reiter in ſo wüthender Eile an ihnen vorüber⸗ ſprengten. Mr. Atkinſon war jedoch nicht der Mann, der ſich ſo leicht von einem Unternehmen abſchrecken ließ, und ſein Pferd raſch vor dem Wagen umwendend, ſobald er den Kutſcher etwas überholt hatte, rief er: 607 „In des Koͤnigs Namen befehle ich Euch, anzuhalten! Ich bin James Alkinſon, Oberkonſtable von Hartwell. Ihr fennt mich, Sir, und ich befehle Euch in des Königs Namen, anzuhalten.“ „Ei, Meiſter Atkinſon, was hat das Alles zu bedeuten?“ ſchrie der Kutſcher.„Es iſt hier Niemand als Mrs. Haz⸗ leton— kennt Ihr den Wagen nicht?“ „O ja, ganz gut,“ verſetzte Mr. Atkinſon.„Hört, was ich ſage, und wenn Ihr mir nicht gehorcht, ſo geſchieht es auf Eure Gefahr.— John, reitet Ihr auf die andere Seite, während ich mit der Dame hier rede.“ Mrs. Hazleton hatte das ganze Geſpräch mit angehört, und wäre es hell genug geweſen, ſo hätte Mr. Atkinſon, deſſen Augen nach ihrem Sitze gewendet waren, ſehen kön⸗ nen, wie ſie todtenbleich wurde. Man hätte wohl anneh⸗ men dürfen, daß ſie unter allen gewöhnlichen Umſtänden ihre erſte Aufmerkſamkeit nach der Seite richten werde, von welcher die Töne herkamen; aber weit entfernt ſteckte ſie die Hand augenblicklich in ihre Taſche und wollte eben etwas auf die Straße hinauswerfen, als John, der Reitknecht, an jenem Fenſter zum Vorſchein kam, worauf ſie es plöͤtzlich unterließ. „Was gibt es, Mr. Atkinſon?“ rief ſie, ſich nach dem andern Fenſter wendend, im Tone hoher Entrüſtung.„Wie könnt Ihr Euch herausnehmen, meinen Wagen auf des Königs Heerſtraße anzuhalten?“ „Weil ich durch geſetzliche Autorität hiezu befehligt bin, Madame,“ erwiederte Mr. Atkinſon.„Es thut mir leid, 608 Euch erklären zu müſſen, Madame, daß Ihr Euch als Ge⸗ fangene zu betrachten habt.“ Mrs. Hazleton hätte gerne gefragt, worin die Anklage beſtehe; allein ſie wagte es nicht, denn ihr Muth und ihre Stärke ließen ſie im erſten Augenblicke im Stich. Dies dauerte jedoch nur eine Weile; im nächſten Augenblicke rief ſie in lauterem gebieteriſcherem Tone als jemals: „Das iſt nur ein Vorwand, um mich zu beſchimpfen oder zu berauben. Fahrt zu, Kutſcher. Matthew, Roger⸗ ſon— ſäubert die Straße.“ Sie machte jedoch ihre Rechnung ohne den Wirth, wenn ſie bei ihren Dienern auf ſonderlichen Eifer zählte. Die beiden Männer zögerten, denn des Königs Namen war ih⸗ nen ein Thurm der Macht, den ſie keineswegs anzugreifen Luſt hatten. Ihre Gebieterin wiederholte ihren Befehl in ornigem Tone, und einer der beiden Leute, an ſtrengen Gehorſam gegen ihre Gebote gewöhnt, ging ſo weit, daß er die Piſtole, die er ergriffen hatte, ſpannte; aber im ſelben Augenblicke erhielt die Gegenpartei einen Zuwachs an Stärke, der jeden Widerſtand hoffnungslos machte. Sir Philipp Haſtings' beide andere Diener kamen in voller Eile den Hügel herab, und von Hartwell her ſah man einen von einem Reitknechte gefolgten Gentleman herannahen, den Mr. Atkinſon bei ſeinem Namen anredete. „Ah, Mr. Marlow,“ ſagte Atkinſon;„Ihr kommt in einem recht traurigen Augenblicke, Sir, um eine höchſt un⸗ angenehme Scene mit anzuſehen; gleichwohl muß ich Euch 609 um Euren Beiſtand bitten, da dieſe Dame geneigt ſcheint, ſich der Juſtiz zu widerſetzen.“. „Was gibt es denn?“ fragte Marlow.„Ich hoffe, daß hier kein Mißverſtändniß obwaltet. Wenn ich recht ſehe, iſt dies Mrs. Hazleton's Wagen. Weſſen iſt ſie angeklagt?“ „Des Mords, Sir,“ erklärte Mr. Atkinſon, der über den Widerſtand der Dame etwas ärgerlich war und ſich offener ausſprach, als er ſonſt wohl gethan hätte—„des Mords an Lady Haſtings durch Vergiftung.“ Das Wort war geſprochen— klar und deutlich hatte ſie es vernommen. Sie war entdeckt. Ein kleines Ueberſehen — ein Zufall— eine vergeſſene Vorſichtsmaßregel— ein zufälliges Wort, ein Blick oder eine Geberde hatten das dunkle Geheimniß verrathen, das furchtbare Verbrechen ent⸗ hüllt. Es war jetzt vor Menſchen wie vor Gott bekannt, und von dem Todesſchrecken dieſer Entdeckung überwältigt, ſank Mrs. Hazleton in ihren Wagen zurück. „Oho! da kommeu auch die anderen Männer,“ rief Mr. Atkinſon, als die beiden Diener Sir Philipp Haſtings' heran⸗ ſprengten.„Jetzt, Kutſchen, fahrt zu, bis ich Euch an⸗ halten heiße. Ihr, John, haltet Euch dicht an das andere Fenſter und bewacht es genau; ich will dieſes hier beob⸗ achten, und die Uebrigen mögen nachfolgen. Mr. Marlow, Ihr ſolltet vielleicht lieber eine halbe Meile oder ſo mit uns reiten. Ich muß im Hauſe der Wittwe Warmingtou an⸗ halten, da ich Befehl habe, die Gefangene ſtreng zu durch⸗ ſuchen.“ „O führt mich in mein eigenes Haus— führt mich James. Rache. 39 610 in mein eigenes Haus,“ rief Mrs. Hazleton halb ohn⸗ mächtig. „Das wage ich nicht zu thun, Madame,“ erklärte Mr. Atkinſon,„denn wir ſind faſt drei Meilen davon entfernt, und es könnte ſich unterwegs ein Zufall ereignen, der die Abſichten der Gerechtigkeit vereitelte. Ich muß an dem er⸗ ſten beſten Orte, wo ich mir Lichter verſchaffen kann, eine vollſtändige Durchſuchung vornehmen. Das iſt bei Mrs. Warmington; ſie iſt eine Freundin von Euch, Madame, und Ihr werdet dort ohne Zweifel mit aller Freundſchaft em⸗ pfangen werden.“ Mrs. Hazleton gab keine Antwort und der Wagen fuhr weiter, indem Atkinſon ein ſcharfes Auge auf das eine Fen⸗ ſter gerichtet hielt, während der Reitknecht dicht neben dem andern folgte. Nach wenigen Minuten gelangten ſie vor das Haus der munteren Wittwe, und einer der Diener läutete ſcharf an der Glocke. Eine Dienerin erſchien auf dieſe Aufforderung, und ohne zu fragen, ob ihre Herrin zu Hauſe ſey oder nicht, nahm ihr Atkinſon die Kerze aus der Hand und ſagte: „Leiht mir das Licht auf eine Weile: ich will Mrs. Haz⸗ leton in das Haus leuchten.— Nun, Madame, wollt Ihr gefälligſt herauskommen?— John, ſteigt ab und kommt hierher. Helft Mrs. Hazleton ausſteigen und bleibt dann auf ihrer anderen Seite.“ Mrs. Hazleton ſah, daß ſie hier nicht entwiſchen konnte. Sie zog alſo ihre Hand aus der Taſche, wo ſie bis jetzt ge⸗ ſteckt hatte, raffte ihre vergeſſene Würde wieder zuſammen, 611 und obgleich ſie, ehrlich geſtanden, lieber ihrer ttheuerſten Feindin im Himmel' begegnet, als ſo eskortirt in dieſes getreten wäre, ging ſie doch mit feſtem Schritte und furcht⸗ loſem Blicke darauf zu, während der Oberkonſtable auf der einen und der Reitknecht auf der anderen Seite nebenher wanderten. „Sie ſollen mich nicht zittern ſehen,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt—„ſie ſollen mich nicht zittern ſehen. Ich bin auf das Schlimmſte gefaßt und kann es ertragen. Ich habe meine Rache gehabt.“ Mittlerweile war das Mädchen eiligſt vorausgelaufen, um ihrer Gebieterin die wunderbare Scene, die ſie ſo eben erlebt hatte, zu erzählen, und Mrs. Warmington hatte, auch ohne das Ganze zu ahnen, ſchon genug vernommen, um ſich zum Voraus auf einen vollen Triumph zu freuen. Die Arretirung des Advokaten Shanks, der auf die Anklage der Fälſchung und des Komplottes feſtgeſetzt worden war, hatte bereits die hundert Zungen des Gerüchtes, von denen nur wenige Mrs. Hazleton's Namen verſchonten, in Bewegung geſetzt, und Mrs. Warmington vermuthete im ſchlimmſten Falle, daß ihre theure Freundin bei der Schuld des Anwal⸗ tes betheiligt ſey. Das allein genügte ſchon, um die Wittwe mit großer Befriedigung zu erfüllen, denn ſie hatte weder die hochmüthige Kälte und Vernachläſſigung, womit Mrs. Hazleton ſie ſeit längerer Zeit behandelt hatte, noch deren ungeduldiges, inſolentes Benehmen am heutigen Morgen vergeſſen, und wenn auch die meiſten Leute Mrs. Warming⸗ ton vermöge ihrer Wohlbeleibtheit und ihres behaglichen 39* ſſie loszulaſſen. 