-4 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————;— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ tI. 5 1— 7 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſuhn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. ———— ----——— „ —— 4 ₰ G. P. U. James' RNomanſe, in deutſchen Uebertragungen herausgegeben von F. Notter und G. Pſtzer. Zweihundertzweiundvierzigſtes bis zweihun⸗ dertſechsundvierzigſtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler ſchen Buchhandlung. 1852. Gowrie oder des Königs Komplott. Roman von G. P. R. James. 4— Aus dem Engliſchen. Rechtmäßige Ausgabe. DSo Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1852. Erſtes Kapitel⸗ Am 15. Auguſt 1599 ſah man einen jungen Mann auf einer der kleinen Brücken der Stadt Padua ſtehen. Er war einfach in einen gewöhnlichen Reitanzug damaliger Zeit gekleidet, mit kurzem, ſchwarzem Mantel über der Schulter, einem lohfarbenen Tuchkleid darunter und einem hohen ge⸗ zackten Hut, deſſen Federn nach einer Seite herabfielen. Dieſer ſein Anzug deutete ſonſt durchaus auf keinen höhern Rang als den eines ehrbaren Bürgers, ja man konnte ſogar viele Bürgersſöhne ſeines Alters(er zählte nicht über zwei⸗ undzwanzig) ſehr häufig mit ſtattlicheren Federn auf den Hüten ſehen, wenn auch der Vogel, von dem ſie ſtammten, von weniger feiner Art war. Zwei Kennzeichen jedoch ſchie⸗ nen eine höhere Stellung zu verkünden: ſtatt einer breiten Halskrauſe, wie ſie damals üblich war, trug er einen liegen⸗ den Spitzenkragen vom reichſten und zarteſten Gewebe, der vorn unter der Kehle mit einer Silberſchnur und Troddel geknüpft war; ebenſo zeigte ſein langer Rappier, deſſen Scheide zwar nur von ſchwarzem Leder war, einen Griff von der feinſten Silberarbeit, ähnlich der ſeines Dolches, den er im Gürtel trug. Auch ſeine bockledernen Handſchuhe waren James. Gowrie. 1 2 mit Silberfranſen eingefaßt und auf dem Rücken geſtickt. Seine Geſtalt war ſchlank und fein gebaut, mit höchſt in⸗ telligentem, ausdrucksvollem Geſicht, das zwar für einen ſo jungen Mann ziemlich ernſt und entſchloſſen ſchien, aber doch jene glückliche Miſchung hochſinniger Sorgloſigkeit und jugendlichen Frohſinns an ſich trug. Der junge Mann ſtand ganz allein— in ſtarkem Gegen⸗ ſatze zu den übrigen Bewohnern von Padua, von denen jeder für heute einen Genoſſen gefunden zu haben ſchien; man war nämlich in voller Feſttagsfeier, die Kirchenglocken läuteten und von den Wällen dröhnte das Geſchütz; alle Straßen im Innern dieſer mit zahlloſen Arkaden beſäumten Stadt wimmelten von frohen Gruppen, welche die Himmel⸗ fahrt Mariä feierten, während der oben beſchriebene Jüng⸗ ling nahe an dem Thore nach Ferrara, das von der in die Kirchen ſtrömenden Bevölkerung ſo ziemlich einſam gelaſſen wurde, ganz allein blieb. Länger als eine Viertelſtunde weilte er auf demſelben Flecke, indem er ſeine Arme bald auf die Brüſtung der Brücke ſtützte und in das ſchimmernde Waſſer hinabſchaute, oder einem rüſtigen Taglöhner zuſah, der weniger fromm als ſeine Nachbarn in ſeinem weißen Hemde und hellblauen Beinkleidern, die ſich in dem bunten Waſſerſpiegel reflek⸗ tirten, ſeine Arbeit in einem der Boote fortſetzte, bald die nach der Brücke führende Straße hinaufſah, wo ſich Män⸗ ner⸗ und Frauengruppen in heiterer Tracht unter den Arka⸗ den ſehen ließen und in fortwährendem Wechſel kamen und verſchwanden. Italiens leuchtende Sonne goß ihre ſchiefen 3 Strahlen durch die Straßenöffnungen und gewährte einen heiteren glänzenden Anblick, wenn ſie von Zeit zu Zeit auf den prächtigen Trachten der vorübergehenden Einwohner ſchimmerte und den ſonſt ziemlich düſteren Anblick der Stadt mit ihren engen Gaſſen und dunklen Säulengängen mit fri⸗ ſchem, munterem Leben erfüllte. Der junge Fremdling ſchien an der allgemeinen Heiter⸗ keit keinen Antheil zu nehmen: nicht daß er ernſt oder trau⸗ rig ausſah, denn wenn ſein Auge die Straße hinauf ſchweifte und eine der rührigen Gruppen gewahrte, kam ein ziemlich ſarkaſtiſches Lächeln auf ſeine Lippe, wie wenn er den Froh⸗ ſinn des Volkes oder die Veranlaſſung, die ihn hervorrief, nicht ohne eine gewiſſe Geringſchätzung betrachte; ſein Ge⸗ ſicht zeigte vielmehr einen freien, heiteren Ausdruck und ſchien ein unverſtörtes Gemüth zu verkünden, das ſich an den kleinen Thorheiten Anderer recht gerne ergötzte. Nachdem er faſt eine Viertelſtunde auf demſelben Flecke verweilt hatte, trat ein Anderer, ein viel heiterer gekleideter Cavalier an ſeine Seite. Er ſtand faſt in demſelben Alter, höch⸗ ſtens daß er ein paar Jahre älter ſchien, war ebenfalls ein hochgewachſener Mann, nicht ganz ſo groß als ſein Gefährte, von dunklerer Geſichtsfarbe und kräftiger, dabei aber an⸗ muthiger Geſtalt; ſein Gang war ruhig, ſein Blick offen und feurig, und ſeine wenn auch nicht auffallend hübſchen Züge bildeten ein ausnehmend angenehmes Geſicht, deſſen Unregelmäßigkeit gleichwohl einen ſehr wohlthuenden Ein⸗ druck machte. „Jederzeit pünktlich an Ort und Stunde gehalten, Sig⸗ 1* 4 nor Johannes,“ ſagte der Letztere, dem Wartenden die Hand ſchüttelnd.„Du haſt gewiß meine Saumſeligkeit und Un⸗ pünktlichkeit geſcholten; aber ich kann Dich verſichern, ich hatte am Morgen mit Lappalien, Mittags mit Studien, nach Tiſch mit Geſchäften und am Abend mit vielerlei Ge⸗ müthsaufregung alle Hände voll zu thun— zürne mir alſo nicht, mein guter Lord.“ „Verhüte der Himmel!“ entgegnete der Andere;„wer Dir wegen Unpünktlichkeit zürnen wollte, Hume, der könnte ebenſogut eine Lerche wegen ihres Singens oder eine Eule um ihres Gekreiſches willen anklagen und müßte ſeine ganze Zeit damit zubringen, ſich über das Weſen ſeines Freun⸗ des zu ärgern. Ueberdies haſt Du mir nicht einmal ver⸗ ſprochen, hier zu ſeyn; ich habe Dir meine Ankunft blos ge⸗ ſchrieben und es dem Zufall überlaſſen, ob Dir die Stunde genehm ſey.“ 3 „Wozu aber all das Geheimniß und warum dieſer nüch⸗ terne Anzug?“ rief der Andere, ſeinen Freund mit luſtigem Lachen am Mantel faſſend;„das riecht noch ſcharf nach Genf, und Dein brauner Koller iſt eines ächten Schülers von Beza würdig. Ich bitte Dich, John, laß ſeine Lehre doch nicht den äußeren Menſchen berühren: ſey ſo ſtreng Du willſt, wenn es gilt, Dein Herz und Gemüth gegen die ba⸗ byloniſche Dame zum Widerſtand zu ſtärken; trage aber Deine Religion nicht gar auf den Atlas über oder laß Be⸗ za's Dogmen ſich nicht in Sammt und Seidenſtoffe mengen. Der Glaube, der auch nur eine unſchuldige Freude tödtet⸗ iſt nicht der Glaube Deſſen, der uns mehr als einmal zur 5 Freude aufforderte, und ich kann mich nicht enthalten zu denken, daß, wer für gewiſſe Ceremonien eine beſtimmte Kleidung vorſchreibt, eben ſo thöricht und unrecht handelt als der, der die Form bei jeder Veranlaſſung perhorrescirt.“ „So denke auch ich,“ antwortete ſein Gefährte;„Du wirſt mich in dieſen Dingen nicht im Geringſten verändert finden. Die Urſache meiner Alltagstracht und meiner ge⸗ heimnißvollen Ankunft iſt aber eine und dieſelbe und ſehr einfach: ich wünſchte von keinem unſerer guten Lehrer an dieſer hochgelahrten Univerſität, von keinem unſerer alten Genoſſen außer Dir erkannt zu werden. Um Dir übrigens zu zeigen, daß ich kein Fanatiker bin, ſo wiſſe, daß ich eben jetzt auf dem Wege nach Rom bin, um die Wunder der ewigen Stadt und Se. Heiligkeit den Pabſt zu ſchauen, wenn ich mir auch ſeinen Segen gewiß nicht erbitten werde, weil ich gegen deſſen Wirkſamkeit ſehr ſtarke Zweifel hege.“ „Darin bin ich mit Dir einverſtanden,“ entgegnete ſein Freund;„zwar kann einem der Segen eines guten Menſchen niemals ſchaden, und es mag wohl Schlimmere als eben unſern Clemens geben. Was haſt Du aber mit Deinem Ge⸗ folge angefangen? wo ſind Deine Diener, wo der berühmte Erzieher, Dominus Rhind?“ „Nach Monſelice vorausgegangen,“ verſetzte der Andere, um dort meine Ankunft abzuwarten, wenn ſie in dem klei⸗ nen Gaſthofe Raum finden können, im andern Falle nach Novigo weiter zu reiſen. Du haſt doch meinen Boten bei Dir, nicht wahr? Ich gebot ihm, meine Ankunft abzu⸗ warten.“ 6 „Freilich hab ich ihn noch,“ rief der Gefragte;„der tolle Burſche hat in den letzten drei Tagen ganz Padua in Aufruhr verſetzt. Sein Spott gegen die Männer, ſein Scherwenzeln um die Weiber und ſein heiteres Spielen mit den Kindern hat ihm Freunde und Feinde genug zugezogen, daß ſich ein Mann ſein Lebenlang damit genügen laſſen könnte.“ „Iſt doch ein unverbeſſerlicher Menſch!“ bemerkte der Freund mit ärgerlicher Miene.„Ich mußte ihn von Genf wegſchicken, denn Beza konnte ihn nicht leiden, und ich mochte den guten alten Mann nicht bekümmert ſehen. Der Burſche hat mir Beſſerung verſprochen, und er iſt ſo treu und anhänglich, daß ſeine Tugenden wie ſeine Fehler ſich in ein ſehr ſchmackhaftes Gericht aus den feindlichſten Ingredien⸗ zen gleichſam wie in einer ſpaniſchen Suppe verſchmelzen. Ich habe ihm auf's Strengſte aufgetragen, vorſichtig zu ſeyn und vor Allem meines Namens nicht zu erwähnen.“ „Die letztere Vorſicht hat er auch auf das Pünktlichſte beobachtet,“ beſtätigte der zweite Cavalier,„denn ſelbſt gegen mich hat er das verbotene Wort niemals ausge⸗ ſprochen; er bediente ſich immer einer Umſchreibung, wie z. B.„der bewußte edle Gentleman,“„der würdige Ver⸗ faſſer des Briefs,“„Er, den ich nicht nennen darf“ u. ſ. f.; dabei zog er die Augbrauen in die Höhe und deutete mit dem Daumen über die Schulter, wie wenn er von Beelzebub ſpräche und den Teufel als ſeinen Herrn und Meiſter aner⸗ kennte.— Nun aber laß uns in Deinen Gaſthof gehen, wo ein kleines Zimmer und Abendeſſen nach Deinem Wunſche 27 bereit iſt; dort ſollſt Du mir erzählen, was Dich in dieſes ſchöne Italien zurückgeführt hat, und ich will Dir Alles be⸗ richten, was mir ſeit unſerm letzten Zuſammenſein be⸗ gegnete.“ „Mein Geſchäft in Italien iſt bald erzählt,“ verſetzte ſein Kamerad lächelnd.„Ich will etliche Gemälde einkau⸗ fen, um mein armes Haus zu Perth damit zu ſchmücken; es wäre ja eine Schande, wenn man ſo lange in Italien gelebt hätte, und nicht etwas von Caracci's Hand zurückbrächte. Sie Beide, Annibale und Ludovico, auch Caravaggio will ich beſuchen; ferner habe ich von einem jungen Maler, Na⸗ mens Reni, gehört— Guido Reni nennen ſie ihn— der jetzt in Bologna Aufſehen macht; ich habe ein Gemälde voll Anmuth und Schönheit geſehen, das von ihm ſeyn ſoll, und wenn er wirklich ſo malt, ſo wird er bald in der ganzen Welt berühmt werden.— Warum lachſt Du denn?“ „Weil ich glaube, daß Gemälde allein Dich nicht nach Padua geführt haben,“ entgegnet ſein Genoſſe,„denn in der That, hier gibt es wenig zu ſehen, höchſtens den heil. Antonius, wie er den Fiſchen predigt.“ „In der That eine höchſt nutzloſe Verſchwendung ſeiner Lehre. Doch laßt uns gehen; wir wollen die dunklen Sei⸗ tenſtraßen wählen, welche die Studenten nicht aufſuchen, denn ich möchte nicht, daß ſie ihren früheren Rektor ver⸗ mummt unter ſich auftreten ſähen.“ „So komm denn nach dem Wallgange,“ rieth der An⸗ dere und führte ſeinen Freund durch verſchiedene ſchmale niedere Gäßchen, welche auf die Außenwerke mündeten, wo 8 man faſt Niemand als hie und da einen Taglöhner, eine alte Frau oder ein paar verlumpte Bettler begegnete, die ſich unter dem Plunder, der da und dort auf den offenen Räumen zwiſchen Wall und Häuſern aufgethürmt war, nach ſolchen Schätzen umſahen, wie ſie nur der Armuth werthvoll erſcheinen konnten. Endlich mußten ſie jedoch in eine der breiteren Straßen einbiegen; aber ſchon nach zehn Schritten gelangten ſie unter einem ſchmalen Thorweg unter eine von den Arkaden, wo ſie eintraten und eine lange, ſchmutzige Treppe hinanſtiegen. Oben links gelangten ſie an eine Thüre, durch die ſie in ein kleines Vorzimmer traten, wo ein junger Mann in der Tracht eines Dieners ſaß, ohne jedoch eines der Abzeichen an ſich zu tragen, wie es damals das Geſinde großer Familien bezeichnete. Seinem Geſichte nach zu ſchließen, das häßlich genug war, um poſſirlich und poſſirlich genug, um ſchön zu ſeyn(ich kann zwar Paradoxen nicht leiden, bin aber hier unwillkürlich hineingerathen)— ſchien er keineswegs ein Mann, der ſich viel mit ernſten Betrachtungen abgab; gleichwohl war er für jetzt ſo emſig mit ſeiner Arbeit beſchäftigt, daß er eine Weile den Ein⸗ tritt der beiden Gentleman nicht bemerkte. Dieſe Arbeit war in der That in ſeinen Augen eine höchſt wichtige und ſorg⸗ fältig ausgeführte: er war nämlich daran, eine Menge gro⸗ tesker Köpfe in weichem Holze auszuſchnitzen, und ſein erfin⸗ deriſcher Genius entfaltete dabei Naſen, wie man ſie nir⸗ gends auf einem menſchlichen Geſichte antraf, ſchielende Augen mit jedem Winkel von Schiefheit, hier ein Kinn, das von lauter Angſt vor dem mächtigen Schnabel, der es 9 beſchattete, zurücktrat, dort wiederum ein anderes, ins Un⸗ begränzte vorſpringend, wie wenn es das gähnende Maul be⸗ herrſchen wollte. Er zeigte in der That kein geringes Ge⸗ * ſchick im Meißeln, nur hatte ſein Genius eine excentriſche Richtung genommen, und es war offenbar, daß er ſich an 4 ſeiner eigenen Kunſt höchlich ergötzte, denn der erſte Gruß an ſeinen Gebieter war ein lautes Lachen, als er die merk⸗ würdige Phyſiognomie, die er eben zuwege gebracht, betrach⸗ tete. Sobald er jedoch zu der nüchternen Wirklichkeit des Lebens erwachte, ſprang er auf, legte Holz und Meſſer auf den Tiſch und ſagte mit tiefer Verbeugung: „Willkommen zu Padua, edler Herr. Beſſer ſpät als gar nicht; Nichts iſt verloren als was auf dem Grunde des * Meeres modert, denn das iſt eine gar lange Gaſſe und hat nirgends eine Biegung. Man kommt nie zu ſpät, wenn man Zeit genug hat.“ „Spare Deine Sprichwörter, guter Meiſter Jute,“ ver⸗ ſetzte ſein Gebieter, derſelbe Fremde, der an der Brücke ge⸗ wartet hatte.„Ich höre, daß Du trotz allem Gelübde der Beſſerung und Nüchternheit ſchon wieder die ganze Stadt in Aufruhr gebracht haſt.“ „Ei nein, mein edler Lord; mit dem beſten Willen von . der Welt habe ich noch nicht Zeit gehabt, weiter als durch 4 die fränkiſchen Quartiere zu kommen. Ich eilte ſo ſchnell wie möglich hieher, denn ſo wollte es Euer Wille wie der mei⸗ nige, ſintemalen ich die letzten drei Monate wie ein Eber im Schweinſtall aufgehenkt geweſen. Wie geſagt, ich habe noch nicht Zeit genug gehabt. Verſprechen ſind ohnehin wie Pa⸗ ſtetenkruſten nur zum Brechen gemacht: wer viel gelobt, thut wenig; gleichwohl breche ich die meinen niemals, denn ich habe eine närriſche Vorliebe für ein unzerfetztes Fell und ein reines Gewiſſen; und ich erſuche Eure Lordſchaft, ſich gefälligſt zu erinnern, wie ich blos verſprach, mich an den Küſten des Genfer See's gut betragen zu wollen.“ „Laß gut ſeyn, wir wollen ſpäter mehr davon reden,“ erwiederte ſein Lord, dem andern Gentleman in das innere Zimmer folgend:„das Gebot, meinen Namen zu ver⸗ ſchweigen, haſt Du wenigſtens gehalten und mußt es auch ferner beobachten. Jetzt geh und laß mein Abendeſſen her⸗ aufbringen, denn ich bin weit geritten und habe lange ge⸗ faſtet.“ Der Mann gehorchte mit einem tiefen Bückling, wäh⸗ rend die beiden Edelleute in das anſtoßende Gemach traten und der Reiſende, in einen Stuhl ſich werfend, mit einem Seufzer, deſſen Urſprung ſchwer zu entdecken ſeyn möchte, in die Worte ausbrach: „So wäre ich denn wieder einmal in Padua!“ Zweites Kapitel. Das Zimmer war ein kleines, düſteres Gelaß, mit ſchwarzem Eichengetäfel nicht ohne Zierlichkeit und Ge⸗ ſchmack eingefaßt. Das Haus hatte nämlich früher vorneh⸗ meren Beſitzern, als denen, die es jetzt ihr eigen nannten, gehört, denn Padua hatte eben damals, wie alle Menſchen, .* 11 Orte und Dinge auf Erden, ſeine Wechſelfälle erlebt; das alte Patavium war ſeit den Tagen des Livius untergegangen, tauſenderlei Veränderungen hatten vornehme Stadttheile in gemeine, die Häuſer des Adels in Wohnungen für Tag⸗ löhner, heidniſche Tempel in chriſtliche Kirchen und— was allerdings beſſer paßte— ſie hatten Amphitheater in Schlachthäuſer umgewandelt. Unter letztere Veränderungen gehörte auch die des Hauſes, das früher von einem von An⸗ gelo's gedungenen Gefährten bewohnt geweſen, nunmehr zu einem Anfangs ſehr beſuchten und hochgeachteten Gaſthofe geworden, aber allmälig immer tiefer und jetzt zu einer Art Herberge für reiſende Krämer und die ärmeren Klaſſen der Studirenden bei ihrer erſten Ankunft in der Stadt Padua herabgeſunken war. Das Zimmer unſerer beiden Freunde war jedoch hoch und luftig, das breite, auf den Hof gehende Fenſter ließ ſich von der Mitte an bis herab auf einmal öffnen, was damals eine Seltenheit war, ſo daß man hier einer in ſo heißer Jahreszeit höchſt wünſchenswerthen Kühle genießen konnte, wie man ſie in manchen größeren und ſchö⸗ neren Gemächern der Stadt vergeblich geſucht hätte. In dieſem Zimmer ſaßen etwa eine Stunde nach Son⸗ nenuntergang John Earl von Gowrie und ſein Freund Sir John Hume beiſammen. Der Tiſch vor ihnen trug einige Flaſchen feinen Weins, zwei Wachskerzen, einige Teller mit ch önen Früchten, welche die Luft mit ihren Düften erfüllten und etliche Kuchen eines feinen Gebäcks, wofür Padua da⸗ zumal berühmt war. Der Schimmer der Wachskerzen verlor ſich raſch an dem dunkeln Eichengetäfel ringsum, warf aber 4 genugſame Helle auf das weiße Tiſchtuch und ließ den Aus⸗ druck in den Geſichtern der beiden jungen Leute deutlich er⸗ kennen. Beide waren in froher Laune, denn Scherz und Lachen hatte ihr Mahl gewürzt; nur hie und da zog ein Schatten tiefen, faſt melancholiſchen Nachdenkens über des Earls Geſicht, wie das Dunkel einer fliehenden Wolke auf eine ſchöne Landſchaft geworfen wird. Sie hatten von man⸗ cherlei Dingen geſprochen, während des Grafen Diener und einige Leute aus dem Gaſthofe ab⸗ und zugingen. Lord Gowrie's Studienzeit zu Padua, die hohe akademiſche Ehrenſtelle, die man ihm vor etwas mehr als einem Jahre durch ſeine Wahl zum Rektor übertragen hatte, war von Hume mit der lachenden Bemerkung erwähnt worden: „Wenn ich mein ſchwerfälliges Gehirn auch ſieben Jahre lang angeſtrengt hätte, John, eine ſolche Auszeichnung hätte ich niemals erlangen oder verdienen können.“ Lord Gowrie war eben in einer ſeiner ernſteren Stim⸗ mungen befangen, als ſein Freund dieſe Bemerkung machte und erwiederte in düſterem Tone: „Wer die Frucht im Frühjahr ißt, findet im Herbſt nur noch leere Aeſte. Ich wurde vor meinem vierzehnten Jahre zum Lord Prevoͤt von Perth erwählt, focht mit fünfzehn in einer verlornen Schlacht, und wurde vor meinem zwanzig⸗ ſten Rektor der hieſigen Univerſität. Geknickte Hoffnungen oder frühzeitiger Tod ſind oft das Schickſal Derer, welche ſo bald von dem bitteren Strome des Lebens koſten.“ „Unſinn!“ ſchalt ſein Freund,„haſt Du die hohe Wiſſen⸗ ſchaft der Aſtrologie mit ſo geringem Nutzen ſtudirt? Du 13 brauchſt blos unter einem glücklichen Sterne geboren zu ſeyn, um Ehre und Erfolg bis an's Ende zu genießen.“ „Schlechter Erfolg das, auf dem Schlachtfelde von Down,“ meinte der Earl,„denn noch nie hat es einen un⸗ heilvolleren Ausgang gegeben, als er damals jenem Athol und Montroſe zu Theil wurde.“ „Deſto größer war das Glück für Dich,“ gab Hume la⸗ chend zur Antwort;„denn Du entkamſt, wo mancher brave Mann fiel, und wurdeſt ohne Unterſuchung begnadigt, wäh⸗ rend Viele um ihr halbes Vermögen kamen. Dein Glücks⸗ ſtern ſtieg und ſtieg immer höher, und der Teufel, der König und die papiſtiſchen Lords vermochten ſeinen Einfluß nicht zu hemmen.— Was führt Dich aber jetzt nach Padua?“ „Davon nachher— wir wollen Das nebenher beſpre⸗ chen,“ verſetzte der junge Graf.„Zuerſt halte Du Dein Verſprechen und erzähle mir Alles was Dir begegnete.“ „O, mein Leben iſt langweilig genug geweſen,“ entgeg⸗ nete Sir John Hume;„erſt in der letzten Woche wurden meine Gedanken neben dunkeln Räthſeln und angeſtrengten Studien noch durch einen merkwürdigen Zwiſchenfall be⸗ ſchäftigt. Erinnerſt Du Dich eines alten, graubärtigen Mannes, der immer gegen Abend in einem langen, ſchwar⸗ zen Rocke und einer Sammtmütze umherzuwandeln pflegte? Manucci iſt ſein Name, ein Florentiner, der viel in aller⸗ hand Ländern gereist iſt, das Engliſche und Franzöſiſche trotz einem Eingebornen ſpricht und ganz wie Tizians Portrait — nur magerer und etwas weniger friſch und rüſtig— ausſah?“ 14 Lord Gowrie hatte ſchon zweimal mit dem Kopfe ge⸗ nickt, zum Zeichen, daß die erwähnte Perſon ihm bekannt ſey; Hume hatte aber in ſeiner Beſchreibung fortgefahren, bis endlich der junge Earl faſt ungeduldig einfiel: „Ja, ja, ich kenne ihn wohl— was iſt's mit ihm?“ „Der arme Mann wurde von ſchwerer Trübſal befallen,“ erklärte ſein Freund.„Unſer Ruf als Magier iſt hier für unſere Sicherheit etwas zu hoch geſtiegen; da kamen Moni⸗ torien vom heil. Inquiſitionsamt, um unſere gelehrten Pro⸗ feſſoren vor der Zulaſſung verbotener Studien zu verwarnen mit dem ſtrengen Gebote, daß alle diejenigen, welche ſchwarze und verdammenswerthe Künſte treiben, erforſcht und ausge⸗ liefert werden ſollten. Manucci lachte und meinte, er treibe zwar die ſchwarze wie die weiße Kunſt, da er ſich mit Feder und Dinte befaſſe, hoffe aber, der weiße Theil des Geſchäfts werde den ſchwarzen wieder gut machen. Mehrere von den älteren Herren, deren Witz ſo ziemlich auf der Neige iſt, die aber Alles, was ſie nicht ſelbſt verſtehen, für Magie halten, nahmen die Sache weit ernſthafter, ſteckten ihre weiſen Köpfe im kleinen Conclave zuſammen und beſchloſſen, jedes arme Geſchöpf, an das der Verdacht ſich hängte, aufzuſuchen und der zärtlichen Barmherzigkeit derer zu überliefern, welche den Körper röſten, um die Seele zu retten. Manucci hatte einen langen, grauen Bart, einen abgetragenen, ſchwarzen Rock, aber nur geringe Ehrfurcht vor gelehrten Profeſſoren, hielt ſich abſeits mit einſamen Studien beſchäftigt, ſprach ſelten mit Jemand und hatte ein ſcharfes, geiſtſuchendes Auge. In ihm glaubten ſie alsbald einen Zauberer ganz 15 nahe bei der Hand zu haben. Der bloſe Anſchein ohne Be⸗ weis mochte aber eine Gewaltthat nicht rechtfertigen; ſie meinten, das Nachforſchen nach dieſem Beweis würde ſchon dazu führen, und als ich nahe an dem Treviſothore an des alten Mannes Thüre vorbeikam, ſah ich den Univerſitäts⸗ pedell mit drei oder vier weiteren Beamten, trotz des Wider⸗ ſtandes einer armen, alten Frau, welche ihn bediente und mit Thränen verſicherte, daß ihr Herr auf dem Todbette liege— daſelbſt eintreten.“ „Todbette!“ rief Lord Gowrie, plötzlich erſchreckend. „Ja,“ fuhr Hume fort, ohne ſeines Freundes Ausruf zu beachten.„Ich ging alſo mit und wurde bald Zeuge eines peinlichen Auftritts.“ „Um'’s Himmelswillen, was war's?“ fragte der Earl von Gowrie mit bleicher Wange und geſpanntem Blicke: dann aber fühlend, wie ſehr der ganze Ausdruck ſeiner Miene ſich geändert haben müſſe, fuhr er fort:„ich habe mich ſehr für jenen alten Mann intereſſirt. Ich kannte ihn wohl, liebte ihn ſehr und wollte ihn einem früheren Verſprechen gemäß noch in der heutigen Nacht aufſuchen.“ „Wirklich!“ bemerkte Hume innehaltend, ehe er zur Beendigung ſeiner Geſchichte ſchritt, wie wenn ein verwickel⸗ tes Räthſel vor ihm läge.„Ha! nun wie geſagt, ich trat ein und folgte den Beamten auf wenige Schritte. Als wir in das kleine Hinterſtübchen gelangten, ſah ich ein Bett mit einem Crueifir zu den Füßen und den alten Mann, ein Bild des Todes, darauf liegen. Sein langer Bart war auf dem ſorgſam zuſammengelegten Betttuche ausgebreitet, und es 16 war ſchwer zu ſagen, welches von beiden das weißere war; ſeine linke Hand ruhig auf der Bruſt gefaltet, war die Rechte weit über den Bettrand ausgeſtreckt, während das ſchönſte Mädchen, das ich— eine einzige ausgenommen— jemals in meinem Leben geſehen, ihre Lippen auf ſeinen Mund ge⸗ preßt hielt.“ Lord Gowrie ſchwebte offenbar in großer Unruhe: er ſpielte mit dem Griffe ſeines Rappiers, deſſen Scheide er bald erfaßte, bald wieder los ließ, indem er ſeinem Freunde mit geſpanntem Blick in's Geſicht ſtarrte, wie wenn er ihn gern unterbrochen hätte, ohne aber den Muth dazu zu finden. „Die Beamten,“ fuhr Hume fort,„ſchienen Anfangs etwas gerührt; doch ſind ſie Leute, die ſich nicht leicht er⸗ ſchüttern laſſen, und der Fluß des Mitleids kam bald wieder in's Stocken, nachdem er eine Weile vom ungewohnten Winde aufgerührt worden war. Einer von ihnen nahm den Alten bei der Schulter und ſagte: kommt, Signor, Ihr müßt aufſtehen und uns Eure Papiere ausliefern. Der Univerſitätsrath hat ſtarke Gründe, Euch der Magie und Zauberei für ſchuldig zu halten, und hat uns hergeſendet, um Alles zu unterſuchen.— Meine Gedanken weilen dort, er⸗ wiederte der alte Mann in mildem Tone, nach dem Himmel deutend; das junge Mädchen neben ſeinem Bette fuhr aber auf und betrachtete den Beamten mit wilden, erſchrockenen Blicken. Dieſe Menſchen waren nun allerdings ſehr emſige Chriſten; ſie hielten es aber für eine Pflicht ihrer Frömmig⸗ keit, einen Sterbenden in ſeiner Vorbereitung zum Tode zu unterbrechen und ſeinen Hingang ſogar zu beſchleunigen, denn dies und nichts Anderes hätte die Folge ſeyn können, noch ehe er ganz zum Sterben gefaßt war.“ Der Earl von Gowrie beugte das Haupt auf die Hände, ſeine Augen mit den Fingern bedeckend: doch ſah ſein Freund, wie er heftig zitterte, ob dieß nun aus Zorn, Furcht, oder einer andern tiefen Regung geſchehen mochte. Hume fuhr übrigens in ſeiner Erzählung fort: „Jetzt hielt ich für's Beſte, in's Mittel zu treten, da ich wußte, daß ich bei den guten Univerſitätsbeamten ſo ziemlich beliebt war, ſintemal ich zu ſchwerfällig oder zu leicht bin, um für einen Hexenmeiſter gehalten zu werden, auch mit meiner Börſe nicht ſo karg verfahre, daß man mir einen Verkehr mit den Weſen der Finſterniß zumuthen könnte. Ich trat alſo ruhig vor und bemerkte, daß der alte Herr offenbar zu krank ſey, um aufſtehen zu können, wobei ich als beſſeres Auskunftsmittel eine vorläufige Unterſuchung ſeiner Papiere anrieth, wozu ich meinen Beiſtand anbot. Ich hatte nicht geringe Mühe durchzudringen; endlich wurde beſchloſſen, daß alle verdächtigen Dokumente alsbald vor den Senat gebracht, die harmloſen aber zurückgelaſſen und ein Beamter im Hauſe bleiben ſollte, um die Flucht eines Man⸗ nes zu verhindern, der ſich nicht einen Schritt rühren konnte. — Die Unterſuchung war nicht wenig merkwürdig, und man fand allerdings vielerlei Handſchriften, von denen ich kein Wort verſtand; ich drückte jedoch dem alten Manne die Hand und ſagte ihm auf Engliſch, er möchte ſich beruhigen, indem ich ihn über die fremden Sprachen, deren Banbſäsri⸗ James. Gowrie. 2 18 ten ich gefunden, um ein Wort der Erklärung bat. Einige ſind armeniſch, andere ſyriſch, wieder andere gäliſch und letztere wenigſtens ſolltet Ihr verſtehen', gab er mir zur Antwort. Zum Glück verſtand ich's auch, denn eines der erſten unterſuchten Papiere war ein alter Geſang aus un⸗ ſerem Hochlande, eine Hirſchjagd ſchildernd. Wäre die Sache nicht ſo verzweifelt ernſthaft geweſen— ich hätte über die konfuſen Geſichter der gelehrten Doktoren herzlich lachen können. Das Armeniſche und Syriſche verſtanden ſie we⸗ nigſtens den Schriftzügen nach, und um ihre geringe Kennt⸗ niß der Sache nicht merken zu laſſen, erklärten ſie ſie insge⸗ ſammt für ganz unſchuldig, das Gäliſche dagegen, obwohl mit lateiniſchen Buchſtaben geſchrieben, gehörte vor die heilige Inquiſttion. Da bat ich ſte, die Papiere ſehen zu dürfen und las den Geſang unter lautem unaufhörlichem Lachen mit einem Schnarren des alten Erſiſchen, ſo ſtark ich nur meinen Mund dazu zwingen konnte. Ein Dutzend Stimmen verlangten nach einer Erklärung der ſonderbaren Laute, die ich hervorbrachte, und ich verſicherte ſie, das was ſte für Magie hielten, ſey nur ein Gedicht in einer unſerer Landesſprachen, wovon ich ihnen eine Ueberſetzung zu geben bereit ſey, wenn ſie mir ihr Ohr leihen wollten. Du weißt, daß manche dieſer Geſänge in der Bergſprache nicht gerade die decenteſten ſind; auch dieſer brachte Ihre Ehrwürden die Herren Doktoren ſehr bald zum Grinſen, und ich durfte bald triumphirend mit der Friedensbotſchaft an des armen Man⸗ nes Bett zurückkehren.“ „Und er ſtarb?“ fragte der Graf in einem Tone, der 19 durch die Heftigkeit ſeiner Aufregung faſt zu einem Flüſtern herabſank. „Nein, er iſt jetzt beſſer,“ erklärte Hume,„denn nach⸗ dem ich ihm das Leben auf die eine Weiſe gerettet, bemühte ich mich, es auch auf die andere durchzubringen. Ich blieb jene ganze ewig lange Nacht b Iihm ſitzen und ſuchte ihn zu erheitern und zu tröſten; al ich von dem ſchönen Weſen, das jene Nachtwache mit mir theilte, erfuhr, daß er ſich in der letzten Zeit— ſey es nun aus Armuth oder aus Stu⸗ direifer— faſt die nöthigſte Nahrung verſagt hatte, ließ ich aus meinem eigenen Hauſe Wein herbeiholen, den ich ihm ſo lange aufdrang, bis der friſch genährte Docht ſeiner Le⸗ bensflamme wieder in neuer Gluth angefacht wurde.“ Eine ſonderbare Veränderung war während der letzten Worte über den Grafen gekommen. „Nun wollte ich doch wetten,“ bemerkte er mit einem Lachen, das mit der tiefen Aufregung von vorhin eigenthüm⸗ lich kontraſtirte,„daß das entzündliche Herz meines Hume an den glänzenden Augen dieſes ſchönen Mädchens Feuer gefangen und daß ſie ihn jeden Tag nach dem kleinen Hauſe neben dem Treviſothore gezogen hat.“ Hume betrachtete ihn eine Weile mit ernſtem Blick; dann rückte er mit ſeinem Stuhle etwas näher und legte ſeine Hand auf die des Freundes. „Allerdings bin ich jeden Tag hingegangen,“ ſagte er; vaber nicht um jener glänzenden ſchwarzen Augen willen, denn ich habe jene anderen zu Perth, blau wie der Zwie⸗ lichtshimmel, nicht vergeſſen; aber aus Mitleid mit dem 2 1½ —— armen Manne, aus Erbarmen für das junge Mädchen und aus Liebe für John Ruthven bin ich gegangen.“ Der Graf betrachtete ihn eine Weile, ſprang dann auf und umarmte ſeinen Freund. „Du kennſt mein Geheimniß, Hume,“ rief er;„wie Du es erfahren, weiß ich nicht, denn bis auf dieſe Stunde hat es in meiner eigenen Bruſt geruht, die ich immer für den einzigen ſicheren Behälter, für den Schatz der eigenen Ge⸗ danken gehalten. 4 „O, mein edler Lord,“ lächelte Hume,„es gibt noch eine andere Sprache als die der Worte: Blicke und Thaten ſprechen für die, welche auf ſie merken ebenſo deutlich, wie der beſte Redner. Das letzte Jahr Deines Aufenthalts in Padua haſt Du Dich jeden Abend insgeheim in das Haus eines alten Gelehrten geſchlichen, der, als Aſtrologe bekannt und des Verkehrs mit Dingen verdächtig, welche weniger lichtvoll als die klaren Sterne ſind, ohne Zweifel voll mäch⸗ tiger Geheimniſſe in Kunſt und Natur ſteckte. Deine Hin⸗ gebung an die Wiſſenſchaft wurde von Niemand bezweifelt; aber doch ſchien ein ſo regelmäßiger Beſuch ihres Heilig⸗ thums an einem jungen zwanzigjährigen Manne etwas mehr als natürlich, und ich vermuthete zuweilen, Du möchteſt Dich um ein ſchöneres und wärmeres Weib als um die kalte Dame Viſeenſchaft bewerben. Bei Deinem Abſchiede von dieſem armſeligen Orte warſt Du von einer merkwürdigen Trauer erfüllt, ganz anders, als wenn wir von den ruhigen Freuden und mühevollen Aufgaben der Jugend ſcheiden, um an den rührigen Kämpfen der Mannheit Theil zu nehmen 85 21 es war eine Leidenſchaft, nicht eine gedankenvolle Trauer. Nun denn, als ich ſie ſah, welche die Gefährtin vieler Deiner Studienſtunden in des alten Mannes Hauſe geweſen ſeyn muß, da konnte ich leicht entdecken, daß jene Stunden keine kalten geweſen, und da ich wußte, daß Du wenigſtens für einige Zeit nach Italien zurückzukehren vorhatteſt, ſo be⸗ ſtrebte ich mich, denen, die Du geliebt hatteſt, um Deinet⸗ willen alle Freundlichkeit zu erweiſen. Noch mehr, ich mühte mich ſogar, eine Beſtätigung meiner Vermuthungen zu erlangen, indem ich im Geſpräche Deines Namens er⸗ wähnte, wie wir eine vergoldete Fliege auf's Waſſer werfen, um zu ſehen, ob der glänzende Salm nach ihr ſpringen wird. Ich ſagte, ſoviel ich glaube, werde es nicht mehr lange anſtehen, bis Du nach Italien zurückkehreſt.“ „Was erwiederte ſie darauf? Wie ſah ſie aus?“ fragte Gowrie haſtig. „Bei der erſten Erwähnung Deines Namens ſeufzte ſie,“ verſetzte Hume,„und ihre Wange wurde um einen Gedan⸗ ken bläſſer denn zuvor; als ich aber von Deiner Rückkehr ſprach, da drang das zurückgetretene Blut mit erneuter Gewalt in ihr Antlitz, die vorige Bläſſe überwindend und das Ganze mit ſeinem Purpur überziehend.“ „Wirklich!“ bemerkte Gowrie nachdenklich.„Sonder⸗ bar! ich wußte nicht, daß dem ſo war.“ „Du wußteſt nicht? Was wußteſt Du nicht, Gowrie?“ rief ſein Freund. „Daß in ihrem Herzen ein Gefühl für mich lebte,“ ant⸗ wortete der Graf,„das dieſes Herz heftigter pulſtren machte oder die Farbe ihrer Wange auch nur um einen Schatten veränderte. Du irrſt Dich, Hume, wenn Du glaubſt, daß ſte die Genoſſin der Stunden war, die ich in des alten Ma⸗ nucci Hauſe zubrachte. Ich ſah ſie nur ſelten; aber allmä⸗ lig kam eine Leidenſchaft in mein Herz, welche die Möglich⸗ keit einer jener ſeltenen kurzen Zuſammenkünfte ſo anziehend für mich machte, daß ſie mich Nacht für Nacht zu dem Hauſe lockte, wo ſie in Ausſicht ſtand. Ich kämpfte zwar gegen dieſe wachſende Liebe und ſuchte ſie durch Gedanken weltlicher Klugheit zu zügeln; ja ich hätte Padua ſogar früher ver⸗ laſſen, wenn nicht meine Stellung als Rektor mich hier zurückgehalten hätte. Du, der Du mich kennſt, wirſt Dir wohl denken können, daß waͤhrend ich ſo mit der Liebe in meinem eigenen Herzen kämpfte, ich jenem ſüßen Mädchen weder durch Wort noch durch Blick ſolches Unrecht anthun konnte, daß ich eine Erwiederung ihrer Liebe geſucht hätte.“ „Du konnteſt Deine eigene nicht verbergen, Gowrie,“ erwiederte Hume.„Du gehörſt nicht zu den Naturen, die ihr feuriges Herz hinter einem kalten Aeußeren verſtecken: Deine Handlungen kannſt Du beherrſchen und thuſt es auch oft mit großer Kraft; Deine Blicke aber und Deine Stimme verſchmähen ſo ſtrenge Herrſchaft.“ „Mag ſeyn, mag ſeyn,“ ſagte der Earl, den Kopf nach⸗ denklich auf die Hand ſtützend.„Alſo der alte Mann iſt beſſer?“ fuhr er fort, nachdem er einige Minuten geſchwie⸗ gen, während ſein Freund nicht aufgehört hatte, ihn ſtumm zu betrachten. „Beſſer— ja; aber noch nicht geneſen,“ gab Hume zur 23 Antwort.„Was er vor Allem bedurfte, war ſtaͤrkender Trank und Nahrung; allein er litt außerdem an einem ſchwe⸗ ren Gebrechen, wofür ich keine Heilung kenne— am Alter nämlich; alle anderen Uebel können wir abwehren oder hei⸗ len, nur die langſam ſchleichende Krankheit des Alters läßt ſich zwar öfter beſchleunigen, aber niemals aufſchieben. Kurz — dieſer letzte Anfall hat ihn ſehr erſchüttert; er iſt zwar auf und ſein Appetit iſt zurückgekehrt; auch hat ein aber⸗ gläubiſcher Gedanke ſelbſt in der ſchlimmſten Kriſe zu ſeinem Aufkommen beigetragen. Er erzählte nämlich ſeiner Enkel⸗ tochter, er wiſſe gewiß, daß er nicht vor dem Auferſtehungs⸗ morgen ſterben werde.“ 3 Lord Gowrie legte ſeine Hand auf Sir John Hume’'s Arm und ſagte in nachdrucksvollem Tone: „Weil er mich heute Nacht zu ſehen hoffte, und ich muß auch zu ihm gehen, Hume; aber zuvor ſage mir wahr und aufrichtig: iſt Dein eigenes Herz feſt geblieben gegen den Reiz und die Anmuth des ſchönen Geſchöpfes, mit dem Du ſo oft beiſammen geweſen?“ „Da ſeh' Einer, was Liebe iſt!“ lachte Hume.„Du kannſt Dir nicht denken, daß Einer dem Bogen entrinnen kann, der Dich ſelbſt verwundet hat. Habe ich nicht geſagt, Gowrie, daß ich die dunkelblauen Augen in Perth nicht ver⸗ geſſen habe, daß ich ſie nie vergeſſen werde? Ich bin ſtand⸗ haft trotz einem Firſtern.“ „Wie— die kleine Beatrice?“ rief der Graf,„von der Du mir vor zwei Jahren eine ſo glühende Schilderung ent⸗ warfſt!— Sie iſt ja noch ein bloſes Kind.“ 24 „So denkſt Du ſie Dir, weil ſie bei Deinem Abſchiede noch Kind war,“ behauptete Hume;„aber laß Dir ſagen, Gowrie, als ich ſie das letztemal ſah, war ſie zur Jungfrau und zwar in all der reichen Anmuth einer ſolchen herange⸗ wachſen. Deine Mutter hielt es für gerathen, noch ein oder zwei Jahre abzuwarten; jetzt aber fehlt nur noch Deine Einwilligung. Wir haben ſogar die Prüfung der Trennung überſtanden und ſind uns Beide in unſerer Geſinnung gleich geblieben.“ „Meine Einwilligung haſt Du, Freund, ſobald Du ſie verlangſt,“ erklärte Lord Gowrie, ihm die Hand drückend. „Es iſt doch eigen,“ fuhr er mit einem Lächeln fort;„ich kann mir Beatricen nur als kleinen Lockenkopf denken, wie ſte mir vor ſieben Jahren das Blut und den Staub von der Stirne wiſchte, als ich vom Schlachtfelde von Downeaſtle zurückkam.— Horch! die Glocke ſchlägt neun; ich muß aufbrechen.“ „Ich will Dich bis zur Hausthüre begleiten,“ erbot ſich ſein Freund:„Du wirſt gut thun, Dich von Deinem Diener erwarten zu laſſen. Die Straßen von Padua ſind ſeit Dei⸗ ner Abweſenheit ziemlich unſicher geworden, und am Abend eines hohen Feſtes dünkt es die trefflichen Chriſten in dieſem Theile der Welt kein Verbrechen, einem Freunde den Dolch in den Rücken zu ſtoßen, wenn er die heilige Jungfrau im Vorbeigehen an der Kirche nicht begrüßt hat.“ „So ruf ihn herein,“ verſetzte Lord Gowrie. Eine kleine Glocke, die auf dem Tiſche ſtand, brachte alsbald des Grafen Diener zum Vorſchein. 1 25 „Nimm Hut und Mantel, Auſtin Jute,“ befahl der Carl;„wir gehen auf die Straße und Du mußt uns folgen. Vergiß nicht Pallaſch und Dolch mitzunehmen; ich weiß⸗ Du verſtehſt ſie bei Gelegenheit wohl zu gebrauchen. Du haſt ſie doch bei der Hand?“ „Ein guter Arbeiter legt ſein Handwerkszeug nie von ſich, mein Lord,“ gab der Mann zur Antwort.„Ob ich ſte zu gebrauchen weiß? Der Himmel ſchicke mir nur die Gelegenheit— ich will dann ſchon die Mittel finden. Ein Mann, der ſich vor einer Nadel fürchtet, ſollte wenigſtens ſtechen können, und ich, der ich meiner Zeit heißes Eiſen gehämmert habe, werde doch wohl kaltes zu handhaben verſtehen. Zwar ſagt man, Uebung mache den Meiſter, und in Eurer Lordſchaft Dienſt hat's noch wenig Prarxis gegeben; gleichwohl— was man früh erlernt, behält man lang, und die Hand, die mit dem Prügel vertraut iſt, ver⸗ gißt deſſen Gebrauch ſo wenig als der Rücken, welcher Schläge bekommt.“ Der Graf und ſein Freund lachten laut auf. „Halt, halt!“ rief Sir John Hume;„um's Himmels⸗ willen, guter Auſtin, halt ein mit Deinen behenden Sprich⸗ wörtern und vermehre ſie nicht noch durch eigenes Fabrikat.“ „Sind alle ſo alt wie des ſpaniſchen Königs Wein, ver⸗ ehrteſter Sir,“ verſicherte der Diener.„Alte Dinge ſind aber darum noch nicht alle ſchlecht; ein neues Wamms iſt zwar beſſer als ein abgetragener Mantel, und Sprichwörter können gleich einer Faſtenpaſtete durch langes Aufbewahren muffig werden. Ich will mein blinkends Eiſen anhaben, noch ehe Euer Ehren die Treppe hinab ſind; Gott ſchenke Euch nur eine ſichere Reiſe bis hinunter, da ich Euch nicht dabei begleiten kann.“ Drittes Kapitel. Nachdem der Graf von Gowrie ſich von ſeinem Freunde an Hume s Hausthüre verabſchiedet hatte, wanderte er, von ſeinem Diener gefolgt, etliche vier⸗ bis fünfhundert Schritte weiter, bis die breitere elegantere Straße in eine Unzahl von engen, ziemlich verwickelten Gäßchen auslief, deren je⸗ des übrigens zu beiden Seiten von Arkaden eingefaßt war, welche noch drei bis vier Stockwerke über ſich trugen, ſo daß in den oberſten zwei Nachbarn ſich die Hand durch's Fenſter hätten reichen können. Vor dem letzten Hauſe eines dieſer Gäßchen, wo die Straße an einem Kanal endigte, über den eine Brücke nach dem Treviſothore führte, blieb der junge Edelmann ſtehen und klopfte dreimal laut mittelſt einer großen über der Thüre hängenden Eiſenſtange. Er mußte jedoch eine Zeit lang warten, bis die Thüre aufging, und war eben im Begriff von Neuem zu pochen, als eine alte Frau mit einer Lampe, die an einer langen Kette in ihrer Hand baumelte, unter dem Eingange erſchien. „Wie geht's Euch, Tita?“ begann Gowrie.„Ich höre mit Bedauren, daß Signor Manucci ſo krank geweſen. Kann ich ihn heute Nacht beſuchen 2 4 „O ja, Herr, er erwartet Euch,“ erwiederte die Frau, 27 „und will zu Eurem Empfang in ſein eigenes Studirzim⸗ mer gehen, obgleich die Signora glaubt, es könnte ihm ſchaden.“ Des jungen Lords Geſicht verdüſterte ſich bei dieſer Ant⸗ wort, denn er mochte glauben, der alte Mann habe be⸗ ſchloſſen, ihn allein zu empfangen und er war— um es kurz zu ſagen— gekommen, um noch eine Andere zu ſehen. Er folgte jedoch der Frau die enge Treppe hinauf und hieß ſeinen Diener unten warten; nicht wenig erfreut war er, als ſeine Führerin oben ſich alsbald rechts wandte, denn er war mit jedem Schritt und Tritt in dem Hauſe be⸗ kannt und wußte, daß ſie ihn zuerſt in ein kühles Stübchen führte, wo Manucci mit ſeiner Enkelin während der ärgſten Sommerhitze ſich aufzuhalten pflegte. Das Glück wollte ihm ſogar noch beſſer als er erwartet hatte, denn wie die Thüre aufging, zeigte ihm das Licht im Inneren, daß das Zimmer für jetzt nur von einer Perſon, und zwar gerade von derjenigen, die er am meiſten zu ſehen wünſchte, bewohnt war. 1 Es iſt doch eine ſonderbare Leidenſchaft um die Liebe: wer rüſtig von Körper und kräftig von Geiſt iſt, wird oft tiefer als der Sanfte und Schwache von ihr erſchüttert. Vergeblich wäre es, zu läugnen, daß der junge Lord mächtig bewegt war, als ſein Auge wieder das ſchöne Weſen ge⸗ wahrte, deſſen Geſellſchaft(wie die gewöhnlichen Grund⸗ ſätze weltlicher Klugheit ihn zu glauben lehrten) für ſeinen Frieden gefährlich werden konnte. Er ging jedoch gerade auf ſie zu, indem er ihr in haſtiger leidenſchaftlicher Freude 28 die Hand entgegenſtreckte. Auch ſie konnte ihm nicht uner⸗ ſchüttert begegnen— ihre Bewegung war zu deutlich ſichtbar, trotz all der angebornen Selbſtbeherrſchung, welche eine der erſten Tugenden in einem züchtigen, wohlerzogenen Frauen⸗ herzen ausmacht. Die Farbe wechſelte auf ihrer Wange; die fein gemeißelte Lippe bebte in dem vergeblichen Be⸗ mühen zu ſprechen, und die ſchwarzen, glänzenden Augen, als ob ſie ſich vor ihrer eigenen Verrätherei fürchteten, ver⸗ ſchleierten ſich hinter den langen Lidern, indem ſie dem zärtlichen Strahle, den ſie einen Augenblick aufgefaßt, aus⸗ zuweichen ſtrebten.. Unmittelbar nach ſeinem Eintritte verließ die kluge alte Frau das Zimmer und ſchloß die Thüre. Der junge Mann blieb eine Weile ſchweigend ſtehen, während die Hand der Dame in der ſeinigen ruhte: gleich darauf erhob er dieſe Hand und drückte ſie an ſeine Lippen. Dies war dazumal der gewöhnliche Gruß der Höflichkeit, der nichts weiter als freundliche Beachtung oder Verehrung ausdrückte; aber Beide fühlten dennoch, daß ein gewiſſes Feuer in dieſem Kuſſe lag, und Beide wurden nur noch bewegter als zuvor. „Julia!“ ſtammelte der junge Graf endlich,„Julia, Ihr ſeyd tief bewegt, wie ich ſelber; wir ſind lange getrennt geweſen—“ Sie ſank langſam in ihren Stuhl nieder; aber ſie fühlte wohl, daß ſie ein Wort des Willkömms ſagen müſſe, wenn ihr Schweigen nicht Alles verrathen ſolle: ſo antwortete ſie denn: „Ich habe Vieles, ſehr Vieles erlebt, was mich in neue⸗ 29 rer Zeit erſchütterte. Es iſt wohl kein Wunder, wenn ich bewegt bin, da ich einen alten Freund nach langer Abweſen⸗ heit wiederſehe.“ „Und iſt das Alles?“ fragte der Graf in faſt traurigem Tone;„ich habe gehofft, es ſey noch etwas mehr. Darf ich nicht glauben, daß die Bewegung bei uns Beiden denſelben Urſprung hat, daß wir während dieſer Trennung unſere eigenen Herzen verſtehen, daß wir empfinden lernten, wie unſer eigenes Glück gegenſeitig von uns abhängt?“ „Pſch, pſch!“ bat ſie, ihre Augen mit einem Ausdrucke zu ihm emporſchlagend, welcher Antwort genug gab.„Ich darf Euch nicht hören; ich darf nicht auf ſolche Dinge ant⸗ worten— wenigſtens jetzt nicht.“ „Und warum jetzt nicht?“ fragte der Earl.„Wer kann ſagen, wann ſich wieder eine Gelegenheit bieten werde? Wer kann ſagen, welche Hinderniſſe zwiſchen uns treten werden, wenn wir die Augenblicke nicht benützen, welche das Schickſal uns geliehen?— Sprecht Julia, warum nicht jetzt?“ „Weil ich Pflichten zu erfüllen habe, denen Nichts mich entfremden ſoll,“ gab ſie zur Antwort.„Die Zeit kann kommen, ja,“ fuhr ſie bekümmert fort,„ſie wird viel⸗ leicht bald kommen, wo ich Niemand mehr haben werde, an den ich denken kann, als mich ſelbſt, Niemand, den ich über mein Verhalten um Rath fragen kann; für jetzt aber möchte ich, ſo lange ich's verhindern kann, keinen meiner Gedanken dem Manne entziehen, der ſeit langen Jahren all ſein Denken auf mich gerichtet hat. Als ich ihn neulich lei⸗ den und vor meinen Augen hinſchwinden ſah, habe ich mir ſogar Vorwürfe gemacht, daß ich dieſe meine Gedanken, welche alle ihm hätten gehören ſollen, nur zu oft zu anderen Gegenſtänden hatte abſchweifen laſſen.“ „Und haben Sie mich auf Ihrer Wanderſchaft geſucht?“ fragte Gowrie, ihre Hand abermals ergreifend und ihr in's Auge ſchauend. Sie gab keine Antwort, ſondern ſchlug den Blick nieder, indem höhere Röthe ihre Wangen färbte. Während ſie ſo da ſaßen, öffnete ſich plötzlich die Thüre, und der alte Mann trat herein. Beide ſprangen auf; doch Gowrie in dem Bewußtſeyn ſeiner ehrlichen Abſicht trat Manucci ent⸗ gegen und ergriff ſeine Hand. „Ich habe mich ſehr darnach geſehnt,“ hub er an,„Euch, mein alter Freund und Eure theure Julia wieder zu ſehen. Wir waren lange getrennt; aber meine Liebe zu euch Beiden hat ſich nicht vermindert.“ 3 Manucci ſchien ſehr ſchwach und— war es nun Aufre⸗ gung oder Schwäche, er wankte auf den Füßen. Lord Go⸗ wrie hielt ihn jedoch feſt bei der Hand, ſchob einen Stuhl herbei und ſtützte ihn ſo lange, bis er ſich geſetzt hatte. „Ich habe Vielerlei mit Euch zu ſprechen,“ verſetzte der Greis,„Vielerlei, was mich und Euch angreifen wird— doch für jetzt laßt uns noch nicht davon reden. Ich bin ſehr krank geweſen, und die wenige Kraft, die mir noch übrig iſt, würde bald erſchöpft ſeyn, wenn ich ſie nicht ſorgſam auf⸗ ſparte.“ „Ich habe mit großem Leidweſen von Eurer Krankheit 31 gehört,“ erwiederte der Earl, neben ſeinem Stuhle ſtehend und auf ihn herabblickend.„Mein Freund, Sir John Hume, hat mir erzählt, wie viel Ihr erduldet habt und wie Ihr verfolgt wurdet.“ 5. „Letzteres will nichts bedeuten,“ gab der alte Mann zur Antwort.„Jeder, der in Kenntniſſen nicht hinter ſeinem Zeitalter zurückbleibt und von ſeinem Standpunkte aus den Blick weiter als die Uebrigen richtet, indem er, durch die Be⸗ kanntſchaft mit der Gegenwart geleitet, die Folgen jeder Handlung nach der Erfahrung der Vergangenheit beur⸗ theilt, wird in den Augen der Thoren, welche nicht glauben, wie in denen der Schwachköpfe, welche da glauben und fürch⸗ ten, immer als verbrecheriſch erſcheinen. Verfolgung war von dem Augenblick an zu erwarten, da ich mich von Müſſig⸗ gängern, welche ihre Zeit in bloſem Vergnügen vergeuden, wie von den gelehrten Schaffnarren, die ſich in vergeblichen, fruchtloſen Studien verlieren, gleich ferne hielt; meine Krankheit aber war ein hartnäckiger, ernſter und ſchwerer zu beſtegender Gegner: ſie hat die Außenwerke niedergeworfen, und die erſchütterte Feſte muß ſich bald ergeben.“ „Ihr ſeht ja aber beſſer aus, als ich erwartete,“ warf der Graf ein.„In Eurem hohen Alter— denn hoch muß es ſeyn, wie Ihr mir oft geſagt habt— werden nur wenige Leute beſſer ausſehen.“ Er durfte in der That alſo ſprechen, denn das Auge des Greiſes, während er ſo da ſaß, war klar und hell, und ſeine Wange zeigte eine Farbe, wie die der wiederkehrenden Ge⸗ ſundheit. Er war ein hochgewachſener Mann und mußte einſt offenbar ſehr kräftig geweſen ſeyn. Jetzt war ſeine Ge⸗ ſtalt etwas gebückt; Bart und Haare waren ſchneeweiß⸗ ſeine Haut war mit Ausnahme der hohen Stirne und des kahlen Scheitels mit Runze bedeckt. Alle Zeichen des Alters waren vorhanden, nur die Zähne waren friſch und anſcheinend unverſehrt, auch die Hand, welche, vielleicht mit einziger Ausnahme des Ohrs, deutlicher als jeder andere Theil des Körpers das Vorrücken des Alters beweist, ſah nicht ſo beinern und abgezehrt aus, wie ſie oft in ſpäten Lebenstagen ſich zeigt. Das Geſpräch ging allmälig und unvermerkt zu ruhi⸗ geren Gegenſtänden über. Der junge Earl erzählte Vieler⸗ lei, was ihm ſeit ſeiner Abreiſe von Padua vorgekommen war, was zwar dem heutigen Leſer nicht ſehr ergöͤtzlich ſeyn 3 dürfte, für die damaligen Zuhörer aber von Intereſſe war. Auch der Greis hatte von den Veränderungen zu berichten, welche in Padua eingetreten waren, noch öfter aber erzählte er von den Ergebniſſen ſeiner eigenen Forſchungen im Ge⸗ biete der Wiſſenſchaft. Tief beleſen in der Naturphiloſophie, wie er war— obwohl wir ſie damals, ehe der unſterbliche Baco ein richtigeres Forſchungsſyſtem begründete, mit den Träumen der Alchymie und willkürlicher Aſtrologie vielfach vermiſcht finden— wußte er von vielen Gegenſtänden zu handeln, welche Lord Gowrie's Ohren vertraut waren, da deſſen ganze Familie eine ſtarke, ungewöhnliche Vorliebe für Erforſchung der Naturgeheimniſſe beſaß. Der alte Mann ſchien in der Gegenwart ſeines jungen Freundes neu aufzu⸗ leben und gewann bald jenes heitere Weſen wieder, das ihn 33 in früheren Jahren ſo ſehr ausgezeichnet hatte. Gleichwohl bemerkte der Graf, daß von Zeit zu Zeit ſein Augenlid ſich ſenkte und ſeine Stimme wie aus Ermüdung erloſch, bis er ihn endlich in freundlichem Tone mahnte: „Ihr ſeyd ermüdet, mein guter, alter Freund. Ich werde beſſer thun, Euch für heute gute Nacht zu ſagen und morgen wiederzukommen, um von andern Dingen zu reden.“ „Nein, nein!“ rief Manucei—„heut oder nie muß es geſchehen. Ich habe Euch erwartet, Graf Gowrie, denn ich ſagte Euch, wenn Ihr in dieſer Nacht zurückkehret, wolle ich Euch Eure Nativität ſtellen, Euch ſo deutlich, als eines Menſchen Stimme es vermag, die Bahn bezeichnen, auf der Ihr die Gefahren des Lebens vermeiden und ſeiner Vor⸗ theile Euch verſichern könnet, kurz Dasjenige Euch angeben, was unter allen Umſtänden ſich ereignen muß und was uoch von Eurem Muth und Eurer Klugheit abhängt. Zu dieſem Zwecke habe ich aber⸗ und abermals die Zeichen der Sterne ſtudirt und berechnet; aber die Stunde iſt noch nicht gekommen und Ihr müßt warten bis die Glocke zwölf ſchlägt. Dann will ich ſprechen, denn morgen würde ich vielleicht nicht Kraft genug haben.“ „Ei nein, ich hoffe, Eure Kraft ſoll mit jedem Tage zu⸗ nehmen,“ tröſtete der Earl; allein der alte Mann ſchüttelte den Kopf und warf einen ernſten, melancholiſchen Blick auf das ſchöne Mädchen, das neben ihm ſaß. „Die Dinge dieſes Lebens ſchwinden dahin, und in der That iſt es Zeit, daß ich von hinnen gehe. Achtzig Jahre James. Gowrie. 3 34 ſind eine ſchwere Bürde, und die Laſt mehrt ſich noch immer. Es gibt zwar Leute, wie Ihr gehört habt, welche mich gerne von ihr erleichtern möchten; da jedoch mein Leben Einiges enthält, was wirklich von Werth iſt, ſo mochte ich es damals noch nicht aufgeben, indem ich mich, gleich allen Menſchen, an den Schatz anklammerte, obgleich er die Schultern, die ihn trugen, niederbeugte.“ „Mich dünkt, ein Leben ſtiller Forſchung und ruhigen Gedankengenuſſes könnte die Bürde der Jahre wohl erleich⸗ tern,“ meinte der Graf;„und was die Beläſtigung durch dieſe thörichten Menſchen betrifft, mein guter Freund, ſo iſt Euer Daſeyn im Ganzen doch friedlich und ruhig ge⸗ weſen.“ „Wir irren uns immer, wenn wir Anderer Schickſal be⸗ urtheilen,“ verſetzte der Greis mit trübem Lächeln.„Das Leben iſt ein doppeltes, Gowrie, ein inwendiges und ein auswendiges, das letztere oft vor Aller Augen offen, das erſtere nur von Gottes Auge geſehen. Auch ſind es nicht blos dieſe materiellen Dinge, die wir vor den Augen Ande⸗ rer verbergen, was oft das anſcheinend glänzende Loos in Wahrheit zu einem dunkeln macht, oder umgekehrt, das trübe und einſame Schickſal innerlich erhellt und aufheitert. Unſer Charakter, unſer Geiſt wirkt auf Alles, was das Ge⸗ ſchick oder der Zufall ihm unterwirft; wir geſtalten die Er⸗ eigniſſe des Lebens zu unſerem eigenen Gebrauche— ſey er nun bitter oder ſüß— und gleichwie ein Goldſtück ſeine Form und Feſtigkeit verliert, wenn es in eine gewiſſe Säure getaucht wird, ſo löͤſen ſich die harten Dinge dieſes Lebens 3⁵ durch die Einwirkung unſeres eigenen Gemüths in Situa⸗ tionen, die ſich kaum noch ähnlich ſehen Es iſt wahr, ein Leben des Studiums und des Gedankens mag den meiſten Menſchen als eine ſtille, ruhige Eriſtenz erſcheinen; ein ſol⸗ cher Beruf gewährt ſanfte Aufregung und gewährt den hoͤchſten Fähigkeiten des Geiſtes eine milde, friedliche Uebung; aber das Alter bringt Gleichgültigkeit ſogar gegen dieſe Freuden mit ſich— ja noch mehr: es lehrt uns die Eitel⸗ keit und Hohlheit alles menſchlichen Wiſſens. Wir erreichen die Schranken und Grenzen, welche Gott in jedem Zweige der Wiſſenſchaft über unſern Pfad gelegt hat und finden mit bitterer Enttäuſchung am äußerſten Ende des Lebens„ daß wir Nichts wiſſen, wenn wir Alles wiſſen. So viel habe ich gelernt, mein junger Freund, und was ich mir in achtzig Jahren erworben, iſt die Einſicht, daß die einzige wiſſens⸗ werthe Kenntniß, die Kenntniß Gottes in ſeinem Wort und ſeinen Werken, daß die einzige praktiſche Anwendung die⸗ ſer hohen Wiſſenſchaft das Wohlthun gegen Gottes Ge⸗ ſchöpfe iſt.“ „Immerhin iſt das Studium nicht weggeworfen,“ be⸗ hauptete der Earl,„wenn es uns zu einem ſo hohen Reſul⸗ tate führt, wenn es uns lehrt, in der Creatur den Schöpfer und in den Ereigniſſen des Lebens ſeinen Willen zu ſehen — die Frucht einer ſolchen Ueberzeugung muß gewiß eine friedliche ſeyn.“ „Wenigſtens eine friedliche Tendenz haben,“ beſtätigte der alte Mann,„denn es muß die heftigen Leidenſchaften be⸗ ruhigen, ſtarke Wünſche ermäßigen, uns unſere Aengſte mit 3*½ 36 Hoffnung, unſere Betrübniſſe mit Stärke tragen lehren; aber, mein edler Lord, weder Philoſophie noch Religion ver⸗ mögen unſere Gemüthsverfaſſung zu verändern: wir mögen wohl wiſſen, daß Gott gut und gnadenvoll iſt, mögen wiſſen, daß am Ende Alles gut gehen muß; gleichwohl ſehen wir, daß wir uns auf dieſer Erde in einer Welt des Kummers bewegen, und ſo iſt es kein Wunder, wenn wir ſelbſt vor der Qual zurückbeben oder davor zittern, wenn wir unſere Lie⸗ ben ihr nahe kommen ſehen.“ „Aengſtige Dich nicht für mich,“ ſagte das ſchöne Mäd⸗ chen, das neben ihm ſaß, als ſie ſeine Augen mit traurigem Ausdruck auf ſich gerichtet ſah.„O laß keine Angſt um mich die Laſt Deiner Jahre vermehren und Deine letzten Tage freudlos machen. Mögen mich auch Die, ſo zu mei⸗ nem Schutze verbunden ſind, verlaſſen, ſo kann ich mich ſelbſt Gottlob unabhängig machen. Die Erziehung, die Du mir gegeben, die Künſte, die Du mich gelehrt haſt, würden mich jederzeit befähigen, mir durch meiner Hände Arbeit mein Brod zu verdienen— falls es nöthig werden ſollte,“ fügte ſie in leiſerem Tone bei, als ſie die faſt vorwurfsvolle Miene des Grafen gewahr wurde. „Was niemals geſchehen ſoll,“ erklärte dieſer als⸗ bald,„ſo lange ich Hand und Herz und Mittel anzubieten habe——“ „Still, ſtill!“ rief der Greis, deſſen Blicke faſt mit Strenge von Einem zum Andern ſtreiften;„keine Ueber⸗ eilung. Ihr wißt nicht, wovon Ihr ſprecht. Auf alle Fälle wartet, bis Ihr Euer bevorſtehendes Schickſal kennet; dann 37 mögt Ihr mit der überlegten Vorſicht des Verſtandes handeln, wie es einem Manne und nicht wie es einem hitzköͤpfigen Knaben zukommt.“ Die Wirkung dieſer Worte auf Julien war nicht der Art, wie man ſie vielleicht hätte erwarten können, denn ſey es nun, daß der ſtrengere Inhalt in dem, was ihr Ge⸗ liebter zuvor geſagt hatte, ein Gegengewicht gefunden, oder daß die Waſſer der Hoffnung aus irgend einer geheimen Quelle ihres eigenen Herzens von Neuem ſich angeſchwellt hatten— ſie ſchien ſeit dieſem Augenblicke die ſchwere, ge⸗ dankenvolle Stimmung, welche ihre Worte und ihr Beneh⸗ men während des Abends charakteriſirt hatten, von ſich zu werfen und jenen leichtherzigen Frohſinn der Jugend wieder anzunehmen, welcher in den erſten Jahren ihrer Bekannt⸗ ſchaft mit Lord Gowrie einen ſolchen Reiz um ſie verbreitet hatte. „Ei nein,“ ſagte ſie, ihre Hand auf des alten Mannes Arm legend,„abgeſehen von allem Anderen— iſt es nicht wahr, daß ich mir mit meinen eigenen Händen mein Brod zu erwerben weiß? Kann ich nicht malen und mir ſo die we⸗ nigen Seudi, die zu meinem Lebensunterhalt nöthig ſind, ver⸗ ſchaffen? Kann ich nicht Melodien componiren, welche we⸗ nigſtens in Deine Augen Thränen locken? Kann ich nicht ſchreiben, ſo gut wie Mancher, der von ſeiner Feder lebt? Kann ich nicht Meßbücher illuminiren oder ſticken oder im Nothfalle Körbchen flechten? Hätte ich nicht längſt dieß Alles zu Deinem und meinem Unterhalte gethan, wenn Du mir's nur erlaubt hätteſt?“ „Ja, das iſt wahr,“ gab der Alte zur Antwort;„ich konnte es aber nicht dulden, mein Kind. Nicht daß ich es irgend als eine Entwürdigung anſähe, wenn Jemand durch eigenen Fleiß die Kargheit des Glückes verbeſſert; aber ich konnte es nicht ertragen, daß Du für mich arbeiteſt.“ „O über den Stolz der Männer!“ rief Julia;„wie iſt er ſo oft ein Hinderniß für Glück und Frieden!“ Er hat ſo manches Jahr mich ernähret, unterrichtet, erzogen,“ fuhr ſie mit leuchtendem Blicke an Lord Gowrie gewendet fort,„und jetzt will er mir nicht geſtatten, einen kleinen Theil meiner Schuld dadurch abzutragen, daß ich für ihn arbeite, obwohl er recht gut weiß, daß dies meine größte Freude wäre, daß der Zweck mein Glück und die Mittel mein Ergötzen aus⸗ machten.— Doch Du ſcheinſt ermüdet,“ ſagte ſie mit einem zärtlichen Blick auf ihren Großvater;„ich will gehen und Dir einige Erfriſchungen holen.“ „Rufe nur Tita,“ verſetzte der alte Mann;„ſie wird Dir's ſchon bringen und jetzt laßt uns von andern Dingen reden.“ Ein kleines Speiſebrett mit Früchten, Brod und Wein wurde alsbald hereingebracht, und das Geſpräch dauerte in heiterem Tone fort, indem Julia durch ihre frohe Stim⸗ mung den Alten aufzuheitern und den Trübſinn, der über ihn zu kommen ſchien, zu verbannen ſuchte. So verſtrichen die Stunden ſehr raſch, bis ſich der Greis einige Minuten 3 vor Mitternacht mit der Bemerkung erhob: „Ich will einen Augenblick vorausgehen, mein Lord. 39 Folgt mir alsbald. Sie wird Euch den Weg weiſen; aber vergeßt nicht: keine raſchen Worte in der Zwiſchenzeit.“ Nachdem er fort war, betrachteten ſich Julia und der Graf eine Weile ſchweigend; dann faßte Gowrie ihre Hand mit den Worten: „Trotz ſeines Verbotes muß ich wenigſtens ſo viel ſpre⸗ chen——“ Doch ſie legte ihm ihre linke Hand auf die Schulter, ihre glänzenden, in Thränen ſchwimmenden Augen zu ihm erhe⸗ bend und fiel ihm in's Wort: „Nicht jetzt, Gowrie, wir ſind nicht zu Heuchlern ge⸗ ſchaffen. Mein Herz liegt offen vor Euch wie das Eure vor mir. Wollten wir auch Jahre lang ſprechen, wir könnten nicht mehr ſagen, und Alles, was einem Verſprechen ähnlich ſieht, wäre im jetzigen Augenblicke vergeblich, denn Nichts als der Tod ſoll mich jemals von meinem Großvater trennen. Laßt uns gehen: ſeine Lampe iſt jetzt angezündet, und ich ſcheue mich, hier allein mit Euch zu bleiben, nicht weil ich an Euch, wohl aber, weil ich an meiner eigenen Feſtigkeit zweifle— weitere Worte würden mich nur weinen machen. Ich ſehe den Unglückstag herankommen, Gowrie; und wie geſagt— nicht um all das Glück des Himmels möchte ich ihn eines einzigen Gedankens, einer einzigen Sorge für ſein Wohl berauben, ſo lange ſein Leben hier noch dauert.“ Mit dieſen Worten führte ſie ihren Geliebten nach der Thüre, ohne ihm ihre Hand zu entziehen, und ſo gingen ſie 40 Hand in Hand durch den Corridor, der zu des alten Mannes Studirzimmer führte. Dort verließ ihn Julie und der Graf trat ein. Viertes Kapitel. Das Gemach, welches der Graf von Gowrie betrat, war ein kleines Achteck, auf ſteben Seiten je mit einem hohen gothiſchen Fenſter verſehen. Es hatte wahrſcheinlich in längſt vergangener Zeit das Innere eines jener kleinen vor⸗ ſpringenden Thürme gebildet, wie wir ſie noch gewöhnlich die Ecken der alten kaſtellartigen Paläſte des italieniſchen Adels ſchmücken ſehen. Darunter lag der kleine Kanal mit der Brücke, die nach dem Treviſothore führte; jenſeits erho⸗ ben ſich die ſchwarzen Stadtmauern; der Thurm ragte jedoch weit darüber weg und von allen Seiten, nur nicht von der der Stadt, ſah man die hellen Schaaren der Sterne durch die Fenſter hereinſcheinen. Inmitten des Zimmers ſtand ein großer Eichentiſch mit einer Lampe, deren Flamme beſonders hell und ganz weiß brannte; ſonſt lag noch eine Maſſe der verſchiedenartigſten Gegenſtände in ſonderbarer Verwirrung auf der Tafel zer⸗ ſtreut. Da waren aufgeſchlagene und geſchloſſene Bücher mit Schriftzügen, welche dem jungen Earl gänzlich unbe⸗ kannt waren. Ein Blatt war über und über mit rothen und blauen Ziffern bedeckt, ein anderes mit mathematiſchen Fi⸗ guren; welche dem Grafen, der übrigens wohl mit dieſer 41 Wiſſenſchaft vertraut war, neu und fremdartig vorkamen. Daneben lag ein Manuſcript, das er alsbald als ein ebräi⸗ ſches erkannte; dann kamen wieder andere, wo die Linien von Ecke zu Ecke liefen und mit einer ſolchen Maſſe von Strichen und Schnörkeln ausgefüllt waren, daß die Buch⸗ ſtaben ſich kaum unterſcheiden ließen. Auch wiſſenſchaftliche Inſtrumente ſtanden zwiſchen den Büchern umher, deren Ge⸗ brauch dem jungen Lord vielfach räthſelhaft war: dreiſeitige Gläſer mit Sand verſehen, Glaskugeln, durch eine eben ſolche Röhre verbunden und halb mit Merkur angefüllt; meſſingne Drei⸗ und Vierecke mit ſonderbaren Zeichen bedeckt, und rings an den Wänden unter Geſimſen, die mit gewichtigen Bänden beſchwert waren, verſchiedene Erdkugeln und In⸗ ſtrumente roher Konſtruktion zur Beobachtung der Sterne. In einer Ecke ſtand ein kleiner Ofen mit Schmelztiegeln und Retorden nebſt allerlei anderem chemiſchem und alchymiſti⸗ ſchem Geräthe; auf einem kleinen Piedeſtal von ſchwarzem Marmor zwiſchen zweien von den Fenſtern erhob ſich ein Erueifix aus Ebenholz und Elfenbein, von zwei trefflich in weißem Marmor gemeißelten Cherubimköpfen getragen, deren einer mit heiterem Lächeln nach dem Kreuz empor⸗ ſchaute, während der andere mit dem Ausdrucke der Trauer die Augen wie weinend niedergeſchlagen hatte. Am Fuße des Crucifixes lag ein menſchlicher Schädel. In dem Augenblicke, da der Earl eintrat, ſaß der alte Manuccei an dem Tiſche, gegenüber der Thüre, mit einem großen, pergamentfarbenen Buche auf einem Leſepulte vor ſich; ein mit ſonderbar ausſehenden Figuren bedecktes Pa⸗ 42² pier lag daneben. In der einen Hand hielt er eine Feder, in der andern einen Zirkel, und ohne den Eintritt des jungen Grafen auch nur mit einem Blicke zu beachten, erhob er die Augen wechſelsweiſe zu dem Buche und dann zu dem Pa⸗ piere und ſchrieb ein⸗ oder zweimal eine merkwürdig geſtellte Figur neben das Diagramm. Etliche Mal hielt er inne und ſchien auf irgend einen Laut zu horchen; dann legte er wie⸗ der die Feder nieder, lehnte das Haupt auf die Hand und verharrte in ſchweigendem Nachſinnen. 1 Endlich ſchlug die große Glocke der Franziskanerkirche des heiligen Antonius die Stunde der Mitternacht und alle übrigen Glocken der Stadt verkündeten, daß ein Tag zu Ende ſey und ein neuer anbreche. „Jetzt kommt her und ſetzt Euch neben mich,“ begann Manucci an den Grafen ſich wendend.„Hier iſt das Syſtem Eurer Nativität, ſorgfältig nach den von Euch gegebenen Daten aufgezeichnet. Von der Vergangenheit will ich nicht reden, denn da Ihr mir oft von den Ereigniſſen, die Euch in verſchiedenen Lebensperioden betroffen, erzählt habt, ſo könnte mein Urtheil in ſeinen Schlußfolgerungen aus dem Anblick der Geſtirne durch die Kenntniß, die ich bereits be⸗ ſaß, einigermaßen geleitet worden ſeyn. Es genügt, zu wiſſen, und Jedem, der auch nur oberflächlich mit dieſer Wiſſenſchaft bekannt iſt, muß es klar ſeyn, daß der Aſpekt der Geſtirne im Monat Oktober 1593 Euch mit großer Ge⸗ fahr bedrohte und daß Ihr Anno 94 gegen Ablauf dieſes Jahres klärlich beſtimmt waret, Euer Geburtsland zu ver⸗ laſſen. Die Zukunft jedoch muß ich deutlicher hervorheben, 43 denn Zeiten großer Prüfungen ſind für Euch im Anzug. Betrachtet dieſe drohende Conſtellation und urtheilet ſelber.“ „Ich verſtehe ſo wenig von Eurer Wiſſenſchaft,“ erwie⸗ derte der Graf,„daß ich mir kaum eine richtige Anſicht zu bilden vermag; nach dem Wenigen, was ich weiß⸗ ſcheint es mir, daß hier(indem er den Finger auf einen Theil des Dia⸗ gramms legte) die Verheißung großen Glückes, die Ausſicht auf Ehre, Frieden und Liebe enthalten iſt.“ „Ja,“ beſtätigte Manucci,„aber ſchaut weiter. Hier iſt Ehre, Frieden und Liebe; aber kaum hat die Sonne des nächſten Jahres ihren äußerſten Nordpunkt erreicht, ſo kommt auch dieſer drohende Aſpekt zum Vorſchein. Faſt jeder Planet iſt in Oppoſition gegen Euer Haus. Seht Ihr es nicht?“ 4 „O ja,“ verſicherte der Graf,„aber doch iſt es mir bei⸗ nahe unverſtändlich. Ich bitte Euch, daß Ihr es mit Eurer Geſchicklichkeit leſen möget.“ „Es iſt dunkel und doch hell,“ meinte der Alte.„So viel kann ich Euch mit Sicherheit ſagen, daß die höchſte Ge⸗ fahr in Eurem Leben zwiſchen Ende Juni des nächſten und des darauf folgenden Jahrs liegt. Dieſe Gefahr wird Euch mitten in Ruhe und Frieden überfallen, während Euch Alles die höchſten Hoffnungen zu verſprechen ſcheint. Wenn Ihr dieſer Kriſe entrinnet, ſo wird der Reſt Eures Daſeins hei⸗ ter und glücklich verlaufen, Euer Leben wird lange und ge⸗ ſegnet ſeyn und das Glück wird Euch bis an's Ende lächeln — aber hier, hier iſt große Gefahr.“ „Wie ſoll ich ſie aber vermeiden?“ fragte der Earl. 44 „Könnt Ihr mir eine Andeutung für mein Verhalten geben? Könnt Ihr mir ſagen, welcher Art die Gefahr iſt, von wem oder woher ſie kommt?“ Manuccei beſann ſich. „Krieg iſt es nicht,“ ſagte er,„denn Mars hat den tief⸗ ſten Stand. Ich möchte behaupten, die Politik hat ihre Hand in der Sache; die Gefahr kommt mehr von einer Ver⸗ ſchwörung als vom Kriege.“ Der junge Graf lächelte; doch Manucei fuhr in derſel⸗ ben nachdenklichen Weiſe fort: „Auch die Liebe hat einen, wenn auch nur unmittelbaren Antheil an dem Uebel; Verſchwörung aber ganz gewiß, denn ſeht nur das drohende Ausſehen des Saturn. Ich beſchwöre Euch, vermeidet nur ja jede Einmiſchung in die Politik Eures Geburtslandes, hütet Euch ängſtlich und ge⸗ wiſſenhaft vor Verrath und Allem, was ſich als ſolcher aus⸗ legen ließe; horcht nicht einmal auf die Worte von Ver⸗ ſchwörern, betheiligt Euch nicht an deren Rathſchlägen, jagt ſie von Euch, wenn ſie Euch zu verlocken ſuchen, und ſo hoffe ich, werdet Ihr der Gefahr entrinnen; thut Ihr Das nicht, ſo werdet Ihr ſicherlich untergehen, denn der Zorn eines Königs bedroht Euch offenbar, und die Urſache der Gefahr iſt Verſchwörung, angeſtachelt durch Liebe.“ „Das kann ich mit aller Sicherheit verſprechen,“ ver⸗ ſicherte der Earl,„denn ich habe mich längſt entſchloſſen, allen Komplotten auszuweichen und mit Ausnahme der ge⸗ wöhnlichen Tagesgeſchäfte mich mit keiner Art von Politik zu befaſſen. Meine Familie hat durch ihren Verkehr mit „= 45 dieſem boſen Feinde, der ſich immer als der Ruin Derer er⸗ weist, die ſich ihm hingeben, der ihnen mit Hoffnungen ſchmeichelt, nur um ſie zu täuſchen, ſie erhebt, nur um ſie deſto tiefer zu ſtürzen— ſchon allzuviel gelitten; auch habe ich nie geſehen oder gehört, daß das Vaterland durch das Blut all der Patrioten, welche in Vertheidigung der Rechte ihrer Mitbürger gefallen ſind, irgend einen Vortheil gehabt hätte, noch weniger aber durch den Untergang Derer, die ſich durch gemeinen perſönlichen Ehrgeiz unter dem Vor⸗ wande, Beſchwerden wieder gut zu machen, zu treuloſen, verrätheriſchen Planen verleiten laſſen. Allerdings wird die Tyrannei zuweilen einen Gipfelpunkt erreichen, wo man ge⸗ nöthigt wird, für Sicherheit, Ruhe und Freiheit Alles in die Schanze zu ſchlagen; aber im gewöhnlichen Verlaufe der Dinge geſchieht es gar ſelten, daß ſich durch Empörung ein Reſultat erreichen läßt, das auch nur wenige Tage des Wirr⸗ warrs, der Anarchie oder des Bürgerkriegs aufwöge. Für jetzt eriſtirt nichts der Art und wird auch nicht ſo leicht Etwas vorkommen, was irgend eine Verſchwörung oder Rebellion rechtfertigen könnte. Beruhigt Euch alſo in ſo weit, als es mich betrifft, denn ich kann mit gutem Gewiſſen verſprechen, daß ich Alles vermeiden werde, was je eine ver⸗ nünftige Urſache des Verdachts abgeben könnte.“ „Danket Gott, daß Dem ſo iſt!“ antwortete Manucci feierlich;„vergeßt aber nie, was ich geſagt habe. Gedenkt meiner Worte jeden Tag, bei jeder Veranlaſſung, denn ich habe Euch geſagt, die Gefahr und wahrſcheinlich auch die Verſuchung wird plötzlich über Euch kommen. Wenn Ihr meine Warnung befolgt und der Gefahr dadurch entrinnet, ſo werdet Ihr mir's noch lange Jahre danken.— Nun ſetzt Euch hier auf meinen Stuhl und kopiret genau, was hier geſchrieben ſteht; tragt das Papier immer bei Euch, über⸗ lest es oft, ſo daß Ihr immer auf Eurer Hut bleibet.“ „Wenn Eure Warnung ſich als wirkſam erweist, ſo werde ich Euch allerdings viel verdanken, werther Freund,“ erwiederte Lord Gowrie;„ich wünſchte nur, Ihr könntet mir ſagen, wie ich Euch Euren Dienſt belohnen kann.“ „Das kann ich vielleicht doch,“ meinte der alte Mann; „jetzt ſchreibt nur raſch, dann wollen wir weiter reden.“ Lord Gowrie ſetzte ſich nieder, um das Papier zu kopi⸗ ren, was ihn aber länger beſchäftigte, als er gedacht hatte. Mittlerweile hatte ſich in der Küche des Hauſes eine andere Secene ereignet, welche ſchließlich auf dieſelben Gegenſtände abzielte, womit die Conferenz mit Manucci ſchloß. In der Dunkelheit allein gelaſſen, hatte der würdige Auſtin Jute mit exemplariſcher Geduld gewartet, bis die alte Thürſchließerin mit einer Lampe zurückkehrte und ihn zu einem kleinen Abendeſſen in der Küche zu ſich einlud. „Man kann nie zu viel vom Guten haben,“ bemerkte der Engländer(denn das war er) in ſeiner eigenen Sprache; „aber ein anderes Sprichwort ſagt: Sattſeyn iſt ebenſogut wie ein Feſteſſen, und die Wahrheit zu ſagen, ich habe ſchon zu Nacht geſpeist. Doch ein voller Beutel iſt beſſer, als ein leerer Sack, und Niemand weiß, wann er genug hat; ſo kann ich alſo nicht wohl als Richter in einer Gewiſſensſache gelten.“ 47 Dieſes Raiſonnement war mehr an ihn ſelbſt als an die alte Frau neben ihm gerichtet, welche ſeinen Worten mit einer Miene der vollkommenſten Unbewußtheit zuhörte und wartete, ob es ihm wohl belieben würde, ſich auf Italieniſch auszudrücken. „Nun ja, ich will kommen, meine Beſte,“ verſicherte er zuletzt in dieſer Sprache, welche er, nebenbei bemerkt, auf⸗ fallend gut verſtand.„Mein Magen ſagt, er werde gegen eine vernünftige Quantität guter Nahrung und noch weni⸗ ger gegen einige Gläſer Wein durchaus nichts einwenden. Ich will Euch folgen und wenn——“ Die Dienerin, an den Anblick fremder Leute und an allerlei ausländiſche Sprachen gewöhnt, ſchien ſeine Mei⸗ nung eben ſo gut aus ſeinen Blicken wie aus ſeinen Worten zu errathen, und winkte ihm mitzukommen, noch ehe er ſeine Sentenz geſchloſſen hatte, indem ſie nach ihrer Speiſekam⸗ mer voranging. Das Mahl, das ſie vor ihm ausbreitete, war weder an Qualität noch an Quantität ſonderlich reich⸗ lich, aber es war wenigſtens erfriſchend, denn Früchte waren in Padua immer wohlfeil und aus ihnen hauptſächlich be⸗ ſtand ihr Abendtiſch. 3 Auſtin Jute war ein Mann, der ſich überall, wohin er kam, alsbald heimiſch fühlte, und wiewohl er es— ehrlich geſtanden— lieber gehabt hätte, wenn ſeine Gefährtin jün⸗ ger und hübſcher geweſen wäre, ſo hatte er doch bald ein eifriges Geſpräch mit der alten Frau angeſponnen. Als die Glocke oben nach Erfriſchungen läutetete, half er ihr eben ſo vergnügt und bereitwillig die Gerichte und die langhalſi⸗ 48 gen Gläͤſer auf dem Speiſebrett arrangiren, wie wenn ſeine Gefährtin erſt ſechzehn Jahre gezählt hätte. „Jetzt, Tita, nehmt die andere Seite mit den Flaſchen zunächſt zu Euch,“ bemerkte er, indem er das Präſentirbrett aufhob.„Im Leben muß man die Laſt immer dahin ver⸗ legen, wo ſie am leichteſten getragen wird. Zwei Hände ge⸗ nügen, wenn wir ſie zu gebrauchen verſtehen; aber vier ſind beſſer, wenn es viel Arbeit gibt. So will ich mitgehen und Euch die Thüren öffnen, denn deren ſcheint es in Eurem Hauſe viele zu geben. Man kann ſich denken, wie ſehr Meiſter Auſtin in der Gunſt der guten Frau ſtieg, denn das Alter empfängt als ein Geſchenk, was die Jugend als Tribut fordert. Als ſie daher von ihrem Gange zurückkehrte, begann ſie mit leiſem Tone: 4 4 4 „Wahrhaftig, Euer Lord iſt ſicherlich einer der hübſche⸗ ſten, nobelſt ausſehenden Cavaliere, die mir noch je zu Geſicht kamen, und ſo offen und freundlich in ſeinem Weſen: er ſpricht immer mit mir, wie wenn ich eine alte Freundin, und nicht vielmehr eine arme Magd wäre.“ „Wie der Herr, ſo der Diener, meine Theure,“ meinte Auſtin Jute;„Vögel von einer Kitte fliegen zuſammen; rum mein Gebieter und ich einander ſo lieb haben; aber ich hoffe, es iſt noch Jemand auf der Welt, der mit Zärtlichkeit an ihn denkt, denn als Ihr heraus kamt, ſah ich ein Paar ſo ſchöne Augen die Lampe überſtrahlen, daß ich jetzt recht gut begreife, warum mein Lord nach Padua zurückkehrte⸗ Gleich und Gleich geſellt ſich gern. Das iſt der Grund, wa⸗ 49 und warum er früher mit jenem düſter ausſehenden Bur⸗ ſchen Martini, der wie ein ſchlecht beſchaffener Köder hinter den Hufen eines ſchönen Roſſes ihm auf dem Fuße folgte — faſt jede Nacht hieher kam.“ „Jenen Mann konnte ich nie leiden,“ verſicherte die alte Frau, ſich wieder auf ihren Stuhl in der Küche ſetzend.„Ich bin froh, daß Cuer Lord ihn heute nicht gebracht hat.“ „Er konnte ihn nicht mitbringen, wenn er auch gewollt hätte,“ verſetzte Auſtin;„er wäre unterwegs in Stücke ge⸗ gangen. Der Kerl wurde vor zwei Monaten zu Genf auf⸗ gehängt, weil er einen Gentleman beraubte, der mit uns im ſelben Gaſthofe wohnte. Mein Gebieter wollte nie an ſeine Spitzbuberei glauben, bis er ihn hängen ſah, und doch hatte ich früher, als der Burſche aus der Fähre in den Po fiel und wie ein faules Ei herumſchwamm, dem edlen Earl geſagt, wer für den Galgen geboren ſey, werde nie erſaufen. Zu⸗ letzt henkten ſie ihn wirklich, und das Sprichwort blieb in ſeinem Recht.“ „Sie thaten gewiß ganz gut daran,“ beſtätigte die Frau mit altklugem Tone,„obwohl die Beamten der Ge⸗ rechtigkeit oft recht unbillige Handlungen begehen. Wißt Ihr nicht, wie ſie neulich meinen guten alten Herrn aus dem Krankenbette ziehen wollten, der doch ein ſo ehrbarer Mann und guter Chriſt wie nur je einer in Padua iſt; und ſie hätten es auch gethan und ihn wahrſcheinlich auf die Folter gelegt, wenn nicht der Muth und die Freundlichkeit eines Eurer Landsleute, eines hieſigen Studenten Namens James. Gowrie. 4 50 Hume und die Beſonnenheit und Geiſtesgegenwart der Sig⸗ nora Iulia es verhindert hätten.“ „Ja, ja, ich erfuhr Alles, was Signor Hume geſehen,“ verſetzte Jute,„denn er erzählte es meinem Herrn, während ich im Vorzimmer ſaß und nichts als eine dünne Thüre zwi⸗ ſchen uns war. Ihr wißt ja wohl, Tita, daß die meiſten Dinge zwar nur zu einem Zwecke gemacht ſind, aber meiſt auch zu einem zweiten dienen.— Was that denn aber die junge Lady?“ „Sobald ſie das Geräuſch vernahm,“ erzählte die Alte, „rannte ſie eiligſt nach der zur Studirſtube führenden Gangthüre und verſchloß dieſe. So fanden ſie nur etliche alte Papierfetzen in dem Zimmer, wo mein armer Herr krank zu Bette lag, denn jene Thüre ſchließt ſo genau, daß Niemand ſte von dem Getäfel zu unterſcheiden vermag, und da ſie kein Schlüſſelloch, ſondern ein Federſchloß hat, ſo glaubten ſie, der Gang habe dort ein Ende. Wären ſie in das Studirzimmer gelangt, da hätten ſie ſchöne Arbeit ge⸗ funden, denn dort gibt es Sonderbarkeiten aller Art; aber ich wollte ſchwören, ſo unſchuldig und heilig wie der Bam⸗ bino; aber Niemand verſteht ſie außer meinem Herrn, und Alles, was die Leute nicht verſtehen, das halten ſie für gottlos.“ Durch dieſe weiſe und gerechte Bemerkung ließ ſich je⸗ doch Auſtin Jute nicht von der Fährte ablenken, die er ein⸗ mal verfolgte, denn Neugierde war einer ſeiner Fehler, und der Anblick eines ſo hübſchen Geſichtes, wie er es oben im 51 Zimmer geſehen, hatte dieſe höchſt kitzliche Tugend dermaßen angeſpornt, daß er nicht mehr widerſtehen konnte. „Ja gewiß, ſie iſt ein bezauberndes Geſchöpf,“ behaup⸗ tete er.„Zwar iſt nicht Allas Gold, was glänzt, und ſchön iſt nur, wer ſchön handelt. Der Teufel kann zuweilen auch eines Engels Geſtalt annehmen. Die Kutte macht noch nicht den Mönch; aber gleichwohl ſah ſie ſo füß und traurig aus, daß ſie gewiß ſehr liebenswürdig ſeyn muß. Manches Weib, o Donna Tita, ſchaut froh und luſtig drein und iſt im Ganzen doch nur ein ſauertöpfiſcher Teufel; es verräth aber gewiß ein gutes Herz, wenn man fremden Kummers halber traurig ausſieht. Ueberdies wäre mein Herr nicht ſo verliebt in ſie, wenn ſie nicht ein Engel wäre. Wer iſt ſie denn? des alten Signor's Tochter?“ „Iſt denn Euer Herr wirklich ſo in ſie verliebt?“ rief die alte Frau, ohne ſeine Frage zu beantworten.„Wißt Ihr gewiß, daß er während der langen Zeit, die er weg geweſen, niemals anderen Frauen nachgelaufen iſt?“ „Nicht ein einzig Mal, auf mein Wort,“ betheuerte Auſtin mit feierlicher Miene, die Hand auf die linke Bruſt legend.„Der Herr ſey mit Euch! ſeit er die Signora kennt, iſt er ſo zahm und vorſichtig wie ein Leithammel geworden. Schickte er mich nicht vor ſechs Wochen aus Genf fort, weil ich Minette Bahr, des Gaſtwirths Tochter, in die Wange gekneipt und meine Lippen denen Roſalie's, der Nichte des Schmids, zu nahe gebracht hatte. Es iſt freilich wahr, ich mußte dafür dem Jerome den Kopf einſchlagen und Roſa⸗ liens Liebhaber zur Selbſtvertheidigung durchprügeln, denn 4* 52 es kam zu einem Stockkampfe. Was aber meinen Lord be⸗ trifft, der brachte all ſeine Zeit in dem Hauſe eines alten Herrn Namens Beza zu, wo weniger Frauen aus⸗ und ein⸗ gingen, als in einem Mönchskloſter, obgleich der Alte ſo fröhlich war, wie der Luſtigſte ſeiner Zeit es geweſen ſeyn konnte.“ „Warum ging er aber dann weg und blieb ſo lange aus, wenn er ſie ſo ſehr liebt?“ examinirte die alte Dame, welche gleichfalls ihren Antheil von Neugierde ſo gut wie ihr jetziger Geſellſchafter beſaß. „Meiner Treu, das müßt Ihr den Earl ſelber fragen,“ verſetzte Auſtin,„denn ich bin nicht ſein Beichtvater. Viel⸗ leicht daß das Fräulein kalt war, wie Ihr Weiber oft Eure Launen habt. Ihr wäret aber auch nicht halb ſo reizend ohne ſie, ihr lieben Geſchöpfe!“ Ein ſchiefes Kompliment wird faſt immer tiefer gehen als das direkte, und die gute Tita, welche ſchon längſt alle äußeren Anſprüche auf den Titel eines reizenden Weſens verloren hatte, nahm keinen Anſtand, ſich ſelbſt in die allge⸗ meine Kategorie einzuſchließen, und ihr Herz öffnete ſich gegen ihren Geſellſchafter. „Nein, nein,“ verſicherte ſte,„mein Fräulein iſt nicht kalt— wenigſtens nicht gegen ihn; wie ſollte ſie auch, da ſie kaum je zuvor einen jungen Mann geſehen? Er ſieht auch gar nicht übel aus, und iſt dabei ſehr gutherzig; Lau⸗ nen vollends hat ſie gar keine, hat nie welche gehabt, das liebe Kind. Ich trug ſie auf meinen Armen, als ſie erſt zwei Jahre zählte, und das ſind jetzt ſechzehn Jahre,“ 53 „Bei meinem Leben, der alte Herr muß ſich ſpäͤt zur Ehe entſchloſſen haben, um im Achtzigſten noch eine Tochter von achtzehn zu haben“ lachte Auſtin Jute. Dieſer Schuß verfehlte ſein Ziel nicht. „Seine Tochter, Ihr thörichter Menſch!“ rief die Alte; „ſie iſt nicht ſeine Tochter— ſeiner Tochter Tochter, wenn Ihr ſo wollt.“ „Nun, nun, es wäre ja nichts Schlimmes daran, wenn ſie auch ſeine Tochter wäre,“ beſänftigte Jute;„Ihr braucht mich alſo nicht ſo grimmig anzuſehen, meine Theure. Man⸗ cher Mann heirathet im Sechzigſten zum Troſt für ſein Leben oder wenigſtens für das Bischen Leben, das ihm noch übrig iſt. Beſſer ſpät als gar nicht, ſagt das Sprichwort. Ich moͤchte mich lieber am Ende des Mittageſſens nieder⸗ ſetzen, als gar keine Speiſe zu Geſicht kriegen. Es iſt nie zu ſinſter, um ſeinen Weg zu ſehen, wenn man nur eine La⸗ terne hat, und wenn wir von Anfang irre gegangen, warum ſollten wir nicht am Ende den rechten Weg zu finden ſuchen? Der Name des jungen Fraulein iſt alſo nicht Manucci, wie ich Euch verſtehe?“ „So hieß ihre Mutter,“ gab Tita zur Antwort.„Armes Geſchöpf! ich kann mich ihrer wohl noch erinnern. Als ſie mir das Kind auf die Arme legte, ſagte ſie: trag Sorge für die Kleine, Tita, denn ſie wird bald keine Mutter mehr haben, und einen Vater hat ſie ohnehin nie gekannt.“ „Oho!“ platzte Auſtin Jute heraus, und ſein Geſicht verrieth einen ganz eigenthümlichen Ausdruck, während die dunkeln Augen der Alten Feuer ſprühten. 54 „Fort mit Euch, Ihr Schelm!“ rief ſie, ohne ihn ſeinen Satz vollenden zu laſſen;„wollt Ihr nicht gar eine Heilige im Himmel beſchimpfen?“ Im nächſten Augenblicke ge⸗ wann jedoch ihr Geſicht ſeinen gewohnten Ausdruck wieder, und ſie fuhr fort:„ich habe thöricht geſprochen. Ich hätte Euch ſagen ſollen, daß der Vater des armen Würmchens am Tage ihrer Geburt ſtarb. Die Mutter genas nie wieder von dieſem Schlage; ſie hielt ihr Wort nur allzutreu, denn kaum waren vier Monate verſtrichen, als wir ſie im Campo Santo begruben.“ „Armes Ding!“ jammerte Jute in ſo natürlichem Tone, daß jeder Reſt von Aerger aus Tita's Herzen verbannt wurde.„Wie ſtarb denn der Gatte jener Lady? war's in der Schlacht oder auf dem Krankenlager?“ „Unter dem Beil, junger Mann— unter dem Beil,“ erwiederte Tita ſcharf;„ein Spielzeug, womit man in Eurem Lande noch ärger als bei uns in Italien ſeinen Scherz treibt; ſo wenigſtens habe ich gehört, denn ich kenne kein anderes Land als mein eigenes. Ich habe meinen Herrn ſagen hören, auf den Schaffotten in England und Schottland ſey ſchon ſo viel unſchuldiges Blut gefloſſen, daß es einen Fluch auf das arme Land herabziehen müſſe.“ „Bei meinem Leben! er hat Recht,“ verſicherte Auſtin Jute,„denn ich ſelbſt habe in meinen Tagen einige Köpfe fallen ſehen und habe es immer bedauert, daß die Leute kein anderes Mittel wiſſen, um Solche, die ihnen im Lichte ſtehen, aus dem Weg zu ſchaffen, als indem ſie ihnen den Kopf abſchlagen. Wenn Menſchenköpfe nicht beſſer als Rü⸗ — 5⁵ ben wären— wir könnten ſie nicht ſorgloſer behandeln als es auf unſerer kleinen Inſel geſchieht.— Armes Kind! ſein Unglück hat frühzeitig angefangen, und ich wünſche und hoffe, daß ſie mit einem Male darüber weggekommen ſeyn möge. Einmal im Leben muß man ſchon ſchwarz Brod eſſen, wie man ſagt, und es iſt beſſer, wenn wir es ver⸗ ſchlucken, bevor wir etwas Feineres verſucht haben, als daß wir erſt Weißbrod ſchmecken und das Andere hinterdrein bekommen.“ „Gott gebe, daß es bei ihr ſo ausfalle!“ betete die alte Frau,„denn ein theureres, ſüßeres Mädchen hat es nie ge⸗ geben.“ „Wie heißt ſie aber bei all Dem?“ fragte Auſtin Jute in jenem ruhigen, gleichgültigen Tone, der ſo oft Ver⸗ trauen gewinnt. „Ei nun, Julia— Lady Julia,“ gab die alte Tita ruhig und mit einem ſchlauen Seitenblicke zur Antwort. „Das hat mir all mein Lebenlang genügt, und ich denke, auch Ihr ſolltet damit zufrieden ſeyn.“ „Ich ſage ja, Sattſeyn iſt eben ſo gut wie ein Feſt⸗ mahl,“ wiederholte Auſtin Jute und ließ den Gegenſtand fallen, als er ſah, daß er nicht weiter erfahren konnte, in⸗ dem er ſich über den langen Beſuch ſeines Herrn nicht wenig verwunderte. 56 Fünftes Kapitel. „Ich bin fertig,“ erklärte der Earl,„und habe es, denk ich, genau abgeſchrieben.“ Der alte Mann beugte ſich über das Papier und prüfte jede Linie. 4 „Der Saturn fehlt im dritten Hauſe,“ bemerkte er,„und hier habt Ihr den Geſechstſchein ausgelaſſen.“ Lord Gowrie verbeſſerte den Fehler, faltete dann das Papier ſorgfältig und ſteckte es in ſeine Bruſttaſche. Als er damit zu Ende war, richtete er ſeine Augen auf Manucci's Geſicht und ſah, daß der alte Mann ſehr bleich war, wäh⸗ rend die ſchweren, niederfallenden Augenlider und ein Zit⸗ tern der Lippe dem jungen Lord arge Ermüdung anzudeuten ſchienen. 4 „Ich wünſche ſehr, über Dinge von großem Gewicht mit Euch zu reden, mein guter, alter Freund,“ ſagte er;„aber ich ſehe, daß Ihr müde ſeyd, und ich will alſo lieber nicht beginnen, da unſere Unterredung noch lange dauern könnte.“ 3 „Wir müſſen jetzt beginnen und enden, Gowrie,“ erklärte der alte Mann, ihn mit ernſtem Blicke betrachtend,„denn wer kann ſagen, was der nächſte Tag bringen wird? So viel wenigſtens habe ich in dieſen achtzig Jahren gelernt, daß nur die Gegenwart unſer iſt; die Vergangenheit iſt un⸗ widerruflich dahin und die Zukunft ruht in Gottes Hand. Niemand möge glauben, daß er über den morgigen Tag ge⸗ 57 bieten kann; denn Geſundheit oder Krankſeyn, Stärke oder Schwäche, Glück oder Mißgeſchick ſind ſo unbeſtändig wie der Wind, und wir wiſſen nie, wann oder warum ſie wech⸗ ſeln. Ich habe Euch Vieles zu ſagen, und es iſt wohl ein und derſelbe Gegenſtand, der uns intereſſirt: Ihr wolltet von Julia reden— nicht wahr?“ „Ja,“ gab Gowrie zur Antwort. „Und Ihr liebt ſie. Ich habe es ſchon vor dieſer Nacht erkannt, denn ich habe geſehen, wie Euer Auge ſie ängſtlich wie das eines Liebhabers bewachte; allein Ihr habt gezö⸗ gert, als ob der Gedanke an die Meinung der Welt, an Hofgunſt, Freundesrath, vielleicht auch ehrgeizige Träume gleich trüben Nebeln von der Erde aufſtiegen und den Stern der Liebe verdunkelten. Ihr reistet ab und ich ließ Euch fortziehen, ohne Euch mit einer Sylbe zurückzuhalten, denn Keiner kann ihrer würdig ſeyn, ſo lange noch ein ſolcher Zweifel in ſeiner Bruſt ſchlummert. Sind ſie jetzt alle ge⸗ ſchwunden?“ „Alle, die ich nur jemals gehegt,“ verſicherte Lord „Gowrie faſt in gekränktem Tone;„Ihr habt mir jedoch in Euren Gedanken Unrecht gethan, mein werther Freund. Solche Betrachtungen, wie Ihr ſie Euch dachtet, haben nur wenig Einfluß auf mich gehabt. Ich liebte, aber ich ſah nur wenig Gewißheit einer Erwiederung. Ich wußte nicht, wie ſtark meine Liebe war, bis es zum Scheiden kam, und ich dachte, ehe ich ihre Neigung zu gewinnen ſtrebe, ſey es nur recht und billig gegen ſie, daß ich mich ſelbſt überzeuge, ob meine eigene Liebe wahr und ausdauernd ſey. Ich hatte 58 ſo oft von knabenhafter Leidenſchaft gehört, welche bald ver⸗ geſſen wurde, von Liebe, welche in wenig kurzen Monden aufwächst und ſchwindet, und wenn ich von der Philoſophie nichts Anderes proſitirte, ſo habe ich doch wenigſtens ge⸗ lernt, das menſchliche Herz ſo lange zu bezweifeln, bis es ſich erprobt hat. Mit jenen weltlichen Erwägungen thut Ihr mir entſchieden Unrecht: Gedanken der Hofgunſt, des Ehrgeizes oder der Habſucht ſind mir nie in den Sinn ge⸗ kommen. Ich bin reich, mächtig und hochgeſtellt genug, um ſolche Dinge für nichts zu achten; auch die Meinung der Welt hatte keinen Einfluß auf mich, nur hielt ich es für weiſer und zugleich beſſer, wenn ich vor jedem entſcheidenden Schritte meiner theuren Mutter mein Herz eröffnete; ſie iſt von königlichem Geblüte und hat durchaus ein königliches Herz— ſie weiß, daß der Reichthum des Gemüths der ein⸗ zig ächte, der Adel der Seele der höchſte Adel iſt. Dies wa⸗ ren die einzigen weltlichen Empfindungen, die ich bei meinem Scheiden mit mir trug; doch will ich nicht läugnen, daß ich lange vorher, als ich die Leidenſchaft in meinem Herzen wach⸗ ſen ſah, gegen meine ſteigende Liebe— wiewohl vergeblich — ankämpfte. Ich bin aufrichtig gegen Euch, mein alter Freund; ich ſage Euch Alles: jetzt aber, da ich die Hoffnung auf Erwiederung meiner Liebe habe, jetzt iſt jede andere Be⸗ trachtung bei Seite geworfen.“ „Jede andere?“ forſchte der Greis, ihn nachdenklich be⸗ trachtend. „Ja, jede,“ verſicherte der Graf.„Dies iſt keine Zeit, um lange zu warten oder zu erwägen, keine Zeit, um frem⸗ 59 den Rath oder Beiſtimmung zu ſuchen. Ihr ſeyd ſehr krank, ja nahe am Abgrunde des Todes geweſen; Ihr wurdet mit Verfolgung bedroht, hättet ihr in einem Augenblick entriſſen werden können und ſie einſam, freund⸗ und ſchutzlos zurück⸗ laſſen müſſen. Was hätte ich von mir ſelbſt denken, was hätte ich empfinden müſſen, wenn ich bei meiner Rückkehr Euch ſelbſt todt oder im Gefängniß und dieſes theure Mäd⸗ chen der Welt preisgegeben gefunden hätte? Das darf nie mehr geſchehen, mein alter Freund, ſobald ſie mir ihr Herz ſchenken, Stand und Vermögen mit mir theilen und ihren Schutz dieſem Arme anvertrauen will.“ „Das nenne ich edel und Eurer würdig geſprochen,“ er⸗ wiederte der alte Mann.„Daß ſie Euch liebt, bezweifle ich nicht, denn, ob vielleicht auch unbewußt, habt Ihr Euch doch um ihre Liebe beworben. Daß Ihr ſie treu und wahrhaft liebt, deſſen bin ich ſicher, ſonſt wäret Ihr heute Nacht nicht hier, Gowrie; Ihr ſeyd nicht blos gekommen, um Euer Schickſal von mir zu erfahren. Aber ich muß ebenſo gut für Euch wie für ſte denken, und ich will Euch das größte Vertrauen ſchenken, das je einem Manne gewährt wurde, weil ich Euch als vollkommenen Ehrenmann kenne und auch ihre Tugend und Herzensreinheit als feſt erprobt habe. Gleichwohl will ich von Euch Beiden einige Verſprechen fordern, welche Ihr, einmal ertheilt, niemals zu brechen wa⸗ gen werdet.“ „Mit meinem Wiſſen habe ich noch nie ein Verſprechen gebrochen, werde es auch nie thun,“ betheuerte Lord Gowrie. „Wo es ſich um ihr Schickſal handelt, glaubt mir, mein 60 theurer Freund, da waͤre mir ein gegebenes Verſprechen nur um ſo heiliger.“ „Ihr ſeyd alſo entſchloſſen, ſie zu heirathen?“ fragte Manucci. „Wenn ſtie mir ihr ganzes Herz ſchenken kann— ja,“ verſetzte der Earl. „Habt Ihr keine Frage über ihre Geburt, ihren Stand, ihre Familie?“ forſchte der Alte weiter. „Keine,“ verſetzte der junge Mann.„Liebe, ſagt man, iſt blind, aber die meine iſt es nicht geweſen. Noch ehe meine Gefühle für ſie dieſen Namen verdienten, hatte ich mancherlei Gelegenheit, ſie zu beobachten, und damals we⸗ nigſtens waren meine Augen geöffnet. So manche kleine Züge, welche Anderen entgangen wären, enthüllten mir große Geheimniſſe ihres Herzens und Charakters. Ihre Liebe und Ergebenheit gegen Euch, welche alle Empfindun⸗ gen in der einen Pflicht für ihren Großvater zu verſchlingen ſchien; ihr Gehorſam gegen Eure leiſeſten Wünſche, der Eu⸗ rem Gebote zuvorkam und Eure unausgeſprochenen Gedan⸗ ken zu errathen ſchien; ihre Zärtlichkeit gegen Alle, ſelbſt gegen die Böſen und Grauſamen, ſo daß ihr Tadel ſelbſt ſich in Mitleid gegen diejenigen verlor, welche nicht glücklich genug ſind, um gut zu ſeyn; jene ächte Beſcheidenheit ohne alle eitle Ziererei, welche, unbekannt mit dem Böſen, ſich nicht einmal gegen den falſchen Schein verwahrt— dies Alles und vieles Andere der Art habe ich bemerkt, und habe oft gedacht, daß ſolche Eigenſchaften bei dem Weibe noch weiteren Spielraum und höoöͤheren Glanz finden müßten. 64 Kam vollends noch dazu, daß ich mit jedem Tage neue Reize der Perſönlichkeit und des Gemüthes entdeckte— war es da wohl möglich, Manucci, ſie nicht zu lieben?“ „Ihr habt ſie in der That ſorgſam bewacht und richtig beurtheilt,“ erwiederte der Alte;„bei einem Manne, der ſie ſo richtig zu ſchätzen vermag, fürchte ich nichts für das Glück meines theuern Kindes. Nun hört mich an: ſo müde ich auch bin, ſo will ich Euch ſo viel enthüllen, um Euch zu zeigen, daß Ihr, ſelbſt nach der gewoͤhnlichen Anſicht der Welt, nicht ſo ganz fehl gegriffen habt. Von väterlicher wie von mütterlicher Seite ſteht ſie Euch am Range gleich. Ich bin zwar aus meiner Vaterſtadt verbannt, ſtamme aber gleichwohl von einem Geſchlechte, das ſeine Generationen faſt bis zu den Tagen des alten Roms zurückzuführen ver⸗ mag. Daß ſie das Kind meiner einzigen Tochter iſt, wißt Ihr, denn Ihr habt mich oft ſo ſagen hören; von Vaters Seite kommt ſie von einem Stamme, der, wenn auch nicht königlich, wie Ihr von Eurer Mutter geſagt, oft mächtiger war als die Könige, denen er diente. Ueberdies gehört er Eurem eigenen Lande an, und ſein Blut hat ſich mit dem Eurer eigenen Ahnherrn vermählt. Eure beiden Familien haben auf manchem Schlachtfeld, in manchem Kabinetsrathe zuſammengefochten, komplottirt und gehandelt. Ihren Va⸗ ter freilich hat ſte nie gekannt, denn er ſtarb von Henkers Hand am Tage ihrer Geburt; ſeine Ländereien wurden kon⸗ fiscirt und einem Anderen verliehen, und ich floh mit ihr und ihrer Mutter aus Schottland, in der Hoffnung, daß in fünftigen Tagen unter einem weiſeren und gerechteren Herr⸗ 6² ſcher der Antheil, der meinem armen Kinde insgeheim als freies, keiner geſetzlichen Konfiskation unterliegendes Wit⸗ thum beſtimmt war, dem wirklichen Eigenthümer zurück⸗ geſtellt werden würde. Die Papiere, die ich Euch hier gebe, werden Euch alles Uebrige erzählen und das Ganze beſtätigen. Und nun hört mich, Lord Oöotſes Ihr müßt bald in Euer Geburtsland zurückkehren—— „Aber nicht um ſie hier zu laſſen,“ fiel ihm der Earl in's Wort;„das kann ich unmöglich, mein Freund.“ „Ruhig, ruhig,“ gebot der Greis;„Ihr müßt hören, ehe Ihr mich begreifen könnt. Sie ſoll mit Euch gehen, aber nicht als Gattin des ungeduldigen Knaben, ſondern unter der Obhut Eurer Ehre und unter dem feierlichen Ver⸗ ſprechen, ſie nicht eher zur Frau zu begehren, bis von zwei Ereigniſſen eines eingetreten iſt. Ihr müßt ihr mit Auf⸗ bietung aller Kräfte die Beſitzungen wieder zu verſchaffen ſuchen, deren ſie und ihre Mutter durch die Hand der Unter⸗ drückung beraubt wurde. Die Papiere, die ich Euch geben werde, ſollen ihren Anſpruch beweiſen— was ſie verlangt, iſt blos Gerechtigkeit. Gelingt es Euch, dann mögt Ihr ſte in Gottes Namen zum Weibe begehren; wenn nicht, ſo müßt Ihr geduldig den letzten Tag des Septembers im nächſten Jahre abwarten— dann wird die Gefahr vor⸗ über ſeyn.“ „Was wird aber aus Euch werden, mein guter Freund?“ fragte der Earl.„Ich würde nie verlangen, daß Julia ein ſolches Opfer brächte; auch würde ſie ſich gewiß nicht dazu verſtehen, ſelbſt wenn ich es verlangen wollte.“ 63 „Vor jener Zeit wird mein Haupt auf einem Kiſſen von Erde ruhen,“ erklärte der alte Mann.„Das Blut gefriert in dieſen winterigen Adern und wird bald zu fließen aufhören. Ihr ſagtet, Ihr wollet nach Rom, nach Bologna und Flo⸗ renz weiter reiſen? Geht nur; bis Ihr zurückkehrt, wird ſie Schutz und Beiſtand bedürfen. Ich weiß, daß ich in den nächſten zwei Monaten ſterben werde; den genauen Zeit⸗ punkt kann ich zwar nicht angeben; aber verlaßt Euch dar⸗ auf, Ihr werdet noch in Italien ſeyn, wenn ſolches eintritt. Dann führt ſie fort von den traurigen Scenen, welche folgen müſſen, ſtellt ſie unter die ehrenvolle Obhut Eurer Mutter, die ſich, wenn ich ſie recht kenne, wie ich mich ihrer ſehr wohl erinnere, der verwaisten Tochter, des Kindes von dem Freunde ihres Gatten, mit Eifer annehmen wird. Und ſind dann ihre Rechte wieder hergeſtellt oder iſt der Tag der Ge⸗ fahr vorüber, dann ſeyd Ihr ein ebenſo zärtlicher und treuer Gemahl, als Euer Vater es für Dorothea Stuart geweſen. Wollt Ihr mir Alles verſprechen, was ich verlange?“ „Ich will,“ verſetzte der Graf.„Ich verſpreche es auf's Feierlichſte, bin aber bis jetzt noch nicht verſichert“— in⸗ dem ein leichter Schatten des Zweifels über ſein Antlitz flog —„daß Julia ſelbſt einwilligen wird. Ich denke und hoffe es; noch beſteht aber kein Gelöbniß zwiſchen uns, keine Ver⸗ ſiccherung von ihrer Seite, daß ſie mich ebenſo lieben wird, wie ich ſie liebe. Ich muß ſie ſehen und befragen, ehe mein Herz ſich vollkommen beruhigen kann. Ich will morgen wie⸗ der kommen; denn ohne Zweifel hat ſie ſich jetzt zur Ruhe begeben.“ 64 „Sprrecht ſie gleich jetzt,“ verlangte der Greis mit einem Lächeln.„Ihre Antwort wird bald gegeben ſeyn, oder ich müßte ſie nicht kennen; auch wird ſie ſich nicht niederlegen, ſo lange ich wache.— Sprecht ſie ſogleich. Ich denke, es wäre beſſer, wenn Ihr Eure Reiſe morgen fortſetztet, da⸗ mit Ihr, wenn die Stunde kommt, alsbald zum Handeln bereit ſeyd.“ „Meine Reiſe läßt ſich verſchieben oder ganz aufgeben,“ meinte der Graf:„ſie wäre nur von Sorge und Angſt be⸗ gleitet, wenn ich denken müßte, daß Julia hier plötzlich ohne Schutz oder Freunde ſeyn könnte. Ich ſpreche offen, mein edler Freund, weil ich weiß, daß Ihr den Tod nicht fürchtet und auf ſein Kommen gefaßt ſeyd. Wollte ich meinen ur⸗ ſprünglichen Plan verfolgen, ſo koͤnnte ſte Wochenlang ohne Troſt und Hülfe hier verweilen müſſen.“ „Nein, nein,“ bemerkte Manucci.„ich will nicht ha⸗ ben, daß man ſage, aus Liebe zu dieſem theuren Kinde ha⸗ bet Ihr hier gezögert, während Ihr andere Abſichten vor Euch hattet. Für ihr Schickſal braucht Ihr Euch nicht zu ängſtigen. Ich ſehe wohl, was Ihr fürchtet; aber darin eben ſeyd Ihr im Irrthum. Ich bin zwar ſehr arm, aber ich habe mich ärmer gemacht als ich bin, um ſie, wenn der Augenblick einmal kommt, deſto reicher zu hinterlaſſen. In jenem Kabinet ſind zweitauſend Dukaten, von meinen gerin⸗ gen Mitteln durch äußerſte Sparſamkeit erübrigt: das wird mehr als genügen, bis ſie unter der Obhut Eurer Mutter ſteht. Sie darf nicht ganz als Bettlerin in ihr Vaterland zurückkehren und ſoll einige Mädchen dingen, um ſie unter⸗ 65 wegs zu bedienen. Auch ſoll ſie nicht von Euch abhängig ſeyn, mein guter Lord, denn das könnte den böſen Zungen Gelegenheit geben, übereilten Verdacht auszuſprengen. Laßt ſie ihre eigenen Diener wie überhaupt die Reiſekoſten be⸗ zahlen— es wird immer noch genug übrig bleiben.— Jetzt geht und ſprecht mit ihr, ich will Euch hier erwarten.“ Der junge Earl erhob ſich mit mattem Lächeln und ging nach der Thüre; ehe er ſie jedoch erreichte, wendete er ſich um und näherte ſich dem Greiſe, deſſen Hand er mit den Worten ergriff: „Tauſend Dank für all Euer Vertrauen; aber es gibt noch eine Gabe, die ich verlangen muß, und ich werde nicht Peher befriedigt ſeyn, bis Ihr ſie gewährt habt. Mein Freund, Sir John Hume, den Ihr bereits kennt, der Ver⸗ lobte meiner jungen Schweſter Beatrice, wird noch vierzehn Tage hier bleiben; ihm muß ſich im Nothfalle Julia anver⸗ trauen, bis ich ſie wiederſehen kann. Er iſt ein vollendeter CEhrenmann, freundlich und ſanft in ſeinem Weſen. Auch einen Diener von einem Eifer und einer Intelligenz wie es wenige gibt— will ich hier laſſen, der ſich jeden Tag in Eurem Hauſe melden ſoll und wenn die Umſtände es ver⸗ langen entweder zum Beiſtande meiner Verlobten hier blei⸗ ben oder mich aufſuchen wird. Sein Charakter iſt eine merkwürdige Miſchung von ausnehmenden Vorzügen und Fehlern; aber er hat ſeine Ergebenheit gegen mich ſchon gar manchmal erprobt und ſeiner Ehrlichkeit bin ich voll⸗ kommen verſichert. Sagt mir, daß Ihr darein willigt: dann werde ich in Frieden gehen.“ James. Gowrie. 5 66 „Gut, ſo ſey es,“ gab der alte Mann zur Antwort. Der junge Earl verließ ihn jetzt und eilte nach dem Zimmer, wohin er anfänglich geführt worden war. Seine erſten Schritte waren haſtig und ungeſtüm; ihm ſchien es, als ob er die Worte, welche ſein Schickſal entſcheiden ſollten, nicht früh genug vernehmen könnte; wie er ſich aber der Thüre näherte, verlor ſein Schritt die anfängliche Eile und mit der Hand auf der Thürklinke blieb er endlich nachdenklich ſtehen. Was war es wohl, das ihn zögern machte? Laßt ſeine eigenen Worte es erklären. „Nein, nein,“ ſagte er endlich;„eine einſtudirte Rede iſt unnütz. Ich will mein Herz vor ihr ausſchütten, und wenn ſeine Gefühle einen Wiederhall in dem ihrigen finden, dann kann keine Beredſamkeit ihnen gleichkommen.“ Mit dieſen Worten oder eigentlich Gedanken öffnete er die Thüre und trat ein. Julia ſaß an einem Tiſche mit einem Buche vor ſich, auf dem ihre Augen ruhten, während die Lampe die ſchöne weiße Stirne, das rabenſchwarze Haar, die langen Franzen der Augenlider und den gewölbten Bogen ihrer Lippen mit blei⸗ chem Lichte übergoß. Ihre Blicke waren abgewendet und ſtarrten in die Leere; der erſte Schritt ihres Geliebten er⸗ weckte ſie jedoch aus ihrer Träumerei und mit raſcher, aber anmuthiger Bewegung ſich erhebend, fragte ſie: „Wo iſt er? iſt er krank?“ „Nein, theuerſte Julia,“ erwiederte der Earl.„Ich komme von ihm zu Euch, um eine Frage an Euch zu richten, 67 deren Beantwortung unſer Schickſal für Lebenszeit entſchei⸗ den muß.“ So ſprechend, faßte er ihre Hand und führte Julien zu dem Stuhle zurück, aus welchem ſie ſich erhoben hatte; ſie aber ſchüttelte traurig das Haupt, ohne ihren Sitz wieder einzunehmen, und ſagte: „Habe ich nicht bereits geantwortet? Hab' ich Euch nicht geſagt, daß ich jetzt nicht ſprechen kann noch darf?“ „Nein, hört mich an,“ bat der Graf:„ich ſuche Euch ja nicht von ihm zu trennen, noch Cuch zu binden, daß Ihr ihn verlaſſet. Er und ich haben jetzt Alles beſprochen; wir haben uns gegenſeitig Verſprechen gegeben, die Ihr nur noch zu beſtätigen brauchet, denn von Euch hängt die Aus⸗ führung ſeiner Plane wie die Erfüllung meiner Hoffnun⸗ gen ab.“ Schweigend und mit thränenvollen Blicken neigte ſie das Haupt wie die Blume, welche von ſchwerem Thaue nieder⸗ gebeugt wird, und der Graf betrachtete ſie eine Weile voll Zärtlichkeit, ja faſt mit Trauer. „Ich bin im Begriffe, Euch abermals zu verlaſſen, theure Julia,“ begann er endlich;„diesmal gehe ich jedoch mit ganz andern Empfindungen, als ich ſie bei unſerem letzten Schei⸗ den mit mir trug. Ich wußte damals noch nicht, was Alles in meinem Herzen ſchlummerte, ich wußte nichts von dem Eurigen. Ich empfand Liebe, ohne mir bewußt zu ſeyn, wie mächtig ſte war, ohne ſogar auf eine Erwiederung zu hoffen. Jetzt aber kenne ich die Stärke meiner eigenen Neigung, und ich hege Hoffnungen, welche nur Ihr beſtätigen oder zer⸗ 5* 68 ſtören könnt. So peinlich es mir iſt, ſo muß ich ſelbſt in den Ausdruck meiner freudigſten Ahnungen traurige Bilder einmiſchen. Eine Zeit wird kommen, Julia, und Ihr ſeht ſelbſt, daß ſie bald kommt, wo Ihr allein und ohne den Schutz von Verwandten daſtehen werdet. Ich habe mich erboten und verpflichtet, Euch die Stelle deſſen zu erſetzen, den der Tod bald und unwiderruflich hinraffen wird. Was Ihr auch ſagen möget— nichts kann dieſes Verſprechen zu einem leeren machen: es ſoll aufrichtig, von ganzem Herzen und mit meiner vollen Energie erfüllt werden; aber an Euch i*ſt es zu entſcheiden, in welcher Eigenſchaft ich es zu voll⸗ ziehen habe, ob als Verlobter, Euch bis zum Tode verbun⸗ den, mit trauriger Wonne Eure Bekümmerniß ſänftigend, Euren Gram theilend, mit unbeſtreitbarem Rechte Euch zu ſchützen und zu tröſten, bis Euer Loos durch das ehelige Ge⸗ lübde mit dem meinigen verbunden—— Die Röthe ſtieg raſch in ihr)e Wange, während er alſo ſprach, und Gowrie ſchwieg eine Weile, zweifelhaft über die Quelle dieſes heftigen Erröthens. „Oder,“ fuhr er fort,„als der treue und aufrichtige Freund, der das Verſprechen erfüllt, das er einem geliebten, geachteten und von uns Beiden betrauerten Manne gegeben, während die bittere und tiefe Enttäuſchung ſeines Herzens über ſein ganzes ſpäteres Leben Schatten und Finſterniß verbreitet.“ Julia ſtand auf, ſtarrte ihn eine Weile an, bis ſie end⸗ lich ausrief: „O nein, Gowrie, nein! Könntet Ihr je zweifeln, 69 könntet Ihr in Wirklichkeit Eurer eigenen Fantaſie ein ſol⸗ ches Bild vormalen? Könnt Ihr mich für ſo undankbar, ſo niedrig halten?“ Und ſie ließ ihre Stirne auf ſeine Schulter ſinken, wäh⸗ rend ſich ſein Arm verſtohlen um ihre Hüfte legte. „Dank, theuerſtes Mädchen, Dank!“ flüſterte er;„aber ſagt mir— o ſagt mir, Julia: geſchieht es mit Eurem gan⸗ zen Herzen?“ Mit brennender Wange ſchaute ſie empor und erwiederte in kaum verſtändlichem Tone: „Zweifelt nicht daran! Iſt er heimgegangen, dann gibt es Niemand mehr, mit dem Ihr theilen müßtet.“ Gowrie drückte ſie zärtlich an ſeine Bruſt. „Genug, genug!“ ſagte ſie;„jetzt werde ich ganz glück⸗ lich ſeyn.“ O vergebliche Worte, übereilte Ahnungen! Welcher Sterbliche hat je das Recht zu glauben, er werde auch nur für eine Stunde glücklich ſeyn? Jeder möge lernen, wie viel ſtärker die Hoffnung als die Furcht im Menſchenherzen iſt, indem er ſich fragt, ob ſeine Erwartungen der Freude oder ſeine Beſorgniſſe vor Kummer öfter getäuſcht worden ſind. Sechstes Kapitel. Es war ein trüber, ſchwüler Tag im Monat September. Der Himmel hatte ſich in der letzten Woche jeden Tag mit dunkeln, flockigen, bleifarbenen Wolken bedeckt, und jetzt ſtrömte eine wahre Sündfluth in die Stadt der zehn Colle⸗ gien. Die Landbewohner rings um Padua freuten ſich, denn der Sommer war ſehr heiß und trocken geweſen und das Land dürſtete nach dem Thaue des Himmels; allein die Straßen der Stadt mit Ausnahme der Arkaden auf der Weſt⸗ ſeite— nicht jede Straße war ſo glücklich, eine Weſtſeite zu haben— waren faſt ungangbar; es wehte ein heftiger Wind, der die ſchweren Tropfen von Oſten her unter die Arkaden trieb, und in die Mitte jeder Gaſſe floſſen wahre Gießbäche, alle zwei bis drei Schritte durch eine ſprudelnde Dachrinne vergrößert. Gleichwohl herrſchte Sonnenſchein in einer der Stadt⸗ wohnungen, denn Julia's Herz war glücklicher, als ſie es faſt geſtehen mochte. Sie hatte einen Brief von Gowrie vor ſich, worin er ihr ſeine baldige Rückfehr nach Padua ankün⸗ digte, und ſie ſchrieb ihm eben, um ihm die Gefühle ihres Herzens theilweiſe zu geſtehen(denn ihm Alles zu ſagen, dazu hatte ſie noch nicht Muth genug gefaßt) und ihm die frohe Botſchaft mitzutheilen, daß ihr betagter Großvater ſich von ſeiner letzten ſchweren Krankheit völlig erholt habe, und jetzt wieder beſſer ausſehe, als ſie es ſeit Monaten ge⸗ wohnt geweſen. Manuncci ſelbſt ſaß neben ihr mit abſtrakten Unterſuchun⸗ gen beſchäftigt, von Zeit zu Zeit ſeine Augen erhebend, um ſie beim Schreiben zu beobachten oder mit jener ruhigen, himmliſchen Zufriedenheit, wie ſie die Bruſt des wohlge⸗ regelten und großherzigen Alters erfüllt, beim Anblicke ju⸗ 71 gendlicher Hoffnungen und Freuden, die es nicht länger zu theilen vermag— den wechſelnden Ausdruck auf ihrem ſchö⸗ nen Antlitze zu bemerken. Julia ſchrieb weiter. Der alte Mann beugte ſein Haupt über die Papiere und wenige Minuten ſpäter trat Tita mit der Meldung ein, daß ein Mann mit Seefiſchen vor der Thüre ſtehe und fragen laſſe, ob man welche kaufen wolle. Tita redete ihren Gebieter an, erhielt aber keine Antwort, und jetzt wandte ſich Julia plötzlich nach ihm um und ſchaute ihm in's Geſicht. Er war ſehr bleich und ſein Kopf ruhte auf einer der großen Seitenlehnen des Stuhles. Mit lei⸗ ſem Angſtſchrei aufſpringend, eilte ſeine Enkelin zu ihm hin und hob ſein Haupt in die Höhe. Die Augen waren ge⸗ ſchloſſen, doch athmete er noch ſchwer und geräuſchvoll; ſeine Glieder waren regungslos und er ſchien offenbar keine Empfindung zu beſitzen.. Man rief nach Beiſtand, und der Kranke wurde ſofort auf ſein Zimmer gebracht und zu Bette gelegt. Tita rannte alsbald davon, um erſt einen Arzt und dann einen Prieſter zu holen, welche Beide faſt zur ſelben Zeit anlangten. Der Doktor verordnete die damals gebräuchlichen Mittel, wäh⸗ rend der gute Prieſter den Kranken ſorgſam bewachte, um die erſte Wiederkehr des Bewußtſeyns zu Verrichtung ſeines Amtes zu benützen. Die letzte Oelung wurde ihm ertheilt, während er noch bewußtlos dalag, und etwa zwei Stunden nach jenem Anfall öffnete Manucci ſeine Augen auf eine Weile und der Prieſter ſtreckte ihm alsbald das Cruzifir ent⸗ gegen. Ob es nun mit oder ohne Willen geſchah— wer 72 kann das ſagen? aber der Greis erhob ſeine Hand und ſie ſank auf das Kreuz. Dies war die letzte Anſtrengung ſei⸗ nes erſterbenden Lebens: im nächſten Augenblicke kam ein heftiger Schauder über ſeine Glieder und er war eine Leiche. „Er iſt als guter Katholik geſtorben,“ erklärte der Prie⸗ ſter, ein Mann von freundlichem, vorurtheilsloſem Herzen. Julia weinte ohne ein Wort zu erwiedern, und der alte Mann näherte ſich ihr und ſuchte ſie, ſo gut er's vermochte, zu tröſten. Sie drückte ihm dankbar die Hand, verharrte aber in ſtummem Weinen, und der Prieſter, den Arzt bei Seite ziehend, berieth ſich mehrere Minuten lang leiſe mit dieſem. „Je bälder deſto beſſer,“ hörte man Letzteren ſagen,„da⸗ mit der Verdacht, der ſich neulich erhoben hat⸗ keine Ein⸗ ſprache erhebe.“ „Ihr ſeyd Zeuge, daß er als guter Katholik mit der Hand auf dem Cruzifire geſtorben iſt,“ verſetzte der Prieſter. „Ja wohl,“ war des Arztes Antwort;„beſſer aber wird es ſeyn, wenn von ſeinem Tode ſo wenig wie möglich geſpro⸗ chen wird, bis die Beerdignng vorüber iſt, ſonſt werden wir einen Skandal, vielleicht ſogar eine Ruheſtörung erleben.“ „Ihr habt Recht, ganz Recht,“ erklärte der Geiſtliche. „Mein theures Kind,“ fuhr er laut an Julien ſich wendend fort, welche neben dem Bette des Todten kniete, während Tita weinend am Fußende ſtand—„Ihr ſolltet lieber in ein anderes Zimmer mit mir kommen. Hier iſt nichts als die Leiche; der Geiſt, den Ihr liebtet, iſt im Frieden zu unſerem Vater im Himmel vorangegangen. Es gibt noch 73 traurige Pflichten zu erfüllen; aber Ihr ſollt Euch nicht da⸗ mit beunruhigen— ich und unſer Freund hier, Signor Anelli, wollen in Gemeinſchaft mit Tita für Alles Sorge tragen.“ Und ſo ihr näher tretend, faßte er ihre Hand und führte ſie ſanft aus dem Zimmer. Das Leichenbegängniß wurde ſo geheim und eilig wie möglich beſorgt(in Italien geſchieht es ohnehin eilig genug), und Julia ſaß allein in dem Stüb⸗ chen, worin ſie geſchrieben hatte, als ihr Großvater von der Hand des Todes betroffen worden. Die beiden Briefe lagen noch offen auf dem Tiſche, und als ihr Auge auf den letzten Satz ſiel, worin ſie von Manucci's wiederhergeſtellter Ge⸗ ſundheit geſprochen hatte, da floßen ihre Thränen in hefti⸗ gem Schmerze. „Ich habe ihm jetzt eine andere Geſchichte zu erzählen,“ ſagte ſie, den Brief zerreißend, und fragte dann, ob Auſtin Jute, den Gowrie für den Nothfall als Beiſtand zurückge⸗ laſſen hatte, ſich im Hauſe beſinde— Hume hatte nämlich mittlerweile Padua verlaſſen. Der Mann erſchien im Augenblick, und Julia erklärte ihm ihren Wunſch, daß er alsbald aufbreche, um ſeinen Lord zu Bologna aufzuſuchen und ihm das Vorgefallene zu hinterbringen. „Ungehorſam iſt eine ſchwere Sünde, theure Lady,“ ver⸗ ſetzte Auſtin Jute;„aber ich muß entweder Euch oder mei⸗ nem Herrn ungehorſam ſeyn. Er gebot mir, Euch unter keinem Vorwande zu verlaſſen, und kurz und gut, ich glaube, ſo wie die Dinge ſtehen, kann ich hier eher von Nutzen ſeyn 74 als zu Bologna, wohin Sir John Hume bereits zu meinem Gebieter vorausgegangen, ſo daß außer mir Niemand vor⸗ handen iſt, der für Euch ſorgen könnte. Wenn Ihr übri⸗ gens einige wenige Zeilen ſchreiben wollt, theure Lady, ſo will ich ſehen, daß ich einen ſicheren Boten auftreibe.“ Auſtin Jute täuſchte ſich keineswegs in ſeinen Vermu⸗ thungen, wenn er auch im Augenblicke der Dame nicht Alles erzählen wollte, was er gehört hatte. Das Gerücht war in Padua geſchäftig geweſen, und von dem Augenblicke, da des alten Signor Manucci's Tod allgemein bekannt geworden, waren einige von den hundert Zungen der Fama damit be⸗ ſchäftigt, jeden Augenblick neue Lügen zu erſinnen. Bürger und Krämer klatſchten, Erzieher und Profeſſoren ſteckten die Köpfe zuſammen, die Häupter der Collegien beriethen ſich und beliebten einen Kommiſſär der heiligen Inquiſition zur Berathung herbeizurufen. Sie hatten jedoch ſolches Auf⸗ ſehen von der Sache gemacht, daß noch ehe dieſer geheime und verſchwiegene Beamte ſich darein miſchte, das Gerücht von dem, was vorging, ſich fern und nah verbreitete. Au⸗ ſtin Jute hielt Aug und Ohr wohl geöffnet, und da er viele von den Collegiendienern perſönlich kannte, ſo erfuhr er bald ſo Manches, was im Gange war, und beſchloß nur um ſo emſiger über Julien zu wachen, welche gewiſſermaßen ſeiner Obhut anvertraut worden. Dies war der Beweggrund ſeiner obigen Antwort, und noch vor Abend hatte er Urſache ſich zu freuen, daß er ſich ihrem Auftrag nicht unterzogen hatte, denn ein Ueberſehen oder eigentlich eine Nachläſſigkeit von Seiten des Inquiſitors 75 gab ihm Gelegenheit, ſeine Anweſenheit zu Padua höchſt nutzbringend zu machen. In der Verſammlung der Colle⸗ gienhäupter war nämlich die Meinung geäußert worden, es dürfte wohl förderlich ſeyn, wenn man vor allen weiteren Schritten den Prieſter, welcher Manucci auf dem Todbette eingeſegnet hatte, vernehmen würde. Der Kommiſſär der heiligen Inquiſition war entweder ermüdet, hungrig oder beſchäftigt, und überließ es den würdigen Doktoren der Uni⸗ verſität, jene Nachforſchung ſelbſt anzuſtellen. Wäre der gute Pater von dem Inquiſitor verhört worden, ſo hätte er ſich gewiß lieber die rechte Hand abhacken laſſen, als daß er über die nahenden Vorgänge eine Andeutung gegeben hätte; vor den blos gelehrten Würdeträgern hegte er jedoch keine ſolche Furcht oder Ehrerbietung, und kaum hatte er ſie wie⸗ der verlaſſen, als er nach dem Hauſe nahe am Treviſothore eilte. Die erſte Perſon, deren er anſichtig wurde, war Tita; aber unmittelbar hinter ihr ſtand Auſtin Jute, und die Drei hielten eine kurze Berathung, ſo kurz zwar, daß die alte Die⸗ nerin des guten Prieſters Meinung kaum halb verſtand, denn dieſer war zu ſehr allarmirt, um länger als einige Au⸗ genblicke zu verweilen. Sobald er fort war, legte Auſtin ſeine Hand der alten Frau auf den Arm und ſagte: „Nicht ein Augenblick iſt zu verlieren. Wir müſſen die Zeit am Schopfe faſſen; wir werden ſie nie mehr erhaſchen, wenn ſie einmal auf und davon iſt. Ich will gehen und alles Nöthige vorbereiten. Bringt Ihr die junge Lady in den Garten und über die dortigen Stufen zum Thore hinab. 76 Heißt ſie alles Gold oder Juwelen, oder was ſie ſonſt Werth⸗ volles beſitzt, nebſt dem Unentbehrlichſten an Kleidern in ein kleines Bündel zuſammenpacken. Schließt und verriegelt die Hausthüre, ſobald ich fort bin, laßt aber das Garten⸗ thor angelehnt und merkt Euch wohl, daß Ihr die vordere Thüre nicht öffnet, ſoviel Ihr auch hämmern und pochen höret.“. „Aber was iſt's denn, was iſt's denn?“ rief Tita;„ich verſtand nicht, was der gute Pater meinte.“ „Euer ſüßes Fräulein ſoll in einer halben Stunde der Inquiſition überliefert werden, wenn Ihr nicht eiligſt thut, was ich geſagt habe,“ erklärte Auſtin.„Bedenkt wohl, eine verlorene Minute läßt ſich nie wieder einbringen. Zeit und Fluth warten auf Niemand. Nur eilig, eilig, Tita. Doch halt— es wäre gut, wenn die Lady verkleidet wäre; wo ließe ſich wohl ein Novizengewand und Schleier auftreiben?“ „Nicht näher als an der Bude bei der St. Antonius⸗ Kirche,“ verſetzte die alte Frau;„aber ich habe ja meinen Feſttagsrock und die große ſchwarze Haube bei der Hand, welche ihr Kopf und Schultern bedeckt. Der Rock iſt zwar zu weit; das thut aber nichts— es geht nur um ſo leichter.“ „So eilt Euch denn, kleidet ſie an und bringt ſie herab; aber ſchließt und verriegelt die Thüre und öffnet ſie vor Niemand.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich in höchſter Eile. Mit zitternden Händen vollzog Tita ſeine Weiſungen, ſoweit ſie die Sicherung des vorderen Eingangs betrafen. Sobald ſie damit zu Ende war, eilte ſie zu ihrer jungen 77 Gebieterin, welche ſie mit Abfaſſung einiger traurigen Zeilen an Gowrie beſchäftigt traf. Der Schreck und die Aufregung in dem Geſichte der Alten feſſelte alsbald Juliens Aufmerk⸗ ſamkeit: ſie ſprang auf mit dem Rufe: „Was gibt es? welch neues Unglück hat ſich ereignet?“ „Ach, theure Lady, Ihr müßt fliehen!“ erklärte Tita. „Mylords Diener Auſtin Jute ſagt, es ſey kein Augenblick zu verlieren, und er verſteht beſſer als ich, was der gute Pater erzählte. Ich hörte blos, daß ſie alsbald hieher kom⸗ men und nachſuchen würden; Auſtin aber meint, Ihr müſſet alles Geld und was Ihr ſonſt Werthvolles beſitzt, zuſam⸗ menraffen, eine Vermummung anlegen und ſobald wie mög⸗ lich an das Gartenthor hinabkommen, wo er zu uns ſtoßen will, ſonſt werdet Ihr von der Inquiſition eingeſteckt.“ Das ſchöne Mädchen ſchien die Gefahr alsbald zu be⸗ greifen, und der Gedanke, der Freiheit beraubt und von dem einzigen Weſen, das ſie jetzt noch auf Erden anfrichtig liebte, getrennt zu werden, brachte einen Ausdruck des Schreckens in ihre Mienen. „Eine Vermummung!“ rief ſie.„Wo ſoll ich eine ſolche auftreiben? Ich habe nichts als meine gewöhnlichen Kleider.“ „Laßt Euch das nicht anfechten! ich will ſie ſogleich her⸗ beiſchaffen,“ tröſtete Tita;„nur macht Euch ohne Aufſchub bereit. Nehmt Geld und Juwelen und was ſonſt des Mit⸗ nehmens werth iſt, und öffnet die Thüre unter keinem Vorwand, bis ich herabkomme, ſie mögen klopfen wie ſie wollen.“ 78 So ſagend, eilte ſie auf ihr eigenes Zimmer und kam bald mit dem Gallaanzug einer lombardiſchen Bäurin zu⸗ rück. Ihr von Natur ſcharfer Verſtand hatte ſich mittler⸗ weile von der erſten Wirkung der Furcht und Aufregung er⸗ holt, und jetzt kam Raſchheit und Entſchiedenheit in Alles was ſie that. Die mitgebrachte Kleidung über ihre junge Herrin werfend, befeſtigte ſie das Schnürleibchen ſo gut ſie konnte und ſteckte die breiten Falten des Unterkleids über⸗ einander. Ehe ſie jedoch Juliens Haupt mit der ſchwarzen Haube bedeckte, konnte ſie ſich nicht enthalten das Mädchen eine Weile zu betrachten und ſie mit den Worten auf die Wange zu küſſen: „Gott ſegne Dich, mein Kind! Du biſt die ſchönſte kleine Bäurin, die man im ganzen Veroneſiſchen ſehen kann.“ Die übrigen Vorbereitungen waren bald getroffen: ei⸗ nige wenige Kleidungsſtücke wurden in ein ſchmales Bündel zuſammengepackt, das Geld aus einem Schubfache genom⸗ men und ein in rothen Karniol geſchnittenes und rings mit großen Diamanten beſetztes Herz— neben den Goldnadeln in ihren Haaren und einer Broche zum Feſthalten des Man⸗ tels, dem einzigen Geſchmeide, welches Julia beſaß— wurde aus einem Schächtelchen gezogen und in ihren Buſen geſteckt. Sobald dies Alles fertig war, eilten ſie die Treppe hinab nach einer in den Garten führenden Thüre, wobei ihre Schritte durch einen beträchtlichen Lärm auf der ſonſt ru⸗ higen Straße beſchleunigt wurden. Auf dem Hausgange hielt Tita an und meinte:„ich thäte beſſer, den Schlüſſel mit⸗ zunehmen,“ indem ſie ſich der Thüre näherte und den Schlüſſel 79 ruhig abzog, worauf ſie ihrer Gebieterin nacheilte, welche mittlerweile das in den Garten führende Pförtchen erreicht hatte. Zur Erklärung von Auſtin Jute's Anweiſungen hätte ich früher einiger Einzelheiten, betreffend die Lage des Hau⸗ ſes, erwähnen ſollen. Es war, wie geſagt, das letzte in der Straße dicht an der Brücke, welche über den kleinen Kanal gegen den Waffenplatz am Treviſothore führte. Da dieſes Thor in früheren Zeiten von großer Wichtigkeit geweſen war, ſo hatte man viele Sorgfalt darauf verwendet, um es gegen den Angriff eines Feindes ſtark zu machen, und ſo war neben dem Kanal ein auf den Seiten gemauertes Erd⸗ werk mit regelmäßigem Auftritt und Bruſtwehr aufgewor⸗ fen worden, das auf der einen Seite die Brücke, auf der andern den Waffenplatz beherrſchte. Mit dem Anbruch ru⸗ higerer Zeiten war dieſes Werk, das an Signor Manucci's Haus anſtieß, vernachläſſigt und der innere Raum von die⸗ ſem zu einem Gärtchen angebaut worden. Der ganze Grund lag beträchtlich höher als das Waſſer des Kanals, und eine kurze überwölbte Treppenflucht führte von dem Garten zu einem Ausfallpförtchen im Walle, das kaum ſechzig bis ſieb⸗ zig Schritte von der Brücke auf einem nicht über zwei Fuß breiten, den Kanal begleitenden Pfad ausmündete. Das Haus ſelbſt war in der That in die Befeſtigung einneſchloſ⸗ ſen; der Thurm, worin der alte Mann ſein Studirzimmer angebracht hatte, überſchaute den Wall und die umliegende Gegend und mochte in früheren Zeiten wahrſcheinlich zu einem Wartthurme gedient haben. Das Gärtchen war 80 jedoch bis auf einen einzigen Punkt vom Thurme aus nur dann ſichtbar, wenn Einer den Kopf weit aus den Fenſtern in den maſſiven Mauern hinausſtreckte; ebenſo unſichtbar waren die Stufen, welche zu der Ausfallpforte führten. Auſtin Jute, der von Natur ein neugieriges Tempera⸗ ment beſaß, hatte ſich mit all dieſen Einzelheiten genau be⸗ kannt gemacht; nur hatte er die Flüchtlinge davor zu war⸗ nen vergeſſen, daß ſie den einzigen von den obern Fenſtern aus ſichtbaren Theil des Gartens nicht betreten ſollten, und wirklich rannte Julia, ſobald ſie die Thüre hinter ſich hatte, geradeswegs durch, als Tita ſie mit dem Rufe zurückhielt: „Unter die Mauer, mein Kind, unter die Mauer, hinter die Feigen⸗ und Maulbeerbäume. Jedenfalls will ich dieſe Thüre ſchließen. Himmel! wir ſind nicht eine Minute zu früh daran. Drüben in der Straße pochen ſie, wie wenn ſie die Thüre einſchlagen wollten. Nun, laßt ſie's verſu⸗ chen: das wird ſie ſicherlich einige Zeit aufhalten, denn's iſt eine gute ſtarke Eichenthüre mit Eiſen beſchlagen.“ Unter ſolchen Erwägungen folgte ſie ihrer jungen Ge⸗ bieterin, und ſo nahe wie möglich zwiſchen den Geſträuchen ſich haltend, erreichten ſie die Stufen und ſtiegen zu der Ausfallpforte hinab. Dieſe war bald aufgeſchloſſen, und dort blieben ſie faſt eine Viertelſtunde in einer Art Halb⸗ dunkel, während das ſchwache und dumpfe Pochen ſchwerer Schläge von der Straße herüber drang— die Beamten der Univerſität und der heiligen Inquiſition hatten nämlich, als ſie fanden, daß ſanftere Mittel ihnen keinen Einlaß verſchaff⸗ ten, zu großen Schmiedehämmern ihre Zuflucht genommen. 81 Endlich ließ ſich ein lautes Krachen vernehmen, und Tita flüſterte: „Jetzt ſind ſie eingedrungen.“ Julia zitterte heftig; doch nun folgte eine vergleichungs⸗ weiſe Stille, welche etwa fünf Minuten andauerte, während Tita ſie durch die Bemerkung zu erheitern ſuchte: „Vielleicht werden ſie auch diesmal den Weg in's Stu⸗ dirzimmer nicht finden. Ich habe im Hergehen die Gangthüre zugezogen und die Springfeder iſt nicht leicht zu ſehen.