612 Weſens für eine gutmüthige Perſon hielten, ſo können doch auch ſolche Leute zuweilen ſehr rachſüchtig ſeyn. „Barmherziger Himmel! was gibt es denn, meine Theuerſte?“ rief Mrs. Warmington, als die Gefangene hereingebracht wurde, während Mr. Atkinſon den hinter ihm Folgenden zurief: „Laßt bis zu meiner Rückkehr Niemand den Wagen be⸗ rühren oder ihm nahe kommen!“ Mrs. Hazleton gab keine Antwort auf ihrer theuren Freundin Frage, und der Oberkonſtabe trat einen Schritt vor und begann „Ich bitte um Verzeihung, Mrs. Warmington, daß ich mich in Euer Haus eindränge; ich habe Befehl, dieſe Dame zu arretiren und ihre Perſon wie ihren Wagen auf's Strengſte durchſuchen zu laſſen, ohne daß etwas verſteckt oder vernich⸗ tet werden dürfte. Mir ſcheint, daß Mrs. Hazleton einen gewichtigen Gegenſtand in ihrer linken Rocktaſche trägt; da ich aber meine Hand nicht gerne einer Dame nahe bringen mag, ſo darf ich Euch wohl bitten, Madame, mich ſehen zu laſſen, was jene Taſche enthält?“ Ohne das mindeſte Zögern, wohl aber mit vieler Neu⸗ gierde näherte ſich Mrs. Warmington, und faßte nach dem Seidenbrokade der Gefangenen. „Weg von mir, Weib!“ ſchrie Mrs. Hazleton, während ihr das Feuer aus den Augen blitzte, indem ſie nach der An⸗ deren ſchlug. Allein Mrs. Warmington ließ ſich nicht dazu bewegen, 613 „Herr Gott, was iſt das eine Unholdin!“ rief ſie mit der rechten Hand in die Taſche fahrend und die Arzneiflaſche hervorziehend, welche der Doktor für Lady Haſtings über⸗ ſchickt hatte. „Ei, ei, meine Liebe!“ fuhr Mrs. Warmington fort, „das iſt ja dieſelbe Flaſche, die ich Euch heute Morgen fül⸗ len ſah, da Ihr über mein Eindringen in Euer Kranken⸗ zimmer ſo zornig und ärgerlich ſchienet. Doch nein,'s iſt nicht die nämliche, ſieht ihr aber ſehr ähnlich, nur war jene dunkler von Farbe.“ „Ha!“ äußerte Mr. Atkinſon.„Wollt Ihr die Güte haben, Madame, ein Zeichen auf dieſe Flaſche zu machen, an dem Ihr ſie wieder erkennen könnt?— Kratzt ſie mit ei⸗ nem Diamanten oder etwas Aehnlichem.“ „O ich Arme! ich beſitze keine Diamanten,“ rief Mrs. Warmington.„Wollt Ihr mir dieſen Ring leihen, meine Theure?“ Mrs. Hazleton warf ihr einen vernichtenden Blick zu, ohne eine Antwort zu geben, und Marlow deutete auf zwei eigenthümliche Flecken im Glaſe der Flaſche, indem er ſagte: „An dieſen Zeichen kann man ſie erkennen, und es kann hier kein Mißverſtändniß mehr geben.“ Seine Worte waren an Mr. Atkinſon gerichtet, denn er fühlte ſich ganz empört über den höhniſchen, herzloſen Ton, den Mrs. Warmington gegen ihre frühere Freundin annahm. Bei dem Klange ſeiner Stimme— denn ſie hatte noch nicht nach ihm geſchaut— fuhr Mrs. Hazleton zuſammen und ſah ſich um. Es iſt nicht möglich, die Gefühle zu 614 ſchildern, welche in jenem Augenblicke ihr Herz beſtürmten, oder mit der Feder den furchtbaren Wechſel des Ausdruckes zu malen, der, einem Sturme ähnlich, über ihr ſchönes Ant⸗ litz hinfegte. Sie erinnerte ſich, wie ſehr ſie ihn geliebt hatte, ja ſie erfuhr vielleicht in dieſem Augenblicke zum er⸗ ſtenmal, wie tief ſie ihm ergeben geweſen. Auch empfand ſie, wie merkwürdig Liebe und Haß durch den feurigen Alchy⸗ miſten— Täuſchung— in ihr vermengt worden waren, gleich wie die fremdartigſten Metalle durch die großen Erſchütte⸗ rungen der früheren Erdkriſen unter einander gemiſcht wor⸗ den. Sie erkannte in jenem Augenblicke, daß es dieſe Liebe, daß dieſer Haß es geweſen, der ihre tiefſten Verbrechen mit allen ihren Folgen— der grauenvollen Lage, in der ſie ſich hier befand, der die bevorſtehende Qual der Gefangen⸗ ſchaft, die Pein des Verhöres und das bittere Ende auf dem Schaffotte herbeigeführt hatte. „O Marlow! Marlow!“ rief ſie jetzt zum erſtenmale in kummervollem Tone,„daß ich Euch in dieſer Sache bethei⸗ ligt ſehen muß!“ „Ich habe mit dem jetzigen Geſchäfte nichts zu thun, Mrs. Hazleton,“ erwiederte Marlow;„aber ich bin verbun⸗ den zu erklären, daß es in Folge empfangener Angaben meine Pflicht geweſen wäre, Euch auf andere Anklagen hin arretiren zu laſſen, wenn nicht die vorliegende, von der ich nichts weiß, wider Euch vorgebracht worden wäre. Alles iſt entdeckt, Nadame— Alles iſt bekannt. Mit der gering⸗ fügigen Andeutung, die ich Anfangs beſaß, habe ich das ver⸗ wickelte Labyrinth Eures Benehmens ſeit den letzten zwei —⏑———— 615 Jahren bis an's Ende verfolgt, und Alles iſt mir ſo klar ge⸗ worden wie der Tag.“ „Ihr, Marlow, Ihr!“ rief Mrs. Hazleton, ihre Augen ſtarr auf ihn heftend, und als er zum Zeichen der Bejahung mit dem Kopfe nickte, fuhr ſie fort:„doch Alles iſt noch nicht bekannt— nicht einmal Euch. Ihr ſollt übrigens Alles erfahren, ehe ich ſterbe, und dieſes Alles wird viel⸗ leicht Euer Herz zerknirſchen, ſo hart es auch iſt. Doch was ſpreche ich?“ fügte ſie bei, indem ihr Geſicht plötzlich von Purpurröthe übergoſſen und ihre Züge vor Wuth entſtellt wurden.„Alles iſt entdeckt— ſagt Ihr? und Ihr habt es entdeckt? Was liegt mir jetzt daran, weſſen Herz zerriſſen wird, oder was aus Euch, aus mir oder ſonſt Jemand wird? Ein Tropfen mehr oder weniger gilt nichts mehr, wenn der Brunnen überfließt.— Was ſoll ich länger kämpfen? Wozu irgend etwas verbergen? Warum dieſer Anklage auswei⸗ chen, um einer anderen zu begegnen?— Ich that es— ich vergiftete ſie— ich ſtellte den Trand neben ihr Bett— es iſt Alles wahr— ich that Alles.— Ich hatte meine Rache ſo weit ich ſie haben konnte, und nun thut mit mir, was Ihr wollt. Aber erinnert Euch, Marlow, erinnert Euch! wenn Emily Haſtings Euch heirathet, ſo thut ſie es mit einer Mutter Fluch auf ihrem Haupte— einem Fluche, der wie Mehlthau auf ihr Herz fallen und es verwelken wird— einem Fluche, der die Quelle aller Zärtlichkeit auftrocknen⸗ die heiterſten Stunden verfinſtern und die reinſten Freuden verbittern wird— einer ſterbenden Mutter Fluche! Sie weiß es, ſie hat ihn vernommen— er kann nie mehr zuruͤck⸗ 616 gezogen werden. Dieſe Möglichkeit habe ich dem Schickſal entriſſen. Ha, ha! er liegt auf Euch Beiden, und wenn Ihr es wagt, Euer unſeliges Loos zu verknüpfen, ſo möge jener Fluch ſich an Euch Beide heften und Euch für immer un⸗ glücklich machen!“ Sie ſprach mit all der Heftigkeit tiefer Leidenſchaft, in⸗ dem ſie zum erſtenmal in ihrem Leben die gewohnte ſtarke Selbſtbeherrſchung von ſich warf; nachdem ſie geſprochen hatte, warf ſie ſich in einen Stuhl und bedeckte ihre Augen mit den Händen. Sie weinte nicht, aber ihre ganze Geſtalt bebte, und ſie ſchauerte vor den furchtbaren Regungen, die ihr das Herz zerriſſen. Mittlerweile beriethen ſich Marlow, Mrs. Warmington und der Oberkonſtable, was mit ihr anzufangen ſey. Das Gefängnißſyſtem in England war damals ſo ſchlecht, als es nur ſeyn konnte, und ſelbſt diejenigen, welche die Frau am meiſten verdammten und verabſcheuten, wollten ihr ſo lange wie möglich die Schrecken eines Kerkers erſparen. Endlich nach vielen Schwierigkeiten und langem Zögern willigte At⸗ kinſon auf Mrs. Warmington's Anrathen ein, ſie unter der Obhut eines von Hartwell herzuſendenden Konſtables in dem Hauſe, wo ſie eben war, zu laſſen. Es hatte hoch oben ein Zimmer, das jede Möglichkeit des Entkommens abſchnitt, mit einem Vorzimmer, wo der Konſtable wachen konnte, und dort beſchloß Mr. Atkinſon ſie einzuſperren, bis ſie am anderen Tage vor die Gerichtsbehörden gebracht werden konnte. „Ich muß ſie vor Allem ganz durchſuchen laſſen,“ ſagte 617 er,„denn ſie kann noch mehr von dem Gifte bei ſich haben, und in ihrem jetzigen Zuſtande nach Allem, was ſie einge⸗ ſtanden— wäre es gar nicht unwahrſcheinlich, daß ſie es verſchlänge. Ich glaube jedoch, Ihr thätet beſſer, Mr. Marlow, wenn Ihr ſo raſch wie möglich zu Sir Philipp Haſtings eiltet und ihm die hieſigen Vorfälle erzähltet. Wenn ich recht urtheile, ſo wird Eure Gegenwart dort ſehr nothwendig ſeyn.“ „Das wird ſie in der That,“ erwiederte Marlow, wäh⸗ rend eine plötzliche undeutliche Beſorgniß— er wußte nicht vor was— ihn ergriff.„Gott gebe, daß ich nicht ſchon allzu lange gezögert habe!“ und das Zimmer verlaſſend, ſchwang er ſich abermals in den Sattel. Fünfzigſtes Kapitel. Sir Philipp Haſtings las, wie geſagt, ein griechiſches Buch, als Mr. Short in die Bibliothek trat. Sein Geſicht war ernſt und ſehr ſtreng: aber jede Spur jener furchtbaren Erſchütterung, womit er das Todtenbette ſeiner Frau ver⸗ laſſen hatte, war nunmehr aus ſeinen Zügen verſchwunden. Er ſchaute kaum auf, als der Arzt eintrat; er ſchien nicht allein zu leſen, ſondern von dem, was er las, auch völlig in Anſpruch genommen zu ſeyn. Mr. Short dachte, der Paroxismus des Kummers ſey vor⸗ über und Sir Philipp, zu ſtiller Melancholie herabgeſtimmt, 618 ſuche ſeinen gewohnten Troſt in Büchern. Er kannte, wie alle Aerzte, die verſchiedenen launiſchen Auskunftsmittel, zu denen das Herz in Augenblicken großer Betrübniß ſeine Zu⸗ flucht nimmt— die Bagatellen, mit denen ſich Manche un⸗ ter ſolchen Umſtänden beſchäftigen— die tiefe Abſtraktion, um welche Andere ſich bemühen— die Einbildungen, die Viſionen, die Träume, zu denen wieder Andere ſich flüchten, nicht um Troſt oder Beruhigung zu holen, ſondern nur um dem einen finſtern, vorherrſchenden Gedanken zu entrinnen. Mr. Short ſprach einige freundliche Worte— gewöhnliche Gemeinplätze— zu Sir Philipp, und der Baronet ſchaute auf und betrachtete ihn über die Kerzen hinüber, welche auf dem Bibliothektiſche ſtanden. Wäre Mr. Short's Aufmerkſamkeit vornämlich auf Sir Philipps' Geſicht gerichtet geweſen, ſo würde er ſogleich bemerkt haben, daß ſeine Augenſterne ſonderbar und unna⸗ türlich zuſammengezogen waren, und daß von Zeit zu Zeit ein gewiſſes nervöſes Zucken der Muskeln um ſeine Lippen und auf ſeiner Wange ſpielte. Aber er bemerkte dieſe Er⸗ ſcheinungen nicht: er ſah blos, daß Sir Philipp las und daß er ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte, und er meinte, was bei anderen Menſchen ſonderbar wäre, ſey bei ihm nicht auf⸗ fallend. Was er für die Haupturſache von Sir Philipps Kummer hielt— den Tod ſeiner Gattin— fand er beſſer, gar nicht zu berühren; aber er dachte ſich, ein Vater würde begierig ſeyn, unter ſolchen Umſtänden etwas über das Be⸗ finden einer Tochter zu hören, und er erzählte ihm alſo, daß Emily beſſer und ruhiger geworden. 6¹9 Sir Philipp machte eine leichte, ungeduldige Bewegung mit der Hand; allein Mr. Short fuhr fort: „Da Miß Emily ſo tief und furchtbar ergriffen war, habe ich ihr einen beruhigenden Trank gegeben, Sir Phi⸗ lipp, der bereits die beabſichtigte Wirkung gehabt und ſie in tiefen Schlummer verſenkt hat. Er wird ihr, denke ich, wenigſtens ſechs, wo nicht ſieben Stunden ruhiger Erho⸗ lung verſchaffen, und ich hoffe, ſie wird beim Erwachen beſſer im Stande ſeyn, ihren Kummer zu tragen, als ſie es jetzt wäre, wenn ſie deſſen bewußt bliebe.“ Sir John murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, was der Arzt nicht verſtand, und Mr. Short fuhr alſo fort: „Wollt Ihr mir die Bemerkung erlauben, Sir Philipp, daß es auch für Euch beſſer wäre, mein theurer Sir, wenn Ihr etwas einnehmen würdet, was der niederdrückenden Wirkung des Kummers das Gleichgewicht hielte?“ „Ich dank Euch, Sir, ich dank Euch,“ erwiederte Sir Philipp, ſeine Hand auf das Buch legend;„ich habe das nicht nöthig. Der Geiſt ſucht in ſeinem Leiden Arznei für den Geiſt. Der Körper iſt nicht angegriffen; er iſt wohl — nur allzuwohl. Hier iſt mein Doktor“— indem er ſeine Hand aufhob und wieder auf das Buch fallen ließ. „Wohlan, ſo will ich Euch für heute Nacht verlaſſen, Sir Philipp,“ erklärte der Arzt.„Morgen muß ich Euch in höchſt wichtigen Geſchäften beläſtigen. Für jetzt will ich mich verabſchieden.“ Sir Philipp erhob ſich ceremoniös in ſeinem Stuhle und neigte ſein Haupt. Er ſchaute dem Doktor nach, als dieſer ———— 620 das Zimmer verließ, und ſchloß die Thüre mit einem ſcharfen, liſtigen, wachſamen Blicke, der unter ſeinen überhängenden Augenbrauen hervorleuchtete. „Ha,“ rief er, ſobald der Arzt das Zimmer verlaſſen hatte,„er dachte mich zu fangen und ausfindig zu machen, was ich beabſichtige.— Schlummer!— ſtille, ſanfte Ruhe! — ſo nahe einer gemordeten Mutter! Gott im Himmel!“ Und er beugte ſein Haupt, bis ſeine Stirne die Blätter des Buches berührte, und verharrte in dieſer Stellung meh⸗ rere Minuten. Es iſt zu bemerken, daß nicht eine einzige Perſon von allen, welche die Umſtände bei Lady Haſtings' Tode kannten, auch nur im Traume daran dachte, Emily beargwöhnen zu wollen: ſie kannten ſie Alle, begriffen ihren Charakter, lieb⸗ ten ſie und hatten Glauben zu ihr. Nur eine einzige machte eine Ausnahme— ihr eigener unglücklicher Vater. Warihm der Tod ſeines Weibes furchtbar geweſen, ſo war es ſein Ver⸗ dacht gegen die Tochter noch tauſendmal mehr. Eine Menge von Umſtänden trafen zuſammen, welche ſeiner geſtörten An⸗ ſchauungsweiſe überwältigende Beweiſe zuführten. „Sie hat ihren Vater zu vernichten geſucht,“ dachte er; „ſo hat ſie ſich auch kein Gewiſſen daraus gemacht, ihre Mutter zu vernichten. In dem einen Falle ſchien ſie kei⸗ nen beſonderen Zweck zu haben; in dem anderen war ihr Hauptzweck die Rache neben anderen vielleicht noch niedri⸗ geren aber nicht weniger zwingenden Abſichten. Ich mag den Fall drehen und wenden wie ich will— das Reſultat bleibt immer daſſelbe. Die Mutter widerſetzt ſich der 621 Heirath der Tochter mit dem Manne ihrer Liebe— droht den theuerſten Wunſch ihres Herzens zu vereiteln— und nichts als der Tod kann ſie befriedigen. Das alſo iſt das Ende all' dieſer Träumereien, dieſer wechſelnden Anfälle von Leichtſinn und düſterer Laune: der unebene Geiſt hat ſein Gleichgewicht verloren, und alle ihre Grundſätze ſind der Leidenſchaft gewichen. Was muß ich thun— o Gott! was muß ich thun?“ Seine Gedanken ſind hier gegeben nicht gerade wie ſie ihm durch den Sinn fuhren, denn ſie waren wirrer, unklarer und zuſammenhangsloſer; aber ſo wenigſtens war die Summe und der Inhalt derſelben. Er erhob ſein Haupt von dem Buche, ſchaute empor, und nachdem er eine Weile nachgeſonnen hatte, ſagte er: „Dieſer Joſephus— dieſer Jude gibt, wenn ich mich recht erinnere, zahlreiche Beiſpiele, wie die Väter nach dem ausdrücklichen Gebote Gottes ihre Kinder richteten. Der Prieſter des Allerhöchſten wurde geſtraft, weil er in jenem Falle mit ſeinen Söhnen menſchlicher Schwäche nachgegeben. Der Krieger Jephtha ſchonte nicht der vielgeliebten Tochter. Und was lehrt uns der Römer?