“ Kaum waren jedoch dieſe Worte ausgeſprochen, als der Klang von Stimmen, der aus den oberen Fenſtern kam, dieſe Hoffnung als trügeriſch erwies und Julia in flüſterndem Tone bemerkte: „Sollten wir nicht lieber bis an's Ufer des Kanals gehen?“ „Nein, nein,“ behauptete Tita;„wir hören ſie ja, wenn ſie in den Garten kommen, denn ſie müſſen zuvor jene Thüre einſchlagen oder das Schloß ſprengen.“ Gleich darauf wurde die Klinke der Ausfallpforte auf⸗ gehoben und die Thüre geöffnet.„Kommt heraus!“ rief Auſtin Jute's Stimme, und blitzſchnell ſchoß Julia durch das Thor und ſtand hinter ihres Geliebten Diener am Rande des Kanales.. „Ich will auch dieſe Thüre ſchließen,“ ſagte Tita, den Schlüſſel ausziehend und auf der andern Seite hinein⸗ ſteckend. „Sicher gebunden, ſicher gefunden,“ meinte Auſtin. 6„Auf der andern Seite des Hauſes hat ſich zwar das 3 James. Gowrie, 6 82 Sprüchwort nicht bewährt, denn ſie haben die Thüre einge⸗ ſchlagen und die ganze Straße iſt vom Pöbel erfüllt; deſto beſſer für uns: wir finden um ſo weniger Leute auf den übrigen Plätzen.“ „Welchen Weg ſollen wir denn einſchlagen?“ fragte Tita.„Wenden wir uns nach der Brücke, ſo müſſen wir das Ende der Straße überſchreiten, wo mich alle Nachbarn genau kennen.“ „Das geht nicht,“ verſetzte Auſtin.„Schlagt den an⸗ dern Weg oben an der Brücke ein; dann können wir dort hinüberkommen und von der andern Seite das Thor errei⸗ chen. Er iſt zwar länger, aber das läßt ſich nicht ändern. Der weiteſte Auszug iſt oft der nächſte Heimweg. Ich habe drei Eſel gekauft und ſie haben eben das Thor paſſirt, um uns eine halbe Meile draußen vor der kleinen Weinſchenke zu erwarten.“ Tita ging in der erwähnten Richtung einige Schritte voran, denn der Pfad war nicht ſo breit, daß zwei neben einander gehen konnten; dann aber blieb ſie plötzlich ſtehen und ſagte: „Ich denke zwei Eſel wären genug, Signor Auſtin.“ „Wie meint Ihr das?“ fragte dieſer. „Ei nun, ich meine, es wäre für mich viel beſſer, nicht aus der Stadt zu gehen,“ erklärte Tita.„Finden ſie uns alle ausgeflogen und wird die Signorina ſpäter eingefangen, ſo werden ſte ganz gewiß ſagen, ſie ſey weggeflogen, weil ſie ſich eines Vergehens ſchuldig gewußt habe. Nun iſt mir gher ein Plan in den Kopf gekommen, ſobald ich Euch 8³ außer dem Thore ſehe, gehe ich über den Markt zurück, kaufe einen Korb voll Gemüſe und kehre mit dem Schlüſſel nach Hauſe, wie wenn ich von Allem, was vorgegangen, nichts wiſſe.“ „Aber ſie können Dich in's Gefängniß ſperren, Tita,“ rief Julia. „O nein, mein Schätzchen, das thun ſie nicht,“ entgeg⸗ nete die alte Frau ruhig;„dort hätten ſie mich nur zu füt⸗ tern und das werden ſie wohl bleiben laſſen. Ich kann ihnen mit beſtem Gewiſſen ſagen, Du ſeyeſt fortgegangen, ehe ſie in's Haus kamen; wenn ſie fragen wohin, ſo ſage ich, auf der Straße nach Treviſo. Die Sache iſt die, mein Kind: ich bin nicht gut im Stande, ſo ſchnell irgendwo hinzukom⸗ men, und wollte ich mit Dir gehen, ſo würde ich Dich nur aufhalten und vielleicht zu Deiner Entdeckung beitragen, denn viele Leute in der Runde kennen die alte Tita, während kaum Einer in der Stadt Dich jemals geſehen hat. Ich weiß, Du wirſt meiner gedenken, wenn Du fort biſt, und haſt Du erſt ſicher und glücklich den Hafen erreicht, ſo wirſt Du vielleicht die alte Frau holen laſſen, welche Dich in Deiner Jugend geſäugt hat.“ „Das will ich, Tita,“ verſicherte Julia;„ich ſcheue mich nur, Dich mit dieſem Volk allein zu laſſen.“ „O ſorge nicht, ſorge nicht, mein Kind!“ tröſtete die alte Frau.„Sie können mir nichts anhaben, denn ich bin jede Woche in die Beichte gegangen. Du aber, mein Kind, wollteſt niemals gehen, weil weder Du noch der Signor etwas Gutes davon erwartete, und in der That, ich glaube, 6 8 Ihr hättet auch kaum etwas zu beichten gehabt. Sie kön⸗ nen mir nichts anhaben und werden's auch nicht, denn ich bin weder zu geſcheidt noch zu gut für ſie und habe immer gethan, was mich der Prieſter geheißen: mein Gebet ge⸗ ſprochen und meinen Roſenkranz gezählt. Wenn das nicht einen guten Katholiken ausmacht, dann weiß ich nicht, was an ihm iſt.“ „Du mußt aber doch einiges Geld haben,“ bemerkte Ju⸗ lia, während die Dienerin wieder weiter ging. „Gebt mir zwei Dukaten,“ ſagte die Alte;„damit kann ich lange ausreichen.“ Julia beſtand jedoch darauf, daß ſie weit mehr annahm, und dann ſetzten beide Theile ihren Weg ohne Hinderniß oder Gefahr fort. Nicht ohne Thränen konnte Julia von ihrer alten treuen Dienerin ſcheiden, nicht ohne manche Aengſte den neuen Lebenspfad unter dem Schutze eines Mannes, den ſie erſt ſeit wenigen Wochen kannte, betreten; allein es blieb ihr nichts Anderes übrig, und ſie bemühte ſich, weder Zweifel noch Furcht blicken zu laſſen. Die Eſel wur⸗ den an dem bezeichneten Punkte bereit gefunden, und mit der Entſchuldigung gegen den Eſeltreiber, daß das andere Mäd⸗ chen nicht kommen werde— hob Auſtin Jute ſeine ſchöne Gefährtin auf das Kiſſen, womit eines der Thiere verſehen war, ſchwang ſich ſelbſt auf den zweiten Langohr und ritt ſofort auf der Treviſoſtraße faſt eine Meile vorwärts, bis er ſich ſodann links wandte und die Stadt im Bogen umgehend die Heerſtraße nach Bologna zu gewinnen ſuchte. Mittlerweile hatte die gute Tita die Stadt durch ein 8⁵ anderes Thor wieder betreten und nachdem ſie ſich unter⸗ wegs einen neuen Korb gekauft, ſich ganz gemüthsruhig nach dem Markte gewendet, wo ſie vor mehreren Buden ſtehen blieb und für den morgigen Faſttag eine Portion Fiſche und Gemüſe— hinreichend für das frugale Gaſtmahl einer einzelnen Perſon— einhandelte. Den Schlüſſel in den Korb legend, war ſie ſchon in dem nämlichen ruhigen, bedächtigen Schritt auf dem Heimwege begriffen, als ihr ein Vorübergehender mit Blicken der Verwunderung und Ueberraſchung zurief: „Ei, Tita, Ihr nehmt die Sachen merkwürdig ruhig; wißt Ihr nicht, daß ſie unter der Anklage der Zeauberei gegen Euren alten Herrn in Euer Haus eingebrochen ſind und jetzt, wie ich höre, unter ſeinen Papieren die Be⸗ weiſe hiefür aufſuchen. Es heißt, der Befehl zur Arre⸗ tirung Eures jungen Fräuleins ſey ſchon gegeben, denn alle Welt gibt zu, daß ſie niemals zur Beichte und Abſolu⸗ tion ging, und Manche möchten Einem ſogar glauben machen, ſie ſey überhaupt nur ein vertrauter Geiſt geweſen, mit dem Euer Meiſter verkehrte, um zu unerhörten Schätzen zu gelangen.“ „Ich trug ſie auf meinen Armen, als ſie kaum zwei Jahre alt war,“ erklärte Tita trotzig,„und ſie hatte mehr Fleiſch als Geiſt und zwar gutes, chriſtliches Fleiſch an ſich.“ Dieſe Antwort ſchien dem guten Bürgersmann unum⸗ ſtößlich, denn er erwiederte: 86 „Nun, Ihr müßt's am Beſten wiſſen; ich habe ſie nie geſehen.“ „Unerhörte Schätze!“ fuhr Tita mit verächtlichem Kopf⸗ ſchütteln fort.„Ach, Du meine Güte! der gute alte Mann ſtarb ja ſo arm wie eine Ratte! Zauberei muß ein armſe⸗ liges Gewerbe und der Teufel ſehr unhöflich gegen ſeine Freunde und Bekannten ſeyn.“ Mit dieſer Antwort humpelte ſie eilig nach Hauſe, wie wenn ſie jetzt zum erſten Male von den Vorfällen gehört hätte. Als ſie die Hausthüre erreichte, fand ſie den ganzen Gang mit Menſchen angefüllt, von denen Viele die Treppe hinanſtrebten, um ſich in guter Geſellſchaft das Innere einer Zaubererswohnung zu betrachten; die Inquiſitionsbeamten, die Pedelle und Diener der Univerſität und ein halb Dutzend Soldaten von der einzigen, die Garniſon von Padua bil⸗ denden Compagnie hielten das Volk mit geſchwungenen Stäben und Partiſanen zurück, bis endlich Einer, der ſie kannte, den Ruf hören ließ: „Hier iſt die alte Tita! Die alte Tita iſt hier! Eine Fackel und Theertonne für die alte Hexe!“ Nun hatte aber Tita genugſame Welterfahrung, um zu wiſſen, daß der angreifende Theil immer ein gewiſſes Ueber⸗ gewicht hat, und ſomit ſuchte ſie ſich, ſo gut ſie konnte, den Weg durch die Menge zu bahnen, um über die Beamten, hoch und niedrig, mit großer Zungengeläufigkeit herzufallen. Hätten ſie nicht ihre Rückkehr abwarten können, da ſie doch blos auf eine halbe Stunde ausgegangen geweſen! Zu was brauchten ſie die Thüre einzutreten, während ſie nur einige 87 Minuten hätten warten dürfen, um ſie geöffnet zu ſehen? Nein, da mußten ſie aber durchaus für Schmied und Zim⸗ mermann Arbeit liefern. Sie beſtand darauf, als ein Recht, das ihr zukam, und nicht vielmehr als ein Schickſal, das ihr ſicher zufallen mußte— vor die Illuſtriſſimi geführt zu werden, und ſelbſt in deren Gegenwart behielt ſie die Miene heftigen Aergers bei und überſchüttete den Kommiſſär der Inquiſi⸗ tion mit einem ſolchen Strome von Schimpfreden, daß die⸗ ſer für einen Augenblick ganz verblüfft wurde. Sobald er jedoch wieder zu ſich gekommen, wies er ſie mit ernſter Würde zurück und fragte ſie, wie man denn hätte wiſſen können, daß ſie überhaupt zurückkommen würde. „Ei, welches Recht hattet Ihr denn, das Gegentheil anzunehmen?“ keifte Tita.„Hatte ich nicht den Schlüſſel mit mir genommen?“— indem ſie dieſen alsbald aus dem Armkorbe hervorzog. Sei es nun, daß die Logik in Padua zu jener Zeit nicht auf ihrem Höhepunkte ſtand, oder daß die Würdenträger der heiligen Inquiſttion mit den ihnen vorgelegten Fragen nicht gerade auf die conſequenteſte Weiſe umzuſpringen pflegten — genug, der Kommiſſär betrachtete den Zorn, die Schimpf⸗ worte und den Schlüſſel als völlig überzeugende Beweiſe von Tita's Unſchuld und Unwiſſenheit. Nichtsdeſtoweniger fuhr er fort, ſie über die Abreiſe der Signora Julia auszu⸗ fragen, da dieſe, wie er ihr zu verſtehen gab, der Unter⸗ ſtützung ihres verſtorbenen Großvaters zu ungeſetzlichen 88 Studien, deren unumſtößliche Beweiſe nunmehr aufgefunden ſeyen— ſehr verdächtig ſey. „Gott ſteh Euch bei, erlauchter Signor!“ rief die alte Frau mit ſehr geſchickt gewählter Zweideutigkeit, indem ſie der Sache, ohne ſie gerade Lügen zu ſtrafen, eine ganz an⸗ dere Färbung gab, als ſie urſprünglich hatte.„Mein junges Fräulein iſt vor mir aufgebrochen. Sie iſt auf der Straße nach Treviſo ausgezogen, um einem Edelmann entgegenzu⸗ gehen, den ſie, wie ich höre, heirathen ſoll; ich weiß jedoch nicht weiter von der Sache, denn ſie pflegt über ſolche Dinge nicht viel zu reden. Nur ſo viel weiß ich, daß es nirgends eine beſſere Gebieterin oder beſſere Chriſtin gibt. Was mei⸗ nes armen Herrn Zauberkunſt betrifft, ſo glaube ich kein Wort von der Sache: ich habe nie einen Geiſt oder ein Ge⸗ ſpenſt im Hauſe geſehen; ich wäre ja ſonſt zu Tode er⸗ ſchrocken. Ich will Alles ſagen, was mir bekannt iſt, jeden Winkel im Hauſe will ich vorzeigen, denn ich habe es ja ſo oft von einem Ende zum andern ausgefegt und habe nie etwas Anderes, als was die Gelehrten Philoſophie nennen, geſehen— das aber, Gott verzeih mir, hielt ich für eine Sache, die ſogar an der Univerſität gelehrt werde.“ Dieſe Erwiederung rief ein unwillkürliches Lächeln her⸗ vor, und Tita's große Bereitwilligkeit, Alles, was ſie wußte, von ſich zu geben, erſparte ihr vielleicht viele andere Fra⸗ gen, denn der Kommiſſär und ſeine Begleiter ließen ſie bald darauf gehen, wäͤhrend ſie alle Papiere und viele andere von den Inſtrumenten des armen Manucci mit ſich nahmen, wo⸗ — —— 89 bei Tita ſie bis auf die Straße verfolgte und mit Heftigkeit verlangte, daß ſie die Thüre wieder herſtellen ließen. Siebentes Kapitel. Es war ein ſchwüler Herbſttag, einer jener Abſchnitte des Frühherbſtes, wo der Sommer zurückzukehren und ſeine Herrſchaft wieder an ſich zu reißen ſcheint, wo die Blätter noch grün oder kaum ein wenig gelb gefärbt ſind, wo die rothe Traube noch am Aſte hängt und die Feige purpurn zwiſchen den breiten grünen Blättern durchſchimmert. Die Luft war den ganzen Tag über lau und ſchwer geweſen, wie wenn der Sirocco geweht hätte, während eigentlich Weſt⸗ wind ging; ein feiner weißer Nebel lagerte über den weiten Ebenen, welche der Po, der Mincio und die Etſch durchziehen. Das ſilbergraue Vieh lag müßig auf den Feldern umher, zuweilen den Kopf erhebend und wie nach friſcher Kühle brüllend, zuweilen zwiſchen dem Schilf verſinkend oder in den Strömen ſchwimmend. Kein Vogel flatterte in den Lüften; ſelbſt die Feigendroſſeln verhielten ſich ſtill in den Weingär⸗ ten, und die Pferde einer mächtigen Kavalkade, die ſich den Ufern des Po näherte, hingen ihre Köpfe und trottelten nur mühſam weiter, mehr von der ſchwülen Tageshitze als von der Länge des zurückgelegten Weges niedergedrückt. Die Reiſenden ſelbſt ſchienen luſtig und guter Dinge; die zwei jüngeren Herren, welche vorausritten, ſcherzten mit einem dritten älteren Manne von geſetztem aber etwas 90 ſchwachmüthigem Ausſehen; die Diener in ihrem Ge⸗ folge plauderten in verſchiedenen Zungen und ihr lauter Ton ſchien kaum große Ehrerbietung zu verrathen. „Erinnerſt Du Dich noch, Hume, unſerer erſten Nacht⸗ reiſe durch dieſe Ebenen?“ fragte einer der vorderen Herren im Weiterreiten. „Ja wohl,“ erwiederte der Andere;„auch noch wie Du mit Deinem Pferde in den Mincio fielſt, während Du behaupteteſt, wir hätten alleſammt die Heerſtraße ver⸗ loren.“ „Wir hatten auch nichts als Johanniswürmchen, die uns den Weg erhellten,“ verſetzte Gowrie.„Mr. Rhind hielt ſogar das erſte, das er ſah, für eine Sternſchnuppe.“ „Trotzdem, daß gar keine Sterne am Himmel waren,“ lachte Hume,„und wenn ſie auch gefallen wären, ſo hätte der dicke Wolkenſchleier ſie aufgefangen und wieder empor⸗ geſchleudert.“ „Nun, nun, junger Freund,“ ſagte der milde Mr. Rhind, „es waren die erſten, die ich geſehen, und Jeder kann ſich einmal irren.“ „Ich wundere mich nur, daß Ihr ſie nicht für den bren⸗ nenden Buſch gehalten, mein theurer Rhind,“ ſpottete Hume etwas unehrerbietig,„denn von dem Augenblicke an, da wir Mantua verließen und Ihr dem moabitiſchen Weib, das uns ſo gräulich ausgeſcholten, unſere Rechnung bezahlt hattet, hörte man Euch nichts als das alte Teſtament im Munde führen. Ihr nanntet ſie bei jedem ſittſamen Namen, der 91 Euch zu Gebote ſtand und zwar blos, weil ſie zwanzig Seudi über ihre Gebühr haben wollte.“ „Nun ja, ich gebe zu, ich liebte ſie nicht,“ verſetzte Mr. Rhind. „Sie wollte auch gar nicht, daß Ihr ſie liebtet!“ lachte Hume;„ſie wollte von Gowrie geliebt ſeyn, und der mochte nicht; ſo ſetzte ſie für die Enttäuſchung zwanzig Scudi und Alles, was ſie von Euch verlangte, war, ihr das Geld aus⸗ zubezahlen.“ „Was ich ſicherlich nicht gethan haben würde, wenn ich es hätte hindern können,“ erklärte Mr. Rhind. „Ja, das konntet Ihr eben nicht, mein theurer Sir,“ fiel Lord Gowrie ein,„denn verlaßt Euch darauf, Rhind— gegen Weiber, Umſtände und Wirthshausrechnungen läßt ſich nicht ankämpfen, und es waͤre nur eine Verſchwendung von Zeit und Worten, wenn man ihnen etwas ſtreitig machen wollte.“ „Es thut mir leid, daß Ihr es ſo findet,“ erwiederte Rhind etwas ſpitzig, denn er war den ganzen Morgen über von dem luſtigen Humor ſeiner jungen Gefährten ziemlich derb mitgenommen worden. Lord Gowrie lachte blos, denn ſein Herz war in freudi⸗ ger Stimmung; kehrte er ja doch zu der Geliebten zurück, und jeder Schritt ſeines Roſſes ſchien ihn in ſeiner Hoff⸗ nung und Phantaſie dem Glücke immer näher zu bringen. Er hätte in jenem Augenblicke ſelbſt mit einem Todfeinde gutmüthig ſcherzen können, und gewiß verdiente Mr. Rhind nicht dieſen Namen. Der junge Earl ſah jedoch deutlich, 92 daß ſein früherer Hofmeiſter etwas empfindlich ward, und er änderte deshalb den Gegenſtand des Geſpräches. „Seht dort den mächtigen Po,“ rief er, die Hand aus⸗ ſtreckend.„Ich weiß nicht, wie es kommt, aber dieſer Fluß⸗ wiewohl an Waſſermaſſe und Länge des Laufes weder mit dem Rhein noch der Rhone oder Donau zu vergleichen, macht mir in dem Theile, wo wir uns jetzt befinden, weit mehr den Eindruck eines großen Stromes, als jene. Mag ſeyn, daß die ſchöne Scenerie daran Schuld iſt, denn bei den andern vergeſſen wir die Größe des Fluſſes über der Groß⸗ artigkeit ſeiner Ufer, während uns hier der breite Strom in der öden, flachen Ebene überraſcht, ohne die Aufmerkſamkeit zu zerſtreuen oder das Auge durch irgend einen Gegenſtand zu feſſeln. Faſt möchte ich glauben, daß ein Fluß als ſolcher immer großartiger erſcheint, wenn kein anderer Gegenſtand daneben zu ſehen iſt.“ „Und mir kommt ſelbſt das Meer als ſolches, ohne Stürme, die es in prächtige Wuth jagen, ohne Felſenufer, die es wie eine vertheidigende und angreifende Armee ein⸗ engen, blos von einer ebenen Sandküſte an einem ruhigen Tage geſehen, nicht halb ſo erhaben vor, wie uns Enthuſia⸗ ſten und Poeten glauben machen möchten,“ erklärte Hume. „Es iſt eben viel Marktſchreierei an dem Poetenweſen— glaubſt Du nicht auch, Gowrie? Sie ſchrauben ſich und Andere mit Bildern und Begriffen in die Höhe, bis ſie die unbedeutendſten Dinge für höchſt ſublime anſehen. Ich er⸗ innere mich, wie ich einmal an niederer Küſte ſtand und die ganze See dadurch meinem Auge entzog, daß ich ein Hals⸗ 93 tuch auf Armslänge von mir hielt; ſeitdem war ich nie mehr im Stande, ſie außer in einem Sturme, für erhaben anzu⸗ ſehen.“ „Nimm Dich in Acht, daß Du nicht andere Dinge durch den gleichen Maßſtab verkleinerſt,“ ermahnte Gowrie.„Ich fürchte, mein theurer Hume, daſſelbe Halstuch würde die ſchönſten, die edelſten und beſten Dinge dieſer Erde gleicher⸗ maßen reducirt haben. Nur indem man ſeinen Geſichts⸗ punkt erweitert und nicht indem man ihn verengt, lernt man die Dinge am feinſten und wie ich glanbe auch am richtig⸗ ſten beurtheilen.“ Unter ſolchen Geſprächen näherten ſie ſich langſam dem Ufer des Stromes, der an dieſer Stelle vielleicht breiter als irgendwo in ſeinem Lauf iſt. Das Land auf beiden Seiten war kahl und ſtaubbedeckt, das mangelnde Grün machte die Hitze immer noch drückender. Endlich wurde der Vorſchlag gemacht, daß man, ſtatt ſogleich auf der Fähre überzu⸗ ſchiffen und die Reiſe zu Pferd auf der andern Seite fortzu⸗ ſetzen, lieber ein Boot miethen und nach Oecchiobello hinab⸗ fahren wollte, indem man Roſſe und Diener einige Stunden zu Maſſa ausruhen und dann im Laufe des Abends bei ein⸗ tretender Kühle nachfolgen ließe. Der Vorſchlag kam von Mr. Rhind, der offenbar ſehr ermüdet war, und Gowrie, immer bemüht, ſo viel wie möglich zur Behaglichkeit ſeines früheren Hofmeiſters beizutragen, ſtimmte ſogleich bei, ob⸗ gleich der Plan einige Stunden Aufenthalt verurſachen konnte und er ſelbſt von Liebe und Erwartung getrieben wurde, um ſie, für welche ſeine Liebe in der Abweſenheit immer noch zu wachſen ſchien, recht bald wieder zu ſehen. Es war nicht ſo leicht, ſich ein Boot zu verſchaffen, denn außer der großen Fähre, welche gleich Charons Nachen ſchon gar manche Generation übergeſetzt hatte, war an dem ge⸗ wohnten Landungsplatze kein kleines Boot vorhanden und man mußte noch über eine Meile am Ufer hinabreiten, ehe man ein Dorf erreichte, wo man das Verlangte haben konnte. Dort machten ſie eine kleine rohe Flußjolle, wie das Land⸗ volk ſie damals gewöhnlich gebrauchte, ausfindig; die drei Herren ſchifften ſich ohne ihre Diener ein und die Bootsleute ſtießen nach kurzer Berathung unter ſich vom Ufer ab. „Was habt Ihr ſoeben mit einander verhandelt, wäh⸗ rend Ihr alle Augenblicke nach dem Himmel ſchautet?“ fragte Lord Gowrie, den Steuermann auf italieniſch an⸗ redend. „Wir ſagten, wir würden nicht ohne Sturm zurückkeh⸗ ren, Signor,“ erwiederte der Mann.„Es ſollte mich nicht wundern, wenn wir zu Oechiobello übernachten müßten, denn wenn der Po zürnt, wird er ein ganzer Löwe.“ „Ich hoffe, der Sturm wird nicht kommen, ehe wir lan⸗ den,“ äußerte Mr. Rhind, welcher gar ſchüchterner, zaghafter Natur war. Seine beiden jungen Gefährten lachten blos und zogen ihn über ſeine Beſorgniſſe auf, denn ſie ſtanden noch in einem Alter, wo eine Portion Gefahr die Sauce des Lebens aus⸗ macht, die dem Genuſſe einen höhern Wohlgeſchmack ver⸗ leiht. Der Bootsmann verſicherte den alten Herrn, der * 95⁵ Sturm würde nicht vor Abend ausbrechen, und ſo ging es den raſchen, vollen Strom hinab, während in der erſten halben Stunde dieſelbe heißglühende Sonne mit unvermin⸗ derter Kraft durch den dünnen Duft leuchtete, der über der Landſchaft lag. Wenn ſie erwarteten, auf dem Waſſer friſche Luft zu finden, ſo irrten ſie ſich gewaltig, denn kein Wind⸗ hauch kräuſelte den Lauf des Stromes, und der Lichtreflex auf der breiten Waſſerfläche machte die Hitze nur noch inten⸗ ſiver und überwältigender als am Lande. Sir John Hume amüſirte ſich damit, Mr. Rhind über den ſchlechten Erfolg ſeines Planes aufzuziehen; Lord Go⸗ wrie bemerkte jedoch gutmüthig, wie ſie auf alle Fälle der Mühe des Reitens überhoben ſeyen. Das Boot glitt raſcher als gewöhnlich den Strom hinab, denn der Po war um dieſe Zeit ſehr angeſchwollen und ausnehmend reißend. Endlich nach Verlauf einer Viertelſtunde ſprang der Wind plötzlich nach Südoſten um, ſo daß er gerade gegen den Lauf des Waſſers kam und das Boot durch mächtige Wellen faſt wie auf der See ſich durchbohren mußte. Der Wechſel von vollkommener Windſtille zum mächti⸗ gen Sturme, von der glänzenden, glatten Waſſerfläche, welche ungekräuſelt dem adriatiſchen Meere entgegeneilte, zum wilden, tobenden Wogengekrauſe, war ſo plötzlich, daß der gute Mr. Rhind beinahe von ſeinem Sitze geſchleuder wurde und die unverkennbarſten Zeichen der Furcht blicken ließ. 3 Die Bootsleute zeigten jedoch keinerlei Unruhe, und Lord Gowrie wie Sir John Hume begnügten ſich damit, den 5 ———— 96 Himmel zu betrachten, der ſich im Zenit mit weißlichgrauen Wölkchen bedeckte, während man im Weſten eine dunkle, ſchwere Wettermaſſe in ſonderbaren, phantaſtiſchen Geſtalten raſch emporſteigen ſah. Die Luft war ſo ſchwül wie zuvor, der Wind blies nur etwa eine Viertelſtunde, was jedoch hin⸗ reichte, das Fortſchreiten der Reiſenden ſehr zu verzögern; dann ſchwieg er völlig und eine gänzliche Windſtille folgte. Der Strom blieb aber eben ſo wild aufgeregt wie zuvor, und Lord Gowrie lenkte Hume's Aufmerkſamkeit auf eine höchſt eigenthümliche Erſcheinung am ſüdlichen Himmel. „Siehſt Du jene bleigraue Wolke, Hume, die auf dem dunkeln Hintergrunde liegt?“ rief er.„Sieh, wie ſie ſich ſo ſonderbar in verſchiedenen Formen windet, als ob ſie ſich im Todeskampfe krümmte.“ „Todeskampf, allerdings,“ meinte Sir John Hume, „denn die arme Wolke ſieht aus, wie wenn ſie die Kolik hätte. Ich habe das aber noch immer bemerkt, ſo oft der Wind aus Südoſten bläst. Wir werden ſogleich ſehen, ob ein Donnerwetter oder dergleichen folgen wird, denn es iſt gar nichts Ungewöhnliches, in dieſer Jahreszeit einen Con⸗ fliet der Elemente zu beobachten, beſonders in einem ſo dürren, trockenen Lande, wo die Sonne als Alleinherrſcher zu thronen ſcheint, ohne daß ein grüner Grashalm das Auge erquickt oder ein munterer Laut das Herz erfreut, das der Theilnahme für ſeins Nebengeſchöpfe nicht gänzlich be raubt iſt.“ Der junge Mann ſprach dies auf Engliſch; allein der altere, ſchon ziemlich betagte Bootsmann, der jetzt mit drei 97 Söhnen dem Berufe folgte, worin er in früͤher Jugend auf⸗ erzogen worden war, ſchien die Richtung ſeiner Blicke zu bemerken und den Gegenſtand ſeiner Gedanken und Worte zu errathen. „Ach Herr,“ begann er,„mich ſollt' es nicht Wunder nehmen, wenn wir heute noch vor Nacht ein Erdbeben er⸗ lebten. Ihr betrachtet jene närriſch ausſehende Wolke, und ich habe noch ſelten einen ſolchen Burſchen geſehen, wenn er, wie dieſer, weit eher geneigt ſchien, ſich in alle Arten von Geſtalten zuſammenzuballen, als eine Verwüſtung an⸗ zurichten, ohne daß es in einen tüchtigen Orkan ausge⸗ laufen wäre.“ Die beiden jungen Männer, welche jedes Wort von ſei⸗ nem breiten Mantuaner Dialect verſtanden, betrachteten ſich ſchweigend; Mr. Rhind aber, der trotz ſo langen Aufent⸗ halts in Italien nur mit Mühe die gewöhnlichſten Phraſen aufgeſchnappt hatte, begnügte ſich mit der Bemerkung: „Nun, es iſt doch angenehm, daß der Wind aufgehört hat, obgleich der Fluß noch immer auf ſonderbare Weiſe tobt; ich fühle mich beinahe ſeekrank, wie wenn ich auf hohem Meere wäre. Eine halbe Stunde verſtrich, ohne daß die Prophe⸗ zeiung des Fiſchers ſich erfüllte; das ſtille Brüten in der Luft, das Toben des Waſſers dauerte unverändert fort. Schon hatte man Oechiobello vor Augen und die Sonne ſenkte ſich weit drüben hinter die Piemonteſiſchen Hügel, von einer bleifarbigen Purpurwolke umgeben, an welcher ſchwer zu unterſcheiden war, ob das düſtere Grau des Stur⸗ James. Gowrie. 7 98 mes oder die tiefe Röthe des Abends die Oberhand hatte. Im Süden ſtanden noch immer dieſelben ſchweren Wolken, nur etwas höher als da der Wind ſchwieg, mit dem blauen Himmel oben ſcharf abſchneidend, während die obenbeſchrie⸗ bene breite Dunſtmaſſe mit jedem Augenblicke in tauſend verſchiedenen Geſtalten hin⸗ und hergezerrt wurde. Am rechten Ufer, nicht weit hinter ihnen, konnten die Reiſenden beim Umſchauen ihre Diener mit den Roſſen in leichtem Schritte am Strome herabreiten ſehen(das langſame Fort⸗ ſchreiten des Bootes hatte nämlich der Parthie am Lande einen Vorſprung gegeben); vor ſich, etwas über halbwegs, zwiſchen ihnen und Occhiobello ſahen ſie eine ſchwerbeladene Ruderbarke den breiten Strom vom rechten gegen das linke Ufer anſcheinend mit großer Schwierigkeit durchſchneiden. „Das iſt Mantini's Barke,“ ſagte einer der Bootsleute zu dem andern. „Ja, er wird noch einmal recht in die Patſche gerathen,“ bemerkte der alte Mann.„Seht Ihr, er hat ſogar Pferde eingenommen.“ „Wie ſoll ihn das aber in eine Patſche führen?“ fragte Lord Gowrie.„Iſt das Boot nicht für Pferde ein⸗ gerichtet?“ 3 „O ja, Signor,“ verſetzte der Mann;„davon habe ich aber nicht geſprochen. Das Geſetz ſagt, kein Boot ſoll Pferde, Ochſen oder Eſel führen, mit Ausnahme der regu⸗ lären Fährenboote.“ „Da könnte man ſelten eine andere Gelegenheit be⸗ nützen,“ meinte Sir John Hume.„Dieſes höͤlliſche Toben 99 bringt mich aber auf den Gedanken, daß nur Eſel in ein kleines Boot ſteigen würden, wenn ſie ein großes haben können. Allons, rudert zu, rudert zu, ihr Leute, denn ich werde es nicht als ein Kompliment betrachten, wenn Ihr Cure Zeit damit verliert, einen Scherz zu belachen.“ Die Männer boten ihre ganze Kraft bei den Rudern auf und das Boot flog um Vieles ſchneller dahin, denn bei einem Italiener wird man durch ein luſtiges, gutgelauntes Weſen immer weit mehr als durch Befehle und Verſprechen erlangen. Das Boot vor ihnen hatte etwas über die Hälfte ſeines Weges zurückgelegt, während ſie in der Mitte der Strombahn ſich raſch demſelben näherten, als der alte Bootsmann plötzlich aufſprang, nach dem Hintertheile zwi⸗ ſchen den Earl und Mr. Rhind eilte und ſein Ruder in der Art eines Steuers tief in's Waſſer bohrte. „Der Sturm naht, beim heiligen Antonius!“ rief er aus.„Haltet den Schnabel nach vorn, Knaben, haltet ihn nach vorn!“ Indem er über die Strombahn hinwegſchaute, ſah Lord Gowrie eine Woge, nicht unähnlich denjenigen, welche unter dem Namen Mascaré den Nachen auf der Dordogne ſo oft gefährlich werden— ſich gegen den Strom aufthürmen. In der Mitte des Stromes ſchien dieſer Waſſerwall nicht unter ſieben bis acht Fuß hoch zu ſeyn, obwohl ſich ſeine Höhe gegen die Ufer hin verminderte, während der ganze obere Nand von einem überhängenden, ſchneeweißen Schaumkranze wie mit einer Reihe gekräuſelter Federn eingefaßt war. Ein lautes Gebrüll erhob ſich, und der wilde Orkan, der wahr⸗ 7„ 1⁰0 ſcheinlich die Urſache dieſes Phänomens war, ſchien der großen Woge, die er aufgeworfen hatte, etliche vierzig bis fünfzig Schritte vorauszueilen, denn das ſchwerbeladene, vordere Boot, das dem Ufer näher und alſo der Gewalt der Woge weit weniger als ihr eigenes ausgeſetzt war, wurde im Augenblick von der Gewalt des Sturmes umgeſtürzt und Alles, was darin war, in's Waſſer geworfen. Pferde und Menſchen ſah man im Strome ſchwimmen und mit Schrecken gewahrte der Earl auch ein Frauenge⸗ wand darunter.„An's Ufer! an's Ufer! ihnen zu Hülfe!“ ſchrie er! aber die Bootsleute ſchenkten ihm nicht die ge⸗ ringſte Aufmerkſamkeit, denn kaum hatte er dieſe Worte ge⸗ ſprochen, als der Wind auch ihr Boot erreichte. Einer der jungen Leute, welcher aufrecht dageſtanden hatte, wurde der Länge nach in die Barke geworfen; die, welche ſaßen, ver⸗ mochten nur mit Mühe der Wuth des Sturmes zu wider⸗ ſiehen und der Waſſerwall traf ſie im nächſten Moment mit ſolcher Gewalt, daß das Schiff, ſtatt wie der alte Boots⸗ mann gehofft hatte, in die Höhe gehoben zu werden— ſich im Augenblick mit Waſſer füllte und verſank. Im nächſten Moment ſah Gowrie nichts als das grüne, zuckende Licht der Woge, hörte nichts als das Brüllen des Waſſers in ſeinen Ohren; da er aber von Kindheit an ge⸗ wöhnt war, den gefährlichen Strömungen des Frith of Tay Trotz zu bieten, ſo gelangte er nach kräftigem Kampfe an die Oberfläche, ohne für ſich oder für ſeinen Freund Hume, den er gleichfalls als geübten Schwimmer kannte, irgend etwas zu beſorgen. Sein erſter Gedanke war an ſeinen — 101 guten alten Lehrer; doch bemerkte er bald, daß Mr. Rhind ſich ſogar in einer beſſeren Lage als er ſelbſt befand, da er ſich irgendwie eines Ruders bemächtigt und ſeine Arme dar⸗ über geworfen hatte, ſo daß er Kopf und Schultern aus dem Waſſer ſtreckte. Der alte Bootsmann und ſeine zwei Söhne ſchwammen in geringer Entfernung gegen das Ufer, und Hume, der ſelbſt in den Augenblicken der höchſten Gefahr ſeine gute Laune nicht verlor, rief laut: „Geh' nur an's Land, Gowrie, geh an's Land! Ich will Rhind an's Ufer lootſen, wenn er nur ſein Steuer ab⸗ wärts und den Schnabel ſo nah als möglich am Winde hält.“ Da Hume dem würdigen Hofmeiſter viel näher war, ſo folgte Lord Gowrie ſeinem Rathe; aber kaum war er eine Strecke weit gegen das Land und dabei theilweiſe ſtromab⸗ wärts geſchwommen, als er nur wenige Schritte vor ſich eine weit intereſſantere Scene erblickte, als ſie ihn eben noch umgeben hatte— das Schickſal des Bootes nämlich, das beim erſten Anprall des Orkanes umgeſtürzt war. Es war nicht ſogleich untergeſunken, wie Gowrie's klei⸗ nere Barke; ein Theil davon war ſogar noch über dem Waſſer und man ſah einen oder zwei Menſchen daran feſtge⸗ klammert. Dicht daneben erblickte man einen Pferdekopf aus dem Strome ragend, während das arme Thier, in ſeiner hef⸗ tigen Anſtrengung ans Ufer zu gelangen, mit den Hufen wüthend das Waſſer peitſchte. Beträchtlich näher bei dem Earl befand ſich eine Gruppe von drei Perſonen, zwei Män⸗ ner und eine Frau. Einer der Erſteren, nur wenige Fuß von 10² den Andern entfernt und wie es ſchien ein ſchlechter Schwim⸗ mer, kämpfte mit energiſcher Anſtrengung, um einen beſſeren Schwimmer zu erreichen, der nicht allein ſeinen eigenen Weg gegen das Ufer fand, ſondern auch noch in großer Kaltblü⸗ tigkeit mit der linken Hand Kopf und Schultern des Mäd⸗ chens neben ihm ſtützte. Dieſe ſelbſt trug die Tracht einer Bäuerin; aber ein Gefühl unausſprechlichen Schreckens er⸗ griff den Earl, als er in dem Geſichte des Mannes, der ſie unterſtützte, die Züge ſeines eigenen Dieners Auſtin Jute erkannte. Er ahnte im Augenblicke, daß, wenn der Ertrin⸗ kende die beiden Andern einmal erfaßt hätte, alle drei un⸗ wiederbringlich verloren wären; er ſchwann daher ſo raſch wie möglich gegen ſie heran und rief: „An's Ufer, Auſtin, an's Ufer! Laß Dich nicht von ihm erreichen, ſonſt ſeyd ihr verloren.“ „Da nehmt ſie, Mylord,“ ſchrie Auſtin Jute;„nehmt ſte und laßt mich's mit ihm abmachen. Ein Ertrinkender fährt nach einem Strohhalm, und er hat eine der Schnüre meines Kollers gepackt; um Gotteswillen, nehmt ſie raſch, ſonſt zieht er uns alle in die Tiefe.“ In dieſem Augenblick erreichte ihn der Graf. Ein Blick in des Mädchens Geſicht genügte: die dunkeln Augen waren geſchloſſen, das lange, ſchwarze Haar floß in Ringeln auf dem Waſſer, das Geſicht war ſehr bleich und ſie hielt die ſchönen, kleinen Hände unter der Bruſt gefaltet, als ob ſie da⸗ durch der faſt überwältigenden Neigung, nach andern Gegen⸗ ſtänden in der Nähe zu greifen, widerſtehen wollte. „Sie lebt,“ dachte der Graf, durch dieſes Zeichen erleich⸗ 103 tert, und die Hand unter ihre Schulter legend, gebot er dem Diener, ſie loszulaſſen: dann, ohne weitere Anſtrengung, als nöthig war, um ſich und ſie über dem Waſſer zu halten und Beide in ſchiefer Richtung gegen das Ufer zu lenken, ließ er ſich vom Strome abwärts tragen. Die einzige Ge⸗ fahr, welche noch exiſtirte, drohte im Vorbeikommen neben dem Boote, wo das Pferd noch immer wüthend die Wo⸗ gen peitſchte; doch wußte er ihr geſchickt auszuweichen, und nunmehr ſeiner Stärke und Gewandtheit vertrauend, ſtrebte der Earl in gerader Richtung nach dem Ufer und erreichte daſſelbe, als eben die Sonne im Weſten verſchwand. Für einen ſo jungen Mann hatte Lord Gowrie ſchon ſehr bitteren Kummer und hohe Freude im Leben erfahren; aber nichts von all Dem, was er bis jetzt empfunden, war mit ſeinen Gefühlen in dem Augenblicke zu vergleichen, da er, mit Julia auf den Armen, das Ufer hinanklomm und ſeine ſüße Bürde am Fuße eines Maulbeerbaums auf den trockenen Raſen niederlegte. „Julia,“ rief er, in ihr ſchönes Geſicht ſchauend, während ſie noch immer mit geſchloſſenen Augen dalag,„Julia! und wer beſchreibt ſeine Freude, als ſie endlich die matten Augen aufſchlug und die gefalteten Hände löste. Das glü⸗ hende Abendroth ſchwamm eben um ſte und glänzte durch die Rebenblätter, die in Guirlanden an dem Baum ſich emporſchlangen. Sie waren hier ganz allein, und in war⸗ mer, leidenſchaftlicher Freude küßte er immer wieder ihre ſchöne Wange, wand das Waſſer aus ihren Haaren und band es in langen Flechten um ihre elfenbeinerne Stirne, r 104 während er in milden Worten der Zärtlichkeit und Liebe den gemiſchten Ausdruck des Jubels, der Angſt und des Dankes von ſich ſtrömte. War's nun der Schrecken, die Erſchöpfung oder die über⸗ wältigende Erregung des Augenblicks, was ſie ſtumm er⸗ hielt— genug, ſie ſchwieg im erſten Angenblicke, und auch, als ſie endlich Worte finden konnte, ſtammelte ſie blos: „Ach Gowrie!“ Gleich darauf näherte ſich Sir John Hume und Mr. Rhind, und als Gowrie den Strom hinaufſchaute, ſah er eine Gruppe von mehreren Perſonen am Ufer, anſcheinend damit beſchäftigt, einigen Andern aus dem Waſſer zu helfen. „Haſt Du meinen Diener Auſtin geſehen, Hume?“ fragte der Earl, nachdem er einige raſche, wirre Worte mit dem Freunde gewechſelt, wie ſie auf Augenblicke großer Erregung zu folgen pflegen. „O ja, er iſt gerettet,“ gab Hume zur Antwort.„Du hätteſt gar nicht zu fragen gebraucht, denn er wird nicht ſo leicht ertrinken, obgleich ein anderer Burſche neben ihm alles Mögliche verſuchte, um ſeinen Kopf nicht mehr aus dem Waſſer zu laſſen.“ „Das war es eben, was mich für ihn beunruhigte,“ er⸗ wiederte der Earl;„ich verdanke ihm heute zu viel, Hume, um nicht um ſeine Rettung beſorgt zu ſeyn. Weißt Du ge⸗ wiß, daß er das Ufer erreichte?“ „Ganz ſicher,“ erklärte ſein Freund.„Ich hoffe über⸗ haupt, daß nicht Viele von uns das Leben verloren;“ und — 10⁵ Juliens Hand ergreifend, fuhr er fort:„Schönes Fräulein, ich freue mich in der That, Euch gerettet zu ſehen, und wenn Gowrie meinen Rath befolgen will und Ihr noch Kraft zum Gehen habt, ſo möge er Euch ſogleich nach dem Städtchen dort unten führen, wo Ihr Eure naſſen Kleider trocknen und Ruhe und Erquickung finden könnet.“ Während der junge Ritter alſo ſprach, richtete Mr. Rhind einen forſchenden Blick auf Gowrie's Geſicht, wie wenn er ſich gern erkundigt hätte, wer das ſchöne Weſen vor ihm ſey, und in welcher Verbindung ſie mit ſeinem früheren Zöglinge ſtehe. Der Earl bemerkte jedoch ſeine Neugier nicht, denn Julia feſſelte ſeine Aufmerkſamkeit, indem ſie ſeine Hand berührte und ihm ein Zeichen machte, daß er den Kopf zu ihr niederbeugen möge. Kaum hatte er ihre haſtig geflüſterten Worte vernommen, als er laut ſagte: „Nein, wir gehen nicht nach Oecchiobello. Dort oben i*ſt ein anderes Dorf, das uns ebenſogut dienen wird. Habt Ihr Kraft genug zu gehen, Julia? Wenn nicht, ſo laſſen wir Euch eine Sänfte holen oder bereiten eine hier auf der Stelle.“ Langſam ſich erhebend, fühlte ſie ſich zwar noch ſchwach und ſchwindlig, erklärte aber dennoch, daß ſie ganz wohl gehen könne.„Laßt uns aber erſt ſehen,“ fügte ſie bei,„ob all die Leute gerettet ſind. Es würde die Freude unſeres eigenen Entkommens trüben, wenn von den Uebrigen Je⸗ mand umgekommen wäre.“ „Da naht Dein Diener Jute,“ bemerkte Sir John 106 Hume zu dem Grafen.„Er wird uns ſagen, wie es den Anderen ergangen.“ Sie näherten ſich dem Manne auf einem Fußpfade und. ſobald er innerhalb Gehörweite war, rief ihn der Graf an und fragte, ob Alle gerettet ſeyen. „Zwei ſind in die Tiefe gefahren, mein guter Lord,“ er⸗ wiederte Auſtin.„Der Beſitzer unſeres eigenen Bootes und jener andere Burſche, der mich ums Teufels Gewalt zu ſich hinabziehen wollte. Für den Erſteren thut mirs wirklich leid, denn er ſchien ein guter, heiterer Burſche zu ſeyn; um den Anderen iſt's aber kein Schade, und— ehrlich geſtan⸗ den— ich glaube, er iſt da unten gut aufgehoben. Er folgte uns bis an's Boot, Mylord,“ fuhr Jute flüſternd fort,„und ſprang, als wir eben im Abſtoßen waren, mir nichts dir nichts herein. Ich vermuthe ſogar, daß er ſchlimme Abſich⸗ ten gegen mein junges Fräulein hegte, denn er firirte uns die ganze Zeit, als ob er zum Sprunge bereit wäre, ſobald wir aus dem Boote ſtiegen.“ „Du mußt mir ſpäter mehr davon erzählen,“ ſagte der Earl;„jetzt aber laß uns weiter gehen.“ 8 Mit dieſen Worten nahm er Juliens Arm und näherte ſich langſam der Gruppe am Ufer, während Hume im Ge⸗ ſpräche mit Mr. Rhind folgte, welch Letzteren er zur Neu⸗ gierde in Betreff Juliens anzureizen ſchien, ohne ſeine Curio⸗ ſität durch ein einziges Wort zu befriedigen. Nur abgedro⸗ ſchene Phraſen, wie:„o, ſehr ſchön, in der That!“„Meint Ihr nicht auch?“„Ganz und gar Geheimniß.“„Ich kann Euch Nichts darüber ſagen, denn ich weiß Nichts.“„Go⸗ 107 wrie hat ſie ſchon lange gekannt.“„Ihr Name? Du lieber Gott, mein theurer Sir, ich kenne ihren Namen nicht; weiß ich ja oft kaum meinen eigenen“— drangen von Zeit zu Zeit zu Gowrie's Ohren und riefen ein ernſtes Lächeln auf ſeine Lippen. Endlich erreichten ſie die Gruppe am Ufer und fanden die Italiener insgeſammt weit mehr betrübt über die ver⸗ ſchiedenen Verluſte, die ſie erlitten, als erfreut über ihre eigene Rettung aus dem wäſſerigen Grabe. Der Bruder des einen Ertrunkenen, Namens Mantini, ſaß auf der Sand⸗ bank, in ſonderbaren Lamentationen bald über das Boot, bald um ſeinen Bruder begriffen. Der Fiſcher und ſeine beiden Söhne rangen die Hände und bejammerten den her⸗ ben Verluſt, der ſie getroffen. Der alte Mann war gar nicht zu tröſten, und ſeine Söhne ſchienen ſeinen Gram von Zeit zu Zeit noch zu vermehren, indem ſie die mannigfal⸗ tigen Vorzüge ihrer kleinen Barke ſowie die Geldſummen aufzählten, welche auf ſie verwendet worden waren. Lord Gowrie gelang es jedoch ſehr bald, ihren ziemlich lärmenden Kummer zu beruhigen. „Ringt nicht die Hände, mein guter Mann,“ ſagte er; „Ihr habt Euer Boot in meinem Dienſte verloren und ſollt dafür auf meine Koſten das beſte Fahrzeug haben, das Ihr nur kaufen oder erbauen könnt. Zeigt uns nunmehr den Weg zu jenem Dorfe, denn ich ſehe keinen Pfad dahin füh⸗ ren; kommt mit uns und ſeht, ob Ihr uns nicht ein Obdach für die Nacht verſchaffen könnt. Ihr werdet doch wohl die 108 meiſten Leute dort kennen und möget uns ſagen, wo wir Nahrung und Ruhe finden werden.“ Der alte Mann erklärte, daß man es ganz gut in jenem Dorfe haben könne, obgleich, wie er ſagte, ein beſſeres Wirthshaus zu Occhiobello und zwar nicht über Dreiviertel⸗ meilen entlegener anzutreffen ſey. „Der Unterſchied iſt ſchon zu groß für die Dame,“ ver⸗ ſetzte der Carl;„wir werden in jenem Dorfe ganz wohl über⸗ nachten können.“ Dann näherte er ſich dem jungen Mantini und ſuchte ihn wie den andern Bootsmann durch die Ver⸗ ſicherung zu tröſten, daß er ihm ſeinen Verluſt erſetzen wolle. „Damit kann mir Niemand meinen Bruder zurückkaufen,“ erklärte der Mann traurig.„Um das alte Boot hätte ich mich keinen Strohhalm bekümmert, wenn's mir nicht um meinen Bruder wäre.“ „Das iſt Gottes und nicht der Menſchen Fügung und läßt ſich jedenfalls nicht ungeſchehen machen,“ tröſtete der Graf.„Das ſollte Euch einige Beruhigung geben, denn Gott ſorgt beſſer für uns, als wir es ſelbſt vermöchten. Bedenkt Euch, was ich geſagt habe, und laßt mich noch heute Nacht in jenem Dorfe dort die Auslage für ein neues Boot wiſſen. Könnt Ihr mir ſagen, wer der andere Ertrunkene geweſen.“ „Seinen Namen kenne ich nicht,“ antwortete der Fäͤhr⸗ mann;„als ich ihn aber am Eintreten in das Boot verhin⸗ dern wollte, das ſchon ohnehin ſchwer beladen war, da flüſterte er mir in's Ohr, er ſey ein Abgeſandter der heiligen Inquiſttion, und wenn ich ihm die Ueberfahrt verweigere, ſo 109 geſchehe es auf meine Gefahr. Ich laſſe mir's nicht nehmen — er brachte den Fluch in unſer Boot, ſonſt hätten wir keinen ſolchen Sturm gehabt; doch was hilft mir's, hier zu ſitzen und das Waſſer zu bewachen. Zwei Pferde und zwei Menſchen ſind außer dem Boote zu Grunde gegangen und Keiner wird je wieder auferſtehen, bevor die letzte Poſaune ſie aus dem Grabe ruft. Ich kann ebenſo gut mit Euch in's Dorf gehen als hier am Waſſer ſitzen und zuſehen, wie es über ſie wegrollt.“„ Hiemit ſtand er auf und folgte der übrigen Geſellſchaft, in dumpfem, ſchweigſamem Grame die Hände auf dem Rücken gefaltet. Achtes Kapitel. Kennſt Du vielleicht, lieber Leſer, eine jener großen Ort⸗ ſchaften, welche über die Mantuaniſche Ebene(wie man ſie nennen könnte*) zerſtreut liegen— Plätze, welche zwar nicht den Namen von Städten verdienen, wiewohl ſie dieſen oft an Größe gleichkommen. Ich meine damit Orte, wie San Felice, Gonzaga, Bozzolo, Sanguinetto und andere dieſer Klaſſe, welche heutigen Tags aus zahlreichen ſteinernen Häuschen, faſt durchaus von Gärten umringt, beſtehen. Durch die Mitte der zerſtreuten Wohnungen läuft die Straße; hier und dort ſieht man ein größeres Gebäude einem raſchen * Eigentlich heißt ſie das Seraglio und iſt aus den Belagerungen Mantua's wohl bekannt. D. u. 11⁰ Verfalle entgegengehen, ohne Fenſter, welche Sturm und Regen abhielten, ſehr oft ohne Dach, während der ſchlanke, viereckige Thurm, den man ſicherlich irgendwo an dem Ge⸗ bäude entdeckt, ſich ein oder zwei Stockwerke darüber erhebt. Die Kirche liegt gemeiniglich auf einer kleinen Anhöhe, bald in der Mitte, bald am Ende des Dorfes mit der Pfarrwoh⸗ nung dicht daneben; aber in all dieſen Ortſchaften könnte man bis auf den heutigen Tag eben ſo gut nach einem Dia⸗ mantladen als nach einem Wirthshauſe fragen, wenn man nicht etwa den kleinen von einem Garten umringten Schup⸗ pen ſo nennen will, wo das Landvolk an Feſttagen ſein Glas Roſoglio mit Waſſer, Limonade, Wein oder(ſeit die Oeſter⸗ reicher das Land betreten haben) auch Schnaps trinkt. In den Tagen, von denen ich ſpreche, da die Reiſen faſt immer zu Pferd gemacht wurden und die Kreuzwege ſich mit den Heerſtraßen weit liberaler in das Patronat der Wan⸗ derer theilten, waren jene oben erwähnten größeren Häuſer faſt alle von wohlhabenden Hofbauern bewohnt, welche gar oft mit ihrem gewöhnlichen Berufe als Pächter das lucra⸗ tivere Gewerbe eines Gaſtwirths verbanden. Die großen Pachthöfe, die ſie bebauten, lieferten Lebensmittel genug für alle zufälligen Gäſte, und der obere wenn auch dürftig eingerichtete Theil des Gebäudes wurde zu Aufnahme von Reiſenden parat gehalten, falls die Gnade des Himmels, die Peſt in einer benachbarten Stadt oder der ſchlimme Ruf der Heerſtraße die Wanderer lieber nach den Dörfern als nach den Städten zog. Sehr verſchieden in der That waren die Herbergsſitten und Gebräuche jener Zeit von denen, wie 2 111 ſie im letzten Jahrhundert oder vielleicht noch jetzt vorherr⸗ ſchen; denn obgleich ſeitdem nicht mehr als zweihundertfünf⸗ zig Jahre verſtrichen ſind, ſo fällt doch eben in die Periode vom Ende des ſechzehnten bis zum Beginn des ſiebenzehnten Jahrhunderts eine Zeit großer Veränderung in den Anſich⸗ ten und Gewohnheiten aller europäiſchen Nationen, und ſtatt heutzutage in dem kleinen italieniſchen Dorfwirthshauſe bei der Ankunft unerwarteter Gäſte Kellner, Zapfer, Auf⸗ wärter, Küchen⸗ und Zimmerjungfern durcheinander rennen zu ſehen, pflegte damals blos der Gaſtwirth unter ſeinem Feigen⸗ oder Olivenbaume mit höflichem Gruße vorzutreten, und ſeine Söhne und Töchter zur Bedienung herbeizurufen. So war auch diesmal die Aufnahme des Grafen von Gowrie und ſeiner Gefährten in der kleinen Dorfherberge an den Ufern des Po. Eines der erſten Häuſer, auf das ſie ſtießen, war ein großes Gebäude, wie ich es oben beſchrie⸗ ben habe, in der einen Ecke mit einem ſchlanken, viereckigen Thurme von fünf Stockwerken Höhe, das Ganze mit dem Pachthofe vorn etwa hundert Schritt von der Straße ge⸗ legen. Links von dem Pachthofe war ein mit reichen Trau⸗ ben bedeckter Weingarten, während zum Zeichen, daß hier eine gaſtliche Aufnahme zu finden ſey, eine Guirlande an einem über die Mauer gelehnten Pfahl aufgehängt war. Der Wirth ſelbſt, unter einem Baume in ſeinem Weingarten ſitzend, trieb ſein pigliar la fresca wie er's nannte; kaum ſah er aber die Geſellſchaft in den Hof treten, als er trotz ſeines beträchtlichen Alters und Schmerbauches aufſprang, *„Friſche Luft ſchöpfen,“ 112 um ſeinen Gäſten die Honneurs zu erweiſen, indem er laut nach Bianca, Maria und Pietronillo rief, damit ſie ihm bei⸗ ſtehen ſollten, den Aufenthalt für die Fremden behaglich zu machen. Im ganzen Hauſe herrſchte augenblicklich Lärm und Verwirrung, und wenn es auch nicht Raum genug zur Auf⸗ nahme Aller beſaß, ſo fand doch der Graf von Gowrie und ſeine unmittelbaren Begleiter Alles, was ſie wünſchen konn⸗ ten. Auſtin Jute wurde augenblicklich zurückgeſchickt, um die übrige Dienerſchaft, die mit den Pferden flußabwärts kam, herbeizuholen: die Bootsleute wurden in Nachbar⸗ häuſer logirt, um dort die mitleidigen Ohren der Dorſbe⸗ wohner mit der rührenden Erzählung der beſtandenen Un⸗ glücksfälle zu erfüllen. Die Geſchichte verfehlte auch nicht das Intereſſe und in gewiſſem Grade die Verwunderung des Wirthes, ſeiner Töchter und ſeines Sohnes zu erregen. Die Herren, welche das Haus zu ihrem zeitweiligen Aufenthalte gewählt, hatten in Miene, Geſicht und ſelbſt in der Kleidung ſo Manches an ſich, was ſie als Ausländer bezeichnete; gleichwohl ſprachen zwei von ihnen die Landesſprache mit der vollendetſten Rein⸗ heit des Accents, und ihre ſchone Gefährtin verrieth nicht durch den leiſeſten Ton, daß ſie nicht eine Eingeborne des Landes war. Aber die Kleidung der Letzteren war die einer bloſen paduaniſchen Bäurin in der Sonntagstracht, wäh⸗ rend ihre Sprache, ihre Manieren und ihr ganzes Aeußere eine höhere Stellung verriethen; auch redete ſie mit ihren Gefährten von Zeit zu Zeit in einer anderen Sprache, ohne 113 daß es ihr im Mindeſten Mühe oder Stocken verurſachte. Ferner war durch das hübſche Landmädchen, das Julien im Wechſeln der naſſen Gewänder gegen andere, die ſie ihr freundlich und bereitwillig anbot, geholfen hatte, die Mel⸗ dung heruntergebracht worden, daß jeder Theil ihrer Klei⸗ dung mit Ausnahme des Ueberrocks und Schnürleibchens vom allerfeinſten Stoffe ſey, und daß ſie ein herzförmiges Geſchmeide, umringt, wie es ihr ſchien, von Juwelen unſchätz⸗ baren Werthes aus dem Buſen gezogen habe. Die Zimmer, welche den Reiſenden angewieſen wurden, waren nicht leicht zu vertheilen, denn jedes ſtand mit dem andern in Verbindung, wie dies damals in den italieniſchen Häuſern ſehr gewöhnlich war und noch iſt; dagegen hatte der junge Earl beſchloſſen, Julien fortan ſelbſt bewachen zu wollen. Als er daher im Durchgehen der Räume das Eck⸗ zimmer der ganzen Reihe als dasjenige bezeichnete, das am beſten für ſie paſſe, während er das anſtoßende für ſich ſelbſte in Beſchlag nahm, ſchienen des guten Mr. Rhind's ſtrenge Begriffe nicht wenig verletzt, und wenn er auch keine Be⸗ merkung zu machen wagte, ſo zeigte er doch ein ausnehmend ernſtes Geſicht. f Lord Gowrie nahm keine Notiz hievon, obgleich er nicht verfehlte, die Veränderung in ſeinem Ausdrucke zu bemer⸗ ken, denn aus den wenigen Worten, die er bis jetzt mit Ju⸗ lien allein gewechſelt, entnahm er ſo viel, daß die Zeit ohne⸗ hin gekommen ſey, wo er ſehr bald jede nöthige Erklärung würde ertheilen müſſen. Für jetzt mußte ſie jedoch noch auf⸗ James. Gowrie. 8 114 geſchoben werden; aber einige Minuten ſpäter wendete er ſich an eine der Tochter des Wirthes und ſagte: „Halt einen Augenblick, Bianchina. Die Signora könnte ſich fürchten, in einem fremden Hauſe ſo allein zu ſchlafen: Ihr müßt ſo gut ſeyn, das andere Bett in ihrem Zimmer einzunehmen.“ „Mit vielem Vergnügen, Signor,“ erwiederte das Mäd⸗ chen und trippelte davon. Nachdem ſolches zu Lord Gowrie's und ſelbſt zu Mr. Rhind's Zufriedenheit angeordnet war, blieb noch eine zweite Aufgabe zu löſen, nämlich die, eine ruhige, unbewachte Un⸗ terredung mit Julien zu erlangen, worin ihr Freund Alles erfahren könnte, was ihr zugeſtoßen war. Die wenigen Worte, die ſie ihm am Flußufer zugeflüſtert, hatten ihn ſo viel erkennen laſſen, daß ein größeres Unglück, als er wußte, eingetreten war; allein für ein Herz mit einer Liebe wie die ſeinige war die kleinſte Einzelheit, der geringfügigſte Um⸗ ſtand von Intereſſe. Er ſehnte ſich danach, ſie Alles erzäh⸗ len zu horen, ſie für Alles zu troͤſten, und ſeine raſche Einbil⸗ dungskraft malte ihm den Kummer, den Schrecken, die Er⸗ ſchütterung— kurz Alles, was ſie erduldet hatte, vor Augen. Er bereute es bitter, daß er zu einer Zeit, wo ſolche Uebel ihren Lebenspfad überſchattet, ſolche Hinderniſſe ihn ver⸗ ſperrt hatten, nicht zu ihrem Troſte und Schutze gegenwär⸗ tig geweſen, und er dürſtete nach einer Gelegenheit, um den Balſam des Mitleids und der Theilnahme in ihr ſanftes und ſo arg gequältes Herz zu ſchütten. Allein die nächſte Stunde brachte gar mancherlei Hin⸗ 115 derniſſe und verſagte ihm eine geheime Unterredung. Das ganze Haus war in Aufruhr. Da waren Betten zu machen, dort Zimmer zu ordnen und das Abendeſſen zu richten; Julia mußte ihre triefenden Kleider wechſeln und ſich andere ver⸗ ſchaffen; der Earl hatte verſchiedene Befehle zu ertheilen und den Bootsleuten den verſprochenen Erſatz auszuzahlen; der Wirth, ſein Sohn, ſeine Töchter und Mägde rannten von Zimmer zu Zimmer und plauderten mit der ganzen Welt; um endlich die Zahl und die Verwirrung voll zu machen, langten auch noch die zurückgelaſſenen Diener mit den Pferden an, und einige Zeit darauf kam Auſtin Jute mit dem kleinen Päckchen zum Vorſchein, welches Julia von Pa⸗ dua mit ſich gebracht hatte. „Nichts iſt verloren,“ bemerkte er,„als was auf dem Grunde des Meeres ruht. Jede Tiefe hat einen Boden und Nachſuchen erſpart das Verlieren.“ Es war in dieſem Augenblicke leichter von ihm als von Julien eine Auskunft zu erlangen, und der Earl hatte bald Alles erfahren, was Auſtin ſelber wußte: den Tod des guten alten Manucci, die tollen und abgeſchmackten Gerüchte, die ſich nach ſeinem Tode verbreitet hatten, die Gefahr, welche das ſchöne Mädchen ſelbſt gelaufen war, da man ſie auf die Anklage hin, daß ſie an den ungeſetzlichen Künſten des alten Mannes Theil genommen habe und in ketzeriſchen Anſichten auferzogen worden ſey, in's Gefängniß hatte ſperren wollen. Dann ſchilderte Auſtin Jute die Mittel, die er zu ihrer Flucht ergriffen hatte und fuhr darauf alſo fort: „Wir zogen in jener Nacht ungeſtört weiter, Mylord, 8* 116 und erreichten zu Battaglia eine mir wohlbekannte kleine Dorfſchenke, wo ich ſie, wenn auch bei armſeliger Einrich⸗ tung, ſicher glauben durfte. Ich mußte freilich manche Lüge erſinnen und di junge Lady für meine Schweſter ausgeben, wmas die Leute auch glaubten, da wir untereinander nichts als Engliſch ſprachen, obwohl die Familienähnlichkeit nicht ſehr groß iſt und ſie ſelbſt die Tracht einer Italienerin trug. Am nächſten Morgen entdeckte ich jedoch, daß Leute zu unſe⸗ rer Verfolgung unterwegs waren. Einer jener Falken oder vielmehr Spatzen hatte die Nacht über in dem Wirthshauſe angehalten, um ſein Pferd und ſich ſelbſt zu erfriſchen; Letz⸗ teres hatte er gar zu gründlich gethan und ſeinen Auftrag ausgeplaudert, denn— ſagt das Sprüchwort— iiſ der Wein im Kopf, ſo iſt der Verſtand draußen.“ Die Leute im Ort waren alle lüſtern auf unſere Auffindung, da ſie ſchon lange keine Hexen⸗ und Ketzerproceſſe erlebt hatten. Aus ihren Reden entnahm ich, daß jener Schlingel nach Rovigo ging, um an den Fähren und Brücken den Befehl zu unſerer Arretirung zu hinterlaſſen. Dies nöthigte uns, einen Um⸗ weg einzuſchlagen und die Etſch weiter oben zu paſſiren. Ich brachte jedoch die verlorene Zeit wieder ein, indem ich die beiden Eſel verkaufte und zwei gute Pferde dafür an⸗ ſchaffte, ſo daß wir das Land zwiſchen Etſch und Po ziemlich raſch durchzogen. Die Schwierigkeit war die, wie wir über dieſen großen Fluß kommen ſollten, denn ich zweifelte nicht, daß unſere Bilder an jedem Brückenhauſe gemalt ſeyn wür⸗ den; überdies hatte ich zwei⸗ bis dreimal einen Mann wahr⸗ genommen, der uns offenbar zu bewachen ſchien. Ich ritt — 117 daher am Strome aufwärts, bis ich das Boot, in welchem wir überzuſetzen ſuchten, eben im Begriffe fand, mit einigen Landleuten abzuſtoßen. Gegen hohen Lohn verſtand ſich der Mann dazu, uns und unſere Pferde einzunehmen, obgleich dies gegen das Geſetz iſt; aber eben als wir abſtoßen woll⸗ ten, kam jener finſter ausſehende Kerl, den ich ſchon mehr⸗ mals folgen ſah, von ſeinem Pferde geſprungen, band das Thier an den Landungspfoſten und drängte ſich in das Boot. Alles Uebrige wißt Ihr, Mylord, und ich kann blos noch ſagen, wenn der Burſche auf ſchlechten Wegen war, ſo mag er es jetzt verantworten. Er gab ſich alle Mühe, mich zu erſäufen, ich ließ mich aber nicht hinunterbringen.“ So lautete Auſtin Jute's kurze Erzählung und wenige Minuten darauf trat Mantini, der Bootsmann, ein, um die verſprochene Summe in Empfang zu nehmen. Seine Taxa⸗ tion des untergegangenen Bootes ſchien billig, ja ſogar mäßig, und der Graf ſchenkte ihm noch zehn venetianiſche Ducaten über die geforderte Summe. „Ich kann Euern Bruder nicht in's Leben zurückrufen, mein guter Freund,“ ſagte Gowrie,„und Euch und Andern ebenſowenig ſeinen Verluſt erſetzen; wenn er aber Kinder hinterlaſſen hat, ſo mögt Ihr dieſe Summe von Seiten eines Ausländers, der ihr Unglück aufrichtig bedauert, unter ſie vertheilen.“ Der rauhe Bootsmann faßte mit der raſchen Erregtheit des Südländers ſeine Hand und küßte ſie mit den Worten: „Gott ſegne Euch, Herr!“ dann drehte er ſich nach der 118 Thüre, blieb aber gleich darauf ſtehen und kam wieder zurück, um dem Lord mit leiſer Stimme zuzuflüſtern: „Ich höre, daß die Signora, welche in unſerem Boote war, Euch bekannt iſt, und nach der Art, wie Ihr ſie ange⸗ ſehen, glaube ich, daß Ihr ſie liebet. Wann dies der Fall iſt, ſo brecht morgen mit Tagesanbruch auf, vermeidet Fer⸗ rara und dieſe ganze Seite von Italien und wendet Euch in’s Parmeſaniſche oder an einen andern Ort, wo ſie nicht nach Euch ſuchen.“ Der Earl betrachtete ihn eine Weile ſchweigend⸗ bis er endlich erwiederte: „Das iſt in der That ein ſchätzbarer Wink, mein guter Freund, wenn Ihr nämlich gerechte Urſache habt, zu glau⸗ ben, daß man Uebles gegen uns beabſichtigt. Die junge Dame iſt mir allerdings wohl bekannt, und ihre Sicherheit iſt mir theurer als meine eigene— in ſo weit erkenne ich Eure Vermuthung als richtig.“ „Ich habe gerechte Urſache, Signor,“ verſetzte der Mann.„Der Strom hat die Signora von einem ihrer Ver⸗ folger befreit; aber noch andere erwarten ſie zu Ferrara und am ganzen Fluſſe aufwärts. Der Mann, der in unſer Boot kam, als wir eben abſtoßen wollten— den Ertrunkenen mein' ich— flüſterte mir in's Ohr, er ſey ein Bote der hei⸗ ligen Inquiſition und befahl mir, ſogleich nach Occhiobello zu rennen und den Podeſta zur augenblicklichen Ergreifung der Dame und ihres Begleiters, ſobald wir gelandet hätten, um ſeinen Beiſtand anzurufen. Deßhalb ſagte ich, er habe den Fluch mit ſich gebracht, denn er ſchien ſich ebenſoſehr an dem 119 Gedanken zu erfreuen, daß er ein armes, junges Ding wie ſie, einfangen werde, wie Andere es gethan haben würden, wenn ſie ſie hätten gluͤcklich machen können. Ich erfuhr alle Plane, die ſie zu deren Ergreifung ausgeſponnen hatten, und er behauptete, es ſey die Pflicht eines Jeden, augen⸗ blicklich Nachrichten mitzutheilen. Ich werde keine geben, vor mir ſeyd Ihr ſicher; aber es ſind noch andere Leute hier, welche plaudern könnten, und der Lärm über den Untergang der beiden Boote und das Ertrinken zweier Menſchen wird morgen früh eine Maſſe von Nachforſchungen veranlaſſen. Wenn ich ſie dabei auf falſche Fährte bringen kann, ſo ſoll's geſchehen.“ Der Earl dankte ihm herzlich für ſeine Mittheilung und hielt dann eine eilige Berathung mit Hume, zu welcher nach Verfluß von wenigen Minuten auch Auſtin Jute berufen wurde. Offenbar war für einen ſehr frühzeitigen Aufbruch am andern Morgen keine Zeit zu verlieren. Statt der bei⸗ den ertrunkenen Pferde mußten andere angekauft werden; auch ſchien es nöthig, für Julien eine andere Kleidung auf⸗ zutreiben, da jetzt ſo viel klar war, daß ihre Verfolger das Koſtüm, in welchem ſie Padua verlaſſen hatte, kannten; überdies mußte ihre Bauerntracht, wenn ſie in Geſellſchaft dreier Gentlemen von hohem Range reiste, in jedem Wirths⸗ hauſe, wo ſie anhielten, die allgemeinſte Aufmerkſamkeit er⸗ regen. Wo und wie man ſich dieſe andere Kleidung ver⸗ ſchaffen wollte, blieb immer eine ſehr kitzliche Frage; denn wenn auch der Handel mit fertigen Kleidungsſtücken dazu⸗ mal weit gewöhnlicher war als heutzutage, ſo ließ ſich doch 120 nicht erwarten, daß das Dorf hier oder ſelbſt Occhiobello einen Kleiderladen beſaß, wo irgend etwas der Art zu haben geweſen wäre. „Ich will gehen und mit einem der Mädchen im Hauſe reden,“ erbot ſich Hume.„Ich ſehe, das Abendeſſen wird eben aufgetragen. Setze Du Dich zu Tiſche, Gowrie, wäh⸗ rend ich Bianchina auf's Korn nehme und zu erfahren ſuche, was ſich wohl beginnen läßt.“ Er war glücklicher als ſich hätte vermuthen laſſen, denn er traf beide Töchter des Gaſtwirths beiſammen und voll⸗ kommen bereitwillig, in jegliche Art von Geſpräch oder Ge⸗ plauder einzugehen. Nichtsdeſtoweniger war es keineswegs leicht, ihnen ſein Verlangen darzulegen, ohne ihnen zugleich Juliens gefährliche und peinliche Lage zu erklären; nachdem er ſich jedoch wohl oder übel ſeiner kitzlichen Aufgabe entle⸗ digt hatte, ſah er wenigſtens das jüngere Mädchen ihrer Schweſter einen Blick des Einverſtändniſſes zuwerfen. „Aha,“ ſagte ſie,„das Fräulein bedarf alſo einer Klei⸗ dung. Iſt das Alles? Nun das läßt ſich, denke ich, leicht herbeiſchaffen. Eriunerſt Du Dich noch der venetianiſchen Dame, welche voriges Jahr hier war und einen Koffer zu⸗ rückließ.“ „O ja,“ erwiederte die andere Schweſter mit einem ſchlauen Seitenblick nach Sir John Hume;„ich dachte mir's gleich auf den erſten Blick, daß die Signora keine geborne Bäuerin ſey. Ich wollte wetten, ſie hat ſich in einer finſte⸗ ren Nacht verkleidet von Hauſe weggeſtohlen, um ihren Ge⸗ liebten hier zu treffen, und der wilde Strom hätte ihnen — — 121 beinahe ein trauriges Brautbette bereitet. Es iſt doch eigen, daß alle Elemente der Liebe den Krieg zu erklären ſcheinen; ich habe noch nie gehört, daß eine dieſer verſtoh⸗ lenen Heirathen vor ſich gegangen wäre, ohne eine Zeit lang durch Stürme und Unglücksfälle durchkreuzt zu werden.“ Der Unterhändler Hume hielt es für keine üble Politik, der Wendung, welche das frohſinnige Mädchen der Flucht und Verkleidung der ſchönen Julia gegeben, nicht zu wider⸗ ſprechen. „Ei, Du biſt ja eine wahre Hexe,“ erwiederte er lachend; „meinſt Du nicht, ich ſey der Mann dazu, um die nächſte ſchöne Dame von Haus zu entführen?“ „Nein, nein,“ kicherte das Mädchen mit pfiffigem Blick; „nicht Euch wollte ſie hier treffen, ſondern Euren Freund; Ihr ſteht daneben, wie der Hund neben des Gebieters Stuhle und wartet auf die guten Dinge, die da von ſeines Herrn Tiſche fallen. Ha, ha, luſtiger Signor! hab' ich's getroffen?“ „Meiner Treu!— ja und zwar derb,“ erwiederte Hume, „dafür will ich aber auch einen Kuß haben, noch ehe wir ſcheiden, Bianchina.“ „Das müßte jedenfalls im Dunkeln geſchehen,“ rief das Mädchen mit lautem Lachen,„damit ich nicht Euer⸗ Geſicht ſähe, wenn es mir etwa mißfiele.“ „Was aber die Habſeligkeiten der venetianiſchen Dame betrifft,“ fuhr der junge Ritter, auf den Gegenſtand zurück⸗ kommend, fort—„wir konnen doch ihren Koffer nicht aufbre⸗ chen und ihren Anzug herausſtehlen, Ihr hübſchen Mäͤdchen.“ „Darüber braucht Ihr Euch nicht den Kopf zu zerbre⸗ chen, luſtiger Signor,“ gab Maria zur Antwort.„Ihr ſollt Euch jedenfalls an der Räuberei nicht betheiligen.“ „Wenn Ihr nicht etwa mein Herz ſtehlt und ich es be⸗ reitwillig ablaſſe,“ ſchäckerte der Ritter. „O, daran iſt nicht zu denken; es wäre nicht der Mühe werth,“ meinte das Mädchen.„Wenn Ihr es ſeither jedem Landmädchen, das Ihr getroffen, geſchenkt habt, ſo muß es ja mittlerweile ganz abgenützt ſeyn. Was aber den Anzug betrifft, ſo gehört er jetzt uns. Die Geſchichte jener zärt⸗ lichen Dame war ſo ziemlich dieſelbe, wie die Eurer Freun⸗ din. Sie entfloh einem harten Vater zu Venedig, um hier mit ihrem Liebhaber zuſammenzutreffen und mit ihm nach Bergamo zu entrinnen; aber ein eigener Unſtern wollte, daß er ſie neun volle Tage nicht auffand, und dieſe ganze Zeit über verſteckten wir ſte auf's ſorgfältigſte, obwohl die Hä⸗ ſcher ihre Fährte faſt bis an unſere Thüre verfolgten. Wir ſaßen oft bei ihr und tröſteten ſie; wir ſprachen dann über Liebe, und wie das Glück dieſe endlich doch noch begünſtige, nachdem es ſie oft lange geneckt habe. Nach Verfluß der neun Tage kam der junge Marquis und fand ſie; da ſie aber ihr Leben zu Pferde retten mußte, ſo blieb der Koffer zu⸗ rück, und als ſie nach Hauſe kam und heirathete, ſchrieb ſie uns, wir möchten ihn ihr zu Liebe behalten und den Inhalt zwiſchen uns theilen. Die Kleider paſſen aber nicht für unſeres Gleichen: lange ſchwarze Schleppen, welche uns über die Füße reichen und auf dem Boden nachſchleifen wür⸗ den, Mäntel und Hauben und venetianiſche Spitzenſchleier. 123 Einen einzigen Sammtüberwurf haben wir zerſchnitten, um uns Feſttagsmieder daraus zu machen— das iſt bis jetzt Alles, was wir genommen haben, und wir können Eurer Dame Kleider genug für ihre Reiſe abtreten, welche beſſer für ſie paſſen als die ſie gegenwärtig trägt.“ Das waren ſehr befriedigende Nachrichten für den jun⸗ gen Earl von Gowrie, als ſein Freund ihn beim Abendeſſen traf, nachdem er ſich von den beiden luſtigen Mädchen auf eine Weiſe verabſchiedet hatte, welche beſſer für die dama⸗ ligen Sitten als für unſere jetzigen Begriffe taugte. Sobald das Abendeſſen zu Ende war, beeilte er ſich mit ſeinem Freund und Julien den Handel über den Inhalt des venetia⸗ niſchen Koffers abzuſchließen, und man muß geſtehen, ſo gutmüthig, lebendig und wohlgelaunt auch die beiden Gaſt⸗ wirthstöchter waren, ſo ſchienen ſie doch die Habſeligkeiten, von denen ſie ſich trennten, ihrem vollen Werthe nach zu ſchätzen, und ließen ſie nicht unter dem Preiſe ab. Dieſen kleinen Zug von Eigennutz abgerechnet, machten ſich Maria und Bianchina augenblicklich mit Nadel und Scheere an die Arbeit, um die Gewänder der neuen Beſitzerin anzupaſſen. Der Earl verließ Julien bei dieſem wichtigen Geſchäft, nach⸗ dem er ihr noch die Bitte, ihn bald darauf im Garten zu treffen, zugeflüſtert hatte, und verfügte ſich wieder in's Speiſezimmer in der Abſicht, ſeinem früheren Hofmeiſter die ganze Sache lieber gleich zu erklären, um ſich für die Zukunft deſſen ernſte Blicke und Ermahnungen zu erſparen. Er fand jedoch Mr. Rhind feſt eingeſchlafen, da des Tages Anſtrengungen und Aengſte ihn ſehr ermüdet und das 124 kräftige Abendeſſen nebſt einer Flaſche des beſten Weines, welchen das Dorf aufzutreiben vermochte, ihn in ſanften Schlummer gewiegt hatte. „Meiner Treu! Gowrie,“ bemerkte Sir John Hume,„ich könnte dem Beiſpiele des alten Rhind ebenſo gut nachfolgen; doch will ich noch ein Bischen durch's Dorf ſchlendern und ſehen, was da paſſirt. Nichts geht über eine gute ſorgſame Wache. Willſt Du mitkommen?“ Der Earl lehnte es jedoch ab und verfügte ſich in den Garten, der ſich bis an die Ufer des kleinen Flüßchens aus⸗ dehnte, das, etwas oberhalb Nonnantola entſpringend, in der Nähe von Oecchiobello in den Po mündet. Neuntes Kapitel. Der Mond ſchien klar am Himmel, deſſen Blau ſo tief und dunkel war, wie es außer Italien und Spanien kein an⸗ deres europäiſches Land aufzuweiſen vermag, und das Silber⸗ licht, das er ausſtrahlte, miſchte ſich ſo eigenthümlich mit dem tiefblauen Gewebe des Nachthimmels, daß die Sterne ſogar in dem Kampfe um die Herrſchaft am Firmamente be⸗ ſiegt ſchienen und nur noch matt und ſchwach herableuchteten. In einer kleinen Weinlaube am Ufer des Flüßchens ſaß Julia mit ihrem Geliebten. Die hellen Strahlen des Nachtgeſtirns ſchwammen mild auf dem Waſſer, deſſen dunkle Maſſe in ſlüſſiges Silber verwandelnd, während ein weißer Dunſt zwiſchen den von Rebenguirlanden durchzoge⸗ 125 nen Oliven⸗ und Feigenbäumen den unzähligen Geſträuchen einen geheimnißvollen Anſtrich verlieh und ſo manche Stelle der trüben, kalten, grauen Erde mit dem gelblichen Glanze der Nachtkönigin belebte. Ich halte es für ein eben ſo nutzloſes als ſchwieriges Beginnen, die Gefühle des menſchlichen Herzens analyſiren zu wollen, wenn dieſes Herz von natürlichen, durch Zufall und zuſammentreffende Umſtände in's Leben gerufenen Im⸗ pulſen ſtark bewegt wird. Daß die Natur eine Regel feſtge⸗ ſetzt hat, und daß das Herz je nach der ihm inwohnenden Kraft nach dieſer Regel immer mehr oder weniger energiſch handelt— davon bin ich lebhaft überzeugt; nur ſcheint es mir fruchtlos oder zum mindeſten wenig erfolgreich, wenn man unterſuchen wollte, warum gewiſſe Herzen, beſonders in ſüdlichen Klimaten, von wärmeren und lebhafteren Ge⸗ fühlen als andere bewegt werden. Die Operation unſeres Gemüths und Herzens iſt bis jetzt ein Geheimniß, und wer auch noch über dieſen Gegenſtand geſchrieben, hat nichts weiter als die vorhandenen Fakta zuſammengeſtellt, ohne der Grundurſache im Geringſten nahe zu kommen. Wir reden von leidenſchaftlicher Liebe, von dem warmen Blute des Südens; wir nennen gewiſſe Klaſſen unſerer Nebenmen⸗ ſchen erregbar, andere phlegmatiſch; wir verſtehen aber ſelbſt nur wenig von dieſen Ausdrücken und ſuchen nie in die Ur⸗ quelle der bezeichneten Eigenſchaften oder Erregungen ein⸗ zudringen. Wir forſchen nicht, wie viel der Erziehung und wie viel der Natur zuzuſchreiben iſt, und denken nie an die Unſumme von mitwirkenden Urſachen, welche zuſammen das 126 Weſen der Erziehung ausmachen. Denn ich frage: wird Mann oder Frau blos durch den Unterricht eines Lehrers oder die Unterweiſungen und Ermahnungen der Eltern er⸗ zogen? Bilden nicht die Handlungen, die wir vor uns ſe⸗ hen, die Worte, die wir hören, die Auftritte, mit denen wir vertraut werden, einen ebenſo bedeutenden Theil unſerer Erziehung? Wird nicht der Schweizer oder der Hochländer in jedem Lande theilweiſe auch von ſeinen Gebirgen und Thälern, ſeinen Strömen und Seen groß gezogen? Iſt nicht der Bewohner von Städten durch die fortwährende Reibung großer Maſſen und den ewigen Druck ſeiner Nach⸗ barn gewiſſen bleibenden Eindrücken unterworfen? Bilden nicht wiederum die glühende Sonne, die dürre Wüſte, der heiße Luftſtrom eine Art von Eindrücken, die ſich nie ver⸗ geſſen und für eine gewiſſe Klaſſe von Menſchen einen Theil ihrer Natur ausmachen, wogegen der endloſe Winter, die langen Nächte und gefrorenen Ebenen für die Eingeborenen einer anderen Region eine verſchiedene Unterrichtsſtufe bil⸗ den? Man gebe dem Menſchen welchen Unterricht man wolle— durch Worte oder geſchriebene Zeichen— ſo wird immer nicht allein für Individuen, ſondern auch für Na⸗ tionen in den Werken Gottes um ſie her und in den Ver⸗ hältniſſen, womit ſein Wille ihr Schickſal umgeben hat, eine andere Erziehung für immer vor ſich gehen. Vielleicht daß nie zwei Völker auf Erden eine verſchie⸗ denere Erziehung erhalten hatten als die, deren beiderſeitige Angehörige in jener Gartenlaube beiſammen ſaßen, und gleichwohl entfaltete deren Charakter gewiſſe Züge, welche — 127 — ſo ſonderbar dies auch klingen mag— indem ſie noch einen tiefen Unterſchied zurückließen, gleichwohl die vollkom⸗ menſte Harmonie begründeten. In einer reichen und wil⸗ den Naturumgebung aufgewachſen, hatte Gowrie ſeine früheſten Tage in unruhigen, gefahrvollen Verhältniſſen verlebt; beſtändige Thätigkeit, männliche Uebungen, ge⸗ fährliche Jugendſpiele und wilde Abenteuer hatten mit ru⸗ higen Studien abgewechſelt und in ihrer Wirkung auf ſeinen forſchenden, philoſophiſchen Geiſt und ſeinen von Natur kräftigen Körper, die Anlagen beider geſtärkt und frühe ge⸗ reift. So waren ſeine Tage bis zum ſiebzehnten Lebens⸗ jahre verſtrichen; dann war ein vollkommener Wechſel in ſeinem Lebenslaufe eingetreten; nach Padua verſetzt, hatte er mehrere Jahre einzig und allein der Ausbildung ſeines Verſtandes gewidmet und ſich nicht allein mit allem Eifer und außerordentlichem Erfolg den klaſſiſchen Studien des Alterthums, ſondern auch der Erforſchung der Phyſik er⸗ geben, welche damals nur Wenigen bekannt und ihren Schü⸗ lern öfters gefährlich war. Die Liebe hatte zuletzt die Erziehung ſeines Herzens vervollſtändigt, als eben die Ausbildung von Körper und Geiſt beendigt worden. Julia war im Gegentheil in einer Periode, welche weit über ihre Erinnerung hinausreichte, den Gefahren und Nö⸗ then, welche ihre Kindheit umlagerten, entzogen worden. Sie hatte ihre ganze erſte Jugend unter ernſten, ruhigen Studien verlebt, welche darauf berechnet waren, Anmuth und Grazie mit Geiſtes⸗ und Charakterſtärke zu verknüpfen. Keine zarte, ſanfte Regung war unterdrückt, ihr Geiſt nicht durch Härte verbittert, ihr Herz nicht durch Täuſchung ver⸗ letzt worden; keine nagende Erinnerung irgend einer Art lebte in ihrem Buſen und ihre Neigungen waren ebenſo ſorgfältig wie ihr Verſtand ausgebildet worden. Froͤhlich und heiter, tieffühlend und wahr in ihrem Weſen, hatte man ihr das Pflichtgefühl als einen Führer und nicht als Tyran⸗ nen beigegeben; ihre Anhänglichkeit wie ihre Genüſſe, auf eine kleine Sphäre beſchränkt, hatten durch dieſe Concentri⸗ rung auf wenige Gegenſtände an Intenſität gewonnen. Und da ſaßen ſie denn Hand in Hand neben einander und erzählten und hörten die Geſchichte des erſten großen Kummers, den ſie bis jetzt erfahren hatten. Die Jugend entwirft ſich nur ſchwache Begriffe von der Sterblichkeit, bis ihr die abſchreckenden Beweiſe handgreiflich vor Augen tre⸗ ten. Wir wiſſen, daß unſere Lieben ſterben müſſen, aber die Hoffnung ſchiebt dieſen Zeitraum immer weiter hinaus und zieht einen Schleier über die Schrecken des Todes. Sie hatte wohl zuweilen darüber nachgedacht, beſonders als ihr betagter Großvater ihr andeutete, daß der große Feind un⸗ ſeres Lebens ihm mehr und mehr nahe rücke; aber nie war ſie im Stande geweſeu, ſich deſſen grimmiges Antlitz, ſo wie es ihr ſpäter erſchien, vorzuſtellen, und als ſie jetzt von dem Verluſte des Mannes erzählte, auf den ſie ſo viele Jahre lang alle ihre Gefühle und Gedanken concentrirt hatte, da lehnte ſie ihr Haupt auf Gowrie's Schulter und ihre Thränen floßen in Strömen. Es war natürlich, ſehr natürlich, daß ſie ſich nunmehr mit um ſo ſtärkerer Liebe dem Manne anſchloß, der jetzt —̈ 129 2 neben ihr ſaß. Die erſte tiefe Liebe des Weibes war ihm zu Theil geworden, und ſie iſt an ſich ſchon ercluſiv genug; aber er war für ſie auch noch der einzige Freund auf Erden; ſie hatte weder Schweſtern noch Brüder, weder Verwandte noch Bekannte, welche ihre Gedanken beſchäftigten oder ihre Neigung theilten. Die Schale der Liebe war voll bis zum Rande; nicht ein Tropfen war verſchüttet und Alles ſein eigen. Auch ſein Empfinden für ſie war nicht weniger tief, wenn auch anderer Art, denn die Rolle des Mannes in der großen bewegenden Leidenſchaft der Jugend iſt von der des Weibes weſentlich verſchieden. Das Geliebte zu ſchützen, zu hegen und zu vertheidigen— das iſt ſein Antheil in dem Kontrakte zwiſchen Mann und Frau, und das Gefühl, daß er ihr Alles in Allem war, daß ſie auf Niemand ſchaute als auf ihn, daß ihr Schickſal jetzt und immer in ſeiner Macht, in ſeinem Willen lag, daß ſein Arm ihre Stütze, ſein Geiſt ihr Führer, ſeine Liebe ihr Troſt ſeyn mußte— machte die gewaltige Leidenſchaft, welche Juliens Schönheit, ihre Sanft⸗ muth und Grazie zuerſt entzündet hatte, nur um ſo wärmer und glühender. Aber auch edel, rein und hochgeſinnt war dieſe Leidenſchaft. Er vergaß in jenem Augenblicke nicht das Verſprechen, das Manucci von ihm verlangt hatte, und es fiel ihm nicht ein, es brechen zu wollen. Er erzählte ihr Alles, was vorgegangen war, und wenn er auch ſein Be⸗ dauern darüber nicht unterdrückte, daß ſich ein ſo langer Aufſchub vor das Ziel ſeiner Wünſche ſtellte, wenn er ihr auch zeigte, um wie viel leichter, ſicherer und glücklicher ihr James. Gowrie. 9 9 130 Leben ſich geſtalten würde, wenn ſie ihm ſogleich ihre Hand am Altare reichen dürfte, ſo äußerte er doch kein Verlangen, von der ihm angewieſenen Bahn abzuweichen. Nachdem er einmal dazu verpflichtet war, erſchien ſie ihm wie eine auf der Karte verzeichnete Straße, welche, wenn auch durch Um⸗ wege, am Ende doch zum Glücke führen mußte und von der ſie nicht abſchweifen konnten, ohne ihren Weg gänzlich zu verlieren. Nur wie ſie dieſen Pfad am beſten betreten moch⸗ ten, darüber gingen ſie mit ſich zu Rathe, und darüber war auch in der That gar Manches zu bedenken. Das erſte Ziel war, das ſchöne Mädchen in Sicherheit zu bringen, denn obwohl die Abgeſchmacktheit der Anklage, wenn ſie von dem wider ſie erhobenen Verdachte ſprach, nur ein trauriges Lä⸗ cheln in ihrer Miene hervorrief, ſo lebten ſie doch damals in einer Zeit, wo die Unſchuld kein Schutz und die Unvernunft einer Anklage keine Sicherheit war. Der beſte Plan ſchien der, welchen der Bootsmann Mantini angedeutet hatte, nämlich ſo raſch wie möglich am Fluſſe aufwärts zu ziehen, ohne ſich auf venetianiſches Gebiet zu wagen und dann ge⸗ radeswegs durch Piemont und Frankreich nach England zu reiſen.— „Wir werden unterwegs Zeit genug haben, theures Mädchen,“ ſagte der junge Earl,„die Papiere Deines Groß⸗ vaters zu unterſuchen und uns zu fragen, wie wir uns nach unſerer Ankunft in Schottland zu verhalten haben. Das Erſte, wonach wir trachten müſſen, iſt Sicherheit, und deß⸗ halb müſſen wir mit Tagesanbruch abreiſen. Mein wackerer Auſtin wird ohne Zweifel bis dahin ein paar Pferde auf⸗ 131 treiben— wo nicht, ſo müſſen zwei von den Packroſſen den Sattel tragen und die Bagage muß auf andere Weiſe nach⸗ folgen.“ „Ich werde bereit ſeyn und thun, wann und was Du verlangſt, Gowrie,“ verſetzte Julia.„Mein verſtorbener Großvater hat mir aber noch ein Gebot auferlegt, als er mich Dich nach Schottland begleiten hieß, nämlich einige Frauen als Dienerinnen zu miethen, da es ſonderbar er⸗ ſcheinen könnte, wie er ſagte, wenn ich mit Dir allein reiſen wollte. Ich weiß zwar nicht, warum dies ſonderbar erſchei⸗ nen ſollte,“ fuhr ſie fort, ihre Augen zu ihm emporſchlagend; „denn wem ſollte ich anders vertrauen als Dir? und wer anders als Du hätte ein Recht, mich zu leiten und zu be⸗ ſchützen?“ Gowrie lächelte und küßte das ſchöne Händchen, das in der ſeinigen ruhte; aber er gab alsbald zur Antwort: „Er hatte ganz Recht, theuerſte Julia; es würde ſon⸗ derbar erſcheinen und man könnte Bemerkungen machen, welche für mich noch peinlicher als für Dich wären. Die rauhe, harte Welt ſchaut nie, noch müht ſie ſich, dem Men⸗ ſchen in's Herz zu ſchauen; dagegen vermuthet ſie überall Boͤſes, wo eine Gelegenheit zum Böſen wäre. Unſer armer Fieund hatte Recht— Du ſollſt von einigen Dienerinnen begleitet werden; aber hier wäre es ebenſo unmoglich als unklug, ſolche zu miethen. Zu Mantua oder Piacenza ſind wir ungebundener in unſerem Handeln; in der Zwiſchenzeit will ich dem guten alten Mr. Rhind unſere Situation genau darlegen, um ihn an falſchen Schluſſen jeder Art zu verhin⸗ 9* 13² dern. Das iſt nämlich der Herr, der beim Abendeſſen neben Sir John Hume ſaß; er war früher mein Hofmeiſter und wird mit uns nach England reiſen.“ „O ja, ſag's ihm nur, ſag's ihm,“ bat Julia eifrig. „Er blickte mich oft während des Mahles an, und ohne zu wiſſen warum, fühlte ich, wie mir die Röthe in die Wangen ſtieg. Es ſchien, als ob er an mir zweifelte und mich nicht gerne bei Dir ſähe.“ „Nein, ſo iſt's nicht gerade,“ beruhigte ſie ihr Liebha⸗ ber.„Er iſt ein guter, ſanftmüthiger Mann, nur zu ſehr Sklave vor der Meinung der Welt. Sobald er Alles weiß, wird er ſich beruhigen und uns mit ſeinen ganzen Kräften unterſtützen. Und nun, theure Julia, gehe Du zur Ruhe; Du wirſt nur wenig Zeit zur Erholung haben, und wir müſ⸗ ſen raſche und lange Reiſen machen, bis wir die Gefahr hinter uns haben.“ Wenn der Earl auf Mr. Rhind's raſche Beiſtimmung zählte, ſo hatte er ſich eigentlich verrechnet; denn ſey es nun daß der Wirth, der die Lichter im Speiſezimmer anzündete, ihn plötzlich mitten im Schlafe aufgeweckt, oder daß der ge⸗ noſſene Wein, obwohl nicht hinreichend um ſeinen Verſtand zu verwirren, doch ſeine Laune afficirt hatte— ſoviel iſt je⸗ denfalls ſicher, daß er gegen ſeinen früheren Mündel einen Ton annahm, der dieſen nicht wenig ärgerte. „Ich wünſche mit Euch zu reden, Mylord,“ ſagte er, ſo⸗ bald Lord Gowrie allein in's Zimmer trat. „Und ich mit Euch, mein theurer Sir,“ gab der junge Earl zurück.„Was wollt Ihr mir ſagen?“ ſ 133 1 „Hm, es geht etwas Sonderbares hier vor, Mylord,“ begann der Andere; während Gowrie ſich ſetzte.„Ihr erhaltet plötzlich und unerwartet, wie es ſcheint, den Beſuch einer jungen Weibsperſon von großer Schönheit, mit welcher Ihr augenſcheinlich ſehr genau vertraut ſeyd, von der ich aber nie etwas gehört oder geſehen habe. Nun würden mir we⸗ der mein Charakter noch meine Grundſätze erlauben, mein theurer Lord——“ „Haltet einen Augenblick,“ ſiel ihm der Earl in die Rede.„Ich möchte mich gegen jeden Ausſprnch verwahren, der für mich beleidigend ſeyn könnte und den Ihr ſpäter ſelbſt bereuen würdet. Schon jetzt habt Ihr den Ausdruck junge Weibsperſon' gebraucht, während Ihr junge Dame hättet ſagen ſollen, denn ihr Aeußeres wie ihre Manieren hätten Euch über ihren Stand belehren ſollen. Da ich übrigens hieher gekommen bin, um Euch meine eigene Stellung und die ihrige zu erklären, ſo will ich lieber fortfahren und Euch nutzloſe Fragen dadurch erſparen. Sie iſt eine Dame im Nange mir ebenbürtig, mit der ich, wie Ihr ſagt, und zwar ſchon lange wohl bekannt bin. Sie iſt meine verlobte Braut und ohne den Verluſt ihres nächſten und in dieſem Lande einzigen Verwandten wäre ich nach Padua gegangen, um ſie abzuholen, wo ich Euch meiner Verlobten unter günſti⸗ geren Umſtänden vorgeſtellt hätte.“ Hier ſchwieg er eine Weile nachdenklich, ungewiß, ob er Mr. Rhind den abgeſchmackten Verdacht, der ſeine Geliebte betroffen, anvertrauen ſollte, denn er kannte ſeinen braven Erzieher zu gut, um nicht zu glauben, daß jener Verdacht 134 in den Augen ſeines Gefährten nicht ebenſo lächerlich wie in ſeinen eigenen erſcheinen werde. Mr. Rhind benützte jedoch dieſes Stillſchweigen augenblicklich zu einer Erwiederung. „Was Ihr mir da ſagt, Mylord, beunruhigt mich noch mehr als zuvor. Was wird Eure verehrte Mutter, was werden alle Eure Freunde und Verwandten dazu ſagen, wenn Ihr eine fremde Italienerin, eine, wie es ſcheint, von Hei⸗ math und Familie Weggelaufene heirathet, eine Anhängerin papiſtiſchen Aberglaubens und Götzendienerei, eine Vereh⸗ rerin des ſiebenköpfigen Unthiers, eine Schülerin des Anti⸗ — chriſt? Ich muß wünſchen und beſtehe darauf——“ „Ihr werdet bei mir auf nichts beſtehen, Mr. Rhind,“ erwiederte Gowrie in leiſem, aber ziemlich ſtrengem Tone. „Ich muß bitten, daß Ihr Euch nicht vergeſſet, ſondern Euch erinnert, daß Eure Autorität über mich längſt aufgehört hat und ſchon zu Ende war, ehe ich die Bekanntſchaft dieſer Dame machte. Alte Freundſchaft, Reſpekt vor Euren Tu⸗ genden und perſönliche Zuneigung mögen mich veranlaſſen, mich zu einer Erklärung meines Benehmens und meiner Abſichten gegen Euch herabzulaſſen; das geſchieht aber nur unter der Bedingung, daß Ihr dieſen Ton ein⸗ für allemal bei Seite legt.“ Mr. Rhind fand, daß er etwas zu weit gegangen war; gleichwohl konnte er ſich nicht entſchließen, ſeinen Plan ganz aufzugeben, weßhalb er verſetzte: „Wohlan, Mylord, mein Entſchluß iſt leicht gefaßt. Ihr ſeyd allerdings, wie Ihr ſagt, Euer eigener Herr und Gebieter; aber auch ich habe meine Pflichten gegen Euch 135 und Eure Familie, welche ich erfüllen will und muß; iſt dieß geſchehen, ſo können wir, wenn es Euch beliebt, jeder ſeine eigene Straße einſchlagen. Dieſe Pflicht verlangt, Euch die Folgen eines Verfahrens vorzuſtellen——“ „Von dem Ihr gar nichts wißt,“ unterbrach ihn der Earl,„da Ihr mit allen Thatſachen gänzlich unbekannt ſeyd und eine Menge Vorausſetzungen als gegeben anneh⸗ met, welche ſammt und ſonders falſch ſind; Eure Logik, wie Cure Klugheit haben Euch gleichermaßen im Stiche ge⸗ laſſen, mein guter Sir, und da Ihr immer noch in einem Tone redet, der mir mißfällt, ſo halte ich für beſſer, eine Verhandlung fallen zu laſſen, welche nur mit einer Vermin⸗ derung meiner Freundſchaft wie meines Reſpektes enden zu können ſcheint.“ „Ihr verfahrt ſehr hart mit mir, Mylord,“ entgegnete Mr. Rhind.„Ich bin mir nicht bewußt, eine ſolche Be⸗ handlung verdient zu haben und kann nur ſagen, wenn dem wirklich ſo iſt, ſo bin ich bereit, jede mir zu Gebot ſtehende Sühne zu gewähren, ſobald Ihr mir beweist, daß dieß der Fall iſt.“ „Das kann ich Euch ſogleich beweiſen,“ gab Lord Gowrie zur Antwort;„denn leider muß ich ſagen, daß Ihr Euch in jeder Eurer Schlußfolgerungen ſchmählich getäuſcht habt und mich überhaupt beſſer hättet kennen ſollen, um anzunehmen, ich würde in einer Weiſe verfahren, welche ebenſo ſehr mei⸗ nen Charakter, meine Stellung, wie den Glauben, in dem ich auferzogen wurde, verläugnen müßte.“ „Die Leidenſchaft der Jugend führt oft zu Handlungen, 136 welche ſogar ihrem eigenen Urtheile widerſprechen,“ bemerkte Mr. Rhind gravitätiſch. „Dieſe Bemerkung könnte ich etwas ſtreng beantworten,“ entgegnete der Earl, eine ſtarke Neigung zu derber Zurecht⸗ weiſung überwindend;„aber ich will es nicht thun und will Euch blos zeigen, wie Ihr Euren eigenen Verſtand durch Vorurtheile habt irre leiten laſſen. Ihr nanntet die Dame vorhin eine Italienerin: ſie iſt aber im Gegentheil meine eigene Landsmännin, die Tochter eines ebenſo edeln Hauſes wie das meine. Ihr ſagtet, ſie ſey eine Papiſtin, eine Verehrerin des ſiebenköpfigen Thiers, eine Schülerin des römiſchen Antichriſt. Dies ſind harte Worte, und nicht allein hart ſind ſie, Sir, ſondern auch allzumal falſch. Sie iſt Proteſtantin, wie ihr Vater, ihre Mutter und ihr Groß⸗ vater geweſen. Letzterer, der ſie erzogen, wurde gerade wegen ſeines Zeugniſſes wider die abergläubiſchen Nichtigkeiten eben dieſer römiſchen Kirche aus ſeinem Vaterlande ver⸗ trieben.— Halt, unterbrecht mich nicht! Ihr ſagtet, ſie ſey von Freunden und Familie weggelaufen: auch darin ſeyd Ihr ebenſo ſehr im Irrthum wie in allem Andern. Sie iſt nach dem Tode ihres einzigen in dieſem Lande übrigen Verwandten zu mir geflohen, um der Verfolgung zu ent⸗ rinnen, und eine der Hauptanklagen, worauf dieſe Verfol⸗ gung ſich gründete, iſt die, daß ſie ſich nie dazu bewegen ließ, den abergläubiſchen Gebrauch der Beichte und Abſo⸗ lution vor einem Sterblichen, wie ſie ſelbſt, zu beobachten. Und nun, mein guter Sir, nachdem ich Euch die Thatſa⸗ chen mitgetheilt, will ich Euch auch meine Abſichten er⸗ 137 klären. Ich habe es übernommen, dieſe junge Dame in ihr Geburtsland Schottland zurückzubegleiten, die Ländereien, deren ſie ungerechter Weiſe beraubt wurde, in ihrem Namen zurückzufordern und ihr wo möglich wieder zuzuſtellen; ich habe ferner gelobt, ſie nach Ablauf eines Jahres zum Weibe zu nehmen. Dies Alles werde ich buchſtäblich vollziehen — ja in ihrer gegenwärtigen Lage würde ich es ſogar für meine Pflicht halten, ſie gleich jetzt um ihre Hand zu bitten, wenn ich mich nicht feierlich verbindlich gemacht hätte, den Verfluß der oben erwähnten Friſt abzuwarten. Auch dieſes Verſprechen werde ich erfüllen, trotzdem, daß die übrige Auf⸗ gabe dadurch weit ſchwerer und delikater wird; aber unter allen Umſtänden werde ich es als meine Pflicht erachten, ſo lange ſie unter meinem Schutze nach ihrem Geburtslande reist, ſie durch alle Zeichen äußerer Verehrung nicht allein vor Vorwurf, ſondern auch vor Verdacht zu bewahren. Ihr könnt mich hierin unterſtützen, wenn Ihr wollt, und werdet dadurch, wie ich glaube, einer chriſtlichen Anforderung ge⸗ nügen; wenn Ihr jedoch nach dem, was ich geſagt habe, noch fernere Zweifel hegt, ſo bin ich weit entfernt, länger in Euch zu dringen, und muß es Euch vollkommen freiſtellen, nach eigenem Gutdünken zu handeln.“ Mr. Rhind hatte in dem bitteren Gefühle, daß er großes Unrecht begangen habe, ſein Haupt gebeugt; er hatte zwar gegen den Entſchluß des jungen Earls noch vielerlei Ein⸗ würfe in petto und es drängte ihn, ſeinem früheren Mündel Betrachtungen von großem Gewicht— wie er ſie nämlich anſah— entgegenzuſtellen; aber er ahnte gleichwohl, daß ſeine ferneren Beweiſe nur ſchwach und kraftlos erſcheinen würden, nachdem die Unrichtigkeit ſeiner erſten Folgerungen ſo vollſtändig erwieſen worden war. Seine gekränkte Eitel⸗ keit hatte mit dem Bewußt eyn, ſich voreilig und vorurtheils⸗ voll gezeigt zu haben, keinen kleinen Kampf zu beſtehen; aber die Klugheit trat bei ihm auf Seiten der Demuth, und er antwortete deßhalb in leiſem, abbittendem Tone: „Es thut mir aufrichtig leid, der jungen Dame Unrecht gethan zu haben, und welche Einwendungen auch ſonſt noch exiſtiren mögen, ſo freue ich mich doch von Herzen, Mylord, daß Eure Neigung ſich an eine ſo treue Anhängerin unſeres proteſtantiſchen Glaubens gefeſſelt hat. Meine einzige Be⸗ ſorgniß iſt, was wohl Eure verehrte Mutter von einer Ver⸗ lobung denken mag, welche ohne ihr Wiſſen und ihre Ein⸗ willigung eingegangen wurde.“ „Ueberlaßt es mir, mich mit meiner Mutter zu verſtän⸗ digen, mein theurer Sir,“ erwiederte der Earl;„ich kenne ſie beſſer als Ihr, und fürchte nichts für den Ausgang. Sie iſt eine viel zu kluge Frau, um eine andere Autorität, als meine Liebe und Ehrerbietung ſie ihr einräumen, zu bean⸗ ſpruchen— ja noch mehr, ſie iſt zu gütig und edel geſinnt, um nicht zu billigen, was ich gethan habe und thun werde, wenn ſie findet, daß meiner Neigung kein vernünftiger Ein⸗ wurf im Wege ſteht, und daß der Gegenſtand meiner Liebe an ſich derſelben würdig iſt. Verſtehe ich Euch recht, wenn ich annehme, daß Ihr mir wie bisher Geſellſchaft leiſten und mir behülflich ſeyn wollet, dieſe junge Dame, wie Sitte und Anſtand es erfordern, in ihr Vaterland zu geleiten?“ 139 „Ganz gewiß, mein theurer Lord,“ erwiederte Mr. Rhind, „ſofern Ihr meine Dienſte annehmen wollt. Ich hoffe und vertraue, daß Ihr meine etwas übereilten Vorurtheile vor der jungen Dame verſchweigen werdet, denn es würde mich ſicherlich um ihre Gunſt bringen und bewirken, daß ſie mich eher als einen Feind denn als ihren Freund betrachtet.“ „In dieſem Punkte mögt Ihr Euch vollkommen beru⸗ higen,“ verſetzte Lord Gowrie, ihm lächelnd die Hand reichend. „Ich werde kein Unheil anrichten, mein theurer Sir. Für jetzt thäten wir aber vielleicht beſſer, uns alleſammt zur Nuhe zu begeben, da wir morgen mit Tageslicht aufbrechen und mit Aenderung unſerer Richtung den Weg nach Pia⸗ cenza einſchlagen müſſen, da ich das venetianiſche Gebiet nicht betreten darf, wenn nicht meine ſchöne Julia der ge⸗ häſſigen Inquiſttion in die Hände fallen ſoll.“ „Das verhüte Gott!“ rief Mr. Rhind, welchem die In⸗ quiſition ein Gegenſtand des äußerſten Schreckens und Ab⸗ ſcheus war.„Wenn die theure Lady um ihres Gewiſſens willen ſolche Gefahr läuft, ſo mag ſie die Liebe und Ehr⸗ furcht aller guten Menſchen verdienen.“ Nachdem der Friedensvertrag alſo zu Stande gekommen, verabſchiedete ſich der Earl von ſeinem früheren Erzieher, und Gowrie machte ſich ſofort daran, ſich nach Hume zu er⸗ kundigen und ſich zu überzeugen, ob Auſtin Jute ſeinen Verſuch, für den folgenden Tag Pferde für die Reiſe aufzu⸗ treiben, durchgeſetzt habe. 140 Zehntes Kapitel. Auf einem der Vorſprünge der Apenninen, wo dieſe Gebirgskette, gleichſam der Rückgrat der italieniſchen Halb⸗ inſel, am nächſten gegen den nördlich ausbiegenden Theil des mittelländiſchen Meeres herantritt, eiwa halbwegs zwi⸗ ſchen der ſchönen Stadt Piacenza und der Gränze von Piemont, ſtand damals und ſteht noch jetzt ein Gaſthof, der in den Sommermonaten von den Bewohnern der benachbar⸗ ten Stadt fleißig beſucht wird, um dort die kühle Bergluft und die ſchöne Ausſicht zu genießen. Er liegt etwas ober⸗ halb Borgonovo, und trug damals den Namen La Festa galante. Die Umgebung iſt hier wild und unbebaut, aber voll maleriſcher Schönheit; die myrthenbedeckten Hügel ſenken ſich ſanft gegen die weiten Ebenen der Lombardei hinab, welche man in ihrer ganzen Ausdehnung vor ſich ſieht, bis der Blick ſich in der blauen Ferne verliert. Zehn Tage nach den im letzten Kapitel erzählten Ereig⸗ niſſen ſaß der Graf von Gowrie mit ſeiner ſchönen Ver⸗ lobten am Abhange des Hügels, etwa eine Viertelmeile vom Gaſthofe entfernt, und betrachtete voll Entzücken die pracht⸗ volle Landſchaft zu ſeinen Füßen, während die untergehende Sonne ihre letzten Strahlen über Ebenen und Gebirge aus⸗ goß und Thürme und Zinnen von Piacenza mit ihrem Lichte vergoldete, ſo daß die Stadt viel näher ſchien als ſie wirk⸗ lich war. Die Entfernung mochte etwa ſiebzehn bis acht⸗ zehn Meilen betragen; die Jahreszeit war ſchon vorüber, wo die Bewohner der Stadt den wimmelnden Märkten und 141 heißen Straßen auf dieſe Höhe herauf zu entrinnen pflegten; außer dem Earl und ſeiner Geſellſchaft befanden ſich keine weiteren Gäſte im Hauſe, und nicht leicht hätte man einen abgelegeneren Punkt finden können, wo Flüchtlinge ſich von langer Reiſe erholen oder Liebende einige Tage glücklicher Ruhe genießen konnten. Auch die Nähe eines anderen Staa⸗ tes, der, ſobald man ſeine Gränze überſchritt, die Flüchtigen bald in Sicherheit brachte, mochte mit ein Grund ſeyn, wa⸗ rum der Earl nach den Anſtrengungen und Aengſten, welche Julia in neuerer Zeit durchgemacht, dieſen Punkt zum zeit⸗ weiligen Aufenthalte gewählt hatte, denn Voghera lag nicht weiter entfernt als Piacenza, und die Gränze zog blos zwei Meilen an dem Gaſthofe vorüber. Alles war ſtill und ruhig um ſie her; Mr. Rhind las etwas weiter unten in einem Buche; nicht fern von dem Liebespaare war eine Dienerin, welche aus Vorliebe für Abenteuer, wie ſie oft das Landvolk dieſer Gegend charak⸗ teriſirt, ihre Heimath Borgonovo verlaſſen und ſich entſchloſ⸗ ſen hatte, die Fremdlinge in ferne Länder zu begleiten— mit einer Nähterei emſig beſchäftigt. Der dämmernde Abendſchein und die blauen Schatten krochen in kürzeren und längeren Linien über den kurzen Naſen und die zer⸗ ſtreuten Myrthenbüſche, während über ihren Häuptern, gleich einem Thronhimmel ausgebreitet, fünf rieſige Pynien ihre breiten dunkeln Aeſte au füreten und auf kurze Strecke den Hügel abwärts eine Villa im Style Palladio's aus einem Kreiſe großer Kaſtanienbäume herausguckte, welche eher dazu dienten, die harten, geraden Linien zu brechen als das 14² Landhaus in ihrer Mitte zu verſtecken. Die Villa war un⸗ bewohnt, denn der Beſitzer hatte ſich für die kühleren Regen⸗ monate des Winters in die Stadt zurückgezogen; gleichwohl erhielt die ſonſt ungewöhnlich wilde Landſchaft durch ſie einen Anſtrich von Geſelligkeit und Bewohntheit, der in den mei⸗ ſten Fällen durch die damit verknüpften Gedanken einen wohlthuenden Eindruck macht. Das Geſpräch der Liebenden war nicht luſtig, aber heiter — heiterer als es ſeit ihrem letzten Zuſammentreffen gewe⸗ ſen, denn bisher hatte das Gedächtniß des Todten den Hori⸗ zont hinter ihnen verdunkelt und oft wiederkehrende Beſorg⸗ niſſe hatten die Ausſicht in die Zukunft umwölkt. An mehreren Orten, wo ſie unterwegs angehalten— hatten ſie aus Beſorgniß wieder aufbrechen müſſen, und ſelbſt zu Pia⸗ cenza fanden ſie Urſache, für ihre Sicherheit beſorgt zu ſeyn. Ein Mann, der den Mr. Rhind zu Padua kennen gelernt— hatte dieſen auf der Straße getroffen und ihm eine ganz entſtellte Geſchichte von des alten Manucci's Tode und Ju⸗ lia's Flucht erzählt, wobei er geradezu erklärte, der alte Mann habe unerlaubte Künſte getrieben und ſeine Enkelin ſtehe im Verdacht, ihm hiebei behülflich geweſen zu ſeyn; ſie ſey jedenfalls ſchuldig geweſen, fügte er bei— und dies neutraliſirte in der Seele ſeines Zuhörers die Wirkung dieſer Geſchichte, ſoweit die arme Julia dabei betheiligt war— da man ſich nicht erinnern könne, daß ſie jemals zur Beichte oder Abſolution gegangen wäre. Erſt jetzt überließ ſich Gowrie und ſeine Geliebte dem Gefühle der Sicherheit, denn er hatte Maßregeln getroffen, 143 um ſich vor Ueberfall zu ſichern, und die Erinnerung des kaum erlebten Verluſtes war durch die Zeit und den raſchen Wechſel ſo mancher aufregender Ereigniſſe etwas beſänftigt worden. Gowrie ſuchte ſeine Julia aufzuheitern, ihr alle Furcht auszureden und die Spuren des erſten tiefen Kummers, den ſie kennen gelernt hatte, zu verwiſchen, und während Luſtigkeit von ſeiner Seite ihr Gefühl verletzt hätte, fand gerade ſein munterer, mit tiefſinnigen Gedanken vermiſchter Ton den Weg zu ihrem Herzen, das jeden direkten Troſt verworfen und ſich vor jeder peinlichen Fröhlichkeit geflüchtet hätte. Den Tag vorher hatte ſie mit Gowrie die Papiere durchgegangen, welche Manucci dem Grafen anvertraut hatte. Es war eine traurige Lektüre geweſen, denn hier fand ſie die Geſchichte all' der Leiden, welche ihre Eltern erduldet hatten, und wenn ſie ſich auch mit einem Gefühle der Freude ſagen konnte, daß zwiſchen ihrem beiderſeitigen Range keine ſolche Ungleichheit beſtehe, daß ſeine Freunde ſie mit kalten Blicken betrachten mußten— ſo war doch der erſte Eindruck dieſer Entdeckung ein trauriger. Gowrie hatte dies damals wohl bemerkt, wollte aber jetzt nicht auf dieſen Gegenſtand zurückkommen, ſondern ſprach nur von leichteren Dingen, welche aber mit tieferen, mächtigeren Gefühlen mehr oder weniger in Verbindung ſtanden. „Es iſt in der That ein ſchöner Fleck Erde— dieſes liebliche Land Italien,“ bemerkte er, während ſie die Scene vor ihren Augen betrachteten;„und doch, geliebte Julia, hat ſein Anblick für mich immer etwas Trauriges. Die 144 Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit kontraſtirt ſo ſtark mit den peinlichen Wirklichkeiten der Gegenwart, daß ich mich nie dieſer reizenden Schauplätze erfreuen kann, ohne zu wünſchen, daß ſeinen Bewohnern ein glücklicheres Loos zugefallen wäre.“ „Das Land hat aber immer noch manches Glänzende aufzuweiſen,“ entgegnete Julia;„iſt auch der Ruhm der Waffen dahin, ſo hat ihn der Glanz der Künſte überlebt.“ „Und auf die Freiheit iſt die Politik gefolgt,“ meinte Gowrie mit ſchwachem Lächeln;„doch laß uns nicht bei Gegenſtänden des Bedauerns verweilen, Liebe! Wie doch die Strahlen der untergehenden Sonne jenen hohen Glocken⸗ thurm und das alte Kaſtell daneben faſt mit ätheriſchem Glanze überſtrahlen, während der purpurne Schatten, der auf dem Dorfe unten lagert, dieſes von dem leuchtenden Hange des Hügels abhebt. Wohl mag unter jenem Dunkel mehr Friede wohnen als in den ſonnebeglänzten Thürmen dort oben. Ich bin entſchloſſen, mein ſüßer Engel, nicht nach Ruhm zu ſtreben. Sieh! gerade jetzt ſchwindet der Glanz darüber weg und die gewaltige Maſſe verliert ſich faſt vor unſern Augen. Nein, nein, Glück und Zufrieden⸗ heit ſind koſtbare Juwelen und begehrenswerther als Alles, was der Ehrgeiz Lerſprechen oder die Macht verleihen kann.“ „Dem Himmel ſey Dank, daß Du alſo empfindeſt!“ rief Julia;„aber erzähle mir auch von Deinem eigenen Lande, Gowrie, das auch das meine iſt— von unſerem Geburtslande. Nach der Art, wie Du die Landſchaften, durch welche wir kommen, bewunderſt, fürchte ich beinahe, 145 daß es jener Schönheit entbehrt, welche Dich ſo ſehr entzückt.“ „O keineswegs,“ behauptete Gowrie;„es hat ſeine ei⸗ genen, zwar ganz verſchiedenen, aber nicht weniger groß⸗ artigen Schönheiten. Der Himmel iſt dort oft von Wolken, die Luft mit Dünſten erfüllt; rauh und ernſt iſt oft das Antlitz der Gegend und die Winde ſind kalt und ſchneidend. Allein jene Wolken verleihen Allem, worüber ſie hinziehen, eine unendliche Mannigfaltigkeit, und iſt es gleich nicht ein Land des Sonnenſcheines, ſo iſt es wenigſtens ein Land des glimmenden Lichtes. Schatten und Helle winden ſich in luftigem Tanze über die Landſchaft, das purpurne Heidekraut und der gelbe Ginſter erſetzen uns Myrthen und Genzianen, kaum minder wohlriechend und ebenſo ſchön, wie dieſe. Dann vollends die grauen Nebel— laß Dich nicht durch ſie er⸗ ſchrecken— denn wenn ſie im Morgenſtrahle aus der Tiefe emporſteigen und ſich um die ſchlanken Hügel winden, ſehen ſte aus wie ein grauer, goldgeſäumter Mantel, der ſich um die Glieder des rieſigen Genius meines Landes ſchlingt. Der Ausdruck der Landſchaft iſt, wie geſagt, kühn und rauh, aber was er an Schönheit verliert, gewinnt er an Erhaben⸗ heit: er beſticht die Fantaſie und erhebt den Geiſt. Doch findet das Auge auch viele ſanfte, liebliche Stellen, denn wir haben nicht blos tiefe, dunkle Seen, felſige Gebirge und toſende Waſſerfälle, ſondern auch ſüße anmuthige Gegenden, ſo reizend man ſie in dem ſchoͤnen Italien trifft, und wo Du ſie findeſt, da ſind ſie wie das Lächeln auf eines Kriegers Antlitze in einem Augenblicke des Friedens und der Erholung.“ James, Gowrie, 10 446 „O gewiß, ich werde es lieb gewinnen,“ verſetzte Ju⸗ lia;„ich habe zwar noch wenig von der weiten Welt ge⸗ ſehen, aber doch habe ich öfter ſchöne Gemälde mit einer Empfindung betrachtet, die ich kaum beſchreiben kann— mit einer Sehnſucht, einem Verlangen in die tiefen Schat⸗ ten einzudringen, zwiſchen den felſigen Hügeln zu ſchweifen, den ſchimmernden Fluß durch die Wälder zu verfolgen, zu ſehen, wie der See zwiſchen den Gebirgen ſich verliert und all' die Räthſel zu löſen, welche der Maler dem Spiele der Fantaſie überlaſſen hat. Am liebſten habe ich immer ſolche Gemälde gehabt, welche große und intereſſante Seenen dar⸗ ſtellen; ſie ſcheinen mein Herz unmittelbar zu Gott zu er⸗ heben, die Felſen und Gebirge ſcheinen die Stufen ſeines Tempels, ſein Altar auf dem Gipfel der Hügel. Wie ſieht denn aber Deine eigene Wohnung zu Perth aus?“ „Es iſt ein altes großes Haus in einer der ſchönſten Städte des Landes, mit weiten Gemächern und langen Gal⸗ lerien,“ erzählte Gowrie, der Geliebten die Hand drückend. „Aber ſieh! meine Julia, dort kommt ein Reitersmann auf der Straße von Borgonovo in großer Eile daher geſprengt. Es muß mein wackerer Auſtin ſeyn, der dort die Wache hatte. Und da— ſieh nur, folgen ihm zwei andere Reiter in etwas langſamerem Schritte. Holla, Katharina, rufe meine Leute! Die Ankunft zweier Männer brauchen wir nicht zu fürchten, wenn nicht mehr hinterdrein kommen. Ich meine dieſe zweite Geſtalt ſieht unſerem Hume ähnlich, denn der Mann reitet nicht nach Art der Italiener. Aber doch kann er Padug kaum erreicht haben und uns ſo ſchnell hieher gefolgt ſeyn. Der Erſte iſt ſicherlich Auſtin und die Sporen ſpart er nicht, der Brave!“ Sie ſtanden auf und beobachteten den Nahenden, wäh⸗ rend drei bis vier nach der Sitte jener Zeit wohlbewaffnete Diener heraustraten und ſich um ihren Lord ſammelten. Mittlerweile war der erſte Reiter in dem braunen Gehölze verſchwunden, das ſich am Fuße des Hügels hinzog; dann kam er von Neuem zum Vorſchein, den ſteilen Hügel etwas langſamer hinanreitend, während die beiden Anderen, die ihm folgten, ihrerſeits in dem Gehölze ſich verloren. Nach wenigen Minuten ſprang Auſtin Jute an der Seite ſeines Herrn vom Pferde und meldete: „Sir John Hume iſt im Anmarſch, Mylord, und ich ritt voraus, um Euch hievon zu benachrichtigen.“ „Du hätteſt das Dorf nicht verlaſſen ſollen, Auſtin,“ meinte der Carl;„ich hieß Dich ja ausdrücklich ſo lange dort bleiben bis Du Grund zur Beſorgniß bekämeſt.“ „Wahr, Mylord,“ erwiederte der Mann;„aber ich habe auch noch andere Zeitungen. Schlimme Nachrichten ma⸗ chen den Boten häßlich, deßhalb habe ich die guten zuerſt gemeldet. Ich fürchte, Ihr werdet in der heutigen Abend⸗ kühle aufbrechen müſſen, denn dort unten iſt ein fetter Do⸗ minikaner, ein glatter Official mit zwei Dienern, und ich wollte wetten, ſie meinen es nicht gut mit der Signora. Ich ließ mich mit ihnen in ein leichtes Geſpräch ein und ſtellte mich ſo einfältig wie eine Taube. Ihr braucht Euch aber nicht zu eilen noch zu fürchten, Lady,“ ſagte er, als er ſah, wie Julia's Wange erbleichte, denn ſie fühlte ſich von Neuem 10*⁴ 148 herzkrank und von jener Empfindung beſchlichen, wie ſie oft mitten in den Beſorgniſſen des Lebens über uns kommt, wenn wir eine kurze Zeit der Ruhe genoſſen haben und von Neuem die Angſt als unſeren Feind neben uns ſehen.„Er⸗ muntert Euch nur, ſchöne Lady, ermuntert Euch! Es ſind ja nur ihrer Vier und wir doppelt ſo ſtark. Bei dem Po⸗ deſta werden ſie wenig Hülfe finden, denn der iſt Gottlob ein Atheiſt; überdies vergeßt nicht, volle Tonnen rollen lang⸗ ſam und ſie füllen ſich jetzt eben mit Speiſe und Trank. Es war für heute ihr erſtes Mahl und ich beſtellte jedem eine Flaſche hitzigen Weins, der in ihrem leeren Magen nicht übel rumor enwird.“ „Dort kommt Hume,“ rief der Carl.„Behalte mir jene Felsecke wohl im Auge, Auſtin! In einer halben Stunde wird es finſter, und ſie werden wohl nach Sonnen⸗ untergang nicht weiter reiſen.“ „Wenn ſie es thun,“ ſchwur Auſtin Jute,„ſo will ich es auf mich nehmen, ihnen ihre Breviere aus der Taſche zu ziehen, und ſie ſollen mich allein für einen ganzen Trupp von Banditen anſehen. Die Burſche ſind grauſam, alſo auch feig; wenigſtens habe ich dieſe beiden Fehler nie vereinzelt geſehen.“ „Nichts der Art; ich werde es nicht dulden, Jute,“ verſetzte der Earl, der nach ſo langer Bekanntſchaft mit ſei⸗ nes Dieners Charakter recht wohl wußte, daß er ganz der Mann war, um im Uebermuthe auszuführen, was er im Scherze perſprochen.„Gehe, wohin ich Dir's geheißen und bewache die Straße bis zum Einbruch der Nacht oder bis ich Dich zurückrufe.“ 149 „Soll ich ihnen nicht lieber gar entgegenreiten, Mylord, und ſie zur Eile anſpornen, wenn ich ſie dahertrotten ſehe?“ brummte Jute einige Schritte zurücktretend.„Ich habe einen gelehrten Profeſſor zu Padua ſagen hören, man muß einem kommenden Uebel immer entgegengehen', und dann murmelte er noch etwas Latein, deſſen ich mich nicht mehr erinnere.“ Der Earl gab keine Antwort, ſondern wandte ſich zur Begrüßung ſeines Freundes Hume, der luſtig und frohſinnig wie immer ihm ſcherzend die Hand ſchüttelte. „Hier iſt ein Brief für Dich, Gowrie,“ rief er;„möge er gute Nachrichten für Dich bringen, obwohl er letztlich von einem ſchlimmen Orte kam. Theure Lady, Ihr dürft wohl freundlich ausſehen, denn Ihr habt allen Doktoren zu Pa⸗ dua die Köpfe verrückt, nur will es das Unglück, daß die Wirkung der Schönheit wie die der Sonne ſich nach dem Gegenſtande, den ſie trifft, ändert und Schlangeneier auf dem Dunghaufen ausbrütet, während ſie in Feld und Garten Blumen und Früchte treibt. Sie Alle erklären Euch für eine Zauberin, und wenn auch Gowrie und viele Andere daſſelbe denken, ſo geſchieht es doch in ganz anderem Sinne.“ „Sie thun mir großes Unrecht;“ erwiederte Julia trau⸗. rig;„ſie thaten es ebenſo meinem verſtorbenen Großvater, denn ſeine ganze Seele träumte nie vom Boͤſen, ſondern war nur darauf bedacht, ſeinen Nebenmenſchen Gutes zu thun. Wir würden gewiß eine friedlichere Welt haben, wenn alle Menſchen ſo ſchuldlos wären, wie er.“ „In Padua ſind ſie nicht ſehr friedlich geſtimmt,“ meinte 150 Hume,„denn dort gab es einen Auflauf und viele zerſchla⸗ gene Köpfe. Ich darf meinem Gott danken, daß ich hier bin, denn das würdige Eſelsconcil hatte beinahe beſchloſſen, mich wegen meiner Kenntniß des Gäliſchen arretiren zu laſſen; ich glaube gar, wenn ſie nicht Italieniſch verſtünden, würden ſie es gleichfalls für Magie erklären.— Nun, was für Neuigkeiten, Gowrie? Wenn Deine Epiſtel ebenſo friedlich lautet, wie die meine von derſelben Hand, ſo wer⸗ den Deine Angelegenheiten glatt verlaufen und das Glück wird einen grünen Raſen haben, um darauf zu galoppiren. Ich meinestheils werde nunmehr wie die Kugel aus der Feldſchlange, durch Europa eilen, bis ich mich vor den hüb⸗ ſchen Füßchen meiner theuren Beatrice ſanft ausrolle.“ Lord Gowrie hatte während dieſer Rede den Inhalt des von ſeinem Freunde überbrachten Briefes überleſen; ſein Auge war mit ängſtlich geſpanntem Blicke auf das Blatt geheftet, wie es Menſchen von tiefer Empfindung meiſtens begegnet, wenn ſie Nachrichten von fernen Freun⸗ den empfangen; aber auf ſeinen Lippen ſchwebte dabei ein Lächeln, welches bewies, daß der Inhalt nicht unbefriedigend war. Wir können ihm ſchon einen Augenblick über die Schulter ſehen, während er mit dem Brief in der Hand da ſteht, und die Worte ſeines Inhaltes ſelber leſen. Er lau⸗ tete folgendermaßen: „Dem Grafen v. Gowrie, unſerem theuren Sohne. „Liebe und zärtlichen Gruß zuvor! „Sohn!— Dein Brief vom ſechszehnten Auguſt, durch einen treuen Boten überbracht, hat uns zeitig erreicht, und —x 15¹ in Betracht, daß Dinge von Wichtigkeit darin enthalten ſind, in Betreff deren Du Dich nicht eher beruhigen wirſt, bis Du von uns gehört haſt— ſchreibe ich Dir ſogleich, um Dich die Geſinnung Deines Großonkels und meine eigene wiſſen zu laſſen. Du haſt Dich bei allen Gelegenheiten weiſe und über Deine Jahre klug gezeigt und thuſt wohl daran, uns, denen Deine Liebe und Dein Intereſſe ſehr am Herzen liegt, Deine Abſichten freimüthig mitzutheilen, obgleich Du jetzt in einem Alter ſtehſt, um ohne Kontrole für Dich ſelbſt urtheilen und handeln zu können. Wir zweifeln nicht, mein theurer Sohn, daß Du auch in der Wahl, die Du getroffen, Deine Umſicht bewieſen, und daß Lady Julia, von welcher Du ſchreibſt, jedes Lobes würdig iſt. Wir hätten zwar in einer ſolchen Angelegenheit gewünſcht, daß Du eine Dame gewählt hätteſt, welche uns Allen bekannt iſt und mit deren Freunden wir auf gewohnte Weiſe hätten verhandeln kön⸗ nen; da Du aber einmal gewählt haſt und Liebe keinen Wi⸗ derſpruch verträgt, ſo freuen wir uns zu hören, daß ſie eine unſerer Landsmänninen von geziemendem Range und wohl erzogen iſt, wie auch, daß ſie in einem Lande der Götzendie⸗ nerei, ja faſt des Heidenthums allen Verlockungen zum Ab⸗ fall herzhaft widerſtanden hat. So iſt es uns auch tröſtlich zu erfahren, daß Du Dich nicht durch raſche, ungezügelte Leidenſchaft verleiten läßt, die Dame ſogleich heirathen zu wollen, ſondern lieber warten willſt, bis Du ſie zu unſern Freunden gebracht und die Ländereien, die ihr, wie Du ſagſt, gebühren, für ſie nachgeſucht, wenn nicht erlangt haſt. Nicht daß wir viel darauf zu ſehen hätten, ob ſie mit reicher Morgen⸗ 15² gabe zu Dir kommt oder nicht, mein Sohn, wenn nur die übrigen Eigenſchaften nach Wunſche ſind; aber wir ſind er⸗ freut zu ſehen, daß Ihr Beide Euch nicht von der Hitze der Leidenſchaft, ſondern lieber von Vorſicht leiten laſſet. So wirſt Du begreifen, daß ich von ihrem Herzen wie von ihrem Verſtande eine gute Meinung gefaßt habe, nicht allein aus dem, was Du ſchreibſt— denn das könnte von der Liebe des Jünglings eingegeben ſeyn— ſondern aus ihren eigenen Handlungen, welche zu ihrem Lobe reden. Du magſt ſie alſo in meinem Namen, als dem ihrer theuren Mutter, küſ⸗ ſen und ihr ſagen, daß ſte unter meinem Dache alle die Liebe und Pflege finden ſoll, welche ihren ſämmtlichen Kindern erweist Deine zaͤrtliche Mutter Dorothea Gowrie.“ Poſtſcript.„Ich hoffe, Deine Ankunft wird bald erfolgen, denn es iſt ſchon gar lange her, ſeit dieſe Augen meinen Sohn nicht mehr geſehen haben. Sir John Hume heirathet Deine Schweſter Beatrice, welche nun im Gefolge Ihrer Majeſtät der Königin iſt. Ich habe ihm meine Ein⸗ willigung geſchrieben und dieſen Brief in ſein Paket gelegt, da ich nicht wußte, wo Du ſeyn würdeſt, wenn der Bote Padua erreicht.“ Ohne Sir John Hume zu antworten, nahm Gowrie Julien zärtlich in die Arme und küßte ſie mit den Worten: „Ich bin beauftragt, Liebe, Dir dieſen Kuß von einer Frau zu geben, welche ſich herzlich freut, Dich als Tochter zu empfangen.“ —+ ⸗ 153 „Ich wünſchte von Herzen, meine theure Beatrice wäre auch hier,“ rief Sir John Hume:„dann würden ſolche Grüße in Mode kommen.— Um's Himmels willen, was ſtarrt Ihr denn ſo, theurer, geliebter Rhind? Habt Ihr denn nie gehört, daß ein Kuß in einem Briefe geſchickt wurde? Und wenn die Gräfin von Gowrie ihrer künftigen Schwiegertochter durch Prokuration einen ſolchen Gruß zu⸗ kommen laſſen will, da ſie ihn auf tauſend Meilen Entfer⸗ nung nicht ſelbſt ausrichten kann— wen konnte ſie beſſer zu dieſem Amte wählen als ihren eigenen Sohn? Doch komm, Gowrie, Dein tollköpfiger Burſche hat Dir gewiß erzählt, daß Du ſchwarze Nachbarn in der Nähe haſt, und Du darfſt jetzt nur wählen, ob Du heute Nacht aufbrechen oder bis Morgen früh warten willſt. Schau, dort glimmt ſchon ein Stern empor, der Abend iſt ſchön und warm und wir können Voghera noch vor Thorſchluß erreichen. Was ſagt Ihr, ſchöne Lady?“ „O, laßt uns gehen,“ bat Julia;„ich werde mich nicht eher ſicher fühlen als bis ich dieſes Land hinter mir habe.“ „So kommt und alsbald zu Roß,“ rief Gowrie.„Wir können mit einigen der Leute vorausreiten, die Uebrigen mit der Bagage folgen nach. Sie werden wohl Wämmſer und Mäntel nicht der heiligen Inquiſition unterwerfen, ſo daß wir ſie ſicher zurücklaſſen können.“ Der Plan ward eben ſo raſch ausgeführt als entworfen. Die Wirthsrechnung wurde bezahlt, die Pferde geſattelt, und eben als die Sonne unter den Horizont geſunken war, ſah man die drei Herren mit Julien und ihrer Dienerin auf⸗ 154 brechen. Die Sterne ſchienen hell und klar auf ihren Pfad, und mit frohem Herzen paſſirte Julia einen alten, ſelbſt da⸗ mals verlaſſenen Thurm, der die Gränze zwiſchen den Ge⸗ bieten von Piacenza und Voghera bezeichnete, welch letzte⸗ res damals wie noch heute unter eigener, abgeſonderter Herrſchaft ſtand. Juliens Laune beſſerte ſich zuſehends, und ſo ſchweigſam ſie während der erſten paar Meilen ihres Rittes geweſen war, ſo lebhaft befragte ſie jetzt Sir John Hume, der ihr zur Rechten ritt, über Alles, was er zu Padua erlebt hatte. Mit leichten, munteren Scherzen wußte er ihren Fragen auszuweichen, denn er mochte ihr nicht erzählen, daß das Haus, das ſo lange ihre Heimat geweſen, am Tage ihrer Flucht von Padua gänzlich ausgeplündert worden war. Sie ſah bald, daß er nicht Luſt hatte, ſie zu befriedigen, und ihre Phantaſie wußte nur allzu getreu die undeutlichen Umriſſe, die er ihr gab, auszufüllen. Ueber ihre arme, alte Dienerin Tita wollte ſie jedoch durchaus mehr erfahren, und hier hatte der junge Gentleman weniger Scrupel, ihr nähere Nachrichten mitzutheilen. „O, was die liebe, gute Tita betrifft,“ erwiederte er, „der iſt es vortrefflich ergangen. Mit keckem Muthe begeg⸗ nete ſie den alten Weibern im ſchwarzen Rocke, welche die Univerſität gegen ſie auszuſenden vermochte, und machte ſie alle zu Schanden. Sie zankte die Profeſſoren, ſchalt den Inquiſitor und kratzte den Beamten beinahe die Augen aus. Dem alten Martinelli ſagte ſie unter die Naſe, wenn die Leute ihn nicht ungeſetzlicher Siudien bezüchtigt hätten, 2 155 ſo würde er nie verſucht haben, den gleichen Verdacht auf Andere zu werfen, und was ihren alten Herrn und die junge Lady betreffe, ſo hätten ſie weit weniger mit böſen Geiſtern zu thun gehabt als andere Leute, die ſie nennen könnte, welche mit Blut geſchriebene Bücher gehalten und das Bild⸗ niß eines Kindes aus einem Topfe ſiedenden Waſſers hätten aufſteigen laſſen. Der alte Narr wurde zu Tode erſchreckt und entfernte ſich eiligſt aus dem Hauſe, nicht wiſſend, was ſie ihm zunächſt noch Schuld geben würde und nicht ohne Beſorgniß, daß der Sturm, den er theilweiſe hatte erregen helfen, auf ihn ſelbſt zurückfallen möchte. Nach dieſem Auf⸗ tritt ſcheute ſich Jeder, mit der kecken Tita anzubinden, und ſo blieb ſie Siegerin auf dem Schlachtfelde. Sie iſt jetzt in einem Häuschen neben dem Marktplatz ganz behaglich ein⸗ gerichtet und wird als eine der Heldinnen von Padua mit großer Verehrung betrachtet.“ „Es iſt doch eigen, wie Menſchen ſo toll und närriſch ſeyn können,“ bemerkte der Earl.„Man muß doch in der That ſehr ſchwachköpfig ſeyn, um ſich der Herrſchaft ſchwäch⸗ licher, alter Männer oder halbgebrechlicher Weiber zu unter⸗ werfen.“ „Oder gehört ein ſehr auffallender Geſchmack für Frauen⸗ ſchönheit dazu, um ſich in Runzeln, graue Haare und einen Bart zu verlieben, wie er dem Kinn einer Dame kaum an⸗ ſteht,“ lachte Hume.„ZJedenfalls verſprechen dieſe Dinge einen großen ſcholaſtiſchen Kampf in Padua zu erregen, denn ſchon jetzt ſcharen ſich die Parteien für und gegen das Daſeyn der Magie überhaupt. Antonelli hat eine Vorle⸗ 156 ſung über die Nichtexiſtenz der Magie angekündigt, und als einer der Doktoren eine ſolche Meinung als ketzeriſch bezeich⸗ nete, drehte er den Stiel gegen die Verfolger um und gab den beiden Partien die Namen der Magier und Antima⸗ gier, ſo daß Martinelli und ſeine Faktion jetzt allgemein zu ihrer großen Angſt und Beſtürzung unter dem Titel der Ma⸗ gier bekannt ſind.“ „Aber wir haben die Gewähr der heiligen Schrift,“ be⸗ merkte Mr. Rhind ernſthaft,„daß Magie wirklich beſtanden hat. Bileam, Balaks Sohn, als er aufgefordert wurde, die Kinder Israels zu verfluchen, ſprach deutlich davon, als von einer Kunſt, welche er ſelbſt ausübte.“ „Wißt Ihr gewiß, daß es nicht Bileams Eſel war?“ fragte Sir John Hume lachend;„ich bin überzeugt, Nie⸗ mand als ein Eſel würde ſie heutzutage üben wollen.“ Mr. Rhind war zwar zum Schweigen gebracht, aber noch lange nicht befriedigt; er hatte dem ganzen Geſpräche mit großer Aufmerkſamkeit zugehorcht, und das jetzt Ver⸗ nommene mit ſo manchen Worten, welche Julien und dem Grafen entfallen waren, zuſammenreimend, ahnte er die Natur der wider ſie erhobenen Anklage und fühlte ſich da⸗ durch in ſeinem Gemüthe ſehr bedrückt. Wohl hatte er an Julien nichts als Schönheit, Sanftmuth und ächte Fröm⸗ migkeit wahrgenommen, hatte ſogar entdeckt, daß ſie immer eine engliſche Bibel mit ſich führte; allein in dem vollen Glauben, den er mit den meiſten Menſchen ſeiner Zeit theilte, daß ein Ding wie Magie wirklich eriſtire, fühlte er ſich durch ſeines Mündels langjährige vertraute Bekanntſchaft mit — 157 Manucci ſehr betrübt und beunruhigt, nachdem dieſer Ge⸗ lehrte, wie er jetzt erfuhr, der Ausübung unerlaubter Künſte angeklagt war. Er ſuchte am andern Morgen durch ſehr geſchickt ge⸗ meinte Fragen noch weitere Gewißheit aus Sir John Hume herauszulocken; aber er war von Natur ſo einfältig, daß Hume jede ſeiner Wendungen parirte und ihn zu Schan⸗ den machte, und in derſelben Nacht verließ der junge Ritter ſeine Reiſegefährten und eilte nach Frankreich, um in raſche⸗ ren und längeren Tagereiſen, als Julia ſie ſich zumuthen konnte, nach Schottland zu gelangen, ſo daß Mr. Rhind ſeinen eigenen Schlußfolgerungen überlaſſen blieb, denen er mit Furcht und Bitterkeit nachbrütete. Eilftes Kapitel. Es mag vielleicht als Paradore erſcheinen, wenn ich ſage, daß Erwartung Genuß iſt. Nichtsdeſtoweniger iſt es ſo auf dieſer Erde. Befriedigung iſt nur für den Himmel. Mit der Erfüllung jedes Wunſches iſt ſo viel Enttäuſchung verbunden, daß es nicht eigentlich Genuß genannt werden kann, denn die Fantaſie ſchweift doch immer in der Zukunft, und wenn wir die harte Wirklichkeit, nach der wir uns ſehn⸗ ten, erreichen, ſind die Reize verſchwunden, womit die Ein⸗ bildungskraft ſie ausſchmückte. Wollten wir uns nur immer den Fall getreulich darlegen, ſobald wir eine der mannig⸗ faltigen Begierden faſſen, welche uns Schritt für Schritt 158 durch's Leben führen— die Anſicht würde eine ganz andere, als der Menſch ſie ſich faſt immer vorſtellt, und wir hätten wenigſtens einen Schritt zu unſerer eigenen Enttäuſchung gethan. Wir ſagen immer:„wenn ich Dies oder Jenes erreichen könnte, ſo wäre ich ganz zufrieden;“ während wir doch ſagen ſollten:„ich glaube, dieſe oder jene Erwerbung würde mich glücklich machen.“ Wir würden dann bald finden, daß dem nicht ſo iſt, und dieſe ewig wiederkehrende Lektion würde uns am Ende fragen lehren, was denn die Quelle dieſer Enttäuſchung war. Hatten ſich etwa die übrigen Umſtände in unſerem Schickſale ſo geändert, während wir den Pfad des Verſuches verfolgten, daß das Erreichen des Zieles uns nicht mehr befriedigte? War der geſuchte Gegen⸗ ſtand nach ſeiner Erlangung weſentlich verſchieden von dem, wie wir ihn während der Verfolgung Vernunft gemäß an⸗ nehmen durften? Oder hatte unſere Phantaſie ihn mit fremden Reizen vergoldet, hatte ſie uns blindlings und frei⸗ willig überredet, daß das Ziel glänzender und herrlicher ſey als es ſich wirklich zeigte? Alle dieſe Fragen laſſen ſich leicht mit Ja beantworten; aber dennoch fürchte ich, würde die Hauptlaſt der Täuſchung an der Phantaſie haften bleiben, und der Menſch würde immer finden, er habe die Zukunft ohne genügende Gründe beurtheilt, habe ſich durch das Verlangen zur Hoffnung an⸗ reizen laſſen, und dieſe Hoffnung habe ſeine Erwartung be⸗ trogen. Und doch wenn er ſich nur umwenden und zurück⸗ ſchauen wollte, nachdem er Erfolg und Enttäuſchung— Beides erlangt hat, ſo würde er finden, daß die Freuden, die 159 er im Verfolge beſonders zu der Zeit genoſſen, da das Ziel immer näher und näher rückte— den Betrag des Genuſſes, den er ſich in dem Beſitze gedacht, in der Hauptſumme voll⸗ wichtig machen. Da ſagt Einer z. B., ich will heute in die Stadt gehen und dort dieſe und dieſe Summe zum An⸗ kauf von Dingen verwenden, welche zu meiner Befriedigung und Behaglichkeit nothwendig ſind. Er macht ſich auf die Reiſe, verbraucht ſein Geld hier, verbraucht es dort, und bei ſeiner Ankunft entdeckt er, daß er nicht die Hälfte deſſen, was er ſich vorgeſetzt hatte, einkaufen kann. Aber er hat ſich unterwegs amüſirt und hat keine Urſache, ſich zu beklagen. Wenn wir auf dieſe Weiſe— wie ich nur wenige Sätze weiter oben angegeben— den Gegenſtand unſerer Wünſche mit fremden Reizen ſchmücken, ſo dürfen wir wohl ſagen, daß wir ſelbſt während des Verfolgens im Voraus genießen und zwar ganz beſonders, wo uns das Gelingen, wenn auch noch fern, doch ſicher ſcheint. In Gowrie's Falle war dem wirklich ſo. Er betrachtete die Vereinigung mit Julien als die Vollendung ſeines Glückes; er wünſchte der Zeit Flü⸗ gel, bis ſie für immer die Seinige ſeyn würde: aber den⸗ noch waren es Freudentage, die er unterdeſſen an ihrer Seite zubrachte. Die Hoffnung zog ihnen voran, und ſie folgten, ohne aber dabei zu verſäumen, unterwegs ſo manche Blume zu pflücken. Durch ſein Verſprechen gebunden, wußte er, daß ein gewiſſer Zeitraum verſtreichen mußte, ehe ihr Schickſal unauflöslich verbunden würde. Seine Reiſe zu beſchleunigen, half ihm nichts, und er hatte keinen Grund, ſich ſonderlich nach ſeinem Geburtslande zu beeilen. Viel 160 eher war er geneigt, in ſo manchen ſchönen Gegenden und beſonders in einem Klima, wo der Winter nur langſam kommt und frühe ſcheidet, an der Seite der Geliebten zu verweilen, ohne daß ein anderer Zwang zwiſchen ihnen be⸗ ſtand, als den ſein eigenes Rechtsbewußtſeyn ihm auflegte, indem ein Gefühl tiefer Wonne die Gegenwart erfüllte und Erwartung ſeine Zukunft erheiterte. In Piemont und Savoyen hatte alle Gefahr ein Ende, denn während die ſüdlichen und öſtlichen Theile Italiens noch immer unter jenem Syſteme der Tyrannei und des Aberglau⸗ bens ſeufzten, welches ebenſowohl die Gedanken wie die Hand⸗ lungen des Menſchen zu beherrſchen ſtrebte, hatten die an Frankreich angrenzenden Staaten die Feſſeln ſchon ſo ziemlich abgeworfen, und die Macht des grauſamſten und willkürlich⸗ ſten Tribunales, das jemals von Menſchen gegründet wurde, ward dort nicht länger anerkannt. Gleichwohl war er der Meinung beſonders ſolcher Perſonen, die er liebte und ehrte, doch einige Ruͤckſicht ſchuldig. Wenn er ohne vernünftigen Beweggrund unterwegs anhielt, wenn er die Verlobte faſt einzig und allein mit ihm in fernen Landen zu längerem Aufenthalte veranlaßte, ſo mochten ſich allerdings Zweifel erheben. Deßhalb zogen ſie langſam weiter, aber ſie hiel⸗ ten doch nicht ſtille. Sie machten zuweilen einen Raſttag und wählten ſich dazu die ſchönſten Punkte, die ſie finden konnten— Scenen, welche mit den Gefühlen ihrer eigenen Herzen harmonirten. Es wäre zuviel geweſen, wenn man hätte verlangen wollen, daß zwei Weſen, die ſich alſo liebten, durch die ſchönſten Länder Europa's extrapoſt reiten ſollten, 161 Ihre Reiſetage waren kurz, denn ſie ſuchten unterwegs alles Sehenswürdige zu genießen, Alles zu betrachten, ſich an Allem zu ergötzen, jeden Gedanken, wie er entſtand, einander mitzutheilen, und ihre Seelen gleichſam in einander zu ver⸗ weben, wie ihre Herzen ſchon längſt verwoben waren. Um die Thaten, welche rings um ſie geſchahen— und deren waren viele und höochſt wichtige in damaligen Zeiten — kümmerten ſie ſich nur wenig. Was galten ihnen die Ausſprüche und Thaten von Prinzen und Potentaten? Was waren für ſie die wechſelnden Scenen der Politik und des Kriegs? Sie trugen eine eigene Welt in ſich ſelbſt, in welcher ſich alle ihre Gefühle und Gedanken concentrirten. Als ſie ſich jedoch den ſavoyiſchen Gebirgen näherten, vernahmen ſie Gerüchte von militäriſchen Bewegungen, welche den guten Mr. Rhind ſehr beunruhigten. Er war ein hoͤchſt friedfertiger, ſehr ſchüchterner Mann; allein Lord Gowrie behandelte die Sache leichthin und Julia ſchien kaum zu begreifen, daß es beim Streite von Monarchen für un⸗ kriegeriſche Perſonen irgend eine Gefahr geben könne. Ihr Fortſchreiten wurde jedoch durch andere Umſtände noch mehr als zuvor verzögert: bei jedem Schritte gab es Berge zu überſteigen, die Straßen waren ſchlecht und gefährlich, die Städte wurden immer ſeltener und Reiſebequemlichkeiten immer ſchwieriger aufzutreiben. Die Kunſt der Ingenieure hatte damals noch nicht über die Schranken triumphirt, welche die Natur zwiſchen Länder und Länder gelegt hat, und der erſte leichte Schneefall hatte die Schwierigkeiten des Weges vermehrt. James. Gowrie. 