— daß wir auch gegen unſere nächſten Blutsverwandten, gegen diejenigen, die un⸗ ſerer Liebe am nächſten ſtehen, kein Mitleid zeigen dürfen, wenn die Gerechtigkeit unerſchütterliche Vollſtreckung ver⸗ langt. Es muß geſchehen— mir bleibt blos die Wahl, ſie entweder den Händen von Fremden zu übergeben und öffent⸗ liche Schande und Strafe auf das zu häufen, was die Ge⸗ rechtigkeit verlangt, oder für mich ſelbſt zu thun, was ſie 622 ſonſt unausweichlich thun müſſen. Sie muß ſterben— ein ſolches Ungeheuer darf nicht länger auf Erden leben. Sie hat ſich gegen ihres Vaters Leben verſchworen— hat ſich mit ſeinen trügeriſchen Feinden verbündet— hat das Herz verrathen, das ihr ſo zärtlich vertraute— hat insgeheim mit einem niedrigen, gemeinen Schurken Verkehr gepflogen — hat Denen, die ihre eigenen Eltern geplündert, Hülfe und Anweiſung gegeben— hat mit der Ermordung der Mutter geendet, die ihr mit ſolcher Liebe anhing. Ich— ich bin durch jede Pflicht gegen die Geſellſchaft verbunden, ſie von einem Weſen zu befreien, das ich zu meinem eigenen Fluche, zu meiner eigenen Qual in die Welt geſetzt habe. Sie muß ſterben, und keine Hand als die meine darf es vollziehen!“ Er ſchaute mehrere Minuten in düſterem Brüten auf den Tiſch, und ging dann in ſtürmiſcher Haſt durch das Zimmer, während die Todesqual in jedem Zuge ſeines Ge⸗ ſichtes ſich ausdrückte. Händeringend ſchlug er ſeine Augen gen Himmel und rief oft und immer wieder: „O Gott— o GCott! iſt denn keine Hoffnung— kein Zweifel?— keine Möglichkeit, um zu zögern oder inne zu halten?— Keine, keine, keine!“ ſchloß er endlich und ſank in ſeinen Stuhl zurück. Sein Auge ſchweifte im Zimmer umher, als ſuche es einen Gegenſtand, den er nicht ſehen könne, und dann mur⸗ melte er: „So ſchön— ſo jung— ſo einnehmend— kaum achtzehn Sommer alt— und doch mit ſolchen Verbrechen beladen!“ 623 Abermals neigte er ſein Haupt, und Thränen der tiefſten Seelenangſt träufelten aus ſeinen Augen auf den Tiſch. Dann preßte er die Hände feſt vor die Stirne und blieb mehrere Minuten in ſtummes Nachſinnen begraben. Er ſchien ruhiger zu werden; aber das war nur ein trügeriſcher Schein. Wildes unnatürliches Feuer leuchtete in ſeinen Angen, und wer ſich auf ſolche Dinge verſtand, hätte trotz des anſcheinenden Scharfſinnes ſeines Raiſonne⸗ ments, trotz des ſcheinbaren Zuſammenhangs und der Klar⸗ heit ſeiner Beweisgründe ſehen müſſen, daß es in ſeinem Kopfe nicht ganz richtig war. Endlich flüſterte er vor ſich hin, wie wenn er fürchtete, daß ihn Jemand hoͤren könne: „Sie ſchläft— der Mann ſagte, ſie ſchlafe.— Jetzt iſt es Zeit! ich darf nicht zögern, darf nicht wanken— jetzt iſt es Zeit!“ Und er ſtand auf und näherte ſich der Thüre. Einmal blieb er ſtehen— ein einziges Mal bemächtigten ſich Zweifel und Unentſchloſſenheit ſeiner Seele; aber er warf ſie von ſich und ſchritt weiter. Mit feſtem aber geräuſchloſem Schritte ging er durch die Halle und ſtieg die Treppe hinan. Niemand ſah ihn; die Diener waren allenthalben zerſtreut, und da war Nie⸗ mand, der ihm in den Weg trat oder ſagte: halt ein! Er erreichte ſeiner Tochter Zimmer, öffnete ſachte die Thüre, trat ein und ſchloß ſie wieder. Dann ſchaute er ſich mit forſchendem Blicke um. Die Vorhänge waren nicht herabgelaſſen: ſeine ſchoͤne liebliche Tochter lag ruhig ſchla⸗ 624 fend wie ein Kind in ihrem Bette. Er konnte Alles um ſich her wahrnehmen: Vater und Kind waren hier— ſonſt Niemand. 3 Noch immer ſchaute er ſich um, vielleicht nach einem Werkzeuge ſuchend, womit er die entſetzliche That vollſtrecken konnte. Sein Auge ſiel auf ein Paket Papiere auf dem Tiſche: es enthielt jene Schreiben, welche Marlow der armen Emily hinterlaſſen hatte, um ſie im Nothfalle vor ihrem Vater zu rechtfertigen. O hätte er ſie doch aufgenommen! hätte er nur jene Worte geleſen! Er wendet ſich ab— ſchleicht ſich nach ihrem Bette— Laßt den Vorhang fallen!— ich kann nicht weiter ſchreiben. Emily iſt nicht mehr! Einundfünfzigſtes Kapitel. Als Mr. Short, der Wundarzt, den Baronet verlaſſen hatte, fand er den Tafeldecker in der Halle in einem Arm⸗ ſtuhle ſitzen, voll trauriger Gedanken über all' die beklagens⸗ werthen Ereigniſſe dieſes Tages. Er war ein alter Diener der Familie und nahm den regſten Antheil an jedem einzelnen Mitgliede derſelben, wie man es leider in unſeren Zeiten der Verbeſſerung und des Nützlichkeitsprinzips(oder wie man es eigentlich nennen ſollte, der zur Regel erhobenen Selbſtſucht), wo Jedermann nur den einen Hauptzweck zu 625 haben ſcheint, den Menſchen zu einer bloſen Maſchine herab⸗ zuwürdigen— nicht mehr oder nur ſehr ſelten ſindet. Er erhob ſich, ſobald der Doktor ihm nahe kam und erkundigte ſich voll Theilnahme nach ſeinem armen Gebieter. „Ich fürchte, es iſt hier nicht ganz richtig, Sir,“ ſagte er, mit dem Finger nach der Stirne deutend.„Seit er von London zurück iſt, war es bei ihm nie ganz richtig, und als er heute Nacht davon rannte und jenes Kräuter ſammelnd ſo gräulich hinausſchrie, da glaubte ich wahrhaftig, er ſey total übergeſchnappt.“ „Er iſt jetzt ruhiger und gefaßter geworden,“ erwiederte Mr. Short.„Natürlich iſt er noch ſehr traurig; da ich ihm aber durch längeres Beiihmbleiben nichts nützen kann, ſo muß ich mein Pferd auf dem Pachthofe holen und dahin reiten, wo meine Gegenwart unverzüglich verlangt wird.“ „Sie haben Euer Pferd vom Hofe hergebracht, Sir, und es ſteht unten im Stalle,“ meldete der Tafeldecker. Dorthin verfügte ſich Mr. Short ſogleich, ſtieg zu Pferd und ritt von dannen. Er war etwa fünf Meilen oder vielleicht nicht ganz ſo weit gekommen, als er zwei Reiter in raſchem Schritte näher kommen ſah, und er ſchaute ſich ſcharf nach ihnen um in der Meinung, es könnte Mr. Atkinſon und der Reitknecht ſeyn. Als ſie näher kamen, zeigte ihm der Umriß ihrer Geſtalten, daß dies nicht der Fall war; der vorderſte der Beiden zog im Vorübergehen plötzlich die Zügel an und Marlow's Stimme rief: „Iſt das Mr. Short?“ James. Rache. 40 626 „Ja, Sir— ja, Mr. Marlow,“ erwiederte der Doktor. „Ich bin recht froh, daß Ihr gekommen ſeyd; denn in dem Hauſe des armen Sir Philipp Haſtings hat es heute furcht⸗ bare Arbeit gegeben. Lady Haſtings iſt nicht mehr und—“ „Ich habe die ganze traurige Geſchichte gehört,“ unter⸗ brach ihn Marlow;„ich reite ſo ſchnell wie möglich, um zu ſehen, was für Sir Philipp und meine arme Emily geſchehen kann. Ich habe blos angehalten, um Euch zu ſagen, daß Mrs. Hazleton arretirt iſt, daß die Arzneiflaſche bei ihr ge⸗ funden wurde, und daß ſie offen geſtanden hat, die arme Lady Haſtings vergiftet zu haben. Ihr werdet ſie und Atkinſon, den Oberkonſtable, in Mrs. Warmington's Hauſe finden. Gute Nacht, Mr. Short— gute Nacht!“ Und Marlow ſprengte weiter. Der Aufenthalt war nur ſehr kurz geweſen; aber er war entſcheidend. 8 Sobald Marlow den vorderen Eingang des Hofes er⸗ reichte, warf er ſeinem Reitknechte die Zügel zu und trat in das Haus, ohne ſich mit Anläuten aufzuhalten. Eine Lampe brannte in der leeren Halle; aber Marlow vernahm einen Schritt auf der großen Treppe und ſchaute empor. Eine dunkle ſchattenhafte Geſtalt ſchwankte die Treppe herab, und als ſie in den Lichtſchimmer der Halle gelangte, erkannte Marlow die Geſtalt, aber kaum noch die Züge von Sir Philipp Haſtings. In ſeinem aſchfarbenen Geſichte war nirgends auch nur eine Spur von Röthe zu unter⸗ ſcheiden; ſogar die Lippen waren weiß, und das graue Haar ſtrebte in wilder Verwirrung in die Höhe, Sein hohles — —— 3 627 eingeſunkenes Auge fiel auf Marlow; aber als ob er ihn nicht kennte, wankte er taumelnd wie ein Betrunkener an ihm vorüber gegen die Bibliothek, bis Marlow tief erſchüt⸗ tert ihm mit dem Rufe entgegentrat: „Herr Gott! Sir Philipp, kennt Ihr mich nicht?“ Der unglückliche Mann drehte ſich um, ſtarrte ihn an und packte ihn mit ſeiner Fauſt, indem er mit heiſerem Flüſtern und über ſeine Schulter nach der Treppe deutend ſagte: „Geht nicht dorthin— geht nicht dorthin. Kommt mit mir— Ihr wißt nicht, was vorgefallen iſt!“ „Leider weiß ich es, Sir Philipp,“ erwiederte Marlow in beſänftigendem Tone.„Ich habe gehört—“ „Nein, nein! Nein, nein!“ rief Sir Philipp Haſtings. „Niemand weiß es als ich— es war Niemand da— ich that es ganz allein. Kommt mit mir, ſag' ich!“ Und er zog Marlow nach dem Bibliothekzimmer. „Er hat den Verſtand verloren,“ dachte Marlow;„ich muß ihn zu beſänftigen ſuchen, ehe ich meine arme Emily ſehe. Ich will mich bemühen, ſeinen Geiſt auf andere Dinge zu lenken.“ So ließ er ſich denn von ihm weiter führen und trat mit Sir Philipp Haſtings in die Bibliothek. Dieſer warf ſich ſogleich in einen Stuhl und preßte die Hände vor die Augen. Marlow betrachtete ihn eine Weile in ſtummem Mitleid, und ſagte dann: „Tröſtet Euch, Sir Philipp— tröſtet Euch. Ich bringe Euch einen reichen Vorrath an Neuigkeiten, und was ich Euch zu erzählen habe, wird große Kraft des Koͤrpers wie 40* des Geiſtes von Euch verlangen, um in Euren jetzigen Um⸗ ſtänden als Handelnder aufzutreten. Ich habe jeden Faden des ſchändlichen Komplottes verfolgt, und keine Biegung oder Wendung der ganzen ſpitzbübiſchen Intrigue iſt unent⸗ deckt geblieben.“ „Auch daran war ſie betheiligt,“ murmelte Sir Philipp, mit wildem, unſicher fragendem Blicke zu ſeinem Geſichte emporſchauend. „Ich weiß es,“ erwiederte Marlow in der Meinung, er ſpreche von Mrs. Hazleton.„Sie war die Haupttriebfeder bei Allem.“ 1 Sir Philipp rang verzweifelnd die Hände und murmelte: „O Gott! o Gott!“ „Aber ſie wird bald für ihre Verbrechen büßen,“ fuhr Marlow fort.„Sie iſt ergriffen worden, und es fanden ſich bei ihr ſo ſtarke und überzeugende Beweiſe ihrer Schuld, ¹ daß ſie die Sache nicht einmal verhehlen mochte, ſondern ihr Verbrechen ſogleich eingeſtand.“ Sir Philipp fuhr zuſammen, klammerte ſich mit ſeinen weißen dünnen Händen an die beiden Arme des Lehnſtuhles, in dem er ſaß, und betrachtete Marlow mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Blicke des wildeſten Entſetzens. Dieſer fuhr jedoch alſo fort: „Ich hatte ihr allerdings zuvor erklärt, daß ich alle ihre finſteren und verrätheriſchen Intriguen entdeckt habe, daß ich wiſſe, welche Mühe ſie ſich gegeben, um dieſe ganze Familie elend zu machen, wie ſie den Charakter meiner theuren Emily anzuſchwärzen, ihre Handſchrift nachzuahmen und ſo⸗ 629 gar Euch durch dunkle argwöhniſche Winke über deren ganzes Benehmen irre zu leiten geſucht habe. Sie wußte, daß ſie dieſer Anklage nicht entrinnen konnte, auch wenn ſie ihre heutige Schuld zu verbergen vermochte, und ſo bekannte ſie Alles.“ „Wer— wer— wer?“ kreiſchte Sir Philipp Haſtings in tiefer Seelenangſt.„Von wem ſprecht Ihr, Mann?“ „Von Mrs. Hazleton,“ erwiederte Marlow.„Habt Ihr nicht von ihr geſprochen?“ Sir Philipp Haſtings ſtreckte beide Hände aus, wie wenn er ſeinen Gefährten weiter von ſich ſtoßen wollte. Ein tiefes Stöhnen war ſeine einzige Antwort, und nach kurzer Pauſe fuhr Marlow fort: „Ich meinte, Ihr ſprechet von ihr— von ihr, die ſich's ſeit jenem unſeligen Beſuche der armen Emily zur Aufgabe machte, das theure unſchuldige Mädchen zu verkleinern, zu verläumden und Euch glauben zu machen, als ob ſie arge Unvorſichtigkeit wenn nicht große Verbrechen verſchuldet habe— von ihr, welche mehr als einmal dazu behülflich war, Euch Unrecht zu thun, und welche jetzt offen zugeſteht, daß ſie das Gift in Eurer armen Frau Zimmer geſtellt habe, um ſie umzubringen.“ „Und ich habe ſie getödtet! und ich habe ſie getödtet!“ brüllte Sir Philipp Haſtings, ſich hoch in ſeinem Stuhle aufrichtend—„und ich habe ſie getödtet!“ „Heiliger Gott! wen?“ rief Marlow, deſſen Herz pochte, als ob es ſeine Rippen ſprengen wollte.„Wen meint Ihr denn, Sir?“ Sir Philipp Haſtings ſchwieg einen Augenblick und drückte ſeine Hände gewaltſam gegen die Schläfe; dann antwortete er in langſamem, feierlichem Tone: „Eure Emily— meine Emily— mein eigenes, ſüßes—“ Er brachte ſeine Rede nicht mehr zu Ende; denn ehe er die letzten Worte ausſtoßen konnte, ſtürzte er wie ein todter Mann zu Boden. Betäubt und vom Schrecken gerührt blieb Marlow eine Weile regungslos ſtehen, kaum begreifend, kaum glaubend, was er hörte. Gleich darauf ſtürzte er aus dem Zimmer und ſah den Tafeldecker mit der Kammerjungfer der ver⸗ ſtorbenen Lady Haſtings aus dem hinteren Theil des Hauſes gegen die vordere Treppe daher kommen. „Welches iſt Emily's Zimmer?— welches iſt Emily's Zimmer?“ „Sie ſchläft, Sir,“ ſagte das Mädchen. „Welches iſt ihr Zimmer, ſag' ich,“ fragte Marlow heftig.„Er iſt wahnſinnig— er iſt wahnſinnig— Euer Gebieter iſt wahnſinnig! Er ſagt, er habe ſie getödtet. Welches iſt ihr Zimmer?“ Und er ſtürzte die Treppe hinauf. „Das dritte rechter Hand, Sir,“ rief der Tafeldecker, ſo ſchnell wie möglich mit dem Mädchen nachfolgend, während Marlow auf die Thüre zueilte. Heftiges Zittern überfiel ihn, als er ſeine Hand auf die Thürſchnalle legte. „Er muß übertrieben haben,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. 631 „Er iſt hart, unfreundlich gegen ſte geweſen, und ſo ſagt er⸗ er habe ſie getödtet. Ich will ſachte die Thüre öffnen.