11 162 Unſer moderner Leſer würde ſich durch eine in's Detail gehende Schilderung des Alpenübergangs zur Zeit der Kö⸗ nigin Eliſabeth weder ſonderlich ergötzt noch belehrt finden. So genüge denn zu wiſſen, daß Lord Gowrie nach langer und anſtrengender Tagesreiſe mit ſeiner Geſellſchaft gegen Sonnenuntergang in dem Städtchen Barraur anlangte. Julia fühlte ſich müd und erſchöpft, Mr. Rhind war hung⸗ rig und deprimirt, und in dem Gaſthofe war nichts als ſchwarzes Brod und eine Gattung kleiner Fiſche aus der Iſere zu bekommen. Nichtsdeſtoweniger machten Jugend, Hoffnung und Liebe einen großen Unterſchied zwiſchen dem jungen Paare und ihrem älteren Begleiter. Ich fürchte faſt, die Tendenz aller Erfahrungen des Al⸗ ters iſt ſelbſtſüchtig, und es iſt auffallend, wie wir die Gaben dieſer Erde um ſo höher ſchätzen, je mehr wir uns dem Ab⸗ ſchied von der Welt nähern. Es iſt wahr, Manche wiſſen ſich die edleren Gefühle ihres friſchen unverſehrten Herzens bis ans Ende zu erhalten; gleichwohl kann ich nicht umhin zu glauben, daß unter all' den vielen Prüfungen, denen des Menſchen Seele auf dieſer unſerer Pilgerfahrt ausgeſetzt iſt, jene Apathie für alles Schöne und Große, jene Concen⸗ tration des Gemüths auf den Körper— wie ſie mit hohem Alter und langer Lebenserfahrung zuſammenfallen— eine der allergrößten iſt. Mr. Rhind hatte keinen Sinn mehr für die Außenwelt, trotzdem die Gegend rings umher, wie der Leſer, der dieſe Straße gezogen, wohl wiſſen wird, voll der erhabenſten und beſänftigendſten Gegenſtände war. Er tröſtete ſich mit dem ſehr guten Wein, während Julia und 163 Gowrie zu dem Fuße des alten Kaſtells auf dem Hügel wan⸗ derten, um einen letzten Blick auf das ſchöne milde Thal der Iſere, umſchloſſen von ſanften, wohl bebauten Hügeln und von blauen, gigantiſchen Gebirgen überragt, zu werfen, ſo lange noch die Sonne, welche für ſie ſchon untergegangen war, die Kuppen des Gebirgs mit Purpur und Gold be⸗ tüpfelte. Langſam kehrten ſie zu ihrem leichten Abendeſſen zurück, das während ihrer Abweſenheit zubereitet worden war. Gleich darauf begab ſich Julia zur Ruhe; auch Mr. Rhind verließ ſehr bald den Speiſeſaal, konnte aber in dem großen alten, winkligen Hauſe, das früher eine Komthurei des unter⸗ drückten Templerordens geweſen und wie ich glaube, noch jetzt faſt in der Mitte des kleinen Burgfleckens liegt— ſich nicht zurecht finden. Er kam zurück und ſtörte den Earl in ſeiner Träumerei, welcher ſofort den Wirth rufen ließ, um dem armen Magiſter ſein Gemach zu weiſen. Wenn Gowrie auch früher ſchläfrig geweſen, ſo war die Luſt zum Schlafen bei ihm ganz vorbei und er blieb noch eine Zeitlang nachdenklich ſitzen, bis der Gaſtwirth zur Thüre hereinſchaute und Gowrie, ſich erinnernd, daß er eine an's Frühaufſtehen gewöhnte Menſchenklaſſe an der Ruhe hin⸗ dere, ſein Licht zur Hand nahm und ſich auf ſein eigenes Zimmer zurückzog. Dort ſtellte er das Licht nieder, ſchaute ſich um, und verſank von Neuem in Nachdenken. Es gibt Zeiten, wo unſer Geiſt über den materielleren Theil unſerer Natur vollſtändig zu triumphiren ſcheint, wo er— wir wiſſen nicht warum— die körperliche Schwere 11* 164 überwindet, des Leibes Bedürfniſſe nur obenhin befriedigt und deſſen gewohnten Widerſtand faſt ohne Anſtrengung überwältigt— Zeiten, wo der Geiſt Alleinherrſcher iſt und jede Fähigkeit dem Gedanken ſich unterordnet. Umſonſt iſt es dann, dagegen zu kämpfen, umſonſt, zu ſagen:„ich will leſen, ich will jagen, ich will ſchlafen.“ Der Geiſt erwiedert: „Nein,“ und wir ſind nun einmal für dieſe Zeit ſeine Sklaven. Dies war in jener Nacht mit Gowrie der Fall; er ſchaute ſich zwar, wie geſagt, im Zimmer um, aber deſſen Inhalt machte nur auf ſein äußeres Auge Eindruck, während der Geiſt ſelbſt davon unberührt blieb. Es war ein großes, weites, altmodiſches Gemach ohne Tapeten; nur zwei mäch⸗ tige Stücke einer Tapiſſerie, womit früher wahrſchein⸗ lich das ganze Zimmer geſchmückt geweſen, war über die Fenſter gezogen. Auf der einen Seite des Zimmers ſtand ein weites Bett, das ſich in der Ausdehnung des Raumes faſt verlor, mit trüben grünſeidenen Vorhängen von einem Stoffe, der unter dem Namen Cendel vor langer Zeit be⸗ kannt, deſſen Fabrikation damals jedoch ſchon ganz ver⸗ ſchwunden war. Inmitten des Zimmers ſtand ein kleiner runder Tiſch, ein Spiegel in ſchwarzer Eichenrahme, von zwei eiſernen Armen getragen, ſprang über die Wand her⸗ vor, ein Waſchtiſch in der Ecke nebſt zwei bis drei Stühlen machte das ganze Ameublement in dem rieſigen, düſteren Zimmer. Dazu kam noch, daß die Luft ſchwül und beklem⸗ mend war, trotzdem daß ſich die Jahreszeit dem Winter näherte; es war, wie wenn die Fenſter ſeit vielen Jahren nicht geöffnet worden wären. 165 Gowrie bemerkte es nicht, ſondern ſetzte ſich neben dem Tiſche nieder und gab ſich ſeinen Gedanken hin. So blieb er über eine Stunde. Ich habe ſeinen Zuſtand ein Nach⸗ denken genannt; gleichwohl trug es mehr jenen Charakter der Verzückung an ſich, wo alle Dinge mehr Eindrücke als Ideen ſind, wo erſtorbene Neigungen in der Geſtalt des Lebens aus dem Grabe der Erinnerung aufſteigen und die Schatten ungeborener Ereigniſſe, in die Form der Wirklich⸗ keit gehüllt, als Warnungs⸗ oder Ermunterungszeichen aus der Zukunft herüberragen. Hier iſt von keiner Reihenfolge, von keiner Anordnung oder Operation des Verſtandes die Rede: der Geiſt ſitzt als Zuſchauer da, während die durch eine ungenannte Macht vor unſere Augen gerufene Erſchei⸗ nung vorüberzieht.- Welches mag nun jene Macht ſeyn? Wer kann es ſa⸗ gen? Es gibt Dinge in und außer uns, von denen wir nichts wiſſen, und welche ſelbſt der hartnäckigſte Metaphyſi⸗ ker noch nicht zu erhaſchen vermochte. Mitten in ſolchen Anfällen pflegt der Körper zuweilen den Kampf zu erneuern, um die Gewalt wieder an ſich zu reißen, beſonders wenn irgend etwas ihn ſtark afficirt. Der Carl ſchien die drückende Schwüle im Zimmer zu fühlen; er ſtand auf, trat an das dem Bette zunächſt gelegene Fenſter, ſchlug den Vorhang zurück und öffnete die klirrenden, klein⸗ tafeligen Scheiben. Das Fenſter ſchaute nach Oſten und der helle Mond, nur noch wenige Tage vom Vollmond ent⸗ fernt, guckte über die Alpen hernieder, einen langen Glanz⸗ ſtreifen über den Boden ziehend. 3 166 Gowrie wußte nicht, daß er ſich gerührt hatte; ſein auswendiges Auge mochte das Fenſter, den Mond und die ſchwache Linie der Gebirge im Silberlichte ſchwimmen ſehen — ſeine Seele ſah es nicht. Sie hatte andere Viſionen, und die Arme auf die Eiſenſtange ſtützend, in welcher der geöffnete Fenſtertheil ſich bewegte, blieb der Graf noch im⸗ mer in dieſelbe Träumerei verſunken. Sie war melancho⸗ liſcher Natur— nicht gerade traurig, aber von jener ern⸗ ſten, ſtrengen Art, welche die irdiſchen Dinge all' ihres un⸗ reellen Glanzes zu berauben ſcheint, indem ſie ihnen Ver⸗ goldung und Flitter abzieht und nur die harten, bleiernen Formen übrig läßt, während ſie ein anderes Licht als das des weltlichen Tages gleichſam aus einer höheren Sphäre über ſie verbreitet und all' die Leere und Nacktheit irdiſcher Illuſionen bloßlegt. Wie lange er alſo ſeinen Gedanken Audienz gegeben— weiß ich ſo wenig wie er ſelbſt; aber ein gewiſſes Etwas, das er nie zu nennen wußte, machte, daß er ſich plötzlich umdrehte. Wie ſoll ich erzählen, was nunmehr erfolgte? War es ein Trug ſeiner Fantaſie, war es Traum oder Wirklichkeit? Wer kann 3es ſagen! Vor ihm ſtand eine wohlbekannte Geſtalt, obgleich er ſie im Leben niemals geſehen hatte: es war die eines hochgewachſenen, dunkelfarbigen, bleichen Mannes, mit Spuren der Krankheit auf ſeinem Antlitz, einen blutigen Dolch in der Hand und Flecken geronnenen Blutes auf dem Arme. Sein Porträt hing in des Grafen Palaſte zu Perth, nur mit glühenderer Wange und unbefleckten Gewändern. 167 So ſtand er jetzt vor ihm, wie wenn das Grab ſeinen Tod⸗ ten herausgegeben hätte, ſeines Vaters Vater, der Mörder des unglücklichen Rizzio— derſelbe hagere Blick, dieſelbe aſchfarbene Wange, das nämliche rollende Auge, womit er vor ſeiner Königin in einen Stuhl geſunken, nachdem die furchtbare That geſchehen und der volle Abſcheu vor derſel⸗ ben ihm auf das Gewiſſen gefallen war. Dieſelbe ſchnap⸗ pende Bewegung der Lippen, womit er nach Waſſer rief, um den brennenden Durſt zu löſchen, welcher fortan nur durch den kalten Becher des Todes geſtillt werden ſollte. Ein bleiches, nebliges Licht umfloß die Geſtalt, welche die Hand mit drohender Geberde aufzuheben ſchien. Er ſprach oder Gowrie glaubte ihn wenigſtens in leiſem ſtrengem Tone ſagen zu hören: „Soll das Blut von Douglas und von Ruthven ſich abermals vermiſchen? Soll das Kind des Mannes, der allen Antheil an der von ihm angerathenen That läugnete und ſeinen betrogenen Freund in fernem Lande umkommen ließ— ſein Loos mit dem Erben Desjenigen vereinen, der durch ihn zu Grunde ging? Hüte Dich, Knabe, hüte Dich! An Kindern und Kindeskindern wird das Blut des Erſchla⸗ genen Rache nehmen und der Ungeborene jener dunklen Stunde wird furchtbare Vergeltung üben!“ Indem er ſprach, fühlte der Earl, wie ihn ein Schwin⸗ del des Grauens und der Ueberraſchung überlief: die Geſtalt verſchwand— das Zimmer mit ſeinem ganzen Inhalte ſchwamm Gowrie vor den Blicken, und als er die Augen wieder aufſchlug, lag er noch völlig angezogen quer über 168 das Bett ausgeſtreckt, während das Morgenlicht hell durch die Scheiben hereinſtrömte. Zwölftes Kapitel. Der Gaſtwirth zu Barraux war vor ſeinen Gäſten auf⸗ geſtanden, und um ihnen zu beweiſen, daß ſeine Speiſe⸗ kammer nicht immer ſo ſchlecht beſchaffen ſey, wie ſie geſtern Abend geweſen, hatte er ein ſehr reichliches Frühſtück her⸗ beigeſchafft, das die Wanderer für ihre bevorſtehende Reiſe ſtärken ſollte; auch hatte er Sorge getragen, es nach der Sitte jener Zeit gut ſerviren zu laſſen, und der treffliche Mr. Rhind ermangelte nicht, ihm mit Eſſen und Lobſprüchen alle Ehre zu erweiſen, indem er in fröhlichem Tone erklärte, daß der Morgen den Abend wieder gut mache, und daß der Wirth neben dem, daß die Sünden der vorangegangenen Nacht ihm erlaſſen werden müßten, dem papiſtiſchen Aberglauben ge⸗ mäß Anſpruch auf eine Abſolution zum Voraus habe. Gowrie ſelbſt befand ſich keineswegs in ſcherzender Laune, obwohl er ſich alle Mühe gab, den Eindruck, welcher die räthſelhaften Ereigniſſe dieſer Nacht in ſeiner Seele hinter⸗ laſſen, von ſich zu ſchütteln. Es war ein Traum, dachte er — ein leerer Traum oder eine Verblendung ſeines Bluts. Er war ſehr ermüdet geweſen, hatte nur wenig Nahrung zu ſich genommen, dabei war er lange aufgeblieben, hatte eine Zeit, welche beſſer der Ruhe gewidmet worden wäre, mit Nachdenken vergeudet; vor Ermüdung war er ſchlafend, 169 ohne es zu wiſſen, auf's Bett geſunken und ſeine Fantaſie, jedes Zwanges entledigt, hatte Erſcheinungen heraufbeſchwo⸗ ren, welche mit dem früheren Gegenſtande ſeines Nachden⸗ kens in ſonderbarem Zuſammenhange ſtanden. Er mühte ſich zu eſſen, zu plaudern und wie ſonſt zu ſcherzen, war aber nicht ſehr glücklich in ſeinem Verſuche und das Ver⸗ halten ſeiner ſchönen Julia machte dieſem Verſuche bald ein Ende. Auch ſie war ausnehmend nachdenklich, ernſt, ja beinahe traurig; ſie aß wenig, ſprach noch weniger, und als die Pferde vor das Hofthor gebracht wurden, hörte er ſie mit einem Seufzer aufſteigen. Nachdem ſie eine kurze Strecke geritten waren, fragte ſie der Earl leiſe, ob irgend etwas ſie geſtört habe. „Nichts von Wichtigkeit,“ gab ſie zur Antwort, mit ei⸗ nem Seitenblicke auf Mr. Rhind deutend, welcher neben ihnen ritt.„Ich will Dir's übrigens bald mittheilen.“ Sie ſprach ſo leiſe, daß ihr würdiger Begleiter ſie nicht verſtand; aber auch wenn er es gehört hätte, ſo würde er doch wahrſcheinlich ſeinen Platz in der Kavalkade nicht ſo⸗ bald geändert haben, denn Mr. Rhind war ſehr ſchwerfällig im Errathen eines Winkes, und ſchien keinen Begriff davon zu haben, daß ſein früherer Mündel die Geſellſchaft ſeiner Geliebten zuweilen lieber ohne Zeugen genießen mochte. Etwa eine halbe Stunde ſpäter, während ſie gegen Cham⸗ bery ritten, gewährte ein günſtiger Hügel den beiden Lie⸗ benden die gewünſchte Gelegenheit. Mr. Rhind liebte es nie, weder bergauf noch bergab raſch zu reiten; er hegte 170 Gewiſſenszweifel gegen das Anſpornen ſeines Roſſes, und machte nie von der Peitſche Gebrauch, ſo lange er es ver⸗ hindern konnte. Als daher die Kavalkade ſich aufwärts zu bewegen begann, ließ er ſein Thier langſam zurückbleiben und zog endlich ein kleines pergamentfarbenes Buch aus der Taſche, um ſich mit Leſen zu unterhalten. „Jetzt laß uns den Schritt beſchleunigen, theuerſte Ju⸗ lia,“ flüſterte Gowrie;„wir werden ſehr bald oben ſeyn und Rhind kann erſt eine halbe Meile, nachdem wir den jenſeiti⸗ gen Fuß des Hügels erreicht haben, zu uns ſtoßen.“ Julia griff in die Zügel, die Pferde flogen dahin und die Diener, beſcheidener als Mr. Rhind, folgten in leichtem Trabe, ſo daß Gowrie und Julia, nachdem ſie etwa ein Drittheil des Weges vom Gipfel zurückgelegt hatten, ſich zwei⸗ bis dreihundert Schritte vor ihrem Gefolge voraus ſahen. „Jetzt ſage mir, Theuerſte,“ bat der junge Earl,„was Dich heute Morgen ſo ernſt und traurig gemacht hat? Hier kann uns Niemand hören.“ „Es iſt nichts, eigentlich nichts,“ erwiederte Julia.„Du wirſt es, fürchte ich, höchſt lächerlich finden, wenn ich Dir ſage, daß die einzige Urſache meiner ernſten Stimmung ein leerer Traum geweſen; aber ich möchte Dir gerne Alles er⸗ zählen, Gowrie— ich möchte Dir keinen meiner Gedanken vorenthalten.“ „O thue das immer, Liebe,“ rief der Graf in warmher⸗ zigem Impulſe.„Aber wie war dieſer Traum? ich fürchte, er hat Deine Ruhe geſtört, und Du bedurfteſt doch ſo ſeßt der Erholung.“ 171 „Ich muß ſchon einige Zeit geſchlafen haben,“ antwor⸗ tete ſie;„aber in der That, Gowrie, es war gar nicht von Bedeutung— ein bloſer Traum— und wenn ich ihn Dir erzähle, ſo kann er Dich vielleicht auch ernſt und traurig machen.“ „Ei, Du ſpannſt meine Neugier immer mehr,“ erwie⸗ derte ihr Liebhaber.„Bitte, ſage mir Alles, theures Mädchen!“. „Nun gut,“ verſetzte ſie mit ſchwachem Lächeln.„Ich war ſehr müde und herzlich froh, mich zur Ruhe begeben zu können. Das kleine Mädchen, das wir zu Borgonovo mie⸗ theten, und das im Nebenzimmer ſchlief, war gleichfalls ſo ermüdet, daß ihre Finger nur mit Mühe meine Schnür⸗ bruſt lösten. Wie bald ſie einſchlief, weiß ich nicht, denn kaum war mein Haupt auf's Kiſſen geſunken, als meine Augen ſich zum Schlummer ſchloßen. Ich kann nicht ſagen, wie lange ich ruhig und ungeſtört geſchlafen habe; aber plötzlich ſchien ich zu wachen, das Zimmer war noch daſſelbe, meine ganze Umgebung war unverändert, nur ſah ich ein Licht im Zimmer und etwa einen Schritt vor meinem Bette gewahrte ich die Geſtalt eines Mannes klar und deutlich und doch ſo dünn und ſchattenhaft, daß es mir vorkam, als ob jeder Theil von dem Lichte durchdrungen wäre, in deſſen Mitte er ſtand— es war gleichſam wie ein farbiger Schat⸗ ten, der auf dem blaßblauen Schimmer ruhte.“ „Wie ſah er aus? Wer war er?“ ſtndie Lord Gowrie eifrig. „Er war ſehr bleich,“ gab Julia zur Antwort;„in ſei⸗ 8 172 nem Geſichte ſchienen ſich eher Leiden und Kummer als ſtarke Leidenſchaften auszudrücken. Sein Haar, auf der Stirne kurz abgeſchnitten, war rabenſchwarz, hie und da mit Grau vermiſcht und in ſchweren dunkeln Locken zurückfallend. Er war ſchlank, faſt von Deiner Größe, Gowrie, und an⸗ ſcheinend kräftig von Geſtalt, nur die Schultern wie von Krankheit etwas vorwärts gebeugt. Er war in vollſtändi⸗ ger Waffenrüſtung, das Haupt entblößt und der Mantel, der ſeine rechte Hand verhüllte, über den Arm geworfen. Seine Augen waren hell und blitzend, das Geſicht und der Oberleib ſchienen mehr der Körperwelt anzugehören, als die unteren Gliedmaßen, die ich kaum zu unterſcheiden vermochte. Zwiſchen Mund und Wange trug er eine kleine Schramme, wie wenn——“ „Der Nämliche!“ murmelte Lord Gowrie,„der Näm⸗ liche! Sprach er Dich nicht an?“ „O ja,“ war Juliens Antwort;„er ſchien zu ſprechen oder ich muß es geträumt haben. Er betrachtete mich lange ſchweigend, während ich vor Furcht zitternd da lag. Ich wollte ihn fragen, was er wünſche, was er da thue; ich wollte das nebenan ſchlafende Mädchen wecken, wollte das Haus wach rufen; allein meine Zunge war gefeſſelt, kein Laut kam über meine Lippen, und ich kämpfte vergeblich, mich im Bette aufzurichten. Mittlerweile betrachtete er mich ſchweigend; endlich wiederholte er zweimal: Armes Ding! armes Ding! weißt Du nicht, daß das Blut von Morton und von Ruthven ſich nie vermiſchen kann, bis die Wunde, welche der Eine geſchlagen und der Andere fälſchlich abge⸗ 173 läugnet, vollſtändig gerächt iſt? Hüte Dich! hüte Dich! Beſchleunige nicht Dein eigenes Schickſal. Halte inne, bis der Schlag gefallen iſt, wo er auch immer fallen möge!'— — Schau nicht ſo düſter, Gowrie, es war blos ein Traum, denn die Todesqual, welche ich litt, löste endlich meine Zunge und mit einem leiſen Schrei fuhr ich auf. Mein Mädchen erwachte augenblicklich, und als ich mich umſchaute, ſah ich nur Dunkelheit rings um mich her. Das arme Mädchen fragte, was mir ſey, und ich ſagte ihr, wie ich Dir jetzt eben erzählte, daß es nur ein Traum geweſen. Ich fragte ſie übrigens, ob ſie die Thüren feſt verriegelt habe. Sie ſagte— ja, und ſtand auf, um nachzuſehen, wo ſie denn Alles feſt verſchloſſen fand. Meine Ruhe war aber einmal geſtört, und ich ſchlief längere Zeit nicht wieder ein, was mich vielleicht etwas trüb und ſchwerfällig geſtimmt hat; aber ich wiederhole: es war nur ein Traum.“ „Ein ſehr auffallender,“ meinte Lord Gowrie, in Ge⸗ danken verſinkend. Er dachte weniger an Julia's Traum, als daran, wie er ſich ihr gegenüber benehmen wollte. Er mochte ſie nicht erſchrecken oder Zweifel und Beſorgniſſe über ihr künftiges Verhalten in ihr erwecken; aber ihr offenes Vertrauen ver⸗ langte Erwiederung, und er fühlte, daß er ihr nichts ver⸗ ſchweigen dürfe, nachdem ſie ihm Alles erzählt hatte. Mittlerweile ritt ſie neben ihm hin, während ihr die glänzenden Locken, vom Ritte etwas in Unordnung gebracht, hie und da über das Antlitz herabſtelen; die dunkeln Augen waren niedergeſchlagen, ſo daß die langen Augenlider auf 174 der Wange ruhten, als ob ſie ſeine Gedanken nicht durch ei⸗ nen Blick unterbrechen wolle, bis der Earl endlich bemerkte: „Das iſt in der That ein auffallender Traum, theure Julia— um ſo auffallender, als auch mir letzte Nacht et⸗ was ganz Aehnliches begegnete.“ Julia fuhr zuſammen und ſchaute ihn an. „Ei, was denn?“ rief ſie. „Ganz dieſelbe Perſon erſchien auch mir,“ erzählte ihr Liebhaber.„Ich erkenne den Mann ſehr wohl aus Deiner Beſchreibung, welche nur allzugenau iſt, um mißverſtanden zu werden; was aber vielleicht das Sonderbarſte von Allem iſt, daß er mir erſchien, wie ich ihn wohl beſchreiben hörte, aber niemals dargeſtellt ſah, während er ſich Dir, die Du weder ihn noch ſein Porträt geſehen, gerade ſo darſtellte, wie ihn ſein Bild in meiner Familiengallerie zu Perth zeigt.“ „Was ſagte er denn zu Dir? Was war der Inhalt Deines Traumes?“ forſchte Julia. „Ich bin nicht ſo gewiß, daß es ein Traum geweſen— wollte Gott, ich wäre es!“ erwiederte Lord Gowrie.„Seine Warnung lautete faſt ebenſo, wie er ſie an Dich gerichtet. Du haſt mir Alles erzählt, theure Julia, und ich darf Dir nichts vorenthalten; während wir uns aber mit vollkomme⸗ nem Vertrauen gegen einander ausſprechen, dürfen wir uns durch keinerlei abergläubiſche Beſorgniſſe in unſerem Ver⸗ fahren wankend machen oder von unſerer Bahn ablenken laſ⸗ ſen. Dein Herz und das meine ſind unzertrennlich zu Wohl und Wehe an einander geknüpft, theures Mädchen. Gott gebe um Deinetwillen, daß das Glück vorherrſchen möge; 175 aber ich fühle, daß keines von uns Beiden je wieder von Glück reden könnte, wenn wir uns jemals trennen müßten.“ „Ach nein, nein!“ murmelte Iulia leiſe, indem ſte ihrem Zelter die Zügel auf den Hals fallen ließ und die Hände zu⸗ ſammenſchlug, während ihr Haupt ſich zu Boden neigte, wie wenn eine mächtige Empfindung ſie faſt bis zur Ohn⸗ macht bedrücke.„Ach nein, nein! die Stunde der Trennung wäre der Tod!“ Gowrie beſänftigte ſie durch Verſicherungen ewiger Liebe und fuhr dann fort, ihr Alles zu erzählen, was ihm in der Nacht zuvor begegnet war. Auch er behandelte die Sache wie einen Trug ſeiner Fantaſie; aber Julia wurde nachdenk⸗ lich und blieb es noch mehrere Minuten, nachdem er be⸗ reits zu Ende war. Endlich ſchaute ſie mit hellerem Blicke empor. „Erinnere Dich,“ hub ſie an,„wie wir vorgeſtern die meine Geburt betreffenden Papiere durchgingen, wie wir viel von Deinem Vater ſprachen und von ſeinem Ahnherrn, der den unglücklichen Rizzio erſchlagen. Die Sache blieb mir lange im Gedächtniß und machte vielleicht auch auf Dich keinen kleinen Eindruck. Glaubſt Du nicht auch, Gowrie, daß unſere Fantaſte mit jedem Schritte angeregt durch die Seenen, die wir erſt neulich geſehen, in unſerem müden, er⸗ ſchöpften Zuſtande nur allzu geneigt war, in den Stunden des Schlafens oder Dämmerns jene Phantome vor uns neu zu geſtalten, welche uns den ganzen Tag über verfolgt hatten?“ „Mag ſeyn, mag wohl ſeyn, meine Julia,“ antwortete der Graf, welcher ſehr gerne nach jeder Löſung eines ſo dunkeln und peinlichen Räthſels griff:„und doch kommen dieſe Träume der Wirklichkeit zuweilen ſehr nahe. Die Leute in meinem oder vielmehr in unſerem Geburtslande ſind ſehr abergläubiſch, und ich möchte weit eher annehmen, daß ich Eindrücken, wie ſie uns in der Jugend'eingepflanzt werden, nachgegeben habe, ſtatt zu glauben, daß eine ſolche Warnung in unſerem Falle nöthig war oder überhaupt ge⸗ geben wurde.“ „Glaubſt Du denn aber, Gowrie, daß ſolch ein Ding möglich iſt? Daß der Geiſt der Abgeſchiedenen in der Ge⸗ ſtalt, welche er im Leben trug, die Erde wieder beſuchen darf? Er, der mich von früheſter Jugend an unterrichtete, glaubte nicht an ſolcherlei Dinge.“ „Es wurde ſchon Vieles geſagt und wird noch viel ge⸗ ſagt werden über einen Gegenſtand, worüber wir auf dieſer Seite des Grabes nur wenig wiſſen können,“ bemerkte Gow⸗ rie.„Philoſophie, meine Julia, ſagt das Eine, und eine Stimme in unſerer eigenen Bruſt wiederholt immer das Andere. Die Wiſſenſchaft lehrt uns, daß wir nichts ſehen können, was keinen Körper, nichts hören, was keine Stimme hat. Die Stimme in uns ſagt: es gibt Mittel der Mit⸗ theilung zwiſchen mir und meinen nicht eingekerkerten Brü⸗ dern. Das Auge iſt mein Diener in meinem Verkehr mit irdiſchen Dingen, das Ohr iſt nur die Vorhalle des Au⸗ dienzzimmers meiner Seele, wo die Stimmen der Erde ſich vernehmen laſſen; für überirdiſche Dinge beſteht aber ein anderes Geſicht, ein anderes Gehör. Der ſouveräne Geiſt 2 177 verkehrt mit ihnen unmittelbar und nicht durch ſeine Mi⸗ niſter.“ Er ſprach ernſthaft, denn der Gegenſtand war einer von denen, bei welchen wir geneigt ſind, die Hülfe der Philo⸗ ſophie zur Beſtätigung von Anſichten aufzubieten, welche ſich ohne deren Vermittlung ſchon vorher gebildet haben. Es gab damals, beſonders in Schottland, nur ſehr wenige Men⸗ ſchen, welche nicht an Träume oder Erſcheinungen glaubten, und— was in der That am merkwürdigſten iſt— gerade die großten Skeptiker in Wahrheiten der geoffenbarten Reli⸗ gion waren oft die Leichtgläubigſten bei ſolchen Geſchichten des Aberglaubens. Julia ſah, daß ihr Freund traurig war und gab ſich alle Mühe, die düſtere Stimmung, in welche ihr ſonderbarer Traum ſie verſetzt hatte, zu bemeiſtern, denn das ließ ſich nicht läugnen: jener Traum hatte Eindruck auf ſie gemacht. Nicht als ob ſie ihn als eine wirkliche Warnung aus der an⸗ dern Welt aufnahm, denn das verbot die Erziehung, die ſie in früheren Jahren erhalten hatte; aber jedenfalls hatte er ihre Gedanken mit düſteren Bildern erfüllt, und ſie hatte ihnen mehr eingeräumt als ſie ſonſt gewohnt war. Jetzt aber ſuchte ſie ihre natürliche Heiterkeit wieder zu gewinnen und lenkte die Unterhaltung mit jenem einfachen Kunſtgriffe⸗ wie ihn die Natur einem liebenden Herzen eingibt, ruhig und ohne gezwungenen Uebergang von dem Gegenſtande ab, der ihrem Geliebten ſchmerzlich zu ſeyn ſchien. Sie hatten nunmehr den Fuß des Hügels erreicht, und wenn ſie auch vielleicht etwas raſcher voran geritten waren, James. Gowrie, 12 als die Klugheit zuließ, ſo hemmten ſie jetzt den Lauf ihrer Roſſe, als ſie die Ebene erreicht hatten, um Mr. Rhind wieder zu ſich ſtoßen zu laſſen. Der ritt noch immer, in ſein Buch vertieft, langſam daher, bis ein Laut, der die ganze Geſell⸗ ſchaft wie auch die Roſſe ſonderbar betraf, ihn ſeinen Schritt beſchleunigen machte, um wieder zu Lord Gowrie zu ſtoßen. Es iſt eine eigenthümliche Gewalt, welche ſtarke Gemü⸗ ther über ſchwache ausüben. Die Umſtände mögen wohl den Schwächlingen Macht und Anſehen in die Hände legen und ſie mögen ſie auch ausüben, bis ihnen die Sache zur Gewohnheit wird; kommt aber ein Augenblick der Gefahr, dann iſt es der Starkmüthige, der die Herrſchaft an ſich reißt, und der Schwächere flüchtet ſich unter ſeinen Schutz. Mr. Rhind hatte Lord Gowrie von Kindheit an gekannt, hatte ihn geleitet als er noch Knabe war, und war dem Jüngling als Führer mitgegeben worden; auch jetzt betrachtete er ihn kaum anders als ſeinen Mündel und konnte kaum begreifen, daß ſein Mentoramt zu Ende ſey; ſobald ſich aber eine Ge⸗ fahr oder Verlegenheit zeigte, pflegte er ſtatt ſelbſt zu lei⸗ ten und zu ſchützen, bei ſeinem früheren Zöglinge Schutz und Leitung zu ſuchen. Ich verließ den Leſer mit Erwähnung eines Lautes oder wenigſtens der Beſchreibung des Lautes, der die ganze Ka⸗ valkade ſtutzen machte. Es war ein nicht ſehr ferner Ka⸗ nonenſchuß, und Mr. Rhind hatte den jungen Earl noch nicht erreicht und Niemand hatte noch eine Frage gewagt, als noch einer und wieder einer folgte, bis die Zahl vier⸗ undzwanzig betrug. 179 „Gerechter Himmel! mein theurer Lord, wir ſind in die Mitte feindlicher Armeen gerathen,“ rief Mr. Rhind. „Der König muß raſchere Fortſchritte gemacht haben als ich erwartete,“ bemerkte Lord Gowrie in ruhigem, ge⸗ faßtem Tone.„Der Kanonendonner ſcheint von Montmeil⸗ lant oder Chambery zu kommen.“ „Von Montmeillant, Mylord,“ erklärte Auſtin Jute, welcher herangeritten war:„der Knall kommt von Oſten.“ „Ja, aber der Wind weht thalabwärts,“ gab der Earl zur Antwort.„Was ſollen wir thun, theure Julia? Biſt Du erſchrocken?“— „Welche Wahl bleibt uns?“ fragte ſie. „Entweder über Chambery und Pont Beauvoiſin nach Lyon zu gehen oder uns gegen Grenoble zurückzuwenden und den weiteren Weg einzuſchlagen. Wir haben offenbar einen Theil der Armee des Königs von Frankreich vor uns; aber wir wiſſen ebenſo wenig, was auf der Straße von Gre⸗ noble vorgeht.“ „Soll ich vorreiten und rekognoseiren, Mylord?“ fragte Auſtin Jute.„Ich kann Euch jedenfalls Nachricht, viel⸗ leicht ſogar einen Paß zurückbringen. Man ſagt, es ſey beſſer, ein Feſt hinter ſich als einen Kampf vor ſich zu haben, und das mag auch ſeyn; allein ich liebe ein Bischen Kampf, vorausgeſetzt, daß es nicht zu lange dauert.“ „Das wird das Beſte ſeyn,“ erklärte ſein Gebieter. „Reite zu und binde etwas Weißes um den Arm— wir wollen langſam nachfolgen.“ Noch ehe jedoch dieſer Plan ausgeführt werden konnte, 12* 180 kam ein Haufen von acht bis zehn Reitern um die Felſen⸗ ecke am Wege geſprengt und galoppirte die Wieſe herab, welche den Fluß begränzte. Sie waren alle bewaffnet bis auf zwei und mußten offenbar der einen oder anderen der beiden ſtreitenden Mächte angehören. Bis jetzt ſchienen ſie den jungen Grafen nicht zu bemerken; gleich darauf aber fielen die Augen des Einen von den Beiden, welche keine Schutzwaffen trugen, auf die Gruppe am Fuße des Hügels, und ſein Roß plötzlich dorthin lenkend, ſtand er bald mit ſei⸗ nem ganzen Gefolge vor der Reiſegeſellſchaft, welcher er in lautem, aber luſtig ſcherzendem Tone ſein:„Halt, gebt die Parole!“ zurief. Dreizehntes Kapitel. Das Syſtem der Kriegführung, wie man es dazumal in Schottland trieb, war nicht von der civiliſirteſten Art— gewöhnlich ein Parteigängerkrieg, welcher immer ſehr blutig iſt. Mr. Rhind hatte ihn nie anders gekannt, und ſchwebte deshalb in großen Aengſten. Julia war weit weniger er⸗ ſchrocken, denn die ruhige Miene des jungen Earl zeigte ihr alsbald, daß nichts zu fürchten war. Des Grafen Diener, welche gleich ihrem Gebieter ein gut Theil Welt geſehen hatten, ſchienen gleichfalls ganz ruhig und ohne Sorgen, und Auſtin Jute flüſterte einem der Leute zu: „Beim Donner! das iſt ein prächtiges Roß, das der 8 181 Burſche dort reitet, etwas ſchwer an Schulter und Beinen, aber ein edler Schlachtrenner, darauf will ich wetten.“ „Verhaltet Euch ruhig,“ gebot der Earl, ſeine Umge⸗ bung anredend;„ich will vorgehen und mit jenem Herrn reden. Bleibe Du hier, theure Julia; es hat nicht die ge⸗ ringſte Gefahr.“ Der Mann, dem er ſich näherte und der den Fremdlin⸗ gen die Parole abverlangt hatte, mochte etwas über das mittlere Alter hinaus ſeyn, denn er hatte jene wichtige Scheidelinie, wo ſich das Leben des Mannes in zwei Hälf⸗ ten theilt, wenigſtens um zehn Jahre überſchritten. O Fünfunddreißig, Fünfunddreißig! du biſt ein wichtiger Zeitabſchnitt und dürfteſt wohl jedem Denkenden einen Au⸗ genblick der Furcht und Warnung abnöthigen. Bis zu je⸗ nem Abſchnitte bringt der gewöhnliche Verlauf der Dinge immer nur Erwerb und Entfaltung der verſchiedenen Gei⸗ ſteskräfte: von da an kommt der Verfall, anfänglich vielleicht langſam, allmälig, unmerklich, aber ſicher, ſtätig und mit furchtbarer Schnelle zunehmend. Der Fremde mochte ſechs⸗ bis ſiebenundvierzig Jahre zählen, ſah aber ein gut Theil älter aus. Haupt⸗ und Barthaare waren ſehr grau, beſonders auf der linken Seite; ſein Geſicht war in den Augenwinkeln ſtark gerunzelt, ebenſo ſeine ſehr ſchöne Stirne, welche eigentlich den einzigen hüb⸗ ſchen Theil des ganzen Antlitzes bildete und eher den Aus⸗ druck ruhigen, würdevollen Ernſtes als den des Alters zu erkennen gab. Seine übrigen Züge waren keineswegs ein⸗ nehmend; der Mund zwar gutmüthig, aber ſinnlich, die Adlernaſe vorn etwas eingedrückt, die Augen ſtechend und ſcharf mit einem Ausdrucke ſorgloſer Luſtigkeit; auch die graue, buſchige Braue mit dem dicken Büſchel in der Mitte, wo ſie über der Naſe in eine Spitze zuſammenlief, hatte ei⸗ nen ſehr eigenthümlichen, ſatyrähnlichen Schwung. Die Kleidung dieſes Offiziers— denn ſolches mußte er offenbar ſeyn— war aus den einfachſten Stoffen, beſtehend in einem braunen Tuchkoller ohne anderen Schmuck als eine Gold⸗ kette um den Nacken. Ueber dieſen Koller trug er eine Art Waffenrock oder kurzen Mantel ohne Aermel, mit Zobelpelz verbrämt; die Halskrauſe um ſeinen Nacken war von ein⸗ fachem Linnen und ſo ſchmal, daß ſie ganz aus der Mode gekommen war. Seine Lederhandſchuhe reichten bis zum Ellbogen und ſeine weiten, groben Stiefel gingen ihm vorn bis über die Knie. Er trug Piſtolenholfter am Sattelbug, ein langes, gewichtiges Schwert an der Seite, und die ganze Figur war von einem breitkrämpigen Hute überragt, deſſen lange weiße Feder im Winde faatterte. „Wer ſeyd Ihr, Sir?“ begann er auf Franzöſiſch, als der Earl ihm nahe kam;„wohin geht Ihr? Wißt Ihr, daß Ihr Euch innerhalb des Feldlagers befindet, welches Montmeillant belagert?“ „Das wußte ich in der That nicht,“ erwiederte der Earl; „da ich jedoch friedlich geſinnt bin und bei den Feindſelig⸗ keiten, welche hier vorgehen ſollen, mit keiner der beiden Parteien in Verbindung ſtehe, ſo werde ich wohl keine Schwie⸗ rigkeit finden, wenn ich bei Pont Beauvoiſin auf franzöſi⸗ ſches Gebiet übertreten will?“ 8 183 „Bei meinem Leben, das kann ich nicht ſagen!“ meinte der Andere;„es wird viel davon abhängen, was Ihr für ein Landsmann ſeyd, was Ihr für Geſchäfte habt und wo⸗ her Ihr zuletzt kommt.“ „Ich komme aus Italien,“ erwiederte der junge Earl, „und zog friedlich durch Piemont. Mein Geſchäft——“ „Halt, halt!“ rief der Fremde—„wirklich aus Italien? Das iſt von allen Ländern gerade dasjenige, von woher Frankreich für jetzt am wenigſten Beſuche erwartet. Habt Ihr in letzter Zeit den Herzog von Savoyen geſehen?“ „Noch nie in meinem Leben,“ erwiederte der Earl,„wenn ich ihn nicht hier vor mir ſehe.“ „O nein, ganz gewiß nicht,“ erklärte der Fremde.„Eurer Sprache nach ſollte ich Euch für einen Engländer halten — iſt dem ſo? Dann paſſirt in Gottes Namen, denn wenn ich Euch anhalten wollte, ſo würde mich meine gute Schwe⸗ ſter Eliſabeth mit ihrem großen Fächer auf die Finger klopfen. Ventre Saint Gris! man darf die Löwin jener Inſel nicht aufreizen.“ „Nein, Sire,“ verſetzte der Earl,„ich bin keiner von ihrer Majeſtät Unterthanen, ſondern gehöre einem benach⸗ barten Reiche Namens Schottland an.“ „Ha, ha,“ lachte der Andere.„Wie! einer von der Heerde meines zärtlich geliebten Vetters, des Königs Jakob. Der Himmel ſegne Se. höchſt ſcharfſinnige Majeſtät! wie ging es ihm, als Ihr ihn zuletzt ſahet?“ „Ganz wohl, Sire,“ verſetzte der Graf;„es iſt jedoch 184 ſchon ziemlich lange, ſeit ich in anderen als Privatangele⸗ genheiten Nachricht erhielt.“ „Darf ich Euch um Namen und Geſchäft bitten, guter Sir?“ fuhr der König von Frankreich fort, der unter'm Sprechen die kleine Truppe des jungen Edelmanns ſcharf beſichtigt hatte.„Zum bloſen Vergnügen zu reiten— dazu iſt es etwas ſpät, beſonders wenn man Damen in ſeiner Geſellſchaft hat.“ „Geſchäft habe ich unglücklicherweiſe keines,“ gab der junge Earl ernſthaft zur Antwort,„das eine ausgenommen, mich mit meiner ſchönen Baſe, welche in Betracht, daß ſie ſonſt für längere Zeit keine andere Gelegenheit fände, ſelbſt in dieſer ſpäten Jahreszeit meine Eskorte benützt— ſo raſch wie möͤglich in mein Heimathland zu verfügen. Mein Name, Sire, iſt John Ruthven, Earl von Gowrie.“ „Ha, edler Lord,“ fuhr Heinrich mit weniger gezwun⸗ gener Miene fort.„Ich habe ſchon von Euch gehört; wenn ich nicht irre, ſeyd Ihr ein Intimus meines alten Freundes Beza. Ihr ſeyd auf dem Wege nach Padua vor fünf bis ſechs Jahren durch Frankreich gekommen— wenigſtens war es einer Eures Namens.“ „Ich war es ſelbſt, Sire,“ gab der Earl zur Antwort; „ich hoffe, es wird Euer Gnaden gefallen, mir Paß und ſicheres Geleit zu gewähren.“ „Ganz gewiß,“ verſetzte der König mit luſtigem Lachen; „zuvor müßt Ihr aber mit mir ſpeiſen, Vetter, und wäre es auch nur wegen des Dienſtes, den mir Euer Name er⸗ weist.“ 185⁵ „Ich wüßte nicht, wie er Euer Majeſtät von Nutzen ſeyn könnte,“ ſagte Gowrie, welcher ſo raſch wie möglich aufzubrechen wünſchte. „O als Schrecken für Günſtlinge,“ erwiederte Heinrich mit bedeutungsvollem Blicke;„ich dächte, der Name Ruth⸗ ven ſollte ſie mit Grauen erfüllen. Aber bei mir wird keine abſchlägige Antwort angenommen. Ihr müßt mit Eurer ſchönen Baſe und wen Ihr ſonſt noch von Edelleuten bei Euch habt ein Soldatenmahl in meinem Zelte mit mir theilen; ich habe den König in Lyon hinter mir gelaſſen, und bei meinem Leben! der alte Beruf behagt mir beſſer als der neue! Ja wahrhaftig, Vetter, ich fand mehr Seelenfrieden als ich mich noch täglich um mein Frühſtück herumſchlagen mußte, als wenn ich jetzt im Palaſte ſitze, umringt von Leu⸗ ten, von denen die Einen nach meinen Schätzen, die Andern nach meinem Blute dürſten.“ „Da ſich das Jahr ſeinem Ende nähert,“ erwiederte Lord Gowrie, ohne des Königs Einladung geradezu abzu⸗ lehnen,„ſo möchte ich gerne ſo raſch wie möglich meinen Weg nach England fortſetzen, Sire.“ „Pfui Mann!“ rief der König;„habe ich nicht geſagt, daß ich keine Weigerung annehme? Wenn ich Euch ohne Zeichen der Gaſtfreundſchaft ziehen ließe, ſo würde Euer und mein Vetter, der würdige König Jakob, der nordiſche Salomo(obwohl ſeine Abſtammung von David weniger ehrenvoll als klar ſeyn dürfte)— er würde ja glauben, ich ſey ſeiner hohen Weisheit übel geneigt. Laßt uns nunmehr zurückreiten. Ihr, Monſieur de Chales, reitet zu Rosni ——— d 186 und ſagt ihm, ich werde morgen kommen, wenn er nicht einſt⸗ weilen den Platz nehme und mir zuvorkomme. Er iſt ſo eiferſüchtig auf ſeinen König wie ein verzogenes Weib. Kommt, Mylord Gowrie, ſtellt mich Eurer ſchönen Baſe vor; wir haben's in Galanterie verſehen, indem wir ſie ſo lange warten ließen.“ Mit dieſen Worten ſprengte er in Begleitung des jun⸗ gen Earls auf Julien zu, und Gowrie, genöthigt nachzuge⸗ ben, beſchloß, in des Königs luſtige Laune einzugehen und ſagte deßhalb im Weiterreiten: „Erlaubtmir, Sire, Euch meine Baſe Lady Julia Doug⸗ las vorzuſtellen. Julia, dies iſt der große König, von dem Du gehört haſt, der ſich nicht nur ſeinen eigenen Thron, ſondern auch die Liebe ſeines Volkes, und zwar den einen durch das Schwert des Kriegs, den Andern durch das Schwert der Gerechtigkeit eroberte.“ „Ich küſſe Euch die Hand, ſchöne Dame,“ äußerte der König;„Lady Julia Douglas! alſo eine von den blutenden Herzen? Ich hoffe, mein Herr Graf, ihr Herz wird unter Eurer Obhut ſicher ſeyn.“ „In welchem Falle Euer Majeſtät nicht verſuchen wird, es mir zu ſtehlen,“ antwortete der junge Earl, welchem Hein⸗ richs Charakter als leidenſchaftlicher Damenfreund nicht un⸗ bekannt war. „Nein, nein; Ehre unter Dieben!“ erklärte der König. „Wäre ich ein Beamter an Cupido's Hofe, ſo würde ich Euch anhalten, nachdem ich Euch mitten in dem Akte be⸗ troffen, Eure Beute davon zu führen; als bloſer armer 187 Taſchendieb, der ich bin, fühle ich mich aber zu keiner Ein⸗ miſchung berechtigt. Kommt, laßt uns weiter ziehen,“ fuhr er fort, als er auf Juliens Wangen höhere Röthe auf⸗ ſteigen ſah, indem er ſein Roß wandte und in der Richtung von Chambery voranritt. Ein junger Liebender iſt immer wie ein Geizhals, der einen Juwel von großem Werthe beſitzt: mag er auch der Stärke der Riegel und Barren, welche ſeinen Schatz ver⸗ wahren, noch ſo gewiß ſeyn, mag er der Sicherheit deſſelben noch ſo ſehr vertrauen— er wird doch niemals ganz ruhig bleiben, wenn er weiß, daß Räuber um die Wege ſind, und Gowrie gewahrte mit ſehr wenig Wohlgefallen die galanten Aufmerkſamkeiten, welche der König ſeiner Braut im Weiter⸗ reiten erwies. Heinrich ſah ſeine Unruhe und ergötzte ſich darüber, obgleich der Earl ſie wohl verſteckte, und der Mo⸗ narch bemühte ſich mit gutmüthiger Bosheit— denn in dieſem Falle glaube ich, daß es nichts Weiteres war— ſeine beiden jungen Gäſte zu überreden, daß ſie einige Tage bei ihm in Chambery zubringen moͤchten. „Ihr, der Ihr von einem Geſchlechte von Kriegern ab⸗ ſtammt und vermuthlich ſchon ſelbſt die Waffen getragen habt,“ ſagte er, an den Earl ſich wendend,„könnt Ihr Euch entſchließen, den Boden zu verlaſſen, wo hohe Thaten voll⸗ führt werden?“ „Ich bin hiezu genöthigt, Sire,“ verſetzte der junge Graf, indem er, um ſeine doppelſinnige Meinung anzudeu⸗ ten, mit Lächeln fortfuhr:„wenn auch nichts Anderes wäre, ſo müßte natürlich die Gegenwart dieſer Dame meine Abreiſe 188 von einem Schauplatze beſchleunigen, an deſſen Scenen Eure Majeſtät ſo hohes Wohlgefallen findet.“ „Parbleu!'s iſt ja keine Gefahr vorhanden,“ meinte der König.„Unſer Lager wimmelt von Damen. Die Stadt Chambery iſt in unſern Händen; nur die Citadelle hält ſich noch Ehren halber und Frau v. Rosni gibt heute Abend ei⸗ nen Ball in der Stadt. Was ſagt Ihr dazu, ſchöne Lady?“ Wollt Ihr nicht bleiben und jenes Feſt durch Eure Gegen⸗ wart ſchmücken?“ „Es müßte nur als Gefangene ſeyn, wenn es geſchähe, Sire,“ verſetzte Julia,„denn meine Pflicht— und um die Wahrheit aller höfiſchen Manier zuwider zu ſagen— auch meine Neigung ruft mich ſo raſch wie möglich nach Schottland.“ „Bei meinem Leben!“ ſchwor der König lachend,„Ihr müßt Beide Schüler von Rosni ſeyn. Jener hartköpfige Hugenott ſpricht immer wie er's denkt, ſo unſchmackhaft es auch lauten mag, und ich finde, daß die Schotten ebenſo barſch ſind, obgleich ſie nicht ehrenhafter ſeyn können. Nun, nun,“ fuhr er mit einem Seufzer fort,„da Ihr nicht darein willigt uns durch Einführung friſcher Gedanken und Ge⸗ ſichter zu erheitern, ſo muß ich Euch eben ziehen laſſen, ob⸗ gleich ich eigentlich wohl berechtigt wäre, Euch Beide als Rebellen, und zwar den Einen in meinem Feldlager und Euch, ſchöne Dame, in der alten Karthauſe gefangen zu halten, um Euch für Eure Beleidigung abbüßen zu laſſen. Natürlich würde ich nur in meiner Eigenſchaft als Beicht⸗ vater alſo handeln.“ * 189 Julia ſchaute ängſtlich auf Gowrie, welcher lachend er⸗ wiederte: „Das wäre ein Bruch des Völkerrechts, Sire. Franz der Erſte ließ ſeinen Feind, den Kaiſer Karl, ungefährdet ziehen, und da Eure Majeſtät mich Vetter zu nennen wür⸗ digt, ſo werde ich meiner Treu nur als Potentat gegen Po⸗ tentaten mit Euch verhandeln.“ „Ich nenne manchen Mann Vetter, der es weniger iſt als Ihr,“ verſetzte der König, einſehend, daß er die Beiden nicht zurückzuhalten vermochte.„Wenn ich mich recht er⸗ innere, ſo war Eure Großmutter oder Urgroßmutter eine Schweſter der Königin Maria von Frankreich und Heinrichs des Achten, des trefflichen Königs von England, der ein bewundernswürdiges Mittel beſaß, ſich läſtiger Weiber zu entledigen.— Bei meinem Leben! ich wollte, es wäre ein Erbgut aller Könige. Parbleu! das wäre ein werthvolleres Privilegium als jenes, alle Uebel durch unſere Berührung zu heilen, wie man es ſonſt uns Königen zuſchreibt. Ich moͤchte lieber meinen eigenen Schaden berühren als den der lahmen Bettler, die ſich um die Kirchenthüren von Rheims drängen.“ „Mich dünkt, Eure Majeſtät würde es nicht gebrau⸗ chen, auch wenn Ihr es beſäßet,“ bemerkte Julia. „Warum nicht, ſchöne Dame?“ rief Heinrich raſch, denn der Gegenſtand war einer derjenigen, die ihn immer anregten. „ Ich meine die ſcharfe Berührung, womit König Hein⸗ rich das Uebel, von dem Ihr ſprecht, zu kuriren pflegte,“ erklärte Julia. „Nein, das vielleicht nicht,“ verſetzte Heinrich nachſin⸗ nend.„Ich bin nicht grauſam und kann ſolche ſcharfe Mit⸗ tel ſogar bei harten, eiſenfeſten Männern nicht leiden. Auch bin ich der Anſicht, daß ein Frauennacken zu etwas Anderem als nur für das Beil gemacht iſt, nämlich um heitere Juwe⸗ len und glänzende Goldketten zu tragen. Jene Vorliebe für die Art, von der Ihr ſprechet, ſcheint beſonders im Falle von Frauen ein charakteriſtiſches Unterſcheidungszeichen des Tu⸗ dorſtammes zu bilden. Gott ſey Dank, ſie iſt nicht bis zu uns gedrungen! Ich glaube, ich möchte den Gebrauch ſelbſt bei den ſchlimmſten aller Weiber nicht anwenden, wiewohl der Dolch und Giftbecher, den wir in früheren Zeiten öfter bei uns wirlſam ſahen, ebenſo wenig nach meinem Geſchmacke iſt. Wenn ich zu wählen hätte— ich wollte lieber das Schlachtopfer als der Henker ſeyn. Gott wolle mich übri⸗ gens vor Beidem beſchützen!“ Es lag etwas in dem Geſpräche und dem Verlaufe, den es genommen, was Heinrich auf eine Weile in tiefe Gedan⸗ ken verſenkte, ſo daß er wohl zwanzig Minuten lang faſt ſchweigſam dahinritt. „Dort liegt das ſchöne Chambery,“ rief er endlich auf⸗ ſchauend und mit der Hand nach vorn deutend; ves iſt je⸗ doch noch mehrere Meilen entfernt und da Ihr durchaus heute Nacht weiter reiſen wollet(was im Ganzen vielleicht beſſer iſt), ſo will ich vorausſchicken und einige Löffel Suppe weiter als gewöhnlich auf meinen Tiſch geſtellt wird, zu mei⸗ ner Hausmannskoſt beſtellen laſſen. Ich kann Euch ſa⸗ gen, Vetter, die Könige von Frankreich ſind faſt immer 191 ſicher, in Abrahams Schoos zu gelangen, denn ihre Stel⸗ lung auf Erden hat weit mehr von der des Lazarus als von der eines Kröſus an ſich. Ich verdanke es Rosni, daß es jetzt etwas beſſer geht; allein in früheren Zeiten gebrach es mir oft am Mittageſſen, und ſelbſt jetzt werdet Ihr ſehen, daß ich weder in Purpur und feine Linnen gekleidet bin, noch jeden Tag herrlich und in Freuden ſpeiſe.“ Vierzehntes Kapitel. Obgleich Heinrich der Vierte die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen pflegte, ſo beſtand doch diesmal das Zelt, von dem er geſprochen, aus einem hübſchen Hauſe in der Stadt Chambery; ſein Feldlager bildete der weite Umkreis der Stadt ſelbſt, obwohl außerhalb der Wälle noch eine weitere Zeltenſtadt zu ſchauen war. Die Marſchälle des königlichen Haushalts hatten allerdings für des Monarchen Tafel nicht viel beſſer Sorge getragen, als dies auch in frü⸗ heren Zeiten ihre Gewohnheit geweſen. Vielleicht daß kein General in ſeiner Armee ſo ſchlecht ſpeiste wie Heinrich der Vierte, der zu gutmüthig war, um ſolche kleine Unterlaſ⸗ ſungsſünden zu beachten, und eine Beleidigung ſeiner eigenen Perſon weit geringer anſchlug als ein Vergehen gegen den Staat. Er mochte hierin Unrecht haben, ja ich glaube ſo⸗ gar, daß dies ſo war, denn wer in dem einen Falle Ungehor⸗ ſam gegen ſeine Befehle oder Veruntreuung der Pflicht dul⸗ det, ermuntert auch in andern Fällen zu demſelben Fehler. 192 Große Genies finden übrigens immer mehrere Wege offen, um daſſelbe Ziel zu erreichen und die ſtrenge Regel, welche der Eine zur Erreichung ſeiner Abſichten für nöthig hält, kann der Andere ohne Gefahr umgehen. Es mag als Grundſatz wahr ſeyn, daß die franzöſiſche Nation, in Anbetracht ihres eigenthümlichen Natio nalcha⸗ rakters, nur unter einem Tyrannen Frieden halten und ge⸗ deihen kann; es mag wahr ſeyn, daß wenn Heinrich der Vierte ein Tyrann geweſen, er nicht unter Ravaillacs Meſſer gefallen wäre. Es mag wahr ſeyn, daß nie ein ſtarkmü⸗ thiger Tyrann weder durch Mörderhand noch durch Volks⸗ gericht gefallen, und daß es nur die Combinirung von Cha⸗ rakterſchwäche mit deſpotiſchen Launen iſt, was jeden Mo⸗ narchen, der dem allgemeinen Unwillen oder der Privatrache unterlegen, zu Falle brachte. Selbſt das Brüllen des befreiten Roms' war nur der Jubel eines Volkes, das Jahre lang von einem Thoren und Tollhäusler mit Füßen getreten worden und jetzt ein ebenſo jämmerliches als drückendes Joch abgeſchüttelt hatte. Die Liebe, wenn ſie durch ein Weſen erregt iſt, deſſen ſtärkere und ſtrengere Eigenſchaften Achtung gebieten, beſitzt eine Gewalt, welche mächtig auf die großen Maſſen einwirkt, und ich glaube, daß Heinrich der Vierte, trotzdem daß er manche kleinere Vergehen ſeiner nächſten Umgebung überſah, durch ſeine Kraft und Entſchloſſenheit in großen Dingen vor der Volkslaune und ihrer Veränder⸗ lichkeit verwahrt geblieben wäre, und daß das Einzige, was er in Folge ſeiner gutmüthigen Nachſicht gegen perſoͤnliche 193 Beleidigungen zu fürchten hatte, gerade das feige Mittel des Mordes aus Privatrache war. Wie dem auch ſeyn mag— des Königs Tafel war an dem Tage, von dem wir reden, gewiß weit ärmlicher be⸗ ſchaffen, als man ſie jetzt in gar manchem Privathauſe an⸗ treffen wird. Der Pomp und die Etikette eines Hofes war allerdings in der Aufwartung zu gewahren; allein das ärmliche Mahl war nichts weniger als königlich, und der Monarch fühlte ſich auch etwas beſchämt, daß ſolche Karg⸗ heit vor einem Fremden zur Schau gekommen war. Unmittelbar nach dem Eſſen ließ Heinrich die ſchöne Julia bei Frau v. Roſin und einigen andern Damen zurück und rief Gowrie in ein kleines Kabinet des Hauſes, worin. er ſein Hauptquartier aufgeſchlagen hatte. Sich ſelbſt nie⸗ derſetzend, winkte er ſeinem jungen Gaſte, einen Stuhl zu nehmen, und hub alſo an: „Ich nehme als ausgemacht, Mylord, daß was Ihr mir vorhin ſagtet, wirklich der Fall iſt und daß Ihr meinen guten Vetter von Savoyen nicht geſehen habt, noch etwas von ſeinen Angelegenheiten wiſſet, daß Ihr vielmehr mit dem hübſchen Vogel in Eurer Falle einfach nach Hauſe reiſet, um ſie natürlich zur Frau zu nehmen, ſobald Ihr Euer Geburtsland erreichet?“ „Ich verſichere Eure Majeſtät,“ erwiederte Gowrie, ſich blos mit dem Kopfe verneigend,„daß ich von dem Herzog von Savoyen lediglich Nichts weiß.“ „Wohlan,“ ſagte Heinrich,„ſo wird es Euch vielleicht Freude machen, eine Perſon wenigſtens kennen zu lernen, James. Gowrie. 13 194 nämlich Eliſabeth Königin von England. Ich will deshalb ihrer Majeſtät einige Zeilen zu Euren Gunſten ſchreiben, und Ihr werdet wohl thun, wenn Ihr nach Paris kommt, ihren Geſandten Sir Henry Neville zu beſuchen, damit er meine Empfehlung unterſtütze. Ich ſehe die Zeit kommen,“ fuhr der König fort,„wo einem ſchottiſchen Edelmanne die Gunſt in England von hohem Werthe ſeyn wird; ſollte ſie Euch zu Theil werden, ſo gebraucht ſie mit Vorſicht, denn Ihr habt es mit zwei Leuten zu thun, welche ihre Eigen⸗ heiten haben. Die eine, von ſtarkem Charakter, beſitzt we⸗ nig Aufrichtigkeit, viel abgefeimte Politik neben vielen Schwächen; ſie kann wohl bittere Feindin, aber nie eine ehrliche Freundin werden und wird immer diejenigen, die ihr ihren Zweck erreichen halfen, je nach Umſtänden aufopfern. Ihr werdet wohl thun, Euch gut mit ihr zu ſtellen, aber nur nicht allzugut. Der Andere beſitzt unter Allen, die ich kenne, den meiſten Witz und die wenigſte Klugheit. Fein wie ein Fuchs iſt ſeine Politik, ebenſo argliſtig und jämmer⸗ lich wie die jenes Thieres. Sein Haß aber iſt ſehr gefähr⸗ lich, denn er iſt ſtark im Vergleich zu ſeiner ſonſtigen Schwäche, und wird ebenſo dunkle Pfade verfolgen, wie ſeine Logik oder Religion. Bei Letzterem habt Ihr Zutritt vermöge Eures Ranges, an Erſtere will ich Euch einen Brief mitgeben, der ſich für Euer Schickſal nützlich oder ſchädlich erweiſen wird, je nachdem Ihr ihn gebraucht. Wartet einen Augenblick; ich will ſogleich ſchreiben. Ihr habt mir heute in Euren Gedanken einigermaßen Unrecht gethan; aber ich bin nie lange boſe und will der jungfräulichen Königin nicht erzählen, daß Ihr Euch halb und halb ſcheutet, Euch mit dem ſchönen Mädchen in Eurer Geſellſchaft ihrem Bruder in Frankreich anzuvertrauen.“ Der König betrachtete ihn bei dieſen Worten mit bedeu⸗ tungsvollem Lächeln; doch Gowrie erwiederte ohne Zögern: „Es hieß Eurer Majeſtät kein Unrecht thun, wenn ich annahm, daß Ihr große Gewalt über alle Herzen beſitzet, und wenigſtens eines Eurer Herrſchaft entziehen wollte.“ „Ihr Schmeichler!“ ſchalt der König;„glaubt Ihr, ich kenne die Menſchen nicht, nachdem ich ſeit ſiebenundvier⸗ zig Jahren mit ihnen verkehrt, gefochten, gehandelt und Karten geſpielt habe? Ich wußte beſſer als Ihr ſelbſt, was in Euren jungen Herzen vorging, und hätte Euch etwas länger gezürnt, wenn ich mich nicht ſelbſt kennte und wüßte, daß es ein gefährliches Jagen iſt, wo es ſich um ein ſchönes Mädchen handelt, wenigſtens mit Gascognerblut in den Adern. So geht alſo nur und Gott geleite Euch! Ich kannte Euren Vater in meiner Jugend, als er hier in Frank⸗ reich war, und hätte ihm das Leben gerettet, wenn er ſo⸗ gleich, wie er hätte thun ſollen, zu mir geflohen wäre. Ihr ſeyd ein ſchlimmes Rebellengeſchlecht, ihr Ruthvens; doch meine beſten Freunde waren ihrer Zeit Rebellen und darum darf ich Euch nicht ausſchließen.“ So ſprechend, begann der König mit raſcher, geläufiger Hand zu ſchreiben, während der junge Earl, bei welchem jene Worte theilweiſe höchſt peinliche Erinnerungen erweckt hatten, mit zu Boden geſchlagenen Blicken und in Gedanken begraben daſaß. . 13* * 196 Heinrichs Brief, obwohl etwas ſteif und förmlich, wie ſeine Epiſteln an Königin Eliſabeth gewöhnlich lauteten, war in leichtem, munterem Tone abgefaßt und ohne Zweifel in der Abſicht geſchrieben, dem jungen Earl bei der könig⸗ lichen Dame, an die er gerichtet war, von Nutzen zu ſeyn. Nach dem gewohnten förmlichen Eingange fuhr er alſo fort: „Ich habe von Eurer Majeſtät mit Feinden raſch umzu⸗ gehen gelernt, und nachdem ich trotz meines Widerwillens, gegen unſern guten Vetter von Savoyen die Waffen zu ge⸗ brauchen(wie ich denn mit allen Menſchen im Frieden leben möchte), die Erfahrung gemacht habe, daß er uns für bloſe Kinder gehalten, ſo hielt ich es für Recht, mit einer Armee in das Herz ſeiner Staaten einzudringen, um ihn, wie ich hoffe, ſehr raſch zur Vernunft zu bringen. Wir haben eine Anzahl ſeiner Städte und Schlöſſer genommen und ſtecken nun hier mitten im Gebirge; Chambery und Montmeillant iſt in unſern Händen und nur die Citadellen halten ſich noch. Mitten in dieſem Siegeslaufe erhielt ich den Beſuch des edeln Lords, Grafen von Gowrie, der dieſes Schreiben Eurer Majeſtät zu Füßen legen wird, nnd da er ausnehmend be⸗ eifert iſt, Eurer Majeſtät zu dienen, ſo überantworte ich dieſen Brief ſeiner Sorge, im feſten Vertrauen auf ſeine Ehre und Treue. Ueberdies iſt er, wie Eurer Majeſtät ohne Zweifel bekannt iſt, ſchon durch die Bande des Blutes ver⸗ pflichtet, Eure königliche Perſon zu ehren und Euch zu ge⸗ horchen, indem er zwar in entferntem Grade und durch die weibliche Linie von jenem großen Fürſten abſtammt, der auf dem Felde von Bosworth den Zwiſt zwiſchen York und 1 197 Lancaſter mit dem Schwerte endigte. Ich zweifle nicht, daß Ihr ihn um ſeiner ſelbſt willen mit Eurer Gunſt begna⸗ digen werdet; und was ihm auch in den Augen einer nicht oberflächlichen Menſchenkennerin an eigenen Verdienſten ab⸗ gehen mag, das werdet Ihr ihm, wie ich vertraue, gewäh⸗ ren, aus Gnade für Eurer Majeſtät Bruder und dankbarem Diener Heinrich.“ „Jetzt noch einige Worte an den guten Sir Henry Ne⸗ ville,“ bemerkte der Koͤnig aufſchauend,„dann mögt Ihr Eure Reiſe wieder antreten, Gowrie, damit Ihr einſt ſagen müßt, Ihr habt von den Händen des Königs von Frank⸗ reich Nichts als Gutes empfangen.“ Sofort ſchrieb er noch einen Brief in ganz anderem Style an den engliſchen Geſandten zu Paris, indem er den jungen Grafen ſeiner Sorge und Beachtung anempfahl und ihn bat, deſſen Abſtchten am engliſchen Hofe— welcher Art ſie auch ſeyn möchten— mit allen ſeinen Kräften zu unter⸗ ſtützen, ſoweit die Pflicht gegen ſeine königliche Gebieterin ſolches geſtatte.— „Jetzt ruft dem Pagen, Gowrie,“ ſchloß der König vom Stuhle ſich erhebend,„und laßt ihn Wachs und Seide brin⸗ gen, um dieſe Epiſteln zu ſiegeln; dann wollen wir unver⸗ weilt zu Pferde ſteigen, denn auch ich muß mich wieder auf den Weg machen. Ich habe für heute die Rolle Heinrichs von Frankreich zur Genüge geſpielt; jetzt muß ich wieder Heinrich von Navarra ſeyn, denn noch vor morgen Abend will ich Charbonnieres einnehmen.“ 198 Die Briefe waren bald geſiegelt, und Lord Gowrie machte ſich mit ſeinem Häuflein abermals auf den Weg, indem ihn der König mit einer kleinen Truppe etliche drei bis vier Mei⸗ len begleitete, ſich dann mit galanten Worten von der ſchö⸗ nen Julia und mit einem fröhlichen Scherze von dem jungen Grafen verabſchiedete, während die, welche er alſo zurück⸗ gelaſſen, ihren Weg gegen Lyon langſam verfolgten, wo ſie durchaus einiger Ruhe bedurften. Da dieſes Buch keine Reiſebeſchreibung werden ſoll, ſo will ich bei den Ereigniſſen ihrer ferneren Wanderung nicht länger verweilen. Sie verlief ſo ziemlich wie alle andern Reiſen damaliger Zeit, wo der Wanderer nur ſehr wenig Gelegenheit fand, ſeine Tour in raſchen Schritten zu voll⸗ enden. Gaſthöfe gab es damals in Frankreich weit mehr als heutzutage, denn ſchon das langſame Vorrücken der Wanderer machte Haltpunkte auf kürzeren Strecken noth⸗ wendig, und dieſe Gaſthöfe waren natürlich bald ſehr gut, bald ſehr ſchlecht, je nach der Beſchaffenheit des Wirthes und derjenigen Klaſſe von Gäſten, welche er aufzunehmen ge⸗ wohnt war. So ſehr es auch wahrſcheinlich iſt, daß ſeit den Zeiten größter Barbarei bis auf die heutigen Tage herab einige Arten von Rädermaſchinen, gewöhnlich Wagen genannt, unter den europäiſchen Nationen im Gebrauche waren, und daß Perſonen mittelſt ihrer von einem Theile eines Landes zum andern reisten, ſo wurden doch dazumal ſolche Fuhr⸗ werke nur von ſehr wenigen Perſonen in Frankreich gebraucht, indem man ſeine Reiſen zu Pferde machte, wenn man anders 199 hiezu fähig war. Ich weiß nicht einmal, ob die Pferde, welche ein Reiſender auf den verſchiedenen Stationen längs der Heerſtraße haben konnte, zum Ziehen irgend tauglich waren, und wenn man deßhalb wegen Kränklichkeit oder als Ausdruck hohen Ranges zu einer Reiſe im Wagen ſich ent⸗ ſchloß, ſo nahm man entweder ſeine eigenen Pferde mit oder man miethete Zugthiere vom Land, die man ſich in faſt allen Städtchen an der Straße verſchaffen konnte. Für ſolche Reiſende, die mit eigenen Pferden fuhren, ſtanden natürlich jeder Zeit die beſten Gaſthöfe offen und das äußere Auftreten des Grafen v. Gowrie und ſeines Gefolges ſicherte ihm überall den ehrerbietigen Empfang von Gaſtwirthen und Dienſtboten. Nichtsdeſtoweniger war die Unbequemlichkeit und Anſtrengung für die ſchöne Julia auf der langen Her⸗ reiſe bis jetzt ſo groß geweſen, daß Gowrie ſich entſchloß, für ſie und ihre Dienerin einen Wagen nebſt vier Pferden zu kaufen und die Reiſe auf dieſe Weiſe fortzuſetzen, während er ſie mit dem übrigen Gefolge zu Pferde begleitete. Dieſe Beförderungsmethode nahm jedoch weit mehr Zeit in An⸗ ſpruch als dieß ſonſt der Fall geweſen wäre, denn das Aeußerſte, was ſie im Durchſchnitt zurückzulegen vermochten, waren dreiundzwanzig Meilen auf den Tag— in unſern Eiſen⸗ bahnzeiten darf man freilich ſo etwas kaum noch geſtehen. Wer würde in unſern Tagen eine ſolche Reiſe nicht für höchſt langweilig erklären? Und doch fanden— ehrlich ge⸗ ſtanden— Lord Gowrie und ſeine ſchöne Freundin ſie nichts weniger als läſtig. Aehnlich den Bienen, zogen ſie Honig aus jeder Blume am Wege, und ein Gefühl ſchien ſich ihrer 200 bemäͤchtigt zu haben, wie wir es nur zu ſelten im Leben an⸗ treffen, daß ſich wirklich die Gegenwart, wenn wir anders wollen, zum glücklichſten Theile unſeres Daſeyns geſtalten laſſe. Der Horizont ihrer Zukunft zeigte keine beſonderen Wolken; nichts Greifbares war vorhanden, was für die kommenden Tage Furcht erweckte; ſie empfanden, daß ſie in ihrer gegenſeitigen Geſellſchaft höchſt glücklich waren, und wenn ſie ſich auch nach der Stunde ſehnten, wo ihr Schickſal auf immer vereint ſeyn würde, ſo ſchien ſich doch jeder an⸗ dere Wechſel ihrer Fantaſie eher als eine Drohung darzu⸗ ſtellen. So lang auch die Reiſe von Lyon nach Paris dauerte, zuletzt ging ſie doch zu Ende und als ſie ſich den Barrieren der großen Stadt näherten, ritt Lord Gowrie mit einem einzigen Diener voraus,, um eine Wohnung für die ganze Geſellſchaft zu ſuchen und einzurichten. Er empfahl Julien der Sorge Mr. Rhinds, ſprach aber auch vor dem Wegreiten einige wenige Worte mit Auſtin Jute, indem er ihn anwies, wo er ihn in der Stadt ſuchen ſollte, da er überhaupt— aufrichtig geſagt— ſeinem Witz und ſeiner Fähigkeit weit mehr zutraute als der Weltkenntniß, welche ſein ehmaliger Hofmeiſter noch jemals beſeſſen. Der Wagen fuhr ohne Schwierigkeit durch die Thore von Paris und wand ſich langſam durch die krummen Straßen der franzöſiſchen Hauptſtadt, wo der Weg an manchen Stel⸗ len ſo ſchmal war, daß die neben dem Wagen reitenden Diener zurückzubleiben genöthigt wurden. Mr. Rhind hatte ſich an der Barriere in den Wagen geſetzt, konnte ſich aber 201 nicht enthalten, die ledernen Vorhänge von Zeit zu Zeit zurückzuſchlagen, welche den offenen Raum ſchützten, der bei modernen Fuhrwerken von Fenſtern geſchloſſen wird, damals aber ganz ohne alles Glaswerk war. Als Grund hiefür machte er bei ſich und Julien geltend, daß er ſich überzeugen wolle, ob der Kutſcher auch wirklich nach dem Place royale fahre, wo ſie den jungen Grafen treffen ſollten; eigentlich aber war die Ortskenntniß des würdigen Herrn viel zu be⸗ ſchränkter Art, als daß er dem Manne, falls dieſer ſich irrte, irgend eine genaue Weiſung hätte geben können, und Neugierde mochte wohl ebenſo großen Antheil an ſeinem Verfahren haben, als Vorſicht. Wie dem auch ſeyn möge— dieſe Handlungsweiſe er⸗ wies ſich als ſehr unglücklich. Die See bleibt noch lange bewegt nach dem Sturm, und die Bürgerkriege, welche Frankreich ſo viele Jahre verwüſtet, hatten in der Haupt⸗ ſtadt eine große Sittenloſigkeit zurückgelaſſen, welche ſelbſt all die Feſtigkeit und Energie des Königs noch nicht zu unterdrücken vermocht hatte. Eben als der Wagen aus der Rue St. Antoine gegen den Fluß ausbog, während die Diener noch hinter ihm herzogen, kam eine luſtige Geſell⸗ ſchaft von jungen Leuten in demſelben Augenblick vorbei⸗ geritten, da Mr. Rhind den Vorhang wieder zuziehen wollte. Der Blick, welchen einer der Jünglinge in den Wagen warf, machte Juliens Wange erröthen; es war ſchwer zu erklären, was in jenem Ausdrucke lag, um ihr das Blut ſo raſch in's Geſicht zu treiben; ſie konnte ſich's ſelbſt nicht erklären, aber ſie fühlte, daß es ein unverſchämter, 20² wenn nicht beleidigender Blick war. Der Vorhang wurde jedoch alsbald zugezogen und ſie glaubte die Beläſtigung vorüber, als ſie plötzlich das Klappern von Pferdehufen ne⸗ ben dem Wagen vernahm, den Vorhang von Außen barſch zurückgeriſſen und daſſelbe Antlitz, das ſie zuvor geſehen, in den Wagen hereingucken ſah. Der Fremde ſprach etwas in lachendem Tone, was Ju⸗ lia jedoch nicht verſtand; faſt im ſelben Augenblick aber ſah ſie, wie ein Arm ſich ausſtreckte und eine geballte Fauſt dem Zudringlichen einen heftigen Schlag auf den Kopf verſetzte, während Auſtin Jute mit lauter Stimme auf Engliſch ausrief: „Das nehmet dafür, daß Ihr ſo viel mehr Unverſchämt⸗ heit als Witz bewieſen. Steckt Eure Schnautze niemals in Orte, wo Ihr ſie nicht mehr herausbringt.“ Eine Scene wilder Verwirrung folgte alsbald, welche Julia nur theilweiſe mitanſehen oder begreifen konnte. Sie ſah Auſtin Jute wie auch den Fremdling vom Pferde ſprin⸗ gen; dann zog Mr. Rhind den Vorhang zu und band die Gurten feſt. Draußen hörte man ein Klirren von Schwer⸗ tern und die Kämpfenden ſchienen rings den Wagen zu um⸗ kreiſen, der mittlerweile ſtillgeſtanden hatte, bis endlich ein leifer Schrei und tiefes Stöhnen folgte, und Auſtins Stimme dem Kutſcher laut zurief: „Vorwärts, auf den Place royale ſo ſchnell wie möglich!“ — 203 Fünfzehntes Kapitel. Wir müſſen den Schauplatz nunmehr für eine Weile wechſeln und unſern Leſer in einen ganz andern Theil der Welt verſetzen. In einem kleinen Kabinette des alten Schloſſes von Stirling ſaß ein junger Mann zwiſchen neun⸗ zehn und zwanzig Jahren. Draußen war ein klarer und ſogar warmer Wintertag; kein Schnee war bis jetzt gefallen, die Felder waren noch grün, und die ſchöne Landſchaft, die ſich unten vor dem Beſchauer ausdehnte, auf der einen Seite die gewaltigen Hochlande am Horizont emporſteigend, wäh⸗ rend ſich auf der andern die ſchöne Scenerie des Flachlandes Meilen weit ausdehnte und alle Krümmungen des Forth auf ſeinem Laufe nach der See gewahren ließ— bedurfte in der That kaum des grünen Blätterwerks vom Frühling oder Sommer, um immer noch ausnehmend ſchön zu erſcheinen. Zwar mochte der Erbauer des hohen Thurmes, worin das obige Kabinet lag, nur wenig daran gedacht haben, ſeinen Bewohnern eine ſchöne Ausſicht zu gewähren, denn der Bau hatte die Beſtimmung eines Wartthurms und beherrſchte die weiteſte Ausſicht, die man von dieſem Punkte aus nach drei Seiten der Umgegend haben konnte. Der junge Mann, deſſen wir oben gedachten, ſchenkte der ſchönen Landſchaft zu ſeinen Füßen ſo wenig Aufmerkſam⸗ keit, als ſich von dem Erbauer des Thurmes nur irgend an⸗ nehmen ließ, obgleich er neben einem der vier Fenſter ſaß und deſſen Flügel weit offen ſtand. Er hatte ſich gegen das ſteinerne Geſims des Fenſters zurückgelehnt, das Haupt war vorgebeugt, während die Füße ſich über einander kreuzten, und in ſeiner Hand ruhte ein ſchmaler Papierſtreifen, der von einer Frauenhand dicht überſchrieben war. Oft ruhten ſeine lächelnden Blicke auf dem Papier, und einmal hob er es ſogar an die Lippen, um es zu küſſen. Es mochte etwas an dem Papiere ſeyn, was ihm ausnehmend wohl gefiel. O falſche und verrätheriſche Hoffnungen der Jugend! Wie oft erweist Ihr euch als ſüßes Gift, das wir zu unſerem eigenen Verderben fröhlich verſchlucken! Ich ſah einmal ein merkwürdiges Stück alter Skulptur, das ein mit einer Schlange ſpielendes Kind darſtellte, und ich habe oft gedacht, der Bildhauer habe damit die Hoffnungen der Jugend dar⸗ ſtellen wollen. Immer noch betrachtete der Jüngling lächelnd das Pa⸗ pier und ſpielte nachdenklich mit demſelben. Was war es wohl, was die Zauberin ihm vorſpiegelte? Welches war der goldene Traum, der für den Augenblick den Pallaſt ſeiner Seele einnahm? Ich weiß es nicht. Wahrſcheinlich Frauen⸗ liebe, denn er war ein ſo ſchöner Jüngling, wie nur je ein ſterbliches Auge geſehen, ſeinem Bruder, dem Earl von Gowrie ausnehmend ähnlich, nur von leichterem, fröhliche⸗ rem Ausſehen. Horch, da kommt ein Fußtritt über die kurze Treppen⸗ flucht geſchritten, welche aus dem großen Zimmer unten zu dem Thurme hinanführt. Es iſt nicht der Schritt der Ge⸗ liebten, der Göttin jenes frohen Tagestraumes, dem er ſich hingegeben, denn ſieh! er verbirgt plötzlich das Papier und ſchaut nach der Thüre mit einem Blicke der Ueberraſchung, 20⁵ wo nicht der Unruhe. Und doch iſt es ein Frauenſchritt, leicht und ſanft auftretend, und die Geſtalt, die jetzt unter der Thüre erſcheint, iſt ſicherlich jung und glänzend genug, um all' die zärtlichſten Empfindungen des Herzens zu er⸗ wecken. Doch nein, der Jüngling macht eine leichte Geberde ver⸗ drießlicher Ungeduld und ruft: 3 „Wie! Beatrice! Was willſt Du denn wieder? In der That, Du zudringliches Ding, man hat doch auch keinen Augenblick zum Nachdenken!“ „Nachdenken, Alex?“ rief die junge Dame lachend;„ich wollte bei'm Himmel, daß Du nachdächteſt oder auf etwas Nützliches Dich beſänneſt! Ich bin gekommen, um Dich womöglich zum Denken zu bringen. Nein, nein, warte nur mit Deiner Ungeduld, denn ich habe allerdings im Sinn, Dich zu ſchelten, und Du mußt mich hören und meine Worte erwägen. Ich bin zwar ein Jahr jünger wie Du, aber älter an Erfahrung im hieſigen Hofleben. O wenn Du ſolche Blicke um Dich wirfſt, werde ich die Thüre verſchließen“ — indem ſie ihre Drohung ausführte—„worüber haſt Du jetzt zu lachen?“ „Ueber Deine Anmaßung, Du thörichtes Mädchen,“ gab Alexander Ruthven zur Antwort.„Wo willſt Du denn Erfahrung geſammelt und woher willſt Du das Recht haben, eine ſolche altklluge Miene anzunehmen?“ „Ich ſammelte meine Erfahrung an dieſem Hofe, wo ich ſeit achtzehn Monaten lebe, während Du erſt ein Viertel⸗ jahr bei uns biſt,“ gab Beatrice zur Antwort,„und was 206 das Alter anbelangt, ſo iſt ein achtzehnjähriges Mädchen ſo alt wie ein Mann von vier⸗bis fünfundzwanzig. So, jetzt ſetze Dich zu mir her wie ein guter Junge und höre, was ich Dir zu ſagen habe.“ Alerander Ruthven warf ſich wieder in den Stuhl nie⸗ der, indem er eine gewiſſe geringſchätzige Fröhlichkeit affek⸗ tirte, ohne aber einen Ausdruck heftigen Aergers ganz ver⸗ bergen zu können. „Nun da bin ich,“ ſagte er.„Jetzt ſprich, meine Schwe⸗ ſter, worauf ſind Deine weiſen Rathſchläge gerichtet?“ „Auf Dein Glück, Deine Sicherheit, Deine Ehre, Alex,“ antwortete Lady Beatrice etwas ſcharf, denn ob ſie auch in der freundlichſten, hochſinnigſten Abſicht her⸗ gekommen— ihres Bruders Ton hatte ſie nicht wenig ver⸗ letzt. „Nun bei meinem Leben!“ rief Alexander Ruthven,„ich denke, kein Mann auf Erden würde glauben, daß dies der luſtige Spottvogel Beatrice Ruthven ſey.“ B „Wenn dies der Fall iſt— wie muß des Bruders Be⸗ nehmen geweſen ſeyn, das mich ſo ſehr verändert und mich von Frohſinn zum Ernſt, von leichtherziger Laune zur Schwerfälligkeit getrieben hat?“ fragte Beatrice. Dieſe Worte ſchienen den Jüngling mehr als die früher geäußerten zu treffen, denn in ihrem Tone lag eine tiefe Melancholie, welche deren Sinne nur noch mehr Nachdruck verlieh. „Ja, Beatrice,“ ſagte er, ſeine Hand auf die ihrige le⸗ gend.„Du biſt ein liebes, gutes Maͤdchen, wie ich glaube, 207 und liebſt mich treu und zäértlich. Sage mir, was Dir an meiner Aufführung mißfällt.“ Beatrice ſchlang ſogleich ihre Arme um ſeinen Nacken und küßte ihn. „Das nenne ich geſprochen, wie es meinem lieben Bru⸗ der geziemt,“ ſagte ſie,„und nun will ich auch wieder Bea⸗ trice ſeyn.— Doch zur Sache. Weißt Du, Aler Ruth⸗ ven, weißt Du, daß Du mit einer Königin kokettirſt, und daß Dein Treiben ſchon allgemein auffällt?“ Des Jünglings Wange wurde feuerroth. „Pah, pah!“ rief er,„das iſt nichts als Thorheit! Kann ich in höfiſcher Galanterie nicht meine Ergebenheit für die Frau meines Souveräns ausdrücken, ohne daß es übel aus⸗ gelegt würde? Der Unterſchied unſeres beiderſeitigen Ran⸗ ges iſt ſo groß, daß weder für Gefahr noch für Argwohn irgend ein Raum bleibt.“ „Der Unterſchied des Ranges iſt allerdings ſo groß, daß ſie von allen Gefahren des Böſen dadurch befreit wird,“ er⸗ wiederte Beatrice,„und ich hoffe, es gibt noch höhere und heiligere Grundſätze, Alex, welche auch Dich davor be⸗ wahren würden; aber weder dieſe Grundſätze noch jener Unterſchied werden Euch Beiden den Argwohn erſparen, noch werden ſie Dich ſogar der Lebensgefahr entziehen, wenn Ihr Beide in Eurem bisherigen Verhalten fortfahret.“ „Nun, was habe ich denn gethan und was hätte ich thun ſollen?“ fragte der junge Mann faſt mürriſch. „Ich kann Dir beſſer ſagen, was Du nicht hätteſt thun ſollen,“ gab ſeine Schweſter zur Antwort.„Du ſollteſt 208 nicht vereinzelte Augenblicke wählen, um Dich über Deiner Königin Stuhl zu lehnen und ihr unter ſüßem Lächeln leiſe Worte in's Ohr zu flüſtern. Du ſollteſt bei Maskeraden oder Feſtzügen am Hofe ſie nicht aufſuchen oder alsbald ent⸗ decken, als ob ihr ein geheimes Erkennungsmittel beſäßet, wodurch Du ſie unter hundert verſchiedenen Vermummungen herausfändeſt. Du ſollteſt Dir nicht insgeheim Billete von Pagen zuſtecken laſſen. Ich könnte Dir noch ein Dutzend Dinge ſagen, die Du nicht thun ſollteſt, doch dünkt es mich an dieſen genug.“ Des jungen Mannes Antlitz hatte während dieſer Rede mehr als einmal den Ausdruck gewechſelt, bis er endlich är⸗ gerlich zur Antwort gab: „Bedenkſt Du auch, Beatrice, daß Du Deine königliche Gebieterin ebenſo gut wie mich tadelſt?“ „Verhüte der Himmel!“ rief ſeine Schweſter.„Ich bin ihre Ehrendame, und ihre Ehre iſt mir ſo theuer wie meine eigene. Nein, nein, was ſte thut und erlaubt, geſchieht nur weil ſie den weiten Unterſchied zwiſchen ſich und Dir als eine Schranke zwiſchen Souverän und Unterthan betrachtet, von welcher ſie nicht im Traume glaubt, daß Du ſie jemals zu überſchreiten wagen würdeſt. Sie kennt nicht die Gefahr für ſich und Dich, ſogar bei Dingen, die in aller Unſchuld geſchehen, und Du, der Du es beſſer wiſſen ſollteſt, gehſt unbeſonnen Deines Weges weiter mit reinem Herzen, wie ich hoffe, aber gleichwohl von der Welt ſchlimm angeſehen. Noch mehr, Alex; ich ſage Dir, Du biſt von eiferſüch⸗ tigen Augen bewacht und die Leute führen Deinen Namen— 209 was nie geſchehen ſollte— immer neben dem der Koͤnigin im Munde. Hüte Dich, hüte Dich bei Zeiten, mein theu⸗ rer Bruder!“ Alexander Ruthven fuhr ſich mit der Hand über die Stirne und ſchaute mit einem Ausdruck zu Boden, der nicht länger der des Zorns, ſondern weit eher das Gepräge der Sorge und faſt der Verzweiflung war. „Ich wußte nicht, daß es ſo weit kommen würde,“ ſagte er.„Himmel und Erde! was iſt hier zu thun?“ „Ich dachte mir's, daß Du es nicht wußteſt und war deßhalb entſchloſſen, Dich, mein theurer Bruder, zu war⸗ nen,“ bemerkte ſeine Schweſter.„Was Du thun ſollſt?— Nichts leichter als das. Du nimmſt auf eine Weile Urlaub, und wenn Du zurückkehrſt, ſo hüteſt Du ängſtlich Deine Worte und Blicke. Bei all' Deinen Planen und Handlun⸗ gen glaube ich ſicher, daß ich Dich nicht zur Vorſicht anzu⸗ mahnen brauche. Aber erinnere Dich, mein Bruder, und halte es Dir immer vor Augen, daß wenn auch Du und die Koͤnigin vollkommen tadellos ſind, ein Hof doch immer von argwöhniſchen und böswilligen Menſchen wimmelt. Dies wird immer und überall der Fall ſeyn, wo ein Mann nur durch den Untergang Anderer emporſteigen kann. Wenn Dein Zweck echt und edel iſt— und ich zweifle nicht, daß er es iſt— wenn Dein Benehmen klug bleibt, ſo iſt Deine Aufgabe nicht ſo gar ſchwer.“ Der junge Mann winkte mit der Hand und wandte den Kopf ab. 4 Fames. Gowrie. 14 240 „Schwerer als Du weißt,“ erwiederte er düſter—„ach wie ſchwer!“ Er wollte, wie es ſchien, noch weiter fortfahren, als in dieſem Augenblicke plötzlich eine Hand auf das Schloß drückte und die Thüre zu öffnen ſuchte. Der junge Mann und ſeine Schweſter fuhren betroffen zuſammen und Beide betrachteten ſich mit ſchwer zu beſchreibendem Ausdruck. Beatrice wurde ſehr blaß, ihr Bruder flammenroth, denn Jedes dachte ſich eine Perſon am Hofe als den noch unſichtbaren Beſuch, und die Fantaſie Beider verfiel auf ein und dieſelbe. Der nächſte Augenblick machte jedoch der Täuſchung ein Ende: an der Thüre wurde heftig gerüttelt und die Stimme des Königs rief in breitem ſchottiſchem Dialekt: „Halt! was iſt das, wer iſt hier eingeſchloſſen? Alex Ruthven, was brauchſt die Thür zu ſperren, Mann?“ 3u gleicher Zeit fuhr er fort wüthend an der Thüre zu rütteln, wie wenn er mit Gewalt eindringen wollte. Bea⸗ trice ſprang alsbald hinzu und drehte den Schlüſſel; die Thüre flog ſo heftig auf, daß ſie das Mädchen beinahe zu Boden geworfen hätte. Unter dem Eingang erſchien Jakob ſelbſt, ein ſchweres Gewitter auf der Stirne, das gemeine Geſicht war Zorn geröthet, während man hinter ihm einen ſeiner damaligen Lieblinge, den Doktor Herris und eine zweite Figur ſah, deren Anblick Beatricens Herz heftiger pochen machte. Ohne die junge Dame zu beachten, ſchritt Jakob in's Zimmer und ſchaute ſich rings um, während ſeine breite Zunge in ſeinem Munde baumelte und die Spitze zwiſchen 4 211 den halbgeöffneten Zähnen hervorſah. Offenbar hatte er außer den jetzigen Bewohnern des Zimmers noch eine andere Perſon zu finden erwartet; aber es war nirgends ein Ver⸗ ſteck irgend einer Art und außer der Thür, neben welcher er ſtand, kein anderer Ausgang in dem Gemache. Das ganze Zimmergeräthe war ſo dürftig, daß er auf den erſten Blick erkannte, wie er ſich diesmal getäuſcht hatte. Mit einem jener lächerlichen Flüche, die er ſo häufig gebrauchte, rief er: „Was Teufels hat das Alles zu bedeuten? Warum ha⸗ ben ſich Bruder und Schweſter mit einander einzuſchließen?“ Mittlerweile hatte Beatrice ihre Selbſtbeherrſchung wieder gewonnen und erwiederte mit tiefem Knixe: „Es war nichts, Euer Majeſtät, als daß Alex und ich einen kleinen Streit mit einander hatten und ich ent⸗ ſchloſſen war, diesmal mit ihm zu Ende zu kommen. Er wollte weglaufen und deßhalb verriegelte ich die Thüre.“ „Vermuthlich eine Flauſe,“ ſpottete der König in ge⸗ meinem Tone;„aber wenn Ihr Euch mit Eurem Gelb⸗ ſchnabel geſtritten, ſo ſagt mir wenigſtens, um was es ſich handelte, und ich will Euch alsbald abkanzeln.“ „Das Abkanzeln iſt ſchon vorüber, Sire,“ gab Beatrice zur Antwort. 3 Der König wollte jedoch noch mehr erfahren und drang ernſtlich in ſte; allein Beatrice, ohne es in dem ihm ſchul⸗ digen Reſpekte zu verſehen, gab ihm die kluge Antwort: „Ich werde nichts über meinen Bruder ausplaudern, Sire; wenn Bruder und Schweſter ſich zanken, ſo iſt es beſſer, wenn ſie wie Mann und Frau ihren Streit unter 14* 212 ſich abmachen: der unſrige iſt abgemacht und mit Eurer Ma⸗ jeſtät gnädiger Erlaubniß will ich die Sache nicht weiter aufrühren.“ „Ja, ja,“ murmelte der König in bitterem Tone vor ſich hin—„dieſe Ruthvens ſind Alle Rebellen. Bei——“ fuhr er an Doktor Herris ſich wendend fort,„ich glaubte, er habe Jemand anders als ſeine Schweſter hier eingeſchloſſen, und es gebe eher ſüße als bittere Worte zwiſchen ihnen aus⸗ zutauſchen.“ Doktor Herris, ein Mann von groben harten Zügen, mit einem Klumpfuße, zuckte die Achſeln und ſagte leiſe: „Eure Majeſtät hat am Ende faſt immer Recht. Ihr thut aber beſſer, ihn nicht merken zu laſſen, was Ihr Alles argwöhntet, und ihm einen plauſibeln Vorwand für Euer Kommen anzugeben.“ „Ei ja,“ meinte der König,„das war mir ganz aus dem Sinne gekommen.— Siehſt Du, Alex, mein Junge,“ fuhr er in liebkoſendem Tone fort, wie er ihn zuweilen an⸗ nahm, wenn er Jemand, gegen den er Uebles beabſichtigte, glauben machen wollte, daß er ihm wohlgeneigt ſey,„ich wollte Dir eben dieſen guten Ritter vorführen, der hente Norgen mit Briefen von Deiner Mutter angekommen iſt. Sein Geſchäft ſcheint übrigens mehr dieſe launige Hexe hier als Dich anzugehen; ich hielt es jedoch für paſſend, Dich wiſſen zu laſſen, was vorgeht, ehe ich die Beiden zuſammen⸗ ließ.. Beatrice erröthete bis über die Stirne; doch Alexander Ruthven antwortete etwas mürriſch: —— 213 „Ich danke Eurer Majeſtät und bin ſehr erfreut, Sir John Hume vor mir zu ſehen. Was meine Schweſter be⸗ trifft, ſo iſt ſie ihre eigene Herrin und will zuweilen gar die meinige ſpielen.“ „Da haben wir's,“ lachte der König.„Der Junge iſt im Unrecht; was er aber ſagt iſt wahr, wie Sir John eines Tages ſelber finden wird. Sie möchte uns gerne Alle beherr⸗ ſchen. So will ich denn Euch Drei beiſammen laſſen, denn ich habe noch eine Menge Geſchäfte abzumachen. Ein ge⸗ kröntes Haupt iſt keine Kleinigkeit.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich nebſt ſeinem klump⸗ füßigen Günſtling, an der Thüre ſich umſchauend, um den Ausdruck in den Mienen der Zurückbleibenden zu beobachten. Da man aber Sr. Majeſtät Gewohnheiten wohl kannte, ſo bewachten alle Betheiligten ihre Blicke bis er fort und die Thüre wieder geſchloſſen war. Selbſt dann blieben ſie ſtumm, bis man den ſchweren Tritt des Doktor Herris im Zimmer unten vernahm, denn des Königs Vorliebe für das Horchen war kein Geheimniß im Schloſſe Stirling. Sobald ſie verſichert waren, daß er ſich entfernt hatte, wandte ſich Sir John Hume, noch ehe er die erſten Grüße mit ſeiner Geliebten austauſchte, an den jungen Ruthven mit dem Rufe: „Um's Himmelswillen, Alex, was haſt Du mit dem König?“ „Ich weiß es nicht,“ gab Ruthven zur Antwort;„er macht mich nicht zum Hüter ſeiner Geheimniſſe.“ „Aber dieſes Geheimniß berührt Dich einigermaßen,“ 214 meinte Hume,„und es iſt des Nachforſchens werth, mein Freund, denn Jakobs Feindſchaften ſind tödtlich und ſeine Befürchtungen oft nicht minder.“ „Was macht Dich glauben, daß er mir bös iſt, Hume?“ fragte der junge Mann, welcher— offen geſagt— durch das Vorgefallene nicht wenig beunruhigt worden war. „Sein ganzes Benehmen,“ gab Hume zur Antwort. „Er hielt mich faſt eine halbe Stunde unten und ſprach mir den baarſten Unſinn vor— einen Haufen gelehrtes Zeug über Padua und Livius, ganz ähnlich dem nichtsſagenden Gewäſch des alten Rollock auf der Hochſchule, wenn er in ſeine Faſelei verſtel. Dabei zupfte er aber immer an ſich herum und zerrte an den Schnüren ſeiner Hoſen, daß ich deutlich ſah, wie er aufgeregt war. Dann rief er einen Pagen und flüſterte ihm einen Auftrag in's Ohr, und nun kam er wieder auf Livius zurück und polterte mir eine ganze Seite holperigen Lateins vor, indem er mich fragte, ob ich es überſetzen könne. Eben in dieſem Augenblicke kam der Knabe zurück und meldete laut, er könne Ihre Majeſtät nicht finden, worauf Jakob mit den Worten aufſprang: wir wol⸗ len das Neſt ſchon ausnehmen. Komm mit, Cowdenknows, kommt mit, Herris: Ihr müßt das Werk mit anſehen’,— worauf er mir zurief, als ob er es früher zu ſagen vergeſ⸗ ſen: ich will Euch zu Alex Ruthven führen, John Hume. Während dem humpelte er gegen die Thüre, wie der Küfer eine leere Tonne durch die Straße rollt. Noch nie in mei⸗ nem Leben habe ich ihn ſo ſchnell gehen ſehen— fortwäh⸗ rend vor ſich hinmurmelnd, bis er vor dieſe Thüre kam. 215 Als er ſie geſchloſſen fand, ſchien er in ſolche Wuth zu ge⸗ rathen, daß ich nicht wußte, was noch daraus werden ſollte. Um ſo erfreulicher war mir daher der Anblick dieſer theuern Dame, als ich hereintrat. So erfreulich Euer Geſicht auch immer iſt,“ fuhr er fort, indem er Beatricens Hand ergriff und küßte,„ſo habe ich es doch noch nie ſo erheiternd ge⸗ ſehen wie damals.“ „Ei nein, Hume,“ entgegnete Beatrice,„laßt uns ernſtlich und von ernſthafteren Dingen reden. Was Ihr da ſagt, macht mich ſehr unruhig: ich ſah, der Koͤnig war über etwas zornig und Euer Bericht beweist, daß ſein Zorn kein leichter war. Gebt uns Euren Rath— was läßt ſich am Beſten thun?“ Alexander Ruthven hatte ſich wieder in den Stuhl ge⸗ worfen und ſchien in bittere Gedanken begraben; aber ſeiner Schweſter Worte erweckten ihn und er ſprang auf mit dem Rufe: „Was ich thun will, iſt ſchon beſchloſſen: ich gehe zum König und erbitte mir Urlaub zur Abreiſe. Abreiſe!“ mur⸗ melte er vor ſich hin—„ein bitteres Geſchenk! Er wird es mir wohl gewähren.“ Und ohne eine Erwiederung oder Bemerkung abzuwar⸗ ten, eilte er aus dem Zimmer. „Und nun, theures Mädchen,“ begann Hume, ſobald er fort war,„laßt uns von froheren Dingen reden. Iſt meine Beatrice verändert oder wird das Herz des Weibes beſtäti⸗ gen, was das Mädchen verſprach?“ „Seht Ihr nicht, daß ich mich verändert habe?“ gab 216 Beatrice munter zur Antwort.„Bin ich nicht einen halben Zoll höher und ein gut Theil ſchlanker geworden. Meine Mutter hatte ganz Recht als ſie ſagte, ſie wiſſe es nicht an⸗ ders, als daß ein Mädchen nicht eher heirathe, bis ſie aus⸗ gewachſen ſey.“ „Ja, aber hat ſich Dein Sinn auch verändert?“ fragte Hume:„äußerlich, meine Beatrice, biſt Du noch um Vieles lieblicher geworden.“ „Pfui,“ rief Beatrice.„Ihr hättet wenigſtens einen Superlativ anbringen und lieber gleich lieblichſt' draus ma⸗ chen können. Wenn Ihr aber glaubt, ich ſey an Geſtalt ſchöner geworden— warum ſolltet Ihr dann meinen, mein Sinn habe ſich häßlicher geſtaltet? Und wäre er nicht hãß⸗ licher, John Hume, wenn ich alte Liebe wie einen verkrum⸗ pelten Reifrock leichtſinnig von mir werfen wollte?— Nein, nein, Ihr wißt recht gut, daß Beatrice ſich nicht verändert, und ſo oft Ihr ſo thörichte Fragen an mich ſtellt, nennt Ihr mich allemal Eure Beatrice, zum Beweiſe, daß Ihr Eurer Sache ganz ſicher ſeyd.“ „Und ſo biſt Du alſo für immer meine theure Beatrice!“ rief der junge Ritter, mit ſeligem Lächeln ſeinen Arm um ſie ſchlingend.„Wenn auch dieſe zwei langen Jahre der Ab⸗ weſenheit ein ganz kleines Bischen Zweifel in mir erzeugten, ſo war es das kleinſte Bischen, das man ſich irgend denken kann.“ „So, das iſt genug,“ meinte Beatrice, ihr Haupt— doch ohne ihre ſonſtige Entſchloſſenheit— abwendend⸗ „Aber jetzt erzählt mir von meinem theuren Bruder 217 Gowrie. Wo iſt er? Was thut er? Wann kommt er zurück?“ „Als ich ihn zuletzt verließ, war er zu Voghera,“ ver⸗ ſetzte ihr Liebhaber.„Was er thut?— die Cour machen. Die Zeit ſeiner Rückkehr hängt ab von dem Zuſtande der Straßen, dem Muthe des Mr. Rhind und der Ausdauer der ſchönen Dame, die ihm Geſellſchaft leiſtet.“ „Die Cour machen?“ wiederholte Beatrice;„ich hörte meine Mutter etwas Aehnliches ſagen. Eine ſchöne Ita⸗ lienerin— nicht wahr? Schön muß ſie ſeyn, darauf wollt' ich wetten; denn John wußte ſchon als Knabe, was Schön⸗ heit war, aber ich glaube nicht, daß er ſich durch Schönheit allein einnehmen läßt. Himmel und Erde! ich muß Jemand auftreiben, der mich etwas mehr italieniſche Phraſen lehrt, als ich bis jetzt verſtehe. Wißt Ihr nicht, ſpricht das theure Mädchen Franzöſiſch?“ „Das weiß ich nicht,“ gab Hume lachend zur Antwort, „denn ich ſprach nie anders als Engliſch mit ihr, was ſie faſt ſo gut wie Du ſpricht, Beatrice, und jedenfalls beſſer als ich. Sie hat allerdings florentiniſches Blut in den Adern und der warme Süden ſcheint ihr aus den Augen und glüht auf ihrer Wange; aber ſie iſt eine Schottländerin von Geburt und halb ſchottiſch durch Verwandtſchaft. Mehr kann ich Dir nicht ſagen, Beatrice, denn weiter weiß ich ſelbſt nicht. Auch iſt ſie proteſtantiſch, wie Gowrie ſagt; jedenfalls habe ich ſie nie einen Roſenkranz beten oder ein Paternoſter herſagen hören. Wegen dieſer Unterlaſſungsfünde wäre ſie beinahe geröſtet worden; aber das wird ihr hier gewiß eine warme Aufnahme ſichern.“ „Wenigſtens bei mir und den Meinigen,“ erklärte Bea⸗ trice.„Wenn Ihr aber meint, auch bei Hofe— ſo weiß ich nicht, was ich ſagen ſoll. Der König hat ſeine eigenen Anſichten über Religion wie über Regierungsweiſe— beide ſo ziemlich dieſelben und nicht wenig ſonderbar. Ich glaube, er ſähe das ganze Land gerne papiſtiſch, wenn nur er der Papſt wäre; auch beſteht er darauf, der Papſt ſeiner eige⸗ nen Kirche zu ſeyn und Jedermann muß den Kopf vor ſeiner Unfehlbarkeit beugen.“ „Das wird er in Schottland doch etwas ſchwer finden,“ meinte Sir John Hume ernſthaft,„und ich fürchte beinahe, Gowrie's Laune wird nicht zu Allem paſſen, was er hier antrifft. Was ich bei meiner Rückkehr höre, läßt mich das glauben. Es heißt, der König habe drei bis vier Geiſt⸗ lichen das Predigen verboten, weil ſie nicht ſeine Oberherr⸗ ſchaft vertheidigen wollten— die Tage des alten John Knor ſcheinen gänzlich vergeſſen.“ 3„Nicht ganz,“ erwiederte Beatrice;„es gibt noch Leute, welche ihrer gedenken, wenn der König es auch nicht thut. Gott gebe, daß Gowrie die Klugheit beſitzt, ſich ruhig zu verhalten, denn der König will ſeinen eigenen Weg gehen. Es gibt Einige, die ihm opponiren und Viele, welche ihn auslachen; aber er weiß ſie doch Alle früher oder ſpäter durch irgend ein Mittel ſeinem Willen fügſam zu machen, und wenn die Leute nicht bereitwillig nachgeben, ſo trifft ſie ſpä⸗ ter meiſt irgend ein Unheil.“ 219 „Jedermann hat die früheren Fehden ſatt,“ gab Hume zur Antwort,„und darum gibt man in manchen Dingen nach, auch wenn man ſie mißbilligt. Aber Gowrie beſitzt einen Geiſt, der ſich nicht ſo leicht beugen läßt, und ich zweifle, ob er jemals ein Liebling des Hofes werden wird.“ „Der Himmel gebe, daßer es niemals würde!“ wünſchte das Mädchen,„denn wahrlich, Hume, es iſt ein gefahrvoller Ort, dem ich herzlich gerne Lebewohl ſagen werde.“ „Das ſoll geſchehen, ſobald Du willſt, theure Beatrice,“ verſicherte Hume.„Du darfſt nur den Tag nennen und Dich von den Feſſeln befreien, die Dich an den Hof knüpfen.“ „Um mich dafür durch andere binden zu laſſen,“ lachte Beatrice luſtig;„doch das iſt nicht ſo leicht, wie Ihr glaubt, John. Als meiner Mutter Brief vor die Königin gelangte, worin ſie Ihrer Majeſtät mittheilte, daß ſie in unſere Hei⸗ rath willige, da ſchwor der König mit vielen grauſen Flü⸗ chen, vor einem Jahre werde er ſeine Zuſtimmung nicht geben.“ Ueber dieſe Nachricht wurde Sir John Hume nicht we⸗ nig zornig und vergaß ſogar die Vorſchriften des weiſen Königs, daß man über Fürſten nichts Uebles ſprechen ſolle; allein ſeine zornigen Reden wurden durch Alexander Ruth⸗ vens Rückkehr kurz abgeſchnitten, der die Nachricht zurück⸗ brachte, daß er den erbetenen Urlaub ſehr bereitwillig er⸗ halten habe und ſogleich abreiſen werde. „Was einmal geſchehen muß, geſchieht beſſer ſo⸗ gleich,“ ſagte er und fügte mit bedeutungsvollem Blicke bei:„entſchuldige mich bei Ihrer Majeſtät, Beatrice, denn 220 ich werde nicht im Stande ſeyn, ſie vor meinem Abgange zu ſehen.“ Es iſt wahrſcheinlich, daß der junge Mann ſeine Schwe⸗ ſter wirklich nicht täuſchen wollte; ſoviel aber iſt gewiß, daß etwa zwei Stunden ſpäter, nachdem der König ausgeritten war, Beatrice durch ihr Fenſter Anna von Dänemark ohne Gefolge zwiſchen der Schloßmauer und Heading Hill eine kleine Schlucht jenſeits der Schloßgrenzen hinabwandeln ſah. Ich ſagte— ohne Gefolge— aber nicht unbegleitet, denn neben ihr war eine Geſtalt, welche der Alexander Ruthvens ſehr ähnlich ſah. „Unbeſonnener Knabe!“ murmelte Beatrice bei dieſer Entdeckung, ihre Hände feſt zuſammenpreſſend. Sechszehntes Kapitel⸗ Im Jahre fünfzehnhundertneunundneunzig war der Place royale ein neuer und modiſcher Theil der Welt. Nichts⸗ deſtoweniger hatte ein italieniſcher Spekulant eines der be⸗ ſten Häuſer an der Ecke der Straße, welche von der Rue St. Antoine herabführte, als eine Art Gaſthof, oder wie man es jetzt nennen würde, Hotel’, an ſich gebracht, ob⸗ wohl es damals nur den beſcheideneren Titel Herberge an⸗ nahm. Dieſem Hauſe zunächſt befand ſich das Haus des engliſchen Geſandten Sir Henry Neville, und vor den Hof⸗ thoren beider Häuſer ſah man Gruppen von vier bis fünf Perſonen verſammelt; vor dem einen beſtehend aus Dienern, 221 welche müßig auf den Platz hinausſchauten, vor dem andern aus dem Hausherrn mit einigen ſeiner Kellner, dem Grafen von Gowrie nebſt dem einzelnen Diener, den er vom Thore an mit ſich genommen hatte. Der junge Earl und der Gaſtwirth, mit dem er ſo eben wegen Aufnahme ſeines Ge⸗ folges übereingekommen war, ſchauten die Straße hinauf und erwarteten die Ankunft des Wagens, als ſie ihn plötz⸗ lich in unerwartet raſchem Schritte herankommen ſahen, ge⸗ folgt von einem tumultuariſchen Haufen verſchiedener Leute, während Auſtin Jute in raſchem Trabe vorausritt. Sobald er den Platz erreichte, ſprang er vom Roſſe, ließ den Zügel los und näherte ſich ſeinem Gebieter, dem er auf Engliſch zurief: „Es thut mir leid, Euch melden zu müſſen, Mylord, daß ein junger Mann ſich ſo eben herausgenommen hat, Lady Julia zu beleidigen; ich rannte ihn deßhalb durch und durch, und jetzt folgen ſte mir mit einer Wache, um mich einzufangen. Ich will deßhalb lieber aufpacken und Eure Lordſchaft ſpäter treffen.“ Dies Alles ſagte er eilig und ohne eines ſeiner gewohn⸗ ten Sprüchwörter einzumiſchen. Doch ſein junger Lord er⸗ wiederte: „Bleib' nur, Auſtin, bleib'; wenn Du unſchuldig biſt, werde ich Dich beſchützen.“ „Ich konnte mir nicht mehr helfen, Sir,“ erwiederte der Diener.„Er ſteckte ſeinen Kopf in den Wagen, da ſchlug ich ihn hinter die Ohren; er zog ſein Schwert und ich verthei⸗ digte mich. Ich kann Zeugen genug hiefür auftreiben.“ 222 „Laßt ihn hier eintreten,“ rieth einer von den Geſandt⸗ ſchaftsdienern, welcher zugehört hatte.„Wenn er ein Eng⸗ länder iſt, ſo findet er hier die geeignete Stelle, denn dort iſt das Geſandtſchaftshotel.“ „Raſch, Auſtin, eile hinein,“ gebot der junge Earl. „Wenn Sir Henry Neville zu Hauſe iſt, ſo erzähle ihm Deine Geſchichte und ſage, daß ich ihn in wenigen Minuten beſuchen werde. Laß ihn wiſſen, daß Du ein Unterthan Ihrer Majeſtät der Königin biſt, und er wird Dir Schutz gewähren.“ „Kommt mit, kommt mit, hier iſtnicht Zeit zu plaudern,“ rief der engliſche Diener. Auſtin Jute rannte hinter ihm her unter das Hofthor, und das Gitter wurde geſchloſſen, als eben der Wagen auf den Platz fuhr und vor der Thüre des Gaſthofs anhielt. Vier Diener waren bei dem Fuhrwerke zurückgeblieben und hatten ohne Schwierigkeit Auſtin Jute's Rückzug ge⸗ deckt, indem ſie ſich zwiſchen den Wagenrädern und den Häuſern der engen Straße hielten, obgleich zwei berittene Sdelleute mit gezogenen Schwertern und drohenden Worten dicht hinter ihnen folgten. Sobald der Wagen den Platz erreichte, ſprengten die Verfolger um das Fuhrwerk und die Diener herum und ſahen noch, wie die Thore der engliſchen Geſandtſchaft ſich ſchloßen. Zu gleicher Zeit kamen fünf bis ſechs von der ſtädtiſchen Scharwache mit ſchweren, un⸗ lenkſamen Hellebarden auf der Schulter, welche natürlich ihr Vorrücken gewaltig hinderten, ſo ſchnell ſie nur konnten die Straße herabgelaufen. 223 „Iſt er dort eingetreten?“ ſchrie einer der Reiter, ſobald er Auſtins lediges Roß auf dem Platze ſtehen und die Thore der engliſchen Geſandtſchaft ſich ſchließen ſah. Die Worte waren an Niemand beſonders gerichtet, doch blickte er dem Grafen von Gowrie gerade in's Geſicht. Die⸗ ſer nahm jedoch keine Notiz hievon, ſondern hob Julien ru⸗ hig aus dem Wagen, indem er ſagte: „Tritt nur ſogleich mit Mr. Rhind ein, Liebe. Alles iſt für Euch bereit. Fürchte Dich nicht,“ fuhr er fort, als er ſie ſo bleich ſah.„Es hat keine Gefahr; Auſtin hat ſich in das engliſche Geſandtſchaftshotel geflüchtet. Wollt Ihr mit der Dame eintreten, Sir, und ihr ihre Gemächer zei⸗ gen“— indem er den Gaſtwirth anredete;„ich werde ſo⸗ gleich nachfolgen.“ „Aber mein theurer Lord,“ begann Mr. Rhind, der mittlerweile aus dem Wagen geſtiegen war—— „Tretet ein, tretet ein,“ fiel ihm Gowrie in die Rede, als er zwei Reiter auf ſich zukommen und die Scharwache den Platz betreten ſah;„tretet ein, mein theurer Sir, und verlaßt meine Julia nicht, bis ich zurückkomme.— Nun, meine Herrn,“ fuhr er an die Fremden ſich wendend fort, ſobald er ſah, daß Julia in dem Hotel in Sicherheit war. „Ihr ſcheint mit mir Geſchäfte zu haben.“ „Sacre bleu!“ ſchrie einer der Beiden;„gehört dieſer Wagen Euch, Sir?“ „Allerdings,“ erwiederte Lord Gowrie ganz ruhig. „Wohlan, einer Eurer Gefährten hat ſo eben einen 224 Edelmann, unſern Freund, getödtet, und wir wollen Rache an ihm haben,“ fuhr der Fremde wüthend fort. „Ich höre,“ verſetzte Gowrie in demſelben unerſchütter⸗ ten Tone,„daß einer meiner Diener einen Mann, dem ich nicht die Ehre anthun will, ihn Edelmann zu nennen, da er eine Dame beleidigte, nach Gebühr gezüchtigt und dann zu ſeiner Selbſtvertheidigung durchbohrt hat. Iſt dies der Fall oder nicht?“ „Euer Diener,“ rief der Franzmann, ohne direkte Ant⸗ wort zu geben, nach mehreren höchſt unflätigen Flüchen; „war es alſo ein Schuft von einem Diener, der es wagte, ſein Schwert gegen einen Edelmann zu ziehen 25 „Man kann einen Edelmann unmöglich anders als an ſeinen Handlungen erkennen,“ erklärte der junge Earl,„und ob nun edel oder unedel geboren, ſo wird mein Diener Jeden züchtigen, der eine unter ſeinem Schutze ſtehende Dame in⸗ ſultirte, wohl wiſſend, Sir, daß ich ihm Recht geben und ihn ſowohl mit meinem Schwert als mit meinem Anſehen unterſtützen werde. Wer oder was Ihr auch ſeyn möget, ſo laßt mich Euch erklären, daß ich Diejenigen, die ſich des Beleidigers annehmen, als Theilnehmer des Vergehens be⸗ trachten und demgemäß behandeln werde.“ Der Franzmann, mit dem er ſprach, ſprang ſogleich zu Boden, und ernſthaftere Ereigniſſe wären vielleicht die Folge geweſen, wenn nicht die Scharwache mit ihren Hellebarden herbeigekommen wäre und ſich zwiſchen die beiden Gegner geworfen hätte, welche ſchon die Hand am Schwerte hatten. „Wo iſt er, wo iſt er?“ lautete ihr Ruf, und der Offtzier der Wache ſchien nicht übel Luſt zu haben, Gowrie ſelbſt zu arretiren, da er keinen rechten Begriff von der Perſön⸗ lichkeit des zu Ergreifenden hatte. „Ihr ſeyd im Irrthum, mein guter Sir,“ erklärte ihm Lord Gowrie.„Die Perſon, die Ihr offenbar ſuchet, hat als Unterthan der engliſchen Krone in dem Hauſe ſeines Geſandten Zuflucht gefunden. Für jetzt bin ich erſt dürf⸗ tig über den Vorfall unterrichtet. Iſt der Mann, mit dem er gefochten, todt und wer iſt er?“ „Er iſt nicht todt, wird aber ſicherlich ſterben,“ verſeßte der Offizier, und der Franzoſe, welcher vorhin abgeſtiegen war, ergänzte die Erwiederung durch die Worte: „Er iſt ein ſchottiſcher Lord, der mit uns an der hieſi⸗ gen Univerſttät aufwuchs— der Seigneur de Ramſay.“ „Ich kenne keinen ſchottiſchen Lord dieſes Namens,“ entgegnete der Earl. „Wir müſſen jedenfalls den Mörder herauskriegen,“ be⸗ merkte der Offizier der Wache, und dem Thore der Geſandt⸗ ſchaft ſich nähernd, pochte er daſelbſt um Einlaß. Es war damals in allen großen Pariſer Häuſern Sitte, in dem Hauptthore etwa auf Mannshöhe ein kleines eiſernes Gitter einzufügen, durch welches man in Zeiten der Gefahr Briefe und Botſchaften innerhalb empfing, ohne die Thore öffnen zu müſſen. Das Gitter an dem engliſchen Geſandt⸗ ſchaftshotel war auf der inneren Seite mit einem dicken höl⸗ zernen Laden bedeckt, der auf das laute Klopfen des wache⸗ habenden Offiziers zurückgezogen wurde und das Geſicht eines derben Portiers hinter dem Gitter zum Vorſchein brachte. James. Gowrie. 15 226 „Was wollt Ihr?“ fragte der Portier. „Ich verlange den Leib eines Mannes, der ſich hieher geflüchtet hat, nachdem er einen Mord begangen,“ erklärte der Offizier. „Ihr könnt ihn nicht haben, weder Seele noch Leib, wenn nicht Se. Excellenz ihn herausgibt,“ antwortete der Portier verdrießlich. Ich glaube in jedes Menſchen Gemüth iſt ein Vorrath von Komik, der, wenn auch oft hinter fremdartigen und faſt undurchdringlichen Lucken verſteckt, zuweilen doch auch in dem verhärtetſten Herzen durch den einfachſten aller Prozeſſe ge⸗ weckt wird. Der Earl von Gowrie war keineswegs in ſcher⸗ zender Laune. Er grämte ſich über die Patſche, in die ſein Diener gerathen, wie über den Gedanken, daß ein Menſchen⸗ leben gefährdet, wenn nicht untergegangen war. Noch mehr aber ärgerte er ſich darüber, daß Julia, ſeine Julia, gleich bei ihrem erſten Eintritte in die franzöſiſche Hauptſtadt von irgend Jemand hatte beleidigt werden müſſen. Gleichwohl war ihm der bramarbaſirende Ton des franzöſiſchen Kava⸗ liers nicht wenig ergötzlich, und die Antwort des ſtörrigen engliſchen Portiers machte ihn trotz des ernſten Gegenſtan⸗ des beinahe lachen. Er hatte ſich dem Thore genähert in Gemeinſchaft mit dem Offzier, der für den Augenblick durch des Portiers Erwiederung ganz verblüfft ſchien, und wohl wiſſend, daß die Sache hiebei nicht ihr Bewenden haben werde, ſchlug ſich Gowrie ins Mittel, um ſie auf gerechtere und vernünftigere Weiſe in's Geleiſe zu bringen. Er vermied dabei ſorgfältig, Engliſch zu ſprechen, um 227 bei ſeiner franzöſiſchen Umgebung keinen Verdacht zu erre⸗ gen, ſondern ſagte auf Franzöſiſch, was er beinahe ſo gut wie die Sprache ſeines Geburtslandes verſtand: „Seyd ſo gut, mein Freund, und ſagt Sir Henry Ne⸗ ville, daß der Earl von Gowrie vor ſeinem Thore ſteht und gerne mit ihm ſprechen möchte; da aber die Franzoſen gar leicht geneigt ſind, ihre eigenen Vorurtheile für Wirklichkeit zu nehmen und, während ſie ſelbſt im Unrecht ſind, Andere als Verbrecher zu betrachten, ſo wird es beſſer ſeyn, wenn er mir die Ehre des Zutritts gewährt, daß er auch dieſen Beam⸗ ten des Prevots und ebenſo dieſen Edelmann vor ſich läßt, der ſich ſelbſt einen Freund des Verwundeten nennt.“ „Ich verlange, daß der Verbrecher ausgeliefert werde,“ rief der Kavalier trotzig.„Kein Geſandter kann einen Mör⸗ der durch ſeine Privilegien ſchützen; und was unſere Vor⸗ urtheile betrifft, ſo wiſſen wir Beide, daß ihr Engländer die natürlichen Feinde Frankreichs ſeyd und nie einer Partei in dieſem Lande geholfen habt, als um die Zwietracht bei uns zu befördern und die Anſtrengungen der Franzoſen für die Ehre und den Nuhm ihres Vaterlandes dadurch zu Nichte zu machen.“ „Se. Majeſtät der Koͤnig Heinrich von Frankreich darf Euch wohl dankbar ſeyn für dieſe Bemerkung, Sir,“ erwie⸗ derte der Carl;„meine Meinung von den Vorurtheilen der Franzoſen iſt dadurch nicht geändert. Da aber mein Vor⸗ ſchlag ein ehrlicher iſt, ſo bin ich gerne bereit, wenn er Euch genehm iſt, dabei zu verbleiben— wenn nicht, ſo werde ich für mich allein Zutritt verlangen, der mir, als einem ent⸗ 15,* fernten Verwandten der Königin von England, wohl nicht verweigert werden wird.“ Die letzteren Worte des Earls äußerten keine geringe Wirkung auf den Offizier der Wache, der den jungen Grafen fortan nicht anders als mit Monſeigneur anredete und ſich alle Mühe gab, ihm zu erklären, daß er nur nach der di⸗ rekten Vorſchrift ſeines Dienſtes handle. Die zwei franzöſiſchen Kavaliere traten bei Seite und be⸗ rathſchlagten unter ſich, bis der Portier zurückkehrte, nachdem er Gowrie's Botſchaft Sir Henry Neville überbracht hatte. „Ich darf Drei zumal eintreten laſſen,“ erklärte er; „während dies aber geſchieht, müſſen die Uebrigen wenig⸗ ſtens dreißig Schritte vom Thore ſich entfernen, damit ich das Gitter mit Sicherheit öffnen kann.“ Die Wache und Gowrie's Leute, die ſich vor dem Hauſe verſammelt hatten, mußten ſich auf den vorgeſchriebenen Ab⸗ ſtand zurückziehen, und nachdem der Befehl— nicht ſonder⸗ lich raſch— vollzogen war, öffnete ſich ein ſchmales Pfört⸗ chen in dem Hofthor, durch welches Gowrie alsbald eintrat, den Vortritt vor den Andern als Vorrecht beanſpruchend, da er wußte, daß es gefährlich iſt, einem Franzoſen auch nur einen Schritt zu weichen, da dieſer es nie als eine Hoflichkeit, ſondern als ein Anerkenntniß ſeiner Ueberlegen⸗ heit anſehen wird. Der Offizier der Wache folgte und dann kam der Fremde, welcher eine kurze Weile auf ein Halb⸗ dutzend Müſſiggänger zurückſchaute und nicht wenig Luſt zu haben ſchien, ſie herbeizurufen, um Frankreichs Ghre d ob ſie nun angefochten war oder nicht— zu retten. 229 Gowrie ſah den Blick zwar wohl und begriff auch leicht, was in der Seele des ſauberen Edelmannes vorging; aber er beruhigte ſich wieder vollkommen, als er die in dem Ge⸗ ſandtſchaftshofe getroffenen Anordnungen gewahrte. Da⸗ mals war es nicht wie heut zu Tage, wo gepuderte Lakaien mit Gold⸗ und Silberlitzen, wie ihre Herrrn ſie nicht mehr zu tragen ſich entſchließen, mit zwei bis drei Attaché's und ei⸗ nige am Orte gedungenen Sekretären die einzige Wache ei⸗ nes an fremdem Hofe beglaubigten Diplomaten bilden. Da⸗ mals mußte man für alle Fälle gefaßt ſeyn, und Schild und Schwert waren im Gefolge eines Geſandten ebenſo gewöhn⸗ lich als Papier, Feder und Tinte. Volle vierzig wohlbe⸗ waffnete und derbgliedrige Burſche waren im Hofe der Ge⸗ ſandtſchaft aufmarſchirt, während der Sekretär des Geſand⸗ ten am Fuße der Treppe auf der linken Seite wartete, um den Earl und ſeine Gefährten in des Miniſters Kabinet zu führen. Gegen den Earl von Gowrie war er beſonders auf⸗ merkſam und zuvorkommend, während er gegen den fran⸗ zöſiſchen Kavalier, welchen er als Monſieur de Malzais an⸗ redete, nur kalte Höflichkeit beobachtete. Nachdem ſie durch zwei bis drei hübſche Salons gekommen, wurde die ganze Geſellſchaft in ein kleines Bibliothekzimmer geführt, und ein großer eleganter, würdig ausſehender Mann erhob ſich von einem Tiſche, um ſie zu empfangen, indem er ein Buch, worin er geleſen, mit dem vollendetſten Anſchein von Ruhe und Gewiegtheit bei Seite legte. Sein Auge haftete ſo⸗ gleich auf dem Earl von Gowrie, da er die zwei andern Begleiter perſönlich kannte. Er trat auf ihn zu, nahm ſeine Hand und hieß ihn mit vielen Verſicherungen der Achtung und Freundſchaft in Paris willkommen. „Ich erhielt einen Brief von Sr. Majeſtät dem König von Frankreich,“ ſagte er,„worin er mir Eurer Lordſchaft bevorſtehende Ankunft anzeigte, und ich bedauerte nur, daß ich Euch nicht vor Eurer Ankunft dienen konnte, da ich gerne Alles für Euch vorbereitet hätte. Bitte, ſetzt Euch, My⸗ lord“— und einen Stuhl vor ihn ſtellend blieb er ſtehen, bis der Earl Platz genommen hatte. Wir können uns heutiges Tags kaum zu dem Glauben bewegen laſſen, daß all dieſer ceremoniöſe Reſpekt, dieſe ab⸗ ſichtliche Schauſtellung von Ehrfurcht für einen Neben⸗ menſchen auf die Anſicht, welche vernünftige Männer über eine Juſtizfrage faſſen mochten, irgend eine Einwirkung ha⸗ ben konnte. Aber es war eben ſehr wenig von den alten Römern im ſechszehnten Jahrhundert übrig; wenn Menſchen ihre Loyalität verkauften und ihre Verrätherei verhandelten, ſo ließ ſich nicht wohl annehmen, daß die Gerechtigkeit un⸗ beſtechlich ſey. Cromwell war bei all' ſeinen Fehlern und Verbrechen der Erſte, der den Sitz der Gerechtigkeit ſäu⸗ berte und die Welt lehrte, daß wenigſtens in Einem Lande weder Rang noch Reichthum, noch lange beſeſſenes Vorrecht einen Schild gegen das Schwert der Gerechtigkeit abgeben dürfe. Die Privilegien, welche damals von Geſandten ge⸗ fordert und ihnen eingeräumt wurden, waren enorm, und der Einfluß hohen Ranges ſteigerte ſich oft geradezu zu einer Höhe, wo der Betreffende über dem Geſetze ſtand. Der Offizier der Wache war zwar ein Mann, der ſeine Pflichten Zweck genannt und Monſieur de Malzais ſeine Anklage vor⸗ 231 kannte, und ſie zu erfüllen bereit war; aber er war der all⸗ gemeinen Anſicht ſeines Zeitalters und Landes nicht minder als Andere unterworfen, und Monſieur de Malzais, wenn auch kühn bis zur Unbeſonnenheit und entſchloſſen bis zur Hartnäckigkeit, mußte doch dem gewohnten Eindrucke der Ehrerbietung nachgeben, welche man hier der hohen Stel⸗ lung ſchuldig zu ſeyn glaubte. Die beiden Genannten wa⸗ ren mit dem Entſchluſſe eingetreten, die alsbaldige Auslie⸗ ferung Auſtin Jute's zu verlangen; die Ehrenbezeugungen, womit der Geſandte der hochmüthigſten Königin in Europa Jute's Herrn überhäufte, machten jedoch ihre Forderung ſehr gemäßigt im Tone und nicht ſehr ausdauernd in ihrer Haltung. Zu Beider Ueberraſchung drang Gowrie ſelbſt auf augen⸗ blickliche Unterſuchung. Er war in einer ſtrengeren Schule auferzogen, in welcher jener Geiſt vorherrſchte, der ſich ſpã⸗ ter in den höheren und reineren Schichten der engliſchen Puritaner in ſo ſtarkem Lichte zeigte. „Ich verlange keineswegs von Eurer Excellenz,“ be⸗ merkte Gowrie, nachdem der wachhabende Offtzier ſeinen gebracht hatte,„meinem Diener Euren Schutz angedeihen zu laſſen, wenn der Fall ſich nicht vollſtändig zu ſeinen Gun⸗ ſten rechtfertigen läßt, und dann nur in ſo weit, um ihn vor langer Haft und vielleicht gar Folter zu ſchützen, bis man gewiß weiß, ob der verwundete Edelmann lebt oder ſtirbt. Ich zweifle nicht, daß die Geſetze des Landes zwiſchen Menſch und Menſchen Gerechtigkeit ſtiften werden, obgleich der Eine 232 ein bloſer Diener, der Andere eine Perſon in höͤherer Lebens⸗ ſtellung iſt; ich ſelbſt werde hier bleiben, um dafür zu ſor⸗ gen. Aber vorerſt habt Ihr jedenfalls das Recht zu unter⸗ ſuchen, ob mein Diener, Euer Landsmann, wie er ſagt, jenen Edelmann nur zu ſeiner Selbſtvertheidigung verletzte oder nicht.“ „Das werde ich ganz gewiß thun,“ verſetzte Sir Henry Neville,„denn ich würde meine Pflicht gegen meine Sou⸗ veränin nicht erfüllen, wenn ich einen ihrer Unterthanen we⸗ gen einer ihm abgenöthigten Handlung unnöthige Haft er⸗ dulden ließe. Ich werde den Fall gerade ſo behandeln, wie wenn von einem meiner eigenen Diener die Rede wäre. Finde ich, daß er ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht hat, ſo werde ich ihn alsbald der Gerechtigkeit überliefern; iſt er aber unſchuldig, ſo werde ich ihn gegen Alle und Jede ſchützen, ſoweit es meine Privilegien nur irgend erlauben. Hiegegen könnt weder Ihr noch dieſe Herrn eine Einwen⸗ dung haben.“ Welches auch immer ihre abſtrakten Anſichten von der Oberherrſchaft des Geſetzes ſeyn mochten— keiner der bei⸗ den Franzoſen wagte eine Einwendung zu machen, und Auſtin Jute wurde vor den Geſandten gerufen, erzählte ſeine Geſchichte mit ſeinen eigenen Worten, welche von dem Se⸗ kretär für diejenigen, die nicht Engliſch verſtanden, überſetzt wurden. „Wir ritten ganz ruhig unſeres Wegs,“ bemerkte er, „ſo ziemlich wie Schafe, welche in eine fremde Heerde ge⸗ rathen, als drei Herren, worunter auch dieſer“— indem er 233 auf Monſieur de Malzais deutete—„an unſerem Wagen vorüberritten. Wir machten ihnen Platz nach dem Sprüch⸗ wort: Siehſt Du einen Narren in einer Allee, ſo laß ihm die Wand'. Sie ſprachen und lachten unter ſich, und einer von ihnen ſchwenkte ſein Pferd mit einer halben Volte und ſteckte ſeinen Kopf in das Wagenfenſter, indem er den Vor⸗ hang zurückſchob. Er mußte dies abſichtlich gethan haben, wenn nicht er und ſein Pferd beide ſchwindlig waren, was kaum wahrſcheinlich iſt, da ſelten zwei Thiere zu gleicher Zeit von ſolcher Verrücktheit erfaßt werden. Ein Schlag an's Ohr erinnerte ihn an den Weg, den er hätte gehen ſollen. Dieſe Art von Zurechtweiſung wollte ihm nicht gefallen; er ſprang oder taumelte von ſeinem Roſſe(wel⸗ ches von beiden nun richtig ſeyn mochte) zog ſein Rappier und ſtach nach mir auf eine Weiſe, daß der helle Sonnen⸗ ſchein mir bald durch den Leib geguckt hätte, wenn ich nicht auf die andere Seite geglitten wäre. Ein offener Feind iſt beſſer als ein falſcher Freund, und ich wußte nun doch, wie ich daran war. Eine Katze im Winkel iſt wie ein Löwe, und da ich kein Mittel des Entrinnens vor mir ſah, ſo zog auch ich das kalte Eiſen und wir Beide ſtießen uns nun herum, bis er verwundet wurde und fiel; darauf hielt ich für's Beſte, meinen Kopf mittelſt meiner Ferſen zu ret⸗ ten, ſtieg auf mein Thier und kam hieher.“ „Hat dieſer anweſende Edelmann oder einer von den anderen Euch von Eurem Gegner zu trennen geſucht?“ fragte Sir Henry Neville. „Nein,“ gab Auſtin Jute zur Antwort;„dieſer Herr 234 rief: Gut ausgefallen, Ramſay! oder wie er ihn nannte; züchtige den Hund. Ich kenne genug Franzöſiſch, um das zu verſtehen.“ „Wohlan, Sir, was habt Ihr hierauf zu ſagen?“ ſo wendete ſich nun der Geſandte an Monſieur de Malzais. „Wenn die Erzählung des Mannes wahr iſt, ſo möchte es ſcheinen, daß Euer Freund die erſte Veranlaſſung zu der Sache gegeben, daß er mit allem Recht gezüchtigt wurde für eine Beleidigung, die er gegen eine Dame verübte, und daß er endlich dieſen guten Mann zur Selbſtvertheidigung nöthigte.“ „Die Geſchichte iſt aber nicht wahr,“ erklärte der Franzmann nicht ohne ein gewiſſes Stocken im Tone;„der Seigneur de Ramſay hat die Dame nicht beleidigt. Er ſchaute nur in den Wagen, wie jeder Edelmann es thun würde.“ „Das iſt erlogen,“ rief Auſtin Jute, der ziemlich gut franzöſiſch verſtand.„Er guckte in den Wagen wie kein Edelmann es thun würde, und riß den Vorhang mit eigener Hand zurück. Es waren Leute genug da, die es beweiſen können. Fragt nur Mr. Rhind und die anderen Diener.“ Dieſe Antwort wurde dem Monſteur de Malzais nur theilweiſe überſetzt, welcher ſehr hitzig darauf erwiederte; doch Gowrie legte ſich in's Mittel und ſagte: „Ich will Mr. Rhind, der ſich im Wagen befand und auch einige meiner Diener rufen laſſen. Ich ſelbſt habe mit keinem von ihnen geſprochen, dieſer Mann hatte ebenſo wenig Zeit mit ihnen zu reden und ihr Bericht wird alſo ganz unparteiiſch ſeyn.“ —,— —,.,— 235 Die erwähnten Perſonen wurden alsbald vor den Ge⸗ ſandten gebracht und beſtätigten vollkommen Auſtin Jute's Bericht. Mr. Rhind bezeugte, daß ein Fremder die Vor⸗ hänge am Wagen roh und unverſchämt zurückgeriſſen und ſeinen Kopf hereingeſteckt habe; die Bedienten erzählten, daß der Verwundete ſein Schwert gezogen und einen Aus⸗ fall gegen ihren Gefährten gemacht habe, ſogar noch ehe Auſtin Jute ſeine Waffe entblößt hatte. Dieſer erſte Aus⸗ fall hätte, wie ſie ſagten, höchſt fatal für ihn werden können, wenn Auſtin nicht behend von ſeinem Pferde geſprungen und auf dieſe Weiſe ausgewichen wäre. Während ſie ihre Zeugniſſe ablegten, überſetzte der Sekretär ihre Antworten faſt buchſtäblich, und wenn auch der franzöſiſche Edelmann nicht gerade beſchämt ausſah, ſo ſchien er doch ſehr verlegen, wie er ihrem Zeugniſſe begegnen ſollte. Da nahm er ſeine Zuflucht zu einem Mittel, das bei Leuten von ſeinem Begriffsvermögen nicht ungewöhnlich iſt, indem er erklärte, es beſtehe offenbar ein Komplott zum Schutze des Beleidigers— eine Behauptung, welche Sir Henry Neville lächeln machte, während er in ruhigem Tone erwiederte: „Ihr habt in letzter Zeit ſo viele Komplotte in Frank⸗ reich gehabt, Monſieux de Malzais, daß Ihr faſt Alles für Verſchwörung anſehet. Mir ſcheint, und ohne Zweifel wird auch der Offizier der Wache mit mir einſtimmen, daß nicht ſo viele Zeit verſtrichen iſt, um dieſen Leuten zu geſtatten, eine vollkommen übereinſtimmende Erzählung jener That unter ſich auszumachen. Es iſt demnach meine Pflicht, dieſen 236 armen Mann zu ſchützen, der Nichts weiter gethan zu haben ſcheint, als wozu er zum Schutze ſeiner Gebieterin und ſei⸗ nes eigenen Lebens verbunden war. Mein Haus bleibt alſo ſein Zufluchtsort, und er ſoll nur durch Gewalt daraus ent⸗ fernt werden, was vermuthlich Niemand zu verſuchen wagen wird.“ .„Ganz gewiß nicht, Euer Excellenz,“ verſicherte der Of⸗ fizier der Wache.„Meine Anſicht von der Sache iſt voll⸗ kommen die Eurige; aber weder Ihr noch ich ſeyd Richter im Lande, und ich willige in ein Aufgeben jedes weiteren Verfahrens gegen dieſen Mann nur ſo lange, bis man gewiß weiß, ob der verwundete Edelmann lebt oder ſtirbt. Sollte letzterer Fall eintreten, ſo muß ich wegen meines ferneren Verhaltens meine höhere Behörde um Weiſung angehen.“ „Das moͤgt Ihr halten wie's Euch beliebt,“ verſetzte der Geſandte;„jedoch ſeyd verſichert, daß ich ihn unter keinen Umſtänden herausgebe, wenn ich nicht ausdrücklichen Befehl dazu erhalte.“ „Und mittlerweile wird er natürlich entwiſchen,“ ſagte Monſtieur de Malzais. Der Geſandte gab keine Antwort, ſondern ſtand auf und drehte ihm mit ziemlich verächtlichen Blicken den Rücken, worauf ſich der franzöſiſche Edelmann mit dem Offizier der Wache entfernte. „Nun, Meiſter Auſtin Jute,“ begann Sir Henry Ne⸗ ville,„Ihr könnt Euch auf meinen Schutz verlaſſen, ſo lange Ihr Euch in den Grenzen dieſes Hauſes, ſeiner Höfe und des Gartens haltet; ſobald Ihr Euch aber unter irgend 4 237 welchem Vorwande hinaus wagt, werdet Ihr höchſt wahr⸗ ſcheinlich in das kleine Chatelet gebracht, in welchem Falle Ihr Euch eines Tags auf einem Inſtrumente, das man die Folter nennt, beträchtlich über Eure gewöhnliche Länge aus⸗ geſtreckt finden dürftet; ja vielleicht würde man nie wieder von Euch hören, denn hier zu Lande werden oft ſonderbare Dinge im Namen der Juſtiz verübt. Laßt Euch alſo war⸗ nen und wagt Euch ja nicht hinaus.“ „Habt keine Sorge, Sir,“ antwortete Auſtin Jute,„ich werde meine Füße nicht über die Länge meines Degens aus⸗ ſtrecken. Ich weiß ſchon, wann man am beſten allein bleibt. Wenn die Waſſer los gelaſſen ſind, ſo befindet man ſich beſſer auf dem Gipfel eines Hügels als in der Tiefe eines Thales. Hätte das Mädchen den Krug in der Hand be⸗ halten, ſo wäre er nicht zerbrochen, und ſo werde ich mit vielem Danke Euren Rath buchſtäblich befolgen.“ Mit dieſen ſonderbaren Reden entfernte ſich der gute Junge, begleitet von den übrigen Dienern des Grafen von Gowrie, welche als Zeugen vorgerufen worden waren. So⸗ bald ſie fort waren, bemerkte Sir Henry Neville mit einem Lächeln: „Ich hoffe, der junge Mann wird nicht ſterben, Mylord, denn das dürfte uns ziemliche Ungelegenheit machen, obgleich ſein Charakter hier in Paris wohl bekannt iſt.“ „Wer iſt er?“ fragte Lord Gowrie.„Es gibt ſo viele Ramſay's in Schottland, daß es unmöglich iſt, ſie alle von einander zu unterſcheiden, wenn man nicht den Namen ihres Beſitzthums kennt.“ 238 „Ich glaube kaum daß er ein Beſitzthum hat, das ihn unterſchiede,“ verſetzte der Geſandte;„er iſt ein Vetter von Sir George Ramſay von Dalhouſie, deſſen Bruder John Page bei Eurem Souverän König Jakob iſt. Sir George, einer der trefflichſten und nobelſten Männer, die ich kenne, ſchickte dieſen jungen Mann, der ſich von höchſt unruhigem Temperament und ganz geeignet zeigte, ihm und ſeiner ſehr ehrbaren Familie Schande zu machen, hierher nach Paris, um an der hieſigen Univerſität zu ſtudiren. Er hat ſich jedoch ſeither weit mehr durch Unbeſonnenheit, Gewalt⸗ thaten und Unverſchämtheit, als durch Talent oder Gelehr⸗ ſamkeit berüchtigt gemacht, und ich glaube, die Nachrichten über ſein Benehmen, welche nach Schottland gelangten, haben den älteren Vetter ſehr ſchmerzlich berührt, wiewohl der jüngere ihm noch immer ſehr anhänglich bleibt und ſo⸗ gar verſprochen haben ſoll, ſeinen Einfluß am Hofe des Königs zur Beförderung dieſes jungen Mannes zu benützen. Jetzt aber, mein guter Lord, werde ich Euch mit Eurer Er⸗ laubniß begleiten, um Enrer ſchönen Lady meinen Reſpekt zu bezeugen. Ich wußte in der That nicht, daß Eure Lord⸗ ſchaft verheirathet iſt.“ „Ich bin es auch nicht, Sir Henry,“ erwiederte Gowrie nicht ohne einiges Erröthen.„Die Dame, welche ich nach Schottland zurück zu begleiten die Ehre habe, nachdem ihr Großvater, bei dem ſie gewohnt, erſt neulich in Italien ge⸗ ſtorben, iſt meine Baſe, Lady Julia Douglas.“ Der leichte Schatten von Verlegenheit, den der Earl bei dieſer Ankündigung nicht unterdrücken konnte, mochte 239 vielleicht die Neugierde des Geſandten erregen; allein er war ein zu guter Diplomat, um eine Spur deſſen, was in ſeinem Innern vorging, in ſeinem Benehmen hervortreten zu laſſen, und unter Wiederholung ſeines Wunſches, der Dame vorgeſtellt zu werden, begleitete er Gowrie nach dem Gaſthofe. Auf dem Place royale war mittlerweile jede Spur der eben ſtattgehabten Störung verſchwunden; luſtige Gruppen von Pariſern begannen ſich daſelbſt zu verſammeln, um plaudernd auf und ab zu ſpazieren, die Cour zu machen, oder einander zu beobachten, wie ſie es am Abend eines jeden ſchönen Tages gewohnt waren. Der Geſandte wurde Julien vorgeſtellt, deren ausnehmende Schönheit ihn nicht wenig zu frappiren ſchien, worauf er mit Gowrie deſſen fernere Plane beſprach. Er rieth ihm dringend, in Paris zu blei⸗ ben, bis das Reſultat von Ramſay's Verwundung bekannt wäre, indem er dem Earl mit leiſer Stimme zuflüſterte: „Ich könnte dem Ramſay ſeinen Verſuch beinahe ver⸗ geben, ein Geſicht und eine Geſtalt wie dieſe noch einmal zu ſehen, nachdem er ſie zum erſten Male erblickt hatte.“ „Ich werde ihm nicht ſo leicht verzeihen,“ verſetzte der Earl,„denn Keiner ſoll ungeſtraft eine Dame unter meiner Obhut und Begleitung beleidigen.“ „Ich bitte Euch, laßt die Sache ruhen, mein guter Lord,“ bemerkte Neville;„wenn der junge Mann ſtirbt, ſo hat's ein Ende, und kommt er davon, ſo iſt er jedenfalls geſtraft genug.“ „Jedenfalls ſoll er abbitten,“ äußerte der Earl in nach⸗ 240 denklichem Tone;„doch werde ich nicht hart mit ihm ver⸗ fahren. Er hat vielleicht von der Hand meines Dieners eine Lehre empfangen,“ fuhr er fort,„die ihm nützlich wer⸗ den kann. Ich kenne Sir George Ramſay wohl, wenigſtens kannte ich ihn in meiner Kindheit, und wenn auch nur ein Tropfen ſeines Blutes in dieſes Mannes Adern iſt, ſo muß ſein Kern einige gute Eigenſchaften enthalten.“ „Laßt uns hoffen, daß das böſe Blut jetzt von ihm ge⸗ gangen,“ ſagte der Geſandte,„daß nur das gute zurück ge⸗ blieben, und daß er ſich erholen mag, um ſein Leben fortan beſſer zu nützen, als er ſeither gethan hat. Ich will bald fragen laſſen wie es ihm geht und will Euch dann die Ant⸗ wort mittheilen. Unterdeſſen erlaubt mir, mich zu verab⸗ ſchieden; für Eure Unterhaltung werde ich ſorgen ſo gut ich kann, ſo lange ihr Euch zu Paris aufhaltet.“ Siebenzehntes Kapitel. Auſtin Jute fühlte ſich bald ganz heimiſch in dem Hauſe des engliſchen Geſandten. Seine Talente machten ihn zu einem wahren Univerſalgenie und waren durch gewiſſe kos⸗ mopolitiſche Gewohnheiten, die er ſich bei dem Wanderleben, wie er es mehrere Jahre geführt, erworben hatte, noch ge⸗ ſchärft worden. Er war urſprünglich mit dem Grafen von Eſſer als Diener eines der Gentlemen ſeines Haushalts nach Frankreich herübergekommen; ſein Herr war bei einem der zahlreichen Scharmützel, welche damals ſtattfanden, getödtet 241 worden, und hatte Auſtin gleich dem herrenloſen Pferde auf dem Schlachtfelde allein gelaſſen, um nach Belieben in der Welt umherzuſchweifen. Ohne Zweifel hätte der Graf ſelbſt ihn entweder in ſeine eigenen Dienſte genommen oder doch für ſeine Rückkehr nach England Sorge getragen, wenn Auſtin ausdrücklich an ihn ſich gewendet hätte; aber Jute that es nicht, denn ſo anhänglich er auch von Natur war, ſo hatte er doch den Günſtling der Königin von England nie leiden können, und mit etlichen vierzig Kronen in der Taſche, die er ſich irgend wie zuſammen geſpart hatte, machte er ſich auf um die Welt zu ſehen und wo möglich ſeine Umſtände zu verbeſſern. Er kam ſelten in Verlegenheit, wie ſich auch die Umſtände anlaſſen mochten, denn ſo wenig Aehnlichkeit er auch in ſeinem Naturell mit einer Katze hatte, ſo beſaß er wenigſtens die eine Eigenſchaft des Katzengeſchlechtes, daß er immer auf ſeine Füße niederfiel. Kühn, rüſtig an Leib und Seele, behend, bereitwillig, ein ſcharfer Beobachter und geſchickter Ränkeſchmied, mit ſehr treuem Gedächtniß für Alles was er ſah und hörte begabt, und mit vollem Zu⸗ trauen in ſein eigenes Glück hätte Auſtin Jute mit dem größtmöͤglichen Erfolge durch's Leben gehen können, wenn nicht ſeine leichtſinnige Vorliebe für das ſchöne Geſchlecht ihn häufig in Händel mit ernſthafteren Liebhabern verwickelt und ſein hitziges Temperament dieſe Händel nicht ernſter gemacht hätte, als ſie ſonſt wohl geworden wären. So oft er blos fremde Angelegenheiten zu beſorgen hatte, ohne per⸗ ſönlich betheiligt zu ſeyn, zeigte er ſich in der Regel aus⸗ nehmend klug und verſchmitzt; zu anderen Zeiten war er James, Gowrie. 146 242 aber auch im hoͤchſten Grade unbeſonnen und ſchien ein vielleicht eitles Vergnügen daran zu finden, die Drangſale um ſich her zu vervielfältigen— alles in dem vollkommenſten Vertrauen, daß er auf die eine oder andere Weiſe ſich ſchon herauswinden werde. So war er frohen Herzens durch halb Europa gewan⸗ dert, zuweilen genöthigt, aus manchen der kleinen Stäätchen, in welche damals der Kontinent zerſiel, einen höchſt über⸗ eilten Rückzug in ein anderes Gebiet zu veranſtalten, häufig aber auch Ehre und Erfolg erlangend, wie er es nur wün⸗ ſchen konnte, als ihn eine ungewöhnlich lange und bedenk⸗ liche Reihe von Unglücksfällen ohne eine Krone in der Taſche nach Padua verſchlug. Dort wurde er mitten in der Ar⸗ muth die ihn drückte und der Krankheit die ſeinen luſtigen Geiſt beinahe ausgelöſcht hatte, durch etliche engliſche und ſchottiſche Studenten unterſtützt, und gewann ſo die Auf⸗ merkſamkeit des Grafen von Gowrie, der ihn wegen ſeines hellen Verſtandes und ſeiner Ehrlichkeit anfänglich nur in untergeordneter Stellung in ſeine Dienſte nahm, ſpäter aber, durch ſtarke Beweiſe ſeines Eifers, ſeiner Anhänglichkeit und Redlichkeit bewogen, zu ſeiner höchſten Gunſt und unbe⸗ dingtem Vertrauen empor hob. Auch bei allen anderen Nebendienern war er entſchieden beliebt, denn er zeigte nie die geringſte Luſt, ſie zu beherr⸗ ſchen oder zu tribuliren, und die höͤchſt eigenthümliche ſtück⸗ weiſe Erziehung die er erhalten oder vielmehr ſich ſelbſt gegeben hatte, verliehen ihm eine Ueberlegenheit, welche ſeine Kameraden gerne anerkannten. Er verſtand die — 243 Geige, Flöte und die Leier zu ſpielen, ſchnitzte Gegenſtände aller Art in Holz, beſaß einen Vorrath merkwürdiger Re⸗ zepte, wie man ſie höchſtens in dem„Aechten Schatze einer Edelfrau“ finden kann. Er wußte alle Arten von Vögeln und Beſtien mit ſelbſt erfundenen Fallſtricken zu fangen, konnte fechten, Schwert und Schild gebrauchen, verſtand ſich trotz einem Meiſter in der Vertheidigungskunſt auf den Stockkampf, war ein guter Reiter, und noch nie hatte man ihn ſchläfrig oder ermüdet geſehen. Er befand ſich noch nicht zwei Stunden in Sir Henry Neville's Wohnung, als er ſchon all' ſeine kleinen Talente zum Vergnügen der Die⸗ nerſchaft des Geſandten entfaltet hatte, und ſeine offene gute Laune gewann ihm bald eine Maſſe von Freunden im dor⸗ tigen Haushalt. Unähnlich den meiſten Engländern, welche jeden als einen Feind zu betrachten ſcheinen, bis er ſich anders gegen ſie bewährt hat, war es als ob Auſtin Jute das ganze Menſchengeſchlecht als ſeinen Freund betrachtete, was viel⸗ leicht das größte aller Geheimniſſe iſt, um ſich den Weg des Lebens zu ebnen. So finden wir ihn denn am Abend ſeiner Ankunft in der Bedientenhalle des Geſandtſchaftshotels, eine kleine Schachtel oder Korb aus einem Stück Eibenholz ſchnitzend, wobei er die allerſonderbarſten Schnörkel und Einfälle produzirte, während er ſo tolle und luſtige Melodien dazu pfiff, daß ſich viele von den Dienern als Zuhörer um ihn ſammelten und andere ihm über die Schulter ſchauten, um das Fortſchreiten ſeiner Arbeit zu beobachten. Indem er alſo beſchäftigt war, trat einer aus dem Gefolge in die Halle und meldete: 16* „Die Nachrichten lauten nicht gut, Meiſter Jute. Es heißt, er werde die Nacht nicht überleben.“ „Nun, er weiß am beſten was er thun will,“ meinte Auſtin Jute ruhig.„Alle Menſchen müſſen ſterben, und zum Glück kann dieſes nur einmal geſchehen. Er hat von mir erhalten was er verdiente— nicht mehr und nicht we⸗ niger; was ſonſt noch übrig, muß er hinnehmen, wie's ihm beliebt.“ „Aber es kann ſchlimm für Euch ausfallen, wenn er ſtirbt,“ bemerkte der Mann. „Nicht im geringſten,“ verſetzte Auſtin Jute.„Mein Glück iſt nicht ſo ſehr in der Ebbe begriffen. Es heißt, das Glück kommt getrippelt, und ein Stolperer will noch nicht viel heißen, wenn's nur nicht zum Fallen kommt. Ich ſage aufrichtig: Gott erhalte den würdigen Edelmann. Wenn er aber ſtirbt, ſo ſtirbt er eben, und es iſt nicht mein Fehler; ich wünſch' ihm alles Gute.“ „Wer iſt denn aber die Dame die im Wagen ſaß?“ fragte ein Anderer unter den Dienern; denn Neugierde, die Leidenſchaft aller halb civiliſtrten Leute, war damals ſogar in Reſidenzen weit ſtärker, als ſie jetzt in Landſtädtchen iſt. „Es heißt, ſie ſey nicht Eures Lords Gattin.“ „Nein, aber ſeine Baſe, und das iſt beſſer, wie nun ein⸗ mal die Welt ſteht,“ gab Auſtin Jute zur Antwort.„Sie wird ſpäter ſein Weib werden, wenn der Himmel ſo will und ſte lange genug lebt, um die erſte Stufe der Abnahme für Frauen zu erreichen.“ „Ei, wie das eine Abnahme ſeyn ſoll, ſehe ich nicht ein,“ 5 245 meinte der Diener.„SIch denke es iſt ein doherſeige und alle Damen denken ebenſo.“ „Warum war Sarah beſſer denn Hagar?“ fragte Auſtin Jute lachend,„als weil die eine das freie, die andere das gebundene Weib war? Nun iſt nach unſeren Sitten und Gebräuchen die Gattin das gebundene Weib; drum nenne ich die Ehe für die Frau das erſte Stadium ihrer Abnahme. Zuerſt kommt das Mädchen, dann die Frau, dann die Mutter, bis Wittwenſchaft oder Tod dem armen Ding wie⸗ der ſeine Freiheit gibt. Anfänglich iſt ſie frei, dann die Sklavin eines Einzigen, darauf Vieler, und wenn ſie je ihre Freiheit wieder erlangt, ſo geſchieht es durch des Himmels Willen.“ „Wenn ſie ſich heirathen wollen,“ meinte der plumpe Engländer, welcher ſo eben geſprochen hatte,„ſo wundere ich mich, daß ſie's nicht gleich thun und als Mann und Frau nach Hauſe kommen. So würden wir einfachen Leute es machen, denn das würde uns Mühe und Nachreden erſparen.“ „Allerdings,“ verſetzte Auſtin Jute;„aber es gibt Hin⸗ derniſſe in allen Dingen, Meiſter Jakob. So ſeht einmal in dieſem Falle: die Lady hat erſt kürzlich ihren Großvater durch den Tod verloren, und er war ihr ſo gut oder noch beſſer als ein wirklicher Vater. Nun iſt es unpaſſend für eine Dame, während der Trauerzeit zu heirathen, und ebenſo unziemlich, ohne verheirathet zu ſeyn mit einem Gentleman zu reiſen: welches dünkt Euch nun das Schlimmere, Meiſter Jakob?“ „Ganz allein mit einem Gentleman zu reiſen, ohne mit * ihm verheirathet zu ſeyn,“ erwiederte der Engländer;„denn das kann man ſelbſt kuriren.“ „So auch das andere,“ behauptete Auſtin Jute,„und deßhalb reist die Lady nicht allein mit meinem Lord; denn außer ihrem Mädchen, einem recht niedlichen jungen Weib⸗ chen, hat ſie noch meines Herren alten Hofmeiſter Mr. Rhind bei ſich, der ein ſauberes altes Weibchen vorſtellt. Auf dieſe Art iſt der Anſtand gewahrt, und ſie können durch die Welt wandern ſo kaltblütig wie Noah und ſein Weib über die Waſſer der Sündfluth wegführen, obgleich ich— Gott beſſer's— ſo etwas kaum vermöchte.“ Die Aufgabe wurde Gowrie wohl nicht ſo leicht, wie ſein guter Diener dachte, wie denn— ehrlich geſtanden— alle Erwägungen der Klugheit ſich der Liebe gegenüber nur als ſchwache Feſſeln erweiſen. Er ſuchte zwar die Vernunft ſo viel wie möglich zu ſtärken, und wenn auch die Gegen⸗ wart des würdigen Mr. Rhind ihn oft langweilte und Bei⸗ den Zwang auferlegte, ſo ſuchte er ihr doch nicht zu ent⸗ rinnen. Dieſer Ehrenmann, deſſen Sinn für Schicklichkeit ziemlich launenhafter Art und der jetzt ſo ſehr daran ge⸗ wöhnt war, Gowrie mit Julien zuſammen zu ſehen, daß es ihm nicht mehr ſo auffallend wie Anfangs vorkam, ging jedoch während ſeines Aufenthaltes in Paris häufig aus, um dieſes oder jenes Merkwürdige zu ſehen, ſo daß ſich die Liebenden unter Umſtänden, welche für ihre Entſchloſſenheit ſehr gefährlich waren, allein überlaſſen blieben. So geſchah es eines Abends, nachdem ſie etwa eine Woche in Paris verweilt hatten, daß der würdige Hofmeiſter 247 abweſend war und Gowrie allein neben Julien ſaß. Die Fenſter waren geſchloſſen, die Vorhänge herabgelaſſen, das luſtige Holzfeuer glimmte und kniſterte in dem breiten Ka⸗ mine, das Kerzenlicht brannte düſter und ſchattenhaft, und ſie träumten über die Zukunft oder ſannen über die Ver⸗ gangenheit, während die ſchüchterne Schwinge der Phantaſie bei der Gegenwart kaum zu verweilen wagte, um ſich nicht darauf niederzulaſſen und am Ende nicht mehr aufſtehen zu können. Es war ein kalter Abend; die froſtige Luft machte das Feuer kniſtern; fröhliche Stimmen von Außen erregten Sympathien und Hoffnungen und Träume der Wonne. Unter den Fenſtern hörte man das Geplauder eines fröh⸗ lichen Mädchens, welches, kaum vernommen, zum Still⸗ ſchweigen herabſank; aber die Worte:„Oui, oui, je t'aime, je t'aimerai toujours!“ drangen deutlich zu den Ohren der beiden Liebenden. Sie bildeten den Grundton ihres Her⸗ zens und in Beider Bruſt wiederhallte es:„Oui, oui, je t'aime, je t'aimerai toujours!“ Julie ſah höchſt lieblich aus, während ſie ſich in den weiten Stuhl zurücklehnte und das zarte Füßchen nach dem Kamin ausſtreckte, jede Linie voller Anmuth, die eine ſchmale Hand marmorweiß auf der dunkeln Draperie über ihren Knieen ruhend, die andere von Gowrie gefeſſelt, das Köpf⸗ chen leicht vorgeneigt, während die glänzenden dunkeln Locken ihr über Stirn und Wange floßen, und ihre feurigen dunkeln Augen in die Herdflammen blickten, in deren ſtarken Lichtern und Schatten ſie allerlei phantaſtiſche Bilder verfolgte. 248 „Oui, oui, je t'aimerai toujours!“ ſprach Julia's Herz, Gowrie's Liebe wiederholte es und Beider Gedanken wanderten weit weg, durch die Räume der Zukunft dringend, gleich der Schwalbe, die ſich zu luftigen Höhen emporſchwingt. Wohin ſchweiften Gowrie's Gedanken? Weit, weit weg, und die kalte Ueberlegung mühte ſich vergeblich, deren Flug zu regeln. Es lebte noch etwas Stärkeres in ſeiner Bruſt als die bloſe Vernunft: Liebe, Leidenſchaft war für jetzt Meiſter und die Phantaſie war der Leidenſchaft Sklave. Er ließ ſie gewähren; denn es machte ihm Vergnügen, und die Stimme der Vernunft wurde überhört. Endlich mit zit⸗ terndem Herzen und bebender Stimme fuhr der Liebende auf und rief, nachdem er mehrere Minuten geſchwiegen: „Das iſt in der That zu hart!“ „Was, Gowrie, was?“ fragte Julia, ſich bei dem plötz⸗ lichen Ausrufe, der die Stille unterbrach, nicht ohne Unruhe erhebend. Gowrie nahm ſie in die Arme und flüſterte in leiſem Tone, während ſein Kopf auf ihrer Schulter ruhte: „Dich ſo zu lieben, ſo immer um Dich zu ſeyn und Dich voch nicht mein nennen zu dürfen, bis noch lange Monde dunkler Ungewißheit vorüber ſind. O Julia, warum ſollten wir uns nicht alsbald verbinden? Der Dahingeſchiedene konnte nimmer alle Schwierigkeiten und ſogar Gefahren vorausſehen, welche ſein Verbot uns bringen mag. Ich bin gewiß, hätte er es gethan— er würde nie ein ſolches Opfer verlangt haben. Die zweite Hälfte unſerer Reiſe liegt vor uns; wir müſſen noch manche Tage, vielleicht — 249 Wochen, hier bleiben, und ach, theures Mädchen! wenn Du empfindeſt, oder auch nur begreifſt was ich empfinde, ſo wirſt Du erkennen, daß dieſer Kampf beinahe größer iſt, als ein Sterblicher ertragen kann, beſonders wenn ich die Schwierigkeiten und Gefahren, die durch unſere augenblick⸗ liche Verbindung alsbald entfernt würden, immer mehr vor uns anwachſen ſehe. Was ſollte Dich hindern, mir alsbald dieſe theure Hand zu ſchenken?“— indem er ſie mit bren⸗ nenden Küſſen bedeckte. „Nichts als unſer Verſprechen, Gowrie,“ verſetzte Julia mit glühender Wange und tiefem Seufzer.„O laß uns nicht wortbrüchig werden. Ich will thun, was Du willſt: Du biſt mein Alles auf dieſer Welt; ich habe Niemand als Dich, und was Du verlangen kannſt, werde ich nicht ver⸗ weigern, denn ich weiß, Du wirſt Nichts verlangen, was Unrecht wäre. Aber erinnere Dich und bedenke wohl, was wir verſprochen, wie feierlich wir es verſprochen haben, und daß dieſes Verſprechen dem Todten geleiſtet wurde.“ „Aber wenn der Todte uns ſehen könnte,“ entgegnete Gowrie—„würden nicht die Umſtände, worein wir verſetzt ſind, ihm ganz anders erſcheinen, als er ſie damals betrach⸗ tete, um ein Abweichen von unſerem Gelöbniſſe zu recht⸗ fertigen?“ Und dabei drückte er ſie immer feſter an ſich. „Ich weiß nicht, noch können wir es jemals wiſſen, bis wir ihn wieder treffen, wo alle Zweifel ein Ende haben,“ gab Julia zur Antwort, ohne eine Anſtrengung zu machen, um ſich ſeiner Umarmung zu entwinden;„aber Gowrie, er 250 war kein Mann, um in ſeiner Vorausſicht der Zukunft etwas zu überſehen. Nichts iſt bis jetzt eingetreten, was er nicht ganz natürlich vorherſehen konnte. Wir lieben uns zärtlich und mit ſtarker Leidenſchaft; wir ſehnen uns nach Vereinigung; wir ſind auf unſerer Reiſe aufgehalten, hie und da einer Unbequemlichkeit und einmal ſogar einer Un⸗ verſchämtheit ausgeſetzt worden. Mehr noch kann uns be⸗ vorſtehen; allein dies Alles konnte dem Blick eines Mannes nicht verborgen bleiben, der faſt achtig Jahre weltlicher Er⸗ fahrung zählte und der ſich, mit einem Gedächtniſſe ſo treu wie das eines Jünglings, noch jedes Vorganges in ſeinem Leben erinnerte. Ueberdies, Gowrie, war es ein Verſprechen, und ich habe immer ein Verſprechen für das heiligſte aller Dinge gehalten. Wäre ich mir bewußt, jemals eines ge⸗ brochen zu haben— ich könnte nie mehr ein reines Glück genießen, was immer auch der Grund und welches die Recht⸗ fertigung ſeyn möchte; in Angſt und Reue müßte ich leben; denn mir wäre, als ob auf der Vergangenheit ein Verbrechen und eine Wolle über der Zukunft ruhte. Ich wüßte, daß ich ungetreu geweſen und würde Vergeltung fürchten.“ Sie hob ihre dunkeln glänzenden Augen mit faſt flehen⸗ dem Blicke zu ſeinem Antlitz empor und fuhr dann in leiſem Tone fort: „Aber wie Du willſt, Gowrie. Mein Schickſal ruht in Deinen Händen, und ich bin bereit, um Deinetwillen Alles, ſelbſt Reue, zu erdulden.“ „Genug, genug, Theuerſte,“ ſtammelte Gowrie ſeufzend; „Du ſollſt um meinetwillen Nichts erdulden, was ich Dir 71 —-— — 251 erſparen kann. Aber ach, theures Mädchen, Du kennſt nicht die Qual, welche mich die Erfüllung dieſes Verſprechens koſtet. War Dir noch nie im Traume, Julia, als ob Du vor Durſt vergingeſt und ſäheſt eine kühle Quelle vor Deinen Augen dahinfließen; wenn Du Dich aber zum Trinken niederbeugteſt, wich das klare Waſſer vor Deiner Lippe zu⸗ rück und ließ Dich durſtiger als zuvor? So, denke ich mir oft, könnte es mit uns geſchehen: unſere Verbindung könnte durch die Umſtände noch weiter verſchoben werden, bis ein unerwartetes Schickſal mich von Dir oder Dich für immer von mir riſſe, während ein paar Worte vor dem Altar ge⸗ ſprochen unſer Glück, in dieſer Hinſicht wenigſtens, außer den Bereich des Schickſals ſtellen könnte.“ Julia beugte das Haupt, während glänzende Thränen in ihrem Auge ſchwammen; denn ſolche traurige Bilder waren auch ihrer eigenen Phantaſie keineswegs fremd. „Es wäre jedenfalls ein umwölktes Glück, Gowrie,“ gab ſie zur Antwort;„denn wir Beide würden fühlen, daß wir Unrecht gethan haben. Einen ſolchen Traum, wie Du ihn eben geſchildert, hab' ich zwar noch nie geträumt; aber ich verſtehe wohl, was Du meinſt, und ich fühle zuweilen, daß Zweifel und Beſorgniſſe ſich meiner bemächtigen; aber ich ſchelte mich auch, wenn ich ihnen nachgebe, und ich weiß gewiß, daß ſie tauſendfach anwachſen würden, wenn wir unſer Gelübde brächen. Ich⸗würde dann jede Stunde zittern, daß unſer theuer erkauftes Glück, durch eine Falſchheit er⸗ rungen, uns entriſſen und daß die zu früh geſchloſſene Ver⸗ bindung ein allzu raſches Ende nehmen könnte.“ 252 ¹ „Du biſt weiſer und beſſer als ich,“ ſagte Gowrie, ſie ſanft und mit zärtlichen Küſſen aus ſeinen Armen entlaſſend, „und Dein Wille ſoll geſchehen, Du Liebe!“ „O nicht weiſer und beſſer,“ ſchloß Julia;„nur ſind wir Frauen gewöhnt, über ſolche Dinge nachzudenken, und wir grübeln vielleicht tiefer darüber als der Mann, der oft nach plötzlichen Impulſen handelt.“ Trotz ſeiner ernſten traurigen Stimmung konnte ſich Gowrie eines Lächelns nicht enthalten über die ſo ganz ver⸗ ſchiedene Anſicht, welche ſie über den menſchlichen Charakter äußerte gegenüber von dem, was Vorurtheil oder Erfahrung dem Manne zuſchreibt. „Die Welt urtheilt nicht alſo, meine Julia,“ erwiederte er nach kurzem Nachdenken,„und doch haſt Du vielleicht in gewiſſem Grade Recht. Frauen legen mehr Gewicht auf Gefühle und Gedanken, die Männer mehr auf ihre Leidenſchaft, ihr Intereſſe und darauf, in ihrem Innern das Recht oder Unrecht von Handlungen abzuwägen. Doch horch— im Vorzimmer iſt ein Tritt zu vernehmen.“ Gowrie führte ſeine Geliebte auf ihren Sitz zurück; im nächſten Augenblicke vernahm man ein leiſes Pochen an der Thüre und auf Gowrie's„Herein!“ trat Auſtin Jute ins Zimmer. „Auſtin, Auſtin!“ rief ſein Gebieter;„ich befahl Dir doch aufs ſtrengſte, Sir Henry Neville's Haus nicht zu ver⸗ laſſen, bis dieſe unglückſelige Angelegenheit bereinigt iſt.“ „Wahr, mein edler Lord,“ beſtätigte Auſtin;„aber das Bis' iſt eingetroffen. Nicht daß ich noch länger wie 253 die Dohle im Käfig in jenem Hauſe hätte bleiben koͤnnen, auch wenn das Ausgehen mein Leben koſtete; hätte man die Thüren verſchloſſen, das wäre was Anderes geweſen, denn man lernt gar bald entbehren, was man nicht erreichen kann; hat man aber das, wonach man ſich ſehnt, beſtändig vor Augen, ſo wird man gewiß einen Verſuch wagen.“ Gonrie richtete ſeine Blicke lächelnd auf Julien, ohne zu antworten, und der Mann fuhr alſo fort: „Den ganzen geſtrigen Tag guckte ich aus dem Fenſter des Portierſtübchens, weil ich es nicht wagen mochte zur Thüre hinauszuſchauen, und als ich heute Morgen über den Vorhof ging, ertappte ich mich plötzlich, wie ich— ob ich wollte oder nicht— gleich einer jungen Krabbe, welche auf dem Sand zurückgelaſſen worden, nach dem Thore hinſchlen⸗ derte. Morgen, weiß ich gewiß, wäre ich herausgekommen, hätte ich nicht heute Nacht die Meldung erhalten, daß Mr. Ramſay in der Nacht zuvor eine plützliche Wendung zur Beſſerung genommen und nun außer Gefahr ſey. Er ſchickte ſelbſt zu mir um mir dies ſagen zu laſſen, was ganz hoͤflich von ihm war; dabei ließ er mich durch den Boten erſuchen, morgen zu ihm zu kommen, indem er für meine Sicherheit garantire.“ Lord Gowrie wurde nachdenklich und erwiederte nach augenblicklichem Beſinnen: „Ich hoffe, dieſer Jüngling iſt noch nicht ganz ver⸗ dorben. Gleichwohl wirſt Du beſſer thun, nicht zu gehen, Auſtin, bis ich mich mit Sir Henry Neville berathen habe. Es koͤnnte auch eine bloſe Kriegsliſt ſeyn, um Dich in die Falle zu locken. Ich ſage nicht, daß dem ſo iſt; denn ich kenne die Gewohnheiten hier zu Lande zu wenig, um mir ein Urtheil zu erlauben; es iſt aber ganz ſo eine Teufelei, wie man ſie in Italien gebrauchen würde, und ich muß zuvor den Rath eines Mannes einholen, der die Sitten von Paris beſſer kennt als wir Beide.“ „O ſtie ſind ganz verſchieden von denen der Italiener,“ meinte Auſtin Jute. Da ſiel ihm aber plötzlich Julia's Verwandtſchaft ein und er ſchwieg, während im nächſten Augenblicke Mr. Rhind in's Zimmer trat. Achtzehntes Kapitel. 5 Gowrie beſuchte am nächſten Morgen den engliſchen Geſandten ſo früh wie möglich, und wurde mit allen Zeichen der Freundſchaft und Auszeichnung aufgenommen. Er legte demſelben ſogleich ſeine Fragen in Betreff Ramſay's und Auſtin Jute's vor, erhielt aber eine Antwort, welche ihn einigermaßen überraſchte. „O darin liegt keine Gefahr für Euren Diener,“ meinte der Geſandte.„Weder Ramſay ſelbſt noch irgend Jemand anders in Paris würde es wagen, eine ſolche Botſchaft in mein Haus zu ſchicken, um einen Bewohner deſſelben in die 4 Falle zu locken. Ueberdies habe ich ſelbſt die gleiche Nach⸗ richt. Aber dennoch ſolltet Ihr ihn, mein' ich, nicht gehen laſſen.“ 3 „Wollt Ihr mir erklären— warum nicht?“ fragte 2⁵⁵ Gowrie.„Ich hoffte, der Umſtand, daß Ramſay überhaupt dieſe Botſchaft geſendet, ſey ein Beweis, daß die Maßloſig⸗ keit und Unbeſonnenheit, von der Ihr früher geſprochen, blos von der ungezügelten Leidenſchaft der Jugend herſtamme, und daß ſein Weſen beſſere Eigenſchaften berge, als er ſie ſeither an den Tag gelegt habe.“ „Ich will hoffen, daß dem ſo iſt,“ verſetzte Neville; „gleichwohl iſt noch viel böſer Stoff aus ihm auszutreiben. Die Wahrheit iſt, mein theurer Lord,“ fuhr er lachend fort, „daß die Botſchaft zuerſt an mich kam und wenn auch viel⸗ leicht gegen Euren Diener gut gemeint, in ihrem Tone ziemlich unverſchämt lautete. Er ließ mir ſagen, er ſey wieder in der Beſſerung, und der Mann, der ihn verwundet, habe keine Züchtigung zu fürchten— das war das Wort, das er gebrauchte; er ließ ferner melden, daß der Mann in Sicherheit zu ihm kommen dürfe, damit er ihn ſeiner Ver⸗ zeihung verſichern könne. Wir rauhen Inſulaner ſind ge⸗ wohnt zu glauben, Mylord, daß eine Verzeihung überflüſſig ſey, wo keine Beleidigung begangen wurde, und darum halte ich dafür, daß Ihr Euren Mann lieber nicht gehen laſſet. Es könnte nur ſchlimme Folgen nach ſich ziehen, denn nach Meiſter Auſtin's Weſen und Ausſehen glaube ich nicht, daß er ſich hochmüthige oder beleidigende Worte ohne Erwiederung gefallen ließe.“ „Da die Botſchaft alſo lautete, ſoll er allerdings nicht gehen,“ erklärte Gowrie.„Uebrigens werde ich ſelbſt Paris bald verlaſſen, und wenn Ihr mir daher die Briefe zuſtellen wollt, Sir Henry, die Ihr mir für den engliſchen Hof ver⸗ 256 ſprochen, ſo will ich ſie mit Freude und Stolz überliefern, da es natürlich meine Abſicht iſt, Ihrer Majeſtät der Königin Eliſabeth auf meiner Reiſe durch London geziemend auf⸗ zuwarten.“ „Ihr ſollt ſie noch heute Abend haben,“ antwortete Tage länger bliebet; denn ich weiß, daß Ihr ein großer Muſikfreund ſeyd, und übermorgen ſoll ein ausgezeichnetes Concert ſtattfinden. Es werden drei der trefflichſten Violin⸗ ſpieler, die man noch jemals hörte, neben einigen berühmten italieniſchen Sängern auftreten und mehrere ſeltene Piecen eines neuen höchſt genialen Componiſten zur Aufführung bringen.“ Lord Gowrie verſprach ſogleich, dieſen hohen Genuß noch abwarten zu wollen und beabſchiedete ſich, ohne Sir Henry Neville mitzutheilen, daß er noch andere Abſichten habe, um ſeine Abreiſe zu verſchieben. Wäre Ramſay's Bot⸗ ſchaft der Art geweſen, wie er ſie ſich beim Beſuche des Geſandten gedacht hatte, ſo würde der junge Earl Paris am anderen Tage verlaſſen haben; aber der Ton dieſer Bot⸗ ſchaft veranlaßte ihn nunmehr zu einem anderen Entſchluſſe, und auf ſein Zimmer eilend, ohne Julien zu ſehen, ſetzte er ſich nieder und ſchrieb folgendes Billet: „Dem Mr. Ramſay von Newburn— Gruß! Sir— Se. Excellenz Sir Henry Neville, engliſcher Geſandter am hieſigen Hofe, hat mir Eure Botſchaft an meinen Diener, durch den Ihr verwundet wurdet, mitgetheilt, Neville;„doch möchte ich wünſchen, daß Ihr noch ein paar ——— 257 Ich freue mich zu vernehmen, daß Ihr Euch auf dem Wege der Beſſerung befindet, welche, wie ich hoffe, vollſtändig ſeyn wird. Es war ſchon längſt meine Abſicht, dieſe Haupt⸗ ſtadt zu verlaſſen; unter den obwaltenden Umſtänden werde ich aber noch einige Tage länger hier bleiben, um Euch Ge⸗ legenheit zu geben, zu thun was Ihr ohne Zweifel ſelbſt gewünſcht habt. Wir Alle ſind, beſonders in der Jugend, dem Irrthume unterworfen; wenn aber ein Mann von guter Erziehung ſich gegen einen Andern verfehlt hat, ſo wünſcht er auch immer dafür abzubitten. Ich habe von nicht weniger als fünf Augenzeugen erfahren, daß Ihr, während ich mei⸗ nem Wagen vorausritt, eine unter meiner Obhut und Be⸗ gleitung ſtehende Dame beleidigt habt, und dies iſt in der That eine Beleidigung gegen mich ſelbſt. Ohne Zweifel ſeyd Ihr geneigt, mir für dieſes Benehmen eine Entſchul⸗ digung zu ſchreiben, da die Ausſöhnung zwiſchen meinem Diener und Euch als keine genügende Sühne gelten kann für Euren ergebenſten Diener Gowrie.“ Nachdem der Graf das Blillet geleſen, geſiegelt und adreſſirt hatte, übergab er es einem alten, ſonſt nicht un⸗ praktiſchen Diener, der ihn von Schottland nach Italien begleitet hatte. Er gab ihm keine ſpeciellen Weiſungen in Betreff der Ablieferung, und der Mann hätte es wahrſchein⸗ lich in der Wohnung ſeines jungen Landsmannes zurück⸗ gelaſſen, wenn er nicht einen von dem Grafen ſeit ſeiner Ankunft zu Paris gemietheten Lakaien hätte mitnehmen James. Gowrie, 17 258 müſſen, um ihm den Weg zu zeigen und ihm zugleich als Dolmetſcher zu dienen. Der Lakai jener Zeit war ein ganz anderes Thier, als es ſich heutzutage mit dieſem Titel brüſtet, wo ſich jeder betrunkene Kurier, der wegen ſchlechter Aufführung entlaſſen wurde und vermöge ſeines wohlbe⸗ kannten Charakters keine dauernde Beſchäftigung finden kann, vor der Thüre eines Hotels aufpflanzt und ſich den Lakaien des Ortes ſchimpfen läßt. Derjenige, welchen Lord Gowrie⸗ gedungen hatte, war ein rühriger, unverſchämter, naſeweiſer Burſche, voll der höchſten franzöſiſchen Eitelkeit und ent⸗ ſchloſſen, in Alles ſeine Naſe zu ſtecken. Er mußte natür⸗ lich den Brief leſen, welcher abzuliefern war, und als er die Thüre erreichte, verfehlte er nicht dem guten alten Manne vorzuſtellen, wie es durchaus nöthig ſey, dem Seigneur de Ramſay den Brief perſönlich zuzuſtellen und irgend welche Antwort zu erlangen, wogegen der Schotte, der ſich immer freute, einem Landsmann in der Fremde zu begegnen, nicht das Geringſte einzuwenden hatte. Er fand es zwar nicht ſo leicht, Zutritt zu erlangen; als er aber meldete, daß er einen Brief des Grafen von Gowrie überbringe, wurde er ohne weiteres Hinderniß in das Zimmer des Verwundeten geführt. Ramſay von Newburn lag in einen warmen Schlafrock gehüllt auf ſeinem Bette, als ob er nur den Morgen über aufſtehen dürfe. Er war ein hübſcher, kräftig gebauter Mann von ein⸗ bis zweiundzwanzig Jahren, mit feinen aber keineswegs einnehmenden Geſichtszügen. Sein Antlitz war von dem Blutverluſte und der auf die Verwundung gefolgten 259 Krankheit abgebleicht, und ſein glänzendes falkenartiges Auge, das ſchwarze ſeit ſeiner Verwundung vernachläſſigte Haar, das ihm in wirren Maſſen über die Stirne hing, gab ſeinem abgemagerten Geſicht ein wildes, trotziges Ausſehen. Sobald der Diener eintrat, winkte er ſeinem eigenen Be⸗ dienten ſich zu entfernen und begann in leiſem hohlem Tone: „Man ſagt mir, Ihr ſeyd ein Diener des Grafen von Gowrie. Ihr ſeyd nicht der Mann, der mich verwundete.“ „Nein, Sir,“ erwiederte der Andere—„der iſt noch im Geſandtſchaftshotel.“ „Ihr habt einen Brief für mich— nicht wahr?“ fragte Ramſay, ihn ſtark mit den Augen fixirend. Der Mann überreichte ſein Billet; doch Ramſay, ohne es zu öffnen, fuhr fort: „Curer Sprache nach ſeyd Ihr ein Landsmann von mir.“ „Ja, Sir,“ gab der Diener zur Antwort;„ich bin im ſchönen Perth geboren.“ „Eine ſchöne Stadt,“ bemerkte Ramſay.„Vermuthlich ſeyd Ihr ſchon lange in des Grafen Dienſten?“ „Ich ſtand ſchon vorher in Dienſten ſeines Bruders,“ erwiederte der Mann. „Es thut mir ſehr leid, daß es eine Mißhelligkeit zwi⸗ ſchen dem Grafen und mir gegeben hat,“ fuhr Ramſay fort. „Sagt mir doch, wer iſt die Dame, die ſich bei Sr. Lord⸗ ſchaft befindet?“ „Das kann ich nicht genau ſagen,“ gab der Mann zur Antwort; als er aber ein ſonderbares Funkeln in den Augen des Anderen bemerkte, ſetzte er bei: 17 ³ 260 „Sie iſt eine entfernte Baſe Mylords— eine Lady Julia Douglas, wie ſie ſie nennen. Mylord traf ſie in Italien, wo einige ihrer Verwandten ſtarben, worauf mein Herr es übernahm, ſie ſicher nach Schottland zu geleiten.“ „Sie iſt alſo keine Italienerin, wie einige meiner Leute mir ſagten?“ eraminirte der junge Mann. „O nein,“ rief der Diener;„ſie ſpricht ein feines Eng⸗ liſch, und ich habe ſie nie etwas Anders ſprechen hören, höchſtens zuweilen mit den Dienern.“ Ramſay beſann ſich und forſchte dann, ob der Graf direkt nach Schottland zurückkehre. „Er wird eine Zeitlang zu London verweilen, wie es heißt,“ verſetzte der Andere;„aber ich kann Nichts für ge⸗ wiß ausgeben. Mylord ſpricht nicht viel von dem, was er vorhat.“ „Wollt Ihr jenen Vorhang vom Fenſter ziehen, damit ich ſehe, was der Graf ſchreibt,“ bat der Verwundete, und als ſein Wunſch erfüllt war, öffnete er den Brief und las. Ddiie erſten Worte ſchienen ihm wohl zu gefallen, denn ein Lächeln kam über ſeine Lippen. Es hatte zwar einen etwas ſarkaſtiſchen Anſtrich; aber ſein Geſicht hatte über⸗ haupt einen höhniſchen Ausdruck. Bei den nächſten Worten verfinſterte ſich jedoch ſeine Stirne und wurde im Weiter⸗ leſen ſo dunkel, wie eine Gewitterwolke. Als er damit zu Ende war, biß er die Zähne feſt übereinander, indem er den Brief immer noch in der Hand hielt, anſcheinend um ſeinen Inhalt zu überlegen, während er unter krampfhaften Zuckun⸗ * * 261 gen ſeines Geſichts von Zeit zu Zeit etwas vor ſich hin⸗ murmelte, was aber der Diener nicht verſtehen konnte. Allmälig ſchienen die zornigen Regungen zu verſchwin⸗ den und er ſchaute abermals in den Brief, nicht um ihn ge⸗ regelt zu leſen, ſondern nur um das Auge müßig darauf ſpielen zu laſſen. Seine Stirne glättete ſich, obwohl es ihn offenbare Anſtrengung koſtete, ihr Runzeln zu verbannen, was ihm übrigens mit dem höhniſchen Zuge auf der Ober⸗ lippe nicht ebenſo gelang. „Wenn Euer Lord ſo bald abreist,“ ſagte er,„ſo werde ich wohl nicht die Ehre haben können, ihm meinen Reſpekt zu bezeugen. Iſt es ganz gewiß, daß er in drei Tagen abgeht?“ „Ich hab' noch nichts davon gehört, Sir, und kann's Euch nicht ſagen; wenn er's Euch aber in dem Briefe geſagt hat, ſo könnt Ihr Euch darauf verlaſſen, denn er iſt nicht der Mann, der ſeinen Sinn ſo leicht ändert.“ „Wohlan,“ verſetzte Namſay mit etwas auffallendem Pathos.„Ich muß eine andere Gelegenheit abwarten.“ „Ich will's ihm melden, Sir,“ ſchloß der alte Diener. „Nein, nein, das braucht Ihr ihm nicht gerade zu mel⸗ den,“ rief der junge Mann.„Sagt ihm blos, ich bedaure, daß ich nicht im Stande ſey, ihm aufzuwarten noch ihm zu ſchreiben. Ueberdies mögt Ihr ſagen—— Ohne ſeinen Satz zu beendigen verſiel er abermals in Gedanken, ſich unruhig auf ſeinem Bette wälzend, bis der Diener, welcher ihn zu Ende glaubte, einen Schritt nach der Thüre that, indem er verſicherte: 262 „Wohl, ich werde es ihm gerade melden, wie Ihr's geſagt habt.“ „Halt, halt!“ rief Ramſay;„ich habe noch etwas bei⸗ zufügen. Ihr könnt dem edlen Lorde von mir ſagen: es thue mir leid, daß ich die Dame beleidigte, daß ich aber durchaus nicht die Abſicht hatte, ſie zu beſchimpfen. Der Vorhang wurde mir von einem Manne im Innern des Wagens vor der Naſe zugezogen, und ich ſchob ihn zurück als Vorwurf für dieſen, ohne überhaupt an die Lady zu denken.“ „Nun, Sir, Ihr müßt's am beſten wiſſen,“ bemerkte der Diener, der trotz ſeines ſchlichten Verſtandes nicht glaubte, daß dieſer Bericht mit dem, was er ſelbſt geſehen, übereinſtimme.„Ich will's dem Earl überbringen, wie Ihr's geſagt habt.“ „Thut das,“ entgegnete Ramſay,„und ſagt noch weiter, daß ich bald die Ehre haben werde, Se. Lordſchaft in Schott⸗ land zu ſehen, da ich, ſobald ich reiſen kann, dahin zurückzu⸗ kehren gedenke. Euer Gebieter iſt, glaub' ich, mit meinem guten Vetter Sir George bekannt.“ „O ja,“ gab der Mann zur Antwort;„ich habe Ramſay von Dalhouſie mehrmals, ſowohl zu Perth als zu Dirleton, geſehen und auch ſeinen Bruder, den jungen Jack Ramſay, der oft mit Mr. Alexander ſpielte. Sie pflegten häufig mit einander zu zanken und zu fechten; aber das iſt ſo der Knaben Weiſe.“ „So, ſie zankten ſich?“ rief Ramſay von Newburn laͤchelnd;„ohne Zweifel werden ſie als Männer beſſere &ꝙ — 2— &ꝗꝙ 263 Freunde ſeyn. Und nun ſagt meinem Diener, daß er Euch ein Glas Branntwein gebe; aber daß Ihr mir darum meine Botſchaft an Euren Lord nicht vergeßt.“ „Nein, nein, Sir, hat keine Noth,“ lachte der Mann und entfernte ſich. Kaum war er fort, als Ramſay wie vor Schmerzen auf ſeinem Lager ſich krümmend vor ſich hinmurmelte: „Der bittere Kelch waͤre nun geleert; aber ich will die, ſo mir ihn aufdrangen, einen noch bittreren verſuchen laſſen. Doch wie— wie? Ich werde nie wieder die Kraft erlangen, um wie ein Mann ein Schwert zu ſchwingen. Der Schuft hat mich für Lebenszeit zum Krüppel gemacht. Aber einen Schuß kann ich abfeuern— und, mein guter Lord von Gowrie, ich werde Euch nicht vergeſſen.“ Dann verſank er abermals in Gedanken und beſann ſich ſchweigend faſt eine halbe Stunde, während allerlei Schat⸗ ten— alle finſter aber von verſchiedenem Ausdruck— über ſein Antlitz zogen. Endlich mußte er auf einen erfreulichen Gedanken geſtoßen ſeyn, denn er lachte laut auf. „Aha,“ ſagte er,„das wäre beſſer; dann moͤgen die Dinge gehen wie ſie wollen— ich kann nur dabei gewinnen. Ich habe mich vor ſeinem Schätzchen beugen müſſen; ſo will ich verſuchen, ob ich ihm nicht ſein hochmüthiges Haupt vor denen beugen kann, welche früher dieſe Ruthvens mit Füſſen getreten. Laßt ihn ſeine Worte und Handlungen wohl beachten; denn er ſoll ſcharf belauert werden. Das hoch⸗ müthige Schooßkindchen! laßt ihn nur bei der verſchrobenen alten Engländerin in London verweilen: ich will vor ihm in 264 Schottland ſeyn, und er ſoll inden, daß ihr Schutz ihm eher zum Verderben als zum Nutzen gereicht. Wenn ich meinen Vetter John recht kenne, ſo kann ich die Sache ſo zuſammen⸗ ſchweißen, daß der Earl bereuen ſoll, einen Ramſay jemals beſchämt zu haben. Was ich nicht mit eigener Kraft kühn durchführen kann, will ich mit Schlauheit vollbringen, und es ſoll mir Freude machen zu ſehen, wie er meine gegen ihn gerichteten Plane eigenhändig befördert. Da iſt auch Stuart; wenn wir ihn einmal in die Geſchichte verflechten können, ſo wird der König nicht lange ausbleiben. Dann, Gowrie, ſieh Dich vor, denn Jakob verzeiht denen niemals, welche er fürchtet.“ So fuhr er fort noch längere Zeit vor ſich hin zu mur⸗ meln; was wir jedoch bis jetzt geſchildert haben, wird ge⸗ nugſam zeigen, daß Ramſay jene ſüße und edelmänniſche Leidenſchaft der Rache nährte, welche damals ſeinen meiſten Landsleuten ausnehmend werth und theuer war. Dies trifft ſich bei allen Nationen in halb barbariſchem Zuſtande, und in einem ſolchen Zuſtande befand ſich Schottland damals ohne Zweifel. Von Faktionen zerriſſen, häufig die Beute des Bürgerkriegs wenn nicht der Anarchie, von der ſtärkſten und behendeſten Hand geleitet, welche die Zügel der Re⸗ gierung erfaſſen und leiten konnte, hatte das Land ſchon längſt ſehen müſſen, wie ſeine Kinder über die Köpfe ihrer Freunde zu Macht und Wohlſtand emporſtiegen und wie der Pfad zu Ehrenſtellen mit einem Blutſtrome bezeichnet war. Ehrgeiz ging Hand in Hand mit Rachſucht, und eine Wohl⸗ that ſo bald wie möglich zu vergeſſen, eine Beleidigung aber 265 niemals zu vergeben— dieſe furchtbare Regel ſchien im ganzen Lande volle Geltung zu haben. Neunzehntes Kapitel. Ich muß die Ereigniſſe, welche den Hauptperſonen dieſer Erzählung während der nächſten Monate begegneten, mit kurzem ſummariſchem Ueberblicke aufführen. Bei allem Geſchichtenerzählen, wenn nicht die Handlung in einen ſehr kurzen Zeitraum zuſammengedrängt wird, kommt eine Pe⸗ riode, wo das Intereſſe erlahmen würde, wenn der regel⸗ mäßige Verlauf jedes Tages notirt und die unbedeutenderen Details aufgezählt würden. Wäre das Leben nur mit jenen frappanten Ereigniſſen erfüllt, welche den Leſer intereſſiren und erſchüttern, mit jenen Leidenſchaften, denen das mit⸗ fühlende Herz entgegenzittert, jenen großen Scenen der Thatkraft, welche die Phantaſie aufregen, oder auch mit jenen geringeren Zwiſchenfällen, welche ergötzen und unter⸗ halten, ſo müßte der menſchliche Leib gleich einem über⸗ ſchärften Meſſer auf dem Wetzſteine der Welt zu Grunde gehen und das Leben um die Hälfte ſeiner Dauer verkürzt werden. Es iſt meine Ueberzeugung, daß das patriarchaliſche Alter der früheren Erdebewohner eben ſo ſehr durch die langen Pauſen ruhiger ſorgloſer Behaglichkeit zwiſchen den Perioden intenſiver Erregung, denen ſie zuweilen unterworfen waren, als durch eine der vielen anderen Urſachen begründet wurde, welche dazu beitrugen, den Zeitraum zwiſchen Geburt und 266 Tod bis faſt zu tauſend Jahren auszudehnen. Sie waren freilich nicht in Städte zuſammengepfropft, hatten fortwäh⸗ renden Wechſel der Luft und des Schauplatzes; Exceſſe jeder Art waren ihnen unbekannt, und ſie ſtanden jenem großen friſch aus Gottes Hand entſprungenen Urtypus näher, der, zur Unſterblichkeit gebildet, derſelben durch die Sünde be⸗ raubt worden war. Noch hatten lange Jahrhunderte des Laſters, der Thorheit, des Haders und Unglücks noch nicht jenes zahlreiche Heer von Krankheiten erzeugt, welche fort⸗ während gegen den menſchlichen Körper Krieg führen und ſeine Widerſtandskraft von Generation zu Generation ver⸗ mindern; aber dennoch glaube ich, daß der Mangel an Auf⸗ regung, von dem nur da die Rede ſeyn kann, wo die Menſchen nah und fern über das Antlitz der Erde zerſtreut ſind— zu jener enormen Verlängerung des Menſchenlebens abſolut nothwendig war. Leib und Seele rieben noch nicht wie Mühlſteine an einander. Gleichwohl ſind die friedlicheren Perioden in der Ge⸗ ſchichte eines Menſchen gerade diejenigen, welche ſeine Mit⸗ menſchen am wenigſten intereſſiren, und während der ganzen Zeit zwiſchen Gowrie's Abreiſe von Paris und ſeiner An⸗ kunft in Schottland ereigneten ſich weder Hinderniſſe noch Abenteuer, welche ein genaueres Eingehen ins Detail recht⸗ fertigen könnten. Jene Abreiſe wurde dem urſprünglichen Plane entgegen um einige Tage verſchoben, welche in dem ſcharfen und kalten Winter, der mittlerweile angebrochen war, einen ſo günſtigen Wechſel herbeiführten, daß klarer Himmel und heller Sonnenſchein die Stelle von Nebel und 267 Regen einnahmen. Die Tage waren aber kurz, und ſo na⸗ türlich auch die jedesmalige Reiſeſtrecke, ſo daß zwiſchen der Abreiſe von Paris und der Ankunft zu Calais eine volle Woche verſtrich. Vier Tage ſpäter traf er zu London ein, wo ſich eine neue Scene vor ihm eröffnete. Durch Sir Henry Neville mit Briefen an die haupt⸗ ſächlichſten Staatsmänner am Hofe der Königin Eliſabeth verſehen, wurde er in der engliſchen Hauptſtadt mit allen Zeichen der Achtung und Ehrerbietung empfangen und zwei Tage ſpäter der Königin ſelbſt vorgeſtellt. Von dem, was ſpäter folgte, finde ich wenig in der Geſchichte erwähnt; nur ein Hiſtoriker, deſſen Anſichten— wohl gemerkt— durch beſondere Parteilichkeit eigenthümlich gefärbt ſind, er⸗ klärt, daß die Ehren, welche die engliſche Monarchin dem Earl erwieſen, von der auffallendſten und ungewöhnlichſten Art waren. Es iſt zuweilen jetzt noch nicht leicht, die Poli⸗ tik, welche Eliſabeth in ihrem Benehmen gegen die Unter⸗ thanen der benachbarten Krone verfolgte, zu erklären; aber wir dürfen wohlverbürgte Thatſachen nicht deßhalb bezwei⸗ feln, weil wir in deren Beweggründe nicht einzudringen vermögen. Der erwähnte Schriftſteller ſagt da, wo er von dem Earl von Gowrie ſpricht, die Königin habe ihm eine Ehrenwache geben und überhaupt alle Ehren erweiſen laſſen, wie ſie einem Prinzen von Wales und ihrem erſten Vetter gebührten; auch ſollte er während ſeines ganzen Aufent⸗ haltes am Hofe auf öffentliche Koſten unterhalten werden. Ich kann mir kaum denken, daß dieſer Bericht nicht über⸗ trieben ſeyn ſollte. Wir finden, daß Eliſabeth Anderen, welche in demſelben Verwandtſchaftsgrade zu ihr ſtanden, keine ähnliche Ehren erwies, und wenn ſie nicht etwa un⸗ nöthigerweiſe den König von Schottland beunruhigen wollte, ſo iſt kein Grund zu ſolchem Verhalten abzuſehen. Daß ſie Gowrie mit großer Auszeichnung behandelte, iſt unläugbar, wie auch, daß ſie ihm noch auffallendere Gunſt erzeigte, als etwa ihre alte Neigung zu ſeinem Großvater erklären mochte. Dieſe Auszeichnung wurde dem jungen Earl ſehr gefähr⸗ lich, denn der Hof von En land wimmelte damals von Spio⸗ nen des ſchottiſchen MonaWen, und ſelbſt die vertrauteſten Freunde und Rathgeber Eliſabeths hinterbrachten Jakob bis auf die geringfügigſten Umſtände Alles, was nur irgend ſein Intereſſe berührte. Das natürliche Verlangen ſich bei ihm einzuſchmeicheln, verlieh natürlich jedem dieſer Berichte ſeine beſtimmte Färbung, und eine Prüfung der damaligen Staats⸗ papiere gibt uns allen Grund zu glauben, daß nur ſolche Andeutungen gegeben wurden, welche den Monarchen be⸗ ſtimmen konnten auf ſeiner Hut zu ſeyn, ohne ſeine Hoffnun⸗ gen zu entmuthigen oder ſeine Thatkraft zu vermindern. Der Weg zu ſeiner Thronbeſteigung war ſchon von langer Hand vorbereitet, und ſey es nun aus allgemeinen politiſchen Er⸗ wägungen, aus perſönlicher Ehrfurcht oder aus Geiz— Staatsmänner wie Ceeil hatten ſich längſt entſchloſſen, alle anderen Mitbewerber zu entfernen oder zurückzuſchrecken und dem Könige von Schottland den engliſchen Thron zu ſichern. Ich bin geneigt zu glauben, daß jene Staatsmänner, ohne ſich für etwas mehr denn für bloſe Sterbliche auszugeben, 2— — 269 bei dieſer Handlungsweiſe von dem reinſten Geiſte des Pa⸗ triotismus geleitet wurden. Jeder Mann von Gemeingeiſt mußte einſehen, daß durch die Vereinigung der Kronen von Schottland, England und Irland auf einem Haupte die wichtigſten Zwecke ſich erreichen ließen; auch konnte Niemand zweifeln, daß abgeſehen von allen Betrachtungen über den perſönlichen Charakter des Mannes— die Mittel ſeine Anſprüche geltend zu machen, alle Mitbewerber niederzu⸗ ſchlagen und ſeine Macht auf einer feſten, ſicheren Baſis zu gründen, vollſtändiger in der Hand des Königs von Schott⸗ land als in der irgend eines anderen Prätendenten um Eng⸗ lands Thron vereinigt waren. Seine Fehler waren alle perſönlich und wurden deßhalb von Politikern ſelten in Rech⸗ nung gezogen; ſeine Vortheile dagegen waren die der Stel⸗ lung, und dieſe haben faſt immer bei den Lenkern der Staa⸗ ten nur allzu viel Gewicht. Noch nie vielleicht war ein Mann durch ſeinen Privatcharakter weniger geeignet, den Thron eines großen Landes einzunehmen und widerſtreitende Stämme unter Einer Herrſchaft zu vereinigen als Jakob I.; was dagegen ſeine politiſche Stellung betraf, ſo konnte Nie⸗ mand in den Anſprüchen auf den engliſchen Thron mit ihm in die Schranken treten. Ein Glück für Großbritannien wäre es geweſen, wenn der Fall ein anderer geworden wäre, denn die Laſter des Mannes überwiegten weit die vortheilhafte Stellung des Fürſten und die Schwachheit ſeiner Nachfol⸗ ger vollendete, was ſeine eigene Bosheit begonnen; aber Niemand kann die Männer tadeln, welche nach dem Maße 270 ihrer Einſicht handelten und dem, was damals für das Ganze der Nation das Beſte ſchien, den Weg anbahnten. Die Gerüchte über die Ehrenbezeugungen, welche dem Earl von Gowrie in der engliſchen Hauptſtadt erwieſen wurden, erzeugten in Schottland in dem eiferſüchtigen, reiz⸗ baren Gemüthe des Königs, das nach ausgedehnter deſpo⸗ ſcher Gewalt dürſtete, eine Empfindung des Zweifels und der Furcht, welche dem Grafen höchſt gefährlich war; die emſige Klatſchſucht des kleinen Hofes verfehlte nicht, dieſe unerfreulichen Eindrücke durch tauſend in der Wahrheit kei⸗ neswegs begründete Gerüchte zu vermehren. Es wurde die Nachricht verbreitet und geglaubt, die Königin Eliſa⸗ beth habe den Grafen von Gowrie wirklich zu ihrem Nach⸗ folger bezeichnet, und um zwei große Anſprüche auf ihre Krone in ſeiner Hand zu vereinigen, habe ſie alle Anord⸗ nung zu ſeiner Verheirathung mit Lady Arabella Stuart getroffen, welche Letztere gleich ihm ſelbſt von der direkten Nachfolge nicht weit entfernt war. Dieſe Thatſachen ſind von den modernen Hiſtorikern, wenn ſie den Theil der Ge⸗ ſchichte behandeln, in welchem dieſer junge Edelmann auf⸗ tritt, gänzlich ausgelaſſen oder übergangen worden; daß aber ſolche Gerüchte in England und Schottland kurſirten, kann durch die Autorität einiger Zeitgenoſſen bewieſen wer⸗ den, und wir mögen leicht die Gefühle ermeſſen, womit ein Mann wie Jakob ſich zu der Aufnahme eines Unterthans, deſſen Einfluß ihm ſchon ſo fürchterlich war, bei deſſen Rück⸗ kehr in ſein Vaterland vorbereitete. Hätte er das Privatleben des Earls ſehen können, ſo 271 hätte ſich ſeine Furcht wohl nicht bis zum Haſſe geſteigert, wenn gleich nicht unwahrſcheinlich iſt, daß er dem Grafen fortwährend feindſelig geblieben wäre. Julia war aus ver⸗ ſchiedenen Urſachen, welche Jeder begreifen wird, nicht ge⸗ neigt, ſich in die Luſtbarkeiten eines ausländiſchen Hofes zu miſchen, oder ehe ſie in ihrem eigenen Lande anerkanntwäre, die Stellung, wozu ſie in der Geſellſchaft des Nachbarſtaa⸗ tes berechtigt war, einzunehmen. Sie fand darin keine Entbehrung, denn ſie ſuchte jene Luſtbarkeiten nicht und kümmerte ſich nicht darum, und ſelbſt wenn es ihr eine Ent⸗ behrung geweſen wäre, würde ſie es unterlaſſen haben, da ſie in der Zärtlichkeit ihres Geliebten volle Vergeltung fand. Gowrie erſchien alſo allein am engliſchen Hofe und ließ nichts von ihren Anſprüchen verlauten, welche ja in einem anderen Lande und nach anderen Geſetzen entſchieden werden mußten. Ein einziges Mal, als die Königin ſcherzend ſei⸗ ner ſchoͤnen Freundin gedachte, erwiederte er mit jener höſi⸗ ſchen Verehrung gegen Eliſabeth, woran dieſe gewöhnt war, und mit jener ſchuldigen Rückſicht auf Julia's Lage, welche er nie aus den Augen verlor: „Es iſt ſchmerzlich, Majeſtät, von zweierlei Pflichten und Neigungen hin⸗ und hergezogen zu werden. Ihr wer⸗ det leicht begreifen, daß es mir am erwünſchteſten wäre, hier zu Eurer Majeſtät Füßen zu verweilen; allein meine Ver⸗ wandtenpflicht ſowohl als ein gegebenes Verſprechen zwin⸗ gen mich, meine Baſe nach Schottland zurückzugeleiten, um daſelbſt Rechte zu beanſpruchen, deren ſie nur zu lange beraubt war. Ich hoffe jedoch,“ fuhr er mit jener Miene 272 der Galanterie fort, welche Eliſabeths Hof beherrſchte,„daß ich bald im Stande ſeyn werde zurückzukehren, nicht allein um mich in den Strahlen Eurer Gunſt zu ſonnen, ſondern auch einen Antheil für eine Dame zu erlangen, welche, wie ich mir zu verſichern erlaube, mehr als ich der Ehre würdig iſt, um welche Fürſten mit Stolz ſich ſtreiten könnten.“ Er ſprach dies mit jenem tiefen Ernſt und doch mit jener leichten, ſicheren Anmuth, welche Eliſabeth ſehr zu ſeinen Gunſten einnahm, und ſie erwiederte in ihrer barſchen Weiſe: „Hol mich Gott, Vetter, ich habe große Luſt, dieſes ſchöne Weſen zu ſehen, und ich würde es auch mit allen Ch⸗ ren entweder öffentlich oder auf dem Privatwege thun, wenn ich nicht wüßte, daß ihr ſolches da, wohin ſie geht, nur ſchlimme Dienſte erweiſen würde. Empfehlt mich ihr und ſagt der Dame, wir ſchenken ihr und Euch unſere Gnade und werden unſer Beſtes thun, um Euch im Nothfalle zu dienen.“ Der Earl hinterbrachte der Geliebten dieſe Botſchaft; Julia lächelte jedoch traurig, als ſie erwiederte: „Ich fürchte, Gowrie, daß ich nicht für Höfe paſſe; meine Neigung wenigſtens zieht mich nicht dahin. Stille und fried⸗ liche Ruhe mit dem Geliebten iſt Alles, was ich im Leben wünſche. Verſtehe mich aber recht, Gowrie: nicht für die ganze Welt möchte ich Dich, deſſen Ruf und Anſehen ich ſo⸗ gar noch über meinen eigenen Frieden zu ſtellen habe, von dem Pfade der Ehre und der Auszeichnung zurückhalten. Ich bin bereit, wenn Du es verlangſt, an die Höfe zu gehen und Alles, was Dir wünſchenswerth ſeyn kann, mit Dir zu 273 theilen, ja Dir ſogar im Nothfalle mit eigener Hand die Rüſtung zum Kampfe umzuſchnallen und Gott zu bitten, daß er Dich in Deinem Rechte fördere, während ich allein zurückbleibe, um für Deine Befreiung und für Deinen Sieg zu weinen und zu beten. Der Himmel ſende mir Kraft, wenn die Stunde der Prüfung kommt! Aber in Stärke wie in Schwäche will ich nie von meiner Pflicht für Dich zurückbeben.“ Etwa zehn Tage ſpäter, nachdem der Froſt, der damals mit großer Strenge herrſchte, ſich gebrochen, und die Straßen brauchbar gemacht hatte, reiste Gowrie von London ab und zog in kleinen Tagereiſen gegen Schottland. Zu York wurde er durch einen abermaligen Schneefall etwas über eine Woche aufgehalten; ſobald dieſer jedoch unter zunehmender Frühlingswärme geſchmolzen war, machte er ſich abermals auf den Weg, und paſſirte die Grenze zu Ende Februars im Jahre des Herrn ſechszehnhundert. Zwanzigſtes Kapitel. Es war ein kalter klarer, froſtiger Nachmittag im Monat Januar 1600, als zwei junge Edelleute— der eine beträcht⸗ lich älter wie der andere— in einem niedlichen aber ſteifen Garten unter den Mauern eines der alten Kaſtelle damali⸗ ger Zeit, nicht viele Meilen von der ſchönen Stadt Edin⸗ burgh in der Grafſchaft Mid Lothian auf und ab ſpazierten. Es war ſchon ziemlich ſpät, die Sonne untergegangen; helle James. Gowrie. 18 274 Sterne begannen am Horizonte aufzutauchen, und der Gar⸗ ten war nur durch eine Steinmauer ohne Mörtel gegen den ſcharfen Wind geſchützt, obgleich das Schloß ſelbſt wie ein recht ſolides Stück Mauerwerk ausſah. Gleichwohl ſetzten die beiden Edelleute ihren Spazier⸗ gang fort, indem das bröckliche Eis unter ihren Füßen kni⸗ ſterte, ſobald ſie auf das lange Gras zur Seite des Pfades oder auf die trockenen Blätter traten, welche von den ſpär⸗ lichen und weit auseinander ſtehenden Bäumen der kleinen Einfaſſung herabgefallen waren. Der ältere der Beiden war ein Mann von etwa ſechs⸗ bis ſtebenundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe oder viel⸗ leicht etwas darunter, von ſchmächtigem Ausſehen— einer Folge der ausnehmenden Symmetrie ſeines Baues— ob⸗ wohl er in Wirklichkeit viel kräftiger war als manche Män⸗ ner von mächtigeren Gliedmaßen. Seine Geſichtszüge ſtreif⸗ ten etwas an das Adlerartige, waren aber wunderbar zart profilirt. Das Haar war dunkel, das Auge aber hell und blau, mit jenem ruhigen, feſten aber milden Ausdruck, wie wir ihn gerne einem kräftigen mit Sanftmuth des Herzens begabten Charakter beilegen. Miene und Haltung zeich⸗ neten ſich durch eine gewiſſe leichte Würde aus, ſo daß es unmöglich war, ihn zu ſehen und dabei nicht zu fühlen, daß man nicht allein einen Edelmann von hoher Geburt und Verwandtſchaft, ſondern auch einen Mann von bemerkens⸗ werthen Geiſtesgaben vor ſich hatte, deren er— übrigens ohne alle Eitelkeit— bewußt war. Der Begleiter des eben Genannten war an Jahren noch 275 ein bloſer Jüngling, an Geſtalt aber ein derber, rüſtiger Mann. Er war dunkler an Geſichtsfarbe als der Andere, höher und muskulöſer gewachſen, und der wohlgeformte Bart bewies, daß er über das Knabenalter hinaus war. Auch ſein Geſicht war ſehr hübſch, nur hatte es einen wil⸗ den, finſteren Ausdruck, der Einen an ein trotziges Streit⸗ roß, das mit dem Zügel gehemmt wird, erinnerte, ja zu⸗ weilen trat im Sprechen ein mürriſcher Groll auf ſeine Stirne, der ihm einen von ſeinem Gefährten ganz verſchie⸗ denen Ausdruck gab. Gleichwohl war in beiden Geſichtern eine ſtarke Aehnlichkeit unverkennbar, ſo daß man ſie in den zornigen Augenblicken des Einen, welche allerdings ſelten waren, oder in den heiteren und ſanfteren Momenten des Anderen unſchwer als Brüder erkennen konnte. „Ei was, John,“ ſagte der Aeltere der Beiden, während ſie ſich auf ihrem Spaziergange umdrehten,„ich wollte, Du gäbeſt Deine Abſicht auf, noch heute Nacht zurückzureiten. Ich möchte gerne zwiſchen Deinen raſchen Ungeſtüm und dieſes Wiederſehen Deines früheren Freundes achtundvierzig Stunden Zwiſchenraum legen. Du ſcheinſt ſo wenig durch Vernunft zu bewegen, daß ich gerne ſehen möchte, was die Zeit bei Dir ausrichtet.“ „Ich ſage Dir, Dalhouſie,“ verſicherte ſein Bruder,„ich will keineswegs Händel mit ihm anfangen. Er wird ſich in der That auch wohl hüten, mir Veranlaſſung dazu zu geben; aber ich und Alexander Ruthven können nie mehr Freunde zuſammen ſeyn. Sein Stolz iſt unerträglich, und ſeine Gunſt bei der Köͤnigin— ſey ſie nun ehrbar und anſtändig, .. 4 18 ³ 276 wie die Einen uns glauben machen wollen, oder unloyal und anſtößig, wie Andere argwöhnen— kann ihm kein Recht einräumen, Ehrerbietung von Leuten zu verlangen, welche ebenſo gut wie er ſelbſt oder vielleicht noch beſſer ſind.“ „Liegt Deinen eigenen Gefühlen gegen ihn nicht ebenſo gut Stolz zu Grunde, John?“ fragte der Aeltere lächelnd, „und iſt es nicht vielleicht gar etwas Eiferſucht über dieſe nämliche Gunſt, von der Du ſprichſt, was Dich die Sache in unreinem Lichte betrachten läßt? Ruthven's Schweſter iſt der Königin liebſte Freundin; iſt es da ſo ganz unnatür⸗ lich, wenn ein Theil ihrer Vorliebe für die Schweſter ſich auf den Bruder ausdehnen ſollte?“ „Was weiß ich?“ verſetzte John Ramſay haſtig;„ich bin nicht ſo ſcharf im Abwägen wie Du, George; ich weiß nur ſo viel, daß ich es nicht leiden kann, wenn mein Herr und Gebieter an ſeinem eigenen Hofe durch einen ſeiner Un⸗ terthanen zum Narren gehalten wird. Wäre auch nichts Schlimmes an jener Vertraulichkeit als das, ſo iſt dies ſchon übel genug; iſt aber mehr daran, ſo mögen ſie ſich hüten, mich deutliche Zeichen wahrnehmen zu laſſen, denn ich würde ihm ebenſo bereitwillig meinen Dolch in's Herz ſtoßen, wie ſein Großvater früher bei Rizzio gethan.“ „Pfui, pfui! Du biſt zu leidenſchaftlich, Knabe,“ ſagte Sir George Ramſay;„weder Eifer noch Muth haben ſonder⸗ lichen Werth, wenn ſie nicht durch Vorſicht gezügelt werden, John, und ich wiederhole Dir, Du gibſt Dich zu viel Dei⸗ ner Leidenſchaft hin und läßt ſie Allem, was Du ſiehſt, ihre Farbe mittheilen; ebenſo wie Du Dich als Knabe ohne 277 vernünftigen Grund mit Alerander Ruthven herumzankteſt, ſo haſſeſt und beargwöhnſt Du ihn jetzt als Mann ohne ge⸗ rechte Urſache.“ „Ich konnte ihn nie leiden,“ gab der Jüngere mürriſch zur Antwort.„Ich haſſe alle Ruthvens; ich habe ſie immer gehaßt in ihrem Hochmuth, ihrer ſteifen Grandezza. „Weil Du ſelbſt hochmüthig biſt, John,“ erklärte ſein Bruder;„und weil Dein Hochmuth zuweilen beleidigend wurde, deßhalb haben ſie auch Dich nicht gemocht. Haſt Du es je erlebt, daß einer von ihnen gegen mich ſtolz ge⸗ weſen wäre?“ „Weil Du ſelbſt nicht ſtolz genug biſt,“ verſetzte der Andere hitzig. „Ich bin ſo ſtolz wie jeder Mann ſeyn ſoll,“ entgegnete ſein Bruder in vorwurfsvollem Tone:„zu ſtolz, um eine niedrige Handlung zu begehen; zu ſtolz, um einem kriechen⸗ den Gedanken Raum zu geben; zu ſtolz, um einen ſchmäh⸗ lichen Argwohn zu hegen. Ich bin ſtolz auf meinen Namen und mein Geſchlecht, ſtolz auf die Thaten meiner Ahnherrn, und hoffentlich ſtolz genug, um ihren Ruhm niemals durch eine unwürdige Handlung ihres Abkömmlings zu beflecken.“ Mit einer jener ſtürmiſchen Eingebungen, wie leiden⸗ ſchaftliche Menſchen ſie empfinden, faßte der Jüngling ſeines Bruders Hand und drückte ſie warmherzig. „Ich weiß das, Dalhouſte,“ ſagte er;„vergib mir, mein theurer Bruder. Mag ſeyn, daß ich etwas zu ſtolz bin; aber ich zweifle auch nicht immer, daß Du für alles Edle ſtolz genug ſeyſt und zu gut für jede Niederträchtigkeit. Du 278 haſt übrigens in neuerer Zeit ſo Manches was am Hofe vor⸗ geht nicht ebenſo gut wie ich geſehen, und glaube mir nur, der Anblick iſt nicht erfreulich.“ „Wohlan, John, bleibe noch eine Nacht davon entfernt,“ antwortete ſein Bruder;„Du gibſt zu, daß der König Dich nicht vor Freitag erwartet, und Du wirſt an einem Tage Edinburgh und Stirling erreichen, ſo langſam Du auch reiten magſt.“ „Sey es denn wie Du wünſcheſt,“ verſetzte John Ram⸗ ſay;„dann muß ich aber morgen ziemlich früh aufbrechen. Horch! da kommen Pferdetritte auf der froſtigen Straße daher. Ich möchte wiſſen, wer ſich zu dieſer ſpäten Stunde nähern mag.“ „Einige unſerer guten Vettern, welche bei uns über⸗ nachten wollen,“ verſetzte Sir George Ramſay lächelnd; „dem langſamen Schritte nach zu ſchließen kann es kein wichtiges Geſchäft ſeyn, das ſie herführt.“ Er irrte ſich jedoch, denn das Reſultat des Begegnens, das ihm bevorſtand, war für ſein und ſeines Bruders Schickſal von unendlicher Wichtigkeit. Die Beiden ſchlenderten langſam den kleinen Pfad dahin, der zu dem Wohnhauſe zurückführte, wo ſie durch eine kleine Hinterpforte eintraten und ſich nach dem Schloßthore ver⸗ fügten, um den nahenden Gaſt zu begrüßen. Als ſie auf die Straße hinausſchauten, konnten ſie etwa zweihundert Schritte vor ſich nur eine dunkle Geſtalt zu Pferd und etwas wie einen zweiten Reiter hinter ihr unter⸗ ſcheiden. Die Fremdlinge nahten ſehr langſam, obwohl die 279 kalte Nacht ein raſcheres Vorſchreiten für Mann und Roß angenehmer gemacht hätte. Da die Reiſenden ſich in der augenſcheinlichen Abſicht, daſelbſt anzuhalten, dem Hauſe offenbar näherten, ſo rief Sir George Ramſay einige von den Dienern heraus, während ſein Bruder, der mit geſpanntem Blicke vorwärts ſchaute, gleich darauf bemerkte: „Die Geſtalt ſieht unſerem Andrew ſehr ähnlich; nur hängt er regungslos über ſeinem Pferde, wie ich es ſchon an ihm geſehen habe, wenn er betrunken war.“ „Ich hoffe, er hat nicht dieſe Verfaſſung gewählt, um ſich uns auf ſeiner Rückkehr vorzuſtellen,“ ſagte Sir George. „Halloh! wer kommt da?“ „Ich bin's, Sir George,“ gab die Stimme Ramſay's von Newburn zur Antwort;„ſchwach und ermüdet und ſehr Deiner Gaſtfreundſchaft bedürfend.“ Aus der Art ſeines Sprechens ging deutlich hervor, daß der junge Edelmann vollkommen nüchtern war, und Sir George erwiederte blos: „Komm herein, Andrew, komm herein: Du ſollſt will⸗ kommen ſeyn. Da, William, nimm Newburn's Pferd.“ „Leih mir Deinen Arm, guter Junge,“ ſagte der Gaſt langſam abſteigend.„Ich bin nicht ſonderlich gelenkig und nicht mehr ſo ſtark, wie ich ſonſt geweſen.“ Sein eigener Diener ritt im ſelben Augenblick mit den Satteltaſchen herbei, und ſo half man ihm vom Pferd und führte ihn in das Haus, wo die Lichter in dem ſogenannten großen Zimmer brannten. Sir George Ramſay und ſein Bruder waren beide von der geiſterhaften Bläſſe auf ihres 280 Vetters Antlitze betroffen, und es geſchah alles was ihre Freundlichkeit nur erſinnen konnte, um ihn zu erfriſchen und neu zu beleben. „Aha, jetzt kommt wieder einige Farbe auf Deine Wan⸗ gen,“ bemerkte Sir George, nachdem der Gaſt ein Glas von jenem feinen Bordeaurwein getrunken hatte, der nirgends beſſer als in Schottland getroffen wurde.„Jetzt wird Dir's ſchon beſſer werden.“ „Meine Wange wird nie mehr roſig blühen, Dalhouſie,“ erwiederte ſein Vetter.„Sie war einſt roth genug; aber ihre Farbe iſt für immer dahin.“ „Unſtnn!“ rief John Ramſay;„was iſt Dir denn, Mann? Haſt Du einen böſen Geiſt geſehen?“ „Ja, und auch geſpürt in Geſtalt eines gezogenen Schwertes,“ erwiederte der Andere.„Ich wurde in den Straßen von Paris von einem gemeinen Knecht durch den Leib gerannt. Es ſind jetzt etwa zwei Monate, und ich be⸗ finde mich wieder wohl, wie ſie's nennen. Aber wo iſt meine Stärke hingekommen, wo die Behendigkeit meiner Hand, welche bis auf dieſe Stunde meinen Kopf noch immer zu ſtützen vermochte?“ „Wie iſt das Alles zugegangen?“ fragte Sir George Ramſay.„Ich fürchte faſt, ein thörichter Handel, Andrew.“ „Freilich thöricht genug,“ gab der junge Mann zur Antwort;„aber ich bin für mein Leben lang von Thorheit kurirt, George.“ Hiemit begann er ſeinen eigenen Bericht über das Aben⸗ teuer, das er mit dem guten Auſtin Jute gehabt hatte. ———— 281 „Ich ritt mit zwei jungen Freunden durch die Straßen von Paris,“ erzählte er,„als wir an einer großen alten Landkutſche vorüber ſollten, in der ich ein ſehr hübſches Ge⸗ ſicht entdeckte— Du weißt, ich liebte immer hübſche Ge⸗ ſichter. Ich betrachtete es ziemlich ernſthaft, vielleicht einen Augenblick länger als gerade nöthig war, weiß auch nicht ganz genau, ob ich nicht mein Roß anhielt, als einer der Diener hinter dem Wagen vorſprengt und mir einen Schlag verſetzt, der mich bügellos macht und mir kaum Zeit läßt vom Pferde zu kommen, ſonſt wäre ich unter ſeine Hufe gefallen.“ „Eine derbe Ohrfeige!“ bemerkte John Ramſay, halb lächelnd; ſein Vetter fuhr aber ernſthaft fort: „Ich hätte nicht das Blut eines Ramſay in den Adern haben müſſen, wenn ich nicht das Schwert gezogen hätte, um einen ſolchen Schimpf zu rächen. Allein der Burſche war meiner Treue ebenſo behend wie ich und auch ein guter Fechter, obwohl ich noch ſelten einen getroffen habe, der mir gewachſen war. Die Gaſſe war jedoch krumm und eng; der Wagen ſtand im Wege, Pferde rings um uns her, ſo daß mein Fuß ausglitt, und ich im nächſten Augenblicke ſein Schwert wie heißes Eiſen durch meine Bruſt dringen und zum Schulterbein herauskommen fühlte. Da— hier drang es ein,“ fuhr er fort, ſeine Hand auf die Stelle legend;„hier ging's heraus, gerade zwiſchen Fleiſch und Knochen durch. Ich ſiel augenblicklich zu Boden und wurde in meine Woh⸗ nung getragen, wo ich manchen Tag auf dem Krankenbette lag, und nur aufſtand, um zu entdecken, daß ich den Gebrauch 282 meines rechten Armes für immer vekloren habe. Eine Feder kann ich vielleicht wie ein Schreiber führen; mit der männ⸗ lichen Hanthirung iſt's aber für immer aus.“ „Was wurde aber aus dem Manne, der Dich verletzte?“ fragte Sir George Ramſay.„Wenn Deine Erzählung ganz genau iſt, Andrew, ſo war ſein Benehmen durchaus nicht zu rechtfertigen.“ Er legte ſtarken Nachdruck auf das Wort wenn, denn er kannte ſeinen Vetter wohl, und war überzeugt, daß er etwas verſchwiegen haben müſſe. Ramſay von Newburn ſchien jedoch die beſondere Betonung jener Worte nicht zu bemerken, ſondern erwiederte: „Es war allerdings nicht zu rechtfertigen, Dalhouſie; aber er hatte mächtige Beſchützer. Der engliſche Geſandte nahm ſich als Freund ſeiner an, und der Intimus des Ge⸗ ſandten— Dein Freund, der Earl von Gowrie, ſetzte ſich auf's hohe Pferd und hemmte den Lauf der Gerechtigkeit. Sie duldeten nicht, daß der Mann arretirt wurde, bis man ſich überzeugt hatte, ob ich leben oder ſterben würde.“ „Was hatte denn Gowrie damit zu ſchaffen,“ fragte Sir George, während ſein Bruder die Stirne runzelte und die Zähne über einander preßte.„Ich hätte gedacht, daß Gowrie von allen Männern am meiſten geneigt geweſen wäre, einen Schimpf, der einem Ramſay widerfahren, zu rächen, denn der Earl hat einen lebhaften Sinn für Gerech⸗ tigkeit— er zeigte das ſchon als Knabe.“ „Nicht wo ſeine eigenen Anhänger betheiligt ſind,“ er⸗ wiederte ſein junger Vetter,„und dieſer Mann war ſein * 283 Diener. Ich weiß nicht, was in dieſem Falle aus ſeinem Gerechtigkeitsſinne wurde; aber die Sache iſt wie ich ſie Dir erzählt habe. Er ſchützte den Mann gegen jede Verfolgung, und wäre ich geſtorben, ſo hätte er und ſein theurer Freund und Rathgeber, der engliſche Geſandte, ohne Zweifel Mittel gefunden, den Beleidiger ganz und gar zu ſchirmen.“ Sir George Ramſay ſchwieg noch immer zweifelnd; aber John ſtand auf und ging im Zimmer umher, während ſein Vetter nach augenblicklicher Pauſe fortfuhr: „Er hatte ſogar die Güte, als ich auf dem Krankenbette lag, die Forderung an mich zu ſtellen, daß ich mich bei der Dame, die ich betrachtet hatte, entſchuldigen ſolle.“ „Das haſt Du nicht gethan! ich hoffe, das haſt Du nicht gethan!“ rief John Ramſay heftig. „Ich hoffe, Du thateſt es,“ bemerkte Sir George auf⸗ ſchauend.„Jeder Dame, die wir beleidigen, gebührt eine Entſchuldigung, wer ſie auch immer fordern mag, und nach Allem was ich von dem jungen Earl ſelbſt geſehen und was ich von Anderen gehört habe, kann ich nicht anders glauben, als daß er keine Entſchuldigung gefordert hätte, wenn nicht Urſache zur Beleidigung vorhanden geweſen wäre.“ „Du beurtheilſt mich immer hart, Dalhouſie,“ ſagte ſein Vetter etwas bitter. „Wahrhaftig nicht,“ gab der junge Ritter zur Antwort. „Ich beurtheile die Menſchen, wie ich ſie finde, Andrew. Ich kenne Gowrie's Weſen und Charakter gut und kenne auch den Deinen, mein guter Vetter. Was haſt Du aber ge⸗ than? Haſt Du die Entſchuldigung gegeben?“ 284 „Ich konnte nicht anders,“ verſetzte dieſer.„Ich lag auf dem Krankenbett und fühlte, daß die Kraft meines rechten Armes für immer dahin war; ich wußte nicht, was daraus werden würde, wenn ich mich weigerte, da ſolcher Einfluß gegen mich in die Schranken trat. Sonſt hätt' ich ihm lieber mein Schwert zu freſſen gegeben; ſo aber ſagte ich blos, wenn ich die Dame beleidigt habe, thue mir's leid; ich habe nicht die Abſicht gehabt ſie zu kränken. Damit gab er ſich zufrieden.“ Sir George Ramſay lächelte. „In all Dem kann ich Gowrie wieder erkennen,“ ſagte er:„entſchloſſen in dem, was er für recht hält, aber mild und leicht beſänftigt.“ „Der Henker hol ihn!“ rief ſein Bruder, und ſtürzte un⸗ geduldig aus dem Zimmer. Sir George ſchien ſeinen Abgang nicht im Geringſten zu beachten, ſondern fuhr in ſeiner Rede alſo fort: „Was ich aber nicht begreife, iſt, daß er Dir eine Bot⸗ ſchaft ſchickte. Gewiß ſchrieb er Dir, Newburn? Haſt Du den Brief noch?“ „Ja,“ erwiederte ſein Vetter.„Ich will ihn Dir ein andermal weiſen; er iſt unter meinem Gepäck.“ „Ich wünſchte ſehr, ihn zu ſehen,“ ſagte Sir George. „Nun ſage mir in Wahrheit, Andrew, haſt Du nichts ge⸗ than als die Dame betrachtet? Ich kenne Dich wohl, mein guter Vetter: Du biſt luſtig und unbeſonnen, haſt eine etwas üble Meinung von den Frauen und glaubſt, Bewunderung, auch wenn ſie ſich zur Beleidigung ſteigere, müſſe immer — 285 etwas Erfreuliches für ſie haben. Haſt Du Deinem Blicke keine Worte beigefügt?“ „Nicht ein einziges, auf Ehre,“ erwiederte ſein Vetter zuverſichtlich. „Auch keine Handlung?“ fragte Sir George, und als er eine Art hektiſches Roth auf ſeines Vetters blaſſem Ge⸗ ſicht aufflammen ſah, fuhr er alsbald fort:„ja, ja, ſo iſt's; ich ſeh es hier: was war es?“ „Ich weiß in der That nicht, welches Recht Du haſt mich alſo zu beurtheilen,“ erwiederte Andrew Ramſay, noch mehr erröthend. „Ich will Dir's ſagen,“ gab Sir George in ruhigem, aber feſtem Tone zur Antwort.„Du haſt mir da eine Ge⸗ ſchichte erzählt, welche ſich kürzlich zugetragen und dabei zu verſtehen gegeben, daß Dir Unrecht gethan worden. Wenn nun meinem Vetter Unrecht geſchah und die Folgen dieſes Unrechtes ihn verhindern ſich Genugthuung zu verſchaffen, ſo werde ich als Haupt des Hauſes ſeinen Streit aufnehmen. Aber erſt muß ich gewiß ſeyn, daß Dir wirklich Unrecht wi⸗ derfuhr; ich muß die Sache klar vor mir ſehen, und darum frage ich Dich, was Du gethan haſt. Verhehle mir nichts, Andrew, denn verlaß Dich drauf, ich werde das Ganze er⸗ fahren, und zwar ſehr bald.“ Der Andere wunde wechſelsweiſe weiß und roth; allein ſein älterer Vetter beſaß in der Regel große Herrſchaft über ihn, und er antwortete in leiſem, etwas mürriſchem Tone: „Ich zog nur den Vorhang am Wagen etwas zurück, um ſie deutlicher zu ſehen, und häͤtte auch das nicht ge⸗ than, wenn man mir ihn nicht vor der Naſe zugeſchoben hätte.“ „So, jetzt haben wir die Wahrheit,“ ſagte Sir George, „und ich will Dir nun ſagen, wie ich Deine Geſchichte an⸗ ſehe, Andrew. Du und einige luſtige Geſellen— lockere Zeiſige, wie ich mir denke— ritten durch die Straßen von Paris und ſtießen auf einen Wagen mit einer jungen Dame von großer Schönheit. Du guckteſt unverſchämt hinein, wie ich es ſchon tauſendmal an Dir erlebt habe; der Vor⸗ hang wird zugezogen, um einen zudringlichen Beſchauer ab⸗ zuhalten und wird von Dir mit plumper Prahlerei zurück⸗ geriſſen. Ich will wetten, das ſind die einfachen Thatſachen des Falles, und ſogar nach Deiner eigenen Darſtellung kann ich nicht anders ſagen, als daß Gowrie vollkommen imRechte war.“ „Ihr ſcheint ſeine eigene Geſchichte auswendig gelernt zu haben, Sir George,“ erwiederte ſein Vetter,„und werft ſie ziemlich unfreundlich einem Verwandten in's Geſicht, der ſchwach, krank und verwundet Eure Gaſtlichkeit nachſucht.“ „Deine Wunde beklag' ich, Andrew, und hoffe, Du wirſt Geſundheit und Stärke bald wieder erlangen,“ verſetzte der Ritter.„Was die Geſchichte betrifft, ſo habe ich außer von Deinen eigenen Lippen zuvor keine Sylbe davon gehört. Die Lesart war nicht ſehr deutlich; Du kannſt aber nicht läug⸗ nen, daß ich ſie richtig entziffert habe. Und nun, laß uns auf einen anderen Gegenſtand übergehen. Wer iſt jene Dame, an welcher Gowrie ſo großes Intereſſe nimmt?“ „Ich weiß nicht— ſein Schätzchen vermuthlich,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann höhniſch. 287 „Nicht was Du vermutheſt, Andrew, ſondern was Du gehört haſt. Du kannſt unmöglich in eine ſolche Geſchichte verwickelt geweſen ſeyn, ohne mehr von dem Gegenſtande Deiner Bewunderung erfahren zu haben. Wie wurde ſie von den Leuten genannt?“ „O, ſie wurde für ſeine Baſe ausgegeben, die er aus Italien herführe,“ erklärte Ramſay von Newburn.„Es hieß, ſte habe dort bei Verwandten gelebt, welche kürzlich geſtorben ſeyen, und Gowrie als ächter Palatin Oklando bringe ſie gerades Wegs zurück, indem er um ihretwillen allen Männern unterwegs Trotz biete.“ „Wie war aber ihr Name?“ fragte Sir George.„Du mußt ihren Namen erfahren haben.“ „Seine Diener nannten ſie die Lady Julia Douglas,“ antwortete ſein Vetter.„Ich habe nie von einer ſolchen Perſon gehört. Haſt Du vielleicht?“ Sir George Ramſay beſann ſich und ſagte zögernd: „Nein— nein, nicht genau; doch waren bei Morton's Tode Gerüchte von einer heimlichen Vermählung mit einer italieniſchen Dame im Umlauf; es lebten damals viele Italiener am Hofe.— Ha! da kommt John zurück. Haſt Du je etwas davon gehört, John, daß der Regent Morton eine Tochter hinterlaſſen? Ich meine, mich etwas der Art zu entſinnen.“. „O ja,“ gab John Ramſay zur Antwort;„ich habe Stuart von der Sache reden hören. Er war ſelbſt damit beſchäftigt, die vermeintliche Wittwe und ihr Kind aufzu⸗ ſuchen, denn ſie vernahmen eine Geſchichte, daß der Regent 288 am Abend ſeines Lebens eine Italienerin geheirathet, aber nicht gewagt habe es einzugeſtehen, aus Furcht vor ſeinen Hofpredigern, die ihn auf das Bußeſtühlchen geſetzt oder ihm Stundenlang vorgepredigt hätten, was ebenſo ſchlimm ge⸗ weſen wäre. Stuart vermochte nichts weiter zu erfahren, als daß ein alter italieniſcher Graf mit ſeiner Tochter und einem kleinen Kinde alsbald nach Morton's Arretirung nach Leith geflohen und einige Wochen nach ſeiner Hinrichtung nach Frankreich ſich eingeſchifft habe. Man vermuthete, dies müſſe Morton's Weib und Kind geweſen ſeyn, welche all die großen Schätze, die er zuſammengerafft, mit ſich ge⸗ nommen haben.“ Sir George Ramſay ſchüttelte den Kopf, ſagte aber blos: „Es muß jetzt Eſſenszeit ſeyn; ich will Befehl dazu geben,“ und verließ das Zimmer ohne weitere Bemerkung über den eben verhandelten Gegenſtand. Sobald er fort und die Thüre geſchloſſen war, bemerkte John Ramſay mit einem eigenthümlichen Blick gegen ſeinen Vetter: „Ich muß mehr von dieſer Sache hören, Andrew— aber allein, allein. Dalhouſie's kalte Vorurtheile machen mich wahnſinnig; ich kann meinen Zorn nicht zurückhalten, wenn er von dieſen Ruthven's ſpricht. Auch ich habe Dir viel zu ſagen.“ „Und ich Dir, John,“ verſetzte ſein Vetter haſtig.„Er⸗ kundige Dich, wo Deines Bruders Leute mich logiren, und komm auf mein Zimmer, nachdem ich zu Bette gegangen und Alles im Hauſe ruhig iſt. Ich werde mich unter dem 289 Vorwande der Ermüdung bald zurückziehen, aber nicht eher einſchlafen bis Du kommſt, denn ich habe Dinge in meiner Bruſt, welche jedem Schlummer feind ſind.“ 4 Sie hatten nicht Zeit ſich länger zu beſprechen, denn Sir George Ramſay kehrte zurück, und gleich darauf wurde gemeldet, daß das Abendeſſen in der Halle aufgetragen ſey. Dorthin verfügten ſie ſich denn, und über dem guten Mahle und den reichlichen Weinen ſchienen alle peinlichen Gegen⸗ ſtände vergeſſen, bis Ramſay von Newburn mit der Be⸗ merkung, daß er müde ſey, ſich erhob und zur Ruhe verfügte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Es war nahezu Mitternacht, als die Thüre des kleinen Stübchens, welches man dem Ramſay von Newburn ange⸗ wieſen hatte, aufging und ſein Vetter John, eine Lampe in der Hand, mit leiſem verſtohlenem Schritte eintrat. „Ich konnte nicht früher kommen, Andrew,“ begann er, ſich zu Füßen des Bettes niederſetzend,„denn Dalhouſie iſt eine ganze Stunde über ſeine gewohnte Schlafenszeit in der Halle auf und ab gegangen.“ „Thut nichts, thut nichts,“ gab der Andere zur Ant⸗ wort.„Ich kann wohl ausruhen, aber nicht ſchlafen, John. Ich entſchlafe nie vor zwei bis drei Uhr Morgens, und werde nicht eher Ruhe finden, bis Diejenigen beſtraft ſind, die es verdienen.“ „Auch mein ſehnlichſter Wunſch geht dahin,“ verſicherte James. Gowrie. 19 John;„aber mein Bruder erzählte mir, Du habeſt den Vor⸗ hang am Wagen zurückgezogen um die Dame anzuſtarren— das hätteſt Du nicht thun ſollen, Andrew. Nach dieſem Vorgange kann ich Gowrie nicht zur Rechenſchaft ziehen.“ „Pah, kümmere Dich doch nicht um ſolche Privathändel, John,“ erwiederte ſein Vetter in freimüthigem Tone.„Ich mag Unrecht in der Sache gehabt haben; aber auch Lord Gowrie war jedenfalls übermüthig und unbillig. Ich habe übrigens die Dame, nicht ihn um Entſchuldigung gebeten, und damit iſt die Sache abgemacht; aber es gibt noch andere Dinge außer ihr.“ „Vermuthlich mehr öffentlicher Art, nach dem was Du über Privathändel ſagſt,“ bemerkte John Ramſay.„Ich weiß recht wohl, daß Alexander Ruthven eine Rechnung auf⸗ gehäuft hat, die er nur ſchwer wieder auswiſchen wird; aber der Earl hat nichts damit zu ſchaffen. Er war zu ſeinem Glücke ſo lange abweſend, daß er weder wegen Hofintriguen noch wegen Staatsverraths verdächtigt werden kann.“ „Nimm das nicht ſo ſicher, John,“ erwiederte der Andere. „Hätte ich nur ſo freien Zutritt zum König wie Du: ich wollte Seine Majeſtät bald vor dieſem hochmüthigen jungen Lord warnen, der jetzt in die Heimath zurückkommt, um zu komplottiren, wie ſeine Ahnherrn vor ihm gethan haben.“ „Ich will Dich bald dem Könige vorſtellen, wenn Du eine Anklage wider Gowrie vorzubringen haſt,“ erwiederte ſein Vetter.„Wenn Du ihn kühn und auf gute Beweiſe hin beſchuldigſt, ſo wird es Dir nicht an Helfershelfern fehlen, welche Alles was man verlangt auf ſich nehmen.“ 291 „Ja, ich habe eben keine direkte Anklage zu erheben, mein guter Vetter, und klare Beweiſe ſind ſchwer zu erlan⸗ gen,“ verſetzte Ramſay von Newburn. „So!“ meinte John Ramſay mit entmuthigter Miene. „Deinen Worten nach glaubte ich, Du ſeyeſt Deines Spieles ganz ſicher— ſicher nämlich darüber, daß dieſer Mann komplottire.“ „So ſicher wie ich hier liege und Du dort ſitzeſt,“ gab ſein Vetter zur Antwort;„allein man kann einer Sache ganz ſicher ſeyn und doch nicht vermögen, Andere davon zu überzeugen. Die gefährlichſten Verräther ſind immer ſolche, welche ihre Plane am ſorgfältigſten verhehlen, und dieſer Art iſt Gowrie. Ruhig und beſonnen im Sprechen, klug und überlegt im Handeln, kompromittirt er ſich nie, bis ſeine Abſichten reif ſind.“ „Ei, Begbie vom rothen Hügel, der ihn in Italien ſah, ſchilderte mir ihn als offen und freimüthig, einen Freund von Spielen und harmloſen Vergnügungen,“ bemerkte John Ramſay. „Ach was, Begbie iſt ein Narr,“ gab der Andere unge⸗ duldig zur Antwort,„und vor Narren kann der Earl jeden Charakter, der ihm beliebt, annehmen. Ich ſah Begbie, als er über Paris zurückreiste, und da erzählte er mir, wie der Earl ihm zu Genf kleine Papierkugeln gezeigt habe, welche auf ſein Geheiß in die Luft ſtiegen und quer über den See flogen, auch kleine Figuren von Gänſen und Enten, die in einem Gefäß voll Waſſer ſchwammen und ihm überall wohin er's haben wollte nachliefen. Nun gibt es in ganz 19* 292 Frankreich oder England keinen Marktſchreier, der ihm nicht ſolche Wunder zeigen könnte, und doch nahm der Narr das Alles für Magie und hielt den Grafen halb und halb für einen Zauberer.“ „Wenn Du aber keine Anklage wider ihn haſt,“ ſagte ſein Vetter, auf die Hauptſache zurückkommend,„ſo ſehe ich nicht ein, was beim König auszurichten wäre.“ Ramſay von Newburn beſann ſich. „Wenn wir in einem Garten eine Schlange wüßten und das Gras gegen einen theuren Freund, der darin ſchläft, ſich bewegen ſähen,“ fragte er endlich in leiſem nachdrucksvollem Tone,„würden wir da nicht gut thun ihn zu wecken, wenn wir auch die Schlange unter der Hülle, in der ſie ſich nähert, nicht bemerken könnten?“ „Ganz gewiß,“ gab John Ramſay zur Antwort;„nur müſſen wir erſt verſichert ſeyn, daß eine Schlange da iſt und hernach das Thier aufſuchen, um es zu vernichten, ſonſt könnte unſer Freund zornig werden, wenn wir ihn im Schlum⸗ mer ſtören.“ „Sehr richtig,“ verſetzte der Andere;„daß eine Schlange im Gras iſt— das wenigſtens können wir, denk' ich, be⸗ weiſen, wenn wir auch vielleicht nicht genau wiſſen, wo ſie liegt. Die Beſtie aufſuchen und vernichten dürfen wir erſt hernach, wenn wir finden, daß ſie giftig iſt, wofür ich ſie halte.“. „Geh, geh mit Deinen Gleichniſſen,“ ſagte John Ram⸗ ſay;„laß mich lieber hören, wovor der König zu warnen wäre. Er iſt zu weiſe und verſchmitzt, um auf jede Mähre —— —:: 293 zu horchen, die man ihm vorbringen kann, beſonders wenn er weiß, daß der Erzähler kein Freund des Geſchlechtes iſt, gegen das die Geſchichte ſich richtet. Wie ſoll ich ihm be⸗ weiſen, oder wie willſt Du ihn überzeugen, Andrew, daß eine Schlange im Garten iſt?— das iſt die Frage.“ „Ich kann freilich nur wenig thun,“ gab ſein Vetter zur Antwort.„Wild und unbeſonnen, nur Vergnügen und Zeit⸗ vertreib aufſuchend und gedankenlos in jede Patſche ver⸗ wickelt— beſitze ich weder Gunſt noch Anſehen, um meinen Worten Nachdruck zu geben gegen den Einfluß eines ſo großen Mannes, der überdies einen Bruder und eine Schweſter als erſte Günſtlinge am Hofe hat. Du kannſt viel thun, John, und ich will Dir Alles erzählen was ich weiß, damit Du ſelber einſeheſt, daß wirkliche Urſache vorhanden iſt, und daß Deine Warnung beim Könige nicht vergeblich wäre.“ „Was ſeinen Bruder betrifft,“ rief John Ramſay, deſſen gehaßteſter Feind in jenem Augenblicke Alexander Ruthven war,„ſo mag er allerdings ein Günſtling am Hofe ſeyn; aber ein Günſtling des Königs iſt er nicht.“ „Das hat nichts zu ſagen,“ verſicherte ſein Vetter. „Mein Wort gilt wenig, und auch das Deine, John, mag vielleicht nicht viel gelten; aber ich habe keine Pflicht zu er⸗ füllen, während Dir eine große Schuld obliegt. Doch möchte ich nicht, daß Du den Grafen hart und unklug verklagteſt, bevor wir ſtärkere Beweiſe haben.“ „Was willſt Du denn aber, daß ich thun ſoll?“ fragte der junge Mann, ihn ungeſtüm unterbrechend. „Das will ich Dir ſagen,“ antwortete ſein vorſichtigerer 294 Vetter.„Ich möchte, daß Du dem Könige andeuteteſt, wie gefährlich es iſt, wenn manche ſeiner vornehmſten Edelleute ſich wochenlang am Hofe der Königin von England— der Mörderin ſeiner Mutter und fortwährenden Feindin ſeines ganzen Stammes— am Hofe der Frau aufhalten, welche von jeher Verrath und Rebellion in ſeinem Königreiche be⸗ günſtigt und die verbannten ſchottiſchen Verräther als ihre beſten Freunde aufgenommen hat. Ich würde den König aufmerkſam machen, wie gefährlich dies iſt,“ wiederholte er, „beſonders wenn die Perſon, um die ſich's handelt, in kurzer Zeit dem Throne von England ebenſo nahe ſteht wie er ſelbſt.“ „Ich ſehe, ich ſehe,“ antwortete John Ramſay.„Ich verſtehe, was Du meinſt.“ „Dann,“ fuhr ſein Vetter fort,„würde ich den König fragen, ob er weiß, daß der Earl von Gowrie zu Paris mehrere Wochen faſt ausſchließlich in der Geſellſchaft des engliſchen Geſandten, Sir Henry Neville's, verlebt hat, daß er ihn jeden Tag in ſeinem eigenen Hauſe ſah und den Re⸗ präſentanten ſeines eigenen Monarchen nur ein einzigesmal beſuchte.“ „Aber iſt das wahr?“ That er das wirklich?“ fragte der Andere eifrig. „Vollkommen wahr und kann durch ein Dutzend Zeugen bewieſen werden,“ verſicherte ſein Vetter.„Ich habe die Beſtätigung dieſer Thatſache in jener Satteltaſche bei mir; ich bekam ſie von dem Gaſtwirthe, bei welchem der Earl in Paris logirte. Das Alles that er, und ſogar noch mehr. 295 Dann würde ich den König fragen, ob ihm bekannt iſt, daß dieſem Jüngling am engliſchen Hofe faſt königliche Ehren erwieſen wurden, daß die Wache vor ihm in's Gewehr trat, daß ihm bei ſeiner Annäherung Offtziere und Kammerherren am Fuße der Treppe entgegen kamen, daß die Königin ihn immer Vetter titulirte und ihn zuweilen den nächſten Erben ihrer Krone nannte. Ich würde Seine Majeſtät fragen, ob ihm die geheimen Konferenzen bekannt ſind, welche Graf John von Gowrie mit Robert Cecil und dem Earl von Eſſer nebſt vielen anderen Hofleuten pflog, die der König vielleicht mehr in ſeinem Intereſſe glaubt, als ſie wirklich ſind. Auch würde ich mich erkundigen, ob König Jakob von dem Projekte vernommen, wornach der Earl von Gowrie Lady Arabella Stuart heirathen und die Krone von Eng⸗ land ganz ſachte auf ſein Haupt kommen laſſen ſoll.“ „Beim Himmel! wenn alle dieſe Dinge wahr ſind, müßte er als Verräther arretirt werden, ſobald er den Fuß auf Schottlands Boden ſetzt,“ rief John Ramſay, deſſen Unge⸗ ſtüm alsbald zu Schlußfolgerungen überſprang, welche ſeines Vetters Worte oder deſſen Abſichten weit überſchoſſen;„und ich will es ſelber thun, wenn ſonſt Niemand es zu thun wagt.“ „Nein, nein! Du biſt zu ungeſtüm, John,“ rief der Andere.„Wollte man ihn bei ſeiner Ankunft arretiren, ſo würden alle anderen betheiligten Parteien auf der Hut ſeyn und ihn durch ihre Mittel befähigen, ſeinen Verrath durch eine geſchickte Vertheidigung zu bemänteln. Ueberdies wird der König um keinen Preis wagen, die Handlungen ſeiner guten Schweſter in England zum Gegenſtand der Anklage 296 wider ihren edlen Vetter Gowrie zu machen. Pfui, Mann! für einen Höfling biſt Du ein verdammt ſchlechter Politiker. Erzähle Seiner Majeſtät, was ich ſage; ſtelle ihm die Fra⸗ gen, die ich Dir genannt habe. Ich wollte wetten, daß er hinreichende Kunde beſitzt; will er mehr haben, ſo mag er mich darum befragen. Ich habe vierzehn Tage lang todes⸗ matt und von Jedermann vernachläſſigt zu London gelungert; nur wenige treue Freunde hinterbrachten mir all jene Hof⸗ geheimniſſe. Da hörte ich nichts als von Gowrie und immer von Gowrie; ſein Stern war im Steigen, und ich habe allerhand Zweifel über ſeine Weiterreiſe.“ „Meinſt Du, er werde nicht kommen?“ fragte John Ramſay, ihn lebhaft fixirend. „Ich weiß es nicht,“ verſetzte ſein Vetter nachdenklich; „wenn er es thut, ſo geſchieht es aus Abſichten, wegen deren man auf der Hut ſeyn darf. Bleibt er in London,“ fuhr er ſehr langſam fort,„ſo thut er's, um König von England zu werden. Kommt er hierher zurück, ſo will er vielleicht ſeine Angelegenheiten ordnen, ehe er nach London wiederkehrt, oder vielleicht— doch ich will meine Gedanken nicht bis zu der kühnen Länge ausſpinnen, zu welcher er, wie mir ange⸗ deutet wurde, ſeinen Ehrgeiz ausdehnen mag. Er hat kei⸗ nen Anſpruch auf die Krone von Schottland, ſelbſt wenn der König entfernt würde. Die Edlen des Landes würden es niemals dulden. Wenn ihm auch ſeine Abkunft von Mar⸗ garethe Tudor einigen Anſchein des Rechts auf den engliſchen Thron geben mag, ſo beſttzt er hier bei uns nicht den ge⸗ ringſten Anſpruch, und ich will es nicht glauben.— Erwähne 297 kein Wort von dem, was ich über dieſen Punkt geſagt habe, John,“ fuhr er fort, ſeinem Vetter die Hand drückend;„um keinen Preis darfſt Du deſſen erwähnen. Alles Andere kann ich beweiſen; dieſes aber iſt blos der raſche Argwohn eines Mannes, der unſere Sitten und Gebräuche nicht kennt und den ich durch mein Ehrenwort verbunden bin nicht zu nennen. Auch er iſt ein großer Mann,“ ſetzte er nachdenklich bei⸗ „deſſen Anſichten über Politik und Chrgeiz aber zu weit ſtreifen, wie ich nicht anders glauben kann. Um keinen Preis erwähne der letzteren Sache.“ „Auf alle Fälle will ich den König warnen,“ ſagte John Ramſay, der ſich für ſehr politiſch hielt, wenn er keine definitive Antwort darüber gab, was er ſagen und was er verſchweigen wollte, während er in Wirklichkeit gerade die Bahn einzuſchlagen vorhatte, welche ſein Vetter ihn führen wollte.„Es iſt entſetzlich, wenn man bedenkt, was das Reſultat ſeyn könnte, wenn dieſer junge Mann den Ehrgeiz und die Kühnheit ſeiner Vorfahren beſäße! Ja des Königs Leben ſelber—“ „Nein, nein,“ rief Andrew Ramſay ihn unterbrechend, „ich glaube nicht, daß er eine ſolche That wagen würde. Das Schlimmſte, deſſen ich ihn für fähig halte, wäre, daß er den König feſtſetzte und ihn gleich ſeiner Mutter als Gefangenen nach England ſchickte.“ „Erſt ſollte er meinen Dolch erproben,“ gab der junge Hitzkopf, mit dem er ſprach, zur Antwort;„aber ich weiß nicht, Andrew, wie weit der Ehrgeiz dieſer Menſchen gehen mag. Du weißt nicht, was an unſerem eigenen Hofe vor⸗ 298 gegangen. Wenn Goywrie in einer Hinſicht anſpruchsvoll iſt, ſo iſt es ſein Bruder Alerander in einer andern nicht minder. Ich will Dir was ſagen, Andrew,“ fuhr er fort: „letzten Herbſt geſchah es einmal, daß der König mit Herries und John Hume aus ſeinem Kabinet eilte und ſo ſchnell er nur gehen konnte ſich nach den Zimmern dieſes Aler Ruthven verfügte. Ich weiß nicht, auf welche Eingebung hin er handelte; aber ich folgte ihm bis an den Fuß der Treppe, und als ich hörte, daß die Thüre oben verriegelt war, und daß der Köͤnig daran rüttelte bis ſie beinahe ein⸗ brach, da glaubte ich, Andrew,“ bemerkte er flüſternd, wãh⸗ rend ſeine Hand den Arm ſeines Vetters dicht an ſich preßte—„da glaubte ich, der nächſte Ton, den ich zu hören bekäme, würde der Todesſchrei eines Ruthven ſeyn.“ „Kein übler Laut,“ meinte Andrew Ramſay trocken; „Du haſt mir jedoch Einiges von Deinem Argwohn ſchrift⸗ lich erzählt, John. Wie iſt dieſe Sache ſeitdem weiter ge⸗ gangen?“ „Schlimm und immer ſchlimmer,“ gab der junge Mann zur Antwort;„er war eine Weile abweſend und kehrte dann zurück; ſeitdem war er kecker als jemals.“ So dauerte das Geſpräch faſt noch eine halbe Stunde fort, bis die Glocke ein Uhr ſchlug und John Ramſay ſich mit den Worten erhob: „Jetzt will ich zu Bette gehen; morgen, ehe ich nach Edinburgh abreiſe, wollen wir uns wieder treffen.“ „Wenn Du morgen gehſt, will ich mit Dir reiten,“ ver⸗ „— 299 ſetzte ſein Vetter,„denn auch ich bin dahin berufen; wir können uns dann unterwegs weiter beſprechen.“ „So ſey es denn,“ antwortete John Ramſay, und nach⸗ dem ſie ihre Plane in wenigen weiteren Worten geordnet hatten, trennten ſich Beide für die Nacht, der Jüngere, um nach kurzer Pauſe der Aufregung einzuſchlafen, der Aeltere, um wohl zufrieden aber nicht ohne Verachtung über das leichtſinnige Werkzeug nachzudenken, welches die Leidenſchaft bei geſchickter Leitung nur um ſo blinder und ungeſtümer macht. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Ich mag Gowrie und Julien nicht ſo lange allein laſſen, und doch ſind ſie ſehr glücklich ohne mich. Ohne Zweifel konnten ſie auch Mr. Rhind entbehren, der eben jetzt in der tiefen Fenſterniſche des altmodiſchen Gaſthofes neben den ſchmalen Glasſcheiben mit ihrer ſchwerfälligen Blei⸗ und Eiſenrahme da ſitzt. Julia ſchaut zu Gowrie empor und lächelt; auch ſeine Augen glänzen von Heiterkeit: ſie ſcherzen wohl leicht und glücklich mit einander, ohne die Bitterkeit der Welt— ſcherzen wie zwei ächte Liebhaberherzen. Ich möchte wiſſen, wovon ſich's handelt; aber ihre Worte ſind bloſes Flüſtern, denn Mr. Rhind iſt wieder mit ſeinem ſteten Begleiter, dem kleinen ledergebundenen Buche, bei der Hand, und ich kann Beide ebenſo gut zu Berwick zurücklaſſen und vorausgehen um zu ſehen, welcher Empfang ihnen an einem anderen weit entfernten Orte bereitet wird. 300 Ich muß den Leſer nach dem alten Königspalaſte von Falkland mit mir nehmen, ohne mich jedoch in eine detaillirte Schilderung eines Gebäudes einzulaſſen, von welchem in manchem antiquariſchen Berichte eine weit beſſere Beſchrei⸗ bung zu finden iſt, als ich ſie je zu liefern vermöchte. Es genüge zu wiſſen, daß es ein großer, geräumiger und damals ſehr wohlerhaltener Bau war. Umgeben war er von einem ausgedehnten Wildparke, genannt der Wald von Falkland, der in den Augen König Jakobs VI., deſſen einzige Tugend die Liebe zur Jagd war, vielleicht ſeinen höchſten Anziehungs⸗ punkt bildete. Die Jahreszeit— wie jeder auch mit dem edlen Waid⸗ werke nicht vertraute Leſer wiſſen muß— war nicht der Art, wo Sankt Hubertus dem Menſchen erlaubt, die ge⸗ hörnten Bewohner des Forſtes zu jagen, denn man war bis jetzt erſt im Monat Februar. Für einen ſchottiſchen Mo⸗ narchen war dieſe Zeit des Jahres eine höchſt langweilige, denn ſah er ſich ſeines Lieblingszeitvertreibs beraubt, ſo fand er zuweilen ſogar die Ausübung ſeines königlichen Waidwerks— wie er ſeine Regierungsweiſe nannte— ſo unerquicklich, daß er einer Erholung bedurfte; ja auch die Studien ſeiner gelehrten Pedanterie, denen er zu anderen Zeiten nachhängte, waren ihm dann entleidet. So oft dies der Fall war, pflegte er ſich mit wenigen auserleſenen Begleitern oder Gefährten auf ein paar Tage nach Falkland oder Stirling zurückzuziehen, um zu ſehen, wie es ſeinen Beſtien erging, oder vielmehr um die Erin⸗ nerung der Jagd, an der er ſein Wohlgefallen hatte, durch 301 den Anblick der grauen Wälder in ihrer winterlichen Nakt⸗ heit wieder aufzufriſchen, durch deren Lichtungen die vier⸗ füßigen Gegenſtände ſeiner Verfolgung vertraulich dahin⸗ ſtolzirten, weil ſie aus Erfahrung oder Tradition wohl wußten, daß ſie von der Feindſeligkeit der Menſchen und Hunde erlöst waren. Der König beſaß jene gewiſſe zärt⸗ liche Bewunderung für die Gegenſtände ſeiner blutdürſtigen Verfolgung, jene ſonderbare Miſchung von Zärtlichkeit und Grauſamkeit, wie ſie durch die ganze Welt nicht ſelten bei dem Tiger in Menſchengeſtalt getroffen wird. Der Wüſtling mit dem Gegenſtande ſeiner Luſt, den er jagt, um ihn zu vernichten, bietet blos eine Modiſikation jener nämlichen Selbſtſucht, und Niemand hätte wahrſcheinlich beſſer auf Jakobs Gefühle eingehen können, als der gute alte Buffon, der ſeine Schilderung des Hirſches mit den freundlichen Worten beginnt:„Voici l'un de ces animaux innocents, doux et tranquils, qui ne semblent étre fait que pour embellir et animer la solitude des forèéts et occuper loin de nous les retraites paisibles de ces jardins de la na- ture“*, und dann die beſten und bewährteſten Mittel auf⸗ zählt, um dieſe animaux innocents in Stücke zu reißen. So ſehen wir denn König Jakob in einer der Alleen des Parkes oder Waldes von Falkland in der letzten Hälfte des Februars 1600 auf und ab wandeln. Da wo er zuerſt *„Das iſt eines jener unſchuldigen, ſanften und friedfertigen Thiere, welche nur darum geſchaffen ſcheinen, um die Einſamkeit der Wälder zu beleben und zu verſchönern und ferne von uns die friedlichen Zufluchtsſtätten dieſer Gärten der Natur einzunehmen.“ 302 den Wald betrat war das Unterholz nicht ſehr dicht, und der ſcharfe Winter, der ſich eben ſeinem Ende näherte, hatte manche von den hängengebliebenen Blättern abgeriſſen, die ſich gleich ſchiffͤrüchigen Seefahrern noch lange, nachdem ihre Geſchwiſter weggefegt waren, mit ſchwachen Kräften feſtgeklammert hatten. Neben oder vielmehr einen halben Schritt hinter ihm ging ein junger Mann, gleich dem Monarchen in Lincolngrün gekleidet, und etliche fünfzig Schritte weiter rückwärts ein wohlbewaffneter Diener. Die Periode, wo die Hirſche gefährlich ſind, war längſt vorüber; gleichwohl liebte es Jakob, im Falle der Noth immer Hülfe bei der Hand zu haben, denn er pflegte zu ſagen: es gibt mehr ſchändliche Beſtien in der Welt als bls aſen und Rehe.“ Sein Schritt war raſch, aber wie gewöhnlich humpelnd und unregelmäßig; im Gehen rollte er ſeine Augen nach jeder Richtung, um eines ſeiner Waldthiere zu ſuchen. „Pſch, pſch, Jock,“ ſagte er endlich ſtille haltend und mit dem Finger deutend,„dort iſt ein feiner Burſche; ein alter Hirſch, bei meinem Leben! ſo fett wie des Buttermanns Weib. Der Teufel ſteckt ſchon in der Beſtie! Siehſt Du, wie er den Kopf zurückſchlägt? Seine eine Seite iſt ſo kahl wie meine Hand: wir werden einen frühen und heißen Sommer haben. So oft die alten Hirſche, ſolche über zehn, ihr Geweih vor dem März abwerfen, darfſt Du Dich darauf verlaſſen, daß ein baldiges Frühjahr eintritt. Die jüngeren kommen immer etwas ſpäterz der⸗ dort iſt aber ein alter Burſche, der ſchon in ſein neuntes Jahr tritt. Ich wollte 303 wetten, daß er ſich jeden Morgen auf Nachbar Yellowly's Pachthof am Waſſer einſtellte— umſonſt trägt er nicht dieſen Schmeer auf ſich. Laß dich nur im Monat Juni atrappiren, mein Burſche!“. Der König fuhr fort ſeinen jungen Begleiter in ver⸗ ſchiedenen Theilen der Wiſſenſchaft zu unterrichten, die mit ſeinem Lieblingsvergnügen in Verbindung ſtand, indem er ihm alle franzöſiſchen, engliſchen und ſchottiſchen Kunſtaus⸗ drücke über die verſchiedenen Geſchäfte des Waidwerks wie über die Unterſcheidungszeichen des Wildes mittheilte. Der junge Mann horchte mit aller gebührendeu Unter⸗ ud anſcheinenden Aufmerkſamkeit, obwohl er, den, über die Lektion etwas ungeduldig war verſtehe die Sache wenigſtens praktiſch eben ſo gut wie der König ſelber. Er trug noch eine weitere Urſache der Ungeduld in ſich, denn die Wahrheit war, daß er emſig nach einer Gelegenheit ſuchte, um über einen andern Gegenſtand zu reden, während die tiefe Ehrerbietung vor der Königswürde, worin er auferzogen worden, ihn abhielt, den Gegenſtand ſelbſt einzuführen, ehe des Monarchen eigene Worte ihm einen guten Anlaß hiezu darboten. Seit Wochen hatte er auf dieſe Gelegenheit gewartet und immer war etwas dazwiſchen gekommen, was die Ausführung ſeines Planes verhinderte, und auch jetzt, wo er den erſehnten Augenblick während dieſes Ausfluges nach Falkland zu er⸗ n er ihm durch Jakobs langathmige 3 den Händen gewunden zu werden. Faf häͤtte e er mit einem ungeduldigen Ausrufe 304 herausplatzen mögen, als der König in ſeiner Diskuſſion und Beſchreibung fortfuhr und ſeine Unterſuchungen mit ſonderbaren, ſchlecht angebrachten lateiniſchen Brocken ver⸗ miſchte; allein die Gelegenheit war näher zur Hand, als der junge Mann dachte. „Siehſt Du, Jock,“ ſagte der König,„ein junger Hirſch oder ein Hirſch zu Anfang der Zehne oder ſelbſt nach den Zehnen kann leicht genug überwältigt und niedergerannt werden; aber ein alter Hirſch iſt gar ein vorſichtiges Beeſt, immer auf ſeiner Hut und jede Minute bereit, dem Jäger und den Hunden zu entwiſchen. Er weiß recht wohl, wo ſeine Feinde liegen, welchen Weg ſie einſchlagen, was ſie thun werden und wie er ihnen ausweichen kann.“ „Dann muß er Eurer Majeſtät ſehr ähnlich ſeyn,“ ſagte der junge Mann, mit tiefer Verbeugung beifügend:„wenig⸗ ſtens hoffe ich ſo.“ „Ha, Mann, was iſt Das?“ ſchrie der König ſich um⸗ ſchauend; aber noch ehe John Ramſay antworten konnte, war der König wieder in ſein Waidwerk gerathen.„In der Zeit, da man nicht jagen kann,“ fuhr Jakob fort,„geht er über den Rand des Waldes, oder auf's Feld, um das junge Korn abzufreſſen; ich hab' es erlebt, daß einer das Waizen⸗ feld einer alten Frau rattenkahl abfegte. Sobald aber der Monat Mai beginnt, zieht ſich der glatte Burſche in die Tiefe der Wälder und Parke zurück, und dann mußt Du ihn Schritt für Schritt aufſpüren, Dir alle ſeine Fährten merken und ſie zuweilen in heißem Wetter über den trockenen Boden verfolgen, um die Hunde auf die rechte Spur zu hetzen. 305 Ich ſage Dir, Mann,'s iſt ein vorſichtiges Beeſt und benützt alle Mittel, um ſeinen Ein⸗ und Ausgang zu verſtecken.“ „So machen's manche von Eurer Majeſtät Feinden,“ bemerkte der junge Mann mit eigenthümlichem Nachdruck, und jetzt war Jakobs Aufmerkſamkeit wirklich gefeſſelt. „Ha, ſprichſt Du ſo, Jock?“ ſchrie der Monarch auf⸗ fahrend.„Du haſt mir etwas zu ſagen, Junge; heraus damit; in Gottes Namen! Du liebſt Deinen König, wie ich glaube; komm, erzähle mir Alles. Bleibe weiter zurück, Sanderſon,“ fuhr er fort, ſeine Stimme erhebend und an den nachfolgenden Diener ſich wendend.„Jetzt, Jock, laß uns Alles hören, und wenn Du Deine Pfiicht treu erfüllſt, ſollſt du des Königs Gnade haben.“ „Meine Pflicht will ich ſo oder ſo erfüllen,“ antwortete der junge Mann kurz angebunden.„Ich liebe Eure Majeſtät viel zu ſehr, um Euch irgend etwas vorzuenthalten, ſelbſt wenn Ihr mich deßhalb unvorſichtig nennen ſolltet; ich weiß, daß Eure Weisheit bald erkennen wird, was mein armer Verſtand nicht zu errathen vermag. Ich habe längere Zeit gezweifelt, ob ich in meinen eigenen Gedanken einem vornehmen Edelmanne nicht Unrecht thue; wenn ich Euch aber erzähle, was ich gehört habe— und das iſt meine Pflicht und Schuldigkeit— ſo wird Eure Majeſtät bald ſehen und urtheilen, welches das Richtige an der Sache iſt.“ „'s iſt ein guter Junge,'s iſt ein guter Junge!“ wie⸗ derholte der König.„Wir wollen die Sache bald auf⸗ klären, wenn wir erſt das Ganze wiſſen und nach dem Ge⸗ bote der Vernunft handeln können. Die Könige wurden James. Gowrie, 20 1 306 von Gott zu Richtern über alle Dinge der Erde geſetzt; wie ſollen ſte aber richten, wenn ſie nicht hören? Nun ſage mir, Mann: wen haſt Du im Verdacht? Es gibt in jedem Königreich eine große Zahl Thoren, welche aus Mangel an Witz fortwährend in Unheil gerathen, und gar viele ge⸗ borene Teufel, welche jene beſtändig antreiben.“ „Ich weiß nicht, ob ich ein Recht habe zu ſagen, daß ich den Earl von Gowrie im Verdacht habe,“ erwiederte der junge Mann; allein der König unterbrach ihn alsbald, in⸗ dem er mit greulichem Fluche ausrief: „Ei, was zum Teufel weißt denn Du von Gowrie? Ich hatte geglaubt, ſeine Schliche ſeyen mir allein bekannt; was haſt denn Du über ihn zu ſagen?“ „Wenn Eure Majeſtät ſeine Schritte kennt, ſo habe ich nichts zu melden,“ gab John Ramſay zur Antwort.„Die Sache iſt in guten Händen.“ „Aber wie kannſt Du ſagen, ich kenne die ganze Sache, Du Maulaffe?“ fragte der König ungeduldig.„Heraus mit der Sprache, Mann, heraus mit der Sprache!“ „Wohlan, ich wollte Eure Majeſtät nur unterthänigſt fragen,“ fuhr Ramſay, der empfangenen Inſtruktion ſich erinnernd, fort,„ob Euch bekannt iſt, daß der Earl während ſeines ganzen Aufenthaltes zu Paris in beſtändigem Ver⸗ kehr mit dem engliſchen Geſandten Sir Henry Neville ſtand, ihn täglich beſuchte, Eurer Majeſtät Geſandten aber nur ein einziges Mal aufzuwarten für nöthig hielt.“ „So, that er das!“ äußerte Jakob nachdenklich.„Da fönnte er doch finden, daß er ſeinen eigenen angeborenen 307 Souverain nicht ohne Schaden vernachläſſigen darf. Wie erhielteſt du Kenntniß hievon, Mann? Du biſt ja nicht in Paris geweſen; Du müßteſt nur an zwei Orten zumal ſeyn können.“ „Ich hatte damals einen Vetter daſelbſt, Eure Majeſtät, und er erzählt mir, daß die Sache allgemein bemerkt und beſprochen wurde. Dann höre ich auch, daß Ihre Majeſtät die Königin von England dieſem Earl von Gowrie mehr Gunſt und Ehre erwieſen hat, als einer von Eurer Majeſtät Unterthanen eigentlich annehmen ſollte.“ „Ja, der arme Burſche konnte es ja nicht verhindern,“ ſagte der König, dieſe affektirte Aufrichtigkeit mit einem ſonderbaren Grinſen begleitend.„Wenn unſere gute Muhme und Tante, Königin Eliſabeth, ähnlich der andern wilden Hexe— der Fortuna— ihre Ehren einem Manne zuwirft, der ſie nicht braucht, ſo muß er ſie eben nehmen, wie ſie kommen. Was that ſie denn aber Bemerkenswerthes?“ John Ramſay wiederholte ſofort Alles, was ſein Vetter ihm erzählt hatte, und mehr aus Jakobs Weſen als aus den Worten, die ihm entſchlüpften, ſchloß er, daß die Mit⸗ theilung dem Monarchen einige Unruhe verurſachte. Der König eilte, wie er gewöhnlich that, wenn er innerlich auf⸗ geregt war, mit ſeinem humpelnden Schritte in den dichteren Wald, indem er zu gleicher Zeit ſeine Hoſen an der Seite in die Höhe zog und Bemerkungen vor ſich hin murmelte, von denen kein Wort deutlich zu verſtehen war. Auf einer breiten Steinbank ſich niederlaſſend, welche in der Nähe einer einmündenden Seitenallee neben dem Baumgange 20* 308 ſtand, hieß er ſeinen Gefährten ungeduldig fortfahren, ob⸗ gleich der junge Mann ſo eilfertig er konnte darauf los plauderte. „Das Einzige, was ich noch weiter gehört habe, Sire,“ ſagte John Namſay, welcher mittlerweile ſeine Erzählung nahezu beendigt hatte,„iſt, daß der Earl in beſtändiger ge⸗ heimer Verbindung mit Sir Robert Cecil, dem Earl von Eſſer, Sir Walter Raleigh und dem Lord Cobham ſtand.“ „Der Teufel ſteckt in dieſen Burſchen,“ meinte der König plotzlich.„Sie verrathen Jedermann: erſt ihre eigene Ge⸗ bieterin und dann ihren beſten Freund. Sie haben mir Alles im mildeſten Lichte vorgeſtellt; aber ich habe ſie durch⸗ ſchaut, Junge, ſogar noch ehe Du mir heute Deine Ge⸗ ſchichte erzählteſt. Sie konnten meine Augen nicht ſo ſehr verblenden, daß ich nicht ausgefunden hätte, wie unter ihren feinen Reden etwas mehr verborgen ſeyn müſſe. Du haſt mir aber noch etwas zu ſagen, Jock: ich ſehe Dir's im Geſicht an, Mann. Heraus damit!“ „Es war nur dieſes, Eure Majeſtät,“ erwiederte der junge Mann,„und ich weiß in der That nicht, ob es nöthig iſt es zu wiederholen, denn Eure Weisheit bedarf keines Führers; aber die Sache iſt die: alles was ich erfahren habe, kommt von meinem Vetter Newburn.“ „Iſt darum nicht ſchlimmer, Mann, wie ich glaube,“ äußerte der König.„Warum ſollte Dein Vetter Newburn nicht ebenſo gut wie ein Anderer die Wahrheit ſagen, Jock Ramshackle?“ „Seit ich mit ihm geſprochen, Sire, habe ich gedacht, 309 er könnte etwas parteiiſch ſeyn, denn er und der Earl ſtehen ſcheint's nicht auf dem beſten Fuße,“ antwortete Ramſay; „einer von des Earls Leuten hätte ihn in einem Streite wegen einer unter des Grafen Schutz reiſenden Dame bei⸗ nahe getödtet. Ueberdies iſt mein Bruder Dalhouſie ein großer Freund des Earls und denkt das Beſte von ihm.“ „Sage Deinem Bruder, er ſolle mit Jenem nicht ge⸗ meinſchaftliche Sache machen,“ warnte Jakob in ſcharfem Tone.„Er weiß nicht, worauf Jener es gemünzt hat, und er wird ſich zu einem ſchlimmen Stück Brod verhelfen, noch ehe er zu Ende iſt.— Eine Dame, ſagſt Du? Wer mag das ſeyn? Das möcht' ich wohl wiſſen. Ich hoffe zu Gott, er wird keine ſeiner italieniſchen Baſtarde hierherbringen, ſonſt wird er ſich den Kirchenkonvent auf den Hals laden.“ „Es heißt, ſie ſey eine Couſine von ihm,“ verſetzte Ramſay in zweifelhaftem Tone;„einer von ihren Ver⸗ wandten in Italien, der während des Earls Anweſenheit geſtorben, habe ſie auf ſeinem Sterbebette der Obhut des Grafen anvertraut. Man nennt ſie die Lady Julia Douglas.“ „Aha,“ rief der König mit einem langen Pfiff, wie wenn er einen Falken zurückriefe.„So, mein ſauberes Vögelchen, werden wir Dich endlich kriegen? Lady Julia Douglas! das iſt wohl dieſelbe Maid— ich will meine Ohren verwetten— nach der ſich der arme Teufel Arran vor etwa achtzehn Jahren ſo eifrig umgeſchaut. Vielleicht daß wir jetzt etwas zu hören bekommen und eine Spur zu Mortons Schätzen entdecken, deren wir nie habhaft zu werden vermochten. Wir müſſen uns die Sache raſch über⸗ 310 legen. Die Lady müſſen wir unter unſere eigene Vormund⸗ ſchaft nehmen, Ramſay, denn mit Silber ſind wir jetzt eben ſehr knapp daran. Ich will noch heute Nacht nach Edin⸗ burgh zurück und nach der Sache ſehen. Jener Mann Morton hatte durch Mauſen und Scharren genug zuſammengebracht, um Schottlands Schatzkammer für ein ganzes Jahr zu füllen, und doch hatte er damals, als er der Maid von Halifar den letzten Kuß aufdrückte, nicht Geld genug in der Taſche, um den Henker zu bezahlen. Als angeklagter Hochverräther war ſein ganzes Beſitzthum der Krone verfallen; aber ent⸗ weder hatte er all ſein Geld weggeſchafft oder die italieniſche Dame und ihr Vater hatten es mitgenommen, denn wir konnten keine einzige Krone bei ihm auffinden, und ich kann Dir wohl ſagen, daß dieſe Entdeckung mir und Arran ſehr auf den Magen ſiel. Jener Arran war ein armſeliger Schwächling, ſonſt hätte er den alten Grafen und ſeine Tochter nebſt deren Sprößling nicht entwiſchen laſſen. Dieſen guten Earl und die hübſche Lady müſſen wir aber bewachen, und wir wollen bald ausfindig machen, wo das Geld ſteckt.“ „Soll ich nicht alsbald mit einem Theil der Leibwache aufbrechen, Sire?“ fragte Ramſay, immer zum Handeln bereit.„Sobald der Earl den Fuß auf ſchottiſchen Boden ſetzt, will ich ihn arretiren, wenn Eure Majeſtät mich hiezu autoriſirt.“ „Pfui, pfui, Junge! was biſt Du für ein thörichter Hitzkopf!“ ſchalt Jakob in gutgelauntem Tone.„Nein, nein, Knabe; ſolche Dinge, welche fein und ſachte zu be⸗ handeln ſind, müſſen wir älteren und kühleren Köpfen als 311 dem Deinen anvertrauen. Da darf keine Gewaltthätigkeit zum Vorſchein kommen; liſtig und ſachte müſſen wir die Dame unter unſere eigene Obhut bringen, und hernach mit dem Earl verfahren, je nachdem er ſich beträgt. Ich will Dir was ſagen, Jock,“ fuhr er fort, ſeine Hand ausſtreckend und den jungen Mann in die Wange kneifend:„nicht um die Hälfte von Perthſhire möchte ich, daß all der Reichthum des alten Regenten Morton die Schätze jenes Gowrie noch vermehrte. Sie ſind ſchon jetzt zu reich und mächtig— dieſe Ruthvens, und ich will nicht haben, daß neue Douglaſe im Lande ſich erheben, welche ihren König überſtrahlen und ihn am Barte zupfen. Sie pflegten Dalkeith des Löwen Höhle zu nennen, ſo lange Morton es beſaß; ich kann aber ſolche wilden Beſtien nicht leiden, und dieſe Ruthvens gehören zu derſelben Brut. Nein, nein, wir wollen auf die Lady Acht haben und für ihre Verheirathung ſorgen; an einen Ruthven ſoll ſie aber nicht kommen.“ Indem der König ſo ſprach, ſtand er auf, wie wenn er weiter gehen wollte; im nächſten Moment blieb er jedoch ſtehen und wendete ſich zu ſeinem jungen Gefährten mit den Worten: „Jetzt merke Dir, Jock, was ich Dich heißen werde, und ſieh zu, daß Du gehorcheſt. Halte Dein Maul und ver⸗ ſchweige Alles, was zwiſchen Dir und dem König vorge⸗ gangen. Was Du auch ſehen oder hören magſt: Du darfſt Niemand eine Silbe anvertrauen, und vor Allem laß mir Zunge und Hände von dem jungen Aler Ruthven, mit dem Du beſtändig ſcharmuzirſt. Ich werde meine Zeit ſchon 31² wählen, Mann, und verlaß Dich drauf, wenn ich eine That vorhabe, welche einer ſtarken Hand und eines kühnen Her⸗ zens— kurz eines Menſchen bedarf, der ſeinen Souverain liebt und ihm anhängt, dann werde ich Dich rufen, Jock. Bleib' mir alſo ruhig und warte Deine Zeit ab, wie ich die meinige abwarten werde. Das Königthum lehrt Einen Geduld, Jockie Ramshackle; Du wirſt aber noch mächtig viel Dreſſur bedürfen, bis Du ſie los haſt.“ Mit dieſen Worten ging der König die Allee hinab, bis er an den oben erwähnten Kreuzpunkt beider Wege kam, wo er plötzlich erbleichend ſtehen blieb, als er einen Mann und noch dazu einen Fremdling nur fünf bis ſechs Schritte vor ſich in friſchem Gange daherſchlendern ſah. Der Eingebung ſeines Muthes folgend, ſtellte ſich Ramſay, der etwas rück⸗ wärts ging, alsbald neben den König, obgleich er auf den erſten Blick gewahren mußte, daß von dem gänzlich unbe⸗ waffneten Fremden keine Gefahr drohte. Auch Jakob, der ſich zu gleicher Zeit hievon überzeugte, gewann ſeinen Muth wieder und ſagte mit leiſer Stimme: „Still, Mann! was Teufels mag das ſeyn? Halt Dein Maul; er will etwas bei uns ausſpüren.“ „Ei, alter Herr,“ begann der Fremdling,„ich wollte, Ihr zeigtet mir meinen Weg aus dieſem Park, denn ich habe mich verirrt und kann mich nicht zum Palaſt zurückfinden.“ Nun müſſen wir bemerken, daß Jakob damals kein alter Mann war, da er erſt in ſeinem vierunddreißigſten Jahre ſtand; allein ſein Haar war ſchon etwas grau und der be⸗ fremdende unſcheinbare Aufzug, den er wählte— locker — 313 wattirt, nicht immer im beſten Stande und hier und dort etwas ſchmierig— ließ ihn um wenigſtens zwanzig Jahre älter erſcheinen als er wirklich war. Ramſay's Wange erröthete über die vertrauliche Anrede, die der Mann an ſeinen Souverain richtete; allein Jakob gab ihm ein Zeichen, ſich ruhig zu verhalten, und der Unbekannte fuhr in dem⸗ ſelben kavaliermäßigen Tone fort: „Jeder Pfad wird Einem lang, wenn er keine Biegung hat; dieſer aber hat ſo viele Wendungen, daß er mir ſo ſchlimm wie das Labyrinth des Didymus vorkommt.“ „Däedalus wolltet Ihr ſagen, junger Mann,“ gab der König zur Antwort;„und Ihr ſelbſt gäbet einen recht häß⸗ lichen Theſeus, obwohl ich nicht ganz ſo furchtbar wie der Minotaur ausſehe.“ „Von dem Gentleman hab' ich noch nichts gehört,“ verſetzte der Fremde;„er kann aber meinetwegen häßlich genug geweſen ſeyn. Uebrigens hübſch iſt, wer hübſch han⸗ delt, und wenn er ſich nach ſeinen Fähigkeiten brav benahm⸗ ſo konnte ihn Niemand darum tadeln, weil er nicht ſchön war. Ihr könnt von einer Katze nicht mehr als das Fell nehmen, auch keinen Affen kämmen, wenn er kein Haar hat. Gleichwohl wünſchte ich ſehr, aus dieſem Walde herauszu⸗ kommen, denn es geht Einem hier wie mit manchem andern hübſchen Stück Menſchenwerk: es iſt leichter herein als hinaus zu gelangen.“ „Ich möchte wohl wiſſen, wie Ihr herein kamt?“ ent⸗ gegnete Jakob, der ſich über den Fremden höchlich ergötzte. „Ihr müßt wohl über die Mauer geſprungen ſeyn?“ 314 „O nein,“ gab der Mann zur Antwort;„ich ging um die Stallungen durch den Hinterhof; was geht es aber Euch an, wie ich herein kam?“ „Sehr viel geht's ihn an,“ ſchrie der trotzige Ramſay, deſſen Blut ſich während des ganzen Geſprächs über die Unverſchämtheit des Mannes— wie er ſie nahm— immer mehr erhitzt hatte. Jakob trat jedoch mit dem Ausrufe dazwiſchen: „Still da, Junge; ſpare Deinen Athem, um Dir die Suppe zu kühlen. Wie kann der Mann wiſſen, daß ich der Oberhüter des Parkes bin? Seiner Sprache nach iſt er ja offenbar ein Fremder.“ „Ah, wenn Ihr der Parkhüter ſeyd— das iſt was Anderes,“ meinte der Unbekannte.„Ich weiß ſo gut wie Einer, was ſich in einem Parke geziemt, und der Oberhüter iſt in meinen Augen immer ein höchſt ehrenwerther Gentle⸗ man. Man ſollte ſich nie mit ſeinem eigenen Brod und Butter zanken, und ich habe manche kapitale Wildpretſchnitte davon getragen, weil ich gegen den Parkhüter höflich war. So laßt Euch denn ſagen, Sir, daß ich ganz ehrlich herein kam, wie Ihr ſelbſt erfahren könnt, wenn Ihr mit mir nach dem Palaſte zurückgeht. Ich habe einen Brief von meinem Lord an Seine Majeſtät, und da ich ſchon lange ſehnlichſt wünſchte den König zu ſehen, ſo verlegte ich mich auf's Lügen und ſagte, ich müſſe ihn ſelbſt überliefern; die Leute im Palaſt bemerkten mir aber, Seine Majeſtät ſey in ſeinem Kabinet mit Staatsangelegenheiten beſchäftigt.“ „Die lügneriſchen Schlingel!“ murmelte Jakob lachend. 3 315 „Und ſo ſtellte ich mein Pferd in die Herberge und wan⸗ derte durch das Thor in den Park,“ fuhr der Andere fort. „Ihr hattet alſo großes Verlangen den König zu ſehen — wirklich?“ fragte Jakob.„Warum wünſchtet Ihr das? Warum lag Euch mehr als bei einem andern Manne daran, ihn zu ſehen?“ „Aus dreierlei Gründen,“ gab der Befragte zur Ant⸗ wort;„erſtlich ſagen ſie, er ſey ſo weiſe wie König Salomo; zweitens iſt er ein Freund von Sprichwörtern und drittens der größte Jäger auf Erden ſeit Nimrod.“ Jakob kicherte bis ſein wattirter Koller wackelte, und fragte dann: „Wer hat Euch das Alles geſagt?“ „Nun, mein Herr, der Earl von Gowrie,“ antwortete der Mann, und der König richtete alsbald einen ſcharfen bedeutungsvollen Blick auf Ramſay's Antlitz. „Alſo er ſagte Euch, der König ſey ſo weiſe wie Sa⸗ lomo?“ fragte er von Neuem.„Ei, mein Mann, ich liebe zwar den König, der mein Gebieter iſt, ſo gut wie nur ein Mann im Reiche ihn lieben kann; aber ich glaube doch, Euer Lord hat ſich etwas geirrt, als er Euch das ſagte.“ „Er hat nicht gerade zu mir ſo geſagt“ gab Auſtin Inte zur Antwort, den der Leſer bereits erkannt haben wird; „aber er ſagte es in meiner Gegenwart zu Anderen.“ „Dann befolgte er ſelbſt den Rath des Königs Salomo und muß wohl ſelbſt ein weiſer Mann ſeyn,“ bemerkte Ja⸗ kob.„Er ſprach nichts Uebles von Fürſten, ſonſt hätten die Voͤgel der Luft die Sache weiter verbreitet.“ 316 „Ei, verhüte der Himmel, daß er von ſeinem angebore⸗ nen Souverän Uebles reden oder ſchlimm von ihm denken ſollte,“ gab Auſtin Jute zur Antwort.„Aber ich bitte Euch, guter Sir, zeigt mir ohne weitere Umſchweife meinen Weg, denn ich fürchte, der König geht ſonſt aus, und ich habe heute Nacht noch weit zu reiten.“ „Ei, Ihr reitet gewiß in der Dämmerung noch bis Ber⸗ wick?“ fragte Jakob. „O nein,“ verſetzte Auſtin Jute.„Ich muß quer durch's Land nach Carlisle und hoffe, Mylord gerade beim Ueber⸗ ſchreiten der Grenze zu treffen.“ „So, kommt er von Carlisle her?“ meinte der König; „das iſt aber ein wilder Landſtrich, mein Mann. Fürchtet Ihr Euch nicht, ſo ohne Waffen zu reiten.“ Indem er ſprach, ging er die Allee gegen den Palaſt hinab, und Auſtin Jute folgte mit den Worten: „Ich habe Schwert und Schild in der Herberge und verſtehe ſie mannhaft zu gebrauchen. Wer mich anrührt, mag ſich vor einem Puffe wahren; aber ſeht Ihr, Sir, ich hielt es an einem Mann von meiner Stellung nicht für Recht, mich des Königs Palaſte in Waffen zu nahen, und ſo ließ ich all dieſe Dinge in der Herberge, bis ich den Brief überliefert hätte.— Ei, bei meinem Leben! Da geht ein feiner Hirſch! dem moͤchte ich an einem ſchönen Sommertage mit dem Bogen in der Hand nahe kommen und ſchießen dürfen.“ „Das möchte ich wohl von Dir ſehen,“ bemerkte der König;„und wenn Du an einem Sommertage zu mir nach 1 317 Falkland hierherkommſt, ſo ſollſt Du Erlaubniß haben, drei fette Böcke auszuleſen und ſie, wenn Du kannſt, mit drei Pfeilen zu tödten; der erſte Pfeil, der aber fehl geht, endet Dein Schützenthum.“ „Einverſtanden, einverſtanden!“ ſchrie Auſtin Jute, ſei⸗ nen Hut in die Höhe werfend und wieder auffangend.„Dank Dir, Meiſter Hüter. Wenn ich Dir nicht ein feines Wild herausleſe oder wenn ich einen einzigen Bock fehle, ſo darfſt Du ſagen, es gebe keinen Bogenſchützen mehr in Lincoln⸗ ſhire; Du ſollſt die Geweihe über Deine Thüre hängen und den Armen im Dorf eine Paſtete vorſetzen, auf daß ſie auch einmal in ihrem Leben des Königs Koſt verſuchen.“ „Bei Leib und Seele! das will ich,“ rief der Kö⸗ nig, in ſeine Begeiſterung einſtimmend;„und Du ſollſt für jeden Bock, den Du tödteſt, zwei Kronen in den Kauf haben.“ „Zwei Kronen!“ rief Auſtin Jute, einen Schritt zurück⸗ tretend und ſeinen Gefährten betrachtend.„Das heiß ich gut bezahlt, Meiſter Hüter, ſintenmalen die Kränze nach altem Forſtrechte auch mir gehören.“ „Ja, ja,'s war freilich ein unbeſonnenes Verſprechen,“ meinte der König;„aber ich lieb es ebenſo gut wie jeder Andere, einen guten Speer abſchießen zu ſehen. Schau Dich nicht um, Burſche, denn ich führe Dich geradeswegs nach dem Palaſte. Dort ſiehſt Du die Fenſter. Kümmert Euch nichts darum, Mann; er iſt nur einer von den Unter⸗ hütern.“ Und als ſie an des Königs Diener vorüberkamen, der 318 ihm auf ſeinem Spaziergange gefolgt war, blieb dieſer zu⸗ rück und folgte in derſelben Entfernung wie früher. „Da fällt mir ein,“ ſagte Auſtin Jute mit dem Hut in der Hand,„daß Adler von thörichten Menſchen für Falken genommen werden könnten, wenn ſie ſich in Falkenfedern hüllen.“ „Du haſt alſo einen Brief von dem Earl von Gowrie gebracht?“ fragte Jakob, ohne Jute's gut angebrachte Be⸗ merkung zu beachten, obwohl ſie hinlänglich andeutete, daß jener ſeinen wirklichen Rang an ihm vermuthe.„Nun, ich habe gehört, er ſey ein recht loyaler und wohlgeneigter junger Lord. Habt Ihr den Brief bei Euch?“ „Hier iſt er, Sir,“ gab Auſtin Jute zur Antwort. „Laßt mich ihn ſehen, laßt mich ihn ſehen!“ gebot der König. Der Mann zögerte einen Augenblick, und ließ ſich dann auf's Knie nieder mit den Worten: „Ich bitte um Verzeihung, Sire; ich habe ſtarken Ver⸗ dacht, daß ich unwiſſend, wie Ihr mir wohl glauben werdet, des Königs Majeſtät beleidigt habe, wenn Ihr, wie ich jetzt vermuthe, wirklich der Konig ſeyd. Eure Diener verſicher⸗ ten mir aber im Vertrauen, daß Ihr in Eurem Kabinette mit wichtigen Dingen beſchäftigt ſeyd, ſonſt hätte ich mich nicht in Euren königlichen Park gewagt.“ „Gottes Segen über das Gezüchte!“ ſagte der König, „denn ſie haben mir ein paar luſtige Minuten verſchafft. Reicht mir den Brief, Mann. Ich bin der König, und für Euer Verſehen habt Ihr unſere Gnade und Verzeihung, 319 denn ein ſtaubiger Koller kann wohl einen ſchlichten Mann täuſchen.“ Mit dieſen Worten öffnete er den Brief und las deſſen Inhalt wie folgt: „Gefalle es Eurer Majeſtät— „Wenn das Erweiſen großer Wohlthaten den Empfänger zum Danke gegen den Geber ſtimmen muß, ſo habe ich viele außerordentliche Veranlaſſungen, gegen Eure Majeſtät dankbar zu ſeyn; nicht allein habt Ihr mir jeder Zeit die Wohlthat Eurer königlichen Gnade angedeihen laſſen, ſon⸗ dern es hat auch Eurer Majeſtät gefallen, meinen Bruder und meine Schweſter zu großer Gunſt an Eurem königlichen Hofe zu erheben. Begierig Eurer Majeſtät ein ſichereres Zeichen und lebhafteres Zeugniß meiner Anhänglichkeit an Eure königliche Perſon zu geben, eile ich jetzt mich ſelbſt zu Euren Füßen zu werfen in der Hoffnung, es möge Euch gefallen, in Allem, wo Eure Majeſtät eine Probe meines treuen und pünktlichen Gehorſams in jeglichem Ding, das zu Eurer Majeſtät Genugthuung wie auch zum Wohl und Gedeihen des Reiches gereichen mag, wünſcht— über mich zu verfügen. „Mittlerweile zähle ich auf Eurer Majeſtät fortdauernde Huld, bis mir der Himmel erlaubt, Eure Majeſtät in er⸗ wünſchtem Wohlſeyn zu treffen, was mir unter Allem die größte Befriedigung gewähren wird. „Indem ich den Himmel inbrünſtig bitte, Eure Majeſtät mit allem Glück und guter Geſundheit, auch mit vielen ge⸗ 320 deihlichen Tagen zu ſegnen, küſſe ich Eurer Majeſtät ganz ergebenſt die Hand. Eurer Majeſtät ergebenſter Unterthan und in aller Demuth gehorſamſter Diener Gowrie.“ „Cin recht loyaler und treu ergebener Brief,“ ſagte der König.„Jetzt geh' nur gerade in's Haus, mein Freund, fülle Deinen Magen in der Küche, laß Dir in der Butter⸗ kammer ein gutes Glas Wein geben, und dann fort mit Dir, um Deinem Lord zu ſagen, daß der König ſich über ſeine Rückkehr freut und ungeduldig darauf harrt, mit ihm und anderen guten Lords ſich über allerlei Staatsaffairen zu be⸗ rathen. Sage ihm aber, er werde uns nicht hier im Pa⸗ laſte zu Falkland, ſondern in unſerem armen Hauſe zu Edin⸗ burgh treffen, das er, wenn ihm noch einige Gnade übrig iſt,“— ſetzte er in leiſem Tone zu Ramſay bei—„nicht ſo leicht umgehen wird. Er möge ſich beeilen und direkt zu uns her kommen, denn wir ſehnen uns nach ſeiner Gegen⸗ wart und nach der Gelegenheit, ihm Huld zu erweiſen. Und ſo— fort mit Dir, Mann!“. 3 Der König wartete, bis Auſtin Jute etwas mehr als hundert Schritt die Allee hinabgegangen war und ſagte dann in leiſem Tone zu Ramſay: „Dieſer Earl iſt ein falſcher Schuft, Jock. Sieh hier, was er ſagt: er wolle pünktlichen Gehorſam in allen Din⸗ gen beweiſen, welche zu unſerer Genugthuung wie auch 321 zum Wohl und Gedeihen des Reiches gereichen mö⸗ gen. So lautet immer ihr heuchleriſches Geſchwätz, wenn ſie den Verräther zu ſpielen vorhaben. Sie finden immer etwas, was zum Wohl und Segen des Reiches erforderlich, aber ihrem eigenen natürlichen Fürſten zuwider iſt, welchen Gott zum Herren über ſie geſetzt und zu ſeinem Statthalter auf Erden gemacht hat. Er hätke dieſe Worte nicht eingeſchal⸗ tet, Jock, wenn er nicht im Sinne hätte, in Allem, wo er nur kann, uns entgegen zu handeln. Ein undurchdringlicher Eiſenkopf, wie alle dieſe Ruthvens! Ich kann ihn ebenſo gut herausriechen, wie meine Rüde Barleycorn die Fährte einer dieſer Beſtien herausſchmeckt.“ „Ich hoffe, Eure Majeſtät wird ihn empfinden laſſen, daß es ſo iſt und ihn lehren, daß er ſich ſeinem König nicht ungeſtraft widerſetzen kann,“ bemerkte Ramſay. „Nein, nein, Junge. Ich werde nach meiner eigenen Weiſe mit ihm umſpringen,“ ſagte der König.„Haſt Du noch nie geſehen, wie ein Bauer die Katzen gegen den Rücken ſtreichelt? Gerade ſo will ich in aller königlichen Höflich⸗ keit mit ihm Erbſen leſen; wir werden bald ſehen, ob er ſich giftig gegen uns wendet, und dann iſt es Zeit, die Spule mit ihm abzuhaſpeln.— Aber komm mit, Jockie: 's iſt Zeit zur Heimkehr, denn ich muß auf dieſe Maid Acht haben, die er mit ſich bringt. Vielleicht iſt ſie's, vielleicht auch nicht; wenn ſie's iſt, ſo haben wir hohe Zeit, unſer Au⸗ genmerk auf ſie zu richten.“ Mit dieſen Worten brach der Koͤnig haſtig auf und trat durch eine ſchmale Seitenthüre in den Palaſt. Unmittelbar James. Gowrie. 21 * 322 darauf wurden einige ſeiner Diener zu ihm gerufen und über den Bericht, den Auſtin Jute von ſich ſelbſt gegeben hatte, ausgefragt. Sie wußten jedoch blos zu erzählen, daß er einen Brief von dem Earl von Gowrie gebracht und geſagt habe, er ſey zu Holyrood geweſen, und da er dort erfahren, daß der König in Falkland abweſend ſey, unmittel⸗ bar hierher nachgefolgt. Hierüber machte Jakob keine Be⸗ merkung, ſondern befahl nur zur nicht geringen Ueberra⸗ ſchung ſeiner Begleiter, daß Alles zur ſofortigen Abreiſe nach Edinburgh vorbereitet werde. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Auſtin Jute's Pferd war ein ſtarkes Thier, aber doch kaum kräftig genug für ſeine Abſicht. Er ſelbſt war durch viele Uebung abgehärtet; aber auch ſeine Kraft genügte kaum zu dem, was er ſich auferlegte. Er verließ den König mit ſehr ruhigem aber raſchem Schritte, und hätte Jakobs Auge ihn längs der Allee verfolgen können, ſo hätte es jene luſtige übermüthige, etwas ſelbſtgenügſame Miene, welche ihm na⸗ türlich war und den meiſten Menſchen angeboren iſt, die im⸗ mer ein Sprichwort als Spazierſtock zur Hand haben— durch dieſe letzte Unterredung nicht im Geringſten vermin⸗ dert geſehen. Aber ach! was zu anderen Zeiten natürlich an ihm war, zeigte ſich jetzt als Verſtellung: er hätte in jenem Augen⸗ blicke nicht eine Feder um die ganze Welt gegeben. Sogar 323 als er den kleinen Gaſthof erreicht hatte, der ſo nahe an dem Palaſtthore als die Schicklichkeit erlaubte, oder offen geſagt, in Folge der Nachſicht des königlichen Schatzmeiſters ſogar etwas näher als es eigentlich hätte ſeyn ſollen, erbaut wor⸗ den war, gab er ſich Mühe, ſein luſtiges, aufgeräumtes Weſen beizubehalten, lachte mit dem guten Gaſtwirth, ver⸗ zehrte das Mahl, das während ſeiner Abweſenheit zubereitet worden und ſchien gedankenlos ſeine Zeit zu vergeuden, als plötzlich eine große Glocke, welche damals die Front des Palaſtes zierte, einmal anſchlug und Auſtin mit einem Blicke der Ueberraſchung auffuhr. „Herr Gott! iſt das ein Uhr?