“ Und er und die beiden Diener traten faſt gleichzeitig in's Zimmer. Alles war ruhig— Alles war ſtumm. Das Licht brannte auf dem Tiſche. Ein großes, ſchweres Kiſſen lag neben dem Bett auf dem Boden, und die Betttüͤcher waren etwas in Unordnung. Es bedarf keines ſo verſtohlenen Schrittes, Marlow! Du darfſt feſt und kühn auftreten: ſogar Dein geliebter Schritt wird ſie nicht erwecken— der Koͤrper ſchläft bis es Gerichtes; der Geiſt iſt dahin gegangen, wo zum Tage d die Böſen nicht mehr ſtören und die Müden Ruhe finden! Das ſchöne Antlitz war ſanft und ruhig; nur unter den geſchloſſenen Augen war eine tiefe bläuliche Spur zu be⸗ merken, und die Lippen hatten ihre Röthe verloren. Die ſchönen zarten Hände hatten ſich an die Betttücher geklam⸗ mert und die ganze Lage ihrer Geſtalt bewies, daß der Tod nicht ohne einen krampfhaften Kampf eingetreten war. Marlow ſuchte mit zitternden Händen ihre Finger von den Betttüchern loszumachen; es gelang ihm zwar nicht, aber er glaubte noch Wärme in ihrer Hand zu entdecken. Ein kurzer Strahl der Hoffnung kam über ihn. Weitere Hülfe wurde herbeigerufen: jeder denkbare Verſuch wurde ange⸗ ſtellt— aber Alles vergeblich. Bewußtſeyn— Odem— Leben waren nicht mehr einzuhauchen, und als der junge Liebhaber, dieſe hoffnungsloſen Verſuche aufgebend, ſich vor 632 dem Bette auf die Kniee warf und ſein Geſicht auf die todte Hand der einſt ſo Heißgeliebten drückte, da blieb kein Auge trocken bei Denen, die um ihn her ſtanden. Eben in dieſem Augenblicke hörte man Sir Philipp Haſtings' Stimme von unten, wie er ein luſtiges frivoles Liedchen anſtimmte. Es war der furchtbarſte Geſang, den man noch jemals gehört hatte! Zwei von den Dienern liefen eiligſt hinab, und der An⸗ blick des Lebenden war nicht minder ſchrecklich als der der Todten. Philipp Haſtings war ohne Beiſtand aus ſeiner Ohnmacht erwacht, hatte ſich vom Boden aufgerafft und ging jetzt in demſelben ſchwankenden Zickzackſchritte, welchen Marlow bei ſeiner Rückkehr an ihm bemerkt hatte, im Zim⸗ mer hin und her. Aus einer Wunde, die er ſich beim Niederſtürzen an der Stirne geſchlagen hatte, rann ein Blutſtrom über ſein Geſicht, und die Todtenbläſſe ſeiner Züge wurde dadurch nur noch geſpenſterhafter. Sein Mund war etwas verzerrt und gab ſeinem Geſichte einen fremd⸗ artigen, finſteren Ausdruck; aber aus den Augen, die einſt ſo voll Geiſt und Verſtand geweſen, war jede Spur der Ver⸗ nunft gewichen. Er ſtreckte die Hände vor ſich hin und ſchlug mit den Fingern den Takt zu ſeinem Geſange, den er ſogar nach dem Eintritte der Diener noch immer fortſetzte. Er äußerte nicht ein Wort bei ihrem Erſcheinen, ſchien ſie nicht einmal zu ſehen, bis der Tafeldecker, ſeine Lage be⸗ merkend, ihn beim Arme nahm und fragte, ob er nicht beſſer zu Bette gehen würde. Nun alkerdings verſuchte Sir Philipp zu antworten; 633 aber ſeine Worte klangen undeutlich und verwirrt, und es wurde offenbar, daß er durch einen Schlag gelähmt worden. Die Diener wußten kaum, was ſie thun ſollten. Sie wagten Marlow in ſeinem tiefen Kummer nicht zu ſtören; der Doktor war um dieſe Zeit weit entfernt; ihre Gebieterin und deren ſchöne unglückliche Tochter waren todt, und ihr Herr war ſchwachſinnig geworden! Der Anblick Mr. Dirwells, des Pfarrers, der jetzt in die Bibliothek trat, gereichte ihnen zum größten Troſte. Ein Knabe, der in den Ställen oder der Küche verwendet geweſen, hatte die undeutliche Erzählung dieſer Schrecken in das Pfarrhaus gebracht, und der gute Geiſtliche war trotzdem, daß er von den Mühen und Aengſten dieſes Tages ganz erſchöpft war, ohne Aufenthalt herbeigeeilt um zu ſehen, was ſich für die Ueberlebenden dieſer unglückſeligen Familie thun laſſe. Er begriff Sir Philipps Lage auf den erſten Blick, ſtellte aber viele Fragen an den Tafeldecker über das, was dem ſchrecklichen Ereigniſſe vorangegangen, deſſen Wirkungen er vor ſich ſah. Der alte Diener gab nur kurze Antworten: auf die meiſten Fragen ſchüttelte er traurig mit dem Kopfe; aber dieſe ſtumme Antwort war genügend, und Mr. Dixwell nahm Sir Philipp Haſtings bei der Hand und ſagte: „Ihr ſolltet Euch lieber zur Ruhe begeben, Sir— Ihr ſeyd nicht wohl.“ Sir Philipp antwortete mit einem bedeutungsloſen Lächeln, folgte aber ganz fügſam dem Geiſtlichen, und nach⸗ dem dieſer ihn in ein Schlafzimmer geführt und ihn den 634 Händen ſeiner Diener überlaſſen hatte, wendete er ſeine Schritte nach der armen Emily Zimmer. Marlow hatte ſich von ſeinen Knien erhoben, ſtand aber noch immer mit über einander gekreuzten Armen neben dem Bette. Sein Antlitz war ernſt und kummervoll, aber voll⸗ kommen ruhig. Mr. Dirwell näherte ſich ſachte, um in melancholiſchem Tone einige ordinäre aber wohlgemeinte Worte des Troſtes an ihn zu richten. Marlow legte ſeine Hand auf den Arm des Geiſtlichen und deutete auf Emily's ſchönes aber geiſterhaftes Antlitz. Er ſagte blos: „Vergeblich!— thut, was nöthig— thut was recht iſt. Ich bin unfähig.“ Hiemit verließ er das Zimmer, ſtieg in die Bibliothek hinab, wo er die Thüre verſchloß und ſtumm und einſam bis zum nächſten Morgen ausharrte. Zweiundfünfzigſtes Kapitel. Mrs. Warmington wurde für die Leute von Hartwell eine Perſon von nicht geringer Bedeutung. Aller Gedanken waren auf ihr Haus gerichtet; Jedermann wünſchte einzu⸗ treten, um mehr zu ſehen und zu erfahren; denn die Nach⸗ richt hatte ſich, entſtellt und vergrößert, aber immer noch hinter der furchtbaren Wahrheit zurückbleibend, in raſchem Laufe ausgebreitet. Als Mr. Short ſelbſt in der Stadt „— „— 63⁵ anlangte, fand er bereits drei weitere Magiſtratsperſonen verſammelt, denen Mr. Atkinſon und Sir Philipp's Reit⸗ knecht John ziemlich oberflächlichen Bericht über Mrs. Hazle⸗ ton's Arretirung und deren Urſachen abſtatteten. Ihre erſte Erwägung nach ſeinem Erſcheinen war die, was mit der Gefangenen anzufangen ſey, denn einer von den Richtern, ein Mann aus einer alten Familie der Graf⸗ ſchaft, der die Anſtellung des Doktors bei der Gerichtsbank nicht gut geheißen hatte und ſeitdem faſt immer ein Gegner ſeiner Anſichten geweſen war, wollte Mrs. Hazleton ſelbſt über Nacht an keinem anderen Orte als dem gewöhnlichen Gefängniſſe verwahrt wiſſen. Die mildherzigere Anſicht der Majorität gewann jedoch die Oberhand! Atkinſon gab jegliche Zuſicherung, daß der zur Bewachung der Lady auf⸗ geſtellte Konſtable vollkommen zuverläſſig und daß das Zim⸗ mer, worin ſie verwahrt worden, viel zu hoch ſey, um eine Moöglichkeit des Entrinnens zuzulaſſen. So wurde beſchloſſen, daß Mrs. Hazleton über Nacht da bleiben ſollte, wo ſie war; in der Frühe des folgenden Morgens wollte man ſie ſodann zur Unterſuchung vor den Magiſtrat führen. Selbſt nachdem dieſer Beſchluß gefaßt war, wurde das Geſpräch oder die Berathung(wenn man ſie ſo nennen darf) noch längere Zeit als bloſes Geplauder fortgeſetzt. Die Herren ſaßen mit den Hüten auf dem Kopf auf dem Rande des Tiſches oder lehnten ſich an das Kamin, mit den Reit⸗ peitſchen an ihre Stiefel klopfend; die Einen wunderten, Andere erkundigten ſich, während wieder Andere mit der Würde und Zuverſicht, wenn auch nicht gerade mit dem 636 Scharfblicke und der Gelehrſamkeit eines Richters das Geſetz auslegten. Sie waren noch mit dieſer Diskuſſion beſchäftigt, als die Nachricht von Emily's Tode nach Hartwell gelangte und ſogar die leichtſinnigſten und ſorgloſeſten unter den Anweſen⸗ den in peinliche, furchtbare Beklemmung verſetzte. Der Mann, der die Nachricht überbrachte, hatte zugleich eine Aufforderung für Mr. Short, um unverzüglich zu Sir Phi⸗ lipp Haſtings zurückzukehren, und der Doktor wartete nur, bis ihm ein friſches Pferd vorgeführt wurde, worauf er ſich mit ſehr betrübtem, kummervollem Herzen auf den Rückweg machte. Er mochte Mr. Marlow nicht ſtören, obwohl man ihm ſagte, daß er ſich in der Bibliothek befinde, ſondern blieb den größeren Theil der Nacht hindurch bei Sir Philipp Haſtings und kehrte nur eine Viertelſtunde vor Tagesanbruch nach Hauſe zurück, um ſich dort vor der Zuſammenkunft mit den Magiſtratsperſonen ein wenig auszuruhen. Mit peinlichen Gedanken erfüllt ritt er in raſchem Schritte weiter, bis die gelbrothe Färbung des Morgens im Oſten aufzutauchen begann. Er ließ jetzt den Schritt ſeines Pferdes etwas langſamer