“ „Ja, ja,“ erwiederte der Wirth;„'s hat eben Eins ge⸗ ſchlagen.“ „Dann bin ich eine Stunde zu ſpät daran,“ bemerkte Auſtin, zahlte ſeine Rechnung mit gebührender Aufmerkſam⸗ keit, und ritt davon, indem er ſich noch in gleichgültigem Tone erkundigte, welches der kürzeſte Weg nach Carlisle ſey. Kaum eine halbe Stunde ſpäter waren alle ſeine Schritte im Palaſte bekannt; als man jedoch erfuhr, daß er ſich nach der Carlisler Straße erkundigt hatte, wurden keine weiteren Nachforſchungen angeſtellt. Auſtin Jute blieb jedoch nicht lange auf dem Wege, den er zuerſt einſchlug. Die Erfahrung auf ſeinen verſchiedenen Reiſen hatte ihn gelehrt, wie man ſogar in Gegenden, die man nicht kennt, die Verfolgung zu Schanden macht, und er ritt bald auf einem Saumpfade gegen Leslie, indem er einen raſchen aber nicht übertriebenen Schritt annahm, da er zwar * 21* 324 allerdings eilends weiter kommen, aber ſein Pferd nicht vor erreichtem Ziele unbrauchbar machen wollte. Gegen alle menſchlichen Weſen, denen er unterwegs begegnete, gegen Gaſtwirthe und ſogar deren Toͤchter, verhielt er ſich aus⸗ nehmend ſchweigſam; dagegen pflog er lange Geſpräche mit ſeinem Nößlein, welche das arme Thier beſonders aufzurich⸗ ten ſchienen. „Die letzte Meile haſt du recht wacker zurückgelegt, Sorrel,“ pflegte er zu ſagen;„ein gutes Herz iſt ſeine Metze Gerſte werth, und deine Metze ſollſt du im nächſten Dorfe haben. Wenn wir keinen Hafer kriegen, ſo gibt's wenig⸗ ſtens Mehl— das iſt immer ein Troſt in Schottland. Dem Himmel ſey Dank! du biſt kein verwöhnter Schlecker und würdeſt ſogar eine Kanne Bordeaur trinken, wenn wir ihn finden könnten. Vielleicht langt's auch dazu in der nächſten Stadt; der Menſch kann nie wiſſen, wo ſein Glück verbor⸗ gen liegt.“ Er hielt ſein Wort und das Roß rechtfertigte ſeine gute Meinung; der Wein wurde gebracht und das Thier trank ihn mit ſo vieler Erquickung, als ob der Wein ebenſo gut zur Her⸗ zenserfriſchung für Thiere wie für Menſchen gemacht wäre. Weiter und zmmer weiter zog das Paar, und als ſie über eines jener wilden Moore kamen, welche im Lande der Haferkuchen damals ſo wenig wie heutzutage eine Selten⸗ heit waren, da begann Auſtin Jute ſeinem braven hand⸗ feſten Gefährten die ganze Zuſammenkunft mit König Ja⸗ kob zu erzählen, im vollen Vertrauen, daß er es nie aus⸗ ſchwatzen werde. — ———.— 325 „Ich glaube, das habe ich ganz gut gemacht, Sorrel,“ ſagte er.„Der habgierige Dieb ließ ſich nichts davon träumen, daß ich ihn gleich von Anfang an kannte und lange Zeit vorher jedes ſeiner Worte gehört hatte. Hahn und Erbſen! hätte er's gewußt, ich wette, er hätte mir beide Ohren aufſchlitzen laſſen, das rechte wegen Horchens und das linke, weil ich ihn alter Herr' nannte. Du gibſt aber auch nie eine Antwort, Sorrel, und das iſt eine ſchlechte Ermuthigung, wenn man dir eine luſtige Geſchichte erzäh⸗ len will. Wenn du nur wenigſtens eine Pferdslache oder ſo etwas aufſchlügeſt, ſo wollte ich ſagen, du ſeyeſt ein witziges Thier, das einen Spaß verſteht. Aber du biſt müde, armer Burſche,“ fuhr er fort, ſein Roß auf den Hals tätſchelnd,„doch mußt du vor Morgen noch manche Meile zurücklegen. Ein wohlwollender Mann iſt nachſichtig gegen ſein Thier; aber ich darf nicht nachſichtig gegen dich ſeyn, ſonſt hätte es mein theurer Lord und die Lady zu büßen, und das möchteſt du doch nicht haben, Sorrel. Komm, mach dir's leicht den Hügel hinauf; ich will abſteigen und neben dir hergehen. Da iſt ein Waſſertümpel: jetzt ſollſt du zu trinken haben.“ In dieſer Art ging es weiter, und ee nicht zu viel geſagt, wenn wir behaupten, daß er Larch ſolche muntere Geſpräche und vielerlei kleine Aufmerkſamkeiten ſeine und ſeines Pferdes gute Laune aufrecht erhielt. Es iſt keine kleine Strecke von Falkland nach Berwick, welchen Weg man auch einſchlagen mag; wird dieſe Strecke aber noch dadurch erſchwert, daß man den Frith of Forth zu 326 paſſiren hat— eine Operation, welche für Mann und Roß gleich widerwärtig iſt— ſo wird man leicht begreifen, daß Auſtin's Erwartung, Berwick noch vor dem nächſten Mor⸗ gen zu erreichen, eine kühne war. Seine Reiſe war noch überdies durch den beim erſten Aufbruch eingeſchlagenen Umweg und durch einen Morgenritt von wenigſtens fünf⸗ undzwanzig Meilen nicht erleichtert. Gegen halb drei Uhr erreichte er Kinghorn und miethete dort nach allerhand Erkundigungen über den beſten Weg eines jener großen und trefflichen Boote, wofür der Ort berühmt war, um nach Preſtonpans überzuſetzen. Der Wind war ſchwach aber günſtig, die See ruhig, und Roß und Reiter litten weit weniger als man hätte erwarten kön⸗ nen; aber das arme Thier zeigte dennoch wenig Luſt, für dieſe Nacht noch weiter zu gehen. Es verzehrte übrigens ſein Futter mit gutem Appetit— dem ſicherſten Zeichen, daß ein Pferd noch nicht re geritten iſt— und nach einer Raſt von anderthalb Stunden machte ſich unſer Wanderer bei Sternenlicht abermals auf den Weg. Bis Haddington hielt ſich Sorrel ganz gut; zwiſchen dieſem Orte und Dunbar wurde ſein Schritt langſam und immer langſamer, bis er endlich nur noch ſpazieren ging. „Nun, ich will dich nicht hetzen, Sorrel,“ ſagte Auſtin; „du haſt heute außer zwei Ueberfahrten gut deine ſechszig Meilen gemacht, und wenn wir Dunbar erreichen, ſo haben wir nur noch dreißig bis Berwick. Es kann jetzt noch nicht acht Uhr ſeyn, und du ſollſt einige Stunden Ruhe haben.“ Mit dieſen Worten ſtieg er ab und ſchlenderte die näch⸗ 327 ſten fünf Meilen neben ſeinem Thiere her, bis das Brüllen des Ozeans, der mit dumpfem Murmeln an's Ufer ſchlug, bewies, daß die Stadt Dunbar nahe ſey und Jute einen Augenblick ſpäter bald hier bald dort ein Licht in nicht großer Entfernung auftauchen ſah. Jetzt ſtieg er wieder auf und ritt ſachte durch's Thor, wo er einen nüchternen Bürgers⸗ mann anhielt, der mit der Laterne in der Hand durch die un⸗ beleuchteten Gaſſen nach Haus ging. Auf ſeine Frage nach dem beſten Wirthshaus wies ihn der gute Mann wie ge⸗ wöhnlich gradaus mit dem unveränderlichen Zuſatz:„Ihr könnt nicht fehlen.“ Er hatte wenigſtens ſo weit Recht, daß Auſtin es nicht verfehlte, und in den offenen Hof einreitend gar bald den Wirth und ſeine Myrmidonen vor ſich ſah. „Ei, Ihr habt da ein müdes Thier,“ ſagte der gute Mann,„und wir müſſen einen Stall auffinden, obwohl wir ſchon mehr Gäſte haben als wir eigentlich beherbergen kön⸗ nen, denn der große Earl von Gowrie kam erſt vor wenigen Stunden mit allen ſeinen Leuten.“ „Nein, nicht mit allen,“ verſetzte Auſtin Jute,„denn ich gehöre auch darunter; ich hoffe, der Earl iſt noch nicht zu Bette gegangen, denn ich habe ihm freundliche Grüße von des Königs Majeſtät zu überbringen, die ich ſobald wie möglich ausrichten ſollte.“ „Zu Bett!“ rief der Gaſtwirth.„Was denkt Ihr! ſein Abendeſſen iſt eben erſt aufgeſtellt und der alte Mann hat kaum ſein Dankgebet für das gute Mahl beendigt.“ „Wenn das der Fall iſt, ſo möge er's erſt in Frieden 328 einnehmen,“ bemerkte Auſtin;„ſobald ich für den armen Sorrel geſorgt, möͤgt Ihr mich zu der anderen Dienerſchaft führen, damit auch ich mein Nachteſſen bekomme; denn ehr⸗ lich geſtanden, ich habe ſeit Tagesanbruch nur einen kargen Biſſen und eine Flaſche ſchlechten Weins zu mir genommen.“ „Da ſieht man, wie dieſe Diener es mit ihren Lords machen,“ dachte der Wirth;„hat dieſer Mann ſogar eine Botſchaft vom König ſelber, und doch muß er erſt ſeinem Thier und dann ſich ſelbſt den Magen füllen, ehe er ſie überbringt.“ Er that jedoch dem guten Auſtin Jute Unrecht, denn ohne ſtarken Beweggrund wäre dieſer lieber nüchtern zu Bett gegangen als daß er(abgeſehen davon, was er für ſein Pferd thun mochte) für ſeine eigenen Bedürfniſſe geſorgt hätte, ehe er ſeine Pflicht gegen den Gebieter erfüllt hatte. Er ſcheute nur Mr. Rhinds Gegenwart bei ſeiner Erzählung, und da er mit jenem Scharfblicke, welchen die unteren Klaſ⸗ ſen weit häufiger gegen die höheren anwenden, als dieſe ſich denken, die genaueſte Kenntniß von Mr. Rhinds Charakter, wie von ſeinen kleinen Gewohnheiten ſich erworben hatte, ſo berechnete er ſehr genau, was dieſer zunächſt vornehmen würde. „Er hat einen langen Ritt gehabt,“ dachte Auſtin, „wird eine tüchtige Suppe einnehmen, ein gut Glas Wein dazu trinken und dann alsbald zu Bette gehen. Bis dahin muß ich meine Zeit ſo gut ich kann zubringen, um dann meine Geſchichte zu erzählen, wenn die Küſte rein gefegt iſt. Es wird eine lange Geſchichte werden.— Sagt kein 329 Wort von meiner Ankunft, guter Wirth,“ fuhr er fort, da er aus des Gaſtwirths Miene vielleicht entnahm, was in deſſen Innerem vorging, und er ihn vom Wirbel bis zur Zehe für Narren halten wollte.„Ihr wißt, das Geſinde muß ſich ſo gut nähren wie ſeine Herrſchaft, und wenn man erfährt, daß ich hier bin, ſo ſchickt man nach mir und hält mich eine Stunde lang auf, ehe ich einen Biſſen Fleiſch oder eine Kruſte Brod zwiſchen meine Zähne bekomme.“ „Nun ja, meinetwegen,“ ſagte der Wirth ſeufzend, und nachdem Auſtin dafür geſorgt hatte, daß ſeinem Sorrel das Futter vor die Naſe geſchüttet wurde, ließ er ſich in die Küche führen, wo er alsbald von ſeinen Kameraden mit ſo lautem Zurufe begrüßt ward, daß der Wirth wohl ſah, wie ſein neuer Gaſt bei Seinesgleichen ſehr beliebt war, wie er auch immer mit ſeinen Vorgeſetzten ſtehen mochte. Auſtin verzehrte ſein Abendeſſen in Friede und Heiter⸗ keit, indem er mit Allen am Tiſche ſcherzte, aber bei ſich ſelbſt ſeine eigenen Gedanken verfolgte, bis das Mahl zu Ende war und der Gaſtwirth für paſſend hielt ihn aufmerk⸗ ſam zu machen, daß es wohl Zeit wäre, ſeine Botſchaft aus⸗ zurichten, indem er vielleicht deren Inhalt zu horen hoffte, denn eines Königs Worte waren damals etwas Großes in den Augen eines ſchottiſchen Gaſtwirths. „Ich kann Ench ſagen, mein Mann, Euer Lord iſt bei⸗ nahe fertig,“ ſagte er. „So, ſo, beinahe?“ meinte Auſtin.„Iſt der alte Herr zu Bett gegangen? Das Abendeſſen iſt noch nicht vorüber, bis er fort iſt.“ 330 „Nein, er iſt noch nicht aufgebrochen,“ antwortete der Wirth;„aber er kracht eben an einigen Nüſſen.“ „Wohlan, ſo mag er Mylord unterhalten, bis ich noch ein Glas getrunken habe,“ erwiederte Auſtin Jute, und machte ſich mit einem Anſchein von Ungezogenheit, der ihm keineswegs Ernſt war, alsbald daran, ſeine Tiſchgeſellſchaft zum Lachen zu bringen. Einige Minuten ſpäter kam jedoch der Gaſtwirth mit der Meldung zurück: „Der alte Herr iſt jetzt fort, und ich denke Ihr thätet beſſer, Euren Lord nicht wiſſen zu laſſen, wie lange Ihr ſchon hier ſeyd.“ „O Beſter, das ſoll er erfahren,“ verſetzte der Diener alsbald aufbrechend.„Ich brauche ihm nie etwas vorzu⸗ enthalten, Herr Wirth, was Ihr auch denken möget.“ Und hiemit machte er ſich ohne weitere Zögerung von dannen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Das Abendeſſen war heiter und fröhlich verlaufen; das Mahl ſelbſt war beſſer geweſen, als man zu Anfang des ſtebzehnten Jahrhunderts in einem kleinen ſchottiſchen Land⸗ ſtädtchen hätte erwarten ſollen; Julia und Gowrie ſaßen wieder allein, denn Mr. Rhind hatte ſich mittlerweile ganz an ſeine neue Stellung gewöhnt und nahm nur noch auf ſeine eigene Bequemlichkeit Rückſicht, ohne die weiſen Vor⸗ 331 ſchriften des Decorums zu beachten. Die Nacht war kalt und klar, das Feuer in dem großen offenen Kamin praſſelte heiter und traulich, und ein glückliches Gefühl, wie die Ah⸗ nung kommender Freude, lebte in dem Herzen der beiden Liebenden. Als ſie die Grenze überſchritten und ihr Ge⸗ burtsland wieder betraten, da war ihnen ganz anders zu Muth geweſen; eine gewiſſe Furcht hatte Juliens Gemüth überfallen— jene bedrückende Empfindung, die uns oft über⸗ wältigt, wenn eine große lang erwartete Thatſache in Er⸗ füllung geht, welche unſer Geſchick für immer entſcheidet und den Ausgang dennoch im Dunkeln läßt, bis die Zeit ihn zur Reife bringt. Als Gowrie zu ihr ſagte:„hier ſind wir in Schottland,“ dem Lande ihrer Väter, wo dieſe geherrſcht, geblutet und gelitten hatten, dem Lande, wo ihr eigenes Schickſal zum Abſchluß kommen ſollte, wo ſie das höchſte Glück, das ihre jugendliche Phantaſie auf ihrem wildeſten Fluge zu erreichen oder den tiefſten Kummer, wie ihn ein furchtſames Gemüth ſich auszumalen vermochte— erdulden ſollte: da überfiel ſie im erſten Augenblicke eine überwälti⸗ gende Ahnung großer Dinge— vergangener wie künftiger — ſo daß ſie ſich kaum zu Pferde zu halten vermochte. Gowrie's Empfindungen waren ähnlicher Art geweſen. Auch er kehrte nach langer Abweſenheit in ſein Geburtsland zurück; auch für ihn hatte die Geſchichte der Vergangenheit viel Schmerzliches aufzuweiſen: in dieſem Lande war ſein Vater auf dem Schaffolte umgekommen, des Vaters Vater war als Verbannter daraus entflohen, um noch wenige kurze Jahre der Krankheit in der Fremde hinzuſiechen, während 332 unzählige ſeiner Verwandten und Freunde den Henkerblock mit ihrem Blute getränkt hatten. Was mochte ſeiner war⸗ ten? ſo fragte er ſich; und während er die Grenze über⸗ ſchritt, richtete er ſein Auge vorwärts, wie wenn er den dunkeln ſchweren Schleier, der die Zukunft menſchlicher Schickſale verhüllt, durchdringen wollte. Auch er war nicht ohne Furcht bei der Sache. Dieſe Gefühle waren jetzt verſchwunden. Der Morgen war klar aber kalt geweſen; die Gegenden, durch die ſie kamen, waren recht hübſch, und in der Färbung der hellen Winterlandſchaft lag jene blaue Friſche, welche für das wär⸗ mere Kolorit des Sommers einigermaßen entſchädigt. Unter⸗ wegs war Alles gut abgelaufen; nichts hatte ihre Ruhe oder ihr Behagen geſtört. Die zarte Geſichtsfarbe des ſchönen, unter einem ſanfteren Klima aufgewachſenen Mäd⸗ chens hatte unter der ſtählenden Einwirkung der Lüfte des Nordlandes eine lebhaftere Röthe angenommen, ſo daß ſie in Gowrie's Augen lieblicher denn jemals erſchien, während es ihr, als ſie die Blicke nach ihm wendete, vorkam, als ob er mit jener ſtolzeren Miene dahin reite, wie wir ſie immer gerne annehmen, wenn wir das Land unſerer Geburt und unſerer Liebe nach langer Abweſenheit wieder betreten. So waren zu der Zeit, da ſie ihre Nachtherberge erreich⸗ ten, alle trüberen Phantaſten verſchwunden, und jetzt ſaßen ſie, die Füße dem luſtigen Feuer zugekehrt, ihre Herzen von jenen Worten der Liebe überfließend, welche den Tag über durch die Gegenwart eines Dritten zurückgedrängt worden waren. — 33³3 Auſtin Jute! bleibe noch ferne, wo du biſt— verweile nur noch eine Stunde! Störe nicht den Zauber ihrer glück⸗ lichen Träume; verdüſtere nicht die Gluth dieſes winterlichen Sonnenſcheins! Laß keinen Schatten ihren Pfad verdunkeln! Aber es ſollte nicht ſyn. An der Thüre vernahm man ein Klopfen; Lord Gowrie hob das Haupt und ſchaute ſich etwas verwundert um, indem er ſein Herein ausſprach. „Ich habe gewagt Euch zu ſtören, Mylord,“ begann Auſtin Jute,„denn ich habe eine Botſchaft von Seiner Ma⸗ jeſtät dem König——“ In dieſem Augenblicke folgte ihm der gute Gaſtwirth in's Zimmer, und machte ſich auf einmal mit Platten und Gläſern zu ſchaffen; als jedoch Gowrie ſeinen Diener plötz⸗ lich ſchweigen ſah, wendete er ſich um mit den Worten: „Die Dinge da können ſtehen bleiben, Meiſter Fairbairn; ich will Euch rufen laſſen, wenn ſie abgenommen werden ſollen.“ N Der Mann entfernte ſich langſam und mißvergnügt, und Gowrie gab Auſtin ein Zeichen fortzufahren; dieſer ſchwieg jedoch eine Weile und näherte ſich dann der Thüre mit den leiſen Worten: „Mit Eurer Erlaubniß, Mylord; ich will erſt nachſehen, ob Niemand horcht.“ 4 Draußen vor der Thüre zeigte ſich Niemand; das Licht, das auf den Gang hinausſtrömte, beleuchtete jedoch die Ge⸗ ſtalt des Gaſtwirths am hinteren Ende des Ganges. Auſtin blieb eine Weile ſtehen, um ihn mit vollem, feſtem, hartnäcki⸗ gem Blicke anzuſtarren, bis der Mann ziemlich verlegen 334 weiter ging und mürriſch die Treppe hinabſchlurfte. Nun erſt ſchloß Auſtin die Thüre und kehrte dicht an den Stuhl ſeines Herrn zurück. „Ich habe Euch mächtig viel zu erzählen, Mylord,“ ſagte er,„und habe mich auf dem Rückwege nach Kräften beeilt.“ „Des Königs Botſchaft zuerſt, guter Auſtin. Was ſagte Seine Majeſtät?“ „O feine Dinge, Mylord,“ gab Auſtin Jute zur Ant⸗ wort.„'s wäre auch ein elender Krämer, der nicht Seide, und ein armſeliger Hof, der nicht Artigkeiten feil zu bieten hätte. Der Konig überſtrömte von ergötzlichen Reden über Eurer Lordſchaft Anmuth und ſchöne Eigenſchaften; er bittet Euch, mit aller Haſt zu ihm zu eilen, da er Euch über viele Dinge um Rath zu fragen wünſcht.“ „Wie, Du haſt Seine Majeſtät perſönlich geſprochen?“ fragte Gowrie. „Ei freilich,“ erwiederte Auſtin;„ich habe ihn ſogar gehört, bevor er es wußte. So hatte ich die Sauce zu meinem Salmen ſchon fertig— das heißt, die Auslegung zu Seiner Majeſtät Reden, bevor ſie geſprochen wurden.“ „Erkläre Dich, erkläre Dich,“ gebot Gowrie nicht ohne Neugierde.„Ich hoffe, Du haſt keine neue Unklugheit be⸗ gangen, Auſtin?“ „O nein, mein guter Lord,“ verſetzte dieſer.„In Eurem Dienſt werde ich nie eine Unklugheit begehen; ſo was ris⸗ kire ich nur in meinen eigenen Angelegenheiten. Nicht um die Hälfte von Eurer Lordſchaft Beſitzungen möchte ich ſo 33⁵ auf's Gerathewohl mit Eurem Glücke ſpielen, wie ich's mit meinem eigenen thue. Die Sache iſt aber dieſe: auf Euer Geheiß ging ich nach Edinburgh, erfuhr aber in dem Palaſte Holyrood, wie ſie ihn nennen, daß der König am Tage zuvor nach Falkland gegangen war; ich machte mich mit dem Thürſteher vertraut und erfuhr nun alles Mögliche von dieſem Orte: wie König Jakob V. daſelbſt geſtorben——. Doch das hat nichts mit meiner Angelegenheit zu ſchaffen, und ſo will ich in der Erzählung fortfahren. Heute Morgen in aller Früh brach ich mit dem Briefe nach Falkland auf.——“ „Heute Morgen?“ ſiel Gowrie ein.„Da haſt Du für einen Wintertag eine lange Reiſe gehabt.— Halt, halt, meine Julia: er kann auch Nachrichten für Dich haben.“ „So iſt's in der That, Mylord,“ gab Auſtin Jute mit einer Verbeugung gegen die Lady zur Antwort;„ich hatte freilich, wie Eure Lordſchaft ſagte, eine lange Reiſe, denn ich machte noch einen Umweg, damit mein Pferd und ich ſo wenig wie möglich Waſſer haben möchten. Gegen zehn Uhr gelangte ich nach Falkland, und ein ſchöner Ort iſt es — um ein gut Theil beſſer als Eltham. Mein Pferd und mein Schwert ließ ich in der Herberge, bürſtete den Staub von meinem Koller und verfügte mich in den Palaſt. Dort verlangte ich den König zu ſehen.“ „Verlangte ich den König zu ſehen!“ wiederholte Gowrie faſt ärgerlich;„um's Himmelswillen, Mann— was haſt Du gedacht? Glaubſt Du, der König empfange jeden Die⸗ ner, der ein Hoͤflichkeitsſchreiben von einem Edelmanne ſeines Hofes überbringt? Du hätteſt es einem Kammerdiener oder einem anderen Offtzianten geben ſollen.“ „Meiner Treu, Mylord! ich weiß nicht, was mich an⸗ kam,“ bemerkte Auſtin Jute;„ich hörte nur von dem Thür⸗ ſteher zu Holyrood, der König habe einen Gentleman, Namens Ramſay, mit ſich genommen, und auch unſer Freund zu Paris hatte Ramſay geheißen. So wollte ich wiſſen, was vorging. Ich muß immer wiſſen, was vorgeht. Die Leute im Palaſte ſagten mir jedoch, der König ſey in ſeinem Kabinet mit Staatsaffairen beſchäftigt; ich ant⸗ wortete, ich wolle Seiner Majeſtät Befehle abwarten, oder in einer Stunde wieder kommen. Darauf lachten die Men⸗ ſchen— was nicht ſehr höflich war— und hießen mich lieber in einer Stunde zurückkehren. Ich nahm ſie beim Wort und verließ den Palaſt, um in meine Herberge zu gehen, als ich einige Pferde vor einer Ecke des Gebäudes auf und ab führen ſah und daraus ſchloß, daß dort die Stal⸗ lungen liegen müſſen. Da ich immer eine Freude an Pfer⸗ den habe, ſo wendete ich mich dorthin, um mich zu überzeu⸗ gen, ob es daſelbſt etwas Bemerkenswerthes zu ſehen gebe. Keine Seele war zu bemerken; da ich aber eine Thüre mit der Ausſicht in einen Park vor mir offen ſah, ſo dachte ich, ich könnte ebenſo gut hineinſpazieren.“ „Bei meinem Leben! ich wundere mich, daß Du noch mit ganzen Ohren zurückgekommen biſt,“ ſagte Gowrie. „Man iſt eben unter einem Glücksſtern geboren und hat durch die Jahre auch etwas gelernt,“ prahlte Auſtin Jute; „das Glück begünſtigte mich in der That auf dem ganzen 337 Wege, Mylord. Zuerſt kam ich in einen Garten mit ſchoöͤ⸗ nen Bäumen⸗— ich wußte nicht, daß in Schottland ſo was anzutreffen iſt; dann kam ich über ein Stück Einöde gegen einen dichten Wald, den ich etwa eine drittel Meile vor mir ſich ausbreiten ſah. Es war ein prächtiger Forſt, von Alleen und Baumgängen zierlich durchſchnitten; am Unter⸗ holz hingen noch viele braune Blätter. Ich wanderte hier⸗ hin und wanderte dorthin, bis ich endlich, als ich wieder heraus wollte, meinen Weg nicht mehr fand. Plötzlich, als ich eben aus einer Allee in eine andere treten will, höre ich zwei Leute zuſammen ſprechen und bleibe ſtehen—— ¹ „Um zu horchen,“ fiel Gowrie mit erglühender Wange ein;„ſchämt Euch vor Euch ſelber, Sir!“ „Nun ja,'s iſt eine ſchlimme Gewohnheit, Mylord,“ geſtand Auſtin;„aber alle Diener haben ſie, und in dieſem Falle war es ein Glück, daß ich ihr nachgab.“ „Erzähle mir nichts von der Sache,“ gebot Gowrie. „Ich will nichts davon wiſſen—“ „Ihr müßt ſie hören, Mylord,“ verſetzte der Mann in feſtem Tone.„Und wenn Ihr mir in der nächſten Minute Euren Dolch in's Herz ſtoßt, ſo ſollt Ihr hören, was ich zu ſagen habe. Es handelt ſich um Eure und dieſer theuren Lady Sicherheit und Euer Beider Glück; Ihr dürft mir's glauben. Wenn die Leute doppelſinnig mit Euch verfahren wollen, ſo müßt Ihr ihnen Gleiches mit Gleichem erwiedern, und ich ſage Euch, der König nimmt eine glatte Miene gegen Euch an, führt aber Uebles im Schilde.“ Julia ſenkte ihr Haupt auf die Hand, und ihre Wange James. Gowrie, 22² 338 hatte die roſige Farbe verloren, worauf Gowrie nach kurzer Pauſe erwiederte: „Wenn dies der Fall iſt, ſo rede. Ich darf eine Nach⸗ richt nicht verſchmähen, welche ſie berühren kann.“ „Von ihr handelt ſich's faſt ganz allein, Mylord,“ er⸗ wiederte Auſtin Jute,„denn es war ſchon vorher Vieles verhandelt worden, was ich nicht hörte. Ich weiß nur, daß die jüngere Stimme, wie mir's vorkam, ſagte: wenn Eure Majeſtät mir Erlaubniß gibt, ſo will ich den Earl arretiren, ſo wie er kommt.’ Nun merkt wohl, Mylord, ich kann Euch die Worte nicht alle genau wiederholen; aber ihren Sinn will ich Euch geben. Nun hoͤrt: als dieſe Stimme ge⸗ ſprochen hatte, antwortete eine fette dicke Stimme, wie die eines Mannes der Pflaumen im Mund hat; er nannte den Andern einen Thoren und ſagte, er verſtehe ſich nicht auf Politik, und noch vieles dergleichen; er wolle fein und ſanft mit Eurer Lordſchaft verfahren, bis er eine Veranlaſſung wider Euch habe. Ich hätte Euch erzählen ſollen, daß dies nicht das Erſte war was ich hörte, weil ſich Alles in meinem Kopfe unter einander mengte; ich hörte nämlich den Jün⸗ geren ſagen: man nennt ſie die Lady Julia Douglas’— was mir bewies, daß ſie von Euch und von Mylady ſprachen; überdies ließ einer von ihnen ein Wort fallen, als ob er dieſe Ruthven's haſſe.“ „Mach Deine Erzählung kurz, mach Deine Erzählung kurz,“ ſagte der Earl.„Was ſagte der König noch weiter über die Lady? Was mich betrifft, ſo will ich ſchon Sorge tragen, daß er keinen Vorwand gegen mich findet.“ — 339 „Nun, Mylord, er ſagte, die Lady und ihre Mutter hätten alle Schätze eines Gentlemans, Namens Morton, der wegen Hochverraths verurtheilt worden, mit ſich aus Schottland genommen.“ „Ach, ach,“ rief Julia;„ich hörte oft meinen Großvater ſagen, daß wir kaum ſo viel zur Flucht mitnahmen, als zur Reiſe nach Italien nöthig war.“ „Was weiter, was weiter?“ fragte der Earl, und Auſtin Jute fuhr fort, ihm ganz genau den weſentlichen Inhalt deſſen anzugeben, was der Köͤnig und Ramſay in der ſpä⸗ teren Hälfte ihres Geſprächs verhandelt hatten. „In ſeine Obhut,“ rief Gowrie.„Sie ſoll nie unter ſeine Obhut kommen, ſo lange ich's verhindern kann. Nein, nein, meine Julia: Deines Vaters Reichthümer waren ſein Untergang, denn ſie zu erhaſchen war die Abſicht Derer, die ihn vernichteten. Was er damit angefangen, iſt nie ent⸗ deckt worden, und jetzt glaubt dieſer habſüchtige König, Du müſſeſt entweder ſie beſitzen oder wiſſen, wo ſie verborgen ſind, und mochte Dich gerne in ſeine Gewalt bringen. Der Himmel allein weiß, was dann geſchehen würde! Aber das ſoll ihm nie gelingen! Was ſagte er weiter, Auſtin?“ „O nicht viel, mein guter Lord; was er aber ſagte, war nicht ſüß,“ indem er den Reſt vollends erläuterte.„Bei dieſen Worten,“ fuhr er fort,„hörte ich ſie aufſtehen und weiter gehen, wobei die dürren Blätter unter ihren Füßen kniſterten. So ging ich denn drauf zu und begegnete ihnen.“ „Du warſt toll,“ rief Gowrie. „O nein, Mylord! in meinem Leben noch nie kluger,“ 22* gab Auſtin Jute zur Antwort.„Ich that als ob ich luſtig daher ſchlenderte und rief den König an, ſo bald ich ihn ſah: „Halloh, alter Herr, wollt Ihr mir nicht zeigen, wie ich hinaus komme, denn ich habe meinen Weg verloren?' Der junge Mann ſah aus wie wenn er mir den Schädel ſpalten wollte: der Alte aber nahm es als einen guten Witz.“ Trotz ſeiner Erſchütterung konnte ſich Gowrie doch nicht enthalten zu lächeln. „Und wie endete das Alles?“ fragte er. „Nun, Sir, ich behandelte ihn eine Zeitlang ohne Um⸗ ſtände,“ ſagte Auſtin Jute,„ſprach vertraulich mit ihm über den König, und aus Furcht Euch in Verlegenheit zu brin⸗ gen, geſtand ich, daß es eine Lüge war, als ich im Palaſte erzählte, daß ich Euren Brief perſönlich dem König zu über⸗ reichen angewieſen ſey; ich ſagte, ich hätte gar zu gern den König geſehen, weil ich von Euch gehört habe, er ſey ſo weiſe wie Salomo und der größte Jäger auf Erden. Ich kann Euch ſagen, wir plauderten eine Zeitlang ganz freund⸗ lich zuſammen, bis er endlich ein Wort davon fallen ließ, daß er der Koͤnig ſey, ohne ſich träumen zu laſſen— drauf will ich wetten— daß ich es die ganze Zeit her recht gut wußte. Nichts konnte höflicher oder komplimentenhafter ſeyn, als Seine Majeſtät, ſobald er Euren Brief hatte. Er hieß Euch Eure Ankunft beſchleunigen, wie ich Euch ſchon geſagt habe, und ſuchte zu erfahren, welchen Weg Ihr einſchlüget. Ich ſagte, über Carlisle— nur um Eurer Lordſchaft Zeit zu gewähren. Wenn Ihr meine Worte nicht wahr machen wollt, ſo dürft Ihr nur ſagen, es ſey eine Lüge oder ein Mißverſtändniß, oder etwas dergleichen von mir geweſen. Meine Ohren ſtehen ganz zu Eurer Lord⸗ ſchaft Verfügung.“ „Nein,“ ſagte Gowrie nachdenklich,„nein. Wir müſſen aber ſogleich einen Entſchluß faſſen. Geh hinaus auf den Gang, Auſtin, und ſieh daß Niemand nahe kommt. Aber merke Dir— kein Horchen!“ „Auf meine Ehre, Mylord,“ verſicherte der Mann und verabſchiedete ſich. „Ach Gowrie! was iſt zu thun?“ rief Julia. Gowrie drückte ſie mit ſchwer zu beſchreibenden Gefühlen an ſeine Bruſt. „In Wahrheit, Liebe, ich weiß es nicht,“ ſagte er.„Ich muß eine Weile ruhig nachdenken.“ „Würde ich nicht beſſer ſogleich nach England zurück⸗ kehren?“ fragte ſie,„und dort bleiben, bis Du den König überzeugen kannſt, daß ich nichts von dieſen begehrten Schätzen weiß, oder bis wir uns verheirathen können?“ Gowrie ging eine Minute in ſtarker Verſuchung im Zimmer auf und ab; doch gab er ihr nicht nach. „Nein, Liebe, nein,“ ſagte er;„wenn Du gehſt, muß ich mitgehen. Ich will Dich nicht ohne Schutz in fremdem Lande laſſen; überdies wäre dieß für mich ſelbſt gefährlich. Hoͤre mich, theuerſte Julia.“ Und ſich neben ſie ſetzend, legte er ſeine Hand auf die Ihrige und fuhr fort:„während wir in London waren, ließen Eliſabeth's Miniſter einige dunkle fein geſponnene Worte fallen, als ob es in meiner Gewalt läge, Ihrer Majeſtät in meinem Geburtslande einen 342 großen Dienſt zu erweiſen. Ich wollte dieſes Geſpräch nicht weiter führen und brach es ab; wenn ſie Dich nun in ihrer Gewalt hätte, könnte ſie da nicht verſuchen, die tiefe Liebe, die ich— wie ſie weiß— für Dich hege, dazu zu be⸗ nützen, um mich zu Handlungen zu treiben, welche meiner Pflicht und meiner Unterthanentreue widerſtreiten? Dich ihr anvertrauen darf ich nicht; Dich Jakobs Händen überlaſſen will ich nicht, denn ich traue ihm nicht, Julia; ich traue ihm gar nicht. Er rühmt ſich ſeiner Verſtellungskunſt, und ſeine Handlungen beweiſen alle, daß er nach abſoluter Gewalt be⸗ gehrt. Was jetzt zu thun iſt, das iſt die Frage, und da ſcheinen nur zwei Wege vor uns offen: entweder Du reichſt mir ſogleich Deine Hand, und dann wird Gowrie's Arm Mittel finden, um Gowrie's Gattin zu beſchützen. Nein, ſchau nicht ſo traurig; ich kenne Deine Skrupel, Theuerſte, und noch können wir einen andern Weg wählen. Wir haben, wie Du weißt, in unſerem Schottland einen Diſtrikt, die Hochlande genannt, wo man nur wenig vom Geſetz weiß⸗ und wo des Königs Macht kaum Geltung hat. Dicht an der Grenze dieſes Diſtrikts beſitze ich ein Bergſchloß, Namens Trochrie, wo Du ohne Zweifel weit ſichererer als in Eng⸗ land aufgehoben wäreſt. Auf alle Fälle bedürfte es einer Armee, um Dich von dort zu entführen, und ich glaube nicht, daß Jakob ſo leicht eine Gewaltthat begehen würde. Dort bleibſt Du am beſten verborgen, bis ich dem Könige beweiſen kann, daß weder ſein eigener Geiz noch die Habgier ſeiner Günſtlinge etwas dabei gewänne, wenn ſie Dich mir ent⸗ riſſe. Das Kaſtell ſoll übrigens gut zur Vertheidigung 343 eingerichtet werden, und mit dem Recht auf meiner Seite und den guten Freunden die ich beſitze, könnte ich ihm dort für immer Widerſtand leiſten. Ich werde ſelber keine unge⸗ ſetzliche Handlung begehen; aber ich will auch keine Tyrannei ertragen.“ „O laß mich dorthin ziehen!“ rief Julia, indem wieder ein frohes Lächeln der Hoffnung auf ihrem Geſichte auf⸗ leuchtete.„Ich will mich ſo ſorgfältig verborgen halten, daß er nie von meiner Anweſenheit träumen ſoll. Morgens früh oder Abends im Zwielicht gehe ich dann aus, ſo daß die Leute mich für einen Geiſt halten ſollen; den Reſt des Tages verlebe ich mit meinen zwei Mädchen im einſamen Thurme, gleich einer verzauberten Prinzeſſin, wie wir in den magiſchen Ritterbüchern ſo viel davon leſen.“ „Es iſt ſehr hart, Dich zu einem ſolchen Schickſale zu verurtheilen, meine Julia— eine Blüthe, wie Dich, in eine ſo öde Wildniß zu ſchicken, um dort zu verblühen.“ „Hart!“ rief Julia enthuſiaſtiſch.„Hart, mein Gowrie! wenn es für Dich geſchieht? Bin ich nicht an Einſamkeit ge⸗ wöhnt worden? Es heißt ja nichts Anderes, als mitten unter ſchönen Naturſcenen mit friſcher freier Luft und wechſelnden Wolken um mich auf kurze Zeit daſſelbe Leben führen, das ich in Padua ſo lange in dumpfen Mauern zwiſchen engen Häuſern geführt habe. Und dann kann ſich vielleicht Gowrie zuweilen vom Hofleben weg zu mir herſtehlen,“ fuhr ſie lächelnd fort;„wenn ich dann glaube, daß die Zeit ſeiner Ankunft herannaht— welche Freude wird es ſeyn, aus einem hohen Fenſter des Schloſſes über Moor und Blachfeld hin⸗ 344 aus zu ſchauen, um zu ſehen, ob ich meinen theuren Ritter über die ferne Ebene daher kommen ſehe.“ „Es iſt ein ſchönes Bild, das Du da von einer minder ſchönen Wirklichkeit entwirfſt, theures Mädchen,“ antwortete Gowrie;„aber ich will verſuchen, Du Liebe, es für Dich ſo heiter zu machen als es mir möglich iſt. Oft, oft will ich kommen um Dich zu ſehen, bis endlich die theure Stunde naht, wo ich Dich mein nennen werde. Und ich will auch eine meiner ſüßen Schweſtern mitbringen, um Dich zu er⸗ heitern; wir wollen das alte Schloß mit luſtigen Büchern und muſikaliſchen Inſtrumenten ausſtatten, und wenn ich komme, ſollſt Du mir die Lieder des ſüßen Südens vorſingen, bis die dunklere Gegenwart vergeſſen iſt. Aber auch ſo könnte ich mich kaum entſchließen, Dich auf einem ſolchen Schauplatze einzuſperren, wenn nicht die ſchöne Jahrszeit herannahte, wo unſere Hochlande am prächtigſten ſind, wo der gelbe Ginſter und das purpurne Haidekraut ſich wechſels⸗ weiſe auf den Hügeln folgen und der helle Sonnenſchein den rauhen Anblick der Scene mildert. Während der ſechs lan⸗ gen Monde, welche noch verſtreichen müſſen, bis Du mir Deinem Verſprechen gemäß die Hand reichen kannſt, wird die Jahreszeit bei uns in Schottland ſchöner und immer ſchöner. In der That, ich ſehe keinen andern Ausweg vor uns.“ „Auch ich nicht,“ ſagte Julia eifrig.„Laß mich gleich morgen früh aufbrechen, Gowrie; mittlerweile eilſt Du wie⸗ der über die Grenze zurück und ſchlägſt den Weg über Car⸗ lisle ein, da der Mann ſagte, Du kommeſt auf dieſer Straße. 345 So wirſt Du am Beſten des Königs Argwohn einſchläfern, wenn er überhaupt welchen hat.“ „Aber Du kannſt nicht allein gehen, meine Julia,“ ant⸗ wortete ihr Liebhaber.„Das geht nicht. Halt— meine Mutter iſt mit meinen jungen Brüdern zu Dirleton: ich habe einen Plan erſonnen— der ſoll uns dienen. Du gehſt unter der Begleitung des guten Auſtin Jute und meines Dieners David Drummond zu ihr; ſie kann Dich dann mit Auſtin und einigen ihrer eigenen Leute nach Trochrie beför⸗ dern. Einen Theil des Wegs macht Ihr am beſten zur See, denn die Wellen hinterlaſſen keine Spuren Eurer Reiſe und das Wetter iſt jetzt ſchön. Nach Dirleton kannſt Du mor⸗ gen kommen und am andern Tage weiter gehen; aber ach! ich darf Dich wohl nicht begleiten, wie ich fürchte.“ Julia ließ ihr Köpfchen ſinken und ſchaute zu Boden, indem ſie in leiſem Tone ſagte: „Wird ſie mich gerne aufnehmen, Gowrie?“ „Wie ihr eigenes Kind,“ erwiederte dieſer warmherzig; „dafür will ich ſtehen, Liebe.“ „Trotzdem daß ich ein Eindringling, eine Fremde bin, die eben jetzt Gefahr über ihren geliebten Sohn bringt!“ fuhr Julia faſt traurig fort. „Du kennſt nicht Dorothea Stuart,“ antwortete Gowrie. „Wären die Verfolger dicht auf Deinen Ferſen, käme Ge⸗ fahr und Unheil jeder Art in Deinem Gefolge: es würde Dich ihr nur theurer machen, Liebe; ihre ganze Seele würde ſich nur noch energiſcher erheben, um Dir zu dienen. Ich will ihr übrigens noch heute Nacht ſchreiben und ihr alle 4* 346 meine Wünſche und deren Gründe mittheilen. Du ſollſt den Brief mit Dir nehmen, und wenn nicht Alles ſo eifrig und pünktlich beſorgt wird, wie wenn ich ſelbſt da wäre, ſo müßte meine Mutter ſich in der That verändert und alle Liebe für mich verloren haben. Nun aber, theuerſte Julia, begib Dich zur Ruhe; Du wirſt zeitig geweckt werden und Alles ſoll zu Deiner Abreiſe bereit ſeyn: ach, daß ich beifügen muß— auch zu unſerer Trennung! Doch ſie ſoll nicht lange dauern, theures Mädchen; ſo oft ſich eine Gelegenheit bietet, daß ich unbemerkt abkommen kann, will ich mich nach Trochrie auf den Weg machen, denn mein Herz wird dort bei Dir begra⸗ ben liegen, und mitten unter der Menge werde ich mich ein⸗ ſam fühlen.“ Julia konnte nicht antworten, denn ihr Herz war zu voll, wie eine bis zum Rand gefüllte Schale, ſo daß die geringſte Erſchütterung die koſtbaren Tropfen verſchüttet hätte. Ein ſtummer Händedruck— und ſie ſchieden für die Nacht; als ſte aber fort war, blieb Gowrie noch lange in trüben pein⸗ lichen Gedanken verſunken, und ehe ſie ihr Kiſſen aufſuchte, beugte ſie ihr Haupt und weinte. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Es war ein ſchönes altes Haus— wie wir es jetzt nennen würden, damals aber noch großentheils modern, ob⸗ gleich das Wüthen und Stürmen der zornigen Winde und der dunkle Odem des Orkans es geſchwärzt hatten, noch ehe 347 ſechzig Jahre ſeit ſeiner Gründung vorüber gegangen waren. Es war in einem Style erbaut, von welchem in England nur noch ſehr wenige Muſter, in Frankreich aber mehrere vorhanden ſind; das läßt ſich jedoch leicht erklären, denn während der kurzen Periode, welche dieſem eigenthümlichen Style angehörte, hatte es meiſt immer Streitigkeiten dieſer oder jener Art zwiſchen den Höfen zu London und Paris ge⸗ geben, und der Verkehr zwiſchen England und Italien war außerſt beſchränkt. Ganz anders war der Fall mit Schot⸗ land, deſſen Verbindung mit Frankreich durch zahlreiche Bande feſtgelittet war, während eine Unzahl des jungen Adels aus dem Norden ſeine Erziehung theils zu Paris, theils auf einer der italieniſchen univerſitäten vollendete. Der Tudorſtyl an Kirchen iſt wohl bekannt, und wenn auch jeder Mann von Geſchmack eine Stimme in ſich trägt, die ihm ſagt, daß hier in der Auffaſſung ein Mangel an Rein⸗ heit und Größe des Entwurfs vorliegt, ſo iſt er doch in ſei⸗ ner Art ſehr ſchön. Dieſes Urtheil läßt ſich jedoch kaum zu Gunſten der häuslichen Architektur damaliger Periode fällen, und noch weniger vielleicht ſtimmten zu einem wirklich guten Ge⸗ ſchmack die Prätenſionen jenes italieniſchen Styls, in welchem die eine Front von Dirleton Houſe erbaut war. Die Fenſter waren groß und zahlreich, durch Steinpfeiler geſchieden, mit leichten, luftigen Pilaſtern dazwiſchen, die aber keiner Säulen⸗ ordnung unter der Sonne angehörten, das Getäfel mit reichen phantaſtiſchen Arabesken bedeckt. Das Ganze hatte trotz ſeiner unpaſſenden und bedeutungsloſen Details einen 348 Anſtrich von Reichthum und Leichtigkeit; aber zu der Stunde, von der ich rede, wo eine kleine aus ſieben Pferden beſtehende Kavalkade der Front ſich näherte, war von den fein ausge⸗ arbeiteten Ornamenten nichts wahrzunehmen, und das ganze Gebäude lag mitten in den grauen Waldungen, die es um⸗ ringten, als eine mächtige düſtere Steinmaſſe, während aus zweien bis dreien ſeiner Fenſter ein trauliches Licht in das Dunkel herausſtrömte. Vom Reiſen ermüdet, ſchaute Julia furchtſam und ängſt⸗ lich mit einer kalten Anwand lung der Angſt und des Schreckens zu den Fenſtern von Dirleton Houſe empor. Umſonſt waren Gowrie's Verſicherungen, daß ein freundlicher Empfang ihr ſicher ſey, ſte fühlte, daß ſie eine Fremde, eine Flüchtige war, welche von Perſonen, auf die ſte keinen Anſpruch hatte und die ihr in allen freundlichen Beziehungen des Herzens fremd waren, Schutz und Hülfe, ſogar auf deren eigene Gefahr hin ſuchen müſſe. Ihre Schüchternheit nahm immer mehr überhand, als ſie ſich dem Haupteingange näherte, der mit einer Art Terraſſe und einer beſonderen Treppenflucht über das Hauptgebäude vorſprang. Ihre Fantaſie war ſehr ge⸗ ſchäftig und zeigte ihr die fremden Blicke, womit ſte anfäng⸗ lich empfangen werden würde: die ſteife Hausfrau vom könig⸗ lichen Stamme, die drei hochgewachſenen altadeligen Spröß⸗ linge— ihre Söhne, welche ſie alle als eine Fremde betrachte⸗ ten und ſich wunderten, was ſie hierher gebracht haben könne. „Ich will zuerſt den Brief hineinſchicken,“ dachte ſie; ndann wiſſen ſte wenigſtens, wer ich bin, und ich werde bald an ihrem Empfange ſehen, ob ich ein willkommener Gaſt 349 bin oder nicht. Im beſten Falle wird's ſchlimm genug werden.— Hier, Auſtin,“ ſagte ſte, als dieſer, nachdem ſie die eine Auffahrt an der Terraſſe hinangeritten war, ihr den Zügel hielt um ihr beim Abſteigen zu helfen,„hier, Auſtin, nehmt dieſen Brief. Ueberreicht ihn der Gräfin von Gowrie und ſagt ihr, daß ich da außen ihre Befehle erwarte.“ Der Mann ſchien überraſcht, nahm aber den Brief und näherte ſich der großen Thüre, neben welcher ein ungeheurer maſſiver Eiſenring in die innere Seite eingelaſſen war, über welchem an einer Kette ein kleiner eiſerner Klöpfel hing. Auſtin betrachtete dieſes ſonderbar ausſehende Inſtrument beim ſchwachen Lichte der Abenddämmerung und befühlte es mit der Hand, ohne aber ſeine Beſtimmung zu errathen. Schon ſchaute er ſich nach einem anderen Mittel um, das ihre Gegenwart kund geben ſollte, als der andere Diener David Drummond, ein ſchwerfälliger, finſterblickender Menſch, voran eilte und den Ring ergreifend denſelben alsbald er⸗ klingen machte, indem er den Eiſenklöpfel dawider ſchlug, worauf zwei bis drei Diener unter der Pforte erſchienen. Auſtin wurde angenblicklich eingelaſſen und verſchwand vor Julia's Blicken, während der andere Diener einem alten Freunde aus der Dienerſchaft der Gräfin die Hand ſchüttelte und ihm zu erklären ſchien, wer der ſchöne Gaſt ſey, denn der Thürſteher trat alsbald vor und fragte in höflichem Tone, aber in ſo breitem ſchottiſchem Dialekte, daß ſie ihn kaum verſtehen konnte, ob ſie nicht abſteigen und eintreten wolle, da er feſt verſichert ſey, daß ſeine Herrin ſich über ihre Ankunft herzlich freueu würde. 350 „Abſteigen will ich,“ ſagte Julia, ſeinen Beiſtand an⸗ nehmend,„denn ich habe das Reiten ſatt; was aber das Eintreten betrifft, ſo will ich lieber warten“— und ſo lehnte ſie ihren Arm auf den Sattel, während das müde Thier ruhig neben ihr ſtehen blieb. Sie durfte jedoch nicht lange in Ungewißheit harren, denn kaum waren zwei Minuten verſtrichen, als ſie Jemand von Innen der Thüre ſich nahen und eine weibliche Stimme ausrufen hörte: „Wo iſt mein Kind? wo iſt meine theure Tochter?“ Gleich darauf nahte ſich eine hohe gebietende Frau, etwas über die mittleren Jahre, mit raſchem Schritte gerade auf ſie zutretend. Ihr graues, unter einer ſchwarzen Sammthaube vorquellendes Haar, das ſich mit einem daran befeſtigten Spitzenſchleier vermiſchte, ihre langen ſchwarz⸗ ſammtenen Gewänder im Schnitte der Königin Maria, ihr ſchones aber abgezehrtes Geſicht, ihre hohe Geſtalt, ihr rüſtiger Schritt und der ſcharfe Blick ihres Auges erfaßte die arme Julia mit einem Gefühle des Grauens, das nur durch die warme zärtliche Umarmung verſcheucht wurde, womit die Gräfin ſie bewillkommte. „Und zweifelteſt Du wirklich, armes Ding, ob Gowrie's Mutter Dich an ihr Herz nehmen würde?“ fragte ſie zu wiederholten Malen ſie küſſend.„Komm, komm, mein Lieb⸗ ling, Du kennſt mich noch nicht; Dorothea Ruthven iſt keine falſche Freundin, keine ſchmeichleriſche Hofdame, welche anders ſpricht als ſie denkt. Komm herein, komm nur her⸗ ein, und entlaſte Dich all' Deiner Sorgen an meinem Mutter⸗ 35¹1 herzen, denn ſo Gott will, werde ich Dir ſo gut wie meinen eigenen Kindern eine Mutter ſeyn.“ Mit dieſen Worten nahm ſie Julien bei der Hand und führte ſie durch das ſchmale Veſtibule in ein kleines, aber reich verziertes Zimmer zu ebener Erde. Dort blieb ſie in der Mitte ſtehen, wo das volle Licht eines großen mit Wachs⸗ kerzen gefüllten Wandleuchters auf Beide fiel, und wendete ſich nun nach ihrer ſchönen Gefährtin um, ſie zum erſtenmale zu betrachten. Als ob ſie über dieſen Anblick betroffen und erſtaunt wäre, ließ die alte Gräfin ſie plötzlich los und ſchlug ihre beiden Hände zuſammen, indem ſie ausrief: „Ei, Du biſt aber hübſch!“ Dann ſchlang ſie wieder ihre Arme um ſie und drückte ſie abermals an's Herz. Julia weinte vor Freude und Rührung, und der zarte Druck ihrer feinen weichen Finger auf die Hand der alten Gräfin bezeichnete auch ohne Worte Alles was in ihrem Herzen vorging. „Nun ſetz Dich nieder, mein theures Kind,“ ſagte Lady Gowrie, ihren eigenen Stuhl ergreifend und auf einen anderen neben ihr deutend;„Du biſt gewiß müde und er⸗ ſchrocken, denn ich ſehe aus den erſten paar Zeilen von Gowrie's Briefe, daß in Euren Planen etwas fehlgeſchlagen ſeyn muß; Du mußt Dich dadurch nicht deprimiren laſſen, mein zartes Vögelchen, denn Du biſt hier in einem wilden Lande, und wenn wir uns durch Kleinigkeiten erſchrecken laſſen wollten, ſo müßten wir all' unſere Tage in Angſt ver⸗ leben. Meine beiden Jungen ſind ausgegangen und noch 8 mmen, werden ſich aber mächtig freuen, wenn ückkehr ihre neue Schweſter finden; dann wollen wir zu Nacht eſſen, und Du ſollſt zu Bette gehen und aus⸗ ſchlafen.“ „O lest erſt Gowrie's Brief, ehe Ihr ſo gütig ſeyd, theure Lady,“ bat Julia, die Thränen aus ihren Augen wiſchend.„Ihr werdet daraus erſehen, daß mein Herkom⸗ men ihm bei ſeiner Rückkehr in ſein Geburtsland ſogleich Verlegenheiten bereitet hat, und ihr werdet mich vielleicht ſpäter nicht mehr ſo ſehr lieben.“ „Kein Bischen weniger, mein Kind,“ verſicherte die alte Gräfin in feſtem aber traurigem Tone.„Ich habe meine Theuren immer am meiſten geliebt, wenn das Unglück über ſte kam. Liebte ich ſeinen Vater etwa nicht an dem Tage, da das Beil auf ihn fiel?“ fuhr ſie fort, ihre Augen zum Himmel erhebend.„Wehe, wehe mir! Bitter war jener Tag der Liebe!— Nun ja, ich will meines Knaben Brief leſen; aber merke Dir, Liebe, Du mußt mich Mutter nennen, denn eine Mutter will ich Dir ſeyn im Guten wie im Böſen;“ und ihre Thränen trocknend hielt ſie den Brief näher an's Licht und las. Während ſtie hiemit beſchäftigt war, betrachtete Julia die alte Dame mit einem Blicke geſpannter Theilnahme, und die Neugierde, womit ſie auf die Aeußerung der Gräfin harrte, nachdem dieſe das Nähere ihrer Lage erfahren hätte, verlor ſich bald in der Betrachtung der abgezehrten aber edlen Züge und ihes auffallenden Aehnlichkeit mit ihrem Sohne, 353 „Pfui, pfui!“ rief endlich die alte Dame, als ſie die ziemlich lange Epiſtel bis zu Ende geleſen hatte;„das iſt ja blos eine Schramme, und Du und Gowrie habt ſie für eine Wunde genommen. Unſer guter König liebt das Geld, und hat Leute um ſich, die noch mehr darein verliebt ſind; wenn ſie aber finden, daß Du keines haſt, mein Kind, ſo werden ſie Dich ſchon in Frieden laſſen. Du wirſt ſehen, die Sache wird auf nichts hinauslaufen. Unterdeſſen muß ich als pflichtgetreue Mutter thun, was mein Sohn mich heißt,“ fuhr ſie lächelnd fort,„obwohl es mir leid thut, mich ſobald von Dir zu trennen. Erſt aber muß ich dafür ſorgen, daß die Diener zu vorſichtigem Sprechen ermahnt werden. Auf meine eigenen Leute kann ich mich verlaſſen; wie ſteht's mit den Deinen, mein Kind?“ „Ich hoffe— gut,“ erwiederte Julia;„die beiden Mäd⸗ chen verſtehen kein Engliſch und ſind alſo zuverläſſig. Von den Männern iſt der Eine die Treue ſelber; den Anderen kenne ich nicht ſo genau; aber er iſt, glaub' ich, lange bei Gowrie geweſen und hat die ganze Reiſe von Italien mit uns gemacht.“ „Wie heißt er?“ fragte die Gräfin, und als ſie hörte, es ſey David Drummond, ſchüttelte ſie den Kopf mit zwei⸗ felndem Blick.„Er iſt, was wir einen ſauren Kerl nennen,“ ſagte ſie,„aber treu und zuverläſſig, wie ich glaube. Er hat hier in einem Raufhandel einen Mann getödtet, und ich ſchickte ihn deßhalb meinem John, um ihn aus dem Wege zu bringen. John warnte ihn, daß er es büßen müſſe, wenn er abermals alſo hanthierte; aber ich glaube, er iſt ehrlich, James. Gowrie..— 23 354 nur ſchwer zu lenken, wenn er einen Groll auf Jemand hat. Ich will die Leute auf dem Gange verſammeln und ihnen ſagen, daß die verſchwiegen ſind; ſie wurden an Dinge ge⸗ wöhnt, welche ſogar einen Thoren Vorſicht lehren würden.“ Mit dieſen Worten erhob ſie ſich, nahm eine kleine Silberglocke vom Tiſche und trat auf den Gang, wo Julia klingeln und bald darauf viele Schritte nahe kommen hörte. Dann vernahm ſte die Stimme der Gräfin, welche laut und langſam ſprach. Einige kurze Sätze mit langen Pauſen dazwiſchen ſchloßen ihre Rede; gleich darauf folgte aber beträchtlicher Lärm und Bewegung, und als Lady Gowrie zurückkehrte, hatte ſie auf jeder Seite einen hübſchen hoch⸗ gewachſenen Jungen, welche Beide ihrem älteſten Sohne ſehr ähnlich ſahen. Jeder der Knaben ſchaute mit natür⸗ licher Neugierde nach ihr, um die künftige Schwägerin zu ſehen, und Julia's Wange erröthete darüber noch tiefer; aber die Verlegenheit war bald vorüber, denn einer nach dem andern näherte ſich mit freier Anmuth, küßte ſie auf die ſchöne Wange und nannte ſte Julia und Schweſter. „Jetzt, William, mein Junge,“ ſagte die Gräfin,„müſ⸗ ſen wir bald zu Nacht eſſen und zeitig zu Bette gehen, denn Julia muß morgen mit dem Früheſten auf den Weg, und Du mußt ſie mit fünf bis ſechs unſerer Leute und ihrer ei⸗ genen Dienerſchaft begleiten.“ 1 „Morgen mit dem Früheſten!“ rief der Knabe in großer Ueberraſchung.„Ich glaubte, ſie werde bei uns hier blei⸗ ben. Wohin geht ſie denn?“ „Frage nicht lange, Junge,“ ſchalt die Mutter ernſt⸗ 355 haft; es ziemt der Jugend nicht zu fragen, ſondern zu ge⸗ horchen. Du ſollſt morgen, ehe Du aufbrichſt, Deine Wei⸗ ſungen bekommen, und Du mußt ſie ganz für Dich behalten, bis Du das Ziel Deiner Reiſe erreicht haſt.— Jetzt geh' und beſtehl, daß man das Nachteſſen aufträgt: Deine theure Schweſter iſt ohne Zweifel müde und hungrig.“ „O keineswegs, theure Mutter,“ erwiederte Julia;„die Angſt hat mir heute allen Appetit benommen.“ „Angſt, Du armes erſchrockenes Vögelchen!“ lachte die alte Dame.„Wir müſſen Dein Herz durch die Bergluft ſtärken— nicht um es härter, ſondern um es ſtärker zu ma⸗ chen. Hier darfſt Du nichts fürchten, meine Theure, denn wir wollen Dich ſchon beſchützen. Du ſtammſt von einem Adlergeſchlechte, und der Dir nachſtellt, iſt blos ein Gänſe⸗ habicht.“ Wäͤhrend dieſer Worte hatte ihr Sohn William das Zimmer verlaſſen, und wenige Minuten ſpäter wurde ge⸗ meldet, daß das Abendeſſen ſervirt ſey. Ihren Arm in den ihres ſchönen Gaſtes legend, führte die Gräfin ſie in eine kleine Halle, wo das Eſſen auf dem Tiſche ſtand; unterwegs flüſterte die ältere Dame ihrer jüngeren Gefährtin in's Ohr: „Du ſollſt ein kleines Zimmer zunächſt dem meinigen und Deine beiden Mädchen neben Dir haben. Vor Tages⸗ anbruch will ich Dich wecken, denn ſeit Gowrie's Tode ſtehe ich um vier Uhr auf. Die Mädchen mußt Du ſelbſt be⸗ nachrichtigen, daß Du frühzeitig aufbrichſt, denn ich ſprach zwar früher Franzöſiſch, hab' es aber jetzt vergeſſen, und das Italieniſche konnte ich nie in den Kopf bringen.“ 23 B 356 Ermüdung des Körpers und Geiſtes verſah bei Julien das Amt des Friedens, und ſie ſchlief ein, ſobald ihr Kopf das Kiſſen berührte. Ihr Schlummer war jedoch unruhig und voller Träume, und am nächſten Morgen erwachte ſie mit einem plötzlichen Auffahren des Schreckens, als Jemand an ihre Zimmerthüre pochte. Im erſten Augenblicke wußte ſie nicht, wo ſie ſich befand, wurde aber durch die Stimme der Gräfin Gowrie bald wieder an die Wirklichkeit erinnert, da dieſe ſie mahnte, ſich zur Reiſe zu erheben. Alles, was Freundlichkeit nur vermochte, geſchah, um ſie zu beſänftigen, zu tröſten und zu ermuntern; Gowrie's Mutter lachte ſogar abſichtlich über ihre Beſorgniſſe, ob⸗ wohl ſie die Nothwendigkeit beklagte, daß ſie zu dieſer Jah⸗ reszeit in der wilden Einöde, wo ſie ihren Aufenthalt zu nehmen im Begriffe ſtand, ſich begraben müſſe. In den Weiſungen an ihren Sohn William ging die alte Gräfin ſehr in's Einzelne und blieb faſt eine halbe Stunde mit ihm eingeſchloſſen. Niemand wußte um das letzte Ziel der Reiſe, welche Julia und er antreten ſollte, und ſtatt ihren Weg zu Land nach Trochrie zu nehmen, brach das Häuflein in gerader Linie nach der See auf und nahm dort ein Boot, wodurch die Reiſe um dreißig bis vierzig Meilen verlängert wurde. Die Diener, welche mit der Ge⸗ gend bekannt waren, mochten wohl etwas überraſcht ſeyn, als ſie den Landungspunkt gewahrten und ſahen, in welcher Richtung ſie ſpäter ihren Weg einſchlugen; aber nicht der leiſeſte Ausdruck von Verwunderung war auf ihren Geſich⸗ tern zu bemerken, und kein Wort der Bemerkung verlautete 357 unter ihnen. Mit unbedingtem Gehorſam folgten ſie, wo⸗ hin ihr junger Gebieter ſie führte, wie man es damals viel⸗ leicht nur in Schottland zu ſehen bekam. Gegen Julia war William Ruthven voll brüderlicher Aufmerkſamkeit und Güte, indem er ſie mit allen Kräften aufheiterte und ſie in ſeinem jugendlichen Eifer mit den Geſchichten der verſchie⸗ denen Orte, durch die ſie kamen, zu ergötzen ſuchte. Es iſt aber ein wahrer Jammer, und ſo war ſeit vielen Jahren der Zuſtand von Schottland geweſen, daß faſt jede kleine Hiſtorie mit einer Tragödie endete, und William ent⸗ deckte bald, daß ſein Bruder Gowrie derjenige Gegenſtand war, von dem Julia am liebſten ſprach. Er fragte ſie alſo vielerlei über des Earls Aufenthalt in Italien und über ihre Heimreiſe, und ſo gelang es ihm in der That, ihr manche Stunde zu vertreiben, bis ſie endlich am Abend des dritten Tages ein großes, ziemlich düſter ausſehendes Gebäude in Sicht bekamen, welches William Ruthven als Schloß Troch⸗ rie bezeichnete. Während des ganzen letzteren Theils ihrer Reiſe waren die Berge immer höher vor ihnen angeſtiegen, und die ganze ſchöne Landſchaft von Athol, mit welcher jeder engliſche Tou⸗ riſt wohl vertraut iſt, entfaltete ſich vor Juliens Blicken. Auch das Wetter war beſonders günſtig, obwohl es am Tage zuvor trüb und finſter geweſen war; die Sonne hatte auf ihrer Reiſe gegen Norden ſo zu ſagen einen Verſuch gemacht, um die Wolken zu zerſtreuen, ſo daß die ſchweren, vor dem leichten Winde fliehenden Dunſtmaſſen gegen Abend nur dazu dienten, dunkle Schatten auf einige Spitzen der Land⸗ 358 ſchaft zu werfen, während der Reſt mit hellen Lichtſtreifen bedeckt blieb und die ſinkende Sonne die Schluchten mit ih⸗ rem Schimmer erhellte und in den Strömen und Waſſer⸗ ällen funkelte. Auf eine Meile vom Schloſſe wurde ein Mann voraus⸗ geſchickt, um die Thore öffnen zu laſſen, und als ſie über die Zugbrücke ritten, die man vor ihnen niedergelaſſen hatte, ſagte William Ruthven in gütigem Tone: „Willkommen zu Trochrie, theure Julia.“ Julia wußte nicht— warum: aber ein kalter Schauer überkam ſie bei dieſen Worten, und zu dem dunkeln Bogen emporſchauend, unter dem ſie durchpaſſirte, fragte ſie ſich unwillkürlich: „Wie werde ich dieſe Thore wieder verlaſſen?“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wir müſſen jetzt dem Earl von Gowrie folgen, welcher am achtundzwanzigſten Februar zu Pferde ſtieg, ſobald er ſich von Julien hatte trennen können, und ohne Raſt bis Carlisle eilte. Die Entfernung betrug nicht viel weniger als hundert Meilen, obwohl er, das Land bis zur Grenze von Cumberland wohl kennend, die kürzeſten Wege zu ſei⸗ nem Ziele wählte. Nichtsdeſtoweniger hatte er am folgen⸗ den Tage um zwoͤlf Uhr die Stadt des britiſchen Häupt⸗ lings erreicht, und machte dort drei Stunden Halt, um die Pferde, die nicht weiter konnten, ausruhen und ſtatt der lahm 359 gewordenen drei bis vier friſche aufkaufen zu laſſen. Dann wurde die Reiſe in langſamem Paſſe fortgeſetzt, und der Earl näherte ſich zum zweitenmal der ſchottiſchen Grenze, diesmal aber von Weſten her. Ein ſo raſcher Ritt, wie er ihn ſeit den letzten dreißig Stunden gemacht hatte, paßte natürlich keineswegs für die Gewohnheiten des guten Mr. Rhind, und dieſer würdige Herr wurde mit dem Erſuchen zurückgelaſſen, daß er ſich ein oder zwei Tage zu Dunbar verweilen und dann langſam nach Edinburgh aufbrechen möge, wobei er über die neulichen Ereigniſſe vollkommenes Stillſchweigen beobachten ſollte, was ihn, nebenbei bemerkt, nicht wenig verwirrte, da der Earl nicht geneigt war, in längere Erklärungen über die Sache einzugehen. Auf die Verſchwiegenheit der ihn be⸗ gleitenden Diener glaubte der Earl ſich verlaſſen zu können, und er begnügte ſich deshalb mit zwei Befehlen an ſeine Dienerſchaft, daß ſie nämlich ihre frühere Reiſe nach Dun⸗ bar nicht erwähnen, und wenn ſie gefragt würden, was aus der Dame geworden ſey, welche mit ihnen nach England gekommen, ſagen ſollten, er— der Earl— habe ſie eine Strecke vor Carlisle nach einem ſicheren Aufenthaltsorte abgeſendet. Sobald dies bereinigt war, ritten ſie gegen Langholm weiter, wo der Earl zu übernachten vorhatte. Bei ſeiner Ankunft im einzigen Gaſthofe des Ortes fand er die Stal⸗ lungen mit zahlreichen Pferden und lärmenden Dienern an⸗ gefüllt und ſah ſogar zwei bis drei von des Königs Leib⸗ ah. müßig herumſchlendern. Es überraſchte ihn alſo 360 3 nicht, zu vernehmen, daß der Ort ganz voll ſey, und der Gaſtwirth benachrichtigte ihn auf ſeine Erkundigung, daß Lord Lindores ſo eben mit ſeinem Gefolge von einem am Morgen unternommenen Beſuche der Grenze zurückkehrt ſey. Gowrie lächelte, als er den Namen von einem der ſpe⸗ ziellen Helfershelfer des Königs vernahm; und als er auf ſeine unbefangene Nachforſchung erfuhr, daß der edle Lord erſt geſtern Abend ſpät von Edinburgh angelangt ſey, ſo ſah er ſeinen Verdacht beſtätigt, daß Lindores nur gekommen ſey, um in des Königs Namen die Vormundſchaft über Ju⸗ lien zu beanſpruchen. Da er ſelbſt ohne alle feindſelige Abſicht war, ſo nahm er keinen Anſtand, den Hoͤfling bitten zu laſſen, daß er ihm einen Theil der Räumlichkeiten des Gaſthofes abtreten möge; allein einer von Lord Lindores' Dienern hatte dieſem ſeine Ankunft ſchon mitgetheilt, und noch ehe der Wirth, welchen Gowrie mit dieſer Botſchaft beauftragte, ihn verlaſſen hatte, ſah man den Gentleman, an den ſie gerichtet war, die Treppe herabkommen, welche nach der damaligen, bei ſchottiſchen Gaſthöfen gebräuchlichen Sitte auf der Außenſeite des Hauſes von einer bedeckten oberen Gallerie in den Hof herablief. Lord Lindores Kleidung und Aufzug war genügend, um ſeinen Rang anzuzeigen, obwohl Gowrie ihn ſeit ſeiner Kindheit nicht geſehen hatte. Der Lord, ſeiner Klugheit vergeſſend, näherte ſich alsbald dem jungen Earl, dem e die Hand mit den Worten reichte: 3 „Ah, mein edler Lord von Gowrie, wie geht's 361 Lordſchaft? Willkommen in Schottland nach ſo langer Ab⸗ weſenheit!“ „Vielen Dank, Mylord!“ erwiederte Gowrie, ihm die Hand ſchüttelnd.„Meine Abweſenheit war in der That lang genug, daß alte Freunde mich vergeſſen könnten. Ich hore jedoch, daß Eure Lordſchaft das ganze Haus in Be⸗ ſchlag genommen hat; könnt Ihr nicht ein oder zwei Zimmer für mich erübrigen?“ „Ei natürlich— ich würde mich ja ſonſt gegen alle Höf⸗ lichkeit verſündigen,“ erwiederte der Andere, deſſen Auge während der ganzen Unterredung Gowrie's Gefolge gemu⸗ ſtert hatte.„Wir müſſen eben einige von den Leuten in den benachbarten Häuſern oder Hütten unterbringen. Wie viele werdet Ihr bedürfen?“ „Nur ein Zimmer für mich ſelbſt,“ erwiederte der Earl, der ſich an dem verlegenen Ausdrucke in ſeines Gefährten Geſichte nicht wenig ergötzte;„nur ein Zimmer für mich ſelbſt und ein Vorzimmer für zwei bis drei von meinen Die⸗ nern. Die übrigen müſſen ſich behelfen, wie ſie können. Wir wollen Euch keineswegs beläſtigen.“ „Das läßt ſich bald arrangiren,“ meinte Lord Lindores, „und da mein Abendeſſen in wenigen Minuten fertig ſeyn wird, ſo muß Eure Lordſchaft mir die Ehre erweiſen und mein Gaſt ſeyn. Ich will nur ein paar Worte mit meinen Leuten reden und ihnen ſagen, daß ſie ſich anderswo nach einer Unterkunft umſehen; dann werde ich im Augenblicke wieder bei Euch ſeyn.“ Gowrie verweilte bis zu ſeiner Rückkehr mit einer Miene 362 der vollendetſten Gleichgültigkeit am Fuße der Treppe, er⸗ mangelte aber nicht zu bemerken, daß zwiſchen dem Peer und einem der Leute, welche bei ſeiner Ankunft im Hofe ge⸗ weſen, eifrige Fragen und Antworten ausgetauſcht wurden. „Nun erxlaubt mir, mein edler Earl, Euch den Weg zu weiſen,“ ſagte Lord Lindores zurückkehrend, und ging die Treppe voran nach einem kleinen zum Abendeſſen zugerich⸗ teten Gaſtzimmer, das aber auch mit einem Rollbette ge⸗ ſchmückt war. Nach einigen gewöhnlichen Komplimenten verſank Lord Lindores eine Weile in Gedanken, bis er auf⸗ ſchaute und bemerkte: 6 „Hätte ich nicht gedacht, daß Eure Lordſchaft nicht vor morgen in Schottland anlangen werde, ſo hätte ich beſſer für Eure Bequemlichkeit geſorgt, denn— ehrlich geſtanden — erwartete ich das Vergnügen zu haben, Euch auf der Grenze zu ſehen, wenn mein Geſchäft mich ein oder zwei Tage hier aufhielte.“ „In der That! wie ſo?“ fragte Gowrie aufſchauend, denn auch er war in Gedanken vertieft. „O ganz einfach,“ erwiederte der andere Lord.„Als Seine Majeſtät mich geſtern hierher ſchickte, um einige An⸗ gelegenheiten an der Grenze zu unterſuchen, da benachrich⸗ tigte er mich, daß er einen Brief von Eurer Lordſchaft habe, und da Ihr über Carlisle zurückkehrtet, ſo würde ich Euch höchſt wahrſcheinlich irgendwo begegnen. Er hieß mich Euch von ſeiner Seite zu grüßen und Euch zu ſagen, daß er auf Eure Ankunft geſpannt ſey.“ „Seine Majeſtät iſt immer gnädig,“ verſetzte Gowrie 363 trocken;„ich hoffe, ſpäteſtens übermorgen dem Koͤnig die Hand zu küſſen.“ „Er ließ mich glauben, mein edler Lord, daß ich eine ſchöne Dame in Eurer Gellſchaft treffen würde,“ ſagte ſein Geſellſchafter, indem er einen ſcherzenden Blick und Ton aunahm—„die Schönſte der Schönen, wie ich höre, einen Edelſtein, den Ihr uns aus ſüdlichen Landen gebracht habt.“ „O nein,“ gab Gowrie in leichtem unbefangenem Tone zur Antwort;„hier wurde Seine Majeſtät irre geführt. Eine Dame, wie Ihr ſie beſchreibet, reiste allerdings einen Theil des Wegs unter meinem Geleite; ich ließ ſie jedoch hinter mir, noch ehe ich Carlisle erreichte.“ „So,“ verſetzte Lord Lindores mit einem Blicke ärger⸗ licher Ueberraſchung.„Vielleicht war ihr die Reiſe zu an⸗ ſtrengend, und ſie wird Euch nachfolgen?“ „Auch das nicht, mein Lieber,“ entgegnete Gowrie la⸗ chend.„Sie iſt ohne Zweifel ſehr gut, wo ſie iſt, und wird für einige Zeit daſelbſt bleiben.“ „Bei meinem Leben!“ rief der Andere, ſeinen ſcherzenden Ton wieder annehmend;„ich glaube, Eure Lordſchaft iſt auf unſere armen Lords von Holyrood eiferſüchtig.“ „Allerdings,“ gab Gowrie alsbald zur Antwort;„ich bin feſt entſchloſſen, ſie nicht eher an jenen Hof zu bringen, bis ich ſie als mein Weib aufführe. Ihr ſeht, mein guter Lord, ich bin offen mit Euch; Ihr werdet mir jedoch zuge⸗ ben, daß ich wohl fürchten konnte, meine Braut zu verlieren, wenn ich ſie unter ſo ſtattliche Kavaliere, wie den Lord von Lindores, führte.“ 364 Sein Gefährte, der die mittleren Jahre bereits hinter ſich hatte, brach in ein luſtiges Lachen aus, denn ich kenne weder Alter noch Umſtände, wo die Eitelkeit nicht ihren Ein⸗ fluß geltend machte. Er ſchien vollkommen getäuſcht und war es auch wirklich, da er glaubte, Gowrie habe, aus ir⸗ gend einer Urſache des Königs Abſicht argwöhnend, ſeine ſchöne Gefährtin auf der andern Seite der Grenze zurück⸗ gelaſſen. Er war zwar mit dem Ausgange ſeiner Sendung nicht ſonderlich zufrieden, denn er hatte darauf gerechnet, ſich durch geſchickte Ausführung einer ziemlich kitzlichen Aufgabe beträchtlichen Kredit beim König zu erwerben. Ihr Mahl nahm übrigens einen ganz heiteren Verlauf, und Lindores, der ein Bonvivant war, hatte Sorge getra⸗ gen, daß die Tafel mit beſſerem Wein als man zu Lang⸗ holm auftreiben konnte, verſehen war. Er ſelbſt ſprach ihm weidlich zu und drang auch in ſeinen Gaſt, dieſem Beiſpiele zu folgen; doch Gowrie war auf ſeiner Hut und wußte es ſo einzurichten, daß er dem Glaſe auswich, ohne daß ſein Geſellſchafter es bemerkte. So trank Lindores, welcher ſich einbildete, daß jede der großen Doppelflaſchen zwiſchen ihm und dem Earl gleich getheilt werde— weit mehr als ſeine eigentliche Portion, und hatte alle Stadien der Berauſchung, von der Schwatzhaftigkeit bis zur Schläfrigkeit durchzuma⸗ chen. Im erſteren Stadium, da der Wein in ihm, der Witz aber außer ihm war, lachte er ausgelaſſen über den Gedanken an des Königs Enttäuſchung, und erzählte ſeinem Tiſchgenoſſen als tiefes Geheimniß, welches der Zweck und die Abſicht ſeiner Reiſe an die Grenze geweſen ſey. 365 In der Frühe des folgenden Tages brachen der Earl und Lord Lindores zuſammen nach Edinburgh auf; Gowrie hielt jedoch für zweckmäßig, in Selkirk zu übernachten, während ſein Begleiter etwas weiter ging, um dem König die Nachricht ſeiner Enttäuſchung perſönlich zu überbringen. Er langte ziemlich früh am anderen Tage in der Hauptſtadt an und verfügte ſich alsbald in den Palaſt, wo Jakobs üble Laune keine Grenzen kannte. „Das ſieht dieſen Ruthvens ganz ähnlich,“ ſagte er in Gegenwart Sir Hugh Herries und John Ramſay's, die ſich in des Königs Kabinet befanden, als Lindores ſeine Geſchichte erzählte.„Sie ſind klug wie die Schlangen, nur nicht ohne Falſch wie die Tauben, und dieſer Burſche iſt ihr würdiges Haupt. Wenn er im Herzen nicht ein Rebell gegen ſeinen eigenen Lehensherrn wäre— wozu brauchte er die Maid in England zu laſſen? Gibt das nicht unſerer guten Muhme Eliſabeth einen Anhalt gegen ihn, wie kein fremder Souverain ihn über einen unſerer Unterthanen haben ſollte? Kann ſie ihn dadurch nicht auf jede Bahn verlocken, wie es ihr beliebt? Am Ende iſt ſein Verrath ſchon ganz vollendet und er hat das Mädchen als pignus oder Unterpfand dafür zurückgelaſſen, daß er ihn zu unſerem Untergange ausführen will. Nichtsdeſtoweniger müſſen wir ſanft mit ihm verfahren,“ fuhr er fort, als er ſah, daß ſeine Worte tiefen Eindruck auf ſeine Umgebung gemacht hatten; vielleicht mochte er auch Heinrichs II. Beiſpiel vor Augen haben:„wir müſſen ſanft mit ihm verfahren, bis wir einen Vorwand wider ihn finden. Merkt Euch das, Ihr Jungen, 366 und daß ihm Keiner in den Weg trete, ſo daß die Sache zu einem Privathandel ausarte! Er iſt ſehr wohlhabend und hat viele Freunde; deßhalb müſſen wir zart mit ihm um⸗ ſpringen, bis die Zeit kommt.“ Trotz dieſer Ermahnungen an ſeine Umgebung vermochte der König ſein eigenes Weſen nicht ganz zu beherrſchen, ſondern blieb den ganzen Tag finſter und reizbar. Er er⸗ kundigte ſich zweimal, ob der ECarl zu Edinburgh angelangt ſey, und als man ihm ſagte, er ſey in dem Hauſe eines ſeiner Verwandten abgeſtiegen, wohin viele von den alten Freunden ſeiner Familie zu ſeiner Begrüßung zuſammen⸗ ſtrömten, da rief er: „Die wankelmüthigen Thoren! ebenſo fröhlich gehen ſie zu einem Leichenbegängniß.“ Am folgenden Morgen, als er eben mit der Königin einige von den Edlen des Hofes empfing, wobei Anna von Dänemark die Herzogin von Lennox, Gowrie's Schweſter, neben ſich und Beatrice Ruthven hinter ihrem Stuhle hatte, ließ ſich ein lauter Ruf durch die Straßen der Stadt bis in die königlichen Gemächer vernehmen. „Was haben denn die Narren wieder zu plärren?“ ſchrie der König;„haben wir einen zweiten Tolbooth⸗Jahrmarkt?“ „O nein, Eure Majeſtät,“ erwiederte Lord Inchaffray, welcher eben eintrat;„als ich vorhin hierher ritt, kam eben der junge Earl von Gowrie mit einer großen Zahl edler Gentlemen, ſeinen Freunden, die Straße herauf, und einige hundert Menſchen liefen hinter ſeinem Pferde drein, inde , ſie ihm mit lautem Rufe zu ſeiner Rückkehr Glück wünſchten.“ 367 Jakobs Stirne verfinſterte ſich alsbald, und ſeine Zunge im Munde lullend, ſagte er mit bitterem und bedeutungs⸗ vollem Lächeln ſo laut, daß mehrere Perſonen es hören konnten: „Ich weiß noch wohl die Zeit, wo ſein Vater von einer ebenſo großen Menge nach dem Schaffote gegen Stirling begleitet wurde.“ Die Herzogin von Lennox wurde todtenbleich und ſank zu Boden, ſo daß ſie den Kopf wider der Königin Stuhl geſchlagen hätte, wenn ſte nicht von ihrer Schweſter Beatrice aufgefangen worden wäre. Der Hof gerieth natürlich in große Verwirrung, und wie wenn er nicht ahnte, daß das Uebelbefinden der jungen Herzogin durch ſeine eigenen Worte veranlaßt war, rief der König: „Der Teufel ſteckt doch in den Weibern! Was iſt's mit ihr? Das Zimmer iſt doch nicht zu heiß.“ „Aber Eurer Majeſtät Worte waren hart,“ ſagte Bea⸗ trice;„meine Schweſter iſt nicht gewöhnt, den Tod eines geliebten Vaters verſpotten zu hören.“ „Ich glaube, Ihr ſeyd boshaft, Fräulein,“ verſetzte der König mit einem zürnenden Blicke auf Beatricen. „Und Eure Majeſtät unfreundlich,“ ſagte dieſe kühn. Doch Anna von Dänemark trat dazwiſchen und ließ die Herzogin durch einige der anweſenden Herren in ein anderes Zimmer geleiten. Jakob ſelbſt ſchien einigermaßen zu fühlen, daß er grau⸗ ſam und unhöflich verfahren war, denn er ſagte in leiſem und faſt entſchuldigendem Tone: 368 „Potz Blitz! ich vergaß, daß ſie des Earls Tochter iſt. Man kann in dieſem unſerem guten Lande nicht immer daran denken, wer alles mit den früher Geköpften ver⸗ wandt iſt.“ Er ging ſofort zu anderen Gegenſtänden über und ſchien den ganzen Vorfall bald zu vergeſſen. Als Gowrie einige Minuten ſpäter, unbekannt mit dem was vorgefallen, ein⸗ geführt wurde, da empfing ihn der König mit der äußerſten Güte und Herzlichkeit, indem er diesmal recht auffallend jene verabſcheuungswürdige Heuchelei entfaltete, die er als eines der Haupterforderniſſe königlichen Weſens betrachtete. Sein Benehmen war ſogar allzu gnädig und herablaſſend und näherte ſich einem Grade der Vertraulichkeit, der für die Gefühle des jungen Earls viel widerlicher war als Hoch⸗ muth hätte ſeyn können. Er reichte ihm ſeine Hand zum Kuſſe, kneipte ihn in's Ohr, nannte ihn einen Landläufer und beſtand darauf, ihn über die Humaniora, wie er es nannte, zu examiniren— zur großen Langweile der meiſten Höflinge, von denen viele weder Lateiniſch noch Griechiſch, ja kaum ihre eigene Sprache verſtanden. Des Earls Ant⸗ worten ſchienen Seine Majeſtät zu befriedigen, und er ging ſo weit, daß er den Grafen für einen wackeren Gelehrten und einen Ruhm ſeines Landes erklärte. Dieſe gnädige Rede beſchloß eine Einladung zum Früh⸗ ſtück auf den folgenden Morgen, und hier begann er mit dem hinter ſeinem Stuhle ſtehenden Earl ein Geſpräch, deſſen Gemeinheit uns nicht erlaubt, es hier zu wiederholen, deſſen Inhalt man aber errathen kann, wenn ich erwähne, ¹ 369 daß es ſich auf die Ermordung David Rizzio's und den Schrecken bezog, den jenes ſchauderhafte Ereigniß der un⸗ glücklichen Maria einflößte, welche damals eben mit dem Monarchen, der hier ſprach, ſchwanger ging. 2 Gowrie fühlte, daß bei der Rolle, welche ſein Großvater in jenem beklagenswerthen Momente geſpielt hatte, dieſer Gegenſtand abſichtlich gewählt war, um ihn zu kränken; allein er unterdrückte jedes zornige Gefühl, nicht allein aus Achtung vor dem König, ſondern auch weil er innerlich überzeugt war, daß das Benehmen ſeines Ahnherrn bei jener Gelegenheit nicht zu rechtfertigen war, und daß der König einen wirklichen Grund zum Vorwurf gegen ſeine Familie beſaß, der allerdings nach chriſtlichen Grundſätzen und bei irgend ehrenhafter Geſinnung hätte verſtummen ſollen, wenn man erwog, was ſeitdem vorgefallen war, deſſen aber nichtsdeſtoweniger ein ſchwaches niedriges Ge⸗ müth, an dem der Ingrimm nagte, noch immer gedenken mochte. Er gab deßhalb gar keine Antwort und ließ das Geſpräch eine andere Wendung ſuchen, als plötzlich zu ſeiner Ueberraſchung Oberſt Stuart eintrat und von Jakob als geladener Gaſt begrüßt wurde. Jetzt regte ſich der Geiſt ſeines Stammes in ihm, denn er ſah hier vor ſich— offenbar eingeladen um ihm heute Mor⸗ gen zu begegnen— jenen Mann, der ſeinen Vater, nachdem dieſer durch gebieteriſchen Befehl des Königs innerhalb vierzehn Tagen aus dem Reiche verbannt worden und nur wenige Stunden länger zu Dundee gezögert hatte, um ſeine Familienangelegenheiten zu ordnen und ein Schiff zur Ab⸗ James. Gowrie, 24 370 fahrt zu miethen— bis in den Hafen, wo er ſich einſchiffen wollte, verfolgt und ſein Haupt dem Henker überliefert hatte. Seine Geduld vermochte nicht länger an ſich zu halten, und einen Schritt zurücktretend, ſagte er: „Ich denke, Eure Majeſtät, ich werde mich jetzt beſſer zurückziehen.“ „Geht, geht, Mylord Gowrie,“ brummte der König, „ich will nicht haben, daß Ihr auf Oberſt Stuart herabſeht. Er iſt ein würdiger Gentleman und hat meiner Krone gute Dienſte geleiſtet. Auch leide ich nicht, daß Ihr wegen längſt vergangener Dinge Händel mit ihm ſuchet.“ „Sire,“ antwortete der Earl mit tiefer Verbeugung, „ich werde dieſen Mann nie aufſuchen; aber es ziemt ſich nicht, daß er meinen Pfad durchkreuze. Händel will ich keine mit ihm haben: aquila non capit muscas*. Ich erſuche Eure Majeſtät mir zu verzeihen, wenn ich mich entferne.“ Hiemit verließ er langſam des Königs Zimmer. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Der ganze Hof von Holyrood war jetzt vornehmlich mit einem Gegenſtande beſchäftigt. Es iſt der Fehler aller kleinen Höfe, daß ihre ganze Aufmerkſamkeit von perſönlichem Gezänk und kleinlichen Leidenſchaften in Anſpruch genommen wird, die ſich nicht weniger giftig ausſprechen, weil ſie ſo kleinlich ſind. Der Earl von Gowrie war kein Liebling am * Der Adler fäͤngt keine Fliegen. 371 Hofe— ſo viel war in der erſten Woche nach ſeiner Rückkehr vom Kontinent klar geworden, und obwohl er keinen Poſten bei des Königs Perſon begleitete oder begehrte, ſo bemerkten doch Alle, welche die gebrechliche Leiter der Hofgunſt hinan⸗ klimmten, mit großer Befriedigung die Kälte zwiſchen ihm und dem König und prophezeiten den Fall derjenigen Mit⸗ glieder ſeiner Familie, welche Hofchargen im königlichen Haushalt erlangt hatten. Auf alle Fälle war Gowrie, ſo weit es ihn perſönlich betraf, darauf gefaßt, die Sache kurz abzuſchneiden und ſich unter dem Vorwande— ſeine Mutter beſuchen und ſich von dem Zuſtande ſeiner Beſitzun⸗ gen überzeugen zu wollen— zehn Tage nach ſeiner Ankunft in Edinburgh von dem Koͤnig zu verabſchieden. Gleichwohl beſchäftigte er ſelbſt wie ſeine Verwandten am Hofe die Gedanken der Leute fortwährend. Durch ſeinen Reichthum, ſeine Verbindungen und ſeinen ausgedehnten Landbeſitz war er eine viel zu wichtige Perſon, als daß man ſeine Schritte, ſein Benehmen oder ſeine Abſichten leicht genommen hätte, und ſeinen Nebenpeers ſowohl an geiſtiger Begabung wie an erworbenen Kenntniſſen weit überlegen, hatte er eine ſo entſchiedene Vorliebe für jene vernünftige Freiheit gezeigt, welche allen Begriffen Jakobs vom Anſehen der Krone widerſprach, daß die Höflinge ſogleich bereit waren ihn zu haſſen, weil ihr königlicher Gebieter bewies, daß er ue hehe Nichtsdeſtoweniger war er bei der großen Mehrheit ſeiner Standesgenoſſen ſehr populär und bei den ärmeren Klaſſen allgemein und auf gefährliche Weiſe beliebt. Wo er ſich öffentlich zeigte, wurde er vom Volke hegrüßt, 24* 372 während die Höflinge ſich von ſeinen Geſchwiſtern zurück⸗ zogen, wie wenn der Peſthauch der Ungnade ſie bereits ge⸗ troffen hätte. Seine Ankunft hatte übrigens bei mehreren Perſonen, welche vor derſelben eines Sinnes über ihn geweſen waren, ſehr verſchiedene Wirkung geäußert. Sir Hugh Herries, gewöhnlich nur Doktor Herries genannt, der eine ſtarke per⸗ ſönliche Abneigung gegen des Earls Bruder Alexander und gegen Lady Beatricen hegte und dieſe Animoſttät auf den Earl und deſſen ganze Familie ausgedehnt hatte, ſchien durch Gowrie's Gegenwart in ſeinem rachſüchtigen Uebel⸗ wollen nur noch beſtärkt zu werden. Er gab ſich auch gar keine Mühe dies zu verbergen, ſondern antwortete auf die Bemerkungen, die der Earl an ihn richtete, nur kurz und abſtoßend, indem er ihn insgeheim ſtolz, übermüthig und ehrgeizig nannte, obgleich er ſelbſt keine Urſache hatte, ihn dieſer Fehler zu bezüchtigen. John RNamſay dagegen wurde ernſt und nachdenklich. Er ſuchte des Earls Geſellſchaft nicht, wich ihr aber auch nicht aus, und der gütige freundliche Ton Gowrie's, der ihn als den Bruder eines alten und theuren Freundes behandelte, ſein freies offenes Weſen und einige Beiſpiele ruhiger, groß⸗ müthiger Nachſicht, wenn der junge Mann den Eingebungen ſeines raſchen, kecken Temperamentes nachgab— ſchienen ihn ebenſowohl zu ſchmerzen wie zu beſänftigen. „Er iſt ein edles Weſen,“ ſagte er eines Tags im Ge⸗ ſpräche mit Herries, der den jungen Lord verunglimpft hatte. „Er mag ehrgeizig und ſtolz ſeyn und muß die Schwere 373 ſeiner Fehler tragen, wenn ſie ihn zu Handlungen verleiten; aber er iſt ein nobler Menſch, Sir Hugh, und wenn ich ihn betrachte, ſo kommt er mir immer vor wie ein edler Hirſch, der zum Fällen bezeichnet iſt.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ meinte Herries in ſeinem kalten Tone.„Man erwählt in der Regel die ſchönſten Beſtien, um ihnen die Hunde auf die Ferſen zu hetzen; ich bin jedoch der Anſicht, Namſay, daß ein Hirſch, der ſein Haupt ſo hoch trägt, gefährlich werden könnte, wenn man ihn nicht zu Falle brächte, bevor ſein Geweih ganz ausge⸗ wachſen iſt.“ „Vielleicht wohl,“ gab Ramſay zur Antwort;„um ſo mehr iſt's Schade um ihn.“ Mit dieſen Worten verließ er den Doktor. Während dieſes kurzen Geſpräches ſaß Gowrie mit Bruder und Schweſter in einem kleinen Zimmer des Palaſtes, um ſich vor ſeiner Abreiſe noch ruhig mit ihnen zu be⸗ ſprechen. Sie waren behutſam in Allem was ſie ſagten, und des Königs Benehmen gegen den Earl ſeit deſſen Rück⸗ kehr wurde nie zwiſchen ihnen erwähnt, denn Jakobs All⸗ gegenwart war im Palaſte wohl bekannt, und Niemand wußte ſicher, wo der Monarch im Augenblick ſeyn konnte. „Nun, Gowrie,“ ſagte Beatrice,„ich will verſuchen auf einige Tage Urlaub zu bekommen, während Du zu Dirleton biſtz um Dich und die Mutter zu ſehen, denn ich habe Dir tauſend Dinge zu ſagen, von denen ich hier nicht ſprechen konnte und es auch nie vermöͤchte, ſelbſt wenn wir hier unſer Greiſenalter erleben ſollten.“ 374 5 4 „Wird wohl nicht ſonderlich wichtig ſeyn, theure Bea⸗ trice,“ erwiederte der Earl,„ſonſt hätteſt Du mich ja in meiner Wohnung in der High⸗Street aufſuchen können.“ „Ihr Männer ſeyd doch alle gleich,“ lachte Beatrice; „ihr haltet uns Weiber für ſo frivole Geſchöpfe, daß wir nie etwas Wichtiges zu ſagen haben können. Wenn ich nun aber von der Dame mit den ſchwarzen Augen mit Dir reden möchte, die Du aus Italien herüberbrachteſt, und welche gleichwohl noch nicht unter uns erſchienen iſt— würde Dir das nicht wichtig erſcheinen, mein Herr und Bruder?“ „Hume hat Dir Geſchichten erzählt,“ ſagte Gowrie F lachend. „Ei bewahre,“ verſetzte Beatrice;„Deine eigene theure Mutter hat mir die Sache vor vier bis fünf Monaten mit⸗ getheilt. Sie ſchickte mir Deinen pflichtgetreuen gehorſamen Brief— vermuthlich um mir ihn als Vorbild vorzuhalten. Was haſt Du aber mit dem theuren Mädchen angefangen? Ich ſehne mich ſehr, ſie bald zu ſehen. Wo haſt Du ſie verſteckt?“ 1 „An einem ſehr ſicheren Orte, Kind,“ erwiederte ihr Bruder heiter aber immer noch auf ſeiner Hut;„Du ſollſt ſte auch ſehen, ſobald ich dem Könige— der hat ſich nämlich in den Kopf geſetzt, ſie müſſe alle Schätze des Earls von Morton geerbt haben— bewieſen habe, daß ihr ganzer Brautſchatz in zweitauſend Golddukaten beſtand, un daß ſte und ihr Großvater ſeit ihrer Flucht aus Schottlan vor neunzehn Jahren in wirklicher Armuth gelebt haben.“ „Wie konnte aber in des Königs weiſem Haupte der 375 Gedanke entſtehen, daß ſie den Reichthum des Regenten geerbt habe?“ fragte Beatrice. 4 „So etwas war nicht ſo unwahrſcheinlich, wie Du meinſt,“ bemerkte Gowrie.„Der König hat eine ſcharfe Naſe für ſolche Dinge, und ſo überzeugt war er, daß dies der Fall ſey, daß er mir Lindores auf die Straße von Carlisle entgegenſchickte, um meine arme Julia als Mündel der Krone in Empfang zu nehmen. Lindores ärgerte ſich nicht wenig, als er erfuhr, daß ich ſie zurückgelaſſen hatte; um ſich zu tröſten, betrank er ſich noch in derſelben Nacht und erzählte mir in ſeinem Rauſch die ganze Geſchichte.“ 8 Beatrice lachte und Alexander Ruthven lachte; Gowrie fuhl jedoch fort: x „Ich darf nicht wagen, ſelbſt mit Seiner Majeſtät von der Sache zu reden und habe umſonſt darauf gewartet, daß er mit mir anfinge. Ich habe ihm den Ball ſchon ein Dutzendmal vor die Füße geworfen; aber er wollte ihn nicht aufheben, und doch glaube ich, Beatrice, er würde mich lieber ein armes Mädchen wie dieſe, als eine reiche Erbin heirathen ſehen.“ „Heda, Alex! Knabe— Alex!“ rief des Königs Stimme nicht gar weit von der Thüre.„Alex Ruthven! ſage mir, iſt Dein guter Bruder fort?“ und Jakob ſelbſt trat ohne Begleitung in's Zimmer. Alle erhoben ſich augenblicklich und der König watſchelte nach einem Stuhle mit jenem eigenthümlichen unmanier⸗ lichen Humpeln, das immer am deutlichſten hervortrat, wenn er heftig erregt war oder beſonders gnädig erſcheinen wollte. Es war faſt immer ein ſicheres Zeichen, daß der Monarch nur Gunſt heuchle, wenn er ſich Jemand mit dieſem ſtark markirten watſchelnden Gange näherte. Die Einzige im Zimmer, deren klarer Blick und lange Beobachtung ſie befähigte, die Wahrheit zu beurtheilen, war Beatrice Ruthven; ſie ſtand bei Seite und betrachtete den König, während Gowrie ſich beeilte, ihm einen Stuhl näher zu rücken. „Ei, Ihr haltet ja da ein koſendes Familienconcil!“ ſagte Jakob, ſich niederlaſſend.„Mein guter Lord Earl, ich wünſchte Euch etwas zu ſagen, ehe Ihr gehet, und zwar ganz privatim und freundſchaftlich.“ „Jetzt kommt der Handel mit meiner ſchönen Julia,“ dachte Gowrie und erwiederte:„Ich bin glücklich, daß ich hier bin, um Eurer Majeſtät Befehle zu empfangen.“ Allein Jakob war entſchloſſen, kein Wort über den er⸗ warteten Gegenſtand zu äußern, bis der Earl ſelber ſprach, und mochte er nun einen Theil des vorangegangenen Ge⸗ ſpräches gehört haben oder nicht— was immer ein Geheim⸗ niß bleiben wird— er blieb ſeinem Entſchluſſe getreu. „Was ich ſagen wollte, Mylord, iſt dieſes,“ begann er. „Wir haben heute den zwölften Maͤrz, und am dreiund⸗ zwanzigſten des Monats gedenken Wir Unſere Peers zu ver⸗ ſammeln, um ihnen die Nothdurft des Staates vorzulegen, welcher nur durch einige neue Steuern oder Hülfsquellen von Unſerem getreuen Volke begegnet werden kann, um Uns in den Stand zu ſetzen, das Werk der Regierung leichter durchzuführen; denn wir gekronten Könige ſind ſchlimm 377 daran, wie der Teufel in der Hölle weiß, der uns ſo manche Wirrſal bereitet,“ fuhr Jakob in vertraulicherem Tone fort. „Was ich nun ſagen wollte, mein guter Lord, iſt: ich muß in dieſer Sache Euren Rath und Beiſtand haben neben dem von anderen edlen Lords und Euresgleichen, und ich hoffe deßhalb, Ihr werdet zeitig zurückkehren, um Uns, wie Ihr verpflichtet ſeyd, dieſen Rath zu ertheilen.“ „Ganz ſicher, Sire,“ erwiederte Gowrie;„ich werde nicht ermangeln, Eurer Majeſtät Aufforderung zu gehorchen, ſo bald ſie mir zukommt. Ich werde entweder zu Dirleton oder in meinem armen Hauſe zu Perth zu treffen ſeyn.“ „Ueberdies hoffe ich,“ fuhr der König, dieſe Erwiederung wie es ſchien kaum beachtend, fort,„Ihr werdet mir(wie man zu ſagen pflegt) in dieſer Sache Eure Schulter leihen, denn ich kann Euch ſagen, Mylord, daß Wir gegenwärtig recht beengt und eingezwängt ſind, mehr als einem Könige geziemt; Eurer Anhänglichkeit und Loyalität vertrauend glauben Wir, daß Ihr Uns nach Eurem vollen Vermögen behülflich ſeyn werdet.“ „Und wenn es mich mein halbes Beſitzthum koſtete— ich will, Sire,“ erwiederte Gowrie freimüthig.„Man ſoll nie ſagen, mein König ſey in Noth geweſen, und ich habe ihm meinen Antheil— ſo weit mein Privatvermögen reicht — verweigert.“ „Wohl geſprochen, wohl geſprochen!“ erwiederte Jakob; „ich kannte Euch immer als einen treuen und ergebenen Unterthan. Aber ich fürchte, mein beſter Lord, was ein guter Freund der Krone in ſeiner individuellen Eigenſchaft 378 leiſten könnte— nicht daß ich irgend eine freie Gabe oder freundliche Hülfe an den königlichen Schatz zurückweiſen möchte, was Alles ſpäter mit Zinſen zurückbezahlt werden ſollte— aber ich fürchte, es würde nicht ausreichen, um der Leere der Finanzen aufzuhelfen; es wäre nur ein Tropfen im Schöpfeimer, Mann, und Wir müſſen eine allgemeine Abgabe ausſchreiben, welche die Bürde auf alle die guten Leute leicht und gleichmäßig vertheilt.“ „Wenn Eurer Majeſtät Abſichten vollſtändig entwickelt ſeyn werden,“ erwiederte Gowrie, als er ſah, daß der König eine Antwort erwartete,„will ich Euch, getreu meiner Pflicht, in aller Unterthänigkeit meinen gewiſſenhaften Rath über die Sache zu Füßen legen.“ „Ha, ſagt Ihr ſo, Mann?“ verſetzte der König mit leichtem Stirnrunzeln.„Nun, ich hoffe, daß Ihr Wort haltet, und daß Euer Rath und meine Abſichten ſich mit einander vertragen. Geht Ihr zuerſt nach Perth oder nach Dirleton?“ „Nicht nach Perth, mit Eurer Majeſtät Erlaubniß,“ gab Gowrie zur Antwort;„ich habe meine theure Mutter noch nicht geſehen, denn ich hielt es für meine Pflicht, erſt Euch meinen ergebenen Reſpekt zu erzeigen.“ „Darin thatet Ihr Recht, darin thatet Ihr Recht,“ ſagte Jakob;„der König iſt ſo zu ſagen der Vater ſeines ganzen Landes. Wann brecht Ihr auf?“ „Dieſen Abend, Sire,“ erwiederte der Earl;„und wenn ich Eure und Ihrer Majeſtät Erlaubniß erhalten könnte, ſo möchte ich gerne dieſes wilde Mädchen mitnehmen, da ſie 379 mich außer dieſer letzten Woche ſieben Jahre lang und ihre Mutter ſeit ebenſoviel Monden nicht geſehen hat.“ „Meinen Urlaub habt Ihr von ganzer Seele,“ erwie⸗ derte der König;„meine Gnade ziehe mit ihr, denn ſie fand wenig hier, brachte wenig her, und wird wenig zurücklaſſen. Was die Königin betrifft, ſo zweifle ich nicht, daß Ihre Majeſtät den Urlaub verwilligen wird. Bei Leib und Seele! wenn ſie ihn verweigert, iſt die Lady im Stande, ihn ſelbſt zu nehmen.“ 7 Gowrie's Wange erröthete ein wenig; denn er war lange einer Gemeinheit im Sprechen entwöhnt, welche von offener Ehrlichkeit wie von höfiſcher Verfeinerung gleich weit entfernt war; er erwiederte jedoch nichts, da er feſt entſchloſſen war, ſeine Zunge nur bei großen wichtigen Ver⸗ anlaſſungen zu löſen und jeder Veranlaſſung zum Streite auszuweichen. Nach kurzer Pauſe, während deren der König nicht geneigt ſchien zu ſprechen oder ſich zu rühren, begann Gowrie von Neuem: „Wir haben alſo Eurer Majeſtät Erlaubniß, uns an die Königin zu wenden?“ „Ja, ja, Burſche,“ gab der König in grobem ſchwer⸗ fälligem Tone zur Antwort, indem er aufſtand und nach der Thüre humpelte;„ſite wird Euch wohl ſchwerlich ihre Er⸗ laubniß verſagen, die kleine Hexe mitzunehmen, wohin Ihr wollt,“ indem er beim Hinausgehen zwiſchen den Zähnen murmelte—„und der Teufel ziehe mit Euch!“ Alerander Ruthven hatte dem König die Thüre geöffnet, und nachdem er ſie wieder geſchloſſen, bemerkte er trocken, 380 gleichſam als Kommentar zu jenen deutlich genug vernom⸗ menen Worten: „Er meint mich: hätte er nur ſeine Erlaubniß deutlich genug ausgeſprochen!“ „Meinte Dich! mit was, Alex?“ fragte Gowrie. „Mit dem Teufel,“ antwortete Alexander Ruthven; „denn während er hinausging, ſagte er vor ſich hin: der Teufel zieh mit Euch!' Wir können aber nicht Beide zu gleicher Zeit fort, wie ich weiß, und ſo muß ich eben hier bleiben.“ „Ueberdies haſt Du Deinen Feiertag ſchon gehabt, Alex,“ antwortete Beatrice,„und gleich den meiſten Kna⸗ ben, wenn ſie zur Schule zurückkehren, biſt Du nicht weiſer oder ſtandhafter als vorher heimgekommen. Ich will übri⸗ gens zur Königin eilen und ſie auf den Knien um Erlaubniß bitten; habe ich dieſe, ſo bin ich bereit, wann Du willſt, Gowrie. O, wie will ich mich wieder an einem wilden Galopp über die Hügel ergötzen!“ „Alſo fort, fort!“ gab ihr Bruder zur Antwort;„und wenn Alex mir Papier gibt, ſo will ich unterdeſſen an einen Freund ſchreiben.“ Beatrice flog zu der Königin, kniete auf den Schemel vor ihr nieder und brachte ihr Geſuch vor. „Du mußt den König bitten, Liebe,“ ſagte Anna von Dänemark, welche bei all ihren vielen Fehlern und nur wenigen feſten Grundſätzen eine gutherzige liebenswürdige und hochgebildete Frau war.„Ich kann Dich nur ſchwer entbehren, Beatrice; aber fern ſey es von mir, Dich von 381 einem frohen Ausfluge abzuhalten. Du mußt jedoch des Königs Erlaubniß einholen; Du weißt, er liebt ein deſpo⸗ tiſches Regiment ſogar in ſeinem eigenen Haushalte, und wenn ich auch hie und da für die Rechte und Freiheiten der Frauen kämpfe, bis er um des lieben Hausfriedens willen nachgibt, ſo darf ich doch nicht einmal die Herrſchaft über meine eigenen Mädchen ganz in meine Hände nehmen.“ „Des Königs Erlaubniß iſt ſchon eingeholt, theure Lady,“ verſetzte Beatrice, und als ſie einen leichten Schat⸗ ten von Unmuth auf der Königin Antlitz bemerkte, wie wenn dieſe dächte, man hätte ſie zuerſt bitten ſollen, ſo ſetzte das Mädchen bei:„Gowrie ſelbſt bat den König, Eure Majeſtät.“ „So, das iſt recht,“erwiederte Anna von Dänemark. „Sage Deinem guten Bruder von mir, ich bedaure, daß wir nicht die Mittel gehabt haben, ihn ſeit ſeiner Rückkehr an unſerem Hofe zu unterhalten; wir werden jedoch bald Bälle und Feſtlichkeiten haben, und ich hoffe ihm zu beweiſen, daß wir im Norden nicht ſo weit hinter ſeinen glänzenden Ita⸗ lienern zurückgeblieben ſind. Jetzt küſſe mich, Kind, und geh dann, um Dich zu rüſten.“ 1 Beatrice Ruthven bedurfte keiner langen Vorbereitung, traf aber erſt die nöthigen Anordnungen mit ihrem Bruder, und es wurde ausgemacht, daß er in ſeine eigene Stadt⸗ wohnung zurückkehren und ſie in ein paar Stunden abholen ſollte. Während ſie zuſammen ſprachen, erblickte ſie zwei Billete, die er während ihrer Abweſenheit geſchrieben hatte, und mit lächelndem Errothen legte ſie den Finger auf das eine, das er zum Abſchicken bereit in der Hand hielt, 382 „Ich kann den Namen wohl leſen, Gowrie,“ ſagte ſie. „So, Du wildes Mädchen,“ erwiederte er;„ich will es nicht abſenden, wenn es Dir nicht recht iſt. Es iſt nur eine Einladung an Hume, daß er uns zu Dirleton treffe. Soll ich ſie zerreißen?“ Ihre einzige Antwort war ein neckiſches Tätſcheln auf ſeine Wange; dann eilte ſie davon, um ſich parat zu machen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Es war gegen drei Uhr Nachmittags, als Gowrie und ſeine Schweſter mit einem Gefolge von acht bis neun be⸗ rittenen Dienern von den Thoren von Holyrood aufbrachen. Beatrice ſah froh und glücklich aus, und Gowrie betrachtete ſie von Zeit zu Zeit mit einem Blicke nachdenklicher Zärt⸗ lichkeit, indem er an der ſchönen Jungfrau dieſelben Züge wieder aufſuchte, deren er ſich von ihrer blühenden Kindheit her erinnerte. „Nun, theure Beatrice,“ begann er,„Dein kleines Herz ſcheint voller Jubel, Deine Wange blüht ſo friſch wie die Roſe, und Deine leichten Glieder, wiewohl nicht ſtark ge⸗ baut, ſcheinen dennoch im Stande, jede erforderliche An⸗ ſtrengung zu beſtehen.“ „O ich kann Alles ertragen,“ verſicherte Beatrice in dem Vertrauen jugendlicher Kraft und Geſundheit.„Ich glaube, auf dieſem zierlichen Klepper, den mir die Königin ſchenkte und mit Dir, mein theurer Bruder, an meiner Seite, könnte ich durch halb Schottland reiten.“ „Ich ſtelle Dich vielleicht auf die Probe,“ ſagte Gowrie lächelnd. „Was meinſt Du, Bruder mein?“ fragte Beatrice, ihn anſchauend.„Du ſiehſt ſo finſter und räthſelhaft.“ „Wie weit kannſt Du in einer Nacht fliegen, mein em⸗ ſiges Bienchen?“ erkundigte ſich Gowrie. „So weit wie eine Schwalbe,“ antwortete die junge Dame, zu ſeinem Geſichte emporſchauend. Doch Gowrie beſann ſich eine Weile und ſprach: „Nein, ſechzig Meilen iſt zu viel; wir reiten eben ſo weit wir können und ruhen dann für die Nacht.“ „Mann der Geheimniſſe, was meinſt Du nur?“ rief Beatrice in ihrem gewohnten munteren Tone.„Wohin führſt Du mich denn? Etwa in einen tiefen Thurm auf einem Deiner Bergſchlöſſer, um mich, ſo lange Dir's beliebt, als Gefangene zu behalten?“ 1 „Ja, das will ich,“ gab Gowrie zur Antwort. „Was hat aber Deine arme Schweſter gethan?“ kreiſchte Beatrice lachend.„Ich habe ja keines Deiner Geheimniſſe verrathen, keines Deiner Komplotte entdeckt; ich verheirathe mich nicht einmal ohne Deine Erlaubniß.“ „Du haſt unbeſcheidene Fragen geſtellt,“ ſagte Gowrie, einen ſauertöpfiſchen Ton annehmend—„unbeſcheidene Fragen über eine gewiſſe ſchwarzaugige Dame. Iſt das für einen Tyrannen von Bruder, wie ich, nicht Beleidigung genug?“ 384 „Ah, ich verſtehe, theurer Bruder, ich verſtehe. Laß uns weiter reiten, die ganze Nacht durch wollen wir reiten. Ich ſehne mich nach ihrem Anblick, um ihr zu ſagen, wie ich ſie lieben will.“ „Still, ſtill!“ mahnte Gowrie leiſe;„wenn Du ſo un⸗ vorſichtig biſt, nehme ich Dich nicht mit. Alles hängt von der Geheimhaltung ab,“ fuhr er beinahe flüſternd fort, „denn der König darf keinen Anhaltspunkt über mich gewin⸗ nen, Beatrice, und wenn er auch nach den Erklärungen, die ich ihm über ihren vermeintlichen Reichthum zu geben ver⸗ mag, vielleicht nicht mehr ſo ängſtlich auf ihre Vormund⸗ ſchaft erpicht iſt, ſo mag ich es doch nicht in ſeine Gewalt legen, daß er mir ihre Hand verweigert oder ſie zur Lock⸗ ſpeiſe macht, um mich zu unrechten Handlungen zu ver⸗ leiten.“ „Da haſt Du Recht,“ gab Beatrice zur Antwort:„Ich habe ſeit Deiner Reiſe mehr von Höfen und Königen geſehen als ich früher wußte, Gowrie, und nicht um alle Schätze Europa's möchte ich, daß eines meiner Lieben in die Hände dieſes Mannes geriethe.“ Eine Art Schauder ſchien ſie bei dieſen Worten zu überlaufen; nachdem ſie jedoch eine Weile geſchwiegen, fuhr ſie fort:„weißt Du auch, Gowrie, daß ich Eines ſehr wünſchte, nämlich, daß Aler ſich vom Hofe zurückzöge. Wenn Du ihn nur überreden könnteſt, daß er ſeinen Poſten aufgäbe und entweder auf Reiſen ginge oder ſich nach Dirleton zurückzöge.“ Gowrie wendete ſich nach ihr um und betrachtete ſie mit Ueberraſchung. „Ich bin erſtaunt, theure Beatrice,“ ſagte er.„Ich hätte geglaubt, daß Du in Deiner Stellung am Hofe recht froh wäreſt, Alexandern neben Dir zu haben.“ „Was mich betrifft— allerdings,“ gab ſie zur Ant⸗ wort;„aber auch das iſt nicht ganz wahr, denn er erhält mich fortwährend in ſolcher Angſt, daß ſeine Gegenwart mir eher peinlich als tröſtlich iſt.“ „Was iſt aber die Urſache? Was hat er gethan?“ fragte ihr Bruder mit ſtets wachſendem Erſtaunen.„Ihr ſchienet ja die beſten Freunde von der Welt.“ „Das ſind wir auch,“ erwiederte ſeine hübſche Schweſter. „Ich fürchte nur für ihn, nur um ſeinetwillen bin ich ängſt⸗ lich. Ueber das, was er gethan hat, wie über ſein ganzes Benehmen, kant ich nicht wohl reden, Gowrie. Er hat nichts Unrechtes gethan, wie ich hoffe und glaube; aber er iſt ſehr unklug geweſen: er hat viele große und mächtige Feinde. Der König liebt ihn nicht und wird ihm eines Tags übel mitſpielen; Sir Hugh Herries haßt ihn tödtlich, und mit dem jungen John Ramſay iſt er'beſtändig im Streit. Weil Ramſay's Erziehung weniger fein war, weil ſeine Ma⸗ nieren rauher und minder abgeſchliffen ſind, deßhalb ſchaut Alex auf ihn herab und läßt es ihn fühlen. Von allen aber fürchte ich nur den König.“ 4 Gowrie ſtellte noch weitere Fragen, konnte aber keine genügende Antwort erhalten, und Beatrice ſagte endlich: „Frage Hume, Gowrie, frage Hume; er wird Dir mehr davon erzählen. Er muß genug geſehen und gehört haben.“ James. Gowrie. 25 386 Hier wurde ihr Geſpräch von einem der Diener unter⸗ brochen, der mit den Worten herbeigeritten kam:. „Ihr ſeyd ſo eben an der Straße nach Dirleton vorbei⸗ geritten, Mylord.“ „Ich weiß es wohl,“ gab Gowrie lächelnd zur Antwort. „Ich habe den Weg noch nicht vergeſſen, Archy; aber ich muß heute Nacht einen Freund beſuchen. Nehmt drei von den Leutemmit Euch und reitet nach Dirleton; überreicht der Gräfin dieſen Brief und verſichert ſie, daß ich übermor⸗ gen bei ihr eintreffen werde. Sagt ihr, daß die bewußten Geſchäfte mich nach Perthſhire führen, daß ich aber den Sporn nicht ſparen werde, um ſie bald zu umarmen. Lady Beatrice geht mit mir, und wir werden zuſammen bei ihr anlangen. Schaut nicht ſo überraſcht, ſondern geht; laßt Wilſon und Nichol bei mir.“ Mit dieſen Worten wendete der Graf ſein Roß und ſprengte in raſchem Schritte gegen Queensferry. „Du mußt eben ein Stückchen See mitnehmen, Bea⸗ trice,“ ſagte er,„denn wir haben nicht Zeit, heute Nacht am Fluſſe hinaufzureiten; wir werden aber noch bei Tages⸗ licht überſetzen.“. „O ich mache mir nichts daraus, Gowrie,“ gab Bea⸗ trice zur Antwort.„Eile, Eile iſt jetzt die Hauptſache. Ich will mit Dir in die Wette rennen, trotzdem daß Dein Pferd ſo lange Beine hat.“ „Schone Dein Rößlein, ſchone Dein Rößlein,“ ermahnte ihr Bruder, als ſie ihren Klepper in raſchen Galopp ſetzte. „Du gäbeſt einen ſchlechten Soldaten, Beatrice, und einen 387 noch ſchlechteren Kurier, wenn Du ſchon im Beginn einer langen Reiſe die ganze Kraft Deines Pferdes aufbrauchen wollteſt. Ich zweifle nicht, daß wir noch heute Nacht Kin⸗ roß erreichen könnten.“ „O viel weiter,“ meinte Beatrice.„Es iſt jetzt kaum vier Uhr; in einer halben Stunde ſind wir über die Fähre und um ſieben zu Kinroß. Wir könnten ſogar Perth noch vor Mitternacht erreichen.“ Der Earl lächelte. „Du verrechneſt Dich in der Zeit, mein Dämchen,“ ſagte er,„wie in der Ausdauer Deines Rößleins. Ueberdies was ſollte ich mit Dir zu Perth thun? Dort in dem großen Hauſe iſt Niemand als Henderſon und eine alte Frau, und ſie werden um neun Uhr zu Bett ſeyn.“ „Dann laß uns in Murray's Gaſthof abſteigen— der wird gewiß noch offen ſtehen,“ ſagte ſeine Schweſter.„Wenn Du mich herausforderſt, ſo will ich Dir bald beweiſen, daß meine Berechnungen ſowohl was die Zeit, als was meinen Klepper betrifft, richtig ſind. Ich habe ſchon früher vierzig Meilen auf ihm zurückgelegt, Earl von Gowrie, und Ihr ſeyd es, der nicht weiß, was ein ſchottiſches Mädchen und ein ſpaniſches Roß zu leiſten vermag.“ „Wohlan, wir wollen ſehen,“ erwiederte der Earl, und ſo ritten ſie weiter. Queensferry war bald erreicht. Die Ueberfahrt ge⸗ ſchah ohne Verzug, und die Sonne beleuchtete faſt noch eine Stunde lang ihren Pfad. Sie waren von der Fluth wie voom Abend begünſtigt, denn der ſeither ziemlich heftige Wind 25* 388 legte ſich vor Sonnenuntergang, und für einen Märznach⸗ mittag war das Wetter mild und angenehm. Nachdem Beatrice alle traurigen und bedrohlichen Gegenſtände durch⸗ geſprochen hatte, kam ihre muntere Laune wieder in voller Fluth daher; ſie erhielt ihren eigenen Renner in ſcharfem Schritte und peitſchte zuweilen im Scherze ihres Bruders Roß, um es anzutreiben, indem ſie erklärte, es ſey das trägſte Thier, das ſie noch je geſehen, oder ſein Herr müſſe entſchloſſen ſeyn, ſie heute Nacht nicht mehr nach Perth zu bringen. Trotz eines kurzen Haltes in dem Wirthshauſe zu Blair Adam, wo— wie wir glaubhaft verſichert werden— ſeit den Tagen des Erzpatriarchen, deſſen Namen es trägt, von jeher eine Herberge beſtanden, erreichten ſte Kinroß um acht Uhr, und Gowrie gab nunmehr zu, daß ſie noch leicht nach Perth gelangen könnten, wenn ſeine Schweſter nicht ermüdet wäre. „Ich habe nur eine einzige Einwendung,“ ſagte er leiſe, ſein Haupt zu ihr niederbeugend,„nämlich, daß wir morgen Früh lange in Perth aufgehalten werden könnten, und über⸗ dies ſagte ich dem König, ich gehe nicht dahin. Es könnte Aufmerkſamkeit und Verdacht erregen, wenn ich mich ent⸗ weder zu verbergen ſuche oder alsbald nach meiner Ankunft weiter eile. Ich bin der Verſchwiegenheit Henderſons nicht ſehr verſichert.“ „Und ich vertraue nicht ſeiner Treue,“ ſagte Beatrice. „Was meinſt Du aber, Gowrie? Iſt das theure Mädchen nicht zu Perth?“ „Nein, zu Trochrie in Strathbaarn,“ erwiederte Gowrie. 389 „Ich ſagte Dir ja, thörichtes Mädchen, es ſey Niemand in dem großen Hauſe als Henderſon und ein altes Weib.“ „Ich dachte, Du meineſt— mit ihrer Ausnahme,“ ant⸗ wortete Beatrice.„Wenn das der Fall iſt, dann gehen wir lieber gar nicht hin. Ich will Dir was ſagen, Gowrie: ich habe einen Plan, der ganz gut iſt. Laß uns nach Rhynd und von dort den Tay hinaufgehen. Zu Rhynd treffen wir den guten Mr. M'Dougal, den Pfarrer, wie er über ſeinen Büchern brütet, und er wird ſich herzlich freuen, den Earl und ſeine putzige, winzige Beatrix zu ſehen. Er ſchleppt dann alle ſeine Flaſchen und Gläſer herbei, und wenn ich nicht gezwungen werde, von ſeinen gebrannten Waſſern zu trinken, ſo wird es meines ganzen Widerſtands bedürfen. Wir können dann morgen aufbrechen, ohne daß eine Seele etwas davon erfährt, denn M'Dougal wird uns nicht aus⸗ fragen, und ſo bald wir fort ſind, wieder vergeſſen, daß wir da waren. Ich meine übrigens, Du hätteſt eine kürzere Straße nach Trochrie einſchlagen können; aber Du biſt ver⸗ muthlich ſo verwälſcht worden, daß Du alle Nebenwege Schottlands vergeſſen haſt.“ „Nein, nein,“ gab Gowrie zur Antwort;„ich habe die⸗ ſen eingeſchlagen, um im Falle von Nachforſchungen meine Verfolger irre leiten zu können. Die Hirſche lehren uns, wie man die Hunde täuſcht, Beatrice, und ſo lernen wir ſogar von den Thieren, die wir jagen. Der Unterſchied iſt jedoch ſehr gering, und wir werden morgen bei guter Zeit anlangen. Dein Plan gefällt mir ganz gut, liebe Schwe⸗ 390 ſter, wenn Du nämlich den Weg nach Rhynd im Dunkeln zu finden weißt.“ „O das kann ich, Gowrie,“ verſetzte Beatrice.„Ich glaube, mein Kopf war urſprünglich für einen Geographen beſtimmt und iſt nur irrigerweiſe auf meine Schultern ge⸗ rathen; ich will ihn heimgeben, wenn ich je den rechten Ei⸗ genthümer entdecke.“ „Da mußt Du erſt Hume um Erlaubniß fragen,“ meinte Gowrie.„Ich glaube, er wird ſich nicht ſo gern von ihm trennen.“ So ritten ſie durch die Finſterniß, indem Beatrice die Schilderung ihrer eigenen geographiſchen Talente vollkom⸗ men rechtfertigte. Nicht einen Schritt des Weges irrte ſie ſich, ſondern führte ihren Bruder ſchnurgerade zu der beſten Furth über den in der Nähe von Rhynd in den Tay mün⸗ denden Bach, deſſen Namen ich vergeſſen habe, und von da vor die Thüre des Pfarrhauſes. Ihres und ihres Bruders Aufnahme war ſo freundlich und gaſtfrei, wie ſie geahnt hatte. Der alte Mann hatte ſie Beide als Kinder gekonnt und hatte Beatricen ſeitdem oft geſehen. Ich darf mich jedoch nicht damit aufhalten. Die De⸗ tails jenes Abends oder der darauf folgenden Nacht zu ſchildern, wie der Paſtor ſeine leckerſten Gerüchte für den Earl herbeiſchleppte und ihn bei Ueberſetzung einer ſchwie⸗ rigen hebräiſchen Stelle um ſeinen Beiſtand erſuchte; wie er Beatricen in ein Zimmer logirte, das von unten bis oben mit Stickereien von der Hand einer verſtorbenen Schweſter bedeckt war; wie er ſein eigenes Zimmer dem Earl abtrat — 391 und ſeiner Magd auf's Strengſte befahl, es aufzuröthen— alias zu ſäubern, was, ehrlich geſtanden, nicht ganz un⸗ nöthig war. Beatrice ſchlief geſund; der Earl wurde durch die freu⸗ dige Ausſicht auf das Wiederſehen der Geliebten noch län⸗ gere Zeit wach erhalten; aber eine halbe Stunde nach Ta⸗ gesanbruch ſaßen Beide wieder zu Pferd, und der gute alte Mann kehrte nach ihrer Abreiſe wieder in ſein Haus zurück, um wie gewöhnlich ſeine Zeit zwiſchen Büchern und Flaſchen, Predigten und Mahlzeiten zu verleben. Es war ſchwierig zu ſagen, ob die Natur ihn nicht ur⸗ ſprünglich zu einem Mönche beſtimmt hatte, wenn nicht John Knor um ein Jahrhundert zu früh geboren worden wäre und aus ihm, der einen trefflichen Benediktiner gegeben, einen presbyterianiſchen Geiſtlichen gemacht hätte. Er war übri⸗ gens ein guter, freundlicher Mann, der nur nach weichher⸗ zigen Eingebungen handelte; das ſinnliche wie das geiſtige Element war ſtark in ſeiner gemiſchten Natur vertreten, und wenn er auch nicht genug Geiſteskraft beſaß, um die Begierden der Sinne zu unterdrücken, ſo daß das rein Aethe⸗ riſche der Menſchennatur allein geherrſcht hätte, ſo beſaß er doch viele negative und auch einige poſitive Tugenden, welche in Maſſe für einige nicht gar ſtarke Fehler entſchädigen mochten. Mr. M'Dougals Segenswunſch beim Scheiden ſeiner jungen Gäſte und ſein Gebet um eine vergnügte, glückliche Reiſe ſchien gleich von Anfang erfüllt zu werden. Alles ging leicht und fröhlich von Statten, und als ſie das Schloß 392 mit ſeiner wilden und romantiſchen Umgebung— allerdings etwas kahl und einſam, aber ſchön und charakteriſtiſch— zu Geſicht bekamen, da richtete Gowrie ſeine geſpannten Blicke vorwärts und überſchaute die dunkeln grauen Steinmaſſen, wie wenn er gerne durch ſte in die Zimmer geblickt hätte. Von der Seite, wo er ſich näherte, war Trochrie auf be⸗ trächtliche Strecke zu ſehen. Es verlor ſich zwar bald wie⸗ der hinter dem Vorſprung eines Hügels; als er aber ſeine Mauern betrachtete, glaubte er etwas wie eine Menſchen⸗ geſtalt in dunklen Gewändern auf den Zinnen nicht des Wartthurms, ſondern der niedereren Thürme, hinter wel⸗ chen die Maſſe des Hauptgebäudes emporragte— wandeln zu ſehen. Er ſagte kein Wort, denn die Liebe ſcheut ſich vor Spott, und ihn genirte ſogar die luſtige Laune ſeiner jungen Schweſter. Einen Augenblick ſpäter waren jedoch ſeine Zweifel verſchwunden, denn die Geſtalt an der Ecke des weſtlichen Thurmes hob ſich deutlich vom klaren Hori⸗ zonte ab, und er konnie wahrnehmen, wie ſte ſtille hielt und — wie er glaubte— ſich umdrehte, um nach der Ebene, wo er und Beatrice daherritten, hinauszuſchauen. „Sieh, Beatrice, ſieh!“ rief er,„ſie iſt auf den Wällen und ſchaut nach mir, wie ſie verſprochen hat.“ „Sie hat ſonſt nichts zu thun,“ meinte Beatrice,„als die einſamen Moore und grauen Steine oder die dürftigen Bäume des ehemaligen Birnamwaldes zu betrachten. Da kannſt Du ſehen, welcher Unterſchied zwiſchen froher, wil⸗ der, enthuſtaſtiſcher Liebe und zwiſchen ruhiger, nüchterner Vernunft iſt, Gowrie. Du biſt jetzt in voller Gluth, weil 393 Du glaubſt, daß ſie Deiner harrt, und ich wollte drauf wetten, ſie hat nur den Raben zugeſehen, wie ſie ihre Ne⸗ ſter bauen, weil ſie nichts Anderes zu betrachten hat.“ „Haſt Du nicht nach Hume ausgeſchaut?“ fragte der Carl etwas ärgerlich, wenn man die Wahrheit ſagen darf. „Ich— o bewahre!“ antwortete Beatrice.„Er traf mich und Alex im Streit, oder beſſer geſagt, wie ich den jungen Herrn auszankte und dieſer ſchmollte; aber ich glaube wirklich, daß eine Frau dort auf den Zinnen ſteht, und jetzt bewegt ſie ſich weiter. Es kann auch ein Mann im Mantel ſeyn; aber es ſieht allerdings einer Frau ähnlich. Nun erwarte nur nicht, daß ſie herabkommt und Dir bis an's Thor oder die Zugbrücke entgegengeht, denn wenn ſie nur einigen Sinn für ihre eigene Würde wie für die Unter⸗ würfigkeit beſitzt, worin das Weib den Mann erhalten muß, ſo bleibt ſte, wo ſie iſt, und weiß nichts von Deinem Kom⸗ men, bis Du Dich ſelbſt bei ihr anſagſt.“ In dieſem Augenblicke wurde das Schloß abermals durch den Hügel verdeckt, und als ſie endlich aus dem Walde heraustraten und Trochrie abermals zu Geſicht bekamen, ſtanden ſie dicht unter deſſen Wällen. Gowrie ſchaute em⸗ por; aber Julia war nicht länger zu ſehen. Als er je⸗ doch den Abhang hinaufſtieg, pochte ſein Herz in der freu⸗ digen Ahnung, daß Beatricen's leichtfertige Prophezeiung Lügen geſtraft werden würde. Unter dem tiefen Schloß⸗ bogen des weit geöffneten Thores, an dem das Fallgatter aufgezogen und die Zugbrücke niedergelaſſen war, ſtand eine Geſtalt, zu deren Erkennung es keines zweiten Blickes 394 bedurfte. Im nächſten Augenblicke war er über der Brücke, ſprang vom Roſſe und ſtand neben ihr, und als Beatrice mit den Dienern folgte, nahm Gowrie Juliens Hand und führte ſie ſeiner Schweſter einige Schritte entgegen. „Sie iſt nicht ſo kaltherzig wie Du, Beatrice,“ ſagte er munter,„denn ſie kam uns bis hieher entgegen.“ Beatrice war im Augenblicke abgeſtiegen, und ihre Art, wie ſie ihres Bruders Verlobte begrüßte, zeigte auch ihrer⸗ ſeits keine große Kaltherzigkeit. Ihre eigenen hellbraunen Locken zurückwerfend, küßte ſie Julien zärtlich und ſprach: „Ich habe ihn im Herkommen tüchtig ausgeſcholten, theure Julia, nur damit ſeine Ungeduld nicht alle Grenzen überſprang; was er aber auch ſagen mag, ſo glaube nur ja nicht, daß ich Dich nicht liebe. Bin ich nicht beinahe ſieben⸗ zig Meilen geritten, um Dich zu ſehen, und zwar um ſo lieber, als die Sache ſo geheim gehalten wird, daß ſie mir faſt wie Verrath vorkommt, was für eine Frau unter allen denkbaren Ergötzlichkeiten die größte iſt. Doch komm, laß uns in's Schloß treten: Du haſt weder Schleier noch Haube, und die Bergluft iſt nicht weich, beſonders für ſolche, die lange in ſüdlichen Ländern gelebt haben.“ Hiemit ſchob ſie ihren Arm in den ihrer neuen Freundin und ging nach dem Kaſtelle voran, deſſen Gemächer ihr ſammt und ſonders wohl bekannt ſchienen. Kein Diener begegnete ihnen unterwegs, und das Schloß ſchien bei geöffneten Thoren und niedergelaſſener Zugbrücke der Gnade jedes Angreifers preisgegeben. Gowrie ſchaute ſich unwillig um. „ 395 „Das iſt gefährlich,“ bemerkte er, während ſie über den äußern Hof gingen.„Wo ſind die Leute, die Du mitbrach⸗ teſt, theure Julia? Ich hätte geglaubt, Auſtin würde achtſamer ſeyn.“ „Auſtin wacht im Thurme,“ ſagte Julia,„und die Frauen melken hinten auf dem Felde; die übrigen Männer ſind, glaub' ich, ausgezogen, um in dem Thale auf der andern Seite jenes großen Hügels Wild zu holen Wir fanden das Schloß nur dürftig mit Proviant verſehen, und ſie ſcheinen gewöhnt zu ſeyn, auf ſolche Art für ihre Be⸗ dürfniſſe zu ſorgen.“ „Das hab' ich gefürchtet,“ erwiederte Gowrie nachdenk⸗ lich;„wir müſſen jedoch darauf ſehen, daß Du für die Zu⸗ unft beſſer beſchützt wirſt, Liebe, und wenn meine Mutter den Zuſtand des Schloſſes kennte, ſo würde ſie gewiß alles Nöthige für Dich herbeigeſchickt haben.“ „Das hat ſie auch gethan,“ antwortete Julia.„Erſt heute Morgen langten mehrere Pferdsladungen an, gefüllt mit Allem, was ſie zum Zeitvertreibe nur erſinnen konnte; die Männer ſind aber ohne Zweifel an ein thätigeres Leben gewöhnt als ich, und da ſie nicht ſo viel zu denken haben, ſo finden ſie das Stillſitzen langweilig.“ „Sie müſſen eines Beſſeren belehrt werden,“ erwiederte der Earl, indem ſie ſich nach einem großen Zimmer im obe⸗ ren Stockwerke verfügten, das Julia zu ihrem Wohnzimmer eingerichtet und mit den Büchern, welche Lady Gowrie ihr geſendet, mit einer Laute und Mandoline, ſo gut ſie konnte, „verziert hatte. 396 Eine leichte Wolke am Morgen führt oft nur um ſo hel⸗ leren Tag herbei. Gowrie war unwillig über die Nachläſſig⸗ keit ſeiner Leute, und als ſie bald darauf zurückkehrten, ſchalt er ſie ſtrenge wegen ihres Mangels an Vorſicht. Nur zwei ſuchten ſich zu entſchuldigen, nämlich der gewöhnliche Hü⸗ ter des Schloſſes, der mit demüthigem Tone und mit der Ehrerbietung eines Clansmannes gegen ſeinen Häuptling erklärte, daß er von den Wünſchen ſeines Lords wie von der Nothwendigkeit der Vorſicht nicht unterrichtet geweſen, und neben ihm David Drummond, welcher Julien hierher beglei⸗ tone antwortete, den Gowrie mit mehr Ruhe ertrug als Julia und Beatrice erwartet hatten: „Ihr müßt mehr auf Eurer Hut ſeyn, Donald,“ er⸗ klärte er dem Erſtgenannten;„auch müßt Ihr Eure Streit⸗ kräfte hier vermehren, die Pächter zur Beſchützung des Schloſſes aufrufen und jederzeit wenigſtens zehn Mann zur Beſatzung haben. Ferner müßt Ihr ſie benachrichtigen, daß ſie ſich bereit machen, auf die gewöhnlichen Zeichen mit allen ſtreitbaren Männern heranzuziehen. Auch die Männer von Athol werden Euch im Nothfalle zu Hülfe eilen. Ich will meiner guten Schweſter noch heute Abend ſchreiben, denn ich weiß nicht, was von einem Augenblick zum andern paſſi⸗ ren kann, und ich befehle Euch hiemit, Euch gegen jede Streit⸗ macht, die zum Ueberfalle des Schloſſes ausgeſendet wird, bis auf den letzten Mann zu halten, wer auch immer Eure Feinde befehligen möge. Heute Abend, ehe wir zu Bette gehen, wollen wir noch mehr von der Sache reden. David tet hatte und ſeinem Lord in einem mürriſchen Bullenbeißer⸗ 397 Drummond, Ihr geht morgen mit mir nach Perth— haltet Euch alſo parat.“ Nach dieſen Worten verſchwand die Wolke von ſeiner Stirn'wie von ſeiner Seele, und der Reſt des Abends ver⸗ ſtrich in ungetrübter Heiterkeit. Ach! für einen Geiſt wie Gowrie's war es ein Traum des Glücks, oder vielmehr die Nealiſirung des glänzendſten Traumes, der noch je ein Männerherz erfüllte. So oft, wenn er auf ihrer Heimreiſe aus Italien das ſchöne Antlitz der Geliebten mit jener Mi⸗ ſchung glühender Leidenſchaft und reinerer, höherer, erhe⸗ benderer Zärtlichkeit, welche die Leidenſchaft zur Würde der Liebe erhebt, betrachtet hatte— war ihm geweſen, als ob er jenes zarte Weſen zuſammen mit denen, welche durch Bande der Verwandtſchaft und langer Zuneigung mit ihm verknüpft waren, vor ſich ſitzen ſehe, als ob er wahrnehme, wie ſie deren Liebe gewinne, gleich wie ſie die ſeinige ge⸗ wonnen hatte, und von ſeiner theuren Mutter als Kind, von ſeinen Schweſtern als Schweſter aufgenommen werde. Und nun, als ſie und Beatrice zuſammen ſaßen, die ſchönen Hände von Beiden oft in einander geflochten und mit den Armen zuweilen ſich umſchlungen haltend, während ihre Blicke ſich gegenſeitig betrachteten um die Züge ſich einzu⸗ prägen, die ſie ſo bereitwillig liebten und ihrem Gedächtniſſe eindrückten, bis ihr geſpannter Blick ein flüchtiges Erröthen oder frohes Lächeln hervorrief— da war er geneigt zu glau⸗ ben, daß alle dunkeln Vorzeichen verſchwunden und das Glück der blinden Hand des Geſchickes entwunden ſey. ◻ Ir ſebbſt war ganz ſtumm in ſeiner Seligkeit; aber Bea⸗ 398 trice ſprach lebhaft und riß Julien's ernſter geſtimmte Ge⸗ danken mit ſich fort; die Schweſter lächelte mit tiefer reger Theilnahme über den friſchen Geiſt und die beredte Origi⸗ nalität der Braut ihres Bruders und erklärte laut, ſte finde ſte bezaubernd, ganz unähnlich anderen irdiſchen Weſen, gleich einem Engel, der in eine ihm unbekannte Welt der Sorge und des Uebels herabgeſendet worden. Als die Stunden des Tages verſtrichen, als die Nacht herein brach und in der Halle Lichter angezündet wurden, da bat Gowrie, daß Julia ſinge, und die vollen reichen Töne ihrer melodiſchen Stimme begannen eine Muſtk, wie ſie noch nicht im Norden bekannt war, und füllten die alte Halle, daß die kleinen Fenſterſcheiben in ihren Bleirahmen bebten und in Beatricen's Herzen tief ſchlummernde Regungen wach riefen, deren Keime ſie erſt jetzt in ihrem Buſen entdeckte, da ſich der Sonnenſchein des Geſanges über ſie ergoß. Bald zitterte ſie beim Anhören dieſer Lieder, bald brach ſie faſt in Thränen aus, und ſogar die Diener guckten durch die halb geöffnete Thüre und lauſchten auf die ſüßen Melodien. O es war ein glücklicher Abend voll des reinſten Ge⸗ nuſſes, und gerne, ach wie gerne moͤchte ich lange dabei ver⸗ weilen, möchte die Worte des Jubels, der Hoffnung und Liebe wiederholen, die von Allen ausgetauſcht wurden, und die Gefühle zu ſchildern verſuchen, welche die ſchwindende Stunde erheiterten. Gerne auch mochte ich über die dunk⸗ leren Scenen vor mir den Vorhang ziehen; gerne möchte ich im Sonnenſcheine zögern, der ſo heiter glänzt im ontraſt gegen die ſchwarze Wolke, die der Wind herauf füht Im 399 die Wolke rückt näher, das Schickſal ſchreitet ſachte aber unaufhaltſam vorwärts. Es kann nicht ſeyn, wir müſſen weiter. Neunundzwanzigſtes Kapitel. In der ſchönen Stadt des heiligen Johnſton, zu Perth, am weſtlichen Ufer des Tayſtromes, in gleicher Linie mit den Straßen, welche damals die Spey Street und Water Street hießen, deren erſtere jetzt, wie ich glaube, den Namen der South Street führt, ſtand damals eines der größten und prachtvollſten Häuſer von Schottland, das wohl den Namen des Palaſtes verdiente, der ihm zuweilen beigelegt wurde. Gewöhnlich hieß es Gowrie Houſe oder Gowrie Place; von den Earls von Gowrie ſelbſt wurde es gelegentlich das große Haus genannt, vermuthlich um es von ihren anderen Wohnungen, deren ſie mehrere beſaßen, zu unterſcheiden. Es mag einen Begriff von der Ausdehnung dieſes Gebäudes geben, wenn wir daran erinnern, daß der große Mittelhof ein Oblongum von ſechzig Fuß Länge und neunzig Fuß Breite darſtellte. Rings um dieſen ungeheuren Raum er⸗ hoben ſich vier maſſive Steinmaſſen, zu verſchiedenen Zeiten in allerhand Bauſtylen errichtet, aber zu einem großen und imponirenden viereckigen Komplere verbunden, der in der Mitte der weſtlichen Front einen einzigen Eingang hatte; dort ſtand nämlich ein großes ſchönes Thor aus gehämmertem Eiſen, aus welchem man die ganze Linie der South Street 400 hinabſchaute. Die ſehr ausgedehnten und mit beſonderer Sorgfalt gehaltenen Gärten lagen auf der Rückſeite gegen Süden und erſtreckten ſich in jener Richtung bis zur Stadt⸗ mauer. In der ſüdöſtlichen Ecke des Gartens erhob ſich ein merkwürdiger uralter Thurm, nach einer Tradition, welche nicht mehr bis zu mir gelangte, der Moͤnchsthurm genannt. Die gegen den Tay und nach Süden gelegenen Theile des Baues reichten in das unbekannte Alterthum hinauf und hatten Mauern von ungeheurer Dicke; auch waren ſogar noch damals Sagen im Umlauf, wonach die früheren Lords manchen Gefangenen in den geheimen Win⸗ keln zwiſchen dieſen ſchwerfälligen Wänden eingeſperrt und elendiglich hatten umkommen laſſen. Die nördliche und weſtliche Seite des Vierecks waren weit moderner, und wahrſcheinlich entweder von der Gräfin von Huntley, welche einſt den Palaſt beſaß, oder von einem der erſten Lords Ruthven errichtet worden. Wer auch immer ihr Erbauer geweſen ſeyn mochte, an ihrem Style war deutlich zu be⸗ merken, daß man ſich viele Mühe gegeben hatte, die innere Anordnung der älteren Theile umzumodeln, ſo daß ſie we⸗ nigſtens innerhalb mit den neueren harmonirten; jeder fol⸗ gende Earl von Gowrie hatte beträchtliche Summen auf Verbeſſernngen in der Einrichtung des großen Hauſes ver⸗ wendet, um den Fortſchritten ſeines Landes in Luxus und Verfeinerung Rechnung zu tragen. Auch fehlte es keines⸗ wegs an Zierden mancher Art, denn in dem ſüdlichen Flügel war eine Reihe von kleinen Zimmern in eine Gallerie um⸗ gewandelt, welche damals eine der ſchönſten in Europa war, 401 und der Stolz des erſten Earls William hatte darin beſtan⸗ den, aus allen Ländern Gemälde der größten Künſtler des Tages für dieſes große Zimmer zu ſammeln. In jeder Ecke des Hauſes ſtand ein Thurm oder Thürm⸗ chen, und aus dem ſüdöſtlichen wie aus dem nordweſtlichen Winkel des großen Hofes führten breite Treppen zu den oberen Zimmern. Verſchiedene kleinere öffneten ſich noch auf den Hof, beſonders eine in der ſüdweſtlichen Ecke führte unmittelbar in ein weites Gemach am weſtlichen Ende der Gallerie, welches das Galleriezimmer hieß und ein Kabinet — das ſogenannte Studirzimmer des Grafen— neben ſich hatte. Die große Speiſehalle und eine kleinere lagen in dem älteren Theil des Gebäudes gegen Oſten, und die Loge des Thürſtehers neben dem großen Eiſenthore in der Front. Dieſe lange Beſchreibung iſt nicht unnöthig, wie der Leſer ſpäter finden wird; für jetzt müſſen wir in unſerer Er⸗ zählung fortfahren, indem wir den Leſer erſuchen, die hier erwähnten Einzelheiten im Gedächtniſſe zu behalten. Am Nachmittag des vierzehnten März 1600 ſtand ein Mann mit dem Rücken gegen das halboffene Thor des Gowrie Place. Der Hof hinter ihm war leer; auch auf den Straßen ſah man nicht viele Leute, denn die Tages⸗ arbeit war in der emſigen Stadt noch nicht zu Ende, und man ſah nur hie und da einen Mann, der langſam die South Street durchkreuzte, oder ein Mädchen, das in der entgegen⸗ geſetzten Richtung hinſchlenderte. Der Mann, der hier die Straße auf und ab ſchaute, war ein furzer handfeſter Burſche, mit rothem Geſicht und hell⸗ James, Gowrie, 26. braunem Bart⸗ und Kopfhaar. Er ſah keineswegs übel aus, doch lag in dem Ausdrucke ſeines Geſichts, beſonders um die kleinen ſchwarzen funkelnden Augen eine gewiſſe Miene von Liſt und Pffffigkeit, welche einen Beſchauer nicht zu ſeinen Gunſten einnahm. Durfte man aus ſeinem halb⸗ offenen Munde und dem kurzen gedrungenen Kinn einen Schluß ziehen, ſo lag in ſeinem Charakter jene gewiſſe Schwäche, wie ſie mit Liſt keineswegs unverträglich iſt. Ge⸗ kleidet war er in ein gutes braunes Tuchgewand, mit einem kurzen ſchwarzen Mantel drüber, ohne Schwert an der Seite, nur einen kleinen Dolch im Gürtel;z er hätte für einen der angeſeheneren Bürger der Stadt gehalten werden können, wäre nicht ſeine kriechende Miene geweſen, wegen deren die würdigen Bürger von St. Johnſtone ſich nie berühmt ge⸗ macht haben. Von Zeit zu Zeit drehte er ſich um und ſchaute in den Hof zurück, wie wenn er dort Jemand er⸗ wartete; einmal murmelte er ſogar:„der Teufel ſteckt in dem Weib! ſie braucht lange bis ſie mir die Schlüſſel abnimmt.“ Einige Minuten ſpäter trat er jedoch mit froher Miene einen Schritt vorwärts, als ein Fußgänger in die South Street eintrat und ihn mit lächelndem Zuwinken begrüßte, indem er ſich ihm in raſchem Schritte naherte. „Guten Tag, Mr. Henderſon!“ rief der Fremde. „Ei, Wattie,“ erwiederte der Mann, der vor dem Thore des großen Hauſes geſtanden hatte,„was hat Euch nach Perth gebracht? Wie geht es Euch und all' Euren Leuten, auch dem guten Sir George Ramſay, Eurem Gebieter?“ „Alles wohl, Sir,“ gab der Mann zur Antwort,„ob⸗ 403 wohl ich, ehrlich geſtanden, Sir George ſeit vielen Tagen nicht geſehen habe. Ich war am Hofe, Mr. Henderſon, um mein Glück ſo gut ich konnte zu verbeſſern— übrigens ganz mit meines Herrn Erlaubniß; auch ſein Bruder John thut alles was er kann, um mir zu helfen.“ „Nun, ich hoffe, es ſoll Euch gut gehen,“ meinte Andrew Henderſon, des Earls von Gowrie Vogt oder Haushof⸗ meiſter.„Ich wollte, ich könnte Euch nützlich ſeyn, Wattie; allein der Earl iſt ſchon ſo lange fort, daß er wenig helfen kann, und was Mr. Alerander, den wilden Jungen, betrifft, ſo ſind wir keine ſo großen Freunde.“ „Ihr könnt mir gleichwohl ſehr behülflich ſeyn, Andrew,“ erwiederte der Andere,„denn Ihr ſeyd eben der Mann, der es thun muß, wenn's überhaupt einer kann.“ „Wie das, wie das, Wattie?“ fragte Henderſon.„Ich will alles thun, was ich vermag, Mann.“ „Nun die Sache iſt die,“ gab Sir George Ramſay's Diener zur Antwort:„der alte Inſpektor zu Scoon iſt todt, und ich ſoll die Stelle haben, wie Seine Majeſtät unſerem Meiſter John Ramſay zu verſprechen die Gnade hatte, wenn ich die Verwendung von des Earls Vogte erlangen kann. Der Vogt iſt aber kein anderer als Ihr, Mann.“ „Mein gutes Wort ſollt Ihr haben, Wattie,“ verſicherte Henderſon, ihm auf die Schulter klopfend.„Hat nicht Eures Weibes Baſe, Johanna, meines Halbbruders zweiten Sohn geheirathet? Ich will ſogleich einen Empfehlungsbrief an den ehrenwerthen Schatzmeiſter von Seiner Majeſtät Haus⸗ 5 26* halt ſchreiben.— Wo habt Ihr denn Euer Pferd eingeſtellt, Mann?“ „Ho, ich hab' es in Murray's Gaſthof gelaſſen, weil ich nicht wußte, ob ich Euch treffen würde oder nicht,“ entgegnete der Andere.„Kommt und trinkt eine Flaſche Wein mit mir, Andrew; Ihr könnt Euren Brief auch dort ſchreiben.“ Der Vorſchlag wurde gerne angenommen, denn Andrew Henderſon war ein Mann, der gegen ein ſo gutes Ding, wie eine Flaſche Wein, nie etwas einzuwenden hatte. Er rief einem alten Weibe das jetzt im Hofe ſtand und ſagte: „Heda, Lore, nehmt die Schlüſſel; ich gehe in Murray's Gaſthof.“ Und die Beiden ſaßen bald in dem ſogenannten Gaſt⸗ zimmer neben mehreren anderen Perſonen, welche gleichfalls daſelbſt tranken. George Murray, der Beſitzer des Gaſthofs, war ein Mann von guter Familie, obwohl vermuthlich von illegitimer Geburt; ſo viel übrigens war gewiß, daß er den beſten Wein in der Stadt führte, und daß ſein Haus von den vornehmſten Edelleuten der Nachbarſchaft beſucht wurde. Henderſon und Sir George Ramſay's Diener waren bald mit dem Verlangten verſehen, und tranken und plauderten wohl eine halbe Stunde, als man endlich ein Pferd dem Gaſthofe gegenüber anhalten hörte und eine Minute ſpäter David Drummond, den finſter blickenden Diener des Earls von Gowrie, in's Zimmer treten und ſich umſchauen ſah. Andrew Henderſon und ſein Freund Wattie änderten alsbald ihre froͤhlichen Mienen, ſobald ſte ihn gewahr wurden, und Henderſon rief; — . 40⁵ „Ei, Davie, ſeyd Ihr es, Mann? Was bringt Euch nach Perth? Kommt etwa der Earl?“ „Allerdings, Henderſon,“ gab der Mann mit einem fin⸗ ſteren Seitenblicke auf Sir George Ramſay's Diener zur Antwort.„Er wird in fünf Minuten hier ſeyn, und ſchickte mich voraus, um es Euch zu ſagen. Ihr müßt ſogleich in das große Haus hinaufkommen, denn ich habe Euch dort geſucht.“ Henderſon erhob ſich unverzüglich; doch ſein Freund Wattie legte ihm die Hand auf den Arm und ſagte: „Schreibt mir nur noch die paar Zeilen an Sir George Murray; das wird Euch keine Minute aufhalten, Andrew.“ „'s Maul gehalten, Ihr kleiner dummer Taſchenkrebs!“ ſchrie David Drummond in beleidigendem Tone;„glaubt Ihr, er werde ſeinen natürlichen Herrn und Gebieter ver⸗ nachläſſigen, um einem Ding wie Ihr, Wat Matthiſon, aufzuwarten?“ „Ha, David Drummond, David Drummond!“ ſagte der Andere mit feuerſprühenden Blicken,„Ihr habt den Mann meiner Nichte getödtet und ſollt dafür gehängt wer⸗ den, ſo ſicher Ihr Euch auch dünken möget.“ „Dann geſchieht es jedenfalls, weil ich Euch tödte,“ donnerte Drummond, ein ſehr ſtarker Mann, und verſetzte ihm einen heftigen Fauſtſchlag. Der Andere, obwohl nicht ſo kräftig, erwiederte ihn als⸗ bald, und ein regelrechter Kampf wäre zwiſchen Beiden er⸗ folgt, wenn nicht der Herr des Gaſthofes und alle ſonſt An⸗ weſenden ſich eingemiſcht und die Streitenden mit Gewalt auf die Straße getrieben hätten. Dort hielt man ſie eine Weile aus einander und ſuchte ſie zu beſänftigen; bald aber war den Friedenſtiftern ihr Amt entleidet; ſie überließen die Beiden ſich ſelbſt, und Drummond ſtürzte abermals auf Walter Matthiſon. Beide rangen und balgten eine Zeit⸗ lang miteinander, indem Matthiſons Ehrgeiz und Ent⸗ ſchloſſenheit den Mangel phyſiſcher Stärke erſetzten. „Ruft den Stadtvogt, ruft den Stadtvogt!“ ſchrie Hen⸗ derſon laut.„Der Teufel iſt im Spiel, Jock— könnt Ihr ſie nicht auseinander bringen! kommt Murray, helft uns!“ In dieſem Augenblicke ſah man jedoch Drummond ſeine Hand an den Gürtel legen, während Matthiſon im nächſten Momente ihn fahren ließ, und mit dem ſcharfen Todesſchrei: „ach! der Mann hat mich getödtet!“ zurücktaumelte und ehe man ihn noch erreichen konnte auf das Pflaſter nieder⸗ ſtürzte, indem das Blut in Strömen aus ſeiner Seite drang. Ohne ſein Roß zu ergreifen oder ſich umzuſchauen was er gethan hatte, rannte David Drummond, ſo ſchnell ſeine Beine ihn zu tragen vermochten, gegen das große Haus, während eine Menge Volks hinter ihm her rannte. Er er⸗ reichte es jedoch vor ihnen, ſprang durch das offene Eiſenthor in den Hof, wo mehrere Pferde und Männer beiſammen ſtanden, worauf er das Thor den Verfolgern vor der Naſe zuwarf und den Schlüſſel umdrehte. Sobald dies geſchehen war, ſuchte er in das Haus ſelbſt zu dringen, wurde aber von dem Earl von Gowrie ſelbſt angehalten, der ihn am Kragen faßte und mit der Hand wahrſcheinlich auf eine Blutſpur an ſeinem Arme deutete. Im nächſten Augen⸗ 7 ———— 407 blicke ſah das Volk, das durch das Gitter hereinſchaute, den Mörder zwei anderen Dienern überantwortet, welche als⸗ bald ſeine Arme mit einem Steigbügelriemen feſtbanden, während Gowrie dem Thore ſich nähernd zu den vorne Ste⸗ henden ſagte: „Ich wünſchte, meine guten Freunde, daß man einen von den Vögten zu mir riefe und ihn bäte, daß er die Wache mitbringe. Ich habe einen Gefangenen hier, der ſeiner Obhut eingehändigt werden muß. „Lang lebe der Earl von Gowrie! lang lebe der große Earl! lange lebe unſer edler Oberrichter! Er wird Gerech⸗ tigkeit handhaben,“ rief ein Dutzend Stimmen, während zwei bis drei Männer nach dem Vogte rannten. „Ach Mylord, das iſt ein trauriger Handel,“ rief Hen⸗ derſon herbeikommend.„Ich freue mich, Eure Lordſchaft wohlbehalten hier anlangen zu ſehen; aber es iſt grauenhaft zu denken, daß einer unſerer eigenen Leute auf den Straßen Blut vergießen ſollte, bevor er noch zehn Minuten in St. Johnſton iſt. Das wilde Thier, der Drummond, hat's gethan, und es ſcheint, er hat ſich hierher geflüchtet.“ „Dort ſteht er im Gewahrſam für ſeine That, Hender⸗ ſon,“ erwiederte der Earl,„und ich erkläre hier vor allen Anweſenden, daß ich jede von meinen eigenen Leuten began⸗ gene Beleidigung ſogar noch ſtrenger als an Anderen ahn⸗ den werde, und das mit Recht, denn die meiſten von ihnen ſind wohlerzogen und alle gut bezahlt und genährt. Sie haben mein Beiſpiel vor Augen, das ſie hoffentlich nie zum unrecht verleiten wird, und haben von jeher meinen Willen gekannt, daß ſie ſich jeder Kränkung eines Anderen enthalten ſollen. Fehlen ſie dennoch, ſo iſt ihr Vergehen um ſo größer, und ich werde es durchaus nicht überſehen. Wer iſt der Mann, den er verwundete?“ „Verwundete, Mylord!“ rief Henderſon;„der iſt ſo leblos wie ein Thürnagel. David Drummond ſtach ihn in's Herz, und nach zwei Minuten war er todt, noch ehe man ihm das Haupt lüpfen konnte. Er hieß Walter Mat⸗ thiſon und war der beſte, ruhigſte, harmloſeſte Menſch, der jemals lebte.— Ha, hier kommt der Vogt Roy.“ „Oeffne einer das Thor,“ befahl der Earl, und durch die Menge tretend begrüßte er den Vogt, einen kleinen, fetten, engbrüſtigen Mann, den er nicht kannte, mit allen Zeichen der Achtung für ſein Amt. 2 „Ich habe nach Euch geſchickt, Herr Vogt,“ ſagte er, „weil ſo eben ein furchtbares Ereigniß in der Stadt vorfiel, wobei einer meiner Diener, Namens David Drummond, wie ich höre, einen Mann, Walter Matthiſon mit Namen, erſchlagen hat. Ich habe den Angeſchuldigten ſogleich er⸗ greifen laſſen und händige ihn Euch ein, damit nach dem Geſetze mit ihm verfahren werde. Ihr werdet ihn in das Stadtgefängniß ſetzen und für ſein Vergehen nach der Regel prozeſſiren laſſen. Ich ſelbſt werde, ſo bald des Königs Dienſt es mir erlaubt, nach Perth zurückkehren, und unmit⸗ telbar nach meiner Ankunft eine Gerichtsſitzung halten. Wenn jedoch der Magiſtrat von Perth das Verhör früher vornehmen will, ſo möge es ohne Furcht oder Parteilich⸗ keit geſchehen, denn meine Gegenwart iſt nicht abſolut noth⸗ 4⁰9 wendig, und der Gefangene hätte von mir ſelbſt jedenfalls nichts als einfache Gerechtigkeit zu gewärtigen.“ „Mylord, Eure Lordſchaft iſt äußerſt gnädig,“ erwie⸗ derte der Vogt.„Der Magiſtrat wird natürlich Eurer Lordſchaft Belieben abwarten, da er bei einem ſo wichtigen und grauenvollen Ereigniß die Ehre der Gegenwart unſeres Lord Oberrichters um keinen Preis entbehren möchte. Ich bitte um Erlaubniß, Eurer Lordſchaft ganz ergebenſt zu Eurer geſegneten Rückkehr Glück wünſchen zu dürfen.“ Dieſe Rede war von verſchiedenen Bücklingen vor dem großen Lord begleitet, worauf er, zu ſeinen eigenen Leuten ſich wendend, in gebieteriſchem Tone fortfuhr: „Haltet den trotzigen Böſewicht feſt und ſchafft ihn fort.“ Unſer edler Lord Oberrichter, meine Freunde, wird Sorge tragen, daß keine wilden Raufhändel in der Stadt Perth vorfallen.“ Der Earl war von Allem was vorgefallen zu ſehr er⸗ griffen und geärgert, um ihm mit einem Lächeln zu danken, und ſobald der Gefangene entfernt war, entließ er den wür⸗ digen Vogt mit gnädigen Worten und zog ſich mit ſeinem Haushofmeiſter Henderſon in den Palaſt zurück. In dem kleineren Speiſezimmer ſetzte er ſich nieder und forſchte ge⸗ nauer nach den näheren Umſtänden der That, welche ihm beinahe, doch nicht ganz, richtig hinterbracht wurden. * David Drummond wurde kurz nachher in der erſten durch den jungen Earl abgehaltenen Gerichtsſeſſion verhört und verur⸗ theilt und am 28. Juni 1600 hingerichtet, wie aus der Chronik der ſchönen Stadt Perth hervorgeht. 3 „ „Wer iſt dieſer Walter Matthiſon?“ fragte er, nachdem Henderſon ihm erzählt, was er mit eigenen Augen geſehen hatte.„War er verheirathet? hatte er Familie?“ „Er war der beſte, friedlichſte Mann von der Welt, My⸗ lord,“ erwiederte Henderſon,„ein alter Diener Sir George Ramſay's, der allen ſeinen Leuten jederzeit ein gütiger Herr geweſen. Verheirathet war er auch, der arme Burſche! und hat drei oder vier Kinder.“ „Das höre ich mit Bedauern,“ ſagte der Earl;„es muß etwas für ſie geſchehen. Gebt mir Dinte und Papier; ich will ſogleich an Sir George ſchreiben.“ Nachdem der Brief geſchrieben und verſiegelt war, rich⸗ tete der Earl ſeine Gedanken auf andere Dinge und ertheilte die nöthigen Befehle, um das große Haus zu Perth in ſolchen Stand zu ſetzen, daß er, ſo oft ihm zu kommen be⸗ liebte, daſelbſt abſteigen konnte. „Ihr müßt mir einen zuverläſſigen Mann als Thür⸗ ſteher ausfindig machen, Henderſon,“ ſagte er,„auch andere zum Dienſte des Hauſes nöthige Leute, wie Köche, Schaff⸗ ner und ſolche Perſonen engagiren. Wie ich ſehe, müſſen wir auch Frauenhände zu Hülfe nehmen, um Alles in heſſe⸗ ren Stand zu ſetzen, denn der Ort iſt in einem traurigen ſtaubigen Zuſtande, Henderſon. Es thut mir leid, ihn ſo verwahrlost zu ſehen.“ „Ja, ſeht Ihr, Mylord,“ erwiederte der Haushofmeiſter, der zu den Leuten gehörte, welche nie um eine Entſchuldi⸗ gung verlegen ſind.—„Mylady, Eure Mutter, wollte uns während Eurer Abweſenheit nur zwei arme, alte, ſchwächliche 411 Frauen geſtatten. Sie konnten nicht viel ausrichten, die armen Dinger! was ſie vermochten, das thaten ſie, wie ich ihnen bezeugen muß; ich werde jedoch darauf ſehen, daß Eurer Lordſchaft Befehle vollzogen werden und vor Eurer Rückkehr Alles in Stand geſetzt wird. Wo ich einen Thür⸗ ſteher hernehmen ſoll, weiß ich nicht; doch ja, ich vergaß— da iſt Chriſtie; der iſt ganz recht; er iſt ein ſtiller, hand⸗ feſter Mann, vollkommen tauglich für einen Thürſteher, und er ſucht auch einen Dienſt. Wollen Eure Lordſchaft heute noch einige von den Rechnungen nachſehen?“ „Nein, Henderſon, nein,“ gab der Earl zur Antwort; „ich muß ſo bald wie möglich nach Dirleton. Holt mir ein Glas Wein. Dieſe traurige Geſchichte betrübt mich ſehr. Es gefällt mir nicht, daß gerade im Augenblick meines Ein⸗ tritts in die Stadt Blut vergoſſen wurde.“ „Mir auch nicht, Mylord,“ verſetzte Henderſon;„'s iſt ein ſchlimmes Zeichen.“ Die letzten Worte ſprach er nur in leiſem Tone für ſich und entfernte ſich, um dem Earl eine kleine ſilberne Flaſche nebſt Becher mit eigenen Händen herbeizuholen. Gowrie trank, und nachdem er noch weitere Befehle er⸗ theilt und gewartet hatte, bis die Pferde mit ihrem Futter fertig waren, ſtieg er wieder zu Pferd, hatte aber kaum fünfzig Schritte zurückgelegt, als ihm vier Männer mit einer Tragbahre begegneten, auf welcher der Leichnam des un⸗ glücklichen Walter Matthiſon, gefolgt von vielen Stadt⸗ leuten, ausgeſtreckt lag. Gowrie hielt augenblicklich ſein Pferd an und erkundigte ſich bei den Leuten, von denen er erfuhr, daß der Leichnam nach dem Hauſe eines Vetters, Namens Symes, der in der Water Street wohnte, geſchafft werden ſollte.. 4 „Sagt dem guten Manne,“ befahl Gowrie,„der Vor⸗ fall thue mir herzlich leid; ich habe wegen des armen Mat⸗ thiſons Familie bereits an Sir George Ramſay geſchrieben, und werde es auf mich nehmen, daß ſie ihrer Stellung ge⸗ mäß verſorgt werde.“ Ein Murmeln des Dankes und Beifalls erfolgte, und der Carl ritt weiter, nachdem er durch ſein Benehmen bei ſo peinlicher Veranlaſſung in der Achtung ſeiner Landsleute eher gewonnen als verloren hatte. Es war ſpät in der Nacht, als er Dirleton erreichte; aber ſeine Mutter war noch auf, ſeiner harrend, und ſie drückte ihn voll warmer Liebe an's Herz. Auch ſeine beiden jungen Brüder waren anweſend, begierig Zeichen ſeiner Liebe zu empfangen. „Wo iſt denn Beatrice?“ ſo lautete die erſte Frage, nachdem der Jubel der Begrüßung vorüber war. „Das liebe Mädchen zog es vor zurückzubleiben, um ein ebenſo theures Weſen zu tröſten und zu erheitern,“ verſetzte Gowrie.„Ich muß mir Eure Verzeihung erbitten, theuerſte Lady und Mutter,“ fuhr er, der Gräfin Hand küſſend, fort, „daß ich nach Trochrie ging, ehe ich nach Dirleton kam; ich hoffe, Ihr werdet das keine Pflichtvergeſſenheit nennen.“ „Es war ganz natürlich, John,“ ſagte ſeine Mutter. „Herzen ſind gleich Bäumen, mein theurer Knabe: ſie müſſen vom Mutterſtamme genommen und auf einen anderen 413 gepfropft werden, um gute Frucht zu tragen. Ich habe ſelbſt geliebt, Gowrie, und habe nicht vergeſſen, was das heißt,“ „Liebe allein würde mich nicht dahin getrieben haben, ehe ich Euch geſehen hatte, theure Mutter,“ antwortete der Earl;„allein ich fürchtete, man werde nicht ſo ſtrenge und ſorgſame Wache halten, wie es nöthig iſt, und meine Ver⸗ muthung war nur allzu richtig. Ich fand die Schloßthore offen, und außer meinem engliſchen Diener Jute nicht einen Mann im Hauſe. Ich habe jetzt ernſtlich mit Donald Mac Duff, unſerem Baronievogt, geſprochen und Maßregeln er⸗ griffen, um gegen alle Möglichkeiten einer Ueberraſchung Vorkehrung zu treffen. Im Falle der Noth wird Athol zu Hülfe kommen und die Clane werden nicht ausbleiben.— Und nun, William,“ indem er ſeinen Arm über des Jüng⸗ lings Schulter ſchlang,„vielen, vielen Dank, mein theurer Bruder, für all Deine Sorgfalt und Güte für ein Weſen, das mir theurer iſt als ich ſelbſt, und auch Euch, liebſte Mutter, für Euren liebevollen Empfang, der Julien in dem Lande ihrer Väter wie in der Familie ihres künftigen Gatten nicht als Fremde erſcheinen ließ, obgleich ſie beide noch nie geſehen hatte. Ich werde zwei bis drei Tage bei Euch bleiben, und dann Beatricen zu Euch her holen.“ „Es iſt gut, daß Du gekommen biſt, Gowrie,“ ſagte ſeine Mutter,„denn hier iſt eine Aufforderung vom König, wonach Du in zehn Tagen ſeinem Staatsrath anzuwohnen haſt. Der Bote forſchte neugierig, wo Du ſeyeſt, und wir ſagten ihm, Du befindeſt Dich zu Perth, werdeſt aber heute Nacht zurückkehren. Der Koͤnig wird Dich vielleicht dort aufſuchen laſſen.“ „Er wird finden, daß ich in dem fröhlichen St. John⸗ ſtone geweſen,“ verſetzte Gowrie lachend,„und morgen mit Tagesanbruch will ich einen Boten abſenden, um ihm zu be⸗ weiſen, daß ich jetzt hier bin. Er wird meine Reiſe höchſt wahrſcheinlich auch aus Anderer Munde erfahren, denn ich muß leider ſagen, daß es zu Perth zwiſchen einem von George Ramſay's Dienern und unſerem David Drummond, der jenen in's Herz geſtochen, eine ſchlimme Geſchichte gege⸗ ben hat.“ „Die giftige Beſtie!“ rief die alte Gräfin;„ich wollte, ich hätte ihn nicht gerettet, damit er einen anderen ehrlichen Mann tödte.“ „Bei jener anderen Geſchichte haben Beide gefehlt, und ſo war er einigermaßen zu entſchuldigen,“ erklärte der Earl; „diesmal aber war das Unrecht— ſo viel ich bis jetzt weiß — ganz auf ſeiner Seite, und ſo habe ich ihn in den Hän⸗ den der Stadt als Gefangenen zurückgelaſſen. Bei mir ſoll er keine Gnade finden, denn er war wohl gewarnt und iſt ſehr ſchuldig.— Jetzt aber, liebſte Mutter, laßt uns von froheren Dingen reden.— Ach, Euer Haar iſt ſehr grau geworden!“ und er ſtreichelte zärtlich ihren Scheitel. Dreißigſtes Kapitel. Es war ein heiterer Anblick in der Stadt Edinburgh, als am Morgen des 23. März die vornehmſten Edlen des Landes mit ſtattlichem Geleite in den Staatsrath ritten, zu dem der König ſie eingeladen hatte, und zahlreiche Zuſchauer hatten ſich verſammelt, um ſie vorüberziehen zu ſehen. Keine ſonderliche Freude war jedoch auf den Geſichtern der guten Bürger von Edinburgh wahrzunehmen, denn ſchon hatte ſich das Gerücht durch die Stadt verbreitet, daß zur Förde⸗ rung der Verſchwendung des Königs und zur Bereicherung ſeiner Lieblinge am Hofe eine neue Auflage beabſichtigt werde. Noch nie hat man ſich mehr geirrt, als David Rizzio es gethan haben ſoll, da er auf Sir James Melville's War⸗ nung, daß er von Gefahr bedroht ſey, die Meinung äußerte, das Bellen der Schottländer ſey ſchlimmer als ihr Biß. Die Geſchichte beweist im Gegentheil, daß der Biß, und zwar ein recht ſcharfer, ihrem Gebelle häufig voranging. Auch diesmal äußerte ſich die Empfindung des Volkes nicht laut, höchſtens wenn einer jener Barone vorüberkam, auf welche das Volk ſein Vertrauen ſetzte; ein dumpfes drohendes Brüten lag über der Menge, die ſich ihre Gedanken nur in leiſen Tönen mittheilte. Gowrie war einer der Erſten auf dem Platze, und lauter Zuruf begrüßte ihn, als er ſich der verſammelten Menge vor dem Palaſte näherte, wo der Staatsrath gehalten wer⸗ den ſollte; der Lärm verſtummte bald wieder, und er ritt ſeines Weges weiter, als ein Simpel aus der Menge her⸗ beirannte und die Hand an ſeinen Zügel legte. „Stimmt nicht für die Tare, Gowrie!“ ſagte er,„ſtimmt nicht für die Unterdrückung des Volks. Wir armen Leute können es kaum erſchwingen.“ 416 Gowrie ſprach einige freundliche, unbedeutende Worte zu dem armen Manne und zog ruhig vorüber, bis er wenige Minuten vor der feſtgeſetzten Stunde am Thore anlangte. Dort erwartete ihn der Thürſteher mit der Meldung, daß Seine Majeſtät ihre Gemächer noch nicht verlaſſen habe, und der junge Graf näherte ſich mit langſamem Schritt und ſehr nachdenklicher Miene dem Fuße der Treppe, als der junge John Ramſay haſtig vom Kamin herbeieilte, wo er geſtanden hatte und ihn mit den Worten anredete: „Mein Herr Graf, ich wünſche Euch zu ſprechen.“ „Ah, Ramſay!“ ſagte Gowrie ſich umwendend und ihm die Hand entgegenſtreckend;„ich habe Euch nicht geſehen.“ Der junge Mann trat jedoch einen Schritt zurück und erwiederte mit ſtolzer, etwas übermüthiger Miene: „Erſt ſind einige Angelegenheiten abzumachen, Mylord, ehe ich weiß, ob wir Freunde oder Feinde ſind.“ „Ganz wie's Euch beliebt, Sir,“ gab Gowrie ruhig zur Antwort, indem er ihn nicht ohne Ueberraſchung betrachtete; „was gibt es?“ „Ich höre, Mylord,“ verſetzte der junge Mann,„daß einer aus Eurem Gefolge zu Perth meines Bruders Diener, Walter Matthiſon, den ich beſchützte, getödtet hat.“ Sein Ton war ſehr beleidigend, und die erſte Antwort die ſich Gowrie auf die Lippen drängte war: Euer Schutz hat ihm ſcheint es wenig genützt; doch unterdrückte er dieſe Rede und begnügte ſich mit der Erwiederung: „Leider iſt dies wirklich der Fall, Ramſay.“ „Dann werdet Ihr Euch erinnern, Mylord, daß wir 417 Blut um Blut haben müſſen,“ entgegnete Ramſay.„Hier ſoll der Schutz der Vornehmen nichts nützen, was er auch in Frankreich bewirken mag, und dienende Männer ſollen nicht ihres Gleichen oder beſſere Leute wie ſie verwunden oder erſchlagen, ſo reich und mächtig auch ihr Gebieter ſeyn mag.“ Gowrie's Wange röthete ſich und ſein Herz pochte heftig; allein er bemeiſterte ſeinen Aerger und fragte nur in ziemlich ſtrengem Tone: „Habt Ihr neuerdings von Eurem Bruder gehört?“ „Nein, Mylord,“ erwiederte Ramſay.„Was iſt's mit ihm?“ „Nur ſo viel,“ antwortete der Earl,„daß er Eure Worie wie Euer Benehmen bedauern würde, wenn Ihr von ihm vernommen hättet. Ihr ſeyd getäuſcht worden, Ramſay,“ fuhr er in milderem Tone fort;„jedenfalls über das was in Frankreich, und ich glaube auch über den Vorfall der zu Perth ſich ereignete. Der Mörder von Eures Bruders Die⸗ ner— denn ich kann meinen Reitknecht David Drummond nicht anders nennen— wurde auf meinen Befehl augen⸗ blicklich ergriffen und dem Stadtgerichte überliefert; ich ſelbſt werde als Oberrichter ſeinem Prozeſſe präſidiren und habe Euren Bruder eingeladen, dabei gegenwärtig zu ſeyn. Ich ſage Euch, John Ramſay— und das iſt etwas mehr als was Ihr ſagt— auch wenn alle Macht von Schottland (des Königs Gnade ausgenommen) zu ſeiner Rettung auf⸗ geboten wird, ſo ſoll er dennoch ſterben, wenn er, wie ich glaube, ſchuldig iſt.“ James. Gowrie, 427 418 Mit dieſen Worten drehte ihm der Earl den Rücken und wendete ſich nach der Treppe, und Ramſay blieb mit dem Gefühle zurück, daß er in Gegenwart vieler Umſtehender zurecht gewieſen worden, welche wie gewöhnlich ihre Neben⸗ buhler, die Günſtlinge am Hofe, nicht leiden konnten. Es gibt zwei Dinge, welche in der Regel ihren Eindruck auf das Gemüth der Jugend nie verfehlen: ihre eigenen Vorurtheile oder Leidenſchaften und fremde Anſichten. Unter zehn Fällen geſchieht es gewiß neunmal, daß man ſich erſt eine Anſicht über eine Sache bildet und hernach ihrem eigent⸗ lichen Weſen nachforſcht. Ramſay war von Natur hitz⸗ köpfig, keck und entſchloſſen, und obwohl er ſpäter als Lord Holderneſſe Beweiſe von großem Verſtand gab, ſo lag dieſer doch zu der Zeit, von der ich rede, noch ganz in der Kindheit, und er war ſtets bereit, die Anſichten Anderer in ſich aufzu⸗ nehmen und ſie je nach ſeinen eigenen Vorurtheilen oder Leidenſchaften ſtark oder ſchwach zu färben. So blieb er denn faſt eine volle Viertelſtunde neben dem Kamine ſtehen, indem er ſich, ohne Urſache ärgerlich, auf die Lippen biß. Endlich kam einer der Thürſteher die Treppe herunter und flüſterte ihm in's Ohr:* „Der König iſt im Staatsrath, Sir. Die Sitzung hat ſchon einige Zeit begonnen.“ „Pah,“ murmelte Ramſay ungeſtüm und drehte dem Sprecher den Rücken. Wieder eine Viertelſtunde verſtrich und mehrere Edel⸗ leute, welche zu ſpät kamen, gingen die Treppe hinauf, ohne daß Ramſay ſie beachtete. Endlich eilte einer der ihn 419 kannte herbei, und als er ihn beim Feuer ſtehen ſah, ſagte er: „Ah, ich freue mich Euch zu ſehen, Ramſay. Ich fürchtete ſchon, der König ſey in den Staatsrath getreten, denn ich wurde aufgehalten—“ „Hat ſchon begonnen,“ antwortete Ramſay kurz ange⸗ bunden, und der Andere eilte die Treppe hinauf, ohne ſeine Rede zu beenden. Der junge Edelmann folgte ihm langſam, und als er in das Staatszimmer trat, gewahrte er eine Scene, die ich hier zu ſchildern verſuchen muß. Der König ſaß auf einem großen Armſtuhl oder Thron, wenige Schritte vor der Ge⸗ heimthüre, durch welche Ramſay eintrat. Vor ihm dehnte ſich die große Rathstafel, an der faſt alle großen Häuptlinge des Landes verſammelt waren. Hinter des Königs Stuhle und den Raum zwiſchen ihm und der Wand beinahe aus⸗ füllend ſtanden die Herren vom königlichen Haushalt, darunter Sir George Murray, Sir Hugh Herries, Sir Thomas Erskine, Alexander Blair, David Moyſes, und näher an der Thüre Sir David Murray von Cospetrie, ſpäter zum Lord Scoon erhoben, ein Mann von größerer Kenntniß und Einſicht als Jakob gewöhnlich um ſich duldete. Es ſchien, daß die Taxe, welche der König ſeinem Volke auferlegen wollte, den Lords bereits zur Erwägung vorge⸗ legt war, und daß die Debatte— wenn wir ſie ſo nennen dürfen— bereits begonnen hatte, denn es iſt bekannt, daß die drei bis vier erſten Sprecher ganz kurz ihre Billigung 27* 420 ausdrückten. In dem Augenblick, da Ramſay eintrat, hatte ſich eben der Earl von Gowrie erhoben, um den Staatsrath anzureden; doch war offenbar, daß er ſchon ſeit mehreren Minuten geſprochen und die Argumentation ſeiner Rede beendigt hatte, denn die einzigen Worte, welche Ramſay vernahm, lauteten: „Aus dieſen Gründen, Mylords, weil die Taxe ihrer Natur nach läſtig, weil ſie in ihrem Drucke ungleich, weil das Volk dieſes Reiches nicht die Mittel beſitzt, eine ſo ſtarke Anforderung an ſeine Ergebenheit zu erfüllen, und weil die Nothwendigkeit einer ſo großen Forderung weder für die Aufrechthaltung der königlichen Würde noch zur Sicherung des Friedens im Lande mit klaren Worten be⸗ wieſen wurde— würde ich meinestheils Seine Majeſtät demüthigſt bitten, in ſeiner großen Weisheit ein für ſeine getreuen Unterthanen leichteres Mittel zu erſinnen, um den augenblicklichen Bedürfniſſen abzuhelfen und“— fuhr er nach kurzem Beſinnen fort, wie wenn er zögerte, die Worte, die ſich ihm auf die Lippen drängten, auszuſprechen—„und in ſeiner Gnade und in jener Liebe und Zuneigung, welche er, wie bekannt, für alle ſeine Unterthanen hegt, ſeine Er⸗ forderniſſe auf die Grenze ihrer Mittel wie auf die dringend⸗ ſten Bedürfniſſe des Staates einzuſchränken.“ Der Earl ſetzte ſich nieder und ein Murmeln des Bei⸗ falls lief um das untere Ende der Tafel; Sir David Murray wendete ſich aber zu Sir Thomas Erskine und ſagte, die Augen auf den Earl von Gowrie gerichtet: „Der dort iſt ein unglücklicher Mann. Man ſucht blos 421 einen Vorwand zu ſeinem Tode, und jetzt hat er ihn ge⸗ geben.“* Sir Hugh Herries, der daneben ſtand, ſchaute mit finſte⸗ rem Lächeln über ſeine Schulter, und Murray verließ in ziemlicher Haſt das Zimmer, wie wenn er fühlte, daß er ſich unvorſichtig verrathen habe. Einen Augenblick ſpäter brachte einer der Thürſteher dem jungen Ramſay die Meldung, ſein Bruder ſey unten und wünſche ihn zu ſprechen; da er ſich dachte, daß die Debatte vorausſichtlich lange daueru würde, ſo ging der junge Edelmann hinaus, um Sir George eine Stunde für den Abend zu bezeichnen, und kehrte dann zurück. Als er jedoch das Rathszimmer erreichte, hatte er kaum noch Zeit, dem Könige, der ſich in ſeine Gemächer zurückzog, jene Ge⸗ heimthüre zu öffnen, und Jakob, der in der trefflichſten Laune ſchien, gab ihm ein Zeichen zu folgen, wie er es ſchon zuvor Sir Hugh Herries gegeben hatte. Als ſie das königliche Kabinet erreichten, warf ſich der Monarch auf einen dick⸗ gepolſterten Stuhl und brach in lautes Lachen aus. „Nun, ihr Schlingel,“ ſagte er,„das wäre denn vor Gowrie's Naſe beendigt, und wir werden das Geld erhalten.“ „Ihr hättet es nicht bekommen, Sire, wenn er es hätte hindern können,“ bemerkte Herries mit der ächten Bosheit eines Höflings. „ Dieſe merkwürdige Anekdote ſteht in den„Memoiren der Kirche von Schottland“, dem Mannſeripte eines Zeitgenoſſen— David Chalderwood's, der damals etwa fünfundzwanzig Jahre zählts und ein ſehr ſcharfer Beobachter der Zeitereigniſſe war. 422 „Ja, ja, Mann; wir waren ihm eben zu ſtark,“ verſetzte Jakob.„Wer es unternimmt, mit einem König, der ſein Handwerk verſteht, zu ringen, muß ein ſtahlharter Lümmel ſeyn.“ „Ich hoffe, er wird eines Tags auf die Naſe plumpen,“ meinte Ramſay in barſchem Tone. „Das wird er auch, Jock,“ ſagte Jakob mit bedeutungs⸗ vollem Lächeln;„es kann einen Plump geben, der ihm den Hals bricht; wir müſſen ihm nur Zeit laſſen.'s iſt immer beſſer, Jock, ſolche Burſche ſich ausnützen zu laſſen und nur ein wachſames Auge auf ſie zu haben, damit ſie uns nicht einen ſchlimmen Streich ſpielen. Leib und Seele, Mann! eine feine Rede hat er übrigens gehalten, wohl und deutlich geſprochen und jeder Satz gut zuſammengefügt. Auch der Inhalt wäre nicht übel geweſen, wenn er nicht wider ſeinen Köͤnig und ſeine Pflicht geſprochen hätte. Der Schlingel hat einen ſcharfen Verſtand, wenn er nicht verrätheriſch geſinnt wäre, wie alle dieſe Ruthvens vom erſten bis zum letzten.“ „Wenn ich Eure Majeſtät wäre— ich wollte ihrem Verrath bald ein Ende machen,“ bemerkte John Ramſay; „Ihr folgt jedoch Eurer Weisheit und ich meinem Zorne, und ſo wird Eure Majeſtät natürlich beſſer gehen.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Jakob, und fuhr dann mit einer Miſchung gemeiner Vertraulichkeit und afeektirter Würde, welche die eine nur grotesk und die andere lächerlich machte, alſo fort:„Und nun, Jock Namshackle, da Du uns viele und weſentliche Dienſte geleiſtet haſt, ſo ſind wir ent⸗ 423 ſchloſſen, Dir hohe Ehre und Würde zu verleihen, indem wir Dir einen Klaps auf die Schulter(oder wie der König es ausſprach— Schuuter) verſetzen. So geh Deiner Wege, heiße Tommy Elliot ein Schwert herbeibringen; ſage ihm aber, er ſolle es vorſichtig, das Gefäß gegen uns gekehrt auf dem Kiſſen tragen und ſich hüten, daß es nicht aus der Scheide fährt, denn es ſind gar kitzliche Dinger.“ Mit ſtolzem freudigem Schritte eilte der junge John Namſay davon, um das Werkzeug zu holen, das ihm die Ehren der Ritterſchaft verleihen ſollte. Mittlerweile ſprach der König leiſer und lebhafter als gewöhnlich mit Herries, indem er zuweilen inne hielt und ein„He, Mann?“ einfügte, was Herries unveränderlich mit dem Satze beantwortete: „Ja, Sire, ich verſtehe Eure Majeſtät; es iſt der weiſeſte Plan,“ und dieſe allgemeine Billigung der königlichen Ab⸗ ſichten in dem Augenblicke, da Ramſay mit Sir Thomas Elliot und dem Staatsſchwerte zurückkehrte, mit den Worten beſchloß: „Ehe Ihr aber zu Ende kommt, werdet Ihr kaltes Eiſen nöthig haben.“ Namſay wendete ſich betroffen um und betrachtete das Geſicht des Königs mit ſcharfem Blicke. „Schaut einmal den jungen Schweißhund, wie er die Ohren ſpitzt!“ rief Jakob in lautes Lachen ausbrechend. „Setzt ihn auf eine Blutfährte, und ich will wetten, er wird ſie verfolgen, bis er ſeinen Mann zu Boden geriſſen hat.“ Der Jüngling erröthete; denn es lag etwas in der Ver⸗ gleichung, was ihm nicht ganz geſiel; doch kniete er vor dem 424 Könige nieder und empfing den Ritterſchlag, aber mit dem Schwert in der Scheide, was ihm ebenſo wenig behagte. Der König entließ ihn ſofort mit der Weiſung:„Geh und amüſtre Dich!“ welche er ebenſo gut einem Kind hätte geben können, während er ſeiner Seits mit Herries noch eine Stunde eingeſchloſſen blieb. Erſt dann verfügten ſich Beide nach den königlichen Gemächern, und der König ſchloß die Unterredung mit den Worten: „Wartet eine Weile, Ihr werdet ſchon ſehen. Wir wollen einen ſo liſtigen Plan erſinnen, daß der Vogel gewiß in die Falle geht; wenn er je wieder herauskommt, ſo iſt's nicht der Fehler deſſen, der die Schlinge legte, ſondern hoͤch⸗ ſtens ſeiner Freunde. Aber wohl gemerkt, Mann: nicht ein Wort oder Blick, ſo wahr Euch an meiner Gunſt gelegen iſt. Wir werden ſelbſt lauter Güte und Hoͤflichkeit ſeyn, und Ihr müßt Unſere Blicke zu Eurem Spiegel machen, damit Ihr das Wild nicht aus dem Netze ſcheucht.“ „Seyd nicht allzu höflich, Sire,“ ſagte Herries unver⸗ ſtellt, mit ſeinem Klumpfuß hinter dem König herhinkend. „Er muß fühlen, daß Eure Majeſtät ihn nicht leiden kann, und ich hab' es ſchon manchmal erlebt, daß Einer den Man⸗ tel anzog, wenn er die Sonne am Morgen allzu warm ſcheinen ſah, weil er wußte, daß vor Mittag Regen folgen würde.“ „Pah, pah! wollt Ihr mich ſo ſchulmeiſtern, Mann? Wahrhaftig, Ihr ſeyd allzu kühn!“ brummte der König und ging ärgerlich weiter. —— /ꝗ— 425 Einunddreißigſtes Kapitel. In einem der guten alten Häuſer der guten alten Stadt Edinburgh, in einem hübſchen bequemen Zimmer mit glän⸗ zenden Ledertapeten voll Blumen⸗ und Vögelfiguren, wie man jetzt kaum mehr eine Spur davon beſitzt— ſaß kaum nach Sonnenuntergang Sir George Ramſay und ſein junger Bruder. Der Jüngere war in der beſten Laune, denn da⸗ mals noch ein reiner Knabe, beſaß er in ſeinem Weſen noch viele von den Schwächen des Kindes, wechſelnd in ſeiner Laune und leicht begeiſtert, düſter und reizbar, wenn er ge⸗ täuſcht oder gehemmt wurde, dagegen luſtig, gutgelaunt und ſogar verſöhnlich, wenn er ohne Widerſtand und mit Erfolg ſeines Weges ging. Heute Morgen hatte er ſich höchlich erzürnt über die Neuigkeit— denn Neuigkeiten wanderten dazumal noch langſam— daß ſeines Bruders Diener, und noch dazu einer ſeiner eigenen Lieblinge, von David Drummond getödtet worden, und gerade die Ruhe, welche Gowrie ſeinen ungemäßigten Worten, ſeinem hoch⸗ müthigen Benehmen entgegengeſetzt, hatte nicht zu ſeiner Beruhigung beigetragen; aber die eben verliehene Ritter⸗ würde hatte mehr zu ſeiner Beſänftigung gewirkt als alle Beweiſe es vermocht hätten, und er war jetzt in munterem Geplauder mit ſeinem Bruder begriffen, welcher, von tie⸗ ferem Gepräge und liebenswürdigerem Charakter als er ſelbſt, recht wohl wußte, wie er ſein Gemüth zum Beſſeren lenken mußte. „Nun ja, George,“ ſagte er,„ich höre mit Freuden, 426 was Du mir von dem Earl erzählſt. Ich mag nicht gern Uebles von Gowrie denken, und wenn er gehandelt hat, wie Du mir ſagteſt, ſo hatte er vielleicht ein Recht, über meine Worte heute Morgen beleidigt zu ſeyn, und ich will mich bei ihm entſchuldigen. Wer jeder Zeit bereit iſt, einem Andern mit dem Degen entgegenzutreten, braucht keine Entſchuldigung zu ſcheuen; aber Newburn erzählte mir die Sache ganz anders.“ „Ein Mann von Ehre braucht ſich nie zu ſcheuen, eine Entſchuldigung auszuſprechen, wenn er ſich im Unrecht weiß,⸗ ob er nun darauf gefaßt iſt, eine ſchlechte Sache zu ver⸗ fechten oder nicht, John,“ erwiederte er ſeinem Bruder mit ruhigem Lächeln,„und Niemand wird wohl unſer Haus des Mangels an Muth bezüchtigen. Was Newburn betrifft— der iſt ein Feuerbrand, und da er ſelbſt in Folge ſeiner eigenen Unverſchämtheit kein Unheil mehr anſtiften kann, ſo ſucht er jetzt Andere dazu aufzuhetzen. Ich habe mir die ganze Geſchichte von dem ehrlichen William Rhind erzählen laſſen, der damals mit im Wagen ſaß. Newburn guckte zuerſt der Dame mit beleidigendem Lachen in's Geſicht, und als der Vorhang vorgeſchoben wurde, riß er ihn heftig zu⸗ rück und ſtreckte ſeinen Kopf geradezu in den Wagen.“ „Dann verdiente er was er empfangen,“ meinte John Ramſay offenherzig;„was aber dieſe andere Geſchichte betrifft, George, da mußt Du Dich vorſehen, denn ich bin überzeugt, daß Gowrie ſich ſeiner eigenen Leute annehmen wird.“ „Wenn ſie im Recht ſind— ohne Zweifel; aber nicht 427 wenn ſie Unrecht haben,“ erwiederte ſein Bruder.„Ich ſage Dir, er packte den Schuft mit eigener Hand, ſobald er ihn blutbefleckt auf ſich zurennen ſah, und übergab ihn augenblicklich der Bewachung nicht ſeiner eigenen Leute— wie er wohl hätte thun können, ohne daß Jemand wider⸗ ſprochen hätte— ſondern der Stadtſergeanten. Auch ver⸗ gaß ich Dir zu ſagen, daß er der Wittwe und ihren beiden Töchtern eine jährliche Penſion von fünfzig Mark à Perſon auf die Ruthven'ſchen Ländereien ausgeſetzt hat.“ „Das iſt nobel, das nenne ich gütig!“ rief John Ramſay. „Ja wohl,“ ſagte ſein Bruder;„nichtsdeſtoweniger werde ich am Tage des Prozeſſes nach Perth gehen, nicht weil ich an Gowrie's Gerechtigkeit zweifle, ſondern meiner eigenen Ehre zu lieb. Und ſo bitte ich Dich, John, höre nicht mehr auf Newburn's Erzählungen, denn der will Dich nur täuſchen. Was mich betrifft, ich ſage Dir ehrlich: ob Vetter oder nicht— er ſoll meine Thüre nicht wieder ver⸗ finſtern. Ich hielt zu ihm, ſo lange ein Gentleman und Ehrenmann es thun konnte; allein in dieſer Sache ſuchte er die Wahrheit ſo grob zu verdrehen, daß ich nichts mehr mit ihm zu ſchaffen haben will.“ Der junge John Ramſay beſann ſich einige Minuten, und ſein Bruder, welcher glaubte, daß er demſelben Gedanken⸗ gange folge, fuhr fort: „Du kannſt nicht leugnen, John, daß er ſein Lebenlang ein ſchmähliches Benehmen an den Tag gelegt hat.“ „Ich dachte nicht an ihn,“ Dalhouſie,“ erwiederte der jüngere Bruder lachend; nich fragte mich nur, was Gowrie 428 mit ſelbiger ſchöner Dame, dieſer Lady Julia Douglas, an⸗ gefangen haben kann, und warum der König ſo plötzlich ſich nichts mehr um die Sache zu bekümmern ſcheint. Entweder hat Seine Majeſtät der König mit ſeiner gewohnten Liſt ausfindig gemacht, wo ſie ſich befindet, und weiß, daß ſie außerhalb ſeiner Macht ſteht, oder will er die Rückkunft des Boten abwarten, den er nach Italien abgeſchickt hat, um ihren Schätzen nachzuforſchen. Des Earls Schritte waren, wie geſagt, ſehr auffallend, und obwohl ſo ſcharf bewacht—“ Doch in dieſem Augenblicke ging die Thüre ſachte auf, und ein Diener meldete: „Der Earl von Gowrie wartet an der Treppe, Sir George, und möchte wiſſen, ob er Euch beſuchen kann.“ Stürmiſche Röthe drang in John Ramſay's Wangen, denn wenn er auch von Entſchuldigung geſprochen, ſo hatte er doch nicht geglaubt, daß die Gelegenheit hiezu ſo nahe wäre. Sein Bruder ſprang jedoch alsbald auf und ging dem Earl entgegen, der ihn freundlich bei der Hand nahm und ſagte: „Dies iſt keine paſſende Beſuchſtunde, Ramſay; aber ich war heute den ganzen Tag beſchäftigt, und da ich Deine Ankunft erfuhr, ſo wollte ich keine zweite verſtreichen laſſen, ohne Dich zu begrüßen.“ „Zu jeder Stunde willkommen, Mylord,“ erwiederte Sir George Ramſay;„aber wie?— allein und zu Fuß?“ „ Ja wohl, George,“ erwiederte der Earl;„wäre es ein Staatsbeſuch, ſo hätte ich ihn am Morgen mit Pferden und Dienern gemacht; als Freundſchaftsbeſuch geſchieht er am 429 beſten allein und zu Fuß. Ich bin jetzt wieder der Student von Padua und ſo viel glücklicher denn als Earl von Gowrie.“ Unter ſolchem Geſpräch ſtiegen ſie die ziemlich ſteile und ſchwierige Treppe der alten Stadtwohnung hinan, während ein Diener mit Lichtern voranging. Als ſie in das Zimmer traten, wo der junge Ramſay zurückgeblieben war, ſchien Gowrie etwas überraſcht, ihn hier zu treffen, bot ihm aber doch freimüthig die Hand. Der Andere nahm ſie nicht ohne Anmuth, und da er fühlte, daß er jetzt oder nie ſprechen müſſe, ſo ſagte er: „Ich habe mich bei Euch zu entſchuldigen, Mylord, wegen meiner Unbeſonnenheit von heute Morgen, welche durch Darſtellungen veranlaßt war, die, wie ich jetzt höre, irrig geweſen, und ich hoffe——“ „Ich bitte, ſprecht nicht weiter davon, Sir John,“ er⸗ wiederte Gowrie, als er ihn ſtocken ſah.„Ich begriff recht wohl, daß Ihr von jener eitlen Metze— Fama genannt— getäuſcht worden, und wäre ich nicht beeilt geweſen, um eine höchſt peinliche Pflicht zu erfüllen, ſo würde ich mich vollſtändiger erklärt haben. Ueberlaßt es mir, dem armen Manne, der zu Perth ſo ſchmählich erſchlagen wurde, ein⸗ fache Gerechtigkeit zu erweiſen, und iſt dies abgethan, ſo möge nie wieder eine irrige Auffaſſung meines Benehmens Kälte zwiſchen uns Beiden erzeugen.— Und nun laßt Euch zu der Ehre gratuliren, die Euch heute, wie ich höre, zu Theil geworden; ich bin überzeugt, kein Würdigerer hätte zum Ritter geſchlagen werden können, Keiner der uns mehr Ehre machen wird.“ So ſetzte ſich Gowrie ruhig zwiſchen die beiden Brüder und wußte das Geſpräch bald von perſönlichen Dingen wie von Allem, was unerfreuliche Empfindungen oder Meinungs⸗ ſtreit erregen konnte, auf andere Gegenſtände abzulenken. Da er die Welt im Großen mehr als die beiden Brüder und die Menſchen in allen Schichten geſehen hatte, ſo war er immer im Stande, ſeine Rede in Regionen zu lenken, wohin Sir George ihm ſehr gerne folgte, und ſo gelang es ihm, bald eine klaſſiſche Anſpielung für den Aelteren, bald Anek⸗ doten von Falken und Hunden und höfiſchem Zeitvertreib für den Jüngeren einmiſchend, die nächſte halbe Stunde ſo unterhaltend zu machen, daß John Ramſay wunderbar für ihn eingenommen wurde. Ja dies war ſo ſehr der Fall, daß er ſich dadurch beunruhigt fühlte, denn er merkte, daß er einen Mann, den er zu haſſen wünſchte, zu lieben und zu bewundern anfange, daß er nicht Alles von ihm glauben könne, was er ſo gerne geglaubt hätte, und daß er denjeni⸗ gen, den er zu ſtürzen beſtimmt war, vielleicht gar noch lieben lernen könnte. Eine Ahnung dieſer Art war jedenfalls in ihm. Ich will nicht ſagen, daß es ein abergläubiſches Vorgefühl war, denn es mochte ſeinen Urſprung in natürlichen Urſachen haben. Der Monarch, dem er ſich gewidmet, hatte gegen den Mann, der hier neben ihm ſaß, ſo oft ſeinen eiferſüchti⸗ gen Widerwillen verrathen, hatte ſo oft auf einen nahenden Kampf zwiſchen dem Souverän und dem Unterthan hinge⸗ deutet und hatte John Ramſay ſo deutlich als denjenigen bezeichnet, auf deſſen Muth, Treue und Entſchloſſenheit er — 8 431 ſich verließ, daß es kein Wunder war, wenn John in Gowrie einen Mann ſah, dem er früher oder ſpäter als Feind be⸗ gegnen mußte und mit dem es beſſer war, ſich in keine Bande der Freundſchaft einzulaſſen. Dieſe Gefühle zwangen ihn endlich, ſich mit den Worten zu erheben: „Ich muß jetzt zum Hofe zurückkehren, Dalhouſie. Im Ganzen ſind wir doch blos Diener und müſſen unſern Dienſt verrichten, wenn unſer Gebieter auch ein König iſt. Ich wünſche Euch gute Nacht, Mylord, und bin froh, daß ſich Gelegenheit geboten, um ein Benehmen zu erklären, das Euch roh erſchienen ſeyn muß.“ Gowrie ſchüttelte ihm die Hand, ſagte aber zu ſich ſelbſt, als der junge Mann fortging: „Gleichwohl liebt er mich nicht und wird mich immer weniger lieben, wenn er erſt über das nachdenkt, was ihm mit jedem Tage demüthigender vorkommen wird.“ „Nun, Dalhouſie,“ fuhr er laut fort,„zwiſchen Dir und mir bedarf es keiner Erklärungen. Dein Bruder iſt ein wackerer Jüngling, aber noch jung an git wie an Jahren. Das iſt ein Fehler, welchen Zeit und Erfahrung leider beſſern müſſen, und ich zweifle nicht, daß er Deinem edlen Namen Ehre machen wird.“ „Mylord,“ begann Sir George Ramſay in haſtigem Tone,„verzeiht meine Einſylbigkeit; aber ich habe ſehr ge⸗ wünſcht, allein mit Euch zu reden und fürchtete jeden Augen⸗ blick, Ihr würdet vor meinem Bruder weggehen.“ „Was gibt es?“ fragte der Earl ihn anſtarrend.„Ich hatte gehofft, jede Urſache zur Zwietracht ſey beſeitigt.“ „Mit meinem Bruder ganz gewiß,“ erwiederte ſein Ge⸗ fährte;„er kennt Dich jetzt beſſer als früher, und alle thörichten Zweifel ſind bei ihm zu Ende. Aber ich wünſchte Euch zu warnen, mein theurer Lord! Ihr ſeyd am Hofe nicht beliebt. Ihr wißt, ich werde einen ſo ernſten Gegen⸗ ſtand nicht ohne Urſache berühren— der König liebt Euch nicht.“ „Das weiß ich wohl,“ gab Gowrie zur Antwort.„Wa⸗ rum oder weßhalb— iſt mir unbekannt; es liegt auch nicht viel daran, denn ich habe Seiner Majeſtät nichts zu Leid gethan. Als ich um meinen Rath befragt wurde, habe ich ihm gerathen, wie ich's für ſeine Ehre, ſein Wohlergehen und ſeinen Frieden für's Beſte halte, und daran iſt kein Verrath, Dalhouſie. Seine Ungnade datirt übrigens von früher, ſchon vom erſten Tage meiner Ankunft. Ich habe einen ſeiner Plane vereitelt, Ramſay, und das verzeiht er nicht ſo bald. Der Sturm wird jedoch vorüberziehen, und er wird finden, daß ich ein treuer wenn auch aufrichtiger unterthan bin; dann wird er ſeinen Grimm vergeſſen.“ „Die Sache iſt weit ernſter, Carl,“ ſagte Ramſay. „Der König iſt eiferſüchtig auf Deinen Reichthum, Deine. Macht, Deinen Einfluß am engliſchen Hofe, Deine Popula⸗ rität beim ſchottiſchen Volke. Ich ſage Euch, Mylord: Ihr ſeyd in Gefahr.“ „Ich kann's nicht glauben,“ erwiederte Gowrie;„ich habe keine Urſache zu ſolcher Animoſität gegeben. Ich 43³ fordere Jeden auf, eine einzige unloyale oder ſogar nur ver⸗ dächtige Handlung von mir aufzuweiſen. Ich werde ihnen nie Veranlaſſung geben, Dalhouſie; meine Unſchuld ſey mein Schild.“ „Keine unloyale Handlung, wenn Du willſt, Gowrie,“ erwiederte Sir George Ramſay im Tone inniger Freund⸗ ſchaft;„was aber den Verdacht betrifft— damit ſteht es anders. Der Hof iſt voller Argwoha gegen Dich, und ver⸗ laß Dich darauf, Gowrie, ſobald der Argwohn das Gemüth eines Feiglings ergreift, macht er ihn ebenſowohl grauſam als ungerecht.“ „Wenn Du mir jene Gründe des Argwohns andeuten kannſt, Namſay,“ erwiederte Gowrie nach längerem Nach⸗ ſinnen,„ſo mag ich ſie vielleicht entfernen, wenigſtens will ich's verſuchen— vorausgeſetzt, daß ich es thun kann, ohne meine Pflicht gegen mich ſelbſt, mein Vaterland oder mei⸗ nen Gott zu opfern. Ich habe den Konig durch meinen Widerſtand beleidigt, habe ihm aber dadurch in Wahrheit mehr genützt als geſchadet, und kann weder bedauern, was ich gethan habe, noch verſprechen, es nicht zu wiederholen; von Urſachen zum Argwohn iſt mir jedoch nichts bekannt.“ „Ich höre,“ begann Sir George Ramſay,„daß die er⸗ ſten Zweifel durch Deinen häufigen Verkehr mit dem eng⸗ liſchen Geſandten in Paris veranlaßt wurden. Dann kamen die außergewöhnlichen Ehrenbezeugungen, die Dir von Eli⸗ ſabeth ſelbſt——“ „Uebertreibung!“ rief Gowrie.„Es wurden mir keine außergewöhnlichen Ehren erwieſen. Die Königin von Eng⸗ James. Gowrie, 28 434 land war gütig und höflich, nahm Intereſſe an mir, ſprach von meinem Vater, wie ich es gerne höre, und nannte mich ein paarmal ihren Vetter; der bin ich auch wirklich— un⸗ ſere Verwandtſchaft iſt dem Blute, wenn auch nicht der Thronfolge nach, ſo nahe, wie die keines ihrer anderen Vettern. König Jakob iſt der unbezweifelte Erbe ihres Throns; er hat kein Recht, auf mich eiferſüchtig zu ſeyn.“ „Deine Verwandtſchaft iſt eine gefährliche,“ erklärte Ramſay;„hiezu kommt Dein hartnäckiger Widerſtand ge⸗ gen die Abſichten eines eitlen, halsſtarrigen und furchtſamen Mannes, und darum darfſt Du jenen Argwohn wohl fürchten. Er wurde noch durch andere Umſtände vermehrt. Man hat Dich ſeit Deiner Rückkehr nach Schottland ſcharf bewacht, und Dein Verfahren kam den Leuten ziemlich räthſelhaft vor. Man weiß jetzt, daß Du die Gränze anfänglich in der Nähe von Berwick überſchritten und dann plötzlich nach England zurückgekehrt biſt, um das Königreich von Carlisle aus zu betreten. Ferner hatteſt Du einen engliſchen Diener bei Dir, deſſen Sprache ſein ſüdliches Geburtsland alsbald ver⸗ rieth. Du ſchickteſt ihn mit einem Brief an den König, und er iſt ſeitdem aus Deinem Gefolge verſchwunden; der König ließ ihn nämlich aufſuchen, da er ihn nach ſeiner eigenen Weiſe examiniren wollte.— Laß mich nur fortfahren, um Dir Alles zumal vor Augen zu bringen. Kurz nach Deiner An⸗ kunft verließeſt Du den Hof, nahmſt Deine ſchöne Schweſter mit Dir und ließeſt den König glauben, Ihr gehet nach Dirleton. Statt deſſen ſetztet Ihr über den Firth und gin⸗ get nach Perthſhire——" 2A — — „Ich ſagte dem Koͤnig, ich gehe nach Perth und nach Dirleton.“ „Du mußt aber anders wohin als nach Perth gegangen ſeyn,“ meinte Ramſay,„denn man weiß zwar nicht, wohin Du Dich gewendet, hat aber wenigſtens ſoviel erfahren, daß Du Perth erſt am vierzehnten des Monats erreichteſt, kurz, daß Du zwei Nächte weder zu Perth noch zu Dirleton an⸗ weſend warſt, und überdies, daß Du Perth nicht von der Seite von Edinburgh betrateſt.“ „Ich habe noch andere Beſitzungen, die ich beſuchen konnte und die ich auch wirklich beſuchte, Ramſay,“ erklärte Gowrie.„Wenn übrigens jeder Schritt eines ſchottiſchen Edelmannes alſo bewacht wird, dann iſt das Leben in dieſem Lande nicht der Mühe werth.“ „Ich ſtelle keine Fragen, Mylord,“ erwiederte Sir George Ramſay.„Ich ſpreche blos als Freund, der um Deine Sicherheit beſorgt iſt und Dir zu zeigen wünſcht, wo die Gefahr liegt. Auf ſolche leichte Beweggründe bauen jene Leute ein mächtiges Gerüſte des Argwohns, beſonders gegen ſolche, die ſie haſſen und fürchten, und wenn ich auch nicht genau weiß, in welcher Richtung des Königs Zweifel ſich bewegen, ſo kann ich mir doch leicht denken, daß er nach der vermeintlichen Ehre, welche die Königin von England Dir bewieſen, nach dem Erſcheinen und Verſchwinden eines gewiſſen Dieners, nach Deinen Kreuz⸗ und Querzügen und dem Geheimniß, das ſie begleitete— ſich einbilden mag, Du ſeyſt in gewiſſe Intriguen mit Eliſabeth verflochten, 28* 436 und wir Alle wiſſen recht wohl, wie unverantwortlich ſie ſich in die Angelegenheiten, dieſes Landes miſchte.“ „Auf meine Ehre, Ramſay, ich weiß um keine ihrer Intriguen, wenn ſie wirklich welche angeſponnen hat,“ ver⸗ ſicherte Gowrie.„Ich ſtehe in keinerlei Verbindung mit ihr, habe nichts von ihr gehört, ſende ihr keine Nachrichten und werde nie dulden, daß ein ausländiſcher Souverän ſich in die inneren Angelegenheiten dieſes Landes miſcht, ſelbſt wenn ich dadurch mein Haupt vom Blocke retten könnte.“ „Ich glaube Dir, mein edler Freund,“ antwortete Ram⸗ ſay;„aber gleichwohl iſt der Argwohn— wenn er wie hier eine ſolche Höhe erreicht hat— gleich gefährlich, ob er nun wahr oder falſch, grundlos oder gerecht iſt, und ich wieder⸗ hole Dir, daß Du in Gefahr ſchwebſt.“ „In welcher?“ rief Gowrie.„Will er mich arretiren und vor Gericht ſtellen? Mag er es thun: er wird nur Schmach auf ſein eigenes Haupt bringen, wenn er einen treuen Unterthan verfolgt, der ihm nichts zu Leid gethan hat. Ich habe ihm nie die geringſte Veranlaſſung gegeben, Ramſay; ich werde es nie thun, und ich fordere ihn, ich for⸗ dere die ganze Welt auf, einen Flecken in meinem Benehmen aufzufinden, der ihm einen Anlaß zu einer offenen, ehrlichen Anklage darböte.“ „Das kann recht gut ſeyn,“ gab Ramſay kopfſchüttelnd zur Antwort;„ich glaube auch gar nicht, daß eine ehrliche Anklage beabſichtigt wird. Die Zeiten ſind vorüber, wo Männer unter der Form des Rechtes gemordet werden konn⸗ ten, und ſo ſehr wir Alle die Anarchie und Verwirrung, — — 437 welche ſo lange in dieſem Lande herrſchte, bedauern müſſen, ſo hat ſie wenigſtens als läuterndes Feuer gewirkt und jene Freiheit geſchaffen, welche der beſte Wächter der Gerechtig⸗ keit iſt. Es gibt aber andere Mittel, Gowrie, um ſich ei⸗ nen Feind oder verdächtigen Freund vom Halſe zu ſchaffen — geheime Mittel, welche ſich leichter vor dem Schlacht⸗ opfer verbergen und hernach mit dem Mantel des Anſehens bedecken laſſen, als jene gemeine Aushülfe, welche Anklagen fabricirt und die Richter beſticht.“ „Gerechter Himmel! und das iſt Schottland?“ rief Gowrie. „Ja, ſo iſe's leider,“ verſetzte Ramſay.„Ich will nicht annehmen, daß der König ſo etwas befehlen oder ver⸗ ſuchen würde: aber es gibt manche geſchäftige Hand, welche gerne ausführt, was man in den Wünſchen des Königs glaubt, manch' gieriges Auge, das dieſe Wünſche zu ent⸗ decken ſtrebt. Erinnere Dich nur, was in England geſchah, als Becket, jener ſtolze Widerſacher der Krone, ein Mann der Kirche, von allen Schranken Roms geſchützt, auf den bloſen Wink ſeines beleidigten Regenten erſchlagen wurde. Wir haben ebenſo hitzköpfige Menſchen unter uns, wie jener Tracy und ſeine Gefährten, und Du haſt nicht einmal jene Schutzmittel, welche Becket beſaß. Wie mancher Zufall läßt ſich denken, durch den der Carl von Gowrie ſein Leben verlieren könnte? Ein geheimer Hader, mit dem er nichts zu ſchaffen hatte; ein zufälliger Schuß auf einer Jagdpartie, ein Schlag in anſcheinendem Scherze ertheilt. Ich könnte hundert Wege aufzählen, wie ſich die Sache ohne Gefahr 438 für den Anſtifter der That, ohne Schuld für den Vollzieher ausführen ließe.“ Gowrie ſtand auf und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab, während Ramſay nach kurzer Pauſe fortfuhr: „Ich habe Euch mein Herz entleert, mein theurer Lord, aus aufrichtiger Achtung für Euch, und weil wir ſchon als Knaben Freunde waren. Ich habe Dinge auszuſprechen gewagt, welche vielleicht mein Leben ſogar in Eure Hand legen; allein ich kenne Euer großmüthiges Weſen zu gut, um nicht verſichert zu ſeyn, daß mein Vertrauen nie miß⸗ braucht werden wird.“ „Darauf magſt Du Dich vollkommen verlaſſen,“ gab Gowrie zur Antwort, indem er ſtehen blieb und ihm die Hand reichte:„Was willſt Du aber, daß ich thue, Ramſay? Ich ſehe die Gefahr, von der Du ſprichſt; aber ich gewahre keinen Weg, um ihr auszuweichen.“ „Es gibt nur zwei Wege, ſo viel ich weiß,“ verſetzte Ramſay.„Kannſt Du des Königs Argwohn entfernen und ihn von Deiner Loyalität und Ergebenheit überzeugen, ſo wird die Gefahr verſchwinden.“ „Einen Theil ſeines Argwohns könnte ich heben,“ meinte Gowrie nachdenklich, und ſeine Gedanken wendeten ſich auf Julia's Lage und ſeine Ausſicht, dem Könige genügend be⸗ weiſen zu können, daß ſie von ihres Vaters Schätzen nichts wiſſe und nie etwas davon beſeſſen habe. War ihm das möglich, konnte er des Königs Einwilligung in ſeine Ver⸗ mählung mit ihr erlangen, ſo ließ ſich das Räthſel manches ſeiner letzten Schritte alsbald aufklären. Aber er beſchloß 439 auf alle Fälle, wie groß auch das Riſiko ſeyn möchte, den Ort ihres Verſteckes nicht eher zu verrathen, bis ſie wirklich ſein Weib ſey. Er wiederholte deshalb nach längerem Nach⸗ ſinnen:„einen Theil ſeines Argwohns könnte ich entfernen, und ich will es verſuchen, wenn ſich's thun läßt, ohne ein Opfer zu bringen, das nicht einmal meine Sicherheit auf⸗ wiegen würde. Ihm meine Loyalität und Ergebenheit zu beweiſen— dazu weiß ich keinen andern Weg, als ich ihn bereits eingeſchlagen habe, nämlich ſeine beſten Intereſſen mit aller Treue und Hingebung zu fördern.“ Ramſay ſchüttelte den Kopf, und der Earl erwiederte auf dieſe ſtumme Antwort: „Wohlan, Ramſay, ſonſt vermag ich nichts; ſelbſt wenn es mich mein Leben koſtet, will ich die Sache der bürgerli⸗ chen und religiöſen Freiheit nicht verlaſſen, will nicht zu der Unterdrückung des Volkes zuſtimmen, will nicht die Stütze des Deſpotismus noch das Werkzeug willkürlicher Gewalt ſeyn. Eher möge er mein Leben nehmen, ehe ich das thue, denn ich mag das Freilehen des Daſeyns nicht um den Preis der Schande erkaufen.“ „Da haſt Du Recht,“ erwiederte Ramſay:„Deine An⸗ ſichten ſind auch die meinen; der Unterſchied zwiſchen uns iſt nur, daß Du durch Deine Hohe Stellung aufgefordert biſt, unter gefährlichen Umſtänden zu ſprechen und zu handeln, während ich mich ſtill und ſchweigſam verhalten darf. Jeden⸗ falls verſuche, was Du kannſt, um des Königs Verdacht zu heben und Dein Benehmen wenigſtens theilweiſe zu erklä⸗ ren. Nein, lächelt nicht, mein theurer Lord! Denn Dinge, 440 welche Euch ganz einfach erſcheinen, nehmen eine bedenkliche Wichtigkeit an, wenn man ſie durch das Vergrößerungsglas der Eiferſucht betrachtet. Ich wiederhole Dir: verſuche, was Du thun kannſt, warte aber erſt einige Tage, bis die Erinnerung an den heutigen Morgen ſich etwas gemildert hat. Ich glaube, für den Augenblick hat es keine Gefahr. Solche Plane brauchen lange, bis ſie ausgeheckt ſind, und Du wirſt Zeit haben zu ſehen, wie der König ſich gegen Dich benimmt. Iſt er ſcharf und trocken, ſo magſt Du ſeine Ab⸗ ſichten bezweifeln; iſt er wunderbar freundlich und übertrie⸗ ben vertraulich, überhäuft er Dich mit Gunſt und unge⸗ wohnter Freundſchaft, dann darfſt Du überzeugt ſeyn, daß er Unheil im Schilde führt: dann bleibt Dir nur die Alter⸗ native, den Hof zu verlaſſen und der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Ich will Sorge tragen, daß Du von Allem, was mir mitgetheilt wird, benachrichtigt wirſt, es wäre denn, daß es mir unter dem Siegel des Geheimniſſes anvertraut würde; aber ich beſchwöre Dich, zögere nicht zu lange, ſon⸗ dern glaube mir, daß ich nicht ohne guten Grund ſpreche und vielleicht mehr argwöhne, als ich ſagen mag. Könn⸗ ten ſie einem ſtattlichen Vogel, wie Dir, die Federn aus⸗ rupfen,“ fuhr er mit ſchwachem Lächeln fort,„ſo gäbe das ein Gefieder, das manches arme halbnackte Geſchmeis am Hofe auf Lebenszeit mit goldenen Federn verſorgen würde.“ Gowrie dankte ihm zu wiederholtenmalen und verab⸗ ſchiedete ſich ſodann, um in ſehr nachdenklicher Stimmung in ſeine eigene Wohnung zurückzukehren. * 441 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Für ein ehrliches, offenes Gemüth iſt es eine harte Auf⸗ gabe, eine leichte und ſorgloſe Miene anzunehmen, während finſtere Gedanken und ſchwere Zweifel die Seele beſtürmen. Gowrie kehrte am anderen Tage nach ſeinem Geſpräche mit Sir George Ramſay nicht an den Hof zurück, denn er fühlte, daß er den empfangenen Eindruck aus ſeinem Benehmen nicht zu verbannen vermöchte. Erſt am zweiten Tage ging er nach Holyrood. Er wurde ausnehmend gnädig empfangen und ſetzte noch eine Woche lang mit anderen Männern ſeines Ranges dieſe Beſuche am Hofe fort. Die Königin empfing ihn immer mit beſonderer Gnade; in ihrem Zirkel traf er . mit manchen werthen und geachteten Perſonen zuſammen, ſo daß er allmälig ſeine ganze Munterkeit wieder gewann, obwohl er keine Luſt empfand, in die ziemlich lärmende Fröh⸗ lichkeit des Königs einzuſtimmen oder an ſeinen gemeinen Späſſen Theil zu nehmen, die ſich am erſten April in ihrer vollen Ausgelaſſenheit kund gaben. Am dritten dieſes Mo⸗ nats bat er den König um eine Privataundienz und erhielt dieſelbe nach längerem Zögern. Jakob ſaß mitten unter ſeinen Büchern und Papieren und ſein Weſen war etwas verlegen, wenn gleich ausneh⸗ mend herablaſſend. „Wir wollten Euch nicht mit einer armſeligen Entſchul⸗ digung abſpeiſen, Mylord,“ begann der Monarch,„denn wir konnten nicht wiſſen, weßhalb Ihr gekommen; für ein längeres Geplauder habt Ihr jedoch eine ſchlimme Zeit ge⸗ * 44⁴² wählt, da wir eben für unſer armes Volk von Schottland, vielleicht auch für die guten Leute in England eine Diſſer⸗ tation über die Natur und Eigenſchaften der Hexen und Hexenmeiſter und wie dieſelben richtig zu erkennen— zu ſchreiben im Begriffe ſind.“ „Ich bitte, meine Zudringlichkeit gnädigſt zu entſchul⸗ digen, Sire,“ erwiederte Gowrie;„ich kann Euer Majeſtät Belieben recht wohl abwarten. Die Sache iſt eine rein perſönliche und darf ſich alſo keinen Augenblick zwiſchen Eure wichtigeren Geſchäfte eindrängen. Mit Eurer Maje⸗ ſtät Erlaubniß will ich mich deßhalb entfernen und ſpäter zu gelegenerer Stunde aufwarten.“ „Nein, nein, bleibt!“ rief der König.„Laßt hören, was Ihr habt. Es wird uns immer große Freude machen, Alles zu thun, was wir können, um Euch unſere Gnade zu beweiſen, Earl von Gowrie. Sprecht, Mann, ſprecht! was ſucht Ihr bei mir?“ „Nur Eure gnädige Erlaubniß und Genehmigung, Sire, zu meiner Vermählung mit einer Dame, welcher ich ſehr an⸗ hänge.“ Jakob hatte auf ſeiner Stirne gerade über den Brauen einen kleinen Fleck, den der Monarch bei großer Spannung zuſammenzuziehen gewöhnt war, und dieſer Fleck färbte ſich jetzt hochroth. „So— mit Lady Arabella Stuart?“ fragte er.„So geht das Gerücht: wir haben davon gehört. Ihr ſeyd aber Geſchwiſterkinder, Mylord von Gowrie, und wir lieben nicht ſolche Baſenheirathen.“ 44⁴³ „Es gäbe noch tauſend andere Einwendungen gegen eine ſolche Verbindung, mit Eurer Majeſtät Erlaubniß⸗“ erwiederte Gowrie,„welche ich alle einſehe und gebührend würdige——“ „Was Teufels ſucht Ihr ſie dann?“ ſiel Jakob barſch und offenbar ſehr ärgerlicher Laune ein. „So etwas iſt mir nie in den Sinn gekommen, Sire,“ antwortete der Earl;„auch hörte ich bis zu dieſem Augen⸗ blicke nie, daß das Gerücht mir eine ſo nutzloſe Ehre er⸗ wieſen. Ich bin keineswegs ehrgeizig, Sire: ich ſuche weder mein Vermögen zu vermehren noch meine Familie zu heben oder meinen Einfluß zu vergrößern. Die Hand jener Dame kann wohl einem ſouveränen Fürſten, nicht aber dem Earl von Gowrie zu Theil werden.“ „Wohl geſprochen, Mylord!“ ſagte der König;„da muß man uns einen Poſſen geſpielt haben. Man ſagte uns erſt neulich, unſere gute Schweſter und Couſine, die Königin von England, habe Euch, als Ihr am Hofe zu London wa⸗ ret, die Hand der Lady angeboten.“ „Ohne Zweifel haben Klatſchhaftigkeit und Eiferſucht während meines kurzen Aufenthaltes daſelbſt noch manche ebenſo falſche Geſchichte zuſammengeſchmiedet, Sire,“ er⸗ wiederte Gowrie.„Die Königin hat des Namens der Lady Arabella nie gegen mich erwähnt, und da jene zufällig vom Hof abweſend war, ſo bekam ich ſie nicht einmal zu ſehen. Wäre mir ein ſolcher Vorſchlag gemacht worden, ſo hätte ich ihn ſogleich ablehnen müſſen, ohne Eure Majeſtät mit der Sache zu beläſtigen, da ich mit einer andern Dame durch 444 Gelübde verbunden bin, welche ich weder brechen will noch kann.“ Jakob hatte dem Grafen aufmerkſam zugehört, und es war offenbar, daß das Geſagte ihn ſehr zufrieden ſtellte; doch ſprach er von Lady Arabella kein Wort mehr. „Gelübde,“ wiederholte er, als Gowrie ſchwieg— „Gelübde vor Zeugen?“ „Vor einem wenigſtens, Eure Majeſtät,“ erwiederte Gowrie. 1 „Das iſt keine Verſammlung,“ meinte der König.„Wört⸗ lich oder ſchriftlich?“ „Beides, Sire, erwiederte Gowrie in entſchloſſenem Tone.„Ich bin auf jede Weiſe, wie nur ein Mann ſich binden kann, an ſie gefeſſelt.“ 1 „Das iſt ernſthaft, Mylord,“ ſcherzte Jakob.„Ihr hättet weiſer und pflichtgetreuer gehandelt, wenn Ihr uns zuvor um Rath gefragt— ich will nicht ſagen, unſere Ein⸗ willigung als pater patriae eingeholt hättet. Ich ſage, das iſt ernſthaft, guter Earl; wir wollen aber ein Mittel finden, um Euch los zu machen.“ „Ich verlange aber nicht los zu werden, Sire,“ erwie⸗ derte Gowrie lächelnd.„Ich wünſche vielmehr, durch Eure gnädige Einwilligung in unſere alsbaldige Verbindung ſo⸗ wohl an jene Lady als an Eure Majeſtät feſter als je ge⸗ feſſelt zu werden.“ „Das iſt ein Scherz, Mann, aber kein guter,“ verſetzte der König mit grimmigem Lächeln;„Alles wohl erwogen, iſt es kein guter Witz. Seht Ihr, Ihr ſeyd jetzt lauter 445 Gehorſam, und bittet demüthig um meine Einwilligung, deren Ihr Euch ganz gewiß überheben würdet, wenn ich ſie Euch abſchlüge.“ Gowrie war nicht wenig verlegen, denn er konnte ſich nicht entſchließen, Nein zu ſagen, und mochte doch des Kö⸗ nigs Anſehen nicht offen Trotz bieten. Jakob riß ihn jedoch aus ſeiner Noth, indem er fortfuhr: „Wer iſt die Dame, Mann? Laßt hören, was Ihr von ihr wißt.“ „Ich traf ſie in Italien, Sire,“ erwiederte Gowrie. „Sie lebte damals— ich darf wohl ſagen, in Armuth— bei ihrem Großvater, dem Grafen Manucci.“ „Aha! jetzt haben wir's,“ ſchrie Jakob laut auflachend. „Ich kenne die ganze Geſchichte. Die Tochter oder ver⸗ meintliche Tochter des ſchwarzen Morton.“ „Seine wirkliche und rechtmäßige Tochter, Sire, wie dieſe Papiere Eurer Majeſtät beweiſen werden,“ erklärte Gowrie.„Die Originale ſind in der Lady Händen, und die Namen der Zeugen ſtellen die Rechtmäßigkeit ihrer Ge⸗ burt außer Zweifel.“ „So,“ meinte Jakob, die Papiere zur Hand nehmend und langſam überleſend;„'s iſt ein gutes und ehrbares Ding um rechtmäßige Geburt; aber das iſt auch Alles, was ſie durch dieſe Papierfetzen gewinnen wird, denn des alten Morton Beſitzungen wurden ſämmtlich zum Beſten der Kroone konfiscirt und ſchon längſt mit Zuſtimmung unſeres Staatsraths beſſerverdienten Leuten als er war zuge⸗ wieſen.“ 446 „Ich fürchte, es iſt wie Eure Majeſtät ſagt,“ entgeg⸗ nete der Earl ruhig,„denn ich habe die Papiere wohl über⸗ leſen und glaube kaum, daß ſogar dieſes kleine Vermaͤcht⸗ niß der Ländereien von Witheburn ſich jetzt realiſiren ließe.“ „Ha, ſagt Ihr ſo, Mann?“ ſchrie der König.„Ihr ſeyd, ſcheint es, gleichfalls ein Rechtskundiger, und zwar in dieſem Falle ein guter. Ich kann Euch ſagen, das Perga⸗ ment, worauf dieſes verzeichnet ſteht, iſt keine alte Ochſen⸗ haut werth.— Gleichwohl müßte ſie ziemlich Batzen ha⸗ ben, denn Morton hat ſein Lebenlang Geld zuſammenge⸗ ſcharrt, und da Niemand zu entdecken vermochte, wohin er es gebracht hat, ſo iſt kein Zweifel, daß es von dem Groß⸗ vater und der Mutter dieſes Mädchens mitgenommen wurde.“ „Ich kann Eure Majeſtät verſichern, daß Ihr hierin im Irrthum ſeyd,“ verſicherte Gowrie.„Graf Manucci lebte ſeit der Zeit, da er Schottland verließ, in gänzlicher Armuth, nachdem er— wie Eure Majeſtät vermuthlich weiß — um ſeiner religiöſen Anſichten willen aus Florenz ver⸗ trieben worden. Er erhielt bis zu ſeinem Todestage von dem Grafen von Angus eine geringe Penſion, welche der Earl gewiß nicht ausbezahlt hätte, wenn der Graf alle Schätze ſeines Oheims im Beſitz gehabt hätte.“ „Das klingt wie Wahrheit,“ rief Jakob.„Es ſollte mich nicht wundern, wenn Angus ſelbſt das Geld hätte.“ „Davon iſt mir nichts bekannt, Sire,“ gab Gowrie zur Antwort.„Ich kann Eure Majeſtät nur verſichern, daß der einzige Schatz, den dieſes theure Maͤdchen mir einbringt, 1 ð 447 außer ihr ſelbſt blos in dreitauſend Dukaten beſteht, welche ihr Großvater erſpart hatte.“ „Thut mir leid zu hören,“ bemerkte der König.„Wir hätten Euch eine wohlhabendere Braut wünſchen können, Mylord.“ Hier ſchwieg der König. Auch Gowrie blieb ſtumm, denn er war begierig, wohin den König ſeine Erwägung zunächſt führen würde, und hätte jedenfalls gerne eine beſtimmte Antwort gehabt, auf die er fußen konnte. Er glaubte, die nächſte Frage würde ſeyn, wo er Julien gelaſſen habe; aber er war auch hiefür auf eine Antwort gefaßt, obgleich er ſehr wünſchte, daß ihm dieſelbe erſpart bliebe. Jakob war jedoch, trotz ſeiner deſpo⸗ tiſchen Grundſätze und bei all ſeinem Verlangen, in Kirche und Staat den vollkommenſten Abſolutismus einzuführen, von Natur ſchüchtern gegen Solche, deren Widerſtand er ſchon erprobt hatte, und mochte den Earl nicht dazu treiben, ihm eine Antwort zu verweigern. Er äußerte daher blos— was ihn ſpäter verhinderte, auf die wirklich erhaltene Ant⸗ wort ſich zu berufen, ſo daß der Earl hiebei ganz im Vor⸗ theile war: „Alſo die Dame iſt in Italien?“ bemerkte er nach ziem⸗ lich langer Pauſe. „Nein, Sire, das iſt ſie nicht,“ gab Gowrie zur Ant⸗ wort.„Ich habe mich verpflichtet, ihren gegenwärtigen Aufenthalt geheim zu halten, bis ich ſie Eurer Majeſtät als meine Gattin vorſtellen darf. Sobald dies der Fall iſt 448 und wir uns trauen laſſen können, werde ich ſie mit Eurer Majeſtät Erlaubniß abholen.“ „Vermuthlich am Hofe von London?“ äußerte Jakob ziemlich bitter. „Nein, Sire, nicht den vierten Theil ſo weit,“ entgeg⸗ nete der Earl.„Ich hätte ſehr ungerne einem ausländiſchen Fürſten— und wäre es ſelbſt durch meine Liebe— einen Anhaltspunkt an mich gegeben.“ Jakob blieb ſtumm und ſchien zu ſchwanken, denn er ſpielte mit den Spitzen ſeines Wamſes und ſtierte unter den Papieren auf ſeinem Tiſche. „Nun, Mylord,“ ſagte er endlich,„die Frage iſt ziem⸗ lich ſchwierig; wir müſſen den Gegenſtand gebührend er⸗ wägen. Dieſe Douglaſe ſind bis in den zweiten Grad ſammt und ſonders verbannt und aus dem Land gewieſen; es läßt ſich daher nicht ſo im Angenblicke entſcheiden, ob wir ei⸗ nem derſelben die Thüre öffnen wollen; das möchte überdies Streit und Zwietracht veranlaſſen. Ihr ſeht, hier iſt eine Art Anſpruch auf die Ländereien von Whiteburn enthalten, welche längſt unſerem getreuen Unterthan Andrew Stuart übertragen wurden.“ „Ich will das ſchriftliche Verſprechen geben, Sire, daß jene Anſprüche gegen eine Geldbuße im fünffachen Werthe jener Ländereiennie verfolgt werden ſollen,“ erklärte Gowrie. Das war jedoch nicht gerade das Ziel, worauf Jakob ausging, und er rief mit verſtellter Ungeduld: „Nun denn, damit habt Ihr Eure Antwort. Wir wollen die Sache in Erwägung ziehen und nach reiflicher 449 Ueberlegung unſer Ja oder Nein ausſprechen, wie es uns gutdünkt. Nun geht Eurer Wege, Mylord; wir haben für jetzt andere Dinge vor uns.“ Auf dieſe unceremoniöſe Entlaſſung entfernte ſich Gow⸗ rie mit nicht geringer Ungeduld und ſehr ärgerlich. Auf⸗ ſchub war offenbar des Königs Abſicht; zu was aber dieſer Aufſchub dienen ſollte, ſchien ſchwer zu errathen, und wäh⸗ rend der nächſten zehn Tage fühlte er ſich oft verſucht, den König an die Sache zu erinnern, etwa in jener dringenden Weiſe, wie Buckingham um die Graſſchaft Hereford und de⸗ ren bewegliche Habe petitionirte. Er unterließ es jedoch, um ſeiner eigenen Sache nicht zu ſchaden, und der König enthielt ſich jeder direkten Antwort, obwohl er den Earl mit wechſelnder Laune bald mit allzu vertraulicher Güte und bald mit kalter Gleichgültigkeit behandelte. Dieſes Spielen mit ſeinen Erwartungen ermüdete ſeine Seele und deprimirte ſeinen Geiſt; die lange Abweſenheit von der Geliebten erhielt ihn in einem Zuſtande reizbarer Ungeduld, denn er hatte in ſeiner Zärtlichkeit gehofft, Ju⸗ lien die Nachricht von des Königs Einwilligung mitbringen zu können. Er fand hiefür Troſt in dem häufigen Umgange mit ſei⸗ ner Schweſter Beatrice, welche, klug über ihre Jahre und doch fröhlich und neckiſch wie ein Kind, ihn auf ſeiner Bahn tröſtete und ihm zugleich gute Rathſchläge ertheilte. Sie ſchien nichts zu fürchten und achtete dennoch mit Wachſam⸗ keit auf Alles, was am Hofe vorging und was ihren Bruder im Geringſten berühren konnte. Sie und Goyrie erhielten James, Gowrie, 29 450 manche Nachricht durch ihren luſtigen Liebhaber, Sir John Hume. Tag um Tag verſtrich jedoch, und der König ſchien des Earls Bitte gänzlich vergeſſen zu haben, bis Gowrie end⸗ lich im Geſpräche mit ſeiner Schweſter bemerkte: „Ich kann es nicht länger ertragen, Beatrice: ich will mich nach Perth entfernen.“ „Wenn Du nach Perth gehſt, ſo wird es nicht lange dauern, und Du biſt in Trochrie,“ verſetzte Beatrice. „Mag ſeyn,“ erwiederte der Earl;„erſt aber will ich an den König ſchreiben, Beatrice. Verſagt er ſeine Ein⸗ willigung, ſo muß ich es ohne ſie wagen, obwohl es gefähr⸗ lich werden kann, wenn das Geſetz wirklich Julien zur Mün⸗ del der Krone macht; ich bezweifle jedoch das Faktum in ihrem Falle, da keine Ländereien zu vergeben ſind. Willigt er ein, ſo iſt's um ſo beſſer— eine Antwort will und muß ich aber haben.“ „Sey kein Hitzkopf, Gowrie, ſey kein Hitzkopf!“ bat ſeine Schweſter;„ein Tag kann gar oft wichtige Dinge mit ſich bringen.“ „Morgen ziehe ich nach Perth,“ erklärte ihr Bruder in entſchloſſenem Tone;„ich werde jedoch bald zurückkehren, und meine Abweſenheit wird den König vielleicht beſſer an mich erinnern als meine Gegenwart.“ Ohne ſich vom Hofe zu verabſchieden, brach Gowrie am folgenden Morgen in aller Eile nach Perth auf, wo er zwei Tage mit Anordnung ſeines Haushaltes beſchäftigt blieb um Alles in ſolchen Stand zu ſetzen, daß er ſeinen Wohnſitz 451 in dieſer ſeiner Vaterſtadt aufſchlagen konnte; dann war er wieder anderthalb Tage anderswo abweſend, und wir brau⸗ chen dem Leſer nicht zu erklären, was dieſes— anderswo — bedeutet. Bei ſeiner Rückkehr wurde er benachrichtigt, daß David Drummond ihn im Stadtgefängniſſe zu ſprechen begehre; aber trotzdem, daß die Botſchaft von keiner geringeren Perſon als dem Stadtvogte Roy, dem Vicebürgermeiſter der Stadt, überbracht wurde, weigerte ſich der Earl dennoch, den Ge⸗ fangenen zu beſuchen. „Sagt ihm, guter Meiſter Roy,“ bat er,„daß ich ihn nach ſeinem Wunſche beſuchen würde, wenn er nicht einer meiner Diener geweſen wäre; da dies aber der Fall iſt, ſo will ich vor ſeinem Verhöre um keinen Preis privatim mit ihm verkehren.“. Als der würdige Vogt fort war, hoffte Gowrie nichts weiter von der Sache hören zu müſſen, und war daher ſehr überraſcht, als er eine halbe Stunde ſpäter in ziemlich trü⸗ ben Gedanken in ſeinem Garten ſpazierte und den würdigen Roy abermals auf ſich zukommen ſah. „Ich bitte Eure Lordſchaft demüthigſt um Verzeihung,“ begann der Magiſtratsherr im Näherkommen;„allein ich muß Eure Muße abermals durch eine Botſchaft dieſes zu⸗ dringlichen David Drummond brechen. Er bat mich nämlich, Eurer Lordſchaft zu esere daß er ſich an den König wenden werde, wenn Ihr ihn nicht ſehen wollet, und daß er dann Dinge erzählen könnte, welche Seine Ma⸗ jeſtät mit Freuden vernehmen würde,“ 29 ⁸ „Dann laßt ihn auf alle Fälle an Seine Majeſtät appel⸗ liren,“ verſetzte Gowrie.„Nicht um die ganze Welt möchte ich den König um eine werthvolle oder angenehme Nachricht bringen. Kurz und gut, Meiſter Roy: ich will ihn nicht ſehen, und er ſollte mich ſo weit kennen, um zu wiſſen, daß wenn ich einmal Nein geſagt habe, kein Ja mehr daraus wird.“ Trotz dieſer entſchiedenen Antwort machte die Botſchaft des Gefangenen den Earl doch nicht wenig ängſtlich und nachdenklich. „Das Einzige was er erzählen kann,“ dachte Gowrie, „iſt der Zufluchtsort meiner armen Julia. Der König hat keine Antwort auf meinen Brief geſendet; ſo will ich bis morgen Mittag warten und dann in eigener Perſon ſeine Antwort holen. Ich glaube nicht, daß er wagen würde ſie mit Gewalt meinem Schutze zu entreißen; wir werden jedoch bald ſehen, und ich danke Gott, daß Alles vorbereitet iſt!“ Auch am anderen Tage kam kein Brief, und Gowrie brach nach dem Mittagsmahle nach Edinburgh auf. Er langte dort zu ſpät an, um noch am ſelben Tage den Hof zu beſuchen, und war eben von all den ſchlimmen Ahnungen umlagert, wie ſie ein ungeduldiger Geiſt bei längerer Span⸗ nung empfindet, als die Wolken ſich plötzlich zerſtreuten und ein kurzer Sonnenſchimmer den Sturmhimmel durchzuckte, der ſich raſch über ihm reaus 453 Dreiunddreißigſtes Kapitel. „Gowrie, Gowrie, Gowrie!“ rief die Stimme Sir John Hume's im Vorzimmer, faſt wie wenn er einem Hunde lockte. Im nächſten Augenblicke trat der luſtige Ritter mit freude⸗ ſtrahlendem Geſichte in's Zimmer. „Wo ſind die einſt ſo ſcharfen Ohren des edlen Earl?“ fuhr er fort—„jene Ohren, welche des Jägers Halloh von Stirling bis Linlithgow gehört hätten. Ich ſchrie Dir aus meinem hohen Fenſter in der High Street, als Du vorbei⸗ ritteſt, bis das Echo an den Blackfordhügeln mein Gowrie' wiederholten; Du ſprengteſt aber weiter, wie wenn Du Deine Ohren mit Wachs verſtopft hätteſt, gleich dem Ulyſſes, da er ſich vor den ſchönen Damen am Ufer fürchtete. Ich wollte beim Himmel, daß all unſere Matroſen daſſelbe thäten, wenn ſie zum erſtenmale landen.“ „Ich hoͤrte Dich nicht, Hume,“ gab Gowrie in ernſtem Tone zur Antwort.„In Wahrheit, mein Freund, mein Herz iſt ſehr betrübt, und meine äußeren Sinne haben faſt keinen Einfluß auf meine inneren Gedanken. Was macht Dich denn ſo fröhlich ausſehen?“ „Eine der merkwürdigen Revolutionen am Hofe König Salomo's,“ gab Hume zur Antwort.„Sey es nun, daß Seine Majeſtät ein Kapitalmittelchen zum Verſcheuchen der Melancholie oder zum Troſt und Erwärmung des Spleens gefunden, oder daß ſeine Lieblingsdogge ihn mit einem Wurf beſonders ſchöner Junger erfreut, oder daß Königin Eliſabeth ihn zum engliſchen Thronerben, oder daß gar die Königin 454 von Saaba ſich auf morgen zum Beſuch gemeldet hat, oder — doch ſey es was es wolle: irgend etwas hat Eſſig und Galle bei ihm in Honig und Süßigkeit verwandelt, und zwar beſonders gegen Deine zärtlich geliebte Familie. Er ver⸗ folgte heute Deine Beatrice bis vor der Königin Stuhl und gelobte ihr den Schuh zu knüpfen, während ich genöthigt war daneben zu ſtehen und mir nichts anmerken zu laſſen; Alerandern ſchenkte er einen Falken— er iſt zwar keinen Heller werth; aber die Gabe war doch etwas, wenn man bedenkt, von wem ſie kommt.“ „Ich ſchrieb ihm von Perth aus,“ erklärte Gowrie,„und bat ihn, mir auf das Geſuch, das ich, wie ich Dir erzählte, an ihn geſtellt— eine Antwort zu geben; aber er hat nichts auf meinen Brief erwiedert.“ „Das that er abſichtlich, um Dich ungeduldig zu machen,“ antwortete Hume;„ſo ſagte er heute vor dem ganzen Hofe, indem er Dich einen liebeskranken Galan nannte.“ „Ich kümmere mich nichts darum, wie er mich nennt,“ erwiederte der Carl;„wenn er nur ſeine Einwilligung gibt.“ „Die gibt er,“ erwiederte ſein Freund,„und all Deine Sorgen in dieſem Punkte ſind am Ende, Gowrie. Glätte alſo Deine runzlige Stirne, mein edler Lord, und gib der trüben Sorge den Abſchied.“ „Biſt Du Deiner Sache auch ſicher?“ fragte der Earl, der nur ſchwer an die frohe Botſchaft glaubte. „Sicherer als meines eigenen Daſeyns, denn von dem weiß ich nichts,“ gab Hume zur Antwort;„ohne dieſe offen⸗ kundige Handlung hätte ich des Königs Aufrichtigkeit be⸗ zweifelt, denn Sonnenſchein deutet bei ihm nicht immer auf Sommer; aber Thaten ſprechen für ſich ſelbſt. Ich will Dir Alles erzählen, wie es zuging. Seit drei Tagen war der König in abſcheulicher Laune und riß mehr Neſteln an ſeinen Hoſen ab, als er Geld in der Schublade hatte um ſie zu erſetzen; da kam aber die Nachricht, daß Stuart von Green⸗ allan ohne Leibeserben verſtorben: ſein ganzes bewegliches Eigenthum fällt an die Krone neben einer großen Summe baaren Geldes, die er dem König durch Teſtament vermacht⸗ da er wohl wußte, daß er ſie ſonſt doch an ſich ziehen würde. Dieſer Glücksfall beſänftigte ihn merkwürdig, und ſeine guten Laune hat ſeitdem fortwährend zugenommen. Heute Morgen hatte er eine Disputation mit drei Geiſtlichen über Kirchen⸗ regiment und Gott weiß was ſonſt noch; er citirte alle Arten von Büchern, von denen noch Niemand gehört hat, lange Brocken Lateiniſch, Griechiſch und Hebräiſch, bis die armen Teufel bei meinem Leben ganz verdummt waren(wie ſie ſagten) und Seiner hochgelahrten Majeſtät das Feld räum⸗ ten. Ich wollte mein beſtes Pferd gegen eines Keſſelflickers Eſel verwetten, daß ſie kein Wort und der König ſelbſt nicht die Hälfte von dem verſtand, was er über ſie ausſchüttete; aber ſie bekannten zuletzt, daß Seine Majeſtät Recht und ſie Unrecht hätten, denn ſie vermochten ſeine Beweisgründe nicht zu widerlegen, oder auf ſeine Autoritäten zu erwiedern. Ein einziger alter Knabe verfocht die Sache, indem auch er griechiſch und hebräiſch antwortete; allein der König hatte für jeden ſeiner Sätze zweierlei Texte, und ſo war auch er ſchließlich geſchlagen. Seit jenem Augenblicke iſt er voller 456 Triumph. Heute Nachmittag hielt er Deinen Brief Bea⸗ tricen vor die Augen und fragte ſie, ob ſie wiſſe, woher er komme. Sie antwortete luſtig: vermuthlich von einem von Eurer Majeſtät Schätzchen. Pah, ſo was kenne ich nicht, erwiederte Jakob; aber ich will verſuchen und ihn zu meinem Schätzchen machen, indem ich ihm ſeinen Schatz ſchenke. Er kommt von Deinem Bruder Johw, Du bos⸗ hafter Knirps— eine hochſt troſtloſe Epiſtel, weil ich ver⸗ gaß ihm zu ſagen, daß er das Goldvögelchen, auf das er ſo erpicht iſt, haben ſolle. Er ſoll ſte aber nichts deſtoweniger bekommen, und ich hoffe ſie wird ihn dermaßen plagen, bis er beſſer zu Komplotten zu gebrauchen iſt Beatrice brach nun in helles Lachen aus, ſo luſtig und vergnügt, daß es den ganzen Hof— den König, die Königin und uns Alle— anſteckte, bis Jakob ſich die Augen wiſchte und ſie ihre Raffel halten hieß, ſonſt würde ſie nicht einen Monat nach Dir vermählt werden. Sie lachte jetzt noch luſtiger als zuvor, bat aber um die Erlaubniß, Dir ſchreiben und ſeine königliche Gnade vermelden zu dürfen. Davon wollte der König nichts hören, ſondern ſagte: nein, ich verbiete Jedem von euch, ihm auch nur den kleinſten Fetzen zu ſchreiben. Er wird dann mit einem rechten Heulergeſicht zu uns kom⸗ men, das Herz voll Aerger und Ungehorſam, um zu erfahren, ob wir in ſein Geſuch einzuwilligen geneigt ſeyen. Da antwortete jedoch das theure Mädchen mit ihrem angebor⸗ nen guten Takte: weit eher wäre ſein Herz darüber beküm⸗ mert, ob er Eure Majeſtät nicht etwa beleidigt habe“ Der König wollte jedoch nicht einwilligen, daß man Dir ſchreibe, 4⁵⁷ da er ſehen wolle, was Du machen würdeſt; er nahm ſogar Beatricen und Alexandern das Verſprechen ab, daß ſie kein Wort ſagen wollten. Mich hat er nicht gebunden; doch halte ich für beſſer, wenn Du ihn nicht wiſſen läßt, daß Du benachrichtigt wurdeſt.“ „Ich bin ein ſchlechter Heuchler, John, und fürchte, die Freude meines Herzens wird auf meinem Geſichte leuchten, was ich auch dagegen verſuchen mag,“ erwiederte der Earl. „Ich will jedoch mein Beſtes thun, um traurig auszuſehen; iſt es aber nicht ein ſonderbarer Mann— dieſer König? und welche Scene für einen Hof!“ „Du hätteſt es noch ſonderbarer gefunden, wenn Du das Ganze mit angeſehen hätteſt,“ meinte Hume.„So lange 3 er ſprach, hielt er den Falken, von dem ich Dir erzählte, auf der Hand und ſtreichelte ihm fortwährend über den Rücken, daß er aufkreiſchte, worauf Seine gnädige Majeſtät ihn bald eine gierige Weihe, bald einen Höfling nannte, bis Herries, der ſich wohl etwas herausnehmen zu dürfen glaubt, ihn fragte, warum er das Thier einen Höfling nenne.“ „Was gab er zur Antwort?“ forſchte Gowrie. „Er nahm eine pfiffige Miene an— wie er es nennen würde— und ſagte: weil es des Pferdedoktors Tochter ähnlich iſt, Doktor,' es hebt immer den Schnabel auf und 6 kreiſcht nach mehr.“ Gowrie und Hume lachten herzlich über dieſen Witz, denn das Herz des jungen Earls war wunderbar erleichtert, und wir Alle ſind ſolche Kreaturen des Augenblicks, daß ihm dieſe Antwort bei heiterer Stimmung voller Laune erſchien, 45⁵8 während er ſie einige Minuten früher nur einen plumpen gemeinen Scherz genannt hätte. „Wie nahm Herries dieſe Erwiederung?“ erkundigte ſich Gowrie,„denn für ihn war es ein derber Vorwurf.“ „O mit ſeinem eigenthümlichen bittern Humor,“ gab der Ritter zur Antwort.„Er ſagte: ja, Sire, es iſt trau⸗ rig genug, wie wir durch das Beiſpiel verleitet werden. Jedes von uns— Mann wie Thier— folgt ſeinem Ge⸗ bieter.“ Worauf der König gutmüthig erwiederte: Haltet's Maul, ihr alter vertrakter Kerl! Folgtet Ihr Eurem Ge⸗ bieter, ſo wollte ich wetten, Ihr würdet nicht rupfen, ſon⸗ dern gerupft werden; Ihr wäret die Taube und nicht die Weihe.“ Jedenfalls glaube ich, daß Herries nicht mehr ſo beliebt iſt, wie ſonſt; ich beklage das gar nicht, denn er war immer ein Feind Deines und meines Hauſes, Gowrie, und iſt einer jener kaltblütigen, immer bereitwilligen Menſchen, welche nie eine Gelegenheit verſäumen, um einem Andern durch einen ruhig hingeworfenen Scherz zu ſchaden.“ „Ich kenne ihn nicht,“ gab Gowrie zur Antwort. „Alexander und Beatrice lieben ihn nicht; aber einen offe⸗ nen Feind braucht man wenigſtens nicht zu fürchten. Es iſt der geheime Angriff, der Schlag hinter dem Rücken, die ruhige Lüge im Vertrauen geſprochen— was man fürchtet, denn ſie gleichen der vergifteten Waffe des italieniſchen Bravo, welche mordet, wenn auch die Wunde nur eine Ritze iſt.“. „Für jetzt glaube ich nicht, daß Du ihn irgend zu fürch⸗ ten brauchſt,“ ſchloß Sir John Hume;„beſuche aber den —.—— —-.— 459 König morgen bei guter Zeit und benütze ſeine Gunſt in ihrer Fluthzeit.“ Das Geſpräch nahm nun eine allgemeinere Wendung. Der Earl und ſein Freund verhandelten über die verſchiede⸗ nen Charaktere am Hofe König Jakobs, und die Ausſichten des Landes wurden in leichterem, heiterem Tone beſprochen, als ihn der Earl noch vor einer Stunde hätte annehmen können. Ein kurzes Wort, einer jener zufälligen Ausdrücke, welche unſere Gedanken oft plötzlich auf ganz andere Bahnen führen, brachte des Earls Rede auf ſeinen Bruder, und er ſagte:. „Apropos, Hume, Beatrice ſcheint zu glauben, daß Alex ſogar noch weniger als ich bei Seiner Majeſtät in Gunſten ſteht; ich konnte ſie aber nicht dazu bewegen, daß ſie mir die Sache deutlicher erklärte. Sie verwies mich an Dich, indem ſie ſagte, Du würdeſt mir die Urſache von Ja⸗ kobs Widerwillen erklären können.“ „Das iſt einfach genug,“ meinte Hume.„Der König liebt ihn nicht, weil er glaubt, daß die Königin ihn zu viel liebe. Die Wahrheit iſt: Jakob iſt eiferſüchtig; gleich allen argwöhniſchen Menſchen haßt er den Gegenſtand ſeines Ver⸗ dachtes, duldet ſeine Gegenwart am Hofe nur um ihn in die Falle zu locken und wartet auf die erſte Gelegenheit, um einen Grund zur Rache aufzufinden.“ „Hat er aber wirklich Urſache zu dieſem Argwohn?“ fragte Gowrie ſehr ernſthaft.„Kann Alex ſo wahnſinnig, ſo verbrecheriſch geweſen ſeyn, um gerechte Urſache zu ſolcher Eiferſucht zu geben?“ 460 „Bei meinem Leben! ich glaube es nicht,“ verſicherte Hume.„Die Königin macht keinen Hehl daraus, daß ſie hübſche junge Männer gerne ſteht, und Aler iſt ein ſo feiner Burſche, wie nur je einer ein Roß beſtiegen oder ein Schwert gezogen hat. Sie kämpft ſtandhaft um jene Freiheit im Handeln, welche wir Nordländer nicht als Privilegium ſchö⸗ ner Damen betrachten. Sie will gehen, wohin ſie mag, will thun und ſehen was und wen ihr beliebt, ohne vor einem anderen Tribunal als ihrem Gewiſſen verantwortlich zu ſeyn. So lautet ihre Doktrin, und beim Himmel! was ſie predigt, das prakticirt ſie auch. Der König mag außer ſeinem Hauſe ſo abſolut regieren wie er will: in ſeinem Palaſte wird er nicht ſo leicht deſpotiſch auftreten. Ferner liebt Ihre Majeſtät jene galante Seite des alten Ritterthums und glaubt, daß jeder Dame die Liebe und Ergebenheit jedes Edelmanns am Hofe als Tribut gebühre. Es muß auch ein Anſtrich romantiſcher Leidenſchaft daran ſeyn, was ihr gefällt, und ſie ſpinnt auf die leichtſinnigſte Weiſe von der Welt ſolche kleine Liebſchaften an, ohne dabei etwas Arges zu denken; es geſchieht bei ihr Alles zu kühn, zu offen, um verbrecheriſch zu ſeyn. Der König im Gegentheil betrachtet die Sache von ganz anderem Standpunkt: während er für ſich ſelbſt das Vorrecht der höchſten Vertraulichkeit im Be⸗ tragen, der äußerſten Leichtfertigkeit im Reden mit Mann, Weib und Kind beanſprucht, verlangt er, daß alle Damen ſo ſpröd und gravitätiſch wie Nonnen und ſo gehorſam wie ein Schooßhündchen ſeyen. Im Punkte der Politik hat Alex einen großen Fehler begangen, indem er ſich an die Königin — — 46¹ ſtatt an den König attachirte, denn es iſt traurig zu ſagen, aber man kann nicht der Liebling von Beiden ſeyn.“ „Ich wollte eher, er wäre der Liebling von Keinem,“ erwiederte Gowrie.„Er mochte Beiden dienen, mochte Beide lieben und ſich die Freundſchaft Beider verdienen; aber zum Schooßhündchen eines Königs oder einer Königin taugt keiner meines Stammes.“ „Nun ja,“ meinte ſein Freund;„er iſt eben noch ein ganz junger Mann, aber rechtſchaffen von Herzen, wie ich überzeugt bin. Er wird hoffentlich einſehen, daß dieſe Ga⸗ lanterien gegen die Königin mindeſtens unpaſſend ſind, ſo harmlos ſie auch ſeyn mögen.“ „Ich muß es ihn einſehen lehren,“ ſchloß Gowrie und gab dem Geſpräch eine andere Wendung, das bald darauf durch Humes Abgang ein Ende nahm. Der andere Morgen brach kalt und düſter an; aber Gowrie verfügte ſich in den Palaſt ſo frühe die Schicklichkeit es erlaubte, und wurde ſogleich zur Audienz zugelaſſen. Der König war eben im Begriff, auf ſcherzhafte aber nicht ſehr zarte Manier mit eigener Hand keine geringere Perſon als Sir Hugh Herries aus dem Zimmer zu ſchieben, indem er ihm nachrief: „Allons, packt Euch— fort mit Euch. Ihr ſeyd ein boshafter Gauch, und wären wir nicht der gutmüthigſte Monarch, der noch jemals lebte, ſo würden wir Eure Spöt⸗ tereien nicht dulden.— Aha, Mylord von Gowrie! Ihr ſeyd gewiß gekommen, um eine Antwort auf Euren Brief zu holen?“ 46² „Wenn es Eurer Majeſtät gefällt mir eine zu geben,“ erwiederte Gowrie mit der ernſteſten Miene, die er anzuneh⸗ men vermochte, während der Koͤnig ſich in ſein Kabinet zu⸗ rückzog und daſelbſt niederſetzte. „Ihr ſeht, Mylord,“ begann Jakob mit ſehr bedenk⸗ lichem Geſicht,„das iſt eine Sache von großer Wichtigkeit, welche von unſerer Seite volle Erwägung und Ueberlegung verlangt. Nun will ich wetten, Ihr moͤchtet das Ding lie⸗ ber kurz abſchneiden und Euch alsbald mit der Dame ver⸗ mählen“— indem er des Earls Geſicht mit ſchlauem Sei⸗ tenblick betrachtete. „Meine eigene Neigung würde mich allerdings leiten, wie Eure Majeſtät vermuthet,“ verſetzte Gowrie,„und in mancher Hinſicht halte ich es auch für den beſten Plan; aber die Lady ſelbſt wünſcht, daß unſere Trauung bis nächſten September verſchoben werde, wenn es Eurer Majeſtät ge⸗ fällt, für dieſe Zeit Eure Einwilligung zu geben.“ „Sie iſt eine ſehr vorſichtige junge Dame,“ bemerkte der König.„Potz Blitz! die meiſten Dirnen würden alle Fin⸗ ger danach ſchlecken, um bald eine Frau und noch dazu Gräfin von Gowrie zu werden! Nun, Mylord, wir wollen's uns überlegen.“ Jetzt wurde Gowrie unruhig und ärgerlich. Hatte der König ſeinen Sinn ſeit geſtern Nacht geändert, oder ſcherzte er blos zu ſeiner eigenen Beluſtigung mit Gowrie's Ge⸗ fühlen? Der junge Liebhaber empfand einen Grad von Un⸗ geduld, der, wie er fürchtete, bei längerem Verweilen in zornigen Worten ſich Luft machen konnte, weßhalb er ſich 463 mit ſtummer Verbeugung, aber mit flammender Wange und mißvergnügter Miene nach der Thüre entfernte. Jakob ließ ihn gewähren, und ſchon hatte Gowrie die Hand auf der Klinke, als ihm der König mit den Worten zurief: „Halt, Mann, kommt daher! Geht mir nicht batzig fort, wie ein verzärtelter Bengel. Kommt her zu Eurem König, der an Euch wie an allen ſeinen getreuen Unterthanen als ein gütiger freundlicher Vater handeln will, ſo weit ſie es ihm erlauben.“ Gowrie kehrte mit froherem Blicke zurück. „Da, jetzt kann er lachen,“ fuhr Jakob fort, der manch⸗ mal ſcharfblickend genug war;„ich wette, Euer Fürwitz von Schweſter, oder der Knabe Alex hat Euch erzählt, welche Gunſt und Gnade wir Euch zu erweiſen gedenken.“ „Ich kann Eure Majeſtät verſichern,“ gab Gowrie zur Antwort,„daß ich Bruder oder Schweſter in den letzten vier bis fünf Tagen weder geſehen noch gehört habe; ich kann jedoch an Eurer Majeſtät Miene bemerken, daß Ihr in dieſer Sache gnädig mit mir zu verfahren beabſichtigt. „Ich glaube, Ihr ſeyd ein falſcher Schlingel,“ lachte Jakob.„Ihr meint wohl, dieſe feine Phraſe von wegen meiner Miene— wie Ihr's nennt— werde mich beſtechen? Aber ich will Euch was ſagen, Earl: wenn ich glaubte, daß dieſes Geſicht meine Gedanken ausſpräche, während ich es nicht haben wollte, ſo würde ich mir die Haut mit dieſen meinen eigenen zehn Fingern abkratzen, denn laßt Euch be⸗ lehren, Sir: es iſt eine Hauptſache an einem König, daß er immer zu ſagen habe, Luſtiges und Heiteres, oder Trauriges und Ernſthaftes. Aus den Bli eines Monarchen ſollte man nie entnehmen können, ob er an Begräbniß oder Hoch⸗ zeit, an Geburt oder Tod denkt.“ „Aber weiſe Könige ſind immer geneigt, Sire, den Werth der Gunſt, die ſie erweiſen, durch gnädige Worte und Blicke zu verdoppeln,“ gab Gowrie zur Antwort. „Das nenne ich wohl geſprochen,“ meinte der König mit gnädigem Kopfnicken—„geſprochen wie ein kluger und wohl erzogener Junge; wir ſind Euch auch gnädigſt zuge⸗ than und werden Euch Beweiſe davon geben. Wir wollen Eure Vermählung mit jener Dame auf nächſten September genehmigen, und wollen Euch dieſe Genehmigung überdies ſchriftlich ertheilen, denn es ſind gewiſſe Bedingungen, die Ihr— wie Ihr wohl wißt— ſelbſt eingegangen und die wir hier auf dieſem Papiere als eine unſere Einwilligung beſtimmende Vorſicht niedergeſchrieben haben.“ Dieſe Ankündigung machte Gowrie etwas beſtürzt; doch der König erlöste ihn bald von aller Beſorgniß, indem er ihm das Schreiben zeigte, welches dahin lautete, daß er— der König— zu der Vermählung des Grafen John von Gowrie mit Lady Julia Douglas, einer Mündel der Krone, unter der Bedingung ſeine Zuſtimmung gebe, daß beſagte Lady Julia Douglas zuvor in gehöriger Form auf alle An⸗ ſprüche verzichte, die ſich aus irgend welcher Urſache auf die Ländereien von Whiteburn, wie auf alle anderen Beſitzun⸗ gen, Güter, Gelder oder Schätze, welche der verſtorbene Earl mit nüchterner, ruhiger Miene ſprechen kann, was er auch⸗ von Morton einſt inne gehabt— gründen mochten. Sonſt ſollte dieſe Autoriſirung ungültig ſeyn. Der Sinn des Ganzen war in eine ſolche Maſſe juridiſcher Phraſen einge⸗ hüllt, daß es Jedem, der mit der Sprache der ſchottiſchen Gerichte unbekannt war, gänzlich unverſtändlich geweſen wäre; allein Gowrie hatte abſichtlich einen Theil ſeiner Studien auf die Geſetze ſeines Geburtslandes verwendet, ſo daß ihm die Bedeutung des Dokumentes vollkommen klar war. „Dieſe Bedingungen gehe ich ſogleich ein, Sire,“ er⸗ klärte er,„und ich bin bereit, Eurer Majeſtät gegen jede be⸗ liebige Geldbuße das Verſprechen zu geben, daß der erwähnte Verzicht geleiſtet werden ſoll.“ Jakob griff dieſen Gedanken bereitwillig auf, und da er ſich gerne mit ſeiner Geſchicklichkeit in ſolchen Dingen brü⸗ ſtete, ſo ſetzte er ſogleich mit eigener Hand die vorgeſchlagene Urkunde auf, welche Gowrie gerne unterzeichnete, indem er dagegen die geſchriebene Heirathserlaubniß des Königs in Empfang nahm. „Und nun, Mylord, fort nach Trochrie,“ rief der König, als Gowrie ihm die Hand küßte;„holt Euer Vögelchen nur aus ihrem Neſte. Ja, ja, ſtarrt mich nur an und ſeyd ver⸗ blüfft; wenn Ihr aber meint, Ihr könnet Euren König gleich einem Geierfalken auf ſeiner Stange verblenden, ſo dürftet Ihr Euch getäuſcht finden, wie ſchon ſo Mancher es erfahren hat.— Schon gut! ſprecht nichts von der Sache. Wir vergeben Euch, Mann, und wenn Ihr uns nicht für den gnädigſten Monarchen von der Welt haltet, ſo ſeyd Ihr ein undankbarer Burſche.“ James. Gowrie. 30 „In der That, Sire, ich halte Eure Majeſtät für äußerſt gnädig,“ erwiederte Gowrie ſehr bewegt,„und ich will mein Beſtes thun, um Euch meinen Dank zu beweiſen. Ehe ich jedoch nach Trochrie gehe, will ich von einem Rechtskundigen dieſe Verzichtsurkunde in gehöriger Form abfaſſen laſſen, damit ich alsbald Lady Julia's Unterſchrift erhalte und Eurer Majeſtät zu Füßen lege.“ Jakob war von Herzen hiemit einverſtanden, und Gowrie verabſchiedete ſich, um ſeiner Schweſter Beatrice ſeine Freude mitzutheilen und ſeinen Bruder zu überreden, daß er ſich vom Hofe zurückziehe, wo ſeine Gegenwart nur eine Quelle der Zwietracht und Eiferſucht abgab, als ein leiſes Klopfen an der Thüre ſich vernehmen ließ und ein Portier den Kopf hereinſtreckte mit der Meldung: „Hier iſt der italieniſche Kaufmann mit Eurer Majeſtät Erlaubniß.“* „Bringt ihn herein, bringt ihn herein,“ ſchrie Jakob. „Haltet eine Weile, mein guter Lord; der Mann kommt aus dem Lande, das Ihr ſo gut kennt, und will uns ſeine Waaren vorweiſen; da müßt Ihr uns Euer Urtheil über ſeine Sie⸗ benſachen abgeben.“ Gowrie wäre gerne entwiſcht; aber es war nicht mehr möglich, und der italieniſche Kaufmann, wie er genannt wurde(obwohl er eher ein Tabulettkrämer war), wurde dem Könige vorgeführt. Der junge Earl erkannte ſogleich einen Mann, von dem er in Padua, das damals wegen ſeiner Seidenmanufakturen berühmt war, zuweilen Waaren einge⸗ 4. 467 handelt hatte, und der Kaufmann grüßte erſt den König und machte dann ihm eine tiefe Verbeugung. „Aha, Ihr Beiden habt Euch vermuthlich ſchon ge⸗ troffen,“ ſagte der König.„Doch kommt, öffnet Euren Kaſten, Mann, und laßt uns ſehen, was Ihr gebracht habt.“ Die Waaren wurden ausgelegt und beſtanden vornäm⸗ lich in Spitzen und Bändern, welche beſſer für die Kritik einer Dame als eines Königs gepaßt hätten; doch Jakob wählte mehrere Artikel, wobei er nicht gerade den beſten Ge⸗ ſchmack an den Tag legte. Er befragte Gowrie erſt um ſeine Meinung, ehe er den Handel abſchloß, und der Earl, ſo wenig er auch Höfling war, beſaß doch genugſame Er⸗ fahrung, um nicht geringſchätzig von des Königs Geſchmacke zu reden. Zuletzt kam ein ausnehmend ſchönes blauſeidenes Band mit goldenen Figuren zum Vorſchein, ſo dick und maſſiv, daß es am Beſten zu einem Schwertgürtel zu tau⸗ gen ſchien; Jakob fand großes Wohlgefallen daran und er⸗ klärte, er werde es der Königin zum Geſchenk machen. Bald darauf entließ er den Earl, indem er den Italiener noch bei ſich behielt, und ſo bald die Thüre geſchloſſen war, fragte er in vertraulichem Tone: „Ihr habt dieſen Burſchen vermuthlich in Italien kennen gelernt, mein Mann?“ 4 Der Italiener erwiederte— Ja, und Jakob fuhr in ſei⸗ ner unerſchöpflichen Neugierde fort, ihn über Alles auszu⸗ fragen, was ihm von Gowrie's Geſchichte bekannt ſey. Der gute Mann dachte nicht entfernt daran, dem Earl ſchaden zu wollen; aber wir Alle wiſſen, wie leicht, beſonders unter 30* 468 den Händen eines ſo geſchickten Erxaminators, eine Anekdote zur andern führt. Zwar lautete faſt Alles, was der Ita⸗ liener zu ſagen hatte, günſtig für den Earl: er erzählte, wie Gowrie einmüthig noch in ſehr jungen Jahren zum Rektor der Univerſität erwählt worden ſey und wie ſein Benehmen Alle dermaßen befriedigt habe, daß ſein Bild in der großen Univerſitätshalle aufgehängt wurde; endlich aber fügte er bei, er glaube, der Earl habe ſich endlich über die Behandlung eines Mannes geärgert, dem er früher ſehr angehangen habe. Jakob fuhr fort ihn emſig hierüber auszuforſchen und erfuhr ſo des Italieners Leſeart über die Geſchichte des armen Manuccei. Dichtung und Wahrheit miſchten ſich wie ge⸗ wöhnlich in die Erzählung; allein Zauberei und Hexenkunſt waren Lieblingsgegenſtände beim König, und aus dem an⸗ fänglichen Geplauder wurde allmälig eine Unterſuchung und ſpäter beinahe ein förmliches Verhör, da er den armen Krämer über Manucci's Geſchicklichkeit in teufliſchen Kün⸗ ſten wie über Gowrie's Verbindung mit ihm in die Kreuz und die Quere ausfragte. Der gute Mann, der ängſtlich nach der Gunſt des Monarchen ſtrebte und durch keine über⸗ triebene Gewiſſenhaftigkeit zurückgehalten wurde, hätte ver⸗ muthlich zu Allem Ja geſagt, wie es dem König beliebte, und Jakob ermangelte nicht, ihn mit Andeutungen ſeiner eigenen Anſicht reichlich zu verſehen. Der Glaube an Zauberkunſt und Hexerei kommt uns heutiges Tags ſo lächerlich vor, daß wir uns kaum zu dem Glauben zu zwingen vermögen, wie in früheren Zeiten die große Mehrheit aller Klaſſen, Hoch und Niedrig, vollkom⸗ 6. 469 men überzeugt war, daß Sterbliche über gewiſſe Gattungen ſchlimmer Geiſter Gewalt erlangen können. Dem war aber zu Jakobs Zeiten allerdings alſo, und die Wirkung dieſes Glaubens war oft höchſt verderblich. Im vorliegenden Falle trug Jakob allerdings Sorge, den Italiener nicht wiſſen zu laſſen, welche Schlüſſe er über Gowrie daraus zog, und es genüge zu wiſſen, daß der Kaufmann, als er entlaſſen wurde, einen für den jungen Earl höchſt ungünſti⸗ gen Eindruck zurückließ, der im Vereine mit anderen Urſachen nicht ermangelte, in einer ſpäteren Periode bittere Früchte zu tragen. Vierunddreißigſtes Kapitel. „Könnt Ihr mir ſagen, wo ich meine Schweſter finden werde, Ballough?“ fragte der Earl von Gowrie den Thür⸗ ſteher vor der Königin Gemächer, nachdem er den König verlaſſen hatte. „Sie iſt mit ihrem Bruder ausgegangen, Mylord,“ erwiederte dieſer;„ich glaube, ſie haben ihren Weg nach Eurer Lordſchaft Wohnung eingeſchlagen.“ „Ich glaube nicht, Ballough,“ ſagte der Carl.„Ich hätte ſie begegnen müſſen, oder ſie hätten wenigſtens meine Pferde vor dem Thore ſtehen ſehen.“ „Sie gingen den anderen Weg, Mylord,“ erklärte der Mann.„Ich ſah ſie gegen den Pflanzengarten gehen und hörte Lady Beatrice ſagen, dies ſey der abgelegenſte Pfad für Fußgänger.“ 470 „Kann ich hier durch?“ erkundigte ſich der Earl. „Durch dieſen Gang nicht, Mylord,“ erwiederte der Thürſteher;„wenn Ihr aber durch den Portikus um die Ecke bieget, ſo werdet Ihr die kleine Pforte offen finden, und ſie führt Euch gerades Wegs in den Garten.“ Der Earl ſchickte Pferde und Diener nach Hauſe und nahm ſeinen Weg durch einen Theil der Gärten Holyroods oder„der Abtei“— wie das Schloß damals häufig genannt wurde— indem er durch eine vom Palaſte ziemlich ent⸗ legene Pforte in den geſchäftigeren Theil der Stadt eintrat. Die Pforte ſelbſt war zu, aber nicht verſchloſſen, und als er ſich ihr näherte, hörte er eine Stimme ſagen: „Wir haben Euer Pferd nicht ausgehungert, Ihr bös⸗ mäuliger Südländer! Reitet jetzt nur davon, ſo ſchnell Ihr könnt, und merkt Euch: wenn Ihr ein Wort verlauten laſſet, ſo werdet Ihr in einen der Kerker von Stirling geſetzt und bekommt dann jenen Stiefel zu koſten, den Ihr neulich ge⸗ ſehen. Allons— fort mit Euch!“ Dieſen Worten folgte das laute Knallen einer Peitſche. „Eine ganze Haut iſt der beſte Rock, der jemals gemacht wurde,“ erwiederte eine Stimme, welche Gowrie zu kennen glaubte, und als er im ſelben Augenblick durch die Pforte trat, ſchaute er emſig die Straße hinauf, wobei ſein Auge durch das Klappern eines eiligen Pferdehufes geleitet wurde. Niemand war in jener Richtung zu ſehen als die Geſtalt ſeines eigenen Dieners Auſtin Jute auf demſelben Roſſe, das er nach Trochrie geritten hatte, und ſcharf ſich umwen⸗ dend ſah der Earl auf der anderen Seite die derbe Figur 471 und den Klumpfuß des Dr. Herries nebſt einem anderen Gentleman vom königlichen Haushalte, Namens Graham, gegen den Palaſt hinſchlendern. Gowrie fragte ſich ſelbſt, was das wohl zu bedeuten habe. Konnte Jute ihn wirklich verrathen, nachdem er ihm ſo lange ein treuer Diener geweſen? „Ich mag's nicht glauben,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„die Kabalen an dieſen Höfen könnten Einen gegen ſeinen beſten Freund argwöhniſch machen. Auffallend iſt es in hohem Grade; doch will ich warten und zuſehen. Ich werde an dem Weſen des Mannes bald entdecken, ob er etwas vor mir verhehlt.“ So ging er nachdenklich ſeines Weges weiter, ohne ſeinen Geſchwiſtern zu begegnen, die er Beide in der Stadtwohnung ſeiner harrend traf. „Wir dachten Dich vor dem Ausgehen zu überraſchen, Gowrie,“ begann Beatrice, ſo bald ſie ihn gewahr wurde, „denn Hume ſchrieb mir heute morgen, daß er Dich geſehen habe. Deinem Blicke nach hoffe ich, daß Alles richtig und in Ordnung iſt, und daß des Königs gute Laune, welche dem Monde gleich wächst und ſchwindet, ſeit geſtern noch nicht abgenommen hat.“ Gowrie ſetzte ſich neben ſie und erzählte ihr alle Vor⸗ gänge— eine Erzählung, welche das Kolorit ſeiner eigenen Herzensfreude an ſich trug. Beatrice ſchien erfreut, aber doch weniger als er erwartet hatte, und ſie fragte ziemlich ungeduldig: „Und nun, Gowrie, was gedenkſt Du jetzt zu thun?“ „Sobald dieſe Verzichtsurkunde aufgeſetzt iſt, nach Trochrie zu gehen und meine wilde Roſe nach Dirleton zu verpflanzen,“ erwiederte er. „Folge meinem Rathe und thu' das nicht,“ antwortete Beatrice.„Glaube mir, Gowrie, ſie iſt ſicherer wo ſie iſt. Du kennſt den König nicht ſo gut wie wir: bei ihm deutet Sonnenſchein oft auf ſchlimmeres Wetter als Wolken, und ich bezweifle ſehr ſeine Beweggründe bei dieſer Sache. Daß Du ſeine ſchriftliche Einwilligung erlangt haſt, iſt allerdings ein großer Schritt, worüber wir uns wohl freuen mögen; allein er iſt berühmt wegen ſeiner Kunſt Fallen zu legen, und hätte er Julien erſt in ſeiner Macht, ſo bedenke, wie er Dich dann in die Hand bekäme. Sie mit Gewalt aus Trochrie zu entführen würde ihn mehr Geld und Leute koſten als er aufzutreiben vermag, und er hat nicht einmal einen Vorwand es zu verſuchen; wäre ſie aber einmal in Dirleton, ſo würde er bald Mittel finden, ſie nach Edin⸗ burgh zu rufen, und dann wäre es um Deine Freiheit im Handeln geſchehen.“ „Du biſt ein weiſer Rathgeber, Beatrice,“ erwiederte ihr Bruder,„und Dein Vorſchlag gefällt mir wohl. Nur der Umſtand, daß Trochrie ein ſo einſamer, abgelegener Ort iſt, läßt mich noch zögern.“ „Du kannſt ihn ja leicht weniger einſam machen,“ ſagte Alexander Ruthven lachend.„Gehe ſelbſt hin und leiſte ihr Geſellſchaft.“ „Wenn Du mitkommen willſt, Aler,“ erwiederte ſein Bruder. 473 Der junge Mann erröthete und ſchien verlegen. „Das kann ich jetzt nicht, John,“ antwortete er.„Ich war im Winter lange von meinem Poſten abweſend.“ „Die Wahrheit iſt, Aler,“ verſetzte Gowrie freimüthig: „nach Allem, was ich höre, ſcheint es mir beſſer, wenn Du häufiger abweſend wäreſt, ja wenn Du Deine Stelle ganz aufgäbeſt.“ 3 „Wie l haben ſie auch Dein Gemüth vergiftet, Gowrie?“ rief der Andere ungeſtüm.„Ich will nicht gehen, denn wenn ich es thäte, ſo würde ich nur die falſchen Gerüchte, die ſie ausgeſprengt, beſtätigen. Ich will meine eigene Sache nicht aufgeben oder Beſchämung über mein Benehmen blicken laſſen, was auch meine Freunde und Verwandten thun mögen.“ „Du wirſt zu hitzig, Aler,“ ermahnte der junge Carl. „Deine Verwandten haben nicht Luſt Dich im Stiche zu laſſen, und ich hoffe und glaube, Du wirſt ihnen nie Ver⸗ anlaſſung geben, ſich Deines Benehmens ſchämen zu müſſen; ich rathe Dir nur zu Deinem eigenen Beſten. Argwohn in der Seele eines Königs iſt ein gefährliches Ding und muß mit allen vernünftigen Mitteln vermieden werden, ob er nun gegründet ſeyn möge oder nicht. Ueberdies, wenn auch Dein königlicher Gebieter und ſeine Gemahlin ganz aus dem Spiele wären, ſo hat kein Mann ein Recht, eine Urſache zu Familienzwietracht zu liefern.“ „O wäre ich auch aus dem Wege— morgen wäre es ein Anderer,“ gab der junge Mann zur Antwort.„Des Königs Argwohn muß nun einmal einen Gegenſtand haben, auf den er ſich heftet.“ „Ich möͤchte lieber jeden andern Gegenſtand als eben Dich, Aler,“ erwiederte ſein Bruder.„Wie dem auch ſey— ich habe Dir meinen Rath gegeben, und Du magſt ihn nun benützen oder nicht.“ „Ich werde mich ganz gewiß nicht vom Hofe zurück⸗ ziehen,“ verſicherte Alexander Nuthven in ungeduldigem Tone.„Ich würde dem Charakter einer andern Perſon, die ich zu lieben und zu ehren verbunden bin, Unrecht thun. Wenn Du mir alſo einen ſolchen Rath gibſt, Gowrie, ſo ſprichſt Du nur in den Wind, denn in dieſem Falle habe ich ganz gewiß Recht.“ „Das bezweifle ich ſehr,“ verſetzte der Earl und ließ den Gegenſtand fallen, da er ſah, daß es nutzlos wäre, ihn weiter zu verfolgen. Beatrice hatte während dieſes kurzen Zwiegeſprächs zwiſchen den beiden Brüdern ſtillgeſchwiegen. Ihre Wange war ziemlich bleich und ihr Auge zu Boden geheftet; ſobald aber Gowrie geendet hatte, ſchaute ſie empor und knüpfte ſogleich an das frühere Thema an. „Ich möchte gerne mit Dir gehen, Gowrie,“ ſagte ſte, „und Deine theure Julia in ihrer Einſamkeit aufheitern; allein ich glaube, da wo ich bin Euch Beiden nützlicher ſeyn zu können, denn meine Aufgabe für Dich wie für Alex beſteht darin, Alles was vorgeht genau zu bewachen und Euch alsbald vor nahender Gefahr zu warnen. Ob Alex eine ſolche Mahnung annehmen will, weiß ich nicht; Du 475 aber, Gowrie, wirſt gewiß dem erſten Winke gehorchen, den ich Dir gebe. Ich kann mich vielleicht nicht deutlich aus⸗ ſprechen, kann Dir vielleicht nur wenige Worte ſchreiben; aber ſey wachſam, mein theurer Bruder, und wenn ich ſage: fliehe— ſo verliere keinen Augenblick.“ „Warum vermutheſt Du, daß ich Deiner Warnung nicht folgen werde, Beatrice?“ fragte ihr Bruder Alexander mit der Reizbarkeit eines Menſchen, welcher weiß, daß die Andern ihn im Unrecht glauben und der von ſeinem Rechte ſelbſt nicht ganz überzeugt iſt. „Wie kann ich glauben, daß Du eine Warnung annimmſt, wenn Du auf keinen Rath hören magſt?“ fragte ſeine Schweſter. „Weil eine Warnung ſich auf Fakta, ein Rath aber nur auf eine Sache der Meinung ſich bezieht,“ gab der junge Mann zur Antwort. „Laß uns nicht weiter ſtreiten, Alex,“ bemerkte Beatrice. „Ich glaube mit Gowrie, daß es für Dich weit beſſer wäre, wenn Du gingeſt; das darfſt Du mir aber glauben, Alex, wenn ich Dir jemals ſage, Du ſeyeſt in wirklicher Gefahr (was vorausſichtlich irgend einmal eintreten wird), ſo werde ich nicht ohne vollkommene Gewißheit ſprechen.— Und nun lebe wohl, Gowrie! Wir dürfen nicht zu lange ausbleiben, ſonſt glaubt der König, wir komplottiren zuſammen.“ 4 „Du ſiehſt, er beargwöhnt Jedermann ſo gut wie mich,“ bemerkte ihr junger Bruder, entſchloſſen, die Sache zu ſeinen Gunſten zu entſcheiden;„ich bin überzeugt, daß Gowrie ebenſo wenig ſein Liebling iſt wie ich. Ueberdies glaube ich 476 nach ſeinem geſtrigen Benehmen, daß Jakob ſeinen früheren Argwohn als ungerecht erkennt und ihn wieder gut zu machen wünſcht.“ „Pah, pah!“ verſetzte Beatrice, ihr Koͤpfchen mit weg⸗ werfendem Lächeln aufrichtend:„der König hat noch nie etwas gut gemacht. Er glaubt immer, er habe Recht, habe Recht gehabt und werde es haben bis an's Ende ſeines Lebens. Er läßt ſich keinen Augenblick träumen, daß er im Unrecht geweſen ſeyn könne, wenn er auch Mittel ergreift, um die Gegenſtände ſeines Zweifels und Unwillens einzu⸗ lullen bis ſie ganz in ſeiner Gewalt ſind.— Komm jetzt, Alex; laß uns den Gegenſtand nicht weiter verfolgen, ſon⸗ dern ruhig in den Palaſt zurückkehren.“ Hiemit ſagte ſie ihrem älteren Bruder Lebewohl und verließ ihn, um in Alexanders Begleitung faſt ſchweigend nach Holyrood zurückzukehren, denn ſie ſelbſt war voller Angſt und Zweifel, und Alexander Ruthven befand ſich in jenem Zuſtande der Gereiztheit, wie er durch den Konflikt zwiſchen dem Wunſche Recht zu thun und den ſtarken Ver⸗ ſuchungen zum Unrecht, beſonders bei jungen Gemüthern, ſo oft erzeugt wird. Ich darf mich nicht damit aufhalten, die Einzelheiten jenes Tages für Gowrie zu ſchildern. Der Schneckengang der Juſtiz in dieſem unſerem geſegneten Lande iſt als einer der Flüche des menſchlichen Daſeyns ſprichwörtlich geworden. Auch zu ſeiner Zeit war es ſo, und als er ſich mit Sachver⸗ ſtändigen berieth, erfuhr er, daß das Aufſetzen der Verzichts⸗ urkunde— ſo einfach es auch ſchien— eine mehrtägige 477 Arbeit erfordern würde, um ſie ſo deutlich und weitläuf abzufaſſen, wie der König es verlangen würde. Er hatte lange Erklärungen zu geben und in Einzelheiten einzugehen, die er vorher nicht überlegt hatte, ſo daß der größere Theil eines Frühlingstages verſtrich, bis er die dunkle düſtere Zelle, wo der Mann des Rechtes wohnte, verlaſſen konnte. In ſein eigenes Haus zurückgekehrt, ging er über eine Stunde in dem großen ſchönen Wohnzimmer auf und ab und dachte über Vergangenheit und Zukunft. Fragt man mich, ob ſeine Gedanken traurig oder heiter waren, ſo muß ich antworten: ſehr gemiſcht, wie dies einem Manne von ſtarkem Verſtand und lebhafter Einbildungskraft eigen iſt. Aber man darf nicht vergeſſen, daß Gowrie im Frühling des Lebens ſtand— jener ſchönen Jahreszeit, wo der Ge⸗ ſang des wilden Vogels— Hoffnung— am lauteſten, ſüßeſten und verführeriſchſten klingt. Die Umſtände, in denen er ſich befand, mochten ihn allerdings für eine Zeit⸗ lang beunruhigen oder verdüſtern; aber die erheiternde Stimme in ſeinem Herzen machte ſich immer wieder geltend und die Sirene ſang nicht vergebens. Endlich ließ er Lichter bringen, und in einen Stuhl ſich werfend griff er nach ſeinem Lieblingsſchriftſteller Salluſt und begann zu leſen. Das Blatt öffnete ſich mit dem Catilina, und die erſten Worte frappirten ihn als merk⸗ würdig zutreffend zu dem halbgebildeten Entſchluſſe, der noch undeutlich in ſeiner Seele ſchwebte, nämlich dem— ſein Leben in friedlicher Zurückgezogenheit zuzubringen. „Omnis homines, qui sese student praestare ceteris 478 animalibus, summa ope niti decet vitam silentio ne tran- seant, veluti pecora, quae natura prona, atque ventri obedientia finxit.“*⁸ „Und doch dünkt mich,“ ſagte er,„daß Mancher ſich über das unvernünftige Thier erheben kann, ohne ſich in den geſchäftigen Wirrwarr weltlicher Angelegenheiten zu miſchen, ja daß er ſeinem Vaterlande und Geſchlechte in der Stille tiefen aber friedlichen Nachdenkens mehr wirklichen Nutzen leiſten kann als in den lärmenden Kämpfen an Höfen und in Städten.“ Er fuhr fort zu leſen, bis er an die glänzende Charakter⸗ ſchilderung Catilina's kam. „Lucius Catilina, nobili genere natus, magna vi animi et corporis, sed ingenio malo provoque,“ etc.**ε „Welch' ein Gemälde von Bosheit!“ dachte er im Weiterleſen;„ja und welch' eine Schilderung von dem Zu⸗ ſtande Roms unter der Republik, da man von jedes Mannes Leben ſagen konnte: Huic, ab adolescentia bella intestina, caedes, rapinae, discordia civilis grata fuere; ibique juventutem suam exercuit.**⁵ Iſt das die Frucht freier „Alle Menſchen, die ſich über die übrigen Thiere erheben wollen, müſſen mit aller Mühe danach ſtreben, daß ſie das Leben nicht in Stillſchweigen zubringen, gleichwie die Thiere welche, ſchon von Natur zur Erde geneigt, durch ihre Dienſtbarkeit gegen den Magen an die Scholle gefeſſelt werden.“ **„Lucius Catilina, aus edlem Geſchlechte entſproſſen, von großer Seelenſtärke und Leibeskraft, aber von ſchlimmem verderb⸗ tem Gemüth u. ſ. w.“ *er„Ihm war von Jugend auf Bürgerkrieg, Raub, Mord —— 479 demokratiſcher Inſtitutionen? Ein Zuſtand ſo nahe der Anarchie— iſt er das Ergebniß der Volksregierung? Da wäre der Deſpotismus beſſer. Aber es kann nicht ſo ſeyn. Zwiſchen der Zügelloſigkeit, welche zerſtört, und der Autorität, welche die Geſellſchaft unterdrückt, muß es ein Mittel geben, wo das Volk genugſame Macht hat, um ſeine Freiheiten zu ſchützen und zu erhalten, und die Obrigkeit des Landes mit den Mitteln bewaffnet iſt, um geſetzloſe Gewaltthat zu hem⸗ men, ohne die rechtmäßige Freiheit zu verkürzen. Ich bin kein freier Mann, wenn Andere im Lande die Macht haben, mich ungeſtraft zu beeinträchtigen; meine Freiheit iſt dann durch ſie ebenſo gut wie durch jeden König unterdrückt. Nur das Geſetz erzeugt wirkliche Freiheit— ein Geſetz, das rechtlich abgefaßt und feſt gehandhabt wird, ein Geſetz, das gleichermaßen über Königen und Unterthanen ſteht. Doch laß ſehen, was er weiter ſagt.“ Er hatte jedoch nicht Zeit die Blätter des Buches um⸗ zudrehen, als die Thüre ſachte hinter ihm aufging und ein Schritt hörbar wurde. Er drehte ſich nicht um, und der Nahende trat um den Tiſch nach der anderen Seite des Kamins, wo Gowrie beim Aufſchauen plötzlich ſeinen Diener Auſtin Jute vor ſich ſah. „Wie nun, Auſtin?“ rief er;„was hat Dich nach Edinburgh gebracht? Iſt euch etwas begegnet?“ „Nichts was Mylady beträfe, Sir,“ erwiederte der Engländer, welcher alsbald begriff, daß ſein plötzliches Er⸗ und Zwietracht hochwillkommen, und er hatte ſeine ganze Jugend⸗ zeit unter ſolchen Scenen verlebt.“ 480 ſcheinen den Earl um Julia's Sicherheit beſorgt machen könne;„wohl aber Vieles was mich angeht, und ich hielt es für beſſer, es Euch zu erzählen, Mylord, ſtatt gegen meine Pflicht zu fehlen, denn Niemand kann ſagen, wie weit das was den Einen berührt, auch den Anderen angehen mag. Ich bin nicht freiwillig in Edinburgh, wie Ihr mir leicht glauben werdet, denn Ihr hießet mich in Trochrie bleiben, und ich wäre auch geblieben; aber Noth kennt kein Gebot', und was Du nicht kannſt kuriren, mußt Du präſtiren. Wenn andere Beine mit mir weglaufen, ſo ſind die meinigen nicht ſchuldig und die Macht ſchreibt das Recht', wie die Leute ſagen.— So hört mich denn, Mylord. Ich kam gegen meinen Willen, wie ich ſogleich erklären will. Die Sache ging ſo: es ſind jetzt gerade vier Tage, daß wir in jenem langen düſteren Thale gegen Nordweſten drei bis vier Män⸗ ner reiten ſahen, und der alte Mac Duff, Cuer Baronei⸗ vogt, wollte nachſehen, was ſie vorhätten; da ich aber recht wohl wußte, daß ich, wenn er gefangen und das Schloß an⸗ gegriffen würde, die Leute nicht kommandiren könnte oder daß ſie mir jedenfalls nicht gehorchen würden— was ſo ziemlich auf baſſelbe herauskommt— ſo ritt ich allein aus zum Rekognosciren. Ich glaubte, man würde mich nicht ſo leicht einfangen; aber das iſt ein teufliſches Land in ſolchen Affairen, Mylord. Ich ſchaute mich auf dem ganzen Wege ſcharf genug um, wie ich meinte; allein es war un⸗ möglich, unter all' den Felſen und Steinblöcken zurecht zu kommen. Doch behielt ich die Männer, die wir vom Thurme aus geſehen hatten, immer vor Augen, bis ich ſie auf eine 481 halbe Meile erreicht hatte; dann drehten ſie ſich um und begannen weg zu reiten, wie wenn ſie fürchteten gefangen zu werden, und da ich ſie nur auf einem Marodeurszuge begriffen glaubte, mit dem ich nichts zu ſchaffen hatte, ſo mochte ich ihnen nicht über ein paar hundert Schritte nach⸗ folgen. Als ich mich jedoch zur Heimkehr umwendete, ſah ich fünf Männer zu Fuß die Straße hinter mir ſperren. Ich galoppirte auf ſie los und glaubte mich durchſchlagen zu können; ſie waren mir aber zu ſehr überlegen, Mylord, denn bald hatten ſie mein Roß am Zügel und befahlen mir, in des Königs Namen mich zu ergeben. Ich fragte ſie nach ihrem Verhaftsbefehl; da lachten ſie mir aber in's Geſicht; die anderen Reiter kamen nun auch herbei, und ſo banden ſie mir die Füße unter den Sattel und die Hände auf den Rücken; die Reiter zogen mit, während die zu Fuß wieder verſchwanden.“ „Werndeten ſie ſich nach dem Schloſſe?“ fragte Gowrie ſehr geſpannt.„Wie viele Leute ließeſt Du dort?“ „O das Schloß iſt ſicher, Mylord,“ antwortete Auſtin Jute.„Die Beſatzung zählte im Ganzen fünfzehn Männer, und als ich auszog, ſagte ich: ſicher gebunden, ſicher gefun⸗ den, Mr. Mac Duff. Sobald ich fort bin, zieht die Zug⸗ brücke auf, und komme ich in einer halben Stunde nicht zurück, ſo ſchickt nach Euren Freunden in der Nachbarſchaft. Er hätte bald Helfer genug; Proviant iſt auch in Fülle vorhanden, und das Feuerbecken auf der Spitze des Thurmes würde in wenig Stunden weiteren Succurs herbeiziehen. Sie wollten aber nichts vom Schloſſe, obwohl ſie Mylady James, Gowrie, 34 482 ohne Zweifel mitgenommen hätten, wenn ſie ſie hätten ein⸗ fangen können— ſo viel entnahm ich aus ihren Worten, die ich auf dem Herwege mitanhörte.“ „Und was iſt Dir hier begegnet?“ forſchte der Earl. „Hm, erſt brachten ſie mich an einen Ort, den ſie das Schloß nannten, Mylord,“ erzählte Auſtin Jute,„wo ich in ein dunkles, kaltes Loch geworfen wurde und nichts als ſchmutziges Haferbrod zu eſſen bekam; nach Verlauf von einigen Stunden ſchleppten ſie mich in die ſogenannte Abtei hinab, wo ich noch ſchlimmer als früher daran war. Schlimm iſt das Beſte, ſagen ſie; aber beſſer ſchlimm wie ſchlimmer,, und ſo ging es mit mir, denn nun ließen ſie mich viele Stunden im Dunkeln ohne Eſſen oder Trinken, bis der Sonnenſchein zu einem Loche oben hereinbrach, und ich zum Zeitvertreib zu pfeifen anfing. Bald darauf wurde ich heraus geführt und in ein Zimmer gebracht, worin ſich fünf bis ſechs Leute befanden; über das eine Ende der Stube war ein großer Vorhang gezogen. Auch ſtand ein Tiſch darin mit allerhand großen und kleinen eiſernen Geräth⸗ ſchaften von höchſt ſonderbarer unerfreulicher Geſtalt. Das eine Ding war wie ein Bratenmodel für ein Wildſchwein, nur nicht ſo dick, und ich hörte, wie ſie es den Stiefel nann⸗ ten. Ein handfeſter Mann ſtand neben dem Tiſch, zweimal ſo groß wie ich; das Wamms hatte er abgeworfen und die Aermel aufgeſtülpt; ſein Ausſehen wollte mir gar nicht ge⸗ fallen. Sobald ich hereingeführt wurde, begannen Die am Tiſche mich hin und her auszufragen, was ich in Schottland thue, wie ich nach Trochrie gekommen und dergleichen. Ich 483 ſchlug lange Zeit nur ſo auf den Buſch, beſonders als ſte mich über Mylady befragten——“ „So wußten ſie ſchon, daß ſie dort war?“ erkundigte ſich der Earl. „Das weiß ich nicht genau, Mylord,“ verſetzte Auſtin Jute freimüthig.„Sie ſchienen es allerdings zu wiſſen; aber ich glaube, ſie haben mich überliſtet. Ich möchte Euch um keinen Preis eine Lüge erzählen; aber ich vermuthe ſtark, daß ſie mich verleiteten, mich zu verſchnappen, indem ſie vorgaben, mehr zu wiſſen als ſie wirklich wußten. Es thut mir ſehr leid; aber was geſchehen iſt, läßt ſich nicht ungeſchehen machen. Der Pfeil, der abgeſchoſſen iſt, muß ſeinen eigenen Weg gehen. Als ich jedoch merkte, daß ſie entweder durch meine Worte oder durch das, was ſie ſelber wußten, der Sache ganz ſicher waren, da verweigerte ich jede weitere Antwort auf die Frage, wie ſie dahin gebracht worden und dergleichen. Nun drohten ſie, mir den Stiefel anzulegen, wie ſie es nannten. Das wollte mir gar nicht einleuchten; mein Bein wäre mir vorgekommen wie ein lebendig geröſtetes Schwein. Statt deſſen legten ſie mir ein Ding um den Daumen und hießen mich die Wahrheit ſagen, ſonſt würden ſie es zuſchrauben.“ Gowrie erhob ſich von ſeinem Stuhle und ging mit flammenden Wangen und gerunzelter Stirne im Zimmer auf und ab ohne ein Wort zu ſprechen, und nachdem Auſtin Jute ſeinen Gebieter eine Weile betrachtet, fuhr er fort: „Jetzt änderten ſie ihr Verfahren und begannen zu fra⸗ gen, ob ich mit Euch in Italien geweſen: darauf antwortete 31* ich— Ja. Nun wollten ſie wiſſen, wo Ihr mich gedungen hättet; worauf ich ſagte: vor fünf Jahren zu Padua. Darauf kam die Frage, ob ich die Lady Julia und ihren Großvater dort gekannt und wie lange ich ſie gekannt habe. Ich muß ſagen, es war ein unerfreuliches Verhör mit dem Ding', das mir am Daumen baumelte; nachdem ich aber den Köͤnig zu Falkland von der Lady Schätzen hatte reden höͤren und wieviel er durch die Vormundſchaft über ſie zu gewinnen hoffte, ſah ich wohl, wonach ſie ſuchten, und ich ſagte zu mir ſelber: jjetzt werden ſie bald auf das Geld zu ſprechen kommen. Ein Nicken iſt für ein blindes Roß ſo gut wie ein Wink, und ſo antwortete ich keck, ich habe ſie und den alten Herrn ſchon zehn bis zwölf Jahre gekannt, lange bevor Eure Lordſchaft nach Padua gekommen.“ „Das war aber falſch,“ rief der Earl. „Ich kann nichts dafür, Mylord,“ erwiederte Auſtin Jute;„meine Antwort erfüllte jedenfalls ihren Zweck. Nachdem ich einmal dadurch, daß ich die Wahrheit heraus⸗ gelaſſen, in die Falle gerathen war, gab es nur noch ein Mittel, es wieder gut zu machen, indem ich nämlich auch eine Lüge herausließ. Legt Beide in zwei Wagſchalen, und die eine wird die andere aufwiegen. Wenn Leute Fragen an mich richten, wozu ſie nicht berechtigt ſind, ſo mögen ſie auch Antworten hinnehmen, die ich zu geben kein Recht habe. Sie erkundigten ſich alſo, wie der alte Herr und die junge Lady in Padua gelebt, und da ich wußte, daß ich hier kein Unheil anrichten konnte, ſo ſagte ich: der Himmel weiß! ſie waren meines Wiſſens arm genug; woher ſie aber 485⁵ ihr weniges Eigenthum nahmen, kann ich nicht ſagen. Nun hörte ich einen klumpfüßigen Mann, der am Ende der Tafel ſaß, ruhig fragen: ſie machten alſo keinen großen Staat? Ich lachte und gab keine Antwort, wie wenn der bloſe Ge⸗ danke an ſo etwas zu lächerlich ſey, worauf jener verfluchte Kerl mit den aufgeſtülpten Aermeln das Ding an meinem Daumen umdrehte, daß mir der Schmerz durch den ganzen Leib bis in die Fußſohlen fuhr. Noch nie habe ich ſo etwas empfunden, und faſt hätte ich laut aufgebrüllt; doch biß ich die Zähne über einander und ſchwieg, und der Mann am Ende der Tafel ſchalt den Peiniger für das, was er gethan hatte und hieß ihn ſeine Hände in Ruhe laſſen, bis er auf⸗ gefordert werde. So wurde das Ding wieder losgeſchraubt, und nun fragten ſie mich, wie viele Diener der alte Signor gehalten, und ich fragte kleinlaut, ob ſie männliche oder weibliche meinten. Die Antwort war: Beide, worauf ich erwiederte: einen einzigen und das war ein altes Weib, die alſo beide Zwecke erfüllte. Der Mann mit dem Klumpfuß nannte mich einen boshaften Kerl und wollte eine ärgerliche Miene annehmen; er lachte aber gleichwohl und erkundigte ſich, ob ich auch ganz gewiß ſey, daß nicht mehr Diener gehalten worden, worauf ich antwortete: ſo lange ich die Familie gekannt— Keiner. Die andern Fragen waren alle der Art, und ſie ſuchten mir hart zuzuſetzen; es gelang ihnen aber nicht, ſo viel ſie auch von einem männlichen Diener plauderten, den der Signor nach ihrer Behauptung gehalten habe. Darauf hatte ich jedoch meine Antwort parat, ich ſey bereit, auf die Evangeliſten zu ſchwören, daß 486 ſeit zehn Jahren nur ein und derſelbe Diener im Hauſe gehalten worden. Ob es ein Mann oder Frau geweſen, ſagte ich, ſey mir unmöglich zu ſagen. Ihre Ehren müßten's am Beſten wiſſen; das Eine könne ich mit einem Eide be⸗ kräftigen, daß er Unterröcke getragen und Tita geheißen habe. Darüber entſtand allgemeines Gelächter, und das Zimmer hatte ein ſonderbares Echo, denn auch hinter dem Vorhange höͤrte ich lachen.