werden, und als er ſich Mrs. Warmingtons Hauſe näherte, hob er ſeine Augen mit natürlichem Impulſe nach dem Fenſter jenes Zimmers em⸗ por, wo er den ſchönen Dämon, der über Andere wie über ſich ſelbſt ſo großes Elend gebracht hatte, eingeſchloſſen wußte. Mr. Short ritt vorüber; aber plötzlich drang ihm ein — —, 637 Laut zu Ohren, und als ſeine Augen von den oberen Fenſtern an dem Gebäude herabglitten und auf einen kleinen Gras⸗ flecken ſielen, den die Herrin des Hauſes ihr Bowlinggreen nannte, zog er die Zügel an und ritt in ſcharfer Wendung gegen das Thor. Aber es iſt jetzt Zeit, zu Mrs. Hazleton zurückzukehren. In das obere Zimmer einlogirt, das Mr. Atkinſon und ſeine Begleiter für ihren Zweck am tauglichſten gefunden hatten(die verſchloſſene Thüre trennte ſie von dem Konſtable von Hartwell, der im Vorzimmer untergebracht war), über⸗ ließ ſich Mrs. Hazleton ihrer Verzweiflung, denn ihr Seelen⸗ zuſtand verdiente wohl dieſen Namen, wenn gleich ihre Ge⸗ fühle von denen, die man ſonſt alſo zu nennen pflegt, ſehr verſchieden waren. Zu fühlen, daß jede irdiſche Hoffnung vorüber— zu ſehen, daß jeder fernere Kampf um einen Gegenſtand unſerer Begierde vergeblich iſt— zu wiſſen, daß die bereils überſtandenen Kämpfe fruchtlos geweſen— ſich bewußt zu ſeyn, daß deren Ziel ein niedriges, unwürdiges, verbrecheriſches war— auf beiden Seiten des Grabes nir⸗ gends einen Lichtſtrahl zu erkennen— die Gegenwart als eine Wildniß, die Zukunft als einen Abgrund, die Vergan⸗ genheit und deren Erinnerungen als eine Hölle vor ſich zu ſehen— das iſt gewiß Verzweiflung! Es iſt gleichgültig, mit welcher Stärke, mit welchem Trotz ſie ertragen wird; es iſt gleichgültig, welche wilden Leidenſchaften, welche hals⸗ ſtarrigen Entſchlüſſe, welche tödtlichen Aengſte und reuevollen Anwandlungen in jenen Zuſtand ſich miſchen moͤgen— er iſt Verzweiflung. 638 Und ſo waren Mrs. Hazleton's Empfindungen. Eine glückliche Lage, eine glänzende Stellung in der Geſellſchaft, Reichthum, Schönheit, Geiſt, Witz und Vorzüge aller Art— Alles ſah ſie weggeworfen und zur Befriedigung niedriger Leidenſchaften gegen Schande, Verbrechen und einen grauenhaften Tod vertauſcht. Es war ein ſchlimmer Handel; aber trotzdem daß ſie fühlte, wie ſie ihr Alles an die Rache geſetzt und, indem ſie dieſe gewann, ſich ſelbſt verloren hatte — trug ſie den Ausgang dennoch mit feſtem Herzen. Alle dieſe eben aufgezählten Vortheile und noch weit mehr hatte Mrs. Hazleton beſeſſen; aber zwei Dinge waren ihr abgegangen, welche zu menſchlichem Glücke und menſch⸗ licher Tugend abſolut nothwendig ſind— nämlich ein Herz und edle Grundſätze. Das Eine hätte ſie nie erlangen kön⸗ nen, denn ſie war von Natur herzlos. Die Anderen hätten ihre Eltern ihr einzuflößen vermocht; aber ſie hatten ſolches verſäumt, denn ſie hatten ſelbſt zu wenig gute Grundſätze beſeſſen, um für ihre Tochter davon zu erübrigen. Aber der Mangel an Herz— und es iſt dies eine merk⸗ würdige Erſcheinung— mildderte jetzt einigermaßen die Tiefe ihres Leidens: ſie empfand ihre Lage nicht ſo bitter, wie andere Perſonen mit feinerem Gefühlsvermögen ſie un⸗ vermeidlich empfunden hätten. Sie hatte ſich dermaßen daran gewöhnt, allen unbedeutenderen Regungen zu wider⸗ ſtehen, daß ſie in Wirklichkeit ganz verwiſcht worden waren: wilde Leidenſchaften konnte ſie empfinden, denn das Erd⸗ beben ſpaltet den Granit, den der Meiſel kaum anrührt, und ſie beſchäftigten ſie jetzt ebenſo ſehr wie immer. In jenem naͤmlichen Augenblicke, da ſie ihr Haupt auf die Hand geſtützt am Tiſche ſaß— was hatte jene finſtere, gerunzelte Stirne— was hatte jenes feſte Vorſichhinſtarren — jenes Zuſammenpreſſen der Zähne und Lippen zu bedeu⸗ ten? In jenem Augenblicke regte ſich Nero's Wunſch in Mrs. Hazleton's Herzen. Hätte ſie das halbe Menſchenge⸗ ſchlecht ermorden können, um jeden Beweis ihrer Verbrechen zu vernichten und der Schande, die ſie von Weitem angrinste, zu entrinnen— ſie hätte es ohne Gewiſſensbiſſe vollzogen. Noch andere Gefühle waren in ihr lebendig. Sie är⸗ gerte ſich über ſich ſelbſt, daß ſie ſich auch nur im Gering⸗ ſten durch das Vorgefallene hatte bewegen oder erſchüttern laſſen, und mit entſchloſſener Anſtrengung— ich will es keinen Kampf nennen— mühte ſie ſich, ihre volle Selbſt⸗ beherrſchung wieder zu gewinnen— jenes ruhige, anmuthige, ſelbſtbewußie, würdevolle Benehmen anzunehmen, wie ſie es bei unbeflecktem Rufe in dem Glanze ihres Glückes zur Schau getragen hatte. Man konnte es in gewiſſem Sinne eine Schauſpielerrolle nennen; aber ſie ſpielte ſie vor ihren eige⸗ nen Augen ſo gut wie vor denen der Fremden. Sie beſchloß⸗ feſt zu ſeyn, und ſie war feſt. „Der Tod ſteht vor mir,“ ſagte ſie:„aber darauf bin ich vorbereitet. Er ſoll keinen Nerv, kein Glied ſoll er mir erſchüttern. Alle anderen Uebel ſind— damit verglichen— nur Kleinigkeiten. Warum ſoll ich mich alſo im Geringſten davon angreifen laſſen? Nein, nein; ſie ſollen mich nicht zittern ſehen 14 Nachdem ſie etwa zwei Stunden unter ſolchen Gedanken 640 zugebracht und mit jedem Augenblicke größere Selbſtbeherr⸗ ſchung gewonnen hatte, während ſie ihre Lage hin und her in ihrem Geiſte überlegte und ſie von allen möglichen Ge⸗ ſichtspunkten betrachtete, erhob ſie ſich, um ſich zur Ruhe niederzulegen. Sie wollte ſchlafen. Anfänglich fühlte ſie ſich durch läſtige Gedanken geſtört. Der frühere Ideengang dauerte bei ihr fort— dieſelben Schlüſſe folgten jenen Gedanken, und der Schlaf floh ihre Augenlider länger als eine Stunde. Aber ſie war ein ſehr reſolutes Weib, und ſie beſchloß endlich, ſie wolle nicht län⸗ ger nachdenken, wolle die Gedanken gänzlich verbannen und ihren Geiſt keinen Augenblick bei irgend einem Gegenſtande verweilen laſſen. Es gelang ihr. Die Abweſenheit der Gedanken iſt Schlaf, und ſie ſchlummerte. Aber der Entſchluß endete, wo der Schlaf begann, und die Bilder, welche ſie wachend verbannt hatte, kehrten im Schlummer in ihre Seele zurück. Ihr Schlaf war unruhig: wirre Träume ſchienen ſie in dichten Maſſen zu überfallen; ihre Augen blieben zwar geſchloffen, aber ihre Züge waren voller Leben und die Lippen bewegten ſich. Bald hörte man ein Lachen, bald ein jämmerliches Stöhnen; Thränen fanden ihren Weg durch die geſchloſſenen Augen⸗ lider, und Seufzer kämpften in ihrem Buſen. Endlich zwiſchen drei und vier Uhr Morgens ſtand Mrs. Hazleton von ihrem Bette auf. Sie öffnete ihre Augen: aber nur ein trüber, gläſerner Blick— ein feſtes, bleiernes Vorſichhinſtarren, das ihr in ihren wachenden Stunden nicht natürlich war, ſchaute daraus hervor. Langſam ſtieg ſte aus dem Bette, näherte ſich dem Tiſche, ergriff eine Kerze, die ſie dort hatte brennen laſſen, und die jetzt faſt ganz herab⸗ gebrannt war, und ging geradeswegs auf die Thüre zu, indem ſie laut vor ſich hin ſagte: „Sehr dunkel— ſehr dunkel— Alles iſt dunkel!“ Sie probirte die Thüre, fand ſie aber verſchloſſen, und der Konſtahle ſchlief weiter. Dann kehrte ſie nach dem 641 Tiſche zurück, ſetzte ſich nieder und fuhr etwa fünf bis zehn Minuten fort, ihr langes Haar um die Finger zu flechten. Dann ſtand ſie wieder auf, ging auf das Fenſter zu, riß es auf und ſchien hinauszuſchauen. „Eiskalt— eiskalt!“ ſagte ſie ſchaudernd;„ich muß gehen, um mich zu erwärmen.