“ „Erwägt man die Umſtände, ſo ſcheint die Partie eine luſtige geweſen zu ſeyn,“ meinte der Earl. „Nichtsdeſtoweniger ſchleppten ſie mich zurück und ſteck⸗ ten mich in daſſelbe dunkle Loch, wo ſie mich bis heute Morgen ließen; dann wurde ich herausgeführt und zwar merkwürdigerweiſe nicht durch einen Kerkermeiſter oder Wächter, ſondern durch zwei Gentlemen. Ein kleiner Knabe, der mir kaum bis an's Knie reichte, ſtand am Gartenthor, wohin ſte mich führten, und hatte mein Pferd an der Hand. Sie befahlen mir nun aufzuſteigen und, als ob Satan hinter mir drein wäre, nach Trochrie zurückzureiten und von dem, was vorgefallen, keiner lebenden Seele, am allerwenigſten aber Euch, Mylord, ein Wort zu ſagen, indem ſie mich im Weigerungsfalle ernſtlich bedrohten. Ich ritt davon, denn ich war froh von ihnen loszukommen, blieb aber bis zur Dunkelheit in dem ſüdlichen Fährenhaus und kehrte dann zurück, um Eure Lordſchaft zu ſehen und Euch Alles zu erzählen.“ 8 „Du haſt wohl daran gethan, Auſtin,“ erwiederte Gowrie, nund biſt ein treuer ehrlicher Burſſche. Ich war 487 Dir und Deinen Begleitern heute Morgen, da Du aufſtiegſt⸗ näher als ihr wußtet, und hörte Dich ſagen, ſie hätten Dein Roß ausgehungert.“ „O das war nur eine Finte, Mylord, da ich keine Zähne hatte, um härter zu beißen,“ erklärte Auſtin.„Ich weiß, daß ein bitteres Wort oft weher thut als ein ſcharfes Schwert⸗ und da ich nichts Anderes zu ſagen wußte, ſo behauptete ich, ſie hätten mein Pferd ausgehungert, bis es ihnen ähnlich geſehen. Das ſagte ich aber erſt, nachdem ich im Sattel ſaß; ſtatt mich jedoch anzuhalten, verſetzte der Eine von ihnen meinem armen Thier einen Hieb mit ſeiner Peitſche und ſchickte uns Beide zum Teufel, wie er ſagte.“ Wie der König Kunde erlangte, daß Julia zu Trochrie verſteckt war, hatte ſich jetzt theilweiſe enthüllt— doch nur zum Theil, denn aus Auſtins Gefangennehmung und Ver⸗ hör ging hervor, daß der König ſchon vorher einen Wink davon hatte, wenn Gowrie auch nicht errathen konnte— woher. Der ehrliche Diener wurde noch vor der nächſten Morgendämmerung nach dem Schloß in den Hochlanden zurückgeſchickt, ſchied aber nicht ohne reichliche Belohnung⸗ die er auch ohne Umſtände annahm, denn der gute Auſtin Jute wußte nichts von Affektation. Er diente treu und hingebend dem Manne, dem er ſich einmal attachirte, hätte für den Lord, den er liebte, jederzeit Leib und Leben riskirt oder jede Bequemlichkeit geopfert, und— um nichts als Wahrheit zu ſagen— ich glaube nicht, daß er im innerſten Herzen dabei an eine Belohnung dachte; aber er nahm ſie 488 bereitwillig, da ſie geboten wurde, und verſchwendete ſie lei⸗ der ebenſo unüberlegt, wie ſie gewonnen war. Noch mehrere Tage verſtrichen, bis der Mann des Rech⸗ tes die von Gowrie verlangte Urkunde anfgeſetzt hatte, und der Earl machte unterdeſſen zweimal ſeinen Beſuch im Pa⸗ laſte. Dort herrſchte immer noch ſchönes, heiteres Wetter! des Königs gute Laune war noch unvermindert, die Königin immer gütig und gnadenvoll; Sir Hugh Herries erſchien nicht am Hofe, und John Ramſay zeigte ſich in ſeinem Be⸗ nehmen waͤrmer gegen den Earl, wenn er Alerander Ruth⸗ ven auch ferne blieb. „Beatricens Zweifel ſind, glaub ich, ungegründet,“ dachte Gowrie, als er nach dem zweiten Beſuche wegritt. In ſeiner eigenen Behauſung angekommen, fand er die Ver⸗ zichtsurkunde ſeiner wartend. Noch war etwas weniger als eine Stunde Tageslicht übrig, und dieſe Zeit wurde zum Leſen und Prüfen des Dokumentes benützt. Eben war die Sonne untergegangen, ein helles Glühen am Aprilhimmel zurücklaſſend, und Gowrie war aufgeſtan⸗ den, um dieſen Anblick aus einem nach Weſten gehenden Fenſter zu genießen, als er plötzlich einen haſtigen Schritt im Vorzimmer vernahm, und im nächſten Augenblick Sir John Hume in voller Haſt eintrat. „Hier, Gowrie,“ ſagte er mit einem kleinen gefalteten und geſiegelten Billet in der Hand näher tretend.„Hier iſt etwas für Dich; was es enthält, weiß ich nicht, denn Bea⸗ trice ſteckte es mir voller Haſt und Aufregung in die Hand, indem ſie mir zuflüſterte: für Gowrie in höchſter Eile““ —— —OQ⏑Qʒ̈—ÿ——— 489 Gowrie nahm das Papier, öffnete es und las die Worte: „Fort in aller Eile nach Perth! heute Nacht!“ „Mylord, da draußen iſt Sir George Ramſay und wünſcht Euch zu ſprechen,“ meldete ein Diener, zur Thür hereinſchauend. „Laß ihn herein,“ gebot der Earl, das Papier in der Hand zuſammenballend. Im nächſten Augenblick trat Ramſay mit ebenſo ſicht⸗ licher Haſt, wie vorhin Hume, in's Zimmer; ſobald er aber Letzteren gewahrte, nahm er eine ruhigere Miene an, nä⸗ herte ſich dem Earl und ſchüttelte ihm die Hand mit den Worten: „Es iſt ein ſchöner warmer Abend, Mylord— was ſagſt Du zu einem Ritte im Zwielicht?“ „Heute Nacht unmöglich, Dalhouſie,“ erwiederte Gow⸗ rie, ihn aufmerkſam betrachtend;„haſt Du einen beſonderen Zweck bei Deinem Vorſchlag?“ „Nur den, mein theurer Lord, mich einige Minuten mit Dir zu beſprechen,“ verſetzte der Andere, ſeinen Blick durch einen ebenſo bedeutungsvollen erwiedernd;„doch eine kurze Audienz hier wird ebenſo genügen.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich nach einem fernen Fenſter. Gowrie folgte ihm gebeugten Hauptes, und Ram⸗ ſay, dicht an ihn herantretend, flüſterte ihm in's Ohr: „Ihr ſeyd in Gefahr, Mylord. Ihr ſolltet lieber ſo⸗ gleich abreiſen. Verliert keine Zeit. Ich darf nicht mehr ſagen.“ 490 Gowrie drückte ihm freundlich und dankbar die Hand und ſagte: „Dank, Dalhouſte, Dank! Ich habe die Nachricht ſo eben vernommen; aber mein Dank iſt darum nicht geringer.“ Er ſprach laut und offen, und ſein Freund, den Finger auf die Lippen legend, als wollte er ihm Vorſicht anrathen, entfernte ſich faſt ebenſo haſtig wie er gekommen war. Eine halbe Stunde ſpäter ſaß der Earl zu Pferde und ritt gegen Queensferry. 3 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Es war ein heller heißer Sommertag, der Himmel ohne Wolke, die Luft ohne Briſe. Die Morgenjagd war vor⸗ über, die Hunde waren in ihren Zwinger zurückgekehrt; der erlegte Hirſch wurde hereingebracht, die Pferde ſtanden im Stalle und die Jäger ſuchten ihre Ruhe. Der alte Palaſt von Falkland, wo Jakob V. ein Leben beſchloß, das ihm zur Laſt geworden war, erhob ſich ſtattlich inmitten ſei⸗ ner Gärten und Wälder; die alten Bäume, von denen jetzt nur noch wenige in der Nachbarſchaft zu ſehen ſind, brei⸗ teten damals ihre weiten Aeſte über den Sammetraſen und kamen an manchen Stellen dem Gebäude ſo nahe, daß ſie, wenn der Wind ſie ſchüttelte, mit ihren langen Fingern die Palaſtmauern fegten. Jakob ſelbſt hatte ſich etwa ſeit ei⸗ ner Stunde in den Palaſt zurückgezogen, erfreut über die glückliche Jagd, aber von deren Anſtrengung ermüdet, wäh⸗ — 491 rend ſämmtliche Damen des Hofes ihre Schönheit in den ſchattigen Hallen vor dem vollen Glanz der Sonne be⸗ ſchirmten. Oft iſt mir ſchon aufgefallen, wenn ich die ſchöneren Landſchaften Claude Lorrain's muſterte— und ſie ſind nicht alle wahrhaft ſchön— wenn ich die ſtillen, ruhigen, ſonni⸗ gen Scenen, die ſie darſtellen, betrachtete, daß der Maler vorzugsweiſe jene Stunde wählte, wo unter dem Sommer⸗ himmel Italiens die ganze Natur ein Mittagsſchläfchen zu halten ſcheint. Denſelben Eindruck machte auch der Anblick des Palaſtes von Falkland an demſelben erwähnten Tage. Schaute man in den Wald, den Rücken nach dem Palaſte gewendet, ſo daß die Erinnerung thätigen Lebens ausge⸗ ſchloſſen war, ſo hätte man ſich mitten in einem Urwalde glauben oder ſich vorſtellen können, die ganze Welt ſey un⸗ ter der Laſt der Hitze feſt eingeſchlafen. Kein lebendes We⸗ ſen war zu ſehen; kein Förſter oder Waldhüter ließ ſich blicken; das Wild hatte ſich im Dickicht des Forſtes verſteckt; ſogar die Vögel ſchienen dem Sonnenſtrahle auszuweichen, und ſelbſt die Hofbedienten— dieſe vielgeſchäftigen Laſtthiere, erfreuten ſich der Ruhe, welche die Ermüdung ihrer Gebieter ihnen geſtattete. Endlich, nachdem die Seene faſt eine halbe Stunde ſo tiefe Ruhe geathmet, ſah man einen ſehr jungen, aber ſehr hübſchen Mann, aus einer der kleineren Pforten des Pala⸗ ſtes hervorſchlendern, den warmen Raſen vor der Front überſchreiten und nach einem der alten Bäume ſich wenden, unter deſſen Schatten er eine Weile ſtehen blieb und dann 492 ermattet zu einem anderen an der entgegengeſetzten Ecke des Palaſtes hinſchlich. Er ſchien ein Ruheplätzchen zu ſuchen, ſchien aber ſchwer zu befriedigen, denn auch dieſen Baum verließ er wieder und ſtrolchte zu ſeinem grünen Nachbar, wo er, ſich im Graſe niederſtreckend, ein mitgebrachtes Buch offen auf den Boden legte und, das Haupt auf den Arm ge⸗ ſtützt, ſich ſeinen Gedanken überließ. Gedanken der Jugend! o die fröhlichen, wirbelnden, traumähnlichen Gedanken der Jugend! wie luſtig iſt der träumeriſche Spiegel, welchen Knaben und Mädchen Nach⸗ denken nennen! die Jugend hat allerdings ihre Schmerzen ſo gut wie ihre Freuden, und zwar Beide tief, heftig und in's Herz einſchneidend; aber ihr fehlen die Zweifel und Beſorgniſſe der Erfahrung— dieſer bitterſten Frucht eines langen Lebens. Wohl mag die Wolke eine Stunde lang drohßtn— der Odem der Hoffnung weht ſie bald wieder weg, und erſt wenn der Orkan mit voller Wuth herabſaust, erſt dann glaubt die Jugend, daß es Stürme am Himmel Da lag er und überlegte, während die Zweige ſanft über ſeinem Haupte wehten und Licht und Schatten wech⸗ ſelsweiſe über ſein Geſicht wie über die offenen Blätter des ungeleſenen Buches neben ihm ſpielten. Die Luft war ſogar unter dem Schatten der Bäume ſehr ſchwül, und er löste die Schnur, womit ſeine ſeidene Jacke an den Nacken befeſtigt war, ſo daß eine Haut zum Vorſchein kam, welche an Schönheit mit der einer Frau wetteiferte, wiewohl die männlichen Uebungen ihr eine braune Färbung verliehen 493 hatten. Er ſah ermüdet und erhitzt aus; auf ſeinen Haa⸗ ren und Kleidern lag Staub, wie wenn er heute ſchon weit und lange geritten wäre. Ermüdung und die heiße Som⸗ merluft neben den Schatten, die über ſein Geſicht ſpielten, ſchienen ihn ſchläfrig zu machen; ſeine Augen wurden eine Weile ſchwer, die Lider ſchloßen ſich, öffneten ſich und fte⸗ len wieder zu, und ſo lag er denn in geſundem Schlafe, nicht unähnlich dem Schäferknaben des Latmus, wenn er unter dem Einfluſſe der ſchönen Königin der Nacht ſtand. Eine Viertelſtunde etwa verſtrich und der Jüngling ſchlief noch immer, als ein Mann in mittleren Jahren von unſcheinbarem Aeußeren und mit ungraziöſem Gange lang⸗ ſam um dieſelbe Palaſtecke geſchlendert kam, in deren Nähe jener Baum wuchs. Er trug ein grünes Jagdkleid mit breitem Halskragen und einem ſpitzigen grauen Hut nebſt Feder; er führte weder Mantel noch Schwert; an der Stelle des letzteren ſteckte ein kleines Meſſer oder Dolch auf der linken Seite ſeines Gürtels. Auch er ſchien wie jener Jüngling den Palaſt verlaſſen zu haben, um friſchere Luft zu ſuchen, als ſie dort zu finden war; auch er ſchien in nachdenklicher Stimmung, denn er hatte die Augen zu Boden geheftet und kratzte mit nicht ſehr höfiſcher Geberde an ſeiner Bruſt. Gleichwohl warf er von Zeit zu Zeit einen Seitenblick um ſich; und als dies zum zweitenmale geſchah, fiel ſein Auge auf den ſchlafenden Jüngling unter dem Baume. Mit ru⸗ higem Schritte näherte er ſich ihm von der Seite, wurde aber alsbald durch das offene Buch angezogen, das er aufhob. 49⁴ „Ha, Liebesgeſänge!“ murmelte er in leiſem Tone; „das iſt gerade die rechte Nahrung für ſo ein wildes, leeres Galanenhirn!“ 1 Mit dieſen Worten legte er das Buch wieder auf den Boden und ſchaute dem jungen Manne in's Geſicht. Plötz⸗ lich gewahrte er etwas, das ihm mächtig zu mißfallen ſchien. Seine Wange erröthete, ſeine Stirn runzelte ſich, und er biß die Zähne hart übereinander. Dann beugte er das Haupt und lugte in den offenen Buſen des Jünglings, in⸗ dem er den Kragen ſeines Hemdes theilweiſe zurückſchob. Dies geſchah ganz ſanft und ſachte, er weckte aber den Schläfer doch einigermaßen, denn dieſer hob ſeine Hand und fuhr nach der Kehle, wie wenn ſſich eine Fliege auf ihn ge⸗ ſetzt hätte. Der Andere fuhr angenblicklich zurück; doch der junge Mann erwachte nicht, und der Aeltere ſetzte ſeine ernſte Betrachtung, wie es ſchien, mit manchem bitteren Gefühl im Herzen fort. Seine Lippe zitterte, und einen Augenblick fuhr ſeine Hand an den Griff ſeines Dolches mit unheilver⸗ kündendem Blick und einer Wange, welche jetzt bleich ge⸗ worden war. 3 Endlich ſchien er einen Entſchluß gefaßt zu haben, und ruhig über den weichen grünen Raſen zurückkehrend, näherte — er ſich einer der Palaſtthüren, welche dicht daneben lag, und ſuchte ſie zu öffnen. Sie war jedoch verſchloſſen und mit leiſe gemurmeltem Fluche auf der Ferſe ſich umdrehend, ſchlug er wieder denſelben Weg um die Ecke des Gebäudes ein, den er vorhin daher gekommen war. Weder der Schläfer noch der ihn neulich bewacht, hatte — bemerkt, daß noch ein drittes Auge auf ihnen Beiden ruhte; ſobald jedoch der Letztere ſich entfernt hatte, öffnete ſich plötz⸗ lich die Thüre, an der er vergeblich gerüttelt hatte, und Beatrice Ruthvens leichte, ſchöne Geſtalt flog mit dem leich⸗ ten Sprunge des Rehes über den grünen Raſen, blieb vor dem ſchlafenden Jünglinge ſtehen und riß ohne weitere Um⸗ ſtände ein dickes blauſeidenes, golddurchwirktes Band von ſeinem Nacken. Der junge Mann erhob ſich ſogleich verwirrt und über⸗ raſcht auf ſeinen Arm; doch Beatrice legte ihren Finger an die Lippen, ſagte blos in leiſem, nachdrücklichem Tone: „wie der Blitz in den Palaſt, wahnſinniger Knabe!“ und eilte ſelbſt nach dem Gebäude zurück und rannte durch den erſten Gang eine ſchmale Treppe hinan gegen den Eingang eines Zimmers im erſten Stocke. Dort blieb ſie ſtehen und lauſchte eine Weile, riß dann die Thüre ohne Bedenken auf und trat ein. Anna von Dänemark ſaß an einem Tiſche und ſchrieb. Das plötzliche Oeffnen der Thüre machte, daß ſie ihr ſchö⸗ nes Antlitz mit einem Blicke mißvergnügter Ueberraſchung erhob und in vorwurfsvollem Tone fragte: „Beatrice! was gibt's?“ Ohne Antwort ſtürzte das ſchöne Mädchen in athem⸗ loſer Haſt auf ſie zu und legte das Band auf dem Tiſch vor der Königin nieder. „Schnell, Madame! legt es in die Schublade,“ ſagte ſte in leiſem, haſtigem Tone.„Eure Majeſtät wird im Augenblicke ſehen, warum,“ und ohne eine Antwort abzu⸗ warten, eilte ſie auf demſelben Wege, den ſte gekommen, aus dem Zimmer und ſchloß die Thüre. An dem Schreibtiſche, vor welchem die Königin ſaß, be⸗ fanden ſich mehrere Schubladen, und mit leiſe zitternder Hand die eine eröffnend, während ihre Wange nicht wenig erglühte, legte ſie das Band hinein, verſchloß das Fach und ſuchte ihr Schreiben wieder aufzunehmen. Kaum war aber eine Minute verſtrichen, als ſich auf einer Treppe, gegenüber den Zimmern woher Beatrice ge⸗ kommen, der Schritt des Königs vernehmen ließ. Gleich darauf trat Jakob ſelber mit finſterem Stirnrunzeln in's Zimmer. Anna von Dänemark ſchaute nicht ohne Aengſtlichkeit empor, obwohl ſie von Natur ſehr unerſchrocken war. Auf ihrem Geſichte ließ jedoch nichts die innere Aufregung wahr⸗ nehmen, und da ſie den Ausdruck von Zorn und Bosheit in Jakob's Antlitze bemerkte, ergriff ſte keck die Initiative und ſagte: „Was gibt es, Sir? Ihr ſcheint verſtimmt.“ „O nein, mein luſtiger Vogel,“ erwiederte Jakob;„es gibt weiter gar nichts; ich dachte nur eben, was dieſe Italie⸗ ner für geſcheidte Schlingel ſind, und da moͤchte ich gerne jenes Band ſehen, das ich neulich für Dich von dem Kauf⸗ manne einhandelte.“ „Ganz recht, Sir,“ erwiederte die Königin, ohne alle Verlegenheit aufſtehend, denn ſie wünſchte zu erfahren, wie weit Jakob's Argwohn gehe;„Ihr ſollt es im Augenblicke ſehen.“ 497 „Nein,“ ſchrie der König haſtig, da er glaubte, die Koͤ⸗ nigin wolle das Zimmer verlaſſen.„Ihr hattet's noch nicht lange in dieſem Zimmer, Madame, und braucht es alſo nicht auswärts zu ſuchen. Ihr haltet ja Eure anderen Schmuck⸗ und Spielſachen auch hier verſchloſſen.“ „Ich zweifle auch gar nicht, Sire, daß es noch hier iſt,“ gab Anna von Dänemark zur Antwort;„wenn ich aber danach ſehen will, ſo muß ich die Schubladen dieſes Tiſches öffnen und alſo aufſtehen. Ich weiß nicht, was Eure Ma⸗ jeſtät hat; aber Euer Benehmen iſt ſehr auffallend.“ „Ich will blos das Band ſehen, Madame, das iſt Alles, und ich denke, wenn es wo iſt, ſo muß es in dieſem Zimmer ſeyn,“ lautete Jakobs Antwort. „Ohne Zweifel,“ gab Anna von Dänemark zur Ant⸗ wort, war aber doch ſo weit aufgeregt, daß ſie aus Irrthum die falſche Schublade öffnete. „Da iſt es nicht,“ ſagte der König, in das Schubfach ſchauend.„Da ſind nichts als Handſchuhe und Armbänder und dergleichen Zeug.“ „Ich ſehe, daß es nicht hier iſt, Sire,“ erwiederte die Königin, mit der Hand in den Sachen ſtierend;„es kann aber anderswo ſeyn. Glaubt Ihr etwa, es ſey geſtohlen?“ Hier öffnete ſie das Schubfach, in welchem es wirklich war. Jakob gab keine Antwort auf ihre Frage; aber nicht ge⸗ ringes Erſtaunen malte ſich auf ſeinem groben, gemeinen Geſichte, als Anna von Dänemark das Band hervorzog und ihm in die Hand legte. Er betrachtete es eine lange Zeit und hielt es näher vor die Augen, um es genauer zu James. Gowrie. 3² 498 prüfen, wie wenn er zweifelte, ob es wirklich daſſelbe ſey, das er der Königin geſchenkt hatte. Es war aber wirklich das nämliche; er gab es ihr endlich zurück, und auf der Ferſe ſich umdrehend, verließ er das Zimmer, indem er ſo laut, daß ſie es hören konnte, vor ſich hin murmelte: „Hol mich der Teufel, wenn das nicht ein ſchlimmes Vorzeichen gibt.“* Einige Minuten ſpäter ſah man ihn an dem Baume vorüber wandeln, unter welchem Alexander Ruthven ge⸗ ſchlafen hatte; der junge Mann war aber mittlerweile fort. Gleich darauf kam einer der gewöhnlichen Hofbedienten mit tiefem Bückling an Seiner Majeſtät vorüber; der König rief ihn herbei und ſagte, als er näher kam: „Geht Eurer Wege und holt mir den Dr. Herries. Der Mann entfernte ſich, und Jakob fuhr fort auf und ab zu ſpazieren, bis die gewünſchte Perſon zu ihm trat. Dann wendeten ſich Beide nach dem entfernteren Theile der Gärten, ſehr zur Enttäuſchung Beatrice Ruthven's, welche aus einem Fenſter unmittelbar unter dem der Königin Alles was vorging mit anſah und wenigſtens aus deren Geberden * Dieſe Hofanekdote iſt in Pinkerton's ſogenanntem„Verſuch über Gowrie's Verſchwörung“ enthalten und auf Lord Hailes' Autorität hin aufgenommen. Die Ungenirtheit Anna’s von Däne⸗ mark vor und nach der Thronbeſteigung Jakobs in England, ihre Vorliebe für mehre Damen von mehr als verzweifelter Tugend wird faſt von allen damaligen Schriftſtellern berichtet. Alle aber ſtimmen darin überein, daß der Charakter Beatrice Ruthven's, nachmaliger Lady Hume, einer von Anna's früheſten Lieblingen, vollkommen makellos geweſen. 499 einige Anzeichen von dem, was über ihren Bruder verhandelt wurde, zu erhaſchen hoffte. Ich will nicht ſagen, daß ſie nicht auch eifrig auf deren Geſpräch gelauſcht hätte, wenn Gelegenheit hiezu vorhanden geweſen wäre, und die Um⸗ ſtände, in denen ſie ſich befand, mochten vielleicht eine ſonſt niedrige und jämmerliche Handlung einigermaßen rechtferti⸗ gen, denn ſie hatte— wie der Leſer im nächſten Kapitel hören wird— von den höchſt verrätheriſchen Abſichten gegen den einen ihrer theuren Brüder, deſſen hochſinnige Grund⸗ ſätze und edles Benehmen für ſie zweifellos waren, zufällige Kunde erhalten. Der König und ſein Begleiter wendeten ſich jedoch, wie geſagt, nach der anderen Seite des Gartens und blieben dort faſt eine halbe Stunde, während Beatrice in ängſt⸗ lichen peinlichen Gedanken verweilte. Ihr Haupt ruhte auf ihrer Hand, während ſie in der Nähe des offenen Fen⸗ ſters ſaß; ſie hatte nicht bemerkt, wie raſch die Zeit verſtrich, als ſie mehrere Vorübergehende unten laut ſprechen hörte. Sie rührte ſich nicht vom Flecke, hielt ſogar den Athem an, um keinen Laut zu überhören, und im nächſten Augenblicke konnte ſie das eigenthümliche Organ des Königs unterſchei⸗ den. Seine Worte waren ihr noch nicht verſtändlich, und noch weniger unterſchied ſie Herrie's Erwiederung, obwohl ſie ſogleich deſſen Stimme erkannte. Gleich darauf wurden die Töne vernehmlicher, und ſie hörte Jakob ſagen: „Nein, nein, das geht nicht. Der alte Vogel würde uns entwiſchen, während wir dem jungen den Hals umdre⸗ 32* 500 hen, und das gäbe einen ſolchen Staub, daß wir ſpäter unſeren Weg nicht mehr klar zu erkennen vermöchten.“ „Da hat Eure Majeſtät Recht, wie ich glaube,“ ver⸗ ſetzte Herries;„wenn Ihr meinem Nathe folgen wollt, ſo gibt es einen Weg——“ Den Schluß des Satzes überhörte Beatrice, denn die beiden Sprecher wendeten ſich gegen das andere Ende der Terraſſe. Sie wußte jedoch, daß keines der königlichen Ge⸗ mächer auf jener Seite lag, und daß die einzige Thüre, durch die der König eintreten konnte, durch die große Halle führte, wo er nothwendig einer Maſſe von Dienern und Hofgeſinde begegnete, was Jakob ſelten erwünſcht war. Sie trat alſo dem Fenſter noch näher, da ſie berechnete, daß die beiden Spaziergänger denſelben Weg zurückkommen würden, und ſie hatte ſich in der That nicht getäuſcht, denn nach wenigen Minuten vernahm ſie die Stimmen wieder, und die Worte des Königs wurden bald hörbar. Sie waren nicht ſonder⸗ lich wichtig und ſagten ihr nicht mehr, als ſie bereits wußte, nämlich, daß ihre beiden älteren Brüder für jetzt die Haupt⸗ gegenſtände für Jakobs Haß und Argwohn abgaben. „Der Teufel hilft dieſen Ruthven's, ſollt' ich meinen,“ ſagte der Monarch.„Der eine Bruder geht in derſelben und der andere läßt wie ein Hexenmeiſter ein Liebesband, auf das ich ſchwören wollte, durch die Mauern von Falkland fliegen.“ Das war Alles, was Beatrice hörte; nachdem aber Beide am Fenſter vorüber waren, erwiederte Dr. Herries: Minute, da wir Alles für ihn parat haben, auf und davon, 501 „Der Teufel hilft immer ſeinen eigenen Kindern, Sire.“ „Das nenne ich wohl geſprochen,“ antwortete der König, „denn wir haben zuverläſſige Nachrichten, wonach dieſer Earl von Gowrie während ſeines Aufenthalts zu Padua langen und vertrauten Verkehr mit einem berüchtigten Zau⸗ berer und Magier gepflogen, von deſſen hölliſchen Künſten er ohne Zweifel einige erlernt hat. Doch die Zeit enthüllt ſo Manches, und Satanas behandelt ſeine Lieblinge, wie wir die Beſtien und Vögel, die wir uns zu unſerer Nahrung halten: er ſtreichelt ſie bis ſeine Zeit kommt, und dann ſchneidet er ihnen den Hals ab.“ Dr. Herries lächelte, denn er war in Sachen der Dämo⸗ nologie nicht ſo leichtgläubig wie ſein Gebieter. Beide hatten aber unterdeſſen eine der ſchmaleren Palaſtpforten erreicht, und da dieſe offen war, ſo traten ſie ein. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Ich muß jetzt in meiner Erzählung um mehr als einen Monat zurückgehen. Als Gowrie Edinburgh verließ, ritt er in raſchem Schritte gegen Queensferry, in der Hoffnung, die Fluthzeit noch zu erreichen; allein er ſah ſich getäuſcht, denn ſchon war volle Ebbe eingetreten und das Boot an's Ufer gezogen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als entwe⸗ der in der Richtung gegen Stirling weiter aufwärts zu rei⸗ ten, oder den nächſten Morgen abzuwarten. Gowrie wählte das Letztere, ſogar auf die Gefahr hin, verfolgt und einge⸗ 50² holt zu werden. Das Bewußtſeyn, daß er fliehe, war ihm zuwider, und obwohl die Flucht nothwendig ſeyn mochte, und er ſie bereits als einziges Mittel der Sicherheit er⸗ griffen hatte, ſo war doch ſein Widerſtreben hinreichend, um die Schale zu wenden, ſobald er am Ufer des Firth of Forth zu überlegen hatte, welchen Weg er zunaͤchſt einſchlagen ſollte. In der kleinen Herberge ging Alles ruhig vorüber: keine Zeichen von Verfolgung ſtörten die Nacht, und mit dem nächſten Morgengrauen ſtanden der Earl und ſeine Begleiter an den Küſten von Fife. Ein kurzer Ritt brachte ſie nach Perthſhire, wo der junge Earl im Gefühle ſeiner nunmehri⸗ gen Sicherheit im erſten Dorfe anhielt, um zu überlegen, welchen Plan er nunmehr befolgen ſollte. Ging er nach Perth, ſo ſah er voraus, daß er längere Zeit aufgehalten werden würde. Er hatte ſchon ſo lange die Geliebte nicht geſehen, und empfand jene Sehnſucht ſie wieder in die Arme zu ſchließen, welche Diejenigen meiner Leſer, welche wahr⸗ haft geliebt haben, wohl begreifen werden. Auch war er nach Allem, was Auſtin Jute begegnet war, um ihre Sicher⸗ heit einigermaßen beſorgt. Allein die kurzen Worte, welche ſeine Schweſter geſchrieben, hatten ihm Perth als denjeni⸗ gen Ort angedeutet, wo er Zuflucht ſuchen ſollte, und es war nicht unwahrſcheinlich, daß ſie entweder um einen Hin⸗ terhalt auf dem Weg nach Trochrie wußte, oder ihm vor ſeinem Aufbruche weitere Botſchaft zu ſenden beabſichtigte. Es war für ihn ſo wichtig, von dem was am Hofe vorging, ſo ſchnell wie möglich Kunde zu erhalten, daß er endlich be⸗ 503 ſchloß, ſeinen eigenen Wünſchen entgegen zu handeln und wenigſtens für heute zu Perth zu übernachten. Kaum war er am anderen Morgen aufgeſtanden, als ihm zu ein und derſelben Zeit gemeldet wurde, daß einer der Magiſtratsherrn der Stadt ihn zu ſprechen wünſche, und daß ein Bote von Dirleton ſo eben im Hofe abgeſtiegen ſey. Der Letztere wurde augenblicklich vorgelaſſen und überbrachte ihm ein von ſeiner Mutter adreſſirtes Paket. Als er es öffnete, fand er einen verſiegelten Brief von ſeiner Schweſter und einige Zeilen von der Gräfin, welche ihn benachrichtig⸗ ten, daß der Einſchluß heute Morgen mit der ausdrücklichen Bitte von Beatricen angelangt ſey, daß er augenblicklich durch einen zuverläſſigen Boten nach Perth befördert wer⸗ den ſolle. Der Brief ſeiner Schweſter lautete folgender⸗ maßen: „Mein theurer edler Lord und Bruder! „Ich hatte geſtern Abend nur noch ſo viel Zeit, Dir wenige Worte zu ſchreiben, welche Hume ſicher abgeliefert haben muß, da ich heute Morgen höre, daß Du meinem Rathe gefolgt und abgereist biſt. Ich ſende Dir jetzt wei⸗ tere Nachricht, nicht direkt nach Perth, ſondern durch die Hand unſerer theuren Mutter, damit mein Brief nicht unter⸗ wegs angehalten werde. Hier iſt jetzt Alles ruhig; aber für Manche hat es, glaube ich, eine ſtarke Enttäuſchung ge⸗ geben Die Urſache meiner Warnung war folgende. Meine Zofe, Margarethe Brown, welche mir ſehr ergeben, aber von hoͤchſt naſeweiſem und neugierigem Temperament und 504 nicht ohne Schlauheit iſt, benachrichtigte mich, daß Dir, theurer Bruder, Gefahr drohe. Sie hatte, ſcheint es, ge⸗ ſehen, daß in der Abtei etwas vorgehe, was ihren Argwohn rege machte, und ihr Vetter, Robert Brown, welcher Diener im Palaſte iſt, war von den König gerufen worden und hatte ihr unaufgefordert geſagt, während ſie auf mein Zimmer gehen wollte, um mir beim Wechſeln der Kleidung für den heutigen Hofeirkel zu helfen: deine Lady wird in Kurzem ſehr betrübt ſeyn. Darauf wendete das Mädchen, nachdem ſie mich angekleidet hatte, alle Liſt und Scharfſinn an, um aus dem Manne herauszubringen, was er gemeint habe, und ſo erfuhr ſie denn, daß Du am andern Morgen arretirt werden würdeſt; dies ſollte ohne Verhaftsbefehl oder geſetz⸗ liche Form, auf rohe und beleidigende Weiſe geſchehen, da⸗ mit Du zum Widerſtand verleitet und in einem etwaigen Handgemenge nur ſo zufällig getödtet werden möchteſt, ohne daß irgend Jemand dabei zu tadeln wäre. „So lautete des Mädchens Erzählung. Sie ließ mich herausrufen, und da ich ſie immer treu und wahrheitsliebend gefunden habe, ſo ſchrieb ich Dir haſtig jene Worte und gab ſie unſerem Freunde Hume, damit er ſte Dir einhändige. Jene Nachricht hat ſich ſeit Deiner Abreiſe in ſo weit be⸗ ſtätigt, daß heute Morgen, wie ich aus ſicherer Quelle ver⸗ nommen, mehrere Bewaffnete nach Deinem Hauſe ſich ver⸗ fügten, wobei ihnen in geringer Entfernung ſo viele Helfers⸗ helfer folgten, daß die Straße ganz vollgepfropft war. Bei ihrer Ankunft fragten ſie den Thürſteher nach Dir; als ſie aber erfuhren, daß Du die Nacht zuvor nach Perth abge⸗ 50⁵ gangen, da ſie dieſes Faktum ferner durch Einen, der Dich wegreiten ſah, beſtätigen hörten, ſo entfernten ſie ſich wie⸗ der, einer nach dem andern, ohne den Grund ihres Kommens angegeben zu haben. Dieſer Umſtand beweist mir, daß ich Dich nicht ohne Urſache gewarnt habe und zeigt, daß Du nicht unnöthig fortgetrieben wurdeſt durch Deine liebende Schweſter Beatrice Ruthven.“ „Ich kenne dieſes Schottland nicht wieder,“ murmelte Gowrie vor ſich hin.„Himmel! in welchem Traume habe ich gelebt!“ Was er ſagte war vielleicht wahr: wir ſind nur zu ge⸗ neigt, die Uebel und Leiden eines Ortes zu vergeſſen, die wir hinter uns gelaſſen haben. Die Erinnerung liebt nur erfreuliche Gegenſtände und läßt an den Ruinen der Ver⸗ gangenheit dicke Epheuranken empor wachſen. Er hatte die Wirren und Gefahren vergeſſen, welche die Tage ſeiner Kindheit umgeben hatten, hatte ſich beinahe eingeredet, daß Schottland, im Vergleich mit Italien, ein Land des Frie⸗ dens, der Sicherheit und Freiheit ſey, wo das Meſſer des Morders, das Unrecht des Unterdrückers und die Herrſchaft des Tyrannen vergleichungsweiſe unbekannt geblieben. Aber die bittere Wirklichkeit lag jetzt vor ſeinen Augen, und er ſah, daß er als Feind des Hofes nichts anders denn ein ge⸗ hetztes Wild war, das jeder Hund von Günſtling nach Be⸗ lieben niederwerfen und zerreißen durfte. Nach kurzem Nachſinnen ſchüttelte er jedoch dieſen Ein⸗ druck von ſich ab und ſchickte nach dem Magiſtratsherrn, der ihn zu ſprechen begehrte. Dieſer war in jeder Hinſicht das gerade Gegentheil ſeines jüngeren Kollegen Roy, mager, hochgewachſen und von rauhem Aeußern, in Worten ziem⸗ lich barſch und ſehr lakoniſch, ein Mann, der ſich weder durch Gunſt noch durch Furcht bewegen ließ, aber in ſeiner An⸗ hänglichkeit ſtark und in ſeinem Sinne für das Rechte ſtand⸗ haft war. Er erwiederte des Earls Gruß mit einer unma⸗ nierlichen Verbeugung und plumpte ſogleich auf den Sitz, der ihm angeboten worden. „Ich bin gekommen, Mylord, wegen des Gefangenen David Drummond,“ begann er. Hier hielt er inne, wie wenn er alles Nöthige geſagt hätte. „Nun, Herr Vogt, was iſt's mit ihm?“ fragte der Earl. „Ich höre, daß er noch nicht prozeſſirt wurde. Wenn Ihr mir den Tag nennen wollt, der dem Magiſtrat am beſten convenirt, ſo will ich zu dieſem Zwecke herkommen und eine Gerichtsſitzung halten.“ „Sie dachten an den zweiundzwanzigſten des Monats,“ antwortete Mr. Graham;„vielleicht iſt der aber Eurer Lordſchaft nicht genehm?“ „O ja,“ verſicherte Gowrie.„Ich werde mich unfehl⸗ bar einſtellen.“ Mr. Graham blieb noch immer ſitzen und drehte ſeinen Hut in der Hand, als ob er noch eine weitere Frage oder Ankündigung auf dem Herzen hätte, bis er endlich ſagte: „Eure Lordſchaft wollte den Gefangenen nicht ſehen?“ „Gewiß nicht,“ gab Gowrie zur Antwort.„Er iſt mein 507 eigener Diener geweſen, und dieſer Umſtand allein könnte dahin ausgelegt werden, daß ich mich in meinem Ur⸗ theile beſtechen ließe, ſo daß ich keinen Privatverkehr mit ihm haben darf, ſo lange er ſein Verhör erſt erwartet. Hat er etwas zu bitten, um ſeine Gefangenſchaft erträglicher zu machen, oder Vorkehrung für ſeine Bertheidigung zu treffen, ſo mag er es öffentlich verlangen.“ „Er ſagte, er wolle an den König ſchreiben, Mylord, als man ihm Eure Antwort hinterbrachte,“ erwiederte der Vogt,„und er that es.“ „Kann er ſchreiben?“ fragte der Earl etwas überraſcht. „Nein, nicht gerade mit eigener Hand,“ erwiederte Mr. Graham;„er nahm einen Schreiber, der es für ihn that, und mein Kollege Roy hat von dem ehrlichen Jobſon irgend wie erfahren, was er in jenem Briefe geſagt hat.“ „Ich will es nicht wiſſen, Herr Vogt,“ erklärte der Earl. „Es war vermuthlich nur für des Königs Ohr beſtimmt.“ „Ja, das war es auch,“ verſetzte der Vogt trocken;„ohne Zweifel wird Seine Majeſtät nicht weiter an die Sache denken, als ſie verdient. Ich ſollte meinen, ſie könne dem Earl von Gowrie nicht weſentlich ſchaden.“ „Das kann ich nicht wiſſen,“ verſetzte Gowrie kaltblütig; „man muß jedoch den unglücklichen Menſchen ſeinen eigenen Weg gehen laſſen. Wenn der König glaubt, daß ſein Schreiben irgend von Wichtigkeit ſey, ſo wird er den Gefan⸗ genen vor dem Staatsrath verhören laſſen.“ „Ei nein, Mylord, das wird er nicht thun,“ antwortete Vogt Graham.„Er hat Alles erfahren, was der Mann zu ſagen wußte, und ſo mag dieſer für den König liegen wo er iſt.“ Einige weitere Worte erklärten Gowrie, daß Jakob be⸗ reits Jemand von Edinburgh geſchickt habe, um mit dem Gefangenen in ſeiner Zelle zu verkehren, daß man aber ſeit dieſer ſeiner Sünde— wie der Vogt ſich ausdrückte— keine weitere Notiz von dem unglücklichen David Drummond genommen hatte. Ich will nicht behaupten, daß Gowrie nicht gerne ge⸗ wußt hätte, was der Gefangene in ſeinem Brief an den König geſagt habe; allein er mochte ſich von ſeiner Neugier nicht beherrſchen laſſen, obgleich er nicht im Geringſten zwei⸗ felte, daß Jakob die erſte Andeutung von Julia's Verſteck zu Trochrie auf dieſem Wege erhalten habe; auch fühlte er ſich gar nicht ſicher, ob nicht der mürriſche Geiſt der Rach⸗ ſucht, den er oft an dem Gefangenen bemerkt hatte, gar Manches in ſeinem Benehmen fälſchlich dargeſtellt habe. „Es iſt ſehr möglich, Herr Vogt,“ ſagte er,„daß dieſer Menſch mir durch falſche oder verkehrte Behauptungen in ſeiner Majeſtät Meinung zu ſchaden verſucht hat; das ſoll mich aber nicht abhalten, Alles zu thun, was die Gerechtig⸗ keit verlangt, ohne mich im Geringſten an die Folgen zu kehren. Wir wollen alſo an dem von Ench genannten Tage zum Verhöre ſchreiten, und ich halte es ſogar nicht einmal für nöthig, Seine Majeſtät den Tag der Sitzung wiſſen zu laſſen, denn wenn es auch weder Euch noch mir zukäme, einen an unſern Souverän adreſſirten Brief zurückzuhalten, ſo haben wir doch nichts mit jener Verhandlung zu ſchaffen, 509 und müſſen unſere Pflicht gerade ſo erfüllen, wie wenn ſie gar nicht ſtattgefunden hätte.“ „Ich wußte, daß Eure Lordſchaft Recht hatte,“ ſagte Vogt Graham in breitem ſchottiſchem Dialekt, den ich hier nicht nachzuahmen verſuchen werde.„Roy, der arme Mann, meinte zwar, es wäre für Euch beſſer geweſen, wenn Ihr den Mann beſucht und höflich mit ihm geſprochen hättet, bis er gehenkt war; ich ſagte aber, das ſey nicht die Weiſe, wie ein Oberrichter von Perth handeln müſſe, und ſomit guten Morgen Eurer Lordſchaft. Laßt ſie von Euch ſagen was ſie wollen: das iſt der Weg, um Allen obzuſiegen.“ Ach, daß es nicht immer ſo iſt, wie der würdige Handels⸗ herr ſagte, und daß gerade die Geſchichte ein auffallendes Beiſpiel vom Gegentheil aufweiſen muß! Eine Stunde nachdem der gute Mann des Earls großes Haus zu Perth verlaſſen hatte, reiste Gowrie ſelbſt nach Trochrie ab. Der Geiſt der Liebe ſpornte ſein Roß vor⸗ wärts; frohe und heitere Träume umgaukelten ihn unter⸗ wegs, und eine Anwandlung der Freude ſchien ſein Herz zu erfüllen, als er die Netze des Hofes abgeſchüttelt und wieder jene Privatſtellung eingenommen zu haben meinte, in welcher allein er nunmehr überzeugt war, das wahre Glück finden zu können. Faſt ſcheint es, als ob das Schickſal oder der Zufall ein Vergnügen daran findet, der Ungeduld Hinderniſſe in den Weg zu werfen— vielleicht um deren Heftigkeit zu zügeln und ſie zu ruhigerem Schritte zu ermahnen. Er war früh⸗ zeitig von Perth aufgebrochen und haͤtte die Strecke bis Strathbraan in wenigen Stunden hinterlegen können; aber tauſend kleine Unfälle traten dem Earl in den Weg. Eine Furth, welche ſonſt faſt zu allen Jahreszeiten zu paſſiren war, wurde jetzt unpraktikabel gefunden, da in den Bergen Regen gefallen war. Des Earls Pferd verlor ein Eiſen und mußte wieder beſchlagen werden, ehe er weiter reiten konnte, und als er zuletzt durch die Noth getrieben den Fluß weiter oben an einer ſchwierigeren und gefährlicheren Stelle paſſirte, glitt eines der Pferde über das felſige Ufer, wobei es ſich ſchwer verletzte und den Reiter beſinnungslos nieder⸗ warf. Die Sorge für den armen Mann beſchäftigte ihn längere Zeit, und ſo gingen mit Dieſem und Jenem ſo viele Zeit verloren, daß die Sonne faſt eine halbe Stunde unter⸗ gegangen war, bis der Earl die Stelle erreichte, von wo er Schloß Trochrie zum erſtenmal zu Geſicht bekam. Sein an⸗ geſtrengter Blick ſuchte die mehr und mehr ſich verdichtenden Schatten der Nacht zu durchdringen: das Schloß ſelbſt war in Dunkelheit verloren, aber ein Lichtſchimmer leuchtete an zwei Punkten neben einander, und Gowrie erkannte mit Freuden die Lage des Zimmers, worin Julia zu ſitzen pflegte. O wie lieblich und ermunternd ſcheinen uns die Lichter, wenn wir nach langer Abweſenheit näher kommen; wie manches Mährchen von Friede, von Liebe, von ſtillem häus⸗ lichem Glück ſcheint uns aus jenem ſchwachen fernen Licht⸗ ſchimmer zu begrüßen, wie manche Hoffnung, die ſich um den heimiſchen Herd lagert, unſer Herz zu erquicken. So ritt er denn mit erneuter Ungeduld weiter, und in zehn Minuten durfte er Julien an ſein Herz drücken. Das war ein Augen⸗ 511 blick, der ihn für alle Sorgen, Aengſte und Kümmerniſſe, die er erlitten, reichlich belohnte. Und ſo ſaßen ſie wieder Seit' an Seite und betrachteten ſich ſchweigend, die Hände in einander geſchlungen, während das Herz durch das Fenſter des Auges heraus ſchaute. Sie hatten einander ſo viel zu erzählen, und doch blieb es ſo lange unbeſprochen, da die Erſchütterung ihre Rede hemmte. „Du ſiehſt bleich und traurig, Gowrie,“ ſagte Julia endlich.„Ich fürchte, Du haſt Enttäuſchungen erfahren.“ „O nein, theures Mädchen,“ antwortete er;„ich bin nicht traurig und habe auch nicht Urſache, mich enttäuſcht zu fühlen. Meine Empfindungen waren ſehr gemiſcht, wie die Gefühle immer ſind, welche die große Welt hervorruft; jetzt aber iſt die Freude vorherrſchend, denn ich bin bei Dir und bringe Dir frohe Nachrichten. Was die Enttäuſchung betrifft, theuerſte Julia, ſo mag ich wohl welche empfinden, da meine Fantaſie die Menſchen und Dinge in dieſem meinem Geburtslande in viel zu heiteren Farben ausgemalt hat; aber das war mein eigener Fehler oder meine eigene Thor⸗ heit, und in der Hauptſache ſind meine Hoffnungen, ſo weit ich es nur erwarten konnte, in Erfüllung gegangen.“ „Dem Himmel ſey Dank!“ erwiederte Julia in ge⸗ preßtem Tone;„was auch jene Hauptſache ſeyn möge— ich bin überzeugt, daß es eine edle und gute Sache iſt.“ „Ei nein,“ meinte Gowrie,„Du mußt mich nicht zu viel loben, meine Julia. Es iſt eine recht ſelbſtſüchtige Sache; um Dich jedoch nicht länger in Spannung zu halten, ſo laß Dir erzählen, daß der König zu unſerer Trauung im Monat September ſeine ſchriftliche Einwilligung gegeben hat. Alle Schwierigkeiten ſind gehoben, und ich muß ſagen, daß er hierin allem Anſcheine nach großmüthig handelte, denn er hatte erfahren, daß Du hier biſt, und mochte viel⸗ leicht mit Recht ſeinen Aerger darüber äußern, daß ich ihm dieſes Faktum verhehlt hatte.“ „Von dem guten Auſtin habe ich gehört, daß er Kennt⸗ niß von meinem Aufenthalte erlangt, und die lange räthſel⸗ hafte Abweſenheit Deines treuen Dieners machte mir nicht geringe Sorge,“ erklärte Julia.„Ich ſuchte mich durch den Gedanken an all die Vorſichtsmaßregeln zu tröſten, die Du während Deines letzten Hierſeyns getroffen hatteſt, denn ich kann mir kaum denken, daß irgend etwas, was Gowrie unternimmt, fehlſchlagen kann.“ „Ich wollte wahrhaftig, es wäre ſo, meine Geliebte!“ erwiederte Gowrie ziemlich düſter. „Betrachte dieſen einen Fall,“ rief Julia.„Iſt Dir nicht das Eine gelungen, worauf wir ſo wenig Hoffnung hatten?“ „Nicht ſo gut, wie ich wohl wünſchen konnte,“ antwortete ihr Liebhaber.„Der König hat ausdrücklich die Bedingung geſtellt, Julia, daß Du für alle Anſprüche auf die Ländereien und Beſitzungen Deines Vaters, ſogar auf Whiteburn, welches urkundlich Deiner Mutter übertragen war, förmlich Verzicht leiſteſt.“. 4 Er ſchwieg eine Weile, um ihr nachdenkliches Antlitz zu betrachten. „Gleichwohl,“ fuhr er fort,„habe ich den Verzicht in Deinem Namen verſprochen, erſtlich weil ich wußte, daß es das einzige Mittel war, des Königs Zuſtimmung zu erhal⸗ ten, und zweitens weil ich fand, daß es mehr als zweifel⸗ haft wäre, ob Du Deinen Anſpruch geſetzlich begründen könnteſt.“ „Mir thut in der Sache nur Eines leid, Gowrie,“ er⸗ wiederte das ſchöne Mädchen,„daß ich nämlich ſo arm und ohne Ausſtattung zu Dir komme. O wenn ich all die Schätze beſäße, welche mein armer Vater aufgehäuft haben ſoll— wie freudig wollte ich ſie vor Dir ausſchütten!“ „Wenn das Alles iſt, meine Liebe, dann darfſt Du Dich nicht beklagen,“ entgegnete der junge Earl;„ich bin recht froh, daß Du ſie nicht beſitzeſt. Ich habe genug für uns Beide, meine Julia; mir ſcheint— faſt zu viel, denn in die⸗ ſem Lande erregen Wohlſtand und Einfluß nicht allein Neid, ſondern auch Zweifel und Argwohn. Unter einem ſchwachen Könige iſt es gefährlich, ein zu mächtiger Unterthan zu ſeyn. Jedenfalls beſitze ich genug und habe noch Manches übrig. Wenn Du alſo die Verzichtsurkunde unterzeichnen willſt, Liebe, ſo will ich ſie morgen dem König überſchicken, und dann kann kein weiteres Hinderniß, kein fernerer Wider⸗ ſtand erhoben werden.“ „So muß ich nicht an den Hof gehen, um ſie zu unter⸗ zeichnen?“ fragte Julia eifrig. „Nicht, wenn Du es nicht wünſcheſt,“ erklärte Gowrie. „Auch dafür ſey dem Himmel gedankt!“ rief ſie.„Es wünſchen? O nein, Gowrie! die Zeit wird wohl kommen, da ich an den Hof gehen muß. Wenn ich meinen Willen hätte, ſo würde jene Zeit niemals erſcheinen. Ich habe mich James. Gowrie, 33 514 immer in Gedanken vor Höfen gefürchtet, und was mir Deine theure Schweſter von dem hieſigen erzählt, hat mich nur noch furchtſamer und ſchüchterner gemacht. O verſprich mir, Gowrie, daß wir den größeren Theil unſeres Lebens fern von jenen Neſtern des Neides, der Bosheit und der Hab⸗ gier zubringen werden.“ „Das verſpreche ich von ganzem Herzen,“ erwiederte ihr Geliebter;„aber ſage mir, Julia, biſt Du dieſe öde Einſam⸗ keit nicht müde? Beatrice, welche faſt immer eine gute Rath⸗ geberin iſt, hat mich halb und halb überredet, Dich bis zu unſerer Trauung hier eingemauert zu laſſen, denn ſie hält Deinen Aufenthalt an jedem anderen Orte, der nicht ſo gut wie dieſer geſchützt iſt, für gefährlich; ſie glaubt, der König könnte Dich in ſeine Obhut nehmen und die Erwartung auf Deine Hand als Mittel benützen, um mich zu einer Bahn zu verleiten, welche mein Herz und Gewiſſen mißbilligt, oder vielmehr, er könnte die Furcht Dich zu verlieren dazu ausbeuten, um mich zu Handlungen zu treiben, denen ich mich zu widerſetzen verpflichtet bin.“ „Ich habe mich noch keinen Tag gelangweilt,“ verſicherte Julia.„Angſt mag ich gehabt haben; Sehnſucht Dich zu ſehen habe ich empfunden; aber Langeweile— noch nie; auch brauche ich ſie nicht zu fürchten, Gowrie. Die paar kurzen Monate werden raſch vorübergehen! Du wirſt Dich zuweilen ſehen laſſen; eine ſchöne Natur habe ich vor Au⸗ gen; mit Büchern und Muſik, mit Malen und Nachdenken kann ich meine Zeit ausfüllen. Was bedarf ich mehr? Ja folge nur Beatricens Rath; laß mich hier bleiben, theurer 515⁵ Gowrie, bis alle Orte mir gleich lieb ſeyn werden, denn Du biſt mir doch Alles in Allem!“ Gowrie drückte ſie zärtlich an die Bruſt und ließ ſie dann wieder los, denn er fühlte, daß er ihr junges Herz nicht einmal durch die Wärme der reinſten Liebe erſchrecken dürfe, ſo lange ſie ſo einſam und nur von ſeiner Ehre beſchützt war. Seine Gedanken und Worte verfolgten natürlich die⸗ ſelbe Bahn, welche ſeine Gefühle eingeſchlagen hatten, und er erw iederte: „Ich will oft um Dich ſeyn, meine Julia, obwohl ich Dich diesmal bald verlaſſen muß; wenn ich aber wieder⸗ kehre, ſo will ich eine meiner Schweſtern zu Deiner Auf⸗ heiterung mitzubringen ſuchen.“ Doch Julia hatte weniger vom Baume der Erkenntniß des Guten und Böſen gekoſtet und gab unſchuldig zur Antwort: „Ich bedarf keiner Aufheiterung, wenn Du bei mir biſt, Gowrie. Ich werde mich freuen, ſie zu ſehen, und wenn ſie Beatricen ähnlich ſind, ſo wird ſich mein Herz wie eine be⸗ ſcheidene Blume vor der hellen Sonne bei ihnen öffnen; aber Gowrie's Gegenwart iſt für mich des Lebens genug. Ich habe Dir jedoch Vielerlei zu erzählen; aber— ich weiß nicht warum— mir kommt vor, als ob Du mir nicht Alles geſagt hätteſt.“ „O ich habe allerdings noch unbedeutenderer Dinge zu erwähnen,“ erwiederte der junge Earl, noch ungewiß, ob er ſie von den Gefahren, die ihm gedroht hatten, unterrich⸗ ten oder ſie jetzt, da er ſicher war, wenigſtens eine Zeitlang 33* 516 vor ihr verbergen ſollte.„Was ſoll ich ihre Ruhe ſtoͤren und ſie während meiner Abweſenheit durch die Beſorgniß um mein Leben, welches bereits bedroht wurde, in fortwäh⸗ render Aufregung erhalten?“ fragte er ſich ſelbſt.„Es iſt beſſer, ſie bleibt in Unwiſſenheit über die Fährniſſe, die mei⸗ nen Pfad umlagern, da ſie doch nichts thun kann, um ſie abzuwenden. Dürfte ſie handeln, rathen und helfen, ſo würde ich ihr nichts vorenthalten; aber ſie iſt hier hülflos und allein und kann nichts thun, als über fremde Gefahren und Kümmerniſſe weinen. Soll ich ihre ohnehin trüben und einſamen Stunden auch noch angſtvoll und traurig machen? Nein, nein; ich will nicht unaufrichtig ſeyn: was ſie mich fragt, will ich wahrhaft beantworten; aber über ſolche Dinge will ich nicht mehr reden, als was durchaus geſagt werden muß.“ Gowrie ging vielleicht noch etwas weiter, denn er lenkte abſichtlich das Geſpräch von ſeinem eigenen Schickſale ab, und Julia erfuhr blos, daß der König durch ſein Benehmen keine große Liebe für den Earl oder deſſen Bruder verrathen habe. Sogar dieſes Wenige machte ſie nachdenklich, und um ein neues Thema auf's Tapet zu bringen, wurde Au⸗ ſtin Jute gerufen. Er kam ſo friſch, ſo heiter und ſo häßlich wie immer, hatte aber diesmal wenig zu erzählen, denn ſeine Rückreiſe nach Trochrie war durch kein anderes Hinderniß als ſeine Unkenntniß des Weges verzögert worden. Die letztere Ka⸗ lamität ſchilderte er mit vielem Humor, indem er die Ant⸗ worten wiederholte, die ihm an den verſchiedenen Orten, 5¹7⁷ durch die er kam, auf ſeine Fragen ertheilt worden, und die verſchiedenen Dialekte der Grafſchaften nachahmte, die er durchzogen hatte, und die ſich damals hierin noch ſtark von einander unterſchieden. Es gelang ihm ganz gut, bis er an das Gäliſche kam, und auch hier wußte er einige jener Laute(obwohl er mit den Worten der Sprache gänzlich un⸗ bekannt war) ſo genau zu treffen, daß Gowrie ſich des La⸗ chens nicht enthalten konnte. Julia freute ſich, ihn ſo heiter zu ſehen, und wenn ſie wirklich vermuthet hatte, er habe ihr den peinlichen Theil der Wahrheit vorenthalten, ſo wurde dieſer Verdacht durch ſeinen jetzigen Frohſinn gänzlich zerſtreut. So verſtrichen eine oder zwei Stunden; Gowrie wollte ſie jedoch nicht lange von ihrer Nachtruhe zurückhalten, denn er ſehnte ſich, am folgenden Morgen mit ihr auszu⸗ ziehen und über Thäler und Hügel zu ſtreifen, welche jetzt mit dem gelben Ginſter und den jungen Schößlingen des Heidekrauts bedeckt waren. Das Wetter war hell und warm geworden; die ſchöne Jahrszeit, da die Berge von der Hand der Natur geſchmückt ſind und ihr feierliches Düſter durch das Lächeln des Himmels erheitert wird, nahte mit raſchen Schritten, und Gowrie ſann auf manchen Plan, um die Stunden heiter mit ihr zu verleben.„Das Gefühl der Sicherheit,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wird hier eine ſtille, ruhige Atmosphäre um uns verbreiten, wie wir ſie an ei⸗ nem weniger wilden und einſamen Punkte nicht genießen könnten. Morgen will ich meine theure Gefangene hinaus⸗ 518 führen und ihr etwas von den Schönheiten des Landes zei⸗ gen, in dem ſie noch eine Fremde iſt.“ So wünſchte er denn Julien frühzeitig gute Nacht und zog ſich in das Zimmer zurück, das er in dem Thorthurme für ſich hatte zubereiten laſſen. Dort hielt er noch eine lange Unterredung mit Donald Mae Ouff, ſeinem Baronei⸗ vogt in Strathbraan, und nachdem er von ihm erfahren, daß alle Fremdlinge die Nachbarſchaft verlaſſen hatten und ſeit Auſtin Jute's Gefangennehmung die ſchärfſte Achtſam⸗ keit beobachtet worden war, ob nicht des Königs Leute noch immer in den Thälern ringsum lauerten, legte er ſich zur Ruhe nieder und ſchlief geſunder, als er ſeit vielen Nächten gethan hatte. Siebenunddr eißigſtes Kapitel. In einem ſchönen nicht ſehr geräumigen Zimmer in der ſchönen Stadt Perth war eine Anzahl Perſonen in ernſter feierlicher Veranlaſſung verſammelt. Auf einer kleinen über den Boden des Zimmers ſich erhebenden Plattform ſah man mehrere Beamte und Magiſtratsherrn der Stadt; zu beiden Seiten neben ihnen die verſchiedenen Municipal⸗ beamten des Gerichtshofs, wie ſte damals exiſtirten, obwohl ich deren einzelne Titel nicht zu geben vermag; nach der Thüre zu zwei bis drei Hellebardiere in der Tracht Jakobs V., ihre ſchweren aber plump ausſehenden Waffen auf der Schul⸗ ter. In einem großen Lehnſtuhl inmitten der Magiſtrats⸗ 519 herren ſaß der Earl von Gowrie, als Lord⸗Prevoſt von Perth und erblicher Sheriff der Grafſchaft; etwas weiter neben ihm, auf demſelben erhabenen Ehrenſitze, Sir George Ram⸗ ſay, in die gewöhnliche Hoftracht gekleidet. Quer über die Plattform war eine lange ſchmale Tafel ausgebreitet, an welcher zwei bis drei Männer in dunkeln Gewändern mit Schreibmaterialien vor ſich ſaßen; am entgegengeſetzten Ende des Zimmers, hinter einem etwa drei Fuß hohen durch⸗ brochenen und vergoldeten Eiſengitter zeigte ſich der Gefan⸗ gene David Drummond, je einen derben Wärter zu beiden Seiten. Seine kräftige muskulöſe Geſtalt ſchien durch die erlittene Einkerkerung gar nicht oder nur wenig gelitten zu haben; nur ſein düſteres, finſter ausſehendes Geſicht war aſchfarben, denn der Earl hatte ſo eben das Todesurtheil über ihn verkündigt, das er ſelbſt zweimal an Anderen voll⸗ ſtreckt hatte. Traurig aber ruhig und nur nach den über⸗ zeugendſten Beweiſen ſeiner Schuld hatte Gowrie die ent⸗ ſcheidenden Worte ausgeſprochen, während ſein Auge des Mannes Antlitz firirte. Drummond ſchnappte nach Athem, wie wenn er ſprechen wollte; allein die beiden Gefangenwärter legten ihre Hände auf ſeinen Arm und wollten ihn eben wegführen, als der Earl mit dem Rufe einfiel: „Halt, halt; er wünſcht zu reden. Laßt ihn ausſprechen, was er für paſſend findet.“ „Ich appellire an den König!“ rief der Elende;„ich appellire an den König!“ 5²0 LBon dieſem Hofe findet keine Appellation ſtatt,“ er⸗ wiederte Gowrie;„allein——“ „Aha! Ihr fürchtet, ich könnte ausſchwatzen, Earl von Gowrie,“ ſchrie der Verbrecher.„Es würde nicht in Eu⸗ ren Kram taugen, wenn ich mit dem Könige Verkehr hätte.“ „Unglücklicher Mann!“ erwiederte der Earl mit voll⸗ kommener Faſſung,„Ihr erſchwert nur Eure Schuld. Es gibt keine Handlung in meinem ganzen Leben, die ich nicht morgen auf offenem Markte ausrufen laſſen könnte. Mein Gewiſſen ſpricht mich von jeder Schuld frei; wollte Gott, Ihr könntet von dem Eurigen daſſelbe ſagen! Um Euch jedoch zu beweiſen, daß ich nichts von all Dem fürchte, was Ihr thun oder ſagen könntet, und daß ich Euch der Aus⸗ ſicht auf Lebensrettung keineswegs zu berauben wünſche, will ich den Tag, der für Euer Verbrechen feſtgeſetzten Hinrich⸗ tung ſo weit hiuausſchieben, daß Ihr alle Mittel gebrauchen könnt, um die Begnadigung zu erlangen, die Ihr nicht ver⸗ dienet. Ihr ſeyd offen verhört und gerecht verurtheilt wor⸗ den; Appellation gibt's für Euch keine, als an des Königs Gnade. Er hat die Macht der Begnadigung in ſeinen Händen, und ferne ſey es von mir, mich zwiſchen Euch und ſie zu ſtellen. Wenn Ihr alſo keine Gnade erlangen könnt, ſo beſtimme ich zu Eurer Hinrichtung den achtundzwanzigſten nächſten Monats Mittags zwölf Uhr, und möge ſich der All⸗ mächtige Eurer Seele erbarmen! In der Zwiſchenzeit ſollt Ihr jede Gelegenheit haben, Petitionen und Denkſchriften, wie Ihr ſie für dienlich erachtet, an Seine Majeſtät abzu⸗ ſenden, und ſollte ich nicht ſelbſt in Perth anweſend ſeyn, ſo bitte ich den Magiſtrat, daß r für deren unverzügliche Be⸗ förderung durch einen beſonderen Boten Sorge trage. Jetzt führt ihn fort.“ Der Gerichtshof erhob ſich, und Gowrie ſprach einige Worte mit Sir George Ramſay, während einer von des Earls Dienern mit einem verſiegelten Paket in der Hand in die Halle trat. „Von des Königs Majeſtät, Mylord,“ meldete er. Gowrie zerſchnitt alsbald die Seide und öffnete das Schreiben in dem Glauben, es könnte ſich auf den eben ver⸗ handelten Rechtsfall beziehen. Solches war jedoch nicht der Fall; er faltete es zuſammen und ſteckte es in die Taſche mit den Worten: „Komm, Ramſay; verweile einige Tage hier bei mir. Ich bin eben im Begriff, große Veränderungen in meinem Hauſe zu treffen und meine aus Italien angelangten Bilder aufzuhängen, wobei ich Dich um Deinen guten Rath bitte.“ „Ich kann mich nur wenige Stunden aufhalten, mein guter Lord,“ erwiederte Ramſay,„und ich fürchte, mein Rath würde Dir nur wenig nützen. Jedenfalls magſt Du über ihn gebieten.“ Gowrie verabſchiedete ſich von den Bürgermeiſtern und übrigen Gerichtsbeamten, bei denen der Earl ausnehmend beliebt war, und wandelte mit ſeinem Freund durch die Straßen der Stadt. Mehrere Perſonen folgten ihnen; ſo⸗ bald ſie ſich jedoch von der Menge losgemacht hatten, be⸗ merkte Ramſay, indem er dem Earl in's Geſicht ſchaute: „Ich hoffe, Eure Nachricht vom Hofe lautet günſtiger, Mylord, als die ich Euch leider bei unſerem letzten Zuſam⸗ mentreffen zu überbringen hatte.“ „O, der Brief enthält eine bloſe Einladung zu einer Jagdpartie an den Hof nach Falkland zu Anfang Juni's und ein Recepiſſe für ein gewiſſes Dokument, das von des Kö⸗ nigs Advokaten geprüft und in gehöriger Form befunden worden,“ erklärte der Earl.„Seine Majeſtät iſt ausneh⸗ mend gnädig geweſen,“ fuhr er mit lächelndem aber bedeu⸗ tungsvollem Blicke fort, denn der Brief iſt von ſeiner eige⸗ nen Hand geſchrieben.“ „Beabſichtigſt Du die Einladung anzunehmen?“ fragte Sir George Ramſay. „Ich bin noch zweifelhaft,“ verſetzte der Earl.„Eine Einladung von einem Monarchen lautet nahezu wie ein Befehl, und ich habe nicht Luſt, meinem Könige ungehor⸗ ſam zu ſeyn, wenn ich mit Sicherheit für meine Perſon und meine Ehre gehorchen kann.“ „Deine Ehre iſt ſicher, mein theurer Lord, wo Du auch ſeyn magſt,“ erwiederte Ramſay.„Wer ſein Leben im Vergleich mit einem unbeſcholtenen Namen nur gering an⸗ ſchlägt, der trägt die Ehre immer in ſeiner eigenen ſicheren Hand, und kein Anderer kann ſie berühren. Deine perſön⸗ liche Sicherheit iſt aber eine andere Frage, und ich wollte, daß Du darauf Bedacht nähmeſt.“ „Iſt Dir etwas von friſchen Abſichten wider mich be⸗ kannt, Dalhouſie?“ fragte der Earl geradezu und erhielt eine ebenſo offene Antwort. „Von friſchen Abſichten?— nein, von denen weiß ich 523 nichts,“ gab Ramſay zur Antwort.„Ich möochte aber be⸗ zweifeln, ob die alten aufgegeben ſind, und ich habe es im⸗ mer für ein gefährliches Vergnügen betrachtet, mein guter Lord, mit einem halb verſöhnten Feinde zu jagen. Die Jagd hat ihre Unfälle, die ſich am häufigſten ereignen, wo viele Perſonen beiſammen ſind. Ich würde Dir rathen, nur ſelten und blos mit ſolchen Perſonen zu jagen, auf deren Treue und Vorſicht Du Dich verlaſſen kannſt.“ Er ſagte dies in ſehr bezeichnendem Tone, und Gowrie erwiederte: „Ich glaube, Dein Rath iſt gut; überdies könnte ich des Königs Einladung nach den bereits getroffenen Anordnun⸗ gen kaum annehmen, denn meine theure Mutter hat einge⸗ willigt, ihre ſo lange beobachtete Zurückgezogenheit zu ver⸗ laſſen und in wenigen Tagen zu Trochrie mit mir zuſammen zu treffen.“ „Dann werden wir Dir vermuthlich recht bald zu einem Ereigniſſe gratuliren dürfen, das, wie ich hoffe, zu Deinem Glücke beitragen wird,“ bemerkte Ramſay.„Der Hof iſt ſchon längere Zeit mit der Geſchichte beſchäftigt.“ „Nicht ſo gar bald,“ meinte Gowrie;„ſo kommt es we⸗ nigſtens einem Liebenden vor. Noch drei Monate müſſen verſtreichen, und das iſt wirklich lange, denn wo wäre der Mann, Dalhouſie, welcher ſagen könnte, was Alles in drei Monaten ſich ereignen kann, ob er auch noch ſo geſchickt in den Sternen leſen, ob er auch weiſe, gelehrt und erfahren ſeyn mag? Wie oft ſchüttet die zitternde Hand des Glückes 5²4 den Wein aus der überfließenden Schale der Freude, ſogar während ſie den Becher an unſere Lippen ſetzt!“ „Nur allzuwahr, mein theurer Lord,“ beſtätigte Sir George;„ich hoffe, bei Dir wird dies nicht der Fall ſeyn, denn ich meine, Euer Schickſal ruht ſo ziemlich in Eurer eigenen Hand. Wenn Du nur die Gefahren vermeideſt, welche Du da und dort lauernd weißt, ſo werden ſie Dich wohl nicht von ſelbſt aufſuchen.“ Gowrie ſchwieg nachdenklich. „Was mag nur die Urſache dieſer Feindſeligkeit ſeyn?“ ſagte er endlich in gedankenvollem Tone.„Was habe ich gethan, um ſie zu verdienen? Iſt wohl ein Dritter vor⸗ handen, der mit dem König wir mit mid falſches Spiel treibt und ſein Ohr mit elenden Lügen über meine Unloya⸗ lität vergiftet? Oder herrſcht ein Widerwillen zwiſchen ſeinem Blut und dem meinigen, der ſich nicht beruhigen laſſen will? Hat jene traurige, ſchreckenvolle That mei⸗ nes Großvaters vor den Augen ſeiner Mutter, während ſein noch ungeborenes Auge das Licht der Welt erwartete — hat ſie bis auf die heutige Stunde Feindſchaft zwiſchen unſern beiden Häuſern geſät? Man ſagt, Manche tragen in ihrem Blute eine merkwürdige tödtliche Antipathie gegen Andere, die ſich durch keine Anſtrengung der gehaßten Per⸗ ſon überwinden laſſe; ſo muß es wohl Jakob gehen, denn er hat keinen treueren Unterthan, keinen, der ſeiner Krone, ſei⸗ ner Stellung oder Perſon aufrichtiger Gutes wünſcht als mich. Welches iſt nun mein Verbrechen?“ „Ich könnte Dir etliche nennen,“ meinte Sir George 5²⁵ Ramſay.„Erſtlich und vor Allem biſt Du in dieſem Lande für eines Königs Liebe zu mächtig. Du beſitzeſt ungeheure Ländereien; Dein Reichthum hat ſich während einer langen Minorität gewaltig vergrößert; Du biſt mit allen Edelſten und Angeſehenſten im Lande verbündet und als ein Mann bekannt, der ſich ohne Furcht oder Schwanken der Begrün⸗ dung einer kirchlichen oder politiſchen Willkürherrſchaft in Schottland widerſetzen würde. Dieſe Beweggründe ſind ſtark genug, Mylord, und ſie bilden die eigentliche Urſache. Die etwaigen Vorwände kenne ich nicht; wenn Du Dich jedoch von allen Faktionen und Parteien ferne hältſt, wenn Du— ſoweit Deine Ehre und Deine Stellung dies erlaubt — jeder Oppoſition gegen den König entſagſt, dann müſſen wohl die jetzt herrſchenden Gefühle gleich dem Unkraut, das keine Wurzel hat, von ſelbſt abſterben.— Hier ſtehen wir jedoch vor Deinem großen Hauſe, Mylord, und ein mäch⸗ tiges Gebäude iſt es in der That.“ „Komm und ſieh die Gemälde, die ich neulich gekauft habe,“ bat Gowrie.„Ich werde kaum Raum haben, um ſie zu placiren, wenn ich mir nicht eine neue Gallerie baue. Mit ſolchen Dingen, Dalhouſie, mit Muſik, Gemälden, Büchern und Nachdenken habe ich meine ganze Jugend be⸗ ſchäftigt, nicht aber mit dem Aushecken von Verrath oder dem Ausbrüten unloyaler Plane. Doch wir wollen nicht weiter von ſolchen Dingen reden. Hierhin geht der Weg. John Chriſtie,“ fuhr er zu dem Thürſteher gewendet fort, e heißt ſie das Mittageſſen für mich und Sir George in der kleinen Halle ſerviren und ſorgt, daß ſeine Diener 5 gut verpflegt werden. Wenn das Mahl bereit ſteht, ſo meldet es uns in der Gallerie.“ Mit dieſen Worten ging er über den Hof voran. Er trat unter einem in der Ecke rechter Hand ſtehenden vor⸗ ſpringenden Thürmchen ein und führte ſeinen Freund eine ſchmale das ſchwarze Thor genannte Wendeltreppe hinan, die nur dürftig durch drei enge Gucklöcher erhellt war. Oben öffnete Gowrie eine Thüre, die in ein ſehr großes ſchönes Zimmer führte, das außer einigen hohen mit reichgeſticktem Sammt bedeckten vergoldeten Stühlen mit geraden Lehnen keine weiteren Geräthſchaften enthielt. An einer zweiten Thüre rechts vorüber ſchritt der Earl durch das geräumige Zimmer nach dem Ausgange gegenüber, während Ramſay bemerkte: „Dies iſt das Galleriezimmer, wenn ich mich recht er⸗ innere.“ „Ja,“ erwiederte der Earl;„jene Thüre hinter uns führt in mein Studirzimmer, das ich reich mit Büchern ver⸗ ſehen habe. Ich fürchte aber, ich werde meine Behauſung wechſeln müſſen, denn das Fenſter geht auf die Straße hinaus, und der Lärm zerſtreut mich oft in meinen Gedanken.“ „Du wirſt bald in den Augen Deiner Gattin andere Bücher zu leſen haben, Mylord,“ erwiederte Sir George Ramſay lächelnd, und Beide traten durch eine kleine Pforte in jene glänzende Gallerie, welche die Bewunderung aller damaligen Beſchauer ausmachte. Die Wände waren mit Gemälden von den alten Meiſtern der flämiſchen, deutſchen und italieniſchen Schule vollgehängt. Einige trugen ein 527 ſehr altes Datum und ſtammten faſt aus der Wiegenzeit der neueren Kunſt; ſie waren mehr merkwürdig als ſchön, wiewohl auch ſie einer eigenthümlichen Schönheit nicht ent⸗ behrten. Da waren zwei bis drei Van Cycks, beſonders aber ein ſchönes Gemälde von Johann von Brügge. Was aber die Aufmerkſamkeit Sir George Ramſay's ſogar von den Titians und Coreggio's ablenkte waren einige breite flache aufrecht geſtellte Holzkiſten mit abgenommenem Deckel, welche die Gemälde enthielten, die der Earl in Italien ge⸗ ſammelt hatte. Unter ihnen war eines von ſehr bedeutender Größe, das von dem klauen Nordlichte ſtark beleuchtet wurde — eine Niobe, die mitten unter einer Scenerie von großer maleriſcher Schönheit über ihre Kinder weinte, während man den rächenden Gott des Tages nach vollbrachtem Todes⸗ werke in der Ferne ſich zurückziehen ſah. Es war ein Bild voll kräftiger Auffaſſung, reich und effektvoll in der Färbung, und Sir George Ramſay blieb einige Augenblicke davor ſtehen und betrachtete es voll Theilnahme und Bewunderung. Als er ſich umwendete, ſah er den jungen Earl, die Arme über der breiten Bruſt gekreuzt und die Augen mit einem Blicke ernſten Nachdenkens auf die weibliche Geſtalt geheftet daneben ſtehen. „Welch' ſchönes Gemälde!“ rief der Ritter;„der Künſt⸗ ler iſt mir jedoch unbekannt und es ſcheint ganz friſch von der Staffelei zu kommen. Wer war der Maler?“ „Ein junger Mann Namens Guido Reni,“ erzählte Gowrie.„Es wurde im letzten Jahre in unglaublich kurzer Zeit für mich gemalt, denn der Künſtler brauchte Geld, und 528 ich bezahlte ihm was er verlangte. Das Bild hat ein ganz beſonderes Intereſſe für mich, Dalhouſte. Findeſt Du nicht auch, daß die Niobe meiner Mutter ſehr ähnlich ſieht? Zwar um Vieles jünger, aber doch ſehr ähnlich.“ „Allerdings,“ beſtätigte Ramſay;„beſonders an Stirn und Augen. Das iſt doch merkwürdig, denn der Italiener hat ſie höchſt wahrſcheinlich nie geſehen.“ „Niemals in ſeinem Leben,“ erwiederte Gowrie,„und ich kann es nur ſo erklären: ich brachte mehrere Tage mit dieſem jungen Manne in ſeinem Atelier zu Bologna zu und erwähnte zufällig meiner Mutter' und ihrer aufopfernden Liebe für ihre Kinder. Ob zwiſchen ihr und mir eine Aehnlichkeit beſteht, weiß ich nicht; ich überließ es ihm, das Gemälde zu beenden und mir nachzuſenden; als ich es vor einigen Tagen öffnete, wurde ich durch die außerordentliche Aehnlichkeit frappirt. Komm, hier iſt ein Carracci, der ſich wohl des Anſehens verlohnt.“ „Und jener Knabe, der mit dem Arm unter dem Haupte und mit der linken Hand in's Gras greifend todt am Boden liegt— iſt ganz Dein Bruder Alexander,“ bemerkte Ram⸗ ſay, noch immer vor dem Gemälde zögernd. Gowrie war jedoch weg gegangen und ſein Freund folgte ihm bald. Es gab noch Vieles in der Gallerie zu ſehen; allein es war damals Sitte, ſehr frühzeitig zu Mittag zu ſpeiſen und kurz darauf wurde das Serviren der Tafel ge⸗ meldet. Kaum war dieſelbe beendet, als Sir George Ram⸗ ſay wieder zu Pferde ſtieg. Vom Hofe, wohin Gowrie ſeinen Freund begleitet hatte, 5²9 zog er ſich in ſein Studirzimmer zurück. Dort warf er ſich in einen Stuhl und blieb einige Augenblicke nachdenklich ſitzen, bis er endlich aus einem Haufen nebenan liegender Bücher eines herausgriff und zu leſen anfing. Er hatte noch nicht lange geleſen, als die Thüre aufging und Mr. William Cowper, einer der Geiſtlichen von Perth, ein freund⸗ licher liebenswürdiger Mann, unangemeldet mit den Worten eintrat: „Ich hoffe, ich unterbreche nicht Eure Studien, Mylord.“ „O nein,“ gab Gowrie zur Antwort, indem er das Buch weg legte.„Es iſt nur ein närriſches Machwerk mit dem Titel: De Conspirationibus adversus principes*— eine Sammlung berüchtigter Komplotte, alle höchſt thöricht angelegt und jedesmal mit einer Niederlage endend, weil die Verſchwörer zu viele Mitwiſſer hatten.“ „Gefährliche Studien, Mylord!“ bemerkte der Geiſtliche. „Für mich nicht, mein guter Freund,“ erwiederte Gowrie ernſthaft.„Was bringt Ihr mir aber, mein theurer Sir?“ Das Geſpräch nahm nunmehr eine andere Wendung; nachdem jedoch Mr. Cowper den Earl verlaſſen hatte, er⸗ wähnte er mehr als einmal, wiewohl zweifellos ohne böſe Abſicht, der Studien, worin er den jungen Earl betroffen hatte.** * Von Verſchwörungen gegen Fürſten. ** Dieſe Anekdote William Cowper's erzählt der Erzbiſchof Spottiswood, ein eifriger Anhänger des Königs, und es iſt klar, daß er mit ihrem Wiedergeben Jakobs eigene merkwürdige Be⸗ hauptung durch ein unabhängiges Zeugniß beſtätigen wollte— James, Gowrie, 34 530 Achtunddreißigſtes Kapitel. Der Leſer muß mir nun erlauben, die Ereigniſſe mehrerer Wochen zuſammenzudrängen. Ich muß mich kurz faſſen, denn die ſtrengen Grenzen meines Buches ſtarren mir in's Geſicht und die Erzählung muß durchaus zum Schluſſe kommen. Wenden wir uns zuerſt zu dem Earl von Gowrie. In wenigen Tagen kehrte er nach Trochrie zurück, indem er unterwegs mit ſeiner Mutter zuſammentraf und ſie mit freundlicher Sorge und Zärtlichkeit geleitete. Die beſten Gemächer im Schloſſe waren für ſie hergerichtet. Der Sommer war ungewöhnlich heiter; der ganze Tag war ein langer glühender Sonnenſtrahl geweſen. Als die Gräfin das dunkle Schloßportal paſſirte, das ſie zuletzt an der Seite eines ritterlichen Gemahls betreten hatte, der ihr ſeitdem durch einen blutigen Tod entriſſen worden, da überfiel ſie aus jener bewölkten Vergangenheit ein Schatten von Trüb⸗ ſinn, der aber bald wieder verſchwand, als ſie, an der einen Hand den Sohn und die ſchönen Arme ſeiner Braut um ihren Nacken geſchlungen, in der alten Halle ſtand und durch das Spiegelglas der Hoffnung in die Zukunft hinausſchaute. Ein Monat verſtrich unter heiteren vergnügten Aus⸗ flügen. Gowrie's Haushalt war jetzt vervollſtändigt: ſeine eine Behauptung, welche, abſurd lächerlich und ungereimt wie ſie iſt, gewiß nicht einmal ein Kind getäuſcht haben würde, wenn nicht die Freunde und Schmeichler des Monarchen mit allem Eifer ſchmarotzeriſchen Ehrgeizes ſich bemüht hätten, eine, bübiſche Ver⸗ theidigung ſeines Benehmens durch oft ebenſo falſche und bübiſche Bekräftigungsmittel zu verſtärken, 531 zahlreichen Diener und Pächter, die Freunde aus den be⸗ nachbarten Clanen, der Beſuch ſeiner Verwandten, worunter die Gräfin von Athol— dies Alles machte ſeinen Aufent⸗ halt zu Trochrie vollkommen ſicher gegen alle Machinationen ſeiner Feinde, und die Furcht war von ſeiner Schwelle ver⸗ bannt. Die jüngeren Brüder des Hauſes Ruthven ſtellten ſich von Zeit zu Zeit im Schloſſe ein; ſeine Schweſter Bar⸗ bara, von ruhigem nonnenhaftem Charakter, verlebte daſelbſt den größeren Theil ihrer Zeit. Mancher Gaſt erfreute ſie mit ſeinem Beſuche. Die Morgen verſtrichen mit Jagen oder Ausflügen in den Bergen, die Abende in ruhigerer und mehr geiſtiger Unterhaltung. Die alte Gräfin lauſchte wie verzückt, wenn ihres Sohnes Braut die reizenden Geſänge anderer Länder anſtimmte oder wenn Gowrie ſelbſt mit dem eigenthümlichen Zauber eines hochgebildeten Geſellſchafters kurze aber treffende Anekdoten über die Länder die er bereist, oder von großen Männern die er kennen gelernt hatte— erzählte; und wenn ſie die ausnehmende Lieblichkeit der Einen, die hochſinnige männliche Schoͤnheit des Andern be⸗ trachtete, ſo konnte ſie zu ſich ſelber ſagen: „Dieſe Beiden wurden vom Himmel gewiß für einander geſchaffen, um ſich anzugehören und glücklich zu ſeyn“— ſo pflegte ſie mit halbzweifelndem Seußzer zu ſchließen. Nach Ablauf eines Monats wurden ſie plötzlich durch Aleranders Ankunft zu Trochrie überraſcht. Er ſchien jeder Erklärung darüber, warum er den Hof verlaſſen, ausweichen zu wollen, und als ſeine Mutter ſich erkundigte, ob der König und er noch Freunde ſeyen, erwiederte er: 34* 5³² „Ja; Seine Majeſtät iſt höchſt gnädig von mir ge⸗ ſchieden.“ Gowrie ſtellte keine Fragen, denn er errieth ſo Manches. Er war jedoch ſanft und freundlich gegen ſeinen Bruder, und der Jüngling ſchien ſeine Nachſicht tief zu empfinden und zeigte größere Liebe und Ehrerbietung, als er je früher be⸗ wieſen hatte. Seine Fehler waren die der Jugend, der Leidenſchaft und Unvorſichtigkeit; ſein Herz war aber edel und gut, und Beiſpiel und Erfahrung hätten einen wackeren trefflichen Mann aus ihm machen können. Dieſer Aufenthalt zu Trochrie war weitaus die glück⸗ lichſte Periode in Gowrie's Leben; die Ausſicht für ihn wurde immer freundlicher; denn die Tage näherten ſich raſch dem Zeitpunkte, der ihn mit Julien verbinden ſollte. Da der Monat Juli zu Ende ging, ſo wurde es nöthig, daß man an die Vorbereitungen zu der nahenden Ver⸗ mählung dachte, und um ſich zu überzeugen, ob die Feind⸗ ſeligkeit des Königs, wie er hoffte und vertraute, durch die Zeit ſich gemildert habe, ſchrieb Gowrie an Beatricen, die mit der Konigin noch zu Falkland weilte, und an Sir George Ramſay, der leicht durch ſeinen Bruder genaue Kunde er⸗ halten konnte. Beider Antworten lauteten günſtig, denn Jakob war ein vollendeter Heuchler, ſobald dies in ſeinen Kram taugte. Beatrice erwiederte: „Ich hoffe, daß jede Gefahr vorüber und alles Frühere vergeſſen iſt. Der König erwähnt Deiner nur ſelten, mein theurer Bruder, und das iſt ein gutes Zeichen; wenn es geſchieht, ſo thut er's mit einem Witz, und dieſes Zeichen 533 i*ſt noch beſſer. So ſagte er neulich, Du macheſt Deiner ſchönen Dame ſo eifrig die Cour, daß Du weder für König noch Vettern einen Augenblick übrig habeſt; er fügte noch bei, wenn er den Tag Deiner Trauung erfahren könne, ſo wolle er als Vermummter hingehen und auf Deiner Hoch⸗ zeit tanzen.“. Sir George Ramſay's Brief lautete ſo ziemlich ebenſo. „Ich hoffe, die Zeit heilt alte Wunden,“ ſagte er. „Wenn irgend etwas gegen Dich beabſichtigt wird, mein theurer Lord, ſo möchte ich behaupten, daß es meinem Bru⸗ der ebenſo wie mir unbekannt iſt, denn John iſt nicht hinter⸗ liſtig, ſondern eher keck und unbeſonnen. Er würde und könnte das was er weiß vor mir nicht verbergen, und da neulich Deines Namens erwähnt wurde, ſo hätte er es mir geſagt, wenn irgend ein Anſchlag Dich bedrohte.“ Nach ſolchen Verſicherungen hatte der junge Earl ſeinen Plan bald fertig, und es wurde ausgemacht, daß die ver⸗ wittwete Gräfin nebſt ihren beiden jüngeren Söhnen und Julien mit Vermeidung des Hofes zu Falkland nach Dirleton aufbrechen ſollten, während Gowrie mit Alexander Ruthven auf einige Tage nach Perth gehen, dort alle Anſtalten zum Empfange ſeiner Braut treffen und am fünften Auguſt mit ſeiner Mutter und dem Reſte der Familie in Eaſtlothian zuſammenkommen wollte. Die Trauung ſollte am erſten September— dem früheſten Tage, den das Verſprechen gegen den alten Grafen Manucci geſtattete— ſtattfinden. Mit ſolchen Planen und Ausſichten trennten ſich Julia und ihr Geliebter am dreißigſten Juli eintauſend ſechshundert 534 in der frohen Erwartung, noch ehe die Woche abgelaufen wäre, ſich wieder zu ſehen. Gowrie ritt nach Perth, und die Nachricht ſeiner Ankunft verbreitete ſich durch die Graf⸗ ſchaft, wo viele vom Adel jetzt verſammelt waren, nachdem ſte den Winter und das Frühjahr an Höfen und in Städten verlebt hatten. Zahlreiche Bekannte ſtrömten herbei, um dem jungen Earl zu ſeiner Rückkehr wie zu ſeiner nahenden Trauung Glück zu wünſchen, ſo daß ihm die Maſſe der Beſucher bei den vielen Vorbereitungen die er zu treffen hatte und bei der Kürze ſeines beabſichtigen Aufenthaltes ſogar läſtig fiel. Den Morgen nach ſeiner Ankunft wurde die Beläſtigung durch einen Umſtand, der damals blos lächerlich erſchien, im Ganzen aber nicht ohne Bedeutung war— noch größer als ſie ſonſt wohl geweſen wäre. Als nämlich Gowrie die Thore ſeiner Wohnung erreichte, fand er ſie offen und den Portier abweſend. Er war etwas ärgerlich über dieſe Nachläſſigkeit; ſein Haushofmeiſter Henderſon entſchuldigte jedoch den Thürſteher dadurch, daß er ſich einen Tag Urlaub erbeten und auch erhalten habe, da des Earls Ankunft nicht ſo früh erwartet worden ſey. Die Verſchul⸗ dung mit dem Offenſtehen der Thore nahm der Haushofmeiſter auf ſich und verſchloß ſie an dieſem Tage mit ſeinen eigenen Schlüſſeln, ehe er ſich über Nacht in ſeine kleine Behauſung in der Stadt Perth entfernte. Er vergaß jedoch ſeine Schlüſſel zurückzulaſſen, und als ſich früh am andern Morgen zwei bis drei benachbarte Edelleute vor den Thoren meldeten, konnten ſie nicht herein und Gowrie fand kein anderes Mittel als ſie durch eine kleine Ausfallpforte in der Garten⸗ 535 mauer einzulaſſen. Der Thürſteher Chriſtie kehrte erſt auf die Nacht zurück, und als man ihn fragte, wo er geweſen ſey, erwiederte er: „Zu Falkland, Mylord. Ich beſuchte meine Schweſter, welche dort in Dienſten iſt.“ „Habt Ihr den König geſehen?“ fragte ſein Lord. Der Mann gab jedoch nur eine jener zweideutigen Ant⸗ worten, welche oft Alles ſind was man von einem Schotten der niedereren Klaſſen, die ſich nicht gerne ausfragen laſſen⸗ zu erlangen vermag. Er gab zu, Seine Majeſtät auf einen Augenblick geſehen zu haben, ohne aber anzudeuten, ob er den Koͤnig geſprochen habe. War dies die reine Wahrheit? Ich glaube kaum, denn Jakob war gewohnt, bei allen gefährlichen Verhandlungen ſeiner eigenen Geſchicklichkeit allein zu vertrauen. Der Earl ließ ſich jedoch nichts von der Wahrheit träumen und ſchickte den Mann auf ſeinen Poſten mit einem leichten Verweiſe dafür, daß er die Schlüſſel mitgenommen hatte. Dies geſchah am Donnerſtag den einunddreißigſten Juli, und ich muß den Leſer nunmehr bitten, zwei Tage zu überſpringen und mir am Samſtag den zweiten Auguſt nach Falkland zu folgen. Seht ihr jene kleine Pforte, die etwas hoch oben im Gebäude auf eine Hintertreppe ſich öffnet? Sie gleicht dem Eingange zum Schlafzimmer eines untergeordneten Hof⸗ beamten, liegt im dritten Stockwerk gerade über des Königs Kloſet, und die Treppe hat hier ein Ende. Horch! in jenem Zimmer laſſen ſich Stimmen vernehmen! Luſtiges Lärmen 536 und Lachen iſt zu unterſcheiden. Hat ſich etwa ein Trink⸗ gelage hier verſteckt, um unbeobachtet ſeinen Schwelgereien nachzuhängen? Nein, es iſt der König und eines Königs Bundesgenoſſe, die ſich über blutige Thaten der Grauſam⸗ keit berathen. „Er wird kommen, er wird kommen,“ ſagte Jakob, „gerade wie der Hirſch auf das Röhren ſeines Kameraden herannaht. Schreiben aber mag ich nicht; es iſt beſſer, ſeine Hand von geſchriebenen Papieren ferne zu halten; ſie kommen oft lange nachher heraus. Ich will ihm eine Bot⸗ ſchaft ſenden, und nun laßt uns überlegen, Sir Hugh, wem wir am beſten vertrauen können. Tommy Ersfkine iſt über⸗ trieben ſanftmüthig; ſonſt wär' er ein ganz guter Mann, denn er wird ſich des Königs Rath hinter die Ohren ſchrei⸗ ben. Ihr mögt ihm und dem Geordie Hume— aber wohl⸗ gemerkt, nicht Sir John— ein Wort von der Sache in's Ohr flüſtern; ſagt ihnen aber nicht Alles— nur einen leiſen Wink.“ „Ich denke, Ramſay muß wohl das Ganze wiſſen?“ meinte Herries;„er iſt ein Mann voll Thatkraft, raſch und entſchloſſen, und haßt den ganzen Stamm der Ruthvens.“ „Pfui, pfui, Ihr thörichter Gauch!“ ſchrie Jakob lachend;„eben weil er iſt wie Ihr ſagt, darf er vor der Zeit kein Wort erfahren. Er wird gleich bei der Hand ſeyn und auf die erſte Warnung zur That ſchreiten; ſein Haß gegen die Ruthvens wird ihn alles Böſe von ihnen glauben laſſen, ſobald ſie angeklagt werden. Aber ich ſage Euch, Doktor, Ihr müßt auf dem Fleck ſeyn, um ihn vorwärts zu 537 hetzen, ſobald ich Laut gebe. Behaltet ihn bei Euch, damit er Alles ſehen und hören kann, ſobald es los geht.“ „Ich will ſchon Sorge tragen, Sire,“ verſicherte Herries mit bedeutungsvollem Blick.„Ich habe ſchon früher einen Hund in der Koppel gehalten und ihn in der rechten Minute auf die Fährte gebracht.“ Jakob lachte abermals und ſagte: „Ich denke, diesmal wollen wir unſern Bock nieder⸗ rennen, Doktor. Aber wir müſſen noch Einige in's Komplott ziehen. Zwar bin ich nicht der Narr, der den Lords und Edelleuten ſolche Geheimniſſe anvertraute, denn ſie könnten glauben, die Reihe komme auch an ſie; wir haben jedoch zwei bis drei handfeſte Burſche in der Halle und in der Kellnerei, welche gute Dienſte leiſten und, wenn's geſchehen, das Maul halten werden. Geht nur einmal die Treppe hinunter und ruft mir den Robert Galbraith herauf; halt, ich will Euch fünf bis ſechs Burſche aufſchreiben, die Ihr mir dann insgeheim Einen enach dem Andern herauſſchickt. Da iſt erſtens Galbraith; dann können wir auch James Bog, den Portier, und ſeinen Bruder John nehmen, der den Schlüſſel zum Bierkeller hat. Auch Brown iſt ein derber liſtiger Burſche, der ſich nicht lange mit Fragen abgibt, ſondern thut was er geheißen wird; nur geht er zu viel den Mädchen nach. Dieſe Alle wollen wir dazu nehmen.“ Sir Hugh Herries horchte mit Erſtaunen auf die Na⸗ men, die der König erwähnte, und wagte endlich die Er⸗ wiederung: „Wird es nicht auffallend erſcheinen, Eure Majeſtät, 538 wenn Ihr zu Eurem Ausfluge ſolche Leute wie Euren Portier zu Falkland und den Schließer des Bierkellers mitnehmt.“ „Pah, pah!“ ſchrie der König;„wer wird es auffallend nennen, wenn ich es zu thun beliebe? Kann nicht ein König ſeine eigenen Diener mit ſich führen, wenn es ihm ſo gefällt? und wer darf ſeinen Daumen darein rühren, wo wir be⸗ fehlen? Ich ſage Euch, Doktor, dieſe ſind die beſten Männer, welche wir haben können, und ich muß mich hüten, daß ich von dem Hirſch den ich hetze nicht eine Schramme davon trage.“ „Dafür muß natürlich vor Allem geſorgt werden, Sire,“ antwortete Herries welcher fürchtete, Jakob möchte ſeine Loyalität als etwas lauwarm bezweifeln, wenn er des Königs Gefahr für geringer anſchlüge als er ſelbſt that; „Ihr ſolltet einen gut bewaffneten Mann in Eurer Nähe haben, und dafür taugte Niemand beſſer als Ramſay.“ „Ich und Chriſtie wollen ſchon darauf ſehen,“ meinte Jakob mit bedeutungsvollem Kopfnicken.„Ramſay taugt nicht dafür: er könnte Skrupel zeigen, wenn er erführe, daß Alles zuvor angelegt war; dagegen wird ihn ſein heißes Blut alsbald zur That hinreißen, wenn er ſeinen König in Gefahr glaubt. Seht Ihr, Sir Hugh, es iſt nicht leicht, ungelehrten Dickköpfen begreiflich zu machen, daß Richter und Juſtizbeamte zur Verfolgung von Verbrechern nur durch ihren Souverain ermächtigt werden, der aber keinen Theil ſeiner Gewalt und Autorität verliert, indem er Andere damit bevollmächtigt, vielmehr vermöge des von Gott empfangenen 53³9 Rechtes die vollſte Befugniß hat, nachdem er einen Ver⸗ brecher eigenhändig verhört und verurtheilt hat, zu jedem ſeiner Unterthanen zu ſagen: Dieſer oder jener Mann iſt ein Verräther, ein Mörder oder Dieb(wie ſich's nun gerade treffen mag): bring ihn um! wofür des Königs bloſes Wort genugſame Garantie iſt. Ich wiederhole: es iſt nicht leicht, Leuten wie Namſay ſolches begreiflich zu machen, obwohl er mit jedem Ruthven anbinden und ihm in Unſerem Dienſt die Kehle abſchneiden würde, wenn Wir ihn nur nach ſeinen eigenen falſchen Begriffen von Ehre und dergleichen vorgehen ließen. Nein, nein, Mann: er darf wie geſagt nichts von unſeren Abſichten erfahren, bis die Zeit kommt. Solche Plane ſind für ihn zu ernſthaft; aber ich will Sorge tragen, ihn vorzubereiten und ſein Gemüth dermaßen mit der Kenntniß verrätheriſcher Anſchläge zu beſchäftigen, daß er im Nothfalle jeden Schlag zu Unſerer Vertheidigung ausführt. Die Leute, von denen ich Euch geſagt habe, ſind die zuverläſſigſten; vielleicht können wir vor dem Tage der Jagd noch Einen oder den Andern aus dem Hofgeſinde auswählen und ſie mehr oder weniger von der Sache wiſſen laſſen, je nachdem wir es für zweckmäßig erachten.“ „Iſt aber Eure Majeſtät auch ſicher, daß der Earl ſich gegenwärtig zu Perth aufhält?“ fragte Herries;„es wäre doch ein ſchlimmer Streich, wenn Ihr nur ein warmes Neſt und den Vogel ausgeflogen träfet.“ Jakob lachte laut auf. „Sieh, was Du ein ungläubiger Brummbär biſt, Hughie!“ ſagte er.„Das letztemal vertraute ich die Sache 540 Dir und Deinem Gelichter, und ihr fandet allerdings, wie Du ſagteſt, das Neſt noch warm, den Vogel aber ausge⸗ flogen; jetzt habe ich die Sache in meine eigene Hand ge⸗ nommen und mich gehörig vergewiſſert. Der Burſche iſt letzten Mittwoch Abend in ſein großes Haus nach St. John⸗ ſtone zurückgekehrt, wo er gleich einem Prinzen Hof hält. Die ganze Nachbarſchaft ſtrömt bei ihm zuſammen, wie wenn er König von Perth wäre; ſie vergeſſen ganz, daß Wir hier in Falkland noch am Leben ſind, die guten Bürger der Stadt ſind ganz toll auf ihn verſeſſen und freuen ſich auf die Hochzeit, wie wenn eines Königs Sohn vermählt würde.“ „Iſt kein Aufſtand jener Bürger zu beſorgen?“ fragte Herries leiſe. Jakob erblaßte augenblicklich. „Das iſt gut, daß Ihr daran denkt,“ meinte er;„dieſe Bürger von Perth ſind ohnehin ein unruhiges Geſindel. Wir müſſen Leute genug in der Stadt haben, um ſie nieder⸗ zuhalten. Was meint Ihr, Doktor: was iſt da zu thun? Halt, ich hab's! Wir wollen Davie Murray zu ſeinem Vetter Tullibardine ſchicken und dem Baron befehlen, daß er wie zufällig mit all ſeinen Leuten bewaffnet zu uns ſtoße.“ „Ich fürchte nur, Eure Majeſtät, das wird nicht wahr⸗ ſcheinlich herauskommen,“ ſagte Herries;„man reist nicht ſo zufällig mit zwei⸗ bis dreihundert Bewaffneten im Lande herum.“ „Ei was, Ihr vergeßt jene Geſchichte mit Oliphant. Dieſer notoriſche Schuft hat das Volk in Angus wie Korn 541 zwiſchen Mühlſteinen zerrieben, und treibt ſich jetzt in Perth oder in deſſen Nähe herum— das iſt für Tullibardine genug. Für die Leute am Hof müſſen wir eine andere Geſchichte parat halten; ich wette, wir wollen ſchon eine erſinnen.“ „Ich hoffe, ſie wird es mit den anderen aufnehmen kön⸗ nen,“ bemerkte Herries mit grimmigem Lächeln,„denn wo man ſo viele Spulen in der Hand hat, da verwirren ſie ſich leicht unter einander. Ich hab es ſchon erlebt, daß manches alte Weib einen ſolchen Knäuel nicht zu entwirren vermochte, und ich meine, was das Anſpinnen eines Netzes betrifft— da kann es weder Eure Majeſtät noch ich mit einem alten Weibe aufnehmen.“ „Geht mir weg, Ihr nichtsnutziger Schlingel!“ ſchrie der König lachend;„Euren angebornen Souverän mit einem alten Weibe zu vergleichen! Geht nur Eurer Wege, Mann; ich will ſchon eine Erzählung erſinnen, die ſie verwirren ſoll. Schickt mir die Leute herauf, die ich Euch genannt habe; zuerſt unſeren Rechenmeiſter, Davie Murray, und dann die Uebrigen, einen nach dem andern. Es muß gehen wie mit einem Zieheimer: ſo wie der eine hinabgeht, kommt der andere herauf. Ich will nichts mehr von Eurem Gewäſch; thut nur wie ich Euch geheißen habe.“ Herries verließ den König, blieb aber auf der Treppe einige Minuten ſtehen, um nachzuſinnen. Er war nicht wenig verwundert, denn ſo grauſam er auch von Natur war, ſo konnte er doch die vorliegende Sache nicht von dem Stand⸗ punkte des Königs betrachten, und er fragte ſich, wie es Jakob auf den Tod zweier jungen, hoffnungsvollen Männer voll froher Erwartungen und Lebensausſichten anlegen könne, nicht anders als ob er einem Wild auf dem Felde nachſtellte. Das Geheimniß war, daß er bei ſeinem ſcharfen logiſchen Verſtand ſich nicht wie Jakob mit Sophiſtereien über die Rechtmäßigkeit der That betrügen konnte. Endlich ging er die Treppe hinab, und zwölfmal in jener Nacht öffnete und ſchloß ſich jene kleine Thüre oben, wie eben die auserſehenen Theilnehmer an dem beabſichtigten Komplotte aus⸗ und eingingen. Endlich kam auch der König ſelbſt zum Vorſchein, nachdem die ſchwarze unheilvolle Be⸗ rathung zu Ende war; er legte ſich zur Ruhe nieder und ſchlief ſo feſt wie ein Krankenwärter. Neununddreißigſtes Kapitel. Gebet und Predigt war lange und furios geweſen, denn Mr. Patrick Galloway war einer der wüthendſten Kanzel⸗ tyrannen, wie ſie ſogar die ſchottiſche Kirche nur jemals er⸗ lebt hatte. Der Mann mit den vielerlei Jahrgeldern'— wie er zuweilen genannt wurde— war einſt ein ſtrenger und hitziger Anwalt der Kirchenfreiheit geweſen, oder hatte we⸗ nigſtens ſo geſchienen; ſeit er aber Kaplan eines Königs geworden, deſſen Liebe zur Freiheit nur gering war, hatten ſich ſeine Anſichten gewaltig verändert, und die ganze furcht⸗ bare Thatkraft des eigenſinnigſten und hartnäckigſten aller Menſchen war nunmehr darauf gerichtet, die Abſichten ſeines königlichen Beſchützers zu befoͤrdern. Er kämpfte und ſtritt' 543 jetzt— wie er ſich ausdrückte— mit beſonderer Inbrunſt in ſeinem Gebete für die Sicherheit Seiner Majeſtät und deſſen Erlöſung von allen Feinden und nahm zum Texte ſeiner Predigt nur die Einleitungsworte einer der Epiſteln: Jakob, ein Diener Gottes und des Herrn Jeſu Chriſti, ſagt den zwolf zerſtreuten Stämmen ſeinen Gruß.’ Ueber dieſes Thema plärrte er eine volle Stunde vor ſeinem höfi⸗ ſchen Auditorium, wie wenn er das Mundſtück des Königs wäre, indem er alle Menſchen zu paſſivem Gehorſam, und zwar in Ausdrücken und mit Beweisgründen aufforderte, wie ſie Jakob ſelbſt, trotz all ſeiner gottesläſterlichen Schriftver⸗ drehung, nicht zu gebrauchen gewagt hätte. Gleichwohl horchten Viele auf ſeine glühenden Ermah⸗ nungen mit jener Ehrfurcht, jener entzündbaren Begeiſte⸗ rung, wie ſie die rohe und leidenſchaftliche Beredſamkeit in den Gemüthern warmherziger ungebildeter Menſchen an⸗ facht. Unter Letzteren war auch Sir John Ramſay: jedes Wort des Predigers drang ihm zu Herzen und erweckte dort eine Art finſterer Sehnſucht, ſich ſeinem Herrn nützlich zu machen— ein Verlangen, das nur allzu bald befriedigt werden ſollte. Der König berief Ramſay nach dem Mittageſſen, welches dieſer kaum beendigt hatte, und ging ohne ſonſtige Beglei⸗ tung mit ihm ſpazieren. Der Tag war heiß aber wolkig, der Schritt des Königs und ſeines Günſtlings langſam, und Jakobs Weſen ausnehmend ruhig und gefaßt. Ich will nicht verſuchen, des Königs Sprache wieder zu geben, denn obgleich ich ſelbſt mehr als ein halber Schotte bin, ſo war 544 doch des Königs Kenntniß jenes Dialektes weit ausgebrei⸗ teter als die meinige, und viele ſeiner Ausdrücke waren, ehr⸗ lich geſtanden, nicht ſonderlich anſtändig und würdevoll. Es möge mir deshalb erlaubt ſeyn, jenes Zwiegeſpräch in ver⸗ ſtändliche Sprache zu überſetzen. Des Königs erſte Frage ging dahin, was Ramſay von Mr. Galloway's Predigt halte. Ramſay erklärte ſeine herz⸗ liche Zuſtimmung zu jedem ſeiner Worte und bewies durch ſeine Erwiederung, welch eifriger Zuhörer er geweſen. „Nun ja,“ meinte der König,„es war eine gute, wohl abgefaßte Predigt; aber ſeine kräftige Ermahnung war eigentlich verſchwendet, denn Die ſie am beſten hätten brau⸗ chen können, waren nicht unter den Juhörern.“ „Ich denke, alle Menſchen hätten von dieſer Anregung ihres Eifers und ihrer Loyalität proſitiren können, Sire,“ erwiederte Ramſay. „Ja wohl; nur beſteht meine Umgebung aus lauter eifrigen und loyalen Unterthanen,“ verſetzte der König,„und von jenen Ruthvens war Niemand anweſend als die wilde Hummel Beatrice, welche mehr Thorheit als Argliſt im Herzen hat.“ „Ich hatte gehofft, Sire, ihre Brüder ſeyen zu beſſerer Einſicht über ihre Pflicht gelangt,“ gab Ramſay zur Ant⸗ wort.„Eure Majeſtät hat ihnen in neuerer Zeit große Gnade bewieſen.“ „Politik, Jock, Politik!“ erwiederte der König.„Da Beide außer meinem Bereiche waren, oder höchſtens der Eine auf Armeslänge in meiner Nähe ſich befand, ſo hätte es 545 wenig genützt, einen Schlag zu verſuchen, da dieſer jeden⸗ falls mißglückt wäre. Ich will Dir aber zeigen, was Du von ihrer Loyalität und ihrem Pflichtgefühle zu halten haſt. Schau her, John Ramſay, was jener David Drummond mir ſchreibt, der neulich auf den Spruch des Gerichtshofes zu Perth zum Tode geführt wurde. Sieh her,“ und nach⸗ dem er faſt eine Minute in ſeinen weiten Hoſentaſchen ge⸗ ſtiert hatte, zog Jakob ein Bündel Papiere hervor, von denen er eines auswählte und ſeinem Begleiter überreichte. Ramſay las es mit Blicken des Staunens und der Ent⸗ rüſtung, und ſtellte es dem Könige zurück mit den Worten: „Ich wundere mich, Sire, daß Ihr dem Schurken nicht das Leben geſchenkt habt, um gegen ſeinen verrätheriſchen Gebieter als Zeuge aufzutreten.“ 3 „Das hätte die Gerechtigkeit verdrehen heißen,“ meinte der König,„denn er ſtarb in Folge gerechten Spruches, ob⸗ wohl ich glaube, daß ihm der Earl nicht ungerne die Zunge mit dem Beile ſtopfte. Seine Nachricht nützte mir in ſo fern, daß ich einem guten Freunde und Diener am engliſchen Hofe ſchrieb und mir dieſe Abſchrift von dem Brieſe des Königs von Frankreich verſchaffte, den der junge Earl mit herüber gebracht. Sieh nun ſelbſt und rathe was er meint, denn mir kommt es vor, als ob er der ehemaligen Feindin Schottlands mit klaren Worten andeute, daß der Ueberbrin⸗ ger des Briefes(das iſt der Carl) der rechte Mann zur För⸗ derung ihrer Plane ſey. Hör nur, Junge, was er ſagt: der edle Lord, der Earl von Gowrie, hat mich beſucht und wird Euch Dieſes zu Füßen legen, und da er ausnehmend be⸗ James. Gowrie. 35 gierig iſt, Eurer Majeſtät zu dienen und ſo weiter.“— Ja, ja, allerdings begieriger, als wenn es ſeinem angeborenen Könige gilt,“ fuhr Jakob fort;„vielleicht wird er aber jetzt in ſeiner eigenen Falle gefangen. Er wollte nicht zu unſerer Jagd hierher kommen, trotzdem daß wir ihn durch einen eigenhändigen Brief dazu einluden; und jetzt, hören wir, will er uns in ſeinen Palaſt nach Perth einladen——“ „Ich hoffe, Eure Majeſtät wird nicht gehen,“ rief Ramſay. „Wenn wir's thun, ſo ſoll es nur in Begleitung vieler treuer und ergebener Anhänger wie Du, Jock, geſchehen, welche dafür ſorgen, daß uns kein Leid geſchieht; vergiß nur nicht, daß Du Dich parat hältſt, und wenn Du des Koͤnigs Stimme rufen hörſt, zu ſeiner Hülfe herbei eilſt!“ „Das will ich, Sire; zweifelt nicht daran,“ verſicherte Ramſay;„und wehe dem Manne, der Euch ein Leid zuzufü⸗ gen beabſichtigt!“ „Ich weiß es, ich weiß es, Jock,“ erwiederte der König; „wenn ich ſolche Leute wie Dich um mich habe, ſo fürchte ich kein Unheil.— Aber meiner Treu, Mann! wir müſſen zur Nachmittagpredigt umkehren. Ich will noch ein wenig hier bleiben; Du aber kannſt Deiner Wege gehen.“ Ramſay gehorchte dem Winke und entfernte ſich; Jakob aber fuhr fort auf und ab zu wandeln, und— war es nun vorher abgemacht oder nicht— man ſah fünf bis ſechs Herren ſeines Hofhaltes, einen nach dem andern, zu ihm treten und nach kurzer Unterredung mit dem Könige in den Palaſt zurückkehren. Der Monarch ſagte jedem von ihnen 547 etwas Beſonderes, obgleich der Hauptgegenſtand immer der⸗ ſelbe blieb, und er ſchien mit den Antworten Aller höͤchlich zufrieden. Nichts deſto weniger ſagte er zu Sir Hugh Herries, als dieſer zuletzt ſich ihm näherte: „Der kalte Klotz Inchaffray will mir gar nicht gefallen! Er ſpricht nicht herzlich, Doktor. Ich habe ihm wenig ge⸗ ſagt, und er ſoll nicht mehr erfahren.— Iſt Davie Murray noch nicht zurückgekommen?“ „Nein, Sire,“ gab Herries zur Antwort.„Es war auch noch nicht möglich, denn er ritt wie wenn der Teufel hinter ihm wäre, was vielleicht auch der Fall ſeyn mag.“ Die letzten Worte äußerte er mit leiſem Kichern, und der Köͤnig wendete ſich ſcharf nach ihm um mit der Frage: „Was meint Ihr damit, Ihr falſcher Bengel?“ „Man ſagt, des Königs Zorn ſey der Teufel,“ gab Herries mit einem Bückling und eyniſchem Lachen zur Ant⸗ wort.„Das und nicht mehr habe ich gemeint, Sire.“ „Dann braucht Ihr ſelbſt Euch nicht vor dem Teufel zu fürchten,“ meinte Jakob, jetzt ſeiner Seits lachend.„Wir müſſen jedoch zur Predigt zurück, Herries. Sie hatte heute Morgen eine hübſche Wirkung; nur wundere ich mich, daß der Eſel von Galloway die Zauberei und Hexenkunſt nicht berührte. Ich hatte es ihm doch eingegeben, und er hätte es ſehr gut verwenden können, beſonders wenn er angedeutet hätte, daß es gewiſſe Leute gebe, welche im Auslande ſtudi⸗ ren und als Atheiſten voll Zauberei und Teufelskünſten zu⸗ rückkehren, daß aber ihr Ende immer ſchlimm ausfalle.“ „Er hat es vielleicht für eine andere Zeit aufgeſpart, 35* Sire,“ antwortete Herries;„ich glaube in der That, es wäre für jetzt zu auffallend geweſen, auf das üble Ende ge⸗ wiſſer Perſonen anzuſpielen, denn die Leute könnten ſpäter glauben, das Ganze ſey zum Voraus angelegt geweſen.“ „O über die dreimal Klugen!“ ſchrie Jakob;„wer kümmert ſich darum, was die Leute ſpäter ſagen? Wir wollen's ſchon gut machen, Mann, und es iſt immer gerathen, den Weg für die Geſchichte eines ſolchen Ereigniſſes anzu⸗ bahnen. Ich will Euch was ſagen, Hughie: ich habe vollen Beweis, daß dieſer Gowrie mit Necromanten und Teufels⸗ beſchwörern verkehrt hat, und das iſt ein Biſſen, den die Leute nicht ſo leicht fahren laſſen, wenn ſie ihn erſt verkoſtet haben. Galloway hätte alſo wohl darauf anſpielen dürfen, und hätte erſt noch die Wahrheit geſagt.*— Nun ſorgt mir aber nur für die Leute, Herries, die uns begleiten ſollen. Nehmt möglichſt viele, falls es einen Auflauf geben ſollte. Es liegt nicht viel daran, ob man ſich im Beginne der Sache ſonderlich auf ſie verlaſſen kann oder nicht; wenn Ihr nur überzeugt ſeyd, daß ſie die Partei ihres Königs er⸗ greifen werden, ſobald der Tanz begonnen hat.“ Hier ſchwieg Jakob einige Minuten nachdenklich und fuhr dann fort: „Jenen Inchaffray müſſen wir fortſchaffen. Dieſe kalten, * Der nämliche Mr. Patrick Galloway hatte die Unklugheit, nach des Earls Tode in einer auf dem Markte zu Edinburgh über dieſen ermordeten Edelmann gehaltenen Predigt zu behaupten:„Er war ein Atheiſt, ein eingefleiſchter Teufel in Engelsgeſtalt, der Magie befliſſen, ein Teufelsgenoſſe, der mehre dieſer böſen Geiſter unter ſeiner Gewalt hatte.“ 549 bedächtigen Menſchen, welche immer Zeit zum Ueberlegen brauchen, ehe ſie eine Antwort geben, ſind nicht für ſolche Dinge geeignet, und als ich ihm die Frage vorlegte, ob er nicht glaube, daß Könige nach ihrem göttlichen Rechte, die Unterthanen zu richten, aus eigener Machtvollkommenheit Erekution über Solche verhängen könnten, welche der Arm des Geſetzes nicht zu erreichen vermöge— da meinte er, das ſey ein kitzlicher Punkt, welcher Ueberlegung verlange, denn auch Könige könnten einen Mißgriff begehen, obwohl er zuletzt zugab, wenn ſie ſchließlich ihr Recht bewieſen, ſeyen ſie aller⸗ dings gerechtfertigt. Ich will ihn morgen nach Stirling ſenden; unterwegs mag er ſich's dann überlegen.“ „Eine kleine Geldbuße, auf ſein Lehen gelegt, würde nichts ſchaden, wenn er ſich überhaupt widerſpenſtig zeigt,“ meinte Herries. „Ein feiner Plan— dieſe Geldbußen!“ bemerkte Jakob, dem der Wink nichts weniger als unangenehm war.„Sie züchtigt dieſe fetten, wohlhabenden Lords, indem ſie ihnen einen Theil ihrer übel erworbenen Habe abnimmt, vermin⸗ dert ihre Macht, Unheil anzuſtiften und kräftigt den König, um ſie niederzuhalten. Heinrich VII. von England, unſer edler Vorfahr, kannte den Werth dieſer Bußen recht wohl und war ein weiſer Fürſt. Es iſt ſpaßhaft in der Geſchichte zu leſen, wie er ſeine beiden Schwämme, Empſon und Dudley, gebrauchte, um alles im Reiche zerſtreute Gold aufzuſaugen; wenn er dann ſelbſt welches brauchte, ſo drückte er nur, und das Ding war fertig. Es iſt eigentlich recht Schade, daß dieſer junge Earl von Gowrie ſich bei all' ſeinen gefährlichen 3 Abſichten nicht auch in den Kopf geſetzt hat, eine offene Handlung zu begehen, die uns erlaubt hätte, in aller Liebe und Güte eine fette Buße von ihm zu erheben; er hat ſich immer ſo ruhig verhalten, daß wir keinen anderen Weg, als den beabſichtigten, vor uns ſehen. Das hätte ſeinen Bru⸗ der Alex nicht berührt, welcher der ſchlimmere von Beiden iſt, und ſo gut wie nur Einer, den ich kenne, den Tod ver⸗ dient. Potz Blitz, Mann! da guckt ja der alte Doktor zum Fenſter heraus. Ich wollte wetten, daß er uns zur Predigt erwartet. Lauf, Cousland, lauf! aber laß Dich nur von der Hexe Beatrice nicht wegen Deines Dickfußes ausſpotten!“ „Sie that es erſt heute Morgen,“ antwortete Herries, dem Koͤnige folgend;„aber ich verlangte dafür in ihre flache Hand zu gucken und ſagte ihr, als Chiromant könne ich er⸗ kennen, daß ihr innerhalb eines Monats ein großes Unglück drohe.“ „Das häͤtteſt Du nicht thun ſollen, Du Gauch,“ meinte der König. „Dann ſoll ſie mich mit meinem Dickfuß in Ruhe laſſen,“ erwiederte Herries.„Jedenfalls wurde Mylady ſehr mehlig um die Schläfe, denn es erſchreckte ſie, ohne daß ich ſagen könnte, was ſie ſich dachte.“ Jakob wollte antworten, allein zwei bis drei Herren vom Hofe näherten ſich, vermuthlich um Seiner Majeſtät zu ſagen, daß die Nachmittagspredigt begonnen habe, und Jakob kehrte ohne weitere Erwiederung in den Palaſt zurück. 55¹ Vierzigſtes Kapitel. Montag den vierten Auguſt 1600 ſaßen der Earl von Gowrie, ſein Bruder Alerander, der gute Mr. Rhind, ein Gentleman, Namens Oliphant, nebſt Mr. William Row, einem berühmten presbyteriſchen Geiſtlichen und einem Manne von keckem, unerſchrockenem, aufrichtigem Charakter, unmit⸗ telbar nach der Abendmahlzeit, welche damals ſo ziemlich um dieſelbe Stunde, da man ſich jetzt zum Mittageſſen nieder⸗ ſetzt, eingenommen wurde— in der kleinen Speiſehalle bei⸗ ſammen. Ich brauche dem Leſer kaum zu ſagen, daß der Sommertag und das darauf folgende Zwielicht in der nörd⸗ lichen Breite von Perth weit länger dauert als in den ſüd⸗ licheren Theilen der Inſel, und ſo war es noch heller Tag⸗ obwohl das Abendeſſen bereits vorüber war. Auf dem Tiſche ſtand ausgeſuchter alter Wein— eines jener Lebens⸗ güter, welche ſogar die ſtrengſten Prediger der presbyteriſchen Kirche nicht verſchmähen, und wovon ſie, wie ich bemerkt habe, in der Regel eine Quantität verſchlucken können, welche jeden Anderen, der an den täglichen Genuß ſolchen Getränkes gewöhnt wäre, umwerfen würde, ihrem Verſtand aber nicht den geringſten Schaden zufügt. Gowrie war nur ein ſchwacher Trinker; von ſtarker Konſtitution und kräftiger Geſundheit(er war in ſeinem ganzen Leben faſt nie einen Tag krank geweſen), fühlte er nicht das Bedürfniß des Weins; allein ſeine Gaſtlichkeit hätte ihn höchſt wahrſcheinlich veranlaßt, noch länger bei ſeinen Gäſten zu verweilen und ihnen zuzu⸗ 5⁵5² ſprechen, wenn nicht gar mancherlei Dinge ſeine alsbaldige Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen hätten. „Ich muß Euch jetzt verlaſſen, Mr. Row, und auch Aler mitnehmen, denn wir haben noch viele Befehle zu geben und allerlei Anordnungen zu treffen,“ bemerkte er;„mein guter Freund, Mr. Rhind, wird jedoch mein Stellvertreter ſeyn und dafür ſorgen, daß Ihr meinem Keller Gerechtigkeit widerfahren laſſet. Sollte ich es bei meiner Rückkehr an⸗ ders antreffen, ſo müßte ich nur glauben, daß Rhind den Wirth ſchlecht geſpielt hat, oder daß Ihr den Wein nicht wohlſchmeckend genug fandet.“ „Ihr geht morgen vermuthlich nach Dirleton, Mylord?“ fragte Mr. Row. „Nicht ohne Eure Predigt zuvor gehört zu haben, mein theurer Sir,“ erwiederte Gowrie mit höflichem Lächeln. „Wir werden nicht vor Tiſch aufbrechen; ich werde dann die Grafſchaft Fife durchkreuzen, mich auf dem Firth of Forth einſchiffen und vor Nacht zu Dirleton eintreffen.“ „Und wenn Ihr zurückkehrt, werden wir, wie ich höre, eine liebliche Hausfrau in Eurem Palaſte zu ſehen bekom⸗ men,“ bemerkte der Geiſtliche mit pfiffigem Blicke. „Ich hoffe ſo, mein theurer Sir,“ erwiederte Gowrie; „ſie iſt durch Charakter wie durch Erziehung gleich wohl ge⸗ eignet, Männer, wie Mr. William Row, zu achten und zu lieben. Die Vorbereitungen zu ihrem Empfange ſind es eben, die mich jetzt ſo ſehr beſchäftigen.“ „dast Euch nicht durch uns abhalten, mein guter Lord, 553 laßt Euch ja nicht abhalten. Wir wollen nur ein mäßiges Glas zu uns nehmen und uns dann zurückziehen.“ *i nein, ich hoffe Euch noch vor Eurem Aufbruche zu ſehen,“ verſetzte der Earl, die Tafel verlaſſend.„Jetzt laß uns an unſere Geſchäfte gehen, Alex.“ Mit dieſen Worten verließ der Earl die kleine Speiſe⸗ halle, ging durch den größeren Saal und über einen Theil des Hofes, indem er ſeinen Weg nach der zu der Gemälde⸗ gallerie führenden großen Treppe einſchlug und ſeinen Arm zärtlich in den des Bruders ſchlang, dem er r leiſe etwas in's Ohr flüſterte. „Was!“ rief Alexander Ruthven auffahrend und ihm in’s Geſicht ſchauend;„ich habe Dich nicht deutlich verſtan⸗ den.“ „Ich ſagte blos, Du müſſeſt die getroffenen Anordnun⸗ gen beaugenſcheinigen, Aler: denn wenn ich vor meiner Hochzeit oder ohne Kinder ſterben ſollte, ſo wirſt Du als Carl von Gowrie das Angefangene zu vollenden haben,“ bemerkte Gowrie. „Der Himmel verhüte!“ rief der jüngere Mann warm⸗ herzig.„Wie kann Dir nur ſo etwas in den Sinn kom⸗ men, John?“ „Nun, des Menſchen Leben iſt ein unſicheres Ding,“ meinte ſein Bruder mit ernſtem Lächeln.„Ich könnte mor⸗ gen bei der Ueberfahrt über den Forth ertrinken; mein Pferd könnte ſtürzen, wie dies neulich dem armen Craigengelt paſſirte; noch tauſenderlei Unfälle könnten eintreten, die mich von dieſer geſchäftigen Bühne abriefen. Es iſt wahr,“ fuhr 554 er fort,„ich habe in letzter Zeit viel an ſolche Dinge ge⸗ dacht, und es iſt wohl natürlich, wenn einem die größte Freude im Leben bevorſteht, daß man jene Unfälle fürchtet, die ſo oft zwiſchen die Erwartung und die Erfüllung treten. Ich wollte, der Tag wäre endlich da, und Juliens Hand läge für immer in der meinigen! Doch da kommt Cran⸗ ſton: ich werde ihn hier zurücklaſſen, damit er vollends Al⸗ les in's Reine bringt. Er iſt ein Mann von Urtheil und Geſchmack, und wir können uns ganz auf ihn verlaſſen.“ Der Näherkommende war einer von des Earls Domeſti⸗ ken, den er ſeit ſeiner Rückkehr aus Italien gedungen hatte; man darf jedoch hieraus nicht ſchließen, daß er ein Mann von niederer Geburt oder Erziehung war, denn es gab da⸗ mals viele wohlgeborene und gut unterrichtete Perſonen, die in ſo hochadeligen Häuſern, wie das des Earls von Gowrie, die höheren Aemter begleiteten. Thomas Cranſton war der Bruder von Sir John Cranſton von Cranſton, und nach dem Titel, mit welchem er bei ſeinem Prozeſſe aufgeführt iſt, ſcheint es, daß er graduirter Doktor der ſchönen Künſte war. Gowrie redete ihn vertraulich an und wendete ſich durch die Gemäldegallerie nach den Gemächern, welche dem Galle⸗ rie⸗ und Studirzimmer gegenüber lagen. Das erſte, das er betrat, war ein helles Zimmer in ſchönen Verhältniſſen, das auf die Gärten hinausſchaute und eine freundliche Aus⸗ ſicht auf den ſchönen Tay darbot. „Vergeßt nicht, Cranſton, was ich Euch wegen dieſes Stübchens geſagt habe,“ bemerkte Gowrie, die düſtere 5⁵⁵ Miene abſchüttelnd, die er mehr oder weniger den ganzen Tag an ſich getragen hatte.„Dies ſoll das Boudoir mei⸗ ner Frau werden, wo ſie frei von jeder Störung ihre ruhi⸗ gen Augenblicke zubringen ſoll.“ „Ich meine, Ihr hättet geſagt, Mylord, die grün und weißen Seidenvorhänge ſollen hier aufgemacht werden?“ „O nein, nein!“ rief Gowrie.„Ihr ſeyd kein Liebha⸗ ber, Cranſton, wie ich ſehe. Hier ſoll die Farbe der Roſe vorherrſchen und ich bitte den Himmel, daß unſer ehliches Leben die gleiche Farbe tragen möge. Die Sommerblume, deren erröthender Buſen ihrer lieben Wange nicht gleich⸗ kommt, ſoll dieſes Zimmer ſchmücken, Cranſton. Nein, nein, jene Vorhänge, die wir hier in Perth machen ließen, ſind für dieſes Zimmer und für das Schlafgemach daneben. Das anſtoßende kleine Stübchen wird meine Garderobe, und dieſe beiden Zimmer ſind für meine Mutter. Im anderen Flügel liegt Deine Wohnung, Alex, dicht neben William und Patrik.“ „Sie werden hoffentlich ruhiger ſeyn, als ſie ſonſt wa⸗ ren, denn ich bin, ehrlich geſtanden, neuerdings von ſtille⸗ rem Temperament, als ich früher pflegte,“ bemerkte der junge Edelmann. „Du wirſt Dich immer nur kurze Zeit hier aufhalten und mußt Dich eben damit vertragen, Alex,“ erwiederte ſein Bruder;„Du biſt jedoch auch dort weit genug vom Lärm entfernt, ſo daß Du Ruhe genug finden wirſt, wenn Du von dem lärmenden Hofe herüberkommſt.“ „Ich werde nie wieder an den Hof gehen,“ verſetzte der 5⁵6 junge Edelmann in nachdenklichem Tone, während er mit dem Earl weiter ging und Cranſton einige Schritte hinter ihnen folgte.„Während der letzten vierzehn Tage habe ich mehr nachgedacht, als ich je früher gethan habe, Gowrie. Ich ſehe ein, daß ich Unrecht that, wenn ich auch hoffentlich kein Verbrechen beging, und ich erkenne es jetzt, daß das Gebet: Führe uns nicht in Verſuchung', recht gut für mich paßt.“ „Ich will nicht ſagen, daß ich Dich ungern ſo ſprechen höre,“ entgegnete der junge Earl.„Das Erkennen der Gefahr iſt bei einem ſtarken, hochſinnigen Geiſte faſt ſo gut wie der Sieg, und ich will Dich in Deinem Entſchluſſe nicht wankend machen, denn ich glaube, er iſt wenigſtens für jetzt ganz gut.“ „Gewiß iſt er's, John,“ verſicherte ſein Bruder;„um alſo auf meine Rede zurückzukommen, ſo werde ich in Perth verweilen, bis Du und der ganze Haushalt mich vielleicht ſatt hat.“ „Wenn Du bei mir bleibſt, bis ich Dich ſatt habe, mein theurer Aler, dann werden wir unſer Leben zuſammen be⸗ ſchließen,“ erwiederte der Earl, ihn freundlich an der Schul⸗ ter faſſend.„Aber ich hoffe, Dich über kurz oder lang gleich⸗ falls vermählt zu ſehen, und was ich thun kann, um Dein Glück zu befördern, das ſoll geſchehen!“ „Ich zweifle nicht, Gowrie,“ entgegnete der Jüngere, „daß das Glück, das ich bei Dir und der ſchönen Julia mit anſehe, mich begierig machen wird, daſſelbe Loos zu ver⸗ ſuchen; aber wo werde ich eine zweite Frau wie ſie ſinden?“ 557 „O ganz leicht,“ meinte Gowrie,„wiewohl ich hier als Liebender rede, Alex. Ich wollte nur ſagen: Du wirſt leicht ein Mädchen finden, das ebenſo gut für Dich paßt, wie Julia für mich; freilich hätte ich in meinem ganzen Leben keine zweite gleich ihr finden können. Laß uns übrigens unſer Tagewerk beſchließen, denn unſere Freunde unten wer⸗ den uns vermiſſen.“ In weit heiterer Laune als früher ging der Earl nun⸗ mehr voran und ertheilte Mr. Cranſton ſeine verſchiedenen Weiſungen, bis alles Das geordnet war, was er ſich bis jetzt vorgeſetzt hatte. Er ſchickte ſich jetzt an, die Treppe hinabzuſteigen, die nach dem nordöſtlichen Theile des Hauſes führte; bevor er jedoch hinabging, blieb er ſtehen und fragte: „Wie geht's dem armen Craigengelt, Mr. Cranſton? Ich hatte heute ſo viele Beſuche, daß ich nicht Zeit fand, nach ihm zu ſehen.“ „Es geht beſſer, Mylord,“ erwiederte der Andere.„Ich beſuchte ihn heute Morgen vor Tiſch und werde jetzt ſogleich wieder zu ihm gehen.“ „Sagt ihm, ich werde morgen nach ihm ſehen, ehe ich abreiſe,“ bat der Earl;„ſobald er wohl genug iſt, muß er nach Dirleton nachkommen.“ So ſprechend, verfügte ſich der Earl wieder nach der Speiſehalle, wo er die Geſellſchaft durch Mr. Row's Ab⸗ gang vermindert fand. „Auch ich muß fort, Mylord,“ bemerkte Oliphant, als ſich der Earl nach dem Geiſtlichen erkundigte,„denn mein Vetter liegt hier zu Perth verborgen, und wir wollen um 558 Mitternacht wegreiten, da des Königs Leute wegen jener Affaire zu Angus nach ihm ſuchen.“ „Das war ein ſchlimmer Handel,“ meinte der Earl ernſthaft.„Ich möchte nicht gerne etwas Hartes von Eu⸗ rem Hauſe ſagen; aber der König hat ganz Recht, wenn er ſolche Geſchichten nicht duldet.“ „Ja, mein Vetter iſt ein geborener Teufel, wenn ſein Blut überſchäumt,“ erwiederte Oliphant.„Ich will ihn nicht rechtfertigen, Mylord; aber Ihr wißt, er iſt mein Vet⸗ ter, und ſo muß ich ihm helfen. Ich ſage Eurer Lordſchaft gute Nacht, und möge Gott Euch beſchützen!“ „Ich hoffe ſo!“ erwiederte der Earl.„Gute Nacht!“ Er ſetzte ſich nieder und füllte ein ſchlankes Venetianer⸗ glas mit Wein, das er auf einen Zug leerte, wie wenn er ermüdet und durſtig wäre. Wenig Minuten ſpäter brach auch Mr. Rhind auf, in⸗ dem er bemerkte, er wolle noch die Bücher im Studirzimmer zurecht ſtellen, ſo daß der Earl und ſein Bruder abermals allein waren. Trotz der augenblicklichen Trauer, welche bei Oliphant's Abgang über ihn gekommen war, ſchien Gow⸗ rie jetzt fröhlicher, als er ſeit vielen Tagen geweſen. Der muntere, behende Witz, der ihn in Italien ausgezeichnet, brach von Neuem hervor, und er ſprach heiter und glücklich von ſeinen eigenen Ausſichten, indem er die hellen Strahlen der Hoffnung gleich dem Sonnenſcheine auf den Hügeln über ſeiner Zukunft ruhen ließ. 3 „Es wird ſehr ſüß ſeyn, Alex, unſer Leben hier gemein⸗ ſam zuzubringen,“ bemerkte er heiter,„fern von jenen höfi⸗ 559 ſchen Scenen, deren Hohlheit Du jetzt erkannt haſt. Im Ganzen iſt ein Hof ein langweiliger Ort, und ſelbſt die Regierenden müſſen ſich in einen kleinen häuslichen Winkel zurückziehen, wenn ſie überhaupt etwas wie Glück genießen wollen. Der Witz iſt dort eingezwängt, die Luſt nach dem Lineal abgemeſſen und ſelbſt die heiterſten Spiele, wenn ſie durch eingebildete Etikette gelähmt ſind, erinnern mich immer an einen Mann, den ich einſt zu Mailand ſah, der zur Be⸗ luſtigung der Zuſchauer in Eiſenketten tanzte. Wir werden hier viei glucklicher ſeyn: das einemal können wir auf dem Tay ſegeln und vielleicht den gefleckten Salm aus dem blauen Waſſer fiſchen; ein andermal ziehen wir aus auf die Hirſch⸗ jagd oder miſchen uns in die Vergnügungen der guten Bür⸗ gersleute; für müßigere Stunden haben wir Bücher, Muſik und fröhliches Geplauder. Dann mag die Welt ſich drehen wie ſie will— wir kümmern uns nicht viel darum. Im abwechſelnden Rundgange der Pflicht, der Freude und der Liebe wird uns die Zeit ruhig dahingleiten, bis wir unver⸗ merkt das Alter über uns kommen fühlen und uns ſagen, daß es einen anderen Ort für uns gibt, wo die Ruhe in der Freude aufgeht. Es wird finſter, Alex; wir wollen noch eine Stunde bei Licht aufbleiben und dann zu Bette gehen. Morgen, o morgen! da werde ich mein theures Lieb wieder an's Herz drücken!“ „Mylord,“ meldete des Earls Page, Walter Crook⸗ ſhanks;„da draußen iſt Mr. Fleming mit einer Botſchaft vom Hofe an Mr. Alexander.“ 560 Gowrie ſchaute nach ſeinem Bruder, deſſen Antlitz et⸗ was erbleichte, und erwiederte: „Laß ihn auf alle Fälle ein.“ Gleich darauf wurde ein wohlgekleideter anmuthiger junger Mann in's Zimmer geführt, dem der Earl und ſein Bruder die Hand ſchüttelten. „Willkommen zu Perth, Fleming,“ begann der Earl. „Setzt Euch gefälligſt. Ich höre, Ihr bringt eine Bot⸗ ſchaft vom König.“ „Nicht an Eure Lordſchaft,“ antwortete Fleming, ſich niederſetzend,„ſondern an Mr. Ruthven. Er läßt Euch grüßen, Sir, und Euch auf morgen, ſo früh Ihr könnt, nach Falkland einladen, um der Hetze eines mächtigen Hirſches anzuwohnen, den ſeine Leute heute Abend aufgeſpürt haben. Ihr dürft aber nicht zu ſpät kommen, denn Seine Majeſtäͤt will früher als gewöhnlich aufbrechen.“ „Wie viele Läufe hat der Hirſch, Fleming?“ fragte Ale⸗ rander Ruthven mit erzwungenem Lachen.„Ich denke— vier?“ Fleming betrachtete ihn eine Weile anſcheinend ziemlich überraſcht. „Ich habe Euch nicht verſtanden,“ ſagte er endlich. „Auf alle Fälle vier. Ich hörte ſelbſt die Pferde und Hunde beſtellen. Wir ſind in Falkland Alle in der beſten Laune. Der König ſcheint alle Sorgen und Laſten vergeſſen zu ha⸗ ben und wie eine überreife Johannisbeere vor Süßigkeit aufplatzen zu wollen. Nein, nein; es hat keine Gefahr. Wenn Ihr um acht Uhr dort ſeyd, werdet ihr den ganzen 561 Hof im Sattel finden. Sogar einige von den Damen wer⸗ den, wie ich höre, der Jagd zuſehen. Was ſoll ich Seiner Majeſtät ſagen?“ Alexander Ruthven ſchaute auf ſeinen Bruder und er⸗ wiederte ſofort: „Sagt, daß ich ſein ergebenſter Diener und ſtets bereit bin, ihm zu gehorchen. Ihr dürft aber nicht ſo trocken fort⸗ gehen,“ fuhr er fort, als er den jungen Gentleman wie zum Aufbruche ſich erheben ſah.„Ein Becher von dieſem alten Wein wird Euch erfriſchen; auch Euer Pferd hat noch nicht Zeit zum Füttern gehabt.“. „Es muß mich eben mit leerem Magen zurücktragen,“ gab Fleming zur Antwort.„Auf Euer Wohl und auf das Eures Bruders muß ich jedoch ein Glas trinken. Der Kö⸗ nig dachte erſt vor drei Stunden daran, nach Euch zu ſenden, denn nachdem er mit Eurer Schweſter, der Herzogin, ge⸗ ſprochen, rief er mich plötzlich und ſagte: Fleming, ſteigt zu Pferd und reitet nach Perth, wie wenn der Teufel Euch hetzte. Sagt dem Knaben Alex, er ſoll morgen zu uns kommen und den fetten Hirſch mit uns jagen. Er ſoll aber ja keine Zeit verlieren. Man kann ihm hier wohl ein Pferd leihen, denn ſein eigenes Thier wird dann ohne Zweifel müde ſeyn.““. Indem er ſprach, ſchenkte er ſich ein Glas Wein ein, und der Earl fragte, wer während jener Worte beim Könige geweſen. „Die Herzogin und Lady Mar,“ erzählte Flaming. „Sie kamen in das kleine Zimmer oben an der großen Treppe, James. Gowrie. 36 56² wo ich mich verſteckt hatte, um eine Weile mit Margarethe Hume zu plaudern— wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll. Jetzt muß ich Euch Beiden gute Nacht ſagen und meinen weiten Rückritt antreten.“ Der Earl ſagte ihm Lebewohl und Alexander Ruthven begleitete ihn, bis er aufgeſtiegen war. Als er zu ſeinem Bruder zurückkehrte, fragte er haſtig: „Was ſoll ich thun? Dieſe Einladung iſt ſonderbar.“ „Sonderbar, wie der Mann, der ſie abſchickte,“ meinte Gowrie.„Mich dünkt übrigens, er kann nichts Uebles be⸗ abſichtigen; wenn Du Dich weigerſt zu gehen, ſo wirſt Du Dir den König alsbald zum Feinde machen. Führt er et⸗ was Schlimmes im Schilde, ſo iſt klar, daß Fleming nichts davon gehört hat.“ „Ich fürchte, ich muß gehen,“ verſetzte Alexander Ruth⸗ ven.„Ich weiß nicht, warum ich ſolche Angſt verſpüre, denn das ganze Verfahren ſieht dem Könige durchaus ähn⸗ lich: heute Freund, morgen Feind, dann wieder Freund, wenn man ihm zeigt, daß man ſeinen Zorn nicht hoch an⸗ ſchlägt. Es iſt möglich, ja ſogar wahrſcheinlich, daß er nichts Uebles vorhat; aber ich weiß nicht warum— mir iſt, als ob ich meiner Hinrichtung entgegen ginge. Wie oft bin ich voll Jubel an dieſen Hof geflogen! und jetzt wie ganz anders!“ „Wenn Dir ſo zu Muthe iſt, Alex, dann moͤchte ich lieber, daß Du nicht gingeſt,“ erwiederte ſein Bruder.„Ich bin vielleicht abergläubiſch hierin; aber ich habe oft gedacht, daß, gleichwie wir an Thieren gewiſſe Sympathien mit den 1 563 Elementen gewahren, die ſie vor kommenden Veränderungen warnen, ſie auf's offene Feld fliehen lehren, wenn ein Erd⸗ beben droht, oder den Himmel vor Freuden anbrüllen laſ⸗ ſen, wenn der erfriſchende Schauer herannaht, ebenſo im Weſen des Menſchen eine beſtimmte Harmonie mit den fei⸗ neren Elementen beſteht, welche ſeine geiſtige Natur von nahender Freude oder Gefahr benachrichtigt. Meine eigene kurze Erfahrung, und was ich ſonſt geleſen, hat mich in die⸗ ſer Anſicht beſtärkt, denn ich habe noch ſelten erlebt, daß ein kühner Geiſt ein unerklärliches Widerſtreben vor einer Hand⸗ lung empfunden und ſie dennoch gethan hätte, ohne daß die Folgen für ihn verderblich waren. Wäreſt Du ſchüchterner Natur, Aler, und zu unvernünftigen Beſorgniſſen geneigt, ſo würde ich Deine heutige Angſt leicht nehmen; ſo aber, — da Dein Weſen vielleicht nur allzu kühn iſt, haben ſie mehr Gewicht bei mir.“ Alexander Ruthven verſank eine Weile in tiefes Nach⸗ ſinnen und fuhr dann plötzlich auf mit den Worten: „Nein, ich will gehen! Ich habe mein eigenes Herz geprüft, Gowrie, und glaube die Urſache dieſer Furcht in dem Bewußtſeyn zu finden, das mich neuerdings überſchli⸗ chen, daß ich mich wenigſtens in Gedanken mehr gegen den König verfehlt habe als ich damals, da ich Falkland verließ, ſelber glaubte. Ich werde mich nie wieder alſo verirren, und als erſte Frucht einer beſſeren Geſinnung will ich ſeinem Befehle gehorchen und gehen.“ So war es denn ausgemacht, und es blieb nur noch zu beſtimmen, wer ihn auf ſeinem Ausfluge begleiten ſollte. 36* „Nimm unſeren Vetter Andrew mit,“ ſagte der junge Carl;„er iſt treu und ehrlich und bei dem König wohl ge⸗ litten; mit Deinem eigenen Diener und einem von den meinen haſt Du genug. Auch Henderſon geht nach Ruth⸗ ven, um nach den Pächtern zu ſehen; er kann Dich einen Theil des Weges begleiten und mir zurückmelden, ob Du unterwegs Grund zur Beſorgniß gefunden habeſt. Andrew iſt in Glenorchie's Haus dicht nebenan; ſchicke nach ihm und er wird gewiß mitgehen.“ Die beiden Brüder gingen bald darauf zu Bette. Am andern Morgen um vier Uhr ſaß Alexander zu Pferd, und wenige Minuten ſpäter war er in Begleitung ſeines Vetters Andrew Ruthven und gefolgt von Henderſon und zwei an⸗ deren Dienern nach Falkland unterwegs. Die Beſorgniſſe, die er geſtern Abend empfunden hatte, ſchienen jetzt in voller Stärke zurückgekehrt zu ſeyn. Er ſprach nur wenig, und die erſten Worte, die er nach ſeinem Aufbruch von Perth zu ſeinem Vetter ſagte, lauteten: „Dieſe Reiſe will mir nicht gefallen, Andrew. Ich weiß nicht, warum der König nach mir ſchickte. Es iſt ſehr auf⸗ fallend.“ Gleichwohl ritt er haſtig weiter, gleichſam begierig⸗ ſein Schickſal— ſey es gut oder böſe— kennen zu lernen; er ſprengte allen ſeinen Gefährten voran und bekam gegen ſieben Uhr Falkland vor Augen. 4 * Wenn Henderſon an dieſem Tage überhaupt in Falkland war, wie er ſpäter ſchwur, ſo muß er um halb acht Uhr ange⸗ langt, und wollte er von dem, was dort vorging, etwas mitan⸗ 56⁵ ⸗ „Der König wird vor einer Stunde noch nicht aufbre⸗ chen, und ich kann von Beatricen erfahren, ob Zeichen von Gefahr vorhanden ſind,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Zwiſchen der kleinen Stadt Falkland und dem Forſte ſich durchwindend, ſchlug der junge Edelmann den Weg nach den Stallungen ein, welche damals die Stallmeiſterei hießen, indem er dort ſein Pferd einſtellen und insgeheim den Palaſt betreten wollte. Doch eben als er ſich dem Ge⸗ bäude näherte, ſah er zu ſeiner Ueberraſchung und Enttäu⸗ ſchung den König bereits zu Pferd mit einem ungeheuren Gefolge von Jägern und Höflingen; er war diesmal faſt zwei Stunden früher als ſonſt aufgebrochen. In der Nähe ſtanden einige alte Hagebuchen, und Alerander ſtieg ſogleich ab, ſchlang ſeinen Zügel über einen Aſt und näherte ſich des Königs Pferde. Dort kniete er auf den ſanften Raſen nie⸗ der und ſagte mit gebeugtem Haupte: „Ich bin ohne Verzug gekommen, um Eurer Majeſtät Befehl zu gehorchen.“ Sein Herz pochte gewaltig; doch Jakob lehnte ſich mit lächelnder Miene über ihn, ſchlang ſeinen Arm vertraulich um des jungen Mannes Nacken und erwiederte: ſehen, ſo kann er erſt nach acht wieder aufgebrochen ſeyn. Gleich⸗ wohl war er um zehn nach Perth zurückgekehrt. Um jene Zeit ſah ihn Mr. John Moncrief in Perth einreiten und ſprach mit ihm, ſo daß Henderſon eine Strecke, zu welcher Alexander Ruth⸗ ven bei den damaligen ſchlechten und krummen Wegen drei Stun⸗ den brauchte— in zweien zurücklegte. Henderſon's Angabe wird übrigens durch ſeinen ſpäteren Meineid über die ſonſtigen Vor⸗ fälle jenes Tages weſentlich entkräftet. 566 „Das nenne ich einen guten Jungen! Ich wollte, ich hätte noch Viele, die mir ſo raſch und eilend gehorchten, Alex. Allons, Mann, ſteige zu Pferd und komm mit; wir wollen Dir heute eine hübſche Hetze zeigen.“ Der junge Edelmann gehorchte alsbald und die Kavalkade ſchlug den Weg nach dem Walde ein; die Fährte des Bockes wurde bald aufgefunden und die Meute auf ihn gehetzt. Schon zweimal habe ich in anderen Werken eine königliche Jagd geſchildert, und ich will es hier nicht blos aus dieſem Grunde, ſondern auch deshalb unterlaſſen, weil die Hetze dieſes Tages nicht auf Hirſche oder Rehe gemünzt war. Sobald das edle Thier, das den vorgeblichen Gegenſtand der heutigen Morgenjagd bildete, aus dem grünen Dickicht getrieben, über den offeneren Grund daherkam und Jäger und Hunde hinter ihm drein ſtürzten, trennte ſich die könig⸗ liche Kavalkade in einzelnen Häufchen, und Alerander Ruth⸗ ven erkundigte ſich bei einem der neben Reitenden, wo ſein Bekannter, Fleming, heute Morgen ſey. „Er wurde um ſechs Uhr nach Leith geſchickt, der arme Junge!“ erzählte Lord Lindores;„vom ſcharfen Nachtritte noch müde wie ein Hund, ging er nur höchſt ungern; allein der Koͤnig beſtand darauf.“ „Alex Ruthven! Aler, mein Junge, komm daher““ ſchrie Jakob in geringer Entfernung.„Was plauderſt Du da? Hab' Acht auf die Jagd! Komm daher, Mann, komm!“ Der junge Gentleman gehorchte augenblicklich und ritt neben dem König, und ſo dauerte es während der ganzen Jagd: ſo oft er ſich eine Weile abſentirte, wurde er alsbald 567 zurückgerufen, wenn man ihn mit einem Höflinge ſprechen ſah. So lange er ſchweigend abſeits blieb, nahm Jakob keine Notiz von ihm und ſchien emſig mit der Hetze beſchäf⸗ tigt; kaum aber öffnete er die Lippen gegen einen Anderen als den Konig, ſo klang ihm auch Jakobs Stimme in den Ohren, die ihn herbeirief. Die Jagd dauerte lange, denn der Hirſch wurde um halb neun aufgetrieben und erſt um zehn Uhr erlegt. Alle verſammelten ſich um das edle Thier, das auf dem Boden ausgeſtreckt lag, und machten dem Könige Platz, damit er, wie er ſo häufig that, das letzte widrige Waidwerk vollende; aber zu aller Ueberraſchung und zu Alexander Ruthven's Beſtürzung ſtieg Jakob nicht ab, ſondern ſagte: „Nein, Mylords und Gentlemen, wir haben noch einen anderen Ritt vor uns. Wir gehen nach St. Johnſton, um unſeren ergebenen Freund, den Earl von Gowrie, zu beſu⸗ chen. Wir werden jedoch noch vor Nacht zurück ſeyn; Ihr braucht alſo Eure Schlafmützen nicht zu ſuchen.“ „Ich fürchte, Eure Majeſtät wird meinen Bruder kaum zu Hauſe treffen,“ bemerkte Alexander Ruthven.„Er beab⸗ ſichtigte heute Früh nach Dirleton zu gehen.“ „Hol's der Teufel!“ ſchrie der König.„Doch gleich⸗ viel; wir reiten um ſo ſchneller und fangen ihn gewiß noch ein. Heda, Aler, mein Junge, reite neben uns und er⸗ zähle uns das Nähere über Deines Bruders Reiſe. Du haſt doch gewiß auch ſeine Braut geſehen?“ Der arme junge Mann war verwirrt und beunruhigt und bejahte mit wankender Stimme. Auf Jakobs Fragen 568 2 ſchilderte er ſeines Bruders Braut, ſo genau er es in ſeinem damaligen aufgeregten Zuſtande vermochte. Der Monarch hielt ihn ſo viel wie möglich an ſeiner Seite; im Verlaufe ihres langen Rittes wurden ſie jedoch mehreremale getrennt, und ſobald ihr Geſpräch abbrach, machte ſich Alexander die Gelegenheit zu Nutze, um Sir George Hume— einen ent⸗ fernten Vetter von ſeiner Schweſter Bräutigam— zu fra⸗ gen, was den König zu ſeiner Reiſe bewogen haben könne. „Es heißt, er gehe nach Perth, um den Herrn von Oli⸗ phant abzufaſſen, der ſich in Angus grauſame Bedrückungen erlaubte,“ erwiederte der Gefragte. Dieſe Erklärung tröſtete den jungen Edelmann einiger⸗ maßen, denn er wußte, daß der erwähnte Verbrecher den Tag zuvor in Perth geweſen war. Er ritt wieder an des Königs Seite und ſagte: „Eure Majeſtät wird mir vielleicht geſtatten, vorauszu⸗ gehen und Eure Ankunft anzumelden. Ich kann dann ver⸗ muthlich meinen Bruder vor ſeiner Abreiſe einholen und ihn in den Stand ſetzen, daß er die nöthigen Vorkehrungen zu Eurem Empfange trifft.“ „Nein, nein,“ verſetzte der König;„meine Ankunft muß ganz geheim bleiben, bis ich da bin. Was den Em⸗ pfang betrifft, ſo wird's ſchon recht werden. Du bleibſt und reiteſt mit uns.“ Der junge Edelmann zog ſich wieder mit düſterer ängſt⸗ licher Miene zurück, und an den Herzog von Lennor ſich wendend, der auf der andern Seite ritt, bemerkte Jakob in leiſem Tone: 569 „Seht Ihr, wie verſtört er ausſieht? Was wißt Ihr von dem Weſen des Jungen, mein Herr Herzog iſt er ſonſt wohl zu ſolchen Aengſten geneigt?“ „Ich weiß blos, Eure Majeſtät, daß er ein ſehr ehren⸗ werther verſtändiger junger Edelmann iſt, ſoweit ich ihn beobachtet habe,“ gab Lennor zur Antwort. Jakob ſchwieg eine Weile und ſagte dann leiſe mit einem liſtigen Blick gegen den Herzog: „Ihr könnt wohl nicht errathen, Mann, weßhalb ich ausgeritten bin; ich gehe nach Perth, um dort einen Geld⸗ ſchatz zu heben.“ „In der That, Sire!“ bemerkte Lennor trocken.„Ich bin erfreut, es zu hören. Ich hoffe, er wird recht groß ausfallen.“ „Kann's nicht wiſſen,“ verſetzte der König in demſelben leiſen Tone.„Der Junge Alex kam zu mir, als wir eben zur Jagd aufbrachen, und erzählte mir, er habe einen frem⸗ 1 den Mann in Gowrie⸗Place eingeſperrt, den er zu Perth mit einem Kruge voll Goldmünzen getroffen habe. Er erſuchte mich alsbald aufzubrechen und insgeheim herzueilen, denn ſein Bruder, der Earl, wiſſe nichts von der Sache, und er fürchte, der Mann könnte ein Geſchrei machen.“* So lautet in der That das Mährchen, das Jakob nicht allein ſeinen Höflingen erzählte, ſondern ſpäter auch an mehrere benachbarte Fürſten ſchrieb und ſeinem Berichte über die Ereigniſſe dieſes Tages einverleibte, wobei ſeinen Hörern und Leſern nur die eine unerfreuliche Alternative übrig bleibt, ihn entweder für einen Simpel oder für einen Schurken zu halten. Lennop läßt in ſeiner Angabe deutlich genug durchblicken, was er von der Geſchichte und 570 „Die Geſchichte will mir gar nicht einleuchten, Sire,“ meinte Lennox mit ausnehmend ernſthafter Miene;„wenn ich Eure Majeſtät wäre, ſo würde ich nicht gehen. Die Sache klingt ja ganz kindiſch und unwahrſcheinlich. Wie ſoll Alexander eine ſolche Perſon ergreifen und in Gowrie⸗ Houſe einſperren, ohne daß ſein Bruder es wüßte? Das Haus und ſeine Diener gehören dem Earl; er iſt Lord⸗Prevoſt von Perth und Oberſheriff der Grafſchaft. Wäre es da nicht beſſer, Sire, zwei bis drei von uns abzuſenden und dem Earl von Eurer Seite ſagen zu laſſen, was ſein Bruder erzählte? Ihr könnt ihm dann befehlen, den Mann und ſeinen Gold⸗ topf vor Eure Majeſtät zu bringen oder zu ſenden.“ „Nein, nein,“ antwortete Jakob;„ich will lieber ſelbſt gehen. Aber habt wohl Acht, wo ich mit dem Jungen Alex hingehe, wenn ich dort bin.“ Der Herzog von Lennor ſchwieg, hörte aber den König im Verlaufe des Rittes dieſelbe Geſchichte und ebenſo leiſe noch mehreren anderen Höflingen erzählen. Alle vernahmen ſie mit Blicken des Argwohns, obwohl es ſehr zweifelhaft ſeyn mag, ob ſie dem Könige oder Alexander Ruthven den Betrug in die Schuhe ſchoben. Selbſt gegen Sir Hugh Herries wiederholte Seine Majeſtät dieſe Geſchichte, diesmal aber mit leiſem Kichern. Herries zuckte die Achſeln mit verächtlichem Blick— wie man es wohl hätte nennen können— begnügte ſich aber mit der Erwiederung: vom Könige überhaupt hielt, und inwiefern der Schein, als ob Jakob ſie glaubte, Zutrauen verdiente. 571 „Ich wollte, die Erzählung wäre wahrſcheinlicher.“ Als die königliche Kavalkade bis auf zwei Meilen von Perth angelangt war, aber nicht früher, rief der König Alexander Ruthven neben ſich mit den Worten: „Jetzt kannſt Du einen Deiner Leute vorausſchicken, um Deinem Bruder zu ſagen, daß wir dieſen Weg daher kom⸗ men; Du ſelbſt aber bleibſt hier.“ „Mit Eurer Majeſtät Erlaubniß will ich meinen Vetter Andrew ſchicken,“ erwiederte Alexander Ruthven. „Gut, ruf' ihn her, ruf' ihn her!“ ſagte der König, und des jungen Mannes Hoffnung, ſeinem Bruder eine ge⸗ heime Botſchaft ſenden zu können, ward abermals getäuſcht. Traurig und düſter ritt er einige Schritte hinter Jakob, bis ſie nur noch eine Meile von der Stadt waren. Hier wendete der König den Kopf nach ihm um und ſagte mit ſcharfem forſchendem Blicke: „Alex, mein Junge, jetzt kannſt Du zu Deinem Bruder reiten.“ Der junge Mann bohrte ſeinem ermüdeten Roſſe die Sporen ſcharf in die Seite und ſprengte mit tiefer Ver⸗ beugung an dem König vorüber. Einundvierzigſtes Kapitel. Der Earl von Gowrie ſchlief ganz ruhig und erwachte nicht vor halb ſteben Uhr Morgens. Sogar jetzt mochte er noch nicht aufſtehen, denn die letzte Stunde war von lieb⸗ 572 lichen Träumen erfüllt geweſen, und ſeine Fantaſie ſchweifte noch auf derſelben Bahn, ſelbſt nachdem die Vernunft ſich aufgerafft hatte, um die Aufgaben des Tages anzufaſſen. Im Traume war er mit Julien durch einen lieblichen Gar⸗ ten gewandelt— er wußte nicht mehr, wo. Es war nicht in Perth und nicht in Dirleton; auch war es keiner jener Gärten, die er in Italien oder Frankreich geſehen. Blumen und Früchte waren ganz anderer Art, als man ſie in Europa kennt— größer, feuriger an Farbe, prachtvoller von Aus⸗ ſehen. Die Düfte welche die Luft erfüllten waren ſüß und erfriſchend, und die Springbrunnen, welche hier und dort in die Höhe ſtiegen, die Flüſſe, welche zu ſeinen Füßen zwiſchen grünen Ufern dahin ſtrömten, waren ſo rein und klar, daß die kleinen Kieſel auf dem Grunde gleich Juwelen ſchimmer⸗ ten, da das Auge mit Leichtigkeit durch das Waſſer drang. In der Luft ſchwirrte ein Summen ſüßer Töne— Vogel⸗ geſang und glückliche Stimmen, das Rauſchen der Quellen und das leiſe Lied des Stromes— Alles vermiſchte ſich zu einer bezaubernden Harmonie. Außer ihm und Julien ſah er Niemand im Garten, und ſte ſetzten ſich neben einander auf den Sammetraſen an's grüne Ufer unter den Schatten eines blühenden Baumes, der über ihnen rauſchte, während ringsum nur liebliche Töne und freundliche Ausſichten ſie umgaben; er hielt ihre Hand in der ſeinen, ſchaute ihr in die dunklen leuchtenden Augen und Beide murmelten: „Hier iſt's wie im Himmel.“ Noch mehrere Minuten nachdem er erwacht war ſann er dieſem Traume nach. Es iſt gar ſüß, an einem heiteren — 573 Sommermorgen, während die Vögel um uns ſingen, der ſanfte Odem des Morgenwindes die Lüfte fächelt und die grünen Zweige ſchüttelt, noch halb im Schlafe da zu liegen und an glückliche Tage zu denken. O wie da die Bilder in Maſſen vor uns aufſtehen! wie Freude mit Freude einen Kranz flicht, ſchöner als Edelſteine oder Blumen! wie wir da wünſchen, daß das Leben ein Tagestraum gleich dieſem wäre! Gowrie ſollte ihm nicht lange nachhängen. Er hörte Jemand im Vorzimmer, und im nächſten Augenblick ließ ſich ein Pochen an der Thüre vernehmen. Er ſtand auf und öffnete ſie und ſah mit nicht geringer Ueberraſchung ſeinen Diener Auſtin Jute, denn er hatte geglaubt, ſein Page ſey draußen um ihn zu wecken. „Was gibt's, Auſtin?“ fragte er;„Du ſcheinſt verſtört.“ „O nein, Mylord, nicht verſtört,“ erwiederte der gute Mann;„doch eine kurze Geſchichte iſt bald erzählt. Euer Mann, der Chriſtie, Mylord— ich meine den Thürſteher— der will mir gar nicht gefallen.“ „Was hat er gethan, was Du mißbilligſt?“ fragte der Earl ernſthaft. „Nichts, mein guter Lord,“ verſetzte der Engländer, „das heißt: nichts was ich als Unrecht bezeichnen könnte. Er iſt ungemein höflich gegen mich; aber man kann den Vogel nicht immer an den Federn erkennen. Ein Schwein hat eine lange Schnauze und ſo auch die Schnepfe, und doch ſind's zwei ganz verſchiedene Kreaturen. Um's übrigens mit meiner Erzählung kurz zu machen: Meiſter Chriſtie hatte 574 heute Morgen ſchon vor fünf zwei Beſuche in ſeiner Loge, und ich müßte mich ſehr irren, wenn ich das Geſicht des Einen nicht geſehen hätte, als Ihr mich damals zum König nach Falkland ſchicktet.“ „Er hat einen Vetter unter der königlichen Diener⸗ ſchaft,“ bemerkte der Earl; Auſtin Jute ſchüttelte aber zweifelnd den Kopf. „Ich vergeſſe ſelten ein Geſicht und faſt nie eine Geſtalt, wenn ich ſie einmal geſehen habe,“ ſagte er.„Wenn ich mich nicht arg täuſche, ſo ſah ich das Geſicht von heute morgen damals zu Falkland mit ganz anderem Rocke in den Palaſt treten, als ich ihn heute an ihm bemerkte. Damals trug er auch kein Abzeichen am Arm. Es heißt zwar, ſchöne Federn machen feine Vögel, und wenn dem ſo iſt, ſo hat er ſich traurig verändert, denn er war damals ein hübſcherer Vogel als jetzt.“ Der Earl beſann ſich eine Weile und ſagte dann: „Das iſt allerdings ziemlich auffallend. Es ſoll unter⸗ ſucht werden.“ „Ja, ja, Mylord, die Dinge klingen ſonderbar, bis wir noch Sonderbareres hören,“ meinte Auſtin Jute.„Ich hab' Euch von dem anderen Manne noch nichts erzählt. Ich denke, Mylord, ich werde wohl nicht leicht einen Menſchen vergeſſen, den ich einmal durch den Leib gerannt habe.“ „Das ſollte ich freilich nicht meinen,“ erwiederte der Carl.„Haſt Du der zweiten Perſon, die Du heute ſahſt, jemals jene Ehre erwieſen?“ „Hier gab's keinen Erſten oder Zweiten, Mylord, denn 575 ich ſah Beide zumal,“ verſetzte Auſtin.„Voͤgel von einem Geſieder fliegen zuſammen, und dieſe Beiden kamen dicht neben einander. Wenn ich übrigens vor acht bis neun Monaten in Paris einen Menſchen durchbohrte— und die Leute ſagten mir, ich habe es gethan— ſo war er dieſen Morgen hier.“ „Noch ſonderbarer, wie Du ſagteſt!“ entgegnete der Earl;„das will ich augenblicklich unterſuchen. Wie kamſt Du dazu, ſie zu beobachten?“ „Hm, ich war heute Morgen auf, um Mr. Alexander abreiten zu ſehen, und ging dann durch die Stadt ſpazieren,“ erzählte Auſtin.„Auf meinem Rückweg ſah ich vor mir zwei Männer in raſchem Schritte einhergehen, bis ſie hier vor dem Thore ſtill hielten. Sie läuteten nicht an der großen Glocke, ſondern klopften nur mit einer Reitpeitſche an das Gitter, worauf Chriſtie ruhig daher kam und das Thor öffnete. Ich ſtand an der Ecke und bewachte ſie, und ſo hatte ich Zeit genug, ſie zu erkennen. Ich mochte Eure Lordſchaft nicht früher wecken; da aber jetzt Alles im Hauſe ſich regt, ſo hielt ich für beſſer, Euch nun die Geſchichte zu melden.“ „Du haſt ganz Recht, Auſtin,“ erwiederte der Earl. „Geh jetzt und ſende mir meinen Pagen; ſag' aber Niemand ein Wort von dem was Du geſehen haſt.“ „Stumm wie'ne Maus, Mylord,“ antwortete Auſtin Jute und entfernte ſich. Sobald er angekleidet war, ſtieg Gowrie in den Hof hinab und trat vor das geöffnete Hauptthor; dort ſtellte er 576 ſich unter den Bogen dicht neben das Thorſtübchen und ſchaute die Straße auf und ab, wobei Chriſtie, der ſich innen zu ſchaffen machte, die beſte Gelegenheit gehabt hätte, ihm Alles zu ſagen was er beliebte. Der Mann ſchwieg jedoch und der Earl rief ihn endlich zu ſich. „Wen habt Ihr um fünf Uhr hier gehabt?“ fragte er, ſobald der Mann mit tiefem Bückling heraus kam. „O,'s war nur mein Vetter Robbie Brown,“ erwie⸗ derte der Thürſteher;„er war nach Dundee unterwegs und ſprach auf eine Minute bei mir ein,“ Gowrie ſixirte ihn eine Weile ſchweigend und konnte wahrnehmen, wie dem Manne die verrätheriſche Röthe in die Wangen ſtieg. „Wen hattet Ihr ſonſt noch hier?“ forſchte er ziem⸗ lich ſtreng. „Ei ja, da fällt mir ein,“ rief der Portier, ſich mit den Händen verwundernd.„Ich hatte rein vergeſſen, Eurer Lordſchaft zu ſagen, daß ein ſehr würdiger Gentleman, Ramſay von Newburn, im Vorbeigehen anfragte, ob ich glaube, daß er heute Abend Eure Lordſchaft ſehen könne. Ich ſagte ihm jedoch, daß das rein unmöglich ſey, denn ich wüßte, daß Ihr nach Dirleton reiten würdet.“ 1 Gowrie ließ ſich nicht täuſchen: es lag Falſchheit in des Mannes Blicken. Er konnte zwar nicht errathen, welches der Beweggrund und welches das Ziel all' dieſer Vorgänge ſeyn mochte; aber ſo viel ſah er, daß es offenbar nicht richtig mit ihm war. Er drehte ſich auf der Stelle um und 577 trat in's Haus, wo er nach kurzem Beſinnen nach Mr. Cran⸗ ſton ſchickte und ſobald dieſer erſchien bemerkte: 4 „Ich weiß nicht, Cranſton, ob Henderſon ſchon zurück ſeyn wird, bis ich aufbreche; da Ihr hier bleibt, ſo muß ich Euch mit einer Botſchaft an ihn beauftragen. Sagt ihm, er ſolle den Thürſteher Robert Chriſtie alsbald entlaſſen, ihn anſtändig ausbezahlen und ihn bis morgen aus dem Hauſe ſchaffen; er darf ſpäter unter keinem Vorwande im Hauſe betroffen werden.“ „Werde nicht ermangeln, Mylord,“ erwiederte Cranſton. „Und nun ſendet mir Henry Younger, wenn Ihr ihn finden könnt, Mr. Cranſton,“ ſagte der Carl, welcher fort⸗ während im Zimmer auf und ab ging, bis der gewünſchte Diener erſchien. 1 „Younger,“ begann er, ſobald dieſer eintrat,„Ihr habt Euch längere Zeit in Sir George Ramſay's Familie auf⸗ gehalten. Kennt Ihr ſeinen Vetter Newburn?“ „O ja, recht wohl, Mylord,“ erwiederte der Diener; „ein Thunichtgut und nichtsnutziger Teufel, wie's nur je einen gegeben hat.“ „Dann ſetzt Euch zu Pferd und reitet ſo ſchnell Ihr könnt nach Dundee,“ befahl Gowrie.„Seht, ob Ihr ihn vort aufzufinden vermögt und bringt mir Nachricht, ob er in der guten Stadt iſt und wen er bei ſich hat.“ „Soll ich ihm etwas von Eurer Lordſchaft ausrichten?“ fragte der Diener. „Nein,“ erwiederte der Earl kurz beſonnen.„Ich wünſche blos zu wiſſen, ob er ſich dort befindet und wer bei James, Gowrie, 37 578 ihm iſt. Ich habe ihm nichts zu ſagen; aber über dieſe beiden Punkte verlange ich Auskunft.“ Der Mann verbeugte ſich und ging, und Gowrie wid⸗ mete ſich den gewöhnlichen Tagesgeſchäften. Er war jedoch weit entfernt, ſich ruhig und behaglich zu fühlen. So manche jener kleinen Vorzeichen, welche gleich Staubwolken vor einem ausbrechenden Sturme das Herannahen des Un⸗ heils verkünden, obwohl ſich der Zuſammenhang nicht nach⸗ weiſen läßt, hatten ſich in den letzten zwei bis drei Tagen über ſeinem Haupte geſammelt. Des Portiers plötzliche Reiſe nach Falkland während ſeiner Abweſenheit, ſeines Bruders unerwartete Einladung zum König, der ungewöhn⸗ lich frühzeitige Beſuch zweier Perſonen vom Hofe— dies Alles erregte von Neuem ſeine Zweifel in des Königs Abſichten, und er fragte ſich, was Jakob wohl im Schilde führen und wie er dem begegnen könne. Beide Fragen waren ſchwer zu beantworten, und er überlegte ſie bei ſich, bis die Stunde kam, da er ſeinem Verſprechen gemäß in die Werktagspredigt gehen mußte. In der Pfarrkirche fand er neben den guten Bürgern der Stadt eine Anzahl von Gentle⸗ men von ſeinem eigenen Namen— lauter Pfarrkinder Mr. William Row's, des Paſtors von Forgandenny, verſammelt, der für heute die Predigt übernommen hatte, da die zwei eigentlichen Geiſtlichen von Perth bei der Provinzialſynode zu Stirling abweſend waren. Unter denen die er am beſten kannte, waren die beiden Söhne ſeines Vetters Alexander Ruthven von Freeland, und als er ſich an der Kirchthüre von ihnen verabſchiedete, lud er ſte nebſt Drummond von 579 Pitcairns und dem Baron von Findown auf zwölf Uhr Mittags zum Eſſen ein. Gleich darauf nahte ſich der ältere Bürgermeiſter der Stadt mit der Nachricht, daß der Stadtrath heute Morgen ein Geſchäft vorhabe, wenn Se. Lordſchaft ihm anwohnen könne, worauf aber Gowrie lächelnd antwortete: „Ich fürchte, ich kann nicht kommen, Herr Bürgermeiſter, denn Mr. Hay wird in Grafſchaftsangelegenheiten mit mir arbeiten, und ſo ſehr ich auch die gute Stadt liebe, ſo darf ich ihr doch nicht all' meine Zeit widmen.“ Der würdige Magiſtratsherr nahm ſeine Entſchuldigung gutgelaunt auf, und als Gowrie in ſein Haus zurückkehrte, fand er den erwarteten Gentleman bereits ſeiner harrend. Alle, die ihn an dieſem Morgen ſahen, bemerkten, daß er ſehr ernſthaft war; doch beendigte er die zahlreichen und wichti⸗ gen Geſchäfte, die ihm als Sheriff der Grafſchaft vorgelegt wurden, mit großer Pünktlichkeit und Aufmerkſamkeit. Während Mr. Hay bei ihm war, kam gegen zehn Uhr der Haushofmeiſter Henderſon zurück. „Welche Neuigkeit bringt Ihr von Falkland?“ fragte der Earl neugierig.„Wen traft Ihr beim König?“ Henderſon gab eine ausweichende Antwort, und da Gowrie glaubte, er habe etwas Beſonderes zu berichten, ſo nahm er ihn in’s Nebenzimmer und befragte ihn dort. Was Henderſon erwiederte, iſt nicht bekannt, als jedoch der Earl in ſein Arbeitszimmer zurückkehrte, fand er Mr. John Moncrief, der ihn für einige Papiere um ſeine Unter⸗ ſchrift bitten wollte. 1 37 ⁸ 580 „Ich begegnete Eurer Lordſchaft Haushofmeiſter ein dder zwei Meilen ſüdlich von Perth,“ ſagte jener Gentleman nach der erſten Begrüßung. „Ritt er ſchnell oder langſam?“ fragte der Earl, denn ſelbſt die offenſten und edelſten Naturen werden argwöhniſch, wenn ſie an der Untreue Anderer ihre Erfahrung machen. „O ganz im Schritt,“ gab Moncrief zur Antwort. „Dann begreife ich nicht, wie er ſo bald zurück kam,“ bemerkte Gowrie.„Ich ſchickte ihn mit meinem Bruder Alex nach Falkland; er ſollte mir Nachricht zurückbringen, wie der König ihn empfangen habe, denn bei'm letzten Scheiden ſtanden ſie nicht ganz gut zuſammen. Henderſon war befehligt, auch nach Ruthven zu gehen und ſagt, er ſey an beiden Orten geweſen. Nun reite ich ſelbſt ſo ſcharf wie nur Einer im Reiche, und doch hätte ich in derſelben Zeit nicht thun können, was er gethan hat.“ „Er ſagte mir, er ſey drei Meilen über die Stadt hin⸗ aus gekommen,“ erwiederte Moncrief.„Hier ſind die Pa⸗ piere, mein guter Lord, wenn Ihr ſie gefälligſt leſen und unterzeichnen wollt, denn Mylady kann ohne Eure Unter⸗ ſchrift nicht in ihre Rechte eingeſetzt werden.“ „Dann wollen wir Eure Lordſchaft nicht länger aufhal⸗ ten,“ bemerkte Mr. Hay aufſtehend.„Die übrigen Graf⸗ ſchaftsgeſchäfte laſſen ſich recht wohl bei Eurer Rückkehr abmachen.“ Gowrie ließ ihn gehen, denn er konnte ihn, ehrlich ge⸗ ſtanden, nicht ſonderlich leiden; Moncrief aber bat er, zu bleiben und mit ihm zu ſpeiſen, indem er beiſetzte: 581 „Ich werde unmittelbar nach Tiſch gegen Dirleton auf⸗ brechen. Ihr dürft alſo nicht erwarten, Moncrief, daß ich den guten Wirth ſpiele.“ Die Prüfung der Papiere nahm lange Zeit in Anſpruch, denn Gowrie wollte ſie nicht eher unterſchreiben, bis er ſie ganz durchgeleſen hatte, ſo daß es halb ein Uhr wurde, bis er ſich zu Tiſche niederſetzte. Eben als das zweite Gericht aufgetragen wurde, trat des Earls Vetter Andrew Ruthven ganz beſtaubt von der Reiſe in die Halle; er ſchritt auf den Earl zu und ſagte in leiſem Tone: „Der König und der ganze Hof kommt dieſes Weges, Mylord, und ich ritt voraus, um es Euch anzumelden. Das Gerücht geht, er komme, um den Gebieter von Oliphant abzufaſſen.“ „Der König kommt aber nicht hierher?“ fragte Gow⸗ rie, während eine ſchwere Wolke ſich auf ſeiner Stirne la⸗ gerte.„Der Herr von Oliphant war heute Morgen zu Dublin.“ „Ich kann es nicht ſagen, Mylord,“ erwiederte ſein Vet⸗ ter;„des Königs Worte lauteten ſehr kurz; er ſagte blos: jetzt könnt Ihr zureiten, Andrew.““ „Nun gutvz ſetzt Euch hier zu Tiſche,“ erwiederte der Carl nachdenklich.„Seyd Ihr raſch geritten?“ „Ich wäre noch ſchneller vorwärts gekommen,“ gab der Andere zur Antwort,„wenn nicht eine ſolche Maſſe von Murray's auf der Straße geweſen wäre, daß ich kaum durch⸗ kommen konnte. Ich glaube, der ganze Clan iſt mit dem Herrn von Tullibardine an der Spitze eingezogen.“ 582 „Was thun ſie hier in Perth?“ fragte der Earl.„Habt Ihr mit einem von ihnen geſprochen?“ „O ja,“ antwortete ſein Vetter, ſich an den Tiſch ſetzend.„Einige ganz unten in der Water⸗Street erklärten, ſie kämen zur Hochzeitsfeier George Murray's, der in der Mitte der Stadt wohnt; Andere ſagten geradezu, ſie wüß⸗ ten es nicht; ſie kämen, weil ſie ſo geheißen worden.“ „Der Herr von Tullibardine kommt nicht zur Hochzeits⸗ feier eines Gaſtgebers,“ bemerkte der Earl düſter.„Da⸗ hinter ſteckt etwas mehr, und wir werden bald Weiteres ver⸗ nehmen.“ Andrew Ruthven hatte kaum Zeit ſich ſeinen Teller aus einer der Platten auf dem Tiſche zu füllen und ſein Mahl zu beginnen, als der junge Alexander Ruthven in athemlo⸗ ſer Haſt mit dem Rufe in's Zimmer trat: „Bruder, der König und der ganze Hof ſteht vor der Stadt. Ich verließ ſie vor wenigen Minuten, keine Meile vor den Thoren.“ Er heftete ſein Auge mit geſpanntem, ängſtlichem Blick auf ſeines Bruders Antlitz, wie wenn er noch Vieles zu ſa⸗ gen hätte, aber nicht Zeit oder Muth zum Sprechen beſäße. Ein tiefer aber vorübergehender Schatten, wie der einer flie⸗ genden Wolke, zog über des Earls Miene— ein kurzer Kampf in ſeinem Herzen, der ſich in ſeinem ernſten, ſtrengen Blicke ausdrückte, aber alsbald überwunden war. „Ich wollte, Seine Majeſtät hätte mich vorher benachrich⸗ tigt, dann hätte ich ihn würdiger empfangen können,“ ſagte er.„Gleichwohl müſſen wir uns alsbald in Verfaſſung ſetzen: 583 wir müſſen dem Könige entgegen gehen, Gentlemen. Hen⸗ derſon, tragt Sorge, daß augenblickliche Vorkehrung ge⸗ troffen wird, damit der König ſpeiſen kann. Laßt dieſes Zimmer für Seine Majeſtät zum Mahle herrichten; die große Halle für die Lords vom Hofe; mein Studirzimmer neben der Gallerie für den König, damit er ſich ausruhe, da er dies nach einem ſolchen Tage der Anſtrengung wohl nöthig haben wird. Laßt Alles ſo raſch wie möglich beendigen und ſpart weder Mühe noch Geld, um uns geziemend in Ver⸗ faſſung zu ſetzen. Cranſton, ſeyd ſo gut, und ruft die Bür⸗ germeiſter zuſammen; ſagt ihnen, daß der König nahe; ſie mögen ſo ſchnell ſie können am South Inch mit mir zuſam⸗ mentreffen. Ihr alle, meine Herren, müßt mir folgen, um Seine Majeſtät bei Dero Eintritt in Perth zu em⸗ pfangen.“ 3 „Beim— wir ſollten Euch lieber folgen, um ihn von Perth abzuhalten,“ ſagte Hugh Moncrief mit bezeichnendem Ausdruck, und fügte auf Gowrie's tadelnden Blick bei: „denn er wird gewiß nicht gehen, ohne mehr zu verlangen, als wir zu leiſten vermoͤgen.“ Gowrie ſchenkte ſeinen Worten keine laute Beachtung, ſondern ging nach der Thüre voran, und nachdem man Hüte, Mäntel und Degen in aller Eile zuſammengerafft, verfügte ſich die ganze Geſellſchaft zu Fuß über den Hof und durch das Schloßthor auf die Straße. Chriſtie, der Thürſteher, öffnete mit ernſter Miene den rechten Flügel der großen Eiſenpforte; ſobald der Earl und ſeine Freunde vorüber waren, kam ein finſteres Lächeln über 584 ſeine Lippen und er murmelte vor ſich hin:„ſo jetzt!“ wor⸗ auf er ſich in ſein Zimmer zurückzog. Unmittelbar darauf rannte Auſtin Jute durch das Thor und folgte dem Earl, holte ihn aber erſt ein, als er die Hälfte der Straße zurückgelegt hatte. Sobald ſein Herr ihn erblickte, zog Auſtin den Hut und ſagte: „Habt Ihr mir etwas zu befehlen, Mylord?“ Gowrie fuhr mit der Hand über die Stirne, wie einer, der ganz verwirrt iſt, und erwiederte dann: „Ja, Auſtin, ja. Geht nur weiter, meine Herren; ich folge Euch.— Steige augenblicklich zu Roß, Auſtin,“ fuhr er fort, ſobald die Anderen vorüber waren;„eile nach Dir⸗ leton. Du mußt Deinen Weg finden ſo gut Du kannſt. Sage meiner Mutter— ſage fer theuren Lady Julia, was hier vorgefallen iſt. Sag ihnen, daß ich heute Nacht nicht eintreffen kann; aber—“ Er ſchwieg und beſann ſich eine Weile, worauf er fortfuhr: „Nein! ich will keine Verſprechen für morgen geben. Gott und Gott allein weiß, was morgen ſeyn mag. Er⸗ ſchrecke ſie nicht mehr als nöthig, Auſtin; aber,“ ſetzte er feierlich bei,„ködere ſie auch nicht mit Hoffnungen, die ſich als falſch erweiſen könnten. Sage ihnen, der König kommt; ſage ihnen, ich weiß nicht, warum er kommt, und laß ihre eigene Einſicht das Weitere beurtheilen. Vor allen Din⸗ gen ſoll meine Mutter auf ihrer Hut ſeyn und für die Sicherheit meiner jüngeren Brüder ſorgen. Da haſt Du meine Börſe, guter Burſche, um Deine Ausgaben unter⸗ 585 wegs zu beſtreiten. Ich wünſchte um Deinetwillen, daß mehr darin wäre. Jetzt mach Dich in aller Eile fort! Da nimm mein Schwert; leg es irgendwo im Hauſe nieder. Der König ſoll nicht ſagen, ich habe irgend welche Waffen ge⸗ tragen.“ Auſtin Jute ergriff des Earls Hand und küßte ſie, wie wenn er ahnte, daß er ihn zum letzten Male ſehe. Dann wandte er ſich ohne ein Wort der Erwiederung mit feuchtem Blicke ab, eilte in das große Haus zurück, zog ſein Pferd aus dem Stalle und ritt ohne fernere Vorbereitung davon. Gowrie holte mittlerweile ſeine Freunde ein und wan⸗ delte durch die Straßen, indem ſein Haufen jeden Augen⸗ blick durch einzelne Magiſtratsperſonen oder den Adel der Stadt und Nachbarſchaft vermehrt wurde. So war er bis auf fünf⸗ oder ſechsunddreißig Perſonen angewachſen, als er die große ſchöne Wieſe am Tay, genannt der South Inch, erreichte. Wenige Minuten ſpäter ſah man die königliche Kaval⸗ kade in langſamem, ſtattlichem Schritte herannahen. Einer aus dem Haufen— doch weder der Earl von Gowrie, noch einer ſeiner Freunde, ſondern einer der Bürgermeiſter der Stadt— machte die laute Bemerkung, daß nicht einer von den Murray's, ſo vielen man auch auf den Straßen begeg⸗ net, ſich zur Bewillkommung des Königs zu ihnen geſellt habe. „Mich dünkt, ſie haben nur wenig Loyalität gezeigt,“ meinte der Vogt Roy. Keine laute Erwiederung folgte; aber Hugh Moncrief, 586 ein heißblütiger Gradaus, der Gowrie's Miene aufmerkſam bewacht hatte, murmelte zwiſchen den Zähnen: „Vielleicht daß ſie dieſelbe gelegentlich nebſt ihrer Rache kundgeben. Ich weiß nicht, was ſie hier thun; die Stadt iſt voll von ihnen!“ Weder Gowrie noch ſein Bruder Alexander machten ir⸗ gend eine Bemerkung, ſondern warteten in ernſtem Schwei⸗ gen, bis Jakobs Pferd auf etwa fünfzig Schritte herange⸗ kommen war; dann näherte ſich der junge Earl mit ent⸗ blößtem Haupte und ſagte: „Eure Majeſtät iſt in Eurer guten und getreuen Stadt St. Johnſton willkommen, und ich bedaure nur, daß ich Eure Ankunft nicht früher wußte, um Euren königlichen Gnaden einen beſſeren Empfang bereiten zu konnen.“ „O wir kommen nicht als Staatsbeſuch, mein guter Lord,“ erwiederte der König.„Wir lieben es, unſere Freunde zu überraſchen, und wir wiſſen, daß kein Mann im ganzen Reiche bereitwilliger oder beſſer in Verfaſſung wäre, den König zu empfangen, als der Earl von Gowrie. In der That, unſere armen Thiere ſind ſehr ermüdet, ſo daß unſer Gefolge ſich längs der Straße gleich einem überfüllten Faſſe entleert hat; ſie werden aber ohne Zweifel allmälig zu Sechſen und Sieben nachkommen.— Und nun, Mylord, wollen wir mit Eurer Erlaubniß weiter gehen und uns aus⸗ ruhen.“ Bei dieſer Andeutung, daß des Königs Begleiter ſich noch vor Nacht vermehren dürften, warf Gowrie einen Blick auf Jakobs Gefolge. Es beſtand ſchon jetzt aus mehr als 587 vierzig Perſonen; doch ohne weitere Bemerkung verbeugte er ſich blos und ging neben des Monarchen Pferde her, wäh⸗ rend Jakob auf dem ganzen Wege durch die Stadt bis vor die Thore von Gowriehouſe in luſtigem ſcherzendem Tone mit ihm zu ſprechen fortfuhr. Sobald der Monarch den Hof betreten hatte, wo acht bis zehn von des Earls Dienern aufmarſchirt waren, ſprang Alexander Ruthven herbei, um des Pferdes Kopf zu halten, während Gowrie dem Könige beim Abſteigen behülflich war. Die Magiſtratsherren der Stadt, die ſich ziemlich dicht her⸗ beigedrängt hatten, wurden nun dem Monarchen förmlich vorgeſtellt; doch Jakob behandelte die würdigen Bürger mit etwas karger Höflichkeit, ſchnitt ihre Komplimente kurz ab und wurde von dem Earl durch die große Halle in das klei⸗ nere Speiſezimmer geführt, das in aller Eile zu ſeinem Empfange bereitet worden. „Er ſieht weder in Miene noch Sprache einem Könige ähnlich,“ bemerkte Vogt Graham leiſe im Weggehen. „Ei,'s iſt doch ein mächtiges Ding, ſo einen König von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen!“ meinte Vogt Roy laut, indem er ſich entfernte. So war der Stadtrath in ſeiner Anſicht getheilt. Zweiundoierzigſtes Kapitel. Seit des Königs Ankunft war Gowriehouſe oder Palaſt wohl zwei Stunden lang der Schauplatz fortwährender Ver⸗ 588 wirrung. Jeden Augenblick langten friſche Haufen an, theils Höflinge, welche unterwegs zurückgeblieben waren, um ihre müden Roſſe zu erfriſchen oder neue beizuſchaffen, theils Häuflein vom Lande, meiſt der Familie Murray's von Tullibardine angehörend, von welchem mächtigen Ge⸗ ſchlechte noch vor zwei Uhr an die dreihundert Bewaffnete in der Stadt verſammelt geweſen ſeyn ſollen.“ Erſtere ſtrömten alle und von Letzteren manche im Hofe zuſammen, und eine Viertelſtunde nach Jakobs Ankunft fand der junge Earl ſeine Wohnung nicht länger in ſeinem eigenen Beſitze. So artig und höflich er auch gegen Alle war, ſo ſah doch Jeder, daß er ernſt und mißvergnügt ausſah, und ſeine Zweifel wurden nicht vermindert, als einer jener kleinen Zu⸗ fälle, welche ſo häufig einen tief angelegten Plan verrathen, ihm und ſeinem Bruder bewies, daß des Königs Beſuch nicht aus einer plötzlichen Laune, einem augenblicklichen Ein⸗ falle hervorging, ſondern ſchon lange zuvor mit Anderen verabredet geweſen. Für die Gegenwart ſo vieler Murray's in der Stadt Perth diente als Vorwand die heutige Hochzeit eines ihrer Familienglieder in der Stadt; allein der Verheirathete war * Moyſes erklärt in ſeinen Memoiren, daß an dieſem Tage nicht weniger als fünfhundert Edelleute in Perth waren, welche des Königs Behauptung als wahr bezeugten und alſo gegen Ja⸗ kob nicht feindlich geſinnt ſeyn konnten. Und dennoch will man uns glauben machen, Gowrie und ſein Bruder habe blos mit acht Dienern in Gegenwart einer ſo impoſanten Macht loyaler(wer weiß— wie? verſammelter) Unterthanen einen Verſuch gegen des Königs Leben gemacht! 589 als bloſer Gaſtgeber bekannt, und die Anweſenheit ſo vieler Edelleute bei ſolcher Veranlaſſung ſchien Gowrie im beſten Falle eine etwas außergewöhnliche Ehre. Als aber ein Better des Barons von Tullibardine mit einem großen ſchö⸗ nen Falken vom Lande als Geſchenk für den König in Gow⸗ rie’s Palaſte erſchien, da konnte der Earl nicht länger zwei⸗ feln, daß das Haus Murray mit des Monarchen beabſich⸗ tigtem Beſuche früher bekannt war als er, der ihn zu bewirthen hatte. Gowrie fand jedoch, bevor des Königs Tafel ſervirt war, nur wenig Gelegenheit, dem Bruder ſeinen Argwohn mitzutheilen, denn Jakob hielt ihn beſtändig neben ſich und ſcherzte und plauderte in einer Weiſe, welche ſogar an ihm ungewohnlich lärmend und aufgeräumt war. Er ſchien die Geſchichte mit dem Goldtopf und dem eingeſperrten Gefan⸗ genen, die er unterwegs mehreren ſeiner Höflinge erzählt hatte, gänzlich vergeſſen zu haben und verließ die Halle nicht, in die er zuerſt geführt worden, obgleich faſt eine Stunde verſtrich, bis das Mahl bereit ſtand. „Ich bedaure, daß Eure Majeſtät ſo lange warten muß,“ bemerkte Gowrie endlich;„Euer gnädiger Beſuch hat mich vollkommen überraſcht, und da ich heute Nachmittag mit den meiſten meiner Leute nach Dirleton aufbrechen wollte, ſo findet Ihr mein armes Haus nicht einmal ſo gut wie ge⸗ wöhnlich verſehen.“ „Hat nichts zu ſagen, mein guter Earl,“ meinte der König;„ein Bischen Faſten wird Einem nicht ſchaden. Man⸗ cher gottesfürchtige Mann faſtet zur Buße, und ein gezwun⸗ 590 genes Faſten wird ohne Zweifel ebenſo gut ſeyn. Hier kommt übrigens Euer Tafeldecker, wenn ich nicht irre, und nun wollen wir bald drüber herfallen.— Aler, mein Junge, Du ſollſt den Vorſchneider machen, während wir mit dem Earl ſcherzen; aber potz Blitz! Mylord, Ihr würdet ſchlecht zum Spaßmacher taugen— Ihr ſcheint ja ſo melancholiſch wie eine Pipphenne.“ „Ich tauge in keiner Weiſe zu ſo hohem Amte, Sire,“ gab Gowrie zur Antwort, während ihm die Röthe in die Wangen ſtieg;„und in der That würde es ſowohl Witz als Muth erfordern, um es an Eurer Majeſtät Hofe zu be⸗ gleiten.“ „Wie ſo? wie ſo?“ kreiſchte Jakob. „Weil ich glaube,“ erwiederte der junge Earl,„daß Eure Majeſtät jedem Spaßmacher, der da lebt, in ſcharfen treffenden Hieben mehr als gewachſen iſt.“ „Aha, Ihr könnt auch ſcherzen, wie ich ſehe, Earl,“ meinte Jakob, indem er den einſamen Sitz einnahm, der für ihn an den Tiſch geſtellt worden. Unterdeſſen hatte man in der großen Halle für die zahl⸗ reichen unerwarteten Gäſte, welche heute im großen Hauſe zuſammengeſtrömt waren, eine Tafel bereitet, und es ſcheint bei ſolchen Veranlaſſungen Sitte geweſen zu ſeyn, daß des Köͤnigs Wirth das Auftragen des zweiten Gerichtes an der königlichen Tafel abwartete und dann die Höflinge einlud, mit ihm ſelbſt in einem anderen Zimmer zu ſpeiſen. Gowrie in ſeiner ängſtlichen, übelgelaunten Stimmung verſäumte den Augenblick, da die Einladung hätte gemacht werden 591 ſollen, und der Herzog von Lennox, der Earl von Mar und Andere blieben in Gruppen um des Königs Tafel ſtehen, während Gowrie am unteren Ende verweilte und ſein Bru⸗ der Alexander, hinter des Monarchen Stuhle aufgepflanzt, ihm von Zeit zu Zeit Wein einſchenkte oder die Gerichte für ihn tranſchirte. So verſtrich der erſte und faſt auch der zweite Gang, während Jakob mit Alexander Ruthven und ſeinem Bruder unaufhörlich in höchſt gnädiger aber ziemlich gemeiner und unſchicklicher Weiſe ſich unterhielt. Endlich mit ſarkaſtiſchem Grinſen aufſchauend, bemerkte der Mo⸗ narch: „Ich glaube, Alex, mein Junge, Dein Bruder der Earl meint, dieſe armen Teufel, die da herumſtehen, haben ihren Hunger unterwegs geſtillt, daß er ſie ſo lange leer aus⸗ gehen läßt.“ „Ich bitte in der That um Verzeihung, mein Herr Her⸗ zog,“ erwiederte Gowrie, ſich an Lennox wendend;„ich war ſo ganz damit in Anſpruch genommen, Seine Majeſtät gebührend bedient zu ſehen, daß ich in den Fehler verfallen bin, den man mir mit Recht vorwirft. Ich hoffe, wir wer⸗ den in der großen Halle irgend ein Mittageſſen finden; ob⸗ wohl ich fürchte, daß die unerwartete Ehre, die mir zu Theil geworden, durch Eure Verköſtigung nur übel vergolten wer⸗ den dürfte.“ Mit dieſen Worten ging er nach der anderen Tafel vor⸗ an, und nachdem ſeine Gäſte ſich niedergelaſſen und das Mittageſſen— ſo gut die Kürze der Zeit es ſeinen Dienern zu liefern erlaubt hatte— vor ihnen aufgeſtellt worden, 592 kehrte er in die innere Halle zurück, wo er ſeine Stelle wie zuvor am unteren Ende der Tafel einnahm. Er und ſein Bruder mit ihren eigenen Dienern waren nunmehr mit dem Könige allein. Ein Verſchließen der Thüre, ein Dolchſtoß— und Jakob wäre geſtorben und Gowrie am Leben geblieben. Doch ſolche Gedanken waren ſeinem reinen, hochſinnigen Geiſte fern, was auch immer in dem Herzen ſeines königlichen Feindes ſich regen mochte. Jakob fuhr fort, mit gemeinen Seitenhieben um ſich zu werfen, bis das zweite Gericht abgetragen und ein reiches Deſſert der feinſten Früchte aus den prächtigen Gärten von Gowrieplace vor ihm aufgeſtellt wurde. Jetzt endlich ſagte der König: „Alex, mein Junge, ich fühle mich etwas müde. Zeige mir ein Zimmer, Mann, wo ich mich fern von dieſem Lärm eine Weile ausruhen kann.“ „Es ſteht eines für Eure Majeſtät parat,“ erwiederte der junge Gentleman;„erlaubt mir, Euch den Weg zu zeigen.“ „Erſt will ich einen Schluck Wein nehmen,“ ſagte Ja⸗ fob, und einen großen Humpen aus den Händen von Gow⸗ rie’s Bruder empfangend, fuhr er, an den Earl ſich wen⸗ dend, fort:„Mylord, Ihr habt die Mode der Bewirthung in anderen Ländern geſehen, und nun will ich Euch die Sitte in unſerem Lande lehren, ſintemalen Ihr ein ſchottiſcher Mann ſeyd. Ihr habt vergeſſen, mit mir zu trinken, Euch zu Euren Gäſten zu ſetzen und uns willkommen zu heißen; wir wollen nun aber auf unſeren eigenen Willkomm trinken.“ 593 Er leerte den Becher und fuhr alſo fort:„Ich bitte Euch, Mylord, geht zu der anderen Geſellſchaft, trinkt ihnen zu und heißt ſie in des Königs Namen willkommen.“ „Ich gehorche Euer Majeſtät Befehlen,“ gab der Earl ernſthaft zur Antwort, und verfügte ſich ohne fernere Be⸗ merkung in die große Halle, indem er den Koͤnig mit ſeinem Bruder allein ließ. Gowrie ſetzte ſich oben an der Tafel nieder und rief nach Wein; als ſein Page einen Becher bis zum Rande gefüllt hatte, erhob er ſich mit den Worten: „Ich bin von Seiner Majeſtät beauftragt, Euch, mein Herr Herzog und dem Reſte der Geſellſchaft dieſen Tummler zuzutrinken.“ Dann wendete er ſich an Lennox und Mar, welche neben einander zu ſeiner Rechten ſaßen, und entſchuldigte ſich in vertraulicherem Tone für die Vernachläſſigung, die er ſich beim Empfange ſeiner Gäſte hatte zu Schulden kommen laſſen. „Seiner Majeſtät Ankunft war ſo plötzlich und uner⸗ wartet,“ ſagte er,„daß ich nicht Zeit hatte, meine Rolle einzulernen und mich gebührend darauf vorzubereiten.“ Der Wein machte die Runde; das Geſpräch wurde all⸗ gemein, und in dieſem Augenblicke bemerkte Gowrie den jungen John Ramſay, wie er einen ſchönen großen Falken auf ſeiner rechten Hand liebkoste, während ſein rieſengroßer Nachbar entſchloſſen ſchien, mit Aufbietung ſeines ganzen ungeheuren Appetites alle Vorräthe aufzuzehren, welche auf des Earls Tiſche übrig blieben. James. Gowrie. 38 594 „Ihr habt da einen ſchönen Vogel, Ramſay,“ bemerkte der Earl, ſich zu ihm hinunter wendend.„Iſt er ebenſo gut im Fluge, wie er auf der Hand ausſteht?“ „Ich weiß in der That nicht, Mylord,“ erwiederte Ramſay.„Murray von Arknay brachte ihn auf ſeiner Fauſt als Geſchenk für den König. So halte ich ihn hier,“ ſetzte er lachend bei,„während der zarte John Murray nach Kräften in ſich hineinſchlingt.“ „Ihr ſollt ihn den ganzen Tag halten dürfen, Ramſay,“ ſagte der grobe Burſche, von dem er ſprach.„Ich habe genug an ihm bekommen, nachdem ich ihn ſechzehn Meilen getragen.“ Und dann an Gowrie ſich wendend, fügte er bei: „es iſt der ſchärfſte und beſte Vogel, Mylord, der noch je ausgebrütet und flügge wurde. Ich wollte, Ihr könntet ihn fliegen ſehen! Ich habe ihn nur dreimal ſteigen laſſen, um ihn zu probiren, da ich ihn nach Falkland bringen wollte; als ich aber geſtern hörte, daß der König hierher komme, da putzte ich ihn auf und brachte ihn mit.“ „Ich bedaure, daß ich der Letzte ſeyn mußte, der des Königs Ankunft erfuhr,“ ſagte Gowrie in nachdenklichem Tone, und an Mar ſich wendend, ſchloß er:„ich konnte Euch nur armſelige Gerichte vorſetzen, Mylord. Mein guter Schwager, der Herzog, wird es aus Liebe entſchuldigen; aber ich weiß kaum, wie ich mich vor ſo vielen Gentlemen, die mir beinahe fremd ſind, rechtfertigen ſoll.“ Mar antwortete nur mit einer Verbeugung, denn er mußte wohl ſehen, daß ihr Kommen für ihren Wirth ebenſo unerfreulich wie unerwartet geweſen war, und wiewohl er 59⁵ nicht in des Königs Geheimniſſe eingeweiht war, ſo erkannte er deutlich, daß zwiſchen dem Monarchen und dem Hauſe Ruthven nicht Alles ſtand, wie es ſtehen ſollte. „Mylord von Lindores, ich erſuche Euch, dem Weine zuzuſprechen,“ fuhr Gowrie fort.„Mag ſeyn, daß er nicht ſo gut iſt wie der, den Ihr mir vor fünf bis ſechs Monaten vorſetztet; doch in Ermangelung von Beſſerem wird er ſchon genügen.“ „Koͤnnte nicht beſſer ſeyn,“ meinte Lindores.„Es iſt ja Dreiundachtziger, vom beſten Weinjahr, das man ſeit einem vollen Jahrhundert in Frankreich erlebte.“ In dieſem Augenblicke ging der König mit Alerander Ruthven durch den unteren Theil der Halle, um ſich über die große Treppe und durch die Gemäldegallerie in das an⸗ ſtoßende Kabinet zu verfügen, das— wie der Leſer bereits weiß— auf Gowrie's Befehl zur Erholung für den König hergerichtet war. Jakob hatte in jener übervertraulichen, liebkoſenden Weiſe, wie er ſie häufig gegen Perſonen an⸗ nahm, welche von ſeiner Ungnade bedroht waren, ſeinen Arm um Alerander Ruthvens Nacken geſchlungen und lachte mit ihm aus vollem Halſe. Es waren damals etliche ſechzig Perſonen in der Halle verſammelt, Alle in lautem Geſpräche begriffen, und die Meiſten von der in die kleinere Halle füh⸗ renden Thüre abgewendet, ſo daß der Durchgang des Mo⸗ narchen nur von Wenigen bemerkt wurde. Nur der Herzog von Lennor wurde den König gewahr und erhob ſich, wie wenn er ihm folgen wollte, nahm jedoch ſeinen Sitz wieder ein, als Gowrie äußerte: 38* 596 „Seine Majeſtät will ſich eine Weile in meinem Studir⸗ zimmer oben ausruhen, das für ihn eingerichtet worden.“ Sir Thomas Erskine, der viel weiter unten am Tiſche ſaß, hatte ſchon oft nach dem Zimmer geſchielt, wo der Kö⸗ nig geſpeist hatte, und folgte Jakob nunmehr aus der Halle, indem er ihn unten an der breiten Treppe einholte und mit ihm und Alexander Ruthven ein Geſpräch begann. Sie gingen zuſammen die Treppe hinauf und trafen oben des Earls Thürſteher Chriſtie, der ſich alsbald mit tiefer Verbeugung auf die Seite ſchob, indem er zu gleicher Zeit auf ziemlich bezeichnende Weiſe mit der Hand an's Kinn fuhr. Der König ging ſofort durch die Gallerie, ohne die Ge⸗ mälde im Geringſten zu beachten, und wendete ſich nach der Thüre des Galleriezimmers, durch welches der einzige Weg nach Gowrie's Studirſtube führte, ohne hiezu Alexanders Weiſung zu bedürfen. Sobald die Thüre vor ihm geöffnet war, drehte ſich Jakob nach Sir Thomas Erskine um mit den Worten: „Bleibt Ihr hier und wartet auf uns, Mann!“* * Erskine läßt in ſeiner Angabe dieſes Faktum unvorſichtiger Weiſe durchſchimmern, wenn er ſagt:„Als Alles vorüber war, ſagte ich zu Sr. Majeſtät:„„ich glaubte, Eure Majeſtät hätten mehr Vertrauen zu mir, als mich nur ſo vor der Thüre warten zu laſſen, wenn Ihr nicht für paſſend fandet mich mitzunehmen.““ Daß Sir Thomas Erskine mehr um jene Schandthat wußte, als er eingeſtand, geht aus einem Briefe des engliſchen Agenten in Schottland, Nicholſon, hervor, der unterm 22. September 1600 bemerkt, der König ſey ſehr beſtürzt, weil ſeine Königin mehre Geheimniſſe, welche Sir Thomas Erskine ausgeſagt, an Beatrice Ruthven verrathen habe. 597 Erskine verbeugte ſich und blieb vor der Thüre ſtehen, während Jakob mit Alexander Ruthven eintrat. In dem großen Galleriezimmer ſtanden in den Fenſterniſchen zwei bis drei Männer in der gewöhnlichen Tracht der Hofdiener, ſo wenigſtens berichtet die Sage. Alexander Ruthven ſah ſie entweder nicht oder nahm keine Notiz von einem Um⸗ ſtande, der nichts Außergewöhnliches an ſich hatte; er ging dem Monarchen einen Schritt voran und öffnete die Thüre zu ſeines Bruders Kabinet, wo Jakob alsbald eintrat. Der junge Mann ſtand ſchon auf der Schwelle, um zu folgen, als er einen Augenblick zweifelhaft ſtehen blieb, da er bereits einen großen, finſteren, vollſtändig bewaffneten Mann im Beſitze des Zimmers ſah. „Komm herein, Alex, mein Junge, komm herein!“ rief Jakob in gutmüthigem Tone. Der junge Edelmann gehorchte, nicht ohne eine Anwand⸗ lung von Furcht, und die Thüre ſiel hinter ihm zu. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Schloßhof des Gowriepalaſtes— jener große, ſchon früher beſchriebene Schloßhof, von neunzig Fuß Länge und ſechzig Fuß Breite— war von ein Uhr Mittags bis an den ſpäten Abend mit Menſchen und Roſſen erfüllt. Gowrie's eigene Diener hatten alle Hände voll zu thun: die Haus⸗ diener, um dem König und ſeinen Höflingen aufzuwarten, die Reitknechte und Stalljungen, um für die Pferde zu ſor⸗ 598 gen. Die Getreideſpeicher waren aufgeriſſen: die Diener der Fremden nahmen daraus was ſie brauchten, und Leute, die man nie zuvor im Palaſte geſehen hatte, rannten durch das ganze Gebäude. Umſonſt waren Mr. Cranſton's Vor⸗ ſtellungen, wodurch dieſer einige Ordnung aufrecht zu er⸗ halten ſuchte, und Donald Macduff, des Earls Baronievogt zu Strathbraan, der mit ſeinem Gebieter von Trochrie her⸗ gekommen war, ſuchte während ſeiner Abweſenheit die Leute vom Einteitt in den Palaſt abzuhalten, damit ſie nicht gar zu unbeſchränkt mit dem Wein und Bier im Schloßkeller hanthierten. Chriſtie, der Thürſteher, ſchien an dem Tumult ſein Wohlgefallen zu haben und ließ herein wer da wollte; nur die beiden oberen Stockwerke hielt er abgeſchloſſen. „Es wird nicht eher Ruhe werden, als bis ich Einem den Kopf einſchlage,“ bemerkte Macduff.„Chriſtie iſt an Allem ſchuld: er weiß, daß er morgen entlaſſen wird, und jetzt iſt ihm Alles gleichgültig. Wenn Ihr's erlaubt, Mr. Cranſton, will ich ihm ſogleich den Kragen umdrehen.“ „Nein, nein, keine Gewaltthätigkeit, Macduff,“ ſagte Mr. Cranſton,„beſonders nicht gegen des Königs Leute.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich wieder nach dem Hauſe zurück. Macduff blieb in finſterem Schweigen auf den Stufen der Halle und ſchaute mit bitterem Herzen auf das Treiben im Hofe, bis Mr. Alexander Ruthven von Freeland herbeikam und ihm leiſe in's Ohr flüſterte: „Das iſt in der That zu arg, Macduff; man ſollte die Leute doch etwas in Ordnung bringen.“ „Das kann allein der König, Sir,“ erwiederte der Ba⸗ 599 ronievogt,„und ich zweifle, ob er Luſt dazu hat, ſonſt hätte er gleich Anfangs beſſer Sorge getragen. Er nennt dieſes Treiben vermuthlich ein Auspreſſen der Aegyptier.“ „Der Schuft Chriſtie hat alle Thüren offen gelaſſen,“ ſagte Mr. Ruthven. „Freilich, Sir; er weiß gewiß, warum er's thut. Ich will einmal ein Wörtchen mit ihm reden.“ So näherte er ſich mit Ruthven dem Thürſteher und donnerte ihn an: „haltet's Maul, Ihr lachender Einfaltspinſel, und jagt das Volk aus dem Hauſe. Dann ſchließt die Thüren und ſorgt, daß ſie nicht wieder hereinkommen.“ „Das werd' ich wohl bleiben laſſen,“ meinte Chriſtie, ſich mit trotzigem Bullenbeißerblicke von ihm abwendend. „Von einem hochländiſchen Freibeuter, wie Ihr, brauche ich keine Befehle anzunehmen.“ Macduff legte die Hand an den Dolch und zog ihn halb aus der Scheide; allein Ruthven fiel ihm in den Arm und rief: „Um Gotteswillen, Macduff, haltet Frieden! Man könnte nicht wiſſen, wozu ein Handgemeng unter ſolchen Umſtänden führen könnte. Kommt mit mir, Mann, kommt mit“— indem er den Hochländer am Arm nach der anderen Seite des Hofes zog.„Bewacht ſeine Bewegungen,“ fuhr er fort, ſobald ſie ſich etwas entfernt hatten.„Der Menſch iſt mir verdächtig, Maeduff, und es wäre gut ihn zu zeichnen.“ „O ich will ihn ſchon zeichnen, wenn ich ihn nur erſt unter der Fauſt hätte,“ erwiederte der Andere.„Er iſt jetzt in ſeine Stube gegangen, und ſeht! drei bis vier Andere folgen ihm eben.“ 600 „Das iſt der große Jimmy Bog, des Königs Thürſteher zu Falkland,“ bemerkte Ruthven. „Und jener breitſchultrige Kerl iſt Galbraith, einer der Thürhüter zu Holyrood,“ verſetzte Maeduff.„Was Teufels thut nur der König mit ſolchen Leuten hier? Wären es Jäger oder Stallknechte, ſo könnte man ˙s noch begreifen. Kaum vorhin hab ich auch ſeinen Kellermeiſter geſehen.— Ich will Euch was ſagen, Mr. Nuthven: hier iſt's nicht ſauber. Wie das enden wird„ kann ich nicht ſagen; gut aber glaube ich ſchwerlich. Meines Lords Haus iſt ja ſo wenig ſein eigen wie das jedes Lumpen am Hofe.“ Ruthven zuckte mit den Achſeln und ging ſeiner Wege, während Macduff auf der Treppe ſtehen blieb und die Augen feſt auf das Thorſtübchen gerichtet hielt. Von der Rück⸗ ſeite jenes Stübchens lief ein langer ſchmaler Gang, mit den Fenſtern nach dem Hofe hinaus um den weſtlichen Flü⸗ gel des Gebäudes, bis zu einer Treppe in der Ecke, durch welche man zu allen Zimmern im erſten und zweiten Stocke Zutritt erhielt. Weder Chriſtie, noch die ihm ins Zimmer ge⸗ folgt waren, kamen zum Vorſchein, ſo lange Macduff Wache hielt; er ſah jedoch mehr als einen Mann an den oben er⸗ wähnten Fenſtern vorüber kommen und wieder verſchwinden. Dies Alles fand ſtatt eine Viertelſtunde bevor der König die Tafel verließ, und kurz darauf ſah der Baronievogt den Portier von der entgegengeſetzten Seite des Gebäudes daher kommen, zum Beweis, daß er mehr als die Hälfte des Hauſes umgangen haben mußte. 601 Einige Minuten ſpäter hörte man den Earl von oben herab rufen: „Maeduff— Donald, holt mir vom Portier die Schlüſſel des Gartens.“ Donald gehorchte, und als er die Schlüſſel in die Halle brachte, fand er Gowrie in Geſellſchaft des Herzogs von Lennox, des Earls von Mar, Lord Lindores' und mehrerer anderer Edelleute, während Sir Hugh Herries etwas ab⸗ ſeits von ihnen ſtand. Macduff hätte viel darum gegeben, wenn er ſeinem Lord einige Worte hätte zuflüſtern können; vor ſo vielen Höflingen wollte er's jedoch nicht wagen, und ſo übergab er ſchweigend die Gartenſchlüſſel. „Jetzt, mein Herr Herzog, will ich vorangehen,“ ſagte Gowrie, und durch die kleine direkt in den Garten führende Thüre tretend, hielt er ſie geöffnet, ſo lange die Andern vor⸗ übergingen und ſagte zu dem nebenſtehenden Cranſton: „Sobald Seine Majeſtät herunter kommt, meldet es uns. Kommt, Ramſay vom Falken— wollt Ihr nicht mit uns ſpazieren?“ Der junge Edelmann folgte ſchweigend, und als der Earl ſeinen Schwager, den Herzog von Lennor, einholte, bemerkte er in ernſtem, ruhigem Tone: „Es iſt ſchon lange, daß Ihr hier geweſen, Herzog. Ich hoffe, Gowriehouſe wird Euch jetzt öfter als Gaſt in ſeinen Mauern ſehen.“ „Je oͤfter ich hier bin, deſto ſchoͤner kommen mir dieſe Gärten vor,“ erwiederte der Herzog.„Die Lage ſelbſt iſt hoͤchſt maleriſch; nur meine ich, wenn Ihr dort im Oſten 602 eine Terraſſe aufwärfet, würde man die Mündungen des Tay erblicken und hätte die Ausſicht über das ganze Becken, das er durchſtrömt.“ „Die Stadt würde immer noch viel verſperren,“ ant⸗ wortete Gowrie;„ich müßte nur die Terraſſe ſo hoch wie die Spitze des Mönchsthurmes aufführen. Von dort aus haben wir ſchier ganz freie Ausſicht über die Umgegend.“ „Ich ſehe, Ihr wollt einige Veränderungen vornehmen, Mylord,“ bemerkte der Earl von Mar. „O es will nicht viel heißen,“ antwortete Gowrie.„Ich will nur einige Plane, die ich mir in Italien erſonnen, bei dieſem Platze in Anwendung bringen. Es iſt freilich etwas ſchwer, denn was der italieniſchen Architektur und dem dor⸗ tigen Klima wohl anſteht, wäre in unſerem Norden und bei dieſem alten finſteren Hauſe nicht am Platze.“ So wandeelten ſie in ruhigem, friedlichem Geſpräche nach der anderen Seite des Gartens, und blieben eine Weile unter dem hohen alten Mönchsthurme ſtehen, der ſich in der ſüd⸗ öſtlichen Ecke erhob. Auf der Stadt ſchlug es eben drei Uhr, und Sir Hugh Herries rief plötzlich zuſammenfahrend: „Da iſt's drei Uhr! Wir wollen lieber umkehren, My⸗ lord; ich weiß, daß der König um drei Uhr abreiten wollte.“ Herries Geſicht war ziemlich bleich, als er dieſe Worte ſprach; doch Gowrie bemerkte es nicht, ſondern erwiederte: „Jene Uhr geht allen andern in der Stadt um zehn Minuten vor; wir können jedoch wohl umkehren und uns rüſten, denn ich hoffe, Seiner Majeſtät auf einige Meilen das Geleite zu geben.“ 603 Sofort kehrten Alle nach dem Hauſe zurück, während Herries ihnen einige Schritte voraneilte, wie wenn er über ihre Langſamkeit ungeduldig wäre. Einen Augenblick ſpäter ſahen ſie Cranſton haſtig auf ſie zukommen, und Gowrie be⸗ ſchleunigte ſeinen Schritt, da er bemerkte, daß Jener ihm etwas zu ſagen hatte. „Im Hauſe geht das Gerücht, Mylord,“ meldete Cran⸗ ſton,„der König ſey zu Pferd geſtiegen und insgeheim mit einem oder zwei von ſeinen Dienern weggeritten.“ „Das ſieht ihm ganz ähnlich,“ rief der Herzog von Lennox.„So machte er's uns heute Morgen zu Falkland.“ „Wer hat es Euch geſagt, Cranſton?“ fragte der Earl eifrig. „Es iſt in Jedermann's Munde, Mylord,“ erwiederte Cranſton;„ich glaube, es ging zuerſt von Chriſtie aus.“ „Raſch, raſch! ſeht nach meinem Pferde, Cranſton,“ rief der Earl.„Ich wollte den König halbwegs Falkland geleiten.“ „Ich habe mir's gedacht, Sir,“ erwiederte der Andere; „ich höre aber, daß Euer Pferd in der Stadt iſt.“ „In der Stadt!“ rief Gowrie.„Was thut mein Pferd in der Stadt? Sorgt ſchnell für ein anderes, Cranſton. Nach einer ſo dürftigen Bewirthung, wie ich ſie Seiner Majeſtät zu geben vermochte, darf ich es um keinen Preis unterlaſſen, ihm das Geleite zu geben.“ „Vielleicht iſt er gar nicht fort,“ meinte John Ramſay. „Welchen Weg ſchlug er ein? Ich will gehen und nach⸗ ſehen.“ 604 „Ja, thut das, Ramſay,“ bat der Herzog von Lennor; „Ihr könnt Alles mit ihm anfangen.“ „Er ging die breite Treppe nach der Gemäldegallerie, und von da zu den weſtlichen Gemächern hinauf,“ bemerkte Cranſton. Noch immer mit dem Falken auf der Hand rannte Ramſay voran, die leiſen Worte, welche Sir Hugh Herries ihm zu⸗ flüſterte, anſcheinend nicht beachtend; mit leichtem Schritte die Treppe hinan eilend, trat er in die Gemäldegallerie, deren Thüre offen ſtand. Der Anblick ſo vieler glänzender Gemälde von einer Anmuth, Schönheit und Farbenpracht, wie er ſie ſeiner Meinung nach nie geſehen hatte, machte tiefen Eindruck auf den jungen Mann, und ſein Vorhaben für einen Augenblick vergeſſeud, blieb er ſtehen, um ſich voll Verwunderung umzuſchauen. Dann näherte er ſich der weſtlichen Thüre, die in das Galleriezimmer führte, fand ſie aber verſchloſſen, als er ſie öffnen wollte. Er horchte eine Weile, ob irgend ein Laut des Königs Anweſenheit in dem Zimmer jenſeits verkündige; aber Alles war ſtill, und wie⸗ der in den Hof hinabgehend, ſagte er in gleichgultigem Tone: „Der König iſt nicht oben.“ „Ramſay, Sir John Ramſay, kommt hierher,“ rief Herries aus einer Ecke des Hofes, gerade unter dem weſt⸗ lichen Thurme.„Ich wünſche Euch zu ſprechen.“ Ramſay näherte ſich ihm und ſchien zu fragen, was er wolle. Mittlerweile ging Gowrie mit dem Herzog von Lennor, dem Earl von Mar und einigen anderen Edelleuten über den 605 Hof nach dem Hauptthore, in deſſen Nähe man den Portier ſtehen ſah. „Kommt her, mein Mann,“ rief Mar, den Thürſteher anredend;„was iſt an dieſer Geſchichte, daß der König fort ſey? Sagt uns die Wahrheit.“ „Die Wahrheit iſt: der König iſt noch im Hauſe,“ er⸗ wiederte der Thürhüter.„Er hätte ohne mein Wiſſen nicht zu der Hinterpforte hinaus können, denn ich habe die Schlüſſel zu allen Thüren.“ Der Mann wechſelte bei dieſen Worten mehrmals die Farbe, und Gowrie ſchloß alsbald, daß er die Unwahr⸗ heit ſage. „Ich glaube, Ihr lügt, Schurke,“ ſagte er, ihn ſtreng firirend.„Seine Majeſtät iſt immer der Erſte der zu Pferd ſteigt. Aber wartet, mein Herr Herzog; ich will einmal nachſehen.“ Mit dieſen Worten verließ er die Geſellſchaft und wen⸗ dete ſich nach der großen Treppe. Lennor ſchaute ihm nach und ſagte leiſe zu dem Earl von Mar: „Hier geht etwas Sonderbares vor, Mylord. Wißt Ihr, was es iſt?“ „Nein,“ antwortete Mar in gleichgültigem Tone, fügte jedoch alsbald bei:„der König iſt ganz ſicher, wo er iſt. Der Earl hat weder Schwert noch Dolch bei ſich.“ „Was mag das bedeuten?“ wiederholte Lennox. In dieſem Augenblicke kam jedoch ein Dritter herbei, und Mar gab keine Antwort. Noch war keine Minute verſtrichen, als Gowrie haſtig die Treppe herabkam mit den Worten: 606 „Die Galleriethüre iſt verſchloſſen. Der König kann nicht dort ſeyn. Laßt uns zu Pferde ſteigen und ihm nach⸗ eilen. Wohin kann er gegangen ſeyn?“ Von den übrigen Edelleuten gefolgt eilte er auf die Straße und traf dort Sir Thomas Erskine, der mit etlichen ſeiner Verwandten und Dienern unter den Fenſtern ſtand. Bei ihm erkundigte er ſich, welchen Weg der König einge⸗ ſchlagen habe. Der Lärm und die Verwirrung, welche nunmehr folg⸗ ten, war noch zehnmal ärger, als er ſchon zuvor im Hofe von Gowrieplace und deſſen Umgebung geweſen war. Lords und Gentlemen riefen laut nach ihren Pferden; Reitknechte und Diener rannten nach allen Seiten, Roſſe bäumten, wieherten und polterten, und der Bürgermeiſter Roy, der ſeit des Königs Ankunft um das große Haus herumgeſchlichen war, ſuchte Jeden zurecht zu weiſen, wobei er ſich manch' herzlichen Fluch für ſeine Mühe zuzog. Ramſay und Herries blieben ruhig in der Ecke des Hofes, und die beiden Earls mit dem Herzog von Lennox, Sir Thomas Erskine, Alexander Ruthven von Freeland und mehrere Andere beſprachen ſich über des Königs plötzliche Abreiſe, und in welcher Rich⸗ tung ſie ihn aufſuchen ſollten. Plötzlich hörte man oben einen Lärm, der von dem ſüd⸗ weſtlichen Thurme ausging. Das hohe Fenſter wurde wüthend aufgeriſſen und Kopf und Schultern des Königs kamen zum Vorſchein. „ u Hülfe, zu Hülfe!“ ſchrie der König.„Zu Hülfe! Mord! Verrath! zu Hülfe! Earl von Mar!“ 607 Lennor, Mar, Lindores und viele Andere ſtürzten als⸗ bald über den Hof nach der großen Treppe, die ſie ſo raſch ſie konnten hinan eilten; ſie fanden jedoch die Galleriethüre verſchloſſen und konnten ſie nicht aufbringen. „Die ſchwarze Wendeltreppe hinauf, Ramſay,“ flüſterte Herries.„Auf und rettet den König! Hierher, Mann, hierher! eilt die Treppe hinauf, und dann durch die Thüre links.“ Ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ja ohne ſogar nur den Falken loszumachen, während ſein Blut bei dem Gedanken kochte, daß dem Könige Gefahr drohe, ſtürzte Ramſay an Herries vorüber die ſchmale Wendeltreppe auf⸗ wärts. Er nahm immer drei bis vier Stufen zumal, bis er oben anlangte und dort eine Thüre fand, die er mit ſeiner kräftigen Schulter einſtieß, ohne zu verſuchen, ob ſie ver⸗ ſchloſſen ſey oder nicht. Dort erwartete ihn ein Anblick, den ich näher beſchreiben muß.. Jakob ſtand, noch immer nach Hülfe ſchreiend, am Fen⸗ ſter, und etwas hinter ihm, keinen Antheil an dem Vorgange nehmend, ſah man einen hohen, kräftig gebauten, finſter blickenden Bewaffneten mit entblößtem Haupte. Dem Könige zu Füßen, das Haupt dicht unter Jakobs Arme und die Hände mit der Geberde eines Flehenden nach des Königs Munde ausgeſtreckt, wie wenn er ſeinem Rufen Einhalt thun wolle, kniete die anmuthige, aber kräftige Geſtalt Alexander Ruthvens, der— wenn er gewollt hätte— den ſchwachen Monarchen mit leichter Mühe aus dem Fenſter 608 häuptlings auf die Straße hätte ſtürzen können. Er machte jedoch keine Miene dies zu thun, ja nicht einmal ſich zu be⸗ freien, und ſein Schwert blieb ungezogen in der Scheide. Dies war der Anblick, der ſich Ramſay's Blicken darbot, als er in feuriger Haſt in's Zimmer trat, und den Falken von ſich werfend ſeinen Dolch entblößte. Der König ließ alsbald den jungen Mann zu ſeinen Füßen los und rief mit ungeduldiger Geberde gegen Ramſay: „Stoß ihn nieder! ſtoß ihn nieder! Er trägt ein wat⸗ tirtes Wams.“ Er befahl nicht, den widerſtandloſen Mann zu ergreifen — nein, er befahl ihn niederzuſtechen, und Ramſay, auf des Königs Worte vorſtürzend, verſetzte dem unglücklichen Jüng⸗ linge zwei Stiche in Hals und Nacken, während Jakob mit wunderbarer Kaltblütigkeit ſeinen Fuß auf den Wurfriemen des Falken ſtellte, damit dieſer nicht durch das offene Fenſter davon fliege. Ruthven machte keine Miene, ſein Schwert zu ziehen, ſondern ſank halb zu Boden; Jakob faßte ihn jetzt am Nacken, zog ihn nach der engen Treppe und ſchleuderte ihn halbwegs hinab, während Ramſay dem Sir Thomas Erskine durch das Fenſter hinaus zurief: „Kommt herauf, Sir Thomas— dieſe Treppe herauf.“ Verwundet, aber nicht ermordet und mit Blut überzo⸗ gen, richtete ſich Alexander Ruthven wieder auf und rannte gegen den Hof hinab. Ehe er ihn jedoch erreichte, begegnete ihm Herries, Erskine und ein anderer von des Königs Blut⸗ hunden, und ohne zu fragen oder zu wiſſen, was oben vor⸗ 609 gefallen, rief Herries:„Dieſer iſt der Verräther!“ und ſtach ihn in's Herz. George Wilſon verſetzte ihm faſt zur ſelben Zeit einen zweiten Stoß, und der arme Knabe, der das Schwert noch nicht gezogen hatte, ſtürzte nieder, um nie wieder aufzuſtehen, indem er mit dem letzten Athemzuge ausrief: „Ach, ich bin nicht ſchuldig.“ Todtenſtille folgte. Eine Schreckensthat war geſchehen: ein junges, friſches Leben war geopfert; ein freundlicher Geiſt war vor den letzten Richter gerufen. Sogar Herries ſchwieg und überlegte nachdenklich, was er ſo eben gethan hatte. So vorübergehend auch dieſer Eindruck, ſo kurz dieſe Regung ſeyn mochte— ſogar er fragte ſich eine Weile, wie Andere vor und nach ihm ſich gefragt haben:„was iſt hier geſchehen? Gibt es einen allmächtigen Gott, vor den die Geiſter der Geſchiedenen treten, um nicht allein über das was ſie gethan, ſondern auch über das was ſie erlitten, Rechenſchaft abzulegen? Muß ich einſt mit dem Geiſte dieſes Jünglings vor Gottes Antlitz treten, um Zeugniß wider mich zu geben? Welche ſüßen häuslichen Bande habe ich zerriſſen! welch warme Hoffnungen und gute Entſchlüſſe, welch' edle Gefühle und großherzige Abſichten für immer ausgelöſcht!“ Das war aber nicht Alles was er empfand. Der Menſch fühlt ein natürliches Widerſtreben gegen das Vergießen von fremdem Blute, das ſich nur durch häufige Gewohnheit weg⸗ wiſchen läßt. Der Mord birgt ein Entſetzen in ſich, wovor James. Gowrie. 39 8 610 der Mörder gewiß zurückſchaudert, ſobald der verhängniß⸗ volle Streich geſchehen iſt. Das war es mehr als alles Klügeln des Verſtandes, was Herries und ſeine beiden Ge⸗ fährten empfanden, als ſie im Halbdunkel daſtanden und den Leichnam betrachteten, der kaum zuvor voller Leben und Ge⸗ ſundheit, voll Thatkraft und Leidenſchaft geweſen war. Sir Thomas Erskine hatte keinen Schlag nach ihm ge⸗ than, und das ſchien ihm jetzt ein Troſt; aber er fühlte den⸗ noch, daß er ein Helfershelfer bei der That geweſen, daß er gewußt, was man beabſichtigte, und daß er ebenſo gut ein Mörder ſey, wie die beiden Andern, wenn ſich auch ſeine Hand nicht mit dem Blute des Jünglings befleckt hatte. Der ſtarkſinnige Herries machte eine gewaltſame An⸗ ſtrengung, um die ihn bedrückenden Gefühle zu bewältigen; allein es koſtete ihn mehrere Augenblicke, und unter ſolchen Umſtänden zählen Augenblicke wie Stunden. Was ihn und die Andern zuerſt erweckte, war die Stimme des Königs, die ihnen im Augenblicke durch ihren bloſen Klang all die weltlichen Gedanken zurückrief, welche durch den Anblick des Leichnams und die furchtbare That nach allen Winden zerſtreut worden waren. „Heda, Burſche,“ ſchrie Jakob, wie es ſchien Ramſay anredend,„ſchiele mir nicht ſo in die Welt hinaus. Er iſt jetzt maustod; aber es gibt noch andere Verräther, weit verzweifelter und gefährlicher als dieſer mißleitete Junge. Da nimm den Vogel und verhalte Dich ganz ſtill. Wir dürfen das Wild nicht aufſchrecken, ehe die Hunde hinter ihm her ſind. Jetzt oder nie muß ich König von Schottland 4 611 werden.“ Und dem Eingang der Treppe ſich nähernd, rief er ſich etwas vorneigend hinunter:„was iſt da unten? Seyd Ihr mit ihm fertig?“ „Er iſt dahin, Sire, um nie wiederzukehren,“ antwortete Herries Stimme aus der Tiefe. „Dann bringt ihn hier herauf und kommt ſelber zu mir,“ ſchrie Jakob.„Wer Teufels poltert denn dort drüben ſo laut an der Thüre? Kommt herauf, kommt herauf! Es können Ruthvens Leute ſeyn. Wir müſſen Hülfe zur Hand haben. Wo Teufels iſt denn der Burſche mit dem Harniſch hingegangen?“ Sir Hugh Herries eilte die Treppe hinan und überließ es Sir Thomas Erskine und dem Diener ſeines Bruders, Jakob Erskine, Alexander Ruthven's Leiche hinauf zu ſchleppen. Im Zimmer des Königs folgte jetzt eine haſtige Be⸗ rathung darüber, was jetzt zunächſt zu thun ſey. „Um's Himmels willen, Sire, ruft lieber alle Edelleute des Hofes herbei,“ rief Ramſay, während das Pochen an der Galleriethüre noch immer fortdauerte.„Sind wir Alle beiſammen, ſo ſind wir ſtark genug, um Euch vor allen Ruthvens in Schottland zu ſchützen.“ „Ich weiß das, Du dumme Gans,“ ſchrie Jakob mit düſterem Schielen;„Eurer Vier bis Fünf ſind hiezu hin⸗ reichend; aber das iſt nicht die Frage, Mann. Noch haben wir's mit dem größeren Verräther von Beiden zu thun, und Du mußt es ausführen, Jock, wenn Du nicht einen Gowrie zum König haben willſt. Er wird bald hier ſeyn, um ſeinen 39* 612 Bruder zu ſuchen. Er darf nicht lebendig von der Stelle, ſonſt iſt unſer ganzes Tagewerk verloren.“ „Ich will den Verräther züchtigen,“ gelobte Ramſay eifrig.„Eure Majeſtät hat mir ſolche Beweiſe ſeiner Schuld vorgezeigt, daß ich mich nur wunderte, wie Ihr ihn ſo lange am Leben ließet.“ „'s iſt ein guter Junge,'s iſt ein guter Junge,“ ant⸗ wortete Jakob.„Ja, vertheidige nur Deinen König. Sehe Jemand nach jener Thüre, damit ſie ſie nicht einbrechen; aber ſprecht kein Wort, bis die Exekution an dem Earl voll⸗ zogen iſt.— Er iſt's, der ſeinen Bruder aufhetzte,“ fuhr er zu Ramſay gewendet fort;„der Andere wäre nicht darauf verfallen. Aha, da bringen ſie ihn! Werft ihn dort nieder: der Earl wird bald hier ſeyn, und ich will lieber im Kloſet bleiben, bis Alles vorüber iſt. Da nehmt meinen Mantel, Geordie Wilſon, und werft ihn über den Köder. Wenn dann ſein Bruder ihn ſieht, ſo wird er glauben, ich ſey es ſelber, und wird dann dermaßen erſchrecken, daß Ihr mit ihm anfangen könnt, was Ihr wollt.“ Sir Hugh Herries war ganz verſteinert, als er den König ſeinen Plan ſo vollſtändig verrathen hörte; die Uebri⸗ gen ſchienen jedoch die Sache nur wenig zu beachten, da Ramſay, ſobald ſeine Leidenſchaft geweckt war, Alles für er⸗ wieſen annahm, und die Anderen bereit waren, dem leiſeſten Winke des Königs zu gehorchen. George Wilſon, der Diener, nahm des Königs Mantel und breitete ihn über Alexander Ruthven's Leiche, welche die Binſen, die den Boden bedeckten, mit einem dunkeln Blutſtrome übergoß. 613 Sobald dies geſchehen war, betrachtete Jakob den Leichnam und ſagte: „Ein Bischen höher über den Kopf, Mann, ſonſt ſieht er das glänzende braune Haar.“ Sofort zog er ſich in des Earls Kabinet zurück, machte die Thüre zu und befahl denen draußen, ſie zu ſchließen und den Schlüſſel abzuziehen. Sir Thomas Erskine beeilte ſich zu gehorchen. „Seyd auf Eurer Hut, Ramſay,“ ſagte er.„Sie don⸗ nern gegen jene Thüre, wie wenn ſie ſie einſchlagen wollten. Es iſt nur gut, daß ich ſie vor dem Hinabgehen gehörig zuriegelte.“ Und durch das Zimmer nach dem Eingange der großen Gallerie rennend, rief er:„wer klopft da ſo heftig?“ „Ich bin's, der Earl von Mar,“ rief eine Stimme von Außen. Oeffnet alsbald. Der Herzog von Lennor iſt hier, Lord Lindores und Andere.“ „Alles richtig, Alles richtig,“ erwiederte Erskine.„Der Koͤnig iſt gerettet, der eine Verräther erſchlagen. Verhaltet Cuch ruhig, ſonſt wird der Andere unſerer Falle entrinnen. Es iſt Sir Thomas Erskine, der zu Euch ſpricht; verhaltet Euch ruhig, ſo lieb Euch des Königs Gunſt iſt.“ Alles verſtummte, und gleich darauf ließen ſich Schritte auf der ſchmalen Wendeltreppe vernehmen. 614 Vierundvierzigſtes Kapitel. Was war während dieſer ſchauerlichen Tragödie im obern Stocke aus Gowrie geworden? Er ſtand, wie geſagt, im Geſpräche mit Sir Thomas Erskine und einer beträchtlichen Zahl Edelleute auf der Straße nur kurze Strecke von ſeinem eigenen Thor entfernt, als plötzlich das Fenſter oben aufge⸗ riſſen wurde und der König zum Vorſchein kam. Bürger⸗ meiſter Roy hatte ſich der Gruppe der Höflinge genähert und ſchaute alsbald empor, während der Herzog von Lennor auf Jakobs erſten Ruf bemerkte: „Das iſt des Königs Stimme, Mar, ſey er nich wo er wolle.“ „Verrath! Verrath!“ ſchrie Roy.„Verrath gegen den König! Läutet die große Glocke! ruft die Stadt in Waffen! Verrath! Verrath!“ Im ſelben Augenblick und ohne im Geringſten zu zögern, ſtürzten Lennor, Mar, Lindores und Andere in den Hof und, wie ſchon oben geſagt wurde, die breite Treppe hinauf, während Sir Thomas Erskine, ſein Bruder Jakob, und Georg Wilſon, der Diener des Letzteren, Gowrie ohne ir⸗ gend einen Beweis, ja ſogar ohne die Wahrſcheinlichkeit ei⸗ nes ſolchen, an der Kehle faßten. 0 „Verräther, das iſt Dein Werk!“ riefen ſie einfinan „Du ſollſt ſterben!“ Unbewaffnet, wie er war, und von drei ſtarken Män⸗ nern in Waffen angehalten, wäre der junge Earl trotz ſei⸗ ner großen perſönlichen Stärke im Augenblicke überwältigt 615 und vermuthlich auf dem Flecke getödtet worden, denn er leiſtete keinen Widerſtand und rief blos mit einem Blicke der Beſtürzung: „Was gibt es? Ich weiß von nichts.“ Allein Alexander Ruthven von Freeland eilte ihm in dieſem Augenblicke zu Hülfe, und da er ohne Schwert war, ſo ſtreckte er Sir Thomas Erskine mit einem Fauſtſchlage zu Boden, während Mr. Cranſton und Donald Marduff aus dem Hofe zur Unterſtützung ihres Gebieters herbeirann⸗ ten. Faſt zur ſelben Zeit hörte man Ramſay dem Sir Thomas Erskine vom Fenſter oben zurufen, und vom Boden aufſpringend, rannte dieſer mit Georg Wilſon dem Diener, in den Hof und folgte dem Herries die enge Wendeltreppe hinauf, um die Mordarbeit, welche im Thurme begonnen hatte, zu vollenden. Befreit von den Mörderhänden, welche ſeine Kehle um⸗ klammert hatten, ſchaute ſich Gowrie ganz verwirrt um und rief:. „Mein Gott! was ſoll das bedeuten?“ „Zu den Waffen, zu den Waffen, Mylord!“ ſchrie Mac⸗ duff;„ſte wollen Euch unter dem Vorwande der Verräthe⸗ rei ermorden.“ Allein Gowrie ſtürzte unverzüglich nach der Palaſtpforte mit dem Rufe: „Wo iſt der König? Ich eile ihm zu Hülfe.“ In dieſem Augenblicke wurden ihm jedoch die Thorflügel von ſeinem eigenen Portier Chriſtie vor der Naſe zugewor⸗ fen, und eine Stimme hinter dem Gitter rief: 4 646 „Verraͤther! hier iſt kein Eingang für Dich!“ „Waffnet Euch um's Himmels Willen, ſonſt bringen ſie Euch um's Leben!“ donnerte Cranſton, als er einen Haufen von den Murray's und des Königs Leuten ſich um ſie ſam⸗ meln ſah. „Das will ich,“ erwiederte Gowrie, deſſen Zorn jetzt erwachte.„Fort zu Glenorchie! er wird uns Waffen geben.“ Sofort rannte er in voller Haſt einige hundert Schritte die Straße hinab, trat in das große alte Haus eines Freun⸗ des ſeiner Familie, und ergriff unter den vielerlei Waffen, die in der äußeren Halle hingen, ein Schwert und eine Stahlhaube. 4 „Hier iſt eine beſſere Klinge, mein edler Lord,“ rief Glenorchie's alter Thürſteher.„Nehmt ſie Beide— die eine könnte brechen.“ So mit einem Schwert in jeder Hand eilte Gowrie zu⸗ rück, indem er ausrief: „Ich will entweder in mein eigenes Haus eindringen oder unterwegs ſterben.“ „Ich folge Euch, Mylord,“ rief Cranſton, und im ſel⸗ ben Augenblicke rannte auch ſein Page zu ihm die Straße herab. „Laßt Euch den Helm feſtbinden, Mylord, ſonſt wird er Euch entfallen.“ Gowrie blieb eine Weile ſtehen, bis die Stahlhaube unter ſeinem Kinn feſtgebunden war und ſchritt dann gegen den Eingang des großen Hauſes. 617 Hier hatten ſich unterdeſſen die Dinge geändert: das Thor ſtand weit offen; die Diener und das Gefolge des Kö⸗ nigs waren theils im Hauſe, theils im hinteren Theile des Hofes verſammelt, und ohne ſich mit Fragen aufzuhalten, eilte Gowrie nach der engen Treppe im ſüdweſtlichen Thurme, und rannte hinauf, indem ſein treuer Diener Cranſton ihm auf der Ferſe folgte. Die Thüre, welche oben in das Galleriezimmer führte, war nur halb angelehnt, und drinnen ſuchte ſie Einer mit der Schulter zuzudrücken; allein Gowrie riß ſie auf mit den Worten: „Wo iſt der König?“ Ich komme, um ihn mit meinem Leben zu vertheidigen.“ Mit dieſen Worten trat er in's Zimmer, die beiden ent⸗ blößten Schwerter in den Händen. Vor ihm lag ein blutiger Leichnam, der mit des Königs Mantel halb bedeckt war. „Ihr habt den König unſern Herrn getödtet,“ ſchrie Herries;„wollt Ihr nun auch uns das Leben nehmen?“ Gowrie's Stärke ſchien in dieſem Augenblicke zu verſa⸗ gen; ſein Gehirn kreiste: er blieb plötzlich ſtehen, ſenkte die Schwertſpitzen zu Boden und rief: „Wehe mir! ſo iſt der König in meinem Hauſe erſchla⸗ gen worden?“ Ohne Erwiederung ſprang Ramſay auf ihn los und ſtieß dem jungen Earl, der keinen Widerſtand leiſtete, ſeinen Dolch in's Herz. Gowrie ſank nicht alsbald, ſondern ſtützte ſich einen Au⸗ genblick auf das Schwert in ſeiner Rechten, ohne jedoch ei⸗ 618 nen Schlag zu verſuchen. Cranſton eilte vor, um ihn zu ſtützen und fing ihn in ſeinen Armen auf, worauf der Earl ſachte zu Boden ſank und, einen geliebten Namen undeutlich vor ſich hinmurmelnd, verſchied. Die Mörder ſchauten eine Weile ſchweigend auf ihr Schlachtopfer; aber es war jetzt nicht die Zeit zu zögernder Unthätigkeit. Sie waren zwar ihrer Vier und im Gallerie⸗ zimmer blieb nur noch ein lebender Gegner übrig; allein auf der Thurmtreppe hörte man viele Perſonen heraufſtei⸗ gen, und Erskine ſtürzte mit gezogenem Schwerte auf Cran⸗ ſton los. Dieſer, wüthend über die ſchändliche Mißhand⸗ lung eines geliebten und verehrten Gebieters, wies den An⸗ griff entſchloſſen zurück, und da er ſelbſt ein guter Fechter war, ſo verwundete er Erskine in Hand und Arm; aber alle Anderen fielen über ihn her und drängten ihn nach dem oberen Theil der Treppe zurück. Doch Hülfe war nahe, denn drei Edelleute, an ihrer Spitze Hugh Moncrief, welche heute mit dem Earl geſpeist hatten, eilten jetzt durch den Tumult und die vagen unten umlaufenden Gerüchte beunruhigt— leider zu ſpät— zum Beiſtande des edlen Freundes herbei, den ſie für immer ver⸗ loren hatten. Allein ſchlecht vorbereitet für ſo feindliche Begegnung, wurden ſie am Eingange des Zimmers von ih⸗ ren wohlgerüſteten Feinden empfangen und nach kurzem aber ſcharfem Handgemenge ebenſo wie Cranſton in den Schloß⸗ hof getrieben. Hugh Moncrief, Patrick Eviot und Henry Ruthven von Freeland machten ſich Bahn auf die Straße, und fanden dort unter dem Fenſter verſammelt ein Häuflein 619 von den Freunden des todten Earls; nur Cranſton, weniger glücklich als ſie, wurde im Schloßhofe gefangen. Die Lage des Königs war jedoch weniger ſicher als er ſich eingebildet hatte. In den Straßen der Stadt Perth, wo die Familie des Todten von jeher äußerſt beliebt geweſen war, herrſchte gewaltiger Tumult, und als Jakob auf die Nachricht, daß die längſt beabſichtigte That vollſtreckt war, aus dem Kabinette hervortrat, ſah er ſehr bleich aus, denn aufrühreriſches Geſchrei erhob ſich unter den Fenſtern und eine der loyalſten Städte Schottlands ſtand am Vorabend der Empörung. „Gebt uns unſeren edlen Prevoſt,“ ſchrie Einer,„ſonſt ſoll des Königs grüner Rock dafür bezahlen!“ „Komm herab, du Sohn von Signor David,“ brüllte ein Zweiter;„Du haſt einen braveren Mann als Du ſelbſt biſt erſchlagen.“ In der nächſten Minute zeigte ſich jedoch der Kopf Ro⸗ bert Brown's, eines von des Königs Lakaien, an der Thüre des Galleriezimmers, wohin er ſich ſachte geſchlichen hatte: er fiel vor Jakob auf die Kniee und ſprach: „Gott ſegne Eure Majeſtät! Dort in der Gallerie iſt der Herzog von Lennor, der Earl von Mar nebſt acht bis zehn Eurer beſten Freunde; ſie können Euch aber nicht zu Hülfe kommen, denn die Thüre iſt verſchloſſen.“ „Gott ſey Dank! Laßt ſie ein,“ rief Jakob, und— merkwürdig genug! Der Schlüſſel zur Galleriethüre fand ſich bei einem der Anweſenden, und Lennox mit den übrigen Sdelleuten wurde eingelaſſen. 620 Man ſchloß die Thüre alsbald wieder, obgleich der Zweck weshalb ſie Anfangs verſperrt worden, erreicht war. Dieſe Vorſicht war ein Glück für den König, denn faſt unmittel⸗ bar darauf drangen viele Freunde und Diener Gewrie's in die Gallerie und begehrten laut nach ihrem Herrn und Ver⸗ wandten. Vergebliche Anſtrengungen wurden gemacht, um die Thüre einzuſtoßen; wo nur eine Spalte ſich zeigte, wur⸗ den Schwerter durchgeſteckt, und einer von den Murray's, der ſich gegen die Scheidewand lehnte, wurde am Bein ver⸗ wundet. Dann hörte man die Stimme Alexander Ruth⸗ vens von Freeland hereinrufen: „Um Gotteswillen, mein Herr Herzog, ſagt mir die Wahrheit: wie geht es Mylord Gowrie?“ „Er iſt wohl,“ antwortete Lennor in traurigem Tone. „Du aber biſt ein Narr. Geh Deiner Wege: Du wirſt für Deine jetzige Mühe nur wenig Dank einernten.“ Der Tumult auf der Straße wuchs aber noch immer; die Sturmglocke der Stadt ertönte und Jakob empfand ernſtliche Unruhe. „Eilt hinunter, Mylord von Mar, eilt hinunter!“ be⸗ fahl er;„habt wol Acht auf den Hof und auf die Thore. Jagt des Verräthers Leute hinaus oder erſchlagt ſie und ſtellt eine gute Wache an jedes von den Thoren wie in die Gärten. Der junge Tullibardine iſt in der Stadt mit allen ſeinen Leuten! könntet Ihr ihn nicht auffinden, mein ſchmäch⸗ tiger John Murray?“ „Ich will'’s verſuchen, Eure Majeſtät,“ erwiederte Mur⸗ ray von Arknay, der am Bein verwundet worden;„da iſt 621 aber Blair von Balthayock mit vollen fünfzig Mann in der Halle. Er kann die Thore beſetzen.“ „Ja, ſagt's ihm, ſagt's ihm!“ rief Jakob;„Chriſtie wird ihm alle Vertheidigungspunkte anweiſen. Nun, Ihr Herren,“ fuhr er fort,„laßt uns zur Unterſuchung der Verräthersleichen ſchreiten; wir können vielleicht etwas fin⸗ den, was der Juſtiz das Maul ſtopft. Deckt erſt dieſen auf und ſeht, was ſich vorfindet.“ Der Mantel wurde von Alexander Ruthvens Leiche ge⸗ hoben, und ohne ſein hübſches Geſicht zu beachten, das jetzt in der Ruhe des Todes dalag, durchſuchten die Höflinge ſeine Taſchen. Es fand ſich jedoch nur eine Börſe mit einer kleinen Geldſumme und ein Brief von ſeiner eigenen Hand, welcher dem König augenblicklich eingehändigt wurde. „Das muß aus dem Wege geſchafft werden,“ ſagte Ja⸗ kob, das Papier prüfend.„Iſt Feuer in der Küche?“ „O ja, gewiß,“ erwiederte Ramſay, und nachdem er den Brief in tauſend kleine Stücke zeriſſen, gab ihn der Kö⸗ nig ſeinem Pagen mit den Worten: „Wirf ihn in's Feuer, Jock, augenblicklich: doch wart ein Bischen; es könnte noch mehr geben.“ „Es findet ſich nichts mehr, Sire,“ ſagte der Earl von Mar.„Sein Schwert iſt nicht gezogen worden; es iſt ganz in die Scheide geroſtet.“ „Das hat nichts damit zu ſchaffen,“ ſchrie der Monarch ärgerlich.„Durchſucht den Anderen; ſeht, was Ihr bei ihm finden könnt.“ 1 „Hier iſt etwas, was ſich der Mühe lohnt,“ rief Sir 622 Thomas Erskine, der Gowrie's Gürtel gelöst hatte, und nun des jungen Earls Nativität, wie ſie von Manucci auf⸗ gezeichnet worden, mit ihren verſchiedenen Zeichen und Fi⸗ guren den Umſtehenden vor Augen hielt. „Das iſt Magie!“ rief der König hoch entzückt.„Ich ſagt' es Euch ja: er war ein Teufelsbraten und Hexenmei⸗ ſter, und hätte uns durch ſeine verdammenswerthen Künſte um's Leben gebracht. Ich wußte es wohl. Sagte ich es Dir nicht, Jock Ramſay?“ „Und auch mir, Sire,“ betheuerte Herries.„Eurer Majeſtät Weisheit iſt unfehlbar.“ „Seht, der Leichnam blutet nicht!“ rief der König; nauch das iſt Zauberei, bei meinem Leben! Dreht ihn um, dann wird er alsbald bluten, nachdem dieſer Zauber⸗ ſpruch entfernt iſt.“ Und ſo geſchah es in der That, denn ſobald der Leich⸗ nam umgedreht war, ſo daß die Wunde, an der er geſtorben, in eine andere Lage kam, ſah man einen ſchwarzen Blut⸗ ſtrom hervorſtürzen. Während ſie dieſes Wunder anſtarrten, und der König das Papier, das er in der Hand hielt, zu wie⸗ derholtenmalen für einen Zauberſpruch erklärte, wuchs der Lärm auf den Straßen in hohem Grade; aber der Tumult klang diesmal ganz anders. „Der Teufel ſteckt in dem Volk!“ ſchrie der König. „Wollen ſie das Haus niederreigen? Schaut zum Fenſter hinaus, Mylord von Mar.“ „Das ſind unſere Freunde, die alſo ſchreien,“ bemerkte Mar, nachdem er aus dem Fenſter geſchaut hatte.„Die 623 Bürgermeiſter und ihre Leute haben ſich durch die Menge Bahn gebrochen und ſcheinen ſehr zerknirſcht.“ Er lehnte ſich abermals zum Fenſter hinaus und horchte eine Weile auf den Ruf, der von unten heraufdrang.„Sie wünſchen ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, daß Eure Majeſtät gerettet iſt,“ fuhr er, an Jakob gewendet, fort;„von Euren eigenen Lippen wollen ſie Eure Befehle empfangen.“ „Iſt's auch ſicher, Mann? Iſt es gewiß?“ fragte der König.„Verſtellen ſie ſich nicht?“ „Nein, nein,“ verſetzte Mar.„Sie haben jenen kleinen Bürgermeiſter Roy— ich glaube, ſo heißt er— an ihrer Spitze.“ „Ah ja, den kleinen Taſchenkrebs Roy!“ lachte Jakob. „Vor dem fürcht' ich mich nicht.“ Und an's Fenſter tre⸗ tend, ſchrie er ſo laut er konnte:„Bürgermeiſter Roy, Bür⸗ germeiſter Roy! ich bin wohl und gerettet, dem Himmel ſey Dank! Ich befehle Euch, daß Ihr all dieſe Leute zerſtreut und ruhig nach Hauſe weist.“ Nach dieſen Worten zog er den Kopf wieder zurück, und der gute Bürgermeiſter gab ſich alle erdenkliche Mühe, um dem königlichen Gebote zu gehorchen und das Volk zu zer⸗ ſtreuen. Allein ſeine amtliche Beredſamkeit und ſeine Pro⸗ klamation auf dem Marktplatze hatte nur wenig Erfolg, denn eine ungeheure Menſchenmaſſe hielt fortwährend die Straße vor dem großen Hauſe beſetzt, und Schreien und Fluchen auf die Mörder des Unſchuldigen machte ſich von Zeit zu Zeit Bahn unter der Menge. Es iſt nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß der Pöbel ohne die impoſante Waffenmacht, 624 welche Blair Balthayock mit gezogenen Schwertern im Hofe hatte aufmarſchiren laſſen, und welche das Volk durch die Eiſengitter wohl gewahren konnte— in das Schloß gedrun⸗ gen wäre und(wie Nisbet in ſeiner Heraldik ſagt) den Hof in Stücke geſchlagen hätte. Ueber eine Stunde hielt Jakob mit ſeinen vornehmſten Edlen und Günſtlingen Berathung, deren Reſultat nur in allgemeinen Gerüchten verlautete. Man vermuthet, daß dieſe Stunde dazu benützt wurde, um die ziemlich loſe Ge⸗ ſchichte, welche ſpäter mit königlicher Autorität publieirt wurde, zuſammenzuflicken und die Erzählung, wie ſie Jakob auf dem Herwege von Falkland preisgegeben hatte, mit den finſteren blutigen Thaten, welche darauf gefolgt, einiger⸗ maßen in Einklang zu bringen. Wie dem auch ſeyn mag, ſo war noch um ſieben Uhr Abends eine ſolche Menſchenmaſſe auf der Straße verſam⸗ melt, daß es für den König gefährlich geweſen wäre, den Ausgang durch ſie zu verſuchen. Der Thürſteher Chriſtie und ein Mann Namens Dogie wurden vor den König ge⸗ rufen, und auf ihren Rath ward beſchloſſen, ein Boot vor die Gartentreppe zu bringen, mittelſt deſſen Jakob und ſeine vornehmſten Höflinge auf dem Tay nach dem South Inch gerudert werden ſollten, während der Reſt des königlichen Gefolges den Durchgang durch die Straßen verſuchen würde; der junge Herr von Tullibardine ſollte angewieſen werden, mit dem ſtarken Reiterkorps, das er in die Stadt gebracht hatte, alle Zugänge zum Inch gegen diejenigen, die nicht eine gewiſſe Loſung beſäßen, zu bewachen. 625 Dieſer Plan wurde raſch und geſchickt ausgeführt, und gegen acht Uhr ſtieg Jakob bei düſterem Himmel und unter ſtarkem Negen am South Inch zu Pferd und ritt wieder ge⸗ gen Falkland zurück, während Tullibardine und die Mur⸗ ray's die Kavalkade deckten. So endete der Edle, der Brave und Getreue! ſo trium⸗ phirte der Schwache, der ſchändliche Verräther! Wer die Blätter der Geſchichte, wo nur zu viele Ereigniſſe der Art aufgezeichnet ſind, mit Aufmerkſamkeit durchliest, der möge bezweifeln, wenn er kann, daß eine Zukunft herannaht, wo ſolche Schandthaten gebüßt werden. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Auſtin Jute war unterwegs nach Dirleton; aber er zog ſeine Straße nur höchſt ungerne. Er fürchtete für das Schickſal ſeines innig geliebten Herrn, und unter anderen Umſtänden wäre er treu an ſeiner Seite geblieben, um ſeine Gefahr zu theilen und ſte abzuwenden oder bis zum Tode zu ſeiner Vertheidigung zu kämpfen. Gowrie's Befehl war aber peremptoriſch geweſen; des Earls Mutter und Julia mußten nothwendig gewarnt werden, und Auſtin Jute ritt, wie geſagt, mit ſchwerem Herzen weiter. Ich will mich nicht mit Schilderung ſeiner Reiſe auf⸗ halten, ſondern nur bemerken, daß es ihm gelang, der kö⸗ niglichen Kavalkade bei ihrer Annäherung gegen Perth aus⸗ zuweichen, und daß er dann nach dem alten Familienſitze James. Gowrie. 7 626 der Ruthvens und Halyburtons weiter zog, den er jedoch erſt gegen acht Uhr erreichte, da er unterwegs etwas auf⸗ gehalten worden war. Er wurde alsbald vor die alte Gräfin geführt, welche in jenem Augenblicke neben der Braut ihres Sohnes ſtand und Julien zuſah, wie ſie aus dem Gedächtniſſe ein Porträt Gowrie's zeichnete. Jeder Zug ſeines Geſichtes war ihr ſo tief eingeprägt, daß ſie, die eine vollendete Meiſterin in dieſer Kunſt war, das Bild mit leichter Mühe auf die Leinwand übertrug. Sie brauchte blos den Blick zu heben und die leere Luft durch die Macht ihrer Fantaſie zu beleben, um Gowrie in all' ſeiner jugend⸗ lichen hochſinnigen Schönheit vor ihres Geiſtes Auge hin⸗ zuzaubern. Als Auſtin Jute eintrat, wendete ſich die Gräfin halb gegen ihn mit den Worten: „Ich glaube Euren Auftrag ſchon zu wiſſen, guter Mann. Die Freude auf meines Sohnes Ankunft wird ſich um einen Tag verzögern. Iſt dem nicht ſo?“ „Sie wird verzögert werden, Madame,“ erwiederte Auſtin in ſo ernſtem Tone, daß Julia augenblicklich den Pinſel fallen ließ und aufſprang. „Was ſagte er?“ rief ſie, ihre glänzenden Augen voll Spannung auf des Dieners Geſicht heftend.„Auſtin, Auſtin, was iſt vorgefallen?“ „Mein theures Kind, rege Dich nicht zu ſehr auf,“ ſagte Gowrie's Mutter in beſänftigendem Tone.„Du weißt, daß der König geſtern unſeren William auf heute zu ſich nach Perth beſchieden, und wenn Gowrie den König —— 627 zum Gaſte hat, ſo kann er natürlich ſein Haus nicht ver⸗ laſſen, ſelbſt nicht um Dich zu beſuchen, Du Liebe!“ „ s iſt etwas wie es nicht ſeyn ſoll,“ rief Julia, noch immer Auſtin's Miene ſirirend.„Ich ſeh's ihm an; es iſt etwas vorgefallen.“ „Nein, nein, theure Lady; es iſt nichts vorgefallen, daß ich wüßte,“ erwiederte Auſtin Jute.„Des Königs Ankunft hat Mylord überraſcht; denn er erfuhr ſie erſt heute beim Mittageſſen.“ „Erſt heute!“ rief die alte Gräfin mit plötzlichem Stirn⸗ runzeln.„Ei, ſie wurde ja meinem Knaben William geſtern Abend um vier Uhr angekündigt! Doch laßt uns hoffen,“ fuhr ſie fort,„daß dies nur einer von des Königs tollen Späſſen iſt. Er ſoll die Leute gern überraſchen und ſich an der verurſachten Verlegenheit ergötzen. War der König angelangt, ehe Ihr abreistet?“ „Nein, Madame; aber er war nur noch eine Meile von der Stadt,“ verſetzte Auſtin Jute.„Mylord ſchickte mich, um Euch zu warnen und——“„ Hier ſchwieg er zögernd, und die alte Gräfin ergänzte ſeine Rede mit den Worten: „Und um uns zu ſagen, er werde morgen kommen. War es nicht ſo?“ Auſtin ſchüttelte den Kopf. „Das wollte er ſagen, Mylady,“ erwiederte er;„aber er hielt inne, während ſchon die Worte auf ſeinen Lippen waren und ſagte: enein, ich will kein Verſprechen auf morgen geben. Gott und Gott allein weiß, was morgen ſeyn wird.“ 40* 628 Julia ſank in einen Stuhl und bedeckte ſich die Augen; die alte Gräfin legte die Hand an die Stirne und verſank in tiefe Gedanken. „Laßt Euch nicht mehr als nöthig beunruhigen, theure Damen,“ fuhr Auſtin Jute fort, nachdem er eine Weile geſchwiegen hatte;„Mylord ſchien ganz beſtürzt von dem plötzlichen Beſuche des Königs und mochte die Sache viel⸗ leicht ernſter nehmen, als ſie wirklich war.— Doch laßt mich Euch erzählen, was er mir auftrug. Ich kann es Euch Wort für Wort geben, denn ich habe es auf dem Herwege unaufhörlich für mich wiederholt. Sein Befehl lautete: iſag' ihnen, der König kommt. Sag' ihnen, ich weiß nicht, warum er kommt; laß ihr eigenes Urtheil das Uebrige er⸗ gänzen. Vor allen Dingen, fuhr mein edler Lord fort, möge meine Mutter auf ihrer Hut ſeyn und für die Sicher⸗ heit meiner jüngeren Brüder ſorgen.“ „Weiſe und überlegt wie immer!“ rief die alte Gräfin. „O Gowrie, Gowrie!“ Julia verharrte in ihrem Stillſchweigen: ſie weinte nicht, ſie ſprach nicht, ſchien kaum zu athmen, und Auſtin Jute fragte endlich in leiſem Tone: „Soll ich zurückgehen, Madame, und Nachrichten ein⸗ ziehen?“ „O thut das!“ rief Julia aufſpringend und die Hände ringend.„Bringt mir Nachrichten, bringt mir Nachrichten!“ „Halt!“ befahl die Gräfin mit wiedererlangter Ruhe. „Nicht Ihr, mein guter Mann. Ihr ſeyd dort bekannt; ich will einen Fremden ſchicken. Geht und erquickt Euch 629 in der Halle; aber erſt ſchickt mir William Laing, und heißt die Stallknechte unverzüglich ein Pferd für ihn richten.“ „Wir laſſen uns allzu ſehr von der Furcht hinreißen, mein Kind,“ fuhr die Gräfin zu Julia gewendet fort, ſobald Auſtin Jute ſich entfernt hatte.„Wir nehmen für gewiß, daß gegen meinen Sohn ohne Urſache Uebles beabſichtigt werde. Zwar wiſſen wir, daß der König ihn früher bearg⸗ wöhnte; aber wir wiſſen auch, daß ſein Verdacht unbegrün⸗ det war, und da Jakob in neuerer Zeit größere Gnade gegen ihn bewieſen hat, ſo dürfen wir wohl annehmen, daß er ſich von der Grundloſigkeit ſeiner Zweifel überzeugt hat.“ Julia kniete auf das Kiſſen vor der Gräfin Füßen nieder und legte ihre ſchöne breite Stirne auf deren Knie. „Es wurde ihm prophezeit,“ murmelte ſie leiſe,„daß ihm um dieſe Zeit große Gefahr drohe, und wir wurden auf höchſt auffallende Weiſe gewarnt, daß wir nie vereinigt werden würden. Klügelt nicht mit mir, theure Lady: ich fühle, ich bin jetzt abergläubiſch, was ich nie zuvor geweſen; ich fühle auch, daß es vergeblich iſt, gegen den Aberglauben anzukämpfen, wenn er ſich unſeres Gemüthes bemächtigt hat. Gott gebe, daß meine Beſorgniſſe ſich als eitel und voreilig bewähren mögen! wenn nicht, ſo gebe Gott, daß wir Beide Stärke genug haben, um uns unter ſeinen Willen zu beugen! Aber mein Gehirn ſteht in Flammen, und mein Herz hat kaum noch die Kraft, ſich zu regen.“ 3 Die Gräfin ſchlang ihre Arme um ſie und küßte ihren Nacken; im ſelben Augenblicke trat der beorderte Diener in's Zimmer. 630 „ „Steigt ſogleich zu Pferd, William Laing,“ befahl die Gräfin,„und reitet in aller Eile nach Perth. Bringt uns unverzüglich Nachricht, wie es dem Earl geht; erfahrt Ihr unterwegs wichtige Kunde— aber wohlgemerkt: Kunde auf die Ihr Euch verlaſſen könnt— ſo kehrt um und laßt es uns wiſſen, zu welcher Stunde es auch ſeyn möge. Jetzt fort und verliert keinen Augenblick unterwegs. Da iſt Geld, denn Ihr werdet ein Boot bedürfen.“ Eben als der Mann ſich entfernte, trat der junge William Ruthven in's Zimmer, und da er die ängſtlichen Mienen der Frauen gewahrte, rief er faſt in fröhlichem Tone: „Nun was gibt's denn, theuerſte Mutter? was haſt Du, ſüße Schweſter Julia? Ich komme hoch erfreut Euch zu erzählen, daß mein neuer Falke Bell den größten alten Reiher im Lande beſiegt hat und—— doch hier ſcheint etwas Ernſtliches vorzugehen,“ fuhr er fort, als Julia mit Thränen in den Augen ſich abwandte;„Gowrie— was iſt's mit meinem Bruder?“ „Nichts, nichts,“ antwortete die Gräfin.„Sein eng⸗ liſcher Diener iſt ſoeben angelangt mit der Meldung, daß Gowrie heute nicht kommen kann, da der König ihm einen plötzlichen Beſuch abſtattete, den er erſt heute Mittag er⸗ fahren; unſere theure Julia, deren Herz an die rauhen Ereigniſſe der Welt nicht gewöhnt iſt, hat ſich— nutzlos wie ich hoffe und vertraue— darüber geängſtigt. Bleibe bei ihr und tröſte ſie, William. Ich habe einige Befehle zu geben.“ Sie verließ das Zimmer und ſchickte augenblicklich nach 631 12 dem Gutsaufſeher von Dirleton. Der Mann erſchien un⸗ verzüglich, denn im ganzen Hauſe herrſchte jenes unbeſtimmte Unbehagen, jene Erwartung böſer Stunden, welche ſo häufig dem Unheil voraneilt, und jeder Diener war rüſtig bei der Hand. Sobald die Thüre des kleinen Zimmers, in das ſie ſich zurückgezogen hatte, geſchloſſen war, begann die Gräfin: „Ich weiß, ich kann Euch vertrauen, Guthrie. Ich habe Neuigkeiten von Perth, die mir nicht gefallen. Der König überraſcht meinen Sohn mit einem Beſuche, und der Earl läßt mir ſagen, ich ſoll auf meiner Hut ſeyn und für die Sicherheit ſeiner Brüder wachen. Haltet vier Pferde ge⸗ ſattelt im Stalle; zwei Diener müſſen parat ſeyn, um im Nothfall mit den Knaben zu fliehen— wenigſtens bis wir mehr erfahren. Und nun, Guthrie, ſammelt mir alles Geld, das Ihr auftreiben könnt; zeht zu allen benachbarten Pächtern und fordert ihnen ſämmtliches vorräthige Geld ab, ſoweit ſie es an Zinſen ſchulden. Sagt ihnen, die Gräfin brauche es: ſie wiſſen, daß ich ſie nur in der höchſten Noth dränge, und ſie werden mir's, denk'ich, nicht abſchlagen.“ „Es iſt nicht Einer unter ihnen, der nicht bereitwillig ſeinen letzten Heller hergäbe, Mylady,“ erwiederte der Faktor. „Höchſtens der alte Jock Halyburton von der Mühle wird eine Ausnahme machen. Ich will ſogleich meine Runde antreten und in einer Stunde zurück ſeyn.“ „So geht denn, Guthrie, geht,“ antwortete die Gräfin, und ihr Haupt auf die Hand ſtützend, verweilte ſte über eine halbe Stunde in tiefen, bitteren, peinlichen Gedanken. Sie 63²2 hörte nicht, daß mehrere Schritte an der Thüre vorüber⸗ kamen, und das Erſte, was ſie aus ihrer Träumerei erweckte, war ein lauter, gellender, durchdringender Schrei aus dem anſtoßenden Zimmer. Sie fuhr alsbald auf und ſtürzte hinein; aber in der ſchwachen Dämmerung, die nunmehr eingetreten, vermochte ſie im erſten Augenblicke keinen klaren Ueberblick über die Scene drinnen zu gewinnen. Sie ſah blos, daß außer ihren eigenen Söhnen noch zwei Männer im Zimmer waren. Im nächſten Augenblicke erkannte ſie die arme Julia, die neben dem Fenſter auf dem Boden ausgeſtreckt lag, während William ſich zärtlich über ſie beugte und der jüngere Knabe Patrick todtenbleich und in bitterem Grame die Hände ringend näher bei der Thüre ſtand. „Ach Henry, Du haſt ſie getödtet! die arme verſengte Blume!“ rief William Ruthven, als ſeine Mutter eintrat. „Ich wußte nicht, daß ſie im Zimmer war,“ erwiederte Henry Ruthven von Freeland, denn er war einer von den beiden Männern, welche die Gräfin geſehen hatte, und faſt im ſelben Augenblicke ergriff ſein Bruder Alexander der alten Gräfin Hand mit den Worten:— „Ach, theure Lady, das iſt ein bitterer Tag!“ „Welche Nachricht?“ fragte die Gräfin in faſt über⸗ natuͤrlich kaltem und ruhigem Tone, indem ſie ſich zu gleicher Zeit in einem Stuhle nebenan niederließ. Der junge Mann ſtockte eine Weile, ehe er erwiederte: „Ich und mein Bruder Henry ſind gezwungen, in aller 633 Eile zu fliehen, theure Lady, weil wir unſer Schwert zur Vertheidigung Eurer edlen Söhne gezogen.“ „Dann ſind meine Kinder nicht mehr,“ ſagte die Gräfin feierlich,„denn ihre Freunde würden nicht fliehen, wenn ſie noch am Leben wären. O verfluchter Stamm der Stuarts! tyranniſch, ſchwach und blutdürſtig! Konnte des Vaters Tod nicht Deinen Rachedurſt ſtillen? Mußteſt Du ihn an den unſchuldigen Kindern auslaſſen? Möge der Himmel den Lohn von Dir abwenden, der Denen gebührt, welche harm⸗ loſes Blut vergießen? Möge er Dich nur mit den Gewiſſens⸗ biſſen heimſuchen, welche die Reue erzeugt! O meine armen Knaben! was habt ihr gethan, um ſolches zu verdienen? Doch ich will nicht wanken— nein, keine Thräne will ich vergießen. Gott ſey Dank, ich bin alt, und die Trennung wird nur kurz währen. Ich will des letzten Gebotes meines edlen Sohnes gedenken und für ſeine armen Brüder ſorgen. Knaben, Knaben! macht euch bereit, um augenblicklich ab⸗ zureiten, denn dieſes Land taugt nicht länger für euch. Jakob Stuart wird nimmer ruhen, ſo lange ein Tropfen eures Blutes noch unvergoſſen, ein Acker eurer Ländereien noch euer eigen iſt. Fort! macht euch parat! die Pferde ſtehen geſattelt im Stalle; das Geld wird ſogleich hier ſeyn. Reitet mit ihnen, Henry und Alex; Ihr werdet ihnen einigen Schutz gewähren.— Und Du, armes Ding!“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich erhob und quer durch das Zimmer auf Julia losſchritt,„Dein prophetiſches Herz hat Dich nicht umſonſt gewarnt. Ach, es war die Orakelſtimme tiefer, ächter Liebe, welche geſprochen. Vaterlos, mutterlos, des 634 Geliebten beraubt, ſollſt Du bei der Armen bleiben, welche dieſer Mann kinderlos machen möchte. Meine Heimath ſoll Deine Heimath und Du ſollſt mir wie eine Tochter ſeyn. Verſuche nicht, ſie zu erwecken, William: goͤnne ihr die eine Minute frei von Todesangſt. Du kennſt nicht den Segen, den Du ihr nähmeſt, wenn Du ſie in's Leben und zur Er⸗ innerung zurückrufen wollteſt.— Weine nicht, mein theurer Junge! weine jetzt nicht. Spare Deine Thränen wie ich für eine andere Stunde; wenn Du in der Ferne geborgen biſt, dann wollen wir um Andere weinen, welche ſicherer ſind als wir. Geh, geh, mein Knabe— rüſte Dich; und auch Du, Patrick, denn die Sonne darf Dich nicht mehr in Deinem Geburtslande beſcheinen.— Geht eine Weile mit ihnen, gute Vettern, während ſie ſich bereit machen, und laßt mich und meine Dienerinnen für dieſes arme Kind ſorgen.“ Es dauerte faſt eine Stunde bis Julia erwachte— ich wollte ſagen zum Bewußtſeyn; doch das wäre falſch. Als ſie ihre Augen aufſchlug, ſchaute ſie wild um ſich und ſprach den Namen Gowrie in leiſem klagendem Tone, der ſeiner Mutter tief in's Herz drang. „Komm, mein Kind,“ ſagte die Gräfin zärtlich;„komm mit mir auf Dein Zimmer.“ „Gowrie,“ wiederholte Julia in demſelben Tone, ſeiner Mutter ausdruckslos in's Geſicht ſtarrend,„Gowrie!“ Das war Alles, was ſie ſeit dieſem Augenblicke ſprach: kein anderes Wort kam über ihre Lippen. Sie blieb ſanft, lenkſam, that Alles, was man von ihr verlangte; aber ſie äußerte nie mehr ein anderes Wort als dieſen Namen. Ihre 635⁵ Sprache ſchien dahin bis auf dieſen einzigen Laut, und auch er wurde mit jedem Tage ſchwächer und ſchwächer, während die roſige Farbe von ihren Wangen verſchwand, die Hand dünn und bleich wurde und das wilde ruheloſe Licht ihrer Augen erloſch. Noch zehn Wochen weniger einen Tag ver⸗ ſtrichen, und auch Julia fand Ruhe und Frieden. Das größte Glück für ſie war, daß die Vernunft nicht mehr zurückkehrte; ſie hätte ſonſt den Geliebten für einen Ver⸗ räther erklärt hören müſſen, obgleich er nie im Traume an Verrath dachte; hätte hören müſſen, wie ſein Leichnam von der Hand des Nachrichters entweiht wurde, wie die treuen Freunde und Diener, die ihr Schwert gezogen hatten, um ihn vor Meuchelmord zu retten, mit der Folter gepeinigt und einem entehrenden Tode überantwortet wurden, hätte hören müſſen, wie man ſeine Ländereien einzog, ſeine Familie ächtete, ja ſeinen bloſen Namen in den Mund zu nehmen verbot und mit feierlicher Verſpottung der göttlichen All⸗ wiſſenheit für ſeinen Untergang und die Errettung ſeiner Mörder ſogar Dankgebete anſtimmte. Hiefür hätte es nur einen Troſt geben können, nämlich den, daß alle Menſchen ihn für unſchuldig hielten, daß die Beſten und Edelſten unter der Geiſtlichkeit ſeines Geburts⸗ landes ſogar auf die Androhung der Suspenſion und Ver⸗ bannung ſich weigerten, ſo wie man von ihnen verlangte, Gott zu verſpotten, und daß durch ganz Europa die Ge⸗ ſchichte ſeines angeblichen Verrathes mit Verachtung be⸗ handelt und die Nachricht ſeines Todes mit Kummer und Mitleid aufgenommen wurde. Doch Julia ſtarb, ohne 636 wieder einen Strahl von Vernunft zu erlangen, der ſie unter der Laſt hätte ſeufzen oder die Erleichterung hätte empfinden laſſen, und ging in jene ſtille Heimath ein „Wo der Böſe nicht mehr peinigt, Und der Müde Ruhe hat.“ Sechsundoierzigſtes Kapitel. Nachſchrift. Es mag auffallend erſcheinen, wenn wir ein Werk wie das vorliegende mit Betrachtungen ſchließen, wie ſie ſonſt an den Anfang geſetzt zu werden pflegen, und in einer Nach⸗ ſchrift jene allgemeine Ueberſicht eines Gegenſtandes geben, welche gewöhnlich die Vorrede bringt. Ich muß ſagen, daß ich— mit einziger Ausnahme der Fälle, wo das richtige Ver⸗ ſtändniß der Hauptabſicht des Werkes und die klare Einſicht in die Grundſätze, von denen der Autor geleitet wird, zum Begreifen des Folgenden nothwendig ſind— ſonſt durch⸗ aus gegen alle Vorreden bin. Ich mag den Leſer nicht zum Voraus zu Gunſten meines Buches einnehmen, noch ihn mit meinen eigenen ſpeziellen Anſichten traktiren, um ſeine Zuſtimmung zu dem was nachfolgt zu erlangen; ich kann darum ebenſo gut am Schluſſe(der dem Leſer jeden⸗ falls ſicherer vor Augen kommt) anbringen, was manche Andere im Beginne geſagt hätten und meine eigene ganz en tſchiedene Ueberzeugung über einen hiſtoriſchen Stoff, welchen Andere— mir unbegreiflich— von entgegengeſetz⸗ 637 tem Standpunkte betrachten— durch wenige Bemerkungen rechtfertigen. Der hoͤchſt intereſſante Gegenſtand, den ich wählte und ſchon ſeit mehreren Jahren überlegt hatte, wurde mir zuerſt durch einen tapferen Offizier*, einen Abkömmling der Fa⸗ milie, welche in den vorangehenden Blättern die Hauptrolle ſpielt— vor Augen geführt. Wer mein Buch wirklich ge⸗ leſen und es geduldig bis zu dieſen Schlußſeiten gebracht hat, auf den darf ich mich wohl mit der Frage berufen, ob ich Mühe, Forſchungen und Nachdenken an meinem Werke geſpart habe. Ich weiß, daß ich nicht ſäumig war und glaube, der Leſer wird den Beweis hievon in der Erzählung ſelber finden. Die Frage iſt, ob der junge Earl von Gowrie und ſein Bruder ein Komplott angeſponnen, um König Jakob VI. von Schottland zum Zwecke der Ermordung in ihr Haus nach Perth zu locken, wobei der König durch ein Wunder entronnen ſey und ſie ſelbſt zur Erwiederung habe erſchlagen laſſen oder ob der König eine Verſchwörung angezettelt habe, um ſie unter dem Anſcheine eines freundlichen Be⸗ ſuches in ihrem Hauſe zu überraſchen und nach einem vorher angelegten Plane in ihrer eigenen Behauſung zu ermorden. Wie der Leſer ſah, ſo habe ich behauptet und werde ich immer behaupten, daß Letzteres der Fall war. Wenn Einer eines Verbrechens angeklagt wird, ſo muß bewieſen werden, daß das Verbrechen begangen wurde, daß der Angeklagte hinlänglichen Beweggrund hatte, und daß * Obriſtlieutenant Cowell. 638 er durch ausreichende Beweisgründe der That überführt wird. Das Verbrechen, deſſen der Earl von Gowrie und ſein Bruder beſchuldigt wurde, war, daß ſie König Jakob, in der Abſicht ihn zu ermorden, in ihr Haus nach Perth gelockt hätten, denn in ſolchen Fällen bildet gerade die Abſicht das Verbrechen. Als Beweggrund wird der Wunſch angegeben, ihm als nächſter Erbe auf dem Throne von Schottland nachzufolgen. Dieſer Punkt wurde nur ſehr zart berührt, weil es ein zu hohler Vorwand war, der vor der oberfläch⸗ lichſten Unterſuchung alsbald zerrinnen mußte; aber gleich⸗ wohl wird er offenbar als Beweggrund angegeben. Gowrie war nur entfernt verwandt mit Jakob durch Margarethe Tudor, Königin von Schottland, des Königs Urgroßmutter, eine engliſche Prinzeſſin, deren Blut ihm keinerlei Anſpruch auf den ſchottiſchen Thron gab, wenn dies auch mit dem engliſchen der Fall ſeyn mochte. Ueberdies hatte der König damals einen Sohn am Leben, und ein zweiter wurde ein paar Monate ſpäter geboren, ſo daß Gowrie, auch wenn der König an jenem entſcheidenden fünften Auguſt getödtet wor⸗ den, von Schottlands Throne ebenſo fern wie nur je ge⸗ blieben wäre. Nun haben wir den Beweis zu prüfen, ob der Earl oder ſein Bruder irgend ein Verbrechen begangen habe, und ich nehme keinen Anſtand zu ſagen, daß jeder Mann von geſun⸗ dem Menſchenverſtande einſehen mußte, nicht allein daß Gowrie und ſein Bruder unſchuldig, ſondern auch daß Jakob ſchuldig war. Erſtlich müſſen wir bemerken, daß dieſer 639 Beweis nur von einer Seite herrührte, daß für den todten Angeklagten keine Vertheidigung geführt wurde, daß keine Entlaſtungszeugen vernommen und die Zeugen des Gegen⸗ partes keinem Kreuzverhöre unterworfen wurden. Der König ſelbſt war der Hauptzeuge, denn ſeine Erzählung muß als gerichtliche Angabe genommen werden. Er erklärte, des Earls Bruder, Alexander Ruthven, ſey zu ihm gekommen, als er in Falkland zur Jagd ausreiten wollte, und habe ihn erſucht, unverzüglich nach Perth zu kommen, da er(Alexan⸗ der) einen Fremdling mit einem Topfe voll fremder Gold⸗ münzen, die er dem Könige zu ſichern wünſchte, gefangen genommen und in ſeines Bruders Hauſe eingeſperrt habe; er müſſe insgeheim kommen, ohne etwas davon verlauten zu laſſen, da er fürchte, der Mann könnte ein Geſchrei machen und die Aufmerkſamkeit des Earls erregen, der noch nichts von der Sache wiſſe. Jakob ſagt, er habe ſich entſchloſſen zu gehen, obgleich die Erzählung zu abgeſchmackt war, um bei einem vernünftigen Menſchen Glauben zu finden; ſtatt aber unverzüglich aufzubrechen, jagte er noch von ſieben bis zehn Uhr Morgens und ſtatt insgeheim zu gehen, nahm er den geſammten Hofhalt, alle ſeine gewöhnlichen Begleiter und überdies zwei Lakaien des Palaſtes nebſt dem Thürſteher und dem Kellermeiſter von Falkland mit ſich. Ueber die Unterredung zwiſchen dem König und Alexander Ruthven haben wir kein weiteres Zeugniß als das des Monarchen ſelber. Es iſt wahr, daß er dem Herzog von Lennor unter⸗ wegs jene Erzählung insgeheim mittheilte, worauf jener Edelmann alsbald ſeine Anſicht über die Unwahrſcheinlichkeit 640 der Geſchichte äußerte; aber der König beharrte dennoch darauf. Seine Majeſtät ließ dem jungen Earl ſeine Ankunft nicht eher melden, als bis er nur noch zwei Meilen von Perth entfernt war, und wurde ſodann von Gowrie und ſeinen Begleitern nicht insgeheim und allein, ſondern in deſſen Eigenſchaft als Lord Prevoſt an der Spitze des eiligſt verſammelten Stadtmagiſtrates empfangen. Der König fährt ſodann fort, die Ereigniſſe im Palaſte ſelbſt zu erzählen und macht ſeine Bemerkungen über des jungen Edelmannes Betragen, das nichts weniger als höflich, ſchmeichelnd und zum Einlullen und Täuſchen berechnet, vielmehr gerade ſo war, wie ſich's von einem Manne erwarten ließ, der durch den plötzlichen unangemeldeten Beſuch eines Souveräns überraſcht wird, während er ſelbſt im Begriffe ſteht eine Reiſe von längerer Dauer anzutreten. Er blieb fremd und ſchweigſam, und wenn er ſich auch gegen den König auf⸗ merkſam zeigte, ſo war dieß gegen deſſen ungeheures Gefolge keineswegs der Fall. Nach der Tafel wurde der König von Alexander Ruthven in ein Zimmer neben der Gemäldegallerie geführt, um ſich dort auszuruhen, und der König ſagt, er ſey durch viele Zimmer gekommen, deren Thüren alle hinter ihm verſchloſſen wurden. Da hätte der König von ſeiner Klugheit ganz verlaſſen ſeyn müſſen, um unter ſolchen Umſtänden weiter zu gehen.— In dem Zimmer, in das er geführt wurde, ſtand nach des Königs wie nach Ramſay's Berichte ein großer, finſterer, ſtarker Bewaffneter. Der König ſchilderte ihn ganz genau, gab aber zu verſtehen, er ſey nicht einer 641 ſeiner eigenen Begleiter, ſondern ein Fremder geweſen. „Gleichwohl blieb er mit Alexander Ruthven noch längere Zeit im Geſpräch, ohne Unruhe merken zu laſſen, und wie er verſichert, ging der junge Edelmann ab und zu, um mit ſeinem Bruder zu verkehren. Durch die anderen Angaben iſt bewieſen, daß Gowrie die ganze Zeit über bis auf einen kurzen Augenblick theils mit dem großen Troſſe von Höflingen in der Halle ſich auf⸗ hielt, theils in den Gärten mit ihnen ſpazieren ging. Schließlich erklärt Jakob, Alexander Ruthven habe den König angegriffen und ihn erſt mit einem Dolche erſtechen, hernach ſeine Hände mit zwei Riemen binden wollen, indem er kaltblütig erklärte:„Verräther, Du mußt ſterben, und drum lege Deine Hände zuſammen, daß ich Dich binde.“ Wenn wir dem Zeugniſſe des Moyſes, eines der treueſten Diener des Königs, glauben dürfen, ſo befanden ſich an jenem Tage fünfhundert Edelleute in Perth, von denen volle Dreihundert der Familie Murray, unter dem Herrn von Tullibardine vom Könige herbeſchieden, angehört zu haben ſcheinen. Die übrigen waren des Königs Freunde und Anhänger, ſchon vollſtändig im Beſitze von Gowrie's Palaſte. Viele von ihnen befanden ſich mit dem Herzog von Lennor, dem Earl von Mar, Lord Lindores und Sir Thomas Erskine auf der Straße dicht unter jenem Zimmer. Alexander Ruthven hätte ein kühner und ſehr unkluger Verſchwörer ſeyn müſſen, wenn er wirklich des Königs Tod beabſichtigte, um einen ſo kaltblütigen Vorſchlag zu machen, ſtatt ihn mit dem Schwerte durch den Leib zu rennen, beſonders wenn James. Gowrie. 41„ 642 jener Bewaffnete abſichtlich zur Beihülfe bei der Ermordung von ihm in das Zimmer geſtellt worden. Nach des Königs Berichte that jedoch jener Bewaffnete nichts als zittern und zagen, und Alexander Ruthven hatte den ganzen Tag ſein Schwert nicht gezogen. Jakob erklärt ſodann, er ſey an's Fenſter geſtürzt und habe Verrath geſchrieen, und als John Ramſay haſtig in's Zimmer trat, das er auf fremden Rath erreicht hatte, wäh⸗ rend keiner von den Anderen es zu errathen vermochte, fand er den jungen Ruthven auf ſeinen Knieen, wie er des Königs Rufen Einhalt zu thun ſuchte. Jakob gab nicht den Be⸗ fehl, ihn zum Verhör zu ergreifen, ſondern ihn zu erſtechen, und deutete ſogar auf die Stelle, wo er erdolcht werden ſollte. Der Konig ließ ſich ſodann in das Kabinet ein⸗ ſchließen, während ſeine Freunde dem Earl einen Hinterhalt legten, um ihn gleicherweiſe zu erſtechen, ſobald er ſeinen Bruder aufſuchte. Die übrigen Angaben, mit einer einzigen Ausnahme, die ich ſogleich abhandeln werde, laufen darauf hinaus, zu beweiſen(was ich in den vorangehenden Kapiteln erwähnt habe), daß Gowrie durch den unangemeldeten Beſuch des Königs unangenehm überraſcht wurde, daß er den ganzen Tag unbewaffnet war, daß er auf das Gerücht, der König ſey fort, nach ſeinem Pferde rief, um ihm unbewaffnet, wie er war, mit dem übrigen Hofe nachzureiten, daß er ferner ſeine Gäſte nie länger als auf einen Augenblick ver⸗ ließ. Aus der ſehr genauen Unterſuchung deſſen, womit er ſich während des ganzen Vormittages beſchäftigt, geht her⸗ vor, daß er dem Morgengottesdienſte in der Pfarrkirche an⸗ wohnte, mit verſchiedenen Perſonen wichtige Geſchäfte ab⸗ machte, einige gewoͤhnliche Bekannte zu Tiſche lud und ruhig mit ihnen ſpeiste, daß er keinerlei Vorkehrungen für des Königs Ankunft traf und ſogar zwei ſeiner Diener abſandte, obgleich er nur acht bis neun im Hauſe hatte, und einer von ꝙ — — 643 dieſen krank zu Bette lag. Keiner der glaubwürdigen Zeu⸗ gen ſagt ein Wort, das Gowrie kompromittirte, und es iſt beinahe erwieſen, daß er unmöglich bei dem Mordverſuche ſeines Bruders betheiligt ſeyn konnte, wenn überhaupt ein ſolcher Verſuch gemacht wurde. Zu gleicher Zeit verlautet aber ſo Vieles, was beweist, daß Gowrie nicht der Mörder, ſondern der Gemordete war. Nirgends iſt eine Vorkehrung zu Begehung des Verbrechens getroffen: keine Streitmacht war verſammelt, keine Waffen zurecht gelegt, er ſelbſt war gänzlich unbewaffnet, ſein Bru⸗ der trug nur das gewöhnliche Schwert, denn der Dolch ſoll ihm von dem Bewaffneten entriſſen worden ſeyn. Andrew Ruthven, der ſeinen Better nach Falkland begleitete, war gleichfalls waffenlos, wie auch George Dewar, einer von des Earls Dienern. Er hatte nicht viele Freunde um ſich verſammelt, was ebenſo viele negative Zeugniſſe für ſeine Unſchuld abgibt. Ferner finden wir damals, als er nach ſeinem Pferde rief um dem Könige mit dem Reſte des Hofes zu folgen, daß er erfuhr, wie ſein Pferd aus ſeinem eigenen Hauſe ent⸗ fernt worden. Geſchah dies, um ſein Entkommen zu ver⸗ hindern? Während die eigentliche Handlung, die ſeinen Souverän des Lebens berauben ſollte, vor ſich gegangen ſeyn muß, ſtand er unbewaffnet mit einem zahlreichen Haufen der anhänglichſten Freunde des Königs mitten unter den könig⸗ lichen Dienern unbewaffnet unter dem Fenſter deſſelben Zim⸗ mers, wo die Thatgeſchehen ſollte! NRamſay's Angabe beweist, daß er(Ramſay) ſogleich den Weg wußte, wo er den Monarchen ſinden konnte, und Sir Thomas Erskine er⸗ zählt, Jakob ſey mit Alexander Ruthven nicht allein in des Earls Kabinet gegangen, ſondern er(Erskine) habe Beide begleitet, und ſey von dem König vor der Thüre des Zim⸗ mers aufgeſtellt worden. Auch iſt durch verſchiedene An⸗ gaben erwieſen, daß, als Erskine, RNamſay, Jakob und 41* 644 Georg Wilſon nach Gowrie's Tode und bevor die Leichname durchſucht wurden, in jenem Zimmer beiſammen waren, der Schlüſſel zur Galleriethüre ſich bei ihnen vorfand und dazu gebraucht wurde, die Edelleute von der andern Seite ein⸗ zulaſſen und des Earls Freunde auszuſchließen. Daß bei Alexander Ruthven nach ſeinem Tode ſich irgend ein Schlüſſel vorfand, wird nicht einmal behauptet. Ueberdies iſt bewieſen, daß der König, welcher ſo darge⸗ ſtellt wird, als ob er mit einem Verräther um ſein Leben gekämpft habe, bei der ganzen Sache ſo kaltblütig blieb, daß er, während ſeine Freunde den Gegner aus der Welt ſchaff⸗ ten, ſeinen Fuß auf die Riemen des Falken legte, damit er nicht auf und davon fliege. Setzen wir des Königs eigenes Zeugniß bei Seite, ſo lautete das aller anderen Perſonen eher zu Gowrie'’s Gun⸗ ſten und gegen den König; auch ließ ſich der Beweis leicht herſtellen, daß der König eine große Menſchenmaſſe in Perth verſammelt hatte zum Zeichen, daß ein ausgemachter Plan beſtand, jene Stadt zu beſuchen noch ehe aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach Alexander Ruthven jene Geſchichte mit dem Goldtopfe erzählt haben konnte. Dieſe Geſchichte war an ſich ſelbſt ſo abgeſchmackt und Vieles an des Königs Be⸗ hauptung der Wahrheit ſo unähnlich; das Faktum, daß der Earl und ſein Bruder ohne Widerſtand erſchlagen worden, während man ſie ohne Mühe oder Gefahr hätte ergreifen und nach dem Geſetze prozeſſiren können— war ſo verdäch⸗ tig, daß es Jakob's Rathgebern nöthig geſchienen haben muß, ſein Zeugniß durch einige bekräftigende Umſtände zu verſtärken. Niemand als der anweſende Bewaffnete konnte Zeugſchaft darüber ablegen, was in dem Galleriezimmer oder im Kabinette vorfiel; ſchon das wäre etwas geweſen, wenn man hätte beweiſen können, daß der Bewaffnete einer von Gowrie's Dienern war. Er, oder wenigſtens ein Stell⸗ vertreter mußte deshalb aufgeſucht werden; aber unglück⸗ 645 licherweiſe hatte der König in ſeiner erſten Proklamation eine ganz genaue Schilderung von der Perſönlichkeit des Mannes entworfen. Der Monarch beſchrieb ihn als einen finſteren grimmigen Mann, und da ſein Haupt entblößt war und Jakob einige Worte mit ihm ſprach, ſo konnte er ſich über ſeine Geſichtsfarbe nicht täuſchen. David Calder⸗ wood, welchen Mr. Scott in ſeinem Leben und Tode des Earls von Gowrie anführt, erklärt, der König habe den Mann anfänglich als Robert Oliphant, einen von Gowrie's Dienern, bezeichnet. Es zeigte ſich jedoch, daß Oliphant an jenem Tage nicht in Perth war. Zwei Andere wurden ſofort nacheinander als die Verbrecher bezeichnet; es gelang ihnen jedoch, die Beſchuldigung von ſich abzuſchütteln, und der nächſte Angeklagte war Henry Younger, gleichfalls einer von des Earls Dienern; als er jedoch aufbrach, um ſeine Unſchuld darzulegen, wurde er von einem Haufen königlicher Reiter angefallen, querfeldein verfolgt und niedergeſtoßen. Nun ſchien die Sache abgemacht; ſein Leichnam wurde auf dem Marktplatze zu Falkland ausgeſtellt, und Galloway, des Königs Kaplan, hatte die Frechheit, den Monarchen auf offenem Markte mit den Worten anzureden:„Sire, der Mann der bei der That hätte behülflich ſeyn ſollen, konnte nicht lebendig eingefangen werden; ſein Leichnam liegt nun aber vor Euch.“ Es wurde jedoch bald bewieſen, daß Henry Younger den ganzen fünften Auguſt zu Dundee geweſen, und ſo mußte man ſich abermals nach einem Anderen umſehen. In dieſer Noth erbot ſich Andrew Henderſon, des Earls Faktor, oder wurde durch das Verſprechen der Begnadigung dazu überredet, daß er ſich als Denjenigen angab, den der König und Ramſay geſehen hatten. Wie dies zuging, iſt nie bekannt geworden; man ließ ihn jedoch ſeine Angabe machen, und er erzählte dabei eine Geſchichte, die noch weit unglaublicher klang als die des Königs ſelber. Er ſagte, ſein Lord habe ihm befohlen, ſich zu bewaffnen, um einen 646 berüchtigten Räuber ergreifen zu helfen; zu dieſem Zwecke habe er ſich in ein Kloſet oben im Hauſe einſchließen laſſen müſſen, wo er etwa eine halbe Stunde gewartet habe, bis der König und Alexander Ruthven gekommen ſey. Die anderen Angaben beweiſen deutlich, daß dieſe Be⸗ hauptung ebenſo falſch als abſurd war, denn von des Königs Ankunft, bis zu dem Augenblicke, da ſich Jakob nach den oberen Zimmern verfügte, beſonders während der letzten dreiviertel Stunden, hatte Gowrie den Monarchen nur zwei⸗ mal verlaſſen, nämlich um die Edlen in die anſtoßende Halle zu führen, und dann, um auf des Königs Gebot ihnen zu⸗ zutrinken. Die Widerſprüche zwiſchen Henderſon's Ausſage und der Behauptung des Königs werden von Lord Hailes und Robertſon ausgeführt und von Scott genau zuſammen gefaßt. Biſchof Cowper's Predigten beweiſen, daß viele Perſonen in Perth Henderſon's Anweſenheit in Gowrie's Palaſte nach des Königs Ankunft überhaupt in Abrede zogen, und wenn auch jener würdige Paſtor manche Per⸗ ſonen geſprochen zu haben behauptet, welche Henderſon da⸗ ſelbſt geſehen, ſo ſcheint er doch dem Monarchen, für den er ſo ſehr befliſſen war, die Namen jener Männer nicht ange⸗ geben zu haben, denn nicht Einer von ihnen wurde aufge⸗ rufen, um die Wahrheit einer von Niemand geglaubten Erzählung darzuthun. Jakob ſelbſt brachte jenen Bericht in Mißkredit, indem er Henderſon nicht als jenen Bewaff⸗ neten nannte, obgleich er nach geſchloſſenem Verhöre einen offiziellen Bericht publizirte; und in der That, der König hätte es in keiner Weiſe thun können, denn er hatte vorher behauptet, der Mann ſey ein finſterer, grimmiger Menſch geweſen, während Henderſon ein kleiner rothbackiger Mann mit hellbraunem Barte war. Henderſon wurde überdies in verſchiedenen Punkten von anderen Zeugen und von dem Könige ſelbſt in ſehr vielen widerlegt. Aber Henderſon muß dem Koͤnige doch anderswie gute Dienſte geleiſtet haben, 647 denn er ſowohl wie der Thürſteher Chriſtie, deſſen Helferamt zwar unbekannt aber ſtark beargwöhnt iſt, und ein anderer Diener, Namens Dogie, von deſſen Thaten wir nichts wiſſen, ſoll mit Aemtern und Ländereien belohnt und geehrt worden ſeyn. Die Schuld des Earls von Gowrie fand nirgends in Schottland Glauben, und die wider ihn erhobene Anklage der Magie und Hexerei wurde mit Ausnahme weniger mehr neugieriger als verſtändiger Perſonen, mit der verdienten Verachtung behandelt. Fünf Geiſtliche von Edinburgh weigerten ſich, für des Königs Befreiung, an die ſie nicht glaubten, ein Dankgebet anzuſtimmen, und drei von ihnen hatten für ihre Widerſetzlichkeit und Ungläubigkeit ſchwer zu leiden. Die Ländereien des Earls von Gowrie wurden ſequeſtrirt und an Günſtlinge vertheilt; drei ſeiner getreuen Diener wurden zu Perth hingerichtet, indem ſie ihre und ſeine Unſchuld bis zum letzten Athemzuge betheuerten. Ein jährliches Dankfeſt wurde in England und Schottland aus⸗ geſchrieben; allein die Engländer lachten über die Farce und die Schotten zürnten über die Gottloſigkeit. Ein anderes Jahresfeſt wurde gehalten, das Weldon alſo ſchildert:„Sir John Ramſay war wegen ſeiner guten Dienſte bei jener Errettung der vornehmſte Gaſt, und der König bewilligte ihm an jenem Tage jedes Geſchenk, das er verlangte. Dieſes Vorrecht wurde jedoch dermaßen ein⸗ geſchränkt, daß es für ihn ebenſo unproſttabel wurde wie die Handlung, wofür man es ihm einräumte, dem König nur ſchlechte Dienſte leiſtete.“ Ich habe bei Schilderung der letzten Lebenstage des Earls mich ſo genau wie möglich an die Wahrheit zu halten verſucht, indem ich alle nicht ganz erwieſenen Umſtände nur als natürliche Schlußfolgerungen aus erwieſenen Fakten an⸗ führte. Ich habe den Auftritt zwiſchen des Earls Bruder und dem Koͤnig in dem Galleriezimmer und Kabinet nicht 648 zu ſchildern gewagt, da mein Bericht die Wahrheit vielleicht ebenſo wenig getroffen hätte, wie der des Monarchen oder Faktors, wenn er auch weniger abſurd ausgefallen wäre. Dagegen habe ich mich nicht verbunden erachtet, in denjeni⸗ gen Theilen des Romans, welche gewöhnlich als Fantaſie⸗ gemälde gelten, mich ſtreng an die hiſtoriſche Wahrheit zu halten. So iſt der Charakter der Julia Douglas reines Produkt der Fantaſie, und wenn noch Abkömmlinge des Re⸗ genten Morton vorhanden wären, ſo würde ich ſie wegen der Freiheit um Entſchuldigung bitten, die ich mir mit ihrem Ahnherrn genommen habe. Die Dame, welche der Earl eigentlich heirathen ſollte, war in Wirklichkeit Lady Marga⸗ rethe Douglas, Tochter des Earls von Angus; beſondere Umſtände, deren Erklärung hier langweilig wäre, hielten mich ab, ihren Namen in dieſe Geſchichte zu bringen; auch waren ſowohl vor wie nach des Earls Tode Gerüchte über eine mächtigere, aber geheime Neigung im Umlauf, welche durch ihre Allgewalt die Abſichten ſeiner Freunde leicht hätte vereiteln können. Druck der J. B. Metzler'/ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. ffff ffffffffffffffffffff 12 13 14 15 16 17 18 19 20