“ Der Fenſterſims war etwas hoch; aber das war kein Hinderniß, denn ein Stuhl ſtand in der Nähe, und Mrs. Hazleton ſtellte ihn ſo behutſam vor ſich hin, wie wenn ſie ganz wach geweſen wäre. Sobald dies geſchehen war, ſchwang ſie ſich leichten Schrittes auf den Seſſel, lehnte ihr Knie auf den Fenſterſims, richtete ſich dann plötzlich in die Höhe und ſchlug ihren Kopf heftig gegen den oberen Theil des Fenſters. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſer Schlag ſie erweckte; aber auf alle Fälle brachte er ſie aus dem Gleichgewichte, und ſie ſtürzte mit einemmale aus dem Fenſter. Es folgte ein lauter Schrei, und dann ein tiefes Stöh⸗ nen. Allein der Konſtable ſchlief fort, und Niemand wußte um das Schickſal, das ſie befallen hatte, bis Mr. Short, der Doktor, im Vorüberkommen durch ein Stöhnen und den An lick eines weißen Gegenſtandes, der unterhalb des Fen⸗ ſters lag, nach der Stelle gezogen wurde, wo ſie herabge⸗ fallen war. Ein lautes Anziehen der Glocke und ein Pochen an der Thüre weckte bald die Bewohner des Hauſes, und der zer⸗ ſchmetterte Körper Mrs. Hazleton's wurde hineingetragen und auf ein Bett gelegt. Sie war nicht todt, und obgleich mit Ausnahme des Schädels faſt jedes Glied gebrochen war, obgleich die furcht⸗ bare Beſchädigung, die ſie davongetragen, jede Möglichkeit einer Geneſung ausſchloß, kam ſie doch vor drei Uhr deſſel⸗ ben Tages zum vollen Bewußtſeyn zurück und ſchleppte ſich ſo länger als vierzehn Tage in einem Todeskumpfe hin, der James. Rache. 41 642 für Leib und Seele zu furchtbar war, als daß wir ihn be⸗ ſchreiben könnten. Bei dem raſchen Abnehmen der körper⸗ lichen Stärke ließen auch ihre Seelenkräfte nach— ihre rü⸗ ſtige Entſchloſſenheit— ihre Selbſtbeherrſchung verließ ſie. Ein halbſtündiges Sterben hätte ſie mit ſtoiſcher Feſtigkeit ertragen können; aber ein vierzehn Tage langer Tod war zuviel. Gedanken, die ſie bei kräftiger Geſundheit hätte ausſchließen können, drängten ſich ihr auf, während ſie jetzt wie ein zertretener Wurm dalag, und die Qualen der Hölle ergriffen ſie noch lange, bevor der Geiſt geſchieden war. Aber ſelbſt bis zur letzten Stunde war ein Funken ihres alten Geiſtes übrig geblieben. Daß ſie an eine Ewigkeit dachte— daß ſie von einem ſpäteren Gerichte, von der Be⸗ lohnung der Guten und der Beſtrafung der Böſen überzeugt war— daß ſie an einen Gott, an Hölle und Himmel glaubte — iſt kein Zweifel: ihre Worte deuteten mehr als einmal darauf hin, und die Seelenangſt, unter der ſie ſich zu krüm⸗ men ſchien, bewies es. Dennoch verſchmähte ſie jede Trö⸗ ſtung der Religion, äußerte weder Reue noch Kummer über das, was ſie gethan hatte, und verhöhnte den Doktor, wenn er ihr einen Wink gab, daß Reue ihr ſogar jetzt noch nützen könnte. Es ſchien, daß ſie, gleichwie ſie nach der erſten Entdeckung ihrem Schickſal kühn zu begegnen beſchloſſen und mit der irdiſchen Zukunft abgerechnet hatte, ebenſo ent⸗ ſchloſſen war, dem Richterſpruche ihrer unſterblichen Zukunft mit ungebeugtem Geiſte entgegenzutreten. Als man kurz vor ihrer letzten Stunde in ſie drang, daß ſie doch einige Reue zeigen ſolle, erwiederte ſie mit der ſchwachen, wankenden Stimme des Todes, aber in demſel⸗ ben entſchloſſenen Tone wie immer: „Das iſt lauter Geſchwätz. Eine einſtündige Reue würde mir doch nichts nützen, auch wenn ich bereuen könnte. Aber ich bereue nicht, und Niemand bereut. Die Anderen bereuen ihr Mißlingen und fürchten ſich vor der Strafe; aber ſie wie ich würden wieder ganz daſſelbe thun, wenn 4 6⁴³ wir auf glücklichen Erfolg und Strafloſigkeit hoffen dürften. Redet mir nicht mehr davon: ich mag nicht an die Hölle deten bis ſie mich erfaßt hat, wenn das jemals geſchehen ollte.“ Von dieſem Augenblicke an ſprach ſie nichts mehr, und etwa eine Stunde ſpäter floh ihr Geiſt jenem Looſe entge⸗ gen, das ſie ſo kühn herausgefordert hatte. ** Ich habe für dieſes Schlußkapitel nur noch wenige Per⸗ ſonen zu notiren übrig, über deren ſpätere Geſchichte die Einbildungskraft des Leſers vielleicht ohne fernere Benach⸗ richtigung gelaſſen werden dürfte. Doch mögen wenige Worte genügen, nur um einen Schlüſſel ihres ſpäteren Schick⸗ ſales zu geben. Der Prozeß gegen den Anwalt Shanks wurde nur lang⸗ ſam geführt, und ſoviel iſt ſicher, daß er des wichtigeren Vergehens der Fälſchung nicht überwieſen ward. Doch wurde er, wie es ſcheint, wegen ſonſtiger Anklagen zu zweijährigem Gefängniſſe verurtheilt, und die letzte Nachricht, die man von ihm vernahm, zeigte ihn, einen ſehr alten Mann unter der Regierung Georgs J., als Stiefelputzer in dem Gaſt⸗ hofe zu Carrington. Sir Philipp Haſtings kam nie wieder zum Bewußtſeyn und ſchien keine Erinnerung an die ſchauderhaften Ereig⸗ niſſe zu beſitzen, mit denen ſeine irdiſche Geſchichte— wie man ſagen könnte— zu Ende ging. Auch ſein Leben dauerte nicht mehr lange, denn er blieb noch etwa ſechs Monate in jenem beweinenswerthen Zuſtande, in welchem wir ihn zu⸗ letzt geſchildert haben, bald ſingend, bald lachend und zuwei⸗ len in tiefe Melancholie verſinkend. Nach Ablauf jener Zeit traf ihn ein zweiter Schlag, der ihn in einen Zuſtand voll⸗ kommenen Stumpfſinnes verſetzte, aus dem ihn der Tod nach z vei Jahren erlöste. Wirft der Leſer einen Blick in die Annalen aus Königin 641 Anna's Regierungszeit, ſo wird er in Marlborough's und Eugen’s Feldzügen gar oft einen Major, einen Oberſt und General Marlow erwähnt finden. Sie Alle waren ein und dieſelbe Perſon; auch wird der Leſer jenen Offizier mehr als einmal als ſchwer verwundet genannt ſehen. Ich kann ſeine Geſchichte nicht weiter verfolgen; aber die Stammbäume damaliger Zeit beweiſen, daß ein Earl von Launceſton anno 1712 im Alter von ſiebenundachtzig Jahren ſtarb und daß ihm der achte Earl nachfolgte, der ihn nur drei Jahre überlebte und mit welchem der Titel erloſch, da noch beſon⸗ ders bemerkt wird, daß er unvermählt geſtorben. Da dieſer Letzte ſeines Namens als Generallieutenant Graf von Laun⸗ ceſton aufgeführt wird, ſo kann kein Zweifel ſeyn, daß er der Liebhaber und Verlobte der armen Emily Haſtings geweſen. Es iſt eine traurige Geſchichte, und wohl noch ſelten hat eine ſolche Tragödie die Blätter der häuslichen Geſchichte Englands verdunkelt. Eine ganze Familie und die meiſten Derer, die mit ihr in Verbindung ſtanden, wurden in ganz kurzem Zeitraume dahingeriſſen; aber es iſt nicht die Zahl der in jenem Zeitraume Verſtorbenen, was jenes Blatt ſo düſter macht, denn jede Hauschronik iſt faſt nichts als eine Aufzeichnung von Todesfällen, wohl aber ſind es die beſon⸗ deren Umſtände. Jugend, Schönheit, Tugend, Freundlichkeit und Sanftmuth; Ehrenhaftigkeit, Unbeſcholtenheit und ge⸗ wiſſenhafte Rechtlichkeit; Verſtand, Klugheit und Thatkraft ſind zuweilen, ja ſogar oft, wirkungslos als Schutzwehr vor Ungluck, Kummer und Tod. Wenn dieſe Welt Alles wäre— welch furchtbares Chaos wäre da das menſchliche Leben! Allein gerade die Kümmer⸗ niſſe und Widerwärtigkeiten der Guten beweiſen, daß es ein künftiges Leben gibt, wo Alles eben gemacht wird. —23.— Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. — —— 4 ——— 9 2— Taadnmrrnnmmmmnnnannnmnmmnn 12 ſnnſſnnſſiſſſſſſſn mlſit 9 10 11 13 1 15 1 1 4 6 7 18